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diff --git a/31294.txt b/31294.txt new file mode 100644 index 0000000..1dd0512 --- /dev/null +++ b/31294.txt @@ -0,0 +1,14297 @@ +The Project Gutenberg EBook of Ein Kampf um Rom. Erster Band by Felix Dahn + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Ein Kampf um Rom. Erster Band + +Author: Felix Dahn + +Release Date: February 16, 2010 [Ebook #31294] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ERSTER BAND*** + + + + + + Ein Kampf um Rom. + + Historischer Roman + + von + + Felix Dahn. + + + + _Motto:_ + "Wenn etwas ist, gewalt'ger als das Schicksal + So ist's der Mut, der's unerschuettert traegt" + _Geibel._ + + + +Erster Band. + +48. Auflage. + +Leipzig, +Druck und Verlag von Breitkopf und Haertel. +1906. + + + + + + Alle Rechte, + insbesondere auch das der Uebersetzung, vorbehalten. + + + + + + Meinem + + lieben Freund und Kollegen + + Ludwig Friedlaender + + zu eigen. + + + + + + INHALT + + +Vorwort. +Erstes Buch. Theoderich. + Erstes Kapitel. + Zweites Kapitel. + Drittes Kapitel. + Viertes Kapitel. + Fuenftes Kapitel. + Sechstes Kapitel. + Siebentes Kapitel. +Zweites Buch. Athalarich. + Erstes Kapitel. + Zweites Kapitel. + Drittes Kapitel. + Viertes Kapitel. + Fuenftes Kapitel. + Sechstes Kapitel. + Siebentes Kapitel. + Achtes Kapitel. + Neuntes Kapitel. + Zehntes Kapitel. + Elftes Kapitel. +Drittes Buch. Amalaswintha. + Erstes Kapitel. + Zweites Kapitel. + Drittes Kapitel. + Viertes Kapitel. + Fuenftes Kapitel. + Sechstes Kapitel. + Siebentes Kapitel. + Achtes Kapitel. + Neuntes Kapitel. + Zehntes Kapitel. + Elftes Kapitel. + Zwoelftes Kapitel. + Dreizehntes Kapitel. + Vierzehntes Kapitel. + Fuenfzehntes Kapitel. + Sechzehntes Kapitel. + Siebzehntes Kapitel. + Achtzehntes Kapitel. + Neunzehntes Kapitel. + Zwanzigstes Kapitel. + Einundzwanzigstes Kapitel. + Zweiundzwanzigstes Kapitel. + Dreiundzwanzigstes Kapitel. + Vierundzwanzigstes Kapitel. + Fuenfundzwanzigstes Kapitel. +Viertes Buch. Theodahad. + Erstes Kapitel. + Zweites Kapitel. + Drittes Kapitel. + Viertes Kapitel. + Fuenftes Kapitel. + Sechstes Kapitel. + Siebentes Kapitel. + Achtes Kapitel. + Neuntes Kapitel. + Zehntes Kapitel. + Elftes Kapitel. + Zwoelftes Kapitel. + Dreizehntes Kapitel. + Vierzehntes Kapitel. +Bemerkungen zur Textgestalt + + + + + + VORWORT. + + +Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser in Gestalt eines Romans +gekleideten Bilder aus dem sechsten Jahrhundert enthalten meine in +folgenden Werken niedergelegten Forschungen: + +Die Koenige der Germanen. II. III. IV. Band. Muenchen und Wuerzburg +1862-1866. + +Prokopius von Caesarea. Ein Beitrag zur Historiographie der Voelkerwanderung +und des sinkenden Roemertums. Berlin 1865. + +Aus diesen Darstellungen mag der Leser die Ergaenzungen und Veraenderungen, +die der Roman an der Wirklichkeit vorgenommen, erkennen. + +Das Werk ist 1859 in Muenchen begonnen, in Italien, zumal Ravenna, +weitergefuehrt, und 1876 in Koenigsberg abgeschlossen worden. + +_Koenigsberg_, Januar 1876. + *Felix Dahn.* + + + + + + + Erstes Buch. + + + THEODERICH. + + + "_Dietericus de Berne, de quo_ + _cantant rustici usque hodie._" + + + + + Erstes Kapitel. + + +Es war eine schwuele Sommernacht des Jahres fuenfhundertsechsundzwanzig nach +Christus. + +Schwer lagerte dichtes Gewoelk ueber der dunkeln Flaeche der Adria, deren +Kuesten und Gewaesser zusammenflossen in unterscheidungslosem Dunkel: nur +ferne Blitze warfen hier und da ein zuckendes Licht ueber das schweigende +Ravenna. In ungleichen Pausen fegte der Wind durch die Steineichen und +Pinien auf dem Hoehenzug, welcher sich eine gute Strecke westlich von der +Stadt erhebt, einst gekroent von einem Tempel des Neptun, der, schon damals +halb zerfallen, heute bis auf duerftige Spuren verschwunden ist. + +Es war still auf dieser Waldhoehe: nur ein vom Sturm losgerissenes +Felsstueck polterte manchmal die steinigen Haenge hinunter, und schlug +zuletzt platschend in das sumpfige Wasser der Kanaele und Graeben, die den +ganzen Kreis der Seefestung umguerteten. + +Oder in dem alten Tempel loeste sich eine verwitterte Platte von dem +getaefelten Dach der Decke und fiel zerspringend auf die Marmorstufen, - +Vorboten von dem drohenden Einsturz des ganzen Gebaeudes. + +Aber dies unheimliche Geraeusch schien nicht beachtet zu werden von einem +Mann, der unbeweglich auf der zweithoechsten Stufe der Tempeltreppe sass, +den Ruecken an die hoechste Stufe gelehnt, und schweigend und unverwandt in +Einer Richtung ueber die Hoehe hinab nach der Stadt zu blickte. + +Lange sass er so: regungslos, aber sehnsuechtig wartend: er achtete es +nicht, dass ihm der Wind die schweren Regentropfen, die einzeln zu fallen +begannen, ins Gesicht schlug, und ungestuem in dem maechtigen, bis an den +ehernen Gurt wallenden Bart wuehlte, der fast die ganze breite Brust des +alten Mannes mit glaenzendem Silberweiss bedeckte. + +Endlich stand er auf und schritt einige der Marmorstufen nieder: "Sie +kommen," sagte er. + +Es wurde das Licht einer Fackel sichtbar, die sich rasch von der Stadt her +dem Tempel naeherte: man hoerte schnelle, kraeftige Schritte und bald danach +stiegen drei Maenner die Stufen der Treppe herauf. + +"Heil, Meister Hildebrand, Hildungs Sohn!" rief der voranschreitende +Fackeltraeger, der juengste von ihnen, in gotischer Sprache mit auffallend +melodischer Stimme, als er die lueckenhafte Saeulenreihe des Pronaos, der +Vorhalle, erreicht. + +Er hob das Windlicht hoch empor - schoene, korinthische Erzarbeit am Stiel, +durchsichtiges Elfenbein bildete den vierseitigen Schirm, und den +gewoelbten durchbrochnen Deckel - und steckte es in den Erzring, der die +geborstne Mittelsaeule zusammenhielt. + +Das weisse Licht fiel auf ein apollinisch schoenes Antlitz mit lachenden, +hellblauen Augen; mitten auf seiner Stirn teilte sich das lichtblonde Haar +in zwei lang fliessende Lockenwellen, die rechts und links bis auf seine +Schultern wallten; Mund und Nase, fein, fast weich geschnitten, waren von +vollendeter Form, ein leichter Anflug goldhellen Bartes deckte die +freundlichen Lippen und das leicht gespaltene Kinn; er trug nur weisse +Kleider: einen Kriegsmantel von feiner Wolle, durch eine goldne Spange in +Greifengestalt auf der rechten Schulter festgehalten, und eine roemische +Tunika von weicher Seide, beide mit einem Goldstreif durchwirkt; weisse +Lederriemen festigten die Sandalen an den Fuessen und reichten, kreuzweis +geflochten, bis an die Kniee; die nackten, glaenzendweissen Arme umzirkten +zwei breite Goldreife: und wie er, die Rechte um eine hohe Lanze +geschlungen, die ihm zugleich als Stab und als Waffe diente, die Linke in +die Huefte gestemmt, ausruhend von dem Gang, zu seinen langsameren +Weggenossen hinunterblickte, schien in den grauen Tempel eine jugendliche +Goettergestalt aus seinen schoensten Tagen wieder eingekehrt. + +Der zweite der Ankoemmlinge hatte, trotz einer allgemeinen +Familienaehnlichkeit, doch einen von dem Fackeltraeger voellig verschiednen +Ausdruck. + +Er war einige Jahre aelter, sein Wuchs war derber und breiter, - tief in +den maechtigen Stiernacken hinab reichte das dicht und kurz gelockte braune +Haar, - und von fast riesenhafter Hoehe und Staerke: in seinem Gesicht +fehlte jener sonnige Schimmer, jene vertrauende Freude und Lebenshoffnung, +welche die Zuege des juengern Bruders verklaerten: statt dessen lag in seiner +ganzen Erscheinung der Ausdruck von baerenhafter Kraft und baerenhaftem Mut: +er trug eine zottige Wolfsschur, deren Rachen, wie eine Kapuze, sein Haupt +umhuellte, ein schlichtes Wollenwams darunter, und auf der rechten Schulter +eine kurze, wuchtige Keule aus dem harten Holz einer Eichenwurzel. + +Bedaechtigen Schrittes folgte der dritte, ein mittelgrosser Mann von +gemessen verstaendigem Ausdruck. Er trug den Stahlhelm, das Schwert und den +braunen Kriegsmantel des gotischen Fussvolks. Sein schlichtes, hellbraunes +Haar war ueber der Stirn geradlinig abgeschnitten: eine uralte germanische +Haartracht, die schon auf roemischen Siegessaeulen erscheint und sich bei +dem deutschen Bauer bis heut' erhalten hat. Aus den regelmaessigen Zuegen des +offnen Gesichts, aus dem grauen, sichern Auge sprach besonnene +Maennlichkeit und nuechterne Ruhe. + +Als auch er die Cella des Tempels erreicht und den Alten begruesst hatte, +rief der Fackeltraeger mit lebhafter Stimme: + +"Nun, Meister Hildebrand, ein schoenes Abenteuer muss es sein, zu dem du uns +in solch' unwirtlicher Nacht in diese Wildnis von Natur und Kunst geladen +hast! Sprich - was soll's geben?" + +Statt der Antwort fragte der Alte, sich zu dem Letztgekommnen wendend: "Wo +bleibt der Vierte, den ich lud?" + +- "Er wollte allein gehen. Er wies uns alle ab. Du kennst ja seine Weise." + +"Da koemmt er!" rief der schoene Juengling, nach einer andern Seite des +Huegels deutend. + +Wirklich nahte dorther ein Mann von hoechst eigenartiger Erscheinung. + +Das volle Licht der Fackel beleuchtete ein geisterhaft bleiches Antlitz, +das fast blutleer schien; lange, glaenzend schwarze Locken hingen von dem +unbedeckten Haupt wie dunkle Schlangen wirr bis auf die Schultern. +Hochgeschweifte, schwarze Brauen und lange Wimpern beschatteten die +grossen, melancholischen dunkeln Augen voll verhaltner Glut, eine Adlernase +senkte sich sehr scharfgeschnitten gegen den feinen, glattgeschornen Mund, +den ein Zug resignierten Grames umfurchte. + +Gestalt und Haltung waren so jugendlich: aber die Seele schien vor der +Zeit vom Schmerz gereift. + +Er trug Ringpanzer und Beinschienen von schwarzem Erz und in seiner +Rechten blitzte ein Schlachtbeil an langem lanzengleichem Schaft. Nur mit +dem Haupte nickend begruesste er die andern und stellte sich hinter den +Alten, der sie nun alle Vier dicht an die Saeule, welche die Fackel trug, +treten hiess und mit gedaempfter Stimme begann: + +"Ich habe euch hierher beschieden, weil ernste Worte muessen gesprochen +werden, unbelauscht, und zu treuen Maennern, die da helfen moegen. + +Ich sah umher im ganzen Volk, mondenlang: - euch hab' ich gewaehlt, ihr +seid die Rechten. Wenn ihr mich angehoert habt, so fuehlt ihr von selbst, +dass ihr schweigen muesst von dieser Nacht." + +Der dritte, der mit dem Stahlhelm, sah den Alten mit ernsten Augen an: +"Rede," sagte er ruhig, "wir hoeren und schweigen. Wovon willst du zu uns +sprechen?" + +"Von unsrem Volk, von diesem Reich der Goten, das hart am Abgrund steht." + +"Am Abgrund?" rief lebhaft der blonde Juengling. Sein riesiger Bruder +laechelte und erhob aufhorchend das Haupt. + +"Ja, am Abgrund," rief der Alte, "und ihr allein, ihr koennt es halten und +retten." + +"Verzeih' dir der Himmel deine Worte!" - fiel der Blonde lebhaft ein - +"haben wir nicht unsern Koenig Theoderich, den seine Feinde selbst den +Grossen nennen, den herrlichsten Helden, den weisesten Fuersten der Welt? +Haben wir nicht dies lachende Land Italia mit all' seinen Schaetzen? Was +gleicht auf Erden dem Reich der Goten?" + +Der Alte fuhr fort: "Hoert mich an. Koenig Theoderich, mein teurer Herre und +mein lieber Sohn, was der wert ist, wie gross er ist, - das weiss am besten +Hildebrand, Hildungs Sohn. Ich hab' ihn vor mehr als fuenfzig Jahren auf +diesen Armen seinem Vater als ein zappelnd Knaeblein gebracht und gesagt: +"Das ist starke Zucht: - Du wirst Freude dran haben." + +Und wie er heranwuchs - ich habe ihm den ersten Bolz geschnitzt und ihm +die erste Wunde gewaschen! Ich habe ihn begleitet nach der goldnen Stadt +Byzanz und ihn dort gehuetet, Leib und Seele. Und als er dieses schoene Land +erkaempfte, bin ich vor ihm hergeschritten, Fuss fuer Fuss, und habe den +Schild ueber ihn gehalten in dreissig Schlachten. Wohl hat er seither +gelehrtere Raete und Freunde gefunden als seinen alten Waffenmeister, aber +kluegere schwerlich und treuere gewiss nicht. Wie stark sein Arm gewesen, +wie scharf sein Auge, wie klar sein Kopf, wie schrecklich er war unterm +Helm, wie freundlich beim Becher, wie ueberlegen selbst den Griechlein an +Klugheit, das hatte ich hundertmal erfahren, lange ehe dich, du junger +Nestfalk, die Sonne beschienen. + +Aber der alte Adler ist fluegellahm geworden! + +Seine Kriegsjahre lasten auf ihm - denn er und ihr und euer Geschlecht, +ihr koennt die Jahre nicht mehr tragen wie ich und meine Spielgenossen -: +er liegt krank, raetselhaft krank an Seele und Leib in seinem goldnen Saal +dort unten in der Rabenstadt. Die Aerzte sagen, wie stark sein Arm noch +sei, jeder Schlag des Herzens mag ihn toeten wie der Blitz und auf jeder +sinkenden Sonne mag er hinunterfahren zu den Toten. Und wer ist dann sein +Erbe, wer stuetzt dann dieses Reich? Amalaswintha, seine Tochter, und +Athalarich, sein Enkel: - ein Weib und ein Kind." + +"Die Fuerstin ist weise," sprach der dritte mit dem Helm und dem Schwert. + +"Ja, sie schreibt griechisch an den Kaiser und redet roemisch mit dem +frommen Cassiodor. Ich zweifle, ob sie gotisch denkt. Weh' uns, wenn sie +im Sturm das Steuer halten soll." + +"Ich sehe aber nirgends Sturm, Alter," - lachte der Fackeltraeger und +schuettelte die Locken. "Woher soll er blasen? Der Kaiser ist wieder +versoehnt, der Bischof von Rom ist vom Koenig selbst eingesetzt, die +Frankenfuersten sind seine Neffen, die Italier haben es unter unsrem Schild +besser als je zuvor. Ich sehe keine Gefahr, nirgends." + +"Kaiser Justinus ist nur ein schwacher Greis," sprach beistimmend der mit +dem Schwert, "ich kenne ihn." + +"Aber sein Neffe, bald sein Nachfolger, und jetzt schon sein rechter Arm, +- - kennst du auch den? Unergruendlich wie die Nacht und falsch wie das +Meer ist Justinian: - ich kenne ihn und fuerchte was er sinnt. Ich +begleitete die letzte Gesandtschaft nach Byzanz: er kam zu unsrem Gelag: +er hielt mich fuer berauscht: - der Narr, er weiss nicht, was Hildungs Kind +trinken mag! - und fragte mich um alles, genau um alles, was man wissen +muss, um - uns zu verderben. Nun, von mir hat er den rechten Bescheid +gekriegt! Aber ich weiss es so gewiss wie meinen Namen: dieser Mann will +dies Land, dies Italien wieder haben und nicht die Fussspur eines Goten +wird er darin uebrig lassen." + +"Wenn er kann," brummte des Blonden Bruder dazwischen. + +"Recht, Freund Hildebad, wenn er kann. Und er kann viel. Byzanz kann +viel." + +Jener zuckte die Achseln. + +"Weisst du's, wie viel?" fragte der Alte zornig. "Zwoelf Jahre lang hat +unser grosser Koenig mit Byzanz gerungen und hat nicht obgesiegt. Aber +damals warst du noch nicht geboren," fuegte er ruhig hinzu. + +"Wohl!" - kam jenem der Bruder zu Hilfe. - "Aber damals standen die Goten +allein im fremden Land. Jetzt haben wir eine ganze zweite Haelfte gewonnen: +wir haben eine Heimat, Italien, wir haben Waffenbrueder, die Italier." + +"Italien unsre Heimat!" rief der Alte bitter, "ja, das ist der Wahn. Und +die Welschen unsre Helfer gegen Byzanz! Du junger Thor!" + +"Das sind unsres Koenigs eigne Worte," entgegnete der Gescholtene. + +"Ja, ja, ich kenne sie wohl, die Wahnreden, die uns alle verderben werden. +Fremd sind wir hier, fremd, heute wie vor vierzig Jahren, da wir von +diesen Bergen niederstiegen und fremd werden wir sein in diesem Lande noch +nach tausend Jahren. Wir sind hier ewig die Barbaren!" + +"Jawohl, aber warum bleiben wir Barbaren? Wessen Schuld ist das als die +unsre? Weshalb lernen wir nicht von ihnen?" + +"Schweig still," schrie der Alte, zuckend vor Grimm "schweig, Totila, mit +solchen Gedanken: sie sind der Fluch meines Hauses geworden." Sich muehsam +beruhigend fuhr er fort: + +"Unsre Todfeinde sind die Welschen, nicht unsre Brueder. Weh, wenn wir +ihnen trauen! O dass der Koenig nach meinem Rat gethan und nach seinem Sieg +alles erschlagen haette das Schwert und Schild fuehren konnte vom lallenden +Knaeblein bis zum lallenden Greis! Sie werden uns ewig hassen. Und sie +haben Recht. Wir aber, wir sind die Thoren, sie zu bewundern." + +Eine Pause trat ein: ernst geworden fragte der Juengling: "Und du haeltst +keine Freundschaft fuer moeglich zwischen uns und ihnen?" + +"Kein Friede zwischen den Soehnen des Gaut und dem Suedvolk! Ein Mann tritt +in die Goldhoehle des Drachen: er drueckt das Haupt des Drachen nieder mit +eherner Faust: der bittet um sein Leben: der Mann erbarmt sich seiner +schillernden Schuppen und weidet sein Auge an den Schaetzen der Hoehle. Was +wird der Giftwurm thun? Hinterruecks, sobald er kann, wird er ihn stechen, +dass der Verschoner stirbt." + +"Wohlan, so lass sie kommen, die Griechlein," schrie der riesige Hildebad, +"und lass dies Natterngezuecht gegen uns aufzuengeln. Wir wollen sie +niederschlagen - so!" und er hob die Keule und liess sie niederfallen, dass +die Marmorplatte in Splitter sprang und der alte Tempel in seinen +Grundfugen erdroehnte. + +"Ja, sie sollen's versuchen!" - rief Totila und aus seinen Augen leuchtete +ein kriegerisches Feuer, das ihn noch schoener machte. - "Wenn diese +undankbaren Roemer uns verraten, wenn die falschen Byzantiner kommen -" er +blickte mit liebevollem Stolz auf seinen starken Bruder - "sieh, Alter, +wir haben Maenner wie die Eichen." + +Wohlgefaellig nickte der alte Waffenmeister: "Ja, Hildebad ist sehr stark; +obwohl nicht ganz so stark wie Winithar und Walamer und die andern waren, +die mit mir jung gewesen. Und gegen Nordmaenner ist Staerke gut Ding. Aber +dieses Suedvolk," fuhr er ingrimmig fort - "kaempft von Tuermen und +Mauerzinnen herunter. Sie fuehren den Krieg wie ein Rechenexempel und +rechnen dir zuletzt ein Heer von Helden in einen Winkel hinein, dass es +sich nicht mehr ruehren noch regen kann. Ich kenne einen solchen +Rechenmeister in Byzanz, der ist kein Mann und besiegt die Maenner. Du +kennst ihn auch, Witichis?" - so fragend wandte er sich an den Mann mit +dem Schwert. + +"Ich kenne Narses," sagte dieser, der sehr ernst geworden, nachdenklich. +"Was du gesprochen, Hildungs Sohn, ist leider wahr, sehr wahr. Aehnliches +ist mir oft schon durch die Seele gegangen, aber unklar, dunkel, mehr ein +Grauen als ein Denken. - Deine Worte sind unwiderleglich: der Koenig am Tod +- die Fuerstin ein halbgriechisch Weib - Justinian lauernd - die Welschen +schlangenfalsch - die Feldherrn von Byzanz Zauberer von Kunst, aber" - +hier holte er tief Atem - "wir stehen nicht allein, wir Goten. Unser +weiser Koenig hat sich Freunde, Verbuendete geschaffen in Ueberfluss. Der +Koenig der Vandalen ist sein Schwestermann, der Koenig der Westgoten sein +Enkel, die Koenige der Burgunden, der Heruler, der Thueringe, der Franken +sind ihm verschwaegert, alle Voelker ehren ihn wie ihren Vater, die +Sarmaten, die fernen Esthen selbst an der Ostsee senden ihm huldigend +Pelzwerk und gelben Bernstein. Ist das alles" - - + +"Nichts ist das alles, Schmeichelworte sind's und bunte Lappen! Sollen uns +die Esthen helfen mit ihrem Bernstein wider Belisar und Narses? Weh uns, +wenn wir nicht allein siegen koennen. Diese Schwaeger und Eidame +schmeicheln, so lang sie zittern, und wenn sie nicht mehr zittern, werden +sie drohen. Ich kenne die Treue der Koenige! Wir haben Feinde ringsum, +offene und geheime, und keinen Freund als uns selbst." + +Ein Schweigen trat ein, in welchem alle die Worte des Alten besorgt +erwogen: heulend fuhr der Sturm um die verwitterten Saeulen und ruettelte an +dem morschen Tempelbau. + +Da sprach zuerst Witichis, vom Boden aufblickend, sicher und gefasst: "Gross +ist die Gefahr, hoffentlich nicht unabwendbar. Gewiss hast du uns nicht +hierher beschieden, dass wir thatlos in die Verzweiflung schauen. Geholfen +muss werden: so sprich, wie meinst du, dass zu helfen sei." + +Der Alte trat einen Schritt auf ihn zu und fasste seine Hand: "Wacker, +Witichis, Waltaris Sohn. Ich kannte dich wohl und will dir's treu +gedenken, dass vor allen du zuerst ein maennlich Wort der Zuversicht +gefunden. Ja, ich denke wie du: noch ist Hilfe moeglich, und um sie zu +finden habe ich euch hierher gerufen, wo uns kein Welscher hoert. Saget nun +an und ratet: dann will ich sprechen." + +Da alle schwiegen, wandte er sich zu dem Schwarzgelockten: "Wenn du denkst +wie wir, so sprich auch du, Teja. Warum schwiegst du bisher?" + +"Ich schweige, weil ich anders denke, denn ihr." + +Die andern staunten. Hildebrand sprach: "Wie meinst du das, mein Sohn?" + +"Hildebad und Totila sehen nicht die Gefahr, du und Witichis, ihr sehet +sie und hoffet, ich aber sah sie laengst und hoffe nicht." + +"Du siehst zu schwarz, wer darf verzweifeln vor dem Kampf?" meinte +Witichis. + +"Sollen wir, das Schwert in der Scheide, ohne Kampf, ohne Ruhm +untergehen?" rief Totila. + +"Nicht ohne Kampf, mein Totila, und nicht ohne Ruhm, so weiss ich," +antwortete Teja, leise die Streitaxt zuckend. "Kaempfen wollen wir, dass man +es nie vergessen soll in allen Tagen: kaempfen mit hoechstem Ruhm, aber ohne +Sieg. Der Stern der Goten sinkt." + +"Mir deucht, er will erst recht hoch steigen," rief Totila ungeduldig. +"Lasst uns vor den Koenig treten, sprich du, Hildebrand, zu ihm wie du zu +uns gesprochen. Er ist weise: er wird Rat finden." + +Der Alte schuettelte den Kopf: "Zwanzigmal hab ich zu ihm gesprochen. Er +hoert mich nicht mehr. Er ist muede und will sterben und seine Seele ist +verdunkelt, ich weiss nicht, durch welchen Schatten. - Was denkst du, +Hildebad?" + +"Ich denke," sprach dieser sich hoch aufrichtend, "sowie der alte Loewe die +mueden Augen geschlossen, ruesten wir zwei Heere. Das eine fuehren Witichis +und Teja vor Byzanz und brennen es nieder, mit dem andern steigen ich und +mein Bruder ueber die Alpen und zerschlagen Paris, das Drachennest der +Merowinger, zu einem Steinhaufen fuer alle Zukunft. Dann wird Ruhe sein, im +Osten und im Norden." + +"Wir haben keine Schiffe gegen Byzanz," sprach Witichis. + +"Und die Franken sind sieben wider Einen gegen uns," sagte Hildebrand. +"Aber wacker meinst du's, Hildebad. Sage, was raetst du, Witichis?" + +"Ich rate einen Bund, mit Schwueren beschwert, mit Geiseln gesichert aller +Nordstaemme gegen die Griechen." + +"Du glaubst an Treue, weil du selber treu. Mein Freund, nur die Goten +koennen den Goten helfen. Man muss sie nur wieder daran erinnern, dass sie +Goten sind. Hoert mich an. Ihr alle seid jung und liebt allerlei Dinge und +habt vielerlei Freuden. Der eine liebt ein Weib, der andre die Waffen, der +dritte irgend eine Hoffnung oder auch irgend einen Gram, der ihm ist wie +eine Geliebte. - Aber glaubt mir, es koemmt eine Zeit, - und die Not kann +sie euch noch in jungen Tagen bringen -, da all diese Freuden und selbst +Schmerzen wertlos werden wie welke Kraenze vom Gelag von gestern. + +Da werden denn viele weich und fromm und vergessen des was auf Erden und +trachten nach dem was hinter dem Grabe ist. Ich kann's nicht und ihr, +mein' ich, und viele von uns koennen's auch nicht. Die Erde lieb' ich mit +Berg und Wald und Weide und strudelndem Strom und das Leben darauf mit +heissem Hass und langer Liebe, mit zaehem Zorn und stummem Stolz. Von jenem +Luftleben da droben in den Windwolken, wie's die Christenpriester lehren, +weiss ich nichts und will ich nichts wissen. Eins aber bleibt dem Mann, dem +rechten, wenn alles andre dahin. Ein Gut, von dem er nimmer laesst. Seht +mich an. Ich bin ein entlaubter Stamm, alles hab' ich verloren was mein +Leben erfreute: mein Weib ist tot seit vielen Jahren, meine Soehne sind +tot, meine Enkel sind tot: bis auf Einen, der ist schlimmer als tot: - der +ist ein Welscher worden. Dahin und lang vermodert sind sie alle, mit denen +ich ein kecker Knabe und ein markiger Mann gewesen, und schon steigt meine +erste Liebe und mein letzter Stolz, mein grosser Koenig, muede in sein Grab. +Nun seht, was haelt mich noch im Leben? Was giebt mir Mut, Lust, Zwang zu +leben? Was treibt mich Alten wie einen Juengling in dieser Sturmnacht auf +die Berge? Was lodert hier unter dem Eisbart heiss in lauter Liebe, in +stoerrigem Stolz und in trotziger Trauer? Was anders als der Drang, der +unaustilgbar in unsrem Blute liegt, der tiefe Drang und Zug zu meinem +Volk, die Liebe, die lodernde, die allgewaltige, zu dem Geschlechte, das +da Goten heisst, und das die suesse, heimliche, herrliche Sprache redet +meiner Eltern, der Zug zu denen, die da sprechen, fuehlen, leben wie ich. +Sie bleibt, sie allein, diese Volksliebe, ein Opferfeuer, in dem Herzen, +darinnen alle andre Glut erloschen, sie ist das teure, das mit Schmerzen +geliebte Heiligtum, das Hoechste in jeder Mannesbrust, die staerkste Macht +in seiner Seele, treu bis zum Tod und unbezwingbar." + +Der Alte hatte sich in Begeisterung geredet - sein Haar flog im Winde - er +stand wie ein alter huenenhafter Priester unter den jungen Maennern, welche +die Faeuste an ihren Waffen ballten. + +Endlich sprach Teja: "Du hast Recht, diese Flamme lodert noch, wo alles +sonst erloschen. Aber sie brennt in dir, - in uns, - vielleicht noch in +hundert andern unsrer Brueder. Kann das ein ganzes Volk erretten? Nein! Und +kann diese Glut die Masse ergreifen, die Tausende, die Hunderttausende?" + +"Sie kann es, mein Sohn, sie kann es. Dank allen Goettern, dass sie's kann. +Hoere mich an. Es sind jetzt fuenfundvierzig Jahre, da waren wir Goten, +viele Hunderttausende, mit Weibern und Kindern, in den Schluchten der +Haemus-Berge eingeschlossen. + +Wir lagen in hoechster Not. Des Koenigs Bruder war von den Griechen in +treulosem Ueberfall geschlagen und getoetet, und aller Mundvorrat, den er +uns zufuehren sollte, verloren: wir sassen in den Felsschluchten und litten +so bittern Hunger, dass wir Gras und Leder kochten. Hinter uns die +unersteiglichen Felsen, vor uns und zur Linken das Meer, rechts in einem +Engpass die Feinde in dreifacher Ueberzahl. Viele Tausende von uns waren dem +Hunger, dem Winter erlegen: zwanzigmal hatten wir vergebens versucht, +jenen Pass zu durchbrechen. Wir wollten verzweifeln. Da kam ein Gesandter +des Kaisers und bot uns Leben, Freiheit, Wein, Brot, Fleisch, - unter +einer einzigen Bedingung: wir sollten getrennt von einander, zu vier und +vier, ueber das ganze Weltreich Roms zerstreut werden, keiner von uns mehr +ein gotisch Weib freien, keiner sein Kind mehr unsre Sprache und Sitte +lehren duerfen, Name und Wesen der Goten sollte verschwinden, Roemer sollten +wir werden. Da sprang der Koenig auf, rief uns zusammen und trug's uns vor +in flammender Rede und fragte zuletzt, ob wir lieber aufgeben wollten +Sprache, Sitte, Leben unsres Volkes oder lieber mit ihm sterben? Da fuhr +sein Wort in die Hunderte, die Tausende, die Hunderttausende wie der +Waldbrand in die duerren Staemme, aufschrieen sie, die wackern Maenner, wie +ein tausendstimmiges, bruellendes Meer, die Schwerter schwangen sie, auf +den Engpass stuerzten sie und weggefegt waren die Griechen als haetten sie +nie gestanden, und wir waren Sieger und frei." + +Sein Auge glaenzte in stolzer Erinnerung, nach einer Pause fuhr er fort: +"Dies allein ist, was uns heute retten kann wie dazumal: fuehlen erst die +Goten, dass sie fuer jenes Hoechste fechten, fuer den Schutz jenes +geheimnisvollen Kleinods, das in Sprache und Sitte eines Volkes liegt wie +ein Wunderborn, dann koennen sie lachen zu dem Hass der Griechen, zu der +Tuecke der Welschen. Und das vor allem wollt' ich euch fragen, fest und +feierlich: fuehlt ihr es wie ich so klar, so ganz, so maechtig, dass diese +Liebe zu unsrem Volk unser Hoechstes ist, unser schoenster Schatz, unser +staerkster Schild? koennt ihr sprechen wie ich: mein Volk ist mir das +Hoechste und alles, alles andre dagegen nichts, ihm will ich opfern was ich +bin und habe, wollt ihr das, koennt ihr das!" + +"Ja, das will ich, ja, das kann ich!" sprachen die vier Maenner. + +"Wohl," fuhr der Alte fort, "das ist gut. Aber Teja hat Recht: nicht alle +Goten fuehlen das jetzt, heute schon, wie wir und doch muessen es alle +fuehlen, wenn es helfen soll. Darum gelobet mir, von heut' an unablaessig +euch selbst und alle unsres Volkes, mit denen ihr lebt und handelt, zu +erfuellen mit dem Hauch dieser Stunde. Vielen, vielen hat der fremde Glanz +die Augen geblendet: viele haben griechische Kleider angethan und roemische +Gedanken: sie schaemen sich, Barbaren zu heissen: sie wollen vergessen und +vergessen machen, dass sie Goten sind - wehe ueber die Thoren! + +Sie haben das Herz aus ihrer Brust gerissen und wollen leben, sie sind wie +Blaetter, die sich stolz vom Stamme geloest und der Wind wird kommen und +wird sie verwehen in Schlamm und Pfuetzen, dass sie verfaulen: aber der +Stamm wird stehen mitten im Sturm und wird lebendig erhalten, was treu an +ihm haftet. Darum sollt ihr euer Volk wecken und mahnen ueberall und immer. +Den Knaben erzaehlt die Sagen der Vaeter, von den Hunnenschlachten, von den +Roemersiegen: den Maennern zeigt die drohende Gefahr und wie nur das +Volkstum unser Schild: eure Schwestern ermahnt, dass sie keinen Roemer +umarmen und keinen Roemling: eure Braeute, eure Weiber lehrt, dass sie alles, +sich selbst und euch opfern dem Glueck der guten Goten, auf dass, wenn die +Feinde kommen, sie finden ein starkes Volk, stolz, einig, fest, daran sie +zerschellen sollen wie die Wogen am Fels. Wollt ihr mir dazu helfen?" + +"Ja," sprachen sie, "das wollen wir." + +"Ich glaube euch," fuhr der Alte fort, "glaube eurem blossen Wort. Nicht um +euch fester zu binden, - denn was baende den Falschen? - sondern weil ich +treu hange an altem Brauch und weil besser gedeiht, was geschieht nach +Sitte der Vaeter - folget mir." + + + + + Zweites Kapitel. + + +Mit diesen Worten nahm er die Fackel von der Saeule und schritt quer durch +den Innenraum, die Cella des Tempels, vorueber an dem zerfallenen +Hauptaltar, vorbei an den Postamenten der lang herabgestuerzten +Goetterbilder nach der Hinterseite des Gebaeudes, dem Posticum. Schweigend +folgten die Geladenen dem Alten, der sie ueber die Stufen hinunter ins +Freie fuehrte. + +Nach einigen Schritten standen sie unter einer uralten Steineiche, deren +maechtiges Geaest wie ein Dach Sturm und Regen abhielt. Unter diesem Baum +bot sich ihnen ein seltsamer Anblick, der aber die gotischen Maenner sofort +an eine alte Sitte aus dem grauen Heidentum, aus der fernen nordischen +Heimat gemahnte. Unter der Eiche war ein Streifen des dichten Rasens +aufgeschlitzt, nur einen Fuss breit, aber mehrere Ellen lang, die beiden +Enden des Streifens hafteten noch locker am Grunde: in der Mitte war der +Rasenguertel auf drei ungleich in die Erde gerammte hohe Speere +emporgespreizt, in der Mitte von dem laengsten Speer gestuetzt, so dass die +Vorrichtung ein Dreieck bildete, unter dessen Dach zwischen den +Speersaeulen mehrere Maenner bequem stehen konnten. In der so gewonnenen +Erdritze stand ein eherner Kessel, mit Wasser gefuellt, daneben lag ein +spitzes und scharfes Schlachtmesser, uralt: das Heft vom Horn des +Auerstiers, die Klinge von Feuerstein. Der Greis trat nun heran, stiess die +Fackel dicht neben dem Kessel in die Erde, stieg dann, mit dem rechten Fuss +vorauf, in die Grube, wandte sich gegen Osten und neigte das Haupt: dann +winkte er die Freunde zu sich, mit dem Finger am Mund ihnen Schweigen +bedeutend. Lautlos traten die Maenner in die Rinne und stellten sich, +Witichis und Teja zu seiner Linken, die beiden Brueder zu seiner Rechten +und alle fuenf reichten sich die Haende zu einer feierlichen Kette. Dann +liess der Alte Witichis und Hildebad, die ihm zunaechst standen, los und +kniete nieder. Zuerst raffte er eine Hand voll der schwarzen Walderde auf +und warf sie ueber die linke Schulter. Dann griff er mit der andern Hand in +den Kessel und sprengte das Wasser rechts hinter sich. Darauf blies er in +die wehende Nachtluft, die sausend in seinen langen Bart wehte. Endlich +schwang er die Fackel von der Rechten zur Linken ueber sein Haupt. Dann +steckte er sie wieder in die Erde und sprach murmelnd vor sich hin: + +"Hoere mich, alte Erde, wallendes Wasser, leichte Luft, flackernde Flamme! +Hoeret mich wohl und bewahret mein Wort: Hier stehen fuenf Maenner vom +Geschlechte des Gaut, Teja und Totila, Hildebad und Hildebrand und +Witichis, Waltaris Sohn. + + Wir stehen hier in stiller Stunde, + Zu binden einen Bund von Blutsbruedern, + Fuer immer und ewig und alle Tage. + Wir sollen uns sein wie Sippegesellen + In Frieden und Fehde, in Rache und Recht. + Ein Hoffen, Ein Hassen, Ein Lieben, Ein Leiden, + Wie wir traeufen zu Einem Tropfen + Unser Blut als Blutsbrueder." + +Bei diesen Worten entbloesste er den linken Arm, die andern thaten +desgleichen, eng aneinander streckten sich die fuenf Arme ueber den Kessel, +der Alte hob das scharfe Steinmesser und ritzte mit Einem Schnitt sich und +den vier andern die Haut des Vorderarmes, dass das Blut aller in roten +Tropfen in den ehernen Kessel floss. + +Dann nahmen sie wieder die fruehere Stellung ein und murmelnd fuhr der Alte +fort: + + "Und wir schwoeren den schweren Schwur, + Zu opfern all unser Eigen, + Haus, Hof und Habe, + Ross, Ruestung und Rind, + Sohn, Sippe und Gesinde, + Weib und Waffen und Leib und Leben + Dem Glanz und Glueck des Geschlechtes von Gaut, + Den guten Goten. + Und wer von uns sich wollte weigern, + Den Eid zu ehren mit allen Opfern" - + +Hier traten er, und auf seinen Wink auch die andern, aus der Grube und +unter dem Rasenstreifen hervor: + + "Des rotes Blut soll rinnen ungeraechet + Wie dies Wasser unterm Waldwasen" - + +Er erhob den Kessel, goss sein blutiges Wasser in die Grube und nahm ihn +wie das andre Geraet heraus: + + "Auf des Haupt sollen des Himmels Hallen + Dumpf niederdonnern und ihn erdruecken, + Wuchtig so wie dieser Wasen." + +Er schlug mit Einem Streich die drei spannenden Lanzenschaefte nieder und +dumpf fiel die schwere Rasendecke nieder in die Rinne. Die fuenf Maenner +stellten sich nun mit verschlungenen Haenden auf die wieder von Rasen +gedeckte Stelle und in rascherem Ton fuhr der Alte fort: "Und wer von uns +nicht achtet dieses Eides und dieses Bundes und wer nicht die Blutsbrueder +als echte Brueder schuetzt im Leben und raecht im Tode und wer sich weigert, +sein Alles zu opfern dem Volk der Goten, wann die Not es begehrt und ein +Bruder ihn mahnt, der soll verfallen sein auf immer den untern, den +ewigen, den wuesten Gewalten, die da hausen unter dem gruenen Gras des +Erdgrundes: gute Menschen sollen mit Fuessen schreiten ueber des Neidings +Haupt und sein Name soll ehrlos sein soweit Christenleute Glocken laeuten +und Heidenleute Opfer schlachten, soweit Mutter Kind koset, und der Wind +weht ueber die weite Welt. Sagt an, ihr Gesellen, soll's ihm also geschehn, +dem niedrigen Neiding?" + +"So soll ihm geschehen," sprachen die vier Maenner ihm nach. + +Nach einer ernsten Pause loeste Hildebrand die Kette der Haende und sprach: +"Und auf dass ihr's wisst, welche Weihe diese Staette hat fuer mich, - jetzt +auch fuer euch, - warum ich euch zu solchem Thun gerade hierher beschieden +und zu dieser Nacht - kommt und sehet." Und also sprechend erhob er die +Fackel und schritt voran hinter den maechtigen Stamm der Eiche, vor der sie +geschworen. Schweigend folgten die Freunde, bis sie an der Kehrseite des +alten Baumes hielten und hier mit Staunen gerade gegenueber der Rasengrube, +in welcher sie gestanden, ein breites offenes Grab gaehnen sahen, von +welchem die deckende Felsplatte hinweggewaelzt war: da ruhten in der Tiefe, +im Licht der Fackel geisterhaft erglaenzend, drei weisse lange Skelette, +einzelne verrostete Waffenstuecke, Lanzenspitzen, Schildbuckel lagen +daneben. Die Maenner blickten ueberrascht bald in die Grube, bald auf den +Greis. Dieser leuchtete lange schweigend in die Tiefe. Endlich sagte er +ruhig: "Meine drei Soehne. Sie liegen hier ueber dreissig Jahre. Sie fielen +auf diesem Berg, in dem letzten Kampf um die Stadt Ravenna. Sie fielen in +Einer Stunde, heute ist der Tag. Sie sprangen jubelnd in die Speere - - +fuer ihr Volk." + +Er hielt inne. Mit Ruehrung sahen die Maenner vor sich hin. Endlich richtete +sich der Alte hoch auf und sah gen Himmel. "Es ist genug," sagte er, "die +Sterne bleichen. Mitternacht ist laengst vorueber. Geht, ihr andern, in die +Stadt zurueck. Du, Teja, bleibst wohl bei mir: - dir ist ja vor andern, wie +des Liedes, der Trauer Gabe gegeben - und haeltst mit mir die Ehrenwacht +bei diesen Toten." + +Teja nickte und setzte sich, ohne ein Wort, zu Fuessen des Grabes, wo er +stand, nieder. Der Alte reichte Totila die Fackel und lehnte sich Teja +gegenueber auf die Felsplatte. Die andern Drei winkten ihm scheidend zu. +Und ernst und in schweigende Gedanken versunken stiegen sie hinunter zur +Stadt. + + + + + Drittes Kapitel. + + +Wenige Wochen nach jener naechtlichen Zusammenkunft bei Ravenna fand zu Rom +eine Vereinigung statt, ebenfalls heimlich, ebenfalls unter dem Schutze +der Nacht, aber von ganz andern Maennern zu ganz andern Zwecken. + +Das geschah an der appischen Strasse nahe dem Coemeterium des heiligen +Kalixtus in einem halbverschuetteten Gang der Katakomben, jener +raetselhaften unterirdischen Wege, die unter den Strassen und Plaetzen Roms +fast eine zweite Stadt bildeten. Es sind diese geheimnisvollen Raeume - +urspruenglich alte Begraebnisplaetze, oft die Zuflucht der jungen +Christengemeinde - so vielfach verschlungen und ihre Kreuzungen, +Endpunkte, Aus- und Eingaenge so schwierig zu finden, dass nur unter +ortvertrautester Fuehrung ihre inneren Tiefen betreten werden koennen. Aber +die Maenner, deren geheimen Verkehr wir diesmal belauschen, fuerchteten +keine Gefahr. Sie waren gut gefuehrt. Denn es war Silverius, der +katholische Archidiakonus der alten Kirche des heiligen Sebastian, der +unmittelbar von der Krypta seiner Basilika aus die Freunde auf steilen +Stufen in diesen Zweigarm der Gewoelbe gefuehrt hatte: und die roemischen +Priester standen in dem Rufe, seit den Tagen der ersten Christen Kenntnis +jener Labyrinthe fortgepflanzt zu haben. Die Versammelten schienen auch +sich hier nicht zum erstenmal einzufinden: die Schauer des Ortes machten +wenig Eindruck auf sie. Gleichgueltig lehnten sie an den Waenden des +unheimlichen Halbrunds, das, von einer bronzenen Haengelampe spaerlich +beleuchtet, den Schluss des niedrigen Ganges bildete, gleichgueltig hoerten +sie die feuchten Tropfen von der Decke zur Erde fallen und, wenn ihr Fuss +hier und da an weisse, halbvermoderte Knochen stiess, schoben sie auch diese +gleichgueltig auf die Seite. + +Es waren ausser Silverius noch einige andere rechtglaeubige Priester und +eine Mehrzahl vornehmer Roemer aus den Adelsgeschlechtern des westlichen +Kaiserreichs anwesend, die seit Jahrhunderten in fast erblichem Besitz der +hoeheren Wuerden des Staates und der Stadt geblieben. + +Schweigend und aufmerksam beobachteten sie die Bewegungen des +Archidiakons, der sich, nachdem er die Erschienenen gemustert und in +einige der einmuendenden Gaenge, in deren Dunkel man junge Leute in +priesterlichen Kleidern Wache halten sah, pruefende Blicke geworfen hatte, +jetzt offenbar anschickte, die Versammlung in aller Form zu eroeffnen. + +Noch einmal trat er auf einen hochgewachsenen Mann zu, der ihm gegenueber +regungslos an der Mauer lehnte und mit dem er wiederholt Blicke getauscht +hatte: und nachdem dieser auf eine fragende Miene schweigend genickt, +wandte er sich gegen die uebrigen und sprach: + +"Geliebte im Namen des dreieinigen Gottes! Wieder einmal sind wir hier +versammelt zu heiligem Werk. + +Das Schwert von Edom ist gezueckt ob unsrem Haupt und Koenig Pharao lechzt +nach dem Blut der Kinder Israel. Wir aber fuerchten nicht jene, die den +Leib toeten und der Seele nichts anhaben koennen, wir fuerchten vielmehr +jenen, der da Leib und Seele verderben mag mit ewigem Feuer. Wir vertrauen +im Schauer der Nacht auf die Hilfe dessen, der sein Volk durch die Wueste +gefuehrt hat, bei Tag in der Rauchwolke, bei Nacht in der Feuerwolke. Und +daran wollen wir halten und wollen es nie vergessen: was wir leiden, wir +leiden es um Gottes willen, was wir thun, wir thun's zu seines Namens +Ehre. Dank ihm, denn er hat gesegnet unsern Eifer. Klein, wie des +Evangeliums, waren unsre Anfaenge, aber schon sind wir gewachsen wie ein +Baum an frischen Wasserbaechen. Mit Furcht und Zagen kamen wir anfangs hier +zusammen: gross war die Gefahr, schwach die Hoffnung: edles Blut der Besten +war geflossen: - heute, wenn wir fest bleiben im Glauben, duerfen wir es +kuehnlich sagen: der Thron des Koenigs Pharao steht auf Fuessen von Schilf und +die Tage der Ketzer sind gezaehlt in diesem Lande." + +"Zur Sache!" rief ein junger Roemer dazwischen, mit kurzkrausem, schwarzem +Haar und blitzenden, schwarzen Augen; ungeduldig warf er das Sagum von der +linken Huefte ueber die rechte Schulter zurueck, dass das kurze Schwert +sichtbar wurde. "Zur Sache, Priester! was soll heut' geschehn?" + +Silverius warf auf den Juengling einen Blick, der lebhaften Unwillen ueber +solch' kecke Selbstaendigkeit nicht ganz mit salbungsvoller Ruhe zu +verdecken vermochte. Scharfen Tones fuhr er fort: "Auch die an die +Heiligkeit unsres Zweckes nicht zu glauben scheinen, sollten doch den +Glauben an diese Heiligkeit bei andern nicht stoeren, um ihrer eignen +weltlichen Ziele willen nicht. Heute aber, Licinius, mein rascher Freund, +soll ein neues hochwillkommnes Glied unsrem Bunde eingefuegt werden: sein +Beitritt ist ein sichtbares Zeichen der Gnade Gottes." + +"Wen willst du einfuehren? Sind die Vorbedingungen erfuellt? Haftest du fuer +ihn? unbedingt? oder stellst du andre Buergschaft?" so fragte ein andrer +der Versammelten, ein Mann in reifen Jahren, mit gleichmaessigen Zuegen, der, +einen Stab zwischen den Fuessen, ruhig auf einem Vorsprung der Mauer sass. - +"Ich hafte, mein Scaevola; uebrigens genuegt seine Person -" + +"Nichts dergleichen. Die Satzung unsres Bundes verlangt Verbuergung und ich +bestehe darauf," sagte Scaevola ruhig. - "Nun gut, gut, ich buerge, zaehster +aller Juristen!" wiederholte der Priester mit Laecheln. Er winkte in einen +der Gaenge zur Linken. + +Zwei junge Ostiarii fuehrten von da in die Mitte des Gewoelbes einen Mann, +auf dessen verhuelltes Haupt aller Augen gerichtet waren. Nach einer Pause +hob Silverius den Ueberwurf von Kopf und Schultern des Ankoemmlings. + +"Albinus!" riefen die andern in Ueberraschung, Entruestung, Zorn. + +Der junge Licinius fuhr ans Schwert, Scaevola stand langsam auf, wild +durcheinander scholl es: "Wie? Albinus? der Verraeter?" Scheuen Blickes sah +der Gescholtene um sich, seine schlaffen Zuege bekundeten angeborne +Feigheit: wie Hilfe flehend haftete sein Auge auf dem Priester. "Ja, +Albinus!" sagte dieser ruhig. "Will einer der Verbuendeten wider ihn +sprechen? Er rede." - "Bei meinem Genius," rief Licinius rasch vor allen, +"braucht es da der Rede? Wir wissen alle, wer Albinus ist, was er ist. Ein +feiger, schaendlicher Verraeter" - der Zorn erstickte seine Stimme. - +"Schmaehungen sind keine Beweise," nahm Scaevola das Wort. "Aber ich frage +ihn selbst, er soll hier vor allen bekennen. Albinus, bist du es, oder +bist du es nicht, der, als die Anfaenge des Bundes dem Tyrannen verraten +waren, als du noch allein von uns allen verklagt warst, es mit ansahst, +dass die edeln Maenner, Boethius und Symmachus, unsre Mitverbuendeten, weil +sie dich mutig vor dem Wueterich verteidigten, verfolgt, gefangen, ihres +Vermoegens beraubt, hingerichtet wurden, waehrend du, der eigentliche +Angeklagte, durch einen schmaehlichen Eid, dich nie mehr um den Staat +kuemmern zu wollen und durch urploetzliches Verschwinden dich gerettet hast? +Sprich, bist du es, um dessen Feigheit willen die Zierden des Vaterlandes +gefallen?" + +Ein Murren des Unwillens ging durch die Versammlung. Der Angeschuldigte +blieb stumm und bebte, selbst Silverius verlor einen Augenblick die +Haltung. Da richtete sich jener Mann, der ihm gegenueber an der Felswand +lehnte, auf und trat einen Schritt herzu; seine Naehe schien den Priester +zu erkraeftigen und er begann wieder: "Ihr Freunde, es ist geschehen was +ihr sagt, nicht wie ihr's sagt. Vor allem wisset: Albinus ist an allem am +wenigsten schuldig. Was er gethan, er that's auf meinen Rat." - "Auf +deinen Rat?" - "Das wagst du zu bekennen?" - "Albinus war verklagt durch +den Verrat eines Sklaven, der die Geheimschrift in den Briefen nach Byzanz +entziffert hatte. Der ganze Argwohn des Tyrannen war geweckt: jeder Schein +von Widerstand, von Zusammenhang musste die Gefahr vermehren. Der Ungestuem +von Boethius und Symmachus, die ihn mutig verteidigten, war edel, aber +thoericht. Denn er zeigte den Barbaren die Gesinnung des ganzen Adels von +Rom, zeigte, dass Albinus nicht allein stehe. Sie handelten gegen meinen +Rat, leider haben sie es im Tode gebuesst. Aber ihr Eifer war auch +ueberfluessig: denn den verraeterischen Sklaven raffte ploetzlich vor weitern +Aussagen die Hand des Herrn hinweg und es war gelungen, die Geheimbriefe +des Albinus vor dessen Verhaftung zu vernichten. Jedoch glaubt ihr, +Albinus wuerde auf der Folter, wuerde unter Todesdrohungen geschwiegen +haben, geschwiegen, wenn ihn die Nennung der Mitverschwornen retten +konnte? Das glaubt ihr nicht, das glaubte Albinus selbst nicht. Deshalb +musste vor allem Zeit gewonnen, die Folter abgewendet werden. Dies gelang +durch jenen Eid. Unterdessen freilich bluteten Boethius und Symmachus: sie +waren nicht zu retten: doch _ihres_ Schweigens, auch unter der Folter, +waren wir sicher. Albinus aber ward durch ein Wunder aus seinem Kerker +befreit wie Sankt Paulus zu Philippi. Es hiess, er sei nach Athen entflohen +und der Tyrann begnuegte sich, ihm die Rueckkehr zu verbieten. Allein der +dreieinige Gott hat ihm hier in seinem Tempel eine Zufluchtstaette +bereitet, bis dass die Stunde der Freiheit naht. In der Einsamkeit seines +heiligen Asyles nun hat der Herr das Herz des Mannes wunderbar geruehrt +und, ungeschreckt von der Todesgefahr, die schon einmal seine Locke +gestreift hat, tritt er wieder in unsern Kreis und bietet dem Dienste +Gottes und des Vaterlands sein ganzes unermessliches Vermoegen. Vernehmt: er +hat all sein Gut der Kirche Sanktae Mariae Majoris zu Bundeszwecken +vermacht. Wollt ihr ihn und seine Millionen verschmaehen?" + +Eine Pause des Staunens trat ein: endlich rief Licinius: "Priester, du +bist klug wie - wie ein Priester. Aber mir gefaellt solche Klugheit nicht." +- "Silverius," sprach der Jurist, "du magst die Millionen nehmen. Das +steht dir an. Aber ich war der Freund des Boethius: mir steht nicht an, +mit jenem Feigen Gemeinschaft zu halten. Ich kann ihm nicht vergeben. +Hinweg mit ihm!" - "Hinweg mit ihm!" scholl es von allen Seiten. Scaevola +hatte der Empfindung aller das Wort geliehen. Albinus erblasste, selbst +Silverius zuckte unter dieser allgemeinen Entruestung. "Cethegus!" +fluesterte er leise, Beistand heischend. + +Da trat der Mann in die Mitte, der bisher immer geschwiegen und nur mit +kuehler Ueberlegenheit die Sprechenden gemustert hatte. Er war gross und +hager, aber kraeftig, von breiter Brust und seine Muskeln von eitel Stahl. +Ein Purpursaum an der Toga und zierliche Sandalen verrieten Reichtum, Rang +und Geschmack, aber sonst verhuellte ein langer, brauner Soldatenmantel die +ganze Unterkleidung der Gestalt. Sein Kopf war von denen, die man, einmal +gesehen, nie mehr vergisst. + +Das dichte, noch glaenzend schwarze Haar war nach Roemerart kurz und rund um +die gewoelbte, etwas zu grosse Stirn und die edel geformten Schlaefe +geschoren, tief unter den fein geschweiften Brauen waren die schmalen +Augen geborgen, in deren unbestimmtem Dunkelgrau ein ganzes Meer +versunkener Leidenschaften, aber noch bestimmter der Ausdruck kaeltester +Selbstbeherrschung lag. Um die scharf geschnittenen bartlosen Lippen +spielte ein Zug stolzer Verachtung gegen Gott und seine ganze Welt. Wie er +vortrat und mit ruhiger Vornehmheit den Blick ueber die Erregten streifen +liess, wie seine nicht einschmeichelnde, aber beherrschende Redeweise +anhob, empfand jeder in der Versammlung den Eindruck bewusster +Ueberlegenheit und wenige Menschen mochten diese Naehe ohne das Gefuehl der +Unterordnung tragen. + +"Was hadert ihr," sagte er kalt, "ueber Dinge, die geschehen muessen? Wer +den Zweck will, muss das Mittel wollen. Ihr wollt nicht vergeben? Immerhin! +Daran liegt nichts. Aber vergessen muesst ihr. Und das koennt ihr. Auch ich +war ein Freund der Verstorbenen, vielleicht ihr naechster. Und doch - ich +will vergessen. Ich thu' es, eben weil ich ihr Freund war. Der liebt sie, +Scaevola, der allein, der sie raecht. Um der Rache willen - Albinus, deine +Hand." - Alle schwiegen, bewaeltigt mehr von der Persoenlichkeit als von den +Gruenden des Redners. Nur der Jurist bemerkte noch: + +"Rusticiana, des Boethius Witwe und des Symmachus Tochter, die +einflussreiche Frau, ist unsrem Bunde hold. Wird sie das bleiben, wenn +dieser eintritt? Kann sie je vergeben und vergessen? Niemals!" + +"Sie kann es. Glaubt nicht mir, glaubt Euren Augen." Mit diesen Worten +wandte sich rasch Cethegus und schritt in einen der Seitengaenge, dessen +Muendung bisher sein Ruecken verdeckt hatte. - Hart am Eingang stand +lauschend eine verschleierte Gestalt: er ergriff ihre Hand: "komm'," +fluesterte er, "jetzt komm'." - "Ich kann nicht! ich will nicht!" war die +leise Antwort der Widerstrebenden. "Ich verfluche ihn. Ich kann ihn nicht +sehen, den Elenden!" - "Es muss sein. Komm, du kannst und du willst es: - +denn ich will es." Er schlug ihren Schleier zurueck: noch ein Blick und sie +folgte wie willenlos. - + +Sie bogen um die Ecke des Eingangs: "Rusticiana!" riefen alle. - "Ein Weib +in unserer Versammlung!" sprach der Jurist. "Das ist gegen die Satzungen, +die Gesetze." + +"Ja, Scaevola, aber die Gesetze sind um des Bundes willen, nicht der Bund +um der Gesetze willen. Und geglaubt haettet ihr mir nie, was ihr hier sehet +mit Augen." + +Er legte die Hand der Witwe in die zitternde Rechte des Albinus. + +"Seht, Rusticiana verzeiht: wer will jetzt noch widerstreben?" - +Ueberwunden und ueberwaeltigt verstummten alle. Fuer Cethegus schien das +weitere jedes Interesse verloren zu haben. Er trat mit der Frau an die +Wand im Hintergrund zurueck. Der Priester aber sprach: "Albinus ist Glied +des Bundes." - "Und sein Eid, den er dem Tyrannen geschworen?" fragte +schuechtern Scaevola. - "War erzwungen und ist ihm geloest von der heiligen +Kirche. Aber nun ist es Zeit, zu scheiden. Nur noch die eilendsten +Geschaefte, die neuesten Botschaften. Hier, Licinius, der Festungsplan von +Neapolis: du musst ihn bis morgen nachgezeichnet haben, er geht an Belisar. +Hier, Scaevola, Briefe aus Byzanz, von Theodora, der frommen Gattin +Justinians: du musst sie beantworten. Da, Calpurnius, eine Anweisung auf +eine halbe Million Solidi von Albinus: du sendest sie an den fraenkischen +Majordomus, er wirkt bei seinem Koenig gegen die Goten. Hier, Pomponius, +eine Liste der Patrioten in Dalmatien: du kennst die Dinge dort und die +Menschen: sieh zu, ob bedeutende Namen fehlen. Euch allen aber sei gesagt, +dass, nach heute erhaltenen Briefen von Ravenna, die Hand des Herrn schwer +auf dem Tyrannen liegt: tiefe Schwermut, zu spaete Reue ueber all' seine +Suenden soll seine Seele niederdruecken und der Trost der wahren Kirche +bleibt ihm fern. Harret aus noch eine kleine Weile: bald wird ihn die +zornige Stimme des Richters abrufen: dann koemmt der Tag der Freiheit. An +den naechsten Iden, zur selben Stunde, treffen wir uns wieder. Der Segen +des Herrn sei mit euch." Eine Handbewegung des Diakons verabschiedete die +Versammelten: die jungen Priester traten mit den Fackeln aus den +Seitengaengen und geleiteten die Einzelnen in verschiedenen Richtungen nach +den nur ihnen bekannten Ausgaengen der Katakomben. + + + + + Viertes Kapitel. + + +Silverius, Cethegus und Rusticiana stiegen miteinander die Stufen hinauf, +welche in die Krypta der Basilika des heiligen Sebastian fuehrten. Von da +gingen sie durch die Kirche in das unmittelbar darangebaute Haus des +Diakonus. Dort angelangt ueberzeugte sich dieser, dass alle Hausgenossen +schliefen bis auf einen alten Sklaven, der im Atrium bei einer halb +herabgebrannten Ampel wachte. Auf den Wink seines Herrn zuendete er die +neben ihm stehende silberfuessige Lampe an und drueckte auf eine Fuge im +Marmorgetaefel. Die Marmorplatten drehten sich um ihre Achse und liessen den +Priester, der die Leuchte ergriffen, mit den beiden andern in ein kleines, +niedres Gemach treten, dessen Oeffnung sich hinter ihnen rasch und +geraeuschlos wieder schloss. Keine Ritze verriet nun wieder, dass hier eine +Thuer. + +Der kleine Raum, jetzt mit einem hohen Kreuz aus Holz, einem Betschemel +und einigen christlichen Symbolen auf Goldgrund einfach ausgestattet, +hatte in heidnischen Tagen offenbar, wie die an den Waenden hinlaufenden +Polstersimse bezeugten, dem Zweck jener kleinen Gelage von zwei oder drei +Gaesten gedient, deren zwanglose Gemuetlichkeit Horatius feiert. Zur Zeit +war hier das Asyl fuer die geheimsten geistlichen - oder weltlichen - +Gedanken des Diakonus. Schweigend setzte sich Cethegus, auf ein gegenueber +in die Wand eingelegtes Mosaikgemaelde den fluechtigen Blick des verwoehnten +Kunstkenners werfend, auf den niederen Lectus. Waehrend der Priester +beschaeftigt war, aus einem Mischkrug mit hochgeschweiften Henkeln Wein in +die bereit stehenden Becher zu giessen und eine eherne Schale mit Fruechten +auf den dreifuessigen Bronzetisch zu stellen, stand Rusticiana Cethegus +gegenueber, ihn mit unwillig staunenden Blicken messend. Kaum vierzig Jahre +alt, zeigte das Weib Spuren einer seltenen, etwas maennlichen Schoenheit, +die weniger durch das Alter als durch heftige Leidenschaften gelitten +hatte: schon war hier und da nicht graues, sondern weisses Haar in ihre +rabenschwarzen Flechten gemischt, das Auge hatte einen unsteten Blick und +starke Falten zogen sich gegen die immer bewegten Mundwinkel. Sie stuetzte +die Linke auf den Erztisch und strich mit der Rechten wie nachsinnend ueber +die Stirn, dabei fortwaehrend Cethegus anstarrend. Endlich sprach sie: +"Mensch, sage, sage, Mann, welche Gewalt du ueber mich hast? Ich liebe dich +nicht mehr. Ich sollte dich hassen. Ich hasse dich auch. Und doch muss ich +dir folgen willenlos. Wie der Vogel dem Auge der Schlange. Und du legst +meine Hand, _diese_ Hand, in die Hand jenes Schurken. Sage, du Frevler, +welches ist diese Macht?" + +Cethegus schwieg unaufmerksam. Endlich sagte er, sich zuruecklehnend: +"Gewohnheit, Rusticiana, Gewohnheit." + +"Jawohl, Gewohnheit! Gewohnheit einer Sklaverei, die besteht, seit ich +denken kann. Dass ich als Maedchen den schoenen Nachbarssohn bewunderte, war +natuerlich; dass ich glaubte, du liebtest mich, war verzeihlich: du kuesstest +mich ja. Und wer konnte - damals! - wissen, dass du nicht lieben kannst. +Nichts: kaum dich selbst. Dass die Gattin des Boethius diese wahnsinnige +Liebe nicht erstickte, die du wie spielend wieder anfachtest, war eine +Suende, aber Gott und die Kirche haben sie mir verziehen. Doch, dass ich +jetzt noch, nachdem ich jahrzehntelang deine herzlose Tuecke kenne, nachdem +die Glut der Leidenschaft erloschen in diesen Adern, dass ich jetzt noch +blindlings deinem daemonischen Willen folgen muss, - das ist eine Thorheit +zum Lautauflachen." + +Und sie lachte hell und fuhr mit der Rechten ueber die Stirn. Der Priester +hielt in seiner wirtlichen Beschaeftigung inne, und sah verstohlen auf +Cethegus; er war gespannt. Cethegus lehnte das Haupt rueckwaerts an den +Marmorsims und umfasste mit der Rechten den Pokal, der vor ihm stand: + +"Du bist ungerecht, Rusticiana," sagte er ruhig. "Und unklar. Du mischest +die Spiele des Eros in die Werke der Eris und der Erinnyen. Du weisst es, +dass ich der Freund des Boethius war. Obwohl ich sein Weib kuesste. +Vielleicht ebendeshalb. Ich sehe darin nichts Besonderes und du: - nun dir +haben es ja Silverius und die Heiligen vergeben. Du weisst ferner, dass ich +diese Goten hasse, wirklich hasse, dass ich den Willen und - vor andern - +die Faehigkeit habe, durchzusetzen, was dich jetzt ganz erfuellt: deinen +Vater, den du geliebt, deinen Gatten, den du geehrt hast, an diesen +Barbaren zu raechen. Du gehorchst daher meinen Winken. Und du thust daran +sehr klug. Denn du hast zwar ein sehr bedeutendes Talent, Raenke zu +schmieden. Aber deine Heftigkeit truebt oft deinen Blick. Sie verdirbt +deine feinsten Plaene. Also thust du wohl, kuehlerer Leitung zu folgen. Das +ist alles. - Aber jetzt geh. Deine Sklavin kauert schlaftrunken im +Vestibulum. Sie glaubt dich in der Beichte, bei Freund Silverius. Die +Beichte darf nicht gar zu lange waehren. Auch haben wir noch Geschaefte. +Gruesse mir Kamilla, dein schoenes Kind, und lebe wohl." Er stand auf, +ergriff ihre Hand und fuehrte sie sanft zur Thuere. Sie folgte +widerstrebend, nickte dem Priester zum Abschied zu, sah nochmal auf +Cethegus, der ihre innere Bewegung nicht zu sehen schien und ging mit +leisem Kopfschuetteln hinaus. + +Cethegus setzte sich wieder und trank den Pokal aus. + +"Sonderbarer Kampf in diesem Weibe," sagte Silverius und setzte sich mit +Griffel, Wachstafeln, Briefen und Dokumenten zu ihm. "Nicht sonderbar. Sie +will ihr Unrecht gegen ihren Gatten gut machen, indem sie ihn raecht. Und +dass sie diese Rache gerade durch ihren ehemaligen Geliebten findet, macht +die heilige Pflicht besonders suess. Freilich ist ihr dies alles unbewusst. - +Aber, was giebt's zu thun?" Und nun begannen die beiden Maenner ihre +Arbeit, solche Punkte der Verschwoerung zu erledigen, die allen Gliedern +des Bundes mitzuteilen sie nicht fuer ratsam hielten. - "Diesmal," hob der +Diakonus an, "gilt es vor allem, das Vermoegen des Albinus festzustellen +und dessen naechste Verwendung zu beraten. Wir brauchten ganz unabweislich +Geld, viel Geld." - "Geldsachen sind dein Gebiet," sagte Cethegus +trinkend. "Ich verstehe sie wohl, aber sie langweilen mich." + +"Ferner muessen die einflussreichsten Maenner auf Sicilien, in Neapolis und +Apulien gewonnen werden. Hier ist die Liste derselben mit Notizen ueber die +einzelnen. Es sind Menschen darunter, bei denen die gewoehnlichen Mittel +nicht verfangen." "Gieb her," sagte Cethegus, "_das_ will ich machen" und +zerlegte einen persischen Apfel. - - + +Nach einer Stunde angestrengter Arbeit waren die dringendsten Geschaefte +bereinigt und der Hausherr legte die Dokumente wieder in ihr Geheimfach +hinter dem grossen Kreuz in der Mauer. Der Priester war ermuedet und sah mit +Neid auf den Genossen, dessen staehlernen Koerper und unangreifbaren Geist +keine spaete Stunde, keine Anspannung ermatten zu koennen schien. Er aeusserte +etwas dergleichen, als sich Cethegus den silbernen Becher wieder fuellte. + +"Uebung, Freund, starke Nerven und," setzte er laechelnd hinzu, "ein gutes +Gewissen: das ist das ganze Raetsel." + +"Nein, im Ernst, Cethegus, du bist mir auch sonst ein Raetsel." - "Das will +ich hoffen." - "Nun, haeltst du dich fuer ein mir so unerreichbar +ueberlegenes Wesen?" - "Ganz und gar nicht. Aber doch fuer gerade +hinreichend tief, um andern nicht minder ein Raetsel zu sein als - mir +selbst. Dein Stolz auf Menschenkenntnis mag sich beruhigen. Es geht mir +selbst mit mir nicht besser als dir. Nur die Tropfen sind durchsichtig." - +"In der That," fuhr der Priester ausholend fort, "der Schluessel zu deinem +Wesen muss sehr tief liegen. Sieh zum Beispiel die Genossen unsres Bundes. +Von jedem laesst sich sagen, welcher Grund ihn dazu gefuehrt hat. Der hitzige +Jugendmut einen Licinius: der verrannte, aber ehrliche Rechtssinn einen +Scaevola: mich und die andern Priester - der Eifer fuer die Ehre Gottes." + +"Natuerlich," sagte Cethegus trinkend. + +"Andere treibt der Ehrgeiz: oder die Hoffnung, bei einem Buergerkrieg ihren +Glaeubigern die Haelse abzuschneiden, oder auch die Langeweile ueber den +geordneten Zustand dieses Landes unter den Goten oder eine Beleidigung +durch einen der Fremden, die allermeisten der natuerliche Widerwille gegen +die Barbaren und die Gewoehnung, nur im Kaiser den Herrn Italiens zu sehen. +Bei dir aber schlaegt keiner dieser Beweggruende an und" - + +"Und das ist sehr unbequem, nicht wahr? Denn mittels Kenntnis ihrer +Beweggruende beherrscht man die Menschen? Ja, ehrwuerdiger Gottesfreund, ich +kann dir nicht helfen. Ich weiss es wirklich selbst nicht, was mein +Beweggrund ist. Ich bin selbst so neugierig darauf, dass ich es dir +herzlich gern sagen und mich - beherrschen lassen wollte, wenn ich es nur +entdecken koennte. Nur das Eine fuehl' ich: diese Goten sind mir zuwider. +Ich hasse diese vollbluetigen Gesellen mit ihren breiten Flachsbaerten. +Unausstehlich ist mir das Glueck dieser brutalen Gutmuetigkeit, dieser +naiven Jugendlichkeit, dieses alberne Heldentum, diese ungebrochnen +Naturen. Es ist eine Unverschaemtheit des Zufalls, der die Welt regiert, +dieses Land, - nach einer solchen Geschichte, - mit Maennern wie - wie du +und ich - von diesen Nord-Baeren beherrschen zu lassen." Unwillig warf er +das Haupt zurueck, drueckte die Augen zu und schluerfte einen kleinen Trunk +Weines. "Dass die Barbaren fort muessen," sprach der andere, "darueber sind +wir einig. Und fuer mich ist damit alles erreicht. Denn ich will ja nur die +Befreiung der Kirche von diesen irrglaeubigen Barbaren, welche die +Goettlichkeit Christi leugnen und nur einen Halbgott aus ihm machen. Ich +hoffe, dass alsdann der roemischen Kirche der Primat im ganzen Gebiet der +Christenheit, der ihr gebuehrt, unbestritten zufallen wird. Aber solange +Rom in der Hand der Ketzer liegt, waehrend der Bischof von Byzanz von dem +allein rechtglaeubigen und rechtmaessigen Kaiser gestuetzt wird" - + +"Solange ist der Bischof von Rom nicht der oberste Bischof der +Christenheit, solange nicht Herr Italiens: und deshalb der roemische Stuhl, +selbst wenn ein Silverius ihn einnehmen wird, nicht das, was er werden +soll: das Hoechste. Und das will doch Silverius." + +Ueberrascht sah der Priester auf. + +"Beunruhige dich nicht, Freund Gottes. Ich weiss das laengst und habe dein +Geheimnis bewahrt, obwohl du es mir nicht vertraut hast. Allein weiter." +Er schenkte sich aufs neue ein: - "dein Falerner ist gut abgelagert, aber +er hat zu viel Suesse. - Du kannst eigentlich nur wuenschen, dass diese Goten +den Thron der Caesaren raeumen, nicht, dass die Byzantiner an ihre Stelle +treten: denn sonst hat der Bischof von Rom wieder zu Byzanz seinen +Oberbischof und einen Kaiser. Du musst also an der Goten Stelle wuenschen - +nicht einen Kaiser - Justinian, - sondern - etwa was?" - "Entweder" - fiel +Silverius eifrig ein - "einen eignen Kaiser des Westreichs" - "Der aber," +vollendete Cethegus seinen Satz, "nur eine Puppe ist in der Hand des +heiligen Petrus -" - "Oder eine roemische Republik, einen Staat der Kirche +-" - "In welchem der Bischof von Rom der Herr, Italien das Hauptland und +die Barbarenkoenige in Gallien, Germanien, Spanien die gehorsamen Soehne der +Kirche sind. Schoen, mein Freund. Nur muessen erst die Feinde vernichtet +sein, deren Spolien du bereits verteilst. Deshalb ein altroemischer +Trinkspruch: wehe den Barbaren!" + +Er stand auf und trank dem Priester zu. "Aber die letzte Nachtwache +schleicht vorueber und meine Sklaven muessen mich am Morgen in meinem +Schlafgemach finden. Leb wohl." Damit zog er den Cucullus des Mantels ueber +das Haupt und ging. + +Der Wirt sah ihm nach: "Ein hoechst bedeutendes Werkzeug!" sagte er zu +sich. "Gut, dass er nur ein Werkzeug ist. Moege er es immer bleiben." + +Cethegus aber schritt von der Via appia her, wo die Kirche des heiligen +Sebastian den Eingang in die Katakomben bedeckt, nach Nordwesten dem +Kapitole zu, an dessen Fuss am Nordende der Via sacra sein Haus gelegen +war, nordoestlich vom Forum Romanum. + +Die kuehle Morgenluft strich belebend um sein Haupt. + +Er schlug den Mantel zurueck und dehnte die breite, starke, gewaltige +Brust. "Ja, ein Raetsel bist du," sprach er vor sich hin; "treibst +Verschwoerung und naechtlichen Verkehr wie ein Republikaner oder ein +Verliebter von zwanzig Jahren. Und warum? - Ei, wer weiss warum er atmet? +Weil er muss. Und so muss ich thun was ich thue. Eins aber ist gewiss. Dieser +Priester mag Papst werden: er muss es vielleicht werden. Aber Eins darf er +nicht. Er darf es nicht lange bleiben. Sonst lebt wohl, ihr Gedanken, ihr +kaum eingestandenen, die ihr noch Traeume seid und Wolkenduenste: vielleicht +aber ballt sich daraus ein Gewitter, das Blitz und Donner fuehrt und mein +Verhaengnis wird. Sieh, es wetterleuchtet im Osten. Gut. Ich nehme das Omen +an." + +Mit diesen Worten schritt er in sein Haus. Im Schlafgemach fand er auf dem +Cederntisch vor seinem Lager einen verschnuerten und mit dem koeniglichen +Siegel gepressten Brief. + +Er schnitt die Schnuere mit dem Dolch auf, schlug die doppelte Wachstafel +auseinander und las: + +"An Cethegus Caesarius, den Princeps Senatus, Marcus Aurelius Cassiodorus +Senator. + +Unser Herr und Koenig liegt im Sterben. Seine Tochter und Erbin +Amalaswintha wuenscht dich noch vor seinem Ende zu sprechen. Du sollst das +wichtigste Reichsamt uebernehmen. Eile sogleich nach Ravenna." + + + + + Fuenftes Kapitel. + + +Atembeklemmend lag bange Stimmung schwer und schwuel ueber dem Koenigspalast +zu Ravenna mit seiner duestern Pracht, mit seiner unwirtlichen +Weitraeumigkeit. + +Die alte Burg der Caesaren hatte im Lauf der Jahrhunderte schon so manche +stilwidrige Veraenderung erfahren. Und seit an die Stelle der Imperatoren +der Gotenkoenig mit seinem germanischen Hofgesinde getreten war, hatte sie +vollends ein wenig harmonisches Aussehen angenommen. Denn viele Raeume, die +eigentuemlichen Sitten des roemischen Lebens gedient hatten, standen mit der +alten Pracht ihrer Einrichtung unbenutzt und vernachlaessigt: Spinnweben +zogen sich ueber die Mosaiken der reichen, aber lang nicht mehr betretenen +Badgemaecher des Honorius und in dem Toilettenzimmer der Placidia huschten +die Eidechsen ueber das Marmorgesims der Silberspiegel in den Mauern. +Dagegen hatten die Beduerfnisse eines mehr kriegerischen Hofhalts manche +Mauer niedergerissen, um die kleinen Gemaecher des antiken Hauses zu den +weiteren Raeumen von Waffensaelen, Trinkhallen, Wachtzimmern auszudehnen. +Und man hatte anderseits durch neue Mauerfuehrungen benachbarte Haeuser mit +dem Palast verbunden, daraus eine Festung mitten in der Stadt zu schaffen. +Es trieben jetzt in der "_piscina maxima_", dem ausgetrockneten Teich, +blonde Buben ihre wilden Spiele und in den Marmorsaelen der Palaestra +wieherten die Rosse der gotischen Wachen. So hatte der weitlaeufige Bau das +unheimliche Ansehen halb einer kaum noch erhaltnen Ruine, halb eines +unvollendeten Neubaus: und die Burg dieses Koenigs erschien so wie ein +Sinnbild seines roemisch-gotischen Reiches, seiner ganzen politischen +halbunfertigen, halbverfallenden Schoepfung. - + +An dem Tage aber, der Cethegus nach Jahren hier zuerst wieder eintreten +sah, lastete ein Gewoelk von Spannung, Trauer und Duestre ganz besonders +schwer auf diesem Haus: denn seine koenigliche Seele sollte daraus +scheiden. - + +Der grosse Mann, der von hier aus ein Menschenalter lang die Geschicke +Europas gelenkt, den Abendland und Morgenland in Liebe und Hass +bewunderten, der Heros seines Jahrhunderts, der gewaltige Dietrich von +Bern, dessen Namen schon bei seinen Lebzeiten die Sage sich ausschmueckend +bemaechtigt hatte, der grosse Amalungen-Koenig Theoderich sollte sterben. + +So hatten es die Aerzte, wenn nicht ihm selbst doch seinen Raeten verkuendet +und alsbald war es hinausgedrungen in die grosse volkreiche Stadt. Obwohl +man seit lange einen solchen Ausgang der geheimnisvollen Leiden des +greisen Fuersten fuer moeglich gehalten, erfuellte doch jetzt die Kunde von +dem drohenden Eintritt des verhaengnisvollen Schlages alle Herzen mit der +hoechsten Aufregung. + +Die treuen Goten trauerten und bangten: aber auch bei der roemischen +Bevoelkerung war eine dumpfe Spannung die vorherrschende Empfindung. Denn +hier in Ravenna, in der unmittelbaren Naehe des Koenigs hatten die Italier +die Milde und Hoheit dieses Mannes im allgemeinen zu bewundern und durch +besondere Wohlthaten zu erfahren am haeufigsten Gelegenheit gehabt. Ferner +fuerchtete man nach dem Tode dieses Koenigs, der waehrend seiner ganzen +Regierung, mit einziger Ausnahme der juengsten Kaempfe mit dem Kaiser und +dem Senat, in welchen Boethius und Symmachus geblutet, die Italier vor der +Gewaltthaetigkeit und Rauheit seines Volkes beschuetzt hatte, unter einem +neuen Regiment Haerte und Druck von Seite der Goten zu befahren. + +Endlich aber wirkte noch ein Anderes, Hoeheres: die Persoenlichkeit dieses +Heldenkoenigs war so grossartig, so majestaetisch gewesen, dass auch +diejenigen, die seinen und seines Reiches Untergang oft herbeigewuenscht +hatten, doch in dem Augenblick, da nun diese Sonne erloeschen sollte, sich +niedriger Schadenfreude nicht hingeben und ernsterer Erschuetterung nicht +erwehren konnten. + +So war die Stadt schon seit grauendem Morgen - da man zuerst vom Palast +Boten nach allen Winden hatte jagen und einzelne Diener in die Haeuser der +vornehmsten Goten und Roemer hatte eilen sehen - in hoechster Erregung. In +den Strassen, auf den Plaetzen, in den Baedern standen die Maenner paarweise +oder in Gruppen beisammen, fragten und teilten sich mit, was sie wussten, +suchten eines Vornehmen habhaft zu werden, der vom Palaste herkam und +sprachen ueber die ernsten Folgen des bevorstehenden Ereignisses. Weiber +und Kinder kauerten neugierig auf den Schwellen der Haeuser. Mit den +wachsenden Stunden des Tages stroemte sogar schon die Bevoelkerung der +naechsten Doerfer und Staedte, besonders trauernde Goten, forschend in die +Thore Ravennas. Die Raete des Koenigs, voraus der Praefectus Praetorio +Cassiodorus, der sich in diesen Tagen um Aufrechthaltung der Ordnung hohes +Verdienst erwarb, hatten solche Aufregung vorausgesehen, vielleicht +Schlimmeres erwartet. + +Seit Mitternacht waren alle Zugaenge zum Palast geschlossen und mit +gotischen Wachen besetzt. Auf dem Forum des Honorius, vor der Stirnseite +des Gebaeudes, war ein Zug Reiter aufgestellt. Auf den breiten +Marmorstufen, die zu der stolzen Saeulenreihe des Hauptportals +hinauffuehrten, waren starke Scharen gotischen Fussvolks, mit Schild und +Speer, in malerischen Gruppen gelagert. + +Nur hier konnte man, nach Cassiodors Befehl, Eintritt in den Palast +erlangen und nur die beiden Anfuehrer des Fussvolks, der Roemer Cyprian und +der Gote Witichis, durften die Erlaubnis dazu erteilen. Ersterer war es, +der Cethegus einliess. Wie dieser den altbekannten Weg zum Gemach des +Koenigs verfolgte, fand er in den Hallen und Gaengen der Burg die Goten und +Italier, denen ihr Rang und Ansehen Zutritt erwarben, in ungleichen +Gruppen verteilt. + +Schweigend und traurig standen in der sonst so lauten Trinkhalle die +jungen Tausendfuehrer und Hundertfuehrer der Goten beisammen oder fluesterten +einzelne besorgte Fragen, waehrend hier und da ein aelterer Mann, ein +Waffengefaehrte des sterbenden Helden, in einer Nische der Bogenfenster +lehnte, seinen lauten Schmerz zu verbergen; in der Mitte des Saales stand, +laut weinend, das Haupt an einen Pfeiler drueckend, ein reicher Kaufmann +von Ravenna: der Koenig, der jetzt scheiden sollte, hatte ihm eine +Verschwoerung verziehen und seine Warenhallen vor der Pluenderung durch die +ergrimmten Goten gerettet. + +Mit einem kalten Blick der Geringschaetzung schritt Cethegus an dem allen +vorueber. Er ging weiter. + +In dem naechsten Gemach, dem zum Empfang fremder Gesandten bestimmten Saal, +fand er eine Anzahl von vornehmen Goten, Herzogen, Grafen und Edeln +beisammen, die offenbar Beratung hielten ueber den Thronwechsel und den +drohenden Umschwung aller Verhaeltnisse. + +Da waren die tapferen Herzoge Thulun von Provincia, der die Stadt Arles +heldenmuetig gegen die Franken verteidigt hatte, Ibba von Liguria, der +Eroberer von Spanien, Pitza von Dalmatia, der Besieger der Bulgaren und +Gepiden, gewaltige, trotzige Herren, stolz auf ihren alten Adel, der dem +Koenigshaus der Amaler wenig nachgab - denn sie waren aus dem Geschlecht +der Balten, das bei den Westgoten durch Alarich die Krone gewonnen hatte +-, und auf ihre kriegerischen Verdienste, die das Reich beschirmt und +erweitert. + +Auch Hildebad und Teja standen bei ihnen. + +Das waren die Fuehrer der Partei, die laengst eine haertere Behandlung der +Italier, welche sie hassten und scheuten zugleich, begehrt und die nur +widerstrebend dem milden Sinn des Koenigs sich gefuegt hatten. Wilde Blicke +des Hasses schossen aus ihrer Mitte auf den vornehmen Roemer, der da Zeuge +der Sterbestunde des grossen Gotenhelden sein wollte. Ruhig schritt +Cethegus an ihnen vorueber und hob den schweren Wollvorhang auf, der den +naechsten Raum abschied, das Vorzimmer des Krankengemaches. Eintretend +begruesste er mit tiefer Verbeugung des Hauptes eine hohe koenigliche Frau, +die, in schwarze Trauerschleier gehuellt, ernst und schweigend, aber in +fester Fassung und ohne Thraenen vor einem mit Urkunden bedeckten +Marmortische stand: das war Amalaswintha, die verwitwete Tochter +Theoderichs. + +Eine Frau in der Mitte der Dreissiger war sie noch von ausserordentlicher, +wenn auch kalter Schoenheit. Sie trug das reiche dunkle Haar nach +griechischer Weise gescheitelt und gewellt. Die hohe Stirn, das grosse, +runde Auge, die geradlinige Nase, der Stolz ihrer fast maennlichen Zuege und +die Majestaet ihrer vollen Gestalt verliehen ihr gebietende Wuerde und in +dem ganz nach hellenischem Stil gefalteten Trauergewand glich sie in der +That einer von ihrem Postament heruntergeschrittenen Hera des Polyklet. + +An ihrem Arme hing, mehr gestuetzt als stuetzend, ein Knabe oder Juengling +von etwa siebzehn Jahren, Athalarich, ihr Sohn, des Gotenreiches Erbe. Er +glich nicht der Mutter, sondern hatte die Natur seines ungluecklichen +Vaters Eutharich, den eine zehrende Krankheit des Herzens in der Bluete +seiner Jahre in das Grab gezogen hatte. Mit Sorge sah deshalb Amalaswintha +ihren Sohn in allem ein Ebenbild des Vaters werden und es war kaum mehr +ein Geheimnis am Hofe von Ravenna, dass alle Spuren jener Krankheit sich +schon in dem Knaben zeigten. Athalarich war schoen wie alle Glieder dieses +von den Goettern stammenden Hauses. Starke schwarze Brauen, lange Wimpern +beschatteten ein edles, dunkles Auge, das aber bald wie in unbestimmten +Traeumen zerfloss, bald in geisterhaftem Glanz aufblitzte. Dunkelbraune +wirre Locken hingen in die bleichen Schlaefe, in denen bei lebhafter +Erregung die feinen blauen Adern krampfhaft zuckten. Der edeln Stirn hatte +leiblicher Schmerz oder schwere Entsagung tiefe Furchen eingezeichnet, +befremdlich auf diesem jugendlichen Antlitz. Rasch wechselten Marmorblaesse +und heisses Rot auf den durchsichtigen Wangen. Die hoch aufgeschossene, +aber geknickte Gestalt schien meistens wie muede in ihren Fugen zu hangen +und schoss nur manchmal mit erschreckender Raschheit in die Hoehe. Er sah +den eintretenden Cethegus nicht, denn er hatte, an der Mutter Brust +gelehnt, den griechischen Mantel klagend um das junge Haupt geschlagen, +das bald eine schwere Krone tragen sollte. - + +Fern von diesen beiden an dem offenen Bogen des Gemaches, der den Blick +auf die von den Gotenkriegern besetzten Marmorstufen gewaehrte, stand, in +traeumerisches Sinnen verloren, ein Weib - oder war es eine Jungfrau? - von +ueberraschender, blendender, ueberwaeltigender Schoenheit: das war +Mataswintha, Athalarichs Schwester. Sie glich der Mutter an Adel und Hoehe +der Gestalt, aber ihre schaerferen Zuege hatten ein feuriges +leidenschaftliches Leben, das sich nur wenig unter angenommener Kaelte +barg. Ihre Gestalt, ein reizvolles Ebenmass von bluehender Fuelle und feiner +Schlankheit, mahnte an jene bezwungene Artemis in den Armen des Endymion +in der Gruppe des Agesander, die, nach der Sage, der Rat von Rhodos hatte +aus der Stadt verbannen muessen, weil diese marmorne hoechste Einheit +schoenster Jungfraeulichkeit und schoenster Sinnlichkeit die Juenglinge des +Eilands zu Wahnsinn und Selbstmord getrieben hatte. Der Zauber hoechster +reifer Maedchenschoenheit zitterte ueber diesem Wesen. Ihr reichwallendes +Haar war dunkelrot mit einem schillernden Metallglanz und von so +ausserordentlicher Wirkung, dass er der Fuerstin, selbst bei diesem durch die +praechtigen Goldlocken seiner Weiber beruehmten Volk, den Namen "Schoenhaar" +verschafft hatte. Ihre Augenbrauen aber und die langen Wimpern waren +glaenzend schwarz und hoben die blendend weisse Stirn, die alabasternen +Wangen leuchtend hervor. Die fein gebogene Nase mit den zartgeschnittenen +manchmal leise zuckenden Fluegeln senkte sich auf einen ueppig schwellenden +Mund. Aber das Auffallendste an dieser auffallenden Schoenheit war das +graue Auge, nicht so fast durch die ziemlich unbestimmte Farbe, wie durch +den wunderbaren Ausdruck, mit dem es, meist in traeumerisches Sinnen +verloren, manchmal in versengender Leidenschaft aufleuchten konnte. In der +That, wie sie da an dem Fenster lehnte, in der halb hellenischen, halb +gotischen von ihrer Phantasie erfinderisch zusammengewaehlten Tracht, den +weissen, hochgewoelbten Arm um die dunkle Porphyrsaeule geschlungen und +hinaus traeumend in die Abendluft, glich ihre verfuehrerische Schoenheit +jenen unwiderstehlichen Waldfrauen oder Wellenmaedchen, deren +allverstrickende Liebesgewalt von jeher die germanische Sage gefeiert hat. +Und so gross war die Macht dieser Schoenheit, dass selbst die ausgebrannte +Brust des Cethegus, der die Fuerstin laengst kannte, bei seinem Eintritt von +neuem Staunen beruehrt wurde. - + +Doch wurde er sogleich in Anspruch genommen von dem letzten der im Gemach +Anwesenden, von Cassiodor, dem gelehrten und treuen Minister des Koenigs, +dem ersten Vertreter jener wohlwollenden, aber hoffnungslosen +Versoehnungspolitik, die seit einem Menschenalter im Gotenreich geuebt +wurde. Der alte Mann, dessen ehrwuerdige und milde Zuege der Schmerz um den +Verlust seines koeniglichen Freundes nicht weniger bewegte als die Sorge um +die Zukunft des Reiches, stand auf und ging mit schwankenden Schritten dem +Eintretenden entgegen, der sich ehrfurchtvoll verneigte. In Thraenen +schwimmend ruhte das Auge des Greises auf ihm, endlich sank er seufzend an +die kalte Brust des Cethegus, der ihn fuer diese Weichheit verachtete. + +"Welch ein Tag!" klagte er. - "Ein verhaengnisvoller Tag," sprach Cethegus +ernst; "er fordert Kraft und Fassung." - "Recht sprichst du, Patricius, +und wie ein Roemer," - sagte die Fuerstin, sich von Athalarich losmachend, - +"sei gegruesst." Sie reichte ihm die Hand, die nicht bebte, ihr Auge war +klar. "Die Schuelerin der Stoa bewaehrt an diesem Tage die Weisheit Zenos +und die eigne Kraft," sprach Cethegus. + +"Sagt lieber, die Gnade Gottes kraeftigt ihre Seele wunderbar," verbesserte +Cassiodor. - "Patricius," begann Amalaswintha, "der Praefectus Praetorio hat +dich mir vorgeschlagen zu einem wichtigen Geschaeft. Sein Wort wuerde +genuegen, auch wenn ich dich nicht laengst schon kennte. Du bist derselbe +Cethegus, der die ersten beiden Gesaenge der Aeneis in griechische Hexameter +uebertragen hat!" - "_Infandum renovare jubes, regina, dolorem._ Eine +Jugendsuende, Koenigin," laechelte Cethegus. "Ich habe alle Abschriften +aufgekauft und verbrannt an dem Tage, da die Uebersetzung Tullias +erschien." Tullia war das Pseudonym Amalaswinthas: Cethegus wusste das: +aber die Fuerstin hatte von dieser seiner Kenntnis keine Ahnung. Sie war in +ihrer schwaechsten Stelle geschmeichelt und fuhr fort: "Du weisst, wie es +hier steht. Die Atemzuege meines Vaters sind gezaehlt: nach dem Ausspruch +der Aerzte kann er, obwohl noch ruestig und stark, jeden Augenblick tot +zusammenbrechen. Athalarich hier ist der Erbe seiner Krone. Ich aber fuehre +an seiner Statt die Regentschaft und ueber ihn die Mundschaft bis er zu +seinen Tagen gekommen." - "So ist der Wille des Koenigs, und Goten und +Roemer haben dieser Weisheit laengst schon zugestimmt," sagte Cethegus. - +"So thaten sie. Aber die Menge ist wandelbar. Die rohen Maenner verachten +die Herrschaft eines Weibes" - und sie zog bei diesem Gedanken die Stirn +in zornige Falten. "Es widerstreitet immerhin dem Staatsrecht der Goten +wie der Roemer," beguetigte Cassiodor, "es ist ganz neu, dass ein Weib -" - +"Die undankbaren Rebellen!" murmelte Cethegus, gleichsam fuer sich. - "Wie +man darueber denken mag," fuhr die Fuerstin fort, "es ist so. Gleichwohl +baue ich auf die Treue der Barbaren im ganzen, moegen auch einzelne aus dem +Adel Gelueste nach der Krone tragen. Auch von den Italiern hier in Ravenna, +wie in den meisten Staedten, fuerchte ich nichts. Aber ich fuerchte - Rom und +die Roemer." Cethegus horchte hoch auf: sein ganzes Wesen war in +ploetzlicher Erregung: aber sein Antlitz blieb eisig kalt. + +"Rom wird sich niemals an die Herrschaft der Goten gewoehnen, es wird uns +ewig widerstreben - wie koennte es anders!" setzte sie seufzend hinzu. Es +war, als ob die Tochter Theoderichs eine roemische Seele haette. + +"Wir fuerchten deshalb," - ergaenzte Cassiodor, - "dass auf die Kunde von der +Erledigung des Throns zu Rom eine Bewegung gegen die Regentin ausbrechen +koennte, sei es fuer Anschluss an Byzanz, sei es fuer Erhebung eines eignen +Kaisers des Abendlandes." + +Cethegus schlug, wie nachsinnend, die Augen nieder. - + +"Darum," fiel die Fuerstin rasch ein, "muss, schon ehe jene Kunde zu Rom +eintrifft, alles geschehen sein. Ein entschlossener, mir treu ergebener +Mann muss die Besatzung fuer mich - ich meine fuer meinen Sohn - vereidigen, +die wichtigsten Thore und Plaetze besetzen, Senat und Adel einschuechtern, +das Volk fuer mich gewinnen und meine Herrschaft unerschuetterlich +aufrichten, ehe sie noch bedroht ist. Und fuer dies Geschaeft hat Cassiodor +- dich vorgeschlagen. Sprich, willst du es uebernehmen?" + +Bei diesen Worten war der goldne Griffel aus ihrer Hand zur Erde gefallen. +Cethegus bueckte sich, ihn aufzuheben. Er hatte nur diesen einen Augenblick +fuer die hundert Gedanken, die bei diesem Antrag sich in seinem Kopfe +kreuzten. + +War die Verschwoerung in den Katakomben, war vielleicht er selbst verraten? +Lag hier eine Schlinge des schlauen und herrschsuechtigen Weibes? Oder +waren die Thoren wirklich so blind, gerade ihm dies Amt aufzudringen? Und +wenn dem so war, was sollte er thun? Sollte er den Moment benutzen, +sogleich loszuschlagen, Rom zu gewinnen? Und fuer wen? fuer Byzanz? oder fuer +einen Kaiser im Abendlande? Und wer sollte das werden? Oder waren die +Dinge noch nicht reif? Sollte er fuer diesmal - aus Treulosigkeit - Treue +ueben? Fuer all' diese und manche andere Zweifel und Fragen hatte er, sie zu +stellen und zu loesen, nur den einen Moment, da er sich bueckte: sein +rascher Geist brauchte nicht mehr: er hatte im Buecken das arglos +vertrauende Gesicht Cassiodors gesehen und entschlossen sprach er, den +Griffel ueberreichend: "Koenigin, ich uebernehme das Geschaeft." - "Das ist +gut," sagte die Fuerstin. Cassiodor drueckte seine Hand. - "Wenn Cassiodor," +fuhr Cethegus fort, "mich zu diesem Amte vorgeschlagen, so hat er wieder +einmal seine tiefe Menschenkenntnis bewaehrt. Er hat durch meine Schale auf +meinen Kern gesehen." - "Wie meinst du das?" fragte Amalaswintha. - +"Koenigin, der Schein konnte ihn truegen. Ich gestehe, dass ich die Barbaren +- verzeihe! - die Goten nicht gern in Italien herrschen sehe." - "Dieser +Freimut ehrt dich und ich verzeih' es dem Roemer." - "Dazu kommt, dass ich +seit Jahrzehnten dem Staat, dem oeffentlichen Leben keine Teilnahme mehr +zuwandte. Nach vielen Leidenschaften leb' ich - ohne alle Leidenschaft - +nur einer spielenden Muse und leichten Gelehrsamkeit, unbekuemmert um die +Sorgen der Koenige, auf meinen Villen." - "_Beatus ille qui procul +negotiis_", citierte seufzend die gelehrte Frau. - "Aber eben weil ich die +Wissenschaft verehre, weil ich, ein Schueler Platons, will, dass die Weisen +herrschen sollen, deshalb wuensche ich, dass eine Koenigin mein Vaterland +regiere, die nur der Geburt nach Gotin, der Seele nach Griechin, der +Tugend nach Roemerin ist. + +Ihr zu Liebe will ich meine Musse den verhassten Geschaeften opfern. Aber nur +unter der Bedingung, dass dies mein letztes Staatsamt sei. Ich uebernehme +deinen Auftrag und stehe dir fuer Rom mit meinem Kopf." + +"Gut, hier findest du die Vollmachten, die Dokumente, deren du bedarfst." + +Cethegus durchflog die Urkunden. "Dies ist das Manifest des jungen Koenigs +an die Roemer, mit deiner Unterschrift. Seine Unterschrift fehlt noch." +Amalaswintha tauchte die gnidische Rohrfeder in das Gefaess mit Purpurtinte, +deren sich die Amaler, wie die roemischen Imperatoren bedienten: "Komm, +schreibe deinen Namen, mein Sohn." Athalarich hatte waehrend der ganzen +Verhandlung stehend und mit beiden Armen vorgebeugt auf den Tisch +gestuetzt, Cethegus scharf beobachtet. Jetzt richtete er sich auf: er war +gewohnt, in seinen Formen die Rechte eines Kronfolgers und eines Kranken +zu gebrauchen: "Nein," sagte er heftig, "ich schreibe nicht. Nicht bloss, +weil ich diesem kalten Roemer nicht traue, - nein, ich traue dir gar nicht, +du stolzer Mann! - es ist empoerend, dass ihr, waehrend mein hoher Grossvater +noch atmet, schon an seiner Krone herumtappt, ihr Zwerge nach der Krone +des Riesen. Schaemt euch eurer Fuehllosigkeit. Hinter jenen Vorhaengen stirbt +der groesste Held des Jahrhunderts - und ihr denkt nur an die Teilung seiner +Koenigsgewaender." + +Er wandte ihnen den Ruecken und schritt langsam nach dem Fenster zu, wo er +den Arm um seine schoene Schwester schlang und ihr schimmervolles +glaenzendes Haar streichelte. + +Lange stand er so, sie achtete seiner nicht. Ploetzlich fuhr sie auf aus +ihrem Sinnen: "Athalarich," fluesterte sie, hastig seinen Arm fassend und +hinausdeutend auf die Marmorstufen, "wer ist der Mann dort? im blauen +Stahlhelm, der eben um die Saeule biegt? Sprich, wer ist es?" "Lass sehn," +sagte der Juengling sich vorbeugend, "der dort? ei, das ist Graf Witichis, +der Besieger der Gepiden, ein wackrer Held." Und er erzaehlte ihr von den +Thaten und Erfolgen des Grafen im letzten Kriege. + +Indessen hatte Cethegus die Fuerstin und den Minister fragend angesehen. +"Lass ihn!" seufzte Amalaswintha. "Wenn er nicht will, zwingt ihn keine +Macht der Erde." Weiteres Fragen des Cethegus ward abgeschnitten, indem +sich der dreifache Vorhang aufthat, der das Schlafgemach des Koenigs von +allem Geraeusch des Vorzimmers schied. Es war Elpidios, der griechische +Arzt, der, die schweren Falten aufhebend, berichtete, der Kranke, eben aus +langem Schlummer erwacht, habe ihn fortgeschickt, um mit dem alten +Hildebrand allein zu sein: dieser wich nie von seiner Seite. + + + + + Sechstes Kapitel. + + +Das Schlafgemach Theoderichs, schon von den Kaisern zu gleichem Zweck +benutzt, zeigte die duestre Pracht des spaeten roemischen Stils. Die +ueberladenen Reliefs an den Waenden, die Goldornamentik der Decke schilderte +noch Siege und Triumphzuege der roemischen Konsuln und Imperatoren: +heidnische Goetter und Goettinnen schwebten stolz darueber hin: ueberall in +der Architektur und Dekoration waltete drueckender Prunk. + +Dazu bildete einen merkwuerdigen Gegensatz das Lager des Gotenkoenigs in +seiner schlichten Einfachheit. Kaum einen Fuss vom Marmorboden erhob sich +das ovale Gestell von rohem Eichenholz, das wenige Decken fuellten. Nur der +koestliche Purpurteppich, der die Fuesse verhuellte, und das Loewenfell mit +goldnen Tatzen, ein Geschenk des Vandalenkoenigs aus Afrika, das vor dem +Bette lag, bekundete die Koenigshoheit des Kranken. Alles Geraet, das sonst +das Gemach erfuellt, war prunklos, schlicht, fast barbarisch schwer. + +An einer Saeule im Hintergrund hing der eherne Schild und das breite +Schwert des Koenigs, seit vielen Jahren nicht mehr gebraucht. Am Kopfende +des Lagers stand, gebeugten Hauptes, der alte Waffenmeister, die Zuege des +Kranken sorglich pruefend: dieser, auf den linken Arm gestuetzt, kehrte ihm +das gewaltige, das majestaetische Antlitz zu. Sein Haar war spaerlich und an +den Schlaefen abgerieben durch den langjaehrigen Druck des schweren Helmes, +aber noch glaenzend hellbraun, ohne irgend graue oder weisse Spuren. Die +maechtige Stirn, die blitzenden Augen, die stark gebogene Nase, die tiefen +Furchen der Wangen sprachen von grossen Aufgaben und von grosser Kraft, sie +zu loesen und machten den Eindruck des Gesichts koeniglich und hehr: aber +die wohlwollende Weichheit des Mundes bekundete, trotz dem grimmen und +leise ergrauenden Bart, jene Milde und friedliche Weisheit, mit welcher +der Koenig ein Menschenalter lang fuer Italien eine goldne Zeit +zurueckgefuehrt und sein Reich zu einer Bluete erhoben hatte, die damals +schon Sprichwort und Sage feierten. + +Lang liess er mit Huld und Liebe das goldbraune Adlerauge auf dem riesigen +Krankenwart ruhen. Dann reichte er ihm die magre, aber nervige Rechte. +"Alter Freund," sagte er, "nun wollen wir Abschied nehmen." + +Der Greis sank in die Knie und drueckte die Hand des Koenigs an die breite +Brust. "Komm, Alter, steh' auf: muss _ich dich_ troesten?" + +Aber Hildebrand blieb auf den Knieen und erhob nur das Haupt, dass er dem +Koenig ins Auge sehen konnte. "Sieh," sprach dieser, "ich weiss, dass du, +Hildungs Sohn, von deinen Ahnen, von deinem Vater her tiefere Geheimkunde +hast von der Menschen Siechtum und Heilung, als alle diese griechischen +Aerzte und lydischen Salbenkraemer. Und vor allem: du hast mehr +Wahrhaftigkeit. Darum frage ich dich, du sollst mir redlich bestaetigen, +was ich selbst fuehle: sprich, ich muss sterben? heute noch? noch vor +Nacht?" + +Und er sah ihn an mit einem Auge, das nicht zu taeuschen war. Aber der Alte +wollte gar nicht taeuschen, er hatte jetzt seine zaehe Kraft wieder. "Ja, +Gotenkoenig, Amalungen Erbe, du musst sterben," sagte er: "die Hand des +Todes hat ueber dein Antlitz gestrichen. Du wirst die Sonne nicht mehr +sinken sehen." + +"Es ist gut," sagte Theoderich, ohne mit der Wimper zu zucken. "Siehst du, +der Grieche, den ich fortgeschickt, hat mir noch von ganzen Tag +vorgelogen. Und ich brauche doch meine Zeit." + +"Willst du wieder die Priester rufen lassen?" fragte Hildebrand, nicht mit +Liebe. - "Nein, ich konnte sie nicht brauchen. Und ich brauche sie nicht +mehr." - "Der Schlaf hat dich sehr gestaerkt und den Schleier von deiner +Seele genommen, der sie so lang verdunkelt. Heil dir, Theoderich, +Theodemers Sohn, du wirst sterben wie ein Heldenkoenig." + +"Ich weiss," laechelte dieser, "die Priester waren dir nicht genehm an +diesem Lager. Du hast Recht. Sie konnten mir nicht helfen." - "Nun aber, +wer hat dir geholfen?" + +"Gott und ich selbst. Hoere. Und diese Worte sollen unser Abschied sein! +Mein Dank fuer deine Treue von fuenfzig Jahren sei es, dass ich dir allein, +nicht meiner Tochter, nicht Cassiodor, es vertraue, was mich gequaelt hat. +Sprich: was sagt man im Volk, was glaubst du, dass jene Schwermut war, die +mich ploetzlich befallen und in dieses Siechtum gestuerzt hat?" - "Die +Welschen sagen: Reue ueber den Tod des Boethius und Symmachus." - "Hast du +das geglaubt?" - "Nein, ich mochte nicht glauben, dass dich das Blut der +Verraeter bekuemmern kann." - "Du hast wohlgethan. Sie waren vielleicht +nicht des Todes schuldig: nach dem Gesetz, nach ihren Thaten. Und Boethius +habe ich sehr geliebt. Aber sie waren tausendfach Verraeter! Verraeter in +ihren Gedanken, Verraeter an meinem Vertrauen, an meinem Herzen. Ich habe +sie, die Roemer, hoeher gehalten als die Besten meines Volkes. Und sie +haben, zum Dank, meine Krone dem Kaiser gewuenscht, dem Byzantiner +Schmeichelbriefe geschrieben: sie haben einen Justin und einen Justinian +der Freundschaft des Theoderich vorgezogen -: mich reut der Undankbaren +nicht. Ich verachte sie. Rate weiter! Du, was hast du geglaubt?" - "Koenig: +dein Erbe ist ein Kind und du hast ringsum Feinde." Der Kranke zog die +kuehnen Brauen zusammen: "Du triffst naeher ans Ziel. Ich