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+The Project Gutenberg EBook of Ein Kampf um Rom. Erster Band by Felix Dahn
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Ein Kampf um Rom. Erster Band
+
+Author: Felix Dahn
+
+Release Date: February 16, 2010 [Ebook #31294]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ERSTER BAND***
+
+
+
+
+
+ Ein Kampf um Rom.
+
+ Historischer Roman
+
+ von
+
+ Felix Dahn.
+
+
+
+ _Motto:_
+ "Wenn etwas ist, gewalt'ger als das Schicksal
+ So ist's der Mut, der's unerschuettert traegt"
+ _Geibel._
+
+
+
+Erster Band.
+
+48. Auflage.
+
+Leipzig,
+Druck und Verlag von Breitkopf und Haertel.
+1906.
+
+
+
+
+
+ Alle Rechte,
+ insbesondere auch das der Uebersetzung, vorbehalten.
+
+
+
+
+
+ Meinem
+
+ lieben Freund und Kollegen
+
+ Ludwig Friedlaender
+
+ zu eigen.
+
+
+
+
+
+ INHALT
+
+
+Vorwort.
+Erstes Buch. Theoderich.
+ Erstes Kapitel.
+ Zweites Kapitel.
+ Drittes Kapitel.
+ Viertes Kapitel.
+ Fuenftes Kapitel.
+ Sechstes Kapitel.
+ Siebentes Kapitel.
+Zweites Buch. Athalarich.
+ Erstes Kapitel.
+ Zweites Kapitel.
+ Drittes Kapitel.
+ Viertes Kapitel.
+ Fuenftes Kapitel.
+ Sechstes Kapitel.
+ Siebentes Kapitel.
+ Achtes Kapitel.
+ Neuntes Kapitel.
+ Zehntes Kapitel.
+ Elftes Kapitel.
+Drittes Buch. Amalaswintha.
+ Erstes Kapitel.
+ Zweites Kapitel.
+ Drittes Kapitel.
+ Viertes Kapitel.
+ Fuenftes Kapitel.
+ Sechstes Kapitel.
+ Siebentes Kapitel.
+ Achtes Kapitel.
+ Neuntes Kapitel.
+ Zehntes Kapitel.
+ Elftes Kapitel.
+ Zwoelftes Kapitel.
+ Dreizehntes Kapitel.
+ Vierzehntes Kapitel.
+ Fuenfzehntes Kapitel.
+ Sechzehntes Kapitel.
+ Siebzehntes Kapitel.
+ Achtzehntes Kapitel.
+ Neunzehntes Kapitel.
+ Zwanzigstes Kapitel.
+ Einundzwanzigstes Kapitel.
+ Zweiundzwanzigstes Kapitel.
+ Dreiundzwanzigstes Kapitel.
+ Vierundzwanzigstes Kapitel.
+ Fuenfundzwanzigstes Kapitel.
+Viertes Buch. Theodahad.
+ Erstes Kapitel.
+ Zweites Kapitel.
+ Drittes Kapitel.
+ Viertes Kapitel.
+ Fuenftes Kapitel.
+ Sechstes Kapitel.
+ Siebentes Kapitel.
+ Achtes Kapitel.
+ Neuntes Kapitel.
+ Zehntes Kapitel.
+ Elftes Kapitel.
+ Zwoelftes Kapitel.
+ Dreizehntes Kapitel.
+ Vierzehntes Kapitel.
+Bemerkungen zur Textgestalt
+
+
+
+
+
+ VORWORT.
+
+
+Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser in Gestalt eines Romans
+gekleideten Bilder aus dem sechsten Jahrhundert enthalten meine in
+folgenden Werken niedergelegten Forschungen:
+
+Die Koenige der Germanen. II. III. IV. Band. Muenchen und Wuerzburg
+1862-1866.
+
+Prokopius von Caesarea. Ein Beitrag zur Historiographie der Voelkerwanderung
+und des sinkenden Roemertums. Berlin 1865.
+
+Aus diesen Darstellungen mag der Leser die Ergaenzungen und Veraenderungen,
+die der Roman an der Wirklichkeit vorgenommen, erkennen.
+
+Das Werk ist 1859 in Muenchen begonnen, in Italien, zumal Ravenna,
+weitergefuehrt, und 1876 in Koenigsberg abgeschlossen worden.
+
+_Koenigsberg_, Januar 1876.
+ *Felix Dahn.*
+
+
+
+
+
+
+ Erstes Buch.
+
+
+ THEODERICH.
+
+
+ "_Dietericus de Berne, de quo_
+ _cantant rustici usque hodie._"
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+
+Es war eine schwuele Sommernacht des Jahres fuenfhundertsechsundzwanzig nach
+Christus.
+
+Schwer lagerte dichtes Gewoelk ueber der dunkeln Flaeche der Adria, deren
+Kuesten und Gewaesser zusammenflossen in unterscheidungslosem Dunkel: nur
+ferne Blitze warfen hier und da ein zuckendes Licht ueber das schweigende
+Ravenna. In ungleichen Pausen fegte der Wind durch die Steineichen und
+Pinien auf dem Hoehenzug, welcher sich eine gute Strecke westlich von der
+Stadt erhebt, einst gekroent von einem Tempel des Neptun, der, schon damals
+halb zerfallen, heute bis auf duerftige Spuren verschwunden ist.
+
+Es war still auf dieser Waldhoehe: nur ein vom Sturm losgerissenes
+Felsstueck polterte manchmal die steinigen Haenge hinunter, und schlug
+zuletzt platschend in das sumpfige Wasser der Kanaele und Graeben, die den
+ganzen Kreis der Seefestung umguerteten.
+
+Oder in dem alten Tempel loeste sich eine verwitterte Platte von dem
+getaefelten Dach der Decke und fiel zerspringend auf die Marmorstufen, -
+Vorboten von dem drohenden Einsturz des ganzen Gebaeudes.
+
+Aber dies unheimliche Geraeusch schien nicht beachtet zu werden von einem
+Mann, der unbeweglich auf der zweithoechsten Stufe der Tempeltreppe sass,
+den Ruecken an die hoechste Stufe gelehnt, und schweigend und unverwandt in
+Einer Richtung ueber die Hoehe hinab nach der Stadt zu blickte.
+
+Lange sass er so: regungslos, aber sehnsuechtig wartend: er achtete es
+nicht, dass ihm der Wind die schweren Regentropfen, die einzeln zu fallen
+begannen, ins Gesicht schlug, und ungestuem in dem maechtigen, bis an den
+ehernen Gurt wallenden Bart wuehlte, der fast die ganze breite Brust des
+alten Mannes mit glaenzendem Silberweiss bedeckte.
+
+Endlich stand er auf und schritt einige der Marmorstufen nieder: "Sie
+kommen," sagte er.
+
+Es wurde das Licht einer Fackel sichtbar, die sich rasch von der Stadt her
+dem Tempel naeherte: man hoerte schnelle, kraeftige Schritte und bald danach
+stiegen drei Maenner die Stufen der Treppe herauf.
+
+"Heil, Meister Hildebrand, Hildungs Sohn!" rief der voranschreitende
+Fackeltraeger, der juengste von ihnen, in gotischer Sprache mit auffallend
+melodischer Stimme, als er die lueckenhafte Saeulenreihe des Pronaos, der
+Vorhalle, erreicht.
+
+Er hob das Windlicht hoch empor - schoene, korinthische Erzarbeit am Stiel,
+durchsichtiges Elfenbein bildete den vierseitigen Schirm, und den
+gewoelbten durchbrochnen Deckel - und steckte es in den Erzring, der die
+geborstne Mittelsaeule zusammenhielt.
+
+Das weisse Licht fiel auf ein apollinisch schoenes Antlitz mit lachenden,
+hellblauen Augen; mitten auf seiner Stirn teilte sich das lichtblonde Haar
+in zwei lang fliessende Lockenwellen, die rechts und links bis auf seine
+Schultern wallten; Mund und Nase, fein, fast weich geschnitten, waren von
+vollendeter Form, ein leichter Anflug goldhellen Bartes deckte die
+freundlichen Lippen und das leicht gespaltene Kinn; er trug nur weisse
+Kleider: einen Kriegsmantel von feiner Wolle, durch eine goldne Spange in
+Greifengestalt auf der rechten Schulter festgehalten, und eine roemische
+Tunika von weicher Seide, beide mit einem Goldstreif durchwirkt; weisse
+Lederriemen festigten die Sandalen an den Fuessen und reichten, kreuzweis
+geflochten, bis an die Kniee; die nackten, glaenzendweissen Arme umzirkten
+zwei breite Goldreife: und wie er, die Rechte um eine hohe Lanze
+geschlungen, die ihm zugleich als Stab und als Waffe diente, die Linke in
+die Huefte gestemmt, ausruhend von dem Gang, zu seinen langsameren
+Weggenossen hinunterblickte, schien in den grauen Tempel eine jugendliche
+Goettergestalt aus seinen schoensten Tagen wieder eingekehrt.
+
+Der zweite der Ankoemmlinge hatte, trotz einer allgemeinen
+Familienaehnlichkeit, doch einen von dem Fackeltraeger voellig verschiednen
+Ausdruck.
+
+Er war einige Jahre aelter, sein Wuchs war derber und breiter, - tief in
+den maechtigen Stiernacken hinab reichte das dicht und kurz gelockte braune
+Haar, - und von fast riesenhafter Hoehe und Staerke: in seinem Gesicht
+fehlte jener sonnige Schimmer, jene vertrauende Freude und Lebenshoffnung,
+welche die Zuege des juengern Bruders verklaerten: statt dessen lag in seiner
+ganzen Erscheinung der Ausdruck von baerenhafter Kraft und baerenhaftem Mut:
+er trug eine zottige Wolfsschur, deren Rachen, wie eine Kapuze, sein Haupt
+umhuellte, ein schlichtes Wollenwams darunter, und auf der rechten Schulter
+eine kurze, wuchtige Keule aus dem harten Holz einer Eichenwurzel.
+
+Bedaechtigen Schrittes folgte der dritte, ein mittelgrosser Mann von
+gemessen verstaendigem Ausdruck. Er trug den Stahlhelm, das Schwert und den
+braunen Kriegsmantel des gotischen Fussvolks. Sein schlichtes, hellbraunes
+Haar war ueber der Stirn geradlinig abgeschnitten: eine uralte germanische
+Haartracht, die schon auf roemischen Siegessaeulen erscheint und sich bei
+dem deutschen Bauer bis heut' erhalten hat. Aus den regelmaessigen Zuegen des
+offnen Gesichts, aus dem grauen, sichern Auge sprach besonnene
+Maennlichkeit und nuechterne Ruhe.
+
+Als auch er die Cella des Tempels erreicht und den Alten begruesst hatte,
+rief der Fackeltraeger mit lebhafter Stimme:
+
+"Nun, Meister Hildebrand, ein schoenes Abenteuer muss es sein, zu dem du uns
+in solch' unwirtlicher Nacht in diese Wildnis von Natur und Kunst geladen
+hast! Sprich - was soll's geben?"
+
+Statt der Antwort fragte der Alte, sich zu dem Letztgekommnen wendend: "Wo
+bleibt der Vierte, den ich lud?"
+
+- "Er wollte allein gehen. Er wies uns alle ab. Du kennst ja seine Weise."
+
+"Da koemmt er!" rief der schoene Juengling, nach einer andern Seite des
+Huegels deutend.
+
+Wirklich nahte dorther ein Mann von hoechst eigenartiger Erscheinung.
+
+Das volle Licht der Fackel beleuchtete ein geisterhaft bleiches Antlitz,
+das fast blutleer schien; lange, glaenzend schwarze Locken hingen von dem
+unbedeckten Haupt wie dunkle Schlangen wirr bis auf die Schultern.
+Hochgeschweifte, schwarze Brauen und lange Wimpern beschatteten die
+grossen, melancholischen dunkeln Augen voll verhaltner Glut, eine Adlernase
+senkte sich sehr scharfgeschnitten gegen den feinen, glattgeschornen Mund,
+den ein Zug resignierten Grames umfurchte.
+
+Gestalt und Haltung waren so jugendlich: aber die Seele schien vor der
+Zeit vom Schmerz gereift.
+
+Er trug Ringpanzer und Beinschienen von schwarzem Erz und in seiner
+Rechten blitzte ein Schlachtbeil an langem lanzengleichem Schaft. Nur mit
+dem Haupte nickend begruesste er die andern und stellte sich hinter den
+Alten, der sie nun alle Vier dicht an die Saeule, welche die Fackel trug,
+treten hiess und mit gedaempfter Stimme begann:
+
+"Ich habe euch hierher beschieden, weil ernste Worte muessen gesprochen
+werden, unbelauscht, und zu treuen Maennern, die da helfen moegen.
+
+Ich sah umher im ganzen Volk, mondenlang: - euch hab' ich gewaehlt, ihr
+seid die Rechten. Wenn ihr mich angehoert habt, so fuehlt ihr von selbst,
+dass ihr schweigen muesst von dieser Nacht."
+
+Der dritte, der mit dem Stahlhelm, sah den Alten mit ernsten Augen an:
+"Rede," sagte er ruhig, "wir hoeren und schweigen. Wovon willst du zu uns
+sprechen?"
+
+"Von unsrem Volk, von diesem Reich der Goten, das hart am Abgrund steht."
+
+"Am Abgrund?" rief lebhaft der blonde Juengling. Sein riesiger Bruder
+laechelte und erhob aufhorchend das Haupt.
+
+"Ja, am Abgrund," rief der Alte, "und ihr allein, ihr koennt es halten und
+retten."
+
+"Verzeih' dir der Himmel deine Worte!" - fiel der Blonde lebhaft ein -
+"haben wir nicht unsern Koenig Theoderich, den seine Feinde selbst den
+Grossen nennen, den herrlichsten Helden, den weisesten Fuersten der Welt?
+Haben wir nicht dies lachende Land Italia mit all' seinen Schaetzen? Was
+gleicht auf Erden dem Reich der Goten?"
+
+Der Alte fuhr fort: "Hoert mich an. Koenig Theoderich, mein teurer Herre und
+mein lieber Sohn, was der wert ist, wie gross er ist, - das weiss am besten
+Hildebrand, Hildungs Sohn. Ich hab' ihn vor mehr als fuenfzig Jahren auf
+diesen Armen seinem Vater als ein zappelnd Knaeblein gebracht und gesagt:
+"Das ist starke Zucht: - Du wirst Freude dran haben."
+
+Und wie er heranwuchs - ich habe ihm den ersten Bolz geschnitzt und ihm
+die erste Wunde gewaschen! Ich habe ihn begleitet nach der goldnen Stadt
+Byzanz und ihn dort gehuetet, Leib und Seele. Und als er dieses schoene Land
+erkaempfte, bin ich vor ihm hergeschritten, Fuss fuer Fuss, und habe den
+Schild ueber ihn gehalten in dreissig Schlachten. Wohl hat er seither
+gelehrtere Raete und Freunde gefunden als seinen alten Waffenmeister, aber
+kluegere schwerlich und treuere gewiss nicht. Wie stark sein Arm gewesen,
+wie scharf sein Auge, wie klar sein Kopf, wie schrecklich er war unterm
+Helm, wie freundlich beim Becher, wie ueberlegen selbst den Griechlein an
+Klugheit, das hatte ich hundertmal erfahren, lange ehe dich, du junger
+Nestfalk, die Sonne beschienen.
+
+Aber der alte Adler ist fluegellahm geworden!
+
+Seine Kriegsjahre lasten auf ihm - denn er und ihr und euer Geschlecht,
+ihr koennt die Jahre nicht mehr tragen wie ich und meine Spielgenossen -:
+er liegt krank, raetselhaft krank an Seele und Leib in seinem goldnen Saal
+dort unten in der Rabenstadt. Die Aerzte sagen, wie stark sein Arm noch
+sei, jeder Schlag des Herzens mag ihn toeten wie der Blitz und auf jeder
+sinkenden Sonne mag er hinunterfahren zu den Toten. Und wer ist dann sein
+Erbe, wer stuetzt dann dieses Reich? Amalaswintha, seine Tochter, und
+Athalarich, sein Enkel: - ein Weib und ein Kind."
+
+"Die Fuerstin ist weise," sprach der dritte mit dem Helm und dem Schwert.
+
+"Ja, sie schreibt griechisch an den Kaiser und redet roemisch mit dem
+frommen Cassiodor. Ich zweifle, ob sie gotisch denkt. Weh' uns, wenn sie
+im Sturm das Steuer halten soll."
+
+"Ich sehe aber nirgends Sturm, Alter," - lachte der Fackeltraeger und
+schuettelte die Locken. "Woher soll er blasen? Der Kaiser ist wieder
+versoehnt, der Bischof von Rom ist vom Koenig selbst eingesetzt, die
+Frankenfuersten sind seine Neffen, die Italier haben es unter unsrem Schild
+besser als je zuvor. Ich sehe keine Gefahr, nirgends."
+
+"Kaiser Justinus ist nur ein schwacher Greis," sprach beistimmend der mit
+dem Schwert, "ich kenne ihn."
+
+"Aber sein Neffe, bald sein Nachfolger, und jetzt schon sein rechter Arm,
+- - kennst du auch den? Unergruendlich wie die Nacht und falsch wie das
+Meer ist Justinian: - ich kenne ihn und fuerchte was er sinnt. Ich
+begleitete die letzte Gesandtschaft nach Byzanz: er kam zu unsrem Gelag:
+er hielt mich fuer berauscht: - der Narr, er weiss nicht, was Hildungs Kind
+trinken mag! - und fragte mich um alles, genau um alles, was man wissen
+muss, um - uns zu verderben. Nun, von mir hat er den rechten Bescheid
+gekriegt! Aber ich weiss es so gewiss wie meinen Namen: dieser Mann will
+dies Land, dies Italien wieder haben und nicht die Fussspur eines Goten
+wird er darin uebrig lassen."
+
+"Wenn er kann," brummte des Blonden Bruder dazwischen.
+
+"Recht, Freund Hildebad, wenn er kann. Und er kann viel. Byzanz kann
+viel."
+
+Jener zuckte die Achseln.
+
+"Weisst du's, wie viel?" fragte der Alte zornig. "Zwoelf Jahre lang hat
+unser grosser Koenig mit Byzanz gerungen und hat nicht obgesiegt. Aber
+damals warst du noch nicht geboren," fuegte er ruhig hinzu.
+
+"Wohl!" - kam jenem der Bruder zu Hilfe. - "Aber damals standen die Goten
+allein im fremden Land. Jetzt haben wir eine ganze zweite Haelfte gewonnen:
+wir haben eine Heimat, Italien, wir haben Waffenbrueder, die Italier."
+
+"Italien unsre Heimat!" rief der Alte bitter, "ja, das ist der Wahn. Und
+die Welschen unsre Helfer gegen Byzanz! Du junger Thor!"
+
+"Das sind unsres Koenigs eigne Worte," entgegnete der Gescholtene.
+
+"Ja, ja, ich kenne sie wohl, die Wahnreden, die uns alle verderben werden.
+Fremd sind wir hier, fremd, heute wie vor vierzig Jahren, da wir von
+diesen Bergen niederstiegen und fremd werden wir sein in diesem Lande noch
+nach tausend Jahren. Wir sind hier ewig die Barbaren!"
+
+"Jawohl, aber warum bleiben wir Barbaren? Wessen Schuld ist das als die
+unsre? Weshalb lernen wir nicht von ihnen?"
+
+"Schweig still," schrie der Alte, zuckend vor Grimm "schweig, Totila, mit
+solchen Gedanken: sie sind der Fluch meines Hauses geworden." Sich muehsam
+beruhigend fuhr er fort:
+
+"Unsre Todfeinde sind die Welschen, nicht unsre Brueder. Weh, wenn wir
+ihnen trauen! O dass der Koenig nach meinem Rat gethan und nach seinem Sieg
+alles erschlagen haette das Schwert und Schild fuehren konnte vom lallenden
+Knaeblein bis zum lallenden Greis! Sie werden uns ewig hassen. Und sie
+haben Recht. Wir aber, wir sind die Thoren, sie zu bewundern."
+
+Eine Pause trat ein: ernst geworden fragte der Juengling: "Und du haeltst
+keine Freundschaft fuer moeglich zwischen uns und ihnen?"
+
+"Kein Friede zwischen den Soehnen des Gaut und dem Suedvolk! Ein Mann tritt
+in die Goldhoehle des Drachen: er drueckt das Haupt des Drachen nieder mit
+eherner Faust: der bittet um sein Leben: der Mann erbarmt sich seiner
+schillernden Schuppen und weidet sein Auge an den Schaetzen der Hoehle. Was
+wird der Giftwurm thun? Hinterruecks, sobald er kann, wird er ihn stechen,
+dass der Verschoner stirbt."
+
+"Wohlan, so lass sie kommen, die Griechlein," schrie der riesige Hildebad,
+"und lass dies Natterngezuecht gegen uns aufzuengeln. Wir wollen sie
+niederschlagen - so!" und er hob die Keule und liess sie niederfallen, dass
+die Marmorplatte in Splitter sprang und der alte Tempel in seinen
+Grundfugen erdroehnte.
+
+"Ja, sie sollen's versuchen!" - rief Totila und aus seinen Augen leuchtete
+ein kriegerisches Feuer, das ihn noch schoener machte. - "Wenn diese
+undankbaren Roemer uns verraten, wenn die falschen Byzantiner kommen -" er
+blickte mit liebevollem Stolz auf seinen starken Bruder - "sieh, Alter,
+wir haben Maenner wie die Eichen."
+
+Wohlgefaellig nickte der alte Waffenmeister: "Ja, Hildebad ist sehr stark;
+obwohl nicht ganz so stark wie Winithar und Walamer und die andern waren,
+die mit mir jung gewesen. Und gegen Nordmaenner ist Staerke gut Ding. Aber
+dieses Suedvolk," fuhr er ingrimmig fort - "kaempft von Tuermen und
+Mauerzinnen herunter. Sie fuehren den Krieg wie ein Rechenexempel und
+rechnen dir zuletzt ein Heer von Helden in einen Winkel hinein, dass es
+sich nicht mehr ruehren noch regen kann. Ich kenne einen solchen
+Rechenmeister in Byzanz, der ist kein Mann und besiegt die Maenner. Du
+kennst ihn auch, Witichis?" - so fragend wandte er sich an den Mann mit
+dem Schwert.
+
+"Ich kenne Narses," sagte dieser, der sehr ernst geworden, nachdenklich.
+"Was du gesprochen, Hildungs Sohn, ist leider wahr, sehr wahr. Aehnliches
+ist mir oft schon durch die Seele gegangen, aber unklar, dunkel, mehr ein
+Grauen als ein Denken. - Deine Worte sind unwiderleglich: der Koenig am Tod
+- die Fuerstin ein halbgriechisch Weib - Justinian lauernd - die Welschen
+schlangenfalsch - die Feldherrn von Byzanz Zauberer von Kunst, aber" -
+hier holte er tief Atem - "wir stehen nicht allein, wir Goten. Unser
+weiser Koenig hat sich Freunde, Verbuendete geschaffen in Ueberfluss. Der
+Koenig der Vandalen ist sein Schwestermann, der Koenig der Westgoten sein
+Enkel, die Koenige der Burgunden, der Heruler, der Thueringe, der Franken
+sind ihm verschwaegert, alle Voelker ehren ihn wie ihren Vater, die
+Sarmaten, die fernen Esthen selbst an der Ostsee senden ihm huldigend
+Pelzwerk und gelben Bernstein. Ist das alles" - -
+
+"Nichts ist das alles, Schmeichelworte sind's und bunte Lappen! Sollen uns
+die Esthen helfen mit ihrem Bernstein wider Belisar und Narses? Weh uns,
+wenn wir nicht allein siegen koennen. Diese Schwaeger und Eidame
+schmeicheln, so lang sie zittern, und wenn sie nicht mehr zittern, werden
+sie drohen. Ich kenne die Treue der Koenige! Wir haben Feinde ringsum,
+offene und geheime, und keinen Freund als uns selbst."
+
+Ein Schweigen trat ein, in welchem alle die Worte des Alten besorgt
+erwogen: heulend fuhr der Sturm um die verwitterten Saeulen und ruettelte an
+dem morschen Tempelbau.
+
+Da sprach zuerst Witichis, vom Boden aufblickend, sicher und gefasst: "Gross
+ist die Gefahr, hoffentlich nicht unabwendbar. Gewiss hast du uns nicht
+hierher beschieden, dass wir thatlos in die Verzweiflung schauen. Geholfen
+muss werden: so sprich, wie meinst du, dass zu helfen sei."
+
+Der Alte trat einen Schritt auf ihn zu und fasste seine Hand: "Wacker,
+Witichis, Waltaris Sohn. Ich kannte dich wohl und will dir's treu
+gedenken, dass vor allen du zuerst ein maennlich Wort der Zuversicht
+gefunden. Ja, ich denke wie du: noch ist Hilfe moeglich, und um sie zu
+finden habe ich euch hierher gerufen, wo uns kein Welscher hoert. Saget nun
+an und ratet: dann will ich sprechen."
+
+Da alle schwiegen, wandte er sich zu dem Schwarzgelockten: "Wenn du denkst
+wie wir, so sprich auch du, Teja. Warum schwiegst du bisher?"
+
+"Ich schweige, weil ich anders denke, denn ihr."
+
+Die andern staunten. Hildebrand sprach: "Wie meinst du das, mein Sohn?"
+
+"Hildebad und Totila sehen nicht die Gefahr, du und Witichis, ihr sehet
+sie und hoffet, ich aber sah sie laengst und hoffe nicht."
+
+"Du siehst zu schwarz, wer darf verzweifeln vor dem Kampf?" meinte
+Witichis.
+
+"Sollen wir, das Schwert in der Scheide, ohne Kampf, ohne Ruhm
+untergehen?" rief Totila.
+
+"Nicht ohne Kampf, mein Totila, und nicht ohne Ruhm, so weiss ich,"
+antwortete Teja, leise die Streitaxt zuckend. "Kaempfen wollen wir, dass man
+es nie vergessen soll in allen Tagen: kaempfen mit hoechstem Ruhm, aber ohne
+Sieg. Der Stern der Goten sinkt."
+
+"Mir deucht, er will erst recht hoch steigen," rief Totila ungeduldig.
+"Lasst uns vor den Koenig treten, sprich du, Hildebrand, zu ihm wie du zu
+uns gesprochen. Er ist weise: er wird Rat finden."
+
+Der Alte schuettelte den Kopf: "Zwanzigmal hab ich zu ihm gesprochen. Er
+hoert mich nicht mehr. Er ist muede und will sterben und seine Seele ist
+verdunkelt, ich weiss nicht, durch welchen Schatten. - Was denkst du,
+Hildebad?"
+
+"Ich denke," sprach dieser sich hoch aufrichtend, "sowie der alte Loewe die
+mueden Augen geschlossen, ruesten wir zwei Heere. Das eine fuehren Witichis
+und Teja vor Byzanz und brennen es nieder, mit dem andern steigen ich und
+mein Bruder ueber die Alpen und zerschlagen Paris, das Drachennest der
+Merowinger, zu einem Steinhaufen fuer alle Zukunft. Dann wird Ruhe sein, im
+Osten und im Norden."
+
+"Wir haben keine Schiffe gegen Byzanz," sprach Witichis.
+
+"Und die Franken sind sieben wider Einen gegen uns," sagte Hildebrand.
+"Aber wacker meinst du's, Hildebad. Sage, was raetst du, Witichis?"
+
+"Ich rate einen Bund, mit Schwueren beschwert, mit Geiseln gesichert aller
+Nordstaemme gegen die Griechen."
+
+"Du glaubst an Treue, weil du selber treu. Mein Freund, nur die Goten
+koennen den Goten helfen. Man muss sie nur wieder daran erinnern, dass sie
+Goten sind. Hoert mich an. Ihr alle seid jung und liebt allerlei Dinge und
+habt vielerlei Freuden. Der eine liebt ein Weib, der andre die Waffen, der
+dritte irgend eine Hoffnung oder auch irgend einen Gram, der ihm ist wie
+eine Geliebte. - Aber glaubt mir, es koemmt eine Zeit, - und die Not kann
+sie euch noch in jungen Tagen bringen -, da all diese Freuden und selbst
+Schmerzen wertlos werden wie welke Kraenze vom Gelag von gestern.
+
+Da werden denn viele weich und fromm und vergessen des was auf Erden und
+trachten nach dem was hinter dem Grabe ist. Ich kann's nicht und ihr,
+mein' ich, und viele von uns koennen's auch nicht. Die Erde lieb' ich mit
+Berg und Wald und Weide und strudelndem Strom und das Leben darauf mit
+heissem Hass und langer Liebe, mit zaehem Zorn und stummem Stolz. Von jenem
+Luftleben da droben in den Windwolken, wie's die Christenpriester lehren,
+weiss ich nichts und will ich nichts wissen. Eins aber bleibt dem Mann, dem
+rechten, wenn alles andre dahin. Ein Gut, von dem er nimmer laesst. Seht
+mich an. Ich bin ein entlaubter Stamm, alles hab' ich verloren was mein
+Leben erfreute: mein Weib ist tot seit vielen Jahren, meine Soehne sind
+tot, meine Enkel sind tot: bis auf Einen, der ist schlimmer als tot: - der
+ist ein Welscher worden. Dahin und lang vermodert sind sie alle, mit denen
+ich ein kecker Knabe und ein markiger Mann gewesen, und schon steigt meine
+erste Liebe und mein letzter Stolz, mein grosser Koenig, muede in sein Grab.
+Nun seht, was haelt mich noch im Leben? Was giebt mir Mut, Lust, Zwang zu
+leben? Was treibt mich Alten wie einen Juengling in dieser Sturmnacht auf
+die Berge? Was lodert hier unter dem Eisbart heiss in lauter Liebe, in
+stoerrigem Stolz und in trotziger Trauer? Was anders als der Drang, der
+unaustilgbar in unsrem Blute liegt, der tiefe Drang und Zug zu meinem
+Volk, die Liebe, die lodernde, die allgewaltige, zu dem Geschlechte, das
+da Goten heisst, und das die suesse, heimliche, herrliche Sprache redet
+meiner Eltern, der Zug zu denen, die da sprechen, fuehlen, leben wie ich.
+Sie bleibt, sie allein, diese Volksliebe, ein Opferfeuer, in dem Herzen,
+darinnen alle andre Glut erloschen, sie ist das teure, das mit Schmerzen
+geliebte Heiligtum, das Hoechste in jeder Mannesbrust, die staerkste Macht
+in seiner Seele, treu bis zum Tod und unbezwingbar."
+
+Der Alte hatte sich in Begeisterung geredet - sein Haar flog im Winde - er
+stand wie ein alter huenenhafter Priester unter den jungen Maennern, welche
+die Faeuste an ihren Waffen ballten.
+
+Endlich sprach Teja: "Du hast Recht, diese Flamme lodert noch, wo alles
+sonst erloschen. Aber sie brennt in dir, - in uns, - vielleicht noch in
+hundert andern unsrer Brueder. Kann das ein ganzes Volk erretten? Nein! Und
+kann diese Glut die Masse ergreifen, die Tausende, die Hunderttausende?"
+
+"Sie kann es, mein Sohn, sie kann es. Dank allen Goettern, dass sie's kann.
+Hoere mich an. Es sind jetzt fuenfundvierzig Jahre, da waren wir Goten,
+viele Hunderttausende, mit Weibern und Kindern, in den Schluchten der
+Haemus-Berge eingeschlossen.
+
+Wir lagen in hoechster Not. Des Koenigs Bruder war von den Griechen in
+treulosem Ueberfall geschlagen und getoetet, und aller Mundvorrat, den er
+uns zufuehren sollte, verloren: wir sassen in den Felsschluchten und litten
+so bittern Hunger, dass wir Gras und Leder kochten. Hinter uns die
+unersteiglichen Felsen, vor uns und zur Linken das Meer, rechts in einem
+Engpass die Feinde in dreifacher Ueberzahl. Viele Tausende von uns waren dem
+Hunger, dem Winter erlegen: zwanzigmal hatten wir vergebens versucht,
+jenen Pass zu durchbrechen. Wir wollten verzweifeln. Da kam ein Gesandter
+des Kaisers und bot uns Leben, Freiheit, Wein, Brot, Fleisch, - unter
+einer einzigen Bedingung: wir sollten getrennt von einander, zu vier und
+vier, ueber das ganze Weltreich Roms zerstreut werden, keiner von uns mehr
+ein gotisch Weib freien, keiner sein Kind mehr unsre Sprache und Sitte
+lehren duerfen, Name und Wesen der Goten sollte verschwinden, Roemer sollten
+wir werden. Da sprang der Koenig auf, rief uns zusammen und trug's uns vor
+in flammender Rede und fragte zuletzt, ob wir lieber aufgeben wollten
+Sprache, Sitte, Leben unsres Volkes oder lieber mit ihm sterben? Da fuhr
+sein Wort in die Hunderte, die Tausende, die Hunderttausende wie der
+Waldbrand in die duerren Staemme, aufschrieen sie, die wackern Maenner, wie
+ein tausendstimmiges, bruellendes Meer, die Schwerter schwangen sie, auf
+den Engpass stuerzten sie und weggefegt waren die Griechen als haetten sie
+nie gestanden, und wir waren Sieger und frei."
+
+Sein Auge glaenzte in stolzer Erinnerung, nach einer Pause fuhr er fort:
+"Dies allein ist, was uns heute retten kann wie dazumal: fuehlen erst die
+Goten, dass sie fuer jenes Hoechste fechten, fuer den Schutz jenes
+geheimnisvollen Kleinods, das in Sprache und Sitte eines Volkes liegt wie
+ein Wunderborn, dann koennen sie lachen zu dem Hass der Griechen, zu der
+Tuecke der Welschen. Und das vor allem wollt' ich euch fragen, fest und
+feierlich: fuehlt ihr es wie ich so klar, so ganz, so maechtig, dass diese
+Liebe zu unsrem Volk unser Hoechstes ist, unser schoenster Schatz, unser
+staerkster Schild? koennt ihr sprechen wie ich: mein Volk ist mir das
+Hoechste und alles, alles andre dagegen nichts, ihm will ich opfern was ich
+bin und habe, wollt ihr das, koennt ihr das!"
+
+"Ja, das will ich, ja, das kann ich!" sprachen die vier Maenner.
+
+"Wohl," fuhr der Alte fort, "das ist gut. Aber Teja hat Recht: nicht alle
+Goten fuehlen das jetzt, heute schon, wie wir und doch muessen es alle
+fuehlen, wenn es helfen soll. Darum gelobet mir, von heut' an unablaessig
+euch selbst und alle unsres Volkes, mit denen ihr lebt und handelt, zu
+erfuellen mit dem Hauch dieser Stunde. Vielen, vielen hat der fremde Glanz
+die Augen geblendet: viele haben griechische Kleider angethan und roemische
+Gedanken: sie schaemen sich, Barbaren zu heissen: sie wollen vergessen und
+vergessen machen, dass sie Goten sind - wehe ueber die Thoren!
+
+Sie haben das Herz aus ihrer Brust gerissen und wollen leben, sie sind wie
+Blaetter, die sich stolz vom Stamme geloest und der Wind wird kommen und
+wird sie verwehen in Schlamm und Pfuetzen, dass sie verfaulen: aber der
+Stamm wird stehen mitten im Sturm und wird lebendig erhalten, was treu an
+ihm haftet. Darum sollt ihr euer Volk wecken und mahnen ueberall und immer.
+Den Knaben erzaehlt die Sagen der Vaeter, von den Hunnenschlachten, von den
+Roemersiegen: den Maennern zeigt die drohende Gefahr und wie nur das
+Volkstum unser Schild: eure Schwestern ermahnt, dass sie keinen Roemer
+umarmen und keinen Roemling: eure Braeute, eure Weiber lehrt, dass sie alles,
+sich selbst und euch opfern dem Glueck der guten Goten, auf dass, wenn die
+Feinde kommen, sie finden ein starkes Volk, stolz, einig, fest, daran sie
+zerschellen sollen wie die Wogen am Fels. Wollt ihr mir dazu helfen?"
+
+"Ja," sprachen sie, "das wollen wir."
+
+"Ich glaube euch," fuhr der Alte fort, "glaube eurem blossen Wort. Nicht um
+euch fester zu binden, - denn was baende den Falschen? - sondern weil ich
+treu hange an altem Brauch und weil besser gedeiht, was geschieht nach
+Sitte der Vaeter - folget mir."
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+
+Mit diesen Worten nahm er die Fackel von der Saeule und schritt quer durch
+den Innenraum, die Cella des Tempels, vorueber an dem zerfallenen
+Hauptaltar, vorbei an den Postamenten der lang herabgestuerzten
+Goetterbilder nach der Hinterseite des Gebaeudes, dem Posticum. Schweigend
+folgten die Geladenen dem Alten, der sie ueber die Stufen hinunter ins
+Freie fuehrte.
+
+Nach einigen Schritten standen sie unter einer uralten Steineiche, deren
+maechtiges Geaest wie ein Dach Sturm und Regen abhielt. Unter diesem Baum
+bot sich ihnen ein seltsamer Anblick, der aber die gotischen Maenner sofort
+an eine alte Sitte aus dem grauen Heidentum, aus der fernen nordischen
+Heimat gemahnte. Unter der Eiche war ein Streifen des dichten Rasens
+aufgeschlitzt, nur einen Fuss breit, aber mehrere Ellen lang, die beiden
+Enden des Streifens hafteten noch locker am Grunde: in der Mitte war der
+Rasenguertel auf drei ungleich in die Erde gerammte hohe Speere
+emporgespreizt, in der Mitte von dem laengsten Speer gestuetzt, so dass die
+Vorrichtung ein Dreieck bildete, unter dessen Dach zwischen den
+Speersaeulen mehrere Maenner bequem stehen konnten. In der so gewonnenen
+Erdritze stand ein eherner Kessel, mit Wasser gefuellt, daneben lag ein
+spitzes und scharfes Schlachtmesser, uralt: das Heft vom Horn des
+Auerstiers, die Klinge von Feuerstein. Der Greis trat nun heran, stiess die
+Fackel dicht neben dem Kessel in die Erde, stieg dann, mit dem rechten Fuss
+vorauf, in die Grube, wandte sich gegen Osten und neigte das Haupt: dann
+winkte er die Freunde zu sich, mit dem Finger am Mund ihnen Schweigen
+bedeutend. Lautlos traten die Maenner in die Rinne und stellten sich,
+Witichis und Teja zu seiner Linken, die beiden Brueder zu seiner Rechten
+und alle fuenf reichten sich die Haende zu einer feierlichen Kette. Dann
+liess der Alte Witichis und Hildebad, die ihm zunaechst standen, los und
+kniete nieder. Zuerst raffte er eine Hand voll der schwarzen Walderde auf
+und warf sie ueber die linke Schulter. Dann griff er mit der andern Hand in
+den Kessel und sprengte das Wasser rechts hinter sich. Darauf blies er in
+die wehende Nachtluft, die sausend in seinen langen Bart wehte. Endlich
+schwang er die Fackel von der Rechten zur Linken ueber sein Haupt. Dann
+steckte er sie wieder in die Erde und sprach murmelnd vor sich hin:
+
+"Hoere mich, alte Erde, wallendes Wasser, leichte Luft, flackernde Flamme!
+Hoeret mich wohl und bewahret mein Wort: Hier stehen fuenf Maenner vom
+Geschlechte des Gaut, Teja und Totila, Hildebad und Hildebrand und
+Witichis, Waltaris Sohn.
+
+ Wir stehen hier in stiller Stunde,
+ Zu binden einen Bund von Blutsbruedern,
+ Fuer immer und ewig und alle Tage.
+ Wir sollen uns sein wie Sippegesellen
+ In Frieden und Fehde, in Rache und Recht.
+ Ein Hoffen, Ein Hassen, Ein Lieben, Ein Leiden,
+ Wie wir traeufen zu Einem Tropfen
+ Unser Blut als Blutsbrueder."
+
+Bei diesen Worten entbloesste er den linken Arm, die andern thaten
+desgleichen, eng aneinander streckten sich die fuenf Arme ueber den Kessel,
+der Alte hob das scharfe Steinmesser und ritzte mit Einem Schnitt sich und
+den vier andern die Haut des Vorderarmes, dass das Blut aller in roten
+Tropfen in den ehernen Kessel floss.
+
+Dann nahmen sie wieder die fruehere Stellung ein und murmelnd fuhr der Alte
+fort:
+
+ "Und wir schwoeren den schweren Schwur,
+ Zu opfern all unser Eigen,
+ Haus, Hof und Habe,
+ Ross, Ruestung und Rind,
+ Sohn, Sippe und Gesinde,
+ Weib und Waffen und Leib und Leben
+ Dem Glanz und Glueck des Geschlechtes von Gaut,
+ Den guten Goten.
+ Und wer von uns sich wollte weigern,
+ Den Eid zu ehren mit allen Opfern" -
+
+Hier traten er, und auf seinen Wink auch die andern, aus der Grube und
+unter dem Rasenstreifen hervor:
+
+ "Des rotes Blut soll rinnen ungeraechet
+ Wie dies Wasser unterm Waldwasen" -
+
+Er erhob den Kessel, goss sein blutiges Wasser in die Grube und nahm ihn
+wie das andre Geraet heraus:
+
+ "Auf des Haupt sollen des Himmels Hallen
+ Dumpf niederdonnern und ihn erdruecken,
+ Wuchtig so wie dieser Wasen."
+
+Er schlug mit Einem Streich die drei spannenden Lanzenschaefte nieder und
+dumpf fiel die schwere Rasendecke nieder in die Rinne. Die fuenf Maenner
+stellten sich nun mit verschlungenen Haenden auf die wieder von Rasen
+gedeckte Stelle und in rascherem Ton fuhr der Alte fort: "Und wer von uns
+nicht achtet dieses Eides und dieses Bundes und wer nicht die Blutsbrueder
+als echte Brueder schuetzt im Leben und raecht im Tode und wer sich weigert,
+sein Alles zu opfern dem Volk der Goten, wann die Not es begehrt und ein
+Bruder ihn mahnt, der soll verfallen sein auf immer den untern, den
+ewigen, den wuesten Gewalten, die da hausen unter dem gruenen Gras des
+Erdgrundes: gute Menschen sollen mit Fuessen schreiten ueber des Neidings
+Haupt und sein Name soll ehrlos sein soweit Christenleute Glocken laeuten
+und Heidenleute Opfer schlachten, soweit Mutter Kind koset, und der Wind
+weht ueber die weite Welt. Sagt an, ihr Gesellen, soll's ihm also geschehn,
+dem niedrigen Neiding?"
+
+"So soll ihm geschehen," sprachen die vier Maenner ihm nach.
+
+Nach einer ernsten Pause loeste Hildebrand die Kette der Haende und sprach:
+"Und auf dass ihr's wisst, welche Weihe diese Staette hat fuer mich, - jetzt
+auch fuer euch, - warum ich euch zu solchem Thun gerade hierher beschieden
+und zu dieser Nacht - kommt und sehet." Und also sprechend erhob er die
+Fackel und schritt voran hinter den maechtigen Stamm der Eiche, vor der sie
+geschworen. Schweigend folgten die Freunde, bis sie an der Kehrseite des
+alten Baumes hielten und hier mit Staunen gerade gegenueber der Rasengrube,
+in welcher sie gestanden, ein breites offenes Grab gaehnen sahen, von
+welchem die deckende Felsplatte hinweggewaelzt war: da ruhten in der Tiefe,
+im Licht der Fackel geisterhaft erglaenzend, drei weisse lange Skelette,
+einzelne verrostete Waffenstuecke, Lanzenspitzen, Schildbuckel lagen
+daneben. Die Maenner blickten ueberrascht bald in die Grube, bald auf den
+Greis. Dieser leuchtete lange schweigend in die Tiefe. Endlich sagte er
+ruhig: "Meine drei Soehne. Sie liegen hier ueber dreissig Jahre. Sie fielen
+auf diesem Berg, in dem letzten Kampf um die Stadt Ravenna. Sie fielen in
+Einer Stunde, heute ist der Tag. Sie sprangen jubelnd in die Speere - -
+fuer ihr Volk."
+
+Er hielt inne. Mit Ruehrung sahen die Maenner vor sich hin. Endlich richtete
+sich der Alte hoch auf und sah gen Himmel. "Es ist genug," sagte er, "die
+Sterne bleichen. Mitternacht ist laengst vorueber. Geht, ihr andern, in die
+Stadt zurueck. Du, Teja, bleibst wohl bei mir: - dir ist ja vor andern, wie
+des Liedes, der Trauer Gabe gegeben - und haeltst mit mir die Ehrenwacht
+bei diesen Toten."
+
+Teja nickte und setzte sich, ohne ein Wort, zu Fuessen des Grabes, wo er
+stand, nieder. Der Alte reichte Totila die Fackel und lehnte sich Teja
+gegenueber auf die Felsplatte. Die andern Drei winkten ihm scheidend zu.
+Und ernst und in schweigende Gedanken versunken stiegen sie hinunter zur
+Stadt.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+
+Wenige Wochen nach jener naechtlichen Zusammenkunft bei Ravenna fand zu Rom
+eine Vereinigung statt, ebenfalls heimlich, ebenfalls unter dem Schutze
+der Nacht, aber von ganz andern Maennern zu ganz andern Zwecken.
+
+Das geschah an der appischen Strasse nahe dem Coemeterium des heiligen
+Kalixtus in einem halbverschuetteten Gang der Katakomben, jener
+raetselhaften unterirdischen Wege, die unter den Strassen und Plaetzen Roms
+fast eine zweite Stadt bildeten. Es sind diese geheimnisvollen Raeume -
+urspruenglich alte Begraebnisplaetze, oft die Zuflucht der jungen
+Christengemeinde - so vielfach verschlungen und ihre Kreuzungen,
+Endpunkte, Aus- und Eingaenge so schwierig zu finden, dass nur unter
+ortvertrautester Fuehrung ihre inneren Tiefen betreten werden koennen. Aber
+die Maenner, deren geheimen Verkehr wir diesmal belauschen, fuerchteten
+keine Gefahr. Sie waren gut gefuehrt. Denn es war Silverius, der
+katholische Archidiakonus der alten Kirche des heiligen Sebastian, der
+unmittelbar von der Krypta seiner Basilika aus die Freunde auf steilen
+Stufen in diesen Zweigarm der Gewoelbe gefuehrt hatte: und die roemischen
+Priester standen in dem Rufe, seit den Tagen der ersten Christen Kenntnis
+jener Labyrinthe fortgepflanzt zu haben. Die Versammelten schienen auch
+sich hier nicht zum erstenmal einzufinden: die Schauer des Ortes machten
+wenig Eindruck auf sie. Gleichgueltig lehnten sie an den Waenden des
+unheimlichen Halbrunds, das, von einer bronzenen Haengelampe spaerlich
+beleuchtet, den Schluss des niedrigen Ganges bildete, gleichgueltig hoerten
+sie die feuchten Tropfen von der Decke zur Erde fallen und, wenn ihr Fuss
+hier und da an weisse, halbvermoderte Knochen stiess, schoben sie auch diese
+gleichgueltig auf die Seite.
+
+Es waren ausser Silverius noch einige andere rechtglaeubige Priester und
+eine Mehrzahl vornehmer Roemer aus den Adelsgeschlechtern des westlichen
+Kaiserreichs anwesend, die seit Jahrhunderten in fast erblichem Besitz der
+hoeheren Wuerden des Staates und der Stadt geblieben.
+
+Schweigend und aufmerksam beobachteten sie die Bewegungen des
+Archidiakons, der sich, nachdem er die Erschienenen gemustert und in
+einige der einmuendenden Gaenge, in deren Dunkel man junge Leute in
+priesterlichen Kleidern Wache halten sah, pruefende Blicke geworfen hatte,
+jetzt offenbar anschickte, die Versammlung in aller Form zu eroeffnen.
+
+Noch einmal trat er auf einen hochgewachsenen Mann zu, der ihm gegenueber
+regungslos an der Mauer lehnte und mit dem er wiederholt Blicke getauscht
+hatte: und nachdem dieser auf eine fragende Miene schweigend genickt,
+wandte er sich gegen die uebrigen und sprach:
+
+"Geliebte im Namen des dreieinigen Gottes! Wieder einmal sind wir hier
+versammelt zu heiligem Werk.
+
+Das Schwert von Edom ist gezueckt ob unsrem Haupt und Koenig Pharao lechzt
+nach dem Blut der Kinder Israel. Wir aber fuerchten nicht jene, die den
+Leib toeten und der Seele nichts anhaben koennen, wir fuerchten vielmehr
+jenen, der da Leib und Seele verderben mag mit ewigem Feuer. Wir vertrauen
+im Schauer der Nacht auf die Hilfe dessen, der sein Volk durch die Wueste
+gefuehrt hat, bei Tag in der Rauchwolke, bei Nacht in der Feuerwolke. Und
+daran wollen wir halten und wollen es nie vergessen: was wir leiden, wir
+leiden es um Gottes willen, was wir thun, wir thun's zu seines Namens
+Ehre. Dank ihm, denn er hat gesegnet unsern Eifer. Klein, wie des
+Evangeliums, waren unsre Anfaenge, aber schon sind wir gewachsen wie ein
+Baum an frischen Wasserbaechen. Mit Furcht und Zagen kamen wir anfangs hier
+zusammen: gross war die Gefahr, schwach die Hoffnung: edles Blut der Besten
+war geflossen: - heute, wenn wir fest bleiben im Glauben, duerfen wir es
+kuehnlich sagen: der Thron des Koenigs Pharao steht auf Fuessen von Schilf und
+die Tage der Ketzer sind gezaehlt in diesem Lande."
+
+"Zur Sache!" rief ein junger Roemer dazwischen, mit kurzkrausem, schwarzem
+Haar und blitzenden, schwarzen Augen; ungeduldig warf er das Sagum von der
+linken Huefte ueber die rechte Schulter zurueck, dass das kurze Schwert
+sichtbar wurde. "Zur Sache, Priester! was soll heut' geschehn?"
+
+Silverius warf auf den Juengling einen Blick, der lebhaften Unwillen ueber
+solch' kecke Selbstaendigkeit nicht ganz mit salbungsvoller Ruhe zu
+verdecken vermochte. Scharfen Tones fuhr er fort: "Auch die an die
+Heiligkeit unsres Zweckes nicht zu glauben scheinen, sollten doch den
+Glauben an diese Heiligkeit bei andern nicht stoeren, um ihrer eignen
+weltlichen Ziele willen nicht. Heute aber, Licinius, mein rascher Freund,
+soll ein neues hochwillkommnes Glied unsrem Bunde eingefuegt werden: sein
+Beitritt ist ein sichtbares Zeichen der Gnade Gottes."
+
+"Wen willst du einfuehren? Sind die Vorbedingungen erfuellt? Haftest du fuer
+ihn? unbedingt? oder stellst du andre Buergschaft?" so fragte ein andrer
+der Versammelten, ein Mann in reifen Jahren, mit gleichmaessigen Zuegen, der,
+einen Stab zwischen den Fuessen, ruhig auf einem Vorsprung der Mauer sass. -
+"Ich hafte, mein Scaevola; uebrigens genuegt seine Person -"
+
+"Nichts dergleichen. Die Satzung unsres Bundes verlangt Verbuergung und ich
+bestehe darauf," sagte Scaevola ruhig. - "Nun gut, gut, ich buerge, zaehster
+aller Juristen!" wiederholte der Priester mit Laecheln. Er winkte in einen
+der Gaenge zur Linken.
+
+Zwei junge Ostiarii fuehrten von da in die Mitte des Gewoelbes einen Mann,
+auf dessen verhuelltes Haupt aller Augen gerichtet waren. Nach einer Pause
+hob Silverius den Ueberwurf von Kopf und Schultern des Ankoemmlings.
+
+"Albinus!" riefen die andern in Ueberraschung, Entruestung, Zorn.
+
+Der junge Licinius fuhr ans Schwert, Scaevola stand langsam auf, wild
+durcheinander scholl es: "Wie? Albinus? der Verraeter?" Scheuen Blickes sah
+der Gescholtene um sich, seine schlaffen Zuege bekundeten angeborne
+Feigheit: wie Hilfe flehend haftete sein Auge auf dem Priester. "Ja,
+Albinus!" sagte dieser ruhig. "Will einer der Verbuendeten wider ihn
+sprechen? Er rede." - "Bei meinem Genius," rief Licinius rasch vor allen,
+"braucht es da der Rede? Wir wissen alle, wer Albinus ist, was er ist. Ein
+feiger, schaendlicher Verraeter" - der Zorn erstickte seine Stimme. -
+"Schmaehungen sind keine Beweise," nahm Scaevola das Wort. "Aber ich frage
+ihn selbst, er soll hier vor allen bekennen. Albinus, bist du es, oder
+bist du es nicht, der, als die Anfaenge des Bundes dem Tyrannen verraten
+waren, als du noch allein von uns allen verklagt warst, es mit ansahst,
+dass die edeln Maenner, Boethius und Symmachus, unsre Mitverbuendeten, weil
+sie dich mutig vor dem Wueterich verteidigten, verfolgt, gefangen, ihres
+Vermoegens beraubt, hingerichtet wurden, waehrend du, der eigentliche
+Angeklagte, durch einen schmaehlichen Eid, dich nie mehr um den Staat
+kuemmern zu wollen und durch urploetzliches Verschwinden dich gerettet hast?
+Sprich, bist du es, um dessen Feigheit willen die Zierden des Vaterlandes
+gefallen?"
+
+Ein Murren des Unwillens ging durch die Versammlung. Der Angeschuldigte
+blieb stumm und bebte, selbst Silverius verlor einen Augenblick die
+Haltung. Da richtete sich jener Mann, der ihm gegenueber an der Felswand
+lehnte, auf und trat einen Schritt herzu; seine Naehe schien den Priester
+zu erkraeftigen und er begann wieder: "Ihr Freunde, es ist geschehen was
+ihr sagt, nicht wie ihr's sagt. Vor allem wisset: Albinus ist an allem am
+wenigsten schuldig. Was er gethan, er that's auf meinen Rat." - "Auf
+deinen Rat?" - "Das wagst du zu bekennen?" - "Albinus war verklagt durch
+den Verrat eines Sklaven, der die Geheimschrift in den Briefen nach Byzanz
+entziffert hatte. Der ganze Argwohn des Tyrannen war geweckt: jeder Schein
+von Widerstand, von Zusammenhang musste die Gefahr vermehren. Der Ungestuem
+von Boethius und Symmachus, die ihn mutig verteidigten, war edel, aber
+thoericht. Denn er zeigte den Barbaren die Gesinnung des ganzen Adels von
+Rom, zeigte, dass Albinus nicht allein stehe. Sie handelten gegen meinen
+Rat, leider haben sie es im Tode gebuesst. Aber ihr Eifer war auch
+ueberfluessig: denn den verraeterischen Sklaven raffte ploetzlich vor weitern
+Aussagen die Hand des Herrn hinweg und es war gelungen, die Geheimbriefe
+des Albinus vor dessen Verhaftung zu vernichten. Jedoch glaubt ihr,
+Albinus wuerde auf der Folter, wuerde unter Todesdrohungen geschwiegen
+haben, geschwiegen, wenn ihn die Nennung der Mitverschwornen retten
+konnte? Das glaubt ihr nicht, das glaubte Albinus selbst nicht. Deshalb
+musste vor allem Zeit gewonnen, die Folter abgewendet werden. Dies gelang
+durch jenen Eid. Unterdessen freilich bluteten Boethius und Symmachus: sie
+waren nicht zu retten: doch _ihres_ Schweigens, auch unter der Folter,
+waren wir sicher. Albinus aber ward durch ein Wunder aus seinem Kerker
+befreit wie Sankt Paulus zu Philippi. Es hiess, er sei nach Athen entflohen
+und der Tyrann begnuegte sich, ihm die Rueckkehr zu verbieten. Allein der
+dreieinige Gott hat ihm hier in seinem Tempel eine Zufluchtstaette
+bereitet, bis dass die Stunde der Freiheit naht. In der Einsamkeit seines
+heiligen Asyles nun hat der Herr das Herz des Mannes wunderbar geruehrt
+und, ungeschreckt von der Todesgefahr, die schon einmal seine Locke
+gestreift hat, tritt er wieder in unsern Kreis und bietet dem Dienste
+Gottes und des Vaterlands sein ganzes unermessliches Vermoegen. Vernehmt: er
+hat all sein Gut der Kirche Sanktae Mariae Majoris zu Bundeszwecken
+vermacht. Wollt ihr ihn und seine Millionen verschmaehen?"
+
+Eine Pause des Staunens trat ein: endlich rief Licinius: "Priester, du
+bist klug wie - wie ein Priester. Aber mir gefaellt solche Klugheit nicht."
+- "Silverius," sprach der Jurist, "du magst die Millionen nehmen. Das
+steht dir an. Aber ich war der Freund des Boethius: mir steht nicht an,
+mit jenem Feigen Gemeinschaft zu halten. Ich kann ihm nicht vergeben.
+Hinweg mit ihm!" - "Hinweg mit ihm!" scholl es von allen Seiten. Scaevola
+hatte der Empfindung aller das Wort geliehen. Albinus erblasste, selbst
+Silverius zuckte unter dieser allgemeinen Entruestung. "Cethegus!"
+fluesterte er leise, Beistand heischend.
+
+Da trat der Mann in die Mitte, der bisher immer geschwiegen und nur mit
+kuehler Ueberlegenheit die Sprechenden gemustert hatte. Er war gross und
+hager, aber kraeftig, von breiter Brust und seine Muskeln von eitel Stahl.
+Ein Purpursaum an der Toga und zierliche Sandalen verrieten Reichtum, Rang
+und Geschmack, aber sonst verhuellte ein langer, brauner Soldatenmantel die
+ganze Unterkleidung der Gestalt. Sein Kopf war von denen, die man, einmal
+gesehen, nie mehr vergisst.
+
+Das dichte, noch glaenzend schwarze Haar war nach Roemerart kurz und rund um
+die gewoelbte, etwas zu grosse Stirn und die edel geformten Schlaefe
+geschoren, tief unter den fein geschweiften Brauen waren die schmalen
+Augen geborgen, in deren unbestimmtem Dunkelgrau ein ganzes Meer
+versunkener Leidenschaften, aber noch bestimmter der Ausdruck kaeltester
+Selbstbeherrschung lag. Um die scharf geschnittenen bartlosen Lippen
+spielte ein Zug stolzer Verachtung gegen Gott und seine ganze Welt. Wie er
+vortrat und mit ruhiger Vornehmheit den Blick ueber die Erregten streifen
+liess, wie seine nicht einschmeichelnde, aber beherrschende Redeweise
+anhob, empfand jeder in der Versammlung den Eindruck bewusster
+Ueberlegenheit und wenige Menschen mochten diese Naehe ohne das Gefuehl der
+Unterordnung tragen.
+
+"Was hadert ihr," sagte er kalt, "ueber Dinge, die geschehen muessen? Wer
+den Zweck will, muss das Mittel wollen. Ihr wollt nicht vergeben? Immerhin!
+Daran liegt nichts. Aber vergessen muesst ihr. Und das koennt ihr. Auch ich
+war ein Freund der Verstorbenen, vielleicht ihr naechster. Und doch - ich
+will vergessen. Ich thu' es, eben weil ich ihr Freund war. Der liebt sie,
+Scaevola, der allein, der sie raecht. Um der Rache willen - Albinus, deine
+Hand." - Alle schwiegen, bewaeltigt mehr von der Persoenlichkeit als von den
+Gruenden des Redners. Nur der Jurist bemerkte noch:
+
+"Rusticiana, des Boethius Witwe und des Symmachus Tochter, die
+einflussreiche Frau, ist unsrem Bunde hold. Wird sie das bleiben, wenn
+dieser eintritt? Kann sie je vergeben und vergessen? Niemals!"
+
+"Sie kann es. Glaubt nicht mir, glaubt Euren Augen." Mit diesen Worten
+wandte sich rasch Cethegus und schritt in einen der Seitengaenge, dessen
+Muendung bisher sein Ruecken verdeckt hatte. - Hart am Eingang stand
+lauschend eine verschleierte Gestalt: er ergriff ihre Hand: "komm',"
+fluesterte er, "jetzt komm'." - "Ich kann nicht! ich will nicht!" war die
+leise Antwort der Widerstrebenden. "Ich verfluche ihn. Ich kann ihn nicht
+sehen, den Elenden!" - "Es muss sein. Komm, du kannst und du willst es: -
+denn ich will es." Er schlug ihren Schleier zurueck: noch ein Blick und sie
+folgte wie willenlos. -
+
+Sie bogen um die Ecke des Eingangs: "Rusticiana!" riefen alle. - "Ein Weib
+in unserer Versammlung!" sprach der Jurist. "Das ist gegen die Satzungen,
+die Gesetze."
+
+"Ja, Scaevola, aber die Gesetze sind um des Bundes willen, nicht der Bund
+um der Gesetze willen. Und geglaubt haettet ihr mir nie, was ihr hier sehet
+mit Augen."
+
+Er legte die Hand der Witwe in die zitternde Rechte des Albinus.
+
+"Seht, Rusticiana verzeiht: wer will jetzt noch widerstreben?" -
+Ueberwunden und ueberwaeltigt verstummten alle. Fuer Cethegus schien das
+weitere jedes Interesse verloren zu haben. Er trat mit der Frau an die
+Wand im Hintergrund zurueck. Der Priester aber sprach: "Albinus ist Glied
+des Bundes." - "Und sein Eid, den er dem Tyrannen geschworen?" fragte
+schuechtern Scaevola. - "War erzwungen und ist ihm geloest von der heiligen
+Kirche. Aber nun ist es Zeit, zu scheiden. Nur noch die eilendsten
+Geschaefte, die neuesten Botschaften. Hier, Licinius, der Festungsplan von
+Neapolis: du musst ihn bis morgen nachgezeichnet haben, er geht an Belisar.
+Hier, Scaevola, Briefe aus Byzanz, von Theodora, der frommen Gattin
+Justinians: du musst sie beantworten. Da, Calpurnius, eine Anweisung auf
+eine halbe Million Solidi von Albinus: du sendest sie an den fraenkischen
+Majordomus, er wirkt bei seinem Koenig gegen die Goten. Hier, Pomponius,
+eine Liste der Patrioten in Dalmatien: du kennst die Dinge dort und die
+Menschen: sieh zu, ob bedeutende Namen fehlen. Euch allen aber sei gesagt,
+dass, nach heute erhaltenen Briefen von Ravenna, die Hand des Herrn schwer
+auf dem Tyrannen liegt: tiefe Schwermut, zu spaete Reue ueber all' seine
+Suenden soll seine Seele niederdruecken und der Trost der wahren Kirche
+bleibt ihm fern. Harret aus noch eine kleine Weile: bald wird ihn die
+zornige Stimme des Richters abrufen: dann koemmt der Tag der Freiheit. An
+den naechsten Iden, zur selben Stunde, treffen wir uns wieder. Der Segen
+des Herrn sei mit euch." Eine Handbewegung des Diakons verabschiedete die
+Versammelten: die jungen Priester traten mit den Fackeln aus den
+Seitengaengen und geleiteten die Einzelnen in verschiedenen Richtungen nach
+den nur ihnen bekannten Ausgaengen der Katakomben.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+
+Silverius, Cethegus und Rusticiana stiegen miteinander die Stufen hinauf,
+welche in die Krypta der Basilika des heiligen Sebastian fuehrten. Von da
+gingen sie durch die Kirche in das unmittelbar darangebaute Haus des
+Diakonus. Dort angelangt ueberzeugte sich dieser, dass alle Hausgenossen
+schliefen bis auf einen alten Sklaven, der im Atrium bei einer halb
+herabgebrannten Ampel wachte. Auf den Wink seines Herrn zuendete er die
+neben ihm stehende silberfuessige Lampe an und drueckte auf eine Fuge im
+Marmorgetaefel. Die Marmorplatten drehten sich um ihre Achse und liessen den
+Priester, der die Leuchte ergriffen, mit den beiden andern in ein kleines,
+niedres Gemach treten, dessen Oeffnung sich hinter ihnen rasch und
+geraeuschlos wieder schloss. Keine Ritze verriet nun wieder, dass hier eine
+Thuer.
+
+Der kleine Raum, jetzt mit einem hohen Kreuz aus Holz, einem Betschemel
+und einigen christlichen Symbolen auf Goldgrund einfach ausgestattet,
+hatte in heidnischen Tagen offenbar, wie die an den Waenden hinlaufenden
+Polstersimse bezeugten, dem Zweck jener kleinen Gelage von zwei oder drei
+Gaesten gedient, deren zwanglose Gemuetlichkeit Horatius feiert. Zur Zeit
+war hier das Asyl fuer die geheimsten geistlichen - oder weltlichen -
+Gedanken des Diakonus. Schweigend setzte sich Cethegus, auf ein gegenueber
+in die Wand eingelegtes Mosaikgemaelde den fluechtigen Blick des verwoehnten
+Kunstkenners werfend, auf den niederen Lectus. Waehrend der Priester
+beschaeftigt war, aus einem Mischkrug mit hochgeschweiften Henkeln Wein in
+die bereit stehenden Becher zu giessen und eine eherne Schale mit Fruechten
+auf den dreifuessigen Bronzetisch zu stellen, stand Rusticiana Cethegus
+gegenueber, ihn mit unwillig staunenden Blicken messend. Kaum vierzig Jahre
+alt, zeigte das Weib Spuren einer seltenen, etwas maennlichen Schoenheit,
+die weniger durch das Alter als durch heftige Leidenschaften gelitten
+hatte: schon war hier und da nicht graues, sondern weisses Haar in ihre
+rabenschwarzen Flechten gemischt, das Auge hatte einen unsteten Blick und
+starke Falten zogen sich gegen die immer bewegten Mundwinkel. Sie stuetzte
+die Linke auf den Erztisch und strich mit der Rechten wie nachsinnend ueber
+die Stirn, dabei fortwaehrend Cethegus anstarrend. Endlich sprach sie:
+"Mensch, sage, sage, Mann, welche Gewalt du ueber mich hast? Ich liebe dich
+nicht mehr. Ich sollte dich hassen. Ich hasse dich auch. Und doch muss ich
+dir folgen willenlos. Wie der Vogel dem Auge der Schlange. Und du legst
+meine Hand, _diese_ Hand, in die Hand jenes Schurken. Sage, du Frevler,
+welches ist diese Macht?"
+
+Cethegus schwieg unaufmerksam. Endlich sagte er, sich zuruecklehnend:
+"Gewohnheit, Rusticiana, Gewohnheit."
+
+"Jawohl, Gewohnheit! Gewohnheit einer Sklaverei, die besteht, seit ich
+denken kann. Dass ich als Maedchen den schoenen Nachbarssohn bewunderte, war
+natuerlich; dass ich glaubte, du liebtest mich, war verzeihlich: du kuesstest
+mich ja. Und wer konnte - damals! - wissen, dass du nicht lieben kannst.
+Nichts: kaum dich selbst. Dass die Gattin des Boethius diese wahnsinnige
+Liebe nicht erstickte, die du wie spielend wieder anfachtest, war eine
+Suende, aber Gott und die Kirche haben sie mir verziehen. Doch, dass ich
+jetzt noch, nachdem ich jahrzehntelang deine herzlose Tuecke kenne, nachdem
+die Glut der Leidenschaft erloschen in diesen Adern, dass ich jetzt noch
+blindlings deinem daemonischen Willen folgen muss, - das ist eine Thorheit
+zum Lautauflachen."
+
+Und sie lachte hell und fuhr mit der Rechten ueber die Stirn. Der Priester
+hielt in seiner wirtlichen Beschaeftigung inne, und sah verstohlen auf
+Cethegus; er war gespannt. Cethegus lehnte das Haupt rueckwaerts an den
+Marmorsims und umfasste mit der Rechten den Pokal, der vor ihm stand:
+
+"Du bist ungerecht, Rusticiana," sagte er ruhig. "Und unklar. Du mischest
+die Spiele des Eros in die Werke der Eris und der Erinnyen. Du weisst es,
+dass ich der Freund des Boethius war. Obwohl ich sein Weib kuesste.
+Vielleicht ebendeshalb. Ich sehe darin nichts Besonderes und du: - nun dir
+haben es ja Silverius und die Heiligen vergeben. Du weisst ferner, dass ich
+diese Goten hasse, wirklich hasse, dass ich den Willen und - vor andern -
+die Faehigkeit habe, durchzusetzen, was dich jetzt ganz erfuellt: deinen
+Vater, den du geliebt, deinen Gatten, den du geehrt hast, an diesen
+Barbaren zu raechen. Du gehorchst daher meinen Winken. Und du thust daran
+sehr klug. Denn du hast zwar ein sehr bedeutendes Talent, Raenke zu
+schmieden. Aber deine Heftigkeit truebt oft deinen Blick. Sie verdirbt
+deine feinsten Plaene. Also thust du wohl, kuehlerer Leitung zu folgen. Das
+ist alles. - Aber jetzt geh. Deine Sklavin kauert schlaftrunken im
+Vestibulum. Sie glaubt dich in der Beichte, bei Freund Silverius. Die
+Beichte darf nicht gar zu lange waehren. Auch haben wir noch Geschaefte.
+Gruesse mir Kamilla, dein schoenes Kind, und lebe wohl." Er stand auf,
+ergriff ihre Hand und fuehrte sie sanft zur Thuere. Sie folgte
+widerstrebend, nickte dem Priester zum Abschied zu, sah nochmal auf
+Cethegus, der ihre innere Bewegung nicht zu sehen schien und ging mit
+leisem Kopfschuetteln hinaus.
+
+Cethegus setzte sich wieder und trank den Pokal aus.
+
+"Sonderbarer Kampf in diesem Weibe," sagte Silverius und setzte sich mit
+Griffel, Wachstafeln, Briefen und Dokumenten zu ihm. "Nicht sonderbar. Sie
+will ihr Unrecht gegen ihren Gatten gut machen, indem sie ihn raecht. Und
+dass sie diese Rache gerade durch ihren ehemaligen Geliebten findet, macht
+die heilige Pflicht besonders suess. Freilich ist ihr dies alles unbewusst. -
+Aber, was giebt's zu thun?" Und nun begannen die beiden Maenner ihre
+Arbeit, solche Punkte der Verschwoerung zu erledigen, die allen Gliedern
+des Bundes mitzuteilen sie nicht fuer ratsam hielten. - "Diesmal," hob der
+Diakonus an, "gilt es vor allem, das Vermoegen des Albinus festzustellen
+und dessen naechste Verwendung zu beraten. Wir brauchten ganz unabweislich
+Geld, viel Geld." - "Geldsachen sind dein Gebiet," sagte Cethegus
+trinkend. "Ich verstehe sie wohl, aber sie langweilen mich."
+
+"Ferner muessen die einflussreichsten Maenner auf Sicilien, in Neapolis und
+Apulien gewonnen werden. Hier ist die Liste derselben mit Notizen ueber die
+einzelnen. Es sind Menschen darunter, bei denen die gewoehnlichen Mittel
+nicht verfangen." "Gieb her," sagte Cethegus, "_das_ will ich machen" und
+zerlegte einen persischen Apfel. - -
+
+Nach einer Stunde angestrengter Arbeit waren die dringendsten Geschaefte
+bereinigt und der Hausherr legte die Dokumente wieder in ihr Geheimfach
+hinter dem grossen Kreuz in der Mauer. Der Priester war ermuedet und sah mit
+Neid auf den Genossen, dessen staehlernen Koerper und unangreifbaren Geist
+keine spaete Stunde, keine Anspannung ermatten zu koennen schien. Er aeusserte
+etwas dergleichen, als sich Cethegus den silbernen Becher wieder fuellte.
+
+"Uebung, Freund, starke Nerven und," setzte er laechelnd hinzu, "ein gutes
+Gewissen: das ist das ganze Raetsel."
+
+"Nein, im Ernst, Cethegus, du bist mir auch sonst ein Raetsel." - "Das will
+ich hoffen." - "Nun, haeltst du dich fuer ein mir so unerreichbar
+ueberlegenes Wesen?" - "Ganz und gar nicht. Aber doch fuer gerade
+hinreichend tief, um andern nicht minder ein Raetsel zu sein als - mir
+selbst. Dein Stolz auf Menschenkenntnis mag sich beruhigen. Es geht mir
+selbst mit mir nicht besser als dir. Nur die Tropfen sind durchsichtig." -
+"In der That," fuhr der Priester ausholend fort, "der Schluessel zu deinem
+Wesen muss sehr tief liegen. Sieh zum Beispiel die Genossen unsres Bundes.
+Von jedem laesst sich sagen, welcher Grund ihn dazu gefuehrt hat. Der hitzige
+Jugendmut einen Licinius: der verrannte, aber ehrliche Rechtssinn einen
+Scaevola: mich und die andern Priester - der Eifer fuer die Ehre Gottes."
+
+"Natuerlich," sagte Cethegus trinkend.
+
+"Andere treibt der Ehrgeiz: oder die Hoffnung, bei einem Buergerkrieg ihren
+Glaeubigern die Haelse abzuschneiden, oder auch die Langeweile ueber den
+geordneten Zustand dieses Landes unter den Goten oder eine Beleidigung
+durch einen der Fremden, die allermeisten der natuerliche Widerwille gegen
+die Barbaren und die Gewoehnung, nur im Kaiser den Herrn Italiens zu sehen.
+Bei dir aber schlaegt keiner dieser Beweggruende an und" -
+
+"Und das ist sehr unbequem, nicht wahr? Denn mittels Kenntnis ihrer
+Beweggruende beherrscht man die Menschen? Ja, ehrwuerdiger Gottesfreund, ich
+kann dir nicht helfen. Ich weiss es wirklich selbst nicht, was mein
+Beweggrund ist. Ich bin selbst so neugierig darauf, dass ich es dir
+herzlich gern sagen und mich - beherrschen lassen wollte, wenn ich es nur
+entdecken koennte. Nur das Eine fuehl' ich: diese Goten sind mir zuwider.
+Ich hasse diese vollbluetigen Gesellen mit ihren breiten Flachsbaerten.
+Unausstehlich ist mir das Glueck dieser brutalen Gutmuetigkeit, dieser
+naiven Jugendlichkeit, dieses alberne Heldentum, diese ungebrochnen
+Naturen. Es ist eine Unverschaemtheit des Zufalls, der die Welt regiert,
+dieses Land, - nach einer solchen Geschichte, - mit Maennern wie - wie du
+und ich - von diesen Nord-Baeren beherrschen zu lassen." Unwillig warf er
+das Haupt zurueck, drueckte die Augen zu und schluerfte einen kleinen Trunk
+Weines. "Dass die Barbaren fort muessen," sprach der andere, "darueber sind
+wir einig. Und fuer mich ist damit alles erreicht. Denn ich will ja nur die
+Befreiung der Kirche von diesen irrglaeubigen Barbaren, welche die
+Goettlichkeit Christi leugnen und nur einen Halbgott aus ihm machen. Ich
+hoffe, dass alsdann der roemischen Kirche der Primat im ganzen Gebiet der
+Christenheit, der ihr gebuehrt, unbestritten zufallen wird. Aber solange
+Rom in der Hand der Ketzer liegt, waehrend der Bischof von Byzanz von dem
+allein rechtglaeubigen und rechtmaessigen Kaiser gestuetzt wird" -
+
+"Solange ist der Bischof von Rom nicht der oberste Bischof der
+Christenheit, solange nicht Herr Italiens: und deshalb der roemische Stuhl,
+selbst wenn ein Silverius ihn einnehmen wird, nicht das, was er werden
+soll: das Hoechste. Und das will doch Silverius."
+
+Ueberrascht sah der Priester auf.
+
+"Beunruhige dich nicht, Freund Gottes. Ich weiss das laengst und habe dein
+Geheimnis bewahrt, obwohl du es mir nicht vertraut hast. Allein weiter."
+Er schenkte sich aufs neue ein: - "dein Falerner ist gut abgelagert, aber
+er hat zu viel Suesse. - Du kannst eigentlich nur wuenschen, dass diese Goten
+den Thron der Caesaren raeumen, nicht, dass die Byzantiner an ihre Stelle
+treten: denn sonst hat der Bischof von Rom wieder zu Byzanz seinen
+Oberbischof und einen Kaiser. Du musst also an der Goten Stelle wuenschen -
+nicht einen Kaiser - Justinian, - sondern - etwa was?" - "Entweder" - fiel
+Silverius eifrig ein - "einen eignen Kaiser des Westreichs" - "Der aber,"
+vollendete Cethegus seinen Satz, "nur eine Puppe ist in der Hand des
+heiligen Petrus -" - "Oder eine roemische Republik, einen Staat der Kirche
+-" - "In welchem der Bischof von Rom der Herr, Italien das Hauptland und
+die Barbarenkoenige in Gallien, Germanien, Spanien die gehorsamen Soehne der
+Kirche sind. Schoen, mein Freund. Nur muessen erst die Feinde vernichtet
+sein, deren Spolien du bereits verteilst. Deshalb ein altroemischer
+Trinkspruch: wehe den Barbaren!"
+
+Er stand auf und trank dem Priester zu. "Aber die letzte Nachtwache
+schleicht vorueber und meine Sklaven muessen mich am Morgen in meinem
+Schlafgemach finden. Leb wohl." Damit zog er den Cucullus des Mantels ueber
+das Haupt und ging.
+
+Der Wirt sah ihm nach: "Ein hoechst bedeutendes Werkzeug!" sagte er zu
+sich. "Gut, dass er nur ein Werkzeug ist. Moege er es immer bleiben."
+
+Cethegus aber schritt von der Via appia her, wo die Kirche des heiligen
+Sebastian den Eingang in die Katakomben bedeckt, nach Nordwesten dem
+Kapitole zu, an dessen Fuss am Nordende der Via sacra sein Haus gelegen
+war, nordoestlich vom Forum Romanum.
+
+Die kuehle Morgenluft strich belebend um sein Haupt.
+
+Er schlug den Mantel zurueck und dehnte die breite, starke, gewaltige
+Brust. "Ja, ein Raetsel bist du," sprach er vor sich hin; "treibst
+Verschwoerung und naechtlichen Verkehr wie ein Republikaner oder ein
+Verliebter von zwanzig Jahren. Und warum? - Ei, wer weiss warum er atmet?
+Weil er muss. Und so muss ich thun was ich thue. Eins aber ist gewiss. Dieser
+Priester mag Papst werden: er muss es vielleicht werden. Aber Eins darf er
+nicht. Er darf es nicht lange bleiben. Sonst lebt wohl, ihr Gedanken, ihr
+kaum eingestandenen, die ihr noch Traeume seid und Wolkenduenste: vielleicht
+aber ballt sich daraus ein Gewitter, das Blitz und Donner fuehrt und mein
+Verhaengnis wird. Sieh, es wetterleuchtet im Osten. Gut. Ich nehme das Omen
+an."
+
+Mit diesen Worten schritt er in sein Haus. Im Schlafgemach fand er auf dem
+Cederntisch vor seinem Lager einen verschnuerten und mit dem koeniglichen
+Siegel gepressten Brief.
+
+Er schnitt die Schnuere mit dem Dolch auf, schlug die doppelte Wachstafel
+auseinander und las:
+
+"An Cethegus Caesarius, den Princeps Senatus, Marcus Aurelius Cassiodorus
+Senator.
+
+Unser Herr und Koenig liegt im Sterben. Seine Tochter und Erbin
+Amalaswintha wuenscht dich noch vor seinem Ende zu sprechen. Du sollst das
+wichtigste Reichsamt uebernehmen. Eile sogleich nach Ravenna."
+
+
+
+
+ Fuenftes Kapitel.
+
+
+Atembeklemmend lag bange Stimmung schwer und schwuel ueber dem Koenigspalast
+zu Ravenna mit seiner duestern Pracht, mit seiner unwirtlichen
+Weitraeumigkeit.
+
+Die alte Burg der Caesaren hatte im Lauf der Jahrhunderte schon so manche
+stilwidrige Veraenderung erfahren. Und seit an die Stelle der Imperatoren
+der Gotenkoenig mit seinem germanischen Hofgesinde getreten war, hatte sie
+vollends ein wenig harmonisches Aussehen angenommen. Denn viele Raeume, die
+eigentuemlichen Sitten des roemischen Lebens gedient hatten, standen mit der
+alten Pracht ihrer Einrichtung unbenutzt und vernachlaessigt: Spinnweben
+zogen sich ueber die Mosaiken der reichen, aber lang nicht mehr betretenen
+Badgemaecher des Honorius und in dem Toilettenzimmer der Placidia huschten
+die Eidechsen ueber das Marmorgesims der Silberspiegel in den Mauern.
+Dagegen hatten die Beduerfnisse eines mehr kriegerischen Hofhalts manche
+Mauer niedergerissen, um die kleinen Gemaecher des antiken Hauses zu den
+weiteren Raeumen von Waffensaelen, Trinkhallen, Wachtzimmern auszudehnen.
+Und man hatte anderseits durch neue Mauerfuehrungen benachbarte Haeuser mit
+dem Palast verbunden, daraus eine Festung mitten in der Stadt zu schaffen.
+Es trieben jetzt in der "_piscina maxima_", dem ausgetrockneten Teich,
+blonde Buben ihre wilden Spiele und in den Marmorsaelen der Palaestra
+wieherten die Rosse der gotischen Wachen. So hatte der weitlaeufige Bau das
+unheimliche Ansehen halb einer kaum noch erhaltnen Ruine, halb eines
+unvollendeten Neubaus: und die Burg dieses Koenigs erschien so wie ein
+Sinnbild seines roemisch-gotischen Reiches, seiner ganzen politischen
+halbunfertigen, halbverfallenden Schoepfung. -
+
+An dem Tage aber, der Cethegus nach Jahren hier zuerst wieder eintreten
+sah, lastete ein Gewoelk von Spannung, Trauer und Duestre ganz besonders
+schwer auf diesem Haus: denn seine koenigliche Seele sollte daraus
+scheiden. -
+
+Der grosse Mann, der von hier aus ein Menschenalter lang die Geschicke
+Europas gelenkt, den Abendland und Morgenland in Liebe und Hass
+bewunderten, der Heros seines Jahrhunderts, der gewaltige Dietrich von
+Bern, dessen Namen schon bei seinen Lebzeiten die Sage sich ausschmueckend
+bemaechtigt hatte, der grosse Amalungen-Koenig Theoderich sollte sterben.
+
+So hatten es die Aerzte, wenn nicht ihm selbst doch seinen Raeten verkuendet
+und alsbald war es hinausgedrungen in die grosse volkreiche Stadt. Obwohl
+man seit lange einen solchen Ausgang der geheimnisvollen Leiden des
+greisen Fuersten fuer moeglich gehalten, erfuellte doch jetzt die Kunde von
+dem drohenden Eintritt des verhaengnisvollen Schlages alle Herzen mit der
+hoechsten Aufregung.
+
+Die treuen Goten trauerten und bangten: aber auch bei der roemischen
+Bevoelkerung war eine dumpfe Spannung die vorherrschende Empfindung. Denn
+hier in Ravenna, in der unmittelbaren Naehe des Koenigs hatten die Italier
+die Milde und Hoheit dieses Mannes im allgemeinen zu bewundern und durch
+besondere Wohlthaten zu erfahren am haeufigsten Gelegenheit gehabt. Ferner
+fuerchtete man nach dem Tode dieses Koenigs, der waehrend seiner ganzen
+Regierung, mit einziger Ausnahme der juengsten Kaempfe mit dem Kaiser und
+dem Senat, in welchen Boethius und Symmachus geblutet, die Italier vor der
+Gewaltthaetigkeit und Rauheit seines Volkes beschuetzt hatte, unter einem
+neuen Regiment Haerte und Druck von Seite der Goten zu befahren.
+
+Endlich aber wirkte noch ein Anderes, Hoeheres: die Persoenlichkeit dieses
+Heldenkoenigs war so grossartig, so majestaetisch gewesen, dass auch
+diejenigen, die seinen und seines Reiches Untergang oft herbeigewuenscht
+hatten, doch in dem Augenblick, da nun diese Sonne erloeschen sollte, sich
+niedriger Schadenfreude nicht hingeben und ernsterer Erschuetterung nicht
+erwehren konnten.
+
+So war die Stadt schon seit grauendem Morgen - da man zuerst vom Palast
+Boten nach allen Winden hatte jagen und einzelne Diener in die Haeuser der
+vornehmsten Goten und Roemer hatte eilen sehen - in hoechster Erregung. In
+den Strassen, auf den Plaetzen, in den Baedern standen die Maenner paarweise
+oder in Gruppen beisammen, fragten und teilten sich mit, was sie wussten,
+suchten eines Vornehmen habhaft zu werden, der vom Palaste herkam und
+sprachen ueber die ernsten Folgen des bevorstehenden Ereignisses. Weiber
+und Kinder kauerten neugierig auf den Schwellen der Haeuser. Mit den
+wachsenden Stunden des Tages stroemte sogar schon die Bevoelkerung der
+naechsten Doerfer und Staedte, besonders trauernde Goten, forschend in die
+Thore Ravennas. Die Raete des Koenigs, voraus der Praefectus Praetorio
+Cassiodorus, der sich in diesen Tagen um Aufrechthaltung der Ordnung hohes
+Verdienst erwarb, hatten solche Aufregung vorausgesehen, vielleicht
+Schlimmeres erwartet.
+
+Seit Mitternacht waren alle Zugaenge zum Palast geschlossen und mit
+gotischen Wachen besetzt. Auf dem Forum des Honorius, vor der Stirnseite
+des Gebaeudes, war ein Zug Reiter aufgestellt. Auf den breiten
+Marmorstufen, die zu der stolzen Saeulenreihe des Hauptportals
+hinauffuehrten, waren starke Scharen gotischen Fussvolks, mit Schild und
+Speer, in malerischen Gruppen gelagert.
+
+Nur hier konnte man, nach Cassiodors Befehl, Eintritt in den Palast
+erlangen und nur die beiden Anfuehrer des Fussvolks, der Roemer Cyprian und
+der Gote Witichis, durften die Erlaubnis dazu erteilen. Ersterer war es,
+der Cethegus einliess. Wie dieser den altbekannten Weg zum Gemach des
+Koenigs verfolgte, fand er in den Hallen und Gaengen der Burg die Goten und
+Italier, denen ihr Rang und Ansehen Zutritt erwarben, in ungleichen
+Gruppen verteilt.
+
+Schweigend und traurig standen in der sonst so lauten Trinkhalle die
+jungen Tausendfuehrer und Hundertfuehrer der Goten beisammen oder fluesterten
+einzelne besorgte Fragen, waehrend hier und da ein aelterer Mann, ein
+Waffengefaehrte des sterbenden Helden, in einer Nische der Bogenfenster
+lehnte, seinen lauten Schmerz zu verbergen; in der Mitte des Saales stand,
+laut weinend, das Haupt an einen Pfeiler drueckend, ein reicher Kaufmann
+von Ravenna: der Koenig, der jetzt scheiden sollte, hatte ihm eine
+Verschwoerung verziehen und seine Warenhallen vor der Pluenderung durch die
+ergrimmten Goten gerettet.
+
+Mit einem kalten Blick der Geringschaetzung schritt Cethegus an dem allen
+vorueber. Er ging weiter.
+
+In dem naechsten Gemach, dem zum Empfang fremder Gesandten bestimmten Saal,
+fand er eine Anzahl von vornehmen Goten, Herzogen, Grafen und Edeln
+beisammen, die offenbar Beratung hielten ueber den Thronwechsel und den
+drohenden Umschwung aller Verhaeltnisse.
+
+Da waren die tapferen Herzoge Thulun von Provincia, der die Stadt Arles
+heldenmuetig gegen die Franken verteidigt hatte, Ibba von Liguria, der
+Eroberer von Spanien, Pitza von Dalmatia, der Besieger der Bulgaren und
+Gepiden, gewaltige, trotzige Herren, stolz auf ihren alten Adel, der dem
+Koenigshaus der Amaler wenig nachgab - denn sie waren aus dem Geschlecht
+der Balten, das bei den Westgoten durch Alarich die Krone gewonnen hatte
+-, und auf ihre kriegerischen Verdienste, die das Reich beschirmt und
+erweitert.
+
+Auch Hildebad und Teja standen bei ihnen.
+
+Das waren die Fuehrer der Partei, die laengst eine haertere Behandlung der
+Italier, welche sie hassten und scheuten zugleich, begehrt und die nur
+widerstrebend dem milden Sinn des Koenigs sich gefuegt hatten. Wilde Blicke
+des Hasses schossen aus ihrer Mitte auf den vornehmen Roemer, der da Zeuge
+der Sterbestunde des grossen Gotenhelden sein wollte. Ruhig schritt
+Cethegus an ihnen vorueber und hob den schweren Wollvorhang auf, der den
+naechsten Raum abschied, das Vorzimmer des Krankengemaches. Eintretend
+begruesste er mit tiefer Verbeugung des Hauptes eine hohe koenigliche Frau,
+die, in schwarze Trauerschleier gehuellt, ernst und schweigend, aber in
+fester Fassung und ohne Thraenen vor einem mit Urkunden bedeckten
+Marmortische stand: das war Amalaswintha, die verwitwete Tochter
+Theoderichs.
+
+Eine Frau in der Mitte der Dreissiger war sie noch von ausserordentlicher,
+wenn auch kalter Schoenheit. Sie trug das reiche dunkle Haar nach
+griechischer Weise gescheitelt und gewellt. Die hohe Stirn, das grosse,
+runde Auge, die geradlinige Nase, der Stolz ihrer fast maennlichen Zuege und
+die Majestaet ihrer vollen Gestalt verliehen ihr gebietende Wuerde und in
+dem ganz nach hellenischem Stil gefalteten Trauergewand glich sie in der
+That einer von ihrem Postament heruntergeschrittenen Hera des Polyklet.
+
+An ihrem Arme hing, mehr gestuetzt als stuetzend, ein Knabe oder Juengling
+von etwa siebzehn Jahren, Athalarich, ihr Sohn, des Gotenreiches Erbe. Er
+glich nicht der Mutter, sondern hatte die Natur seines ungluecklichen
+Vaters Eutharich, den eine zehrende Krankheit des Herzens in der Bluete
+seiner Jahre in das Grab gezogen hatte. Mit Sorge sah deshalb Amalaswintha
+ihren Sohn in allem ein Ebenbild des Vaters werden und es war kaum mehr
+ein Geheimnis am Hofe von Ravenna, dass alle Spuren jener Krankheit sich
+schon in dem Knaben zeigten. Athalarich war schoen wie alle Glieder dieses
+von den Goettern stammenden Hauses. Starke schwarze Brauen, lange Wimpern
+beschatteten ein edles, dunkles Auge, das aber bald wie in unbestimmten
+Traeumen zerfloss, bald in geisterhaftem Glanz aufblitzte. Dunkelbraune
+wirre Locken hingen in die bleichen Schlaefe, in denen bei lebhafter
+Erregung die feinen blauen Adern krampfhaft zuckten. Der edeln Stirn hatte
+leiblicher Schmerz oder schwere Entsagung tiefe Furchen eingezeichnet,
+befremdlich auf diesem jugendlichen Antlitz. Rasch wechselten Marmorblaesse
+und heisses Rot auf den durchsichtigen Wangen. Die hoch aufgeschossene,
+aber geknickte Gestalt schien meistens wie muede in ihren Fugen zu hangen
+und schoss nur manchmal mit erschreckender Raschheit in die Hoehe. Er sah
+den eintretenden Cethegus nicht, denn er hatte, an der Mutter Brust
+gelehnt, den griechischen Mantel klagend um das junge Haupt geschlagen,
+das bald eine schwere Krone tragen sollte. -
+
+Fern von diesen beiden an dem offenen Bogen des Gemaches, der den Blick
+auf die von den Gotenkriegern besetzten Marmorstufen gewaehrte, stand, in
+traeumerisches Sinnen verloren, ein Weib - oder war es eine Jungfrau? - von
+ueberraschender, blendender, ueberwaeltigender Schoenheit: das war
+Mataswintha, Athalarichs Schwester. Sie glich der Mutter an Adel und Hoehe
+der Gestalt, aber ihre schaerferen Zuege hatten ein feuriges
+leidenschaftliches Leben, das sich nur wenig unter angenommener Kaelte
+barg. Ihre Gestalt, ein reizvolles Ebenmass von bluehender Fuelle und feiner
+Schlankheit, mahnte an jene bezwungene Artemis in den Armen des Endymion
+in der Gruppe des Agesander, die, nach der Sage, der Rat von Rhodos hatte
+aus der Stadt verbannen muessen, weil diese marmorne hoechste Einheit
+schoenster Jungfraeulichkeit und schoenster Sinnlichkeit die Juenglinge des
+Eilands zu Wahnsinn und Selbstmord getrieben hatte. Der Zauber hoechster
+reifer Maedchenschoenheit zitterte ueber diesem Wesen. Ihr reichwallendes
+Haar war dunkelrot mit einem schillernden Metallglanz und von so
+ausserordentlicher Wirkung, dass er der Fuerstin, selbst bei diesem durch die
+praechtigen Goldlocken seiner Weiber beruehmten Volk, den Namen "Schoenhaar"
+verschafft hatte. Ihre Augenbrauen aber und die langen Wimpern waren
+glaenzend schwarz und hoben die blendend weisse Stirn, die alabasternen
+Wangen leuchtend hervor. Die fein gebogene Nase mit den zartgeschnittenen
+manchmal leise zuckenden Fluegeln senkte sich auf einen ueppig schwellenden
+Mund. Aber das Auffallendste an dieser auffallenden Schoenheit war das
+graue Auge, nicht so fast durch die ziemlich unbestimmte Farbe, wie durch
+den wunderbaren Ausdruck, mit dem es, meist in traeumerisches Sinnen
+verloren, manchmal in versengender Leidenschaft aufleuchten konnte. In der
+That, wie sie da an dem Fenster lehnte, in der halb hellenischen, halb
+gotischen von ihrer Phantasie erfinderisch zusammengewaehlten Tracht, den
+weissen, hochgewoelbten Arm um die dunkle Porphyrsaeule geschlungen und
+hinaus traeumend in die Abendluft, glich ihre verfuehrerische Schoenheit
+jenen unwiderstehlichen Waldfrauen oder Wellenmaedchen, deren
+allverstrickende Liebesgewalt von jeher die germanische Sage gefeiert hat.
+Und so gross war die Macht dieser Schoenheit, dass selbst die ausgebrannte
+Brust des Cethegus, der die Fuerstin laengst kannte, bei seinem Eintritt von
+neuem Staunen beruehrt wurde. -
+
+Doch wurde er sogleich in Anspruch genommen von dem letzten der im Gemach
+Anwesenden, von Cassiodor, dem gelehrten und treuen Minister des Koenigs,
+dem ersten Vertreter jener wohlwollenden, aber hoffnungslosen
+Versoehnungspolitik, die seit einem Menschenalter im Gotenreich geuebt
+wurde. Der alte Mann, dessen ehrwuerdige und milde Zuege der Schmerz um den
+Verlust seines koeniglichen Freundes nicht weniger bewegte als die Sorge um
+die Zukunft des Reiches, stand auf und ging mit schwankenden Schritten dem
+Eintretenden entgegen, der sich ehrfurchtvoll verneigte. In Thraenen
+schwimmend ruhte das Auge des Greises auf ihm, endlich sank er seufzend an
+die kalte Brust des Cethegus, der ihn fuer diese Weichheit verachtete.
+
+"Welch ein Tag!" klagte er. - "Ein verhaengnisvoller Tag," sprach Cethegus
+ernst; "er fordert Kraft und Fassung." - "Recht sprichst du, Patricius,
+und wie ein Roemer," - sagte die Fuerstin, sich von Athalarich losmachend, -
+"sei gegruesst." Sie reichte ihm die Hand, die nicht bebte, ihr Auge war
+klar. "Die Schuelerin der Stoa bewaehrt an diesem Tage die Weisheit Zenos
+und die eigne Kraft," sprach Cethegus.
+
+"Sagt lieber, die Gnade Gottes kraeftigt ihre Seele wunderbar," verbesserte
+Cassiodor. - "Patricius," begann Amalaswintha, "der Praefectus Praetorio hat
+dich mir vorgeschlagen zu einem wichtigen Geschaeft. Sein Wort wuerde
+genuegen, auch wenn ich dich nicht laengst schon kennte. Du bist derselbe
+Cethegus, der die ersten beiden Gesaenge der Aeneis in griechische Hexameter
+uebertragen hat!" - "_Infandum renovare jubes, regina, dolorem._ Eine
+Jugendsuende, Koenigin," laechelte Cethegus. "Ich habe alle Abschriften
+aufgekauft und verbrannt an dem Tage, da die Uebersetzung Tullias
+erschien." Tullia war das Pseudonym Amalaswinthas: Cethegus wusste das:
+aber die Fuerstin hatte von dieser seiner Kenntnis keine Ahnung. Sie war in
+ihrer schwaechsten Stelle geschmeichelt und fuhr fort: "Du weisst, wie es
+hier steht. Die Atemzuege meines Vaters sind gezaehlt: nach dem Ausspruch
+der Aerzte kann er, obwohl noch ruestig und stark, jeden Augenblick tot
+zusammenbrechen. Athalarich hier ist der Erbe seiner Krone. Ich aber fuehre
+an seiner Statt die Regentschaft und ueber ihn die Mundschaft bis er zu
+seinen Tagen gekommen." - "So ist der Wille des Koenigs, und Goten und
+Roemer haben dieser Weisheit laengst schon zugestimmt," sagte Cethegus. -
+"So thaten sie. Aber die Menge ist wandelbar. Die rohen Maenner verachten
+die Herrschaft eines Weibes" - und sie zog bei diesem Gedanken die Stirn
+in zornige Falten. "Es widerstreitet immerhin dem Staatsrecht der Goten
+wie der Roemer," beguetigte Cassiodor, "es ist ganz neu, dass ein Weib -" -
+"Die undankbaren Rebellen!" murmelte Cethegus, gleichsam fuer sich. - "Wie
+man darueber denken mag," fuhr die Fuerstin fort, "es ist so. Gleichwohl
+baue ich auf die Treue der Barbaren im ganzen, moegen auch einzelne aus dem
+Adel Gelueste nach der Krone tragen. Auch von den Italiern hier in Ravenna,
+wie in den meisten Staedten, fuerchte ich nichts. Aber ich fuerchte - Rom und
+die Roemer." Cethegus horchte hoch auf: sein ganzes Wesen war in
+ploetzlicher Erregung: aber sein Antlitz blieb eisig kalt.
+
+"Rom wird sich niemals an die Herrschaft der Goten gewoehnen, es wird uns
+ewig widerstreben - wie koennte es anders!" setzte sie seufzend hinzu. Es
+war, als ob die Tochter Theoderichs eine roemische Seele haette.
+
+"Wir fuerchten deshalb," - ergaenzte Cassiodor, - "dass auf die Kunde von der
+Erledigung des Throns zu Rom eine Bewegung gegen die Regentin ausbrechen
+koennte, sei es fuer Anschluss an Byzanz, sei es fuer Erhebung eines eignen
+Kaisers des Abendlandes."
+
+Cethegus schlug, wie nachsinnend, die Augen nieder. -
+
+"Darum," fiel die Fuerstin rasch ein, "muss, schon ehe jene Kunde zu Rom
+eintrifft, alles geschehen sein. Ein entschlossener, mir treu ergebener
+Mann muss die Besatzung fuer mich - ich meine fuer meinen Sohn - vereidigen,
+die wichtigsten Thore und Plaetze besetzen, Senat und Adel einschuechtern,
+das Volk fuer mich gewinnen und meine Herrschaft unerschuetterlich
+aufrichten, ehe sie noch bedroht ist. Und fuer dies Geschaeft hat Cassiodor
+- dich vorgeschlagen. Sprich, willst du es uebernehmen?"
+
+Bei diesen Worten war der goldne Griffel aus ihrer Hand zur Erde gefallen.
+Cethegus bueckte sich, ihn aufzuheben. Er hatte nur diesen einen Augenblick
+fuer die hundert Gedanken, die bei diesem Antrag sich in seinem Kopfe
+kreuzten.
+
+War die Verschwoerung in den Katakomben, war vielleicht er selbst verraten?
+Lag hier eine Schlinge des schlauen und herrschsuechtigen Weibes? Oder
+waren die Thoren wirklich so blind, gerade ihm dies Amt aufzudringen? Und
+wenn dem so war, was sollte er thun? Sollte er den Moment benutzen,
+sogleich loszuschlagen, Rom zu gewinnen? Und fuer wen? fuer Byzanz? oder fuer
+einen Kaiser im Abendlande? Und wer sollte das werden? Oder waren die
+Dinge noch nicht reif? Sollte er fuer diesmal - aus Treulosigkeit - Treue
+ueben? Fuer all' diese und manche andere Zweifel und Fragen hatte er, sie zu
+stellen und zu loesen, nur den einen Moment, da er sich bueckte: sein
+rascher Geist brauchte nicht mehr: er hatte im Buecken das arglos
+vertrauende Gesicht Cassiodors gesehen und entschlossen sprach er, den
+Griffel ueberreichend: "Koenigin, ich uebernehme das Geschaeft." - "Das ist
+gut," sagte die Fuerstin. Cassiodor drueckte seine Hand. - "Wenn Cassiodor,"
+fuhr Cethegus fort, "mich zu diesem Amte vorgeschlagen, so hat er wieder
+einmal seine tiefe Menschenkenntnis bewaehrt. Er hat durch meine Schale auf
+meinen Kern gesehen." - "Wie meinst du das?" fragte Amalaswintha. -
+"Koenigin, der Schein konnte ihn truegen. Ich gestehe, dass ich die Barbaren
+- verzeihe! - die Goten nicht gern in Italien herrschen sehe." - "Dieser
+Freimut ehrt dich und ich verzeih' es dem Roemer." - "Dazu kommt, dass ich
+seit Jahrzehnten dem Staat, dem oeffentlichen Leben keine Teilnahme mehr
+zuwandte. Nach vielen Leidenschaften leb' ich - ohne alle Leidenschaft -
+nur einer spielenden Muse und leichten Gelehrsamkeit, unbekuemmert um die
+Sorgen der Koenige, auf meinen Villen." - "_Beatus ille qui procul
+negotiis_", citierte seufzend die gelehrte Frau. - "Aber eben weil ich die
+Wissenschaft verehre, weil ich, ein Schueler Platons, will, dass die Weisen
+herrschen sollen, deshalb wuensche ich, dass eine Koenigin mein Vaterland
+regiere, die nur der Geburt nach Gotin, der Seele nach Griechin, der
+Tugend nach Roemerin ist.
+
+Ihr zu Liebe will ich meine Musse den verhassten Geschaeften opfern. Aber nur
+unter der Bedingung, dass dies mein letztes Staatsamt sei. Ich uebernehme
+deinen Auftrag und stehe dir fuer Rom mit meinem Kopf."
+
+"Gut, hier findest du die Vollmachten, die Dokumente, deren du bedarfst."
+
+Cethegus durchflog die Urkunden. "Dies ist das Manifest des jungen Koenigs
+an die Roemer, mit deiner Unterschrift. Seine Unterschrift fehlt noch."
+Amalaswintha tauchte die gnidische Rohrfeder in das Gefaess mit Purpurtinte,
+deren sich die Amaler, wie die roemischen Imperatoren bedienten: "Komm,
+schreibe deinen Namen, mein Sohn." Athalarich hatte waehrend der ganzen
+Verhandlung stehend und mit beiden Armen vorgebeugt auf den Tisch
+gestuetzt, Cethegus scharf beobachtet. Jetzt richtete er sich auf: er war
+gewohnt, in seinen Formen die Rechte eines Kronfolgers und eines Kranken
+zu gebrauchen: "Nein," sagte er heftig, "ich schreibe nicht. Nicht bloss,
+weil ich diesem kalten Roemer nicht traue, - nein, ich traue dir gar nicht,
+du stolzer Mann! - es ist empoerend, dass ihr, waehrend mein hoher Grossvater
+noch atmet, schon an seiner Krone herumtappt, ihr Zwerge nach der Krone
+des Riesen. Schaemt euch eurer Fuehllosigkeit. Hinter jenen Vorhaengen stirbt
+der groesste Held des Jahrhunderts - und ihr denkt nur an die Teilung seiner
+Koenigsgewaender."
+
+Er wandte ihnen den Ruecken und schritt langsam nach dem Fenster zu, wo er
+den Arm um seine schoene Schwester schlang und ihr schimmervolles
+glaenzendes Haar streichelte.
+
+Lange stand er so, sie achtete seiner nicht. Ploetzlich fuhr sie auf aus
+ihrem Sinnen: "Athalarich," fluesterte sie, hastig seinen Arm fassend und
+hinausdeutend auf die Marmorstufen, "wer ist der Mann dort? im blauen
+Stahlhelm, der eben um die Saeule biegt? Sprich, wer ist es?" "Lass sehn,"
+sagte der Juengling sich vorbeugend, "der dort? ei, das ist Graf Witichis,
+der Besieger der Gepiden, ein wackrer Held." Und er erzaehlte ihr von den
+Thaten und Erfolgen des Grafen im letzten Kriege.
+
+Indessen hatte Cethegus die Fuerstin und den Minister fragend angesehen.
+"Lass ihn!" seufzte Amalaswintha. "Wenn er nicht will, zwingt ihn keine
+Macht der Erde." Weiteres Fragen des Cethegus ward abgeschnitten, indem
+sich der dreifache Vorhang aufthat, der das Schlafgemach des Koenigs von
+allem Geraeusch des Vorzimmers schied. Es war Elpidios, der griechische
+Arzt, der, die schweren Falten aufhebend, berichtete, der Kranke, eben aus
+langem Schlummer erwacht, habe ihn fortgeschickt, um mit dem alten
+Hildebrand allein zu sein: dieser wich nie von seiner Seite.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+
+Das Schlafgemach Theoderichs, schon von den Kaisern zu gleichem Zweck
+benutzt, zeigte die duestre Pracht des spaeten roemischen Stils. Die
+ueberladenen Reliefs an den Waenden, die Goldornamentik der Decke schilderte
+noch Siege und Triumphzuege der roemischen Konsuln und Imperatoren:
+heidnische Goetter und Goettinnen schwebten stolz darueber hin: ueberall in
+der Architektur und Dekoration waltete drueckender Prunk.
+
+Dazu bildete einen merkwuerdigen Gegensatz das Lager des Gotenkoenigs in
+seiner schlichten Einfachheit. Kaum einen Fuss vom Marmorboden erhob sich
+das ovale Gestell von rohem Eichenholz, das wenige Decken fuellten. Nur der
+koestliche Purpurteppich, der die Fuesse verhuellte, und das Loewenfell mit
+goldnen Tatzen, ein Geschenk des Vandalenkoenigs aus Afrika, das vor dem
+Bette lag, bekundete die Koenigshoheit des Kranken. Alles Geraet, das sonst
+das Gemach erfuellt, war prunklos, schlicht, fast barbarisch schwer.
+
+An einer Saeule im Hintergrund hing der eherne Schild und das breite
+Schwert des Koenigs, seit vielen Jahren nicht mehr gebraucht. Am Kopfende
+des Lagers stand, gebeugten Hauptes, der alte Waffenmeister, die Zuege des
+Kranken sorglich pruefend: dieser, auf den linken Arm gestuetzt, kehrte ihm
+das gewaltige, das majestaetische Antlitz zu. Sein Haar war spaerlich und an
+den Schlaefen abgerieben durch den langjaehrigen Druck des schweren Helmes,
+aber noch glaenzend hellbraun, ohne irgend graue oder weisse Spuren. Die
+maechtige Stirn, die blitzenden Augen, die stark gebogene Nase, die tiefen
+Furchen der Wangen sprachen von grossen Aufgaben und von grosser Kraft, sie
+zu loesen und machten den Eindruck des Gesichts koeniglich und hehr: aber
+die wohlwollende Weichheit des Mundes bekundete, trotz dem grimmen und
+leise ergrauenden Bart, jene Milde und friedliche Weisheit, mit welcher
+der Koenig ein Menschenalter lang fuer Italien eine goldne Zeit
+zurueckgefuehrt und sein Reich zu einer Bluete erhoben hatte, die damals
+schon Sprichwort und Sage feierten.
+
+Lang liess er mit Huld und Liebe das goldbraune Adlerauge auf dem riesigen
+Krankenwart ruhen. Dann reichte er ihm die magre, aber nervige Rechte.
+"Alter Freund," sagte er, "nun wollen wir Abschied nehmen."
+
+Der Greis sank in die Knie und drueckte die Hand des Koenigs an die breite
+Brust. "Komm, Alter, steh' auf: muss _ich dich_ troesten?"
+
+Aber Hildebrand blieb auf den Knieen und erhob nur das Haupt, dass er dem
+Koenig ins Auge sehen konnte. "Sieh," sprach dieser, "ich weiss, dass du,
+Hildungs Sohn, von deinen Ahnen, von deinem Vater her tiefere Geheimkunde
+hast von der Menschen Siechtum und Heilung, als alle diese griechischen
+Aerzte und lydischen Salbenkraemer. Und vor allem: du hast mehr
+Wahrhaftigkeit. Darum frage ich dich, du sollst mir redlich bestaetigen,
+was ich selbst fuehle: sprich, ich muss sterben? heute noch? noch vor
+Nacht?"
+
+Und er sah ihn an mit einem Auge, das nicht zu taeuschen war. Aber der Alte
+wollte gar nicht taeuschen, er hatte jetzt seine zaehe Kraft wieder. "Ja,
+Gotenkoenig, Amalungen Erbe, du musst sterben," sagte er: "die Hand des
+Todes hat ueber dein Antlitz gestrichen. Du wirst die Sonne nicht mehr
+sinken sehen."
+
+"Es ist gut," sagte Theoderich, ohne mit der Wimper zu zucken. "Siehst du,
+der Grieche, den ich fortgeschickt, hat mir noch von ganzen Tag
+vorgelogen. Und ich brauche doch meine Zeit."
+
+"Willst du wieder die Priester rufen lassen?" fragte Hildebrand, nicht mit
+Liebe. - "Nein, ich konnte sie nicht brauchen. Und ich brauche sie nicht
+mehr." - "Der Schlaf hat dich sehr gestaerkt und den Schleier von deiner
+Seele genommen, der sie so lang verdunkelt. Heil dir, Theoderich,
+Theodemers Sohn, du wirst sterben wie ein Heldenkoenig."
+
+"Ich weiss," laechelte dieser, "die Priester waren dir nicht genehm an
+diesem Lager. Du hast Recht. Sie konnten mir nicht helfen." - "Nun aber,
+wer hat dir geholfen?"
+
+"Gott und ich selbst. Hoere. Und diese Worte sollen unser Abschied sein!
+Mein Dank fuer deine Treue von fuenfzig Jahren sei es, dass ich dir allein,
+nicht meiner Tochter, nicht Cassiodor, es vertraue, was mich gequaelt hat.
+Sprich: was sagt man im Volk, was glaubst du, dass jene Schwermut war, die
+mich ploetzlich befallen und in dieses Siechtum gestuerzt hat?" - "Die
+Welschen sagen: Reue ueber den Tod des Boethius und Symmachus." - "Hast du
+das geglaubt?" - "Nein, ich mochte nicht glauben, dass dich das Blut der
+Verraeter bekuemmern kann." - "Du hast wohlgethan. Sie waren vielleicht
+nicht des Todes schuldig: nach dem Gesetz, nach ihren Thaten. Und Boethius
+habe ich sehr geliebt. Aber sie waren tausendfach Verraeter! Verraeter in
+ihren Gedanken, Verraeter an meinem Vertrauen, an meinem Herzen. Ich habe
+sie, die Roemer, hoeher gehalten als die Besten meines Volkes. Und sie
+haben, zum Dank, meine Krone dem Kaiser gewuenscht, dem Byzantiner
+Schmeichelbriefe geschrieben: sie haben einen Justin und einen Justinian
+der Freundschaft des Theoderich vorgezogen -: mich reut der Undankbaren
+nicht. Ich verachte sie. Rate weiter! Du, was hast du geglaubt?" - "Koenig:
+dein Erbe ist ein Kind und du hast ringsum Feinde." Der Kranke zog die
+kuehnen Brauen zusammen: "Du triffst naeher ans Ziel. Ich habe stets gewusst,
+was meines Reiches Schwaeche. In bangen Naechten hab' ich geseufzt um seine
+innere Krankheit, wann ich am Abend beim Gastgelag den fremden Gesandten
+den Stolz hoechster Zuversicht gezeigt hatte. Alter, du hast, ich weiss,
+mich fuer allzu sicher gehalten. Aber mich durfte niemand beben sehen.
