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diff --git a/31309-8.txt b/31309-8.txt new file mode 100644 index 0000000..9eed79d --- /dev/null +++ b/31309-8.txt @@ -0,0 +1,9756 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Trotzkopf by Emmy von Rhoden + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Der Trotzkopf + +Author: Emmy von Rhoden + +Release Date: February 17, 2010 [Ebook #31309] + +Language: German + +Character set encoding: ISO 8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TROTZKOPF*** + + + + + + Der Trotzkopf. + + + + + + Der Trotzkopf. + + Eine Pensionsgeschichte + + für + + erwachsene Mädchen + + von + + Emmy von Rhoden. + +39. Auflage. + +Illustriert von _August Mandlick_. + + +Stuttgart +_Verlag von Gustav Weise._ + + + + + + Druck von Munz & Geiger, Stuttgart. + + + + + + VORWORT + + + zur zweiten Auflage. + + +Die zweite Auflage dieses Buches ist der ersten in kürzerer Frist als der +eines Jahres gefolgt. Sie ist mit dem Bilde der Verfasserin geschmückt, +damit die jugendlichen Leserinnen auch die Züge derjenigen kennen und +lieben lernen, die ihnen dies schöne Vermächtnis hinterlassen hat. Sie hat +diese Liebe reich verdient; sie hat dieselbe im Leben bei all denen, die +ihr edles Herz kannten, im vollsten Maße genossen und sich weit über das +Grab hinaus gesichert. + +Emmy von Rhoden war das Pseudonym der zu früh dahingegangenen Gattin eines +unsrer beliebtesten Schriftsteller, meines Freundes Friedrich Friedrich. +Mir selbst und den Meinen war die Verfasserin eine teure Freundin, deren +schriftstellerisches Debüt ich mit wärmstem Interesse begleitete. Als sie +ihre ersten, für ein jüngeres Alter berechneten Jugendschriften (»_Das +Musikantenkind_«, eine Erzählung für Kinder von 11-14 Jahren, und +»_Lenchen Braun_«, eine Weihnachtsgeschichte für Kinder von 10-12 Jahren) +veröffentlichte und damit schnell litterarisches Aufsehen und nachhaltige +Freude in den empfänglichen Gemütern der Kinderwelt erregte, hatte Emmy +Friedrich Friedrich aus Bescheidenheit das Pseudonym Emmy von Rhoden +gewählt. Jetzt hat der Tod den Schleier der Pseudonymität gelüftet. + +Es ist mir ein Herzensbedürfnis, den Wunsch meines tiefgebeugten Freundes +zu erfüllen, der aus leichtbegreiflichen Gründen es nicht über sich +vermochte, der zweiten Auflage des »Trotzkopf« ein Vorwort zu geben. Er +war der Meinung, daß ich, der ich die Unvergeßliche in ihrer +liebenswürdigen menschlichen und schriftstellerischen Eigenart genau +kannte, ein charakterisierendes Einführungswort der neuen Auflage finden +würde. Nun aber, da ich das innerliche Wesen dieser seltenen Frau in Worte +kleiden soll, fühle ich die ganze Schwere dieser Aufgabe. Soll ich von der +Gemütstiefe reden, mit welcher die Verewigte das Wesen der Jugend erfaßte; +von dem innigen Verständnis, welches sie den Eigentümlichkeiten einer +jungen Mädchenseele entgegenbrachte; von der feinen Beobachtung des +jugendlichen Gebarens; von der farbenfrischen Erzählerkunst, mit welcher +sie vor dem seelischen Ohr des Lesers auch die zartesten Saiten der +jugendlichen Empfindung erklingen ließ? + +Wer einen Ueberblick über die neueste Unterhaltungslitteratur für die +Jugend gewann, in welcher sich allerlei Unnatur und Tendenz aufdringlich +breit macht, wird die großen Vorzüge erkennen, welche den »Trotzkopf« zu +einer echten und wahren Jugendschrift machen. Diese Erzählung ist +natürlich frisch, unterhaltend und spannend, und was schwerer als dies +alles wiegt: sie ist psychologisch wahr! Mit glücklichem Takt hat die +Verfasserin alles rein Belehrende, alles Pedantische und unnatürlich Prüde +vermieden. Sie erzählt mit ungekünstelter Natürlichkeit, wie ein junges, +ungebändigtes Menschenkind durch das Leben selbst erzogen wird. Deshalb +wirkt dies Buch auch im besten Sinne erziehend. Eine Erzählung, welche die +jugendlichen Gemüter nicht fesselt und packt, bleibt wirkungslos und wenn +tausend weise Lehren in dieselbe hineingestreut sind, denn diese sind nur +graue Theorien, während das Grün des goldenen Lebensbaumes nur aus dem +Leben selbst emporwächst. + +Und so möge dies anziehende, von der Sonne der Phantasie beglänzte Werk, +das auf innerlichster Lebenserfahrung aufgebaut ist, seinen Weg weiter +gehen zur Freude der gern angeregten Jugend! Es ist der Segen aller guten +und edlen Naturen, daß ihre Schöpfungen auf viele Generationen hinaus +wirken. Des alten Sebastian Frank Wort mag sich auch an dieser +Jugendschrift als wahr erweisen: »Das aber ist der Bücher rechter einiger +Gebrauch, daß wir darinnen ein Zeugnis unsres Herzens sehen.« + +_Berlin_, Oktober 1885. + *Franz Hirsch.* + + + + + + + [Illustration] + +»Papa, Diana hat Junge!« + +Mit diesen Worten trat ungestüm ein junges, schlankes Mädchen von fünfzehn +Jahren in das Zimmer, in welchem sich außer dem Angeredeten, dessen Frau +und dem Prediger des Ortes, noch Besuch aus der Nachbarschaft, ein Herr +von Schäffer mit Frau und seinem erwachsenen Sohne, befand. + +Alles lachte und wandte sich dem kleinen Backfische zu, der ohne jede +Verlegenheit auf den Papa zueilte und ausführlich über das wichtige +Ereignis berichtete. + +»Es sind vier Stück, Papa,« erzählte sie lebhaft, »und braun sehen sie +aus, wie Diana. Komm sieh dir sie an, es sind zu reizende Tierchen! Vorn +an den Pfötchen haben sie weiße Spitzen. Ich habe gleich einen Korb geholt +und mein Kopfkissen hineingelegt, sie müssen doch warm liegen, die kleinen +Dinger.« + +Herr Oberamtmann Macket hatte den Arm um die Schulter seines Lieblings +gelegt und strich ihm das wirre Lockenhaar aus dem erhitzten Gesicht, +dabei sah er sein Kind mit wohlgefälligen Blicken an, was eigentlich zu +verwundern war, da Ilse in einem Aufzuge hereingekommen, der durchaus +nicht geeignet war, Wohlgefallen zu erregen, besonders in diesem +Augenblicke, wo fremde Augen denselben musterten. Das verwaschene, +dunkelblaue Kattunkleid, blusenartig gemacht und mit einem Ledergürtel +gehalten, mochte wohl recht bequem sein, aber kleidsam war es nicht, und +einige Flecken und Risse darin dienten ebenfalls nicht dazu, die Eleganz +desselben zu heben. Die hohen, plumpen Lederstiefel, die unter dem kurzen +Kleide hervorblickten, waren tüchtig bestaubt und sahen eher grau als +schwarz aus. Aber wie gesagt, Herrn Macket genierte dieser Aufzug gar +nicht, er sah in die fröhlichen, braunen Augen seines Lieblings, um dessen +Kleider kümmerte er sich nicht. + +Er war im Begriffe, sich zu erheben, um seines Kindes Wunsch zu erfüllen, +als seine Gattin, eine vornehme Erscheinung mit sanften und doch +bestimmten Zügen, ihm zuvorkam. Sie hatte sich erhoben und trat auf Ilse +zu. + +»Liebe Ilse,« sagte sie in freundlichem Tone und nahm dieselbe bei der +Hand, »ich möchte dir etwas sagen, Kind. Willst du mir auf einen +Augenblick in mein Zimmer folgen?« + +Sehr ruhig, aber sehr bestimmt waren die Worte gesprochen und Ilse fühlte, +daß ein Widerstand dagegen vergeblich sein würde. Ungern und gezwungen +folgte sie der Mutter in das anstoßende Gemach. + +»Was willst du mir sagen, Mama?« fragte sie und sah Frau Macket trotzig +an. + +»Nichts weiter, mein Kind, als daß du sogleich auf dein Zimmer gehst und +dich umkleidest. Du wußtest wohl nicht, daß Gäste bei uns waren?« + +»Doch, ich wußte es, aber ich mache mir nichts daraus,« gab Ilse kurz zur +Antwort. + +»Aber ich, Ilse. Ich kann nicht gleichgültig dabei sein, wenn du in einem +so unordentlichen Kostüme dich blicken läßt. Du bist kein Kind mehr mit +deinen fünfzehn Jahren; bedenke, daß du seit Ostern konfirmiert bist, eine +angehende junge Dame aber muß den Anstand wahren. Was soll der junge +Schäffer von dir denken, er wird dich auslachen und dich verspotten.« + +»Der dumme Mensch!« fuhr Ilse auf. »Ob der über mich lacht oder spottet, +ist mir ganz gleichgültig. Ich lache auch über ihn! Thut, als ob er ein +Herr wäre mit seinem Klemmer und geht doch noch in die Schule.« + +»Er ist in Prima auf dem Gymnasium und zählt neunzehn Jahre. Nun sei +vernünftig und kleide dich um, Kind, hörst du?« + +»Nein, - ich ziehe kein andres Kleid an, ich will mich nicht putzen!« + +»Wie du willst, aber dann bitte ich dich, ja ich wünsche es entschieden, +daß du in deinem Zimmer bleibst und dein Abendbrot dort verzehrst,« gab +Frau Macket mit großer Ruhe zur Antwort. + +Ilse biß auf die Unterlippe und trat mit dem Fuße heftig auf die Erde, +aber sie sagte nichts. Mit einer schnellen Wendung ging sie zur Thür +hinaus und warf dieselbe unsanft hinter sich zu. Oben in ihrem Zimmer ließ +sie sich auf einen Stuhl fallen, stützte die Ellbogen auf das Fensterbrett +und weinte Thränen des bittersten Unmutes. + +»O wie schrecklich ist es jetzt!« stieß sie schluchzend heraus. »Warum hat +auch der Papa wieder eine Frau genommen, - es war so viel, viel hübscher, +als wir beide allein waren! Alle Tage muß ich lange Reden hören über Sitte +und Anstand und ich will doch keine Dame sein, ich will es nicht - und +wenn sie es zehnmal sagt!« - - + +Als sie mit ihrem Vater noch allein war, führte sie freilich ein +ungebundeneres und lustigeres Leben. Niemand hatte ihr Vorschriften zu +machen oder durfte ihre dummen Streiche hindern; was sie auch ausführte, +es galt alles als unübertrefflich. Das Lernen wurde nur als langweilige +Nebensache betrachtet und die Gouvernanten fügten sich entweder dem Willen +ihrer Schülerin oder sie gingen davon. Beklagte sich ja einmal diese oder +jene bei dem Vater und hatte derselbe auch wirklich den festen Entschluß +gefaßt, ein Machtwort zu sprechen gegen sein unbändiges Kind, er kam nicht +dazu, es auszuführen. Sobald er mit ernster Miene ihr gegenüber trat, fiel +Ilse ihm um den Hals, nannte ihn ihren »einzigen, kleinen Papa«, trotzdem +er ein sehr großer, kräftiger Mann war, und küßte ihm Mund und Wangen. +Versuchte er, ihr ernste Vorstellungen zu machen, hielt sie ihm den Mund +zu. + +»Ich weiß ja alles, was du mir sagen willst, und ich will mich ganz gewiß +bessern!« mit solchen und ähnlichen Worten und Versprechungen tröstete sie +den Papa - ach und wie gern ließ er sich also trösten! Er konnte dem Kinde +nie ernstlich zürnen, es war sein alles. + +Als Ilses Mutter starb, legte sie ihm das kleine hilflose Ding in den Arm. +Es hatte die schönen, frohen Augen der früh Geschiedenen geerbt, und +blickte sie ihn an, war es ihm, als ob die Gattin, die er so sehr geliebt +hatte, ihn anlächle. + +Lange Jahre war er einsam geblieben und hatte nur für sein Kind gelebt. Da +lernte er seine zweite Frau kennen. Ihr kluges, sanftes Wesen fesselte ihn +so, daß er sie heimführte. + +Frau Anne betrat das Haus ihres Mannes mit dem festen Vorsatze, seinem +Kinde die treueste, liebevollste Mutter zu sein und alles aufzubieten, um +ihr die früh Verlorene zu ersetzen; indes jede herzliche Annäherung von +ihrer Seite scheiterte an Ilses trotzigem Widerstande. Bald ein Jahr +waltete sie nun schon als Frau und Stiefmutter und noch immer hatte sie es +nicht vermocht, Ilses Liebe zu gewinnen. - - - + +Die Gäste blieben zum Abendessen auf Moosdorf, so hieß das große Gut des +Oberamtmann Macket. Als der Tisch gedeckt war und alle sich an demselben +niedergesetzt hatten, fragte Herr Macket, warum Ilse noch nicht anwesend +sei. + +Frau Anne erhob sich und zog an der Klingelschnur. Der eintretenden +Dienstmagd befahl sie, das Fräulein zu Tisch zu rufen. - - - - + +Ilse saß noch in derselben Stellung am Fenster. Sie hatte sich +eingeschlossen und die Magd mußte erst tüchtig pochen und rufen, bevor sie +sich bequemte, die Thür zu öffnen. + +»Sie sollen herunterkommen, Fräulein, die gnädige Mama hat es befohlen,« +sagte Kathrine und betonte das »sollen« und »befohlen« so recht +auffallend. + +»Ich soll!« rief Ilse und wandte den Kopf hastig herum, »aber ich will +nicht! Sag' das der gnädigen Frau Mama!« + +»Ja,« sagte Kathrine, so recht befriedigt von dieser Antwort, denn auch +sie war durchaus nicht damit einverstanden gewesen, daß wieder eine Frau +in das Haus gekommen war, welche der schönen Freiheit ein Ende gemacht +hatte, »ja, ich werd's bestellen. Gnädiges Fräulein haben ganz recht, das +ewige Befehlen, wenn man selbst alt genug ist, ist höchst unpassend, noch +dazu, wenn fremde Leute dabei sind.« + +Und sie ging hinunter in das Speisezimmer und führte wörtlich Ilses +Bestellung aus. + +Herr Macket blickte seine Frau verlegen an, er wußte gar nicht, was diese +Antwort bedeuten sollte. Sie verstand seine stumme Frage und ohne im +geringsten den Unmut merken zu lassen, den sie in ihrem Innern empfand, +sagte sie gelassen: »Ilse ist nicht ganz wohl, lieber Mann, sie klagte +etwas über Kopfschmerzen. Kathrine hat ihre Bestellung ungeschickt +ausgerichtet.« + +Alle Anwesenden errieten sofort, daß Frau Anne eine Ausrede machte, nur +Herr Macket glaubte, daß es sich in Wahrheit so verhielt. + +»Wollen wir nicht lieber einen Boten zum Arzt schicken?« fragte er +besorgt. + +Die Antwort hierauf gab ihm sein Kind selbst, das heißt, sie bewies ihm, +daß ihr kein Finger weh that. Laut jubelnd und lachend trieb sie einen +Reif mit einem Stock über den großen Rasenplatz, und der Jagdhund, Tyras, +sprang demselben nach, und wenn er mit seinen Pfoten den Reif beinahe +erhascht hatte und ihn doch nicht halten konnte, stieß er ein ärgerliches +Geheul aus, worüber Ilse sich totlachen wollte. + +Herrn Mackets Gesicht verklärte sich ordentlich bei diesem Anblicke. Er +stand auf, trat in die offenstehende Flügelthür des Zimmers und eben im +Begriffe, Ilse zu rufen, hielt ihn Frau Anne davon zurück. + +»Laß sie - ich bitte dich, - lieber Mann,« bat sie, vor Unwillen leicht +errötend, und zu den Gästen gewendet setzte sie hinzu: »Es thut mir leid, +nun doch die Wahrheit sagen zu müssen, indes Ilses Benehmen zwingt mich +dazu.« + +Und sie erzählte so mildernd als möglich den kleinen Vorfall. Es wurde +darüber gelacht, ja Herr von Schäffer behauptete, die kleine habe +Temperament und es sei schade, daß sie kein Knabe sei. Seine hochgebildete +Frau konnte ihm nicht beistimmen, sie fand das wilde Mädchen geradezu +entsetzlich und nannte es auf dem Heimwege ein _enfant terrible_. + +Als die Gäste fortgefahren waren, blieb der Prediger noch zurück. Derselbe +war ein wohlwollender, nachsichtiger Mann, der Ilsen väterlich zugethan +war. Er hatte sie getauft und eingesegnet, unter seinen Augen war sie +herangewachsen. Seit kurzer Zeit, seitdem die letzte Gouvernante ihren +Abschied genommen hatte, leitete er auch ihren Unterricht. + +Es trat ein augenblickliches, beinahe peinliches Stillschweigen ein. Ein +jeder der drei Anwesenden hatte etwas auf dem Herzen und scheute sich +doch, das erste Wort zu sprechen. Herr und Frau Macket saßen am Tische, er +rauchend, sie eifrig mit einer Handarbeit beschäftigt. Prediger Wollert +ging im Zimmer auf und ab und sah recht ernst und nachdenklich aus. +Endlich blieb er vor dem Oberamtmann stehen. + +»Es kann nichts helfen, lieber Freund,« redete er denselben an, »das Wort +muß heraus. Es geht nicht mehr so weiter, wir können das unbändige Kind +nicht zügeln, es ist uns über den Kopf gewachsen.« + +Der Oberamtmann sah den Prediger verwundert an. »Wie meinen Sie das?« +fragte er, »ich verstehe Sie nicht.« + +»Meine Meinung ist, geradeheraus gesagt, die,« fuhr der erstere fort, »das +Kind muß fort von hier, in eine Pension.« + +»Ilse? In eine Pension? Aber warum, sie hat doch nichts verbrochen!« rief +Herr Macket ganz erschreckt. + +»Verbrochen!« wiederholte lächelnd der Prediger. »Nein, nein, das hat sie +nicht! Aber muß denn ein Kind erst etwas Böses gethan haben, um in ein +Institut zu kommen? Es ist doch keine Strafanstalt. Hören Sie mich ruhig +an, lieber Freund,« fuhr er besänftigend fort und legte die Hand auf +Mackets Schulter, als er sah, daß dieser heftig auffahren wollte. »Sie +wissen, wie ich Ilse liebe, und wissen auch, daß ich nur das Beste für sie +im Auge habe; nun wohl, ich habe reiflich überlegt und bin zu dem +Resultate gekommen, daß Sie, Ihre Frau und ich nicht Macht genug besitzen, +sie zu erziehen. Sie trotzt uns allen dreien, was soll daraus werden? Sie +hat soeben ein glänzendes Beispiel ihrer widerspenstigen Natur gegeben.« + +Der Oberamtmann trommelte auf dem Tische. »Das war eine Ungezogenheit, die +ich bestrafen werde,« sagte er. »Etwas Schlimmes kann ich nicht darin +finden. Mein Gott, Ilse ist jung, halb noch ein Kind, und Jugend muß +austoben. Weshalb soll man einem übermütigen Mädchen so strenge Fesseln +anlegen und es Knall und Fall in eine Pension bringen? Was ist dabei, wenn +es einmal über den Strang schlägt? Verstand kommt nicht vor den Jahren! +Was sagst du dazu, Anne,« wandte er sich an seine Frau, »du denkst wie +ich, nicht wahr?« + +»Ich dachte wie du,« entgegnete Frau Anne, »vor einem Jahre, als ich +dieses Haus betrat. Heute urteile ich anders, heute muß ich dem Herrn +Prediger recht geben. Ilse ist schwer zu erziehen, trotz aller +Herzensgüte, die sie besitzt. Ich weiß nichts mit ihr anzufangen, soviel +Mühe ich mir auch gebe. Gewöhnlich thut sie das Gegenteil von dem, was ich +ihr sage. Bitte ich sie, ihre Aufgaben zu machen, so thut sie entweder, +als ob sie mich nicht verstanden hat, oder sie nimmt höchst unwillig ihre +Bücher, wirft sie auf den Tisch, setzt sich davor und treibt allerhand +Nebendinge. Nach kurzer Zeit erhebt sie sich wieder und fort ist sie! Da +hilft kein gütiges Zureden, keine Strenge, sie will nicht! Frage den Herrn +Prediger, wie ungleichmäßig Ilses wissenschaftliche Bildung ist, wie sie +zuweilen sogar noch orthographische Fehler macht.« + +»Was kommt bei einem Mädchen darauf an,« entgegnete Herr Macket und erhob +sich. »Eine Gelehrte soll sie nicht werden; wenn sie einen Brief schreiben +kann und das Einmaleins gelernt hat, weiß sie genug.« + +Der Prediger lächelte. »Das ist Ihr Ernst nicht, lieber Freund. Oder würde +es Ihnen Freude machen, wenn man von Ihrer Tochter sagte, daß sie dumm sei +und nichts gelernt habe! Ilse hat gute Anlagen, es fehlt ihr nur der +Trieb, die Lust zum Lernen. Beides wird sich einstellen, sobald sie unter +junge Mädchen ihres Alters kommt. Das Streben derselben wird ihren Ehrgeiz +wecken und ihr bester Lehrmeister sein.« + +Die Wahrheit dieser Worte leuchtete Herrn Macket ein, aber die Liebe zu +seinem Kinde ließ es ihn nicht laut eingestehen. Der Gedanke, dasselbe von +sich zu geben, war ihm furchtbar. Nicht täglich es sehen und hören zu +können, - ihm war als ob die Sonne plötzlich aufhören müsse zu scheinen, +als solle ihm Licht und Leben genommen werden. + +Frau Anne empfand, was in ihres Mannes Herzen vorging, liebevoll trat sie +zu ihm und ergriff seine Hand. + +»Denke nicht, daß ich hart bin, Richard, wenn ich für den Vorschlag unsres +Freundes stimme,« sagte sie. »Ilse steht jetzt auf der Grenze zwischen +Kind und Jungfrau, noch hat sie Zeit, das Versäumte nachzuholen und ihre +unbändige Natur zu zügeln. Geschieht das nicht, so könnte man eines Tages +unser Kind als unweiblich bezeichnen, wäre das nicht furchtbar?« + +Er hörte kaum, was sie sprach. »Ihr wollt sie einsperren,« sagte er +erregt, »aber das hält sie nicht aus. Laßt sie erst älter werden, es ist +dann immer noch Zeit genug, sie fortzugeben.« + +Dagegen protestierten Frau Anne und der Prediger auf das entschiedenste; +sie bewiesen, daß jetzt die höchste Zeit sei, wenn die Pension noch etwas +nützen solle. + +»Ich wüßte ein Institut in W., das ich für Ilse ausgezeichnet empfehlen +könnte,« erklärte der Prediger. »Die Vorsteherin desselben ist mir genau +bekannt, sie ist eine vorzügliche Dame. Neben der Pension, die unter ihrer +Leitung herrlich gediehen ist, hat sie eine Tagesschule in das Leben +gerufen, die sich von Jahr zu Jahr vergrößert hat. Ilse würde den besten +Unterricht und die liebevollste Pflege vereint finden. Und welch ein +Vorzug ist nicht die wunderbare Lage dieses Ortes. Die Berge ringsum, die +kostbare Luft - - -« + +»Ja ja,« unterbrach ihn Herr Macket unruhig und abwehrend, »ich glaube das +alles gern! Aber laßt mir Zeit, bestürmt mich nicht weiter. Ein so +wichtiger Entschluß, selbst wenn er notwendig ist, bedarf der Reife.« - + +Er kam schneller als er geglaubt hatte. - + +Am andern Morgen, es war noch sehr früh, traf der Oberamtmann sein +Töchterchen, wie es eben im Begriffe war, hinaus auf die Wiese zu reiten, +um das Heu mit einzuholen. Ungeniert hatte Fräulein Ilse sich auf eines +der Pferde, das vor dem Leiterwagen gespannt war, von dem Kutscher +hinaufheben lassen, derselbe stand auf dem Wagen und hielt die Zügel in +der Hand. + +»Guten Morgen, Papachen!« rief sie ihm laut schon von weitem entgegen, +»wir wollen auf die Wiese fahren, das Heu muß herein; der Hofmeister sagt, +wir bekommen gegen Mittag ein Gewitter. Ich will gleich mit aufladen +helfen!« + +Der Vater hatte heute nicht die unbefangene Freude an dem Wesen seines +Kindes, ihm fielen die Worte seiner Frau vom gestrigen Abend ein. Ilse sah +wenig weiblich in diesem Augenblicke aus, eher glich sie einem wilden +Buben. Wie ein solcher saß sie auf dem Pferde und hatte die Füße an beiden +Seiten herunterhängen. Das kurze blaue Kleid deckte dieselben nicht, man +sah den plumpen, hohen Lederstiefel und noch ein Stück des bunten +Strumpfes. Es war wahrlich kein schöner Anblick. + +»Steig' herab, Ilse,« sagte Herr Macket, dicht zu ihr tretend, um ihr beim +Heruntersteigen behilflich zu sein, »du wirst jetzt nicht auf die Wiese +reiten, hörst du, sondern deine Aufgaben machen.« + +Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß der Vater in so bestimmter Weise +zu ihr sprach. Im höchsten Grade verwundert blickte sie ihn an, aber sie +machte keine Miene, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Sie schlug die +Arme ineinander und fing an, herzlich zu lachen. + +»Hahahaha! Arbeiten soll ich! Du kleiner reizender Papa, wie kommst du +denn auf diesen komischen Einfall? Mach' nur nicht ein so böses Gesicht! +Weißt du, wie du jetzt aussiehst? Gerade wie Mademoiselle, die letzte, +Papa, von den vielen, - wenn sie böse war! {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Fräulein Ilse, gehen Sie auf +Ihr Zimmer _mais tout-de-suite_. Aben Sie mir _compris_!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Dabei zog sie +die Stirn in Falten und riß die Augen auf - so«, und sie versuchte es +nachzuahmen. »Oh, es war zu himmlisch! Adieu Papachen, zum Frühstück komm' +ich zurück!« + +Sie warf ihm noch eine Kußhand zu, lachte ihn schelmisch an und fort +ging's im lustigen Trabe hinaus auf die Wiese in den taufrischen +Sommermorgen hinein. + +Herr Macket schüttelte den Kopf, mit einem Male stiegen ernstliche +Bedenken wegen Ilses Zukunft in ihm auf. Er fand den Gedanken, sie in eine +Pension zu geben, heute weniger schrecklich, als gestern. Sie hatte ihm +soeben den Beweis gegeben, daß sie auch ihm Widerstand entgegensetzte. +Freilich mußte er sich gestehen, daß er durch seine Nachgiebigkeit +denselben in ihr groß gezogen hatte. + +Er ging in das Speisezimmer und trat von dort auf die Veranda, die +weinumrankt sich an der Vorderseite des Hauses entlang zog. Seine Frau +erwartete ihn dort am gedeckten Frühstückstische. + +Ganz gegen seine Gewohnheit war er still und einsilbig. »Hattest du +Unannehmlichkeiten?« fragte Frau Anne und reichte ihm den Kaffee. + +»Nein,« entgegnete er, »das nicht.« Er hielt einen Augenblick inne, als ob +es ihm schwer würde, weiter zu sprechen, dann fuhr er fort: »Ich möchte +dir eine Mitteilung machen, oder richtiger gesagt, dir meinen Entschluß +wegen unsres gestrigen Gespräches verkünden. Zum 1. Juli soll Ilse in die +Pension.« + +»Du scherzest,« sagte Anne und sah ihn fragend an. + +»Es ist mein Ernst,« erwiderte er. »Wirst du im stande sein, bis zu dem +Termine alles zu Ilses Abreise einrichten zu können? Wir haben heute den +12. Juni.« + +»Ja, das würde ich können, lieber Richard; aber verzeihe, mir kommt dein +Entschluß etwas übereilt vor. Wird er dich nicht gereuen? Laß Ilse die +schönen Sommermonate noch ihre Freiheit genießen und gieb sie erst zum +Herbste fort. Der Abschied von der Heimat wird ihr dann weniger schwer +werden.« + +»Nein, keine Aenderung,« sagte er, bei einem längeren Hinausschieben +seinen Wankelmut fürchtend, »es bleibt dabei - zum 1. Juli wird sie +angemeldet.« + +Nach einigen Stunden kehrte Ilse wohlgemut mit erhitzten Wangen und über +und über mit Heu bestreut zum zweiten Frühstücke zurück. Wie sie war, ohne +den Anzug zu wechseln, trat sie höchst vergnügt auf die Veranda. + +»Da bin ich,« rief sie. »Bin ich lange geblieben? Ich sage dir, Papa, das +Heu ist kostbar! Nicht einen Tropfen Regen hat es bekommen. Du wirst deine +Freude daran haben. Der Hofmeister meint, so gut hätten wir es seit Jahren +nicht gehabt.« + +»Laß das Heu jetzt, Ilse,« entgegnete Herr Macket, »und höre zu, was ich +dir sagen werde.« + +Er sagte es ziemlich ernst, es wurde ihm nicht leicht, von seinem Plane zu +sprechen - sie war so ahnungslos, ja sie nahm gar keine Notiz von seiner +Stimmung. Ihr Augenmerk war auf den wohlbesetzten Frühstückstisch +gerichtet, sie war sehr hungrig von der Fahrt. + +»Soll ich dir Frühstück schneiden?« fragte Frau Anne freundlich, aber Ilse +lehnte es ab. + +»Ich will es schon selbst thun,« sagte sie, nahm das Messer und schnitt +sich ein tüchtiges Stück Schwarzbrot ab. Die Butter strich sie fast +fingerdick darauf. Nachdem sie ein dickes Stück Wurst zugelangt hatte, +fing sie an, wohlgemut zu essen. Bald von dem Brote, bald von der Wurst, +die sie in der Hand hielt, einen Bissen nehmend. Höchst ungeniert lehnte +sie dabei hintenüber in einem Sessel und schlug die Füße übereinander. Es +schmeckte ihr köstlich. + +»Ich denke, du wolltest mir etwas sagen, Papachen!« rief sie mit vollem +Munde, »nun schieß los, ich bin ordentlich neugierig darauf.« + +Er zögerte etwas mit der Antwort, noch war es Zeit, noch konnte er seinen +Entschluß zurücknehmen - einen Augenblick überlegte er und es fehlte nicht +viel, so hätte er es wirklich gethan, aber die Schwäche ging vorüber und +so ruhig wie es ihm möglich war, teilte er Ilse seinen Beschluß mit. + +Wenn er erwartet hatte, daß sie sich stürmisch widersetzen würde, so hatte +er geirrt. Zwar blieb ihr buchstäblich der Bissen im Munde stecken vor +Ueberraschung und Schreck, aber ihr Auge flog zur Mutter hinüber und sie +unterdrückte den Sturm, der in ihr tobte. Um keinen Preis sollte diese +erfahren, wie furchtbar es ihr war, die Heimat, den Vater vor allem, zu +verlassen, sie, die doch sicherlich nur allein die Anstifterin dieses +Planes war, denn der Papa - nein! Nimmermehr würde er sie von sich gegeben +haben! + +»Nun, du schweigst?« fragte Herr Macket, »du hast vielleicht selbst schon +die Notwendigkeit eingesehen, daß du noch tüchtig lernen mußt, mein Kind, +denn mit deinen Kenntnissen hapert es noch überall, nicht wahr?« + +»Gar nichts habe ich eingesehen!« platzte Ilse heraus, »du selbst hast mir +ja oft genug gesagt, ein Mädchen brauche nicht so viel zu lernen, das +allzu viele Studieren mache es erst recht dumm! Ja, das hast du gesagt, +Papa, und nun sprichst du mit einemmal anders. Nun soll ich fort, soll auf +den Schulbänken sitzen zwischen andern Mädchen und lernen, bis mir der +Kopf weh thut. Aber es ist gut, ich will auch fort, ja ich freue mich auf +die Abreise. Wenn nur erst der 1. Juli da wäre!« + +Und sie erhob sich hastig, warf den Rest ihres Frühstücks auf den Tisch +und eilte fort, hinauf in ihr Zimmer, und jetzt brachen die Thränen +hervor, die sie bis dahin nur mühsam zurückgehalten hatte. + +Frau Anne wäre dem Kinde gar zu gern gefolgt, sie fühlte, was in dem +jungen Herzen vorging, aber sie wußte genau, daß Ilse ihre gütigen Worte +trotzig zurückweisen würde; so blieb sie zurück und hoffte auf die Zeit, +wo Ilses gutes Herz den Weg zu ihrer mütterlichen Liebe finden werde. - - + + -------------- + +Die wenigen Wochen bis zum festgesetzten Termine vergingen schnell. Frau +Anne hatte alle Hände voll zu thun, um Ilses Garderobe in Ordnung zu +bringen. Die Vorsteherin der Pension hatte auf Herrn Mackets Anfrage +sofort geantwortet und sich gern zu seiner Tochter Aufnahme bereit +erklärt. Zugleich hatte sie ein Verzeichnis der Sachen mitgeschickt, die +jede Pensionärin bei ihrem Eintritt in das Institut mitzubringen habe. + +Ilse lachte spöttisch über die, nach ihrer Meinung vielen unnützen Dinge, +besonders die Hausschürzen fand sie geradezu lächerlich. Sie hatte bis +dahin niemals eine solche getragen. + +»Die dummen Dinger trage ich doch nicht, Mama!« sagte sie, als Frau Anne +dabei war, den Koffer zu packen, »die brauchst du gar nicht einzulegen.« + +»Du wirst dich doch der allgemeinen Sitte fügen müssen, mein Kind,« +entgegnete die Mutter. »Warum wolltest du auch nicht? Sieh' einmal her, +diese blau und weiß gestreifte Schürze mit den gestickten Zacken ringsum, +ist sie nicht ein reizender Schmuck für ein kleines Fräulein, das sich im +Haushalte nützlich machen wird?« + +»Ich werde mich aber im Haushalte nicht nützlich machen!« rief Ilse in +ungezogenem Tone, »das fehlte noch! Ihr denkt wohl, ich soll dort in der +Küche arbeiten oder die Stuben aufräumen? Die Schürzen trage ich nicht, +ich will es nicht!« + +»Uebertreibe nicht, Ilse,« entgegnete Frau Anne, »du weißt recht gut, daß +man dergleichen nie von dir verlangen wird. Wenn du durchaus die Schürzen +nicht tragen magst, so kannst du ja deinen Wunsch der Vorsteherin +mitteilen, vielleicht erfüllt sie dir denselben.« + +»Ich werde sie nicht erst darum fragen! Solche Dinge gehen sie gar nichts +an!« war Ilses unartige Antwort. + +Sie verließ die Mutter, auf welche sie einen wahren Groll hatte. All die +schönen Wäsche- und Kleidungsstücke, die Frau Anne mit Liebe und Sorgfalt +für sie ausgewählt hatte, fanden keine Gnade vor ihren Augen, nicht einen +Funken Interesse zeigte sie dafür. + +Dem Papa erklärte sie, daß sie ein kleines Köfferchen für sich selbst +packen werde. Niemand solle ihr dabei helfen, niemand wissen, welche +Schätze sie mit in das neue Heim hinüberführen werde. + +»Das ist eine prächtige Idee, Ilschen,« stimmte Herr Macket bei, »nimm nur +mit, was dir Freude macht.« + +Und er ließ sofort einen allerliebsten, kleinen Koffer kommen und +überraschte seinen Liebling damit. Als Ilse ihm erfreut und dankend um den +Hals fiel, als sie ihn seit längerer Zeit zum erstenmal wieder »mein +kleines Pa'chen« nannte, da wurde es ihm so weich ums Herz, daß er sich +abwenden mußte, um seine Rührung zu verbergen. + + [Illustration] + +Am Tage vor ihrer Abreise schloß sich Ilse in ihr Zimmer ein und begann zu +packen. Aber wie! Bunt durcheinander, wie ihr die Sachen in die Hand +kamen. Zuerst das geliebte Blusenkleid nebst Ledergürtel, es wurde nur so +in den Koffer hineingeworfen und mit den Händen etwas festgedrückt, dann +die hohen Lederstiefel mit Staub und Schmutz, wie sie waren, dann eine +alte Ziehharmonika, auf der sie nur ein paar Töne hervorbringen konnte, +ein neues Hundehalsband mit einer langen Leine daran, ein ausgestopfter +Kanarienvogel, und zuletzt, nachdem die wunderbarsten Dinge in den Koffer +gewandert waren, griff sie nach einem Glase, in welchem ein Laubfrosch +saß. Es ist kaum zu glauben, indessen auch dieses sollte mitverpackt +werden, - sie hatte sich so an das Tierchen gewöhnt. Sie nahm ein gutes, +gesticktes Taschentuch aus dem Kommodenkasten, band dasselbe über das +Glas, legte auch noch eine Papierhülle darüber, schnitt ganz kleine Löcher +in beides und steckte einige Fliegen hindurch. + +»So,« sagte sie höchst befriedigt von ihrer Packerei, »nun bist du gut +versorgt, mein liebes Tierchen, und wirst nicht verhungern auf der weiten +Reise.« + +Wie sie das Glas hineinbrachte in den Koffer, war wirklich ein Kunststück, +das ihr erst nach vieler Mühe gelang. Aber endlich war sie doch so weit, +daß sie den Deckel schließen konnte. Er klemmte etwas und Ilse mußte sich +erst darauf knieen, bevor derselbe ins Schloß fiel. Den kleinen Schlüssel +zog sie ab, befestigte ihn an einer schwarzen Schnur und band diese sich +um den Hals. + +Als das Abendbrot verzehrt war und die Eltern noch am Tische saßen, ging +Ilse in den Hof und machte eine Runde durch alle Ställe. Von den Hühnern, +Tauben, Kühen, Pferden - sie hatte so viele Lieblinge darunter - nahm sie +Abschied; morgen sollte sie ja alle auf lange Zeit verlassen. Das Lebewohl +von den Hunden wurde ihr am schwersten, sie waren alle ihre guten Freunde. +Dianas Sprößlinge, die schon allerliebst herangewachsen waren und sie +zärtlich begrüßten, lockten ihr Thränen des tiefsten Leides hervor. + +Neben ihr stand Johann. Er hatte das kleine Fräulein vom ersten Tage ihres +Lebens an gekannt und liebte sie abgöttisch. Als er ihre Thränen sah, +liefen auch ihm einige Tropfen über die Wangen. + +»Wenn das kleine Fräulein wiederkommt,« sagte er mit kläglicher Stimme und +fuhr mit der verkehrten Hand über die Wange, »dann wird es wohl eine große +Dame sein. Ja ja, Fräulein Ilschen, unsre schöne Zeit ist dahin! Ach und +die Hunde, wie werden sie das Fräulein vermissen! Die sind gescheit! +Menschlichen Verstand hat das dumme Vieh! Wie sie schmeicheln, die kleinen +Krobaten, als ob sie wüßten, daß unser kleines Fräulein morgen abreist - +-« hier wurde seine Stimme so unsicher, daß er nicht weiter sprechen +konnte. + +»Johann,« entgegnete Ilse unter Schluchzen, »sorge für die Hunde. Und wenn +du mir einen großen - den letzten Gefallen thun willst, so,« hier sah sie +sich erst vorsichtig nach allen Seiten um, ob auch niemand in der Nähe +war, »so nimm Bob,« diesen Namen hatte sie Dianas kleinem Söhnchen +gegeben, »mit auf den Kutscherbock morgen, wenn du mich zur Bahn fährst, +aber heimlich. Niemand darf es wissen, ich will ihn mitnehmen. Ein +Halsband und eine Leine habe ich schon eingepackt. Aber Johann, heimlich, +hörst du?« + +Der Kutscher war glücklich über diesen Auftrag und daß er dem lieben, +kleinen Fräulein noch einen Liebesdienst erweisen konnte. Er lächelte +verschmitzt und versprach, Bob so geschickt unterzubringen, daß keine +menschliche Seele von dem Hunde etwas merken solle. + +Früh am andern Morgen stand der Wagen vor der Thür, der Ilse fortbringen +sollte. Herr Macket begleitete sie bis W., um sie der Vorsteherin, +Fräulein Raimar, selbst zu überbringen. Er mußte sich doch persönlich +überzeugen, wo und wie sein Liebling aufgehoben sein werde. Frau Anne +nahete sich Ilse im letzten Augenblick, um zärtlich und gerührt von ihrem +Kinde Abschied zu nehmen, aber diese machte ein finsteres, trotziges +Gesicht und entwand sich der Mutter Armen. + +»Lebe wohl,« sagte sie kurz und sprang in den Wagen; nicht um die Welt +hätte sie der Mutter verraten mögen, wie weh und schmerzlich ihr das +Scheiden wurde. + +Als der Wagen sich in Bewegung setzte und Diana denselben laut bellend +noch eine kurze Strecke begleitete, bog sie sich weit zum Wagen hinaus mit +thränenden Augen und nickte ihr zu. Gut war es, daß der Vater nichts von +den Thränen merkte, er würde vielleicht augenblicklich Kehrt gemacht +haben. + +Auf dem Bahnhofe, als alles besorgt und Ilse mit dem Papa in das Koupee +gestiegen war, trat Johann hinzu mit Bob unter dem Arme und der Mütze in +der Hand. + +»Leben Sie recht wohl, Fräulein Ilschen, und kommen Sie gut hin,« sagte er +etwas verlegen. »Die Hunde werde ich schon besorgen, dafür haben Sie nur +keine Angst nicht. Den hier nehmen Sie wohl mit, es ist doch gut, wenn Sie +nicht so allein in der Pension sind.« + +Ilse jauchzte vor Freude. Sie nahm den Hund in Empfang, liebkoste und +streichelte ihn, dann reichte sie Johann die Hand. + +»Leb wohl,« sagte sie, »und habe Dank. Ich freue mich zu sehr, daß ich ein +Hündchen mit mir nehmen kann.« + +»Ja, aber Ilse, das geht doch nicht,« wandte der erstaunte Oberamtmann +ein, »du darfst doch keine Hunde mit in das Institut bringen. Sei +vernünftig und gieb Bob Johann wieder zurück.« + +Doch daran war nicht zu denken. Ilse ließ sich durch keine Vorstellung +dazu bewegen. + +»Die einzige Freude laß mir, Pa'chen! Willst du mich denn ganz allein +unter den fremden Menschen lassen? Wenn Bob bei mir ist, dann habe ich +doch einen guten Freund. Nicht wahr, Bobchen, du willst nicht wieder fort +von mir,« wandte sie sich an den Hund, der es sich bereits höchst bequem +auf ihrem Schoße gemacht hatte, »du bleibst nun immer bei mir!« + +Es war dem Oberamtmann unmöglich, ein Machtwort dagegen zu sprechen, zumal +ja Ilse so triftige Gründe für ihren Wunsch anführte. Am meisten +überzeugte ihn der Gedanke, daß die Kleine doch einen heimatlichen Trost +mit in die Fremde brächte. + +Es war eine lange und ziemlich langweilige Fahrt, meist durch flaches +Land, erst zuletzt kamen die Berge. Für Ilse that sich eine neue Welt auf, +sie hatte noch nie eine so große Reise gemacht. Auf jeder Station schaute +sie mit neugierigen Augen hinaus, jedes Bahnwärterhäuschen amüsierte sie. +Ueber all den neuen Eindrücken, die sich ihr aufdrängten, trat der +Trennungsschmerz in den Hintergrund. + +Spät am Abend, es war zehn Uhr vorbei, langten sie in W. an. Natürlich +übernachtete Ilse mit ihrem Vater im Hotel, erst am andern Morgen sollte +sie in ihre neue Heimat eingeführt werden. + +Als es am nächsten Tage neun Uhr schlug, stand Ilse fertig angezogen vor +ihrem Papa. Sie sah in ihrem grauen Reisekleide und den zierlichen +Lederstiefeln ganz allerliebst aus. Unter dem runden, weißen Strohhute, +der mit einem Feldsträußchen und schwarzen Samtband aufgeputzt war, fielen +die braunen Locken herab. Die schönen, großen Augen blickten heute nicht +so fröhlich wie sonst, sie hatten einen ängstlich erwartungsvollen +Ausdruck, und um den Mund zuckte es in nervöser Aufregung. + +»Dir fehlt doch nichts, Ilschen?« fragte Herr Macket und sah sein Kind +besorgt an. »Du bist so blaß, hast du schlecht geschlafen?« + +Die herzliche Frage des Vaters löste mit einemmal die unnatürliche +Spannung in Ilses Wesen. Sie fiel ihm um den Hals, und die bis dahin +trotzig zurückgehaltenen Thränen brachen mit aller Macht hervor. + +»Aber Kind, Kind,« sagte Herr Macket sehr geängstigt durch ihre +Leidenschaftlichkeit, »du wirst ja nicht lange von uns getrennt bleiben. +Ein Jahr vergeht schnell, und zu Weihnachten besuchst du uns. Komm, +Kleines, trockne die Thränen. Du mußt dir das Herz nicht schwer machen. Du +wirst uns fleißig Briefe schreiben und die Mama oder ich werden dir +täglich Nachricht geben von uns, von allem, was dich in Moosdorf +interessiert.« Und er nahm sein Taschentuch und trocknete damit die immer +von neuem hervorbrechenden Thränen seines Kindes. + +Der Oberamtmann befand sich in einer gleich aufgeregten Stimmung wie sein +Kind, es wurde ihm nicht leicht zu trösten, wo er selbst des Trostes +bedürftig war. So schwer hatte er sich die Trennung nicht gedacht, er +würde sonst nicht darein gewilligt haben; aber da er das einmal gethan +hatte, wollte er sich in die Notwendigkeit fügen. + +Er strich Ilse das Haar aus der Stirn und setzte ihr den herabgesunkenen +Hut wieder auf. »Komm,« sagte er, »jetzt wollen wir gehen. Nun sei ein +verständiges Kind.« + +»Die Mama soll mir nicht schreiben!« stieß Ilse schluchzend heraus, »nur +deine Briefe will ich haben! Meine Briefe an dich soll sie auch nicht +lesen!« + +»Ilse!« verwies Herr Macket, »so darfst du nicht sprechen. Die Mama hat +dich lieb und meint es sehr gut mit dir.« + +»Sehr gut!« wiederholte sie in kindischem Zorne, »wenn sie mich lieb +hätte, würde sie mich nicht verstoßen haben!« + +»Verstoßen! Du weißt nicht, was du sprichst, Ilse! Werde erst älter, dann +wirst du das große Unrecht einsehen, das du heute deiner Mutter anthust, +und deine bösen Worte bereuen.« + +»Sie ist nicht meine Mutter, - sie ist meine Stiefmutter!« + +»Du bist kindisch!« sagte der Oberamtmann, »aber merke dir, niemals wieder +will ich dergleichen Aeußerungen von dir hören. Du kränkst mich damit!« + +Ilse sah schmollend zur Erde nieder und konnte nicht begreifen, wie es +kam, daß der Papa sie nicht verstand, er mußte doch einsehen, wie unrecht +ihr geschah. + +»Komm jetzt,« fuhr er in mildem Tone fort, »wir wollen gehen, mein Kind.« +Sie ergriff den Hund, nahm ihn auf den Arm und wollte so ausgerüstet dem +Vater folgen. + +»Laß ihn zurück,« gebot derselbe, »wir wollen die Vorsteherin erst fragen, +ob du ihn mitbringen darfst.« + +Aber Ilse setzte ihren Kopf auf, »dann gehe ich auch nicht,« erklärte sie +mit aller Bestimmtheit. »Ohne Bob bleibe ich auf keinen Fall in der +Pension!« + +Macket that dem Eigensinne den Willen aus Furcht, von neuem Thränen +hervorzulocken. Aber Ilses Widerstand war ihm im höchsten Grade peinlich. +Was sollte Fräulein Raimar denken! + +Eine Viertelstunde darauf standen Vater und Tochter vor einem stattlichen, +zweistöckigen Hause, das vor dem Thore der kleinen Stadt mitten im Grünen +lag; es war das Institut des Fräulein Raimar. + +Der Oberamtmann blieb überrascht davor stehen. »Sieh Ilse, welch ein +schönes Gebäude!« rief er höchst befriedigt. »Der Blick von hier aus in +die nahen Berge ist geradezu bezaubernd.« + +Was kümmerten sie die Berge! Sie fühlte sich so gedrückt von Kummer, daß +ihr die ganze Welt ein Jammerthal dünkte. + +»Wie kannst du dies Haus schön finden, Papa,« entgegnete sie. »Wie ein +Gefängnis sieht es aus.« + +Herr Macket lachte. »Betrachte doch die hohen, breiten Fenster, Kind,« +sagte er. »Glaubst du, daß in einem Gefängnisse ähnliche zu finden sind? +Die armen Gefangenen sitzen hinter kleinen, blinden Scheiben, die außerdem +noch mit einem Eisengitter versehen sind.« + +»Ich werde jetzt auch eine Gefangene sein, Papa, und du selbst lieferst +mich in dem Gefängnisse ab.« + +»Du bist eine kleine Närrin!« lachte er und brach das Gespräch, das ihm +bedenklich zu werden schien, ab. + +Er stieg die breiten, steinernen Stufen, die zu dem Eingange führten, +hinauf und zog an der Klingel. Ilse, die ihm langsam gefolgt war, schrak +unwillkürlich zusammen, als sie den hellen Schall im Hause vernahm. + +Gleich darauf wurde die Thür von einer Magd geöffnet. Nachdem dieselbe die +Angekommenen gemeldet hatte, wurden sie in das Empfangszimmer der +Vorsteherin geführt. + +Bevor sie dasselbe erreichten, mußten sie den Hausflur und einen langen +Korridor, von welchem zwei Ausgänge in einen schönen, großen Hof führten, +durchschreiten. Es war gerade die Frühstückspause in der Schule und so war +es natürlich, daß überall lachend und plaudernd große und kleine Mädchen +umherstanden. Sie verstummten, als sie die neue Pensionärin, von der sie +wußten, daß sie heute ankommen werde, erblickten, und aller Augen +richteten sich auf Ilse, der es plötzlich höchst beklommen zu Mute wurde. +Es schien ihr, als höre sie verstecktes Kichern hinter sich und sie war +herzlich froh, als die Thür in dem Empfangszimmer sich hinter ihr schloß. +Noch war dasselbe leer. + +Ilse blickte sich um, und in diesem großen, vornehmen Raume, der +künstlerisch und elegant zugleich eingerichtet war, stieg mit einem Male +ein etwas banges Gefühl in ihr auf wegen Bob, sie wünschte fast, des +Vaters Willen gefolgt zu sein. Hätte sie den Hund in ihrem Arme plötzlich +unsichtbar machen können, sie hätte es gethan. Nun wollte der Unartige +auch noch herunter auf den Boden, und diesen Wunsch konnte sie ihm doch +unmöglich erfüllen, wie hätte sie wagen dürfen, ihn auf den kostbaren +Teppich, der durch das Zimmer gebreitet lag, herab zu lassen! + +Die Thür öffnete sich und Fräulein Raimar trat ein. Sie begrüßte Herrn +Macket mit steifer Freundlichkeit, dann blickte sie mit ihren stahlgrauen +Augen, die einen zwar strengen, ernsten, trotzdem aber gewinnenden +Ausdruck hatten, auf Ilse. Diese war dicht an den Vater getreten und hatte +seine Hand ergriffen. + +»Sei willkommen, mein Kind!« Mit diesen Worten begrüßte die Vorsteherin +Ilse und reichte ihr die Hand. »Ich denke, du wirst dich bald bei uns +heimisch fühlen.« Als sie den Hund sah, fragte sie: »Hat dich dein Hund +bis hierher begleitet?« + +Ilse blickte etwas hilflos den Papa an, der dann auch für sie das Wort +nahm. »Sie mochte sich nicht von ihm trennen, Fräulein Raimar,« sagte er +etwas verlegen, »sie glaubte, daß Sie die Güte haben würden, ihren kleinen +Kameraden mit ihr aufzunehmen.« + +Das Fräulein lächelte. Es war das erste Mal, daß man ihr eine solche +Zumutung machte. »Es thut mir leid, Herr Oberamtmann,« sagte sie, »daß ich +den ersten Wunsch Ilses rücksichtslos abschlagen muß. Sie wird verständig +sein und einsehen, daß ich nicht anders handeln kann. Stelle dir einmal +vor, liebes Kind, wenn alle meine Pensionärinnen den gleichen Wunsch +hätten, dann würden zweiundzwanzig Hunde im Institute sein. Welch ein +Spektakel würde das geben! Möchtest du das Tier gern in deiner Nähe +behalten, so wüßte ich einen Ausweg. Mein Bruder, der Bürgermeister hier, +wird deinen Hund gewiß aufnehmen, wenn ich ihn darum bitte; dann kannst du +täglich deinen Liebling sehen.« + +Ilse war rot geworden und dicke Thränen perlten in ihren Augen. »Dann +bleibe ich auch nicht hier!« - sie wollte es eben aussprechen, aber sie +wagte es nicht. Die Dame vor ihr hatte so etwas Unnahbares, Vornehmes in +ihrem Wesen. Wie eine Fürstin erschien sie ihr trotz des schlichten, +grauen Kleides, dessen kleiner Stehkragen am Halse mit einer einfachen +goldenen Nadel zusammengehalten wurde. Ilse senkte den Blick und schwieg. + +Der Oberamtmann lachte. »Sie haben recht, Fräulein,« sagte er, »und wir +hätten das selbst vorher bedenken können. Ihre große Güte, den Hund bei +Ihrem Herrn Bruder unterzubringen, wird Ilse mit vielem Danke annehmen, +nicht wahr?« + +Sie schüttelte den Kopf. »Fremde Leute sollen Bob nicht haben, Papa, du +nimmst ihn wieder mit nach Moosdorf.« + +Herr Macket schämte sich der Antwort seines Kindes, aber Fräulein Raimar +überhob ihn geschickt seiner Verlegenheit. Mit ihrem erfahrenen Sinne +hatte sie sofort das Trotzköpfchen vor sich erkannt. Sie that, als merkte +sie Ilses Unart nicht. + +»Du hast ganz recht,« sagte sie freundlich, »es ist das beste, der Papa +nimmt das Tier wieder mit in die Heimat. Du würdest durch dasselbe +vielleicht doch mehr zerstreut, als mir lieb wäre. Soll die Magd den Hund +in das Hotel zurücktragen, wo Sie abgestiegen sind, Herr Oberamtmann?« + +»Ich will ihn selbst dorthin tragen, nicht wahr, Papachen?« fragte Ilse +und hielt Bob ängstlich fest. + +»Ich wünsche nicht, daß du es thust, liebe Ilse,« wandte Fräulein Raimar +ein. »Ich möchte dich gleich zu Mittag hier behalten, um dich den übrigen +Pensionärinnen vorzustellen. Ich halte es so für das beste. Es thut nicht +gut, Herr Oberamtmann, wenn ein Kind, sobald der Vater oder die Mutter es +mir übergeben haben, noch einmal mit ihnen zurückkehrt in das Hotel. Der +Abschied wird ihm weit schwerer gemacht.« + +»Nein, nein!« rief Ilse zitternd vor Aufregung, »ich bleibe nicht gleich +hier! Ich will mit meinem Papa so lange zusammen sein, bis er abreist. Du +nimmst mich mit dir, nicht, Papa?« + +Es wurde Herrn Macket heiß und kalt bei ihrem Ungestüm, indes auch diesmal +half ihm Fräulein Raimar über die peinliche Lage hinweg. + +»Gewiß, mein Kind,« entgegnete sie mit Ruhe, »dein Wunsch soll dir erfüllt +werden. Darf ich Sie bitten, Herr Oberamtmann, heute mittag mein Gast zu +sein? Sie würden mich sehr erfreuen.« + +Ilse warf ihrem Papa einen flehenden Blick zu, der ungefähr ausdrücken +sollte: »Bleib' nicht hier, nimm mich mit fort! Ich mag nicht hier bleiben +bei dem bösen Fräulein, das mich schlecht behandeln wird!« Leider verstand +er den Blick anders, er hielt ihn für eine stumme Bitte, die Einladung +anzunehmen und sagte zu. + +Die Vorsteherin erhob sich und zog an einer Klingelschnur. Der +eintretenden Magd trug sie auf, Fräulein Güssow zu rufen. Wenige +Augenblicke darauf trat dieselbe in das Zimmer. + +Die Gerufene war die erste Lehrerin im Institute und wohnte daselbst. Weit +jünger als die Vorsteherin, war sie eine höchst anmutige, liebenswürdige +Erscheinung von sechsundzwanzig Jahren. Sämtliche Tagesschülerinnen und +besonders die Pensionärinnen schwärmten für sie, sie verstand es, durch +gleichmäßige Güte sich die jungen Herzen zu gewinnen. + +»Wollen Sie die Güte haben, Ilse auf ihr Zimmer zu geleiten,« sagte die +Vorsteherin, nachdem sie die junge Lehrerin vorgestellt hatte, »damit sie +dort ihren Hut ablegen kann.« + +»Gern,« erwiderte die Angeredete und trat auf Ilse zu. »Komm, liebes +Kind,« sagte sie freundlich und ergriff sie bei der Hand, »jetzt werde ich +dir zeigen, wo du schläfst. O, du hast ein schönes, großes Zimmer; aber du +wohnst nicht allein dort. Ellinor Grey wird deine Stubengenossin sein. Sie +ist ein liebes Mädchen. Du möchtest gern gleich mit ihr bekannt werden, +nicht wahr?« + +Ilse überhörte die Frage. Mit scheuen, ängstlichen Augen sah sie den Vater +an und fragte: »Du gehst doch nicht fort, Papa?« Als er sie darüber +beruhigte, folgte sie Fräulein Güssow. + +»Aber den Hund mußt du wohl hier lassen, du kannst ihn doch nicht mit +hinauf in dein Zimmer nehmen,« sagte Fräulein Raimar. »Du kannst ihn +draußen der Magd übergeben, damit sie ihn so lange in Verwahrung nimmt.« + +Fräulein Güssow dachte weniger streng als die Vorsteherin. Sie fand es +nicht so schlimm, wenn Ilse ihren Hund im Arme behielt. + +»Hast du ihn so sehr gern?« fragte sie, als sie mit dem jungen Mädchen den +Korridor entlangging. + +»Ja,« entgegnete Ilse, »sehr, sehr lieb habe ich Bob. Und ich darf ihn +nicht hier behalten.