habe stets gewusst, +was meines Reiches Schwaeche. In bangen Naechten hab' ich geseufzt um seine +innere Krankheit, wann ich am Abend beim Gastgelag den fremden Gesandten +den Stolz hoechster Zuversicht gezeigt hatte. Alter, du hast, ich weiss, +mich fuer allzu sicher gehalten. Aber mich durfte niemand beben sehen. +Nicht Freund noch Feind. Sonst bebte mein Thron. Ich habe geseufzt, wann +ich einsam war und meine Sorge allein getragen." - "Du bist die Weisheit, +mein Koenig, und ich war ein Thor!" rief der Alte. "Sieh," fuhr der Koenig +fort, - mit der Hand ueber die des Alten streichend -, "ich weiss alles, was +dir nicht recht an mir gewesen. Auch deinen blinden Hass gegen diese +Welschen kenne ich. Glaube mir, er ist blind. Wie vielleicht meine Liebe +zu ihnen war." Hier seufzte er und hielt inne. "Was quaelst du dich." - +"Nein, lass mich vollenden. Ich weiss es, mein Reich, das Werk meines +ruhmvollen, muehevollen Lebens kann fallen, leicht fallen. Und vielleicht +durch Schuld meiner Grossmut gegen diese Roemer. Sei es darum! Kein +Menschenbau ist ewig und die Schuld zu edler Guete - ich will sie tragen." + +"Mein grosser Koenig!" - "Aber, Hildebrand, in einer Nacht, da ich so +wachte, sorgte und seufzte ueber den Gefahren meines Reiches, - da stieg +mir vor der Seele auf das Bild einer andern Schuld! Nicht der Guete, nein, +der Ruhmsucht, der blutigen Gewalt. Und wehe, wehe mir, wenn das Volk der +Goten sollte untergehn zur Strafe fuer Theoderichs Frevel! - _Sein_, _sein_ +Bild tauchte mir empor!" + +Der Kranke sprach nun mit Anstrengung und zuckte einen Augenblick. "Wessen +Bild? Wen meinst du?" fragte der Alte leise, sich vorbeugend. "Odovakar!" +fluesterte der Koenig. Hildebrand senkte das Haupt. Ein banges Schweigen +unterbrach endlich Theoderich: "Ja, Alter, diese Rechte, - du weisst es, - +hat den gewaltigen Helden durchstossen, beim Mahl, meinen Gast. Heiss +spritzte sein Blut mir ins Gesicht und ein Hass ohne Ende spruehte auf mich +aus seinem brechenden Auge. Vor wenigen Monden, in jener Nacht, stieg sein +blutiges, bleiches, zuernendes Bild wie eines Rachegottes vor mir auf. +Fiebernd zuckte mein Herz zusammen. Und furchtbar sprach's in mir: um +dieser Blutthat willen wird dein Reich zerfallen und dein Volk vergehn." + +Nach einer neuen Pause begann diesmal Hildebrand, trotzig aufblickend: +"Koenig, was quaelst du dich wie ein Weib? Hast du nicht Hunderte erschlagen +mit eigner Hand und dein Volk Tausende auf dein Gebot? Sind wir nicht von +den Bergen in dies Land herabgestiegen in mehr als dreissig Schlachten, im +Blute watend knoecheltief? Was ist dagegen das Blut des einen Mannes! Und +denk': wie es stand. Vier Jahre hatte er dir widerstanden wie der +Auerstier dem Baeren. Zweimal hatte er dich und dein Volk hart an den Rand +des Verderbens gedraengt. Hunger, Schwert und Seuche rafften deine Goten +dahin. Endlich, endlich fiel das trotzige Ravenna; ausgehungert, durch +Vertrag. Bezwungen lag der Todfeind dir zu Fuessen. Da koemmt dir Warnung, er +sinnt Verrat, er will noch einmal den graesslichen Kampf aufnehmen, er will +zur Nacht desselben Tages dich und die Deinen ueberfallen. Was solltest du +thun? Ihn offen zu Rede stellen? War er schuldig, so konnte das nicht +retten. Kuehn kamst du ihm zuvor und thatest ihm Abends, was er dir Nachts +gethan haette. Und wie hast du deinen Sieg benuetzt! Die Eine That hat all' +dein Volk gerettet, hat einen neuen Kampf der Verzweiflung erspart. Du +hast all' die Seinen begnadigt, hast Goten und Welsche dreissig Jahre leben +lassen wie im Himmelreich. Und nun willst du um jene That dich quaelen? +Zwei Voelker danken sie dir in Ewigkeit. Ich - ich haett' ihn siebenmal +erschlagen." + +Der Alte hielt inne, sein Auge blitzte, er sah wie ein zorniger Riese. +Aber der Koenig schuettelte das Haupt. + +"Das ist nichts, alter Recke, alles nichts! Hundertmal hab ich mir +dasselbe gesagt, und verlockender, feiner als deine Wildheit es vermag. +Das hilft all' nichts. Er war ein Held, - der einzige meinesgleichen! - +Und ich hab ihn ermordet, ohne Beweis seiner Schuld. Aus Argwohn, aus +Eifersucht, ja - es muss gesagt sein, aus Furcht, - aus Furcht, noch einmal +mit ihm ringen zu sollen. Das war und ist und bleibt ein Frevel. - Und ich +fand keine Ruhe hinter Ausreden. Duestre Schwermut fiel auf mich. Seine +Gestalt verfolgte mich seit jener Nacht unaufhoerlich. Beim Schmaus und im +Rat, auf der Jagd, in der Kirche, im Wachen und im Schlafen. Da schickte +mir Cassiodor die Bischoefe, die Priester. Sie konnten mir nicht helfen. +Sie hoerten meine Beichte, sahen meine Reue, meinen Glauben, und vergaben +mir alle Suenden. Aber Friede kam nicht ueber mich und ob _sie_ mir +verziehen, - _ich_ konnte mir nicht verzeihen. Ich weiss nicht, ist es der +alte Sinn meiner heidnischen Ahnen: - aber ich kann mich nicht hinter dem +Kreuz verstecken vor dem Schatten des Ermordeten. Ich kann mich nicht +geloest glauben von meiner blutigen That durch das Blut eines unschuldigen +Gottes, der am Kreuze gestorben." - - + +Freude leuchtete ueber das Antlitz Hildebrands: "Du weisst," raunte er ihm +zu, "ich habe niemals diesen Kreuzpriestern glauben koennen. Sprich, o +sprich, glaubst auch du noch an Thor und Odhin? Haben sie dir geholfen?" + +Der Koenig schuettelte laechelnd das Haupt: "Nein, du alter, +unverbesserlicher Heide. Dein Walhall ist nichts fuer mich. Hoere, wie mir +geholfen ward. Ich schickte gestern die Bischoefe fort und kehrte tief in +mich selber ein. Und dachte und flehte und rang zu Gott. Und ich ward +ruhiger. Und sieh, in der Nacht kam ueber mich tiefer Schlummer, wie ich +ihn seit langen Monden nicht mehr gekannt. Und als ich erwachte, da +schauerte kein Fieber der Qual mehr in meinen Gliedern. Ruhig war ich und +klar. Und dachte dieses: "Ich habe es gethan und keine Gnade, kein Wunder +Gottes macht es ungeschehen. Wohlan, er strafe mich. Und wenn er der +zornige Gott des Moses, so raeche er sich und strafe mit mir mein ganzes +Haus bis ins siebente Glied. Ich weihe mich und mein Geschlecht der Rache +des Herrn. Er mag _uns_ verderben: er ist gerecht. Aber weil er gerecht +ist, _kann_ er nicht strafen dieses edle Volk der Goten um fremde Schuld. +Er _kann_ es nicht verderben um des Frevels seines Koenigs willen. Nein, +das wird er nicht. Und muss dies Volk einst untergehen, - ich fuehl' es +klar, dann ist es nicht um meine That. Fuer diese weih' ich mich und mein +Haus der Rache des Herrn. Und so kam Friede ueber mich und mutig mag ich +sterben." + +Er schwieg. Hildebrand aber neigte das Haupt und kuesste die Rechte, welche +Odovakar erschlagen hatte. - + +"Das war mein Abschied an dich. Und mein Vermaechtnis, mein Dank fuer ein +ganzes Leben der Treue. - Jetzt lass uns den Rest der Zeit noch diesem Volk +der Goten zuwenden. Komm, hilf mir aufstehen, ich kann nicht in den Kissen +sterben. Dort hangen meine Waffen. Gieb sie mir! - Keine Widerrede -! Ich +will. Und ich kann." + +Hildebrand musste gehorchen: ruestig erhob sich mit seiner Hilfe der Kranke +von dem Lager, schlug einen weiten Purpurmantel um die Schultern, guertete +sich mit dem Schwert, setzte den niedern Helm mit der Zackenkrone auf das +Haupt und stuetzte sich auf den Schaft der schweren Lanze, den Ruecken gegen +die breite dorische Mittelsaeule des Gemaches gelehnt. + +"So, jetzt rufe meine Tochter. Und Cassiodor. Und wer sonst da draussen." + + + + + Siebentes Kapitel. + + +So stand er ruhig, waehrend der Alte die Vorhaenge an der Thuer zu beiden +Seiten zurueckschlug, so dass Schlafzimmer und Vorhalle nunmehr Einen +ungeschiedenen Raum bildeten. Alle draussen Versammelten - es hatten sich +inzwischen noch mehrere Roemer und Goten eingefunden - naeherten sich mit +Staunen und ehrfuerchtigem Schweigen dem Koenig. + +"Meine Tochter," sprach dieser, "sind die Briefe aufgesetzt, die meinen +Tod und meines Enkels Thronfolge nach Byzanz berichten sollen?" + +"Hier sind sie," sprach Amalaswintha. + +Der Koenig durchflog die Papyrusrollen. + +"An Kaiser Justinus. Ein zweiter: an seinen Neffen Justinianus. Freilich, +der wird bald das Diadem tragen und ist schon jetzt der Herr seines Herrn! +Cassiodor hat sie verfasst - ich sehe es an den schoenen Gleichnissen. Aber +halt" - und die hohe klare Stirn verduesterte sich - "eurem kaiserlichen +Schutze meine Jugend empfehlend." Schutze? Das ist des Guten zu viel. +Wehe, wenn ihr auf Schutz von Byzanz gewiesen seid. _Freundschaft_ mich +empfehlend ist genug von dem Enkel Theoderichs." Und er gab die Briefe +zurueck. "Und hier ein drittes Schreiben nach Byzanz? An wen? An Theodora, +die edle Gattin Justinians? Wie! an die Taenzerin vom Cirkus? Des +Loewenwaerters schamlose Tochter?" Und sein Auge funkelte. "Sie ist von +groesstem Einfluss auf ihren Gemahl," wandte Cassiodor ein. - "Nein, meine +Tochter schreibt an keine Dirne, die aller Weiber Ehre besudelt hat." Und +er zerriss die Papyrusrolle und schritt ueber die Stuecke zu den Goten im +Mittelgrund der Halle. "Witichis, tapferer Mann, was wird dein Amt sein +nach meinem Tod?" + +"Ich werde unser Fussvolk mustern zu Tridentum." + +"Kein Bessrer koennte das. Du hast noch immer nicht den Wunsch gethan, den +ich dir damals freigestellt nach der Gepidenschlacht. Hast du noch immer +nichts zu wuenschen?" + +"Doch, mein Koenig." + +"Endlich! Das freut mich, - sprich." - "Heute soll ein armer Kerkerwart, +weil er sich weigerte, einen Angeklagten zu foltern und nach dem Liktor +schlug, selbst gefoltert werden. Herr Koenig, gieb den Mann frei: das +Foltern ist schaendlich und -" + +"Der Kerkerwart ist frei und von Stund an wird die Folter nicht mehr +gebraucht im Reich der Goten. Sorg dafuer, Cassiodorus. Wackrer Witichis, +gieb mir die Hand. Auf dass alle wissen, wie ich dich ehre, schenk ich dir +Wallada, mein lichtbraun Edelross, zu Gedaechtnis dieser Scheidestunde. Und +kommst du je auf seinen Ruecken in Gefahr, oder" - hier sprach er ganz +leise zu ihm - "will es versagen, fluestre dem Ross meinen Namen ins Ohr. - +Wer wird Neapolis hueten? Der Herzog Thulun war zu rauh. - Das froehliche +Volk dort muss durch froehliche Mienen gewonnen werden." + +"Der junge Totila wird dort die Hafenwache uebernehmen," sprach Cassiodor. + +"Totila! Ein sonniger Knabe! Ein Siegfried, ein Goetterliebling! Ihm koennen +die Herzen nicht widerstehen. Aber freilich! Die Herzen dieser Welschen!" +Er seufzte und fuhr fort: Wer versichert uns Roms und des Senats?" +"Cethegus Caesarius," sagte Cassiodor mit einer Handbewegung, "dieser edle +Roemer." - "Cethegus? Ich kenne ihn wohl. Sieh mich an, Cethegus." Ungern +erhob der Angeredete die Augen, die er vor dem grossen Blick des Koenigs +rasch niedergeschlagen. Doch hielt er jetzt das Adlerauge, das seine Seele +durchdrang, ruhig aus, mit dem Aufgebot aller Kraft. "Es war krank, +Cethegus, dass ein Mann von deiner Art sich solang vom Staat fern gehalten. +Und von uns. Oder es war gefaehrlich. Vielleicht ist es noch gefaehrlicher, +dass du dich - jetzt - dem Staat zuwendest." - "Nicht mein Wunsch, o +Koenig." + +"Ich buerge fuer ihn," rief Cassiodor. - "Still, Freund! Auf Erden mag +keiner fuer den andern buergen! - Kaum fuer sich selbst! - Aber," fuhr er +forschenden Blickes fort, "an die Griechlein wird dieser stolze Kopf - +dieser Caesarkopf - Italien nicht verraten." + +Noch einen scharfen Blick aus den goldnen Adleraugen musste Cethegus +tragen. Dann ergriff der Koenig ploetzlich den Arm des nur mit Muehe noch +fest in sich geschlossenen Mannes und fluesterte ihm zu: "Hoere, was ich dir +warnend weissage. Es wird kein Roemer mehr gedeihen auf dem Thron des +Abendlands. Still, kein Widerwort. Ich habe dich gewarnt. - - Was laermt da +draussen?" fragte er, rasch sich wendend, seine Tochter, die einem +meldenden Roemer leisen Bescheid erteilte. "Nichts, mein Koenig, nichts von +Bedeutung, mein Vater!" - "Wie? Geheimnisse vor mir? Bei meiner Krone! +Wollt ihr schon herrschen, so lang ich noch atme? Ich vernahm den Laut +fremder Zungen da draussen. Auf die Thueren!" Die Pforte, welche die aeussere +Halle mit dem Vorzimmer verband, oeffnete sich. + +Da zeigten sich unter zahlreichen Goten und Roemern kleine fremd aussehende +Gestalten, in seltsamer Tracht, mit Waemsern aus Wolfsfell, mit spitz +zulaufenden Muetzen und langen zottigen Schafspelzen, die ueber ihren Ruecken +hingen. Ueberrascht und bewaeltigt von dem ploetzlichen Anblick des Koenigs, +der hochaufgerichtet auf sie zuschritt, sanken die Fremden wie vom Blitz +getroffen auf die Kniee. + +"Ah, Gesandte der Avaren. Das raeuberische Grenzgesindel an unsern +Ostmarken! Habt ihr den schuldigen Jahrestribut?" - "Herr, wir bringen ihn +noch fuer diesmal - Pelzwerk, - wollne Teppiche, - Schwerter, - Schilde. - +Da hangen sie, - dort liegen sie. Aber wir hoffen, dass fuer naechstes Jahr - +wir wollten sehn" - "Ihr wolltet sehen, ob der greise Dieterich von Bern +nicht altersschwach geworden? Ihr hofftet, ich sei tot? Und meinem +Nachfolger koenntet ihr die Schatzung weigern? Ihr irrt, Spaeher!" Und er +ergriff wie pruefend eines der Schwerter, welche die Gesandten vor ihm +ausgebreitet, samt der Scheide, nahm es mit zwei Haenden fest an Griff und +Spitze: - ein Druck und in zwei Stuecken warf er ihnen das Eisen vor die +Fuesse. "Schlechte Schwerter fuehren die Avaren," sagte er ruhig. "Und nun +komm, Athalarich, meines Reiches Erbe. Sie wollen dir nicht glauben, dass +du meine Krone tragen kannst: zeig ihnen, wie du meinen Speer fuehrest." + +Der Juengling flog herbei. Die Gluthitze des Ehrgeizes zuckte ueber sein +bleiches Antlitz. Er ergriff den schweren Speer seines Grossvaters und +schleuderte ihn mit solcher Kraft auf einen der Schilde, welche die +Gesandten an die Holzpfeiler der Halle gelehnt, dass er ihn sausend +durchbohrte und die Spitze noch tief in das Holzwerk drang. Stolz legte +der Koenig die Linke auf das Haupt seines Enkels und rief den Gesandten zu: +"Jetzt geht, daheim zu melden was ihr hier gesehen." + +Er wandte sich, die Pforten fielen zu und schlossen die staunenden Avaren +aus. "Gebt mir einen Becher Wein. - Leicht den letzten! Nein, +ungemischten! Nach Germanen Art!" - und er wies den griechischen Arzt +zurueck - "Dank, alter Hildebrand, fuer diesen Trunk, so treu gereicht. Ich +trinke der Goten Heil." Er leerte langsam den Pokal. Und er setzte ihn +noch fest auf den Marmortisch. + +Aber da kam es ueber ihn, ploetzlich, blitzaehnlich, was die Aerzte lang +erwartet: er wankte, griff an die Brust und stuerzte ruecklings in die Arme +Hildebrands, der langsam niederknieend ihn auf den Marmorestrich gleiten +liess, und das Haupt mit dem Kronhelm auf den Armen hielt. + +Einen Augenblick hielten alle lauschend den Atem an: aber der Koenig regte +sich nicht und laut aufschreiend warf sich Athalarich ueber die Leiche. + + + + + + Zweites Buch. + + + ATHALARICH. + + + "Wo waer' die sel'ge Insel wohl zu finden?" + Schiller, Wilhelm Tell. + III. Aufzug. 2. Scene. + + + + + Erstes Kapitel. + + +Nicht ohne Grund fuerchtete und hoffte Freund und Feind in diesem +Augenblick schwere Gefahren fuer das junge Gotenreich. Noch waren es nicht +vierzig Jahre, dass Theoderich im Auftrag des Kaisers von Byzanz mit seinem +Volk den Isonzo ueberschritten und dem tapfern Abenteurer Odovakar, den ein +Aufstand der germanischen Soeldner auf den Thron des Abendlands erhoben, +Krone und Leben entrissen hatte. Alle Weisheit und Groesse des Koenigs hatte +nicht die Unsicherheit beseitigen koennen, die in der Natur seiner mehr +kuehnen als besonnenen Schoepfung lag. Trotz der Milde seiner Regierung +fuehlten die Italier - und wir wollen uns hueten, solche Gesinnung zu +verdammen - aufs tiefste die Schmach der Fremdherrschaft. Und diese +Fremden waren als Barbaren und Ketzer doppelt verhasst. Nach der Auffassung +jener Zeit galten das westroemische und das ostroemische Reich als eine +unteilbare Einheit und, nachdem die Kaiserwuerde im Occident erloschen, +erschien der ostroemische Kaiser als der einzige rechtmaessige Herr des +Abendlands. Nach Byzanz also waren die Augen aller roemischen Patrioten, +aller rechtglaeubigen Katholiken von Italien gerichtet: von Byzanz +erhofften sie Befreiung aus dem Joche der Ketzer, der Barbaren, Tyrannen. +Und Byzanz hatte Macht und Neigung, diese Hoffnung zu erfuellen. Waren auch +die Unterthanen des Imperators nicht mehr die Roemer Caesars oder Trajans: - +noch gebot das Ostreich ueber eine sehr ansehnliche, den Goten durch alle +Mittel der Bildung und eines lang bestehenden Staatswesens unendlich +ueberlegene Macht. + +An der Lust aber, diese Ueberlegenheit zur Vernichtung des Barbarenreiches +zu gebrauchen, konnte es nicht fehlen, da das Verhaeltnis beider Staaten +von vornherein auf Ueberlistung, Misstrauen und geheimen Hass gegruendet war. +Vor ihrem Abzug nach Italien hatte die Goten, in den Donaulaendern +angesiedelt, an Byzanz ein fuer beide Teile unerfreuliches Bundesverhaeltnis +geknuepft, das in Folge des Ehrgeizes ihrer Koenige, mehr noch der +Treulosigkeit der Kaiser, fast alle paar Jahre in offnen Krieg zwischen +den ungleichartigen Verbuendeten umschlug: wiederholt hatte Theoderich, +obwohl in Zeiten der Aussoehnung mit den hoechsten Ehren des Reiches, mit +den Titeln Konsul, Patricius, Adoptivsohn des Kaisers ausgezeichnet, seine +Waffen bis vor die Thore der Kaiserstadt getragen. + +Um diesen steten Reibungen ein Ende zu machen, hatte Kaiser Zeno, ein +feiner Diplomat, das echt byzantinische Auskunftsmittel getroffen, den +laestigen Gotenkoenig mit seinem Volk dadurch aus der gefaehrlichen +Nachbarschaft zu entfernen, dass er ihm als ein Danaergeschenk Italien +uebertrug, das erst dem eisernen Arm des Helden Odovakar entrissen werden +musste. + +In der That, wie immer der Kampf zwischen den beiden deutschen Fuersten +enden mochte: Byzanz musste immer gewinnen. Siegte Odovakar, so waren die +Goten und ihr furchtbarer Koenig, denen man schoene Provinzen und schwere +Jahrgelder hatte ueberlassen muessen, fuer immer beseitigt. Siegte +Theoderich, nun, so war ein Anmasser, den man zu Byzanz niemals anerkannt +hatte, gestuerzt und gestraft: und da Theoderich im Namen und Auftrag des +Kaisers siegen und als Statthalter herrschen sollte, durch eine ruhmvolle +Eroberung das Abendland wieder mit dem Ostreich vereinigt. + +Aber der Ausgang des feinen Planes war doch nicht der erwuenschte. Denn als +Theoderich gesiegt und sein Reich in Italien gegruendet hatte, entfaltete +sich alsbald die ganze Grossartigkeit seines Geistes und erwarb ihm eine +Stellung, in der, bei aller Hoeflichkeit in den Formen, doch jede +Abhaengigkeit von Byzanz voellig verschwand. + +Nur wo es ihm diente, so, um die Abneigung der Italier zu schwaechen, +berief er sich formell auf jenen Auftrag des Kaisers: in Wahrheit aber +herrschte er auch ueber die Italier wie ueber seine Goten nicht als +Statthalter und im Namen des Byzantiners, sondern kraft eignen Rechts, +kraft seines Sieges, als "Koenig der Goten und Italier". Dies fuehrte +natuerlich zu Misshelligkeiten mit dem Kaiser, die wiederholt in offnen +Krieg zwischen den beiden Reichen aufloderten. Es war also kein Zweifel, +dass man zu Byzanz sehr bereit war, dem Seufzen Italiens nach Abwerfung des +Barbarenjoches ein Ende zu bringen, so wie man sich stark genug fuehlte. +Und die Goten hatten keine Bundesgenossen gegen diese innern und aeussern +Feinde. Denn Theoderichs Ruhm und Ansehen und seine Politik der +Verschwaegerung mit allen Germanenfuersten hatten ihm doch nur eine Art +moralischen Protektorats, keine sichre Verstaerkung seiner Macht +verschaffen koennen. + +Es fehlte dem Gotenreich, das eine geniale Persoenlichkeit allzuverwegen +und vertrausam mitten in das Herz der roemischen Bildungswelt gepflanzt +hatte, der unmittelbare Zusammenhang mit noch nicht romanisierten +Volkskraeften, es fehlte der Nachschub an frischen germanischen Elementen, +der das gleichzeitig entstehende Reich der Franken immer wieder verjuengt +und wenigstens dessen nordoestliche Teile vor der mit der Romanisierung +verbundenen Faeulnis bewahrt hatte, waehrend die kleine gotische Insel, auf +allen Seiten von den feindlichen Wellen des roemischen Lebens umspuelt und +benagt, diesen gegenueber von Jahr zu Jahr zusammenschmolz. + +So lange Theoderich, der gewaltige Schoepfer dieses gewagten Werkes lebte, +blendete der Glanz seines Namens ueber die Gefahren und Bloessen seiner +Schoepfung. + +Aber mit Recht zitterte man vor dem Augenblick, da das Steuer dieses +gefaehrdeten Schiffes in die Hand eines Weibes oder eines kranken Juenglings +uebergehen sollte: Aufstaende der Italier, Einmischung des Kaisers, Abfall +der unterworfnen, Angriffe der feindlichen Barbarenstaemme waren zu +besorgen. Wenn der gefaehrliche Augenblick gleichwohl ruhig vorueberging, so +war dies vor allem der unermuedlich eifrigen und vorsorglichen Thaetigkeit +zu danken, die Cassiodor, des Koenigs Freund und lang bewaehrter Minister, +schon seit Wochen entfaltet hatte und jetzt, nach dem Tode Theoderichs, +verdoppelte. Um die Italier in Ruhe zu erhalten, ward sofort ein Manifest +erlassen, das die Thronbesteigung Athalarichs, unter Vormundschaft seiner +Mutter, als eine bereits vollendete und in aller Ruhe vollzogene Thatsache +Italien und den Provinzen verkuendete. Sofort auch wurden in alle Teile des +Reiches Beamte entsendet, die den Huldigungseid der Bevoelkerung +entgegennehmen, aber auch im Namen des jungen Koenigs eidlich geloben +sollten, dass die neue Regierung alle Rechte und Freiheiten der Italier und +Provinzialen achten und in allen Stuecken die Milde, ja Vorliebe des grossen +Toten fuer seine roemischen Unterthanen zum Muster nehmen werde. + +Gleichzeitig wurde aber auch dafuer gesorgt, dass eine Furcht gebietende +Entfaltung der gotischen Heeresmacht an den Grenzen und in den wichtigsten +oder unruhigsten Staedten des Reiches aeusseren und inneren Gegnern die Lust +zu Feindseligkeiten vertreibe, waehrend mit dem Kaiserhof das gute +Vernehmen durch Gesandtschaften und Briefe sehr verbindlicher Haltung +befestigt oder erneuert wurde. + + + + + Zweites Kapitel. + + +Neben Cassiodor war es nun aber vor allen Ein Mann, der in jenen Tagen des +Uebergangs eine bedeutende und, wie es der Regentschaft schien, +hochverdienstliche Rolle spielte. + +Das war kein andrer als Cethegus. + +Er hatte das wichtige Amt eines Stadtpraefekten von Rom uebernommen. Er war, +sowie der Koenig die Augen geschlossen, spornstreichs aus dem Palast und +den Thoren von Ravenna nach der ihm anvertrauten Tiberstadt geeilt und +dort vor aller Kunde des Geschehenen eingetroffen. + +Sofort, noch eh' der Tag angebrochen, hatte er die Senatoren in dem +"Senatus", d. h. dem geschaffenen Hallenbau Domitians nahe dem Janus +Geminus, rechtsab vom Severusbogen, versammelt, darauf das Gebaeude mit +gotischen Truppen umstellt, die ueberraschten Senatoren - von denen er gar +manchen erst neuerlich in den Katakomben gesehen und zur Vertreibung der +Barbaren angefeuert hatte - von dem bereits vollzognen Thronwechsel +benachrichtigt und, (nicht ohne einige auf die von dem Saal aus deutlich +sichtbaren Speere der Gotentausendschaft gelinde hinweisende Worte,) mit +einer keinen Widerspruch duldenden Raschheit fuer Athalarich in Eid und +Pflicht genommen. + +Dann verliess er den "Senatus", wo er die Vaeter eingeschlossen hielt, bis +er in dem flavischen Amphitheater, wohin er eine Volksversammlung der +Roemer berufen, diese unter Beiziehung der starken gotischen Besatzung +abgehalten und die leicht beweglichen "Quiriten" durch eine meisterhafte +Rede fuer den jungen Koenig begeistert hatte. Er zaehlte die Wohlthaten +Theoderichs auf, verhiess gleiche Milde von dessen Enkel, der uebrigens +bereits von ganz Italien, den Provinzen und den Vaetern dieser Stadt +anerkannt sei, meldete eine allgemeine Speisung des roemischen Volkes mit +Brot und Wein als den ersten Regierungsakt Amalaswinthens an und schloss +mit der Verkuendung siebentaegiger Cirkusspiele, - Wettfahrten mit +einundzwanzig spanischen Viergespannen - mit welchen er selbst die +Thronbesteigung Athalarichs und den Antritt seiner Praefektur feiern werde. + +Da erhob tausendstimmiges Jubelgeschrei die Namen der Regentin und ihres +Sohnes, aber noch lauter den Namen Cethegus, das Volk verlief sich in +heller Freude, die eingesperrten Senatoren wurden nunmehr entlassen und +die ewige Stadt war fuer die Goten erhalten. Der Praefekt aber eilte nach +seinem Hause am Fuss des Kapitols, schloss sich ein und schrieb eifrig +seinen Bericht an die Regentin. - + +Jedoch ungestuem pochte es alsbald an der ehernen Vorthuer des Hauses. Es +war Lucius Licinius, der junge Roemer, den wir in den Katakomben kennen +gelernt: er schlug mit dem Schwertknauf gegen die Pforte, dass das Haus +droehnte. Ihm folgten Scaevola, der Jurist, - er war unter den Eingesperrten +gewesen - mit schwer gefurchter Stirn und Silverius, der Priester, mit +zweifelnder Miene. + +Vorsichtig lugte der Ostiarius an der Thuere durch eine verborgne Luke in +der Mauer und liess, als er Licinius erkannte, die Maenner ein. Heftig +stuermte der Juengling den andern voraus den ihm wohlbekannten Weg durch das +Vestibulum, das Atrium und dessen Saeulengang in das Studierzimmer des +Cethegus. Dieser, als er die hastig nahenden Schritte vernahm, erhob sich +von dem Lectus, auf den hingestreckt er schrieb, und verschloss seine +Briefe in einer Capsula mit silberner Kuppel. "Ah, die +Vaterlandsbefreier!" sagte er laechelnd und trat ihnen entgegen. + +"Schaendlicher Verraeter!" schrie ihn Licinius an, die Hand am Schwert: - +der Zorn liess ihn nicht weiter sprechen, er zueckte halb das breite Eisen +aus der Scheide. + +"Halt, erst lass ihn sich verteidigen, wenn er kann," keuchte, dem +Stuermischen in den Arm fallend, Scaevola, der jetzt nachgekommen war. "Es +ist unmoeglich, dass er abgefallen von der Sache der heiligen Kirche," +sprach Silverius im Eintreten. + +"Unmoeglich?" lachte Licinius, "wie? seid ihr toll oder bin ich's? Hat er +nicht uns, die Ritter, in ihren Haeusern festhalten lassen? Hat er nicht +die Thore gesperrt und den Poebel fuer den Barbaren vereidigt?" - "Hat er +nicht," sprach Cethegus fortfahrend, "die edeln Vaeter der Stadt, +dreihundert an der Zahl, in der Kurie wie soviel Maeuse in der Mausfalle +gefangen, dreihundert hochadlige Maeuse?" - "Er hoehnt uns noch! Wollt ihr +das dulden?" rief Licinius. Und Scaevola erbleichte vor Zorn. "Nun, und was +haettet ihr gethan, wenn man euch haette handeln lassen?" fragte der Praefekt +ruhig, die Arme auf der breiten Brust kreuzend. "Was wir gethan haetten?" +antwortete Licinius, "was wir - was du mit uns hundertmal verabredet! +Sobald die Nachricht von dem Tod des Tyrannen eintraf, haetten wir die +Goten in der Stadt erschlagen, die Republik ausgerufen und zwei Konsuln +ernannt -" - "Namens Licinius und Scaevola, das ist die Hauptsache. Nun, +und dann? was dann?" - "Was dann? die Freiheit haette gesiegt!" + +"Die Thorheit haette gesiegt!" herrschte Cethegus losbrechend den +Erschrocknen an. "Wie gut, dass man euch die Haende band: ihr haettet alle +Hoffnung erwuergt, auf immer. Seht her und dankt mir auf den Knien!" Er +nahm Urkunden aus einer andern Papyruskapsel und gab sie den Erstaunten. +"Da, lest. Der Feind war gewarnt und hatte seine Schlinge meisterhaft um +den Nacken Roms geschuerzt. Wenn ich nicht handelte, so stand in diesem +Augenblick Graf Witichis mit zehntausend Goten vor dem salarischen Thor im +Norden, morgen sperrte der junge Totila mit der Flotte von Neapel im Sueden +die Tibermuendung, und gegen das Grabmal Hadrians und das aurelische Thor +war Herzog Thulun mit zwanzigtausend Mann von Westen her im Anzug. Haettet +ihr heute frueh einem Goten ein Haar gekruemmt, was waere geschehen?" + +Silverius atmete auf. Die beiden andern schwiegen beschaemt. Doch fasste +sich Licinius: "Wir haetten den Barbaren getrotzt hinter unsern Mauern," +sprach er, mutig das schoene Haupt aufwerfend. - "Ja. So wie ich diese +Mauern herstellen werde - eine Ewigkeit, mein Licinius: wie sie jetzt sind +- nicht einen Tag." - "So waeren wir gestorben als freie Buerger," sprach +Scaevola. "Das haettet ihr vor drei Stunden in der Kurie auch gekonnt," +lachte Cethegus achselzuckend. Silverius trat mit offnen Armen, wie um ihn +zu kuessen, auf ihn zu; vornehm entzog sich Cethegus: "Du hast uns alle, du +hast Kirche und Vaterland gerettet! Ich habe nie an dir gezweifelt!" +sprach der Priester. Da ergriff Licinius die Hand des Praefekten, die +dieser ihm willig liess: + +"Ich habe an dir gezweifelt," rief er mit schoener Offenheit, "vergieb, du +grosser Roemer. Dies Schwert, das dich heute durchbohren sollte, dir ist es +fortan fuer ewig zu Dienst. Und bricht der Tag der Freiheit an, dann keine +Konsuln, dann _salve_, Diktator Cethegus!" Und mit leuchtenden Augen eilte +er hinaus. Der Praefekt warf ihm einen befriedigten Blick nach. "Diktator, +ja, doch nur bis zur vollen Sicherheit der Republik!" sprach der Jurist +und folgte ihm. "Jawohl," laechelte Cethegus, "dann wecken wir Camillus und +Brutus wieder auf und fuehren die Republik da fort, wo sie diese vor +tausend Jahren gelassen. Nicht wahr, Silverius?" - "Praefekt von Rom," +sprach der Priester, "du weisst, ich hatte den Ehrgeiz, die Sache des +Vaterlands wie der Heiligen zu leiten: ich hab' ihn nicht mehr seit dieser +Stunde. Dein sei die Fuehrung, ich folge. Gelobe nur das Eine: Freiheit der +roemischen Kirche - freie Papstwahl." - "Jawohl," sagte Cethegus, "sowie +nur erst Silverius Papst geworden. Es gilt." - Der Priester schied mit +einem Laecheln auf den Lippen, aber schwere Gedanken im Herzen. "Geht," +sagte Cethegus nach einer Pause, den Dreien nachblickend, "ihr werdet +keinen Tyrannen stuerzen: - ihr braucht einen Tyrannen!" Dieser Tag, diese +Stunde wurden entscheidend fuer Cethegus: fast ohne seinen Willen ward er +durch die Ereignisse fortgetrieben zu neuen Stimmungen und Anschauungen, +zu Zielen, die er sich bisher nie mit solcher Klarheit vorgesteckt, oder +doch nie als mehr denn Traeume, die er sich als Ziele eingestanden hatte. + +Er erkannte sich in diesem Augenblick als alleinigen Herrn der Lage: er +hatte die beiden grossen Parteien der Zeit, die Gotenregierung und ihre +Feinde, die Verschwornen, voellig in seiner Hand. Und in der Brust dieses +gewaltigen Mannes wurde die Haupttriebfeder, die er seit Jahrzehnten fuer +gelaehmt erachtet, ploetzlich wieder in maechtigste Thaetigkeit gesetzt: der +unbegrenzte Drang, ja das Beduerfnis, _zu herrschen_, machte sich mit einem +Male alle Kraefte dieses reichen Lebens dienstbar und trieb sie an zu +heftiger Bewegung. + +Cornelius Cethegus Caesarius war der Abkoemmling eines alten und unermesslich +reichen Geschlechts, dessen Ahnherr den Glanz seines Hauses als Feldherr +und Staatsmann Caesars in den Buergerkriegen gegruendet: - man sagte, er sei +ein Sohn des grossen Diktators gewesen. - Unser Cethegus hatte von der +Natur die vielseitigsten Anlagen und die gewaltigsten Leidenschaften und +durch seine gewaltigen Reichtuemer die Mittel erhalten, jene aufs +grossartigste zu entfalten, diese aufs grossartigste zu befriedigen. Er +empfing die sorgfaeltigste Bildung, die damals einem jungen Adligen Roms +gegeben werden konnte. + +Er uebte sich bei den ersten Lehrern in den schoenen Kuensten. Er trieb zu +Berytus, zu Alexandrien, zu Athen in den besten Schulen mit glaenzenden +Erfolgen das Studium des Rechts, der Geschichte, der Philosophie. + +Aber all das befriedigte ihn nicht. Er fuehlte den Hauch des Verfalls in +aller Kunst und Wissenschaft seiner Zeit. Die Philosophie insbesondre +vermochte nur die letzten Reste des Glaubens in ihm zu zerstoeren, ohne ihm +irgend welche Befriedigung in positiven Ergebnissen zu gewaehren. Als er +von seinen Studien zurueckkam, fuehrte ihn sein Vater nach der Sitte der +Zeit in den Staatsdienst ein: rasch stieg der glaenzend Begabte von Amt zu +Amt. + +Aber ploetzlich sprang er aus. + +Nachdem er die Staatsgeschaefte zur Genuege kennen gelernt, mochte er nicht +laenger ein Rad in der grossen Maschine des Reiches sein, das die Freiheit +ausschloss und obenein dem Barbarenkoenig diente. Da starb sein Vater und +Cethegus warf sich, nun Herr seiner selbst und eines ungeheuern Vermoegens +geworden, mit der Gewalt, mit welcher er alles verfolgte, in die wildesten +Strudel des Lebens, des Genusses, der Lueste. Mit Rom war er bald fertig: +da machte er grosse Reisen nach Byzanz, nach Aegypten, bis nach Indien drang +er vor. Da war kein Luxus, kein unschuldiger und kein schuldiger Genuss, +den er nicht schluerfte. Nur ein staehlerner Koerper konnte die +Anstrengungen, die Entbehrungen, die Abenteuer, die Ausschweifungen dieser +Fahrten ertragen. + +Nach zwoelf Jahren kehrte er zurueck nach Rom. + +Es hiess, er werde grossartige Bauten auffuehren; man freute sich, das +ueppigste Leben in seinen Haeusern und Villen beginnen zu sehen, man +taeuschte sich sehr. + +Cethegus baute sich nur das kleine Haus am Fuss des Kapitols, bequem und +von feinstem Geschmack, und lebte mitten in dem volkreichen Rom wie ein +Einsiedler. + +Er gab unvermutet eine Schilderung seiner Reisen heraus, eine +Charakterisierung der wenig bekannten Voelker und Laender, die er besucht. +Das Buch hatte unerhoerten Erfolg; Cassiodor und Boethius warben um seine +Freundschaft, der grosse Koenig wollte ihn an seinen Hof ziehen. Aber +ploetzlich war er aus Rom verschwunden. Das Ereignis, das ihn in jenen +Tagen betroffen haben musste, blieb allen Nachforschungen der Neugier, der +Teilnahme, der Schadenfreude verborgen. + +Man erzaehlte sich damals, arme Fischer haetten ihn eines Morgens am Ufer +des Tibers vor den Thoren der Stadt, bewusstlos und dem Tode nah, gefunden. + +Wenige Wochen spaeter tauchte er wieder an der Nordostgrenze des Reiches in +den unwirtlichen Donaulaendern auf, wo der blutige Krieg mit Gepiden, mit +Avaren und Sclavenen raste. Dort schlug er sich mit todverachtender +Tapferkeit mit diesen wilden Barbaren herum, verfolgte sie mit erlesenen, +von ihm besoldeten Scharen freiwillig in alle Schlupfwinkel ihrer Felsen, +schlief alle Naechte auf der gefrornen Erde. Und als der gotische Feldherr +ihm eine kleine Schar zu einem Streifzug anvertraute, griff er statt +dessen Sirmium an, die feste Hauptstadt der Feinde, und eroberte sie mit +nicht geringerer Feldherrnkunst als Tapferkeit. Nach dem Friedensschluss +machte er abermals Reisen nach Gallien und Spanien und Byzanz, kehrte von +da nach Rom zurueck und lebte dort jahrelang in einer verbitterten Musse und +Zurueckgezogenheit, alle kriegerischen, buergerlichen, wissenschaftlichen +Aemter und Ehren ausschlagend, die ihm Cassiodor aufdringen wollte. Er +schien fuer nichts mehr Interesse zu haben, als fuer seine Studien. + +Vor einigen Jahren brachte er von einer Reise nach Gallien einen schoenen +Juengling oder Knaben mit, welchem er Rom und Italien zeigte und vaeterliche +Liebe und Sorgfalt erwies. Es hiess, er wolle ihn adoptieren: solange +dieser sein junger Gast um ihn war, trat er aus seiner Einsamkeit heraus, +lud die adlige Jugend Roms zu glaenzenden Festen in seine Villen und war +bei den Gegeneinladungen, die er alle annahm, der liebenswuerdigste +Gesellschafter. Aber sowie er den jungen Julius Montanus mit einem +stattlichen Gefolge von Paedagogen, Freigelassenen und Sklaven nach +Alexandrien in die gelehrten Schulen entsendet hatte, brach er ploetzlich +wieder alle Verbindungen ab und zog sich in seine undurchdringliche +Abgeschlossenheit zurueck, grollend wie es schien mit Gott und der ganzen +Welt. Mit schwerer Muehe gelang es dem Priester Silverius und Rusticianen, +ihn aus seiner ablehnenden Ruhe heraus und zur Teilnahme an der +Katakombenverschwoerung fortzuziehen. Er wurde, wie er ihnen sagte, Patriot +aus eitel Langweile. Und in der That, bis zu dem Tod des Koenigs hatte er +das Unternehmen, dessen Leitung doch in seiner und des Diakons Hand lag, +fast mit Abneigung betrieben. + +Dies wurde jetzt anders. Der tiefste Zug seines Wesens, der Drang in allen +moeglichen Gebieten des Geistes sich zu versuchen, die Schwierigkeiten zu +ueberwinden, alle Nebenbuhler zu ueberfluegeln, in jedem Lebenskreise, den er +betrat, zu herrschen, allein und ohne Widerstand und, sobald er den +Siegeskranz genommen, ihn gleichgueltig wegzuwerfen und nach neuen Aufgaben +auszuschauen, hatte ihn bisher bei keinem Ziele volle Befriedigung finden +lassen. Kunst, Wissenschaft, Genuss, Amtsehre, Kriegsruhm: - alles hatte +ihn gereizt, alles hatte er wie kein andrer gewonnen und alles hatte ihn +leer gelassen. Herrschen, der erste sein, ueber widerstrebende Verhaeltnisse +mit allen Mitteln ueberlegner Kraft und Klugheit siegen und dann ueber +knirschende Menschen ein ehernes Regiment fuehren, das allein hatte er +unbewusst und bewusst von jeher erstrebt: nur darin fuehlte er sich wohl. + +In stolzen, vollen Atemzuegen hob sich darum in dieser Stunde seine Brust: +er, der Eisigkalte, ergluehte in dem Gedanken, dass er ueber die beiden +grossen feindlichen Maechte der Zeit, Goten und Roemer, heute mit einem +Zucken seiner Wimper gebot: und aus diesem Wonnegefuehl der Herrschaft +stieg ihm mit daemonischer Gewalt die Ueberzeugung empor, dass es fuer ihn und +seinen Ehrgeiz nur noch Ein Ziel gab, welches das Leben der Muehe des +Lebens wert machen koenne, nur noch Ein Ziel, ein sonnenfernes, jedem +andern unerreichbares: - er glaubte gern an seine Abkunft von Julius Caesar +und er fuehlte das Blut Caesars aufwallen in seinen Adern bei dem Gedanken: +- Caesar, Imperator des Abendlands, Kaiser der roemischen Welt! - - - - + +Als vor Monaten dieser Blitz zum erstenmal seine Seele durchzuckt hatte, - +kein Gedanke, - kein Wunsch, - nur ein Schatte, ein Traum, - erschrak er +und laechelte zugleich ueber seine unermessliche Kuehnheit. Er Kaiser und +Wiederaufrichter des roemischen Weltreichs! Und Italien bebte unter dem +Schritt von dreimalhunderttausend gotischen Kriegern! Und der groesste aller +Barbarenkoenige, dessen Ruhm die Erde erfuellte, sass gewaltig herrschend zu +Ravenna. Und wenn die Macht der Goten gebrochen war, so streckten die +Franken ueber die Alpen, die Byzantiner uebers Meer die gierigen Haende nach +der italienischen Beute, zwei grosse Reiche gegen ihn, den einzelnen +Mann! - + +Denn wahrlich, einsam stand er in seinem Volk! Wie genau kannte, wie +bitter verachtete er seine Landsleute, die unwuerdigen Enkel grosser Ahnen! +Wie lachte er der Schwaermerei eines Licinius oder Scaevola, die mit diesen +Roemern die Tage der Republik erneuern wollten! + +Er stand allein. + +Aber gerade dies reizte seinen stolzen Ehrgeiz. Und gerade in diesem +Augenblick, da ihn die Verschworenen verlassen hatten, da seine +Ueberlegenheit gewaltiger als je ihnen und ihm selbst klar geworden war, +gerade jetzt schoss in seiner Brust was frueher ein schmeichelnd Spiel +seiner traeumenden Stunden gewesen mit Blitzesschnelle zum klaren Gedanken, +zum festen Entschluss empor. + +Die Arme ueber der maechtigen Brust gekreuzt, mit starken Schritten, wie ein +Loewe seinen Kaefig, das Gemach durchmessend, sprach er in abgerissenen +Saetzen zu sich selbst: + +"Mit einem tuechtigen Volk hinter sich die Goten hinaustreiben, Griechen +und Franken nicht hereinlassen: - das waere nicht schwer, das koennte ein +andrer auch. Aber allein, ganz allein, von diesen Maennern ohne Mark und +Willen mehr gehemmt als getragen, das Ungeheure vollenden, und diese +Memmen erst wieder zu Helden, diese Sklaven zu Roemern, diese Knechte der +Pfaffen und Barbaren wieder zu Herren der Erde machen: - das, das ist der +Muehe wert. Ein neues Volk, eine neue Zeit, eine neue Welt schaffen, +allein, ein einziger Mann, mit der Kraft seines Willens und der Macht +seines Geistes: - das hat noch kein Sterblicher vollbracht: - das ist +groesser als Caesar: er fuehrte Legionen von Helden! Und doch, es kann gethan +werden, denn es kann gedacht werden. Und ich, der's denken konnte, ich +kann's auch thun. Ja, Cethegus, das ist ein Ziel, dafuer verlohnt sich's zu +denken, zu leben, zu sterben. Auf und ans Werk, und von nun an: - keinen +Gedanken mehr und kein Gefuehl als fuer dies Eine." + +Er stand still vor der Kolossalstatue Caesars aus weissem parischem Marmor, +die, das Meisterwerk des Arkesilaos und der edelste Schmuck, ja nach der +Familientradition von Julius Caesar selbst dem Sohne geschenkt, das +Heiligtum dieses Hauses, gegenueber dem Schreibdivan stand: + +"Hoer' es, goettlicher Julius, grosser Ahnherr, es luestet deinen Enkel, mit +dir zu ringen: es giebt noch ein Hoeheres als du erreicht: schon fliegen +nach einem hoeheren Ziel als du, ist unsterblich und fallen, fallen aus +solcher Hoehe: - das ist der herrlichste Tod. Heil mir, dass ich wieder +weiss, warum ich lebe." + +Er schritt an der Bildsaeule vorbei und warf einen Blick auf die auf dem +Tisch aufgerollte Militaerkarte des roemischen Weltreichs: + +"Erst diese Barbaren zertreten -: Rom! - Dann den Norden wieder +unterwerfen -: Paris! - Dann zum alten Gehorsam unter die alte +Caesarenstadt das abtruennige Ostreich zurueckheischen -: Byzanz! Und weiter, +immer weiter: an den Tigris, an den Indus, weiter als Alexandros - und +zurueck nach Westen, durch Skythien und Germanien, an den Tiber - die Bahn, +welche dir, Caesar, der Dolch des Brutus durchgeschnitten. - Und so groesser +als du, groesser als Alexander - o halt, Gedanke, halt ein!" + +Und der eisige Cethegus loderte und gluehte; maechtig pochten seine Adern an +den Schlaefen: er drueckte die brennende Stirn an die kalte Marmorbrust +Julius Caesars, der majestaetisch auf ihn niederschaute. + + + + + Drittes Kapitel. + + +Aber nicht nur fuer Cethegus wurde dieser Tag von entscheidender Bedeutung, +auch fuer die Verschwoerung in den Katakomben, fuer Italien und das Reich der +Goten. + +Hatten die Umtriebe der Patrioten, geleitet von mehreren Haeuptern, die +ueber die Mittel, ja sogar ueber die Zwecke ihrer Plaene nicht immer einig +waren, bisher nur langsame und unsichre Fortschritte gemacht, so ward dies +anders von dem Augenblick an, da der weitaus begabteste Mann dieser +Partei, da Cethegus die Fuehrung in die kraeftige Hand nahm. + +Unbedingt hatten sich die bisherigen Haeupter des Bundes, - sogar, wie es +schien, Silverius - dem Praefekten untergeordnet, der seine Ueberlegenheit +so maechtig bewaehrt und das Leben ihrer Sache gerettet hatte. + +Erst von jetzt an wurde der Geheimbund den Goten wahrhaft gefaehrlich. + +Unermuedlich war Cethegus beschaeftigt, die Macht und Sicherheit ihres +Reiches auf allen Seiten zu untergraben: mit seiner grossen Kunst, die +Menschen zu durchschauen, zu gewinnen und zu beherrschen wusste er die Zahl +bedeutender Mitglieder und die Mittel der Partei von Tag zu Tag zu +vermehren. + +Aber er wusste auch mit kluger Vorsicht einerseits jeden Verdacht der +gotischen Regierung zu vermeiden, andrerseits jede unzeitige Erhebung der +Verschwornen zu verhindern. Denn ein Leichtes waer' es freilich gewesen, +ploetzlich an Einem Tage in allen Staedten der Halbinsel die Barbaren zu +ueberfallen, die Erhebung zu beginnen und die Byzantiner, die laengst +hierauf lauerten, zur Vollendung des Sieges ins Land zu rufen. Aber damit +haette der Praefekt seine geheimen Plaene nicht hinausgefuehrt. Er haette nur +an die Stelle der gotischen Herrschaft die byzantinische Tyrannei gesetzt. + +Und wir wissen, er verfolgte ein ganz andres Ziel. + +Um dies zu erreichen, musste er sich zuvor in Italien eine Machtstellung +schaffen, wie sie kein andrer besass. + +Er musste, wenn auch nur im stillen, der maechtigste Mann im Lande sein, ehe +der Fuss eines Byzantiners es betrat, ehe der erste Gote fiel. Die Dinge +mussten soweit vorbereitet sein, dass die Barbaren von Italien, das hiess von +Cethegus, allein, mit moeglichst geringer Nachhilfe von Byzanz, vertrieben +wuerden, so dass nach dem Siege der Kaiser gar nicht umhin konnte, die +Herrschaft ueber das befreite Land seinem Befreier, wenn auch zunaechst nur +als Statthalter, zu ueberlassen. Alsdann hatte er Zeit und Anlass gewonnen, +den Nationalstolz der Roemer gegen die Herrschaft der "Griechlein", wie man +die Byzantiner veraechtlich nannte, aufzureizen. + +Denn obwohl seit zweihundert Jahren, seit den Tagen des grossen Konstantin, +der Glanz der Weltherrschaft von der verwitweten Roma hinweg nach der +goldnen Stadt am Hellespont verlegt und das Scepter von den Soehnen des +Romulus auf die Griechen uebergegangen schien, obwohl das Ost- und das +Westreich zusammen der Barbarenwelt gegenueber Einen Staat der antiken +Bildung bilden sollten, so waren doch auch jetzt noch die Griechen den +Roemern verhasst und veraechtlich, wie in den Tagen, da Flaminius das +gedemuetigte Hellas fuer eine Freigelassene Roms erklaert hatte: der alte Hass +war jetzt durch Neid vermehrt. Deshalb war der Mann der Begeisterung und +der Hilfe ganz Italiens gewiss, der nach Vertreibung der Barbaren auch die +Byzantiner aus dem Lande weisen wuerde: die Krone von Rom, die Krone des +Abendlands war sein sichrer Lohn. Und wenn es gelang, das neugeweckte +Nationalgefuehl wieder zum Angriffskrieg ueber die Alpen zu treiben, wenn +Cethegus auf den Truemmern des Frankenreichs zu Aurelianum und Paris die +Herrschaft des roemischen Imperators ueber das Abendland wieder aufgerichtet +hatte, dann war der Versuch nicht mehr zu kuehn, auch das losgerissene +Ostreich zurueckzuzwingen zum Gehorsam unter das ewige Rom und die +Weltherrschaft am Strand des Tibers da fortzufuehren, wo sie Trajan und +Hadrian gelassen. - + +Doch um diese fernher leuchtenden Ziele zu erreichen, musste jeder naechste +Schritt auf dem schwindelsteilen Pfad mit groesster Vorsicht geschehen: +jedes Straucheln musste fuer immer verderben. Um Italien zu beherrschen, als +Kaiser zu beherrschen, musste Cethegus vor allem Rom haben: denn nur an Rom +liessen sich jene Gedanken knuepfen. Deshalb wandte der neue Praefekt hoechste +Sorgfalt auf die ihm anvertraute Stadt: Rom sollte ihm moralisch und +physisch eine Burg der Herrschaft werden, ihm allein gehoerig und +unentreissbar. Sein Amt bot ihm dazu die beste Gelegenheit: es war ja die +Pflicht des Praefectus Urbi, fuer das Wohl der Bevoelkerung, fuer Erhaltung +und Sicherheit der Stadt zu sorgen. Cethegus verstand es meisterhaft, die +Rechte, die in dieser Pflicht lagen, fuer seine Zwecke auszubeuten: leicht +hatte er alle Staende fuer sich gewonnen: der Adel ehrte in ihm das Haupt +der Katakombenverschwoerung, ueber die Geistlichkeit herrschte er durch +Silverius, der die rechte Hand und der von der oeffentlichen Stimme +bezeichnete Nachfolger des greisen Papstes war und dem Praefekten eine +diesem selbst befremdliche Ergebenheit an den Tag legte. Das niedre Volk +aber fesselte er an seine Person nicht nur durch voruebergehende +Brotspenden und Cirkusspiele aus seiner Tasche, sondern durch grossartige +Unternehmungen, die vielen Tausenden auf Jahre hinaus Arbeit und Unterhalt +- auf Kosten der gotischen Regierung - verschafften. + +Er setzte bei Amalaswintha den Befehl durch, die Befestigungen Roms, die +seit den Tagen des Honorius durch die Zeit und durch den Eigennutz +roemischer Bauherren vielmehr als durch westgotische und vandalische +Eroberer gelitten hatten, vollstaendig und rasch wieder herzustellen, "zur +Ehre der ewigen Stadt und, - wie sie waehnte, - zum Schutz gegen die +Byzantiner". + +Cethegus selbst hatte - und zwar, wie die alsbald folgenden vergeblichen +Belagerungen durch Goten und Byzantiner bewiesen, mit genialem +Feldherrnblick, - den Plan der grossartigen Werke entworfen. Und er betrieb +nun mit groesstem Eifer das Riesenwerk, die ungeheure Stadt in ihrem weiten +Umfang von vielen Meilen zu einer Festung ersten Ranges umzuschaffen. Die +Tausende von Arbeitern, die wohl wussten, wem sie diese reich bezahlte +Beschaeftigung verdankten, jubelten dem Praefekten zu, wenn er auf den +Schanzen sich zeigte, pruefte, antrieb, besserte und wohl selbst mit Hand +anlegte. Und die getaeuschte Fuerstin wies eine Million Solidi nach der +andern an fuer einen Bau, an dem alsbald die ganze Streitmacht ihres Volkes +zerschellen und verbluten sollte. + +Der wichtigste Punkt dieser Befestigungen war das heute unter dem Namen +der Engelsburg bekannte Grabmal Hadrians. Dies Prachtgebaeude, von Hadrian +aus parischen Marmorquadern, die ohne anderes Bindungsmittel +zusammengefuegt waren, aufgefuehrt, lag damals einen Steinwurf vor dem +aurelischen Thor, dessen Mauerseiten es weit ueberragte. Mit scharfem Auge +hatte Cethegus erkannt, dass das unvergleichlich feste Gebaeude, in seiner +bisherigen Lage ein Festungswerk _gegen_ die Stadt, sich durch ein +einfaches Mittel in ein Hauptbollwerk _fuer_ die Stadt verwandeln liess: er +fuehrte vom aurelischen Thor zwei Mauern gegen und um das Grabmal. Und nun +bildete die turmhohe Marmorburg eine sturmfreie Schanze fuer das aurelische +Thor, um so mehr als der Tiber knapp davor einen natuerlichen +Festungsgraben zog. Oben auf der Mauer des Mausoleums aber standen, zum +Teil noch von Hadrian und seinem Nachfolger hier aufgestellt, gegen +dreihundert der schoensten Statuen aus Marmor, Bronze und Erz: darunter der +Divus Hadrianus selbst, sein schoener Liebling Antinous, ein Zeus Soter, +die Pallas "Staedtebeschirmerin", ein schlafender Faun und viele andere. + +Cethegus freute sich seines Gedankens und liebte diese Staette, wo er +allabendlich zu wandeln pflegte, sein Rom mit dem Blick beherrschend und +den Fortschritt der Schanzarbeiten pruefend: und er hatte deshalb eine +reiche Zahl von schoenen Statuen aus seinem Privatbesitz hier noch +aufstellen lassen. + + + + + Viertes Kapitel. + + +Vorsichtiger musste Cethegus bei Ausfuehrung einer zweiten, fuer seine Ziele +nicht minder unerlaesslichen Vorbereitung sein. Um selbstaendig in Rom, in +_seinem_ Rom, wie er es, als Stadtpraefekt, zu nennen liebte, den Goten und +noetigenfalls den Griechen trotzen zu koennen, bedurfte er nicht bloss der +Waelle, sondern auch der Verteidiger auf denselben. Er dachte zunaechst an +Soeldner, an eine Leibwache, wie sie in jenen Zeiten hohe Beamte, +Staatsmaenner und Feldherren haeufig gehalten hatten, wie sie jetzt Belisar +und dessen Gegner Narses in Byzanz hielten. Nun gelang es ihm zwar, durch +frueher auf seinen Reisen in Asien angeknuepfte Verbindungen und bei seinen +reichen Schaetzen tapfre Scharen der wilden isaurischen Bergvoelker, die in +jenen Zeiten die Rolle der Schweizer des sechzehnten Jahrhunderts +spielten, in seinen Sold zu ziehen. Indessen hatte dies Verfahren doch +zwei sehr eng gezogne Schranken. + +Einmal konnte er auf diesem Wege, ohne seine fuer andre Zwecke +unentbehrlichen Mittel zu erschoepfen, doch immer nur verhaeltnismaessig +kleine Massen aufbringen, den Kern eines Heeres, nicht ein Heer. Und +ferner war es unmoeglich, diese Soeldner, ohne den Verdacht der Goten zu +wecken, in groesserer Anzahl nach Italien, nach Rom zu bringen. Einzeln, +paarweise, in kleinen Gruppen schmuggelte er sie mit vieler List und +vieler Gefahr als seine Sklaven, Freigelassenen, Klienten, Gastfreunde in +seine durch die ganze Halbinsel zerstreuten Villen oder beschaeftigte sie +als Matrosen und Schiffsleute im Hafen von Ostia oder als Arbeiter in Rom. + +Schliesslich mussten doch die Roemer Rom erretten und beschuetzen und all +seine ferneren Plaene draengten ihn, seine Landsleute wieder an die Waffen +zu gewoehnen. + +Nun hatte aber Theoderich wohlweislich die Italier von dem Heer +ausgeschlossen - nur Ausnahmen bei einzelnen als besonders zuverlaessig +Erachteten wurden gemacht - und in den unruhigen letzten Zeiten seines +Regiments waehrend des Prozesses gegen Boethius ein Gebot allgemeiner +Entwaffnung der Roemer erlassen. + +Letzteres war freilich nie streng durchgefuehrt worden: aber Cethegus +konnte doch nicht hoffen, die Regentin werde ihm erlauben, gegen den +entschiednen Willen ihres grossen Vaters und gegen das offenbare Interesse +der Goten eine irgendwie bedeutende Streitmacht aus Italien zu bilden. + +Er begnuegte sich, ihr vorzustellen, dass sie durch ein ganz unschaedliches +Zugestaendnis sich das Verdienst erwirken koenne, jene gehaessige Massregel +Theoderichs in edlem Vertrauen aufgehoben zu haben und schlug ihr vor, ihm +zu gestatten, nur zweitausend Mann aus der roemischen Buergerschaft als +Schutzwache Roms ruesten, einueben und immer unter den Waffen gegenwaertig +halten zu duerfen: die Roemer wuerden ihr schon fuer diesen Schein, dass die +ewige Stadt nicht von Barbaren allein gehuetet werde, unendlich dankbar +sein. Amalaswintha, begeistert fuer Rom und nach der Liebe der Roemer als +ihrem schoensten Ziele trachtend, gab ihre Einwilligung und Cethegus fing +an seine "Landwehr", wie wir sagen wuerden, zu bilden. Er rief in einer wie +Trompetenschall klingenden Proklamation "die Soehne der Scipionen zu den +alten Waffen zurueck," er bestellte die jungen Adligen der Katakomben zu +"roemischen Rittern" und "Kriegstribunen": er verhiess jedem Roemer, der sich +freiwillig meldete, aus seiner Tasche Verdoppelung des von der Fuerstin +bestimmten Soldes: er hob aus den Tausenden, die sich daraus +herbeidraengten die Tauglichsten aus; er ruestete die Aermeren aus, schenkte +denen, die sich besonders auszeichneten im Dienst, gallische Helme und +spanische Schwerter aus seinen eignen Sammlungen und - was das Wichtigste +- er entliess regelmaessig sobald als moeglich die hinlaenglich Eingeuebten mit +Belassung ihrer Waffen und hob neue Mannschaften aus, so dass, obwohl in +jedem Augenblick nur die von Amalaswintha gestattete Zahl im Dienst stand, +doch in kurzer Frist viele Tausende bewaffnete und waffengeuebte Roemer zur +Verfuegung ihres vergoetterten Fuehrers standen. + +Waehrend so Cethegus an seiner kuenftigen Residenz baute und seine kuenftigen +Praetorianer heranbildete, vertroestete er den Eifer seiner Mitverschwornen, +die unablaessig zum Losschlagen draengten, auf den Zeitpunkt der Vollendung +jener Vorbereitungen, den er natuerlich allein bestimmen konnte. Zugleich +unterhielt er eifrigen Verkehr mit Byzanz. Dort musste er sich einer Hilfe +versichern, die einerseits in jedem Augenblick, da er sie rief, auf dem +Kampfplatz erscheinen koennte, die aber andrerseits auch nicht, ehe er sie +rief, auf eigne Faust oder mit einer Staerke erschiene, die nicht leicht +wieder zu entfernen waere. + +Er wuenschte von Byzanz einen guten Feldherrn, der aber kein grosser +Staatsmann sein durfte, mit einem Heere, stark genug, die Italier zu +unterstuetzen, nicht stark genug, ohne sie siegen oder gegen ihren Willen +im Lande bleiben zu koennen. Wir werden in der Folge sehen, wie in dieser +Hinsicht vieles nach Wunsch, aber auch ebenso vieles sehr gegen den Wunsch +des Praefekten sich gestaltete. Daneben war gegenueber den Goten, die zur +Zeit noch unangefochten im Besitz der Beute standen, um die Cethegus +bereits im Geiste mit dem Kaiser haderte, sein Streben dahin gerichtet, +sie in arglose Sicherheit zu wiegen, in Parteiungen zu spalten und eine +schwache Regierung an ihrer Spitze zu erhalten. + +Das erste war nicht schwer. Denn die starken Germanen verachteten in +barbarischem Hochmut alle offenen und geheimen Feinde: wir haben gesehen, +wie schwer selbst der sonst scharfblickende, helle Kopf eines Juenglings +wie Totila von der Naehe einer Gefahr zu ueberzeugen war: und die trotzige +Sicherheit eines Hildebad drueckte recht eigentlich die allgemeine Stimmung +der Goten aus. Auch an Parteiungen fehlte es nicht in diesem Volk. + +Da waren die stolzen Adelsgeschlechter, die Balten mit ihren +weitverzweigten Sippen, an ihrer Spitze die drei Herzoge Thulun, Ibba und +Pitza: die reichbegueterten Woelsungen unter den Bruedern Herzog Guntharis +von Tuscien und Graf Arahad von Asta: und andre mehr, die alle den Amalern +an Glanz der Ahnen wenig nachgaben und eifersuechtig ihre Stellung dicht +neben dem Throne bewachten. + +Da waren viele, welche die Vormundschaft eines Weibes, die Herrschaft +eines Knaben nur mit Unwillen trugen, die gern, nach dem alten Recht des +Volkes, das Koenigshaus umgangen und einen der erprobten Helden der Nation +auf den Schild erhoben haetten. Andrerseits zaehlten auch die Amaler blind +ergebene Anhaenger, die solche Gesinnung als Treubruch verabscheuten. +Endlich teilte sich das ganze Volk in eine rauhere Partei, die, laengst +unzufrieden mit der Milde, die Theoderich und seine Tochter den Welschen +bewiesen, gern nunmehr nachgeholt haetten, was, wie sie meinten, bei der +Eroberung des Landes versaeumt worden, und die Italier fuer ihren heimlichen +Hass mit offener Gewalt zu strafen begehrten. Viel kleiner natuerlich war +die Zahl der sanfter und edler Gesinnten, die, wie Theoderich selbst, +empfaenglich fuer die hoehere Bildung der Unterworfenen, sich und ihr Volk zu +dieser emporzuheben strebten. Das Haupt dieser Partei war die Koenigin. + +Diese Frau nun suchte Cethegus im Besitz der Macht zu erhalten; denn sie, +diese weibliche, schwache, geteilte Herrschaft, verhiess, die Kraft des +Volkes zu laehmen, die Parteiung und Unzufriedenheit dauernd zu machen. +Ihre Richtung schloss jedes Erstarken des gotischen Nationalgefuehls aus. Er +bebte vor dem Gedanken, einen gewaltigen Mann die Kraft dieses Volkes +gewaltig zusammenfassen zu sehen. + +Und manchmal machten ihn schon die Zuege von Hoheit, die sich in diesem +Weibe zeigten, mehr noch die feurigen Funken verhaltener Glut, die zu +Zeiten aus Athalarichs tiefer Seele aufspruehten, ernstlich besorgt. +Sollten Mutter und Sohn solche Spuren oefter verraten, dann freilich musste +er beide ebenso eifrig stuerzen wie er bisher ihre Regierung gehalten +hatte. Einstweilen aber freute er sich noch der unbedingten Herrschaft, +die er ueber die Seele Amalaswinthens gewonnen. Dies war ihm bald gelungen. +Nicht nur, weil er mit grosser Feinheit ihre Neigung zu gelehrten +Gespraechen ausbeutete, in welchen er von dem, wie es schien, ihm ueberall +ueberlegenen Wissen der Fuerstin so haeufig ueberwunden wurde, dass Cassiodor, +der oft Zeuge ihrer Disputationen war, nicht umhin konnte, zu bedauern, +wie dies einst glaenzende Ingenium durch Mangel an gelehrter Uebung etwas +eingerostet sei. + +Der vollendete Menschenerforscher hatte das stolze Weib noch viel tiefer +getroffen. Ihrem grossen Vater war kein Sohn, war nur diese Tochter +beschieden: der Wunsch nach einem maennlichen Erben seiner schweren Krone +war oft aus des Koenigs, oft aus des Volkes Munde schon in ihren +Kinderjahren an ihr Ohr gedrungen. Es empoerte das hochbegabte Maedchen, dass +man es lediglich um ihres Geschlechtes willen zuruecksetzte hinter einem +moeglichen Bruder, der, wie selbstverstaendlich, der Herrschaft wuerdiger und +faehiger sein wuerde. So weinte sie als Kind oft bittere Thraenen, dass sie +kein Knabe war. + +Als sie herangewachsen, hoerte sie natuerlich nur noch von ihrem Vater jenen +kraenkenden Wunsch: jeder andre Mund am Hofe pries die wunderbaren Anlagen, +den maennlichen Geist, den maennlichen Mut der glaenzenden Fuerstin. Und das +waren nicht Schmeicheleien: Amalaswintha war in der That in jeder Hinsicht +ein aussergewoehnliches Geschoepf: die Kraft ihres Denkens und ihres Wollens, +aber auch ihre Herrschsucht und kalte Schroffheit ueberschritten weit die +Schranken, in welchen sich holde Weiblichkeit bewegt. Das Bewusstsein, dass +mit ihrer Hand zugleich die hoechste Stellung im Reich, vielleicht die +Krone selbst, wuerde vergeben werden, machte sie eben auch nicht +bescheidener: und ihre tiefste, maechtigste Empfindung war jetzt nicht mehr +der Wunsch, Mann zu sein, sondern die Ueberzeugung, dass sie, das Weib, +allen Aufgaben des Lebens und des Regierens so gut wie der begabteste +Mann, besser als die meisten Maenner, gewachsen, dass sie berufen sei, das +allgemeine Vorurteil von der geistigen Unebenbuertigkeit ihres Geschlechts +glaenzend zu widerlegen. + +Die Ehe des kalten Weibes mit Eutharich, einem Amaler aus andrer Linie, +einem Mann von hohen Anlagen des Geistes und reichem Gemuet, war kurz -: +Eutharich erlag nach wenigen Jahren einem tiefen Leiden - und wenig +gluecklich. Nur mit Widerstreben hatte sie sich ihrem Gatten gebeugt. Als +Witwe atmete sie stolz auf. Sie brannte vor Ehrgeiz, dereinst als +Vormuenderin ihres Knaben, als Regentin jene ihre Lieblingsidee zu +bewaehren: sie wollte so regieren, dass die stolzesten Maenner ihre +Ueberlegenheit sollten einraeumen muessen. Wir haben gesehen, wie die +Erwartung der Herrschaft diese kalte Seele sogar den Tod ihres grossen +Vaters ziemlich ruhig hatte ertragen lassen. + +Sie uebernahm das Regiment mit hoechstem Eifer, mit unermuedlicher +Thaetigkeit. Sie wollte alles selbst, alles allein thun. + +Sie schob ungeduldig den greisen Cassiodor zur Seite, der ihrem Geist +nicht rasch und kraeftig genug Schritt hielt. Keines Mannes Rat und Hilfe +wollte sie dulden. + +Eifersuechtig wachte sie ueber ihre Alleinherrlichkeit. Und nur Einem ihrer +Beamten lieh sie gern und haeufig das Ohr; demjenigen, der ihr oft und laut +die maennliche Selbstaendigkeit ihres Geistes pries und noch oefter dieselbe +still zu bewundern, der den Gedanken, sie beherrschen zu wollen, gar nie +wagen zu koennen schien: sie traute nur Cethegus. Denn dieser zeigte ja nur +den Einen Ehrgeiz, alle Gedanken und Plaene der Koenigin mit eifriger Sorge +durchzufuehren. Nie trat er, wie Cassiodor oder gar die Haeupter der +gotischen Partei, ihren Lieblingsbestrebungen entgegen; er unterstuetzte +sie darin: er half ihr, sich mit Roemern und Griechen umgeben, den jungen +Koenig moeglichst von der Teilnahme am Regiment ausschliessen, die alten +gotischen Freunde ihres Vaters, die, im Bewusstsein ihrer Verdienste und +nach alter Gewohnheit, sich manches freie und derbe Wort des Tadels +erlaubten, als rohe Barbaren allmaehlich vom Hof entfernen, die Gelder, die +fuer Kriegsschiffe, Rosse, Ausruestung der gotischen Heere bestimmt waren, +fuer Wissenschaften und Kuenste oder auch fuer die Verschoenerung, Erhaltung +und Sicherung Roms verwenden: - kurz, er war ihr behilflich in allem, was +sie ihrem Volk entfremden, ihre Regierung verhasst und ihr Reich wehrlos +machen konnte. Und hatte er selbst einen Plan, immer wusste er seine +Verhandlungen mit der Fuerstin so zu wenden, dass sich diese fuer die +Urheberin ansehen musste und ihn zu dem Vollzug seiner geheimsten Wuensche +als _ihrer_ Auftraege befehligte. + + + + + Fuenftes Kapitel. + + +Begreiflicherweise bedurfte es, um solchen Einfluss zu gewinnen und zu +pflegen, haeufigeren Aufenthalts am Hof, laengerer Abwesenheit von Rom als +seine dortigen Interessen vertrugen. Deshalb strebte er danach, in die +Naehe der Koenigin Persoenlichkeiten zu bringen, die ihm diese Muehe zum Teil +ersparen koennten, die ihn immer gut unterrichten und warm vertreten +sollten. Die Frauen von mehreren gotischen Edeln, welche grollend Ravenna +verliessen, mussten in der Umgebung Amalaswinthens ersetzt werden und +Cethegus trug sich mit dem Gedanken, bei dieser Gelegenheit Rusticiana, +die Tochter des Symmachus, die Witwe des Boethius an den Hof zu bringen. +Die Aufgabe war nicht leicht. Denn die Familie dieser als Hochverraeter +hingerichteten Maenner war in Ungnade aus der Koenigsstadt verbannt. Vor +allem musste daher die Koenigin umgestimmt werden fuer sie. + +Dies freilich gelang alsbald, indem die Grossmut der edeln Frau gegen das +so tief gefallne Haus wachgerufen wurde. Dazu kam, dass sie an die niemals +vollbewiesene Schuld von zwei edeln Roemern nie von Herzen hatte glauben +moegen, deren einen, den Gatten Rusticianas, sie als grossen Gelehrten und +in manchen Gebieten als ihren Lehrer verehrte. Endlich wusste Cethegus zu +betonen, wie gerade diese That, sei es der Gerechtigkeit, sei es der +Gnade, die Herzen all' ihrer roemischen Unterthanen ruehren muesse. So war +die Regentin leicht gewonnen, Gnade zu erteilen. Viel schwerer ward die +stolze und leidenschaftliche Witwe des Verurteilten bewogen, diese Gnade +anzunehmen. Denn Wut und Rachedurst gegen das Koenigshaus erfuellten ihre +ganze Seele und Cethegus musste sogar fuerchten, ihr unbeherrschbarer Hass +koennte sich in der steten Naehe der "Tyrannen" leicht verraten. Wiederholt +hatte Rusticiana trotz all' seiner sonst so grossen Gewalt ueber sie dieses +Ansinnen zurueckgewiesen. + +Da machten sie eines Tages eine sehr ueberraschende Entdeckung, die zur +Erfuellung der Wuensche des Praefekten fuehren sollte. + +Rusticiana hatte eine kaum sechzehnjaehrige Tochter, Kamilla. Aus ihrem +echt roemischen Gesicht mit den edeln Schlaefen und den schoen geschnittenen +Lippen leuchteten dunkle schwaermerische Augen: der eben erst vollendete +Wuchs zeigte feine, fast allzuzarte Formen, rasch und leicht und fein wie +einer Gazelle waren alle Bewegungen dieser schlanken Glieder. Eine reiche +Seele mit schwungvoller Phantasie lebte in dem lieblichen Maedchen. Mit +aller Inbrunst kindlicher Verehrung hatte sie ihren ungluecklichen Vater +geliebt: der Streich, der sein teures Haupt getroffen, hatte tief in das +Leben des heranbluehenden Maedchens geschlagen; ungestillte Trauer, heilige +Wehmut, mit der sich die leidenschaftliche Vergoetterung seines Martyriums +fuer Italien mischte, erfuellten alle Traeume ihres jungfraeulichen +Entfaltens. + +Vor dem Sturz ihres Hauses ein gern gesehener Gast am Koenigshof war sie +nach dem Schicksalsschlag mit ihrer Mutter ueber die Alpen nach Gallien +geflohen, wo ein alter Gastfreund den betruebten Frauen monatelang eine +Zufluchtstaette bot, waehrend Anicius und Severinus, Kamillas Brueder, +anfaenglich ebenfalls verhaftet und zum Tode verurteilt, dann zur +Verbannung aus dem Reich begnadigt, aus dem Kerker sofort nach Byzanz an +den Hof des Kaisers eilten, wo sie Himmel und Hoelle gegen die Goten in +Bewegung setzten. Die Frauen waren, als sich der Sturm der Verfolgung +verzogen, nach Italien zurueckgekehrt und lebten ihrem stillen Gram im +Haeuschen eines treuen Freigelassenen zu Perusia, von wo aus freilich +Rusticiana, wie wir gesehen, den Weg zu den Verschworenen in Rom wohl zu +finden wusste. + +Der Sommer war gekommen, die Jahreszeit, in der vornehme Roemer noch immer, +wie zur Zeit des Horatius und Tibullus, die dumpfe Luft der Staedte zu +fliehen und in seine kuehlen Villen im Sabinergebirge oder an der +Meereskueste sich zu verstecken pflegten. Mit Beschwerde trugen die +verwoehnten Edelfrauen den Qualm und Staub in den heissen Strassen des engen +Perusia, mit Seufzen der herrlichen Landhaeuser bei Florentia und Neapolis +gedenkend, die sie, wie all' ihr Vermoegen, an den gotischen Fiskus +verloren. + +Da trat eines Tages der treue Corbulo mit seltsam verlegenem Gesicht vor +Rusticiana. Er habe laengst bemerkt, wie die "Patrona" unter seinem +unwuerdigen Dach zu leiden und mancherlei Ungemach schon durch seine +Hantierung - er war seines Zeichens Steinmetz - zu erdulden gehabt und so +habe er denn an den letzten Calenden ein kleines, freilich nur ein ganz +kleines, Guetchen mit einem noch kleineren Haeuschen gekauft, droben im +Gebirge bei Tifernum. Freilich, an die Villa bei Florentia duerften sie +dabei nicht denken: aber es riesele doch auch dort ein selbst unter dem +Sirius nicht versiegender Waldquell, Eichen und Kornellen gaeben breiten +Schatten, um den verfallnen Faunustempel wuchre ueppig der Epheu und im +Garten habe er Rosen, Veilchen und Lilien pflanzen lassen, wie sie Domna +Kamilla liebe und so moechten sie denn Maultier und Saenfte besteigen und +wie andre Edelfrauen ihre Villa beziehen. + +Die Frauen, von dieser Treue des Alten geruehrt, nahmen dankbar seine Guete +an und Kamilla, die sich in kindlicher Genuegsamkeit auf die kleine +Veraenderung freute, war heiterer, belebter als je seit dem Tod ihres +Vaters. + +Ungeduldig draengte sie zum Aufbruch und eilte noch am selben Tage mit +Corbulo und Daphnidion, dessen Tochter, voraus, Rusticiana sollte mit den +Sklaven und dem Gepaeck so bald als moeglich folgen. + +Die Sonne sank schon hinter die Huegel von Tifernum, als Corbulo, Kamillens +Maultier am Zuegel fuehrend, aus den Waldhoehen auf die Lichtung gelangte, +von wo aus man das Guetchen zuerst wahrnehmen konnte. Laengst hatte er sich +auf die Ueberraschung des Kindes gefreut, wenn er ihr von hier aus das +anmutig gelegene Haus zeigen wuerde. + +Aber erstaunt blieb er stehen: - er hielt die Hand vor die Augen, ob ihn +die Abendsonne blende, er sah umher, ob er denn nicht an der rechten +Stelle: aber kein Zweifel! da stand ja an dem Rain, wo Wald und Wiese sich +beruehrten, der graue Markstein in Gestalt des alten Grenzgottes Terminus +mit seinem spitz zulaufenden Kopf: der rechte Ort war es, aber das +Haeuschen nicht zu sehen: vielmehr an seiner Stelle eine dichte Gruppe von +Pinien und Platanen: und auch sonst war die ganze Umgebung veraendert: da +standen gruene Hecken und Blumenbeete, wo sonst Kohl und Rueben, und ein +zierlicher Pavillon prangte, wo bisher Sandgruben und die Landstrasse sein +bescheidnes Gebiet begrenzt hatten. + +"Die Mutter Gottes steh' mir bei und alle obern Goetter!" rief der +Steinmetz, "bin ich verzaubert oder die Gegend? Aber Zauber ist los!" +Seine Tochter reichte ihm eifrig das Amulet, das sie am Guertel trug: aber +Aufschluss konnte sie nicht geben, da sie zum erstenmal das neue Besitztum +betrat und so blieb nichts uebrig, als das Maultier zur groessten Eile zu +treiben und springend und rufend begleiteten Vater und Tochter den Trab +des Grauchens die Wiesenhaenge hinunter. + +Als sie nun naeher kamen, fand Corbulo allerdings hinter der Baumgruppe das +Haus, das er gekauft: aber so verjuengt, erneuert, verschoent, dass er es +kaum erkannte. + +Sein Staunen ueber die Umwandlung der ganzen Gegend stieg aufs neue zu +aberglaeubischer Furcht: offnen Mundes blieb er zuletzt stehen, liess die +Zuegel fallen und begann eine wieder seltsam gemischte Reihe von +christlichen und heidnischen Ausrufen, als ploetzlich Kamilla ebenso +ueberrascht ausrief: "Aber das ist ja der Garten, wo wir gewohnt, das +Viridarium des Honorius zu Ravenna, dieselben Baeume, dieselben +Blumenbeete, und auch an jenem Teich, wie zu Ravenna am Meeresufer, der +Tempel der Venus! o wie schoen, welche Erinnerung! Corbulo, wie hast du das +angefangen?" Und Thraenen freudiger Ruehrung traten in ihre Augen. - "So +sollen mich alle Teufel peinigen und Lemuren, wenn ich das angefangen +habe. Doch da kommt Cappadox mit seinem Klumpfuss, der ist also nicht mit +verhext. Rede, du Cyklope, was ist hier geschehen?" + +Der riesige Cappadox, ein breitschultriger Sklave, humpelte mit +ungeschlachtem Laecheln heran und erzaehlte nach vielen Fragen und +Unterbrechungen des Staunens eine raetselhafte Geschichte. Vor drei Wochen +etwa, wenige Tage nachdem Cappadox auf das Gut geschickt war, es fuer +seinen Herrn, der auf laengere Zeit in die Marmorbrueche von Luna verreist +war, zu verwalten, kam von Tifernum her ein vornehmer Roemer mit einem Tross +von Sklaven und Arbeitern und mit hochbepackten Lastwagen an. Er fragte, +ob dies die Besitzung sei, welche der Steinmetz Corbulo von Perusia fuer +die Witwe des Boethius gekauft. Und als dies bejaht wurde, gab er sich als +den Hortulanus Prinzeps d. h. als Oberintendanten der Gaerten zu Ravenna zu +erkennen. Ein alter Freund des Boethius, der aus Furcht vor den gotischen +Tyrannen seinen Namen nicht zu nennen wage, wuensche, sich insgeheim der +Verfolgten anzunehmen und habe ihm den Auftrag gegeben, den Aufenthalt +derselben mit allen Mitteln seiner Kunst zu schmuecken und zu verschoenern. +Der Sklave duerfe die beabsichtigte Ueberraschung nicht verderben und halb +mit Guete, halb mit Gewalt hielt man den staunenden Cappadox auf der Villa +fest. Der Intendant aber entwarf sofort seinen Plan und seine Arbeiter +gingen unverzueglich ans Werk. + +Viele benachbarte Grundstuecke wurden zu hohen Preisen hinzugekauft und nun +hob an ein Niederreissen und Bauen, ein Pflanzen und Graben, ein Haemmern +und Klopfen, ein Putzen und Malen, dass dem guten Cappadox Hoeren und Sehen +verging. Wollte er fragen und drein reden, so lachten ihm die Arbeiter ins +Gesicht. Wollte er sich davon machen, so winkte der Intendant und ein halb +Dutzend Faeuste hielten ihn fest. "Und" - schloss der Erzaehler - "so ging's +bis vorgestern Morgen. Da waren sie fertig und zogen davon. + +Anfangs war mir angst und bang, da ich die kostspieligen Herrlichkeiten +aus dem Boden wachsen sah. Ich dachte: am Ende, wenn Meister Corbulo das +alles bezahlen soll, dann weh ueber meinen Ruecken! Und ich wollte dir's +melden. Aber sie liessen mich nicht und obenein wusst' ich dich fern von +Haus. Und wie ich nachgerade das unsinnig viele Geld des Intendanten +verspuerte und wie der mit den Goldstuecken um sich warf wie die Kinder mit +Kieseln, siehe, da beruhigte sich allmaehlich mein Gemuete und ich liess +alles gehen wie es ging. Nun, o Herr, weiss ich wohl: du kannst mich +dennoch in den Block setzen und pruegeln lassen. Mit der Rebe oder sogar +mit dem Skorpion. Du kannst es. Denn warum? du bist der Herr und Cappadox +der Knecht. Aber gerecht, Herr, waere es kaum! bei allen Heiligen und allen +Goettern! Denn du hast mich gesetzt ueber ein Paar Kohlfelder und siehe, sie +sind geworden ein Kaisergarten unter meiner Hand." + +Kamilla war laengst abgestiegen und davongeschluepft, ehe der Sklave zu +Ende. Mit vor Freude hochklopfendem Herzen durcheilte sie den Garten, die +Lauben, das Haus: sie schwebte wie auf Fluegeln, kaum konnte ihr die flinke +Daphnidion folgen. Ein Ausruf der Ueberraschung des freudigen Schreckens +jagte den andern: so oft sie um eine Ecke des Weges, um eine Baumgruppe, +bog, wieder und wieder stand ein Bild aus jenem Garten von Ravenna vor +ihrem entzueckten Auge. Als sie aber ins Haus gelangte und ein kleines +Gemach desselben genau so bemalt, ausgeruestet, geschmueckt fand wie jener +Raum im Kaiserschloss gewesen war, in dem sie die letzten Tage der Kindheit +verspielt und die ersten Traeume des Maedchens getraeumt, dieselben Bilder +auf den bastgeflochtnen Vorhaengen, die gleichen Vasen und zierlichen +Citruskaestchen und auf dem gleichen Schildpatttischchen ihre kleine +zierliche Lieblingsharfe mit den Schwanenfluegeln, da, ueberwaeltigt von so +vielen Erinnerungen, und noch mehr von dem Gefuehl des Dankes gegen so +zarte Freundschaft, sank sie schluchzend in freudiger Wehmut auf den +weichen Teppichen des Lectus zusammen. Kaum konnte sie Daphnidion +beruhigen. "Es giebt noch edle Herzen, noch Freunde fuer das Haus des +Boethius," rief sie wieder und wieder. Und sie sandte das innigste Gebet +des Dankes gegen Himmel. - + +Als am Tage darauf die Mutter eintraf, war sie kaum weniger ergriffen von +der seltsamen Ueberraschung. + +Sogleich schrieb sie nach Rom an Cethegus und fragte, welcher Freund ihres +Gatten wohl in diesem geheimnisvollen Wohlthaeter zu suchen sei? Es war ihr +eine stille Hoffnung, an ihn selbst dabei zu denken. Aber der Praefekt +schuettelte nachdenklich den Kopf ueber ihren Brief und schrieb ihr zurueck: +er kenne niemand, an den ihn diese zartfuehlende Weise mahnen koenne. Sie +moege scharf jede Spur beachten, die zur Loesung des Raetsels fuehren koenne. + +Es sollte sich bald genug enthuellen. - + +Kamilla wurde nicht muede, den Garten zu durchstreifen und immer neue +Aehnlichkeiten mit seinem trauten Vorbild zu entdecken. Oft fuehrten sie +diese Gaenge ueber den Park hinaus und in den anstossenden Bergwald. Dabei +pflegte sie die muntre Daphnidion zu begleiten, die ihr gleiche Jugend und +treue Anhaenglichkeit rasch zur Vertrauten gemacht. Wiederholt hatte diese +der Patrona bemerkt, ein Waldgeist muesse ihnen nachschleichen. Denn +vielfach knacke es hoerbar in den Bueschen und rausche im Grase hinter oder +neben ihnen. Und doch sei nirgends Mensch oder Tier zu sehen. Aber Kamilla +lachte ihres Aberglaubens und noetigte sie immer wieder in die gruenen +Schatten der Ulmen und Platanen hinaus. + +Eines Tages entdeckten die Maedchen, vor der Hitze tiefer und tiefer in die +Kuehle des Waldes fluechtend, eine lebhafte Quelle, die reichlich und klar +von dunkeln Porphyrfelsen traufte. Doch sie rieselte ohne bestimmtes +Rinnsal und muehsam mussten die Durstenden die einzelnen Silbertropfen +erhaschen. "Wie Schade," rief Kamilla, "um das koestliche Nass! Da haettest +du die Tritonenquelle sehen sollen im Pinetum zu Ravenna. Wie anmutig +sprudelte der Strahl aus den aufgeblasenen Backen des bronzenen Meergotts +und fiel gesammelt in eine breite Muschel von braunem Marmor, wie Schade!" +Und sie gingen weiter. + +Nach einigen Tagen kamen beide wieder an die Stelle. + +Daphnidion, die voranschritt, blieb ploetzlich laut aufschreiend stehen und +wies sprachlos mit dem Finger auf die Quelle. Der Waldquell war gefasst. +Aus einem bronzenen Tritonenkopf sprudelte der Strahl in eine zierliche +Muschel von braunem Marmor. Daphnidion, jetzt fest an Geisterspuk +glaubend, wandte sich ohne weiteres zur Flucht: sie floh mit den Haenden +vor den Augen, die Waldgeister nicht zu sehen, was fuer hoechst gefaehrlich +galt, nach dem Hause zu, der Herrin laut rufend, ihr zu folgen. Aber +Kamilla durchzuckte der Gedanke: der Lauscher, der uns neulich hierher +gefolgt, ist gewiss auch jetzt in der Naehe, sich an unsrem Staunen zu +weiden. Scharf sah sie umher: an einem wilden Rosenbusch fielen die Blueten +von schwankenden Zweigen zur Erde. Rasch schritt sie auf das Dickicht zu. +Und sieh, aus dem Gebuesch trat ihr mit Jagdtasche und Wurfspeer ein junger +Jaeger entgegen. + +"Ich bin entdeckt," sagte er mit leiser, schuechterner Stimme, anmutig in +seiner Beschaemung. + +Aber mit einem Schreckensruf fuhr Kamilla zurueck: "Athalarich" - stammelte +sie - "der Koenig!" + +Eine ganze Meerflut von Gedanken und Gefuehlen wogte ihr durch Haupt und +Herz, und halb ohnmaechtig sank sie auf den Rasenhang neben der Quelle. Der +junge Koenig stand in Schrecken und Entzuecken sprachlos einige Sekunden vor +der hingegossenen zarten Gestalt: durstig sog sein brennendes Auge die +schoenen Zuege, die edeln Formen ein: fluechtiges Rot schoss zuckend wie +Blitze ueber sein bleiches Gesicht. "O sie - sie ist mein heisser Tod" - +hauchte er, endlich beide Haende an das pochende Herz drueckend - "jetzt +sterben, - sterben mit ihr." + +Da regte sie den Arm. Das brachte ihn zur Besinnung zurueck. Er kniete +neben ihr nieder und sprengte das kuehle Nass des Brunnens auf ihre Schlaefe. +Sie schlug die Augen auf: "Barbar - Moerder!" schrie sie gellend, stiess +seine Hand zurueck, sprang auf und floh wie ein gescheuchtes Reh hinweg. + +Athalarich folgte ihr nicht. "Barbar - Moerder," hauchte er in tiefstem +Schmerz vor sich hin. Und er verbarg die gluehende Stirn in den Haenden. + + + + + Sechstes Kapitel. + + +Kamilla kam in so hoher Aufregung nach Hause, dass Daphnidion sich's nicht +nehmen liess, die Domna muesse die Nymphen oder gar den altehrwuerdigen +Waldgott Picus selbst gesehen haben. + +Aber das Maedchen warf sich in wilder Bewegung in die Arme der +erschrockenen Mutter. Der Kampf verworrener Gefuehle loeste sich in einem +Strom von heissen Thraenen und erst spaet vermochte sie, den besorgten Fragen +Rusticianas Antworten und Aufschluss zu geben. + +In der tiefen Seele dieses Kindes wogte ein schweres Ringen. + +Es war dem am Hofe zu Ravenna heranreifenden Maedchen nicht ganz entgangen, +dass der schoene, bleiche Knabe oft mit seltsamem, traeumendem Blick die +dunkeln Augen auf ihr ruhen liess, dass er wie mit Andacht dem Tonfall ihrer +Stimme lauschte. Aber niemals war diese Ahnung inneren Wohlgefallens ihr +bestimmt ins Bewusstsein getreten; der Prinz, scheu und verschlossen, hatte +die Augen niedergeschlagen, wenn sie ihn ueber einem solchen Blick ertappte +und ihn unbefangen fragend ansah: waren sie doch beide damals beinahe noch +Kinder. Sie wusste nicht zu nennen, was in Athalarich vorging - kaum wusste +er es selbst - und nie war es ihr eingefallen, nachzudenken, warum auch +sie gern in seiner Naehe lebte, gern dem kuehnen, von der Art aller andrer +Gespielen abweichenden Flug seiner Gedanken oder Phantasien folgte, gern +auch schweigend neben dem Schweigenden im Abendlicht durch die stillen +Gaerten wandelte, wo er oft mitten aus seinen Traeumereien abgerissene, aber +immer sinnige Worte zu ihr sprach, deren Poesie, die Poesie +schwaermerischer Jugend, sie so voellig verstand und wuerdigte. + +In das zarte Weben dieser knospenden Neigung schlug nun die Katastrophe +ihres ueber alles geliebten Vaters. + +Und nicht nur sanfte Trauer um den Gemordeten, gluehender Hass gegen die +Moerder ergriff die Seele der leidenschaftlichen Roemerin. Von jeher hatte +Boethius, selbst in der Zeit seiner hoechsten Gunst am Hofe, ein +hochmuetiges Herabsehen auf das Barbarentum der Goten zur Schau getragen, +und seit seinem Untergang atmete natuerlich die ganze Umgebung Kamillas, +die Mutter, die beiden racheduerstenden Brueder, die Freunde des Hauses nur +Hass und Verachtung: nicht nur gegen den blutigen Moerder und Tyrannen +Theoderich, nein, gegen alle Goten und vorab gegen Tochter und Enkel des +Koenigs, die seine Schuld zu teilen schienen, weil sie dieselbe nicht +verhindert. So hatte das Maedchen Athalarichs fast gar nicht mehr gedacht. +Und wann er genannt wurde oder wann, was ihr manchmal begegnete, sein Bild +im Traume vor ihre Seele trat, so gipfelte all' ihr Hass gegen die Barbaren +in hoechstem Abscheu gegen ihn. Vielleicht gerade deshalb, weil im +geheimsten Grund ihres Herzens jetzt eine widerstrebende Ahnung von jener +Neigung zitterte, die sie zu dem schoenen Koenigssohn gezogen. - + +Und nun - nun hatte es der Frevler gewagt, ihr argloses Herz mit +tueckischem Streich zu treffen! + +Sie hatte, sowie sie ihn aus dem Dickicht schreiten sah, sowie sie ihn +erkannte, blitzschnell erfasst, dass er es war, der, wie die Fassung der +Quelle, so die Umgestaltung der ganzen Villa geschaffen. Er, der verhasste +Feind, der Spross des verfluchten Geschlechts, an welchem das Blut ihres +Vaters klebte, der Koenig der Barbaren! All die Freuden, mit welchen sie in +diesen Tagen Haus und Garten durchmustert, brannten jetzt wie gluehend Erz +auf ihrer Seele. Der Todfeind ihres Volkes, ihres Geschlechts, hatte +gewagt, sie zu beschenken, zu erfreuen, zu begluecken. Fuer ihn hatte sie +Dankgebete zum Himmel gesandt. Er hatte sich erkuehnt, ihren Schritten zu +folgen, ihre Worte zu belauschen, ihre leisesten Wuensche zu erfuellen: - +und im Hintergrund ihrer Seele stand, schrecklicher als all' dies, der +Gedanke, warum er das gethan. Er liebte sie! Der Barbar erkuehnte sich, es +ihr zu zeigen. Der Tyrann Italiens, er wagte wohl gar zu hoffen, dass des +Boethius Tochter - + +O es war zu viel! und schmerzlich schluchzend barg sie das Haupt in den +Kissen ihres Lagers, bis dumpfer Schlaf der Erschoepfung auf sie +niedersank. Alsbald erschien der eilig herbeigerufene Cethegus bei den +ratlosen Frauen. Rusticiana hatte ihrem wie Kamillens erstem Gefuehle +folgen, sofort die Villa und die verhasste Naehe des Koenigs fliehen und ihr +Kind jenseit der Alpen bergen wollen. Aber der Zustand Kamillas hatte +bisher den Aufbruch verhindert und sowie der Praefekt das Haus betrat, +schien sich die Flamme der Aufregung vor seinem kalten Blick zu legen. Er +nahm Rusticianen allein mit sich in den Garten: ruhig und aufmerksam hoerte +er daselbst, den Ruecken an einen Lorberstamm gelehnt, das Kinn in die +linke Hand gestuetzt, ihrer leidenschaftlichen Erzaehlung zu. + +"Und nun rede," schloss sie, "was soll ich thun? Wie soll ich mein armes +Kind retten? wohin sie bringen?" + +Cethegus schlug die Augen auf, die er, wie er bei angestrengtem Nachsinnen +pflegte, halb geschlossen hatte. + +"Wohin Kamilla bringen?" sagte er. "An den Hof, nach Ravenna." + +Rusticiana fuhr empor: "Wozu jetzt der giftige Scherz!" + +Aber Cethegus richtete sich rasch auf. + +"Es ist mein Ernst. Still - hoere mich. Kein gnaedigeres Geschenk hat das +Schicksal, das die Barbaren verderben will, in unsren Weg legen koennen. Du +weisst, wie voellig ich die Regentin beherrsche. + +Aber nicht weisst du, wie voellig machtlos ich bin ueber jenen eigensinnigen +Schwaermer. Es ist raetselhaft. Der kranke Juengling ist im ganzen Gotenvolk +der einzige, der mich, wenn nicht durchschaut, doch ahnt. Und ich weiss +nicht, ob er mich mehr fuerchtet oder mehr hasst. Das waere mir ziemlich +gleichgueltig, wenn der Verwegne mir nicht sehr entschieden und sehr +erfolgreich entgegenarbeitete. Sein Wort wiegt natuerlich schwer bei seiner +Mutter. Oft schwerer als das meine. Und er wird immer aelter, reifer, +gefaehrlicher. Sein Geist ueberfluegelt maechtig seine Jahre. Er nimmt +ernstlichen Teil an den Beratungen der Regentschaft. Jedesmal spricht er +gegen mich. Oft siegt er. Erst neulich hat er es gegen mich durchgesetzt, +dass der schwarzgallige Teja den Befehl der gotischen Truppen in Rom +erhielt, in meinem Rom! Kurz, der junge Koenig wird hoechst gefaehrlich. Und +ich hatte bisher nicht einen Schatten von Gewalt ueber ihn. Zu seinem +Verderben liebt er Kamilla. Durch sie wollen wir den Unbeherrschbaren +beherrschen." + +"Nimmermehr!" rief Rusticiana. "Nie, so lang ich atme. Ich an den Hof des +Tyrannen! Mein Kind die Geliebte Athalarichs! des Boethius Tochter! Sein +blutger Schatte wuerde -" + +"Willst du diesen Schatten raechen? Ja! willst du die Goten verderben? Ja! +Also musst du wollen, was dahin fuehrt." - "Nie, bei meinem Eide!" - "Weib, +reize mich nicht. Trotze mir nicht. Du kennst mich! Bei deinem Eide! Wie? +Hast du mir nicht Gehorsam geschworen, blinden, unbedingten, wie ich dir +Rache verheissen? Hast du's nicht geschworen auf die Gebeine der Heiligen, +dich und deine Kinder verflucht fuer den Eidbruch? Man sieht sich vor bei +euch Weibern. Gehorche oder zittre fuer deine Seele." + +"Entsetzlicher! Soll ich all meinen Hass dir, deinen Plaenen opfern?" + +"Mir? Wer spricht von mir? _Deine_ Sache fuehr' ich. _Deine_ Rache vollend' +ich: _Mir_ haben die Goten nichts zuleid gethan. _Du_ hast mich aufgestoert +von meinen Buechern. Du hast mich aufgerufen, diese Amaler zu vernichten. +Willst du nicht mehr? Auch gut! Ich kehre zurueck zu Horatius und der Stoa! +Leb wohl." + +"Bleib, bleibe. Aber soll denn Kamilla das Opfer werden?" + +"Wahnsinn! Athalarich soll es werden. Sie soll ihn ja nicht lieben, sie +soll ihn nur beherrschen. Oder," fuegte er, sie scharf ansehend, hinzu, +"fuerchtest du fuer ihr Herz?" - "Deine Zunge erlahme! Meine Tochter? _ihn_ +lieben? eher erwuerg' ich sie mit diesen Haenden." + +Aber Cethegus war nachdenklich geworden. + +Es ist nicht um das Maedchen, sagte er zu sich selbst. Was liegt an ihr! +Aber wenn sie ihn liebt - und der Gote ist schoen, geistvoll, schwaermerisch +.... "Wo ist deine Tochter?" fragte er laut. + +"Im Frauengemach. Auch wenn ich wollte, sie wuerde nie einwilligen, nie." + +"Wir wollen's versuchen. Ich gehe zu ihr." + +Und sie traten ins Haus. Rusticiana wollte mit ihm in das Gemach. Aber +Cethegus wies sie zurueck. + +"Allein muss ich sie haben!" sprach er und schritt durch den Vorhang. Bei +seinem Anblick erhob sich das schoene Maedchen von den Teppichen, auf denen +sie in ratlosem Sinnen geruht. Gewoehnt, in dem klugen, beherrschenden +Mann, dem Freund ihres Vaters, stets einen Berater und Helfer zu finden, +begruesste sie ihn vertrauend wie die Kranke den Arzt. + +"Du weisst, Cethegus?" - "Alles." - "Und du bringst mir Hilfe." - "Rache +bring ich dir, Kamilla!" + +Das war ein neuer, ein maechtig ergreifender Gedanke! Nur Flucht, Rettung +aus dieser qualvollen Lage hatten ihr bisher vorgeschwebt. Hoechstens eine +zornige Abweisung der koeniglichen Geschenke. Aber jetzt Rache! Vergeltung +fuer die Schmerzen dieser Stunden! Rache fuer die erlittene Schmach! Rache +an den Moerdern ihres Vaters! Ihre Wunden waren frisch. Und in ihren Adern +kochte das heisse Blut des Suedens. Ihr Herz frohlockte ueber Cethegus' Wort! + +"Rache? wer wird mich raechen? du?" - "Du dich selbst! Das ist suesser." + +Ihre Augen blitzten. "An wem?" - "An ihm. An seinem Haus. An allen unsern +Feinden." - "Wie kann ich das? Ein schwaches Maedchen?" - "Hoere auf mich, +Kamilla. Nur dir, nur des edeln Boethius edler Tochter sag ich, was ich +sonst keinem Weib der Erde vertrauen wuerde. Es besteht ein starker Bund +von Patrioten, der die Herrschaft der Barbaren spurlos austilgen wird aus +diesem Lande: das Schwert der Rache haengt ueber den Haeuptern der Tyrannen. +Das Vaterland, der Schatte deines Vaters beruft dich, es herabzustuerzen." + +"Mich? ich - meinen Vater raechen? sprich!" rief hochergluehend das Maedchen, +die schwarzen Haare aus den Schlaefen streichend. "Es gilt ein Opfer. Rom +fordert es." - "Mein Blut, mein Leben! wie Virginia will ich sterben." - +"Du sollst leben, den Sieg zu schauen. Der Koenig liebt dich. Du musst nach +Ravenna. An den Hof. Du musst ihn verderben. Durch diese Liebe. Wir alle +haben keine Macht ueber ihn. Nur du hast Gewalt ueber seine Seele. Du sollst +dich raechen und ihn vernichten." + +"Ihn vernichten?!" - Seltsam bewegt klang die leise Frage; ihr Busen +wogte, ihre Stimme bebte in der Mischung ringender Gefuehle, Thraenen +brachen aus ihren Augen, sie verbarg das Gesicht in den Haenden. - Cethegus +stand auf. "Vergieb," sagte er. "Ich gehe. Ich wusste nicht, - - dass du den +Koenig liebst." + +Ein Weheschrei des Zornes wie bei physischem Schmerz drang aus des +Maedchens Brust. Sie sprang auf und fasste ihn an der Schulter: + +"Mann, wer sagt das? Ich hasse ihn! Hasse ihn, wie ich nie gewusst, dass ich +hassen kann." - "So beweis' es. Denn ich glaub' es dir nicht." - "Ich will +dir's beweisen!" rief sie. "Sterben soll er! Er soll nicht leben!" + +Sie warf das Haupt zurueck, wild funkelten die blitzenden Augen, ihr +schwarzes Haar flog um die weissen Schultern. + +Sie liebt ihn, dachte Cethegus. Aber es schadet nicht. Denn sie weiss es +noch nicht. Sie hasst ihn daneben. Und das allein weiss sie. Es wird gehn. + +"Er soll nicht leben," wiederholte sie. "Du sollst sehen," lachte sie, +"wie ich ihn liebe! Was soll ich thun?" - "Mir folgen in allem." - "Und +was versprichst du mir dafuer? was soll er erleiden?" - "Verzehrende Liebe +bis zum Tod." - "Liebe zu mir? ja, ja, das soll er!" - "Er, sein Haus, +sein Reich soll fallen." + +"Und er wird wissen, dass durch mich -?" - "Er soll es wissen. Wann reisen +wir nach Ravenna?" + +"Morgen! Nein, heute noch." Sie hielt inne und fasste seine Hand: +"Cethegus, sage, bin ich schoen?" + +"Der Schoensten eine." + +"Ha!" rief sie, die losgegangenen Locken schuettelnd. "Er soll mich lieben +und verderben! Fort nach Ravenna! Ich will ihn sehen, ich muss ihn sehen!" +Und sie stuermte aus dem Gemach. - Sie sehnte sich mit ganzer Seele, bei +Athalarich zu sein. + + + + + Siebentes Kapitel. + + +Noch am naemlichen Tage wurde die kleine Villa verlassen und der Weg nach +der Koenigsstadt angetreten. + +Cethegus schickte einen Eilboten voraus mit einem Brief Rusticianas an die +Regentin. Die Witwe des Boethius erklaerte darin, dass sie die durch +Vermittelung des Praefekten von Rom wiederholt angebotene Rueckberufung an +den Hof nunmehr anzunehmen bereit sei. Nicht als eine That der Gnade, +sondern der Suehne, als ein Zeichen, dass die Erben Theoderichs dessen +Unrecht an den Verblichenen gut machen wollten. + +Diese stolze Sprache war wie aus Rusticianas tiefstem Herzen und Cethegus +wusste, dass solches Auftreten nicht schaden, nur alle verdaechtige Auslegung +der raschen Umstimmung ausschliessen werde. Unterwegs noch traf die +Reisenden die Antwort der Koenigin, die sie am Hof willkommen hiess. In +Ravenna angelangt wurden sie von der Fuerstin aufs ehrenvollste empfangen, +mit Sklaven und Sklavinnen umgeben und in dieselben Raeume des Palastes +eingefuehrt, die sie ehedem bewohnt. Freudig begruessten sie die Roemer. + +Aber der Zorn der Goten, die in Boethius und Symmachus undankbare Verraeter +verabscheuten, wurde durch diese Massregeln, die eine stillschweigende +Verurteilung