+Nicht Freund noch Feind. Sonst bebte mein Thron. Ich habe geseufzt, wann
+ich einsam war und meine Sorge allein getragen." - "Du bist die Weisheit,
+mein Koenig, und ich war ein Thor!" rief der Alte. "Sieh," fuhr der Koenig
+fort, - mit der Hand ueber die des Alten streichend -, "ich weiss alles, was
+dir nicht recht an mir gewesen. Auch deinen blinden Hass gegen diese
+Welschen kenne ich. Glaube mir, er ist blind. Wie vielleicht meine Liebe
+zu ihnen war." Hier seufzte er und hielt inne. "Was quaelst du dich." -
+"Nein, lass mich vollenden. Ich weiss es, mein Reich, das Werk meines
+ruhmvollen, muehevollen Lebens kann fallen, leicht fallen. Und vielleicht
+durch Schuld meiner Grossmut gegen diese Roemer. Sei es darum! Kein
+Menschenbau ist ewig und die Schuld zu edler Guete - ich will sie tragen."
+
+"Mein grosser Koenig!" - "Aber, Hildebrand, in einer Nacht, da ich so
+wachte, sorgte und seufzte ueber den Gefahren meines Reiches, - da stieg
+mir vor der Seele auf das Bild einer andern Schuld! Nicht der Guete, nein,
+der Ruhmsucht, der blutigen Gewalt. Und wehe, wehe mir, wenn das Volk der
+Goten sollte untergehn zur Strafe fuer Theoderichs Frevel! - _Sein_, _sein_
+Bild tauchte mir empor!"
+
+Der Kranke sprach nun mit Anstrengung und zuckte einen Augenblick. "Wessen
+Bild? Wen meinst du?" fragte der Alte leise, sich vorbeugend. "Odovakar!"
+fluesterte der Koenig. Hildebrand senkte das Haupt. Ein banges Schweigen
+unterbrach endlich Theoderich: "Ja, Alter, diese Rechte, - du weisst es, -
+hat den gewaltigen Helden durchstossen, beim Mahl, meinen Gast. Heiss
+spritzte sein Blut mir ins Gesicht und ein Hass ohne Ende spruehte auf mich
+aus seinem brechenden Auge. Vor wenigen Monden, in jener Nacht, stieg sein
+blutiges, bleiches, zuernendes Bild wie eines Rachegottes vor mir auf.
+Fiebernd zuckte mein Herz zusammen. Und furchtbar sprach's in mir: um
+dieser Blutthat willen wird dein Reich zerfallen und dein Volk vergehn."
+
+Nach einer neuen Pause begann diesmal Hildebrand, trotzig aufblickend:
+"Koenig, was quaelst du dich wie ein Weib? Hast du nicht Hunderte erschlagen
+mit eigner Hand und dein Volk Tausende auf dein Gebot? Sind wir nicht von
+den Bergen in dies Land herabgestiegen in mehr als dreissig Schlachten, im
+Blute watend knoecheltief? Was ist dagegen das Blut des einen Mannes! Und
+denk': wie es stand. Vier Jahre hatte er dir widerstanden wie der
+Auerstier dem Baeren. Zweimal hatte er dich und dein Volk hart an den Rand
+des Verderbens gedraengt. Hunger, Schwert und Seuche rafften deine Goten
+dahin. Endlich, endlich fiel das trotzige Ravenna; ausgehungert, durch
+Vertrag. Bezwungen lag der Todfeind dir zu Fuessen. Da koemmt dir Warnung, er
+sinnt Verrat, er will noch einmal den graesslichen Kampf aufnehmen, er will
+zur Nacht desselben Tages dich und die Deinen ueberfallen. Was solltest du
+thun? Ihn offen zu Rede stellen? War er schuldig, so konnte das nicht
+retten. Kuehn kamst du ihm zuvor und thatest ihm Abends, was er dir Nachts
+gethan haette. Und wie hast du deinen Sieg benuetzt! Die Eine That hat all'
+dein Volk gerettet, hat einen neuen Kampf der Verzweiflung erspart. Du
+hast all' die Seinen begnadigt, hast Goten und Welsche dreissig Jahre leben
+lassen wie im Himmelreich. Und nun willst du um jene That dich quaelen?
+Zwei Voelker danken sie dir in Ewigkeit. Ich - ich haett' ihn siebenmal
+erschlagen."
+
+Der Alte hielt inne, sein Auge blitzte, er sah wie ein zorniger Riese.
+Aber der Koenig schuettelte das Haupt.
+
+"Das ist nichts, alter Recke, alles nichts! Hundertmal hab ich mir
+dasselbe gesagt, und verlockender, feiner als deine Wildheit es vermag.
+Das hilft all' nichts. Er war ein Held, - der einzige meinesgleichen! -
+Und ich hab ihn ermordet, ohne Beweis seiner Schuld. Aus Argwohn, aus
+Eifersucht, ja - es muss gesagt sein, aus Furcht, - aus Furcht, noch einmal
+mit ihm ringen zu sollen. Das war und ist und bleibt ein Frevel. - Und ich
+fand keine Ruhe hinter Ausreden. Duestre Schwermut fiel auf mich. Seine
+Gestalt verfolgte mich seit jener Nacht unaufhoerlich. Beim Schmaus und im
+Rat, auf der Jagd, in der Kirche, im Wachen und im Schlafen. Da schickte
+mir Cassiodor die Bischoefe, die Priester. Sie konnten mir nicht helfen.
+Sie hoerten meine Beichte, sahen meine Reue, meinen Glauben, und vergaben
+mir alle Suenden. Aber Friede kam nicht ueber mich und ob _sie_ mir
+verziehen, - _ich_ konnte mir nicht verzeihen. Ich weiss nicht, ist es der
+alte Sinn meiner heidnischen Ahnen: - aber ich kann mich nicht hinter dem
+Kreuz verstecken vor dem Schatten des Ermordeten. Ich kann mich nicht
+geloest glauben von meiner blutigen That durch das Blut eines unschuldigen
+Gottes, der am Kreuze gestorben." - -
+
+Freude leuchtete ueber das Antlitz Hildebrands: "Du weisst," raunte er ihm
+zu, "ich habe niemals diesen Kreuzpriestern glauben koennen. Sprich, o
+sprich, glaubst auch du noch an Thor und Odhin? Haben sie dir geholfen?"
+
+Der Koenig schuettelte laechelnd das Haupt: "Nein, du alter,
+unverbesserlicher Heide. Dein Walhall ist nichts fuer mich. Hoere, wie mir
+geholfen ward. Ich schickte gestern die Bischoefe fort und kehrte tief in
+mich selber ein. Und dachte und flehte und rang zu Gott. Und ich ward
+ruhiger. Und sieh, in der Nacht kam ueber mich tiefer Schlummer, wie ich
+ihn seit langen Monden nicht mehr gekannt. Und als ich erwachte, da
+schauerte kein Fieber der Qual mehr in meinen Gliedern. Ruhig war ich und
+klar. Und dachte dieses: "Ich habe es gethan und keine Gnade, kein Wunder
+Gottes macht es ungeschehen. Wohlan, er strafe mich. Und wenn er der
+zornige Gott des Moses, so raeche er sich und strafe mit mir mein ganzes
+Haus bis ins siebente Glied. Ich weihe mich und mein Geschlecht der Rache
+des Herrn. Er mag _uns_ verderben: er ist gerecht. Aber weil er gerecht
+ist, _kann_ er nicht strafen dieses edle Volk der Goten um fremde Schuld.
+Er _kann_ es nicht verderben um des Frevels seines Koenigs willen. Nein,
+das wird er nicht. Und muss dies Volk einst untergehen, - ich fuehl' es
+klar, dann ist es nicht um meine That. Fuer diese weih' ich mich und mein
+Haus der Rache des Herrn. Und so kam Friede ueber mich und mutig mag ich
+sterben."
+
+Er schwieg. Hildebrand aber neigte das Haupt und kuesste die Rechte, welche
+Odovakar erschlagen hatte. -
+
+"Das war mein Abschied an dich. Und mein Vermaechtnis, mein Dank fuer ein
+ganzes Leben der Treue. - Jetzt lass uns den Rest der Zeit noch diesem Volk
+der Goten zuwenden. Komm, hilf mir aufstehen, ich kann nicht in den Kissen
+sterben. Dort hangen meine Waffen. Gieb sie mir! - Keine Widerrede -! Ich
+will. Und ich kann."
+
+Hildebrand musste gehorchen: ruestig erhob sich mit seiner Hilfe der Kranke
+von dem Lager, schlug einen weiten Purpurmantel um die Schultern, guertete
+sich mit dem Schwert, setzte den niedern Helm mit der Zackenkrone auf das
+Haupt und stuetzte sich auf den Schaft der schweren Lanze, den Ruecken gegen
+die breite dorische Mittelsaeule des Gemaches gelehnt.
+
+"So, jetzt rufe meine Tochter. Und Cassiodor. Und wer sonst da draussen."
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+
+So stand er ruhig, waehrend der Alte die Vorhaenge an der Thuer zu beiden
+Seiten zurueckschlug, so dass Schlafzimmer und Vorhalle nunmehr Einen
+ungeschiedenen Raum bildeten. Alle draussen Versammelten - es hatten sich
+inzwischen noch mehrere Roemer und Goten eingefunden - naeherten sich mit
+Staunen und ehrfuerchtigem Schweigen dem Koenig.
+
+"Meine Tochter," sprach dieser, "sind die Briefe aufgesetzt, die meinen
+Tod und meines Enkels Thronfolge nach Byzanz berichten sollen?"
+
+"Hier sind sie," sprach Amalaswintha.
+
+Der Koenig durchflog die Papyrusrollen.
+
+"An Kaiser Justinus. Ein zweiter: an seinen Neffen Justinianus. Freilich,
+der wird bald das Diadem tragen und ist schon jetzt der Herr seines Herrn!
+Cassiodor hat sie verfasst - ich sehe es an den schoenen Gleichnissen. Aber
+halt" - und die hohe klare Stirn verduesterte sich - "eurem kaiserlichen
+Schutze meine Jugend empfehlend." Schutze? Das ist des Guten zu viel.
+Wehe, wenn ihr auf Schutz von Byzanz gewiesen seid. _Freundschaft_ mich
+empfehlend ist genug von dem Enkel Theoderichs." Und er gab die Briefe
+zurueck. "Und hier ein drittes Schreiben nach Byzanz? An wen? An Theodora,
+die edle Gattin Justinians? Wie! an die Taenzerin vom Cirkus? Des
+Loewenwaerters schamlose Tochter?" Und sein Auge funkelte. "Sie ist von
+groesstem Einfluss auf ihren Gemahl," wandte Cassiodor ein. - "Nein, meine
+Tochter schreibt an keine Dirne, die aller Weiber Ehre besudelt hat." Und
+er zerriss die Papyrusrolle und schritt ueber die Stuecke zu den Goten im
+Mittelgrund der Halle. "Witichis, tapferer Mann, was wird dein Amt sein
+nach meinem Tod?"
+
+"Ich werde unser Fussvolk mustern zu Tridentum."
+
+"Kein Bessrer koennte das. Du hast noch immer nicht den Wunsch gethan, den
+ich dir damals freigestellt nach der Gepidenschlacht. Hast du noch immer
+nichts zu wuenschen?"
+
+"Doch, mein Koenig."
+
+"Endlich! Das freut mich, - sprich." - "Heute soll ein armer Kerkerwart,
+weil er sich weigerte, einen Angeklagten zu foltern und nach dem Liktor
+schlug, selbst gefoltert werden. Herr Koenig, gieb den Mann frei: das
+Foltern ist schaendlich und -"
+
+"Der Kerkerwart ist frei und von Stund an wird die Folter nicht mehr
+gebraucht im Reich der Goten. Sorg dafuer, Cassiodorus. Wackrer Witichis,
+gieb mir die Hand. Auf dass alle wissen, wie ich dich ehre, schenk ich dir
+Wallada, mein lichtbraun Edelross, zu Gedaechtnis dieser Scheidestunde. Und
+kommst du je auf seinen Ruecken in Gefahr, oder" - hier sprach er ganz
+leise zu ihm - "will es versagen, fluestre dem Ross meinen Namen ins Ohr. -
+Wer wird Neapolis hueten? Der Herzog Thulun war zu rauh. - Das froehliche
+Volk dort muss durch froehliche Mienen gewonnen werden."
+
+"Der junge Totila wird dort die Hafenwache uebernehmen," sprach Cassiodor.
+
+"Totila! Ein sonniger Knabe! Ein Siegfried, ein Goetterliebling! Ihm koennen
+die Herzen nicht widerstehen. Aber freilich! Die Herzen dieser Welschen!"
+Er seufzte und fuhr fort: Wer versichert uns Roms und des Senats?"
+"Cethegus Caesarius," sagte Cassiodor mit einer Handbewegung, "dieser edle
+Roemer." - "Cethegus? Ich kenne ihn wohl. Sieh mich an, Cethegus." Ungern
+erhob der Angeredete die Augen, die er vor dem grossen Blick des Koenigs
+rasch niedergeschlagen. Doch hielt er jetzt das Adlerauge, das seine Seele
+durchdrang, ruhig aus, mit dem Aufgebot aller Kraft. "Es war krank,
+Cethegus, dass ein Mann von deiner Art sich solang vom Staat fern gehalten.
+Und von uns. Oder es war gefaehrlich. Vielleicht ist es noch gefaehrlicher,
+dass du dich - jetzt - dem Staat zuwendest." - "Nicht mein Wunsch, o
+Koenig."
+
+"Ich buerge fuer ihn," rief Cassiodor. - "Still, Freund! Auf Erden mag
+keiner fuer den andern buergen! - Kaum fuer sich selbst! - Aber," fuhr er
+forschenden Blickes fort, "an die Griechlein wird dieser stolze Kopf -
+dieser Caesarkopf - Italien nicht verraten."
+
+Noch einen scharfen Blick aus den goldnen Adleraugen musste Cethegus
+tragen. Dann ergriff der Koenig ploetzlich den Arm des nur mit Muehe noch
+fest in sich geschlossenen Mannes und fluesterte ihm zu: "Hoere, was ich dir
+warnend weissage. Es wird kein Roemer mehr gedeihen auf dem Thron des
+Abendlands. Still, kein Widerwort. Ich habe dich gewarnt. - - Was laermt da
+draussen?" fragte er, rasch sich wendend, seine Tochter, die einem
+meldenden Roemer leisen Bescheid erteilte. "Nichts, mein Koenig, nichts von
+Bedeutung, mein Vater!" - "Wie? Geheimnisse vor mir? Bei meiner Krone!
+Wollt ihr schon herrschen, so lang ich noch atme? Ich vernahm den Laut
+fremder Zungen da draussen. Auf die Thueren!" Die Pforte, welche die aeussere
+Halle mit dem Vorzimmer verband, oeffnete sich.
+
+Da zeigten sich unter zahlreichen Goten und Roemern kleine fremd aussehende
+Gestalten, in seltsamer Tracht, mit Waemsern aus Wolfsfell, mit spitz
+zulaufenden Muetzen und langen zottigen Schafspelzen, die ueber ihren Ruecken
+hingen. Ueberrascht und bewaeltigt von dem ploetzlichen Anblick des Koenigs,
+der hochaufgerichtet auf sie zuschritt, sanken die Fremden wie vom Blitz
+getroffen auf die Kniee.
+
+"Ah, Gesandte der Avaren. Das raeuberische Grenzgesindel an unsern
+Ostmarken! Habt ihr den schuldigen Jahrestribut?" - "Herr, wir bringen ihn
+noch fuer diesmal - Pelzwerk, - wollne Teppiche, - Schwerter, - Schilde. -
+Da hangen sie, - dort liegen sie. Aber wir hoffen, dass fuer naechstes Jahr -
+wir wollten sehn" - "Ihr wolltet sehen, ob der greise Dieterich von Bern
+nicht altersschwach geworden? Ihr hofftet, ich sei tot? Und meinem
+Nachfolger koenntet ihr die Schatzung weigern? Ihr irrt, Spaeher!" Und er
+ergriff wie pruefend eines der Schwerter, welche die Gesandten vor ihm
+ausgebreitet, samt der Scheide, nahm es mit zwei Haenden fest an Griff und
+Spitze: - ein Druck und in zwei Stuecken warf er ihnen das Eisen vor die
+Fuesse. "Schlechte Schwerter fuehren die Avaren," sagte er ruhig. "Und nun
+komm, Athalarich, meines Reiches Erbe. Sie wollen dir nicht glauben, dass
+du meine Krone tragen kannst: zeig ihnen, wie du meinen Speer fuehrest."
+
+Der Juengling flog herbei. Die Gluthitze des Ehrgeizes zuckte ueber sein
+bleiches Antlitz. Er ergriff den schweren Speer seines Grossvaters und
+schleuderte ihn mit solcher Kraft auf einen der Schilde, welche die
+Gesandten an die Holzpfeiler der Halle gelehnt, dass er ihn sausend
+durchbohrte und die Spitze noch tief in das Holzwerk drang. Stolz legte
+der Koenig die Linke auf das Haupt seines Enkels und rief den Gesandten zu:
+"Jetzt geht, daheim zu melden was ihr hier gesehen."
+
+Er wandte sich, die Pforten fielen zu und schlossen die staunenden Avaren
+aus. "Gebt mir einen Becher Wein. - Leicht den letzten! Nein,
+ungemischten! Nach Germanen Art!" - und er wies den griechischen Arzt
+zurueck - "Dank, alter Hildebrand, fuer diesen Trunk, so treu gereicht. Ich
+trinke der Goten Heil." Er leerte langsam den Pokal. Und er setzte ihn
+noch fest auf den Marmortisch.
+
+Aber da kam es ueber ihn, ploetzlich, blitzaehnlich, was die Aerzte lang
+erwartet: er wankte, griff an die Brust und stuerzte ruecklings in die Arme
+Hildebrands, der langsam niederknieend ihn auf den Marmorestrich gleiten
+liess, und das Haupt mit dem Kronhelm auf den Armen hielt.
+
+Einen Augenblick hielten alle lauschend den Atem an: aber der Koenig regte
+sich nicht und laut aufschreiend warf sich Athalarich ueber die Leiche.
+
+
+
+
+
+ Zweites Buch.
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+ ATHALARICH.
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+ "Wo waer' die sel'ge Insel wohl zu finden?"
+ Schiller, Wilhelm Tell.
+ III. Aufzug. 2. Scene.
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+ Erstes Kapitel.
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+Nicht ohne Grund fuerchtete und hoffte Freund und Feind in diesem
+Augenblick schwere Gefahren fuer das junge Gotenreich. Noch waren es nicht
+vierzig Jahre, dass Theoderich im Auftrag des Kaisers von Byzanz mit seinem
+Volk den Isonzo ueberschritten und dem tapfern Abenteurer Odovakar, den ein
+Aufstand der germanischen Soeldner auf den Thron des Abendlands erhoben,
+Krone und Leben entrissen hatte. Alle Weisheit und Groesse des Koenigs hatte
+nicht die Unsicherheit beseitigen koennen, die in der Natur seiner mehr
+kuehnen als besonnenen Schoepfung lag. Trotz der Milde seiner Regierung
+fuehlten die Italier - und wir wollen uns hueten, solche Gesinnung zu
+verdammen - aufs tiefste die Schmach der Fremdherrschaft. Und diese
+Fremden waren als Barbaren und Ketzer doppelt verhasst. Nach der Auffassung
+jener Zeit galten das westroemische und das ostroemische Reich als eine
+unteilbare Einheit und, nachdem die Kaiserwuerde im Occident erloschen,
+erschien der ostroemische Kaiser als der einzige rechtmaessige Herr des
+Abendlands. Nach Byzanz also waren die Augen aller roemischen Patrioten,
+aller rechtglaeubigen Katholiken von Italien gerichtet: von Byzanz
+erhofften sie Befreiung aus dem Joche der Ketzer, der Barbaren, Tyrannen.
+Und Byzanz hatte Macht und Neigung, diese Hoffnung zu erfuellen. Waren auch
+die Unterthanen des Imperators nicht mehr die Roemer Caesars oder Trajans: -
+noch gebot das Ostreich ueber eine sehr ansehnliche, den Goten durch alle
+Mittel der Bildung und eines lang bestehenden Staatswesens unendlich
+ueberlegene Macht.
+
+An der Lust aber, diese Ueberlegenheit zur Vernichtung des Barbarenreiches
+zu gebrauchen, konnte es nicht fehlen, da das Verhaeltnis beider Staaten
+von vornherein auf Ueberlistung, Misstrauen und geheimen Hass gegruendet war.
+Vor ihrem Abzug nach Italien hatte die Goten, in den Donaulaendern
+angesiedelt, an Byzanz ein fuer beide Teile unerfreuliches Bundesverhaeltnis
+geknuepft, das in Folge des Ehrgeizes ihrer Koenige, mehr noch der
+Treulosigkeit der Kaiser, fast alle paar Jahre in offnen Krieg zwischen
+den ungleichartigen Verbuendeten umschlug: wiederholt hatte Theoderich,
+obwohl in Zeiten der Aussoehnung mit den hoechsten Ehren des Reiches, mit
+den Titeln Konsul, Patricius, Adoptivsohn des Kaisers ausgezeichnet, seine
+Waffen bis vor die Thore der Kaiserstadt getragen.
+
+Um diesen steten Reibungen ein Ende zu machen, hatte Kaiser Zeno, ein
+feiner Diplomat, das echt byzantinische Auskunftsmittel getroffen, den
+laestigen Gotenkoenig mit seinem Volk dadurch aus der gefaehrlichen
+Nachbarschaft zu entfernen, dass er ihm als ein Danaergeschenk Italien
+uebertrug, das erst dem eisernen Arm des Helden Odovakar entrissen werden
+musste.
+
+In der That, wie immer der Kampf zwischen den beiden deutschen Fuersten
+enden mochte: Byzanz musste immer gewinnen. Siegte Odovakar, so waren die
+Goten und ihr furchtbarer Koenig, denen man schoene Provinzen und schwere
+Jahrgelder hatte ueberlassen muessen, fuer immer beseitigt. Siegte
+Theoderich, nun, so war ein Anmasser, den man zu Byzanz niemals anerkannt
+hatte, gestuerzt und gestraft: und da Theoderich im Namen und Auftrag des
+Kaisers siegen und als Statthalter herrschen sollte, durch eine ruhmvolle
+Eroberung das Abendland wieder mit dem Ostreich vereinigt.
+
+Aber der Ausgang des feinen Planes war doch nicht der erwuenschte. Denn als
+Theoderich gesiegt und sein Reich in Italien gegruendet hatte, entfaltete
+sich alsbald die ganze Grossartigkeit seines Geistes und erwarb ihm eine
+Stellung, in der, bei aller Hoeflichkeit in den Formen, doch jede
+Abhaengigkeit von Byzanz voellig verschwand.
+
+Nur wo es ihm diente, so, um die Abneigung der Italier zu schwaechen,
+berief er sich formell auf jenen Auftrag des Kaisers: in Wahrheit aber
+herrschte er auch ueber die Italier wie ueber seine Goten nicht als
+Statthalter und im Namen des Byzantiners, sondern kraft eignen Rechts,
+kraft seines Sieges, als "Koenig der Goten und Italier". Dies fuehrte
+natuerlich zu Misshelligkeiten mit dem Kaiser, die wiederholt in offnen
+Krieg zwischen den beiden Reichen aufloderten. Es war also kein Zweifel,
+dass man zu Byzanz sehr bereit war, dem Seufzen Italiens nach Abwerfung des
+Barbarenjoches ein Ende zu bringen, so wie man sich stark genug fuehlte.
+Und die Goten hatten keine Bundesgenossen gegen diese innern und aeussern
+Feinde. Denn Theoderichs Ruhm und Ansehen und seine Politik der
+Verschwaegerung mit allen Germanenfuersten hatten ihm doch nur eine Art
+moralischen Protektorats, keine sichre Verstaerkung seiner Macht
+verschaffen koennen.
+
+Es fehlte dem Gotenreich, das eine geniale Persoenlichkeit allzuverwegen
+und vertrausam mitten in das Herz der roemischen Bildungswelt gepflanzt
+hatte, der unmittelbare Zusammenhang mit noch nicht romanisierten
+Volkskraeften, es fehlte der Nachschub an frischen germanischen Elementen,
+der das gleichzeitig entstehende Reich der Franken immer wieder verjuengt
+und wenigstens dessen nordoestliche Teile vor der mit der Romanisierung
+verbundenen Faeulnis bewahrt hatte, waehrend die kleine gotische Insel, auf
+allen Seiten von den feindlichen Wellen des roemischen Lebens umspuelt und
+benagt, diesen gegenueber von Jahr zu Jahr zusammenschmolz.
+
+So lange Theoderich, der gewaltige Schoepfer dieses gewagten Werkes lebte,
+blendete der Glanz seines Namens ueber die Gefahren und Bloessen seiner
+Schoepfung.
+
+Aber mit Recht zitterte man vor dem Augenblick, da das Steuer dieses
+gefaehrdeten Schiffes in die Hand eines Weibes oder eines kranken Juenglings
+uebergehen sollte: Aufstaende der Italier, Einmischung des Kaisers, Abfall
+der unterworfnen, Angriffe der feindlichen Barbarenstaemme waren zu
+besorgen. Wenn der gefaehrliche Augenblick gleichwohl ruhig vorueberging, so
+war dies vor allem der unermuedlich eifrigen und vorsorglichen Thaetigkeit
+zu danken, die Cassiodor, des Koenigs Freund und lang bewaehrter Minister,
+schon seit Wochen entfaltet hatte und jetzt, nach dem Tode Theoderichs,
+verdoppelte. Um die Italier in Ruhe zu erhalten, ward sofort ein Manifest
+erlassen, das die Thronbesteigung Athalarichs, unter Vormundschaft seiner
+Mutter, als eine bereits vollendete und in aller Ruhe vollzogene Thatsache
+Italien und den Provinzen verkuendete. Sofort auch wurden in alle Teile des
+Reiches Beamte entsendet, die den Huldigungseid der Bevoelkerung
+entgegennehmen, aber auch im Namen des jungen Koenigs eidlich geloben
+sollten, dass die neue Regierung alle Rechte und Freiheiten der Italier und
+Provinzialen achten und in allen Stuecken die Milde, ja Vorliebe des grossen
+Toten fuer seine roemischen Unterthanen zum Muster nehmen werde.
+
+Gleichzeitig wurde aber auch dafuer gesorgt, dass eine Furcht gebietende
+Entfaltung der gotischen Heeresmacht an den Grenzen und in den wichtigsten
+oder unruhigsten Staedten des Reiches aeusseren und inneren Gegnern die Lust
+zu Feindseligkeiten vertreibe, waehrend mit dem Kaiserhof das gute
+Vernehmen durch Gesandtschaften und Briefe sehr verbindlicher Haltung
+befestigt oder erneuert wurde.
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+ Zweites Kapitel.
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+Neben Cassiodor war es nun aber vor allen Ein Mann, der in jenen Tagen des
+Uebergangs eine bedeutende und, wie es der Regentschaft schien,
+hochverdienstliche Rolle spielte.
+
+Das war kein andrer als Cethegus.
+
+Er hatte das wichtige Amt eines Stadtpraefekten von Rom uebernommen. Er war,
+sowie der Koenig die Augen geschlossen, spornstreichs aus dem Palast und
+den Thoren von Ravenna nach der ihm anvertrauten Tiberstadt geeilt und
+dort vor aller Kunde des Geschehenen eingetroffen.
+
+Sofort, noch eh' der Tag angebrochen, hatte er die Senatoren in dem
+"Senatus", d. h. dem geschaffenen Hallenbau Domitians nahe dem Janus
+Geminus, rechtsab vom Severusbogen, versammelt, darauf das Gebaeude mit
+gotischen Truppen umstellt, die ueberraschten Senatoren - von denen er gar
+manchen erst neuerlich in den Katakomben gesehen und zur Vertreibung der
+Barbaren angefeuert hatte - von dem bereits vollzognen Thronwechsel
+benachrichtigt und, (nicht ohne einige auf die von dem Saal aus deutlich
+sichtbaren Speere der Gotentausendschaft gelinde hinweisende Worte,) mit
+einer keinen Widerspruch duldenden Raschheit fuer Athalarich in Eid und
+Pflicht genommen.
+
+Dann verliess er den "Senatus", wo er die Vaeter eingeschlossen hielt, bis
+er in dem flavischen Amphitheater, wohin er eine Volksversammlung der
+Roemer berufen, diese unter Beiziehung der starken gotischen Besatzung
+abgehalten und die leicht beweglichen "Quiriten" durch eine meisterhafte
+Rede fuer den jungen Koenig begeistert hatte. Er zaehlte die Wohlthaten
+Theoderichs auf, verhiess gleiche Milde von dessen Enkel, der uebrigens
+bereits von ganz Italien, den Provinzen und den Vaetern dieser Stadt
+anerkannt sei, meldete eine allgemeine Speisung des roemischen Volkes mit
+Brot und Wein als den ersten Regierungsakt Amalaswinthens an und schloss
+mit der Verkuendung siebentaegiger Cirkusspiele, - Wettfahrten mit
+einundzwanzig spanischen Viergespannen - mit welchen er selbst die
+Thronbesteigung Athalarichs und den Antritt seiner Praefektur feiern werde.
+
+Da erhob tausendstimmiges Jubelgeschrei die Namen der Regentin und ihres
+Sohnes, aber noch lauter den Namen Cethegus, das Volk verlief sich in
+heller Freude, die eingesperrten Senatoren wurden nunmehr entlassen und
+die ewige Stadt war fuer die Goten erhalten. Der Praefekt aber eilte nach
+seinem Hause am Fuss des Kapitols, schloss sich ein und schrieb eifrig
+seinen Bericht an die Regentin. -
+
+Jedoch ungestuem pochte es alsbald an der ehernen Vorthuer des Hauses. Es
+war Lucius Licinius, der junge Roemer, den wir in den Katakomben kennen
+gelernt: er schlug mit dem Schwertknauf gegen die Pforte, dass das Haus
+droehnte. Ihm folgten Scaevola, der Jurist, - er war unter den Eingesperrten
+gewesen - mit schwer gefurchter Stirn und Silverius, der Priester, mit
+zweifelnder Miene.
+
+Vorsichtig lugte der Ostiarius an der Thuere durch eine verborgne Luke in
+der Mauer und liess, als er Licinius erkannte, die Maenner ein. Heftig
+stuermte der Juengling den andern voraus den ihm wohlbekannten Weg durch das
+Vestibulum, das Atrium und dessen Saeulengang in das Studierzimmer des
+Cethegus. Dieser, als er die hastig nahenden Schritte vernahm, erhob sich
+von dem Lectus, auf den hingestreckt er schrieb, und verschloss seine
+Briefe in einer Capsula mit silberner Kuppel. "Ah, die
+Vaterlandsbefreier!" sagte er laechelnd und trat ihnen entgegen.
+
+"Schaendlicher Verraeter!" schrie ihn Licinius an, die Hand am Schwert: -
+der Zorn liess ihn nicht weiter sprechen, er zueckte halb das breite Eisen
+aus der Scheide.
+
+"Halt, erst lass ihn sich verteidigen, wenn er kann," keuchte, dem
+Stuermischen in den Arm fallend, Scaevola, der jetzt nachgekommen war. "Es
+ist unmoeglich, dass er abgefallen von der Sache der heiligen Kirche,"
+sprach Silverius im Eintreten.
+
+"Unmoeglich?" lachte Licinius, "wie? seid ihr toll oder bin ich's? Hat er
+nicht uns, die Ritter, in ihren Haeusern festhalten lassen? Hat er nicht
+die Thore gesperrt und den Poebel fuer den Barbaren vereidigt?" - "Hat er
+nicht," sprach Cethegus fortfahrend, "die edeln Vaeter der Stadt,
+dreihundert an der Zahl, in der Kurie wie soviel Maeuse in der Mausfalle
+gefangen, dreihundert hochadlige Maeuse?" - "Er hoehnt uns noch! Wollt ihr
+das dulden?" rief Licinius. Und Scaevola erbleichte vor Zorn. "Nun, und was
+haettet ihr gethan, wenn man euch haette handeln lassen?" fragte der Praefekt
+ruhig, die Arme auf der breiten Brust kreuzend. "Was wir gethan haetten?"
+antwortete Licinius, "was wir - was du mit uns hundertmal verabredet!
+Sobald die Nachricht von dem Tod des Tyrannen eintraf, haetten wir die
+Goten in der Stadt erschlagen, die Republik ausgerufen und zwei Konsuln
+ernannt -" - "Namens Licinius und Scaevola, das ist die Hauptsache. Nun,
+und dann? was dann?" - "Was dann? die Freiheit haette gesiegt!"
+
+"Die Thorheit haette gesiegt!" herrschte Cethegus losbrechend den
+Erschrocknen an. "Wie gut, dass man euch die Haende band: ihr haettet alle
+Hoffnung erwuergt, auf immer. Seht her und dankt mir auf den Knien!" Er
+nahm Urkunden aus einer andern Papyruskapsel und gab sie den Erstaunten.
+"Da, lest. Der Feind war gewarnt und hatte seine Schlinge meisterhaft um
+den Nacken Roms geschuerzt. Wenn ich nicht handelte, so stand in diesem
+Augenblick Graf Witichis mit zehntausend Goten vor dem salarischen Thor im
+Norden, morgen sperrte der junge Totila mit der Flotte von Neapel im Sueden
+die Tibermuendung, und gegen das Grabmal Hadrians und das aurelische Thor
+war Herzog Thulun mit zwanzigtausend Mann von Westen her im Anzug. Haettet
+ihr heute frueh einem Goten ein Haar gekruemmt, was waere geschehen?"
+
+Silverius atmete auf. Die beiden andern schwiegen beschaemt. Doch fasste
+sich Licinius: "Wir haetten den Barbaren getrotzt hinter unsern Mauern,"
+sprach er, mutig das schoene Haupt aufwerfend. - "Ja. So wie ich diese
+Mauern herstellen werde - eine Ewigkeit, mein Licinius: wie sie jetzt sind
+- nicht einen Tag." - "So waeren wir gestorben als freie Buerger," sprach
+Scaevola. "Das haettet ihr vor drei Stunden in der Kurie auch gekonnt,"
+lachte Cethegus achselzuckend. Silverius trat mit offnen Armen, wie um ihn
+zu kuessen, auf ihn zu; vornehm entzog sich Cethegus: "Du hast uns alle, du
+hast Kirche und Vaterland gerettet! Ich habe nie an dir gezweifelt!"
+sprach der Priester. Da ergriff Licinius die Hand des Praefekten, die
+dieser ihm willig liess:
+
+"Ich habe an dir gezweifelt," rief er mit schoener Offenheit, "vergieb, du
+grosser Roemer. Dies Schwert, das dich heute durchbohren sollte, dir ist es
+fortan fuer ewig zu Dienst. Und bricht der Tag der Freiheit an, dann keine
+Konsuln, dann _salve_, Diktator Cethegus!" Und mit leuchtenden Augen eilte
+er hinaus. Der Praefekt warf ihm einen befriedigten Blick nach. "Diktator,
+ja, doch nur bis zur vollen Sicherheit der Republik!" sprach der Jurist
+und folgte ihm. "Jawohl," laechelte Cethegus, "dann wecken wir Camillus und
+Brutus wieder auf und fuehren die Republik da fort, wo sie diese vor
+tausend Jahren gelassen. Nicht wahr, Silverius?" - "Praefekt von Rom,"
+sprach der Priester, "du weisst, ich hatte den Ehrgeiz, die Sache des
+Vaterlands wie der Heiligen zu leiten: ich hab' ihn nicht mehr seit dieser
+Stunde. Dein sei die Fuehrung, ich folge. Gelobe nur das Eine: Freiheit der
+roemischen Kirche - freie Papstwahl." - "Jawohl," sagte Cethegus, "sowie
+nur erst Silverius Papst geworden. Es gilt." - Der Priester schied mit
+einem Laecheln auf den Lippen, aber schwere Gedanken im Herzen. "Geht,"
+sagte Cethegus nach einer Pause, den Dreien nachblickend, "ihr werdet
+keinen Tyrannen stuerzen: - ihr braucht einen Tyrannen!" Dieser Tag, diese
+Stunde wurden entscheidend fuer Cethegus: fast ohne seinen Willen ward er
+durch die Ereignisse fortgetrieben zu neuen Stimmungen und Anschauungen,
+zu Zielen, die er sich bisher nie mit solcher Klarheit vorgesteckt, oder
+doch nie als mehr denn Traeume, die er sich als Ziele eingestanden hatte.
+
+Er erkannte sich in diesem Augenblick als alleinigen Herrn der Lage: er
+hatte die beiden grossen Parteien der Zeit, die Gotenregierung und ihre
+Feinde, die Verschwornen, voellig in seiner Hand. Und in der Brust dieses
+gewaltigen Mannes wurde die Haupttriebfeder, die er seit Jahrzehnten fuer
+gelaehmt erachtet, ploetzlich wieder in maechtigste Thaetigkeit gesetzt: der
+unbegrenzte Drang, ja das Beduerfnis, _zu herrschen_, machte sich mit einem
+Male alle Kraefte dieses reichen Lebens dienstbar und trieb sie an zu
+heftiger Bewegung.
+
+Cornelius Cethegus Caesarius war der Abkoemmling eines alten und unermesslich
+reichen Geschlechts, dessen Ahnherr den Glanz seines Hauses als Feldherr
+und Staatsmann Caesars in den Buergerkriegen gegruendet: - man sagte, er sei
+ein Sohn des grossen Diktators gewesen. - Unser Cethegus hatte von der
+Natur die vielseitigsten Anlagen und die gewaltigsten Leidenschaften und
+durch seine gewaltigen Reichtuemer die Mittel erhalten, jene aufs
+grossartigste zu entfalten, diese aufs grossartigste zu befriedigen. Er
+empfing die sorgfaeltigste Bildung, die damals einem jungen Adligen Roms
+gegeben werden konnte.
+
+Er uebte sich bei den ersten Lehrern in den schoenen Kuensten. Er trieb zu
+Berytus, zu Alexandrien, zu Athen in den besten Schulen mit glaenzenden
+Erfolgen das Studium des Rechts, der Geschichte, der Philosophie.
+
+Aber all das befriedigte ihn nicht. Er fuehlte den Hauch des Verfalls in
+aller Kunst und Wissenschaft seiner Zeit. Die Philosophie insbesondre
+vermochte nur die letzten Reste des Glaubens in ihm zu zerstoeren, ohne ihm
+irgend welche Befriedigung in positiven Ergebnissen zu gewaehren. Als er
+von seinen Studien zurueckkam, fuehrte ihn sein Vater nach der Sitte der
+Zeit in den Staatsdienst ein: rasch stieg der glaenzend Begabte von Amt zu
+Amt.
+
+Aber ploetzlich sprang er aus.
+
+Nachdem er die Staatsgeschaefte zur Genuege kennen gelernt, mochte er nicht
+laenger ein Rad in der grossen Maschine des Reiches sein, das die Freiheit
+ausschloss und obenein dem Barbarenkoenig diente. Da starb sein Vater und
+Cethegus warf sich, nun Herr seiner selbst und eines ungeheuern Vermoegens
+geworden, mit der Gewalt, mit welcher er alles verfolgte, in die wildesten
+Strudel des Lebens, des Genusses, der Lueste. Mit Rom war er bald fertig:
+da machte er grosse Reisen nach Byzanz, nach Aegypten, bis nach Indien drang
+er vor. Da war kein Luxus, kein unschuldiger und kein schuldiger Genuss,
+den er nicht schluerfte. Nur ein staehlerner Koerper konnte die
+Anstrengungen, die Entbehrungen, die Abenteuer, die Ausschweifungen dieser
+Fahrten ertragen.
+
+Nach zwoelf Jahren kehrte er zurueck nach Rom.
+
+Es hiess, er werde grossartige Bauten auffuehren; man freute sich, das
+ueppigste Leben in seinen Haeusern und Villen beginnen zu sehen, man
+taeuschte sich sehr.
+
+Cethegus baute sich nur das kleine Haus am Fuss des Kapitols, bequem und
+von feinstem Geschmack, und lebte mitten in dem volkreichen Rom wie ein
+Einsiedler.
+
+Er gab unvermutet eine Schilderung seiner Reisen heraus, eine
+Charakterisierung der wenig bekannten Voelker und Laender, die er besucht.
+Das Buch hatte unerhoerten Erfolg; Cassiodor und Boethius warben um seine
+Freundschaft, der grosse Koenig wollte ihn an seinen Hof ziehen. Aber
+ploetzlich war er aus Rom verschwunden. Das Ereignis, das ihn in jenen
+Tagen betroffen haben musste, blieb allen Nachforschungen der Neugier, der
+Teilnahme, der Schadenfreude verborgen.
+
+Man erzaehlte sich damals, arme Fischer haetten ihn eines Morgens am Ufer
+des Tibers vor den Thoren der Stadt, bewusstlos und dem Tode nah, gefunden.
+
+Wenige Wochen spaeter tauchte er wieder an der Nordostgrenze des Reiches in
+den unwirtlichen Donaulaendern auf, wo der blutige Krieg mit Gepiden, mit
+Avaren und Sclavenen raste. Dort schlug er sich mit todverachtender
+Tapferkeit mit diesen wilden Barbaren herum, verfolgte sie mit erlesenen,
+von ihm besoldeten Scharen freiwillig in alle Schlupfwinkel ihrer Felsen,
+schlief alle Naechte auf der gefrornen Erde. Und als der gotische Feldherr
+ihm eine kleine Schar zu einem Streifzug anvertraute, griff er statt
+dessen Sirmium an, die feste Hauptstadt der Feinde, und eroberte sie mit
+nicht geringerer Feldherrnkunst als Tapferkeit. Nach dem Friedensschluss
+machte er abermals Reisen nach Gallien und Spanien und Byzanz, kehrte von
+da nach Rom zurueck und lebte dort jahrelang in einer verbitterten Musse und
+Zurueckgezogenheit, alle kriegerischen, buergerlichen, wissenschaftlichen
+Aemter und Ehren ausschlagend, die ihm Cassiodor aufdringen wollte. Er
+schien fuer nichts mehr Interesse zu haben, als fuer seine Studien.
+
+Vor einigen Jahren brachte er von einer Reise nach Gallien einen schoenen
+Juengling oder Knaben mit, welchem er Rom und Italien zeigte und vaeterliche
+Liebe und Sorgfalt erwies. Es hiess, er wolle ihn adoptieren: solange
+dieser sein junger Gast um ihn war, trat er aus seiner Einsamkeit heraus,
+lud die adlige Jugend Roms zu glaenzenden Festen in seine Villen und war
+bei den Gegeneinladungen, die er alle annahm, der liebenswuerdigste
+Gesellschafter. Aber sowie er den jungen Julius Montanus mit einem
+stattlichen Gefolge von Paedagogen, Freigelassenen und Sklaven nach
+Alexandrien in die gelehrten Schulen entsendet hatte, brach er ploetzlich
+wieder alle Verbindungen ab und zog sich in seine undurchdringliche
+Abgeschlossenheit zurueck, grollend wie es schien mit Gott und der ganzen
+Welt. Mit schwerer Muehe gelang es dem Priester Silverius und Rusticianen,
+ihn aus seiner ablehnenden Ruhe heraus und zur Teilnahme an der
+Katakombenverschwoerung fortzuziehen. Er wurde, wie er ihnen sagte, Patriot
+aus eitel Langweile. Und in der That, bis zu dem Tod des Koenigs hatte er
+das Unternehmen, dessen Leitung doch in seiner und des Diakons Hand lag,
+fast mit Abneigung betrieben.
+
+Dies wurde jetzt anders. Der tiefste Zug seines Wesens, der Drang in allen
+moeglichen Gebieten des Geistes sich zu versuchen, die Schwierigkeiten zu
+ueberwinden, alle Nebenbuhler zu ueberfluegeln, in jedem Lebenskreise, den er
+betrat, zu herrschen, allein und ohne Widerstand und, sobald er den
+Siegeskranz genommen, ihn gleichgueltig wegzuwerfen und nach neuen Aufgaben
+auszuschauen, hatte ihn bisher bei keinem Ziele volle Befriedigung finden
+lassen. Kunst, Wissenschaft, Genuss, Amtsehre, Kriegsruhm: - alles hatte
+ihn gereizt, alles hatte er wie kein andrer gewonnen und alles hatte ihn
+leer gelassen. Herrschen, der erste sein, ueber widerstrebende Verhaeltnisse
+mit allen Mitteln ueberlegner Kraft und Klugheit siegen und dann ueber
+knirschende Menschen ein ehernes Regiment fuehren, das allein hatte er
+unbewusst und bewusst von jeher erstrebt: nur darin fuehlte er sich wohl.
+
+In stolzen, vollen Atemzuegen hob sich darum in dieser Stunde seine Brust:
+er, der Eisigkalte, ergluehte in dem Gedanken, dass er ueber die beiden
+grossen feindlichen Maechte der Zeit, Goten und Roemer, heute mit einem
+Zucken seiner Wimper gebot: und aus diesem Wonnegefuehl der Herrschaft
+stieg ihm mit daemonischer Gewalt die Ueberzeugung empor, dass es fuer ihn und
+seinen Ehrgeiz nur noch Ein Ziel gab, welches das Leben der Muehe des
+Lebens wert machen koenne, nur noch Ein Ziel, ein sonnenfernes, jedem
+andern unerreichbares: - er glaubte gern an seine Abkunft von Julius Caesar
+und er fuehlte das Blut Caesars aufwallen in seinen Adern bei dem Gedanken:
+- Caesar, Imperator des Abendlands, Kaiser der roemischen Welt! - - - -
+
+Als vor Monaten dieser Blitz zum erstenmal seine Seele durchzuckt hatte, -
+kein Gedanke, - kein Wunsch, - nur ein Schatte, ein Traum, - erschrak er
+und laechelte zugleich ueber seine unermessliche Kuehnheit. Er Kaiser und
+Wiederaufrichter des roemischen Weltreichs! Und Italien bebte unter dem
+Schritt von dreimalhunderttausend gotischen Kriegern! Und der groesste aller
+Barbarenkoenige, dessen Ruhm die Erde erfuellte, sass gewaltig herrschend zu
+Ravenna. Und wenn die Macht der Goten gebrochen war, so streckten die
+Franken ueber die Alpen, die Byzantiner uebers Meer die gierigen Haende nach
+der italienischen Beute, zwei grosse Reiche gegen ihn, den einzelnen
+Mann! -
+
+Denn wahrlich, einsam stand er in seinem Volk! Wie genau kannte, wie
+bitter verachtete er seine Landsleute, die unwuerdigen Enkel grosser Ahnen!
+Wie lachte er der Schwaermerei eines Licinius oder Scaevola, die mit diesen
+Roemern die Tage der Republik erneuern wollten!
+
+Er stand allein.
+
+Aber gerade dies reizte seinen stolzen Ehrgeiz. Und gerade in diesem
+Augenblick, da ihn die Verschworenen verlassen hatten, da seine
+Ueberlegenheit gewaltiger als je ihnen und ihm selbst klar geworden war,
+gerade jetzt schoss in seiner Brust was frueher ein schmeichelnd Spiel
+seiner traeumenden Stunden gewesen mit Blitzesschnelle zum klaren Gedanken,
+zum festen Entschluss empor.
+
+Die Arme ueber der maechtigen Brust gekreuzt, mit starken Schritten, wie ein
+Loewe seinen Kaefig, das Gemach durchmessend, sprach er in abgerissenen
+Saetzen zu sich selbst:
+
+"Mit einem tuechtigen Volk hinter sich die Goten hinaustreiben, Griechen
+und Franken nicht hereinlassen: - das waere nicht schwer, das koennte ein
+andrer auch. Aber allein, ganz allein, von diesen Maennern ohne Mark und
+Willen mehr gehemmt als getragen, das Ungeheure vollenden, und diese
+Memmen erst wieder zu Helden, diese Sklaven zu Roemern, diese Knechte der
+Pfaffen und Barbaren wieder zu Herren der Erde machen: - das, das ist der
+Muehe wert. Ein neues Volk, eine neue Zeit, eine neue Welt schaffen,
+allein, ein einziger Mann, mit der Kraft seines Willens und der Macht
+seines Geistes: - das hat noch kein Sterblicher vollbracht: - das ist
+groesser als Caesar: er fuehrte Legionen von Helden! Und doch, es kann gethan
+werden, denn es kann gedacht werden. Und ich, der's denken konnte, ich
+kann's auch thun. Ja, Cethegus, das ist ein Ziel, dafuer verlohnt sich's zu
+denken, zu leben, zu sterben. Auf und ans Werk, und von nun an: - keinen
+Gedanken mehr und kein Gefuehl als fuer dies Eine."
+
+Er stand still vor der Kolossalstatue Caesars aus weissem parischem Marmor,
+die, das Meisterwerk des Arkesilaos und der edelste Schmuck, ja nach der
+Familientradition von Julius Caesar selbst dem Sohne geschenkt, das
+Heiligtum dieses Hauses, gegenueber dem Schreibdivan stand:
+
+"Hoer' es, goettlicher Julius, grosser Ahnherr, es luestet deinen Enkel, mit
+dir zu ringen: es giebt noch ein Hoeheres als du erreicht: schon fliegen
+nach einem hoeheren Ziel als du, ist unsterblich und fallen, fallen aus
+solcher Hoehe: - das ist der herrlichste Tod. Heil mir, dass ich wieder
+weiss, warum ich lebe."
+
+Er schritt an der Bildsaeule vorbei und warf einen Blick auf die auf dem
+Tisch aufgerollte Militaerkarte des roemischen Weltreichs:
+
+"Erst diese Barbaren zertreten -: Rom! - Dann den Norden wieder
+unterwerfen -: Paris! - Dann zum alten Gehorsam unter die alte
+Caesarenstadt das abtruennige Ostreich zurueckheischen -: Byzanz! Und weiter,
+immer weiter: an den Tigris, an den Indus, weiter als Alexandros - und
+zurueck nach Westen, durch Skythien und Germanien, an den Tiber - die Bahn,
+welche dir, Caesar, der Dolch des Brutus durchgeschnitten. - Und so groesser
+als du, groesser als Alexander - o halt, Gedanke, halt ein!"
+
+Und der eisige Cethegus loderte und gluehte; maechtig pochten seine Adern an
+den Schlaefen: er drueckte die brennende Stirn an die kalte Marmorbrust
+Julius Caesars, der majestaetisch auf ihn niederschaute.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+
+Aber nicht nur fuer Cethegus wurde dieser Tag von entscheidender Bedeutung,
+auch fuer die Verschwoerung in den Katakomben, fuer Italien und das Reich der
+Goten.
+
+Hatten die Umtriebe der Patrioten, geleitet von mehreren Haeuptern, die
+ueber die Mittel, ja sogar ueber die Zwecke ihrer Plaene nicht immer einig
+waren, bisher nur langsame und unsichre Fortschritte gemacht, so ward dies
+anders von dem Augenblick an, da der weitaus begabteste Mann dieser
+Partei, da Cethegus die Fuehrung in die kraeftige Hand nahm.
+
+Unbedingt hatten sich die bisherigen Haeupter des Bundes, - sogar, wie es
+schien, Silverius - dem Praefekten untergeordnet, der seine Ueberlegenheit
+so maechtig bewaehrt und das Leben ihrer Sache gerettet hatte.
+
+Erst von jetzt an wurde der Geheimbund den Goten wahrhaft gefaehrlich.
+
+Unermuedlich war Cethegus beschaeftigt, die Macht und Sicherheit ihres
+Reiches auf allen Seiten zu untergraben: mit seiner grossen Kunst, die
+Menschen zu durchschauen, zu gewinnen und zu beherrschen wusste er die Zahl
+bedeutender Mitglieder und die Mittel der Partei von Tag zu Tag zu
+vermehren.
+
+Aber er wusste auch mit kluger Vorsicht einerseits jeden Verdacht der
+gotischen Regierung zu vermeiden, andrerseits jede unzeitige Erhebung der
+Verschwornen zu verhindern. Denn ein Leichtes waer' es freilich gewesen,
+ploetzlich an Einem Tage in allen Staedten der Halbinsel die Barbaren zu
+ueberfallen, die Erhebung zu beginnen und die Byzantiner, die laengst
+hierauf lauerten, zur Vollendung des Sieges ins Land zu rufen. Aber damit
+haette der Praefekt seine geheimen Plaene nicht hinausgefuehrt. Er haette nur
+an die Stelle der gotischen Herrschaft die byzantinische Tyrannei gesetzt.
+
+Und wir wissen, er verfolgte ein ganz andres Ziel.
+
+Um dies zu erreichen, musste er sich zuvor in Italien eine Machtstellung
+schaffen, wie sie kein andrer besass.
+
+Er musste, wenn auch nur im stillen, der maechtigste Mann im Lande sein, ehe
+der Fuss eines Byzantiners es betrat, ehe der erste Gote fiel. Die Dinge
+mussten soweit vorbereitet sein, dass die Barbaren von Italien, das hiess von
+Cethegus, allein, mit moeglichst geringer Nachhilfe von Byzanz, vertrieben
+wuerden, so dass nach dem Siege der Kaiser gar nicht umhin konnte, die
+Herrschaft ueber das befreite Land seinem Befreier, wenn auch zunaechst nur
+als Statthalter, zu ueberlassen. Alsdann hatte er Zeit und Anlass gewonnen,
+den Nationalstolz der Roemer gegen die Herrschaft der "Griechlein", wie man
+die Byzantiner veraechtlich nannte, aufzureizen.
+
+Denn obwohl seit zweihundert Jahren, seit den Tagen des grossen Konstantin,
+der Glanz der Weltherrschaft von der verwitweten Roma hinweg nach der
+goldnen Stadt am Hellespont verlegt und das Scepter von den Soehnen des
+Romulus auf die Griechen uebergegangen schien, obwohl das Ost- und das
+Westreich zusammen der Barbarenwelt gegenueber Einen Staat der antiken
+Bildung bilden sollten, so waren doch auch jetzt noch die Griechen den
+Roemern verhasst und veraechtlich, wie in den Tagen, da Flaminius das
+gedemuetigte Hellas fuer eine Freigelassene Roms erklaert hatte: der alte Hass
+war jetzt durch Neid vermehrt. Deshalb war der Mann der Begeisterung und
+der Hilfe ganz Italiens gewiss, der nach Vertreibung der Barbaren auch die
+Byzantiner aus dem Lande weisen wuerde: die Krone von Rom, die Krone des
+Abendlands war sein sichrer Lohn. Und wenn es gelang, das neugeweckte
+Nationalgefuehl wieder zum Angriffskrieg ueber die Alpen zu treiben, wenn
+Cethegus auf den Truemmern des Frankenreichs zu Aurelianum und Paris die
+Herrschaft des roemischen Imperators ueber das Abendland wieder aufgerichtet
+hatte, dann war der Versuch nicht mehr zu kuehn, auch das losgerissene
+Ostreich zurueckzuzwingen zum Gehorsam unter das ewige Rom und die
+Weltherrschaft am Strand des Tibers da fortzufuehren, wo sie Trajan und
+Hadrian gelassen. -
+
+Doch um diese fernher leuchtenden Ziele zu erreichen, musste jeder naechste
+Schritt auf dem schwindelsteilen Pfad mit groesster Vorsicht geschehen:
+jedes Straucheln musste fuer immer verderben. Um Italien zu beherrschen, als
+Kaiser zu beherrschen, musste Cethegus vor allem Rom haben: denn nur an Rom
+liessen sich jene Gedanken knuepfen. Deshalb wandte der neue Praefekt hoechste
+Sorgfalt auf die ihm anvertraute Stadt: Rom sollte ihm moralisch und
+physisch eine Burg der Herrschaft werden, ihm allein gehoerig und
+unentreissbar. Sein Amt bot ihm dazu die beste Gelegenheit: es war ja die
+Pflicht des Praefectus Urbi, fuer das Wohl der Bevoelkerung, fuer Erhaltung
+und Sicherheit der Stadt zu sorgen. Cethegus verstand es meisterhaft, die
+Rechte, die in dieser Pflicht lagen, fuer seine Zwecke auszubeuten: leicht
+hatte er alle Staende fuer sich gewonnen: der Adel ehrte in ihm das Haupt
+der Katakombenverschwoerung, ueber die Geistlichkeit herrschte er durch
+Silverius, der die rechte Hand und der von der oeffentlichen Stimme
+bezeichnete Nachfolger des greisen Papstes war und dem Praefekten eine
+diesem selbst befremdliche Ergebenheit an den Tag legte. Das niedre Volk
+aber fesselte er an seine Person nicht nur durch voruebergehende
+Brotspenden und Cirkusspiele aus seiner Tasche, sondern durch grossartige
+Unternehmungen, die vielen Tausenden auf Jahre hinaus Arbeit und Unterhalt
+- auf Kosten der gotischen Regierung - verschafften.
+
+Er setzte bei Amalaswintha den Befehl durch, die Befestigungen Roms, die
+seit den Tagen des Honorius durch die Zeit und durch den Eigennutz
+roemischer Bauherren vielmehr als durch westgotische und vandalische
+Eroberer gelitten hatten, vollstaendig und rasch wieder herzustellen, "zur
+Ehre der ewigen Stadt und, - wie sie waehnte, - zum Schutz gegen die
+Byzantiner".
+
+Cethegus selbst hatte - und zwar, wie die alsbald folgenden vergeblichen
+Belagerungen durch Goten und Byzantiner bewiesen, mit genialem
+Feldherrnblick, - den Plan der grossartigen Werke entworfen. Und er betrieb
+nun mit groesstem Eifer das Riesenwerk, die ungeheure Stadt in ihrem weiten
+Umfang von vielen Meilen zu einer Festung ersten Ranges umzuschaffen. Die
+Tausende von Arbeitern, die wohl wussten, wem sie diese reich bezahlte
+Beschaeftigung verdankten, jubelten dem Praefekten zu, wenn er auf den
+Schanzen sich zeigte, pruefte, antrieb, besserte und wohl selbst mit Hand
+anlegte. Und die getaeuschte Fuerstin wies eine Million Solidi nach der
+andern an fuer einen Bau, an dem alsbald die ganze Streitmacht ihres Volkes
+zerschellen und verbluten sollte.
+
+Der wichtigste Punkt dieser Befestigungen war das heute unter dem Namen
+der Engelsburg bekannte Grabmal Hadrians. Dies Prachtgebaeude, von Hadrian
+aus parischen Marmorquadern, die ohne anderes Bindungsmittel
+zusammengefuegt waren, aufgefuehrt, lag damals einen Steinwurf vor dem
+aurelischen Thor, dessen Mauerseiten es weit ueberragte. Mit scharfem Auge
+hatte Cethegus erkannt, dass das unvergleichlich feste Gebaeude, in seiner
+bisherigen Lage ein Festungswerk _gegen_ die Stadt, sich durch ein
+einfaches Mittel in ein Hauptbollwerk _fuer_ die Stadt verwandeln liess: er
+fuehrte vom aurelischen Thor zwei Mauern gegen und um das Grabmal. Und nun
+bildete die turmhohe Marmorburg eine sturmfreie Schanze fuer das aurelische
+Thor, um so mehr als der Tiber knapp davor einen natuerlichen
+Festungsgraben zog. Oben auf der Mauer des Mausoleums aber standen, zum
+Teil noch von Hadrian und seinem Nachfolger hier aufgestellt, gegen
+dreihundert der schoensten Statuen aus Marmor, Bronze und Erz: darunter der
+Divus Hadrianus selbst, sein schoener Liebling Antinous, ein Zeus Soter,
+die Pallas "Staedtebeschirmerin", ein schlafender Faun und viele andere.
+
+Cethegus freute sich seines Gedankens und liebte diese Staette, wo er
+allabendlich zu wandeln pflegte, sein Rom mit dem Blick beherrschend und
+den Fortschritt der Schanzarbeiten pruefend: und er hatte deshalb eine
+reiche Zahl von schoenen Statuen aus seinem Privatbesitz hier noch
+aufstellen lassen.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+
+Vorsichtiger musste Cethegus bei Ausfuehrung einer zweiten, fuer seine Ziele
+nicht minder unerlaesslichen Vorbereitung sein. Um selbstaendig in Rom, in
+_seinem_ Rom, wie er es, als Stadtpraefekt, zu nennen liebte, den Goten und
+noetigenfalls den Griechen trotzen zu koennen, bedurfte er nicht bloss der
+Waelle, sondern auch der Verteidiger auf denselben. Er dachte zunaechst an
+Soeldner, an eine Leibwache, wie sie in jenen Zeiten hohe Beamte,
+Staatsmaenner und Feldherren haeufig gehalten hatten, wie sie jetzt Belisar
+und dessen Gegner Narses in Byzanz hielten. Nun gelang es ihm zwar, durch
+frueher auf seinen Reisen in Asien angeknuepfte Verbindungen und bei seinen
+reichen Schaetzen tapfre Scharen der wilden isaurischen Bergvoelker, die in
+jenen Zeiten die Rolle der Schweizer des sechzehnten Jahrhunderts
+spielten, in seinen Sold zu ziehen. Indessen hatte dies Verfahren doch
+zwei sehr eng gezogne Schranken.
+
+Einmal konnte er auf diesem Wege, ohne seine fuer andre Zwecke
+unentbehrlichen Mittel zu erschoepfen, doch immer nur verhaeltnismaessig
+kleine Massen aufbringen, den Kern eines Heeres, nicht ein Heer. Und
+ferner war es unmoeglich, diese Soeldner, ohne den Verdacht der Goten zu
+wecken, in groesserer Anzahl nach Italien, nach Rom zu bringen. Einzeln,
+paarweise, in kleinen Gruppen schmuggelte er sie mit vieler List und
+vieler Gefahr als seine Sklaven, Freigelassenen, Klienten, Gastfreunde in
+seine durch die ganze Halbinsel zerstreuten Villen oder beschaeftigte sie
+als Matrosen und Schiffsleute im Hafen von Ostia oder als Arbeiter in Rom.
+
+Schliesslich mussten doch die Roemer Rom erretten und beschuetzen und all
+seine ferneren Plaene draengten ihn, seine Landsleute wieder an die Waffen
+zu gewoehnen.
+
+Nun hatte aber Theoderich wohlweislich die Italier von dem Heer
+ausgeschlossen - nur Ausnahmen bei einzelnen als besonders zuverlaessig
+Erachteten wurden gemacht - und in den unruhigen letzten Zeiten seines
+Regiments waehrend des Prozesses gegen Boethius ein Gebot allgemeiner
+Entwaffnung der Roemer erlassen.
+
+Letzteres war freilich nie streng durchgefuehrt worden: aber Cethegus
+konnte doch nicht hoffen, die Regentin werde ihm erlauben, gegen den
+entschiednen Willen ihres grossen Vaters und gegen das offenbare Interesse
+der Goten eine irgendwie bedeutende Streitmacht aus Italien zu bilden.
+
+Er begnuegte sich, ihr vorzustellen, dass sie durch ein ganz unschaedliches
+Zugestaendnis sich das Verdienst erwirken koenne, jene gehaessige Massregel
+Theoderichs in edlem Vertrauen aufgehoben zu haben und schlug ihr vor, ihm
+zu gestatten, nur zweitausend Mann aus der roemischen Buergerschaft als
+Schutzwache Roms ruesten, einueben und immer unter den Waffen gegenwaertig
+halten zu duerfen: die Roemer wuerden ihr schon fuer diesen Schein, dass die
+ewige Stadt nicht von Barbaren allein gehuetet werde, unendlich dankbar
+sein. Amalaswintha, begeistert fuer Rom und nach der Liebe der Roemer als
+ihrem schoensten Ziele trachtend, gab ihre Einwilligung und Cethegus fing
+an seine "Landwehr", wie wir sagen wuerden, zu bilden. Er rief in einer wie
+Trompetenschall klingenden Proklamation "die Soehne der Scipionen zu den
+alten Waffen zurueck," er bestellte die jungen Adligen der Katakomben zu
+"roemischen Rittern" und "Kriegstribunen": er verhiess jedem Roemer, der sich
+freiwillig meldete, aus seiner Tasche Verdoppelung des von der Fuerstin
+bestimmten Soldes: er hob aus den Tausenden, die sich daraus
+herbeidraengten die Tauglichsten aus; er ruestete die Aermeren aus, schenkte
+denen, die sich besonders auszeichneten im Dienst, gallische Helme und
+spanische Schwerter aus seinen eignen Sammlungen und - was das Wichtigste
+- er entliess regelmaessig sobald als moeglich die hinlaenglich Eingeuebten mit
+Belassung ihrer Waffen und hob neue Mannschaften aus, so dass, obwohl in
+jedem Augenblick nur die von Amalaswintha gestattete Zahl im Dienst stand,
+doch in kurzer Frist viele Tausende bewaffnete und waffengeuebte Roemer zur
+Verfuegung ihres vergoetterten Fuehrers standen.
+
+Waehrend so Cethegus an seiner kuenftigen Residenz baute und seine kuenftigen
+Praetorianer heranbildete, vertroestete er den Eifer seiner Mitverschwornen,
+die unablaessig zum Losschlagen draengten, auf den Zeitpunkt der Vollendung
+jener Vorbereitungen, den er natuerlich allein bestimmen konnte. Zugleich
+unterhielt er eifrigen Verkehr mit Byzanz. Dort musste er sich einer Hilfe
+versichern, die einerseits in jedem Augenblick, da er sie rief, auf dem
+Kampfplatz erscheinen koennte, die aber andrerseits auch nicht, ehe er sie
+rief, auf eigne Faust oder mit einer Staerke erschiene, die nicht leicht
+wieder zu entfernen waere.
+
+Er wuenschte von Byzanz einen guten Feldherrn, der aber kein grosser
+Staatsmann sein durfte, mit einem Heere, stark genug, die Italier zu
+unterstuetzen, nicht stark genug, ohne sie siegen oder gegen ihren Willen
+im Lande bleiben zu koennen. Wir werden in der Folge sehen, wie in dieser
+Hinsicht vieles nach Wunsch, aber auch ebenso vieles sehr gegen den Wunsch
+des Praefekten sich gestaltete. Daneben war gegenueber den Goten, die zur
+Zeit noch unangefochten im Besitz der Beute standen, um die Cethegus
+bereits im Geiste mit dem Kaiser haderte, sein Streben dahin gerichtet,
+sie in arglose Sicherheit zu wiegen, in Parteiungen zu spalten und eine
+schwache Regierung an ihrer Spitze zu erhalten.
+
+Das erste war nicht schwer. Denn die starken Germanen verachteten in
+barbarischem Hochmut alle offenen und geheimen Feinde: wir haben gesehen,
+wie schwer selbst der sonst scharfblickende, helle Kopf eines Juenglings
+wie Totila von der Naehe einer Gefahr zu ueberzeugen war: und die trotzige
+Sicherheit eines Hildebad drueckte recht eigentlich die allgemeine Stimmung
+der Goten aus. Auch an Parteiungen fehlte es nicht in diesem Volk.
+
+Da waren die stolzen Adelsgeschlechter, die Balten mit ihren
+weitverzweigten Sippen, an ihrer Spitze die drei Herzoge Thulun, Ibba und
+Pitza: die reichbegueterten Woelsungen unter den Bruedern Herzog Guntharis
+von Tuscien und Graf Arahad von Asta: und andre mehr, die alle den Amalern
+an Glanz der Ahnen wenig nachgaben und eifersuechtig ihre Stellung dicht
+neben dem Throne bewachten.
+
+Da waren viele, welche die Vormundschaft eines Weibes, die Herrschaft
+eines Knaben nur mit Unwillen trugen, die gern, nach dem alten Recht des
+Volkes, das Koenigshaus umgangen und einen der erprobten Helden der Nation
+auf den Schild erhoben haetten. Andrerseits zaehlten auch die Amaler blind
+ergebene Anhaenger, die solche Gesinnung als Treubruch verabscheuten.
+Endlich teilte sich das ganze Volk in eine rauhere Partei, die, laengst
+unzufrieden mit der Milde, die Theoderich und seine Tochter den Welschen
+bewiesen, gern nunmehr nachgeholt haetten, was, wie sie meinten, bei der
+Eroberung des Landes versaeumt worden, und die Italier fuer ihren heimlichen
+Hass mit offener Gewalt zu strafen begehrten. Viel kleiner natuerlich war
+die Zahl der sanfter und edler Gesinnten, die, wie Theoderich selbst,
+empfaenglich fuer die hoehere Bildung der Unterworfenen, sich und ihr Volk zu
+dieser emporzuheben strebten. Das Haupt dieser Partei war die Koenigin.
+
+Diese Frau nun suchte Cethegus im Besitz der Macht zu erhalten; denn sie,
+diese weibliche, schwache, geteilte Herrschaft, verhiess, die Kraft des
+Volkes zu laehmen, die Parteiung und Unzufriedenheit dauernd zu machen.
+Ihre Richtung schloss jedes Erstarken des gotischen Nationalgefuehls aus. Er
+bebte vor dem Gedanken, einen gewaltigen Mann die Kraft dieses Volkes
+gewaltig zusammenfassen zu sehen.
+
+Und manchmal machten ihn schon die Zuege von Hoheit, die sich in diesem
+Weibe zeigten, mehr noch die feurigen Funken verhaltener Glut, die zu
+Zeiten aus Athalarichs tiefer Seele aufspruehten, ernstlich besorgt.
+Sollten Mutter und Sohn solche Spuren oefter verraten, dann freilich musste
+er beide ebenso eifrig stuerzen wie er bisher ihre Regierung gehalten
+hatte. Einstweilen aber freute er sich noch der unbedingten Herrschaft,
+die er ueber die Seele Amalaswinthens gewonnen. Dies war ihm bald gelungen.
+Nicht nur, weil er mit grosser Feinheit ihre Neigung zu gelehrten
+Gespraechen ausbeutete, in welchen er von dem, wie es schien, ihm ueberall
+ueberlegenen Wissen der Fuerstin so haeufig ueberwunden wurde, dass Cassiodor,
+der oft Zeuge ihrer Disputationen war, nicht umhin konnte, zu bedauern,
+wie dies einst glaenzende Ingenium durch Mangel an gelehrter Uebung etwas
+eingerostet sei.
+
+Der vollendete Menschenerforscher hatte das stolze Weib noch viel tiefer
+getroffen. Ihrem grossen Vater war kein Sohn, war nur diese Tochter
+beschieden: der Wunsch nach einem maennlichen Erben seiner schweren Krone
+war oft aus des Koenigs, oft aus des Volkes Munde schon in ihren
+Kinderjahren an ihr Ohr gedrungen. Es empoerte das hochbegabte Maedchen, dass
+man es lediglich um ihres Geschlechtes willen zuruecksetzte hinter einem
+moeglichen Bruder, der, wie selbstverstaendlich, der Herrschaft wuerdiger und
+faehiger sein wuerde. So weinte sie als Kind oft bittere Thraenen, dass sie
+kein Knabe war.
+
+Als sie herangewachsen, hoerte sie natuerlich nur noch von ihrem Vater jenen
+kraenkenden Wunsch: jeder andre Mund am Hofe pries die wunderbaren Anlagen,
+den maennlichen Geist, den maennlichen Mut der glaenzenden Fuerstin. Und das
+waren nicht Schmeicheleien: Amalaswintha war in der That in jeder Hinsicht
+ein aussergewoehnliches Geschoepf: die Kraft ihres Denkens und ihres Wollens,
+aber auch ihre Herrschsucht und kalte Schroffheit ueberschritten weit die
+Schranken, in welchen sich holde Weiblichkeit bewegt. Das Bewusstsein, dass
+mit ihrer Hand zugleich die hoechste Stellung im Reich, vielleicht die
+Krone selbst, wuerde vergeben werden, machte sie eben auch nicht
+bescheidener: und ihre tiefste, maechtigste Empfindung war jetzt nicht mehr
+der Wunsch, Mann zu sein, sondern die Ueberzeugung, dass sie, das Weib,
+allen Aufgaben des Lebens und des Regierens so gut wie der begabteste
+Mann, besser als die meisten Maenner, gewachsen, dass sie berufen sei, das
+allgemeine Vorurteil von der geistigen Unebenbuertigkeit ihres Geschlechts
+glaenzend zu widerlegen.
+
+Die Ehe des kalten Weibes mit Eutharich, einem Amaler aus andrer Linie,
+einem Mann von hohen Anlagen des Geistes und reichem Gemuet, war kurz -:
+Eutharich erlag nach wenigen Jahren einem tiefen Leiden - und wenig
+gluecklich. Nur mit Widerstreben hatte sie sich ihrem Gatten gebeugt. Als
+Witwe atmete sie stolz auf. Sie brannte vor Ehrgeiz, dereinst als
+Vormuenderin ihres Knaben, als Regentin jene ihre Lieblingsidee zu
+bewaehren: sie wollte so regieren, dass die stolzesten Maenner ihre
+Ueberlegenheit sollten einraeumen muessen. Wir haben gesehen, wie die
+Erwartung der Herrschaft diese kalte Seele sogar den Tod ihres grossen
+Vaters ziemlich ruhig hatte ertragen lassen.
+
+Sie uebernahm das Regiment mit hoechstem Eifer, mit unermuedlicher
+Thaetigkeit. Sie wollte alles selbst, alles allein thun.
+
+Sie schob ungeduldig den greisen Cassiodor zur Seite, der ihrem Geist
+nicht rasch und kraeftig genug Schritt hielt. Keines Mannes Rat und Hilfe
+wollte sie dulden.
+
+Eifersuechtig wachte sie ueber ihre Alleinherrlichkeit. Und nur Einem ihrer
+Beamten lieh sie gern und haeufig das Ohr; demjenigen, der ihr oft und laut
+die maennliche Selbstaendigkeit ihres Geistes pries und noch oefter dieselbe
+still zu bewundern, der den Gedanken, sie beherrschen zu wollen, gar nie
+wagen zu koennen schien: sie traute nur Cethegus. Denn dieser zeigte ja nur
+den Einen Ehrgeiz, alle Gedanken und Plaene der Koenigin mit eifriger Sorge
+durchzufuehren. Nie trat er, wie Cassiodor oder gar die Haeupter der
+gotischen Partei, ihren Lieblingsbestrebungen entgegen; er unterstuetzte
+sie darin: er half ihr, sich mit Roemern und Griechen umgeben, den jungen
+Koenig moeglichst von der Teilnahme am Regiment ausschliessen, die alten
+gotischen Freunde ihres Vaters, die, im Bewusstsein ihrer Verdienste und
+nach alter Gewohnheit, sich manches freie und derbe Wort des Tadels
+erlaubten, als rohe Barbaren allmaehlich vom Hof entfernen, die Gelder, die
+fuer Kriegsschiffe, Rosse, Ausruestung der gotischen Heere bestimmt waren,
+fuer Wissenschaften und Kuenste oder auch fuer die Verschoenerung, Erhaltung
+und Sicherung Roms verwenden: - kurz, er war ihr behilflich in allem, was
+sie ihrem Volk entfremden, ihre Regierung verhasst und ihr Reich wehrlos
+machen konnte. Und hatte er selbst einen Plan, immer wusste er seine
+Verhandlungen mit der Fuerstin so zu wenden, dass sich diese fuer die
+Urheberin ansehen musste und ihn zu dem Vollzug seiner geheimsten Wuensche
+als _ihrer_ Auftraege befehligte.
+
+
+
+
+ Fuenftes Kapitel.
+
+
+Begreiflicherweise bedurfte es, um solchen Einfluss zu gewinnen und zu
+pflegen, haeufigeren Aufenthalts am Hof, laengerer Abwesenheit von Rom als
+seine dortigen Interessen vertrugen. Deshalb strebte er danach, in die
+Naehe der Koenigin Persoenlichkeiten zu bringen, die ihm diese Muehe zum Teil
+ersparen koennten, die ihn immer gut unterrichten und warm vertreten
+sollten. Die Frauen von mehreren gotischen Edeln, welche grollend Ravenna
+verliessen, mussten in der Umgebung Amalaswinthens ersetzt werden und
+Cethegus trug sich mit dem Gedanken, bei dieser Gelegenheit Rusticiana,
+die Tochter des Symmachus, die Witwe des Boethius an den Hof zu bringen.
+Die Aufgabe war nicht leicht. Denn die Familie dieser als Hochverraeter
+hingerichteten Maenner war in Ungnade aus der Koenigsstadt verbannt. Vor
+allem musste daher die Koenigin umgestimmt werden fuer sie.
+
+Dies freilich gelang alsbald, indem die Grossmut der edeln Frau gegen das
+so tief gefallne Haus wachgerufen wurde. Dazu kam, dass sie an die niemals
+vollbewiesene Schuld von zwei edeln Roemern nie von Herzen hatte glauben
+moegen, deren einen, den Gatten Rusticianas, sie als grossen Gelehrten und
+in manchen Gebieten als ihren Lehrer verehrte. Endlich wusste Cethegus zu
+betonen, wie gerade diese That, sei es der Gerechtigkeit, sei es der
+Gnade, die Herzen all' ihrer roemischen Unterthanen ruehren muesse. So war
+die Regentin leicht gewonnen, Gnade zu erteilen. Viel schwerer ward die
+stolze und leidenschaftliche Witwe des Verurteilten bewogen, diese Gnade
+anzunehmen. Denn Wut und Rachedurst gegen das Koenigshaus erfuellten ihre
+ganze Seele und Cethegus musste sogar fuerchten, ihr unbeherrschbarer Hass
+koennte sich in der steten Naehe der "Tyrannen" leicht verraten. Wiederholt
+hatte Rusticiana trotz all' seiner sonst so grossen Gewalt ueber sie dieses
+Ansinnen zurueckgewiesen.
+
+Da machten sie eines Tages eine sehr ueberraschende Entdeckung, die zur
+Erfuellung der Wuensche des Praefekten fuehren sollte.
+
+Rusticiana hatte eine kaum sechzehnjaehrige Tochter, Kamilla. Aus ihrem
+echt roemischen Gesicht mit den edeln Schlaefen und den schoen geschnittenen
+Lippen leuchteten dunkle schwaermerische Augen: der eben erst vollendete
+Wuchs zeigte feine, fast allzuzarte Formen, rasch und leicht und fein wie
+einer Gazelle waren alle Bewegungen dieser schlanken Glieder. Eine reiche
+Seele mit schwungvoller Phantasie lebte in dem lieblichen Maedchen. Mit
+aller Inbrunst kindlicher Verehrung hatte sie ihren ungluecklichen Vater
+geliebt: der Streich, der sein teures Haupt getroffen, hatte tief in das
+Leben des heranbluehenden Maedchens geschlagen; ungestillte Trauer, heilige
+Wehmut, mit der sich die leidenschaftliche Vergoetterung seines Martyriums
+fuer Italien mischte, erfuellten alle Traeume ihres jungfraeulichen
+Entfaltens.
+
+Vor dem Sturz ihres Hauses ein gern gesehener Gast am Koenigshof war sie
+nach dem Schicksalsschlag mit ihrer Mutter ueber die Alpen nach Gallien
+geflohen, wo ein alter Gastfreund den betruebten Frauen monatelang eine
+Zufluchtstaette bot, waehrend Anicius und Severinus, Kamillas Brueder,
+anfaenglich ebenfalls verhaftet und zum Tode verurteilt, dann zur
+Verbannung aus dem Reich begnadigt, aus dem Kerker sofort nach Byzanz an
+den Hof des Kaisers eilten, wo sie Himmel und Hoelle gegen die Goten in
+Bewegung setzten. Die Frauen waren, als sich der Sturm der Verfolgung
+verzogen, nach Italien zurueckgekehrt und lebten ihrem stillen Gram im
+Haeuschen eines treuen Freigelassenen zu Perusia, von wo aus freilich
+Rusticiana, wie wir gesehen, den Weg zu den Verschworenen in Rom wohl zu
+finden wusste.
+
+Der Sommer war gekommen, die Jahreszeit, in der vornehme Roemer noch immer,
+wie zur Zeit des Horatius und Tibullus, die dumpfe Luft der Staedte zu
+fliehen und in seine kuehlen Villen im Sabinergebirge oder an der
+Meereskueste sich zu verstecken pflegten. Mit Beschwerde trugen die
+verwoehnten Edelfrauen den Qualm und Staub in den heissen Strassen des engen
+Perusia, mit Seufzen der herrlichen Landhaeuser bei Florentia und Neapolis
+gedenkend, die sie, wie all' ihr Vermoegen, an den gotischen Fiskus
+verloren.
+
+Da trat eines Tages der treue Corbulo mit seltsam verlegenem Gesicht vor
+Rusticiana. Er habe laengst bemerkt, wie die "Patrona" unter seinem
+unwuerdigen Dach zu leiden und mancherlei Ungemach schon durch seine
+Hantierung - er war seines Zeichens Steinmetz - zu erdulden gehabt und so
+habe er denn an den letzten Calenden ein kleines, freilich nur ein ganz
+kleines, Guetchen mit einem noch kleineren Haeuschen gekauft, droben im
+Gebirge bei Tifernum. Freilich, an die Villa bei Florentia duerften sie
+dabei nicht denken: aber es riesele doch auch dort ein selbst unter dem
+Sirius nicht versiegender Waldquell, Eichen und Kornellen gaeben breiten
+Schatten, um den verfallnen Faunustempel wuchre ueppig der Epheu und im
+Garten habe er Rosen, Veilchen und Lilien pflanzen lassen, wie sie Domna
+Kamilla liebe und so moechten sie denn Maultier und Saenfte besteigen und
+wie andre Edelfrauen ihre Villa beziehen.
+
+Die Frauen, von dieser Treue des Alten geruehrt, nahmen dankbar seine Guete
+an und Kamilla, die sich in kindlicher Genuegsamkeit auf die kleine
+Veraenderung freute, war heiterer, belebter als je seit dem Tod ihres
+Vaters.
+
+Ungeduldig draengte sie zum Aufbruch und eilte noch am selben Tage mit
+Corbulo und Daphnidion, dessen Tochter, voraus, Rusticiana sollte mit den
+Sklaven und dem Gepaeck so bald als moeglich folgen.
+
+Die Sonne sank schon hinter die Huegel von Tifernum, als Corbulo, Kamillens
+Maultier am Zuegel fuehrend, aus den Waldhoehen auf die Lichtung gelangte,
+von wo aus man das Guetchen zuerst wahrnehmen konnte. Laengst hatte er sich
+auf die Ueberraschung des Kindes gefreut, wenn er ihr von hier aus das
+anmutig gelegene Haus zeigen wuerde.
+
+Aber erstaunt blieb er stehen: - er hielt die Hand vor die Augen, ob ihn
+die Abendsonne blende, er sah umher, ob er denn nicht an der rechten
+Stelle: aber kein Zweifel! da stand ja an dem Rain, wo Wald und Wiese sich
+beruehrten, der graue Markstein in Gestalt des alten Grenzgottes Terminus
+mit seinem spitz zulaufenden Kopf: der rechte Ort war es, aber das
+Haeuschen nicht zu sehen: vielmehr an seiner Stelle eine dichte Gruppe von
+Pinien und Platanen: und auch sonst war die ganze Umgebung veraendert: da
+standen gruene Hecken und Blumenbeete, wo sonst Kohl und Rueben, und ein
+zierlicher Pavillon prangte, wo bisher Sandgruben und die Landstrasse sein
+bescheidnes Gebiet begrenzt hatten.
+
+"Die Mutter Gottes steh' mir bei und alle obern Goetter!" rief der
+Steinmetz, "bin ich verzaubert oder die Gegend? Aber Zauber ist los!"
+Seine Tochter reichte ihm eifrig das Amulet, das sie am Guertel trug: aber
+Aufschluss konnte sie nicht geben, da sie zum erstenmal das neue Besitztum
+betrat und so blieb nichts uebrig, als das Maultier zur groessten Eile zu
+treiben und springend und rufend begleiteten Vater und Tochter den Trab
+des Grauchens die Wiesenhaenge hinunter.
+
+Als sie nun naeher kamen, fand Corbulo allerdings hinter der Baumgruppe das
+Haus, das er gekauft: aber so verjuengt, erneuert, verschoent, dass er es
+kaum erkannte.
+
+Sein Staunen ueber die Umwandlung der ganzen Gegend stieg aufs neue zu
+aberglaeubischer Furcht: offnen Mundes blieb er zuletzt stehen, liess die
+Zuegel fallen und begann eine wieder seltsam gemischte Reihe von
+christlichen und heidnischen Ausrufen, als ploetzlich Kamilla ebenso
+ueberrascht ausrief: "Aber das ist ja der Garten, wo wir gewohnt, das
+Viridarium des Honorius zu Ravenna, dieselben Baeume, dieselben
+Blumenbeete, und auch an jenem Teich, wie zu Ravenna am Meeresufer, der
+Tempel der Venus! o wie schoen, welche Erinnerung! Corbulo, wie hast du das
+angefangen?" Und Thraenen freudiger Ruehrung traten in ihre Augen. - "So
+sollen mich alle Teufel peinigen und Lemuren, wenn ich das angefangen
+habe. Doch da kommt Cappadox mit seinem Klumpfuss, der ist also nicht mit
+verhext. Rede, du Cyklope, was ist hier geschehen?"
+
+Der riesige Cappadox, ein breitschultriger Sklave, humpelte mit
+ungeschlachtem Laecheln heran und erzaehlte nach vielen Fragen und
+Unterbrechungen des Staunens eine raetselhafte Geschichte. Vor drei Wochen
+etwa, wenige Tage nachdem Cappadox auf das Gut geschickt war, es fuer
+seinen Herrn, der auf laengere Zeit in die Marmorbrueche von Luna verreist
+war, zu verwalten, kam von Tifernum her ein vornehmer Roemer mit einem Tross
+von Sklaven und Arbeitern und mit hochbepackten Lastwagen an. Er fragte,
+ob dies die Besitzung sei, welche der Steinmetz Corbulo von Perusia fuer
+die Witwe des Boethius gekauft. Und als dies bejaht wurde, gab er sich als
+den Hortulanus Prinzeps d. h. als Oberintendanten der Gaerten zu Ravenna zu
+erkennen. Ein alter Freund des Boethius, der aus Furcht vor den gotischen
+Tyrannen seinen Namen nicht zu nennen wage, wuensche, sich insgeheim der
+Verfolgten anzunehmen und habe ihm den Auftrag gegeben, den Aufenthalt
+derselben mit allen Mitteln seiner Kunst zu schmuecken und zu verschoenern.
+Der Sklave duerfe die beabsichtigte Ueberraschung nicht verderben und halb
+mit Guete, halb mit Gewalt hielt man den staunenden Cappadox auf der Villa
+fest. Der Intendant aber entwarf sofort seinen Plan und seine Arbeiter
+gingen unverzueglich ans Werk.
+
+Viele benachbarte Grundstuecke wurden zu hohen Preisen hinzugekauft und nun
+hob an ein Niederreissen und Bauen, ein Pflanzen und Graben, ein Haemmern
+und Klopfen, ein Putzen und Malen, dass dem guten Cappadox Hoeren und Sehen
+verging. Wollte er fragen und drein reden, so lachten ihm die Arbeiter ins
+Gesicht. Wollte er sich davon machen, so winkte der Intendant und ein halb
+Dutzend Faeuste hielten ihn fest. "Und" - schloss der Erzaehler - "so ging's
+bis vorgestern Morgen. Da waren sie fertig und zogen davon.
+
+Anfangs war mir angst und bang, da ich die kostspieligen Herrlichkeiten
+aus dem Boden wachsen sah. Ich dachte: am Ende, wenn Meister Corbulo das
+alles bezahlen soll, dann weh ueber meinen Ruecken! Und ich wollte dir's
+melden. Aber sie liessen mich nicht und obenein wusst' ich dich fern von
+Haus. Und wie ich nachgerade das unsinnig viele Geld des Intendanten
+verspuerte und wie der mit den Goldstuecken um sich warf wie die Kinder mit
+Kieseln, siehe, da beruhigte sich allmaehlich mein Gemuete und ich liess
+alles gehen wie es ging. Nun, o Herr, weiss ich wohl: du kannst mich
+dennoch in den Block setzen und pruegeln lassen. Mit der Rebe oder sogar
+mit dem Skorpion. Du kannst es. Denn warum? du bist der Herr und Cappadox
+der Knecht. Aber gerecht, Herr, waere es kaum! bei allen Heiligen und allen
+Goettern! Denn du hast mich gesetzt ueber ein Paar Kohlfelder und siehe, sie
+sind geworden ein Kaisergarten unter meiner Hand."
+
+Kamilla war laengst abgestiegen und davongeschluepft, ehe der Sklave zu
+Ende. Mit vor Freude hochklopfendem Herzen durcheilte sie den Garten, die
+Lauben, das Haus: sie schwebte wie auf Fluegeln, kaum konnte ihr die flinke
+Daphnidion folgen. Ein Ausruf der Ueberraschung des freudigen Schreckens
+jagte den andern: so oft sie um eine Ecke des Weges, um eine Baumgruppe,
+bog, wieder und wieder stand ein Bild aus jenem Garten von Ravenna vor
+ihrem entzueckten Auge. Als sie aber ins Haus gelangte und ein kleines
+Gemach desselben genau so bemalt, ausgeruestet, geschmueckt fand wie jener
+Raum im Kaiserschloss gewesen war, in dem sie die letzten Tage der Kindheit
+verspielt und die ersten Traeume des Maedchens getraeumt, dieselben Bilder
+auf den bastgeflochtnen Vorhaengen, die gleichen Vasen und zierlichen
+Citruskaestchen und auf dem gleichen Schildpatttischchen ihre kleine
+zierliche Lieblingsharfe mit den Schwanenfluegeln, da, ueberwaeltigt von so
+vielen Erinnerungen, und noch mehr von dem Gefuehl des Dankes gegen so
+zarte Freundschaft, sank sie schluchzend in freudiger Wehmut auf den
+weichen Teppichen des Lectus zusammen. Kaum konnte sie Daphnidion
+beruhigen. "Es giebt noch edle Herzen, noch Freunde fuer das Haus des
+Boethius," rief sie wieder und wieder. Und sie sandte das innigste Gebet
+des Dankes gegen Himmel. -
+
+Als am Tage darauf die Mutter eintraf, war sie kaum weniger ergriffen von
+der seltsamen Ueberraschung.
+
+Sogleich schrieb sie nach Rom an Cethegus und fragte, welcher Freund ihres
+Gatten wohl in diesem geheimnisvollen Wohlthaeter zu suchen sei? Es war ihr
+eine stille Hoffnung, an ihn selbst dabei zu denken. Aber der Praefekt
+schuettelte nachdenklich den Kopf ueber ihren Brief und schrieb ihr zurueck:
+er kenne niemand, an den ihn diese zartfuehlende Weise mahnen koenne. Sie
+moege scharf jede Spur beachten, die zur Loesung des Raetsels fuehren koenne.
+
+Es sollte sich bald genug enthuellen. -
+
+Kamilla wurde nicht muede, den Garten zu durchstreifen und immer neue
+Aehnlichkeiten mit seinem trauten Vorbild zu entdecken. Oft fuehrten sie
+diese Gaenge ueber den Park hinaus und in den anstossenden Bergwald. Dabei
+pflegte sie die muntre Daphnidion zu begleiten, die ihr gleiche Jugend und
+treue Anhaenglichkeit rasch zur Vertrauten gemacht. Wiederholt hatte diese
+der Patrona bemerkt, ein Waldgeist muesse ihnen nachschleichen. Denn
+vielfach knacke es hoerbar in den Bueschen und rausche im Grase hinter oder
+neben ihnen. Und doch sei nirgends Mensch oder Tier zu sehen. Aber Kamilla
+lachte ihres Aberglaubens und noetigte sie immer wieder in die gruenen
+Schatten der Ulmen und Platanen hinaus.
+
+Eines Tages entdeckten die Maedchen, vor der Hitze tiefer und tiefer in die
+Kuehle des Waldes fluechtend, eine lebhafte Quelle, die reichlich und klar
+von dunkeln Porphyrfelsen traufte. Doch sie rieselte ohne bestimmtes
+Rinnsal und muehsam mussten die Durstenden die einzelnen Silbertropfen
+erhaschen. "Wie Schade," rief Kamilla, "um das koestliche Nass! Da haettest
+du die Tritonenquelle sehen sollen im Pinetum zu Ravenna. Wie anmutig
+sprudelte der Strahl aus den aufgeblasenen Backen des bronzenen Meergotts
+und fiel gesammelt in eine breite Muschel von braunem Marmor, wie Schade!"
+Und sie gingen weiter.
+
+Nach einigen Tagen kamen beide wieder an die Stelle.
+
+Daphnidion, die voranschritt, blieb ploetzlich laut aufschreiend stehen und
+wies sprachlos mit dem Finger auf die Quelle. Der Waldquell war gefasst.
+Aus einem bronzenen Tritonenkopf sprudelte der Strahl in eine zierliche
+Muschel von braunem Marmor. Daphnidion, jetzt fest an Geisterspuk
+glaubend, wandte sich ohne weiteres zur Flucht: sie floh mit den Haenden
+vor den Augen, die Waldgeister nicht zu sehen, was fuer hoechst gefaehrlich
+galt, nach dem Hause zu, der Herrin laut rufend, ihr zu folgen. Aber
+Kamilla durchzuckte der Gedanke: der Lauscher, der uns neulich hierher
+gefolgt, ist gewiss auch jetzt in der Naehe, sich an unsrem Staunen zu
+weiden. Scharf sah sie umher: an einem wilden Rosenbusch fielen die Blueten
+von schwankenden Zweigen zur Erde. Rasch schritt sie auf das Dickicht zu.
+Und sieh, aus dem Gebuesch trat ihr mit Jagdtasche und Wurfspeer ein junger
+Jaeger entgegen.
+
+"Ich bin entdeckt," sagte er mit leiser, schuechterner Stimme, anmutig in
+seiner Beschaemung.
+
+Aber mit einem Schreckensruf fuhr Kamilla zurueck: "Athalarich" - stammelte
+sie - "der Koenig!"
+
+Eine ganze Meerflut von Gedanken und Gefuehlen wogte ihr durch Haupt und
+Herz, und halb ohnmaechtig sank sie auf den Rasenhang neben der Quelle. Der
+junge Koenig stand in Schrecken und Entzuecken sprachlos einige Sekunden vor
+der hingegossenen zarten Gestalt: durstig sog sein brennendes Auge die
+schoenen Zuege, die edeln Formen ein: fluechtiges Rot schoss zuckend wie
+Blitze ueber sein bleiches Gesicht. "O sie - sie ist mein heisser Tod" -
+hauchte er, endlich beide Haende an das pochende Herz drueckend - "jetzt
+sterben, - sterben mit ihr."
+
+Da regte sie den Arm. Das brachte ihn zur Besinnung zurueck. Er kniete
+neben ihr nieder und sprengte das kuehle Nass des Brunnens auf ihre Schlaefe.
+Sie schlug die Augen auf: "Barbar - Moerder!" schrie sie gellend, stiess
+seine Hand zurueck, sprang auf und floh wie ein gescheuchtes Reh hinweg.
+
+Athalarich folgte ihr nicht. "Barbar - Moerder," hauchte er in tiefstem
+Schmerz vor sich hin. Und er verbarg die gluehende Stirn in den Haenden.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+
+Kamilla kam in so hoher Aufregung nach Hause, dass Daphnidion sich's nicht
+nehmen liess, die Domna muesse die Nymphen oder gar den altehrwuerdigen
+Waldgott Picus selbst gesehen haben.
+
+Aber das Maedchen warf sich in wilder Bewegung in die Arme der
+erschrockenen Mutter. Der Kampf verworrener Gefuehle loeste sich in einem
+Strom von heissen Thraenen und erst spaet vermochte sie, den besorgten Fragen
+Rusticianas Antworten und Aufschluss zu geben.
+
+In der tiefen Seele dieses Kindes wogte ein schweres Ringen.
+
+Es war dem am Hofe zu Ravenna heranreifenden Maedchen nicht ganz entgangen,
+dass der schoene, bleiche Knabe oft mit seltsamem, traeumendem Blick die
+dunkeln Augen auf ihr ruhen liess, dass er wie mit Andacht dem Tonfall ihrer
+Stimme lauschte. Aber niemals war diese Ahnung inneren Wohlgefallens ihr
+bestimmt ins Bewusstsein getreten; der Prinz, scheu und verschlossen, hatte
+die Augen niedergeschlagen, wenn sie ihn ueber einem solchen Blick ertappte
+und ihn unbefangen fragend ansah: waren sie doch beide damals beinahe noch
+Kinder. Sie wusste nicht zu nennen, was in Athalarich vorging - kaum wusste
+er es selbst - und nie war es ihr eingefallen, nachzudenken, warum auch
+sie gern in seiner Naehe lebte, gern dem kuehnen, von der Art aller andrer
+Gespielen abweichenden Flug seiner Gedanken oder Phantasien folgte, gern
+auch schweigend neben dem Schweigenden im Abendlicht durch die stillen
+Gaerten wandelte, wo er oft mitten aus seinen Traeumereien abgerissene, aber
+immer sinnige Worte zu ihr sprach, deren Poesie, die Poesie
+schwaermerischer Jugend, sie so voellig verstand und wuerdigte.
+
+In das zarte Weben dieser knospenden Neigung schlug nun die Katastrophe
+ihres ueber alles geliebten Vaters.
+
+Und nicht nur sanfte Trauer um den Gemordeten, gluehender Hass gegen die
+Moerder ergriff die Seele der leidenschaftlichen Roemerin. Von jeher hatte
+Boethius, selbst in der Zeit seiner hoechsten Gunst am Hofe, ein
+hochmuetiges Herabsehen auf das Barbarentum der Goten zur Schau getragen,
+und seit seinem Untergang atmete natuerlich die ganze Umgebung Kamillas,
+die Mutter, die beiden racheduerstenden Brueder, die Freunde des Hauses nur
+Hass und Verachtung: nicht nur gegen den blutigen Moerder und Tyrannen
+Theoderich, nein, gegen alle Goten und vorab gegen Tochter und Enkel des
+Koenigs, die seine Schuld zu teilen schienen, weil sie dieselbe nicht
+verhindert. So hatte das Maedchen Athalarichs fast gar nicht mehr gedacht.
+Und wann er genannt wurde oder wann, was ihr manchmal begegnete, sein Bild
+im Traume vor ihre Seele trat, so gipfelte all' ihr Hass gegen die Barbaren
+in hoechstem Abscheu gegen ihn. Vielleicht gerade deshalb, weil im
+geheimsten Grund ihres Herzens jetzt eine widerstrebende Ahnung von jener
+Neigung zitterte, die sie zu dem schoenen Koenigssohn gezogen. -
+
+Und nun - nun hatte es der Frevler gewagt, ihr argloses Herz mit
+tueckischem Streich zu treffen!
+
+Sie hatte, sowie sie ihn aus dem Dickicht schreiten sah, sowie sie ihn
+erkannte, blitzschnell erfasst, dass er es war, der, wie die Fassung der
+Quelle, so die Umgestaltung der ganzen Villa geschaffen. Er, der verhasste
+Feind, der Spross des verfluchten Geschlechts, an welchem das Blut ihres
+Vaters klebte, der Koenig der Barbaren! All die Freuden, mit welchen sie in
+diesen Tagen Haus und Garten durchmustert, brannten jetzt wie gluehend Erz
+auf ihrer Seele. Der Todfeind ihres Volkes, ihres Geschlechts, hatte
+gewagt, sie zu beschenken, zu erfreuen, zu begluecken. Fuer ihn hatte sie
+Dankgebete zum Himmel gesandt. Er hatte sich erkuehnt, ihren Schritten zu
+folgen, ihre Worte zu belauschen, ihre leisesten Wuensche zu erfuellen: -
+und im Hintergrund ihrer Seele stand, schrecklicher als all' dies, der
+Gedanke, warum er das gethan. Er liebte sie! Der Barbar erkuehnte sich, es
+ihr zu zeigen. Der Tyrann Italiens, er wagte wohl gar zu hoffen, dass des
+Boethius Tochter -
+
+O es war zu viel! und schmerzlich schluchzend barg sie das Haupt in den
+Kissen ihres Lagers, bis dumpfer Schlaf der Erschoepfung auf sie
+niedersank. Alsbald erschien der eilig herbeigerufene Cethegus bei den
+ratlosen Frauen. Rusticiana hatte ihrem wie Kamillens erstem Gefuehle
+folgen, sofort die Villa und die verhasste Naehe des Koenigs fliehen und ihr
+Kind jenseit der Alpen bergen wollen. Aber der Zustand Kamillas hatte
+bisher den Aufbruch verhindert und sowie der Praefekt das Haus betrat,
+schien sich die Flamme der Aufregung vor seinem kalten Blick zu legen. Er
+nahm Rusticianen allein mit sich in den Garten: ruhig und aufmerksam hoerte
+er daselbst, den Ruecken an einen Lorberstamm gelehnt, das Kinn in die
+linke Hand gestuetzt, ihrer leidenschaftlichen Erzaehlung zu.
+
+"Und nun rede," schloss sie, "was soll ich thun? Wie soll ich mein armes
+Kind retten? wohin sie bringen?"
+
+Cethegus schlug die Augen auf, die er, wie er bei angestrengtem Nachsinnen
+pflegte, halb geschlossen hatte.
+
+"Wohin Kamilla bringen?" sagte er. "An den Hof, nach Ravenna."
+
+Rusticiana fuhr empor: "Wozu jetzt der giftige Scherz!"
+
+Aber Cethegus richtete sich rasch auf.
+
+"Es ist mein Ernst. Still - hoere mich. Kein gnaedigeres Geschenk hat das
+Schicksal, das die Barbaren verderben will, in unsren Weg legen koennen. Du
+weisst, wie voellig ich die Regentin beherrsche.
+
+Aber nicht weisst du, wie voellig machtlos ich bin ueber jenen eigensinnigen
+Schwaermer. Es ist raetselhaft. Der kranke Juengling ist im ganzen Gotenvolk
+der einzige, der mich, wenn nicht durchschaut, doch ahnt. Und ich weiss
+nicht, ob er mich mehr fuerchtet oder mehr hasst. Das waere mir ziemlich
+gleichgueltig, wenn der Verwegne mir nicht sehr entschieden und sehr
+erfolgreich entgegenarbeitete. Sein Wort wiegt natuerlich schwer bei seiner
+Mutter. Oft schwerer als das meine. Und er wird immer aelter, reifer,
+gefaehrlicher. Sein Geist ueberfluegelt maechtig seine Jahre. Er nimmt
+ernstlichen Teil an den Beratungen der Regentschaft. Jedesmal spricht er
+gegen mich. Oft siegt er. Erst neulich hat er es gegen mich durchgesetzt,
+dass der schwarzgallige Teja den Befehl der gotischen Truppen in Rom
+erhielt, in meinem Rom! Kurz, der junge Koenig wird hoechst gefaehrlich. Und
+ich hatte bisher nicht einen Schatten von Gewalt ueber ihn. Zu seinem
+Verderben liebt er Kamilla. Durch sie wollen wir den Unbeherrschbaren
+beherrschen."
+
+"Nimmermehr!" rief Rusticiana. "Nie, so lang ich atme. Ich an den Hof des
+Tyrannen! Mein Kind die Geliebte Athalarichs! des Boethius Tochter! Sein
+blutger Schatte wuerde -"
+
+"Willst du diesen Schatten raechen? Ja! willst du die Goten verderben? Ja!
+Also musst du wollen, was dahin fuehrt." - "Nie, bei meinem Eide!" - "Weib,
+reize mich nicht. Trotze mir nicht. Du kennst mich! Bei deinem Eide! Wie?
+Hast du mir nicht Gehorsam geschworen, blinden, unbedingten, wie ich dir
+Rache verheissen? Hast du's nicht geschworen auf die Gebeine der Heiligen,
+dich und deine Kinder verflucht fuer den Eidbruch? Man sieht sich vor bei
+euch Weibern. Gehorche oder zittre fuer deine Seele."
+
+"Entsetzlicher! Soll ich all meinen Hass dir, deinen Plaenen opfern?"
+
+"Mir? Wer spricht von mir? _Deine_ Sache fuehr' ich. _Deine_ Rache vollend'
+ich: _Mir_ haben die Goten nichts zuleid gethan. _Du_ hast mich aufgestoert
+von meinen Buechern. Du hast mich aufgerufen, diese Amaler zu vernichten.
+Willst du nicht mehr? Auch gut! Ich kehre zurueck zu Horatius und der Stoa!
+Leb wohl."
+
+"Bleib, bleibe. Aber soll denn Kamilla das Opfer werden?"
+
+"Wahnsinn! Athalarich soll es werden. Sie soll ihn ja nicht lieben, sie
+soll ihn nur beherrschen. Oder," fuegte er, sie scharf ansehend, hinzu,
+"fuerchtest du fuer ihr Herz?" - "Deine Zunge erlahme! Meine Tochter? _ihn_
+lieben? eher erwuerg' ich sie mit diesen Haenden."
+
+Aber Cethegus war nachdenklich geworden.
+
+Es ist nicht um das Maedchen, sagte er zu sich selbst. Was liegt an ihr!
+Aber wenn sie ihn liebt - und der Gote ist schoen, geistvoll, schwaermerisch
+.... "Wo ist deine Tochter?" fragte er laut.
+
+"Im Frauengemach. Auch wenn ich wollte, sie wuerde nie einwilligen, nie."
+
+"Wir wollen's versuchen. Ich gehe zu ihr."
+
+Und sie traten ins Haus. Rusticiana wollte mit ihm in das Gemach. Aber
+Cethegus wies sie zurueck.
+
+"Allein muss ich sie haben!" sprach er und schritt durch den Vorhang. Bei
+seinem Anblick erhob sich das schoene Maedchen von den Teppichen, auf denen
+sie in ratlosem Sinnen geruht. Gewoehnt, in dem klugen, beherrschenden
+Mann, dem Freund ihres Vaters, stets einen Berater und Helfer zu finden,
+begruesste sie ihn vertrauend wie die Kranke den Arzt.
+
+"Du weisst, Cethegus?" - "Alles." - "Und du bringst mir Hilfe." - "Rache
+bring ich dir, Kamilla!"
+
+Das war ein neuer, ein maechtig ergreifender Gedanke! Nur Flucht, Rettung
+aus dieser qualvollen Lage hatten ihr bisher vorgeschwebt. Hoechstens eine
+zornige Abweisung der koeniglichen Geschenke. Aber jetzt Rache! Vergeltung
+fuer die Schmerzen dieser Stunden! Rache fuer die erlittene Schmach! Rache
+an den Moerdern ihres Vaters! Ihre Wunden waren frisch. Und in ihren Adern
+kochte das heisse Blut des Suedens. Ihr Herz frohlockte ueber Cethegus' Wort!
+
+"Rache? wer wird mich raechen? du?" - "Du dich selbst! Das ist suesser."
+
+Ihre Augen blitzten. "An wem?" - "An ihm. An seinem Haus. An allen unsern
+Feinden." - "Wie kann ich das? Ein schwaches Maedchen?" - "Hoere auf mich,
+Kamilla. Nur dir, nur des edeln Boethius edler Tochter sag ich, was ich
+sonst keinem Weib der Erde vertrauen wuerde. Es besteht ein starker Bund
+von Patrioten, der die Herrschaft der Barbaren spurlos austilgen wird aus
+diesem Lande: das Schwert der Rache haengt ueber den Haeuptern der Tyrannen.
+Das Vaterland, der Schatte deines Vaters beruft dich, es herabzustuerzen."
+
+"Mich? ich - meinen Vater raechen? sprich!" rief hochergluehend das Maedchen,
+die schwarzen Haare aus den Schlaefen streichend. "Es gilt ein Opfer. Rom
+fordert es." - "Mein Blut, mein Leben! wie Virginia will ich sterben." -
+"Du sollst leben, den Sieg zu schauen. Der Koenig liebt dich. Du musst nach
+Ravenna. An den Hof. Du musst ihn verderben. Durch diese Liebe. Wir alle
+haben keine Macht ueber ihn. Nur du hast Gewalt ueber seine Seele. Du sollst
+dich raechen und ihn vernichten."
+
+"Ihn vernichten?!" - Seltsam bewegt klang die leise Frage; ihr Busen
+wogte, ihre Stimme bebte in der Mischung ringender Gefuehle, Thraenen
+brachen aus ihren Augen, sie verbarg das Gesicht in den Haenden. - Cethegus
+stand auf. "Vergieb," sagte er. "Ich gehe. Ich wusste nicht, - - dass du den
+Koenig liebst."
+
+Ein Weheschrei des Zornes wie bei physischem Schmerz drang aus des
+Maedchens Brust. Sie sprang auf und fasste ihn an der Schulter:
+
+"Mann, wer sagt das? Ich hasse ihn! Hasse ihn, wie ich nie gewusst, dass ich
+hassen kann." - "So beweis' es. Denn ich glaub' es dir nicht." - "Ich will
+dir's beweisen!" rief sie. "Sterben soll er! Er soll nicht leben!"
+
+Sie warf das Haupt zurueck, wild funkelten die blitzenden Augen, ihr
+schwarzes Haar flog um die weissen Schultern.
+
+Sie liebt ihn, dachte Cethegus. Aber es schadet nicht. Denn sie weiss es
+noch nicht. Sie hasst ihn daneben. Und das allein weiss sie. Es wird gehn.
+
+"Er soll nicht leben," wiederholte sie. "Du sollst sehen," lachte sie,
+"wie ich ihn liebe! Was soll ich thun?" - "Mir folgen in allem." - "Und
+was versprichst du mir dafuer? was soll er erleiden?" - "Verzehrende Liebe
+bis zum Tod." - "Liebe zu mir? ja, ja, das soll er!" - "Er, sein Haus,
+sein Reich soll fallen."
+
+"Und er wird wissen, dass durch mich -?" - "Er soll es wissen. Wann reisen
+wir nach Ravenna?"
+
+"Morgen! Nein, heute noch." Sie hielt inne und fasste seine Hand:
+"Cethegus, sage, bin ich schoen?"
+
+"Der Schoensten eine."
+
+"Ha!" rief sie, die losgegangenen Locken schuettelnd. "Er soll mich lieben
+und verderben! Fort nach Ravenna! Ich will ihn sehen, ich muss ihn sehen!"
+Und sie stuermte aus dem Gemach. - Sie sehnte sich mit ganzer Seele, bei
+Athalarich zu sein.
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+
+Noch am naemlichen Tage wurde die kleine Villa verlassen und der Weg nach
+der Koenigsstadt angetreten.
+
+Cethegus schickte einen Eilboten voraus mit einem Brief Rusticianas an die
+Regentin. Die Witwe des Boethius erklaerte darin, dass sie die durch
+Vermittelung des Praefekten von Rom wiederholt angebotene Rueckberufung an
+den Hof nunmehr anzunehmen bereit sei. Nicht als eine That der Gnade,
+sondern der Suehne, als ein Zeichen, dass die Erben Theoderichs dessen
+Unrecht an den Verblichenen gut machen wollten.
+
+Diese stolze Sprache war wie aus Rusticianas tiefstem Herzen und Cethegus
+wusste, dass solches Auftreten nicht schaden, nur alle verdaechtige Auslegung
+der raschen Umstimmung ausschliessen werde. Unterwegs noch traf die
+Reisenden die Antwort der Koenigin, die sie am Hof willkommen hiess. In
+Ravenna angelangt wurden sie von der Fuerstin aufs ehrenvollste empfangen,
+mit Sklaven und Sklavinnen umgeben und in dieselben Raeume des Palastes
+eingefuehrt, die sie ehedem bewohnt. Freudig begruessten sie die Roemer.