« + +Sie legte ihre Wange auf des Hundes Kopf und kämpfte mit dem Weinen. + +»Gräme dich nicht darum, Kind,« tröstete Fräulein Güssow, »das ist nicht +so schlimm. Du findest hier viel etwas Besseres. Du sollst einmal sehen, +wie bald du den Bob vergessen haben wirst. Wir haben zweiundzwanzig +Pensionärinnen jetzt im Institute, du wirst manche liebe Freundin unter +ihnen finden. Hast du Geschwister?« + +»Nein,« sagte Ilse, die ganz zutraulich gegen Fräulein Güssow wurde, »ich +bin allein.« + +»Nun, siehst du! Da kann ich mir deine Liebe zu dem unvernünftigen Tiere +erklären, dir fehlten die Gespielinnen. Gieb deinen Hund getrost dem Papa +wieder mit zurück, du wirst ihn nicht vermissen.« + +Sie stiegen eine Treppe hinauf und kamen auf einen großen, hellen Vorsaal, +auf welchem eine Anzahl Thüren mündeten. Eine derselben öffnete die +Lehrerin, und sie traten in ein geräumiges Zimmer ein, das nach dem Garten +führte. Die Fenster waren geöffnet und ein mächtiger Apfelbaum streckte +seine Zweige fast zum Fenster hinein. + +Die Einrichtung war nicht elegant, nur das Notwendigste befand sich in dem +Zimmer. Zwei Betten, zwei Kommoden und zwei Kleiderschränke, dann noch ein +großer Waschtisch und einige Stühle. + +Als Fräulein Güssow mit Ilse eintrat, erhob sich schnell ein junges +Mädchen von ungefähr siebzehn Jahren, das mit einem Buche in der Hand am +Fenster gesessen hatte. Es war ein schlankes, zartgebautes Wesen, mit +goldblondem Haar, das sie in einem Knoten aufgesteckt trug, mit blauen +Augen und mit schelmischen Grübchen in den Wangen, sobald sie lachte. Es +war Ellinor Grey, eine Engländerin. + +»Hier bringe ich dir Ilse Macket, Nellie,« so wurde der Engländerin Namen +allgemein abgekürzt. »Ich denke, du wirst dich ihrer liebreich annehmen.« + +»O ja, ich werde ihr sehr lieben,« antwortete Nellie und reichte der +Neuangekommenen die Hand. »Bleibt die Hund auch hier?« fragte sie. + +»Nein,« sagte Fräulein Güssow. + +»O wie schade! Es ist ein so süßes Tier!« Und sie streichelte Bob. + +Es klang so drollig und sie sah so schelmisch aus, daß Ilse sofort sich +von ihr angezogen fühlte. Gern hätte sie noch ein Weilchen dem komischen +Geplauder Nellies zugehört, aber sie mußte dem Fräulein folgen, die sich +vorgenommen hatte, ihr einige Schulräume zu zeigen. Zuerst öffnete sie die +Thür zu dem Musikzimmer, dann gingen sie in den Zeichensaal und zuletzt +wurde Ilse in den sogenannten großen Saal geführt. Die junge Lehrerin +erzählte ihr, daß in demselben alle Examen und zuweilen auch +Festlichkeiten stattfänden. Ilse hörte mit halbem Ohre, sie hatte nämlich +durch eine offenstehende Thür einen Blick in eine leerstehende Klasse +gethan und Schulbänke darin entdeckt. Dort eingeklemmt sollte sie von +jetzt an sitzen, nicht aufstehen dürfen, wenn es ihr beliebte - o, es war +entsetzlich! Ein Grauen überkam sie plötzlich, ihr war, als würde ihr die +Brust zusammengeschnürt. + +»In welche Klasse meinst du, daß du kommen wirst?« fragte das Fräulein, +»deinem Alter nach müßtest du wohl in die erste versetzt werden. Hast du +deine Arbeitsbücher mitgebracht? Wie steht es mit den Sprachen? +Französisch und Englisch sind dir wohl geläufig, da du stets, wie dein +Papa schrieb, eine englische oder französische Gouvernante hattest.« + +Von unten herauf tönte eine Glocke. Dies war eine sehr gelegene +Unterbrechung für Ilse, der es unheimlich bei dem Examen wurde. Sie sagte, +daß sie nicht wisse, wie weit sie sei, französisch glaube sie sprechen zu +können. + +»Nun laß nur, mein Kind,« meinte das Fräulein, »heute wollen wir noch +nicht an das Lernen denken, bei deiner Prüfung morgen werden wir ja sehen, +welch kleine Gelehrte du bist. - Wir wollen jetzt hinunter in den +Speisesaal gehen, die Glocke hat uns zu Tisch gerufen.« + +Als sie in denselben eintraten, fanden sie die Vorsteherin mit dem +Oberamtmann bereits dort. Erstere machte ihn mit der herkömmlichen +Einrichtung während des Essens bekannt. Zum Beispiel, daß die zuletzt +angekommene Pensionärin stets ihren Platz neben der Vorsteherin angewiesen +erhalte. Dann, daß zwei junge Mädchen wöchentlich den Tisch zu besorgen +hatten. Dieselben mußten denselben decken und genau acht geben, daß nichts +fehlte und sämtliche Gegenstände sauber und blank waren. Die Jüngste der +Pensionärinnen sprach stets das Tischgebet. + +Dem Oberamtmann gefielen die Anordnungen vortrefflich und als er seinen +Blick über die junge Mädchenschar hingleiten ließ, mußte er seine Freude +aussprechen, wie gesund und fröhlich fast alle aussahen. + +Ilse sah auch umher, aber es waren nicht die fröhlichen und gesunden +Gesichter, die sie interessierten, sondern die Schürzen. Jede Einzelne +trug ein solches von ihr verachtetes Ding, und Fräulein Raimar sah nicht +aus, als ob sie eine Ausnahme bei ihr gelten lassen würde. + +Nach dem Gebete wurden die Speisen aufgetragen. Dieselben waren kräftig +und gut gekocht, und Herr Macket konnte sich überzeugen, daß sein Kind +auch in dieser Hinsicht gut versorgt sein werde. + +Nach dem Essen verabschiedete er sich bald, und Ilse durfte ihn begleiten. +Nellie hatte kaum davon gehört, als sie wie der Wind die Treppe +hinaufflog, um gleich darauf mit Ilses Hut und Handschuhen zurückzukommen. + +Diese dankte ihr dafür, und Herr Macket reichte ihr die Hand. + +»Leben Sie wohl, mein Fräulein,« sagte er herzlich, denn Nellie hatte +durch diese kleine Aufmerksamkeit ihn sofort für sich eingenommen, »und +haben Sie Geduld mit meinem kleinen Wildfang.« + +»O ja,« entgegnete Nellie, »ich werde mir schon gern von sie annehmen.« + +»Nun, Ilse, wie gefällt dir das Institut?« fragte der Oberamtmann, als sie +auf der Straße gingen, »ich gestehe, daß ich sehr befriedigt von hier +abreise, ich weiß, ich lasse dich in guten Händen.« + +»Mir gefällt es gar nicht hier!« erklärte Ilse höchst verstimmt. »Es ist +mir alles so fremd, und vor dem grauen Fräulein mit dem blonden, glatten +Scheitel fürchte ich mich. Sie ist so hart, so ungefällig! Du sollst +sehen, Papa, sie ist nicht gut gegen mich. Warum soll ich Bob nicht +behalten?« + +»Du hast gehört, weshalb nicht, nun mußt du auch nicht mehr so hartnäckig +auf deinen Wunsch zurückkommen,« verwies er sie leicht. + +»Nun fängst auch du an, mit mir zu zanken! Niemals hast du so böse mit mir +gesprochen,« rief Ilse schmerzlich beleidigt. Und sie fühlte sich in dem +Gedanken, daß kein Mensch, selbst der Papa nicht, sie leiden möge, so +unglücklich, daß das große Mädchen auf offner Straße zu weinen anfing. + +Der Oberamtmann nahm ihren Arm und legte ihn in den seinigen. Des Kindes +Thränen machten ihn so weich. + +»Aber Kleines,« sagte er zärtlich und versuchte zu scherzen, »was machst +du denn? Sollen dich die Leute auslachen, wenn das große, kleine Mädchen +weint?« + +Er führte sie zurück in das Hotel und dort fanden sie bereits Bob. Freudig +bellend begrüßte er Ilse, und diese nahm ihn hoch und liebkoste ihn unter +lautem Schluchzen. + +Um fünf Uhr reiste der Oberamtmann wieder zurück in die Heimat. Die +wenigen Stunden bis dahin vergingen schnell und stürmisch. Je näher der +Abschied rückte, desto aufgeregter wurde Ilse, und es bedurfte seiner +ganzen Festigkeit, um ihrem Wunsche, sie wieder mit nach Moosdorf zu +nehmen, entgegenzutreten. + +»Sei doch verständig!« Wie oft bat er sie in dringendem Tone darum, wenn +sie in leidenschaftlicher Erregung allerhand Drohungen ausstieß, wie: + +»Ich laufe heimlich davon,« oder »ich werde so ungezogen sein, daß mich +das böse Fräulein wieder fortschickt!« Er wußte, sie werde beides nicht +thun, aber es machte ihm doch Kummer, seinen Liebling so trostlos zu +sehen. + +Sie wollte ihn wenigstens zur Bahn begleiten, auch das litt Herr Macket +nicht. + +»Ich fahre dich zurück in das Institut und dann allein zur Bahn. So ist es +am besten. Nun komm, Ilschen,« fuhr er fort, als der Wagen unten vorfuhr, +und nahm sie zärtlich in den Arm, »und versprich mir ein gutes, folgsames +Kind zu sein. Du sollst einmal sehen, wie bald du dich eingewöhnt haben +wirst.« + +Sie hing sich an seinen Hals und mochte sich nicht von ihm trennen. Es +fiel ihr mit einemmal schwer auf das Herz, wie sehr sie den Papa gequält +hatte in den letzten Stunden. + +»Sei mir gut, mein lieber, lieber Papa!« bat sie, »sei mir gut! Du bist ja +der einzige Mensch auf der Welt, der mich lieb hat!« + +Als der Wagen vor der Anstalt hielt, trennte sich Ilse lautschluchzend von +ihrem Vater, und als sie denselben davonfahren sah, war es ihr zu Mute, +als ob sie auf einer wüsten Insel allein zurückgelassen, elendiglich +untergehen müsse. + + * * * + +Noch eine Weile stand sie vor der verschlossenen Pforte, sie konnte sich +nicht entschließen, an der Klingel zu ziehen. Da wurde die Thür von selbst +geöffnet und Fräulein Güssow stand in derselben. Sie hatte von einem +Fenster in der oberen Etage den Wagen kommen sehen und war hinuntergeeilt, +um Ilse zu empfangen. + +»Jetzt gehörst du zu uns, liebes Kind,« sagte sie mit warmer Herzlichkeit +und nahm sie in den Arm. »Weine nicht mehr, wir werden dich alle lieb +haben.« + +Ilse gab keine Antwort, sie fühlte sich so unglücklich, daß selbst der +liebevolle Empfang der jungen Lehrerin kein Echo in ihrem Herzen fand. + +»Möchtest du auf dein Zimmer gehen?« fragte diese. + + [Illustration] + +Ilse nickte stumm, sie hielt noch immer das Tuch gegen die Augen gedrückt. + +»Nellie!« rief Fräulein Güssow, »gehe mit Ilse hinauf und sei ihr beim +Auspacken ihrer Sachen behilflich. Du möchtest doch sicher gern deine +Sachen in Ordnung haben, liebe Ilse.« + +Sie wußte sehr wohl, daß Ilse durchaus nicht diesen Wunsch hatte, aber sie +wußte auch, daß die Thätigkeit das beste Heilmittel gegen Kummer und +Herzeleid ist. + +Die beiden Mädchen begaben sich auf ihr Zimmer. Ilse setzte sich auf einen +Stuhl, behielt den Hut auf dem Kopfe und starrte zum Fenster hinaus. Es +fiel ihr nicht ein, ihre Sachen auszupacken, und sie war geradezu empört, +daß man Dinge von ihr verlangte, die den Dienstboten zukämen. Nellie hatte +schweigend den Schrank geöffnet und die Schubladen der Kommode aufgezogen, +dann sah sie Ilse an, ob diese sich nicht erheben werde. + +»Gieb mich deiner Schlüssel, ich werde aufschließen die Koffers,« sagte +sie, »wir müssen auspacken.« + +Unlustig verließ Ilse ihren Platz und da sie an irgend etwas ihren +augenblicklichen Unmut auslassen mußte, nahm sie ihren Hut vom Kopfe und +warf ihn mitten in das Zimmer. + +»Warum soll ich alles auspacken? Ich weiß gar nicht, ob ich hier bleiben +werde,« sagte sie. »Mir gefällt es hier nicht!« + +Nellie hatte den Hut aufgenommen und ihn auf ein Bett gelegt. »O,« sagte +sie sanft, »du gewöhnst dir schon. Es geht uns alle wie dich, wenn wir +kommen. Du mußt nur deiner Kopf nicht hängen lassen. Nun gieb die +Schlüssels, daß ich öffnen kann.« + +Ilses Trotz konnte durch keine Waffe besser geschlagen werden, als durch +Nellies Sanftmut. Sie gab den Schlüssel und jene schloß auf und begann +auszuräumen. Ilse stand dabei und sah zu. + +»O, du mußt dich dein Sachen selbst aufräumen in dein Kommode,« sagte +Nellie. »Ich werde dich alles zureichen.« + +Ilse hatte wenig Lust dazu, Ordnung kannte sie nur dem Namen nach. Sie +nahm die sauber, mit roten Bändern gebundene Wäsche und warf sie achtlos +in die Schubkasten, es war ihr gleich, wie alles zu liegen kam. Nellie sah +diesem Treiben einige Augenblicke zu, dann fing sie an zu lachen. + +»Was machst du?« fragte sie. »Weißt du nicht, wie Ordnung ist? +Taschentücher, Kragen, Schürzen - alles wirfst du durcheinander. Das sieht +sehr bunt aus. Hübsch nebeneinander mußt du es machen, so -,« und sie zog +einen Kasten nach dem andern in ihrer Kommode auf und zeigte Ilse, wie +sauber dort alles geordnet lag. + +»Das kann ich nicht!« entgegnete Ilse. »Uebrigens fällt es mir auch gar +nicht ein, so viel Umstände um die dummen Sachen zu machen!« + +»Dumme Sachen!« wiederholte Nellie. »O Ilse, wie kannst du so sagen! Sieh +diesen feinen Taschentücher, wie sie schön gestickt, - o und diese süße +Schürzen! Und du hast die schwere Bücher daraufgethan - wie hast du sie +zerdrückt! - Laß nur sein,« fuhr sie fort, als Ilse im Begriffe war, +Schuhe und Stiefel auf die Wäsche zu werfen, »ich werde ohne dir machen - +du verstehst nix!« + +Ilse ließ sich das nicht zweimal sagen. Ruhig sah sie zu, wie Nellie das +Schuhzeug nahm und es unten in den Kleiderschrank stellte, wie sie +überhaupt jedem Dinge den rechten Platz gab. + +»O, ein schönes Buch!« rief diese plötzlich und nahm ein Buch aus dem +Koffer, das höchst elegant in braunen Samt gebunden und mit silbernen +Beschlägen verziert war. In der Mitte des Deckels befand sich ein kleines +Schild, auf welchem eingraviert war: Ilses Tagebuch. + +Ilse nahm dasselbe Nellie aus der Hand und sah es verwundert an. Was war +das für ein Buch? Sie wußte nichts davon. Ein kleiner Schlüssel steckte in +dem Schlosse desselben und als sie es aufgeschlossen hatte, fiel ein +beschriebenes Blatt ihr gerade vor die Füße. Sie hob es auf und las: + + + + + + + Mein liebes Kind! + +Möge dieses Buch Dein treuer Freund in der Fremde sein. Wenn Dein Herz +schwer ist, flüchte zu ihm und teile ihm mit, was Dich bedrückt. Es wird +verschwiegen sein und Dein Vertrauen nie mißbrauchen. + +Gedenke in Liebe + Deiner + Mama. + + + + + + +Ohne ein Wort zu sagen, legte Ilse das Buch beiseite. Sie empfand keinen +Funken Freude über die reizende Ueberraschung, auch blieben die +liebevollen Worte der Mutter ohne Eindruck auf sie. + +»Freut dir das Buch nicht?« fragte Nellie, die sich über diese +Gleichgültigkeit wunderte. + +Ilse schüttelte den Kopf. »Was soll ich damit?« fragte sie und ihr +hübscher, frischer Mund zog sich trotzig in die Höhe, »ich schreibe +niemals etwas hinein. Ich werde froh sein, wenn ich meine Aufgaben gemacht +habe. Zu langen, unnützen Geschichten habe ich keine Zeit und keine Lust.« + +»Ich würde viel Freude haben, wenn ich ein Mutter hätte, die mir so +beschenkte,« sagte Nellie traurig. + +»Ist deine Mutter tot?« fragte Ilse teilnehmend. + +»O sie ist lange, lange tot,« entgegnete Nellie. »Sie starb, als ich noch +eines klein Baby war. Meine Vater ist auch tot - ich bin ganz allein. +Niemand hat mir recht von Herzen lieb.« + +»Arme Nellie,« sagte Ilse und ergriff ihre Hand. »Aber du hast +Geschwister?« + +»O nein! keine Schwester - ganz allein! Ein alte Onkel laßt mir in +Deutschland ausbilden, und wenn ich gutes Deutsch gelernt habe, muß ich +ein Gouvernante sein.« + +»Gouvernante!« rief Ilse erstaunt. »Du bist doch viel zu jung dazu! Alte +Mädchen können doch erst Gouvernanten werden!« + +Ueber diese naive Anschauung mußte Nellie herzlich lachen, und nun war +ihre traurige Stimmung wieder verschwunden und ihre angeborene Heiterkeit +brach hervor, wie der Sonnenstrahl durch graue Wolken. Auf Ilse aber hatte +Nellies Verlassensein einen tiefen Eindruck gemacht. + +»Laß mich deine Freundin sein,« bat sie in ihrer kindlich offnen Weise, +»ich will dich auch sehr lieb haben.« + +»Gern sollst du meine Freundin sein,« entgegnete Nellie und reichte Ilse +die Hand. »Du hast mich von der erste Augenblick so nett gefallen.« + +Der große Koffer war nun leer, und Nellie ergriff den kleinen und war eben +im Begriffe die Riemen desselben loszuschnallen, als Ilse ihr ihn unsanft +aus der Hand nahm. + +»Der bleibt geschlossen!« sagte sie, »du darfst nicht sehen, was darin +ist!« + +»O je! Was du machst so böse Augen!« rief Nellie und stellte sich höchst +erschrocken. »Hast du Heimlichkeiten in der kleine Koffer? Ist wohl Kuchen +und Wurst darin?« + +Nellie begleitete ihre Worte mit so komischen Gebärden, daß Ilse lachen +mußte. Sie bereute auch schon ihre Heftigkeit. + +»Ich war recht heftig, Nellie, sei mir nicht böse,« bat sie. »Wenn du mich +nicht verraten willst, dann werde ich dir zeigen, was darin ist; aber gieb +mir die Hand darauf, daß du schweigen wirst.« + +Nellie legte den Zeigefinger auf den Mund und besiegelte mit einem +Händedrucke ihre Verschwiegenheit. + +Jetzt nahm Ilse den Schlüssel, den sie am schwarzen Bande um den Hals +trug, und als sie eben im Begriffe war aufzuschließen, wurde zum +Abendessen geläutet. + +»O wie schade!« rief Nellie, die vor Neugierde brannte, die +geheimnisvollen Schätze zu sehen. »Nun müssen wir hinunter und erst nach +die Schlafgehen können wir auspacken!« + +»Nach dem Schlafengehen?« fragte Ilse erstaunt. »Da liegen wir ja doch in +unsren Betten.« + +»Schweig!« entgegnete Nellie und legte abermals den Finger auf den Mund. +»Das ist meines Geheimnis.« - - + +Ilse erhielt ihren Platz neben der Vorsteherin. An ihrer andern Seite saß +eine junge Russin, Orla Sassuwitsch. Dieselbe war eine pikante, elegante +Erscheinung mit kurzgeschnittenem, schwarzen Haar, sehr lebhaften, dunklen +Augen und einem Stumpfnäschen. Sie zählte siebzehn Jahre, sah aber älter +aus. Uebrigens sprach sie fließend deutsch. + +Ilse hätte gern neben Nellie gesessen, mit der sie in den wenigen Stunden +so vertraut geworden war, die aber saß weit entfernt von ihr. +Augenblicklich hatte sie ihren Platz noch gar nicht eingenommen, sondern +sie stand mit noch einem Mädchen an einem Nebentische und war der +Wirtschafterin behilflich, den Thee zu servieren. + +Es war ein allerliebster Anblick, die jungen Mädchen mit ihren sauberen +Latzschürzen so häuslich geschäftig zu sehen. Geschickt gingen sie an den +Tafeln entlang und reichten die Tassen herum. + +Verschiedene Schüsseln mit Butterbrötchen, die reichlich mit Wurst und +Braten belegt waren, standen verteilt auf den Tischen. + +Fräulein Raimar ergriff die vor ihr stehende und reichte sie Ilse. + +»Nimm dir,« sagte sie, »und gieb dann weiter an deine Nachbarin.« + +Ilse war hungrig. Am Mittag hatte sie fast keinen Bissen genießen können, +jetzt aber machte die Natur ihre Rechte geltend. Sie nahm sich vier +Schnitten auf einmal, legte zwei und zwei aufeinander und verschlang den +ganzen Vorrat in drei bis vier Bissen. Freilich hatte sie den Mund recht +voll, die Backen traten wie geschwollen heraus, das kümmerte sie indes +wenig, sie war gewohnt, von einem ländlichen Butterbrote tüchtig +abzubeißen, so zarte Theebrötchen hatte sie daheim stets verschmäht. Als +sie trank, hielt sie ihre Tasse mit beiden Händen und stützte die Ellbogen +dabei auf den Tisch. + +Fräulein Raimar hatte nicht acht auf Ilse gegeben und wurde erst +aufmerksam, als sie in ihrer Nähe unterdrücktes Kichern hörte. Melanie und +Grete Schwarz, zwei Schwestern aus Frankfurt am Main, die Ilse gerade +gegenüber saßen, amüsierten sich köstlich über deren Ungeniertheit, +stießen heimlich ihre Nachbarinnen an und zeigten verstohlen auf die +nichts ahnende. + +Ein strenger Blick der Vorsteherin brachte die Mädchen zur Ruhe. Sie +liebte es nicht, daß über andrer Schwächen und Fehler gespottet wurde. +Ueber Ilses unmanierliche Art zu essen sagte sie vorläufig nichts, um sie +nicht vor den vielen Mädchen zu beschämen, erst unter vier Augen pflegte +sie dergleichen Fehler zu rügen. + +»Bist du noch hungrig, Ilse?« fragte sie. Statt einer Antwort nickte diese +mit dem Kopfe, sie hatte ja erst angefangen zu essen. + +Abermals wurde ihr die Brotschüssel gereicht und abermals nahm sie die +gleiche Portion und verzehrte dieselbe genau in der früheren Weise. + +»Die ist gefräßig!« flüsterte die fünfzehnjährige Grete ihrer um zwei +Jahre älteren Schwester zu. »Sieh nur, wie sie wieder stopft.« + +Melanie mußte die Hand vor den Mund halten, sonst hätte sie laut +herausgelacht. + +Um halb acht Uhr war das Abendessen vorbei und zugleich den Pensionärinnen +die Erlaubnis gegeben, frei zu thun, was sie wollten, bis neun Uhr. Dann +war Schlafenszeit. + +»Komm,« sagte Nellie und trat auf Ilse zu, »ich werde mit dich in die +Garten spazieren. Aber du hast ja dein Serviette noch nicht schön gelegt +und die Ring drauf gezogen! Das mußt du erst machen.« + +»Nein,« entgegnete Ilse, »das werde ich nicht! Wozu sind denn die +Dienstmädchen da? Zu Hause hatte ich niemals nötig, solche Dinge zu thun.« + +»Ist egal, meine liebe Kind. Hier mußt du solche Dinge thun, wir machen es +alle.« + +Richtig, da lagen sämtliche Servietten sauber zusammengewickelt, sie war +die einzige, die es nicht gethan hatte. Ungeduldig nahm sie die ihrige, +schlug sie flüchtig zusammen und zog den Ring darüber. + +»So nicht,« meinte Nellie, »das ist ungeschickt.« + +Und sie faltete die Serviette noch einmal schnell und geschickt mit ihren +kleinen Händen. Die junge Engländerin hatte bei allem, was sie that, +Grazie und Anmut, es war eine Lust, ihr zuzusehen. + +»Nun schnell in der Garten!« sagte sie, nahm Ilses Arm und führte sie +dorthin. + +Es war ein hübscher Garten, den Ilse jetzt kennen lernte. Nicht so groß +und parkartig wie der heimatliche, aber wohl gepflegt. Schöne, hohe Bäume +standen darin, auch fehlte es nicht an lauschigen Plätzen. Von allen +Seiten sah man auf die grünbewaldeten Berge. + +»Ist es nicht nett hier?« fragte Nellie, habt ihr bei dich auch so schöne +Berge?« + +»Nein, Berge haben wir nicht,« entgegnete Ilse, »aber es gefällt mir doch +besser bei uns. Es ist alles so frei, ich kann das ganze Feld übersehen. +Eine Mauer haben wir auch nicht um unsren Park, nur eine grüne Hecke, das +ist viel hübscher.« + +Nellie zeigte ihr sämtliche Lieblingsplätze. Sie führte sie zur Schaukel, +zum Turnplatz und zuletzt zu einer alten Linde, die mit ihren breiten +Zweigen und Aesten einen großen, runden Raum beschattete. + +»O, es ist süß hier! Nicht wahr?« fragte sie entzückt und sah mit +leuchtenden Augen hinauf in das grüne Blätterdach. »Hier machen wir unsre +Ruhe zu Mittag. Dieser alter Baum kann viel erzählen, wenn er sprechen +will! Er weiß so viel Geheimnisse, die hier verraten sind!« + +Bei dem Geplauder Nellies verging die Zeit schnell. Ilse, die am Morgen +sich so unglücklich gefühlt hatte, die am Nachmittage geglaubt hatte, daß +sie nie die Trennung vom Papa überleben könne, hatte schon verschiedenemal +herzlich über Nellie lachen müssen, denn diese hatte eine so drollige Art, +sie auf diese oder jene Pensionärin aufmerksam zu machen. + +»Wie heißt das junge Mädchen, das bei Tische neben mir sitzt?« fragte +Ilse. + +»Die mit die kurze Haar und der Klemmer auf die Nase? Das ist Orla +Sassuwitsch. Oh sie ist klug! Wir haben alle eine kleine wenig Furcht für +sie, weil sie immer die Wahrheit gerade in die Gesicht sagt.« + +»Das ist doch hübsch,« meinte Ilse. + +»O ja, wenn sie angenehm ist, aber zuweilen thut die Wahrheit weh, das +hört keiner Mensch gern. Wenn ich zu sie sagen würde: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Orla, du hast +geraucht!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} das würde sie gar nicht gefallen, und es ist doch die Wahrheit. +Ich habe durch ihr Schlüsselloch geluxt und habe große, rauchige Wolken +gesehen. -« + +Sie waren jetzt bei einer Trauerweide angelangt, die ihre grünen Zweige +bis auf den Boden gesenkt hatte. Nellie blieb stehen und bog einige Zweige +auseinander. + +»Hier, Ilse, stell ich dich unsre Dichterin vor,« sagte sie lachend. + +Die Angeredete blickte hinein und sah ein junges Mädchen auf einer kleinen +Bank sitzen, die hochaufgeschossen, blond und blaß, und deren Gesicht mit +zahllosen Sommersprossen bedeckt war. Dieselbe hatte auf dem Schoße ein +dickes, blaues Heft, in welchem sie eifrig schrieb. + +Mit einer gewissen neugierigen Scheu blickte Ilse sie an, es war ihr so +neu, daß junge, siebzehnjährige Mädchen schon dichten können. + +»Sie schreibt Romane,« fuhr Nellie fort, »aber wie! Es kommen immer +zerbrochene Herzen drin vor. - Du wirst dir die Auge schaden, du hast ja +keine Licht genug zu deine Romane!« + +Bis dahin hatte Flora Hopfstange sich nicht stören lassen in ihrer Arbeit, +jetzt aber wurde sie ärgerlich. + +»Ich bitte dich, laß mich in Ruhe, Nellie!« rief sie und schlug ihr +hellblaues Auge schwärmerisch auf. »Ich hatte eben einen so wundervollen +Gedanken, nun habe ich ihn verloren!« + +»O, ich will ihn suchen!« neckte Nellie und bückte sich auf die Erde +nieder, als ob sie ihn dort finden könne. + + [Illustration] + +»Du bist unausstehlich!« entgegnete Flora aufgebracht. »Du freilich hast +keine Ahnung von meiner Poesie, verstehst du doch nicht einmal deutsch zu +sprechen!« + +»Das ist wahr,« meinte Nellie lachend und verließ mit Ilse die +schwerbeleidigte Dichterin. + +Melanie und Grete kamen ihnen jetzt entgegen. In ihrer Mitte führten sie +ein junges Mädchen, sie mochte in Melanies Alter sein, mit lieben, sanften +Gesichtszügen. Das braune Haar trug sie einfach und glatt gescheitelt, +kein Härchen sprang widerspenstig hervor. Freundlich lächelte sie Ilse und +Nellie an, die beiden Schwestern dagegen musterten im Vorübergehen die +Neuangekommene mit spöttischen Blicken. + +»Die Schwestern kennst du,« bemerkte Nellie, »sie sitzen dich gradeüber +bei Tisch, aber unsre {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Artige{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} ist dich noch unbekannt. O, ich sage dich, +Ilse, sie ist so artig wie eines ganz wohlgezogenes Kind. Sie ist immer +der erste in alle Stunden und macht nie eine dummer Streich, kurz, Rosi +Möller ist eines Musterkind.« + +»Was sagst du von unsrem Musterkinde?« rief plötzlich eine fröhliche +Mädchenstimme. »Nellie, Nellie, dein böses Zünglein geht sicher mit dir +durch!« + +»Du irrst dir, liebes Lachtaube,« entgegnete Nellie, »Ilse ist noch so +fremd, ich mache ihr bekannt.« + +»Wer war das?« fragte Ilse, als die kleine, runde Mädchengestalt, die an +Orlas Arme hing, vorüber war. + +»Das ist Annemie von Bosse, genannt Lachtaube. Sie lacht sehr viel, +eigentlich immer, und sie kann keine Ende davon finden. Man muß mitlachen, +sie steckt an. - Nun habe ich dich aber alle Mädchen gezeigt, die in unsre +Alter sind, die anderen sind zu jung oder es sind Engländerinnen. Von die +ist nicht viel zu sage, sie sind alle langweilig und sie sprechen noch +viel weniger gut deutsch als ich.« - + +Mit dem Schlage neun begaben sich sämtliche Pensionärinnen zurück in das +Haus. Bevor sie zur Ruhe gingen, war es Sitte, daß sich alle erst in das +Zimmer der Vorsteherin begaben, um ihr gute Nacht zu wünschen. Dieselbe +reichte jeder einzelnen einen Kuß auf die Stirn. Zuweilen ermahnte, lobte +oder tadelte sie diese oder jene dabei, wenn sie den Tag über etwas gut +oder schlecht gemacht hatten, alles geschah aber in liebevollem Tone, +nicht anders als wie eine Mutter zu ihrem Kinde spricht. + +»Ich möchte noch mit dir sprechen, liebe Ilse,« sagte Fräulein Raimar, als +Ilse ihr gute Nacht bot. »Verweile noch einen Augenblick hier.« + +Und als sämtliche Mädchen das Zimmer verlassen hatten, ermahnte sie Ilse, +etwas manierlicher zu essen. + +»Du darfst die Tasse nicht mit beiden Händen fassen und die Ellbogen dabei +aufstützen, Kind, du glaubst nicht, wie unschön das aussieht. Achte auf +deine Mitschülerinnen, du wirst sehen, daß keine einzige es wie du macht. +Und dann, weißt du, stecke nicht wieder so große Bissen in den Mund. Die +kleinen Kinder machen es zuweilen so, aber dann nennt die Mama sie: +Nimmersatt!« + +Ilse war dunkelrot geworden vor Aerger über die erhaltene Ermahnung. +Trotzig biß sie die Lippen aufeinander und unterdrückte eine ungezogene +Antwort. + +»Geh nun zu Bett, mein Kind, und schlafe gut.« + +Sie war im Begriffe, Ilse einen Kuß auf die Stirn zu reichen, als diese +mit einer heftigen Bewegung den Kopf zurückbog. Es war ihr unmöglich, sich +von der Vorsteherin küssen zu lassen, die sie in diesem Augenblicke +geradezu haßte. + +Fräulein Raimar wandte sich unwillig von dem Trotzkopfe ab, ohne noch +etwas zu sagen, und Ilse verließ das Zimmer. + +Sie lief die Treppe hinauf und trat atemlos zu Nellie in das Zimmer. Die +Thüre warf sie heftig in das Schloß und schob auch noch den Riegel vor, +was in der Pension streng untersagt war. + +»Mach nicht der Riegel zu,« sagte Nellie, »wir dürfen das nicht thun. Wenn +wir in die Bett liegen, kommt Fräulein Güssow bei uns nachsehen.« + +Ilse rührte sich natürlich nicht, und Nellie mußte das selbst besorgen. +Ungestüm warf sie sich auf ihr Bett und brach in Thränen aus. + +»O, was ist dich?« fragte Nellie erschrocken. + +»Hier bleibe ich nicht! - Ich reise morgen fort! Wenn das mein Papa wüßte, +wie sie mich behandelt hat!« rief Ilse aufgeregt. + +Durch viele Fragen bekam Nellie in einzelnen abgerissenen Sätzen von Ilse +heraus, was Fräulein Raimar gesagt hatte. + +»Ich esse ungeschickt, - ich nehme zu große Bissen - und ich bin ein +Nimmersatt! Zu Hause darf ich essen, wie und was ich will! - Ich will +wieder fort! Morgen reise ich! -« + +»Du mußt dir nicht so viel grämen um so kleine Sach',« sagte Nellie sanft +und strich liebkosend Ilses lockiges Haar. »Fräulein Raimar ist sehr +gerecht, sie meint es gut und will dir nicht beleidigen. Mit uns alle +macht sie es so. Wir sind doch jung und dumm und müssen noch lernen. - Nun +komm, wir legen uns jetzt in die Bett und später, wenn Fräulein Güssow bei +uns eingesehen hat, stehen wir ganz leise wie die Mäuschen wieder auf und +packen deiner kleine Koffer leer.« + +Aber so leicht war Ilse nicht zu beruhigen. »Nein!« rief sie und sprang +auf, »der kleine Koffer bleibt verschlossen! Ich reise wieder fort!« + +Hastig zog sie sich aus, warf ihre Kleidungsstücke drunter und drüber und +legte sich schluchzend in ihr Bett. Schweigend ordnete Nellie die +zerstreuten Sachen, sie hing das schöne Kleid an einen Nagel, Ilse hatte +dasselbe auf einen Stuhl geworfen, und legte alles übrige glatt und +ordentlich zusammen. Dann ging auch sie zur Ruhe. + +Bevor sie indes ihr Lager bestieg, kniete sie vor demselben nieder, +faltete die Hände und betete leise ein kurzes Gebet. + +»Gut' Nacht, Ilse,« sagte sie dann und gab ihr einen Kuß. »Du mußt nun +nicht mehr weinen, - alle Anfang ist schwer.« + +Aber Ilse weinte noch lange. Ihre Gedanken kehrten zum Vater zurück und +begleiteten ihn auf seiner Rückreise. In wenigen Stunden mußte er die +Heimat erreicht haben. Ach, wenn er wüßte, wie sein einziges Kind +behandelt wurde! Sie fühlte sich zu unglücklich in der Gefangenschaft! - +Wie ein Kind weinte sie sich in den Schlaf, aber böse Träume schreckten +sie mehrmals auf. Bald hielt sie eine mächtige Theetasse in der Hand und +ließ sie zur Erde fallen, bald hielt ihr die Vorsteherin im grauen Kleide +ein heimatliches Butterbrot dicht vor den Mund, wollte sie aber zubeißen, +war es verschwunden. + + * * * + +Um sechs Uhr am andern Morgen hieß es: Aufgestanden! Da galt kein langes +Besinnen, und wenn die jungen Glieder noch so sehr vom Schlafe befangen +waren, es wurde keine Gnade geübt. Ilse pflegte daheim bald früh, bald +spät aufzustehen, wie sie gerade Lust hatte. Einer bestimmten Ordnung, wie +sie die Mama so sehr gewünscht, hatte sie sich nicht fügen wollen. Es +wurde ihr denn auch nicht wenig schwer, so auf Kommandowort sich erheben +zu müssen, gerade heute hatte sie den Wunsch, noch einigemal sich im Bette +herumzudrehen, sie war so spät erst eingeschlafen. Aber daran war nicht zu +denken, Nellie stand schon da und wusch sich. Mit einem Sprunge war sie +Schlag sechs Uhr aus dem Bette gewesen. + +»Wach auf, Ilse,« sagte sie, »um halb sieben trinken wir Kaffee.« + +»Schon aufstehen,« antwortete die Verschlafene, »aber ich bin noch so +müde.« + +»Thut nix, du darfst nicht mehr schlafrig sein.« + +Aber Ilse zögerte noch. Nellie stand schon fertig da, ja hatte schon +alles, was sie zur Nacht- und Morgentoilette nötig hatte, beiseite +geräumt, als sie sich langsam erhob. + +»O Ilse, eile dir, du hast nur zehn Minuten Zeit! Schnell, schnell, ich +will dich helfen! Wo sind dein Kamm?« + +Ilse zeigte auf ein Papier, das im Fenster lag. »Dort liegen sie +eingewickelt,« gab sie zur Antwort. + +»Das ist nicht nett, das gefällt mir nicht,« meinte Nellie und rümpfte das +Näschen. »Du mußt dich ein Taschen nähen, von grauer Stoff und rote Band, +sieh, wie dies da,« und sie zeigte ihre Kammtasche, »siehst du, so ist's +fein.« + +Ilse machte nicht viel Umstände mit ihrem Haar. Sie kämmte und bürstete +es, damit war alles abgemacht, die natürlichen Locken ringelten sich von +selbst ohne weitere Bemühung. Ein hellblaues Band schlang ihr Nellie durch +dieselben und band es mit einer Schleife seitwärts zu. + +»Nun noch die Schürze,« sagte sie, als Ilse soweit fertig war, »sie darf +nicht fehlen.« Sie lachte, als Ilse sich dagegen sträubte. + +»Du bist ein klein, albern Ding,« schalt sie und band ihr die Schürze vor, +trotz Ilses heftigem Widerstande. »Gleich hältst du still! Ohn' ein +Schürzen giebt es kein Kaffee.« + +Die lustige Nellie setzte es wirklich durch, daß Ilse sich ihrem Willen +fügte. + +»So,« sagte sie, »nun bist du schön! Die blau gestickter Schürze ist sehr +nett und du bekommst einer süßer Kuß.« + +An langen Tafeln saßen die Mädchen bereits, Nellie und Ilse waren die +letzten. Fräulein Raimar war des Morgens niemals zugegen, nur Fräulein +Güssow führte die Aufsicht. Ilse mußte sich zu ihr setzen. Als ihr der +Kaffee gereicht wurde, nahm sie die Tasse ganz manierlich beim Henkel in +die Hand, aß auch wie es sich gehört nicht mit großen Bissen, wie am Abend +zuvor; aber sie hatte eine andre Unart, die ebenfalls zu tadeln war, sie +schlürfte den Kaffee so laut, daß sie allgemeine Heiterkeit erregte. + +Ilse hatte keine Ahnung, daß ihr das Gelächter galt, Orla machte sie damit +bekannt. + +»Du führst ja ein wahres Konzert auf,« sagte sie. »Machst du das immer so? +Schön hört sich diese Tafelmusik nicht an, das kann ich dich versichern.« + +Ilse fühlte sich schwer beleidigt über diese Zurechtweisung. Hastig setzte +sie die Tasse nieder, erhob sich und eilte hinaus. + +»Du durftest sie nicht vor all' den übrigen so beschämen, Orla,« tadelte +Fräulein Güssow, indem sie ebenfalls aufstand, um Ilse zu folgen, »das +kränkt sehr.« + +Ilse war gerade im Begriff in den Garten zu gehen, als die junge Lehrerin +sie zurückrief. + +»Wo willst du hin, Ilse?« fragte sie. »Was fällt dir ein, mein Kind, daß +du nach deinem Gefallen davonläufst? Es ist nicht Sitte bei uns, daß +jemand eine Mahlzeit verläßt, bevor dieselbe beendet ist. Komm gleich +zurück und verzehre dein Frühstück.« + +»Ich mag nicht mehr frühstücken,« entgegnete Ilse, »und ich gehe nicht +wieder hinein! Sie haben mich alle ausgelacht und Orla war ungezogen gegen +mich. Es geht niemand etwas an, wie ich esse und trinke, ich mache es, wie +ich will! Vorschriften lasse ich mir nicht machen, nein!« + +»Ehe ich weiter mit dir spreche, bitte ich dich erst ruhig und vernünftig +zu sein, liebe Ilse. Ich kann nicht dulden, daß du in einem so unartigen +Tone zu mir sprichst.« + +Sehr ernst und nachdrücklich hatte Fräulein Güssow gesprochen, aber es +klang doch ein Ton der Liebe hindurch. Ihr schönes, weiches Organ +verfehlte selten den Weg zum Herzen, das lernte auch Ilse in diesem +Augenblicke kennen. Sie blickte zu Boden, und etwas wie Beschämung stieg +in ihr auf. + +Die Lehrerin las in Ilses beweglichen Zügen und wußte, was in ihr vorging. + +»Gieb mir deine Hand, du kleiner Brausekopf!« sagte sie freundlich, »und +versprich mir, nicht wieder so stürmisch zu sein und deiner +augenblicklichen Laune zu folgen, selbst wenn du glaubst, im Rechte zu +sein. Heute warst du es nicht einmal, du trankest wirklich etwas +unappetitlich. Orla hat es gut gemeint, daß sie dich darauf aufmerksam +machte, du darfst ihr darum nicht böse sein. So eine kleine wohlverdiente +Lehre muß sich jede von euch gelegentlich gefallen lassen. Es ist doch +besser, jetzt als Kind zurechtgewiesen zu werden, als wenn deine Fehler +und Angewohnheiten späterhin zum Spott der Gesellschaft würden.« + +Daheim hatte Ilse niemals hören wollen, daß sie eine junge Dame sei, und +jetzt berührte es sie gar nicht angenehm, daß man sie gewissermaßen noch +zu den Kindern rechnete. + +»Nun siehst du das ein, Ilse?« fragte die Lehrerin. + +Vielleicht that sie es, aber sie würde ein Ja nicht über die Lippen +gebracht haben. Fräulein Güssow begnügte sich mit ihrem Stillschweigen und +nahm dasselbe für eine Zustimmung. Sie meinte, daß eine Natur wie Ilses +nicht mit Gewalt zum Nachgeben gezwungen werden dürfe. + +»Nun wollen wir zurück in den Speisesaal gehen,« sagte sie, und Ilse wagte +keine Widerrede. Sie folgte dem Fräulein mit niedergeschlagenen Augen, sie +hatte Furcht vor den vielen peinlichen Blicken, die sich alle auf sie +richten würden. + +Als sie eintraten, war das Zimmer leer und die Frühstückszeit vorüber. +Niemand war froher als Ilse, die sich wie erlöst vorkam. + +»Ich habe noch einen Auftrag für dich, Ilse,« sagte die Lehrerin. +»Fräulein Raimar wünscht deine Arbeitshefte zu sehen, auch sollst du +zugleich mündlich geprüft werden. In einer Stunde finde dich in dem +Konferenzzimmer ein, du wirst dort zugleich deine zukünftigen Lehrer und +Lehrerinnen zum Teil kennen lernen.« + +»Wollen sie mich alle prüfen?« fragte Ilse etwas besorgt. + +»Nein,« entgegnete das Fräulein, »aber sie werden zuhören, wenn Fräulein +Raimar dich examiniert. Später wirst du dann erfahren, in welche Klasse du +gesetzt bist, und morgen nimmst du zum erstenmal an dem Unterricht teil.« + +Ilse ging in ihr Zimmer und suchte ihre Hefte zusammen. Sie waren nicht in +der besten Verfassung. Das deutsche Aufsatzheft machte besonders keinen +Staat. Verschiedene Tintenflecke zierten es, und sogar einige naseweise +Fettflecke machten sich darauf breit. Das französische Heft wurde ganz +beiseite gelegt. Sie hatte versucht, einige Seiten, die gar zu verschmiert +aussahen, herauszureißen und durch diesen Gewaltstreich waren alle andern +Blätter gelockert - unmöglich konnte sie das Buch in dieser Verfassung +vorzeigen. + +Nellie, die gerade eine freie Stunde hatte, sah erstaunt Ilses Treiben zu. +»Was thust du?« fragte sie. »Willst du dein Bücher so an Fräulein Raimar +vorzeigen? das darfst du nicht. Hat deiner Herr Pastor dir dies erlaubt? +Gieb schnell, ich will dich blaues Umschläge drum wickeln, das ist nett +und man sieht die alte Flecken nicht.« + +»Gieb her!« rief Ilse gereizt. »Sie sind gut so! Es ist mir ganz egal, ob +Fräulein Raimar die Flecken sieht oder nicht!« + +»Nicht so zornig, Fräulein Ilse! Sie sind eine kleine, unordentliche junge +Dame! Würde es dir vielleicht spaßig sein, wenn Fräulein Raimar deine Buch +mit spitze Finger hoch hielt und sie alle Lehrer zeigte? O nein, das wär +dich nicht egal und nicht spaßig. Besonders wenn Herr Doktor Althoff, +unser deutscher Lehrer, mit seine bekannte, höhnische Lachen dir so von +die Seiten ansieht und fragt: Wie alt sind Sie, mein Fräulein?« + +Trotzdem Ilse ungeduldig wurde, trotzdem sie entschieden erklärte, es wäre +höchst unnütz, daß so viele Umstände wegen der dummen Bücher gemacht +würden, setzte Nellie ihren Willen durch. + +»So, nun kannst du gehen,« sagte sie, als sie auch dem letzten Hefte ein +blaues Kleid gegeben hatte, »nun bedanke dir für mein Mühe.« + +»Du bist doch sehr gut, Nellie,« meinte Ilse. »Wie ist es dir nur möglich, +stets so sanft und geduldig zu sein? Ich kann das nicht!« + +»O, du lernst schon, Kind. Wirst noch eine ganz zahme, kleine Vogel sein!« +entgegnete Nellie. + +Um elf Uhr ging Ilse hinunter in das Konferenzzimmer. Als sie eintrat, +fand sie mehrere Lehrer und einige Lehrerinnen anwesend. Sie saßen um +einen Tisch, Fräulein Raimar nahm den Platz obenan ein. + +»Tritt näher, Ilse,« sagte sie und machte mit einigen freundlichen Worten +die neue Schülerin mit ihren zukünftigen Lehrern bekannt. Darauf ließ sie +sich die Schreibhefte reichen. Das Aufsatzbuch fiel ihr zuerst in die +Hand. Sie blätterte und las darin, und einigemal schüttelte sie den Kopf. + +»Oft recht gute und klare Gedanken,« bemerkte sie zu dem neben ihr +sitzenden Lehrer der deutschen Sprache, Doktor Althoff, »und dabei diese +oberflächliche, flüchtige Schrift. Sehen Sie einmal, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}uns{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} mit einem {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}z{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} +geschrieben - {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Land{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} mit einem {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}t{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. Da werden wir viel Versäumtes +nachzuholen haben. Wie schreibst du {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Land{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, Ilse, buchstabiere einmal.« + +Ilse konnte unmöglich diese Frage für ernst halten. War sie denn ein +kleines Mädchen aus der A-B-C-Klasse? Sie zögerte mit der Antwort. + +Die Vorsteherin indes war nicht gewöhnt zu scherzen, sie sah erstaunt die +schweigende Ilse an. + +»Wie du Land schreibst, möchte ich von dir wissen,« wiederholte sie noch +einmal in bestimmtem Tone, der jeden Zweifel, ob er ernst gemeint sei oder +nicht, benahm. + +Ilse kräuselte etwas unwillig die Stirn, zog die Lippe in die Höhe und +buchstabierte so schnell, daß man ihr kaum folgen konnte: L-a-n-d. Den +Blick hatte sie zum Fenster hinausgewandt, um Fräulein Raimar nicht +anzusehen. + +»Also nur flüchtig, ich dachte es mir,« sagte diese. »Wenn du in Zukunft +deine Aufsätze machst, wirst du sehr aufmerksam sein. Fehler, wie ich sie +in deinen Aufgaben finde, kommen bei uns nicht mehr in der dritten Klasse +vor.« + +Es wurden nun Ilse Fragen in den verschiedensten Fächern vorgelegt. +Manchmal fielen die Antworten überraschend aus, zuweilen dagegen geradezu +einfältig. Doktor Althoff lächelte einigemal, was Ilse das Blut bis hinauf +in die braunen Locken trieb. Sie ärgerte sich darüber und drehte ihr +Taschentuch wie eine Wurst fest zusammen. + +Im Französischen bestand sie gut. Monsieur Michael, der französische +Lehrer, ein älterer Herr mit weißem Haar, redete sie gleich in dieser +Sprache an, sie antwortete ihm korrekt und fließend. + +Miß Lead, die englische Lehrerin, die ebenfalls im Institute wohnte, hatte +weniger Glück bei ihrer Anrede. Ilse holperte sehr, als sie die Antwort +gab. + +»Nun kannst du uns verlassen, Kind,« sagte Fräulein Raimar. »Dein Examen +ist zu Ende. Später werde ich dir mitteilen, welche Klasse du besuchen +wirst.« + +Nachdem Ilse das Zimmer verlassen, wurde nach einigem Hin- und Herberaten +der Beschluß gefaßt, sie in die zweite Klasse zu geben, im Französischen +solle sie indes die erste besuchen. + +»Ich glaube, Ilse wird uns viel Not machen,« äußerte die Vorsteherin +besorgt. »Sie ist widerspenstig und trotzig, auch kann sie nicht den +geringsten Tadel vertragen.« + +»Aber sie hat ein gutes Herz,« fiel Fräulein Güssow lebhaft ein. »Ich habe +noch keine Beweise dafür, aber ich lese es in ihrem schönen, offnen Auge. +Ich bin überzeugt, daß ich mich nicht täusche. Eins ist mir indes klar, +mit Strenge werden wir wenig ausrichten, dagegen hoffe ich, mit Liebe und +Energie wird es uns gelingen, ihren Trotz zu zähmen.« + +»Das ist ganz meine Ansicht!« stimmte Monsieur Michael bei, »Sie werden +sehen, meine Damen und Herren, Mademoiselle Ilse wird eine Zierde der +Pension sein! Mit welcher Eleganz spricht sie französisch, wie gewählt +setzt sie die Worte! Ah, sie ist ein Genie!« - Der kleine Herr hatte sich +ordentlich in Begeisterung gesprochen und seine Worte mit lebhaften +Gestikulationen begleitet. + +»Ich wünsche von Herzen, daß Sie recht haben mögen,« entgegnete Fräulein +Raimar und erhob sich von ihrem Platze. »An Liebe und Nachsicht wollen wir +es nicht fehlen lassen, vielleicht gelingt es uns, Ilse verständig und +gefügig zu machen.« - + +Fürs erste schien noch wenig Aussicht dazu. Beim Mittagessen legte Ilse +wieder den Beweis ab, wie recht Fräulein Raimar hatte, wenn sie +behauptete, daß Ilse keinen Tadel vertragen könne. + +Sie hielt die Gabel schlecht. Die Fingerspitzen berührten fast die +Speisen. Das Gemüse verzehrte sie mit dem Messer und so heiß, daß sie +manchmal, um sich nicht zu verbrennen, den Bissen wieder aus dem Munde +fallen ließ. Auch hielt sie den Kopf sehr tief über den Teller gebeugt, +was ihr das Aussehen eines hungrigen Kindes gab. + +»Sitze gerade, liebe Ilse,« ermahnte die Vorsteherin, »es ist dir nicht +gesund, so krumm zu sitzen.« + +»Ich esse immer so,« erwiderte sie ziemlich kurz. + +»Ich aß immer so, meinst du wohl, mein Kind, denn hier wirst du dich daran +gewöhnen, zu thun, was Sitte ist ... Hast du zu Hause auch stets die Gabel +so kurz gefaßt und mit dem Messer gegessen?« + +»Ja,« sagte Ilse und warf den Kopf leicht in den Nacken. »Papa hatte nie +etwas an mir auszusetzen, er war zufrieden, wenn es mir nur schmeckte.« + +»Aber die Mama, hat auch sie deine Art zu essen gutgeheißen?« + +Ilse schwieg. Eine Unwahrheit konnte und mochte sie nicht sagen, denn wie +oft hatte die Mutter sie ermahnt, und wie oft hatte sie derselben zur +Antwort gegeben: »Dann will ich gar nichts essen, wenn du mich immer +tadelst.« + +Das Fräulein hatte leise, nur für Ilse verständlich gesprochen. Niemand +ahnte, was sie sagte, denn ihre Züge sahen mild und freundlich aus. Eine +Antwort auf ihre Frage wartete sie nicht ab, aber es gefiel ihr, daß Ilse +lieber schwieg, als gegen ihre Ueberzeugung sprach. + +»Nun iß nur, Kind,« fuhr sie fort, »mit der Zeit wirst du dich schon +gewöhnen. In wenigen Wochen hast du alle deine kleinen Unebenheiten +abgestreift und wir werden niemals nötig haben, etwas an dir zu rügen. +Nicht wahr?« + +»Ich weiß es nicht,« erwiderte Ilse und sah mit einem ziemlich +verdrießlichen Gesicht auf ihren Teller nieder. + +»Du mußt dir Mühe geben, dann wird es schon gehen.« + +Dazu schwieg Ilse. Natürlich war sie fest davon überzeugt, daß ihr das +größte Unrecht geschah. Warum sollte sie nicht natürlich essen? Der Papa +hatte stets gesagt, sie solle keine Zierpuppe werden, nun hatte man bei +allem, was sie that und wie sie es that, etwas auszusetzen. Sie wagte kaum +noch etwas zu genießen und wenn das so weiter ging, wollte sie lieber +verhungern. - + + * * * + +Am Abend, als Nellie und Ilse sich schlafen gelegt hatten, als Fräulein +Güssow bereits ihre Runde gemacht, als das Licht gelöscht und alles still +im Hause war, rief Nellie, »wachst du, Ilse?« + +»Ja,« antwortete diese, »was soll ich?« + +»Zieh dir leise an, wir wollen dein kleiner Koffer auspacken.« + +»Es ist ja aber dunkel,« meinte Ilse. + +»O laß nur, ich habe schon eine Licht.« + +Leicht und unhörbar stieg Nellie aus ihrem Bette und ging auf Strümpfen an +ihre Kommode. Sie zog den oberen Kasten vorsichtig heraus und nahm einen +kleinen Wachsstock aus demselben. Nachdem sie ihn angezündet hatte, +stellte sie ein Buch davor, damit kein Lichtschimmer durch das Fenster +drang. + +»Ist doch fein, nicht?« fragte sie. »Nun eile dich aber,« trieb sie Ilse, +die sich flüchtig ankleidete. + +»Wo hast du der Schlüssel?« + +»Hier habe ich ihn,« entgegnete Ilse und zog ihn unter dem Kopfkissen +hervor, »ich werde selbst aufschließen.« + +Nellie leuchtete mit dem Wachsstocke und hielt die Hand davor. +Vornübergebeugt stand sie in neugieriger Erwartung, der Schätze harrend, +die sich vor ihren Augen aufthun würden. Recht enttäuscht wurde sie, als +Ilse anfing auszupacken. Die erwarteten Delikatessen - Nellie war eine +Freundin davon - kamen nicht zum Vorschein. + +»O, hast du keine Kuchen?« fragte sie, warf den Plunder heraus und +durchsuchte mit der Hand bis auf den Grund. + +»Au, au!« rief sie plötzlich und fuhr mit der Hand zurück. »Was ist dies? +Ich habe mir gestochen!« Und richtig, ein roter Blutstropfen hing an dem +kleinen Finger. + +Ilse begriff nicht, woher die Verwundung kam, bis sie selbst in den Koffer +griff und die Ursache entdeckte, - - o Schrecken! das Glas mit dem +Laubfrosche war zerbrochen, und Nellie hatte sich an einem Glassplitter +geritzt. + +»Wo nur der Frosch ist,« sagte Ilse ängstlich und räumte die Scherben +fort. + +»Was? - eine Frosch? Eine lebendige Frosch? O je - hast du ihn verpackt? +Wie kannst du so eine arme Tier in die Koffer thun? Ohne Luft muß er tot +gehen!« + +Ilse hatte soeben den kleinen Laubfrosch gefunden, - natürlich war er tot. +Sie legte ihn auf die flache Hand und hauchte ihn an, vielleicht brachte +sie ihn wieder zum Leben. Nellie lachte sie aus. + +»Du hast die arm, klein Frosch gemordet,« sagte sie und nahm ihn in die +Hand. »O, er ist kaput! Er kriegt keine Leben wieder, niemals! Morgen früh +wollen wir ihn in ein Schachtel legen und unter die Linde vergraben.« + +Ilse sah traurig auf den Frosch und die Thränen traten ihr in die Augen. +Sie hatte das Tierchen selbst gefangen, es stets gefüttert und eine große +Freude daran gehabt, nun hatte sie es getötet durch eigne Schuld. + + [Illustration] + +»Wie schlecht von mir, daß ich so dumm sein konnte!« klagte sie sich an. +»Ich dachte gar nicht daran, als ich meine Sachen packte, daß er ersticken +müsse. Es ging so schnell -« + +Einigermaßen tröstete sie die Aussicht auf das Begräbnis unter der Linde. + +»Wir machen eine kleiner Hügel,« sagte Nellie, »und pflanzen Blumen +darauf. Und ein klein Holzkreuz stecken wir in die Erden und schreiben +daran: Hier ruht Ilses Frosch. Er mußte sein junge Leben lassen, weil ihm +der Luft ausging.« + +Dieser komische Einfall trocknete Ilses Thränen, sie mußte darüber lachen. + +Als sie den ausgestopften Kanarienvogel ansah, fand sie, daß er sehr +gelitten hatte. Das Köpfchen war ganz breit gedrückt und der eine Flügel +hing herunter. Nellie gab ihm wieder einige Façon. Sie drückte den Kopf +rund und versprach auch, den Flügel wieder gut zu machen. Sie wollte ihn +am andern Tage anleimen. + +»Laß mir nur machen,« sagte sie, »ich werde ihm schon wieder in die +Ordnung bringen.« + +»Was ist denn das?