Theoderichs zu enthalten schienen, schwer gereizt. Die +letzten Freunde des grossen Koenigs verliessen grollend den verwelschten +Hof. - + +Einstweilen hatten die Zeit, die Zerstreuungen der Reise und der Ankunft +Kamillas Aufregung gemildert. Und ihr Zorn konnte sich um so eher +beschwichtigen als ihr viele Wochen zu Ravenna verstrichen, ehe sie +Athalarich begegnete. Denn der junge Koenig war gefaehrlich erkrankt. + +Am Hof erzaehlte man, er habe bei einem Aufenthalt zu Aretium, - er wollte +dort, mit geringer Begleitung, der Bergluft, der Baeder und der Jagd +geniessen - in den Waeldern von Tifernum in der Hitze der Jagd einen kalten +Trunk aus einer Felsenquelle gethan und sich dadurch einen heftigen Anfall +seines alten Leidens zugezogen. + +Thatsache war, dass ihn sein Gefolge an jener Quelle bewusstlos +niedergesunken gefunden hatte. + +Die Wirkung dieser Erzaehlung auf Kamilla war seltsam. Zu dem Hass gegen +Athalarich trat jetzt ein Zug von leisem Bedauern. Ja eine Art von +Selbstanklage. Aber andrerseits dankte sie dem Himmel, dass durch diese +Krankheit eine Begegnung hinausgeschoben wurde, die sie jetzt in Ravenna +nicht minder fuerchtete als sie dieselbe, da sie noch fern von ihm in +Tifernum war, lebhaft herbeigewuenscht hatte. Und wenn sie jetzt in den +weiten Anlagen des herrlichen Schlossgartens einsam wandelte, hatte sie +immer und immer wieder zu bewundern, mit welcher Sorgfalt das kleine +Guetchen des Corbulo diesem Muster nachgebildet worden war. + +Tage und Wochen vergingen. + +Man vernahm nichts von dem Kranken, als dass er zwar auf dem Weg der +Besserung, aber noch streng an seine Gemaecher gebunden sei. Aerzte und +Hofleute, die ihn umgaben, priesen ihr oft seine Geduld und Kraft in den +heftigsten Schmerzen, seine Dankbarkeit fuer jeden kleinen Liebesdienst, +seine edle Milde. Aber wenn sie ihr Herz ertappte, wie gern es diesen +Lobesworten lauschte, sagte sie heftig zu sich selbst: + +"Und meines Vaters Ermordung hat er nicht gehindert!" und ihre Brauen +zogen sich zusammen und sie legte heimlich die geballte Faust auf das +pochende Herz. + +In einer heissen Nacht war Kamilla nach langem friedlosen Wachen endlich +gegen Morgen in unruhigen Schlaf gesunken. Angstvolle Traeume quaelten sie. +Ihr war, als senke sich die Decke des Gemaches mit ihren Reliefgestalten +auf sie nieder. Gerade ueber ihrem Haupte war ein jugendlich schoener +Hypnos, der sanfte Gott des Schlafes, von hellenischer Hand gebildet, +angebracht. + +Ihr traeumte, der Schlafgott nehme die ernsteren, trauervollen Zuege seines +bleichen Bruders Thanatos an. + +Langsam und leise senkte der Gott des Todes sein Antlitz auf sie nieder. - +Immer naeher rueckte er. - Immer bestimmter wurden seine Zuege. - Schon +fuehlte sie den Hauch seines Atems auf ihrer Stirn. - Schon beruehrten fast +die feinen Lippen ihren Mund. - Da erkannte sie mit Entsetzen die bleichen +Zuege, das dunkle Auge. - Es war Athalarich - dieser Todesgott. - Mit einem +Schrei fuhr sie empor. + +Die zierliche Silberlampe war laengst erloschen. Es daemmerte im Gemach. + +Ein rotes Licht drang gedaempft durch das Fenster von Frauenglas. Sie erhob +sich und oeffnete es; die Haehne kraehten, die Sonne tauchte mit den ersten +Strahlenspitzen aus dem Meer, auf das sie, ueber den Schlossgarten hinweg, +freien Ausblick hatte. Es litt sie nicht mehr in dem schwuelen Gemach. + +Sie schlug den faltigen Mantel um die Schultern und eilte leise, leise aus +dem noch schlummernden Palast ueber die Marmorstufen in den Garten, aus dem +ihr erfrischender Morgenwind von der nahen See her entgegenwehte. Sie +eilte der Sonne und dem Meere zu. Denn im Osten stiess der Garten des +Kaiserpalastes mit seinen hohen Mauern unmittelbar an die blauen Wellen +der Adria. Ein vergoldetes Gitterthor und jenseit desselben zehn breite +Stufen von weissem hymettischem Marmor fuehrten hinab zu dem kleinen Hafen +des Gartens, in welchem die schwanken Gondeln mit leichten Rudern und dem +dreieckigen lateinischen Segel von Purpurlinnen schaukelten, mit silbernen +Kettchen an den zierlichen Widderkoepfen von Erz befestigt, die links und +rechts aus dem Marmorquai hervorragten. Diesseit des Gitterthors, nach dem +Garten zu, fanden die Anlagen ihren Abschluss in einer geraeumigen Rundung, +die von weit schattenden Pinien dicht umfriedet war. Ihre Bodenflaeche, von +ueppigem, sorgfaeltig gezognem Graswuchs bedeckt, wurde von reinlichen Wegen +durchschnitten und von reichen Beten stark duftender Blumen unterbrochen. +Eine Quelle, zierlich gefasst, rieselte den Abhang hinab in das Meer. Die +Mitte des Platzes bildete ein kleiner, altersgrauer Venustempel, den eine +einsame Palme hochwipflig ueberragte, indes brennendroter Steinbrech in den +leeren Halbnischen seiner Aussenwaende prangte. Vor seiner laengst +geschlossenen Pforte stand zur Rechten ein eherner Aeneas. Der Julius Caesar +zur Linken war schon vor Jahrhunderten zusammengestuerzt. Theoderich hatte +auf dem Postament ein Erzbild des Amala errichten lassen, des mythischen +Stammvaters seines Hauses. Hier, zwischen diesen Statuen, an den +Eingangsstufen des kleinen Fanum genoss man des herrlichsten Blickes durch +das Gitterthor auf das Meer mit seinen buschigen Laguneninseln und einer +Gruppe von scharfkantigen malerischen Felsklippen, "die Nadeln der +Amphitrite" genannt. + +Es war ein alter Lieblingsort Kamillas. + +Und hierher lenkte sie jetzt die leichten Schritte, den reichen Tau von +dem hohen Grase streifend, wie sie mit leis gehobnem Gewand durch die +schmalen Wieswege eilte. Sie wollte die Sonne ueber das Meer hin aufgluehen +sehen. Sie kam von der Rueckseite des Tempels, ging an dessen linker Seite +hin und trat eben auf die erste der Stufen, die von seiner Stirn zu dem +Gitter hinabfuehrten, als sie rechts, auf der zweiten Stufe, halb sitzend, +halb liegend, eine weisse Gestalt erblickte, die, das Haupt an die Treppe +gelehnt, das Antlitz dem Meere zuwandte. + +Aber sie erkannte das braune, das seidenglaenzende Haar: es war der junge +Koenig. + +Die Begegnung war so ploetzlich, dass an Ausweichen nicht zu denken. Wie +angewurzelt hielt das Maedchen auf der ersten Stufe. Athalarich sprang auf +und wandte sich rasch. Eine helle Roete flammte ueber sein marmorbleiches +Gesicht. Doch fasste er sich zuerst von beiden und sprach: + +"Vergieb, Kamilla. Ich konnte dich nicht hier erwarten. Zu dieser Stunde. +Ich gehe. Und lasse dich allein mit der Sonne." Und er schlug den weissen +Mantel ueber die linke Schulter. "Bleib, Koenig der Goten. Ich habe nicht +das Recht, dich zu verscheuchen - und nicht die Absicht," fuegte sie bei. + +Athalarich trat einen Schritt naeher. "Ich danke dir. Aber ich bitte dich +um eins," setzte er laechelnd hinzu, "verrate mich nicht an meine Aerzte, an +meine Mutter. Sie sperren mich den ganzen Tag ueber so sorgsam ein, dass ich +ihnen wohl vor Tag entschluepfen muss. Denn die frische Luft, die Seeluft +thut mir gut. Ich fuehl's. Sie kuehlt. Du wirst mich nicht verraten." Er +sprach so ruhig. Er blickte so unbefangen. + +Diese Unbefangenheit verwirrte Kamilla. Sie waere viel mutiger gewesen, +wenn er bewegter. Sie sah diese Unbefangenheit mit Schmerz. Aber nicht um +der Plaene des Praefekten willen. So schuettelte sie nur schweigend das Haupt +zur Antwort. Und sie senkte die Augen. + +Jetzt erreichten die Strahlen der Sonne die Hoehe, auf der die beiden +standen. Der alte Tempel und das Erz der Statuen schimmerten im +Morgenlicht. Und eine breite Strasse von zitterndem Gold bahnte sich von +Osten her ueber die spiegelglatte Flut. "Sieh, wie schoen!" rief Athalarich, +fortgerissen von dem Eindruck. "Sieh die Bruecke von Licht und Glanz." + +Sie blickte teilnehmend hinaus. "Weisst du noch, Kamilla?" fuhr er +langsamer fort, wie in Erinnerungen verloren und ohne sie anzusehen, +"weisst du noch, wie wir hier als Kinder spielten? Traeumten? Wir sagten: +die goldne Strasse, von Sonnenstrahlen auf die Flut gezeichnet, fuehre zu +den Inseln der Seligen." - + +"Zu den Inseln der Seligen!" wiederholte Kamilla. Im stillen bewunderte +sie, mit welcher Zartheit und edlen Leichtigkeit er, jeden Gedanken an +ihre letzte Begegnung fern haltend, mit ihr in einer Weise verkehrte, die +sie voellig entwaffnete. "Und schau, wie dort die Statuen glaenzen: das +wundersame Paar, Aeneas und - Amala! Hoere, Kamilla, ich habe dir +abzubitten." Lebhaft schlug ihr Herz. Jetzt wollte er der Ausschmueckung +der Villa, der Quelle gedenken. Das Blut stieg ihr in die Wangen. Sie +schwieg in peinlicher Erwartung. Aber ruhig fuhr der Juengling fort: "Du +weisst, wie oft wir, du die Roemerin, ich der Gote, an diesem Ort in +Wettreden den Ruhm und den Glanz und die Art unserer Voelker priesen. Dann +standest du unter dem Aeneas und sprachst mir von Brutus und Camillus, von +Marcellus und den Scipionen. Ich aber, an meines Ahnherrn Amala Schild +gelehnt, ruehmte Ermanarich und Alarich und Theoderich. Aber du sprachst +besser als ich. Und oft, wenn der Schimmer deiner Helden mich zu +ueberstrahlen drohte, lachte ich deiner Toten und rief: "das Heute und die +lebendige Zukunft ist meines Volkes!"" + +"Nun, und jetzt?" - "Ich spreche nicht mehr so. Du hast gesiegt, Kamilla!" + +Aber indem er so sprach, schien er so stolz wie nie zuvor. Und dieser +ueberlegne Ausdruck empoerte die Roemerin. Sie war ohnehin gereizt durch die +unnahbare Ruhe, mit welcher der Fuerst, auf dessen Leidenschaft man solche +Plaene gebaut, ihr gegenueberstand. Sie begriff diese Ruhe nicht. Sie hatte +ihn gehasst, weil er es gewagt, ihr seine Liebe zu zeigen. Und jetzt lebte +dieser Hass auf, weil er es vermochte, diese Liebe zu verbergen. Mit der +Absicht, ihm weh zu thun, sagte sie langsam: "So raeumst du ein, Koenig der +Goten, dass deine Barbaren den Voelkern der Menschlichkeit nachstehen?" + +"Ja, Kamilla," antwortete er ruhig, "aber nur in einem: im Glueck! Im Glueck +des Geschickes wie im Glueck der Natur. Sieh dort die Gruppe von Fischern, +die ihre Netze aufhaengen an den Olivenbaeumen am Strande. Wie schoen sind +diese Gestalten! In Bewegung und Ruhe, trotz ihrer Lumpen: lauter Statuen! +Hier das Maedchen mit der Amphora auf dem Haupt! dort der Alte, der, den +Kopf auf den linken Arm gestuetzt, im Sande liegt und hinaus traeumt ins +Meer. Jeder Bettler unter ihnen sieht aus wie ein entthronter Koenig. Wie +sie schoen sind! Und in sich eins und gluecklich! Ein Schimmer ungebrochenen +Gluecks liegt ueber ihnen. Wie ueber Kindern! Oder edeln Tieren! Das fehlt +uns Barbaren!" - "Fehlt euch nur das?" - "Nein, uns fehlt auch Glueck im +Schicksal. + +Mein armes, herrliches Volk! Wir sind hier herein verschlagen in eine +fremde Welt, in der wir nicht gedeihen. Wir gleichen der Blume der hohen +Alpen, dem Edelweiss, die vom Sturmwind vertragen ward in den heissen Sand +der Niederung. Wir koennen nicht wurzeln hier. Wir welken und sterben." - + +Und mit edler Wehmut blickte er hinaus in die blaue Flut. Aber Kamilla +hatte nicht die Stimmung, diesen weissagerischen Worten eines Koenigs ueber +sein Volk nachzusinnen. "Warum seid ihr gekommen?" fragte sie mit Haerte. +"Warum seid ihr ueber die Berge gedrungen, die ein Gott als ewige Marken +gesetzt hat zwischen euch und uns. Sprich, warum?" - "Weisst du," sprach +Athalarich, ohne sie anzublicken, wie mit sich selber und fuer sich selber +fortdenkend, "weisst du, warum die dunkle Motte nach der hellen Flamme +fliegt? Wieder, immer wieder! Von keinem Schmerz gewarnt! bis sie verzehrt +ist von der schoenen, lockenden Feindin? Aus welchem Grund! Aus einem suessen +Wahnsinn! Und solch' ein suesser Wahnsinn ist es, ganz derselbe, der meine +Goten aus den Tannen und Eichen hinweggezogen hat zu Lorber und Olive. Sie +werden sich die Fluegel verbrennen, die thoerichten Helden. Und werden doch +nicht davon lassen. Wer will sie drum schelten? Sieh um dich her. Wie tief +blau der Himmel! wie tief blau das Meer! und darin spiegeln die Wipfel der +Pinien und die Saeulentempel voll Marmorglanz! und fern da drueben ragen +schoen gewoelbte Berge und draussen in der Flut schwimmen gruene Inseln, wo +sich die Rebe um die Ulme schlingt. Und drueber hin die weiche, die warme, +die kosende Luft, die alles erhellt. Welche Wunder der Formen, der Farben +trinkt das Auge und atmen die entzueckten Sinne! Das ist der Zauber, der +uns ewig locken und ewig verderben wird." + +Die tiefe und edle Erregung des jungen Koenigs blieb nicht ohne Eindruck +auf Kamilla. Die tragische Gewalt dieser Gedanken ergriff ihr Herz: aber +sie wollte nicht ergriffen sein. Sie wehrte sich gegen ihre weicher +werdende Empfindung. Sie sagte kalt: "Ein ganzes Volk gegen Verstand und +Einsicht vom Zauber angezogen?" und kalt und zweifelnd sah sie ihn an. + +Aber sie erschrak: denn wie Blitze loderte es aus den dunkeln Augen des +Juenglings und die lang zurueckgehaltne Glut brach ploetzlich aus den Tiefen +seiner Seele: "Ja, sag' ich dir, Maedchen!" rief er leidenschaftlich. "Ein +ganzes Volk kann eine thoerichte Liebe, einen suessen, verderblichen +Wahnsinn, eine toedliche Sehnsucht pflegen so gut wie - so gut wie ein +einzelner. Ja, Kamilla, es giebt eine Gewalt im Herzen, die, staerker als +Verstand und Wille, uns sehenden Auges ins Verderben reisst. Aber du weisst +das nicht! Und moegest du's nie erfahren. Niemals. Leb wohl!" + +Und rasch wandte er sich und bog rechts vom Tempel in den dichten Laubgang +von rankendem Wein, der ihn sofort vor Kamilla wie vor den Fenstern des +Schlosses verbarg. + +Sinnend blieb das Maedchen stehen. + +Seine letzten Worte klangen seltsam fort in ihren Gedanken: lange sah sie +traeumend ins offene Meer hinaus und mit wundersam gemischter Empfindung, +mit verwandelter Stimmung, kehrte sie endlich wieder dem Schlosse zu. + + + + + Achtes Kapitel. + + +Noch am naemlichen Tage fand sich Cethegus bei den Frauen ein. Er war in +wichtigen Geschaeften von Rom herbeigeeilt und kam soeben aus dem +Regentschaftsrat, der in des kranken Koenigs Gemach gehalten wurde. +Verhaltner Zorn lagerte auf seinen herben Zuegen. + +"Ans Werk, Kamilla," sprach er heftig. "Ihr saeumt zu lang. Dieser vorlaute +Knabe wird immer herrischer. Er trotzt mir und Cassiodor und seiner +schwachen Mutter selbst. Er verkehrt mit gefaehrlichen Leuten. Mit dem +alten Hildebrand, mit Witichis und ihren Freunden. Er schickt Briefe und +empfaengt Briefe hinter unsrem Ruecken. Er hat es durchgesetzt, dass die +Koenigin nur noch in seiner Gegenwart den Rat der Regentschaft beruft. Und +in diesem Rat kreuzt er all' unsre Plaene. Das muss aufhoeren. So oder so." - +"Ich hoffe nicht mehr, Einfluss auf den Koenig zu gewinnen," sagte Kamilla +ernst. - "Weshalb? hast du ihn schon gesehen." Das Maedchen ueberlegte, dass +sie Athalarich versprochen, seinen Ungehorsam nicht an die Aerzte gelangen +zu lassen. Aber auch sonst widerstrebte es ihrem Gefuehl, die Begegnung +dieses Morgens zu entweihen, zu verraten. + +Sie wich daher der Frage aus und sagte: "Wenn der Koenig sich sogar seiner +Mutter, der Regentin, widersetzt, wird er sich nicht von einem jungen +Maedchen beherrschen lassen." - "Goldne Einfalt!" laechelte Cethegus und +liess das Gespraech ruhen, solang das Kind anwesend war. Aber insgeheim +trieb er Rusticianen, zu veranlassen, dass ihre Tochter den Koenig fortan +haeufig sehe und spreche. + +Dies ward moeglich, da sich dessen Befinden jetzt rasch besserte. Und wie +aeusserlich, wurde er innerlich zusehends maennlicher, fester und reifer: es +war, als ob das Widerstreben gegen Cethegus ihm Leib und Seele kraeftige. + +So verbrachte er bald wieder viele Stunden in den weiten Anlagen des +Gartens. Dort war es, wo ihn seine Mutter und die Familie des Boethius in +den Abendstunden haeufig trafen. + +Und waehrend Rusticiana die Huld der Regentin mit voller Freundschaft zu +erwidern schien und aufmerksam ihren vertrauenden Mitteilungen lauschte, +um sie woertlich dem Praefekten wieder erzaehlen zu koennen, wandelten die +jungen Leute vor ihnen her durch die schattigen Gaenge des Gartens. + +Oft auch bestieg die kleine Gesellschaft eine der leichten Gondeln in +jenem Hafen und Athalarich steuerte wohl selbst eine Strecke ins blaue +Meer hinaus, nach einer der kleinen, gruenbuschigen Inseln, die nicht weit +vor der Bucht lagen. Auf dem Heimweg aber spannte man die purpurnen Segel +auf und liess sich von dem frischen Westwind, der sich bei Sonnenuntergang +zu erheben pflegte, langsam und muehelos zuruecktragen. - + +Oft waren es auch der Koenig und Kamilla allein, die, nur von Daphnidion +begleitet, sich dieser Wanderungen im Gruenen und auf den Wellen erfreuten. + +Wohl sah Amalaswintha darin die Gefahr, dadurch die Neigung ihres Sohnes, +die ihr nicht entgangen war, zu steigern. Aber vor allen andern Erwaegungen +segnete sie dankbar den guenstigen Einfluss, den dieser Umgang +augenscheinlich auf ihren Sohn uebte: er wurde in Kamillas Naehe ruhiger, +heiterer und war dann auch weicher gegen seine Mutter, der er sonst oft +heftig und schroff gegenueber trat. + +Auch beherrschte er sein Gefuehl mit einer Sicherheit, die bei dem +reizbaren Kranken doppelt befremdete: und endlich wuerde die Regentin, im +Fall sich diese Liebe ernster geltend machte, sogar einer Verbindung nicht +abgeneigt gewesen sein, die den roemischen Adel voellig zu gewinnen und +jedes Andenken einer unseligen Blutthat auszuloeschen versprach. - + +In dem Maedchen aber ging eine wundersame Wandlung vor. Taeglich mehr fuehlte +sie ihren Groll und Hass schwinden, wie sie taeglich klarer die edle +Zartheit der Seele, den schwungvollen Geist, das tiefe, poesiereiche Gemuet +des jungen Koenigs sich entfalten sah. Nur mit Anstrengung konnte sie gegen +diesen wachsenden Zauber sich immer wieder das Schicksal ihres Vaters als +Talisman ins Andenken zurueckrufen: immer mehr kam sie dazu, unter den +Goten und Amalern, die jenes Schicksal herbeigefuehrt, mit Gerechtigkeit zu +unterscheiden: immer bestimmter sagte sie sich, wie unbillig es sei, +Athalarich um eines Ungluecks willen zu hassen, das er nur nicht verhindert +hatte und wohl schwerlich haette verhindern koennen. Laengst haette sie ihn am +liebsten voellig frei gesprochen: aber sie misstraute dieser Milde: sie +scheute sie wie eine schwarze Suende gegen Vater, Vaterland und eigne +Freiheit. + +Mit Zittern nahm sie wahr, wie unentbehrlich dies edle Menschenbild ihr +wurde, wie maechtig sie sich sehnte, diese melodische Stimme zu hoeren und +in dies dunkle, sinnige Auge zu blicken. Sie fuerchtete die frevelhafte +Liebe, die sie sich nur schwer noch verhehlen konnte, und die einzige +Waffe, mit der sie sich noch dagegen wehrte, der Vorwurf seiner Mitschuld +an des Vaters Untergang, wollte sie sich nicht entwinden lassen. So +schwankte sie in wogenden Gefuehlen, desto unsichrer, je raetselhafter ihr +Athalarichs geschlossene Sicherheit blieb. Sie konnte ja nicht daran +zweifeln, dass er sie liebe, nach allem was geschehen - aber doch! + +Nicht eine Silbe, nicht ein Blick verriet diese Liebe: jene Aeusserung, mit +der er sie damals am Venustempel rasch verlassen, war das bedeutsamste, ja +das einzige bedeutsame Wort, das ihm entschluepfte. + +Sie ahnte nicht, was die hochwogende Seele des Juenglings durchgekaempft und +durchgelitten, bis seine Liebe zwar nicht erlosch, aber entsagte, und noch +weniger, in welch' neuem Gefuehl er die maennliche Kraft solcher Entsagung +gefunden. Ihre Mutter, die ihn mit aller Schaerfe des Hasses beobachtete +und darueber das eigne Kind zu ueberwachen vergass, schien noch mehr erstaunt +ueber seine Kaelte. "Aber Geduld," sprach sie zu Cethegus, mit dem sie oft +hinter Kamillas Ruecken Beratung pflog, "Geduld, bald, binnen drei Tagen, +wirst du ihn verwandelt sehen." - "Es waere Zeit," meinte Cethegus; "aber +auf was vertraust du?" - "Auf ein Mittel, das noch nie getaeuscht hat." + +"Du wirst ihm doch kein Liebestraenklein brauen?" laechelte der Praefekt. - +"Allerdings, das werd' ich thun; das hab' ich schon gethan." - Jener sah +sie spoettisch an: "Auch bei dir solcher Aberglaube, bei der Witwe des +grossen Philosophen Boethius! In Liebeswahn sind alle Weiber gleich!" + +"Nicht Wahn und Aberglaube," sagte Rusticiana ruhig. "Seit mehr als +hundert Jahren lebt das Geheimnis in unsrer Familie. Ein aegyptisch Weib +hat es dereinst am Nil meine Ureltermutter gelehrt. Und es hat sich +bewaehrt. Kein Weib unseres Hauses hat ohne Erhoerung geliebt." - "Dazu +braucht's keinen Zauber," meinte der Praefekt: "ihr seid ein schoenes +Geschlecht." - "Spare deinen Spott. Der Trank wirkt unfehlbar und wenn er +bis heute nicht wirkte -" - "So hast du wirklich - Unvorsichtige! wie +konntest du unvermerkt?" - "Am Abend, wann er vom Spaziergang oder von der +Gondelfahrt mit uns zurueckkommt, nimmt er einen Becher gewuerzten +Falerners. Der Arzt hat es ihm verordnet: es sind Tropfen arabischen +Balsams darin. Der Becher steht immer bereit auf dem Marmortisch vor dem +Venustempel. Dreimal schon gelang es, den Trank hineinzuschuetten." - +"Nun," meinte Cethegus, "es hat bis jetzt nicht sonderlich gewirkt." - +"Daran ist nur deine Ungeduld die Ursache. Die Kraeuter muessen im Neumond +gebrochen werden - ich wusste das wohl. Aber, gedraengt von deinen +Mahnungen, versucht' ich's schon im Vollmond und du siehst, es wirkte +nicht." - Cethegus zuckte die Achseln. - "Aber gestern Nacht trat Neumond +ein. Ich war nicht muessig mit meiner goldnen Schere und wenn er jetzt +trinkt -" "Eine zweite Locusta! Nun, mein Trost sind Kamillas schoene +Augen. Weiss sie von deinen Kuensten?" + +"Kein Wort zu ihr! Sie wuerde das nie dulden. Stille, sie kommt." Das +Maedchen trat ein in lebhafter Erregung, die lieblichen Wangen geroetet, +eine Flechte des dunklen Haares war losgegangen und spielte um den feinen +Nacken. + +"Saget mir, ihr, die ihr klug seid und menschenerfahren, sagt mir, was +soll ich denken? Ich komme aus dem Schiff. O, er hat mich nie geliebt! der +Hochmuetige, er bemitleidet, er bedauert mich! Nein, das ist nicht das +rechte Wort. Ich kann es mir nicht deuten." Und in Thraenen ausbrechend, +barg sie das Haupt am Halse der Mutter. - "Was ist geschehen, Kamilla?" +fragte Cethegus. - "Schon oft," begann sie tiefaufatmend, "spielte ein Zug +um seinen Mund, sprach eine Wehmut aus seinem Auge, als sei Er der tief +von mir Gekraenkte, als habe Er uns edel zu vergeben, als habe er mir ein +grosses Opfer gebracht -" - "Unreife Knaben bilden sich immer ein, es sei +ein Opfer, wenn sie lieben." Da blitzte Kamillas Auge, sie warf den +schoenen Kopf zurueck und wandte sich heftig gegen Cethegus: "Athalarich ist +kein Knabe mehr und man soll ihn nicht verhoehnen." Cethegus schwieg, ruhig +die Augen senkend. Aber Rusticiana fragte erstaunt: "Hassest du den Koenig +nicht mehr?" - "Bis zum Tode. Man soll ihn verderben, nicht verhoehnen." + +"Was ist geschehen?" wiederholte Cethegus. - "Heute stand jener +raetselhafte, kalte, stolze Zug deutlicher als je auf seinem Antlitz. Ein +Zufall aeusserte ihn in Worten. Wir waren eben gelandet. Ein Kaefer war ins +Wasser gefallen: der Koenig bueckte sich und zog ihn heraus: das Tierchen +aber wehrte sich gegen die mildthaetige Hand und biss mit den Zangen des +Kopfes in den Finger, der ihn hielt. "Der Undankbare," sagte ich. - "Oh," +sprach Athalarich, bitter laechelnd, und er setzte den Kaefer auf ein Blatt: +"man verwundet die am meisten, die am meisten fuer uns gethan." Und dabei +flog sein Blick mit stolzer Wehmut ueber mich dahin. Doch rasch, als ob er +zuviel gesagt, schritt er kalt gruessend hinweg. Ich aber" - und ihre Brust +wogte, ihre fein geschnittenen Lippen schlossen sich - "ich aber trage das +nicht mehr. Der Stolze! er soll mich lieben - oder sterben." - "Das soll +er," sagte Cethegus kaum hoerbar, "eins von beiden." + + + + + Neuntes Kapitel. + + +Wenige Tage darauf wurde der Hof durch einen neuen Schritt des jungen +Koenigs zur Selbstaendigkeit ueberrascht: er selbst berief den Rat der +Regentschaft, ein Recht, das bisher nur Amalaswintha geuebt. Die Regentin +war nicht wenig erstaunt, als ein Bote ihres Sohnes sie in dessen Gemaecher +beschied, wo der Koenig bereits eine Auswahl der hoechsten Beamten des +Reiches um sich versammelt habe, Goten und Roemer, unter diesen Cassiodor +und Cethegus. + +Dieser hatte zuerst beschlossen, auszubleiben, um nicht durch sein +Erscheinen das Recht anzuerkennen, das sich der Knabe herausnahm: ihm +ahnte nichts gutes. Aber ebendeshalb besann er sich bald eines andern. +"Ich darf der Gefahr nicht den Ruecken, die Stirn muss ich ihr bieten," +sprach er, als er sich zu dem verhassten Gang anschickte. Er fand in dem +Gemach des Koenigs alle Geladenen bereits versammelt. Nur die Regentin +fehlte noch. Als sie eintrat, erhob sich Athalarich - er trug eine +langfaltige Abolla von Purpur, die Zackenkrone Theoderichs glaenzte auf +seinem Haupt und unter dem Mantel klirrte das Schwert - von seinem +Thronsessel, der vor einer durch einen Vorhang geschlossenen Nische stand, +ging ihr entgegen und fuehrte sie zu einem zweiten hoeheren Stuhl, der aber +zur Linken stand. Als sie sich niedergelassen, hob er an: "Meine +koenigliche Mutter, tapfre Goten, edle Roemer! Wir haben euch hieher +beschieden, euch unsern Willen kund zu thun. Es drohten diesem Reiche +Gefahren, die nur wir, der Koenig dieses Reiches, abwenden konnten." + +Solche Sprache hatte man aus diesem Munde noch nicht vernommen. Alle +schwiegen betroffen, Cethegus aus Klugheit: er wollte den rechten +Augenblick abwarten. Endlich begann Cassiodor: "Deine weise Mutter und +dein getreuer Diener Cassiodor" - - "Mein getreuer Diener Cassiodor +schweigt, bis sein Herr und Koenig ihn um Rat befraegt. Wir sind schlecht +zufrieden, sehr schlecht, mit dem was die Raete unsrer koeniglichen Mutter +bisher gethan haben und nicht gethan. Es ist hoechste Zeit, dass wir selbst +zum Rechten sehn. + +Wir waren dazu bisher zu jung und zu krank. Wir fuehlen uns nicht mehr zu +jung und nicht mehr zu krank. Wir kuenden euch an, dass wir demnaechst die +Regentschaft aufheben und die Zuegel dieses Reiches selbst ergreifen +werden." + +Er hielt inne. Alles schwieg. Niemand hatte Lust nach Cassiodors Beispiel +zu reden und dann zu verstummen. + +Endlich fand Amalaswintha, die diese ploetzliche Energie ihres Sohnes +gleichsam betaeubt hatte, die Sprache wieder: "Mein Sohn, dies Alter der +Muendigkeit ist nach den Gesetzen der Kaiser" - - "Nach den Gesetzen der +Kaiser, Mutter, moegen die Roemer sich richten. Wir sind Goten und leben +nach gotischem Recht. Germanische Juenglinge werden muendig, wann sie das +gesammelte Volksheer waffenreif erklaert. + +Wir haben deshalb beschlossen, alle Heerfuehrer und Grafen und alle freien +Maenner unsres Volkes, so viele ihrer dem Rufe folgen wollen, aus allen +Provinzen des Reichs zur Heeresschau zu laden nach Ravenna. Mit dem +naechsten Sonnwendfest sollen sie eintreffen." + +Ueberrascht schwieg die Versammlung. + +"Das sind nur noch vierzehn Tage," sprach endlich Cassiodor. "Wird es +moeglich sein, in so kurzer Frist noch die Ladungen zu besorgen?" - "Sie +sind besorgt. Hildebrand, mein alter Waffenmeister, und Graf Witichis +haben sie alle bestellt." - "Wer hat die Dekrete unterschrieben?" fragte +Amalaswintha, sich ermannend. - "Ich allein, liebe Mutter. Ich musste doch +den Geladnen zeigen, dass ich reif genug, allein zu handeln." + +"Und ohne mein Wissen!" sprach die Regentin. - "Und ohne dein Wissen +geschah es, weil es sonst gegen deinen Willen geschehen musste." + +Er schwieg. Alle Roemer waren ratlos und wie betaeubt von der ploetzlich +entfalteten Kraft des jungen Koenigs. Nur in Cethegus stand sogleich der +Entschluss fest, jene Versammlung zu verhindern, um jeden Preis. Er sah den +Grund all seiner Plaene wanken: gern waer' er mit aller Wucht seines Wortes +der vor seinen Augen versinkenden Regentschaft zu Hilfe gekommen: gern +haette er schon mehrere Male in dieser Verhandlung das kuehne Aufstreben des +Juenglings mit seiner ruhigen Ueberlegenheit zu Boden gedrueckt: - aber ihm +hielt ein seltsamer Zufall Gedanken und Zunge wie mit Zauberbanden +gefesselt. + +Er hatte in der Nische hinter dem Vorhang Geraeusch zu vernehmen geglaubt +und scharfe Blicke darauf geheftet: da bemerkte er unter dem Vorhang +durch, dessen Fransen nicht ganz bis zur Erde reichten, die Fuesse eines +Mannes. + +Freilich nur bis an die Knoechel. Aber an diesen Knoecheln sassen +Beinschienen von Erz eigentuemlicher Arbeit. Er kannte diese Beinschienen, +er wusste, dass sie zu einer vollen Ruestung gleicher Arbeit gehoerten, er +wusste auch in unbestimmter Gedankenverbindung, dass der Traeger dieser +Ruestung ihm verhasst und gefaehrlich: aber es war ihm nicht moeglich, sich zu +sagen, wer dieser Feind sei. Haette er die Schienen nur bis ans Knie +verfolgen koennen! Gegen seinen Willen musste er die Augen immer und immer +wieder auf jenen Vorhang richten und raten und raten. Und das bannte +seinen Geist jetzt, - jetzt, da alles auf dem Spiele stand. Er zuernte ueber +sich selbst, aber er konnte Gedanken und Blicke nicht von der Nische +losreissen. Der Koenig jedoch fuhr, ohne Widerstand zu finden, fort: "Ferner +haben wir die edeln Herzoge Thulun, Ibbas und Pitza, die grollend diesen +Hof verlassen, aus Gallien und Spanien zurueckgerufen. Wir finden, dass +allzuviele Roemer, allzuwenig Goten uns umgeben. Jene drei tapfern Krieger +werden mit Graf Witichis die Wehrmacht unsres Reiches, die Festen und die +Schiffe untersuchen und alle Schaeden aufdecken und heilen. Sie werden +naechstens eintreffen." Sie muessen sogleich wieder fort, sagte Cethegus +rasch zu sich selbst. Aber seine Gedanken fuhren fort: Nicht ohne Grund +ist jener Mann dadrinnen versteckt. + +"Weiter," hob der koenigliche Juengling wieder an, "haben wir Mataswinthen, +unsre schoene Schwester, zurueckbeschieden an unsern Hof. Man hat sie nach +Tarent verbannt, weil sie sich geweigert, eines betagten Roemers Weib zu +werden. Sie soll wiederkehren, die schoenste Blume unseres Volkes, und +unsern Hof verherrlichen." + +"Unmoeglich!" rief Amalaswintha: "Du greifst in das Recht der Mutter wie +der Koenigin." - "Ich bin das Haupt der Sippe, sobald ich muendig bin." + +"Mein Sohn, du weisst, wie schwach du warst noch vor wenigen Wochen. +Glaubst du wirklich, die gotischen Heermaenner werden dich waffenreif +erklaeren?" + +Der Koenig wurde rot wie sein Purpur, halb vor Scham, halb vor Zorn; eh' er +Antwort fand rief eine rauhe Stimme an seiner Seite: "Sorge nicht darum, +Frau Koenigin. Ich bin sein Waffenmeister gewesen: ich sage dir, er kann +sich messen mit jedem Feind: und wen der alte Hildebrand wehrfaehig +spricht, der gilt dafuer bei allen Goten." Lauter Beifall der anwesenden +Goten bestaetigte sein Wort. + +Wieder gedachte Cethegus einzugreifen, aber eine Bewegung hinter dem +Vorhang zog seine Gedanken ab: Einer meiner groessten Feinde ist es, aber +wer? + +"Noch eine wichtige Sache ist euch kund zu thun," begann der Koenig wieder, +mit einem fluechtigen Seitenblick nach der Nische, der dem Praefekten nicht +entging. + +Etwa ein Anschlag gegen mich? dachte er. Man wollte mich ueberraschen? Das +soll nicht gelingen! - + +Aber es ueberraschte ihn doch, als ploetzlich der Koenig mit lauter Stimme +rief: "Praefekt von Rom, Cethegus Caesarius!" Er zuckte, aber rasch gefasst, +neigte er das Haupt und sprach: "Mein Herr und Koenig." - "Hast du uns +nichts aus Rom zu melden? Wie ist die Stimmung der Quiriten? Was denkt man +dort von den Goten?" + +"Man ehrt sie als das Volk Theoderichs!" - "Fuerchtet man sie?" - "Man hat +nicht Ursach, sie zu fuerchten." - "Liebt man sie?" - Gern haette Cethegus +geantwortet: Man hat nicht Ursach', sie zu lieben. Aber der Koenig selbst +fuhr fort: + +"Also keine Spur von Unzufriedenheit? Kein Grund zur Sorge? Nichts +besonderes, das sich vorbereitet." + +"Ich habe nichts dir anzuzeigen." - "Dann bist du schlecht unterrichtet, +Praefekt, - oder schlecht gesinnt. Muss ich, der in Ravenna kaum vom +Siechbett ersteht, dir sagen, was in deinem Rom unter deinen Augen +vorgeht? Die Arbeiter auf deinen Schanzen singen Spottlieder auf die +Goten, auf die Regentin, auf mich, deine Legionare fuehren bei ihren +Waffenuebungen drohende Reden. Hoechst wahrscheinlich besteht bereits eine +ausgebreitete Verschwoerung, Senatoren, Priester, an der Spitze: sie +versammeln sich Nachts an unbekannten Orten. Ein Mitschuldiger des +Boethius, ein Verbannter, Albinus, ist in Rom gesehen worden; und weisst du +wo? im Garten deines Hauses." Der Koenig stand auf. Die Augen aller +Anwesenden richteten sich, erstaunt, erzuernt, erschrocken auf Cethegus. +Amalaswintha bebte fuer den Mann ihres Vertrauens. Aber dieser war jetzt +wieder voellig er selbst. Ruhig, kalt, schweigend, sah er dem Koenig ins +Auge. + +"Rechtfertige dich!" rief ihm dieser entgegen. + +"Rechtfertigen? gegen einen Schatten? ein Geruecht, eine Klage sonder +Klaeger? Nie!" - "Man wird dich zu zwingen wissen." Hohn zuckte um des +Praefekten schmale Lippen. + +"Man kann mich ermorden auf blossen Verdacht, ohne Zweifel, - wir haben das +erfahren, wir Italier! - nicht mich verurteilen. Gegen Gewalt giebt es +keine Rechtfertigung, nur gegen Gerechtigkeit." - "Gerechtigkeit soll dir +werden, zweifle nicht. Wir uebertragen den hier anwesenden Roemern die +Untersuchung, dem Senat in Rom die Urteilsfaellung. Waehle dir einen +Verteidiger." - "Ich verteidige mich selbst," sprach Cethegus kuehl. "Wie +lautet die Anklage? Wer ist mein Anklaeger? Wo ist er?" - "Hier," rief der +Koenig und schlug den Vorhang zurueck. + +Ein gotischer Krieger in ganz schwarzer Ruestung trat hervor. + +Wir kennen ihn. Es war Teja. + +Dem Praefekten drueckte der Hass die Wimper nieder. Jener aber sprach: "Ich, +Teja, des Tagila Sohn, klage dich an, Cethegus Caesarius, des Hochverrats +an diesem Reich der Goten. Ich klage dich an, den verbannten Verraeter +Albinus in deinem Haus zu Rom zu bergen und zu hehlen. Es steht der Tod +darauf. Und du willst dies Land dem Kaiser in Byzanz unterwerfen." + +"Das will ich nicht," sprach Cethegus ruhig; "beweise deine Klage." - "Ich +habe Albinus vor vierzehn Naechten mit diesen Augen in deinen Garten treten +sehen," fuhr Teja zu den Richtern gewendet fort. "Er kam von der Via sacra +her, in einen Mantel gehuellt, einen Schlapphut auf dem Kopf. Schon in zwei +Naechten war die Gestalt an mir vorbeigeschluepft: diesmal erkannt ich ihn. +Als ich auf ihn zutrat, verschwand er, ehe ich ihn ergreifen konnte, an +der Thuer, die sich von innen schloss." - "Seit wann spielt mein Amtsgenoss, +der tapfre Kommandant von Rom, den naechtlichen Spaeher?" - "Seit er einen +Cethegus zur Seite hat. Aber ob mir auch der Fluechtling entkam, - diese +Rolle fiel ihm aus dem Mantel: sie enthaelt Namen von roemischen Grossen und +neben den Namen Zeichen einer unloesbaren Geheimschrift. Hier ist die +Rolle." Er reichte sie dem Koenig. Dieser las: "Die Namen sind: Silverius, +Cethegus, Licinius, Scaevola, Calpurnius, Pomponius. - Kannst du +beschwoeren, dass der Vermummte Albinus war?" + +"Ich will's beschwoeren." - "Wohlan, Praefekt. Graf Teja ist ein freier, +unbescholtener, eidwuerdiger Mann. Kannst du das leugnen?" + +"Ich leugne das. Er ist nicht unbescholten: seine Eltern lebten in +nichtiger, blutschaenderischer Ehe: sie waren Geschwisterkinder, die Kirche +hat ihr Zusammensein verflucht und seine Frucht: er ist ein Bastard und +kann nicht zeugen gegen mich, einen edeln Roemer senatorischen Ranges." Ein +Murren des Zornes entrang sich den anwesenden Goten. Teja's blasses +Antlitz aber wurde noch bleicher. Er zuckte. Seine Rechte fuhr ans +Schwert: "So vertret' ich mein Wort mit dem Schwert," sprach er mit +tonloser Stimme. "Ich fordere dich zum Kampf, zum Gottesgericht auf Tod +und Leben." - "Ich bin Roemer und lebe nicht nach eurem blutigen +Barbarenrecht. Aber auch als Gote: - ich wuerde dem Bastard den Kampf +versagen." - "Geduld," sprach Teja und stiess das halb gezueckte Schwert +leise in die Scheide zurueck. "Geduld, mein Schwert. Es koemmt dein Tag." +Aber die Roemer im Saale atmeten auf. + +Der Koenig nahm das Wort: "Wie dem sei, die Klage ist genug begruendet, die +genannten Roemer zu verhaften. Du, Cassiodor, wirst die Geheimschrift zu +entziffern suchen. Du, Graf Witichis, eilst nach Rom und bemaechtigst dich +der fuenf Verdaechtigen, durchsuchst ihre Haeuser und das des Praefekten. +Hildebrand, du verhafte den Verklagten, nimm ihm das Schwert ab." - +"Halt," sprach Cethegus, "ich leiste Buergschaft mit all' meinem Gut, dass +ich Ravenna nicht verlasse, bis dieser Streit zu Ende. Ich verlange +Untersuchung auf freiem Fuss: das ist des Senators Recht." + +"Kehr dich nicht dran, mein Sohn," rief der alte Hildebrand vortretend, +"lass mich ihn fassen." - "Lass," sprach der Koenig, "Recht soll ihm werden, +strenges Recht, doch nicht Gewalt. Lass ab von ihm. Auch hat ihn die Klage +ueberrascht. Er soll Zeit haben sich zu verteidigen. Morgen um diese Stunde +treffen wir uns wieder hier. Ich loese die Versammlung." + +Der Koenig winkte mit dem Scepter: in hoechster Aufregung eilte Amalaswintha +aus dem Gemach. Die Goten traten freudig zu Teja. Die Roemer drueckten sich +rasch an Cethegus vorbei, vermeidend, mit ihm zu sprechen. Nur Cassiodor +schritt fest auf ihn zu, legte die Hand auf seine Schulter, sah ihm +pruefend ins Auge und fragte dann: "Cethegus, kann ich dir helfen?" - +"Nein, ich helfe mir selbst," sprach dieser, entzog sich ihm und schritt +allein und stolzen Ganges hinaus. + + + + + Zehntes Kapitel. + + +Der heftige Schlag, den der junge Koenig so unerwartet gegen den ganzen +Grundbau der Regentschaft gefuehrt hatte, erfuellte bald den Palast und die +Stadt mit Staunen, mit Schrecken oder Freude. Zu der Familie des Boethius +brachte die erste bestimmte Kunde Cassiodor, der Rusticianen zum Trost der +erschuetterten Regentin beschied. Mit Fragen bestuermt erzaehlte er den +ganzen Hergang ausfuehrlich: und so bestuerzt oder unwillig er darueber war, +auch aus seinem feindlichen Bericht leuchteten die Kraft, der Mut des +jungen Fuersten unverkennbar hervor. Mit Begierde lauschte Kamilla jedem +seiner Worte: Stolz, Stolz auf den Geliebten - der Liebe gluecklichstes +Gefuehl - erfuellte maechtig ihre ganze Seele. + +"Es ist kein Zweifel," schloss Cassiodor mit Seufzen, "Athalarich ist unser +entschiedenster Gegner: er steht ganz zu der gotischen Partei, zu +Hildebrand und seinen Freunden. Er wird den Praefekten verderben. Wer haette +das von ihm geglaubt! Immer muss ich daran denken, Rusticiana, wie so ganz +anders er sich bei dem Prozess deines Gatten benahm." + +Kamilla horchte hoch auf. + +"Damals gewannen wir die Ueberzeugung, er werde zeitlebens der gluehendste +Freund, der eifrigste Vertreter der Roemer sein." - "Ich weiss davon +nichts," sagte Rusticiana. - "Es ward vertuscht. Das Todesurteil war +gesprochen ueber Boethius und seine Soehne. Vergebens hatten wir alle, +Amalaswintha voran, die Gnade des Koenigs angerufen: sein Zorn war +unausloeschlich. Als ich wieder und wieder ihn bestuermte, fuhr er zornig +auf und schwur bei seiner Krone, der solle es im tiefsten Kerker buessen, +der ihm noch einmal mit einer Fuerbitte fuer die Verraeter nahe. Da +verstummten wir alle. Nur Einer nicht. Nur Athalarich, der Knabe, liess +sich nicht schrecken, er weinte und flehte und hing sich an seines +Grossvaters Knie. + +Kamilla erbebte: der Atem stockte ihr. + +"Und nicht liess er ab, bis Theoderich in hoechstem Zorn emporfuhr, ihn mit +einem Schlag in den Nacken von sich schleuderte und den Wachen uebergab. +Der ergrimmte Koenig hielt seinen Eid. Athalarich ward in den Kerker des +Schlosses gefuehrt und Boethius sofort getoetet." + +Kamilla wankte und hielt sich an einer Saeule des Saales. + +"Aber nicht umsonst hatte Athalarich gesprochen und gelitten. + +Tags darauf vermisste der Koenig an der Tafel schwer den Liebling, den er +von sich gebannt. Er gedachte, mit welch edlem Mut er, der Knabe, fuer +seine Freunde gebeten, als die Maenner in Furcht verstummten. Er stand +endlich auf von seinem Abendtrunk, bei dem er lange sinnend sass, stieg +selbst hinab in den Kerker, oeffnete die Pforte, umarmte seinen Enkel und +schenkte auf seine Bitte deinen Soehnen, Rusticiana, das Leben." + +"Fort, fort zu ihm!" sprach Kamilla mit erstickter Stimme zu sich selbst +und eilte aus dem Saal. + +"Damals," fuhr Cassiodor fort, "damals mochten Roemer und Roemerfreunde in +dem kuenftigen Koenig ihre beste Stuetze sehen und jetzt - meine arme Herrin, +arme Mutter!" und klagend schritt er hinaus. + +Rusticiana sass lange wie betaeubt. Sie sah alles wanken, worauf sie ihre +Racheplaene gebaut: sie versank in dumpfes Brueten. Laenger und laenger schon +fielen die Schatten der hohen, starken Tuerme in den Schlosshof, auf welchen +sie hinausstarrte. + +Da weckte sie der feste Schritt eines Mannes im Saal, erschrocken fuhr sie +auf: Cethegus stand vor ihr. Sein Antlitz war kalt und finster, aber eisig +ruhig. + +"Cethegus!" rief die Bekuemmerte und wollte seine Hand fassen, aber seine +Kaelte schreckte sie zurueck. "Alles verloren!" seufzte sie, stehen +bleibend. "Nichts ist verloren. Es gilt nur Ruhe. Und Raschheit," setzte +er, umblickend im Gemach, hinzu. Als er sich allein mit ihr sah, griff er +in die Brustfalten seiner Toga. "Dein Liebestrank hat nicht geholfen, +Rusticiana. Hier ist ein andrer, - staerkrer. Nimm." Und rasch drueckte er +ihr eine Phiole von dunklem Lavastein in die Hand. Mit banger Ahnung sah +ihn die Freundin an: "Glaubst du auf einmal an Magie und Zaubertrank? Wer +hat ihn gebraut?" - "Ich," sagte er, "und _meine_ Liebestraenke wirken." - +"Du!" - es durchlief sie ein eisiges Grauen. "Frage nicht, forsche nicht, +saeume nicht," sprach er herrisch. "Es muss noch heute geschehen. Hoerst du? +Noch heute." + +Aber Rusticiana zoegerte noch und sah zweifelnd auf das Flaeschchen in ihrer +Hand. Da trat er heran, leise ihre Schulter beruehrend: "Du zauderst," +sagte er langsam. "Weisst du, was auf dem Spiele steht? nicht nur unser +ganzer Plan! Nein, blinde Mutter. Noch mehr. Kamilla _liebt_, liebt den +Koenig mit aller Kraft der jungen Seele. Soll die Tochter des Boethius die +Buhle des Tyrannen werden?" + +Laut aufschreiend fuhr Rusticiana zurueck: was in den letzten Tagen wie +eine boese Ahnung in ihr aufgestiegen, ward ihr gewiss mit diesem Einen +Wort: noch einen Blick warf sie auf den Mann, der das Grausame gesprochen +und hinwegeilte sie, zornig die Faust um das Flaeschchen geballt. + +Ruhig sah ihr Cethegus nach. "Nun, Prinzlein, wollen wir sehen. Du warst +rasch, ich bin rascher. - Es ist eigen," sagte er dann, die Falten seiner +Toga herabziehend, "ich glaubte laengst nicht mehr, noch solche heftige +Regung empfinden zu koennen. Jetzt hat das Leben wieder einen Reiz. Ich +kann wieder streben, hoffen, fuerchten. Sogar hassen. Ja, ich hasse diesen +Knaben, der sich unterfaengt, mit der kindischen Hand in meine Kreise zu +tappen. Er will mir trotzen - meinen Gang aufhalten, er stellt sich kuehn +in meinen Weg: Er - mir! wohlan, so trag' er denn die Folgen." + +Und langsam schritt er aus dem Gemach und wandte sich nach dem Audienzsaal +der Regentin, wo er sich absichtlich der versammelten Menge zeigte und +durch die eigne Sicherheit den bestuerzten Herzen der Hofleute einige Ruhe +wiedergab. Er sorgte dafuer, zahlreicher Zeugen fuer all' seine Schritte an +diesem verhaengnisvollen Tag sich zu versichern. Beim Sinken der Sonne ging +er mit Cassiodor und einigen andern Roemern, seine Verteidigung fuer den +naechsten Tag beratend, in den Garten, in dessen Laubgaengen er sich umsonst +nach Kamilla umsah. + +Diese war, sowie sie Cassiodors Bericht zu Ende gehoert, in den Hof des +Palastes geeilt, wo sie zu dieser Stunde den Koenig mit den andern jungen +Goten seines Hofes beim Waffenspiel zu treffen hoffte. Nur sehen wollte +sie ihn, noch nicht ihn sprechen und ihm zu Fuessen ihr grosses Unrecht +abbitten. Sie hatte ihn verabscheut, von sich gestossen, ihn als mit dem +Blut ihres Vaters befleckt gehasst - ihn, der sich fuer diesen Vater +geopfert, der ihre Brueder gerettet hatte! + +Aber sie fand ihn nicht im Hof. Die wichtigen Ereignisse des Tages hielten +ihn in seinem Arbeitszimmer fest. Auch seine Waffengesellen fochten und +spielten heute nicht: in dichten Gruppen beisammenstehend, priesen sie +laut den Mut ihres jungen Koenigs. + +Mit Wonne sog Kamilla dieses Lob ein: stolz erroetend, selig traeumend +wandelte sie in den Garten und suchte dort an allen seinen +Lieblingsstaetten die Spuren des Geliebten. Ja, sie liebte ihn: kuehn und +freudig gestand sie sich's ein: er hatte es tausendfach um sie verdient. +Was Gote, was Barbar! Er war ein edler herrlicher Juengling, ein Koenig, der +Koenig ihrer Seele. Wiederholt wies sie die begleitende Daphnidion aus +ihrer Naehe, dass diese nicht hoere, wie sie wieder und wieder den geliebten +Namen selig vor sich hin sprach. Endlich am Venustempel angelangt versank +sie in suesse Traeume ueber die Zukunft, die unklar, aber golden daemmernd, vor +ihr lag. Vor allem beschloss sie, dem Praefekten und ihrer Mutter schon +morgen zu erklaeren, nicht mehr auf ihre Mithilfe gegen den Koenig zaehlen zu +sollen. Dann wollte sie diesem selbst ihre Schuld abbitten mit innigen +Worten und dann - dann? sie wusste nicht was dann werden solle: aber sie +erroetete in holden Traeumen. + +Rote, duftige Mandelblueten fielen aus den nickenden Bueschen: in dem +dichten Oleander neben ihr sang die Nachtigall, eine klare Quelle glitt +rieselnd an ihr vorueber nach dem blauen Meer und die Wellen dieses Meeres +rollten leise wie ihrer Liebe huldigend zu ihren Fuessen. + + + + + Elftes Kapitel. + + +Aus solchem Sinnen und Sehnen weckte sie ein nahender Schritt auf den +Sandwegen. Der Gang war so rasch und so bestimmt der Tritt, dass sie nicht +Athalarich vermutete. Aber es war der Koenig: veraendert in Haltung und +Erscheinen, maennlicher, kraeftiger, fester. Hoch trug er das sonst zur +Brust gebeugte Haupt und das Schwert Theoderichs klirrte an seiner Huefte. + +"Gegruesst, gegruesst, Kamilla," rief er ihr laut und lebhaft entgegen. "Dein +Anblick ist der schoenste Lohn fuer diesen heissen Tag." + +So hatte er noch nie zu ihr gesprochen. + +"Mein Koenig," fluesterte sie ergluehend: einen leuchtenden Blick noch warfen +die braunen Augen auf ihn: dann senkten sich die langen Wimpern. Mein +Koenig! so hatte sie ihn nie genannt, solchen Blick ihm nie geschenkt. +"Dein Koenig?" sagte er, sich neben ihr niederlassend, "ich fuerchte, so +wirst du mich nicht mehr nennen, wenn du erfaehrst, was alles heute +geschehen." + +"Ich weiss alles." - "Du weisst? Nun dann, Kamilla, sei gerecht: schilt +nicht, ich bin kein Tyrann." Der Edle, dachte sie, er entschuldigt sich um +seine schoensten Thaten. + +"Sieh, ich hasse die Roemer nicht, der Himmel weiss es, - sie sind ja _dein_ +Volk! - ich ehre sie und ihre alte Groesse, ich achte ihre Rechte. Aber mein +Reich, den Bau Theoderichs, muss ich beschuetzen, streng und unerbittlich, +und weh der Hand, die sich dawider hebt. Vielleicht," fuhr er langsamer +und feierlich fort, "vielleicht ist dies Reich schon verurteilt in den +Sternen - gleichviel, ich, sein Koenig, muss mit ihm stehen und fallen." + +"Du sprichst wahr, Athalarich, und wie ein Koenig." + +"Dank dir, Kamilla! wie du heut gerecht bist oder gut! Solcher Guete darf +ich wohl anvertrauen, welcher Segen, welche Heilung mir geworden. Sieh', +ich war ein kranker, irrer Traeumer, ohne Halt, ohne Freude, dem Tode gern +entgegenwankend. Da trat an meine Seele die Gefahr dieses Reichs, die +thaetige Sorge um mein Volk: und mit der Sorge wuchs in meiner Brust die +Liebe, die maechtige Liebe zu meinen Goten, und diese stolze und bange und +wachsame Liebe fuer mein Volk, sie hat mein Herz gestaerkt und getroestet fuer +... fuer andres bitter schmerzliches Entsagen. Was liegt an meinem Glueck, +wenn nur dies Volk gedeiht: sieh, der Gedanke hat mich gesund gemacht und +stark und wahrlich! des Groessten koennt' ich jetzt mich unterwinden." + +Er sprang auf, beide Arme wiegend und schwingend. + +"O, Kamilla, die Ruhe verzehrt mich! O, ging es zu Ross und in +waffenstarrende Feinde! Sieh, die Sonne sinkt. Es ladet die spiegelnde +Flut. Komm, komm mit in den Kahn." Kamilla zoegerte. Sie blickte um. "Die +Dienerin? Ach lass sie! Dort ruht sie unter der Palme an der Quelle, sie +schlaeft. Komm, komm rasch, eh' die Sonne versinkt. Sieh die goldne Strasse +auf der Flut. Sie winkt!" - "Zu den Inseln der Seligen?" fragte das +liebliche Maedchen mit einem holdseligen Blick und leicht erroetend. + +"Ja, komm zu den seligen Inseln!" antwortete er gluecklich, hob sie rasch +in den Kahn, loeste dessen Silberkette von den Widderkoepfen des Quais, +sprang hinein, ergriff das zierliche Ruder und stiess ab. Dann legte er das +Ruder in die Oese zur Linken: und im hintern Gransen des Schiffes stehend +steuerte und ruderte er zugleich, eine schoene und malerische Bewegung, und +ein echt germanischer Fergenbrauch. + +Kamilla sass vorn, nahe dem Schnabel des Kahns, auf einem Diphros, dem +griechischen zusammenlegbaren Feldstuhl, und sah ihm in das edle Antlitz, +das von der rotschimmernden Abendsonne beleuchtet war: sein dunkles Haar +flog im Winde und herrlich waren die raschen und kraeftigen Bewegungen des +fein gebauten Ruderers zu schauen. Beide schwiegen. Pfeilschnell schoss die +leichte Barke durch die glatte Flut. + +Flockige, rosige Abendwoelklein zogen langsam ueber den Himmel, der leise +Wind fuehrte von den Mandelgebueschen des Ufers Wolken von Wohlgeruch mit +sich, und rings war Schimmer, Ruhe, Harmonie. Endlich brach der Koenig das +Schweigen und sprach, dem Bot einen kraeftigen Druck gebend, dass es +gehorsam vorwaerts schoss: "Weisst du, was ich denke? Wie schoen muss es sein +ein Reich, ein Volk, viel tausend geliebte Leben mit der starken Hand +durch Wind und Wellen sicher vorwaerts zu steuern zu Glueck und Glanz. - Was +aber sannest du, Kamilla? Du sahst so mild, es sind gute Gedanken +gewesen." Sie erroetete und blickte seitab in die Flut. + +"O sprich doch, sei offen in dieser schoenen Stunde." + +"Ich dachte," fluesterte sie vor sich hin, das feine Koepfchen noch immer +abgewendet, "wie schoen muss es sein, von treuer, geliebter Hand, der man so +ganz vertraut, gesteuert werden durch die schwanke Flut des Lebens." - "O, +Kamilla, glaub mir, auch dem Barbaren kann man sich vertraun" - - "Du bist +kein Barbar! Wer zart empfindet und edel denkt und sich hochherzig +ueberwindet und schweren Undank mit Huld vergilt, ist kein Barbar, er ist +ein edles Menschenbild, wie je ein Scipio gewesen." Entzueckt hielt der +Koenig im Rudern inne, das Schiff stand: "Kamilla! traeum ich? sprichst du +das? und zu mir?" + +"Mehr noch, Athalarich, mehr! ich bitte dich, vergieb, dass ich dich so +grausam von mir gestossen. Ach, es war nur Scham und Furcht." - "Kamilla, +Perle meiner Seele" - Diese, welche das Gesicht dem Ufer zuwandte, rief +ploetzlich: "was ist das? Man folgt uns. Der Hof, die Frauen, meine +Mutter." So war es. Rusticiana hatte, von des Praefekten furchtbarem Wink +getrieben, ihre Tochter im Garten gesucht. Sie fand sie nicht. Sie eilte +nach dem Venustempel. Umsonst. Umherschauend sah sie ploetzlich die beiden, +ihr Kind mit ihm allein, auf dem Schiff, fern im Meer. In hoechstem Zorn +flog sie an den Marmortisch, an dem die Sklaven eben den Abendbecher des +Koenigs mischten, schickte sie die Stufen hinab, eine Gondel zu loesen, +gewann so einen unbelauschten Augenblick an dem Tisch und stieg gleich +darauf mit Daphnidion, die ihr zorniger Ausruf geweckt, die Stufen hinab +nach dem Schiff. Da bogen zur Rechten aus dem dichten Taxusgang der +Praefekt und seine Freunde, die ihr Lustwandeln ebenfalls an diese Stelle +fuehrte. Cethegus folgte ihr die Stufen hinab und reichte ihr die Hand, in +den Kahn zu steigen. "Es ist geschehen," fluesterte sie ihm dabei zu und +die Gondel stiess ab. In diesem Augenblick war es, dass das junge Paar auf +die Bewegung am Ufer aufmerksam wurde: Kamilla stand auf, sie mochte +erwarten, der Koenig werde das Schiff wenden. Aber dieser rief: "Nein, sie +sollen mir diese Stunde nicht rauben, die schoenste meines Lebens. Ich muss +noch mehr von diesen suessen Worten schluerfen. O, Kamilla, du musst mir mehr, +du musst mir alles sagen. Komm, wir landen auf der Insel dort, da moegen sie +uns finden." Und maechtig ausgreifend drueckte er mit aller Kraft auf das +Ruder, dass das Fahrzeug wie befluegelt dahinschoss. + +"Willst du nicht weiter sprechen?" + +"O, mein Freund, mein Koenig - dringe nicht in mich." Er sah nur ihr in das +liebliche Antlitz, in das leuchtende Auge, nicht mehr auf Weg und Ziel. +"Nun warte - dort auf der Insel - dort sollst du mir" - - + +Ein neuer leidenschaftlicher Ruderschlag - da erdroehnte ein dumpfer Krach, +das Schiff war angeprallt und fuhr schuetternd zurueck. + +"Himmel!" rief Kamilla aufspringend und nach dem Schnabel des Schiffes +sehend: ein ganzer Schwall von Wasser sprudelte herein ihr entgegen. + +"Das Schiff ist geborsten - wir sinken," sprach sie erbleichend. - +"Hierher zu mir, lass mich sehen," rief Athalarich vorspringend. "Ah, das +sind die Nadeln der Amphitrite - wir sind verloren." Die Nadeln der +Amphitrite - wir wissen, man konnte sie von der Terrasse des Venustempels +kaum erkennen - waren zwei schmale scharfzackige Klippen zwischen dem Ufer +und der naechsten der Laguneninseln: sie ragten kaum ueber den +Wasserspiegel, bei leisestem Wind gingen die Wellen ueber sie weg. +Athalarich kannte die Gefahr dieser Stelle und hatte sie immer leicht +vermieden: aber diesmal hatte er nur in der Geliebten Augen geblickt. + +Mit einem Blick uebersah er die Lage. Es gab keine Rettung. + +Ein Bret im Boden des leicht gezimmerten Gefaehrts war durch den Anprall an +der Klippe zertruemmert, gewaltig drang das Wasser durch den Leck. + +Das Schiff sank von Sekunde zu Sekunde. + +Schwimmend mit Kamilla die naechste Insel oder das Ufer zu erreichen, +konnte er nicht hoffen und das Ruderschiff Rusticianens hatte kaum erst +abgestossen. Mit Blitzesschnelle hatte er all' das ueberschaut, erwogen, +eingesehen, und warf einen entsetzten Blick auf das Maedchen. "Geliebte, du +stirbst," jammerte er verzweifelnd, "und ich, ich hab's verschuldet." Und +er umfasste sie stuermisch. "Sterben?" rief sie, "o nein! nicht so jung, +nicht jetzt sterben! Leben, leben mit dir." Und sie klammerte sich fest an +seinen Arm. Der Ton, die Worte durchschnitten sein Herz. + +Er riss sich los, er sah nach Rettung ringsumher, umsonst, umsonst - immer +hoeher stieg das Wasser, immer rascher sank das Schiff. Er warf das Ruder +weg. "Es ist aus, alles aus, Geliebte. Lass uns Abschied nehmen." - "Nein! +nicht mehr scheiden! Muss es gestorben sein: - o dann hinweg alle Scheu, +welche die Lebendigen bindet" - und gluehend drueckte sie das Haupt an seine +Brust - "o lass dir sagen, lass dir noch gestehn, wie ich dich liebe, wie +lange schon, seit - seit immer. All' mein Hass war ja nur verschaemte Liebe. +Gott, ich liebte dich schon, da ich waehnte, ich muesse dich verabscheuen. +Ja du sollst wissen, wie ich dich liebe." Und sie bedeckte ihm Augen und +Wangen mit eiligen Kuessen. "O, jetzt will ich auch sterben - lieber +sterben mit dir als leben ohne dich. Aber nein" - und sie riss sich von ihm +los - "du sollst nicht sterben - lass mich hier, springe, schwimme, +versuch's, du allein erreichst die Insel wohl - versuch's und lass mich." + +"Nein," rief er selig, "lieber sterben mit dir als leben ohne dich. Nach +so langem, langem Sehnen endlich Erfuellung! Wir gehoeren einander auf ewig +von dieser Stunde. Komm, Kamilla, Geliebte, lass uns hinab." + +Schauer der Liebe und des Todes rieselten durcheinander. Er zog sie an +sich, umschlang sie mit dem linken Arm und stieg mit ihr auf den kaum noch +Hand breit ueber Wasser ragenden Steuergransen: schon schickte er sich zum +jaehen Sprunge an, - da entrang sich beiden ein froher Schrei der Hoffnung. + +Blitzschnell bog vor ihren Augen um die schmale Landspitze, die unfern von +ihnen ins Meer ragte, ein Schiff mit vollen Segeln, das gerade auf sie los +eilte. + +Das Schiff vernahm ihren Schrei, es erkannte jedenfalls die Lage des +sinkenden Kahns, vielleicht die Person des Koenigs: vierzig Ruder, aus zwei +Stockwerken von Ruderbaenken zugleich in die Flut getaucht, befoerderten den +Flug des raschen Fahrzeugs, das brausend vor ganzem Wind mit allen Segeln +daherschoss. Die Leute auf dem Deck riefen ihnen zu, auszuharren und bald - +es war die hoechste Zeit - lag der Bauch der Bireme neben der Gondel, die +augenblicklich versank, nachdem das Paar durch die Lukenpforte des untern +Ruderstockwerks an Bord gerettet war. Es war ein kleines gotisches +Wachtschiff, der goldene, steigende Loewe, das Wappen der Amalungen, +glaenzte auf der blauen Flagge: Aligern, ein Vetter Tejas, befehligte es. + +"Dank euch, wackre Freunde," sprach Athalarich, da er wieder Worte +gefunden, "Dank! ihr habt nicht euren Koenig nur, ihr habt eure Koenigin +gerettet." + +Staunend sammelten sich Krieger und Matrosen um den Gluecklichen, der die +laut weinende Kamilla in seinen Armen hielt. "Heil unsrer schoenen jungen +Koenigin!" jauchzte der rotblonde Aligern und die Mannschaft jubelte +donnernd nach: "Heil, Heil unsrer Koenigin!" In diesem Augenblick rauschte +der Segler an dem Kahn Rusticianens vorbei: der Schall dieses Jubelrufs +weckte die Unselige aus der Erstarrung von Entsetzen und Betaeubung, die +sie ergriffen, da die beiden erschrocknen Rudersklaven die Gefahr des +jungen Paares auf dem sinkenden Boot entdeckt und zugleich erklaert hatten, +es sei ihnen unmoeglich, sie rechtzeitig aus den Wellen zu retten. Da war +sie besinnungslos Daphnidion in die Arme gefallen. + +Jetzt erwachte sie und warf einen irren Blick umher. Sie staunte: war es +ein Traumbild, was sie sah? oder war es wirklich ihre Tochter, die dort +auf dem Deck des Gotenschiffs, das stolz an ihr vorueberrauschte, an der +Brust des jungen Koenigs lag? und jauchzten wirklich dazu jubelnde Stimmen: +"Heil Kamilla, unsrer Koenigin?" + +Sie starrte auf die voruebergleitende Erscheinung, sprachlos, lautlos. Aber +das rasch fliegende Segelschiff war schon an ihrem Kahn vorueber und dem +Lande nah. Es ankerte ausserhalb der seichten Gartenbucht, eine Barke ward +herabgelassen, das gerettete Paar, Aligern und drei Matrosen sprangen +hinein und bald stiegen sie die Stufen der Hafentreppe hinan, wo, ausser +Cethegus und seiner Begleitung, eine Menge von Leuten sich versammelt +hatte, die vom Palast oder vom Garten aus mit Schrecken die Gefahr des +kleinen Schiffes wahrgenommen und jetzt herbeieilten, die Geretteten zu +begruessen. Unter Glueckwuenschen und Segensrufen stieg Athalarich die Stufen +hinan. + +"Seht hier," sprach er, vor dem Tempel angelangt, "sehet, Goten und Roemer, +eure Koenigin, meine Braut. Uns hat der Gott des Todes zusammengefuehrt, +nicht wahr, Kamilla?" Sie sah zu ihm auf, aber heftig erschrak sie: die +Aufregung und der jaehe Wechsel von Schrecken und Freude hatten den kaum +Genesenen uebermaechtig erschuettert: sein Antlitz war marmorblass, er wankte +und griff wie Luft schoepfend krampfhaft an seine Brust. + +"Um Gott," rief Kamilla, einen Anfall des alten Leidens fuerchtend, "dem +Koenig ist nicht wohl. Rasch den Wein, die Arznei!" Sie flog an den Tisch, +ergriff den Silberbecher, der bereit stand, und draengte ihn in seine Hand. + +Cethegus stand dicht dabei und folgte mit scharfem Blick jeder seiner +Bewegungen. + +Schon setzte er den Becher an die Lippen, aber ploetzlich liess er ihn +nochmal sinken, er laechelte: "du musst mir zutrinken, wie's der gotischen +Koenigin ziemt an ihrem Hof," und er reichte ihr den Pokal: sie nahm ihn +aus seiner Hand. + +Einen Augenblick durchzuckte es den Praefekten siedend heiss. Er wollte +hinzustuerzen, ihr den Trank aus der Hand reissen, ihn verschuetten. + +Aber er hielt sich zurueck. That er's, so war er unrettbar verloren. Nicht +nur morgen als Hochverraeter, nein, sofort als Giftmoerder angeklagt und +ueberfuehrt. + +Verloren mit ihm seine ganze Ideenwelt, die Zukunft Roms. Und um wen? - Um +ein verliebtes Maedchen, das treulos zu seinem Todfeind abgefallen. - Nein, +sagte er kalt zu sich, die Faust zusammendrueckend, sie oder Rom: - also +sie! Und ruhig sah er zu, wie das Maedchen, hold erroetend, einen leichten +Trunk aus dem Becher nahm, den der Koenig darauf tief schluerfend bis zum +Grunde leerte. Er zuckte zusammen, da er ihn auf den Marmortisch +niedersetzte. "Kommt hinauf ins Palatium," sprach er froestelnd, den Mantel +ueber die linke Schulter schlagend, "mich friert." Und er wandte sich. + +Da traf sein Blick auf Cethegus: er stand einen Augenblick still und sah +dem Praefekten eindringend ins Auge. + +"Du hier?" sagte er finster und trat einen Schritt auf ihn zu: da zuckte +er nochmal und stuerzte mit einem jaehen Schrei neben der Quelle aufs +Antlitz nieder. + +"Athalarich!" rief Kamilla und warf sich taumelnd ueber ihn. Der alte +Corbulo sprang aus der Schar der Diener zuerst hinzu: "Hilfe," rief er, +"sie stirbt - der Koenig!" + +"Wasser! rasch Wasser!" sprach Cethegus laut. Und entschlossen trat er an +den Tisch, ergriff den Silberbecher, bueckte sich, spuelte ihn schnell, aber +gruendlich in der Quelle und neigte sich ueber den Koenig, der in Cassiodors +Armen lag, indess Corbulo das Haupt Kamillens auf seine Kniee legte. + +Ratlos, entsetzt umstanden die Hofleute die beiden scheinbar leblosen +Gestalten. + +"Was ist geschehen? Mein Kind!" mit diesem Schrei draengte sich Rusticiana, +die soeben gelandet, an der Tochter Seite. "Kamilla!" rief sie +verzweifelt, "was ist mit dir?" + +"Nichts!" sagte Cethegus ruhig, sich pruefend ueber die beiden beugend. "Es +ist nur eine Ohnmacht. Aber den jungen Koenig hat sein Herzkrampf +hingerafft. Er ist tot." + + + + + + Drittes Buch. + + + AMALASWINTHA. + + + "Amalaswintha verzagte nicht nach Frauenart, + sonder kraeftig wahrte sie ihr Koenigtum." + + Prokop, Gotenkrieg I. 2 + + + + + Erstes Kapitel. + + +Wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel traf Athalarichs ploetzliches Ende +die gotische Partei, die an diesem naemlichen Tage ihre Hoffnungen so hoch +gespannt hatte. Alle Massregeln, die der Koenig in ihrem Sinne angeordnet, +waren gelaehmt, die Goten ploetzlich wieder ohne Vertretung in dem Staat, an +dessen Spitze jetzt die Regentin ganz allein gestellt war. + +Am fruehen Morgen des naechsten Tages stellte sich Cassiodor bei dem +Praefekten ein. Er fand diesen in ruhigem, festem Schlaf. + +"Und du kannst schlafen, ruhig wie ein Kind, nach einem solchen Schlag!" - +"Ich schlief," sagte Cethegus sich auf den linken Arm aufrichtend, "im +Gefuehle neuer Sicherheit." - "Sicherheit! ja fuer dich, aber das Reich!" + +"Das Reich war mehr gefaehrdet durch diesen Knaben als ich. Wo ist die +Koenigin?" - "Am offenen Sarge ihres Sohnes sitzt sie, sprachlos! Die ganze +Nacht." + +Cethegus sprang auf: "das darf nicht sein," rief er. "Das thut nicht gut. +Sie gehoert dem Staat, nicht dieser Leiche. Um so weniger, als ich von Gift +fluestern hoerte. Der junge Tyrann hatte viele Feinde. Wie steht es damit?" + +"Sehr ungewiss. Der griechische Arzt Elpidios, der die Leiche untersuchte, +sprach zwar von einigen auffallenden Erscheinungen. Aber, wenn Gift +gebraucht worden, meinte er, muesste es ein sehr geheimes, ihm voellig +fremdes sein. In dem Becher, daraus der Arme den letzten Trunk gethan, +fand sich nicht die leiseste Spur verdaechtigen Inhalts. So glaubt man +allgemein, die Aufregung habe das alte Herzleiden zurueckgerufen und dieses +ihn getoetet. Aber doch ist es gut, dass man dich von dem Augenblick, da du +die Versammlung verliessest, immer vor Zeugen gesehen: der Schmerz macht +argwoehnisch." + +"Wie steht es um Kamilla?" forschte der Praefekt weiter. - "Sie soll von +ihrer Betaeubung noch gar nicht erwacht sein; die Aerzte fuerchten das +Schlimmste. - Aber ich kam, dich zu fragen: Was soll nun weiter geschehen? +Die Regentin sprach davon, die Untersuchung gegen dich niederzuschlagen." +- "Das darf nicht sein!" rief Cethegus. "Ich fordre die Durchfuehrung. +Eilen wir zu ihr." - "Willst du sie am Sarge ihres Sohnes stoeren?" - "Ja, +das will ich! Deine zarte Ruecksicht bebt davor zurueck? Gut, komme du nach, +wenn ich das Eis gebrochen." + +Er verabschiedete den Besuch und rief seine Sklaven, ihn anzukleiden. Bald +darauf schritt er, in dunkelgraues Trauergewand gehuellt, hinab zu dem +Gewoelbe, wo die Leiche ausgestellt lag. Gebieterisch wies er die Wachen +und die Frauen Amalaswinthens hinweg, die den Eingang hueteten und trat +geraeuschlos ein. + +Es war die niedrig gewoelbte Halle, in der ehedem die Leichen der Kaiser +mit Salben und Brennstoffen waren fuer den Scheiterhaufen bereitet worden. +Das schweigende Gelass, mit dunkelgruenem Serpentin getaefelt, von kurzen +dorischen Saeulen aus schwarzem Marmor getragen, war nie von der Tageshelle +beleuchtet: auch jetzt fiel auf die duestern byzantinischen Mosaiken auf +dem Goldgrund der Wandplatten kein andres Licht als von den vier +Pechfackeln, die an dem Steinsarkophag des jungen Koenigs mit unstetem +Schimmer flackerten. + +Dort lag er, auf einem tiefroten Purpurmantel, Helm, Schwert und Schild zu +seinen Haeupten. + +Der alte Hildebrand hatte ihm einen Eichenkranz um die dunkeln Locken +gewunden. Die edeln Zuege ruhten in ernster, bleicher Schoene. + +Zu seinen Fuessen sass in langem Trauerschleier die hohe Gestalt der +Regentin, das Haupt auf den linken Arm gestuetzt, der auf dem Sarkophage +ruhte: der rechte hing erschlafft herab. Sie konnte nicht mehr weinen. + +Das Knistern der Pechflammen war das einzige Geraeusch in dieser +Grabesstille. - + +Lautlos trat Cethegus ein, nicht unbewegt von der Poesie des Anblicks. +Aber mit einem Zusammenziehen der Brauen war dies Gefuehl wie ein Anflug +von Mitleid erstickt. Klarheit gilt es, sprach er zu sich selbst, und +Ruhe. Leise trat er naeher und ergriff die herabgesunkene Hand +Amalaswinthens. "Erhebe dich, hohe Frau, du gehoerst den Lebendigen, nicht +den Toten." + +Erschrocken sah sie auf: "Du hier, Cethegus? Was suchst du hier?" + +"Eine Koenigin." + +"O, du findest nur eine weinende Mutter!" rief sie schluchzend. - "Das +kann ich nicht glauben. Das Reich ist in Gefahr und Amalaswintha wird +zeigen, dass auch ein Weib dem Vaterland den eignen Schmerz opfern kann." + +"Das kann sie," sagte sie, sich aufrichtend: "Aber sieh auf ihn hin. - Wie +jung, wie schoen -! Wie konnte der Himmel so grausam sein." - "Jetzt oder +nie," dachte Cethegus. "Der Himmel ist gerecht, streng, nicht grausam." + +"Wie redest du? was hatte mein edler Sohn verschuldet? Wagst du ihn +anzuklagen?" - "Nicht ich! Doch eine Stelle der heiligen Schrift hat sich +erfuellt an ihm: "Ehre Vater und Mutter, auf dass du lang lebest auf Erden." +Die Verheissung ist auch eine Drohung. Gestern hat er gefrevelt gegen seine +Mutter und sie verunehrt in trotziger Empoerung: - heute liegt er hier. Ich +sehe darin den Finger Gottes." + +Amalaswintha verhuellte ihr Antlitz. Sie hatte dem Sohn an seinem Sarge +seine Auflehnung herzlich vergeben. Aber diese Auffassung, diese Worte +ergriffen sie doch maechtig und zogen sie ab von ihrem Schmerz zur +liebgewordenen Gewohnheit des Herrschens. "Du hast, o Koenigin, die +Untersuchung gegen mich niederschlagen wollen und Witichis zurueckberufen. +Letzteres mag sein. Aber ich fordere die Durchfuehrung des Prozesses und +feierliche Freisprechung als mein Recht." + +"Ich habe nie an deiner Treue gezweifelt. Weh mir, wenn ich es jemals +muesste. Sage mir: ich weiss von keiner Verschwoerung! und alles ist +abgethan." - Sie schien seine Beteurung zu erwarten. Cethegus schwieg eine +Weile. Dann sagte er ruhig: "Koenigin, ich weiss von einer Verschwoerung." + +"Was ist das?" rief die Regentin und sah ihn drohend an. - "Ich habe diese +Stunde, diesen Ort gewaehlt," fuhr Cethegus mit einem Blick auf die Leiche +fort, "dir meine Treue entscheidend zu besiegeln, dass sie dir +unausloeschlich moege ins Herz geschrieben sein. Hoere und richte mich." - +"Was werd' ich hoeren?" sprach die Koenigin wachsam und fest entschlossen, +sich weder taeuschen noch erweichen zu lassen. "Ich waer' ein schlechter +Roemer, Koenigin, und du muesstest mich verachten, liebte ich nicht vor allem +andern mein Volk. Dies stolze Volk, das selbst du, die Fremde, liebst. Ich +wusste, - wie du es weisst - dass der Hass gegen euch als Ketzer, als Barbaren +in den Herzen fortglimmt. Die letzten strengen Thaten deines Vaters hatten +ihn geschuert. Ich ahnte eine Verschwoerung. Ich suchte, ich entdeckte sie." +- "Und verschwiegst sie!" sprach die Regentin, zuernend sich erhebend. - +"Und verschwieg sie. Bis heute. Die Verblendeten wollten die Griechen +herbeirufen und nach Vernichtung der Goten sich dem Kaiser unterwerfen." - +"Die Schaendlichen!" rief Amalaswintha heftig. - "Die Thoren! Sie waren +schon soweit gegangen, dass nur Ein Mittel blieb, sie zurueckzuhalten: ich +trat an ihre Spitze, ich ward ihr Haupt." - "Cethegus!" - "Dadurch gewann +ich Zeit und konnte edle, wenn auch verblendete Maenner von dem Verderben +zurueckhalten. Allgemach konnte ich ihnen die Augen darueber oeffnen, dass ihr +Plan, wenn er gelaenge, nur eine milde mit einer despotischen Herrschaft +vertauschen wuerde. Sie sahen es ein, sie folgten mir und kein Byzantiner +wird diesen Boden betreten bis ich ihn rufe, ich - oder du." + +"Ich! rasest du?" - "Nichts ist den Menschen zu verschwoeren! sagt +Sophokles, dein Liebling. Lass dich warnen, Koenigin, die du die dringendste +Gefahr nicht siehst. Eine andre Verschwoerung, viel gefaehrlicher als jene +roemische Schwaermerei, bedroht dich, deine Freiheit, das Herrschaftsrecht +der Amaler, in naechster Naehe - eine Verschwoerung der Goten." + +Amalaswintha erbleichte. + +"Du hast gestern zu deinem Schrecken ersehn, dass nicht deine Hand mehr das +Ruder dieses Reiches fuehrt. Ebensowenig dieser edle Tode, der nur ein +Werkzeug deiner Feinde war. Du weisst es, Koenigin, viele in deinem Volk +sind blutduerstende Barbaren, raubgierig, roh: sie moechten dies Land +brandschatzen, wo Vergil und Tullius gewandelt. Du weisst, dein trotziger +Adel hasst die Uebermacht des Koenigshauses und will sich ihm wieder +gleichstellen. Du weisst, die rauhen Goten denken nicht wuerdig von dem +Beruf des Weibes zur Herrschaft." - "Ich weiss es," sprach sie stolz und +zornig. - "Aber nicht weisst du, dass alle diese Parteien sich geeinigt +haben. Geeinigt gegen dich und dein roemerfreundlich Regiment. Dich wollen +sie stuerzen oder zu ihrem Willen zwingen. Cassiodor und ich, wir sollen +von deiner Seite fort. Unser Senat, unsre Rechte sollen fallen, das +Koenigtum ein Schatte werden. Krieg mit dem Kaiser soll entbrennen. Und +Gewalt, Erpressung, Raub ueber uns Roemer hereinbrechen." - "Du malst eitle +Schreckbilder!" - "War ein eitles Schreckbild, was gestern geschah? Wenn +nicht der Arm des Himmels eingriff, warst nicht du selbst - wie ich - der +Macht beraubt? Warst du denn noch Herrin in deinem Reich, in deinem Hause? +Sind sie nicht schon so maechtig, dass der heidnische Hildebrand, der +baeuerische Witichis, der finstre Teja in deines bethoerten Sohnes Namen +offen deinem Willen trotzen? Haben sie nicht jene rebellischen drei +Herzoge zurueckberufen? Und deine widerspenstige Tochter und -" - "Wahr, zu +wahr!" seufzte die Koenigin. + +"Wenn diese Maenner herrschen - dann lebt wohl Wissenschaft und Kunst und +edle Bildung! Leb wohl, Italia, Mutter der Menschlichkeit! Dann lodert in +Flammen auf, ihr weissen Pergamente, brecht in Truemmer, schoene Statuen. +Gewalt und Blut wird diese Fluren erfuellen und spaete Enkel werden +bezeugen: solches geschah unter Amalaswintha, der Tochter Theoderichs." + +"Nie, niemals soll das geschehen! Aber -" + +"Du willst Beweise? Ich fuerchte, nur zu bald wirst du sie haben. Du siehst +jedoch schon jetzt: auf die Goten kannst du dich nicht stuetzen, wenn du +jene Greuel verhindern willst. Gegen sie schuetzen nur wir dich, wir, denen +du ohnehin angehoerst nach Geist und Bildung, wir Roemer. Dann, wenn jene +Barbaren laermend deinen Thron umdraengen, dann lass mich jene Maenner um dich +scharen, die sich einst gegen dich verschworen, die Patrioten Roms: sie +schuetzen dich und sich selbst zugleich." + +"Cethegus," sprach die bedraengte Frau, "du beherrschest die Menschen +leicht! Wer, sage mir, wer buergt mir fuer die Patrioten, fuer deine Treue?" + +"Dies Blatt, Koenigin, und dieses! Jenes enthaelt eine genaue Liste der +roemischen Verschwornen - du siehst, es sind viele hundert Namen: dies die +Glieder des gotischen Bundes, die ich freilich nur erraten konnte. Aber +ich rate gut. Mit diesen beiden Blaettern geb' ich die beiden Parteien, +geb' ich mich selbst ganz in deine Hand. Du kannst mich jeden Augenblick +bei den Meinen selbst als Verraeter entlarven, der vor allem _deine_ Gunst +gesucht, kannst mich preisgeben dem Hass der Goten - ich habe jetzt keinen +Anhang mehr, sobald du willst: ich stehe allein, allein auf dem Boden +deiner Gunst." + +Die Koenigin hatte die Rollen mit leuchtenden Augen durchflogen. +"Cethegus," rief sie jetzt, "ich will deiner Treue gedenken und dieser +Stunde!" Und sie reichte ihm geruehrt die Hand. + +Cethegus neigte leise das Haupt. "Noch eins, o Koenigin. Die Patrioten, +fortan deine Freunde wie die meinen, wissen das Schwert des Verderbens, +des Hasses der Barbaren ueber ihren Haeuptern hangen. Die Erschrocknen +beduerfen der Aufrichtung. Lass sie mich deines hohen Schutzes versichern: +stelle deinen Namen an die Spitze dieses Blattes und lass mich ihnen +dadurch ein sichtbar Zeichen deiner Gnade geben." + +Sie nahm den goldnen Stift und die Wachstafel, die er ihr reichte. Einen +Augenblick noch zoegerte sie nachdenklich: dann aber schrieb sie rasch +ihren Namen und gab ihm Griffel und Tafel zurueck: "Hier, sie sollen mir +treu bleiben, treu wie du." + +Da trat Cassiodorus ein: "o Koenigin, die gotischen Grossen harren dein. Sie +begehren dich zu sprechen." + +"Ich komme! Sie sollen meinen Willen vernehmen," sprach sie heftig: "du +aber, Cassiodor, sei der erste Zeuge des Beschlusses, den diese ernste +Stunde in mir gereift, den bald mein ganzes Reich vernehmen soll: hier der +Praefekt von Rom ist hinfort der erste meiner Diener, wie er der treuste +ist: sein ist der Ehrenplatz in meinem Vertrauen und an meinem Thron." + +Staunend fuehrte Cassiodor die Regentin die dunkeln Stufen hinan. Langsam +folgte Cethegus: er hob die Wachstafel in die Hoehe und sprach zu sich +selbst: "Jetzt bist du mein, Tochter Theoderichs. Dein Name auf dieser +Liste trennt dich auf immer von deinem Volk." - - + + + + + Zweites Kapitel. + + +Als Cethegus aus dem unterirdischen Gewoelbe wieder zu dem Erdgeschoss des +Palastes aufgetaucht war und sich anschickte, der Regentin zu folgen, ward +sein Ohr beruehrt und sein Schritt gefesselt durch feierliche, klagende +Floetentoene. Er erriet, was sie bedeuteten. + +Sein erster Antrieb war, auszuweichen. Aber alsbald entschloss er sich zu +bleiben. "Einmal muss es doch geschehen, also am besten gleich," dachte er. +"Man muss pruefen, wie weit sie unterrichtet ist." + +Immer naeher kamen die Floeten, wechselnd mit eintoenigen Klagegesaengen. +Cethegus trat in eine breite Nische des dunklen Ganges, in welchen schon +die Spitze des kleinen Zuges einbog. Voran schritten paarweise sechs edle +roemische Jungfrauen in grauen Klageschleiern, gesenkte Fackeln in den +Haenden. Darauf folgte ein Priester, dem eine hohe Kreuzesfahne mit langen +Wimpeln vorangetragen wurde. Hierauf eine Schar von Freigelassenen der +Familie, angefuehrt von Corbulo, und die Floetenblaeser. Dann erschien, von +vier roemischen Maedchen getragen, ein offener, blumenueberschuetteter Sarg: +da lag auf weissem Linnentuch die tote Kamilla, in braeutlichem Schmuck, +einen Kranz von weissen Rosen um das schwarze Haar: ein Zug laechelnden +Friedens spielte um den leicht geoeffneten Mund. Hinter dem Sarg aber +wankte, mit geloestem Haar, stier vor sich hinblickend, die unselige +Mutter, von Matronen umgeben, welche die Sinkende stuetzten. Eine Reihe von +Sklavinnen schloss den Zug, der sich langsam in das Totengewoelbe verlor. + +Cethegus erkannte die schluchzende Daphnidion und hielt sie an. "Wann +starb sie?" fragte er ruhig. - "Ach, Herr, vor wenigen Stunden! Oh die +gute, schoene, freundliche Domna!" - "Ist sie noch einmal erwacht zu vollem +Bewusstsein?" + +"Nein, Herr, nicht mehr. Nur ganz zuletzt schlug sie die grossen Augen +nochmal auf und schien rings umher zu suchen. "Wo ist er hin?" fragte sie +die Mutter. "Ach, ich sehe ihn," rief sie dann und hob sich aus den +Kissen. "Kind, mein Kind, wo willst du hin?" weinte die Herrin. "Nun, +dorthin," sagte sie mit verklaertem Laecheln: "nach den Inseln der Seligen!" +und sie schloss die Augen und sank zurueck auf das Lager und jenes holde +Laecheln blieb stehen auf ihrem Mund - und sie war dahin, dahin auf ewig!" +- "Wer hat sie hier herab bringen lassen?" - "Die Koenigin. Sie erfuhr +alles und befahl die Tote als die Braut ihres Sohnes neben ihm +auszustellen und zu bestatten." + +"Aber was sagt der Arzt? wie konnte sie so ploetzlich sterben?" - "Ach der +Arzt sah sie nur fluechtig; er hatte alle Gedanken bei der Koenigsleiche und +die Herrin litt ja gar nicht, dass der fremde Mann ihre Tochter beruehre. +Das Herz ist ihr eben gebrochen: daran mag man wohl sterben! Aber still, +sie kommen." Der Zug ging in derselben Ordnung, ohne den Sarg, zurueck. +Daphnidion schloss sich an. Nur Rusticiana fehlte. Ruhig schritt Cethegus +den einsamen Gang auf und nieder, sie zu erwarten. + +Endlich stieg die gebrochne Gestalt die Stufen herauf. Sie wankte und +drohte zu fallen. Da ergriff er rasch ihren Arm. "Rusticiana, fasse dich!" + +"Du hier? O Gott, du hast sie auch geliebt! Und wir, wir beide haben sie +ermordet!" Und sie brach auf seine Schulter zusammen. "Schweig, Unselige!" +fluesterte er, sich umsehend. + +"Ach, ich, die eigne Mutter, habe sie getoetet. Ich habe den Trank +gemischt, der ihm den Tod gebracht." + +Gut, dachte er, sie ahnt also nicht, dass sie getrunken, geschweige, dass +ich sie trinken sah. "Es ist ein grausamer Streich des Geschicks," sagte +er laut; "aber bedenke, was sollte werden, wenn sie lebte? Sie liebte +ihn!" - "Was werden sollte?" rief Rusticiana, von ihm zuruecktretend. + +"O, wenn sie nur lebte! Wer kann wider die Liebe? Waere sie sein geworden, +sein Weib, - seine Geliebte, wenn sie nur lebte!" - "Aber du vergisst, dass +er sterben musste." - "Musste? warum musste er sterben? auf dass du deine +stolzen Plaene hinausfuehrst! O Selbstsucht ohnegleichen!" - "Es sind deine +Plaene, die ich ausfuehre, nicht die meinen; wie oft muss ich dir's +wiederholen? Du hast den Gott der Rache heraufbeschworen, nicht ich: was +klagst du mich an, wenn er Opfer von dir fordert? Besinne dich besser. +Lebe wohl." + +Aber Rusticiana fasste heftig seinen Arm: "Und das ist alles? Und weiter +hast du nichts, kein Wort, keine Thraene fuer mein Kind? Und du willst mich +glauben machen, um sie, um mich zu raechen habest du gehandelt? Du hast nie +ein Herz gehabt. Du hast auch sie nicht geliebt - kalten Blutes siehst du +sie sterben - ha, Fluch - Fluch ueber dich." - "Schweig, Unsinnige." - +"Schweigen? nein, reden will ich und dir fluchen. O, wuesst' ich etwas, das +dir waere, was mir Kamilla war! O, muesstest du, wie ich, deines ganzen +Lebens letzte, einzige Freude fallen sehen, fallen sehen und verzweifeln. +Wenn ein Gott ist im Himmel, wirst du das erleben." + +Cethegus laechelte. + +"Du glaubst an keine Macht im Himmel, die vergelte? wohlan, glaub' an die +Rache einer jammervollen Mutter! Du sollst erzittern! ich eile zur +Regentin und entdecke ihr alles! Du sollst sterben!" - "Und du stirbst mit +mir." + +"Mit lachenden Augen, wenn ich dich verderben sehe." Und sie wollte +hinweg. Aber Cethegus ergriff sie mit starkem Arm. "Halt, Weib. Glaubst +du, man sieht sich nicht vor mit deinesgleichen? Deine Soehne, Anicius und +Severinus, die Verbannten, sind heimlich in Italien, in Rom, in meinem +Hause. Du weisst, auf ihrer Rueckkehr steht der Tod. Ein Wort - und sie +sterben mit uns: dann magst du deinem Gatten auch die Soehne, wie die +Tochter, als durch dich gefallen zufuehren. Ihr Blut ueber dein Haupt." Und +rasch war er um die Ecke des Ganges biegend verschwunden. + +"Meine Soehne!" rief Rusticiana und brach auf dem Marmorestrich zusammen. - + +Wenige Tage darauf verliess die Witwe des Boethius mit Corbulo und +Daphnidion den Koenigshof fuer immer. Vergebens suchte die Regentin sie zu +halten. + +Der treue Freigelassene fuehrte sie zurueck auf die verborgne Villa bei +Tifernum, die je verlassen zu haben sie jetzt tief betrauerte. Sie baute +daselbst, an der Stelle des kleinen Venustempels, eine Basilika, in deren +Krypta eine Urne mit den Herzen der beiden Liebenden beigesetzt wurde. + +Ihre leidenschaftliche Seele verband mit dem Gebet fuer das Heil ihres +Kindes unzertrennlich die Bitte der Rache an Cethegus, dessen wahre +Beteiligung an Kamillens Tod sie nicht einmal ahnte: nur das durchschaute +sie, dass er Mutter und Tochter als Werkzeuge seiner Plaene gebraucht und in +herzloser Kaelte des Maedchens Glueck und Leben aufs Spiel gesetzt hatte. + +Und kaum minder unablaessig als das Licht der daselbst gestifteten ewigen +Lampe stieg das Gebet und der Fluch der vereinsamten Mutter zum Himmel +empor. + +Die Stunde sollte nicht ausbleiben, die ihr die Schuld des Praefekten ganz +enthuellte und auch die Rache nicht, die sie dafuer vom Himmel niederrief. + + + + + Drittes Kapitel. + + +Am Hofe von Ravenna aber wurde ein zaeher und grimmiger Kampf gefuehrt. + +Die gotischen Patrioten, obwohl durch den ploetzlichen Untergang ihres +jugendlichen Koenigs schwer betruebt und fuer den Augenblick ueberwunden, +wurden doch von ihren unermuedlichen Fuehrern bald wieder aufgerafft. Das +hohe Ansehen des alten Hildebrand, die ruhige Kraft des zurueckberufenen +Witichis und Tejas wachsamer Eifer wirkten unablaessig. Wir haben gesehen, +wie es diesen Maennern gelungen war, Athalarich zur Abschuettelung der +Oberleitung seiner Mutter zu verhelfen. Jetzt gelang es ihnen leicht, +unter den Goten immer mehr Anhang zu finden gegen eine Regentschaft, in +welcher der ihnen als Hochverraeter verhasste Cethegus mehr als je in den +Vordergrund trat. Die Stimmung im Heer, in der germanischen Bevoelkerung +von Ravenna war genuegend zu einem entscheidenden Schlage vorbereitet. Mit +Muehe hielt der alte Waffenmeister die Unzufriedenen zurueck, bis sie, durch +wichtige Bundesgenossen verstaerkt, desto sicherer siegen koennten. + +Diese Bundesgenossen waren die drei Herzoge Thulun, Ibba und Pitza, die +Amalaswintha vom Hofe verscheucht und ihr Sohn soeben zurueckberufen hatte. +Thulun und Ibba waren Brueder, Pitza ihr Vetter. + +Ein andrer Bruder der ersteren, Herzog Alarich, war vor Jahren wegen +angeblicher Verschwoerung zum Tode verurteilt und seit seiner Flucht +verschollen. + +Sie stammten aus dem beruehmten Geschlecht der Balten, das bei den +Westgoten die Koenigskrone getragen hatte und den Amalungen kaum nachstand +an Alter und Ansehn. Ihr Stammbaum fuehrte, wie der des Koenigshauses, bis +zu den Goettern hinauf. Ihr Reichtum an Grundbesitz und abhaengigen Colonen +und der Ruhm ihrer Kriegsthaten erhoehten Macht und Glanz ihres Hauses. Man +sagte im Volk, Theoderich habe eine Zeit lang daran gedacht, mit +Uebergehung seiner Tochter und ihres unmuendigen Knaben, zum Heile des +Reiches den kraeftigen Herzog Thulun zu seinem Nachfolger zu bestellen. + +Und die Patrioten waren jetzt, nach dem Tode Athalarichs, entschlossen, +fuer den aeussersten Fall, das heisst, wenn die Regentin von ihrem System +nicht abzubringen sei, jene Gedanken wieder aufzunehmen. + +Cethegus sah das Gewitter heranziehen: er sah, wie das gotische +Volksbewusstsein, von Hildebrand und seinen Freunden wachgerufen, sich +immer heftiger gegen die romanisirende Regentschaft straeubte. + +Mit Unmut gestand er sich, dass es ihm an wirklicher Macht fehle, diese +Unzufriedenheit niederzuhalten: Ravenna war nicht sein Rom, wo er die +Werke beherrschte, wo er die Buerger wieder an die Waffen gewoehnt und an +seine Person gefesselt hatte; hier waren alle Truppen Goten und er musste +fuerchten, dass sie einen Haftbefehl gegen Hildebrand oder Witichis mit +offnem Aufruhr beantworten wuerden. So fasste er den kuehnen Gedanken, mit +Einem Zug sich aus den Netzen, die ihn zu Ravenna umstrickten, +herauszureissen: er beschloss, die Regentin, noetigenfalls mit Gewalt, nach +Rom zu bringen, nach seinem Rom: dort hatte er Waffen, Anhang, Macht. Dort +war Amalaswintha ausschliesslich in seiner Gewalt und die Goten hatten das +Nachsehen. + +Zu seiner Freude ging die Regentin lebhaft auf seinen Plan ein. Sie sehnte +sich hinweg aus diesen Mauern, wo sie mehr eine Gefangene als eine +Herrscherin erschien. Sie verlangte nach Rom, nach Freiheit und Macht. +Rasch wie immer traf Cethegus seine Massregeln. Auf den kuerzern Weg zu +Lande musste er verzichten, da die grosse Via flaminia sowohl als die andern +Strassen von Ravenna nach Rom durch gotische Scharen, die Witichis +befehligte, bedeckt waren und daher zu fuerchten stand, dass ihre Flucht auf +diesem Wege zu frueh entdeckt und vielleicht verhindert wuerde. So musste er +sich entschliessen, einen Teil des Weges zur See zurueckzulegen: aber auf +die gotischen Schiffe im Hafen von Ravenna konnte man zu einem solchen +Zweck nicht zaehlen. + +Zum Glueck erinnerte sich der Praefekt, dass der Nauarch Pomponius, einer der +Verschwornen, mit drei Trieren zuverlaessiger d. h. roemischer Bemannung an +der Ostkueste des adriatischen Meeres, zwischen Ancona und Teate, auf +afrikanische Seeraeuber Jagd machend, kreuzte. Diesem sandte er Befehl, in +der Nacht des Epiphaniasfestes in der Bucht von Ravenna zu erscheinen. Er +hoffte vom Garten des Palastes aus, unter dem Schutz der Dunkelheit und +waehrend kirchliche und weltliche Festfeier die Stadt beschaeftigte, leicht +und sicher mit Amalaswintha die Schiffe zu erreichen, die sie zur See ueber +die gotischen Stellungen hinaus bis nach Teate bringen sollten: von da aus +war der Weg nach Rom kurz und ungefaehrdet. + +Diesen Plan im Bewusstsein - sein Bote kam gluecklich hin und zurueck mit dem +Versprechen des Pomponius, puenktlich einzutreffen - laechelte der Praefekt +zu dem taeglich wachsenden, trotzigen Hass der Goten, die seine +Guenstlingsstellung bei Amalaswintha mit Ingrimm betrachteten. Er ermahnte +diese, geduldig auszuharren und nicht durch einen Ausbruch ihres +koeniglichen Zornes ueber die "Rebellen" vor dem Tag der Befreiung einen +Zusammenstoss herbeizufuehren, der leicht alle Plaene der Rettung vereiteln +konnte. + +Das Epiphaniasfest war gekommen: das Volk wogte in dichten Massen in den +Basiliken, auf den Plaetzen der Stadt. Die Kleinodien des Schatzes lagen +geordnet und gepackt bereit, ebenso die wichtigsten Urkunden des Archivs. + +Es war Mittag. Amalaswintha und der Praefekt hatten soeben ihren Freund +Cassiodor von dem Plan unterrichtet, dessen Kuehnheit ihn anfangs +erschreckte, dessen Klugheit ihn alsbald gewann. Sie wollten gerade aus +dem Gemach der Beratung aufbrechen, als ploetzlich der Laerm des Volkes, das +vor dem Palast auf und niederflutete, lauter und heftiger anschwoll: +Drohungen, Jubelrufe, Waffenklirren wild durcheinander. + +Cethegus schlug den Vorhang des grossen Rundbogenfensters zurueck: doch er +sah nur noch die letzten Reihen der Menge nachdraengen in die offenen Thore +des Palastes. Die Ursache der Aufregung war nicht zu entdecken. + +Aber schon stieg im Palatium das Getoese die Treppen hinan, Zank mit der +Dienerschaft wurde hoerbar, einzelne Waffenschlaege, bald nahe, schwere +Tritte. Amalaswintha bebte nicht: fest hielt sie den Drachenknauf des +Thronstuhls, auf den Cassiodor sie zurueckgefuehrt. + +Cethegus warf sich indessen den Andringenden entgegen. "Halt," rief er, +unter der Thuere des Gemaches hinaus, "die Koenigin ist fuer niemand +sichtbar." + +Einen Augenblick lautlose Stille. + +Dann rief eine kraeftige Stimme: "Wenn fuer dich, Roemer, auch fuer uns, fuer +ihre gotischen Brueder. Vorwaerts!" + +Und wieder erhob sich das Brausen der Stimmen und im Augenblick war +Cethegus, ohne Anwendung bestimmter Gewalt, von dem Andrang der Masse wie +von unwiderstehlicher Meeresflut bis weit in den Hintergrund des Saales +zurueckgeschoben, und die Vordersten im Zuge standen dicht vor dem Thron. + +Es waren Hildebrand, Witichis, Teja, ein baumlanger Gote, den Cethegus +nicht kannte, und neben ihm - es litt keinen Zweifel - die drei Herzoge +Thulun, Ibba und Pitza, in voller Ruestung, drei prachtvolle +Kriegergestalten. Die Eingedrungnen neigten sich vor dem Thron. Dann rief +Herzog Thulun nach rueckwaerts gewendet mit der Handbewegung eines gebornen +Herrschers: "Ihr, gotische Maenner, harret noch draussen eine kurze Weile; +wir wollen's in eurem Namen mit der Regentin zu schlichten suchen. Gelingt +es nicht - so rufen wir euch auf zur That - ihr wisst, zu welcher." + +Willig und mit Jubelrufen zogen sich die Scharen hinter ihm zurueck und +verloren sich bald in den Gaengen und Hallen des Schlosses. + +"Tochter Theoderichs," hob Herzog Thulun an, das Haupt zurueckwerfend, "wir +sind gekommen, weil uns dein Sohn, der Koenig, zurueckberufen. Leider finden +wir ihn nicht mehr am Leben. Wir wissen, dass du uns nicht gerne hier +siehst." + +"Wenn ihr das wisst," sprach Amalaswintha mit Hoheit, "wie koennt ihr wagen, +dennoch vor unser Angesicht zu treten? Wer gestattet euch, wider unsern +Willen zu uns zu dringen?" - "Die Not gebeut es, hohe Frau, die Not, die +schon staerkere Riegel gebrochen als eines Weibes Laune. Wir haben dir die +Forderungen deines Volkes vorzutragen, die du erfuellen wirst." - "Welche +Sprache! Weisst du wer vor dir steht, Herzog Thulun?" - "Die Tochter der +Amalungen, deren Kind ich ehre, auch wo es irrt und frevelt." - "Rebell!" +rief Amalaswintha und erhob sich majestaetisch vom Throne, "dein Koenig +steht vor dir." Aber Thulun laechelte: "Du wuerdest klueger thun, +Amalaswintha, von diesem Punkt zu schweigen. Koenig Theoderich hat dir die +Mundschaft ueber deinen Sohn uebertragen, dem Weibe: - das war wider Recht, +aber wir Goten haben ihm nicht eingeredet in seine Sippe. Er hat diesen +Sohn zum Nachfolger gewuenscht, den Knaben: - das war nicht klug. Aber Adel +und Volk der Goten haben das Blut der Amalungen geehrt und den Wunsch +eines Koenigs, der sonst weise war. Niemals jedoch hat er gewuenscht und +niemals haetten wir gebilligt, dass nach jenem Knaben ein Weib ueber uns +herrschen solle, die Spindel ueber die Speere." + +"So wollt ihr mich nicht mehr anerkennen als eure Koenigin?" rief sie +empoert. "Und auch du, Hildebrand, alter Freund Theoderichs, auch du +verleugnest seine Tochter?" + +"Frau Koenigin," sprach der Alte, "wollest du selbst verhueten, dass ich dich +verleugnen muss." + +Thulun fuhr fort: "Wir verleugnen dich nicht - noch nicht. Jenen Bescheid +gab ich nur, weil du auf dein Recht pochst und weil du wissen musst, dass du +ein Recht nicht hast. + +Aber weil wir gern den Adel des Blutes ehren - wir ehren damit uns selbst +- und weil es in diesem Augenblick zu boesem Zwiespalt im Reich fuehren +koennte, wollten wir dir die Krone absprechen, so will ich dir die +Bedingungen sagen, unter denen du sie fuerder tragen magst." + +Amalaswintha litt unsaeglich: wie gern haette sie das stolze Haupt, das +solche Worte sprach, dem Henker geweiht. Und machtlos musste sie das +dulden! Thraenen wollten in ihr Auge dringen: sie presste sie zurueck, aber +erschoepft sank sie auf ihren Thron, von Cassiodor gestuetzt. + +Cethegus war indessen an ihre andre Seite getreten: "Bewillige alles!" +raunte er ihr zu, "'s ist alles erzwungen und nichtig. Und heute