+
+Aber der Zorn der Goten, die in Boethius und Symmachus undankbare Verraeter
+verabscheuten, wurde durch diese Massregeln, die eine stillschweigende
+Verurteilung Theoderichs zu enthalten schienen, schwer gereizt. Die
+letzten Freunde des grossen Koenigs verliessen grollend den verwelschten
+Hof. -
+
+Einstweilen hatten die Zeit, die Zerstreuungen der Reise und der Ankunft
+Kamillas Aufregung gemildert. Und ihr Zorn konnte sich um so eher
+beschwichtigen als ihr viele Wochen zu Ravenna verstrichen, ehe sie
+Athalarich begegnete. Denn der junge Koenig war gefaehrlich erkrankt.
+
+Am Hof erzaehlte man, er habe bei einem Aufenthalt zu Aretium, - er wollte
+dort, mit geringer Begleitung, der Bergluft, der Baeder und der Jagd
+geniessen - in den Waeldern von Tifernum in der Hitze der Jagd einen kalten
+Trunk aus einer Felsenquelle gethan und sich dadurch einen heftigen Anfall
+seines alten Leidens zugezogen.
+
+Thatsache war, dass ihn sein Gefolge an jener Quelle bewusstlos
+niedergesunken gefunden hatte.
+
+Die Wirkung dieser Erzaehlung auf Kamilla war seltsam. Zu dem Hass gegen
+Athalarich trat jetzt ein Zug von leisem Bedauern. Ja eine Art von
+Selbstanklage. Aber andrerseits dankte sie dem Himmel, dass durch diese
+Krankheit eine Begegnung hinausgeschoben wurde, die sie jetzt in Ravenna
+nicht minder fuerchtete als sie dieselbe, da sie noch fern von ihm in
+Tifernum war, lebhaft herbeigewuenscht hatte. Und wenn sie jetzt in den
+weiten Anlagen des herrlichen Schlossgartens einsam wandelte, hatte sie
+immer und immer wieder zu bewundern, mit welcher Sorgfalt das kleine
+Guetchen des Corbulo diesem Muster nachgebildet worden war.
+
+Tage und Wochen vergingen.
+
+Man vernahm nichts von dem Kranken, als dass er zwar auf dem Weg der
+Besserung, aber noch streng an seine Gemaecher gebunden sei. Aerzte und
+Hofleute, die ihn umgaben, priesen ihr oft seine Geduld und Kraft in den
+heftigsten Schmerzen, seine Dankbarkeit fuer jeden kleinen Liebesdienst,
+seine edle Milde. Aber wenn sie ihr Herz ertappte, wie gern es diesen
+Lobesworten lauschte, sagte sie heftig zu sich selbst:
+
+"Und meines Vaters Ermordung hat er nicht gehindert!" und ihre Brauen
+zogen sich zusammen und sie legte heimlich die geballte Faust auf das
+pochende Herz.
+
+In einer heissen Nacht war Kamilla nach langem friedlosen Wachen endlich
+gegen Morgen in unruhigen Schlaf gesunken. Angstvolle Traeume quaelten sie.
+Ihr war, als senke sich die Decke des Gemaches mit ihren Reliefgestalten
+auf sie nieder. Gerade ueber ihrem Haupte war ein jugendlich schoener
+Hypnos, der sanfte Gott des Schlafes, von hellenischer Hand gebildet,
+angebracht.
+
+Ihr traeumte, der Schlafgott nehme die ernsteren, trauervollen Zuege seines
+bleichen Bruders Thanatos an.
+
+Langsam und leise senkte der Gott des Todes sein Antlitz auf sie nieder. -
+Immer naeher rueckte er. - Immer bestimmter wurden seine Zuege. - Schon
+fuehlte sie den Hauch seines Atems auf ihrer Stirn. - Schon beruehrten fast
+die feinen Lippen ihren Mund. - Da erkannte sie mit Entsetzen die bleichen
+Zuege, das dunkle Auge. - Es war Athalarich - dieser Todesgott. - Mit einem
+Schrei fuhr sie empor.
+
+Die zierliche Silberlampe war laengst erloschen. Es daemmerte im Gemach.
+
+Ein rotes Licht drang gedaempft durch das Fenster von Frauenglas. Sie erhob
+sich und oeffnete es; die Haehne kraehten, die Sonne tauchte mit den ersten
+Strahlenspitzen aus dem Meer, auf das sie, ueber den Schlossgarten hinweg,
+freien Ausblick hatte. Es litt sie nicht mehr in dem schwuelen Gemach.
+
+Sie schlug den faltigen Mantel um die Schultern und eilte leise, leise aus
+dem noch schlummernden Palast ueber die Marmorstufen in den Garten, aus dem
+ihr erfrischender Morgenwind von der nahen See her entgegenwehte. Sie
+eilte der Sonne und dem Meere zu. Denn im Osten stiess der Garten des
+Kaiserpalastes mit seinen hohen Mauern unmittelbar an die blauen Wellen
+der Adria. Ein vergoldetes Gitterthor und jenseit desselben zehn breite
+Stufen von weissem hymettischem Marmor fuehrten hinab zu dem kleinen Hafen
+des Gartens, in welchem die schwanken Gondeln mit leichten Rudern und dem
+dreieckigen lateinischen Segel von Purpurlinnen schaukelten, mit silbernen
+Kettchen an den zierlichen Widderkoepfen von Erz befestigt, die links und
+rechts aus dem Marmorquai hervorragten. Diesseit des Gitterthors, nach dem
+Garten zu, fanden die Anlagen ihren Abschluss in einer geraeumigen Rundung,
+die von weit schattenden Pinien dicht umfriedet war. Ihre Bodenflaeche, von
+ueppigem, sorgfaeltig gezognem Graswuchs bedeckt, wurde von reinlichen Wegen
+durchschnitten und von reichen Beten stark duftender Blumen unterbrochen.
+Eine Quelle, zierlich gefasst, rieselte den Abhang hinab in das Meer. Die
+Mitte des Platzes bildete ein kleiner, altersgrauer Venustempel, den eine
+einsame Palme hochwipflig ueberragte, indes brennendroter Steinbrech in den
+leeren Halbnischen seiner Aussenwaende prangte. Vor seiner laengst
+geschlossenen Pforte stand zur Rechten ein eherner Aeneas. Der Julius Caesar
+zur Linken war schon vor Jahrhunderten zusammengestuerzt. Theoderich hatte
+auf dem Postament ein Erzbild des Amala errichten lassen, des mythischen
+Stammvaters seines Hauses. Hier, zwischen diesen Statuen, an den
+Eingangsstufen des kleinen Fanum genoss man des herrlichsten Blickes durch
+das Gitterthor auf das Meer mit seinen buschigen Laguneninseln und einer
+Gruppe von scharfkantigen malerischen Felsklippen, "die Nadeln der
+Amphitrite" genannt.
+
+Es war ein alter Lieblingsort Kamillas.
+
+Und hierher lenkte sie jetzt die leichten Schritte, den reichen Tau von
+dem hohen Grase streifend, wie sie mit leis gehobnem Gewand durch die
+schmalen Wieswege eilte. Sie wollte die Sonne ueber das Meer hin aufgluehen
+sehen. Sie kam von der Rueckseite des Tempels, ging an dessen linker Seite
+hin und trat eben auf die erste der Stufen, die von seiner Stirn zu dem
+Gitter hinabfuehrten, als sie rechts, auf der zweiten Stufe, halb sitzend,
+halb liegend, eine weisse Gestalt erblickte, die, das Haupt an die Treppe
+gelehnt, das Antlitz dem Meere zuwandte.
+
+Aber sie erkannte das braune, das seidenglaenzende Haar: es war der junge
+Koenig.
+
+Die Begegnung war so ploetzlich, dass an Ausweichen nicht zu denken. Wie
+angewurzelt hielt das Maedchen auf der ersten Stufe. Athalarich sprang auf
+und wandte sich rasch. Eine helle Roete flammte ueber sein marmorbleiches
+Gesicht. Doch fasste er sich zuerst von beiden und sprach:
+
+"Vergieb, Kamilla. Ich konnte dich nicht hier erwarten. Zu dieser Stunde.
+Ich gehe. Und lasse dich allein mit der Sonne." Und er schlug den weissen
+Mantel ueber die linke Schulter. "Bleib, Koenig der Goten. Ich habe nicht
+das Recht, dich zu verscheuchen - und nicht die Absicht," fuegte sie bei.
+
+Athalarich trat einen Schritt naeher. "Ich danke dir. Aber ich bitte dich
+um eins," setzte er laechelnd hinzu, "verrate mich nicht an meine Aerzte, an
+meine Mutter. Sie sperren mich den ganzen Tag ueber so sorgsam ein, dass ich
+ihnen wohl vor Tag entschluepfen muss. Denn die frische Luft, die Seeluft
+thut mir gut. Ich fuehl's. Sie kuehlt. Du wirst mich nicht verraten." Er
+sprach so ruhig. Er blickte so unbefangen.
+
+Diese Unbefangenheit verwirrte Kamilla. Sie waere viel mutiger gewesen,
+wenn er bewegter. Sie sah diese Unbefangenheit mit Schmerz. Aber nicht um
+der Plaene des Praefekten willen. So schuettelte sie nur schweigend das Haupt
+zur Antwort. Und sie senkte die Augen.
+
+Jetzt erreichten die Strahlen der Sonne die Hoehe, auf der die beiden
+standen. Der alte Tempel und das Erz der Statuen schimmerten im
+Morgenlicht. Und eine breite Strasse von zitterndem Gold bahnte sich von
+Osten her ueber die spiegelglatte Flut. "Sieh, wie schoen!" rief Athalarich,
+fortgerissen von dem Eindruck. "Sieh die Bruecke von Licht und Glanz."
+
+Sie blickte teilnehmend hinaus. "Weisst du noch, Kamilla?" fuhr er
+langsamer fort, wie in Erinnerungen verloren und ohne sie anzusehen,
+"weisst du noch, wie wir hier als Kinder spielten? Traeumten? Wir sagten:
+die goldne Strasse, von Sonnenstrahlen auf die Flut gezeichnet, fuehre zu
+den Inseln der Seligen." -
+
+"Zu den Inseln der Seligen!" wiederholte Kamilla. Im stillen bewunderte
+sie, mit welcher Zartheit und edlen Leichtigkeit er, jeden Gedanken an
+ihre letzte Begegnung fern haltend, mit ihr in einer Weise verkehrte, die
+sie voellig entwaffnete. "Und schau, wie dort die Statuen glaenzen: das
+wundersame Paar, Aeneas und - Amala! Hoere, Kamilla, ich habe dir
+abzubitten." Lebhaft schlug ihr Herz. Jetzt wollte er der Ausschmueckung
+der Villa, der Quelle gedenken. Das Blut stieg ihr in die Wangen. Sie
+schwieg in peinlicher Erwartung. Aber ruhig fuhr der Juengling fort: "Du
+weisst, wie oft wir, du die Roemerin, ich der Gote, an diesem Ort in
+Wettreden den Ruhm und den Glanz und die Art unserer Voelker priesen. Dann
+standest du unter dem Aeneas und sprachst mir von Brutus und Camillus, von
+Marcellus und den Scipionen. Ich aber, an meines Ahnherrn Amala Schild
+gelehnt, ruehmte Ermanarich und Alarich und Theoderich. Aber du sprachst
+besser als ich. Und oft, wenn der Schimmer deiner Helden mich zu
+ueberstrahlen drohte, lachte ich deiner Toten und rief: "das Heute und die
+lebendige Zukunft ist meines Volkes!""
+
+"Nun, und jetzt?" - "Ich spreche nicht mehr so. Du hast gesiegt, Kamilla!"
+
+Aber indem er so sprach, schien er so stolz wie nie zuvor. Und dieser
+ueberlegne Ausdruck empoerte die Roemerin. Sie war ohnehin gereizt durch die
+unnahbare Ruhe, mit welcher der Fuerst, auf dessen Leidenschaft man solche
+Plaene gebaut, ihr gegenueberstand. Sie begriff diese Ruhe nicht. Sie hatte
+ihn gehasst, weil er es gewagt, ihr seine Liebe zu zeigen. Und jetzt lebte
+dieser Hass auf, weil er es vermochte, diese Liebe zu verbergen. Mit der
+Absicht, ihm weh zu thun, sagte sie langsam: "So raeumst du ein, Koenig der
+Goten, dass deine Barbaren den Voelkern der Menschlichkeit nachstehen?"
+
+"Ja, Kamilla," antwortete er ruhig, "aber nur in einem: im Glueck! Im Glueck
+des Geschickes wie im Glueck der Natur. Sieh dort die Gruppe von Fischern,
+die ihre Netze aufhaengen an den Olivenbaeumen am Strande. Wie schoen sind
+diese Gestalten! In Bewegung und Ruhe, trotz ihrer Lumpen: lauter Statuen!
+Hier das Maedchen mit der Amphora auf dem Haupt! dort der Alte, der, den
+Kopf auf den linken Arm gestuetzt, im Sande liegt und hinaus traeumt ins
+Meer. Jeder Bettler unter ihnen sieht aus wie ein entthronter Koenig. Wie
+sie schoen sind! Und in sich eins und gluecklich! Ein Schimmer ungebrochenen
+Gluecks liegt ueber ihnen. Wie ueber Kindern! Oder edeln Tieren! Das fehlt
+uns Barbaren!" - "Fehlt euch nur das?" - "Nein, uns fehlt auch Glueck im
+Schicksal.
+
+Mein armes, herrliches Volk! Wir sind hier herein verschlagen in eine
+fremde Welt, in der wir nicht gedeihen. Wir gleichen der Blume der hohen
+Alpen, dem Edelweiss, die vom Sturmwind vertragen ward in den heissen Sand
+der Niederung. Wir koennen nicht wurzeln hier. Wir welken und sterben." -
+
+Und mit edler Wehmut blickte er hinaus in die blaue Flut. Aber Kamilla
+hatte nicht die Stimmung, diesen weissagerischen Worten eines Koenigs ueber
+sein Volk nachzusinnen. "Warum seid ihr gekommen?" fragte sie mit Haerte.
+"Warum seid ihr ueber die Berge gedrungen, die ein Gott als ewige Marken
+gesetzt hat zwischen euch und uns. Sprich, warum?" - "Weisst du," sprach
+Athalarich, ohne sie anzublicken, wie mit sich selber und fuer sich selber
+fortdenkend, "weisst du, warum die dunkle Motte nach der hellen Flamme
+fliegt? Wieder, immer wieder! Von keinem Schmerz gewarnt! bis sie verzehrt
+ist von der schoenen, lockenden Feindin? Aus welchem Grund! Aus einem suessen
+Wahnsinn! Und solch' ein suesser Wahnsinn ist es, ganz derselbe, der meine
+Goten aus den Tannen und Eichen hinweggezogen hat zu Lorber und Olive. Sie
+werden sich die Fluegel verbrennen, die thoerichten Helden. Und werden doch
+nicht davon lassen. Wer will sie drum schelten? Sieh um dich her. Wie tief
+blau der Himmel! wie tief blau das Meer! und darin spiegeln die Wipfel der
+Pinien und die Saeulentempel voll Marmorglanz! und fern da drueben ragen
+schoen gewoelbte Berge und draussen in der Flut schwimmen gruene Inseln, wo
+sich die Rebe um die Ulme schlingt. Und drueber hin die weiche, die warme,
+die kosende Luft, die alles erhellt. Welche Wunder der Formen, der Farben
+trinkt das Auge und atmen die entzueckten Sinne! Das ist der Zauber, der
+uns ewig locken und ewig verderben wird."
+
+Die tiefe und edle Erregung des jungen Koenigs blieb nicht ohne Eindruck
+auf Kamilla. Die tragische Gewalt dieser Gedanken ergriff ihr Herz: aber
+sie wollte nicht ergriffen sein. Sie wehrte sich gegen ihre weicher
+werdende Empfindung. Sie sagte kalt: "Ein ganzes Volk gegen Verstand und
+Einsicht vom Zauber angezogen?" und kalt und zweifelnd sah sie ihn an.
+
+Aber sie erschrak: denn wie Blitze loderte es aus den dunkeln Augen des
+Juenglings und die lang zurueckgehaltne Glut brach ploetzlich aus den Tiefen
+seiner Seele: "Ja, sag' ich dir, Maedchen!" rief er leidenschaftlich. "Ein
+ganzes Volk kann eine thoerichte Liebe, einen suessen, verderblichen
+Wahnsinn, eine toedliche Sehnsucht pflegen so gut wie - so gut wie ein
+einzelner. Ja, Kamilla, es giebt eine Gewalt im Herzen, die, staerker als
+Verstand und Wille, uns sehenden Auges ins Verderben reisst. Aber du weisst
+das nicht! Und moegest du's nie erfahren. Niemals. Leb wohl!"
+
+Und rasch wandte er sich und bog rechts vom Tempel in den dichten Laubgang
+von rankendem Wein, der ihn sofort vor Kamilla wie vor den Fenstern des
+Schlosses verbarg.
+
+Sinnend blieb das Maedchen stehen.
+
+Seine letzten Worte klangen seltsam fort in ihren Gedanken: lange sah sie
+traeumend ins offene Meer hinaus und mit wundersam gemischter Empfindung,
+mit verwandelter Stimmung, kehrte sie endlich wieder dem Schlosse zu.
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel.
+
+
+Noch am naemlichen Tage fand sich Cethegus bei den Frauen ein. Er war in
+wichtigen Geschaeften von Rom herbeigeeilt und kam soeben aus dem
+Regentschaftsrat, der in des kranken Koenigs Gemach gehalten wurde.
+Verhaltner Zorn lagerte auf seinen herben Zuegen.
+
+"Ans Werk, Kamilla," sprach er heftig. "Ihr saeumt zu lang. Dieser vorlaute
+Knabe wird immer herrischer. Er trotzt mir und Cassiodor und seiner
+schwachen Mutter selbst. Er verkehrt mit gefaehrlichen Leuten. Mit dem
+alten Hildebrand, mit Witichis und ihren Freunden. Er schickt Briefe und
+empfaengt Briefe hinter unsrem Ruecken. Er hat es durchgesetzt, dass die
+Koenigin nur noch in seiner Gegenwart den Rat der Regentschaft beruft. Und
+in diesem Rat kreuzt er all' unsre Plaene. Das muss aufhoeren. So oder so." -
+"Ich hoffe nicht mehr, Einfluss auf den Koenig zu gewinnen," sagte Kamilla
+ernst. - "Weshalb? hast du ihn schon gesehen." Das Maedchen ueberlegte, dass
+sie Athalarich versprochen, seinen Ungehorsam nicht an die Aerzte gelangen
+zu lassen. Aber auch sonst widerstrebte es ihrem Gefuehl, die Begegnung
+dieses Morgens zu entweihen, zu verraten.
+
+Sie wich daher der Frage aus und sagte: "Wenn der Koenig sich sogar seiner
+Mutter, der Regentin, widersetzt, wird er sich nicht von einem jungen
+Maedchen beherrschen lassen." - "Goldne Einfalt!" laechelte Cethegus und
+liess das Gespraech ruhen, solang das Kind anwesend war. Aber insgeheim
+trieb er Rusticianen, zu veranlassen, dass ihre Tochter den Koenig fortan
+haeufig sehe und spreche.
+
+Dies ward moeglich, da sich dessen Befinden jetzt rasch besserte. Und wie
+aeusserlich, wurde er innerlich zusehends maennlicher, fester und reifer: es
+war, als ob das Widerstreben gegen Cethegus ihm Leib und Seele kraeftige.
+
+So verbrachte er bald wieder viele Stunden in den weiten Anlagen des
+Gartens. Dort war es, wo ihn seine Mutter und die Familie des Boethius in
+den Abendstunden haeufig trafen.
+
+Und waehrend Rusticiana die Huld der Regentin mit voller Freundschaft zu
+erwidern schien und aufmerksam ihren vertrauenden Mitteilungen lauschte,
+um sie woertlich dem Praefekten wieder erzaehlen zu koennen, wandelten die
+jungen Leute vor ihnen her durch die schattigen Gaenge des Gartens.
+
+Oft auch bestieg die kleine Gesellschaft eine der leichten Gondeln in
+jenem Hafen und Athalarich steuerte wohl selbst eine Strecke ins blaue
+Meer hinaus, nach einer der kleinen, gruenbuschigen Inseln, die nicht weit
+vor der Bucht lagen. Auf dem Heimweg aber spannte man die purpurnen Segel
+auf und liess sich von dem frischen Westwind, der sich bei Sonnenuntergang
+zu erheben pflegte, langsam und muehelos zuruecktragen. -
+
+Oft waren es auch der Koenig und Kamilla allein, die, nur von Daphnidion
+begleitet, sich dieser Wanderungen im Gruenen und auf den Wellen erfreuten.
+
+Wohl sah Amalaswintha darin die Gefahr, dadurch die Neigung ihres Sohnes,
+die ihr nicht entgangen war, zu steigern. Aber vor allen andern Erwaegungen
+segnete sie dankbar den guenstigen Einfluss, den dieser Umgang
+augenscheinlich auf ihren Sohn uebte: er wurde in Kamillas Naehe ruhiger,
+heiterer und war dann auch weicher gegen seine Mutter, der er sonst oft
+heftig und schroff gegenueber trat.
+
+Auch beherrschte er sein Gefuehl mit einer Sicherheit, die bei dem
+reizbaren Kranken doppelt befremdete: und endlich wuerde die Regentin, im
+Fall sich diese Liebe ernster geltend machte, sogar einer Verbindung nicht
+abgeneigt gewesen sein, die den roemischen Adel voellig zu gewinnen und
+jedes Andenken einer unseligen Blutthat auszuloeschen versprach. -
+
+In dem Maedchen aber ging eine wundersame Wandlung vor. Taeglich mehr fuehlte
+sie ihren Groll und Hass schwinden, wie sie taeglich klarer die edle
+Zartheit der Seele, den schwungvollen Geist, das tiefe, poesiereiche Gemuet
+des jungen Koenigs sich entfalten sah. Nur mit Anstrengung konnte sie gegen
+diesen wachsenden Zauber sich immer wieder das Schicksal ihres Vaters als
+Talisman ins Andenken zurueckrufen: immer mehr kam sie dazu, unter den
+Goten und Amalern, die jenes Schicksal herbeigefuehrt, mit Gerechtigkeit zu
+unterscheiden: immer bestimmter sagte sie sich, wie unbillig es sei,
+Athalarich um eines Ungluecks willen zu hassen, das er nur nicht verhindert
+hatte und wohl schwerlich haette verhindern koennen. Laengst haette sie ihn am
+liebsten voellig frei gesprochen: aber sie misstraute dieser Milde: sie
+scheute sie wie eine schwarze Suende gegen Vater, Vaterland und eigne
+Freiheit.
+
+Mit Zittern nahm sie wahr, wie unentbehrlich dies edle Menschenbild ihr
+wurde, wie maechtig sie sich sehnte, diese melodische Stimme zu hoeren und
+in dies dunkle, sinnige Auge zu blicken. Sie fuerchtete die frevelhafte
+Liebe, die sie sich nur schwer noch verhehlen konnte, und die einzige
+Waffe, mit der sie sich noch dagegen wehrte, der Vorwurf seiner Mitschuld
+an des Vaters Untergang, wollte sie sich nicht entwinden lassen. So
+schwankte sie in wogenden Gefuehlen, desto unsichrer, je raetselhafter ihr
+Athalarichs geschlossene Sicherheit blieb. Sie konnte ja nicht daran
+zweifeln, dass er sie liebe, nach allem was geschehen - aber doch!
+
+Nicht eine Silbe, nicht ein Blick verriet diese Liebe: jene Aeusserung, mit
+der er sie damals am Venustempel rasch verlassen, war das bedeutsamste, ja
+das einzige bedeutsame Wort, das ihm entschluepfte.
+
+Sie ahnte nicht, was die hochwogende Seele des Juenglings durchgekaempft und
+durchgelitten, bis seine Liebe zwar nicht erlosch, aber entsagte, und noch
+weniger, in welch' neuem Gefuehl er die maennliche Kraft solcher Entsagung
+gefunden. Ihre Mutter, die ihn mit aller Schaerfe des Hasses beobachtete
+und darueber das eigne Kind zu ueberwachen vergass, schien noch mehr erstaunt
+ueber seine Kaelte. "Aber Geduld," sprach sie zu Cethegus, mit dem sie oft
+hinter Kamillas Ruecken Beratung pflog, "Geduld, bald, binnen drei Tagen,
+wirst du ihn verwandelt sehen." - "Es waere Zeit," meinte Cethegus; "aber
+auf was vertraust du?" - "Auf ein Mittel, das noch nie getaeuscht hat."
+
+"Du wirst ihm doch kein Liebestraenklein brauen?" laechelte der Praefekt. -
+"Allerdings, das werd' ich thun; das hab' ich schon gethan." - Jener sah
+sie spoettisch an: "Auch bei dir solcher Aberglaube, bei der Witwe des
+grossen Philosophen Boethius! In Liebeswahn sind alle Weiber gleich!"
+
+"Nicht Wahn und Aberglaube," sagte Rusticiana ruhig. "Seit mehr als
+hundert Jahren lebt das Geheimnis in unsrer Familie. Ein aegyptisch Weib
+hat es dereinst am Nil meine Ureltermutter gelehrt. Und es hat sich
+bewaehrt. Kein Weib unseres Hauses hat ohne Erhoerung geliebt." - "Dazu
+braucht's keinen Zauber," meinte der Praefekt: "ihr seid ein schoenes
+Geschlecht." - "Spare deinen Spott. Der Trank wirkt unfehlbar und wenn er
+bis heute nicht wirkte -" - "So hast du wirklich - Unvorsichtige! wie
+konntest du unvermerkt?" - "Am Abend, wann er vom Spaziergang oder von der
+Gondelfahrt mit uns zurueckkommt, nimmt er einen Becher gewuerzten
+Falerners. Der Arzt hat es ihm verordnet: es sind Tropfen arabischen
+Balsams darin. Der Becher steht immer bereit auf dem Marmortisch vor dem
+Venustempel. Dreimal schon gelang es, den Trank hineinzuschuetten." -
+"Nun," meinte Cethegus, "es hat bis jetzt nicht sonderlich gewirkt." -
+"Daran ist nur deine Ungeduld die Ursache. Die Kraeuter muessen im Neumond
+gebrochen werden - ich wusste das wohl. Aber, gedraengt von deinen
+Mahnungen, versucht' ich's schon im Vollmond und du siehst, es wirkte
+nicht." - Cethegus zuckte die Achseln. - "Aber gestern Nacht trat Neumond
+ein. Ich war nicht muessig mit meiner goldnen Schere und wenn er jetzt
+trinkt -" "Eine zweite Locusta! Nun, mein Trost sind Kamillas schoene
+Augen. Weiss sie von deinen Kuensten?"
+
+"Kein Wort zu ihr! Sie wuerde das nie dulden. Stille, sie kommt." Das
+Maedchen trat ein in lebhafter Erregung, die lieblichen Wangen geroetet,
+eine Flechte des dunklen Haares war losgegangen und spielte um den feinen
+Nacken.
+
+"Saget mir, ihr, die ihr klug seid und menschenerfahren, sagt mir, was
+soll ich denken? Ich komme aus dem Schiff. O, er hat mich nie geliebt! der
+Hochmuetige, er bemitleidet, er bedauert mich! Nein, das ist nicht das
+rechte Wort. Ich kann es mir nicht deuten." Und in Thraenen ausbrechend,
+barg sie das Haupt am Halse der Mutter. - "Was ist geschehen, Kamilla?"
+fragte Cethegus. - "Schon oft," begann sie tiefaufatmend, "spielte ein Zug
+um seinen Mund, sprach eine Wehmut aus seinem Auge, als sei Er der tief
+von mir Gekraenkte, als habe Er uns edel zu vergeben, als habe er mir ein
+grosses Opfer gebracht -" - "Unreife Knaben bilden sich immer ein, es sei
+ein Opfer, wenn sie lieben." Da blitzte Kamillas Auge, sie warf den
+schoenen Kopf zurueck und wandte sich heftig gegen Cethegus: "Athalarich ist
+kein Knabe mehr und man soll ihn nicht verhoehnen." Cethegus schwieg, ruhig
+die Augen senkend. Aber Rusticiana fragte erstaunt: "Hassest du den Koenig
+nicht mehr?" - "Bis zum Tode. Man soll ihn verderben, nicht verhoehnen."
+
+"Was ist geschehen?" wiederholte Cethegus. - "Heute stand jener
+raetselhafte, kalte, stolze Zug deutlicher als je auf seinem Antlitz. Ein
+Zufall aeusserte ihn in Worten. Wir waren eben gelandet. Ein Kaefer war ins
+Wasser gefallen: der Koenig bueckte sich und zog ihn heraus: das Tierchen
+aber wehrte sich gegen die mildthaetige Hand und biss mit den Zangen des
+Kopfes in den Finger, der ihn hielt. "Der Undankbare," sagte ich. - "Oh,"
+sprach Athalarich, bitter laechelnd, und er setzte den Kaefer auf ein Blatt:
+"man verwundet die am meisten, die am meisten fuer uns gethan." Und dabei
+flog sein Blick mit stolzer Wehmut ueber mich dahin. Doch rasch, als ob er
+zuviel gesagt, schritt er kalt gruessend hinweg. Ich aber" - und ihre Brust
+wogte, ihre fein geschnittenen Lippen schlossen sich - "ich aber trage das
+nicht mehr. Der Stolze! er soll mich lieben - oder sterben." - "Das soll
+er," sagte Cethegus kaum hoerbar, "eins von beiden."
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel.
+
+
+Wenige Tage darauf wurde der Hof durch einen neuen Schritt des jungen
+Koenigs zur Selbstaendigkeit ueberrascht: er selbst berief den Rat der
+Regentschaft, ein Recht, das bisher nur Amalaswintha geuebt. Die Regentin
+war nicht wenig erstaunt, als ein Bote ihres Sohnes sie in dessen Gemaecher
+beschied, wo der Koenig bereits eine Auswahl der hoechsten Beamten des
+Reiches um sich versammelt habe, Goten und Roemer, unter diesen Cassiodor
+und Cethegus.
+
+Dieser hatte zuerst beschlossen, auszubleiben, um nicht durch sein
+Erscheinen das Recht anzuerkennen, das sich der Knabe herausnahm: ihm
+ahnte nichts gutes. Aber ebendeshalb besann er sich bald eines andern.
+"Ich darf der Gefahr nicht den Ruecken, die Stirn muss ich ihr bieten,"
+sprach er, als er sich zu dem verhassten Gang anschickte. Er fand in dem
+Gemach des Koenigs alle Geladenen bereits versammelt. Nur die Regentin
+fehlte noch. Als sie eintrat, erhob sich Athalarich - er trug eine
+langfaltige Abolla von Purpur, die Zackenkrone Theoderichs glaenzte auf
+seinem Haupt und unter dem Mantel klirrte das Schwert - von seinem
+Thronsessel, der vor einer durch einen Vorhang geschlossenen Nische stand,
+ging ihr entgegen und fuehrte sie zu einem zweiten hoeheren Stuhl, der aber
+zur Linken stand. Als sie sich niedergelassen, hob er an: "Meine
+koenigliche Mutter, tapfre Goten, edle Roemer! Wir haben euch hieher
+beschieden, euch unsern Willen kund zu thun. Es drohten diesem Reiche
+Gefahren, die nur wir, der Koenig dieses Reiches, abwenden konnten."
+
+Solche Sprache hatte man aus diesem Munde noch nicht vernommen. Alle
+schwiegen betroffen, Cethegus aus Klugheit: er wollte den rechten
+Augenblick abwarten. Endlich begann Cassiodor: "Deine weise Mutter und
+dein getreuer Diener Cassiodor" - - "Mein getreuer Diener Cassiodor
+schweigt, bis sein Herr und Koenig ihn um Rat befraegt. Wir sind schlecht
+zufrieden, sehr schlecht, mit dem was die Raete unsrer koeniglichen Mutter
+bisher gethan haben und nicht gethan. Es ist hoechste Zeit, dass wir selbst
+zum Rechten sehn.
+
+Wir waren dazu bisher zu jung und zu krank. Wir fuehlen uns nicht mehr zu
+jung und nicht mehr zu krank. Wir kuenden euch an, dass wir demnaechst die
+Regentschaft aufheben und die Zuegel dieses Reiches selbst ergreifen
+werden."
+
+Er hielt inne. Alles schwieg. Niemand hatte Lust nach Cassiodors Beispiel
+zu reden und dann zu verstummen.
+
+Endlich fand Amalaswintha, die diese ploetzliche Energie ihres Sohnes
+gleichsam betaeubt hatte, die Sprache wieder: "Mein Sohn, dies Alter der
+Muendigkeit ist nach den Gesetzen der Kaiser" - - "Nach den Gesetzen der
+Kaiser, Mutter, moegen die Roemer sich richten. Wir sind Goten und leben
+nach gotischem Recht. Germanische Juenglinge werden muendig, wann sie das
+gesammelte Volksheer waffenreif erklaert.
+
+Wir haben deshalb beschlossen, alle Heerfuehrer und Grafen und alle freien
+Maenner unsres Volkes, so viele ihrer dem Rufe folgen wollen, aus allen
+Provinzen des Reichs zur Heeresschau zu laden nach Ravenna. Mit dem
+naechsten Sonnwendfest sollen sie eintreffen."
+
+Ueberrascht schwieg die Versammlung.
+
+"Das sind nur noch vierzehn Tage," sprach endlich Cassiodor. "Wird es
+moeglich sein, in so kurzer Frist noch die Ladungen zu besorgen?" - "Sie
+sind besorgt. Hildebrand, mein alter Waffenmeister, und Graf Witichis
+haben sie alle bestellt." - "Wer hat die Dekrete unterschrieben?" fragte
+Amalaswintha, sich ermannend. - "Ich allein, liebe Mutter. Ich musste doch
+den Geladnen zeigen, dass ich reif genug, allein zu handeln."
+
+"Und ohne mein Wissen!" sprach die Regentin. - "Und ohne dein Wissen
+geschah es, weil es sonst gegen deinen Willen geschehen musste."
+
+Er schwieg. Alle Roemer waren ratlos und wie betaeubt von der ploetzlich
+entfalteten Kraft des jungen Koenigs. Nur in Cethegus stand sogleich der
+Entschluss fest, jene Versammlung zu verhindern, um jeden Preis. Er sah den
+Grund all seiner Plaene wanken: gern waer' er mit aller Wucht seines Wortes
+der vor seinen Augen versinkenden Regentschaft zu Hilfe gekommen: gern
+haette er schon mehrere Male in dieser Verhandlung das kuehne Aufstreben des
+Juenglings mit seiner ruhigen Ueberlegenheit zu Boden gedrueckt: - aber ihm
+hielt ein seltsamer Zufall Gedanken und Zunge wie mit Zauberbanden
+gefesselt.
+
+Er hatte in der Nische hinter dem Vorhang Geraeusch zu vernehmen geglaubt
+und scharfe Blicke darauf geheftet: da bemerkte er unter dem Vorhang
+durch, dessen Fransen nicht ganz bis zur Erde reichten, die Fuesse eines
+Mannes.
+
+Freilich nur bis an die Knoechel. Aber an diesen Knoecheln sassen
+Beinschienen von Erz eigentuemlicher Arbeit. Er kannte diese Beinschienen,
+er wusste, dass sie zu einer vollen Ruestung gleicher Arbeit gehoerten, er
+wusste auch in unbestimmter Gedankenverbindung, dass der Traeger dieser
+Ruestung ihm verhasst und gefaehrlich: aber es war ihm nicht moeglich, sich zu
+sagen, wer dieser Feind sei. Haette er die Schienen nur bis ans Knie
+verfolgen koennen! Gegen seinen Willen musste er die Augen immer und immer
+wieder auf jenen Vorhang richten und raten und raten. Und das bannte
+seinen Geist jetzt, - jetzt, da alles auf dem Spiele stand. Er zuernte ueber
+sich selbst, aber er konnte Gedanken und Blicke nicht von der Nische
+losreissen. Der Koenig jedoch fuhr, ohne Widerstand zu finden, fort: "Ferner
+haben wir die edeln Herzoge Thulun, Ibbas und Pitza, die grollend diesen
+Hof verlassen, aus Gallien und Spanien zurueckgerufen. Wir finden, dass
+allzuviele Roemer, allzuwenig Goten uns umgeben. Jene drei tapfern Krieger
+werden mit Graf Witichis die Wehrmacht unsres Reiches, die Festen und die
+Schiffe untersuchen und alle Schaeden aufdecken und heilen. Sie werden
+naechstens eintreffen." Sie muessen sogleich wieder fort, sagte Cethegus
+rasch zu sich selbst. Aber seine Gedanken fuhren fort: Nicht ohne Grund
+ist jener Mann dadrinnen versteckt.
+
+"Weiter," hob der koenigliche Juengling wieder an, "haben wir Mataswinthen,
+unsre schoene Schwester, zurueckbeschieden an unsern Hof. Man hat sie nach
+Tarent verbannt, weil sie sich geweigert, eines betagten Roemers Weib zu
+werden. Sie soll wiederkehren, die schoenste Blume unseres Volkes, und
+unsern Hof verherrlichen."
+
+"Unmoeglich!" rief Amalaswintha: "Du greifst in das Recht der Mutter wie
+der Koenigin." - "Ich bin das Haupt der Sippe, sobald ich muendig bin."
+
+"Mein Sohn, du weisst, wie schwach du warst noch vor wenigen Wochen.
+Glaubst du wirklich, die gotischen Heermaenner werden dich waffenreif
+erklaeren?"
+
+Der Koenig wurde rot wie sein Purpur, halb vor Scham, halb vor Zorn; eh' er
+Antwort fand rief eine rauhe Stimme an seiner Seite: "Sorge nicht darum,
+Frau Koenigin. Ich bin sein Waffenmeister gewesen: ich sage dir, er kann
+sich messen mit jedem Feind: und wen der alte Hildebrand wehrfaehig
+spricht, der gilt dafuer bei allen Goten." Lauter Beifall der anwesenden
+Goten bestaetigte sein Wort.
+
+Wieder gedachte Cethegus einzugreifen, aber eine Bewegung hinter dem
+Vorhang zog seine Gedanken ab: Einer meiner groessten Feinde ist es, aber
+wer?
+
+"Noch eine wichtige Sache ist euch kund zu thun," begann der Koenig wieder,
+mit einem fluechtigen Seitenblick nach der Nische, der dem Praefekten nicht
+entging.
+
+Etwa ein Anschlag gegen mich? dachte er. Man wollte mich ueberraschen? Das
+soll nicht gelingen! -
+
+Aber es ueberraschte ihn doch, als ploetzlich der Koenig mit lauter Stimme
+rief: "Praefekt von Rom, Cethegus Caesarius!" Er zuckte, aber rasch gefasst,
+neigte er das Haupt und sprach: "Mein Herr und Koenig." - "Hast du uns
+nichts aus Rom zu melden? Wie ist die Stimmung der Quiriten? Was denkt man
+dort von den Goten?"
+
+"Man ehrt sie als das Volk Theoderichs!" - "Fuerchtet man sie?" - "Man hat
+nicht Ursach, sie zu fuerchten." - "Liebt man sie?" - Gern haette Cethegus
+geantwortet: Man hat nicht Ursach', sie zu lieben. Aber der Koenig selbst
+fuhr fort:
+
+"Also keine Spur von Unzufriedenheit? Kein Grund zur Sorge? Nichts
+besonderes, das sich vorbereitet."
+
+"Ich habe nichts dir anzuzeigen." - "Dann bist du schlecht unterrichtet,
+Praefekt, - oder schlecht gesinnt. Muss ich, der in Ravenna kaum vom
+Siechbett ersteht, dir sagen, was in deinem Rom unter deinen Augen
+vorgeht? Die Arbeiter auf deinen Schanzen singen Spottlieder auf die
+Goten, auf die Regentin, auf mich, deine Legionare fuehren bei ihren
+Waffenuebungen drohende Reden. Hoechst wahrscheinlich besteht bereits eine
+ausgebreitete Verschwoerung, Senatoren, Priester, an der Spitze: sie
+versammeln sich Nachts an unbekannten Orten. Ein Mitschuldiger des
+Boethius, ein Verbannter, Albinus, ist in Rom gesehen worden; und weisst du
+wo? im Garten deines Hauses." Der Koenig stand auf. Die Augen aller
+Anwesenden richteten sich, erstaunt, erzuernt, erschrocken auf Cethegus.
+Amalaswintha bebte fuer den Mann ihres Vertrauens. Aber dieser war jetzt
+wieder voellig er selbst. Ruhig, kalt, schweigend, sah er dem Koenig ins
+Auge.
+
+"Rechtfertige dich!" rief ihm dieser entgegen.
+
+"Rechtfertigen? gegen einen Schatten? ein Geruecht, eine Klage sonder
+Klaeger? Nie!" - "Man wird dich zu zwingen wissen." Hohn zuckte um des
+Praefekten schmale Lippen.
+
+"Man kann mich ermorden auf blossen Verdacht, ohne Zweifel, - wir haben das
+erfahren, wir Italier! - nicht mich verurteilen. Gegen Gewalt giebt es
+keine Rechtfertigung, nur gegen Gerechtigkeit." - "Gerechtigkeit soll dir
+werden, zweifle nicht. Wir uebertragen den hier anwesenden Roemern die
+Untersuchung, dem Senat in Rom die Urteilsfaellung. Waehle dir einen
+Verteidiger." - "Ich verteidige mich selbst," sprach Cethegus kuehl. "Wie
+lautet die Anklage? Wer ist mein Anklaeger? Wo ist er?" - "Hier," rief der
+Koenig und schlug den Vorhang zurueck.
+
+Ein gotischer Krieger in ganz schwarzer Ruestung trat hervor.
+
+Wir kennen ihn. Es war Teja.
+
+Dem Praefekten drueckte der Hass die Wimper nieder. Jener aber sprach: "Ich,
+Teja, des Tagila Sohn, klage dich an, Cethegus Caesarius, des Hochverrats
+an diesem Reich der Goten. Ich klage dich an, den verbannten Verraeter
+Albinus in deinem Haus zu Rom zu bergen und zu hehlen. Es steht der Tod
+darauf. Und du willst dies Land dem Kaiser in Byzanz unterwerfen."
+
+"Das will ich nicht," sprach Cethegus ruhig; "beweise deine Klage." - "Ich
+habe Albinus vor vierzehn Naechten mit diesen Augen in deinen Garten treten
+sehen," fuhr Teja zu den Richtern gewendet fort. "Er kam von der Via sacra
+her, in einen Mantel gehuellt, einen Schlapphut auf dem Kopf. Schon in zwei
+Naechten war die Gestalt an mir vorbeigeschluepft: diesmal erkannt ich ihn.
+Als ich auf ihn zutrat, verschwand er, ehe ich ihn ergreifen konnte, an
+der Thuer, die sich von innen schloss." - "Seit wann spielt mein Amtsgenoss,
+der tapfre Kommandant von Rom, den naechtlichen Spaeher?" - "Seit er einen
+Cethegus zur Seite hat. Aber ob mir auch der Fluechtling entkam, - diese
+Rolle fiel ihm aus dem Mantel: sie enthaelt Namen von roemischen Grossen und
+neben den Namen Zeichen einer unloesbaren Geheimschrift. Hier ist die
+Rolle." Er reichte sie dem Koenig. Dieser las: "Die Namen sind: Silverius,
+Cethegus, Licinius, Scaevola, Calpurnius, Pomponius. - Kannst du
+beschwoeren, dass der Vermummte Albinus war?"
+
+"Ich will's beschwoeren." - "Wohlan, Praefekt. Graf Teja ist ein freier,
+unbescholtener, eidwuerdiger Mann. Kannst du das leugnen?"
+
+"Ich leugne das. Er ist nicht unbescholten: seine Eltern lebten in
+nichtiger, blutschaenderischer Ehe: sie waren Geschwisterkinder, die Kirche
+hat ihr Zusammensein verflucht und seine Frucht: er ist ein Bastard und
+kann nicht zeugen gegen mich, einen edeln Roemer senatorischen Ranges." Ein
+Murren des Zornes entrang sich den anwesenden Goten. Teja's blasses
+Antlitz aber wurde noch bleicher. Er zuckte. Seine Rechte fuhr ans
+Schwert: "So vertret' ich mein Wort mit dem Schwert," sprach er mit
+tonloser Stimme. "Ich fordere dich zum Kampf, zum Gottesgericht auf Tod
+und Leben." - "Ich bin Roemer und lebe nicht nach eurem blutigen
+Barbarenrecht. Aber auch als Gote: - ich wuerde dem Bastard den Kampf
+versagen." - "Geduld," sprach Teja und stiess das halb gezueckte Schwert
+leise in die Scheide zurueck. "Geduld, mein Schwert. Es koemmt dein Tag."
+Aber die Roemer im Saale atmeten auf.
+
+Der Koenig nahm das Wort: "Wie dem sei, die Klage ist genug begruendet, die
+genannten Roemer zu verhaften. Du, Cassiodor, wirst die Geheimschrift zu
+entziffern suchen. Du, Graf Witichis, eilst nach Rom und bemaechtigst dich
+der fuenf Verdaechtigen, durchsuchst ihre Haeuser und das des Praefekten.
+Hildebrand, du verhafte den Verklagten, nimm ihm das Schwert ab." -
+"Halt," sprach Cethegus, "ich leiste Buergschaft mit all' meinem Gut, dass
+ich Ravenna nicht verlasse, bis dieser Streit zu Ende. Ich verlange
+Untersuchung auf freiem Fuss: das ist des Senators Recht."
+
+"Kehr dich nicht dran, mein Sohn," rief der alte Hildebrand vortretend,
+"lass mich ihn fassen." - "Lass," sprach der Koenig, "Recht soll ihm werden,
+strenges Recht, doch nicht Gewalt. Lass ab von ihm. Auch hat ihn die Klage
+ueberrascht. Er soll Zeit haben sich zu verteidigen. Morgen um diese Stunde
+treffen wir uns wieder hier. Ich loese die Versammlung."
+
+Der Koenig winkte mit dem Scepter: in hoechster Aufregung eilte Amalaswintha
+aus dem Gemach. Die Goten traten freudig zu Teja. Die Roemer drueckten sich
+rasch an Cethegus vorbei, vermeidend, mit ihm zu sprechen. Nur Cassiodor
+schritt fest auf ihn zu, legte die Hand auf seine Schulter, sah ihm
+pruefend ins Auge und fragte dann: "Cethegus, kann ich dir helfen?" -
+"Nein, ich helfe mir selbst," sprach dieser, entzog sich ihm und schritt
+allein und stolzen Ganges hinaus.
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel.
+
+
+Der heftige Schlag, den der junge Koenig so unerwartet gegen den ganzen
+Grundbau der Regentschaft gefuehrt hatte, erfuellte bald den Palast und die
+Stadt mit Staunen, mit Schrecken oder Freude. Zu der Familie des Boethius
+brachte die erste bestimmte Kunde Cassiodor, der Rusticianen zum Trost der
+erschuetterten Regentin beschied. Mit Fragen bestuermt erzaehlte er den
+ganzen Hergang ausfuehrlich: und so bestuerzt oder unwillig er darueber war,
+auch aus seinem feindlichen Bericht leuchteten die Kraft, der Mut des
+jungen Fuersten unverkennbar hervor. Mit Begierde lauschte Kamilla jedem
+seiner Worte: Stolz, Stolz auf den Geliebten - der Liebe gluecklichstes
+Gefuehl - erfuellte maechtig ihre ganze Seele.
+
+"Es ist kein Zweifel," schloss Cassiodor mit Seufzen, "Athalarich ist unser
+entschiedenster Gegner: er steht ganz zu der gotischen Partei, zu
+Hildebrand und seinen Freunden. Er wird den Praefekten verderben. Wer haette
+das von ihm geglaubt! Immer muss ich daran denken, Rusticiana, wie so ganz
+anders er sich bei dem Prozess deines Gatten benahm."
+
+Kamilla horchte hoch auf.
+
+"Damals gewannen wir die Ueberzeugung, er werde zeitlebens der gluehendste
+Freund, der eifrigste Vertreter der Roemer sein." - "Ich weiss davon
+nichts," sagte Rusticiana. - "Es ward vertuscht. Das Todesurteil war
+gesprochen ueber Boethius und seine Soehne. Vergebens hatten wir alle,
+Amalaswintha voran, die Gnade des Koenigs angerufen: sein Zorn war
+unausloeschlich. Als ich wieder und wieder ihn bestuermte, fuhr er zornig
+auf und schwur bei seiner Krone, der solle es im tiefsten Kerker buessen,
+der ihm noch einmal mit einer Fuerbitte fuer die Verraeter nahe. Da
+verstummten wir alle. Nur Einer nicht. Nur Athalarich, der Knabe, liess
+sich nicht schrecken, er weinte und flehte und hing sich an seines
+Grossvaters Knie.
+
+Kamilla erbebte: der Atem stockte ihr.
+
+"Und nicht liess er ab, bis Theoderich in hoechstem Zorn emporfuhr, ihn mit
+einem Schlag in den Nacken von sich schleuderte und den Wachen uebergab.
+Der ergrimmte Koenig hielt seinen Eid. Athalarich ward in den Kerker des
+Schlosses gefuehrt und Boethius sofort getoetet."
+
+Kamilla wankte und hielt sich an einer Saeule des Saales.
+
+"Aber nicht umsonst hatte Athalarich gesprochen und gelitten.
+
+Tags darauf vermisste der Koenig an der Tafel schwer den Liebling, den er
+von sich gebannt. Er gedachte, mit welch edlem Mut er, der Knabe, fuer
+seine Freunde gebeten, als die Maenner in Furcht verstummten. Er stand
+endlich auf von seinem Abendtrunk, bei dem er lange sinnend sass, stieg
+selbst hinab in den Kerker, oeffnete die Pforte, umarmte seinen Enkel und
+schenkte auf seine Bitte deinen Soehnen, Rusticiana, das Leben."
+
+"Fort, fort zu ihm!" sprach Kamilla mit erstickter Stimme zu sich selbst
+und eilte aus dem Saal.
+
+"Damals," fuhr Cassiodor fort, "damals mochten Roemer und Roemerfreunde in
+dem kuenftigen Koenig ihre beste Stuetze sehen und jetzt - meine arme Herrin,
+arme Mutter!" und klagend schritt er hinaus.
+
+Rusticiana sass lange wie betaeubt. Sie sah alles wanken, worauf sie ihre
+Racheplaene gebaut: sie versank in dumpfes Brueten. Laenger und laenger schon
+fielen die Schatten der hohen, starken Tuerme in den Schlosshof, auf welchen
+sie hinausstarrte.
+
+Da weckte sie der feste Schritt eines Mannes im Saal, erschrocken fuhr sie
+auf: Cethegus stand vor ihr. Sein Antlitz war kalt und finster, aber eisig
+ruhig.
+
+"Cethegus!" rief die Bekuemmerte und wollte seine Hand fassen, aber seine
+Kaelte schreckte sie zurueck. "Alles verloren!" seufzte sie, stehen
+bleibend. "Nichts ist verloren. Es gilt nur Ruhe. Und Raschheit," setzte
+er, umblickend im Gemach, hinzu. Als er sich allein mit ihr sah, griff er
+in die Brustfalten seiner Toga. "Dein Liebestrank hat nicht geholfen,
+Rusticiana. Hier ist ein andrer, - staerkrer. Nimm." Und rasch drueckte er
+ihr eine Phiole von dunklem Lavastein in die Hand. Mit banger Ahnung sah
+ihn die Freundin an: "Glaubst du auf einmal an Magie und Zaubertrank? Wer
+hat ihn gebraut?" - "Ich," sagte er, "und _meine_ Liebestraenke wirken." -
+"Du!" - es durchlief sie ein eisiges Grauen. "Frage nicht, forsche nicht,
+saeume nicht," sprach er herrisch. "Es muss noch heute geschehen. Hoerst du?
+Noch heute."
+
+Aber Rusticiana zoegerte noch und sah zweifelnd auf das Flaeschchen in ihrer
+Hand. Da trat er heran, leise ihre Schulter beruehrend: "Du zauderst,"
+sagte er langsam. "Weisst du, was auf dem Spiele steht? nicht nur unser
+ganzer Plan! Nein, blinde Mutter. Noch mehr. Kamilla _liebt_, liebt den
+Koenig mit aller Kraft der jungen Seele. Soll die Tochter des Boethius die
+Buhle des Tyrannen werden?"
+
+Laut aufschreiend fuhr Rusticiana zurueck: was in den letzten Tagen wie
+eine boese Ahnung in ihr aufgestiegen, ward ihr gewiss mit diesem Einen
+Wort: noch einen Blick warf sie auf den Mann, der das Grausame gesprochen
+und hinwegeilte sie, zornig die Faust um das Flaeschchen geballt.
+
+Ruhig sah ihr Cethegus nach. "Nun, Prinzlein, wollen wir sehen. Du warst
+rasch, ich bin rascher. - Es ist eigen," sagte er dann, die Falten seiner
+Toga herabziehend, "ich glaubte laengst nicht mehr, noch solche heftige
+Regung empfinden zu koennen. Jetzt hat das Leben wieder einen Reiz. Ich
+kann wieder streben, hoffen, fuerchten. Sogar hassen. Ja, ich hasse diesen
+Knaben, der sich unterfaengt, mit der kindischen Hand in meine Kreise zu
+tappen. Er will mir trotzen - meinen Gang aufhalten, er stellt sich kuehn
+in meinen Weg: Er - mir! wohlan, so trag' er denn die Folgen."
+
+Und langsam schritt er aus dem Gemach und wandte sich nach dem Audienzsaal
+der Regentin, wo er sich absichtlich der versammelten Menge zeigte und
+durch die eigne Sicherheit den bestuerzten Herzen der Hofleute einige Ruhe
+wiedergab. Er sorgte dafuer, zahlreicher Zeugen fuer all' seine Schritte an
+diesem verhaengnisvollen Tag sich zu versichern. Beim Sinken der Sonne ging
+er mit Cassiodor und einigen andern Roemern, seine Verteidigung fuer den
+naechsten Tag beratend, in den Garten, in dessen Laubgaengen er sich umsonst
+nach Kamilla umsah.
+
+Diese war, sowie sie Cassiodors Bericht zu Ende gehoert, in den Hof des
+Palastes geeilt, wo sie zu dieser Stunde den Koenig mit den andern jungen
+Goten seines Hofes beim Waffenspiel zu treffen hoffte. Nur sehen wollte
+sie ihn, noch nicht ihn sprechen und ihm zu Fuessen ihr grosses Unrecht
+abbitten. Sie hatte ihn verabscheut, von sich gestossen, ihn als mit dem
+Blut ihres Vaters befleckt gehasst - ihn, der sich fuer diesen Vater
+geopfert, der ihre Brueder gerettet hatte!
+
+Aber sie fand ihn nicht im Hof. Die wichtigen Ereignisse des Tages hielten
+ihn in seinem Arbeitszimmer fest. Auch seine Waffengesellen fochten und
+spielten heute nicht: in dichten Gruppen beisammenstehend, priesen sie
+laut den Mut ihres jungen Koenigs.
+
+Mit Wonne sog Kamilla dieses Lob ein: stolz erroetend, selig traeumend
+wandelte sie in den Garten und suchte dort an allen seinen
+Lieblingsstaetten die Spuren des Geliebten. Ja, sie liebte ihn: kuehn und
+freudig gestand sie sich's ein: er hatte es tausendfach um sie verdient.
+Was Gote, was Barbar! Er war ein edler herrlicher Juengling, ein Koenig, der
+Koenig ihrer Seele. Wiederholt wies sie die begleitende Daphnidion aus
+ihrer Naehe, dass diese nicht hoere, wie sie wieder und wieder den geliebten
+Namen selig vor sich hin sprach. Endlich am Venustempel angelangt versank
+sie in suesse Traeume ueber die Zukunft, die unklar, aber golden daemmernd, vor
+ihr lag. Vor allem beschloss sie, dem Praefekten und ihrer Mutter schon
+morgen zu erklaeren, nicht mehr auf ihre Mithilfe gegen den Koenig zaehlen zu
+sollen. Dann wollte sie diesem selbst ihre Schuld abbitten mit innigen
+Worten und dann - dann? sie wusste nicht was dann werden solle: aber sie
+erroetete in holden Traeumen.
+
+Rote, duftige Mandelblueten fielen aus den nickenden Bueschen: in dem
+dichten Oleander neben ihr sang die Nachtigall, eine klare Quelle glitt
+rieselnd an ihr vorueber nach dem blauen Meer und die Wellen dieses Meeres
+rollten leise wie ihrer Liebe huldigend zu ihren Fuessen.
+
+
+
+
+ Elftes Kapitel.
+
+
+Aus solchem Sinnen und Sehnen weckte sie ein nahender Schritt auf den
+Sandwegen. Der Gang war so rasch und so bestimmt der Tritt, dass sie nicht
+Athalarich vermutete. Aber es war der Koenig: veraendert in Haltung und
+Erscheinen, maennlicher, kraeftiger, fester. Hoch trug er das sonst zur
+Brust gebeugte Haupt und das Schwert Theoderichs klirrte an seiner Huefte.
+
+"Gegruesst, gegruesst, Kamilla," rief er ihr laut und lebhaft entgegen. "Dein
+Anblick ist der schoenste Lohn fuer diesen heissen Tag."
+
+So hatte er noch nie zu ihr gesprochen.
+
+"Mein Koenig," fluesterte sie ergluehend: einen leuchtenden Blick noch warfen
+die braunen Augen auf ihn: dann senkten sich die langen Wimpern. Mein
+Koenig! so hatte sie ihn nie genannt, solchen Blick ihm nie geschenkt.
+"Dein Koenig?" sagte er, sich neben ihr niederlassend, "ich fuerchte, so
+wirst du mich nicht mehr nennen, wenn du erfaehrst, was alles heute
+geschehen."
+
+"Ich weiss alles." - "Du weisst? Nun dann, Kamilla, sei gerecht: schilt
+nicht, ich bin kein Tyrann." Der Edle, dachte sie, er entschuldigt sich um
+seine schoensten Thaten.
+
+"Sieh, ich hasse die Roemer nicht, der Himmel weiss es, - sie sind ja _dein_
+Volk! - ich ehre sie und ihre alte Groesse, ich achte ihre Rechte. Aber mein
+Reich, den Bau Theoderichs, muss ich beschuetzen, streng und unerbittlich,
+und weh der Hand, die sich dawider hebt. Vielleicht," fuhr er langsamer
+und feierlich fort, "vielleicht ist dies Reich schon verurteilt in den
+Sternen - gleichviel, ich, sein Koenig, muss mit ihm stehen und fallen."
+
+"Du sprichst wahr, Athalarich, und wie ein Koenig."
+
+"Dank dir, Kamilla! wie du heut gerecht bist oder gut! Solcher Guete darf
+ich wohl anvertrauen, welcher Segen, welche Heilung mir geworden. Sieh',
+ich war ein kranker, irrer Traeumer, ohne Halt, ohne Freude, dem Tode gern
+entgegenwankend. Da trat an meine Seele die Gefahr dieses Reichs, die
+thaetige Sorge um mein Volk: und mit der Sorge wuchs in meiner Brust die
+Liebe, die maechtige Liebe zu meinen Goten, und diese stolze und bange und
+wachsame Liebe fuer mein Volk, sie hat mein Herz gestaerkt und getroestet fuer
+... fuer andres bitter schmerzliches Entsagen. Was liegt an meinem Glueck,
+wenn nur dies Volk gedeiht: sieh, der Gedanke hat mich gesund gemacht und
+stark und wahrlich! des Groessten koennt' ich jetzt mich unterwinden."
+
+Er sprang auf, beide Arme wiegend und schwingend.
+
+"O, Kamilla, die Ruhe verzehrt mich! O, ging es zu Ross und in
+waffenstarrende Feinde! Sieh, die Sonne sinkt. Es ladet die spiegelnde
+Flut. Komm, komm mit in den Kahn." Kamilla zoegerte. Sie blickte um. "Die
+Dienerin? Ach lass sie! Dort ruht sie unter der Palme an der Quelle, sie
+schlaeft. Komm, komm rasch, eh' die Sonne versinkt. Sieh die goldne Strasse
+auf der Flut. Sie winkt!" - "Zu den Inseln der Seligen?" fragte das
+liebliche Maedchen mit einem holdseligen Blick und leicht erroetend.
+
+"Ja, komm zu den seligen Inseln!" antwortete er gluecklich, hob sie rasch
+in den Kahn, loeste dessen Silberkette von den Widderkoepfen des Quais,
+sprang hinein, ergriff das zierliche Ruder und stiess ab. Dann legte er das
+Ruder in die Oese zur Linken: und im hintern Gransen des Schiffes stehend
+steuerte und ruderte er zugleich, eine schoene und malerische Bewegung, und
+ein echt germanischer Fergenbrauch.
+
+Kamilla sass vorn, nahe dem Schnabel des Kahns, auf einem Diphros, dem
+griechischen zusammenlegbaren Feldstuhl, und sah ihm in das edle Antlitz,
+das von der rotschimmernden Abendsonne beleuchtet war: sein dunkles Haar
+flog im Winde und herrlich waren die raschen und kraeftigen Bewegungen des
+fein gebauten Ruderers zu schauen. Beide schwiegen. Pfeilschnell schoss die
+leichte Barke durch die glatte Flut.
+
+Flockige, rosige Abendwoelklein zogen langsam ueber den Himmel, der leise
+Wind fuehrte von den Mandelgebueschen des Ufers Wolken von Wohlgeruch mit
+sich, und rings war Schimmer, Ruhe, Harmonie. Endlich brach der Koenig das
+Schweigen und sprach, dem Bot einen kraeftigen Druck gebend, dass es
+gehorsam vorwaerts schoss: "Weisst du, was ich denke? Wie schoen muss es sein
+ein Reich, ein Volk, viel tausend geliebte Leben mit der starken Hand
+durch Wind und Wellen sicher vorwaerts zu steuern zu Glueck und Glanz. - Was
+aber sannest du, Kamilla? Du sahst so mild, es sind gute Gedanken
+gewesen." Sie erroetete und blickte seitab in die Flut.
+
+"O sprich doch, sei offen in dieser schoenen Stunde."
+
+"Ich dachte," fluesterte sie vor sich hin, das feine Koepfchen noch immer
+abgewendet, "wie schoen muss es sein, von treuer, geliebter Hand, der man so
+ganz vertraut, gesteuert werden durch die schwanke Flut des Lebens." - "O,
+Kamilla, glaub mir, auch dem Barbaren kann man sich vertraun" - - "Du bist
+kein Barbar! Wer zart empfindet und edel denkt und sich hochherzig
+ueberwindet und schweren Undank mit Huld vergilt, ist kein Barbar, er ist
+ein edles Menschenbild, wie je ein Scipio gewesen." Entzueckt hielt der
+Koenig im Rudern inne, das Schiff stand: "Kamilla! traeum ich? sprichst du
+das? und zu mir?"
+
+"Mehr noch, Athalarich, mehr! ich bitte dich, vergieb, dass ich dich so
+grausam von mir gestossen. Ach, es war nur Scham und Furcht." - "Kamilla,
+Perle meiner Seele" - Diese, welche das Gesicht dem Ufer zuwandte, rief
+ploetzlich: "was ist das? Man folgt uns. Der Hof, die Frauen, meine
+Mutter." So war es. Rusticiana hatte, von des Praefekten furchtbarem Wink
+getrieben, ihre Tochter im Garten gesucht. Sie fand sie nicht. Sie eilte
+nach dem Venustempel. Umsonst. Umherschauend sah sie ploetzlich die beiden,
+ihr Kind mit ihm allein, auf dem Schiff, fern im Meer. In hoechstem Zorn
+flog sie an den Marmortisch, an dem die Sklaven eben den Abendbecher des
+Koenigs mischten, schickte sie die Stufen hinab, eine Gondel zu loesen,
+gewann so einen unbelauschten Augenblick an dem Tisch und stieg gleich
+darauf mit Daphnidion, die ihr zorniger Ausruf geweckt, die Stufen hinab
+nach dem Schiff. Da bogen zur Rechten aus dem dichten Taxusgang der
+Praefekt und seine Freunde, die ihr Lustwandeln ebenfalls an diese Stelle
+fuehrte. Cethegus folgte ihr die Stufen hinab und reichte ihr die Hand, in
+den Kahn zu steigen. "Es ist geschehen," fluesterte sie ihm dabei zu und
+die Gondel stiess ab. In diesem Augenblick war es, dass das junge Paar auf
+die Bewegung am Ufer aufmerksam wurde: Kamilla stand auf, sie mochte
+erwarten, der Koenig werde das Schiff wenden. Aber dieser rief: "Nein, sie
+sollen mir diese Stunde nicht rauben, die schoenste meines Lebens. Ich muss
+noch mehr von diesen suessen Worten schluerfen. O, Kamilla, du musst mir mehr,
+du musst mir alles sagen. Komm, wir landen auf der Insel dort, da moegen sie
+uns finden." Und maechtig ausgreifend drueckte er mit aller Kraft auf das
+Ruder, dass das Fahrzeug wie befluegelt dahinschoss.
+
+"Willst du nicht weiter sprechen?"
+
+"O, mein Freund, mein Koenig - dringe nicht in mich." Er sah nur ihr in das
+liebliche Antlitz, in das leuchtende Auge, nicht mehr auf Weg und Ziel.
+"Nun warte - dort auf der Insel - dort sollst du mir" - -
+
+Ein neuer leidenschaftlicher Ruderschlag - da erdroehnte ein dumpfer Krach,
+das Schiff war angeprallt und fuhr schuetternd zurueck.
+
+"Himmel!" rief Kamilla aufspringend und nach dem Schnabel des Schiffes
+sehend: ein ganzer Schwall von Wasser sprudelte herein ihr entgegen.
+
+"Das Schiff ist geborsten - wir sinken," sprach sie erbleichend. -
+"Hierher zu mir, lass mich sehen," rief Athalarich vorspringend. "Ah, das
+sind die Nadeln der Amphitrite - wir sind verloren." Die Nadeln der
+Amphitrite - wir wissen, man konnte sie von der Terrasse des Venustempels
+kaum erkennen - waren zwei schmale scharfzackige Klippen zwischen dem Ufer
+und der naechsten der Laguneninseln: sie ragten kaum ueber den
+Wasserspiegel, bei leisestem Wind gingen die Wellen ueber sie weg.
+Athalarich kannte die Gefahr dieser Stelle und hatte sie immer leicht
+vermieden: aber diesmal hatte er nur in der Geliebten Augen geblickt.
+
+Mit einem Blick uebersah er die Lage. Es gab keine Rettung.
+
+Ein Bret im Boden des leicht gezimmerten Gefaehrts war durch den Anprall an
+der Klippe zertruemmert, gewaltig drang das Wasser durch den Leck.
+
+Das Schiff sank von Sekunde zu Sekunde.
+
+Schwimmend mit Kamilla die naechste Insel oder das Ufer zu erreichen,
+konnte er nicht hoffen und das Ruderschiff Rusticianens hatte kaum erst
+abgestossen. Mit Blitzesschnelle hatte er all' das ueberschaut, erwogen,
+eingesehen, und warf einen entsetzten Blick auf das Maedchen. "Geliebte, du
+stirbst," jammerte er verzweifelnd, "und ich, ich hab's verschuldet." Und
+er umfasste sie stuermisch. "Sterben?" rief sie, "o nein! nicht so jung,
+nicht jetzt sterben! Leben, leben mit dir." Und sie klammerte sich fest an
+seinen Arm. Der Ton, die Worte durchschnitten sein Herz.
+
+Er riss sich los, er sah nach Rettung ringsumher, umsonst, umsonst - immer
+hoeher stieg das Wasser, immer rascher sank das Schiff. Er warf das Ruder
+weg. "Es ist aus, alles aus, Geliebte. Lass uns Abschied nehmen." - "Nein!
+nicht mehr scheiden! Muss es gestorben sein: - o dann hinweg alle Scheu,
+welche die Lebendigen bindet" - und gluehend drueckte sie das Haupt an seine
+Brust - "o lass dir sagen, lass dir noch gestehn, wie ich dich liebe, wie
+lange schon, seit - seit immer. All' mein Hass war ja nur verschaemte Liebe.
+Gott, ich liebte dich schon, da ich waehnte, ich muesse dich verabscheuen.
+Ja du sollst wissen, wie ich dich liebe." Und sie bedeckte ihm Augen und
+Wangen mit eiligen Kuessen. "O, jetzt will ich auch sterben - lieber
+sterben mit dir als leben ohne dich. Aber nein" - und sie riss sich von ihm
+los - "du sollst nicht sterben - lass mich hier, springe, schwimme,
+versuch's, du allein erreichst die Insel wohl - versuch's und lass mich."
+
+"Nein," rief er selig, "lieber sterben mit dir als leben ohne dich. Nach
+so langem, langem Sehnen endlich Erfuellung! Wir gehoeren einander auf ewig
+von dieser Stunde. Komm, Kamilla, Geliebte, lass uns hinab."
+
+Schauer der Liebe und des Todes rieselten durcheinander. Er zog sie an
+sich, umschlang sie mit dem linken Arm und stieg mit ihr auf den kaum noch
+Hand breit ueber Wasser ragenden Steuergransen: schon schickte er sich zum
+jaehen Sprunge an, - da entrang sich beiden ein froher Schrei der Hoffnung.
+
+Blitzschnell bog vor ihren Augen um die schmale Landspitze, die unfern von
+ihnen ins Meer ragte, ein Schiff mit vollen Segeln, das gerade auf sie los
+eilte.
+
+Das Schiff vernahm ihren Schrei, es erkannte jedenfalls die Lage des
+sinkenden Kahns, vielleicht die Person des Koenigs: vierzig Ruder, aus zwei
+Stockwerken von Ruderbaenken zugleich in die Flut getaucht, befoerderten den
+Flug des raschen Fahrzeugs, das brausend vor ganzem Wind mit allen Segeln
+daherschoss. Die Leute auf dem Deck riefen ihnen zu, auszuharren und bald -
+es war die hoechste Zeit - lag der Bauch der Bireme neben der Gondel, die
+augenblicklich versank, nachdem das Paar durch die Lukenpforte des untern
+Ruderstockwerks an Bord gerettet war. Es war ein kleines gotisches
+Wachtschiff, der goldene, steigende Loewe, das Wappen der Amalungen,
+glaenzte auf der blauen Flagge: Aligern, ein Vetter Tejas, befehligte es.
+
+"Dank euch, wackre Freunde," sprach Athalarich, da er wieder Worte
+gefunden, "Dank! ihr habt nicht euren Koenig nur, ihr habt eure Koenigin
+gerettet."
+
+Staunend sammelten sich Krieger und Matrosen um den Gluecklichen, der die
+laut weinende Kamilla in seinen Armen hielt. "Heil unsrer schoenen jungen
+Koenigin!" jauchzte der rotblonde Aligern und die Mannschaft jubelte
+donnernd nach: "Heil, Heil unsrer Koenigin!" In diesem Augenblick rauschte
+der Segler an dem Kahn Rusticianens vorbei: der Schall dieses Jubelrufs
+weckte die Unselige aus der Erstarrung von Entsetzen und Betaeubung, die
+sie ergriffen, da die beiden erschrocknen Rudersklaven die Gefahr des
+jungen Paares auf dem sinkenden Boot entdeckt und zugleich erklaert hatten,
+es sei ihnen unmoeglich, sie rechtzeitig aus den Wellen zu retten. Da war
+sie besinnungslos Daphnidion in die Arme gefallen.
+
+Jetzt erwachte sie und warf einen irren Blick umher. Sie staunte: war es
+ein Traumbild, was sie sah? oder war es wirklich ihre Tochter, die dort
+auf dem Deck des Gotenschiffs, das stolz an ihr vorueberrauschte, an der
+Brust des jungen Koenigs lag? und jauchzten wirklich dazu jubelnde Stimmen:
+"Heil Kamilla, unsrer Koenigin?"
+
+Sie starrte auf die voruebergleitende Erscheinung, sprachlos, lautlos. Aber
+das rasch fliegende Segelschiff war schon an ihrem Kahn vorueber und dem
+Lande nah. Es ankerte ausserhalb der seichten Gartenbucht, eine Barke ward
+herabgelassen, das gerettete Paar, Aligern und drei Matrosen sprangen
+hinein und bald stiegen sie die Stufen der Hafentreppe hinan, wo, ausser
+Cethegus und seiner Begleitung, eine Menge von Leuten sich versammelt
+hatte, die vom Palast oder vom Garten aus mit Schrecken die Gefahr des
+kleinen Schiffes wahrgenommen und jetzt herbeieilten, die Geretteten zu
+begruessen. Unter Glueckwuenschen und Segensrufen stieg Athalarich die Stufen
+hinan.
+
+"Seht hier," sprach er, vor dem Tempel angelangt, "sehet, Goten und Roemer,
+eure Koenigin, meine Braut. Uns hat der Gott des Todes zusammengefuehrt,
+nicht wahr, Kamilla?" Sie sah zu ihm auf, aber heftig erschrak sie: die
+Aufregung und der jaehe Wechsel von Schrecken und Freude hatten den kaum
+Genesenen uebermaechtig erschuettert: sein Antlitz war marmorblass, er wankte
+und griff wie Luft schoepfend krampfhaft an seine Brust.
+
+"Um Gott," rief Kamilla, einen Anfall des alten Leidens fuerchtend, "dem
+Koenig ist nicht wohl. Rasch den Wein, die Arznei!" Sie flog an den Tisch,
+ergriff den Silberbecher, der bereit stand, und draengte ihn in seine Hand.
+
+Cethegus stand dicht dabei und folgte mit scharfem Blick jeder seiner
+Bewegungen.
+
+Schon setzte er den Becher an die Lippen, aber ploetzlich liess er ihn
+nochmal sinken, er laechelte: "du musst mir zutrinken, wie's der gotischen
+Koenigin ziemt an ihrem Hof," und er reichte ihr den Pokal: sie nahm ihn
+aus seiner Hand.
+
+Einen Augenblick durchzuckte es den Praefekten siedend heiss. Er wollte
+hinzustuerzen, ihr den Trank aus der Hand reissen, ihn verschuetten.
+
+Aber er hielt sich zurueck. That er's, so war er unrettbar verloren. Nicht
+nur morgen als Hochverraeter, nein, sofort als Giftmoerder angeklagt und
+ueberfuehrt.
+
+Verloren mit ihm seine ganze Ideenwelt, die Zukunft Roms. Und um wen? - Um
+ein verliebtes Maedchen, das treulos zu seinem Todfeind abgefallen. - Nein,
+sagte er kalt zu sich, die Faust zusammendrueckend, sie oder Rom: - also
+sie! Und ruhig sah er zu, wie das Maedchen, hold erroetend, einen leichten
+Trunk aus dem Becher nahm, den der Koenig darauf tief schluerfend bis zum
+Grunde leerte. Er zuckte zusammen, da er ihn auf den Marmortisch
+niedersetzte. "Kommt hinauf ins Palatium," sprach er froestelnd, den Mantel
+ueber die linke Schulter schlagend, "mich friert." Und er wandte sich.
+
+Da traf sein Blick auf Cethegus: er stand einen Augenblick still und sah
+dem Praefekten eindringend ins Auge.
+
+"Du hier?" sagte er finster und trat einen Schritt auf ihn zu: da zuckte
+er nochmal und stuerzte mit einem jaehen Schrei neben der Quelle aufs
+Antlitz nieder.
+
+"Athalarich!" rief Kamilla und warf sich taumelnd ueber ihn. Der alte
+Corbulo sprang aus der Schar der Diener zuerst hinzu: "Hilfe," rief er,
+"sie stirbt - der Koenig!"
+
+"Wasser! rasch Wasser!" sprach Cethegus laut. Und entschlossen trat er an
+den Tisch, ergriff den Silberbecher, bueckte sich, spuelte ihn schnell, aber
+gruendlich in der Quelle und neigte sich ueber den Koenig, der in Cassiodors
+Armen lag, indess Corbulo das Haupt Kamillens auf seine Kniee legte.
+
+Ratlos, entsetzt umstanden die Hofleute die beiden scheinbar leblosen
+Gestalten.
+
+"Was ist geschehen? Mein Kind!" mit diesem Schrei draengte sich Rusticiana,
+die soeben gelandet, an der Tochter Seite. "Kamilla!" rief sie
+verzweifelt, "was ist mit dir?"
+
+"Nichts!" sagte Cethegus ruhig, sich pruefend ueber die beiden beugend. "Es
+ist nur eine Ohnmacht. Aber den jungen Koenig hat sein Herzkrampf
+hingerafft. Er ist tot."
+
+
+
+
+
+ Drittes Buch.
+
+
+ AMALASWINTHA.
+
+
+ "Amalaswintha verzagte nicht nach Frauenart,
+ sonder kraeftig wahrte sie ihr Koenigtum."
+
+ Prokop, Gotenkrieg I. 2
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+
+Wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel traf Athalarichs ploetzliches Ende
+die gotische Partei, die an diesem naemlichen Tage ihre Hoffnungen so hoch
+gespannt hatte. Alle Massregeln, die der Koenig in ihrem Sinne angeordnet,
+waren gelaehmt, die Goten ploetzlich wieder ohne Vertretung in dem Staat, an
+dessen Spitze jetzt die Regentin ganz allein gestellt war.
+
+Am fruehen Morgen des naechsten Tages stellte sich Cassiodor bei dem
+Praefekten ein. Er fand diesen in ruhigem, festem Schlaf.
+
+"Und du kannst schlafen, ruhig wie ein Kind, nach einem solchen Schlag!" -
+"Ich schlief," sagte Cethegus sich auf den linken Arm aufrichtend, "im
+Gefuehle neuer Sicherheit." - "Sicherheit! ja fuer dich, aber das Reich!"
+
+"Das Reich war mehr gefaehrdet durch diesen Knaben als ich. Wo ist die
+Koenigin?" - "Am offenen Sarge ihres Sohnes sitzt sie, sprachlos! Die ganze
+Nacht."
+
+Cethegus sprang auf: "das darf nicht sein," rief er. "Das thut nicht gut.
+Sie gehoert dem Staat, nicht dieser Leiche. Um so weniger, als ich von Gift
+fluestern hoerte. Der junge Tyrann hatte viele Feinde. Wie steht es damit?"
+
+"Sehr ungewiss. Der griechische Arzt Elpidios, der die Leiche untersuchte,
+sprach zwar von einigen auffallenden Erscheinungen. Aber, wenn Gift
+gebraucht worden, meinte er, muesste es ein sehr geheimes, ihm voellig
+fremdes sein. In dem Becher, daraus der Arme den letzten Trunk gethan,
+fand sich nicht die leiseste Spur verdaechtigen Inhalts. So glaubt man
+allgemein, die Aufregung habe das alte Herzleiden zurueckgerufen und dieses
+ihn getoetet. Aber doch ist es gut, dass man dich von dem Augenblick, da du
+die Versammlung verliessest, immer vor Zeugen gesehen: der Schmerz macht
+argwoehnisch."
+
+"Wie steht es um Kamilla?" forschte der Praefekt weiter. - "Sie soll von
+ihrer Betaeubung noch gar nicht erwacht sein; die Aerzte fuerchten das
+Schlimmste. - Aber ich kam, dich zu fragen: Was soll nun weiter geschehen?
+Die Regentin sprach davon, die Untersuchung gegen dich niederzuschlagen."
+- "Das darf nicht sein!" rief Cethegus. "Ich fordre die Durchfuehrung.
+Eilen wir zu ihr." - "Willst du sie am Sarge ihres Sohnes stoeren?" - "Ja,
+das will ich! Deine zarte Ruecksicht bebt davor zurueck? Gut, komme du nach,
+wenn ich das Eis gebrochen."
+
+Er verabschiedete den Besuch und rief seine Sklaven, ihn anzukleiden. Bald
+darauf schritt er, in dunkelgraues Trauergewand gehuellt, hinab zu dem
+Gewoelbe, wo die Leiche ausgestellt lag. Gebieterisch wies er die Wachen
+und die Frauen Amalaswinthens hinweg, die den Eingang hueteten und trat
+geraeuschlos ein.
+
+Es war die niedrig gewoelbte Halle, in der ehedem die Leichen der Kaiser
+mit Salben und Brennstoffen waren fuer den Scheiterhaufen bereitet worden.
+Das schweigende Gelass, mit dunkelgruenem Serpentin getaefelt, von kurzen
+dorischen Saeulen aus schwarzem Marmor getragen, war nie von der Tageshelle
+beleuchtet: auch jetzt fiel auf die duestern byzantinischen Mosaiken auf
+dem Goldgrund der Wandplatten kein andres Licht als von den vier
+Pechfackeln, die an dem Steinsarkophag des jungen Koenigs mit unstetem
+Schimmer flackerten.
+
+Dort lag er, auf einem tiefroten Purpurmantel, Helm, Schwert und Schild zu
+seinen Haeupten.
+
+Der alte Hildebrand hatte ihm einen Eichenkranz um die dunkeln Locken
+gewunden. Die edeln Zuege ruhten in ernster, bleicher Schoene.
+
+Zu seinen Fuessen sass in langem Trauerschleier die hohe Gestalt der
+Regentin, das Haupt auf den linken Arm gestuetzt, der auf dem Sarkophage
+ruhte: der rechte hing erschlafft herab. Sie konnte nicht mehr weinen.
+
+Das Knistern der Pechflammen war das einzige Geraeusch in dieser
+Grabesstille. -
+
+Lautlos trat Cethegus ein, nicht unbewegt von der Poesie des Anblicks.
+Aber mit einem Zusammenziehen der Brauen war dies Gefuehl wie ein Anflug
+von Mitleid erstickt. Klarheit gilt es, sprach er zu sich selbst, und
+Ruhe. Leise trat er naeher und ergriff die herabgesunkene Hand
+Amalaswinthens. "Erhebe dich, hohe Frau, du gehoerst den Lebendigen, nicht
+den Toten."
+
+Erschrocken sah sie auf: "Du hier, Cethegus? Was suchst du hier?"
+
+"Eine Koenigin."
+
+"O, du findest nur eine weinende Mutter!" rief sie schluchzend. - "Das
+kann ich nicht glauben. Das Reich ist in Gefahr und Amalaswintha wird
+zeigen, dass auch ein Weib dem Vaterland den eignen Schmerz opfern kann."
+
+"Das kann sie," sagte sie, sich aufrichtend: "Aber sieh auf ihn hin. - Wie
+jung, wie schoen -! Wie konnte der Himmel so grausam sein." - "Jetzt oder
+nie," dachte Cethegus. "Der Himmel ist gerecht, streng, nicht grausam."
+
+"Wie redest du? was hatte mein edler Sohn verschuldet? Wagst du ihn
+anzuklagen?" - "Nicht ich! Doch eine Stelle der heiligen Schrift hat sich
+erfuellt an ihm: "Ehre Vater und Mutter, auf dass du lang lebest auf Erden."
+Die Verheissung ist auch eine Drohung. Gestern hat er gefrevelt gegen seine
+Mutter und sie verunehrt in trotziger Empoerung: - heute liegt er hier. Ich
+sehe darin den Finger Gottes."
+
+Amalaswintha verhuellte ihr Antlitz. Sie hatte dem Sohn an seinem Sarge
+seine Auflehnung herzlich vergeben. Aber diese Auffassung, diese Worte
+ergriffen sie doch maechtig und zogen sie ab von ihrem Schmerz zur
+liebgewordenen Gewohnheit des Herrschens. "Du hast, o Koenigin, die
+Untersuchung gegen mich niederschlagen wollen und Witichis zurueckberufen.
+Letzteres mag sein. Aber ich fordere die Durchfuehrung des Prozesses und
+feierliche Freisprechung als mein Recht."
+
+"Ich habe nie an deiner Treue gezweifelt. Weh mir, wenn ich es jemals
+muesste. Sage mir: ich weiss von keiner Verschwoerung! und alles ist
+abgethan." - Sie schien seine Beteurung zu erwarten. Cethegus schwieg eine
+Weile. Dann sagte er ruhig: "Koenigin, ich weiss von einer Verschwoerung."
+
+"Was ist das?" rief die Regentin und sah ihn drohend an. - "Ich habe diese
+Stunde, diesen Ort gewaehlt," fuhr Cethegus mit einem Blick auf die Leiche
+fort, "dir meine Treue entscheidend zu besiegeln, dass sie dir
+unausloeschlich moege ins Herz geschrieben sein. Hoere und richte mich." -
+"Was werd' ich hoeren?" sprach die Koenigin wachsam und fest entschlossen,
+sich weder taeuschen noch erweichen zu lassen. "Ich waer' ein schlechter
+Roemer, Koenigin, und du muesstest mich verachten, liebte ich nicht vor allem
+andern mein Volk. Dies stolze Volk, das selbst du, die Fremde, liebst. Ich
+wusste, - wie du es weisst - dass der Hass gegen euch als Ketzer, als Barbaren
+in den Herzen fortglimmt. Die letzten strengen Thaten deines Vaters hatten
+ihn geschuert. Ich ahnte eine Verschwoerung. Ich suchte, ich entdeckte sie."
+- "Und verschwiegst sie!" sprach die Regentin, zuernend sich erhebend. -
+"Und verschwieg sie. Bis heute. Die Verblendeten wollten die Griechen
+herbeirufen und nach Vernichtung der Goten sich dem Kaiser unterwerfen." -
+"Die Schaendlichen!" rief Amalaswintha heftig. - "Die Thoren! Sie waren
+schon soweit gegangen, dass nur Ein Mittel blieb, sie zurueckzuhalten: ich
+trat an ihre Spitze, ich ward ihr Haupt." - "Cethegus!" - "Dadurch gewann
+ich Zeit und konnte edle, wenn auch verblendete Maenner von dem Verderben
+zurueckhalten. Allgemach konnte ich ihnen die Augen darueber oeffnen, dass ihr
+Plan, wenn er gelaenge, nur eine milde mit einer despotischen Herrschaft
+vertauschen wuerde. Sie sahen es ein, sie folgten mir und kein Byzantiner
+wird diesen Boden betreten bis ich ihn rufe, ich - oder du."
+
+"Ich! rasest du?" - "Nichts ist den Menschen zu verschwoeren! sagt
+Sophokles, dein Liebling. Lass dich warnen, Koenigin, die du die dringendste
+Gefahr nicht siehst. Eine andre Verschwoerung, viel gefaehrlicher als jene
+roemische Schwaermerei, bedroht dich, deine Freiheit, das Herrschaftsrecht
+der Amaler, in naechster Naehe - eine Verschwoerung der Goten."
+
+Amalaswintha erbleichte.
+
+"Du hast gestern zu deinem Schrecken ersehn, dass nicht deine Hand mehr das
+Ruder dieses Reiches fuehrt. Ebensowenig dieser edle Tode, der nur ein
+Werkzeug deiner Feinde war. Du weisst es, Koenigin, viele in deinem Volk
+sind blutduerstende Barbaren, raubgierig, roh: sie moechten dies Land
+brandschatzen, wo Vergil und Tullius gewandelt. Du weisst, dein trotziger
+Adel hasst die Uebermacht des Koenigshauses und will sich ihm wieder
+gleichstellen. Du weisst, die rauhen Goten denken nicht wuerdig von dem
+Beruf des Weibes zur Herrschaft." - "Ich weiss es," sprach sie stolz und
+zornig. - "Aber nicht weisst du, dass alle diese Parteien sich geeinigt
+haben. Geeinigt gegen dich und dein roemerfreundlich Regiment. Dich wollen
+sie stuerzen oder zu ihrem Willen zwingen. Cassiodor und ich, wir sollen
+von deiner Seite fort. Unser Senat, unsre Rechte sollen fallen, das
+Koenigtum ein Schatte werden. Krieg mit dem Kaiser soll entbrennen. Und
+Gewalt, Erpressung, Raub ueber uns Roemer hereinbrechen." - "Du malst eitle
+Schreckbilder!" - "War ein eitles Schreckbild, was gestern geschah? Wenn
+nicht der Arm des Himmels eingriff, warst nicht du selbst - wie ich - der
+Macht beraubt? Warst du denn noch Herrin in deinem Reich, in deinem Hause?
+Sind sie nicht schon so maechtig, dass der heidnische Hildebrand, der
+baeuerische Witichis, der finstre Teja in deines bethoerten Sohnes Namen
+offen deinem Willen trotzen? Haben sie nicht jene rebellischen drei
+Herzoge zurueckberufen? Und deine widerspenstige Tochter und -" - "Wahr, zu
+wahr!" seufzte die Koenigin.
+
+"Wenn diese Maenner herrschen - dann lebt wohl Wissenschaft und Kunst und
+edle Bildung! Leb wohl, Italia, Mutter der Menschlichkeit! Dann lodert in
+Flammen auf, ihr weissen Pergamente, brecht in Truemmer, schoene Statuen.
+Gewalt und Blut wird diese Fluren erfuellen und spaete Enkel werden
+bezeugen: solches geschah unter Amalaswintha, der Tochter Theoderichs."
+
+"Nie, niemals soll das geschehen! Aber -"
+
+"Du willst Beweise? Ich fuerchte, nur zu bald wirst du sie haben. Du siehst
+jedoch schon jetzt: auf die Goten kannst du dich nicht stuetzen, wenn du
+jene Greuel verhindern willst. Gegen sie schuetzen nur wir dich, wir, denen
+du ohnehin angehoerst nach Geist und Bildung, wir Roemer. Dann, wenn jene
+Barbaren laermend deinen Thron umdraengen, dann lass mich jene Maenner um dich
+scharen, die sich einst gegen dich verschworen, die Patrioten Roms: sie
+schuetzen dich und sich selbst zugleich."
+
+"Cethegus," sprach die bedraengte Frau, "du beherrschest die Menschen
+leicht! Wer, sage mir, wer buergt mir fuer die Patrioten, fuer deine Treue?"
+
+"Dies Blatt, Koenigin, und dieses! Jenes enthaelt eine genaue Liste der
+roemischen Verschwornen - du siehst, es sind viele hundert Namen: dies die
+Glieder des gotischen Bundes, die ich freilich nur erraten konnte. Aber
+ich rate gut. Mit diesen beiden Blaettern geb' ich die beiden Parteien,
+geb' ich mich selbst ganz in deine Hand. Du kannst mich jeden Augenblick
+bei den Meinen selbst als Verraeter entlarven, der vor allem _deine_ Gunst
+gesucht, kannst mich preisgeben dem Hass der Goten - ich habe jetzt keinen
+Anhang mehr, sobald du willst: ich stehe allein, allein auf dem Boden
+deiner Gunst."
+
+Die Koenigin hatte die Rollen mit leuchtenden Augen durchflogen.
+"Cethegus," rief sie jetzt, "ich will deiner Treue gedenken und dieser
+Stunde!" Und sie reichte ihm geruehrt die Hand.
+
+Cethegus neigte leise das Haupt. "Noch eins, o Koenigin. Die Patrioten,
+fortan deine Freunde wie die meinen, wissen das Schwert des Verderbens,
+des Hasses der Barbaren ueber ihren Haeuptern hangen. Die Erschrocknen
+beduerfen der Aufrichtung. Lass sie mich deines hohen Schutzes versichern:
+stelle deinen Namen an die Spitze dieses Blattes und lass mich ihnen
+dadurch ein sichtbar Zeichen deiner Gnade geben."
+
+Sie nahm den goldnen Stift und die Wachstafel, die er ihr reichte. Einen
+Augenblick noch zoegerte sie nachdenklich: dann aber schrieb sie rasch
+ihren Namen und gab ihm Griffel und Tafel zurueck: "Hier, sie sollen mir
+treu bleiben, treu wie du."
+
+Da trat Cassiodorus ein: "o Koenigin, die gotischen Grossen harren dein. Sie
+begehren dich zu sprechen."
+
+"Ich komme! Sie sollen meinen Willen vernehmen," sprach sie heftig: "du
+aber, Cassiodor, sei der erste Zeuge des Beschlusses, den diese ernste
+Stunde in mir gereift, den bald mein ganzes Reich vernehmen soll: hier der
+Praefekt von Rom ist hinfort der erste meiner Diener, wie er der treuste
+ist: sein ist der Ehrenplatz in meinem Vertrauen und an meinem Thron."
+
+Staunend fuehrte Cassiodor die Regentin die dunkeln Stufen hinan. Langsam
+folgte Cethegus: er hob die Wachstafel in die Hoehe und sprach zu sich
+selbst: "Jetzt bist du mein, Tochter Theoderichs. Dein Name auf dieser
+Liste trennt dich auf immer von deinem Volk." - -
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+
+Als Cethegus aus dem unterirdischen Gewoelbe wieder zu dem Erdgeschoss des
+Palastes aufgetaucht war und sich anschickte, der Regentin zu folgen, ward
+sein Ohr beruehrt und sein Schritt gefesselt durch feierliche, klagende
+Floetentoene. Er erriet, was sie bedeuteten.
+
+Sein erster Antrieb war, auszuweichen. Aber alsbald entschloss er sich zu
+bleiben. "Einmal muss es doch geschehen, also am besten gleich," dachte er.
+"Man muss pruefen, wie weit sie unterrichtet ist."
+
+Immer naeher kamen die Floeten, wechselnd mit eintoenigen Klagegesaengen.
+Cethegus trat in eine breite Nische des dunklen Ganges, in welchen schon
+die Spitze des kleinen Zuges einbog. Voran schritten paarweise sechs edle
+roemische Jungfrauen in grauen Klageschleiern, gesenkte Fackeln in den
+Haenden. Darauf folgte ein Priester, dem eine hohe Kreuzesfahne mit langen
+Wimpeln vorangetragen wurde. Hierauf eine Schar von Freigelassenen der
+Familie, angefuehrt von Corbulo, und die Floetenblaeser. Dann erschien, von
+vier roemischen Maedchen getragen, ein offener, blumenueberschuetteter Sarg:
+da lag auf weissem Linnentuch die tote Kamilla, in braeutlichem Schmuck,
+einen Kranz von weissen Rosen um das schwarze Haar: ein Zug laechelnden
+Friedens spielte um den leicht geoeffneten Mund. Hinter dem Sarg aber
+wankte, mit geloestem Haar, stier vor sich hinblickend, die unselige
+Mutter, von Matronen umgeben, welche die Sinkende stuetzten. Eine Reihe von
+Sklavinnen schloss den Zug, der sich langsam in das Totengewoelbe verlor.
+
+Cethegus erkannte die schluchzende Daphnidion und hielt sie an. "Wann
+starb sie?" fragte er ruhig. - "Ach, Herr, vor wenigen Stunden! Oh die
+gute, schoene, freundliche Domna!" - "Ist sie noch einmal erwacht zu vollem
+Bewusstsein?"
+
+"Nein, Herr, nicht mehr. Nur ganz zuletzt schlug sie die grossen Augen
+nochmal auf und schien rings umher zu suchen. "Wo ist er hin?" fragte sie
+die Mutter. "Ach, ich sehe ihn," rief sie dann und hob sich aus den
+Kissen. "Kind, mein Kind, wo willst du hin?" weinte die Herrin. "Nun,
+dorthin," sagte sie mit verklaertem Laecheln: "nach den Inseln der Seligen!"
+und sie schloss die Augen und sank zurueck auf das Lager und jenes holde
+Laecheln blieb stehen auf ihrem Mund - und sie war dahin, dahin auf ewig!"
+- "Wer hat sie hier herab bringen lassen?" - "Die Koenigin. Sie erfuhr
+alles und befahl die Tote als die Braut ihres Sohnes neben ihm
+auszustellen und zu bestatten."
+
+"Aber was sagt der Arzt? wie konnte sie so ploetzlich sterben?" - "Ach der
+Arzt sah sie nur fluechtig; er hatte alle Gedanken bei der Koenigsleiche und
+die Herrin litt ja gar nicht, dass der fremde Mann ihre Tochter beruehre.
+Das Herz ist ihr eben gebrochen: daran mag man wohl sterben! Aber still,
+sie kommen." Der Zug ging in derselben Ordnung, ohne den Sarg, zurueck.
+Daphnidion schloss sich an. Nur Rusticiana fehlte. Ruhig schritt Cethegus
+den einsamen Gang auf und nieder, sie zu erwarten.
+
+Endlich stieg die gebrochne Gestalt die Stufen herauf. Sie wankte und
+drohte zu fallen. Da ergriff er rasch ihren Arm. "Rusticiana, fasse dich!"
+
+"Du hier? O Gott, du hast sie auch geliebt! Und wir, wir beide haben sie
+ermordet!" Und sie brach auf seine Schulter zusammen. "Schweig, Unselige!"
+fluesterte er, sich umsehend.
+
+"Ach, ich, die eigne Mutter, habe sie getoetet. Ich habe den Trank
+gemischt, der ihm den Tod gebracht."
+
+Gut, dachte er, sie ahnt also nicht, dass sie getrunken, geschweige, dass
+ich sie trinken sah. "Es ist ein grausamer Streich des Geschicks," sagte
+er laut; "aber bedenke, was sollte werden, wenn sie lebte? Sie liebte
+ihn!" - "Was werden sollte?" rief Rusticiana, von ihm zuruecktretend.
+
+"O, wenn sie nur lebte! Wer kann wider die Liebe? Waere sie sein geworden,
+sein Weib, - seine Geliebte, wenn sie nur lebte!" - "Aber du vergisst, dass
+er sterben musste." - "Musste? warum musste er sterben? auf dass du deine
+stolzen Plaene hinausfuehrst! O Selbstsucht ohnegleichen!" - "Es sind deine
+Plaene, die ich ausfuehre, nicht die meinen; wie oft muss ich dir's
+wiederholen? Du hast den Gott der Rache heraufbeschworen, nicht ich: was
+klagst du mich an, wenn er Opfer von dir fordert? Besinne dich besser.
+Lebe wohl."
+
+Aber Rusticiana fasste heftig seinen Arm: "Und das ist alles? Und weiter
+hast du nichts, kein Wort, keine Thraene fuer mein Kind? Und du willst mich
+glauben machen, um sie, um mich zu raechen habest du gehandelt? Du hast nie
+ein Herz gehabt. Du hast auch sie nicht geliebt - kalten Blutes siehst du
+sie sterben - ha, Fluch - Fluch ueber dich." - "Schweig, Unsinnige." -
+"Schweigen? nein, reden will ich und dir fluchen. O, wuesst' ich etwas, das
+dir waere, was mir Kamilla war! O, muesstest du, wie ich, deines ganzen
+Lebens letzte, einzige Freude fallen sehen, fallen sehen und verzweifeln.
+Wenn ein Gott ist im Himmel, wirst du das erleben."
+
+Cethegus laechelte.
+
+"Du glaubst an keine Macht im Himmel, die vergelte? wohlan, glaub' an die
+Rache einer jammervollen Mutter! Du sollst erzittern! ich eile zur
+Regentin und entdecke ihr alles! Du sollst sterben!" - "Und du stirbst mit
+mir."
+
+"Mit lachenden Augen, wenn ich dich verderben sehe." Und sie wollte
+hinweg. Aber Cethegus ergriff sie mit starkem Arm. "Halt, Weib. Glaubst
+du, man sieht sich nicht vor mit deinesgleichen? Deine Soehne, Anicius und
+Severinus, die Verbannten, sind heimlich in Italien, in Rom, in meinem
+Hause. Du weisst, auf ihrer Rueckkehr steht der Tod. Ein Wort - und sie
+sterben mit uns: dann magst du deinem Gatten auch die Soehne, wie die
+Tochter, als durch dich gefallen zufuehren. Ihr Blut ueber dein Haupt." Und
+rasch war er um die Ecke des Ganges biegend verschwunden.
+
+"Meine Soehne!" rief Rusticiana und brach auf dem Marmorestrich zusammen. -
+
+Wenige Tage darauf verliess die Witwe des Boethius mit Corbulo und
+Daphnidion den Koenigshof fuer immer. Vergebens suchte die Regentin sie zu
+halten.
+
+Der treue Freigelassene fuehrte sie zurueck auf die verborgne Villa bei
+Tifernum, die je verlassen zu haben sie jetzt tief betrauerte. Sie baute
+daselbst, an der Stelle des kleinen Venustempels, eine Basilika, in deren
+Krypta eine Urne mit den Herzen der beiden Liebenden beigesetzt wurde.
+
+Ihre leidenschaftliche Seele verband mit dem Gebet fuer das Heil ihres
+Kindes unzertrennlich die Bitte der Rache an Cethegus, dessen wahre
+Beteiligung an Kamillens Tod sie nicht einmal ahnte: nur das durchschaute
+sie, dass er Mutter und Tochter als Werkzeuge seiner Plaene gebraucht und in
+herzloser Kaelte des Maedchens Glueck und Leben aufs Spiel gesetzt hatte.
+
+Und kaum minder unablaessig als das Licht der daselbst gestifteten ewigen
+Lampe stieg das Gebet und der Fluch der vereinsamten Mutter zum Himmel
+empor.
+
+Die Stunde sollte nicht ausbleiben, die ihr die Schuld des Praefekten ganz
+enthuellte und auch die Rache nicht, die sie dafuer vom Himmel niederrief.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+
+Am Hofe von Ravenna aber wurde ein zaeher und grimmiger Kampf gefuehrt.
+
+Die gotischen Patrioten, obwohl durch den ploetzlichen Untergang ihres
+jugendlichen Koenigs schwer betruebt und fuer den Augenblick ueberwunden,
+wurden doch von ihren unermuedlichen Fuehrern bald wieder aufgerafft. Das
+hohe Ansehen des alten Hildebrand, die ruhige Kraft des zurueckberufenen
+Witichis und Tejas wachsamer Eifer wirkten unablaessig. Wir haben gesehen,
+wie es diesen Maennern gelungen war, Athalarich zur Abschuettelung der
+Oberleitung seiner Mutter zu verhelfen. Jetzt gelang es ihnen leicht,
+unter den Goten immer mehr Anhang zu finden gegen eine Regentschaft, in
+welcher der ihnen als Hochverraeter verhasste Cethegus mehr als je in den
+Vordergrund trat. Die Stimmung im Heer, in der germanischen Bevoelkerung
+von Ravenna war genuegend zu einem entscheidenden Schlage vorbereitet. Mit
+Muehe hielt der alte Waffenmeister die Unzufriedenen zurueck, bis sie, durch
+wichtige Bundesgenossen verstaerkt, desto sicherer siegen koennten.
+
+Diese Bundesgenossen waren die drei Herzoge Thulun, Ibba und Pitza, die
+Amalaswintha vom Hofe verscheucht und ihr Sohn soeben zurueckberufen hatte.
+Thulun und Ibba waren Brueder, Pitza ihr Vetter.
+
+Ein andrer Bruder der ersteren, Herzog Alarich, war vor Jahren wegen
+angeblicher Verschwoerung zum Tode verurteilt und seit seiner Flucht
+verschollen.
+
+Sie stammten aus dem beruehmten Geschlecht der Balten, das bei den
+Westgoten die Koenigskrone getragen hatte und den Amalungen kaum nachstand
+an Alter und Ansehn. Ihr Stammbaum fuehrte, wie der des Koenigshauses, bis
+zu den Goettern hinauf. Ihr Reichtum an Grundbesitz und abhaengigen Colonen
+und der Ruhm ihrer Kriegsthaten erhoehten Macht und Glanz ihres Hauses. Man
+sagte im Volk, Theoderich habe eine Zeit lang daran gedacht, mit
+Uebergehung seiner Tochter und ihres unmuendigen Knaben, zum Heile des
+Reiches den kraeftigen Herzog Thulun zu seinem Nachfolger zu bestellen.
+
+Und die Patrioten waren jetzt, nach dem Tode Athalarichs, entschlossen,
+fuer den aeussersten Fall, das heisst, wenn die Regentin von ihrem System
+nicht abzubringen sei, jene Gedanken wieder aufzunehmen.
+
+Cethegus sah das Gewitter heranziehen: er sah, wie das gotische
+Volksbewusstsein, von Hildebrand und seinen Freunden wachgerufen, sich
+immer heftiger gegen die romanisirende Regentschaft straeubte.
+
+Mit Unmut gestand er sich, dass es ihm an wirklicher Macht fehle, diese
+Unzufriedenheit niederzuhalten: Ravenna war nicht sein Rom, wo er die
+Werke beherrschte, wo er die Buerger wieder an die Waffen gewoehnt und an
+seine Person gefesselt hatte; hier waren alle Truppen Goten und er musste
+fuerchten, dass sie einen Haftbefehl gegen Hildebrand oder Witichis mit
+offnem Aufruhr beantworten wuerden. So fasste er den kuehnen Gedanken, mit
+Einem Zug sich aus den Netzen, die ihn zu Ravenna umstrickten,
+herauszureissen: er beschloss, die Regentin, noetigenfalls mit Gewalt, nach
+Rom zu bringen, nach seinem Rom: dort hatte er Waffen, Anhang, Macht. Dort
+war Amalaswintha ausschliesslich in seiner Gewalt und die Goten hatten das
+Nachsehen.
+
+Zu seiner Freude ging die Regentin lebhaft auf seinen Plan ein. Sie sehnte
+sich hinweg aus diesen Mauern, wo sie mehr eine Gefangene als eine
+Herrscherin erschien. Sie verlangte nach Rom, nach Freiheit und Macht.
+Rasch wie immer traf Cethegus seine Massregeln. Auf den kuerzern Weg zu
+Lande musste er verzichten, da die grosse Via flaminia sowohl als die andern
+Strassen von Ravenna nach Rom durch gotische Scharen, die Witichis
+befehligte, bedeckt waren und daher zu fuerchten stand, dass ihre Flucht auf
+diesem Wege zu frueh entdeckt und vielleicht verhindert wuerde. So musste er
+sich entschliessen, einen Teil des Weges zur See zurueckzulegen: aber auf
+die gotischen Schiffe im Hafen von Ravenna konnte man zu einem solchen
+Zweck nicht zaehlen.
+
+Zum Glueck erinnerte sich der Praefekt, dass der Nauarch Pomponius, einer der
+Verschwornen, mit drei Trieren zuverlaessiger d. h. roemischer Bemannung an
+der Ostkueste des adriatischen Meeres, zwischen Ancona und Teate, auf
+afrikanische Seeraeuber Jagd machend, kreuzte. Diesem sandte er Befehl, in
+der Nacht des Epiphaniasfestes in der Bucht von Ravenna zu erscheinen. Er
+hoffte vom Garten des Palastes aus, unter dem Schutz der Dunkelheit und
+waehrend kirchliche und weltliche Festfeier die Stadt beschaeftigte, leicht
+und sicher mit Amalaswintha die Schiffe zu erreichen, die sie zur See ueber
+die gotischen Stellungen hinaus bis nach Teate bringen sollten: von da aus
+war der Weg nach Rom kurz und ungefaehrdet.
+
+Diesen Plan im Bewusstsein - sein Bote kam gluecklich hin und zurueck mit dem
+Versprechen des Pomponius, puenktlich einzutreffen - laechelte der Praefekt
+zu dem taeglich wachsenden, trotzigen Hass der Goten, die seine
+Guenstlingsstellung bei Amalaswintha mit Ingrimm betrachteten. Er ermahnte
+diese, geduldig auszuharren und nicht durch einen Ausbruch ihres
+koeniglichen Zornes ueber die "Rebellen" vor dem Tag der Befreiung einen
+Zusammenstoss herbeizufuehren, der leicht alle Plaene der Rettung vereiteln
+konnte.
+
+Das Epiphaniasfest war gekommen: das Volk wogte in dichten Massen in den
+Basiliken, auf den Plaetzen der Stadt. Die Kleinodien des Schatzes lagen
+geordnet und gepackt bereit, ebenso die wichtigsten Urkunden des Archivs.
+
+Es war Mittag. Amalaswintha und der Praefekt hatten soeben ihren Freund
+Cassiodor von dem Plan unterrichtet, dessen Kuehnheit ihn anfangs
+erschreckte, dessen Klugheit ihn alsbald gewann. Sie wollten gerade aus
+dem Gemach der Beratung aufbrechen, als ploetzlich der Laerm des Volkes, das
+vor dem Palast auf und niederflutete, lauter und heftiger anschwoll:
+Drohungen, Jubelrufe, Waffenklirren wild durcheinander.
+
+Cethegus schlug den Vorhang des grossen Rundbogenfensters zurueck: doch er
+sah nur noch die letzten Reihen der Menge nachdraengen in die offenen Thore
+des Palastes. Die Ursache der Aufregung war nicht zu entdecken.
+
+Aber schon stieg im Palatium das Getoese die Treppen hinan, Zank mit der
+Dienerschaft wurde hoerbar, einzelne Waffenschlaege, bald nahe, schwere
+Tritte. Amalaswintha bebte nicht: fest hielt sie den Drachenknauf des
+Thronstuhls, auf den Cassiodor sie zurueckgefuehrt.
+
+Cethegus warf sich indessen den Andringenden entgegen. "Halt," rief er,
+unter der Thuere des Gemaches hinaus, "die Koenigin ist fuer niemand
+sichtbar."
+
+Einen Augenblick lautlose Stille.
+
+Dann rief eine kraeftige Stimme: "Wenn fuer dich, Roemer, auch fuer uns, fuer
+ihre gotischen Brueder. Vorwaerts!"
+
+Und wieder erhob sich das Brausen der Stimmen und im Augenblick war
+Cethegus, ohne Anwendung bestimmter Gewalt, von dem Andrang der Masse wie
+von unwiderstehlicher Meeresflut bis weit in den Hintergrund des Saales
+zurueckgeschoben, und die Vordersten im Zuge standen dicht vor dem Thron.
+
+Es waren Hildebrand, Witichis, Teja, ein baumlanger Gote, den Cethegus
+nicht kannte, und neben ihm - es litt keinen Zweifel - die drei Herzoge
+Thulun, Ibba und Pitza, in voller Ruestung, drei prachtvolle
+Kriegergestalten. Die Eingedrungnen neigten sich vor dem Thron. Dann rief
+Herzog Thulun nach rueckwaerts gewendet mit der Handbewegung eines gebornen
+Herrschers: "Ihr, gotische Maenner, harret noch draussen eine kurze Weile;
+wir wollen's in eurem Namen mit der Regentin zu schlichten suchen. Gelingt
+es nicht - so rufen wir euch auf zur That - ihr wisst, zu welcher."
+
+Willig und mit Jubelrufen zogen sich die Scharen hinter ihm zurueck und
+verloren sich bald in den Gaengen und Hallen des Schlosses.
+
+"Tochter Theoderichs," hob Herzog Thulun an, das Haupt zurueckwerfend, "wir
+sind gekommen, weil uns dein Sohn, der Koenig, zurueckberufen. Leider finden
+wir ihn nicht mehr am Leben. Wir wissen, dass du uns nicht gerne hier
+siehst."
+
+"Wenn ihr das wisst," sprach Amalaswintha mit Hoheit, "wie koennt ihr wagen,
+dennoch vor unser Angesicht zu treten? Wer gestattet euch, wider unsern
+Willen zu uns zu dringen?" - "Die Not gebeut es, hohe Frau, die Not, die
+schon staerkere Riegel gebrochen als eines Weibes Laune. Wir haben dir die
+Forderungen deines Volkes vorzutragen, die du erfuellen wirst." - "Welche
+Sprache! Weisst du wer vor dir steht, Herzog Thulun?" - "Die Tochter der
+Amalungen, deren Kind ich ehre, auch wo es irrt und frevelt." - "Rebell!"
+rief Amalaswintha und erhob sich majestaetisch vom Throne, "dein Koenig
+steht vor dir." Aber Thulun laechelte: "Du wuerdest klueger thun,
+Amalaswintha, von diesem Punkt zu schweigen. Koenig Theoderich hat dir die
+Mundschaft ueber deinen Sohn uebertragen, dem Weibe: - das war wider Recht,
+aber wir Goten haben ihm nicht eingeredet in seine Sippe. Er hat diesen
+Sohn zum Nachfolger gewuenscht, den Knaben: - das war nicht klug. Aber Adel
+und Volk der Goten haben das Blut der Amalungen geehrt und den Wunsch
+eines Koenigs, der sonst weise war. Niemals jedoch hat er gewuenscht und
+niemals haetten wir gebilligt, dass nach jenem Knaben ein Weib ueber uns
+herrschen solle, die Spindel ueber die Speere."