« fragte sie plötzlich und hielt Ilses Blusenkleid in +die Höhe, »warum hast du diese schmacklose Robe eingepackt, - und die alte +schmutzige Stiefel, - was soll damit?« + +Warum? Darüber hatte Ilse selbst noch nicht nachgedacht, aber sie war +ärgerlich, ihr Lieblingskostüm so verachtet zu sehen. + +»Du verstehst nichts davon,« sagte sie und nahm es Nellie fort. »Es ist +mein liebster und schönster Anzug! Ich mag die andern Kleider gar nicht +leiden, sie sitzen so fest und sehen so geziert aus.« + +»O laß mir ihn probieren,« bat Nellie, »ich will ihn anziehen.« + +Dagegen hatte Ilse nichts einzuwenden. Sie half Nellie ankleiden und in +wenigen Augenblicken stand diese in einem ganz wunderbaren Aufzuge da. + +Der Rock war ihr zu kurz, da sie etwas größer als Ilse war, unter +demselben sah das lange, weiße Nachtgewand hervor, die Bluse war +stellenweise zerrissen und Nellie hatte den Aermel verfehlt und war durch +ein großes Loch dicht daneben herausgefahren, so daß der Aermel auf dem +Rücken hing. Nachdem sie auch noch den schäbigen Ledergürtel um ihre +zierliche Taille geschnallt hatte, stand sie fertig da, bis auf die +Stiefel, die sie nicht anziehen mochte, weil sie zu schmutzig waren. + +»Bequem ist diese Kostüm, das ist wahr,« sagte sie und fing an, allerhand +lustige Sprünge auszuführen und sich im Kreise zu drehen. »Man ist so +luftig - so leicht!« + +Ilse brach plötzlich in ein so herzhaftes Gelächter aus, daß Nellie auf +sie zueilte und ihr den Mund mit der Hand verschloß. + +»Du darfst nicht so toll lachen,« sagte sie, »du wirst uns verraten!« + +»Ich kann nicht anders, du siehst ja zum totlachen aus.« + +Nellie trat mit dem Wachsstocke vor den kleinen Spiegel und betrachtete +sich. + +»O wie abscheulich!« sagte sie und riß die Sachen herunter, »wie kannst du +so ein häßlicher Anzug schön finden!« + +Ilse verschloß ihre Herrlichkeiten wieder in den Koffer, dann wurde das +Licht gelöscht und in wenigen Augenblicken schliefen die beiden Mädchen +fest und tief. + + * * * + +Vierzehn Tage waren seit Ilses Aufnahme in der Pension vergangen. Manche +bittre Thräne hatte sie in der kurzen Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit +erschien, geweint, und oft, recht oft hatte sie die Feder angesetzt, um +dem Vater zu schreiben, daß er sie zurückholen möge. Nur weil sie sich vor +der Mutter scheute, that sie es nicht. Erst zweimal hatte sie die vielen +und langen Briefe, die sie aus der Heimat erhalten, beantwortet, nur ganz +kurz und mit der Entschuldigung, daß ihr die Zeit zu längeren Briefen +fehle. + +Endlich, eines Sonntag Nachmittags, den fast alle Pensionärinnen zum +Briefschreiben benutzten, setzte auch sie sich dazu nieder. Große Lust +hatte sie indessen nicht. Sie wußte gar nicht recht, was sie schreiben +sollte; wie es ihr eigentlich um das Herz war, mochte sie ja doch nicht +sagen. + +Sie schlug die neue Schreibmappe auf, wählte nach langem Suchen einen rosa +Bogen mit einer Schwalbe darauf, tauchte eine Feder in das Tintenfaß und - +malte allerhand Schnörkeleien auf ein Stückchen Papier. Nachdem sie diese +Unterhaltung ein Weilchen getrieben, begann sie endlich den Brief. Nach +wenigen Zeilen hörte sie auf und legte das Geschriebene beiseite. Der +Anfang gefiel ihr nicht. Es wurde ein neuer Schwalbenbogen geopfert und +noch einer. Der vierte endlich hatte mehr Glück. Sie beschrieb denselben +von Anfang bis zu Ende, ja, sie nahm noch einen fünften Bogen dazu. Sie +war nun einmal in das Plaudern gekommen, immer wieder fiel ihr etwas ein, +das sie dem Papa mitteilen mußte. + +Als sie zu Ende war, durchlas sie noch einmal ihre lange Epistel und wir +blicken ihr über die Schulter und lesen mit. + + + + + + + »Mein liebes Engelspapachen! + +Es ist heute Sonntag. Das Wetter ist so schön und im Garten blühen die +Rosen (da fällt mir eben ein, hat meine gelbe Rose, _maréchal Niel_, die +der Gärtner im Frühjahre verpflanzte, schon Knospen angesetzt? bitte, +vergiß nicht, mir Antwort zu geben) - und die Vögel singen so lustig - +ach! und deine arme Ilse sitzt im Zimmer und kann sich nicht im Freien +umhertummeln. Mein liebes Pa'chen, das ist recht traurig, nicht wahr? Ich +komme mir oft vor wie unser Mopsel, wenn er genascht hatte und zur Strafe +dafür eingesperrt wurde. Ich möchte auch manchmal, wie er es that, an der +Thüre kratzen und rufen: macht auf! Ich will hinaus! + +Es ist gar nicht hübsch, immer eingesperrt zu sein. Zu Haus konnte ich +doch immer thun und treiben, was ich wollte, im Garten, auf dem Felde, in +den Ställen, überall durfte ich sein und meine reizenden Hunde waren bei +mir und liefen mir nach, wohin ich ging. Ach, das war zu himmlisch nett! +Was macht Bob, Papachen, und Diana und Mopsel und die andern? O, wenn ich +sie gleich hier hätte! + +Es ist in der Pension alles so furchtbar streng, man muß jede Sache nach +Vorschrift thun. Aufstehen, Frühstücken, Lernen, Essen, - immer zu +bestimmten Stunden. Und das ist gräßlich! Ich bin oft noch so müde des +Morgens, aber ich muß heraus, wenn es sechs geschlagen hat. Ach, und wie +manchmal möchte ich in den Garten laufen und muß auf den abscheulichen +Schulbänken sitzen! Die furchtbare Schule! + +Ich lerne doch nichts, Herzenspa'chen, ich bin zu dumm. Nellie und die +andern Mädchen wissen viel mehr, sie sind auch alle klüger als ich. Nellie +zeichnet zu schön! Einen großen Hundekopf in Kreide hat sie jetzt fertig, +als wenn er lebte, sieht er aus. Und Klavier spielt sie, daß sie Konzerte +geben könnte - und ich kann gar nichts! + +Wenn ich doch lieber zu Hause geblieben wäre, dann wüßte ich doch gar +nicht, wie einfältig ich bin. Nellie tröstet mich oft und sagt: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Es ist +keiner Meister von der Himmel gefallen, fang' nur an, du wirst schon +lernen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Aber ich habe angefangen und doch nichts gelernt. Ich weiß nur, +daß ich sehr, sehr dumm bin. + +Am fürchterlichsten sind die Mittwoch Nachmittage. Da sitzen wir alle von +drei bis fünf in dem Speisesaale. Die Fenster nach dem Garten sind weit +offen und ich blicke sehnsüchtig hinaus. Es zuckt mir förmlich in Händen +und Füßen, daß ich aufspringen möchte, um in den Garten zu eilen - ich +darf es nicht, ganz still muß ich dasitzen und muß meine Sachen +ausbessern, - Strümpfe stopfen und was ich sonst noch zerrissen habe, +wieder flicken. Denke Dir das einmal, mein kleines Papachen! Deine arme +Ilse muß solche fürchterliche Arbeiten thun! - Und Fräulein Güssow sagt, +das wär' notwendig, Mädchen müssen alles lernen. Sie war ganz erstaunt, +daß ich nicht stricken konnte. Man kauft doch jetzt die Strümpfe, das ist +ja viel netter, warum muß ich mich unnütz quälen? Es wird mir so schwer, +die Maschen abzustricken, und ich mache es auch sehr schlecht. + +Melanie Schwarz, sie ist sehr hübsch, ziert sich aber und stößt mit der +Zunge an, und dann sagt sie immer zu allem: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Furchtbar nett, furchtbar +reizend, oder furchtbar scheußlich{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - sie meinte neulich: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du strickst +aber furchtbar scheußlich, Ilse.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Du siehst, Pa'chen, ich kann nichts! + +In den Arbeitsstunden wird einmal französisch, einmal englisch die +Unterhaltung geführt. Französisch kann ich mich allenfalls verständlich +machen, aber englisch geht es sehr schlecht, so schlecht, daß ich mich +schäme, den Mund aufzuthun. Nellie ist gut, sie hilft mir nach und will +oft mit mir sprechen, wenn wir allein sind. + +Du fragst mich, lieber Papa, ob ich schon Freundinnen habe, - ja - Nellie +und noch sechs andre Mädchen sind meine Freundinnen, Nellie aber habe ich +am liebsten. Wie sie alle heißen, will ich Dir das nächstemal schreiben, +auch Dir erzählen, wie sie aussehen, heute kann ich mich nicht dabei +aufhalten, sonst nimmt mein Brief kein Ende. Eine Schriftstellerin ist +auch dabei, das muß ich Dir noch mitteilen. + +Wenn wir spazieren gehen, nämlich jeden Mittag von zwölf bis eins und +jeden Nachmittag von fünf bis sieben, gehe ich fast immer mit Nellie in +einer Reihe. Wir müssen nämlich wie die Soldaten zwei und zwei +nebeneinander marschieren. Eine Lehrerin geht voran, eine hinterher mit +einer kleinen Pensionärin an der Hand. Nicht rechts, nicht links dürfen +wir gehen, immer in Reih' und Glied bleiben. Ach! und ich habe so oft +Lust, einmal recht toll davonzulaufen, auf die Berge hinauf - immer +weiter! - aber dann würde ich nicht wieder in mein Gefängnis zurückkehren +- - + +In die Kirche gehen wir einen Sonntag um den andern, dort gefällt es mir +aber gar nicht. Ich sitze zwischen so viel fremden Leuten, und der +Prediger, ein ganz alter Mann, spricht so undeutlich, daß ich Mühe habe, +ihn zu verstehen. In Moosdorf ist es viel, viel hübscher! Da sitzen wir +eben in unsrem Kirchstuhle und wenn ich hinunter sehe, kenne ich alle +Menschen. Und wenn unser Herr Kantor die Orgel spielt und die Bauernjungen +so laut und kräftig anfangen zu singen - und mein lieber Herr Prediger +besteigt die Kanzel und predigt so schön zu Herzen, dann ist es mir so +feierlich, so ganz anders als hier! - ach, und manchmal, wenn die +Sonnenstrahlen durch das bunte Kirchenfenster fallen und so schöne Farben +auf den Fußboden malen, dann ist es so herrlich, so herrlich, wie +nirgendwo auf der ganzen Welt!« + + + + + + + [Illustration] + +Hier mußte Ilse mitten im Lesen innehalten und eine Pause machen. Der +Gedanke an die Heimat und die Sehnsucht dahin überwältigten sie dermaßen, +daß sie weinen mußte. Erst als ihre Thränen wieder getrocknet waren, las +sie zu Ende. + + + + + + +»Grüße nur alle, du einziger Herzenspapa, auch die Mama; das Tagebuch, das +sie mir mit eingepackt hat, kann ich nicht gebrauchen, ich habe keine +Zeit, etwas hineinzuschreiben. Aber ich bedanke mich dafür. Nun leb' wohl, +mein lieber, süßer, furchtbar netter Papa. Ich küsse Dich +hunderttausendmal. Bitte, gieb auch Bob einen Kuß und grüße Johann von + + Deiner + Dich unbeschreiblich liebenden Tochter + _Ilse_. + + + + + +_N. S._ Ich will gern Zeichenunterricht nehmen bei dem Herrn Professor +Schneider, ich darf doch? Morgen fange ich an. + +_N. S._ Beinah hätte ich vergessen, Dir zu schreiben, daß Du mir doch eine +Kiste mit Kuchen und Wurst schickst. Nellie ist immer so hungrig, wenn wir +des Abends im Bette liegen und ich auch. + +_N. S._ Lieber Papa, ich kriege immer so viel Schelte, daß ich so +ungeschickt esse, schreibe mir doch, ob das nicht sehr unrecht ist. Der +Mama sage nichts hiervon. Deine Hand drauf! - Fräulein Güssow habe ich +sehr lieb.« - + + + + + + +Gerade saßen Ilses Eltern mit dem Prediger zusammen auf der Veranda am +Kaffeetische, als ihr langer Brief eintraf. Der Oberamtmann las ihn vor +und wurde bei einigen Stellen so gerührt, daß er kaum weiter zu lesen +vermochte. + +»Ich möchte das arme Kind zurückhaben,« sagte er, nachdem er zu Ende +gelesen, »es fühlt sich unglücklich, und ich sehe nicht ein, warum wir +unsrer einzigen Tochter das Leben so verbittern sollen. Was meinst du, +Annchen, und Sie, lieber Vollert, wär' es nicht besser?« + +Der Prediger durchlas noch einmal den Brief, faltete ihn wieder zusammen +und machte ein höchst zufriedenes Gesicht. + +»Ich bin nicht Ihrer Meinung,« entgegnete er, »ja ich würde das für eine +Sünde halten. Ilse ist bereits auf dem Wege einzusehen, daß sie noch +vieles lernen muß, sie vergleicht sich mit den Genossinnen und erkennt +ihre Fehler, die Lücken in ihrem Wissen. Wir haben schon mehr erreicht in +dieser kurzen Zeit, als ich mir gedacht habe.« + +»Das Heimweh ist ja natürlich,« fiel Frau Anne ein, »bedenke nur, wie +schwer es einem an die Freiheit gewöhnten Wesen werden muß, sich plötzlich +in den Schulzwang zu fügen! Die Regelmäßigkeit des Instituts ist ihrer +ungebändigten Natur zuwider; zu Ilses Glück, sie wird sich fügen lernen, +ihre Wildheit abstreifen und ein liebes, herziges Mädchen sein.« + +Der Oberamtmann war verstimmt, daß man ihn nicht verstand. Weder der +Prediger noch Frau Anne überzeugten ihn mit ihren Vernunftgründen. Er +urteilte eben nur mit seinem weichen Herzen, und das litt sehr bei dem +Gedanken an sein heimwehkrankes Kind. + +Ilses Wünsche wurden natürlich alle erfüllt und zwar umgehend: Es mußte +Kuchen gebacken und die schönste Wurst, nebst einem Stück Schinken aus der +Rauchkammer geholt werden. Der Oberamtmann packte selbst die kleine Kiste +und legte noch allerhand Leckereien mit hinein. + +»Not soll sie wenigstens nicht leiden,« sagte er zu seiner Frau, die ihm +lächelnd zusah. »Junge Menschen, die noch wachsen, haben immer Hunger. +Wenn der Magen knurrt, muß er sein Teil haben; der beruhigt sich nicht, +wenn man zu ihm sagt: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warte nur bis es zwölf schlägt oder Morgen oder +Abend ist, dann bekommst du etwas.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}« + +Frau Anne hätte gern erwidert, daß es viel besser sei, den Magen an +regelmäßige Mahlzeiten zu gewöhnen, als zu jeder Tageszeit zu essen, aber +sie schwieg. Sie dachte mit Recht, daß mit der Zeit Ilse von selbst von +dieser Untugend zurückkommen werde. + + * * * + +Es war an einem Mittwoch Nachmittag im Monat August. Die erwachsenen +Mädchen der Pension saßen im Speisezimmer beisammen, stopfend, flickend +oder mit anderen Arbeiten dieser Art beschäftigt. Es war sehr heiß und +gewitterschwül, und durch die geöffneten Fenster drang kein erfrischender +Luftzug. + +Ilse hielt ihren Strickstrumpf in der Hand und quälte sich, Masche auf +Masche abzuheben. Es machte ihr Mühe mit den heißen, feuchten Fingern. Die +Nadeln saßen so fest in den Maschen, daß sie kaum zu schieben waren. Sie +glühte wie eine Rose bei ihrer sauren Arbeit, und der graue Strumpf, der +eigentlich weiß sein sollte, wurde öfters aus der Hand gelegt. Nun fielen +auch noch einige Maschen herunter, und Fräulein Güssow, die anwesend war, +forderte Ilse auf, einmal zu versuchen, ob sie dieselben nicht allein +wieder aufnehmen könne. + +»Ich kann das nicht,« sagte Ilse, »die Nadeln kleben so, ich mag sie nicht +mehr anfassen.« + +»Wasche dir die Hände,« riet Fräulein Güssow, »dann wird es besser gehen.« + +»Das hilft nicht,« erwiderte Ilse unmutig und legte das Strickzeug vor +sich hin. + +Die Mädchen lachten, und Grete, die ihr gegenübersaß, nahm es vorwitzig in +die Hand, um den Fehler zu verbessern. + +Ilse nahm es ihr fort. »Laß liegen,« sagte sie, »es ist mein Strumpf!« + +Ehe noch Fräulein Güssow sie wegen ihres unpassenden Wesens zurechtweisen +konnte, trat Fräulein Raimar in das Zimmer. Sie ging von einer Schülerin +zur andern und prüfte deren Arbeiten, sie that dies zuweilen, um sich an +den Fortschritten zu erfreuen, oder auch zu tadeln, wenn es nötig war. + +»Nun, wie steht es mit dir, Ilse?« fragte sie. »Hast du deinen Strumpf +bald fertig? Zeige ihn einmal her.« + +Ilse that, als habe sie die Aufforderung nicht verstanden, sie schämte +sich ihrer schmutzigen Arbeit. + +»Ich will dein Strickzeug sehen, Ilse, hast du mich nicht verstanden?« + +Etwas streng und hart klangen die Worte der Vorsteherin, und nun war es +Trotz, weshalb sie den Gehorsam versagte. + +Aufgebracht über diesen Widerstand nahm Fräulein Raimar ihr den Strumpf +unsanft aus der Hand. + +»Ich bin gewöhnt, daß meine Schülerinnen mir gehorchen und du wagst es, +dich zu widersetzen? - Seht einmal Kinder,« fuhr sie fort und hielt mit +spitzen Fingern das Strickzeug in die Höhe, »was sagt ihr zu dieser +Arbeit? Sieht sie wohl aus, als ob sie einem erwachsenen Mädchen angehöre? +Schäme dich! Niemals wieder will ich ein so unsauberes Strickzeug sehen.« + +Aller Augen waren auf dasselbe gerichtet, und einige Pensionärinnen +glaubten sich durch die Frage der Vorsteherin berechtigt, ein Wort +mitzureden. Die vorlaute Grete meinte, daß ihre kleine fünfjährige +Schwester daheim weit besser und sauberer stricke, ihr Strumpf sähe wie +Schnee gegen Ilses aus, sie dürfe aber auch niemals mit schmutzigen Händen +stricken. + +Die ästhetische Flora verglich das façonlose Ding mit einem Kaffeebeutel, +ein Vergleich, der Annemie so in das Lachen brachte, daß sie sich gar +nicht wieder beruhigen konnte. + +Was in diesem Augenblicke in Ilses Innerem vorging, ist schwer zu +beschreiben. Sie sah sich verlacht und verspottet von allen Seiten und +durfte sich nicht dagegen verteidigen. Ihr heißes Blut, ihre unbändige +Natur bäumten sich mit aller Macht auf gegen die, wie sie glaubte, ihr +öffentlich angethane Schmach. Sie geriet in eine so blinde Wut, wie sie +bis jetzt noch niemals empfunden hatte, sie ballte die Hände und biß +hinein, ihre Augen füllten sich mit heißen, trotzigen Thränen. + +Fräulein Raimar hatte bereits das Zimmer verlassen, doch die Thür +desselben hinter sich offen gelassen, sie hielt sich noch auf dem Korridor +auf. Welchen Aufruhr sie in Ilse heraufbeschworen, ahnte sie nicht, sie +würde ihn auch schwerlich begriffen haben, glaubte sie doch fest, durch +eine öffentliche Beschämung Ilses Widerstand ein für allemal geheilt zu +haben. Wie wenig verstand sie ein leidenschaftliches Gemüt! Gerade das +Gegenteil hatte sie hervorgerufen. Ilses wilder Trotz stand in +lichterlohen Flammen. + +»Neckt sie nicht!« gebot Fräulein Güssow, die Ilse besser verstand. »Ich +will nicht, daß ihr sie auslacht!« + +Und Nellie, die einzige, welche mitleidig dem ganzen Auftritt zugesehen, +nahm gutmütig den verachteten Strumpf in die Hand, um ihn wieder in +Ordnung zu bringen. + +»Laß!« rief Ilse und ihr ganzer Grimm entlud sich auf Nellies unschuldiges +Haupt, »laß! Was kümmern dich meine Sachen?« + +»Gieb doch her,« bat diese sanft, »ich mach' dich alles wieder gut.« + +Aber Ilse hörte nicht darauf und riß es Nellie aus der Hand, und ehe noch +diese sie zurückhalten konnte, warf sie im höchsten Zorne das +unglückselige Strickzeug gegen die Wand. Die Nadeln schlugen klirrend +aneinander und das Knäuel kollerte weit fort, zur offnen Thür hinaus, bis +zu den Füßen der Vorsteherin. + +Vielleicht hätte dieselbe kein Arg an diesem kleinen Zufall gefunden, wenn +nicht zu gleicher Zeit laute Ausrufe wie »Ah!« und »o!« ihr Ohr getroffen +und ihr verkündet hätten, daß etwas Unerhörtes passiert sein müsse. + +»Was giebt es?« fragte sie hastig eintretend. Sie erhielt keine Antwort; +aber ihr Blick fiel auf das Strickzeug am Fußboden und sie erriet das +Ganze. + +»Warfst du es absichtlich hierher?« richtete sie an Ilse die Frage, und +ihre Stimme bebte vor Aufregung, in ihren stets so ruhig blickenden Augen +blitzte es unheimlich auf. - »Antworte - ich will es wissen!« + +»Ja,« sagte Ilse. + +»Komm hierher und nimm es wieder auf!« + +Die Heftigkeit der Vorsteherin machte Ilse nur verstockter, sie rührte +sich nicht. + +»Hast du verstanden, was ich dir befahl? Glaubst du mir trotzen zu können? +Ich verlange, daß du mir gehorchst!« + +»Nein,« entgegnete Ilse zum Entsetzen der anwesenden Pensionärinnen, »ich +thue es nicht!« + +Fräulein Güssow sah die Widerspenstige traurig und bekümmert an. Nicht +Zorn, nur Mitleid empfand sie mit derselben. »Wenn ich dich ändern könnte! +Wenn es mir gelänge, dich auf einen andern Weg zu bringen, armes, +verblendetes Kind!« dachte sie und beschloß, nichts unversucht zu lassen, +um Ilse von ihrem bösen Fehler zu heilen. + +Solange sie Vorsteherin des Pensionats war, hatte Fräulein Raimar niemals +Aehnliches erlebt. Trotz ihrer stets so maßvollen Ruhe war sie für den +Augenblick fassungslos und ungewiß, was mit Ilse geschehen solle. + +»Geh auf dein Zimmer,« befahl sie kurz, »und bleibe dort! Das andre wird +sich finden.« + +Ilse erhob sich und ging hinauf. Nachdem sie in ihrem Zimmer angelangt, +brach der furchtbare Sturm, den sie mühsam zurückgehalten hatte, los. Sie +warf sich auf einen Stuhl und weinte laut. Stürmisch rief sie nach ihrem +Papa, daß er komme und sie holen möge - klagte die Mama an, die sie in +diese fürchterliche Anstalt gebracht - kurz fühlte sich verzweifelt und +verlassen, wie nie im Leben. + +Allerhand Gedanken jagten durch ihren Kopf, der zum Zerspringen brannte, +kindisch und unausführbar. Zuerst wollte sie davonlaufen, - wohin war ihr +gleich, nur fort, damit sie die böse Vorsteherin, die stets einen Aerger +auf sie gehabt, und die abscheulichen Mädchen, die sie verhöhnt hatten, +von denen keine sie lieb hatte, nicht wieder sehe - niemals! Kein Mensch +mochte sie leiden, nur der Papa. O, wenn sie gleich bei ihm wäre! + +Der Gedanke, daß sie zurück müsse nach Moosdorf, behielt die Oberhand. Sie +fing an, ihre Sachen aus der Kommode zu räumen und war eben im Begriff, +das Mädchen zu beauftragen, ihr den Koffer vom Boden herabzuholen, als +Nellie und gleich darauf Fräulein Güssow in das Zimmer traten. + +Erstaunt blickte letztere auf die umherliegenden Sachen. + +»Nun, Ilse, was soll denn das bedeuten?« fragte sie. + +Anstatt zu antworten vergrub Ilse das Gesicht in beiden Händen und +schluchzte laut. + +Fräulein Güssow ließ sie einige Augenblicke gewähren, dann zog sie ihr +leise die Hände vom Gesicht. + +»Beruhige dich, Kind,« sprach sie in sanftem Tone, »dann will ich mit dir +reden.« + +»Ich kann nicht! Ich will fort!« stieß Ilse leidenschaftlich heraus. + +»Du mußt dich beherrschen, Herz. Ich glaube gern, daß es dir schwer wird, +dein trotziges Ich zu zähmen, aber du mußt es thun, es ist notwendig. +Siehst du nicht ein, Ilse, wie unrecht, wie ungezogen du gehandelt hast?« + +Diese schüttelte den Kopf. »Sie haben mich alle gereizt,« entgegnete sie +abgebrochen schluchzend - »Fräulein Raimar hat mich so furchtbar blamiert +- alle haben mich ausgelacht!« + +Fräulein Güssow hatte das Gefühl, als sei es besser gewesen, wenn die +Vorsteherin ihren berechtigten Tadel in einer andern Weise ausgesprochen +hätte, - doch das war nun einmal geschehen und nicht zu ändern. + +»Du irrst,« entgegnete sie, »nicht Fräulein Raimar, sondern du selbst hast +dich lächerlich gemacht. Denke einmal zurück, wie du dich benommen hast. - +Uebrigens,« fuhr sie fort, »du darfst nicht so trostlos sein und dir nicht +allzuschwere Gedanken darüber machen. Wenn du morgen verständig bist, ist +alles vergessen. Die Mädchen haben dich alle lieb.« + +»Nein, nein,« rief Ilse, »mich hat niemand lieb! Ich weiß es wohl! - Ich +bin dumm und ungeschickt und ich will fort - zu meinem Papa!« + +»Wenn du so sprechen willst, Ilse, dann verlasse ich dich. Du weißt, wie +sehr ich dich lieb habe, dergleichen kindische Reden aber will ich nicht +von dir anhören. Soll ich gehen? - willst du vernünftig sein?« - + +Ilse schwieg und die junge Lehrerin wandte sich der Thür zu. Als sie im +Begriffe war dieselbe zu öffnen, eilte Ilse auf sie zu. + +»Bitte, bleiben Sie,« bat sie und hielt sie an der Hand fest. + +»Von Herzen gern, wenn du mich ruhig anhören willst.« + +Sie setzte sich auf einen Stuhl am Fenster und nahm Ilse in den Arm. + +»Wie heiß du bist, du böser Trotzkopf,« sagte sie und streichelte ihr +liebevoll die erhitzten Wangen. »Nellie, gieb Ilse ein Glas Wasser.« + +Die Angeredete hatte stumm und still am andern Fenster gelehnt und der +Freundin lautes Schluchzen mit heimlichen Thränen begleitet, jetzt sprang +sie hinzu und reichte das Gewünschte. + +»Trink einer kühle Schluck, er wird dir ruhig machen,« redete sie herzlich +zu. »Du mußt nie wieder sagen, daß wir dir nicht liebten, du böse, böse +Ilse! - Nicht mehr weinen darfst du, komm, ich mache deine Gesicht kalt.« + +Und sie tauchte einen Schwamm in das Wasser und kühlte damit Ilses +brennende Augen und Wangen. + +»Nun, mein Kind,« fragte Fräulein Güssow, als Ilse sich etwas beruhigt +hatte, »was gedenkst du zu thun?« + +»Ich muß heute noch abreisen,« entgegnete sie, »hier bleiben kann ich +nicht.« + +»Also noch immer möchtest du mit deinem Kopfe die Wand einstoßen. Der +Gedanke, daß du nachgeben mußt, daß es an dir ist, um Verzeihung zu +bitten, kommt dir gar nicht in den Sinn! Du hast Fräulein Raimar bitter +gekränkt, denkst du nicht daran, sie wieder zu versöhnen? Sprich!« + +»Nein,« rief Ilse und warf den Kopf zurück, »Fräulein Raimar hat mich +beleidigt und furchtbar gekränkt! Ich bitte sie nicht um Verzeihung! Noch +niemals habe ich jemand um Verzeihung gebeten - und ich thue es auch jetzt +nicht! Nein!« + +Das war wieder ein trotziger, böser Ausfall von ihr, dennoch verlor +Fräulein Güssow nicht die Geduld, sie blieb ruhig und sanft. + +»Du batest niemals um Verzeihung, Ilse? Das wundert mich; aber du hast +deinem Papa ein gutes Wort gegeben, wenn du unartig warst und er dir +zürnte.« + +»Meinem Papa!« wiederholte Ilse und sah höchst erstaunt die junge Lehrerin +an. »Niemals hat er mir gezürnt, er war immer, immer gut, ich konnte +machen, was ich wollte.« + +»So,« sprach Fräulein Güssow und meinte jetzt den Schlüssel zu Ilses +Eigensinn in des Vaters zu großer Nachgiebigkeit gefunden zu haben. »Und +die Mama, war auch sie stets damit zufrieden, was du thatest, - kränktest +du sie niemals? Sage einmal aufrichtig.« + +Ilse blickte nachdenklich vor sich hin. Sie konnte nicht leugnen, sie +hatte dieselbe oftmals durch ihren Widerstand gekränkt. + +»Ich glaube, daß ich es that,« sagte sie zögernd. + +»Und dann sagtest du: vergieb mir, liebe Mama, nicht wahr?« + +Ilse schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte sie, »niemals habe ich das gethan. +Mama hat es auch gar nicht von mir verlangt, sie weiß, daß ich einmal +nicht bitten kann.« + +»Ein Kind muß bitten können! Und ein Mädchen vor allem. O Ilse! Auch du +mußt es lernen, noch ist es nicht zu spät!« sprach Fräulein Güssow sehr +erregt. »O Ilse, wenn doch meine Worte es vermöchten, dich so recht aus +deiner Verblendung aufzurütteln! Lerne nachgeben, mein Kind, lerne vor +allem dich beherrschen! Thust du es nicht, so nimmt das Leben dich in +seine harte Schule und bereitet dir viel Herzeleid und Kummer. Glaube mir, +Trotz und Widerstand sind böses Unkraut in einem Mädchenherzen, und +oftmals überwuchern sie die besten, heiligsten Gefühle! Geh' hinunter, +Kind, bitte Fräulein Raimar um Vergebung. Ueberwindest du heute deinen +harten Sinn, so hast du gewonnen für alle Zeit!« + +Sie hatte warm und eindringlich gesprochen, und in ihren braunen Augen +standen Thränen. Ilse war auch seltsam ergriffen von ihren Worten, aber +Abbitte thun, - das konnte sie trotzdem nicht. + +»Ich kann es nicht,« sagte sie zögernd, aber bestimmt. + +»Du willst nicht, aber du mußt,« entgegnete Fräulein Güssow im höchsten +Grade erregt. »Gott! giebt es denn kein Mittel, daß ich dich von deinem +Starrsinn heilen kann!« - + +»Komm, setze dich zu mir,« fuhr sie ruhiger fort, »ich will dir eine wahre +Geschichte von einem trotzigen, widerspenstigen Mädchenherzen erzählen, +das sein Lebensglück einer kindischen Laune opferte, und wenn du dann noch +sagen wirst: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich kann nicht,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} dann gehe hin und folge deinem harten +Kopfe, - ich werde nie wieder den Versuch machen, ihn zu beugen ...« + +Noch niemals hatte jemand in einem so überzeugenden Tone zu Ilse +gesprochen, derselbe verfehlte seine Wirkung nicht. Willig und gehorsam +setzte sie sich der jungen Lehrerin gegenüber und sah erwartungsvoll und +gespannt auf sie. Der häßliche, trotzige Ausdruck schwand aus ihrem +Gesichte und wer sie jetzt sah, würde nicht geglaubt haben, daß diese Ilse +und die andre, die sich vor kaum einer Stunde so wild und unbändig +betragen, ein und dieselbe sei. + +Fräulein Güssow hatte den Kopf auf das Fensterbrett gestützt und blickte +gedankenvoll hinaus in den Garten. Ihr blasses Gesicht hatte sich leicht +gerötet und um den Mund lag ein schmerzlicher Zug. Es schien fast, als ob +ein heftiger Kampf in ihr arbeite, als ob es ihr schwer werde, mit dem +ersten Worte zu beginnen. Plötzlich erhob sie sich. + +»Es ist hier so drückend und schwül,« sagte sie und öffnete die +Fensterflügel. + +Ein erquickender Luftzug strömte ihr entgegen, ein Gewitter war im Anzuge. +Sausend fuhr der Wind durch die Wipfel der Bäume, in der Ferne grollte der +Donner. + +»Wie das wohl thut,« fuhr sie mit einem tiefen Atemzuge fort, »die Hitze +lag mir schwer wie Blei auf der Brust. - Wie alt bist du, Ilse?« +unterbrach sie sich plötzlich wie in halber Zerstreuung. + +»Im nächsten Monat werde ich sechzehn Jahre.« + +»Sechzehn Jahre!« wiederholte die Lehrerin, »dann bist du alt und auch +verständig genug, denke ich, die traurige Geschichte meiner Jugendfreundin +zu begreifen. Hör' zu. + +»Es war einmal ein junges, fröhliches Menschenkind, das mit seinen +sechzehn Jahren die Welt zu erstürmen meinte. Vater und Mutter waren ihm +früh gestorben und so kam es, daß die kleine Waise zu der Großmutter +gegeben wurde, die sie erzog und von Grund auf verzog. Lucie, so wollen +wir das Mädchen nennen, hatte nie gelernt zu gehorchen oder sich zu fügen, +sie erkannte nur einen Willen an, und das war der eigene. Das war sehr +schlimm für sie, denn bei manchen guten Eigenschaften des Herzens besaß +Lucie einen häßlichen Fehler, den Trotz. + +»Anstatt denselben durch unerbittliche Strenge schon in der Kindheit zu +zügeln, pflegte ihn die Großmama durch allzugroße Nachsicht. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warum soll ich dem Kinde nicht seinen Willen thun?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte sie, wenn man +sie zuweilen auf ihre Schwäche aufmerksam machte, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ist es nicht schlimm +genug, daß es keine Eltern hat? Ich kann es nun einmal nicht traurig +sehen.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}« + +»War Lucie hübsch?« fragte Nellie, die sich hinter Ilses Stuhl gestellt +und den Arm um deren Schulter gelegt hatte. + +»Ich glaube wohl,« entgegnete die Angeredete und errötete leicht, +»wenigstens hat man es dem erwachsenen Mädchen oftmals gesagt. Doch das +ist Nebensache - hört mich weiter an. + +»Die Großmutter besaß ein herrliches Landhaus, dessen Park sich an einen +bewaldeten Bergesabhang lehnte. Man durfte nur eine kleine Pforte, die +sich am Ausgange des Grundstückes befand, durchschreiten und befand sich +im schönsten Walde, den ihr euch denken könnt. + +»Selten kamen Spaziergänger aus dem nahen Städtchen dorthin, desto öfter +benutzte Lucie die kleine Ausgangspforte, durchstreifte den Wald bis an +die Spitze des Berges, oder was sie noch häufiger that, sie lagerte sich +an irgend einem versteckten Platze. So im weichen, schwellenden Moose zu +liegen, ein gutes Buch zu lesen und darüber die Welt zu vergessen, - das +war die höchste Wonne ihres Lebens. + +»Eines Tages hatte sie wieder ihren Lieblingsplatz am Fuße einer Eiche +aufgesucht. Die Luft war heiß und schwül und doppelt wohlthuend empfand +sie die Waldeskühle. Sie streckte die schlaffen Glieder im Moose aus und +blickte hinauf in das grüne Blätterdach. Nicht lange, dann öffnete sie das +mitgebrachte Buch und las. So vertieft war sie bald in den Inhalt +desselben, daß sie der Gegenwart ganz entrückt war. - + +»Eine männliche Stimme schreckte sie plötzlich auf. Aergerlich über die +Störung blickte sie auf und sah in das lächelnde Antlitz eines jungen +Mannes, der mit Pinsel und Palette in der Hand vor ihr stand. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ein wunderbares Bild!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief er aus. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wahrlich, ich hätte Lust, dasselbe +zu malen! Bleiben Sie in der Stellung,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} bat er, als Lucie sich schnell +erheben wollte, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}nur wenige Augenblicke! Aber so böse dürfen Sie nicht +aussehen, - nein, ich bitte, wieder derselbe Zug von Spannung um den Mund, +- dasselbe erwartungsvolle Lächeln - bitte!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Was fällt Ihnen ein?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief Lucie aufgebracht und erhob sich mit einem +Sprunge. Dabei fiel ihr das Buch aus der Hand. + +»Er kam ihr zuvor, als sie sich schnell darnach bücken wollte; doch ehe er +es ihr überreichte, las er das Titelblatt. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Werthers Leiden{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, bemerkte er und lachte lustig. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Dacht' ich es doch! +Natürlich verbotene Lektüre, die in der Waldeinsamkeit verschlungen wird! +Oder hat der Herr Papa vielleicht Ihnen diese gefährliche Geschichte +erlaubt?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»Lucie entriß ihm das Buch, aber sie wurde über und über rot. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich verbitte mir Ihre Bemerkungen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} entgegnete sie zornig. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wer hat +Ihnen erlaubt, mich zu beobachten?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich nahm mir selbst die Freiheit,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte er sich verbeugend, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}und bitte +dafür um Verzeihung. Ein Zufall brachte mich in Ihre Nähe, dort jene +Buchengruppe war ich im Begriffe zu malen, - da erblickte ich Sie, und +können Sie mir verdenken, daß ich dem Zauber nicht widerstehen konnte, Sie +zu betrachten?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»Sie gab keine Antwort, ja sie grüßte nicht einmal, als sie eilig davon +ging. Sie empfand Unwillen und Aerger über den Aufdringlichen und doch - +gefiel er ihr.« - + +»War er ein schön Mann?« fragte Nellie. + +»Ja, er war schön und klug und gut. Von den letzteren Eigenschaften konnte +Lucie sich bald überzeugen, denn der Maler machte unter irgend einem +Vorwande einen Besuch in der Großmutter Hause. + +»Wie bald er der Liebling derselben, wie er nach und nach täglicher Gast +bei ihr wurde und wie er endlich der trotzigen Lucie Herz gewann, das kann +ich euch nicht erzählen, nur so viel, daß sie eines Tages seine Braut war. + +»Es war ihm nicht leicht geworden, ihr Jawort zu erringen, denn wenn er +heute glaubte, daß sie ihn gern möge, war er morgen vom Gegenteil +überzeugt. Wenn er im Begriffe war, sie zu fragen: hast du mich lieb? +reizte sie ihn gerade durch Trotz und Widerstand, und das Wort erstarb ihm +auf den Lippen. + +»Endlich trug er den Sieg davon. An ihrem achtzehnten Geburtstage war es, +als sie mit ihm vor die Großmama trat und jubelnd ausrief: + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich bin Braut!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»Nun, glaubt ihr, Lucie ist eine andre geworden? Das Glück und die Liebe +haben sie nachsichtiger gestimmt, nicht wahr, ihr glaubt, das könne nicht +anders sein? - Wie seid ihr im Irrtum! Das Gegenteil war der Fall. Ihr +Widerstand trat gegen den Mann, den sie von ganzem Herzen liebte, oftmals +heftiger hervor, als je vorher. + +»Welche Mühe gab er sich, sie von diesem Fehler zu heilen, wie +eindringlich und liebevoll stellte er ihr die Folgen desselben vor; sie +hörte ihn an und versprach sich zu bessern, - aber ihr Wort hielt sie +nicht, - - leider! - Hätte sie es gethan, wie viel Kummer und Herzeleid +hätte sie sich erspart!« + +Einen Augenblick hielt die junge Lehrerin inne, ein scharfer Beobachter +hätte ihr ansehen können, wie schwer es ihr wurde, die Geschichte weiter +zu erzählen, - die jungen Mädchen indessen merkten nichts davon. Sie +glaubten, die Heftigkeit des Gewitters habe die Pause hervorgerufen. + +»O bitte, fahren Sie fort,« bat Nellie, deren Augen vor Entzücken +glänzten; niemals bis jetzt hatte das Fräulein ähnliches erzählt, »bitte, +weiter! O, ich bin zu gierig, weiter zu wissen!« + +Ilse saß still und sinnend da. Was sie da hörte, berührte eine verwandte +Saite in ihr, oftmals hatte sie das Gefühl, als ob das junge Mädchen nicht +Lucie, sondern Ilse geheißen habe. - + +»Lucies Brautzeit neigte sich zu Ende,« fuhr Fräulein Güssow fort, »in +vier Wochen sollte die Hochzeit sein. An dem Morgen eines herrlichen +Maitages saß das Brautpaar auf der Veranda vor dem Hause und träumte sich +in die Zukunft hinein. Es wurde eine Reise nach der Schweiz und Italien +geplant, - den ganzen Sommer wollten sie umherschweifen, und wo es ihnen +am schönsten gefiel, dort wollten sie für den Winter ihr Nest bauen. + +»Der Himmel wölbte sich hoch und blau über ihnen, die Frühlingssonne +lachte sie freundlich an, - ringsum blühte, duftete und zwitscherte es, +kein Mißton störte das wunderbare Lenzesleben. + +»Lucie machte Pläne und malte sich aus, wie sie leben und wie sie sich +einrichten wollten. Sie hing am Aeußeren und hatte eine lebhafte +Phantasie, da war es denn am Ende ganz natürlich, daß ihre Wünsche und +Hoffnungen bis an den Himmel reichten. + +»Er hatte ihrem Geplauder lächelnd gelauscht, ohne sie zu unterbrechen. Da +gab ihm ein unglücklicher Zufall die Frage ein: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wie würdest du es +ertragen, Lucie, wenn wir uns ganz einfach einrichten müßten, wenn wir +nicht reisen könnten - wenn wir wenig Mittel hätten, - mit einem Worte, +wenn die Not an uns herantreten würde?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Die Not?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte sie erstaunt und sah ihn beinahe entsetzt an. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Das wäre +furchtbar!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du giebst mir keine Antwort auf meine Frage, liebes Herz. Ich meine, ob +deine Liebe zu mir so stark sein würde, daß du ohne Klage auch ein +armseliges Los mit mir teilen würdest?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - + +»Es verdroß sie, daß Curt, so hieß der Maler, durch unnütze Fragen einen +Mißklang in ihre frohe Stimmung brachte. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Laß doch den Unsinn!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} wehrte sie ab, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}wir werden nie in solche Lage +kommen. Ich bin reich und deine Bilder werden hoch bezahlt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Man kann nicht wissen, was in den Sternen für uns geschrieben steht,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} +entgegnete er ernst. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du könntest zum Beispiel dein Vermögen verlieren, - +und ich - nun wenn ich krank würde und nicht malen könnte?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warum quälst du mich mit allerhand dummen Möglichkeiten, Curt,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte +sie ungeduldig. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich antworte dir nicht auf solche Fragen.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Und sie wandte +sich halb von ihm ab. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du sprichst jetzt gegen deine bessere Ueberzeugung, du kleine +Widerspenstige,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte er halb ernst, halb scherzhaft. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich weiß, du wirst +mir ganz bestimmt meine Gewissensfrage beantworten, ich weiß auch, meine +Lucie würde den Mut haben, ein sorgenvolles Leben mit mir zu teilen, wie +sie meine Gefährtin in Glück und Wohlstand werden wollte. Nicht wahr? Du +siehst ein, Liebling, daß ich von meiner zukünftigen Frau das verlangen +kann?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Das sehe ich nicht ein!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief Lucie sehr entrüstet und entzog ihm ihre +Hand, die er liebevoll ergriffen hatte. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Armselige Verhältnisse würden +mich unglücklich machen - ja, unglücklich machen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} wiederholte sie, als er +sie zweifelnd ansah, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}lieber würde ich gar nicht heiraten!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»Er wurde blaß bei ihren Worten, aber noch wollte er nicht an den Ernst +derselben glauben. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Hast du mich lieb, Lucie?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte er sie. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ja, aber in einer Hütte bei Salz und Brot mag ich nicht mit dir wohnen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kein {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Aber{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, Lucie. Hast du mich lieb? Sage ja und nimm zurück, was du +gesagt hast.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nein!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief sie entschieden und sprang von ihrem Platze auf. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nichts +nehme ich zurück! Was ich gesagt habe, ist meine wahre Meinung!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Lucie!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief er erregt, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}besinne dich! Es ist nicht wahr, du denkst +nicht wie du sprichst! Dein Widerspruch gab dir die Worte ein ....! Nimm +sie zurück, Herz!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} und flehend blickte er ihr in das Auge. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du irrst,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} entgegnete sie mit scheinbarer Kälte, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}nicht aus Widerspruch, +sondern mit voller Ueberzeugung sagte ich dir meine Ansicht.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nein, nein! Ich kann's, ich will's nicht glauben! - Komm her, sieh' mich +an. Deine Augen sollen mir die Antwort geben, ich weiß, daß sie nicht +lügen können. - Du liebst mich? Ja? Nicht wahr, du hast mich lieb?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} +wiederholte er noch einmal dringend - {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}und du nimmst zurück, was du +gesagt?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»Unglücklicherweise hatte die Großmama auf der entgegengesetzten Seite der +Veranda gesessen und war so eine stumme Zeugin dieser Scene geworden. +Aengstlich erhob sie sich und trat dem jungen Paare näher. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie dürfen Lucie nicht so übel nehmen, was sie sagt, lieber Curt,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} +sprach sie beruhigend, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}es kommt ihr nicht vom Herzen, glauben Sie mir.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»Die alte Frau hatte es gut gemeint, aber sie stiftete Unheil an. Hätte +sie sich nicht in den Streit gemischt, vielleicht war es besser. Ihre +gütigen Worte stachelten Lucies Trotz noch mehr an. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Es kommt mir wohl aus dem Herzen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief dieselbe aufgebracht, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}und ich +wiederhole noch einmal: Lieber heirate ich gar nicht, als daß ich Not und +Mangel leide!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}« - + +»O, wie hart ist sie!« warf Nellie ein, als Fräulein Güssow wie erschöpft +einen Augenblick innehielt. + +»Sie war nicht hart, nur verblendet,« fuhr diese fort. »Niemals hatte sie +gelernt, sich einem andern Willen zu beugen, niemals war sie im stande +gewesen nachzugeben. Jetzt, wo das ernste Verlangen ihres Verlobten in +aller Entschiedenheit an sie herantrat, ihren Widerstand zu zähmen, da +bäumte derselbe sich dagegen auf und sie unterlag seiner Macht. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ist das dein letztes Wort, - Lucie!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - Wie ein Schrecken kam es über +seine Lippen. Sie blieb ungerührt, wandte sich von ihm und eilte aus dem +Zimmer. + +»Besorgt folgte ihr die Großmama, aber sie klopfte vergeblich an der +verschlossenen Thüre, dieselbe wurde nicht geöffnet. - + +»Lucie befand sich in keiner beneidenswerten Stimmung. Es kochte und tobte +in ihr und verworrene Gedanken durchzuckten ihr Hirn. War es recht, wie +sie gehandelt hatte? {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ja,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} antwortete sie sich darauf, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich bin im Rechte. +Warum schreckt er mich mit den Gespenstern Sorge und Not, warum peinigt er +mich damit? Ich will in eine glückliche Zukunft sehen und er will mir das +Herz schwer machen mit Unmöglichkeiten. Und welch eine wichtige Sache er +daraus macht? - Ich soll zurücknehmen, was ich gesagt habe! Solch ein +Verlangen! Abbitte soll ich thun - Abbitte! Und er hat mich doch erst +herausgefordert. Er ist an allem schuld.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»Aus einem Winkel ihres Herzens meldete sich auch eine Stimme, die ihr +zurief: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Gieb nach! Reich' ihm die Hand, oder du hast ihn verloren!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Sie +wurde nicht beachtet, und als eine Stunde vergangen war, hatte sie sich so +völlig in den Gedanken an ihre Schuldlosigkeit eingelebt, daß sie +erwartete, Curt müsse kommen und sie um Verzeihung bitten. + +»Er kam auch und begehrte Einlaß. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Oeffne mir, Lucie,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief er stürmisch, +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}es hängt unser Glück davon ab! Ich muß dich sprechen! - Ich will dich +sprechen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»Das klang wie ein Befehl, sie schwieg und gab keine Antwort. Wohl klopfte +ein guter Engel an ihr Herz und rief ihr warnend zu: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Erhöre ihn und es +wird alles gut{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - sie war taub gegen seine Stimme. Ein böser Geist hielt +sie für den Augenblick gefangen und trauernd floh ihr guter Engel von +dannen. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich will nicht mit dir reden!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief sie zurück, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich wüßte auch nicht, +was du mir noch sagen könntest!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}So treibst du mich fort von dir, Lucie!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - rief er außer sich. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Bedenke +was du thust! Ich gehe und nicht eher kehre ich zu dir zurück, bis du mich +zurückrufst: Lebe wohl!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - - + +»Es waren die letzten Worte, die sie von ihm gehört hat. + +»Nach einer in Aufregung durchwachten Nacht brach der nächste Tag an. Der +trotzige Aufruhr in Lucies Innern hatte sich gelegt und einer +unzufriedenen Stimmung Raum gemacht. Nachzugeben fühlte sie sich auch +heute nicht geneigt, aber sie wollte ihn heute anhören, wenn er kam, - und +daß er kommen werde, darauf hoffte sie fest. + +»Aber sie hoffte vergebens. Die Großmama überhäufte ihre Enkelin mit +bitteren Vorwürfen und forderte sie unter Thränen auf, sie möge nachgeben. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wird es dir denn so schwer,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte sie, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}dem Manne, dem du in vier +Wochen die Hand für das Leben geben willst, ein bittendes Wort zu sagen? +Ueberwinde dich, Lucie, nimm deine bösen Worte zurück, oder es giebt ein +Unglück.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich kann nicht, Großmama. Ich müßte ja abbitten, so verlangt er, und du +weißt, ich that es nie! Er kehrt auch ohne meinen Ruf zurück, du wirst es +sehen.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»Aber auch der nächste Tag verging und er blieb aus. Lucie befand sich in +einer fieberhaften Aufregung und schrak zusammen, sobald sich die Thür +öffnete. - Am dritten Tage, - es war gegen Abend, sie hatte wieder +vergeblich ihn erwartet, da brachte Curts Diener ihr einen Brief. Sie +eilte auf ihr Zimmer, um ihn allein und ungestört zu lesen - es war doch +endlich - endlich ein Zeichen von ihm! + +»Hastig öffnet sie und in zwei Teile gebrochen fiel ihr Curts +Verlobungsring entgegen. Wenige Zeilen nur schrieb er dazu. - Ich will +versuchen euch dieselben zu wiederholen,« unterbrach sich Fräulein Güssow, +»Lucie hat sie mir oftmals zu lesen gegeben. + + + + + + +»Du hast mich nicht zurückgerufen, - - so sehnsüchtig ich auch darauf +gehofft habe. Liebtest Du mich, wie ich Dich, wäre es Dir nicht schwer +geworden, ein versöhnendes Wort zu sagen. Lebe wohl denn, ich muß von Dir +scheiden, Lucie, weil ich Dir nicht versprechen kann, Dir stets Wohlstand +und Glück zu bieten. - - Mit welchem Rechte könnte ich vom Schicksal +verlangen, daß mein Leben nur von der Sonne beschienen werde? Leb' wohl, - +ich habe Dich sehr geliebt.« - + + + + + + +»Wie gebrochen sank sie zur Erde nieder und hätte vor Schmerz vergehen +mögen. Das hatte sie nicht gedacht, - so weit hatte sie es nicht treiben +wollen. - Nun war es zu spät, alle Reue, alle Selbstanklage, brachten ihr +den Geliebten nicht zurück. + +»Die Großmama fand Lucie in einem verzweiflungsvollen Zustande, und +heimlich, ohne ihr Wissen, schickte sie einen Boten in Curts Wohnung. Er +kehrte zurück mit der Meldung: der Herr sei seit zwei Stunden abgereist. - +Sie hatte ihn auf ewig verloren!