Nacht +noch koemmt Pomponius." + +"Redet," sprach Cassiodor, "aber schont des Weibes, ihr Barbaren." - "Ei," +lachte Herzog Pitza, "sie will ja nicht als Weib behandelt sein: sie ist +ja unser Koenig." + +"Ruhig, Vetter," verwies ihn Herzog Thulun, "sie ist von edlem Blut wie +wir." + +"Fuers erste," fuhr er fort, "entlaesst du aus deiner Naehe den Praefekten von +Rom. Er gilt fuer einen Feind der Goten. Er darf nicht die Gotenkoenigin +beraten. An seine Stelle bei deinem Thron tritt Graf Witichis." + +"Bewilligt!" sagte Cethegus selbst, statt Amalaswinthas. + +"Fuers zweite erklaerst du in einem Manifest, dass fortan kein Befehl von dir +vollziehbar, der nicht von Hildebrand oder Witichis unterzeichnet, dass +kein Gesetz ohne Genehmigung der Volksversammlung gueltig ist." + +Die Regentin fuhr zornig auf, aber Cethegus hielt ihren Arm nieder. "Heute +Nacht kommt Pomponius!" fluesterte er ihr zu. Dann rief er laut: "Auch das +wird zugestanden." + +"Das dritte," hob Thulun wieder an, "wirst du so gern gewaehren, als wir es +empfangen. Wir drei Balten haben nicht gelernt, in der Hofburg die Haeupter +zu buecken: das Dach ist uns zu niedrig hier. Amaler und Balten leben am +besten weit von einander - wie Adler und Falk. Und das Reich bedarf unsres +Arms an seinen Marken. Die Nachbarn waehnen, das Land sei verwaiset, seit +dein grosser Vater ins Grab stieg. Avaren, Gepiden, Sclavenen springen +ungescheut ueber unsre Grenzen. Diese drei Voelker zu zuechtigen, ruestest du +drei Heere, je zu dreissig Tausendschaften und wir drei Balten fuehren sie +als deine Feldherrn nach Osten und nach Norden." + +Die ganze Waffenmacht obenein in ihre Haende: - nicht uebel! dachte +Cethegus. "Bewilligt," rief er laechelnd. + +"Und was bleibt mir," fragte Amalaswintha, "wenn ich all das euch +dahingegeben?" + +"Die goldne Krone auf der weissen Stirn," sagte Herzog Ibba. + +"Du kannst ja schreiben wie ein Grieche," begann Thulun aufs neue. +"Wohlan, man lernt solche Kuenste nicht umsonst. Hier dies Pergament soll +enthalten - mein Sklave hat es aufgezeichnet - was wir fordern." + +Er reichte es Witichis zur Pruefung: "Ist es so? Gut. Das wirst du +unterschreiben, Fuerstin. - So, wir sind fertig. Jetzt sprich du, Hildebad, +mit jenem Roemer." + +Doch vor ihn trat Teja, die Rechte am Schwert, zitternd vor Hass: "Praefekt +von Rom," sagte er, "Blut ist geflossen, edles, teures, gotisches Blut. Es +weiht ihn ein, den grimmen Kampf, der bald entbrennen wird. Blut, das du +buessen" - der Zorn erstickte seine Stimme. + +"Pah," rief, ihn zurueckschiebend, Hildebad, - denn er war der baumlange +Gote - "macht nicht soviel Aufhebens davon! Mein goldner Bruder kann +leicht etwas missen von ueberfluessigem Blut. Und der andre hat mehr +verloren als er missen kann. Da, du schwarzer Teufel," rief er Cethegus zu +und hielt ihm ein breites Schwert dicht vor die Augen, "kennst du das?" + +"Des Pomponius Schwert!" rief dieser erbleichend und einen Schritt +zurueckweichend. Amalaswintha und Cassiodor fragten erschrocken: +"Pomponius?" + +"Aha," lachte Hildebad, "nicht wahr, das ist schlimm? Ja, aus der +Wasserfahrt kann nichts werden." + +"Wo ist Pomponius, mein Nauarch?" rief Amalaswintha heftig. + +"Bei den Haifischen, Frau Koenigin, in tiefer See." + +"Ha, Tod und Vernichtung!" rief Cethegus, jetzt fortgerissen vor Zorn, +"wie geht das zu?" + +"Lustig genug. Sieh, mein Bruder Totila - du kennst ihn ja, nicht wahr? - +lag im Hafen von Ancona mit zwei kleinen Schiffen. Dein Freund Pomponius, +der machte ihm seit einigen Tagen ein so uebermuetiges Gesicht und liess so +dicke Worte fallen, dass es selbst meinem arglosen Blonden auffiel. +Ploetzlich ist er eines Morgens mit seinen drei Trieren aus dem Hafen +entwischt. Totila schoepft Verdacht, setzt alle Leinwand auf, fliegt ihm +nach, holt ihn ein auf der Hoehe von Pisaurum, stellt ihn, geht zu ihm an +Bord mit mir und ein paar andern und fragt ihn, wohinaus?" + +"Er hatte kein Recht dazu, Pomponius wird ihm keine Antwort gegeben +haben." + +"Doch, Vortrefflicher, er gab ihm eine. Wie der sah, dass wir zu sieben +allein auf seinem Schiff, da lachte er und rief: "Wohin ich segle? Nach +Ravenna, du Milchbart, und rette die Regentin aus euren Klauen nach Rom." +Und dabei winkte er seinen Leuten. Da warfen aber auch wir die Schilde vor +und hui, flogen die Schwerter aus den Scheiden. Das war ein harter Stand, +sieben gegen dreissig. Aber es waehrte zum Glueck nicht lang, da hoerten unsre +Bursche im naechsten Schiff das Eisen klirren und flugs waren sie mit ihren +Boten heran und erkletterten wie die Katzen die Wandung. Jetzt waren wir +die mehreren: aber der Nauarch - gieb dem Teufel sein Recht! - gab sich +nicht, focht wie ein Rasender und stiess meinem Bruder das Schwert durch +den Schild in den linken Arm, dass es hoch aufspritzte. Da aber ward mein +Bruder auch zornig und rannte ihm den Speer in den Leib, dass er fiel wie +ein Schlachtstier. "Gruesst mir den Praefekten," sprach er sterbend, "gebt +ihm das Schwert, sein Geschenk, zurueck und sagt ihm, es kann keiner wider +den Tod: sonst haette ich Wort gehalten." Ich hab's ihm gelobt, es zu +bestaetigen. Er war ein tapfrer Mann. Hier ist das Schwert." + +Schweigend nahm es Cethegus. + +"Die Schiffe ergaben sich und mein Bruder fuehrte sie zurueck nach Ancona. +Ich aber segelte mit dem schnellsten hierher und traf am Hafen mit den +drei Balten zusammen, gerade zur rechten Zeit." + +Eine Pause trat ein, in welcher die Ueberwundnen ihre boese Lage schmerzlich +ueberdachten. Cethegus hatte ohne Widerstand alles bewilligt in der sichern +Hoffnung auf die Flucht, die nun vereitelt war. + +Sein schoenster Plan war durchkreuzt, durchkreuzt von Totila: tief grub der +Hass diesen Namen in des Praefekten Seele. Sein grimmiges Rachesinnen ward +erst durch den Ausruf Thuluns gestoert: "Nun, Amalaswintha, willst du +unterzeichnen? oder sollen wir die Goten zur Wahl eines Koenigs berufen?" + +Rasch fand bei diesen Worten Cethegus die Fassung wieder: er nahm die +Wachstafel aus der Hand des Grafen und reichte sie ihr hin: "Du musst, o +Koenigin," sagte er leise, "es bleibt dir keine Wahl." Cassiodor gab ihr +den Griffel, sie schrieb ihren Namen und Thulun nahm die Tafel zurueck. + +"Wohl," sagte er, "wir gehn, den Goten zu verkuenden, dass ihr Reich +gerettet ist. Du, Cassiodor, begleitest uns, zu bezeugen, dass alles ohne +Gewalt geschehen ist." + +Auf einen Wink Amalaswinthens gehorchte der Senator und folgte den +gotischen Maennern hinaus auf das Forum vor dem Schlosse. Als sie sich mit +Cethegus allein sah, sprang die Fuerstin heftig auf: nicht laenger gebot sie +ihren Thraenen. Leidenschaftlich schlug sie die Hand vor die Stirn. Ihr +Stolz war aufs tiefste gebeugt. Schwerer als des Gatten, des Vaters, ja +selbst als Athalarichs Verlust traf diese Stunde ihr Herz. "Das," rief sie +laut weinend, "das also ist die Ueberlegenheit der Maenner. Rohe, plumpe +Gewalt! o Cethegus, alles ist verloren." + +"Nicht alles, Koenigin, nur ein Plan. Ich bitte um ein gnaediges Andenken," +setzte er kalt hinzu, "ich gehe nach Rom." + +"Wie? du verlaesst mich in diesem Augenblick? Du, du hast mir all diese +Versprechungen abgewonnen, die mich entthronen, und nun scheidest du? O +besser, ich haette widerstanden, dann waer ich Koenigin geblieben, haetten sie +auch jenem Rebellenherzog die Krone aufgesetzt." + +Jawohl, dachte Cethegus, besser fuer dich, schlimmer fuer mich. Nein, kein +Held soll mehr diese Krone tragen. - Rasch hatte er erkannt, dass +Amalaswintha ihm nichts mehr nuetzen koenne - und rasch gab er sie auf. +Schon sah er sich nach einem neuen Werkzeug fuer seine Plaene um. Doch +beschloss er, ihr einen Teil seiner Gedanken zu enthuellen, damit sie nicht +auf eigne Faust handelnd jetzt noch ihre Versprechungen widerriefe und +dadurch Thulun die Krone zuwende. "Ich gehe, o Herrin," sprach er, "doch +ich verlasse dich darum nicht. Hier kann ich dir nichts mehr nuetzen. Man +hat mich aus deiner Naehe verbannt und man wird dich hueten, eifersuechtig +wie eine Geliebte." + +"Aber was soll ich thun mit diesen Versprechungen, mit diesen drei +Herzogen?" + +"Abwarten, zunaechst dich fuegen. Und die drei Herzoge," setzte er zoegernd +bei - "die ziehn ja in den Krieg: - vielleicht kehren sie nicht zurueck." + +"Vielleicht!" seufzte die Regentin. "Was nuetzt ein vielleicht!" Cethegus +trat fest auf sie zu: "Sie kehren nicht zurueck - sobald du's willst." +Erschrocken bebte die Frau: "Mord? Entsetzlicher, was sinnst du?" - "Das +Notwendige. Mord ist das falsche Wort dafuer. Es ist Notwehr. Oder Strafe. +Hattest du in dieser Stunde die Macht, du hattest das volle Recht, sie zu +toeten. Sie sind Rebellen. Sie zwingen deinen koeniglichen Willen. Sie +erschlagen deinen Nauarchen, den Tod haben sie verdient." + +"Und sie soll'n ihn finden," fluesterte Amalaswintha, die Faust ballend, +vor sich hin, "sie soll'n nicht leben, die rohen Maenner, die eine Koenigin +gezwungen. Du hast Recht - sie sollen sterben." - "Sie muessen sterben - +sie, und," fuegte er ingrimmig bei, "und - - der junge Seeheld!" + +"Warum auch Totila? Er ist der schoenste Juengling meines Volks." + +"Er stirbt," knirschte Cethegus, "o, koennt' er zehnmal sterben." + +Und aus seinem Auge spruehte eine Glut des Hasses, die, ploetzlich aus der +eisigkalten Natur brechend, Amalaswintha in Schrecken ueberraschte. "Ich +schicke dir," fuhr er rasch und leise fort, "aus Rom drei vertraute +Maenner, isaurische Soeldner. Die sendest du den drei Balten nach, sobald +sie in ihren Heerlagern eingetroffen. Hoerst du, _du_ sendest sie, die +Koenigin: denn sie sind Henker, keine Moerder. Die Drei muessen an Einem Tage +fallen - Fuer den schoenen Totila sorge ich selbst! - Der Schlag wird alles +erschrecken. In der ersten Bestuerzung der Goten eile ich von Rom herbei. +Mit Waffen, dir zur Rettung. Leb wohl." + +Er verliess rasch die Hilflose, an deren Ohr in diesem Augenblick von dem +Forum vor dem Palatium jubelndes Freudengeschrei der Goten schlug, die den +Erfolg ihrer Fuehrer, die Besiegung Amalaswinthas feierten. + +Sie fuehlte sich ganz verlassen. + +Dass die letzte Verheissung des Praefekten kaum mehr als ein leeres Trostwort +zur Beschoenigung seines Abgangs war, ahnte sie mit banger Seele. Gramvoll +stuetzte sie die Wange auf die schoene Hand und verlor sich eine Weile +finster in ihren ratlosen Gedanken. Da rauschten die Vorhaenge des +Gemaches: ein Palastbeamter stand vor ihr: "Gesandte von Byzanz bitten um +Gehoer. Justinus ist gestorben: Kaiser ist sein Neffe Justinian. Er bietet +dir seinen bruederlichen Gruss und seine Freundschaft." + +"Justinianus!" rief die ganze Seele der bedraengten Frau. Sie sah sich +ihres Sohnes beraubt, von ihrem Volk bedroht, von Cethegus verlassen: +ringsumher hatte sie in truebem Sinnen vergeblich Hilfe und Halt gesucht +und aufatmend aus tiefer Brust wiederholte sie jetzt: "Byzanz - +Justinianus!" + + + + + Viertes Kapitel. + + +In den Waldbergen von Fiesole findet heutzutage der Wandrer, der von +Florenz heranzieht, rechts von der Strasse die Ruinen eines ausgedehnten +villenartigen Gebaeudes. + +Epheu, Steinbrech und Wildrosen haben um die Wette die Truemmer +ueberkleidet: die Bauern des nahen Dorfes haben seit Jahrhunderten Steine +davongetragen, die Erde ihrer Weingaerten an den Huegelraendern aufzudaemmen. +Aber noch immer bezeichnen die Reste deutlich, wo die Saeulenhalle vor dem +Hause, wo das Mittelgebaeude, wo die Hofmauer stand. Ueppig wuchert das +Unkraut auf dem Wiesgrund, wo dereinst der schoene Garten in Zier und +Ordnung prangte: nichts davon hat sich erhalten als das breite +Marmorbecken eines laengst vertrockneten Brunnens, in dessen kiesigem +Rinnsal sich jetzt die Eidechse sonnt. + +Aber in den Tagen, von denen wir erzaehlen, sah es hier viel anders aus. +"Die Villa des Maecen bei Faesulae," wie man das Gebaeude damals, wohl mit +wenig Fug, benannte, war von gluecklichen Menschen bewohnt, das Haus von +sorglicher Frauenhand bestellt, der Garten von hellem Kindeslachen belebt. +Zierlich war die rankende Klemmatis hinaufgebunden an den schlanken +Schaeften der korinthischen Saeulen vor dem Haus und der Wein zog freundlich +schmueckend ueber das flache Dach. Mit weissem Sande waren die schlaengelnden +Wege des Gartens bestreut und in den Nebengebaeuden, die der Wirtschaft +dienten, glaenzte eine Reinlichkeit, waltete eine stille Ordnung, die nicht +auf roemische Sklavenhaende raten liess. + +Es war um Sonnenuntergang. + +Die Knechte und Maegde kehrten von den Feldern zurueck: die hoch mit Heu +beladenen Wagen mit Rossen nicht italischer Zucht bespannt, schwankten +heran: von den Huegeln herunter trieben die Hirten Ziegen und Schafe herzu, +von grossen zottigen Hunden umbellt. + +Dicht vor dem Hofthor gab es die lebendigste Scene des bunten Schauspiels: +ein paar roemische Sklaven trieben mit tobenden Gebaerden und gellendem +Geschrei die keuchenden Pferde eines grausam ueberladnen Wagens an: nicht +mit Peitschenhieben, sondern mit Stoecken, deren Eisenspitzen sie den +Tieren immer in dieselbe wunde Stelle stiessen. Nur ruckweise ging es +trotzdem vorwaerts. Jetzt lag ein grosser Stein vor dem linken Vorderrad, +jeden Fortschritt unmoeglich machend. Aber der wuetige Italier sah es nicht. + +"Vorwaerts, Bestie, und Kind einer Bestie," schrie er dem zitternden Rosse +zu, "vorwaerts, du gotisches Faultier!" Und ein neuer Stich mit dem Stachel +und ein neuer verzweifelter Ruck: aber das Rad ging nicht ueber den Stein, +das gequaelte Tier stuerzte in die Knie und drohte den Wagen mit umzureissen. +Darueber wurde der Treiber erst recht grimmig. "Warte, du Racker!" schrie +er und schlug nach dem Auge des zuckenden Rosses. - Aber nur einmal schlug +er, im naechsten Augenblick stuerzte er selbst wie blitzgetroffen unter +einem maechtigen Streiche nieder. + +"Davus, du boshafter Hund!" bruellte eine Baerenstimme und ueber dem +Gefallenen stand schier noch mal so lang und gewiss noch mal so breit wie +der erschrockene Tierquaeler, ein ungeheurer Gote, einen derben Knuettel +wiederholt auf den Ruecken des Schreienden schwingend. + +"Du elender Neiding," schloss er mit einem Fusstritt, "ich will dich lehren, +umgehn mit einem Geschoepf, das sechsmal besser ist als du. Ich glaube, du +Schandbub quaelst den Hengst, weil er von jenseit der Berge ist. Noch +einmal lass mich das sehn und ich zerbreche dir alle Knochen im Leibe. +Jetzt auf und abgeladen: - du traegst alle Schwaden, die zuviel sind, auf +deinem eignen Ruecken in die Scheuer. Vorwaerts." + +Mit einem giftigen Blick stand der Gezuechtigte auf und schickte sich +hinkend an, zu gehorchen. + +Der Gote hatte das zuckende Ross sogleich aufgerichtet und wusch ihm jetzt +sorglich die geschuerften Knie mit seinem eignen Abendtrunk von Wein und +Wasser. + +Kaum war er damit zu Ende, als ihn vom nahen Stall her dringend eine helle +Knabenstimme rief: "Wachis, hierher, Wachis!" - "Komme schon, Athalwin, +mein Bursch, was giebt's?" - und schon stand er in der offnen Thuere des +Pferdestalles, neben einem schoenen Knaben von sieben bis acht Jahren, der +sich heftig die langen, gelben Haare aus dem ergluehenden Antlitz strich +und mit Muehe in den himmelblauen Augen zwei Thraenen des Zornes zerdrueckte. +Er hatte ein zierlich geschnitztes Holzschwert in der Rechten und hob es +drohend gegen einen schwarzbraunen Sklaven, der mit gebognem Nacken und +mit geballten Faeusten trotzig ihm gegenueberstand. + +"Was giebt's da?" wiederholte Wachis ueber die Schwelle tretend. + +"Der Rotschimmel hat wieder nichts zu saufen und sieh nur, zwei Bremsen +haben sich eingesogen oben an seinem Bug, wo er mit der Maehne nicht +hinreichen kann und ich nicht mit der Hand und der boese Cacus da, wie +ich's ihm sage, will mir nicht folgen: und gewiss hat er mich geschimpft +auf roemisch, was ich nicht verstehe." Wachis trat drohend naeher. + +"Ich habe nur gesagt:" sprach Cacus langsam zurueckweichend, "erst ess' ich +meine Hirse; das Tier mag warten; bei uns zu Lande koemmt der Mensch vor +dem Vieh." - "So, du Tropf?" sagte Wachis, die Bremsen erschlagend, "bei +uns kommt das Ross vor dem Reiter zum Futter; mach vorwaerts." + +Aber Cacus war stark und trotzig: er warf den Kopf auf und sagte: "wir +sind hier in unserm Land - da gilt unser Brauch." - "Eia, du verfluchter +Schwarzkopf, wirst du gehorchen?" sprach Wachis ausholend. - "Gehorchen? +Nicht dir! Du bist auch nur ein Sklave wie ich: und meine Eltern haben +schon hier im Hause gelebt als deinesgleichen noch Kueh' und Schafe stahlen +jenseit der Berge." Wachis liess den Knuettel fallen und wiegte seine Arme: +"Hoere, Cacus, ich habe ohnehin noch einen Span mit dir, du weisst schon, +was fuer einen. Jetzt geht's in einem hin." - "Ha," lachte Cacus hoehnisch, +"wegen Liuta, der Flachsdirn? Pah, ich mag sie nicht mehr, die Barbarin. +Sie tanzt wie eine Jungkuh." - Jetzt ist's aus mit dir," sagte Wachis +ruhig und schritt auf seinen Gegner zu. Aber dieser wandte sich wie eine +Katze aus dem Griff des Goten, riss ein spitzes Messer aus der Brustfalte +des Wollrocks und warf es nach ihm: da sich Wachis bueckte, sauste es +haarscharf an seinem Kopf vorbei und fuhr tief in den Pfosten der Thuer. +"Na, warte, du Mordwurm!" rief der Germane und wollte sich auf Cacus +werfen; da fuehlte er sich von hinten umklammert. + +Es war Davus, der die Gelegenheit der Rache scharf erpasst hatte. + +Aber jetzt ward Wachis sehr zornig. + +Er schuettelte ihn ab, packte ihn mit der Linken am Genick, erwischte mit +der Rechten Cacus an der Brust und stiess nun mit Baerenkraft seinen beiden +Gegnern die Koepfe zusammen, jeden Stoss mit einem Ausruf begleitend, "so, +meine Jungen - das fuer das Messer - und das fuer den Rueckensprung - und den +fuer die Jungkuh" - und wer weiss, wie lange diese seltsame Litanei noch +fortgedauert haben wuerde, haette sie nicht ein lautes Rufen gestoert. + +"Wachis - Cacus - auseinander sag' ich!" rief eine volle starke +Frauenstimme, und vor der Thuer erschien ein stattliches Weib in blauem +gotischem Gewand. Sie war nicht gross und doch imposant: ihr schoener Bau +eher maechtig als zart. Die goldbraunen Haare waren in reichen, doch +einfachen Flechten um das runde Haupt geschlungen, die Zuege regelmaessig, +aber eher fest als fein gezeichnet. Geradheit, Tuechtigkeit, Verlaessigkeit +sprachen aus den fast allzugrossen graublauen Augen: die unbedeckten vollen +Arme zeigten, dass sie der Arbeit nicht fremd. An ihrem breiten Guertel, +ueber den das braune Untergewand von selbstgewirktem Zeuge bauschte, +klirrte ein Bund von Schluesseln: die Linke stemmte sie ruhig in die Huefte +und befehlend streckte sie die Rechte vor sich hin. + +"Eia, Rauthgundis, strenge Frau," sagte Wachis loslassend, "musst du denn +ueberall die Augen haben?" + +"Ueberall, wo mein Gesinde Unfug treibt. Wann werdet ihr lernen, euch +vertragen? Euch Welschen fehlt der Herr im Hause. Aber du, Wachis, +solltest nicht auch der Hausfrau Verdruss machen. Komm, Athalwin, mit mir." +Und sie fuehrte den Knaben an der Hand mit fort. + +Sie ging in den Seitenhof und fuellte aus einer Truhe Koerner in ihr Gewand, +die Huehner und Tauben zu fuettern, die sie sogleich dicht umdraengten. + +Athalwin sah eine Weile schweigend zu. Endlich sagte er: "Du, Mutter, +ist's wahr? ist der Vater ein Raeuber?" + +Rauthgundis hielt inne in ihrem Thun und sah das Kind an: "Wer hat das +gesagt." + +"Wer? Ei, des Nachbars Calpurnius Neffe. Wir spielten auf dem grossen +Heuhaufen seiner Wiese drueben ueberm Zaun und ich zeigte ihm, wie weit das +Land uns gehoere rechts vom Zaun, - weit und breit - so weit unsre Knechte +maehten und fern der Bach schimmerte. Da ward er zornig und sagte: "Ja, und +all' das Land gehoerte frueher uns und dein Vater oder dein Grossvater, die +haben's gestohlen, die Raeuber." + +"So? und was sagtest du drauf." + +"Ei, gar nichts, Mutter. Ich warf ihn nur ueber den Heuhaufen hinunter, dass +er die Fuesse gen Himmel schlug. Aber jetzt, nach der Hand, moecht' ich doch +wissen, ob's wahr ist." + +"Nein, Kind, es ist nicht wahr. Gestohlen hat's der Vater nicht. Aber +offen genommen, weil er besser war und staerker als diese Welschen. Und +alle starken Helden haben's immer so gemacht zu allen Zeiten. Und die +Welschen in den Tagen, da sie stark waren und ihre Nachbarn schwach, am +allermeisten. Aber nun komm, wir muessen nach dem Linnen sehen, das auf dem +Anger zur Bleiche liegt." + +Als sie nun den Stallungen den Ruecken wandten und dem nahen Grashuegel +links vom Hause zuschritten, hoerten sie den raschen Hufschlag eines +Rosses, das auf der alten roemischen Heerstrasse nahte. Rasch hatte Athalwin +den Gipfel des Huegels erreicht und blickte nach der Strasse hin. + +Da sprengte ein Reiter auf einem maechtigen Braunen die Waldhoehe herab auf +die Villa zu: hell funkelte sein Helm und die Spitze der Lanze, die er +schraeg ueber dem Ruecken trug. + +"Der Vater, Mutter, der Vater!" rief der Knabe und rannte pfeilgeschwind +den Huegel hinab dem Reiter entgegen. + +Rauthgundis hatte jetzt auch die Hoehe erreicht. Ihr Herz pochte. Sie legte +die Hand vors Auge, in die schimmernde Abendroete zu schauen: dann sagte +sie still gluecklich vor sich hin: "Ja, er ist's. Mein Mann!" + + + + + Fuenftes Kapitel. + + +Inzwischen hatte Athalwin den Nahenden schon erreicht und kletterte an +seinem Fuss hinan. Der Reiter hob ihn mit liebevoller Hand herauf und +setzte ihn vor sich in den Sattel und flog jetzt im Galopp heran: lustig +wieherte Wallada, das edle Tier, einst Theoderich's Streitross, die Heimat +und die Herrin erkennend und schlug freudig mit dem langen wallenden +Schweif. + +Nun war der Reiter heran und stieg ab mit dem Knaben: "mein liebes Weib!" +sprach er, sie herzlich umarmend. "Mein Witichis!" fluesterte sie, an +seiner Brust ergluehend, entgegen, "willkommen bei den Deinen." - "Ich +hatte versprochen, noch vor dem neuen Mond zu kommen - schwer ging's -" + +"Aber du hieltst Wort wie immer." - "Mich zog das Herz," sagte er, den Arm +um sie schlingend. Sie schritten langsam dem Hause zu. "Dir, Athalwin, +ist, scheint's, Wallada wichtiger als der Vater," laechelte er dem Kleinen +zu, der sorgfaeltig das Pferd am Zuegel nachfuehrte. + +"Nein, Vater, aber gieb mir noch die Lanze dazu - so gut wird mir's selten +hier in dem Bauernleben" - und den langen schweren Speerschaft mit Muehe +einherschleppend, rief er laut: "he, Wachis, Ansbrand, der Vater ist da! - +Jetzt holt den Falernerschlauch aus dem Keller. Der Vater hat Durst vom +scharfen Ritt." + +Laechelnd strich Witichis ueber den Flachskopf des Knaben, der jetzt an +ihnen vorueber und voran eilte. "Nun, und wie steht's hier draussen bei +euch?" fragte er, auf Rauthgundis blickend. "Gut, Witichis, die Ernte ist +gluecklich eingebracht, die Trauben gestampft, die Garben geschichtet." - +"Nicht danach frag' ich," sagte er, sie zaertlich an sich drueckend, - "wie +geht es dir?" - "Wie's einem armen Weibe geht," antwortete sie, zu ihm +aufblickend, "das seinen herzgeliebten Mann vermisst. Da hilft nur Arbeit, +Freund, und tuechtig Schaffen, dass man das weiche Herz betaeubt. Oft denk' +ich, wie hart du dich muehen musst, draussen, unter fremden Leuten, im Lager +und am Hof, wo niemand dein in Treuen pflegt. Da soll er wenigstens, denk' +ich dann, koemmt er heim, sein Haus immer wohl bestellt und traulich +finden. + +Und das ist's, sieh, was mir all' die dumpfe Arbeit lieb macht und weihet +und veredelt." + +"Du bist mein wackeres Weib. Muehst du dich nicht zuviel?" + +"Die Arbeit ist gesund. Aber der Verdruss, die Bosheit der Leute, das thut +mir weh." Witichis blieb stehen. "Wer wagt's, dir weh zu thun?" - "Ach, +die welschen Knechte und die welschen Nachbarn. + +Sie hassen uns alle. Weh uns, wenn sie uns nicht mehr fuerchten. +Calpurnius, der Nachbar, ist so frech, wenn er dich ferne weiss, und die +roemischen Sklaven sind trotzig und falsch; nur unsre gotischen Knechte +sind brav." + +Witichis seufzte. Sie waren jetzt vor dem Hause angelangt und liessen in +dem Saeulengang sich vor einem Marmortisch nieder. "Du musst bedenken," +sagte Witichis, "der Nachbar hat ein Drittel seines Guts und seiner +Sklaven an uns abtreten muessen." - "Und hat zwei Drittel behalten und das +Leben dazu - er sollte Gott danken!" meinte Rauthgundis veraechtlich. + +Da sprang Athalwin heran mit einem Korb voll Aepfeln, die er vom Baum +gepflueckt; dann kamen Wachis und die andern germanischen Knechte mit Wein, +Fleisch und Kaese und sie begruessten den Herrn mit freimuetigem Handschlag. +"Gut, meine Kinder, seid gegruesst. Die Frau lobt euch. Aber wo stecken +Davus, Cacus und die andern?" - "Verzeih, Herr," schmunzelte Wachis, "sie +haben ein schlecht Gewissen." + +"Warum? Weshalb?" - "Ei, ich glaube, - weil ich sie ein bischen gepruegelt +habe - sie schaemen sich." Die andern Knechte lachten. "Nun, es kann ihnen +nicht schaden," meinte Witichis, "geht jetzt zu eurem Essen. Morgen seh' +ich nach eurer Arbeit." Die Knechte gingen. "Was ist's mit Calpurnius," +fragte Witichis, sich einschenkend. Rauthgundis erroetete und besann sich: +"Das Heu von der Bergwiese," sagte sie dann, "das unsre Knechte gemaeht, +hat er nachts in seine Scheuer geschafft und giebt es nicht heraus." - "Er +wird es schon herausgeben, mein' ich ...." sagte er ruhig, trinkend. - +"Jawohl," rief Athalwin lebhaft, "das mein' ich auch. Und giebt er's nicht +- mir noch lieber! Dann sagen wir Fehde an und ich zieh' hinueber mit +Wachis und den reisigen Knechten, mit Waffen und Wehr. Er sieht mich immer +so giftig an, der schwarze Schleicher." + +Rauthgundis wies ihn zur Ruh' und schickte ihn schlafen. "Wohl, ich gehe," +sagte er, "aber, Vater, wenn du wiederkoemmst, bringst du mir statt dieses +Steckens da ein richtig Gewaffen mit, nicht wahr?" Und er huepfte ins Haus. + +"Der Streit mit diesen Welschen endet nie," sagte Witichis, "er vererbt +sich auf die Kinder. Du hast hier allzuviel Verdruss damit. Desto lieber +wirst du thun, was ich dir vorschlage: komm mit nach Ravenna an den Hof." + +Hoch erstaunt blickte ihn das Weib an: "Du scherzest!" sagte sie +unglaeubig. "Du hast das nie gewollt. In den neun Jahren, die ich dein bin, +ist dir's nie eingefallen, mich an den Hof zu fuehren: ich glaube, es weiss +niemand in dem Volk, dass eine Rauthgundis lebt. Du hast ja unsere Ehe +geheim gehalten," laechelte sie, "wie eine Schuld." "Wie einen Schatz," +sagte Witichis, die Arme um sie schlingend. - "Ich habe dich nie gefragt, +warum. Ich war und bin gluecklich dabei und dachte und denke: er wird wohl +seinen Grund haben." + +"Ich hatte meinen guten Grund: er besteht nicht mehr. Du magst nun alles +wissen. Wenige Monate, nachdem ich dich gefunden in deiner +Felseneinsamkeit und lieb gewonnen, kam Koenig Theoderich auf den seltsamen +Gedanken, mich seiner Schwester Amalaberga, der Witwe des Thueringerkoenigs, +zu vermaehlen, die gegen ihre schlimmen Nachbarn, die Franken, Mannesschutz +bedurfte." - "Du solltest dort die Krone tragen?" sprach Rauthgundis mit +strahlenden Augen. "Mir aber," fuhr Witichis fort, "war Rauthgundis lieber +als Koenigin und Krone, und ich sagte nein. + +Es verdross ihn schwer und er verzieh mir nur, als ich ihm sagte, ich wuerde +wohl niemals freien. Konnt' ich doch damals nicht hoffen, dich je mein zu +nennen: du weisst, wie lange dein Vater misstrauisch und eisern dich mir +nicht anvertrauen wollte. Als du nun aber doch mein geworden, da hielt +ich's nicht fuer wohlgethan, ihm das Weib zu zeigen, um das ich seine +Schwester ausgeschlagen." + +"Aber warum hast du mir das verschwiegen, neun Jahre lang?" + +"Weil," sagte er, ihr herzlich in die Augen blickend, "weil ich meine +Rauthgundis kenne. Du haettest immer geglaubt, Wunder was ich an jener +Krone verloren. Jetzt aber ist der Koenig tot und ich bin dauernd an den +Hof gebunden. Wer weiss, wann ich wieder ruhen werde im Schatten dieser +Saeulen, im Frieden dieses Daches." + +Und in kurzen Worten erzaehlte er ihr den Sturz des Praefekten und welche +Stellung er nunmehr einnahm bei Amalaswinthen. Aufmerksam hoerte ihn +Rauthgundis an; dann drueckte sie ihm die Hand: "Das ist wacker, Witichis, +dass die Goten allmaehlich merken, was sie an dir haben. Und du bist +heiterer, denk' ich, als sonst." + +"Ja, mir ist wohler, seit ich mit tragen darf an der Last der Zeit. Dabei +stehen und sie wuchtig druecken sehen auf mein Volk war viel schwerer. Mich +dauert dabei nur die Regentin; sie ist wie eine Gefangene." + +"Bah, warum hat das Weib gegriffen in das Amt der Maenner. Mir fiele das +nie ein." + +"Du bist keine Koenigin, Rauthgundis, und Amalaswintha ist stolz." + +"Ich bin zehnmal so stolz wie sie. Aber so eitel bin ich nicht. Sie muss +nie einen Mann geliebt haben und seinen Wert und seine Art begriffen. Sie +koennte sonst nicht die Maenner ersetzen wollen." + +"Am Hof sieht man das anders an. Komm nur mit an den Hof." + +"Nein, Witichis," sagte sie ruhig, aufstehend, "der Hof passt nicht fuer +mich. Und ich nicht fuer den Hof. Ich bin des Oedbauern Kind und gar +unhoefisch geartet. Sieh diesen braunen Nacken," lachte sie, "und diese +rauhen Haende. Ich kann nicht die Lyra zupfen und Verslein lesen: schlecht +taugt' ich zu den feinen Roemerinnen und wenig Ehre wuerdest du haben von +mir." + +"Du wirst dich doch nicht zu schlecht erachten fuer den Hof?" - "Nein, +Witichis, zu gut." - "Nun, man muesste sich gegenseitig ertragen, wuerdigen +lernen." - "Das wuerd' ich nie. Sie vielleicht mich, aus Furcht vor dir, +ich niemals sie. Ich wuerd' ihnen taeglich ins Gesicht sagen, dass sie hohl, +falsch und schlecht sind." + +"So willst du lieber deinen Mann entbehren, mondenlang?" - "Ja, lieber ihn +entbehren, als in schiefer, schlimmer Stellung um ihn sein. O mein +Witichis," sagte sie, innig den Arm um seinen Nacken legend, "denk nur, +wer ich bin und wie du mich gefunden. + +Wo die letzten Siedelungen unseres Gotenvolks den Saum der Alpen umguerten, +hoch auf den Felsschroffen der Scaranzia, wo die junge Isara schaeumend aus +den Steinklueften ins offne Land der Bajuwaren bricht, da steht meines +Vaters stiller Oedhof. Nichts kannt' ich da als die strenge Arbeit des +Sommers auf den einsamen Almen, des Winters in der rauchgeschwaerzten Halle +am Rocken mit den Maegden. Frueh starb die Mutter und den Bruder haben die +Welschen erstochen. So wuchs ich einsam auf, allein mit dem alten Vater, +der so treu, aber auch so hart und verschlossen wie seine Felsen. Da sah +ich nichts von der Welt, die rechts und links von unsern Bergen lag. Nur +hoch von oben sah ich manchmal neugierig, wie ein Saumross mit Salz oder +Wein unten in der Thalschlucht des Weges zog. Da sass ich wohl manchen +schimmervollen Sommerabend auf der zackigen Kulm des hohen Arn. Und sah +der Sonne nach, wie sie so herrlich niedersank weit drueben ueberm Licus: +und ich dachte, was sie wohl alles gesehen den langen Sommertag, seit sie +aufstieg drueben ueberm breiten Oenus. Und dass ich wohl auch wissen moechte, +wie's aussieht ueber dem Karwaendel. Oder gar drueben, hinter dem +Brennusberg, wo der Bruder hinueberzog und nie mehr wiederkam. Und doch +fuehlte ich, wie schoen es sei droben in meiner gruenen Einsamkeit, wo ich +den Steinadler pfeifen hoerte aus dem nahen Horst und wo ich praechtige +Blumen brach, wie sie nicht wuchsen unten in der Ebene und auch wohl +einmal des Nachts den Bergwolf vor meiner Stallthuer heulen hoerte und mit +dem Kienbrand scheuchte. + +Und auch in dem fruehen Herbst, in den langen Wintern hatte ich Musse, still +in mich hineinzusinnen: wann um die hohen Tannen die weissen Nebelschleier +spannen, wann der Bergwind die Felsbloecke von unserem Strohdach riss und +die Schneestuerze von den Schroffen donnernd niedergingen. So wuchs ich +auf, fremd in der Welt jenseit der naechsten Waelder, nur zu Hause in der +stillen Welt meiner Gedanken, und in dem engen Bauernleben. + +Da kamest du - ich weiss es noch wie heute" - und sie hielt an, in +Erinnerung verloren. + +"Ich weiss es auch noch genau," sagte Witichis. "Ich fuehrte eine +Hundertschaft zur Abloesung von Juvavia nach der Augustastadt am Licus - +ich war vom Weg und meinen Leuten abgekommen: lang war ich den schwuelen +Sommertag pfadlos umhergeirrt - da sah ich Rauch aufsteigen ueberm +Tannenhang und bald fand ich das versteckte Gehoeft und trat ins Thor: da +stand ein praechtig Maedchen am Ziehbrunnen und hob den Eimer." - + +"Und ich erschrak siedheiss, - zum erstenmal in meinem Leben! - als der +grosse, braeunliche Mann um die Hausecke bog mit dem krausen Bart und dem +funkelnden Helm." + +"Ja, du wurdest blutrot bis in die Schlaefe und ich bat dich um einen Trunk +Wasser. Und niemals hat mein Auge ein schoener Bild gesehen als wie du dich +nun niederbeugtest und mit den kraeftigen Armen den schweren Eimer auf den +Brunnenrand hobst und mir schoepftest in dem Kuerbiskrug: reich fielen die +dichten goldbraunen Zoepfe uebers schwarze Mieder bis in die Knie und deine +Wangen waren pfirsichgleich: - o wie wacker, frisch und bluehend sahst du +aus. Und wie wacker, frisch und bluehend bist du mir geblieben seither alle +Zeit." + +"Und darum, mein Witichis, auf dass ich dir bluehend bleibe, fuehre mich +nicht an den Hof. Sieh hier schon im Thal, im Suedthal der Alpen, wird mirs +oft zu schwuel und ich sehne mich nach einem Atemzug aus der Tannenluft +meiner Waldberge. Am Hofe aber in den engen Goldgemaechern - da wuerd' ich +dir verkuemmern und verschmachten. Lass du mich hier - ich will schon fertig +werden mit Nachbar Calpurnius. Und du, das weiss ich ja, du denkst doch +auch im Koenigssaal nach Haus an Weib und Kind." + +"Ja, weiss Gott, mit sehnenden Gedanken. So bleibe denn hier und Gott +behuete dich, mein gutes Weib." - + +Am zweiten Morgen darauf ritt Witichis wieder zurueck, die Waldhoehe hinan. +Der Abschied hatte ihn fast weich gemacht: mit Kraft hatte er den Ausdruck +des Gefuehls gehemmt, das er sich, schlicht und streng von Art, zu zeigen +scheute. Wie hing des Wackern Herz an diesem kern'gen Weib und seinem +Knaben! + +Hinter ihm drein trabte Wachis, der sich's durchaus nicht hatte nehmen +lassen, dem Herrn noch eine Strecke das Geleit zu geben. Ploetzlich ritt er +zu ihm hinan. "Herr," sagte er, "ich weiss was." - "So? warum sagst du's +nicht?" - "Weil mich noch niemand drum gefragt hat." - "Nun, ich frage +dich drum." - "Ja, wenn man gefragt ist, muss man freilich reden. - Die +Frau hat dir gesagt, dass Calpurnius so ein boeser Nachbar ist?" - "Ja. Und +was soll's damit?" - "Sie hat dir aber nicht gesagt, seit wann?" + +"Nein. Weisst du seit wann?" - "Nun, seit etwa einem halben Jahr. Da traf +Calpurnius einmal die Frau im Wald allein, wie sie beide glaubten. Aber +sie waren nicht allein. Es lag einer im Graben und hielt seinen +Mittagsschlaf." + +"Der Faulpelz warst du." + +"Richtig erraten. Und da sagte Calpurnius etwas zur Frau." + +"Was sagte er?" + +"Das hab' ich nicht verstanden. Aber die Frau war nicht faul, hob die Hand +und schlug ihm ins Gesicht, dass es patschte. Das hab' ich verstanden. Und +seither ist der Nachbar ein schlimmer Nachbar und das wollt' ich dir +sagen, weil ich mir schon dachte, die Frau werde dich nicht aergern wollen +mit dem Wicht. + +Aber es ist doch besser du weisst darum. Und sieh, da steht Calpurnius +gerade unter seiner Hofthuer - siehst du, dort - und jetzt fahr' wohl, +lieber Herr." + +Und damit wandte er sein Pferd und jagte im Galopp nach Hause. + +Witichis aber stieg das Blut zu Kopf. Er ritt an die Thuer seines Nachbars, +dieser wollte sich ins Haus druecken, aber Witichis rief ihn in einem Ton, +dass er bleiben musste. + +"Was willst du mir, Nachbar Witichis," sagte er, blinzelnd zu ihm +aufsehend. + +Witichis zog den Zuegel an und schob sein Ross dicht neben jenen. Dann +streckte er ihm die geballte, erzgepanzerte Faust hart vor die Augen: +"Nachbar Calpurnius," sagte er ruhig, "wenn _ich_ dir einmal ins Gesicht +schlage, stehst du nie wieder auf." + +Calpurnius fuhr erschrocken zurueck. + +Witichis aber gab seinem Rosse den Sporn und ritt stolz und langsam seines +Weges. + + + + + Sechstes Kapitel. + + +Zu Rom in seinem Arbeitszimmer lag, auf den weichen Kissen des Lectus +behaglich ausgestreckt, Cethegus der Praefekt. + +Er war guter Dinge. + +Die Untersuchung gegen ihn hatte mit Freisprechung geendet: nur im Fall +augenblicklicher Durchforschung seines Hauses, wie sie der junge Koenig +angeordnet, aber sein Tod vereitelt hatte, waere Entdeckung zu befuerchten +gewesen. Er hatte durchgesetzt, dass die Befestigung von Rom fortgefuehrt +wurde, mit Zuschuessen aus seinen eigenen Geldern, was seinen Einfluss in +der Stadt noch hob. In der letzten Nacht hatte er Versammlung gehalten in +den Katakomben: alle Berichte lauteten guenstig. Die Patrioten wuchsen an +Zahl und Reichtum. + +Der haertere Druck, der seit den letzten Vorgaengen zu Ravenna auf den +Italiern lastete, konnte die Zahl der Unzufriednen nur vermehren und, was +die Hauptsache war, Cethegus hielt jetzt alle Faeden der Verschwoerung in +seiner Hand. Unbedingt erkannten selbst die eifersuechtigsten Republikaner +die Notwendigkeit an, bis zum Tag der Freiheit dem Begabtesten die Fuehrung +zu ueberlassen. + +So vorgeschritten war die Stimmung gegen die Barbaren bei allen Italiern, +dass Cethegus den Gedanken fassen konnte, sobald Rom vollends befestigt, +ohne Hilfe der Byzantiner loszuschlagen. Denn, wiederholte er sich immer +wieder, alle Befreier sind leicht gerufen und schwer abgedankt. Und mit +Liebe pflegte er den Gedanken, Italien allein zu befreien. + +So lag der Praefekt, legte Caesars Buergerkrieg, in dem er geblaettert, zur +Seite, stuetzte das Haupt auf den linken Arm und sagte zu sich selbst: "die +Goetter muessen noch Grosses mit dir vorhaben, Cethegus. So oft du stuerzest, +faellst du, heil wie eine Katze, auf die sichern Fuesse. Ah, wenn es uns wohl +geht, moechten wir uns mitteilen. Aber Vertrauen ist ein zu gefaehrliches +Vergnuegen und das Schweigen ist der einzig treue Gott. Und doch bleibt man +ein Mensch und moechte ..." - + +Da trat ein Sklave ein, der alte Ostiarius Fidus, ueberreichte schweigend +einen Brief auf flacher goldner Schale und ging. "Der Bote wartet," sagte +er. + +Gleichgueltig nahm Cethegus das Schreiben. + +Aber sowie er auf dem Wachs, das die Schnuere der Tafeln zusammenhielt das +Siegel - die Dioskuren - erkannte, rief er lebhaft: "Von Julius! zu guter +Stunde!" loeste eilig die Faeden, legte die Tafeln auseinander und las - das +kalte bleiche Antlitz ueberflogen von einem sonst voellig fremden Hauch +freudiger Waerme. + +"Cethegus dem Praefekten sein Julius Montanus. + +Wie lange ist's, mein vaeterlicher Lehrer," (- "beim Jupiter, das klingt +frostig" -) "dass ich dir nicht den schuldigen Gruss gesendet. Das letzte +Mal schrieb ich dir an den gruenen Ufern des Ilissos, wo ich in dem +veroedeten Hain des Akademos die Spuren Platons suchte - und nicht fand. +Ich weiss wohl, mein Brief war nicht heiter. Die traurigen Philosophen +dort, in vereinsamten Schulen wandelnd, zwischen dem Druck des Kaisers, +dem Argwohn der Priester und der Kaelte der Menge, sie konnten nichts in +mir erwecken als Mitleid. Meine Seele war dunkel, ich wusste nicht weshalb. + +Ich schalt meinen Undank gegen dich - den grossmuetigsten aller Wohlthaeter - +-" ("so unertraegliche Namen hat er mir nie gegeben," schaltete Cethegus +ein). + +"Seit zwei Jahren reise ich, mit deinen Reichtuemern wie ein Koenig der +Syrer ausgestattet, von deinen Freigelassenen und Sklaven begleitet, durch +ganz Asien und Hellas, geniesse alle Schoenheit und Weisheit der Alten - und +mein Herz bleibt unbefriedigt, mein Leben unausgefuellt. Nicht Platons +schwaermerische Weisheit, nicht das Goldelfenbein des Pheidias, Homeros +nicht und nicht Thukydides boten, was mir fehlte. + +Endlich, endlich hier in Neapolis, der bluehenden goettergesegneten Stadt +hab' ich gefunden, was ich unbewusst ueberall vermisst und immer gesucht. + +Nicht tote Weisheit: warmes, lebendiges Glueck," (- er hat eine Geliebte! +nun endlich, du sproeder Hippolyt, Dank euch, Eros und Anteros! -) "o, mein +Lehrer, mein Vater! weisst du, welch ein Glueck es ist, ein Herz, das dich +ganz versteht, zum erstenmal dein eigen nennen?" (- "ah, Julius," seufzte +der Praefekt mit einem seltnen Ausdruck weicher Empfindung, "ob ich es +wusste!" -) "Dem du die ganze volle Seele offen zeigen magst? O, wenn du's +je erfahren, preise mich, opfre Zeus dem Erfueller endlich: zum erstenmal +hab' ich einen Freund." + +"Was ist das?" rief Cethegus unwillig aufspringend mit einem Blick +eifersuechtigen Schmerzes, "der Undankbare!" + +"Denn, das fuehlst du wohl, ein Freund, ein Herzensvertrauter fehlte mir +bis jetzt. Du, mein vaeterlicher Lehrer" - + +Cethegus warf die Tafeln auf den Schildpatttisch und machte einen hastgen +Gang durchs Zimmer. "Thorheit!" sagte er dann ruhig, nahm den Brief auf +und las weiter - + +"Du, soviel aelter, weiser, besser, groesser als ich - du hast mir eine +solche Wucht von Dank und Verehrung auf die junge Seele geladen, dass sie +sich dir nie ohne Scheu oeffnen konnte. Auch hoerte ich oft mit Zagen, wie +du solche Weichheit und Waerme mit aetzendem Witze verhoehntest: ein scharfer +Zug um deinen stolzen festgeschlossenen Mund hat solche Gefuehle in mir in +deiner Naehe stets getoetet wie Nachtfrost die ersten Veilchen" (- "nun, +aufrichtig ist er!" -) "Jetzt aber hab' ich einen Freund gefunden: offen, +warm, jung, begeistert wie ich und nie gekannte Wonne ist mein Teil. Wir +haben nur Eine Seele in zwei Koerpern: die sonnigen Tage, die mondsilbernen +Naechte wandeln wir miteinander durch diese elyseischen Gefilde und finden +kein Ende der gefluegelten Worte. - Aber ich muss ein Ende finden dieses +Briefs. Er ist ein Gote" (- "auch noch," sagte Cethegus ungehalten,) "und +heisst Totila." - + +Cethegus liess die Hand mit dem Brief einen Augenblick sinken, er sagte +nichts, nur die Augen schloss er einen Moment, dann las er ruhig nochmal: + +"Und heisst Totila! + +Als ich am Tage nach meiner Ankunft in Neapolis durch das Forum des +Neptunus schlenderte und an der Bogenwoelbung eines Hauses die Statuen +bewunderte, die ein Bildhauer dort zum Kaufe ausgestellt, stuerzt +urploetzlich aus der Thuer auf mich los ein graukoepfiger Mann mit einer +wollnen Schuerze, ueber und ueber mit Gips bestaeubt, in der Hand ein spitzes +Geraet: er packte mich an der Schulter und schrie: "Pollux, mein Pollux, +hab' ich dich endlich!" + +Ich dachte der Alte sei verrueckt und sagte: "Du irrst, guter Mann: ich +heisse Julius und komme von Athen." + +"Nein," schrie der Alte, "Pollux heisst du und koemmst vom Olymp." Und eh' +ich wusste, wie mir geschah, hatte er mich zur Thuer hineingedreht. Da +erkannte ich denn allmaehlich, woran ich mit dem Alten war: er war der +Bildhauer, der die Statuen ausgestellt. + +In seiner Werkhalle standen andre halbvollendete umher und er erklaerte +mir, seit Jahren trage er sich mit der Idee einer Dioskurengruppe. Fuer den +Kastor habe er vor kurzem ein koestlich Modell in einem jungen Goten +gefunden. "Aber umsonst erflehte ich" - fuhr er fort - "all diese Tage vom +Himmel einen Gedanken fuer meinen Pollux. Er soll dem Kastor gleichen, ein +Bruder Helenas, ein Sohn des Zeus wie er, volle Aehnlichkeit in Zuegen und +Gestalt muss da sein. Und doch muss die Verschiedenheit so deutlich sein wie +die Gleichheit: sie muessen zusammengehoeren und doch jeder ganz eigenartig +sein. Umsonst lief ich alle Baeder und Gymnasien Neapolis ab: ich fand den +Ledazwilling nicht. Da hat dich ein Gott, Zeus selber hat dich mir ans +eigne Fenster gefuehrt: wie ein Blitz schlug's in mich ein, da steht mein +Pollux, wie er sein muss: und nicht lebendig lass ich dich aus dieser Halle, +bis du mir deinen Kopf und deinen Leib versprochen." + +Gern sagte ich dem naerrischen Alten zu, andern Tages wieder zu kommen. Und +das erfuellt ich um so lieber als ich erfuhr, dass mein gewaltthaetiger +Freund Xenarchos sei, der groesste Bildner in Marmor und Erz, den Italien +seit lange gesehn. Am andern Tag kam ich denn wieder und fand meinen +Kastor - es war Totila: - und ich kann nicht leugnen, dass mich die grosse +Aehnlichkeit selbst ueberraschte, wenn auch Totila aelter, hoeher, kraeftiger +und unvergleichlich schoener ist als ich. Xenarchos sagt, wir seien wie +Hellcitrus und Goldcitrus. Denn Totila ist heller an Haar und Haut: und +gerade so, schwoert der Meister, haben sich die beiden Dioskuren geglichen +und nicht geglichen. So lernten wir uns denn unter den Goetterbildern +Xenarchs kennen und lieben: wir wurden in Wahrheit Kastor und Pollux, +innig und unzertrennlich wie sie, und schon ruft uns das heitre Volk von +Neapolis bei diesem Namen, wann wir, Arm in Arm geschlungen durch die +Strassen gehn. + +Unsere junge Freundschaft ward aber noch besonders rasch gereift durch +eine drohende Gefahr, die sie leicht in der Bluete geknickt haette. + +Wir waren eines Abends, wie wir pflegten, zur Porta Nolana hinaus +gewandelt, in den Baedern des Tiberius Kuehlung von des Tages Hitze zu +suchen. Nach dem Bade hatte ich in einer Laune spielender Zaertlichkeit - +du wirst sie schelten - des Freundes weissen Gotenmantel umgeschlagen und +seinen Helm mit den Schwanenfluegeln aufs Haupt gesetzt. Laechelnd ging er, +meine Chlamys umwerfend, auf den Tausch ein und friedlich plaudernd +schritten wir durch den Pinienhain im ersten Dunkel der Nacht nach der +Stadt zurueck. + +Da springt aus dem Taxusgebuesch hinter mir ein Mann auf mich her und ich +fuehle kaltes Eisen an meinem Halse. + +Aber im naechsten Augenblick lag der Moerder zu meinen Fuessen, Totila's +Schwert in der Brust. Nur leicht verwundet beugte ich mich zu dem +Sterbenden nieder und fragte ihn, welcher Grund ihn habe zum Hass, zum +Morde gegen mich treiben koennen. + +Er aber starrte mir ins Antlitz und hauchte: "Nicht dich: - Totila, den +Goten" - und er zuckte und war tot. Man sah's an Tracht und Waffen - es +war ein isaurischer Soeldner." + +Cethegus senkte den Brief und drueckte die linke Hand vor die Stirn. +"Wahnsinn des Zufalls," sagte er, "wohin konntest du fuehren!" + +Und er las zu Ende. + +"Totila sagte, er habe der Feinde viele am Hofe zu Ravenna. Wir zeigten +den Vorfall Uliaris, dem Gotengrafen zu Neapolis, an. Dieser liess die +Leiche durchsuchen und Nachforschungen anstellen - ohne Erfolg. Uns beiden +aber hat diese ernste Stunde die junge Freundschaft befestigt und mit Blut +geweiht fuer alle Zeit. Ernster und heiliger hat sie uns verbunden. Das +Siegel der Dioskuren, das du mir zum Abschied geschenkt, war ein +freundlich Omen, das sich freundlich erfuellt hat. Und wenn ich mich frage, +wem dank' ich all dies Glueck? Dir, dir allein, der mich in diese Stadt +Neapolis gesendet, in der ich all' mein Glueck gefunden. So moegen dir es +alle Goetter und Goettinnen vergelten! Ach ich sehe, dieser ganze Brief +redet nur von mir und dieser Freundschaft - schreibe doch bald wie es um +dich steht. Vale." + +Ein bitteres Laecheln zuckte um des Praefekten ausdrucksvollen Mund. + +Und wieder durchmass er das Gemach in nur mit Muehe gehaltenen Schritten. +Endlich blieb er stehen, das Kinn in die linke Hand stuetzend. - "Wie kann +ich nur so - jugendlich sein, mich zu aergern. Es ist alles sehr natuerlich, +wenn auch sehr einfaeltig. Du bist krank, Julius. Warte: ich will dir ein +Rezept schreiben." Und mit einem Anflug von grausamer Freude im Ausdruck, +setzte er sich auf den Schreiblectus, nahm eine Papyrusrolle aus der +Bronzevase, ergriff die gnidische Schilffeder und schrieb mit der roten +Tinte, aus einem Loewenkopf von Achat, der an dem Lectus angeschraubt war: + + "An Julius Montanus Cethegus, der Praefekt + von Rom. + +Deine ruehrende Epistel aus Neapolis hat mir viel Spass gemacht. Sie zeigt, +dass du in der letzten Kinderkrankheit steckst. Hast du sie abgethan, wirst +du ein Mann sein. + +Die Krisis zu beschleunigen, verschreibe ich dir das beste Mittel. Du +suchst sogleich den Purpurhaendler Valerius Procillus, meinen aeltesten +Gastfreund in Neapolis, auf. Er ist der reichste Kaufherr des Abendlandes, +ein grimmiger Feind der Kaiser von Byzanz, die ihm Vater und Brueder +getoetet, ein Republikaner wie Cato und schon deshalb mein vertrauter +Freund. Seine Tochter Valeria Procilla aber ist die schoenste Roemerin +unserer Zeit und eine echte Tochter der alten, der heidnischen Welt. +Antigone oder Virginia wuerden sich der Freundin freuen. Sie ist nur drei +Jahre juenger und folglich zehnmal reifer als du. Gleichwohl wird sie dir +der Vater nicht versagen, erklaerst du ihm, dass Cethegus fuer dich wirbt. Du +aber wirst dich beim ersten Anblick sterblich in sie verlieben. + +Du wirst das: obgleich ich es dir vorher sage und obgleich du weisst, dass +ich es wuensche. In ihren Armen wirst du alle Freunde der Welt vergessen: +geht die Sonne auf, erbleicht der Mond. Uebrigens, weisst du, dass dein +Kastor einer der gefaehrlichsten Roemerfeinde ist? Und ich habe einmal einen +gewissen Julius gekannt, der geschworen: Rom ueber alles. Vale." + +Cethegus rollte den Papyrus zusammen, umschnuerte ihn mit den Baendern von +rotem Bast, befestigte diese an der Schleife mit Wachs und drueckte seinen +Amethystring mit dem herrlichen Jupiterkopf auf dasselbe. Dann beruehrte er +einen aus dem Marmorgetaefel hervorschauenden silbernen Adler: - draussen an +der Wand des Vestibulums schlug ein eherner Donnerkeil auf den +Silberschild eines niedergeworfenen Titanen mit glockenhellem Ton. + +Der Sklave trat wieder ein. + +"Lass den Boten in meinen Thermen baden, gieb ihm Speise und Wein, einen +Goldsolidus und diesen Brief. Morgen mit Sonnenaufgang geht er damit +zurueck nach Neapolis." - - + + + + + Siebentes Kapitel. + + +Mehrere Wochen darauf finden wir den ernsten Praefekten in einem Kreise, +der sehr wenig zu seinem hohen Trachten, ja zu seinem Alter zu passen +schien. + +In dem seltsamen Nebeneinander von Heidentum und Christentum, das in den +ersten Jahrhunderten nach der Konstantiner Bekehrung das Leben und die +Sitten der Roemerwelt mit grellen Widerspruechen erfuellte, spielte besonders +die friedliche Mischung von Festen der alten und der neuen Religion eine +auffallende Rolle. Neben den grossen Feiertagen des christlichen +Kirchenjahres bestanden auch noch groesstenteils die froehlichen Feste der +alten Goetter fort, wenn auch meist ihrer urspruenglichen Bedeutung, ihres +religioesen Kernes beraubt. + +Das Volk liess sich etwa den Glauben an Jupiter und Juno nehmen und die +Kultushandlungen und die Opfer, aber nicht die Spiele, die Feste, die +Taenze und Schmaeuse, die mit jenen Handlungen verbunden waren; und die +Kirche war von jeher klug genug, zu dulden, was sie nicht aendern konnte. + +So wurden ja sogar die echt heidnischen Lupercalien, mit welchen sich +derber Aberglaube und wuester Unfug aller Art verband, erst im Jahre +vierhundertsechsundneunzig - und nur mit Muehe - abgeschafft. + +Viel laenger natuerlich behaupteten sich harmlose Feste wie die Floralien, +die Palilien und zum Teil haben sich ja manche von ihnen in den Staedten +und Doerfern Italiens mit veraenderter Bedeutung bis auf diese Stunde +erhalten. So waren denn die Tage der Floralien gekommen, die, frueher auf +der ganzen Halbinsel, als ein Fest besonders der froehlichen Jugend, mit +lauten Spielen und Taenzen gefeiert, auch in jenen Tagen noch wenigstens +mit Schmaus und Gelage begangen wurden. + +Und so hatten sich denn die beiden Licinier und ihr Kreis von jungen +Rittern und Patriziern an dem Hauptfesttag der Floralien zu einem +Symposion zusammen bestellt, fuer welches jeder der Gaeste, wie bei unsern +"Picknicks," seinen Beitrag in Speisen oder Wein zu liefern hatte. Die +Froehlichen versammelten sich bei dem jungen Kallistratos, einem +liebenswuerdigen und reichen Griechen aus Korinth, der sich im Genuss +kuenstlerischer Musse zu Rom niedergelassen und nahe bei den Gaerten des +Sallust ein geschmackvolles Haus gebaut hatte, das als der Mittelpunkt +heitern Lebensgenusses und feiner Bildung galt. Ausser dem reichen Adel +Roms verkehrten dort vornehmlich die Kuenstler und Gelehrten: und dann auch +jene Schichten der roemischen Jugend, denen ueber ihren Rossen und Wagen und +Hunden wenige Zeit und Gedanken fuer den Staat uebrig blieb und die daher +bis jetzt dem Einfluss des Praefekten unzugaenglich gewesen waren. + +Deshalb war es diesem sehr erwuenscht, als ihm der junge Lucius Licinius, +jetzt sein gluehendster Anhaenger, die Einladung des Korinthers ueberbrachte. +"Ich weiss wohl," sagte er schuechtern, "wir koennen deinem Geist nicht +ebenbuertige Unterhaltung bieten und wenn dich nicht die alten Kyprier und +Falerner locken, die Kallistratos spenden wird, lehnst du ab." + +"Nein, mein Sohn, ich komme," sagte Cethegus "und mich locken nicht die +alten Kyprier, sondern die jungen Roemer." - + +Kallistratos, der sein Hellenentum mit Stolz zur Schau trug, hatte sein +Haus mitten in Rom in griechischem Stil gebaut. Und zwar nicht in dem des +damaligen, sondern des freien, des perikleischen Griechenlands und dies +machte im Gegensatz zu der geschmacklosen Ueberladung jener Tage den +Eindruck edler Einfachheit. Durch einen schmalen Gang gelangte man in das +Peristyl, den offenen von Saeulengaengen umschlossenen Hof, dessen +Mittelpunkt ein plaetschernder Springbrunnen in braunem Marmorbecken +bildete. Die nach Norden offne Saeulenhalle enthielt ausser andern Gelassen +auch den Speisesaal, der heute die kleine Gesellschaft versammelt hielt. +Cethegus hatte sich vorbehalten, nicht schon zu der "Coena", dem +eigentlichen Schmause, sondern erst zu der "Commissatio," dem darauf +folgenden naechtlichen Trinkgelag, zu kommen. Und so fand er denn die +Freunde in der vornehmen Trinkstube, wo laengst schon die zierlichen +Bronzelampen an den schildpattgetaefelten Waenden brannten und die Gaeste, +mit Rosen und Eppich bekraenzt, auf den Polstern des hufeisenfoermigen +Trikliniums lagerten. Eine betaeubende Mischung von Weinduft und +Blumenduft, von Fackelglanz und Farbenglanz drang ihm an der Schwelle +entgegen. + +"Salve, Cethege!" rief der Wirt dem Eintretenden entgegen. "Du findest nur +kleine Gesellschaft." + +Cethegus befahl dem Sklaven, der ihm folgte, einem herrlich gewachsenen +jungen Mauren, dessen schlanke Glieder durch den Scharlachflor seiner +leichten Tunika mehr gezeigt als verhuellt wurden, ihm die Sandalen +abzubinden. Er zaehlte indessen: "Nicht unter den Grazien," laechelte er, +"nicht ueber die Musen." + +"Geschwind, waehle den Kranz," mahnte Kallistratos, "und nimm deinen Platz +da oben auf dem Ehrensitz der mittleren Kline. Wir haben dich im Voraus +zum Symposiarchen, zum Festkoenig gewaehlt." + +Der Praefekt hatte sich vorgesetzt, diese jungen Leute zu bezaubern. Er +wusste, wie gut er das konnte: und er wollte es heute. Er waehlte einen +Rosenkranz und ergriff das elfenbeinerne Scepter, das ihm ein syrischer +Sklave knieend reichte. Das Rosendiadem zurecht rueckend schwang er mit +Wuerde den Stab: "So mach' ich eurer Freiheit ein Ende!" + +"Ein geborner Herrscher," rief Kallistratos, halb im Scherz, halb im +Ernst. - "Aber ich will ein sanfter Tyrann sein! mein erst Gesetz: ein +Drittel Wasser - zwei Drittel Wein." - "Oho," rief Lucius Licinius und +trank ihm zu, "_bene te_! Du fuehrst ueppig Regiment. Gleiche Mischung ist +sonst unser Hoechstes." + +"Ja, Freund," laechelte Cethegus, sich auf dem Ecksitz der mittleren Kline, +dem "Konsulsplatz", niederlassend, "ich habe meine Trinkstudien unter den +Aegyptern gemacht, die trinken nur lautern. He, Mundschenk - wie heisst er?" + +"Ganymedes - er ist aus Phrygien. Huebscher Wuchs, eh?" - "Also, Ganymed, +gehorche deinem Jupiter und stelle neben jeden eine Patera Mamertiner Wein +- doch neben Balbus zwei, weil er sein Landsmann ist." Die jungen Leute +lachten. + +Balbus war ein reicher Gutsbesitzer auf Sicilien, noch sehr jung und schon +sehr dick. + +"Pah," lachte der Trinker, "Epheu ums Haupt und Amethyst am Finger - so +trotz ich den Maechten des Bacchus." - "Nun, wo steht ihr im Wein?" fragte +Cethegus, dem jetzt hinter ihm stehenden Mauren winkend, der ihm einen +zweiten Kranz von Rosen, diesmal um den Nacken, schlang. + +"Settiner Most mit hymettischem Honig, war das letzte. Da, versuch!" so +sprach Piso, der schelmische Poet, dessen Epigramme und Anakreontika die +Buchhaendler nicht rasch genug konnten abschreiben lassen und dessen +Finanzen sich doch stets in poetischer Unordnung befanden. Und er reichte +dem Praefekten was wir einen "Vexierbecher" nennen wuerden, einen bronzenen +Schlangenkopf, der, unvorsichtig an den Mund gebracht, einen Strahl Weines +heftig in die Kehle schoss. Aber Cethegus kannte das Spiel, behutsam trank +er und gab den Becher zurueck. "Deine _trocknen_ Witze sind mir lieber, +Piso," lachte er und haschte ihm aus der Brustfalte ein beschriebenes +Taefelchen. + +"O gieb," sagte Piso, "es sind keine Verse - sondern - ganz im Gegenteil! +- eine Zusammenstellung meiner Schulden fuer Wein und Pferde." - "Je nun," +meinte Cethegus, "ich hab' sie an mich genommen - sie sind also mein. Du +magst morgen die Quittung bei mir einloesen: aber nicht umsonst - mit einem +deiner boshaftesten Epigramme auf meinen frommen Freund Silverius!" - "O +Cethegus," rief der Poet erfreut und geschmeichelt, "wie boshaft kann man +sein fuer vierzigtausend Solidi! Wehe dem heiligen Mann Gottes." + + + + + Achtes Kapitel. + + +"Und im Schmause - wie weit seid ihr damit?" fragte Cethegus, "schon bei +den Aepfeln? sind es diese?" + +Und er sah blinzend nach zwei Fruchtkoerben von Palmenbast, die hoch +aufgehaeuft auf einem Bronzetisch mit elfenbeinernen Fuessen prangten. "Ha +Triumph!" lachte Marcus Licinius, des Lucius juengerer Bruder, der sich mit +der liebhaberischen Spielplastik der Mode abgab. "Da siehst du meine +Kunst, Kallistratos! Der Praefekt nimmt meine Wachsaepfel, die ich dir +gestern geschenkt, fuer echt." "Ah wirklich?" rief Cethegus wie erstaunt, +obwohl er den Wachsgeruch laengst ungern vermerkt. "Ja, Kunst taeuscht die +Besten. Bei wem hast du gelernt? Ich moechte dergleichen in meinem +kyzikenischen Saal aufstellen." + +"Ich bin Autodidakt," sagte Marcus stolz, "und morgen schicke ich dir +meine neuen persischen Aepfel: - denn du wuerdigst die Kunst." + +"Aber das Gelag ist doch zu Ende?" fragte der Praefekt, den linken Arm auf +das Polster der Kline stuetzend. + +"Nein," rief der Wirt, "ich will es nur gestehn: da ich auf unsern +Festkoenig erst zur Trinkstunde rechnen durfte, hab' ich noch einen kleinen +Nachschmaus zu den Bechern geruestet." - "O du Frevler," rief Balbus, sich +mit der zottigen Purpurgausape die fettglaenzenden Lippen wischend, "und +ich habe so schrecklich viel von deinen Feigenschnepfen gegessen!" - "Das +ist wider die Verabredung!" rief Marcus Licinius. - "Das verdirbt meine +Sitten!" sagte der froehliche Piso ernsthaft. - "Sprich, ist das +hellenische Einfachheit?" fragte Lucius Licinius. - "Ruhig, Freunde," +troestete Cethegus mit einem Citat: "Auch unverhofftes Unheil traegt ein +Roemer stark." + +"Der hellenische Wirt muss sich nach seinen Gaesten richten," entschuldigte +Kallistratos, "ich fuerchte, ihr kaemt mir nicht wieder, boete ich euch +marathonische Kost." - "Nun, dann bekenne wenigstens, was noch droht," +rief Cethegus, "du, Nomenklator, lies die Schuesseln ab: ich werde dann die +Weine bestimmen, die dazu gehoeren." + +Der Sklave, ein schoener lydischer Knabe, in einem bis an die Knie +aufgeschlitzten Roeckchen von blauer pelusischer Leinwand, trat dicht neben +Cethegus an den Tisch von Cypressenholz und las von einem Taefelchen ab, +das er an goldnem Kettchen um den Hals trug: "Frische Austern aus +Britannien in Thunfischbruehe mit Lattich." - "Dazu Falerner von Fundi," +sprach Cethegus ohne Besinnen. "Aber wo steht der Schenktisch mit den +Pokalen? Rechter Trunk mundet nur aus rechter Schale." + +"Dort ist der Schenktisch!" und auf einen Wink des Hausherrn fiel der +Vorhang zurueck, der die eine Ecke des Zimmers, den Gaesten gegenueber, +verhuellt hatte. + +Ein Ruf des Staunens flog von den Tischen. + +Der Reichtum der dort zur Schau gestellten Prunkgeschirre und der +Geschmack ihrer Anordnung war selbst diesen verwoehnten Augen ueberraschend. +Auf der Marmorplatte des Tisches stand ein geraeumiger silberner Wagen mit +goldnen Raedern und ehernem Gespann: es war ein Beutewagen, wie sie in +roemischen Triumphen aufgefuehrt zu werden pflegten: und als koestliche Beute +lagen darin Pokale, Glaeser, Schalen jeder Gestalt und jedes Stoffes in +scheinbarer Unordnung, doch mit kunstverstaendiger Hand, gehaeuft. + +"Bei Mars dem Sieger," lachte der Praefekt, "der erste roemische Triumph +seit zweihundert Jahren. Ein seltner Anblick! Darf ich ihn zerstoeren?" - +"Du bist der Mann, ihn wieder aufzurichten," sagte Lucius Licinius feurig. +- "Meinst du? Versuchen wir's! - Also zum Falerner die Kelche dort von +Terebinthenholz." + +"Weindrosseln vom Tagus mit Spargeln von Tarent!" fuhr der Lydier fort. +"Dazu den roten Massiker von Sinuessa aus jenen amethystnen Kelchen." + +"Junge Schildkroeten von Trapezunt mit Flamingozungen -" + +"Halt an, beim heiligen Bacchus," rief Balbus. "Das sind ja die Qualen des +Tantalus. Mir ist ganz gleich, aus was ich trinke, aus Terebinthen oder +Amethyst - aber dies Aufzaehlen von Goetterbissen mit trocknem Gaumen halt' +ich nicht mehr aus. Nieder mit Cethegus dem Tyrannen, er sterbe, wenn er +uns hungern laesst." - "Mir ist, ich waere Imperator und hoerte das getreue +Volk von Rom. Ich rette mein Leben und gebe nach. Tragt auf, ihr Sklaven." +Da toenten Floeten aus dem Vorgemach und im Takte der Musik schritten sechs +Sklaven, Epheu um die glaenzend gesalbten Locken, in roten Maenteln und +weissen Tuniken heran. Sie reichten den Gaesten frische Handtuecher von +feinstem sidonischem Linnen mit weichen Purpurfransen. + +"Oh," rief Massurius, ein junger Kaufmann, der vornehmlich mit schoenen +Sklaven und Sklavinnen handelte und in dem zweideutigen Ruhme stand, der +feinste Kenner solcher Ware zu sein, "das weichste Handtuch ist ein +schoenes Haar" - und er fuhr dem eben neben ihm knieenden Ganymed durch die +Locken. "Aber, Kallistratos, jene Floeten sind hoffentlich weiblichen +Geschlechts - auf mit dem Vorhang - lass die Maedchen ein." + +"Noch nicht," befahl Cethegus. "Erst trinken, dann kuessen. Ohne Bacchus +und Ceres, du weisst -" + +"Friert Venus, nicht Massurius." + +Da erscholl aus dem Seitengemach der Klang von Lyra und Kithara und ein +trat ein Zug von acht Juenglingen in goldgruen schillernden Seidengewaendern, +vorauf der "Anrichter" und der "Zerleger": die sechs andern trugen +Schuesseln auf dem Haupt: sie zogen im Taktschritt an den Gaesten vorueber +und machten vor dem Anrichttisch von Citrus Halt. Waehrend sie hier +beschaeftigt waren, erklangen vom Mittelgrunde her Kastagnetten und +Cymbeln, die grossen Doppelthueren drehten sich um ihre erzschimmernden +Saeulenpfosten und ein Schwarm von Sklaven in der schoenen Tracht +korinthischer Epheben stroemte herein. Die einen reichten Brot in zierlich +durchbrochenen Bronzekoerben: andre verscheuchten die Muecken mit breiten +Faechern von Straussenfedern und Palmblaettern: einige gossen Oel in die +Wandlampen aus doppelhenkeligen Kruegen mit anmutvoller Bewegung, indes +etliche mit zierlichen Besen von aegyptischem Schilf von dem Mosaikboden +die Brosamen fegten und die uebrigen Ganymed die Becher fuellen halfen, die +jetzt schon eifrig kreisten. + +Damit stieg denn die Raschheit, die Waerme des Gespraechs und Cethegus, der, +wie ueberlegen nuechtern er blieb, voellig im Moment versunken schien, +bezauberte durch seine Jugendlichkeit die Juenglinge. + +"Wie ist's," fragte der Hausherr, "wollen wir wuerfeln zwischen den +Schuesseln? Dort neben Piso steht der Wuerfelbecher." - "Nun, Massurius," +meinte Cethegus mit einem spoettischen Blick auf den Sklavenhaendler, +"willst du wieder einmal dein Glueck wider mich versuchen? Willst du wetten +gegen mich? Gieb ihm den Becher, Syphax!" winkte er dem Mauren. + +"Merkur soll mich bewahren!" antwortete Massurius in komischem Schreck. +"Lasst euch nicht ein mit dem Praefekten - er hat das Glueck seines Ahnherrn +Julius Caesar geerbt." + +"_Omen accipio!_" lachte Cethegus, "das nehm' ich an, mitsamt dem Dolch +des Brutus." + +"Ich sag' euch, er ist ein Zauberer! Erst juengst hat er eine ungewinnbare +Wette gegen mich gewonnen an diesem braunen Daemon -" Und er wollte dem +Sklaven eine Feige ins Gesicht werfen: aber dieser fing sie behende mit +den glaenzend weissen Zaehnen und verzehrte sie mit ruhigem Behagen. + +"Gut, Syphax," lobte Cethegus, "Rosen aus den Dornen der Feinde! Du kannst +ein Gaukler werden, sobald ich dich freilasse." + +"Syphax will nicht frei sein, er will dein Syphax sein und dein Leben +retten wie du seins." + +"Was ist das - dein Leben?" fragte Lucius Licinius mit erschrockenem +Blick. - "Hast du ihn begnadigt?" sagte Marcus. + +"Mehr, ich hab' ihn losgekauft." + +"Ja, mit meinem Gelde!" brummte Massurius. + +"Du weisst, ich hab' ihm dein verwettet Geld sofort als Peculium +geschenkt." + +"Was ist das mit der Wette? erzaehle, vielleicht ein Stoff fuer meine +Epigramme," fragte Piso. + +"Lasst den Mauren selbst erzaehlen - sprich, Syphax, du darfst." + + + + + Neuntes Kapitel. + + +Ohne Zoegern trat der junge Sklave in das von den Tischen gebildete +Hufeisen, den Ruecken zur Thuere gewandt: sein funkelndes Auge ueberflog +rasch die Versammlung und haftete dann mit Glut auf seinem Herrn: alle +bewunderten die jugendliche Kraft und Schoenheit der schlanken Glieder, +deren tiefes Braun nur um die Hueften ein kostbarer Schurz von Scharlach +verhuellte. + +"Leicht ist erzaehlt, was schwere Schmerzen barg. Ich bin daheim im +Lieblingsland der Sonne; wo hundert Palmen die immer gruene Oase +beschatten, ausser uns nur dem Loewen bekannt und dem fleckigen Panther. +Aber in einer goetterverlassenen Nacht, da fand der Feind unser altes +Versteck. Vandalische Reiter waren's und keine Rettung. Rot und schwarz +stieg der Rauch unsrer Zelte durch die Cedernwipfel hinan, kreischend +flohen Weiber und Kinder. Da traf mich ein sausender Speer. + +Ich erwachte gebunden im Sklavenraum eines Griechenschiffs, das uns +gekauft, mich und viele Maenner und Weiber meines Stammes: ich hatte nichts +gerettet als meinen Gott, den weissen Schlangenkoenig, ich trug ihn im +Guertel geborgen. Sie brachten uns nach Rom, da kaufte mich einer, dessen +Namen verflucht sei." + +"'s ist unser Freund Calpurnius," unterbrach Cethegus. + +"Und kein Stern soll ihm leuchten auf naechtlicher Fahrt, er soll +verdursten im heissen Sand," knirschte der Maure mit aufloderndem Hass. "Er +schlug mich oft um nichts und liess mich hungern. Ich schwieg und betete zu +meinem Gott um Rache. Er zuernte, dass ich so ruhig seine Wut ertrug. + +Er wusste nicht, dass Syphax seinen Gott bei sich trug in Gestalt einer +Schlange. Da trat er eines Morgens an mein Lager und fand sie um meinen +Hals geringelt. Er erschrak: ich sagte ihm seine Zaehne seien nicht +toedlich, aber seine Rache. Da ergrimmte er, schlug nach mir und sagte: +"Toete den Wurm!" Umsonst flehte ich und wand mich auf den Knieen vor ihm. +Er schlug mich und schlug nach dem Gott: und als ich den deckte mit meinem +Leibe, schrie er noch wilder: "Toete das Tier." Wie konnt' ich gehorchen! +Da rief er seine Sklaven und befahl: "Nehmt ihm die Bestie und kocht sie +lebendig. Er soll seinen Gott fressen!" Ich erschrak zum Tode ueber diesen +Frevel. Und sie griffen mich und haschten nach der Schlange. Aber der Gott +gab mir die Kraft der Wut, die da gleich ist der Kraft des pfeilwunden +Tigers, und ich sprang unter sie mit gellendem Schrei. + +Nieder schlug ich den Verfluchten mit dieser Faust und gewann die Thuere +des Hauses und sprang hinaus ins Freie und dreissig Sklaven hinter mir +drein. Da galt es das Leben." + +Die Gaeste lauschten gespannt, selbst Balbus setzte den Becher ab, den er +eben zu Munde fuehrte. + +"Ich laufe nicht schlecht: oft haben wir, drei Vettern und ich, die +windschnelle Antilope muede gejagt. Und die Sklaven waren langsam und +schwer. + +Aber sie kannten die Stadt und ihre Strassen und ich nicht. So war es ein +ungleich Spiel. Die Verfolger teilten sich in Scharen von drei, vier Mann +und gewannen mir durch Seitengassen und Durchgaenge den Weg ab. + +Zum Glueck hatte ich im Vorbeirennen an einer Schmiede einen schweren +Feuerhaken errafft: zwei, dreimal braucht' ich ihn, die Verfolger zu +scheuchen, zu treffen, die mir ploetzlich von vorn entgegenkamen. Ich +fuehlte aber, lange konnte das nicht mehr dauern: wie rasch ich war, wie +langsam sie, zuletzt musste ich doch erliegen. + +Da sandte mir der Gott, den ich fest mit der Linken an die Brust drueckte, +Ihn," - und sein schoenes Auge funkelte, - "meinen Herrn, den gewaltigen, +der maechtig ist wie der Loewe von Abaritana und klug wie der Elefant, der +da gut ist wie milder Regen nach langer Duerre und herrlich wie -" + +"Jetzt erzaehlst du schlecht, Syphax, ich will vollenden. Ich kam gerade +von den Schanzwerken am aurelischen Thor, dem Grabmal Hadrians." + +"Deinem schoenen, goettergeschmueckten Lieblingsort," unterbrach +Kallistratos. + +"Und bog am Fusse des Kapitols in das Forum Trajans: da stand eine +gaffende, schreiende Menge und sah der Menschenjagd neugierig zu: wie ein +Pfeil schoss der Maure von dem Forum des Nerva heran, seine Verfolger weit +hinter ihm. Aber siehe, dicht neben mir bogen von links fuenf, von rechts +sieben der Sklaven des Calpurnius auf das Forum ein, bereit, ihn +aufzufangen, sowie er auf dem Platz ankam. "Der ist verloren!" sagte neben +mir eine bekannte Stimme, es war Massurius, der aus dem Bade des Augustus +trat. + +"Wem gehoert er?" fragte ich. "Calpurnius ist unser Herr," antwortete der +Sklave neben mir. "Dann wehe ihm," sprach Massurius zu mir: "er haengt +seine Strafsklaven bis an den Hals gebunden in seinen Fischweiher und laesst +sie lebendig auffressen von seinen Muraenen und Hechten." - "Ja," sagte der +Sklave, "Syphax hat ihn niedergeschlagen, und der Herr rief im Aufstehen: +"zu den Muraenen den Hund! wer ihn einbringt, ist frei." + +Ich blickte den Platz hinab auf den Mauren, der jetzt gleich heran war. +"Der ist zu gut fuer die Fische," sagte ich, "welch' herrlicher Wuchs! Und +sieh, er koemmt durch, ich wette." + +Denn eben hatte der Fluechtling die erste Kette der Sklaven, die sich ihm +an der Muendung der Via julia entgegenwarf, durchbrochen und flog jetzt auf +uns zu." + +"Und ich wette tausend Solidi, er koemmt nicht durch: sieh', dort die +Lanzen," sprach Massurius. - "Gerade vor uns standen fuenf Sklaven mit +Lanzen und Wurfspeeren. "Es gilt!" rief ich, tausend Solidi. + +Da war er heran. + +Drei Speere sausten zugleich: aber wie ein Panther duckte der Flinke unter +ihnen weg und, ploetzlich aufschnellend, sprang er in hohem Satz ueber die +Lanzen der beiden uebrigen. Atemlos kam er dicht vor mir zu Boden: er +blutete von Steinen und Pfeilen und schon kam jetzt vom Forum julium heran +das ganze Rudel. Verzweifelnd sah er um sich und wollte nach rechts in die +Friedens-Tempel-Strasse, die ihn gerade nach seines Herrn Hause +zurueckgefuehrt haette. Da sah ich vor uns das Portal der kleinen Basilika +von Sankt Laurentius offen stehen. "Dort hin!" rief ich ihm zu." + +"In meiner Sprache! er kennt meine Sprache," rief Syphax. + +"Er kennt, glaub' ich, alle Sprachen," meinte Marcus Licinius. + +"Dorthin, wiederholte ich, dort ist Asyl. Wie der Blitz war er die Stufen +hinan, schon auf der letzten, da traf ihn ein Stein, dass er stuerzte und +sein naechster Verfolger war oben und packte ihn. Aber glatt wie ein Aal +rang er sich aus seinem Griff, stiess ihn die Stufen hinab und sprang in +die Thuere der Kirche." + +"Da hattest du gewonnen," sagte Kallistratos. + +"Ich wohl, aber er nicht. Denn die Priester von St. Laurentius, so +eifersuechtig sie ihre Asylrechte wahren, so wenig haben sie Mitleid mit +einem Heiden. Einen Tag lang bargen sie ihn: als sie aber erfuhren, dass er +um der Schlange willen seinen Herrn niedergeschlagen, da stellten sie ihm +die Wahl, Christ zu werden und den Goetzen aufzugeben, oder Calpurnius und +die Muraenen. + +Syphax waehlte den Tod. Ich erfuhr es und kaufte dem Zornigen seine Rache +ab und das Leben dieses schlanken Burschen, des schoensten Sklaven in Rom." + +"Kein schlechtes Geschaeft," meinte Marcus, "der Maure ist dir treu." + +"Ich glaube," sagte Cethegus, "tritt zurueck, Syphax. + +Da bringt der Koch sein Meisterstueck, so scheint's." + + + + + Zehntes Kapitel. + + +Es war eine sechspfuendige Steinbutte, seit Jahren im Meerwasserweiher des +Kallistratos mit Gaenselebern gemaestet. Der vielgepriesene "Rhombus" kam +auf silberner Schuessel, ein goldenes Kroenchen auf dem Kopf. + +"Alle guten Goetter und du, Prophete Jonas!" lallte Balbus zuruecksinkend in +die Polster, "der Fisch ist mehr wert als ich selber." - "Still, Freund," +warnte Piso, "dass uns nicht Cato hoere, der gesagt: wehe der Stadt, wo ein +Fisch mehr wert als ein Rind." Schallendes Gelaechter und der laute Ruf +_Euge belle!_ uebertoente den Zornruf des Halbberauschten. + +Der Fisch ward zerschnitten und koestlich erfunden. + +"Jetzt, ihr Sklaven, fort mit dem matten Massiker. Der edle Fisch will +schwimmen in edlem Nass. Auf, Syphax, jetzt passt, was ich zu dem Gelage +beigesteuert. Geh' und lass die Amphora hereinbringen, welche die Sklaven +draussen in Schnee gestellt. Dazu die Phialen von gelbem Bernstein." + +"Was bringst du seltenes, aus welchem Land?" fragte Kallistratos. - "Frag, +aus welchem Weltteil? bei diesem vielgereisten Odysseus," sagte Piso. + +"Ihr muesst raten. Und wer es erraet, wer diesen Wein schon gekostet hat, dem +schenk' ich eine Amphora, so hoch wie diese." + +Zwei Sklaven, eppichbekraenzt, schleppten den maechtigen, dunkeln Krug +herein: von schwarzbraunem Porphyr und fremdartiger Gestalt, mit +hieroglyphischen Zeichen geschmueckt und wohl vergipst oben an der Muendung. + +"Beim Styx! koemmt er aus dem Tartarus? das ist ein schwarzer Gesell," +lachte Marcus. + +"Aber er hat eine weisse Seele - zeige sie, Syphax." Der Nubier schlug mit +dem Hammer von Ebenholz, den ihm Ganymedes reichte, sorgfaeltig den Gips +herunter, hob mit silberner Zange den Verschluss von Palmenrinde heraus, +schuettete die Schicht Oel hinweg, die oben schwamm, und fuellte die Pokale. +Ein starker berauschender Geruch entstieg der weissen, klebrigen +Fluessigkeit. Alle tranken mit forschender Miene. + +"Ein Goettertrank!" rief Balbus absetzend. - "Aber stark wie fluessiges +Feuer," sagte Kallistratos. + +"Nein, den kenn' ich nicht!" sprach Lucius Licinius. + +"Ich auch nicht," beteuerte Marcus Licinius. - "Aber ich freue mich, ihn +kennen zu lernen," rief Piso und hielt Syphax die leere Schale hin. + +"Nun," fragte der Wirt, zu dem letzten, bisher fast ganz stummen Gast zu +seiner Rechten gewendet, "nun, Furius, grosser Seefahrer, Abenteurer, +Indiensucher, Weltumsegler, wird deine Weisheit auch zu Schanden?" + +Der Gefragte erhob sich leicht von den Kissen, ein schoener athletischer +Mann von einigen dreissig Jahren, von bronzener wettergebraeunter +Gesichtsfarbe, kohlschwarzen tiefliegenden Augen, blendend weissen Zaehnen +und vollem Rundbart nach orientalischem Schnitt. + +Aber ehe er noch sprechen konnte, fiel Kallistratos rasch ein: "Doch, beim +Zeus Xenios, ich glaube, ihr kennt euch gar nicht?" Cethegus mass die +fesselnde Erscheinung mit scharfem Blick. "Ich kenne den Praefekten von +Rom," sagte der Schweigsame. - "Nun, Cethegus, und dies ist mein +vulkanischer Freund, Furius Ahalla, aus Korsika, der reichste Schiffsherr +des Abendlands, tief wie die Nacht und heiss wie das Feuer: er hat fuenfzig +Haeuser, Villen und Palaeste an allen Kuesten von Europa, Asien und Afrika, +zwanzig Galeeren, ein paar tausend Sklaven und Matrosen und -" + +"Und einen sehr geschwaetzigen Freund," schloss der Korse. "Praefekt, mir ist +es leid um dich, aber die Amphora ist mein. Ich kenne den Wein." - Und er +nahm ein Kibitzei und zerschlug es mit goldenem Loeffel. + +"Schwerlich," laechelte Cethegus spoettisch. + +"Doch. Es ist Isiswein. Aus Aegypten. Aus Memphis." Und ruhig schluerfte er +das goldroetliche Ei. + +Erstaunt sah ihn Cethegus an. "Erraten," sagte er dann. "Wo hast du ihn +gekostet?" - "Notwendig da, wo du. Er fliesst ja nur aus Einer Quelle," +laechelte der Korse. - "Genug mit euren Geheimnissen! Keine Raetsel unter +den Rosen!" rief Piso. - "Wo habt ihr beiden Marder dasselbe Nest +gefunden?" fragte Kallistratos. + +"Nun," rief Cethegus, "wisset es immerhin. Im alten Aegypten, im heilgen +Memphis voraus, haben sich immer noch, dicht neben den christlichen +Einsiedlern und Moenchen in der Wueste, glaubenszaehe Maenner und namentlich +Frauen erhalten, die nicht lassen wollen von Apis und Osiris und besonders +treu den suessen Dienst der Isis pflegen. Sie fluechten von der Oberflaeche, +wo die Kirche das Kreuz der Askese siegreich aufgepflanzt, in die Tiefen, +in den geheimen Schoss der grossen Mutter Erde mit ihrem heilgen teuren +Wahn. In einem Labyrinth unter den Pyramiden des Cheops haben sie noch +einige hundert Kruege geborgen des maecht'gen Weines, welcher dereinst die +Eingeweihten zu den Orgien der Freude, der Liebe berauschte. Die Kunde +geht geheim gehalten von Geschlecht zu Geschlecht, immer nur Eine +Priesterin kennt den Keller und bewahrt den Schluessel. + +Ich kuesste die Priesterin und sie fuehrte mich ein: - sie war eine wilde +Katze, aber ihr Wein war gut: - und sie gab mir zum Abschied fuenf Kruege +mit aufs Schiff." + +"Soweit hab' ich es mit Smerda nicht gebracht," sagte der Korse; "sie liess +mich trinken im Keller, aber als Andenken gab sie mir nur das mit" - und +er entbloesste den braunen Hals. - "Einen Dolchstich der Eifersucht," lachte +Cethegus. "Nun, mich freut, dass die Tochter nicht aus der Art schlaegt. Zu +meiner Zeit, das heisst, als mich die Mutter trinken liess, lief die kleine +Smerda noch im Kinderroeckchen. Wohlan, es lebe der heilge Nil und die suesse +Isis." Und die beiden tranken sich zu. + +Aber es verdross sie, ein Geheimnis teilen zu sollen, das jeder allein zu +besitzen geglaubt. + +Doch die andern waren bezaubert von der Laune des eisigen Praefekten, der +jugendlich wie ein Juengling mit ihnen plauderte und jetzt, da das +beliebteste Thema fuer junge Herren unter den Bechern angeregt war - +Liebesabenteuer und Maedchengeschichten - unerschoepflich uebersprudelte von +Streichen und Schwaenken, die er meistens selbst erlebt. Alle hingen mit +Fragen an seinen Lippen. Nur der Korse blieb stumm und kalt. + +"Sage," rief der Wirt und winkte dem Schaenken, als gerade das Gelaechter +ueber eine solche Geschichte verhallt war, "sag an, du Mann buntscheckiger +Erfahrung: - aegyptische Isismaedchen, gallische Druidinnen, nachtlockige +Toechter Syriens und meine plastischen Schwestern von Hellas: - alle kennst +du und weisst du zu schaetzen, aber sprich, hast du je ein germanisch Weib +geliebt?" + +"Nein," sagte Cethegus, seinen Isiswein schluerfend, "sie waren mir immer +zu langweilig." + +"Oho," meinte Kallistratos, "das ist zuviel gesagt. Ich sage euch, ich +habe an den letzten Calenden einen Wahnsinn gehabt fuer ein germanisch +Weib, die war nicht langweilig." + +"Wie, du, Kallistratos von Korinth, der Aspasia, der Helena Landsmann, +ergluehst fuer ein Barbarenweib? O arger Eros, Sinnenverwirrer, +Maennerbeschaemer," schalt der Praefekt. + +"Ja, wenn du willst, war's eine Sinnesverwirrung: - ich habe nie +dergleichen erfahren." + +"Erzaehle, erzaehle," draengten die andern. + + + + + Elftes Kapitel. + + +"Immerhin," sagte der Hausherr, die Polster glaettend, "obwohl ich keine +glaenzende Rolle dabei spiele. + +Also an den vorigen Calenden etwa kam ich zur achten Stunde aus den Baedern +des Abaskantos nach Hause. + +Da steht auf der Strasse niedergelassen eine Frauensaenfte, vier Sklaven +dabei, ich glaube, gefangne Gepiden. Unmittelbar aber vor der Thuere meines +Hauses stehen zwei verhuellte Frauen, die Calantica ueber den Kopf gezogen. +Die eine trug sklavisch Gewand, aber die andre war sehr reich und +geschmackvoll gekleidet und das Wenige, was von Wuchs und Gestalt zu +sehen, war goettlich. Welch schwebender Schritt, welch feiner Knoechel, +welch hochgewoelbter Fuss! Als ich naeher herankam, liessen sich beide rasch +in die Saenfte heben und fort waren sie. Ich aber - ihr wisst, es steckt des +Bildhauers Blut in allen Hellenen - ich traeumte des Nachts von dem feinen +Knoechel und dem wogenden Schritt. + +Mittags drauf, da ich die Thuere oeffne, aufs Forum zu gehn zu den +Bibliographen, wie ich pflege, seh ich dieselbe Saenfte rasch von dannen +eilen. + +Ich gestehe, ohne sonst besonders eitel zu sein, diesmal hoffte ich eine +Eroberung gemacht zu haben, - ich wuenschte es so sehr. Und ich zweifelte +gar nicht mehr, als ich, um die achte Stunde nach Hause kommend, wieder +meine Fremde, diesmal unbegleitet, an mir vorueberschluepfen sah und nach +ihrer Saenfte eilen. Folgen konnt' ich den raschen Sklaven nicht, so trat +ich in mein Haus, froher Gedanken voll. Da sagte der Ostiarius: "Herr, +eine verhuellte Sklavin wartet dein in der Bibliothek." + +Pochenden Herzens eile ich in das Gemach. Richtig! es war die Sklavin, die +ich gestern gesehen. Sie schlug den faltigen Mantel zurueck: eine huebsche, +verschlagne Maurin oder Karthagerin - ich kenne den Schlag - sah mich mit +schlauen Augen an. + +"Ich bitte um Botenlohn," sagte sie, "Kallistratos, ich bringe dir gute +Kunde." + +Ich fasste ihre Hand und wollte ihr die dunkle Wange streicheln - denn wer +die Herrin begehrt, der kuesse die Sklavin - aber sie lachte und sprach: +"Nein, nicht Eros, Hermes sendet mich. + +Meine Herrin" - hoch horchte ich auf - "meine Herrin ist - eine +leidenschaftliche Freundin der Kunst. Sie bietet dir dreitausend Solidi +fuer die Aresbueste, die in der Nische neben der Thuere deines Hauses +steht."" + +Laut lachten die jungen Leute, Cethegus mit ihnen. + +"Ja, lacht nur," fuhr der Hausherr selbst einstimmend fort, "ich aber +lachte damals nicht. Aus all meinen Traeumen heruntergefallen, sprach ich +verdriesslich: mir ist das Werk nicht feil. Die Sklavin bot fuenftausend, +bot zehntausend Solidi: ich wandte ihr den Ruecken und griff nach der Thuer. + +Da sagte die Schlange: "Ich weiss, Kallistratos von Korinth ist unwillig, +weil er ein Abenteuer gehofft und fand ein Geldgeschaeft. + +Er ist Hellene, er liebt die Schoenheit, er brennt vor Neugier, meine +Herrin zu sehn." Das war so richtig, dass ich nur laecheln konnte. + +"Wohlan," sprach sie, "du sollst sie sehn. Und dann erneuere ich mein +letzt Gebot. Schlaegst du's dann dennoch aus, hast du immerhin den Vorteil, +deine Neugier gestillt zu haben. Morgen um die achte Stunde koemmt die +Saenfte wieder. Dann halte dich bereit mit deinem Ares." + +Und sie schluepfte hinweg. Unruhig blieb ich zurueck. + +Ich konnte nicht leugnen, meine Neugier war sehr gespannt. Fest +entschlossen, meinen Ares nicht herzulassen und die Kunstnaerrin doch zu +sehen, erwartete ich gierig die bestimmte Stunde. Die Stunde kam und die +Saenfte kam. Ich stand lauschend an meiner offnen Thuer. Die Sklavin stieg +heraus. + +"Komm," rief sie mir zu, "du sollst sie sehn." + +Bebend vor Aufregung trat ich heran, der Purpurvorhang der Saenfte fiel +halb zurueck und ich sah -" + +"Nun," rief Markus, sich vorbeugend, den Becher in der Hand. + +"Was ich nie wieder vergessen werde. Ein Gesicht, Freunde, von ungeahnter +Schoenheit. Kypris und Artemis in Einer Person. Ich war wie geblendet. Ich +kann sie nicht schildern. Der Vorhang fiel zu. Ich aber sprang zurueck, hob +den Ares aus der Nische, reichte ihn der Punierin, wies ihr Gold zurueck +und taumelte in meine Thuer, betaeubt, als haett' ich eine Waldnymphe +gesehn." + +"Nun, das ist stark," lachte Massurius. "Bist doch sonst kein Neuling in +den Werken des Eros." + +"Aber," fragte Cethegus, "woher weisst du, dass diese Zauberin eine Gotin +war?" + +"Sie hatte dunkelrotes Haar und milchweisse Haut und schwarze Augenbrauen." + +"Alle guten Goetter!" dachte Cethegus. Aber er schwieg und wartete. + +Keiner der Anwesenden sprach den Namen aus. + +"Sie kennen sie nicht," sagte Cethegus zu sich. - "Und wann war das?" +fragte er den Wirt. + +"An den vorigen Calenden." + +"Ganz richtig," rechnete Cethegus; "da kam sie von Tarentum durch Rom nach +Ravenna. Sie ruhte hier drei Tage." + +"Und so hast du," lachte Piso, "deinen Ares eingebuesst fuer einen Blick. +Schlechter Handel! diesmal waren Merkur und Venus im Bunde. Armer +Kallistratos." + +"Ach," sagte dieser, "die Bueste war gar nicht soviel wert. Es war moderne +Arbeit. Jon in Neapolis hat sie vor drei Jahren gemacht. Aber ich sag +euch, einen Pheidias haett ich hingegeben um jenen Anblick." + +"Ein Idealkopf?" fragte Cethegus, wie gleichgueltig und hob den ehernen +Mischkrug, der vor ihm stand, scheinbar bewundernd, auf. + +"Nein, das Modell war ein Barbar - irgend ein Gotengraf - Watichis oder +Witichas - wer kann sich die hyperboraeischen Namen merken!" sagte +Kallistratos seinen Bericht schliessend und einem Pfirsich die Haut +abziehend. + +Nachdenklich schluerfte Cethegus aus seiner Schale von Bernstein. + + + + + Zwoelftes Kapitel. + + +"Ja, die Barbarinnen koennte man sich gefallen lassen," rief Markus +Licinius, "aber der Orcus verschlinge ihre Brueder!" Und er riss den welken +Rosenkranz vom Haupt: - die Blumen ertrugen den Dunst des Gelages schlecht +- und ersetzte ihn durch einen frischen. "Nicht nur die Freiheit haben sie +uns genommen: - sie schlagen uns bei den Toechtern Hesperiens in der Liebe +sogar aus dem Felde. Erst neulich hat die schoene Lavinia meinem Bruder die +Thuere verschlossen und den fuchsroten Aligern eingelassen." + +"Barbarischer Geschmack!" meinte der Verschmaehte achselzuckend und wie zum +Trost nach seinem Isiswein langend. "Du kennst sie ja auch, Furius - ist +es nicht Geschmacksverirrung?" - "Ich kenne deinen Nebenbuhler nicht," +sagte der Korse. "Aber es giebt schon Burschen unter diesen Goten, die +einem Weib gefaehrlich werden moegen. + +"Und da faellt mir ein Abenteuer ein, das ich juengst entdeckt, das aber +freilich noch ohne Spitze ist." - "Erzaehle nur," mahnte Kallistratos, die +Haende in das laue Waschwasser steckend, das jetzt in korinthischen +Erzschuesseln herumgereicht wurde, vielleicht finden wir die Spitze dazu." + +"Der Held meiner Geschichte," hob Furius an, "ist der schoenste der Goten." +- "Ah, Totila der junge," unterbrach Piso und liess sich den +kameengeschmueckten Becher mit Eiswein fuellen. "Derselbe. Ich kenne ihn +seit Jahren und bin ihm sehr gut, wie alle muessen, die je sein sonnig +Angesicht geschaut, abgesehen davon," - und hier ueberflog des Korsen Zuege +ein Schatte ernsten Erinnerns und er stockte - "dass ich ihm sonst +verbunden bin." + +"Du bist, scheint's, verliebt in den Blondkopf," spottete Massurius, dem +Sklaven, den er mitgebracht, ein Tuch voll picentinischen Zwiebacks +zuwerfend, um es mit nach Hause zu nehmen. "Nein, aber er hat mir, wie +allen, mit denen er zu thun hat, viel Freundliches erwiesen und gar oft +hatte er die Hafenwache in den italischen Seestaedten, wo ich landete." + +"Ja, er hat grosse Verdienste um das Seewesen der Barbaren," sagte Lucius +Licinius. - "Wie um ihre Reiterei," stimmte Markus bei, "der schlanke +Bursche ist der beste Reiter seines Volks." + +"Nun, ich traf ihn zuletzt in Neapolis: wir freuten uns der Begegnung, +aber vergebens drang ich in ihn, die froehlichen Abendgelage auf meinem +Schiffe zu teilen." + +"O, diese deine Schiffsabende sind beruehmt und beruechtigt," meinte Balbus, +"du hast stets die feurigsten Weine." - "Und die feurigsten Maedchen," +fuegte Massurius bei. + +"Wie dem sei, Totila schuetzte jedesmal Geschaefte vor und war nicht zu +gewinnen. Ich bitte euch! Geschaefte nach der achten Stunde in Neapolis! Wo +die Fleissigsten faul sind! Es waren natuerlich Ausfluechte. Ich beschloss ihm +auf die Spruenge zu kommen und umschlich Abends sein Haus in der Via lata. +Richtig: gleich den ersten Abend kam er heraus, vorsichtig umblickend, +und, zu meinem Staunen, verkleidet; wie ein Gaertner war er angethan, einen +Reisehut tief ins Gesicht gezogen, eine Abolla umgeschlagen. Ich schlich +ihm nach. Er ging quer durch die Stadt nach der Porta Capuana zu. Dicht +neben dem Thore steht ein dicker Turm, darinnen wohnt der Pfoertner, ein +alter patriarchenhafter Jude, dem Koenig Theoderich ob seiner grossen Treue +die Hut des Thores anvertraut. + +Vor dem Turme blieb mein Gote stehen und schlug leise in die Hand: da flog +eine schmale Seitenthuer von Eisen, die ich gar nicht bemerkt, geraeuschlos +auf und hinein schluepfte Totila geschmeidig wie ein Aal." + +"Ei, ei," fiel Piso der Dichter eifrig ein, "ich kenne den Juden und +Miriam, sein herrlich prachtaeugiges Kind! Die schoenste Tochter Israels, +die Perle des Morgenlands, ihre Lippen sind Granaten, ihr Aug' ist +dunkelmeeresblau und ihre Wangen haben den roten Duft des Pfirsichs." - +"Gut, Piso," laechelte Cethegus - "dein Gedicht ist schoen." - "Nein," rief +dieser. "Miriam selbst ist die lebendige Poesie." - "Stolz ist die +Judendirne," brummte Massurius dazwischen, "sie hat mich und mein Gold +verschmaeht mit einem Blick, als habe man nie ein Weib um Geld gekauft." - +"Siehe," sprach Lucius Licinius, "so hat sich der hochmuet'ge Gote, der +einherschreitet, als trueg' er alle Sterne des Himmels auf seinem +Lockenhaupt, zu einer Juedin herabgelassen." + +"So dacht' auch ich und ich beschloss, den Jungen bei naechster Gelegenheit +schwer zu verhoehnen mit seinem Moschusgeschmack. Aber nichts da. Ein paar +Tage darauf musste ich nach Capua. Ich breche vor Sonnenaufgang auf, die +Hitze zu meiden. Ich fahre durch die Porta Capuana zur Stadt hinaus beim +ersten Fruehrot: und als ich in meinem Reisewagen ueber die harten Steine an +dem Judenturm vorueberrassele, denk' ich neidvoll an Totila und sage mir, +der liegt jetzt in weichen Armen. Aber am zweiten Meilensteine vor dem +Thor begegnet mir, nach der Stadt zuschreitend, leere Blumenkoerbe ueber +Brust und Ruecken, in Gaertnertracht, wie damals - Totila. Er lag also nicht +in Miriams Armen. Die Juedin war nicht seine Geliebte, vielleicht seine +Vertraute, und wer weiss, wo die Blume blueht, die dieser Gaertner pflegt. +Der Gluecksvogel! Bedenkt nur, auf der Via capuana stehen all' die Villen +und Lustschloesser der ersten Familien von Neapolis und in jenen Gaerten +prangen und bluehen die herrlichsten Weiber." + +"Bei meinem Genius," rief Lucius Licinius, die bekraenzte Schale hebend, +"dort leben ja die schoensten Weiber Italiens - Fluch ueber den Goten!" - +"Nein," schrie Massurius, von Wein ergluehend, "Fluch ueber Kallistratos und +den Korsen, die uns mit fremden Liebesgeschichten bewirten, wie der Storch +aus Kelchglaesern den Fuchs. Lass endlich, Hausherr, deine Maedchen kommen, +wenn du deren bestellt hast: nicht hoeher brauchst du unsre Erwartung zu +spannen." - "Jawohl, die Maedchen, die Taenzerinnen, die Psalterien!" riefen +die jungen Leute durcheinander. + +"Halt," sprach der Wirt, "wo Aphrodite naht, muss sie auf Blumen wandeln. +Dies Glas bring' ich dir, Flora!" Er sprang auf und schleuderte an die +getaefelte Decke eine koestliche Krystallschale, dass sie klirrend zersprang. + +Sowie das Glas an die Balken der Decke schlug, hob sich das ganze Getaefel +wie eine Fallthuer empor und ein reicher Regen von Blumen aller Art flutete +auf die Haeupter der erstaunten Gaeste nieder, Rosen von Paestum, Veilchen +von Thurii, Myrten von Tarentum, Mandelblueten bedeckten wie ein dichtes +Schneegestoeber in duftigen Flocken den Mosaikboden, die Tische, die +Polster und die Haeupter der Gaeste. + +"Schoener," rief Cethegus, "zog Venus nie auf Paphos ein." + +Kallistratos schlug in die