+
+"So wollt ihr mich nicht mehr anerkennen als eure Koenigin?" rief sie
+empoert. "Und auch du, Hildebrand, alter Freund Theoderichs, auch du
+verleugnest seine Tochter?"
+
+"Frau Koenigin," sprach der Alte, "wollest du selbst verhueten, dass ich dich
+verleugnen muss."
+
+Thulun fuhr fort: "Wir verleugnen dich nicht - noch nicht. Jenen Bescheid
+gab ich nur, weil du auf dein Recht pochst und weil du wissen musst, dass du
+ein Recht nicht hast.
+
+Aber weil wir gern den Adel des Blutes ehren - wir ehren damit uns selbst
+- und weil es in diesem Augenblick zu boesem Zwiespalt im Reich fuehren
+koennte, wollten wir dir die Krone absprechen, so will ich dir die
+Bedingungen sagen, unter denen du sie fuerder tragen magst."
+
+Amalaswintha litt unsaeglich: wie gern haette sie das stolze Haupt, das
+solche Worte sprach, dem Henker geweiht. Und machtlos musste sie das
+dulden! Thraenen wollten in ihr Auge dringen: sie presste sie zurueck, aber
+erschoepft sank sie auf ihren Thron, von Cassiodor gestuetzt.
+
+Cethegus war indessen an ihre andre Seite getreten: "Bewillige alles!"
+raunte er ihr zu, "'s ist alles erzwungen und nichtig. Und heute Nacht
+noch koemmt Pomponius."
+
+"Redet," sprach Cassiodor, "aber schont des Weibes, ihr Barbaren." - "Ei,"
+lachte Herzog Pitza, "sie will ja nicht als Weib behandelt sein: sie ist
+ja unser Koenig."
+
+"Ruhig, Vetter," verwies ihn Herzog Thulun, "sie ist von edlem Blut wie
+wir."
+
+"Fuers erste," fuhr er fort, "entlaesst du aus deiner Naehe den Praefekten von
+Rom. Er gilt fuer einen Feind der Goten. Er darf nicht die Gotenkoenigin
+beraten. An seine Stelle bei deinem Thron tritt Graf Witichis."
+
+"Bewilligt!" sagte Cethegus selbst, statt Amalaswinthas.
+
+"Fuers zweite erklaerst du in einem Manifest, dass fortan kein Befehl von dir
+vollziehbar, der nicht von Hildebrand oder Witichis unterzeichnet, dass
+kein Gesetz ohne Genehmigung der Volksversammlung gueltig ist."
+
+Die Regentin fuhr zornig auf, aber Cethegus hielt ihren Arm nieder. "Heute
+Nacht kommt Pomponius!" fluesterte er ihr zu. Dann rief er laut: "Auch das
+wird zugestanden."
+
+"Das dritte," hob Thulun wieder an, "wirst du so gern gewaehren, als wir es
+empfangen. Wir drei Balten haben nicht gelernt, in der Hofburg die Haeupter
+zu buecken: das Dach ist uns zu niedrig hier. Amaler und Balten leben am
+besten weit von einander - wie Adler und Falk. Und das Reich bedarf unsres
+Arms an seinen Marken. Die Nachbarn waehnen, das Land sei verwaiset, seit
+dein grosser Vater ins Grab stieg. Avaren, Gepiden, Sclavenen springen
+ungescheut ueber unsre Grenzen. Diese drei Voelker zu zuechtigen, ruestest du
+drei Heere, je zu dreissig Tausendschaften und wir drei Balten fuehren sie
+als deine Feldherrn nach Osten und nach Norden."
+
+Die ganze Waffenmacht obenein in ihre Haende: - nicht uebel! dachte
+Cethegus. "Bewilligt," rief er laechelnd.
+
+"Und was bleibt mir," fragte Amalaswintha, "wenn ich all das euch
+dahingegeben?"
+
+"Die goldne Krone auf der weissen Stirn," sagte Herzog Ibba.
+
+"Du kannst ja schreiben wie ein Grieche," begann Thulun aufs neue.
+"Wohlan, man lernt solche Kuenste nicht umsonst. Hier dies Pergament soll
+enthalten - mein Sklave hat es aufgezeichnet - was wir fordern."
+
+Er reichte es Witichis zur Pruefung: "Ist es so? Gut. Das wirst du
+unterschreiben, Fuerstin. - So, wir sind fertig. Jetzt sprich du, Hildebad,
+mit jenem Roemer."
+
+Doch vor ihn trat Teja, die Rechte am Schwert, zitternd vor Hass: "Praefekt
+von Rom," sagte er, "Blut ist geflossen, edles, teures, gotisches Blut. Es
+weiht ihn ein, den grimmen Kampf, der bald entbrennen wird. Blut, das du
+buessen" - der Zorn erstickte seine Stimme.
+
+"Pah," rief, ihn zurueckschiebend, Hildebad, - denn er war der baumlange
+Gote - "macht nicht soviel Aufhebens davon! Mein goldner Bruder kann
+leicht etwas missen von ueberfluessigem Blut. Und der andre hat mehr
+verloren als er missen kann. Da, du schwarzer Teufel," rief er Cethegus zu
+und hielt ihm ein breites Schwert dicht vor die Augen, "kennst du das?"
+
+"Des Pomponius Schwert!" rief dieser erbleichend und einen Schritt
+zurueckweichend. Amalaswintha und Cassiodor fragten erschrocken:
+"Pomponius?"
+
+"Aha," lachte Hildebad, "nicht wahr, das ist schlimm? Ja, aus der
+Wasserfahrt kann nichts werden."
+
+"Wo ist Pomponius, mein Nauarch?" rief Amalaswintha heftig.
+
+"Bei den Haifischen, Frau Koenigin, in tiefer See."
+
+"Ha, Tod und Vernichtung!" rief Cethegus, jetzt fortgerissen vor Zorn,
+"wie geht das zu?"
+
+"Lustig genug. Sieh, mein Bruder Totila - du kennst ihn ja, nicht wahr? -
+lag im Hafen von Ancona mit zwei kleinen Schiffen. Dein Freund Pomponius,
+der machte ihm seit einigen Tagen ein so uebermuetiges Gesicht und liess so
+dicke Worte fallen, dass es selbst meinem arglosen Blonden auffiel.
+Ploetzlich ist er eines Morgens mit seinen drei Trieren aus dem Hafen
+entwischt. Totila schoepft Verdacht, setzt alle Leinwand auf, fliegt ihm
+nach, holt ihn ein auf der Hoehe von Pisaurum, stellt ihn, geht zu ihm an
+Bord mit mir und ein paar andern und fragt ihn, wohinaus?"
+
+"Er hatte kein Recht dazu, Pomponius wird ihm keine Antwort gegeben
+haben."
+
+"Doch, Vortrefflicher, er gab ihm eine. Wie der sah, dass wir zu sieben
+allein auf seinem Schiff, da lachte er und rief: "Wohin ich segle? Nach
+Ravenna, du Milchbart, und rette die Regentin aus euren Klauen nach Rom."
+Und dabei winkte er seinen Leuten. Da warfen aber auch wir die Schilde vor
+und hui, flogen die Schwerter aus den Scheiden. Das war ein harter Stand,
+sieben gegen dreissig. Aber es waehrte zum Glueck nicht lang, da hoerten unsre
+Bursche im naechsten Schiff das Eisen klirren und flugs waren sie mit ihren
+Boten heran und erkletterten wie die Katzen die Wandung. Jetzt waren wir
+die mehreren: aber der Nauarch - gieb dem Teufel sein Recht! - gab sich
+nicht, focht wie ein Rasender und stiess meinem Bruder das Schwert durch
+den Schild in den linken Arm, dass es hoch aufspritzte. Da aber ward mein
+Bruder auch zornig und rannte ihm den Speer in den Leib, dass er fiel wie
+ein Schlachtstier. "Gruesst mir den Praefekten," sprach er sterbend, "gebt
+ihm das Schwert, sein Geschenk, zurueck und sagt ihm, es kann keiner wider
+den Tod: sonst haette ich Wort gehalten." Ich hab's ihm gelobt, es zu
+bestaetigen. Er war ein tapfrer Mann. Hier ist das Schwert."
+
+Schweigend nahm es Cethegus.
+
+"Die Schiffe ergaben sich und mein Bruder fuehrte sie zurueck nach Ancona.
+Ich aber segelte mit dem schnellsten hierher und traf am Hafen mit den
+drei Balten zusammen, gerade zur rechten Zeit."
+
+Eine Pause trat ein, in welcher die Ueberwundnen ihre boese Lage schmerzlich
+ueberdachten. Cethegus hatte ohne Widerstand alles bewilligt in der sichern
+Hoffnung auf die Flucht, die nun vereitelt war.
+
+Sein schoenster Plan war durchkreuzt, durchkreuzt von Totila: tief grub der
+Hass diesen Namen in des Praefekten Seele. Sein grimmiges Rachesinnen ward
+erst durch den Ausruf Thuluns gestoert: "Nun, Amalaswintha, willst du
+unterzeichnen? oder sollen wir die Goten zur Wahl eines Koenigs berufen?"
+
+Rasch fand bei diesen Worten Cethegus die Fassung wieder: er nahm die
+Wachstafel aus der Hand des Grafen und reichte sie ihr hin: "Du musst, o
+Koenigin," sagte er leise, "es bleibt dir keine Wahl." Cassiodor gab ihr
+den Griffel, sie schrieb ihren Namen und Thulun nahm die Tafel zurueck.
+
+"Wohl," sagte er, "wir gehn, den Goten zu verkuenden, dass ihr Reich
+gerettet ist. Du, Cassiodor, begleitest uns, zu bezeugen, dass alles ohne
+Gewalt geschehen ist."
+
+Auf einen Wink Amalaswinthens gehorchte der Senator und folgte den
+gotischen Maennern hinaus auf das Forum vor dem Schlosse. Als sie sich mit
+Cethegus allein sah, sprang die Fuerstin heftig auf: nicht laenger gebot sie
+ihren Thraenen. Leidenschaftlich schlug sie die Hand vor die Stirn. Ihr
+Stolz war aufs tiefste gebeugt. Schwerer als des Gatten, des Vaters, ja
+selbst als Athalarichs Verlust traf diese Stunde ihr Herz. "Das," rief sie
+laut weinend, "das also ist die Ueberlegenheit der Maenner. Rohe, plumpe
+Gewalt! o Cethegus, alles ist verloren."
+
+"Nicht alles, Koenigin, nur ein Plan. Ich bitte um ein gnaediges Andenken,"
+setzte er kalt hinzu, "ich gehe nach Rom."
+
+"Wie? du verlaesst mich in diesem Augenblick? Du, du hast mir all diese
+Versprechungen abgewonnen, die mich entthronen, und nun scheidest du? O
+besser, ich haette widerstanden, dann waer ich Koenigin geblieben, haetten sie
+auch jenem Rebellenherzog die Krone aufgesetzt."
+
+Jawohl, dachte Cethegus, besser fuer dich, schlimmer fuer mich. Nein, kein
+Held soll mehr diese Krone tragen. - Rasch hatte er erkannt, dass
+Amalaswintha ihm nichts mehr nuetzen koenne - und rasch gab er sie auf.
+Schon sah er sich nach einem neuen Werkzeug fuer seine Plaene um. Doch
+beschloss er, ihr einen Teil seiner Gedanken zu enthuellen, damit sie nicht
+auf eigne Faust handelnd jetzt noch ihre Versprechungen widerriefe und
+dadurch Thulun die Krone zuwende. "Ich gehe, o Herrin," sprach er, "doch
+ich verlasse dich darum nicht. Hier kann ich dir nichts mehr nuetzen. Man
+hat mich aus deiner Naehe verbannt und man wird dich hueten, eifersuechtig
+wie eine Geliebte."
+
+"Aber was soll ich thun mit diesen Versprechungen, mit diesen drei
+Herzogen?"
+
+"Abwarten, zunaechst dich fuegen. Und die drei Herzoge," setzte er zoegernd
+bei - "die ziehn ja in den Krieg: - vielleicht kehren sie nicht zurueck."
+
+"Vielleicht!" seufzte die Regentin. "Was nuetzt ein vielleicht!" Cethegus
+trat fest auf sie zu: "Sie kehren nicht zurueck - sobald du's willst."
+Erschrocken bebte die Frau: "Mord? Entsetzlicher, was sinnst du?" - "Das
+Notwendige. Mord ist das falsche Wort dafuer. Es ist Notwehr. Oder Strafe.
+Hattest du in dieser Stunde die Macht, du hattest das volle Recht, sie zu
+toeten. Sie sind Rebellen. Sie zwingen deinen koeniglichen Willen. Sie
+erschlagen deinen Nauarchen, den Tod haben sie verdient."
+
+"Und sie soll'n ihn finden," fluesterte Amalaswintha, die Faust ballend,
+vor sich hin, "sie soll'n nicht leben, die rohen Maenner, die eine Koenigin
+gezwungen. Du hast Recht - sie sollen sterben." - "Sie muessen sterben -
+sie, und," fuegte er ingrimmig bei, "und - - der junge Seeheld!"
+
+"Warum auch Totila? Er ist der schoenste Juengling meines Volks."
+
+"Er stirbt," knirschte Cethegus, "o, koennt' er zehnmal sterben."
+
+Und aus seinem Auge spruehte eine Glut des Hasses, die, ploetzlich aus der
+eisigkalten Natur brechend, Amalaswintha in Schrecken ueberraschte. "Ich
+schicke dir," fuhr er rasch und leise fort, "aus Rom drei vertraute
+Maenner, isaurische Soeldner. Die sendest du den drei Balten nach, sobald
+sie in ihren Heerlagern eingetroffen. Hoerst du, _du_ sendest sie, die
+Koenigin: denn sie sind Henker, keine Moerder. Die Drei muessen an Einem Tage
+fallen - Fuer den schoenen Totila sorge ich selbst! - Der Schlag wird alles
+erschrecken. In der ersten Bestuerzung der Goten eile ich von Rom herbei.
+Mit Waffen, dir zur Rettung. Leb wohl."
+
+Er verliess rasch die Hilflose, an deren Ohr in diesem Augenblick von dem
+Forum vor dem Palatium jubelndes Freudengeschrei der Goten schlug, die den
+Erfolg ihrer Fuehrer, die Besiegung Amalaswinthas feierten.
+
+Sie fuehlte sich ganz verlassen.
+
+Dass die letzte Verheissung des Praefekten kaum mehr als ein leeres Trostwort
+zur Beschoenigung seines Abgangs war, ahnte sie mit banger Seele. Gramvoll
+stuetzte sie die Wange auf die schoene Hand und verlor sich eine Weile
+finster in ihren ratlosen Gedanken. Da rauschten die Vorhaenge des
+Gemaches: ein Palastbeamter stand vor ihr: "Gesandte von Byzanz bitten um
+Gehoer. Justinus ist gestorben: Kaiser ist sein Neffe Justinian. Er bietet
+dir seinen bruederlichen Gruss und seine Freundschaft."
+
+"Justinianus!" rief die ganze Seele der bedraengten Frau. Sie sah sich
+ihres Sohnes beraubt, von ihrem Volk bedroht, von Cethegus verlassen:
+ringsumher hatte sie in truebem Sinnen vergeblich Hilfe und Halt gesucht
+und aufatmend aus tiefer Brust wiederholte sie jetzt: "Byzanz -
+Justinianus!"
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+
+In den Waldbergen von Fiesole findet heutzutage der Wandrer, der von
+Florenz heranzieht, rechts von der Strasse die Ruinen eines ausgedehnten
+villenartigen Gebaeudes.
+
+Epheu, Steinbrech und Wildrosen haben um die Wette die Truemmer
+ueberkleidet: die Bauern des nahen Dorfes haben seit Jahrhunderten Steine
+davongetragen, die Erde ihrer Weingaerten an den Huegelraendern aufzudaemmen.
+Aber noch immer bezeichnen die Reste deutlich, wo die Saeulenhalle vor dem
+Hause, wo das Mittelgebaeude, wo die Hofmauer stand. Ueppig wuchert das
+Unkraut auf dem Wiesgrund, wo dereinst der schoene Garten in Zier und
+Ordnung prangte: nichts davon hat sich erhalten als das breite
+Marmorbecken eines laengst vertrockneten Brunnens, in dessen kiesigem
+Rinnsal sich jetzt die Eidechse sonnt.
+
+Aber in den Tagen, von denen wir erzaehlen, sah es hier viel anders aus.
+"Die Villa des Maecen bei Faesulae," wie man das Gebaeude damals, wohl mit
+wenig Fug, benannte, war von gluecklichen Menschen bewohnt, das Haus von
+sorglicher Frauenhand bestellt, der Garten von hellem Kindeslachen belebt.
+Zierlich war die rankende Klemmatis hinaufgebunden an den schlanken
+Schaeften der korinthischen Saeulen vor dem Haus und der Wein zog freundlich
+schmueckend ueber das flache Dach. Mit weissem Sande waren die schlaengelnden
+Wege des Gartens bestreut und in den Nebengebaeuden, die der Wirtschaft
+dienten, glaenzte eine Reinlichkeit, waltete eine stille Ordnung, die nicht
+auf roemische Sklavenhaende raten liess.
+
+Es war um Sonnenuntergang.
+
+Die Knechte und Maegde kehrten von den Feldern zurueck: die hoch mit Heu
+beladenen Wagen mit Rossen nicht italischer Zucht bespannt, schwankten
+heran: von den Huegeln herunter trieben die Hirten Ziegen und Schafe herzu,
+von grossen zottigen Hunden umbellt.
+
+Dicht vor dem Hofthor gab es die lebendigste Scene des bunten Schauspiels:
+ein paar roemische Sklaven trieben mit tobenden Gebaerden und gellendem
+Geschrei die keuchenden Pferde eines grausam ueberladnen Wagens an: nicht
+mit Peitschenhieben, sondern mit Stoecken, deren Eisenspitzen sie den
+Tieren immer in dieselbe wunde Stelle stiessen. Nur ruckweise ging es
+trotzdem vorwaerts. Jetzt lag ein grosser Stein vor dem linken Vorderrad,
+jeden Fortschritt unmoeglich machend. Aber der wuetige Italier sah es nicht.
+
+"Vorwaerts, Bestie, und Kind einer Bestie," schrie er dem zitternden Rosse
+zu, "vorwaerts, du gotisches Faultier!" Und ein neuer Stich mit dem Stachel
+und ein neuer verzweifelter Ruck: aber das Rad ging nicht ueber den Stein,
+das gequaelte Tier stuerzte in die Knie und drohte den Wagen mit umzureissen.
+Darueber wurde der Treiber erst recht grimmig. "Warte, du Racker!" schrie
+er und schlug nach dem Auge des zuckenden Rosses. - Aber nur einmal schlug
+er, im naechsten Augenblick stuerzte er selbst wie blitzgetroffen unter
+einem maechtigen Streiche nieder.
+
+"Davus, du boshafter Hund!" bruellte eine Baerenstimme und ueber dem
+Gefallenen stand schier noch mal so lang und gewiss noch mal so breit wie
+der erschrockene Tierquaeler, ein ungeheurer Gote, einen derben Knuettel
+wiederholt auf den Ruecken des Schreienden schwingend.
+
+"Du elender Neiding," schloss er mit einem Fusstritt, "ich will dich lehren,
+umgehn mit einem Geschoepf, das sechsmal besser ist als du. Ich glaube, du
+Schandbub quaelst den Hengst, weil er von jenseit der Berge ist. Noch
+einmal lass mich das sehn und ich zerbreche dir alle Knochen im Leibe.
+Jetzt auf und abgeladen: - du traegst alle Schwaden, die zuviel sind, auf
+deinem eignen Ruecken in die Scheuer. Vorwaerts."
+
+Mit einem giftigen Blick stand der Gezuechtigte auf und schickte sich
+hinkend an, zu gehorchen.
+
+Der Gote hatte das zuckende Ross sogleich aufgerichtet und wusch ihm jetzt
+sorglich die geschuerften Knie mit seinem eignen Abendtrunk von Wein und
+Wasser.
+
+Kaum war er damit zu Ende, als ihn vom nahen Stall her dringend eine helle
+Knabenstimme rief: "Wachis, hierher, Wachis!" - "Komme schon, Athalwin,
+mein Bursch, was giebt's?" - und schon stand er in der offnen Thuere des
+Pferdestalles, neben einem schoenen Knaben von sieben bis acht Jahren, der
+sich heftig die langen, gelben Haare aus dem ergluehenden Antlitz strich
+und mit Muehe in den himmelblauen Augen zwei Thraenen des Zornes zerdrueckte.
+Er hatte ein zierlich geschnitztes Holzschwert in der Rechten und hob es
+drohend gegen einen schwarzbraunen Sklaven, der mit gebognem Nacken und
+mit geballten Faeusten trotzig ihm gegenueberstand.
+
+"Was giebt's da?" wiederholte Wachis ueber die Schwelle tretend.
+
+"Der Rotschimmel hat wieder nichts zu saufen und sieh nur, zwei Bremsen
+haben sich eingesogen oben an seinem Bug, wo er mit der Maehne nicht
+hinreichen kann und ich nicht mit der Hand und der boese Cacus da, wie
+ich's ihm sage, will mir nicht folgen: und gewiss hat er mich geschimpft
+auf roemisch, was ich nicht verstehe." Wachis trat drohend naeher.
+
+"Ich habe nur gesagt:" sprach Cacus langsam zurueckweichend, "erst ess' ich
+meine Hirse; das Tier mag warten; bei uns zu Lande koemmt der Mensch vor
+dem Vieh." - "So, du Tropf?" sagte Wachis, die Bremsen erschlagend, "bei
+uns kommt das Ross vor dem Reiter zum Futter; mach vorwaerts."
+
+Aber Cacus war stark und trotzig: er warf den Kopf auf und sagte: "wir
+sind hier in unserm Land - da gilt unser Brauch." - "Eia, du verfluchter
+Schwarzkopf, wirst du gehorchen?" sprach Wachis ausholend. - "Gehorchen?
+Nicht dir! Du bist auch nur ein Sklave wie ich: und meine Eltern haben
+schon hier im Hause gelebt als deinesgleichen noch Kueh' und Schafe stahlen
+jenseit der Berge." Wachis liess den Knuettel fallen und wiegte seine Arme:
+"Hoere, Cacus, ich habe ohnehin noch einen Span mit dir, du weisst schon,
+was fuer einen. Jetzt geht's in einem hin." - "Ha," lachte Cacus hoehnisch,
+"wegen Liuta, der Flachsdirn? Pah, ich mag sie nicht mehr, die Barbarin.
+Sie tanzt wie eine Jungkuh." - Jetzt ist's aus mit dir," sagte Wachis
+ruhig und schritt auf seinen Gegner zu. Aber dieser wandte sich wie eine
+Katze aus dem Griff des Goten, riss ein spitzes Messer aus der Brustfalte
+des Wollrocks und warf es nach ihm: da sich Wachis bueckte, sauste es
+haarscharf an seinem Kopf vorbei und fuhr tief in den Pfosten der Thuer.
+"Na, warte, du Mordwurm!" rief der Germane und wollte sich auf Cacus
+werfen; da fuehlte er sich von hinten umklammert.
+
+Es war Davus, der die Gelegenheit der Rache scharf erpasst hatte.
+
+Aber jetzt ward Wachis sehr zornig.
+
+Er schuettelte ihn ab, packte ihn mit der Linken am Genick, erwischte mit
+der Rechten Cacus an der Brust und stiess nun mit Baerenkraft seinen beiden
+Gegnern die Koepfe zusammen, jeden Stoss mit einem Ausruf begleitend, "so,
+meine Jungen - das fuer das Messer - und das fuer den Rueckensprung - und den
+fuer die Jungkuh" - und wer weiss, wie lange diese seltsame Litanei noch
+fortgedauert haben wuerde, haette sie nicht ein lautes Rufen gestoert.
+
+"Wachis - Cacus - auseinander sag' ich!" rief eine volle starke
+Frauenstimme, und vor der Thuer erschien ein stattliches Weib in blauem
+gotischem Gewand. Sie war nicht gross und doch imposant: ihr schoener Bau
+eher maechtig als zart. Die goldbraunen Haare waren in reichen, doch
+einfachen Flechten um das runde Haupt geschlungen, die Zuege regelmaessig,
+aber eher fest als fein gezeichnet. Geradheit, Tuechtigkeit, Verlaessigkeit
+sprachen aus den fast allzugrossen graublauen Augen: die unbedeckten vollen
+Arme zeigten, dass sie der Arbeit nicht fremd. An ihrem breiten Guertel,
+ueber den das braune Untergewand von selbstgewirktem Zeuge bauschte,
+klirrte ein Bund von Schluesseln: die Linke stemmte sie ruhig in die Huefte
+und befehlend streckte sie die Rechte vor sich hin.
+
+"Eia, Rauthgundis, strenge Frau," sagte Wachis loslassend, "musst du denn
+ueberall die Augen haben?"
+
+"Ueberall, wo mein Gesinde Unfug treibt. Wann werdet ihr lernen, euch
+vertragen? Euch Welschen fehlt der Herr im Hause. Aber du, Wachis,
+solltest nicht auch der Hausfrau Verdruss machen. Komm, Athalwin, mit mir."
+Und sie fuehrte den Knaben an der Hand mit fort.
+
+Sie ging in den Seitenhof und fuellte aus einer Truhe Koerner in ihr Gewand,
+die Huehner und Tauben zu fuettern, die sie sogleich dicht umdraengten.
+
+Athalwin sah eine Weile schweigend zu. Endlich sagte er: "Du, Mutter,
+ist's wahr? ist der Vater ein Raeuber?"
+
+Rauthgundis hielt inne in ihrem Thun und sah das Kind an: "Wer hat das
+gesagt."
+
+"Wer? Ei, des Nachbars Calpurnius Neffe. Wir spielten auf dem grossen
+Heuhaufen seiner Wiese drueben ueberm Zaun und ich zeigte ihm, wie weit das
+Land uns gehoere rechts vom Zaun, - weit und breit - so weit unsre Knechte
+maehten und fern der Bach schimmerte. Da ward er zornig und sagte: "Ja, und
+all' das Land gehoerte frueher uns und dein Vater oder dein Grossvater, die
+haben's gestohlen, die Raeuber."
+
+"So? und was sagtest du drauf."
+
+"Ei, gar nichts, Mutter. Ich warf ihn nur ueber den Heuhaufen hinunter, dass
+er die Fuesse gen Himmel schlug. Aber jetzt, nach der Hand, moecht' ich doch
+wissen, ob's wahr ist."
+
+"Nein, Kind, es ist nicht wahr. Gestohlen hat's der Vater nicht. Aber
+offen genommen, weil er besser war und staerker als diese Welschen. Und
+alle starken Helden haben's immer so gemacht zu allen Zeiten. Und die
+Welschen in den Tagen, da sie stark waren und ihre Nachbarn schwach, am
+allermeisten. Aber nun komm, wir muessen nach dem Linnen sehen, das auf dem
+Anger zur Bleiche liegt."
+
+Als sie nun den Stallungen den Ruecken wandten und dem nahen Grashuegel
+links vom Hause zuschritten, hoerten sie den raschen Hufschlag eines
+Rosses, das auf der alten roemischen Heerstrasse nahte. Rasch hatte Athalwin
+den Gipfel des Huegels erreicht und blickte nach der Strasse hin.
+
+Da sprengte ein Reiter auf einem maechtigen Braunen die Waldhoehe herab auf
+die Villa zu: hell funkelte sein Helm und die Spitze der Lanze, die er
+schraeg ueber dem Ruecken trug.
+
+"Der Vater, Mutter, der Vater!" rief der Knabe und rannte pfeilgeschwind
+den Huegel hinab dem Reiter entgegen.
+
+Rauthgundis hatte jetzt auch die Hoehe erreicht. Ihr Herz pochte. Sie legte
+die Hand vors Auge, in die schimmernde Abendroete zu schauen: dann sagte
+sie still gluecklich vor sich hin: "Ja, er ist's. Mein Mann!"
+
+
+
+
+ Fuenftes Kapitel.
+
+
+Inzwischen hatte Athalwin den Nahenden schon erreicht und kletterte an
+seinem Fuss hinan. Der Reiter hob ihn mit liebevoller Hand herauf und
+setzte ihn vor sich in den Sattel und flog jetzt im Galopp heran: lustig
+wieherte Wallada, das edle Tier, einst Theoderich's Streitross, die Heimat
+und die Herrin erkennend und schlug freudig mit dem langen wallenden
+Schweif.
+
+Nun war der Reiter heran und stieg ab mit dem Knaben: "mein liebes Weib!"
+sprach er, sie herzlich umarmend. "Mein Witichis!" fluesterte sie, an
+seiner Brust ergluehend, entgegen, "willkommen bei den Deinen." - "Ich
+hatte versprochen, noch vor dem neuen Mond zu kommen - schwer ging's -"
+
+"Aber du hieltst Wort wie immer." - "Mich zog das Herz," sagte er, den Arm
+um sie schlingend. Sie schritten langsam dem Hause zu. "Dir, Athalwin,
+ist, scheint's, Wallada wichtiger als der Vater," laechelte er dem Kleinen
+zu, der sorgfaeltig das Pferd am Zuegel nachfuehrte.
+
+"Nein, Vater, aber gieb mir noch die Lanze dazu - so gut wird mir's selten
+hier in dem Bauernleben" - und den langen schweren Speerschaft mit Muehe
+einherschleppend, rief er laut: "he, Wachis, Ansbrand, der Vater ist da! -
+Jetzt holt den Falernerschlauch aus dem Keller. Der Vater hat Durst vom
+scharfen Ritt."
+
+Laechelnd strich Witichis ueber den Flachskopf des Knaben, der jetzt an
+ihnen vorueber und voran eilte. "Nun, und wie steht's hier draussen bei
+euch?" fragte er, auf Rauthgundis blickend. "Gut, Witichis, die Ernte ist
+gluecklich eingebracht, die Trauben gestampft, die Garben geschichtet." -
+"Nicht danach frag' ich," sagte er, sie zaertlich an sich drueckend, - "wie
+geht es dir?" - "Wie's einem armen Weibe geht," antwortete sie, zu ihm
+aufblickend, "das seinen herzgeliebten Mann vermisst. Da hilft nur Arbeit,
+Freund, und tuechtig Schaffen, dass man das weiche Herz betaeubt. Oft denk'
+ich, wie hart du dich muehen musst, draussen, unter fremden Leuten, im Lager
+und am Hof, wo niemand dein in Treuen pflegt. Da soll er wenigstens, denk'
+ich dann, koemmt er heim, sein Haus immer wohl bestellt und traulich
+finden.
+
+Und das ist's, sieh, was mir all' die dumpfe Arbeit lieb macht und weihet
+und veredelt."
+
+"Du bist mein wackeres Weib. Muehst du dich nicht zuviel?"
+
+"Die Arbeit ist gesund. Aber der Verdruss, die Bosheit der Leute, das thut
+mir weh." Witichis blieb stehen. "Wer wagt's, dir weh zu thun?" - "Ach,
+die welschen Knechte und die welschen Nachbarn.
+
+Sie hassen uns alle. Weh uns, wenn sie uns nicht mehr fuerchten.
+Calpurnius, der Nachbar, ist so frech, wenn er dich ferne weiss, und die
+roemischen Sklaven sind trotzig und falsch; nur unsre gotischen Knechte
+sind brav."
+
+Witichis seufzte. Sie waren jetzt vor dem Hause angelangt und liessen in
+dem Saeulengang sich vor einem Marmortisch nieder. "Du musst bedenken,"
+sagte Witichis, "der Nachbar hat ein Drittel seines Guts und seiner
+Sklaven an uns abtreten muessen." - "Und hat zwei Drittel behalten und das
+Leben dazu - er sollte Gott danken!" meinte Rauthgundis veraechtlich.
+
+Da sprang Athalwin heran mit einem Korb voll Aepfeln, die er vom Baum
+gepflueckt; dann kamen Wachis und die andern germanischen Knechte mit Wein,
+Fleisch und Kaese und sie begruessten den Herrn mit freimuetigem Handschlag.
+"Gut, meine Kinder, seid gegruesst. Die Frau lobt euch. Aber wo stecken
+Davus, Cacus und die andern?" - "Verzeih, Herr," schmunzelte Wachis, "sie
+haben ein schlecht Gewissen."
+
+"Warum? Weshalb?" - "Ei, ich glaube, - weil ich sie ein bischen gepruegelt
+habe - sie schaemen sich." Die andern Knechte lachten. "Nun, es kann ihnen
+nicht schaden," meinte Witichis, "geht jetzt zu eurem Essen. Morgen seh'
+ich nach eurer Arbeit." Die Knechte gingen. "Was ist's mit Calpurnius,"
+fragte Witichis, sich einschenkend. Rauthgundis erroetete und besann sich:
+"Das Heu von der Bergwiese," sagte sie dann, "das unsre Knechte gemaeht,
+hat er nachts in seine Scheuer geschafft und giebt es nicht heraus." - "Er
+wird es schon herausgeben, mein' ich ...." sagte er ruhig, trinkend. -
+"Jawohl," rief Athalwin lebhaft, "das mein' ich auch. Und giebt er's nicht
+- mir noch lieber! Dann sagen wir Fehde an und ich zieh' hinueber mit
+Wachis und den reisigen Knechten, mit Waffen und Wehr. Er sieht mich immer
+so giftig an, der schwarze Schleicher."
+
+Rauthgundis wies ihn zur Ruh' und schickte ihn schlafen. "Wohl, ich gehe,"
+sagte er, "aber, Vater, wenn du wiederkoemmst, bringst du mir statt dieses
+Steckens da ein richtig Gewaffen mit, nicht wahr?" Und er huepfte ins Haus.
+
+"Der Streit mit diesen Welschen endet nie," sagte Witichis, "er vererbt
+sich auf die Kinder. Du hast hier allzuviel Verdruss damit. Desto lieber
+wirst du thun, was ich dir vorschlage: komm mit nach Ravenna an den Hof."
+
+Hoch erstaunt blickte ihn das Weib an: "Du scherzest!" sagte sie
+unglaeubig. "Du hast das nie gewollt. In den neun Jahren, die ich dein bin,
+ist dir's nie eingefallen, mich an den Hof zu fuehren: ich glaube, es weiss
+niemand in dem Volk, dass eine Rauthgundis lebt. Du hast ja unsere Ehe
+geheim gehalten," laechelte sie, "wie eine Schuld." "Wie einen Schatz,"
+sagte Witichis, die Arme um sie schlingend. - "Ich habe dich nie gefragt,
+warum. Ich war und bin gluecklich dabei und dachte und denke: er wird wohl
+seinen Grund haben."
+
+"Ich hatte meinen guten Grund: er besteht nicht mehr. Du magst nun alles
+wissen. Wenige Monate, nachdem ich dich gefunden in deiner
+Felseneinsamkeit und lieb gewonnen, kam Koenig Theoderich auf den seltsamen
+Gedanken, mich seiner Schwester Amalaberga, der Witwe des Thueringerkoenigs,
+zu vermaehlen, die gegen ihre schlimmen Nachbarn, die Franken, Mannesschutz
+bedurfte." - "Du solltest dort die Krone tragen?" sprach Rauthgundis mit
+strahlenden Augen. "Mir aber," fuhr Witichis fort, "war Rauthgundis lieber
+als Koenigin und Krone, und ich sagte nein.
+
+Es verdross ihn schwer und er verzieh mir nur, als ich ihm sagte, ich wuerde
+wohl niemals freien. Konnt' ich doch damals nicht hoffen, dich je mein zu
+nennen: du weisst, wie lange dein Vater misstrauisch und eisern dich mir
+nicht anvertrauen wollte. Als du nun aber doch mein geworden, da hielt
+ich's nicht fuer wohlgethan, ihm das Weib zu zeigen, um das ich seine
+Schwester ausgeschlagen."
+
+"Aber warum hast du mir das verschwiegen, neun Jahre lang?"
+
+"Weil," sagte er, ihr herzlich in die Augen blickend, "weil ich meine
+Rauthgundis kenne. Du haettest immer geglaubt, Wunder was ich an jener
+Krone verloren. Jetzt aber ist der Koenig tot und ich bin dauernd an den
+Hof gebunden. Wer weiss, wann ich wieder ruhen werde im Schatten dieser
+Saeulen, im Frieden dieses Daches."
+
+Und in kurzen Worten erzaehlte er ihr den Sturz des Praefekten und welche
+Stellung er nunmehr einnahm bei Amalaswinthen. Aufmerksam hoerte ihn
+Rauthgundis an; dann drueckte sie ihm die Hand: "Das ist wacker, Witichis,
+dass die Goten allmaehlich merken, was sie an dir haben. Und du bist
+heiterer, denk' ich, als sonst."
+
+"Ja, mir ist wohler, seit ich mit tragen darf an der Last der Zeit. Dabei
+stehen und sie wuchtig druecken sehen auf mein Volk war viel schwerer. Mich
+dauert dabei nur die Regentin; sie ist wie eine Gefangene."
+
+"Bah, warum hat das Weib gegriffen in das Amt der Maenner. Mir fiele das
+nie ein."
+
+"Du bist keine Koenigin, Rauthgundis, und Amalaswintha ist stolz."
+
+"Ich bin zehnmal so stolz wie sie. Aber so eitel bin ich nicht. Sie muss
+nie einen Mann geliebt haben und seinen Wert und seine Art begriffen. Sie
+koennte sonst nicht die Maenner ersetzen wollen."
+
+"Am Hof sieht man das anders an. Komm nur mit an den Hof."
+
+"Nein, Witichis," sagte sie ruhig, aufstehend, "der Hof passt nicht fuer
+mich. Und ich nicht fuer den Hof. Ich bin des Oedbauern Kind und gar
+unhoefisch geartet. Sieh diesen braunen Nacken," lachte sie, "und diese
+rauhen Haende. Ich kann nicht die Lyra zupfen und Verslein lesen: schlecht
+taugt' ich zu den feinen Roemerinnen und wenig Ehre wuerdest du haben von
+mir."
+
+"Du wirst dich doch nicht zu schlecht erachten fuer den Hof?" - "Nein,
+Witichis, zu gut." - "Nun, man muesste sich gegenseitig ertragen, wuerdigen
+lernen." - "Das wuerd' ich nie. Sie vielleicht mich, aus Furcht vor dir,
+ich niemals sie. Ich wuerd' ihnen taeglich ins Gesicht sagen, dass sie hohl,
+falsch und schlecht sind."
+
+"So willst du lieber deinen Mann entbehren, mondenlang?" - "Ja, lieber ihn
+entbehren, als in schiefer, schlimmer Stellung um ihn sein. O mein
+Witichis," sagte sie, innig den Arm um seinen Nacken legend, "denk nur,
+wer ich bin und wie du mich gefunden.
+
+Wo die letzten Siedelungen unseres Gotenvolks den Saum der Alpen umguerten,
+hoch auf den Felsschroffen der Scaranzia, wo die junge Isara schaeumend aus
+den Steinklueften ins offne Land der Bajuwaren bricht, da steht meines
+Vaters stiller Oedhof. Nichts kannt' ich da als die strenge Arbeit des
+Sommers auf den einsamen Almen, des Winters in der rauchgeschwaerzten Halle
+am Rocken mit den Maegden. Frueh starb die Mutter und den Bruder haben die
+Welschen erstochen. So wuchs ich einsam auf, allein mit dem alten Vater,
+der so treu, aber auch so hart und verschlossen wie seine Felsen. Da sah
+ich nichts von der Welt, die rechts und links von unsern Bergen lag. Nur
+hoch von oben sah ich manchmal neugierig, wie ein Saumross mit Salz oder
+Wein unten in der Thalschlucht des Weges zog. Da sass ich wohl manchen
+schimmervollen Sommerabend auf der zackigen Kulm des hohen Arn. Und sah
+der Sonne nach, wie sie so herrlich niedersank weit drueben ueberm Licus:
+und ich dachte, was sie wohl alles gesehen den langen Sommertag, seit sie
+aufstieg drueben ueberm breiten Oenus. Und dass ich wohl auch wissen moechte,
+wie's aussieht ueber dem Karwaendel. Oder gar drueben, hinter dem
+Brennusberg, wo der Bruder hinueberzog und nie mehr wiederkam. Und doch
+fuehlte ich, wie schoen es sei droben in meiner gruenen Einsamkeit, wo ich
+den Steinadler pfeifen hoerte aus dem nahen Horst und wo ich praechtige
+Blumen brach, wie sie nicht wuchsen unten in der Ebene und auch wohl
+einmal des Nachts den Bergwolf vor meiner Stallthuer heulen hoerte und mit
+dem Kienbrand scheuchte.
+
+Und auch in dem fruehen Herbst, in den langen Wintern hatte ich Musse, still
+in mich hineinzusinnen: wann um die hohen Tannen die weissen Nebelschleier
+spannen, wann der Bergwind die Felsbloecke von unserem Strohdach riss und
+die Schneestuerze von den Schroffen donnernd niedergingen. So wuchs ich
+auf, fremd in der Welt jenseit der naechsten Waelder, nur zu Hause in der
+stillen Welt meiner Gedanken, und in dem engen Bauernleben.
+
+Da kamest du - ich weiss es noch wie heute" - und sie hielt an, in
+Erinnerung verloren.
+
+"Ich weiss es auch noch genau," sagte Witichis. "Ich fuehrte eine
+Hundertschaft zur Abloesung von Juvavia nach der Augustastadt am Licus -
+ich war vom Weg und meinen Leuten abgekommen: lang war ich den schwuelen
+Sommertag pfadlos umhergeirrt - da sah ich Rauch aufsteigen ueberm
+Tannenhang und bald fand ich das versteckte Gehoeft und trat ins Thor: da
+stand ein praechtig Maedchen am Ziehbrunnen und hob den Eimer." -
+
+"Und ich erschrak siedheiss, - zum erstenmal in meinem Leben! - als der
+grosse, braeunliche Mann um die Hausecke bog mit dem krausen Bart und dem
+funkelnden Helm."
+
+"Ja, du wurdest blutrot bis in die Schlaefe und ich bat dich um einen Trunk
+Wasser. Und niemals hat mein Auge ein schoener Bild gesehen als wie du dich
+nun niederbeugtest und mit den kraeftigen Armen den schweren Eimer auf den
+Brunnenrand hobst und mir schoepftest in dem Kuerbiskrug: reich fielen die
+dichten goldbraunen Zoepfe uebers schwarze Mieder bis in die Knie und deine
+Wangen waren pfirsichgleich: - o wie wacker, frisch und bluehend sahst du
+aus. Und wie wacker, frisch und bluehend bist du mir geblieben seither alle
+Zeit."
+
+"Und darum, mein Witichis, auf dass ich dir bluehend bleibe, fuehre mich
+nicht an den Hof. Sieh hier schon im Thal, im Suedthal der Alpen, wird mirs
+oft zu schwuel und ich sehne mich nach einem Atemzug aus der Tannenluft
+meiner Waldberge. Am Hofe aber in den engen Goldgemaechern - da wuerd' ich
+dir verkuemmern und verschmachten. Lass du mich hier - ich will schon fertig
+werden mit Nachbar Calpurnius. Und du, das weiss ich ja, du denkst doch
+auch im Koenigssaal nach Haus an Weib und Kind."
+
+"Ja, weiss Gott, mit sehnenden Gedanken. So bleibe denn hier und Gott
+behuete dich, mein gutes Weib." -
+
+Am zweiten Morgen darauf ritt Witichis wieder zurueck, die Waldhoehe hinan.
+Der Abschied hatte ihn fast weich gemacht: mit Kraft hatte er den Ausdruck
+des Gefuehls gehemmt, das er sich, schlicht und streng von Art, zu zeigen
+scheute. Wie hing des Wackern Herz an diesem kern'gen Weib und seinem
+Knaben!
+
+Hinter ihm drein trabte Wachis, der sich's durchaus nicht hatte nehmen
+lassen, dem Herrn noch eine Strecke das Geleit zu geben. Ploetzlich ritt er
+zu ihm hinan. "Herr," sagte er, "ich weiss was." - "So? warum sagst du's
+nicht?" - "Weil mich noch niemand drum gefragt hat." - "Nun, ich frage
+dich drum." - "Ja, wenn man gefragt ist, muss man freilich reden. - Die
+Frau hat dir gesagt, dass Calpurnius so ein boeser Nachbar ist?" - "Ja. Und
+was soll's damit?" - "Sie hat dir aber nicht gesagt, seit wann?"
+
+"Nein. Weisst du seit wann?" - "Nun, seit etwa einem halben Jahr. Da traf
+Calpurnius einmal die Frau im Wald allein, wie sie beide glaubten. Aber
+sie waren nicht allein. Es lag einer im Graben und hielt seinen
+Mittagsschlaf."
+
+"Der Faulpelz warst du."
+
+"Richtig erraten. Und da sagte Calpurnius etwas zur Frau."
+
+"Was sagte er?"
+
+"Das hab' ich nicht verstanden. Aber die Frau war nicht faul, hob die Hand
+und schlug ihm ins Gesicht, dass es patschte. Das hab' ich verstanden. Und
+seither ist der Nachbar ein schlimmer Nachbar und das wollt' ich dir
+sagen, weil ich mir schon dachte, die Frau werde dich nicht aergern wollen
+mit dem Wicht.
+
+Aber es ist doch besser du weisst darum. Und sieh, da steht Calpurnius
+gerade unter seiner Hofthuer - siehst du, dort - und jetzt fahr' wohl,
+lieber Herr."
+
+Und damit wandte er sein Pferd und jagte im Galopp nach Hause.
+
+Witichis aber stieg das Blut zu Kopf. Er ritt an die Thuer seines Nachbars,
+dieser wollte sich ins Haus druecken, aber Witichis rief ihn in einem Ton,
+dass er bleiben musste.
+
+"Was willst du mir, Nachbar Witichis," sagte er, blinzelnd zu ihm
+aufsehend.
+
+Witichis zog den Zuegel an und schob sein Ross dicht neben jenen. Dann
+streckte er ihm die geballte, erzgepanzerte Faust hart vor die Augen:
+"Nachbar Calpurnius," sagte er ruhig, "wenn _ich_ dir einmal ins Gesicht
+schlage, stehst du nie wieder auf."
+
+Calpurnius fuhr erschrocken zurueck.
+
+Witichis aber gab seinem Rosse den Sporn und ritt stolz und langsam seines
+Weges.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+
+Zu Rom in seinem Arbeitszimmer lag, auf den weichen Kissen des Lectus
+behaglich ausgestreckt, Cethegus der Praefekt.
+
+Er war guter Dinge.
+
+Die Untersuchung gegen ihn hatte mit Freisprechung geendet: nur im Fall
+augenblicklicher Durchforschung seines Hauses, wie sie der junge Koenig
+angeordnet, aber sein Tod vereitelt hatte, waere Entdeckung zu befuerchten
+gewesen. Er hatte durchgesetzt, dass die Befestigung von Rom fortgefuehrt
+wurde, mit Zuschuessen aus seinen eigenen Geldern, was seinen Einfluss in
+der Stadt noch hob. In der letzten Nacht hatte er Versammlung gehalten in
+den Katakomben: alle Berichte lauteten guenstig. Die Patrioten wuchsen an
+Zahl und Reichtum.
+
+Der haertere Druck, der seit den letzten Vorgaengen zu Ravenna auf den
+Italiern lastete, konnte die Zahl der Unzufriednen nur vermehren und, was
+die Hauptsache war, Cethegus hielt jetzt alle Faeden der Verschwoerung in
+seiner Hand. Unbedingt erkannten selbst die eifersuechtigsten Republikaner
+die Notwendigkeit an, bis zum Tag der Freiheit dem Begabtesten die Fuehrung
+zu ueberlassen.
+
+So vorgeschritten war die Stimmung gegen die Barbaren bei allen Italiern,
+dass Cethegus den Gedanken fassen konnte, sobald Rom vollends befestigt,
+ohne Hilfe der Byzantiner loszuschlagen. Denn, wiederholte er sich immer
+wieder, alle Befreier sind leicht gerufen und schwer abgedankt. Und mit
+Liebe pflegte er den Gedanken, Italien allein zu befreien.
+
+So lag der Praefekt, legte Caesars Buergerkrieg, in dem er geblaettert, zur
+Seite, stuetzte das Haupt auf den linken Arm und sagte zu sich selbst: "die
+Goetter muessen noch Grosses mit dir vorhaben, Cethegus. So oft du stuerzest,
+faellst du, heil wie eine Katze, auf die sichern Fuesse. Ah, wenn es uns wohl
+geht, moechten wir uns mitteilen. Aber Vertrauen ist ein zu gefaehrliches
+Vergnuegen und das Schweigen ist der einzig treue Gott. Und doch bleibt man
+ein Mensch und moechte ..." -
+
+Da trat ein Sklave ein, der alte Ostiarius Fidus, ueberreichte schweigend
+einen Brief auf flacher goldner Schale und ging. "Der Bote wartet," sagte
+er.
+
+Gleichgueltig nahm Cethegus das Schreiben.
+
+Aber sowie er auf dem Wachs, das die Schnuere der Tafeln zusammenhielt das
+Siegel - die Dioskuren - erkannte, rief er lebhaft: "Von Julius! zu guter
+Stunde!" loeste eilig die Faeden, legte die Tafeln auseinander und las - das
+kalte bleiche Antlitz ueberflogen von einem sonst voellig fremden Hauch
+freudiger Waerme.
+
+"Cethegus dem Praefekten sein Julius Montanus.
+
+Wie lange ist's, mein vaeterlicher Lehrer," (- "beim Jupiter, das klingt
+frostig" -) "dass ich dir nicht den schuldigen Gruss gesendet. Das letzte
+Mal schrieb ich dir an den gruenen Ufern des Ilissos, wo ich in dem
+veroedeten Hain des Akademos die Spuren Platons suchte - und nicht fand.
+Ich weiss wohl, mein Brief war nicht heiter. Die traurigen Philosophen
+dort, in vereinsamten Schulen wandelnd, zwischen dem Druck des Kaisers,
+dem Argwohn der Priester und der Kaelte der Menge, sie konnten nichts in
+mir erwecken als Mitleid. Meine Seele war dunkel, ich wusste nicht weshalb.
+
+Ich schalt meinen Undank gegen dich - den grossmuetigsten aller Wohlthaeter -
+-" ("so unertraegliche Namen hat er mir nie gegeben," schaltete Cethegus
+ein).
+
+"Seit zwei Jahren reise ich, mit deinen Reichtuemern wie ein Koenig der
+Syrer ausgestattet, von deinen Freigelassenen und Sklaven begleitet, durch
+ganz Asien und Hellas, geniesse alle Schoenheit und Weisheit der Alten - und
+mein Herz bleibt unbefriedigt, mein Leben unausgefuellt. Nicht Platons
+schwaermerische Weisheit, nicht das Goldelfenbein des Pheidias, Homeros
+nicht und nicht Thukydides boten, was mir fehlte.
+
+Endlich, endlich hier in Neapolis, der bluehenden goettergesegneten Stadt
+hab' ich gefunden, was ich unbewusst ueberall vermisst und immer gesucht.
+
+Nicht tote Weisheit: warmes, lebendiges Glueck," (- er hat eine Geliebte!
+nun endlich, du sproeder Hippolyt, Dank euch, Eros und Anteros! -) "o, mein
+Lehrer, mein Vater! weisst du, welch ein Glueck es ist, ein Herz, das dich
+ganz versteht, zum erstenmal dein eigen nennen?" (- "ah, Julius," seufzte
+der Praefekt mit einem seltnen Ausdruck weicher Empfindung, "ob ich es
+wusste!" -) "Dem du die ganze volle Seele offen zeigen magst? O, wenn du's
+je erfahren, preise mich, opfre Zeus dem Erfueller endlich: zum erstenmal
+hab' ich einen Freund."
+
+"Was ist das?" rief Cethegus unwillig aufspringend mit einem Blick
+eifersuechtigen Schmerzes, "der Undankbare!"
+
+"Denn, das fuehlst du wohl, ein Freund, ein Herzensvertrauter fehlte mir
+bis jetzt. Du, mein vaeterlicher Lehrer" -
+
+Cethegus warf die Tafeln auf den Schildpatttisch und machte einen hastgen
+Gang durchs Zimmer. "Thorheit!" sagte er dann ruhig, nahm den Brief auf
+und las weiter -
+
+"Du, soviel aelter, weiser, besser, groesser als ich - du hast mir eine
+solche Wucht von Dank und Verehrung auf die junge Seele geladen, dass sie
+sich dir nie ohne Scheu oeffnen konnte. Auch hoerte ich oft mit Zagen, wie
+du solche Weichheit und Waerme mit aetzendem Witze verhoehntest: ein scharfer
+Zug um deinen stolzen festgeschlossenen Mund hat solche Gefuehle in mir in
+deiner Naehe stets getoetet wie Nachtfrost die ersten Veilchen" (- "nun,
+aufrichtig ist er!" -) "Jetzt aber hab' ich einen Freund gefunden: offen,
+warm, jung, begeistert wie ich und nie gekannte Wonne ist mein Teil. Wir
+haben nur Eine Seele in zwei Koerpern: die sonnigen Tage, die mondsilbernen
+Naechte wandeln wir miteinander durch diese elyseischen Gefilde und finden
+kein Ende der gefluegelten Worte. - Aber ich muss ein Ende finden dieses
+Briefs. Er ist ein Gote" (- "auch noch," sagte Cethegus ungehalten,) "und
+heisst Totila." -
+
+Cethegus liess die Hand mit dem Brief einen Augenblick sinken, er sagte
+nichts, nur die Augen schloss er einen Moment, dann las er ruhig nochmal:
+
+"Und heisst Totila!
+
+Als ich am Tage nach meiner Ankunft in Neapolis durch das Forum des
+Neptunus schlenderte und an der Bogenwoelbung eines Hauses die Statuen
+bewunderte, die ein Bildhauer dort zum Kaufe ausgestellt, stuerzt
+urploetzlich aus der Thuer auf mich los ein graukoepfiger Mann mit einer
+wollnen Schuerze, ueber und ueber mit Gips bestaeubt, in der Hand ein spitzes
+Geraet: er packte mich an der Schulter und schrie: "Pollux, mein Pollux,
+hab' ich dich endlich!"
+
+Ich dachte der Alte sei verrueckt und sagte: "Du irrst, guter Mann: ich
+heisse Julius und komme von Athen."
+
+"Nein," schrie der Alte, "Pollux heisst du und koemmst vom Olymp." Und eh'
+ich wusste, wie mir geschah, hatte er mich zur Thuer hineingedreht. Da
+erkannte ich denn allmaehlich, woran ich mit dem Alten war: er war der
+Bildhauer, der die Statuen ausgestellt.
+
+In seiner Werkhalle standen andre halbvollendete umher und er erklaerte
+mir, seit Jahren trage er sich mit der Idee einer Dioskurengruppe. Fuer den
+Kastor habe er vor kurzem ein koestlich Modell in einem jungen Goten
+gefunden. "Aber umsonst erflehte ich" - fuhr er fort - "all diese Tage vom
+Himmel einen Gedanken fuer meinen Pollux. Er soll dem Kastor gleichen, ein
+Bruder Helenas, ein Sohn des Zeus wie er, volle Aehnlichkeit in Zuegen und
+Gestalt muss da sein. Und doch muss die Verschiedenheit so deutlich sein wie
+die Gleichheit: sie muessen zusammengehoeren und doch jeder ganz eigenartig
+sein. Umsonst lief ich alle Baeder und Gymnasien Neapolis ab: ich fand den
+Ledazwilling nicht. Da hat dich ein Gott, Zeus selber hat dich mir ans
+eigne Fenster gefuehrt: wie ein Blitz schlug's in mich ein, da steht mein
+Pollux, wie er sein muss: und nicht lebendig lass ich dich aus dieser Halle,
+bis du mir deinen Kopf und deinen Leib versprochen."
+
+Gern sagte ich dem naerrischen Alten zu, andern Tages wieder zu kommen. Und
+das erfuellt ich um so lieber als ich erfuhr, dass mein gewaltthaetiger
+Freund Xenarchos sei, der groesste Bildner in Marmor und Erz, den Italien
+seit lange gesehn. Am andern Tag kam ich denn wieder und fand meinen
+Kastor - es war Totila: - und ich kann nicht leugnen, dass mich die grosse
+Aehnlichkeit selbst ueberraschte, wenn auch Totila aelter, hoeher, kraeftiger
+und unvergleichlich schoener ist als ich. Xenarchos sagt, wir seien wie
+Hellcitrus und Goldcitrus. Denn Totila ist heller an Haar und Haut: und
+gerade so, schwoert der Meister, haben sich die beiden Dioskuren geglichen
+und nicht geglichen. So lernten wir uns denn unter den Goetterbildern
+Xenarchs kennen und lieben: wir wurden in Wahrheit Kastor und Pollux,
+innig und unzertrennlich wie sie, und schon ruft uns das heitre Volk von
+Neapolis bei diesem Namen, wann wir, Arm in Arm geschlungen durch die
+Strassen gehn.
+
+Unsere junge Freundschaft ward aber noch besonders rasch gereift durch
+eine drohende Gefahr, die sie leicht in der Bluete geknickt haette.
+
+Wir waren eines Abends, wie wir pflegten, zur Porta Nolana hinaus
+gewandelt, in den Baedern des Tiberius Kuehlung von des Tages Hitze zu
+suchen. Nach dem Bade hatte ich in einer Laune spielender Zaertlichkeit -
+du wirst sie schelten - des Freundes weissen Gotenmantel umgeschlagen und
+seinen Helm mit den Schwanenfluegeln aufs Haupt gesetzt. Laechelnd ging er,
+meine Chlamys umwerfend, auf den Tausch ein und friedlich plaudernd
+schritten wir durch den Pinienhain im ersten Dunkel der Nacht nach der
+Stadt zurueck.
+
+Da springt aus dem Taxusgebuesch hinter mir ein Mann auf mich her und ich
+fuehle kaltes Eisen an meinem Halse.
+
+Aber im naechsten Augenblick lag der Moerder zu meinen Fuessen, Totila's
+Schwert in der Brust. Nur leicht verwundet beugte ich mich zu dem
+Sterbenden nieder und fragte ihn, welcher Grund ihn habe zum Hass, zum
+Morde gegen mich treiben koennen.
+
+Er aber starrte mir ins Antlitz und hauchte: "Nicht dich: - Totila, den
+Goten" - und er zuckte und war tot. Man sah's an Tracht und Waffen - es
+war ein isaurischer Soeldner."
+
+Cethegus senkte den Brief und drueckte die linke Hand vor die Stirn.
+"Wahnsinn des Zufalls," sagte er, "wohin konntest du fuehren!"
+
+Und er las zu Ende.
+
+"Totila sagte, er habe der Feinde viele am Hofe zu Ravenna. Wir zeigten
+den Vorfall Uliaris, dem Gotengrafen zu Neapolis, an. Dieser liess die
+Leiche durchsuchen und Nachforschungen anstellen - ohne Erfolg. Uns beiden
+aber hat diese ernste Stunde die junge Freundschaft befestigt und mit Blut
+geweiht fuer alle Zeit. Ernster und heiliger hat sie uns verbunden. Das
+Siegel der Dioskuren, das du mir zum Abschied geschenkt, war ein
+freundlich Omen, das sich freundlich erfuellt hat. Und wenn ich mich frage,
+wem dank' ich all dies Glueck? Dir, dir allein, der mich in diese Stadt
+Neapolis gesendet, in der ich all' mein Glueck gefunden. So moegen dir es
+alle Goetter und Goettinnen vergelten! Ach ich sehe, dieser ganze Brief
+redet nur von mir und dieser Freundschaft - schreibe doch bald wie es um
+dich steht. Vale."
+
+Ein bitteres Laecheln zuckte um des Praefekten ausdrucksvollen Mund.
+
+Und wieder durchmass er das Gemach in nur mit Muehe gehaltenen Schritten.
+Endlich blieb er stehen, das Kinn in die linke Hand stuetzend. - "Wie kann
+ich nur so - jugendlich sein, mich zu aergern. Es ist alles sehr natuerlich,
+wenn auch sehr einfaeltig. Du bist krank, Julius. Warte: ich will dir ein
+Rezept schreiben." Und mit einem Anflug von grausamer Freude im Ausdruck,
+setzte er sich auf den Schreiblectus, nahm eine Papyrusrolle aus der
+Bronzevase, ergriff die gnidische Schilffeder und schrieb mit der roten
+Tinte, aus einem Loewenkopf von Achat, der an dem Lectus angeschraubt war:
+
+ "An Julius Montanus Cethegus, der Praefekt
+ von Rom.
+
+Deine ruehrende Epistel aus Neapolis hat mir viel Spass gemacht. Sie zeigt,
+dass du in der letzten Kinderkrankheit steckst. Hast du sie abgethan, wirst
+du ein Mann sein.
+
+Die Krisis zu beschleunigen, verschreibe ich dir das beste Mittel. Du
+suchst sogleich den Purpurhaendler Valerius Procillus, meinen aeltesten
+Gastfreund in Neapolis, auf. Er ist der reichste Kaufherr des Abendlandes,
+ein grimmiger Feind der Kaiser von Byzanz, die ihm Vater und Brueder
+getoetet, ein Republikaner wie Cato und schon deshalb mein vertrauter
+Freund. Seine Tochter Valeria Procilla aber ist die schoenste Roemerin
+unserer Zeit und eine echte Tochter der alten, der heidnischen Welt.
+Antigone oder Virginia wuerden sich der Freundin freuen. Sie ist nur drei
+Jahre juenger und folglich zehnmal reifer als du. Gleichwohl wird sie dir
+der Vater nicht versagen, erklaerst du ihm, dass Cethegus fuer dich wirbt. Du
+aber wirst dich beim ersten Anblick sterblich in sie verlieben.
+
+Du wirst das: obgleich ich es dir vorher sage und obgleich du weisst, dass
+ich es wuensche. In ihren Armen wirst du alle Freunde der Welt vergessen:
+geht die Sonne auf, erbleicht der Mond. Uebrigens, weisst du, dass dein
+Kastor einer der gefaehrlichsten Roemerfeinde ist? Und ich habe einmal einen
+gewissen Julius gekannt, der geschworen: Rom ueber alles. Vale."
+
+Cethegus rollte den Papyrus zusammen, umschnuerte ihn mit den Baendern von
+rotem Bast, befestigte diese an der Schleife mit Wachs und drueckte seinen
+Amethystring mit dem herrlichen Jupiterkopf auf dasselbe. Dann beruehrte er
+einen aus dem Marmorgetaefel hervorschauenden silbernen Adler: - draussen an
+der Wand des Vestibulums schlug ein eherner Donnerkeil auf den
+Silberschild eines niedergeworfenen Titanen mit glockenhellem Ton.
+
+Der Sklave trat wieder ein.
+
+"Lass den Boten in meinen Thermen baden, gieb ihm Speise und Wein, einen
+Goldsolidus und diesen Brief. Morgen mit Sonnenaufgang geht er damit
+zurueck nach Neapolis." - -
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+
+Mehrere Wochen darauf finden wir den ernsten Praefekten in einem Kreise,
+der sehr wenig zu seinem hohen Trachten, ja zu seinem Alter zu passen
+schien.
+
+In dem seltsamen Nebeneinander von Heidentum und Christentum, das in den
+ersten Jahrhunderten nach der Konstantiner Bekehrung das Leben und die
+Sitten der Roemerwelt mit grellen Widerspruechen erfuellte, spielte besonders
+die friedliche Mischung von Festen der alten und der neuen Religion eine
+auffallende Rolle. Neben den grossen Feiertagen des christlichen
+Kirchenjahres bestanden auch noch groesstenteils die froehlichen Feste der
+alten Goetter fort, wenn auch meist ihrer urspruenglichen Bedeutung, ihres
+religioesen Kernes beraubt.
+
+Das Volk liess sich etwa den Glauben an Jupiter und Juno nehmen und die
+Kultushandlungen und die Opfer, aber nicht die Spiele, die Feste, die
+Taenze und Schmaeuse, die mit jenen Handlungen verbunden waren; und die
+Kirche war von jeher klug genug, zu dulden, was sie nicht aendern konnte.
+
+So wurden ja sogar die echt heidnischen Lupercalien, mit welchen sich
+derber Aberglaube und wuester Unfug aller Art verband, erst im Jahre
+vierhundertsechsundneunzig - und nur mit Muehe - abgeschafft.
+
+Viel laenger natuerlich behaupteten sich harmlose Feste wie die Floralien,
+die Palilien und zum Teil haben sich ja manche von ihnen in den Staedten
+und Doerfern Italiens mit veraenderter Bedeutung bis auf diese Stunde
+erhalten. So waren denn die Tage der Floralien gekommen, die, frueher auf
+der ganzen Halbinsel, als ein Fest besonders der froehlichen Jugend, mit
+lauten Spielen und Taenzen gefeiert, auch in jenen Tagen noch wenigstens
+mit Schmaus und Gelage begangen wurden.
+
+Und so hatten sich denn die beiden Licinier und ihr Kreis von jungen
+Rittern und Patriziern an dem Hauptfesttag der Floralien zu einem
+Symposion zusammen bestellt, fuer welches jeder der Gaeste, wie bei unsern
+"Picknicks," seinen Beitrag in Speisen oder Wein zu liefern hatte. Die
+Froehlichen versammelten sich bei dem jungen Kallistratos, einem
+liebenswuerdigen und reichen Griechen aus Korinth, der sich im Genuss
+kuenstlerischer Musse zu Rom niedergelassen und nahe bei den Gaerten des
+Sallust ein geschmackvolles Haus gebaut hatte, das als der Mittelpunkt
+heitern Lebensgenusses und feiner Bildung galt. Ausser dem reichen Adel
+Roms verkehrten dort vornehmlich die Kuenstler und Gelehrten: und dann auch
+jene Schichten der roemischen Jugend, denen ueber ihren Rossen und Wagen und
+Hunden wenige Zeit und Gedanken fuer den Staat uebrig blieb und die daher
+bis jetzt dem Einfluss des Praefekten unzugaenglich gewesen waren.
+
+Deshalb war es diesem sehr erwuenscht, als ihm der junge Lucius Licinius,
+jetzt sein gluehendster Anhaenger, die Einladung des Korinthers ueberbrachte.
+"Ich weiss wohl," sagte er schuechtern, "wir koennen deinem Geist nicht
+ebenbuertige Unterhaltung bieten und wenn dich nicht die alten Kyprier und
+Falerner locken, die Kallistratos spenden wird, lehnst du ab."
+
+"Nein, mein Sohn, ich komme," sagte Cethegus "und mich locken nicht die
+alten Kyprier, sondern die jungen Roemer." -
+
+Kallistratos, der sein Hellenentum mit Stolz zur Schau trug, hatte sein
+Haus mitten in Rom in griechischem Stil gebaut. Und zwar nicht in dem des
+damaligen, sondern des freien, des perikleischen Griechenlands und dies
+machte im Gegensatz zu der geschmacklosen Ueberladung jener Tage den
+Eindruck edler Einfachheit. Durch einen schmalen Gang gelangte man in das
+Peristyl, den offenen von Saeulengaengen umschlossenen Hof, dessen
+Mittelpunkt ein plaetschernder Springbrunnen in braunem Marmorbecken
+bildete. Die nach Norden offne Saeulenhalle enthielt ausser andern Gelassen
+auch den Speisesaal, der heute die kleine Gesellschaft versammelt hielt.
+Cethegus hatte sich vorbehalten, nicht schon zu der "Coena", dem
+eigentlichen Schmause, sondern erst zu der "Commissatio," dem darauf
+folgenden naechtlichen Trinkgelag, zu kommen. Und so fand er denn die
+Freunde in der vornehmen Trinkstube, wo laengst schon die zierlichen
+Bronzelampen an den schildpattgetaefelten Waenden brannten und die Gaeste,
+mit Rosen und Eppich bekraenzt, auf den Polstern des hufeisenfoermigen
+Trikliniums lagerten. Eine betaeubende Mischung von Weinduft und
+Blumenduft, von Fackelglanz und Farbenglanz drang ihm an der Schwelle
+entgegen.
+
+"Salve, Cethege!" rief der Wirt dem Eintretenden entgegen. "Du findest nur
+kleine Gesellschaft."
+
+Cethegus befahl dem Sklaven, der ihm folgte, einem herrlich gewachsenen
+jungen Mauren, dessen schlanke Glieder durch den Scharlachflor seiner
+leichten Tunika mehr gezeigt als verhuellt wurden, ihm die Sandalen
+abzubinden. Er zaehlte indessen: "Nicht unter den Grazien," laechelte er,
+"nicht ueber die Musen."
+
+"Geschwind, waehle den Kranz," mahnte Kallistratos, "und nimm deinen Platz
+da oben auf dem Ehrensitz der mittleren Kline. Wir haben dich im Voraus
+zum Symposiarchen, zum Festkoenig gewaehlt."
+
+Der Praefekt hatte sich vorgesetzt, diese jungen Leute zu bezaubern. Er
+wusste, wie gut er das konnte: und er wollte es heute. Er waehlte einen
+Rosenkranz und ergriff das elfenbeinerne Scepter, das ihm ein syrischer
+Sklave knieend reichte. Das Rosendiadem zurecht rueckend schwang er mit
+Wuerde den Stab: "So mach' ich eurer Freiheit ein Ende!"
+
+"Ein geborner Herrscher," rief Kallistratos, halb im Scherz, halb im
+Ernst. - "Aber ich will ein sanfter Tyrann sein! mein erst Gesetz: ein
+Drittel Wasser - zwei Drittel Wein." - "Oho," rief Lucius Licinius und
+trank ihm zu, "_bene te_! Du fuehrst ueppig Regiment. Gleiche Mischung ist
+sonst unser Hoechstes."
+
+"Ja, Freund," laechelte Cethegus, sich auf dem Ecksitz der mittleren Kline,
+dem "Konsulsplatz", niederlassend, "ich habe meine Trinkstudien unter den
+Aegyptern gemacht, die trinken nur lautern. He, Mundschenk - wie heisst er?"
+
+"Ganymedes - er ist aus Phrygien. Huebscher Wuchs, eh?" - "Also, Ganymed,
+gehorche deinem Jupiter und stelle neben jeden eine Patera Mamertiner Wein
+- doch neben Balbus zwei, weil er sein Landsmann ist." Die jungen Leute
+lachten.
+
+Balbus war ein reicher Gutsbesitzer auf Sicilien, noch sehr jung und schon
+sehr dick.
+
+"Pah," lachte der Trinker, "Epheu ums Haupt und Amethyst am Finger - so
+trotz ich den Maechten des Bacchus." - "Nun, wo steht ihr im Wein?" fragte
+Cethegus, dem jetzt hinter ihm stehenden Mauren winkend, der ihm einen
+zweiten Kranz von Rosen, diesmal um den Nacken, schlang.
+
+"Settiner Most mit hymettischem Honig, war das letzte. Da, versuch!" so
+sprach Piso, der schelmische Poet, dessen Epigramme und Anakreontika die
+Buchhaendler nicht rasch genug konnten abschreiben lassen und dessen
+Finanzen sich doch stets in poetischer Unordnung befanden. Und er reichte
+dem Praefekten was wir einen "Vexierbecher" nennen wuerden, einen bronzenen
+Schlangenkopf, der, unvorsichtig an den Mund gebracht, einen Strahl Weines
+heftig in die Kehle schoss. Aber Cethegus kannte das Spiel, behutsam trank
+er und gab den Becher zurueck. "Deine _trocknen_ Witze sind mir lieber,
+Piso," lachte er und haschte ihm aus der Brustfalte ein beschriebenes
+Taefelchen.
+
+"O gieb," sagte Piso, "es sind keine Verse - sondern - ganz im Gegenteil!
+- eine Zusammenstellung meiner Schulden fuer Wein und Pferde." - "Je nun,"
+meinte Cethegus, "ich hab' sie an mich genommen - sie sind also mein. Du
+magst morgen die Quittung bei mir einloesen: aber nicht umsonst - mit einem
+deiner boshaftesten Epigramme auf meinen frommen Freund Silverius!" - "O
+Cethegus," rief der Poet erfreut und geschmeichelt, "wie boshaft kann man
+sein fuer vierzigtausend Solidi! Wehe dem heiligen Mann Gottes."
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel.
+
+
+"Und im Schmause - wie weit seid ihr damit?" fragte Cethegus, "schon bei
+den Aepfeln? sind es diese?"
+
+Und er sah blinzend nach zwei Fruchtkoerben von Palmenbast, die hoch
+aufgehaeuft auf einem Bronzetisch mit elfenbeinernen Fuessen prangten. "Ha
+Triumph!" lachte Marcus Licinius, des Lucius juengerer Bruder, der sich mit
+der liebhaberischen Spielplastik der Mode abgab. "Da siehst du meine
+Kunst, Kallistratos! Der Praefekt nimmt meine Wachsaepfel, die ich dir
+gestern geschenkt, fuer echt." "Ah wirklich?" rief Cethegus wie erstaunt,
+obwohl er den Wachsgeruch laengst ungern vermerkt. "Ja, Kunst taeuscht die
+Besten. Bei wem hast du gelernt? Ich moechte dergleichen in meinem
+kyzikenischen Saal aufstellen."
+
+"Ich bin Autodidakt," sagte Marcus stolz, "und morgen schicke ich dir
+meine neuen persischen Aepfel: - denn du wuerdigst die Kunst."
+
+"Aber das Gelag ist doch zu Ende?" fragte der Praefekt, den linken Arm auf
+das Polster der Kline stuetzend.
+
+"Nein," rief der Wirt, "ich will es nur gestehn: da ich auf unsern
+Festkoenig erst zur Trinkstunde rechnen durfte, hab' ich noch einen kleinen
+Nachschmaus zu den Bechern geruestet." - "O du Frevler," rief Balbus, sich
+mit der zottigen Purpurgausape die fettglaenzenden Lippen wischend, "und
+ich habe so schrecklich viel von deinen Feigenschnepfen gegessen!" - "Das
+ist wider die Verabredung!" rief Marcus Licinius. - "Das verdirbt meine
+Sitten!" sagte der froehliche Piso ernsthaft. - "Sprich, ist das
+hellenische Einfachheit?" fragte Lucius Licinius. - "Ruhig, Freunde,"
+troestete Cethegus mit einem Citat: "Auch unverhofftes Unheil traegt ein
+Roemer stark."
+
+"Der hellenische Wirt muss sich nach seinen Gaesten richten," entschuldigte
+Kallistratos, "ich fuerchte, ihr kaemt mir nicht wieder, boete ich euch
+marathonische Kost." - "Nun, dann bekenne wenigstens, was noch droht,"
+rief Cethegus, "du, Nomenklator, lies die Schuesseln ab: ich werde dann die
+Weine bestimmen, die dazu gehoeren."
+
+Der Sklave, ein schoener lydischer Knabe, in einem bis an die Knie
+aufgeschlitzten Roeckchen von blauer pelusischer Leinwand, trat dicht neben
+Cethegus an den Tisch von Cypressenholz und las von einem Taefelchen ab,
+das er an goldnem Kettchen um den Hals trug: "Frische Austern aus
+Britannien in Thunfischbruehe mit Lattich." - "Dazu Falerner von Fundi,"
+sprach Cethegus ohne Besinnen. "Aber wo steht der Schenktisch mit den
+Pokalen? Rechter Trunk mundet nur aus rechter Schale."
+
+"Dort ist der Schenktisch!" und auf einen Wink des Hausherrn fiel der
+Vorhang zurueck, der die eine Ecke des Zimmers, den Gaesten gegenueber,
+verhuellt hatte.
+
+Ein Ruf des Staunens flog von den Tischen.
+
+Der Reichtum der dort zur Schau gestellten Prunkgeschirre und der
+Geschmack ihrer Anordnung war selbst diesen verwoehnten Augen ueberraschend.
+Auf der Marmorplatte des Tisches stand ein geraeumiger silberner Wagen mit
+goldnen Raedern und ehernem Gespann: es war ein Beutewagen, wie sie in
+roemischen Triumphen aufgefuehrt zu werden pflegten: und als koestliche Beute
+lagen darin Pokale, Glaeser, Schalen jeder Gestalt und jedes Stoffes in
+scheinbarer Unordnung, doch mit kunstverstaendiger Hand, gehaeuft.
+
+"Bei Mars dem Sieger," lachte der Praefekt, "der erste roemische Triumph
+seit zweihundert Jahren. Ein seltner Anblick! Darf ich ihn zerstoeren?" -
+"Du bist der Mann, ihn wieder aufzurichten," sagte Lucius Licinius feurig.
+- "Meinst du? Versuchen wir's! - Also zum Falerner die Kelche dort von
+Terebinthenholz."
+
+"Weindrosseln vom Tagus mit Spargeln von Tarent!" fuhr der Lydier fort.
+"Dazu den roten Massiker von Sinuessa aus jenen amethystnen Kelchen."
+
+"Junge Schildkroeten von Trapezunt mit Flamingozungen -"
+
+"Halt an, beim heiligen Bacchus," rief Balbus. "Das sind ja die Qualen des
+Tantalus. Mir ist ganz gleich, aus was ich trinke, aus Terebinthen oder
+Amethyst - aber dies Aufzaehlen von Goetterbissen mit trocknem Gaumen halt'
+ich nicht mehr aus. Nieder mit Cethegus dem Tyrannen, er sterbe, wenn er
+uns hungern laesst." - "Mir ist, ich waere Imperator und hoerte das getreue
+Volk von Rom. Ich rette mein Leben und gebe nach. Tragt auf, ihr Sklaven."
+Da toenten Floeten aus dem Vorgemach und im Takte der Musik schritten sechs
+Sklaven, Epheu um die glaenzend gesalbten Locken, in roten Maenteln und
+weissen Tuniken heran. Sie reichten den Gaesten frische Handtuecher von
+feinstem sidonischem Linnen mit weichen Purpurfransen.
+
+"Oh," rief Massurius, ein junger Kaufmann, der vornehmlich mit schoenen
+Sklaven und Sklavinnen handelte und in dem zweideutigen Ruhme stand, der
+feinste Kenner solcher Ware zu sein, "das weichste Handtuch ist ein
+schoenes Haar" - und er fuhr dem eben neben ihm knieenden Ganymed durch die
+Locken. "Aber, Kallistratos, jene Floeten sind hoffentlich weiblichen
+Geschlechts - auf mit dem Vorhang - lass die Maedchen ein."
+
+"Noch nicht," befahl Cethegus. "Erst trinken, dann kuessen. Ohne Bacchus
+und Ceres, du weisst -"
+
+"Friert Venus, nicht Massurius."
+
+Da erscholl aus dem Seitengemach der Klang von Lyra und Kithara und ein
+trat ein Zug von acht Juenglingen in goldgruen schillernden Seidengewaendern,
+vorauf der "Anrichter" und der "Zerleger": die sechs andern trugen
+Schuesseln auf dem Haupt: sie zogen im Taktschritt an den Gaesten vorueber
+und machten vor dem Anrichttisch von Citrus Halt. Waehrend sie hier
+beschaeftigt waren, erklangen vom Mittelgrunde her Kastagnetten und
+Cymbeln, die grossen Doppelthueren drehten sich um ihre erzschimmernden
+Saeulenpfosten und ein Schwarm von Sklaven in der schoenen Tracht
+korinthischer Epheben stroemte herein. Die einen reichten Brot in zierlich
+durchbrochenen Bronzekoerben: andre verscheuchten die Muecken mit breiten
+Faechern von Straussenfedern und Palmblaettern: einige gossen Oel in die
+Wandlampen aus doppelhenkeligen Kruegen mit anmutvoller Bewegung, indes
+etliche mit zierlichen Besen von aegyptischem Schilf von dem Mosaikboden
+die Brosamen fegten und die uebrigen Ganymed die Becher fuellen halfen, die
+jetzt schon eifrig kreisten.
+
+Damit stieg denn die Raschheit, die Waerme des Gespraechs und Cethegus, der,
+wie ueberlegen nuechtern er blieb, voellig im Moment versunken schien,
+bezauberte durch seine Jugendlichkeit die Juenglinge.
+
+"Wie ist's," fragte der Hausherr, "wollen wir wuerfeln zwischen den
+Schuesseln? Dort neben Piso steht der Wuerfelbecher." - "Nun, Massurius,"
+meinte Cethegus mit einem spoettischen Blick auf den Sklavenhaendler,
+"willst du wieder einmal dein Glueck wider mich versuchen? Willst du wetten
+gegen mich? Gieb ihm den Becher, Syphax!" winkte er dem Mauren.
+
+"Merkur soll mich bewahren!" antwortete Massurius in komischem Schreck.
+"Lasst euch nicht ein mit dem Praefekten - er hat das Glueck seines Ahnherrn
+Julius Caesar geerbt."
+
+"_Omen accipio!_" lachte Cethegus, "das nehm' ich an, mitsamt dem Dolch
+des Brutus."
+
+"Ich sag' euch, er ist ein Zauberer! Erst juengst hat er eine ungewinnbare
+Wette gegen mich gewonnen an diesem braunen Daemon -" Und er wollte dem
+Sklaven eine Feige ins Gesicht werfen: aber dieser fing sie behende mit
+den glaenzend weissen Zaehnen und verzehrte sie mit ruhigem Behagen.
+
+"Gut, Syphax," lobte Cethegus, "Rosen aus den Dornen der Feinde! Du kannst
+ein Gaukler werden, sobald ich dich freilasse."
+
+"Syphax will nicht frei sein, er will dein Syphax sein und dein Leben
+retten wie du seins."
+
+"Was ist das - dein Leben?" fragte Lucius Licinius mit erschrockenem
+Blick. - "Hast du ihn begnadigt?" sagte Marcus.
+
+"Mehr, ich hab' ihn losgekauft."
+
+"Ja, mit meinem Gelde!" brummte Massurius.
+
+"Du weisst, ich hab' ihm dein verwettet Geld sofort als Peculium
+geschenkt."
+
+"Was ist das mit der Wette? erzaehle, vielleicht ein Stoff fuer meine
+Epigramme," fragte Piso.
+
+"Lasst den Mauren selbst erzaehlen - sprich, Syphax, du darfst."
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel.
+
+
+Ohne Zoegern trat der junge Sklave in das von den Tischen gebildete
+Hufeisen, den Ruecken zur Thuere gewandt: sein funkelndes Auge ueberflog
+rasch die Versammlung und haftete dann mit Glut auf seinem Herrn: alle
+bewunderten die jugendliche Kraft und Schoenheit der schlanken Glieder,
+deren tiefes Braun nur um die Hueften ein kostbarer Schurz von Scharlach
+verhuellte.
+
+"Leicht ist erzaehlt, was schwere Schmerzen barg. Ich bin daheim im
+Lieblingsland der Sonne; wo hundert Palmen die immer gruene Oase
+beschatten, ausser uns nur dem Loewen bekannt und dem fleckigen Panther.
+Aber in einer goetterverlassenen Nacht, da fand der Feind unser altes
+Versteck. Vandalische Reiter waren's und keine Rettung. Rot und schwarz
+stieg der Rauch unsrer Zelte durch die Cedernwipfel hinan, kreischend
+flohen Weiber und Kinder. Da traf mich ein sausender Speer.
+
+Ich erwachte gebunden im Sklavenraum eines Griechenschiffs, das uns
+gekauft, mich und viele Maenner und Weiber meines Stammes: ich hatte nichts
+gerettet als meinen Gott, den weissen Schlangenkoenig, ich trug ihn im
+Guertel geborgen. Sie brachten uns nach Rom, da kaufte mich einer, dessen
+Namen verflucht sei."
+
+"'s ist unser Freund Calpurnius," unterbrach Cethegus.
+
+"Und kein Stern soll ihm leuchten auf naechtlicher Fahrt, er soll
+verdursten im heissen Sand," knirschte der Maure mit aufloderndem Hass. "Er
+schlug mich oft um nichts und liess mich hungern. Ich schwieg und betete zu
+meinem Gott um Rache. Er zuernte, dass ich so ruhig seine Wut ertrug.
+
+Er wusste nicht, dass Syphax seinen Gott bei sich trug in Gestalt einer
+Schlange. Da trat er eines Morgens an mein Lager und fand sie um meinen
+Hals geringelt. Er erschrak: ich sagte ihm seine Zaehne seien nicht
+toedlich, aber seine Rache. Da ergrimmte er, schlug nach mir und sagte:
+"Toete den Wurm!" Umsonst flehte ich und wand mich auf den Knieen vor ihm.
+Er schlug mich und schlug nach dem Gott: und als ich den deckte mit meinem
+Leibe, schrie er noch wilder: "Toete das Tier." Wie konnt' ich gehorchen!
+Da rief er seine Sklaven und befahl: "Nehmt ihm die Bestie und kocht sie
+lebendig. Er soll seinen Gott fressen!" Ich erschrak zum Tode ueber diesen
+Frevel. Und sie griffen mich und haschten nach der Schlange. Aber der Gott
+gab mir die Kraft der Wut, die da gleich ist der Kraft des pfeilwunden
+Tigers, und ich sprang unter sie mit gellendem Schrei.
+
+Nieder schlug ich den Verfluchten mit dieser Faust und gewann die Thuere
+des Hauses und sprang hinaus ins Freie und dreissig Sklaven hinter mir
+drein. Da galt es das Leben."
+
+Die Gaeste lauschten gespannt, selbst Balbus setzte den Becher ab, den er
+eben zu Munde fuehrte.
+
+"Ich laufe nicht schlecht: oft haben wir, drei Vettern und ich, die
+windschnelle Antilope muede gejagt. Und die Sklaven waren langsam und
+schwer.
+
+Aber sie kannten die Stadt und ihre Strassen und ich nicht. So war es ein
+ungleich Spiel. Die Verfolger teilten sich in Scharen von drei, vier Mann
+und gewannen mir durch Seitengassen und Durchgaenge den Weg ab.
+
+Zum Glueck hatte ich im Vorbeirennen an einer Schmiede einen schweren
+Feuerhaken errafft: zwei, dreimal braucht' ich ihn, die Verfolger zu
+scheuchen, zu treffen, die mir ploetzlich von vorn entgegenkamen. Ich
+fuehlte aber, lange konnte das nicht mehr dauern: wie rasch ich war, wie
+langsam sie, zuletzt musste ich doch erliegen.
+
+Da sandte mir der Gott, den ich fest mit der Linken an die Brust drueckte,
+Ihn," - und sein schoenes Auge funkelte, - "meinen Herrn, den gewaltigen,
+der maechtig ist wie der Loewe von Abaritana und klug wie der Elefant, der
+da gut ist wie milder Regen nach langer Duerre und herrlich wie -"
+
+"Jetzt erzaehlst du schlecht, Syphax, ich will vollenden. Ich kam gerade
+von den Schanzwerken am aurelischen Thor, dem Grabmal Hadrians."
+
+"Deinem schoenen, goettergeschmueckten Lieblingsort," unterbrach
+Kallistratos.
+
+"Und bog am Fusse des Kapitols in das Forum Trajans: da stand eine
+gaffende, schreiende Menge und sah der Menschenjagd neugierig zu: wie ein
+Pfeil schoss der Maure von dem Forum des Nerva heran, seine Verfolger weit
+hinter ihm. Aber siehe, dicht neben mir bogen von links fuenf, von rechts
+sieben der Sklaven des Calpurnius auf das Forum ein, bereit, ihn
+aufzufangen, sowie er auf dem Platz ankam. "Der ist verloren!" sagte neben
+mir eine bekannte Stimme, es war Massurius, der aus dem Bade des Augustus
+trat.
+
+"Wem gehoert er?" fragte ich. "Calpurnius ist unser Herr," antwortete der
+Sklave neben mir. "Dann wehe ihm," sprach Massurius zu mir: "er haengt
+seine Strafsklaven bis an den Hals gebunden in seinen Fischweiher und laesst
+sie lebendig auffressen von seinen Muraenen und Hechten." - "Ja," sagte der
+Sklave, "Syphax hat ihn niedergeschlagen, und der Herr rief im Aufstehen:
+"zu den Muraenen den Hund! wer ihn einbringt, ist frei."
+
+Ich blickte den Platz hinab auf den Mauren, der jetzt gleich heran war.
+"Der ist zu gut fuer die Fische," sagte ich, "welch' herrlicher Wuchs! Und
+sieh, er koemmt durch, ich wette."
+
+Denn eben hatte der Fluechtling die erste Kette der Sklaven, die sich ihm
+an der Muendung der Via julia entgegenwarf, durchbrochen und flog jetzt auf
+uns zu."
+
+"Und ich wette tausend Solidi, er koemmt nicht durch: sieh', dort die
+Lanzen," sprach Massurius. - "Gerade vor uns standen fuenf Sklaven mit
+Lanzen und Wurfspeeren. "Es gilt!" rief ich, tausend Solidi.
+
+Da war er heran.
+
+Drei Speere sausten zugleich: aber wie ein Panther duckte der Flinke unter
+ihnen weg und, ploetzlich aufschnellend, sprang er in hohem Satz ueber die
+Lanzen der beiden uebrigen. Atemlos kam er dicht vor mir zu Boden: er
+blutete von Steinen und Pfeilen und schon kam jetzt vom Forum julium heran
+das ganze Rudel. Verzweifelnd sah er um sich und wollte nach rechts in die
+Friedens-Tempel-Strasse, die ihn gerade nach seines Herrn Hause
+zurueckgefuehrt haette. Da sah ich vor uns das Portal der kleinen Basilika
+von Sankt Laurentius offen stehen. "Dort hin!" rief ich ihm zu."
+
+"In meiner Sprache! er kennt meine Sprache," rief Syphax.
+
+"Er kennt, glaub' ich, alle Sprachen," meinte Marcus Licinius.
+
+"Dorthin, wiederholte ich, dort ist Asyl. Wie der Blitz war er die Stufen
+hinan, schon auf der letzten, da traf ihn ein Stein, dass er stuerzte und
+sein naechster Verfolger war oben und packte ihn. Aber glatt wie ein Aal
+rang er sich aus seinem Griff, stiess ihn die Stufen hinab und sprang in
+die Thuere der Kirche."
+
+"Da hattest du gewonnen," sagte Kallistratos.
+
+"Ich wohl, aber er nicht. Denn die Priester von St. Laurentius, so
+eifersuechtig sie ihre Asylrechte wahren, so wenig haben sie Mitleid mit
+einem Heiden. Einen Tag lang bargen sie ihn: als sie aber erfuhren, dass er
+um der Schlange willen seinen Herrn niedergeschlagen, da stellten sie ihm
+die Wahl, Christ zu werden und den Goetzen aufzugeben, oder Calpurnius und
+die Muraenen.
+
+Syphax waehlte den Tod. Ich erfuhr es und kaufte dem Zornigen seine Rache
+ab und das Leben dieses schlanken Burschen, des schoensten Sklaven in Rom."
+
+"Kein schlechtes Geschaeft," meinte Marcus, "der Maure ist dir treu."
+
+"Ich glaube," sagte Cethegus, "tritt zurueck, Syphax.
+
+Da bringt der Koch sein Meisterstueck, so scheint's."
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel.
+
+
+Es war eine sechspfuendige Steinbutte, seit Jahren im Meerwasserweiher des
+Kallistratos mit Gaenselebern gemaestet. Der vielgepriesene "Rhombus" kam
+auf silberner Schuessel, ein goldenes Kroenchen auf dem Kopf.
+
+"Alle guten Goetter und du, Prophete Jonas!" lallte Balbus zuruecksinkend in
+die Polster, "der Fisch ist mehr wert als ich selber." - "Still, Freund,"
+warnte Piso, "dass uns nicht Cato hoere, der gesagt: wehe der Stadt, wo ein
+Fisch mehr wert als ein Rind." Schallendes Gelaechter und der laute Ruf
+_Euge belle!_ uebertoente den Zornruf des Halbberauschten.
+
+Der Fisch ward zerschnitten und koestlich erfunden.
+
+"Jetzt, ihr Sklaven, fort mit dem matten Massiker. Der edle Fisch will
+schwimmen in edlem Nass. Auf, Syphax, jetzt passt, was ich zu dem Gelage
+beigesteuert. Geh' und lass die Amphora hereinbringen, welche die Sklaven
+draussen in Schnee gestellt. Dazu die Phialen von gelbem Bernstein."
+
+"Was bringst du seltenes, aus welchem Land?" fragte Kallistratos. - "Frag,
+aus welchem Weltteil? bei diesem vielgereisten Odysseus," sagte Piso.
+
+"Ihr muesst raten. Und wer es erraet, wer diesen Wein schon gekostet hat, dem
+schenk' ich eine Amphora, so hoch wie diese."
+
+Zwei Sklaven, eppichbekraenzt, schleppten den maechtigen, dunkeln Krug
+herein: von schwarzbraunem Porphyr und fremdartiger Gestalt, mit
+hieroglyphischen Zeichen geschmueckt und wohl vergipst oben an der Muendung.
+
+"Beim Styx! koemmt er aus dem Tartarus? das ist ein schwarzer Gesell,"
+lachte Marcus.
+
+"Aber er hat eine weisse Seele - zeige sie, Syphax." Der Nubier schlug mit
+dem Hammer von Ebenholz, den ihm Ganymedes reichte, sorgfaeltig den Gips
+herunter, hob mit silberner Zange den Verschluss von Palmenrinde heraus,
+schuettete die Schicht Oel hinweg, die oben schwamm, und fuellte die Pokale.
+Ein starker berauschender Geruch entstieg der weissen, klebrigen
+Fluessigkeit. Alle tranken mit forschender Miene.
+
+"Ein Goettertrank!" rief Balbus absetzend. - "Aber stark wie fluessiges
+Feuer," sagte Kallistratos.
+
+"Nein, den kenn' ich nicht!" sprach Lucius Licinius.
+
+"Ich auch nicht," beteuerte Marcus Licinius. - "Aber ich freue mich, ihn
+kennen zu lernen," rief Piso und hielt Syphax die leere Schale hin.
+
+"Nun," fragte der Wirt, zu dem letzten, bisher fast ganz stummen Gast zu
+seiner Rechten gewendet, "nun, Furius, grosser Seefahrer, Abenteurer,
+Indiensucher, Weltumsegler, wird deine Weisheit auch zu Schanden?"
+
+Der Gefragte erhob sich leicht von den Kissen, ein schoener athletischer
+Mann von einigen dreissig Jahren, von bronzener wettergebraeunter
+Gesichtsfarbe, kohlschwarzen tiefliegenden Augen, blendend weissen Zaehnen
+und vollem Rundbart nach orientalischem Schnitt.
+
+Aber ehe er noch sprechen konnte, fiel Kallistratos rasch ein: "Doch, beim
+Zeus Xenios, ich glaube, ihr kennt euch gar nicht?" Cethegus mass die
+fesselnde Erscheinung mit scharfem Blick. "Ich kenne den Praefekten von
+Rom," sagte der Schweigsame. - "Nun, Cethegus, und dies ist mein
+vulkanischer Freund, Furius Ahalla, aus Korsika, der reichste Schiffsherr
+des Abendlands, tief wie die Nacht und heiss wie das Feuer: er hat fuenfzig
+Haeuser, Villen und Palaeste an allen Kuesten von Europa, Asien und Afrika,
+zwanzig Galeeren, ein paar tausend Sklaven und Matrosen und -"
+
+"Und einen sehr geschwaetzigen Freund," schloss der Korse. "Praefekt, mir ist
+es leid um dich, aber die Amphora ist mein. Ich kenne den Wein." - Und er
+nahm ein Kibitzei und zerschlug es mit goldenem Loeffel.
+
+"Schwerlich," laechelte Cethegus spoettisch.
+
+"Doch. Es ist Isiswein. Aus Aegypten. Aus Memphis." Und ruhig schluerfte er
+das goldroetliche Ei.
+
+Erstaunt sah ihn Cethegus an. "Erraten," sagte er dann. "Wo hast du ihn
+gekostet?" - "Notwendig da, wo du. Er fliesst ja nur aus Einer Quelle,"
+laechelte der Korse. - "Genug mit euren Geheimnissen! Keine Raetsel unter
+den Rosen!" rief Piso. - "Wo habt ihr beiden Marder dasselbe Nest
+gefunden?" fragte Kallistratos.
+
+"Nun," rief Cethegus, "wisset es immerhin. Im alten Aegypten, im heilgen
+Memphis voraus, haben sich immer noch, dicht neben den christlichen
+Einsiedlern und Moenchen in der Wueste, glaubenszaehe Maenner und namentlich
+Frauen erhalten, die nicht lassen wollen von Apis und Osiris und besonders
+treu den suessen Dienst der Isis pflegen. Sie fluechten von der Oberflaeche,
+wo die Kirche das Kreuz der Askese siegreich aufgepflanzt, in die Tiefen,
+in den geheimen Schoss der grossen Mutter Erde mit ihrem heilgen teuren
+Wahn. In einem Labyrinth unter den Pyramiden des Cheops haben sie noch
+einige hundert Kruege geborgen des maecht'gen Weines, welcher dereinst die
+Eingeweihten zu den Orgien der Freude, der Liebe berauschte. Die Kunde
+geht geheim gehalten von Geschlecht zu Geschlecht, immer nur Eine
+Priesterin kennt den Keller und bewahrt den Schluessel.
+
+Ich kuesste die Priesterin und sie fuehrte mich ein: - sie war eine wilde
+Katze, aber ihr Wein war gut: - und sie gab mir zum Abschied fuenf Kruege
+mit aufs Schiff."
+
+"Soweit hab' ich es mit Smerda nicht gebracht," sagte der Korse; "sie liess
+mich trinken im Keller, aber als Andenken gab sie mir nur das mit" - und
+er entbloesste den braunen Hals. - "Einen Dolchstich der Eifersucht," lachte
+Cethegus. "Nun, mich freut, dass die Tochter nicht aus der Art schlaegt. Zu
+meiner Zeit, das heisst, als mich die Mutter trinken liess, lief die kleine
+Smerda noch im Kinderroeckchen. Wohlan, es lebe der heilge Nil und die suesse
+Isis." Und die beiden tranken sich zu.
+
+Aber es verdross sie, ein Geheimnis teilen zu sollen, das jeder allein zu
+besitzen geglaubt.
+
+Doch die andern waren bezaubert von der Laune des eisigen Praefekten, der
+jugendlich wie ein Juengling mit ihnen plauderte und jetzt, da das
+beliebteste Thema fuer junge Herren unter den Bechern angeregt war -
+Liebesabenteuer und Maedchengeschichten - unerschoepflich uebersprudelte von
+Streichen und Schwaenken, die er meistens selbst erlebt. Alle hingen mit
+Fragen an seinen Lippen. Nur der Korse blieb stumm und kalt.
+
+"Sage," rief der Wirt und winkte dem Schaenken, als gerade das Gelaechter
+ueber eine solche Geschichte verhallt war, "sag an, du Mann buntscheckiger
+Erfahrung: - aegyptische Isismaedchen, gallische Druidinnen, nachtlockige
+Toechter Syriens und meine plastischen Schwestern von Hellas: - alle kennst
+du und weisst du zu schaetzen, aber sprich, hast du je ein germanisch Weib
+geliebt?"
+
+"Nein," sagte Cethegus, seinen Isiswein schluerfend, "sie waren mir immer
+zu langweilig."
+
+"Oho," meinte Kallistratos, "das ist zuviel gesagt. Ich sage euch, ich
+habe an den letzten Calenden einen Wahnsinn gehabt fuer ein germanisch
+Weib, die war nicht langweilig."
+
+"Wie, du, Kallistratos von Korinth, der Aspasia, der Helena Landsmann,
+ergluehst fuer ein Barbarenweib? O arger Eros, Sinnenverwirrer,
+Maennerbeschaemer," schalt der Praefekt.
+
+"Ja, wenn du willst, war's eine Sinnesverwirrung: - ich habe nie
+dergleichen erfahren."
+
+"Erzaehle, erzaehle," draengten die andern.
+
+
+
+
+ Elftes Kapitel.
+
+
+"Immerhin," sagte der Hausherr, die Polster glaettend, "obwohl ich keine
+glaenzende Rolle dabei spiele.
+
+Also an den vorigen Calenden etwa kam ich zur achten Stunde aus den Baedern
+des Abaskantos nach Hause.
+
+Da steht auf der Strasse niedergelassen eine Frauensaenfte, vier Sklaven
+dabei, ich glaube, gefangne Gepiden. Unmittelbar aber vor der Thuere meines
+Hauses stehen zwei verhuellte Frauen, die Calantica ueber den Kopf gezogen.
+Die eine trug sklavisch Gewand, aber die andre war sehr reich und
+geschmackvoll gekleidet und das Wenige, was von Wuchs und Gestalt zu
+sehen, war goettlich. Welch schwebender Schritt, welch feiner Knoechel,
+welch hochgewoelbter Fuss! Als ich naeher herankam, liessen sich beide rasch
+in die Saenfte heben und fort waren sie. Ich aber - ihr wisst, es steckt des
+Bildhauers Blut in allen Hellenen - ich traeumte des Nachts von dem feinen
+Knoechel und dem wogenden Schritt.
+
+Mittags drauf, da ich die Thuere oeffne, aufs Forum zu gehn zu den
+Bibliographen, wie ich pflege, seh ich dieselbe Saenfte rasch von dannen
+eilen.
+
+Ich gestehe, ohne sonst besonders eitel zu sein, diesmal hoffte ich eine
+Eroberung gemacht zu haben, - ich wuenschte es so sehr. Und ich zweifelte
+gar nicht mehr, als ich, um die achte Stunde nach Hause kommend, wieder
+meine Fremde, diesmal unbegleitet, an mir vorueberschluepfen sah und nach
+ihrer Saenfte eilen. Folgen konnt' ich den raschen Sklaven nicht, so trat
+ich in mein Haus, froher Gedanken voll. Da sagte der Ostiarius: "Herr,
+eine verhuellte Sklavin wartet dein in der Bibliothek."
+
+Pochenden Herzens eile ich in das Gemach. Richtig! es war die Sklavin, die
+ich gestern gesehen. Sie schlug den faltigen Mantel zurueck: eine huebsche,
+verschlagne Maurin oder Karthagerin - ich kenne den Schlag - sah mich mit
+schlauen Augen an.
+
+"Ich bitte um Botenlohn," sagte sie, "Kallistratos, ich bringe dir gute
+Kunde."
+
+Ich fasste ihre Hand und wollte ihr die dunkle Wange streicheln - denn wer
+die Herrin begehrt, der kuesse die Sklavin - aber sie lachte und sprach:
+"Nein, nicht Eros, Hermes sendet mich.
+
+Meine Herrin" - hoch horchte ich auf - "meine Herrin ist - eine
+leidenschaftliche Freundin der Kunst. Sie bietet dir dreitausend Solidi
+fuer die Aresbueste, die in der Nische neben der Thuere deines Hauses
+steht.""
+
+Laut lachten die jungen Leute, Cethegus mit ihnen.
+
+"Ja, lacht nur," fuhr der Hausherr selbst einstimmend fort, "ich aber
+lachte damals nicht. Aus all meinen Traeumen heruntergefallen, sprach ich
+verdriesslich: mir ist das Werk nicht feil. Die Sklavin bot fuenftausend,
+bot zehntausend Solidi: ich wandte ihr den Ruecken und griff nach der Thuer.
+
+Da sagte die Schlange: "Ich weiss, Kallistratos von Korinth ist unwillig,
+weil er ein Abenteuer gehofft und fand ein Geldgeschaeft.
+
+Er ist Hellene, er liebt die Schoenheit, er brennt vor Neugier, meine
+Herrin zu sehn." Das war so richtig, dass ich nur laecheln konnte.
+
+"Wohlan," sprach sie, "du sollst sie sehn. Und dann erneuere ich mein
+letzt Gebot. Schlaegst du's dann dennoch aus, hast du immerhin den Vorteil,
+deine Neugier gestillt zu haben. Morgen um die achte Stunde koemmt die
+Saenfte wieder. Dann halte dich bereit mit deinem Ares."
+
+Und sie schluepfte hinweg. Unruhig blieb ich zurueck.
+
+Ich konnte nicht leugnen, meine Neugier war sehr gespannt. Fest
+entschlossen, meinen Ares nicht herzulassen und die Kunstnaerrin doch zu
+sehen, erwartete ich gierig die bestimmte Stunde. Die Stunde kam und die
+Saenfte kam. Ich stand lauschend an meiner offnen Thuer. Die Sklavin stieg
+heraus.
+
+"Komm," rief sie mir zu, "du sollst sie sehn."
+
+Bebend vor Aufregung trat ich heran, der Purpurvorhang der Saenfte fiel
+halb zurueck und ich sah -"
+
+"Nun," rief Markus, sich vorbeugend, den Becher in der Hand.
+
+"Was ich nie wieder vergessen werde. Ein Gesicht, Freunde, von ungeahnter
+Schoenheit. Kypris und Artemis in Einer Person. Ich war wie geblendet. Ich
+kann sie nicht schildern. Der Vorhang fiel zu. Ich aber sprang zurueck, hob
+den Ares aus der Nische, reichte ihn der Punierin, wies ihr Gold zurueck
+und taumelte in meine Thuer, betaeubt, als haett' ich eine Waldnymphe
+gesehn."
+
+"Nun, das ist stark," lachte Massurius. "Bist doch sonst kein Neuling in
+den Werken des Eros."
+
+"Aber," fragte Cethegus, "woher weisst du, dass diese Zauberin eine Gotin
+war?"
+
+"Sie hatte dunkelrotes Haar und milchweisse Haut und schwarze Augenbrauen."
+
+"Alle guten Goetter!" dachte Cethegus. Aber er schwieg und wartete.
+
+Keiner der Anwesenden sprach den Namen aus.
+
+"Sie kennen sie nicht," sagte Cethegus zu sich. - "Und wann war das?"
+fragte er den Wirt.
+
+"An den vorigen Calenden."
+
+"Ganz richtig," rechnete Cethegus; "da kam sie von Tarentum durch Rom nach
+Ravenna. Sie ruhte hier drei Tage."
+
+"Und so hast du," lachte Piso, "deinen Ares eingebuesst fuer einen Blick.
+Schlechter Handel! diesmal waren Merkur und Venus im Bunde. Armer
+Kallistratos."
+
+"Ach," sagte dieser, "die Bueste war gar nicht soviel wert. Es war moderne
+Arbeit. Jon in Neapolis hat sie vor drei Jahren gemacht. Aber ich sag
+euch, einen Pheidias haett ich hingegeben um jenen Anblick."
+
+"Ein Idealkopf?" fragte Cethegus, wie gleichgueltig und hob den ehernen
+Mischkrug, der vor ihm stand, scheinbar bewundernd, auf.
+
+"Nein, das Modell war ein Barbar - irgend ein Gotengraf - Watichis oder
+Witichas - wer kann sich die hyperboraeischen Namen merken!" sagte
+Kallistratos seinen Bericht schliessend und einem Pfirsich die Haut
+abziehend.
+
+Nachdenklich schluerfte Cethegus aus seiner Schale von Bernstein.
+
+
+
+
+ Zwoelftes Kapitel.
+
+
+"Ja, die Barbarinnen koennte man sich gefallen lassen," rief Markus
+Licinius, "aber der Orcus verschlinge ihre Brueder!" Und er riss den welken
+Rosenkranz vom Haupt: - die Blumen ertrugen den Dunst des Gelages schlecht
+- und ersetzte ihn durch einen frischen. "Nicht nur die Freiheit haben sie
+uns genommen: - sie schlagen uns bei den Toechtern Hesperiens in der Liebe
+sogar aus dem Felde. Erst neulich hat die schoene Lavinia meinem Bruder die
+Thuere verschlossen und den fuchsroten Aligern eingelassen."
+
+"Barbarischer Geschmack!" meinte der Verschmaehte achselzuckend und wie zum
+Trost nach seinem Isiswein langend. "Du kennst sie ja auch, Furius - ist
+es nicht Geschmacksverirrung?" - "Ich kenne deinen Nebenbuhler nicht,"
+sagte der Korse. "Aber es giebt schon Burschen unter diesen Goten, die
+einem Weib gefaehrlich werden moegen.
+
+"Und da faellt mir ein Abenteuer ein, das ich juengst entdeckt, das aber
+freilich noch ohne Spitze ist." - "Erzaehle nur," mahnte Kallistratos, die
+Haende in das laue Waschwasser steckend, das jetzt in korinthischen
+Erzschuesseln herumgereicht wurde, vielleicht finden wir die Spitze dazu."
+
+"Der Held meiner Geschichte," hob Furius an, "ist der schoenste der Goten."
+- "Ah, Totila der junge," unterbrach Piso und liess sich den
+kameengeschmueckten Becher mit Eiswein fuellen. "Derselbe. Ich kenne ihn
+seit Jahren und bin ihm sehr gut, wie alle muessen, die je sein sonnig
+Angesicht geschaut, abgesehen davon," - und hier ueberflog des Korsen Zuege
+ein Schatte ernsten Erinnerns und er stockte - "dass ich ihm sonst
+verbunden bin."
+
+"Du bist, scheint's, verliebt in den Blondkopf," spottete Massurius, dem
+Sklaven, den er mitgebracht, ein Tuch voll picentinischen Zwiebacks
+zuwerfend, um es mit nach Hause zu nehmen. "Nein, aber er hat mir, wie
+allen, mit denen er zu thun hat, viel Freundliches erwiesen und gar oft
+hatte er die Hafenwache in den italischen Seestaedten, wo ich landete."
+
+"Ja, er hat grosse Verdienste um das Seewesen der Barbaren," sagte Lucius
+Licinius. - "Wie um ihre Reiterei," stimmte Markus bei, "der schlanke
+Bursche ist der beste Reiter seines Volks."
+
+"Nun, ich traf ihn zuletzt in Neapolis: wir freuten uns der Begegnung,
+aber vergebens drang ich in ihn, die froehlichen Abendgelage auf meinem
+Schiffe zu teilen."
+
+"O, diese deine Schiffsabende sind beruehmt und beruechtigt," meinte Balbus,
+"du hast stets die feurigsten Weine." - "Und die feurigsten Maedchen,"
+fuegte Massurius bei.
+
+"Wie dem sei, Totila schuetzte jedesmal Geschaefte vor und war nicht zu
+gewinnen. Ich bitte euch! Geschaefte nach der achten Stunde in Neapolis! Wo
+die Fleissigsten faul sind! Es waren natuerlich Ausfluechte. Ich beschloss ihm
+auf die Spruenge zu kommen und umschlich Abends sein Haus in der Via lata.
+Richtig: gleich den ersten Abend kam er heraus, vorsichtig umblickend,
+und, zu meinem Staunen, verkleidet; wie ein Gaertner war er angethan, einen
+Reisehut tief ins Gesicht gezogen, eine Abolla umgeschlagen. Ich schlich
+ihm nach. Er ging quer durch die Stadt nach der Porta Capuana zu. Dicht
+neben dem Thore steht ein dicker Turm, darinnen wohnt der Pfoertner, ein
+alter patriarchenhafter Jude, dem Koenig Theoderich ob seiner grossen Treue
+die Hut des Thores anvertraut.
+
+Vor dem Turme blieb mein Gote stehen und schlug leise in die Hand: da flog
+eine schmale Seitenthuer von Eisen, die ich gar nicht bemerkt, geraeuschlos
+auf und hinein schluepfte Totila geschmeidig wie ein Aal."
+
+"Ei, ei," fiel Piso der Dichter eifrig ein, "ich kenne den Juden und
+Miriam, sein herrlich prachtaeugiges Kind! Die schoenste Tochter Israels,
+die Perle des Morgenlands, ihre Lippen sind Granaten, ihr Aug' ist
+dunkelmeeresblau und ihre Wangen haben den roten Duft des Pfirsichs." -
+"Gut, Piso," laechelte Cethegus - "dein Gedicht ist schoen." - "Nein," rief
+dieser. "Miriam selbst ist die lebendige Poesie." - "Stolz ist die
+Judendirne," brummte Massurius dazwischen, "sie hat mich und mein Gold
+verschmaeht mit einem Blick, als habe man nie ein Weib um Geld gekauft." -
+"Siehe," sprach Lucius Licinius, "so hat sich der hochmuet'ge Gote, der
+einherschreitet, als trueg' er alle Sterne des Himmels auf seinem
+Lockenhaupt, zu einer Juedin herabgelassen."