« - + +»O, die arm' Lucie! Der schlechter Mensch, warum konnt' er ihr verlassen!« +rief Nellie unter Weinen. »Er hat ihr gar nix lieb gehabt.« + +»Er hat sie sehr geliebt,« entgegnete die Lehrerin und sah hinaus auf den +strömenden Regen; »aber er war ein ganzer Mann, der Lucies trotzigen +Widerstand nicht länger ertragen konnte.« + +»Und wo ist Lucie geblieben?« + +»Lucie?« wiederholte Fräulein Güssow zögernd, - »ein trauriges Geschick +hat sie getroffen. Ein Jahr nach dem Geschehenen verlor die Großmutter +fast ihr ganzes Vermögen. Die Villa mußte verkauft werden und Lucie, das +verwöhnte und verzogene Mädchen, war gezwungen, für die Zukunft ihr eignes +Brot zu verdienen.« + +Ilse sah entsetzt die Lehrerin an. »Ja, ihr Brot zu verdienen,« betonte +dieselbe. »Das erschreckt dich, nicht wahr? Aber es wurde ihr nicht so +schwer, als sie einstmals geglaubt. Seit jenem Tage, da sie das Schwerste +erfahren, war eine Aenderung in ihrem Wesen vorgegangen. Still und ernst +ging sie einher und ihr übermütiges Lachen war verschwunden. - Sie +bereitete sich vor, Gouvernante zu werden, und als sie ihr Examen +bestanden hatte, ging sie, nachdem sie die Großmama durch den Tod +verloren, nach London. Sie wirkt dort als Lehrerin in einem Institute.« + +»Und der Maler? Hat die arm' Lucie nie gehört davon?« + +»Seine Werke hat sie oft in den Galerien bewundert - er selbst blieb +verschollen.« + +»Oh wie ein furchtbar trauriges Geschicht' ist das!« rief Nellie. »Es thut +mich sehr weh.« + +Und Ilse? Sie saß da, die Hände gefaltet, mit gesenktem Blick. Sie war bis +in das Innerste getroffen. Wie Lucie hätte auch sie gehandelt, auch sie +würde es bis zum Aeußersten getrieben, auch sie würde ihr Lebensglück im +trotzigen Uebermute geopfert haben. - Noch schwankte sie einen Augenblick, +wie im Kampf mit sich selber, dann aber erhob sie sich schnell und ergriff +Fräulein Güssows Hand. + +»Ich will um Verzeihung bitten,« sagte sie in leisem Tone, es war, als ob +sie sich scheue, ihre eigenen Worte zu hören. + +Ueber der Lehrerin Gesicht glitt ein Freudenschimmer. Sie nahm die Reuige +in den Arm und küßte sie zärtlich. + +»Geh' - geh',« sagte sie gerührt, »und wenn je ein böser Geist wieder über +dich kommen will, denk' an Lucies traurige Geschichte.« + +Zögernd und beklommen stieg Ilse die Treppe hinunter. Vor der Vorsteherin +Zimmer blieb sie stehen. Sie konnte sich nicht entschließen, die Thür zu +öffnen. Zweimal hatte sie schon die Hand nach dem Drücker ausgestreckt und +wieder zurückgezogen. Es war so furchtbar schwer, die erste Abbitte zu +thun. Ob sie umkehre? + +Einen Augenblick war sie es willens, ja, schon machte sie eine leichte +Wendung zurück, da hörte sie Fräulein Güssow die Treppe herabkommen. + +Sollte dieselbe sie unverrichteter Sache hier finden? Sie hätte sich vor +ihr schämen müssen. Mit einem tiefen Atemzuge öffnete sie die Thür. + + [Illustration] + +Die Vorsteherin saß an ihrem Schreibtische; als sie Ilse eintreten sah, +erhob sie sich. + +Ilses Herz klopfte zum Zerspringen. Als sie das strenge, zürnende Auge +Fräulein Raimars auf sich gerichtet sah, entsank ihr der Mut. Sie +versuchte zu sprechen, aber es war ihr unmöglich, ein Wort +hervorzubringen, die Kehle erschien ihr wie zugeschnürt. Es war eine +Folterqual, die sie ausstand, und wenn jetzt der Boden unter ihren Füßen +sich plötzlich geöffnet und sie hätte verschwinden lassen, sie würde es +für eine Wohlthat des Himmels angesehen haben. Aber diese Wohlthat blieb +aus, und Ilse stand noch immer wortlos vor der Vorsteherin. + +Schon regte sich wieder der alte Trotz, der ihr eingab, es ruhig darauf +ankommen zu lassen und sich nicht zu beugen - da war es, als ob Lucie sie +traurig anblicke, als ob sie ihr mahnend zurief: »Nicht zurück! Geh' mutig +vorwärts!« + +»Nun Ilse?« unterbrach Fräulein Raimar das minutenlange Schweigen. »Was +ist dein Begehr?« + +Ilse machte eine vergebliche Anstrengung zu sprechen und brach in ein +krampfhaftes Schluchzen aus. Abgebrochen und unverständlich kam es von +ihren Lippen: »Ver-zeih-ung!« + +Fräulein Raimar war sehr aufgebracht über Ilses Betragen gewesen und sie +hatte die Absicht gehabt, ihr eine derbe Lektion dafür zu geben, als sie +indes dieselbe so zerknirscht und reuevoll vor sich stehen sah, wurde sie +milder gestimmt. + +»Für diesmal,« sagte sie, »will ich dir vergeben, ich sehe, daß du dich +selbst mit Vorwürfen strafst, und daß du zur vollen Erkenntnis deines +Ungehorsams gekommen bist. Bessre dich! Beträgst du dich ein zweites Mal +in ähnlicher Weise, würde ich die strengsten Maßregeln ergreifen, das +heißt: ich würde dich zu deinen Eltern zurückschicken! - Ich hoffe, du +vergißt dich niemals wieder, versprich mir das!« + +Beinah hätte sie sich sofort gegen dieses Versprechen aufgelehnt und +geantwortet: »Schicken lasse ich mich nicht! Dann gehe ich lieber gleich +zu meinen Eltern,« - da war es wieder Lucies warnendes Beispiel, das diese +böse Antwort von ihren Lippen scheuchte. + +Zögernd und noch immer schluchzend ergriff sie des Fräuleins Hand. »Nie - +wieder!« stammelte sie. + +Und Fräulein Raimar war von der Wahrheit ihres Versprechens überzeugt und +hatte beinah Mitleid mit der Reumütigen. »Nun geh' und beruhige dich,« +sagte sie in mildem Tone, »und sehe ich, daß du dich besserst, wird der +heutige Tag von mir vergessen sein. -« + +Als Ilse die Treppe zu ihrem Zimmer wieder hinaufstieg, fühlte sie sich +leicht wie nie im Leben, es war ihr so frei und froh in der Brust, niemals +hatte sie eine ähnliche Empfindung gekannt. Es war das Bewußtsein, sich +selbst überwunden zu haben. - + +Der Juli und August waren vorüber und man befand sich in den ersten Tagen +des September. Ilse hatte sich mehr und mehr in das Pensionsleben +eingelebt und fühlte sich längst keine Fremde mehr. An vieles, das ihr +anfangs unmöglich erschien, hatte sie sich gewöhnt, ja gewöhnen müssen. +Wie hätte sie auch vermocht, sich gegen das einmal Bestehende aufzulehnen! +Das frühe Aufstehen, das regelmäßige Arbeiten, die Ordnung und +Pünktlichkeit, die streng innegehalten wurden, - schwer genug hatte sie +sich in all diese Dinge gefunden, und wer weiß, ob sie es überhaupt je +gethan hätte, wenn Nellie nicht wie ein guter Geist ihr stets zur Seite +gestanden hätte. Mit ihrer fröhlichen Laune half sie der Freundin über +manche Schwierigkeit hinweg und oft verstand sie es, durch ein Wort, ja +durch einen Blick dieselbe zu zügeln, wenn sich die alte Heftigkeit melden +wollte. + +Eine heftige Szene hatte sie übrigens nicht wieder herbeigeführt. Fräulein +Güssows Erzählung war auf fruchtbaren Boden gefallen und hatte ihren +trotzigen Sinn etwas nachgiebiger gemacht. + +Ueber ihre Fortschritte und Fähigkeiten herrschte unter ihren Lehrern und +Lehrerinnen eine sehr verschiedene Ansicht, wie dieses in der letzten +Konferenz recht deutlich zu Tage trat. Der Rechenlehrer und der Lehrer der +Naturgeschichte behaupteten, daß Ilse ohne jede Begabung sei, daß sie +weder Gedächtnis, noch Lust am Lernen besitze. Andre waren vom Gegenteile +überzeugt. Fräulein Güssow, die in der Litteratur und Doktor Althoff, der +Deutsch, Geschichte und in der französischen Litteratur unterrichtete, +waren in jeder Beziehung mit Ilses Kenntnissen und ihren Fortschritten +zufrieden. Professor Schneider lobte ganz besonders ihren Fleiß und ihre +Ausdauer, die sie bei ihm entwickle, und erklärte mit aller +Entschiedenheit, wenn Ilse so fortfahre, würde sie es mit ihrem Talente +weit bringen, sie habe in den acht Wochen, in denen sie seine Schülerin +sei, so große Fortschritte im Zeichnen gemacht, wie nie eine andre zuvor. + +Ueber dieses Lob geriet Monsieur Michael in Entzücken. Ja er vergaß sich +in seiner lebhaften Freude so weit, daß er ausrief; »Bravo, Monsieur +Schneider! So spreche auch ich, sie ist eine hochbegabte, eine +entzückende, junge Mademoiselle.« + +Fräulein Raimar lächelte über diese Ekstase und erkundigte sich nach Ilses +Betragen. + +Da kam denn leider manches bedenkliche Kopfschütteln an den Tag. Besonders +wurde von einigen sehr gerügt, daß sie bei dem geringsten Tadel eine +trotzige Miene mache, daß sie sogar mehrmals gewagt habe, zu +widersprechen. + +»Leider, leider ist dem so,« bestätigte die Vorsteherin, »und ich habe +nicht den Mut, zu glauben, daß wir sie ändern können. Ich fürchte sogar, +daß ihr zügelloser Sinn uns eines Tages eine ähnliche Szene, wie die +bereits erlebte, machen wird, und was geschieht dann?« + +»Dann geben wir sie den Eltern zurück,« fiel Miß Lead lebhaft ein. »Ich +glaube, daß es dahin kommen wird. Ilse ist nicht nur verzogen, sie ist - +wie soll ich sagen - sehr bäurisch, sehr brutal, sie paßt nicht in unsre +Pension.« + +Doktor Althoff warf der Engländerin einen etwas ironisch lächelnden Blick +zu, als wollte er sagen: Du freilich mit deinen übertriebenen, strengen +Formen hast kein Verständnis für das junge, frische Wesen mit seinem +natürlichen Sinn - »Ich glaube, Sie irren, meine Damen,« wandte er ein, +»in unsrer kleinen Ilse steckt ein tüchtiger Kern. Lassen Sie nur erst die +etwas rauhe Schale sich von demselben abgestoßen haben und Sie werden +sehen, in welch ein liebenswürdiges, natürliches, echt weibliches Wesen +sich die bäurische, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}brutale Ilse{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~},« er betonte die letzten Worte etwas +stark, »verwandeln wird. Von der Natur ist sie dazu beanlagt, glauben Sie +mir. Man muß nur nicht von der kurzen Zeit, die sie bei uns verweilt, gar +zu viel verlangen.« + +Miß Lead zuckte die Achseln und machte eine abweisende Miene. Fräulein +Güssow dagegen sah Doktor Althoff dankbar an. + +»Das sage ich mit Ihnen, Herr Doktor!« stimmte sie bei. »Wir müssen Geduld +haben mit unsrem wilden Vogel, der bis jetzt nur die Freiheit kannte. +Fehler, die durch jahrelange, allzunachsichtige Erziehung in dem Kinde +groß gezogen wurden, können unmöglich in wenigen Wochen vollständig +abgestreift sein. Mir scheint, daß wir schon viel erreicht haben, wenn wir +daran denken, wie wenig Arbeitstrieb Ilse mit in die Pension brachte und +wie sie jetzt gewissenhaft und sogar in manchen Fächern ihre Aufgaben sehr +trefflich anfertigt.« + +Fräulein Güssows Behauptung war vollständig berechtigt. Ilse war weit +strebsamer geworden, das gute Beispiel der übrigen Mädchen spornte sie +mächtig an. + +Anfangs war es ihr gleichgültig gewesen, ob man sie in die erste oder +zweite Klasse brachte, als sie indes die Bemerkung machte, daß alle ihre +Mitschülerinnen jünger waren, als sie, da erwachte der Ehrgeiz und +zugleich ein Eifer in ihr, der sie antrieb, das Versäumte nachzuholen, zu +lernen und zu arbeiten, damit sie bald in die erste Klasse komme. + +Ihre Aufsätze besserten sich mit jedem Mal, auch nahm sie sich sehr +zusammen, keine orthographischen Schnitzer mehr zu machen. Sie hatte allen +Respekt vor Doktor Althoff, der stets mit einem leichten Spott dergleichen +Fehler zu rügen wußte. + +Ihr letzter Aufsatz war der beste in der Klasse gewesen. »Ein Spaziergang +durch den Wald« hieß das gegebene Thema und sie hatte ihre Aufgabe in +anmutiger und lebendiger Weise gelöst. Sie wurde dafür gelobt, und Doktor +Althoff las ihren Aufsatz der Klasse vor, was stets als eine besondere +Auszeichnung galt. Mitten im Lesen unterbrach er sich lachend. + +»Da ist Ihnen ein ganz abscheulicher Irrtum passiert, Ilse,« sagte er, +»denn ich kann mir kaum denken, daß Sie wirklich dachten, was Sie hier +niederschreiben.« + +Und er trat zu ihr und zeigte ihr die verhängnisvolle Stelle, die also +lautete: + +»Ich war eine gans, tüchtige Strecke allein gegangen.« - Sie errötete, +nahm schnell eine Feder und machte aus dem s ein z. + +»Ein andres Mal sehen Sie sich besser vor, solche Verwechselungen können +höchst komisch wirken. Auch mit den Kommas, Punkten u. s. w., rate ich +Ihnen weniger verschwenderisch umzugehen, oder haben Sie die Absicht, es +wie jene junge Dame zu machen, die, sobald sie eine Seite zu Ende +geschrieben hatte, ganz willkürlich die Zeichen hineinsetzte. Etwa zehn +Kommas, sieben Ausrufungszeichen, fünf Fragezeichen und neun Punkte, wie +sie gerade Lust hatte, manchmal mehr, manchmal weniger. Das gab dann +zuweilen einen tollen Sinn, Sie können es sich denken.« + +Die Mädchen lachten und Ilse mit. Ohne jede Empfindlichkeit nahm sie eine +Rüge von diesem Lehrer auf, der es verstand, stets die richtige Art und +Weise zu treffen. Mit liebenswürdigem Humor, in welchen er einen ernsten +Tadel oftmals kleidete, richtete er weit mehr aus, wie mancher andre, der +in der Aufregung sich zu zornigen Worten hinreißen ließ. + +Aber wie schwärmten auch seine Schülerinnen für ihn! In jeder +Mädchenschule giebt es gewiß einen Lehrer, der zum allgemeinen Liebling +erkoren wird, in dem Institute des Fräulein Raimar hatte Doktor Althoff +das Los getroffen. + +»Er ist furchtbar reizend!« beteuerte Melanie und schlug den Blick +schwärmerisch gen Himmel. »Das bezaubernde Lächeln um seinen Mund, das +blitzende, geistvolle Auge, das schmale, vornehme Gesicht, das dunkle, +lockige Haar! Wirklich furchtbar nett!« Die neugierige Grete hatte sogar +entdeckt, daß Schwester Melanie in einem Medaillon, welches sie an der Uhr +befestigt trug, ein Stückchen Papier mit seinem Namen geborgen hatte. Es +war eine Unterschrift von seiner Hand, die sie unter einem früheren +Aufsatze fortgeschnitten hatte. + +Flora Hopfstange besang den Gegenstand ihrer Verehrung in den +überschwenglichsten Gedichten, auch war er der Held ihrer sämtlichen +Novellen und Romane. Wie zufällig verlor sie zuweilen eines ihrer +schwärmerischen Gedichte, natürlich nur in der Litteraturstunde, indessen +vergeblich. Doktor Althoff hatte noch niemals eine ihrer kostbaren +Dichterblüten gefunden. + + [Illustration] + +Selbst Orla teilte diese allgemeine Schwäche, trotzdem sie dieselbe stets +verspottete. Längst aber hatte sie sich verraten und das ging so zu. +Doktor Althoff trug eine Nelke in der Hand, als er die Klasse betrat und +ließ dieselbe auf dem Katheder liegen. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, +als fast sämtliche Schülerinnen, wie die Stoßvögel auf die rote Blume +zustürzten, um sie für sich zu gewinnen. Orla eroberte sie glücklich. Hoch +hielt sie ihre Siegestrophäe in die Luft und eilte damit auf ihr Zimmer. +Vom Juwelier ließ sie sich dann ein goldenes Medaillon anfertigen mit +einer russischen Inschrift darauf. Grete hatte das bald genug +herausgewittert, aber leider stand sie vor einem unlösbaren Rätsel, denn +Orla würde ihr nimmermehr vertraut haben, daß die beiden Worte ins +Deutsche übertragen hießen: »Vom Angebeteten.« - In diese kostbare, +goldene Hülle legte sie die Nelke und trug sie immer. + +Nellie machte es am ärgsten. Eines Abends, als sie mit Ilse allein auf +ihrem Zimmer war, nahm sie ein Federmesser und ritzte damit den +Anfangsbuchstaben seines Vornamens in ihren Oberarm. Mit spartanischem +Mute ertrug sie lächelnd diese schmerzhafte Operation. + +»Aber Nellie, wie albern bist du!« rief Ilse. »Warum machst du denn den +Unsinn? Wenn Herr Doktor Althoff all' eure Dummheiten erfährt, müßt ihr +euch doch schämen.« + +»Schweig!« gebot Nellie scherzhaft, »du bist noch ein klein' grüner +Schnabel. Du verstehst nix von heimliche Anbetung. Komm erst in der Jahre +und lerne ihr begreifen. Dein Herz lauft noch in der Kinderschuhe.« + +Ilse wollte sich totlachen. Ihr gesunder, urwüchsiger Sinn verstand und +begriff dergleichen krankhafte Dinge nicht. »Ach Nellie!« rief sie +fröhlich, »du sprichst so weise, wie eine alte Großmama, und bist doch nur +zwei Jahr älter als ich.« + +Nellie war aber keineswegs wie eine Großmama, oft sogar konnte sie recht +kindlich denken und handeln, wenn es darauf ankam, irgend etwas für ihren +Schnabel zu gewinnen. + +Eines Sonntags, es war gegen Abend, stand sie am offnen Fenster in ihrem +Zimmer und blickte sehnsüchtig auf den Apfelbaum, dessen Früchte goldgelb +und rotwangig, höchst verlockend zwischen dem dunklen Laube hindurch +lachten. + +»Die schöne Aepfel!« rief sie aus, »o, hatte ich doch gleich einer davon! +Er ist reif, Ilse, ich weiß, ich kenne dieser Baum genau. Ich habe jetzt +so groß' Lust, Apfel zu speisen, und darf ihn doch nur ansehen! Sehen - +und nicht essen - es ist hart!« + +Ilse, die nach Nellies Muster und Angabe einen grauen Wäschbeutel mit +roten Arabesken benähte, legte die Arbeit beiseite und trat zu der +Freundin. + +»Ja, die sind reif,« sagte sie und betrachtete mit Kennermiene die Aepfel, +»wir haben dieselbe Sorte daheim, das sind Augustäpfel. Wenn ich doch +gleich in Moosdorf wäre, dann stieg' ich in den Baum und holte welche +herunter, aber hier - - ach!« + +Nellie horchte auf und blickte Ilse an, die mit wehmütigem Verlangen +hinauf in den Baum sah. Plötzlich kam ihr ein guter Gedanke. + +»Du bist in der Baum gestiegen?« fragte sie. »O, Ilse, ich habe ein' +furchtbar nette Idee! - Du steigst in der Baum und holst uns von der +Apfel!« + +Die letzten Worte sprach sie flüsternd, damit ja kein unberechtigtes Ohr +etwas erlauschte. + +Ilses braune Augen leuchteten auf. »Wie gern würde ich das thun! Aber ich +darf ja nicht! Denk' nur, Nellie, wenn Fräulein Raimar oder irgend jemand +anderes mich sehen würde!« + +»Laß mir nur machen,« meinte Nellie und machte ein höchst listiges +Gesicht. »Heut' abend, wenn Fräulein Raimar und alles andre auf seines Ohr +liegt, dann erheben wir uns wieder von unsrem Lager und die mutige Ilse +wird wie eine Katz' leise aus die Fenster steigen und in der Baum +klettern. Der lieber Mond steckt sein' Latern' dazu an und leuchtet sie, +daß sie die besten und großesten Apfel finden kann. Und ich geb' acht, daß +nix kommt, - ich werde eine gute Spion sein.« + +Ilse strahlte vor Wonne. Der Gedanke war auch zu verlockend, als daß sie +noch länger Bedenken tragen sollte. + +»Das ist zu himmlisch!« rief sie so laut, daß Nellie ihr die Finger auf +den Mund legte. »Ich ziehe meine Blouse und den blauen Rock dazu an und +steige hinauf in das grüne Blätterdach. Es ist himmlisch, Nellie!« + +Und sie ergriff die Freundin am Arme und tanzte mit ihr durch das Zimmer. + +»O, du bist einer Engel! du kluge Ilse! Wenn wir nur erst Nacht hätten!« + +Ilse stand schon wieder am Fenster und warf prüfende Blicke in den Baum. +»Siehst du, auf diesen Zweig steige ich zuerst,« sagte sie ganz erregt, +»und dann auf den dort, - es hängen drei herrliche Aepfel daran, - die +pflücke ich zuerst und werfe sie dir zu, - dann geht es höher hinauf bis +an Melanies und Orlas Stubenfenster, - sie lassen es immer offen stehen +des Nachts - dann stecke ich den Kopf hinein und rufe: Gute Nacht!« + +»Ilse!« rief Nellie entsetzt, »du darfst der Unsinn nicht thun! Gieb dein' +Hand darauf!« + +»Es war nur Scherz,« entgegnete Ilse. »Sei ohne Sorge, Nellie, ich werde +ganz artig und still sein, niemand soll von unsrem entzückenden Abenteuer +erfahren!« - + +Die Zeit verging den beiden Mädchen wie mit Schneckenpost. Ilse, die sich +wenig verstellen konnte, war während des Abendessens ganz besonders lustig +und aufgeregt. + +»Du siehst so unternehmend und fröhlich aus,« bemerkte Fräulein Güssow, +»hast du eine gute Nachricht aus der Heimat erhalten?« + +Ilse wurde rot und fühlte sich wie ertappt. Ein Glück für sie, daß die +Lehrerin ganz arglos die Bemerkung machte und gar nicht weiter auf sie +achtete, vielleicht wäre ihr doch die verräterische Röte aufgefallen. + +Endlich, endlich, war alles still im Hause. Die Runde durch sämtliche +Schlafgemächer war gemacht, und Fräulein Güssow war bereits in ihr Zimmer +zurückgekehrt. + +Nellie saß in ihrem Bett und lauschte. Sie hatte unten die Thür sich +schließen hören, wartete noch eine kleine Weile, dann erhob sie sich und +glitt wie ein Geist durch das Zimmer und lehnte sich weit zum Fenster +hinaus. + +»Was machst du?« fragte Ilse. + +»Ich will sehen, ob Fräulein Güssow noch Licht in sein' Schlafstube hat -« +flüsterte sie. »Noch ist hell unten, - immer noch - -« + +»Soll ich aufstehen?« fragte Ilse. + +»Nein, du sollst dir ganz ruhig halten und nicht so laut sprechen. Sie hat +noch immer hell. Wie langweilig! Was sie nur anfangt! Warum geht sie nicht +in ihr Bett und macht die Auge zu.« + +Sie beugte sich weit zum Fenster hinaus und sah unverwandt auf die +seitwärts liegenden, noch immer erleuchteten Fenster. Im Flüstertone rief +sie Ilse ihre Bemerkungen zu. Plötzlich fuhr sie schnell mit dem Kopfe +zurück und legte den Finger auf den Mund. + +»Sei ganz still, Ilse, rühr' dir nicht,« sagte sie dann, sich auf den +Zehen zu derselben heranschleichend, »sie hat eben der Kopf zum Fenster +ausgesteckt und sieht in der Mond. Beinah' hat sie mir erblickt.« + +Nach einem kleinen Weilchen hörte sie das Fenster schließen und als Nellie +vorsichtig hinunter blickte, war das Licht gelöscht. + +»Jetzt ist die große Augenblick gekommen,« wandte sie sich in pathetischem +Tone an Ilse und streckte die Hand aus, »erheben Sie sich, mein Fräulein, +und gehen Sie an das großes Werk!« + +Ilse war so aufgeregt durch den Gedanken an das nächtliche Abenteuer, daß +sie gar nicht bemerkte, wie urkomisch Nellie aussah, als sie in ihrem +langen Nachtgewande, den Arm weit ausgestreckt, so vor ihr stand. + +Eilig erhob sie sich und begann sich anzukleiden. Das war bald geschehen, +da das Blousenkleid, und was sie sonst noch nötig hatte, schon bereit lag. + +Gegen die Stiefel erhob Nellie Einsprache. »Sie sind zu unschicklich, zu +plump, du machst eine so laute Schritt, daß alles aufwacht.« + +Ilse hörte nicht darauf. Sie hatte dieselben bereits angezogen und schlich +auf den Zehen zum Fenster hin. + +»Gieb mir das Körbchen,« bat sie. Nellie hing ihr ein solches um den Hals, +damit sie den Arm frei behalte. + +»So, nun bist du reisefertig, mach' deine Sach' brav, mein Kind,« sagte +sie und küßte Ilse auf die Wange. + +Die hörte nichts. Mit leichtem Sprunge schwang sie sich auf das +Fensterbrett und von dort stieg sie in den Baum. + +Aengstlich blickte ihr Nellie nach. Aber sie hatte nicht Ursache, besorgt +zu sein. Ilse kletterte leicht und gewandt wie ein Eichkätzchen trotz +ihrer schweren Stiefel. Als sie die drei bewußten Aepfel erreichen konnte, +brach sie dieselben und warf sie Nellie zu. + +»Da hast du eine Probe!« rief sie übermütig in halblautem Tone, »damit dir +die Zeit nicht lang werde, bis ich wiederkomme!« + +Die Früchte kollerten bis an das Ende des Zimmers zu Nellies Entsetzen. + +»O, was thust du!« flüsterte sie und erhob drohend die Finger. »Die Köchin +schläft unter dieser Zimmer, soll sie von der Spektakel aufwachen?« + +»Bärbchen schläft fest, ich höre sie draußen schnarchen,« gab Ilse zurück. +- »Wir können ganz ohne Sorge sein - alles schläft - alles ist still und +dunkel. - Nun lebe wohl, Nellie, jetzt trete ich meine Reise an. Ach, es +ist köstlich hier!« + +Plötzlich bekam es Nellie mit der Angst. »Ich zittre für dir,« sprach sie +mit bebenden Lippen, - »komm wieder her, - es könnte ein Unglück sein.« + +Ilse lachte in sich hinein und stieg keck höher und höher. Sie war so +recht in ihrem Elemente und frei wie der Vogel in der Luft regte sie ihre +Schwingen. + +Bald hatte sie die Spitze erreicht. Der Mond schien voll und klar und +zeigte ihr jeden Schritt, den sie zu machen hatte. Als sie in gleicher +Höhe mit dem Schlafgemache Orlas und der Schwestern war, konnte sie der +Versuchung nicht widerstehen, einen Blick in das Fenster zu thun. +Vorsichtig und behende balancierte sie auf dem Ast, der sie trug und +dessen grüne Spitzen beinahe das eine Fenster berührten, und sah hinein. + +Ruhig, nichts ahnend lagen die Schläferinnen da, hell vom Mondlicht +beschienen. + +Einen Augenblick regte sich der Uebermut in ihr. Ob sie den Mädchen einen +Schabernak spielte? »Nur einmal gegen die Fensterscheibe klopfen,« dachte +sie, und schon streckte sie den Finger aus dazu, - da bewegte sich Orla im +Schlafe. Unwillkürlich fuhr Ilse zurück und ihre tolle Idee blieb +unausgeführt. + +Es hingen so viel schöne Aepfel rechts und links und überall, mit kleiner +Mühe hätte sie in wenigen Augenblicken ihr Körbchen damit füllen können, +aber dazu hatte sie keine Lust, immer höher hinauf strebte ihr Verlangen, +sie hatte nun einmal die Freiheit gekostet, so schnell wollte sie dieselbe +nicht wieder aufgeben. Die Krone des Baumes war ihr Ziel, wohl eine +beschwerliche Fahrt, aber sie schreckte nicht davor zurück. + +Wie ein Bube erklomm sie die manchmal schwer zu erreichenden Zweige, - ein +einziger Fehltritt und sie lag unten mit zerbrochenen Gliedern, - dieser +Gedanke kam ihr nicht in den Sinn, sie hatte daheim ganz andre tollkühne +Kletterpartien ausgeführt und jede Furcht vor Gefahr verlernt. + +Mutig ging es vorwärts. Die lauschende Nellie vernahm dann und wann ein +Knacken der Aeste, oder das Herabfallen eines Apfels. Einmal schrak sie +heftig zusammen, ein Vogel flog auf. Ilse mochte ihn in seiner Nachtruhe +gestört haben. - Es wurde ihr recht ängstlich auf ihrem Lauscherposten, +eine Ewigkeit dünkte es ihr, daß Ilse sie verlassen hatte. + +»Ilse!« rief sie leise. Keine Antwort erfolgte. Wie war es auch möglich, +daß ihr Ruf zu derselben emporgetragen wurde, die oben in der Krone stand +und die erfrischende Nachtluft mit vollen Zügen einsog. + +Wie fühlte sie sich glückselig, wie frei, wie heimatlich wurde es ihr zu +Mute! Keine Fesseln drückten sie mehr, Schulzwang, Pension, Vorsteherin - +alles entschwand ihr wie in nebelweite Ferne - der Garten da unten gehörte +dem Papa, der Baum, auf dem sie war, stand vor seinem Fenster, es war der +alte Nußbaum, in dessen grünem Laubwerk sie so manchmal neckend Versteck +gespielt hatte mit dem Papa, wenn er sie überall suchte, von dessen +oberster Spitze sie dann plötzlich mit einem schlichen »Juchhe!« ihm +antwortete. + +»Juchhe!« Ganz in Erinnerung versunken, brach es plötzlich laut und +kräftig aus ihrer Kehle hervor, daß es weithin durch den Garten schallte. + +Im selben Augenblicke erwachte sie aus ihrem Traume und ganz erschrocken +fuhr sie mit der Hand nach dem Mund. Was hatte sie gethan! Aber die Reue +kam jetzt zu spät, vor allem mußte sie an den schnellsten Rückzug denken, +denn wie sie vermutete, so war es, ihr unvorsichtiger Ruf war im Hause +vernommen worden. + +Melanie war davon erwacht und richtete sich entsetzt in ihrem Bette auf. + +»Grete!« rief sie mit bebenden Lippen, »hast du gehört?« + +»Ja,« tönte es gedämpft zurück. »Melanie, ich fürchte mich tot!« Sie hatte +sich die Decke über den Kopf gezogen und erwartete mit zitternder Angst +ihr Schicksal. + +Auch Orla war erwacht. »Was war das?« fragte sie, »wo kam der laute Schrei +her? Mir war es, als ob er dicht vor meinem Bette ausgestoßen wurde.« + +»Allmächtiger Gott!« schrie Melanie auf, »siehst du nichts? O, ich habe +etwas furchtbar Schreckliches gesehen! Eben dort! - dicht am Fenster flog +es vorüber! Ein Gespenst war es, mit fliegenden Haaren und großen, +glühenden Augen! Hu, wie es mich ansah, als ob es mich verschlingen +wollte! O, Orla - ein Gespenst - ein Gespenst!« + +Sie klapperte mit den Zähnen vor Furcht und Schrecken, und Orla, die +nichts gesehen hatte, sondern nur ein lautes Brechen und Knacken im Baume +vernommen, sprang mutig aus ihrem Bette, schlug ihre Steppdecke über die +Schultern und sah zum Fenster hinaus. + +Grade hatte Ilse ihre tolle Fahrt beendet. In rasender Hast und Angst +hatte sie dieselbe von der Höhe des Baumes bis zu ihrem Zimmerfenster +gemacht, und Nellie, sie erwartend, streckte ihr beide Arme, soweit sie +konnte, hilfreich entgegen. Sie war leichenblaß und außer sich über Ilses +Tollkühnheit. + +»Was hast du gemacht?« flüsterte sie, »du hast uns verraten! - hast du +gehört? Ueber uns sind sie aufgeweckt! - Orla spricht ... Wir sind +verloren!« + +Eilig nahm sie der am ganzen Körper zitternden Ilse, deren Hände blutig +geritzt waren, das Körbchen ab, warf die wenigen Aepfel, die nicht +herausgefallen waren, in ihr Bett, das Körbchen hinter den Schrank, und +legte sich nieder, alles in der größten Hast. + +Ilse hatte ein gleiches gethan. Ohne sich zu entkleiden, mit Stiefel und +Blousenkleid, sprang sie in ihr Bett und deckte sich bis an das Kinn zu. +Sie schloß die Augen und erwartete in Todesangst das furchtbare +Strafgericht, das ihrer wartete. - + +Bei dem trügerischen Lichte des Mondes konnte Orla nicht erkennen, was +eigentlich vorging. Sie sah wohl eine Gestalt - sah ein Paar weiße Arme, +die ihr fabelhaft lang erschienen, aber nur einen flüchtigen Moment, dann +war die ganze Erscheinung lautlos und still wie im Nebel verschwunden. + +Sie lauschte noch einige Augenblicke atemlos, aber der Spuk war vorbei - +nichts rührte sich. Trotz ihres Mutes wurde es ihr unheimlich zu Mute. Sie +zog den Kopf zurück. + +»Nun?« fragte Melanie, »sahst du etwas?« + +»Ja,« entgegnete Orla, »deutlich habe ich eine Gestalt gesehen, und ich +könnte darauf schwören, daß sie von zwei langen, weißen Armen in Nellies +Zimmer gezogen wurde.« + +»Liebe, liebe Orla!« bat Melanie kläglich und mit gerungenen Händen, +»wecke die Leute! Wenn das Gespenst noch einmal erscheint, sterbe ich vor +Angst!« + + [Illustration] + +Orla ergriff die Klingelschnur, die sich dicht neben ihrem Bette befand, +und läutete. In jedem Zimmer war eine solche angebracht, für den Fall, daß +ein plötzliches Unwohlsein eine Pensionärin des Nachts befiel. Sämtliche +Schnüre führten zu einer Hauptglocke, die unten, dicht neben Fräulein +Raimars Schlafzimmer angebracht war. + +Laut und schrill, wie eine Sturmglocke, tönte ihr Klang, der noch niemals +die Ruhe gestört, durch die Stille der Nacht. Nellie und Ilse erzitterten, +als ob sie ihr Sterbeglöcklein hörten. + +Wie mit einem Zauberschlage wurde es lebendig im Hause. Die Fenster, die +eben noch dunkel und wie träumend in den Garten geblickt hatten, erhellten +sich. Thüren wurden geöffnet, Stimmen laut. + +Die Vorsteherin, im tiefen Negligee, ein Licht in der Hand, trat zuerst +aus ihrem Zimmer. Fast gleichzeitig erschien Fräulein Güssow. Als beide +den Korridor passierten, schoß Miß Lead aus ihrer Zimmerthür, ängstlich +fragend blickte sie die Damen an. + +Sie war nicht gerade eine Heldin, die gute Miß, der Glockenschall war ihr +in alle Glieder gefahren. Zitternd war sie aus dem Bette gesprungen und +hatte nach ihren Kleidungsstücken gesucht. Im Dunkeln tappte sie +vergeblich darnach. Sie hatte Licht anzünden wollen, aber die Schachtel +mit Streichhölzern war ihr in der Aufregung entfallen. In nervöser Hast +ergriff sie einen schottischen Plaid und drapierte sich denselben wie +einen Mantel um ihre Gestalt. Ihr spärliches Haar, das sie jeden Abend +eine gute Viertelstunde kämmte und bürstete, hing gelöst auf ihre Schulter +herab. + +Sie machte einen höchst komischen Eindruck in diesem abenteuerlichen +Kostüme und die Vorsteherin gab ihr den ernstlichen Rat, sie möge sich +wieder niederlegen, aber Miß Lead wehrte dieses Ansinnen lebhaft ab. + +»Nein, nein!« Und sie hing sich an Fräulein Güssows Arm so fest, als ob +sie bei ihr Schutz und Beistand suche. + +Auch mehrere Pensionärinnen waren von dem ungewohnten Lärm erwacht und +aufgestanden. Angstvoll stürzten sie aus ihren Zimmern und folgten den +Lehrerinnen dicht auf dem Fuße, Flora hatte sogar einen Rockzipfel der +Vorsteherin erfaßt. + +Orla hörte Stimmen auf der Treppe und öffnete die Thür. + +»Ist dir oder den Schwestern etwas passiert?« fragte Fräulein Raimar +schnell in das Zimmer tretend. + +Statt Orla antwortete Melanie: »Etwas furchtbar Schreckliches haben wir +erlebt!« rief sie. »Ein Gespenst, ein furchtbares Gespenst haben wir +gesehen!« + +»Du hast geträumt,« sagte die Vorsteherin, »es giebt keine Gespenster!« + +»Ich sah es mit offenen Augen, Fräulein!« entgegnete Melanie mit voller +Ueberzeugung. »Erst erwachten wir alle drei von einem furchtbar lauten +Schrei, nicht wahr, Orla! gleich darauf sauste das Gespenst hier ganz +dicht am Fenster vorbei.« + +»Es war vielleicht ein Spitzbube, der sich Aepfel holen wollte,« beruhigte +die Vorsteherin. »Hast du auch etwas gesehen, Orla?« + +»Ja,« sagte sie. »Ich sah zum Fenster hinaus und da schien es mir, als ob +etwas in Nellies Zimmer verschwand -« + +Die Pensionärinnen, sogar Miß Lead, drängten sich im dichten Knäuel +ängstlich um Fräulein Raimar. Gespenster - Spitzbuben! das war ja um sich +tot zu fürchten. So schauerliche Dinge hatte man noch niemals in der +Pension erlebt. Flora zitterte zwar vor Furcht und Erregung, trotzdem fand +sie dieses Erlebnis höchst romantisch. Sie nahm sich vor, in ihrem +nächsten Romane dasselbe zu verwerten. + +Fräulein Güssow hatte kaum vernommen, daß der Spuk in Nellies Zimmer +verschwunden sein solle, als sie still die Treppe hinunterstieg und sich +zu den beiden Mädchen begab. Sie öffnete die Thür und leuchtete in das +Zimmer. Ihr Blick glitt prüfend durch dasselbe, es war nichts Verdächtiges +zu sehen. Die Fenster waren geschlossen und Ilse schien fest zu schlafen. + +Nellie hatte sich im Bett erhoben und that ganz erstaunt beim Anblick der +Lehrerin. + +»O, was giebt es?« fragte sie. »Warum ist der Glocke gezogen? Ich habe mir +so erschreckt.« + +»Es soll hier jemand in das Fenster bei euch gestiegen sein,« antwortete +Fräulein Raimar, die mit den übrigen Fräulein Güssow gefolgt war. + +Nellie stockte der Atem vor Angst. Was sollte sie beginnen? Die Wahrheit +gestehen? Unmöglich! Es wäre zugleich Ilses und ihre Entlassung aus der +Pension gewesen. Und lügen? Sie wäre nicht dazu im stande gewesen. +Entsetzt blickte sie die Vorsteherin an und gab keine Antwort. + +Dieselbe deutete Nellies stummes Entsetzen anders und sah es für eine +Folge des plötzlichen Schreckens an. + +»Nun, nun,« beruhigte sie, »du darfst dicht nicht weiter ängstigen. Orla +und die Schwestern wollen durchaus einen lauten Schrei gehört haben und +Orla behauptet fest, es sei ein Gespenst vor ihrem Fenster vorbeigeflogen +und hier in eurem Zimmer verschwunden.« + +»O, eine Gespenst! Wie furchtbar!« wiederholten Nellies zitternde Lippen +und ihr blasses Gesicht - die Angst, die sich in ihren Zügen malte, +erweckten Mitleid in Fräulein Raimars Herzen. + +»Beruhige dich nur,« sagte sie, »die Mädchen werden geträumt haben. Das +ganze Haus haben sie in Aufruhr gebracht. - Ich denke, wir legen uns +wieder nieder,« wandte sie sich zu Fräulein Güssow, »es ist das beste +Mittel, die aufgeregten Gemüter zur Ruhe zu bringen.« + +Schon im Herausgehen begriffen, fiel ihr die schlafende Ilse ein. Sie trat +an das Bett derselben und beugte sich leicht darüber. »Ist denn Ilse gar +nicht erwacht von dem Spektakel?« fragte sie erstaunt. + +Mit Todesangst verfolgte Nellie jede Bewegung der Vorsteherin. Wenn sie +sich ein wenig zur Seite wandte, wenn ihr Blick das Fußende des Bettes +streifte - dann waren sie verloren. Unter dem Deckbette - o Entsetzen! sah +eine Spitze von Ilses fürchterlichem Stiefel vor. + +»Sie hat immer ein so fester Schlaf,« brachte Nellie mühsam hervor und +plötzlich - im Augenblicke der höchsten Not kehrte ihre Geistesgegenwart +zurück. + +»Bitte, bitte, Fräulein Güssow,« sagte sie und erhob flehend die Hände, +»sehen Sie unter meines Bett, ob keine Gespenst daliegt.« + +Sofort lenkte sich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf Nellie und die +Angeredete nahm wirklich das Licht und leuchtete unter das Bett. Fräulein +Raimar schüttelte unwillig den Kopf. + +»Sei nicht kindisch, Nellie,« verwies sie dieselbe, »du wirst in deinem +Alter doch wahrlich nicht mehr an Spukgeschichten glauben!« + +Und Miß Lead, die bis dahin mit den Pensionärinnen vor der äußeren Thür +gestanden, trat zu ihrer Landsmännin und schalt sie wegen ihrer +Furchtsamkeit. + +Kaum hatte Nellie die sonderbar Gekleidete erblickt, als sie in ein lautes +Gelächter ausbrach. »O, Miß Lead!« rief sie aus. »Sie haben die Aussicht +wie eine Räuberhauptmann! Seien Sie nicht böse, aber ich muß lachen!« Und +die übrigen Mädchen stimmten fröhlich ein in das Gelächter, sie hatten bis +jetzt nicht auf die englische Lehrerin geachtet. + +Miß Lead wurde hochrot vor Aerger, und die Vorsteherin gab Nellie einen +ernsten Verweis über ihr unartiges Benehmen. Es wurde darüber die +Gespenstergeschichte vergessen und Ilse nicht weiter beachtet. Oder doch? + +Fräulein Güssow entfernte sich, mit dem Lichte in der Hand, sehr schnell +aus der Thür - hatte sie vielleicht die unselige Stiefelspitze entdeckt? + +»Wir wollen Ilses Ruhe nicht stören,« sagte sie, »warum soll die Aermste +auch noch ermuntert werden?« + +»Sie haben recht, wir wollen sie nicht stören. Aber sie hat einen +wunderbar festen Schlaf. Nun geht zur Ruhe, Kinder. Melanies Gespenst war +sicherlich nichts weiter, als eine Katze, die sich im Baume einen Vogel +gefangen hat. Ihr könnt ganz ohne Sorge sein, zum zweitenmal wird es nicht +wiederkehren.« + +Damit hatte der nächtliche Spuk sein Ende erreicht. In kurzer Zeit lag +alles wieder im tiefen Schlafe. Melanie hatte die Lampe brennen lassen, um +keinen Preis würde sie im Dunklen geblieben sein. + +Als Nellie sich vollkommen überzeugt hatte, daß alles wieder still im +Hause war, da kehrte mit dem Gefühle der Sicherheit auch ihre frohe Laune +wieder. Sie suchte die Aepfel unter der Bettdecke hervor und fing an, +gemütlich zu essen, als ob nichts vorgefallen wäre. + +»Was machst du denn?« fragte Ilse, als sie das knirschende Geräusch hörte. +Sie hatte bis jetzt noch nicht gewagt, sich zu rühren, und lag wie im +Schweiße gebadet da. + +»Ich speise Aepfel,« entgegnete Nellie sorglos. + +»Aber, Nellie, wie kannst du das nur!« rief Ilse ganz entrüstet. »Ich +zittre noch an allen Gliedern, mein Herz schlägt wie ein Hammer - und du +kannst essen! Wirf die Aepfel fort - sie gehören ja gar nicht uns. Ach, +Nellie, ich ärgere mich über meinen dummen Streich!« + +»O was!« sagte Nellie ruhig weiter essend, »man muß thun, als ob man zu +Haus ist! Gräm' dir nicht mit unnütze Gedanke, zieh' dir lieber aus und +pack' deine Sache fort in deine Koffer. Du kannst ruhig schlafen, mein +Darling, morgen weiß kein' Seel' von unser lustiges Abenteuer und du wirst +sehr klug sein, liebe Ilschen, und schweigen.« + +Ilse ging heute nicht auf Nellies scherzenden Ton ein; der Gedanke, die +Vorsteherin hintergangen zu haben, drückte sie schwer. Schweigend +entkleidete sie sich und verschloß ihre Sachen sorgfältig in den Koffer. +Dann legte sie sich nieder. + +Der Schlaf aber wollte nicht kommen. Nellies regelmäßige Atemzüge +verrieten längst, daß dieselbe sanft und süß eingeschlummert war, als sie +noch immer wachend im Bette lag. Der Gedanke, wie nahe sie daran gewesen +war, entdeckt zu werden, schreckte sie immer von neuem auf. Sobald sie im +Begriffe war, einzuschlafen, fuhr sie angstvoll in die Höhe. Endlich +schlief sie ein, aber selbst im Traum quälten sie die schrecklichsten +Bilder. Bald wurde sie verfolgt, bald fiel sie vom Baume und zuletzt hatte +sie sich in einen Vogel verwandelt und eine große Eule wollte sie +fressen. - + +Früh am andern Morgen, als Fräulein Raimar ihren Spaziergang durch den +Garten machte, blieb sie vor dem Apfelbaume stehen. Sie schüttelte den +Kopf und rief den Gärtner. + +»Es müssen Diebe in diesem Baume gewesen sein, Lange,« sagte sie, »sehen +Sie nur das viele Laub und sogar einige abgebrochene Zweige darunter. Da +liegen auch mehrere Aepfel, die sie verloren haben mögen. Machen Sie doch, +solange das Obst noch nicht abgenommen ist, öfters des Nachts eine Runde +durch den Garten.« + +»Es ist mir ein Rätsel, wie sie hereingekommen sind,« bemerkte der Gärtner +kopfschüttelnd, »die Gartenpforte war fest verschlossen. Sie müssen +geradezu über die Mauer geklettert sein.« + +»Wohl möglich,« stimmte Fräulein Raimar ihm bei, und im Weitergehen dachte +sie, daß Melanie doch im Rechte gewesen sei. Freilich ein Gespenst hatte +sie nicht gesehen, wohl aber einen Spitzbuben. + +Oben, am offnen Fenster, standen die beiden Mädchen und hatten jedes Wort +vernommen. Ilse war es heiß und kalt dabei geworden und sie hatte sich wie +eine arme Sünderin ertappt und beschämt gefühlt. Nellie dagegen lachte so +recht vergnügt in sich hinein und nahm alles wie einen köstlichen Scherz +hin. + +»Das ist eine spaßige Sach',« sagte sie übermütig, »ich kann mir +totlachen! Wenn sie wüßte, daß die böse Spitzbuben mit sie unter eine Dach +wohnen. - Wie würde sie sich staunen!« + +Ilse hielt ihr den Mund zu. »Du darfst nicht darüber lachen, Nellie,« +gebot sie entschieden, »ich schäme mich so sehr! Spitzbuben hat uns +Fräulein Raimar genannt, und das sind wir auch. Ich hatte gar nicht daran +gedacht, und das war recht dumm von mir.« + +»Wer wird so strenge richten, kleine Weisheit,« tröstete Nellie. »Was man +in der Mund steckt, ist kein Diebstahl, merken Sie sich das! Fräulein +Raimar bekommt auch so große Kostgeld, da bezahlen wir die paar lumpige +Apfel alle mit. - Komm, gieb mir ein Kuß und sieh nicht so trübe aus, du +klein Spitzbube!« + +Mit Nellie war schwer streiten. Sie widerlegte so harmlos und sah so +schelmisch dabei aus, daß Ilse, wenn sie auch nicht überzeugt wurde, sich +wenigstens nicht mehr so hart anklagte. Aber auf einem bestand sie. Nellie +mußte ihr die Hand darauf geben, daß niemals wieder ein ähnlicher Streich +von ihnen ausgeführt werden solle. - - + + * * * + +Die Tage wurden kürzer und kürzer. Der Oktoberwind fuhr sausend durch die +Bäume und trieb sein lustiges Spiel mit den trocknen, gelben Blättern. +Oede und verlassen lag der Garten des Instituts, denn der schöne +Aufenthalt im Freien hatte so ziemlich ein Ende, die Mädchen waren mehr +und mehr auf die Zimmer angewiesen. + +In den Wochentagen empfanden sie das kaum, aber an den +Sonntagnachmittagen, die sie gewohnt waren, im Garten zu verleben, da +fühlten sie sich doppelt eingeengt. In den Zimmern war es so dumpf, so +langweilig; so war Ilses Ansicht. Man konnte doch nicht immer Briefe +schreiben, oder nähen. Sich die Zeit verkürzen mit Romanschreiben, das +konnte nur Flora, die denn auch den innigen Wunsch hatte, die +Sonntagnachmittage möchten ewig dauern. + + [Illustration] + +»Ich komme heute auf euer Zimmer,« sagte sie eines Sonntagmorgens zu den +Freundinnen. »Ich werde euch meine neueste Novelle vorlesen, natürlich nur +den Anfang und den Schluß, das andre habe ich noch nicht geschrieben, ich +mache es immer so. Ich sage euch, ihr werdet entzückt sein, Kinder! Ich +selbst fühle, wie entzückend mein neuestes Werk mir gelungen ist!« + +Nellie lächelte. »Wie ich mir auf dieser neue Werk freue!« sprach sie +neckend. »Immer nur die Anfangs und die Endes macht Flora. Die langweilige +Mitte laßt sie aus! O, sie ist ein großer Dichter!« + +Flora war heute gar nicht empfindlich, sie that, als höre sie Nellies +Neckereien nicht. + +»Also auf heute nachmittag!« sagte sie und drückte Ilse die Hand. + +Nach der Kaffeestunde begleitete sie denn auch die beiden Mädchen auf ihr +Zimmer, und nachdem alle drei am Fenster Platz genommen hatten, zog sie +mit wichtiger Miene mehrere lose Blätter aus ihrer Kleidertasche hervor. + +»Fang doch an dein' Novelle, warum besinnst du dir?« fragte Nellie, als +Flora ein Blatt nach dem andern ansah und wieder beiseite legte. + +»Entschuldigt einen Augenblick,« entgegnete Flora, »das ist mir alles so +durcheinandergekommen. - Seite 5-10-11-3-« zählte sie. »Halt! hier ist +Blatt I. So, nun will ich beginnen! - Und Nellie, thue mir den einzigen +Gefallen, unterbrich mich nicht fortwährend mit deinen witzigen Einfällen, +du schwächst wirklich den ganzen Eindruck damit. - Nun hört zu. Meine +Novelle heißt: + + _Ein Schmerzensopfer._ + +Das Meer brauste und der Sturm tobte. - Weiße Möwen flogen krächzend +darüber hinweg. - Der Mond lugte dann und wann zwischen zerrissenen Wolken +hervor - traurig - einsam. - - + +Da schaukelt ein kleines Schiff auf den hohen Wogen und nähert sich dem +Strande. Ein junges Mädchen sitzt allein darin. Leichtfüßig schwingt sie +sich aus dem Schiff und setzt sich auf ein Felsstück, das von den Wellen +des Meeres umspült wird und hart am Strande liegt. + +Tief seufzt sie auf und ihre großen Vergißmeinnichtaugen füllen sich mit +Thränen. + + [Illustration] + +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Was soll ich beginnen?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} flöten ihre Lippen und in ihrem süßen +Blumenangesichte drückt sich ein schmerzliches Entsagen aus. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Er liebt +mich - und ich ihn! Aber Aurora liebt ihn auch und sie ist meine geliebte +Schwester! Kann ich sie leiden sehen? - Nein - nimmermehr! Und sollte ich +darüber an gebrochenem Herzen sterben!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +Sie seufzte tief. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}O sterben! Aber ich fühl's, ich werde nicht sterben - +mein Herz wird nicht brechen, - es wird weiter schlagen, - - wenn es auch +besser wäre, das zähe Ding stände zur rechten Zeit für ewig still!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - -« + +Hier machte Flora eine kleine Pause und Nellie konnte es nicht +unterlassen, sie zu unterbrechen. + +»O wie furchtbar traurig!« rief sie aus, »das arme Blumenangesicht mit die +Vergißmeinnichtsauge und das zähe Herz! Wo ist sie denn hergekommen auf +ihres kleines Schiff, - so allein auf die brausende Meer?« + +Und sie lachte mit ihren Schelmengrübchen so herzlich über Floras Unsinn, +daß ihr die Thränen in die Augen traten. + +»Wie abscheulich von dir, Nellie,« fuhr Flora sehr erzürnt auf, »daß du +mich so unterbrichst! Wenn nur ein Funken Poesie in deinem Busen +schlummerte, würdest du meine Werke verstehen. Aber du bist nüchtern vom +Scheitel bis zur Sohle!« + +»O, o!« lachte Nellie ausgelassen, »o, wie komisch bist du, Flora! Lies +nur weiter dein {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Schmerzensopfer{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, ich will nun artig hören und kein Laut +mehr lachen.« + +Aber Flora nahm schmollend ihre Blätter zusammen. Das heißt, es war ihr +nicht so recht Ernst damit, denn als auch Ilse sich aufs Bitten legte, sie +möge doch nun auch den Schluß ihrer Novelle vorlesen, da ließ sie sich +erweichen. Schon hatte sie die Lippen geöffnet, um fortzufahren, da wurde +sie unterbrochen durch Melanies hastigen Eintritt. + +»Kinder!« rief diese aufgeregt, »es ist etwas furchtbar Interessantes +passiert! Denkt euch, eben ist eine höchst elegante Dame vorgefahren mit +einem reizend netten, kleinen Mädchen. Fräulein Raimar empfing sie schon +an der Thür und Orla hat deutlich gehört wie sie sagte: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie bringen das +Kind selbst, gnädige Frau!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - Es bleibt also hier in der Pension, und wir +haben nichts davon gewußt! Warum wird nun die ganze Geschichte so +furchtbar geheimnisvoll gemacht? Wir haben doch stets gewußt, wenn eine +neue Pensionärin ankam! Ich finde das, aufrichtig gesagt, klassisch!« - + +Die Mädchen horchten erstaunt auf und selbst Flora vergaß das Weiterlesen. +Welch eine Bewandtnis hatte es mit dem kleinen Mädchen, das so plötzlich +hereingeschneit kam? + +»O, welch eine klassische Geschichte!« rief Nellie. »Kommt, wir wollen +gleich die fremde Dame mit ihres Kind uns ansehen!« + +Und sie eilten die Treppe hinunter mit einer Hast und Neugierde, als ob +ein neues Wunder aufgegangen sei, Nellie den andern immer voran, sie mußte +die erste sein, die dasselbe in Augenschein nahm. + +Es war aber gar nichts zu sehen, denn vorläufig verweilten die Fremden in +Fräulein Raimars Zimmer. Indessen der Wagen hielt noch auf der Straße und +Nellie schloß daraus, daß die Dame sich nicht allzulange aufhalten werde. + +»Sehen müssen wir ihr,« sagte Nellie, »kommt, wir stellen uns an der +großen Glasthür im Speisesalon und warten, bis sie kommt.« + +Als sie dort eintraten, fanden sie bereits die Thür belagert. Es gab noch +andre Neugierige in der Pension. + +»Ihr kommt zu spät!« rief Grete, die natürlich den besten Platz hatte. +»Dahinten könnt ihr nichts sehen!« + +Nellie aber wußte sich zu helfen. Sie zog einen Stuhl heran und stellte +sich darauf. Ilse natürlich kletterte ihr nach. + +Die Geduld der Mädchen wurde auf eine harte Probe gestellt, wohl eine gute +halbe Stunde mußten sie noch warten, bevor die Erwartete erschien. - +Langsam und lebhaft sprechend ging sie mit der Vorsteherin an den +Lauschenden vorüber. Zum Glück war es bereits dämmerig und die Damen waren +so in der Unterhaltung begriffen, daß sie nicht auf die vielen +Mädchenköpfe hinter der Glasthür achteten, Fräulein Raimar würde die +kindische Neugierde ernstlich gerügt haben. + +»O, wie sie hübsch ist!« bemerkte Nellie halblaut. + +»Sei doch still, Nellie,« gebot Orla, die das Ohr dicht an der Thür hielt, +um einige Worte zu erlauschen. + +»Was sagt sie?« fragte Flora, »ich glaube, sie spricht französisch.« + +»Nein, italienisch,« behauptete Melanie, die nämlich seit einigen Tagen +angefangen hatte, diese Sprache zu treiben. + +»Sie spricht deutsch,« erklärte Grete. »Eben hat sie gesagt: Meine kleine +Lilli.« + +»Gott bewahre, was du gehört hast!« widerstritt Orla, »sie spricht +englisch.« + +»O, eine Landsmann von mir!« rief Nellie laut und erfreut. + +Ueber diese drollige Bemerkung kam Annemie in das Lachen. Orla wurde ganz +böse darüber und hielt ihr den Mund zu. + +»Fräulein Raimar ist ja noch im Korridor mit der Dame,« flüsterte sie, +»wenn sie sich umsieht, sind wir blamiert.