Haende. Da teilte sich beim Klang von Lyra und +Floete dem Triklinium gerade gegenueber die Mittelwand des Gemachs: vier +hochgeschuerzte Taenzerinnen, ausgesucht schoene Maedchen, in persische +Tracht, d. h. in durchsichtigen Rosaflor gekleidet, sprangen +cymbelnschlagend aus einem Gebuesch von bluehendem Oleander. + +Hinter ihnen kam ein grosser Wagen in Gestalt einer Faechermuschel, dessen +goldne Raeder von acht jungen Sklavinnen geschoben wurden, vier +Floetenblaeserinnen in Indischem Gewand - Purpur und Weiss mit goldgestickten +Maenteln - schritten vorauf: und auf dem Sitz des Wagens ruhte, von Rosen +uebergossen, in halb liegender Stellung Aphrodite selbst, in Gestalt eines +bluehenden Maedchens von lockender, ueppiger Schoenheit, dessen fast einzige +Verhuellung der Aphroditen nachgebildete Guertel der Grazien war. + +"Ha, beim heiligen Eros und Anteros!" schrie Massurius und sprang +unsichern Schrittes von der Kline herab unter die Gruppe. + +"Verlosen wir die Maedchen!" rief Piso, "ich habe ganz neue Wuerfel aus +Gazellenknoecheln, weihen wir sie ein." "Lasst sie den Festkoenig verteilen," +schlug Marcus Licinius vor. "Nein, Freiheit, Freiheit wenigstens in der +Liebe," rief Massurius und fasste die Goettin heftig am Arme, "und Musik, +heda, Musik - -" + +"Musik," befahl Kallistratos. + +Aber ehe noch die Cymbelschlaegerinnen wieder anheben konnten, wurde die +Eingangsthuere hastig aufgerissen und die Sklaven, die ihn aufhalten +wollten, zur Seite draengend, stuermte Scaevola herein, er war leichenblass. + +"Hier also, hier wirklich find' ich dich, Cethegus? in diesem Augenblick!" + +"Was giebt's?" sagte der Praefekt und nahm ruhig den Rosenkranz vom Haupt. + +"Was es giebt? das Vaterland schwankt zwischen Scylla und Charybdis. Die +gotischen Herzoge Thulun, Ibba und Pitza -" + +"Nun?" fragte Lucius Licinius. + +"Sie sind ermordet!" + +"Triumph!" rief der junge Roemer und liess die Taenzerin fahren, die er +umfasst hielt. + +"Schoener Triumph!" zuernte der Jurist. "Als die Nachricht nach Ravenna kam, +beschuldigte alles Volk die Koenigin, sie stuermten den Palast: - doch +Amalaswintha war entfloh'n." + +"Wohin?" fragte Cethegus, rasch aufspringend. + +"Wohin? auf einem Griechenschiff - nach Byzanz!" + +Cethegus setzte schweigend den Becher auf den Tisch und furchte die Stirn. + +"Aber das Aergste ist - die Goten wollen sie absetzen und einen Koenig +waehlen." - "Einen Koenig?" sagte Cethegus. "Wohlan, ich rufe den Senat +zusammen. Auch die Roemer sollen waehlen." + +"Wen, was sollen wir waehlen?" fragte Scaevola. + +Aber Cethegus brauchte nicht zu antworten. Lucius Licinius rief statt +seiner: "Einen Diktator! fort, fort in den Senat." + +"In den Senat!" wiederholte Cethegus majestaetisch. "Syphax, meinen +Mantel." + +"Hier, Herr, und dabei dein Schwert," fluesterte der Maure. "Ich fuehr' es +immer mit, auf alle Faelle." + +Und Wirt und Gaeste folgten halb taumelnd dem Praefekten, der, allein voellig +nuechtern, ihnen voran aus dem Hause auf die Strasse schritt. + + + + + Dreizehntes Kapitel. + + +In einem der schmalen Gemaecher des Kaiserpalastes zu Byzanz stand kurze +Zeit nach dem Fest der Floralien ein kleiner Mann von nicht ansehnlicher +Gestalt in sorgenschweres Sinnen versunken. + +Es war still und einsam rings um ihn. + +Obwohl es draussen noch heller Tag, war doch das Rundbogenfenster, das nach +dem Hofraum des weitlaeufigen Gebaeudes fuehrte, mit schweren +golddurchwirkten Teppichen dicht verhangen: gleich koestliche Stoffe +deckten den Mosaikboden des Zimmers, so dass kein Geraeusch die Schritte des +langsam auf und ab Wandelnden begleitete. + +Gedaempftes, mattes Licht fuellte den Raum. + +Auf dem Goldgrund der Waende prangte die lange Reihe der christlichen +Imperatoren seit Constantius in kleinen weissen Buesten: gerade ueber dem +Schreibdivan hing ein grosses mannshohes Kreuz von gediegenem Golde. + +So oft der einsam auf und nieder Schreitende daran vorbeikam, neigte er +das Haupt vor demselben: denn in der Mitte des Goldes war, von Glas +umschlossen, ein Splitter des angeblich echten Kreuzes angebracht. + +Endlich blieb er vor der Weltkarte stehen, die, den Orbis romanus +darstellend, auf purpurgesaeumtem Pergament eine der Waende bedeckte: nach +langem, pruefendem Blick seufzte der Mann und bedeckte mit der Rechten +Gesicht und Augen. + +Es waren keine schoenen Augen und kein edles Gesicht: aber vieles, Gutes +und Boeses, lag darin. + +Wachsamkeit, Misstrauen und List sprachen aus dem unruhigen Blick der +tiefliegenden Augen: schwere Falten, der Sorge mehr als des Alters, +furchten die vorspringende Stirn und die magern Wangen. + +"Wer den Ausgang wuesste!" seufzte er noch einmal, die knochigen Haende +reibend. "Es treibt mich unablaessig. Ein Geist ist in meine Brust gefahren +und mahnt und mahnt. + +Aber ist's ein Engel des Herrn oder ein Daemon? Wer mir meinen Traum +deutete! Vergieb, dreieiniger Gott, vergieb deinem eifrigsten Knecht. Du +hast die Traumdeuter verflucht. + +Aber doch traeumte Koenig Pharao und Joseph durfte ihm deuten: und Jakob sah +im Traum den Himmel offen und ihre Traeume kamen von dir. Soll ich? darf +ich es wagen?" + +Und wieder schritt er unschluessig auf und nieder, wer weiss, wie lange +noch, waere nicht der Purpurvorhang des Eingangs leise gehoben worden. + +Ein goldschimmernder Velarius warf sich vor dem kleinen Mann zur Erde mit +auf der Brust gekreuzten Armen. "Imperator, die Patricier, die du +beschieden." + +"Geduld," sagte jener, sich auf die Kline mit dem Gestell von Gold und +Elfenbein niederlassend, "rasch die Silberschuhe und die Chlamys." + +Der Palastdiener zog ihm die Sandalen mit den dicken Sohlen und den hohen +Absaetzen an, welche die Gestalt um ein paar Zoll erhoehten, und warf ihm +den faltenreichen, mit Goldsternen uebersaeten Mantel um die Schulter, jedes +Stueck der Gewandung kuessend, wie er es beruehrte: nach einer Wiederholung +der fussfaelligen Niederwerfung, die in dieser orientalischen +Unterwuerfigkeit erst neuerlich verschaerft worden war, ging der Velarius. + +Und Kaiser Justinianus stellte sich, den linken Arm auf eine gebrochne +Porphyrsaeule aus dem Tempel von Jerusalem gestuetzt, die zu diesem Behuf +nach seiner Groesse zurechtgesaegt war, in seiner "Audienzattituede" dem +Eingang gegenueber. + +Der Vorhang ging zurueck und drei Maenner betraten das Gemach mit der +gleichen Begruessungsform wie jener Sklave: und doch waren sie die ersten +Maenner dieses Kaiserreichs, wie, mehr noch als ihre reichgeschmueckten +Gewaender, ihre hochbedeutenden Koepfe, ihre geistvollen Zuege bewiesen. + +"Wir haben euch beschieden," hob der Kaiser an, ohne ihre demuetige +Begruessung zu erwidern, "euren Rat zu hoeren - ueber Italien. Ich habe euch +alle noetigen Kenntnisse ueber die Dinge daselbst verschafft: die Briefe der +Regentin, die Dokumente der Patriotenpartei daselbst: drei Tage hattet ihr +Zeit. Erst rede du, Magister Militum." + +Und er winkte dem Groessten unter den dreien, einer stattlichen, ganz in +eine reichvergoldete Ruestung gekleideten Heldengestalt. Die grossen, +offenen, hellbraunen Augen sprachen von Treue und Zuversicht, eine starke +gerade Nase, volle Wangen gaben dem Gesicht den Ausdruck gesunder Kraft, +die breite Brust, die gewaltigen Schenkel und Arme hatten etwas +herkulisches, der Mund aber zeigte trotz des grimmen Rundbartes Milde und +Gutherzigkeit. + +"Herr," sprach er mit voller, aus tiefer Brust quellender Stimme, +"Belisars Rat ist immer: greifen wir die Barbaren an. Soeben hab' ich auf +dein Geheiss das Reich der Vandalen in Afrika zertruemmert mit +fuenfzehntausend Mann. Gieb mir dreissigtausend und ich werde dir die +Gotenkrone zu Fuessen legen." + +"Gut," sprach der Kaiser erfreut, "dies Wort hat mir wohlgethan. - Was +sprichst du, Perle meiner Rechtsgelehrten, Tribonianus?" + +Der Angeredete war wenig kleiner als Belisar, aber nicht so breitschultrig +und die Glieder nicht so sehr durch stete Uebung entwickelt. Die hohe, +ernste Stirn, das ruhige Auge, der festgeschnittene Mund zeugten von einem +maechtigen Geist. "Imperator," sagte er gemessen, "ich warne dich vor +diesem Krieg. Er ist ungerecht." + +Unwillig fuhr Justinianus auf: "Ungerecht! wiederzunehmen, was zum +roemischen Reich gehoert." + +"Gehoert hat. Dein Vorfahr Zeno ueberliess durch Vertrag das Abendland an +Theoderich und seine Goten, wenn sie den Anmasser Odovakar gestuerzt." + +"Theoderich sollte Statthalter des Kaisers sein, nicht Koenig von Italien." + +"Zugegeben. Aber nachdem er es geworden - wie er es werden musste, ein +Theoderich konnte nicht der Diener eines Kleinern sein - hat ihn Kaiser +Anastasius, dein Ohm Justinus, du selbst hast ihn anerkannt, ihn und sein +Koenigreich." + +"Im Drang der Not. Jetzt, da sie in Not und ich der Staerkere, nehm' ich +die Anerkennung zurueck." + +"Das eben nenn' ich ungerecht." + +"Du bist unbequem und unbeholfen, Tribonian, und ein zaeher Rechthaber. Du +taugst trefflich, meine Pandekten zusammenzubauen. In Politik werd' ich +dich nie wieder befragen. Was hat die Gerechtigkeit mit der Politik zu +thun!" + +"Gerechtigkeit, o Justinianus, ist die beste Politik." + +"Bah, Alexander und Caesar dachten anders." + +"Sie haben erstens ihr Werk nicht vollendet und dann zweitens" - er hielt +inne. + +"Nun, zweitens?" + +"Zweitens bist du nicht Caesar und nicht Alexander." - + +Alle schwiegen. Nach einer Pause sagte der Kaiser ruhig: "du bist sehr +offen, Tribonianus." + +"Immer, Justinianus." + +Rasch wandte sich der Kaiser zu dem dritten. "Nun, was ist deine Meinung, +Patricius?" + + + + + Vierzehntes Kapitel. + + +Der Angeredete verbannte rasch von seinen Lippen ein kaltes Laecheln, das +ihm die Moralpolitik des Juristen erweckt und richtete sich auf. + +Er war ein verkrueppeltes Maennchen, noch bedeutend kleiner als Justinian, +weshalb dieser im Gespraech mit ihm den Kopf noch viel mehr als noetig +gewesen waere, herabsenkte. Er war kahlkoepfig, die Wangen von krankhaftem +Wachsgelb, die rechte Schulter hoeher als die linke und er hinkte etwas auf +dem linken Fuss, weshalb er sich auf einen schwarzen Krueckstock mit goldnem +Gabelgriff stuetzte. Aber das durchdringende Auge war so adlergewaltig, dass +es von dieser unansehnlichen Gestalt den Eindruck des Widrigen fern hielt, +dem fast haesslichen Gesicht die Weihe geistiger Groesse verlieh: und der Zug +schmerzlicher Entsagung und kuehler Ueberlegenheit um den feinen Mund hatte +sogar einen fesselnden Reiz. "Imperator," sagte er mit scharfer bestimmter +Stimme, "ich widerrate diesen Krieg - fuer jetzt." + +Unwillig zuckte des Kaisers Auge: "Auch aus Gruenden der Gerechtigkeit?" +fragte er, fast hoehnisch. - "Ich sagte: fuer jetzt." - "Und warum?" - "Weil +das Notwendige dem Angenehmen vorgeht. Wer sein Haus zu verteidigen hat, +soll nicht in fremde Haeuser einbrechen." - "Was soll das heissen?" - "Das +soll heissen: vom Westen, von den Goten droht diesem Reiche keine Gefahr. +Der Feind, der dieses Reich verderben kann, vielleicht verderben wird, +koemmt vom Osten." + +"Die Perser!" rief Justinian veraechtlich. + +"Seit wann," sprach Belisar dazwischen, "seit wann fuerchtet Narses, mein +grosser Nebenbuhler, die Perser?" + +"Narses fuerchtet niemand," sagte dieser, ohne seinen Gegner anzusehn, +"weder die Perser, die er geschlagen hat, noch dich, den die Perser +geschlagen haben. Aber er kennt den Orient. Sind es die Perser nicht, so +sind es andre, die nach ihnen kommen. Das Gewitter, das Byzanz bedroht, +steigt vom Tigris auf, nicht vom Tiber." + +"Nun, und was soll das bedeuten?" + +"Das soll bedeuten, dass es schimpflich ist fuer dich, o Kaiser, fuer den +Roemernamen, den wir noch immer fuehren, Jahr fuer Jahr von Chosroes dem +Perserchan den Frieden um viele Centner Goldes zu erkaufen." + +Flammende Roete ueberflog des Kaisers Antlitz: "Wie kannst du Geschenke, +Hilfsgelder also deuten!" + +"Geschenke! und wenn sie ausbleiben, eine Woche nur ueber den Zahltag, +verbrennt Chosroes, des Cabades Sohn, deine Doerfer. Hilfsgelder! und er +besoldet damit Hunnen und Saracenen, deiner Grenzen gefaehrlichste Feinde." + +Justinian machte einen raschen Gang durchs Zimmer. "Was also raetst du?" +fragte er, hart vor Narses stehen bleibend. "Nicht die Goten anzugreifen +ohne Not, ohne Grund, wenn man sich der Perser kaum erwehrt. Alle Kraefte +deines Reiches aufzubieten, um diese schimpflichen Tribute abzustellen, +die schmaehlichen Verheerungen deiner Grenzen zu verhindern, die +verbrannten Staedte Antiochia, Dara, Edessa wieder aufzubauen, die +Provinzen wieder zu gewinnen, die du im nahen Osten, - trotz Belisars +tapfrem Schwert, - verloren, deine Grenzen durch einen siebenfachen Guertel +von Festungen vom Euphrat bis zum Araxes zu schirmen. Und hast du dies +Notwendige alles vollbracht - und ich fuerchte sehr, du kannst es nicht +vollbringen! - dann magst du versuchen, wozu der Ruhm dich lockt." + +Justinianus schuettelte leicht das Haupt. "Du bist mir nicht erfreulich, +Narses," sagte er bitter. + +"Das weiss ich laengst," sprach dieser ruhig. + +"Und nicht unentbehrlich!" rief Belisar stolz. "Kehre dich nicht, mein +grosser Kaiser, an diese kleinen Zweifler! Gieb mir die dreissigtausend und +ich wette meine rechte Hand, ich erobre dir Italien." + +"Und ich wette meinen Kopf," sagte Narses, "was mehr ist, dass Belisar +Italien nicht erobern wird, nicht mit dreissig-, nicht mit sechzig-, nicht +mit hunderttausend Mann." + +"Nun," fragte Justinian, "und wer soll's dann koennen und mit welcher +Macht?" + +"Ich," sagte Narses, "mit achtzigtausend." + +Belisar ergluehte vor Zorn: er schwieg, weil er keine Worte fand. + +"Du hast dich doch bei allem Selbstgefuehl sonst nie so hoch ueber deinen +Gegner gestellt," sprach der Jurist. + +"Und thu's auch jetzt nicht, Tribonian. Sieh, der Unterschied ist der: +Belisarius ist ein grosser Held, der bin ich nicht. Aber ich bin ein grosser +Feldherr - und siehe, das ist Belisarius nicht. Die Goten aber wird nur +ein grosser Feldherr ueberwinden." + +Belisarius richtete sich in seiner ganzen stolzen Hoehe auf und presste die +Faust krampfhaft um seinen Schwertknauf. Es war als wollte er dem Krueppel +neben ihm den Kopf zerdruecken. Der Kaiser sprach fuer ihn: "Belisar kein +grosser Feldherr! Der Neid verblendet dich, Narses." + +"Ich beneide Belisar um nichts, nicht einmal," seufzte er leise, "um seine +Gesundheit. Er waere ein grosser Feldherr, wenn er nicht ein so grosser Held +waere. Er hat noch jede Schlacht die er verlor, aus zu viel Heldentum +verloren." + +"Das kann man von dir nicht sagen, Narses," warf Belisar bitter ein. + +"Nein, Belisarius, denn ich habe noch nie eine Schlacht verloren." + +Eine ungeduldige Antwort Belisars ward abgeschnitten durch den Velarius, +der, den Vorhang aufhebend, meldete: + +"Alexandros, den du nach Ravenna gesendet, o Herr, ist seit einer Stunde +gelandet und fraegt -" + +"Herein mit ihm, herein!" rief der Kaiser, hastig von seiner Kline +aufspringend. Ungeduldig winkte er dem Gesandten, von seiner Proskynesis +sich zu erheben: "Nun Alexandros, du koemmst allein zurueck?" + +Der Gesandte, ein schoener, noch junger Mann, wiederholte: "Allein." + +"Es verlautete doch - dein letzter Bericht - wie verliessest du das +Gotenreich?" + +"In grosser Verwirrung. Ich schrieb dir in meinem letzten Bericht, die +Koenigin habe beschlossen, sich ihrer drei hochmuetigsten Feinde zu +entledigen. Sollte der Anschlag misslingen, so war sie in Italien nicht +mehr sicher und bat sich in diesem Fall aus, dass ich sie auf meinem Schiff +nach Epidamnus, dann hierher nach Byzanz fluechten duerfe." + +"Was ich mit Freuden bewilligte. Nun, und der Anschlag?" + +"Ist geglueckt. Die drei Herzoge sind nicht mehr. + +Aber nach Ravenna kam das Geruecht, der gefaehrlichste unter ihnen, Herzog +Thulun, sei nur verwundet. Dies bewog die Regentin, da ohnehin die Goten +in der Stadt sich drohend vor dem Palaste scharten, auf mein Schiff zu +fluechten. Wir lichteten die Anker, aber bald nachdem wir den Hafen +verlassen, schon auf der Hoehe von Ariminum, holte uns Graf Witichis mit +Uebermacht ein, kam an Bord und forderte Amalaswinthen auf, zurueckzukehren, +indem er sich fuer ihre Sicherheit bis zu feierlicher Untersuchung vor der +Volksversammlung verbuergte. Da sie von ihm erfuhr, dass jetzt auch Herzog +Thulun seinen Wunden erlegen, und aus seinem Anerbieten sah, dass er und +seine maechtigen Freunde noch nicht an ihre Schuld glaubten, da ueberdies +Gewalt zu fuerchten war, willigte sie darein, mit ihm umzukehren nach +Ravenna. Zuvor aber schrieb sie noch an Bord der Sophia diesen Brief an +dich und sendet dir aus ihrem Schatze diese Geschenke." + +"Davon spaeter, sprich weiter, wie stehn die Dinge jetzt in Italien?" + +"Gut fuer dich, o grosser Kaiser. Das vergroesserte Geruecht von dem Aufstand +der Goten in Ravenna, von der Flucht der Regentin nach Byzanz durchflog +das ganze Land. Vielfach kam es schon zum Zusammenstoss zwischen Roemern und +Barbaren. In Rom selbst wollten die Patrioten losschlagen, im Senat einen +Diktator waehlen, deine Hilfe anrufen. Aber alles waere verfrueht gewesen, +nachdem die Regentin in den Haenden des Witichis: nur das geniale Haupt der +Katakombenmaenner hat es verhindert." + +"Der Praefekt von Rom?" fragte Justinian. + +"Cethegus. Er misstraute dem Geruecht. Die Verschworenen wollten die Goten +ueberfallen, dich zum Kaiser Italiens ausrufen, ihn einstweilen zum +Diktator waehlen. Aber er liess sich in der Kurie buchstaeblich die Dolche +auf die Brust setzen und sagte: nein." + +"Ein mutiger Mann!" rief Belisar. + +"Ein gefaehrlicher Mann!" sagte Narses. + +"Eine Stunde darauf kam die Nachricht von der Rueckkehr Amalaswinthens und +alles blieb beim alten. Der schwarze Teja aber hatte geschworen, Rom zu +einer Viehweide zu machen, wenn es einen Tropfen Gotenblut vergossen. All' +das hab ich auf meiner absichtlich zoegernden Kuestenfahrt bis nach +Brundusium erfahren. Aber noch Besseres hab' ich zu melden. Nicht nur +unter den Roemern, unter den Goten selbst hab' ich eifrige Freunde von +Byzanz gefunden, ja unter den Gliedern des Koenigshauses." + +"Das waere!" rief Justinian. "Wen meinst du?" + +"In Tuscien lebt, reichbeguetert, Fuerst Theodahad, Amalaswinthens Vetter." + +"Jawohl, der letzte Mann im Haus der Amalungen, nicht wahr?" + +"Der letzte. Er und noch viel mehr Gothelindis, sein kluges, aber boeses +Gemahl, die stolze Baltentochter, hassen aufs gruendlichste die Regentin: +er, weil sie seiner masslosen Habsucht, mit der er all' seiner Nachbarn +Grundbesitz an sich zu reissen sucht, entgegentritt: sie, aus Gruenden, die +ich nicht entdecken konnte: ich glaube, sie reichen in die Maedchenzeit der +beiden Fuerstinnen zurueck - genug, ihr Hass ist toedlich. Diese beiden nun +haben mir zugesagt, dir in jeder Weise Italien zurueckgewinnen helfen zu +wollen: ihr genuegt es, scheint's, die Todfeindin vom Thron zu stuerzen: er +freilich fordert reichen Lohn." + +"Der soll ihm werden." + +"Seine Hilfe ist deshalb wichtig, weil er schon halb Tuscien besitzt - das +Adelsgeschlecht der Woelsungen hat den andern Teil - und spielend in unsre +Haende bringen kann: dann aber, weil er, wenn Amalaswintha faellt, ihr auf +den Thron zu folgen Aussicht hat. Hier sind Briefe von ihm und von +Gothelindis. Aber lies vor allem das Schreiben der Regentin - ich glaube, +es ist sehr wichtig." + + + + + Fuenfzehntes Kapitel. + + +Der Kaiser zerschnitt die Purpurschnuere der Wachstafel und las: "An +Justinian, den Imperator der Roemer, Amalaswintha, der Goten und Italier +Koenigin!" + +"Der Italier Koenigin," lachte Justinian, "welch' verrueckter Titel!" + +"Durch Alexandros, deinen Gesandten, wirst du erfahren, wie Eris und Ate +in diesem Lande hausen. Ich gleiche der einsamen Palme, die von +widerstreitenden Winden zerrissen wird. Die Barbaren werden mir taeglich +feindseliger, ich ihnen taeglich fremder, die Roemer aber, soviel ich mich +ihnen naehere, werden mir nie vergessen, dass ich germanischen Stammes. Bis +jetzt habe ich entschlossenen Geistes allen Gefahren getrotzt: jedoch ich +kann es nicht laenger, wenn nicht wenigstens mein Palast, meine fuerstliche +Person vor der Ueberraschung draengender Gewalt sicher ist. Ich kann mich +aber auf keine der Parteien hier im Lande unbedingt verlassen. + +So ruf ich dich, als meinen Bruder in der koeniglichen Wuerde, zu Hilfe. Es +ist die Majestaet aller Koenige, die Ruhe Italiens, die es zu beschirmen +gilt. + +Schicke mir, ich bitte dich, eine verlaessige Schar, eine Leibwache" - der +Kaiser warf einen bedeutsamen Blick auf Belisar - "eine Schar von einigen +tausend Mann mit einem mir unbedingt ergebenen Anfuehrer: sie sollen den +Palast von Ravenna besetzen: er ist eine Festung fuer sich. Was Rom +betrifft, so muessen jene Scharen mir vor allem den Praefekten Cethegus, der +ebenso maechtig als zweideutig ist und mich in der Gefahr, in die er mich +gefuehrt, ploetzlich verlassen hat, fern halten, noetigenfalls vernichten. +Habe ich meine Feinde niedergeworfen und mein Reich befestigt, wie ich zum +Himmel und der eignen Kraft vertraue, so werd' ich dir Truppen und Fuehrer +mit reichen Geschenken und reicherem Dank zuruecksenden. Vale." + +Justinian drueckte krampfhaft die Wachstafel in seiner Faust: leuchtenden +Auges sah er vor sich hin, seine nicht schoenen Zuege veredelten sich im +Ausdruck hoher geistiger Macht, und dieser Augenblick zeigte, dass in dem +Manne neben vielen Schwaechen und Kleinheiten Eine Staerke, Eine Groesse +lebte: die Groesse eines diplomatischen Genies. + +"In diesem Brief," rief er endlich strahlenden Blickes, "halt' ich Italien +und das Gotenreich." Und in maechtiger Bewegung durchschritt er das Gemach +mit grossen Schritten, jetzt sogar die Verbeugung vor dem Kreuz vergessend. + +"Eine Leibwache - sie soll sie haben! - Aber nicht ein paar Tausend Mann, +viele Tausende, mehr als ihr lieb sein wird, und du, Belisarius, sollst +sie fuehren." + +"Sieh auch die Geschenke," mahnte Alexandros und wies auf einen koestlichen +Schrein von Thuienholz mit Gold eingelegt, den der Velarius hinter ihm +niedergestellt hatte. "Hier ist der Schluessel." Er ueberreichte ein kleines +Buechschen von Schildpatt, das mit der Regentin Siegel geschlossen war. + +"Es ist ihr Bild dabei," sagte er, wie zufaellig mit lauterer Stimme. + +In dem Augenblick, da der Gesandte die Stimme kraeftiger erhoben, steckte +sich, leise und unbemerkt von allen ausser ihm, der Kopf eines Weibes durch +den Vorhang und zwei funkelnde schwarze Augen sahen scharf auf den Kaiser. +Dieser oeffnete den Schrein, schob rasch alle Kostbarkeiten bei Seite und +griff hastig nach einem unscheinbaren Taefelchen von geglaettetem Buchs mit +einem schmalen Goldrahmen. Ein Ruf des Staunens entflog unwillkuerlich +seinen Lippen, sein Auge blitzte, er zeigte das Bild Belisar: "Ein +herrliches Weib, welche Majestaet der Stirn! ja man sieht die geborene +Herrscherin, die Koenigstochter!" und bewundernd sah er auf die edeln Zuege. + +Da rauschte der Vorhang und die Lauscherin trat ein. + +Es war Theodora, die Kaiserin: ein verfuehrerisches Weib. Alle Kuenste +weiblichen Erfindungsgeistes in einer Zeit des aeussersten Luxus und alle +Mittel eines Kaiserreichs wurden taeglich stundenlang aufgeboten, diese an +sich ausgezeichnete, aber durch ein zuegelloses Sinnenleben frueh +angegriffene Schoenheit frisch und blendend zu erhalten. + +Goldstaub lieh ihrem dunkelblauschwarzen Haar metallischen Glanz: es war +am Nacken mit aller Sorgfalt gegen den Wirbel hinaufgekaemmt, den schoenen +Bau des Hinterkopfs, den feinen Ansatz des Halses zu zeigen. + +Augenbrauen und Wimpern waren mit arabischem Stimmi glaenzend schwarz +gefaerbt: und so kuenstlich war das Rot der Lippen aufgetragen, dass selbst +Justinian, der diese Lippen kuesste, nie an eine Unterstuetzung der Natur +durch phoenikischen Purpur dachte. Jedes Haerchen an den alabasterweissen +Armen war sorgfaeltig ausgetilgt und das zarte Rosa der Fingernaegel +beschaeftigte taeglich eine besondere Sklavin lange Zeit. + +Und doch haette Theodora, damals noch nicht vierzig Jahre alt, auch ohne +all' diese Kuenste fuer ein ganz auffallend schoenes Weib gelten muessen. + +Edel freilich war dieses Antlitz nicht: kein grosser, ja kein stolzer +Gedanke sprach aus diesen angestrengten, unheimlich glaenzenden Augen: um +die Lippen schwebte ein zur Gewohnheit gewordenes Laecheln, das die Stelle +der ersten kuenftigen Falte ahnen liess: und die Wangen zeigten in der Naehe +der Augen Spuren mueder Erschoepfung. + +Aber wie sie jetzt, mit ihrem suessesten Laecheln, auf Justinian zuschwebte, +das schwere Faltenkleid von dunkelgelber Seide zierlich mit der Linken +aufhebend, uebte die ganze Erscheinung einen betaeubenden Zauber, aehnlich +dem suessen einlullenden Geruch von indischem Balsam, der von ihr duftete. + +"Was erfreut meinen kaiserlichen Herrn so sehr? darf ich seine Freude +teilen?" fragte sie mit suesser, einschmeichelnder Stimme. Die Anwesenden +warfen sich vor der Kaiserin zur Erde, kaum minder ehrerbietig als vor +Justinian. + +Dieser aber schrak bei ihrem Anblick, wie auf einer Schuld ertappt, +zusammen und wollte das Bild in der Busenfalte seiner Chlamys verbergen. +Aber zu spaet. Schon haftete der Kaiserin scharfer Blick darauf. + +"Wir bewunderten," sagte er verlegen, "die - die schoene Goldarbeit des +Rahmens." Und er reichte ihr erroetend das Bild. + +"Nun, an dem Rahmen," laechelte Theodora, "ist beim besten Willen nicht +viel zu bewundern. Aber das Bild ist nicht uebel. Gewiss die Gotenfuerstin?" +Der Gesandte nickte. "Nicht uebel, wie gesagt. Aber barbarisch, streng, +unweiblich. Wie alt mag sie sein, Alexandros?" + +"Etwa fuenfundvierzig." + +Justinian blickte fragend auf das Bild, dann auf den Gesandten. "Das Bild +ist vor fuenfzehn Jahren gemacht," sagte Alexandros wie erklaerend. + +"Nein," sprach der Kaiser, "du irrst; hier steht die Jahrzahl nach +Indiktion und Konsul und ihrem Regierungsantritt: es ist von diesem Jahr." + +Eine peinliche Pause entstand. + +"Nun," stammelte der Gesandte, "dann schmeicheln die Maler wie-" - "Wie +die Hoeflinge," schloss der Kaiser. Aber Theodora kam ihm zu Hilfe. + +"Was plaudern wir von Bildern und dem Alter fremder Weiber, wo es sich um +das Reich handelt. Welche Nachrichten bringt Alexandros? Bist du +entschlossen, Justinianus?" - "Beinahe bin ich es. Nur deine Stimme wollte +ich noch hoeren und du, das weiss ich, bist fuer den Krieg." + +Da sagte Narses ruhig: "Warum, Herr, hast du uns nicht gleich gesagt, dass +die Kaiserin den Krieg will? Wir haetten unsre Worte sparen koennen." - +"Wie? willst du damit sagen, dass ich der Sklave meines Weibes bin?" - +"Huete besser deine Zunge," sagte Theodora zornig, "schon manchen, der +sonst unverwundbar schien, hat die eigne spitze Zunge erstochen." + +"Du bist sehr unvorsichtig, Narses," warnte Justinian. + +"Imperator," sagte dieser ruhig, "die Vorsicht hab' ich laengst aufgegeben. +Wir leben in einer Zeit, in einem Reich, an einem Hof, wo man um jedes +moegliche Wort, das man gesprochen oder nicht gesprochen hat, in Ungnade +fallen, zu Grunde gehen kann. Da mir nun jedes Wort den Tod bringen kann, +will ich wenigstens an solchen Worten sterben, die mir selbst gefallen." + +Der Kaiser laechelte: "Du musst gestehn, Patricius, dass ich viel Freimut +ertrage." + +Narses trat auf ihn zu: "Du bist gross von Natur, o Justinianus, und ein +geborner Herrscher: sonst wuerde Narses dir nicht dienen. Aber Omphale hat +selbst Herkules klein gemacht." + +Die Augen der Kaiserin spruehten toedlichen Hass. Justinian ward aengstlich. + +"Geht," sagte er, "ich will mit der Kaiserin allein beraten. Morgen +vernehmt ihr meinen Entschluss." + + + + + Sechzehntes Kapitel. + + +So wie sie draussen waren, schritt Justinian auf seine Gattin zu und +drueckte einen Kuss auf ihre weisse niedre Stirn. "Vergieb ihm," sagte er, +"er meint es gut." + +"Ich weiss es," sagte sie, seinen Kuss erwidernd. "Darum, und weil er +unentbehrlich ist gegen Belisar, darum lebt er noch." - "Du hast Recht, +wie immer." Und er schlang den Arm um sie. "Was hat er besondres vor?" +dachte Theodora. "Diese Zaertlichkeit deutet auf ein schlechtes Gewissen." + +"Du hast Recht," wiederholte er, mit ihr im Gemach auf und nieder +schreitend. "Gott hat mir den Geist versagt, der die Schlachten +entscheidet, aber mir dafuer diese beiden Maenner des Sieges gegeben - und +zum Glueck ihrer zwei. Die Eifersucht dieser beiden sichert meine +Herrschaft besser als ihre Treue: jeder dieser Feldherren allein waere eine +stete Reichsgefahr und an dem Tage, da sie Freunde wuerden, wankte mein +Thron. Du schuerst doch ihren Hass?" + +"Er ist leicht schueren: es ist zwischen ihnen eine natuerliche Feindschaft +wie zwischen Feuer und Wasser. Und jede Bosheit des Verschnittenen erzaehl' +ich mit grosser Entruestung meiner Freundin Antonina, des Helden Belisar +Weib und Gebieterin." - "Und jede Grobheit des Helden Belisar bericht' ich +treulich dem reizbaren Krueppel. - Aber zu unsrer Beratung. Ich bin, nach +dem Bericht des Alexandros, so gut wie entschlossen zu dem Zug nach +Italien." + +"Wen willst du senden?" - "Natuerlich Belisar. Er verheisst, mit +dreissigtausend zu vollbringen, was Narses kaum mit achtzigtausend +uebernehmen will." + +"Glaubst du, dass jene kleine Macht genuegen wird?" + +"Nein. Aber Belisars Ehre ist verpfaendet: er wird all seine Kraft +aufbieten und es wird ihm doch nicht ganz gelingen." - "Und das wird ihm +sehr heilsam sein. Denn seit dem Vandalensieg ist sein Stolz nicht mehr zu +ertragen." - "Aber er wird drei Viertel der Arbeit thun. Dann rufe ich ihn +ab, breche selbst mit sechstausend auf, nehme Narses mit, vollende im +Spiel das letzte Viertel und bin dann auch ein Feldherr und ein Sieger." + +"Fein gedacht," sagte Theodora in aufrichtiger Bewunderung seiner +Schlauheit: "dein Plan ist reif." + +"Freilich," sagte Justinian seufzend stehen bleibend, "Narses hat Recht, +im geheimen Grund des Herzens muss ich's zugestehen. Es waere dem Reiche +heilsamer, die Perser abwehren, als die Goten angreifen. Es waere mehr +sichere, weisere Politik. Denn vom Osten koemmt einst das Verderben." + +"Lass es kommen! Das kann noch Jahrhunderte anstehn, wann von Justinian nur +noch der Ruhm auf Erden lebt, wie Afrika, so Italien zurueckgewonnen zu +haben. Hast du fuer die Ewigkeit zu bauen? Die nach dir kommen, moegen fuer +ihre Gegenwart sorgen: sorge du fuer die deine." - "Wenn man aber dann +sprechen wird: haette Justinian verteidigt, statt zu erobern, so stuend' es +besser? Wenn man sagen wird: Justinians Siege haben sein Reich zerstoert?" +- "So wird niemand sprechen. Die Menschen blendet der Glanz des Ruhms. Und +noch Eins" - und hier verdraengte der Ernst der tiefsten Ueberzeugung den +Ausdruck listiger Beschwatzung von ihren schmeichelnden Zuegen. + +"Ich ahn' es, doch vollende." + +"Du bist nicht nur Kaiser, du bist ein Mensch. + +Hoeher als das Reich muss dir deiner Seele Seligkeit stehen. Auf deinem, auf +unsrem Pfad zur Herrschaft, zu dem Glanz dieser Herrschaft musste mancher +blut'ge Schritt geschehn: manches Harte musste gethan werden: Leben und +Schaetze, so manchen gefaehrlichen Feindes mussten - genug. + +Wohl bauen wir mit einem Teil dieser Schaetze der heilgen, der christlichen +Weisheit jenen Siegestempel, der allein schon unsern Namen unsterblich +machen wird auf Erden. Aber fuer den Himmel - wer weiss, ob es genuegt! + +Lass uns" - und ihr Auge ergluehte von unheimlichem Feuer - "lass uns die +Unglaeubigen vertilgen und ueber die Leichen der Feinde Christi hin den Weg +zur Gnade suchen." Justinian drueckte ihre Hand. "Auch die Perser sind +Feinde Christi, sind sogar Heiden." - "Hast du vergessen, was der +Patriarch gelehrt? Ketzer sind siebenmal schlimmer als Heiden! Ihnen ward +der rechte Glaube gebracht und sie haben ihn verschmaeht. Das ist die Suende +wider den heilgen Geist, die nie vergeben wird - auf Erden und im Himmel. +Du aber bist das Schwert, dass diese gottverfluchten Arianer schlagen soll: +sie sind Christi verhassteste Feinde: sie kennen ihn und leugnen dennoch, +dass er Gott. Schon hast du in Afrika die ketzerischen Vandalen +niedergeworfen und den Irrwahn dort in Blut und Feuer erstickt: jetzt ruft +dich Italien, Rom, die Staette, wo der Apostelfuersten Blut geflossen, die +heilge Stadt: nicht laenger darf sie diesen Ketzern dienen. Justinian, gieb +sie dem wahren Glauben wieder." + +Sie hielt inne. Der Kaiser blickte schwer aufatmend zu dem Goldkreuz +empor. "Du deckst die letzten Tiefen meines Herzens auf: das ist es ja, +was, noch maechtiger als Ruhm und Siegesehre, mich zu diesen Kriegen +treibt. Aber bin ich faehig, bin ich wuerdig so Grosses, so Heiliges zu +Gottes Ehre zu vollenden? Will er durch meine suendge Hand so Grosses +vollfuehren? Ich zweifle, ich schwanke. Und der Traum, der mir in dieser +Nacht geworden, war er von Gott gesendet? und was soll er bedeuten? treibt +er zum Angriff oder mahnt er ab? Nun, hatte deine Mutter Komito, die +Wahrsagerin von Kypros, grosse Weisheit, Ahnungen und Traeume zu deuten." - + +"Und du weisst, die Gabe ist erblich. Habe ich dir nicht auch den Ausgang +des Vandalenkriegs aus deinem Traume gedeutet?" + +"Du sollst mir auch diesen Traum erklaeren. Du weisst, ich werde irre an dem +besten Plan, wenn ein Omen dawider spricht. Hoere denn. Aber" - und er warf +einen aengstlichen Blick auf sein Weib, - "aber bedenke, dass es ein Traum +war und kein Mensch fuer seine Traeume kann." + +"Natuerlich, sie sendet Gott." - "Was werd ich vernehmen?" sagte sie zu +sich selbst. + +"Ich war gestern Nacht eingeschlafen, erwaegend den letzten Bericht ueber +Amala - ueber Italien. Da traeumte mir, ich ging durch eine Landschaft mit +sieben Huegeln. Dort ruhte unter einem Lorbeer das schoenste Weib, das ich +je gesehn. Ich stand vor ihr und betrachtete sie mit Wohlgefallen. +Ploetzlich brach aus dem Busch zur Rechten ein bruellender Baer, aus dem +Gestein zur Linken eine zischende Schlange gegen die Schlummernde hervor. +Aufwachend rief sie meinen Namen. Rasch ergriff ich sie, drueckte sie an +meine Brust und floh mit ihr: rueckblickend sah ich, wie der Baer die +Schlange zerriss und die Schlange den Baeren zu Tode biss." + +"Nun, und das Weib?" + +"Das Weib drueckte einen fluechtigen Kuss auf meine Stirn und war ploetzlich +wieder verschwunden, und ich erwachte, vergebens die Arme nach ihr +ausstreckend. Das Weib," fuhr er rasch fort, ehe Theodora nachsinnen +sollte, "ist natuerlich Italien." + +"Jawohl," sagte die Kaiserin ruhig. Aber ihr Busen wogte. "Der Traum ist +der gluecklichste. Baer und Schlange sind Barbaren und Italier, die um die +Siebenhuegelstadt ringen. Du entreissest sie beiden und laesst sie sich +gegenseitig vernichten." + +"Aber sie entschwindet mir wieder: - sie bleibt mir nicht." + +"Doch. Sie kuesst dich und verschwindet in deinen Armen. So wird Italien +aufgehn in deinem Reich." + +"Du hast recht," rief Justinian aufspringend. "Sei bedankt, mein kluges +Weib. Du bist die Leuchte meiner Seele. Es sei gewagt: - Belisar soll +ziehn." + +Und er wollte den Velarius rufen. Doch hielt er ploetzlich an. "Aber noch +eins." Und die Augen niederschlagend, fasste er ihre Hand. + +"Ah," dachte Theodora, "jetzt kommt's." + +"Wenn wir nun das Gotenreich zerstoert und in die Hofburg von Ravenna mit +Hilfe der Koenigin selbst eingezogen sind - was - was soll dann mit ihr, +der Fuerstin, werden?" + +"Nun," sagte Theodora voellig unbefangen, "was mit ihr werden soll? Was mit +dem entthronten Vandalenkoenig geworden. Sie soll hierher, nach Byzanz." + +Justinian atmete hoch auf. "Mich freut es, dass du das Richtige fandest." + +Und in wirklicher Freude drueckte er ihr die schmale, weisse, +wunderzierliche Hand. + +"Mehr als das," fuhr Theodora fort. "Sie wird um so leichter auf unsre +Plaene eingehen, je sicherer sie einer ehrenvollen Aufnahme hier +entgegensieht. So will ich selbst ihr ein schwesterliches Schreiben +senden, sie einzuladen. Sie soll im Fall der Not stets ein Asyl an meinem +Herzen finden." + +"Du weisst gar nicht," fiel Justinian eifrig ein, "wie sehr du dadurch +unsern Sieg erleichterst. Die Tochter Theoderichs muss voellig von ihrem +Volk hinweg zu uns gezogen werden. Sie selbst soll uns nach Ravenna +fuehren." + +"Dann kannst du aber nicht gleich Belisar mit einem Heere senden. Das +wuerde sie nur argwoehnisch machen und widerspenstig. Sie muss voellig in +unsern Haenden, das Barbarenreich von innen heraus gebrochen sein, ehe das +Schwert Belisars aus der Scheide faehrt." + +"Aber in der Naehe muss er von jetzt an stehen." + +"Wohl, etwa auf Sicilien. Die Unruhen in Afrika geben den besten Vorwand, +eine Flotte in jene Gewaesser zu senden. Und sowie das Netz gelegt, muss +Belisars Arm es zuziehn." + +"Aber wer soll es legen?" + +Theodora dachte eine Weile nach; dann sagte sie: + +"Der geistgewaltigste Mann des Abendlands: Cethegus Caesarius, der Praefekt +von Rom, mein Jugendfreund." + +"Recht. Aber nicht er allein. Er ist ein Roemer, nicht mein Unterthan, mir +nicht voellig sicher. Wen soll ich senden. Noch einmal Alexandros?" + +"Nein," rief Theodora rasch, "er ist zu jung fuer ein solches Geschaeft. +Nein." Und sie schwieg nachdenklich. "Justinian," sprach sie endlich, "auf +dass du siehst, wie ich persoenlichen Hass vergessen kann, wo es das Reich +gilt und der rechte Mann gewaehlt werden muss, schlage ich dir selber meinen +Feind vor: Petros, des Narses Vetter, des Praefekten Studiengenossen, den +schlauen Rhetor: - ihn sende." + +"Theodora," - rief der Kaiser erfreut, sie umarmend, "du bist mir wirklich +von Gott geschenkt. Cethegus - Petros - Belisar: Barbaren, ihr seid +verloren!" + + + + + Siebzehntes Kapitel. + + +Am Morgen darauf erhob sich die schoene Kaiserin vergnuegt von dem +schwellenden Pfuehl, dessen weiche Kissen, mit blassgelber Seide ueberzogen, +mit den zarten Halsfedern des pontischen Kranichs gefuellt waren. + +Vor dem Bette stand ein Dreifuss mit einem silbernen Becken, den Okeanos +darstellend, darin lag eine massiv goldne Kugel. Die weiche Hand der +Kaiserin hob laessig die Kugel und liess sie klingend in das Becken fallen: +der helle Ton rief die syrische Sklavin in das Gemach, die im Vorzimmer +schlief. Mit auf der Brust gekreuzten Armen trat sie an das Lager und +schlug die schweren Vorhaenge von violetter chinesischer Seide zurueck. Dann +ergriff sie den sanften iberischen Schwamm, der, in Eselmilch getraenkt, in +krystallner Schale ruhte und bestrich damit sorgfaeltig die Masse von +oeligem Teig, die Gesicht und Hals der Kaiserin waehrend der Nacht bedeckte. + +Dann kniete sie vor dem Bette nieder, das Haupt fast zur Erde gebeugt und +reichte die rechte Hand hinauf. + +Theodora fasste diese Hand, setzte langsam den kleinen Fuss auf den Nacken +der Knieenden und schwang sich dann elastisch zur Erde. Die Sklavin erhob +sich und warf der Herrin, die jetzt, nur mit der Untertunica von feinstem +Bast bekleidet, auf dem Palmenholzrand des Bettes sass, den feinen +Ankleidemantel von Rosagewebe ueber die Schultern. + +Dann verneigte sie sich, wandte sich zur Thuere, rief "Agave!" und +verschwand. Agave, eine junge, schoene Thessalierin, trat ein; sie rollte +dicht vor die Herrin den mit unzaehligen Buechschen und Flaeschchen besetzten +Waschtisch von Citrusholz und begann, ihr Gesicht, Nacken und Haende mit +weichen, in verschiedene Weine und Salben getauchten Tuechern zu reiben. + +Daraus erhob sich diese vom Lager und glitt auf den bunten, mit Pardelfell +ueberzogenen Stuhl, die Kathedra. + +"Das grosse Bad erst gegen Mittag!" sagte sie. + +Da schob Agave eine ovale Wanne von Terebinthenholz heran, aussen mit +Schildpatt bekleidet, gefuellt mit koestlich duftendem Wasser und hob die +zierlichen, glaenzend weissen Fuesse der Herrin hinein. Hierauf loeste sie das +Netz von Goldfaeden, das die Nacht ueber die blau glaenzenden Haare der +Kaiserin zusammenhielt, so dass jetzt die weichen schwarzen Wellen ueber +Schultern und Brust wallen konnten. Sie schlang ihr noch das breite +Busenband von Purpur um, verneigte sich und ging mit dem Rufe: "Galatea!" + +Eine betagte Sklavin loeste sie ab, die Amme und Waerterin und, leider +muessen wir hinzufuegen, die Kupplerin Theodoras in der Zeit, da sie nur +erst des Akacius, des Loewenwaerters im Cirkus, flitterbehaengtes Toechterlein +und, fast noch ein Kind, der schon tief verdorbne Liebling des grossen +Cirkus war. Alle Demuetigungen und Triumphe, alle Laster und Listen auf der +Abenteurerin wechselndem Pfad bis zum Kaiserthron hatte Galatea getreulich +geteilt. + +"Wie hast du geschlafen, mein Taeubchen?" fragte sie, ihr in einer +Bernsteinschale die aromatische Essenz reichend, welche die Stadt Adana in +Cilicien fuer die Toilette der Kaiserin in grossen Massen als jaehrlichen +Tribut einzusenden hatte. + +"Gut, ich traeumte von ihm." - "Von Alexandros?" - "Nein, du Naerrin, von +dem schoenen Anicius." - "Aber der Bestellte wartet schon lange draussen in +der geheimen Nische." - "Er ist ungeduldig," laechelte der kleine Mund, +"nun, so lass ihn ein." Und sie legte sich auf dem langen Divan zurueck, +eine Decke von Purpurseide ueber sich ziehend; aber die feinen Knoechel der +schoenen Fuesse blieben sichtbar. + +Galatea schob den Riegel vor den Haupteingang, durch welchen sie +eingetreten und ging dann quer durch das Gemach zu der Ecke gegenueber, die +durch eine eherne Kolossalstatue Justinians ausgefuellt war. + +Die scheinbar unbewegliche Last wich sofort zur Seite, sowie die Vertraute +eine Feder beruehrte, und zeigte eine schmale Oeffnung in der Wand, welche +durch die Statue in ihrer gewoehnlichen Stellung vollstaendig verdeckt +wurde: ein dunkler Vorhang war vor den Spalt gezogen. Galatea hob den +Vorhang auf und herein eilte Alexandros, der schoene junge Gesandte. + +Er warf sich vor der Kaiserin aufs Knie, ergriff ihre schmale Hand und +bedeckte sie mit gluehenden Kuessen. + +Theodora entzog sie ihm leise. - "Es ist sehr unvorsichtig, Alexandros," +sagte sie, den schoenen Kopf zuruecklehnend, "den Geliebten zur Ankleidung +zuzulassen." Wie sagt der Dichter? "Alles dienet der Schoenheit. Doch ist +kein erfreulicher Anblick, das entstehen zu sehn was nur entstanden +gefaellt." + +"Allein ich hab' es dir bei der Abreise nach Ravenna verheissen, dich +einmal in meiner Morgenstunde vorzulassen. Und du hast deinen Lohn +reichlich verdient. Du hast viel fuer mich gewagt. - - Fasse die Flechten +fester!" rief sie Galatea zu, die an die ihr allein zustehende Arbeit +gegangen war, das prachtvolle Haar der Gebieterin zu ordnen. + +- "Du hast das Leben fuer mich gewagt." - Und sie reichte ihm wieder zwei +Finger der rechten Hand. + +"O Theodora," rief der Juengling, "fuer diesen Augenblick wuerd' ich zehnmal +sterben." + +"Aber," fuhr sie fort, "warum hast du mir nicht auch von dem letzten Brief +der Barbarin an Justinian Abschrift zukommen lassen?" - "Es war nicht mehr +moeglich, es ging zu rasch. Ich konnte von meinem Schiff keinen Boten mehr +senden: kaum gelang es gestern, nach der Landung, dir sagen zu lassen, dass +ihr Bild bei den Geschenken sei. Du kamst im rechten Augenblick." + +"Ja, was wuerde aus mir, wenn ich die Thuersteher Justinians nicht doppelt +so hoch besoldete als er? Aber Unvorsichtigster aller Gesandten, wie +taeppisch war das mit der Jahrzahl!" + +"O schoenste Tochter von Kypros, ich hatte dich mondenlang nicht mehr +gesehen. Ich konnte nichts denken als dich und deine berauschende +Schoenheit." + +"Nun, da muss ich wohl verzeihen. Das schwarze Stirnband Galatea! Du bist +ein besserer Liebhaber als Staatsmann. Deshalb hab' ich dich auch hier +behalten. Ja, du solltest wieder nach Ravenna. Aber ich denke, ich schicke +einen aeltern Gesandten und behalte den jungen fuer mich. Ist's recht so?" +laechelte sie, die Augen halb schliessend. + +Alexandros, kuehner und gluehender werdend, sprang auf und drueckte einen Kuss +auf ihre roten Lippen. + +"Halt ein, Majestaetsverbrecher," schalt sie, und schlug mit dem +Flamingofaecher leicht seine Wange. "Jetzt ist's genug fuer heute. Morgen +magst du wieder kommen und von jener Barbarenschoenheit erzaehlen. Nein, du +musst jetzt gehn. Ich brauche diese Morgenstunde noch fuer einen andern." + +"Fuer einen andern!" rief Alexandros zuruecktretend. "So ist es wahr, was +man leise zischelt in den Gynaeceen, in den Baedern von Byzanz? Du ewig +Ungetreue hast -" + +"Eifersuechtig darf ein Freund Theodoras nicht sein!" lachte die Kaiserin. +Es war kein schoenes Lachen. "Aber fuer diesmal sei unbesorgt - du sollst +ihm selbst begegnen. Geh." + +Galatea ergriff ihn an der Schulter und drehte den Widerstrebenden ohne +weiteres hinter die Statue und zur Thuere hinaus. + +Theodora setzte sich nun aufrecht, das faltige Untergewand mit dem Guertel +schliessend. + + + + + Achtzehntes Kapitel. + + +Sogleich kam Galatea wieder zum Vorschein mit einem kleinen gebueckten +Mann, der viel aelter aussah als seine vierzig Jahre. Kluge, aber +allzuscharfe Zuege, das stechende Auge, der bartlose eingekniffne Mund: - +alles machte den Eindruck unangenehmer Pfiffigkeit. + +Theodora nickte leicht auf seine kriechende Verbeugung; Galatea begann ihr +die Augenbrauen zu malen. + +"Kaiserin," hob der Alte aengstlich an, "ich staune ueber deine Kuehnheit. +Wenn man mich hier saehe! Die Klugheit von neun Jahren waere durch einen +Augenblick vereitelt." + +"Man wird dich aber nicht sehen, Petros," sagte Theodora ruhig. "Diese +Stunde ist die einzige, da ich vor der zudringlichen Zaertlichkeit +Justinians sicher bin. Es ist seine Betstunde. Ich muss sie ausbeuten so +gut ich kann. Gott erhalte ihm seine Froemmigkeit! Galatea, den Fruehwein. +Wie? Du fuerchtest doch nicht, mich mit diesem gefaehrlichen Verfuehrer +allein zu lassen?" Die Alte ging mit haesslichem Grinsen und kam gleich +zurueck, einen Henkelkrug suessen gewaermten Chierweins in der einen Hand, +Becher mit Wasser und Honig in der andern. + +"Ich konnte heute unsere Unterredung nicht, wie gewoehnlich, in der Kirche +veranstalten, wo du in dem dunkeln Beichtstuhl einem Priester taeuschend +aehnlich siehst. Der Kaiser wird dich noch vor der Kirchenzeit zu sich +bescheiden und du musst zuvor genau unterrichtet sein." + +"Was ist zu thun?" + +"Petros," sagte Theodora, sich behaglich zuruecklehnend und langsam das +suesse Getraenk schluerfend, das Galatea mischte, "heute kam der Tag, der +unsere langjaehrige Muehe und Klugheit lohnen und dich zum grossen Mann +machen wird." + +"Zeit waer' es," meinte der Rhetor. + +"Nur nicht ungeduldig, Freund. (Galatea, etwas mehr Honig.) Um dich fuer +das heutige Geschaeft in die rechte Stimmung zu versetzen, wird es gut +sein, dich an das Vergangne, an die Entstehungsart unserer - Freundschaft +zu erinnern." + +"Was soll das? Wozu ist das noetig?" sagte der Alte unbehaglich. + +"Zu mancherlei. Also. Du warst der Vetter und Anhaenger meines Todfeindes +Narses. Folglich auch mein Feind. Jahrelang hast du im Dienste deines +Vetters mir entgegengearbeitet, mir wenig geschadet, dir selbst aber noch +weniger genutzt. Denn Narses, dein tugendhafter Freund, setzt seine Ehre +und seine Schlauheit darein, nie etwas fuer seine Verwandten zu thun, dass +man ihn nie, wie die andern Hoeflinge dieses Reiches, des Nepotismus zeihen +koenne. + +Aus lauter Vorsicht und eitel Tugend liess er dich unbefoerdert. Du darbtest +und bliebst einfacher Schreiber. Aber ein feiner Kopf wie du weiss sich zu +helfen. Du faelschtest, du verdoppeltest die Steuerausschreiben des +Kaisers. Die Provinzen zahlten neben der von Justinian verlangten noch +eine zweite Steuer, die Petros und die Steuererheber untereinander +teilten. Eine Weile ging das vortrefflich. Aber einmal -" + +"Kaiserin, ich bitte dich -" + +"Ich bin gleich zu Ende, Freund. Aber einmal hattest du das Unglueck, dass +einer von den neuen Steuerboten die Gunst der Kaiserin hoeher anschlug als +den von dir verheissnen Teil der Beute. Er ging auf deinen Antrag ein, liess +sich die Urkunde von dir faelschen und - brachte sie mir." + +"Der Elende," murrte Petros. + +"Ja, es war schlimm," laechelte Theodora, den Becher wegstellend. "Ich +konnte jetzt meinem boshaften Feind, dem Vertrauten des verhassten +Eunuchen, den schlauen Kopf vor die Fuesse legen und ich muss gestehen: es +luestete mich sehr danach, sehr! Aber ich opferte die kurze Rache einem +grossen, dauernden Vorteil. Ich rief dich zu mir und liess dir die Wahl, zu +sterben oder fortan mir zu dienen. Du warst guetig genug, das letztre zu +waehlen und so haben wir, vor der Welt nach wie vor die heftigsten Feinde, +insgeheim seit Jahren zusammen gewirkt: du hast mir alle Plaene des grossen +Narses im Entstehen verraten und ich hab es dir wohl vergolten: du bist +jetzt ein reicher Mann." + +"O nicht der Rede wert." + +"Bitte, Undankbarer, das weiss mein Schatzmeister besser. Du bist sehr +reich." + +"Wohl, aber ohne Rang und Wuerde. Meine Studiengenossen sind Patricier, +Praefekten, grosse Herren in Morgen- und Abendland: so Cethegus in Rom, +Prokopius in Byzanz." + +"Geduld. Vom heut'gen Tage an wirst du die Leiter der Ehren rasch +erklimmen. Ich musste doch immer etwas zu geben behalten. Hoere: du gehst +morgen als Gesandter nach Ravenna." + +"Als kaiserlicher Gesandter?" rief Petros freudig. + +"Durch meine Verwendung. Aber das ist nicht alles. + +Du erhaeltst von Justinian ausfuehrliche Anweisungen, das Gotenreich zu +verderben, Belisar den Weg nach Italien zu bahnen." + +"Diese Anweisungen - befolg' ich oder vereitl' ich?" + +"Befolgst du. Aber du erhaeltst noch einen Auftrag, den dir Justinian ganz +besonders ans Herz legen wird: die Tochter Theoderichs um jeden Preis aus +der Hand ihrer Feinde zu retten und nach Byzanz zu bringen. Hier hast du +einen Brief von mir, der sie dringend einladet, an meiner Brust ein Asyl +zu suchen." + +"Gut," sagte Petros, den Brief einsteckend, "ich bringe sie also sofort +hierher." + +Da schnellte Theodora wie eine springende Schlange vom Lager auf, dass +Galatea erschrocken zurueckfuhr. + +"Bei meinem Zorn, Petros, nein. Dich send' ich deshalb. Sie darf nicht +nach Byzanz, sie darf nicht leben." + +Bestuerzt liess Petros den Brief fallen. "O Kaiserin," fluesterte er - "ein +Mord!" + +"Still, Rhetor," sprach Theodora mit heiserer Stimme und unheimlich +funkelten ihre Augen. "Sie muss sterben." + +"Sterben? o Kaiserin, warum?" + +"Warum? das hast du nicht zu fragen. Doch halt: - du sollst es wissen, es +giebt deiner Feigheit einen Sporn - wisse -" und sie fasste ihn wild am +Arme und raunte ihm ins Ohr: "Justinian, der Verraeter, faengt an sie zu +lieben." + +"Theodora!" rief der Rhetor erschrocken und trat einen Schritt zur Seite. + +Die Kaiserin sank auf die Kline zurueck. + +"Aber er hat sie ja nie gesehen!" stammelte sich fassend Petros. + +"Er hat ihr Bild gesehen: er traeumt bereits von ihr, er glueht fuer dieses +Bild." + +"Du hast nie eine Rivalin gehabt." + +"Ich werde dafuer wachen, dass ich keine erhalte." + +"Du bist so schoen." + +"Amalaswintha ist juenger." + +"Du bist so klug, bist seine Beraterin, die Vertraute seiner geheimsten +Gedanken." + +"Das eben wird ihm laestig. Und" - sie ergriff wieder seinen Arm - "merke +wohl: sie ist eine Koenigstochter! eine geborne Herrscherin, ich des +Loewenwaerters plebejisch Kind. Und - so wahnwitzig laecherlich es ist! - +Justinian vergisst im Purpurmantel, dass er des dardanischen Ziegenhirten +Sohn. Er hat den Wahnsinn der Koenige geerbt, er, selbst ein Abenteurer: er +faselt von angeborner Majestaet, von dem Mysterium koeniglichen Bluts. Gegen +solche Grillen hab' ich keinen Schutz: von allen Weibern der Erde fuerchte +ich nichts: aber diese Koenigstochter - -" + +Sie sprang zuernend auf und ballte die kleine Hand. + +"Huete dich, Justinian!" sagte sie durchs Gemach schreitend. "Theodora hat +mit diesem Auge, mit dieser Hand Loewen und Tiger bezaubert und beherrscht: +lass sehen, ob ich nicht diesen Fuchs im Purpur in Treue erhalten kann." +Sie setzte sich wieder. + +"Kurz, Amalaswintha stirbt," sagte sie, ploetzlich wieder kalt geworden. + +"Wohl," erwiderte der Rhetor, "aber nicht durch mich. Du hast der +blutgewohnten Diener genug. Sie sende; ich bin ein Mann der Rede. -" + +"Du bist ein Mann des Todes, wenn du nicht gehorchst. Gerade du, mein +Feind, musst es thun: keiner meiner Freunde kann es ohne Verdacht." + +"Theodora," mahnte der Rhetor sich vergessend, "die Tochter des grossen +Theoderich ermorden, eine geborne Koenigin - -" + +"Ha," lachte Theodora grimmig, "auch dich Armseligen blendet die geborne +Koenigin. Narren sind die Maenner alle, noch mehr als Schurken! Hoere, +Petros, an dem Tage, da die Todesnachricht aus Ravenna eintrifft, bist du +Senator und Patricius." + +Wohl blitzte des Alten Auge. Aber Feigheit oder Gewissensangst war doch +maechtiger als der Ehrgeiz. "Nein," sagte er entschlossen, "lieber lasse +ich den Hof und alle Plaene." + +"Das Leben laess'st du, Elender!" rief Theodora zornig. "O, du waehntest, du +seiest frei und ungefaehrdet, weil ich damals vor deinen Augen die +gefaelschte Urkunde verbrannt? Du Thor! es war die rechte nicht! Sieh her - +hier halte ich dein Leben." + +Und sie riss aus einer Capsula voller Dokumente ein vergilbtes Pergament. +Sie zeigte es dem Erschrocknen, der jetzt willenlos in die Kniee brach. + +"Befiehl," stammelte er, "ich gehorche." + +Da pochte man an die Hauptthuere. + +"Hinweg," rief die Kaiserin. "Hebe meinen Brief an die Gotenfuerstin vom +Boden auf und bedenk es wohl: Patricius, wenn sie stirbt, Folter und Tod, +wenn sie lebt. Fort." + +Und Galatea schob den Betaeubten durch den geheimen Eingang hinaus, drehte +den bronzenen Justinian wieder an seine Stelle und ging, die Hauptthuer +aufzuthun. + + + + + Neunzehntes Kapitel. + + +Herein trat eine stattliche Frau, groesser und von groeberen Formen als die +kleine, zierliche Kaiserin, nicht so verfuehrerisch schoen, aber juenger und +bluehender, mit frischen Farben und ungekuenstelter Art. + +"Gegruesst, Antonina, geliebtes Schwesterherz! komm an meine Brust!" rief +die Kaiserin der tief sich Verbeugenden entgegen. + +Die Gattin Belisars gehorchte schweigend. + +"Wie diese Augengruben hohl werden!" dachte sie, sich wieder aufrichtend. + +"Was das Soldatenweib fuer grobe Knoechel hat!" sagte die Kaiserin zu sich +selbst, da sie die Freundin musterte. - + +"Bluehend bist du wie Hebe," rief sie ihr laut zu, "und wie die weisse Seide +deine frischen Wangen hebt! Hast du etwas neues mitzuteilen von - von +ihm?" fragte sie und nahm gleichgueltig spielend vom Waschtisch ein +gefuerchtetes Werkzeug, eine spitze Lanzette an einem Staebchen von +Elfenbein, mit welchem ungeschickte oder auch nur unglueckliche Sklavinnen +von der zuernenden Herrin oft zolltief in Schultern und Arme gestochen +wurden. + +"Heute nicht," fluesterte Antonina erroetend, "ich hab' ihn gestern nicht +gesehn." + +"Das glaub' ich," laechelte Theodora in sich hinein. "O wie schmerzlich +werd' ich dich bald vermissen," sagte sie, Antoninens vollen Arm +streichelnd. "Schon in der naechsten Woche vielleicht wird Belisarius in +See stechen und du, treuste aller Gattinnen, ihn begleiten. Wer von euren +Freunden wird euch folgen?" + +"Prokopius," sagte Antonina, "und" - setzte sie, die Augen +niederschlagend, hinzu - "die beiden Soehne des Boethius." + +"Ah so," laechelte die Kaiserin, "ich verstehe. In der Freiheit des +Lagerlebens hoffst du dich des schoenen Juenglings ungestoerter zu erfreuen +und indessen Held Belisarius Schlachten schlaegt und Staedte gewinnt -" + +"Du erraetst es. Aber ich habe dabei eine Bitte an dich. Dir freilich ward +es gut. Alexandros, dein schoener Freund ist zurueck: er bleibt in deiner +Naehe und er ist sein eigner Herr, ein reifer Mann. Aber Anicius, du weisst +es, der Juengling, steht unter seines altern Bruders Severinus strenger +Hut. Nie wuerde dieser, der nur Rache an den Barbaren sinnt und +Freiheitsschlachten, diese zarte - Freundschaft dulden. Er wuerde unsern +Verkehr tausendfach stoeren. Deshalb thu' mir eine Liebe: Severinus darf +uns nicht folgen. Wenn wir an Bord sind mit Anicius, halte den aeltern +Bruder in Byzanz zurueck mit List oder Gewalt - du kannst es ja leicht - du +bist die Kaiserin." + +"Nicht uebel," laechelte Theodora. "Welche Kriegslisten! Man sieht, du +lernst von Belisarius." + +Da ergluehte Antonina ueber und ueber. + +"O nenne seinen Namen nicht. Und hoehne nicht! Du weisst am besten, von wem +ich gelernt, zu thun, worueber man erroeten muss." + +Theodora schoss einen funkelnden Blick auf die Freundin. + +"Der Himmel weiss," fuhr diese fort, ohne es zu beachten, "Belisar selbst +war nicht treuer als ich, bis ich an diesen Hof kam. Du warst es, +Kaiserin, die mich gelehrt, dass diese selbstischen Maenner, von Krieg und +Staat und Ehrgeiz erfuellt, uns, wenn sie einmal unsre Eheherrn, +vernachlaessigen, uns nicht mehr wuerdigen, wann sie uns besitzen. Du hast +mich gelehrt, wie es keine Suende, kein Unrecht sei, die unschuldige +Huldigung, die schmeichelnde Verehrung, die der tyrannische Gemahl +versagt, von einem noch hoffenden und deshalb noch dienenden Freunde +hinzunehmen. Gott ist mein Zeuge, nichts andres als diesen suessen Weihrauch +der Huldigung, den Belisar versagt und den mein eitles, schwaches Herz +nicht missen kann, will ich von Anicius." + +"Zum Glueck fuer mich wird das sehr bald langweilig fuer ihn," sagte Theodora +zu sich selbst. + +"Und doch - schon dies ist ein Verbrechen, fuercht' ich, an Belisar. O wie +ist er gross und edel und herrlich. Wenn er nur nicht allzugross waere fuer +dies kleine Herz." - Und sie bedeckte das Antlitz mit den Haenden. + +"Die Erbaermliche," dachte die Kaiserin, "sie ist zu schwach zum Genuss wie +zur Tugend." + +Da trat Agave, die huebsche junge Thessalierin, ins Gemach mit einem grossen +Strauss herrlicher Rosen. + +"Von ihm," fluesterte sie der Herrin zu. - "Von wem?" fragte diese. Aber +jetzt sah Antonina auf und Agave winkte warnend mit den Augen. + +Die Kaiserin reichte Antoninen den Strauss, sie zu beschaeftigen, "bitte, +stell' ihn dort in die Marmorvase." + +Waehrend die Gattin Belisars den Ruecken wendend gehorchte, fluesterte Agave: +"Nun, von ihm, den du gestern den ganzen Tag hier versteckt gehalten: - +von dem schoenen Anicius -" setzte das holde Kind erroetend bei. + +Aber kaum hatte sie das unvorsichtige Wort gesagt, als sie laut schreiend +nach ihrem linken Arme griff. Die Kaiserin schlug sie mit der noch +blutigen Lanzette ins Gesicht. "Ich will dich lehren, Augen haben, ob +Maenner schoen sind oder haesslich," fluesterte sie grimmig. "Du laesst dich in +die Spinnstube sperren auf vier Wochen - sogleich - und zeigst dich nie +mehr in meinen Vorzimmern. Fort!" + +Weinend ging das Maedchen, ihr Haupt verhuellend. + +"Was hat sie gethan?" fragte Antonina sich wendend. + +"Das Riechflaeschchen fallen lassen," sagte Galatea rasch, ein solches von +dem Teppich aufhebend. - "Herrin, dein Haar ist fertig." + +"So lass die Ankleiderinnen ein und wer sonst im Vorsaal. - Willst du +einstweilen in diesen Versen blaettern, Antonina? Es sind die neuesten +Gedichte des Arator, "ueber die Thaten der Apostel", gar erbaulich zu +lesen! Zumal hier, die Steinigung des heiligen Stephanos! Aber lies und +sprich sein Urteil." + +Galatea oeffnete weit die Thuere des Haupteingangs: ein ganzer Schwarm von +Sklavinnen und Freigelassenen wogte herein. Die einen besorgten das +Hinausraeumen der gebrauchten Toilettegeraete, andre raeucherten mit +Kohlenpfaennchen und sprengten aus schmalhalsigen Flaeschchen Balsam durch +das Gemach. Die meisten aber waren um die Person der Kaiserin beschaeftigt, +die jetzt ihren Anzug vollendete. Galatea nahm ihr den Rosaueberwurf ab. +"Berenike," rief sie, "die milesische Tunika mit dem Purpurstreif und der +goldnen Falbel: es ist Sonntag heute." + +Waehrend die erfahrene Alte, die allein das Haar der Kaiserin beruehren +durfte, die kostbare Goldnadel, mit der Venusgemme im Knopf, kuenstlich in +die Knoten des Hinterhauptes schob, fragte die Kaiserin: "Was giebt es +neues in der Stadt, Delphine?" + +"Du hast gesiegt, o Herrin!" antwortete die Gefragte, mit den Goldsandalen +niederknieend. "Deine Farbe, die Blauen, haben gestern im Cirkus gesiegt +ueber die Gruenen zu Ross und Wagen." + +"Triumph!" frohlockte Theodora, "eine Wette von zwei Centenaren Gold, - es +ist mein. - Nachrichten? woher? aus Italien?" rief sie einer eben mit +Briefen eintretenden Dienerin entgegen. + +"Jawohl, Herrin, aus Florentia von der Gotenfuerstin Gothelindis: ich kenne +das Gorgonensiegel: und von Silverius, dem Diakon." + +"Gieb," sagte Theodora, "ich nehme sie mit in die Kirche. Den Spiegel, +Elpis." - Eine junge Sklavin trat vor mit einer ovalen drei Fuss langen +Platte von glaenzend polirtem Silber in einem reich mit Perlen besetzten +Goldrahmen und getragen von einem starken Fuss von Elfenbein. Die arme +Elpis hatte harten Dienst. Sie musste waehrend der Vollendung des Ankleidens +die schwere Platte bei jeder Bewegung der unruhigen Herrin sofort dermassen +drehen, dass diese sich ununterbrochen darin beschauen konnte und weh' ihr, +wenn sie einer Wendung zu spaet nachfolgte. + +"Was giebt es zu kaufen, Zephyris?" fragte die Kaiserin eine dunkelfarbige +libysche Freigelassene, die ihr eben die zahme Hausschlange, die in einem +Koerbchen auf weichem Moose ruhte, zur Morgenliebkosung reichte. + +"Ach, nicht viel Besondres," sagte die Libyerin, - "komm, Glauke," fuhr +sie fort, indem sie die blendend weisse golddurchwirkte Chlamys aus der +Kleiderpresse nahm und sorgfaeltig auf den Armen ausgebreitet hielt, bis +die Gerufene ihr sie abnahm, mit Einem Wurf der Kaiserin in den schoensten +Falten ueber die Schulter schlug, mit dem weissen Guertel zusammenfasste und +das eine Ende mit einer Goldspange, die einst die Taube der Venus, jetzt +aber im Gegenteil den heiligen Geist darstellte, ueber der weissen Achsel +befestigte. Glauke, die Tochter eines athenischen Bildhauers, hatte +jahrelang den Faltenwurf studirt, war deshalb von der Kaiserin um viele +tausend Solidi angekauft worden und hatte den ganzen Tag ueber nur dies +einzige Geschaeft. + +"Duftige Seifenkugeln aus Spanien," berichtete Zephyris, "sind wieder +frisch angekommen. Ein neues milesisches Maerchen ist erschienen und der +alte Aegypter ist wieder da," setzte sie leiser hinzu, "mit seinem +Nilwasser. Er sagt, es helfe unfehlbar. Die Perserkoenigin, die acht Jahre +kinderlos - -" + +Seufzend wandte sich Theodora ab, ein Schatte flog ueber das glatte +Gesicht. "Schick' ihn fort," sagte sie, "diese Hoffnung ist vorueber." - + +Und es war einen Augenblick, als wollte sie in truebes Sinnen versinken. + +Aber sich aufraffend trat sie, Galateen winkend, zu ihrem Lager zurueck, +nahm den zerdrueckten Eppichkranz, der auf ihrem Kopfkissen lag und gab ihn +der Alten mit den gefluesterten Worten: "fuer Anicius, schick' es ihm zu. - +Den Schmuck, Erigone!" Diese, von zwei andern Sklavinnen unterstuetzt, trug +muehsam die schwere Kiste von Erz herbei, deren Deckel, in getriebnen +Figuren die Werkstaette des Vulcanus darstellend, mit dem Siegel der +Kaiserin an die Lade befestigt war. Erigone zeigte, dass das Siegel +unverletzt und schlug den Deckel auf: neugierig stellte sich da manches +Maedchen auf die Fussspitzen, einen Blick von den schimmernden Schaetzen zu +erhaschen. "Willst du noch die Sommerringe, Herrin?" fragte Erigone. - +"Nein," sprach Theodora waehlend, "die Zeit dafuer ist um. Gieb mir die +schwereren, die Smaragden." Erigone reichte ihr Ohrringe, Fingerring und +Armband. + +"Wie schoen," sagte Antonina, von ihren frommen Versen aufsehend, "steht +das Weiss der Perle zu dem Gruen des Steins!" + +"Es ist ein Schatzstueck der Kleopatra," sagte die Kaiserin gleichgueltig, +"der Jude hat den Stammbaum der Perle eidlich erhaertet." + +"Aber du zoegerst lange," erinnerte Antonina, "Justinians Goldsaenfte harrte +schon als ich herauf kam." + +"Ja, Herrin," rief eine junge Sklavin aengstlich, "der Sklave vor der +Sonnenuhr sagte schon die vierte Stunde an. Eile, Herrin." + +Ein Stich mit der Lanzette war die Antwort. "Willst du die Kaiserin +mahnen?" Aber Antoninen fluesterte sie zu: "Man muss die Maenner nicht +verwoehnen: sie muessen immer auf uns warten, wir nie auf sie. + +Meinen Straussenfaecher, Thais. Geh, Jone, die kappadokischen Sklaven sollen +an meine Saenfte treten." + +Und sie wandte sich zum Gehen. "O Theodora," rief Antonina rasch, "vergiss +meine Bitte nicht." + +"Nein," sagte diese, ploetzlich stehen bleibend, "gewiss nicht! Und damit du +ganz sicher gehst," laechelte sie, "leg' ich's in deine eigne Hand. Meine +Wachstafel und den Stift." Galatea brachte sie eilig. Theodora schrieb und +fluesterte der Freundin zu: "Der Praefekt des Hafens ist einer meiner alten +Freunde. Er gehorcht mir blind. Lies, was ich schreibe: "An Aristarchos +den Praefekten Theodora die Kaiserin. + +Wenn Severinus, des Boethius Sohn, das Schiff des Belisarius besteigen +will, halt' ihn, noetigenfalls mit Gewalt, zurueck und sende ihn hierher in +meine Gemaecher: er ist zu meinem Kaemmerer ernannt. Ist's recht so, liebe +Schwester?" fluesterte sie. + +"Tausend Dank," sagte diese mit leuchtenden Augen. + +"Aber wie," rief die Kaiserin laut, ploetzlich an ihren Hals fassend, "und +die Hauptsache haetten wir vergessen? Mein Amulet, den Mercurius! Bitte, +Antonina, dort liegt es." Hastig wandte sich diese, den kleinen goldnen +Merkur, den besten Geleitsmann, der an seidner Schnur an dem Bette der +Kaiserin hing, zu holen. Inzwischen aber strich Theodora schnell das Wort +"Severinus" mit dem Goldgriffel aus, und schrieb dafuer "Anicius". Sie +klappte das Taefelchen zusammen, umschnuerte und siegelte es mit ihrem +Venusring. + +"Hier das Amulet," sagte Antonina zurueckkommend. + +"Und hier der Befehl!" laechelte die Kaiserin. "Du magst ihn selbst im +Augenblick der Abfahrt an Aristarchos uebergeben. Und jetzt," rief sie, +"jetzt auf: in die Kirche." + + + + + Zwanzigstes Kapitel. + + +In Neapolis, derjenigen Stadt Italiens, ueber welcher die zu Byzanz +aufsteigenden Wetterwolken sich zuerst entladen sollten, ahnte man nichts +von einer drohenden Gefahr. Da wandelten damals Tag fuer Tag an den +reizenden Haengen, welche nach dem Posilipp fuehren, oder an den Uferhoehen +im Suedosten der Stadt, in vertrautem Gespraech, alle Wonnen jugendlich +begeisterter Freundschaft geniessend, zwei herrliche Juenglinge, der eine in +braunen, der andre in goldnen Locken: die Dioskuren, Julius und Totila. + +O schoene Zeit, da es die reine Seele, umweht von der frischen Morgenluft +des Lebens, noch unenttaeuscht und unermuedet, trunken von der Fuelle stolzer +Traeume, draengt, hinueberzufluten in ein gleich junges, gleich reiches, +gleich ueberschwaengliches Gemuet. Da staerkt sich der Vorsatz zu allem +Edelsten, der Aufschwung zu dem Hoechsten, der Flug bis in die lichte Naehe +des Goettlichen wird in der Mitteilung gewagt, in der seligen Gewissheit, +verstanden zu sein. + +Wenn der Bluetenkranz in unsren Locken gewelkt ist und die Ernte unsres +Lebens beginnt, moegen wir laecheln ueber jene Traeume der Juenglingszeit und +Juenglingsfreundschaft; aber es ist kein Laecheln des Spottes; es ist ein +Ausdruck von jener Wehmut, mit der wir in nuechterner Herbstluft der suessen, +berauschenden Luefte des ersten Fruehlings gedenken. - + +Der junge Gote und der junge Roemer hatten sich gefunden in der +gluecklichsten Zeit fuer einen solchen Bund und sie ergaenzten sich +wunderbar. Totilas sonnige Seele hatte den vollen Schmelz der Jugend +bewahrt: lachend sah er in die lachende Welt: er liebte den Menschen und +der Glanz seines wohlwollenden Wesens gewann ihm leicht und rasch alle +Herzen. Er glaubte nur an das Gute und des Guten Sieg: traf er das Boese, +das Gemeine auf seinem Pfad, so trat er es mit dem heilig lodernden Zorn +eines Erzengels in den Staub: durch seine sanfte Natur brach dann, den +Helden verratend, die gewaltige Kraft, die in ihr ruhte und nicht eher +liess er ab, bis das verhasste Element aus seinem Lebenskreise getilgt war. +Aber im naechsten Augenblick war dann die Stoerung wie ueberwunden so +vergessen und harmonisch wie seine Seele fuehlte er ringsum Welt und Leben. +Stolz und froh empfand er die Vollkraft seiner Jugend und jauchzend +drueckte er das goldne Dasein an die Brust. Singend schritt er durch die +wimmelnden Strassen von Neapolis, der Abgott der Maedchen, der Stolz seiner +gotischen Waffenfreunde, wie ein Gott der Freude, beglueckend und beglueckt. + +Der helle Zauber seines Wesens teilte sich selbst der stilleren Seele +seines Freundes mit. Julius Montanus, zart und sinnig angelegt, eine fast +weibliche Natur, frueh verwaist und von Cethegus' hochueberlegnem Geist +eingeschuechtert, in Einsamkeit und unter Buechern aufgewachsen, von der +trostlosen Wissenschaft jener Zeit mehr belastet als gehoben, sah das +Leben ernst, fast wehmuetig an. Ein Zug zur Entsagung und die Neigung, +alles Bestehende an dem strengen Mass uebermenschlicher Vollendung zu +messen, lag in ihm und mochte sich leicht bis zur Schwermut verduestern. +Zur gluecklichen Stunde fiel Totilas sonnige Freundschaft in seine Seele +und erhellte sie bis in ihre tiefsten Falten so maechtig, dass seine edle +Natur auch von einem schweren Schlage sich wieder elastisch aufrichten +konnte, den eben diese Freundschaft auf sein Haupt ziehen sollte. + +Hoeren wir ihn selbst darueber an den Praefekten berichten: + +"Cethegus dem Praefekten Julius Montanus. + +Die kaltherzige Antwort, die du auf den warmgefuehlten Bericht von meinem +neuen Freundschafts-Glueck erteiltest, hat mir zuerst - gewiss gegen deine +Absicht - sehr wehe gethan, spaeter aber das Glueck eben dieser Freundschaft +erhoeht, freilich in einer Weise, welche du weder ahnen noch wuenschen +konntest. + +Der Schmerz durch dich hat sich bald in Schmerz um dich verwandelt. Wollte +es mich anfangs kraenken, dass du meine tiefste Empfindung als die +Schwaermerei eines kranken Knaben behandeltest und die Heiligtuemer meiner +Seele mit bittrem Spott antasten wolltest - nur wolltest, denn sie sind +unantastbar, - so ergriff mich doch statt dessen bald das Gefuehl des +Mitleids mit dir. Wehe, dass ein Mann wie du, so ueberreich an Kraeften des +Geistes, darbest an den Guetern des Herzens. Wehe, dass du die Wonne der +Hingebung nicht kennst und jene opferfreudige Liebe, die ein von dir mehr +verspotteter als verstandner Glaube, den mir jeder Tag des Schmerzes naeher +bringt, die _caritas_, die Naechstenliebe, nennt: Wehe dir, dass du das +Herrlichste nicht kennst! Vergieb die Freiheit dieser meiner Rede: ich +weiss, ich habe noch nie in solchen Worten zu dir gesprochen: aber erst +seit kurzem bin ich, der ich bin. Vielleicht nicht ganz mit Unrecht hat +noch dein letzter Brief Spuren von Knabenhaftigkeit an mir gegeisselt. Ich +glaube, sie sind seitdem verschwunden und ein Verwandelter sprech' ich zu +dir. Dein Brief, dein Rat, deine "Arzenei" hat mich allerdings zum Manne +gereift, aber nicht in deinem Sinn und nicht nach deinem Wunsch. Schmerz, +heiligen, laeuternden Schmerz hat er mir gebracht, er hat diese +Freundschaft, die er verdraengen sollte, auf eine harte Probe gestellt, +aber, der Guete Gottes sei's gedankt, er hat sie im Feuer nicht zerstoert, +sondern gehaertet fuer immer. + +Hoere und staune, was der Himmel aus deinen Plaenen geschaffen hat. + +Wie wehe mir dein Brief gethan, - in alter Gewohnheit des Gehorsams +befolgte ich alsbald seinen Auftrag und suchte deinen Gastfreund auf, den +Purpurhaendler Valerius Procillus. Er hatte bereits die Stadt verlassen und +seine reizende Villa bezogen. Ich fand an ihm einen vielerfahrnen Mann und +einen eifrigen Freund der Freiheit und des Vaterlandes: in seiner Tochter +Valeria aber ein Kleinod. + +Du hattest recht prophezeit. Meine Absicht, mich gegen sie zu +verschliessen, zerschmolz bei ihrem Anblick wie Nebel vor der Sonne: mir +war Elektra oder Kassandra, Cloelia oder Virginia stehe vor mir. Aber mehr +noch als ihre hohe Schoenheit bezauberte mich der Schwung ihrer +unsterblichen Seele, die sich alsbald vor mir aufthat. Ihr Vater behielt +mich sogleich als seinen Gast im Hause und ich verlebte unter seinem Dach +mit ihr die schoensten Tage meines Lebens. Die Poesie der Alten ist der +Aether ihrer Seele. + +Wie rauschten die Choere des Aeschylos, wie ruehrend toente Antigones Klage in +ihrer melodischen Stimme; stundenlang lasen wir in Wechselrede und +herrlich war sie zu schauen, wann sie sich erhob im Schwunge der +Begeisterung, wann ihr dunkles Haar, in freie Wellen geloest, niederfloss +und aus ihrem grossen runden Auge ein Feuer blitzte nicht von dieser Welt. + +Und, - was ihr vielleicht noch tiefen Schmerz bereiten wird, - eine +Spaltung, die durch all' ihr Leben geht, giebt ihr den hoechsten Reiz. Du +ahnst wohl, was ich meine, da du seit Jahren das Schicksal ihres Hauses +kennst. Du weisst wohl genauer als ich, wie es kam, dass Valeria schon bei +ihrer Geburt von ihrer frommen Mutter einem ehelosen, einsamen Leben in +Werken der Andacht geweiht, dann aber von ihrem reichen und mehr roemisch +als christlich gesinnten Vater um den Preis einer Kirche und eines +Klosters, die er baute, losgekauft worden ist. Aber Valeria glaubt, dass +der Himmel nicht totes Gold nehme fuer eine lebendige Seele: sie fuehlt sich +der Bande jenes Geluebdes nicht ledig, deren sie ewig, aber nur in Furcht, +nicht in Liebe, gedenkt. + +Denn du hattest recht als du schriebst: sie sei durch und durch ein Kind +der alten, der heidnischen Welt. Das ist sie, die echte Tochter ihres +Vaters: aber doch kann sie der frommen Mutter entsagend Christentum nicht +abthun: es lebt nicht in ihr als ein Segen, es lastet auf ihr als ein +Fluch, als der unentrinnbare Zwang jenes Geluebdes. Diesen wundersamen +Zwiespalt, diesen verhaengnisvollen Widerstreit traegt die edle Jungfrau im +Gemuet: er quaelt sie, aber er veredelt sie zugleich. + +Wer weiss, wie er sich loesen wird? der Himmel allein, der ihr Schicksal +lenkt. Mich aber zieht dieser innere Kampf mit ernsten Schauern an: du +weisst ja, dass in mir selbst der Christenglaube und die Philosophie in +ungeklaerter Mischung durcheinander wogen. Zu meinem Staunen hat in diesen +Tagen des Schmerzes der Glaube zugenommen und fast will mich beduenken, die +Freude fuehre zu der heidnischen Weisheit, zu Christus aber der Schmerz und +das Unglueck. + +Aber hoere wie der Schmerz ueber mich gekommen. + +Anfangs, als ich diese Liebe in mir keimen sah, war ich froher Hoffnung +voll. Valerius, vielleicht schon frueher von dir fuer mich gewonnen, sah +meine wachsende Neigung offenbar nicht ungern: vielleicht hatte er nur das +an mir auszusetzen, dass ich seinen Traum von der Wiederaufrichtung der +roemischen Republik nicht eifrig genug teilte und nicht seinen Hass gegen +die Byzantiner, in denen er die Todfeinde seines Hauses wie Italiens +sieht. Auch Valeria war mir bald freundschaftlich geneigt und wer weiss ob +nicht damals die Verehrung gegen den Willen ihres Vaters und diese +Freundschaft genuegt haetten, sie in meine Arme zu fuehren. Aber ich danke, - +soll ich sagen Gott oder dem Schicksal? - dass es nicht so kam: Valeria +einer halb gleichgueltigen Ehe opfern waere ein Frevel gewesen. Ich weiss +nicht, welches seltsame Gefuehl mich abhielt das Wort zu sprechen, das sie +in jenen Tagen gewiss zu der Meinen gemacht haette. Ich liebte sie doch so +tief: - aber so oft ich mir ein Herz fassen und bei ihrem Vater um sie +werben wollte, immer beschlich mich ein Gefuehl, als thu' ich Unrecht an +dem Gut eines andern, als sei ich ihrer nicht wuerdig oder doch nicht die +ihr vom Schicksal zugedachte Haelfte ihrer Seele und ich schwieg und +bezaehmte das pochende Herz. + +Einstmals um die sechste Stunde, - schwuel brannte die Sonne rings auf Land +und Meer - suchte ich Schatten in der kuehlen Marmorgrotte des Gartens. Ich +trat ein durch das Oleandergebuesch: da lag sie schlafend auf der weichen +Rasenbank, die eine Hand auf dem leise wogenden Busen, der linke Arm unter +dem edeln Haupt, das noch vom Fruehmahl her der schoene Asphodeloskranz +schmueckte. Ich stand bebend vor ihr: so schoen war sie noch nie gewesen, +ich beugte mich ueber sie und staunte die edeln, wie in Marmor gebildeten +Zuege an: heiss schlug mein Herz, ich beugte mich ueber sie, diese roten +feingeschnittenen Lippen zu kuessen. + +Da fiel mir's ploetzlich centnerschwer aufs Herz: es ist ein Raub, was du +begehen willst. Totila! rief unwillkuerlich meine ganze Seele und still, +wie ich gekommen, schlich ich fort. + +Totila! Was war er mir nicht frueher eingefallen? + +Ich machte mir Vorwuerfe, den Bruder meines Herzens ueber dem neuen Glueck +fast vergessen zu haben. + +Deine Prophezeiung, Cethegus, dachte ich, soll sich nicht erfuellen: diese +Liebe soll mich dem Freunde nicht entfremden. Er soll Valeria sehen, +gleich mir bewundern, meine Wahl lobpreisen und dann, dann will ich werben +und Totila soll gluecklich sein mit uns. + +Andern Tages ging ich nach Neapolis zurueck, ihn zu holen. Ich pries ihm +den Schimmer des Maedchens, aber ich vermochte es nicht ueber mich, ihm von +meiner Liebe zu sprechen. Er sollte sie sehen und alles erraten. Wir +fanden sie bei unserer Ankunft nicht in den Zimmern der Villa. So fuehrte +ich Totila in den Garten - Valeria ist die eifrigste Pflegerin der Blumen +- wir bogen, Totila voran, aus einem dichten Taxusgang: da schimmerte uns +ihre Erscheinung ploetzlich entgegen: sie stand vor einer Statue ihres +Vaters und kraenzte sie mit frischgepflueckten Rosen, die sie, hoch +aufgehaeuft in der Busenfalte der Tunika, mit der Linken auf der Brust +zusammenhielt. + +Es war ein ueberraschend schoenes Bild: die herrliche Jungfrau, in dem Gruen +des Taxus gleichsam eingerahmt, vor dem weissen Marmor, die Rechte +anmutvoll erhebend: und maechtig wirkte die Erscheinung auf Totila: mit +einem lauten Ruf des Staunens blieb er sprachlos, ihr gerade gegenueber, +stehen. + +Sie sah auf und zuckte erschrocken, wie blitzgetroffen, zusammen: die +Rosen fielen in dichten Flocken aus ihrem Gewand: sie sah es nicht: ihre +Augen hatten sich getroffen, ihre Wangen ergluehten: - ich sah mit +Blitzesschnelle ihr Geschick und mein Geschick entschieden. + +Sie liebten sich beim ersten Anblick. + +Schmerzlich, wie ein brennender Pfeil, durchdrang die Gewissheit meine +Seele. Aber doch nur einen Augenblick herrschte der Schmerz ungemischt in +meiner Brust. Sofort, wie ich die beiden betrachtete, die herrlichen +Gestalten, empfand ich neidlose Freude, dass sie sich gefunden: denn es +war, wie wenn die Macht, die der Sterblichen Leiber bildet und Seelen, sie +aus Einem Stoff fuer einander geschaffen: wie Morgensonne und Morgenroete +schimmerten sie ineinander und jetzt erkannte ich auch das dunkle Gefuehl, +das mich wie ein Vorwurf von Valeria fern gehalten, das mir _seinen_ Namen +auf die Lippen gefuehrt hatte: sein sollte Valeria werden nach Gottes +Ratschluss oder dem Gang der Sterne und ich sollte nicht zwischen sie +treten. + +Erlass mir, das Weitere zu berichten. Denn so selbstisch ist mein Sinn +geartet, sowenig Macht hat noch die heilige Lehre des Entsagens ueber mich +gewonnen, dass - ich schaeme mich, das zu gestehen - dass mein Herz auch +jetzt noch manchmal schmerzlich zuckt, statt freudig zu schlagen fuer das +Glueck der Freunde. + +Rasch und unscheinbar, wie zwei Flammen ineinander lodern, schlugen ihre +Seelen zusammen. Sie lieben sich und sind gluecklich wie die seligen +Goetter: mir ist die Freude geblieben, ihr Glueck zu schauen und ihnen +beizustehen, es noch vor dem Vater zu verbergen, der sein Kind wohl +schwerlich dem "Barbaren" schenken wird, solang er in Totila nur den +"Barbaren" sieht. + +Meine Liebe aber und ihren Opfertod halt' ich vor dem Freunde tief +verborgen: er ahnt nicht und soll nie erfahren, was sein glaenzend Glueck +nur trueben koennte. Du siehst nun, o Cethegus, wie weit ab von deinem Ziel +ein Gott deinen Plan gewendet. Mir hast du jenes Kleinod Italiens bringen +wollen und hast es Totila zugefuehrt. Meine Freundschaft hast du zerstoeren +wollen und hast sie in den Gluten heiliger Entsagung von allem Irdischen +befreit und unsterblich gemacht. Du hast mich zum Manne machen wollen +durch der Liebe Glueck: - ich bin's geworden durch der Liebe Schmerz. + +Lebe wohl und verehre das Walten des Himmels." + + + + + Einundzwanzigstes Kapitel. + + +Wir unterlassen es, den Eindruck dieses Schreibens auf den Praefekten +auszumalen, und begleiten lieber die beiden Dioskuren auf einem ihrer +Abendspaziergaenge an den reizenden Ufergelaenden von Neapolis. + +Sie wandelten nach der frueh beendigten Coena durch die Stadt und zur Porta +nolana hinaus, die in schon halb verwitterten Reliefs die Siege eines +roemischen Imperators ueber germanische Staemme verherrlichte. + +Totila blieb stehen und bewunderte die schoene Arbeit. + +"Wer ist wohl der Kaiser," fragte er den Freund, "dort auf dem +Siegeswagen, mit dem gefluegelten Blitz in der Hand, wie ein Jupiter +Tonans?" - "Es ist Marc Aurel," sagte Julius und wollte weitergehen. - "O +bleib doch! Und wer sind die vier Gefesselten mit den langwallenden +Haaren, die den Wagen ziehn?" + +"Es sind Germanenkoenige." - "Doch welches Stammes?" fragte Totila weiter - +"sieh da, eine Inschrift: "_Gothi extincti!_" "Die Goten vernichtet!"" + +Laut lachend schlug der junge Gote mit flacher Hand auf die Marmorsaeule +und schritt rasch durch das Thor. "Eine Luege in Marmor!" rief er rueckwaerts +blickend. "Das hat der Imperator nicht gedacht, dass einst ein gotischer +Seegraf in Neapolis seine Prahlereien Luegen straft." - "Ja, die Voelker +sind wie die wechselnden Blaetter am Baume," sagte Julius nachdenklich; +"wer wird nach euch in diesen Landen herrschen?" Totila blieb stehen. +"_Nach uns?