+
+"So dacht' auch ich und ich beschloss, den Jungen bei naechster Gelegenheit
+schwer zu verhoehnen mit seinem Moschusgeschmack. Aber nichts da. Ein paar
+Tage darauf musste ich nach Capua. Ich breche vor Sonnenaufgang auf, die
+Hitze zu meiden. Ich fahre durch die Porta Capuana zur Stadt hinaus beim
+ersten Fruehrot: und als ich in meinem Reisewagen ueber die harten Steine an
+dem Judenturm vorueberrassele, denk' ich neidvoll an Totila und sage mir,
+der liegt jetzt in weichen Armen. Aber am zweiten Meilensteine vor dem
+Thor begegnet mir, nach der Stadt zuschreitend, leere Blumenkoerbe ueber
+Brust und Ruecken, in Gaertnertracht, wie damals - Totila. Er lag also nicht
+in Miriams Armen. Die Juedin war nicht seine Geliebte, vielleicht seine
+Vertraute, und wer weiss, wo die Blume blueht, die dieser Gaertner pflegt.
+Der Gluecksvogel! Bedenkt nur, auf der Via capuana stehen all' die Villen
+und Lustschloesser der ersten Familien von Neapolis und in jenen Gaerten
+prangen und bluehen die herrlichsten Weiber."
+
+"Bei meinem Genius," rief Lucius Licinius, die bekraenzte Schale hebend,
+"dort leben ja die schoensten Weiber Italiens - Fluch ueber den Goten!" -
+"Nein," schrie Massurius, von Wein ergluehend, "Fluch ueber Kallistratos und
+den Korsen, die uns mit fremden Liebesgeschichten bewirten, wie der Storch
+aus Kelchglaesern den Fuchs. Lass endlich, Hausherr, deine Maedchen kommen,
+wenn du deren bestellt hast: nicht hoeher brauchst du unsre Erwartung zu
+spannen." - "Jawohl, die Maedchen, die Taenzerinnen, die Psalterien!" riefen
+die jungen Leute durcheinander.
+
+"Halt," sprach der Wirt, "wo Aphrodite naht, muss sie auf Blumen wandeln.
+Dies Glas bring' ich dir, Flora!" Er sprang auf und schleuderte an die
+getaefelte Decke eine koestliche Krystallschale, dass sie klirrend zersprang.
+
+Sowie das Glas an die Balken der Decke schlug, hob sich das ganze Getaefel
+wie eine Fallthuer empor und ein reicher Regen von Blumen aller Art flutete
+auf die Haeupter der erstaunten Gaeste nieder, Rosen von Paestum, Veilchen
+von Thurii, Myrten von Tarentum, Mandelblueten bedeckten wie ein dichtes
+Schneegestoeber in duftigen Flocken den Mosaikboden, die Tische, die
+Polster und die Haeupter der Gaeste.
+
+"Schoener," rief Cethegus, "zog Venus nie auf Paphos ein."
+
+Kallistratos schlug in die Haende. Da teilte sich beim Klang von Lyra und
+Floete dem Triklinium gerade gegenueber die Mittelwand des Gemachs: vier
+hochgeschuerzte Taenzerinnen, ausgesucht schoene Maedchen, in persische
+Tracht, d. h. in durchsichtigen Rosaflor gekleidet, sprangen
+cymbelnschlagend aus einem Gebuesch von bluehendem Oleander.
+
+Hinter ihnen kam ein grosser Wagen in Gestalt einer Faechermuschel, dessen
+goldne Raeder von acht jungen Sklavinnen geschoben wurden, vier
+Floetenblaeserinnen in Indischem Gewand - Purpur und Weiss mit goldgestickten
+Maenteln - schritten vorauf: und auf dem Sitz des Wagens ruhte, von Rosen
+uebergossen, in halb liegender Stellung Aphrodite selbst, in Gestalt eines
+bluehenden Maedchens von lockender, ueppiger Schoenheit, dessen fast einzige
+Verhuellung der Aphroditen nachgebildete Guertel der Grazien war.
+
+"Ha, beim heiligen Eros und Anteros!" schrie Massurius und sprang
+unsichern Schrittes von der Kline herab unter die Gruppe.
+
+"Verlosen wir die Maedchen!" rief Piso, "ich habe ganz neue Wuerfel aus
+Gazellenknoecheln, weihen wir sie ein." "Lasst sie den Festkoenig verteilen,"
+schlug Marcus Licinius vor. "Nein, Freiheit, Freiheit wenigstens in der
+Liebe," rief Massurius und fasste die Goettin heftig am Arme, "und Musik,
+heda, Musik - -"
+
+"Musik," befahl Kallistratos.
+
+Aber ehe noch die Cymbelschlaegerinnen wieder anheben konnten, wurde die
+Eingangsthuere hastig aufgerissen und die Sklaven, die ihn aufhalten
+wollten, zur Seite draengend, stuermte Scaevola herein, er war leichenblass.
+
+"Hier also, hier wirklich find' ich dich, Cethegus? in diesem Augenblick!"
+
+"Was giebt's?" sagte der Praefekt und nahm ruhig den Rosenkranz vom Haupt.
+
+"Was es giebt? das Vaterland schwankt zwischen Scylla und Charybdis. Die
+gotischen Herzoge Thulun, Ibba und Pitza -"
+
+"Nun?" fragte Lucius Licinius.
+
+"Sie sind ermordet!"
+
+"Triumph!" rief der junge Roemer und liess die Taenzerin fahren, die er
+umfasst hielt.
+
+"Schoener Triumph!" zuernte der Jurist. "Als die Nachricht nach Ravenna kam,
+beschuldigte alles Volk die Koenigin, sie stuermten den Palast: - doch
+Amalaswintha war entfloh'n."
+
+"Wohin?" fragte Cethegus, rasch aufspringend.
+
+"Wohin? auf einem Griechenschiff - nach Byzanz!"
+
+Cethegus setzte schweigend den Becher auf den Tisch und furchte die Stirn.
+
+"Aber das Aergste ist - die Goten wollen sie absetzen und einen Koenig
+waehlen." - "Einen Koenig?" sagte Cethegus. "Wohlan, ich rufe den Senat
+zusammen. Auch die Roemer sollen waehlen."
+
+"Wen, was sollen wir waehlen?" fragte Scaevola.
+
+Aber Cethegus brauchte nicht zu antworten. Lucius Licinius rief statt
+seiner: "Einen Diktator! fort, fort in den Senat."
+
+"In den Senat!" wiederholte Cethegus majestaetisch. "Syphax, meinen
+Mantel."
+
+"Hier, Herr, und dabei dein Schwert," fluesterte der Maure. "Ich fuehr' es
+immer mit, auf alle Faelle."
+
+Und Wirt und Gaeste folgten halb taumelnd dem Praefekten, der, allein voellig
+nuechtern, ihnen voran aus dem Hause auf die Strasse schritt.
+
+
+
+
+ Dreizehntes Kapitel.
+
+
+In einem der schmalen Gemaecher des Kaiserpalastes zu Byzanz stand kurze
+Zeit nach dem Fest der Floralien ein kleiner Mann von nicht ansehnlicher
+Gestalt in sorgenschweres Sinnen versunken.
+
+Es war still und einsam rings um ihn.
+
+Obwohl es draussen noch heller Tag, war doch das Rundbogenfenster, das nach
+dem Hofraum des weitlaeufigen Gebaeudes fuehrte, mit schweren
+golddurchwirkten Teppichen dicht verhangen: gleich koestliche Stoffe
+deckten den Mosaikboden des Zimmers, so dass kein Geraeusch die Schritte des
+langsam auf und ab Wandelnden begleitete.
+
+Gedaempftes, mattes Licht fuellte den Raum.
+
+Auf dem Goldgrund der Waende prangte die lange Reihe der christlichen
+Imperatoren seit Constantius in kleinen weissen Buesten: gerade ueber dem
+Schreibdivan hing ein grosses mannshohes Kreuz von gediegenem Golde.
+
+So oft der einsam auf und nieder Schreitende daran vorbeikam, neigte er
+das Haupt vor demselben: denn in der Mitte des Goldes war, von Glas
+umschlossen, ein Splitter des angeblich echten Kreuzes angebracht.
+
+Endlich blieb er vor der Weltkarte stehen, die, den Orbis romanus
+darstellend, auf purpurgesaeumtem Pergament eine der Waende bedeckte: nach
+langem, pruefendem Blick seufzte der Mann und bedeckte mit der Rechten
+Gesicht und Augen.
+
+Es waren keine schoenen Augen und kein edles Gesicht: aber vieles, Gutes
+und Boeses, lag darin.
+
+Wachsamkeit, Misstrauen und List sprachen aus dem unruhigen Blick der
+tiefliegenden Augen: schwere Falten, der Sorge mehr als des Alters,
+furchten die vorspringende Stirn und die magern Wangen.
+
+"Wer den Ausgang wuesste!" seufzte er noch einmal, die knochigen Haende
+reibend. "Es treibt mich unablaessig. Ein Geist ist in meine Brust gefahren
+und mahnt und mahnt.
+
+Aber ist's ein Engel des Herrn oder ein Daemon? Wer mir meinen Traum
+deutete! Vergieb, dreieiniger Gott, vergieb deinem eifrigsten Knecht. Du
+hast die Traumdeuter verflucht.
+
+Aber doch traeumte Koenig Pharao und Joseph durfte ihm deuten: und Jakob sah
+im Traum den Himmel offen und ihre Traeume kamen von dir. Soll ich? darf
+ich es wagen?"
+
+Und wieder schritt er unschluessig auf und nieder, wer weiss, wie lange
+noch, waere nicht der Purpurvorhang des Eingangs leise gehoben worden.
+
+Ein goldschimmernder Velarius warf sich vor dem kleinen Mann zur Erde mit
+auf der Brust gekreuzten Armen. "Imperator, die Patricier, die du
+beschieden."
+
+"Geduld," sagte jener, sich auf die Kline mit dem Gestell von Gold und
+Elfenbein niederlassend, "rasch die Silberschuhe und die Chlamys."
+
+Der Palastdiener zog ihm die Sandalen mit den dicken Sohlen und den hohen
+Absaetzen an, welche die Gestalt um ein paar Zoll erhoehten, und warf ihm
+den faltenreichen, mit Goldsternen uebersaeten Mantel um die Schulter, jedes
+Stueck der Gewandung kuessend, wie er es beruehrte: nach einer Wiederholung
+der fussfaelligen Niederwerfung, die in dieser orientalischen
+Unterwuerfigkeit erst neuerlich verschaerft worden war, ging der Velarius.
+
+Und Kaiser Justinianus stellte sich, den linken Arm auf eine gebrochne
+Porphyrsaeule aus dem Tempel von Jerusalem gestuetzt, die zu diesem Behuf
+nach seiner Groesse zurechtgesaegt war, in seiner "Audienzattituede" dem
+Eingang gegenueber.
+
+Der Vorhang ging zurueck und drei Maenner betraten das Gemach mit der
+gleichen Begruessungsform wie jener Sklave: und doch waren sie die ersten
+Maenner dieses Kaiserreichs, wie, mehr noch als ihre reichgeschmueckten
+Gewaender, ihre hochbedeutenden Koepfe, ihre geistvollen Zuege bewiesen.
+
+"Wir haben euch beschieden," hob der Kaiser an, ohne ihre demuetige
+Begruessung zu erwidern, "euren Rat zu hoeren - ueber Italien. Ich habe euch
+alle noetigen Kenntnisse ueber die Dinge daselbst verschafft: die Briefe der
+Regentin, die Dokumente der Patriotenpartei daselbst: drei Tage hattet ihr
+Zeit. Erst rede du, Magister Militum."
+
+Und er winkte dem Groessten unter den dreien, einer stattlichen, ganz in
+eine reichvergoldete Ruestung gekleideten Heldengestalt. Die grossen,
+offenen, hellbraunen Augen sprachen von Treue und Zuversicht, eine starke
+gerade Nase, volle Wangen gaben dem Gesicht den Ausdruck gesunder Kraft,
+die breite Brust, die gewaltigen Schenkel und Arme hatten etwas
+herkulisches, der Mund aber zeigte trotz des grimmen Rundbartes Milde und
+Gutherzigkeit.
+
+"Herr," sprach er mit voller, aus tiefer Brust quellender Stimme,
+"Belisars Rat ist immer: greifen wir die Barbaren an. Soeben hab' ich auf
+dein Geheiss das Reich der Vandalen in Afrika zertruemmert mit
+fuenfzehntausend Mann. Gieb mir dreissigtausend und ich werde dir die
+Gotenkrone zu Fuessen legen."
+
+"Gut," sprach der Kaiser erfreut, "dies Wort hat mir wohlgethan. - Was
+sprichst du, Perle meiner Rechtsgelehrten, Tribonianus?"
+
+Der Angeredete war wenig kleiner als Belisar, aber nicht so breitschultrig
+und die Glieder nicht so sehr durch stete Uebung entwickelt. Die hohe,
+ernste Stirn, das ruhige Auge, der festgeschnittene Mund zeugten von einem
+maechtigen Geist. "Imperator," sagte er gemessen, "ich warne dich vor
+diesem Krieg. Er ist ungerecht."
+
+Unwillig fuhr Justinianus auf: "Ungerecht! wiederzunehmen, was zum
+roemischen Reich gehoert."
+
+"Gehoert hat. Dein Vorfahr Zeno ueberliess durch Vertrag das Abendland an
+Theoderich und seine Goten, wenn sie den Anmasser Odovakar gestuerzt."
+
+"Theoderich sollte Statthalter des Kaisers sein, nicht Koenig von Italien."
+
+"Zugegeben. Aber nachdem er es geworden - wie er es werden musste, ein
+Theoderich konnte nicht der Diener eines Kleinern sein - hat ihn Kaiser
+Anastasius, dein Ohm Justinus, du selbst hast ihn anerkannt, ihn und sein
+Koenigreich."
+
+"Im Drang der Not. Jetzt, da sie in Not und ich der Staerkere, nehm' ich
+die Anerkennung zurueck."
+
+"Das eben nenn' ich ungerecht."
+
+"Du bist unbequem und unbeholfen, Tribonian, und ein zaeher Rechthaber. Du
+taugst trefflich, meine Pandekten zusammenzubauen. In Politik werd' ich
+dich nie wieder befragen. Was hat die Gerechtigkeit mit der Politik zu
+thun!"
+
+"Gerechtigkeit, o Justinianus, ist die beste Politik."
+
+"Bah, Alexander und Caesar dachten anders."
+
+"Sie haben erstens ihr Werk nicht vollendet und dann zweitens" - er hielt
+inne.
+
+"Nun, zweitens?"
+
+"Zweitens bist du nicht Caesar und nicht Alexander." -
+
+Alle schwiegen. Nach einer Pause sagte der Kaiser ruhig: "du bist sehr
+offen, Tribonianus."
+
+"Immer, Justinianus."
+
+Rasch wandte sich der Kaiser zu dem dritten. "Nun, was ist deine Meinung,
+Patricius?"
+
+
+
+
+ Vierzehntes Kapitel.
+
+
+Der Angeredete verbannte rasch von seinen Lippen ein kaltes Laecheln, das
+ihm die Moralpolitik des Juristen erweckt und richtete sich auf.
+
+Er war ein verkrueppeltes Maennchen, noch bedeutend kleiner als Justinian,
+weshalb dieser im Gespraech mit ihm den Kopf noch viel mehr als noetig
+gewesen waere, herabsenkte. Er war kahlkoepfig, die Wangen von krankhaftem
+Wachsgelb, die rechte Schulter hoeher als die linke und er hinkte etwas auf
+dem linken Fuss, weshalb er sich auf einen schwarzen Krueckstock mit goldnem
+Gabelgriff stuetzte. Aber das durchdringende Auge war so adlergewaltig, dass
+es von dieser unansehnlichen Gestalt den Eindruck des Widrigen fern hielt,
+dem fast haesslichen Gesicht die Weihe geistiger Groesse verlieh: und der Zug
+schmerzlicher Entsagung und kuehler Ueberlegenheit um den feinen Mund hatte
+sogar einen fesselnden Reiz. "Imperator," sagte er mit scharfer bestimmter
+Stimme, "ich widerrate diesen Krieg - fuer jetzt."
+
+Unwillig zuckte des Kaisers Auge: "Auch aus Gruenden der Gerechtigkeit?"
+fragte er, fast hoehnisch. - "Ich sagte: fuer jetzt." - "Und warum?" - "Weil
+das Notwendige dem Angenehmen vorgeht. Wer sein Haus zu verteidigen hat,
+soll nicht in fremde Haeuser einbrechen." - "Was soll das heissen?" - "Das
+soll heissen: vom Westen, von den Goten droht diesem Reiche keine Gefahr.
+Der Feind, der dieses Reich verderben kann, vielleicht verderben wird,
+koemmt vom Osten."
+
+"Die Perser!" rief Justinian veraechtlich.
+
+"Seit wann," sprach Belisar dazwischen, "seit wann fuerchtet Narses, mein
+grosser Nebenbuhler, die Perser?"
+
+"Narses fuerchtet niemand," sagte dieser, ohne seinen Gegner anzusehn,
+"weder die Perser, die er geschlagen hat, noch dich, den die Perser
+geschlagen haben. Aber er kennt den Orient. Sind es die Perser nicht, so
+sind es andre, die nach ihnen kommen. Das Gewitter, das Byzanz bedroht,
+steigt vom Tigris auf, nicht vom Tiber."
+
+"Nun, und was soll das bedeuten?"
+
+"Das soll bedeuten, dass es schimpflich ist fuer dich, o Kaiser, fuer den
+Roemernamen, den wir noch immer fuehren, Jahr fuer Jahr von Chosroes dem
+Perserchan den Frieden um viele Centner Goldes zu erkaufen."
+
+Flammende Roete ueberflog des Kaisers Antlitz: "Wie kannst du Geschenke,
+Hilfsgelder also deuten!"
+
+"Geschenke! und wenn sie ausbleiben, eine Woche nur ueber den Zahltag,
+verbrennt Chosroes, des Cabades Sohn, deine Doerfer. Hilfsgelder! und er
+besoldet damit Hunnen und Saracenen, deiner Grenzen gefaehrlichste Feinde."
+
+Justinian machte einen raschen Gang durchs Zimmer. "Was also raetst du?"
+fragte er, hart vor Narses stehen bleibend. "Nicht die Goten anzugreifen
+ohne Not, ohne Grund, wenn man sich der Perser kaum erwehrt. Alle Kraefte
+deines Reiches aufzubieten, um diese schimpflichen Tribute abzustellen,
+die schmaehlichen Verheerungen deiner Grenzen zu verhindern, die
+verbrannten Staedte Antiochia, Dara, Edessa wieder aufzubauen, die
+Provinzen wieder zu gewinnen, die du im nahen Osten, - trotz Belisars
+tapfrem Schwert, - verloren, deine Grenzen durch einen siebenfachen Guertel
+von Festungen vom Euphrat bis zum Araxes zu schirmen. Und hast du dies
+Notwendige alles vollbracht - und ich fuerchte sehr, du kannst es nicht
+vollbringen! - dann magst du versuchen, wozu der Ruhm dich lockt."
+
+Justinianus schuettelte leicht das Haupt. "Du bist mir nicht erfreulich,
+Narses," sagte er bitter.
+
+"Das weiss ich laengst," sprach dieser ruhig.
+
+"Und nicht unentbehrlich!" rief Belisar stolz. "Kehre dich nicht, mein
+grosser Kaiser, an diese kleinen Zweifler! Gieb mir die dreissigtausend und
+ich wette meine rechte Hand, ich erobre dir Italien."
+
+"Und ich wette meinen Kopf," sagte Narses, "was mehr ist, dass Belisar
+Italien nicht erobern wird, nicht mit dreissig-, nicht mit sechzig-, nicht
+mit hunderttausend Mann."
+
+"Nun," fragte Justinian, "und wer soll's dann koennen und mit welcher
+Macht?"
+
+"Ich," sagte Narses, "mit achtzigtausend."
+
+Belisar ergluehte vor Zorn: er schwieg, weil er keine Worte fand.
+
+"Du hast dich doch bei allem Selbstgefuehl sonst nie so hoch ueber deinen
+Gegner gestellt," sprach der Jurist.
+
+"Und thu's auch jetzt nicht, Tribonian. Sieh, der Unterschied ist der:
+Belisarius ist ein grosser Held, der bin ich nicht. Aber ich bin ein grosser
+Feldherr - und siehe, das ist Belisarius nicht. Die Goten aber wird nur
+ein grosser Feldherr ueberwinden."
+
+Belisarius richtete sich in seiner ganzen stolzen Hoehe auf und presste die
+Faust krampfhaft um seinen Schwertknauf. Es war als wollte er dem Krueppel
+neben ihm den Kopf zerdruecken. Der Kaiser sprach fuer ihn: "Belisar kein
+grosser Feldherr! Der Neid verblendet dich, Narses."
+
+"Ich beneide Belisar um nichts, nicht einmal," seufzte er leise, "um seine
+Gesundheit. Er waere ein grosser Feldherr, wenn er nicht ein so grosser Held
+waere. Er hat noch jede Schlacht die er verlor, aus zu viel Heldentum
+verloren."
+
+"Das kann man von dir nicht sagen, Narses," warf Belisar bitter ein.
+
+"Nein, Belisarius, denn ich habe noch nie eine Schlacht verloren."
+
+Eine ungeduldige Antwort Belisars ward abgeschnitten durch den Velarius,
+der, den Vorhang aufhebend, meldete:
+
+"Alexandros, den du nach Ravenna gesendet, o Herr, ist seit einer Stunde
+gelandet und fraegt -"
+
+"Herein mit ihm, herein!" rief der Kaiser, hastig von seiner Kline
+aufspringend. Ungeduldig winkte er dem Gesandten, von seiner Proskynesis
+sich zu erheben: "Nun Alexandros, du koemmst allein zurueck?"
+
+Der Gesandte, ein schoener, noch junger Mann, wiederholte: "Allein."
+
+"Es verlautete doch - dein letzter Bericht - wie verliessest du das
+Gotenreich?"
+
+"In grosser Verwirrung. Ich schrieb dir in meinem letzten Bericht, die
+Koenigin habe beschlossen, sich ihrer drei hochmuetigsten Feinde zu
+entledigen. Sollte der Anschlag misslingen, so war sie in Italien nicht
+mehr sicher und bat sich in diesem Fall aus, dass ich sie auf meinem Schiff
+nach Epidamnus, dann hierher nach Byzanz fluechten duerfe."
+
+"Was ich mit Freuden bewilligte. Nun, und der Anschlag?"
+
+"Ist geglueckt. Die drei Herzoge sind nicht mehr.
+
+Aber nach Ravenna kam das Geruecht, der gefaehrlichste unter ihnen, Herzog
+Thulun, sei nur verwundet. Dies bewog die Regentin, da ohnehin die Goten
+in der Stadt sich drohend vor dem Palaste scharten, auf mein Schiff zu
+fluechten. Wir lichteten die Anker, aber bald nachdem wir den Hafen
+verlassen, schon auf der Hoehe von Ariminum, holte uns Graf Witichis mit
+Uebermacht ein, kam an Bord und forderte Amalaswinthen auf, zurueckzukehren,
+indem er sich fuer ihre Sicherheit bis zu feierlicher Untersuchung vor der
+Volksversammlung verbuergte. Da sie von ihm erfuhr, dass jetzt auch Herzog
+Thulun seinen Wunden erlegen, und aus seinem Anerbieten sah, dass er und
+seine maechtigen Freunde noch nicht an ihre Schuld glaubten, da ueberdies
+Gewalt zu fuerchten war, willigte sie darein, mit ihm umzukehren nach
+Ravenna. Zuvor aber schrieb sie noch an Bord der Sophia diesen Brief an
+dich und sendet dir aus ihrem Schatze diese Geschenke."
+
+"Davon spaeter, sprich weiter, wie stehn die Dinge jetzt in Italien?"
+
+"Gut fuer dich, o grosser Kaiser. Das vergroesserte Geruecht von dem Aufstand
+der Goten in Ravenna, von der Flucht der Regentin nach Byzanz durchflog
+das ganze Land. Vielfach kam es schon zum Zusammenstoss zwischen Roemern und
+Barbaren. In Rom selbst wollten die Patrioten losschlagen, im Senat einen
+Diktator waehlen, deine Hilfe anrufen. Aber alles waere verfrueht gewesen,
+nachdem die Regentin in den Haenden des Witichis: nur das geniale Haupt der
+Katakombenmaenner hat es verhindert."
+
+"Der Praefekt von Rom?" fragte Justinian.
+
+"Cethegus. Er misstraute dem Geruecht. Die Verschworenen wollten die Goten
+ueberfallen, dich zum Kaiser Italiens ausrufen, ihn einstweilen zum
+Diktator waehlen. Aber er liess sich in der Kurie buchstaeblich die Dolche
+auf die Brust setzen und sagte: nein."
+
+"Ein mutiger Mann!" rief Belisar.
+
+"Ein gefaehrlicher Mann!" sagte Narses.
+
+"Eine Stunde darauf kam die Nachricht von der Rueckkehr Amalaswinthens und
+alles blieb beim alten. Der schwarze Teja aber hatte geschworen, Rom zu
+einer Viehweide zu machen, wenn es einen Tropfen Gotenblut vergossen. All'
+das hab ich auf meiner absichtlich zoegernden Kuestenfahrt bis nach
+Brundusium erfahren. Aber noch Besseres hab' ich zu melden. Nicht nur
+unter den Roemern, unter den Goten selbst hab' ich eifrige Freunde von
+Byzanz gefunden, ja unter den Gliedern des Koenigshauses."
+
+"Das waere!" rief Justinian. "Wen meinst du?"
+
+"In Tuscien lebt, reichbeguetert, Fuerst Theodahad, Amalaswinthens Vetter."
+
+"Jawohl, der letzte Mann im Haus der Amalungen, nicht wahr?"
+
+"Der letzte. Er und noch viel mehr Gothelindis, sein kluges, aber boeses
+Gemahl, die stolze Baltentochter, hassen aufs gruendlichste die Regentin:
+er, weil sie seiner masslosen Habsucht, mit der er all' seiner Nachbarn
+Grundbesitz an sich zu reissen sucht, entgegentritt: sie, aus Gruenden, die
+ich nicht entdecken konnte: ich glaube, sie reichen in die Maedchenzeit der
+beiden Fuerstinnen zurueck - genug, ihr Hass ist toedlich. Diese beiden nun
+haben mir zugesagt, dir in jeder Weise Italien zurueckgewinnen helfen zu
+wollen: ihr genuegt es, scheint's, die Todfeindin vom Thron zu stuerzen: er
+freilich fordert reichen Lohn."
+
+"Der soll ihm werden."
+
+"Seine Hilfe ist deshalb wichtig, weil er schon halb Tuscien besitzt - das
+Adelsgeschlecht der Woelsungen hat den andern Teil - und spielend in unsre
+Haende bringen kann: dann aber, weil er, wenn Amalaswintha faellt, ihr auf
+den Thron zu folgen Aussicht hat. Hier sind Briefe von ihm und von
+Gothelindis. Aber lies vor allem das Schreiben der Regentin - ich glaube,
+es ist sehr wichtig."
+
+
+
+
+ Fuenfzehntes Kapitel.
+
+
+Der Kaiser zerschnitt die Purpurschnuere der Wachstafel und las: "An
+Justinian, den Imperator der Roemer, Amalaswintha, der Goten und Italier
+Koenigin!"
+
+"Der Italier Koenigin," lachte Justinian, "welch' verrueckter Titel!"
+
+"Durch Alexandros, deinen Gesandten, wirst du erfahren, wie Eris und Ate
+in diesem Lande hausen. Ich gleiche der einsamen Palme, die von
+widerstreitenden Winden zerrissen wird. Die Barbaren werden mir taeglich
+feindseliger, ich ihnen taeglich fremder, die Roemer aber, soviel ich mich
+ihnen naehere, werden mir nie vergessen, dass ich germanischen Stammes. Bis
+jetzt habe ich entschlossenen Geistes allen Gefahren getrotzt: jedoch ich
+kann es nicht laenger, wenn nicht wenigstens mein Palast, meine fuerstliche
+Person vor der Ueberraschung draengender Gewalt sicher ist. Ich kann mich
+aber auf keine der Parteien hier im Lande unbedingt verlassen.
+
+So ruf ich dich, als meinen Bruder in der koeniglichen Wuerde, zu Hilfe. Es
+ist die Majestaet aller Koenige, die Ruhe Italiens, die es zu beschirmen
+gilt.
+
+Schicke mir, ich bitte dich, eine verlaessige Schar, eine Leibwache" - der
+Kaiser warf einen bedeutsamen Blick auf Belisar - "eine Schar von einigen
+tausend Mann mit einem mir unbedingt ergebenen Anfuehrer: sie sollen den
+Palast von Ravenna besetzen: er ist eine Festung fuer sich. Was Rom
+betrifft, so muessen jene Scharen mir vor allem den Praefekten Cethegus, der
+ebenso maechtig als zweideutig ist und mich in der Gefahr, in die er mich
+gefuehrt, ploetzlich verlassen hat, fern halten, noetigenfalls vernichten.
+Habe ich meine Feinde niedergeworfen und mein Reich befestigt, wie ich zum
+Himmel und der eignen Kraft vertraue, so werd' ich dir Truppen und Fuehrer
+mit reichen Geschenken und reicherem Dank zuruecksenden. Vale."
+
+Justinian drueckte krampfhaft die Wachstafel in seiner Faust: leuchtenden
+Auges sah er vor sich hin, seine nicht schoenen Zuege veredelten sich im
+Ausdruck hoher geistiger Macht, und dieser Augenblick zeigte, dass in dem
+Manne neben vielen Schwaechen und Kleinheiten Eine Staerke, Eine Groesse
+lebte: die Groesse eines diplomatischen Genies.
+
+"In diesem Brief," rief er endlich strahlenden Blickes, "halt' ich Italien
+und das Gotenreich." Und in maechtiger Bewegung durchschritt er das Gemach
+mit grossen Schritten, jetzt sogar die Verbeugung vor dem Kreuz vergessend.
+
+"Eine Leibwache - sie soll sie haben! - Aber nicht ein paar Tausend Mann,
+viele Tausende, mehr als ihr lieb sein wird, und du, Belisarius, sollst
+sie fuehren."
+
+"Sieh auch die Geschenke," mahnte Alexandros und wies auf einen koestlichen
+Schrein von Thuienholz mit Gold eingelegt, den der Velarius hinter ihm
+niedergestellt hatte. "Hier ist der Schluessel." Er ueberreichte ein kleines
+Buechschen von Schildpatt, das mit der Regentin Siegel geschlossen war.
+
+"Es ist ihr Bild dabei," sagte er, wie zufaellig mit lauterer Stimme.
+
+In dem Augenblick, da der Gesandte die Stimme kraeftiger erhoben, steckte
+sich, leise und unbemerkt von allen ausser ihm, der Kopf eines Weibes durch
+den Vorhang und zwei funkelnde schwarze Augen sahen scharf auf den Kaiser.
+Dieser oeffnete den Schrein, schob rasch alle Kostbarkeiten bei Seite und
+griff hastig nach einem unscheinbaren Taefelchen von geglaettetem Buchs mit
+einem schmalen Goldrahmen. Ein Ruf des Staunens entflog unwillkuerlich
+seinen Lippen, sein Auge blitzte, er zeigte das Bild Belisar: "Ein
+herrliches Weib, welche Majestaet der Stirn! ja man sieht die geborene
+Herrscherin, die Koenigstochter!" und bewundernd sah er auf die edeln Zuege.
+
+Da rauschte der Vorhang und die Lauscherin trat ein.
+
+Es war Theodora, die Kaiserin: ein verfuehrerisches Weib. Alle Kuenste
+weiblichen Erfindungsgeistes in einer Zeit des aeussersten Luxus und alle
+Mittel eines Kaiserreichs wurden taeglich stundenlang aufgeboten, diese an
+sich ausgezeichnete, aber durch ein zuegelloses Sinnenleben frueh
+angegriffene Schoenheit frisch und blendend zu erhalten.
+
+Goldstaub lieh ihrem dunkelblauschwarzen Haar metallischen Glanz: es war
+am Nacken mit aller Sorgfalt gegen den Wirbel hinaufgekaemmt, den schoenen
+Bau des Hinterkopfs, den feinen Ansatz des Halses zu zeigen.
+
+Augenbrauen und Wimpern waren mit arabischem Stimmi glaenzend schwarz
+gefaerbt: und so kuenstlich war das Rot der Lippen aufgetragen, dass selbst
+Justinian, der diese Lippen kuesste, nie an eine Unterstuetzung der Natur
+durch phoenikischen Purpur dachte. Jedes Haerchen an den alabasterweissen
+Armen war sorgfaeltig ausgetilgt und das zarte Rosa der Fingernaegel
+beschaeftigte taeglich eine besondere Sklavin lange Zeit.
+
+Und doch haette Theodora, damals noch nicht vierzig Jahre alt, auch ohne
+all' diese Kuenste fuer ein ganz auffallend schoenes Weib gelten muessen.
+
+Edel freilich war dieses Antlitz nicht: kein grosser, ja kein stolzer
+Gedanke sprach aus diesen angestrengten, unheimlich glaenzenden Augen: um
+die Lippen schwebte ein zur Gewohnheit gewordenes Laecheln, das die Stelle
+der ersten kuenftigen Falte ahnen liess: und die Wangen zeigten in der Naehe
+der Augen Spuren mueder Erschoepfung.
+
+Aber wie sie jetzt, mit ihrem suessesten Laecheln, auf Justinian zuschwebte,
+das schwere Faltenkleid von dunkelgelber Seide zierlich mit der Linken
+aufhebend, uebte die ganze Erscheinung einen betaeubenden Zauber, aehnlich
+dem suessen einlullenden Geruch von indischem Balsam, der von ihr duftete.
+
+"Was erfreut meinen kaiserlichen Herrn so sehr? darf ich seine Freude
+teilen?" fragte sie mit suesser, einschmeichelnder Stimme. Die Anwesenden
+warfen sich vor der Kaiserin zur Erde, kaum minder ehrerbietig als vor
+Justinian.
+
+Dieser aber schrak bei ihrem Anblick, wie auf einer Schuld ertappt,
+zusammen und wollte das Bild in der Busenfalte seiner Chlamys verbergen.
+Aber zu spaet. Schon haftete der Kaiserin scharfer Blick darauf.
+
+"Wir bewunderten," sagte er verlegen, "die - die schoene Goldarbeit des
+Rahmens." Und er reichte ihr erroetend das Bild.
+
+"Nun, an dem Rahmen," laechelte Theodora, "ist beim besten Willen nicht
+viel zu bewundern. Aber das Bild ist nicht uebel. Gewiss die Gotenfuerstin?"
+Der Gesandte nickte. "Nicht uebel, wie gesagt. Aber barbarisch, streng,
+unweiblich. Wie alt mag sie sein, Alexandros?"
+
+"Etwa fuenfundvierzig."
+
+Justinian blickte fragend auf das Bild, dann auf den Gesandten. "Das Bild
+ist vor fuenfzehn Jahren gemacht," sagte Alexandros wie erklaerend.
+
+"Nein," sprach der Kaiser, "du irrst; hier steht die Jahrzahl nach
+Indiktion und Konsul und ihrem Regierungsantritt: es ist von diesem Jahr."
+
+Eine peinliche Pause entstand.
+
+"Nun," stammelte der Gesandte, "dann schmeicheln die Maler wie-" - "Wie
+die Hoeflinge," schloss der Kaiser. Aber Theodora kam ihm zu Hilfe.
+
+"Was plaudern wir von Bildern und dem Alter fremder Weiber, wo es sich um
+das Reich handelt. Welche Nachrichten bringt Alexandros? Bist du
+entschlossen, Justinianus?" - "Beinahe bin ich es. Nur deine Stimme wollte
+ich noch hoeren und du, das weiss ich, bist fuer den Krieg."
+
+Da sagte Narses ruhig: "Warum, Herr, hast du uns nicht gleich gesagt, dass
+die Kaiserin den Krieg will? Wir haetten unsre Worte sparen koennen." -
+"Wie? willst du damit sagen, dass ich der Sklave meines Weibes bin?" -
+"Huete besser deine Zunge," sagte Theodora zornig, "schon manchen, der
+sonst unverwundbar schien, hat die eigne spitze Zunge erstochen."
+
+"Du bist sehr unvorsichtig, Narses," warnte Justinian.
+
+"Imperator," sagte dieser ruhig, "die Vorsicht hab' ich laengst aufgegeben.
+Wir leben in einer Zeit, in einem Reich, an einem Hof, wo man um jedes
+moegliche Wort, das man gesprochen oder nicht gesprochen hat, in Ungnade
+fallen, zu Grunde gehen kann. Da mir nun jedes Wort den Tod bringen kann,
+will ich wenigstens an solchen Worten sterben, die mir selbst gefallen."
+
+Der Kaiser laechelte: "Du musst gestehn, Patricius, dass ich viel Freimut
+ertrage."
+
+Narses trat auf ihn zu: "Du bist gross von Natur, o Justinianus, und ein
+geborner Herrscher: sonst wuerde Narses dir nicht dienen. Aber Omphale hat
+selbst Herkules klein gemacht."
+
+Die Augen der Kaiserin spruehten toedlichen Hass. Justinian ward aengstlich.
+
+"Geht," sagte er, "ich will mit der Kaiserin allein beraten. Morgen
+vernehmt ihr meinen Entschluss."
+
+
+
+
+ Sechzehntes Kapitel.
+
+
+So wie sie draussen waren, schritt Justinian auf seine Gattin zu und
+drueckte einen Kuss auf ihre weisse niedre Stirn. "Vergieb ihm," sagte er,
+"er meint es gut."
+
+"Ich weiss es," sagte sie, seinen Kuss erwidernd. "Darum, und weil er
+unentbehrlich ist gegen Belisar, darum lebt er noch." - "Du hast Recht,
+wie immer." Und er schlang den Arm um sie. "Was hat er besondres vor?"
+dachte Theodora. "Diese Zaertlichkeit deutet auf ein schlechtes Gewissen."
+
+"Du hast Recht," wiederholte er, mit ihr im Gemach auf und nieder
+schreitend. "Gott hat mir den Geist versagt, der die Schlachten
+entscheidet, aber mir dafuer diese beiden Maenner des Sieges gegeben - und
+zum Glueck ihrer zwei. Die Eifersucht dieser beiden sichert meine
+Herrschaft besser als ihre Treue: jeder dieser Feldherren allein waere eine
+stete Reichsgefahr und an dem Tage, da sie Freunde wuerden, wankte mein
+Thron. Du schuerst doch ihren Hass?"
+
+"Er ist leicht schueren: es ist zwischen ihnen eine natuerliche Feindschaft
+wie zwischen Feuer und Wasser. Und jede Bosheit des Verschnittenen erzaehl'
+ich mit grosser Entruestung meiner Freundin Antonina, des Helden Belisar
+Weib und Gebieterin." - "Und jede Grobheit des Helden Belisar bericht' ich
+treulich dem reizbaren Krueppel. - Aber zu unsrer Beratung. Ich bin, nach
+dem Bericht des Alexandros, so gut wie entschlossen zu dem Zug nach
+Italien."
+
+"Wen willst du senden?" - "Natuerlich Belisar. Er verheisst, mit
+dreissigtausend zu vollbringen, was Narses kaum mit achtzigtausend
+uebernehmen will."
+
+"Glaubst du, dass jene kleine Macht genuegen wird?"
+
+"Nein. Aber Belisars Ehre ist verpfaendet: er wird all seine Kraft
+aufbieten und es wird ihm doch nicht ganz gelingen." - "Und das wird ihm
+sehr heilsam sein. Denn seit dem Vandalensieg ist sein Stolz nicht mehr zu
+ertragen." - "Aber er wird drei Viertel der Arbeit thun. Dann rufe ich ihn
+ab, breche selbst mit sechstausend auf, nehme Narses mit, vollende im
+Spiel das letzte Viertel und bin dann auch ein Feldherr und ein Sieger."
+
+"Fein gedacht," sagte Theodora in aufrichtiger Bewunderung seiner
+Schlauheit: "dein Plan ist reif."
+
+"Freilich," sagte Justinian seufzend stehen bleibend, "Narses hat Recht,
+im geheimen Grund des Herzens muss ich's zugestehen. Es waere dem Reiche
+heilsamer, die Perser abwehren, als die Goten angreifen. Es waere mehr
+sichere, weisere Politik. Denn vom Osten koemmt einst das Verderben."
+
+"Lass es kommen! Das kann noch Jahrhunderte anstehn, wann von Justinian nur
+noch der Ruhm auf Erden lebt, wie Afrika, so Italien zurueckgewonnen zu
+haben. Hast du fuer die Ewigkeit zu bauen? Die nach dir kommen, moegen fuer
+ihre Gegenwart sorgen: sorge du fuer die deine." - "Wenn man aber dann
+sprechen wird: haette Justinian verteidigt, statt zu erobern, so stuend' es
+besser? Wenn man sagen wird: Justinians Siege haben sein Reich zerstoert?"
+- "So wird niemand sprechen. Die Menschen blendet der Glanz des Ruhms. Und
+noch Eins" - und hier verdraengte der Ernst der tiefsten Ueberzeugung den
+Ausdruck listiger Beschwatzung von ihren schmeichelnden Zuegen.
+
+"Ich ahn' es, doch vollende."
+
+"Du bist nicht nur Kaiser, du bist ein Mensch.
+
+Hoeher als das Reich muss dir deiner Seele Seligkeit stehen. Auf deinem, auf
+unsrem Pfad zur Herrschaft, zu dem Glanz dieser Herrschaft musste mancher
+blut'ge Schritt geschehn: manches Harte musste gethan werden: Leben und
+Schaetze, so manchen gefaehrlichen Feindes mussten - genug.
+
+Wohl bauen wir mit einem Teil dieser Schaetze der heilgen, der christlichen
+Weisheit jenen Siegestempel, der allein schon unsern Namen unsterblich
+machen wird auf Erden. Aber fuer den Himmel - wer weiss, ob es genuegt!
+
+Lass uns" - und ihr Auge ergluehte von unheimlichem Feuer - "lass uns die
+Unglaeubigen vertilgen und ueber die Leichen der Feinde Christi hin den Weg
+zur Gnade suchen." Justinian drueckte ihre Hand. "Auch die Perser sind
+Feinde Christi, sind sogar Heiden." - "Hast du vergessen, was der
+Patriarch gelehrt? Ketzer sind siebenmal schlimmer als Heiden! Ihnen ward
+der rechte Glaube gebracht und sie haben ihn verschmaeht. Das ist die Suende
+wider den heilgen Geist, die nie vergeben wird - auf Erden und im Himmel.
+Du aber bist das Schwert, dass diese gottverfluchten Arianer schlagen soll:
+sie sind Christi verhassteste Feinde: sie kennen ihn und leugnen dennoch,
+dass er Gott. Schon hast du in Afrika die ketzerischen Vandalen
+niedergeworfen und den Irrwahn dort in Blut und Feuer erstickt: jetzt ruft
+dich Italien, Rom, die Staette, wo der Apostelfuersten Blut geflossen, die
+heilge Stadt: nicht laenger darf sie diesen Ketzern dienen. Justinian, gieb
+sie dem wahren Glauben wieder."
+
+Sie hielt inne. Der Kaiser blickte schwer aufatmend zu dem Goldkreuz
+empor. "Du deckst die letzten Tiefen meines Herzens auf: das ist es ja,
+was, noch maechtiger als Ruhm und Siegesehre, mich zu diesen Kriegen
+treibt. Aber bin ich faehig, bin ich wuerdig so Grosses, so Heiliges zu
+Gottes Ehre zu vollenden? Will er durch meine suendge Hand so Grosses
+vollfuehren? Ich zweifle, ich schwanke. Und der Traum, der mir in dieser
+Nacht geworden, war er von Gott gesendet? und was soll er bedeuten? treibt
+er zum Angriff oder mahnt er ab? Nun, hatte deine Mutter Komito, die
+Wahrsagerin von Kypros, grosse Weisheit, Ahnungen und Traeume zu deuten." -
+
+"Und du weisst, die Gabe ist erblich. Habe ich dir nicht auch den Ausgang
+des Vandalenkriegs aus deinem Traume gedeutet?"
+
+"Du sollst mir auch diesen Traum erklaeren. Du weisst, ich werde irre an dem
+besten Plan, wenn ein Omen dawider spricht. Hoere denn. Aber" - und er warf
+einen aengstlichen Blick auf sein Weib, - "aber bedenke, dass es ein Traum
+war und kein Mensch fuer seine Traeume kann."
+
+"Natuerlich, sie sendet Gott." - "Was werd ich vernehmen?" sagte sie zu
+sich selbst.
+
+"Ich war gestern Nacht eingeschlafen, erwaegend den letzten Bericht ueber
+Amala - ueber Italien. Da traeumte mir, ich ging durch eine Landschaft mit
+sieben Huegeln. Dort ruhte unter einem Lorbeer das schoenste Weib, das ich
+je gesehn. Ich stand vor ihr und betrachtete sie mit Wohlgefallen.
+Ploetzlich brach aus dem Busch zur Rechten ein bruellender Baer, aus dem
+Gestein zur Linken eine zischende Schlange gegen die Schlummernde hervor.
+Aufwachend rief sie meinen Namen. Rasch ergriff ich sie, drueckte sie an
+meine Brust und floh mit ihr: rueckblickend sah ich, wie der Baer die
+Schlange zerriss und die Schlange den Baeren zu Tode biss."
+
+"Nun, und das Weib?"
+
+"Das Weib drueckte einen fluechtigen Kuss auf meine Stirn und war ploetzlich
+wieder verschwunden, und ich erwachte, vergebens die Arme nach ihr
+ausstreckend. Das Weib," fuhr er rasch fort, ehe Theodora nachsinnen
+sollte, "ist natuerlich Italien."
+
+"Jawohl," sagte die Kaiserin ruhig. Aber ihr Busen wogte. "Der Traum ist
+der gluecklichste. Baer und Schlange sind Barbaren und Italier, die um die
+Siebenhuegelstadt ringen. Du entreissest sie beiden und laesst sie sich
+gegenseitig vernichten."
+
+"Aber sie entschwindet mir wieder: - sie bleibt mir nicht."
+
+"Doch. Sie kuesst dich und verschwindet in deinen Armen. So wird Italien
+aufgehn in deinem Reich."
+
+"Du hast recht," rief Justinian aufspringend. "Sei bedankt, mein kluges
+Weib. Du bist die Leuchte meiner Seele. Es sei gewagt: - Belisar soll
+ziehn."
+
+Und er wollte den Velarius rufen. Doch hielt er ploetzlich an. "Aber noch
+eins." Und die Augen niederschlagend, fasste er ihre Hand.
+
+"Ah," dachte Theodora, "jetzt kommt's."
+
+"Wenn wir nun das Gotenreich zerstoert und in die Hofburg von Ravenna mit
+Hilfe der Koenigin selbst eingezogen sind - was - was soll dann mit ihr,
+der Fuerstin, werden?"
+
+"Nun," sagte Theodora voellig unbefangen, "was mit ihr werden soll? Was mit
+dem entthronten Vandalenkoenig geworden. Sie soll hierher, nach Byzanz."
+
+Justinian atmete hoch auf. "Mich freut es, dass du das Richtige fandest."
+
+Und in wirklicher Freude drueckte er ihr die schmale, weisse,
+wunderzierliche Hand.
+
+"Mehr als das," fuhr Theodora fort. "Sie wird um so leichter auf unsre
+Plaene eingehen, je sicherer sie einer ehrenvollen Aufnahme hier
+entgegensieht. So will ich selbst ihr ein schwesterliches Schreiben
+senden, sie einzuladen. Sie soll im Fall der Not stets ein Asyl an meinem
+Herzen finden."
+
+"Du weisst gar nicht," fiel Justinian eifrig ein, "wie sehr du dadurch
+unsern Sieg erleichterst. Die Tochter Theoderichs muss voellig von ihrem
+Volk hinweg zu uns gezogen werden. Sie selbst soll uns nach Ravenna
+fuehren."
+
+"Dann kannst du aber nicht gleich Belisar mit einem Heere senden. Das
+wuerde sie nur argwoehnisch machen und widerspenstig. Sie muss voellig in
+unsern Haenden, das Barbarenreich von innen heraus gebrochen sein, ehe das
+Schwert Belisars aus der Scheide faehrt."
+
+"Aber in der Naehe muss er von jetzt an stehen."
+
+"Wohl, etwa auf Sicilien. Die Unruhen in Afrika geben den besten Vorwand,
+eine Flotte in jene Gewaesser zu senden. Und sowie das Netz gelegt, muss
+Belisars Arm es zuziehn."
+
+"Aber wer soll es legen?"
+
+Theodora dachte eine Weile nach; dann sagte sie:
+
+"Der geistgewaltigste Mann des Abendlands: Cethegus Caesarius, der Praefekt
+von Rom, mein Jugendfreund."
+
+"Recht. Aber nicht er allein. Er ist ein Roemer, nicht mein Unterthan, mir
+nicht voellig sicher. Wen soll ich senden. Noch einmal Alexandros?"
+
+"Nein," rief Theodora rasch, "er ist zu jung fuer ein solches Geschaeft.
+Nein." Und sie schwieg nachdenklich. "Justinian," sprach sie endlich, "auf
+dass du siehst, wie ich persoenlichen Hass vergessen kann, wo es das Reich
+gilt und der rechte Mann gewaehlt werden muss, schlage ich dir selber meinen
+Feind vor: Petros, des Narses Vetter, des Praefekten Studiengenossen, den
+schlauen Rhetor: - ihn sende."
+
+"Theodora," - rief der Kaiser erfreut, sie umarmend, "du bist mir wirklich
+von Gott geschenkt. Cethegus - Petros - Belisar: Barbaren, ihr seid
+verloren!"
+
+
+
+
+ Siebzehntes Kapitel.
+
+
+Am Morgen darauf erhob sich die schoene Kaiserin vergnuegt von dem
+schwellenden Pfuehl, dessen weiche Kissen, mit blassgelber Seide ueberzogen,
+mit den zarten Halsfedern des pontischen Kranichs gefuellt waren.
+
+Vor dem Bette stand ein Dreifuss mit einem silbernen Becken, den Okeanos
+darstellend, darin lag eine massiv goldne Kugel. Die weiche Hand der
+Kaiserin hob laessig die Kugel und liess sie klingend in das Becken fallen:
+der helle Ton rief die syrische Sklavin in das Gemach, die im Vorzimmer
+schlief. Mit auf der Brust gekreuzten Armen trat sie an das Lager und
+schlug die schweren Vorhaenge von violetter chinesischer Seide zurueck. Dann
+ergriff sie den sanften iberischen Schwamm, der, in Eselmilch getraenkt, in
+krystallner Schale ruhte und bestrich damit sorgfaeltig die Masse von
+oeligem Teig, die Gesicht und Hals der Kaiserin waehrend der Nacht bedeckte.
+
+Dann kniete sie vor dem Bette nieder, das Haupt fast zur Erde gebeugt und
+reichte die rechte Hand hinauf.
+
+Theodora fasste diese Hand, setzte langsam den kleinen Fuss auf den Nacken
+der Knieenden und schwang sich dann elastisch zur Erde. Die Sklavin erhob
+sich und warf der Herrin, die jetzt, nur mit der Untertunica von feinstem
+Bast bekleidet, auf dem Palmenholzrand des Bettes sass, den feinen
+Ankleidemantel von Rosagewebe ueber die Schultern.
+
+Dann verneigte sie sich, wandte sich zur Thuere, rief "Agave!" und
+verschwand. Agave, eine junge, schoene Thessalierin, trat ein; sie rollte
+dicht vor die Herrin den mit unzaehligen Buechschen und Flaeschchen besetzten
+Waschtisch von Citrusholz und begann, ihr Gesicht, Nacken und Haende mit
+weichen, in verschiedene Weine und Salben getauchten Tuechern zu reiben.
+
+Daraus erhob sich diese vom Lager und glitt auf den bunten, mit Pardelfell
+ueberzogenen Stuhl, die Kathedra.
+
+"Das grosse Bad erst gegen Mittag!" sagte sie.
+
+Da schob Agave eine ovale Wanne von Terebinthenholz heran, aussen mit
+Schildpatt bekleidet, gefuellt mit koestlich duftendem Wasser und hob die
+zierlichen, glaenzend weissen Fuesse der Herrin hinein. Hierauf loeste sie das
+Netz von Goldfaeden, das die Nacht ueber die blau glaenzenden Haare der
+Kaiserin zusammenhielt, so dass jetzt die weichen schwarzen Wellen ueber
+Schultern und Brust wallen konnten. Sie schlang ihr noch das breite
+Busenband von Purpur um, verneigte sich und ging mit dem Rufe: "Galatea!"
+
+Eine betagte Sklavin loeste sie ab, die Amme und Waerterin und, leider
+muessen wir hinzufuegen, die Kupplerin Theodoras in der Zeit, da sie nur
+erst des Akacius, des Loewenwaerters im Cirkus, flitterbehaengtes Toechterlein
+und, fast noch ein Kind, der schon tief verdorbne Liebling des grossen
+Cirkus war. Alle Demuetigungen und Triumphe, alle Laster und Listen auf der
+Abenteurerin wechselndem Pfad bis zum Kaiserthron hatte Galatea getreulich
+geteilt.
+
+"Wie hast du geschlafen, mein Taeubchen?" fragte sie, ihr in einer
+Bernsteinschale die aromatische Essenz reichend, welche die Stadt Adana in
+Cilicien fuer die Toilette der Kaiserin in grossen Massen als jaehrlichen
+Tribut einzusenden hatte.
+
+"Gut, ich traeumte von ihm." - "Von Alexandros?" - "Nein, du Naerrin, von
+dem schoenen Anicius." - "Aber der Bestellte wartet schon lange draussen in
+der geheimen Nische." - "Er ist ungeduldig," laechelte der kleine Mund,
+"nun, so lass ihn ein." Und sie legte sich auf dem langen Divan zurueck,
+eine Decke von Purpurseide ueber sich ziehend; aber die feinen Knoechel der
+schoenen Fuesse blieben sichtbar.
+
+Galatea schob den Riegel vor den Haupteingang, durch welchen sie
+eingetreten und ging dann quer durch das Gemach zu der Ecke gegenueber, die
+durch eine eherne Kolossalstatue Justinians ausgefuellt war.
+
+Die scheinbar unbewegliche Last wich sofort zur Seite, sowie die Vertraute
+eine Feder beruehrte, und zeigte eine schmale Oeffnung in der Wand, welche
+durch die Statue in ihrer gewoehnlichen Stellung vollstaendig verdeckt
+wurde: ein dunkler Vorhang war vor den Spalt gezogen. Galatea hob den
+Vorhang auf und herein eilte Alexandros, der schoene junge Gesandte.
+
+Er warf sich vor der Kaiserin aufs Knie, ergriff ihre schmale Hand und
+bedeckte sie mit gluehenden Kuessen.
+
+Theodora entzog sie ihm leise. - "Es ist sehr unvorsichtig, Alexandros,"
+sagte sie, den schoenen Kopf zuruecklehnend, "den Geliebten zur Ankleidung
+zuzulassen." Wie sagt der Dichter? "Alles dienet der Schoenheit. Doch ist
+kein erfreulicher Anblick, das entstehen zu sehn was nur entstanden
+gefaellt."
+
+"Allein ich hab' es dir bei der Abreise nach Ravenna verheissen, dich
+einmal in meiner Morgenstunde vorzulassen. Und du hast deinen Lohn
+reichlich verdient. Du hast viel fuer mich gewagt. - - Fasse die Flechten
+fester!" rief sie Galatea zu, die an die ihr allein zustehende Arbeit
+gegangen war, das prachtvolle Haar der Gebieterin zu ordnen.
+
+- "Du hast das Leben fuer mich gewagt." - Und sie reichte ihm wieder zwei
+Finger der rechten Hand.
+
+"O Theodora," rief der Juengling, "fuer diesen Augenblick wuerd' ich zehnmal
+sterben."
+
+"Aber," fuhr sie fort, "warum hast du mir nicht auch von dem letzten Brief
+der Barbarin an Justinian Abschrift zukommen lassen?" - "Es war nicht mehr
+moeglich, es ging zu rasch. Ich konnte von meinem Schiff keinen Boten mehr
+senden: kaum gelang es gestern, nach der Landung, dir sagen zu lassen, dass
+ihr Bild bei den Geschenken sei. Du kamst im rechten Augenblick."
+
+"Ja, was wuerde aus mir, wenn ich die Thuersteher Justinians nicht doppelt
+so hoch besoldete als er? Aber Unvorsichtigster aller Gesandten, wie
+taeppisch war das mit der Jahrzahl!"
+
+"O schoenste Tochter von Kypros, ich hatte dich mondenlang nicht mehr
+gesehen. Ich konnte nichts denken als dich und deine berauschende
+Schoenheit."
+
+"Nun, da muss ich wohl verzeihen. Das schwarze Stirnband Galatea! Du bist
+ein besserer Liebhaber als Staatsmann. Deshalb hab' ich dich auch hier
+behalten. Ja, du solltest wieder nach Ravenna. Aber ich denke, ich schicke
+einen aeltern Gesandten und behalte den jungen fuer mich. Ist's recht so?"
+laechelte sie, die Augen halb schliessend.
+
+Alexandros, kuehner und gluehender werdend, sprang auf und drueckte einen Kuss
+auf ihre roten Lippen.
+
+"Halt ein, Majestaetsverbrecher," schalt sie, und schlug mit dem
+Flamingofaecher leicht seine Wange. "Jetzt ist's genug fuer heute. Morgen
+magst du wieder kommen und von jener Barbarenschoenheit erzaehlen. Nein, du
+musst jetzt gehn. Ich brauche diese Morgenstunde noch fuer einen andern."
+
+"Fuer einen andern!" rief Alexandros zuruecktretend. "So ist es wahr, was
+man leise zischelt in den Gynaeceen, in den Baedern von Byzanz? Du ewig
+Ungetreue hast -"
+
+"Eifersuechtig darf ein Freund Theodoras nicht sein!" lachte die Kaiserin.
+Es war kein schoenes Lachen. "Aber fuer diesmal sei unbesorgt - du sollst
+ihm selbst begegnen. Geh."
+
+Galatea ergriff ihn an der Schulter und drehte den Widerstrebenden ohne
+weiteres hinter die Statue und zur Thuere hinaus.
+
+Theodora setzte sich nun aufrecht, das faltige Untergewand mit dem Guertel
+schliessend.
+
+
+
+
+ Achtzehntes Kapitel.
+
+
+Sogleich kam Galatea wieder zum Vorschein mit einem kleinen gebueckten
+Mann, der viel aelter aussah als seine vierzig Jahre. Kluge, aber
+allzuscharfe Zuege, das stechende Auge, der bartlose eingekniffne Mund: -
+alles machte den Eindruck unangenehmer Pfiffigkeit.
+
+Theodora nickte leicht auf seine kriechende Verbeugung; Galatea begann ihr
+die Augenbrauen zu malen.
+
+"Kaiserin," hob der Alte aengstlich an, "ich staune ueber deine Kuehnheit.
+Wenn man mich hier saehe! Die Klugheit von neun Jahren waere durch einen
+Augenblick vereitelt."
+
+"Man wird dich aber nicht sehen, Petros," sagte Theodora ruhig. "Diese
+Stunde ist die einzige, da ich vor der zudringlichen Zaertlichkeit
+Justinians sicher bin. Es ist seine Betstunde. Ich muss sie ausbeuten so
+gut ich kann. Gott erhalte ihm seine Froemmigkeit! Galatea, den Fruehwein.
+Wie? Du fuerchtest doch nicht, mich mit diesem gefaehrlichen Verfuehrer
+allein zu lassen?" Die Alte ging mit haesslichem Grinsen und kam gleich
+zurueck, einen Henkelkrug suessen gewaermten Chierweins in der einen Hand,
+Becher mit Wasser und Honig in der andern.
+
+"Ich konnte heute unsere Unterredung nicht, wie gewoehnlich, in der Kirche
+veranstalten, wo du in dem dunkeln Beichtstuhl einem Priester taeuschend
+aehnlich siehst. Der Kaiser wird dich noch vor der Kirchenzeit zu sich
+bescheiden und du musst zuvor genau unterrichtet sein."
+
+"Was ist zu thun?"
+
+"Petros," sagte Theodora, sich behaglich zuruecklehnend und langsam das
+suesse Getraenk schluerfend, das Galatea mischte, "heute kam der Tag, der
+unsere langjaehrige Muehe und Klugheit lohnen und dich zum grossen Mann
+machen wird."
+
+"Zeit waer' es," meinte der Rhetor.
+
+"Nur nicht ungeduldig, Freund. (Galatea, etwas mehr Honig.) Um dich fuer
+das heutige Geschaeft in die rechte Stimmung zu versetzen, wird es gut
+sein, dich an das Vergangne, an die Entstehungsart unserer - Freundschaft
+zu erinnern."
+
+"Was soll das? Wozu ist das noetig?" sagte der Alte unbehaglich.
+
+"Zu mancherlei. Also. Du warst der Vetter und Anhaenger meines Todfeindes
+Narses. Folglich auch mein Feind. Jahrelang hast du im Dienste deines
+Vetters mir entgegengearbeitet, mir wenig geschadet, dir selbst aber noch
+weniger genutzt. Denn Narses, dein tugendhafter Freund, setzt seine Ehre
+und seine Schlauheit darein, nie etwas fuer seine Verwandten zu thun, dass
+man ihn nie, wie die andern Hoeflinge dieses Reiches, des Nepotismus zeihen
+koenne.
+
+Aus lauter Vorsicht und eitel Tugend liess er dich unbefoerdert. Du darbtest
+und bliebst einfacher Schreiber. Aber ein feiner Kopf wie du weiss sich zu
+helfen. Du faelschtest, du verdoppeltest die Steuerausschreiben des
+Kaisers. Die Provinzen zahlten neben der von Justinian verlangten noch
+eine zweite Steuer, die Petros und die Steuererheber untereinander
+teilten. Eine Weile ging das vortrefflich. Aber einmal -"
+
+"Kaiserin, ich bitte dich -"
+
+"Ich bin gleich zu Ende, Freund. Aber einmal hattest du das Unglueck, dass
+einer von den neuen Steuerboten die Gunst der Kaiserin hoeher anschlug als
+den von dir verheissnen Teil der Beute. Er ging auf deinen Antrag ein, liess
+sich die Urkunde von dir faelschen und - brachte sie mir."
+
+"Der Elende," murrte Petros.
+
+"Ja, es war schlimm," laechelte Theodora, den Becher wegstellend. "Ich
+konnte jetzt meinem boshaften Feind, dem Vertrauten des verhassten
+Eunuchen, den schlauen Kopf vor die Fuesse legen und ich muss gestehen: es
+luestete mich sehr danach, sehr! Aber ich opferte die kurze Rache einem
+grossen, dauernden Vorteil. Ich rief dich zu mir und liess dir die Wahl, zu
+sterben oder fortan mir zu dienen. Du warst guetig genug, das letztre zu
+waehlen und so haben wir, vor der Welt nach wie vor die heftigsten Feinde,
+insgeheim seit Jahren zusammen gewirkt: du hast mir alle Plaene des grossen
+Narses im Entstehen verraten und ich hab es dir wohl vergolten: du bist
+jetzt ein reicher Mann."
+
+"O nicht der Rede wert."
+
+"Bitte, Undankbarer, das weiss mein Schatzmeister besser. Du bist sehr
+reich."
+
+"Wohl, aber ohne Rang und Wuerde. Meine Studiengenossen sind Patricier,
+Praefekten, grosse Herren in Morgen- und Abendland: so Cethegus in Rom,
+Prokopius in Byzanz."
+
+"Geduld. Vom heut'gen Tage an wirst du die Leiter der Ehren rasch
+erklimmen. Ich musste doch immer etwas zu geben behalten. Hoere: du gehst
+morgen als Gesandter nach Ravenna."
+
+"Als kaiserlicher Gesandter?" rief Petros freudig.
+
+"Durch meine Verwendung. Aber das ist nicht alles.
+
+Du erhaeltst von Justinian ausfuehrliche Anweisungen, das Gotenreich zu
+verderben, Belisar den Weg nach Italien zu bahnen."
+
+"Diese Anweisungen - befolg' ich oder vereitl' ich?"
+
+"Befolgst du. Aber du erhaeltst noch einen Auftrag, den dir Justinian ganz
+besonders ans Herz legen wird: die Tochter Theoderichs um jeden Preis aus
+der Hand ihrer Feinde zu retten und nach Byzanz zu bringen. Hier hast du
+einen Brief von mir, der sie dringend einladet, an meiner Brust ein Asyl
+zu suchen."
+
+"Gut," sagte Petros, den Brief einsteckend, "ich bringe sie also sofort
+hierher."
+
+Da schnellte Theodora wie eine springende Schlange vom Lager auf, dass
+Galatea erschrocken zurueckfuhr.
+
+"Bei meinem Zorn, Petros, nein. Dich send' ich deshalb. Sie darf nicht
+nach Byzanz, sie darf nicht leben."
+
+Bestuerzt liess Petros den Brief fallen. "O Kaiserin," fluesterte er - "ein
+Mord!"
+
+"Still, Rhetor," sprach Theodora mit heiserer Stimme und unheimlich
+funkelten ihre Augen. "Sie muss sterben."
+
+"Sterben? o Kaiserin, warum?"
+
+"Warum? das hast du nicht zu fragen. Doch halt: - du sollst es wissen, es
+giebt deiner Feigheit einen Sporn - wisse -" und sie fasste ihn wild am
+Arme und raunte ihm ins Ohr: "Justinian, der Verraeter, faengt an sie zu
+lieben."
+
+"Theodora!" rief der Rhetor erschrocken und trat einen Schritt zur Seite.
+
+Die Kaiserin sank auf die Kline zurueck.
+
+"Aber er hat sie ja nie gesehen!" stammelte sich fassend Petros.
+
+"Er hat ihr Bild gesehen: er traeumt bereits von ihr, er glueht fuer dieses
+Bild."
+
+"Du hast nie eine Rivalin gehabt."
+
+"Ich werde dafuer wachen, dass ich keine erhalte."
+
+"Du bist so schoen."
+
+"Amalaswintha ist juenger."
+
+"Du bist so klug, bist seine Beraterin, die Vertraute seiner geheimsten
+Gedanken."
+
+"Das eben wird ihm laestig. Und" - sie ergriff wieder seinen Arm - "merke
+wohl: sie ist eine Koenigstochter! eine geborne Herrscherin, ich des
+Loewenwaerters plebejisch Kind. Und - so wahnwitzig laecherlich es ist! -
+Justinian vergisst im Purpurmantel, dass er des dardanischen Ziegenhirten
+Sohn. Er hat den Wahnsinn der Koenige geerbt, er, selbst ein Abenteurer: er
+faselt von angeborner Majestaet, von dem Mysterium koeniglichen Bluts. Gegen
+solche Grillen hab' ich keinen Schutz: von allen Weibern der Erde fuerchte
+ich nichts: aber diese Koenigstochter - -"
+
+Sie sprang zuernend auf und ballte die kleine Hand.
+
+"Huete dich, Justinian!" sagte sie durchs Gemach schreitend. "Theodora hat
+mit diesem Auge, mit dieser Hand Loewen und Tiger bezaubert und beherrscht:
+lass sehen, ob ich nicht diesen Fuchs im Purpur in Treue erhalten kann."
+Sie setzte sich wieder.
+
+"Kurz, Amalaswintha stirbt," sagte sie, ploetzlich wieder kalt geworden.
+
+"Wohl," erwiderte der Rhetor, "aber nicht durch mich. Du hast der
+blutgewohnten Diener genug. Sie sende; ich bin ein Mann der Rede. -"
+
+"Du bist ein Mann des Todes, wenn du nicht gehorchst. Gerade du, mein
+Feind, musst es thun: keiner meiner Freunde kann es ohne Verdacht."
+
+"Theodora," mahnte der Rhetor sich vergessend, "die Tochter des grossen
+Theoderich ermorden, eine geborne Koenigin - -"
+
+"Ha," lachte Theodora grimmig, "auch dich Armseligen blendet die geborne
+Koenigin. Narren sind die Maenner alle, noch mehr als Schurken! Hoere,
+Petros, an dem Tage, da die Todesnachricht aus Ravenna eintrifft, bist du
+Senator und Patricius."
+
+Wohl blitzte des Alten Auge. Aber Feigheit oder Gewissensangst war doch
+maechtiger als der Ehrgeiz. "Nein," sagte er entschlossen, "lieber lasse
+ich den Hof und alle Plaene."
+
+"Das Leben laess'st du, Elender!" rief Theodora zornig. "O, du waehntest, du
+seiest frei und ungefaehrdet, weil ich damals vor deinen Augen die
+gefaelschte Urkunde verbrannt? Du Thor! es war die rechte nicht! Sieh her -
+hier halte ich dein Leben."
+
+Und sie riss aus einer Capsula voller Dokumente ein vergilbtes Pergament.
+Sie zeigte es dem Erschrocknen, der jetzt willenlos in die Kniee brach.
+
+"Befiehl," stammelte er, "ich gehorche."
+
+Da pochte man an die Hauptthuere.
+
+"Hinweg," rief die Kaiserin. "Hebe meinen Brief an die Gotenfuerstin vom
+Boden auf und bedenk es wohl: Patricius, wenn sie stirbt, Folter und Tod,
+wenn sie lebt. Fort."
+
+Und Galatea schob den Betaeubten durch den geheimen Eingang hinaus, drehte
+den bronzenen Justinian wieder an seine Stelle und ging, die Hauptthuer
+aufzuthun.
+
+
+
+
+ Neunzehntes Kapitel.
+
+
+Herein trat eine stattliche Frau, groesser und von groeberen Formen als die
+kleine, zierliche Kaiserin, nicht so verfuehrerisch schoen, aber juenger und
+bluehender, mit frischen Farben und ungekuenstelter Art.
+
+"Gegruesst, Antonina, geliebtes Schwesterherz! komm an meine Brust!" rief
+die Kaiserin der tief sich Verbeugenden entgegen.
+
+Die Gattin Belisars gehorchte schweigend.
+
+"Wie diese Augengruben hohl werden!" dachte sie, sich wieder aufrichtend.
+
+"Was das Soldatenweib fuer grobe Knoechel hat!" sagte die Kaiserin zu sich
+selbst, da sie die Freundin musterte. -
+
+"Bluehend bist du wie Hebe," rief sie ihr laut zu, "und wie die weisse Seide
+deine frischen Wangen hebt! Hast du etwas neues mitzuteilen von - von
+ihm?" fragte sie und nahm gleichgueltig spielend vom Waschtisch ein
+gefuerchtetes Werkzeug, eine spitze Lanzette an einem Staebchen von
+Elfenbein, mit welchem ungeschickte oder auch nur unglueckliche Sklavinnen
+von der zuernenden Herrin oft zolltief in Schultern und Arme gestochen
+wurden.
+
+"Heute nicht," fluesterte Antonina erroetend, "ich hab' ihn gestern nicht
+gesehn."
+
+"Das glaub' ich," laechelte Theodora in sich hinein. "O wie schmerzlich
+werd' ich dich bald vermissen," sagte sie, Antoninens vollen Arm
+streichelnd. "Schon in der naechsten Woche vielleicht wird Belisarius in
+See stechen und du, treuste aller Gattinnen, ihn begleiten. Wer von euren
+Freunden wird euch folgen?"
+
+"Prokopius," sagte Antonina, "und" - setzte sie, die Augen
+niederschlagend, hinzu - "die beiden Soehne des Boethius."
+
+"Ah so," laechelte die Kaiserin, "ich verstehe. In der Freiheit des
+Lagerlebens hoffst du dich des schoenen Juenglings ungestoerter zu erfreuen
+und indessen Held Belisarius Schlachten schlaegt und Staedte gewinnt -"
+
+"Du erraetst es. Aber ich habe dabei eine Bitte an dich. Dir freilich ward
+es gut. Alexandros, dein schoener Freund ist zurueck: er bleibt in deiner
+Naehe und er ist sein eigner Herr, ein reifer Mann. Aber Anicius, du weisst
+es, der Juengling, steht unter seines altern Bruders Severinus strenger
+Hut. Nie wuerde dieser, der nur Rache an den Barbaren sinnt und
+Freiheitsschlachten, diese zarte - Freundschaft dulden. Er wuerde unsern
+Verkehr tausendfach stoeren. Deshalb thu' mir eine Liebe: Severinus darf
+uns nicht folgen. Wenn wir an Bord sind mit Anicius, halte den aeltern
+Bruder in Byzanz zurueck mit List oder Gewalt - du kannst es ja leicht - du
+bist die Kaiserin."
+
+"Nicht uebel," laechelte Theodora. "Welche Kriegslisten! Man sieht, du
+lernst von Belisarius."
+
+Da ergluehte Antonina ueber und ueber.
+
+"O nenne seinen Namen nicht. Und hoehne nicht! Du weisst am besten, von wem
+ich gelernt, zu thun, worueber man erroeten muss."
+
+Theodora schoss einen funkelnden Blick auf die Freundin.
+
+"Der Himmel weiss," fuhr diese fort, ohne es zu beachten, "Belisar selbst
+war nicht treuer als ich, bis ich an diesen Hof kam. Du warst es,
+Kaiserin, die mich gelehrt, dass diese selbstischen Maenner, von Krieg und
+Staat und Ehrgeiz erfuellt, uns, wenn sie einmal unsre Eheherrn,
+vernachlaessigen, uns nicht mehr wuerdigen, wann sie uns besitzen. Du hast
+mich gelehrt, wie es keine Suende, kein Unrecht sei, die unschuldige
+Huldigung, die schmeichelnde Verehrung, die der tyrannische Gemahl
+versagt, von einem noch hoffenden und deshalb noch dienenden Freunde
+hinzunehmen. Gott ist mein Zeuge, nichts andres als diesen suessen Weihrauch
+der Huldigung, den Belisar versagt und den mein eitles, schwaches Herz
+nicht missen kann, will ich von Anicius."
+
+"Zum Glueck fuer mich wird das sehr bald langweilig fuer ihn," sagte Theodora
+zu sich selbst.
+
+"Und doch - schon dies ist ein Verbrechen, fuercht' ich, an Belisar. O wie
+ist er gross und edel und herrlich. Wenn er nur nicht allzugross waere fuer
+dies kleine Herz." - Und sie bedeckte das Antlitz mit den Haenden.
+
+"Die Erbaermliche," dachte die Kaiserin, "sie ist zu schwach zum Genuss wie
+zur Tugend."
+
+Da trat Agave, die huebsche junge Thessalierin, ins Gemach mit einem grossen
+Strauss herrlicher Rosen.
+
+"Von ihm," fluesterte sie der Herrin zu. - "Von wem?" fragte diese. Aber
+jetzt sah Antonina auf und Agave winkte warnend mit den Augen.
+
+Die Kaiserin reichte Antoninen den Strauss, sie zu beschaeftigen, "bitte,
+stell' ihn dort in die Marmorvase."
+
+Waehrend die Gattin Belisars den Ruecken wendend gehorchte, fluesterte Agave:
+"Nun, von ihm, den du gestern den ganzen Tag hier versteckt gehalten: -
+von dem schoenen Anicius -" setzte das holde Kind erroetend bei.
+
+Aber kaum hatte sie das unvorsichtige Wort gesagt, als sie laut schreiend
+nach ihrem linken Arme griff. Die Kaiserin schlug sie mit der noch
+blutigen Lanzette ins Gesicht. "Ich will dich lehren, Augen haben, ob
+Maenner schoen sind oder haesslich," fluesterte sie grimmig. "Du laesst dich in
+die Spinnstube sperren auf vier Wochen - sogleich - und zeigst dich nie
+mehr in meinen Vorzimmern. Fort!"
+
+Weinend ging das Maedchen, ihr Haupt verhuellend.
+
+"Was hat sie gethan?" fragte Antonina sich wendend.
+
+"Das Riechflaeschchen fallen lassen," sagte Galatea rasch, ein solches von
+dem Teppich aufhebend. - "Herrin, dein Haar ist fertig."
+
+"So lass die Ankleiderinnen ein und wer sonst im Vorsaal. - Willst du
+einstweilen in diesen Versen blaettern, Antonina? Es sind die neuesten
+Gedichte des Arator, "ueber die Thaten der Apostel", gar erbaulich zu
+lesen! Zumal hier, die Steinigung des heiligen Stephanos! Aber lies und
+sprich sein Urteil."
+
+Galatea oeffnete weit die Thuere des Haupteingangs: ein ganzer Schwarm von
+Sklavinnen und Freigelassenen wogte herein. Die einen besorgten das
+Hinausraeumen der gebrauchten Toilettegeraete, andre raeucherten mit
+Kohlenpfaennchen und sprengten aus schmalhalsigen Flaeschchen Balsam durch
+das Gemach. Die meisten aber waren um die Person der Kaiserin beschaeftigt,
+die jetzt ihren Anzug vollendete. Galatea nahm ihr den Rosaueberwurf ab.
+"Berenike," rief sie, "die milesische Tunika mit dem Purpurstreif und der
+goldnen Falbel: es ist Sonntag heute."
+
+Waehrend die erfahrene Alte, die allein das Haar der Kaiserin beruehren
+durfte, die kostbare Goldnadel, mit der Venusgemme im Knopf, kuenstlich in
+die Knoten des Hinterhauptes schob, fragte die Kaiserin: "Was giebt es
+neues in der Stadt, Delphine?"
+
+"Du hast gesiegt, o Herrin!" antwortete die Gefragte, mit den Goldsandalen
+niederknieend. "Deine Farbe, die Blauen, haben gestern im Cirkus gesiegt
+ueber die Gruenen zu Ross und Wagen."
+
+"Triumph!" frohlockte Theodora, "eine Wette von zwei Centenaren Gold, - es
+ist mein. - Nachrichten? woher? aus Italien?" rief sie einer eben mit
+Briefen eintretenden Dienerin entgegen.
+
+"Jawohl, Herrin, aus Florentia von der Gotenfuerstin Gothelindis: ich kenne
+das Gorgonensiegel: und von Silverius, dem Diakon."
+
+"Gieb," sagte Theodora, "ich nehme sie mit in die Kirche. Den Spiegel,
+Elpis." - Eine junge Sklavin trat vor mit einer ovalen drei Fuss langen
+Platte von glaenzend polirtem Silber in einem reich mit Perlen besetzten
+Goldrahmen und getragen von einem starken Fuss von Elfenbein. Die arme
+Elpis hatte harten Dienst. Sie musste waehrend der Vollendung des Ankleidens
+die schwere Platte bei jeder Bewegung der unruhigen Herrin sofort dermassen
+drehen, dass diese sich ununterbrochen darin beschauen konnte und weh' ihr,
+wenn sie einer Wendung zu spaet nachfolgte.
+
+"Was giebt es zu kaufen, Zephyris?" fragte die Kaiserin eine dunkelfarbige
+libysche Freigelassene, die ihr eben die zahme Hausschlange, die in einem
+Koerbchen auf weichem Moose ruhte, zur Morgenliebkosung reichte.
+
+"Ach, nicht viel Besondres," sagte die Libyerin, - "komm, Glauke," fuhr
+sie fort, indem sie die blendend weisse golddurchwirkte Chlamys aus der
+Kleiderpresse nahm und sorgfaeltig auf den Armen ausgebreitet hielt, bis
+die Gerufene ihr sie abnahm, mit Einem Wurf der Kaiserin in den schoensten
+Falten ueber die Schulter schlug, mit dem weissen Guertel zusammenfasste und
+das eine Ende mit einer Goldspange, die einst die Taube der Venus, jetzt
+aber im Gegenteil den heiligen Geist darstellte, ueber der weissen Achsel
+befestigte. Glauke, die Tochter eines athenischen Bildhauers, hatte
+jahrelang den Faltenwurf studirt, war deshalb von der Kaiserin um viele
+tausend Solidi angekauft worden und hatte den ganzen Tag ueber nur dies
+einzige Geschaeft.
+
+"Duftige Seifenkugeln aus Spanien," berichtete Zephyris, "sind wieder
+frisch angekommen. Ein neues milesisches Maerchen ist erschienen und der
+alte Aegypter ist wieder da," setzte sie leiser hinzu, "mit seinem
+Nilwasser. Er sagt, es helfe unfehlbar. Die Perserkoenigin, die acht Jahre
+kinderlos - -"
+
+Seufzend wandte sich Theodora ab, ein Schatte flog ueber das glatte
+Gesicht. "Schick' ihn fort," sagte sie, "diese Hoffnung ist vorueber." -
+
+Und es war einen Augenblick, als wollte sie in truebes Sinnen versinken.
+
+Aber sich aufraffend trat sie, Galateen winkend, zu ihrem Lager zurueck,
+nahm den zerdrueckten Eppichkranz, der auf ihrem Kopfkissen lag und gab ihn
+der Alten mit den gefluesterten Worten: "fuer Anicius, schick' es ihm zu. -
+Den Schmuck, Erigone!" Diese, von zwei andern Sklavinnen unterstuetzt, trug
+muehsam die schwere Kiste von Erz herbei, deren Deckel, in getriebnen
+Figuren die Werkstaette des Vulcanus darstellend, mit dem Siegel der
+Kaiserin an die Lade befestigt war. Erigone zeigte, dass das Siegel
+unverletzt und schlug den Deckel auf: neugierig stellte sich da manches
+Maedchen auf die Fussspitzen, einen Blick von den schimmernden Schaetzen zu
+erhaschen. "Willst du noch die Sommerringe, Herrin?" fragte Erigone. -
+"Nein," sprach Theodora waehlend, "die Zeit dafuer ist um. Gieb mir die
+schwereren, die Smaragden." Erigone reichte ihr Ohrringe, Fingerring und
+Armband.
+
+"Wie schoen," sagte Antonina, von ihren frommen Versen aufsehend, "steht
+das Weiss der Perle zu dem Gruen des Steins!"
+
+"Es ist ein Schatzstueck der Kleopatra," sagte die Kaiserin gleichgueltig,
+"der Jude hat den Stammbaum der Perle eidlich erhaertet."
+
+"Aber du zoegerst lange," erinnerte Antonina, "Justinians Goldsaenfte harrte
+schon als ich herauf kam."
+
+"Ja, Herrin," rief eine junge Sklavin aengstlich, "der Sklave vor der
+Sonnenuhr sagte schon die vierte Stunde an. Eile, Herrin."
+
+Ein Stich mit der Lanzette war die Antwort. "Willst du die Kaiserin
+mahnen?" Aber Antoninen fluesterte sie zu: "Man muss die Maenner nicht
+verwoehnen: sie muessen immer auf uns warten, wir nie auf sie.
+
+Meinen Straussenfaecher, Thais. Geh, Jone, die kappadokischen Sklaven sollen
+an meine Saenfte treten."
+
+Und sie wandte sich zum Gehen. "O Theodora," rief Antonina rasch, "vergiss
+meine Bitte nicht."
+
+"Nein," sagte diese, ploetzlich stehen bleibend, "gewiss nicht! Und damit du
+ganz sicher gehst," laechelte sie, "leg' ich's in deine eigne Hand. Meine
+Wachstafel und den Stift." Galatea brachte sie eilig. Theodora schrieb und
+fluesterte der Freundin zu: "Der Praefekt des Hafens ist einer meiner alten
+Freunde. Er gehorcht mir blind. Lies, was ich schreibe: "An Aristarchos
+den Praefekten Theodora die Kaiserin.
+
+Wenn Severinus, des Boethius Sohn, das Schiff des Belisarius besteigen
+will, halt' ihn, noetigenfalls mit Gewalt, zurueck und sende ihn hierher in
+meine Gemaecher: er ist zu meinem Kaemmerer ernannt. Ist's recht so, liebe
+Schwester?" fluesterte sie.
+
+"Tausend Dank," sagte diese mit leuchtenden Augen.
+
+"Aber wie," rief die Kaiserin laut, ploetzlich an ihren Hals fassend, "und
+die Hauptsache haetten wir vergessen? Mein Amulet, den Mercurius! Bitte,
+Antonina, dort liegt es." Hastig wandte sich diese, den kleinen goldnen
+Merkur, den besten Geleitsmann, der an seidner Schnur an dem Bette der
+Kaiserin hing, zu holen. Inzwischen aber strich Theodora schnell das Wort
+"Severinus" mit dem Goldgriffel aus, und schrieb dafuer "Anicius". Sie
+klappte das Taefelchen zusammen, umschnuerte und siegelte es mit ihrem
+Venusring.
+
+"Hier das Amulet," sagte Antonina zurueckkommend.
+
+"Und hier der Befehl!" laechelte die Kaiserin. "Du magst ihn selbst im
+Augenblick der Abfahrt an Aristarchos uebergeben. Und jetzt," rief sie,
+"jetzt auf: in die Kirche."
+
+
+
+
+ Zwanzigstes Kapitel.
+
+
+In Neapolis, derjenigen Stadt Italiens, ueber welcher die zu Byzanz
+aufsteigenden Wetterwolken sich zuerst entladen sollten, ahnte man nichts
+von einer drohenden Gefahr. Da wandelten damals Tag fuer Tag an den
+reizenden Haengen, welche nach dem Posilipp fuehren, oder an den Uferhoehen
+im Suedosten der Stadt, in vertrautem Gespraech, alle Wonnen jugendlich
+begeisterter Freundschaft geniessend, zwei herrliche Juenglinge, der eine in
+braunen, der andre in goldnen Locken: die Dioskuren, Julius und Totila.
+
+O schoene Zeit, da es die reine Seele, umweht von der frischen Morgenluft
+des Lebens, noch unenttaeuscht und unermuedet, trunken von der Fuelle stolzer
+Traeume, draengt, hinueberzufluten in ein gleich junges, gleich reiches,
+gleich ueberschwaengliches Gemuet. Da staerkt sich der Vorsatz zu allem
+Edelsten, der Aufschwung zu dem Hoechsten, der Flug bis in die lichte Naehe
+des Goettlichen wird in der Mitteilung gewagt, in der seligen Gewissheit,
+verstanden zu sein.
+
+Wenn der Bluetenkranz in unsren Locken gewelkt ist und die Ernte unsres
+Lebens beginnt, moegen wir laecheln ueber jene Traeume der Juenglingszeit und
+Juenglingsfreundschaft; aber es ist kein Laecheln des Spottes; es ist ein
+Ausdruck von jener Wehmut, mit der wir in nuechterner Herbstluft der suessen,
+berauschenden Luefte des ersten Fruehlings gedenken. -
+
+Der junge Gote und der junge Roemer hatten sich gefunden in der
+gluecklichsten Zeit fuer einen solchen Bund und sie ergaenzten sich
+wunderbar. Totilas sonnige Seele hatte den vollen Schmelz der Jugend
+bewahrt: lachend sah er in die lachende Welt: er liebte den Menschen und
+der Glanz seines wohlwollenden Wesens gewann ihm leicht und rasch alle
+Herzen. Er glaubte nur an das Gute und des Guten Sieg: traf er das Boese,
+das Gemeine auf seinem Pfad, so trat er es mit dem heilig lodernden Zorn
+eines Erzengels in den Staub: durch seine sanfte Natur brach dann, den
+Helden verratend, die gewaltige Kraft, die in ihr ruhte und nicht eher
+liess er ab, bis das verhasste Element aus seinem Lebenskreise getilgt war.
+Aber im naechsten Augenblick war dann die Stoerung wie ueberwunden so
+vergessen und harmonisch wie seine Seele fuehlte er ringsum Welt und Leben.
+Stolz und froh empfand er die Vollkraft seiner Jugend und jauchzend
+drueckte er das goldne Dasein an die Brust. Singend schritt er durch die
+wimmelnden Strassen von Neapolis, der Abgott der Maedchen, der Stolz seiner
+gotischen Waffenfreunde, wie ein Gott der Freude, beglueckend und beglueckt.
+
+Der helle Zauber seines Wesens teilte sich selbst der stilleren Seele
+seines Freundes mit. Julius Montanus, zart und sinnig angelegt, eine fast
+weibliche Natur, frueh verwaist und von Cethegus' hochueberlegnem Geist
+eingeschuechtert, in Einsamkeit und unter Buechern aufgewachsen, von der
+trostlosen Wissenschaft jener Zeit mehr belastet als gehoben, sah das
+Leben ernst, fast wehmuetig an. Ein Zug zur Entsagung und die Neigung,
+alles Bestehende an dem strengen Mass uebermenschlicher Vollendung zu
+messen, lag in ihm und mochte sich leicht bis zur Schwermut verduestern.
+Zur gluecklichen Stunde fiel Totilas sonnige Freundschaft in seine Seele
+und erhellte sie bis in ihre tiefsten Falten so maechtig, dass seine edle
+Natur auch von einem schweren Schlage sich wieder elastisch aufrichten
+konnte, den eben diese Freundschaft auf sein Haupt ziehen sollte.
+
+Hoeren wir ihn selbst darueber an den Praefekten berichten:
+
+"Cethegus dem Praefekten Julius Montanus.
+
+Die kaltherzige Antwort, die du auf den warmgefuehlten Bericht von meinem
+neuen Freundschafts-Glueck erteiltest, hat mir zuerst - gewiss gegen deine
+Absicht - sehr wehe gethan, spaeter aber das Glueck eben dieser Freundschaft
+erhoeht, freilich in einer Weise, welche du weder ahnen noch wuenschen
+konntest.
+
+Der Schmerz durch dich hat sich bald in Schmerz um dich verwandelt. Wollte
+es mich anfangs kraenken, dass du meine tiefste Empfindung als die
+Schwaermerei eines kranken Knaben behandeltest und die Heiligtuemer meiner
+Seele mit bittrem Spott antasten wolltest - nur wolltest, denn sie sind
+unantastbar, - so ergriff mich doch statt dessen bald das Gefuehl des
+Mitleids mit dir. Wehe, dass ein Mann wie du, so ueberreich an Kraeften des
+Geistes, darbest an den Guetern des Herzens. Wehe, dass du die Wonne der
+Hingebung nicht kennst und jene opferfreudige Liebe, die ein von dir mehr
+verspotteter als verstandner Glaube, den mir jeder Tag des Schmerzes naeher
+bringt, die _caritas_, die Naechstenliebe, nennt: Wehe dir, dass du das
+Herrlichste nicht kennst! Vergieb die Freiheit dieser meiner Rede: ich
+weiss, ich habe noch nie in solchen Worten zu dir gesprochen: aber erst
+seit kurzem bin ich, der ich bin. Vielleicht nicht ganz mit Unrecht hat
+noch dein letzter Brief Spuren von Knabenhaftigkeit an mir gegeisselt. Ich
+glaube, sie sind seitdem verschwunden und ein Verwandelter sprech' ich zu
+dir. Dein Brief, dein Rat, deine "Arzenei" hat mich allerdings zum Manne
+gereift, aber nicht in deinem Sinn und nicht nach deinem Wunsch. Schmerz,
+heiligen, laeuternden Schmerz hat er mir gebracht, er hat diese
+Freundschaft, die er verdraengen sollte, auf eine harte Probe gestellt,
+aber, der Guete Gottes sei's gedankt, er hat sie im Feuer nicht zerstoert,
+sondern gehaertet fuer immer.
+
+Hoere und staune, was der Himmel aus deinen Plaenen geschaffen hat.
+
+Wie wehe mir dein Brief gethan, - in alter Gewohnheit des Gehorsams
+befolgte ich alsbald seinen Auftrag und suchte deinen Gastfreund auf, den
+Purpurhaendler Valerius Procillus. Er hatte bereits die Stadt verlassen und
+seine reizende Villa bezogen. Ich fand an ihm einen vielerfahrnen Mann und
+einen eifrigen Freund der Freiheit und des Vaterlandes: in seiner Tochter
+Valeria aber ein Kleinod.
+
+Du hattest recht prophezeit. Meine Absicht, mich gegen sie zu
+verschliessen, zerschmolz bei ihrem Anblick wie Nebel vor der Sonne: mir
+war Elektra oder Kassandra, Cloelia oder Virginia stehe vor mir. Aber mehr
+noch als ihre hohe Schoenheit bezauberte mich der Schwung ihrer
+unsterblichen Seele, die sich alsbald vor mir aufthat. Ihr Vater behielt
+mich sogleich als seinen Gast im Hause und ich verlebte unter seinem Dach
+mit ihr die schoensten Tage meines Lebens. Die Poesie der Alten ist der
+Aether ihrer Seele.
+
+Wie rauschten die Choere des Aeschylos, wie ruehrend toente Antigones Klage in
+ihrer melodischen Stimme; stundenlang lasen wir in Wechselrede und
+herrlich war sie zu schauen, wann sie sich erhob im Schwunge der
+Begeisterung, wann ihr dunkles Haar, in freie Wellen geloest, niederfloss
+und aus ihrem grossen runden Auge ein Feuer blitzte nicht von dieser Welt.
+
+Und, - was ihr vielleicht noch tiefen Schmerz bereiten wird, - eine
+Spaltung, die durch all' ihr Leben geht, giebt ihr den hoechsten Reiz. Du
+ahnst wohl, was ich meine, da du seit Jahren das Schicksal ihres Hauses
+kennst. Du weisst wohl genauer als ich, wie es kam, dass Valeria schon bei
+ihrer Geburt von ihrer frommen Mutter einem ehelosen, einsamen Leben in
+Werken der Andacht geweiht, dann aber von ihrem reichen und mehr roemisch
+als christlich gesinnten Vater um den Preis einer Kirche und eines
+Klosters, die er baute, losgekauft worden ist. Aber Valeria glaubt, dass
+der Himmel nicht totes Gold nehme fuer eine lebendige Seele: sie fuehlt sich
+der Bande jenes Geluebdes nicht ledig, deren sie ewig, aber nur in Furcht,
+nicht in Liebe, gedenkt.
+
+Denn du hattest recht als du schriebst: sie sei durch und durch ein Kind
+der alten, der heidnischen Welt. Das ist sie, die echte Tochter ihres
+Vaters: aber doch kann sie der frommen Mutter entsagend Christentum nicht
+abthun: es lebt nicht in ihr als ein Segen, es lastet auf ihr als ein
+Fluch, als der unentrinnbare Zwang jenes Geluebdes. Diesen wundersamen
+Zwiespalt, diesen verhaengnisvollen Widerstreit traegt die edle Jungfrau im
+Gemuet: er quaelt sie, aber er veredelt sie zugleich.
+
+Wer weiss, wie er sich loesen wird? der Himmel allein, der ihr Schicksal
+lenkt. Mich aber zieht dieser innere Kampf mit ernsten Schauern an: du
+weisst ja, dass in mir selbst der Christenglaube und die Philosophie in
+ungeklaerter Mischung durcheinander wogen. Zu meinem Staunen hat in diesen
+Tagen des Schmerzes der Glaube zugenommen und fast will mich beduenken, die
+Freude fuehre zu der heidnischen Weisheit, zu Christus aber der Schmerz und
+das Unglueck.
+
+Aber hoere wie der Schmerz ueber mich gekommen.
+
+Anfangs, als ich diese Liebe in mir keimen sah, war ich froher Hoffnung
+voll. Valerius, vielleicht schon frueher von dir fuer mich gewonnen, sah
+meine wachsende Neigung offenbar nicht ungern: vielleicht hatte er nur das
+an mir auszusetzen, dass ich seinen Traum von der Wiederaufrichtung der
+roemischen Republik nicht eifrig genug teilte und nicht seinen Hass gegen
+die Byzantiner, in denen er die Todfeinde seines Hauses wie Italiens
+sieht. Auch Valeria war mir bald freundschaftlich geneigt und wer weiss ob
+nicht damals die Verehrung gegen den Willen ihres Vaters und diese
+Freundschaft genuegt haetten, sie in meine Arme zu fuehren. Aber ich danke, -
+soll ich sagen Gott oder dem Schicksal? - dass es nicht so kam: Valeria
+einer halb gleichgueltigen Ehe opfern waere ein Frevel gewesen. Ich weiss
+nicht, welches seltsame Gefuehl mich abhielt das Wort zu sprechen, das sie
+in jenen Tagen gewiss zu der Meinen gemacht haette. Ich liebte sie doch so
+tief: - aber so oft ich mir ein Herz fassen und bei ihrem Vater um sie
+werben wollte, immer beschlich mich ein Gefuehl, als thu' ich Unrecht an
+dem Gut eines andern, als sei ich ihrer nicht wuerdig oder doch nicht die
+ihr vom Schicksal zugedachte Haelfte ihrer Seele und ich schwieg und
+bezaehmte das pochende Herz.
+
+Einstmals um die sechste Stunde, - schwuel brannte die Sonne rings auf Land
+und Meer - suchte ich Schatten in der kuehlen Marmorgrotte des Gartens. Ich
+trat ein durch das Oleandergebuesch: da lag sie schlafend auf der weichen
+Rasenbank, die eine Hand auf dem leise wogenden Busen, der linke Arm unter
+dem edeln Haupt, das noch vom Fruehmahl her der schoene Asphodeloskranz
+schmueckte. Ich stand bebend vor ihr: so schoen war sie noch nie gewesen,
+ich beugte mich ueber sie und staunte die edeln, wie in Marmor gebildeten
+Zuege an: heiss schlug mein Herz, ich beugte mich ueber sie, diese roten
+feingeschnittenen Lippen zu kuessen.
+
+Da fiel mir's ploetzlich centnerschwer aufs Herz: es ist ein Raub, was du
+begehen willst. Totila! rief unwillkuerlich meine ganze Seele und still,
+wie ich gekommen, schlich ich fort.
+
+Totila! Was war er mir nicht frueher eingefallen?
+
+Ich machte mir Vorwuerfe, den Bruder meines Herzens ueber dem neuen Glueck
+fast vergessen zu haben.
+
+Deine Prophezeiung, Cethegus, dachte ich, soll sich nicht erfuellen: diese
+Liebe soll mich dem Freunde nicht entfremden. Er soll Valeria sehen,
+gleich mir bewundern, meine Wahl lobpreisen und dann, dann will ich werben
+und Totila soll gluecklich sein mit uns.
+
+Andern Tages ging ich nach Neapolis zurueck, ihn zu holen. Ich pries ihm
+den Schimmer des Maedchens, aber ich vermochte es nicht ueber mich, ihm von
+meiner Liebe zu sprechen. Er sollte sie sehen und alles erraten. Wir
+fanden sie bei unserer Ankunft nicht in den Zimmern der Villa. So fuehrte
+ich Totila in den Garten - Valeria ist die eifrigste Pflegerin der Blumen
+- wir bogen, Totila voran, aus einem dichten Taxusgang: da schimmerte uns
+ihre Erscheinung ploetzlich entgegen: sie stand vor einer Statue ihres
+Vaters und kraenzte sie mit frischgepflueckten Rosen, die sie, hoch
+aufgehaeuft in der Busenfalte der Tunika, mit der Linken auf der Brust
+zusammenhielt.
+
+Es war ein ueberraschend schoenes Bild: die herrliche Jungfrau, in dem Gruen
+des Taxus gleichsam eingerahmt, vor dem weissen Marmor, die Rechte
+anmutvoll erhebend: und maechtig wirkte die Erscheinung auf Totila: mit
+einem lauten Ruf des Staunens blieb er sprachlos, ihr gerade gegenueber,
+stehen.
+
+Sie sah auf und zuckte erschrocken, wie blitzgetroffen, zusammen: die
+Rosen fielen in dichten Flocken aus ihrem Gewand: sie sah es nicht: ihre
+Augen hatten sich getroffen, ihre Wangen ergluehten: - ich sah mit
+Blitzesschnelle ihr Geschick und mein Geschick entschieden.
+
+Sie liebten sich beim ersten Anblick.
+
+Schmerzlich, wie ein brennender Pfeil, durchdrang die Gewissheit meine
+Seele. Aber doch nur einen Augenblick herrschte der Schmerz ungemischt in
+meiner Brust. Sofort, wie ich die beiden betrachtete, die herrlichen
+Gestalten, empfand ich neidlose Freude, dass sie sich gefunden: denn es
+war, wie wenn die Macht, die der Sterblichen Leiber bildet und Seelen, sie
+aus Einem Stoff fuer einander geschaffen: wie Morgensonne und Morgenroete
+schimmerten sie ineinander und jetzt erkannte ich auch das dunkle Gefuehl,
+das mich wie ein Vorwurf von Valeria fern gehalten, das mir _seinen_ Namen
+auf die Lippen gefuehrt hatte: sein sollte Valeria werden nach Gottes
+Ratschluss oder dem Gang der Sterne und ich sollte nicht zwischen sie
+treten.
+
+Erlass mir, das Weitere zu berichten. Denn so selbstisch ist mein Sinn
+geartet, sowenig Macht hat noch die heilige Lehre des Entsagens ueber mich
+gewonnen, dass - ich schaeme mich, das zu gestehen - dass mein Herz auch
+jetzt noch manchmal schmerzlich zuckt, statt freudig zu schlagen fuer das
+Glueck der Freunde.
+
+Rasch und unscheinbar, wie zwei Flammen ineinander lodern, schlugen ihre
+Seelen zusammen. Sie lieben sich und sind gluecklich wie die seligen
+Goetter: mir ist die Freude geblieben, ihr Glueck zu schauen und ihnen
+beizustehen, es noch vor dem Vater zu verbergen, der sein Kind wohl
+schwerlich dem "Barbaren" schenken wird, solang er in Totila nur den
+"Barbaren" sieht.
+
+Meine Liebe aber und ihren Opfertod halt' ich vor dem Freunde tief
+verborgen: er ahnt nicht und soll nie erfahren, was sein glaenzend Glueck
+nur trueben koennte. Du siehst nun, o Cethegus, wie weit ab von deinem Ziel
+ein Gott deinen Plan gewendet. Mir hast du jenes Kleinod Italiens bringen
+wollen und hast es Totila zugefuehrt. Meine Freundschaft hast du zerstoeren
+wollen und hast sie in den Gluten heiliger Entsagung von allem Irdischen
+befreit und unsterblich gemacht. Du hast mich zum Manne machen wollen
+durch der Liebe Glueck: - ich bin's geworden durch der Liebe Schmerz.
+
+Lebe wohl und verehre das Walten des Himmels."
+
+
+
+
+ Einundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Wir unterlassen es, den Eindruck dieses Schreibens auf den Praefekten
+auszumalen, und begleiten lieber die beiden Dioskuren auf einem ihrer
+Abendspaziergaenge an den reizenden Ufergelaenden von Neapolis.
+
+Sie wandelten nach der frueh beendigten Coena durch die Stadt und zur Porta
+nolana hinaus, die in schon halb verwitterten Reliefs die Siege eines
+roemischen Imperators ueber germanische Staemme verherrlichte.
+
+Totila blieb stehen und bewunderte die schoene Arbeit.
+
+"Wer ist wohl der Kaiser," fragte er den Freund, "dort auf dem
+Siegeswagen, mit dem gefluegelten Blitz in der Hand, wie ein Jupiter
+Tonans?" - "Es ist Marc Aurel," sagte Julius und wollte weitergehen. - "O
+bleib doch! Und wer sind die vier Gefesselten mit den langwallenden
+Haaren, die den Wagen ziehn?"
+
+"Es sind Germanenkoenige." - "Doch welches Stammes?" fragte Totila weiter -
+"sieh da, eine Inschrift: "_Gothi extincti!_" "Die Goten vernichtet!""
+
+Laut lachend schlug der junge Gote mit flacher Hand auf die Marmorsaeule
+und schritt rasch durch das Thor. "Eine Luege in Marmor!" rief er rueckwaerts
+blickend. "Das hat der Imperator nicht gedacht, dass einst ein gotischer
+Seegraf in Neapolis seine Prahlereien Luegen straft." - "Ja, die Voelker
+sind wie die wechselnden Blaetter am Baume," sagte Julius nachdenklich;
+"wer wird nach euch in diesen Landen herrschen?" Totila blieb stehen.
+"_Nach uns?_" fragte er erstaunt. - "Nun, du wirst doch nicht glauben, dass
+deine Goten ewig dauern werden unter den Voelkern?"
+
+"Das weiss ich doch nicht," sagte Totila, langsam fortschreitend. - "Mein
+Freund, Babylonier und Perser, Griechen und Makedonen und, wie es scheinen
+will, auch wir Roemer hatten ihre zugemessene Zeit: sie bluehten, reisten
+und vergingen. Soll's anders sein mit den Goten?"
+
+"Ich weiss das nicht," sagte Totila unruhig, "ich habe den Gedanken nie
+gedacht. Es ist mir noch nie eingefallen, dass eine Zeit kommen koennte, da
+mein Volk" - - er hielt inne, als sei es Suende, den Gedanken auszudenken.
+"Wie kann man sich dergleichen vorstellen! ich denke daran so wenig wie -
+wie an den Tod!"
+
+"Das sieht dir gleich, mein Totila!"
+
+"Und dir sieht es gleich, dich und andre mit solchen Traeumereien zu
+quaelen."
+
+"Traeumereien! Du vergisst, dass es fuer mich, fuer mein Volk schon
+Wirklichkeit geworden. Du vergisst, dass ich ein Roemer bin. Und ich kann
+mich nicht darueber taeuschen wie die meisten thun: es ist vorbei mit uns.
+Das Scepter ist von uns auf euch uebergegangen; glaubst du, es lief so ohne
+Schmerz, ohne Nachsinnen fuer mich ab, in dir, meinem Herzensfreund, den
+Barbaren, den Feind meines Volkes zu vergessen?"
+
+"Das ist nicht so, beim Glanz der Sonne!" fiel Totila eifrig ein. "Find'
+ich auch in deiner milden Seele den herben Wahn? Blick' doch nur um dich!
+Wann, sage mir, wann hat Italien herrlicher geblueht als unter unsrem
+Schilde? Kaum in den Tagen des Augustus. Ihr lehrt uns Weisheit und Kunst,
+wir leihen euch Friede und Schutz. Kein schoeneres Wechselverhaeltnis laesst
+sich denken! Die Harmonie zwischen Roemern und Germanen kann eine ganz neue
+Zeit erschaffen, schoener als je eine bestanden."
+
+"Die Harmonie! aber sie ist nicht da. Ihr seid uns ein fremdes Volk,
+geschieden durch Sprache und Glaube, durch Stammes- und Sinnesart und
+durch halbtausendjaehrigen Hass.
+
+Wir brachen frueher eure Freiheit, ihr jetzt die unsre; zwischen uns gaehnt
+eine ewige Kluft." - "Du verwirfst den Lieblingsgedanken meiner Seele."
+
+"Er ist ein Traum!" - "Nein, er ist Wahrheit, ich fuehl' es und vielleicht
+koemmt noch die Zeit, dir's zu beweisen. Das Werk meines ganzen Lebens bau'
+ich drauf." - "So waer's auf einen edeln Wahn gebaut. Keine Bruecke zwischen
+Roemern und Barbaren!" - "Dann," sagte Totila heftig, "begreif' ich nicht,
+wie du leben kannst, wie du mich -"
+
+"Vollende nicht," sagte Julius ernst. "Es war nicht leicht: es war die
+schwerste der Entsagungen! Erst nach hartem Widerstreit der Selbstsucht
+ist sie mir gelungen: aber endlich hab' ich aufgehoert, in meinem Volk
+allein zu leben. Der heilge Glaube, der jetzt schon - und er allein
+vermag's - Roemer und Germanen verbindet, der meinen widerstrebenden
+Verstand durch lauter Schmerzen - Schmerzen, die Freuden sind - allmaehlich
+immer maechtiger umschlingt, er hat mir auch in diesem Zwiespalt Friede
+gebracht. In diesem Einen darf ich mich jetzt schon ruehmen, ein Christ zu
+sein: ich lebe der Menschheit, nicht meinem Volk allein, ein Mensch, kein
+blosser Roemer mehr. Darum kann ich dich, den Barbaren, lieben wie einen
+Bruder: sind wir doch Buerger Eines Reichs: der Menschheit.
+
+Darum kann ich es ertragen, zu leben, nachdem ich mein Volk gestorben
+sehe. Ich lebe der Menschheit: sie ist mein Volk!"
+
+"Nein!" rief Totila lebhaft, "das koennt' ich nimmermehr. In meinem Volk
+allein kann ich und will ich leben: meines Volkes Art ist die Luft, in der
+allein meine Seele atmen kann. Warum soll'n wir nicht dauern koennen, ewig:
+oder doch solang diese Erde dauert? Was Perser und Griechen! Wir sind von
+besserem Stoff. Weil sie dahin siechten und versanken, muessen darum auch
+wir siechen und versinken? Noch bluehn wir in voller Jugendkraft! Nein,
+wenn ein Tag koemmt, da die Goten sinken, - moeg' ihn mein Auge nicht mehr
+sehn. O all' ihr Goetter, lasst uns nur nicht dahinkranken jahrhundertelang
+wie diese Griechen, die nicht leben koennen und nicht sterben! Nein, muss es
+sein, so sendet ein furchtbar Kampfgewitter und lasst uns rasch und
+herrlich fallen, alle, alle und mich voran!"
+
+Der Juengling hatte sich in die waermste Begeisterung gesprochen. Er sprang
+empor von der Marmorbank auf der Strasse, darauf sie sich niedergelassen,
+den Lanzenschaft hoch gen Himmel erhebend.
+
+"Mein Freund," sagte Julius, ihn liebevoll anblickend, "wie schoen steht
+dir dieser Eifer! Aber bedenke, ein solcher Kampf wuerde mit uns, mit
+meinem Volk entbrennen und sollte ich -?"
+
+"Zu deinem Volke sollst du stehn mit Leib und Seele, das ist klar, wenn es
+jemals zu solchem Kampfe koemmt. Du glaubst, das wuerde unsrer Freundschaft
+Eintrag thun? mit nichten! Zwei Helden koennen sich knochentiefe Wunden
+hau'n und dabei doch die besten Freunde sein. Ha, mich wuerd' es freuen,
+dich in einer Schlachtreihe mir entgegenschreiten sehn mit Schild und
+Speer!"
+
+Julius laechelte. "Meine Freundschaft ist nicht so grimmiger Art, du wilder
+Gote. - Diese Fragen und Zweifel haben mich lange und bitter gequaelt und
+all' meine Philosophen zusammen haben mir nicht den Frieden gebracht. Erst
+seit ich's in Schmerzen erfahren, dass ich dem Gott im Himmel allein zu
+dienen habe und auf Erden der Menschheit und nicht Einem Volk -"
+
+"Gemach, Freund," rief Totila, "wo ist denn die Menschheit, von der du
+schwaermst? Ich sehe sie nicht. Ich sehe nur Goten, Roemer, Byzantiner! Eine
+Menschheit ueber den wirklichen Voelkern, irgendwo in den Lueften, kenn' ich
+nicht. Ich diene der Menschheit, indem ich meinem Volke lebe. Ich kann gar
+nicht anders! ich kann nicht die Haut abstreifen, darin ich geboren bin.
+Gotisch denk' ich, in gotischen Worten, nicht in einer allgemeinen Sprache
+der Menschheit; die giebt es nicht. Und wie ich nur gotisch denke, kann
+ich auch nur gotisch fuehlen. Ich kann das Fremde anerkennen, o ja. Ich
+bewundre eure Kunst, euer Wissen, zum Teil euren Staat, in welchem alles
+so streng geordnet ist.
+
+Wir koennen vieles von euch lernen - aber tauschen koennt' ich und moecht'
+ich mit keinem Volk von Engeln. Ha, meine Goten! Im Grund des Herzens sind
+mir ihre Fehler lieber als eure Tugenden."
+
+"Wie ganz anders empfinde ich, und bin doch ein Roemer!"
+
+"Du bist kein Roemer! vergieb, mein Freund, es giebt schon lange keine
+Roemer mehr. Sonst waer ich' nicht der Seegraf von Neapolis! So wie du kann
+nur empfinden, wer eigentlich kein Volk mehr hat. So wie ich muss jeder
+fuehlen, der eines lebendigen Volkes ist."
+
+Julius schwieg eine Weile. "Und wenn dem so ist, - wohl mir! Heil, wenn
+ich die Erde verloren, den Himmel zu gewinnen. Was sind die Voelker, was
+ist der Staat, was ist die Erde? Nicht hier unten ist die Heimat meiner
+unsterblichen Seele! Sie sehnt sich nach jenem Reiche, wo alles anders ist
+als hier."