« + +In diesem Augenblicke kam von der andern Seite des Korridors Rosi Müller. +Erstaunt sah sie auf die Belagerung der Glasthür. Die Mädchen mußten +zurücktreten, um sie einzulassen. + +»Wie könnt ihr euch nur so kindisch benehmen,« sagte sie sanft und +vorwurfsvoll. »Ich begreife eure Neugierde nicht.« + +»Du bist auch unsre {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Artige{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~},« meinte Grete. + +Rosi überhörte diese vorlaute Bemerkung. »Kommt, setzen wir uns an die +Tafel mit unsren Handarbeiten,« fuhr sie fort, als das Gas angezündet war, +»wir haben die Erzählung von Ottilie Wildermuth noch nicht zu Ende gehört. +Willst du heute vorlesen, Orla?« + +Aber es kam nicht dazu. Gerade als Orla beginnen wollte, trat Fräulein +Güssow mit der kleinen Lilli an der Hand ein. + +Sofort sprangen die Mädchen von ihren Plätzen auf und umringten dieselbe. + +»Sieh', Lilli,« sagte die junge Lehrerin, »nun kannst du gleich deine +zukünftigen Freundinnen kennen lernen.« + +Die Kleine schüttelte den Kopf. »Die Madel sind schon so groß,« antwortete +sie im süddeutschen Dialekt und ohne Befangenheit, »die können doch nit +meine Freundinnen sein!« + +Nellie fand gleich einen Ausweg, sie kniete sich zu dem Kinde nieder und +sagte: »Jetzt bin ich ein klein Madel wie du und du kannst mit mich +spielen.« + +Lilli lachte. »Nein, du bist groß,« sagte sie, »aber du gefallst mir. Und +du auch,« wandte sie sich zu Ilse, die neben Nellie stand. »Du hast halt +so schöne Lockerl wie ich. Weißt, du sollst meine Freundin sein, mit dir +will ich spielen.« + +Sie ergriff Ilses Hand und sah dieselbe mit ihren großen Augen treuherzig +an. Das junge Mädchen war ganz entzückt von der Zutraulichkeit der Kleinen +und küßte und liebkoste sie. + +Natürlich waren sämtliche Pensionärinnen ganz hingerissen von dem Kinde, +das wie eine zarte Elfe in ihrer Mitte stand. Lange blonde Locken fielen +ihm über die Schulter herab und die schwarzen Augen mit den +feingeschnittenen, dunklen Augenbrauen darüber bildeten einen wunderbaren +Kontrast zu denselben. Das gestickte, sehr kurze weiße Kleidchen ließ Hals +und Arme frei. Eine hochrote, seidene Schärpe vervollständigte den höchst +eleganten Anzug. + +»O du süßes, entzückendes Geschöpfchen!« »Du Engelsbild! Kleine Fee!« und +mit ähnlichen überschwenglichen Ausdrücken überschütteten die +Pensionärinnen das Kind. Fräulein Raimar war unbemerkt eingetreten und +hörte diese Ausrufe kopfschüttelnd an. + +Sie trat in den Kreis und nahm Lilli bei der Hand. »Komm,« sagte sie zu +ihr, »du sollst erst umgekleidet werden. Du möchtest dich erkälten in dem +leichten Anzuge.« + +»Bitt' schön, laß mich hier, Fräulein,« bat das Kind. »Ich hab' gar nit +kalt. Schau, ich geh' halt immer so. Die Madel sind so gut, es gefallt mir +hier!« + +Fräulein Raimar ließ sich nicht erbitten. »Komm nur, Kind,« sagte sie +gütig, »du wirst die Mädchen alle wiedersehen zum Abendessen.« + +Die abgeschlagene Bitte verstimmte Lilli nicht. »Laß Ilse mit mir gehen, +Fräulein,« bat sie. + +Dieser Wunsch wurde ihr erfüllt. Als Ilse mit dem Kinde das Zimmer +verlassen hatte, wandte sich die Vorsteherin mit ernsten, ermahnenden +Worten an ihre Zöglinge. + +»Ich bitte euch, in Zukunft Lilli nicht wieder so große Schmeicheleien in +das Gesicht zu sagen. Wollt ihr sie eitel und oberflächlich machen? Sie +ist ein sehr schönes Kind und wird bereits manche Aeußerung hierüber +gehört haben, es giebt ja unvernünftige Leute genug. Wir wollen nicht in +diesen Fehler verfallen, und ich denke, ihr werdet mir beistehen und in +Zukunft vorsichtiger sein. - Lilli bleibt bei uns. Ich hatte noch nichts +davon zu euch gesprochen, weil ihr Eintritt in die Pension noch nicht fest +beschlossen war.« + +»Wo wohnen Lillis Eltern?« fragte Flora. + +»In Wien,« entgegnete das Fräulein. »Der Vater ist tot und die Mutter ist +eine bedeutende Schauspielerin. Weil sie sich in ihrem Berufe wenig um die +Erziehung ihres Kindes kümmern kann, hat sie es in eine Pension gegeben.« + +»Lillis Mutter ist ein schönes Frau,« bemerkte Nellie. + +»Wo hast du sie gesehen?« fragte die Vorsteherin etwas erstaunt. + +»O, ich habe ihr vorbeigehen sehen,« entgegnete Nellie leicht errötend. + +»Sie konnte leider nicht länger verweilen,« wandte sich Fräulein Raimar an +die junge Lehrerin, »mit dem Schnellzuge fährt sie heute abend wieder +fort.« + +Die jungen Mädchen hatten die Damen dicht umringt und horchten auf jedes +Wort. Sie hätten so »furchtbar« gern recht Ausführliches über Lillis +Mutter erfahren, die als »bedeutende Schauspielerin« ihre Gemüter lebhaft +erregte und interessierte. Aber sie erfuhren nichts. Das Gespräch wurde +abgebrochen und Fräulein Raimar führte die Wißbegierigen recht unsanft in +die Wirklichkeit zurück. + +»Wer hat den Tisch zu besorgen?« fragte sie. »Es ist Zeit, daß wir den +Thee einnehmen.« + +Ilse und Flora hatten heute dieses Amt. Letztere verließ sofort das +Zimmer, um kurze Zeit darauf mit Ilse zurückzukehren. Jede trug einen Stoß +Teller, welchen sie auf einen Seitentisch stellten. Sie legten die +Tischtücher auf und fingen an, die Tafel zu decken. + +Vor wenigen Monaten hatte Ilse es für eine Unmöglichkeit gehalten, daß sie +je eine solche Beschäftigung thun würde, - heute stand sie da in ihrer +rosa Latzschürze und besorgte alles so geschickt und manierlich wie irgend +eine andre Pensionärin. + +Manierlich und geschickt war sie freilich nicht immer gewesen und es hatte +manche Mühe gekostet, ehe sie es so weit gebracht, bis sie überhaupt sich +überwunden hatte, »Dienstbotenarbeiten« zu verrichten. Die gutmütige +Wirtschafterin konnte manches Lied über Ilses Widerspenstigkeit singen, +manche unartige Antwort hatte sie derselben zu verzeihen. + +Einmal, als sie einen Teller mit Butterschnitten fallen ließ und auch noch +den Milchtopf umgestoßen hatte, ermahnte sie die Wirtschafterin, +vorsichtiger zu sein. + +»Nein,« hatte sie trotzig geantwortet, »ich will nicht vorsichtiger sein, +solche Arbeit brauche ich nicht zu thun.« + +Aber sie nahm sich das nächste Mal doch mehr in acht, es war am Ende kein +sehr angenehmes Gefühl, von allen ausgelacht zu werden. Auch bemerkte sie, +daß keine der Pensionärinnen, selbst die ungraziöse Grete nicht, sich so +einfältig benahm wie sie, die meisten verrichteten die kleinen häuslichen +Geschäfte mit Anmut und besonders mit einem freundlichen Gesichte, - +sollte sie die einzig Dumme unter allen sein? + +Lilli erhielt ihren Tischplatz zwischen der Vorsteherin und Ilse. Während +der Mahlzeit belustigte sie die ganze Gesellschaft. Sie plauderte ganz +unbefangen, gar nicht schüchtern und blöde. »Das macht,« bemerkte Flora, +»weil sie unter Künstlern groß geworden ist.« + +»Du, Fräulein, gieb mir noch a Gipferl, bitt' schön. Ich hab' halt so +großen Hunger,« rief sie ungeniert. Und als Fräulein Güssow fragte, +welches ihre Lieblingsgerichte seien, meinte sie: »Wianer Würstl und +Sauerkraut.« + +»Aber eine Mehlspeise wirst du doch lieber essen,« meinte Fräulein Raimar. + +»O nein! Mehlspeis' eß i gar nit gern - aber a groß Stückerl Rindfleisch +mit Gemüs - das mag i!« + +Alles lachte. Selbst die Vorsteherin stimmte ein. Wer hätte auch nicht mit +Vergnügen dem Geplauder der Kleinen zuhören sollen! + +Mit Lilli war ein andres Leben in die Pension gekommen. Alles drehte sich +um sie, jeder wollte ihr Freude machen. Und wenn die Mädchen auch +vermieden, ihr Schmeicheleien in das Gesicht zu sagen, so waren doch alle +bemüht, ihr den Hof zu machen. Am glücklichsten waren sie, wenn Lilli sich +herabließ, ein kleines Volkslied zu singen. Ich sage herabließ, denn wenn +sie nicht aufgelegt war, ließ sie sich durch keine Bitten dazu bewegen. - +Flora geriet jedesmal in Verzückung, prophezeite Lilli eine große Zukunft +und schwur darauf, daß sie einst mit ihrer vollen, weichen Stimme ein +Stern erster Größe am Theaterhimmel sein werde. + +Voll und weich war die Stimme nicht, Flora blickte einmal wieder durch +ihre romantische Brille, aber es klang weh und traurig, wenn das Kind mit +so ernsthafter Miene dastand und sang. + +»Sie ist furchtbar süß!« lispelte Melanie, als Lilli zum erstenmal {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kommt +a Vogerl geflogen{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} vortrug. »Sieh nur, Flora, wie melancholisch sie die +Augen in die Ferne richtet.« + +»Ja, melancholisch,« wiederholte Flora langsam und pathetisch, »du hast +recht. Weißt du, Melanie, es liegt so etwas Geheimnisvolles - +Traumverlorenes in ihren samtnen, dunklen Mignonaugen, so etwas, das sagen +möchte: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du fade Welt, ich passe nicht für dich.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}« + +»Denn es kümmert sich ka Katzerl - ka Hunderl um mi,« schloß Lilli ihr +Liedchen. + +»O wie reizend!« rief Nellie und klatschte in die Hände. + +»Wie kann man diese Worte reizend finden!« rief Flora entrüstet. »Traurig +- düster - das ist der rechte Ausdruck dafür. Ein einsames, verlassenes +Herz hat sie empfunden und welche Folterqualen mag es dabei erlitten +haben.« + +»O, das Herz ist eine sehr zähe Ding, und doch wär' es manchmal besser,« +deklamierte Nellie mit komischem Pathos, aber sie kam nicht weiter. Flora +hielt ihr den Mund zu. + +»Du bist schändlich - ganz abscheulich!« rief sie, »nie, nie wieder weihe +ich dich in meine geheimsten Gedanken ein! Wie kannst du mein Vertrauen so +mißbrauchen?« + + * * * + +Weihnachten rückte heran und fleißig rührten sich aller Hände. Da wurde +genäht, gestickt, gezeichnet, Klavierstücke wurden eingeübt, um die Eltern +oder die Angehörigen liebevoll zu überraschen. + +Ilse hatte noch niemals den Vater oder die Mutter mit einer Arbeit +erfreut. Zuweilen hatte sie eine kleine Arbeit angefangen, auf dringendes +Zureden ihrer Gouvernanten, aber sie war nicht weit damit gekommen. Sie +habe einmal kein Geschick dazu, behauptete sie, und dachte nicht daran, +daß es ihr nur einfach an Geduld und Ausdauer mangele. + +»Was willst du deine Eltern geben?« fragte Nellie, die eifrig dabei war, +einen sterbenden Hirsch in Kreide zu zeichnen, er sollte ein Geschenk für +den Onkel in London werden, der sie im Institute ausbilden ließ. + +»Ich habe noch nicht daran gedacht,« entgegnete Ilse. »Meinst du, Nellie,« +fügte sie nach einigem Besinnen hinzu, »daß die Rose, die ich jetzt +zeichne, dem Papa Freude machen würde?« + +»O sicher! Aber du mußt sehr fleißig sein, mein klein' Ilschen, sonst wird +die liebe Christfest kommen und du bist noch lang nicht fertig. Und was +willst du deine Mutter geben?« fragte Nellie. + +»Meiner Mama?« Sie dehnte ihre Frage etwas in die Länge. »Ich werde ihr +etwas kaufen,« sagte sie dann so obenhin. + +Nellie war nicht damit zufrieden. »Kaufen, das macht keine Freude!« +tadelte sie. »Warum wollen deine Finger faul sein?« + +»Nellie hat recht,« mischte sich Rosi in das Gespräch, die neben Ilse saß +und an einer altdeutschen Decke arbeitete. »Deine Mama wird wenig Freude +an einem gekauften Gegenstand haben.« + +»Ich bin zu ungeschickt,« gestand Ilse offen. + +»Wir werden dir helfen und dir alles gern zeigen,« versprach Rosi. Und +Fräulein Güssow, die grade hinzutrat, benahm Ilse den letzten Zweifel. + +»Du kannst ein gleiches Nähkörbchen, wie Annemie anfertigt, arbeiten, ich +weiß bestimmt, es wird dir gelingen.« + +Und es gelang wirklich, ja weit besser, als Ilse sich selbst zugetraut. +Sie hatte eine kindliche Freude, als das Körbchen so wohlgelungen in acht +Tagen fix und fertig vor ihr stand. + +»Es sind noch vierzehn Tage bis Weihnachten,« sagte sie zu Rosi, »und ich +möchte noch etwas arbeiten, für Fräulein Güssow und Fräulein Raimar.« + +»Und für meine Lori, bitt' schön, meine gute Ilse!« bettelte Lilli, die +gewöhnlich an den Mittwochnachmittagen im Arbeitssaale zugegen war und +dann ihren Platz dicht bei Ilse wählte, die sie, wie sie sich ausdrückte, +zum aufessen liebte. »Mein' Lori muß halt a neues Kleiderl haben,« fuhr +sie fort und hielt ihre Puppe in die Höhe, »bescher' ihr eins zum heil'gen +Christ. Schau, das alte da ist ja schlecht!« + +Natürlich versprach Ilse, ihr diesen Herzenswunsch zu erfüllen, und zur +Besiegelung drückte sie dem kleinen Liebling einen Kuß auf die roten +Lippen. + +»Ich habe eine famose Idee!« (famos war seit kurzer Zeit Modewort im +Institute) rief Ilse am Abend desselben Tages aus, als sie mit Nellie +allein war. »Ich kaufe für Lilli eine neue Puppe und kleide sie selbst an. +Was meinst du dazu?« + +»O, das ist wirklich ein famos Gedanke,« entgegnete Nellie, »aber lieb +Kind, hast du auch an der viele Geld gedacht, die so ein' Puppe mit ihrer +Siebensachen kostet? Wie steht's mit dein' Kasse?« + +»O, das hat keine Not, ich habe sehr viel Geld!« versicherte Ilse sehr +bestimmt. Und sie nahm ihr Portemonnaie aus der Kommode und zählte ihre +Schätze. + +»Zwölf Mark,« sagte sie, »das ist mehr, als ich brauche, nicht?« + +»Sie sind ein sehr schlecht' Rechenmeister, mein Fräulein,« riß Nellie sie +unbarmherzig aus ihrer Illusion, »ich mein', Sie reichen lang' nicht aus.« + +Ilse sah die Freundin zweifelnd an. »Du scherzest,« meinte sie, »zwölf +Mark ist doch furchtbar viel Geld?« + +»Reicht lang nicht!« wiederholte Nellie unerbittlich, »hör zu, ich will +dir vorrechnen: + + 1) Ein Nähtischdecken für Fräulein Raimar macht vier Mark, + 2) ein Arbeitstaschen für Fräulein Güssow macht drei Mark, + 3) eine schöne Geschenk für die liebe Nellie und all die andren + junge Fräulein - macht - sehr viele Mark. + +Wo willst du Geld zu der Puppen nehmen?« + +»Ach,« fiel Ilse ihr ins Wort, »und unser Kutscher daheim und seine drei +Kinder! - daran habe ich noch gar nicht gedacht!« + +Sie machte ein recht betrübtes Gesicht, denn sie hatte es sich gar zu +reizend ausgedacht, wie sie Lilli überraschen wollte. Nun konnte es nichts +werden. + +Nachdenklich saß sie einige Augenblicke, dann leuchteten plötzlich ihre +Augen freudig auf. + +»Halt!« rief sie aus, »ich weiß etwas! Heute abend schreibe ich an Papa +und bitte ihn, mir Geld zu schicken. Er thut es, ich weiß es ganz +bestimmt. Mein Papa ist ja ein zu reizender Papa!« + +»Und dein' Mutter?« fragte Nellie, »ist sie nicht auch ein' sehr gütiger +Frau? Wie macht sie dich immer Freude mit die viel' schöne Sachen, die sie +an dir schickt. Freust du dir sehr auf Weihnachten? Ja? Es ist doch schön, +die lieben Eltern wieder sehen.« + +Ilse zögerte mit der Antwort. Es fiel ihr ein, wie sie im Sommer ihrem +Vater entschieden erklärt hatte, zum Christfest nicht in die Heimat zu +reisen. Ihr Sinn hatte sich nicht geändert. Noch hatte sie den Groll gegen +die Mutter nicht überwunden. Trotzdem sie sich sagen mußte und zuweilen +auch ganz heimlich eingestand, wie nötig für ihr Wissen und ihre +Ausbildung der Aufenthalt in einer tüchtigen Pension war, so hielt sie +immer noch an dem Gedanken fest: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie hat mich fortgeschickt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»Ich werde hier bleiben,« sagte sie, »ich will das Weihnachtsfest mit euch +verleben.« + +»Das ist famos!« rief Nellie entzückt, »ich freue mir furchtbar, daß du +nicht fortreisen willst! All unsre Freunde reisen auch nicht, und es ist +so schön hier, die heilige Christ. - Alles bekommt eine große Kiste von +Haus, mit allen Bescherung und Schokolad' und Marzipan! - und die +Christabend wird jede Kiste aufgenagelt, und ich helfe auspacken bald der +eine, bald der andre.« + +»Erhältst du keine Kiste?« fragte Ilse. + +»Du weißt ja - ich hab' kein' Eltern - wer sollte mir beschenken?« + +»Gar, gar nichts bekommst du?« + +Ilse konnte es nicht fassen. + +»Zu Neujahr schenkt mein Onkel für mir Geld, da kaufe ich mir, was ich +notwendig habe.« + +Ilse sah die Freundin schweigend an. Am Abend aber schrieb sie einen +langen Brief in die Heimat, worin sie zuerst ihren Entschluß mitteilte, +daß sie die Weihnachtstage mit den Freundinnen feiern möchte. Dann ging +sie zu dem Geldmangel über und schilderte dem Papa mit vielen zärtlichen +Schmeichelnamen ihre Not, und zuletzt gedachte sie mit warmen Worten +Nellies. - »Noch eine dringende Bitte habe ich zum Schlusse,« fuhr sie in +ihrem Briefe fort, »an Dich, Mama,« wollte sie schreiben, aber sie besann +sich und schrieb: »an Euch, liebe Eltern. Meine Freundin Nellie ist +nämlich die einzige in der Pension, die keine Weihnachtskiste erhalten +wird. Sie ist eine Waise und steht ganz allein in der Welt. Ihr Onkel in +London läßt sie zu einer Gouvernante ausbilden. Ist das nicht furchtbar +traurig? Ach! und die arme Nellie ist noch so jung und immer so fröhlich, +ich kann mir gar nicht denken, daß sie eine Gouvernante wird! Es ist doch +schrecklich, wenn man kein liebes Vaterhaus hat! - Nun wollt' ich Euch +recht von Herzen bitten, Ihr möchtet die Geschenke, die Ihr mir zugedacht +habt, zwischen mir und meiner Nellie teilen und zwei Kisten daraus machen. +Bitte, bitte! Ihr schenkt mir stets so viel, daß ich doch immer noch genug +habe, wenn es auch nur die Hälfte ist. Ich würde gewiß keine rechte Freude +am heiligen Abend haben, wenn Nellie gar nichts auszupacken hätte. + +Ihr hattet mir Erlaubnis gegeben, an den Tanzstunden nach Weihnachten +teilnehmen zu dürfen, und du, liebe Mama, versprachst mir ein neues Kleid +dazu, kaufe mir keins, mein blaues ist noch sehr gut und ich komme damit +aus. Schenkt Nellie dafür etwas - bitte, bitte! + + [Illustration] + +Mit diesem _heißen_ Wunsche umarmt Euch + + Eure + dankbare Ilse. + +_N. S._ Das Geld schicke nur recht bald, einziges Papachen, ich habe es +furchtbar nötig.« + +Umgehend erhielt denn auch Ilse das Gewünschte. Der zärtliche Papa hatte +in seiner Freude über die Herzensgüte seines Kindes eine große Summe +schicken wollen, Frau Anne hielt ihn davon zurück. Sie stellte ihm vor, +daß es für Ilse weit besser sei, wenn sie mit geringen Mitteln sich +einrichten lerne und stets genügsam bleibe. + +Ihr Wunsch, Weihnachten nicht in die Heimat zu kommen, wurde gern erfüllt, +der Papa schrieb sogar, er lobe ihren verständigen Entschluß. Die weite +Reise war im Winter nicht ratsam. Freilich werde er seinen Wildfang +schmerzlich vermissen und es werde der Mama und ihm recht einsam sein, +aber er wolle sich mit dem Gedanken trösten, daß das nächste Christfest +desto schöner ausfallen werde. - + +Beinah kränkte sie diese bereitwillige Zustimmung, indes sie kam zu keinem +Nachdenken darüber, der Briefträger kam und brachte ihr dreißig Mark. + +»Dreißig Mark!« jubelte Ilse. »Nellie, nun sind wir reich! - Komm, laß uns +gleich gehen und unsre Einkäufe machen, ich kann die Zeit nicht erwarten.« + +»O nein, Kind,« entgegnete Nellie bedächtig, »erst müssen wir ein langer +Zettel aufschreiben mit alle Sachen, die wir kaufen werden. Wir müssen +doch rechnen, was sie kosten.« + +Daran hatte die lebhafte Ilse gar nicht gedacht. Ohne zu überlegen, würde +sie blind drauf los gekauft und am Ende wieder nicht gereicht haben. + +Die beiden Mädchen machten sich nun daran, eine Liste aufzusetzen. Die +nötigen Geschenke wurden aufgeschrieben und von der praktischen Nellie der +ungefähre Preis dahinter gesetzt. Als Ilse für die Kinder des Kutscher +Johann ebenfalls Sachen zu kaufen aufschrieb, rief Nellie: + +»Halt! Du kannst von deine alte Sachen die Kutschermädchen schenken, dann +sparen wir Geld.« + +»Ich habe nichts,« meinte Ilse, »kaufen geht schneller.« + +Nellie hatte sich bereits daran gemacht, in Ilses Kommode und auch im +Schranke nachzusehen, um sich zu überzeugen, ob sie nichts fände. + +»Man muß sparen und nicht seine Geld aus die Fenster schmeißen.« + +Und siehe da, es fand sich allerhand unter Ilses alten Sachen. Schürzen, +die sie nicht mehr trug, ein Kleid, das ihr zu eng und zu kurz geworden +war, und zuletzt noch das vorjährige Pelzzeug, welches die gütigen Eltern +durch neues, weit kostbareres ersetzt hatten. + +»Siehst du, Verschwender!« triumphierte Nellie. »Du weißt nicht deine +große Schatze. Nun kaufen wir für dein' Kutscher ein Paar warme Handschuh +und fertig ist die ganze Kutschergesellschaft.« + +Die wenigen Wochen bis zum heiligen Abend vergingen in rasender Schnelle. +Nellie und Ilse hatten neben so mancherlei andern Arbeiten auch noch die +neue Puppe anzukleiden. Das war für Ilse eine schwere Aufgabe, und ohne +ihre geschickte Freundin wäre sie niemals damit zu stande gekommen. + +»Wie geschickt du bist, Nellie,« sagte Ilse, als diese der Puppe das +schottische Kleid anprobierte, »das hast du doch geradezu klassisch +gemacht. Ich hätte es wirklich nicht fertig gebracht.« + +»Aber hast du niemals ein Kleid für dein' Puppen genäht - oder eine Hut - +oder ein Mantel?« + +»Nein,« antwortete Ilse aufrichtig, »niemals! Ich habe an den toten +Dingern mein Lebtag keine Freude gehabt. Viel lieber habe ich mit den +Hunden gespielt.« + +»Da ist kein Wunder, wenn du ein klein', dumm' Ding geblieben bist! Deine +Hunde brauchen kein Kleid,« lachte Nellie. »Nun mußt du auf dein' alt' +Tage nähen lernen, siehst du.« + +Ilse lachte fröhlich mit und bemühte sich, das weiße Batistschürzchen für +die Puppe, an welchem sie rings herum Spitzen setzte, recht sauber und +nett fertig zu bringen. - Einen Tag vor der Bescherung erhielten die +erwachsenen Mädchen, denen es Vergnügen machte, die Erlaubnis, die schöne, +große Tanne auszuputzen. Das war ein Fest und für Ilse ganz und gar neu. +Niemals hatte sie sich bis dahin selbst damit befaßt, und sie kannte es +nicht anders, als daß am Weihnachtsabend ein mit vielem kostbaren +Zuckerwerk behangener Baum ihr hell entgegengestrahlt hatte, - hier lernte +sie kennen, daß auch ohne Zuckerwerk derselbe herrlich zu schmücken war. + +Nach dem Abendbrot, als die jüngeren Mädchen und auch die Engländerinnen, +die kein Verständnis für das harmlose Vergnügen hatten, zu Bett gegangen +waren, begann das Werk. + +Orla brachte einen großen Korb mit Tannenzapfen, selbst gesucht auf den +Spaziergängen im Walde, und setzte denselben auf die Tafel. Annemie +stellte zwei Schälchen mit Gummiarabikum daneben, in das eine schüttete +sie Silber-, in das andre Goldpuder und rührte es mit einem Stäbchen um. + +»Wer will mir helfen,« rief Orla. + +»Ich! ich!« antwortete es von allen Seiten; nur Ilse schwieg, sie hatte +keine Ahnung, was eigentlich mit den vielen großen und kleinen +Tannenzäpfchen geschehen solle. - Daheim verkamen dieselben unbeachtet im +Walde. - Es sollte ihr bald kein Geheimnis mehr sein. + +Melanie und Rosi hatten die Pinsel ergriffen und fingen an, den +unansehnlichen braunen Dingern ein goldenes oder silbernes Gewand zu +geben. Und wie schnell das ging. Kaum hatten sie ein paarmal darüber +gepinselt, so waren sie fertig. + +»Sieh nur, Rosi,« rief Melanie aus und hielt einen vergoldeten Zapfen +unter die Gaslampe, »ist der nicht furchtbar reizend? Wundervoll, nicht? +Gleichmäßig, wirklich künstlerisch ist er vergoldet, kein dunkles +Pünktchen ist an ihm zu sehen!« Und sie betrachtete das Prachtexemplar +höchst wohlgefällig nach allen Seiten. + +Orla und Rosi hatten fleißig weitergepinselt und stillschweigend einen +Tannenzapfen nach dem andern beiseite gelegt. + +»Du bist im höchsten Grade langweilig mit deinem ewigen Selbstlobe,« +tadelte Orla, »ich habe noch nie jemand kennen gelernt, der sich so +vergöttert wie du. Pinsle lieber weiter und halte dich nicht bei unnützen +Lobhudeleien auf.« + +Melanie fühlte sich sehr getroffen und errötete. »Wie grob du bist, Orla!« +sagte sie gereizt, »du hast freilich keinen Sinn für harmlose Vergnügen.« + +»Kinder!« unterbrach Fräulein Güssow, die am andern Ende der Tafel saß und +Aepfel und Nüsse vergoldete, »keinen Streit! Melanie, komm zu mir, du +kannst mir helfen, und du Ilse, versuche einmal, ob du Melanies Stelle +ersetzen kannst.« + +Ilse ließ sich das nicht zweimal sagen. Eilig griff sie zum Pinsel und +flink und gesandt that sie ihre Arbeit. Orla war sehr zufrieden damit. + +»Nur nicht ganz so dick aufstreichen,« mahnte sie, »sonst reichen wir +nicht mit unsrem Gold- und Silbervorrat.« + +Flora und Annemie fertigten Netze aus Goldpapier an. »Eine geisttötende +Arbeit,« flüsterte Flora Annemie zu, »und außerdem ohne jede Poesie. Warum +die Tanne mit allerhand Tand aufputzen? Ist sie nicht am herrlichsten in +ihrem duftigen, grünen Waldkleide? - Lichter vom gelben Wachsstocke in ihr +dunkles Nadelhaar gesteckt, - ein goldener Stern hoch oben auf ihrer +schlanken Spitze, - schwebend - strahlend! - das nenn' ich Poesie!« - + +Hier hielt sich Annemie nicht mehr, sie bekam einen solchen Lachreiz, daß +sie aufsprang und hinauslief, um sich draußen erst auszulachen. + +Dicht unter dem Baume standen Grete und Nellie. Letztere hoch auf einer +Trittleiter, eine große Düte Salz in der Hand haltend. Die andre mit einem +Leimtiegel in der Hand war ihr Handlanger. Das heißt, sie reichte Nellie +den Pinsel zu, damit diese die Zweige mit dem Leim bestrich, bevor sie +Salz darauf warf. + +»Jetzt bin ich eine große Sturmwind und mache der Baum voller Schnee,« +scherzte Nellie. + +»Wirklich! - die Zweige werden weiß!« rief Ilse und verließ einen +Augenblick ihre Arbeit, um sich das Schneetreiben genau anzusehen. »Das +ist aber klassisch! Das gefällt mir! Nein, das sieht zu reizend aus!« + +Freilich fiel ein großer Teil Salz unter den Baum, indes Nellie ließ sich +die Mühe nicht verdrießen, immer wieder kehrte sie dasselbe zusammen und +strich es mit der Hand dick auf den Leim. + +»Du alt' Baum wirfst sonst alles Schnee auf die Erde,« meinte sie. »Aber +das ist schlechte Arbeit, alle meiner Finger kleben.« + +Rosi trat jetzt auch an den Baum heran, um ihn mit den glänzenden +Tannenzapfen zu schmücken. Sie sah heute ganz anders aus als sonst. Ihre +sonst so gleichmäßigen Züge trugen den Ausdruck froher Erwartung, ihre +milden Augen strahlten und rosig waren ihre Wangen angehaucht. + +»O du selige, o du fröhliche Weihnachtszeit,« summte sie mit ihrer +frischen Stimme leise vor sich hin, und Fräulein Güssow rief ihr zu: + +»Singe nur laut heraus, Rosi, das bringt uns bei unsrer Arbeit so recht in +die echte Weihnachtsstimmung.« + +»Wir wollen alle singen!« riefen Grete und Annemie, »bitte, Fräulein +Güssow!« + +»Meinetwegen, aber hübsch gedämpft, Kinder, damit die Kleinen nicht davon +erwachen.« + +Und nun erklang aus den jugendlichen Kehlen das schöne Lied vierstimmig. - +- Die junge Lehrerin senkte den Kopf herab, - der Gesang stimmte sie +traurig. Ihre Kindheit - ihre erste Jugendzeit stand mit einemmal lebendig +vor ihrer Seele. - - Was hatte sie gehofft - - und wie hatten sich ihre +Träume erfüllt! - - Durch ihre eigne Schuld! - + +Mitten im Gesange wurde plötzlich die Thür geöffnet und Fräulein Raimar, +begleitet von Herrn Doktor Althoff, trat herein. Sie hatten soeben eine +notwendige Besprechung in der Vorsteherin Zimmer beendet. + +Das war eine Ueberraschung, die niemand vermutet hatte. Der Gesang +verstummte und die Mädchen wurden mehr oder weniger verlegen, als der +Gegenstand ihrer stillen Verehrung so unerwartet vor ihnen stand. Flora +errötete bis an die Haarwurzeln. + +»Nun, warum singt ihr nicht weiter, Kinder?« fragte die Vorsteherin. »Laßt +euch nicht stören durch unsre Gegenwart.« + +Aber es wollte nicht wieder so recht in Zug kommen. Orla setzte zwar ein, +aber falsch, sie war sehr wenig musikalisch. - Annemie mußte über den +Mißton lachen, und da Lachen ansteckt, - stimmten die übrigen ein. + + [Illustration] + +»Was machen Sie denn, Miß Nellie?« fragte Doktor Althoff und trat auf sie +zu. »Warum verstecken Sie Ihre Hände so ängstlich?« + +Er lächelte sie an. Flora warf einen verstohlenen Blick auf ihn, und bevor +sie sich zur Ruhe legte, schrieb sie in ihr Tagebuch: + +»Er hat sie angelächelt! Beneidenswerte Nellie! - Bezaubernd - hinreißend +- sah er in diesem Augenblicke aus! Die geistvollen, dunklen Augen +sprühten Feuer - um die schmalen Lippen zuckte es sarkastisch - wunderbare +Perlenzähne schimmerten durch den dunkelblonden Bart. - Aber Nellie ist +kokett! Leider! - Dieser Augenaufschlag!« - + +»O,« entgegnete Nellie höchst verlegen, »ich habe die Finger verklebt mit +der häßliche Leim!« und schnell lief sie hinaus, um sich gründlich zu +reinigen. Doktor Althoff sah ihr wohlgefällig nach. + +»Nellie spricht doch sehr schlecht deutsch,« bemerkte Flora etwas +spöttisch, »ich begreife das eigentlich nicht. Ein Jahr ist sie bereits in +der Pension und wie falsch drückt sie sich noch immer aus.« + +Sie hatte ihre Bemerkung so laut gemacht, daß der junge Lehrer sie hören +mußte. + +»Die deutsche Sprache ist schwer zu erlernen, Flora,« entgegnete er, »und +ich muß gestehen, Nellie hat in dem einen Jahre schon sehr gute +Fortschritte gemacht. Uebrigens klingen die kleinen Schnitzer, die sie +zuweilen macht, ganz allerliebst und naiv, - wir wollen sie nicht deshalb +verdammen.« + +Fräulein Raimar blickte etwas erstaunt auf den Sprechenden, der sich so +warm Nellies annahm. Vielleicht fand sie seine Entschuldigung in Gegenwart +der übrigen Mädchen nicht ganz passend. + +»Es ist sehr spät, Kinder,« unterbrach sie das Thema, »wollt ihr nicht für +heute aufhören und morgen in eurer Arbeit fortfahren?« + +Aber die Mädchen baten so sehr, heute schon ihr Werk vollenden zu dürfen, +daß sie die Erlaubnis erhielten. Zu Floras Aerger, welche die Zeit nicht +abwarten konnte, bis sie die vielen großartigen Gedanken, die in ihrem +Kopfe spukten, erst schwarz auf weiß vor sich hatte. + +Fräulein Raimar und Doktor Althoff entfernten sich und Nellie trat gleich +darauf wieder in das Zimmer. Flora konnte nicht umhin, ihr einen kleinen +Seitenhieb zu versetzen. + +»Warum verstecktest du deine Hände auf dem Rücken?« fragte sie. »Ich fand +das furchtbar komisch von dir. Du dachtest wohl, Doktor Althoff wolle dir +die Hand geben?« + +Die arme Nellie war über diesen Angriff so erschrocken, daß sie nicht +darauf antworten konnte. Aber Ilse half ihrer Freundin aus der +Verlegenheit. + +»Ich finde nichts Komisches darin, Flora,« sagte sie lustig, »wenn Nellie +nicht gern beschmutzte Finger sehen lassen will; aber daß du ihr deine +eignen Gedanken zutraust, das finde ich komisch! - Ja, ja, Florchen, du +bist erkannt!« + +Flora errötete, aber sie war klug und antwortete nur mit einem +wegwerfenden Achselzucken. - + +Alle Vorbereitungen waren zu Ende. Die Mädchen trugen Ketten, Netze, kurz +allen Schmuck herbei, um den Baum zu behängen. + +Wie er sich füllte! Wie festlich geschmückt er bald dastand! Ilse +bewunderte hauptsächlich die glänzenden Tannenzapfen, die sich zwischen +den dunklen Nadeln ganz herrlich ausnahmen. + +»Wie ein Märchenbaum!« rief sie fröhlich, und »Bäumchen rüttle dich und +schüttle dich!« setzte sie übermütig hinzu. + +»O, nein!« rief Nellie in komischem Ernste, »nicht schüttle und rüttle +dir, Baumchen, es fallt sonst all der Salz von deiner Nadel und ich muß +mir noch einmal die Finger zerkleben.« + +»Nie in meinem Leben sah ich einen so schönen Christbaum!« erklärte Ilse. + +»Wir sind noch nicht fertig, Ilse,« entgegnete Fräulein Güssow, »bald +hätte ich das Gold- und Silberhaar vergessen.« - Und nun begann sie feine +Fäden rings um den Baum zu spinnen. + +»Wie schön! wie schön!« jubelte Ilse und schlug wie ein Kind vor Freude in +die Hände. Dann nahm sie Nellie in den Arm und tanzte mit ihr um den Baum. + +»Du wirst mit deiner lauten Freude die Schlafenden aufwecken,« ermahnte +Fräulein Güssow; aber sie sah Ilse mit inniger Teilnahme an. - Es gab eine +Zeit, wo auch sie so fröhlich hinausgejubelt hatte in die Welt, - bis der +Sturm kam und ihr die Blüte des Frohsinns abstreifte und verwehte. - + +»Geht nun zu Bett, Kinder,« bat sie, »aber leise, hört ihr? Gute Nacht!« + +»Gute Nacht, gute Nacht!« rief es zurück und Ilse setzte hinzu: »Ach, +Fräulein! Wenn es doch erst morgen wäre!« - + +Das war ein Leben am andern Tage! Die Mädchen waren ganz außer Rand und +Band. Ilse war ausgelassen fröhlich und Nellie stand ihr darin bei. +Annemie lachte über jede Kleinigkeit, ja selbst Rosi, die stets +Vernünftige, machte heute eine Ausnahme und schloß sich der allgemeinen +Stimmung an. Als Flora ein selbstgedichtetes Weihnachtslied zum besten +gab, und die ganze übermütige Schar sie dabei auslachte, lachte Rosi mit, +- nur als Nellie an zu necken fing, bat sie sanft: + +»Bitte, Nellie, nicht spotten! Wir haben die arme Flora schon genug +gekränkt, als wir sie auslachten.« + +Melanie und Grete waren die einzigen, die eine leise Verstimmung nicht +unterdrücken konnten. Sie hatten gehofft, Weihnachten zu Hause verleben zu +können, und waren enttäuscht, als die Eltern ihnen nicht die Erlaubnis +gaben, weil sie es nicht passend fanden, daß junge Mädchen allein eine so +weite Reise machten. + +Melanie fand diesen Grund geradezu furchtbar kränkend. »Als ob ich noch +ein Kind wäre!« sprach sie ärgerlich zu Orla. »Ich bin siebzehn Jahre alt! +Und doch wahrhaftig alt und verständig genug, uns beide zu schützen!« + +»Aber du bist hübsch,« entgegnete die Angeredete mit leichter Ironie, »und +das ist gefährlich. Denk' einmal, wenn dir unterwegs ein Abenteuer +begegnete! Das wäre doch furchtbar schrecklich!« + +»Ich bitte dich, Orla, verschone mich mit deinen albernen Spöttereien!« +wehrte Melanie entrüstet ab. Aber sie fühlte sich doch in ihrem Inneren +geschmeichelt, die kleine Eitelkeit. + +»Du hörst es ja doch gern, Herzchen,« lachte Orla. »Warum auch nicht? +Hübsch zu sein ist ja keine Schande, - besonders wenn man so wenig eitel +ist wie du! Uebrigens tröste dich mit uns, wir sind ja fast alle +zurückgeblieben, bis auf die wenigen Pensionärinnen, die in der +Nachbarschaft wohnen, und die vier Engländerinnen, die Miß Lead wieder +zurück in ihre Heimat bringt. - Störe nicht unsre fröhliche Laune durch +ein verstimmtes Gesicht. Sieh doch nur Lilli an, - kannst du bei dem +Anblicke so seliger Freude noch mißmutig sein?« + +Das Kind lief nämlich von einer zur andern, treppauf, treppab und fragte +jede Viertelstunde, ob es noch nicht dunkel würde, und ob das liebe +Christkindl noch nit bald käm. - + +Endlich, endlich brach der Abend herein. Die Vorsteherin und Fräulein +Güssow verweilten schon seit zwei Uhr in dem großen Saale, und in einer +Klasse, die dicht daneben lag, saßen erwartungsvoll die Pensionärinnen. +Natürlich im Dunkeln, denn Licht durfte vor der Bescherung nicht +angesteckt werden. + +Lilli fühlte sich etwas unheimlich in der Finsternis. Sie kletterte auf +Ilses Schoß und schlang den Arm um ihren Hals. + +»Kommt denn das Christkindl noch nit bald?« fragte sie wieder. »Schau, es +ist halt schon stockfinster.« + +»Nun bald,« tröstete Ilse und drückte Lilli zärtlich an sich. Das +Anschmiegen des Kindes that ihr so wohl und seine Liebe machte sie so +glücklich. »Bald kommt das Christkind, ach, und wie schön wird das sein! - +Soll ich dir ein Märchen erzählen, damit dir die Zeit schneller vergeht?« + +»Bitt schön! Vom Hansel und Gretel!« + +Ilse hatte indes kaum begonnen »es war einmal«, als Lilli ihr den Mund +zuhielt. + +»Nit weiter!« unterbrach sie, »ich mag das heut nit hören! Ich muß immer +an das Christkindl denken. Kennst du das liebe Christkindl, Ilse? Hast +du's schon g'schaut?« + +»Nein,« sagte Ilse, »gesehen habe ich es noch niemals. Niemand kann es +sehen, es wohnt nicht auf der Erde.« + +»Wohnt es im Himmel?« fragte Lilli. »Schau, da möcht' ich halt auch +wohnen, da ist's schön, nit? Da singen die lieben Englein, und die lieben +Englein, die wohnten früher auf der Erde, das waren die artigen Kinder, +nit? - Der liebe Gott hat sie in sein Himmelreich geholt, nit wahr, Ilse?« + +Die Worte des Kindes riefen sentimentale Ahnungen in Flora hervor, sie war +auch im Begriff, dieselben auszusprechen, als Nellie ihr das Wort +abschnitt. + +»Was schwatzt der kleine Kind für Zeug?« sagte sie und streichelte +liebkosend Lillis Hand. »Wo hast du dies gehört? Keiner Mensch hat noch in +der Himmel geschaut.« + +»Aber die Mama hat's gesagt, - sie weiß es, nit wahr, Ilse?« rief Lilli +heftig. + +Die gab ihr keine Antwort darauf, sie versuchte, das Kind auf andre +Gedanken zu bringen. + +»Möchtest du wieder zu deiner Mama?« fragte sie. + +»Nein,« entgegnete Lilli, »ich bleib' lieber bei euch. Die Mama kümmert +sich halt so wenig um mich, sie hat kein' Zeit. Sie muß immer studieren,« +setzte sie altklug hinzu. »Alle Abend geht sie ins Theater.« + +»Denn es kümmert sich ka Katzerl - ka Hunderl um mi!« recitierte Flora +schwärmerisch. + +»Komm zu mir, Lilli,« bat Melanie, »ich will dir eine herrliche +Weihnachtsgeschichte erzählen.« + +»Bitt', bitt', laß mich bei Ilse bleiben, Melanie, ich will ganz gewiß +recht genau zuhören auf dein G'schicht.« + +Und während Melanie ihre Erzählung zum besten giebt, wollen wir einen +Blick in den Weihnachtssaal werfen. + +Die beiden Damen waren so ziemlich fertig mit ihrer großen Arbeit. +Fräulein Güssow war dabei, noch einige versiegelte Pakete auf verschiedene +Plätze zu verteilen. Es waren in denselben die Geschenke enthalten, welche +die junge Welt sich untereinander bescherte. Der Name der Empfängerin war +darauf geschrieben, die Geberin mußte erraten werden. + +Fräulein Raimar stand neben dem Gärtner, der eifrig beschäftigt war, die +angekommenen Kisten zu öffnen, die Deckel wurden lose wieder darauf +gelegt, denn das Auspacken besorgten die Empfängerinnen selbst. + +Nur mit Lilli wurde eine Ausnahme gemacht, Fräulein Raimar packte deren +Kiste aus und schüttelte den Kopf, als sie damit beschäftigt war. + +»Sehen Sie nur den Tand, liebe Freundin,« sagte sie. »Nicht ein +vernünftiges Stück finde ich dabei. Zwei weiße Kleider, so kurz, daß sie +dem Kinde kaum bis an die Knie reichen, aber schön gestickt, hier eine +breite rosa Atlasschärpe, ein kleiner Hermelinmuff, ein Paar feine +Saffianstiefel und eine Puppe im Ballstaat. Und vieles Zuckerwerk - das +ist alles! Warme Strümpfe und eine warme Decke, um die ich so sehr +gebeten, und die dem Kinde so nötig sind, - sie fehlen ganz.« + +»Hier scheint ein Brief für Sie zu sein,« sagte Fräulein Güssow und nahm +ein duftiges rosa Billet von der Erde auf. Wahrscheinlich war dasselbe aus +dem Muff gefallen, den die Vorsteherin noch in der Hand hielt. Sie erbrach +das an sie gerichtete Schreiben und las wie folgt: + + + + + + +»Ich ersuche Sie freundlich, meiner Lilli die Kleinigkeiten unter den Baum +zu legen. Hoffentlich ist das liebe Herzl recht gesund. Nun ich hab halt +nit nötig, mich zu sorgen, weiß ich doch das goldene Fischel in so gute +Händ! - Wollne Strümpf und a Jackerl hab i halt nit mitgeschickt, i wünsch +das Kind nit zu verwöhnen. Es soll immer a weiß Kleiderl anziehn, - Hals +frei und Arme frei, - so ist sie's gewohnt, und dabei möcht ich's halt +lassen. + +Geben Sie mein Herzblatterl tausend Schmazerl, und daß es die Mama nit +vergißt! + +Mit dankbaren Grüßen verbleib ich + + Ihre + ergebene _Toni Lubauer_.« + + + + + + +»Weiße Kleider und dünne Strümpfe!« wiederholte Fräulein Raimar +kopfschüttelnd. »Es ist gut, daß wir für einiges gesorgt haben, ich könnte +es nicht vor mir selbst verantworten, das kleine Ding so durchsichtig und +wenig bekleidet zu sehen.« + +Die junge Lehrerin stimmte bei und warf einen recht befriedigten Blick auf +all die schönen und nützlichen Sachen, die auf Lillis Tischchen aufgebaut +lagen. + +Der Gärtner war mit seiner Arbeit fertig und hatte das Zimmer verlassen - +die Damen zündeten die Lichter des Baumes an, und als auch das geschehen +war, ergriff die Vorsteherin eine silberne Klingel und läutete. + +Wie mit einem Zauberschlage flogen die Flügelthüren auf und die junge +Schar stürmte herein. + +Einen Augenblick standen sie wie geblendet da. So plötzlich aus der +Dunkelheit in das helle Licht, - der Kontrast war fast zu grell. + +Lilli besonders stand wie gebannt da und hielt Ilses Hand krampfhaft fest. + +»Komm,« redete Fräulein Raimar sie an, »ich will dich an deinen Tisch +führen, du bist ja ganz stumm geworden.« + +Als das Kind vor seiner Bescherung stand, kehrte seine Lebhaftigkeit +zurück. + +»Die schöne Puppe!« rief es entzückt und schlug die Händchen zusammen. + +»Die ist aber halt zu schön! Meine alte Lori ist lang nit so süß! - Und +ein Strohhüterl hat sie auf - ach Gotterl! und die langen Zopferl! Und ein +Schultascherl tragt sie am Arm! Bitt schön, Fräulein, darf ich sie in die +Hand nehmen? Ich möcht sie ganz nah anschaun! Bitt schön, erlaube mir's!« + +Fräulein Raimar erfüllte gern die Bitte des Kindes, das behutsam sein +Püppchen in den Arm nahm. + +»Sie kann die Augerl schließen!« fuhr dasselbe fort. »Schau, Fräulein, sie +will schlafen!« Das Kind war ganz außer sich vor Entzücken bei dieser +Entdeckung und hielt sein Plappermäulchen nicht einen Augenblick still. +»Meine Lori hat die Aeugerl immer auf, sie kann nit schlafen, nit wahr, +Fräulein? Die ist dumm, lang nit so gescheit wie diese. - Hast du mir die +Puppe geschenkt, Fräulein?« + +»Nein,« entgegnete diese, die sich an Lillis jubelnder Freude erquickte. +»Ilse und Nellie haben sie dir angezogen. Aber sieh einmal, hier hast du +noch eine Puppe, die hat dir deine Mama geschenkt.« + +Kaum einen Blick hatte sie für die kostbare Balldame. »Die ist mir zu +geputzt,« sagte sie, »die kann ich doch nit in das Bett legen! Die kann +mein Kind nit sein!« - Und mit der Puppe im Arme lief sie zu Ilse, um sich +zu bedanken. + +Diese aber war sehr beschäftigt. Sie packte ihre Kiste aus und hatte nicht +Zeit, an etwas anderes zu denken. »Später, Liebling,« sagte sie, und +fertigte die Kleine mit einem flüchtigen Kuß ab. - Soeben hielt sie einen +prächtigen rosa Wollstoff in der Hand und Nellie stand neben ihr und +bewunderte denselben lebhaft. + +»O wie süß!« rief sie. »Wie von Spinnweb so fein! Und wie er dir kleidet,« +fuhr sie fort und hielt den Stoff der Freundin an, »das wird ein schön' +Tanzstundenkleid! Du wirst dir wie eine Fee darin machen!« + +Ilse aber war gar nicht recht vergnügt über das kostbare Geschenk, es +malte sich sogar etwas wie Enttäuschung in ihren Zügen. Warum mochten die +Eltern ihre Bitte nicht berücksichtigt, ja nicht einmal eine Antwort +darauf gegeben haben? + +Und Nellie war so gut - so neidlos teilte sie ihre Freude. + +So mochte auch Fräulein Güssow denken, die näher getreten war. Sie legte +den Arm um Nellies Schulter und fragte: »Warum packst du nicht deine +eigene Kiste aus?« + +»Meine Kiste?« wiederholte Nellie. »O Fräulein, Sie spaßen! Für mir giebt +es das nicht!« + +Ilse horchte auf. Einen schnellen, fragenden Blick warf sie der jungen +Lehrerin zu und diese antwortete mit einem geheimnisvollen Lächeln. + +»Wer weiß!« fuhr sie fort, »sieh einmal nach, vielleicht hat eine gütige +Fee dir etwas beschert.« + +Ilse erhob sich schnell aus ihrer knieenden Stellung und nahm die Freundin +unter den Arm. »Komm,« sagte sie, »wir wollen suchen.« + +Kiste an Kiste stand da in der Reihe, jede indes war bereits in Besitz +genommen, Ilses Auge aber flog voraus. Sie hatte am Ende des Saales eine +herrenlose Kiste entdeckt, dorthin zog sie Nellie. + +Und richtig, da stand mit großen Buchstaben auf dem Deckel: »An Miß Nellie +Grey.« - Es war kein Zweifel, die Adresse lautete an sie. + +»O, was ist dies!« rief Nellie überrascht und ihre Wangen röteten sich, +»wer hat an mir gedacht? Ist es gewiß für mir?« + +»Ja, sie ist wirklich für dich,« versicherte Ilse strahlend, denn nun +hatte sie erst die echte Weihnachtsfreude, »nimm nur den Deckel hoch.« + +Immer noch etwas zögernd folgte Nellie dieser Aufforderung. Welche +Ueberraschung! Da lag obenauf ein gleicher Stoff in blaßblau, wie sie +soeben denselben in rosa bei Ilse bewundert. + +Und wie sie nun weiter auspackten, jetzt eine jede ihre eigene Kiste, da +hielten sie sich jubelnd stets die gleichen Herrlichkeiten entgegen. Bald +war es eine gestickte Schürze, dann kamen farbige Strümpfe an die Reihe, +Handschuhe, sogar die Korallenkette, die schon lange ein sehnlicher Wunsch +Ilses war, fehlte bei Nellies Bescherung nicht. Auch die vielen Leckereien +waren gleichmäßig verteilt. + +Ilse hatte in einem Karton mit Briefpapier einen langen zärtlichen Brief +der Eltern gefunden und als Nellie den ihrigen öffnete, lag auch für sie +ein kleines Briefchen darin. + + + + + + +»Meine liebe Nellie,« schrieb Ilses Mama, »ich darf Sie doch so nennen als +meiner Ilse liebste Freundin? Mein Mann und ich möchten Ihnen so gern +einen kleinen Beweis geben, wie dankbar wir Ihnen sind für die Liebe und +Freundschaft, die Sie stets unsrem Kinde zu teil werden ließen. Zwei +Freundinnen aber müssen auch gleiche Freuden haben - und mit diesem +Gedanken bitten wir Sie herzlich, den Inhalt der Kiste freundlich +anzunehmen. + +Mit dem aufrichtigen Wunsche, daß Sie auch fernerhin unsrer Ilse eine +treue Freundin bleiben mögen, grüßt Sie herzlich + + _Anne Macket_.« + + + + + + +Nellie fiel Ilse um den Hals und vermochte kein Wort hervorzubringen. Die +Rührung schnürte ihr die Kehle zu - Thränen waren seltene Gäste bei unsrer +Nellie. Das frühverwaiste Mädchen, das sich von klein auf stets bei +Verwandten herumdrücken mußte, dem das Sonnenlicht der elterlichen Liebe +fehlte, hatte das Weinen beinah verlernt. Wer hätte auch auf seine Thränen +achten sollen? + +»Dein Mutter ist ein Engel!« brachte sie endlich, so halb unterdrückt, +heraus. »Wie soll ich sie für alles danken?« + +»Ja, meine Mama ist sehr gut!« bestätigte Ilse, und zum erstenmal stieg +ein warmes, zärtliches Gefühl für dieselbe in ihrem Herzen auf. + +Für sentimentale Stimmungen waren Ilse und Nellie indes nicht angethan, +und als erstere ein Stück Marzipan der Freundin in den Mund steckte, war +die Rührung zu Ende. Thränenden Auges verzehrte es Nellie, und dieser +Anblick kam Ilse so possierlich vor, daß sie lachen mußte, - natürlich +stimmte Nellie ein. + +»Seid ihr fertig, Kinder? Habt ihr alle eure Kisten ausgepackt!« rief +Fräulein Raimar und unterbrach das Gewirr von Stimmen, das laut und +lebhaft durcheinander klang. + +»Ja, ja!« rief es zurück und nun beeiferte sich eine jede, die heimatliche +Bescherung vorzuzeigen, und die Vorsteherin blickte in lauter freudig +erregte und zufriedene Gesichter. Nur Flora sah etwas enttäuscht aus. Sie +hatte anstatt »Jean Pauls Werke«, die sie sich so glühend gewünscht, +»Schlossers Weltgeschichte« erhalten mit dem Versprechen vom Papa, daß, +wenn sie erst reifer für solche Lektüre sei, sie dieses Werk erhalten +werde. + +Reifer! Es klang ihr wie bittrer Hohn. Sie fühlte sich mit ihren sechzehn +Jahren schon so überreif, daß sie selbst poetische Werke in das Leben rief +- und sie - sie sollte nicht »Jean Paul« lesen! + +Nachdem die Geschenke der Eltern auf eine leer gelassene Tafel aufgebaut +waren, und nachdem die Mädchen auch diejenigen der Lehrerinnen in Empfang +genommen hatten, kamen endlich die versiegelten und verpackten +Ueberraschungen an die Reihe. + +Da kamen denn allerhand drollige Dinge zum Vorschein und der Jubel und das +Lachen wollten kein Ende nehmen. + +Flora hatte soeben einen langen, blauen Strumpf aus zahllosen Papieren +herausgewickelt und hielt ihn hoch in der Hand. Etwas verwundert drehte +sie diese wunderbare Gabe nach allen Seiten, die ironische Anspielung fiel +ihr nicht sogleich ein. + +»Ein Strumpf?« fragte sie, »was soll ich damit?« + +»Er ist dein Wappen, lieber Blaustrumpf,« belehrte sie Orla. »Die Idee ist +wirklich famos!« + +»Er ist von dir!« beschuldigte sie Flora. + +»Leider nein,« entgegnete Orla. + +Annemie lachte so laut und herzhaft, daß sie sich als die Geberin verriet. + +»Bist du mir böse, Flora?« fragte sie gutmütig. + + [Illustration] + +Sonderbare Frage! Ganz im Gegenteil, Flora fühlte sich höchst +geschmeichelt, daß man sie zu den Blaustrümpfen zählte. Der gestickte +Schlips, den Annemie in den Strumpf versteckt hatte, erfreute sie nicht +halb so wie die dichterische Anerkennung. - In bester Stimmung löste sie +jetzt den Bindfaden von einem Pappkasten. Derselbe war eng damit +umschnürt. Auf dem Deckel war ein Weinglas gemalt und mit großen +Buchstaben stand »Vorsicht« daneben geschrieben. + +Ganz behutsam nahm sie denn auch den Deckel ab, warf die Papierschnitzel +heraus und fand in feines Seidenpapier eingeschlagen ein zerbrochenes Herz +von Bisquit! + +»Wie abscheulich von dir, Nellie!« rief sie gekränkt und wandte sich +sofort an die richtige Adresse. Das Herz warf sie achtlos beiseite. + +»Nicht so hitzig, Flora,« riet Grete, »sieh doch das zerbrochene Herz erst +näher an.« + +Zögernd entschloß sie sich dazu, und als sie ein reizendes, kleines +Toilettekissen höchst künstlich verborgen entdeckte, söhnte sie sich +einigermaßen mit der bösen Nellie aus. + +Aber nicht Flora allein, auch all die übrigen mußten manche kleine +Neckerei in den Kauf nehmen, so manche schwache Seite wurde an das +Tageslicht gefördert und schonungslos gegeißelt. Die Vorsteherin wachte +darüber, daß diese Reibereien stets in den Grenzen des Scherzes blieben; +im allgemeinen hielt sie dieselben für ein gutes Mittel, sich gegenseitig +auf die Fehler aufmerksam zu machen, es half oft mehr als alle ernsten +Ermahnungen. + +Nellie stand vor einem großen Berg Eßwaren, die sie aus ihren Paketen, in +welchen sie außer einem kleinen Geschenke immer noch nebenbei allerhand +Süßigkeiten fand, herausgewickelt hatte. + +Schokolade, Marzipan, Apfelsinen, Rosinen und Mandeln, Lebkuchen, und in +einem reizenden Kasten von Porzellan zwei saure Gurken. Diese waren eine +besondere Lieblingsspeise von ihr. + +Sie lachte und fragte, ob sie ein so hungrig Mädchen sei. »O, da ist ja +noch ein Paket,« fuhr sie fort, »was für ein leckerer Bissen wird wohl +darin sein?