_" fragte er erstaunt. - "Nun, du wirst doch nicht glauben, dass +deine Goten ewig dauern werden unter den Voelkern?" + +"Das weiss ich doch nicht," sagte Totila, langsam fortschreitend. - "Mein +Freund, Babylonier und Perser, Griechen und Makedonen und, wie es scheinen +will, auch wir Roemer hatten ihre zugemessene Zeit: sie bluehten, reisten +und vergingen. Soll's anders sein mit den Goten?" + +"Ich weiss das nicht," sagte Totila unruhig, "ich habe den Gedanken nie +gedacht. Es ist mir noch nie eingefallen, dass eine Zeit kommen koennte, da +mein Volk" - - er hielt inne, als sei es Suende, den Gedanken auszudenken. +"Wie kann man sich dergleichen vorstellen! ich denke daran so wenig wie - +wie an den Tod!" + +"Das sieht dir gleich, mein Totila!" + +"Und dir sieht es gleich, dich und andre mit solchen Traeumereien zu +quaelen." + +"Traeumereien! Du vergisst, dass es fuer mich, fuer mein Volk schon +Wirklichkeit geworden. Du vergisst, dass ich ein Roemer bin. Und ich kann +mich nicht darueber taeuschen wie die meisten thun: es ist vorbei mit uns. +Das Scepter ist von uns auf euch uebergegangen; glaubst du, es lief so ohne +Schmerz, ohne Nachsinnen fuer mich ab, in dir, meinem Herzensfreund, den +Barbaren, den Feind meines Volkes zu vergessen?" + +"Das ist nicht so, beim Glanz der Sonne!" fiel Totila eifrig ein. "Find' +ich auch in deiner milden Seele den herben Wahn? Blick' doch nur um dich! +Wann, sage mir, wann hat Italien herrlicher geblueht als unter unsrem +Schilde? Kaum in den Tagen des Augustus. Ihr lehrt uns Weisheit und Kunst, +wir leihen euch Friede und Schutz. Kein schoeneres Wechselverhaeltnis laesst +sich denken! Die Harmonie zwischen Roemern und Germanen kann eine ganz neue +Zeit erschaffen, schoener als je eine bestanden." + +"Die Harmonie! aber sie ist nicht da. Ihr seid uns ein fremdes Volk, +geschieden durch Sprache und Glaube, durch Stammes- und Sinnesart und +durch halbtausendjaehrigen Hass. + +Wir brachen frueher eure Freiheit, ihr jetzt die unsre; zwischen uns gaehnt +eine ewige Kluft." - "Du verwirfst den Lieblingsgedanken meiner Seele." + +"Er ist ein Traum!" - "Nein, er ist Wahrheit, ich fuehl' es und vielleicht +koemmt noch die Zeit, dir's zu beweisen. Das Werk meines ganzen Lebens bau' +ich drauf." - "So waer's auf einen edeln Wahn gebaut. Keine Bruecke zwischen +Roemern und Barbaren!" - "Dann," sagte Totila heftig, "begreif' ich nicht, +wie du leben kannst, wie du mich -" + +"Vollende nicht," sagte Julius ernst. "Es war nicht leicht: es war die +schwerste der Entsagungen! Erst nach hartem Widerstreit der Selbstsucht +ist sie mir gelungen: aber endlich hab' ich aufgehoert, in meinem Volk +allein zu leben. Der heilge Glaube, der jetzt schon - und er allein +vermag's - Roemer und Germanen verbindet, der meinen widerstrebenden +Verstand durch lauter Schmerzen - Schmerzen, die Freuden sind - allmaehlich +immer maechtiger umschlingt, er hat mir auch in diesem Zwiespalt Friede +gebracht. In diesem Einen darf ich mich jetzt schon ruehmen, ein Christ zu +sein: ich lebe der Menschheit, nicht meinem Volk allein, ein Mensch, kein +blosser Roemer mehr. Darum kann ich dich, den Barbaren, lieben wie einen +Bruder: sind wir doch Buerger Eines Reichs: der Menschheit. + +Darum kann ich es ertragen, zu leben, nachdem ich mein Volk gestorben +sehe. Ich lebe der Menschheit: sie ist mein Volk!" + +"Nein!" rief Totila lebhaft, "das koennt' ich nimmermehr. In meinem Volk +allein kann ich und will ich leben: meines Volkes Art ist die Luft, in der +allein meine Seele atmen kann. Warum soll'n wir nicht dauern koennen, ewig: +oder doch solang diese Erde dauert? Was Perser und Griechen! Wir sind von +besserem Stoff. Weil sie dahin siechten und versanken, muessen darum auch +wir siechen und versinken? Noch bluehn wir in voller Jugendkraft! Nein, +wenn ein Tag koemmt, da die Goten sinken, - moeg' ihn mein Auge nicht mehr +sehn. O all' ihr Goetter, lasst uns nur nicht dahinkranken jahrhundertelang +wie diese Griechen, die nicht leben koennen und nicht sterben! Nein, muss es +sein, so sendet ein furchtbar Kampfgewitter und lasst uns rasch und +herrlich fallen, alle, alle und mich voran!" + +Der Juengling hatte sich in die waermste Begeisterung gesprochen. Er sprang +empor von der Marmorbank auf der Strasse, darauf sie sich niedergelassen, +den Lanzenschaft hoch gen Himmel erhebend. + +"Mein Freund," sagte Julius, ihn liebevoll anblickend, "wie schoen steht +dir dieser Eifer! Aber bedenke, ein solcher Kampf wuerde mit uns, mit +meinem Volk entbrennen und sollte ich -?" + +"Zu deinem Volke sollst du stehn mit Leib und Seele, das ist klar, wenn es +jemals zu solchem Kampfe koemmt. Du glaubst, das wuerde unsrer Freundschaft +Eintrag thun? mit nichten! Zwei Helden koennen sich knochentiefe Wunden +hau'n und dabei doch die besten Freunde sein. Ha, mich wuerd' es freuen, +dich in einer Schlachtreihe mir entgegenschreiten sehn mit Schild und +Speer!" + +Julius laechelte. "Meine Freundschaft ist nicht so grimmiger Art, du wilder +Gote. - Diese Fragen und Zweifel haben mich lange und bitter gequaelt und +all' meine Philosophen zusammen haben mir nicht den Frieden gebracht. Erst +seit ich's in Schmerzen erfahren, dass ich dem Gott im Himmel allein zu +dienen habe und auf Erden der Menschheit und nicht Einem Volk -" + +"Gemach, Freund," rief Totila, "wo ist denn die Menschheit, von der du +schwaermst? Ich sehe sie nicht. Ich sehe nur Goten, Roemer, Byzantiner! Eine +Menschheit ueber den wirklichen Voelkern, irgendwo in den Lueften, kenn' ich +nicht. Ich diene der Menschheit, indem ich meinem Volke lebe. Ich kann gar +nicht anders! ich kann nicht die Haut abstreifen, darin ich geboren bin. +Gotisch denk' ich, in gotischen Worten, nicht in einer allgemeinen Sprache +der Menschheit; die giebt es nicht. Und wie ich nur gotisch denke, kann +ich auch nur gotisch fuehlen. Ich kann das Fremde anerkennen, o ja. Ich +bewundre eure Kunst, euer Wissen, zum Teil euren Staat, in welchem alles +so streng geordnet ist. + +Wir koennen vieles von euch lernen - aber tauschen koennt' ich und moecht' +ich mit keinem Volk von Engeln. Ha, meine Goten! Im Grund des Herzens sind +mir ihre Fehler lieber als eure Tugenden." + +"Wie ganz anders empfinde ich, und bin doch ein Roemer!" + +"Du bist kein Roemer! vergieb, mein Freund, es giebt schon lange keine +Roemer mehr. Sonst waer ich' nicht der Seegraf von Neapolis! So wie du kann +nur empfinden, wer eigentlich kein Volk mehr hat. So wie ich muss jeder +fuehlen, der eines lebendigen Volkes ist." + +Julius schwieg eine Weile. "Und wenn dem so ist, - wohl mir! Heil, wenn +ich die Erde verloren, den Himmel zu gewinnen. Was sind die Voelker, was +ist der Staat, was ist die Erde? Nicht hier unten ist die Heimat meiner +unsterblichen Seele! Sie sehnt sich nach jenem Reiche, wo alles anders ist +als hier." + +"Halt ein, mein Julius," sprach Totila, stehen bleibend, die Lanze auf den +Boden stossend. "Hier, auf Erden, hab' ich festen Grund, hier lass mich +stehn und leben, hier nach Kraeften das Schoene geniessen, das Gute schaffen +nach Kraeften. In deinen Himmel kann und will ich dir nicht folgen. Ich +ehre deine Traeume, ich ehre deine heilge Sehnsucht - aber ich teile sie +nicht. Du weisst," fuegte er laechelnd hinzu, "ich bin ein Heide, +unverbesserlich, wie meine Valeria - unsere Valeria. Zur rechten Stunde +denk' ich ihrer. Deine erdenfluecht'gen Traeume liessen uns am Ende des +Liebsten auf Erden vergessen. Sieh, wir sind zur Stadt zurueckgekommen, die +Sonne sinkt so rasch hier im Sueden und ich soll noch vor Nacht die +bestellten Saemereien in den Garten des Valerius bringen. Ein schlechter +Gaertner," laechelte er, "der seiner Blume vergaesse. Leb wohl - ich biege +rechts hinab." + +"Gruesse mir Valeria. Ich gehe nach Hause, zu lesen." + +"Was liesest du jetzt? Noch Platon?" + +"Nein, Augustinus. Lebe wohl!" + + + + + Zweiundzwanzigstes Kapitel. + + +Rasch eilte Totila durch die Strassen der Vorstadt, die belebteren Teile +der Innenstadt meidend, nach der Porta capuana zu und dem Turm Isaks, des +juedischen Pfoertners. Der Turm, unmittelbar zur Rechten des Thores, mit +starken Mauern und massiv gewoelbtem Dach erbaut, erhob sich in mehreren +sich verjuengenden Absaetzen. In dem hoechsten Stockwerk, dicht an den +zackigen Zinnen, waren zwei niedre aber breite Gelasse, zur Wohnung des +Tuermers bestimmt. + +Dort hausten der alte Jude und Miriam, sein dunkelschoenes Kind. + +In dem groessern Gemach, wo an den Waenden in strenger Ordnung die grossen +schweren Schluessel zu den Hauptthueren und den Nebenpforten des wichtigen +Thorgebaeudes, dann das krumme Waechterhorn und der breite, +hellebardengleiche Speer des Pfoertners hingen, sass mit gekreuzten Beinen +auf rohrgeflochtener Matte Isak, der greise Turmwart: eine hohe, +starkknochige Gestalt mit der Adlernase und den buschigen, +hochgeschweiften Brauen seiner Rasse. + +Er hielt einen langen Stab zwischen den Knien und aufmerksam hoerte er den +Worten eines jungen unansehnlichen Mannes, offenbar auch eines Israeliten, +zu, in dessen harten, nuechternen Zuegen der ganze Rechnerverstand des +juedischen Stammes lag. + +"Sieh, Vater Isak," schloss er mit unschoener, klangloser Stimme, "meine +Rede ist keine eitle Rede und meine Worte kommen nicht aus dem Herzen +allein, das blind ist, sondern aus dem Kopf, der da ist sehend. Und hier +hab' ich mit mir gebracht Brief und Urkund fuer jedes Wort meines Mundes: +hier meine Bestallung als Baumeister fuer alle Wasserleitungen von Italien, +jaehrlich fuenfzig Goldsoldi und fuer jedes neue Werk zehn Soldi besonders. +Eben erst hab' ich wieder hergestellt die zerfallene Wasserleitung dieser +Stadt Neapolis; hier in diesem Beutel sind die zehn Goldstuecke, richtig +bezahlt. Du siehst, ich kann ernaehren ein Weib; zudem bin ich Rachels, +deiner Muhme, leiblicher Sohn. So lass mich nicht reden umsonst und gieb +mir Miriam, dein Kind, dass sie bestelle mein Haus." + +Aber der Alte strich seinen grauen langen Kinnbart und schuettelte langsam +das Haupt. "Jochem, Sohn Rachels, mein Sohn - ich sage dir, lass ab, lass +ab." + +"Warum? was kannst du haben gegen mich? Wer mag reden wider Jochem in +Israel?" + +"Niemand. Du bist gerecht und still und fleissig und mehrest deine Habe und +dein Werk gedeiht vor dem Herrn. Aber hast du gesehn, dass sich die +Nachtigall paart mit dem Sperling oder die schlanke Gazelle mit dem +Lasttier? Sie passen nicht zusammen! Und nun sieh dorthin und sage mir +selbst, ob du passest fuer Miriam, mein Kind." + +Und er schob mit seinem langen Stock sachte den gruenwollenen Vorhang zur +Seite, der das vordere Gemach abschloss. + +Leise silberne Toene waren schon heruebergeklungen in das Gespraech der +Maenner: jetzt sah man in den einfachen aber gefaelligen Raum. An dem weiten +Rundbogenfenster, das ueber die herrliche Neapolis, das blaue Meer und die +fernen Berge die freieste Aussicht bot, stand ein junges Maedchen, ein +fremdartig geformtes Saiteninstrument im Arm. Es war eine Erscheinung von +ueberraschender Schoenheit. Gluehend rot fiel das Licht der sinkenden Sonne +noch in das hochgelegene Gemach und uebergoss wie das weisse Faltengewand so +das edel geschnittene Profil des Maedchens mit purpurnem Schimmer: es +spielte auf dem glaenzend schwarzen Haar, das, halb hinter das feine Ohr +zurueckgestrichen, die edeln Schlaefe zeigte. Und wie dieser Sonnenglanz, so +schien der Glanz der Poesie die ganze Erscheinung zu umstrahlen, jede +ihrer Bewegungen zu begleiten und jeden traeumerischen Blick aus diesen +dunkelblauen Augen, die, in weiches Sinnen versunken, ueber die Stadt und +das Meer hinschweiften. "Dunkelmeeresblau" hatte diese Augen Piso, der +Dichter, genannt. - + +Wie im halben Traum beruehrten die Finger nur leise, leise die Saiten, +waehrend von den halbgeoeffneten Lippen, gefluestert mehr als gesungen, eine +alte, melancholische Weise klang: + + "An Wasserfluessen Babylons + Sass weinend Judas Stamm: - + Wann koemmt der Tag, da Judas Stamm + Nicht mehr zu weinen hat?" - + +"Nicht mehr zu weinen hat!" wiederholte sie traeumend und neigte das Haupt +auf den Arm, der die Harfe auf der Fensterbruestung hielt. + +"Sieh hin," sprach der Alte leise, "ist sie nicht lieblich wie die Rose in +den Gaerten von Saron und die Hindin auf den Bergen von Hiram und ist kein +Fehl an ihrem Leibe?" + +Ehe Jochem antworten konnte, scholl dreimal ein leises Klopfen an der +schmalen Eisenpforte unten. Miriam fuhr auf aus ihrem Sinnen, strich rasch +mit der Hand ueber die Augen und eilte die enge Wendeltreppe hinunter. + +Jochem trat an das Fenster und sein Gesicht legte sich in grimmige Falten. +"Ha, der Christ, der gottverfluchte," knirschte er und ballte die Faust. +"Schon wieder der blonde Gote mit dem unbaendigen Stolz! Vater Isak, ist +das der Edelhirsch, der dir zu deiner Hindin passt?" - "Sohn, rede nicht +Hohnwort wider Isak! Du weisst ja, der Juengling hat sein Herz gesetzt auf +ein Roemermaedchen, seine Seele denkt nicht an die Perle von Juda." + +"Aber vielleicht die Perle von Juda an ihn!" + +"Mit Dank und Freuden, wie das Lamm denkt des starken Hirten, der es +entrissen dem Rachen des Wolfs. Hast du vergessen, wie bei der letzten +Jagd, welche die verdammten Roemer machten auf die Schaetze und Goldhaufen +von Israel, und als sie niederbrannten die heil'ge Synagoge mit unheiligem +Feuer, wie da eine Rotte dieser boesen Buben mein armes Kind aufjagte auf +der Strasse, wie ein Rudel Woelfe das weisse Lamm, und zerrten ihr den +Schleier vom Haupt und das Busentuch von den Schultern: - wo war da +Jochem, meiner Muhme Sohn, der sie begleitete? Entflohen war er vor der +Gefahr mit hurtigen Fuessen und liess die Taube in den Krallen der Geier!" + +"Ich bin ein Mann des Friedens," sagte Jochem unbehaglich, "meine Hand +fuehrt nicht das Schwert der Gewalt." + +"Aber Totila fuehrt es, wie einst der Loewe Juda und der Herr ist mit ihm. +Allein, wie er des Weges kam, sprang er unter die Schar der frechen Raeuber +und schlug den frechsten mit der Schaerfe des Schwertes und verscheuchte +die andern, wie der Turmfalk die Kraehen, und huellte sorglich den Schleier +ueber mein bebendes Kind und stuetzte ihren wankenden Schritt und fuehrte sie +heim, ungeschaedigt, in die Arme ihres alten Vaters. Das lohne ihm Jehovah +der Herr mit langem Leben und segne alle Schritte seines Pfades." + +"Nun wohl," sagte Jochem, seine Urkunden einsteckend, "ich gehe, diesmal +fuer lange Zeit. Ich reise ueber das grosse Wasser zu machen ein gross +Geschaeft." + +"Ein gross Geschaeft? Mit wem?" + +"Mit Justinianus, dem Kaiser ueber Morgenland. Es ist eingestuerzt ein Stueck +der grossen Kirche, die er baut der Weisheit des Herrn in der goldnen Stadt +des Konstantin. Ich hab' entworfen Plan und saubern Grundriss, wieder +aufzubauen das Gebaeude." + +Heftig sprang der Alte auf und stiess seinen Stab auf den Boden: "Wie, +Jochem, Sohn Rachels, dem Roemer willst du dienen? Dem Kaiser, dessen +Vorfahren die heilige Zion verbrannt und in Asche gelegt den Tempel des +Herrn? Und bauen willst du an einem Haus des Unglaubens, du, der Sohn des +frommen Manasse? Wehe, wehe ueber dich!" - "Was rufest du Wehe und weisst +nicht warum? Riechst du's dem Goldstueck an, ob es kommt aus der Hand des +Juden oder des Christen? Wiegt es nicht gleich schwer und glaenzt es nicht +gleich lieblich?" + +"Sohn Manasses, du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon." + +"Aber du selbst, dienst du nicht den Unglaeubigen? Seh ich nicht das +Waechterhorn an der Wand deines Hauses? fuehrst du nicht die Schluessel fuer +diese Goten und thust ihnen auf und zu die Pforten fuer ihren Ausgang und +Eingang und huetest die Burg ihrer Staerke?" + +"Ja, das thu' ich," sagte der Alte stolz, "und wachen will ich fuer sie +treulich, Tag und Nacht, wie der Hund fuer den Herrn, und solang Isak Odem +hat, der Sohn Ruben, soll kein Feind dieses Volkes schreiten durch dies +Thor. Denn Dank schulden die Kinder Israel ihnen und ihrem grossen Koenig, +der weise war wie Salomo und wie Gideons war sein Schwert! Dank wie unsre +Vaeter dem grossen Koenig Cyrus, der sie befreiet hat aus Babylon. Die Roemer +haben gebrochen den Tempel des Herrn und zerstreut sein Volk ueber das +Angesicht der Erde. Sie haben uns verspottet und geschlagen und verbrannt +unsre heiligen Staetten und gepluendert unsre Truhen und verunreinigt unsre +Haeuser und gezwungen unsre Weiber ueberall in ihren Landen und haben +geschrieben gegen uns manch grausam Gesetz. Da kam dieser grosse Koenig von +Mitternacht, dessen Samen Jehova segne, und hat wieder aufgebaut unsre +Synagogen: und wenn sie die Roemer niederrissen, mussten sie alles wieder +aufrichten mit eigner Hand und eignem Gelde, und er hat beschuetzt den +Frieden unsrer Daecher und wer Einen schaedigte aus Israel, der musste es +buessen, wie wer einen Christen gekraenkt. Er hat uns gelassen unsern Gott +und unsern Glauben und hat beschirmt unsre Schritte auf den Strassen unsres +Handels und wir feierten das Passah in Frieden und Freude, wie nicht mehr +seit den Tagen, da der Tempel noch stand auf den Hoehen von Zion. Und als +ein Grosser unter den Roemern mir mit Gewalt meine Sarah geraubt, mein Weib, +liess ihm Koenig Theoderich das stolze Haupt abschlagen noch am selben Tage +und gab mir wieder mein Weib unversehret. Und das will ich gedenken, +solange meine Tage dauern und will dienen seinem Volke treu bis zum Tode +und man soll wieder sagen, weit in allen Landen: treu und dankbar wie ein +Jude." + +"Moegest du nicht Undank ernten von den Goten fuer deinen Dank," sagte +Jochem, sich zum Gehen ruestend: "mir ist, einmal koemmt die Stunde fuer +mich, wieder um Miriam zu werben, zum letztenmal. Vielleicht, Vater Isak, +bist du dann minder stolz." Und er schritt durch Miriams Gemach zur Treppe +hinaus, wo er Totila begegnete. Mit einer haesslichen Verbeugung und einem +stechenden Blick drueckte sich der Kleine an dem schlanken Goten vorbei, +der beim Eintritt in die Tuermerwohnung sich tief buecken musste. Miriam +folgte ihm auf dem Fuss. + +"Dort haengen deine Gaertnerkleider," sagte sie, ohne die langen Wimpern +aufzuschlagen, "und hier am Fenster hab' ich die Blumen bereit gestellt. +Sie liebt die weissen Narcissen, sagtest du neulich. Ich habe weisse +Narcissen besorgt. Sie duften lieblich." Und die melodische Stimme +schwieg. + +"Du bist ein gutes Maedchen, Miriam," sagte Totila, den Helm mit den +silberweissen Schwanenfluegeln abhebend und auf den Tisch setzend, "wo ist +dein Vater?" - "Der Segen des Herrn ruhe auf deinen goldnen Locken," +sprach der Alte, in das Gemach tretend. - "Gegruesst, treuer Isak!" rief +Totila, warf den langen, glaenzend weissen Mantel ab, der ihm von den +Schultern floss, und huellte sich in einen braunen Ueberwurf, den ihm Miriam +von der Wand reichte. "Ihr guten Leute! Ohne euch und eure verschwiegene +Treue wuesste ganz Neapolis um mein Geheimnis. Wie kann ich euch danken!" - +"Dank?" sagte Miriam, schlug die dunkelblauen Augen auf und liess sie +leuchtend auf ihm ruhen. "Du hast voraus gedankt fuer alle Zeit." + +"Nein, Miriam," sagte der Gote, den braunen breitkrempigen Filzhut tief in +die Stirne ziehend, "ich mein' es herzlich gut mit euch. Sage, Vater Isak, +wer ist der Kleine, den ich schon oefter hier geseh'n und eben wieder +begegnet? Mir ist, er hat sein Auge auf Miriam geworfen. Sprich offen, +wenn es bei ihr nur am Gelde fehlt - ich helfe gern." - "Es fehlt an der +Liebe, Herr, bei ihr," sagte Isak ruhig. - "Da kann ich freilich nicht +helfen! Aber wenn sonst ihr Herz gewaehlt - ich moechte gern etwas thun fuer +meine Miriam." Und er legte freundlich die Hand auf das glaenzende schwarze +Haar des Maedchens. Nur leise war die Beruehrung. Aber wie vom heissen Blitz +getroffen fiel Miriam ploetzlich auf die Knie: die Arme ueber dem Busen +kreuzend, und das schoene Haupt tief nach vorn beugend: wie eine tauschwere +Blume glitt sie zu den Fuessen Totilas nieder. + +Dieser trat bestuerzt einen Schritt zurueck. + +Aber im Augenblick war das Maedchen wieder auf: "Verzeih, es war nur eine +Rose - sie fiel vor deinen Fuss." + +Sie legte die Blume auf den Tisch und so gefasst war sie, dass weder ihr +Vater noch der Juengling des Vorfalls weiter achteten. + +"Es dunkelt schon, eile, Herr," sprach sie ruhig und reichte ihm den Korb +mit den Blumen. - "Ich gehe. Auch Valeria schuldet dir reichen Dank: ich +habe ihr viel von dir erzaehlt und sie fraegt mich stets nach dir. Sie +moechte dich lang schon sehen. Nun, vielleicht geht das bald - heut' ist's +wohl das letztemal, dass ich diese Vermummung brauche." + +"Willst du sie entfuehren, die Tochter von Edom?" rief der Alte. "Bring sie +nur hierher! hier ist sie wohl geborgen." + +"Nein," fiel Miriam ein, "nicht hierher, nein, nein!" + +"Weshalb nicht, du seltsames Kind?" zuernte der Alte. + +"Das ist kein Raum fuer seine Braut - dies Gemach - es braechte ihr kein +Heil." - "Beruhigt euch," sagte Totila, schon an der Thuere, "offne Werbung +soll der Heimlichkeit ein Ende machen. Lebt wohl." Und er schritt hinaus. +Isak nahm den Speer, das Horn und einige Schluessel von der Wand; er +folgte, ihm zu oeffnen und die Abendrunde laengs allen Pforten des grossen +Thorbaues zu machen. + +Miriam blieb oben allein. + +Lange Zeit stand sie unbeweglich mit geschlossenen Augen an derselben +Stelle. Endlich strich sie mit beiden Haenden ueber Schlaefe und Wangen und +schlug die Augen auf. Still war's im Gemach; durch das offene Fenster +glitt der erste Strahl des Mondlichts. Er fiel silbern auf Totilas hellen +Mantel, der in langen Falten ueber dem Stuhl hing. Rasch flog Miriam auf +den weissen Schimmer zu und bedeckte den Saum des Mantels mit heissen +Kuessen. Dann ergriff sie den blinkenden Schwanenhelm, der neben ihr auf +dem Tische stand, sie umfasste ihn mit beiden Armen und drueckte ihn +zaertlich an die Brust. Dann hielt sie ihn eine Weile traeumend vor sich +hin: endlich - sie konnte nicht widerstehen - hob sie ihn rasch auf und +setzte ihn auf das schoene Haupt: sie zuckte als die Woelbung ihre Stirn +beruehrte, dann strich sie die schwarzen Flechten aus den Schlaefen und +drueckte einen Augenblick den harten, kalten Stahl fest mit beiden Haenden +an die gluehende Stirn. Dann hob sie ihn wieder ab und legte ihn, scheu +umblickend, auf seinen fruehern Ort zu dem Mantel. Darauf trat sie ans +Fenster und sah hinaus in die duftige Nacht und das zauberische Mondlicht. +Ihre Lippen regten sich wie im Gebet: aber die Worte des Gebets klangen +aus in der alten Weise: + + "An Wasserfluessen Babylons + Sass weinend Judas Stamm: + Wann koemmt der Tag, der all dein Leid, + Du Tochter Zion, stillt?" + + + + + Dreiundzwanzigstes Kapitel. + + +Indessen Miriam schweigend aufsah zu den ersten Sternen, hatte Totilas +rascher sehnsuchtbefluegelter Schritt alsbald die Villa des reichen +Purpurhaendlers, die etwa eine Stunde vor dem capuanischen Thor gelegen +war, erreicht. + +Der Thuerstehersklave wies ihn an den alten Hortularius, den Freigelassenen +Valerias, dem die Sorge fuer die Gaerten ueberlassen war. Dieser, der +Vertraute der Liebenden, nahm dem Gaertnerburschen die Blumen und Saemereien +ab, die er angeblich von dem ersten Blumenhaendler von Neapolis brachte, +und geleitete ihn in sein gewoehnliches Schlafgemach im Erdgeschoss, dessen +niedrige Fenster in den Garten fuehrten: am andern Morgen noch vor Aufgang +der Sonne - so wollte es die Geheimlehre der antiken Gaertnerei - muessten +die Blumen eingesetzt werden, auf dass das erste Sonnenlicht, das sie in +dem neuen Boden traefe, das segenbringende der Morgensonne sei. - + +Ungeduldig erwartete der junge Gote in dem engen Gemach bei einem Kruge +Weines die Stunde, da sich Valeria von ihrem Vater nach dem gemeinsamen +Nachtmahl verabschieden konnte. + +Immer wieder sah er zum Himmel auf, an dem Auftauchen der Sterne und dem +Gang des Mondes den Fortschritt der Nacht zu ermessen. Er schlug den +Vorhang zurueck, der die Fensteroeffnung schloss; stille war's in dem weiten +Garten. In der Ferne plaetscherte nur leise der Springbrunnen und Zikaden +zirpten in den Myrtengebueschen: der warme ueppige Suedwind strich in +schwuelem Hauch durch die Nacht, stossweise ganze Wolken von Wohlgeruechen +aus Rosenbaeumen auf seinen Fittichen mit sich fuehrend: und weithin aus dem +Pinienwaeldchen am Ende des Gartens drang lockend und sinnaufregend der +tiefgezogene heisse Schlag der Nachtigall. + +Endlich hielt sich Totila nicht laenger. Geraeuschlos schwang er sich ueber +die Marmorbruestung des Fensters: kaum knisterte unter seinen raschen +Schritten der weisse Sand der schmalen Wege, wie er, den Strom des +Mondlichts meidend, unter dem Schatten der Gebuesche dahin eilte. Vorueber +an den dunkeln Taxusgaengen und den Lauben von dichten Oliven, vorueber an +der hohen Statue der Flora, deren weisser Marmor geisterhaft im Mondlicht +schimmerte, vorueber an dem weiten Becken, wo sechs Delphine den +Wasserstrahl hoch aus den Nuestern bliesen, rasch eingebogen in den dicht +verwachsenen Laubweg von Lorbeer und Tamarinden und nun, noch ein +Oleandergebuesch durchdringend, stand er vor der Grotte aus Tropfstein, in +der die Quellnymphe ueber einer dunkeln grossen Urne lehnte. + +Wie er eintrat, glitt eine weisse Gestalt hinter der Statue hervor. + +"Valeria, meine schoene Rose!" rief Totila und umschlang gluehend die +Geliebte, die leise seinem Ungestuem wehrte. "Lass, lass ab, mein Geliebter," +fluesterte sie, sich seinem Arm entziehend. "Nein, du Suesse, ich will nicht +von dir lassen. Wie lang, wie schmerzlich hab' ich dein entbehrt! Hoerst +du, wie lockend und wirbelnd die Nachtigall ruft, fuehlst du wie der warme +Hauch der Sommernacht, der berauschende Duft des Geissblattes Liebe atmet? +Sie alle mahnen und bedeuten, wir sollen gluecklich sein! O lass sie uns +festhalten, diese goldnen Stunden. Meine Seele ist nicht weit genug all' +ihr Glueck zu fassen: all' deine Schoenheit, all' unsre Jugend und diese +gluehende, bluehende Sommernacht; in maechtigen Wogen rauscht das volle Leben +durch das Herz und will's vor Wonne sprengen." + +"O mein Freund! gern moecht' ich, wie du, aufgehn im Gluecke dieser Stunden. +Ich kann es nicht. Ich traue nicht diesem berauschenden Duft, der ueppigen +Schwuele dieser Sommernaechte: sie dauert nicht: sie bruetet Unheil: ich kann +nicht glauben an das Glueck unsrer Liebe." + +"Du liebe Thoerin, warum nicht?" + +"Ich weiss es nicht: der unselige Zwiespalt, der all' mein Leben scheidet, +uebt seinen Fluch auch hier. Gern moechte mein Herz sich trunken, wie du, +diesem Gluecke hingeben. Aber eine Stimme in mir warnt und mahnt: es dauert +nicht, - du sollst nicht gluecklich sein." + +"So bist du nicht gluecklich in meinen Armen?" + +"Ja und nein! das Gefuehl des Unrechts, der Schuld gegen meinen edlen Vater +lastet auf mir. Sieh, Totila, was mich zumeist an dir beglueckt ist nicht +diese deine jugendschoene Kraft, selbst deine grosse Liebe nicht. Es ist der +Stolz meines Herzens auf deine Seele, auf deine offne, lichte, edle Seele. +Ich habe mich gewoehnt, dich klar und hell wie einen Gott des Lichts durch +diese dunkle Welt schreiten zu sehen: der edle Mut siegessichrer Kraft, +der Schwung, die freudige Wahrhaftigkeit deines Wesens ist mein Stolz: dass +alles Kleine, Dumpfe, Gemeine versinken muss, wo du nahest, das ist mein +Glueck. Ich liebe dich wie eine Sterbliche den Sonnengott, der ihr in Fuelle +seines Lichts genaht. Und deshalb kann ich an dir nichts Heimliches, +Verstecktes dulden. Auch die Wonnen dieser Stunden nicht - sie sind +erlistet und es kann nicht laenger also sein." + +"Nein, Valeria und es soll auch nicht. Ich fuehle ganz wie du. Auch mir ist +die Luege dieser Mummerei verhasst, ich trage sie nicht laenger. Ich bin +gekommen, ihr ein Ende zu machen. Morgen, morgen werf ich diese Taeuschung +ab und spreche zu deinem Vater offen und frei." - "Dieser Entschluss ist +der beste, denn" - + +"Denn er rettet dein Leben, Juengling!" unterbrach ploetzlich eine tiefe +Stimme und aus dem dunkeln Hintergrund der Grotte trat ein Mann und stiess +das blanke Schwert in die Scheide. + +"Mein Vater!" rief Valeria ueberrascht, doch in mutiger Fassung. Totila +schlang seinen Arm um sie, sein Kleinod zu verteidigen. + +"Hinweg, Valeria, fort von dem Barbaren!" sprach Valerius, befehlend den +Arm ausstreckend. + +"Nein, Valerius," sagte Totila, die Geliebte fester an sich drueckend, "ihr +Platz ist forthin an dieser Brust." + +"Verwegner Gote!" + +"Hoere mich, Valerius, und zuerne uns nicht um dieser Taeuschung willen. Du +hast es selbst gehoert, schon morgen sollte sie enden." + +"Zu deinem Glueck hab' ich's gehoert. Gewarnt von dem aeltesten meiner +Freunde, wollt' ich doch kaum glauben, dass meine Tochter - mich +hintergeht. Als ich's glauben musste, beschloss ich, dass dein Blut deine +List bezahlen sollte. Dein Entschluss hat dein Leben gerettet. Jetzt aber +flieh: du siehst ihr Antlitz niemals wieder." - + +Totila wollte heftig erwidern, aber Valeria kam ihm zuvor: "Vater," sprach +sie ruhig, zwischen die Maenner tretend, "hoere dein Kind. Ich will meine +Liebe nicht entschuldigen, sie bedarf es nicht, sie ist goettlich und +notwendig wie die Sterne: die Liebe zu diesem Mann ist das Leben meines +Lebens. + +Du kennst meine Seele: Wahrheit ist ihr Aether und ich sage dir, bei meiner +Seele: nie werd' ich lassen von diesem Mann!" - "Und niemals ich von ihr," +rief Totila und ergriff ihre Rechte. + +Hochaufgerichtet stand das junge Paar, vom Licht des Mondes voll +beleuchtet, vor dem Alten: ihre edlen Zuege und Gestalten trugen im +Augenblick die Weihe heiliger Begeisterung: und so schoen war die Gruppe, +dass ein ruehrendes, erweichendes Gefuehl davon sich unwillkuerlich dem +zuernenden Vater aufdraengte. "Valeria, mein Kind!" + +"O mein Vater! Du hast mit einer Liebe und Treue all' meine Schritte +geleitet, dass ich bisher die Mutter, die verlorne, zwar beklagte, aber +kaum vermisste. Jetzt, in dieser Stunde vermiss' ich sie zum erstenmal: +jetzt, ich fuehl' es, beduerfte ich ihrer Fuersprache. O so lass ihr Andenken +wenigstens fuer mich sprechen. Lass mich dir ihr Bild vor die Seele fuehren +und dich an den Augenblick erinnern, da dich die Sterbende zum letztenmal +an ihr Lager rief und dir, wie du mir oft gesagt, mein Glueck auf die Seele +band als heiligstes Vermaechtnis. -" + +Valerius drueckte die linke Hand vor die Stirn; seine Tochter wagte, die +andre zu fassen, er entzog sie ihr nicht: offenbar rang es gewaltig in des +Alten Brust. Endlich sprach er: "Valeria, du hast ein maechtig Wort +gesprochen, ohne es zu wissen. Es waere Unrecht, dir zu verschweigen, was +du ahnungsvoll beruehrt. Erfahre, was deine Mutter in jener Sterbestunde +mir auferlegt. Noch immer drueckte ihre Seele jenes Geluebde, das wir doch +lange abgeloest. "Soll unser Kind nicht die Braut des Himmels werden," +sprach sie, "so gelobe mir wenigstens, die Freiheit ihrer Wahl zu ehren. +Ich weiss wie roemische Maedchen, zumal die Toechter unsres Standes, in die +Ehe gegeben werden, ungefragt, ohne Liebe: ein solcher Bund ist ein Elend +auf Erden und ein Greuel vor dem Herrn. Meine Valeria wird edel waehlen - +gelobe mir, sie dem Mann ihrer Wahl anzuvertrauen und keinem sonst." + +Und ich gelobte es in ihre bebende Hand. - Aber mein Kind einem Barbaren +geben, einem Feind Italiens, nein, nein!" Und mit heftiger Armbewegung riss +er sich von ihr los. + +"Ich bin vielleicht so gar barbarisch nicht, Valerius," hob Totila an. +"Wenigstens bin ich in meinem ganzen Volk der waermste Freund der Roemer. +Glaube mir, nicht euch hasse ich: die ich verabscheue, sind eure wie unsre +verderblichsten Feinde - die Byzantiner!" + +Das war ein glueckliches Wort. Denn in dem Herzen des alten Republikaners +war der Hass gegen Byzanz die Kehrseite seiner Liebe zur Freiheit und zu +Italien. Er schwieg, aber sein Auge ruhte sinnend auf dem Juengling. + +"Mein Vater," sprach Valeria, "dein Kind wuerde keinen Barbaren lieben. +Lern' ihn kennen: und schiltst du ihn dann noch barbarisch - so will ich +nie die Seine werden. Ich fordre nichts von dir als: lern' ihn kennen: +entscheide du selbst, ob meine Wahl edel sei oder nicht. + +Ihn lieben alle Goetter und alle Menschen muessen ihm gut sein - du allein +wirst ihn nicht verwerfen." + +Und sie fasste seine Hand. + +"O lerne mich kennen, Valerius," bat Totila, innig seine andre Hand +ergreifend. Der Alte seufzte. Endlich sprach er: "Kommt mit mir zum Grabe +der Mutter. Dort ragt es unter den Cypressen. Da ruht die Urne mit ihrem +Herzen. Dort lasst uns ihrer gedenken, der edelsten Frau, und ihren +Schatten anrufen. Und ist es echte Liebe und eine edle Wahl - so werd' ich +erfuellen, was ich gelobt." + + + + + Vierundzwanzigstes Kapitel. + + +Einige Wochen spaeter finden wir zu Rom in dem uns wohl erinnerlichen +Schreibgemach mit der Caesarstatue Cethegus, den Praefekten und unsern neuen +Bekannten, Petros, des Kaisers oder vielmehr der Kaiserin Gesandten. + +Die beiden Maenner hatten unter lebhaftem Gespraech und wechselseitigem +Erinnern an fruehere Zeiten, - sie waren Studiengenossen, wie wir erfuhren, +- zu einfachem Mahl einen Krug alten Massikers geleert und waren soeben +aus dem Speisesaal in das abgelegene Arbeitszimmer getreten, um jetzt +ungestoert von den bedienenden Sklaven Geheimeres zu bereden. + +"Sobald ich mich ueberzeugt hatte," schloss Cethegus seinen Bericht ueber die +letzten Ereignisse "dass die Schreckensnachrichten aus Ravenna nur erst +Geruechte waren, vielleicht erdichtet, jedenfalls uebertrieben, setzte ich +der Aufregung und dem Eifer meiner Freunde die groesste Ruhe entgegen. Der +Feuerkopf Lucius Licinius mit seiner thoerichten Begeisterung fuer mich +haette bald alles verdorben. Unablaessig forderte er meine Dictatur, +buchstaeblich setzte er mir das Schwert auf die Brust und schrie, man muesse +mich zwingen, das Vaterland zu retten. Er schwatzte so viel aus der +Schule, dass es nur ein Glueck war, der schwarze Korse - der es mit den +Barbaren zu halten scheint, niemand weiss recht warum - nahm ihn fuer mehr +berauscht als er war. Endlich kam die Nachricht, Amalaswintha sei +zurueckgekehrt, und so beruhigte sich allmaehlich Volk und Senat." + +"Du aber," sagte Petros, "hattest zum zweitenmal Rom vor der Rache der +Barbaren gerettet - ein unvergessliches Verdienst, das dir die ganze Welt, +zunaechst aber die Regentin, danken muss." - "Die Regentin - arme Frau!" +meinte Cethegus achselzuckend, "wer weiss wie lange die Goten oder deine +Gebieter zu Byzanz, sie noch werden auf dem Throne lassen." - "Wie? da +irrst du sehr!" fiel Petros eifrig ein. "Meine Sendung hat vor allem den +Zweck, ihren Thron zu stuetzen; und bei dir wollte ich eben anfragen, wie +man das am besten koenne," setzte er pfiffig hinzu. + +Aber der Praefekt lehnte sein Haupt zurueck an die Marmorwand und sah den +Gesandten laechelnd an: "O Petros, o Petre," sagte er, "warum so verdeckt? +Ich daechte doch, wir kennten uns besser." + +"Was meinst du?" fragte der Byzantiner befangen. + +"Ich meine, dass wir nicht umsonst Recht und Geschichte miteinander +studiert haben zu Berytus und Athen. Ich meine, dass wir damals schon +unzaehlige Male als Juenglinge, lustwandelnd und Weisheit austauschend, zu +dem Ergebnis gelangten: der Kaiser muesse diese Barbaren austreiben aus +Italien und wieder zu Rom herrschen wie zu Byzanz. Und da nun ich noch +denke wie dazumal, wirst wohl auch du nicht ein andrer geworden sein." - +"Ich habe meine Ansicht der meines Herrn zu unterwerfen und Justinian" - +"Erglueht natuerlich fuer die Herrschaft der Barbaren in Italien." - +"Freilich," sagte der Rhetor verlegen, "es koennten Faelle eintreten -" + +"Petre," rief jetzt Cethegus, sich unwillig aufrichtend, "keine Phrasen +und keine Luegen. Sie sind nicht angewandt bei mir. Sieh, Petros, es ist +wieder dein alter Fehler: du bist immer zu pfiffig, um klug zu sein: du +meinst, es muss immer gelogen sein und hast nie den Mut zur Wahrheit. Man +muss aber nur dann luegen, wenn man in seiner Luege ganz sicher ist. Wie +kannst du mich darueber taeuschen wollen, dass der Kaiser Italien wieder +haben will? Ob er die Regentin stuerzen oder halten will, haengt davon ab, +ob er glaubt ohne oder mit ihr leichter ans Ziel zu kommen. Wie er +hierueber denkt, das soll ich nicht erfahren. Aber sieh', trotz all' deiner +Verschmitztheit, sobald wir noch einmal zusammengewesen, sag' ich dir ins +Gesicht, was dein Kaiser hierin vor hat." + +Ein boshaftes und bittres Laecheln spielte um des Gesandten Mund: "Noch +immer so stolz, wie in der Dialektik zu Athen," sagte er giftig. - "Jawohl +und du weisst, zu Athen war ich immer der Erste, Prokopius der Zweite und +erst der Dritte warst du." + +Da trat Syphax ein: + +"Eine verhuellte Frau, o Herr," meldete er, "sie wartet dein im Zeussaal." + +Sehr froh, diese Unterredung abgebrochen zu sehen, denn er fuehlte sich dem +Praefekten nicht gewachsen, grinste Petros: "Nun, ich wuensche Glueck zu +solcher Stoerung." + +"Ja, dir!" laechelte Cethegus und ging hinaus. + +"Hochmuetiger, du sollst noch deinen Spott bereuen," dachte der Byzantiner. + +Cethegus fand in dem Saale, der von einer schoenen Zeusstatue des Glykon +von Athen den Namen trug, eine in gotischer Tracht reich gekleidete Frau; +sie schlug bei seinem Eintritt die Kapuze des braunen Mantels zurueck. + +"Fuerstin Gothelindis," fragte der Praefekt ueberrascht, "was fuehrt dich zu +mir?" + +"Die Rache!" erwiderte eine heisere, unschoene Stimme und die Gotin trat +dicht an ihn heran. Sie zeigte scharfe, aber nicht haessliche Zuege, und man +haette sie sogar schoen nennen muessen, wenn nicht das linke Auge +ausgeflossen und die ganze linke Wange durch eine grosse Narbe entstellt +gewesen waere: diese Wunde schien jetzt frisch zu bluten, da dem +leidenschaftlichen Weibe die Roete in die Wangen schoss, wie sie bei jenem +Wort die Faust ballte. So toedlicher Hass loderte aus dem einen grauen Auge, +dass Cethegus unwillkuerlich von ihr zuruecktrat. + +"Rache?" fragte er, "an wem?" + +"An - davon spaeter. Vergieb," sagte sie, sich fassend, "dass ich euch +stoere. + +Dein Freund Petros, der Rhetor von Byzanz, ist bei dir, nicht wahr?" + +"Ja. Woher weisst du -" + +"O, ich sah ihn vor der Coena durch deine Portikus eintreten," sagte sie +gleichgueltig. + +"Das ist nicht wahr," sprach Cethegus im Geiste: "ich hab' ihn ja zur +Gartenthuer hereinfuehren lassen. Also haben sich die beiden hier +zusammenbestellt. Ich soll das nicht ahnen. Aber was haben sie mit mir +vor?" + +"Ich will dich nicht lange hier festhalten," fuhr Gothelindis fort. "Ich +habe nur Eine Frage an dich. Antworte kurz ja oder nein. Ich kann das Weib +- die Tochter Theoderichs - stuerzen und ich will's: bist du darin fuer mich +oder gegen mich?" + +"O, Freund Petros," dachte der Praefekt, "jetzt weiss ich bereits, was du +mit Amalaswinthen vorhast. Aber wir wollen sehen, wie weit ihr schon +seid." + +"Gothelindis," hob er ausholend an, "du willst die Regentin stuerzen - das +glaub' ich dir gern - aber dass du's kannst, bezweifle ich." + +"Hoere, dann entscheide ob ich's kann. Das Weib hat die drei Herzoge +ermorden lassen." + +Cethegus zuckte die Achseln: "Das glauben manche Leute." + +"Aber ich kann es beweisen." + +"Das waere," meinte Cethegus unglaeubig. "Herzog Thulun, wie du weisst, starb +nicht sofort. Er ward auf der aemilischen Strasse ueberfallen, nahe bei +meiner Villa zu Tannetum: meine Colonen fanden ihn und brachten ihn in +mein Haus. Du weisst, er war mein Vetter - ich bin aus dem Hause der Balten +- er verschied in meinen Armen." + +"Nun, und was sagte der Kranke im Wundfieber?" + +"Nichts Wundfieber! Herzog Thulun traf noch im Stuerzen den Moerder mit dem +Schwert: er entkam nicht weit; meine Colonen suchten ihn und fanden ihn +sterbend im naechsten Walde: er hat mir alles gestanden." + +Cethegus drueckte nur unmerklich die Lippen zusammen. "Nun, was war er? was +hat er ausgesagt." + +"Er war," sprach Gothelindis scharf, "ein isaurischer Soeldner, ein +Aufseher der Schanzarbeiten zu Rom und sagte aus: Cethegus, der Praefekt, +hat mich zur Regentin, die Regentin zu Herzog Thulun gesendet." + +"Wer hoerte dies Gestaendnis ausser dir?" fragte Cethegus lauernd. + +"Niemand. Und niemand soll davon hoeren, wenn du zu mir stehest. Wenn aber +nicht, dann -" + +"Gothelindis," unterbrach der Praefekt, "keine Drohung: sie nuetzt dir +nichts. Du solltest einsehn, dass du mich dadurch nur erbittern, nicht +zwingen kannst. Ich lasse es im Notfall zur offnen Anklage kommen: du bist +als grimmige Feindin Amalaswinthens bekannt: dein Zeugnis allein - du +warst unvorsichtig genug, zu gestehen, dass niemand sonst das Gestaendnis +gehoert - wird weder sie noch mich verderben. Zwingen kannst du mich zum +Kampfe gegen die Regentin nicht: hoechstens ueberreden, wenn du mir's als +meinen eignen Vorteil darstellen kannst. Und dazu will ich selbst dir +einen Verbuendeten schaffen. Du kennst doch Petros, meinen Freund?" + +"Genau, seit lange." + +"Erlaube, dass ich ihn zu dieser Unterredung herbeihole." + +Er ging in das Studierzimmer zurueck. "Petros, mein Besuch ist die Fuerstin +Gothelindis, Theodahads Gemahlin. Sie wuenscht uns beide zu sprechen. +Kennst du sie?" + +"Ich? o nein; ich habe sie nie gesehen!" sagte der Rhetor rasch. + +"Gut; folge mir." Sowie sie in den Saal des Zeus traten, rief Gothelindis +ihm entgegen: + +"Gegruesst, alter Freund, welch ueberraschend Wiedersehn." + +Petros verstummte. + +Cethegus, die Haende auf den Ruecken gelegt, weidete sich an der Bestuerzung +des Diplomaten von Byzanz. Nach einer peinlichen Pause hob er an: "Du +siehst, Petros, immer zu pfiffig, immer unnoetige Feinheiten. Aber komm, +lass dich eine entdeckte List mehr nicht so niederschlagen. Ihr beide habt +euch also verbunden, die Regentin zu stuerzen. Mich wollt ihr gewinnen, +euch dabei zu helfen. Dazu muss ich genau wissen, was ihr weiter vorhabt. +Wen wollt ihr auf Amalaswinthens Thron setzen? Denn noch ist der Weg fuer +Justinian nicht frei." + +Beide schwiegen eine Weile. Es ueberraschte sie sein klares Durchschauen +der Lage. Endlich sprach Gothelindis: "Theodahad, meinen Gemahl, den +letzten der Amelungen." + +"Theodahad, den letzten der Amelungen," wiederholte Cethegus langsam. +Indessen ueberlegte er alle Gruende fuer und wider. Er bedachte, dass +Theodahad, unbeliebt bei den Goten, durch Petros erhoben, bald ganz in der +Hand der Byzantiner stehen und die Katastrophe durch Herbeirufung des +Kaisers anders, frueher als Er wollte, herbeifuehren wuerde. + +Er bedachte, dass er jedenfalls die Heere der Ostroemer moeglichst lange +fernhalten muesse und er beschloss bei sich, die gegenwaertige Lage und +Amalaswintha aufrecht zu halten, da sie ihm Zeit zu seinen Vorbereitungen +liessen. All' das hatte er im Augenblick gedacht, erwogen, beschlossen. +"Und wie wollt ihr nun eure Sache angehn?" fragte er ruhig. + +"Wir werden das Weib auffordern, zu Gunsten meines Gatten abzudanken, +unter Androhung, sie des Mordes anzuklagen." + +"Und wenn sie's darauf wagt?" + +"So vollfuehren wir die Drohung," sagte Petros, "und erregen unter den +Goten einen Sturm, der ihr -" + +"Das Leben kostet," rief Gothelindis. + +"Vielleicht die Krone kostet," sagte Cethegus. "Aber gewiss sie nicht +Theodahad zuwendet. + +Nein, wenn die Goten einen Koenig waehlen, heisst er nicht Theodahad." + +"Nur zu wahr!" knirschte Gothelindis. + +"Dann koennte leicht ein Koenig kommen, der uns allen viel unerfreulicher +waere als Amalaswintha. Und deshalb sag' ich euch offen: ich bin nicht fuer +euch, ich halte die Regentin." + +"Wohlan," rief Gothelindis grimmig, sich zur Thuere wendend, "also Kampf +zwischen uns, komm, Petros." + +"Gemach, ihr Freunde," sprach der Byzantiner. + +"Vielleicht aendert Cethegus seinen Sinn, wenn er dies Blatt gelesen." + +Und er reichte dem Praefekten jenen Brief, den Alexandros von Amalaswintha +an Justinian ueberbracht. + +Cethegus las: seine Zuege verfinsterten sich. + +"Nun," meinte Petros hoehnisch, "willst du noch die Koenigin stuetzen, die +dich dem Untergang geweiht? Wo warst du, wenn sie ihren Plan durchfuehrte +und deine Freunde nicht fuer dich wachten." + +Cethegus hoerte ihn kaum. "Armseliger," dachte er, "als ob es das waere! Als +ob die Regentin daran nicht ganz recht haette. Als ob ich ihr das verargen +koennte! Aber die Unvorsichtige hat bereits gethan, was ich von Theodahad +erst fuerchtete: sie hat sich selbst vernichtet und all' meine Plaene +bedroht: sie hat die Byzantiner schon ins Land gerufen und sie werden +jetzt kommen, ob sie noch will oder nicht. Solange Amalaswintha Koenigin, +wird Justinian ihren Beschuetzer spielen." Und nun wandte er sich scheinbar +in grosser Bestuerzung an den Gesandten, den Brief zurueckgebend: "Und wenn +sie ihren Entschluss durchfuehrte, wenn sie auf dem Thron bliebe - bis wann +koennen eure Heere landen?" + +"Belisar ist schon auf dem Wege nach Sicilien," sagte Petros, stolz +darauf, den Hochmuetigen eingeschuechtert zu haben, "in einer Woche kann er +vor Rom liegen." + +"Unerhoert," rief Cethegus in unverstellter Bewegung. + +"Du siehst," sprach Gothelindis, welcher Petros inzwischen den Brief +gereicht, "die du halten wolltest, will dich verderben. Komm ihr zuvor." + +"Und im Namen des Kaisers, meines Herrn, ford're ich dich auf, mir +beizustehn, dies Gotenreich zu vernichten und Italien seiner Freiheit +wiederzugeben. Man weiss am Kaiserhof dich und deinen Geist zu schaetzen und +nach dem Siege verheisst dir Justinian: - die Wuerde eines Senators zu +Byzanz." + +"Ist's moeglich!" rief Cethegus. "Aber nicht einmal diese hoechste Ehre +treibt mich dringender in euren Bund als die Entruestung ueber die +Undankbare, die zum Lohn fuer meine Dienste mein Leben bedroht. - Du bist +doch gewiss," fragte er aengstlich, "dass Belisar noch nicht sobald landen +wird?" + +"Beruhige dich," laechelte Petros, "diese meine Hand ist's, die ihn +herbeiwinkt, wann es Zeit. Erst muss Amalaswintha durch Theodahad ersetzt +sein." + +"Gut," dachte Cethegus, "Zeit gewonnen, alles gewonnen. Und nicht eher +soll der Byzantiner landen, bis ich ihn an der Spitze des bewaffneten +Italiens empfangen kann." "Ich bin der eure," sprach er, "und ich denke, +ich werde die Regentin dahin bringen, deinem Gatten mit eigner Hand die +Krone aufs Haupt zu setzen. Amalaswintha soll dem Scepter entsagen." + +"Nie thut sie das!" rief Gothelindis. + +"Vielleicht doch! Ihr Edelmut ist noch groesser als ihr Herrscherstolz. Man +kann seine Feinde auch durch ihre Tugenden verderben," sagte Cethegus +nachsinnend. "Ich bin meiner Sache gewiss und ich gruesse dich, Koenigin der +Goten!" schloss er mit leichter Verbeugung. + + + + + Fuenfundzwanzigstes Kapitel. + + +Die Regentin Amalaswintha stand in der Zeit nach der Beseitigung der drei +Herzoge in einer abwartenden Haltung. + +Hatte sie durch den Fall der Haeupter des ihr feindlichen Adels etwas mehr +freie Hand gewonnen, so stand doch die Volksversammlung zu Regeta bei Rom +in naher Aussicht, in der sie sich von dem Verdacht des Mordes voellig +reinigen oder die Krone, vielleicht das Leben, lassen musste. Nur bis dahin +hatten ihr Witichis und die Seinen ihren Schutz zugesagt. Sie spannte +deshalb ihre Kraefte an, ihre Stellung bis zu jener Entscheidung nach allen +Seiten zu befestigen. + +Von Cethegus hoffte sie nichts mehr: sie hatte seine kalte Selbstsucht +durchschaut; doch vertraute sie, dass die Italier und die Verschwornen in +den Katakomben, an deren Spitze ja ihr Name stand, ihre roemerfreundliche +Herrschaft einem aus der rauhen Gotenpartei hervorgegangenen Koenig +vorziehen wuerden. Sehnlich wuenschte sie das Eintreffen der vom Kaiser +erbetenen Leibwache herbei um fuer den ersten Augenblick der Gefahr eine +Stuetze zu haben: und eifrig war sie bemueht, unter den Goten selbst die +Zahl ihrer Freunde zu vermehren. + +Sie berief mehrere der alten Gefolgsleute ihres Vaters, eifrige Anhaenger +des Hauses der Amaler, greise Helden von grossem Namen im Volk, +Waffenbrueder und beinahe Jugendgenossen des alten Hildebrand, zu sich nach +Ravenna, besonders den weissbaertigen Grippa, den Mundschenk Theoderichs, +der dem Waffenmeister an Ruhm und Ansehn kaum nachstand: sie ueberhaeufte +ihn und die andern Gefolgen mit Ehren, uebertrug Grippa und seinen Freunden +das Kastell von Ravenna und liess sie schwoeren, diese Feste dem Geschlecht +der Amaler sicher zu erhalten. + +Wenn die Verbindung mit diesen volkbeliebten Namen eine Art von +Gegengewicht wider Hildebrand, Witichis und ihre Freunde schaffen sollte, +- und Witichis konnte die Auszeichnung der Freunde Theoderichs nicht als +staatsgefaehrlich verhindern - so sah sich die Koenigin auch gegen die +Adelspartei der Balten und ihrer Blutraecher nach einer Stuetze um. Sie +erkannte diese mit scharfem Blick in dem edeln Hause der Woelsungen, nach +den Amalern und Balten der dritthoechsten Adelssippe unter den Goten, reich +beguetert und einflussreich in dem mittleren Italien, deren Haeupter dermalen +zwei Brueder, Herzog Guntharis und Graf Arahad, waren. Diese zu gewinnen, +hatte sie ein besonders wirksames Mittel ersonnen: sie bot fuer die +Freundschaft der Woelsungen keinen geringern Preis als die Hand ihrer +schoenen Tochter. - + +Zu Ravenna in einem reich geschmueckten Gemach standen Mutter und Tochter +in ernstem, aber nicht vertraulichem Gespraech hierueber. + +Mit hastigen Schritten, fremd ihrer sonstigen Ruhe, durchmass die +junonische Gestalt der Regentin den schmalen Raum, manchmal mit einem +zornigen Blick das herrliche Geschoepf messend, welches ruhig und gesenkten +Auges vor ihr stand, die linke Hand in die Huefte, die Rechte auf die +Platte des Marmortisches gestuetzt. + +"Besinne dich wohl," rief Amalaswintha heftig, ploetzlich stehen bleibend, +"besinne dich anders. Ich gebe dir noch drei Tage Bedenkzeit." + +"Das ist umsonst: ich werde immer sprechen wie heute," sagte Mataswintha, +die Augen nicht erhebend. + +"So sage nur, was du an Graf Arahad auszusetzen hast." + +"Nichts, als dass ich ihn nicht liebe." + +Die Koenigin schien dies gar nicht zu hoeren. "Es ist doch in diesem Fall +ganz anders als damals, da du mit Cyprianus vermaehlt werden solltest. Er +war alt und - was in deinen Augen vielleicht ein Nachteil" - fuegte sie +bitter hinzu - "ein Roemer!" + +"Und doch ward ich um meiner Weigerung willen nach Tarentum verbannt." + +"Ich hoffte, Strenge wuerde dich heilen. Mondelang halt' ich dich ferne von +meinem Hof, von meinem Mutterherzen" - + +Mataswintha verzog die schoene Lippe zu einem herben Laecheln. + +"Umsonst! ich rufe dich zurueck" - + +"Du irrst. Mein Bruder Athalarich hat mich zurueckgerufen." + +"Ein andrer Freier wird dir vorgeschlagen. Jung, bluehend schoen, ein Gote +von edelstem Adel, sein Haus jetzt das zweite im Reich. Du weisst, du ahnst +wenigstens, wie sehr mein rings bedraengter Thron der Stuetze bedarf: er und +sein kriegsgewalt'ger Bruder verheissen uns die Hilfe ihrer ganzen Macht: +Graf Arahad liebt dich und du - du schlaegst ihn aus! Warum? Sage warum?" + +"Weil ich ihn nicht liebe." + +"Albernes Maedchengerede. Du bist eine Koenigstochter - du hast dich deinem +Hause, deinem Reiche zu opfern." + +"Ich bin ein Weib," sagte Mataswintha, die blitzenden Augen aufschlagend, +"und opfre mein Herz keiner Macht im Himmel und auf Erden." - + +"Und so spricht meine Tochter! Sieh auf mich, thoerichtes Kind. Grosses hab' +ich erstrebt und erreicht. Solange Menschen das Hohe bewundern, werden sie +meinen Namen nennen. Ich habe alles gewonnen was das Leben Herrlichstes +bietet und doch hab' ich -" + +"Nie geliebt. Ich weiss es," seufzte ihre Tochter. + +"Du weisst es?" + +"Ja, es war der Fluch meiner Kindheit. Wohl war ich noch ein Kind, als +mein geliebter Vater starb: ich wusste es nicht zu sagen, aber ich konnte +es empfinden, damals schon, dass seinem Herzen etwas fehle, wenn er +seufzend, mit schmerzlicher Liebe, Athalarich und mich umfing und kuesste +und wieder seufzte. + +Und ich liebte ihn darum desto inniger, dass ich fuehlte, er suchte Liebe, +die ihm fehlte. Jetzt freilich weiss ich laengst, was mich damals +unerklaerlich peinigte: du wardst unseres Vaters Weib, weil er nach +Theoderich der naechste am Thron: aus Herrschsucht, nicht aus Liebe, wardst +du sein und nur kalten Stolz hattest du fuer sein warmes Herz." + +Ueberrascht blieb Amalaswintha stehen: "Du bist sehr kuehn." + +"Ich bin deine Tochter." + +"Du redest von der Liebe so vertraut - du kennst sie besser scheint's mit +zwanzig als ich mit vierzig Jahren - du liebst!" rief sie schnell, "und +daher dieser Starrsinn." + +Mataswintha erroetete und schwieg. + +"Rede," rief die erzuernte Mutter, "gesteh' es oder leugne!" + +Mataswintha senkte die Augen und schwieg: nie war sie so schoen gewesen. + +"Willst du die Wahrheit verleugnen? Bist du feige, Amelungentochter?" + +Stolz schlug das Maedchen die Augen auf: + +"Ich bin nicht feige und ich verleugne die Wahrheit nicht. Ja, ich liebe." + +"Und wen, Unselige?" + +"Das wird mir kein Gott entreissen." + +Und so entschieden sah sie dabei aus, dass Amalaswintha keinen Versuch +machte, es zu erfahren. + +"Wohlan," sagte sie, "meine Tochter ist kein gewoehnlich Wesen. So fordere +ich das Ungewoehnliche von dir: dein alles dem Hoechsten zu opfern." + +"Ja, Mutter, ich trage im Herzen einen hohen Traum. Er ist mein Hoechstes. +Ihm will ich alles opfern." + +"Mataswintha," sprach die Regentin, "wie unkoeniglich! Sieh, dich hat Gott +vor Tausenden gesegnet an Herrlichkeit des Leibes und der Seele: du bist +zur Koenigin geboren." + +"Eine Koenigin der Liebe will ich werden. Sie preisen mich alle um meine +Weibesschoenheit: wohlan: ich hab' mir's vorgesteckt, liebend und geliebt, +beglueckend und beglueckt, ein Weib zu sein." + +"Ein Weib! ist das dein ganzer Ehrgeiz!" + +"Mein ganzer. O waer' es auch der deine gewesen!" + +"Und der Enkelin Theoderichs gilt das Reich und die Krone nichts? Und +nichts dein Volk, die Goten?" + +"Nein, Mutter," sagte Mataswintha ernst: "es schmerzt mich beinahe, es +beschaemt mich: aber ich kann mich nicht zwingen zu dem, was ich nicht +fuehle: ich empfinde nichts bei dem Worte "Goten": vielleicht ist es nicht +meine Schuld: du hast von jeher diese Goten verachtet, diese Barbaren +gering geschaetzt: das waren die ersten Eindruecke: sie sind geblieben. Und +ich hasse diese Krone, dieses Gotenreich: es hat in deiner Brust dem +Vater, dem Bruder, mir den Platz fortgenommen. Diese Gotenkrone, nichts +ist sie mir von je gewesen und geblieben als eine verhasste, feindliche +Macht." + +"O mein Kind, weh' mir, wenn ich das verschuldet haette! Und thust du's +nicht um des Reiches, o thu's um meinetwillen. Ich bin so gut wie verloren +ohne die Woelsungen. Thu's um meiner Liebe willen." + +Und sie fasste ihre Hand. - + +Mataswintha entzog sie mit bittrem Laecheln: "Mutter, entweihe den hoechsten +Namen nicht. Deine Liebe! Du hast mich nie geliebt. Nicht mich, nicht den +Bruder, nicht den Vater." + +"Mein Kind! Was haett' ich geliebt, wenn nicht euch!" + +"Die Krone, Mutter, und diese verhasste Herrschaft. Wie oft hast du mich +von dir gestossen vor Athalarichs Geburt, weil ich ein Maedchen war und du +einen Thronerben wolltest. Denke an meines Vaters Grab und an -" + +"Lass ab," winkte Amalaswintha. + +"Und Athalarich? Hast du ihn geliebt, oder vielmehr sein Recht auf den +Thron? O wie oft haben wir armen Kinder geweint, wenn wir die Mutter +suchten und die Koenigin fanden." + +"Du hast mir nie geklagt. Erst jetzt, da du mir Opfer bringen sollst." + +"Mutter, es gilt ja auch jetzt nicht dir, nur deiner Krone, deiner +Herrschaft. Leg' diese Krone ab und du bist aller Sorgen frei. Die Krone +hat dir und uns allen kein Glueck, nur Schmerzen gebracht. Nicht du bist +bedroht: dir wollt' ich alles opfern - nur dein Thron, nur der goldne Reif +des Gotenreichs, der Goetze deines Herzens, der Fluch meines Lebens: nie +werd' ich dieser Krone meine Liebe opfern, nie, nie, nie!" + +Und sie kreuzte die weissen Arme ueber ihrer Brust, als wollte sie die Liebe +darin beschirmen. + +"Ah," sagte die Koenigin zuernend, "selbstisches, herzloses Kind! Du +gestehst, dass du kein Herz hast fuer dein Volk, fuer die Krone deiner grossen +Ahnen - du gehorchst nicht freiwillig der Stimme der Ehre, des Ruhmes +deines Hauses - wohlan, so gehorche dem Zwang. Du sprichst mir die Liebe +ab, so erfahre meine Strenge. Zur Stunde verlaesst du mit deinem Gefolge +Ravenna. + +Du gehst als Gast nach Florentia in das Haus des Herzogs Guntharis: seine +Gattin hat dich geladen. Graf Arahad wird deine Reise begleiten. Verlass +mich. Die Zeit wird dich beugen." + +"Mich?" sprach Mataswintha, sich hoch aufrichtend: "keine Ewigkeit!" + +Schweigend blickte ihr die Koenigin nach: die Anklagen der Tochter hatten +einen maechtigeren Eindruck auf sie gemacht als sie zeigen wollte. +"Herrschsucht?" sagte sie zu sich selbst. "Nein, das ist es nicht, was +mich erfuellt. Ich fuehlte, dass ich dies Reich schirmen und begluecken +konnte, darum liebte ich die Krone. Und gewiss, ich koennte, wie mein Leben, +so meine Krone opfern, verlangte es das Heil meines Volks. Koenntest du +das, Amalaswintha?" fragte sie sich, zweifelnd die Linke auf die Brust +legend. + +Sie ward aus ihrem Sinnen geweckt durch Cassiodor, der langsam und +gesenkten Hauptes eintrat. + +"Nun," rief Amalaswintha, erschreckt von dem Ausdruck seiner Zuege, +"bringst du ein Unglueck?" + +"Nein, nur eine Frage." + +"Welche Frage?" + +"Koenigin," hob der Alte feierlich an, "ich habe deinem Vater und dir +dreissig Jahre lang gedient, treu und eifrig, ein Roemer den Barbaren, weil +ich eure Tugenden ehrte und weil ich glaubte, Italien, der Freiheit nicht +mehr faehig, sei unter eurer Herrschaft am sichersten geborgen: denn eure +Herrschaft war gerecht und mild. Ich habe fort gedient, obwohl ich meiner +Freunde, Boethius und Symmachus, Blut fliessen sah, wie ich glaube, +unschuldig Blut: aber sie starben durch offnes Gericht, nicht durch Mord. +Ich musste deinen Vater ehren, auch wo ich ihn nicht loben konnte. Jetzt +aber -" + +"Nun, jetzt aber?" fragte die Koenigin stolz. + +"Jetzt komme ich, von meiner vieljaehrigen Freundin, ich darf sagen, meiner +Schuelerin -" + +"Du darfst es sagen," sprach Amalaswintha weicher. + +"Von des grossen Theoderich edler Tochter ein einfach schlichtes Wort, ein +Ja zu erbitten. Kannst du dies Ja sprechen - ich flehe zu Gott, dass du es +koennest - so will ich dir dienen treu wie je, solang es dieses greise +Haupt vermag." + +"Und kann ich's nicht?" + +"Und koenntest du es nicht, o Koenigin," rief der Alte schmerzlich, "o dann +Lebewohl dir und meiner letzten Freude an dieser Welt." + +"Und was hast du zu fragen?" + +"Amalaswintha, du weisst ich war fern an der Nordgrenze des Reichs, als +hier der Aufstand losbrach, als jene furchtbare Kunde, jene furchtbare +Anklage sich erhob. Ich glaubte nichts - ich flog hierher von Tridentum. - +Seit zwei Tagen bin ich hier und keine Stunde vergeht, keinen Goten +spreche ich, ohne dass die schwere Klage mir schwerer aufs Herz faellt. Und +auch du bist verwandelt, ungleich, unstet, unruhig - und doch will ich's +nicht glauben. - Ein treues Wort von dir soll all' diese Nebel +zerstreuen." + +"Wozu die vielen Reden," rief sie, auf die Armlehne des Thrones sich +stuetzend, "sage kurz, was hast du zu fragen?" + +"Sprich nur ein schlichtes Ja: bist du schuldlos an dem Tode der drei +Herzoge?" + +"Und wenn ich es nicht waere, - haben sie nicht reichlich den Tod +verdient?" + +"Amalaswintha, ich bitte dich: sage ja." + +"Du nimmst ja auf einmal grossen Anteil an den gotischen Rebellen!" + +"Ich beschwoere dich," rief der Greis auf die Kniee fallend, "Tochter +Theoderichs, sage ja, wenn du kannst." + +"Steh auf," sprach sie finster sich abwendend, "du hast kein Recht, so zu +fragen." + +"Nein," sagte der Alte ruhig aufstehend, "nein, jetzt nicht mehr. Denn von +diesem Augenblick an gehoer' ich der Welt nicht mehr an." + +"Cassiodor!" rief die Koenigin erschrocken. + +"Hier ist der Schluessel zu meinen Gemaechern in dieser Koenigsburg: du +findest darin alle Geschenke, die ich von dir und Theoderich erhalten, die +Urkunden meiner Wuerden, die Abzeichen meiner Aemter. Ich gehe." + +"Wohin, mein alter Freund, wohin?" + +"In das Kloster, das ich gegruendet zu Squillacium in Apulien. Fortan werd' +ich, fern den Werken der Koenige, nur die Werke Gottes auf Erden verwalten: +laengst verlangt meine Seele nach Frieden, und jetzt hab' ich auf Erden +nichts mehr, was mir teuer. Noch einen Rat will ich dir scheidend geben: +lege das Scepter aus der blutbefleckten Hand: sie kann diesem Reiche nicht +mehr Segen, nur Fluch kann sie ihm bringen. Denke an das Heil deiner +Seele, Tochter Theoderichs: Gott sei dir gnaedig." + +Und ehe sie sich von ihrer Bestuerzung erholt, war er verschwunden. + +Sie wollte ihm nacheilen, ihn zurueckrufen, aber an dem Vorhang trat ihr +Petros, der Gesandte von Byzanz, entgegen. + +"Koenigin," sagte er rasch und leise, "bleib' und hoere mich. Es gilt ein +dringendes Wort. Man folgt mir auf dem Fuss." + +"Wer folgt dir?" + +"Leute, die es nicht so gut meinen mit dir als ich. Taeusche dich nicht +laenger: die Geschicke dieses Reiches erfuellen sich: du haeltst sie nicht +mehr auf, so rette fuer dich was zu retten ist: ich wiederhole meinen +Vorschlag." + +"Welchen Vorschlag?" + +"Den von gestern." + +"Den der Schande, des Verrats! Niemals! Ich werde diese Beleidigung deinem +Herrn, dem Kaiser, melden und ihn bitten, dich abzurufen. Mit dir +verhandle ich nicht mehr." + +"Koenigin, es ist nicht mehr Zeit, dich zu schonen. Der naechste Gesandte +Justinians heisst Belisar und koemmt mit einem Heere." + +"Unmoeglich!" rief die verlassene Fuerstin. "Ich nehme meine Bitte zurueck." + +"Zu spaet. Belisars Flotte liegt schon bei Sicilien. Den Vorschlag, den ich +dir gestern als meinen Gedanken mitteilte, hast du als solchen verworfen. +Vernimm: nicht ich, der Kaiser Justinian selbst ist es, der ihn ausspricht +als letztes Zeichen seiner Huld." + +"Justinian, mein Freund, mein Schuetzer, will mich und mein Reich +verderben!" rief Amalaswintha, der es schrecklich tagte. + +"Nicht dich verderben, dich erretten! Wiedergewinnen will er dies Italien, +die Wiege des roemischen Reichs: dieser unnatuerliche, unmoegliche Staat der +Goten, er ist gerichtet und verloren. Trenne dich von dem sinkenden +Fahrzeug. Justinian reicht dir die Freundeshand, die Kaiserin bietet dir +ein Asyl an ihrem Herzen, wenn du Neapolis, Rom, Ravenna und alle +Festungen in Belisars Haende lieferst und geschehen laesst, dass die Goten +entwaffnet ueber die Alpen gefuehrt werden." + +"Elender, soll ich mein Volk verraten, wie ihr mich? Zu spaet erkenne ich +eure Tuecke! Eure Hilfe rief ich an und ihr wollt mich verderben." + +"Nicht dich, nur die Barbaren." + +"Diese Barbaren sind mein Volk, sind meine einzigen Freunde: ich erkenne +es jetzt und ich stehe zu ihnen in Tod und Leben." + +"Aber sie steh'n nicht mehr zu dir." + +"Verwegner! fort aus meinen Augen, fort von meinem Hof." + +"Du willst nicht hoeren? Merke wohl, o Koenigin, nur unter jener Bedingung +buerg' ich fuer dein Leben." + +"Fuer mein Leben buergt mein Volk in Waffen." + +"Schwerlich. Zum letztenmal frag' ich dich -" + +"Schweig. Ich lief're die Krone nicht ohne Kampf an Justinian." + +"Wohlan," sagte Petros zu sich selbst, "so muss es ein andrer thun. - +Tretet ein, ihr Freunde," rief er hinaus. - Aber aus dem Vorhang trat +langsam mit gekreuzten Armen Cethegus. + +"Wo ist Gothelindis? wo Theodahad?" fluesterte Petros. - + +Seine Bestuerzung entging der Fuerstin nicht. + +"Ich liess sie vor dem Palast. Die beiden Weiber hassen sich zu grimmig. +Ihre Leidenschaft wuerde alles verderben." + +"Du bist mein guter Engel nicht, Praefekt von Rom," sprach Amalaswintha +finster und von ihm zurueckweichend. + +"Diesmal vielleicht doch," fluesterte Cethegus auf sie zuschreitend. "Du +hast die Vorschlaege von Byzanz verworfen? Das erwartete ich von dir. +Entlass den falschen Griechen." + +Auf einen Wink der Koenigin trat Petros in ein Seitengemach. + +"Was bringst du mir, Cethegus! Ich traue dir nicht mehr!" + +"Du hast, statt mir zu trauen, dem Kaiser vertraut und du siehst den +Erfolg." + +"Ich sehe ihn," sagte sie schmerzlich. + +"Koenigin, ich habe dich nie belogen und getaeuscht darin: ich liebe Italien +und Rom mehr als deine Goten: du wirst dich erinnern, ich habe dir dies +niemals verhehlt." + +"Ich weiss es und kann es nicht tadeln." + +"Am liebsten saeh' ich Italien frei. Muss es dienen, so dien' es nicht dem +tyrannischen Byzanz, sondern euch, der milden Hand der Goten. Das war von +je mein Gedanke, das ist er noch heute. Um Byzanz abzuhalten, will ich +dein Reich erhalten: aber offen sag' ich dir, du, deine Herrschaft laesst +sich nicht mehr stuetzen. Rufst du zum Kampfe gegen Byzanz, so werden dir +die Goten nicht mehr folgen, die Italier nicht vertrauen." + +"Und warum nicht? Was trennt mich von den Italiern und von meinem Volk?" + +"Deine eignen Thaten. Zwei unselige Dokumente, in der Hand des Kaisers +Justinian. Du selbst hast zuerst seine Waffen ins Land gerufen, eine +Leibwache von Byzanz!" + +Amalaswintha erbleichte: "Du weisst -" + +"Leider nicht nur ich, sondern meine Freunde, die Verschworenen in den +Katakomben: Petros hat ihnen den Brief mitgeteilt: sie fluchen dir." + +"So bleiben mir meine Goten." + +"Nicht mehr. Nicht bloss der ganze Anhang der Balten steht dir nach dem +Leben: - die Verschworenen von Rom haben im Zorn ueber dich beschlossen, +sowie der Kampf entbrennt, aller Welt kund zu thun, dass dein Name an ihrer +Spitze stand gegen die Goten, gegen dein Volk. Jenes Blatt mit deinem +Namen ist nicht mehr in meiner Hand, es liegt im Archiv der Verschwoerung." + +"Ungetreuer!" + +"Wie konnte ich wissen, dass du hinter meinem Ruecken mit Byzanz verkehrst +und dadurch meine Freunde dir verfeindest? Du siehst: Byzanz, Goten, +Italier, alles steht gegen dich. Beginnt nun der Kampf gegen Byzanz unter +deiner Fuehrung, so wird Uneinigkeit Italier und Barbaren spalten, niemand +dir gehorchen, und dies Reich hilflos vor Belisar erliegen. Amalaswintha, +es gilt ein Opfer: ich fordre es von dir im Namen Italiens, deines und +meines Volks." + +"Welches Opfer? ich bringe jedes." + +"Das hoechste: deine Krone. Uebergieb sie einem Mann der Goten und Italier +gegen Byzanz zu vereinen vermag und rette dein Volk und meines." + +Amalaswintha sah ihn forschend an: es kaempfte und rang in ihrer Brust. +"Meine Krone! sie war mir sehr teuer." + +"Ich habe Amalaswinthen stets jedes hoechsten Opfers faehig gehalten." + +"Darf ich, kann ich deinem Rate trauen!" + +"Wenn der dir suess waere, duerftest du zweifeln. Wenn ich deinem Stolze +schmeichelte, duerftest du misstrauen: aber ich rate dir die bittre Arznei +der Entsagung. Ich wende mich an deinen Edelsinn, an deinen Opfermut: lass +mich nicht zu Schanden werden." + +"Dein letzter Rat war ein Verbrechen," sagte Amalaswintha schaudernd. + +"Ich hielt deinen Thron durch jedes Mittel, solang er zu halten war, +solang er Italien nuetzte: jetzt schadet er Italien und ich verlange, dass +du dein Volk mehr liebst als dein Scepter." + +"Bei Gott! du irrst darin nicht: fuer mein Volk hab' ich mich nicht +gescheut, fremdes Leben zu opfern," - sie verweilte gern bei diesem +Gedanken, der ihr Gewissen beschwichtigte, - "ich werde mich nicht +weigern, jetzt - aber wer soll mein Nachfolger werden?" + +"Dein Erbe, dem die Krone gebuehrt, der letzte der Amaler." + +"Wie? Theodahad, der Schwaechling?" + +"Er ist kein Held, das ist wahr. Aber die Helden werden ihm gehorchen, dem +Neffen Theoderichs, wenn du ihn einsetzest. Und bedenke noch eins: seine +roemische Bildung hat ihm die Roemer gewonnen: ihm werden sie beistehen: +einen Koenig nach des alten Hildebrand, nach Tejas Herzen wuerden sie hassen +und fuerchten." + +"Und mit Recht;" sagte die Regentin sinnend: "aber Gothelindis Koenigin!" + +Da trat Cethegus ihr naeher und sah ihr scharf ins Auge: "So klein ist +Amalaswintha nicht, dass sie klaeglicher Weiberfeindschaft gedenkt, wo es +edler Entschluesse bedarf. Du erschienst mir von jeher groesser als dein +Geschlecht. Beweis' es jetzt. Entscheide dich!" + +"Nicht jetzt," sprach Amalaswintha, "meine Stirne glueht, und verwirrend +pocht mein Herz. Lass mir diese Nacht, mich zu fassen. Du hast mir +Entsagung zugetraut: ich danke dir. Morgen die Entscheidung." + + + + + + Viertes Buch. + + + THEODAHAD. + + + "Nachbarn zu haben schien Theodahad + eine Art von Unglueck." + + Prokop, Gotenkrieg I. 3. + + + + + Erstes Kapitel. + + +Am andern Morgen verkuendete ein Manifest dem staunenden Ravenna, dass die +Tochter Theoderichs zu Gunsten ihres Vetters Theodahad auf die Krone +verzichtet und dass dieser, der letzte Mannesspross der Amelungen, den Thron +bestiegen habe. Italier und Goten wurden aufgefordert, dem neuen Herrscher +den Eid der Treue zu schwoeren. + +So hatte Cethegus richtig gerechnet. + +Das Gewissen der unseligen Frau fuehlte sich durch manche Thorheit, ja +durch blut'ge Schuld schwer belastet: edle Naturen suchen Erleichterung +und Busse in Opfer und Entsagung: durch ihrer Tochter und Cassiodors +Anklagen war ihr Herz maechtig bewegt worden und der Praefekt hatte sie in +guenstiger Stimmung fuer seinen Rat gefunden. Weil er so bitter war, +befolgte sie ihn: ja sie hatte, um ihr Volk zu retten und ihre Schuld zu +suehnen, sich noch weitere Demuetigungen vorgesteckt. + +Ohne Schwierigkeit vollzog sich der Thronwechsel. + +Die Italier zu Ravenna waren zu einer Erhebung keineswegs vorbereitet und +wurden von Cethegus auf gelegnere Zeit vertroestet. Auch war der neue Koenig +als Freund roemischer Bildung bei ihnen bekannt und beliebt. + +Die Goten freilich schienen sich nicht ohne weitres den Tausch gefallen +lassen zu wollen. Fuerst Theodahad war allerdings ein Mann - das empfahl +ihn gegenueber Amalaswinthen - und ein Amaler: das wog schwer zu seinen +Gunsten gegenueber jedem andern Bewerber um die Krone. + +Aber im uebrigen war er im Volke der Goten keineswegs hoch angesehen. +Unkriegerisch und feige, verweichlicht an Leib und Seele hatte er keine +der Eigenschaften, welche die Germanen von ihren Koenigen forderten. Nur +Eine Leidenschaft erfuellte seine Seele: Habsucht, unersaettliche Goldgier. +Reich beguetert in Tuscien lebte er mit allen seinen Nachbarn in ewigen +Prozessen: mit List und Gewalt und dem Schwergewicht seiner koeniglichen +Geburt wusste er seinen Grundbesitz nach allen Seiten auszudehnen und die +Laendereien weit in der Runde an sich zu reissen: "denn - sagt ein +Zeitgenosse - Nachbarn zu haben schien dem Theodahad eine Art von +Unglueck". + +Dabei war seine schwache Seele vollstaendig abhaengig von der boesartigen, +aber kraeftigen Natur seines Weibes. + +Einen solchen Koenig sahen denn die Tuechtigsten unter den Goten nicht gern +auf dem Throne Theoderichs. Und kaum war das Manifest Amalaswinthens +bekannt geworden, als Graf Teja, der kurz zuvor mit Hildebad in Ravenna +angekommen war, diesen sowie den alten Waffenmeister und den Grafen +Witichis zu sich beschied und sie aufforderte, die Unzufriedenheit des +Volkes zu steigern, zu leiten und einen Wuerdigern an Theodahads Stelle zu +setzen. + +"Ihr wisst," schloss er seine Worte, "wie guenstig die Stimmung im Volke. +Seit jener Bundesnacht im Mercuriustempel haben wir unablaessig geschuert +unter den Goten und Grosses ist schon gelungen: des edeln Athalarich +Aufschwung, der Sieg am Epiphaniasfeste, das Zurueckholen Amalaswinthens, +wir haben es bewirkt. Jetzt winkt die guenstige Gelegenheit. Soll an des +Weibes Stelle treten ein Mann, der schwaecher als ein Weib? Haben wir +keinen Wuerdigern mehr als Theodahad im Volk der Goten?" + +"Recht hat er, beim Donner und Strahl," rief Hildebad. "Fort mit diesen +verwelkten Amalern! Einen Heldenkoenig hebt auf den Schild und schlagt los +nach allen Seiten. Fort mit dem Amaler!" + +"Nein," sagte Witichis, ruhig vor sich hinblickend, "noch nicht! +Vielleicht, dass es noch einmal so kommen muss: aber nicht frueher darf es +geschehen als es muss. Der Anhang der Amaler ist gross im Volk: nur mit +Gewalt wuerde Theodahad den Reichtum, Gothelindis die Macht der Krone sich +entwinden lassen: sie wuerden stark genug sein, wenn nicht zum Siege, doch +zum Kampf. + +Kampf aber unter den Soehnen eines Volks ist schrecklich, nur die +Notwendigkeit kann ihn rechtfertigen. Die ist noch nicht da. Theodahad mag +sich bewaehren: er ist schwach, so wird er sich leiten lassen. Hat er sich +unfaehig erwiesen, so ist's noch immer Zeit." + +"Wer weiss, ob dann noch Zeit ist," warnte Teja. + +"Was raetst du, Alter?" fragte Hildebad, auf welchen die Gruende des Grafen +Witichis nicht ohne Wirkung blieben. + +"Brueder," sagte der Waffenmeister, seinen langen Bart streichend, "ihr +habt die Wahl, darum die Qual. Mir sind beide erspart: ich bin gebunden. +Die alten Gefolgen des grossen Koenigs haben einen Eid gethan, solang sein +Haus lebt, keinem Fremden die Gotenkrone zuzuwenden." + +"Welch thoerichter Eid!" rief Hildebad. + +"Ich bin alt und nenn' ihn nicht thoericht. Ich weiss, welcher Segen auf der +festen, heiligen Ordnung des Erbgangs ruht. Und die Amaler sind Soehne der +Goetter," schloss er geheimnisvoll. + +"Ein schoener Goettersohn, Theodahad!" lachte Hildebad. + +"Schweig," rief zornig der Alte, "das begreift ihr nicht mehr, ihr neuen +Menschen. Ihr wollt alles fassen und verstehen mit eurem klaeglichen +Verstand. Das Raetsel, das Geheimnis, das Wunder, der Zauber, der im Blute +liegt - dafuer habt ihr den Sinn verloren. Darum schweig' ich von solchen +Dingen zu euch. + +Aber ihr macht mich nicht mehr anders mit meinen bald hundert Jahren. Thut +ihr, was ihr wollt, ich thue, was ich muss." + +"Nun," sprach Graf Teja nachgebend, "auf euer Haupt die Schuld. Aber wenn +dieser letzte Amaler dahin ..." - + +"Dann ist das Gefolge seines Schwures frei." + +"Vielleicht," schloss Witichis, "ist es ein Glueck, dass auch uns dein Eid +die Wahl erspart: denn gewiss wollen wir keinen Herrscher, den du nicht +anerkennen koenntest. Gehen wir denn, das Volk zu beschwichtigen und tragen +wir diesen Koenig - solang er zu tragen ist." + +"Aber keine Stunde laenger," sagte Teja und ging zuernend hinaus. + + + + + Zweites Kapitel. + + +Am naemlichen Tage noch wurden Theodahad und Gothelindis mit der alten +Krone der Gotenkoenige gekroent. + +Ein reiches Festmahl, besucht von allen roemischen und gotischen Grossen des +Hofes und der Stadt, belebte den weiten Palast Theoderichs und den sonst +so stillen Garten, den wir als den Schauplatz von Athalarichs und Kamillas +Liebe kennen gelernt. Bis tief in die Nacht waehrte das laermende Gelage. +Der neue Koenig, kein Freund der Becher und barbarischer Festfreuden, hatte +sich fruehe zurueckgezogen. + +Gothelindis dagegen sonnte sich gern in dem Glanz ihrer jungen +Herrlichkeit: stolz prangte sie auf ihrem Purpursitz, die goldne +Zackenkrone im dunkeln Haar. Sie schien ganz Ohr fuer die lauten Jubelrufe, +die ihren und ihres Gatten Namen feierten. Und doch hatte ihr Herz dabei +nur Eine Freude: den Gedanken, dass dieser Jubel hinunterdringen muesse bis +in die Koenigsgruft, wo Amalaswintha, die verhasste, besiegte Feindin, am +Sarkophage ihres Sohnes trauerte. + +Unter der Menge von jenen Gaesten, die immer froehlich sind, wenn sie bei +vollen Bechern sitzen, war doch auch so manches ernstere Gesicht zu +bemerken: mancher Roemer, der auf dem leeren Thron da oben lieber den +Kaiser gesehen haette: so mancher Gote, der in der gefaehrlichen Lage des +Reiches einem Koenig wie Theodahad nicht ohne Sorge huldigen konnte. + +Zu letzteren zaehlte Witichis, dessen Gedanken nicht unter dem +kranzgeschmueckten Saeulendach der Trinkhalle zu weilen schienen. Unberuehrt +stand die goldne Schale vor ihm und auf den lauten Zuruf Hildebads, der +ihm gegenueber sass, achtete er kaum. Endlich - schon leuchteten laengst im +Saale die Lampen und am Himmel die Sterne - stand er auf und ging hinaus +in das gruene Dunkel des Gartens. + +Langsam wandelte er durch die Taxusgaenge dahin: sein Auge hing an den +funkelnden Sternen. Sein Herz war daheim bei seinem Weibe, bei seinem +Knaben, die er monatelang nicht mehr gesehen. So fuehrte ihn sein sinnendes +Wandeln an den Venustempel bei der Meeresbucht, die wir kennen. Er sah +hinaus nach der flimmernden See - da blitzte etwas dicht vor seinen Fuessen +im schwachen Mondlicht: es war eine Ruestung, daneben die kleine, gotische +Harfe: ein Mann lag vor ihm im weichen Grase und ein bleiches Antlitz hob +sich ihm entgegen. + +"Du hier, Teja? Du warst nicht beim Fest." + +"Nein, ich war bei den Toten." + +"Auch mein Herz weiss nichts von diesen Festen: es war daheim bei Weib und +Kind," sagte Witichis, sich zu ihm niedersetzend. + +"Bei Weib und Kind," wiederholte Teja seufzend. + +"Viele fragten nach dir, Teja." + +"Nach mir! Soll ich sitzen neben Cethegus, der mir die Ehre nahm, und +neben Theodahad, der mir mein Erbe nahm?" + +"Dein Erbe nahm?" + +"Wenigstens besitzt er's. Und ueber den Ort, wo meine Wiege stand, ging +seine Pflugschar." + +Und schweigend sah er lange vor sich hin. + +"Dein Harfenspiel - es schweigt? Man ruehmt dich unsres Volkes besten +Harfenschlaeger und Saenger!" + +"Wie Gelimer, der letzte Koenig der Vandalen, seines Volkes bester +Harfenschlaeger war. - - Aber mich wuerden sie nicht im Triumph einfuehren +nach Byzanz!" + +"Du singst nicht oft mehr?" + +"Fast niemals mehr. Aber mir ist, die Tage kommen, da ich wieder singen +werde." + +"Tage der Freude?" + +"Tage der hoechsten, der letzten Trauer." + +Lange schwiegen beide. - + +"Mein Teja," hob endlich Witichis an, "in allen Noeten von Krieg und +Frieden hab' ich dich erfunden treu, wie mein Schwert. Und obwohl du +soviel juenger als ich und nicht leicht der Aeltere sich dem Juengling +verbindet, kann ich dich meinen besten Herzensfreund nennen. Und ich weiss, +dass auch dein Herz mehr an mir haengt als an deinen Jugendgenossen." + +Teja drueckte ihm die Hand: "Du verstehst mich und ehrest meine Art, auch +wo du sie nicht verstehst. Die andern -! und doch: den einen hab' ich sehr +lieb." + +"Wen?" + +"Den alle lieb haben." + +"Totila!" + +"Ich hab' ihn lieb wie die Nacht den Morgenstern. Aber er ist so hell: er +kann's nicht fassen, dass andere dunkel sind und bleiben muessen." + +"Bleiben muessen! Warum? Du weisst, Neugier ist meine Sache nicht. Und wenn +ich dich in dieser ernsten Stunde bitte: luefte den Schleier, der ueber dir +und deiner finstern Trauer liegt, so bitt' ich's nur, weil ich dir helfen +moechte. Und weil des Freundes Auge oft besser sieht als das eigene." + +"Helfen? Mir helfen? Kannst du die Toten wieder auferwecken? Mein Schmerz +ist unwiderruflich wie die Vergangenheit. Und wer einmal gleich mir den +unbarmherzigen Raedergang des Schicksals verspuert hat, wie es, blind und +taub fuer das Zarte und Hohe, mit eherner grundloser Gewalt alles vor sich +nieder tritt, ja, wie es das Edle, weil es zart ist, leichter und lieber +zermalmt, als das Gemeine, wer erkannt hat, dass eine dumpfe Notwendigkeit, +welche Thoren die weise Vorsehung Gottes nennen, die Welt und das Leben +der Menschen beherrscht, der ist hinaus ueber Hilfe und Trost: er hoert +ewig, wenn er es einmal erlauscht, mit dem leisen Gehoer der Verzweiflung +den immer gleichen Taktschlag des fuehllosen Rades im Mittelpunkt der Welt, +das gleichgueltig mit jeder Bewegung Leben zeugt und Leben toetet. Wer das +einmal empfunden und erlebt, der entsagt einmal und fuer immer und allem: +nichts wird ihn mehr erschrecken. Aber freilich - die Kunst des Laechelns +hat er auch vergessen auf immerdar." + +"Mir schaudert. Gott bewahre mich vor solchem Wahn! Wie kamst du so jung +zu so fuerchterlicher Weisheit?" + +"Freund, mit deinen Gedanken allein ergruebelst du die Wahrheit nicht, +erleben musst du sie. Und nur, wenn du des Mannes Leben kennst, begreifst +du, was er denkt und wie er denkt. Und auf dass ich dir nicht laenger +erscheine wie ein irrer Traeumer, wie ein Weichling, der sich gern in +seinen Schmerzen wiegt, - und damit ich dein Vertrauen und deine schoene +Freundschaft ehre, vernimm, - hoere ein kleines Stueck meines Grams. Das +groessere, das unendlich groessere behalt' ich noch fuer mich," sagte er +schmerzlich, die Hand auf die Brust drueckend, - "es koemmt wohl noch die +Stunde auch fuer dies. Vernimm heute nur, wie ueber meinem Haupte der Stern +des Unheils schon leuchtete, da ich gezeugt ward. - Und von all den +tausend Sternen da oben bleibt nur dieser Stern getreu. Du warst dabei - +du erinnerst dich - wie der falsche Praefekt mich laut vor allen einen +Bastard schalt und mir den Zweikampf weigerte: - ich musste es dulden: ich +bin noch schlimmeres als ein Bastard. - - + +Mein Vater, Tagila, war ein tuechtiger Kriegsheld, aber kein Adaling, +gemeinfrei und arm. Er liebte, schon seit der Bart ihm sprosste, Gisa, +seines Vaterbruders Tochter. Sie lebten draussen, weit an der aeussersten +Ostgrenze des Reichs, an dem kalten Ister, wo man stets im Kampfe liegt +mit den Gepiden und den wilden raeuberischen Sarmaten und wenig Zeit hat, +an die Kirche zu denken und die wechselnden Gebote, die ihre Konzilien +erlassen. Lange konnte mein Vater seine Gisa nicht heimfuehren: er hatte +nichts als Helm und Speer und konnte ihrem Mundwalt den Malschatz nicht +zahlen und einem Weibe keinen Herd bereiten. + +Endlich lachte ihm das Glueck. Im Krieg gegen einen Sarmatenkoenig eroberte +er dessen festen Schatzturm an der Alutha: und die reichen Schaetze, welche +die Sarmaten seit Jahrhunderten zusammengepluendert und hier aufgehaeuft, +wurden seine Beute. Zum Lohn seiner That ernannte ihn Theoderich zum +Grafen und rief ihn nach Italien. Mein Vater nahm seine Schaetze und Gisa, +jetzt sein Weib, mit sich ueber die Alpen und kaufte sich weite schoene +Gueter in Tuscien zwischen Florentia und Luca. Aber nicht lange waehrte sein +Glueck. + +Kaum war ich geboren, da verklagte ein Elender, ein feiger Schurke, meine +Eltern wegen Blutschande beim Bischof von Florentia. Sie waren katholisch +- nicht Arianer - und Geschwisterkinder: ihre Ehe war nichtig nach dem +Recht der Kirche - und die Kirche gebot ihnen, sich zu trennen. + +Mein Vater drueckte sein Weib an die Brust und lachte des Gebots. Aber der +geheime Anklaeger ruhte nicht -" + +- "Wer war der Neiding?" + +"O wenn ich es wuesste, ich wollte ihn erreichen und thronte er in allen +Schrecken des Vesuvius! Er ruhte nicht. Unablaessig bedraengten die Priester +meine arme Mutter und wollten ihre Seele mit Gewissensbissen schrecken. + +Umsonst: sie hielt sich an ihren Gott und ihren Gatten und trotzte dem +Bischof und seinen Sendboten. Und mein Vater, wenn er einen der Pfaffen in +seinem Gehoefte traf, begruesste ihn, dass er nicht wieder kam. + +Aber wer kann mit denen kaempfen, die im Namen Gottes sprechen! Eine letzte +Frist ward den Ungehorsamen gesteckt: haetten sie sich bis dahin nicht +getrennt, so sollten sie dem Bann verfallen und ihr Hab und Gut der +Kirche. + +Entsetzt eilte jetzt mein Vater an den Hof des Koenigs, Aufhebung des +grausamen Spruches zu erflehen. Aber die Satzung des Konzils sprach zu +klar und Theoderich konnte es nicht wagen, das Recht der katholischen +Kirche zu kraenken. Als mein Vater zurueckkehrte von Ravenna, mit Gisa zu +fluechten, starrte er entsetzt auf die Staette, wo sein Haus gestanden: der +Termin war abgelaufen, und die Drohung erfuellt: sein Haus zerstoert, sein +Weib, sein Kind verschwunden. + +Rasend stuermte er durch ganz Italien, uns zu suchen. Endlich entdeckte er, +als Priester verkleidet, seine Gisa in einem Kloster zu Ticinum: ihren +Knaben hatte man ihr entrissen und nach Rom geschleppt. Mein Vater +bereitet mit ihr alles zur Flucht: sie entkommen um Mitternacht ueber die +Mauer des Klostergartens. Aber am Morgen fehlt die Buesserin bei der Hora: +man vermisst sie, ihre Zelle ist leer. Die Klosterknechte folgen den Spuren +des Rosses, - sie werden eingeholt: grimmig fechtend faellt mein Vater: +meine Mutter wird in ihre Zelle zurueckgebracht. Und so furchtbar druecken +die Macht des Schmerzes und die Zucht des Klosters auf die zermuerbte +Seele, dass sie in Wahnsinn faellt und stirbt. Das sind meine Eltern!" + +"Und du?" + +"Mich entdeckte in Rom der alte Hildebrand, ein Waffenfreund meines +Grossvaters und Vaters: - er entriss mich, mit des Koenigs Beistand, den +Priestern und liess mich mit seinen eigenen Enkeln in Regium erziehen." + +"Und dein Gut, dein Erbe?" + +"Verfiel der Kirche, die es, halb geschenkt, an Theodahad ueberliess: er war +meines Vaters Nachbar, er ist jetzt mein Koenig!" + +"Mein armer Freund! Aber wie erging es dir spaeter? Man weiss nur dunkles +Gerede - du warst einmal in Griechenland gefangen ... -" + +Teja stand auf. "Davon lass mich schweigen; vielleicht ein andermal. + +Ich war Thor genug, auch einmal an Glueck zu glauben und an eines liebenden +Gottes Guete. Ich hab' es schwer gebuesst. Ich will's nie wieder thun. Leb +wohl, Witichis, und schilt nicht auf Teja, wenn er nicht ist wie andre." + +Er drueckte ihm die Hand und war rasch im dunkeln Laubgang verschwunden. + +Witichis sah lange schweigend vor sich hin. Dann blickte er gen Himmel, in +den hellen Sternen eine Widerlegung der finstern Gedanken zu finden, die +des Freundes Worte in ihm geweckt. Er sehnte sich nach ihrem Licht voll +Frieden und Klarheit. Aber waehrend des Gespraechs war Nebelgewoelk rasch aus +den Lagunen aufgestiegen und hatte den Himmel ueberzogen: es war finster +ringsum. + +Mit einem Seufzer stand Witichis auf und suchte in ernstem Sinnen sein +einsames Lager. + + + + + Drittes Kapitel. + + +Waehrend unten in den Hallen des Palatiums Italier und Goten tafelten und +zechten, ahnten sie nicht, dass ueber ihren Haeuptern in dem Gemach des +Koenigs eine Verhandlung gepflogen ward, die ueber ihr und ihres Reiches +Schicksale entscheiden sollte. + +Unbeobachtet war dem Koenig alsbald der Gesandte von Byzanz nachgefolgt und +lange und geheim sprachen und schrieben die beiden miteinander. Endlich +schienen sie handelseinig geworden und Petros wollte anheben, nochmal +vorzulesen, was sie gemeinsam beschlossen und aufgezeichnet. Aber der +Koenig unterbrach ihn. "Halt," fluesterte der kleine Mann, der in seinem +weiten Purpurmantel verloren zu gehen drohte, "halt - noch eins!" + +Und er hob sich aus dem schoen geschweiften Sitz, schlich durch das Gemach +und hob den Vorhang, ob niemand lausche. + +Dann kehrte er beruhigt zurueck und fasste den Byzantiner leise am Gewand. + +Das Licht der Bronzeampel spielte im Winde flackernd auf den gelben +vertrockneten Wangen des haesslichen Mannes, der die kleinen Augen +zusammenkniff: "Noch dies. Wenn jene heilsamen Veraenderungen eintreten +sollen, - auf dass sie eintreten koennen, wird es gut sein, ja notwendig, +einige der trotzigsten meiner Barbaren unschaedlich zu machen." - "Daran +hab' ich bereits gedacht," nickte Petros. "Da ist der alte halbheidnische +Waffenmeister, der grobe Hildebad, der nuechterne Witichis" - + +"Du kennst deine Leute gut," grinste Theodahad, "du hast dich tuechtig +umgesehen. Aber," raunte er ihm ins Ohr, "einer, den du nicht genannt +hast, einer vor allen muss fort." + +"Der ist?" + +"Graf Teja, des Tagila Sohn." + +"Ist der melancholische Traeumer so gefaehrlich?" + +"Der gefaehrlichste von allen! Und mein persoenlicher Feind! schon von +seinem Vater her." + +"Wie kam das?" + +"Er war mein Nachbar bei Florentia. Ich musste seine Aecker haben - umsonst +drang ich in ihn. Ha," laechelte er pfiffig, "zuletzt wurden sie doch mein. +Die heilige Kirche trennte seine verbrecherische Ehe, nahm ihm sein Gut +dabei und liess mir's - billig - ab. Ich hatte einiges Verdienst um die +Kirche in dem Prozess - dein Freund, der Bischof von Florentia kann dir's +genau erzaehlen." + +"Ich verstehe," sagte Petros, "was gab der Barbar seine Aecker nicht in +Guete! Weiss Teja -?" + +"Nichts weiss er. Aber er hasst mich schon deshalb, weil ich sein Erbgut - +kaufte. Er wirft mir finstere Blicke zu. Und dieser schwarze Traeumer ist +der Mann, seinen Feind zu den Fuessen Gottes zu erwuergen." + +"So?" sagte Petros, ploetzlich sehr nachdenklich. "Nun, genug von ihm: er +soll nicht schaden. Lass dir jetzt nochmal den ganzen Vertrag Punkt fuer +Punkt vorlesen; dann unterzeichne. + +Erstens. Koenig Theodahad verzichtet auf die Herrschaft ueber Italien und +die zugehoerigen Inseln und Provinzen des Gotenreichs: naemlich Dalmatien, +Liburnien, Istrien, das zweite Pannonien, Savien, Noricum, Raetien und den +gotischen Besitz in Gallien, zu Gunsten des Kaisers Justinian und seiner +Nachfolger auf dem Throne von Byzanz. Er verspricht, Ravenna, Rom, +Neapolis und alle festen Plaetze des Reichs dem Kaiser ohne Widerstand zu +oeffnen." + +Theodahad nickte. + +"Zweitens. Koenig Theodahad wird mit allen Mitteln dahin wirken, dass das +ganze Heer der Goten entwaffnet und in kleinen Gruppen ueber die Alpen +gefuehrt werde. Weiber und Kinder haben nach Auswahl des kaiserlichen +Feldherrn dem Heere zu folgen oder als Sklaven nach Byzanz zu gehen. Der +Koenig wird dafuer sorgen, dass jeder Widerstand der Goten erfolglos bleiben +muss. + +Drittens. Dafuer belaesst Kaiser Justinian dem Koenig Theodahad und seiner +Gemahlin den Koenigstitel und die koeniglichen Ehren auf Lebenszeit, und +viertens" - + +Diesen Abschnitt will ich doch mit eigenen Augen lesen," unterbrach +Theodahad, nach der Urkunde langend. "Viertens belaesst der Kaiser dem Koenig +der Goten nicht nur alle Laendereien und Schaetze, die dieser als sein +Privateigentum bezeichnen wird, sondern auch den ganzen Koenigsschatz der +Goten, der allein an gepraegtem Gold auf vierzigtausend Pfunde geschaetzt +ist. Er uebergiebt ihm ferner zu Erb und Eigen ganz Tuscien von Pistoria +bis Caere, von Populonia bis Clusium und endlich ueberweist er an Theodahad +auf Lebenszeit die Haelfte aller oeffentlichen Einkuenfte des durch diesen +Vertrag seinem rechtmaessigen Herrn zurueckerworbenen Reiches. - Sage, +Petros, meinst du nicht, ich koennte drei Viertel fordern?" - - + +"Fordern kannst du sie, allein ich zweifle sehr, dass sie dir Justinian +gewaehrt. Ich habe schon die Grenzen, die aeussersten, meiner Vollmacht +ueberschritten." + +"Fordern wollen wir's doch immerhin," meinte der Koenig, die Zahl aendernd. +"Dann muss Justinian herunter markten oder dafuer andre Vorteile gewaehren." + +Um des Petros schmale Lippen spielte ein falsches Laecheln: + +"Du bist ein kluger Handelsmann, o Koenig. - Aber hier verrechnest du dich +doch," sagte er zu sich selbst. + +Da rauschten schleppende Gewaender den Marmorgang heran und eintrat ins +Gemach in langem schwarzem Mantel und schwarzem, mit silbernen Sternen +besaetem Schleier Amalaswintha, bleich von Antlitz, aber in edler Haltung, +eine Koenigin trotz der verlornen Krone: ueberwaeltigende Hoheit der Trauer +sprach aus den bleichen Zuegen. + +"Koenig der Goten," hob sie an, "vergieb, wenn an deinem Freudenfeste ein +dunkler Schatte noch einmal auftaucht von der Welt der Toten. Es ist zum +letztenmal." + +Beide Maenner waren von ihrem Anblick betroffen. + +"Koenigin," - stammelte Theodahad. + +"Koenigin! o waer' ich's nie gewesen. Ich komme, Vetter, von dem Sarge +meines edeln Sohnes, wo ich Busse gethan fuer all' meine Verblendung, und +all' meine Schuld bereut. Ich steige herauf zu dir, Koenig der Goten, dich +zu warnen vor gleicher Verblendung und gleicher Schuld." + +Theodahads unstetes Auge vermied ihren ernsten, pruefenden Blick. + +"Es ist ein uebler Gast," fuhr sie fort, "den ich in mitternaechtiger Stunde +als deinen Vertrauten bei dir finde. Es ist kein Heil fuer einen Fuersten +als in seinem Volk: zu spaet hab' ich's erkannt, zu spaet fuer mich, nicht zu +spaet, hoff' ich, fuer mein Volk. Traue du nicht Byzanz: es ist ein Schild, +der den erdrueckt, den er beschirmen soll." + +"Du bist ungerecht," sagte Petros, "und undankbar." + +"Thu nicht, mein koeniglicher Vetter," fuhr sie fort, "was dieser von dir +fordert. Bewillige nicht du, was ich ihm weigerte. Sicilien sollen wir +abtreten und dreitausend Krieger dem Kaiser stellen fuer alle seine Kriege +- ich wies die Schmach von mir. Ich sehe," sprach sie, auf das Pergament +deutend, "du hast schon mit ihm abgeschlossen. Tritt zurueck, sie werden +dich immer taeuschen." + +Aengstlich zog Theodahad die Urkunde an sich: er warf einen misstrauischen +Blick auf Petros. + +Da trat dieser gegen Amalaswintha vor: "Was willst du hier, du Koenigin von +gestern? Willst du dem Beherrscher dieses Reiches wehren? Deine Zeit und +deine Macht ist um." - "Verlass uns," sagte Theodahad, ermutigt. "Ich werde +thun was mir gutduenkt. Es soll dir nicht gelingen mich von meinen Freunden +in Byzanz zu trennen. Sieh her, vor deinen Augen soll unser Bund +geschlossen sein." Und er zeichnete seinen Namen auf die Urkunde. + +"Nun," laechelte Petros, "kamst du noch eben recht, als Zeugin mit zu +unterzeichnen." + +"Nein," sprach Amalaswintha mit einem drohenden Blick auf die beiden +Maenner, "ich kam noch eben recht, euren Plan zu vereiteln. Ich gehe +geradeswegs von hier zum Heere, zur Volksversammlung, die naechstens bei +Regeta tagt. Aufdecken will ich daselbst vor allem Volk deine Antraege, die +Plaene von Byzanz und dieses schwachen Fuersten Verrat." + +"Das wird nicht angehn," sagte Petros ruhig, "ohne dich selbst zu +verklagen." + +"Ich will mich selbst verklagen. Enthuellen will ich all' meine Thorheit, +all' meine blutige Schuld und gern den Tod erleiden, den ich verdient. +Aber warnen, aufschrecken soll diese meine Selbstanklage mein ganzes Volk +vom Aetna bis zu den Alpen; eine Welt von Waffen soll euch entgegenstehn +und retten werd' ich meine Goten durch meinen Tod von der Gefahr, in die +mein Leben sie gestuerzt." Und in edler Begeisterung eilte sie aus dem +Gemach. + +Verzagt blickte Theodahad auf den Gesandten: lang fand er keine Worte. +"Rate, hilf -" stammelte er endlich. + +"Raten? Da hilft nur Ein Rat. Die Rasende wird sich und uns verderben, +laesst man sie gewaehren. Sie darf ihre Drohung nicht erfuellen. Dafuer musst du +sorgen." + +"Ich?" rief Theodahad erschreckt; "ich kann dergleichen nicht! Wo ist +Gothelindis? Sie, sie allein kann helfen." + +"Und der Praefekt," sagte Petros - "sende nach ihnen." + +Alsbald waren die beiden Genannten von dem Festmahle herauf beschieden. +Petros verstaendigte sie von den Worten der Fuerstin, ohne jedoch dem +Praefekten den Vertrag als Veranlassung des Auftritts zu nennen. + +Kaum hatte er gesprochen, so rief die Koenigin: + +"Genug, sie darf es nicht vollenden. Man muss ihre Schritte bewachen, sie +darf mit keinem Goten in Ravenna sprechen - sie darf den Palast nicht +verlassen. Das vor allem!" Und sie eilte hinaus, vertraute Sklaven vor +Amalaswinthens Gemaecher zu senden. Alsbald kehrte sie wieder. "Sie betet +laut in ihrer Kammer," sprach sie veraechtlich. "Auf, Cethegus, lass uns +ihre Gebete vereiteln." + +Cethegus hatte, mit dem Ruecken an die Marmorsaeulen des Eingangs gelehnt, +die Arme ueber der Brust gekreuzt, diese Vorgaenge schweigend und sinnend +mit angehoert. Er erkannte die Notwendigkeit, die Faeden der Ereignisse +wieder mehr in seine Hand zu versammeln und straffer anzuziehen. Er sah +Byzanz immer mehr in den Vordergrund dringen: - das durfte nicht weiter +angehn. + +"Sprich, Cethegus," mahnte Gothelindis nochmals, "was thut jetzt vor allem +Not?" + +"Klarheit," sagte dieser sich aufrichtend. "In jedem Bunde muss der Zweck, +der besondere Zweck jedes der Verbuendeten klar sein: sonst werden sie +stets sich durch Misstrau'n hemmen. Ihr habt eure Zwecke, - ich habe den +meinen. Eure Zwecke liegen am Tage: ich habe sie euch neulich schon +gesagt: du Petros, willst, dass Kaiser Justinian an der Goten Statt in +Italien herrsche: ihr, Gothelindis und Theodahad, wollt dies auch, gegen +reiche Entschaedigung an Rache, Geld und Ehren. Ich aber - ich habe auch +meinen Zweck: was hilft es, das zu verhehlen? Mein schlauer Petros, du +wuerdest doch nicht lange mehr glauben, dass ich nur den Ehrgeiz habe, dein +Werkzeug zu sein, und dereinst Senator in Byzanz zu werden. Also auch ich +habe meinen Zweck: all' eure dreieinige Schlauheit wuerde ihn nie +entdecken, weil er zu nahe vor Augen liegt. Ich muss ihn euch selbst +verraten. + +Der versteinerte Cethegus hat noch eine Liebe: sein Italien. Drum will er, +wie ihr, die Goten fort haben aus diesem Land. + +Aber er will nicht, wie ihr, dass Kaiser Justinianus unbedingt an ihre +Stelle trete: er will nicht die Traufe statt des Regens. + +Am liebsten moechte ich, der unverbesserliche Republikaner - du weisst, mein +Petros, wir waren es damals beide mit achtzehn Jahren auf der Schule von +Athen und ich bin es noch: aber du brauchst es dem Kaiser, deinem Herrn, +nicht zu melden, ich hab' es ihm lange selbst geschrieben - die Barbaren +hinauswerfen, ohne euch herein zu lassen. + +Das geht nun leider nicht an: wir koennen eurer Hilfe nicht entbehren. Doch +will ich diese auf das Unvermeidliche beschraenken. Kein byzantinisch Heer +darf diesen Boden betreten, als um ihn im letzten Augenblick der Not aus +der Hand der Italier zu empfangen. Italien sei mehr ein von den Italiern +dargebrachtes Geschenk als eine Eroberung fuer Justinian: die Segnungen der +Feldherrn und Steuerrechner, die Byzanz ueber die Laender bringt, die es +befreit, sollen uns erspart bleiben: wir wollen euern Schutz, nicht eure +Tyrannei." + +Ueber Petros' Zuege zog ein feines Laecheln, das Cethegus nicht zu bemerken +schien; er fuhr fort: "So vernehmt meine Bedingung. Ich weiss, Belisarius +liegt mit Flotte und Heer nah bei Sicilien. Er darf nicht landen. Er muss +heimkehren. Ich kann keinen Belisar in Italien brauchen. Wenigstens nicht +eher als ich ihn rufe. Und sendest du, Petros, ihm nicht sofort diesen +Befehl zu, so scheiden sich unsere Wege. Ich kenne Belisar und Narses und +ihre Soldatenherrschaft und ich weiss, welch' milde Herren diese Goten +sind. Und mich erbarmt Amalaswinthens: sie war eine Mutter meines Volks. +Deshalb waehlet, waehlet zwischen Belisar und Cethegus. Landet Belisar, so +steht Cethegus und ganz Italien zu Amalaswintha und den Goten: und dann +lass sehn, ob ihr uns eine Scholle dieses Landes entreisst. Waehlt ihr +Cethegus, so bricht er die Macht der Barbaren und Italien unterwirft sich +dem Kaiser als seine freie Gattin, nicht als seine Sklavin. Waehle, +Petros." + +"Stolzer Mann," sprach Gothelindis, "du wagst uns Bedingungen zu setzen, +uns, deiner Koenigin?" Und drohend erhob sie die Hand. + +Aber mit eiserner Faust ergriff Cethegus diese Hand und zog sie ruhig +herab. "Lass die Possen, Eintagskoenigin. Hier unterhandeln nur Italien und +Byzanz. Vergisst du deine Ohnmacht, so muss man dich dran mahnen. Du +thronst, solange wir dich halten." Und mit so ruhiger Majestaet stand er +vor dem zornmuetigen Weib, dass sie verstummte. Aber ihr Blick spruehte +unausloeschlichen Hass. + +"Cethegus," sagte jetzt Petros, der sich einstweilen entschlossen, "du +hast Recht. Byzanz kann fuer den Augenblick nicht mehr erreichen als deine +Hilfe, weil nichts ohne sie. Wenn Belisar umkehrt, so gehst du ganz mit +uns und unbedingt?" + +"Unbedingt." + +"Und Amalaswinthen?" + +"Geb' ich Preis." + +"Wohlan," sagte der Byzantiner, "es gilt." + +Er schrieb auf eine Wachstafel in kurzen Worten den Befehl zur Heimkehr an +Belisar und reichte sie dem Praefekten: "Du magst die Botschaft selbst +bestellen." + +Cethegus las sorgfaeltig: "Es ist gut," sagte er, die Tafel in die Brust +steckend, "es gilt." + +"Wann bricht Italien los auf die Barbaren?" fragte Petros. + +"In den ersten Tagen des naechsten Monats. Ich gehe nach Rom. Leb wohl." + +"Du gehst? Und hilfst uns nicht das Weib - die Tochter Theoderichs +verderben?" fragte die Koenigin mit bittrem Vorwurf. "Erbarmt dich ihrer +abermals?" + +"Sie ist gerichtet," sagte Cethegus, an der Thuer sich kurz umwendend. "Der +Richter geht - der Henker Amt hebt an." Und stolz schritt er hinaus. + +Da fasste Theodahad, der sprachlos vor Staunen den Byzantiner hatte handeln +sehn, mit Entsetzen dessen Hand: "Petros," rief er, "um Gott und aller +Heiligen willen, was hast du gethan? Unser Vertrag und alles ruht auf +Belisar und du schickst ihn nach Hause?" + +"Und laesst diesen Uebermuetigen triumphieren?" knirschte Gothelindis. + +Aber Petros laechelte: der Sieg der Schlauheit strahlte auf seinem Antlitz. +"Seid ruhig," sagte er, "diesmal ist er ueberwunden, der Allueberwinder +Cethegus, besiegt von dem verhoehnten Petros." Er ergriff Theodahad und +Gothelindis an den Haenden, zog sie nahe an sich, sah sich um, und +fluesterte dann: "Vor jenem Brief an Belisar steht ein kleiner Punkt: der +bedeutet ihm: all das Geschriebene ist nicht ernst gemeint, ist nichtig. +Ja, ja, man lernt, man lernt die Schreibekunst am Hofe von Byzanz." + + + + + Viertes Kapitel. + + +Zwei Tage nach der naechtlichen Begegnung mit Theodahad und Petros +verbrachte Amalaswintha in einer Art von wirklicher oder vermeinter +Gefangenschaft. + +So oft sie ihre Gemaecher verliess, so oft sie einbog in einen Gang des +Palastes, jedesmal glaubte sie hinter oder neben sich Gestalten +auftauchen, hingleiten, verschwinden zu sehen, die ebenso eifrig bedacht +schienen, all' ihre Schritte zu beobachten als sich selbst ihren Blicken +zu entziehen: kaum zu dem Grabe ihres Sohnes konnte sie unbewacht +niedersteigen. + +Umsonst fragte sie nach Witichis, nach Teja: sie hatten gleich am Morgen +nach dem Kroenungsfest in Auftraegen des Koenigs die Stadt verlassen. Das +Gefuehl, vereinsamt und von boesen Feinden umlauert zu sein, ruhte drueckend +auf ihrer Seele. + +Schwer und duester hingen am Morgen des dritten Tages die herbstlichen +Regenwolken auf Ravenna herab, als sich Amalaswintha von dem +schlummerlosen Lager erhob. Unheimlich beruehrte es sie, dass, als sie an +das Fenster von Frauenglas trat, ein Rabe kraechzend von dem Marmorsims +aufstieg und mit heiserem Schrei und