+
+"Halt ein, mein Julius," sprach Totila, stehen bleibend, die Lanze auf den
+Boden stossend. "Hier, auf Erden, hab' ich festen Grund, hier lass mich
+stehn und leben, hier nach Kraeften das Schoene geniessen, das Gute schaffen
+nach Kraeften. In deinen Himmel kann und will ich dir nicht folgen. Ich
+ehre deine Traeume, ich ehre deine heilge Sehnsucht - aber ich teile sie
+nicht. Du weisst," fuegte er laechelnd hinzu, "ich bin ein Heide,
+unverbesserlich, wie meine Valeria - unsere Valeria. Zur rechten Stunde
+denk' ich ihrer. Deine erdenfluecht'gen Traeume liessen uns am Ende des
+Liebsten auf Erden vergessen. Sieh, wir sind zur Stadt zurueckgekommen, die
+Sonne sinkt so rasch hier im Sueden und ich soll noch vor Nacht die
+bestellten Saemereien in den Garten des Valerius bringen. Ein schlechter
+Gaertner," laechelte er, "der seiner Blume vergaesse. Leb wohl - ich biege
+rechts hinab."
+
+"Gruesse mir Valeria. Ich gehe nach Hause, zu lesen."
+
+"Was liesest du jetzt? Noch Platon?"
+
+"Nein, Augustinus. Lebe wohl!"
+
+
+
+
+ Zweiundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Rasch eilte Totila durch die Strassen der Vorstadt, die belebteren Teile
+der Innenstadt meidend, nach der Porta capuana zu und dem Turm Isaks, des
+juedischen Pfoertners. Der Turm, unmittelbar zur Rechten des Thores, mit
+starken Mauern und massiv gewoelbtem Dach erbaut, erhob sich in mehreren
+sich verjuengenden Absaetzen. In dem hoechsten Stockwerk, dicht an den
+zackigen Zinnen, waren zwei niedre aber breite Gelasse, zur Wohnung des
+Tuermers bestimmt.
+
+Dort hausten der alte Jude und Miriam, sein dunkelschoenes Kind.
+
+In dem groessern Gemach, wo an den Waenden in strenger Ordnung die grossen
+schweren Schluessel zu den Hauptthueren und den Nebenpforten des wichtigen
+Thorgebaeudes, dann das krumme Waechterhorn und der breite,
+hellebardengleiche Speer des Pfoertners hingen, sass mit gekreuzten Beinen
+auf rohrgeflochtener Matte Isak, der greise Turmwart: eine hohe,
+starkknochige Gestalt mit der Adlernase und den buschigen,
+hochgeschweiften Brauen seiner Rasse.
+
+Er hielt einen langen Stab zwischen den Knien und aufmerksam hoerte er den
+Worten eines jungen unansehnlichen Mannes, offenbar auch eines Israeliten,
+zu, in dessen harten, nuechternen Zuegen der ganze Rechnerverstand des
+juedischen Stammes lag.
+
+"Sieh, Vater Isak," schloss er mit unschoener, klangloser Stimme, "meine
+Rede ist keine eitle Rede und meine Worte kommen nicht aus dem Herzen
+allein, das blind ist, sondern aus dem Kopf, der da ist sehend. Und hier
+hab' ich mit mir gebracht Brief und Urkund fuer jedes Wort meines Mundes:
+hier meine Bestallung als Baumeister fuer alle Wasserleitungen von Italien,
+jaehrlich fuenfzig Goldsoldi und fuer jedes neue Werk zehn Soldi besonders.
+Eben erst hab' ich wieder hergestellt die zerfallene Wasserleitung dieser
+Stadt Neapolis; hier in diesem Beutel sind die zehn Goldstuecke, richtig
+bezahlt. Du siehst, ich kann ernaehren ein Weib; zudem bin ich Rachels,
+deiner Muhme, leiblicher Sohn. So lass mich nicht reden umsonst und gieb
+mir Miriam, dein Kind, dass sie bestelle mein Haus."
+
+Aber der Alte strich seinen grauen langen Kinnbart und schuettelte langsam
+das Haupt. "Jochem, Sohn Rachels, mein Sohn - ich sage dir, lass ab, lass
+ab."
+
+"Warum? was kannst du haben gegen mich? Wer mag reden wider Jochem in
+Israel?"
+
+"Niemand. Du bist gerecht und still und fleissig und mehrest deine Habe und
+dein Werk gedeiht vor dem Herrn. Aber hast du gesehn, dass sich die
+Nachtigall paart mit dem Sperling oder die schlanke Gazelle mit dem
+Lasttier? Sie passen nicht zusammen! Und nun sieh dorthin und sage mir
+selbst, ob du passest fuer Miriam, mein Kind."
+
+Und er schob mit seinem langen Stock sachte den gruenwollenen Vorhang zur
+Seite, der das vordere Gemach abschloss.
+
+Leise silberne Toene waren schon heruebergeklungen in das Gespraech der
+Maenner: jetzt sah man in den einfachen aber gefaelligen Raum. An dem weiten
+Rundbogenfenster, das ueber die herrliche Neapolis, das blaue Meer und die
+fernen Berge die freieste Aussicht bot, stand ein junges Maedchen, ein
+fremdartig geformtes Saiteninstrument im Arm. Es war eine Erscheinung von
+ueberraschender Schoenheit. Gluehend rot fiel das Licht der sinkenden Sonne
+noch in das hochgelegene Gemach und uebergoss wie das weisse Faltengewand so
+das edel geschnittene Profil des Maedchens mit purpurnem Schimmer: es
+spielte auf dem glaenzend schwarzen Haar, das, halb hinter das feine Ohr
+zurueckgestrichen, die edeln Schlaefe zeigte. Und wie dieser Sonnenglanz, so
+schien der Glanz der Poesie die ganze Erscheinung zu umstrahlen, jede
+ihrer Bewegungen zu begleiten und jeden traeumerischen Blick aus diesen
+dunkelblauen Augen, die, in weiches Sinnen versunken, ueber die Stadt und
+das Meer hinschweiften. "Dunkelmeeresblau" hatte diese Augen Piso, der
+Dichter, genannt. -
+
+Wie im halben Traum beruehrten die Finger nur leise, leise die Saiten,
+waehrend von den halbgeoeffneten Lippen, gefluestert mehr als gesungen, eine
+alte, melancholische Weise klang:
+
+ "An Wasserfluessen Babylons
+ Sass weinend Judas Stamm: -
+ Wann koemmt der Tag, da Judas Stamm
+ Nicht mehr zu weinen hat?" -
+
+"Nicht mehr zu weinen hat!" wiederholte sie traeumend und neigte das Haupt
+auf den Arm, der die Harfe auf der Fensterbruestung hielt.
+
+"Sieh hin," sprach der Alte leise, "ist sie nicht lieblich wie die Rose in
+den Gaerten von Saron und die Hindin auf den Bergen von Hiram und ist kein
+Fehl an ihrem Leibe?"
+
+Ehe Jochem antworten konnte, scholl dreimal ein leises Klopfen an der
+schmalen Eisenpforte unten. Miriam fuhr auf aus ihrem Sinnen, strich rasch
+mit der Hand ueber die Augen und eilte die enge Wendeltreppe hinunter.
+
+Jochem trat an das Fenster und sein Gesicht legte sich in grimmige Falten.
+"Ha, der Christ, der gottverfluchte," knirschte er und ballte die Faust.
+"Schon wieder der blonde Gote mit dem unbaendigen Stolz! Vater Isak, ist
+das der Edelhirsch, der dir zu deiner Hindin passt?" - "Sohn, rede nicht
+Hohnwort wider Isak! Du weisst ja, der Juengling hat sein Herz gesetzt auf
+ein Roemermaedchen, seine Seele denkt nicht an die Perle von Juda."
+
+"Aber vielleicht die Perle von Juda an ihn!"
+
+"Mit Dank und Freuden, wie das Lamm denkt des starken Hirten, der es
+entrissen dem Rachen des Wolfs. Hast du vergessen, wie bei der letzten
+Jagd, welche die verdammten Roemer machten auf die Schaetze und Goldhaufen
+von Israel, und als sie niederbrannten die heil'ge Synagoge mit unheiligem
+Feuer, wie da eine Rotte dieser boesen Buben mein armes Kind aufjagte auf
+der Strasse, wie ein Rudel Woelfe das weisse Lamm, und zerrten ihr den
+Schleier vom Haupt und das Busentuch von den Schultern: - wo war da
+Jochem, meiner Muhme Sohn, der sie begleitete? Entflohen war er vor der
+Gefahr mit hurtigen Fuessen und liess die Taube in den Krallen der Geier!"
+
+"Ich bin ein Mann des Friedens," sagte Jochem unbehaglich, "meine Hand
+fuehrt nicht das Schwert der Gewalt."
+
+"Aber Totila fuehrt es, wie einst der Loewe Juda und der Herr ist mit ihm.
+Allein, wie er des Weges kam, sprang er unter die Schar der frechen Raeuber
+und schlug den frechsten mit der Schaerfe des Schwertes und verscheuchte
+die andern, wie der Turmfalk die Kraehen, und huellte sorglich den Schleier
+ueber mein bebendes Kind und stuetzte ihren wankenden Schritt und fuehrte sie
+heim, ungeschaedigt, in die Arme ihres alten Vaters. Das lohne ihm Jehovah
+der Herr mit langem Leben und segne alle Schritte seines Pfades."
+
+"Nun wohl," sagte Jochem, seine Urkunden einsteckend, "ich gehe, diesmal
+fuer lange Zeit. Ich reise ueber das grosse Wasser zu machen ein gross
+Geschaeft."
+
+"Ein gross Geschaeft? Mit wem?"
+
+"Mit Justinianus, dem Kaiser ueber Morgenland. Es ist eingestuerzt ein Stueck
+der grossen Kirche, die er baut der Weisheit des Herrn in der goldnen Stadt
+des Konstantin. Ich hab' entworfen Plan und saubern Grundriss, wieder
+aufzubauen das Gebaeude."
+
+Heftig sprang der Alte auf und stiess seinen Stab auf den Boden: "Wie,
+Jochem, Sohn Rachels, dem Roemer willst du dienen? Dem Kaiser, dessen
+Vorfahren die heilige Zion verbrannt und in Asche gelegt den Tempel des
+Herrn? Und bauen willst du an einem Haus des Unglaubens, du, der Sohn des
+frommen Manasse? Wehe, wehe ueber dich!" - "Was rufest du Wehe und weisst
+nicht warum? Riechst du's dem Goldstueck an, ob es kommt aus der Hand des
+Juden oder des Christen? Wiegt es nicht gleich schwer und glaenzt es nicht
+gleich lieblich?"
+
+"Sohn Manasses, du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon."
+
+"Aber du selbst, dienst du nicht den Unglaeubigen? Seh ich nicht das
+Waechterhorn an der Wand deines Hauses? fuehrst du nicht die Schluessel fuer
+diese Goten und thust ihnen auf und zu die Pforten fuer ihren Ausgang und
+Eingang und huetest die Burg ihrer Staerke?"
+
+"Ja, das thu' ich," sagte der Alte stolz, "und wachen will ich fuer sie
+treulich, Tag und Nacht, wie der Hund fuer den Herrn, und solang Isak Odem
+hat, der Sohn Ruben, soll kein Feind dieses Volkes schreiten durch dies
+Thor. Denn Dank schulden die Kinder Israel ihnen und ihrem grossen Koenig,
+der weise war wie Salomo und wie Gideons war sein Schwert! Dank wie unsre
+Vaeter dem grossen Koenig Cyrus, der sie befreiet hat aus Babylon. Die Roemer
+haben gebrochen den Tempel des Herrn und zerstreut sein Volk ueber das
+Angesicht der Erde. Sie haben uns verspottet und geschlagen und verbrannt
+unsre heiligen Staetten und gepluendert unsre Truhen und verunreinigt unsre
+Haeuser und gezwungen unsre Weiber ueberall in ihren Landen und haben
+geschrieben gegen uns manch grausam Gesetz. Da kam dieser grosse Koenig von
+Mitternacht, dessen Samen Jehova segne, und hat wieder aufgebaut unsre
+Synagogen: und wenn sie die Roemer niederrissen, mussten sie alles wieder
+aufrichten mit eigner Hand und eignem Gelde, und er hat beschuetzt den
+Frieden unsrer Daecher und wer Einen schaedigte aus Israel, der musste es
+buessen, wie wer einen Christen gekraenkt. Er hat uns gelassen unsern Gott
+und unsern Glauben und hat beschirmt unsre Schritte auf den Strassen unsres
+Handels und wir feierten das Passah in Frieden und Freude, wie nicht mehr
+seit den Tagen, da der Tempel noch stand auf den Hoehen von Zion. Und als
+ein Grosser unter den Roemern mir mit Gewalt meine Sarah geraubt, mein Weib,
+liess ihm Koenig Theoderich das stolze Haupt abschlagen noch am selben Tage
+und gab mir wieder mein Weib unversehret. Und das will ich gedenken,
+solange meine Tage dauern und will dienen seinem Volke treu bis zum Tode
+und man soll wieder sagen, weit in allen Landen: treu und dankbar wie ein
+Jude."
+
+"Moegest du nicht Undank ernten von den Goten fuer deinen Dank," sagte
+Jochem, sich zum Gehen ruestend: "mir ist, einmal koemmt die Stunde fuer
+mich, wieder um Miriam zu werben, zum letztenmal. Vielleicht, Vater Isak,
+bist du dann minder stolz." Und er schritt durch Miriams Gemach zur Treppe
+hinaus, wo er Totila begegnete. Mit einer haesslichen Verbeugung und einem
+stechenden Blick drueckte sich der Kleine an dem schlanken Goten vorbei,
+der beim Eintritt in die Tuermerwohnung sich tief buecken musste. Miriam
+folgte ihm auf dem Fuss.
+
+"Dort haengen deine Gaertnerkleider," sagte sie, ohne die langen Wimpern
+aufzuschlagen, "und hier am Fenster hab' ich die Blumen bereit gestellt.
+Sie liebt die weissen Narcissen, sagtest du neulich. Ich habe weisse
+Narcissen besorgt. Sie duften lieblich." Und die melodische Stimme
+schwieg.
+
+"Du bist ein gutes Maedchen, Miriam," sagte Totila, den Helm mit den
+silberweissen Schwanenfluegeln abhebend und auf den Tisch setzend, "wo ist
+dein Vater?" - "Der Segen des Herrn ruhe auf deinen goldnen Locken,"
+sprach der Alte, in das Gemach tretend. - "Gegruesst, treuer Isak!" rief
+Totila, warf den langen, glaenzend weissen Mantel ab, der ihm von den
+Schultern floss, und huellte sich in einen braunen Ueberwurf, den ihm Miriam
+von der Wand reichte. "Ihr guten Leute! Ohne euch und eure verschwiegene
+Treue wuesste ganz Neapolis um mein Geheimnis. Wie kann ich euch danken!" -
+"Dank?" sagte Miriam, schlug die dunkelblauen Augen auf und liess sie
+leuchtend auf ihm ruhen. "Du hast voraus gedankt fuer alle Zeit."
+
+"Nein, Miriam," sagte der Gote, den braunen breitkrempigen Filzhut tief in
+die Stirne ziehend, "ich mein' es herzlich gut mit euch. Sage, Vater Isak,
+wer ist der Kleine, den ich schon oefter hier geseh'n und eben wieder
+begegnet? Mir ist, er hat sein Auge auf Miriam geworfen. Sprich offen,
+wenn es bei ihr nur am Gelde fehlt - ich helfe gern." - "Es fehlt an der
+Liebe, Herr, bei ihr," sagte Isak ruhig. - "Da kann ich freilich nicht
+helfen! Aber wenn sonst ihr Herz gewaehlt - ich moechte gern etwas thun fuer
+meine Miriam." Und er legte freundlich die Hand auf das glaenzende schwarze
+Haar des Maedchens. Nur leise war die Beruehrung. Aber wie vom heissen Blitz
+getroffen fiel Miriam ploetzlich auf die Knie: die Arme ueber dem Busen
+kreuzend, und das schoene Haupt tief nach vorn beugend: wie eine tauschwere
+Blume glitt sie zu den Fuessen Totilas nieder.
+
+Dieser trat bestuerzt einen Schritt zurueck.
+
+Aber im Augenblick war das Maedchen wieder auf: "Verzeih, es war nur eine
+Rose - sie fiel vor deinen Fuss."
+
+Sie legte die Blume auf den Tisch und so gefasst war sie, dass weder ihr
+Vater noch der Juengling des Vorfalls weiter achteten.
+
+"Es dunkelt schon, eile, Herr," sprach sie ruhig und reichte ihm den Korb
+mit den Blumen. - "Ich gehe. Auch Valeria schuldet dir reichen Dank: ich
+habe ihr viel von dir erzaehlt und sie fraegt mich stets nach dir. Sie
+moechte dich lang schon sehen. Nun, vielleicht geht das bald - heut' ist's
+wohl das letztemal, dass ich diese Vermummung brauche."
+
+"Willst du sie entfuehren, die Tochter von Edom?" rief der Alte. "Bring sie
+nur hierher! hier ist sie wohl geborgen."
+
+"Nein," fiel Miriam ein, "nicht hierher, nein, nein!"
+
+"Weshalb nicht, du seltsames Kind?" zuernte der Alte.
+
+"Das ist kein Raum fuer seine Braut - dies Gemach - es braechte ihr kein
+Heil." - "Beruhigt euch," sagte Totila, schon an der Thuere, "offne Werbung
+soll der Heimlichkeit ein Ende machen. Lebt wohl." Und er schritt hinaus.
+Isak nahm den Speer, das Horn und einige Schluessel von der Wand; er
+folgte, ihm zu oeffnen und die Abendrunde laengs allen Pforten des grossen
+Thorbaues zu machen.
+
+Miriam blieb oben allein.
+
+Lange Zeit stand sie unbeweglich mit geschlossenen Augen an derselben
+Stelle. Endlich strich sie mit beiden Haenden ueber Schlaefe und Wangen und
+schlug die Augen auf. Still war's im Gemach; durch das offene Fenster
+glitt der erste Strahl des Mondlichts. Er fiel silbern auf Totilas hellen
+Mantel, der in langen Falten ueber dem Stuhl hing. Rasch flog Miriam auf
+den weissen Schimmer zu und bedeckte den Saum des Mantels mit heissen
+Kuessen. Dann ergriff sie den blinkenden Schwanenhelm, der neben ihr auf
+dem Tische stand, sie umfasste ihn mit beiden Armen und drueckte ihn
+zaertlich an die Brust. Dann hielt sie ihn eine Weile traeumend vor sich
+hin: endlich - sie konnte nicht widerstehen - hob sie ihn rasch auf und
+setzte ihn auf das schoene Haupt: sie zuckte als die Woelbung ihre Stirn
+beruehrte, dann strich sie die schwarzen Flechten aus den Schlaefen und
+drueckte einen Augenblick den harten, kalten Stahl fest mit beiden Haenden
+an die gluehende Stirn. Dann hob sie ihn wieder ab und legte ihn, scheu
+umblickend, auf seinen fruehern Ort zu dem Mantel. Darauf trat sie ans
+Fenster und sah hinaus in die duftige Nacht und das zauberische Mondlicht.
+Ihre Lippen regten sich wie im Gebet: aber die Worte des Gebets klangen
+aus in der alten Weise:
+
+ "An Wasserfluessen Babylons
+ Sass weinend Judas Stamm:
+ Wann koemmt der Tag, der all dein Leid,
+ Du Tochter Zion, stillt?"
+
+
+
+
+ Dreiundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Indessen Miriam schweigend aufsah zu den ersten Sternen, hatte Totilas
+rascher sehnsuchtbefluegelter Schritt alsbald die Villa des reichen
+Purpurhaendlers, die etwa eine Stunde vor dem capuanischen Thor gelegen
+war, erreicht.
+
+Der Thuerstehersklave wies ihn an den alten Hortularius, den Freigelassenen
+Valerias, dem die Sorge fuer die Gaerten ueberlassen war. Dieser, der
+Vertraute der Liebenden, nahm dem Gaertnerburschen die Blumen und Saemereien
+ab, die er angeblich von dem ersten Blumenhaendler von Neapolis brachte,
+und geleitete ihn in sein gewoehnliches Schlafgemach im Erdgeschoss, dessen
+niedrige Fenster in den Garten fuehrten: am andern Morgen noch vor Aufgang
+der Sonne - so wollte es die Geheimlehre der antiken Gaertnerei - muessten
+die Blumen eingesetzt werden, auf dass das erste Sonnenlicht, das sie in
+dem neuen Boden traefe, das segenbringende der Morgensonne sei. -
+
+Ungeduldig erwartete der junge Gote in dem engen Gemach bei einem Kruge
+Weines die Stunde, da sich Valeria von ihrem Vater nach dem gemeinsamen
+Nachtmahl verabschieden konnte.
+
+Immer wieder sah er zum Himmel auf, an dem Auftauchen der Sterne und dem
+Gang des Mondes den Fortschritt der Nacht zu ermessen. Er schlug den
+Vorhang zurueck, der die Fensteroeffnung schloss; stille war's in dem weiten
+Garten. In der Ferne plaetscherte nur leise der Springbrunnen und Zikaden
+zirpten in den Myrtengebueschen: der warme ueppige Suedwind strich in
+schwuelem Hauch durch die Nacht, stossweise ganze Wolken von Wohlgeruechen
+aus Rosenbaeumen auf seinen Fittichen mit sich fuehrend: und weithin aus dem
+Pinienwaeldchen am Ende des Gartens drang lockend und sinnaufregend der
+tiefgezogene heisse Schlag der Nachtigall.
+
+Endlich hielt sich Totila nicht laenger. Geraeuschlos schwang er sich ueber
+die Marmorbruestung des Fensters: kaum knisterte unter seinen raschen
+Schritten der weisse Sand der schmalen Wege, wie er, den Strom des
+Mondlichts meidend, unter dem Schatten der Gebuesche dahin eilte. Vorueber
+an den dunkeln Taxusgaengen und den Lauben von dichten Oliven, vorueber an
+der hohen Statue der Flora, deren weisser Marmor geisterhaft im Mondlicht
+schimmerte, vorueber an dem weiten Becken, wo sechs Delphine den
+Wasserstrahl hoch aus den Nuestern bliesen, rasch eingebogen in den dicht
+verwachsenen Laubweg von Lorbeer und Tamarinden und nun, noch ein
+Oleandergebuesch durchdringend, stand er vor der Grotte aus Tropfstein, in
+der die Quellnymphe ueber einer dunkeln grossen Urne lehnte.
+
+Wie er eintrat, glitt eine weisse Gestalt hinter der Statue hervor.
+
+"Valeria, meine schoene Rose!" rief Totila und umschlang gluehend die
+Geliebte, die leise seinem Ungestuem wehrte. "Lass, lass ab, mein Geliebter,"
+fluesterte sie, sich seinem Arm entziehend. "Nein, du Suesse, ich will nicht
+von dir lassen. Wie lang, wie schmerzlich hab' ich dein entbehrt! Hoerst
+du, wie lockend und wirbelnd die Nachtigall ruft, fuehlst du wie der warme
+Hauch der Sommernacht, der berauschende Duft des Geissblattes Liebe atmet?
+Sie alle mahnen und bedeuten, wir sollen gluecklich sein! O lass sie uns
+festhalten, diese goldnen Stunden. Meine Seele ist nicht weit genug all'
+ihr Glueck zu fassen: all' deine Schoenheit, all' unsre Jugend und diese
+gluehende, bluehende Sommernacht; in maechtigen Wogen rauscht das volle Leben
+durch das Herz und will's vor Wonne sprengen."
+
+"O mein Freund! gern moecht' ich, wie du, aufgehn im Gluecke dieser Stunden.
+Ich kann es nicht. Ich traue nicht diesem berauschenden Duft, der ueppigen
+Schwuele dieser Sommernaechte: sie dauert nicht: sie bruetet Unheil: ich kann
+nicht glauben an das Glueck unsrer Liebe."
+
+"Du liebe Thoerin, warum nicht?"
+
+"Ich weiss es nicht: der unselige Zwiespalt, der all' mein Leben scheidet,
+uebt seinen Fluch auch hier. Gern moechte mein Herz sich trunken, wie du,
+diesem Gluecke hingeben. Aber eine Stimme in mir warnt und mahnt: es dauert
+nicht, - du sollst nicht gluecklich sein."
+
+"So bist du nicht gluecklich in meinen Armen?"
+
+"Ja und nein! das Gefuehl des Unrechts, der Schuld gegen meinen edlen Vater
+lastet auf mir. Sieh, Totila, was mich zumeist an dir beglueckt ist nicht
+diese deine jugendschoene Kraft, selbst deine grosse Liebe nicht. Es ist der
+Stolz meines Herzens auf deine Seele, auf deine offne, lichte, edle Seele.
+Ich habe mich gewoehnt, dich klar und hell wie einen Gott des Lichts durch
+diese dunkle Welt schreiten zu sehen: der edle Mut siegessichrer Kraft,
+der Schwung, die freudige Wahrhaftigkeit deines Wesens ist mein Stolz: dass
+alles Kleine, Dumpfe, Gemeine versinken muss, wo du nahest, das ist mein
+Glueck. Ich liebe dich wie eine Sterbliche den Sonnengott, der ihr in Fuelle
+seines Lichts genaht. Und deshalb kann ich an dir nichts Heimliches,
+Verstecktes dulden. Auch die Wonnen dieser Stunden nicht - sie sind
+erlistet und es kann nicht laenger also sein."
+
+"Nein, Valeria und es soll auch nicht. Ich fuehle ganz wie du. Auch mir ist
+die Luege dieser Mummerei verhasst, ich trage sie nicht laenger. Ich bin
+gekommen, ihr ein Ende zu machen. Morgen, morgen werf ich diese Taeuschung
+ab und spreche zu deinem Vater offen und frei." - "Dieser Entschluss ist
+der beste, denn" -
+
+"Denn er rettet dein Leben, Juengling!" unterbrach ploetzlich eine tiefe
+Stimme und aus dem dunkeln Hintergrund der Grotte trat ein Mann und stiess
+das blanke Schwert in die Scheide.
+
+"Mein Vater!" rief Valeria ueberrascht, doch in mutiger Fassung. Totila
+schlang seinen Arm um sie, sein Kleinod zu verteidigen.
+
+"Hinweg, Valeria, fort von dem Barbaren!" sprach Valerius, befehlend den
+Arm ausstreckend.
+
+"Nein, Valerius," sagte Totila, die Geliebte fester an sich drueckend, "ihr
+Platz ist forthin an dieser Brust."
+
+"Verwegner Gote!"
+
+"Hoere mich, Valerius, und zuerne uns nicht um dieser Taeuschung willen. Du
+hast es selbst gehoert, schon morgen sollte sie enden."
+
+"Zu deinem Glueck hab' ich's gehoert. Gewarnt von dem aeltesten meiner
+Freunde, wollt' ich doch kaum glauben, dass meine Tochter - mich
+hintergeht. Als ich's glauben musste, beschloss ich, dass dein Blut deine
+List bezahlen sollte. Dein Entschluss hat dein Leben gerettet. Jetzt aber
+flieh: du siehst ihr Antlitz niemals wieder." -
+
+Totila wollte heftig erwidern, aber Valeria kam ihm zuvor: "Vater," sprach
+sie ruhig, zwischen die Maenner tretend, "hoere dein Kind. Ich will meine
+Liebe nicht entschuldigen, sie bedarf es nicht, sie ist goettlich und
+notwendig wie die Sterne: die Liebe zu diesem Mann ist das Leben meines
+Lebens.
+
+Du kennst meine Seele: Wahrheit ist ihr Aether und ich sage dir, bei meiner
+Seele: nie werd' ich lassen von diesem Mann!" - "Und niemals ich von ihr,"
+rief Totila und ergriff ihre Rechte.
+
+Hochaufgerichtet stand das junge Paar, vom Licht des Mondes voll
+beleuchtet, vor dem Alten: ihre edlen Zuege und Gestalten trugen im
+Augenblick die Weihe heiliger Begeisterung: und so schoen war die Gruppe,
+dass ein ruehrendes, erweichendes Gefuehl davon sich unwillkuerlich dem
+zuernenden Vater aufdraengte. "Valeria, mein Kind!"
+
+"O mein Vater! Du hast mit einer Liebe und Treue all' meine Schritte
+geleitet, dass ich bisher die Mutter, die verlorne, zwar beklagte, aber
+kaum vermisste. Jetzt, in dieser Stunde vermiss' ich sie zum erstenmal:
+jetzt, ich fuehl' es, beduerfte ich ihrer Fuersprache. O so lass ihr Andenken
+wenigstens fuer mich sprechen. Lass mich dir ihr Bild vor die Seele fuehren
+und dich an den Augenblick erinnern, da dich die Sterbende zum letztenmal
+an ihr Lager rief und dir, wie du mir oft gesagt, mein Glueck auf die Seele
+band als heiligstes Vermaechtnis. -"
+
+Valerius drueckte die linke Hand vor die Stirn; seine Tochter wagte, die
+andre zu fassen, er entzog sie ihr nicht: offenbar rang es gewaltig in des
+Alten Brust. Endlich sprach er: "Valeria, du hast ein maechtig Wort
+gesprochen, ohne es zu wissen. Es waere Unrecht, dir zu verschweigen, was
+du ahnungsvoll beruehrt. Erfahre, was deine Mutter in jener Sterbestunde
+mir auferlegt. Noch immer drueckte ihre Seele jenes Geluebde, das wir doch
+lange abgeloest. "Soll unser Kind nicht die Braut des Himmels werden,"
+sprach sie, "so gelobe mir wenigstens, die Freiheit ihrer Wahl zu ehren.
+Ich weiss wie roemische Maedchen, zumal die Toechter unsres Standes, in die
+Ehe gegeben werden, ungefragt, ohne Liebe: ein solcher Bund ist ein Elend
+auf Erden und ein Greuel vor dem Herrn. Meine Valeria wird edel waehlen -
+gelobe mir, sie dem Mann ihrer Wahl anzuvertrauen und keinem sonst."
+
+Und ich gelobte es in ihre bebende Hand. - Aber mein Kind einem Barbaren
+geben, einem Feind Italiens, nein, nein!" Und mit heftiger Armbewegung riss
+er sich von ihr los.
+
+"Ich bin vielleicht so gar barbarisch nicht, Valerius," hob Totila an.
+"Wenigstens bin ich in meinem ganzen Volk der waermste Freund der Roemer.
+Glaube mir, nicht euch hasse ich: die ich verabscheue, sind eure wie unsre
+verderblichsten Feinde - die Byzantiner!"
+
+Das war ein glueckliches Wort. Denn in dem Herzen des alten Republikaners
+war der Hass gegen Byzanz die Kehrseite seiner Liebe zur Freiheit und zu
+Italien. Er schwieg, aber sein Auge ruhte sinnend auf dem Juengling.
+
+"Mein Vater," sprach Valeria, "dein Kind wuerde keinen Barbaren lieben.
+Lern' ihn kennen: und schiltst du ihn dann noch barbarisch - so will ich
+nie die Seine werden. Ich fordre nichts von dir als: lern' ihn kennen:
+entscheide du selbst, ob meine Wahl edel sei oder nicht.
+
+Ihn lieben alle Goetter und alle Menschen muessen ihm gut sein - du allein
+wirst ihn nicht verwerfen."
+
+Und sie fasste seine Hand.
+
+"O lerne mich kennen, Valerius," bat Totila, innig seine andre Hand
+ergreifend. Der Alte seufzte. Endlich sprach er: "Kommt mit mir zum Grabe
+der Mutter. Dort ragt es unter den Cypressen. Da ruht die Urne mit ihrem
+Herzen. Dort lasst uns ihrer gedenken, der edelsten Frau, und ihren
+Schatten anrufen. Und ist es echte Liebe und eine edle Wahl - so werd' ich
+erfuellen, was ich gelobt."
+
+
+
+
+ Vierundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Einige Wochen spaeter finden wir zu Rom in dem uns wohl erinnerlichen
+Schreibgemach mit der Caesarstatue Cethegus, den Praefekten und unsern neuen
+Bekannten, Petros, des Kaisers oder vielmehr der Kaiserin Gesandten.
+
+Die beiden Maenner hatten unter lebhaftem Gespraech und wechselseitigem
+Erinnern an fruehere Zeiten, - sie waren Studiengenossen, wie wir erfuhren,
+- zu einfachem Mahl einen Krug alten Massikers geleert und waren soeben
+aus dem Speisesaal in das abgelegene Arbeitszimmer getreten, um jetzt
+ungestoert von den bedienenden Sklaven Geheimeres zu bereden.
+
+"Sobald ich mich ueberzeugt hatte," schloss Cethegus seinen Bericht ueber die
+letzten Ereignisse "dass die Schreckensnachrichten aus Ravenna nur erst
+Geruechte waren, vielleicht erdichtet, jedenfalls uebertrieben, setzte ich
+der Aufregung und dem Eifer meiner Freunde die groesste Ruhe entgegen. Der
+Feuerkopf Lucius Licinius mit seiner thoerichten Begeisterung fuer mich
+haette bald alles verdorben. Unablaessig forderte er meine Dictatur,
+buchstaeblich setzte er mir das Schwert auf die Brust und schrie, man muesse
+mich zwingen, das Vaterland zu retten. Er schwatzte so viel aus der
+Schule, dass es nur ein Glueck war, der schwarze Korse - der es mit den
+Barbaren zu halten scheint, niemand weiss recht warum - nahm ihn fuer mehr
+berauscht als er war. Endlich kam die Nachricht, Amalaswintha sei
+zurueckgekehrt, und so beruhigte sich allmaehlich Volk und Senat."
+
+"Du aber," sagte Petros, "hattest zum zweitenmal Rom vor der Rache der
+Barbaren gerettet - ein unvergessliches Verdienst, das dir die ganze Welt,
+zunaechst aber die Regentin, danken muss." - "Die Regentin - arme Frau!"
+meinte Cethegus achselzuckend, "wer weiss wie lange die Goten oder deine
+Gebieter zu Byzanz, sie noch werden auf dem Throne lassen." - "Wie? da
+irrst du sehr!" fiel Petros eifrig ein. "Meine Sendung hat vor allem den
+Zweck, ihren Thron zu stuetzen; und bei dir wollte ich eben anfragen, wie
+man das am besten koenne," setzte er pfiffig hinzu.
+
+Aber der Praefekt lehnte sein Haupt zurueck an die Marmorwand und sah den
+Gesandten laechelnd an: "O Petros, o Petre," sagte er, "warum so verdeckt?
+Ich daechte doch, wir kennten uns besser."
+
+"Was meinst du?" fragte der Byzantiner befangen.
+
+"Ich meine, dass wir nicht umsonst Recht und Geschichte miteinander
+studiert haben zu Berytus und Athen. Ich meine, dass wir damals schon
+unzaehlige Male als Juenglinge, lustwandelnd und Weisheit austauschend, zu
+dem Ergebnis gelangten: der Kaiser muesse diese Barbaren austreiben aus
+Italien und wieder zu Rom herrschen wie zu Byzanz. Und da nun ich noch
+denke wie dazumal, wirst wohl auch du nicht ein andrer geworden sein." -
+"Ich habe meine Ansicht der meines Herrn zu unterwerfen und Justinian" -
+"Erglueht natuerlich fuer die Herrschaft der Barbaren in Italien." -
+"Freilich," sagte der Rhetor verlegen, "es koennten Faelle eintreten -"
+
+"Petre," rief jetzt Cethegus, sich unwillig aufrichtend, "keine Phrasen
+und keine Luegen. Sie sind nicht angewandt bei mir. Sieh, Petros, es ist
+wieder dein alter Fehler: du bist immer zu pfiffig, um klug zu sein: du
+meinst, es muss immer gelogen sein und hast nie den Mut zur Wahrheit. Man
+muss aber nur dann luegen, wenn man in seiner Luege ganz sicher ist. Wie
+kannst du mich darueber taeuschen wollen, dass der Kaiser Italien wieder
+haben will? Ob er die Regentin stuerzen oder halten will, haengt davon ab,
+ob er glaubt ohne oder mit ihr leichter ans Ziel zu kommen. Wie er
+hierueber denkt, das soll ich nicht erfahren. Aber sieh', trotz all' deiner
+Verschmitztheit, sobald wir noch einmal zusammengewesen, sag' ich dir ins
+Gesicht, was dein Kaiser hierin vor hat."
+
+Ein boshaftes und bittres Laecheln spielte um des Gesandten Mund: "Noch
+immer so stolz, wie in der Dialektik zu Athen," sagte er giftig. - "Jawohl
+und du weisst, zu Athen war ich immer der Erste, Prokopius der Zweite und
+erst der Dritte warst du."
+
+Da trat Syphax ein:
+
+"Eine verhuellte Frau, o Herr," meldete er, "sie wartet dein im Zeussaal."
+
+Sehr froh, diese Unterredung abgebrochen zu sehen, denn er fuehlte sich dem
+Praefekten nicht gewachsen, grinste Petros: "Nun, ich wuensche Glueck zu
+solcher Stoerung."
+
+"Ja, dir!" laechelte Cethegus und ging hinaus.
+
+"Hochmuetiger, du sollst noch deinen Spott bereuen," dachte der Byzantiner.
+
+Cethegus fand in dem Saale, der von einer schoenen Zeusstatue des Glykon
+von Athen den Namen trug, eine in gotischer Tracht reich gekleidete Frau;
+sie schlug bei seinem Eintritt die Kapuze des braunen Mantels zurueck.
+
+"Fuerstin Gothelindis," fragte der Praefekt ueberrascht, "was fuehrt dich zu
+mir?"
+
+"Die Rache!" erwiderte eine heisere, unschoene Stimme und die Gotin trat
+dicht an ihn heran. Sie zeigte scharfe, aber nicht haessliche Zuege, und man
+haette sie sogar schoen nennen muessen, wenn nicht das linke Auge
+ausgeflossen und die ganze linke Wange durch eine grosse Narbe entstellt
+gewesen waere: diese Wunde schien jetzt frisch zu bluten, da dem
+leidenschaftlichen Weibe die Roete in die Wangen schoss, wie sie bei jenem
+Wort die Faust ballte. So toedlicher Hass loderte aus dem einen grauen Auge,
+dass Cethegus unwillkuerlich von ihr zuruecktrat.
+
+"Rache?" fragte er, "an wem?"
+
+"An - davon spaeter. Vergieb," sagte sie, sich fassend, "dass ich euch
+stoere.
+
+Dein Freund Petros, der Rhetor von Byzanz, ist bei dir, nicht wahr?"
+
+"Ja. Woher weisst du -"
+
+"O, ich sah ihn vor der Coena durch deine Portikus eintreten," sagte sie
+gleichgueltig.
+
+"Das ist nicht wahr," sprach Cethegus im Geiste: "ich hab' ihn ja zur
+Gartenthuer hereinfuehren lassen. Also haben sich die beiden hier
+zusammenbestellt. Ich soll das nicht ahnen. Aber was haben sie mit mir
+vor?"
+
+"Ich will dich nicht lange hier festhalten," fuhr Gothelindis fort. "Ich
+habe nur Eine Frage an dich. Antworte kurz ja oder nein. Ich kann das Weib
+- die Tochter Theoderichs - stuerzen und ich will's: bist du darin fuer mich
+oder gegen mich?"
+
+"O, Freund Petros," dachte der Praefekt, "jetzt weiss ich bereits, was du
+mit Amalaswinthen vorhast. Aber wir wollen sehen, wie weit ihr schon
+seid."
+
+"Gothelindis," hob er ausholend an, "du willst die Regentin stuerzen - das
+glaub' ich dir gern - aber dass du's kannst, bezweifle ich."
+
+"Hoere, dann entscheide ob ich's kann. Das Weib hat die drei Herzoge
+ermorden lassen."
+
+Cethegus zuckte die Achseln: "Das glauben manche Leute."
+
+"Aber ich kann es beweisen."
+
+"Das waere," meinte Cethegus unglaeubig. "Herzog Thulun, wie du weisst, starb
+nicht sofort. Er ward auf der aemilischen Strasse ueberfallen, nahe bei
+meiner Villa zu Tannetum: meine Colonen fanden ihn und brachten ihn in
+mein Haus. Du weisst, er war mein Vetter - ich bin aus dem Hause der Balten
+- er verschied in meinen Armen."
+
+"Nun, und was sagte der Kranke im Wundfieber?"
+
+"Nichts Wundfieber! Herzog Thulun traf noch im Stuerzen den Moerder mit dem
+Schwert: er entkam nicht weit; meine Colonen suchten ihn und fanden ihn
+sterbend im naechsten Walde: er hat mir alles gestanden."
+
+Cethegus drueckte nur unmerklich die Lippen zusammen. "Nun, was war er? was
+hat er ausgesagt."
+
+"Er war," sprach Gothelindis scharf, "ein isaurischer Soeldner, ein
+Aufseher der Schanzarbeiten zu Rom und sagte aus: Cethegus, der Praefekt,
+hat mich zur Regentin, die Regentin zu Herzog Thulun gesendet."
+
+"Wer hoerte dies Gestaendnis ausser dir?" fragte Cethegus lauernd.
+
+"Niemand. Und niemand soll davon hoeren, wenn du zu mir stehest. Wenn aber
+nicht, dann -"
+
+"Gothelindis," unterbrach der Praefekt, "keine Drohung: sie nuetzt dir
+nichts. Du solltest einsehn, dass du mich dadurch nur erbittern, nicht
+zwingen kannst. Ich lasse es im Notfall zur offnen Anklage kommen: du bist
+als grimmige Feindin Amalaswinthens bekannt: dein Zeugnis allein - du
+warst unvorsichtig genug, zu gestehen, dass niemand sonst das Gestaendnis
+gehoert - wird weder sie noch mich verderben. Zwingen kannst du mich zum
+Kampfe gegen die Regentin nicht: hoechstens ueberreden, wenn du mir's als
+meinen eignen Vorteil darstellen kannst. Und dazu will ich selbst dir
+einen Verbuendeten schaffen. Du kennst doch Petros, meinen Freund?"
+
+"Genau, seit lange."
+
+"Erlaube, dass ich ihn zu dieser Unterredung herbeihole."
+
+Er ging in das Studierzimmer zurueck. "Petros, mein Besuch ist die Fuerstin
+Gothelindis, Theodahads Gemahlin. Sie wuenscht uns beide zu sprechen.
+Kennst du sie?"
+
+"Ich? o nein; ich habe sie nie gesehen!" sagte der Rhetor rasch.
+
+"Gut; folge mir." Sowie sie in den Saal des Zeus traten, rief Gothelindis
+ihm entgegen:
+
+"Gegruesst, alter Freund, welch ueberraschend Wiedersehn."
+
+Petros verstummte.
+
+Cethegus, die Haende auf den Ruecken gelegt, weidete sich an der Bestuerzung
+des Diplomaten von Byzanz. Nach einer peinlichen Pause hob er an: "Du
+siehst, Petros, immer zu pfiffig, immer unnoetige Feinheiten. Aber komm,
+lass dich eine entdeckte List mehr nicht so niederschlagen. Ihr beide habt
+euch also verbunden, die Regentin zu stuerzen. Mich wollt ihr gewinnen,
+euch dabei zu helfen. Dazu muss ich genau wissen, was ihr weiter vorhabt.
+Wen wollt ihr auf Amalaswinthens Thron setzen? Denn noch ist der Weg fuer
+Justinian nicht frei."
+
+Beide schwiegen eine Weile. Es ueberraschte sie sein klares Durchschauen
+der Lage. Endlich sprach Gothelindis: "Theodahad, meinen Gemahl, den
+letzten der Amelungen."
+
+"Theodahad, den letzten der Amelungen," wiederholte Cethegus langsam.
+Indessen ueberlegte er alle Gruende fuer und wider. Er bedachte, dass
+Theodahad, unbeliebt bei den Goten, durch Petros erhoben, bald ganz in der
+Hand der Byzantiner stehen und die Katastrophe durch Herbeirufung des
+Kaisers anders, frueher als Er wollte, herbeifuehren wuerde.
+
+Er bedachte, dass er jedenfalls die Heere der Ostroemer moeglichst lange
+fernhalten muesse und er beschloss bei sich, die gegenwaertige Lage und
+Amalaswintha aufrecht zu halten, da sie ihm Zeit zu seinen Vorbereitungen
+liessen. All' das hatte er im Augenblick gedacht, erwogen, beschlossen.
+"Und wie wollt ihr nun eure Sache angehn?" fragte er ruhig.
+
+"Wir werden das Weib auffordern, zu Gunsten meines Gatten abzudanken,
+unter Androhung, sie des Mordes anzuklagen."
+
+"Und wenn sie's darauf wagt?"
+
+"So vollfuehren wir die Drohung," sagte Petros, "und erregen unter den
+Goten einen Sturm, der ihr -"
+
+"Das Leben kostet," rief Gothelindis.
+
+"Vielleicht die Krone kostet," sagte Cethegus. "Aber gewiss sie nicht
+Theodahad zuwendet.
+
+Nein, wenn die Goten einen Koenig waehlen, heisst er nicht Theodahad."
+
+"Nur zu wahr!" knirschte Gothelindis.
+
+"Dann koennte leicht ein Koenig kommen, der uns allen viel unerfreulicher
+waere als Amalaswintha. Und deshalb sag' ich euch offen: ich bin nicht fuer
+euch, ich halte die Regentin."
+
+"Wohlan," rief Gothelindis grimmig, sich zur Thuere wendend, "also Kampf
+zwischen uns, komm, Petros."
+
+"Gemach, ihr Freunde," sprach der Byzantiner.
+
+"Vielleicht aendert Cethegus seinen Sinn, wenn er dies Blatt gelesen."
+
+Und er reichte dem Praefekten jenen Brief, den Alexandros von Amalaswintha
+an Justinian ueberbracht.
+
+Cethegus las: seine Zuege verfinsterten sich.
+
+"Nun," meinte Petros hoehnisch, "willst du noch die Koenigin stuetzen, die
+dich dem Untergang geweiht? Wo warst du, wenn sie ihren Plan durchfuehrte
+und deine Freunde nicht fuer dich wachten."
+
+Cethegus hoerte ihn kaum. "Armseliger," dachte er, "als ob es das waere! Als
+ob die Regentin daran nicht ganz recht haette. Als ob ich ihr das verargen
+koennte! Aber die Unvorsichtige hat bereits gethan, was ich von Theodahad
+erst fuerchtete: sie hat sich selbst vernichtet und all' meine Plaene
+bedroht: sie hat die Byzantiner schon ins Land gerufen und sie werden
+jetzt kommen, ob sie noch will oder nicht. Solange Amalaswintha Koenigin,
+wird Justinian ihren Beschuetzer spielen." Und nun wandte er sich scheinbar
+in grosser Bestuerzung an den Gesandten, den Brief zurueckgebend: "Und wenn
+sie ihren Entschluss durchfuehrte, wenn sie auf dem Thron bliebe - bis wann
+koennen eure Heere landen?"
+
+"Belisar ist schon auf dem Wege nach Sicilien," sagte Petros, stolz
+darauf, den Hochmuetigen eingeschuechtert zu haben, "in einer Woche kann er
+vor Rom liegen."
+
+"Unerhoert," rief Cethegus in unverstellter Bewegung.
+
+"Du siehst," sprach Gothelindis, welcher Petros inzwischen den Brief
+gereicht, "die du halten wolltest, will dich verderben. Komm ihr zuvor."
+
+"Und im Namen des Kaisers, meines Herrn, ford're ich dich auf, mir
+beizustehn, dies Gotenreich zu vernichten und Italien seiner Freiheit
+wiederzugeben. Man weiss am Kaiserhof dich und deinen Geist zu schaetzen und
+nach dem Siege verheisst dir Justinian: - die Wuerde eines Senators zu
+Byzanz."
+
+"Ist's moeglich!" rief Cethegus. "Aber nicht einmal diese hoechste Ehre
+treibt mich dringender in euren Bund als die Entruestung ueber die
+Undankbare, die zum Lohn fuer meine Dienste mein Leben bedroht. - Du bist
+doch gewiss," fragte er aengstlich, "dass Belisar noch nicht sobald landen
+wird?"
+
+"Beruhige dich," laechelte Petros, "diese meine Hand ist's, die ihn
+herbeiwinkt, wann es Zeit. Erst muss Amalaswintha durch Theodahad ersetzt
+sein."
+
+"Gut," dachte Cethegus, "Zeit gewonnen, alles gewonnen. Und nicht eher
+soll der Byzantiner landen, bis ich ihn an der Spitze des bewaffneten
+Italiens empfangen kann." "Ich bin der eure," sprach er, "und ich denke,
+ich werde die Regentin dahin bringen, deinem Gatten mit eigner Hand die
+Krone aufs Haupt zu setzen. Amalaswintha soll dem Scepter entsagen."
+
+"Nie thut sie das!" rief Gothelindis.
+
+"Vielleicht doch! Ihr Edelmut ist noch groesser als ihr Herrscherstolz. Man
+kann seine Feinde auch durch ihre Tugenden verderben," sagte Cethegus
+nachsinnend. "Ich bin meiner Sache gewiss und ich gruesse dich, Koenigin der
+Goten!" schloss er mit leichter Verbeugung.
+
+
+
+
+ Fuenfundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Die Regentin Amalaswintha stand in der Zeit nach der Beseitigung der drei
+Herzoge in einer abwartenden Haltung.
+
+Hatte sie durch den Fall der Haeupter des ihr feindlichen Adels etwas mehr
+freie Hand gewonnen, so stand doch die Volksversammlung zu Regeta bei Rom
+in naher Aussicht, in der sie sich von dem Verdacht des Mordes voellig
+reinigen oder die Krone, vielleicht das Leben, lassen musste. Nur bis dahin
+hatten ihr Witichis und die Seinen ihren Schutz zugesagt. Sie spannte
+deshalb ihre Kraefte an, ihre Stellung bis zu jener Entscheidung nach allen
+Seiten zu befestigen.
+
+Von Cethegus hoffte sie nichts mehr: sie hatte seine kalte Selbstsucht
+durchschaut; doch vertraute sie, dass die Italier und die Verschwornen in
+den Katakomben, an deren Spitze ja ihr Name stand, ihre roemerfreundliche
+Herrschaft einem aus der rauhen Gotenpartei hervorgegangenen Koenig
+vorziehen wuerden. Sehnlich wuenschte sie das Eintreffen der vom Kaiser
+erbetenen Leibwache herbei um fuer den ersten Augenblick der Gefahr eine
+Stuetze zu haben: und eifrig war sie bemueht, unter den Goten selbst die
+Zahl ihrer Freunde zu vermehren.
+
+Sie berief mehrere der alten Gefolgsleute ihres Vaters, eifrige Anhaenger
+des Hauses der Amaler, greise Helden von grossem Namen im Volk,
+Waffenbrueder und beinahe Jugendgenossen des alten Hildebrand, zu sich nach
+Ravenna, besonders den weissbaertigen Grippa, den Mundschenk Theoderichs,
+der dem Waffenmeister an Ruhm und Ansehn kaum nachstand: sie ueberhaeufte
+ihn und die andern Gefolgen mit Ehren, uebertrug Grippa und seinen Freunden
+das Kastell von Ravenna und liess sie schwoeren, diese Feste dem Geschlecht
+der Amaler sicher zu erhalten.
+
+Wenn die Verbindung mit diesen volkbeliebten Namen eine Art von
+Gegengewicht wider Hildebrand, Witichis und ihre Freunde schaffen sollte,
+- und Witichis konnte die Auszeichnung der Freunde Theoderichs nicht als
+staatsgefaehrlich verhindern - so sah sich die Koenigin auch gegen die
+Adelspartei der Balten und ihrer Blutraecher nach einer Stuetze um. Sie
+erkannte diese mit scharfem Blick in dem edeln Hause der Woelsungen, nach
+den Amalern und Balten der dritthoechsten Adelssippe unter den Goten, reich
+beguetert und einflussreich in dem mittleren Italien, deren Haeupter dermalen
+zwei Brueder, Herzog Guntharis und Graf Arahad, waren. Diese zu gewinnen,
+hatte sie ein besonders wirksames Mittel ersonnen: sie bot fuer die
+Freundschaft der Woelsungen keinen geringern Preis als die Hand ihrer
+schoenen Tochter. -
+
+Zu Ravenna in einem reich geschmueckten Gemach standen Mutter und Tochter
+in ernstem, aber nicht vertraulichem Gespraech hierueber.
+
+Mit hastigen Schritten, fremd ihrer sonstigen Ruhe, durchmass die
+junonische Gestalt der Regentin den schmalen Raum, manchmal mit einem
+zornigen Blick das herrliche Geschoepf messend, welches ruhig und gesenkten
+Auges vor ihr stand, die linke Hand in die Huefte, die Rechte auf die
+Platte des Marmortisches gestuetzt.
+
+"Besinne dich wohl," rief Amalaswintha heftig, ploetzlich stehen bleibend,
+"besinne dich anders. Ich gebe dir noch drei Tage Bedenkzeit."
+
+"Das ist umsonst: ich werde immer sprechen wie heute," sagte Mataswintha,
+die Augen nicht erhebend.
+
+"So sage nur, was du an Graf Arahad auszusetzen hast."
+
+"Nichts, als dass ich ihn nicht liebe."
+
+Die Koenigin schien dies gar nicht zu hoeren. "Es ist doch in diesem Fall
+ganz anders als damals, da du mit Cyprianus vermaehlt werden solltest. Er
+war alt und - was in deinen Augen vielleicht ein Nachteil" - fuegte sie
+bitter hinzu - "ein Roemer!"
+
+"Und doch ward ich um meiner Weigerung willen nach Tarentum verbannt."
+
+"Ich hoffte, Strenge wuerde dich heilen. Mondelang halt' ich dich ferne von
+meinem Hof, von meinem Mutterherzen" -
+
+Mataswintha verzog die schoene Lippe zu einem herben Laecheln.
+
+"Umsonst! ich rufe dich zurueck" -
+
+"Du irrst. Mein Bruder Athalarich hat mich zurueckgerufen."
+
+"Ein andrer Freier wird dir vorgeschlagen. Jung, bluehend schoen, ein Gote
+von edelstem Adel, sein Haus jetzt das zweite im Reich. Du weisst, du ahnst
+wenigstens, wie sehr mein rings bedraengter Thron der Stuetze bedarf: er und
+sein kriegsgewalt'ger Bruder verheissen uns die Hilfe ihrer ganzen Macht:
+Graf Arahad liebt dich und du - du schlaegst ihn aus! Warum? Sage warum?"
+
+"Weil ich ihn nicht liebe."
+
+"Albernes Maedchengerede. Du bist eine Koenigstochter - du hast dich deinem
+Hause, deinem Reiche zu opfern."
+
+"Ich bin ein Weib," sagte Mataswintha, die blitzenden Augen aufschlagend,
+"und opfre mein Herz keiner Macht im Himmel und auf Erden." -
+
+"Und so spricht meine Tochter! Sieh auf mich, thoerichtes Kind. Grosses hab'
+ich erstrebt und erreicht. Solange Menschen das Hohe bewundern, werden sie
+meinen Namen nennen. Ich habe alles gewonnen was das Leben Herrlichstes
+bietet und doch hab' ich -"
+
+"Nie geliebt. Ich weiss es," seufzte ihre Tochter.
+
+"Du weisst es?"
+
+"Ja, es war der Fluch meiner Kindheit. Wohl war ich noch ein Kind, als
+mein geliebter Vater starb: ich wusste es nicht zu sagen, aber ich konnte
+es empfinden, damals schon, dass seinem Herzen etwas fehle, wenn er
+seufzend, mit schmerzlicher Liebe, Athalarich und mich umfing und kuesste
+und wieder seufzte.
+
+Und ich liebte ihn darum desto inniger, dass ich fuehlte, er suchte Liebe,
+die ihm fehlte. Jetzt freilich weiss ich laengst, was mich damals
+unerklaerlich peinigte: du wardst unseres Vaters Weib, weil er nach
+Theoderich der naechste am Thron: aus Herrschsucht, nicht aus Liebe, wardst
+du sein und nur kalten Stolz hattest du fuer sein warmes Herz."
+
+Ueberrascht blieb Amalaswintha stehen: "Du bist sehr kuehn."
+
+"Ich bin deine Tochter."
+
+"Du redest von der Liebe so vertraut - du kennst sie besser scheint's mit
+zwanzig als ich mit vierzig Jahren - du liebst!" rief sie schnell, "und
+daher dieser Starrsinn."
+
+Mataswintha erroetete und schwieg.
+
+"Rede," rief die erzuernte Mutter, "gesteh' es oder leugne!"
+
+Mataswintha senkte die Augen und schwieg: nie war sie so schoen gewesen.
+
+"Willst du die Wahrheit verleugnen? Bist du feige, Amelungentochter?"
+
+Stolz schlug das Maedchen die Augen auf:
+
+"Ich bin nicht feige und ich verleugne die Wahrheit nicht. Ja, ich liebe."
+
+"Und wen, Unselige?"
+
+"Das wird mir kein Gott entreissen."
+
+Und so entschieden sah sie dabei aus, dass Amalaswintha keinen Versuch
+machte, es zu erfahren.
+
+"Wohlan," sagte sie, "meine Tochter ist kein gewoehnlich Wesen. So fordere
+ich das Ungewoehnliche von dir: dein alles dem Hoechsten zu opfern."
+
+"Ja, Mutter, ich trage im Herzen einen hohen Traum. Er ist mein Hoechstes.
+Ihm will ich alles opfern."
+
+"Mataswintha," sprach die Regentin, "wie unkoeniglich! Sieh, dich hat Gott
+vor Tausenden gesegnet an Herrlichkeit des Leibes und der Seele: du bist
+zur Koenigin geboren."
+
+"Eine Koenigin der Liebe will ich werden. Sie preisen mich alle um meine
+Weibesschoenheit: wohlan: ich hab' mir's vorgesteckt, liebend und geliebt,
+beglueckend und beglueckt, ein Weib zu sein."
+
+"Ein Weib! ist das dein ganzer Ehrgeiz!"
+
+"Mein ganzer. O waer' es auch der deine gewesen!"
+
+"Und der Enkelin Theoderichs gilt das Reich und die Krone nichts? Und
+nichts dein Volk, die Goten?"
+
+"Nein, Mutter," sagte Mataswintha ernst: "es schmerzt mich beinahe, es
+beschaemt mich: aber ich kann mich nicht zwingen zu dem, was ich nicht
+fuehle: ich empfinde nichts bei dem Worte "Goten": vielleicht ist es nicht
+meine Schuld: du hast von jeher diese Goten verachtet, diese Barbaren
+gering geschaetzt: das waren die ersten Eindruecke: sie sind geblieben. Und
+ich hasse diese Krone, dieses Gotenreich: es hat in deiner Brust dem
+Vater, dem Bruder, mir den Platz fortgenommen. Diese Gotenkrone, nichts
+ist sie mir von je gewesen und geblieben als eine verhasste, feindliche
+Macht."
+
+"O mein Kind, weh' mir, wenn ich das verschuldet haette! Und thust du's
+nicht um des Reiches, o thu's um meinetwillen. Ich bin so gut wie verloren
+ohne die Woelsungen. Thu's um meiner Liebe willen."
+
+Und sie fasste ihre Hand. -
+
+Mataswintha entzog sie mit bittrem Laecheln: "Mutter, entweihe den hoechsten
+Namen nicht. Deine Liebe! Du hast mich nie geliebt. Nicht mich, nicht den
+Bruder, nicht den Vater."
+
+"Mein Kind! Was haett' ich geliebt, wenn nicht euch!"
+
+"Die Krone, Mutter, und diese verhasste Herrschaft. Wie oft hast du mich
+von dir gestossen vor Athalarichs Geburt, weil ich ein Maedchen war und du
+einen Thronerben wolltest. Denke an meines Vaters Grab und an -"
+
+"Lass ab," winkte Amalaswintha.
+
+"Und Athalarich? Hast du ihn geliebt, oder vielmehr sein Recht auf den
+Thron? O wie oft haben wir armen Kinder geweint, wenn wir die Mutter
+suchten und die Koenigin fanden."
+
+"Du hast mir nie geklagt. Erst jetzt, da du mir Opfer bringen sollst."
+
+"Mutter, es gilt ja auch jetzt nicht dir, nur deiner Krone, deiner
+Herrschaft. Leg' diese Krone ab und du bist aller Sorgen frei. Die Krone
+hat dir und uns allen kein Glueck, nur Schmerzen gebracht. Nicht du bist
+bedroht: dir wollt' ich alles opfern - nur dein Thron, nur der goldne Reif
+des Gotenreichs, der Goetze deines Herzens, der Fluch meines Lebens: nie
+werd' ich dieser Krone meine Liebe opfern, nie, nie, nie!"
+
+Und sie kreuzte die weissen Arme ueber ihrer Brust, als wollte sie die Liebe
+darin beschirmen.
+
+"Ah," sagte die Koenigin zuernend, "selbstisches, herzloses Kind! Du
+gestehst, dass du kein Herz hast fuer dein Volk, fuer die Krone deiner grossen
+Ahnen - du gehorchst nicht freiwillig der Stimme der Ehre, des Ruhmes
+deines Hauses - wohlan, so gehorche dem Zwang. Du sprichst mir die Liebe
+ab, so erfahre meine Strenge. Zur Stunde verlaesst du mit deinem Gefolge
+Ravenna.
+
+Du gehst als Gast nach Florentia in das Haus des Herzogs Guntharis: seine
+Gattin hat dich geladen. Graf Arahad wird deine Reise begleiten. Verlass
+mich. Die Zeit wird dich beugen."
+
+"Mich?" sprach Mataswintha, sich hoch aufrichtend: "keine Ewigkeit!"
+
+Schweigend blickte ihr die Koenigin nach: die Anklagen der Tochter hatten
+einen maechtigeren Eindruck auf sie gemacht als sie zeigen wollte.
+"Herrschsucht?" sagte sie zu sich selbst. "Nein, das ist es nicht, was
+mich erfuellt. Ich fuehlte, dass ich dies Reich schirmen und begluecken
+konnte, darum liebte ich die Krone. Und gewiss, ich koennte, wie mein Leben,
+so meine Krone opfern, verlangte es das Heil meines Volks. Koenntest du
+das, Amalaswintha?" fragte sie sich, zweifelnd die Linke auf die Brust
+legend.
+
+Sie ward aus ihrem Sinnen geweckt durch Cassiodor, der langsam und
+gesenkten Hauptes eintrat.
+
+"Nun," rief Amalaswintha, erschreckt von dem Ausdruck seiner Zuege,
+"bringst du ein Unglueck?"
+
+"Nein, nur eine Frage."
+
+"Welche Frage?"
+
+"Koenigin," hob der Alte feierlich an, "ich habe deinem Vater und dir
+dreissig Jahre lang gedient, treu und eifrig, ein Roemer den Barbaren, weil
+ich eure Tugenden ehrte und weil ich glaubte, Italien, der Freiheit nicht
+mehr faehig, sei unter eurer Herrschaft am sichersten geborgen: denn eure
+Herrschaft war gerecht und mild. Ich habe fort gedient, obwohl ich meiner
+Freunde, Boethius und Symmachus, Blut fliessen sah, wie ich glaube,
+unschuldig Blut: aber sie starben durch offnes Gericht, nicht durch Mord.
+Ich musste deinen Vater ehren, auch wo ich ihn nicht loben konnte. Jetzt
+aber -"
+
+"Nun, jetzt aber?" fragte die Koenigin stolz.
+
+"Jetzt komme ich, von meiner vieljaehrigen Freundin, ich darf sagen, meiner
+Schuelerin -"
+
+"Du darfst es sagen," sprach Amalaswintha weicher.
+
+"Von des grossen Theoderich edler Tochter ein einfach schlichtes Wort, ein
+Ja zu erbitten. Kannst du dies Ja sprechen - ich flehe zu Gott, dass du es
+koennest - so will ich dir dienen treu wie je, solang es dieses greise
+Haupt vermag."
+
+"Und kann ich's nicht?"
+
+"Und koenntest du es nicht, o Koenigin," rief der Alte schmerzlich, "o dann
+Lebewohl dir und meiner letzten Freude an dieser Welt."
+
+"Und was hast du zu fragen?"
+
+"Amalaswintha, du weisst ich war fern an der Nordgrenze des Reichs, als
+hier der Aufstand losbrach, als jene furchtbare Kunde, jene furchtbare
+Anklage sich erhob. Ich glaubte nichts - ich flog hierher von Tridentum. -
+Seit zwei Tagen bin ich hier und keine Stunde vergeht, keinen Goten
+spreche ich, ohne dass die schwere Klage mir schwerer aufs Herz faellt. Und
+auch du bist verwandelt, ungleich, unstet, unruhig - und doch will ich's
+nicht glauben. - Ein treues Wort von dir soll all' diese Nebel
+zerstreuen."
+
+"Wozu die vielen Reden," rief sie, auf die Armlehne des Thrones sich
+stuetzend, "sage kurz, was hast du zu fragen?"
+
+"Sprich nur ein schlichtes Ja: bist du schuldlos an dem Tode der drei
+Herzoge?"
+
+"Und wenn ich es nicht waere, - haben sie nicht reichlich den Tod
+verdient?"
+
+"Amalaswintha, ich bitte dich: sage ja."
+
+"Du nimmst ja auf einmal grossen Anteil an den gotischen Rebellen!"
+
+"Ich beschwoere dich," rief der Greis auf die Kniee fallend, "Tochter
+Theoderichs, sage ja, wenn du kannst."
+
+"Steh auf," sprach sie finster sich abwendend, "du hast kein Recht, so zu
+fragen."
+
+"Nein," sagte der Alte ruhig aufstehend, "nein, jetzt nicht mehr. Denn von
+diesem Augenblick an gehoer' ich der Welt nicht mehr an."
+
+"Cassiodor!" rief die Koenigin erschrocken.
+
+"Hier ist der Schluessel zu meinen Gemaechern in dieser Koenigsburg: du
+findest darin alle Geschenke, die ich von dir und Theoderich erhalten, die
+Urkunden meiner Wuerden, die Abzeichen meiner Aemter. Ich gehe."
+
+"Wohin, mein alter Freund, wohin?"
+
+"In das Kloster, das ich gegruendet zu Squillacium in Apulien. Fortan werd'
+ich, fern den Werken der Koenige, nur die Werke Gottes auf Erden verwalten:
+laengst verlangt meine Seele nach Frieden, und jetzt hab' ich auf Erden
+nichts mehr, was mir teuer. Noch einen Rat will ich dir scheidend geben:
+lege das Scepter aus der blutbefleckten Hand: sie kann diesem Reiche nicht
+mehr Segen, nur Fluch kann sie ihm bringen. Denke an das Heil deiner
+Seele, Tochter Theoderichs: Gott sei dir gnaedig."
+
+Und ehe sie sich von ihrer Bestuerzung erholt, war er verschwunden.
+
+Sie wollte ihm nacheilen, ihn zurueckrufen, aber an dem Vorhang trat ihr
+Petros, der Gesandte von Byzanz, entgegen.
+
+"Koenigin," sagte er rasch und leise, "bleib' und hoere mich. Es gilt ein
+dringendes Wort. Man folgt mir auf dem Fuss."
+
+"Wer folgt dir?"
+
+"Leute, die es nicht so gut meinen mit dir als ich. Taeusche dich nicht
+laenger: die Geschicke dieses Reiches erfuellen sich: du haeltst sie nicht
+mehr auf, so rette fuer dich was zu retten ist: ich wiederhole meinen
+Vorschlag."
+
+"Welchen Vorschlag?"
+
+"Den von gestern."
+
+"Den der Schande, des Verrats! Niemals! Ich werde diese Beleidigung deinem
+Herrn, dem Kaiser, melden und ihn bitten, dich abzurufen. Mit dir
+verhandle ich nicht mehr."
+
+"Koenigin, es ist nicht mehr Zeit, dich zu schonen. Der naechste Gesandte
+Justinians heisst Belisar und koemmt mit einem Heere."
+
+"Unmoeglich!" rief die verlassene Fuerstin. "Ich nehme meine Bitte zurueck."
+
+"Zu spaet. Belisars Flotte liegt schon bei Sicilien. Den Vorschlag, den ich
+dir gestern als meinen Gedanken mitteilte, hast du als solchen verworfen.
+Vernimm: nicht ich, der Kaiser Justinian selbst ist es, der ihn ausspricht
+als letztes Zeichen seiner Huld."
+
+"Justinian, mein Freund, mein Schuetzer, will mich und mein Reich
+verderben!" rief Amalaswintha, der es schrecklich tagte.
+
+"Nicht dich verderben, dich erretten! Wiedergewinnen will er dies Italien,
+die Wiege des roemischen Reichs: dieser unnatuerliche, unmoegliche Staat der
+Goten, er ist gerichtet und verloren. Trenne dich von dem sinkenden
+Fahrzeug. Justinian reicht dir die Freundeshand, die Kaiserin bietet dir
+ein Asyl an ihrem Herzen, wenn du Neapolis, Rom, Ravenna und alle
+Festungen in Belisars Haende lieferst und geschehen laesst, dass die Goten
+entwaffnet ueber die Alpen gefuehrt werden."
+
+"Elender, soll ich mein Volk verraten, wie ihr mich? Zu spaet erkenne ich
+eure Tuecke! Eure Hilfe rief ich an und ihr wollt mich verderben."
+
+"Nicht dich, nur die Barbaren."
+
+"Diese Barbaren sind mein Volk, sind meine einzigen Freunde: ich erkenne
+es jetzt und ich stehe zu ihnen in Tod und Leben."
+
+"Aber sie steh'n nicht mehr zu dir."
+
+"Verwegner! fort aus meinen Augen, fort von meinem Hof."
+
+"Du willst nicht hoeren? Merke wohl, o Koenigin, nur unter jener Bedingung
+buerg' ich fuer dein Leben."
+
+"Fuer mein Leben buergt mein Volk in Waffen."
+
+"Schwerlich. Zum letztenmal frag' ich dich -"
+
+"Schweig. Ich lief're die Krone nicht ohne Kampf an Justinian."
+
+"Wohlan," sagte Petros zu sich selbst, "so muss es ein andrer thun. -
+Tretet ein, ihr Freunde," rief er hinaus. - Aber aus dem Vorhang trat
+langsam mit gekreuzten Armen Cethegus.
+
+"Wo ist Gothelindis? wo Theodahad?" fluesterte Petros. -
+
+Seine Bestuerzung entging der Fuerstin nicht.
+
+"Ich liess sie vor dem Palast. Die beiden Weiber hassen sich zu grimmig.
+Ihre Leidenschaft wuerde alles verderben."
+
+"Du bist mein guter Engel nicht, Praefekt von Rom," sprach Amalaswintha
+finster und von ihm zurueckweichend.
+
+"Diesmal vielleicht doch," fluesterte Cethegus auf sie zuschreitend. "Du
+hast die Vorschlaege von Byzanz verworfen? Das erwartete ich von dir.
+Entlass den falschen Griechen."
+
+Auf einen Wink der Koenigin trat Petros in ein Seitengemach.
+
+"Was bringst du mir, Cethegus! Ich traue dir nicht mehr!"
+
+"Du hast, statt mir zu trauen, dem Kaiser vertraut und du siehst den
+Erfolg."
+
+"Ich sehe ihn," sagte sie schmerzlich.
+
+"Koenigin, ich habe dich nie belogen und getaeuscht darin: ich liebe Italien
+und Rom mehr als deine Goten: du wirst dich erinnern, ich habe dir dies
+niemals verhehlt."
+
+"Ich weiss es und kann es nicht tadeln."
+
+"Am liebsten saeh' ich Italien frei. Muss es dienen, so dien' es nicht dem
+tyrannischen Byzanz, sondern euch, der milden Hand der Goten. Das war von
+je mein Gedanke, das ist er noch heute. Um Byzanz abzuhalten, will ich
+dein Reich erhalten: aber offen sag' ich dir, du, deine Herrschaft laesst
+sich nicht mehr stuetzen. Rufst du zum Kampfe gegen Byzanz, so werden dir
+die Goten nicht mehr folgen, die Italier nicht vertrauen."
+
+"Und warum nicht? Was trennt mich von den Italiern und von meinem Volk?"
+
+"Deine eignen Thaten. Zwei unselige Dokumente, in der Hand des Kaisers
+Justinian. Du selbst hast zuerst seine Waffen ins Land gerufen, eine
+Leibwache von Byzanz!"
+
+Amalaswintha erbleichte: "Du weisst -"
+
+"Leider nicht nur ich, sondern meine Freunde, die Verschworenen in den
+Katakomben: Petros hat ihnen den Brief mitgeteilt: sie fluchen dir."
+
+"So bleiben mir meine Goten."
+
+"Nicht mehr. Nicht bloss der ganze Anhang der Balten steht dir nach dem
+Leben: - die Verschworenen von Rom haben im Zorn ueber dich beschlossen,
+sowie der Kampf entbrennt, aller Welt kund zu thun, dass dein Name an ihrer
+Spitze stand gegen die Goten, gegen dein Volk. Jenes Blatt mit deinem
+Namen ist nicht mehr in meiner Hand, es liegt im Archiv der Verschwoerung."
+
+"Ungetreuer!"
+
+"Wie konnte ich wissen, dass du hinter meinem Ruecken mit Byzanz verkehrst
+und dadurch meine Freunde dir verfeindest? Du siehst: Byzanz, Goten,
+Italier, alles steht gegen dich. Beginnt nun der Kampf gegen Byzanz unter
+deiner Fuehrung, so wird Uneinigkeit Italier und Barbaren spalten, niemand
+dir gehorchen, und dies Reich hilflos vor Belisar erliegen. Amalaswintha,
+es gilt ein Opfer: ich fordre es von dir im Namen Italiens, deines und
+meines Volks."
+
+"Welches Opfer? ich bringe jedes."
+
+"Das hoechste: deine Krone. Uebergieb sie einem Mann der Goten und Italier
+gegen Byzanz zu vereinen vermag und rette dein Volk und meines."
+
+Amalaswintha sah ihn forschend an: es kaempfte und rang in ihrer Brust.
+"Meine Krone! sie war mir sehr teuer."
+
+"Ich habe Amalaswinthen stets jedes hoechsten Opfers faehig gehalten."
+
+"Darf ich, kann ich deinem Rate trauen!"
+
+"Wenn der dir suess waere, duerftest du zweifeln. Wenn ich deinem Stolze
+schmeichelte, duerftest du misstrauen: aber ich rate dir die bittre Arznei
+der Entsagung. Ich wende mich an deinen Edelsinn, an deinen Opfermut: lass
+mich nicht zu Schanden werden."
+
+"Dein letzter Rat war ein Verbrechen," sagte Amalaswintha schaudernd.
+
+"Ich hielt deinen Thron durch jedes Mittel, solang er zu halten war,
+solang er Italien nuetzte: jetzt schadet er Italien und ich verlange, dass
+du dein Volk mehr liebst als dein Scepter."
+
+"Bei Gott! du irrst darin nicht: fuer mein Volk hab' ich mich nicht
+gescheut, fremdes Leben zu opfern," - sie verweilte gern bei diesem
+Gedanken, der ihr Gewissen beschwichtigte, - "ich werde mich nicht
+weigern, jetzt - aber wer soll mein Nachfolger werden?"
+
+"Dein Erbe, dem die Krone gebuehrt, der letzte der Amaler."
+
+"Wie? Theodahad, der Schwaechling?"
+
+"Er ist kein Held, das ist wahr. Aber die Helden werden ihm gehorchen, dem
+Neffen Theoderichs, wenn du ihn einsetzest. Und bedenke noch eins: seine
+roemische Bildung hat ihm die Roemer gewonnen: ihm werden sie beistehen:
+einen Koenig nach des alten Hildebrand, nach Tejas Herzen wuerden sie hassen
+und fuerchten."
+
+"Und mit Recht;" sagte die Regentin sinnend: "aber Gothelindis Koenigin!"
+
+Da trat Cethegus ihr naeher und sah ihr scharf ins Auge: "So klein ist
+Amalaswintha nicht, dass sie klaeglicher Weiberfeindschaft gedenkt, wo es
+edler Entschluesse bedarf. Du erschienst mir von jeher groesser als dein
+Geschlecht. Beweis' es jetzt. Entscheide dich!"
+
+"Nicht jetzt," sprach Amalaswintha, "meine Stirne glueht, und verwirrend
+pocht mein Herz. Lass mir diese Nacht, mich zu fassen. Du hast mir
+Entsagung zugetraut: ich danke dir. Morgen die Entscheidung."
+
+
+
+
+
+ Viertes Buch.
+
+
+ THEODAHAD.
+
+
+ "Nachbarn zu haben schien Theodahad
+ eine Art von Unglueck."
+
+ Prokop, Gotenkrieg I. 3.
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+
+Am andern Morgen verkuendete ein Manifest dem staunenden Ravenna, dass die
+Tochter Theoderichs zu Gunsten ihres Vetters Theodahad auf die Krone
+verzichtet und dass dieser, der letzte Mannesspross der Amelungen, den Thron
+bestiegen habe. Italier und Goten wurden aufgefordert, dem neuen Herrscher
+den Eid der Treue zu schwoeren.
+
+So hatte Cethegus richtig gerechnet.
+
+Das Gewissen der unseligen Frau fuehlte sich durch manche Thorheit, ja
+durch blut'ge Schuld schwer belastet: edle Naturen suchen Erleichterung
+und Busse in Opfer und Entsagung: durch ihrer Tochter und Cassiodors
+Anklagen war ihr Herz maechtig bewegt worden und der Praefekt hatte sie in
+guenstiger Stimmung fuer seinen Rat gefunden. Weil er so bitter war,
+befolgte sie ihn: ja sie hatte, um ihr Volk zu retten und ihre Schuld zu
+suehnen, sich noch weitere Demuetigungen vorgesteckt.
+
+Ohne Schwierigkeit vollzog sich der Thronwechsel.
+
+Die Italier zu Ravenna waren zu einer Erhebung keineswegs vorbereitet und
+wurden von Cethegus auf gelegnere Zeit vertroestet. Auch war der neue Koenig
+als Freund roemischer Bildung bei ihnen bekannt und beliebt.
+
+Die Goten freilich schienen sich nicht ohne weitres den Tausch gefallen
+lassen zu wollen. Fuerst Theodahad war allerdings ein Mann - das empfahl
+ihn gegenueber Amalaswinthen - und ein Amaler: das wog schwer zu seinen
+Gunsten gegenueber jedem andern Bewerber um die Krone.
+
+Aber im uebrigen war er im Volke der Goten keineswegs hoch angesehen.
+Unkriegerisch und feige, verweichlicht an Leib und Seele hatte er keine
+der Eigenschaften, welche die Germanen von ihren Koenigen forderten. Nur
+Eine Leidenschaft erfuellte seine Seele: Habsucht, unersaettliche Goldgier.
+Reich beguetert in Tuscien lebte er mit allen seinen Nachbarn in ewigen
+Prozessen: mit List und Gewalt und dem Schwergewicht seiner koeniglichen
+Geburt wusste er seinen Grundbesitz nach allen Seiten auszudehnen und die
+Laendereien weit in der Runde an sich zu reissen: "denn - sagt ein
+Zeitgenosse - Nachbarn zu haben schien dem Theodahad eine Art von
+Unglueck".
+
+Dabei war seine schwache Seele vollstaendig abhaengig von der boesartigen,
+aber kraeftigen Natur seines Weibes.
+
+Einen solchen Koenig sahen denn die Tuechtigsten unter den Goten nicht gern
+auf dem Throne Theoderichs. Und kaum war das Manifest Amalaswinthens
+bekannt geworden, als Graf Teja, der kurz zuvor mit Hildebad in Ravenna
+angekommen war, diesen sowie den alten Waffenmeister und den Grafen
+Witichis zu sich beschied und sie aufforderte, die Unzufriedenheit des
+Volkes zu steigern, zu leiten und einen Wuerdigern an Theodahads Stelle zu
+setzen.
+
+"Ihr wisst," schloss er seine Worte, "wie guenstig die Stimmung im Volke.
+Seit jener Bundesnacht im Mercuriustempel haben wir unablaessig geschuert
+unter den Goten und Grosses ist schon gelungen: des edeln Athalarich
+Aufschwung, der Sieg am Epiphaniasfeste, das Zurueckholen Amalaswinthens,
+wir haben es bewirkt. Jetzt winkt die guenstige Gelegenheit. Soll an des
+Weibes Stelle treten ein Mann, der schwaecher als ein Weib? Haben wir
+keinen Wuerdigern mehr als Theodahad im Volk der Goten?"
+
+"Recht hat er, beim Donner und Strahl," rief Hildebad. "Fort mit diesen
+verwelkten Amalern! Einen Heldenkoenig hebt auf den Schild und schlagt los
+nach allen Seiten. Fort mit dem Amaler!"
+
+"Nein," sagte Witichis, ruhig vor sich hinblickend, "noch nicht!
+Vielleicht, dass es noch einmal so kommen muss: aber nicht frueher darf es
+geschehen als es muss. Der Anhang der Amaler ist gross im Volk: nur mit
+Gewalt wuerde Theodahad den Reichtum, Gothelindis die Macht der Krone sich
+entwinden lassen: sie wuerden stark genug sein, wenn nicht zum Siege, doch
+zum Kampf.
+
+Kampf aber unter den Soehnen eines Volks ist schrecklich, nur die
+Notwendigkeit kann ihn rechtfertigen. Die ist noch nicht da. Theodahad mag
+sich bewaehren: er ist schwach, so wird er sich leiten lassen. Hat er sich
+unfaehig erwiesen, so ist's noch immer Zeit."
+
+"Wer weiss, ob dann noch Zeit ist," warnte Teja.
+
+"Was raetst du, Alter?" fragte Hildebad, auf welchen die Gruende des Grafen
+Witichis nicht ohne Wirkung blieben.
+
+"Brueder," sagte der Waffenmeister, seinen langen Bart streichend, "ihr
+habt die Wahl, darum die Qual. Mir sind beide erspart: ich bin gebunden.
+Die alten Gefolgen des grossen Koenigs haben einen Eid gethan, solang sein
+Haus lebt, keinem Fremden die Gotenkrone zuzuwenden."
+
+"Welch thoerichter Eid!" rief Hildebad.
+
+"Ich bin alt und nenn' ihn nicht thoericht. Ich weiss, welcher Segen auf der
+festen, heiligen Ordnung des Erbgangs ruht. Und die Amaler sind Soehne der
+Goetter," schloss er geheimnisvoll.
+
+"Ein schoener Goettersohn, Theodahad!" lachte Hildebad.
+
+"Schweig," rief zornig der Alte, "das begreift ihr nicht mehr, ihr neuen
+Menschen. Ihr wollt alles fassen und verstehen mit eurem klaeglichen
+Verstand. Das Raetsel, das Geheimnis, das Wunder, der Zauber, der im Blute
+liegt - dafuer habt ihr den Sinn verloren. Darum schweig' ich von solchen
+Dingen zu euch.
+
+Aber ihr macht mich nicht mehr anders mit meinen bald hundert Jahren. Thut
+ihr, was ihr wollt, ich thue, was ich muss."
+
+"Nun," sprach Graf Teja nachgebend, "auf euer Haupt die Schuld. Aber wenn
+dieser letzte Amaler dahin ..." -
+
+"Dann ist das Gefolge seines Schwures frei."
+
+"Vielleicht," schloss Witichis, "ist es ein Glueck, dass auch uns dein Eid
+die Wahl erspart: denn gewiss wollen wir keinen Herrscher, den du nicht
+anerkennen koenntest. Gehen wir denn, das Volk zu beschwichtigen und tragen
+wir diesen Koenig - solang er zu tragen ist."
+
+"Aber keine Stunde laenger," sagte Teja und ging zuernend hinaus.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+
+Am naemlichen Tage noch wurden Theodahad und Gothelindis mit der alten
+Krone der Gotenkoenige gekroent.
+
+Ein reiches Festmahl, besucht von allen roemischen und gotischen Grossen des
+Hofes und der Stadt, belebte den weiten Palast Theoderichs und den sonst
+so stillen Garten, den wir als den Schauplatz von Athalarichs und Kamillas
+Liebe kennen gelernt. Bis tief in die Nacht waehrte das laermende Gelage.
+Der neue Koenig, kein Freund der Becher und barbarischer Festfreuden, hatte
+sich fruehe zurueckgezogen.
+
+Gothelindis dagegen sonnte sich gern in dem Glanz ihrer jungen
+Herrlichkeit: stolz prangte sie auf ihrem Purpursitz, die goldne
+Zackenkrone im dunkeln Haar. Sie schien ganz Ohr fuer die lauten Jubelrufe,
+die ihren und ihres Gatten Namen feierten. Und doch hatte ihr Herz dabei
+nur Eine Freude: den Gedanken, dass dieser Jubel hinunterdringen muesse bis
+in die Koenigsgruft, wo Amalaswintha, die verhasste, besiegte Feindin, am
+Sarkophage ihres Sohnes trauerte.
+
+Unter der Menge von jenen Gaesten, die immer froehlich sind, wenn sie bei
+vollen Bechern sitzen, war doch auch so manches ernstere Gesicht zu
+bemerken: mancher Roemer, der auf dem leeren Thron da oben lieber den
+Kaiser gesehen haette: so mancher Gote, der in der gefaehrlichen Lage des
+Reiches einem Koenig wie Theodahad nicht ohne Sorge huldigen konnte.
+
+Zu letzteren zaehlte Witichis, dessen Gedanken nicht unter dem
+kranzgeschmueckten Saeulendach der Trinkhalle zu weilen schienen. Unberuehrt
+stand die goldne Schale vor ihm und auf den lauten Zuruf Hildebads, der
+ihm gegenueber sass, achtete er kaum. Endlich - schon leuchteten laengst im
+Saale die Lampen und am Himmel die Sterne - stand er auf und ging hinaus
+in das gruene Dunkel des Gartens.
+
+Langsam wandelte er durch die Taxusgaenge dahin: sein Auge hing an den
+funkelnden Sternen. Sein Herz war daheim bei seinem Weibe, bei seinem
+Knaben, die er monatelang nicht mehr gesehen. So fuehrte ihn sein sinnendes
+Wandeln an den Venustempel bei der Meeresbucht, die wir kennen. Er sah
+hinaus nach der flimmernden See - da blitzte etwas dicht vor seinen Fuessen
+im schwachen Mondlicht: es war eine Ruestung, daneben die kleine, gotische
+Harfe: ein Mann lag vor ihm im weichen Grase und ein bleiches Antlitz hob
+sich ihm entgegen.
+
+"Du hier, Teja? Du warst nicht beim Fest."
+
+"Nein, ich war bei den Toten."
+
+"Auch mein Herz weiss nichts von diesen Festen: es war daheim bei Weib und
+Kind," sagte Witichis, sich zu ihm niedersetzend.
+
+"Bei Weib und Kind," wiederholte Teja seufzend.
+
+"Viele fragten nach dir, Teja."
+
+"Nach mir! Soll ich sitzen neben Cethegus, der mir die Ehre nahm, und
+neben Theodahad, der mir mein Erbe nahm?"
+
+"Dein Erbe nahm?"
+
+"Wenigstens besitzt er's. Und ueber den Ort, wo meine Wiege stand, ging
+seine Pflugschar."
+
+Und schweigend sah er lange vor sich hin.
+
+"Dein Harfenspiel - es schweigt? Man ruehmt dich unsres Volkes besten
+Harfenschlaeger und Saenger!"
+
+"Wie Gelimer, der letzte Koenig der Vandalen, seines Volkes bester
+Harfenschlaeger war. - - Aber mich wuerden sie nicht im Triumph einfuehren
+nach Byzanz!"
+
+"Du singst nicht oft mehr?"
+
+"Fast niemals mehr. Aber mir ist, die Tage kommen, da ich wieder singen
+werde."
+
+"Tage der Freude?"
+
+"Tage der hoechsten, der letzten Trauer."
+
+Lange schwiegen beide. -
+
+"Mein Teja," hob endlich Witichis an, "in allen Noeten von Krieg und
+Frieden hab' ich dich erfunden treu, wie mein Schwert. Und obwohl du
+soviel juenger als ich und nicht leicht der Aeltere sich dem Juengling
+verbindet, kann ich dich meinen besten Herzensfreund nennen. Und ich weiss,
+dass auch dein Herz mehr an mir haengt als an deinen Jugendgenossen."
+
+Teja drueckte ihm die Hand: "Du verstehst mich und ehrest meine Art, auch
+wo du sie nicht verstehst. Die andern -! und doch: den einen hab' ich sehr
+lieb."
+
+"Wen?"
+
+"Den alle lieb haben."
+
+"Totila!"
+
+"Ich hab' ihn lieb wie die Nacht den Morgenstern. Aber er ist so hell: er
+kann's nicht fassen, dass andere dunkel sind und bleiben muessen."
+
+"Bleiben muessen! Warum? Du weisst, Neugier ist meine Sache nicht. Und wenn
+ich dich in dieser ernsten Stunde bitte: luefte den Schleier, der ueber dir
+und deiner finstern Trauer liegt, so bitt' ich's nur, weil ich dir helfen
+moechte. Und weil des Freundes Auge oft besser sieht als das eigene."
+
+"Helfen? Mir helfen? Kannst du die Toten wieder auferwecken? Mein Schmerz
+ist unwiderruflich wie die Vergangenheit. Und wer einmal gleich mir den
+unbarmherzigen Raedergang des Schicksals verspuert hat, wie es, blind und
+taub fuer das Zarte und Hohe, mit eherner grundloser Gewalt alles vor sich
+nieder tritt, ja, wie es das Edle, weil es zart ist, leichter und lieber
+zermalmt, als das Gemeine, wer erkannt hat, dass eine dumpfe Notwendigkeit,
+welche Thoren die weise Vorsehung Gottes nennen, die Welt und das Leben
+der Menschen beherrscht, der ist hinaus ueber Hilfe und Trost: er hoert
+ewig, wenn er es einmal erlauscht, mit dem leisen Gehoer der Verzweiflung
+den immer gleichen Taktschlag des fuehllosen Rades im Mittelpunkt der Welt,
+das gleichgueltig mit jeder Bewegung Leben zeugt und Leben toetet. Wer das
+einmal empfunden und erlebt, der entsagt einmal und fuer immer und allem:
+nichts wird ihn mehr erschrecken. Aber freilich - die Kunst des Laechelns
+hat er auch vergessen auf immerdar."
+
+"Mir schaudert. Gott bewahre mich vor solchem Wahn! Wie kamst du so jung
+zu so fuerchterlicher Weisheit?"
+
+"Freund, mit deinen Gedanken allein ergruebelst du die Wahrheit nicht,
+erleben musst du sie. Und nur, wenn du des Mannes Leben kennst, begreifst
+du, was er denkt und wie er denkt. Und auf dass ich dir nicht laenger
+erscheine wie ein irrer Traeumer, wie ein Weichling, der sich gern in
+seinen Schmerzen wiegt, - und damit ich dein Vertrauen und deine schoene
+Freundschaft ehre, vernimm, - hoere ein kleines Stueck meines Grams. Das
+groessere, das unendlich groessere behalt' ich noch fuer mich," sagte er
+schmerzlich, die Hand auf die Brust drueckend, - "es koemmt wohl noch die
+Stunde auch fuer dies. Vernimm heute nur, wie ueber meinem Haupte der Stern
+des Unheils schon leuchtete, da ich gezeugt ward. - Und von all den
+tausend Sternen da oben bleibt nur dieser Stern getreu. Du warst dabei -
+du erinnerst dich - wie der falsche Praefekt mich laut vor allen einen
+Bastard schalt und mir den Zweikampf weigerte: - ich musste es dulden: ich
+bin noch schlimmeres als ein Bastard. - -
+
+Mein Vater, Tagila, war ein tuechtiger Kriegsheld, aber kein Adaling,
+gemeinfrei und arm. Er liebte, schon seit der Bart ihm sprosste, Gisa,
+seines Vaterbruders Tochter. Sie lebten draussen, weit an der aeussersten
+Ostgrenze des Reichs, an dem kalten Ister, wo man stets im Kampfe liegt
+mit den Gepiden und den wilden raeuberischen Sarmaten und wenig Zeit hat,
+an die Kirche zu denken und die wechselnden Gebote, die ihre Konzilien
+erlassen. Lange konnte mein Vater seine Gisa nicht heimfuehren: er hatte
+nichts als Helm und Speer und konnte ihrem Mundwalt den Malschatz nicht
+zahlen und einem Weibe keinen Herd bereiten.
+
+Endlich lachte ihm das Glueck. Im Krieg gegen einen Sarmatenkoenig eroberte
+er dessen festen Schatzturm an der Alutha: und die reichen Schaetze, welche
+die Sarmaten seit Jahrhunderten zusammengepluendert und hier aufgehaeuft,
+wurden seine Beute. Zum Lohn seiner That ernannte ihn Theoderich zum
+Grafen und rief ihn nach Italien. Mein Vater nahm seine Schaetze und Gisa,
+jetzt sein Weib, mit sich ueber die Alpen und kaufte sich weite schoene
+Gueter in Tuscien zwischen Florentia und Luca. Aber nicht lange waehrte sein
+Glueck.
+
+Kaum war ich geboren, da verklagte ein Elender, ein feiger Schurke, meine
+Eltern wegen Blutschande beim Bischof von Florentia. Sie waren katholisch
+- nicht Arianer - und Geschwisterkinder: ihre Ehe war nichtig nach dem
+Recht der Kirche - und die Kirche gebot ihnen, sich zu trennen.
+
+Mein Vater drueckte sein Weib an die Brust und lachte des Gebots. Aber der
+geheime Anklaeger ruhte nicht -"
+
+- "Wer war der Neiding?"
+
+"O wenn ich es wuesste, ich wollte ihn erreichen und thronte er in allen
+Schrecken des Vesuvius! Er ruhte nicht. Unablaessig bedraengten die Priester
+meine arme Mutter und wollten ihre Seele mit Gewissensbissen schrecken.
+
+Umsonst: sie hielt sich an ihren Gott und ihren Gatten und trotzte dem
+Bischof und seinen Sendboten. Und mein Vater, wenn er einen der Pfaffen in
+seinem Gehoefte traf, begruesste ihn, dass er nicht wieder kam.
+
+Aber wer kann mit denen kaempfen, die im Namen Gottes sprechen! Eine letzte
+Frist ward den Ungehorsamen gesteckt: haetten sie sich bis dahin nicht
+getrennt, so sollten sie dem Bann verfallen und ihr Hab und Gut der
+Kirche.
+
+Entsetzt eilte jetzt mein Vater an den Hof des Koenigs, Aufhebung des
+grausamen Spruches zu erflehen. Aber die Satzung des Konzils sprach zu
+klar und Theoderich konnte es nicht wagen, das Recht der katholischen
+Kirche zu kraenken. Als mein Vater zurueckkehrte von Ravenna, mit Gisa zu
+fluechten, starrte er entsetzt auf die Staette, wo sein Haus gestanden: der
+Termin war abgelaufen, und die Drohung erfuellt: sein Haus zerstoert, sein
+Weib, sein Kind verschwunden.
+
+Rasend stuermte er durch ganz Italien, uns zu suchen. Endlich entdeckte er,
+als Priester verkleidet, seine Gisa in einem Kloster zu Ticinum: ihren
+Knaben hatte man ihr entrissen und nach Rom geschleppt. Mein Vater
+bereitet mit ihr alles zur Flucht: sie entkommen um Mitternacht ueber die
+Mauer des Klostergartens. Aber am Morgen fehlt die Buesserin bei der Hora:
+man vermisst sie, ihre Zelle ist leer. Die Klosterknechte folgen den Spuren
+des Rosses, - sie werden eingeholt: grimmig fechtend faellt mein Vater:
+meine Mutter wird in ihre Zelle zurueckgebracht. Und so furchtbar druecken
+die Macht des Schmerzes und die Zucht des Klosters auf die zermuerbte
+Seele, dass sie in Wahnsinn faellt und stirbt. Das sind meine Eltern!"
+
+"Und du?"
+
+"Mich entdeckte in Rom der alte Hildebrand, ein Waffenfreund meines
+Grossvaters und Vaters: - er entriss mich, mit des Koenigs Beistand, den
+Priestern und liess mich mit seinen eigenen Enkeln in Regium erziehen."
+
+"Und dein Gut, dein Erbe?"
+
+"Verfiel der Kirche, die es, halb geschenkt, an Theodahad ueberliess: er war
+meines Vaters Nachbar, er ist jetzt mein Koenig!"
+
+"Mein armer Freund! Aber wie erging es dir spaeter? Man weiss nur dunkles
+Gerede - du warst einmal in Griechenland gefangen ... -"
+
+Teja stand auf. "Davon lass mich schweigen; vielleicht ein andermal.
+
+Ich war Thor genug, auch einmal an Glueck zu glauben und an eines liebenden
+Gottes Guete. Ich hab' es schwer gebuesst. Ich will's nie wieder thun. Leb
+wohl, Witichis, und schilt nicht auf Teja, wenn er nicht ist wie andre."
+
+Er drueckte ihm die Hand und war rasch im dunkeln Laubgang verschwunden.
+
+Witichis sah lange schweigend vor sich hin. Dann blickte er gen Himmel, in
+den hellen Sternen eine Widerlegung der finstern Gedanken zu finden, die
+des Freundes Worte in ihm geweckt. Er sehnte sich nach ihrem Licht voll
+Frieden und Klarheit. Aber waehrend des Gespraechs war Nebelgewoelk rasch aus
+den Lagunen aufgestiegen und hatte den Himmel ueberzogen: es war finster
+ringsum.
+
+Mit einem Seufzer stand Witichis auf und suchte in ernstem Sinnen sein
+einsames Lager.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+
+Waehrend unten in den Hallen des Palatiums Italier und Goten tafelten und
+zechten, ahnten sie nicht, dass ueber ihren Haeuptern in dem Gemach des
+Koenigs eine Verhandlung gepflogen ward, die ueber ihr und ihres Reiches
+Schicksale entscheiden sollte.
+
+Unbeobachtet war dem Koenig alsbald der Gesandte von Byzanz nachgefolgt und
+lange und geheim sprachen und schrieben die beiden miteinander. Endlich
+schienen sie handelseinig geworden und Petros wollte anheben, nochmal
+vorzulesen, was sie gemeinsam beschlossen und aufgezeichnet. Aber der
+Koenig unterbrach ihn. "Halt," fluesterte der kleine Mann, der in seinem
+weiten Purpurmantel verloren zu gehen drohte, "halt - noch eins!"
+
+Und er hob sich aus dem schoen geschweiften Sitz, schlich durch das Gemach
+und hob den Vorhang, ob niemand lausche.
+
+Dann kehrte er beruhigt zurueck und fasste den Byzantiner leise am Gewand.
+
+Das Licht der Bronzeampel spielte im Winde flackernd auf den gelben
+vertrockneten Wangen des haesslichen Mannes, der die kleinen Augen
+zusammenkniff: "Noch dies. Wenn jene heilsamen Veraenderungen eintreten
+sollen, - auf dass sie eintreten koennen, wird es gut sein, ja notwendig,
+einige der trotzigsten meiner Barbaren unschaedlich zu machen." - "Daran
+hab' ich bereits gedacht," nickte Petros. "Da ist der alte halbheidnische
+Waffenmeister, der grobe Hildebad, der nuechterne Witichis" -
+
+"Du kennst deine Leute gut," grinste Theodahad, "du hast dich tuechtig
+umgesehen. Aber," raunte er ihm ins Ohr, "einer, den du nicht genannt
+hast, einer vor allen muss fort."
+
+"Der ist?"
+
+"Graf Teja, des Tagila Sohn."
+
+"Ist der melancholische Traeumer so gefaehrlich?"
+
+"Der gefaehrlichste von allen! Und mein persoenlicher Feind! schon von
+seinem Vater her."
+
+"Wie kam das?"
+
+"Er war mein Nachbar bei Florentia. Ich musste seine Aecker haben - umsonst
+drang ich in ihn. Ha," laechelte er pfiffig, "zuletzt wurden sie doch mein.
+Die heilige Kirche trennte seine verbrecherische Ehe, nahm ihm sein Gut
+dabei und liess mir's - billig - ab. Ich hatte einiges Verdienst um die
+Kirche in dem Prozess - dein Freund, der Bischof von Florentia kann dir's
+genau erzaehlen."
+
+"Ich verstehe," sagte Petros, "was gab der Barbar seine Aecker nicht in
+Guete! Weiss Teja -?"
+
+"Nichts weiss er. Aber er hasst mich schon deshalb, weil ich sein Erbgut -
+kaufte. Er wirft mir finstere Blicke zu. Und dieser schwarze Traeumer ist
+der Mann, seinen Feind zu den Fuessen Gottes zu erwuergen."
+
+"So?" sagte Petros, ploetzlich sehr nachdenklich. "Nun, genug von ihm: er
+soll nicht schaden. Lass dir jetzt nochmal den ganzen Vertrag Punkt fuer
+Punkt vorlesen; dann unterzeichne.
+
+Erstens. Koenig Theodahad verzichtet auf die Herrschaft ueber Italien und
+die zugehoerigen Inseln und Provinzen des Gotenreichs: naemlich Dalmatien,
+Liburnien, Istrien, das zweite Pannonien, Savien, Noricum, Raetien und den
+gotischen Besitz in Gallien, zu Gunsten des Kaisers Justinian und seiner
+Nachfolger auf dem Throne von Byzanz. Er verspricht, Ravenna, Rom,
+Neapolis und alle festen Plaetze des Reichs dem Kaiser ohne Widerstand zu
+oeffnen."
+
+Theodahad nickte.
+
+"Zweitens. Koenig Theodahad wird mit allen Mitteln dahin wirken, dass das
+ganze Heer der Goten entwaffnet und in kleinen Gruppen ueber die Alpen
+gefuehrt werde. Weiber und Kinder haben nach Auswahl des kaiserlichen
+Feldherrn dem Heere zu folgen oder als Sklaven nach Byzanz zu gehen. Der
+Koenig wird dafuer sorgen, dass jeder Widerstand der Goten erfolglos bleiben
+muss.
+
+Drittens. Dafuer belaesst Kaiser Justinian dem Koenig Theodahad und seiner
+Gemahlin den Koenigstitel und die koeniglichen Ehren auf Lebenszeit, und
+viertens" -
+
+Diesen Abschnitt will ich doch mit eigenen Augen lesen," unterbrach
+Theodahad, nach der Urkunde langend. "Viertens belaesst der Kaiser dem Koenig
+der Goten nicht nur alle Laendereien und Schaetze, die dieser als sein
+Privateigentum bezeichnen wird, sondern auch den ganzen Koenigsschatz der
+Goten, der allein an gepraegtem Gold auf vierzigtausend Pfunde geschaetzt
+ist. Er uebergiebt ihm ferner zu Erb und Eigen ganz Tuscien von Pistoria
+bis Caere, von Populonia bis Clusium und endlich ueberweist er an Theodahad
+auf Lebenszeit die Haelfte aller oeffentlichen Einkuenfte des durch diesen
+Vertrag seinem rechtmaessigen Herrn zurueckerworbenen Reiches. - Sage,
+Petros, meinst du nicht, ich koennte drei Viertel fordern?" - -
+
+"Fordern kannst du sie, allein ich zweifle sehr, dass sie dir Justinian
+gewaehrt. Ich habe schon die Grenzen, die aeussersten, meiner Vollmacht
+ueberschritten."
+
+"Fordern wollen wir's doch immerhin," meinte der Koenig, die Zahl aendernd.
+"Dann muss Justinian herunter markten oder dafuer andre Vorteile gewaehren."
+
+Um des Petros schmale Lippen spielte ein falsches Laecheln:
+
+"Du bist ein kluger Handelsmann, o Koenig. - Aber hier verrechnest du dich
+doch," sagte er zu sich selbst.
+
+Da rauschten schleppende Gewaender den Marmorgang heran und eintrat ins
+Gemach in langem schwarzem Mantel und schwarzem, mit silbernen Sternen
+besaetem Schleier Amalaswintha, bleich von Antlitz, aber in edler Haltung,
+eine Koenigin trotz der verlornen Krone: ueberwaeltigende Hoheit der Trauer
+sprach aus den bleichen Zuegen.
+
+"Koenig der Goten," hob sie an, "vergieb, wenn an deinem Freudenfeste ein
+dunkler Schatte noch einmal auftaucht von der Welt der Toten. Es ist zum
+letztenmal."
+
+Beide Maenner waren von ihrem Anblick betroffen.
+
+"Koenigin," - stammelte Theodahad.
+
+"Koenigin! o waer' ich's nie gewesen. Ich komme, Vetter, von dem Sarge
+meines edeln Sohnes, wo ich Busse gethan fuer all' meine Verblendung, und
+all' meine Schuld bereut. Ich steige herauf zu dir, Koenig der Goten, dich
+zu warnen vor gleicher Verblendung und gleicher Schuld."
+
+Theodahads unstetes Auge vermied ihren ernsten, pruefenden Blick.
+
+"Es ist ein uebler Gast," fuhr sie fort, "den ich in mitternaechtiger Stunde
+als deinen Vertrauten bei dir finde. Es ist kein Heil fuer einen Fuersten
+als in seinem Volk: zu spaet hab' ich's erkannt, zu spaet fuer mich, nicht zu
+spaet, hoff' ich, fuer mein Volk. Traue du nicht Byzanz: es ist ein Schild,
+der den erdrueckt, den er beschirmen soll."
+
+"Du bist ungerecht," sagte Petros, "und undankbar."
+
+"Thu nicht, mein koeniglicher Vetter," fuhr sie fort, "was dieser von dir
+fordert. Bewillige nicht du, was ich ihm weigerte. Sicilien sollen wir
+abtreten und dreitausend Krieger dem Kaiser stellen fuer alle seine Kriege
+- ich wies die Schmach von mir. Ich sehe," sprach sie, auf das Pergament
+deutend, "du hast schon mit ihm abgeschlossen. Tritt zurueck, sie werden
+dich immer taeuschen."
+
+Aengstlich zog Theodahad die Urkunde an sich: er warf einen misstrauischen
+Blick auf Petros.
+
+Da trat dieser gegen Amalaswintha vor: "Was willst du hier, du Koenigin von
+gestern? Willst du dem Beherrscher dieses Reiches wehren? Deine Zeit und
+deine Macht ist um." - "Verlass uns," sagte Theodahad, ermutigt. "Ich werde
+thun was mir gutduenkt. Es soll dir nicht gelingen mich von meinen Freunden
+in Byzanz zu trennen. Sieh her, vor deinen Augen soll unser Bund
+geschlossen sein." Und er zeichnete seinen Namen auf die Urkunde.
+
+"Nun," laechelte Petros, "kamst du noch eben recht, als Zeugin mit zu
+unterzeichnen."
+
+"Nein," sprach Amalaswintha mit einem drohenden Blick auf die beiden
+Maenner, "ich kam noch eben recht, euren Plan zu vereiteln. Ich gehe
+geradeswegs von hier zum Heere, zur Volksversammlung, die naechstens bei
+Regeta tagt. Aufdecken will ich daselbst vor allem Volk deine Antraege, die
+Plaene von Byzanz und dieses schwachen Fuersten Verrat."
+
+"Das wird nicht angehn," sagte Petros ruhig, "ohne dich selbst zu
+verklagen."
+
+"Ich will mich selbst verklagen. Enthuellen will ich all' meine Thorheit,
+all' meine blutige Schuld und gern den Tod erleiden, den ich verdient.
+Aber warnen, aufschrecken soll diese meine Selbstanklage mein ganzes Volk
+vom Aetna bis zu den Alpen; eine Welt von Waffen soll euch entgegenstehn
+und retten werd' ich meine Goten durch meinen Tod von der Gefahr, in die
+mein Leben sie gestuerzt." Und in edler Begeisterung eilte sie aus dem
+Gemach.
+
+Verzagt blickte Theodahad auf den Gesandten: lang fand er keine Worte.
+"Rate, hilf -" stammelte er endlich.
+
+"Raten? Da hilft nur Ein Rat. Die Rasende wird sich und uns verderben,
+laesst man sie gewaehren. Sie darf ihre Drohung nicht erfuellen. Dafuer musst du
+sorgen."
+
+"Ich?" rief Theodahad erschreckt; "ich kann dergleichen nicht! Wo ist
+Gothelindis? Sie, sie allein kann helfen."
+
+"Und der Praefekt," sagte Petros - "sende nach ihnen."
+
+Alsbald waren die beiden Genannten von dem Festmahle herauf beschieden.
+Petros verstaendigte sie von den Worten der Fuerstin, ohne jedoch dem
+Praefekten den Vertrag als Veranlassung des Auftritts zu nennen.
+
+Kaum hatte er gesprochen, so rief die Koenigin:
+
+"Genug, sie darf es nicht vollenden. Man muss ihre Schritte bewachen, sie
+darf mit keinem Goten in Ravenna sprechen - sie darf den Palast nicht
+verlassen. Das vor allem!" Und sie eilte hinaus, vertraute Sklaven vor
+Amalaswinthens Gemaecher zu senden. Alsbald kehrte sie wieder. "Sie betet
+laut in ihrer Kammer," sprach sie veraechtlich. "Auf, Cethegus, lass uns
+ihre Gebete vereiteln."
+
+Cethegus hatte, mit dem Ruecken an die Marmorsaeulen des Eingangs gelehnt,
+die Arme ueber der Brust gekreuzt, diese Vorgaenge schweigend und sinnend
+mit angehoert. Er erkannte die Notwendigkeit, die Faeden der Ereignisse
+wieder mehr in seine Hand zu versammeln und straffer anzuziehen. Er sah
+Byzanz immer mehr in den Vordergrund dringen: - das durfte nicht weiter
+angehn.
+
+"Sprich, Cethegus," mahnte Gothelindis nochmals, "was thut jetzt vor allem
+Not?"
+
+"Klarheit," sagte dieser sich aufrichtend. "In jedem Bunde muss der Zweck,
+der besondere Zweck jedes der Verbuendeten klar sein: sonst werden sie
+stets sich durch Misstrau'n hemmen. Ihr habt eure Zwecke, - ich habe den
+meinen. Eure Zwecke liegen am Tage: ich habe sie euch neulich schon
+gesagt: du Petros, willst, dass Kaiser Justinian an der Goten Statt in
+Italien herrsche: ihr, Gothelindis und Theodahad, wollt dies auch, gegen
+reiche Entschaedigung an Rache, Geld und Ehren. Ich aber - ich habe auch
+meinen Zweck: was hilft es, das zu verhehlen? Mein schlauer Petros, du
+wuerdest doch nicht lange mehr glauben, dass ich nur den Ehrgeiz habe, dein
+Werkzeug zu sein, und dereinst Senator in Byzanz zu werden. Also auch ich
+habe meinen Zweck: all' eure dreieinige Schlauheit wuerde ihn nie
+entdecken, weil er zu nahe vor Augen liegt. Ich muss ihn euch selbst
+verraten.
+
+Der versteinerte Cethegus hat noch eine Liebe: sein Italien. Drum will er,
+wie ihr, die Goten fort haben aus diesem Land.
+
+Aber er will nicht, wie ihr, dass Kaiser Justinianus unbedingt an ihre
+Stelle trete: er will nicht die Traufe statt des Regens.
+
+Am liebsten moechte ich, der unverbesserliche Republikaner - du weisst, mein
+Petros, wir waren es damals beide mit achtzehn Jahren auf der Schule von
+Athen und ich bin es noch: aber du brauchst es dem Kaiser, deinem Herrn,
+nicht zu melden, ich hab' es ihm lange selbst geschrieben - die Barbaren
+hinauswerfen, ohne euch herein zu lassen.
+
+Das geht nun leider nicht an: wir koennen eurer Hilfe nicht entbehren. Doch
+will ich diese auf das Unvermeidliche beschraenken. Kein byzantinisch Heer
+darf diesen Boden betreten, als um ihn im letzten Augenblick der Not aus
+der Hand der Italier zu empfangen. Italien sei mehr ein von den Italiern
+dargebrachtes Geschenk als eine Eroberung fuer Justinian: die Segnungen der
+Feldherrn und Steuerrechner, die Byzanz ueber die Laender bringt, die es
+befreit, sollen uns erspart bleiben: wir wollen euern Schutz, nicht eure
+Tyrannei."