« + +Aber sie irrte sich, diesmal kam ein Buch zum Vorschein und wie sie es +aufschlug, las sie auf dem Titelblatte: »Deutsche Grammatik.« Ein Blatt +Papier mit einem kleinen Gedichte lag dabei. Nellie las es vor. + + »Lerne fleißig die deutsche Sprache - + Willst du begreifen holde Poesie. + Dies Buch ist einer Verkannten Rache, + Die du verstanden hast noch nie!« + +»Flora!« rief Nellie. »Du hast mir mit deine edle Rache sehr beschämt! Ich +werde lernen aus dieser Buch und dir verstehen! - Komm, gieb dein' Hand, +ich verspreche dich, daß ich nie wieder dein' holde Poesie auslachen will, +und wenn sie voll lauter zerbrochene Herzen ist.« - + +Orla hatte unter anderm einen Klemmer erhalten und - o Schrecken! auch ein +Etui mit Cigaretten. Fräulein Raimar stand neben ihr und sah das +verräterische Ding. + +»Was ist denn das?« fragte sie. »Ich will nicht hoffen, Orla, daß du wie +eine Emanzipierte rauchst! Du würdest mich sehr erzürnen, wenn das der +Fall wäre. Doch,« unterbrach sie sich, »wie komme ich dazu, einen Scherz +für Ernst zu nehmen, am Weihnachtsabend sind dergleichen Witze erlaubt.« +Leiser und nur für die Russin vernehmbar setzte sie hinzu: »Ich habe das +feste Vertrauen zu dir, daß du niemals rauchen wirst!« + +Die Angeredete schwieg und senkte die Augen. Der Tadel traf die Wahrheit, +sie hatte wirklich manchmal im Verborgenen eine Cigarette geraucht. War es +doch in ihrer Heimat nichts Auffallendes, wenn eine Dame sich ein kleines +Rauchvergnügen machte. + +Innerlich schalt sie die Pedanterie der Deutschen, der sie eine so +harmlose Freude zum Opfer bringen mußte, denn niemals würde es ihre +Wahrheitsliebe gestattet haben, gegen das Verbot der Vorsteherin zu +sündigen, - mit einiger Ueberwindung reichte sie derselben die Cigaretten. + +»Bitte, bewahren Sie mir dieselben,« bat sie und lächelnd fügte sie hinzu: +»Damit ich nicht in Versuchung komme ...« + +Melanie liebäugelte mit einem zierlichen Handspiegel. Sie freute sich sehr +über denselben, noch mehr aber über ihr eignes Bild, das ihr +entgegenlachte. + +Grete blickte ihr über die Schulter. »Das ist eine Anspielung auf deine +Eitelkeit, Melanie! Ich habe nichts bekommen, was mich ärgern oder wodurch +ich mich getroffen fühlen könnte!« + +»Nun glaubst du dich wohl fehlerfrei, liebe Grete!« spottete Melanie. +»Bilde dir das ja nicht ein, liebes Kind, du bist noch längst kein +vollkommnes Wesen. Es giebt sehr vieles an dir auszusetzen!« + +Und als ob ihre Worte sofort in Erfüllung gehen sollten, rief Fräulein +Güssow: »Grete, da steht noch eine vergessene Schachtel auf deinem Platze! +Du hattest Papier darauf geworfen und wirst sie deshalb übersehen haben!« + +Vergnügt und erwartungsvoll öffnete Gretchen die Schachtel. O weh! als sie +den Deckel abhob, lachte ein glänzendes, zierlich gearbeitetes +Vorlegeschloß sie boshaft an. + +»Das ist eine Anspielung für dich, teures Plappermäulchen!« rief Melanie +mit schwesterlicher Schadenfreude, und hielt das Schloß an Gretes Lippen. + +»So, damit du in Zukunft hübsch schweigst und nicht so vorlaut bist.« + +Unwillig wandte Grete sich ab, sie war gar wenig erbaut von der +Ueberraschung. Sie warf das Schloß wieder in die Schachtel, schloß den +Deckel und verriet durch ihre Empfindlichkeit, wie sehr sie sich getroffen +fühlte .... + +Ilse hatte aus einer mächtigen Kiste, die bis obenhin mit Heu gefüllt war, +einen Hund herausgeholt. Keinen lebendigen, o nein! es war nur einer aus +Pappe. Braun sah er aus und hatte weiße Pfötchen. Um den Hals trug er +einen Zettel am roten Bande, auf welchem mit großen Buchstaben »Bob« +geschrieben stand. + +»Orla!« erriet Ilse sofort. Dieselbe hatte sie oft genug mit ihrem Hunde +aufgezogen. Es kam ihr jetzt selbst recht lächerlich vor, wenn sie sich +ihren Einzug in der Pension mit Bob auf dem Arme ausmalte. Wie einfältig +war sie gewesen - wie unnütz hatte sie den armen Papa gequält! - Ilse +hatte noch eine Ueberraschung, bei der sie fast erschrak. In einem +reizenden Arbeitskorbe fand sie mehrere Aepfel von Marzipan. + +Nellie stand neben Ilse und flüsterte ihr zu: »Diese sind Aepfel von der +Baum - weißt du noch?« + +Als die Angeredete ängstlich zur Seite blickte, fuhr sie beruhigend fort: +»Du darfst nicht Angst haben, niemand hört uns.« + +Sie hatte recht. Die Aufmerksamkeit aller war auf einen Vogelbauer +gerichtet, in welchem eine lebendige Lachtaube saß. Annemie hielt +denselben höchst angenehm überrascht in der Hand. + +»Nun könnt ihr um die Wette lachen,« scherzte die Vorsteherin, »denn das +Täubchen darfst du behalten und in deinem Zimmer aufhängen. Aber vergiß +niemals, Annemie, daß du das Tierchen regelmäßig füttern mußt, hörst du?« + +So erhielt eine jede ihre scherzhafte Rüge, nur Rosi nicht. Sie zerbrachen +sich den Kopf, um einen Tadel an ihr zu entdecken, aber zu ihrem Bedauern +fanden sie keinen. »Ganz ohne Scherz darf sie nicht sein,« erklärte +Nellie, ging hin und kaufte ein Bilderbuch, auf dessen Titelblatt in +goldenen Buchstaben drei Worte glänzten: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Für artige Kinder{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. - »Dies paßt +sehr für ihr,« sagte sie, und die übrigen Mädchen stimmten ein. + +Rosi nahm das Buch, lächelte und legte es beiseite. Sie konnte nicht so +recht begreifen, was es bedeuten sollte .... + +Nachdem die Bescherung zu Ende und nachdem auch für die beiden Damen ein +Tisch mit allerhand selbstgearbeiteten Sachen ausgebaut war, wurde der +Thee eingenommen und kurze Zeit darauf zur Ruhe gegangen. Lilli wurde es +schwer, sich von ihren schönen Sachen zu trennen, sie wollte nicht zu Bett +gehen, aber der Sandmann kam und streute ihr den Schlaf in die Augen. +Schlafend wurde sie entkleidet und in ihr Bett, das in Fräulein Güssows +Zimmer stand, getragen. + +Und nun wurde es still und dunkel im Hause. Der schöne Christabend war zu +Ende mit seiner frohen Erwartung, seinem Lichterglanze .... + +Ob wohl der Baum im nächsten Jahre für alle wieder angezündet wird, die +heute unter ihm versammelt waren? - + + * * * + +Nun war alles wieder im alten Geleise! Der Unterricht hatte begonnen und +Miß Lead war wenige Tage nach Neujahr von ihrer überseeischen Reise +zurückgekehrt. Sie hatte sechs junge Engländerinnen mitgebracht, die kein +Wort Deutsch verstanden und sehr viel Heimweh hatten. + +Nellie versuchte es, sie zu trösten, aber sie verschlossen sich starr +gegen jedes Trosteswort, sie fühlten sich unglücklich im fremden Lande. +Sie wollten nicht Deutsch lernen, sie haßten diese Sprache und die +Menschen, erklärten sie. Lange Jammerbriefe sandten sie in die Heimat, in +denen sie die Angehörigen himmelhoch baten, sie wieder zurückkehren zu +lassen. + +Es war diese Art und Weise nichts Auffallendes und nichts Neues. Fräulein +Raimar legte keinen Wert darauf, ähnliche Erfahrungen machte sie stets mit +den Engländerinnen. Es war schon vorgekommen, daß diese oder jene sich +vornahm, zu verhungern, und Speise und Trank hartnäckig verweigerte. Vor +Hunger gestorben war indes noch keine, wenn der Magen zu energisch sein +Recht verlangte, entsagten sie dem Hungertode. + +»Ich mag meine Landsmänner gar nicht sehr!« bemerkte Nellie eines Tages zu +Ilse. »Die Deutsche liebe ich mehr. Ich will nicht zurück in meine +Heimat.« + +»Landsmänner!« wiederholte Ilse. »Gleich sage einmal, wie es richtig +heißt. Neulich habe ich es dir erst gesagt.« + +»O ja, ich weiß, Landsfrauen heißt es,« verbesserte sich Nellie. + +»Du bist klassisch!« lachte Ilse laut. »Lands-männ-innen heißt es. Sag +einmal nach - so - und nun vergiß dieses Wort nicht wieder, du liebe, +englische Deutsche! Du bist auch ganz anders wie deine Landsmänninnen, +lange nicht so steif, so zurückhaltend und so hochmütig wie die! Sie sehen +immer auf uns herab, als ob sie sagen wollten: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Gott sei Dank, daß ich +keine Deutsche bin!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}« + +»O nein!« wehrte sich Nellie, in der plötzlich der Nationalstolz wach +wurde, »so schlimm darfst du nicht sagen! Es hat den Schein, daß sie +hochmütig sind, weil sie dir nicht verstehen, sie macht ein fremdes +Gesicht, weiter nix!« + +»Sie sind hochmütig, Nellie!« neckte Ilse. »Entschuldige deine +langweiligen Engländerinnen nicht. Eben sagtest du selbst, daß du sie +nicht leiden möchtest.« + +Das gestand Nellie zu. Sie meinte aber, sie selbst könne so sprechen, ein +gleiches Urteil aus einem andern Munde könne und dürfe sie nicht anhören. +Sie wolle es auch nicht. + +»Du bist doch aber ganz wunderlich, Nellie,« lachte Ilse, »Doktor Althoff +würde sagen: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie haben verdrehte Ansichten, Miß Nellie.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}« + +»O nein,« entgegnete Nellie eifrig und leicht errötend, »Doktor Althoff +würde mir verstehn. Er weiß, wie es in mein Herz aussieht!« + +Das kam Ilse äußerst komisch vor und sie neckte die Freundin damit sehr. +»Er hätte viel zu thun, wenn er in alle eure Herzen blicken wollte!« rief +sie lachend, »und wenn er sich wirklich einmal die Mühe gäbe, so würde er +euch schön verhöhnen, dich und alle die andern, die ihr für ihn +schwärmt.« - + +Ilse lernte jetzt mit rechtem Eifer und schon längst war ihr das Arbeiten +keine Last mehr. Das Zeichnen machte ihr besondre Freude, und seitdem der +Papa so glückselig über die ihm geschenkte Rose geschrieben, strebte sie +darnach, auch das zu erreichen, was derselbe in seiner blinden Liebe zu +ihr schon erreicht sah. Er hielt sie bereits für eine Künstlerin und mit +Stolz hatte er ihr geschrieben, daß er die Rose habe einrahmen lassen und +daß sie nun über seinem Schreibtisch hänge. Ilse war gar nicht damit +einverstanden, sie wußte ja genau, wie der zärtliche Papa jeden Besuch, +der zu ihm kam, zu ihrem schwachen Erstlingswerk führen werde. + +Auch die Mama war hocherfreut über Ilses Weihnachtsgeschenke gewesen. Sie +gaben ihr ein glänzendes Zeugnis von deren Fortschritten und der Ausdauer, +die der Wildfang bis dahin nicht gekannt hatte. Die größte Freude indes +hatte sie an Ilses Dankesbrief gehabt. Es war das erste Mal, daß sie in so +herzlich warmer Weise das Wort an sie richtete und Frau Annes Augen +füllten sich mit Thränen freudiger Rührung. Sie fühlte jetzt bestimmt, daß +die Zukunft ihr Ilses volle Liebe bringen werde. - + +Die längst ersehnten Tanzstunden hatten bereits seit vierzehn Tagen +begonnen und brachten etwas Abwechselung in das gleichmäßige +Pensionsleben. Zweimal in der Woche kam von sechs bis acht Uhr abends der +Tanzlehrer mit einer Geige und unterrichtete im großen Saale. + +Nicht alle Zöglinge nahmen teil daran. Die kleineren Mädchen nicht und +auch die Engländerinnen schlossen sich aus, sie verstanden noch zu wenig +Deutsch, auch konnten sie vorläufig keinen Geschmack an den einförmigen +Pas finden. Melanie konnte das freilich auch nicht und fand bis jetzt die +Tanzstunde {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}furchtbar öde{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. + +»Es ist ein furchtbar langweiliges Vergnügen, diese Hüpferei,« äußerte sie +auf einem Spaziergange zu Flora, »wozu diese Pas - diese Verbeugungen? Wir +können doch alle schon tanzen, und wie wir uns zu verbeugen haben - und +grüßen müssen, das wissen wir doch erst recht. Wir sind doch erwachsene +Mädchen!« + +»Ach!« seufzte Flora und ein schwärmerischer Blick glitt seitwärts über +den spiegelglatten Teich - zu den schlittschuhlaufenden Gymnasiasten +hinüber - »ach! das möchte noch alles gehen. Das Fürchterlichste ist doch, +daß wir zwei volle Monate ohne Herren tanzen müssen!« + +»Wie furchtbar öde!« Melanie rief es ordentlich entrüstet. »Man behandelt +uns wahrhaftig mit puritanischer Strenge! Ohne - Herren! Es ist kaum zu +glauben!« + +»Ja, mit puritanischer Strenge!« wiederholte Flora, der dies Wort +außerordentlich gefiel. »Ich begreife nicht, warum uns der Verkehr mit den +Herren so lange entzogen wird. Man behandelt uns eben wie Kinder!« + +Die {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}furchtbar öden{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Monate gingen indessen auch zu Ende und Fräulein +Raimar schickte Einladungen aus an junge, wohlerzogene Herren, die das +Gymnasium besuchten, und ersuchte sie, die letzten vier Wochen an dem +Tanzunterrichte teilzunehmen. + +Mit welcher Freude diese Einladungen begrüßt wurden, brauche ich nicht zu +sagen. Die jungen Leute schätzten es sich zur besonderen Ehre, zu den +Tanzabenden in der Pension zugezogen zu werden. Diesmal brannten sie +besonders darauf, weil sie behaupteten, daß noch niemals so hübsche +Mädchen in dem Institute gewesen seien. Sie kannten dieselben von Ansehen +sehr genau, denn, wenn irgend möglich, suchten sie ihnen auf den +Spaziergängen zu begegnen. Nun sollten sie mit ihnen tanzen, sich mit +ihnen unterhalten dürfen, es war zu famos! + +»Ihr werdet heute abend zum ersten Male mit Herren tanzen, Kinder,« +kündigte Fräulein Raimar eines Mittwochs bei der Mittagstafel an. Und als +sie bemerkte, wie vergnügt die meisten diese frohe Botschaft +entgegennahmen, fügte sie hinzu: »Ich hoffe, daß ihr euch nicht zu lebhaft +mit den jungen Leuten unterhalten werdet! Vergeßt nicht, daß dieselben nur +des Tanzes, nicht der Unterhaltung wegen da sind!« + +Annemie kamen diese Ermahnungen so komisch vor, daß sie zu kichern anfing. +Ein strafender Blick traf sie dafür. + +»Für dich sind meine Worte besonders gesprochen, Annemie,« nahm die +Vorsteherin wieder das Wort, »ich fürchte, du wirst dich durch dein +albernes Lachen auffallend machen, hüte dich davor. Und dich, Grete, +ermahne ich ernstlich, nicht so viel zu schwatzen. Ueberlege erst, was du +sagen willst, damit kein Unsinn herauskommt.« + +So und in ähnlicher Weise warnte und ermahnte sie ihre jungen Zöglinge, +die in ihrer erwartungsvollen Aufregung heute nur mit halbem Ohre hörten, +was ihnen so eindringlich vorgestellt wurde. Viel wichtiger erschien ihnen +die Frage: »Was werdet ihr heute abend anziehen? Womit werdet ihr euch +schmücken?« + +Sie hatten auch kaum das Speisezimmer verlassen, als sie die Treppen +hinaufstürmten, um in Orlas und der Schwestern Zimmer eine große Beratung +zu halten. + +Melanie holte einen großen Pappkasten hervor und fing an, Blumen und +Bänder herauszukramen. Sie hatte sich vor den Spiegel gestellt und hielt +eine Rose in ihr schönes aschblondes Haar. + +»Wie findet ihr diese Rose?« fragte sie. »Bitte, seht doch einmal! Kümmert +sich denn kein Mensch um mich?« rief sie laut und ungeduldig den +Durcheinanderschwatzenden zu und stampfte sogar etwas mit dem Fuße auf. + +»Sie steht dir gut, Melanie,« antwortete Rosi, die eben erst eingetreten +war und die letzten Worte hörte, an ihre eigene Toilette dachte sie nicht. +»Das dunkle Rot in deinem blonden Haar sieht prächtig aus!« + +»Du hast nicht viel Geschmack, liebste Rosi. Nimm mir nicht übel, daß ich +es dir frei heraussage,« fertigte Melanie die Aermste ab. »Orla, bitte, +gieb du dein Urteil ab.« + +Die Russin galt als die eleganteste, deren Toilette stets am +geschmackvollsten war. Mit Kennermiene musterte sie denn auch Melanie. + +»Die dunkle Rose ist zu grell,« entschied sie, »für dein Haar paßt eine +blaßrote besser. Uebrigens, was willst du denn anziehen? Das ist doch am +Ende die Hauptsache und darnach mußt du die Blumen wählen.« + +»Mein blaues Batistkleid, denke ich.« + +»Dein bestes Kleid!« rief die vorlaute Grete erstaunt. »Gut, dann ziehe +ich mein geblümtes an!« + +Gerade wie die Verhandlungen am lautesten waren, öffnete sich die Thür und +Fräulein Güssow trat ein. + +»Fräulein Raimar läßt euch sagen, ihr möchtet heute abend eure +Sonntagskleider tragen,« verkündete sie. + +»O! ...« Langgedehnt und unzufrieden kam es über Melanies Lippen. »O, +Fräulein Güssow, die alten, dunklen Kleider! Die hellen sind so viel +besser!« + +Aber es blieb bei den Wollkleidern. Gegen das Machtgebot der Vorsteherin +galt kein Widerstreben. + +Bevor sie in den Tanzsaal hinuntergingen, fanden sich die Mädchen noch +einmal bei Orla ein. Diese hielt erst eine allgemeine Musterung über die +Toiletten, besserte hier und dort und verstand es, durch eine Kleinigkeit +dem einfachsten Anzuge einen netten Anstrich zu geben. + +Melanie hatte sich nach besten Kräften elegant herausgeputzt. Ein weißes +Spitzenfichu schmiegte sich in weichen Falten um ihren Hals, und eine +blaßrote Rose, seitwärts an demselben befestigt, kleidete sie ganz +allerliebst. Sie war tadellos und sah trotz des einfachen braunen Kleides +sehr geputzt aus. + +An Gretes ungeschickter Figur war nicht viel zu ändern. Lange Arme, große +Füße, schlechte Haltung und dicke Taille, das waren Dinge, die leider +nicht zu verbergen waren, auch trugen die ungraziösen Bewegungen durchaus +nicht zur Verschönerung bei. + +»Für dich ist die dunkle Tracht ganz vorteilhaft,« meinte Orla, indem sie +eine dicke Korallenkette aus ihrem Schmuckkasten nahm und sie dem darüber +hocherfreuten Gretchen um den Hals schlang. »So, die will ich dir leihen, +damit du nicht zu einfach aussiehst.« + +Flora unterwarf sich keiner Musterung, sie fand es unnütz, da ihr +Geschmack weit eigenartiger sei als Orlas. Sie hatte mit endloser Mühe +eine griechische Haartour zurechtgebracht. Im Nacken trug sie ihr Haar im +Knoten, mit einigen herausfallenden Locken, vorn hatte sie dasselbe mit +einem schwarzen Sammetbande, das mit weißen Perlen benäht war, dreimal +abgebunden. In die Stirn fielen gekräuselte Fransen. + +Sie fand sich entzückend, diese Haartour söhnte sie sogar mit dem grünen +Wollkleide aus, in dem sie lang und schlank wie eine wirkliche +Hopfenstange aussah. + +Rosi hatte sich nicht besonders geschmückt. Ihr schwarzes Kaschmirkleid +war unverändert geblieben. Eine weiße Spitze am Halsausschnitt, +zusammengehalten von einer Spitzenschleife, die einen silbernen Pfeil +trug. So ging sie Sonntags gekleidet und Fräulein Raimars Vorschrift +lautete, daß sie sich heute sonntäglich kleiden sollten. + +»O Gott, wie hausbacken siehst du aus, Rosi! Als ob du in die Kirche gehen +wolltest, so ernst und feierlich!« rief Orla. »Hast du denn nicht ein +farbiges Band anstatt der weißen Schleife?« + +Sie hatte keins und jetzt half Melanie aus. Bereitwillig lieh sie Rosi +eine ganz neue rosa Atlasschleife und freute sich herzlich, wie furchtbar +nett sie derselben stand. + +»Betrachte dich nur einmal,« sagte sie und hielt ihr den Handspiegel vor +die Augen. »Nun, was meinst du dazu? Nicht wahr, jetzt siehst du nicht +mehr aus wie {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Gottesfurcht vom Lande{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}!« + +»Die Schleife gefällt mir wohl gut,« meinte Rosi, »aber es ist mir ein +peinliches Gefühl, geliehene Sachen zu tragen.« + +»_O sancta simplicitas!_« rief die geniale Flora. »Kind, du gehst in +deiner Pedanterie wirklich zu weit! Unter Freundinnen herrscht Gleichheit, +da kann von geliehenen Sachen keine Rede sein!« + +Und um dies Wort gleichsam zur That zu machen, griff sie in Melanies +offenstehenden Blumenkasten, nahm eine feuerfarbene Nelke heraus und +befestigte dieselbe an ihrem Gürtel. + +»Du erlaubst doch, Melanie?« fragte sie so nebenhin, »die rote Farbe steht +mir wirklich brillant!« und mit einem wohlgefälligen Blick betrachtete sie +sich in dem Spiegel. + +»Nellie und Ilse, wo bleiben sie nur?« fragte Orla. + +Eben traten sie ein. Beide waren geschmackvoll gekleidet. Nellie im +schottischen Kleide, am Hals und den Aermeln mit echten Spitzen garniert, +sah graziös und vorteilhaft aus, ebenfalls Ilse, die über ihr blaues Kleid +einen breiten Spitzenkragen gelegt hatte. Darüber trug sie die +Korallenkette, mit welcher auch Nellie sich geschmückt hatte. + +»Schnell noch diese Margueriten in dein Haar!« rief Melanie und machte +Miene, dieselbe Ilse in ihren Locken zu befestigen. Aber die wehrte es ab. + +»Geh mit deinen Blumen!« entgegnete sie abwehrend, »ich mag die toten, +nachgemachten Dinger nicht leiden!« + +»Wie du willst,« sagte Melanie etwas schnippisch und warf die verschmähten +Gänseblümchen wieder in den Kasten. + +Die Mädchen verließen das Zimmer und stiegen die Treppe hinunter. + +»Orla ist doch die eleganteste von uns,« bemerkte Melanie nicht ohne einen +Anflug von Neid zu Nellie, und musterte die vor ihr Gehende, die +allerdings in der blauen Samttaille und einem gleichfarbig seidenen Rocke +höchst vornehm erschien. »Freilich in Samt und Seide kleiden mich meine +Eltern nicht, so reich sind wir nicht.« + +»Thut nix!« erwiderte Nellie, »man muß mit weniges auch zufrieden sein!« + +»Bitte, bitte - wartet einen Augenblick!« rief es plötzlich hinter ihnen. + +Annemie war es, die in voller Eile allen nachgelaufen kam. »Ich bin noch +nicht ganz fertig,« fuhr sie atemlos fort, »ich kann aber nichts dafür! +Als ich mein Kleid überzog, riß ein Band irgendwo, - nun hängt der eine +Zipfel vom Ueberwurfe bis auf die Erde. Bitte, seht einmal nach!« + +Alle waren stehen geblieben und betrachteten Annemie. Nellie, praktisch +wie immer, untersuchte gleich, wo der Schaden saß. + +»Komm her,« sagte sie, »ich werde dir ausbessern. Aber ein Nadel und Faden +muß ich haben, dann nähe ich dir gleich mit weniger Stich in Ordnung.« + +»Sei nicht umständlich,« meinte Flora. »Hier hast du eine Stecknadel, +damit wirst du es ebenso gut machen können. Wie manchmal habe ich mir +schon ein Band oder einen kleinen Riß schnell mit der Nadel gesteckt.« + +Aber davon wollte die Engländerin nichts wissen. Sie nahm Annemie mit in +ihr Zimmer und nähte die wenigen Stiche. + +»Bitte, liebe, gute Nellie, mir ist hier am Aermel ein Endchen Spitze +abgerissen, willst du mir nicht die gleich annähen? Du bist auch ein +Engel!« + +Nellie brachte auch diesen Schaden in Ordnung, und als sie fertig war, +zupfte sie an Annemie hier und dort zurecht, nichts saß an der kleinen, +runden Lachtaube, wie es sitzen mußte. Die Handschuhe waren nicht +zugeknöpft, die Halskrause saß schief und an dem halbhohen Lackschuh +fehlte ein Knöpfchen. + +»Du bist aber ein sehr unordentlich' Mädchen, liebes Lachtaube,« schalt +Nellie, »aber ich kann dich nicht helfen, du mußt mit deiner abgerissener +Knopf gehen. Es schlägt sechs, wir müssen pünktlich erscheinen.« + +Die übrigen Mädchen hatten an der Treppe gewartet, jetzt gingen alle +zusammen hinunter und an der Thür des Saales blieben sie stehen, sie +hatten mit einem Male keinen Mut, hineinzugehen. + +»Ich höre sprechen,« sagte Orla gedämpft, »ich glaube, die Herren sind +schon da.« + +Sie legte das Ohr an die Thür und horchte. + +»Wirklich, sie sind da!« bestätigte sie. + +»Lass' mich durchs Schlüsselloch sehen, Orla,« bat die neugierige Flora +und schob die erstere leicht beiseite. + +Sie beugte den Kopf, als sie das Auge an die Thür legen wollte, packte +Grete der Uebermut, so daß sie Flora einen Stoß gab und diese mit dem +Haupte gegen die Thür flog. Das war ein Schreck! Wie der Wind flogen alle +bis an das andre Ende des Vorsaals, - wenn Fräulein Raimar das Geräusch +gehört hätte! »Dann sind wir einfach furchtbar blamiert,« erklärte Melanie +und schalt Grete albern und ungezogen. + +»Du bist ein Tollpatsch, Grete, im höchsten Grade ungebildet!« sagte Flora +entrüstet, und Annemie lachte, daß ihr die hellen Thränen über die Wangen +liefen. + +»Sei mir nicht böse, daß ich dich auslache, Flora,« sagte diese, »aber ich +kann nicht anders. Du sahest zu komisch aus und machtest ein so entsetztes +Gesicht, als du mit deinem griechisch frisierten Kopf gegen die Thür +flogst.« + +Fräulein Raimar hatte wirklich ein Klopfen an der Thür vernommen, sie +öffnete dieselbe, und als sie die Mädchen stehen sah, rief sie ihnen zu, +sich zu beeilen. + +Das war ein kritischer Moment. Unbemerkt stießen sie sich untereinander an +und stritten sich leise, wer die erste sein solle. + +»Du mußt vorangehen, Orla, du bist die älteste,« flüsterte Ilse. + +»Ich bin die jüngste, ich komme zuletzt!« rief Grete, die sonst immer mit +ihrem Munde die erste war. + +»Laß mich die letzte sein, Grete,« bat Annemie, »ich habe mich noch nicht +ausgelacht.« + +Rosi war die verständige, wie immer. »Komm, Orla,« sagte sie, »wir dürfen +Fräulein Raimar nicht warten lassen. Wir benehmen uns überhaupt höchst +kindisch, finde ich. An allem ist Gretes Albernheit schuld.« + +Das gute Beispiel der beiden Aeltesten wirkte wohlthuend auf die übrigen. +Sie nahmen sich zusammen und gingen ruhig und ernst in den Saal. + +»Meine Damen, erlauben Sie, daß ich Ihnen die Herren vorstelle,« mit +diesen Worten empfing sie der Tanzlehrer. Es folgten Verbeugungen von +beiden Seiten. + +Flora schwamm in Seligkeit, sie hatte unter den Herren einen Primaner +erkannt, für den sie bereits längst im Geheimen schwärmte. Erst kürzlich +hatte sie ihn als Apoll in Jamben besungen. + +Fräulein Güssow stand neben der Vorsteherin und hatte ihre Freude an den +jungen Mädchenblüten. An Ilse hing ihr Auge am zärtlichsten. Wie reizend +hatte sich ihr Liebling entfaltet! Körperlich und seelisch. Wie viel +gleichmäßiger war das stürmische Kind geworden. Wo war der böse Trotz +geblieben? + +Sie verglich Ilse mit den übrigen und fand, daß sie nicht allein die +hübscheste, sondern auch weit natürlicher und unbefangener war, als die +meisten andern. Keine Spur von Koketterie äußerte sich in ihrem Wesen, +frei und fröhlich blickte sie mit den großen Kinderaugen in die Welt und +schien die glückliche Frage auszusprechen: »Liebe Welt, bist du immer so +schön?« + +Melanies Züge waren regelmäßiger, aber längst nicht so unbewußt lieblich, +man merkte dem hübschen Mädchen an, daß sie schon gar zu oft den Spiegel +um seine Meinung befragte. + +Flora und Melanie standen beisammen und machten ihre Bemerkungen über die +Herren, zu denen sie verstohlen hinüber schielten. Natürlich gaben sie +sich den Schein, als ob sie sich gar nicht um dieselben kümmerten. + +Orla war aufrichtiger. Sie hatte den Klemmer auf die Nase gesetzt und +betrachtete die Jünglinge ganz ungeniert. Später erhielt sie einen Tadel +deswegen von der Vorsteherin. + +Grete und Annemie hatten sich in eine Fensternische gesetzt und kicherten +und schwatzten das dummste Zeug. Sogar Nellie war nicht ganz frei von +einer harmlosen Gefallsucht. Sie hatte sich so zu setzen gewußt, daß ihr +kleiner, schmaler Fuß im Goldkäferstiefel wie absichtslos unter ihrem +Kleide hervorsah. Rosi war natürlich weder kokett, noch empfand sie die +geringste Erregung. Ruhig und freundlich, wie immer, saß sie da, und so +tadellos gerade hielt sie sich, daß sie auch in der Tanzstunde das +Musterkind für die andern war. + +»Anfangen!« rief der Tanzlehrer und klatschte in die Hände. + +Und das Orchester, das aus einem Klavier und einer Geige bestand, begann. + +Wie herrlich klang die Musik den jungen, unverwöhnten Ohren, wie +»furchtbar entzückend« fanden sie die Walzerklänge. - + +»Bitte die Herren, sich zu engagieren!« kommandierte der Tanzlehrer, und +wie von einem Zauberstabe berührt stürzten die tanzlustigen Jünglinge auf +die Dame zu, die sich ein jeder bereits still und verschwiegen als Ziel +seiner Wünsche ausgesucht hatte. + +Vor der blendenden Melanie verbeugten sich zugleich drei Herren. Welch ein +Triumph für ihr eitles Herz! - Leider konnte sie nicht mit allen dreien +auf einmal tanzen und mußte sich mit der Genugthuung begnügen, daß alle +Anwesende doch sicher diese Auszeichnung bemerkt hatten. - Alle wohl +nicht, aber Flora und Grete hatten sie bemerkt und mußten die schmerzliche +Erfahrung machen, daß die Verschmähten zu ihnen kamen, um sie zu erlösen. +Sie waren von all den jungen Damen die allein Uebriggebliebenen. Flora +fühlte sich besonders tief gekränkt und mit neidischen Blicken folgte sie +Ilse, die eben mit »Apoll« an ihr vorüberwalzte. + +Recht lebhaft war die Unterhaltung am ersten Herrenabend nicht. Die +Gegenwart der Vorsteherin, ihre beobachtenden Blicke legten einigen Zwang +auf. Nellie, die sich sehr zusammennahm, um ja keinen Sprachfehler zu +machen, war ganz besonders schweigsam, und einige Male, als sie angeredet +wurde und sich recht gewählt ausdrücken wollte, brachte sie die +drolligsten Dinge zum Vorschein. + +Ein junger Mann erzählte ihr, daß er in einigen Jahren, wenn er +ausstudiert habe, nach England gehen werde. »Werden Sie dort verständig +(beständig, meinte sie) sein?« fragte sie. - Ein andrer fragte, ob sie +gern in Deutschland weile. »O ja, ich bin ganz verliebt in der Deutsche!« +gab sie freudig zur Antwort. + +Aber Nellie konnte nie mißverstanden werden. Ihre kindliche Naivetät nahm +sofort alle Herzen für sie ein. Die jungen Herren waren denn auch sämtlich +entzückt von der jungen Engländerin, und da sie obenein sehr gut tanzte, +wurde sie bald zum allgemeinen Liebling erkoren. + +Grete wurde ihre schweigsame Zurückhaltung äußerst sauer, verschiedene +Male fiel sie aus der Rolle. Einmal ertappte sie Orla, die gerade hinter +ihr stand, auf einer argen Indiskretion. + +»Wie heißt die junge Dame mit den Locken?« wurde sie von ihrem Tanzherrn +gefragt. + +»Das ist Ilse Macket,« gab Grete schnell zur Antwort. Und nun fing sie an, +ausführlich über dieselbe zu berichten. »Sie ist erst seit Juli hier,« +fuhr sie fort und der Mund ging ihr wie eine Plappermühle, »ihr Vater +brachte sie hierher. Sie ist nämlich weit her, aus Pommern, und, denken +Sie sich, sie hatte ihren Hund mitgebracht und wollte ihn durchaus mit in +die Pension nehmen! Natürlich Fräulein Raimar erlaubte es ihr nicht. Ach, +und ungeschickt war sie! Kein Mensch kann sich davon einen Begriff machen. +Einmal hat sie einen ganzen Stoß Teller -« + +»Grete,« unterbrach Orla ihren Redefluß, »du verlierst eine Nadel. Tritt +einen Augenblick mit mir zur Seite, damit ich sie wieder befestige.« + +»Wie ungezogen, wie abscheulich von dir!« schalt Orla, indem sie sich +scheinbar an Gretes Kragen zu schassen machte. »Warum blamierst du Ilse +so? - Du siehst den Herrn heute zum ersten Male und machst ihn sofort zum +Mitwisser unsrer Pensionsgeheimnisse! Möchtest du denn, daß die arme Ilse +verspottet würde?« + +Grete erschrak. Daran hatte sie gar nicht gedacht! Die Schwatzhaftigkeit +war wieder einmal mit ihr durchgegangen und hatte ihr einen bösen Streich +gespielt. + +Höchst betrübt und niedergeschlagen trat sie wieder in die Reihe der +Tanzenden. Sie faßte auch den festen Entschluß, in Zukunft vorsichtiger zu +sein, aber wie lange! Es ist so schwer, eine lebhafte Zunge zu zügeln! + +Doch es liegt nicht in meiner Absicht, die Tanzstundenereignisse genau und +ausführlich zu schildern. Ich nehme an, meine Backfischchen, denen ich +meine Erzählung widme, haben die Leiden und Freuden derselben aus eigener +Erfahrung bereits kennen gelernt. Es ist immer dasselbe. Harmlose +Koketterien, kleine Eifersüchteleien, ein wenig Neid, schwärmerische +Verehrung, etwas Courschneiderei, zuweilen auch Klatscherei - u. s. w. +Dazu noch die kleinen Aufmerksamkeiten, die hinter den Kulissen spielen, +z. B. Fensterparaden, duftige Blumenspenden, manchmal sogar eine +gemeinsame Schlittschuhpartie auf dem Eise. + +Die letztgenannten Aufmerksamkeiten waren natürlich vollständig +ausgeschlossen in der Pension. Fräulein Raimar würde dieselben nicht +geduldet haben. Streng hielt sie darauf, daß außer den Tanzstunden nicht +die geringste Annäherung mit den Herren stattfand. In diesem Punkte kannte +sie keine Nachsicht. + +Schon in höchstem Grade unangenehm war es ihr, daß die jungen Leute sich +herausnahmen, ihre täglichen Spaziergänge mit den Zöglingen zu +durchkreuzen und grüßend an ihnen vorüberzuschreiten. Es war ihr geradezu +unbegreiflich, wie sie es herausbrachten, welchen Weg sie wählte. Denn +wenn sie ihre junge Schar heute durch den Park - morgen in dieses Thal - +übermorgen über jenen Berg führte, immer konnte sie überzeugt sein, die +roten Primanermützen auftauchen zu sehen - sie konnte ihnen nicht +entgehen. Die Lösung dieses Rätsels war einfach genug, der Verrat wurde +durch die Tagesschülerinnen ausgeführt. Sie waren die Vermittlerinnen +zwischen ihren Brüdern, Vettern oder Bekannten und den Pensionärinnen. Sie +schmuggelten Grüße, Gedichte, sogar Photographien ein und Flora benutzte +diesen Weg, ihr Album den Herren zuzusenden mit der Bitte, ein +selbstverfaßtes Gedicht hineinzuschreiben. + +Eines Tages, es war so ziemlich gegen den Schluß der Tanzstunden, erhielt +Nellie nach dem Schulunterricht ein kleines Billet zugesteckt. Sie ging +auf ihr Zimmer, wo Ilse anwesend war, und öffnete dasselbe. + +»Wie albern!« rief sie hocherrötend aus, als sie die wenigen Zeilen +gelesen hatte. »Wie kann der einfältige Mensch sich so dreist gegen mir +benehmen! Ich habe ihm nie Ursach' zu so große Dreistigkeit gegeben!« Und +sie zerriß die Zeilen. + +Ehe noch Ilse ihre Meinung aussprechen konnte, kam Melanie hereingestürzt, +strahlend vor Eitelkeit und Freude. + +»Kinder!« rief sie mit ihrer lispelnden Stimme, »ich muß euch etwas +mitteilen! Aber verratet mich nicht! Schwört, daß ihr niemand etwas sagen +werdet! Du auch, Grete,« wandte sie sich an die eintretende Schwester. + +Natürlich wartete sie in ihrer Erregung den Schwur gar nicht ab, sondern +geheimnisvoll die Thür verriegelnd zog sie ein kleines Briefchen aus ihrer +Kleidertasche und begann vorzulesen. + + + + + + +»Mein gnädiges Fräulein! + +Sie würden mich zu dem glücklichsten aller Sterblichen machen, wenn Sie +mir Ihre Photographie verehrten! - Meine Bitte ist kühn, ich weiß es, aber +Sie werden mir diese Kühnheit großmütig verzeihen, wenn ich Ihnen gestehe, +daß es mein glühendster Wunsch ist, Ihre wunderbar klassischen Züge +täglich, stündlich sehen und anbeten zu können. + +Darf ich auf Ihre Gnade hoffen? + + _Georg Breitner_.« + + + + + + +Nellie hatte die Papierstückchen von der Erde aufgenommen und dieselben so +ziemlich wieder zusammengesetzt auf ihrer Kommode. Nun las sie die Zeilen +vor. Sie waren von demselben Verfasser und enthielten die gleiche Bitte, +nur waren die Worte ein wenig anders gesetzt, auch nannte er Nellies Züge +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}liebreizend{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} anstatt {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}klassisch{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. + +Sie wurde doch etwas herabgestimmt bei dieser Entdeckung, die +siegesstrahlende Melanie! Einen Augenblick schwieg sie und sah Nellie an. + +»Was thun wir, Nellie?« fragte sie dann, »wir können doch Herrn Breitner +die Bitte nicht abschlagen!« + +»Du darfst dein Bild nicht geben!« platzte Grete, die nebenbei etwas Neid +gegen die weit hübschere Schwester empfand, heraus. »Auf keinen Fall, oder +ich schreibe es dem Papa!« + +»Dich habe ich nicht um deine Meinung gefragt!« gab Melanie kurz zur +Antwort. »Nellie, was sagst du?« + +»Aber, Melanie!« rief Ilse ganz erregt, »wie kannst du nur einen +Augenblick im Zweifel sein! Du wirst doch wahrhaftig dein Bild nicht an +einen Herrn verschenken, der dir eigentlich ganz fremd und noch kein +ordentlicher Herr ist! Er will dich zum Narren halten, weiter nichts!« + +»Du schwatzest geradezu Unsinn, liebe Einfalt vom Lande!« entgegnete +Melanie gereizt. »Was verstehst du denn unter {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ordentliche Herren{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}?« + +»Solche, die nicht mehr in die Schule gehen und auf Schulbänken sitzen!« +erklärte Ilse. »Herr Georg Breitner wird dein Bild mit in die Klasse +nehmen und die {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Herren{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Schüler werden es bewundern. Dann bist du +furchtbar blamiert!« + +»Nellie, du bist ja so still!« wandte sich Melanie etwas kleinlauter als +vorhin an diese, »sage doch, was wir thun sollen!« + +»O gar nix!« entgegnete dieselbe trocken, »wir werden thun, als ob wir der +dumm' Brief nicht bekommen haben.« + +»Und wenn er fragt? Was sagen wir dann, Nellie?« + +»O, auch nix. Wir zucken mit die Schulter und schweigen. Das nennt man in +Deutsch: Mit Nichtachtung verstrafen!« + +Einverstanden war Melanie durchaus nicht mit dieser Entscheidung, sie +hätte so gern ihr »klassisches Konterfei« vergeben, trotzdem mußte sie +sich der Notwendigkeit fügen. Warum mußte er auch noch um Nellies +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}liebreizendes Bild{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} bitten? + +»Ihr habt furchtbar öde Ansichten!« sagte sie spottend und verließ das +Zimmer. + + * * * + +Die Tanzstunde nahte ihrem Ende. »Leider!« seufzten die jungen Leute. +Fräulein Raimar indes atmete auf, denn wenn sie auch der Jugend gern +fröhliche Stunden bereitete, so sehnte sie doch wieder Ruhe und +Gleichmäßigkeit zurück, weil sie die Erfahrung gemacht hatte, daß durch +die Zerstreuung stets der rechte Ernst zum Lernen etwas abhanden kam. + +Den Schluß und Glanzpunkt bildete alljährlich ein kleiner Ball, und +morgen, am Sonnabend, sollte derselbe stattfinden. + +Die Benennung »Ball« klingt eigentlich zu hoch für das kleine Fest. Es +wurden noch einige Gäste geladen, das Orchester schwang sich zu einer +zweiten Geige auf, dem Thee nebst belegten Butterbroten folgte eine +leichte Bowle mit Pfannkuchen, und die jungen Mädchen zogen ihre besten +Kleider an. Das war alles! + +Aber der große Saal erhielt ein festliches Ansehen, dafür trug stets +Fräulein Raimar Sorge. Sie liebte es, den Schönheitssinn ihrer jungen +Zöglinge zu wecken, damit dieselben späterhin imstande seien, mit wenigen +Mitteln auch dem einfachsten Feste ein künstlerisches Ansehen zu geben. + +Soeben stand sie neben dem Gärtner und ordnete an, wie er die Tannen, die +er am Morgen aus dem Walde geholt, mit blühenden Topfgewächsen zu +lauschigen Ecken und Plätzen gruppieren solle. Als das geschehen war, +mußte er Konsolen von rotem Thone zwischen verschiedenen Wandleuchtern +befestigen, - üppige Schlingpflanzen wurden darauf gestellt und fielen +anmutig herab. Auch der altmodische Kronleuchter, geformt wie eine +bronzene Schale mit Lichterarmen, erhielt seinen grünen Schmuck. Es wurde +eine Schlingpflanze in die Schale gestellt, so daß die grünen Ranken +zwischen den Armen herabfielen. Am Abend, wenn die Kerzen brannten, machte +dieser einfache Schmuck einen reizend malerischen Eindruck. + +Als alles fertig war, übersah die Vorsteherin noch einmal den Saal, und +recht befriedigt verließ sie denselben. + +Die jungen Mädchen waren natürlich in großer Aufregung. Es war der erste +Ball, der ihnen bevorstand, und dieses wichtige Ereignis nahm all ihre +Gedanken in Anspruch. Einige betrachteten wieder und wieder die duftigen +Kleider, andre versuchten besondere Haartrachten, so Flora, die eine +Passion dafür hatte, wieder andre probierten die Kleider an, der +Sicherheit wegen, wie Nellie meinte, die soeben mit Ilse die +Weihnachtskleider von der Schneiderin erhalten hatte. Gerade als beide +angekleidet dastanden, kam Lilli hereingejubelt. + +»Ich geh mit auf euren Ball!« rief sie, »das Fräulein hat es mir erlaubt. +Und mein neues, weißes Kleiderl zieh ich an und die rote Atlasschärpe +bind' ich um, - und ich darf halt mittanzen! Ich freu mich halt zu sehr +auf morgen!« + +Und sie faßte mit beiden Händchen an ihre Schürze und tanzte zierlich und +graziös durch das Zimmer. + +Es war schon ziemlich dunkel, und die Kleine hatte nicht bemerkt, wie +geputzt Nellie und Ilse waren. Als die erstere Licht anzündete, blieb sie +plötzlich überrascht stehen und sah erstaunt von einer zur andern. + +»Wie schön schaut ihr aus!« rief sie bewundernd und mit gefaltenen Händen, +und fast andächtig sah sie die beiden Mädchen an. + +»Weißt, Ilse,« fuhr sie lebhaft fort, »du schaust aus gerad wie des +Kaisers Tochter! Ich führ' dich morgen in den Saal - bitt' schön!« + +Ilse nahm ihren Liebling zärtlich in den Arm und küßte ihn herzhaft auf +den Mund. »Du bist ja so heiß, Lilli,« sagte sie und befühlte Stirn und +Wange des Kindes. »Fehlt dir etwas?« + +»Der Kopf thut mir halt a bissel weh,« entgegnete Lilli, »aber gar nit +viel, - gewiß nit,« beteuerte sie, als Ilse sie besorgt ansah. »Morgen +thut er nit mehr weh, - morgen geh ich ganz gewiß auf den Ball! Du gehst +auch mit,« sagte sie zu ihrer Puppe, die nach ihrer Geberin, Ilse, getauft +war. »Aber artig mußt halt sein, sonst wirst in dein Bett gesteckt!« - + + »Doch mit des Geschickes Mächten + Ist kein ew'ger Bund zu flechten + Und das Unglück schreitet schnell.« + +Acht Tage später schrieb Flora diese inhaltschweren Worte in ihr +Tagebuch. - + +Am andern Morgen lag Lilli heftig fiebernd in ihrem Bette. Der +herbeigerufene Arzt machte ein ernstes Gesicht. »Sie hat starkes Fieber,« +sagte er und verordnete Eisumschläge auf den Kopf, die jede halbe Stunde +gewechselt werden mußten. Das lebhafte Kind lag still und teilnahmlos da. + +Fräulein Güssow saß recht sorgenvoll an Lillis Bett, die eben etwas +eingeschlummert war. Die Vorsteherin beruhigte sie und meinte, daß Lillis +ganze Krankheit ein heftiges Schnupfenfieber sein werde, sie habe bei +Kindern oftmals ähnliche Fälle erlebt. + +Die junge Lehrerin schüttelte ungläubig den Kopf. »Wenn nur der Ball heute +abend nicht wäre!« sprach sie seufzend. »Der Lärm im Hause und das kranke +Kind - es will mir nicht in den Kopf! - Wenn wir ihn hinausschöben, +Fräulein?« + +»Sie sehen zu schwarz, liebe Freundin,« entgegnete die Vorsteherin. »Der +Lärm wird Lilli nicht stören, wie sollte er aus dem Vorderhause bis +hierher in Ihr stilles Zimmer dringen? Bedenken Sie, wie sehr sich die +Kinder auf den heutigen Abend gefreut haben; wie grausam wäre es, wollten +wir ihre Freude zerstören! Noch sehe ich keine Gefahr und wir können +unbesorgt den Ball stattfinden lassen.« + +»Ball!« wiederholte Lilli, die erwacht war und das Wort gehört hatte; »ich +will tanzen! Zieh mich an, Fräulein! Bitt schön, laß mich tanzen!« + +Fräulein Güssow warf der Vorsteherin einen verständnisvollen Blick zu, +jetzt mußte dieselbe sich doch überzeugen, wie krank die Kleine war, - sie +phantasierte. + +Aber Fräulein Raimar war nicht überzeugt und auch nicht erschrocken. Sie +trat zu Lilli an das Bett und ergriff deren Hand. + +»Es ist ja noch heller Tag, Lilli,« sagte sie freundlich; »siehst du +nicht, wie die Sonne scheint? Heute abend sollst du tanzen, jetzt ist es +noch viel zu früh. Lege dich nieder und schlafe noch etwas; wenn du +aufwachst, bist du gesund und ziehst dein gesticktes Kleid an.« + +»Die liebe Sonn scheint,« wiederholte das Kind, wie aus einem Traume +erwachend, und sah mit müden Augen zum Fenster hinaus. Dann legte sie die +Hand gegen die Stirn und sagte leise: »Ach Gotterl, Fräulein, mir thut der +Kopf halt so weh!« + +»Das wird sich geben, mein Herz. Nimm nur recht artig deine Medizin ein.« + +Sie küßte Lilli und versicherte der sehr geängstigten Lehrerin, das +Phantasieren der kleinen Kranken habe nichts zu bedeuten, bei lebhaften +Kindern stelle sich dasselbe bei einem harmlosen Schnupfenfieber ein. Und +mit diesem aufrichtig gemeinten Troste verließ sie das Zimmer. + +Es schien, als habe sie wahr gesprochen. Gegen Mittag schlief Lilli ein. +Das Fieber hatte etwas nachgelassen und Fräulein Güssow atmete erleichtert +auf. Als Ilse kam und teilnehmend mit trauriger Miene nach Lillis Befinden +fragte, winkte sie derselben freudig zu und flüsterte: »Sie schläft, - es +scheint eine Besserung eingetreten zu sein.« + +Ilse teilte sofort diese gute Nachricht den Freundinnen, die schon in +ängstlicher Sorge um den kleinen Liebling waren, mit, und brachte sie alle +wieder in fröhliche Stimmung. Nur Flora blieb bei ihren düsteren +Prophezeiungen. + +»Meine ahnungsvolle Stimme täuscht mich nicht, ich fühle es, der Tod wird +diese zarte Knospe brechen,« sagte sie in tragischem Tone und probierte +dabei ihre neuen Ballschuhe an, streckte den Fuß weit von sich und +bewunderte mit sehr befriedigter Miene die zierliche, elegante Form des +Schuhes. Es war ihr wenig ernst mit ihren düstern Ahnungen! + +Lillis Besserung war leider nur trügerisch gewesen. Während die jungen +Mädchen heiter und glücklich Toilette zum fröhlichen Feste machten, lag +sie im heftigsten Fieber. + +Fräulein Güssow wich nicht von ihrem Bette und erklärte mit aller +Bestimmtheit, daß sie diesen Platz nicht verlassen werde. Auf Fräulein +Raimars Wunsch wurde die Verschlimmerung der Krankheit vorläufig geheim +gehalten; sie mochte keinen Mißklang in die unbefangene Freude ihrer +Zöglinge bringen, mußte sie sich doch bei ruhiger Ueberzeugung sagen, daß +nichts damit gebessert werde. - So blieb denn die junge Lehrerin allein im +Krankenzimmer. Sie hörte das unruhige Getappel im Vorderhause; dann und +wann schlug wohl ein fröhliches Lachen an ihr Ohr - und endlich vernahm +sie die gedämpften Töne der Polonaise. + +»Ilse, komm!« rief Lilli plötzlich und Fräulein Güssow fuhr erschreckt +zusammen. »Ilse, bitt, bitt schön, komm! Ich führ dich in den Saal, komm!« +- Hoch hatte sie sich im Bett aufgestellt und machte alle Anstrengungen, +aus demselben zu springen. + +Fräulein Güssow legte den Arm um das fiebernde Kind und versuchte es +niederzulegen, aber Lilli stieß sie von sich. + +»Geh fort!« rief sie; »du bist nit des Kaisers Tochter, du hast kein +schönes Kleiderl an! - Ilse! Ilse komm!« + +Angstvoll und gellend stieß sie ihre Worte heraus und mit starren Augen +blickte sie ihre Pflegerin an. + +»Wenn du ruhig bist, wird Ilse kommen,« sagte dieselbe mit zitternder +Stimme, die Angst schnürte ihr fast die Kehle zu. »Sei ruhig, mein +Liebling, willst du? Lege dich nieder - ganz still - so.« Und sie bettete +mit sanfter Gewalt die immer noch aufrechtstehende Lilli in die Kissen. + +»Ganz still,« wiederholte das Kind mechanisch; »Ilse komm, - ganz still!« + +Fräulein Güssow zog an der Klingelschnur, und nach einiger Zeit +ängstlichen Harrens erschien die Köchin. Sie war die einzige, welche die +Glocke vernommen hatte, die beiden andern Dienstboten waren im Vorderhause +beschäftigt. + +»Rufe sofort Fräulein Ilse,« gebot sie mit halblauter Stimme, »und dann +hole den Arzt. Das Kind ist sehr krank. Aber still und ohne Aufsehen, +Bärbchen, niemand darf es wissen.« + +»Aber wenn mich Fräulein Raimar fragen sollte,« wandte die etwas +schwerfällige Köchin ein, »dann muß ich es ihr sagen, nicht?« + +»Sie wird dich nicht fragen, wenn du deine Sache klug machst. Eile dich +nur, ich bitte dich!« + +Der Zufall kam Bärbchen zu Hilfe. Gerade als sie sich dem Saale näherte, +traten Ilse und Nellie lachend und plaudernd, mit ganz erhitzten Wangen, +Arm in Arm, aus der Thür desselben. + +Geheimnisvoll winkte ihnen die Köchin zu. »Fräulein Ilschen,« sagte sie, +»Sie möchten gleich zu Fräulein Güssow kommen!« + +»Es ist doch nichts passiert, Bärbchen?« fragten beide Mädchen fast +zugleich. + +»O nein, passiert gerade nichts, aber das Kind ist kränker geworden, ich +soll gleich den Doktor holen. Es soll aber niemand etwas wissen. Sie +brauchen keine Angst zu haben, Fräuleinchens,« beruhigte sie, als sie die +erschrockenen Gesichter vor sich sah, »so schnell geht das nicht mit so +kleinen Kindern. Krank - tot - gesund - man weiß nicht, woher es kommt! +Aber nun will ich laufen!« Und wie der Wind war sie die Treppe hinunter +und zum Hause hinaus. + +»Ich gehe mit dich,« sagte Nellie, aber Ilse wehrte ihr ab. + +»Du mußt in den Saal zurückkehren, Nellie,« erklärte Ilse entschieden, »es +würde Aufsehen erregen, wenn wir beide fehlten. Ich gehe allein und bringe +dir bald Bescheid.« + +Traurig sah Nellie der Freundin nach, dann kehrte sie zurück in den +hellerleuchteten Saal. Schwer legte es sich auf ihr Herz, als sie ringsum +nur glückliche, fröhliche Menschen sah - unwillkürlich füllte sich ihr +Auge mit Thränen. + +Aber ihr betrübtes Gesicht durfte niemand sehen, sie trat deshalb +unbeachtet hinter eine Tannengruppe. + +Einer indes hatte sie doch beachtet und das war Doktor Althoff. Als er sie +mit so ernstem Gesicht eintreten und gleich darauf verschwinden sah, +näherte er sich ihr langsam. + +»Weshalb suchen Sie die Einsamkeit, Miß Nellie?« fragte er herzlich. +»Haben Sie Kummer?« + +»O Herr Doktor, ich ängstige mir so um das Kind! Bärbchen hat Ilse gerufen +und holt jetzt der Arzt!« Und Nellies sonst so fröhliche Augen blickten in +Angst und Trauer den jungen Mann an. + +Doktor Althoff hatte sie nie so lieblich gesehen als in diesem +Augenblicke. + +Die schelmische, lustige Nellie in dem duftigen, hellblauen Kleide, den +Kranz von Tausendschön im goldblonden Haar, hatte ihn schon den ganzen +Abend erfreut, die trauernde Nellie, die ein so warmes Mitgefühl verriet, +entzückte ihn geradezu. + +»Beruhigen Sie sich,« tröstete er, »ich werde sofort in das Krankenzimmer +gehen und verspreche Ihnen, Sie zu benachrichtigen, wie es dort steht.« + +Als er die Thür desselben nach leisem Anklopfen öffnete, bot sich ihm ein +rührender Anblick dar. Ilse kniete an dem Bett und hatte ihr Haupt dicht +neben Lillis Köpfchen gelegt, so daß ihre braunen Locken sich mit den +lichtblonden des Kindes mischten. Eine frische, rote Rose, der einzige +Schmuck, den sie heute abend getragen, hatte sich aus ihrem Haar gelöst +und lag halb entblättert auf dem Boden. Fräulein Güssow legte soeben einen +neuen Eisumschlag auf der Kranken glühende Stirn. + +Doktor Althoff fragte nicht, - ein Blick auf die kleine Kranke sagte ihm +alles. Groß und fremd sah sie ihn an, ihre Händchen zuckten und griffen +unruhig in die leere Luft. Als Ilse sich erheben wollte, klammerte sie +sich fest an sie. + +»Du sollst nit fortgehn, du bist des Kaisers Tochter!