schwerem Fluegelschlag langsam ueber +die Gaerten dahinflog. + +Die Fuerstin fuehlte schon daran, wie geknickt ihre Seele war durch diese +Tage von Schmerz, Furcht und Reue, dass sie sich des finstern Eindrucks +nicht erwehren konnte, den ihr die fruehen Herbstnebel, aus den Lagunen der +Seestadt aufsteigend, brachten. Seufzend blickte sie in die graue +Sumpflandschaft hinaus. + +Schwer war ihr Herz von Reue und Sorge. + +Und ihr einziger Halt der Gedanke, durch freie Selbstanklage und volle +Demuetigung vor allem Volk das Reich noch zu retten um den Preis ihres +Lebens. Denn sie zweifelte nicht, dass die Gesippen und Blutraecher der drei +Herzoge ihre Pflicht vollauf erfuellen wuerden. In solchen Gedanken schritt +sie durch die oeden Hallen und Gaenge des Palastes, diesmal, wie sie +glaubte, unbelauscht, hinunter zu der Ruhestaette ihres Sohnes, sich in den +Vorsaetzen der Busse und Suehne an ihrem Volk zu befestigen. + +Als sie nach geraumer Zeit aus der Gruft wieder emporstieg und in einen +dunkeln Gewoelbgang einlenkte, huschte ein Mann in Sklaventracht aus einer +Nische hervor - sie glaubte sein Gesicht schon oft gesehen zu haben - +drueckte ihr eine kleine Wachstafel in die Hand und war seitab +verschwunden. + +Sie erkannte sofort - die Handschrift Cassiodors -. + +Und sie erriet nun auch den geheimnisvollen Ueberbringer: es war Dolios, +der Briefsklave ihres treuen Ministers. Rasch die Tafel in ihrem Gewande +bergend eilte sie in ihr Gemach. Dort las sie: "In Schmerz, nicht in Zorn, +schied ich von dir. Ich will nicht, dass du unbussfertig abgerufen werdest +und deine unsterbliche Seele verloren gehe. Flieh aus diesem Palast, aus +dieser Stadt: dein Leben ist keine Stunde mehr sicher. Du kennst +Gothelindis und ihren Hass. Traue niemand als meinem Schreiber und finde +dich um Sonnenuntergang bei dem Venustempel im Garten ein. Dort wird dich +meine Saenfte erwarten und in Sicherheit bringen, nach meiner Villa im +Bolsener See. Folge und vertraue." + +Geruehrt liess Amalaswintha den Brief sinken: der vielgetreue Cassiodor! Er +hatte sie doch nicht ganz verlassen. Er bangte und sorgte noch immer fuer +das Leben der Freundin. Und jene reizende Villa auf der einsamen Insel im +blauen Bolsener See! Dort hatte sie, vor vielen, vielen Jahren, als Gast +Cassiodors, in voller Bluete der Jugendschoenheit, Hochzeit gehalten mit +Eutharich, dem edeln Amalungen, und, von allem Schimmer der Macht und +Ehren umflossen, ihrer Jugend stolzeste Tage gefeiert. + +Ihr sonst so hartes, aber jetzt vom Unglueck erweichtes Gemuet beschlich +maechtige Sehnsucht, die Staette ihrer schoensten Freuden wiederzusehen. +Schon dies Eine Gefuehl trieb sie maechtig an, der Mahnung Cassiodors zu +folgen: noch mehr die Furcht, - nicht fuer ihr Leben, denn sie wollte +sterben - die Raschheit ihrer Feinde moechte ihr unmoeglich machen, das Volk +zu warnen und das Reich zu retten. Endlich ueberlegte sie, dass der Weg nach +Regeta bei Rom, wo in Baelde die grosse Volksversammlung, wie alljaehrlich im +Herbst, statthaben sollte, sie am Bolsener See vorueberfuehrte. Also war es +nur eine Beschleunigung ihres Planes, wenn sie schon jetzt in dieser +Richtung aufbrach. Um aber auf alle Faelle sicher zu gehn, um, auch wenn +sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen sollte, ihre warnende Stimme an +das Ohr des Volks gelangen zu lassen, beschloss sie einem Brief an +Cassiodor, den auf seiner Villa anzutreffen sie nicht bestimmt +voraussetzen konnte, ihre ganze Beichte und die Enthuellung aller Plaene der +Byzantiner und Theodahads anzuvertrauen. + +Bei geschlossenen Thueren schrieb sie die schmerzreichen Worte nieder: +heisse Thraenen des Dankes und der Reue fielen auf das Pergament, das sie +sorgfaeltig siegelte und dem treuesten ihrer Sklaven uebergab, es sicher +nach dem Kloster Squillacium in Apulien, der Stiftung und dem gewoehnlichen +Aufenthalt Cassiodors, zu befoerdern. + +Langsam verstrichen der Fuerstin die zoegernden Stunden des Tages. Mit +ganzer Seele hatte sie des Freundes dargebotne Hand ergriffen. Erinnerung +und Hoffnung malten ihr um die Wette das Eiland im Bolsener See als ein +teures Asyl: dort hoffte sie Ruhe und Frieden zu finden. Sie hielt sich +sorgsam innerhalb ihrer Gemaecher, um keinem ihrer Waechter Veranlassung zum +Verdacht, Gelegenheit, sie aufzuhalten, zu geben. Endlich war die Sonne +gesunken. + +Mit leisen Schritten eilte Amalaswintha, ihre Sklavinnen zurueckweisend und +nur einige Kleinodien und Dokumente unter dem weiten Mantel bergend, aus +ihrem Schlafgemach in den breiten Saeulengang, der zur Gartentreppe fuehrte. +Sie zitterte, hier wie gewoehnlich auf einen der lauschenden Spaeher zu +stossen, gesehen, angehalten zu werden. Haeufig sah sie sich um, vorsichtig +blickte sie sogar in die Statuennischen: - alles war leer, kein Lauscher +folgte diesmal ihren Tritten. So erreichte sie unbeobachtet die Plattform +der Freitreppe, die Palast und Garten verband und weiten Ausblick ueber +diesen hin gewaehrte. Scharf ueberschaute sie den naechsten Weg, der zum +Venustempel fuehrte. Der Weg war frei. + +Nur die welken Blaetter raschelten wie unwillig von den rauschenden +Platanen auf die Sandpfade nieder, gewirbelt von dem Winde, der fern, +jenseit der Gartenmauer, Nebel und Wolken in geisterhaften Gestalten vor +sich her trieb: es war unheimlich in dem ausgestorbenen Garten und seiner +grauen Daemmerung. + +Die Fuerstin froestelte, der kalte Abendwind zerrte an ihrem Schleier und +Mantel: einen scheuen Blick warf sie noch auf die duestern, lastenden +Steinmassen des Palastes hinter sich, in dem sie so stolz gewaltet und +geherrscht und aus dem sie nun einsam, scheu, verfolgt wie eine +Verbrecherin fluechtete. Sie dachte des Sohnes, der in den Tiefen des +Palastes ruhte. - Sie dachte der Tochter, die sie selbst aus diesen +Mauern, aus ihrer Naehe verbannt hatte. - + +Und einen Augenblick drohte der Schmerz die Verlassene zu ueberwaeltigen: +sie wankte, muehsam hielt sie sich aufrecht an dem breiten Marmorgelaender +der Terrasse: ein Fieberschauer ruettelte an ihrem Leibe wie das Grauen der +Verlassenheit an ihrer Seele. + +"Aber mein Volk!" sprach sie zu sich selbst "und meine Busse - ich will's +vollenden." Gekraeftigt von diesem Gedanken eilte sie die Stufen der Treppe +hinab und bog in den von Epheu ueberwoelbten Laubgang ein, der quer durch +den Garten fuehrte und an dem Venustempel muendete. Rasch schritt sie voran, +erbebend, wann zu einem der Seitengaenge das Herbstlaub, wie seufzend, +hereinwirbelte. + +Atemlos langte sie vor dem kleinen Tempel an und liess ringsum die +suchenden Blicke schweifen. Aber keine Saenfte, keine Sklaven waren zu +sehen, rings war alles still: nur die Aeste der Platanen seufzten im Winde. + +Da schlug das nahe Wiehern eines Pferdes an ihr Ohr. + +Sie wandte sich: - um den Vorsprung der Mauer bog mit hastigen Schritten +ein Mann. Es war Dolios. Er winkte, scheu umherspaehend. Rasch eilte die +Fuerstin auf ihn zu, folgte ihm um die Ecke: und vor ihr stand Cassiodors +wohlbekannter gallischer Reisewagen, die bequeme und vornehme Carruca, von +allen vier Seiten mit verschiebbaren Gitterlaeden von feinem Holzwerk +umschlossen, und mit dem raschen Dreigespann belgischer Manni beschirrt. + +"Eile thut not, o Fuerstin," fluesterte Dolios, sie in die weichen Polster +hebend. "Die Saenfte ist zu langsam fuer den Hass deiner Feinde. Stille und +Eile, dass uns niemand bemerkt." + +Amalaswintha blickte noch einmal um sich. + +Dolios oeffnete das Thor des Gartens und fuehrte den Wagen vor dasselbe +hinaus. Da traten zwei Maenner aus dem Gebuesch: der eine bestieg den Sitz +des Wagenlenkers vor ihr: der andere schwang sich auf eines der beiden +gesattelt vor dem Thore stehenden Rosse: sie erkannte die Maenner als +vertraute Sklaven Cassiodors: sie waren wie Dolios mit Waffen versehen. +Dieser sperrte wieder sorgfaeltig das Gartenthor und liess die Gitterladen +des Wagens herab. Dann warf er sich auf das zweite der Pferde und zog das +Schwert: "Vorwaerts!" rief er. + +Und von dannen jagte der kleine Zug, als waer' ihm der Tod auf der Ferse. + + + + + Fuenftes Kapitel. + + +Die Fuerstin wiegte sich in Gefuehlen des Dankes, der Freiheit, der +Sicherheit. Sie baute schoene Entwuerfe der Suehne. + +Schon sah sie ihr Volk durch ihre warnende Stimme gerettet vor Byzanz, vor +dem Verrat des eigenen Koenigs: schon hoerte sie den begeisterten Ruf des +tapferen Heeres, der den Feinden Verderben, ihr aber Verzeihung +verkuendete. In solchen Traeumen verflogen ihr die Stunden, die Tage und +Naechte. Unausgesetzt eilte der Zug vorwaerts: drei-, viermal des Tages +wurden die Pferde des Wagens und der Reiter gewechselt, so dass sie Meile +um Meile wie im Fluge zuruecklegten. + +Wachsam huetete Dolios die ihm anvertraute Fuerstin: mit gezogenem Schwert +schuetzte er den Zugang zum Wagen, waehrend seine Begleiter Speisen und Wein +aus den Stationen holten. Jene gefluegelte Eile und diese treue Wachsamkeit +benahm Amalaswinthen eine Besorgnis, deren sie sich eine Weile nicht hatte +erwehren koennen: ihr war, sie wuerden verfolgt. + +Zweimal, in Perusia und in Clusium, glaubte sie, wie der Wagen hielt, +dicht hinter sich Raedergerassel zu hoeren und den Hufschlag eilender Rosse: +ja in Clusium meinte sie, aus dem niedergelassenen Gitterladen +zurueckspaehend, eine zweite Carruca, ebenfalls von Reitern begleitet, in +das Thor der Stadt einbiegen zu sehen. + +Aber als sie Dolios davon sprach, jagte der spornstreichs nach dem Thore +zurueck und kam sogleich mit der Meldung wieder, dass nichts wahrzunehmen +sei; auch hatte sie von da ab nichts mehr bemerkt: und die rasende Eile, +mit der sie sich dem ersehnten Eiland naeherte, liess sie hoffen, dass ihre +Feinde, selbst wenn sie ihre Flucht entdeckt und eine Strecke weit +verfolgt haben sollten, alsbald ermuedet zurueckgeblieben seien. + +Da verduesterte ein Unfall, unbedeutend an sich, aber unheilkuendend durch +seine begleitenden Umstaende, ploetzlich die hellere Stimmung der +fluechtenden Fuerstin. + +Es war hinter der kleinen Stadt Martula. + +Oede baumlose Heide dehnte sich unabsehbar nach jeder Richtung: nur Schilf +und hohe Sumpfgewaechse ragten aus den feuchten Niederungen zu beiden +Seiten der roemischen Hochstrasse und nickten und fluesterten gespenstisch im +Nachtwind. Die Strasse war hin und wieder mit niedern, von Reben +ueberflochtenen Mauern eingefasst und, nach altroemischer Sitte, mit +Grabmonumenten, die aber oft traurig zerfallen waren und mit ihren auf dem +Wege zerstreuten Steintruemmern den Pferden das Fortkommen erschwerten. + +Ploetzlich hielt der Wagen mit einem heftigen Ruck und Dolios riss die +rechte Thuere auf. "Was ist geschehen," rief die Fuerstin erschreckt, "sind +wir in Feindes Hand?" + +"Nein," sprach Dolios, der, ihr von je als verschlossen und finster +bekannt, auf dieser Reise fast unheimlich schweigsam schien, "ein Rad ist +gebrochen. Du musst aussteigen und warten, bis es gebessert." + +Ein heftiger Windstoss loeschte in diesem Augenblick seine Fackel und +nasskalter Regen schlug in der Bestuerzten Antlitz. "Aussteigen? hier? und +wohin dann? hier ist nirgend ein Haus, ein Baum, der Schutz boete vor Regen +und Sturm. Ich bleibe in dem Wagen." - "Das Rad muss abgehoben werden. +Dort, das Grabmal, mag dir Schutz gewaehren." + +Mit einem Schauer von Furcht gehorchte Amalaswintha und schritt ueber die +Steintruemmer, die ringsum zerstreut lagen, nach der rechten Seite des +Weges, wo sie jenseit des Grabens ein hohes Monument aus der Dunkelheit +ragen sah. Dolios half ihr ueber den Graben. + +Da schlug von der Strasse hinter ihrem Wagen her das Wiehern eines Pferdes +an ihr Ohr. Erschrocken blieb sie stehen. + +"Es ist unser Nachreiter," sagte Dolios rasch, "der uns den Ruecken deckt, +komm." + +Und er fuehrte sie durch feuchtes Gras den Huegel heran, auf dem sich das +Monument erhob. Oben angelangt setzte sie sich auf die breite Steinplatte +eines Sarkophags. + +Da war Dolios ploetzlich im Dunkel verschwunden, vergebens rief sie ihn +zurueck: bald sah sie unten auf der Strasse seine Fackel wieder brennen: rot +leuchtete sie durch die Nebel der Suempfe: und der Sturm entfuehrte rasch +den Schall der Hammerschlaege der Sklaven, die an dem Rade arbeiteten. + +So sass die Tochter des grossen Theoderich, einsam und todesfluechtig, auf +der Heerstrasse in unheimlicher Nacht; der Sturm riss an ihrem Mantel und +Schleier, der feine kalte Regen durchnaesste sie, in den Cypressen hinter +dem Grabmal seufzte melancholisch der Wind, oben am Himmel jagte +zerfetztes Gewoelk und liess nur manchmal einen fluechtigen Mondstrahl durch, +der die gleich wieder folgende Dunkelheit noch duesterer machte. + +Banges Grauen durchschlich froestelnd ihr Herz. + +Allmaehlich gewoehnte sich ihr Auge an die Dunkelheit und umher sehend +konnte sie die Umrisse der naechsten Dinge deutlicher unterscheiden: da - +ihr Haar straeubte sich vor Entsetzen - da war ihr, es saesse dicht hinter +ihr auf dem erhoehten Hintereck des Sarkophags eine zweite Gestalt: - ihr +eigener Schatten war es nicht -: eine kleinere Gestalt in weitem, faltigem +Gewand, die Arme auf die Kniee, das Haupt in die Haende gestuetzt und zu ihr +herunter starrend. + +Ihr Atem stockte, sie glaubte fluestern zu hoeren, fieberhaft strengte sie +die Sinne an zu sehen, zu hoeren: da fluesterte es wieder: "Nein, nein: noch +nicht!" So glaubte sie zu hoeren. Sie richtete sich leise auf, auch die +Gestalt schien sich zu regen, es klirrte deutlich wie Stahl auf Stein. + +Da schrie die Geaengstigte: "Dolios! Licht! Hilfe! Licht!" Und sie wollte +den Huegel hinab, aber zitternd versagten die Kniee, sie fiel und verletzte +die Wange an dem scharfen Gestein. + +Da war Dolios mit der Fackel heran, schweigend erhob er die Blutende: er +fragte nicht. "Dolios," rief sie sich fassend, "gieb die Leuchte: ich muss +sehen, was dort war, was dort ist." + +Sie nahm die Fackel und schritt entschlossen um die Ecke des Sarkophags: +es war nichts zu sehen: aber jetzt, im Glanze der Fackel, erkannte sie, +dass das Monument nicht, wie die uebrigen, ein altes, dass es sichtlich erst +neu errichtet war, so unverwittert war der weisse Marmor, so frisch die +schwarzen Buchstaben der Inschrift. - + +Von jener seltsamen Neugier, die sich mit dem Grauen verbindet, +unwiderstehlich fortgerissen, hielt sie die Fackel dicht an den Sockel des +Monuments und las bei flackerndem Licht die Worte: "Ewige Ehre den drei +Balten Thulun, Ibba und Pitza. Ewiger Fluch ihren Moerdern." + +Mit einem Aufschrei taumelte Amalaswintha zurueck. + +Dolios fuehrte die Halbohnmaechtige zu dem Wagen. Fast bewusstlos legte sie +die noch uebrigen Stunden des Weges zurueck. Sie fuehlte sich krank an Leib +und Seele. Je naeher sie dem Eiland kam, desto lebhafter ward die +fieberhafte Freude, mit der sie es ersehnt, verdraengt von einer +ahnungsvollen Furcht: mit Bangen sah sie die Straeucher und Baeume des Weges +immer rascher an sich vorueberfliegen. + +Endlich machten die dampfenden Rosse Halt. + +Sie senkte die Laeden und blickte hinaus: es war die kalte, unheimliche +Stunde, da das erste Tagesgrauen ankaempft gegen die noch herrschende +Nacht: sie waren, so schien es, angelangt am Ufer des Sees: aber von +seinen blauen Fluten war nichts zu sehen; ein duestrer grauer Nebel lag +undurchdringlich wie die Zukunft vor ihren Augen: von der Villa, ja von +der Insel selbst war nichts zu entdecken. Rechts vom Wagen stand eine +niedrige Fischerhuette tief in dem dichten, ragenden Schilf, durch welches +wie seufzend der Morgenwind fuhr, dass die schwankenden Haeupter sich bogen. + +Seltsam: ihr war, als warnten und winkten sie hinweg von dem dahinter +verborgenen See. + +Dolios war in die Huette gegangen; er kam jetzt zurueck und hob die Fuerstin +aus dem Wagen, schweigend fuehrte er sie durch den feuchten Wiesengrund +nach dem Schilf zu. + +Da lag am Ufer eine schmale Faehre: sie schien mehr im Nebel als im Wasser +zu schwimmen. + +Am Steuer aber sass in einen grauen zerfetzten Mantel gehuellt ein alter +Mann, dem die langen weissen Haare wirr ins Gesicht hingen. Er schien vor +sich hin zu traeumen mit geschlossenen Augen, die er nicht aufschlug, als +die Fuerstin in den schwankenden Nachen stieg und sich in der Mitte +desselben auf einem Feldstuhl niederliess. + +Dolios trat an den Schnabel des Schiffes und ergriff zwei Ruder: die +Sklaven blieben bei dem Wagen zurueck. + +"Dolios," rief Amalaswintha besorgt, "es ist sehr dunkel, wird der Alte +steuern koennen in diesem Nebel, und an keinem Ufer ein Licht?" - "Das +Licht wuerde ihm nichts nuetzen, Koenigin, er ist blind." - "Blind?" rief die +Erschrockene, "lass landen! kehr um!" - "Ich fahre hier seit bald zwanzig +Jahren," sprach der greise Ferge, "kein Sehender kennt den Weg gleich +mir." - "So bist du blind geboren?" + +"Nein, Theoderich der Amaler liess mich blenden, weil mich Alarich, der +Balten-Herzog, des Thulun Bruder, gedungen haette, ihn zu morden. Ich bin +ein Knecht der Balten, war ein Gefolgsmann Alarichs, aber ich war so +unschuldig wie mein Herr, Alarich der Verbannte. Fluch ueber die +Amalungen!" rief er mit zornigem Ruck am Steuer. + +"Schweig! Alter," sprach Dolios. + +"Warum soll ich heute nicht sagen, was ich bei jedem Ruderschlag seit +zwanzig Jahren sage? Es ist mein Taktspruch. - Fluch den Amalungen!" + +Mit Grauen sah die Fluechtige auf den Alten, der in der That mit voelliger +Sicherheit und pfeilgerade fuhr. Sein weiter Mantel und wirres Haar flogen +im Winde: ringsum Nebel und Stille, nur das Ruder hoerte man gleichfoermig +einschlagen, leere Luft und graues Licht auf allen Seiten. Ihr war, als +fuehre sie Charon ueber den Styx in das graue Reich der Schatten. - Fiebernd +huellte sie sich in ihren faltigen Mantel. + +Noch einige Ruderschlaege und sie landeten. + +Dolios hob die Zitternde heraus: der Alte aber wandte sein Boot schweigend +und ruderte so rasch und sicher zurueck wie er gekommen: Mit einer Art von +Grauen sah ihm Amalaswintha nach, bis er in dem dichten Nebel verschwand. + +Da war es ihr, als hoere sie den Schall von Ruderschlaegen eines zweiten +Schiffes, die rasch naeher und naeher drangen. Sie fragte Dolios nach dem +Grund dieses Geraeusches. + +"Ich hoere nichts," sagte dieser, "du bist allzu erregt, komm in das Haus." +Sie wankte auf seinen Arm gestuetzt die in den Felsboden gehauenen Stufen +hinan, die zu der burgaehnlichen, hochgetuermten Villa fuehrten: von dem +Garten, der, wie sie sich lebhaft erinnerte, zu beiden Seiten dieses +schmalen Weges sich dehnte, waren in dem Nebel kaum die Linien der +Baumreihen zu sehen. + +Endlich erreichten sie das hohe Portal, eine eherne Thuer im Rahmen von +schwarzem Marmor. Der Freigelassene pochte mit dem Knauf seines Schwertes: +- dumpf droehnte der Schlag in den gewoelbten Hallen nach - die Thuere sprang +auf. + +Amalaswintha gedachte, wie sie einst durch dieses Thor, das die +Blumengewinde fast versperrt hatten, an ihres Gatten Seite eingezogen war: +sie gedachte, wie sie die Pfoertner, gleichfalls ein jung vermaehltes Paar, +so freundlich begruesst. - + +Der finstersehende Sklave mit wirrem grauem Haar, der jetzt mit Ampel und +Schluesselbund vor ihr stand, war ihr fremd. + +"Wo ist Fuscina, des frueheren Ostiarius Weib? ist sie nicht mehr im +Hause?" fragte sie. + +"Die ist lang ertrunken im See," sagte der Pfoertner gleichgueltig und +schritt mit der Leuchte voran. Schaudernd folgte die Fuerstin: sie musste +sich die kalten dunkeln Wogen vorstellen, die so unheimlich an den Planken +ihrer Faehre geleckt. Sie gingen durch Bogenhoefe und Saeulenhallen: - alles +leer, wie ausgestorben, die Schritte hallten laut durch die Oede: - die +ganze Villa schien ein weites Totengewoelbe. + +"Das Haus ist unbewohnt? ich bedarf einer Sklavin." + +"Mein Weib wird dir dienen." + +"Ist sonst niemand in der Villa?" + +"Noch ein Sklave. Ein griechischer Arzt." + +"Ein Arzt - ich will ihn -" + +Aber in diesem Augenblicke schollen von dem Portal her einige heftige +Schlaege: schwer droehnten sie durch die leeren Raeume. Entsetzt fuhr +Amalaswintha zusammen. "Was war das?" fragte sie, Dolios' Arm fassend. Sie +hoerte die schwere Thuere zufallen. + +"Es hat nur jemand Einlass begehrt," sagte der Ostiarius und schloss die +Thuere des fuer die Fluechtige bestimmten Gemaches auf. Die dumpfe Luft eines +lang nicht mehr geoeffneten Raumes drang ihr erstickend entgegen: aber mit +Ruehrung erkannte sie die Schildpattbekleidung der Waende: es war dasselbe +Gemach, das sie vor zwanzig Jahren bewohnt: ueberwaeltigt von der Erinnerung +glitt sie auf den kleinen Lectus, der mit dunkeln Polstern belegt war. + +Sie verabschiedete die beiden Maenner, zog die Vorhaenge des Lagers um sich +her zu und verfiel bald in einen unruhigen Schlaf. + + + + + Sechstes Kapitel. + + +So lag sie, sie wusste nicht wie lange, bald wachend, bald traeumend: wild +jagte Bild auf Bild an ihrem Auge vorueber. + +Eutharich mit seinem Zug des Schmerzes um die Lippen: - Athalarich, wie er +auf seinem Sarkophag hingestreckt lag, er schien ihr zu sich herab zu +winken: - das vorwurfsvolle Antlitz Mataswinthens - dann Nebel und Wolken +und blattlose Baeume: - drei zuernende Kriegergestalten mit bleichen +Gesichtern und blutigen Gewaendern: und der blinde Faehrmann in das Reich +der Schatten. Und wieder war ihr, sie liege auf der oeden Heide auf den +Stufen des Baltendenkmals und als rausche es hinter ihr und als beuge sich +abermals hinter dem Steine hervor jene verhuellte Gestalt ueber sie naeher +und naeher, - beengend, - erstickend. Die Angst schnuerte ihr das Herz +zusammen, entsetzt fuhr sie auf aus ihrem Traum und sah hochaufgerichtet +um sich: da - nein, es war kein Traumgesicht - da rauschte es, hinter dem +Vorhang des Bettes, und in die getaefelte Wand glitt ein verhuellter +Schatte. + +Mit einem Schrei riss Amalaswintha die Falten des Vorhangs auseinander - da +war nichts mehr zu sehen. + +Hatte sie doch nur getraeumt? Aber sie konnte nicht mehr allein sein mit +ihren bangen Gedanken. So drueckte sie auf den Achatknauf in der Wand, der +draussen einen Hammer in Bewegung setzte. + +Alsbald erschien ein Sklave, dessen Zuege und Tracht hoehere Bildung +verrieten. Er gab sich als den griechischen Arzt zu erkennen: sie teilte +ihm die Schreckgesichte, die Fieberschauer der letzten Stunden mit: er +erklaerte es fuer Folgen der Aufregung, vielleicht der Erkaeltung auf der +Flucht, empfahl ihr ein warmes Bad und ging, dessen Mischung anzuordnen. + +Amalaswintha erinnerte sich der herrlichen Baeder, die, in zwei Stockwerken +uebereinander, den ganzen rechten Fluegel der Villa einnahmen. Das untere +Stockwerk der grossen achteckigen Rotunde, fuer die kalten Baeder bestimmt, +stand mit dem See in unmittelbarem Zusammenhange: sein Wasser wurde durch +Siebthueren, die jede Unreinheit abhielten, hereingeleitet. Das obere +Stockwerk erhob sich, als Verjuengung des Achtecks, ueber der Badstube des +unteren, deren Decke - eine grosse, kreisfoermige Metallplatte, - den Boden +des oberen warmen Bades bildete und nach Belieben in zwei Halbkreisen +rechts und links in das Gemaeuer geschoben werden konnte, so dass die beiden +Stockwerke dann einen ungeteilten turmhohen Raum bildeten, der zum Zweck +der Reinigung oder zum Behuf von Schwimm- und Taucherspielen ganz von dem +Wasser des Sees erfuellt werden konnte. + +Regelmaessig aber bildete das obere Achteck fuer sich den Raum des warmen +Bades, in das vielfach verschlungene Wasserkuenste in hundert Roehren mit +zahllosen Delphinen, Tritonen und Medusenhaeuptern von Bronze und Marmor +duftige, mit Oelen und Essenzen gemischte Fluten leiteten, waehrend +zierliche Stufen von der Galerie, auf der man sich entkleidete, in das +muschelfoermige Porphyrbecken des eigentlichen Baderaumes hinabfuehrten. + +Waehrend sich die Fuerstin noch diese Raeume ins Gedaechtnis zurueckrief, +erschien das Weib des Thuersklaven, sie in das Bad abzuholen. Sie gingen +durch weite Saeulenhallen und Buechersaele, in welchen aber die Fuerstin die +Kapseln und Rollen Cassiodors vermisste, in der Richtung nach dem Garten; +die Sklavin trug die feinen Badetuecher, Oelflaeschchen und den Salbenkrug. +Endlich gelangte sie in das turmaehnliche Achteck des Badepalastes, dessen +saemtliche Gelasse an Boden, Wand und Decke durchaus mit hellgrauen +Marmorplatten belegt waren. Vorueber an den Hallen und Gaengen, die der +Gymnastik und dem Ballspiel vor und nach dem Bade dienten, vorueber an den +Heizstuebchen, den Auskleide- und Salbgemaechern eilten sie sofort nach dem +Caldarium, dem warmen Bade. Die Sklavin oeffnete schweigend die in die +Marmorwand eingesenkte Thuer. + +Amalaswintha trat ein und stand auf der schmalen Galerie, die rings um das +Bassin lief: gerade vor ihr fuehrten die bequemen Stufen in das Bad, aus +dem bereits warme und koestliche Dufte aufstiegen. Das Licht fiel von oben +herein durch eine achteckige Kuppel von kunstvoll geschliffenem Glas: +gerade am Eingang erhob sich eine Treppe von Cedernholz, die auf zwoelf +Staffeln zu einer Sprungbruecke fuehrte: rings an den Marmorwaenden der +Galerie wie des Beckens verkleideten zahllose Reliefs die Muendungen der +Roehren, die den Wasserkuensten und der Luftheizung dienten. + +Ohne ein Wort legte das Weib das Badegeraet auf die weichen Kissen und +Teppiche, die den Boden der Galerie bedeckten und wandte sich zur Thuere. +"Woher bist du mir bekannt?" fragte die Fuerstin sie nachdenklich +betrachtend, "wie lange bist du hier?" + +"Seit acht Tagen." Und sie ergriff die Thuere. + +"Wie lange dienst du Cassiodor?" + +"Ich diene von jeher der Fuerstin Gothelindis." + +Mit einem Angstschrei sprang Amalaswintha bei diesem Namen auf, wandte +sich und griff nach dem Gewand des Weibes - zu spaet: sie war hinaus, die +Thuere war zugefallen und Amalaswintha hoerte, wie der Schluessel von aussen +umgedreht und abgezogen ward. Umsonst suchte ihr Auge nach einem anderen +Ausgang. + +Da ueberkam ein ungeheures, unbekanntes Grauen die Koenigin: sie fuehlte, dass +sie furchtbar getaeuscht, dass hier ein verderbliches Geheimnis verborgen +sei: Angst, unsaegliche Angst fiel auf ihr Herz: Flucht, Flucht aus diesem +Raum war ihr einziger Gedanke. + +Aber keine Flucht schien moeglich: die Thuere war von innen jetzt nur eine +dicke Marmortafel, wie die zur Rechten und Linken: nicht mit einer Nadel +war in ihre Fugen zu dringen: verzweifelnd liess sie die Blicke rings an +der Wand der Galerie kreisen: nur die Tritonen und Delphine starrten ihr +entgegen: endlich ruhte ihr Auge auf dem schlangenstarrenden Medusenhaupt +ihr gerade gegenueber - und sie stiess einen Schrei des Entsetzens aus. + +Das Gesicht der Meduse war zur Seite geschoben und die ovale Oeffnung unter +dem Schlangenhaar war von einem lebenden Antlitz ausgefuellt. + +War es ein menschlich Antlitz? + +Die Zitternde klammerte sich an die Marmorbruestung der Galerie und spaehte +vorgebeugt hinueber: ja, es waren Gothelindens verzerrte Zuege: und eine +Hoelle von Hass und Hohn spruehte aus ihrem Blick. + +Amalaswintha brach in die Kniee und verhuellte ihr Gesicht. "Du - du hier!" + +Ein heiseres Lachen war die Antwort. "Ja, Amalungenweib, ich bin hier und +dein Verderben! Mein ist dies Eiland, mein das Haus! - es wird dein Grab! +- mein Dolios und alle Sklaven Cassiodors, an mich verkauft seit acht +Tagen. + +Ich habe dich hierher gelockt: ich bin dir hierher nachgeschlichen wie +dein Schatte: lange Tage, lange Naechte hab' ich den brennenden Hass +getragen, endlich hier die volle Rache zu kosten. Stundenlang will ich +mich weiden an deiner Todesangst, will es schauen, wie die erbaermliche, +winselnde Furcht diese stolze Gestalt wie Fieber schuettelt und durch diese +hochmuetigen Zuege zuckt: - o ein Meer von Rache will ich trinken." + +Haenderingend erhob sich Amalaswintha: "Rache! Wofuer? Woher dieser toedliche +Hass?" + +"Ha, du fraegst noch? Freilich sind Jahrzehnte darueber hingegangen und das +Herz des Gluecklichen vergisst so leicht. Aber der Hass hat ein treues +Gedaechtnis. Hast du vergessen, wie dereinst zwei junge Maedchen spielten +unter dem Schatten der Platanen auf der Wiese vor Ravenna? Sie waren die +ersten unter ihren Gespielinnen: beide jung, schoen und lieblich: +Koenigskind die eine, die andere die Tochter der Balten. Und die Maedchen +sollten eine Koenigin des Spieles waehlen: und sie waehlten Gothelindis, denn +sie war noch schoener als du und nicht so herrisch: und sie waehlten sie +einmal, zweimal nacheinander. Die Koenigstochter aber stand dabei von +wildem, unbaendigem Stolz und Neid verzehrt: und als man mich zum dritten +wieder gewaehlt, fasste sie die scharfe, spitzige Gartenschere" - + +"Halt ein, o schweig, Gothelindis." + +- "Und schleuderte sie gegen mich. Und sie traf; aufschreiend, blutend +stuerzte ich zu Boden, meine ganze Wange eine klaffende Wunde und mein +Auge, mein Auge durchbohrt. Ha, wie das schmerzt, noch heute." + +"Verzeih, vergieb, Gothelindis!" jammerte die Gefangene. "Du hattest mir +ja laengst verziehn." + +"Verzeihen? ich dir verzeihen? Dass du mir das Auge aus dem Antlitz und die +Schoenheit aus dem Leben geraubt, das soll ich verzeihen? Du hattest +gesiegt fuers Leben: Gothelindis war nicht mehr gefaehrlich: sie trauerte im +stillen, die Entstellte floh das Auge der Menschen. + +Und Jahre vergingen. + +Da kam an den Hof von Ravenna aus Hispanien der edle Eutharich, der Amaler +mit dem dunkeln Auge und der weichen Seele: und er, selber krank, erbarmte +sich der kranken halb Blinden: und er sprach mit ihr voll Mitleid und +Guete, mit der Haesslichen, die sonst alle mieden. O wie erquickte das meine +duerstende Seele! Und es ward beraten, zur Tilgung uralten Hasses der +beiden Geschlechter, zur Suehne alter und neuer Schuld, - denn auch den +Baltenherzog Alarich hatte man auf geheime, unbewiesene Anklage gerichtet +- dass die arme misshandelte Baltentochter des edelsten Amalers Weib werden +sollte. + +Aber als du es erfuhrst, du, die mich verstuemmelt, da beschlossest du, mir +den Geliebten zu nehmen: nicht aus Eifersucht, nicht, weil du ihn +liebtest, nein, aus Stolz: weil du den ersten Mann im Gotenreich, den +naechsten Manneserben der Krone, fuer dich haben wolltest. + +Das beschlossest du und hast es durchgesetzt: denn dein Vater konnte dir +keinen Wunsch versagen: und Eutharich vergass alsbald seines Mitleids mit +der Einaeugigen, als ihm die Hand der schoenen Koenigstochter winkte. Zur +Entschaedigung - oder war es zum Hohne? - gab man auch mir einen Amaler: - +Theodahad, den elenden Feigling!" + +"Gothelindis, ich schwoere dir, ich hatte nie geahnt, dass du Eutharich +liebtest. Wie konnte ich -" + +"Freilich, wie konntest du glauben, dass die Haessliche die Gedanken so hoch +erhebe? O, du Verfluchte! Und haettest du ihn noch geliebt und beglueckt - +alles haett' ich dir verziehen. Aber du hast ihn nicht geliebt, du kannst +ja nur das Scepter lieben! Elend hast du ihn gemacht. Jahrelang sah ich +ihn an deiner Seite schleichen, gedrueckt, ungeliebt, erkaeltet bis ins Herz +hinein von deiner Kaelte. Der Gram um deinen eisigen Stolz hat ihn frueh +gemordet: du, du hast mir den Geliebten geraubt und ins Grab gebracht - +Rache, Rache fuer ihn." + +Und die weite Woelbung wiederhallte von dem Ruf: "Rache! Rache!" + +"Zu Hilfe!" rief Amalaswintha und eilte verzweifelnd, mit den Haenden an +die Marmorplatten schlagend, den Kreis der Galerie entlang. + +"Ja, rufe nur, hier hoert dich niemand als der Gott der Rache. Glaubst du, +umsonst hab' ich solang meinen Hass gezuegelt? Wie oft, wie leicht haette ich +schon in Ravenna mit Dolch und Gift dich erreichen koennen: aber nein, +hierher hab' ich dich gelockt. An dem Denkstein meiner Vettern, vor Einer +Stunde an deinem Bette, hab' ich mit hoechster Muehe meinen erhobenen Arm +vom Streiche abgehalten: - denn langsam, Zoll fuer Zoll, sollst du sterben, +stundenlang will ich sie wachsen sehen, die Qualen deines Todes." + +"Entsetzliche!" + +"O, was sind Stunden gegen die Jahrzehnte, die du mich gemartert mit +meiner Entstellung, mit deiner Schoenheit, mit dem Besitz des Geliebten. +Was sind Stunden gegen Jahrzehnte! Aber du sollst es buessen." + +"Was willst du thun?" rief die Gequaelte, wieder und wieder an den Waenden +nach einem Ausgang suchend. + +"Ertraenken will ich dich, langsam, langsam in den Wasserkuensten dieses +Bades, die dein Freund Cassiodor gebaut. Du weisst es nicht, welche Qualen +der Eifersucht, der ohnmaechtigen Wut ich in diesem Hause getragen, da du +Beilager hieltest mit Eutharich und ich war in deinem Gefolge und musste +dir dienen! In diesem Bade, du Uebermuetige, habe ich dir die Sandalen +geloest und die stolzen Glieder getrocknet: - in diesem Bade sollst du +sterben!" + +Und sie drueckte an einer Feder. + +Der Boden des Beckens im oberen Stockwerke, die runde Metallplatte, teilte +sich in zwei Halbkreise, die links und rechts in die Mauer zurueckwichen: +mit Entsetzen sah die Gefangene von der schmalen Galerie in die turmhohe +Tiefe zu ihren Fuessen. + +"Denk an mein Auge!" rief Gothelindis und im Erdgeschoss oeffneten sich +ploetzlich die Schleusenthueren und die Wogen des Sees schossen ungestuem +herein, brausend und zischend, und sie stiegen hoeher und hoeher mit +furchtbarer Raschheit. + +Amalaswintha sah den sichern Tod vor Augen: sie erkannte die +Unmoeglichkeit, zu entrinnen oder ihre teuflische Feindin mit Bitten zu +erweichen: da kehrte ihr der alte, stolze Mut der Amalungen wieder: sie +fasste sich und ergab sich in ihr Los. Sie entdeckte neben den vielen +Reliefs aus der hellenischen Mythe in ihrer Naehe rechts vom Eingang eine +Darstellung vom Tode Christi: das erquickte ihre Seele: sie warf sich vor +dem in Marmor gehauenen Kreuze nieder, fasste es mit beiden Haenden und +betete ruhig mit geschlossenen Augen, waehrend die Wasser stiegen und +stiegen: schon rauschten sie an den Stufen der Galerie. + +"Beten willst du, Moerderin? Hinweg von dem Kreuz!" rief Gothelindis +grimmig, "denk' an die drei Herzoge!" Und ploetzlich begannen alle die +Delphine und Tritonen auf der rechten Seite des Achtecks Stroeme heissen +Wassers auszuspeien: weisser Dampf quoll aus den Roehren. + +Amalaswintha sprang auf und eilte auf die linke Seite der Galerie: +"Gothelindis, ich vergebe dir! toete mich, aber verzeih' auch du meiner +Seele." Und das Wasser stieg und stieg: schon schwoll es ueber die oberste +Stufe und drang langsam auf den Boden der Galerie. "Ich dir vergeben? +Niemals! Denk' an Eutharich!" - + +Und zischend schossen jetzt von links die dampfenden Wasserstrahlen auf +Amalaswintha. Sie fluechtete nun in die Mitte, gerade dem Medusenhaupt +gegenueber, die einzige Stelle, wohin kein Strahl der Wasserroehren reichte. + +Wenn sie die hier angebrachte Sprungbruecke erstieg, konnte sie noch einige +Zeit ihr Leben fristen: Gothelindis schien dies zu erwarten und sich an +der verlaengerten Qual weiden zu wollen: schon brauste das Wasser auf dem +Marmorboden der Galerie und bespuelte die Fuesse der Gefangenen; rasch flog +sie die braunglaenzenden Staffeln hinan und lehnte sich an die Bruestung der +Bruecke: "Hoere mich, Gothelindis! meine letzte Bitte! nicht fuer mich, - fuer +mein Volk, fuer unser Volk: - Petros will es verderben und Theodahad ..." - + +"Ja, ich wusste, dieses Reich ist die letzte Sorge deiner Seele! +Verzweifle! Es ist verloren! Diese thoerichten Goten, die jahrhundertelang +den Balten die Amaler vorgezogen, sie sind verkauft und verraten von dem +Haus der Amaler: Belisarius naht und niemand ist, der sie warnt." + +"Du irrst, Teufelin, sie _sind_ gewarnt. Ich, ihre Koenigin, habe sie +gewarnt. Heil meinem Volk! Verderben seinen Feinden und Gnade meiner +Seele!" + +Und mit raschem Sprung stuerzte sie sich hoch von der Bruestung in die +Fluten, die sich brausend ueber ihr schlossen. + +Gothelindis blickte starr auf die Stelle, wo ihr Opfer gestanden. "Sie ist +verschwunden," sagte sie. Dann schaute sie in die Flut: obenauf schwamm +das Brusttuch Amalaswinthens. "Noch im Tode ueberwindet mich dieses Weib," +sagte sie langsam: "wie lang war der Hass und wie kurz die Rache!" + + + + + Siebentes Kapitel. + + +Wenige Tage nach diesen Ereignissen finden wir zu Ravenna in dem Gemach +des Gesandten von Byzanz eine Anzahl von vornehmen Roemern, geistlichen und +weltlichen Standes versammelt - auch die Bischoefe Hypatius und Demetrius +aus dem Ostreich weilten bei ihm. + +Grosse Aufregung, aus Zorn und Furcht gemischt, sprach aus allen +Gesichtern, als der gewandte Rhetor seine Ansprache mit folgenden Worten +schloss: "Deshalb, ihr ehrwuerdigen Bischoefe des Westreichs und des +Ostreichs und ihr edeln Roemer, hab' ich euch hierher beschieden. Laut und +feierlich lege ich vor euch im Namen meines Kaisers Verwahrung ein gegen +alle Thaten der Arglist und Gewalt, die im geheimen gegen die hohe Frau +veruebt werden moegen. + +Seit neun Tagen ist sie verschwunden aus Ravenna: wohl mit Gewalt +hinweggefuehrt aus eurer Mitte: sie, die von jeher die Freundin, die +Beschuetzerin der Italier gewesen. Verschwunden ist am gleichen Tage die +Koenigin, ihre grimme Feindin. Ich habe Eilboten ausgesandt nach allen +Richtungen, noch bin ich ohne Nachricht! aber wehe, wenn ... -" + +Er konnte nicht vollenden. + +Dumpfes Geraeusch scholl von dem Forum des Herkules herauf, bald hoerte man +hastige Schritte im Vestibulum, der Vorhang ward zurueckgeschlagen und ins +Gemach eilte staubbedeckt einer der byzantinischen Sklaven des Gesandten: +"Herr," rief er, "sie ist tot! sie ist ermordet!" + +"Ermordet!" scholl es in der Runde. + +"Durch wen?" fragte Petros. + +"Von Gothelindis auf der Villa im Bolsener See." + +"Wo ist die Leiche? Wo die Moerderin?" + +"Gothelindis giebt vor, die Fuerstin sei im Bad ertrunken, unkundig mit den +Wasserkuensten spielend. Aber man weiss, dass sie ihrem Opfer von hier auf +dem Fusse nachgefolgt. Roemer und Goten eilen zu Hunderten nach der Villa, +die Leiche in feierlichem Zuge hierher zu geleiten. Die Koenigin floh vor +der Rache des Volks in das feste Schloss von Feretri." + +"Genug," rief Petros entruestet, "ich eile zum Koenig und fordre euch auf, +ihr edeln Maenner, mir zu folgen. Auf euer Zeugnis will ich mich berufen +vor Kaiser Justinian." Und sofort eilte er an der Spitze der Versammelten +nach dem Palast. + +Sie fanden auf den Strassen eine Menge Volks in Bestuerzung und Entruestung +hin- und herwogend: die Nachricht war in die Stadt gedrungen und flog von +Haus zu Haus. + +Als man den Gesandten des Kaisers und die Vornehmen der Stadt erkannte, +oeffnete sich die Menge vor ihnen, schloss sich aber dicht hinter ihnen +wieder und flutete nach auf dem Wege in den Palast, von dessen Thoren sie +kaum abgehalten wurde. Von Minute zu Minute stieg die Zahl und der Laerm +des Volkes: auf dem Forum des Honorius draengten sich die Ravennaten +zusammen, die mit der Trauer um ihre Beschuetzerin schon die Hoffnung +vereinten, bei diesem Anlass die Barbarenherrschaft fallen zu sehen: das +Erscheinen des kaiserlichen Gesandten steigerte diese Hoffnung und der +Auflauf vor dem Palast nahm mehr und mehr eine Richtung, die keineswegs +bloss Theodahad und Gothelindis bedrohte. + +Inzwischen eilte Petros mit seiner Begleitung in das Gemach des hilflosen +Koenigs, den mit seiner Gattin alle Kraft des Widerstandes verlassen hatte: +er zagte vor der Aufregung der unten wogenden Menge und hatte nach Petros +gesendet, von ihm Rat und Hilfe zu erlangen, da ja dieser es gewesen, der +mit Gothelindis den Untergang der Fuerstin beschlossen und die Art der +Ausfuehrung beraten hatte: er sollte ihm jetzt auch die Folgen der That +tragen helfen. Als daher der Byzantiner auf der Schwelle erschien, eilte +er, beide Arme ausbreitend, auf ihn zu: aber erstaunt blieb er ploetzlich +stehen: erstaunt ueber die Begleitung, noch mehr erstaunt ueber die finster +drohende Miene des Gesandten. + +"Ich fordre Rechenschaft von dir, Koenig der Goten," rief dieser schon an +der Thuere, "Rechenschaft im Namen von Byzanz fuer die Tochter Theoderichs. +Du weisst, Kaiser Justinian hat sie seines besondern Schutzes versichert: +jedes Haar ihres Hauptes ist daher heilig und heilig jeder Tropfe ihres +Blutes. Wo ist Amalaswintha?" + +Der Koenig sah ihn staunend an. Er bewunderte diese Verstellungskunst. Aber +er begriff ihren Zweck nicht. Er schwieg. + +"Wo ist Amalaswintha?" wiederholte Petros, drohend vortretend und sein +Anhang folgte ihm einen Schritt. + +"Sie ist tot," sagte Theodahad, aengstlich werdend. + +"Ermordet ist sie," rief Petros, "so ruft ganz Italien, ermordet von dir +und deinem Weibe. Justinian, mein hoher Kaiser, war der Schirmherr dieser +Frau, er wird ihr Raecher sein: Krieg kuend' ich dir in seinem Namen an, +Krieg gegen euch, ihr blutigen Barbaren, Krieg gegen euch und euer ganz +Geschlecht." + +"Krieg gegen euch und euer ganz Geschlecht!" wiederholten die Italier, +fortgerissen von der Gewalt des Augenblicks und den alten, langgenaehrten +Hass entzuegelnd; und wie eine Woge brausten sie heran auf den zitternden +Koenig. + +"Petros," stammelte dieser entsetzt, "du wirst gedenken des Vertrages, du +wirst doch ... -" + +Aber der Gesandte zog eine Papyrusrolle aus dem Mantel und riss sie mitten +durch. "Zerrissen ist jedes Band zwischen meinem Kaiser und deinem +blutbefleckten Haus. Ihr selber habt durch eure Greuelthat alle Schonung +verwirkt, die man euch frueher gewaehrt. Nichts von Vertraegen. Krieg!" + +"Um Gott," jammerte Theodahad, "nur nicht Krieg und Kampf! Was forderst +du, Petros?" + +"Unterwerfung! Raeumung Italiens! Dich selber und Gothelindis lad' ich zum +Gericht nach Byzanz vor den Thron Justinians, dort ... -" + +Aber seine Rede unterbrach der schmetternde Ruf des gotischen Kriegshorns +und in das Gemach eilte mit gezogenen Schwertern eine starke Schar +gotischer Krieger, von Graf Witichis gefuehrt. + +Die gotischen Fuehrer hatten sofort auf die Nachricht von Amalaswinthens +Untergang die tuechtigsten Maenner ihres Volks in Ravenna zu einer Beratung +vor die Porta romana beschieden und dort Massregeln der Sicherung und der +Gerechtigkeit beraten. Zur rechten Zeit erschienen sie jetzt auf dem Forum +des Honorius, wo der Auflauf immer drohender wurde: schon blinkte hier und +dort ein Dolch, schon ertoente manchmal der Ruf: "Wehe den Barbaren!" + +Diese Zeichen und Stimmen verschwanden und verstummten sofort, als nun die +verhassten Goten in geschlossenem Zug von dem Forum des Herkules her durch +die Via palatina anrueckten: ohne Widerstand zogen sie quer durch die +grollenden Haufen und indessen Graf Teja und Hildebad die Thore und die +Terrasse des Palastes besetzten, waren Graf Witichis und Hildebrand gerade +rechtzeitig im Gemache des Koenigs angelangt, die letzten Worte des +Gesandten noch zu hoeren. Ihr Zug stellte sich in einer Schwenkung rechts +vom Thronsitz des Koenigs, zu dem dieser zurueckgewichen war: und Witichis, +auf sein langes Schwert gestuetzt, trat hart vor den Griechen hin und sah +ihm scharf ins Auge. + +Eine erwartungsvolle Pause trat ein. + +"Wer wagt es," fragte Witichis ruhig, "hier den Herrn und Meister zu +spielen im Koenigshaus der Goten?" + +Von seiner Ueberraschung sich erholend entgegnete Petros: "Es steht dir +uebel an, Graf Witichis, Moerder zu beschuetzen. Ich hab' ihn nach Byzanz +geladen vor Gericht." + +"Und darauf hast du keine Antwort, Amalunge?" rief der alte Hildebrand +zornig. + +Aber das boese Gewissen band dem Koenige die Stimme. + +"So muessen wir statt seiner sprechen," sagte Witichis. "Wisse, Grieche, +vernehmt es wohl, ihr falschen und undankbaren Ravennaten: das Volk der +Goten ist frei und erkennt auf Erden keinen Herrn und Richter ueber sich." + +"Auch nicht fuer Mord und Blutschuld?" + +"Wenn schwere Thaten unter uns geschehn, richten und strafen wir sie +selbst. Den Fremdling geht das nichts an, am wenigsten unsern Feind, den +Kaiser in Byzanz." + +"Mein Kaiser wird diese Frau raechen, die er nicht retten konnte. Liefert +die Moerder aus nach Byzanz." + +"Wir liefern keinen Gotenknecht nach Byzanz, geschweige unsern Koenig," +sprach Witichis. + +"So teilt ihr seine Strafe wie seine Schuld und Krieg erklaer' ich euch, im +Namen meines Herrn. Erbebt vor Justinian und Belisar." + +Eine freudige Bewegung der gotischen Krieger war die Antwort. Der alte +Hildebrand trat ans Fenster und rief zu den unten stehenden Goten hinab: +"Hoert, ihr Goten, frohe Kunde: Krieg, Krieg mit Byzanz." + +Da brach unten ein Getoese los, wie wenn das Meer entfesselt ueber seine +Daemme bricht, die Waffen klirrten und tausend Stimmen jubelten: "Krieg, +Krieg mit Byzanz!" + +Dieser Wiederhall blieb nicht ohne Eindruck auf Petros und die Italier: +das Ungestuem solcher Begeisterung erschreckte sie: schweigend sahen sie +vor sich nieder. Waehrend die Goten sich glueckwuenschend die Haende +schuettelten, trat Witichis ernst, gesenkten Hauptes, in die Mitte, hart +neben Petros und sprach feierlich: "Also Krieg! Wir scheuen ihn nicht: - +du hast es gehoert. Besser offner Kampf als die langjaehrige, lauernde, +wuehlende Feindschaft. Der Krieg ist gut: aber wehe dem Frevler, der ohne +Recht und ohne Grund den Krieg beginnt. Ich sehe Jahre voraus, viele Jahre +von Blut und Mord und Brand, ich sehe zerstampfte Saaten, rauchende +Staedte, zahllose Leichen die Stroeme hinabschwimmen. Hoert unser Wort: auf +euer Haupt dies Blut, dies Elend. Ihr habt geschuert und gereizt jahrelang: +- wir haben's ruhig getragen. Und jetzt habt _ihr_ den Krieg +hereingeschleudert, richtend, wo ihr nicht zu richten habt, ohne Grund +euch mischend in das Leben eines Volkes, das so frei wie ihr: auf euer +Haupt die Schuld. Dies unsre Antwort nach Byzanz." + +Schweigend hoerte Petros diese Worte an, schweigend wandte er sich und +schritt mit seinen italischen Freunden hinaus. Einige von diesen gaben ihm +das Geleit bis in seine Wohnung, unter ihnen der Bischof von Florentia. + +"Ehrwuerdiger Freund," sagte er zu diesem beim Abschied, "die Briefe +Theodahads in der bewussten Sache, die ihr mir zur Einsicht anvertraut, +musst du mir ganz belassen. Ich bedarf ihrer und fuer deine Kirche sind sie +nicht mehr noetig." - "Der Prozess ist laengst entschieden," erwiderte der +Bischof, "und die Gueter unwiderruflich erworben. Die Dokumente sind +dein." - + +Darauf verabschiedete der Gesandte seine Freunde, die ihn bald mit dem +kaiserlichen Heer in Ravenna wiederzusehen hofften, und eilte in sein +Gemach, wo er zuerst einen Boten an Belisar abfertigte, ihn zum sofortigen +Angriff aufzufordern. + +Darauf schrieb er einen ausfuehrlichen Bericht an den Kaiser, der mit +folgenden Worten schloss: "Und so scheinst du, o Herr, wohl Grund zu haben, +mit den Diensten deines getreuesten Knechts zufrieden zu sein und mit der +Lage der Dinge. Das Volk der Barbaren in Parteien zerspalten: auf dem +Thron ein verhasster Fuerst, unfaehig und treulos: die Feinde sonder Ruestung +ueberrascht: die italische Bevoelkerung ueberall fuer dich gewonnen: - es kann +nicht fehlen: wenn keine Wunder geschehen, muessen die Barbaren fast ohne +Widerstand erliegen. + +Und wie so oft tritt auch hier mein erhabener Kaiser, dessen Stolz das +Recht, als Schirmherr und Raecher der Gerechtigkeit auf: - es ist ein +geistvoller Zufall, dass die Triere, die mich traegt, den Namen "Nemesis" +fuehrt. + +Nur das Eine betruebt mich unendlich, dass es meinem treuen Eifer nicht +gelungen, die unselige Tochter Theoderichs zu retten. Ich flehe dich an, +meiner hohen Herrin, der Kaiserin, die mir niemals gnaedig gesinnt war, +wenigstens zu versichern, dass ich allen ihren Auftraegen bezueglich der +Fuerstin, deren Schicksal sie mir noch in der letzten Unterredung als +Hauptsorge ans Herz legte, aufs treueste nachzukommen suchte. + +Auf die Anfrage bezueglich Theodahads und Gothelindens, deren Hilfe uns das +Gotenreich in die Haende liefert, wage ich es, der hohen Kaiserin mit der +ersten Regel der Klugheit zu antworten: es ist zu gefaehrlich, die +Mitwisser unsrer tiefsten Geheimnisse am Hof zu haben." + +Diesen Brief sandte Petros eilig durch die beiden Bischoefe Hypatius und +Demetrius voraus. Sie sollten nach Brundusium und von da ueber Epidamnus +auf dem Landweg nach Byzanz eilen. Er selbst wollte erst nach einigen +Tagen folgen, langsam die gotische Kueste des jonischen Meerbusens entlang +fahrend, ueberall die Stimmung der Bevoelkerung in den Hafenstaedten zu +pruefen und zu schueren. + +Dann sollte er um den Peloponnes und Euboea her nach Byzanz segeln: denn +die Kaiserin hatte ihm den Seeweg vorgeschrieben und ihm Auftraege fuer +Athen und Lampsakos erteilt. + +Er ueberrechnete schon vor der Abreise von Ravenna mit vergnuegten Sinnen +immer wieder seine Wirksamkeit in Italien und den Lohn, den er dafuer in +Byzanz erwartete. + +Er kehrte zurueck, noch einmal so reich als er gekommen. + +Denn er hatte der Koenigin Gothelindis nie eingestanden, dass er mit dem +Auftrag, Amalaswintha zu verderben, ins Land gekommen. Er hatte ihr +vielmehr lange die Gefahr der Ungnade bei Kaiser und Kaiserin +entgegengehalten und sich nur mit Widerstreben durch sehr hohe Summen von +ihr fuer den Plan gewinnen lassen, in welchem er sie doch nur als Werkzeug +brauchte. Er erwartete in Byzanz mit Sicherheit die versprochene Wuerde des +Patriciats und freute sich schon, seinem hochmuetigen Vetter Narses, der +ihn nie befoerdert hatte, nun bald in gleichem Range gegenueberzutreten. + +"So ist denn alles nach Wunsch gelungen," sagte er selbstzufrieden, +waehrend er seine Briefschaften ordnete: "und diesmal, du stolzer Freund +Cethegus, hat sich die Verschmitztheit doch trefflich bewaehrt. Und der +kleine Rhetor aus Thessalonike hat es doch weiter gebracht mit seinen +kleinen, leisen Schritten, denn du mit deinem stolzen, herausfordernden +Gang. Nur muss noch dafuer gesorgt werden, dass Theodahad und Gothelindis +nicht nach Byzanz an den Hof entrinnen: wie gesagt, das waere zu +gefaehrlich: vielleicht hat die Frage der klugen Kaiserin eine Warnung sein +sollen. Nein, dieses Koenigspaar muss verschwinden aus unsern Wegen." + +Und er liess den Gastfreund rufen, bei dem er gewohnt, und nahm Abschied +von ihm. Dabei uebergab er ihm eine dunkle, schmale Vase von der Form +derer, die zur Aufbewahrung von Urkunden dienten: er versiegelte den +Deckel mit seinem Ring, der einen feingeschnittenen Skorpion zeigte, und +schrieb einen Namen auf die daran haengende Wachstafel. "Diesen Mann," +sagte er dem Gastfreund, "suche auf bei der naechsten Versammlung der Goten +zu Regeta und uebergieb ihm die Vase: was sie enthaelt ist sein. Leb wohl, +auf baldig Wiedersehen hier in Ravenna." Und er verliess mit seinen Sklaven +das Haus und bestieg alsbald das Gesandtenschiff: von stolzen Erwartungen +hoch gehoben trug ihn die "Nemesis" dahin. - + +Und als sich nun sein Schiff dem Hafen von Byzanz naeherte, von Lampsakos +aus hatte er - auch dies hatte die Kaiserin gewuenscht - seine baldige +Ankunft durch einen kaiserlichen Schnellsegler, der eben abging, melden +lassen, ueberflog des Gesandten Auge erwartungsvoll die schoenen Landhaeuser, +die marmorweiss aus den Schatten immergruener Gaerten blinkten. + +"Hier wirst du kuenftig wohnen, unter den Senatoren des Reichs," sprach +wohlgefaellig Petros. + +Vor dem Einlaufen in den Hafen flog die "Thetis", das prachtvolle Lustboot +der Kaiserin, ihnen entgegen, sowie es des Gesandten Galeere erkannte die +Purpurwimpel entrollend, und sie zum Halten anrufend. Alsbald stieg an +Bord der Galeere ein Bote der Kaiserin: es war Alexandros, der fruehere +Gesandte am Hof von Ravenna. + +Er wies dem Trierarchen ein Schreiben des Kaisers, in das dieser einen +erschrockenen Blick warf: dann wandte er sich zu Petros: "Im Namen des +Kaisers Justinian! Du bist wegen jahrelang fortgesetzter Urkundenfaelschung +und Steuerunterschlagung lebenslaenglich zu den Metallarbeiten in den +Bergwerken von Cherson bei den ultziagirischen Hunnen verurteilt. Du hast +die Tochter Theoderichs ihren Feinden preisgegeben. Der Kaiser haette dich +durch deinen Brief fuer entschuldigt erachtet: aber die Kaiserin, +untroestlich ueber den Untergang ihrer koeniglichen Schwester, hat deine alte +Schuld dem Kaiser entdeckt. Und ein Brief des Praefekten von Rom an diesen +hat dargethan, dass du mit Gothelindis geheim der Koenigin Verderben +geplant. Die Kaiserin hat den Kaiser auch hierin ueberzeugt. Dein Vermoegen +ist eingezogen: die Kaiserin aber laesst dir sagen," - hier fluesterte er in +des Zerschmetterten Ohr, - "du habest in deinem klugen Brief ihr selbst +den Rat erteilt, Mitwisser von Geheimnissen zu verderben. Trierarch, du +fuehrst den Verurteilten sofort an seinen Strafort ab." + +Und Alexandros ging auf die "Thetis" zurueck. + +Die "Nemesis" aber drehte rauschend ihr Steuer, wandte dem Hafen von +Byzanz den Ruecken und trug den Straefling fuer immer aus dem Leben der +Menschen. + + + + + Achtes Kapitel. + + +Wir haben Cethegus den Praefekten seit seiner Abreise nach Rom aus den +Augen verloren. + +Er hatte daselbst in den Wochen der erzaehlten Ereignisse die eifrigste +Thaetigkeit entfaltet: denn er erkannte, dass die Dinge jetzt zur +Entscheidung draengten; er konnte ihr getrost entgegensehen. + +Ganz Italien war einig in dem Hass gegen die Barbaren: und wer anders +vermochte es, der Kraft dieses Hasses Bewegung und Ziel zu geben, als das +Haupt der Katakombenverschwoerung und der Herr von Rom. + +Das war er durch die jetzt voellig ausgebildeten und ausgeruesteten +Legionare und durch die nahezu vollendete Befestigung der Stadt, an der er +in den letzten Monaten Nachts wie Tages hatte arbeiten lassen. Und nun war +es ihm zuletzt noch gelungen, wie er glaubte, ein sofortiges Auftreten der +byzantinischen Macht in seinem Italien, die Hauptgefahr, die seinen +ehrgeizigen Plaenen gedroht, abzuwenden: durch zuverlaessige Kundschafter +hatte er erfahren, dass die byzantinische Flotte, die bisher lauernd bei +Sicilien geankert, sich wirklich von Italien hinweggewandt und der +afrikanischen Kueste genaehert habe, wo sie die Seeraeuberei zu unterdruecken +beschaeftigt schien. + +Freilich sah Cethegus voraus, dass es zu einer Landung der Griechen in +Italien kommen werde: er konnte derselben als einer Nachhilfe nicht +entbehren. + +Aber alles war ihm daran gelegen, dass dies Auftreten des Kaisers eben nur +eine Nachhilfe bleibe: und deshalb musste er, ehe ein Byzantiner den +italischen Boden betreten, eine Erhebung der Italier aus eigner Kraft +veranlasst und zu solchen Erfolgen gefuehrt haben, dass die spaetere +Mitwirkung der Griechen nur als eine Nebensache erschien und mit der +Anerkennung einer losen Oberhoheit des Kaisers abgelohnt werden konnte. + +Und er hatte zu diesem Zweck seine Plaene trefflich vorbereitet. + +Sowie der letzte roemische Turm unter Dach, sollten die Goten in ganz +Italien an einem Tag ueberfallen, mit einem Schlag alle festen Plaetze, +Burgen und Staedte, Rom, Ravenna und Neapolis voran, genommen werden. Und +waren die Barbaren ins flache Land hinausgeworfen, so stand nicht mehr zu +fuerchten, dass sie bei ihrer grossen Unkunde in Belagerungen und bei der +Anzahl und Staerke der italischen Festen diese und damit die Herrschaft +ueber die Halbinsel wieder gewinnen wuerden. + +Dann mochte ein byzantinisches Bundesheer helfen, die Goten vollends ueber +die Alpen zu draengen: und Cethegus wollte schon dafuer sorgen, dass diese +Befreier ebenfalls keinen Fuss in die wichtigsten Festungen setzen sollten, +um sich ihrer spaeter unschwer wieder entledigen zu koennen. + +Dieser Plan setzte nun aber voraus, dass die Goten durch die Erhebung +Italiens ueberrascht wuerden. Wenn der Krieg mit Byzanz in Aussicht oder gar +schon ausgesprochen war, dann natuerlich liessen sich die Barbaren die in +Kriegsstand gesetzten Staedte nicht durch einen Handstreich entreissen. Da +nun aber Cethegus, seit er die Sendung des Petros durchschaut hatte, bei +jeder Gelegenheit Justinians Hervortreten aus seiner drohenden Stellung +erwarten musste, da es kaum noch gelungen war, Belisar wieder abzuwenden +von Italien, beschloss er, keinen Augenblick mehr zu verlieren. + +Er hatte auf den Tag der Vollendung der Befestigungen Roms eine allgemeine +Versammlung der Verschworenen in den Katakomben anberaumt, in der das +muehsam und erfindungsreich vorbereitete Werk gekroent, der Augenblick des +Losschlagens bestimmt und Cethegus als Fuehrer dieser rein italischen +Bewegung bezeichnet werden sollte. Er hoffte sicher, den Widerstand der +Bestochenen oder Furchtsamen, die nur fuer und mit Byzanz zu handeln +geneigt waren, durch die Begeisterung der Jugend zu ueberwaeltigen, wenn er +diese sofort in den Kampf zu fuehren versprach. + +Noch vor jenem Tag kam die Nachricht von Amalaswinthens Ermordung, von der +Verwirrung und Spaltung der Goten nach Rom und ungeduldig sehnte der +Praefekt die Stunde der Entscheidung herbei. Endlich war auch der einzige +noch unfertige Turm des aurelischen Thores unter Dach: Cethegus fuehrte die +letzten Hammerschlaege: ihm war dabei, er hoere die Streiche des Schicksals +von Rom und von Italien droehnen. + +Bei dem Schmause, den er darauf den Tausenden von Arbeitern in dem Theater +des Pompejus gab, hatten sich auch die meisten der Verschworenen +eingefunden und der Praefekt benutzte die Gelegenheit, diesen seine +unbegrenzte Beliebtheit im Volk zu zeigen. Auf die juengeren unter den +Genossen machte dies freilich den Eindruck, welchen er gewuenscht hatte; +aber ein Haeuflein, dessen Mittelpunkt Silverius war, zog sich mit finstern +Mienen von den Tischen zurueck. + +Der Priester hatte seit lange eingesehen, dass Cethegus nicht bloss Werkzeug +sein wollte, dass er eigene Plaene verfolgte, die der Kirche und seinem +persoenlichen Einfluss sehr gefaehrlich werden konnten. Und er war +entschlossen, den kuehnen Verbuendeten zu stuerzen, sobald er entbehrt werden +konnte; es war ihm nicht schwer geworden, die Eifersucht so manches Roemers +gegen den Ueberlegenen im geheimen zu schueren. + +Die Anwesenheit aber zweier Bischoefe aus dem Ostreich, Hypatius von +Ephesus und Demetrius von Philippi, die in Glaubensfragen oeffentlich mit +dem Papst, aber geheim mit Koenig Theodahad, in Unterstuetzung des Petros, +in Politik verhandelten, hatte der kluge Archidiakon benutzt, um mit +Theodahad und mit Byzanz in enge Verbindung zu treten. + +"Du hast recht, Silverius," murrte Scaevola im Hinausgehen aus dem Thor des +Theaters, "der Praefekt ist Marius und Caesar in Einer Person." - "Er +verschwendet diese ungeheuren Summen nicht umsonst, man darf ihm nicht zu +sehr trauen," warnte der geizige Albinus. - "Lieben Brueder," mahnte der +Priester, "sehet zu, dass ihr nicht einen unter euch lieblos verdammet. Wer +solches thaete, waere des hoellischen Feuers schuldig. Freilich beherrscht +unser Freund die Faeuste der Handwerker wie die Herzen seiner jungen +"Ritter": es ist das gut, er kann dadurch die Tyrannei zerbrechen ... -" + +"Aber dadurch auch eine neue aufrichten," meinte Calpurnius. + +"Das soll er nicht, wenn Dolche noch toeten, wie in Brutus' Tagen," sprach +Scaevola. + +"Es bedarf des Blutes nicht. Bedenket nur immer:" sagte Silverius, "je +naeher der Tyrann, desto drueckender die Tyrannei: je ferner der Herrscher, +desto ertraeglicher die Herrschaft. Das schwere Gewicht des Praefekten ist +aufzuwiegen durch das schwerere des Kaisers." + +"Jawohl," stimmte Albinus bei, der grosse Summen von Byzanz erhalten hatte, +"der Kaiser muss der Herr Italiens werden." - "Das heisst," beschwichtigte +Silverius den unwillig auffahrenden Scaevola, "wir muessen den Praefekten +durch den Kaiser, den Kaiser durch den Praefekten niederhalten. Siehe, wir +stehen an der Schwelle meines Hauses. Lasst uns eintreten. Ich habe geheim +euch mitzuteilen, was heute Abend in der Versammlung kund werden soll. Es +wird euch ueberraschen. Aber andre Leute noch mehr." + +Inzwischen war auch der Praefekt von dem Gelage nach Hause geeilt, sich in +einsamem Sinnen zu seinem wichtigen Werke zu bereiten. Nicht seine Rede +ueberdachte er: wusste er doch laengst was er zu sagen hatte und, ein +glaenzender Redner, dem die Worte so leicht wie die Gedanken kamen, +ueberliess er den Ausdruck gern dem Antrieb des Augenblicks, wohl wissend, +dass das eben frisch aus der Seele geschoepfte Wort am lebendigsten wirkt. + +Aber er rang nach innerer Ruhe: denn seine Leidenschaft schlug hohe +Wellen. + +Er ueberschaute die Schritte, die er nach seinem Ziele hin gethan, seit +zuerst dieses Ziel mit daemonischer Gewalt ihn angezogen: er erwog die +kurze Strecke, die noch zurueckzulegen war: er ueberzaehlte die +Schwierigkeiten, die Hindernisse, die noch auf diesem Wege lagen und ermass +dagegen die Kraft seines Geistes, sie zu ueberwinden: und das Ergebnis +dieses pruefenden Waegens erzeugte in ihm eine Siegesfreude, die ihn mit +jugendlicher Aufregung ergriff. + +Mit gewaltigen Schritten durchmass er das Gemach. + +Die Muskeln seiner Arme spannten sich wie in der Stunde beginnender +Schlacht: er umguertete sich mit dem breiten, siegreichen Schwert seiner +Kriegsfahrten und drueckte krampfhaft dessen Adlergriff, als gelte es, +jetzt gegen zwei Welten, gegen Byzanz und die Barbaren, sein Rom zu +erkaempfen. Dann trat er der Caesarstatue gegenueber und sah ihr lange in das +schweigende Marmorantlitz. Endlich ergriff er mit beiden Haenden die Hueften +des Imperators und ruettelte an ihnen: "lebwohl," sagte er, "und gieb mir +dein Glueck mit auf den Weg. - Mehr brauch' ich nicht." + +Und rasch wandte er sich und eilte aus dem Gemache und durch das Atrium +hinaus auf die Strasse, wo ihn schon die ersten Sterne begruessten. + +Zahlreicher als je hatten sich die Verschwornen an diesem Abend in den +Katakomben eingefunden: waren doch durch ganz Italien die Ladungen zu +dieser Versammlung als zu einer entscheidungsvollen ergangen. So waren auf +den Wunsch des Praefekten besonders alle strategisch wichtigen Punkte +vertreten: von den starken Grenzhueterinnen Tridentum, Tarvisium und +Verona, die das Eis der Alpen schauen, bis zu Otorantum und Consentia, +welche die laue Welle des ausonischen Meeres bespuelt, hatten sie alle ihre +Boten zugesendet, jene beruehmten Staedte Siciliens und Italiens mit den +stolzen, den schoenen, den weltgeschichtlichen Namen: Syrakusae und Catana, +Panormus und Messana, Regium, Neapolis und Cumae, Capua und Beneventum, +Antium und Ostia, Reate und Narnia, Volsinii, Urbsvetus und Spoletum, +Clusium und Perusia, Auximum und Ancon, Florentia und Faesulae, Pisa, Luca, +Luna und Genua, Ariminum, Caesena, Faventia und Ravenna, Parma, Dertona und +Placentia, Mantua, Cremona und Ticinum (Pavia), Mediolanum, Comum und +Bergamum, Asta und Pollentia: dann von der Nord- und Ostkueste des +jonischen Meerbusens: Concordia, Aquileja, Jadera, Scardona und Salona. + +Da waren ernste Senatoren und Decurionen, ergraut in dem Rat ihrer Staedte, +deren Haeupter ihre Ahnen seit Jahrhunderten gewesen: kluge Kaufleute, +breitschultrige Gutsherrn, rechthaberische Juristen, spoettische Rhetoren: +und namentlich eine grosse Anzahl von Geistlichen jedes Ranges und jedes +Alters: die einzige fest organisierte Macht und Silverius unbedingt +gehorsam. + +Wie Cethegus, noch hinter der Muendung des schmalen Ganges verborgen, die +Massen in dem Halbrund der Grotte uebersah, konnte er sich eines +veraechtlichen Laechelns nicht erwehren, das aber in einen Seufzer auslief. +Ausser der allgemeinen Abneigung gegen die Barbaren, die doch bei weitem +nicht stark genug war, schwere politische Plaene mit Opfern und Entsagungen +zu tragen, - welch' verschiedene und oft welch' kleine Motive hatten diese +Verschwornen hier zusammengefuehrt! + +Cethegus kannte die Beweggruende der einzelnen genau: hatte er sie doch +durch Bearbeitung ihrer schwaechsten Seiten beherrschen gelernt. Und er +musste zuletzt noch froh darum sein: echte Roemer haette er nie, wie diese +Verschworenen, so voellig unter seinen Einfluss gebracht. + +Aber wenn er sie nun hier alle beisammen sah, diese Patrioten, und +bedachte, wie den einen die Hoffnung auf einen Titel von Byzanz, den +andern plumpe Bestechung, einen dritten Rachsucht wegen irgend einer +Beleidigung oder auch nur die Langeweile oder Schulden oder ein schlechter +Streich unter die Unzufriedenen gefuehrt: und wenn er sich nun vorstellte, +dass er mit solchen Bundesgenossen den gotischen Heermaennern entgegentreten +sollte, - da erschrak er fast ueber die Vermessenheit seines Planes. + +Und eine Erquickung war es ihm, als die helle Stimme des Lucius Licinius +seinen Blick auf die Schar der jungen "Ritter" lenkte, denen wirklich +kriegerischer Muth und nationale Begeisterung aus den Augen spruehte: so +hatte er doch einige verlaessige Waffen. - + +"Gegruesst, Lucius Licinius," sprach er aus dem Dunkel des Ganges +hervortretend. "Ei, du bist ja geruestet und gewaffnet, als ging es von +hier gegen die Barbaren." + +"Kaum bezwing ich das Herz in der Brust vor Hass und vor Freude," sagte der +schoene Juengling. "Sieh, alle diese hier hab' ich fuer dich, fuer das +Vaterland geworben." + +Cethegus blickte gruessend umher: + +"Auch du hier, Kallistratos, - du heitrer Sohn des Friedens?" + +"Hellas wird ihre Schwester Italia nicht verlassen in der Stunde der +Gefahr," sagte der Hellene und legte die weisse Hand auf das zierliche +Schwert mit dem Griff von Elfenbein. Und Cethegus nickte ihm zu und wandte +sich zu den andern: Marcus Licinius, Piso, Massurius, Balbus, die, seit +den Floralien ganz von dem Praefekten gewonnen, ihre Brueder, Vettern, +Freunde mitgebracht hatten. Pruefend flog sein Blick ueber die Gruppe, er +schien einen aus diesem Kreise zu vermissen. Lucius Licinius erriet seine +Gedanken: "Du suchst den schwarzen Korsen, Furius Ahalla? + +Auf den kannst du nicht zaehlen. Ich holte ihn von weitem aus, aber er +sprach: "ich bin ein Korse, kein Italier: mein Handel blueht unter +gotischem Schutz: lasst mich aus eurem Spiel." Und als ich weiter in ihn +drang - denn ich gewoenne gern sein kuehnes Herz und die vielen Tausende von +Armen, ueber die er gebeut - sprach er kurz abweisend: "ich fechte nicht +gegen Totila."" + +"Die Goetter moegen wissen, was den tigerwilden Korsen an jenen Milchbart +bindet," meinte Piso. + +Cethegus laechelte, aber er furchte die Stirn. "Ich denke, wir Roemer +genuegen," sprach er laut: und das Herz der Juenglinge schlug. + +"Eroeffne die Versammlung," mahnte Scaevola unwillig den Archidiakon, "du +siehst, wie er die jungen Leute beschwatzt; er wird sie alle gewinnen. +Unterbrich ihn: rede." + +"Sogleich. Bist du gewiss, dass Albinus kommt?" + +"Er kommt; er erwartet den Boten am appischen Thor." + +"Wohlan," sagte der Priester, "Gott mit uns!" Und er trat in die Mitte der +Rotunde, erhob ein schwarzes Kreuz und begann: "Im Namen des dreieinigen +Gottes! Wieder einmal haben wir uns versammelt im Grauen der Nacht zu den +Werken des Lichts. Vielleicht zum letztenmal: denn wunderbar hat der Sohn +Gottes, dem die Ketzer die Ehre weigern, unsere Muehen zu seiner +Verherrlichung, zur Vernichtung seiner Feinde gesegnet. Naechst Gott dem +Herrn aber gebuehrt der hoechste Dank dem edeln Kaiser Justinian und seiner +frommen Gemahlin, die mit thaetigem Mitleid die Seufzer der leidenden +Kirche vernehmen: und endlich hier unsrem Freund und Fuehrer, dem +Praefekten, der unablaessig fuer unsres Herrn, des Kaisers Sache, wirkt +..." - + +"Halt, Priester!" rief Lucius Licinius dazwischen, "wer nennt den Kaiser +von Byzanz hier unsern Herrn? wir wollen nicht den Griechen dienen statt +den Goten! Frei wollen wir sein!" - "Frei wollen wir sein," wiederholte +der Chor seiner Freunde. + +"Frei wollen wir _werden_!" fuhr Silverius fort. "Gewiss. Aber das koennen +wir nicht aus eigner Macht, nur mit des Kaisers Hilfe. Glaubt auch nicht, +geliebte Juenglinge, der Mann, den ihr als euren Vorkaempfer verehrt, +Cethegus, denke hierin anders. Justinian hat ihm einen koestlichen Ring - +sein Bild in Carneol - gesendet, zum Zeichen, dass er billige, was der +Praefekt fuer ihn, den Kaiser, thue und der Praefekt hat den Ring angenommen: +sehet hier, er traegt ihn am Finger." + +Betroffen und unwillig sahen die Juenglinge auf Cethegus. Dieser trat +schweigend in die Mitte. Eine peinliche Pause entstand. + +"Sprich, Feldherr!" rief Lucius, "widerlege sie! Es ist nicht wie sie +sagen mit dem Ring." + +Aber Cethegus zog den Ring kopfnickend ab: "Es ist wie sie sagen: der Ring +ist vom Kaiser und ich hab' ihn angenommen." + +Lucius Licinius trat einen Schritt zurueck. + +"Zum Zeichen?" fragte Silverius. + +"Zum Zeichen," sprach Cethegus mit drohender Stimme, "dass ich der +herrschsuechtige Selbstling nicht bin, fuer den mich einige halten, zum +Zeichen, dass ich Italien mehr liebe als meinen Ehrgeiz. Ja, ich baute auf +Byzanz und wollte dem maechtigen Kaiser die Fuehrerstelle abtreten: - darum +nahm ich diesen Ring. Ich baue nicht mehr auf Byzanz, das ewig zoegert: +deshalb hab' ich diesen Ring heute mitgebracht, ihn dem Kaiser +zurueckzustellen. Du, Silverius, hast dich als den Vertreter von Byzanz +erwiesen: hier, gieb deinem Herrn sein Pfand zurueck: er saeumt zu lang: +sag' ihm, Italien hilft sich selbst." + +"Italien hilft sich selbst!" jubelten die jungen Ritter. + +"Bedenket, was ihr thut!" warnte mit verhaltnem Zorn der Priester. "Den +heissen Mut der Juenglinge begreif' ich, - aber dass meines Freundes, des +gereiften Mannes, Hand nach dem Unerreichbaren greift, - befremdet mich. +Bedenket die Zahl und wilde Kraft der Barbaren! Bedenket, wie die Maenner +Italiens seit lange des Schwertes entwoehnt, wie alle Zwingburgen des +Landes in der Hand ..." - + +"Schweig, Priester," donnerte Cethegus, "das verstehst du nicht! Wo es die +Psalmen zu erklaeren gilt und die Seele nach dem Himmelreich zu lenken, da +rede du: denn solches ist dein Amt; wo's aber Krieg und Kampf der Maenner +gilt, lass jene reden, die den Krieg verstehen. Wir lassen dir den ganzen +Himmel - lass uns nur die Erde. Ihr roemischen Juenglinge, ihr habt die Wahl. +Wollt ihr abwarten, bis dieses wohlbedaechtige Byzanz sich doch vielleicht +Italiens noch erbarmt - ihr koennt muede Greise werden bis dahin - oder +wollt ihr, nach alter Roemer Art, die Freiheit mit dem eignen Schwert +erkaempfen? Ihr wollt's, ich seh's am Feuer eurer Augen. Wie? man sagt uns, +wir sind zu schwach, Italien zu befreien? Ha, seid ihr nicht die Enkel +jener Roemer, die den Weltkreis bezwangen? Wenn ich euch aufrufe, Mann fuer +Mann, da ist kein Name, der nicht klingt wie Heldenruhm: Decius, Corvinus, +Cornelius, Valerius, Licinius: - wollt ihr mit mir das Vaterland +befreien?" + +"Wir wollen es! Fuehre uns, Cethegus!" riefen die Juenglinge begeistert. + +Nach einer Pause begann der Jurist: "Ich heisse Scaevola. Wo roemische +Heldennamen aufgerufen werden, haette man auch des Geschlechts gedenken +moegen, in dem das Heldentum der Kaelte erblich ist. Ich frage dich, du +jugendheisser Held Cethegus, hast du mehr als Traeume und Wuensche, wie diese +jungen Thoren, hast du einen Plan?" - + +"Mehr als das, Scaevola, ich habe und halte den Sieg. Hier ist die Liste +fast aller Festungen Italiens: an den naechsten Iden, in dreissig Tagen +also, fallen sie, alle, auf Einen Schlag, in meine Hand." + +"Wie? dreissig Tage sollen wir noch warten?" fragte Lucius. + +"Nur so lange, bis die hier Versammelten ihre Staedte wieder erreicht, bis +meine Eilboten Italien durchflogen haben. Ihr habt ueber vierzig Jahre +warten muessen!" + +Aber der ungeduldige Eifer der Juenglinge, den er selbst geschuert, wollte +nicht mehr ruhen: sie machten verdrossne Mienen zu dem Aufschub - sie +murrten. + +Blitzschnell ersah der Priester diesen Umschlag der Stimmung. "Nein, +Cethegus," rief er, "solang kann nicht mehr gezoegert werden! Unertraeglich +ist dem Edeln die Tyrannei: Schmach dem, der sie laenger duldet als er muss. +Ich weiss euch bessern Trost, ihr Juenglinge! Schon in den naechsten Tagen +koennen die Waffen Belisars in Italien blitzen." + +"Oder sollen wir vielleicht," fragte Scaevola, "Belisar nicht folgen, weil +er nicht Cethegus ist?" + +"Ihr sprecht von Wuenschen," laechelte dieser, "nicht von Wirklichem. +Landete Belisar, ich waere der erste mich ihm anzuschliessen. Aber er wird +nicht landen. Das ist's ja, was mich abgewendet hat von Byzanz: der Kaiser +haelt nicht Wort." + +Cethegus spielte ein sehr kuehnes Spiel. Aber er konnte nicht anders. + +"Du koenntest irren und der Kaiser frueher sein Wort erfuellen, als du +meinst. Belisar liegt bei Sicilien." + +"Nicht mehr. Er hat sich nach Afrika, nach Hause gewendet. Hofft nicht +mehr auf Belisar." + +Da hallten hastige Schritte aus dem Seitengange und eilfertig stuerzte +Albinus herein: + +"Triumph," rief er, "Freiheit, Freiheit!" + +"Was bringst du?" fragte freudig der Priester. + +"Den Krieg, die Rettung! Byzanz hat den Goten den Krieg erklaert." + +"Freiheit, Krieg!" jauchzten die Juenglinge. + +"Es ist unmoeglich!" sprach Cethegus, tonlos. + +"Es ist gewiss!" rief eine andre Stimme vom Gange her - es war Calpurnius, +der jenem auf dem Fuss gefolgt - "und mehr als das: der Krieg ist begonnen. +Belisar ist gelandet auf Sicilien, bei Catana: Syrakusae, Messana sind ihm +zugefallen, Panormus hat er mit der Flotte genommen, er ist uebergesetzt +nach Italien, von Messana nach Regium, er steht auf unserm Boden." + +"Freiheit!" rief Marcus Licinius. + +"Ueberall faellt ihm die Bevoelkerung zu. Aus Apulien, aus Calabrien fluechten +die ueberraschten Goten, unaufhaltsam dringt er durch Bruttien und Lucanien +gen Neapolis." + +"Es ist erlogen, alles erlogen!" sagte Cethegus mehr zu sich selbst als zu +den andern. + +"Du scheinst nicht sehr erfreut ueber den Sieg der guten Sache. Aber der +Bote ritt drei Pferde zu Tod. Belisar ist gelandet mit dreissigtausend +Mann." - "Ein Verraeter, wer noch zweifelt," sprach Scaevola. - "Nun lass +sehen," hoehnte Silverius, "ob du dein Wort halten wirst. Wirst du der +erste von uns sein, dich Belisar anzuschliessen?" + +Vor Cethegus Auge versank in dieser Stunde eine ganze Welt, _seine_ Welt. +So hatte er denn umsonst, nein, schlimmer als das, fuer einen verhassten +Feind alles gethan, was er gethan. + +Belisar in Italien mit einem starken Heere und er getaeuscht, machtlos, +ueberwunden! Wohl jeder andre haette jetzt alles weitre Streben ermuedet +aufgegeben. In des Praefekten Seele fiel nicht ein Schatten der +Entmutigung. Sein ganzer Riesenbau war eingestuerzt: noch betaeubte der +Schlag sein Ohr und schon hatte er beschlossen, im selben Augenblick ihn +von neuem zu beginnen: seine Welt war versunken, und er hatte nicht Musse +ihr einen Seufzer nachzusenden: denn aller Augen hingen an ihm. Er +beschloss, eine zweite zu schaffen. + +"Nun! was wirst du thun?" wiederholte Silverius. + +Cethegus wuerdigte ihn keines Blicks. Zu der Versammlung gewendet sprach er +mit ruhiger Stimme: "Belisar ist gelandet: Er ist jetzt unser Haupt: ich +gehe in sein Lager." Damit schritt er dem Ausgang zu, gemessenen Ganges, +gefassten Angesichts, an Silverius und dessen Freunden vorueber. + +Silverius wollte ein Wort des Hohnes fluestern: aber er verstummte, da ihn +der Blick des Praefekten traf: "Frohlocke nicht, Priester," schien er zu +sagen, "diese Stunde wird dir vergolten." + +Und Silverius, der Sieger, blieb erschrocken stehn. - - + + + + + Neuntes Kapitel. + + +Die Landung der Byzantiner war allen, Goten wie Italiern, gleich +unerwartet gekommen. + +Denn die letzte Bewegung Belisars nach Suedosten hatte alle Erwartungen von +der kaiserlichen Flotte in die Irre gelenkt. Von unsern gotischen Freunden +war nur Totila in Unteritalien: vergeblich hatte er als Seegraf von +Neapolis die Regierung zu Ravenna gewarnt und um Vollmachten, um Mittel +zur Verteidigung Siciliens gebeten. Wir werden sehen, wie ihm alle Mittel +genommen wurden, das Ereignis zu verhindern, das sein Volk bedrohte, das +gerade in die lichten Kreise seines eignen Lebens zuerst verhaengnisvolle +Schatten werfen und die Bande des Glueckes zerreissen sollte, mit welchen +ein freundliches Schicksal diesen Liebling der Goetter bisher umwoben +hatte. + +Denn in Baelde war es der unwiderstehlichen Anmut seiner Natur gelungen, +das edle, wenn auch strenge, Herz des Valerius zu gewinnen. Wir haben +gesehen, wie maechtig die Bitten der Tochter, das Andenken an die +Scheideworte der Gattin, die Offenheit Totilas schon in jener Stunde der +naechtlichen Ueberraschung auf den wuerdigen Alten gewirkt. + +Totila blieb als Gast in der Villa: Julius, mit seiner gewinnenden Guete, +wurde von den Liebenden zu Hilfe gerufen und ihren vereinten Einfluessen +gab der Sinn des Vaters allmaehlich nach. Dies war jedoch bei dem strengen +Roemertum des Alten nur dadurch moeglich, dass von allen Goten Totila an +Sinnesart, Bildung und Wohlwollen den Roemern am naechsten stand, so dass +Valerius bald einsah, er koenne einen Juengling nicht "barbarisch" schelten, +der besser als mancher Italier die Sprache, die Weisheit und die Schoenheit +der hellenischen und roemischen Litteratur kannte und wuerdigte, und, wie er +seine Goten liebte, so die Kultur der alten Welt bewunderte. + +Dazu kam endlich, dass im politischen Gebiet den alten Roemer und den jungen +Germanen der gemeinsame Hass gegen die Byzantiner verband. Wenn der offnen +Heldenseele Totilas in den tueckischen Erbfeinden seiner Nation die +Mischung von Heuchelei und Gewaltherrschaft unwillkuerlich wie dem Lichte +die Nacht verhasst war, so war fuer Valerius die ganze Tradition seiner +Familie eine Anklage gegen das Imperatorentum und Byzanz. Die Valerier +hatten von jeher zu der aristokratisch-republikanischen Opposition wider +das Caesarentum gezaehlt. Und so mancher der Ahnen hatte schon seit den +Tagen des Tiberius die alt-republikanische Gesinnung mit dem Tode gebuesst +und besiegelt. Niemals hatten diese Geschlechter im Herzen die Uebertragung +der Weltherrschaft von der Tiberstadt nach Byzanz anerkannt: in dem +byzantinischen Kaisertum erblickte Valerius den Gipfel aller Tyrannei: und +um jeden Preis wollte er die Habsucht, den Glaubenszwang, den +orientalischen Despotismus dieser Kaiser von seinem Latium fern halten. Es +kam dazu, dass sein Vater und sein Bruder bei einer Handelsreise durch +Byzanz von einem Vorgaenger Justinians aus Habsucht waren festgehalten und, +wegen angeblicher Beteiligung an einer Verschwoerung, unter Konfiskation +ihrer im Ostreich belegenen Gueter, hingerichtet worden, so dass den +politischen Hass des Patrioten mit aller Macht persoenliche Schmerzen +verstaerkten. Er hatte, als Cethegus ihn in die Katakombenverschwoerung +einweihte, eifrig den Gedanken einer Selbstbefreiung Italiens ergriffen, +aber alle Annaeherungen der kaiserlichen Partei mit den Worten abgewiesen: +"lieber den Tod als Byzanz!" + +So vereinten sich die beiden Maenner in dem Entschluss, keine Byzantiner in +dem schoenen Lande zu dulden, das dem Goten kaum minder teuer war, als dem +Roemer. + +Die Liebenden hueteten sich, den Willen des Alten schon jetzt zu einem +bindenden Wort zu draengen; sie begnuegten sich fuer die Gegenwart mit der +Freiheit des Umgangs, die Valerius ihnen beliess und warteten ruhig ab, bis +der Einfluss allmaehlicher Gewoehnung ihn auch mit dem Gedanken an ihre +voellige Vereinigung befreunden wuerde. So verlebten unsere jungen Freunde +goldene Tage. + +Das Liebespaar hatte neben seinem eigensten Gluecke die Freude an der +wachsenden Neigung des Vaters zu Totila: und Julius genoss jene weihevolle +Erhebung, die fuer edle Naturen in dem Ueberwinden eigner Schmerzen um des +Glueckes geliebter Herzen willen liegt. + +Seine suchende, von der Weisheit der alten Philosophie nicht befriedigte +Seele wandte sich mehr und mehr jener Lehre zu, die den hoechsten Frieden +im Entsagen findet. + +Eine sehr entgegengesetzte Natur war Valeria. + +Sie war der Ausdruck der echt roemischen Ideale ihres Vaters, der an der +fruehe verstorbnen Mutter Stelle ihre ganze Erziehung geleitet und im +geistigen und sittlichen Gebiet die Ergebnisse des antiken heidnischen +Geistes ihr angeeignet hatte. Das Christentum, dem ihre Seele bei dem +Eintritt in das Leben durch eine aeussere Noetigung war zugewendet und spaeter +ebenso durch ein aeusserliches Mittel wieder war entrissen worden, erschien +ihr als eine gefuerchtete, nicht als eine verstandene und geliebte Macht, +die sie gleichwohl nicht aus dem Kreise ihrer Gedanken und Gefuehle zu +scheiden vermochte. Als echte Roemerin sah sie auch nicht mit bangem Zagen, +sondern mit freudigem Stolz die kriegerische Begeisterung, die im Gespraech +mit ihrem Vater ueber Byzanz und seine Feldherrn aus der Seele Totilas +leuchtete, den kuenftigen Helden verkuendend. + +Und so trug sie es mit edler Fassung, als den Geliebten seine +Kriegerpflicht ploetzlich abrief aus den Armen der Liebe und Freundschaft. +Denn sowie die Flotte der Byzantiner auf der Hoehe von Syrakusae erschienen +war, loderte in dem jungen Goten der Gedanke, der Wunsch des Krieges +unausloeschlich empor. Als Befehlshaber des unteritalischen Geschwaders lag +ihm die Pflicht ob, die Feinde zu beobachten, die Kueste zu decken. Er +setzte rasch seine Schiffe in stand und segelte der griechischen Seemacht +entgegen, Erklaerung heischend ueber den Grund ihres Erscheinens in diesen +Gewaessern. + +Belisar, der den Auftrag hatte, erst nach einem Ruf von Petros feindlich +aufzutreten, gab eine friedliche und unanfechtbare Auskunft, die Unruhen +in Afrika und Seeraeubereien mauretanischer Schiffe vorschuetzend. Mit +dieser Antwort musste sich Totila begnuegen: aber in seiner Seele stand der +Ausbruch des Krieges fest, vielleicht nur deshalb, weil er ihn wuenschte. +Er traf daher alle Anstalten, schickte warnende Boten nach Ravenna und +suchte vor allem, das wichtige Neapolis wenigstens von der Seeseite her zu +decken, da die Landbefestigung der Stadt waehrend des langen Friedens +vernachlaessigt und der alte Uliaris, der Stadtgraf von Neapolis, nicht aus +seiner stolzen Sicherheit und Griechenverachtung aufzuruetteln war. + +Die Goten wiegten sich ueberhaupt in dem gefaehrlichen Wahn, die Byzantiner +wuerden gar nie wagen, sie anzugreifen: und ihr verraeterischer Koenig +bestaerkte sie gern in diesem Glauben. Die Warnungen Totilas blieben +deshalb unbeachtet und es wurde dem eifrigen Seegrafen sogar sein ganzes +Geschwader abgenommen und in den Hafen von Ravenna zu angeblicher Abloesung +beordert: aber die Schiffe, welche die abgesegelten ersetzen sollten, +blieben aus. + +Und Totila hatte nichts als ein paar kleine Wachtschiffe, mit welchen er, +wie er den Freunden erklaerte, die Bewegungen der zahlreichen +Griechenflotte nicht beobachten, geschweige denn aufhalten konnte. Diese +Mitteilungen bewogen den Kaufherrn, die Villa bei Neapolis zu verlassen +und seine reichen Besitzungen und Handelsniederlassungen bei Regium, an +der Suedspitze der Halbinsel, aufzusuchen, um die wertvollste Habe aus +dieser Gegend, fuer die Totila den ersten Angriff der Feinde besorgte, nach +Neapolis zu fluechten und ueberhaupt seine Anordnungen fuer den Fall eines +laengeren Krieges zu treffen. Auf dieser Reise sollte Julius ihn begleiten: +und auch Valeria war nicht zu bewegen, in der leeren Villa +zurueckzubleiben: von Gefahr war, wie Totila versichert hatte, fuer die +naechsten Tage nichts zu fuerchten. + +So reisten denn die drei, von einigen Sklaven begleitet, nach der +Hauptvilla bei dem Passe Jugum noerdlich von Regium ab, die, unmittelbar am +Meere gelegen, ja zum Teil mit jenem schon von Horatius gescholtnen Luxus +in das Meer selbst "wagend hinausgebaut" war. + +Valerius traf die Dinge in schlechter Ordnung. Seine Institoren hatten, +sicher gemacht durch lange Abwesenheit des Herrn, uebel gewirtschaftet: und +mit Unwillen erkannte dieser, dass seine pruefende, ordnende, strafende +Thaetigkeit, nicht tage-, sondern wochenlang in dieser Gegend notwendig +sein werde. + +Unterdessen mehrten sich die drohenden Anzeichen. Totila schickte warnende +Winke: aber Valeria erklaerte, ihren Vater in der Gefahr nicht verlassen zu +koennen: und dieser verschmaehte es, vor den "Griechlein" zu fluechten, die +er noch mehr verachtete, als hasste. + +Da wurden sie eines Tages durch zwei Boote ueberrascht, die fast +gleichzeitig in den kleinen Hafen der Villa einliefen: das eine trug +Totila, das andre den Korsen Furius Ahalla. Die Maenner begruessten sich +ueberrascht, doch erfreut als alte Bekannte und wandelten mit einander +durch die Taxus- und Lorbeergaenge des Gartens zu der Villa hinan. Hier +trennten sie sich: Totila gab vor, seinen Freund Julius besuchen zu +wollen, indes den Korsen ein Geschaeft zu dem Kaufherrn fuehrte, mit dem er +seit Jahren in einer fuer beide Teile gleich vorteilhaften +Handelsverbindung stand. + +Mit Freuden sah daher Valerius den klugen, kuehnen und stattlich-schoenen +Seefahrer bei sich eintreten und nach herzlicher Begruessung wandten sich +die beiden Handelsfreunde ihren Buechern und Rechnungen zu. + +Nach kurzen Eroerterungen erhob sich der Korse von den Rechentafeln und +sprach: "So siehst du, Valerius, aufs neue hat Mercurius unser Buendnis +gesegnet. Meine Schiffe haben dir Purpur und koestlichen Wollstoff aus +Phoenikien und aus Spanien zugefuehrt: und deine koestlichen Fabrikate des +verflossenen Jahres verfuehrt nach Byzanz und Alexandria, nach Massilia und +Antiochia. Ein Centenar Goldes Mehrgewinn gegen das Vorjahr! Und so wird +er steigen und steigen von Jahr zu Jahr, solang die wackern Goten den +Frieden schirmen und die Rechtspflege im Abendland." Er schwieg wie +abwartend. + +"Solang sie schirmen koennen!" seufzte Valerius, "solang diese Griechen +Frieden halten. Wer steht dafuer, dass uns nicht diese Nacht der Seewind die +Flotte Belisars an die Kueste treibt!" + +"Also auch du erwartest den Krieg? Im Vertrauen: er ist mehr als +wahrscheinlich, er ist gewiss." + +"Furius," rief der Roemer, "woher weisst du das?" + +"Ich komme von Afrika, von Sicilien. Ich habe die Flotte des Kaisers +gesehen: so ruestet man nicht gegen Seeraeuber. Ich habe die Heerfuehrer +Belisars gesprochen: sie traeumen Nacht und Tag von den Schaetzen Italiens. +Sizilien ist zum Abfall reif, sowie die Griechen landen." + +Valerius erbleichte vor Aufregung. Furius bemerkte es und fuhr fort: "Und +deshalb vor allem bin ich hierher geeilt, dich zu warnen. Der Feind wird +in dieser Gegend landen und ich wusste, - dass deine Tochter dich +begleitet." + +"Valeria ist eine Roemerin." + +"Ja, aber diese Feinde sind die wildesten Barbaren. Denn Hunnen, +Massageten, Skythen, Avaren, Sclavenen und Sarazenen sind es, die dieser +Kaiser der Roemer loslaesst auf Italien. Wehe, wenn dein minervengleiches +Kind in ihre Haende fiele." + +"Das wird sie nicht!" sagte Valerius, die Hand am Dolch. "Aber du sprichst +wahr - sie muss fort - in Sicherheit." - - "Wo ist in Italien Sicherheit? +Bald werden die Wogen dieses Krieges brausend zusammenschlagen ueber +Neapolis, - ueber Rom und kaum sich an Ravennas Mauern brechen." - Denkst +du so gross von diesen Griechen? Hat doch Griechenland nie etwas anderes +nach Italien geschickt als Mimen, Seeraeuber und Kleiderdiebe!" - +"Belisarius aber ist ein Sohn des Sieges. Jedenfalls entbrennt ein Kampf, +dessen Ende so mancher von euch nicht erleben wird!" - "Von _euch_, sagst +du? wirst du nicht mit kaempfen?" + +"Nein, Valerius! Du weisst, in meinen Adern fliesst nur korsisch Blut, trotz +meines roemischen Adoptivnamens: ich bin nicht Roemer, nicht Grieche, nicht +Gote. Ich wuensche den Goten den Sieg, weil sie Zucht und Ordnung halten zu +Wasser und zu Land und weil mein Handel blueht unter ihrem Scepter: aber +wollt' ich offen fuer sie fechten, - der Fiskus von Byzanz verschlaenge, was +irgend von meinen Schiffen und Waren in den Haefen des Ostreichs liegt, +drei Viertel all' meines Guts. Nein, ich gedenke mein Eiland so zu +befestigen, - du weisst ja, halb Korsika ist mein - dass keine der +kaempfenden Parteien mich viel belaestigen wird: meine Insel wird eine +Friedensinsel sein, waehrend rings die Laender und Meere vom Krieg +erdroehnen. Ich werde dies Asyl beschirmen wie ein Koenig seine Krone, wie +ein Braeutigam die Braut - und deshalb" - seine Augen funkelten und seine +Stimme bebte vor Erregung - "deshalb wollte ich jetzt, - heute - ein Wort +aussprechen, das ich seit Jahren auf dem Herzen trage" - - Er stockte. + +Valerius sah voraus, was kommen werde und sah es mit tiefem Schmerz: seit +Jahren hatte er sich in dem Gedanken gefallen, sein Kind dem maechtigen +Kaufherrn zu vertrauen, eines alten Freundes Adoptivsohn, dessen Neigung +er lange durchschaut. So lieb er in letzter Zeit den jungen Goten +gewonnen, er wuerde doch den langjaehrigen Handelsgenossen als Eidam +vorgezogen haben. Und er kannte den unbaendigen Stolz und die zornige +Rachsucht des Korsen: er fuerchtete im Fall der Weigerung die alte Liebe +und Freundschaft alsbald in lodernden Hass umschlagen zu sehen: man +erzaehlte dunkle Geschichten von der jaehzornigen Wildheit des Mannes und +gern haette Valerius ihm und sich selbst den Schmerz einer Zurueckweisung +erspart. + +Aber jener fuhr fort: "Ich denke, wir beide sind Maenner, die Geschaefte +geschaeftlich abthun. Und ich spreche, nach altem Brauch, gleich mit dem +Vater, nicht erst mit der Tochter. Gieb mir dein Kind zur Ehe, Valerius: +du kennst zum Teil mein Vermoegen - nur zum Teil: - denn es ist viel groesser +als du ahnst. Zur Widerlage der Mitgift geb' ich, wie gross sie sei, das +doppelte ..." - + +"Furius!" unterbrach der Vater. + +"Ich glaube wohl ein Mann zu sein, der ein Weib begluecken mag. Jedenfalls +kann ich sie beschuetzen, wie kein andrer in diesen drohenden Zeiten: ich +fuehre sie, wird Korsika bedraengt, auf meinen Schiffen nach Asien, nach +Afrika; an jeder Kueste erwartet sie nicht ein Haus, ein Palast. Keine +Koenigin soll sie beneiden. Ich will sie hoch halten: - hoeher als meine +Seele." Er hielt inne, sehr erregt, wie auf rasche Antwort wartend. + +Valerius schwieg, er suchte nach einem Ausweg: - es war nur eine Sekunde: +aber der Anschein nur, dass sich der Vater besinne, empoerte den Korsen. +Sein Blut kochte auf, sein schoenes bronzefarbenes Antlitz, eben noch +beinahe weich und mild, nahm ploetzlich einen furchtbaren Ausdruck an: +dunkelrote Glut schoss in die braunen Wangen. "Furius Ahalla," sprach er +rasch und hastig, "ist nicht gewoehnt, zweimal zu bieten. Man pflegt meine +Ware aufs erste Angebot mit beiden Haenden zu ergreifen -: nun biete ich +mich selbst: - ich bin, bei Gott, nicht schlechter als mein Purpur" - + +"Mein Freund," hob der Alte an, "wir leben nicht mehr in der Zeit alten, +strengen Roemerbrauchs: der neue Glaube hat den Vaetern fast das Recht +genommen, die Toechter zu vergeben. Mein Wille wuerde sie dir und keinem +andern geben, aber ihr Herz" ... - + +"Sie liebt einen andern!" knirschte der Korse, "wen?" Und seine Faust fuhr +an den Dolch, als sollte der Nebenbuhler keinen Augenblick mehr atmen. Es +lag etwas vom Tiger in dieser Bewegung und im Funkeln des rollenden Auges. +Valerius empfand, wie toedlich dieser Hass und wollte den Namen nicht +nennen. - "Wer kann es sein?" fragte halblaut der Wuetende. "Ein Roemer? +Montanus? Nein! O nur - nur nicht er - sag' nein, Alter, nicht Er" .. - +Und er fasste ihn am Gewande. + +"Wer? wen meinst du?" + +"Der mit mir landete - der Gote: doch ja: er muss es sein, es liebt ihn ja +alles: - Totila!" + +"Er ist's!" sagte Valerius und suchte beguetigend seine Hand zu fassen. + +Doch mit Schrecken liess er sie los: ein zuckender Krampf ruettelte den +ehernen Leib des starken Korsen: er streckte beide Haende starr vor sich +hin als wollte er den Schmerz, der ihn quaelte, erwuergen. Dann warf er das +Haupt in den Nacken und schlug sich die beiden geballten Faeuste grausam +gegen die Stirn, den Kopf schuettelnd und laut auflachend. + +Entsetzt sah Valerius diesem Toben zu, endlich glitten die gepressten Haende +langsam herab und zeigten ein aschenfahles