+
+Ueber Petros' Zuege zog ein feines Laecheln, das Cethegus nicht zu bemerken
+schien; er fuhr fort: "So vernehmt meine Bedingung. Ich weiss, Belisarius
+liegt mit Flotte und Heer nah bei Sicilien. Er darf nicht landen. Er muss
+heimkehren. Ich kann keinen Belisar in Italien brauchen. Wenigstens nicht
+eher als ich ihn rufe. Und sendest du, Petros, ihm nicht sofort diesen
+Befehl zu, so scheiden sich unsere Wege. Ich kenne Belisar und Narses und
+ihre Soldatenherrschaft und ich weiss, welch' milde Herren diese Goten
+sind. Und mich erbarmt Amalaswinthens: sie war eine Mutter meines Volks.
+Deshalb waehlet, waehlet zwischen Belisar und Cethegus. Landet Belisar, so
+steht Cethegus und ganz Italien zu Amalaswintha und den Goten: und dann
+lass sehn, ob ihr uns eine Scholle dieses Landes entreisst. Waehlt ihr
+Cethegus, so bricht er die Macht der Barbaren und Italien unterwirft sich
+dem Kaiser als seine freie Gattin, nicht als seine Sklavin. Waehle,
+Petros."
+
+"Stolzer Mann," sprach Gothelindis, "du wagst uns Bedingungen zu setzen,
+uns, deiner Koenigin?" Und drohend erhob sie die Hand.
+
+Aber mit eiserner Faust ergriff Cethegus diese Hand und zog sie ruhig
+herab. "Lass die Possen, Eintagskoenigin. Hier unterhandeln nur Italien und
+Byzanz. Vergisst du deine Ohnmacht, so muss man dich dran mahnen. Du
+thronst, solange wir dich halten." Und mit so ruhiger Majestaet stand er
+vor dem zornmuetigen Weib, dass sie verstummte. Aber ihr Blick spruehte
+unausloeschlichen Hass.
+
+"Cethegus," sagte jetzt Petros, der sich einstweilen entschlossen, "du
+hast Recht. Byzanz kann fuer den Augenblick nicht mehr erreichen als deine
+Hilfe, weil nichts ohne sie. Wenn Belisar umkehrt, so gehst du ganz mit
+uns und unbedingt?"
+
+"Unbedingt."
+
+"Und Amalaswinthen?"
+
+"Geb' ich Preis."
+
+"Wohlan," sagte der Byzantiner, "es gilt."
+
+Er schrieb auf eine Wachstafel in kurzen Worten den Befehl zur Heimkehr an
+Belisar und reichte sie dem Praefekten: "Du magst die Botschaft selbst
+bestellen."
+
+Cethegus las sorgfaeltig: "Es ist gut," sagte er, die Tafel in die Brust
+steckend, "es gilt."
+
+"Wann bricht Italien los auf die Barbaren?" fragte Petros.
+
+"In den ersten Tagen des naechsten Monats. Ich gehe nach Rom. Leb wohl."
+
+"Du gehst? Und hilfst uns nicht das Weib - die Tochter Theoderichs
+verderben?" fragte die Koenigin mit bittrem Vorwurf. "Erbarmt dich ihrer
+abermals?"
+
+"Sie ist gerichtet," sagte Cethegus, an der Thuer sich kurz umwendend. "Der
+Richter geht - der Henker Amt hebt an." Und stolz schritt er hinaus.
+
+Da fasste Theodahad, der sprachlos vor Staunen den Byzantiner hatte handeln
+sehn, mit Entsetzen dessen Hand: "Petros," rief er, "um Gott und aller
+Heiligen willen, was hast du gethan? Unser Vertrag und alles ruht auf
+Belisar und du schickst ihn nach Hause?"
+
+"Und laesst diesen Uebermuetigen triumphieren?" knirschte Gothelindis.
+
+Aber Petros laechelte: der Sieg der Schlauheit strahlte auf seinem Antlitz.
+"Seid ruhig," sagte er, "diesmal ist er ueberwunden, der Allueberwinder
+Cethegus, besiegt von dem verhoehnten Petros." Er ergriff Theodahad und
+Gothelindis an den Haenden, zog sie nahe an sich, sah sich um, und
+fluesterte dann: "Vor jenem Brief an Belisar steht ein kleiner Punkt: der
+bedeutet ihm: all das Geschriebene ist nicht ernst gemeint, ist nichtig.
+Ja, ja, man lernt, man lernt die Schreibekunst am Hofe von Byzanz."
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+
+Zwei Tage nach der naechtlichen Begegnung mit Theodahad und Petros
+verbrachte Amalaswintha in einer Art von wirklicher oder vermeinter
+Gefangenschaft.
+
+So oft sie ihre Gemaecher verliess, so oft sie einbog in einen Gang des
+Palastes, jedesmal glaubte sie hinter oder neben sich Gestalten
+auftauchen, hingleiten, verschwinden zu sehen, die ebenso eifrig bedacht
+schienen, all' ihre Schritte zu beobachten als sich selbst ihren Blicken
+zu entziehen: kaum zu dem Grabe ihres Sohnes konnte sie unbewacht
+niedersteigen.
+
+Umsonst fragte sie nach Witichis, nach Teja: sie hatten gleich am Morgen
+nach dem Kroenungsfest in Auftraegen des Koenigs die Stadt verlassen. Das
+Gefuehl, vereinsamt und von boesen Feinden umlauert zu sein, ruhte drueckend
+auf ihrer Seele.
+
+Schwer und duester hingen am Morgen des dritten Tages die herbstlichen
+Regenwolken auf Ravenna herab, als sich Amalaswintha von dem
+schlummerlosen Lager erhob. Unheimlich beruehrte es sie, dass, als sie an
+das Fenster von Frauenglas trat, ein Rabe kraechzend von dem Marmorsims
+aufstieg und mit heiserem Schrei und schwerem Fluegelschlag langsam ueber
+die Gaerten dahinflog.
+
+Die Fuerstin fuehlte schon daran, wie geknickt ihre Seele war durch diese
+Tage von Schmerz, Furcht und Reue, dass sie sich des finstern Eindrucks
+nicht erwehren konnte, den ihr die fruehen Herbstnebel, aus den Lagunen der
+Seestadt aufsteigend, brachten. Seufzend blickte sie in die graue
+Sumpflandschaft hinaus.
+
+Schwer war ihr Herz von Reue und Sorge.
+
+Und ihr einziger Halt der Gedanke, durch freie Selbstanklage und volle
+Demuetigung vor allem Volk das Reich noch zu retten um den Preis ihres
+Lebens. Denn sie zweifelte nicht, dass die Gesippen und Blutraecher der drei
+Herzoge ihre Pflicht vollauf erfuellen wuerden. In solchen Gedanken schritt
+sie durch die oeden Hallen und Gaenge des Palastes, diesmal, wie sie
+glaubte, unbelauscht, hinunter zu der Ruhestaette ihres Sohnes, sich in den
+Vorsaetzen der Busse und Suehne an ihrem Volk zu befestigen.
+
+Als sie nach geraumer Zeit aus der Gruft wieder emporstieg und in einen
+dunkeln Gewoelbgang einlenkte, huschte ein Mann in Sklaventracht aus einer
+Nische hervor - sie glaubte sein Gesicht schon oft gesehen zu haben -
+drueckte ihr eine kleine Wachstafel in die Hand und war seitab
+verschwunden.
+
+Sie erkannte sofort - die Handschrift Cassiodors -.
+
+Und sie erriet nun auch den geheimnisvollen Ueberbringer: es war Dolios,
+der Briefsklave ihres treuen Ministers. Rasch die Tafel in ihrem Gewande
+bergend eilte sie in ihr Gemach. Dort las sie: "In Schmerz, nicht in Zorn,
+schied ich von dir. Ich will nicht, dass du unbussfertig abgerufen werdest
+und deine unsterbliche Seele verloren gehe. Flieh aus diesem Palast, aus
+dieser Stadt: dein Leben ist keine Stunde mehr sicher. Du kennst
+Gothelindis und ihren Hass. Traue niemand als meinem Schreiber und finde
+dich um Sonnenuntergang bei dem Venustempel im Garten ein. Dort wird dich
+meine Saenfte erwarten und in Sicherheit bringen, nach meiner Villa im
+Bolsener See. Folge und vertraue."
+
+Geruehrt liess Amalaswintha den Brief sinken: der vielgetreue Cassiodor! Er
+hatte sie doch nicht ganz verlassen. Er bangte und sorgte noch immer fuer
+das Leben der Freundin. Und jene reizende Villa auf der einsamen Insel im
+blauen Bolsener See! Dort hatte sie, vor vielen, vielen Jahren, als Gast
+Cassiodors, in voller Bluete der Jugendschoenheit, Hochzeit gehalten mit
+Eutharich, dem edeln Amalungen, und, von allem Schimmer der Macht und
+Ehren umflossen, ihrer Jugend stolzeste Tage gefeiert.
+
+Ihr sonst so hartes, aber jetzt vom Unglueck erweichtes Gemuet beschlich
+maechtige Sehnsucht, die Staette ihrer schoensten Freuden wiederzusehen.
+Schon dies Eine Gefuehl trieb sie maechtig an, der Mahnung Cassiodors zu
+folgen: noch mehr die Furcht, - nicht fuer ihr Leben, denn sie wollte
+sterben - die Raschheit ihrer Feinde moechte ihr unmoeglich machen, das Volk
+zu warnen und das Reich zu retten. Endlich ueberlegte sie, dass der Weg nach
+Regeta bei Rom, wo in Baelde die grosse Volksversammlung, wie alljaehrlich im
+Herbst, statthaben sollte, sie am Bolsener See vorueberfuehrte. Also war es
+nur eine Beschleunigung ihres Planes, wenn sie schon jetzt in dieser
+Richtung aufbrach. Um aber auf alle Faelle sicher zu gehn, um, auch wenn
+sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen sollte, ihre warnende Stimme an
+das Ohr des Volks gelangen zu lassen, beschloss sie einem Brief an
+Cassiodor, den auf seiner Villa anzutreffen sie nicht bestimmt
+voraussetzen konnte, ihre ganze Beichte und die Enthuellung aller Plaene der
+Byzantiner und Theodahads anzuvertrauen.
+
+Bei geschlossenen Thueren schrieb sie die schmerzreichen Worte nieder:
+heisse Thraenen des Dankes und der Reue fielen auf das Pergament, das sie
+sorgfaeltig siegelte und dem treuesten ihrer Sklaven uebergab, es sicher
+nach dem Kloster Squillacium in Apulien, der Stiftung und dem gewoehnlichen
+Aufenthalt Cassiodors, zu befoerdern.
+
+Langsam verstrichen der Fuerstin die zoegernden Stunden des Tages. Mit
+ganzer Seele hatte sie des Freundes dargebotne Hand ergriffen. Erinnerung
+und Hoffnung malten ihr um die Wette das Eiland im Bolsener See als ein
+teures Asyl: dort hoffte sie Ruhe und Frieden zu finden. Sie hielt sich
+sorgsam innerhalb ihrer Gemaecher, um keinem ihrer Waechter Veranlassung zum
+Verdacht, Gelegenheit, sie aufzuhalten, zu geben. Endlich war die Sonne
+gesunken.
+
+Mit leisen Schritten eilte Amalaswintha, ihre Sklavinnen zurueckweisend und
+nur einige Kleinodien und Dokumente unter dem weiten Mantel bergend, aus
+ihrem Schlafgemach in den breiten Saeulengang, der zur Gartentreppe fuehrte.
+Sie zitterte, hier wie gewoehnlich auf einen der lauschenden Spaeher zu
+stossen, gesehen, angehalten zu werden. Haeufig sah sie sich um, vorsichtig
+blickte sie sogar in die Statuennischen: - alles war leer, kein Lauscher
+folgte diesmal ihren Tritten. So erreichte sie unbeobachtet die Plattform
+der Freitreppe, die Palast und Garten verband und weiten Ausblick ueber
+diesen hin gewaehrte. Scharf ueberschaute sie den naechsten Weg, der zum
+Venustempel fuehrte. Der Weg war frei.
+
+Nur die welken Blaetter raschelten wie unwillig von den rauschenden
+Platanen auf die Sandpfade nieder, gewirbelt von dem Winde, der fern,
+jenseit der Gartenmauer, Nebel und Wolken in geisterhaften Gestalten vor
+sich her trieb: es war unheimlich in dem ausgestorbenen Garten und seiner
+grauen Daemmerung.
+
+Die Fuerstin froestelte, der kalte Abendwind zerrte an ihrem Schleier und
+Mantel: einen scheuen Blick warf sie noch auf die duestern, lastenden
+Steinmassen des Palastes hinter sich, in dem sie so stolz gewaltet und
+geherrscht und aus dem sie nun einsam, scheu, verfolgt wie eine
+Verbrecherin fluechtete. Sie dachte des Sohnes, der in den Tiefen des
+Palastes ruhte. - Sie dachte der Tochter, die sie selbst aus diesen
+Mauern, aus ihrer Naehe verbannt hatte. -
+
+Und einen Augenblick drohte der Schmerz die Verlassene zu ueberwaeltigen:
+sie wankte, muehsam hielt sie sich aufrecht an dem breiten Marmorgelaender
+der Terrasse: ein Fieberschauer ruettelte an ihrem Leibe wie das Grauen der
+Verlassenheit an ihrer Seele.
+
+"Aber mein Volk!" sprach sie zu sich selbst "und meine Busse - ich will's
+vollenden." Gekraeftigt von diesem Gedanken eilte sie die Stufen der Treppe
+hinab und bog in den von Epheu ueberwoelbten Laubgang ein, der quer durch
+den Garten fuehrte und an dem Venustempel muendete. Rasch schritt sie voran,
+erbebend, wann zu einem der Seitengaenge das Herbstlaub, wie seufzend,
+hereinwirbelte.
+
+Atemlos langte sie vor dem kleinen Tempel an und liess ringsum die
+suchenden Blicke schweifen. Aber keine Saenfte, keine Sklaven waren zu
+sehen, rings war alles still: nur die Aeste der Platanen seufzten im Winde.
+
+Da schlug das nahe Wiehern eines Pferdes an ihr Ohr.
+
+Sie wandte sich: - um den Vorsprung der Mauer bog mit hastigen Schritten
+ein Mann. Es war Dolios. Er winkte, scheu umherspaehend. Rasch eilte die
+Fuerstin auf ihn zu, folgte ihm um die Ecke: und vor ihr stand Cassiodors
+wohlbekannter gallischer Reisewagen, die bequeme und vornehme Carruca, von
+allen vier Seiten mit verschiebbaren Gitterlaeden von feinem Holzwerk
+umschlossen, und mit dem raschen Dreigespann belgischer Manni beschirrt.
+
+"Eile thut not, o Fuerstin," fluesterte Dolios, sie in die weichen Polster
+hebend. "Die Saenfte ist zu langsam fuer den Hass deiner Feinde. Stille und
+Eile, dass uns niemand bemerkt."
+
+Amalaswintha blickte noch einmal um sich.
+
+Dolios oeffnete das Thor des Gartens und fuehrte den Wagen vor dasselbe
+hinaus. Da traten zwei Maenner aus dem Gebuesch: der eine bestieg den Sitz
+des Wagenlenkers vor ihr: der andere schwang sich auf eines der beiden
+gesattelt vor dem Thore stehenden Rosse: sie erkannte die Maenner als
+vertraute Sklaven Cassiodors: sie waren wie Dolios mit Waffen versehen.
+Dieser sperrte wieder sorgfaeltig das Gartenthor und liess die Gitterladen
+des Wagens herab. Dann warf er sich auf das zweite der Pferde und zog das
+Schwert: "Vorwaerts!" rief er.
+
+Und von dannen jagte der kleine Zug, als waer' ihm der Tod auf der Ferse.
+
+
+
+
+ Fuenftes Kapitel.
+
+
+Die Fuerstin wiegte sich in Gefuehlen des Dankes, der Freiheit, der
+Sicherheit. Sie baute schoene Entwuerfe der Suehne.
+
+Schon sah sie ihr Volk durch ihre warnende Stimme gerettet vor Byzanz, vor
+dem Verrat des eigenen Koenigs: schon hoerte sie den begeisterten Ruf des
+tapferen Heeres, der den Feinden Verderben, ihr aber Verzeihung
+verkuendete. In solchen Traeumen verflogen ihr die Stunden, die Tage und
+Naechte. Unausgesetzt eilte der Zug vorwaerts: drei-, viermal des Tages
+wurden die Pferde des Wagens und der Reiter gewechselt, so dass sie Meile
+um Meile wie im Fluge zuruecklegten.
+
+Wachsam huetete Dolios die ihm anvertraute Fuerstin: mit gezogenem Schwert
+schuetzte er den Zugang zum Wagen, waehrend seine Begleiter Speisen und Wein
+aus den Stationen holten. Jene gefluegelte Eile und diese treue Wachsamkeit
+benahm Amalaswinthen eine Besorgnis, deren sie sich eine Weile nicht hatte
+erwehren koennen: ihr war, sie wuerden verfolgt.
+
+Zweimal, in Perusia und in Clusium, glaubte sie, wie der Wagen hielt,
+dicht hinter sich Raedergerassel zu hoeren und den Hufschlag eilender Rosse:
+ja in Clusium meinte sie, aus dem niedergelassenen Gitterladen
+zurueckspaehend, eine zweite Carruca, ebenfalls von Reitern begleitet, in
+das Thor der Stadt einbiegen zu sehen.
+
+Aber als sie Dolios davon sprach, jagte der spornstreichs nach dem Thore
+zurueck und kam sogleich mit der Meldung wieder, dass nichts wahrzunehmen
+sei; auch hatte sie von da ab nichts mehr bemerkt: und die rasende Eile,
+mit der sie sich dem ersehnten Eiland naeherte, liess sie hoffen, dass ihre
+Feinde, selbst wenn sie ihre Flucht entdeckt und eine Strecke weit
+verfolgt haben sollten, alsbald ermuedet zurueckgeblieben seien.
+
+Da verduesterte ein Unfall, unbedeutend an sich, aber unheilkuendend durch
+seine begleitenden Umstaende, ploetzlich die hellere Stimmung der
+fluechtenden Fuerstin.
+
+Es war hinter der kleinen Stadt Martula.
+
+Oede baumlose Heide dehnte sich unabsehbar nach jeder Richtung: nur Schilf
+und hohe Sumpfgewaechse ragten aus den feuchten Niederungen zu beiden
+Seiten der roemischen Hochstrasse und nickten und fluesterten gespenstisch im
+Nachtwind. Die Strasse war hin und wieder mit niedern, von Reben
+ueberflochtenen Mauern eingefasst und, nach altroemischer Sitte, mit
+Grabmonumenten, die aber oft traurig zerfallen waren und mit ihren auf dem
+Wege zerstreuten Steintruemmern den Pferden das Fortkommen erschwerten.
+
+Ploetzlich hielt der Wagen mit einem heftigen Ruck und Dolios riss die
+rechte Thuere auf. "Was ist geschehen," rief die Fuerstin erschreckt, "sind
+wir in Feindes Hand?"
+
+"Nein," sprach Dolios, der, ihr von je als verschlossen und finster
+bekannt, auf dieser Reise fast unheimlich schweigsam schien, "ein Rad ist
+gebrochen. Du musst aussteigen und warten, bis es gebessert."
+
+Ein heftiger Windstoss loeschte in diesem Augenblick seine Fackel und
+nasskalter Regen schlug in der Bestuerzten Antlitz. "Aussteigen? hier? und
+wohin dann? hier ist nirgend ein Haus, ein Baum, der Schutz boete vor Regen
+und Sturm. Ich bleibe in dem Wagen." - "Das Rad muss abgehoben werden.
+Dort, das Grabmal, mag dir Schutz gewaehren."
+
+Mit einem Schauer von Furcht gehorchte Amalaswintha und schritt ueber die
+Steintruemmer, die ringsum zerstreut lagen, nach der rechten Seite des
+Weges, wo sie jenseit des Grabens ein hohes Monument aus der Dunkelheit
+ragen sah. Dolios half ihr ueber den Graben.
+
+Da schlug von der Strasse hinter ihrem Wagen her das Wiehern eines Pferdes
+an ihr Ohr. Erschrocken blieb sie stehen.
+
+"Es ist unser Nachreiter," sagte Dolios rasch, "der uns den Ruecken deckt,
+komm."
+
+Und er fuehrte sie durch feuchtes Gras den Huegel heran, auf dem sich das
+Monument erhob. Oben angelangt setzte sie sich auf die breite Steinplatte
+eines Sarkophags.
+
+Da war Dolios ploetzlich im Dunkel verschwunden, vergebens rief sie ihn
+zurueck: bald sah sie unten auf der Strasse seine Fackel wieder brennen: rot
+leuchtete sie durch die Nebel der Suempfe: und der Sturm entfuehrte rasch
+den Schall der Hammerschlaege der Sklaven, die an dem Rade arbeiteten.
+
+So sass die Tochter des grossen Theoderich, einsam und todesfluechtig, auf
+der Heerstrasse in unheimlicher Nacht; der Sturm riss an ihrem Mantel und
+Schleier, der feine kalte Regen durchnaesste sie, in den Cypressen hinter
+dem Grabmal seufzte melancholisch der Wind, oben am Himmel jagte
+zerfetztes Gewoelk und liess nur manchmal einen fluechtigen Mondstrahl durch,
+der die gleich wieder folgende Dunkelheit noch duesterer machte.
+
+Banges Grauen durchschlich froestelnd ihr Herz.
+
+Allmaehlich gewoehnte sich ihr Auge an die Dunkelheit und umher sehend
+konnte sie die Umrisse der naechsten Dinge deutlicher unterscheiden: da -
+ihr Haar straeubte sich vor Entsetzen - da war ihr, es saesse dicht hinter
+ihr auf dem erhoehten Hintereck des Sarkophags eine zweite Gestalt: - ihr
+eigener Schatten war es nicht -: eine kleinere Gestalt in weitem, faltigem
+Gewand, die Arme auf die Kniee, das Haupt in die Haende gestuetzt und zu ihr
+herunter starrend.
+
+Ihr Atem stockte, sie glaubte fluestern zu hoeren, fieberhaft strengte sie
+die Sinne an zu sehen, zu hoeren: da fluesterte es wieder: "Nein, nein: noch
+nicht!" So glaubte sie zu hoeren. Sie richtete sich leise auf, auch die
+Gestalt schien sich zu regen, es klirrte deutlich wie Stahl auf Stein.
+
+Da schrie die Geaengstigte: "Dolios! Licht! Hilfe! Licht!" Und sie wollte
+den Huegel hinab, aber zitternd versagten die Kniee, sie fiel und verletzte
+die Wange an dem scharfen Gestein.
+
+Da war Dolios mit der Fackel heran, schweigend erhob er die Blutende: er
+fragte nicht. "Dolios," rief sie sich fassend, "gieb die Leuchte: ich muss
+sehen, was dort war, was dort ist."
+
+Sie nahm die Fackel und schritt entschlossen um die Ecke des Sarkophags:
+es war nichts zu sehen: aber jetzt, im Glanze der Fackel, erkannte sie,
+dass das Monument nicht, wie die uebrigen, ein altes, dass es sichtlich erst
+neu errichtet war, so unverwittert war der weisse Marmor, so frisch die
+schwarzen Buchstaben der Inschrift. -
+
+Von jener seltsamen Neugier, die sich mit dem Grauen verbindet,
+unwiderstehlich fortgerissen, hielt sie die Fackel dicht an den Sockel des
+Monuments und las bei flackerndem Licht die Worte: "Ewige Ehre den drei
+Balten Thulun, Ibba und Pitza. Ewiger Fluch ihren Moerdern."
+
+Mit einem Aufschrei taumelte Amalaswintha zurueck.
+
+Dolios fuehrte die Halbohnmaechtige zu dem Wagen. Fast bewusstlos legte sie
+die noch uebrigen Stunden des Weges zurueck. Sie fuehlte sich krank an Leib
+und Seele. Je naeher sie dem Eiland kam, desto lebhafter ward die
+fieberhafte Freude, mit der sie es ersehnt, verdraengt von einer
+ahnungsvollen Furcht: mit Bangen sah sie die Straeucher und Baeume des Weges
+immer rascher an sich vorueberfliegen.
+
+Endlich machten die dampfenden Rosse Halt.
+
+Sie senkte die Laeden und blickte hinaus: es war die kalte, unheimliche
+Stunde, da das erste Tagesgrauen ankaempft gegen die noch herrschende
+Nacht: sie waren, so schien es, angelangt am Ufer des Sees: aber von
+seinen blauen Fluten war nichts zu sehen; ein duestrer grauer Nebel lag
+undurchdringlich wie die Zukunft vor ihren Augen: von der Villa, ja von
+der Insel selbst war nichts zu entdecken. Rechts vom Wagen stand eine
+niedrige Fischerhuette tief in dem dichten, ragenden Schilf, durch welches
+wie seufzend der Morgenwind fuhr, dass die schwankenden Haeupter sich bogen.
+
+Seltsam: ihr war, als warnten und winkten sie hinweg von dem dahinter
+verborgenen See.
+
+Dolios war in die Huette gegangen; er kam jetzt zurueck und hob die Fuerstin
+aus dem Wagen, schweigend fuehrte er sie durch den feuchten Wiesengrund
+nach dem Schilf zu.
+
+Da lag am Ufer eine schmale Faehre: sie schien mehr im Nebel als im Wasser
+zu schwimmen.
+
+Am Steuer aber sass in einen grauen zerfetzten Mantel gehuellt ein alter
+Mann, dem die langen weissen Haare wirr ins Gesicht hingen. Er schien vor
+sich hin zu traeumen mit geschlossenen Augen, die er nicht aufschlug, als
+die Fuerstin in den schwankenden Nachen stieg und sich in der Mitte
+desselben auf einem Feldstuhl niederliess.
+
+Dolios trat an den Schnabel des Schiffes und ergriff zwei Ruder: die
+Sklaven blieben bei dem Wagen zurueck.
+
+"Dolios," rief Amalaswintha besorgt, "es ist sehr dunkel, wird der Alte
+steuern koennen in diesem Nebel, und an keinem Ufer ein Licht?" - "Das
+Licht wuerde ihm nichts nuetzen, Koenigin, er ist blind." - "Blind?" rief die
+Erschrockene, "lass landen! kehr um!" - "Ich fahre hier seit bald zwanzig
+Jahren," sprach der greise Ferge, "kein Sehender kennt den Weg gleich
+mir." - "So bist du blind geboren?"
+
+"Nein, Theoderich der Amaler liess mich blenden, weil mich Alarich, der
+Balten-Herzog, des Thulun Bruder, gedungen haette, ihn zu morden. Ich bin
+ein Knecht der Balten, war ein Gefolgsmann Alarichs, aber ich war so
+unschuldig wie mein Herr, Alarich der Verbannte. Fluch ueber die
+Amalungen!" rief er mit zornigem Ruck am Steuer.
+
+"Schweig! Alter," sprach Dolios.
+
+"Warum soll ich heute nicht sagen, was ich bei jedem Ruderschlag seit
+zwanzig Jahren sage? Es ist mein Taktspruch. - Fluch den Amalungen!"
+
+Mit Grauen sah die Fluechtige auf den Alten, der in der That mit voelliger
+Sicherheit und pfeilgerade fuhr. Sein weiter Mantel und wirres Haar flogen
+im Winde: ringsum Nebel und Stille, nur das Ruder hoerte man gleichfoermig
+einschlagen, leere Luft und graues Licht auf allen Seiten. Ihr war, als
+fuehre sie Charon ueber den Styx in das graue Reich der Schatten. - Fiebernd
+huellte sie sich in ihren faltigen Mantel.
+
+Noch einige Ruderschlaege und sie landeten.
+
+Dolios hob die Zitternde heraus: der Alte aber wandte sein Boot schweigend
+und ruderte so rasch und sicher zurueck wie er gekommen: Mit einer Art von
+Grauen sah ihm Amalaswintha nach, bis er in dem dichten Nebel verschwand.
+
+Da war es ihr, als hoere sie den Schall von Ruderschlaegen eines zweiten
+Schiffes, die rasch naeher und naeher drangen. Sie fragte Dolios nach dem
+Grund dieses Geraeusches.
+
+"Ich hoere nichts," sagte dieser, "du bist allzu erregt, komm in das Haus."
+Sie wankte auf seinen Arm gestuetzt die in den Felsboden gehauenen Stufen
+hinan, die zu der burgaehnlichen, hochgetuermten Villa fuehrten: von dem
+Garten, der, wie sie sich lebhaft erinnerte, zu beiden Seiten dieses
+schmalen Weges sich dehnte, waren in dem Nebel kaum die Linien der
+Baumreihen zu sehen.
+
+Endlich erreichten sie das hohe Portal, eine eherne Thuer im Rahmen von
+schwarzem Marmor. Der Freigelassene pochte mit dem Knauf seines Schwertes:
+- dumpf droehnte der Schlag in den gewoelbten Hallen nach - die Thuere sprang
+auf.
+
+Amalaswintha gedachte, wie sie einst durch dieses Thor, das die
+Blumengewinde fast versperrt hatten, an ihres Gatten Seite eingezogen war:
+sie gedachte, wie sie die Pfoertner, gleichfalls ein jung vermaehltes Paar,
+so freundlich begruesst. -
+
+Der finstersehende Sklave mit wirrem grauem Haar, der jetzt mit Ampel und
+Schluesselbund vor ihr stand, war ihr fremd.
+
+"Wo ist Fuscina, des frueheren Ostiarius Weib? ist sie nicht mehr im
+Hause?" fragte sie.
+
+"Die ist lang ertrunken im See," sagte der Pfoertner gleichgueltig und
+schritt mit der Leuchte voran. Schaudernd folgte die Fuerstin: sie musste
+sich die kalten dunkeln Wogen vorstellen, die so unheimlich an den Planken
+ihrer Faehre geleckt. Sie gingen durch Bogenhoefe und Saeulenhallen: - alles
+leer, wie ausgestorben, die Schritte hallten laut durch die Oede: - die
+ganze Villa schien ein weites Totengewoelbe.
+
+"Das Haus ist unbewohnt? ich bedarf einer Sklavin."
+
+"Mein Weib wird dir dienen."
+
+"Ist sonst niemand in der Villa?"
+
+"Noch ein Sklave. Ein griechischer Arzt."
+
+"Ein Arzt - ich will ihn -"
+
+Aber in diesem Augenblicke schollen von dem Portal her einige heftige
+Schlaege: schwer droehnten sie durch die leeren Raeume. Entsetzt fuhr
+Amalaswintha zusammen. "Was war das?" fragte sie, Dolios' Arm fassend. Sie
+hoerte die schwere Thuere zufallen.
+
+"Es hat nur jemand Einlass begehrt," sagte der Ostiarius und schloss die
+Thuere des fuer die Fluechtige bestimmten Gemaches auf. Die dumpfe Luft eines
+lang nicht mehr geoeffneten Raumes drang ihr erstickend entgegen: aber mit
+Ruehrung erkannte sie die Schildpattbekleidung der Waende: es war dasselbe
+Gemach, das sie vor zwanzig Jahren bewohnt: ueberwaeltigt von der Erinnerung
+glitt sie auf den kleinen Lectus, der mit dunkeln Polstern belegt war.
+
+Sie verabschiedete die beiden Maenner, zog die Vorhaenge des Lagers um sich
+her zu und verfiel bald in einen unruhigen Schlaf.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+
+So lag sie, sie wusste nicht wie lange, bald wachend, bald traeumend: wild
+jagte Bild auf Bild an ihrem Auge vorueber.
+
+Eutharich mit seinem Zug des Schmerzes um die Lippen: - Athalarich, wie er
+auf seinem Sarkophag hingestreckt lag, er schien ihr zu sich herab zu
+winken: - das vorwurfsvolle Antlitz Mataswinthens - dann Nebel und Wolken
+und blattlose Baeume: - drei zuernende Kriegergestalten mit bleichen
+Gesichtern und blutigen Gewaendern: und der blinde Faehrmann in das Reich
+der Schatten. Und wieder war ihr, sie liege auf der oeden Heide auf den
+Stufen des Baltendenkmals und als rausche es hinter ihr und als beuge sich
+abermals hinter dem Steine hervor jene verhuellte Gestalt ueber sie naeher
+und naeher, - beengend, - erstickend. Die Angst schnuerte ihr das Herz
+zusammen, entsetzt fuhr sie auf aus ihrem Traum und sah hochaufgerichtet
+um sich: da - nein, es war kein Traumgesicht - da rauschte es, hinter dem
+Vorhang des Bettes, und in die getaefelte Wand glitt ein verhuellter
+Schatte.
+
+Mit einem Schrei riss Amalaswintha die Falten des Vorhangs auseinander - da
+war nichts mehr zu sehen.
+
+Hatte sie doch nur getraeumt? Aber sie konnte nicht mehr allein sein mit
+ihren bangen Gedanken. So drueckte sie auf den Achatknauf in der Wand, der
+draussen einen Hammer in Bewegung setzte.
+
+Alsbald erschien ein Sklave, dessen Zuege und Tracht hoehere Bildung
+verrieten. Er gab sich als den griechischen Arzt zu erkennen: sie teilte
+ihm die Schreckgesichte, die Fieberschauer der letzten Stunden mit: er
+erklaerte es fuer Folgen der Aufregung, vielleicht der Erkaeltung auf der
+Flucht, empfahl ihr ein warmes Bad und ging, dessen Mischung anzuordnen.
+
+Amalaswintha erinnerte sich der herrlichen Baeder, die, in zwei Stockwerken
+uebereinander, den ganzen rechten Fluegel der Villa einnahmen. Das untere
+Stockwerk der grossen achteckigen Rotunde, fuer die kalten Baeder bestimmt,
+stand mit dem See in unmittelbarem Zusammenhange: sein Wasser wurde durch
+Siebthueren, die jede Unreinheit abhielten, hereingeleitet. Das obere
+Stockwerk erhob sich, als Verjuengung des Achtecks, ueber der Badstube des
+unteren, deren Decke - eine grosse, kreisfoermige Metallplatte, - den Boden
+des oberen warmen Bades bildete und nach Belieben in zwei Halbkreisen
+rechts und links in das Gemaeuer geschoben werden konnte, so dass die beiden
+Stockwerke dann einen ungeteilten turmhohen Raum bildeten, der zum Zweck
+der Reinigung oder zum Behuf von Schwimm- und Taucherspielen ganz von dem
+Wasser des Sees erfuellt werden konnte.
+
+Regelmaessig aber bildete das obere Achteck fuer sich den Raum des warmen
+Bades, in das vielfach verschlungene Wasserkuenste in hundert Roehren mit
+zahllosen Delphinen, Tritonen und Medusenhaeuptern von Bronze und Marmor
+duftige, mit Oelen und Essenzen gemischte Fluten leiteten, waehrend
+zierliche Stufen von der Galerie, auf der man sich entkleidete, in das
+muschelfoermige Porphyrbecken des eigentlichen Baderaumes hinabfuehrten.
+
+Waehrend sich die Fuerstin noch diese Raeume ins Gedaechtnis zurueckrief,
+erschien das Weib des Thuersklaven, sie in das Bad abzuholen. Sie gingen
+durch weite Saeulenhallen und Buechersaele, in welchen aber die Fuerstin die
+Kapseln und Rollen Cassiodors vermisste, in der Richtung nach dem Garten;
+die Sklavin trug die feinen Badetuecher, Oelflaeschchen und den Salbenkrug.
+Endlich gelangte sie in das turmaehnliche Achteck des Badepalastes, dessen
+saemtliche Gelasse an Boden, Wand und Decke durchaus mit hellgrauen
+Marmorplatten belegt waren. Vorueber an den Hallen und Gaengen, die der
+Gymnastik und dem Ballspiel vor und nach dem Bade dienten, vorueber an den
+Heizstuebchen, den Auskleide- und Salbgemaechern eilten sie sofort nach dem
+Caldarium, dem warmen Bade. Die Sklavin oeffnete schweigend die in die
+Marmorwand eingesenkte Thuer.
+
+Amalaswintha trat ein und stand auf der schmalen Galerie, die rings um das
+Bassin lief: gerade vor ihr fuehrten die bequemen Stufen in das Bad, aus
+dem bereits warme und koestliche Dufte aufstiegen. Das Licht fiel von oben
+herein durch eine achteckige Kuppel von kunstvoll geschliffenem Glas:
+gerade am Eingang erhob sich eine Treppe von Cedernholz, die auf zwoelf
+Staffeln zu einer Sprungbruecke fuehrte: rings an den Marmorwaenden der
+Galerie wie des Beckens verkleideten zahllose Reliefs die Muendungen der
+Roehren, die den Wasserkuensten und der Luftheizung dienten.
+
+Ohne ein Wort legte das Weib das Badegeraet auf die weichen Kissen und
+Teppiche, die den Boden der Galerie bedeckten und wandte sich zur Thuere.
+"Woher bist du mir bekannt?" fragte die Fuerstin sie nachdenklich
+betrachtend, "wie lange bist du hier?"
+
+"Seit acht Tagen." Und sie ergriff die Thuere.
+
+"Wie lange dienst du Cassiodor?"
+
+"Ich diene von jeher der Fuerstin Gothelindis."
+
+Mit einem Angstschrei sprang Amalaswintha bei diesem Namen auf, wandte
+sich und griff nach dem Gewand des Weibes - zu spaet: sie war hinaus, die
+Thuere war zugefallen und Amalaswintha hoerte, wie der Schluessel von aussen
+umgedreht und abgezogen ward. Umsonst suchte ihr Auge nach einem anderen
+Ausgang.
+
+Da ueberkam ein ungeheures, unbekanntes Grauen die Koenigin: sie fuehlte, dass
+sie furchtbar getaeuscht, dass hier ein verderbliches Geheimnis verborgen
+sei: Angst, unsaegliche Angst fiel auf ihr Herz: Flucht, Flucht aus diesem
+Raum war ihr einziger Gedanke.
+
+Aber keine Flucht schien moeglich: die Thuere war von innen jetzt nur eine
+dicke Marmortafel, wie die zur Rechten und Linken: nicht mit einer Nadel
+war in ihre Fugen zu dringen: verzweifelnd liess sie die Blicke rings an
+der Wand der Galerie kreisen: nur die Tritonen und Delphine starrten ihr
+entgegen: endlich ruhte ihr Auge auf dem schlangenstarrenden Medusenhaupt
+ihr gerade gegenueber - und sie stiess einen Schrei des Entsetzens aus.
+
+Das Gesicht der Meduse war zur Seite geschoben und die ovale Oeffnung unter
+dem Schlangenhaar war von einem lebenden Antlitz ausgefuellt.
+
+War es ein menschlich Antlitz?
+
+Die Zitternde klammerte sich an die Marmorbruestung der Galerie und spaehte
+vorgebeugt hinueber: ja, es waren Gothelindens verzerrte Zuege: und eine
+Hoelle von Hass und Hohn spruehte aus ihrem Blick.
+
+Amalaswintha brach in die Kniee und verhuellte ihr Gesicht. "Du - du hier!"
+
+Ein heiseres Lachen war die Antwort. "Ja, Amalungenweib, ich bin hier und
+dein Verderben! Mein ist dies Eiland, mein das Haus! - es wird dein Grab!
+- mein Dolios und alle Sklaven Cassiodors, an mich verkauft seit acht
+Tagen.
+
+Ich habe dich hierher gelockt: ich bin dir hierher nachgeschlichen wie
+dein Schatte: lange Tage, lange Naechte hab' ich den brennenden Hass
+getragen, endlich hier die volle Rache zu kosten. Stundenlang will ich
+mich weiden an deiner Todesangst, will es schauen, wie die erbaermliche,
+winselnde Furcht diese stolze Gestalt wie Fieber schuettelt und durch diese
+hochmuetigen Zuege zuckt: - o ein Meer von Rache will ich trinken."
+
+Haenderingend erhob sich Amalaswintha: "Rache! Wofuer? Woher dieser toedliche
+Hass?"
+
+"Ha, du fraegst noch? Freilich sind Jahrzehnte darueber hingegangen und das
+Herz des Gluecklichen vergisst so leicht. Aber der Hass hat ein treues
+Gedaechtnis. Hast du vergessen, wie dereinst zwei junge Maedchen spielten
+unter dem Schatten der Platanen auf der Wiese vor Ravenna? Sie waren die
+ersten unter ihren Gespielinnen: beide jung, schoen und lieblich:
+Koenigskind die eine, die andere die Tochter der Balten. Und die Maedchen
+sollten eine Koenigin des Spieles waehlen: und sie waehlten Gothelindis, denn
+sie war noch schoener als du und nicht so herrisch: und sie waehlten sie
+einmal, zweimal nacheinander. Die Koenigstochter aber stand dabei von
+wildem, unbaendigem Stolz und Neid verzehrt: und als man mich zum dritten
+wieder gewaehlt, fasste sie die scharfe, spitzige Gartenschere" -
+
+"Halt ein, o schweig, Gothelindis."
+
+- "Und schleuderte sie gegen mich. Und sie traf; aufschreiend, blutend
+stuerzte ich zu Boden, meine ganze Wange eine klaffende Wunde und mein
+Auge, mein Auge durchbohrt. Ha, wie das schmerzt, noch heute."
+
+"Verzeih, vergieb, Gothelindis!" jammerte die Gefangene. "Du hattest mir
+ja laengst verziehn."
+
+"Verzeihen? ich dir verzeihen? Dass du mir das Auge aus dem Antlitz und die
+Schoenheit aus dem Leben geraubt, das soll ich verzeihen? Du hattest
+gesiegt fuers Leben: Gothelindis war nicht mehr gefaehrlich: sie trauerte im
+stillen, die Entstellte floh das Auge der Menschen.
+
+Und Jahre vergingen.
+
+Da kam an den Hof von Ravenna aus Hispanien der edle Eutharich, der Amaler
+mit dem dunkeln Auge und der weichen Seele: und er, selber krank, erbarmte
+sich der kranken halb Blinden: und er sprach mit ihr voll Mitleid und
+Guete, mit der Haesslichen, die sonst alle mieden. O wie erquickte das meine
+duerstende Seele! Und es ward beraten, zur Tilgung uralten Hasses der
+beiden Geschlechter, zur Suehne alter und neuer Schuld, - denn auch den
+Baltenherzog Alarich hatte man auf geheime, unbewiesene Anklage gerichtet
+- dass die arme misshandelte Baltentochter des edelsten Amalers Weib werden
+sollte.
+
+Aber als du es erfuhrst, du, die mich verstuemmelt, da beschlossest du, mir
+den Geliebten zu nehmen: nicht aus Eifersucht, nicht, weil du ihn
+liebtest, nein, aus Stolz: weil du den ersten Mann im Gotenreich, den
+naechsten Manneserben der Krone, fuer dich haben wolltest.
+
+Das beschlossest du und hast es durchgesetzt: denn dein Vater konnte dir
+keinen Wunsch versagen: und Eutharich vergass alsbald seines Mitleids mit
+der Einaeugigen, als ihm die Hand der schoenen Koenigstochter winkte. Zur
+Entschaedigung - oder war es zum Hohne? - gab man auch mir einen Amaler: -
+Theodahad, den elenden Feigling!"
+
+"Gothelindis, ich schwoere dir, ich hatte nie geahnt, dass du Eutharich
+liebtest. Wie konnte ich -"
+
+"Freilich, wie konntest du glauben, dass die Haessliche die Gedanken so hoch
+erhebe? O, du Verfluchte! Und haettest du ihn noch geliebt und beglueckt -
+alles haett' ich dir verziehen. Aber du hast ihn nicht geliebt, du kannst
+ja nur das Scepter lieben! Elend hast du ihn gemacht. Jahrelang sah ich
+ihn an deiner Seite schleichen, gedrueckt, ungeliebt, erkaeltet bis ins Herz
+hinein von deiner Kaelte. Der Gram um deinen eisigen Stolz hat ihn frueh
+gemordet: du, du hast mir den Geliebten geraubt und ins Grab gebracht -
+Rache, Rache fuer ihn."
+
+Und die weite Woelbung wiederhallte von dem Ruf: "Rache! Rache!"
+
+"Zu Hilfe!" rief Amalaswintha und eilte verzweifelnd, mit den Haenden an
+die Marmorplatten schlagend, den Kreis der Galerie entlang.
+
+"Ja, rufe nur, hier hoert dich niemand als der Gott der Rache. Glaubst du,
+umsonst hab' ich solang meinen Hass gezuegelt? Wie oft, wie leicht haette ich
+schon in Ravenna mit Dolch und Gift dich erreichen koennen: aber nein,
+hierher hab' ich dich gelockt. An dem Denkstein meiner Vettern, vor Einer
+Stunde an deinem Bette, hab' ich mit hoechster Muehe meinen erhobenen Arm
+vom Streiche abgehalten: - denn langsam, Zoll fuer Zoll, sollst du sterben,
+stundenlang will ich sie wachsen sehen, die Qualen deines Todes."
+
+"Entsetzliche!"
+
+"O, was sind Stunden gegen die Jahrzehnte, die du mich gemartert mit
+meiner Entstellung, mit deiner Schoenheit, mit dem Besitz des Geliebten.
+Was sind Stunden gegen Jahrzehnte! Aber du sollst es buessen."
+
+"Was willst du thun?" rief die Gequaelte, wieder und wieder an den Waenden
+nach einem Ausgang suchend.
+
+"Ertraenken will ich dich, langsam, langsam in den Wasserkuensten dieses
+Bades, die dein Freund Cassiodor gebaut. Du weisst es nicht, welche Qualen
+der Eifersucht, der ohnmaechtigen Wut ich in diesem Hause getragen, da du
+Beilager hieltest mit Eutharich und ich war in deinem Gefolge und musste
+dir dienen! In diesem Bade, du Uebermuetige, habe ich dir die Sandalen
+geloest und die stolzen Glieder getrocknet: - in diesem Bade sollst du
+sterben!"
+
+Und sie drueckte an einer Feder.
+
+Der Boden des Beckens im oberen Stockwerke, die runde Metallplatte, teilte
+sich in zwei Halbkreise, die links und rechts in die Mauer zurueckwichen:
+mit Entsetzen sah die Gefangene von der schmalen Galerie in die turmhohe
+Tiefe zu ihren Fuessen.
+
+"Denk an mein Auge!" rief Gothelindis und im Erdgeschoss oeffneten sich
+ploetzlich die Schleusenthueren und die Wogen des Sees schossen ungestuem
+herein, brausend und zischend, und sie stiegen hoeher und hoeher mit
+furchtbarer Raschheit.
+
+Amalaswintha sah den sichern Tod vor Augen: sie erkannte die
+Unmoeglichkeit, zu entrinnen oder ihre teuflische Feindin mit Bitten zu
+erweichen: da kehrte ihr der alte, stolze Mut der Amalungen wieder: sie
+fasste sich und ergab sich in ihr Los. Sie entdeckte neben den vielen
+Reliefs aus der hellenischen Mythe in ihrer Naehe rechts vom Eingang eine
+Darstellung vom Tode Christi: das erquickte ihre Seele: sie warf sich vor
+dem in Marmor gehauenen Kreuze nieder, fasste es mit beiden Haenden und
+betete ruhig mit geschlossenen Augen, waehrend die Wasser stiegen und
+stiegen: schon rauschten sie an den Stufen der Galerie.
+
+"Beten willst du, Moerderin? Hinweg von dem Kreuz!" rief Gothelindis
+grimmig, "denk' an die drei Herzoge!" Und ploetzlich begannen alle die
+Delphine und Tritonen auf der rechten Seite des Achtecks Stroeme heissen
+Wassers auszuspeien: weisser Dampf quoll aus den Roehren.
+
+Amalaswintha sprang auf und eilte auf die linke Seite der Galerie:
+"Gothelindis, ich vergebe dir! toete mich, aber verzeih' auch du meiner
+Seele." Und das Wasser stieg und stieg: schon schwoll es ueber die oberste
+Stufe und drang langsam auf den Boden der Galerie. "Ich dir vergeben?
+Niemals! Denk' an Eutharich!" -
+
+Und zischend schossen jetzt von links die dampfenden Wasserstrahlen auf
+Amalaswintha. Sie fluechtete nun in die Mitte, gerade dem Medusenhaupt
+gegenueber, die einzige Stelle, wohin kein Strahl der Wasserroehren reichte.
+
+Wenn sie die hier angebrachte Sprungbruecke erstieg, konnte sie noch einige
+Zeit ihr Leben fristen: Gothelindis schien dies zu erwarten und sich an
+der verlaengerten Qual weiden zu wollen: schon brauste das Wasser auf dem
+Marmorboden der Galerie und bespuelte die Fuesse der Gefangenen; rasch flog
+sie die braunglaenzenden Staffeln hinan und lehnte sich an die Bruestung der
+Bruecke: "Hoere mich, Gothelindis! meine letzte Bitte! nicht fuer mich, - fuer
+mein Volk, fuer unser Volk: - Petros will es verderben und Theodahad ..." -
+
+"Ja, ich wusste, dieses Reich ist die letzte Sorge deiner Seele!
+Verzweifle! Es ist verloren! Diese thoerichten Goten, die jahrhundertelang
+den Balten die Amaler vorgezogen, sie sind verkauft und verraten von dem
+Haus der Amaler: Belisarius naht und niemand ist, der sie warnt."
+
+"Du irrst, Teufelin, sie _sind_ gewarnt. Ich, ihre Koenigin, habe sie
+gewarnt. Heil meinem Volk! Verderben seinen Feinden und Gnade meiner
+Seele!"
+
+Und mit raschem Sprung stuerzte sie sich hoch von der Bruestung in die
+Fluten, die sich brausend ueber ihr schlossen.
+
+Gothelindis blickte starr auf die Stelle, wo ihr Opfer gestanden. "Sie ist
+verschwunden," sagte sie. Dann schaute sie in die Flut: obenauf schwamm
+das Brusttuch Amalaswinthens. "Noch im Tode ueberwindet mich dieses Weib,"
+sagte sie langsam: "wie lang war der Hass und wie kurz die Rache!"
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+
+Wenige Tage nach diesen Ereignissen finden wir zu Ravenna in dem Gemach
+des Gesandten von Byzanz eine Anzahl von vornehmen Roemern, geistlichen und
+weltlichen Standes versammelt - auch die Bischoefe Hypatius und Demetrius
+aus dem Ostreich weilten bei ihm.
+
+Grosse Aufregung, aus Zorn und Furcht gemischt, sprach aus allen
+Gesichtern, als der gewandte Rhetor seine Ansprache mit folgenden Worten
+schloss: "Deshalb, ihr ehrwuerdigen Bischoefe des Westreichs und des
+Ostreichs und ihr edeln Roemer, hab' ich euch hierher beschieden. Laut und
+feierlich lege ich vor euch im Namen meines Kaisers Verwahrung ein gegen
+alle Thaten der Arglist und Gewalt, die im geheimen gegen die hohe Frau
+veruebt werden moegen.
+
+Seit neun Tagen ist sie verschwunden aus Ravenna: wohl mit Gewalt
+hinweggefuehrt aus eurer Mitte: sie, die von jeher die Freundin, die
+Beschuetzerin der Italier gewesen. Verschwunden ist am gleichen Tage die
+Koenigin, ihre grimme Feindin. Ich habe Eilboten ausgesandt nach allen
+Richtungen, noch bin ich ohne Nachricht! aber wehe, wenn ... -"
+
+Er konnte nicht vollenden.
+
+Dumpfes Geraeusch scholl von dem Forum des Herkules herauf, bald hoerte man
+hastige Schritte im Vestibulum, der Vorhang ward zurueckgeschlagen und ins
+Gemach eilte staubbedeckt einer der byzantinischen Sklaven des Gesandten:
+"Herr," rief er, "sie ist tot! sie ist ermordet!"
+
+"Ermordet!" scholl es in der Runde.
+
+"Durch wen?" fragte Petros.
+
+"Von Gothelindis auf der Villa im Bolsener See."
+
+"Wo ist die Leiche? Wo die Moerderin?"
+
+"Gothelindis giebt vor, die Fuerstin sei im Bad ertrunken, unkundig mit den
+Wasserkuensten spielend. Aber man weiss, dass sie ihrem Opfer von hier auf
+dem Fusse nachgefolgt. Roemer und Goten eilen zu Hunderten nach der Villa,
+die Leiche in feierlichem Zuge hierher zu geleiten. Die Koenigin floh vor
+der Rache des Volks in das feste Schloss von Feretri."
+
+"Genug," rief Petros entruestet, "ich eile zum Koenig und fordre euch auf,
+ihr edeln Maenner, mir zu folgen. Auf euer Zeugnis will ich mich berufen
+vor Kaiser Justinian." Und sofort eilte er an der Spitze der Versammelten
+nach dem Palast.
+
+Sie fanden auf den Strassen eine Menge Volks in Bestuerzung und Entruestung
+hin- und herwogend: die Nachricht war in die Stadt gedrungen und flog von
+Haus zu Haus.
+
+Als man den Gesandten des Kaisers und die Vornehmen der Stadt erkannte,
+oeffnete sich die Menge vor ihnen, schloss sich aber dicht hinter ihnen
+wieder und flutete nach auf dem Wege in den Palast, von dessen Thoren sie
+kaum abgehalten wurde. Von Minute zu Minute stieg die Zahl und der Laerm
+des Volkes: auf dem Forum des Honorius draengten sich die Ravennaten
+zusammen, die mit der Trauer um ihre Beschuetzerin schon die Hoffnung
+vereinten, bei diesem Anlass die Barbarenherrschaft fallen zu sehen: das
+Erscheinen des kaiserlichen Gesandten steigerte diese Hoffnung und der
+Auflauf vor dem Palast nahm mehr und mehr eine Richtung, die keineswegs
+bloss Theodahad und Gothelindis bedrohte.
+
+Inzwischen eilte Petros mit seiner Begleitung in das Gemach des hilflosen
+Koenigs, den mit seiner Gattin alle Kraft des Widerstandes verlassen hatte:
+er zagte vor der Aufregung der unten wogenden Menge und hatte nach Petros
+gesendet, von ihm Rat und Hilfe zu erlangen, da ja dieser es gewesen, der
+mit Gothelindis den Untergang der Fuerstin beschlossen und die Art der
+Ausfuehrung beraten hatte: er sollte ihm jetzt auch die Folgen der That
+tragen helfen. Als daher der Byzantiner auf der Schwelle erschien, eilte
+er, beide Arme ausbreitend, auf ihn zu: aber erstaunt blieb er ploetzlich
+stehen: erstaunt ueber die Begleitung, noch mehr erstaunt ueber die finster
+drohende Miene des Gesandten.
+
+"Ich fordre Rechenschaft von dir, Koenig der Goten," rief dieser schon an
+der Thuere, "Rechenschaft im Namen von Byzanz fuer die Tochter Theoderichs.
+Du weisst, Kaiser Justinian hat sie seines besondern Schutzes versichert:
+jedes Haar ihres Hauptes ist daher heilig und heilig jeder Tropfe ihres
+Blutes. Wo ist Amalaswintha?"
+
+Der Koenig sah ihn staunend an. Er bewunderte diese Verstellungskunst. Aber
+er begriff ihren Zweck nicht. Er schwieg.
+
+"Wo ist Amalaswintha?" wiederholte Petros, drohend vortretend und sein
+Anhang folgte ihm einen Schritt.
+
+"Sie ist tot," sagte Theodahad, aengstlich werdend.
+
+"Ermordet ist sie," rief Petros, "so ruft ganz Italien, ermordet von dir
+und deinem Weibe. Justinian, mein hoher Kaiser, war der Schirmherr dieser
+Frau, er wird ihr Raecher sein: Krieg kuend' ich dir in seinem Namen an,
+Krieg gegen euch, ihr blutigen Barbaren, Krieg gegen euch und euer ganz
+Geschlecht."
+
+"Krieg gegen euch und euer ganz Geschlecht!" wiederholten die Italier,
+fortgerissen von der Gewalt des Augenblicks und den alten, langgenaehrten
+Hass entzuegelnd; und wie eine Woge brausten sie heran auf den zitternden
+Koenig.
+
+"Petros," stammelte dieser entsetzt, "du wirst gedenken des Vertrages, du
+wirst doch ... -"
+
+Aber der Gesandte zog eine Papyrusrolle aus dem Mantel und riss sie mitten
+durch. "Zerrissen ist jedes Band zwischen meinem Kaiser und deinem
+blutbefleckten Haus. Ihr selber habt durch eure Greuelthat alle Schonung
+verwirkt, die man euch frueher gewaehrt. Nichts von Vertraegen. Krieg!"
+
+"Um Gott," jammerte Theodahad, "nur nicht Krieg und Kampf! Was forderst
+du, Petros?"
+
+"Unterwerfung! Raeumung Italiens! Dich selber und Gothelindis lad' ich zum
+Gericht nach Byzanz vor den Thron Justinians, dort ... -"
+
+Aber seine Rede unterbrach der schmetternde Ruf des gotischen Kriegshorns
+und in das Gemach eilte mit gezogenen Schwertern eine starke Schar
+gotischer Krieger, von Graf Witichis gefuehrt.
+
+Die gotischen Fuehrer hatten sofort auf die Nachricht von Amalaswinthens
+Untergang die tuechtigsten Maenner ihres Volks in Ravenna zu einer Beratung
+vor die Porta romana beschieden und dort Massregeln der Sicherung und der
+Gerechtigkeit beraten. Zur rechten Zeit erschienen sie jetzt auf dem Forum
+des Honorius, wo der Auflauf immer drohender wurde: schon blinkte hier und
+dort ein Dolch, schon ertoente manchmal der Ruf: "Wehe den Barbaren!"
+
+Diese Zeichen und Stimmen verschwanden und verstummten sofort, als nun die
+verhassten Goten in geschlossenem Zug von dem Forum des Herkules her durch
+die Via palatina anrueckten: ohne Widerstand zogen sie quer durch die
+grollenden Haufen und indessen Graf Teja und Hildebad die Thore und die
+Terrasse des Palastes besetzten, waren Graf Witichis und Hildebrand gerade
+rechtzeitig im Gemache des Koenigs angelangt, die letzten Worte des
+Gesandten noch zu hoeren. Ihr Zug stellte sich in einer Schwenkung rechts
+vom Thronsitz des Koenigs, zu dem dieser zurueckgewichen war: und Witichis,
+auf sein langes Schwert gestuetzt, trat hart vor den Griechen hin und sah
+ihm scharf ins Auge.
+
+Eine erwartungsvolle Pause trat ein.
+
+"Wer wagt es," fragte Witichis ruhig, "hier den Herrn und Meister zu
+spielen im Koenigshaus der Goten?"
+
+Von seiner Ueberraschung sich erholend entgegnete Petros: "Es steht dir
+uebel an, Graf Witichis, Moerder zu beschuetzen. Ich hab' ihn nach Byzanz
+geladen vor Gericht."
+
+"Und darauf hast du keine Antwort, Amalunge?" rief der alte Hildebrand
+zornig.
+
+Aber das boese Gewissen band dem Koenige die Stimme.
+
+"So muessen wir statt seiner sprechen," sagte Witichis. "Wisse, Grieche,
+vernehmt es wohl, ihr falschen und undankbaren Ravennaten: das Volk der
+Goten ist frei und erkennt auf Erden keinen Herrn und Richter ueber sich."
+
+"Auch nicht fuer Mord und Blutschuld?"
+
+"Wenn schwere Thaten unter uns geschehn, richten und strafen wir sie
+selbst. Den Fremdling geht das nichts an, am wenigsten unsern Feind, den
+Kaiser in Byzanz."
+
+"Mein Kaiser wird diese Frau raechen, die er nicht retten konnte. Liefert
+die Moerder aus nach Byzanz."
+
+"Wir liefern keinen Gotenknecht nach Byzanz, geschweige unsern Koenig,"
+sprach Witichis.
+
+"So teilt ihr seine Strafe wie seine Schuld und Krieg erklaer' ich euch, im
+Namen meines Herrn. Erbebt vor Justinian und Belisar."
+
+Eine freudige Bewegung der gotischen Krieger war die Antwort. Der alte
+Hildebrand trat ans Fenster und rief zu den unten stehenden Goten hinab:
+"Hoert, ihr Goten, frohe Kunde: Krieg, Krieg mit Byzanz."
+
+Da brach unten ein Getoese los, wie wenn das Meer entfesselt ueber seine
+Daemme bricht, die Waffen klirrten und tausend Stimmen jubelten: "Krieg,
+Krieg mit Byzanz!"
+
+Dieser Wiederhall blieb nicht ohne Eindruck auf Petros und die Italier:
+das Ungestuem solcher Begeisterung erschreckte sie: schweigend sahen sie
+vor sich nieder. Waehrend die Goten sich glueckwuenschend die Haende
+schuettelten, trat Witichis ernst, gesenkten Hauptes, in die Mitte, hart
+neben Petros und sprach feierlich: "Also Krieg! Wir scheuen ihn nicht: -
+du hast es gehoert. Besser offner Kampf als die langjaehrige, lauernde,
+wuehlende Feindschaft. Der Krieg ist gut: aber wehe dem Frevler, der ohne
+Recht und ohne Grund den Krieg beginnt. Ich sehe Jahre voraus, viele Jahre
+von Blut und Mord und Brand, ich sehe zerstampfte Saaten, rauchende
+Staedte, zahllose Leichen die Stroeme hinabschwimmen. Hoert unser Wort: auf
+euer Haupt dies Blut, dies Elend. Ihr habt geschuert und gereizt jahrelang:
+- wir haben's ruhig getragen. Und jetzt habt _ihr_ den Krieg
+hereingeschleudert, richtend, wo ihr nicht zu richten habt, ohne Grund
+euch mischend in das Leben eines Volkes, das so frei wie ihr: auf euer
+Haupt die Schuld. Dies unsre Antwort nach Byzanz."
+
+Schweigend hoerte Petros diese Worte an, schweigend wandte er sich und
+schritt mit seinen italischen Freunden hinaus. Einige von diesen gaben ihm
+das Geleit bis in seine Wohnung, unter ihnen der Bischof von Florentia.
+
+"Ehrwuerdiger Freund," sagte er zu diesem beim Abschied, "die Briefe
+Theodahads in der bewussten Sache, die ihr mir zur Einsicht anvertraut,
+musst du mir ganz belassen. Ich bedarf ihrer und fuer deine Kirche sind sie
+nicht mehr noetig." - "Der Prozess ist laengst entschieden," erwiderte der
+Bischof, "und die Gueter unwiderruflich erworben. Die Dokumente sind
+dein." -
+
+Darauf verabschiedete der Gesandte seine Freunde, die ihn bald mit dem
+kaiserlichen Heer in Ravenna wiederzusehen hofften, und eilte in sein
+Gemach, wo er zuerst einen Boten an Belisar abfertigte, ihn zum sofortigen
+Angriff aufzufordern.
+
+Darauf schrieb er einen ausfuehrlichen Bericht an den Kaiser, der mit
+folgenden Worten schloss: "Und so scheinst du, o Herr, wohl Grund zu haben,
+mit den Diensten deines getreuesten Knechts zufrieden zu sein und mit der
+Lage der Dinge. Das Volk der Barbaren in Parteien zerspalten: auf dem
+Thron ein verhasster Fuerst, unfaehig und treulos: die Feinde sonder Ruestung
+ueberrascht: die italische Bevoelkerung ueberall fuer dich gewonnen: - es kann
+nicht fehlen: wenn keine Wunder geschehen, muessen die Barbaren fast ohne
+Widerstand erliegen.
+
+Und wie so oft tritt auch hier mein erhabener Kaiser, dessen Stolz das
+Recht, als Schirmherr und Raecher der Gerechtigkeit auf: - es ist ein
+geistvoller Zufall, dass die Triere, die mich traegt, den Namen "Nemesis"
+fuehrt.
+
+Nur das Eine betruebt mich unendlich, dass es meinem treuen Eifer nicht
+gelungen, die unselige Tochter Theoderichs zu retten. Ich flehe dich an,
+meiner hohen Herrin, der Kaiserin, die mir niemals gnaedig gesinnt war,
+wenigstens zu versichern, dass ich allen ihren Auftraegen bezueglich der
+Fuerstin, deren Schicksal sie mir noch in der letzten Unterredung als
+Hauptsorge ans Herz legte, aufs treueste nachzukommen suchte.
+
+Auf die Anfrage bezueglich Theodahads und Gothelindens, deren Hilfe uns das
+Gotenreich in die Haende liefert, wage ich es, der hohen Kaiserin mit der
+ersten Regel der Klugheit zu antworten: es ist zu gefaehrlich, die
+Mitwisser unsrer tiefsten Geheimnisse am Hof zu haben."
+
+Diesen Brief sandte Petros eilig durch die beiden Bischoefe Hypatius und
+Demetrius voraus. Sie sollten nach Brundusium und von da ueber Epidamnus
+auf dem Landweg nach Byzanz eilen. Er selbst wollte erst nach einigen
+Tagen folgen, langsam die gotische Kueste des jonischen Meerbusens entlang
+fahrend, ueberall die Stimmung der Bevoelkerung in den Hafenstaedten zu
+pruefen und zu schueren.
+
+Dann sollte er um den Peloponnes und Euboea her nach Byzanz segeln: denn
+die Kaiserin hatte ihm den Seeweg vorgeschrieben und ihm Auftraege fuer
+Athen und Lampsakos erteilt.
+
+Er ueberrechnete schon vor der Abreise von Ravenna mit vergnuegten Sinnen
+immer wieder seine Wirksamkeit in Italien und den Lohn, den er dafuer in
+Byzanz erwartete.
+
+Er kehrte zurueck, noch einmal so reich als er gekommen.
+
+Denn er hatte der Koenigin Gothelindis nie eingestanden, dass er mit dem
+Auftrag, Amalaswintha zu verderben, ins Land gekommen. Er hatte ihr
+vielmehr lange die Gefahr der Ungnade bei Kaiser und Kaiserin
+entgegengehalten und sich nur mit Widerstreben durch sehr hohe Summen von
+ihr fuer den Plan gewinnen lassen, in welchem er sie doch nur als Werkzeug
+brauchte. Er erwartete in Byzanz mit Sicherheit die versprochene Wuerde des
+Patriciats und freute sich schon, seinem hochmuetigen Vetter Narses, der
+ihn nie befoerdert hatte, nun bald in gleichem Range gegenueberzutreten.
+
+"So ist denn alles nach Wunsch gelungen," sagte er selbstzufrieden,
+waehrend er seine Briefschaften ordnete: "und diesmal, du stolzer Freund
+Cethegus, hat sich die Verschmitztheit doch trefflich bewaehrt. Und der
+kleine Rhetor aus Thessalonike hat es doch weiter gebracht mit seinen
+kleinen, leisen Schritten, denn du mit deinem stolzen, herausfordernden
+Gang. Nur muss noch dafuer gesorgt werden, dass Theodahad und Gothelindis
+nicht nach Byzanz an den Hof entrinnen: wie gesagt, das waere zu
+gefaehrlich: vielleicht hat die Frage der klugen Kaiserin eine Warnung sein
+sollen. Nein, dieses Koenigspaar muss verschwinden aus unsern Wegen."
+
+Und er liess den Gastfreund rufen, bei dem er gewohnt, und nahm Abschied
+von ihm. Dabei uebergab er ihm eine dunkle, schmale Vase von der Form
+derer, die zur Aufbewahrung von Urkunden dienten: er versiegelte den
+Deckel mit seinem Ring, der einen feingeschnittenen Skorpion zeigte, und
+schrieb einen Namen auf die daran haengende Wachstafel. "Diesen Mann,"
+sagte er dem Gastfreund, "suche auf bei der naechsten Versammlung der Goten
+zu Regeta und uebergieb ihm die Vase: was sie enthaelt ist sein. Leb wohl,
+auf baldig Wiedersehen hier in Ravenna." Und er verliess mit seinen Sklaven
+das Haus und bestieg alsbald das Gesandtenschiff: von stolzen Erwartungen
+hoch gehoben trug ihn die "Nemesis" dahin. -
+
+Und als sich nun sein Schiff dem Hafen von Byzanz naeherte, von Lampsakos
+aus hatte er - auch dies hatte die Kaiserin gewuenscht - seine baldige
+Ankunft durch einen kaiserlichen Schnellsegler, der eben abging, melden
+lassen, ueberflog des Gesandten Auge erwartungsvoll die schoenen Landhaeuser,
+die marmorweiss aus den Schatten immergruener Gaerten blinkten.
+
+"Hier wirst du kuenftig wohnen, unter den Senatoren des Reichs," sprach
+wohlgefaellig Petros.
+
+Vor dem Einlaufen in den Hafen flog die "Thetis", das prachtvolle Lustboot
+der Kaiserin, ihnen entgegen, sowie es des Gesandten Galeere erkannte die
+Purpurwimpel entrollend, und sie zum Halten anrufend. Alsbald stieg an
+Bord der Galeere ein Bote der Kaiserin: es war Alexandros, der fruehere
+Gesandte am Hof von Ravenna.
+
+Er wies dem Trierarchen ein Schreiben des Kaisers, in das dieser einen
+erschrockenen Blick warf: dann wandte er sich zu Petros: "Im Namen des
+Kaisers Justinian! Du bist wegen jahrelang fortgesetzter Urkundenfaelschung
+und Steuerunterschlagung lebenslaenglich zu den Metallarbeiten in den
+Bergwerken von Cherson bei den ultziagirischen Hunnen verurteilt. Du hast
+die Tochter Theoderichs ihren Feinden preisgegeben. Der Kaiser haette dich
+durch deinen Brief fuer entschuldigt erachtet: aber die Kaiserin,
+untroestlich ueber den Untergang ihrer koeniglichen Schwester, hat deine alte
+Schuld dem Kaiser entdeckt. Und ein Brief des Praefekten von Rom an diesen
+hat dargethan, dass du mit Gothelindis geheim der Koenigin Verderben
+geplant. Die Kaiserin hat den Kaiser auch hierin ueberzeugt. Dein Vermoegen
+ist eingezogen: die Kaiserin aber laesst dir sagen," - hier fluesterte er in
+des Zerschmetterten Ohr, - "du habest in deinem klugen Brief ihr selbst
+den Rat erteilt, Mitwisser von Geheimnissen zu verderben. Trierarch, du
+fuehrst den Verurteilten sofort an seinen Strafort ab."
+
+Und Alexandros ging auf die "Thetis" zurueck.
+
+Die "Nemesis" aber drehte rauschend ihr Steuer, wandte dem Hafen von
+Byzanz den Ruecken und trug den Straefling fuer immer aus dem Leben der
+Menschen.
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel.
+
+
+Wir haben Cethegus den Praefekten seit seiner Abreise nach Rom aus den
+Augen verloren.
+
+Er hatte daselbst in den Wochen der erzaehlten Ereignisse die eifrigste
+Thaetigkeit entfaltet: denn er erkannte, dass die Dinge jetzt zur
+Entscheidung draengten; er konnte ihr getrost entgegensehen.
+
+Ganz Italien war einig in dem Hass gegen die Barbaren: und wer anders
+vermochte es, der Kraft dieses Hasses Bewegung und Ziel zu geben, als das
+Haupt der Katakombenverschwoerung und der Herr von Rom.
+
+Das war er durch die jetzt voellig ausgebildeten und ausgeruesteten
+Legionare und durch die nahezu vollendete Befestigung der Stadt, an der er
+in den letzten Monaten Nachts wie Tages hatte arbeiten lassen. Und nun war
+es ihm zuletzt noch gelungen, wie er glaubte, ein sofortiges Auftreten der
+byzantinischen Macht in seinem Italien, die Hauptgefahr, die seinen
+ehrgeizigen Plaenen gedroht, abzuwenden: durch zuverlaessige Kundschafter
+hatte er erfahren, dass die byzantinische Flotte, die bisher lauernd bei
+Sicilien geankert, sich wirklich von Italien hinweggewandt und der
+afrikanischen Kueste genaehert habe, wo sie die Seeraeuberei zu unterdruecken
+beschaeftigt schien.
+
+Freilich sah Cethegus voraus, dass es zu einer Landung der Griechen in
+Italien kommen werde: er konnte derselben als einer Nachhilfe nicht
+entbehren.
+
+Aber alles war ihm daran gelegen, dass dies Auftreten des Kaisers eben nur
+eine Nachhilfe bleibe: und deshalb musste er, ehe ein Byzantiner den
+italischen Boden betreten, eine Erhebung der Italier aus eigner Kraft
+veranlasst und zu solchen Erfolgen gefuehrt haben, dass die spaetere
+Mitwirkung der Griechen nur als eine Nebensache erschien und mit der
+Anerkennung einer losen Oberhoheit des Kaisers abgelohnt werden konnte.
+
+Und er hatte zu diesem Zweck seine Plaene trefflich vorbereitet.
+
+Sowie der letzte roemische Turm unter Dach, sollten die Goten in ganz
+Italien an einem Tag ueberfallen, mit einem Schlag alle festen Plaetze,
+Burgen und Staedte, Rom, Ravenna und Neapolis voran, genommen werden. Und
+waren die Barbaren ins flache Land hinausgeworfen, so stand nicht mehr zu
+fuerchten, dass sie bei ihrer grossen Unkunde in Belagerungen und bei der
+Anzahl und Staerke der italischen Festen diese und damit die Herrschaft
+ueber die Halbinsel wieder gewinnen wuerden.
+
+Dann mochte ein byzantinisches Bundesheer helfen, die Goten vollends ueber
+die Alpen zu draengen: und Cethegus wollte schon dafuer sorgen, dass diese
+Befreier ebenfalls keinen Fuss in die wichtigsten Festungen setzen sollten,
+um sich ihrer spaeter unschwer wieder entledigen zu koennen.
+
+Dieser Plan setzte nun aber voraus, dass die Goten durch die Erhebung
+Italiens ueberrascht wuerden. Wenn der Krieg mit Byzanz in Aussicht oder gar
+schon ausgesprochen war, dann natuerlich liessen sich die Barbaren die in
+Kriegsstand gesetzten Staedte nicht durch einen Handstreich entreissen. Da
+nun aber Cethegus, seit er die Sendung des Petros durchschaut hatte, bei
+jeder Gelegenheit Justinians Hervortreten aus seiner drohenden Stellung
+erwarten musste, da es kaum noch gelungen war, Belisar wieder abzuwenden
+von Italien, beschloss er, keinen Augenblick mehr zu verlieren.
+
+Er hatte auf den Tag der Vollendung der Befestigungen Roms eine allgemeine
+Versammlung der Verschworenen in den Katakomben anberaumt, in der das
+muehsam und erfindungsreich vorbereitete Werk gekroent, der Augenblick des
+Losschlagens bestimmt und Cethegus als Fuehrer dieser rein italischen
+Bewegung bezeichnet werden sollte. Er hoffte sicher, den Widerstand der
+Bestochenen oder Furchtsamen, die nur fuer und mit Byzanz zu handeln
+geneigt waren, durch die Begeisterung der Jugend zu ueberwaeltigen, wenn er
+diese sofort in den Kampf zu fuehren versprach.
+
+Noch vor jenem Tag kam die Nachricht von Amalaswinthens Ermordung, von der
+Verwirrung und Spaltung der Goten nach Rom und ungeduldig sehnte der
+Praefekt die Stunde der Entscheidung herbei. Endlich war auch der einzige
+noch unfertige Turm des aurelischen Thores unter Dach: Cethegus fuehrte die
+letzten Hammerschlaege: ihm war dabei, er hoere die Streiche des Schicksals
+von Rom und von Italien droehnen.
+
+Bei dem Schmause, den er darauf den Tausenden von Arbeitern in dem Theater
+des Pompejus gab, hatten sich auch die meisten der Verschworenen
+eingefunden und der Praefekt benutzte die Gelegenheit, diesen seine
+unbegrenzte Beliebtheit im Volk zu zeigen. Auf die juengeren unter den
+Genossen machte dies freilich den Eindruck, welchen er gewuenscht hatte;
+aber ein Haeuflein, dessen Mittelpunkt Silverius war, zog sich mit finstern
+Mienen von den Tischen zurueck.
+
+Der Priester hatte seit lange eingesehen, dass Cethegus nicht bloss Werkzeug
+sein wollte, dass er eigene Plaene verfolgte, die der Kirche und seinem
+persoenlichen Einfluss sehr gefaehrlich werden konnten. Und er war
+entschlossen, den kuehnen Verbuendeten zu stuerzen, sobald er entbehrt werden
+konnte; es war ihm nicht schwer geworden, die Eifersucht so manches Roemers
+gegen den Ueberlegenen im geheimen zu schueren.
+
+Die Anwesenheit aber zweier Bischoefe aus dem Ostreich, Hypatius von
+Ephesus und Demetrius von Philippi, die in Glaubensfragen oeffentlich mit
+dem Papst, aber geheim mit Koenig Theodahad, in Unterstuetzung des Petros,
+in Politik verhandelten, hatte der kluge Archidiakon benutzt, um mit
+Theodahad und mit Byzanz in enge Verbindung zu treten.
+
+"Du hast recht, Silverius," murrte Scaevola im Hinausgehen aus dem Thor des
+Theaters, "der Praefekt ist Marius und Caesar in Einer Person." - "Er
+verschwendet diese ungeheuren Summen nicht umsonst, man darf ihm nicht zu
+sehr trauen," warnte der geizige Albinus. - "Lieben Brueder," mahnte der
+Priester, "sehet zu, dass ihr nicht einen unter euch lieblos verdammet. Wer
+solches thaete, waere des hoellischen Feuers schuldig. Freilich beherrscht
+unser Freund die Faeuste der Handwerker wie die Herzen seiner jungen
+"Ritter": es ist das gut, er kann dadurch die Tyrannei zerbrechen ... -"
+
+"Aber dadurch auch eine neue aufrichten," meinte Calpurnius.
+
+"Das soll er nicht, wenn Dolche noch toeten, wie in Brutus' Tagen," sprach
+Scaevola.
+
+"Es bedarf des Blutes nicht. Bedenket nur immer:" sagte Silverius, "je
+naeher der Tyrann, desto drueckender die Tyrannei: je ferner der Herrscher,
+desto ertraeglicher die Herrschaft. Das schwere Gewicht des Praefekten ist
+aufzuwiegen durch das schwerere des Kaisers."
+
+"Jawohl," stimmte Albinus bei, der grosse Summen von Byzanz erhalten hatte,
+"der Kaiser muss der Herr Italiens werden." - "Das heisst," beschwichtigte
+Silverius den unwillig auffahrenden Scaevola, "wir muessen den Praefekten
+durch den Kaiser, den Kaiser durch den Praefekten niederhalten. Siehe, wir
+stehen an der Schwelle meines Hauses. Lasst uns eintreten. Ich habe geheim
+euch mitzuteilen, was heute Abend in der Versammlung kund werden soll. Es
+wird euch ueberraschen. Aber andre Leute noch mehr."
+
+Inzwischen war auch der Praefekt von dem Gelage nach Hause geeilt, sich in
+einsamem Sinnen zu seinem wichtigen Werke zu bereiten. Nicht seine Rede
+ueberdachte er: wusste er doch laengst was er zu sagen hatte und, ein
+glaenzender Redner, dem die Worte so leicht wie die Gedanken kamen,
+ueberliess er den Ausdruck gern dem Antrieb des Augenblicks, wohl wissend,
+dass das eben frisch aus der Seele geschoepfte Wort am lebendigsten wirkt.
+
+Aber er rang nach innerer Ruhe: denn seine Leidenschaft schlug hohe
+Wellen.
+
+Er ueberschaute die Schritte, die er nach seinem Ziele hin gethan, seit
+zuerst dieses Ziel mit daemonischer Gewalt ihn angezogen: er erwog die
+kurze Strecke, die noch zurueckzulegen war: er ueberzaehlte die
+Schwierigkeiten, die Hindernisse, die noch auf diesem Wege lagen und ermass
+dagegen die Kraft seines Geistes, sie zu ueberwinden: und das Ergebnis
+dieses pruefenden Waegens erzeugte in ihm eine Siegesfreude, die ihn mit
+jugendlicher Aufregung ergriff.
+
+Mit gewaltigen Schritten durchmass er das Gemach.
+
+Die Muskeln seiner Arme spannten sich wie in der Stunde beginnender
+Schlacht: er umguertete sich mit dem breiten, siegreichen Schwert seiner
+Kriegsfahrten und drueckte krampfhaft dessen Adlergriff, als gelte es,
+jetzt gegen zwei Welten, gegen Byzanz und die Barbaren, sein Rom zu
+erkaempfen. Dann trat er der Caesarstatue gegenueber und sah ihr lange in das
+schweigende Marmorantlitz. Endlich ergriff er mit beiden Haenden die Hueften
+des Imperators und ruettelte an ihnen: "lebwohl," sagte er, "und gieb mir
+dein Glueck mit auf den Weg. - Mehr brauch' ich nicht."
+
+Und rasch wandte er sich und eilte aus dem Gemache und durch das Atrium
+hinaus auf die Strasse, wo ihn schon die ersten Sterne begruessten.
+
+Zahlreicher als je hatten sich die Verschwornen an diesem Abend in den
+Katakomben eingefunden: waren doch durch ganz Italien die Ladungen zu
+dieser Versammlung als zu einer entscheidungsvollen ergangen. So waren auf
+den Wunsch des Praefekten besonders alle strategisch wichtigen Punkte
+vertreten: von den starken Grenzhueterinnen Tridentum, Tarvisium und
+Verona, die das Eis der Alpen schauen, bis zu Otorantum und Consentia,
+welche die laue Welle des ausonischen Meeres bespuelt, hatten sie alle ihre
+Boten zugesendet, jene beruehmten Staedte Siciliens und Italiens mit den
+stolzen, den schoenen, den weltgeschichtlichen Namen: Syrakusae und Catana,
+Panormus und Messana, Regium, Neapolis und Cumae, Capua und Beneventum,
+Antium und Ostia, Reate und Narnia, Volsinii, Urbsvetus und Spoletum,
+Clusium und Perusia, Auximum und Ancon, Florentia und Faesulae, Pisa, Luca,
+Luna und Genua, Ariminum, Caesena, Faventia und Ravenna, Parma, Dertona und
+Placentia, Mantua, Cremona und Ticinum (Pavia), Mediolanum, Comum und
+Bergamum, Asta und Pollentia: dann von der Nord- und Ostkueste des
+jonischen Meerbusens: Concordia, Aquileja, Jadera, Scardona und Salona.
+
+Da waren ernste Senatoren und Decurionen, ergraut in dem Rat ihrer Staedte,
+deren Haeupter ihre Ahnen seit Jahrhunderten gewesen: kluge Kaufleute,
+breitschultrige Gutsherrn, rechthaberische Juristen, spoettische Rhetoren:
+und namentlich eine grosse Anzahl von Geistlichen jedes Ranges und jedes
+Alters: die einzige fest organisierte Macht und Silverius unbedingt
+gehorsam.
+
+Wie Cethegus, noch hinter der Muendung des schmalen Ganges verborgen, die
+Massen in dem Halbrund der Grotte uebersah, konnte er sich eines
+veraechtlichen Laechelns nicht erwehren, das aber in einen Seufzer auslief.
+Ausser der allgemeinen Abneigung gegen die Barbaren, die doch bei weitem
+nicht stark genug war, schwere politische Plaene mit Opfern und Entsagungen
+zu tragen, - welch' verschiedene und oft welch' kleine Motive hatten diese
+Verschwornen hier zusammengefuehrt!
+
+Cethegus kannte die Beweggruende der einzelnen genau: hatte er sie doch
+durch Bearbeitung ihrer schwaechsten Seiten beherrschen gelernt. Und er
+musste zuletzt noch froh darum sein: echte Roemer haette er nie, wie diese
+Verschworenen, so voellig unter seinen Einfluss gebracht.
+
+Aber wenn er sie nun hier alle beisammen sah, diese Patrioten, und
+bedachte, wie den einen die Hoffnung auf einen Titel von Byzanz, den
+andern plumpe Bestechung, einen dritten Rachsucht wegen irgend einer
+Beleidigung oder auch nur die Langeweile oder Schulden oder ein schlechter
+Streich unter die Unzufriedenen gefuehrt: und wenn er sich nun vorstellte,
+dass er mit solchen Bundesgenossen den gotischen Heermaennern entgegentreten
+sollte, - da erschrak er fast ueber die Vermessenheit seines Planes.
+
+Und eine Erquickung war es ihm, als die helle Stimme des Lucius Licinius
+seinen Blick auf die Schar der jungen "Ritter" lenkte, denen wirklich
+kriegerischer Muth und nationale Begeisterung aus den Augen spruehte: so
+hatte er doch einige verlaessige Waffen. -
+
+"Gegruesst, Lucius Licinius," sprach er aus dem Dunkel des Ganges
+hervortretend. "Ei, du bist ja geruestet und gewaffnet, als ging es von
+hier gegen die Barbaren."
+
+"Kaum bezwing ich das Herz in der Brust vor Hass und vor Freude," sagte der
+schoene Juengling. "Sieh, alle diese hier hab' ich fuer dich, fuer das
+Vaterland geworben."
+
+Cethegus blickte gruessend umher:
+
+"Auch du hier, Kallistratos, - du heitrer Sohn des Friedens?"
+
+"Hellas wird ihre Schwester Italia nicht verlassen in der Stunde der
+Gefahr," sagte der Hellene und legte die weisse Hand auf das zierliche
+Schwert mit dem Griff von Elfenbein. Und Cethegus nickte ihm zu und wandte
+sich zu den andern: Marcus Licinius, Piso, Massurius, Balbus, die, seit
+den Floralien ganz von dem Praefekten gewonnen, ihre Brueder, Vettern,
+Freunde mitgebracht hatten. Pruefend flog sein Blick ueber die Gruppe, er
+schien einen aus diesem Kreise zu vermissen. Lucius Licinius erriet seine
+Gedanken: "Du suchst den schwarzen Korsen, Furius Ahalla?
+
+Auf den kannst du nicht zaehlen. Ich holte ihn von weitem aus, aber er
+sprach: "ich bin ein Korse, kein Italier: mein Handel blueht unter
+gotischem Schutz: lasst mich aus eurem Spiel." Und als ich weiter in ihn
+drang - denn ich gewoenne gern sein kuehnes Herz und die vielen Tausende von
+Armen, ueber die er gebeut - sprach er kurz abweisend: "ich fechte nicht
+gegen Totila.""
+
+"Die Goetter moegen wissen, was den tigerwilden Korsen an jenen Milchbart
+bindet," meinte Piso.
+
+Cethegus laechelte, aber er furchte die Stirn. "Ich denke, wir Roemer
+genuegen," sprach er laut: und das Herz der Juenglinge schlug.
+
+"Eroeffne die Versammlung," mahnte Scaevola unwillig den Archidiakon, "du
+siehst, wie er die jungen Leute beschwatzt; er wird sie alle gewinnen.
+Unterbrich ihn: rede."
+
+"Sogleich. Bist du gewiss, dass Albinus kommt?"
+
+"Er kommt; er erwartet den Boten am appischen Thor."
+
+"Wohlan," sagte der Priester, "Gott mit uns!" Und er trat in die Mitte der
+Rotunde, erhob ein schwarzes Kreuz und begann: "Im Namen des dreieinigen
+Gottes! Wieder einmal haben wir uns versammelt im Grauen der Nacht zu den
+Werken des Lichts. Vielleicht zum letztenmal: denn wunderbar hat der Sohn
+Gottes, dem die Ketzer die Ehre weigern, unsere Muehen zu seiner
+Verherrlichung, zur Vernichtung seiner Feinde gesegnet. Naechst Gott dem
+Herrn aber gebuehrt der hoechste Dank dem edeln Kaiser Justinian und seiner
+frommen Gemahlin, die mit thaetigem Mitleid die Seufzer der leidenden
+Kirche vernehmen: und endlich hier unsrem Freund und Fuehrer, dem
+Praefekten, der unablaessig fuer unsres Herrn, des Kaisers Sache, wirkt
+..." -
+
+"Halt, Priester!" rief Lucius Licinius dazwischen, "wer nennt den Kaiser
+von Byzanz hier unsern Herrn? wir wollen nicht den Griechen dienen statt
+den Goten! Frei wollen wir sein!" - "Frei wollen wir sein," wiederholte
+der Chor seiner Freunde.
+
+"Frei wollen wir _werden_!" fuhr Silverius fort. "Gewiss. Aber das koennen
+wir nicht aus eigner Macht, nur mit des Kaisers Hilfe. Glaubt auch nicht,
+geliebte Juenglinge, der Mann, den ihr als euren Vorkaempfer verehrt,
+Cethegus, denke hierin anders. Justinian hat ihm einen koestlichen Ring -
+sein Bild in Carneol - gesendet, zum Zeichen, dass er billige, was der
+Praefekt fuer ihn, den Kaiser, thue und der Praefekt hat den Ring angenommen:
+sehet hier, er traegt ihn am Finger."
+
+Betroffen und unwillig sahen die Juenglinge auf Cethegus. Dieser trat
+schweigend in die Mitte. Eine peinliche Pause entstand.
+
+"Sprich, Feldherr!" rief Lucius, "widerlege sie! Es ist nicht wie sie
+sagen mit dem Ring."
+
+Aber Cethegus zog den Ring kopfnickend ab: "Es ist wie sie sagen: der Ring
+ist vom Kaiser und ich hab' ihn angenommen."
+
+Lucius Licinius trat einen Schritt zurueck.
+
+"Zum Zeichen?" fragte Silverius.
+
+"Zum Zeichen," sprach Cethegus mit drohender Stimme, "dass ich der
+herrschsuechtige Selbstling nicht bin, fuer den mich einige halten, zum
+Zeichen, dass ich Italien mehr liebe als meinen Ehrgeiz. Ja, ich baute auf
+Byzanz und wollte dem maechtigen Kaiser die Fuehrerstelle abtreten: - darum
+nahm ich diesen Ring. Ich baue nicht mehr auf Byzanz, das ewig zoegert:
+deshalb hab' ich diesen Ring heute mitgebracht, ihn dem Kaiser
+zurueckzustellen. Du, Silverius, hast dich als den Vertreter von Byzanz
+erwiesen: hier, gieb deinem Herrn sein Pfand zurueck: er saeumt zu lang:
+sag' ihm, Italien hilft sich selbst."
+
+"Italien hilft sich selbst!" jubelten die jungen Ritter.
+
+"Bedenket, was ihr thut!" warnte mit verhaltnem Zorn der Priester. "Den
+heissen Mut der Juenglinge begreif' ich, - aber dass meines Freundes, des
+gereiften Mannes, Hand nach dem Unerreichbaren greift, - befremdet mich.
+Bedenket die Zahl und wilde Kraft der Barbaren! Bedenket, wie die Maenner
+Italiens seit lange des Schwertes entwoehnt, wie alle Zwingburgen des
+Landes in der Hand ..." -
+
+"Schweig, Priester," donnerte Cethegus, "das verstehst du nicht! Wo es die
+Psalmen zu erklaeren gilt und die Seele nach dem Himmelreich zu lenken, da
+rede du: denn solches ist dein Amt; wo's aber Krieg und Kampf der Maenner
+gilt, lass jene reden, die den Krieg verstehen. Wir lassen dir den ganzen
+Himmel - lass uns nur die Erde. Ihr roemischen Juenglinge, ihr habt die Wahl.
+Wollt ihr abwarten, bis dieses wohlbedaechtige Byzanz sich doch vielleicht
+Italiens noch erbarmt - ihr koennt muede Greise werden bis dahin - oder
+wollt ihr, nach alter Roemer Art, die Freiheit mit dem eignen Schwert
+erkaempfen? Ihr wollt's, ich seh's am Feuer eurer Augen. Wie? man sagt uns,
+wir sind zu schwach, Italien zu befreien? Ha, seid ihr nicht die Enkel
+jener Roemer, die den Weltkreis bezwangen? Wenn ich euch aufrufe, Mann fuer
+Mann, da ist kein Name, der nicht klingt wie Heldenruhm: Decius, Corvinus,
+Cornelius, Valerius, Licinius: - wollt ihr mit mir das Vaterland
+befreien?"
+
+"Wir wollen es! Fuehre uns, Cethegus!" riefen die Juenglinge begeistert.
+
+Nach einer Pause begann der Jurist: "Ich heisse Scaevola. Wo roemische
+Heldennamen aufgerufen werden, haette man auch des Geschlechts gedenken
+moegen, in dem das Heldentum der Kaelte erblich ist. Ich frage dich, du
+jugendheisser Held Cethegus, hast du mehr als Traeume und Wuensche, wie diese
+jungen Thoren, hast du einen Plan?" -
+
+"Mehr als das, Scaevola, ich habe und halte den Sieg. Hier ist die Liste
+fast aller Festungen Italiens: an den naechsten Iden, in dreissig Tagen
+also, fallen sie, alle, auf Einen Schlag, in meine Hand."
+
+"Wie? dreissig Tage sollen wir noch warten?" fragte Lucius.
+
+"Nur so lange, bis die hier Versammelten ihre Staedte wieder erreicht, bis
+meine Eilboten Italien durchflogen haben. Ihr habt ueber vierzig Jahre
+warten muessen!"
+
+Aber der ungeduldige Eifer der Juenglinge, den er selbst geschuert, wollte
+nicht mehr ruhen: sie machten verdrossne Mienen zu dem Aufschub - sie
+murrten.
+
+Blitzschnell ersah der Priester diesen Umschlag der Stimmung. "Nein,
+Cethegus," rief er, "solang kann nicht mehr gezoegert werden! Unertraeglich
+ist dem Edeln die Tyrannei: Schmach dem, der sie laenger duldet als er muss.
+Ich weiss euch bessern Trost, ihr Juenglinge! Schon in den naechsten Tagen
+koennen die Waffen Belisars in Italien blitzen."
+
+"Oder sollen wir vielleicht," fragte Scaevola, "Belisar nicht folgen, weil
+er nicht Cethegus ist?"
+
+"Ihr sprecht von Wuenschen," laechelte dieser, "nicht von Wirklichem.
+Landete Belisar, ich waere der erste mich ihm anzuschliessen. Aber er wird
+nicht landen. Das ist's ja, was mich abgewendet hat von Byzanz: der Kaiser
+haelt nicht Wort."
+
+Cethegus spielte ein sehr kuehnes Spiel. Aber er konnte nicht anders.
+
+"Du koenntest irren und der Kaiser frueher sein Wort erfuellen, als du
+meinst. Belisar liegt bei Sicilien."
+
+"Nicht mehr. Er hat sich nach Afrika, nach Hause gewendet. Hofft nicht
+mehr auf Belisar."
+
+Da hallten hastige Schritte aus dem Seitengange und eilfertig stuerzte
+Albinus herein:
+
+"Triumph," rief er, "Freiheit, Freiheit!"
+
+"Was bringst du?" fragte freudig der Priester.
+
+"Den Krieg, die Rettung! Byzanz hat den Goten den Krieg erklaert."
+
+"Freiheit, Krieg!" jauchzten die Juenglinge.
+
+"Es ist unmoeglich!" sprach Cethegus, tonlos.
+
+"Es ist gewiss!" rief eine andre Stimme vom Gange her - es war Calpurnius,
+der jenem auf dem Fuss gefolgt - "und mehr als das: der Krieg ist begonnen.
+Belisar ist gelandet auf Sicilien, bei Catana: Syrakusae, Messana sind ihm
+zugefallen, Panormus hat er mit der Flotte genommen, er ist uebergesetzt
+nach Italien, von Messana nach Regium, er steht auf unserm Boden."
+
+"Freiheit!" rief Marcus Licinius.
+
+"Ueberall faellt ihm die Bevoelkerung zu. Aus Apulien, aus Calabrien fluechten
+die ueberraschten Goten, unaufhaltsam dringt er durch Bruttien und Lucanien
+gen Neapolis."
+
+"Es ist erlogen, alles erlogen!" sagte Cethegus mehr zu sich selbst als zu
+den andern.
+
+"Du scheinst nicht sehr erfreut ueber den Sieg der guten Sache. Aber der
+Bote ritt drei Pferde zu Tod. Belisar ist gelandet mit dreissigtausend
+Mann." - "Ein Verraeter, wer noch zweifelt," sprach Scaevola. - "Nun lass
+sehen," hoehnte Silverius, "ob du dein Wort halten wirst. Wirst du der
+erste von uns sein, dich Belisar anzuschliessen?"
+
+Vor Cethegus Auge versank in dieser Stunde eine ganze Welt, _seine_ Welt.
+So hatte er denn umsonst, nein, schlimmer als das, fuer einen verhassten
+Feind alles gethan, was er gethan.
+
+Belisar in Italien mit einem starken Heere und er getaeuscht, machtlos,
+ueberwunden! Wohl jeder andre haette jetzt alles weitre Streben ermuedet
+aufgegeben. In des Praefekten Seele fiel nicht ein Schatten der
+Entmutigung. Sein ganzer Riesenbau war eingestuerzt: noch betaeubte der
+Schlag sein Ohr und schon hatte er beschlossen, im selben Augenblick ihn
+von neuem zu beginnen: seine Welt war versunken, und er hatte nicht Musse
+ihr einen Seufzer nachzusenden: denn aller Augen hingen an ihm. Er
+beschloss, eine zweite zu schaffen.
+
+"Nun! was wirst du thun?" wiederholte Silverius.
+
+Cethegus wuerdigte ihn keines Blicks. Zu der Versammlung gewendet sprach er
+mit ruhiger Stimme: "Belisar ist gelandet: Er ist jetzt unser Haupt: ich
+gehe in sein Lager." Damit schritt er dem Ausgang zu, gemessenen Ganges,
+gefassten Angesichts, an Silverius und dessen Freunden vorueber.
+
+Silverius wollte ein Wort des Hohnes fluestern: aber er verstummte, da ihn
+der Blick des Praefekten traf: "Frohlocke nicht, Priester," schien er zu
+sagen, "diese Stunde wird dir vergolten."
+
+Und Silverius, der Sieger, blieb erschrocken stehn. - -
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel.
+
+
+Die Landung der Byzantiner war allen, Goten wie Italiern, gleich
+unerwartet gekommen.
+
+Denn die letzte Bewegung Belisars nach Suedosten hatte alle Erwartungen von
+der kaiserlichen Flotte in die Irre gelenkt. Von unsern gotischen Freunden
+war nur Totila in Unteritalien: vergeblich hatte er als Seegraf von
+Neapolis die Regierung zu Ravenna gewarnt und um Vollmachten, um Mittel
+zur Verteidigung Siciliens gebeten. Wir werden sehen, wie ihm alle Mittel
+genommen wurden, das Ereignis zu verhindern, das sein Volk bedrohte, das
+gerade in die lichten Kreise seines eignen Lebens zuerst verhaengnisvolle
+Schatten werfen und die Bande des Glueckes zerreissen sollte, mit welchen
+ein freundliches Schicksal diesen Liebling der Goetter bisher umwoben
+hatte.
+
+Denn in Baelde war es der unwiderstehlichen Anmut seiner Natur gelungen,
+das edle, wenn auch strenge, Herz des Valerius zu gewinnen. Wir haben
+gesehen, wie maechtig die Bitten der Tochter, das Andenken an die
+Scheideworte der Gattin, die Offenheit Totilas schon in jener Stunde der
+naechtlichen Ueberraschung auf den wuerdigen Alten gewirkt.
+
+Totila blieb als Gast in der Villa: Julius, mit seiner gewinnenden Guete,
+wurde von den Liebenden zu Hilfe gerufen und ihren vereinten Einfluessen
+gab der Sinn des Vaters allmaehlich nach. Dies war jedoch bei dem strengen
+Roemertum des Alten nur dadurch moeglich, dass von allen Goten Totila an
+Sinnesart, Bildung und Wohlwollen den Roemern am naechsten stand, so dass
+Valerius bald einsah, er koenne einen Juengling nicht "barbarisch" schelten,
+der besser als mancher Italier die Sprache, die Weisheit und die Schoenheit
+der hellenischen und roemischen Litteratur kannte und wuerdigte, und, wie er
+seine Goten liebte, so die Kultur der alten Welt bewunderte.
+
+Dazu kam endlich, dass im politischen Gebiet den alten Roemer und den jungen
+Germanen der gemeinsame Hass gegen die Byzantiner verband. Wenn der offnen
+Heldenseele Totilas in den tueckischen Erbfeinden seiner Nation die
+Mischung von Heuchelei und Gewaltherrschaft unwillkuerlich wie dem Lichte
+die Nacht verhasst war, so war fuer Valerius die ganze Tradition seiner
+Familie eine Anklage gegen das Imperatorentum und Byzanz. Die Valerier
+hatten von jeher zu der aristokratisch-republikanischen Opposition wider
+das Caesarentum gezaehlt. Und so mancher der Ahnen hatte schon seit den
+Tagen des Tiberius die alt-republikanische Gesinnung mit dem Tode gebuesst
+und besiegelt. Niemals hatten diese Geschlechter im Herzen die Uebertragung
+der Weltherrschaft von der Tiberstadt nach Byzanz anerkannt: in dem
+byzantinischen Kaisertum erblickte Valerius den Gipfel aller Tyrannei: und
+um jeden Preis wollte er die Habsucht, den Glaubenszwang, den
+orientalischen Despotismus dieser Kaiser von seinem Latium fern halten. Es
+kam dazu, dass sein Vater und sein Bruder bei einer Handelsreise durch
+Byzanz von einem Vorgaenger Justinians aus Habsucht waren festgehalten und,
+wegen angeblicher Beteiligung an einer Verschwoerung, unter Konfiskation
+ihrer im Ostreich belegenen Gueter, hingerichtet worden, so dass den
+politischen Hass des Patrioten mit aller Macht persoenliche Schmerzen
+verstaerkten. Er hatte, als Cethegus ihn in die Katakombenverschwoerung
+einweihte, eifrig den Gedanken einer Selbstbefreiung Italiens ergriffen,
+aber alle Annaeherungen der kaiserlichen Partei mit den Worten abgewiesen:
+"lieber den Tod als Byzanz!"
+
+So vereinten sich die beiden Maenner in dem Entschluss, keine Byzantiner in
+dem schoenen Lande zu dulden, das dem Goten kaum minder teuer war, als dem
+Roemer.
+
+Die Liebenden hueteten sich, den Willen des Alten schon jetzt zu einem
+bindenden Wort zu draengen; sie begnuegten sich fuer die Gegenwart mit der
+Freiheit des Umgangs, die Valerius ihnen beliess und warteten ruhig ab, bis
+der Einfluss allmaehlicher Gewoehnung ihn auch mit dem Gedanken an ihre
+voellige Vereinigung befreunden wuerde. So verlebten unsere jungen Freunde
+goldene Tage.
+
+Das Liebespaar hatte neben seinem eigensten Gluecke die Freude an der
+wachsenden Neigung des Vaters zu Totila: und Julius genoss jene weihevolle
+Erhebung, die fuer edle Naturen in dem Ueberwinden eigner Schmerzen um des
+Glueckes geliebter Herzen willen liegt.
+
+Seine suchende, von der Weisheit der alten Philosophie nicht befriedigte
+Seele wandte sich mehr und mehr jener Lehre zu, die den hoechsten Frieden
+im Entsagen findet.
+
+Eine sehr entgegengesetzte Natur war Valeria.
+
+Sie war der Ausdruck der echt roemischen Ideale ihres Vaters, der an der
+fruehe verstorbnen Mutter Stelle ihre ganze Erziehung geleitet und im
+geistigen und sittlichen Gebiet die Ergebnisse des antiken heidnischen
+Geistes ihr angeeignet hatte. Das Christentum, dem ihre Seele bei dem
+Eintritt in das Leben durch eine aeussere Noetigung war zugewendet und spaeter
+ebenso durch ein aeusserliches Mittel wieder war entrissen worden, erschien
+ihr als eine gefuerchtete, nicht als eine verstandene und geliebte Macht,
+die sie gleichwohl nicht aus dem Kreise ihrer Gedanken und Gefuehle zu
+scheiden vermochte. Als echte Roemerin sah sie auch nicht mit bangem Zagen,
+sondern mit freudigem Stolz die kriegerische Begeisterung, die im Gespraech
+mit ihrem Vater ueber Byzanz und seine Feldherrn aus der Seele Totilas
+leuchtete, den kuenftigen Helden verkuendend.
+
+Und so trug sie es mit edler Fassung, als den Geliebten seine
+Kriegerpflicht ploetzlich abrief aus den Armen der Liebe und Freundschaft.
+Denn sowie die Flotte der Byzantiner auf der Hoehe von Syrakusae erschienen
+war, loderte in dem jungen Goten der Gedanke, der Wunsch des Krieges
+unausloeschlich empor. Als Befehlshaber des unteritalischen Geschwaders lag
+ihm die Pflicht ob, die Feinde zu beobachten, die Kueste zu decken. Er
+setzte rasch seine Schiffe in stand und segelte der griechischen Seemacht
+entgegen, Erklaerung heischend ueber den Grund ihres Erscheinens in diesen
+Gewaessern.
+
+Belisar, der den Auftrag hatte, erst nach einem Ruf von Petros feindlich
+aufzutreten, gab eine friedliche und unanfechtbare Auskunft, die Unruhen
+in Afrika und Seeraeubereien mauretanischer Schiffe vorschuetzend. Mit
+dieser Antwort musste sich Totila begnuegen: aber in seiner Seele stand der
+Ausbruch des Krieges fest, vielleicht nur deshalb, weil er ihn wuenschte.
+Er traf daher alle Anstalten, schickte warnende Boten nach Ravenna und
+suchte vor allem, das wichtige Neapolis wenigstens von der Seeseite her zu
+decken, da die Landbefestigung der Stadt waehrend des langen Friedens
+vernachlaessigt und der alte Uliaris, der Stadtgraf von Neapolis, nicht aus
+seiner stolzen Sicherheit und Griechenverachtung aufzuruetteln war.
+
+Die Goten wiegten sich ueberhaupt in dem gefaehrlichen Wahn, die Byzantiner
+wuerden gar nie wagen, sie anzugreifen: und ihr verraeterischer Koenig
+bestaerkte sie gern in diesem Glauben. Die Warnungen Totilas blieben
+deshalb unbeachtet und es wurde dem eifrigen Seegrafen sogar sein ganzes
+Geschwader abgenommen und in den Hafen von Ravenna zu angeblicher Abloesung
+beordert: aber die Schiffe, welche die abgesegelten ersetzen sollten,
+blieben aus.
+
+Und Totila hatte nichts als ein paar kleine Wachtschiffe, mit welchen er,
+wie er den Freunden erklaerte, die Bewegungen der zahlreichen
+Griechenflotte nicht beobachten, geschweige denn aufhalten konnte. Diese
+Mitteilungen bewogen den Kaufherrn, die Villa bei Neapolis zu verlassen
+und seine reichen Besitzungen und Handelsniederlassungen bei Regium, an
+der Suedspitze der Halbinsel, aufzusuchen, um die wertvollste Habe aus
+dieser Gegend, fuer die Totila den ersten Angriff der Feinde besorgte, nach
+Neapolis zu fluechten und ueberhaupt seine Anordnungen fuer den Fall eines
+laengeren Krieges zu treffen. Auf dieser Reise sollte Julius ihn begleiten:
+und auch Valeria war nicht zu bewegen, in der leeren Villa
+zurueckzubleiben: von Gefahr war, wie Totila versichert hatte, fuer die
+naechsten Tage nichts zu fuerchten.
+
+So reisten denn die drei, von einigen Sklaven begleitet, nach der
+Hauptvilla bei dem Passe Jugum noerdlich von Regium ab, die, unmittelbar am
+Meere gelegen, ja zum Teil mit jenem schon von Horatius gescholtnen Luxus
+in das Meer selbst "wagend hinausgebaut" war.
+
+Valerius traf die Dinge in schlechter Ordnung. Seine Institoren hatten,
+sicher gemacht durch lange Abwesenheit des Herrn, uebel gewirtschaftet: und
+mit Unwillen erkannte dieser, dass seine pruefende, ordnende, strafende
+Thaetigkeit, nicht tage-, sondern wochenlang in dieser Gegend notwendig
+sein werde.
+
+Unterdessen mehrten sich die drohenden Anzeichen. Totila schickte warnende
+Winke: aber Valeria erklaerte, ihren Vater in der Gefahr nicht verlassen zu
+koennen: und dieser verschmaehte es, vor den "Griechlein" zu fluechten, die
+er noch mehr verachtete, als hasste.
+
+Da wurden sie eines Tages durch zwei Boote ueberrascht, die fast
+gleichzeitig in den kleinen Hafen der Villa einliefen: das eine trug
+Totila, das andre den Korsen Furius Ahalla. Die Maenner begruessten sich
+ueberrascht, doch erfreut als alte Bekannte und wandelten mit einander
+durch die Taxus- und Lorbeergaenge des Gartens zu der Villa hinan. Hier
+trennten sie sich: Totila gab vor, seinen Freund Julius besuchen zu
+wollen, indes den Korsen ein Geschaeft zu dem Kaufherrn fuehrte, mit dem er
+seit Jahren in einer fuer beide Teile gleich vorteilhaften
+Handelsverbindung stand.
+
+Mit Freuden sah daher Valerius den klugen, kuehnen und stattlich-schoenen
+Seefahrer bei sich eintreten und nach herzlicher Begruessung wandten sich
+die beiden Handelsfreunde ihren Buechern und Rechnungen zu.
+
+Nach kurzen Eroerterungen erhob sich der Korse von den Rechentafeln und
+sprach: "So siehst du, Valerius, aufs neue hat Mercurius unser Buendnis
+gesegnet. Meine Schiffe haben dir Purpur und koestlichen Wollstoff aus
+Phoenikien und aus Spanien zugefuehrt: und deine koestlichen Fabrikate des
+verflossenen Jahres verfuehrt nach Byzanz und Alexandria, nach Massilia und
+Antiochia. Ein Centenar Goldes Mehrgewinn gegen das Vorjahr! Und so wird
+er steigen und steigen von Jahr zu Jahr, solang die wackern Goten den
+Frieden schirmen und die Rechtspflege im Abendland." Er schwieg wie
+abwartend.
+
+"Solang sie schirmen koennen!" seufzte Valerius, "solang diese Griechen
+Frieden halten. Wer steht dafuer, dass uns nicht diese Nacht der Seewind die
+Flotte Belisars an die Kueste treibt!"
+
+"Also auch du erwartest den Krieg? Im Vertrauen: er ist mehr als
+wahrscheinlich, er ist gewiss."
+
+"Furius," rief der Roemer, "woher weisst du das?"
+
+"Ich komme von Afrika, von Sicilien. Ich habe die Flotte des Kaisers
+gesehen: so ruestet man nicht gegen Seeraeuber. Ich habe die Heerfuehrer
+Belisars gesprochen: sie traeumen Nacht und Tag von den Schaetzen Italiens.
+Sizilien ist zum Abfall reif, sowie die Griechen landen."
+
+Valerius erbleichte vor Aufregung. Furius bemerkte es und fuhr fort: "Und
+deshalb vor allem bin ich hierher geeilt, dich zu warnen. Der Feind wird
+in dieser Gegend landen und ich wusste, - dass deine Tochter dich
+begleitet."
+
+"Valeria ist eine Roemerin."
+
+"Ja, aber diese Feinde sind die wildesten Barbaren. Denn Hunnen,
+Massageten, Skythen, Avaren, Sclavenen und Sarazenen sind es, die dieser
+Kaiser der Roemer loslaesst auf Italien. Wehe, wenn dein minervengleiches
+Kind in ihre Haende fiele."
+
+"Das wird sie nicht!" sagte Valerius, die Hand am Dolch. "Aber du sprichst
+wahr - sie muss fort - in Sicherheit." - - "Wo ist in Italien Sicherheit?
+Bald werden die Wogen dieses Krieges brausend zusammenschlagen ueber
+Neapolis, - ueber Rom und kaum sich an Ravennas Mauern brechen." - Denkst
+du so gross von diesen Griechen? Hat doch Griechenland nie etwas anderes
+nach Italien geschickt als Mimen, Seeraeuber und Kleiderdiebe!" -
+"Belisarius aber ist ein Sohn des Sieges. Jedenfalls entbrennt ein Kampf,
+dessen Ende so mancher von euch nicht erleben wird!" - "Von _euch_, sagst
+du? wirst du nicht mit kaempfen?"