« stieß sie in +abgerissenen Sätzen heraus, »du bist die Schönste! - Tanz mit mir - komm!« + +Plötzlich sprangen ihre Phantasien davon ab, und sie sah Ilse für das +Christkind an. + +»Du liebes Christkindl hast ein goldenes Kleiderl an, - und ein Kronerl +tragst auf dem Kopf - ah, wie das strahlt! Du willst mit mir spielen,« +fuhr sie geheimnisvoll lächelnd fort, »wart nur, ich komm zu dir, zu den +lieben Engelein! - Ich komm - nimm mich mit!« + +Ermattet sank sie nach diesem Anfall in die Kissen zurück. + +Ilse war wie gelähmt vor Schreck. Niemals zuvor hatte sie an dem Lager +eines Schwererkrankten gestanden, es war daher natürlich, daß sie ganz +fassungslos war. Sie umklammerte Fräulein Güssow und wurde totenblaß, ohne +ein Wort über die bebenden Lippen zu bringen. + +»Kehren Sie in den Saal zurück, Ilse,« riet Doktor Althoff und ergriff +ihre Hand. »Kommen Sie, ich werde Sie führen.« + +Aber sie schüttelte den Kopf. »Ich bleibe hier,« sagte sie leise aber +fest, »ich verlasse Lilli nicht.« + +Und wie auch die Strauß'schen Klänge der blauen Donau schmeichelnd und +verlockend durch die Nacht in das stille Krankenzimmer drangen, Ilse +dachte nicht daran, zur Lust und Freude zurückzukehren. Ihre ganze Seele +war von den Leiden ihres Lieblings erfüllt. + +Nur wenige Augenblicke lag Lilli still und mit geschlossenen Augen da, +dann fing sie von neuem weit heftiger an zu phantasieren. Bald rief sie +nach Ilse, um mit ihr zu tanzen, bald wollte sie mit dem Christkindl +spielen, zuletzt fing sie an, mit leiser, matter Stimme zu singen: »Kommt +a Vogerl geflogen -« + +Wie klang heute des Kindes Lied so weh und traurig! Ilse mußte sich +abwenden, heiße Thränen rannen über ihre Wangen, es war, als müsse ihr das +Herz zerspringen. + +»Ich befürchte das Schlimmste!« sprach Fräulein Güssow tief ergriffen. +»Wenn nur der Arzt käme!« + +Nach kurzer Zeit, die den Wartenden eine Ewigkeit dünkte, trat derselbe +ein. Sein Blick fiel auf das Kind, und er erschrak. Wie hatte es sich +verändert, seitdem er es verlassen, was war seit gestern aus dem +blühenden, lebensfrohen Wesen geworden! Die runden Wangen waren +eingefallen und die großen, schwarzen Augen starrten wie abwesend in die +leere Luft. Er nahm ihre Hand und fühlte nach ihrem Puls, - sie merkte +nichts davon, leise fing sie wieder an zu singen: »Und es kümmert sich ka +Hunderl -« + +»Au, au!« schrie sie plötzlich auf und griff nach ihrem Kopfe. »Das +Katzerl beißt mich! Nimm es weg, Fräulein! Au weh!« + +Der Arzt rührte ein Pulver in ein Glas Wasser und reichte es ihr. Nur +mühsam war ihr dasselbe beizubringen und erst auf Ilses sanftes Zureden +öffnete sie die Lippen. Nachdem sie getrunken, wurde sie ruhiger und +verfiel in einen Halbschlummer. + +»Wo wohnen die Eltern der Kleinen?« wandte der Arzt sich an Fräulein +Güssow. »Ich rate, dieselben unverzüglich von der Krankheit zu +benachrichtigen. Ich kann für den Ausgang nicht stehen. - Wir haben es mit +einer bösartigen Gehirnentzündung zu thun.« + +»Nur die Mutter lebt,« nahm Doktor Althoff das Wort und erbot sich, sofort +ein Telegramm an dieselbe abgehen zu lassen. Nach seiner Berechnung konnte +sie schon am Abend des nächsten Tages eintreffen. + +Bevor er das Haus verließ, kehrte er noch einmal in den Saal zurück, um +die Vorsteherin mit dem Ausspruch des Arztes bekannt zu machen. Nellie, +die gerade mit Georg Brenner Française tanzte und nicht aus der Reihe +treten konnte, warf einen ängstlich fragenden Blick auf ihn, flüchtig nur +streifte sie sein Auge, und doch erriet sie, daß er nichts Gutes zu melden +habe. O, wäre nur der Tanz erst zu Ende, daß sie ihn fragen könnte! Aber +er wartete nicht darauf, nach wenigen Minuten verließ er schon wieder den +Saal und ließ Nellie in den peinlichsten Zweifeln zurück. War es schlimmer +geworden? Der Vorsteherin ruhiges Gesicht gab ihr keine Antwort auf ihre +Frage. Es lag dasselbe wohlwollende Lächeln auf demselben wie zuvor. Sie +unterhielt sich mit einigen Gästen ohne jede sichtbare Erregung. + +Und doch war sie bis in das Innerste erregt. Aber sie verstand die seltene +Kunst, sich meisterhaft zu beherrschen. Warum sollte sie plötzlich Schreck +und Aufregung in die Freude bringen? In einer Viertelstunde war der Tanz +vorüber, dann sollten die jungen Mädchen sich niederlegen, ohne zu +erfahren, wie es mit der Kranken stand. Die Jugend bedarf des Schlafes, +sagte sie sich, besonders nach einer halb durchtanzten Nacht. +Verschlimmerte sich Lillis Zustand, so erfuhren sie diese traurige +Botschaft am Morgen noch früh genug. + +Ilses Verschwinden, das allgemein bemerkt wurde, hatte Nellie auf ihre Art +entschuldigt, sie hatte jedem Fragenden geantwortet: »O ja, sie wird +gleich wieder da sein, sie hat nur auf ein Augenblick Kopfschmerzen.« Der +Vorsteherin hatte sie so halb und halb die Wahrheit gesagt. Aber der Ball +ging zu Ende und Ilse war nicht wiedergekehrt. - + +Miß Lead hatte von der Vorsteherin den Auftrag erhalten, dafür Sorge zu +tragen, daß die Mädchen still und geräuschlos ihre Gemächer aufsuchten, +das wurde befolgt, aber als sie sich sicher glaubten, als die englische +Lehrerin sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, da huschten sie alle noch +auf eine kurze Zeit zu Rosi hinüber, deren Stübchen ganz am Ende des +Korridors lag. Sie mußten noch einen kurzen Austausch haben, ihre jungen +Herzen waren zu voll von dem herrlichen Feste. + +Melanie brachte ihre duftigen Sträuße, die sie im Cotillon erhalten hatte, +mit und breitete sie auf dem Tische aus. Mit wehmütiger Freude betrachtete +sie den reichen Segen. »Ach!« rief sie aus, »wie schade, daß alles vorbei +ist!« + +»Alles Schöne ist vergänglich, nur die Erinnerung bleibt!« entgegnete +Flora weise. Und sie betrachtete bei ihren Worten die Photographie eines +jungen Mannes, die sie vorsichtig und geschickt in ihrem Taschentuche +verborgen hielt. - Es war Georg Breitners Bild. Er hatte dafür das ihrige +eingetauscht. + +»Ach, Kinder, es war doch zu schön!« brach Annemie in plötzlicher +Begeisterung aus. »O, was ich euch alles erzählen könnte!« + +»Und ich! Und ich!« klang es durcheinander. + +»Ihr würdet staunen, wenn ich sprechen wollte!« rief Melanie stolz und +schlug ihr Auge kokett gen Himmel, »ich habe viel erlebt!« - In ihrem +Eifer vergaß sie ganz, ihre Stimme zu dämpfen. + +»Nicht so laut, Melanie,« ermahnte Rosi und Orla stimmte ihr bei. »Wir +wollen zu Bett gehen,« riet sie ernstlich, »denn wenn ihr erst anfangt, +eure Erlebnisse zu erzählen, dann können wir bis zum hellen Morgen hier +sitzen.« + +»Morgen ist Sonntag, da können wir ausschlafen!« meinte Grete, die darauf +brannte, die geheimnisvoll angedeuteten Geschichten zu hören. »Wo sind +denn aber Ilse und Nellie?« unterbrach sie sich plötzlich und sah sich um; +»ich habe Ilse den ganzen Abend nicht gesehen. Hatte sie wirklich +Kopfschmerzen? Kommt, wir wollen uns zu ihnen schleichen und nachsehen!« + +Doch dieser allgemein Beifall findende Vorschlag kam nicht zur Ausführung. +Eben als sie auf den Zehen einige Schritte gethan, stand Miß Lead wie ein +Nachtgespenst vor ihnen. + +»Wo wollt ihr hin?« fragte sie erzürnt. »Habe ich euch nicht Ruhe geboten? +Sofort legt euch nieder, - und morgen werde ich euren Ungehorsam der +Vorsteherin melden!« + +So wurde es denn still in den oberen Räumen. Die plaudernden Lippen +verstummten nach und nach - die Augen schlossen sich zu süßem Schlummer +und ein gütiger Traumgott führte die Schlafenden zurück in den festlichen +Saal. Noch einmal ließ er die Musik erklingen und die junge Schar im +lustigen Tanze dahinfliegen. - + +»O wie öde ist die Wirklichkeit!« war Melanies erstes Wort, als sie +erwachte. + + * * * + +In dem Krankenzimmer dachte man nicht an Schlaf, noch weniger an +glückliche Träume. Traurig sah es dort aus. Lilli tobte zwar nicht mehr, +aber sie lag ohne Teilnahme da. Das Fieber war noch immer im Zunehmen +begriffen. Als die Vorsteherin eintrat, erhob sich der Arzt und teilte ihr +seine Befürchtung mit. Ilse schluchzte leise in sich hinein; es wurde ihr +so schwer, sich zu beherrschen. + +»Geh zu Bett, Ilse,« sprach Fräulein Raimar sanft zu ihr, »du darfst nicht +länger hier verweilen.« + +Der Arzt stimmte energisch bei, und so schmerzlich bittend das junge +Mädchen auch die Vorsteherin ansah, dieselbe beharrte bei ihrem Willen. + +»Du bist ein gutes Kind,« sagte sie weich und ihre Stimme klang wie +verhaltene Thränen, »aber ich darf deinen Wunsch nicht erfüllen. Ein +längerer Aufenthalt hier könnte deiner Gesundheit schaden. Du kannst dem +Kinde auch nicht helfen, - sieh hin - es kennt dich - uns alle nicht +mehr!« + + [Illustration] + +Bevor sie das Zimmer verließ, trat Ilse noch einmal zögernd und leise an +Lillis Bett. Zitternd ergriff sie die kleine, fieberheiße Hand, beugte +sich nieder und drückte einen Kuß darauf. »Gute Nacht, Liebling,« hauchte +sie leise, »gute Nacht!« + +Und mit einem langen, thränenschweren Blick auf das blasse Gesichtchen +nahm sie Abschied, ach, sie fühlte es, es war ein Lebewohl für immer. Dann +eilte sie hinaus, das Taschentuch fest vor den Mund gepreßt, damit sie vor +Herzeleid nicht laut aufschreie. + +Draußen, dicht vor der Thür, stand Nellie. Unbemerkt war sie der +Vorsteherin gefolgt und hatte die Freundin erwartet. Ilse fiel ihr um den +Hals und Nellie führte die Trostlose hinauf in ihr Zimmer. Dort angelangt +warf Ilse sich verzweifelnd auf ihr Bett und begrub ihr Gesicht laut +weinend in die Kissen. + +»Ist sie so sehr krank?« fragte Nellie. + +»Sie stirbt, Nellie!« schluchzte Ilse außer sich, »unser süßer, kleiner +Liebling stirbt!« + +Nellie wurde blaß und ein heftiges Zittern überfiel ihren Körper, aber +sagen konnte sie nichts. Sie vermochte niemals ihren Schmerz laut +herauszujammern, die ungestüme Art Ilses war ihr fremd. War das zu +verwundern? Ilse hatte Kummer und Leid noch niemals Aug in Auge gesehen, +ihre frohe Jugendzeit war bis dahin einem sonnigen Maientag zu +vergleichen, der wolkenlos mit blauem Himmel auf die Erde niederlacht, - +wie anders Nellie! So mancher trübe Schatten hatte bereits ihr junges +Dasein verdunkelt! Sie mußte an den Tod des geliebten Vaters denken, der +sie so jung als Waise zurückließ! + +Still setzte sie sich neben die Freundin auf den Bettrand und ergriff +deren Hand. + +»Komm,« sagte sie mit unsichrer Stimme, »setze dir hoch. Du machst dir +auch krank, wenn du so hitzig bist! Und wenn wir uns tot weinen, wir +machen doch der arm' klein' Herz nicht gesund. Wenn der liebe Gott sagt: +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich will der klein' Engel zu mich nehmen,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} was können wir da machen? - O +Ilse! es ist gar nicht so schrecklich, als ein jung Kind zu sterben! Wer +weiß, welch' traurig Schicksal unsre Lilli aufwartete: Ist es nicht +besser, da tot zu sein? - Ich wär' sehr glücklich, wenn mich der liebe +Gott als klein' Kind zu sich genommen hätte!« + +Wie traurig das klang! Sofort wendete sich Ilses ganzes Mitleid ihrer +einzigen Nellie zu. Sie antwortete nichts, aber sie erhob sich und +umschlang dieselbe fest und innig. Und die beiden jungen Mädchengestalten +in ihren duftigen Ballgewändern, die sie nur zur Freude zu tragen gehofft +hatten, schlossen in diesem ernsten Augenblick einen innigen +Freundschaftsbund für das ganze Leben. Der Mond trat plötzlich hinter dem +dunklen Gewölk hervor und verklärte mit seinem blassen Schimmer die +lieblichen, thränenvollen Gesichter der Freundinnen wie zwei betaute +Rosen, die an einem Stengel erblüht sind. - + + * * * + +Es war ein trübseliger Sonntag, der dem Ballfeste folgte. Als die junge +Schar, noch ganz erfüllt von der Erinnerung an dasselbe, beim Morgenkaffee +saß, trat Fräulein Güssow ein. Bei ihrem Anblick verstummte das fröhliche +Geplauder, ihr blasses und verweintes Gesicht verkündete nichts Gutes. +Ilse und Nellie waren sofort an ihrer Seite, sie hatten bis dahin +seitwärts gestanden; es war ihnen unmöglich, an der Fröhlichkeit der +andern teilzunehmen. + +»Ist es besser?« fragte Ilse hoffend und bangend zugleich. + +Traurig schüttelte die Angeredete den Kopf und ihre Augen füllten sich mit +Thränen. »Nein,« sagte sie, »es ist nicht besser. Die Krankheit hat sich +gesteigert und ihr müßt euch auf das Schlimmste gefaßt machen. Ich teile +euch dies mit, Kinder, damit ihr nicht allzusehr erschreckt, wenn -« Sie +konnte den Satz nicht vollenden, Thränen erstickten ihre Stimme. + +Eine augenblickliche Todesstille trat bei dieser Eröffnung ein. Als aber +Ilse laut zu schluchzen anfing, da erhob sich ein allgemeines Jammern und +Wehklagen. Kein Auge blieb trocken bei dem Gedanken, den herzigen Liebling +für immer hergeben zu müssen. + +Die junge Lehrerin entfernte sich und Ilse eilte ihr nach. + +»Lassen Sie mich zu ihr,« bat sie dringend und erhob die Hände. »Bitte!« + +Sie konnte ihr diesen Wunsch nicht erfüllen. »Du darfst sie nicht +wiedersehn, Ilse,« sagte sie fest und entschieden. »Sie hat sich so +verändert, daß deine lebhafte Phantasie ihr trauriges Bild für lange Zeit +nicht vergessen würde. Sie ist nur noch ein Schatten des schönen, +fröhlichen Kindes.« + +Und sie küßte die trostlose Ilse und kehrte in das Krankenzimmer zurück, +das Fräulein Raimar seit Mitternacht nicht wieder verlassen hatte. + +Als Ilse wieder in den Speisesaal eintrat, stand Miß Lead fertig zum +Kirchgang angekleidet mit dem Gesangbuch in der Hand da. Sie trieb zur +Eile an, da es hohe Zeit sei, zur Kirche zu gehen. + +»Ich kann Sie heute nicht begleiten, Miß Lead,« entgegnete Orla, die ganz +gegen ihre Gewohnheit sich vom Gefühle übermannen ließ und heftig weinte; +»ich kann es nicht!« + +»Ich auch nicht! - Ich auch nicht!« erklärten die übrigen. Selbst Rosi, +die stets Sanfte und Gefügige, bat um Verzeihung, wenn sie ebenfalls +zurückbleibe. »Ich bin so aufgeregt und könnte nicht andächtig auf die +Predigt hören,« fügte sie hinzu. + +»Ich begreife euch nicht,« sprach die Engländerin höchst erstaunt von +einer zur andern sehend. »Ist das Gotteshaus nicht der beste Ort für ein +gequältes Herz? Sagt nicht der Herr: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kommt her zu mir alle, die ihr +mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Ich gehe und will für +die Kranke beten, vielleicht erhört mich der Herr.« + +Und sie ging, und die englischen Pensionärinnen schlossen sich ihr an. Sie +teilten in ihrem strenggläubigen Herzen die Ansicht der Lehrerin. Nur +Nellie blieb zurück. Nicht weil sie weniger gläubig war - o nein! Sie +hatte ein kindlich frommes Gemüt, aber sie hatte auch ein +tiefempfindendes, warmes Herz; es wäre ihr unmöglich gewesen, das Haus, +das ihr eine liebe Heimat geworden war, in einem Augenblicke zu verlassen, +wo der Todesengel seinen Einzug halten konnte. + +»Ich will auch beten,« sagte sie leise wie für sich. Und sie trat in den +Hintergrund des Zimmers, kniete nieder, legte die gefalteten Hände auf +einen Stuhl und beugte den Kopf darüber. In dieser andächtigen Stellung +verbrachte sie lange Zeit und betete heiß und innig zu Gott, daß er Lilli +am Leben erhalten möge. - + +Aber es stand anders in den Sternen geschrieben. Gegen Abend öffnete die +Vorsteherin plötzlich weit die Fensterflügel im Krankenzimmer - Lilli war +tot. + +Sanft hatte der Todesengel sie auf die Stirn geküßt und sie hinweggetragen +in sein dunkles Schattenreich. Wie ein sorglos schlummerndes Kind lag sie +da, der krampfhaft entstellende Zug war geschwunden und ein friedliches +Lächeln lag über den leise geöffneten Lippen. + +Die beiden Lehrerinnen standen stumm und mit gefalteten Händen am Bette +der kleinen Verstorbenen und konnten den Blick nicht von ihr trennen. Die +Abendsonne verklärte mit rosigem Schimmer das zarte Gesicht und in dem +knospenden Apfelbaume vor dem Fenster sang ein Star sein melodisches +Abendlied - draußen erwachendes Frühlingsleben - hier die junge +Menschenknospe - gebrochen, ehe sie sich zur Blüte entfalten konnte. + +»So früh und in der Fremde mußtest du sterben, armes Kind!« unterbrach +Fräulein Güssow die feierliche Stille. + +»Sie fühlte sich glücklich und heimisch bei uns,« entgegnete Fräulein +Raimar tief ergriffen. »Die eigentliche Heimat war ihr fremd geworden. - +Sie hat nicht einmal nach der Mutter verlangt.« + +»Wie sanft sie schlummert, als ob sie leben und atmen müßte. O, sie ist +glücklich!« Und in einem plötzlich überwallenden Gefühle beugte sich die +junge Lehrerin laut weinend über Lilli und küßte ihr die kalte Stirn. +»Schlaf wohl, schlaf wohl, teures Kind! Gott hatte dich lieb, darum nahm +er dich zu sich!« + +»Fassen Sie sich, liebe Freundin,« ermahnte Fräulein Raimar, indem sie die +Hand auf der Erregten Schulter legte, »uns bleibt jetzt die schwere +Aufgabe, die Kinder mit dem traurigen Ausgang bekannt zu machen. So ruhig +als möglich müssen wir ihnen diese Mitteilung machen, damit die ohnehin +erregten Gemüter nicht ganz außer Fassung kommen.« + +Aber sie kamen doch außer Fassung, besonders Ilse, deren lebhafte Natur +sich dem Schmerze zügellos hingab. Sie glaubte vergehen zu müssen. Noch +nie hatte sie sich so unglücklich gefühlt, als in der ersten Nacht nach +Lillis Tode, selbst damals nicht, als sie den Wagen fortfahren sah, der +den geliebten Vater entführte, und sie fremd und verlassen an der Pforte +dieses Hauses stand. + + * * * + +Lilli war in die Erde gebettet. Unter Schneeglöckchen und Veilchen +schlummerte sie. Der kleine Sarg war mit den holden Frühlingskindern über +und über bedeckt gewesen. Tief betrauert wurde das kleine Wesen von allen, +die mit ihm in nähere Berührung gekommen, und es hatte allgemein +schmerzliche Verwunderung erregt, daß die Mutter fern geblieben war. + +Am Todestage Lillis war ein Telegramm angekommen, worin sie meldete, daß +sie erst am Dienstag abend eintreffen könne. Es sei ihr unmöglich, früher +zu kommen, da sie am Montag in einem neuen Stücke die Hauptrolle zu +spielen habe. Als ihr an diesem Tage der Tod ihres Kindes gemeldet wurde, +kam umgehend ein Brief voll überschwenglicher Klagen, aber sie blieb fern. +Kostbare Blumen hatte sie gesandt, auch der Vorsteherin den Auftrag +gegeben, ein Marmormonument, einen knieenden Engel darstellend, für des +Kindes Grab anfertigen zu lassen, mit goldenen Buchstaben solle auf dem +Sockel eingegraben werden: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Teures Kind, bete für mich.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +Aeußerlich war somit alles geschehen, aber das Herz blieb kalt bei diesen +pomphaften Kundgebungen. + +»Meine Mama wäre gekommen, wenn sie mich sterbenskrank gewußt hätte,« +bemerkte Ilse, als sie Nellie den Brief vorlas, den ihr die Mutter so +herzlich und tröstend geschrieben hatte. + +»O sicher, sie wär von der Welten Ende zu dich gereist,« beteuerte Nellie +lebhaft. + +»Und sie ist nicht einmal meine rechte Mutter,« fuhr Ilse nachdenklich +fort. »Ach Nellie, ich habe sie oft recht sehr gekränkt! Glaubst du wohl, +daß sie mir vergeben wird?« + +Ilses Herz war so weich und empfänglich durch den Schmerz geworden und +eine ernste, weihevolle Stimmung durchdrang ihr ganzes Wesen. Nie waren +ihr bis dahin ähnliche Gedanken gekommen, und wäre es der Fall gewesen, +hätten sie früher einmal bei ihr angeklopft, sie würden keinen Einlaß +gefunden haben. Heute war es anders, sie hatte das Bedürfnis, sich gegen +ihre Herzensfreundin auszusprechen und sich anzuklagen. + +»O mach dich kein Kummer darum, Kind. Deine Mutter hat ein so liebesreiche +Herz, kein Titelchen Bosheit für dir ist darin. Sie vergebt dir alles. Du +warst ja auch noch ein ungezogen, dumm' Baby, als du bei sie warst, jetzt +aber bist du eine sehr anständige (sie meinte verständige) junge Dame.« + +»Ist das dein Ernst, Nellie?« fragte Ilse und sah mit ihren Kinderaugen +Nellie zweifelnd an. + +»Es ist mein Ernst, und ich gebe dir den guter Rat, schreibe an deiner +Mutter ein lang' Brief und bitte ihr um Verzeihung.« + +Ilse überlegte einen Augenblick. »Du hast recht, Nellie,« sagte sie dann +entschlossen, »ich werde ihr schreiben, ich bin es ihr schuldig. Heute +noch will ich es thun! Wenn sie mir nur bald darauf antwortet, ich werde +nicht eher ruhig sein!« + +Als sie sich eben niedergesetzt hatte, ihr Vorhaben auszuführen, trat +Flora mit strahlenden Augen ein. + +»Ich muß euch meine neuesten Gedichte vorlesen,« sagte sie erregt, »sie +sind das beste, was ich bis jetzt geschrieben habe! Ihr müßt mich +anhören!« + +Und sie entfaltete ein starkes Heft, in welchem sie Lillis Tod in den +verschiedensten Dichtungsarten besungen hatte. + + _Elegie auf den Tod einer vom Sturm geknickten Rosenknospe!_ + +begann sie zu lesen. + +Nellie hielt sich die Ohren zu. »Schweig still! Ich mag dir nicht anhören +mit dein dumm Zeug! Aergere mir nicht damit!« + +Ilse stimmte ihr bei. »Laß uns zufrieden, Flora,« sagte sie, »wir sind +noch zu traurig, als daß wir lachen möchten! Und du weißt doch, daß alle +deine Gedichte uns lustig machen.« + +Tief verletzt schloß Flora ihr Heft, auf dessen Umschlag mit großen +Buchstaben zu lesen stand: »Floras Klagelieder!« - »Ihr habt keinen Sinn +für erhabene Dichtkunst, und ich will Gott danken, wenn es Ostern ist und +ich diesen prosaischen Aufenthalt verlassen kann!« + +Sie verließ die Undankbaren und suchte Rosi auf. Wenn niemand ihre +Dichtkunst bewundern wollte, fand sie an ihr stets eine geduldige +Zuhörerin. »Das rechte Verständnis freilich fehle ihr,« meinte Flora mit +einem ergebungsvollen Seufzer. + +Der Brief an die Mutter war abgeschickt. Acht Tage waren seitdem vergangen +und noch war keine Antwort eingetroffen. Ilse war unruhig und aufgeregt +darüber. Nellie, ihre einzige Vertraute, tröstete sie. + +»Es ist ja noch kein' Ewigkeit vorbei, seit du schriebst,« sagte sie. »Es +scheint dich nur so, weil du immer daran denkst. Ich wette, heute wirst du +ein schön, lang Brief haben. Mich ahnt das!« + +Und richtig, Nellies Ahnung, die eigentlich gar nicht so ernst gemeint +war, ging in Erfüllung. Es kam ein Brief an Ilse. + +»Komm sogleich in mein Zimmer, Ilse, ich habe dir etwas mitzuteilen!« Mit +diesen Worten empfing Fräulein Raimar dieselbe, als sie eben aus der +Kirche kam. + +Klopfenden Herzens folgte ihr das junge Mädchen, sich den Kopf +zerbrechend, welch eine geheimnisvolle Mitteilung ihrer wartete. - + +»Ich habe soeben einen Brief von deinem Papa erhalten, liebes Kind, worin +er mich bittet, dir etwas recht Erfreuliches zu verkünden. Ahnst du nicht, +was es sein könnte?« + +»Nein,« entgegnete Ilse und blickte die Vorsteherin erwartungsvoll fragend +an. + +»Dir ist ein Brüderchen beschert worden! Da, hier lies selbst, der Papa +hat für dich einen Brief eingelegt.« + +Aber Ilse vermochte nicht zu lesen in diesem Augenblick. Die Nachricht +hatte sie bis in das Innerste erfreut und durchzittert. Das Blut schoß ihr +heiß in die Wangen, und ehe sie noch ein Wort über die Lippen bringen +konnte, flog sie dem Fräulein an den Hals und küßte dieselbe. Sie mußte an +jemand ihre jubelnde Freude auslassen. + +Als sie zur Besinnung kam, schämte sie sich ihrer Uebereilung. Wie konnte +sie allen Respekt außer acht lassen und so ungeniert die Vorsteherin +umarmen! + +»Verzeihen Sie,« sagte sie befangen und trat bescheiden zurück. Aber +Fräulein Raimar schnitt ihr das Wort ab und nahm sie noch einmal herzlich +in den Arm. + +»Komm her, mein Kind,« sagte sie warm, »und laß mich die erste sein, die +dir von ganzem Herzen Glück wünscht.« - Später äußerte sie gegen Fräulein +Güssow, daß Ilses strahlende Freude ihr so recht den Beweis für deren +kindlich unbefangenes Herz gegeben habe. Anfangs habe sie nicht geglaubt, +daß Ilses trotzige Natur sich jemals zügeln lassen werde. + +Der Brief an Ilse war nur kurz und von der Mutter schon vor mehreren Tagen +an sie geschrieben. Der Papa trug an der Verzögerung schuld, er hatte noch +einige Zeilen hinzufügen wollen und war nicht gleich dazu gekommen. + +»Lies erst, was sie schreibt!« bat Nellie, zu der Ilse jubelnd in das +Zimmer gestürzt war, »lies erst, nachher sprechen wir von die Baby.« + +Und Ilse las: + + + + + + +»Mein teures Kind! + +Dein letzter Brief hat mich sehr glücklich gemacht! Ich kann den +Augenblick kaum erwarten, wo ich Dich an mein Herz nehmen darf, um Dir mit +einem herzlichen Kuß zu sagen, daß ich Dir niemals böse war. Ich wußte +immer, daß mein Trotzköpfchen schon den Weg zu mir finden werde. Mache Dir +nur keine Sorgen um vergangene kleine Sünden, sie sind längst in alle +Winde verweht, denke lieber an die zukünftige Zeit, in der wir wieder +beisammen sind, und male sie Dir so rosig aus, wie Deine junge Phantasie +es nur zu thun vermag. Ich habe Dich sehr, sehr lieb! Mit zärtlichen +Küssen + + _Deine Mama_.« + + + + + + +Und der Papa hatte gestern flüchtig dazu geschrieben: + + + + + + +»Hurra! Wir haben einen prächtigen Jungen! Ich habe nur den einen Wunsch, +ihn Dir, mein Kleines, gleich zeigen zu können. Er sieht Dir ähnlich, hat +gerade so lustige, braune Augen wie Du! Morgen schreibe ich Dir mehr.« + + + + + + + [Illustration] + +»O!« jammerte Ilse unter Lachen und Weinen, »wenn ich doch gleich dort +sein könnte! Ich habe so große Sehnsucht, die Mama, den Papa und das +kleine Brüderchen zu sehen!« Dabei umarmte und herzte sie Nellie, und als +Fräulein Güssow hinzutrat, fiel sie auch dieser um den Hals. Sie hätte in +ihrer Seligkeit am liebsten die ganze Welt umarmt! - + +Am Nachmittag, als der erste Freudenrausch sich gelegt hatte, kehrten +Ilses Gedanken zu der verstorbenen Lilli zurück. Sie machte sich Vorwürfe, +daß sie deren Andenken heute so ganz vergessen konnte! + +»Komm, Nellie,« sagte sie, »laß uns im Garten Veilchen pflücken zu einem +Kranz auf Lillis Grab.« + +Fräulein Güssow stimmte diesem Vorschlage bei und begleitete gegen Abend +die Freundinnen hinaus auf den stillen Friedhof. Ilse beugte sich nieder +und legte den Kranz auf den frischen Grabhügel. Noch lagen die vielen +andern Kränze von dem Begräbnisse darauf, aber sie waren verwelkt und +trocken, und in den langen, weißen Atlasbändern spielte der Abendwind. - + +Die Tage kamen und gingen, und das Osterfest war vor der Thür. Die +Prüfungen waren bereits vorüber, und die ausgeteilten Zeugnisse hatten +Freude oder Kummer hervorgerufen, je nachdem sie für die Betreffenden +ausgefallen waren. Ilse konnte zufrieden sein. Mit Ausnahme einzelner +Fächer, bei denen obenan das Rechnen stand, hatte sie sehr gute +Fortschritte gemacht. Ihr ernstes Streben, ihr Betragen, das besonders +seit dem Tode Lillis tadellos geworden war, wurde von ihren Lehrern und +Lehrerinnen rühmend hervorgehoben, nur die englische Lehrerin schloß sich +dieser Ansicht nicht an. Sie blieb bei ihrem Vorurteile und fand, daß Ilse +nach wie vor ohne jede Manier und Grazie sei, auch tadelte sie sehr ihre +englische Aussprache. + +»Laß dir nix vormachen, Ilse,« sagte Nellie, als sie allein waren. »Du +sprichst schon ganz nett englisch und drückst dir stets sehr fein aus. +Uebrigens tröste dir mit mir, sieh, was sie hier geschrieben haben,« - und +sie reichte betrübt der Freundin ihr Zeugnis, und Ilse las: Besondere +Bemerkung: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nellie macht sehr langsame Fortschritte in der deutschen +Sprache.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - »Ist das nicht unrecht?« fragte sie. »Ich gebe mich so +furchtbar große Mühe mit eure schwere Sprache.« + +Nun war die Reihe zu trösten an Ilse. Dieselbe versprach ihr von jetzt an, +keinen Schnitzer mehr durchgehen zu lassen, Nellie dagegen wollte täglich +eine volle Stunde nur englisch mit der Freundin plaudern. + +Flora war in höchster Aufregung. Sie fand es geradezu großartig, daß +Doktor Althoff ihr eine II in der Litteratur geben konnte. »Mir das!« rief +sie aus, sobald er sich entfernt hatte, »mir das! die ich selbst schon so +lange litterarisch thätig bin! Aber Sie werden sich wundern, Herr Doktor, +Sie werden sich wundern!« + +Diese geheimnisvolle Anspielung bezog sich auf ihr jüngstes Werk. Sie +hatte gestern den letzten Federstrich daran gethan und es dann sogleich +mit einem Briefe auf rosa Papier dem Lehrer zur Durchsicht gegeben. Mit +bescheidenem Selbstbewußtsein hatte sie hinzugefügt, sie rechne darauf, +daß ihr Zauberspiel am Geburtstage der Vorsteherin aufgeführt werde. +Sollte Herr Doktor einige kleine Aenderungen für notwendig finden, so +würde sie sich gern seinem Rate fügen. - + +Es waren einige Tage darüber vergangen und noch hatte sie keine Antwort +erhalten. Warum mochte er zögern? Gefallen mußte ihm »Thea, die +Blumenfee«, darüber war sie nicht im Zweifel. Sie hatte sich so +hineingelebt in ihre Zauberposse, und ihre Phantasie flüsterte ihr einen +großartigen Erfolg in das Ohr. Sie hörte den stürmischen Beifall der +Anwesenden, - die Dichterin wurde gerufen! - Sie träumte wachend, langsam +- gesenkten Auges trete sie aus den Kulissen hervor. - »Flora!« ruft es +von allen Seiten, und voller Staunen richten sich aller Augen auf sie. - +Ja, staunt nur, ihr Ungläubigen, die ihr die arme Flora so oft verkannt +habt! Jetzt hat sie euch überzeugt, daß ihre Dichtkunst kein leerer Wahn +ist! - Bescheiden und demütig verneigt sie sich nach rechts und links - +ohne den Blick zu erheben - sie war vor den Spiegel getreten, um Blick und +Verbeugung einzustudieren. - »Die Blumenfee werde ich vorstellen,« träumte +sie weiter, »natürlich! Wer anders könnte sich so in den Geist der Rolle +versetzen, als ich! Wie herrlich wird mir das Kostüm stehen! Ein Kleid von +Silbergaze mit Rosen durchwebt, eine goldene Krone auf dem Haupte, ein +langer, duftiger Schleier und offnes, wallendes Haar!« + +Ganz in Gedanken versunken löste sie die aufgesteckten Flechten und +drapierte das Haar malerisch um ihre Schultern. Unwillkürlich kamen ihr +dabei die ersten Verse ihres großen Werkes auf die Lippen und laut, mit +pathetischer Stimme, fing sie an zu deklamieren: + + »Heraus, ihr Blumen, aus euren Kelchen, + Ich will mit euch spielen! + Eilt euch, ihr lieben Tulpen und Nelken, + Laßt mich nicht warten, ihr vielen, vielen, + Heraus, heraus!« + +Ein lautes Pochen an der Thür und ungestümes Auf- und Niederdrücken des +Griffes unterbrach sie höchst unangenehm. Zugleich wurde Gretes Stimme +laut. + +»Warum schließt du dich denn ein? Mach' schnell auf, ich bringe dir +etwas!« + +In aller Eile befestigte Flora ihr Haar, schob dann den Riegel zurück und +fragte ärgerlich: »Was willst du denn?« + +Grete war in das Zimmer getreten und sah sich verwundert um. »Du sprachst +doch eben laut,« sagte sie, »mit wem hast du dich denn unterhalten?« + +Flora blieb ihr die Antwort schuldig; sie sah ihr Manuskript in Gretes +Hand, ungestüm nahm sie es an sich. + +»Gieb her! Wie kommst du zu meinem Hefte?« + +»Nur nicht so heftig,« entgegnete Grete, »was fällt dir denn ein? Es ist +die reine Gefälligkeit, daß ich es dir bringe. Doktor Althoff hat es mir +für dich übergeben.« + +»Warum ließ er mich nicht selbst rufen? Du wirst dich wohl wieder +vorwitzig aufgedrängt haben, es ist so deine gewöhnliche Art. Uebrigens +jetzt kannst du wieder gehen, ich möchte allein sein!« + +Aber Grete verspürte keine Lust, sie zu verlassen, sie witterte ein +Geheimnis, das mußte sie erst heraus haben! + +»Ich habe aber keine Lust, dich zu verlassen,« sagte sie und setzte sich +mit aller Gemütlichkeit nieder. + +»Du bist wirklich unausstehlich!« stieß Flora ärgerlich heraus und drehte +Grete den Rücken. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Wenn du durchaus hier +bleiben willst, so thue es meinetwegen,« fuhr sie fort und näherte sich +der Thür, »mich geniert es nicht.« + +Und sie hatte die Thür geöffnet und war hinaus, noch ehe Grete sich +erhoben hatte. Schnell drehte sie den Schlüssel im Schloß um und - das +neugierige Gretchen war eine Gefangene. + +Geflügelten Schrittes eilte sie in den Garten, der Traueresche zu. Sie +huschte zwischen den bis auf den Boden herabhängenden Zweigen hindurch und +sank auf einem Bänkchen von Birkenstämmen nieder. Hier war sie vor jedem +Lauscherblicke sicher. + +Sie preßte die Hand auf das hochklopfende Herz und ein Zittern überlief +sie vor der Entscheidung! Wie wird sein Urteil ausgefallen sein? Nicht +lange hielt die zagende Schwäche an und ihre Zuversicht kehrte zurück. +Mutig und siegesbewußt schlug sie das Heft auf. Natürlich suchte sie +zuerst nach einigen Zeilen von seiner Hand. Aber sie blätterte und fand +nichts. Sie breitete das Heft auseinander, hielt es hoch, schüttelte es +tüchtig, der erwartete Brief fiel nicht heraus. Sie war höchst betroffen, +da sie bei einer flüchtigen Durchsicht des Manuskripts auch nicht die +kleinste Notiz entdecken konnte. Schon wollte sie es unwillig beiseite +legen, als ihre Augen zwei Worte entdeckten, die Doktor Althoff mit seiner +zierlichen und doch festen Handschrift mit roter Tinte gerade in den +Schnörkel hineingeschrieben, den sie dem Schlußworte »Ende« malerisch +angehängt hatte. Sie las und fiel wie gebrochen hintenüber. + +»Abscheulich!« riefen ihre bebenden Lippen, »empörend!« + +Floras Entrüstung war wohl natürlich, zertrümmerten doch die beiden +kleinen Wörtchen den ganzen Prachtbau ihres Luftschlosses. »Konfuses +Zeug!« stand da deutlich geschrieben und erbarmungslos war hiemit das +Todesurteil ihrer Dichtung besiegelt. + +Sie ballte die Hände in ohnmächtiger Wut und haßte den Mann, den sie bis +dahin so schwärmerisch angebetet hatte. Warum verkannte er ihr Genie, oder +vielmehr, warum wollte er dasselbe nicht anerkennen? Sie wollte zu ihm +eilen ... sogleich ... er sollte ihr Rechenschaft über sein vernichtendes +Urteil geben! + +Aber sie verwarf diesen Entschluß, weil sie befürchtete, vor Aufregung +ohnmächtig zu werden. Und schwach sollte er sie nicht sehen ... +nimmermehr! Sie wollte ihm schreiben und zwar sofort! + +Sie zog ein Notizbuch aus ihrer Tasche und begann einen stürmischen Brief +aufzusetzen. Kaum hatte sie indes einige Sätze niedergeschrieben, als sie +durch den grünen Blättervorhang Grete gerade auf die Esche losstürmen sah, +es blieb ihr eben noch Zeit genug, das Notizbuch zu verbergen, als +dieselbe bereits vor ihr stand. + +Floras Gedanken waren nur mit dem Briefe beschäftigt gewesen, sie hatte +darüber ihr Manuskript, das sie neben sich auf die Bank gelegt hatte, +vergessen. Grete hatte es indes mit ihren Spüraugen sofort entdeckt. Wie +ein Vogel schoß sie darauf los, ergriff es und eilte mit ihrer Beute +davon. + +»Etsch, Fräulein Flora!« rief sie noch triumphierend, »nun werde ich doch +hinter deine Geheimnisse kommen! Jetzt bist du meine Gefangene!« + +»Grete, gieb her!« rief Flora angstvoll und eilte derselben nach, »bitte, +bitte! Ich will dir auch schenken, was du haben willst!« + +Grete aber blieb taub bei ihren Bitten. Lachend eilte sie weiter. + +»Du mußt mir mein Eigentum zurückgeben, ich will es!« drohte Flora, als +sie einsah, daß Güte nicht half, »ich befehle es dir!« + +Darüber brach Grete in ein lautes Gelächter aus. »Du befiehlst es mir? Das +ist reizend!« rief sie, »du bist wirklich furchtbar naiv!« Und sie hatte +das Haus erreicht, während Flora weit hinter ihr zurückblieb. Trotz ihrer +schwerfälligen, plumpen Figur war sie doch weit schneller als letztere, +die etwas steif und ungelenk war. + +Als Flora einsah, daß ihre Verfolgung nutzlos war, blieb sie weinend +stehen. Einen wahrhaft verzweiflungsvollen Blick warf sie der Räuberin +ihres Schatzes nach, denn nun war sie verloren, das heißt preisgegeben dem +Hohn und Spott der Mitschülerinnen, an die sie Grete verraten würde. + +Aber es kam anders. Gerade als Grete die paar Stufen zum Korridor hinaus +sprang, lief sie beinahe Doktor Althoff in die Arme. Sie hatte ihn nicht +gesehen, weil sie den Kopf nach rückwärts gewandt hielt. Das Heft hoch in +der Luft schwenkend, hatte sie der armen Flora zugerufen: »Jetzt lese ich +deine Geheimnisse!« + +Mit einem Blick hatte der Lehrer erkannt, um was es sich handelte; er wäre +darüber nicht im Zweifel gewesen, selbst wenn ihn Grete weniger +erschrocken angesehen hätte. + +»Sie sollten ja dies Heft an Flora abgeben,« sagte er vorwurfsvoll, »wie +kommt es, daß Sie es noch mit sich herumtragen?« + +Sie antwortete nicht und sah ziemlich betreten und beschämt aus, auch war +sie rot bis über die Ohren geworden. + +»Ich werde Ihnen nie wieder einen Auftrag geben,« fuhr er fort, »da ich +sehe, wie wenig ich mich auf Sie verlassen kann. Geben Sie mir das Heft, +ich werde es selbst an Flora abliefern.« + +Grete reichte ihm das Verlangte. »Sie ist selbst schuld daran,« stieß sie +zu ihrer Entschuldigung hervor und warf den ohnehin großen Mund noch mehr +auf; »sie hat ... sie hat mich eingeschlossen! Zur Strafe habe ich ihr das +Buch fortgenommen!« + +»Zur Strafe!« wiederholte Doktor Althoff mit einem zweifelnden Lächeln, +»und was wollten Sie jetzt damit machen?« + +»Ach,« verriet sie sich, »hineingesehen hätte ich ganz gewiß nicht! Floras +Dichtungen sind viel zu überspannt und langweilig! Ich wollte sie nur +necken.« + +»Grete, Grete!« drohte der junge Lehrer lächelnd mit dem Finger, »wenn +dies Wort eine Brücke wäre, ich ginge nicht hinüber. Seien Sie in Zukunft +nicht wieder so indiskret und neugierig, Neugierde ist kein schöner +Schmuck für ein junges Mädchen.« + +Er wandte sich von der Beschämten ab und ging auf Flora zu, die langsam +heran kam. Noch zitterten Thränen in ihren Augen, die sie wie in +Verklärung auf ihren Erretter richtete. Wo war der Haß geblieben, der +soeben noch in ihrem Innern getobt hatte? Verschwunden und verweht! Die +alte Liebe und Begeisterung für Doktor Althoff hatten ihn zurückgedrängt +und waren wieder eingezogen in ihr großmütiges Herz. So mächtig wallte die +Begeisterung in ihr über, daß sie plötzlich, hingerissen von Dankbarkeit, +sich niederbeugte, seine Hand ergriff und einen heißen Kuß darauf drückte. + +»Ich danke Ihnen,« hauchte sie leise, dann eilte sie fort, zurück zu ihrer +Friedensstätte, ihrem Musentempel, und anstatt den angefangenen Brief zu +vollenden, dichtete sie ein Sonett, das die Aufschrift trug: »An ihn.« + +Doktor Althoff blickte der Davoneilenden kopfschüttelnd nach. »Ein +überspanntes, verdrehtes Wesen!« mußte er unwillkürlich sagen, »und das +schlimmste ist, sie wird niemals zu heilen sein.« - + +Der Geburtstag des Fräulein Raimar, der in den Mai fiel, war stets ein +großartiges Fest. Tagesschülerinnen und Pensionärinnen wetteiferten mit +einander, dasselbe durch musikalische und theatralische Aufführungen, +durch lebende Bilder u. s. w. so bunt und unterhaltend zu gestalten als +möglich. Auch in diesem Jahre wurde keine Ausnahme gemacht, trotzdem Lilli +kaum vier Wochen in der Erde ruhte. + +»Ich würde gern auf eine größere Feier verzichten,« sprach eines Tages die +Vorsteherin zu der englischen Lehrerin und Fräulein Güssow, »aber ich darf +es unsrer Zöglinge wegen nicht thun. Mehr oder weniger hat sie Lillis Tod +sehr ergriffen und sie hängen die Köpfe; da ist das beste Mittel, sie +wieder aufzumuntern, daß wir ihnen eine Zerstreuung schaffen. Mit aller +Trauer können wir ja den Tod des lieben Kindes nicht ungeschehen machen.« + +Die beiden Damen stimmten ein und beschlossen untereinander, mit den +Vorbereitungen zu dem Feste zu beginnen. Miß Lead übernahm es, ein +englisches Stück, Fräulein Güssow, ein französisches Lustspiel +einzustudieren. Erstere wählte nur Tagesschülerinnen zu ihren +Mitwirkenden, während letztere ihre Rollen nur mit Pensionärinnen +besetzte. Sie hatte aber erst einen kleinen Kampf mit den Mädchen, bevor +dieselben die ihnen zugedachten Rollen annahmen. Flora, die eine alte Dame +vorstellen sollte, war durchaus nicht damit einverstanden, sie behauptete, +Rosi passe weit besser zu dieser Rolle, diese aber hatte nicht einen +Funken schauspielerischen Talentes und würde sich niemals dazu verstanden +haben, Theater zu spielen. Sie sprach auch weniger fließend französisch +als Flora. + +Fräulein Güssow machte nicht viel Umstände. »Wie du willst, Flora,« sagte +sie, »macht es dir kein Vergnügen, diese allerliebste Rolle zu übernehmen, +so wähle ich eine Tagesschülerin dafür und du kannst diesmal nur +Zuschauerin sein.« + +Das behagte Flora noch weniger. Nach einigem Zögern entschloß sie sich, +freilich wie sie sagte, mit großer Selbstüberwindung, die Alte zu spielen. +Ilse und Melanie stellten deren Töchter dar und paßten in ihren +Charaktereigentümlichkeiten prächtig dazu. Melanie putzsüchtig, elegant +und eitel, Ilse das Gegenteil. Wild und unbändig, trotzig und +widerspenstig, natürlich nichts weniger als elegant führt sie die +übermütigsten Streiche aus und die schwache Mutter ist nicht im stande, +sie zu zügeln. Da erscheint ein junger, entfernter Verwandter, +interessiert sich für den Wildfang und versteht es, durch Güte und +Festigkeit die Tugenden in demselben zu wecken und die Widerspenstige zu +zähmen. Zum Schlusse wird sie seine Braut. + +»Orla, du kannst die Rolle des Vetters übernehmen,« bestimmte die +Lehrerin. + +»Orla?« fragte Ilse verwundert, »sie kann doch keinen Mann darstellen?« + +Es erhob sich ein wahrer Sturm unter den jungen Mädchen bei Ilses +unschuldiger Frage. Die Stimmen schwirrten durcheinander, denn jede war +bemüht, Ilse über ihre Unwissenheit aufzuklären. + +»Weißt du denn nicht, wie es bei uns Sitte ist?« fragte Orla. + +»Mit Herren dürfen wir nicht Theater spielen,« bemerkte Flora spottend, +»sie sind verpönt in der Pension!« + +»Du bist naiv, Ilse!« rief Melanie. »Das ist ja eben so ledern und +furchtbar öde, daß wir Mädchen auch Männerrollen geben müssen!« + +»Herren, Herren!« wiederholte Annemie unter lautem Lachen, »es ist zum +totlachen!« + +»Ja, wenn Herren mitspielten, dann möchte ich Ilses Rolle spielen,« +überschrie Grete mit ihrer kräftigen Stimme alle übrigen, »so aber -« + +»So aber wirst du den Bauernjungen übernehmen, Grete,« fuhr Fräulein +Güssow dazwischen. Die Aufgeregten hatten ganz deren Gegenwart vergessen. +»Und jetzt bitte ich mir Ruhe aus, ihr unbändigen Kinder! Fräulein Raimar +hat ihre triftigen Gründe zu ihren Bestimmungen, wie könnt ihr euch +dagegen auflehnen? Daß ihr noch zu kindisch seid, dieselben zu verstehen, +habe ich in diesem Augenblicke klar und deutlich gesehen! Schämt euch! ... +Jetzt macht euch daran, eure Rollen auszuschreiben, morgen werden wir eine +Leseprobe halten.« Mit diesen Worten verließ sie die aufrührerische +Gesellschaft. + +Alle schwiegen bis auf Grete, sie konnte nicht unterlassen, noch einmal zu +sagen: »Langweilig ist es doch ohne Herren! Und den dummen Bauernjungen +spiel' ich nicht!« + +Aber sie spielte ihn doch und es zeigte sich bald, daß sie ganz +vortrefflich dazu paßte. + +Die täglichen Proben brachten die gewünschte Zerstreuung. Ilse besonders +fand viel Freude an einem Vergnügen, das ihr bis dahin unbekannt gewesen +war. Die anfängliche Befangenheit überwand sie bald und sie spielte ihre +Rolle zur vollen Zufriedenheit Fräulein Güssows, die zuweilen ein Lächeln +über die höchst natürliche Darstellung nicht unterdrücken konnte. + +Zur Hauptprobe mußten alle in ihren Kostümen erscheinen, damit sie sich +gegenseitig an den veränderten Anblick gewöhnten. Diese Bestimmung war +sehr gut, denn als sie sich in ihren komischen Anzügen betrachteten, +konnten sie das Lachen nicht zurückhalten. + +Flora mit langen Scheitellocken und einer Spitzenhaube, mit einem Lorgnon, +das sie vor die Augen hielt, war kaum zu erkennen. Das elegante, schwarze +Schleppkleid ließ sie weit größer erscheinen, als sie war. Sie war +übrigens ganz ausgesöhnt mit ihrer {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}alten{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Partie und das Lob, welches +Fräulein Güssow ihr einige Male erteilte, hatte sie zu der Idee gebracht, +daß ihr eigentlicher Beruf der einer Schauspielerin sei, und sie träumte +Tag und Nacht {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}von der Welt, welche die Bretter bedeuten{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Dichterin - +Schauspielerin{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. Eine große Zukunft stand ihr bevor! + +Orla sah in ihrem Jägeranzuge, den grünen Hut keck auf das eine Ohr +gesetzt, wirklich gut aus, und der kleine Stutzbart, mit dem sie die +Oberlippe geziert hatte, gab ihr ein keckes Ansehen und stand ihr +allerliebst. + +»Famos siehst du aus, Orla!« meinte Melanie und betrachtete mit besonderem +Entzücken deren Stulpenstiefel. + +»Du solltest immer so gehen,« setzte Flora ganz ernsthaft hinzu. Natürlich +wurde sie ausgelacht. + + [Illustration] + +Grete war ein Bauernjunge, wie er sein muß. Plump und ungeschickt, dreist +und laut. Melanie fühlte sich himmlisch wohl in dem koketten und eleganten +Kostüm, das sie sich gewählt hatte. Sie stand vor dem Spiegel und putzte +noch hie und da an sich herum. Und Ilse? + +Sie trat als letzte herein und bei ihrem Anblick erhob sich ein so +stürmisches Gelächter, daß Fräulein Güssow Mühe hatte, es zu dämmen. + +»Wie siehst du aus, Mädchen?« sprach sie lachend, »komm näher, ich muß +dich genau betrachten. Willst du wirklich in diesem Aufzuge spielen? Nein, +Ilse, so geht es wirklich nicht. Wir müssen an deinem Kleide durchaus +Verschönerungen anbringen! Du bist auch gar zu wenig eitel, sonst würdest +du wohl selbst darauf gekommen sein.« + +»Lassen Sie mich so!« bat Ilse inständigst, sie war ja so glücklich, ihr +geliebtes Blusenkleid bei dieser Gelegenheit tragen zu dürfen. Sie war aus +demselben herausgewachsen, zu eng und zu kurz war es geworden, natürlich +erhöhte dieser Mangel noch den komischen Eindruck. + +»Nein, Kind, unmöglich! Du siehst wie eine Bettlerin aus. Der Aermel darf +nicht ausgerissen sein, der schlechte Gürtel muß durch einen neuen ersetzt +werden, um den Hals wirst du einen Matrosenkragen legen und die +fürchterlichen Stiefel laß vor allen Dingen blank putzen. Dann wird es +gehen. Man darf nicht übertreiben,« fügte sie hinzu, als Ilse ein etwas +betrübtes Gesicht machte, »stets muß das richtige Maß inne gehalten +werden. Auch die Locken dürfen dir nicht so wirr über die Augen fallen, du +kannst ja kaum sehen. Vergiß nicht, daß du die Tochter einer Baronin bist, +dein Anzug darf verwildert, aber nicht zerrissen sein.« + +»Wollen wir nicht anfangen?« trieb Miß Lead, die sich mit ihren +Künstlerinnen ebenfalls zur Hauptprobe eingestellt hatte. Sie war schon +etwas ungeduldig bei der genauen Musterung der Kostüme geworden und fand +es höchst überflüssig, daß Fräulein Güssow überhaupt Wert darauf legte. +Die Hauptsache war nach ihrer Meinung die vollständige Beherrschung der +fremden Sprache, und daß die Mädchen ihre Rollen gut gelernt hatten, alles +andre war Nebensache. Viel Gesten litt sie um keinen Preis, wollte ja eine +Mitspielende es wagen, sich frei und natürlich zu bewegen, geriet sie +förmlich außer sich und rief: »Ruhe! Ruhe! Wo bleibt die Plastik?« + +Wie es fast immer der Fall ist, so war es auch hier; die Hauptprobe fiel +herzlich schlecht aus. Die Mädchen waren schon aufgeregt in Erwartung des +nächsten Tages und wurden es noch mehr durch die Ungeduld von Miß Lead, +die heftig erklärte, daß sie es für das beste halte, wenn die ganze +Theateridee aufgegeben werde. Das französische Stück fand sie entsetzlich +und sie gab Fräulein Güssow den guten Rat, es nicht aufführen zu lassen. +»Ich bitte Sie,« rief sie aus, »es handelt sich um eine Liebesgeschichte! +Das wird den größten Anstoß erregen!« + +Fräulein Güssow setzte der Engländerin lächelnd auseinander, daß nicht +Kinder, sondern erwachsene Mädchen das Stück aufführten. »Die +Liebesgeschichte,« wandte sie ein, »ist nur eine harmlose Nebensache, es +handelt sich hauptsächlich um die Heilung eines widerspenstigen Mädchens.« + +Miß Lead schüttelte mißbilligend den Kopf, sie wollte sich nicht davon +überzeugen. »Ilse wird Ihnen, wenn Sie wirklich auf Ihrem Vorsatz +bestehen, alles verderben. Wie sieht sie aus, und wie spielt sie? Plump, +ohne jeden Anstand! Das Podium der kleinen Bühne erdröhnt förmlich bei +ihren furchtbaren Schritten, ihre Bewegungen sind frei und keck.« + +Fräulein Güssow schwieg zu diesem harten, ungerechten Urteil. Sie hatte es +längst aufgegeben, die Engländerin von ihrem Vorurteile zu heilen. Starr +hielt dieselbe daran fest. Ilse war und blieb ihr ein Dorn im Auge. + +Miß Lead hatte sich geirrt. Am nächsten Abend ging alles über Erwarten +gut. Der glänzend erhellte Saal, die festlich versammelte Gesellschaft +brachten eine belebende Stimmung unter das junge Volk. Die ganze +Festlichkeit leitete ein Prolog ein, den eine Schülerin der ersten Klasse +gedichtet hatte. Sie trug ihn selbst recht hübsch vor und erntete +wohlverdienten Beifall. Nur Flora, die hinter den Kulissen stand, zuckte +die Achseln. »Kein Schwung, keine Poesie und kein Talent!« lautete ihr +kritischer Ausspruch. + +Die Aufführung des englischen Stückes ging vorüber, glatt, reizlos und +langweilig. Und wenn die Anwesenden sich dies in ihrem Innern auch +einstimmig eingestanden, so waren sie doch am Ende des Stückes mit +Beifallsspenden nicht sparsam. Die Mitspielenden wurden herausgerufen, und +als der rote Vorhang in die Höhe ging und die Mädchen sich dankend +verneigten, strahlte Miß Lead vor Stolz und Seligkeit. »_Very well_,« rief +sie laut, »ihr habt eure Sache gut gemacht!