Antlitz. "Es ist aus," sagte er +dann mit bebender Stimme. "Es ist ein Fluch, der mich verfolgt: ich soll +nicht gluecklich werden im Weibe. Schon einmal, - hart vor der Erfuellung -! +Und jetzt, - ich weiss es, - Valerias Seelenzucht und klare Ruhe haette auch +in mein wild schaeumendes Leben rettenden Frieden gebracht: - ich waere +anders geworden, - - besser. Und sollte es nicht sein" - hier funkelte +sein Auge wieder - "nun, so waer' es fast das gleiche Glueck gewesen, den +Raeuber dieses Gluecks zu morden. Ja, in seinem Blute haette ich gewuehlt und +von der Leiche die Braut hinweggerissen - und nun ist Er es! + +Er, der einzige, dem Ahalla Dank schuldet - und welchen Dank" - - - Und er +schwieg, mit dem Haupte nickend und wie verloren in Erinnerung. +"Valerius," rief er dann ploetzlich sich aufraffend, "ich weiche keinem +Mann auf Erden: - ich haett' es nicht getragen, hinter einem andern +zurueckzustehen - doch Totila! - Es sei ihr vergeben, dass sie mich +ausschlaegt, weil sie Totila gewaehlt. Leb wohl, Valerius, ich geh' in See, +nach Persien, Indien - ich weiss nicht, wohin - ach ueberallhin nehm' ich +diese Stunde mit." Und rasch war er hinaus und gleich darauf entfuehrte ihn +sein pfeilgeschwindes Bot dem kleinen Hafen der Villa. - + +Seufzend verliess Valerius das Gemach, seine Tochter zu suchen. Er traf im +Atrium auf Totila, der sich schon wieder verabschiedete. Er war nur +gekommen, zu rascher Rueckreise nach Neapolis zu treiben. + +Denn Belisar habe sich wieder von Afrika abgewendet und kreuze bei +Panormus: jeden Tag koenne die Landung auf Sicilien, in Italien selbst +erfolgen und trotz all' seines Dringens sende der Koenig keine Schiffe. In +den naechsten Tagen wolle er selbst nach Sicilien, sich Gewissheit zu +schaffen. Die Freunde seien daher hier voellig unbeschuetzt: und er beschwor +den Vater Valerias, sofort auf dem Landwege nach Neapolis heimzukehren. +Aber den alten Soldaten empoerte es, vor den Griechen fluechten zu sollen: +vor drei Tagen koenne und wolle er nicht weichen von seinen Geschaeften, und +kaum war er von Totila zu bestimmen, eine Schar von zwanzig Goten zur +notduerftigsten Deckung anzunehmen. Mit schwerem Herzen stieg Totila in +seinen Kahn und liess sich an Bord des Wachschiffes zurueckbringen. + +Es war dunkler Abend geworden als er dort ankam, ein Nebelschleier +verhuellte die Dinge in naechster Naehe. + +Da scholl Ruderschlag von Westen her und ein Schiff, kenntlich an der +roten Leuchte an dem hohen Mast, bog um die Spitze eines kleinen +Vorgebirges. + +Totila lauschte und fragte seine Wachen: "Segel zur Linken! was fuer +Schiff? was fuer Herr?" + +"Schon angezeigt vom Mastkorb:" - hallte es wieder - "Kauffahrer - Furius +Ahalla - lag hier vor Anker." + +"Faehrt wohin?" + +"Nach Osten - nach Indien!" - + + + + + Zehntes Kapitel. + + +Am Abend des dritten Tages seit Totila die gotische Bedeckung geschickt, +hatte Valerius endlich seine Geschaefte beendet und auf den andern Morgen +die Abreise festgesetzt. Er sass mit Valeria und Julius beim Nachtmahl und +sprach von den Aussichten auf Erhaltung des Friedens, die des jungen +Helden Kriegesdurst doch wohl unterschaetzt habe: es war dem Roemer ein +unertraeglicher Gedanke, dass "Griechen" das teure Italien in Waffen +betreten sollten. "Auch ich wuensche den Frieden," sprach Valeria, +nachsinnend - "und doch -" "Nun?" fragte Valerius. "Ich bin gewiss, du +wuerdest," vollendete das Maedchen, "im Krieg erst Totila so lieben lernen, +wie er es verdient: er wuerde fuer mich streiten und fuer Italien." - "Ja," +sagte Julius, "es steckt in ihm ein Held und Groesseres als das." - "Ich +kenne nichts Groesseres," antwortete Valerius. + +Da erschollen auf dem Marmorestrich des Atriums klirrende Schritte und der +junge Thorismuth, der Anfuehrer der zwanzig Goten und Totilas Schildtraeger, +trat hastig ein. + +"Valerius," sprach er schnell, "lass die Wagen anschirren, - die Saenften in +den Hof - ihr muesst fort." + +Die Drei sprangen auf: "Was ist geschehn - sind sie gelandet?" - "Rede," +sprach Julius, "was macht dich besorgt?" - "Fuer mich nichts," lachte der +Gote, "und euch wollt ich nicht frueher schrecken als unvermeidlich. Aber +ich darf nicht mehr schweigen - gestern frueh spuelte die Flut eine Leiche +ans Land ... -" + +"Eine Leiche?" - "Einen Goten von unsrer Schiffsmannschaft - es war Alb, +der Steuermann auf Totilas Schiff." Valeria erbleichte, aber erbebte +nicht. "Das kann ein Zufall sein - er ist ertrunken." - "Nein," sagte der +Gote fest, "er ist nicht ertrunken: es stak ein Pfeil in seiner Brust." - +"Das deutet auf einen Kampf zur See! Nicht auf mehr!" meinte Valerius. +"Aber heute -" + +"Heute?" fragte Julius. - "Heute sind alle Landleute ausgeblieben, die +sonst taeglich von Regium hier durch nach Colum gehen. Auch ein Reiter, den +ich auf Kundschaft nach Regium schickte, ist nicht zurueckgekommen." - +"Beweist noch immer nichts," sprach Valerius eigensinnig. - Sein Herz +straeubte sich gegen den Gedanken einer Landung der Verhassten solang als +moeglich - "oft schon hat die Brandung die Strasse gesperrt." + +"Aber als ich selbst soeben auf der Strasse nach Regium vorging und das Ohr +auf die Erde legte, hoerte ich die Erde zittern unter dem Hufschlag von +vielen Rossen, die in rasender Eile nahen. Ihr muesst fliehn." + +Jetzt griffen Valerius und Julius zu den Waffen, die an den Pfeilern des +Gemaches hingen, Valeria legte schwer atmend die Hand aufs Herz: "Was ist +zu thun?" fragte sie. + +"Besetzt den Engpass von Jugum," befahl Valerius, "in den die Strasse laengs +der Kueste verlaeuft: er ist schmal; er ist lange zu halten." - "Er ist +schon besetzt von acht meiner Goten, ich fliege hin, sobald ihr zu Pferde +sitzt, die Haelfte meiner Schar deckt eure Reise: eilt." + +Aber ehe sie das Gemach verlassen konnten, stuerzte ein gotischer Krieger, +mit Schlamm und Blut bedeckt, herein: "flieht," rief er, "sie sind da!" - +"Wer ist da, Gelaris?" fragte Thorismuth. - "Die Griechen! Belisar! der +Teufel!" - "Rede," befahl Thorismuth. - "Ich kam bis in den Pinienwald von +Regium, ohne etwas Verdaechtiges zu spueren, freilich auch ohne einer Seele +auf der Strasse zu begegnen. Als ich an einem dicken Baumstamm vorbeireite, +eifrig vorwaerts spaehend, fuehle ich einen Ruck am Halse, als risse mir ein +Blitz den Kopf von den Schultern und im Nu lag ich unter meinem Tier am +Boden .... -" + +"Schlecht gesessen, o Gelaris!" schalt Thorismuth. - "Jawohl, eine +Rosshaarschlinge ums Genick und eine Bleikugel an den Kopf geschnellt, da +faellt auch ein besserer Reitersmann als Gelaris, Genzos Sohn. Zwei Unholde +- Waldschraten oder Alraunen acht' ich sie aehnlich - setzten aus dem Busch +ueber den Graben, banden mich auf mein Pferd, nahmen mich zwischen ihre +kleinen, zottigen Gaeule - und hui ..." - + +"Das sind die Hunnen Belisars!" rief Valerius. + +"Jagten sie mit mir davon. - Als ich wieder ganz zu mir gekommen, war ich +in Regium, mitten unter den Feinden, dort erfuhr ich denn alles. Die +Regentin ist ermordet, der Krieg ist erklaert, die Feinde haben Sicilien +ueberrascht, die ganze Insel ist zum Kaiser abgefallen - -" - "Und das +feste Panormus?" + +"Fiel durch die Flotte, die in den Hafen drang: die Mastkoerbe waren hoeher +als die Mauern der Stadt: von den Masten schossen und sprangen sie herab." +- "Und Syrakusae?" fragte Valerius. "Fiel durch Verrat der Sicilianer - die +Goten der Besatzung sind ermordet: in Syrakusae ist Belisarius eingeritten +unter einem Blumenregen, als scheidender Konsul des Jahres - denn es war +am letzten Tage seines Konsulats - Goldmuenzen streuend, unter +Haendeklatschen alles Volks." - "Und wo ist der Seegraf? wo ist Totila?" - +"Zwei seiner drei Schiffe sind in den Grund gebohrt, vom Schnabelstosse der +Trieren. Sein Schiff und noch eins: er sprang ins Meer mit voller Ruestung +- und ist - noch nicht - aufgefischt." + +Da sank Valeria schweigend auf das Lager. + +"Der Griechenfeldherr," fuhr der Bote fort, "landete gestern in dunkler +stuermischer Nacht bei Regium: die Stadt hat ihn mit Jubel aufgenommen; er +ordnet nur sein Heer, dann solls im Fluge nach Neapolis gehen: seine +Vorhut, die gelbhaeutigen Reiter, die mich eingebracht, mussten sogleich +wieder umkehren und den Pass gewinnen. Ich sollte ihnen Fuehrer dahin sein. +Ich fuehrte sie weit ab - nach Westen - in den Meeressumpf und - entsprang +ihnen im Dunkel - des Abends - aber - sie schickten mir - Pfeile nach - +und einer traf - ich kann nicht mehr." - Und klirrend stuerzte der Mann zu +Boden. + +"Er ist verloren!" sprach Valerius, "sie fuehren vergiftetes Geschoss! Auf, +Julius und Thorismuth, ihr geleitet mein Kind auf der Strasse gen Neapolis: +ich gehe in den Pass und decke euch den Ruecken." Vergebens waren die Bitten +Valerias: Gesicht und Haltung des Alten nahmen einen Ausdruck eisernen +Entschlusses an. "Gehorcht!" befahl er den Widerstrebenden, "ich bin der +Herr dieses Hauses, der Sohn dieses Landes, und ich will die Hunnen +Belisars fragen, was sie zu thun haben in meinem Vaterland. Nein, Julius! +Dich muss ich bei Valeria wissen - lebet wohl." + +Waehrend Valeria mit ihrer gotischen Bedeckung und mit den meisten der +Sklaven spornstreichs auf der Strasse nach Neapolis hinwegeilte, stuermte +Valerius mit Schild und Schwert einem halben Dutzend Sklaven voran, zum +Garten der Villa hinaus, nach dem Engpass zu, der nicht weit vor dem Anfang +seiner Besitzungen die Strasse nach Regium ueberwoelbte. + +Der Felsenbogen zur Linken, im Norden, war unuebersteiglich und zur +Rechten, nach Sueden, fielen jene Waende senkrecht in das tiefe Meer, dessen +Brandung oft die Strasse ueberflutete. Die Muendung des Passes aber war so +schmal, dass zwei nebeneinanderstehende Maenner sie mit ihren Schilden wie +eine Pforte schliessen konnten: so durfte Valerius hoffen, den Pass auch +gegen grosse Uebermacht lang genug zu decken, um den raschen Pferden der +Fliehenden hinlaenglichen Vorsprung zu gewaehren. Waehrend der Alte den +schmalen Pfad, der sich zwischen dem Meere und seinen Weinbergen nach dem +Engpass hinzog, durch die mondlose Nacht vorwaerts eilte, bemerkte er zur +Rechten, draussen, in ziemlicher Entfernung vom Lande, im Meer den hellen +Strahl eines kleinen Lichtes, das offenbar von dem Mast eines Schiffes +niederleuchtete. Valerius erschrak: sollten die Byzantiner zur See gegen +Neapolis vorruecken? Sollten sie Bewaffnete in seinem und des Engpasses +Ruecken ans Land werfen wollen? Aber wuerden sich dann nicht mehrere Lichter +zeigen? Er wollte die Sklaven fragen, die auf seinen Befehl, aber schon +mit sichtlichem Widerwillen, ihm aus der Villa gefolgt waren. + +Umsonst: sie waren verschwunden in dem Dunkel der Nacht. Sie waren dem +Herrn entwischt, sobald dieser ihrer nicht mehr achtete. So kam Valerius +allein an dem Engpass an, dessen hintere Muendung zwei der gotischen Wachen +besetzt hielten, waehrend zwei andere den oestlichen, dem Feinde zugekehrten +Eingang ausfuellten und die uebrigen vier in dem innern Raum hielten. Kaum +war Valerius dicht hinter die beiden vordersten Waechter getreten, als man +ploetzlich ganz nahes Pferdegetrappel vernahm: und alsbald bogen um die +letzte Kruemmung, welche die Strasse vor dem Pass um eine Felsennase machte, +zwei Reiter im vollen Trabe. Beide trugen Fackeln in der Rechten: es +warfen nur diese Fackeln Licht auf die naechtliche Scene: denn die Goten +vermieden alles, was ihre kleine Zahl verraten konnte. "Beim Barte +Belisars!" schalt der vorderste der Reiter, in Schritt uebergehend, "hier +wird der Katzensteig so schmal, dass kaum ein ehrlich Ross drauf Platz hat, +- und da koemmt noch ein Hohlweg oder - halt, was ruehrt sich da?" Und er +hielt sein Pferd an und bog sich, die Fackel weit vor sich streckend, +vorsichtig nach vorn: so bot er dicht vor dem Eingang, in dem Licht seiner +Kienfackel ein bequemes Ziel. + +"Wer ist da?" rief er seinem Begleiter nochmals zu. + +Da fuhr ein gotischer Wurfspeer durch die breiten Panzerringe in seine +Brust. "Feinde, weh!" schrie der Sterbende und stuerzte ruecklings aus dem +Sattel. "Feinde, Feinde!" rief der Mann hinter ihm, schleuderte die +verderbliche Fackel weit von sich ins Meer, warf sein Pferd herum und +jagte zurueck, waehrend das Tier des Gefallenen ruhig stehen blieb bei der +Leiche seines Herrn. + +Nichts hoerte man jetzt in der Stille der Nacht als den Hufschlag des +enteilenden Rosses, und, zur Rechten des Passes, den leisen Schlag der +Wellen am Fusse der Felswand. Den Maennern im Engpass schlug das Herz in +Erwartung. "Jetzt bleibt kalt, ihr Maenner," mahnte Valerius, "lasse sich +keiner aus dem Passe locken. Ihr in der ersten Reihe schliesst die Schilde +fest aneinander und streckt die Lanzen vor: wir in der Mitte werfen. Ihr +drei im Ruecken reicht uns die Speere und habt acht auf alles -." + +"Herr," rief der Gote, der hinter dem Passe auf der Strasse stand, "das +Licht! das Schiff naehert sich immer mehr." + +"Hab' acht und ruf' es an, wenn -" + +Aber schon waren die Feinde da, deren Vorhut die beiden Spaeher gebildet +hatten: es war ein Trupp von fuenfzig hunnischen Reitern, mit einigen +Fackeln. Wie sie um die Kruemmung des Weges bogen, erhellte sich die Scene +mit wechselndem, grellem Licht neben tiefem Dunkel. + +"Hier war es, Herr!" sprach der entkommene Reiter, "seht euch vor." - +"Schafft den Toten zurueck und das Ross!" sprach eine rauhe Stimme und der +Anfuehrer, eine Fackel erhebend, ritt im Schritt gegen den Eingang vor. + +"Halt!" rief ihm Valerius auf lateinisch entgegen, "wer seid ihr und was +wollt ihr?" - "Das habe ich zu fragen!" entgegnete der Fuehrer der Reiter +in derselben Sprache. - "Ich bin ein roemischer Buerger und verteidige mein +Vaterland gegen Raeuber." + +Der Anfuehrer hatte unterdessen im Licht seiner Fackel die ganze +Oertlichkeit besehen: sein geuebtes Auge erkannte die Unmoeglichkeit, links +oder rechts den Engpass zu umgehen und zugleich die Enge seiner Muendung. +"Freund," sagte er etwas zurueckweichend, "so sind wir Bundesgenossen. Auch +wir sind Roemer und wollen Italien von seinen Raeubern befreien. Also gieb +Raum und lass uns durch." Valerius, der in jeder Weise Zeit gewinnen +wollte, sprach: "Wer bist du und wer sendet dich?" - "Ich heisse Johannes: +die Feinde Justinians nennen mich "den blutigen": und ich fuehre die +leichten Reiter Belisars. Alles Land von Regium bis hierher hat uns mit +Jubel aufgenommen: hier ist das erste Hemmnis; laengst waeren wir weiter, +haett' uns nicht ein Hund von einem Goten in den dicksten Sumpf gefuehrt, +drin je ein guter Gaul versank. Koestliche Zeit ging uns verloren. Halt' +uns nicht auf! Leben und Habe ist dir gesichert, und reicher Lohn, wenn du +uns fuehren willst. Eile ist der Sieg. Die Feinde sind betaeubt: sie duerfen +sich nicht besinnen, bis wir vor Neapolis stehen, ja vor Rom. "Johannes," +sprach Belisar zu mir, "da ich's dem Sturmwind nicht befehlen kann, vor +mir her durch dieses Land zu fegen, befehl ich's dir." Also fort und lasst +uns durch -." Und er spornte sein Pferd. + +"Sag Belisar, solange Cnejus Valerius lebt, soll er keinen Fuss breit +vorwaerts in Italien. Zurueck, ihr Raeuber!" - "Verrueckter Mensch! du haeltst +es mit den Goten gegen uns?" - "Mit der Hoelle -, wenn gegen euch." + +Der Fuehrer warf nochmals pruefende Blicke nach rechts und links: "Hoere," +sprach er, "du kannst uns hier wirklich eine Weile aufhalten. Nicht lang. +Weichst du, so sollst du leben. Weichst du nicht, so lass ich dich erst +schinden und dann pfaehlen!" Und er hob die Fackel, nach einer Bloesse +spaehend. + +"Zurueck," rief Valerius. "Schiess', Freund!" Und eine Sehne klirrte und ein +Pfeil schlug an den Helm des Reiters. "Warte!" rief dieser und spornte +sein Tier zurueck. "Absitzen," befahl er, "alle Mann!" Aber die Hunnen +trennten sich nicht gern von ihren Rossen. "Wie, Herr? absitzen?" fragte +einer der naechsten. Da schlug ihm Johannes mit der Faust ins Gesicht. Der +Mann ruehrte sich nicht. "Absitzen!" donnerte er noch mal; "wollt ihr zu +Pferde in das Mauseloch schluepfen?" Und er selbst schwang sich aus dem +Sattel: "Sechs steigen auf die Baeume und schiessen von oben. Sechs legen +sich auf die Erde, kriechen an den Seiten der Strasse vor und schiessen im +Liegen. Zehn schiessen stehend, auf Brusthoehe. Zehn hueten die Pferde; die +andern zwanzig folgen mir mit dem Speer, sowie die Sehnen geschwirrt. +Vorwaerts." Und er gab die Fackel ab und ergriff eine Lanze. + +Waehrend die Hunnen seinen Befehl vollzogen, musterte Johannes noch einmal +den Pass. "Ergebt euch!" rief er - "Kommt an," riefen die Goten. + +Da winkte Johannes und zwanzig Pfeile schwirrten zugleich. + +Ein Wehschrei und der vorderste Gote zur Rechten fiel: einer der Schuetzen +auf den Baeumen hatte ihn in die Stirn getroffen. Rasch sprang Valerius mit +dem vorgehaltenen Schild an seine Stelle. Er kam gerade recht, den +wuetenden Anprall des anstuermenden Johannes aufzuhalten, der mit der Lanze +in die Luecke rannte. Er fing den Lanzenstoss mit dem Schilde und schlug +nach dem Byzantiner, der nahe vor dem Eingang zurueckprallte, strauchelte +und niederfiel; die Hunnen hinter ihm wichen zurueck. + +Da konnte sich's der Gote neben Valerius nicht versagen, den feindlichen +Fuehrer unschaedlich zu machen: er sprang mit gezuecktem Speer aus dem Engpass +einen Schritt vorwaerts. Aber das hatte Johannes gewollt: blitzschnell +hatte er sich aufgerafft, den ueberraschten Goten von der Strassenwand zur +Rechten des Felsenpasses hinabgestossen, und im selben Augenblick stand er +an der rechten, schildlosen Seite des Valerius, der die wieder +vordringenden Hunnen abwehrte, und stiess diesem mit aller Kraft das lange +Persermesser in die Weichen. + +Valerius brach zusammen: aber es gelang den drei hinter ihm stehenden +Goten, Johannes, der schon in das Innere des Passes gedrungen war, mit +ihren Schildschnaebeln wieder zurueck- und hinauszustossen. Er ging zurueck, +einen neuen Pfeilregen zu befehlen. + +Schweigend deckten die beiden Goten wieder die Muendung, der dritte hielt +den blutenden Valerius in seinen Armen. + +Da stuerzte die Wache von der Rueckseite in den Engpass: "Das Schiff! Herr - +das Schiff! sie sind gelandet: sie fassen uns im Ruecken! Flieht, wir +wollen euch tragen - ein Versteck in den Felsen." - + +"Nein," sprach Valerius, sich aufrichtend, "hier will ich sterben; stemme +mein Schwert gegen die Wand und" - + +Aber da schmetterte von der Rueckseite her laut der Ruf des gotischen +Heerhorns: Fackeln blitzten und eine Schar von dreissig Goten stuermte in +den Pass: Totila an ihrer Spitze: sein erster Blick fiel auf Valerius: "Zu +spaet, zu spaet!" rief er schmerzlich. "Aber folgt mir! Rache! hinaus!" + +Und wuetend brach er mit seinem speeretragenden Fussvolk aus dem Pass. Und +schrecklich war der Zusammenstoss auf der schmalen Strasse zwischen Felsen +und Meer. Die Fackeln erloschen in dem Getuemmel und der anbrechende Morgen +gab nur ein graues Licht. Die Hunnen, obwohl an Zahl den kuehnen Angreifern +ueberlegen, waren durch den ploetzlichen Ausfall voellig ueberrascht: sie +glaubten, ein ganzes Heer der Goten sei im Anmarsch: sie eilten, ihre +Rosse zu gewinnen und zu entfliehen; aber die Goten erreichten mit ihnen +zugleich die Stelle, wo die ledigen Tiere hielten: und in wirrem Knaeuel +stuerzte Mann und Ross die Felsen hinab. + +Umsonst hieb Johannes selbst auf seine fliehenden Leute ein: ihr Schwall +warf ihn zu Boden, er raffte sich wieder auf und sprang den naechsten Goten +an. Aber er kam uebel an: es war Totila, er erkannte ihn. "Verfluchter +Flachskopf," schrie er, "so bist du nicht ersoffen?" + +"Nein, wie du siehst!" rief dieser und schlug ihm das Schwert durch den +Helmkamm und noch ein Stueck in den Schaedel, dass er taumelte. Da war aller +Widerstand zu Ende. Mit knapper Not hoben ihn die naechsten seiner Reiter +auf ein Pferd und jagten mit ihm davon. Der Kampfplatz war geraeumt. + +Totila eilte nach dem Hohlweg zurueck. Er fand Valerius, bleich, mit +geschlossenen Augen, das Haupt auf seinen Schild gelegt. Er warf sich zu +ihm nieder und drueckte die erstarrende Hand an seine Brust. "Valerius," +rief er, "Vater! scheide nicht! scheide nicht so von uns. Noch ein Wort +des Abschieds." Der Sterbende schlug matt die Augen auf. + +"Wo sind sie?" fragte er. "Geschlagen und geflohn." - "Ah, Sieg!" atmete +Valerius auf; "ich darf im Siege sterben. Und Valeria - mein Kind - sie +ist gerettet?" + +"Sie ist es. Aus dem Seegefecht, aus dem Meer entkommen, eilte ich +hierher, Neapolis zu warnen, euch zu retten. Nahe der Strasse, zwischen +deinem Hause und Neapolis, war ich gelandet; dort traf ich sie und erfuhr +deine Gefahr; eins meiner Schiffsboote nahm sie auf und fuehrt sie nach +Neapolis: mit dem andern eilte ich hierher dich zu retten - ach nur zu +raechen!" Und er senkte das Haupt auf des Sterbenden Brust. + +"Klage nicht um mich, ich sterbe im Sieg! Und dir, mein Sohn, dir, dank' +ich es." Und wohlgefaellig streichelte er die langen Locken des Juenglings. +"Und auch Valerias Rettung. O dir, dir, ich hoffe es, auch Italiens +Rettung. Du bist der Held, auch dieses Land zu retten, - trotz Belisar und +Narses. Du kannst es, - du wirst es - und dein Lohn sei mein geliebtes +Kind." - "Valerius! Mein Vater!" - "Sie sei dein! Aber schwoere mir's," - +und er richtete sich empor mit letzter Kraft und sah ihm scharf ins Auge - +"schwoere mir's beim Genius Valeria's: nicht eher wird sie dein, als bis +Italien frei ist und keine Scholle seines heiligen Bodens mehr einen +Byzantiner traegt." + +"Ich schwoer' es dir," rief Totila, begeistert seine Rechte fassend, "ich +schwoer's beim Genius Valerias!" + +"Dank, dank, mein Sohn; nun mag ich getrost sterben: - gruesse sie und sage +ihr: dir hab' ich sie empfohlen und anvertraut: sie - und Italien." Und er +legte das Haupt zurueck auf seinen Schild und kreuzte die Arme ueber der +Brust - und war tot. + +Lange hielt Totila schweigend die Hand auf seiner Brust. + +Ein blendendes Licht weckte ihn ploetzlich aus seinem Traeumen: es war die +Morgensonne, deren goldne Scheibe praechtig ueber den Kamm des Felsgebirges +emportauchte: er stand auf und sah dem steigenden Gestirn entgegen. Die +Fluten glitzerten in hellem Widerschein und ein Schimmer flog ueber alles +Land. + +"Beim Genius Valerias!" wiederholte er leise mit innigster Empfindung und +hob die Hand zum Schwur dem Morgenlicht entgegen. Wie der Tote fand er +Kraft und Trost und Begeisterung in seinem schweren Geluebde: die hohe +Pflicht erhob ihn. Gekraeftigt wandte er sich zurueck und befahl, die Leiche +auf sein Schiff zu tragen, um sie nach dem Grabmal der Valerier in +Neapolis zu fuehren. + + + + + Elftes Kapitel. + + +Waehrend dieser drohenden Ereignisse waren wohl freilich auch die Goten +nicht voellig muessig geblieben. Doch waren alle Massregeln kraftvoller Abwehr +gelaehmt, ja absichtlich vereitelt durch den feigen Verrat ihres Koenigs. + +Theodahad hatte sich von seiner Bestuerzung ueber die Kriegserklaerung des +byzantinischen Gesandten alsbald wieder erholt, da er sich nicht von der +Ueberzeugung trennen konnte und wollte, sie sei doch im Grunde nur erfolgt, +um den Schein zu wahren und die Ehre des Kaiserhofes zu decken. Er hatte +ja Petros nicht mehr allein gesprochen: und dieser musste doch vor Goten +und Roemern einen Vorwand haben, Belisar in Italien erscheinen zu lassen. +Das Auftreten dieses Mannes war ja das laengst verabredete Mittel zur +Durchfuehrung der geheimen Plaene. Den Gedanken, Krieg fuehren zu sollen, - +von allen ihm der unertraeglichste! - wusste er sich dadurch fern zu halten, +dass er weislich ueberlegte, zum Kriegfuehren gehoeren zwei. "Wenn ich mich +nicht verteidige," dachte er, "ist der Angriff bald vorueber. Belisar mag +kommen: - ich will nach Kraeften dafuer sorgen, dass er auf keinen Widerstand +stoesst, der des Kaisers Stimmung gegen mich nur verschlimmern koennte. +Berichtet der Feldherr im Gegenteil nach Byzanz, dass ich seine Erfolge in +jeder Weise befoerdert, so wird Justinian nicht anstehn, den alten Vertrag +ganz oder doch zum groessten Teil zu erfuellen." + +In diesem Sinne handelte er, berief alle Streitkraefte der Goten zu Land +und zur See aus Unteritalien, wo er die Landung Belisars erwartete, +hinweg, und schickte sie massenhaft an die Ostgrenze des Reiches nach +Liburnien, Dalmatien, Istrien und gen Westen nach Suedgallien, indem er, +gestuetzt auf die Thatsache, dass Byzanz eine kleine Truppenabteilung nach +Dalmatien gegen Salona gesendet und mit den Frankenkoenigen Gesandte +gewechselt hatte, vorgab, der Hauptangriff sei von den Byzantinern zu +Lande, in Istrien, und von den mit ihnen verbuendeten Franken am Rhodanus +und Padus zu befahren. + +Die Scheinbewegungen Belisars unterstuetzten diesen Glauben: und so geschah +das Unerhoerte, dass die Heerscharen der Goten, die Schiffe, die Waffen, die +Kriegsvorraete in grossen Massen in aller Eile gerade vor dem Angriff +hinweggefuehrt, dass Unteritalien bis Rom, ja alles Land bis Ravenna +entbloesst und alle Verteidigungsmassregeln in den Gegenden vernachlaessigt +wurden, auf die alsbald die ersten Schlaege der Feinde fallen sollten. + +An dem Dravus, Rhodanus und Padus wimmelte es von gotischen Waffen und +Segeln, waehrend bei Sicilien, wie wir sahen, sogar die noetigsten Boote zum +Wachtdienst fehlten. + +Auch das ungestueme Draengen der gotischen Patrioten besserte daran nicht +viel. Witichis und Hildebad hatte sich der Koenig aus der Naehe geschafft, +indem er sie mit Truppen und Auftraegen nach Istrien und nach Gallien +entsandte: und dem argwoehnischen Teja leistete der alte Hildebrand, der +nicht ganz den Glauben an den letzten der Amaler aufgeben wollte, zaehen +Widerstand. + +Am meisten aber ward Theodahad gekraeftigt, als ihm seine entschlossene +Koenigin zurueckgegeben wurde. Witichis war alsbald nach der Kriegserklaerung +der Byzantiner mit einer gotischen Schar vor die Burg von Feretri gezogen, +wo Gothelindis mit ihren pannonischen Soeldnern Zuflucht gesucht, und hatte +sie bewogen, sich freiwillig wieder in Ravenna einzufinden, unter +Verbuergung fuer ihre Sicherheit, bis in der bevorstehenden grossen Volks- +und Heeresversammlung bei Rom ihre Sache nach allen Formen des Rechts +untersucht und entschieden werde. Diese Bedingungen waren beiden Parteien +genehm: denn den gotischen Patrioten musste alles daran gelegen sein, +jetzt, bei dem Ausbruch des schweren Krieges, nicht durch Parteiung in der +Oberleitung gespalten zu sein. + +Und wenn der gerade Gerechtigkeitssinn des Grafen Witichis wider jede +Anklage das Recht voller Verteidigung gewahrt wissen wollte, so sah auch +Teja ein, dass, nachdem der Feind die schwere Beschuldigung des +Koenigsmordes auf das ganze Volk der Goten geschleudert, nur ein strenges +und feierliches Verfahren in allen Formen, nicht eine stuermische +Volksjustiz auf blinden Argwohn hin, die Volksehre wahren koenne. + +Gothelindis aber blickte jenem Verfahren mit kuehner Stirn entgegen: +mochten die Stimmen innerer Ueberzeugung auch gegen sie sprechen, sie +glaubte ganz sicher zu sein, dass sich ein genuegender Beweis ihrer That +nicht erbringen lasse. - Hatte doch nur ihr Auge das Ende der Feindin +gesehen. - Und sie wusste wohl, dass man sie ohne volle Ueberfuehrung nicht +strafen werde. + +So folgte sie willig nach Ravenna, floesste dem zagen Herzen ihres Gatten +neuen Mut ein und hoffte, war nur der Gerichtstag ueberstanden, alsbald im +Lager Belisars und am Hofe von Byzanz Ruhe von allen weitern Anfechtungen +zu finden. Die Zuversicht des Koenigspaares ueber den Ausgang jenes Tages +wurde nun noch dadurch erhoeht, dass die Ruestungen der Franken ihnen den +Vorwand gegeben hatten, ausser Witichis und Hildebad auch noch den +gefaehrlichen Grafen Teja mit einer dritten Heerschar in den Nordwesten der +Halbinsel zu entsenden: - mit ihm zogen viele Tausende gerade der +eifrigsten Anhaenger der Gotenpartei, - so dass an dem Tag bei Rom eine von +ihren Gegnern nicht allzuzahlreich besuchte Versammlung sich einfinden +wuerde. - Und unablaessig waren sie thaetig, sowohl ihre persoenlichen +Anhaenger als alte Gegner Amalaswinthens, die maechtige Sippe der Balten in +ihren weitverbreiteten Zweigen, in moeglichst grosser Anzahl zur +Entscheidung jenes Tages heranzuziehen. So hatte das Koenigspaar Ruhe und +Zuversicht gewonnen. Und Theodahad war von Gothelindis bewogen worden, +selbst als Vertreter seiner Gemahlin gegen jede Anklage unter den Goten zu +erscheinen, um durch solchen Mut und den Glanz des koeniglichen Ansehens +vielleicht von vornherein alle Widersacher einzuschuechtern. + +Umgeben von ihren Anhaengern und einer kleinen Leibwache verliessen +Theodahad und Gothelindis Ravenna und eilten nach Rom, wo sie mehrere Tage +vor dem fuer die Versammlung anberaumten Termin eintrafen und in dem alten +Kaiserpalast abstiegen. + +Nicht unmittelbar vor den Mauern, sondern in der Naehe Roms, auf einem +freien offnen Felde, Regeta genannt, zwischen Anagni und Terracina, sollte +die Versammlung gehalten werden. Frueh am Morgen des Tages, da sich +Theodahad allein auf die Reise dorthin aufmachen wollte und von +Gothelindis Abschied nahm, liess sich ein unerwarteter und unwillkommener +Name melden: Cethegus, der waehrend ihres mehrtaegigen Aufenthalts in der +Stadt nicht erschienen: er war vollauf mit der Vollendung der +Befestigungen beschaeftigt. + +Als er eintrat, rief Gothelindis entsetzt ueber seinen Ausdruck: "Um Gott, +Cethegus! welch ein Unheil bringst du?" + +Aber der Praefekt furchte nur einen Augenblick die Stirn bei ihrem Anblick, +dann sprach er ruhig: "Unheil? fuer den, den's trifft. Ich komme aus einer +Versammlung meiner Freunde, wo ich zuerst erfuhr, was bald ganz Rom wissen +wird: Belisar ist gelandet." + +"Endlich," rief Theodahad. - Und auch die Koenigin konnte eine Miene des +Triumphs nicht verbergen. + +"Frohlockt nicht zu frueh! Es kann euch reuen. Ich komme nicht, +Rechenschaft von euch und eurem Freunde Petros zu verlangen: wer mit +Verraetern handelt, muss sich aufs Luegen gefasst machen. Ich komme nur, um +euch zu sagen, dass ihr jetzt ganz gewiss verloren seid." + +"Verloren?" - "Gerettet sind wir jetzt!" + +"Nein, Koenigin. Belisar hat bei der Landung ein Manifest erlassen: er +sagt, er komme, die Moerder Amalaswinthens zu strafen; ein hoher Preis und +seine Gnade ist denen zugesichert, die euch lebend oder tot einliefern." + +Theodahad erbleichte. "Unmoeglich!" rief Gothelindis. + +"Die Goten aber werden bald erfahren, wessen Verrat den Feind ohne +Widerstand ins Land gelassen. + +Mehr noch. Ich habe von der Stadt Rom den Auftrag, in dieser stuermischen +Zeit als Praefekt ihr Wohl zu wahren. Ich werde euch im Namen Roms +ergreifen und Belisar uebergeben lassen." + +"Das wagst du nicht!" rief Gothelindis nach dem Dolche greifend. + +"Still, Gothelindis, hier gilt es nicht, hilflose Frauen im Bad ermorden. +Ich lasse euch aber entkommen - was liegt mir an eurem Leben oder Sterben! +- gegen einen billigen Preis." + +"Ich gewaehre jeden!" stammelte Theodahad. + +"Du lieferst mir die Urkunden aus deiner Vertraege mit Silverius: - +schweig! luege nicht! ich weiss, ihr habt lang und geheim verhandelt. Du +hast wieder einmal einen huebschen Handel mit Land und Leuten getrieben! +Mich luestet nach dem Kaufbrief." + +"Der Kauf ist jetzt eitel! die Urkunden ohne Kraft! Nimm sie! sie liegen +verwahrt in der Basilika des heiligen Martinus, in dem Sarkophag, links in +der Krypta!" Seine Furcht zeigte, dass er wahr sprach. + +"Es ist gut," sagte Cethegus. "Alle Ausgaenge des Palastes sind von meinen +Legionaeren besetzt. Erst erhebe ich die Urkunden. Fand ich sie am +bezeichneten Ort, so werd' ich Befehl geben, euch zu entlassen. Wollt ihr +dann entfliehn, so geht an die Pforte Marc Aurels und nennt meinen Namen +dem Kriegstribun der Wache, Piso. Er wird euch ziehen lassen." Und er +ging, das Paar ratlosen Aengsten ueberlassend. + +"Was thun?" fragte Gothelindis mehr sich selbst als ihren Gemahl. "Weichen +oder trotzen?" - "Was thun?!" wiederholte Theodahad unwillig. "Trotzen? +das heisst bleiben? Unsinn! fort von hier sobald als moeglich; kein Heil als +die Flucht!" - "Wohin willst du fliehn?" - "Nach Ravenna zunaechst - das +ist fest! Dort erheb' ich den Koenigsschatz. Von da, wenn es sein muss, zu +den Franken. Schade, schade, dass ich die hier verborgnen Gelder preisgeben +muss. Die vielen Millionen Solidi!" - "Hier? auch hier," fragte Gothelindis +aufmerksam "in Rom hast du Schaetze geborgen. Wo? und sicher?" - "Ach, +allzusicher! In den Katakomben! Ich selber wuerde Stunden brauchen, sie +alle aufzufinden in jenen finstern Labyrinthen. Und die Minuten sind jetzt +Leben oder Tod. Und das Leben geht doch noch ueber die Solidi! Folge mir, +Gothelindis. Damit wir keinen Augenblick verlieren; ich eile an die Pforte +Marc Aurels." + +Und er verliess das Gemach. Aber Gothelindis blieb ueberlegend stehn. Ein +Gedanke, ein Plan hatte sie bei seinen Worten erfasst: sie erwog die +Moeglichkeit des Widerstands. + +Ihr Stolz ertrug es nicht, der Herrschaft zu entsagen. "Gold ist Macht," +sprach sie zu sich selber, "und nur Macht ist Leben." Ihr Entschluss stand +fest. Sie gedachte der kappadokischen Soeldner, die des Koenigs Geiz aus +seinem Dienst verscheucht hatte; sie harrten noch herrenlos in Rom, der +Einschiffung gewaertig. Sie hoerte Theodahad hastig die Treppe hinunter +steigen und nach seiner Saenfte rufen. "Ja, fluechte nur, du Erbaermlicher!" +sprach sie, "ich bleibe." + + + + + Zwoelftes Kapitel. + + +Herrlich tauchte am naechsten Morgen die Sonne aus dem Meer: und ihre +Strahlen glitzerten auf den blanken Waffen von vielen tausend +Gotenkriegern, die das weite Blachfeld von Regeta belebten. + +Aus allen Provinzen des weiten Reiches waren die Scharen herbeigeeilt, +gruppenweise, sippenweise, oft mit Weib und Kind, sich bei der grossen +Musterung, die alljaehrlich im Herbste gehalten wurde, einzufinden. + +Eine solche Volksversammlung war das schoenste Fest und der edelste Ernst +der Nation zugleich: urspruenglich, in der heidnischen Zeit, war ihr +Mittelpunkt das grosse Opferfest gewesen, das alljaehrlich zweimal, an der +Winter- und Sommer-Sonnenwende, alle Geschlechter des Volkes zur Verehrung +der gemeinsamen Goetter vereinte: daran schlossen sich dann Markt- und +Tausch-Verkehr, Waffenspiele und Heeresmusterung: die Versammlung hatte +zugleich die hoechste Gerichtsgewalt und die letzte Entscheidung ueber Krieg +und Frieden und die Verhaeltnisse zu andern Staaten. + +Und noch immer, auch in dem christlichen Gotenstaat, in welchem der Koenig +so manches Recht, das sonst dem Volke zukam, erworben, hatte die +Volksversammlung eine hoechst feierliche Weihe, wenn auch deren alte +heidnische Bedeutung vergessen war: und die Reste der alten Volksfreiheit, +die selbst der gewaltige Theoderich nicht angetastet, lebten unter seinen +schwaechern Nachfolgern kraeftiger wieder auf. + +Noch immer hatte die Gesamtheit der freien Goten das Urteil zu finden, die +Strafe zu verhaengen, wenn auch der Graf des Koenigs in dessen Namen das +Gericht leitete und das Urteil vollzog. Und oft schon hatten germanische +Voelker selbst ihre Koenige wegen Verrates, Mordes und andrer schwerer +Frevel vor offner Volksversammlung angeklagt, gerichtet und getoetet. In +dem stolzen Bewusstsein, sein eigner Herr zu sein und niemand, auch dem +Koenig nicht, ueber das Mass der Freiheit hinaus zu dienen, zog der Germane +in allen seinen Waffen zu dem "Ding" wo er sich im Verband mit seinen +Genossen sicher und stark fuehlte und seine und seines Volkes Freiheit, +Kraft und Ehre in lebendigen Bildern und Thaten vor Augen sah. + +Zur diesmaligen Versammlung aber zog es die Goten mit besonders starken +Gruenden. Der Krieg mit Byzanz war zu erwarten oder schon ausgebrochen, als +die Ladung nach Regeta erging: das Volk freute sich auf den Kampf mit dem +verhassten Feind und freute sich, zuvor seine Heeresmacht zu mustern: +diesmal ganz besonders sollte die Volksversammlung zugleich Heerschau +sein. Dazu kam, dass wenigstens in den naechsten Landschaften den meisten +Goten bekannt wurde, dort zu Regeta sollte Gericht gehalten werden ueber +die Moerder der Tochter Theoderichs: die grosse Aufregung, die diese That +erweckt hatte, musste ebenfalls maechtig nach Regeta ziehn. + +Waehrend ein Teil der Herbeigewanderten in den naechsten Doerfern bei +Freunden und Verwandten eingesprochen, hatten sich grosse Scharen schon +einige Tage vor der feierlichen Eroeffnung auf dem weiten Blachfeld selbst, +zweihundertachtzig Stadien (gegen sechsunddreissig roemische Meilen zu +tausend Schritt) von Rom, unter leichten Zelten und Huetten oder auch unter +dem milden freien Himmel gelagert. Diese waren mit den fruehsten Stunden +des Versammlungstages schon in brausender Bewegung und nuetzten die geraume +Zeit, da sie die alleinigen Herrn des Platzes waren, zu allerlei Spiel und +Kurzweil. + +Die einen schwammen und badeten in den klaren Fluten des raschen Flusses +Ufens (oder "Decemnovius", weil er nach neunzehn roemischen Meilen bei +Terracina in das Meer muendet), der die weite Ebene durchschnitt. Andere +zeigten ihre Kunst, ueber ganze Reihen von vorgehaltenen Speeren +hinwegzusetzen oder, fast unbekleidet, unter den im Taktschlag +geschwungenen Schwertern zu tanzen, indes die Raschfuessigsten, angeklammert +an die Maehnen ihrer Rosse, mit deren schnellstem Lauf gleichen Schritt +hielten und, am Ziele angelangt, mit sichrem Sprung sich auf den +sattellosen Ruecken schwangen. + +"Schade," rief der junge Gudila, der bei diesem Wettlauf zuerst an das +Ziel gelangt war und sich jetzt die gelben Locken aus der Stirne strich, +"schade, dass Totila nicht zugegen! Er ist der beste Reiter im Volk und hat +mich noch immer besiegt; aber jetzt, mit dem Rappen, nehm' ich's mit ihm +auf." - "Ich bin froh, dass er nicht da ist," lachte Gunthamund, der als +der zweite herangesprengt war, "sonst haette ich gestern schwerlich den +ersten Preis im Lanzenwurf davongetragen." - "Ja," sprach Hilderich, ein +stattlicher junger Krieger in klirrendem Ringpanzer, "Totila ist gut mit +der Lanze. Aber sichrer noch wirft der schwarze Teja: der nennt dir die +Rippe vorher, die er treffen wird." - "Bah," brummte Hunibad, ein aelterer +Mann, der dem Treiben der Juenglinge pruefend zugesehn, "das ist doch all' +nur Spielerei. Im blutigen Ernste frommt dem Mann zuletzt doch nur das +Schwert: wann dir der Tod von allen Seiten so dicht auf den Leib rueckt, +dass du nicht mehr ausholen kannst zum Wurf. Und da lob' ich mir den Grafen +Witichis von Faesulae! + +Das ist mein Mann! War das ein Schaedelspalten, im Gepidenkrieg! Durch +Stahl und Leder schlug der Mann als waer' es trocken Stroh. Der kann's noch +besser als mein eigner Herzog, Guntharis, der Woelsung, in Florentia. Doch +was wisst ihr davon, ihr Knaben. - Seht, da steigen die fruehesten +Ankoemmlinge von den Huegeln nieder: auf! ihnen entgegen!" + +Und aus allen Wegen stroemte jetzt das Volk heran: zu Fuss, zu Ross und zu +Wagen. Ein brausendes, wogendes Leben erfuellte mehr und mehr das +Blachfeld. An den Ufern des Flusses, wo die meisten Zelte standen, wurden +die Rosse abgezaeumt, die Gespanne zu einer Wagenburg zusammengeschoben und +durch die Lagergassen hin flutete nun die stuendlich wachsende Menge. + +Da suchten und fanden und begruessten sich Freunde und Waffenbrueder, die +sich seit Jahren nicht gesehn. Es war ein buntgemischtes Bild: die alte +germanische Gleichartigkeit war in diesem Reiche lang geschwunden. Da +stand neben dem vornehmen Edeln, der sich in einer der reichen Staedte +Italiens niedergelassen, in den Palaesten senatorischer Geschlechter wohnte +und die feinere und ueppigere Sitte der Welschen angenommen hatte, neben +dem Herzog oder Grafen aus Mediolanum oder Ticinum, der ueber dem +reichvergoldeten Panzer das Wehrgehaenge von Purpurseide trug, neben einem +solchen zieren Herrn ragte wohl ein rauher, riesiger Gotenbauer, der in +den tiefen Eichwaeldern am Margus in Moesien hauste oder der in dem Tann am +rauschenden Oenus dem Wolf die zottige Schur abgerungen hatte, die er um +die maechtigen Schultern schlug, und dessen rauher erhaltne Sprache +befremdlich an das Ohr der halbromanisierten Genossen schlug. Und wieder +friedliche Schafhirten aus Dakien, die, ohne Acker und ohne Haus, mit +ihren Herden von Weide zu Weide wanderten, ganz in derselben Weise noch, +welche die Ahnen vor tausend Jahren aus Asien heruebergefuehrt hatte. Da war +ein reicher Gote, der in Ravenna oder Rom eines roemischen Geldwechslers +Kind geheiratet und bald Handel und Verkehr gleich seinem roemischen +Schwager zu treiben und seinen Gewinn nach Tausenden zu berechnen gelernt +hatte. Und daneben stand ein armer Senne, der an dem brausenden Isarkus +die magern Ziegen auf die magre Weide trieb, und dicht neben der Hoehle des +Baeren seine Bretterhuette errichtet hatte. + +So verschieden war den Tausenden, die sich hier zusammenfanden, das Los +gefallen, seit ihre Vaeter dem Ruf des grossen Theoderich nach Westen +gefolgt waren, hinweg aus den Thaelern des Haemus. + +Aber doch fuehlten sie sich als Brueder, als Soehne Eines Volkes: dieselbe +stolzklingende Sprache redeten sie, dieselben Goldlocken, dieselbe +schneeweisse Haut, dieselben hellen blitzenden Augen und - vor allem - das +gleiche Gefuehl in jeder Brust: als Sieger stehen wir auf dem Boden, den +unsre Vaeter dem roemischen Weltreich abgetrotzt, und den wir decken wollen, +lebendig oder tot. + +Wie ein ungeheurer Bienenschwarm wogten und rauschten die Tausende +durcheinander, die sich hier begruessten, alte Bekanntschaften aufsuchten +und neue schlossen und das wirre Getreibe schien nimmer enden zu wollen +und zu koennen. + +Aber ploetzlich toenten von dem Kamm der Huegel her eigentuemliche, feierlich +gezogene Toene des gotischen Heerhorns: und augenblicklich legte sich das +Gesumme der brausenden Stimmen. Aufmerksam wandten sich aller Augen nach +der Richtung der Huegel, von denen ein geschlossener Zug ehrwuerdiger Greise +nahte. Es war ein halbes Hundert von Maennern in weissen, wallenden Maenteln, +die Haeupter eichenbekraenzt, weisse Staebe und altertuemlich geformte +Steinbeile fuehrend: die Sajonen und Fronwaerter des Gerichts, welche die +feierlichen Formen der Eroeffnung, Hegung und Aufhebung des Dings zu +vollziehen hatten. + +Angelangt in der Ebene begruessten sie mit dreifachem, langgezogenem Hornruf +die Versammlung der freien Heermaenner, die, nach feierlicher Stille, mit +klirrenden Waffen laermend antworteten. + +Alsbald begannen die Bannboten ihr Werk. Sie teilten sich nach rechts und +links und umzogen mit Schnueren von roter Wolle, die alle zwanzig Schritt +um einen Haselstab, den sie in die Erde stiessen, geschlungen wurden, die +ganze weite Ebene, und begleiteten diese Handlung mit uralten Liedern und +Spruechen. + +Genau gegen Aufgang und Mittag wurden die Wollschnuere auf mannshohe +Lanzenschaefte gespannt, so dass sie die zwei Thore der nun voellig +umfriedeten Dingstaette bildeten, an denen die Fronboten mit gezueckten +Beilen Wache hielten, alle Unfreien, alle Volksfremden und alle Weiber +fern zu halten. + +Als diese Arbeit vollendet war, traten die beiden Aeltesten unter die +Speerthore und riefen mit lauter Stimme: + + "Gehegt ist der Hag + Altgotischer Art: + Nun beginnen mit Gott + Mag gerechtes Gericht." + +Auf die hiernach eingetretne Stille folgte unter der versammelten Menge +ein anfangs leises, dann lauter toenendes und endlich fast betaeubendes +Getoese von fragenden, streitenden, zweifelnden Stimmen. + +Es war naemlich schon bei dem Zug der Sajonen aufgefallen, dass er nicht, +wie gewoehnlich, von dem Grafen gefuehrt war, der im Namen und Bann des +Koenigs das Gericht abzuhalten und zu leiten pflegte. Doch hatte man +erwartet, dass dieser Vertreter des Koenigs wohl waehrend der Umschnuerung des +Platzes erscheinen werde. Als nun aber diese Arbeit geschehen, und der +Spruch der Alten, der zum Beginn des Gerichts aufforderte, ergangen und +doch immer noch kein Graf, kein Beamter erschienen war, der allein die +Eroeffnungsworte sprechen konnte, ward die Merksamkeit aller auf jene +schwer auszufuellende Luecke gelenkt. Waehrend man nun ueberall nach dem +Grafen, dem Vertreter des Koenigs, fragte und suchte, erinnerte man sich, +dass dieser ja verheissen hatte, in Person vor seinem Volk zu erscheinen, +sich und seine Koenigin gegen die erhobnen schweren Anklagen zu +verteidigen. + +Aber da man jetzt bei des Koenigs Freunden und Anhaengern sich nach ihm +erkundigen wollte, ergab sich die verdaechtige Thatsache, die man bisher, +im Gedraeng der allgemeinen Begruessungen, gar nicht wahrgenommen, dass +naemlich auch nicht Einer der zahlreichen Verwandten, Freunde, Diener des +Koenigshauses, die zur Unterstuetzung der Beschuldigten zu erscheinen Recht, +Pflicht und Interesse hatten, in der Versammlung zugegen war, wiewohl man +sie vor wenigen Tagen zahlreich in den Strassen und in der Umgegend Roms +gesehen hatte. + +Das erregte Befremden und Argwohn: und lange schien es, als ob an dem Laerm +ueber diese Seltsamkeit und an dem Fehlen des Koenigsgrafen der rechtmaessige +Anfang der ganzen Verhandlung scheitern solle. Verschiedene Redner hatten +bereits vergeblich versucht, sich Gehoer zu verschaffen. - + +Da erscholl ploetzlich aus der Mitte der Versammlung ein alles uebertoenender +Klang, dem Kampfruf eines furchtbaren Ungetuemes vergleichbar. Aller Augen +folgten dem Schall: und sahen im Mittelgrund des Platzes, an den Ruecken +einer hohen Steineiche gelehnt, eine hohe ragende Gestalt, die in den +hohlen, vor den Mund gehaltnen Erzschild mit lauter Stimme den gotischen +Schlachtruf ertoenen liess. Als sie den Schild senkte, erkannte man das +maechtige Antlitz des alten Hildebrand, dessen Augen Feuer zu spruehen +schienen. + +Begeisterter Jubel begruesste den greisen Waffenmeister des grossen Koenigs, +den, wie seinen Herrn, Lied und Sage schon bei lebendem Leib zu einer +mythischen Gestalt unter den Goten gemacht hatten. Als sich der Zuruf +gelegt, hob der Alte an: "Gute Goten, meine wackern Maenner. Es ficht euch +an und will euch befremden, dass ihr keinen Grafen seht und Vertreter des +Mannes, der eure Krone traegt. + +Lasst's euch nicht Bedenken machen! Wenn der Koenig meint, damit das Gericht +zu stoeren, so soll er irren. Ich denke noch die alten Zeiten und sage +euch: das Volk kann Recht finden ohne Koenig, und Gericht halten ohne +Koenigsgrafen. Ihr seid alle herangewachsen in neuer Uebung und Sitte, aber +da steht Haduswinth, der Alte, kaum ein paar Winter juenger denn ich: der +wird's mir bezeugen: beim Volk allein ist alle Gewalt: das Gotenvolk ist +frei!" + +"Ja, wir sind frei!" rief ein tausendstimmiger Chor. + +"Wir waehlen uns unsern Dinggrafen selbst, schickt der Koenig den seinen +nicht," rief der graue Haduswinth, "Recht und Gericht war, eh' Koenig war +und Graf. Und wer kennt besser allen Brauch des Rechts als Hildebrand, +Hildungs Sohn? Hildebrand soll unser Dinggraf sein." + +"Ja!" hallte es ringsum wieder, "Hildebrand soll unser Dinggraf sein." + +"Ich bin's durch eure Wahl: und achte mich so gut bestellt, als haette mir +Koenig Theodahad Brief und Pergament darueber ausgestellt. Auch haben meine +Ahnen Gericht gehalten den Goten seit Jahrhunderten. Kommt, Sajonen, helft +mir oeffnen das Gericht." + +Da eilten zwoelf von den Frondienern herzu. Vor der Eiche lagen noch die +Truemmer eines uralten Fanums des Waldgottes Picus: die Sajonen saeuberten +die Stelle, hoben die breitesten der Steine zurecht und lehnten links und +rechts zwei der viereckigen Platten an den Stamm der Eiche, so dass ein +stattlicher Richterstuhl dadurch gebildet ward. Und so hielt, von dem +Altar des altitalischen Wald- und Hirtengottes herab, der Gotengraf +Gericht. + +Andere Sajonen warfen einen blauen weitfaltigen Wollmantel mit breitem, +weissem Kragen ueber Hildebrands Schultern, gaben ihm den oben gekruemmten +Eschenstab in die Hand und hingen links zu seinen Haeupten einen blanken +Stahlschild an die Zweige der Eiche. + +Dann stellten sie sich in zwei Reihen zu seiner Rechten und Linken auf: +der Alte schlug mit dem Stab auf den Schild, dass er hell erklang, dann +setzte er sich, das Antlitz gegen Osten und sprach: "Ich gebiete Stille, +Bann und Frieden! Ich gebiete Recht und verbiete Unrecht, Hastmut und +Scheltwort und Waffenzuecken, und alles, was den Dingfrieden kraenken mag. +Und ich frage hier: ist es an Jahr und Tag, an Weil' und Stunde, an Ort +und Staette, zu halten ein frei Gericht gotischer Maenner?" + +Da traten die naechststehenden Goten heran und sprachen im Chor: "Hier ist +rechter Ort, unter hohem Himmel, unter rauschender Eiche, hier ist rechte +Tageszeit, bei klimmender Sonne, auf schwertgewonnenem gotischem Erdgrund, +zu halten ein frei Gericht gotischer Maenner." + +"Wohlan," fuhr der alte Hildebrand fort, "wir sind versammelt, zu richten +zweierlei Klage: Mordklage wider Gothelindis, die Koenigin, und schwere +Ruege wegen Feigheit und Saumsal in dieser Zeit hoher Gefahr wider +Theodahad, unsern Koenig. Ich frage ... -" + +Da ward seine Rede unterbrochen durch lauten, schallenden Hornruf, der von +Westen her naeher und naeher drang. + + + + + Dreizehntes Kapitel. + + +Erstaunt sahen die Goten um und erblickten einen Zug von Reitern, welche +die Huegel herab gegen die Gerichtsstaette eilten. Die Sonne fiel grell +blendend auf die waffenblitzenden Gestalten, dass sie nicht erkenntlich +waren, obwohl sie in Eile nahten. + +Da richtete sich der alte Hildebrand hoch auf in seinem erhoehten Sitz, +hielt die Hand vor die falkenscharfen Augen und rief sogleich: "Das sind +gotische Waffen! - Die wallende Fahne traegt als Bild die Wage: - das ist +das Hauszeichen des Grafen Witichis! Und dort ist er selbst! An der Spitze +des Zugs. Und an seiner Linken die hohe Gestalt, das ist der starke +Hildebad! Was fuehrt die Feldherrn zurueck? ihre Scharen sollten schon weit +auf dem Weg nach Gallien und Dalmatien sein." + +Ein Brausen von fragenden, staunenden, gruessenden Stimmen erfolgte. + +Indess waren die Reiter heran und sprangen von den dampfenden Rossen. Mit +Jubel empfangen, schritten die Fuehrer, Witichis und Hildebad, durch die +Menge den Huegel heran, bis zu Hildebrands Richterstuhl. + +"Wie?" rief Hildebad noch atemlos, "ihr sitzt hier und haltet Gericht, wie +im tiefsten Frieden: und der Feind, Belisar, ist gelandet!" + +"Wir wissen es," sprach Hildebrand ruhig, "und wollten mit dem Koenig +beraten, wie ihm zu wehren sei." + +"Mit dem Koenig!" lachte Hildebad bitter. + +"Er ist nicht hier," sagte Witichis umblickend, "das verstaerkt unsern +Verdacht. Wir kehrten um, weil wir Grund zu schwerem Argwohn erhielten. +Aber davon spaeter! fahrt fort, wo ihr haltet. Alles nach Recht und +Ordnung! still, Freund!" Und den ungeduldigen Hildebad zurueckdraengend, +stellte er sich bescheiden zur Linken des Richterstuhles in die Reihe der +andern. + +Nachdem es wieder stiller geworden, fuhr der Alte fort: "Gothelindis, +unsre Koenigin, ist verklagt wegen Mordes an Amalaswintha, der Tochter +Theoderichs. Ich frage: sind wir Gericht zu richten solche Klage?" + +Der alte Haduswinth, gestuetzt auf seine lange Keule, trat vor und sprach: +"Rot sind die Schnuere dieser Malstaette. Beim Volksgericht ist das Recht +ueber roten Blutfrevel, ueber warmes Leben und kalten Tod. Wenn's anders +geuebt ward in letzten Zeiten, so war das Gewalt, nicht Recht. Wir sind +Gericht, zu richten solche Klage." + +"In allem Volk," fuhr Hildebrand fort, "geht wider Gothelindis schwerer +Vorwurf: im stillen Herzen verklagen wir alle sie darob. Wer aber will +hier, im offnen Volksgericht, mit lautem Wort, sie dieses Mordes zeihen?" + +"Ich!" sprach eine helle Stimme: und ein schoener, junger Gote, in +glaenzenden Waffen, trat von rechts vor den Richter, die rechte Hand auf +die Brust legend. + +Ein Murmeln des Wohlgefallens drang durch die Reihen: "Er liebt die schoene +Mataswintha!" - "Er ist der Bruder des Herzogs Guntharis von Tuscien, der +Florentia besetzt haelt." - "Er freit um sie!" - "Als Raecher ihrer Mutter +tritt er auf!" + +"Ich, Graf Arahad von Asta, des Aramuth Sohn, aus der Woelsungen +Edelgeschlecht," fuhr der junge Gote mit einem anmutigen Erroeten fort. +"Zwar bin ich nicht versippt mit der Getoeteten: allein die Maenner ihrer +Sippe, Theodahad voran, ihr Vetter und ihr Koenig, erfuellen nicht die +Pflicht der Blutrache; ist er doch selbst des Mordes Helfer und Hehler. + +So klag' ich denn, ein freier unbescholtner Gote edeln Stammes, ein Freund +der unseligen Fuerstin, an Mataswinthens, ihrer Tochter, Statt. Ich klag' +um Mord! Ich klag' auf Blut!" + +Und unter lautem Beifall des Volkes zog der stattliche schoene Juengling das +Schwert und streckte es gerad vor sich auf den Richterstuhl. + +"Und dein Beweis? sag an ... -" + +"Halt, Dinggraf," scholl da eine ernste Stimme. Witichis trat vor, dem +Klaeger entgegen. "Bist du so alt und kennst das Recht so wohl, Meister +Hildebrand, und laesst dich fortreissen von der Menge wildem Drang? Muss ich +dich mahnen, ich, der juengere Mann, an alles Rechtes erstes Gebot? Den +Klaeger hoer' ich, die Beklagte nicht." + +"Kein Weib kann stehen in der Goten Ding," sprach Hildebrand ruhig. + +"Ich weiss: doch wo ist Theodahad, ihr Gemahl und Mundwalt, sie zu +vertreten?" + +"Er ist nicht erschienen." + +"Ist er geladen?" + +"Er ist geladen! Auf meinen Eid und den dieser Boten," sprach Arahad: +"tretet vor, Sajonen." Zwei der Fronwaerter traten vor und ruehrten mit +ihren Staeben an den Richterstuhl. + +"Nun," sprach Witichis weiter, "man soll nicht sagen, dass im Volk der +Goten ein Weib ungehoert, unverteidigt verurteilt werde; wie schwer sie +auch verhasst sei, - sie hat ein Recht auf Rechtsgehoer und Rechtsschutz. +Ich will ihr Mundwalt und ihr Fuersprecher sein." + +Und er trat ruhig dem jugendlichen Anklaeger entgegen, gleich ihm das +Schwert ziehend. + +Eine Pause der ehrenden Bewunderung trat ein. "So leugnest du die That?" +fragte der Richter. "Ich sage: sie ist nicht erwiesen!" - "Erweise sie!" +sprach der Richter zu Arahad gewendet. + +Dieser, nicht vorbereitet auf ein foermliches Verfahren und nicht gefasst +auf einen Widersacher von Witichis' grossem Gewicht und kraeftiger Ruhe, +ward etwas verwirrt. "Erweisen?" rief er ungeduldig. "Was braucht's noch +Erweis? Du, ich, alle Goten wissen, dass Gothelindis die Fuerstin lang und +toedlich hasste. Die Fuerstin verschwindet aus Ravenna: gleichzeitig die +Moerderin: ihr Opfer koemmt in einem Hause Gothelindens wieder zum Vorschein +- tot: die Moerderin aber flieht auf ein festes Schloss. Was braucht's da +noch Erweis?" + +Und ungeduldig sah er auf die Goten rings umher. + +"Und darauf hin klagst du auf Mord im offnen Ding?" sprach Witichis ruhig. +"Wahrlich der Tag sei fern vom Gotenvolk, da man nach solchem Anschein +Urteil spricht. Gerechtigkeit, ihr Maenner, ist Licht und Luft! Weh, weh +dem Volk, das seinen Hass zu seinem Recht erhebt. Ich selber hasse dieses +Weib und ihren Gatten: aber wo ich hasse, bin ich doppelt streng mit mir." + +Und so edel und so schlicht sprach er dies Wort, dass aller Goten Herzen +dem treuen Manne zuschlugen. + +"Wo sind die Beweise?" fragte nun Hildebrand. "Hast du handhafte That? +hast du blickenden Schein? hast du gichtigen Mund? hast du echten Eid? +heischest du der Verklagten Unschuldseid?" + +"Beweis!" wiederholte Arahad zornig. "Ich habe keinen als meines Herzens +festen Glauben." + +"Dann," sprach Hildebrand - + +Doch in diesem Augenblick bahnte sich ein Sajo vom Thore her den Weg zu +ihm und sprach: "Roemische Maenner stehen am Eingang. Sie bitten um Gehoer: +sie wissen, sagen sie, alles um der Fuerstin Tod." + +"Ich fordre, dass man sie hoere," rief Arahad eifrig, "nicht als Klaeger, als +Zeugen des Klaegers." + +Hildebrand winkte und der Sajo eilte, die Gemeldeten durch die neugierige +Menge heraufzufuehren. Voran schritt ein von Jahren gebeugter Mann in +haerener Kutte, den Strick um die Lenden: die Kapuze seines Ueberwurfs +machte seine Zuege unkenntlich: zwei Maenner in Sklaventracht folgten. +Fragende Blicke ruhten auf der Gestalt des Greises, dessen Erscheinung bei +aller Einfachheit, ja Armut, von seltner Wuerde geadelt war. + +Als er angelangt war vor dem Richterstuhl Hildebrands, sah ihm Arahad +dicht ins Antlitz und trat mit Staunen rasch zurueck. + +"Wer ist es," fragte der Richter, "den du zum Zeugen stellest deines +Wortes? Ein unbekannter Fremdling?" - "Nein," rief Arahad und schlug des +Zeugen Mantel zurueck, "ein Name, den ihr alle kennt und ehrt: Marcus +Aurelius Cassiodorus." + +Ein Ruf allgemeinen Staunens flog ueber die Dingstaette. + +"So hiess ich," sprach der Zeuge, "in den Tagen meines weltlichen Lebens: +jetzt nur Bruder Marcus." Und eine hohe Weihe lag in seinen Zuegen: - die +Weihe der Entsagung. + +"Nun, Bruder Marcus," forschte Hildebrand, "was hast du uns zu melden vom +Tode Amalaswinthens? Sag' uns die volle Wahrheit und nur die Wahrheit." + +"Die werd' ich sagen. Vor allem wisst: nicht Streben nach menschlicher +Vergeltung fuehrt mich her: nicht den Mord zu raechen bin ich gekommen: - +die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr! - Nein, den +letzten Auftrag der Unseligen, der Tochter meines grossen Koenigs, zu +erfuellen, bin ich da." Und er zog eine Papyrusrolle aus dem Gewande. "Kurz +vor ihrer Flucht aus Ravenna richtete sie diese Zeilen an mich, die ich, +als ihr Vermaechtnis an das Volk der Goten, mitzuteilen habe: "Den Dank +einer zerknirschten Seele fuer deine Freundschaft. Mehr noch als die +Hoffnung der Rettung labt das Gefuehl unverlorner Treue. Ja, ich eile auf +deine Villa im Bolsener See: fuehrt doch der Weg von da nach Rom, nach +Regeta, wo ich vor meinen Goten all' meine Schuld aufdecken und auch buessen +will. Ich will sterben, wenn es sein muss: aber nicht durch die tueckische +Hand meiner Feinde: nein, durch den Richterspruch meines Volkes, das ich +Verblendete ins Verderben gefuehrt. Ich habe den Tod verdient: nicht nur um +des Blutes willen der drei Herzoge, die, alle sollen es erfahren, durch +mich starben: mehr noch um des Wahnes willen, mit dem ich mein Volk +zurueckgesetzt um Byzanz. Gelange ich lebend nach Regeta, so will ich +warnen und mahnen mit der letzten Kraft meines Lebens: fuerchtet Byzanz! +Byzanz ist falsch wie die Hoelle und ist kein Friede denkbar zwischen ihm +und uns. + +Aber warnen will ich auch vor dem Feind im Innern. + +Koenig Theodahad spinnt Verrat: er hat an Petros, den Gesandten von Byzanz, +Italien und die Gotenkrone verkauft: er hat gethan, was ich dem Griechen +weigerte. Seht euch vor, seid stark und einig. Koennt' ich sterbend suehnen, +was ich lebend gefehlt."" + +In tiefer Stille hatte das Volk die Worte vernommen, die Cassiodor mit +zitternder Stimme gesprochen und die jetzt wie aus dem Jenseits +herueberzutoenen schienen. + +Auch als er geendet, wirkte noch der Eindruck des Mitleids und der Trauer +fort in feierlichem Schweigen. + +Endlich erhob sich der alte Hildebrand und sprach: "Sie hat gefehlt: sie +hat gebuesst. Tochter Theoderichs, das Volk der Goten verzeiht dir deine +Schuld und dankt dir deine Treue." + +"So moeg' ihr Gott vergeben, Amen!" sprach Cassiodor. "Ich habe niemals die +Fuerstin an den Bolsener See geladen: ich konnt' es nicht: vierzehn Tage +zuvor hatt' ich all' meine Gueter verkauft an die Koenigin Gothelindis." + +"Sie also hat ihre Feindin," fiel Arahad ein, "seinen Namen missbrauchend, +in jenes Haus gelockt. Kannst du das leugnen, Graf Witichis?" + +"Nein," sprach dieser ruhig, "aber," fuhr er zu Cassiodor gewendet fort, +"hast du auch Beweis, dass die Fuerstin daselbst nicht zufaelligen Todes +gestorben, dass Gothelindis ihren Tod herbeigefuehrt?" + +"Tritt vor, Syrus, und sprich!" sagte Cassiodor, "ich buerge fuer die Treue +dieses Mundes." Der Sklave trat vor, neigte sich und sprach: "Ich habe +seit zwanzig Jahren die Aufsicht ueber die Schleusen des Sees und die +Wasserkuenste des Bades der Villa im Bolsener See: niemand ausser mir kannte +dessen Geheimnisse. Als die Koenigin Gothelindis das Gut erkauft, wurden +alle Sklaven Cassiodors entfernt und einige Diener der Koenigin eingesetzt: +ich allein ward belassen. + +Da landete eines fruehen Morgens die Fuerstin Amalaswintha auf der Insel, +bald darauf die Koenigin. Diese liess mich sofort kommen, erklaerte, sie +wolle ein Bad nehmen, und befahl mir, ihr die Schluessel zu allen Schleusen +des Sees und zu allen Roehren des Bades zu uebergeben und ihr den ganzen +Plan des Druckwerks zu erklaeren. Ich gehorchte, gab ihr die Schluessel und +den auf Pergament gezeichneten Plan, warnte sie aber nachdruecklich, nicht +alle Schleusen des Sees zu oeffnen und nicht alle Roehren spielen zu lassen: +das koenne das Leben kosten. Sie aber wies mich zuernend ab und ich hoerte, +wie sie ihrer Badsklavin befahl die Kessel nicht mit warmem, sondern mit +heissem Wasser zu fuellen. + +Ich ging, besorgt um ihre Sicherheit, und hielt mich in der Naehe des +Bades. + +Nach einiger Zeit hoerte ich an dem maechtigen Brausen und Rauschen, dass die +Koenigin dennoch, gegen meinen Rat, die ganze Flut des Sees hereingelassen: +zugleich hoerte ich in allen Waenden das dampfende Wasser zischend +aufsteigen und da mir obenein duenkte, als vernehme ich, gedaempft durch die +Marmormauern, aengstlichen Hilfschrei, eilte ich auf den Aussengang des +Bades, die Koenigin zu retten. Aber wie erstaunte ich, als ich an dem mir +wohlbekannten Mittelpunkt der Kuenste, an dem Medusenhaupt, die Koenigin, +die ich im Bad, in Todesgefahr waehnte, voellig angekleidet stehen sah. + +Sie drueckte an den Federn und wechselte mit jemand, der im Bade um Hilfe +rief, zornige Worte. Entsetzt und dunkel ahnend, was da vorging, schlich +ich, zum Glueck noch unbemerkt, hinweg." + +"Wie, Feigling?" sprach Witichis, "du ahntest, was vorging und schlichst +hinweg?" + +"Ich bin nur ein Sklave, Herr, kein Held: und haette mich die grimme +Koenigin bemerkt, ich stuende wohl nicht hier, sie anzuklagen. Gleich darauf +erscholl der Ruf, die Fuerstin Amalaswintha sei im Bad ertrunken." + +Ein Murren und Rufen drang tosend durch das versammelte Volk. + +Frohlockend rief Arahad: "Nun, Graf Witichis, willst du sie noch +beschuetzen?" - "Nein," sprach dieser ruhig, das Schwert einsteckend, "ich +schuetze keine Moerderin. Mein Amt ist aus." Und mit diesem Wort trat er von +der linken auf die rechte Seite, zu den Anklaegern, hinueber. + +"Ihr, freie Goten, habt das Urteil zu finden und das Recht zu schoepfen," +sprach Hildebrand, "ich habe nur zu vollziehen, was ihr gefunden. So frag' +ich euch, ihr Maenner des Gerichts, was duenkt euch von dieser Klage, die +Graf Arahad, des Aramuth Sohn, der Woelsung, erhoben gegen Gothelindis, die +Koenigin? Sagt an: ist sie des Mordes schuldig?" + +"Schuldig! schuldig!" scholl es mit vielen tausend Stimmen und keine sagte +nein. + +"Sie ist schuldig," sagte der Alte aufstehend. "Sprich, Klaeger, welche +Strafe forderst du um diese Schuld?" + +Arahad erhob das Schwert gerade gegen Himmel: "Ich klagte um Mord. Ich +klagte auf Blut. Sie soll des Todes sterben." + +Und ehe Hildebrand seine Frage an das Volk stellen konnte, war die Menge +von zorniger Bewegung ergriffen, alle Schwerter flogen aus den Scheiden +und blitzten gen Himmel auf und alle Stimmen riefen: "Sie soll des Todes +sterben!" - + +Wie ein furchtbarer Donner rollte das Wort, die Majestaet des Volksgerichts +vor sich her tragend, ueber das weite Gefild, dass bis in weite Ferne die +Luefte wiederhallten. - + +"Sie stirbt des Todes," sprach Hildebrand aufstehend, "durch das Beil. +Sajonen auf, und sucht, wo ihr sie findet." + +"Halt an," sprach der starke Hildebad vortretend, "schwer wird unser +Spruch erfuellt werden, solang dies Weib unsres Koenigs Gemahlin. Ich fordre +deshalb, dass die Volksgemeinde auch gleich die Klagen pruefe, die wir gegen +Theodahad auf der Seele haben, der ein Volk von Helden so unheldenhaft +beherrscht. Ich will sie aussprechen, diese Klagen. Merkt wohl, ich zeihe +ihn des Verrates, nicht nur der Unfaehigkeit, uns zu retten, uns zu fuehren. + +Schweigen will ich davon, dass wohl schwerlich ohne sein Wissen seine +Koenigin ihren Hass an Amalaswintha kuehlen konnte, schweigen davon, dass +diese in ihren letzten Worten uns vor Theodahads Verrat gewarnt. Aber ist +es nicht wahr, dass er den ganzen Sueden des Reiches von Maennern, Waffen, +Rossen, Schiffen entbloesst, dass er alle Kraft nach den Alpen geworfen hat, +bis dass die elenden Griechlein ohne Schwertstreich Sicilien gewinnen, +Italien betreten konnten? Mein armer Bruder Totila mit seiner handvoll +Leuten allein steht ihnen entgegen. Statt ihm den Ruecken zu decken, sendet +der Koenig auch noch Witichis, Teja, mich nach dem Norden. Mit schwerem +Herzen gehorchten wir: denn wir ahnten, wo Belisar landen werde. Nur +langsam rueckten wir vor, jede Stunde den Rueckruf erwartend. Umsonst. Schon +lief durch die Landschaften, die wir durchzogen, das dunkle Geruecht, +Sicilien sei verloren und die Welschen, die uns nach Norden ziehen sahen, +machten spoettische Gesichter. So waren wir ein paar Tagemaersche an der +Kueste hingezogen. Da traf mich dieser Brief meines Bruders Totila: + +"Hat denn, wie der Koenig, so das ganze Volk der Goten, so mein Bruder mich +aufgegeben und vergessen? Belisar hat Sicilien ueberrascht. Er ist +gelandet. Alles Volk faellt ihm zu. Unaufhaltsam dringt er gegen Neapolis. +Vier Briefe hab' ich an Koenig Theodahad um Hilfe geschrieben. Alles +umsonst. Kein Segel erhalten. Neapolis ist in hoechster Gefahr. Rettet, +rettet Neapolis und das Reich."" + +Ein Ruf grimmigen Schmerzes ging durch die Tausende gotischer Maenner. + +"Ich wollte," fuhr Hildebad fort, "augenblicklich mit all' unsren +Tausendschaften umkehren, aber Graf Witichis, mein Oberfeldherr, litt es +nicht. Nur das setzte ich durch, dass wir die Truppen Halt machen liessen +und mit wenigen Reitern hierher flogen zu warnen, zu retten, zu raechen. +Denn Rache, Rache heisch ich an Koenig Theodahad: nicht nur Thorheit und +Schwaeche, Arglist war es, dass er den Sueden den Feinden preisgegeben. Hier +dieser Brief beweist es. Viermal hat ihn mein Bruder gemahnt, gebeten. +All' umsonst. Er gab ihn, er gab das Reich in Feindeshand. Weh' uns, wenn +Neapolis faellt, schon gefallen ist. Ha, er soll nicht laenger herrschen, +nicht leben soll er laenger, der das verschuldet hat. Reisst ihm die Krone +der Goten vom Haupt, die er geschaendet, nieder mit ihm! Er sterbe!" + +"Nieder mit ihm! Er sterbe!" donnerte das Volk in maechtigem Echo nach. + +Unwiderstehlich schien der Strom ihres Grimmes zu wogen und jeden zu +zerreissen, der ihm widerstehen wollte. Nur Einer blieb ruhig und gelassen +inmitten der stuermenden Menge. Das war Graf Witichis. Er sprang auf einen +der alten Steine unter dem Eichbaum und wartete, bis sich der Laerm etwas +gelegt. Dann erhob er die Stimme und sprach mit jener schlichten Klarheit, +die ihm so wohl anstand: "Landsleute, Volksgenossen! Hoert mich an! Ihr +habt Unrecht mit eurem Spruch. Wehe, wenn im Gotenstamm, des Ehre und +Stolz die Gerechtigkeit gewesen seit der Vaeter Zeit, Hass und Gewalt des +Rechtes Thron besteigen. Theodahad ist ein schwacher, schlechter Koenig! +Nicht laenger soll er allein des Reiches Zuegel lenken! Gebt ihm einen +Vormund wie einem Unmuendigen! Setzt ihn ab meinetwegen. Aber seinen Tod, +sein Blut duerft ihr nicht fordern! Wo ist der Beweis, dass er verraten hat? +Dass Totilas Botschaft an ihn gelangt? Seht ihr, ihr schweigt: huetet euch +vor Ungerechtigkeit, sie stuerzt die Reiche der Voelker." + +Und gross und edel stand er auf seinem erhoehten Boden, im vollen Glanz der +Sonne, voll Kraft und edler Wuerde. + +Bewundernd ruhten die Augen der Tausende auf ihm, der ihnen an Hoheit und +Mass und klarer Ruhe so ueberlegen schien. Eine feierliche Pause erfolgte. +Und ehe noch Hildebad und das Volk Antwort finden konnte gegen den Mann, +der die lebendige Gerechtigkeit schien, ward die allgemeine Aufmerksamkeit +nach dem dichten Walde gezogen, der im Sueden die Aussicht begrenzte und +der auf einmal lebendig zu werden schien. + + + + + Vierzehntes Kapitel. + + +Denn man hoerte von dort her den raschen Hufschlag nahender Pferde und das +Klirren von Waffen: alsbald bog eine kleine Schar von Reitern aus dem +Wald: aber weit ihnen allen voraus jagte auf kohlschwarzem Ross ein Mann, +der wie mit dem Sturmwind um die Wette ritt. + +Weit im Winde flatterte seine Helmzier: ein maechtiger schwarzer +Rossschweif, und seine eignen langen, schwarzen Locken: vorwaerts gebeugt +trieb er das schaumbespritzte Ross zu rasender Eile und sprang am +Suedeingang des Dings sausend vom Sattel. + +Alle wichen links und rechts zurueck, die der grimme, toedlichen Hass +spruehende Blick seines Auges aus dem leichenblassen, schoenen Antlitz traf. +Wie von Fluegeln getragen stuermte er den Huegel hinan, sprang auf einen +Stein neben Witichis, hielt eine Rolle hoch empor, rief wie mit letzter +Kraft: "Verrat, Verrat!" und stuerzte dann wie blitzgetroffen nieder. +Entsetzt sprangen Witichis und Hildebad hinzu: sie hatten kaum den Freund +erkannt: "Teja, Teja!" riefen sie, "was ist geschehen? rede!" - "Rede!" +wiederholte Witichis, "es gilt das Reich der Goten!" + +Wie mit uebermenschlicher Kraft richtete sich in diesem Wort der staehlerne +Mann wieder empor, sah einen Augenblick um sich und sprach dann mit hohler +Stimme: + +"Verraten sind wir. Goten, verraten von unserm Koenig. Ich erhielt Auftrag +vor sechs Tagen, nach Istrien zu ziehen, nicht nach Neapolis, wie ich +gebeten. Ich schoepfe Verdacht, doch ich gehorche und gehe unter Segel mit +meinen Tausendschaften. Ein starker Weststurm bricht herein, verschlaegt +zahllose kleine Schiffe von Westen her bis zu uns. Darunter den +"Mercurius", den raschen Keles, - das leichte Postschiff Theodahads. Ich +kannte das Fahrzeug wohl: es gehoerte einst meinem Vater. Wie das unserer +Schiffe ansichtig wird, will es entfliehen. Ich, argwoehnisch, jage ihm +nach und hole es ein. Es trug diesen Brief an Belisar von des Koenigs Hand: +"Du wirst zufrieden sein mit mir, grosser Feldherr. Alle Gotenheere stehen +in dieser Stunde nordoestlich von Rom, ohne Gefahr koenntest du landen. Vier +Briefe des Seegrafen von Neapolis habe ich zerstoert, seine Boten in den +Turm geworfen. + +Zum Dank erwart' ich, dass du den Vertrag genau erfuellst, und den Kaufpreis +in Baelde bezahlst."" Teja liess den Brief sinken, die Stimme versagte ihm. + +Ein Aechzen und Stoehnen der Wut zog durch die Versammlung. + +"Ich liess umkehren, sogleich landen, ausschiffen und jage hierher seit +drei Tagen und drei Naechten unausgesetzt. Ich kann nicht mehr." Und +taumelnd sank er in Witichis' Arme. + +Da sprang der alte Hildebrand empor auf den hoechsten Stein seines Stuhles: +weit ueberragte er die ganze Menge: er riss dem Traeger, der die Lanze mit +des Koenigs kleiner Marmorbueste auf der Querstange trug, den Schaft aus der +Hand und hielt ihn vor sich in der Linken: in der Rechten hob er sein +Steinbeil: "Verkauft, verraten sein Volk fuer gelbes Gold? Nieder mit ihm, +nieder, nieder!" Und ein Beilschlag zertruemmerte die Bueste. Dieser Akt war +wie der erste Donnerschlag, der ein lange bruetendes Gewitter entfesselt. +Nur dem Wueten empoerter Elemente war das Stuermen vergleichbar, welches nun +das in seinen Grundtiefen aufgewuehlte Volk durchbrauste. "Nieder, nieder, +nieder mit ihm!" hallte es tausendfach wieder unter betaeubendem Klirren +der Waffen. + +Und darauf erhob abermals der alte Waffenmeister seine eherne Stimme und +sprach feierlich: "Wisset es, Gott im Himmel und Menschen auf Erden, +sehende Sonne, und wehender Wind, wisset es, das Volk der Goten, frei und +alten Ruhmes voll und zu den Waffen geboren, hat abgethan seinen +ehemaligen Koenig Theodahad, des Theodis Sohn, weil er Volk und Reich an +den Feind verraten. + +Wir sprechen dir ab, Theodahad, die goldne Krone und das Gotenreich, das +Gotenrecht und das Leben. Und solches thun wir nicht nach Unrecht, sondern +nach Recht. Denn frei sind wir gewesen alle Wege unter unsern Koenigen und +wollten eh' der Koenige missen als der Freiheit. Und so hoch steht kein +Koenig, dass er nicht um Mord, Verrat und Eidbruch zu Recht stehe vor seinem +Volk. + +So sprech' ich dir ab Krone und Reich, Recht und Leben. Landfluechtig +sollst du sein, echtlos, ehrlos, rechtlos. Soweit Christenleute zur Kirche +gehen und Heidenleute zum Opferstein. Soweit Feuer brennt und Erde gruent. +Soweit Schiff schreitet und Schild scheinet. Soweit Himmel sich hoeht und +Welt sich weitet. Soweit der Falke fliegt den langen Fruehlingstag, wann +ihm der Wind steht unter seinen beiden Fluegeln. Versagt soll dir sein +Halle und Haus und guter Leute Gemeinschaft und alle Wohnung, ausgenommen +die Hoelle. Dein Erb' und Eigen teil ich zu dem Gotenvolk. Dein Blut und +Fleisch den Raben in den Lueften. + +Und wer dich findet, in Halle und Hof, in Haus oder Heerstrasse, soll dich +erschlagen, ungestraft und soll bedankt sein dazu von Gott und den guten +Goten. Ich frage euch, soll's so geschehn?" + +"So soll's geschehn!" antworteten die Tausende und schlugen Schwert an +Schild. + +Kaum war Hildebrand herabgestiegen, als der alte Haduswinth seine Stelle +einnahm, das zottige Baerenfell zurueckwarf und sprach: "Des Neidkoenigs +waeren wir ledig! Er wird seinen Raecher finden. Aber jetzt, treue Maenner, +gilt es, einen neuen Koenig waehlen. Denn ohne Koenig sind wir nie gewesen. +Soweit unsere Sagen und Sprueche zurueckdenken, haben die Ahnen einen auf +den Schild gehoben, das lebende Bild der Macht, des Glanzes, des Glueckes +der guten Goten. Solang es Goten giebt, werden sie Koenige haben: und +solang sich ein Koenig findet, wird ihr Volk bestehn. Und jetzt vor allem +gilt's, ein Haupt, einen Fuehrer zu haben. Das Geschlecht der Amelungen ist +glorreich aufgestiegen, wie eine Sonne: lang hat sein hellster Strahl, +Theoderich, geleuchtet: aber schmaehlich ist's erloschen in Theodahad. Auf, +Volk der Goten, du bist frei! frei waehle dir den rechten Koenig, der dich +zu Sieg und Ehre fuehrt. Dein Thron ist leer: mein Volk, ich lade dich zur +Koenigswahl!" + +"Zur Koenigswahl!" sprach diesmal feierlich und machtvoll der Chor der +Tausende. + +Da trat Witichis auf den Dingstein, hob den Helm vom Haupt und die Rechte +gen Himmel: "Du weisst es, Gott, der in den Sternen geht, uns treibt nicht +frevler Kitzel des Ungehorsams und des Uebermuts: uns treibt das heilige +Recht der Not. Wir ehren das Recht des Koenigtums, den Glanz, der von der +Krone strahlt: geschaendet aber ist dieser Glanz und in der hoechsten Not +des Reiches ueben wir des Volkes hoechstes Recht. Herolde sollen ziehen zu +allen Voelkern der Erde und laut verkuenden: nicht aus Verachtung, aus +Verehrung der Krone haben wir es gethan. + +Wen aber waehlen wir? Viel sind der wackern Maenner im Volk, von altem +Geschlecht, von tapfrem Arm und klugem Geist. Wohl mehrere sind der Krone +wuerdig. Wie leicht kann es kommen, dass einer diesen, der andere jenen +vorzieht? Aber um Gott, nur jetzt keinen Zwist, keinen Streit! Jetzt, da +der Feind im Lande liegt! Drum lasst uns schwoeren vorher feierlich: wer das +Stimmenmehr erhaelt, sei's nur um Eine Stimme, den wollen wir alle als +unsern Koenig achten, unweigerlich, und keinen andern. Ich schwoere es: - +schwoert mit mir." + +"Wir schwoeren!" riefen die Goten. + +Aber der junge Arahad stimmte nicht ein. Ehrgeiz und Liebe loderten in +seinem Herzen: er bedachte, dass sein Haus jetzt, nach dem Fall der Balten +und der Amaler, das edelste war im Volk: er hoffte, Mataswinthens Hand zu +gewinnen, wenn er ihr eine Krone bieten konnte: und kaum war der Schwur +verhallt, als er vortrat und rief: "Wen sollen wir waehlen, gotische +Maenner? bedenkt euch wohl! Vor allem, das ist klar, einen Mann +jungkraeftigen Armes wider den Feind. Aber das allein genuegt nicht. Weshalb +haben unsere Ahnen die Amaler erhoeht? Weil sie das edelste, das aelteste, +Goetter entstammte Geschlecht waren. Wohlan, das erste Gestirn ist +erloschen, gedenkt des zweiten, gedenkt der Balten!" + +Von den Balten lebte nur Ein maennlicher Spross, ein noch nicht wehrhafter +Enkel des Herzog Pitza - denn Alarich, der Bruder der Herzoge Thulun und +Ibba, war seit langen Jahren geaechtet und verschollen. - Arahad rechnete +sicher, man werde jenen Baltenknaben nicht waehlen und vielmehr des dritten +Gestirns gedenken. Aber er irrte. Der alte Haduswinth trat zornig vor und +schrie: + +"Was Adel! was Geschlecht! sind wir Adelsknechte oder freie Maenner? Beim +Donner! werden wir Ahnen zaehlen, wenn Belisar im Lande steht? Ich will dir +sagen, Knabe, was ein Koenig braucht. + +Einen tapferen Arm, das ist wahr, aber nicht das allein. Der Koenig soll +ein Hort des Rechts, ein Schirm des Friedens sein, nicht nur der +Vorkaempfer im Schwertkampf. Der Koenig soll haben einen immer ruhigen, +immer klaren Sinn, wie der blaue Himmel ist, und wie die lichten Sterne +sollen darin auf- und niedergehen gerechte Gedanken. Der Koenig soll haben +eine stete Kraft, aber noch mehr ein stetes Mass: er soll nie sich selbst +verlieren und vergessen in Hass und Liebe, wie wir wohl duerfen, wir unten +im Volk. Er soll nicht nur mild sein den Freunden, er soll gerecht sein +dem Verhasstesten, selbst dem Feind. In dessen Brust ein klarer Friede +wohnt bei kuehnem Mut und edles Mass bei treuer Kraft, - der Mann, Arahad, +ist koeniglich geartet und haett' ihn der letzte Bauer gezeugt." + +Lauter Beifall folgte dem Wort des Alten und beschaemt trat Arahad zurueck. +Aber jener fuhr fort: "Gute Goten! ich meine, wir haben einen solchen +Mann! Ich will ihn euch nicht nennen: nennt ihr ihn mir. + +Ich kam hierher aus fernem Hochgebirg aus unsrer Mark gegen die +Karanthanen, wo der wilde Turbidus schaeumend die Felsen zerstaeubt. Da leb' +ich mehr, als sonst ein Menschenalter ist, stolz, frei, einsam. Wenig +erfahr' ich von der Menschen Haendeln, selbst von des eignen Volkes Thaten, +wenn nicht ein Salzross halbverirrt des Weges kommt. Und doch drang mir bis +in jene oede Hoehe der Waffenruhm Eines vor allen unsern Helden, der nie das +Schwert zu ungerechtem Streit erhob und es noch niemals sieglos +eingesteckt. Seinen Namen hoert' ich immer wieder, wenn ich fragte: Wer +wird uns schirmen, wenn Theoderich schied? Seinen Namen hoert' ich bei +jedem Sieg, den wir erfochten, bei jedem weisen Werke des Friedens, das +geschehn. Ich hatt' ihn nie gesehen. Ich sehnte mich danach, ihn zu sehen. +Heute hab' ich ihn gesehen und gehoert. Ich habe sein Aug' gesehen, das +klar und milde wie die Sonne. Ich hab' sein Wort gehoert; ich hab' gehoert, +wie er dem Feind selbst, dem verhassten, zu Recht und zu Gerechtigkeit +verhalf. Ich hab' gehoert, wie er allein, da uns alle der blinde Hass +fortriss mit dunkler Schwinge, klar blieb und ruhig und gerecht. Da dacht' +ich mir in meinem alten Herzen: "der Mann ist koeniglich geartet, stark im +Kampf und gerecht im Frieden, hart wie Stahl und klar wie Gold." Goten: +der Mann soll unser Koenig sein. Nennt mir den Mann!" + +"Graf Witichis, ja Witichis, heil Koenig Witichis!" + +Waehrend dieser brausende Jubelruf durch das Gefilde hallte, hatte ein +erschuetternder Schreck den bescheidnen Mann ergriffen, der gespannt der +Rede des Alten gefolgt war und erst ganz zu Ende von der Ahnung ergriffen +ward, dass er der so Gepriesne sei. + +Als er nun aber seinen Namen in diesem tausendstimmigen Jauchzen +erschallen hoerte, ueberkam ihn vor allen andern Gedanken das Gefuehl: "Nein, +das kann, das soll nicht sein." + +Er riss sich von Teja und Hildebad, die freudig seine Haende drueckten, los, +und sprang hervor, das Haupt schuettelnd und, wie abwehrend, den Arm +ausstreckend. "Nein!" rief er, "nein, Freunde! nicht das mir! Ich bin ein +schlichter Kriegsmann, nicht ein Koenig. Ich bin vielleicht ein gutes +Werkzeug, kein Werkmeister! Waehlt einen andern, einen Wuerdigern!" + +Und wie bittend streckt er beide Haende gegen das Volk. + +Aber der donnernde Ruf: "Heil Koenig Witichis!" ward ihm statt aller +Antwort. Und nun trat der alte Hildebrand vor, fasste seine Hand und sprach +laut: "Lass ab, Witichis! wer war es, der zuerst geschworen, unweigerlich +den Koenig anzuerkennen, der auch nur eine Stimme mehr haette? Siehe, du +hast alle Stimmen und willst dich wehren?" + +Aber Witichis schuettelte das Haupt und presste die Hand vor die Stirn. Da +trat der Alte ganz nah zu ihm und fluesterte in sein Ohr: "Wie? muss ich +dich staerker mahnen? Muss ich dich mahnen jenes naechtigen Eides und Bundes, +da du gelobtest: "Alles zu meines Volkes Heil." Ich weiss, - ich kenne +deine klare Seele, -: dir ist die Krone mehr eine Last als eine Zierde: +ich ahne, dass dir diese Krone grosse, bittre Schmerzen bringen wird. +Vielleicht mehr als Freuden: deshalb fordre ich, dass du sie auf dich +nimmst." + +Witichis schwieg und drueckte noch die andre Hand vor die Augen. Schon viel +zu lang waehrte dem begeisterten Volk das Zwischenspiel. Schon ruesteten sie +den breiten Schild, ihn darauf zu erheben, schon draengten sie den Huegel +hinan, seine Hand zu fassen: und fast ungeduldig scholl aufs neue der Ruf: +"Heil Koenig Witichis." + +"Ich fordre es bei deinem Bluteid! - willst du ihn halten oder brechen?" +fluesterte Hildebrand. "Halten!" sprach Witichis und richtete sich +entschlossen auf. + +Und nun trat er, ohne falsche Scham und ohne Eitelkeit, einen Schritt vor +und sprach: "Du hast gewaehlt, mein Volk, wohlan, so nimm mich hin. Ich +will dein Koenig sein!" + +Da blitzten alle Schwerter in die Luft und lauter scholl's: "Heil Koenig +Witichis." + +Jetzt stieg der alte Hildebrand ganz herab von seinem Dingstuhl und +sprach: "Ich weiche nun von diesem hohen Stuhl. Denn unserm Koenig ziemt +jetzt diese Staette. Nur einmal noch lass mich des Grafenamtes warten. + +Und kann ich dir nicht den Purpur umhaengen, den die Amaler getragen und +ihr goldenes Scepter reichen, - nimm meinen Richtermantel und den +Richterstab als Scepter, zum Zeichen, dass du unser Koenig wardst um deiner +Gerechtigkeit willen. Ich kann sie nicht auf deine Stirne druecken, die +alte Gotenkrone, Theoderichs goldnen Reif. So lass dich kroenen mit dem +frischen Laub der Eiche, der du an Kraft und Treue gleichst." + +Mit diesen Worten brach er ein zartes Gewinde von der Eiche und schlang es +um Witichis' Haupt: "Auf, gotische Heerschar, nun warte deines +Schildamts." + +Da ergriffen Haduswinth, Teja und Hildebad einen der altertuemlichen +breiten Dingschilde der Sajonen, hoben den Koenig, der nun mit Kranz, Stab +und Mantel geschmueckt war, darauf, und zeigten ihn auf ihren hohen +Schultern allem Volk: "Sehet, Goten, den Koenig, den ihr selbst gewaehlt: so +schwoert ihm Treue." + +Und sie schworen ihm, aufrecht stehend, nicht knieend, die Haende hoch gen +Himmel hebend, nun die Waffentreue bis in den Tod. + +Da sprang Witichis von dem Schild, bestieg den Dingstuhl und rief: "Wie +ihr mir Treue, so schwoer' ich euch Huld. Ich will ein milder und gerechter +Koenig sein: des Rechtes walten und dem Unrecht wehren: gedenken will ich, +dass ihr frei seid, gleich mir, nicht meine Knechte: und mein Leben, mein +Glueck, mein alles, euch will ich's weihen, dem Volk der guten Goten. Das +schwoere ich euch bei dem Himmelsgott und bei meiner Treue." + +Und den Dingschild vom Baume hebend rief er: "Das Ding ist aus. Ich loese +die Versammlung." + +Die Sajonen schlugen sofort die Haselstaebe mit den Schnueren nieder und +bunt und ordnungslos wogte nun die Menge durcheinander. Auch die Roemer, +die sich neugierig, aber scheu, aus der Ferne dieses Walten einer +Volksfreiheit mit angesehen, wie sie Italien seit mehr als fuenfhundert +Jahren nicht gekannt, durften sich nun unter die gotischen Maenner mischen, +denen sie Wein und Speisen verkauften. + +Witichis schickte sich an, mit den Freunden und den Fuehrern des Heeres +nach einem der Zelte sich zu begeben, die am Ufer des Flusses +aufgeschlagen waren. + +Da draengte sich ein roemisch gekleideter Mann, wie es schien, ein +wohlhabender Buerger, an sein Geleit und forschte eifrig nach Graf Teja, +des Tagila Sohn. + +"Der bin ich: was willst du mir, Roemer?" sprach dieser sich wendend. - +"Nichts, Herr, als diese Vase ueberreichen: seht nach: das Siegel, der +Skorpion, ist unversehrt." - "Was soll mir die Vase? ich kaufe nichts +dergleichen." - "Die Vase ist euer, Herr. Sie ist voller Urkunden und +Rollen, die euch zugehoeren. Und mir ist es vom Gastfreund aufgetragen, sie +euch zu geben. Ich bitt' euch, nehmt." + +Und damit draengte er ihm die Vase in die Hand und war im Gedraenge +verschwunden. Gleichgueltig loeste Teja das Siegel und nahm die Urkunden +heraus, gleichgueltig sah er hinein. Aber ploetzlich schoss ein brennend Rot +ueber seine bleichen Wangen, sein Auge spruehte Blitze und er biss krampfhaft +in die Lippe. Die Vase entfiel ihm, er aber draengte sich in Fieberhast vor +Witichis und sprach mit fast tonloser Stimme: "Mein Koenig! - Koenig +Witichis - eine Gnade!" + +"Was ist dir, Teja? um Gott? Was willst du?" + +"Urlaub! Urlaub auf sechs - auf drei Tage! Ich muss fort." - "Fort, wohin?" +- "Zur Rache! Hier lies: - der Teufel, der meine Eltern verklagte, in +Verzweiflung, Tod und Wahnsinn trieb, - er ist es - den ich laengst geahnt: +hier ist sein Anzeigebrief an den Bischof von Florentia, mit seiner eignen +Hand - es ist Theodahad! -" + +"Er ist's, es ist Theodahad," sagte Witichis, vom Briefe aufsehend. "Geh +denn! Aber, zweifle nicht: du triffst ihn nicht mehr in Rom: er ist gewiss +laengst entflohn. Er hat starken Vorsprung. Du wirst ihn nicht einholen." + +"Ich hole ihn ein, ob er auf den Fluegeln des Sturmadlers saesse." + +"Du wirst ihn nicht finden." + +"Ich finde ihn und muesste ich ihn aus dem tiefsten Pfuhl der Hoelle oder im +Schosse des Himmelsgottes suchen." + +"Er wird mit starker Bedeckung gefluechtet sein," warnte der Koenig. + +"Aus tausend Teufeln hol' ich ihn heraus. Hildebad, dein Pferd! Leb' wohl, +Koenig der Goten. Ich vollstrecke die Acht." + + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Das Inhaltsverzeichnis wurde fuer die elektronische Fassung hinzugefuegt. + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +roemische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung +wiedergegeben) und einzelne Woerter aus fremden Sprachen, hier durch +Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Passagen. + +Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: + + Seite 13: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Kaempfen", Punkt hinter + "Sieg" + Seite 17: Komma ergaenzt hinter "machen" + Seite 28: "Maeriae" geaendert in "Maria" + Seite 46: "Cethejus" geaendert in "Cethegus" + Seite 67: "Gothen" geaendert in "Goten" + Seite 88: Komma ergaenzt hinter "Sippen" + Seite 107: "widerholte" geaendert in "wiederholte" + Seite 114: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Volkes!" + Seite 132: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Leben." + Seite 140: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Himmel!", "Camilla" + geaendert in "Kamilla" + Seite 156: "Chetegus" geaendert in "Cethegus" + Seite 157: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Wer" + Seite 158: Komma ergaenzt hinter "getrunken", "vergiesst" geaendert in + "vergisst" + Seite 166: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "'s ist" + Seite 168: Komma entfernt hinter "Trieren" + Seite 169: "Balthen" geaendert in "Balten" (ebenso Seite 172) + Seite 174: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Bestie,", vor + "vorwaerts," + Seite 176: "hoenisch" geaendert in "hoehnisch" + Seite 181: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "muessen." + Seite 184: Punkt ergaenzt hinter "Haende" + Seite 187: "Culpurnius" geaendert in "Calpurnius" + Seite 203: "Eupheu" geaendert in "Epheu" + Seite 208: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "wette." + Seite 210: Anfuehrungszeichen entfernt vor "Zwei" + Seite 215: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "steht." + Seite 216: "Pupurvorhang" geaendert in "Purpurvorhang" + Seite 226: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "an." und vor "Soeben" + Seite 241: Anfuehrungszeichen entfernt vor "Lass" + Seite 247: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "zuzulassen." + Seite 248: Komma ergaenzt hinter "fort" + Seite 249: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Petros," und vor + "Diese" + Seite 255: Komma ergaenzt hinter "Antonina", Anfuehrungszeichen um + "und" + Seite 271: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "vernichtet!", + "Mormorsaeule" geaendert in "Marmorsaeule" + Seite 278: "widerholte" geaendert in "wiederholte" + Seite 296: Punkt geaendert in Komma hinter "sich" + Seite 297: Anfuehrungszeichen entfernt vor "ich" + Seite 299: "ist s" geaendert in "ist's" + Seite 301: "Stenge" geaendert in "Strenge" + Seite 302: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "ich -" + Seite 303: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Rede," und vor + "gesteh'" + Seite 331: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "Koenigin!" + Seite 332: "Festmale" geaendert in "Festmahle" + Seite 335: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "unbedingt?" + Seite 337: "Teodahad" geaendert in "Theodahad" + Seite 351: Komma ergaenzt hinter "Badetuecher" + Seite 354: Punkt ergaenzt hinter "Menschen" + Seite 355: Punkt ergaenzt hinter "gemacht" und "Kaelte" + Seite 376: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Totila." + Seite 404: "widerholte" geaendert in "wiederholte" + Seite 410: "gegedachte" geaendert in "gedachte" + Seite 425: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "gefehlt." + Seite 427: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "anzuklagen." + Seite 429: Punkt ergaenzt hinter "erhalten", zweites + Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Reich.", Komma ergaenzt hinter + "Witichis" und hinter "durch" + Seite 432: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "bezahlst." + Seite 435: Komma ergaenzt hinter "edelste" + Seite 438: Punkt ergaenzt hinter "ausstreckend", Anfuehrungszeichen + entfernt hinter "mir!" + Seite 440: Punkt ergaenzt hinter "Huld" + +Nicht veraendert wurde die uneinheitliche Gross- oder Kleinschreibung von +einigen Zahlwoertern, Pronomina und Adjektiven sowie Schreibvarianten, +insbesondere durch Rechtschreibreformen entstandene. + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ERSTER BAND*** + + + + CREDITS + + +February 16, 2010 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau, Juliet Sutherland, Stefan + Cramme, and the Online Distributed Proofreading Team at + http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 31294.txt or 31294.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/1/2/9/31294/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. 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They may be modified and printed and given away +-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks. +Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + + THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE + + +_Please read this before you distribute or use this work._ + +To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work (or +any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"), +you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +License (available with this file or online at +http://www.gutenberg.org/license). + + + Section 1. + + +General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works + + + 1.A. + + +By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work, +you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the +terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) +agreement. 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