+
+"Nein, Valerius! Du weisst, in meinen Adern fliesst nur korsisch Blut, trotz
+meines roemischen Adoptivnamens: ich bin nicht Roemer, nicht Grieche, nicht
+Gote. Ich wuensche den Goten den Sieg, weil sie Zucht und Ordnung halten zu
+Wasser und zu Land und weil mein Handel blueht unter ihrem Scepter: aber
+wollt' ich offen fuer sie fechten, - der Fiskus von Byzanz verschlaenge, was
+irgend von meinen Schiffen und Waren in den Haefen des Ostreichs liegt,
+drei Viertel all' meines Guts. Nein, ich gedenke mein Eiland so zu
+befestigen, - du weisst ja, halb Korsika ist mein - dass keine der
+kaempfenden Parteien mich viel belaestigen wird: meine Insel wird eine
+Friedensinsel sein, waehrend rings die Laender und Meere vom Krieg
+erdroehnen. Ich werde dies Asyl beschirmen wie ein Koenig seine Krone, wie
+ein Braeutigam die Braut - und deshalb" - seine Augen funkelten und seine
+Stimme bebte vor Erregung - "deshalb wollte ich jetzt, - heute - ein Wort
+aussprechen, das ich seit Jahren auf dem Herzen trage" - - Er stockte.
+
+Valerius sah voraus, was kommen werde und sah es mit tiefem Schmerz: seit
+Jahren hatte er sich in dem Gedanken gefallen, sein Kind dem maechtigen
+Kaufherrn zu vertrauen, eines alten Freundes Adoptivsohn, dessen Neigung
+er lange durchschaut. So lieb er in letzter Zeit den jungen Goten
+gewonnen, er wuerde doch den langjaehrigen Handelsgenossen als Eidam
+vorgezogen haben. Und er kannte den unbaendigen Stolz und die zornige
+Rachsucht des Korsen: er fuerchtete im Fall der Weigerung die alte Liebe
+und Freundschaft alsbald in lodernden Hass umschlagen zu sehen: man
+erzaehlte dunkle Geschichten von der jaehzornigen Wildheit des Mannes und
+gern haette Valerius ihm und sich selbst den Schmerz einer Zurueckweisung
+erspart.
+
+Aber jener fuhr fort: "Ich denke, wir beide sind Maenner, die Geschaefte
+geschaeftlich abthun. Und ich spreche, nach altem Brauch, gleich mit dem
+Vater, nicht erst mit der Tochter. Gieb mir dein Kind zur Ehe, Valerius:
+du kennst zum Teil mein Vermoegen - nur zum Teil: - denn es ist viel groesser
+als du ahnst. Zur Widerlage der Mitgift geb' ich, wie gross sie sei, das
+doppelte ..." -
+
+"Furius!" unterbrach der Vater.
+
+"Ich glaube wohl ein Mann zu sein, der ein Weib begluecken mag. Jedenfalls
+kann ich sie beschuetzen, wie kein andrer in diesen drohenden Zeiten: ich
+fuehre sie, wird Korsika bedraengt, auf meinen Schiffen nach Asien, nach
+Afrika; an jeder Kueste erwartet sie nicht ein Haus, ein Palast. Keine
+Koenigin soll sie beneiden. Ich will sie hoch halten: - hoeher als meine
+Seele." Er hielt inne, sehr erregt, wie auf rasche Antwort wartend.
+
+Valerius schwieg, er suchte nach einem Ausweg: - es war nur eine Sekunde:
+aber der Anschein nur, dass sich der Vater besinne, empoerte den Korsen.
+Sein Blut kochte auf, sein schoenes bronzefarbenes Antlitz, eben noch
+beinahe weich und mild, nahm ploetzlich einen furchtbaren Ausdruck an:
+dunkelrote Glut schoss in die braunen Wangen. "Furius Ahalla," sprach er
+rasch und hastig, "ist nicht gewoehnt, zweimal zu bieten. Man pflegt meine
+Ware aufs erste Angebot mit beiden Haenden zu ergreifen -: nun biete ich
+mich selbst: - ich bin, bei Gott, nicht schlechter als mein Purpur" -
+
+"Mein Freund," hob der Alte an, "wir leben nicht mehr in der Zeit alten,
+strengen Roemerbrauchs: der neue Glaube hat den Vaetern fast das Recht
+genommen, die Toechter zu vergeben. Mein Wille wuerde sie dir und keinem
+andern geben, aber ihr Herz" ... -
+
+"Sie liebt einen andern!" knirschte der Korse, "wen?" Und seine Faust fuhr
+an den Dolch, als sollte der Nebenbuhler keinen Augenblick mehr atmen. Es
+lag etwas vom Tiger in dieser Bewegung und im Funkeln des rollenden Auges.
+Valerius empfand, wie toedlich dieser Hass und wollte den Namen nicht
+nennen. - "Wer kann es sein?" fragte halblaut der Wuetende. "Ein Roemer?
+Montanus? Nein! O nur - nur nicht er - sag' nein, Alter, nicht Er" .. -
+Und er fasste ihn am Gewande.
+
+"Wer? wen meinst du?"
+
+"Der mit mir landete - der Gote: doch ja: er muss es sein, es liebt ihn ja
+alles: - Totila!"
+
+"Er ist's!" sagte Valerius und suchte beguetigend seine Hand zu fassen.
+
+Doch mit Schrecken liess er sie los: ein zuckender Krampf ruettelte den
+ehernen Leib des starken Korsen: er streckte beide Haende starr vor sich
+hin als wollte er den Schmerz, der ihn quaelte, erwuergen. Dann warf er das
+Haupt in den Nacken und schlug sich die beiden geballten Faeuste grausam
+gegen die Stirn, den Kopf schuettelnd und laut auflachend.
+
+Entsetzt sah Valerius diesem Toben zu, endlich glitten die gepressten Haende
+langsam herab und zeigten ein aschenfahles Antlitz. "Es ist aus," sagte er
+dann mit bebender Stimme. "Es ist ein Fluch, der mich verfolgt: ich soll
+nicht gluecklich werden im Weibe. Schon einmal, - hart vor der Erfuellung -!
+Und jetzt, - ich weiss es, - Valerias Seelenzucht und klare Ruhe haette auch
+in mein wild schaeumendes Leben rettenden Frieden gebracht: - ich waere
+anders geworden, - - besser. Und sollte es nicht sein" - hier funkelte
+sein Auge wieder - "nun, so waer' es fast das gleiche Glueck gewesen, den
+Raeuber dieses Gluecks zu morden. Ja, in seinem Blute haette ich gewuehlt und
+von der Leiche die Braut hinweggerissen - und nun ist Er es!
+
+Er, der einzige, dem Ahalla Dank schuldet - und welchen Dank" - - - Und er
+schwieg, mit dem Haupte nickend und wie verloren in Erinnerung.
+"Valerius," rief er dann ploetzlich sich aufraffend, "ich weiche keinem
+Mann auf Erden: - ich haett' es nicht getragen, hinter einem andern
+zurueckzustehen - doch Totila! - Es sei ihr vergeben, dass sie mich
+ausschlaegt, weil sie Totila gewaehlt. Leb wohl, Valerius, ich geh' in See,
+nach Persien, Indien - ich weiss nicht, wohin - ach ueberallhin nehm' ich
+diese Stunde mit." Und rasch war er hinaus und gleich darauf entfuehrte ihn
+sein pfeilgeschwindes Bot dem kleinen Hafen der Villa. -
+
+Seufzend verliess Valerius das Gemach, seine Tochter zu suchen. Er traf im
+Atrium auf Totila, der sich schon wieder verabschiedete. Er war nur
+gekommen, zu rascher Rueckreise nach Neapolis zu treiben.
+
+Denn Belisar habe sich wieder von Afrika abgewendet und kreuze bei
+Panormus: jeden Tag koenne die Landung auf Sicilien, in Italien selbst
+erfolgen und trotz all' seines Dringens sende der Koenig keine Schiffe. In
+den naechsten Tagen wolle er selbst nach Sicilien, sich Gewissheit zu
+schaffen. Die Freunde seien daher hier voellig unbeschuetzt: und er beschwor
+den Vater Valerias, sofort auf dem Landwege nach Neapolis heimzukehren.
+Aber den alten Soldaten empoerte es, vor den Griechen fluechten zu sollen:
+vor drei Tagen koenne und wolle er nicht weichen von seinen Geschaeften, und
+kaum war er von Totila zu bestimmen, eine Schar von zwanzig Goten zur
+notduerftigsten Deckung anzunehmen. Mit schwerem Herzen stieg Totila in
+seinen Kahn und liess sich an Bord des Wachschiffes zurueckbringen.
+
+Es war dunkler Abend geworden als er dort ankam, ein Nebelschleier
+verhuellte die Dinge in naechster Naehe.
+
+Da scholl Ruderschlag von Westen her und ein Schiff, kenntlich an der
+roten Leuchte an dem hohen Mast, bog um die Spitze eines kleinen
+Vorgebirges.
+
+Totila lauschte und fragte seine Wachen: "Segel zur Linken! was fuer
+Schiff? was fuer Herr?"
+
+"Schon angezeigt vom Mastkorb:" - hallte es wieder - "Kauffahrer - Furius
+Ahalla - lag hier vor Anker."
+
+"Faehrt wohin?"
+
+"Nach Osten - nach Indien!" -
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel.
+
+
+Am Abend des dritten Tages seit Totila die gotische Bedeckung geschickt,
+hatte Valerius endlich seine Geschaefte beendet und auf den andern Morgen
+die Abreise festgesetzt. Er sass mit Valeria und Julius beim Nachtmahl und
+sprach von den Aussichten auf Erhaltung des Friedens, die des jungen
+Helden Kriegesdurst doch wohl unterschaetzt habe: es war dem Roemer ein
+unertraeglicher Gedanke, dass "Griechen" das teure Italien in Waffen
+betreten sollten. "Auch ich wuensche den Frieden," sprach Valeria,
+nachsinnend - "und doch -" "Nun?" fragte Valerius. "Ich bin gewiss, du
+wuerdest," vollendete das Maedchen, "im Krieg erst Totila so lieben lernen,
+wie er es verdient: er wuerde fuer mich streiten und fuer Italien." - "Ja,"
+sagte Julius, "es steckt in ihm ein Held und Groesseres als das." - "Ich
+kenne nichts Groesseres," antwortete Valerius.
+
+Da erschollen auf dem Marmorestrich des Atriums klirrende Schritte und der
+junge Thorismuth, der Anfuehrer der zwanzig Goten und Totilas Schildtraeger,
+trat hastig ein.
+
+"Valerius," sprach er schnell, "lass die Wagen anschirren, - die Saenften in
+den Hof - ihr muesst fort."
+
+Die Drei sprangen auf: "Was ist geschehn - sind sie gelandet?" - "Rede,"
+sprach Julius, "was macht dich besorgt?" - "Fuer mich nichts," lachte der
+Gote, "und euch wollt ich nicht frueher schrecken als unvermeidlich. Aber
+ich darf nicht mehr schweigen - gestern frueh spuelte die Flut eine Leiche
+ans Land ... -"
+
+"Eine Leiche?" - "Einen Goten von unsrer Schiffsmannschaft - es war Alb,
+der Steuermann auf Totilas Schiff." Valeria erbleichte, aber erbebte
+nicht. "Das kann ein Zufall sein - er ist ertrunken." - "Nein," sagte der
+Gote fest, "er ist nicht ertrunken: es stak ein Pfeil in seiner Brust." -
+"Das deutet auf einen Kampf zur See! Nicht auf mehr!" meinte Valerius.
+"Aber heute -"
+
+"Heute?" fragte Julius. - "Heute sind alle Landleute ausgeblieben, die
+sonst taeglich von Regium hier durch nach Colum gehen. Auch ein Reiter, den
+ich auf Kundschaft nach Regium schickte, ist nicht zurueckgekommen." -
+"Beweist noch immer nichts," sprach Valerius eigensinnig. - Sein Herz
+straeubte sich gegen den Gedanken einer Landung der Verhassten solang als
+moeglich - "oft schon hat die Brandung die Strasse gesperrt."
+
+"Aber als ich selbst soeben auf der Strasse nach Regium vorging und das Ohr
+auf die Erde legte, hoerte ich die Erde zittern unter dem Hufschlag von
+vielen Rossen, die in rasender Eile nahen. Ihr muesst fliehn."
+
+Jetzt griffen Valerius und Julius zu den Waffen, die an den Pfeilern des
+Gemaches hingen, Valeria legte schwer atmend die Hand aufs Herz: "Was ist
+zu thun?" fragte sie.
+
+"Besetzt den Engpass von Jugum," befahl Valerius, "in den die Strasse laengs
+der Kueste verlaeuft: er ist schmal; er ist lange zu halten." - "Er ist
+schon besetzt von acht meiner Goten, ich fliege hin, sobald ihr zu Pferde
+sitzt, die Haelfte meiner Schar deckt eure Reise: eilt."
+
+Aber ehe sie das Gemach verlassen konnten, stuerzte ein gotischer Krieger,
+mit Schlamm und Blut bedeckt, herein: "flieht," rief er, "sie sind da!" -
+"Wer ist da, Gelaris?" fragte Thorismuth. - "Die Griechen! Belisar! der
+Teufel!" - "Rede," befahl Thorismuth. - "Ich kam bis in den Pinienwald von
+Regium, ohne etwas Verdaechtiges zu spueren, freilich auch ohne einer Seele
+auf der Strasse zu begegnen. Als ich an einem dicken Baumstamm vorbeireite,
+eifrig vorwaerts spaehend, fuehle ich einen Ruck am Halse, als risse mir ein
+Blitz den Kopf von den Schultern und im Nu lag ich unter meinem Tier am
+Boden .... -"
+
+"Schlecht gesessen, o Gelaris!" schalt Thorismuth. - "Jawohl, eine
+Rosshaarschlinge ums Genick und eine Bleikugel an den Kopf geschnellt, da
+faellt auch ein besserer Reitersmann als Gelaris, Genzos Sohn. Zwei Unholde
+- Waldschraten oder Alraunen acht' ich sie aehnlich - setzten aus dem Busch
+ueber den Graben, banden mich auf mein Pferd, nahmen mich zwischen ihre
+kleinen, zottigen Gaeule - und hui ..." -
+
+"Das sind die Hunnen Belisars!" rief Valerius.
+
+"Jagten sie mit mir davon. - Als ich wieder ganz zu mir gekommen, war ich
+in Regium, mitten unter den Feinden, dort erfuhr ich denn alles. Die
+Regentin ist ermordet, der Krieg ist erklaert, die Feinde haben Sicilien
+ueberrascht, die ganze Insel ist zum Kaiser abgefallen - -" - "Und das
+feste Panormus?"
+
+"Fiel durch die Flotte, die in den Hafen drang: die Mastkoerbe waren hoeher
+als die Mauern der Stadt: von den Masten schossen und sprangen sie herab."
+- "Und Syrakusae?" fragte Valerius. "Fiel durch Verrat der Sicilianer - die
+Goten der Besatzung sind ermordet: in Syrakusae ist Belisarius eingeritten
+unter einem Blumenregen, als scheidender Konsul des Jahres - denn es war
+am letzten Tage seines Konsulats - Goldmuenzen streuend, unter
+Haendeklatschen alles Volks." - "Und wo ist der Seegraf? wo ist Totila?" -
+"Zwei seiner drei Schiffe sind in den Grund gebohrt, vom Schnabelstosse der
+Trieren. Sein Schiff und noch eins: er sprang ins Meer mit voller Ruestung
+- und ist - noch nicht - aufgefischt."
+
+Da sank Valeria schweigend auf das Lager.
+
+"Der Griechenfeldherr," fuhr der Bote fort, "landete gestern in dunkler
+stuermischer Nacht bei Regium: die Stadt hat ihn mit Jubel aufgenommen; er
+ordnet nur sein Heer, dann solls im Fluge nach Neapolis gehen: seine
+Vorhut, die gelbhaeutigen Reiter, die mich eingebracht, mussten sogleich
+wieder umkehren und den Pass gewinnen. Ich sollte ihnen Fuehrer dahin sein.
+Ich fuehrte sie weit ab - nach Westen - in den Meeressumpf und - entsprang
+ihnen im Dunkel - des Abends - aber - sie schickten mir - Pfeile nach -
+und einer traf - ich kann nicht mehr." - Und klirrend stuerzte der Mann zu
+Boden.
+
+"Er ist verloren!" sprach Valerius, "sie fuehren vergiftetes Geschoss! Auf,
+Julius und Thorismuth, ihr geleitet mein Kind auf der Strasse gen Neapolis:
+ich gehe in den Pass und decke euch den Ruecken." Vergebens waren die Bitten
+Valerias: Gesicht und Haltung des Alten nahmen einen Ausdruck eisernen
+Entschlusses an. "Gehorcht!" befahl er den Widerstrebenden, "ich bin der
+Herr dieses Hauses, der Sohn dieses Landes, und ich will die Hunnen
+Belisars fragen, was sie zu thun haben in meinem Vaterland. Nein, Julius!
+Dich muss ich bei Valeria wissen - lebet wohl."
+
+Waehrend Valeria mit ihrer gotischen Bedeckung und mit den meisten der
+Sklaven spornstreichs auf der Strasse nach Neapolis hinwegeilte, stuermte
+Valerius mit Schild und Schwert einem halben Dutzend Sklaven voran, zum
+Garten der Villa hinaus, nach dem Engpass zu, der nicht weit vor dem Anfang
+seiner Besitzungen die Strasse nach Regium ueberwoelbte.
+
+Der Felsenbogen zur Linken, im Norden, war unuebersteiglich und zur
+Rechten, nach Sueden, fielen jene Waende senkrecht in das tiefe Meer, dessen
+Brandung oft die Strasse ueberflutete. Die Muendung des Passes aber war so
+schmal, dass zwei nebeneinanderstehende Maenner sie mit ihren Schilden wie
+eine Pforte schliessen konnten: so durfte Valerius hoffen, den Pass auch
+gegen grosse Uebermacht lang genug zu decken, um den raschen Pferden der
+Fliehenden hinlaenglichen Vorsprung zu gewaehren. Waehrend der Alte den
+schmalen Pfad, der sich zwischen dem Meere und seinen Weinbergen nach dem
+Engpass hinzog, durch die mondlose Nacht vorwaerts eilte, bemerkte er zur
+Rechten, draussen, in ziemlicher Entfernung vom Lande, im Meer den hellen
+Strahl eines kleinen Lichtes, das offenbar von dem Mast eines Schiffes
+niederleuchtete. Valerius erschrak: sollten die Byzantiner zur See gegen
+Neapolis vorruecken? Sollten sie Bewaffnete in seinem und des Engpasses
+Ruecken ans Land werfen wollen? Aber wuerden sich dann nicht mehrere Lichter
+zeigen? Er wollte die Sklaven fragen, die auf seinen Befehl, aber schon
+mit sichtlichem Widerwillen, ihm aus der Villa gefolgt waren.
+
+Umsonst: sie waren verschwunden in dem Dunkel der Nacht. Sie waren dem
+Herrn entwischt, sobald dieser ihrer nicht mehr achtete. So kam Valerius
+allein an dem Engpass an, dessen hintere Muendung zwei der gotischen Wachen
+besetzt hielten, waehrend zwei andere den oestlichen, dem Feinde zugekehrten
+Eingang ausfuellten und die uebrigen vier in dem innern Raum hielten. Kaum
+war Valerius dicht hinter die beiden vordersten Waechter getreten, als man
+ploetzlich ganz nahes Pferdegetrappel vernahm: und alsbald bogen um die
+letzte Kruemmung, welche die Strasse vor dem Pass um eine Felsennase machte,
+zwei Reiter im vollen Trabe. Beide trugen Fackeln in der Rechten: es
+warfen nur diese Fackeln Licht auf die naechtliche Scene: denn die Goten
+vermieden alles, was ihre kleine Zahl verraten konnte. "Beim Barte
+Belisars!" schalt der vorderste der Reiter, in Schritt uebergehend, "hier
+wird der Katzensteig so schmal, dass kaum ein ehrlich Ross drauf Platz hat,
+- und da koemmt noch ein Hohlweg oder - halt, was ruehrt sich da?" Und er
+hielt sein Pferd an und bog sich, die Fackel weit vor sich streckend,
+vorsichtig nach vorn: so bot er dicht vor dem Eingang, in dem Licht seiner
+Kienfackel ein bequemes Ziel.
+
+"Wer ist da?" rief er seinem Begleiter nochmals zu.
+
+Da fuhr ein gotischer Wurfspeer durch die breiten Panzerringe in seine
+Brust. "Feinde, weh!" schrie der Sterbende und stuerzte ruecklings aus dem
+Sattel. "Feinde, Feinde!" rief der Mann hinter ihm, schleuderte die
+verderbliche Fackel weit von sich ins Meer, warf sein Pferd herum und
+jagte zurueck, waehrend das Tier des Gefallenen ruhig stehen blieb bei der
+Leiche seines Herrn.
+
+Nichts hoerte man jetzt in der Stille der Nacht als den Hufschlag des
+enteilenden Rosses, und, zur Rechten des Passes, den leisen Schlag der
+Wellen am Fusse der Felswand. Den Maennern im Engpass schlug das Herz in
+Erwartung. "Jetzt bleibt kalt, ihr Maenner," mahnte Valerius, "lasse sich
+keiner aus dem Passe locken. Ihr in der ersten Reihe schliesst die Schilde
+fest aneinander und streckt die Lanzen vor: wir in der Mitte werfen. Ihr
+drei im Ruecken reicht uns die Speere und habt acht auf alles -."
+
+"Herr," rief der Gote, der hinter dem Passe auf der Strasse stand, "das
+Licht! das Schiff naehert sich immer mehr."
+
+"Hab' acht und ruf' es an, wenn -"
+
+Aber schon waren die Feinde da, deren Vorhut die beiden Spaeher gebildet
+hatten: es war ein Trupp von fuenfzig hunnischen Reitern, mit einigen
+Fackeln. Wie sie um die Kruemmung des Weges bogen, erhellte sich die Scene
+mit wechselndem, grellem Licht neben tiefem Dunkel.
+
+"Hier war es, Herr!" sprach der entkommene Reiter, "seht euch vor." -
+"Schafft den Toten zurueck und das Ross!" sprach eine rauhe Stimme und der
+Anfuehrer, eine Fackel erhebend, ritt im Schritt gegen den Eingang vor.
+
+"Halt!" rief ihm Valerius auf lateinisch entgegen, "wer seid ihr und was
+wollt ihr?" - "Das habe ich zu fragen!" entgegnete der Fuehrer der Reiter
+in derselben Sprache. - "Ich bin ein roemischer Buerger und verteidige mein
+Vaterland gegen Raeuber."
+
+Der Anfuehrer hatte unterdessen im Licht seiner Fackel die ganze
+Oertlichkeit besehen: sein geuebtes Auge erkannte die Unmoeglichkeit, links
+oder rechts den Engpass zu umgehen und zugleich die Enge seiner Muendung.
+"Freund," sagte er etwas zurueckweichend, "so sind wir Bundesgenossen. Auch
+wir sind Roemer und wollen Italien von seinen Raeubern befreien. Also gieb
+Raum und lass uns durch." Valerius, der in jeder Weise Zeit gewinnen
+wollte, sprach: "Wer bist du und wer sendet dich?" - "Ich heisse Johannes:
+die Feinde Justinians nennen mich "den blutigen": und ich fuehre die
+leichten Reiter Belisars. Alles Land von Regium bis hierher hat uns mit
+Jubel aufgenommen: hier ist das erste Hemmnis; laengst waeren wir weiter,
+haett' uns nicht ein Hund von einem Goten in den dicksten Sumpf gefuehrt,
+drin je ein guter Gaul versank. Koestliche Zeit ging uns verloren. Halt'
+uns nicht auf! Leben und Habe ist dir gesichert, und reicher Lohn, wenn du
+uns fuehren willst. Eile ist der Sieg. Die Feinde sind betaeubt: sie duerfen
+sich nicht besinnen, bis wir vor Neapolis stehen, ja vor Rom. "Johannes,"
+sprach Belisar zu mir, "da ich's dem Sturmwind nicht befehlen kann, vor
+mir her durch dieses Land zu fegen, befehl ich's dir." Also fort und lasst
+uns durch -." Und er spornte sein Pferd.
+
+"Sag Belisar, solange Cnejus Valerius lebt, soll er keinen Fuss breit
+vorwaerts in Italien. Zurueck, ihr Raeuber!" - "Verrueckter Mensch! du haeltst
+es mit den Goten gegen uns?" - "Mit der Hoelle -, wenn gegen euch."
+
+Der Fuehrer warf nochmals pruefende Blicke nach rechts und links: "Hoere,"
+sprach er, "du kannst uns hier wirklich eine Weile aufhalten. Nicht lang.
+Weichst du, so sollst du leben. Weichst du nicht, so lass ich dich erst
+schinden und dann pfaehlen!" Und er hob die Fackel, nach einer Bloesse
+spaehend.
+
+"Zurueck," rief Valerius. "Schiess', Freund!" Und eine Sehne klirrte und ein
+Pfeil schlug an den Helm des Reiters. "Warte!" rief dieser und spornte
+sein Tier zurueck. "Absitzen," befahl er, "alle Mann!" Aber die Hunnen
+trennten sich nicht gern von ihren Rossen. "Wie, Herr? absitzen?" fragte
+einer der naechsten. Da schlug ihm Johannes mit der Faust ins Gesicht. Der
+Mann ruehrte sich nicht. "Absitzen!" donnerte er noch mal; "wollt ihr zu
+Pferde in das Mauseloch schluepfen?" Und er selbst schwang sich aus dem
+Sattel: "Sechs steigen auf die Baeume und schiessen von oben. Sechs legen
+sich auf die Erde, kriechen an den Seiten der Strasse vor und schiessen im
+Liegen. Zehn schiessen stehend, auf Brusthoehe. Zehn hueten die Pferde; die
+andern zwanzig folgen mir mit dem Speer, sowie die Sehnen geschwirrt.
+Vorwaerts." Und er gab die Fackel ab und ergriff eine Lanze.
+
+Waehrend die Hunnen seinen Befehl vollzogen, musterte Johannes noch einmal
+den Pass. "Ergebt euch!" rief er - "Kommt an," riefen die Goten.
+
+Da winkte Johannes und zwanzig Pfeile schwirrten zugleich.
+
+Ein Wehschrei und der vorderste Gote zur Rechten fiel: einer der Schuetzen
+auf den Baeumen hatte ihn in die Stirn getroffen. Rasch sprang Valerius mit
+dem vorgehaltenen Schild an seine Stelle. Er kam gerade recht, den
+wuetenden Anprall des anstuermenden Johannes aufzuhalten, der mit der Lanze
+in die Luecke rannte. Er fing den Lanzenstoss mit dem Schilde und schlug
+nach dem Byzantiner, der nahe vor dem Eingang zurueckprallte, strauchelte
+und niederfiel; die Hunnen hinter ihm wichen zurueck.
+
+Da konnte sich's der Gote neben Valerius nicht versagen, den feindlichen
+Fuehrer unschaedlich zu machen: er sprang mit gezuecktem Speer aus dem Engpass
+einen Schritt vorwaerts. Aber das hatte Johannes gewollt: blitzschnell
+hatte er sich aufgerafft, den ueberraschten Goten von der Strassenwand zur
+Rechten des Felsenpasses hinabgestossen, und im selben Augenblick stand er
+an der rechten, schildlosen Seite des Valerius, der die wieder
+vordringenden Hunnen abwehrte, und stiess diesem mit aller Kraft das lange
+Persermesser in die Weichen.
+
+Valerius brach zusammen: aber es gelang den drei hinter ihm stehenden
+Goten, Johannes, der schon in das Innere des Passes gedrungen war, mit
+ihren Schildschnaebeln wieder zurueck- und hinauszustossen. Er ging zurueck,
+einen neuen Pfeilregen zu befehlen.
+
+Schweigend deckten die beiden Goten wieder die Muendung, der dritte hielt
+den blutenden Valerius in seinen Armen.
+
+Da stuerzte die Wache von der Rueckseite in den Engpass: "Das Schiff! Herr -
+das Schiff! sie sind gelandet: sie fassen uns im Ruecken! Flieht, wir
+wollen euch tragen - ein Versteck in den Felsen." -
+
+"Nein," sprach Valerius, sich aufrichtend, "hier will ich sterben; stemme
+mein Schwert gegen die Wand und" -
+
+Aber da schmetterte von der Rueckseite her laut der Ruf des gotischen
+Heerhorns: Fackeln blitzten und eine Schar von dreissig Goten stuermte in
+den Pass: Totila an ihrer Spitze: sein erster Blick fiel auf Valerius: "Zu
+spaet, zu spaet!" rief er schmerzlich. "Aber folgt mir! Rache! hinaus!"
+
+Und wuetend brach er mit seinem speeretragenden Fussvolk aus dem Pass. Und
+schrecklich war der Zusammenstoss auf der schmalen Strasse zwischen Felsen
+und Meer. Die Fackeln erloschen in dem Getuemmel und der anbrechende Morgen
+gab nur ein graues Licht. Die Hunnen, obwohl an Zahl den kuehnen Angreifern
+ueberlegen, waren durch den ploetzlichen Ausfall voellig ueberrascht: sie
+glaubten, ein ganzes Heer der Goten sei im Anmarsch: sie eilten, ihre
+Rosse zu gewinnen und zu entfliehen; aber die Goten erreichten mit ihnen
+zugleich die Stelle, wo die ledigen Tiere hielten: und in wirrem Knaeuel
+stuerzte Mann und Ross die Felsen hinab.
+
+Umsonst hieb Johannes selbst auf seine fliehenden Leute ein: ihr Schwall
+warf ihn zu Boden, er raffte sich wieder auf und sprang den naechsten Goten
+an. Aber er kam uebel an: es war Totila, er erkannte ihn. "Verfluchter
+Flachskopf," schrie er, "so bist du nicht ersoffen?"
+
+"Nein, wie du siehst!" rief dieser und schlug ihm das Schwert durch den
+Helmkamm und noch ein Stueck in den Schaedel, dass er taumelte. Da war aller
+Widerstand zu Ende. Mit knapper Not hoben ihn die naechsten seiner Reiter
+auf ein Pferd und jagten mit ihm davon. Der Kampfplatz war geraeumt.
+
+Totila eilte nach dem Hohlweg zurueck. Er fand Valerius, bleich, mit
+geschlossenen Augen, das Haupt auf seinen Schild gelegt. Er warf sich zu
+ihm nieder und drueckte die erstarrende Hand an seine Brust. "Valerius,"
+rief er, "Vater! scheide nicht! scheide nicht so von uns. Noch ein Wort
+des Abschieds." Der Sterbende schlug matt die Augen auf.
+
+"Wo sind sie?" fragte er. "Geschlagen und geflohn." - "Ah, Sieg!" atmete
+Valerius auf; "ich darf im Siege sterben. Und Valeria - mein Kind - sie
+ist gerettet?"
+
+"Sie ist es. Aus dem Seegefecht, aus dem Meer entkommen, eilte ich
+hierher, Neapolis zu warnen, euch zu retten. Nahe der Strasse, zwischen
+deinem Hause und Neapolis, war ich gelandet; dort traf ich sie und erfuhr
+deine Gefahr; eins meiner Schiffsboote nahm sie auf und fuehrt sie nach
+Neapolis: mit dem andern eilte ich hierher dich zu retten - ach nur zu
+raechen!" Und er senkte das Haupt auf des Sterbenden Brust.
+
+"Klage nicht um mich, ich sterbe im Sieg! Und dir, mein Sohn, dir, dank'
+ich es." Und wohlgefaellig streichelte er die langen Locken des Juenglings.
+"Und auch Valerias Rettung. O dir, dir, ich hoffe es, auch Italiens
+Rettung. Du bist der Held, auch dieses Land zu retten, - trotz Belisar und
+Narses. Du kannst es, - du wirst es - und dein Lohn sei mein geliebtes
+Kind." - "Valerius! Mein Vater!" - "Sie sei dein! Aber schwoere mir's," -
+und er richtete sich empor mit letzter Kraft und sah ihm scharf ins Auge -
+"schwoere mir's beim Genius Valeria's: nicht eher wird sie dein, als bis
+Italien frei ist und keine Scholle seines heiligen Bodens mehr einen
+Byzantiner traegt."
+
+"Ich schwoer' es dir," rief Totila, begeistert seine Rechte fassend, "ich
+schwoer's beim Genius Valerias!"
+
+"Dank, dank, mein Sohn; nun mag ich getrost sterben: - gruesse sie und sage
+ihr: dir hab' ich sie empfohlen und anvertraut: sie - und Italien." Und er
+legte das Haupt zurueck auf seinen Schild und kreuzte die Arme ueber der
+Brust - und war tot.
+
+Lange hielt Totila schweigend die Hand auf seiner Brust.
+
+Ein blendendes Licht weckte ihn ploetzlich aus seinem Traeumen: es war die
+Morgensonne, deren goldne Scheibe praechtig ueber den Kamm des Felsgebirges
+emportauchte: er stand auf und sah dem steigenden Gestirn entgegen. Die
+Fluten glitzerten in hellem Widerschein und ein Schimmer flog ueber alles
+Land.
+
+"Beim Genius Valerias!" wiederholte er leise mit innigster Empfindung und
+hob die Hand zum Schwur dem Morgenlicht entgegen. Wie der Tote fand er
+Kraft und Trost und Begeisterung in seinem schweren Geluebde: die hohe
+Pflicht erhob ihn. Gekraeftigt wandte er sich zurueck und befahl, die Leiche
+auf sein Schiff zu tragen, um sie nach dem Grabmal der Valerier in
+Neapolis zu fuehren.
+
+
+
+
+ Elftes Kapitel.
+
+
+Waehrend dieser drohenden Ereignisse waren wohl freilich auch die Goten
+nicht voellig muessig geblieben. Doch waren alle Massregeln kraftvoller Abwehr
+gelaehmt, ja absichtlich vereitelt durch den feigen Verrat ihres Koenigs.
+
+Theodahad hatte sich von seiner Bestuerzung ueber die Kriegserklaerung des
+byzantinischen Gesandten alsbald wieder erholt, da er sich nicht von der
+Ueberzeugung trennen konnte und wollte, sie sei doch im Grunde nur erfolgt,
+um den Schein zu wahren und die Ehre des Kaiserhofes zu decken. Er hatte
+ja Petros nicht mehr allein gesprochen: und dieser musste doch vor Goten
+und Roemern einen Vorwand haben, Belisar in Italien erscheinen zu lassen.
+Das Auftreten dieses Mannes war ja das laengst verabredete Mittel zur
+Durchfuehrung der geheimen Plaene. Den Gedanken, Krieg fuehren zu sollen, -
+von allen ihm der unertraeglichste! - wusste er sich dadurch fern zu halten,
+dass er weislich ueberlegte, zum Kriegfuehren gehoeren zwei. "Wenn ich mich
+nicht verteidige," dachte er, "ist der Angriff bald vorueber. Belisar mag
+kommen: - ich will nach Kraeften dafuer sorgen, dass er auf keinen Widerstand
+stoesst, der des Kaisers Stimmung gegen mich nur verschlimmern koennte.
+Berichtet der Feldherr im Gegenteil nach Byzanz, dass ich seine Erfolge in
+jeder Weise befoerdert, so wird Justinian nicht anstehn, den alten Vertrag
+ganz oder doch zum groessten Teil zu erfuellen."
+
+In diesem Sinne handelte er, berief alle Streitkraefte der Goten zu Land
+und zur See aus Unteritalien, wo er die Landung Belisars erwartete,
+hinweg, und schickte sie massenhaft an die Ostgrenze des Reiches nach
+Liburnien, Dalmatien, Istrien und gen Westen nach Suedgallien, indem er,
+gestuetzt auf die Thatsache, dass Byzanz eine kleine Truppenabteilung nach
+Dalmatien gegen Salona gesendet und mit den Frankenkoenigen Gesandte
+gewechselt hatte, vorgab, der Hauptangriff sei von den Byzantinern zu
+Lande, in Istrien, und von den mit ihnen verbuendeten Franken am Rhodanus
+und Padus zu befahren.
+
+Die Scheinbewegungen Belisars unterstuetzten diesen Glauben: und so geschah
+das Unerhoerte, dass die Heerscharen der Goten, die Schiffe, die Waffen, die
+Kriegsvorraete in grossen Massen in aller Eile gerade vor dem Angriff
+hinweggefuehrt, dass Unteritalien bis Rom, ja alles Land bis Ravenna
+entbloesst und alle Verteidigungsmassregeln in den Gegenden vernachlaessigt
+wurden, auf die alsbald die ersten Schlaege der Feinde fallen sollten.
+
+An dem Dravus, Rhodanus und Padus wimmelte es von gotischen Waffen und
+Segeln, waehrend bei Sicilien, wie wir sahen, sogar die noetigsten Boote zum
+Wachtdienst fehlten.
+
+Auch das ungestueme Draengen der gotischen Patrioten besserte daran nicht
+viel. Witichis und Hildebad hatte sich der Koenig aus der Naehe geschafft,
+indem er sie mit Truppen und Auftraegen nach Istrien und nach Gallien
+entsandte: und dem argwoehnischen Teja leistete der alte Hildebrand, der
+nicht ganz den Glauben an den letzten der Amaler aufgeben wollte, zaehen
+Widerstand.
+
+Am meisten aber ward Theodahad gekraeftigt, als ihm seine entschlossene
+Koenigin zurueckgegeben wurde. Witichis war alsbald nach der Kriegserklaerung
+der Byzantiner mit einer gotischen Schar vor die Burg von Feretri gezogen,
+wo Gothelindis mit ihren pannonischen Soeldnern Zuflucht gesucht, und hatte
+sie bewogen, sich freiwillig wieder in Ravenna einzufinden, unter
+Verbuergung fuer ihre Sicherheit, bis in der bevorstehenden grossen Volks-
+und Heeresversammlung bei Rom ihre Sache nach allen Formen des Rechts
+untersucht und entschieden werde. Diese Bedingungen waren beiden Parteien
+genehm: denn den gotischen Patrioten musste alles daran gelegen sein,
+jetzt, bei dem Ausbruch des schweren Krieges, nicht durch Parteiung in der
+Oberleitung gespalten zu sein.
+
+Und wenn der gerade Gerechtigkeitssinn des Grafen Witichis wider jede
+Anklage das Recht voller Verteidigung gewahrt wissen wollte, so sah auch
+Teja ein, dass, nachdem der Feind die schwere Beschuldigung des
+Koenigsmordes auf das ganze Volk der Goten geschleudert, nur ein strenges
+und feierliches Verfahren in allen Formen, nicht eine stuermische
+Volksjustiz auf blinden Argwohn hin, die Volksehre wahren koenne.
+
+Gothelindis aber blickte jenem Verfahren mit kuehner Stirn entgegen:
+mochten die Stimmen innerer Ueberzeugung auch gegen sie sprechen, sie
+glaubte ganz sicher zu sein, dass sich ein genuegender Beweis ihrer That
+nicht erbringen lasse. - Hatte doch nur ihr Auge das Ende der Feindin
+gesehen. - Und sie wusste wohl, dass man sie ohne volle Ueberfuehrung nicht
+strafen werde.
+
+So folgte sie willig nach Ravenna, floesste dem zagen Herzen ihres Gatten
+neuen Mut ein und hoffte, war nur der Gerichtstag ueberstanden, alsbald im
+Lager Belisars und am Hofe von Byzanz Ruhe von allen weitern Anfechtungen
+zu finden. Die Zuversicht des Koenigspaares ueber den Ausgang jenes Tages
+wurde nun noch dadurch erhoeht, dass die Ruestungen der Franken ihnen den
+Vorwand gegeben hatten, ausser Witichis und Hildebad auch noch den
+gefaehrlichen Grafen Teja mit einer dritten Heerschar in den Nordwesten der
+Halbinsel zu entsenden: - mit ihm zogen viele Tausende gerade der
+eifrigsten Anhaenger der Gotenpartei, - so dass an dem Tag bei Rom eine von
+ihren Gegnern nicht allzuzahlreich besuchte Versammlung sich einfinden
+wuerde. - Und unablaessig waren sie thaetig, sowohl ihre persoenlichen
+Anhaenger als alte Gegner Amalaswinthens, die maechtige Sippe der Balten in
+ihren weitverbreiteten Zweigen, in moeglichst grosser Anzahl zur
+Entscheidung jenes Tages heranzuziehen. So hatte das Koenigspaar Ruhe und
+Zuversicht gewonnen. Und Theodahad war von Gothelindis bewogen worden,
+selbst als Vertreter seiner Gemahlin gegen jede Anklage unter den Goten zu
+erscheinen, um durch solchen Mut und den Glanz des koeniglichen Ansehens
+vielleicht von vornherein alle Widersacher einzuschuechtern.
+
+Umgeben von ihren Anhaengern und einer kleinen Leibwache verliessen
+Theodahad und Gothelindis Ravenna und eilten nach Rom, wo sie mehrere Tage
+vor dem fuer die Versammlung anberaumten Termin eintrafen und in dem alten
+Kaiserpalast abstiegen.
+
+Nicht unmittelbar vor den Mauern, sondern in der Naehe Roms, auf einem
+freien offnen Felde, Regeta genannt, zwischen Anagni und Terracina, sollte
+die Versammlung gehalten werden. Frueh am Morgen des Tages, da sich
+Theodahad allein auf die Reise dorthin aufmachen wollte und von
+Gothelindis Abschied nahm, liess sich ein unerwarteter und unwillkommener
+Name melden: Cethegus, der waehrend ihres mehrtaegigen Aufenthalts in der
+Stadt nicht erschienen: er war vollauf mit der Vollendung der
+Befestigungen beschaeftigt.
+
+Als er eintrat, rief Gothelindis entsetzt ueber seinen Ausdruck: "Um Gott,
+Cethegus! welch ein Unheil bringst du?"
+
+Aber der Praefekt furchte nur einen Augenblick die Stirn bei ihrem Anblick,
+dann sprach er ruhig: "Unheil? fuer den, den's trifft. Ich komme aus einer
+Versammlung meiner Freunde, wo ich zuerst erfuhr, was bald ganz Rom wissen
+wird: Belisar ist gelandet."
+
+"Endlich," rief Theodahad. - Und auch die Koenigin konnte eine Miene des
+Triumphs nicht verbergen.
+
+"Frohlockt nicht zu frueh! Es kann euch reuen. Ich komme nicht,
+Rechenschaft von euch und eurem Freunde Petros zu verlangen: wer mit
+Verraetern handelt, muss sich aufs Luegen gefasst machen. Ich komme nur, um
+euch zu sagen, dass ihr jetzt ganz gewiss verloren seid."
+
+"Verloren?" - "Gerettet sind wir jetzt!"
+
+"Nein, Koenigin. Belisar hat bei der Landung ein Manifest erlassen: er
+sagt, er komme, die Moerder Amalaswinthens zu strafen; ein hoher Preis und
+seine Gnade ist denen zugesichert, die euch lebend oder tot einliefern."
+
+Theodahad erbleichte. "Unmoeglich!" rief Gothelindis.
+
+"Die Goten aber werden bald erfahren, wessen Verrat den Feind ohne
+Widerstand ins Land gelassen.
+
+Mehr noch. Ich habe von der Stadt Rom den Auftrag, in dieser stuermischen
+Zeit als Praefekt ihr Wohl zu wahren. Ich werde euch im Namen Roms
+ergreifen und Belisar uebergeben lassen."
+
+"Das wagst du nicht!" rief Gothelindis nach dem Dolche greifend.
+
+"Still, Gothelindis, hier gilt es nicht, hilflose Frauen im Bad ermorden.
+Ich lasse euch aber entkommen - was liegt mir an eurem Leben oder Sterben!
+- gegen einen billigen Preis."
+
+"Ich gewaehre jeden!" stammelte Theodahad.
+
+"Du lieferst mir die Urkunden aus deiner Vertraege mit Silverius: -
+schweig! luege nicht! ich weiss, ihr habt lang und geheim verhandelt. Du
+hast wieder einmal einen huebschen Handel mit Land und Leuten getrieben!
+Mich luestet nach dem Kaufbrief."
+
+"Der Kauf ist jetzt eitel! die Urkunden ohne Kraft! Nimm sie! sie liegen
+verwahrt in der Basilika des heiligen Martinus, in dem Sarkophag, links in
+der Krypta!" Seine Furcht zeigte, dass er wahr sprach.
+
+"Es ist gut," sagte Cethegus. "Alle Ausgaenge des Palastes sind von meinen
+Legionaeren besetzt. Erst erhebe ich die Urkunden. Fand ich sie am
+bezeichneten Ort, so werd' ich Befehl geben, euch zu entlassen. Wollt ihr
+dann entfliehn, so geht an die Pforte Marc Aurels und nennt meinen Namen
+dem Kriegstribun der Wache, Piso. Er wird euch ziehen lassen." Und er
+ging, das Paar ratlosen Aengsten ueberlassend.
+
+"Was thun?" fragte Gothelindis mehr sich selbst als ihren Gemahl. "Weichen
+oder trotzen?" - "Was thun?!" wiederholte Theodahad unwillig. "Trotzen?
+das heisst bleiben? Unsinn! fort von hier sobald als moeglich; kein Heil als
+die Flucht!" - "Wohin willst du fliehn?" - "Nach Ravenna zunaechst - das
+ist fest! Dort erheb' ich den Koenigsschatz. Von da, wenn es sein muss, zu
+den Franken. Schade, schade, dass ich die hier verborgnen Gelder preisgeben
+muss. Die vielen Millionen Solidi!" - "Hier? auch hier," fragte Gothelindis
+aufmerksam "in Rom hast du Schaetze geborgen. Wo? und sicher?" - "Ach,
+allzusicher! In den Katakomben! Ich selber wuerde Stunden brauchen, sie
+alle aufzufinden in jenen finstern Labyrinthen. Und die Minuten sind jetzt
+Leben oder Tod. Und das Leben geht doch noch ueber die Solidi! Folge mir,
+Gothelindis. Damit wir keinen Augenblick verlieren; ich eile an die Pforte
+Marc Aurels."
+
+Und er verliess das Gemach. Aber Gothelindis blieb ueberlegend stehn. Ein
+Gedanke, ein Plan hatte sie bei seinen Worten erfasst: sie erwog die
+Moeglichkeit des Widerstands.
+
+Ihr Stolz ertrug es nicht, der Herrschaft zu entsagen. "Gold ist Macht,"
+sprach sie zu sich selber, "und nur Macht ist Leben." Ihr Entschluss stand
+fest. Sie gedachte der kappadokischen Soeldner, die des Koenigs Geiz aus
+seinem Dienst verscheucht hatte; sie harrten noch herrenlos in Rom, der
+Einschiffung gewaertig. Sie hoerte Theodahad hastig die Treppe hinunter
+steigen und nach seiner Saenfte rufen. "Ja, fluechte nur, du Erbaermlicher!"
+sprach sie, "ich bleibe."
+
+
+
+
+ Zwoelftes Kapitel.
+
+
+Herrlich tauchte am naechsten Morgen die Sonne aus dem Meer: und ihre
+Strahlen glitzerten auf den blanken Waffen von vielen tausend
+Gotenkriegern, die das weite Blachfeld von Regeta belebten.
+
+Aus allen Provinzen des weiten Reiches waren die Scharen herbeigeeilt,
+gruppenweise, sippenweise, oft mit Weib und Kind, sich bei der grossen
+Musterung, die alljaehrlich im Herbste gehalten wurde, einzufinden.
+
+Eine solche Volksversammlung war das schoenste Fest und der edelste Ernst
+der Nation zugleich: urspruenglich, in der heidnischen Zeit, war ihr
+Mittelpunkt das grosse Opferfest gewesen, das alljaehrlich zweimal, an der
+Winter- und Sommer-Sonnenwende, alle Geschlechter des Volkes zur Verehrung
+der gemeinsamen Goetter vereinte: daran schlossen sich dann Markt- und
+Tausch-Verkehr, Waffenspiele und Heeresmusterung: die Versammlung hatte
+zugleich die hoechste Gerichtsgewalt und die letzte Entscheidung ueber Krieg
+und Frieden und die Verhaeltnisse zu andern Staaten.
+
+Und noch immer, auch in dem christlichen Gotenstaat, in welchem der Koenig
+so manches Recht, das sonst dem Volke zukam, erworben, hatte die
+Volksversammlung eine hoechst feierliche Weihe, wenn auch deren alte
+heidnische Bedeutung vergessen war: und die Reste der alten Volksfreiheit,
+die selbst der gewaltige Theoderich nicht angetastet, lebten unter seinen
+schwaechern Nachfolgern kraeftiger wieder auf.
+
+Noch immer hatte die Gesamtheit der freien Goten das Urteil zu finden, die
+Strafe zu verhaengen, wenn auch der Graf des Koenigs in dessen Namen das
+Gericht leitete und das Urteil vollzog. Und oft schon hatten germanische
+Voelker selbst ihre Koenige wegen Verrates, Mordes und andrer schwerer
+Frevel vor offner Volksversammlung angeklagt, gerichtet und getoetet. In
+dem stolzen Bewusstsein, sein eigner Herr zu sein und niemand, auch dem
+Koenig nicht, ueber das Mass der Freiheit hinaus zu dienen, zog der Germane
+in allen seinen Waffen zu dem "Ding" wo er sich im Verband mit seinen
+Genossen sicher und stark fuehlte und seine und seines Volkes Freiheit,
+Kraft und Ehre in lebendigen Bildern und Thaten vor Augen sah.
+
+Zur diesmaligen Versammlung aber zog es die Goten mit besonders starken
+Gruenden. Der Krieg mit Byzanz war zu erwarten oder schon ausgebrochen, als
+die Ladung nach Regeta erging: das Volk freute sich auf den Kampf mit dem
+verhassten Feind und freute sich, zuvor seine Heeresmacht zu mustern:
+diesmal ganz besonders sollte die Volksversammlung zugleich Heerschau
+sein. Dazu kam, dass wenigstens in den naechsten Landschaften den meisten
+Goten bekannt wurde, dort zu Regeta sollte Gericht gehalten werden ueber
+die Moerder der Tochter Theoderichs: die grosse Aufregung, die diese That
+erweckt hatte, musste ebenfalls maechtig nach Regeta ziehn.
+
+Waehrend ein Teil der Herbeigewanderten in den naechsten Doerfern bei
+Freunden und Verwandten eingesprochen, hatten sich grosse Scharen schon
+einige Tage vor der feierlichen Eroeffnung auf dem weiten Blachfeld selbst,
+zweihundertachtzig Stadien (gegen sechsunddreissig roemische Meilen zu
+tausend Schritt) von Rom, unter leichten Zelten und Huetten oder auch unter
+dem milden freien Himmel gelagert. Diese waren mit den fruehsten Stunden
+des Versammlungstages schon in brausender Bewegung und nuetzten die geraume
+Zeit, da sie die alleinigen Herrn des Platzes waren, zu allerlei Spiel und
+Kurzweil.
+
+Die einen schwammen und badeten in den klaren Fluten des raschen Flusses
+Ufens (oder "Decemnovius", weil er nach neunzehn roemischen Meilen bei
+Terracina in das Meer muendet), der die weite Ebene durchschnitt. Andere
+zeigten ihre Kunst, ueber ganze Reihen von vorgehaltenen Speeren
+hinwegzusetzen oder, fast unbekleidet, unter den im Taktschlag
+geschwungenen Schwertern zu tanzen, indes die Raschfuessigsten, angeklammert
+an die Maehnen ihrer Rosse, mit deren schnellstem Lauf gleichen Schritt
+hielten und, am Ziele angelangt, mit sichrem Sprung sich auf den
+sattellosen Ruecken schwangen.
+
+"Schade," rief der junge Gudila, der bei diesem Wettlauf zuerst an das
+Ziel gelangt war und sich jetzt die gelben Locken aus der Stirne strich,
+"schade, dass Totila nicht zugegen! Er ist der beste Reiter im Volk und hat
+mich noch immer besiegt; aber jetzt, mit dem Rappen, nehm' ich's mit ihm
+auf." - "Ich bin froh, dass er nicht da ist," lachte Gunthamund, der als
+der zweite herangesprengt war, "sonst haette ich gestern schwerlich den
+ersten Preis im Lanzenwurf davongetragen." - "Ja," sprach Hilderich, ein
+stattlicher junger Krieger in klirrendem Ringpanzer, "Totila ist gut mit
+der Lanze. Aber sichrer noch wirft der schwarze Teja: der nennt dir die
+Rippe vorher, die er treffen wird." - "Bah," brummte Hunibad, ein aelterer
+Mann, der dem Treiben der Juenglinge pruefend zugesehn, "das ist doch all'
+nur Spielerei. Im blutigen Ernste frommt dem Mann zuletzt doch nur das
+Schwert: wann dir der Tod von allen Seiten so dicht auf den Leib rueckt,
+dass du nicht mehr ausholen kannst zum Wurf. Und da lob' ich mir den Grafen
+Witichis von Faesulae!
+
+Das ist mein Mann! War das ein Schaedelspalten, im Gepidenkrieg! Durch
+Stahl und Leder schlug der Mann als waer' es trocken Stroh. Der kann's noch
+besser als mein eigner Herzog, Guntharis, der Woelsung, in Florentia. Doch
+was wisst ihr davon, ihr Knaben. - Seht, da steigen die fruehesten
+Ankoemmlinge von den Huegeln nieder: auf! ihnen entgegen!"
+
+Und aus allen Wegen stroemte jetzt das Volk heran: zu Fuss, zu Ross und zu
+Wagen. Ein brausendes, wogendes Leben erfuellte mehr und mehr das
+Blachfeld. An den Ufern des Flusses, wo die meisten Zelte standen, wurden
+die Rosse abgezaeumt, die Gespanne zu einer Wagenburg zusammengeschoben und
+durch die Lagergassen hin flutete nun die stuendlich wachsende Menge.
+
+Da suchten und fanden und begruessten sich Freunde und Waffenbrueder, die
+sich seit Jahren nicht gesehn. Es war ein buntgemischtes Bild: die alte
+germanische Gleichartigkeit war in diesem Reiche lang geschwunden. Da
+stand neben dem vornehmen Edeln, der sich in einer der reichen Staedte
+Italiens niedergelassen, in den Palaesten senatorischer Geschlechter wohnte
+und die feinere und ueppigere Sitte der Welschen angenommen hatte, neben
+dem Herzog oder Grafen aus Mediolanum oder Ticinum, der ueber dem
+reichvergoldeten Panzer das Wehrgehaenge von Purpurseide trug, neben einem
+solchen zieren Herrn ragte wohl ein rauher, riesiger Gotenbauer, der in
+den tiefen Eichwaeldern am Margus in Moesien hauste oder der in dem Tann am
+rauschenden Oenus dem Wolf die zottige Schur abgerungen hatte, die er um
+die maechtigen Schultern schlug, und dessen rauher erhaltne Sprache
+befremdlich an das Ohr der halbromanisierten Genossen schlug. Und wieder
+friedliche Schafhirten aus Dakien, die, ohne Acker und ohne Haus, mit
+ihren Herden von Weide zu Weide wanderten, ganz in derselben Weise noch,
+welche die Ahnen vor tausend Jahren aus Asien heruebergefuehrt hatte. Da war
+ein reicher Gote, der in Ravenna oder Rom eines roemischen Geldwechslers
+Kind geheiratet und bald Handel und Verkehr gleich seinem roemischen
+Schwager zu treiben und seinen Gewinn nach Tausenden zu berechnen gelernt
+hatte. Und daneben stand ein armer Senne, der an dem brausenden Isarkus
+die magern Ziegen auf die magre Weide trieb, und dicht neben der Hoehle des
+Baeren seine Bretterhuette errichtet hatte.
+
+So verschieden war den Tausenden, die sich hier zusammenfanden, das Los
+gefallen, seit ihre Vaeter dem Ruf des grossen Theoderich nach Westen
+gefolgt waren, hinweg aus den Thaelern des Haemus.
+
+Aber doch fuehlten sie sich als Brueder, als Soehne Eines Volkes: dieselbe
+stolzklingende Sprache redeten sie, dieselben Goldlocken, dieselbe
+schneeweisse Haut, dieselben hellen blitzenden Augen und - vor allem - das
+gleiche Gefuehl in jeder Brust: als Sieger stehen wir auf dem Boden, den
+unsre Vaeter dem roemischen Weltreich abgetrotzt, und den wir decken wollen,
+lebendig oder tot.
+
+Wie ein ungeheurer Bienenschwarm wogten und rauschten die Tausende
+durcheinander, die sich hier begruessten, alte Bekanntschaften aufsuchten
+und neue schlossen und das wirre Getreibe schien nimmer enden zu wollen
+und zu koennen.
+
+Aber ploetzlich toenten von dem Kamm der Huegel her eigentuemliche, feierlich
+gezogene Toene des gotischen Heerhorns: und augenblicklich legte sich das
+Gesumme der brausenden Stimmen. Aufmerksam wandten sich aller Augen nach
+der Richtung der Huegel, von denen ein geschlossener Zug ehrwuerdiger Greise
+nahte. Es war ein halbes Hundert von Maennern in weissen, wallenden Maenteln,
+die Haeupter eichenbekraenzt, weisse Staebe und altertuemlich geformte
+Steinbeile fuehrend: die Sajonen und Fronwaerter des Gerichts, welche die
+feierlichen Formen der Eroeffnung, Hegung und Aufhebung des Dings zu
+vollziehen hatten.
+
+Angelangt in der Ebene begruessten sie mit dreifachem, langgezogenem Hornruf
+die Versammlung der freien Heermaenner, die, nach feierlicher Stille, mit
+klirrenden Waffen laermend antworteten.
+
+Alsbald begannen die Bannboten ihr Werk. Sie teilten sich nach rechts und
+links und umzogen mit Schnueren von roter Wolle, die alle zwanzig Schritt
+um einen Haselstab, den sie in die Erde stiessen, geschlungen wurden, die
+ganze weite Ebene, und begleiteten diese Handlung mit uralten Liedern und
+Spruechen.
+
+Genau gegen Aufgang und Mittag wurden die Wollschnuere auf mannshohe
+Lanzenschaefte gespannt, so dass sie die zwei Thore der nun voellig
+umfriedeten Dingstaette bildeten, an denen die Fronboten mit gezueckten
+Beilen Wache hielten, alle Unfreien, alle Volksfremden und alle Weiber
+fern zu halten.
+
+Als diese Arbeit vollendet war, traten die beiden Aeltesten unter die
+Speerthore und riefen mit lauter Stimme:
+
+ "Gehegt ist der Hag
+ Altgotischer Art:
+ Nun beginnen mit Gott
+ Mag gerechtes Gericht."
+
+Auf die hiernach eingetretne Stille folgte unter der versammelten Menge
+ein anfangs leises, dann lauter toenendes und endlich fast betaeubendes
+Getoese von fragenden, streitenden, zweifelnden Stimmen.
+
+Es war naemlich schon bei dem Zug der Sajonen aufgefallen, dass er nicht,
+wie gewoehnlich, von dem Grafen gefuehrt war, der im Namen und Bann des
+Koenigs das Gericht abzuhalten und zu leiten pflegte. Doch hatte man
+erwartet, dass dieser Vertreter des Koenigs wohl waehrend der Umschnuerung des
+Platzes erscheinen werde. Als nun aber diese Arbeit geschehen, und der
+Spruch der Alten, der zum Beginn des Gerichts aufforderte, ergangen und
+doch immer noch kein Graf, kein Beamter erschienen war, der allein die
+Eroeffnungsworte sprechen konnte, ward die Merksamkeit aller auf jene
+schwer auszufuellende Luecke gelenkt. Waehrend man nun ueberall nach dem
+Grafen, dem Vertreter des Koenigs, fragte und suchte, erinnerte man sich,
+dass dieser ja verheissen hatte, in Person vor seinem Volk zu erscheinen,
+sich und seine Koenigin gegen die erhobnen schweren Anklagen zu
+verteidigen.
+
+Aber da man jetzt bei des Koenigs Freunden und Anhaengern sich nach ihm
+erkundigen wollte, ergab sich die verdaechtige Thatsache, die man bisher,
+im Gedraeng der allgemeinen Begruessungen, gar nicht wahrgenommen, dass
+naemlich auch nicht Einer der zahlreichen Verwandten, Freunde, Diener des
+Koenigshauses, die zur Unterstuetzung der Beschuldigten zu erscheinen Recht,
+Pflicht und Interesse hatten, in der Versammlung zugegen war, wiewohl man
+sie vor wenigen Tagen zahlreich in den Strassen und in der Umgegend Roms
+gesehen hatte.
+
+Das erregte Befremden und Argwohn: und lange schien es, als ob an dem Laerm
+ueber diese Seltsamkeit und an dem Fehlen des Koenigsgrafen der rechtmaessige
+Anfang der ganzen Verhandlung scheitern solle. Verschiedene Redner hatten
+bereits vergeblich versucht, sich Gehoer zu verschaffen. -
+
+Da erscholl ploetzlich aus der Mitte der Versammlung ein alles uebertoenender
+Klang, dem Kampfruf eines furchtbaren Ungetuemes vergleichbar. Aller Augen
+folgten dem Schall: und sahen im Mittelgrund des Platzes, an den Ruecken
+einer hohen Steineiche gelehnt, eine hohe ragende Gestalt, die in den
+hohlen, vor den Mund gehaltnen Erzschild mit lauter Stimme den gotischen
+Schlachtruf ertoenen liess. Als sie den Schild senkte, erkannte man das
+maechtige Antlitz des alten Hildebrand, dessen Augen Feuer zu spruehen
+schienen.
+
+Begeisterter Jubel begruesste den greisen Waffenmeister des grossen Koenigs,
+den, wie seinen Herrn, Lied und Sage schon bei lebendem Leib zu einer
+mythischen Gestalt unter den Goten gemacht hatten. Als sich der Zuruf
+gelegt, hob der Alte an: "Gute Goten, meine wackern Maenner. Es ficht euch
+an und will euch befremden, dass ihr keinen Grafen seht und Vertreter des
+Mannes, der eure Krone traegt.
+
+Lasst's euch nicht Bedenken machen! Wenn der Koenig meint, damit das Gericht
+zu stoeren, so soll er irren. Ich denke noch die alten Zeiten und sage
+euch: das Volk kann Recht finden ohne Koenig, und Gericht halten ohne
+Koenigsgrafen. Ihr seid alle herangewachsen in neuer Uebung und Sitte, aber
+da steht Haduswinth, der Alte, kaum ein paar Winter juenger denn ich: der
+wird's mir bezeugen: beim Volk allein ist alle Gewalt: das Gotenvolk ist
+frei!"
+
+"Ja, wir sind frei!" rief ein tausendstimmiger Chor.
+
+"Wir waehlen uns unsern Dinggrafen selbst, schickt der Koenig den seinen
+nicht," rief der graue Haduswinth, "Recht und Gericht war, eh' Koenig war
+und Graf. Und wer kennt besser allen Brauch des Rechts als Hildebrand,
+Hildungs Sohn? Hildebrand soll unser Dinggraf sein."
+
+"Ja!" hallte es ringsum wieder, "Hildebrand soll unser Dinggraf sein."
+
+"Ich bin's durch eure Wahl: und achte mich so gut bestellt, als haette mir
+Koenig Theodahad Brief und Pergament darueber ausgestellt. Auch haben meine
+Ahnen Gericht gehalten den Goten seit Jahrhunderten. Kommt, Sajonen, helft
+mir oeffnen das Gericht."
+
+Da eilten zwoelf von den Frondienern herzu. Vor der Eiche lagen noch die
+Truemmer eines uralten Fanums des Waldgottes Picus: die Sajonen saeuberten
+die Stelle, hoben die breitesten der Steine zurecht und lehnten links und
+rechts zwei der viereckigen Platten an den Stamm der Eiche, so dass ein
+stattlicher Richterstuhl dadurch gebildet ward. Und so hielt, von dem
+Altar des altitalischen Wald- und Hirtengottes herab, der Gotengraf
+Gericht.
+
+Andere Sajonen warfen einen blauen weitfaltigen Wollmantel mit breitem,
+weissem Kragen ueber Hildebrands Schultern, gaben ihm den oben gekruemmten
+Eschenstab in die Hand und hingen links zu seinen Haeupten einen blanken
+Stahlschild an die Zweige der Eiche.
+
+Dann stellten sie sich in zwei Reihen zu seiner Rechten und Linken auf:
+der Alte schlug mit dem Stab auf den Schild, dass er hell erklang, dann
+setzte er sich, das Antlitz gegen Osten und sprach: "Ich gebiete Stille,
+Bann und Frieden! Ich gebiete Recht und verbiete Unrecht, Hastmut und
+Scheltwort und Waffenzuecken, und alles, was den Dingfrieden kraenken mag.
+Und ich frage hier: ist es an Jahr und Tag, an Weil' und Stunde, an Ort
+und Staette, zu halten ein frei Gericht gotischer Maenner?"
+
+Da traten die naechststehenden Goten heran und sprachen im Chor: "Hier ist
+rechter Ort, unter hohem Himmel, unter rauschender Eiche, hier ist rechte
+Tageszeit, bei klimmender Sonne, auf schwertgewonnenem gotischem Erdgrund,
+zu halten ein frei Gericht gotischer Maenner."
+
+"Wohlan," fuhr der alte Hildebrand fort, "wir sind versammelt, zu richten
+zweierlei Klage: Mordklage wider Gothelindis, die Koenigin, und schwere
+Ruege wegen Feigheit und Saumsal in dieser Zeit hoher Gefahr wider
+Theodahad, unsern Koenig. Ich frage ... -"
+
+Da ward seine Rede unterbrochen durch lauten, schallenden Hornruf, der von
+Westen her naeher und naeher drang.
+
+
+
+
+ Dreizehntes Kapitel.
+
+
+Erstaunt sahen die Goten um und erblickten einen Zug von Reitern, welche
+die Huegel herab gegen die Gerichtsstaette eilten. Die Sonne fiel grell
+blendend auf die waffenblitzenden Gestalten, dass sie nicht erkenntlich
+waren, obwohl sie in Eile nahten.
+
+Da richtete sich der alte Hildebrand hoch auf in seinem erhoehten Sitz,
+hielt die Hand vor die falkenscharfen Augen und rief sogleich: "Das sind
+gotische Waffen! - Die wallende Fahne traegt als Bild die Wage: - das ist
+das Hauszeichen des Grafen Witichis! Und dort ist er selbst! An der Spitze
+des Zugs. Und an seiner Linken die hohe Gestalt, das ist der starke
+Hildebad! Was fuehrt die Feldherrn zurueck? ihre Scharen sollten schon weit
+auf dem Weg nach Gallien und Dalmatien sein."
+
+Ein Brausen von fragenden, staunenden, gruessenden Stimmen erfolgte.
+
+Indess waren die Reiter heran und sprangen von den dampfenden Rossen. Mit
+Jubel empfangen, schritten die Fuehrer, Witichis und Hildebad, durch die
+Menge den Huegel heran, bis zu Hildebrands Richterstuhl.
+
+"Wie?" rief Hildebad noch atemlos, "ihr sitzt hier und haltet Gericht, wie
+im tiefsten Frieden: und der Feind, Belisar, ist gelandet!"
+
+"Wir wissen es," sprach Hildebrand ruhig, "und wollten mit dem Koenig
+beraten, wie ihm zu wehren sei."
+
+"Mit dem Koenig!" lachte Hildebad bitter.
+
+"Er ist nicht hier," sagte Witichis umblickend, "das verstaerkt unsern
+Verdacht. Wir kehrten um, weil wir Grund zu schwerem Argwohn erhielten.
+Aber davon spaeter! fahrt fort, wo ihr haltet. Alles nach Recht und
+Ordnung! still, Freund!" Und den ungeduldigen Hildebad zurueckdraengend,
+stellte er sich bescheiden zur Linken des Richterstuhles in die Reihe der
+andern.
+
+Nachdem es wieder stiller geworden, fuhr der Alte fort: "Gothelindis,
+unsre Koenigin, ist verklagt wegen Mordes an Amalaswintha, der Tochter
+Theoderichs. Ich frage: sind wir Gericht zu richten solche Klage?"
+
+Der alte Haduswinth, gestuetzt auf seine lange Keule, trat vor und sprach:
+"Rot sind die Schnuere dieser Malstaette. Beim Volksgericht ist das Recht
+ueber roten Blutfrevel, ueber warmes Leben und kalten Tod. Wenn's anders
+geuebt ward in letzten Zeiten, so war das Gewalt, nicht Recht. Wir sind
+Gericht, zu richten solche Klage."
+
+"In allem Volk," fuhr Hildebrand fort, "geht wider Gothelindis schwerer
+Vorwurf: im stillen Herzen verklagen wir alle sie darob. Wer aber will
+hier, im offnen Volksgericht, mit lautem Wort, sie dieses Mordes zeihen?"
+
+"Ich!" sprach eine helle Stimme: und ein schoener, junger Gote, in
+glaenzenden Waffen, trat von rechts vor den Richter, die rechte Hand auf
+die Brust legend.
+
+Ein Murmeln des Wohlgefallens drang durch die Reihen: "Er liebt die schoene
+Mataswintha!" - "Er ist der Bruder des Herzogs Guntharis von Tuscien, der
+Florentia besetzt haelt." - "Er freit um sie!" - "Als Raecher ihrer Mutter
+tritt er auf!"
+
+"Ich, Graf Arahad von Asta, des Aramuth Sohn, aus der Woelsungen
+Edelgeschlecht," fuhr der junge Gote mit einem anmutigen Erroeten fort.
+"Zwar bin ich nicht versippt mit der Getoeteten: allein die Maenner ihrer
+Sippe, Theodahad voran, ihr Vetter und ihr Koenig, erfuellen nicht die
+Pflicht der Blutrache; ist er doch selbst des Mordes Helfer und Hehler.
+
+So klag' ich denn, ein freier unbescholtner Gote edeln Stammes, ein Freund
+der unseligen Fuerstin, an Mataswinthens, ihrer Tochter, Statt. Ich klag'
+um Mord! Ich klag' auf Blut!"
+
+Und unter lautem Beifall des Volkes zog der stattliche schoene Juengling das
+Schwert und streckte es gerad vor sich auf den Richterstuhl.
+
+"Und dein Beweis? sag an ... -"
+
+"Halt, Dinggraf," scholl da eine ernste Stimme. Witichis trat vor, dem
+Klaeger entgegen. "Bist du so alt und kennst das Recht so wohl, Meister
+Hildebrand, und laesst dich fortreissen von der Menge wildem Drang? Muss ich
+dich mahnen, ich, der juengere Mann, an alles Rechtes erstes Gebot? Den
+Klaeger hoer' ich, die Beklagte nicht."
+
+"Kein Weib kann stehen in der Goten Ding," sprach Hildebrand ruhig.
+
+"Ich weiss: doch wo ist Theodahad, ihr Gemahl und Mundwalt, sie zu
+vertreten?"
+
+"Er ist nicht erschienen."
+
+"Ist er geladen?"
+
+"Er ist geladen! Auf meinen Eid und den dieser Boten," sprach Arahad:
+"tretet vor, Sajonen." Zwei der Fronwaerter traten vor und ruehrten mit
+ihren Staeben an den Richterstuhl.
+
+"Nun," sprach Witichis weiter, "man soll nicht sagen, dass im Volk der
+Goten ein Weib ungehoert, unverteidigt verurteilt werde; wie schwer sie
+auch verhasst sei, - sie hat ein Recht auf Rechtsgehoer und Rechtsschutz.
+Ich will ihr Mundwalt und ihr Fuersprecher sein."
+
+Und er trat ruhig dem jugendlichen Anklaeger entgegen, gleich ihm das
+Schwert ziehend.
+
+Eine Pause der ehrenden Bewunderung trat ein. "So leugnest du die That?"
+fragte der Richter. "Ich sage: sie ist nicht erwiesen!" - "Erweise sie!"
+sprach der Richter zu Arahad gewendet.
+
+Dieser, nicht vorbereitet auf ein foermliches Verfahren und nicht gefasst
+auf einen Widersacher von Witichis' grossem Gewicht und kraeftiger Ruhe,
+ward etwas verwirrt. "Erweisen?" rief er ungeduldig. "Was braucht's noch
+Erweis? Du, ich, alle Goten wissen, dass Gothelindis die Fuerstin lang und
+toedlich hasste. Die Fuerstin verschwindet aus Ravenna: gleichzeitig die
+Moerderin: ihr Opfer koemmt in einem Hause Gothelindens wieder zum Vorschein
+- tot: die Moerderin aber flieht auf ein festes Schloss. Was braucht's da
+noch Erweis?"
+
+Und ungeduldig sah er auf die Goten rings umher.
+
+"Und darauf hin klagst du auf Mord im offnen Ding?" sprach Witichis ruhig.
+"Wahrlich der Tag sei fern vom Gotenvolk, da man nach solchem Anschein
+Urteil spricht. Gerechtigkeit, ihr Maenner, ist Licht und Luft! Weh, weh
+dem Volk, das seinen Hass zu seinem Recht erhebt. Ich selber hasse dieses
+Weib und ihren Gatten: aber wo ich hasse, bin ich doppelt streng mit mir."
+
+Und so edel und so schlicht sprach er dies Wort, dass aller Goten Herzen
+dem treuen Manne zuschlugen.
+
+"Wo sind die Beweise?" fragte nun Hildebrand. "Hast du handhafte That?
+hast du blickenden Schein? hast du gichtigen Mund? hast du echten Eid?
+heischest du der Verklagten Unschuldseid?"
+
+"Beweis!" wiederholte Arahad zornig. "Ich habe keinen als meines Herzens
+festen Glauben."
+
+"Dann," sprach Hildebrand -
+
+Doch in diesem Augenblick bahnte sich ein Sajo vom Thore her den Weg zu
+ihm und sprach: "Roemische Maenner stehen am Eingang. Sie bitten um Gehoer:
+sie wissen, sagen sie, alles um der Fuerstin Tod."
+
+"Ich fordre, dass man sie hoere," rief Arahad eifrig, "nicht als Klaeger, als
+Zeugen des Klaegers."
+
+Hildebrand winkte und der Sajo eilte, die Gemeldeten durch die neugierige
+Menge heraufzufuehren. Voran schritt ein von Jahren gebeugter Mann in
+haerener Kutte, den Strick um die Lenden: die Kapuze seines Ueberwurfs
+machte seine Zuege unkenntlich: zwei Maenner in Sklaventracht folgten.
+Fragende Blicke ruhten auf der Gestalt des Greises, dessen Erscheinung bei
+aller Einfachheit, ja Armut, von seltner Wuerde geadelt war.
+
+Als er angelangt war vor dem Richterstuhl Hildebrands, sah ihm Arahad
+dicht ins Antlitz und trat mit Staunen rasch zurueck.
+
+"Wer ist es," fragte der Richter, "den du zum Zeugen stellest deines
+Wortes? Ein unbekannter Fremdling?" - "Nein," rief Arahad und schlug des
+Zeugen Mantel zurueck, "ein Name, den ihr alle kennt und ehrt: Marcus
+Aurelius Cassiodorus."
+
+Ein Ruf allgemeinen Staunens flog ueber die Dingstaette.
+
+"So hiess ich," sprach der Zeuge, "in den Tagen meines weltlichen Lebens:
+jetzt nur Bruder Marcus." Und eine hohe Weihe lag in seinen Zuegen: - die
+Weihe der Entsagung.
+
+"Nun, Bruder Marcus," forschte Hildebrand, "was hast du uns zu melden vom
+Tode Amalaswinthens? Sag' uns die volle Wahrheit und nur die Wahrheit."
+
+"Die werd' ich sagen. Vor allem wisst: nicht Streben nach menschlicher
+Vergeltung fuehrt mich her: nicht den Mord zu raechen bin ich gekommen: -
+die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr! - Nein, den
+letzten Auftrag der Unseligen, der Tochter meines grossen Koenigs, zu
+erfuellen, bin ich da." Und er zog eine Papyrusrolle aus dem Gewande. "Kurz
+vor ihrer Flucht aus Ravenna richtete sie diese Zeilen an mich, die ich,
+als ihr Vermaechtnis an das Volk der Goten, mitzuteilen habe: "Den Dank
+einer zerknirschten Seele fuer deine Freundschaft. Mehr noch als die
+Hoffnung der Rettung labt das Gefuehl unverlorner Treue. Ja, ich eile auf
+deine Villa im Bolsener See: fuehrt doch der Weg von da nach Rom, nach
+Regeta, wo ich vor meinen Goten all' meine Schuld aufdecken und auch buessen
+will. Ich will sterben, wenn es sein muss: aber nicht durch die tueckische
+Hand meiner Feinde: nein, durch den Richterspruch meines Volkes, das ich
+Verblendete ins Verderben gefuehrt. Ich habe den Tod verdient: nicht nur um
+des Blutes willen der drei Herzoge, die, alle sollen es erfahren, durch
+mich starben: mehr noch um des Wahnes willen, mit dem ich mein Volk
+zurueckgesetzt um Byzanz. Gelange ich lebend nach Regeta, so will ich
+warnen und mahnen mit der letzten Kraft meines Lebens: fuerchtet Byzanz!
+Byzanz ist falsch wie die Hoelle und ist kein Friede denkbar zwischen ihm
+und uns.
+
+Aber warnen will ich auch vor dem Feind im Innern.
+
+Koenig Theodahad spinnt Verrat: er hat an Petros, den Gesandten von Byzanz,
+Italien und die Gotenkrone verkauft: er hat gethan, was ich dem Griechen
+weigerte. Seht euch vor, seid stark und einig. Koennt' ich sterbend suehnen,
+was ich lebend gefehlt.""
+
+In tiefer Stille hatte das Volk die Worte vernommen, die Cassiodor mit
+zitternder Stimme gesprochen und die jetzt wie aus dem Jenseits
+herueberzutoenen schienen.
+
+Auch als er geendet, wirkte noch der Eindruck des Mitleids und der Trauer
+fort in feierlichem Schweigen.
+
+Endlich erhob sich der alte Hildebrand und sprach: "Sie hat gefehlt: sie
+hat gebuesst. Tochter Theoderichs, das Volk der Goten verzeiht dir deine
+Schuld und dankt dir deine Treue."
+
+"So moeg' ihr Gott vergeben, Amen!" sprach Cassiodor. "Ich habe niemals die
+Fuerstin an den Bolsener See geladen: ich konnt' es nicht: vierzehn Tage
+zuvor hatt' ich all' meine Gueter verkauft an die Koenigin Gothelindis."
+
+"Sie also hat ihre Feindin," fiel Arahad ein, "seinen Namen missbrauchend,
+in jenes Haus gelockt. Kannst du das leugnen, Graf Witichis?"
+
+"Nein," sprach dieser ruhig, "aber," fuhr er zu Cassiodor gewendet fort,
+"hast du auch Beweis, dass die Fuerstin daselbst nicht zufaelligen Todes
+gestorben, dass Gothelindis ihren Tod herbeigefuehrt?"
+
+"Tritt vor, Syrus, und sprich!" sagte Cassiodor, "ich buerge fuer die Treue
+dieses Mundes." Der Sklave trat vor, neigte sich und sprach: "Ich habe
+seit zwanzig Jahren die Aufsicht ueber die Schleusen des Sees und die
+Wasserkuenste des Bades der Villa im Bolsener See: niemand ausser mir kannte
+dessen Geheimnisse. Als die Koenigin Gothelindis das Gut erkauft, wurden
+alle Sklaven Cassiodors entfernt und einige Diener der Koenigin eingesetzt:
+ich allein ward belassen.
+
+Da landete eines fruehen Morgens die Fuerstin Amalaswintha auf der Insel,
+bald darauf die Koenigin. Diese liess mich sofort kommen, erklaerte, sie
+wolle ein Bad nehmen, und befahl mir, ihr die Schluessel zu allen Schleusen
+des Sees und zu allen Roehren des Bades zu uebergeben und ihr den ganzen
+Plan des Druckwerks zu erklaeren. Ich gehorchte, gab ihr die Schluessel und
+den auf Pergament gezeichneten Plan, warnte sie aber nachdruecklich, nicht
+alle Schleusen des Sees zu oeffnen und nicht alle Roehren spielen zu lassen:
+das koenne das Leben kosten. Sie aber wies mich zuernend ab und ich hoerte,
+wie sie ihrer Badsklavin befahl die Kessel nicht mit warmem, sondern mit
+heissem Wasser zu fuellen.
+
+Ich ging, besorgt um ihre Sicherheit, und hielt mich in der Naehe des
+Bades.
+
+Nach einiger Zeit hoerte ich an dem maechtigen Brausen und Rauschen, dass die
+Koenigin dennoch, gegen meinen Rat, die ganze Flut des Sees hereingelassen:
+zugleich hoerte ich in allen Waenden das dampfende Wasser zischend
+aufsteigen und da mir obenein duenkte, als vernehme ich, gedaempft durch die
+Marmormauern, aengstlichen Hilfschrei, eilte ich auf den Aussengang des
+Bades, die Koenigin zu retten. Aber wie erstaunte ich, als ich an dem mir
+wohlbekannten Mittelpunkt der Kuenste, an dem Medusenhaupt, die Koenigin,
+die ich im Bad, in Todesgefahr waehnte, voellig angekleidet stehen sah.
+
+Sie drueckte an den Federn und wechselte mit jemand, der im Bade um Hilfe
+rief, zornige Worte. Entsetzt und dunkel ahnend, was da vorging, schlich
+ich, zum Glueck noch unbemerkt, hinweg."
+
+"Wie, Feigling?" sprach Witichis, "du ahntest, was vorging und schlichst
+hinweg?"
+
+"Ich bin nur ein Sklave, Herr, kein Held: und haette mich die grimme
+Koenigin bemerkt, ich stuende wohl nicht hier, sie anzuklagen. Gleich darauf
+erscholl der Ruf, die Fuerstin Amalaswintha sei im Bad ertrunken."
+
+Ein Murren und Rufen drang tosend durch das versammelte Volk.
+
+Frohlockend rief Arahad: "Nun, Graf Witichis, willst du sie noch
+beschuetzen?" - "Nein," sprach dieser ruhig, das Schwert einsteckend, "ich
+schuetze keine Moerderin. Mein Amt ist aus." Und mit diesem Wort trat er von
+der linken auf die rechte Seite, zu den Anklaegern, hinueber.
+
+"Ihr, freie Goten, habt das Urteil zu finden und das Recht zu schoepfen,"
+sprach Hildebrand, "ich habe nur zu vollziehen, was ihr gefunden. So frag'
+ich euch, ihr Maenner des Gerichts, was duenkt euch von dieser Klage, die
+Graf Arahad, des Aramuth Sohn, der Woelsung, erhoben gegen Gothelindis, die
+Koenigin? Sagt an: ist sie des Mordes schuldig?"
+
+"Schuldig! schuldig!" scholl es mit vielen tausend Stimmen und keine sagte
+nein.
+
+"Sie ist schuldig," sagte der Alte aufstehend. "Sprich, Klaeger, welche
+Strafe forderst du um diese Schuld?"
+
+Arahad erhob das Schwert gerade gegen Himmel: "Ich klagte um Mord. Ich
+klagte auf Blut. Sie soll des Todes sterben."
+
+Und ehe Hildebrand seine Frage an das Volk stellen konnte, war die Menge
+von zorniger Bewegung ergriffen, alle Schwerter flogen aus den Scheiden
+und blitzten gen Himmel auf und alle Stimmen riefen: "Sie soll des Todes
+sterben!" -
+
+Wie ein furchtbarer Donner rollte das Wort, die Majestaet des Volksgerichts
+vor sich her tragend, ueber das weite Gefild, dass bis in weite Ferne die
+Luefte wiederhallten. -
+
+"Sie stirbt des Todes," sprach Hildebrand aufstehend, "durch das Beil.
+Sajonen auf, und sucht, wo ihr sie findet."
+
+"Halt an," sprach der starke Hildebad vortretend, "schwer wird unser
+Spruch erfuellt werden, solang dies Weib unsres Koenigs Gemahlin. Ich fordre
+deshalb, dass die Volksgemeinde auch gleich die Klagen pruefe, die wir gegen
+Theodahad auf der Seele haben, der ein Volk von Helden so unheldenhaft
+beherrscht. Ich will sie aussprechen, diese Klagen. Merkt wohl, ich zeihe
+ihn des Verrates, nicht nur der Unfaehigkeit, uns zu retten, uns zu fuehren.
+
+Schweigen will ich davon, dass wohl schwerlich ohne sein Wissen seine
+Koenigin ihren Hass an Amalaswintha kuehlen konnte, schweigen davon, dass
+diese in ihren letzten Worten uns vor Theodahads Verrat gewarnt. Aber ist
+es nicht wahr, dass er den ganzen Sueden des Reiches von Maennern, Waffen,
+Rossen, Schiffen entbloesst, dass er alle Kraft nach den Alpen geworfen hat,
+bis dass die elenden Griechlein ohne Schwertstreich Sicilien gewinnen,
+Italien betreten konnten? Mein armer Bruder Totila mit seiner handvoll
+Leuten allein steht ihnen entgegen. Statt ihm den Ruecken zu decken, sendet
+der Koenig auch noch Witichis, Teja, mich nach dem Norden. Mit schwerem
+Herzen gehorchten wir: denn wir ahnten, wo Belisar landen werde. Nur
+langsam rueckten wir vor, jede Stunde den Rueckruf erwartend. Umsonst. Schon
+lief durch die Landschaften, die wir durchzogen, das dunkle Geruecht,
+Sicilien sei verloren und die Welschen, die uns nach Norden ziehen sahen,
+machten spoettische Gesichter. So waren wir ein paar Tagemaersche an der
+Kueste hingezogen. Da traf mich dieser Brief meines Bruders Totila:
+
+"Hat denn, wie der Koenig, so das ganze Volk der Goten, so mein Bruder mich
+aufgegeben und vergessen? Belisar hat Sicilien ueberrascht. Er ist
+gelandet. Alles Volk faellt ihm zu. Unaufhaltsam dringt er gegen Neapolis.
+Vier Briefe hab' ich an Koenig Theodahad um Hilfe geschrieben. Alles
+umsonst. Kein Segel erhalten. Neapolis ist in hoechster Gefahr. Rettet,
+rettet Neapolis und das Reich.""
+
+Ein Ruf grimmigen Schmerzes ging durch die Tausende gotischer Maenner.
+
+"Ich wollte," fuhr Hildebad fort, "augenblicklich mit all' unsren
+Tausendschaften umkehren, aber Graf Witichis, mein Oberfeldherr, litt es
+nicht. Nur das setzte ich durch, dass wir die Truppen Halt machen liessen
+und mit wenigen Reitern hierher flogen zu warnen, zu retten, zu raechen.
+Denn Rache, Rache heisch ich an Koenig Theodahad: nicht nur Thorheit und
+Schwaeche, Arglist war es, dass er den Sueden den Feinden preisgegeben. Hier
+dieser Brief beweist es. Viermal hat ihn mein Bruder gemahnt, gebeten.
+All' umsonst. Er gab ihn, er gab das Reich in Feindeshand. Weh' uns, wenn
+Neapolis faellt, schon gefallen ist. Ha, er soll nicht laenger herrschen,
+nicht leben soll er laenger, der das verschuldet hat. Reisst ihm die Krone
+der Goten vom Haupt, die er geschaendet, nieder mit ihm! Er sterbe!"
+
+"Nieder mit ihm! Er sterbe!" donnerte das Volk in maechtigem Echo nach.
+
+Unwiderstehlich schien der Strom ihres Grimmes zu wogen und jeden zu
+zerreissen, der ihm widerstehen wollte. Nur Einer blieb ruhig und gelassen
+inmitten der stuermenden Menge. Das war Graf Witichis. Er sprang auf einen
+der alten Steine unter dem Eichbaum und wartete, bis sich der Laerm etwas
+gelegt. Dann erhob er die Stimme und sprach mit jener schlichten Klarheit,
+die ihm so wohl anstand: "Landsleute, Volksgenossen! Hoert mich an! Ihr
+habt Unrecht mit eurem Spruch. Wehe, wenn im Gotenstamm, des Ehre und
+Stolz die Gerechtigkeit gewesen seit der Vaeter Zeit, Hass und Gewalt des
+Rechtes Thron besteigen. Theodahad ist ein schwacher, schlechter Koenig!
+Nicht laenger soll er allein des Reiches Zuegel lenken! Gebt ihm einen
+Vormund wie einem Unmuendigen! Setzt ihn ab meinetwegen. Aber seinen Tod,
+sein Blut duerft ihr nicht fordern! Wo ist der Beweis, dass er verraten hat?
+Dass Totilas Botschaft an ihn gelangt? Seht ihr, ihr schweigt: huetet euch
+vor Ungerechtigkeit, sie stuerzt die Reiche der Voelker."
+
+Und gross und edel stand er auf seinem erhoehten Boden, im vollen Glanz der
+Sonne, voll Kraft und edler Wuerde.
+
+Bewundernd ruhten die Augen der Tausende auf ihm, der ihnen an Hoheit und
+Mass und klarer Ruhe so ueberlegen schien. Eine feierliche Pause erfolgte.
+Und ehe noch Hildebad und das Volk Antwort finden konnte gegen den Mann,
+der die lebendige Gerechtigkeit schien, ward die allgemeine Aufmerksamkeit
+nach dem dichten Walde gezogen, der im Sueden die Aussicht begrenzte und
+der auf einmal lebendig zu werden schien.
+
+
+
+
+ Vierzehntes Kapitel.
+
+
+Denn man hoerte von dort her den raschen Hufschlag nahender Pferde und das
+Klirren von Waffen: alsbald bog eine kleine Schar von Reitern aus dem
+Wald: aber weit ihnen allen voraus jagte auf kohlschwarzem Ross ein Mann,
+der wie mit dem Sturmwind um die Wette ritt.
+
+Weit im Winde flatterte seine Helmzier: ein maechtiger schwarzer
+Rossschweif, und seine eignen langen, schwarzen Locken: vorwaerts gebeugt
+trieb er das schaumbespritzte Ross zu rasender Eile und sprang am
+Suedeingang des Dings sausend vom Sattel.
+
+Alle wichen links und rechts zurueck, die der grimme, toedlichen Hass
+spruehende Blick seines Auges aus dem leichenblassen, schoenen Antlitz traf.
+Wie von Fluegeln getragen stuermte er den Huegel hinan, sprang auf einen
+Stein neben Witichis, hielt eine Rolle hoch empor, rief wie mit letzter
+Kraft: "Verrat, Verrat!" und stuerzte dann wie blitzgetroffen nieder.
+Entsetzt sprangen Witichis und Hildebad hinzu: sie hatten kaum den Freund
+erkannt: "Teja, Teja!" riefen sie, "was ist geschehen? rede!" - "Rede!"
+wiederholte Witichis, "es gilt das Reich der Goten!"
+
+Wie mit uebermenschlicher Kraft richtete sich in diesem Wort der staehlerne
+Mann wieder empor, sah einen Augenblick um sich und sprach dann mit hohler
+Stimme:
+
+"Verraten sind wir. Goten, verraten von unserm Koenig. Ich erhielt Auftrag
+vor sechs Tagen, nach Istrien zu ziehen, nicht nach Neapolis, wie ich
+gebeten. Ich schoepfe Verdacht, doch ich gehorche und gehe unter Segel mit
+meinen Tausendschaften. Ein starker Weststurm bricht herein, verschlaegt
+zahllose kleine Schiffe von Westen her bis zu uns. Darunter den
+"Mercurius", den raschen Keles, - das leichte Postschiff Theodahads. Ich
+kannte das Fahrzeug wohl: es gehoerte einst meinem Vater. Wie das unserer
+Schiffe ansichtig wird, will es entfliehen. Ich, argwoehnisch, jage ihm
+nach und hole es ein. Es trug diesen Brief an Belisar von des Koenigs Hand:
+"Du wirst zufrieden sein mit mir, grosser Feldherr. Alle Gotenheere stehen
+in dieser Stunde nordoestlich von Rom, ohne Gefahr koenntest du landen. Vier
+Briefe des Seegrafen von Neapolis habe ich zerstoert, seine Boten in den
+Turm geworfen.
+
+Zum Dank erwart' ich, dass du den Vertrag genau erfuellst, und den Kaufpreis
+in Baelde bezahlst."" Teja liess den Brief sinken, die Stimme versagte ihm.
+
+Ein Aechzen und Stoehnen der Wut zog durch die Versammlung.
+
+"Ich liess umkehren, sogleich landen, ausschiffen und jage hierher seit
+drei Tagen und drei Naechten unausgesetzt. Ich kann nicht mehr." Und
+taumelnd sank er in Witichis' Arme.
+
+Da sprang der alte Hildebrand empor auf den hoechsten Stein seines Stuhles:
+weit ueberragte er die ganze Menge: er riss dem Traeger, der die Lanze mit
+des Koenigs kleiner Marmorbueste auf der Querstange trug, den Schaft aus der
+Hand und hielt ihn vor sich in der Linken: in der Rechten hob er sein
+Steinbeil: "Verkauft, verraten sein Volk fuer gelbes Gold? Nieder mit ihm,
+nieder, nieder!" Und ein Beilschlag zertruemmerte die Bueste. Dieser Akt war
+wie der erste Donnerschlag, der ein lange bruetendes Gewitter entfesselt.
+Nur dem Wueten empoerter Elemente war das Stuermen vergleichbar, welches nun
+das in seinen Grundtiefen aufgewuehlte Volk durchbrauste. "Nieder, nieder,
+nieder mit ihm!" hallte es tausendfach wieder unter betaeubendem Klirren
+der Waffen.
+
+Und darauf erhob abermals der alte Waffenmeister seine eherne Stimme und
+sprach feierlich: "Wisset es, Gott im Himmel und Menschen auf Erden,
+sehende Sonne, und wehender Wind, wisset es, das Volk der Goten, frei und
+alten Ruhmes voll und zu den Waffen geboren, hat abgethan seinen
+ehemaligen Koenig Theodahad, des Theodis Sohn, weil er Volk und Reich an
+den Feind verraten.
+
+Wir sprechen dir ab, Theodahad, die goldne Krone und das Gotenreich, das
+Gotenrecht und das Leben. Und solches thun wir nicht nach Unrecht, sondern
+nach Recht. Denn frei sind wir gewesen alle Wege unter unsern Koenigen und
+wollten eh' der Koenige missen als der Freiheit. Und so hoch steht kein
+Koenig, dass er nicht um Mord, Verrat und Eidbruch zu Recht stehe vor seinem
+Volk.
+
+So sprech' ich dir ab Krone und Reich, Recht und Leben. Landfluechtig
+sollst du sein, echtlos, ehrlos, rechtlos. Soweit Christenleute zur Kirche
+gehen und Heidenleute zum Opferstein. Soweit Feuer brennt und Erde gruent.
+Soweit Schiff schreitet und Schild scheinet. Soweit Himmel sich hoeht und
+Welt sich weitet. Soweit der Falke fliegt den langen Fruehlingstag, wann
+ihm der Wind steht unter seinen beiden Fluegeln. Versagt soll dir sein
+Halle und Haus und guter Leute Gemeinschaft und alle Wohnung, ausgenommen
+die Hoelle. Dein Erb' und Eigen teil ich zu dem Gotenvolk. Dein Blut und
+Fleisch den Raben in den Lueften.
+
+Und wer dich findet, in Halle und Hof, in Haus oder Heerstrasse, soll dich
+erschlagen, ungestraft und soll bedankt sein dazu von Gott und den guten
+Goten. Ich frage euch, soll's so geschehn?"
+
+"So soll's geschehn!" antworteten die Tausende und schlugen Schwert an
+Schild.
+
+Kaum war Hildebrand herabgestiegen, als der alte Haduswinth seine Stelle
+einnahm, das zottige Baerenfell zurueckwarf und sprach: "Des Neidkoenigs
+waeren wir ledig! Er wird seinen Raecher finden. Aber jetzt, treue Maenner,
+gilt es, einen neuen Koenig waehlen. Denn ohne Koenig sind wir nie gewesen.
+Soweit unsere Sagen und Sprueche zurueckdenken, haben die Ahnen einen auf
+den Schild gehoben, das lebende Bild der Macht, des Glanzes, des Glueckes
+der guten Goten. Solang es Goten giebt, werden sie Koenige haben: und
+solang sich ein Koenig findet, wird ihr Volk bestehn. Und jetzt vor allem
+gilt's, ein Haupt, einen Fuehrer zu haben. Das Geschlecht der Amelungen ist
+glorreich aufgestiegen, wie eine Sonne: lang hat sein hellster Strahl,
+Theoderich, geleuchtet: aber schmaehlich ist's erloschen in Theodahad. Auf,
+Volk der Goten, du bist frei! frei waehle dir den rechten Koenig, der dich
+zu Sieg und Ehre fuehrt. Dein Thron ist leer: mein Volk, ich lade dich zur
+Koenigswahl!"
+
+"Zur Koenigswahl!" sprach diesmal feierlich und machtvoll der Chor der
+Tausende.
+
+Da trat Witichis auf den Dingstein, hob den Helm vom Haupt und die Rechte
+gen Himmel: "Du weisst es, Gott, der in den Sternen geht, uns treibt nicht
+frevler Kitzel des Ungehorsams und des Uebermuts: uns treibt das heilige
+Recht der Not. Wir ehren das Recht des Koenigtums, den Glanz, der von der
+Krone strahlt: geschaendet aber ist dieser Glanz und in der hoechsten Not
+des Reiches ueben wir des Volkes hoechstes Recht. Herolde sollen ziehen zu
+allen Voelkern der Erde und laut verkuenden: nicht aus Verachtung, aus
+Verehrung der Krone haben wir es gethan.
+
+Wen aber waehlen wir? Viel sind der wackern Maenner im Volk, von altem
+Geschlecht, von tapfrem Arm und klugem Geist. Wohl mehrere sind der Krone
+wuerdig. Wie leicht kann es kommen, dass einer diesen, der andere jenen
+vorzieht? Aber um Gott, nur jetzt keinen Zwist, keinen Streit! Jetzt, da
+der Feind im Lande liegt! Drum lasst uns schwoeren vorher feierlich: wer das
+Stimmenmehr erhaelt, sei's nur um Eine Stimme, den wollen wir alle als
+unsern Koenig achten, unweigerlich, und keinen andern. Ich schwoere es: -
+schwoert mit mir."
+
+"Wir schwoeren!" riefen die Goten.
+
+Aber der junge Arahad stimmte nicht ein. Ehrgeiz und Liebe loderten in
+seinem Herzen: er bedachte, dass sein Haus jetzt, nach dem Fall der Balten
+und der Amaler, das edelste war im Volk: er hoffte, Mataswinthens Hand zu
+gewinnen, wenn er ihr eine Krone bieten konnte: und kaum war der Schwur
+verhallt, als er vortrat und rief: "Wen sollen wir waehlen, gotische
+Maenner? bedenkt euch wohl! Vor allem, das ist klar, einen Mann
+jungkraeftigen Armes wider den Feind. Aber das allein genuegt nicht. Weshalb
+haben unsere Ahnen die Amaler erhoeht? Weil sie das edelste, das aelteste,
+Goetter entstammte Geschlecht waren. Wohlan, das erste Gestirn ist
+erloschen, gedenkt des zweiten, gedenkt der Balten!"
+
+Von den Balten lebte nur Ein maennlicher Spross, ein noch nicht wehrhafter
+Enkel des Herzog Pitza - denn Alarich, der Bruder der Herzoge Thulun und
+Ibba, war seit langen Jahren geaechtet und verschollen. - Arahad rechnete
+sicher, man werde jenen Baltenknaben nicht waehlen und vielmehr des dritten
+Gestirns gedenken. Aber er irrte. Der alte Haduswinth trat zornig vor und
+schrie:
+
+"Was Adel! was Geschlecht! sind wir Adelsknechte oder freie Maenner? Beim
+Donner! werden wir Ahnen zaehlen, wenn Belisar im Lande steht? Ich will dir
+sagen, Knabe, was ein Koenig braucht.
+
+Einen tapferen Arm, das ist wahr, aber nicht das allein. Der Koenig soll
+ein Hort des Rechts, ein Schirm des Friedens sein, nicht nur der
+Vorkaempfer im Schwertkampf. Der Koenig soll haben einen immer ruhigen,
+immer klaren Sinn, wie der blaue Himmel ist, und wie die lichten Sterne
+sollen darin auf- und niedergehen gerechte Gedanken. Der Koenig soll haben
+eine stete Kraft, aber noch mehr ein stetes Mass: er soll nie sich selbst
+verlieren und vergessen in Hass und Liebe, wie wir wohl duerfen, wir unten
+im Volk. Er soll nicht nur mild sein den Freunden, er soll gerecht sein
+dem Verhasstesten, selbst dem Feind. In dessen Brust ein klarer Friede
+wohnt bei kuehnem Mut und edles Mass bei treuer Kraft, - der Mann, Arahad,
+ist koeniglich geartet und haett' ihn der letzte Bauer gezeugt."
+
+Lauter Beifall folgte dem Wort des Alten und beschaemt trat Arahad zurueck.
+Aber jener fuhr fort: "Gute Goten! ich meine, wir haben einen solchen
+Mann! Ich will ihn euch nicht nennen: nennt ihr ihn mir.
+
+Ich kam hierher aus fernem Hochgebirg aus unsrer Mark gegen die
+Karanthanen, wo der wilde Turbidus schaeumend die Felsen zerstaeubt. Da leb'
+ich mehr, als sonst ein Menschenalter ist, stolz, frei, einsam. Wenig
+erfahr' ich von der Menschen Haendeln, selbst von des eignen Volkes Thaten,
+wenn nicht ein Salzross halbverirrt des Weges kommt. Und doch drang mir bis
+in jene oede Hoehe der Waffenruhm Eines vor allen unsern Helden, der nie das
+Schwert zu ungerechtem Streit erhob und es noch niemals sieglos
+eingesteckt. Seinen Namen hoert' ich immer wieder, wenn ich fragte: Wer
+wird uns schirmen, wenn Theoderich schied? Seinen Namen hoert' ich bei
+jedem Sieg, den wir erfochten, bei jedem weisen Werke des Friedens, das
+geschehn. Ich hatt' ihn nie gesehen. Ich sehnte mich danach, ihn zu sehen.
+Heute hab' ich ihn gesehen und gehoert. Ich habe sein Aug' gesehen, das
+klar und milde wie die Sonne. Ich hab' sein Wort gehoert; ich hab' gehoert,
+wie er dem Feind selbst, dem verhassten, zu Recht und zu Gerechtigkeit
+verhalf. Ich hab' gehoert, wie er allein, da uns alle der blinde Hass
+fortriss mit dunkler Schwinge, klar blieb und ruhig und gerecht. Da dacht'
+ich mir in meinem alten Herzen: "der Mann ist koeniglich geartet, stark im
+Kampf und gerecht im Frieden, hart wie Stahl und klar wie Gold." Goten:
+der Mann soll unser Koenig sein. Nennt mir den Mann!"
+
+"Graf Witichis, ja Witichis, heil Koenig Witichis!"
+
+Waehrend dieser brausende Jubelruf durch das Gefilde hallte, hatte ein
+erschuetternder Schreck den bescheidnen Mann ergriffen, der gespannt der
+Rede des Alten gefolgt war und erst ganz zu Ende von der Ahnung ergriffen
+ward, dass er der so Gepriesne sei.
+
+Als er nun aber seinen Namen in diesem tausendstimmigen Jauchzen
+erschallen hoerte, ueberkam ihn vor allen andern Gedanken das Gefuehl: "Nein,
+das kann, das soll nicht sein."
+
+Er riss sich von Teja und Hildebad, die freudig seine Haende drueckten, los,
+und sprang hervor, das Haupt schuettelnd und, wie abwehrend, den Arm
+ausstreckend. "Nein!" rief er, "nein, Freunde! nicht das mir! Ich bin ein
+schlichter Kriegsmann, nicht ein Koenig. Ich bin vielleicht ein gutes
+Werkzeug, kein Werkmeister! Waehlt einen andern, einen Wuerdigern!"
+
+Und wie bittend streckt er beide Haende gegen das Volk.
+
+Aber der donnernde Ruf: "Heil Koenig Witichis!" ward ihm statt aller
+Antwort. Und nun trat der alte Hildebrand vor, fasste seine Hand und sprach
+laut: "Lass ab, Witichis! wer war es, der zuerst geschworen, unweigerlich
+den Koenig anzuerkennen, der auch nur eine Stimme mehr haette? Siehe, du
+hast alle Stimmen und willst dich wehren?"
+
+Aber Witichis schuettelte das Haupt und presste die Hand vor die Stirn. Da
+trat der Alte ganz nah zu ihm und fluesterte in sein Ohr: "Wie? muss ich
+dich staerker mahnen? Muss ich dich mahnen jenes naechtigen Eides und Bundes,
+da du gelobtest: "Alles zu meines Volkes Heil." Ich weiss, - ich kenne
+deine klare Seele, -: dir ist die Krone mehr eine Last als eine Zierde:
+ich ahne, dass dir diese Krone grosse, bittre Schmerzen bringen wird.
+Vielleicht mehr als Freuden: deshalb fordre ich, dass du sie auf dich
+nimmst."
+
+Witichis schwieg und drueckte noch die andre Hand vor die Augen. Schon viel
+zu lang waehrte dem begeisterten Volk das Zwischenspiel. Schon ruesteten sie
+den breiten Schild, ihn darauf zu erheben, schon draengten sie den Huegel
+hinan, seine Hand zu fassen: und fast ungeduldig scholl aufs neue der Ruf:
+"Heil Koenig Witichis."
+
+"Ich fordre es bei deinem Bluteid! - willst du ihn halten oder brechen?"
+fluesterte Hildebrand. "Halten!" sprach Witichis und richtete sich
+entschlossen auf.
+
+Und nun trat er, ohne falsche Scham und ohne Eitelkeit, einen Schritt vor
+und sprach: "Du hast gewaehlt, mein Volk, wohlan, so nimm mich hin. Ich
+will dein Koenig sein!"
+
+Da blitzten alle Schwerter in die Luft und lauter scholl's: "Heil Koenig
+Witichis."
+
+Jetzt stieg der alte Hildebrand ganz herab von seinem Dingstuhl und
+sprach: "Ich weiche nun von diesem hohen Stuhl. Denn unserm Koenig ziemt
+jetzt diese Staette. Nur einmal noch lass mich des Grafenamtes warten.
+
+Und kann ich dir nicht den Purpur umhaengen, den die Amaler getragen und
+ihr goldenes Scepter reichen, - nimm meinen Richtermantel und den
+Richterstab als Scepter, zum Zeichen, dass du unser Koenig wardst um deiner
+Gerechtigkeit willen. Ich kann sie nicht auf deine Stirne druecken, die
+alte Gotenkrone, Theoderichs goldnen Reif. So lass dich kroenen mit dem
+frischen Laub der Eiche, der du an Kraft und Treue gleichst."
+
+Mit diesen Worten brach er ein zartes Gewinde von der Eiche und schlang es
+um Witichis' Haupt: "Auf, gotische Heerschar, nun warte deines
+Schildamts."
+
+Da ergriffen Haduswinth, Teja und Hildebad einen der altertuemlichen
+breiten Dingschilde der Sajonen, hoben den Koenig, der nun mit Kranz, Stab
+und Mantel geschmueckt war, darauf, und zeigten ihn auf ihren hohen
+Schultern allem Volk: "Sehet, Goten, den Koenig, den ihr selbst gewaehlt: so
+schwoert ihm Treue."
+
+Und sie schworen ihm, aufrecht stehend, nicht knieend, die Haende hoch gen
+Himmel hebend, nun die Waffentreue bis in den Tod.
+
+Da sprang Witichis von dem Schild, bestieg den Dingstuhl und rief: "Wie
+ihr mir Treue, so schwoer' ich euch Huld. Ich will ein milder und gerechter
+Koenig sein: des Rechtes walten und dem Unrecht wehren: gedenken will ich,
+dass ihr frei seid, gleich mir, nicht meine Knechte: und mein Leben, mein
+Glueck, mein alles, euch will ich's weihen, dem Volk der guten Goten. Das
+schwoere ich euch bei dem Himmelsgott und bei meiner Treue."
+
+Und den Dingschild vom Baume hebend rief er: "Das Ding ist aus. Ich loese
+die Versammlung."
+
+Die Sajonen schlugen sofort die Haselstaebe mit den Schnueren nieder und
+bunt und ordnungslos wogte nun die Menge durcheinander. Auch die Roemer,
+die sich neugierig, aber scheu, aus der Ferne dieses Walten einer
+Volksfreiheit mit angesehen, wie sie Italien seit mehr als fuenfhundert
+Jahren nicht gekannt, durften sich nun unter die gotischen Maenner mischen,
+denen sie Wein und Speisen verkauften.
+
+Witichis schickte sich an, mit den Freunden und den Fuehrern des Heeres
+nach einem der Zelte sich zu begeben, die am Ufer des Flusses
+aufgeschlagen waren.
+
+Da draengte sich ein roemisch gekleideter Mann, wie es schien, ein
+wohlhabender Buerger, an sein Geleit und forschte eifrig nach Graf Teja,
+des Tagila Sohn.
+
+"Der bin ich: was willst du mir, Roemer?" sprach dieser sich wendend. -
+"Nichts, Herr, als diese Vase ueberreichen: seht nach: das Siegel, der
+Skorpion, ist unversehrt." - "Was soll mir die Vase? ich kaufe nichts
+dergleichen." - "Die Vase ist euer, Herr. Sie ist voller Urkunden und
+Rollen, die euch zugehoeren. Und mir ist es vom Gastfreund aufgetragen, sie
+euch zu geben. Ich bitt' euch, nehmt."
+
+Und damit draengte er ihm die Vase in die Hand und war im Gedraenge
+verschwunden. Gleichgueltig loeste Teja das Siegel und nahm die Urkunden
+heraus, gleichgueltig sah er hinein. Aber ploetzlich schoss ein brennend Rot
+ueber seine bleichen Wangen, sein Auge spruehte Blitze und er biss krampfhaft
+in die Lippe. Die Vase entfiel ihm, er aber draengte sich in Fieberhast vor
+Witichis und sprach mit fast tonloser Stimme: "Mein Koenig! - Koenig
+Witichis - eine Gnade!"
+
+"Was ist dir, Teja? um Gott? Was willst du?"
+
+"Urlaub! Urlaub auf sechs - auf drei Tage! Ich muss fort." - "Fort, wohin?"
+- "Zur Rache! Hier lies: - der Teufel, der meine Eltern verklagte, in
+Verzweiflung, Tod und Wahnsinn trieb, - er ist es - den ich laengst geahnt:
+hier ist sein Anzeigebrief an den Bischof von Florentia, mit seiner eignen
+Hand - es ist Theodahad! -"
+
+"Er ist's, es ist Theodahad," sagte Witichis, vom Briefe aufsehend. "Geh
+denn! Aber, zweifle nicht: du triffst ihn nicht mehr in Rom: er ist gewiss
+laengst entflohn. Er hat starken Vorsprung. Du wirst ihn nicht einholen."
+
+"Ich hole ihn ein, ob er auf den Fluegeln des Sturmadlers saesse."
+
+"Du wirst ihn nicht finden."
+
+"Ich finde ihn und muesste ich ihn aus dem tiefsten Pfuhl der Hoelle oder im
+Schosse des Himmelsgottes suchen."
+
+"Er wird mit starker Bedeckung gefluechtet sein," warnte der Koenig.
+
+"Aus tausend Teufeln hol' ich ihn heraus. Hildebad, dein Pferd! Leb' wohl,
+Koenig der Goten. Ich vollstrecke die Acht."
+
+
+
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+
+Nicht veraendert wurde die uneinheitliche Gross- oder Kleinschreibung von
+einigen Zahlwoertern, Pronomina und Adjektiven sowie Schreibvarianten,
+insbesondere durch Rechtschreibreformen entstandene.
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ERSTER BAND***
+
+
+
+ CREDITS
+
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+February 16, 2010
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau, Juliet Sutherland, Stefan
+ Cramme, and the Online Distributed Proofreading Team at
+ http://www.pgdp.net
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+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
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+
+This file should be named 31294.txt or 31294.zip.
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+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
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+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
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+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
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+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
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