« + +Nachdem verschiedene lebende Bilder und musikalische Aufführungen vorüber +waren, bildete das französische Lustspiel den Schluß. + +»Wollen Sie es wirklich wagen?« wandte sich die englische Lehrerin in +wohlwollendem, etwas herablassendem Tone zu Fräulein Güssow. »Schreckt Sie +der große Erfolg, den wir erzielten, nicht ab? Folgen Sie meinem Rate, +treten Sie zurück! Wir werden eine Entschuldigung finden. Der französische +Flattersinn muß abfallen gegen die englische Gediegenheit.« + +Trotz Miß Lead's Bedenken begann das französische Stück, und sie mußte die +niederschlagende Erfahrung machen, daß es weit beifälliger aufgenommen +wurde, als das englische. Die Gesellschaft amüsierte sich köstlich und kam +aus dem Lachen nicht heraus. Zweimal wurde Ilse bei offener Szene gerufen, +so drollig und natürlich spielte sie. + +»Sie ist _charmante, charmante_!« rief Monsieur Michael feurig, »ich habe +Ursache, stolz auf sie zu sein. Leicht und elegant wie eine Pariserin +spricht und spielt sie!« + +»Sie spielt sich selbst!« entgegnete Doktor Althoff lachend, »aber ich +hätte dem Wildfang kaum so viel Anmut zugetraut.« + +Einen kleinen Triumph sollte Miß Lead doch noch feiern, - Ilse verdarb die +Liebesszene am Schluß. In dem Augenblick, als Orla sie umarmen wollte, kam +ihr das so komisch vor, daß sie in ein lautes Gelächter ausbrach. + +»Wie schade!« rief Nellie halblaut. »Warum muß sie lachen? Sie war zu +nett, nun verderbt sie die Schluß.« + +Doktor Althoff, der zufällig in Nellies Nähe stand, hörte ihren Ausruf. +»Trotzdem, Miß Nellie,« entgegnete er, auf einem leeren Stuhl neben ihr +Platz nehmend, »ist ihre Freundin die Siegerin des Abends; aber warum +wirkten Sie nicht mit, warum sind Sie nur Zuschauerin? Sie würden gewiß +eine gute Schauspielerin sein.« + +Nellie senkte die Augenlider. »O, Sie sind sehr gütig,« sagte sie +befangen, »aber ich weiß nicht zu spielen, Herr Doktor, ich hab' nicht +Talent.« + +»Das käme auf einen Versuch an! Sehen Sie Ilse an, wer hätte geglaubt, daß +sie eine so allerliebste Schauspielerin sein könne!« + +»Nicht wahr?« stimmte Nellie lebhaft und mit aufrichtiger Freude bei, »sie +ist reizend und ich bin entzückend über ihr!« + +Der junge Lehrer schwieg und sah sie teilnahmvoll an. Wie neidlos kamen +ihr die Worte aus dem Herzen, wie leuchteten ihre Augen freudig auf, als +sie die Freundin lobte! Und im Vergleich zu Ilse, wie wenig hatte sie doch +von der Zukunft zu hoffen! Jene ein Kind des Glückes - und diese? Ein +armes Wesen, das den mühevollen Pfad einer Lehrerin pilgern sollte! + +»Nicht wahr, ist sie nicht reizend?« wiederholte Nellie und blickte +fragend auf. + +»Gewiß, gewiß!« gab der Lehrer zerstreut zur Antwort, und von dem +Gegenstand plötzlich abspringend, fragte er: »Woher haben Sie die +herrlichen Veilchen?« und deutete dabei auf einen Strauß, den sie in der +Hand hielt. »Sie duften wundervoll! Ich liebe die Veilchen sehr.« + +Sie hörte nur, daß er die Veilchen liebe, bedurfte es da einer großen +Ueberlegung? »O nehmen Sie,« sagte sie naiv und errötete dabei, »bitte, es +macht mich großer Freude!« + +»Nicht alle,« entgegnete er lächelnd und zog einige Blumen aus dem Strauß, +den sie ihm gereicht, »so, nun habe ich genug. Haben Sie Dank dafür.« + +Er erhob sich und verließ sie. Mit glänzenden Augen sah sie ihm nach, sie +hatte bemerkt, wie er ihre Veilchen im Knopfloch befestigte. + +»Wie taktlos von dir!« redete Miß Lead, die ihren Platz dicht hinter +Nellie hatte, dieselbe an und riß sie mit ihrer scharfen Stimme aus allen +Himmeln. »Welch ein Betragen! Ich habe jedes Wort mit angehört. Schämst du +dich nicht, einem Herrn Blumen anzubieten?« + +Als ob ein eisiger Wind plötzlich in eine kaum erschlossene Blütenknospe +gefahren wäre, so wurde Nellies kurze Freude zerstört. + +»Habe ich ein Unrecht gemacht?« fragte sie geängstigt. »O bitte, Miß, +sagen Sie, war ich ungeschickt? Wird Herr Doktor mich für unbescheiden +halten?« + +Dieser Gedanke peinigte sie sehr und übergoß sie mit heißer Glut. Mit +wahrer Angst wartete sie auf ein beruhigendes Wort und sah in der Lehrerin +Gesicht, das indes nicht aussah, als ob sie zur Milde geneigt sei. + +»Jedenfalls wird er dich für sehr einfältig halten,« erwiderte sie +unbarmherzig, »wenn er nicht vielleicht deine Handlungsweise zudringlich +nennt.« + +»O nein, nein!« rief Nellie beinahe entsetzt, »er wird nicht so hart von +sein Schüler denken!« + +»So, weißt du das so bestimmt?« quälte Miß Lead sie weiter, »du bist kein +Kind mehr, dem man allenfalls dergleichen Taktlosigkeiten vergiebt, ein +erwachsenes Mädchen darf niemals blindlings seinem Gefühle folgen!« + +»Ich will bitten, daß er mir die Blumen wiedergiebt,« sagte Nellie tief +beschämt. + +»Das darfst du nicht, wenn du dich nicht noch mehr bloßstellen willst. Du +wirst schweigen und dich niemals wieder vergessen! Eine zukünftige +Gouvernante muß jedes Wort, jeden Blick, und vor allem jede Handlung +reiflich überlegen. Das merke dir!« + +Traurig sah Nellie nach diesem harten Verweise zu Boden. Dahin war ihre +fröhliche Laune, sie hatte keine Lust mehr an dem Feste. Eine heiße Thräne +tropfte ihr aus dem Auge und fiel auf die Veilchen, die Urheber ihres +Kummers. Sie brannten ihr förmlich in der Hand und am liebsten hätte sie +dieselben weit von sich geschleudert. Still und einsilbig blieb sie den +ganzen Abend, und sobald Doktor Althoff in ihre Nähe kam, wich sie ihm +ängstlich aus. Es war ihr unmöglich, ihm in das Auge zu blicken. Miß Lead +hatte ihre frohe Unbefangenheit zerstört. + +Als die Freundinnen sich nach dem Feste zur Ruhe begaben, saß Nellie ganz +gegen ihre Gewohnheit noch einige Zeit sinnend da. »Du bist so still,« +fragte Ilse, »was hast du?« + +»O nichts, nichts!« erwiderte Nellie schnell und erhob sich aus ihrer +träumenden Stellung, »es ist gar nix!« + +Zum ersten Male verschwieg sie der geliebten Freundin die Wahrheit, sie +vermochte es nicht, über ihren Kummer zu reden, und doch - was war es, das +trotz allen Kummers ihr Herz schneller klopfen ließ und wie ein +Frühlingswehen durch ihre Seele zog? + + * * * + +Holunder und Maiblumen hatten ausgeblüht und die Rosen öffneten ihre +duftigen Kelche. Nellie und Ilse wandelten nach dem Abendessen durch den +Garten, und als sie im Gebüsch die Nachtigall schlagen hörten, blieben sie +stehen und lauschten. + +»Wie süß!« rief Nellie, »komm, laß uns auf der Bank setzen und lauschen.« + +Sie hielten sich beide umschlungen und sprachen kein Wort. Der herrliche, +duftende Abend, der Mond, der silbern am Abendhimmel aufstieg, der +schmelzende Gesang der Nachtigall weckten eine ahnungsvolle, nie gekannte +Stimmung in ihren jungen Herzen. + +»O Ilse,« unterbrach Nellie mit einem Seufzer die feierliche Stille, »wie +bald gehst du fort und läßt mir allein zurück! Ich bin sehr traurig, wenn +ich daran denke!« + +Auch Ilse war wehmütig und der Gedanke, von Nellie scheiden zu müssen, +machte ihr das Auge feucht. Aber sie unterdrückte mutig die weiche +Stimmung und versuchte, die Freundin zu trösten. »Es ist noch lange hin, +bis ich die Pension verlasse,« sagte sie, »du weißt ja, daß meine Eltern +meinen Aufenthalt bis zum ersten September verlängerten. Noch acht Wochen +sind wir beisammen, Nellie, das ist noch eine sehr lange Zeit, denk' +einmal, acht volle Wochen!« + +Nellie schüttelte traurig den Kopf. »O nein, es ist nur sehr kurze Zeit,« +erwiderte sie, »es sind auch nicht acht Wochen voll, du mußt ordentlich +rechnen. Heute haben wir schon der siebente Juli, - macht bis zu der erste +September vierundfünfzig Tage - fehlt also zwei volle Tag an der achte +Woch -« + +Trotz ihres Kummers mußte Ilse lachen. »Du liebe, süße Nellie,« rief sie +und küßte diese herzlich auf den Mund, »du bist doch immer komisch, selbst +wenn du traurig bist! Weißt du, wir wollen uns das Herz nicht heute schon +schwer machen mit dem Gedanken an unsre Trennung, wir gehen ja nicht für +immer auseinander! Du besuchst mich bald, - ja?« + +Aber Nellie war einmal weich gestimmt heute abend und der Freundin Trost +fand keinen Eingang in ihrem Herzen. Sie versuchte zwar die Thränen zu +unterdrücken, aber sie brachen immer neu hervor. Ilse lehnte den Kopf an +ihre Schulter und schwieg. In ihrem Innern kämpften der Schmerz und die +Freude. Sie hätte so gern sich auf das Wiedersehen ihrer Lieben, besonders +des kleinen Brüderchens, gefreut, sie vermochte es nicht ungetrübt, weil +der Abschied von Nellie dazwischen stand. - + +»Hier sind sie! Kommt, hierher! Sie sitzen beide unter dem Holunderbusch!« + +Keine andre als Grete war es, die durch ihren lauten Ruf die Träumenden +aufschreckte. Unbemerkt war sie aus einem Seitenweg hervorgetreten und +stand nun wie aus der Erde gewachsen vor ihnen. + +Ilse sprang auf und trat den andern Mädchen, die herbeigeeilt kamen, +entgegen. Nellie trocknete verstohlen ihre Thränen und machte wieder ein +heitres Gesicht. + +»Wir haben euch überall gesucht,« sagte Orla, »was macht ihr denn hier?« + +»Ich glaube wahrhaftig, ihr schwärmt im Mondenschein, Kinder,« lispelte +Melanie, »ihr macht so furchtbar schmachtende Augen alle beide, habt ihr +geweint?« + +Grete mußte sich hiervon genau überzeugen, sie trat zu Nellie und sah sie +neugierig prüfend an. »Du hast geweint, Nellie - und du auch Ilse -« +behauptete sie entschieden. »Was habt ihr denn? Warum weint ihr?« + +»Um nix!« entgegnete Nellie ärgerlich über die unzarte Grete. + +»Um nichts weint man doch nicht,« fuhr dieselbe unbeirrt fort, »bitte, +sagt es doch, warum ihr geweint habt.« + +»Laß deine zudringlichen Fragen,« verwies sie Flora, »und wenn sie dir +sagen würden: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Der silberne Mond, die duftenden Rosen, der entzückende +Sommerabend, so recht zur Liebe und Traurigkeit geschaffen, haben unsern +Herzen Wehmut und Thränen entlockt,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - würdest du das verstehen? Niemals! +Denn du hast keinen Sinn für die höhere Sphäre - du bist zu prosaisch!« +Sie begleitete ihre Worte mit einem schwärmerischen Aufschlag ihrer +wasserblauen Augen. + +Floras hochtrabende Aeußerung stellte sofort die fröhlichste Stimmung her. +Nellie vergaß ihr Herzeleid darüber und sagte lachend: »O Flora, was für +ein zarter Seel' du hast! Sei bedankt du hoher Dichterin, du hast uns +verstanden!« + +»Kinder!« unterbrach Orla die Sprechenden, »nun hört auf mit euren +Albernheiten, ich habe euch eine höchst wichtige Mitteilung zu machen!« + +Wichtige Mitteilung! Grete sperrte Mund und Nase auf und sah gespannt auf +Orla, zu der sie sich ganz dicht herangedrängt hatte. + +»Nicht hier!« fuhr diese fort, »folgt mir unter die Linde!« + +»Unter die Linde?« fragte Annemie ängstlich. »Laß uns doch hier, es ist ja +schon dunkel unter dem alten, großen Baum!« + +»Ja, und es ist schon spät, wir müssen uns eilen,« fiel die ebenfalls +furchtsame Flora ein. + +»Mache dir keine Sorge darum, liebste Flora,« gab Orla zurück, »denn höre +und staune: Weil heute mein Geburtstag ist, hat Fräulein Raimar auf +dringendes Bitten die hohe Gnade gehabt, unsern Aufenthalt im Garten heute +abend bis um zehn Uhr zu verlängern!« + +»Himmlisch! Furchtbar reizend! Zu nett!« u. s. w. rief es durcheinander +und Grete machte sogar einen kleinen, ungeschickten Sprung in die Luft. + +»Also auf zur Linde!« kommandierte Orla und schlug den Weg dorthin ein. + +Ohne Gegenrede folgten ihr alle, in wenigen Augenblicken waren sie dort. +Orla stieg auf eine Bank, die dicht am Stamme lehnte, schlug die Arme +untereinander und sah schweigend auf die Mädchen herab, die einen dichten +Halbkreis um sie bildeten und mit höchster Spannung auf sie blickten. + +»Meine lieben Freundinnen,« hub sie an, da raschelte es über ihnen in den +Zweigen. Die Mädchen schraken zusammen. + +»Was war das?« fragte Annemie, »Gott, wenn sich im Baume jemand versteckt +hätte!« + +»Oder wenn ein Gespenst wieder seinen Spuk triebe!« sprach Melanie mit +bebenden Lippen. + +»Wie unheimlich ist es hier!« fiel Grete ein, »ich fürchte mich!« + +»So ein Gespenst mit großer Feuerauge und fliegender Haar,« meinte Nellie +und stieß Ilse an, »o, es wäre furchtbar!« + +Orla stand ruhig und unerschrocken da, sie kannte keine Furcht. »Schämt +euch!« rief sie den Zagenden zu, »seid ihr erwachsene Mädchen? Kann euch +eine harmlose Fledermaus in die Flucht treiben? Geht zurück, wenn ihr euch +fürchtet, für Kinder passen meine Worte nicht! Wollt ihr vernünftig sein?« + +»Ja, ja!« tönte es zurück, zwar etwas zaghaft, aber die Neugierde trug +doch den Sieg über die Furcht davon. + +»So hört mich an! Hier an dieser Stätte, unter dem Schutze unsrer +geliebten Linde laßt uns einen Bund schließen, der uns in Freundschaft für +das ganze Leben vereinen soll. Wie lange wird es dauern und wir verlassen +die Pension, und das Schicksal zerstreut uns in alle Winde!« + +»In alle Winde!« wiederholte Flora halblaut. + +»Nun frage ich euch, soll uns dasselbe für immer trennen? Ich sage: nein! +wir werden uns wiedersehen! Wir haben stets treu zusammengehalten, unsre +Freundschaft darf nicht wie ein leerer Wahn verrauschen -« + +»Wie ein leerer Wahn verrauschen -« gab Flora als Echo zurück. + +»Ruhig!« geboten die andern, »laß Orla sprechen!« + +»So frage ich euch denn: wollt ihr mit mir in diesem feierlichen +Augenblicke geloben, daß ihr heute in drei Jahren zurückkehren wollt? Hier +unter der Linde, am siebenten Juli, morgens elf Uhr, soll uns ein frohes +Wiedersehen vereinen. Seid ihr mit meinem Vorschlage einverstanden?« + +»Ja!« rief es einstimmig und begeistert, »wir kommen!« + +»Schwört einen Eid darauf!« + +Sie erhob drei Finger der rechten Hand und alle übrigen folgten ihrem +Beispiele. Nur Rosi zögerte. + +»Es könnten doch Hindernisse eintreten, die eine Reise hierher unmöglich +machten,« warf sie mit ihrer sanften Stimme ein. + +»Hindernisse, das heißt, nur wichtige Hindernisse heben den Eid auf!« +erklärte Orla. »In diesem Falle ist die Ausbleibende verpflichtet, durch +einen ausführlichen Brief den Grund ihres Eidbruches anzugeben. Beschwört +auch das!« + +Wieder erhoben sich die Hände und diesmal zögerte Rosi nicht, sich dem +Schwure anzuschließen. + +»Nun haben wir uns für ewig verbunden!« nahm Orla wieder das Wort, »und +jede von uns wird ihren Eid halten, damit wir indes stets desselben +gedenken, mache ich euch einen Vorschlag. Wir wollen zur Erinnerung an +diese heilige Stunde einfache, silberne Ringe anfertigen lassen, die wir +an dem kleinen Finger der linken Hand tragen. Jede von uns erhält einen +solchen und trägt ihn bis zu ihrer Sterbestunde.« + +»Bis zu ihrer Sterbestunde!« sprach Flora langsam und elegisch nach. + +Die Ringidee wurde von allen reizend, famos und entzückend gefunden und +mit Begeisterung angenommen. Orla, die von ihrem erhabenen Platze +heruntergesprungen war, wurde umringt und mit schmeichelhafter Anerkennung +überhäuft. Melanie prophezeite ihr geradezu eine große Zukunft als +Rednerin, sie habe {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}furchtbar reizend{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} gesprochen. + +Alle befanden sich übrigens in einer gehobenen Stimmung, sie fielen sich +in die Arme, küßten sich und versicherten sich gegenseitig der +zärtlichsten Freundschaft, die nur mit dem Tode enden könne. + +Sie glaubten ganz ernst an ihre Versprechungen, kein Zweifel vergiftete +ihre unschuldsvolle Zuversicht. Der Mond lugte wischen den Zweigen +hindurch und blickte wie spottend mit einem Auge auf das rührende +Schauspiel. Vielleicht verstand ihn der alte Baum, vielleicht bedeutete +das leise Rauschen in seinem Wipfel die Antwort: Du Zweifler da oben, +spotte nicht über die gläubigen Kinder. Weißt du nicht, daß es immer so +war und immer so sein wird? Die Träume der Jugend gehören zur jungen +Brust, wie der Tau zur Rose. Enttäuschung und Nüchternheit töten früh +genug diese Blüten der kurzen Maienzeit. + +»Orla,« sagte Flora, als sie langsam in das Haus zurückkehrten, »auch ich +möchte einen Vorschlag machen. Wenn eine von uns Freundinnen, die wir uns +bis in den Tod verbunden haben, in den Bund der heiligen Ehe tritt, so +soll es ihre Pflicht sein, ihre Genossinnen zu diesem hohen Feste +einzuladen.« + +»Ja,« stimmte Orla bei, »das ist ein guter Gedanke, wir wollen denselben +mit einem Handschlag besiegeln.« + +Sie schlossen einen Kreis und reichten sich die Hände, verzogen auch keine +Miene dabei. Nur Ilse konnte das Lachen nicht lassen, die +Hochzeitsgedanken kamen ihr gar zu komisch vor. + +»Ich trete zwar niemals in den Bund der heiligen Ehe, aber ich gebe doch +mein Handschlag zu die Einladung,« neckte Nellie. + +»Spotte nicht über so ernste Dinge,« sprach Flora zürnend. »Wir sind nicht +aufgelegt zu deinen Scherzen.« + +»O, ich scherz' gar nix, aber wie soll ein arm' häßlich Engländerin mit +sehr viel Sommerspross' auf der Nas' ein Mann bekommen?« + +Diese komische Bemerkung verscheuchte den Ernst von den jugendlichen +Stirnen und Scherz und Frohsinn kehrten zurück. + +Ehe sich Flora zur Ruhe begab, schrieb sie in ihr Tagebuch: + +»Welch ein großer, ereignisvoller Tag! O, ich zittere noch, wenn ich daran +denke! Mondschein! Rosenduft! Linde! Sang der Philomele! Orla hinreißend +gesprochen (Meine nächste Heldin Orla heißen!) Freundschaftsbündnis! +Schwur! Hochzeitsversprechen! (Meine entzückende Idee!) Handschlag darauf! +Wie heißt die Hochbeglückte, die zuerst denselben löst? Schicksal, du +dunkles, laß mich den Schleier heben! Giebt es Ahnungen, sollt' ich? -« + +Sie legte die Feder nieder, schloß das Buch und verbarg es tief in ihrem +Kommodenkasten. Ihre Hand zitterte und ihre Gedanken verwirrten sich. Sie +legte sich nieder und schlief ein. Träumend sah sie sich im Brautkranz und +weißen Atlaskleide. + + * * * + +Die acht Wochen, oder wie Nellie sagte: »vierundfünfzig Tage«, waren +vorübergegangen. Der erste September brach an. Nellie hatte die ganze +Nacht nicht schlafen können vor Herzeleid, der Abschied von der geliebten +Freundin raubte ihr die Ruhe. Auch Ilse war es gleich ergangen und es war +rührend, wie beide Mädchen bemüht waren, ihre Schlaflosigkeit und ihre +Thränen sich gegenseitig zu verbergen. + +Als der Morgen anbrach, hielt Nellie es nicht mehr aus. Sie stand auf, +warf ihr Morgenkleid über und schlich an Ilses Bett. + +»Wachst du?« fragte sie, als dieselbe sie mit offenen Augen ansah, »das +ist schön, nun können wir noch eine ganze Stunde plaudern, es hat eben +Fünf geschlagen.« + +Sie setzte sich auf Ilses Bettrand und ergriff deren beide Hände, und als +sie aufblickte und Thränen in Ilses Augen schimmern sah, da war es aus mit +ihrer künstlichen Fassung. Sie beugte sich zu der Freundin nieder und +indem sich beide fest umschlungen hielten, vermischten sich ihre heißen +Thränen. + +»O, Ilse! Wie einsam wird es sein, wenn dein Bett leer ist! Oder wenn ein +anderer Gesicht mir daraus ansieht, o, ich bin sehr, sehr traurig!« + +Ilse hatte sich aufgerichtet und drückte die Weinende innig an sich. Zu +sprechen vermochte sie nicht, es war ihr zu weh. + +»Wir sehen uns bald wieder,« sprach sie endlich mit zitternder Stimme und +versuchte Nellie zu trösten. »Du besuchst uns in Moosdorf; den ganzen +Winter über wirst du bei uns bleiben.« + +Nellie schüttelte ungläubig den Kopf. »Das wird nix, ich werde nicht +Erlaubnis bekommen zu ein so lang' Besuch. Meine Zeit ist Ostern vorbei, +dann heißt es: fort aus der Pension! Ich muß ein' Stell' annehmen und +Kinder Unterricht geben. Aber ich weiß noch nicht viel und muß sehr +fleißig lernen, Fräulein Raimar sagt es alle Tage.« + +»Aber die Michaelisferien darfst du gewiß bei uns zubringen. Meine Eltern +werden selbst an Fräulein Raimar schreiben und sie dringend darum bitten, +sie wird es ihnen nicht abschlagen,« entgegnete Ilse. + +»Es geht nicht, ich muß lernen!« + +Ilse sah die Freundin traurig und bedauernd an. »Wenn du wirklich eine +Gouvernante werden mußt, Nellie, so versprich mir fest, daß du all' deine +Ferien bei uns in Moosdorf zubringen willst. Meine Heimat soll auch die +deinige sein.« + +Mit einem Handschlage wurde dies Versprechen besiegelt. »Du bist sehr gut, +Ilse, ich werde nie wieder ein Mädchen lieben wie dir. Vergiß mir nie! +Sieh dieser klein' silbern' Ring recht oft an und denk' dabei immer an +dein' Nellie, die in Einsamkeit zurückgeblieben ist.« + +»Nicht einsam,« tröstete Ilse, »sie haben dich alle so lieb im Institute.« + +»Und wenn ich fort bin, aus der Auge, aus der Sinn, dann bin ich fremd für +sie.« + +»Nein, Nellie, du wirst Fräulein Raimar und Fräulein Güssow nie eine +Fremde sein!« entgegnete Ilse mit vollster Ueberzeugung. »Sie haben dich +furchtbar lieb!« + +»O ja, ich weiß; aber sie sind nicht mehr in Jugend und werden mir nie +verstehn, wie du. Sie haben vergessen, wie man ein dumm' Streich macht! +Denkst du noch an der Apfelbaum?« + +Die Erinnerung an diese lustige Fahrt trocknete ihre Thränen und rief ein +fröhliches Lächeln auf ihre Lippen. Jede geringe Kleinigkeit durchlebten +sie in Gedanken noch einmal. Die Spukgeschichte. Miß Lead in ihrem +wunderbaren Aufzuge. Die Stiefelspitze, die sie beinahe verriet, ach, und +die Angst, die sie ausgestanden! - »Und es war doch schön!« rief Nellie +aus, »ich wünsche, daß wir noch einmal alles machen könnten!« + +»Wenn du nach Moosdorf kommst,« sagte Ilse, »dann wollen wir in die Bäume +klettern nach Herzenslust! Du wirst es bald lernen! O, es wird dir bei uns +gefallen! Wir haben ein großes, schönes Wohnhaus mit Türmchen und Söllern, +fast wie ein Schloß. Du wirst dein Zimmer dicht neben mir haben, das ist +doch reizend, nicht wahr? Ich fahre dich alle Tage mit meinen Ponies +spazieren, und Hunde haben wir zum Entzücken!« + +So plauderte Ilse von der Heimat und schilderte der Freundin lebhaft und +feurig die dortigen Herrlichkeiten. Auf diese Weise kamen sie für den +Augenblick über das Weh des Abschieds hinweg, die Aussicht auf ein nicht +allzufernes Wiedersehen versüßte ihren herben Trennungsschmerz. - + +Wenige Stunden später stand Ilse reisefertig vor Fräulein Raimar und sagte +ihr Lebewohl. Die Vorsteherin hielt sie im Arme und redete liebevoll auf +sie ein. + +»Es thut mir leid, daß dein Vater verhindert ist, dich abzuholen,« sagte +sie, »nun mußt du die weite Reise allein machen! Gern hätte ich ihn auch +noch einmal gesprochen und mancherlei mitgeteilt, was ich nun schriftlich +thun mußte. Wie erstaunt wird er sein, wenn er dich wiedersieht, er wird +die frühere Ilse gar nicht wieder erkennen! Weißt du wohl noch, wie ungern +du damals zu uns kamst?« + +»Verzeihen Sie mir,« bat Ilse unter Thränen, »und vergessen Sie, wenn ich +Sie kränkte!« + +»O, rede nicht davon! Du bist uns allen eine liebe Schülerin geworden und +ungern sehen wir dich scheiden. Ich hoffe, du schreibst mir zuweilen, +liebe Ilse, und giebst mir Nachricht, ob du gute Fortschritte in der Musik +und besonders im Zeichnen machst. Ich habe den Papa gebeten in diesem +Briefe,« sie übergab Ilse denselben, »daß er dir noch in einigen Fächern +Nachhilfe geben lassen möge, besonders möge er für einen tüchtigen Lehrer +im Zeichnen sorgen, da du viel Talent dazu habest.« + +Fräulein Güssow trat ein und meldete, daß der Wagen vor der Thüre stehe, +sie und Nellie begleiteten Ilse zur Bahn. + +»Leb wohl denn, mein Kind,« sagte die Vorsteherin, »und wenn du einmal +Sehnsucht nach der Pension bekommen solltest, so kehre zu uns zurück, +jederzeit wirst du uns von Herzen willkommen sein.« + +Im Hausflur standen die Freundinnen versammelt. Sie umringten die +Scheidende und reichten ihr Blumensträuße. Natürlich küßten und herzten +sie sich unter Thränen. + +»Vergiß uns nicht!« »Schreib bald!« »Ich habe dich furchtbar lieb gehabt!« +so und ähnlich klang es durcheinander, und ehe Ilse in den Wagen stieg, +flüsterte Flora ihr zu: »Gedenke deines Schwurs!« + +»Die Blumen werden dir lästig sein unterwegs, Ilse,« meinte Fräulein +Güssow, die bereits mit Nellie im Wagen Platz genommen hatte, »laß sie +zurück und nimm aus jedem Strauße nur einige Blümchen mit.« + +Aber welches junge Mädchen würde auf diesen vernünftigen Vorschlag +eingegangen sein! Eine Abreise ohne Strauß ist gar keine richtige Abreise +nach heutigem Begriffe. Natürlich schüttelte Ilse den Kopf und sah das +Fräulein bittend an. »Ich möchte sie so gern alle mitnehmen,« sagte sie. + +»Aber wie?« Darauf gab Rosi die Antwort. Sie hatte ein offenes Körbchen +herbeigeholt und legte den ganzen Blumenvorrat vorsichtig hinein. + +Und nun zogen die Pferde an; noch ein »Lebewohl«, ein letzter +Abschiedsblick, ein Grüßen mit dem Tuche und hinter ihr lag die Stätte, an +der sie eine glückliche und lehrreiche Zeit verlebt. Ilse lehnte sich im +Wagen zurück und weinte laut. + +Als die Damen am Bahnhofgebäude anlangten, war der Zug soeben eingefahren. +Er hatte fünfzehn Minuten Aufenthalt und Fräulein Güssow hatte Zeit, ein +passendes Koupee für Ilse auszusuchen. + +»Wo ist ein Damenkoupee? fragte sie den Schaffner, »diese junge Dame fährt +nach W.« + +»Hier! hier!« rief es aus dem Fenster eines Koupees hinter ihr, »hier +können junge, hübsche Damen Platz nehmen!« + +Das Fräulein wandte den Kopf und blickte in ein fröhliches +Studentenangesicht. Das Cereviskäppchen saß ihm keck auf einem Ohre und +kaum geheilte »Schmisse« schmückten Kinn und Wange. Hinter ihm standen +noch einige andre Studenten und lachten zu dem Scherze ihres Freundes. +Laut und ungeniert bewunderten sie die jungen Mädchen. + +»Entzückend! Wunderbar! Fortuna mit dem Füllhorne!« riefen sie den Damen +nach, die sich eilig entfernten. - Fräulein Güssow ergriff unwillkürlich +Ilses Hand, die hocherrötet war. + + [Illustration] + +»Wie unverschämt!« sagte sie entrüstet, »wie konnten sie das wagen! Ach +Ilse, ich bin in Sorge um dich!« - Und sie ließ einen recht besorgten +Blick über das junge Mädchen hingleiten, das in seinem schottischen +Reisekleide, dem passenden Barett mit blau schillerndem Flügel an der +Seite, überaus lieblich aussah. - »Du reistest noch niemals allein, und +jetzt mußt du ohne Schutz die lange Fahrt machen. Wenn doch dein Papa dich +abgeholt hätte!« + +»Das war nicht möglich!« entgegnete Ilse. »Er mußte daheim bleiben, um +Mamas einzigen Bruder, der zehn Jahr in der Welt umhergereist ist, heute +zu begrüßen. Ich habe ihn selbst darum gebeten, als er mir schrieb, daß er +trotzdem kommen wolle. Ich bin auch gar nicht ängstlich, es ist ja heller +Tag. Papa hat mir auch die ganze Reiseroute so genau aufgeschrieben, daß +ich mich nicht irren kann.« + +»Lies mir das noch einmal vor,« sagte Fräulein Güssow. »Ich möchte dich +gern mit meinen Gedanken begleiten. Du, Nellie, könntest indessen Ilses +Handgepäck in das Koupee legen.« + +Ilse nahm aus einem roten Ledertäschchen, das sie an ihrem Gürtel +befestigt an der Seite trug, einen Brief und las: + +»Um elf Uhr Abfahrt von dort, um zwei Uhr Ankunft in M. Bis drei Uhr +Aufenthalt daselbst. Dann Weiterfahrt _ohne umzusteigen_ bis Lindenhof. Um +fünf Uhr langst du dort an, steigst aus und wirst von meinem alten +Freunde, Landrat Gontrau mit seiner Frau, empfangen. Sie nehmen dich mit +hinaus nach Lindenhof, wo du, auf ihre dringenden Bitten, übernachtest. + +»Am andern Mittag fährst du weiter und Gontrau hat mir versprochen, dich +sicher zur Bahn zu befördern und alles Nötige für deine Weiterreise zu +besorgen. + +»Vergiß nicht, eine Photographie von mir in die Hand zu nehmen; Gontraus, +denen du ja unbekannt bist, werden dich daran erkennen.« + +»Hast du das Bild?« fragte das Fräulein, und als Ilse bejahte, gab sie +derselben noch mancherlei gute Lehren mit auf den Weg. »Ich weiß, du bist +verständig und wirst auch vorsichtig sein, aber du bist noch unerfahren +und kennst die Welt und die Menschen nicht; - es giebt Leute, die gar zu +gern unsre ganzen Lebensverhältnisse herauslocken möchten und höchst +geschickt zu fragen verstehen; weiche ihnen soviel wie möglich aus und sei +höchst vorsichtig in deinen Aeußerungen. Für alle Fälle warne ich dich +aber, in keiner Weise eine Aufmerksamkeit oder eine Gefälligkeit, wenn sie +dir überflüssig erscheint, von einem Herrn, sei er jung oder alt, +anzunehmen. Folge nur stets deiner zurückhaltenden Natur, liebes Herz, +dann wirst du auch das Rechte thun.« + +»Einsteigen!« rief der Schaffner und unterbrach die liebevollen +Ermahnungen der jungen Lehrerin. Weinend umarmte Ilse dieselbe, und alles, +was sie an Liebe und Dankbarkeit für dieselbe empfand, stammelte sie in +zwei Worten mühsam hervor: »Dank - Dank -« + +»Leb' wohl denn, mein geliebtes Kind!« entgegnete diese und schloß ihr den +Mund mit einem innigen Kusse. + +Und Nellie? Der Abschied von ihr war der schwerste Augenblick für Ilse. +»Behalt' mir lieb,« bat sie kaum hörbar und sah dabei so unglücklich aus, +als ob das Glück für immer von ihr scheide. Und Ilse hielt sie fest +umschlungen und vermochte kein Wort hervorzubringen, - dann riß sie sich +los und stieg ein. + +Im letzten Augenblicke stieg noch eine alte Dame mit weißen Locken ein. +Sie war ganz außer Atem von dem eiligen Gehen und schien etwas ängstlich +und unbeholfen zu sein. Fräulein Güssow war ihr beim Einsteigen behilflich +und als der Schaffner ihr Billett koupierte, erfuhr sie zu ihrer großen +Freude, daß die Dame und Ilse die gleiche Reisetour hatten. Sie richtete +die herzliche Bitte an dieselbe, daß sie das junge Mädchen unter ihren +Schutz nehmen möge. Mit größter Liebenswürdigkeit versprach dies die Dame. + +Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Ilse lehnte zum Fenster hinaus +und grüßte mit dem Tuch die Zurückbleibenden. - Schmerzlich bewegt blickte +Fräulein Güssow dem Zuge nach, es war ihr, als ob er ein Stück von ihrem +Herzen mit sich nähme! Noch nie hatte sie mit so vieler Liebe und +Hingebung sich der Erziehung einer Schülerin gewidmet, noch nie hatte sie +sich durch den glücklichen Erfolg so belohnt gefühlt. - Nun ging sie fort +und wer konnte sagen, ob sie das Kind je wiedersehen werde? + +»Komm,« wandte sie sich der laut schluchzenden Nellie zu, »wir wollen +gehen!« Und sie zog Nellies Arm durch den ihrigen und sprach tröstende +Worte zu ihr - und hatte doch selbst ein so tiefbetrübtes Herz. + + * * * + +Im Flug entführte der Dampfwagen Ilse dem Orte, den sie unter so +verschiedenartigen Gefühlen betreten und wieder verlassen hatte. Reichlich +flossen ihre Thränen. Sie hielt das Tuch gegen die Augen gedrückt und die +liebliche Gegend, an der sie vorüberfuhr, die Berge, die ihr vertraute +Bekannte geworden, erhielten keinen Abschiedsgruß von ihr. Ein +Sonnenstrahl stahl sich zum Fenster hinein, fiel auf ihr lockiges Haar und +färbte es golden, aber Trost in ihrem Kummer vermochte er ihr nicht zu +bringen. + +Die Dame sah teilnehmend auf die Weinende, aber sie störte sie nicht in +ihrem Schmerze. Erst als sie bemerkte, daß Ilse ruhiger wurde, knüpfte sie +ein Gespräch mit ihr an. + +»Ich verstehe Ihren Kummer wohl, liebes Kind,« sagte sie herzlich, »und +kann Ihnen nachempfinden, wie Ihnen um das Herz ist. So ein Abschied von +der Pension ist ein wichtiger Abschnitt, es thut weh, von den Freundinnen +scheiden zu müssen, die man lieb gewonnen hat, - aber Kind, so gar +trostlos müssen Sie das alles nicht ansehen. Die Trennung ist ja nicht für +das ganze Leben, die Freundinnen werden Sie in Ihrer Heimat besuchen. Es +ist wohl schön in Ihrer Heimat?« + +Das war eine Frage zur rechten Zeit. Ilses Kinderaugen lachten noch unter +Thränen die Fragerin an. Sie fing an, lebhaft zu erzählen, ihre Gedanken +kehrten in das Elternhaus zurück, und zum erstenmale dachte sie seit +längerer Zeit mit ungetrübter Sehnsucht an dasselbe. + +»Wie werden Sie sich freuen, die Eltern wiederzusehen!« fuhr die Dame +fort, die großes Wohlgefallen an dem jungen Mädchen fand. + +»O sehr, sehr!« entgegnete Ilse, »und besonders freue ich mich auf den +kleinen Bruder, den ich noch gar nicht kenne! Ich habe sein Bild bei mir, +darf ich es Ihnen zeigen?« + + [Illustration] + +Sie nahm eine Ledertasche von oben herab, öffnete dieselbe und nahm ein +Album daraus hervor. + +»Das ist er!« sagte sie und zeigte mit Stolz auf einen kleinen, dicken +Buben, der im Hemdchen photographiert war. + +»Ein schönes Kind!« bewunderte die Dame, »und ist das Ihre Mama, die den +Kleinen auf dem Schoße hält?« + +Ilse bejahte. »Hier ist mein Papa,« fuhr sie fort und holte sein Bild aus +dem Saffiantäschchen. Was war natürlicher, als daß sie bei dieser +Gelegenheit erzählte, daß ihr das Bild zum Erkennungszeichen dienen solle, +wenn Gontraus sie empfangen würden. + +»Gontrau?« fragte die alte Dame, »Landrat Gontrau? Das sind ja liebe +Bekannte von mir. Mein Mann, Sanitätsrat Lange, ist seit langen Jahren +Arzt in ihrem Hause! Wir wohnen in L., das ist die nächste Station von +Lindenhof. Wie sich das wunderbar trifft! Nun stecken Sie das Bild Ihres +Papas nur getrost ein, wir haben es nicht mehr nötig; jetzt werde ich Sie +meinen Freunden zuführen! So viel Zeit habe ich bei meinem kurzen +Aufenthalte!« + +Ilse war sehr erfreut über diesen wunderbaren Zufall, und im Geplauder mit +der liebenswürdigen, feingebildeten Frau Rat verging ihr die Zeit mit +Windesschnelle. Sie war ganz erstaunt, als der Schaffner das Koupee +öffnete und hineinrief: »Station M.! Sie müssen aussteigen, meine Damen!« + +»Schon!« rief Ilse und griff nach ihren Sachen. + +Frau Rat hatte sich auch erhoben und suchte ihr Handgepäck zusammen. Es +geschah alles mit ängstlicher Hast, ihre Hände zitterten etwas in nervöser +Aufregung. Eine Ledertasche, die sie von oben herabnahm, entfiel ihrer +Hand. Das Schloß an derselben sprang auf und verschiedene kleine +Gegenstände kollerten auf den Boden. + +»O Gott!« rief sie erschrocken, »was habe ich da gemacht!« - Sie wollte +sich bücken und ließ eine Schachtel dabei fallen. + +»Bitte, lassen Sie mich alles besorgen!« beruhigte sie Ilse. Schnell hatte +sie alles aufgesucht und wieder in die Tasche gethan. Das Portemonnaie der +Frau Rat, das sich ebenfalls unter den herausgefallenen Dingen befand, +steckte sie tief hinein in die Tasche, verschloß dieselbe vorsichtig und +gab sie der geängsteten Dame in die Hand. + +»So,« sagte sie, »nehmen Sie das an sich, für Ihre übrigen Sachen werde +ich Sorge tragen.« + +Sie legte sämtliches Handgepäck zusammen auf den Sitz, stieg dann hinaus, +ließ sich dasselbe von der Dame zureichen, übergab es einem +bereitstehenden Packträger und half endlich der Frau Rat vorsichtig die +hohen Stufen hinabsteigen. + +»Danke, danke, liebes Kind,« sagte diese. »Wie umsichtig und verständig +Sie alles besorgen! Ich hätte das bei Ihrer Jugend kaum erwartet.« + +Ilse wunderte sich selbst darüber, wer weiß aber, ob ihre Selbständigkeit +sich so plötzlich entwickelt hätte, wenn die hilflose Art und Weise ihrer +Begleiterin dieselbe nicht herausgefordert hätte. - Ganz stolz hob sie den +Kopf bei diesem Lobe und wünschte: wenn Fräulein Güssow doch gleich +dasselbe hören könnte! Sie hatte so große Besorgnisse gehabt, und jetzt +war sie Beschützerin, anstatt daß sie beschützt wurde! - Es war wirklich +ein recht erhebendes Gefühl für sie, leider nicht von langer Dauer! + +Als sie mit Frau Rat langsam dem Stationsgebäude zuschritt, hörte sie +laute Zurufe aus einem Koupee des noch haltenden Zuges. Ein flüchtiger +Blick und sie hatte sofort die Studenten erkannt. Ganz ängstlich ergriff +sie den Arm der Dame, denn in diesem Augenblick war all ihre frohe +Sicherheit geschwunden und sie fühlte sich recht eines Schutzes bedürftig. + +»Leb wohl - leb wohl - du süße Maid! - Nur einen Abschiedsblick, reizendes +Lockenköpfchen!« riefen die Uebermütigen, und als der Zug schon im +Weiterfahren war, warf einer von ihnen ihr eine herrliche Rose zu, sie +fiel gerade zu ihren Füßen. + +Ilse wandte sich ab, sie wußte vor Scham und Verlegenheit nicht, wohin sie +den Blick wenden sollte. + +»Kannten Sie die jungen Herren?« fragte Frau Rat. - + +Ilse verneinte und erzählte, daß sie dieselben zum ersten Male bei ihrer +Abreise gesehen. + +»Ja, das ist lustiges Blut!« meinte Frau Rat. »Die ganze Welt gehört ihnen +und man darf es ihnen nicht übel nehmen, wenn sie sich mehr herausnehmen +als andre. - Wollen Sie die Rose nicht aufnehmen, Kind?« + +Ilse hatte wohl den Wunsch, aber sie schüttelte doch den Kopf. »Ich darf +nicht,« sagte sie, und Fräulein Güssows Worte: »keine Aufmerksamkeit von +einem Herrn anzunehmen,« standen mahnend vor ihrer Seele. - Der Werfer +fuhr freilich auf und davon und niemals hätte er erfahren, ob sie die Rose +nahm oder nicht, - trotzdem schwankte sie nicht, ihre Gewissenhaftigkeit +und das eigne Bewußtsein waren die Wächter, die sie zurückhielten. + +Frau Rat verstand sofort Ilses Benehmen und freute sich über ihr +Taktgefühl. »Sie haben recht, Kind,« sagte sie, »und eigentlich beschämen +Sie mich etwas. Aber ich dachte nicht gleich daran, wer die Blume geworfen +hat. Ich sah das herrliche Prachtexemplar im Staube liegen und es that mir +leid um die unschuldige Rose.« + +Nach einer Stunde Aufenthalt fuhren die Damen weiter. Ilse hatte die Zeit +benützt, eine Korrespondenzkarte an Fräulein Güssow zu schreiben. Als sie +schrieb, meldete sich der Abschiedsschmerz aufs neue. Es verwischten sogar +einige Thränen die frische Schrift; aber sie meldete, daß ihr die Reise +bis jetzt furchtbar schnell vergangen sei, und Frau Rat wäre eine zu +entzückende Frau. + +Die Erwähnte dachte ungefähr ebenso von ihrer jungen Reisegefährtin. Sie +hatte in der kurzen Zeit eine warme Zuneigung zu derselben gefaßt. Ilse +war so ganz anders als all die jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft. Sie +verglich sie mit einem sprudelnden Waldquell, dessen Wasserspiegel bis auf +den klaren Grund sehen läßt. Wahr und offen und doch nicht geschwätzig, +natürlich und ohne jede Ziererei. Und doch, wie hübsch war die Kleine! - +Frau Rat blickte mit innerer Freude in Ilses rosiges Gesicht, in ihre +braunen Augen, die ein so getreuer Spiegel ihrer Seele waren; die sie +traurig und thränengefüllt, fröhlich und schelmisch aufleuchten sah, und +deren dunkle Wimpern sich sittsam senkten, als übermütige Studenten ihr +huldigen wollten. + +»Nun sind wir in wenigen Minuten in Lindenhof und müssen uns trennen,« +sagte Frau Rat. »Es thut mir von Herzen leid, ich habe Sie sehr lieb +gewonnen. Versprechen Sie mir fest, mich zu besuchen, wenn der Zufall Sie +in die Nähe von L. führen sollte.« + +Ilse versprach das gern und gestand, daß auch ihr das Scheiden schwer +werde. Frau Rat hätte so {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}himmlisch{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} verstanden, sie zu trösten. + +»Da sind wir schon!« rief Frau Rat und steckte den Kopf zum Fenster +hinaus, um sich nach Gontraus umzusehn. Sie waren nicht zu erblicken. +Einige Bauernfrauen standen wartend mit ihren Tragkörben da, sie wollten +mit dem Zuge weiterfahren, das war alles. - Ilse hatte auch hinausgeschaut +und als sie niemand anwesend sah, der sie erwartete, wurde es ihr recht +bange. + +»Ach!« seufzte sie, »was fange ich nun an! Ich bin ganz verlassen hier! +Lassen Sie mich mit Ihnen weiterfahren, liebe Frau Rat, und nehmen Sie +mich für die eine Nacht auf. Bitte, bitte!« + +»Wie gern thäte ich das, mein Kind; aber das wäre gegen die Bestimmung +Ihrer Eltern. Gontraus werden noch kommen, auf jeden Fall! Sie haben sich +etwas verspätet, Sie können es glauben. Was würden sie sagen, wenn +Fräulein Ilse davongeflogen wäre?« + +Ilse seufzte schwer und stieg aus. Ihr Gepäck, auch die Blumen, die trotz +des häufigen Besprengens mit frischem Wasser die Köpfchen traurig hängen +ließen, hatte sie aus dem Koupee gehoben, - nun stand sie da und sah sich +hilflos nach beiden Seiten um. + +»Machen Sie nicht ein so trostloses Gesicht, liebes Kind,« beruhigte die +alte Dame, »es wäre ja noch immer kein Unglück, wenn Gontraus durch irgend +ein Mißverständnis Sie heute nicht erwarteten! In diesem Falle bestellen +Sie einen Wagen im Stationsgebäude und fahren nach Lindenhof hinaus. In +einer guten Stunde sind Sie dort, und daß Sie bei den lieben Menschen mit +offnen Armen empfangen werden, dafür stehe ich ein.« + +»Nein, nein! das thue ich nicht! Das würde ich nicht wagen!« rief Ilse +ganz erschrocken. »Ich weiß ja gar nicht, ob man mich haben will! Ich kann +doch nicht unbekannten Leuten in das Haus fallen!« + +Es leuchtete so etwas vom alten Trotze dabei aus ihren Augen und die +Oberlippe kräuselte sich in verdächtiger Weise. Frau Rat lächelte über den +jugendlichen Ungestüm. + +»Man will Sie haben, und fremde Leute sind es auch nicht, zu denen Sie +kommen, kleine Ungeduldige,« sprach sie scherzhaft. »Der Landrat ist ein +sehr guter Freund Ihres Vaters.« + +Ilse konnte sich nicht dabei beruhigen, sie wurde sogar noch +niedergeschlagener. + +Als Frau Rat bemerkte, daß sie nur noch fünf Minuten beisammen sein +würden, füllten sich ihre Augen mit Thränen. + +»Gehen Sie einmal schnell um das Gebäude, dort können Sie die ganze +Chaussee überblicken, die nach dem Rittergute führt. Vielleicht sehen Sie +den Wagen kommen.« + +Sie that, wie ihr geraten wurde. Im vollen Laufen öffnete sie das +Saffiantäschchen und nahm Papas Bild heraus. »Es ist zwar doch +vergeblich,« dachte sie, »aber ich will es für alle Fälle in die Hand +nehmen.« + + [Illustration] + +Kaum hatte sie sich entfernt, kaum war sie links um das Haus gegangen, als +von der andern Seite desselben ein junger, schlanker Mann mit leichtem, +elastischen Schritt eilig hervortrat. Sein Auge glitt suchend über den +Perron, dann ging er dicht an dem Zuge entlang und spähte forschend in +jedes Koupee. Frau Rat hatte ihn sofort entdeckt und ihre Züge verklärten +sich, - der Suchende war niemand anders als der Sohn des Landrats. »Leo! +Leo!« rief sie ihn an, »komm, schnell! Wo sind deine Eltern? Du suchst +sie, nicht wahr? Ich bin mit ihr gefahren - sie ist ein reizendes, junges +Mädchen! Frisch wie eine Waldblume, sage ich dir. Dort ist sie um das Haus +gegangen!« + +»Was für eine Waldblume meinst du, Tante Rat?« fragte der junge Mann etwas +erstaunt und sah mit seinen offenen, klugen Augen die Angeredete, die sehr +schnell und mit lebhaften Gesten gesprochen hatte, an. »Von wem sprichst +du?« + +»Von ihr - von ihr!« rief sie zurück. »Von Ilse, die ihr erwartet,« wollte +sie eigentlich sagen, aber der Name fiel ihr im Augenblick nicht ein; das +betäubende Läuten der Glocke, die das Zeichen zur Abfahrt gab, machte sie +nervös und verwirrte sie, es kam noch hinzu, daß der junge Mann ihren +Worten wenig Aufmerksamkeit schenkte und immer auf dem Sprunge stand, sie +zu verlassen. + +»Ich muß dich verlassen, Tante!« sagte er denn auch, »ich muß mich nach +einem Kinde umsehen, das ich mit diesem Zuge erwarte -« + +»Sie ist es! Sie ist es!« rief sie lebhaft, aber er hörte ihre Worte nicht +mehr, sondern von neuem ging er suchend den Zug entlang. + +»Haben Sie ein allein reisendes Kind bemerkt - und ist dasselbe vielleicht +hier ausgestiegen?« fragte er einen Schaffner. + +»Nein!« antwortete dieser und schwang sich auf seinen hohen Sitz hinauf, +denn der Zug setzte sich langsam in Bewegung. + +Als Frau Rat an ihm vorüberfuhr, rief sie ihm einige Worte zu, leider +vergeblich, er verstand sie nicht. + +Assessor Gontrau blieb stehen, etwas ratlos und nachdenklich. Der +Oberamtmann Macket hatte seinen Vater gebeten, daß er sofort bei Ilses +Ankunft telegraphieren möge, ob sie glücklich angekommen sei. Was sollte +er jetzt thun? Es blieb ihm nichts andres übrig, als eine Depesche +abzusenden mit den Worten: »Nicht angekommen!« + +Eben im Begriffe, sich zu diesem Zwecke in das Bureau zu begeben, fiel +sein Blick auf einen Brief, der auf der Erde dicht vor ihm lag. Er hob ihn +auf und las die Aufschrift auf dem geöffneten Kouvert. Nicht wenig +erstaunte er, als er die Adresse las: »Fräulein Ilse Macket,« - sonderbar! +Der Schaffner und die Leute hier haben kein Kind aussteigen sehen und doch +muß es angekommen sein! + +»Wissen Sie nicht, wer den Brief verloren hat?« wandte er sich an eine +Frau, die einen kleinen Obststand in der Nähe hatte. + +»Gesehen habe ich es gerade nicht,« meinte die, »aber ein junges Fräulein +mit Locken hat ihn gewiß mit aus der Tasche gezogen. Ich sah, daß sie +etwas herausnahm. Die dort war es,« unterbrach sie sich plötzlich und +zeigte auf Ilse, die um das ganze Haus gegangen war und von der +entgegengesetzten Seite gerade hervortrat, als der Zug abfuhr. + +Ihre alte Freundin grüßte noch einmal zärtlich zum Fenster hinaus, machte +auch allerhand bedeutungsvolle Zeichen, winkte nach der andern Seite zu +Leo hinüber, - Ilse verstand nichts von allem. + +Höchst unglücklich stand sie da und blickte dem Zuge nach, der ihre +einzige Bekannte hier in die Ferne führte. »Nun bin ich verlassen!« sprach +sie für sich, »was soll ich nun anfangen!« Es war merkwürdig, wie ihre +mutige Sicherheit ein so schnelles Ende genommen hatte. - Wie recht hatte +Fräulein Güssow mit ihrer Besorgnis! Auf diesen Fall war sie gar nicht +vorbereitet! Was sollte sie nun beginnen? Am liebsten hätte sie wie ein +kleines Kind angefangen zu weinen, sie schämte sich nur vor dem jungen, +blonden Postbeamten, der zu einem Parterrefenster hinauslehnte und sie +neugierig beobachtete. + +Aus ihrer peinlichen Ratlosigkeit schreckten sie plötzlich eilige Schritte +auf und gleich darauf erfolgte die Anrede: »Gnädiges Fräulein, ich bitte +um einen Augenblick!« + +Ilse wandte den Kopf, und als ihr Auge flüchtig die Gestalt eines jungen +Mannes streifte, erfaßte sie eine unnennbare Angst. Was wollte er von ihr +- warum redete er sie an? Sie verlor alle ruhige Fassung und nur der eine +Gedanke beherrschte sie: Du darfst ihn nicht anhören! - Als ob sie nichts +gehört habe, ging sie weiter, und als sie bemerkte, daß sie verfolgt +wurde, beschleunigte sie ihre Schritte. Wie ihr das Herz klopfte vor Angst +und Aufregung! + +»Sie haben etwas verloren, gnädiges Fräulein, wollen Sie nicht die Güte +haben, mir einen Augenblick Gehör zu schenken!« rief er dringend. + +Nun stand sie still, aber sie wagte nicht, sich nach ihm umzusehen. Er +benützte schnell diesen Moment und trat vor sie hin. Mit einem leichten, +spöttischen Lächeln betrachtete er den kleinen Backfisch, der so ängstlich +und blöde vor ihm davonlief. Schon schwebte ihm eine etwas ironische +Bemerkung auf den Lippen, die er indes unterdrückte, als er in das +liebliche, rosige Antlitz sah. Mit niedergeschlagenen Augen und in +ängstlicher Verlegenheit stand sie vor ihm. - {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wie eine Waldblume{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} hatte +Tante Rat zu ihm gesagt, jetzt wußte er, wen sie damit gemeint. + +»Ich fand diesen Brief dort,« sprach er, »gehört er vielleicht Ihnen?« + +Ein flüchtiger Blick belehrte Ilse, daß er den Brief ihres Papas in der +Hand hielt. »Ja,« sagte sie, ziemlich beschämt über ihr albernes +Davonlaufen, »er gehört mir.« - Sie nahm ihn in Empfang, ohne den jungen +Mann anzusehen. + +»Ich danke Ihnen,« fügte sie noch hinzu und wollte mit einer schüchternen +Verbeugung weitergehen. + +»Und war die Adresse an Sie gerichtet?« fragte er weiter, so daß sie +zögernd still stand. + +Doch bevor er noch ihre Antwort abwartete, rief er plötzlich erfreut und +lachend zugleich: »Sie - Sie sind Fräulein Ilse Macket! ich sehe die +Photographie in Ihrer Hand! Das ist ein wundervoller Spaß!« + +Erstaunt blickte Ilse ihn an, und nun sah sie zum ersten Male in das +hübsche, von der Sonne etwas gebräunte Gesicht des jungen Gontrau. + +»Verzeihen Sie mein unschickliches Lachen,« entschuldigte er sich, »aber +Sie werden dasselbe verstehen, wenn ich Ihnen Aufklärung gegeben habe. - +Zuvor erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle, mein Name ist Gontrau.« +- Er hob den weichen Filzhut ab und begrüßte sie in liebenswürdiger, +ehrerbietiger Weise. + +»Gontrau!« rief Ilse strahlend vor Freude, »ist's wahr, Gontrau? Aber Sie +sind doch nicht - doch nicht -« + +»Der Landrat?« ergänzte er ihre Frage. »Nein, der bin ich nicht, nur sein +Sohn.« + +»Ich war recht einfältig, daß ich Ihnen davonlief,« sprach sie errötend, +»aber ich wußte nicht, wer Sie waren; ich hielt Sie für einen fremden +Herrn, der mich ausfragen wollte. Ach, Sie glauben nicht, wie ich mich +geängstigt habe, als ich so ganz allein hier stand! Wie ein verirrtes Kind +kam ich mir vor, das nicht weiß woher und wohin. Nun bin ich froh, +furchtbar froh! Aber wo sind Ihre Eltern?« plötzlich fiel es ihr ein, daß +dieselben nicht anwesend waren. »Bitte, führen Sie mich zu ihnen.« + +»Leider konnten sie nicht die Freude haben, Sie hier zu begrüßen,« +entgegnete Leo, den ihr kindliches Geplauder geradezu entzückte. »Meinem +Vater ist ein kleiner Unfall zugestoßen. In dem Augenblick, als er den +Wagen besteigen wollte, um hierher zu fahren, vertrat er sich den Fuß und +zwar so böse, daß er zurückbleiben mußte. Die Mutter konnte zu ihrem +Kummer nun auch nicht fort, sie mußte dem Vater behilflich sein. Dieser +Unfall ist denn auch an meiner Verspätung schuld, die ich von ganzem +Herzen bedaure, doppelt bedaure, da sie Ihnen Sorge und Kummer bereitet +hat. Mama hatte sich so darauf gefreut, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}die Kleine{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} in Empfang nehmen zu +können! Ja, ja, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}die Kleine{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~},« wiederholte er und amüsierte sich über ihr +verwundertes Gesicht. »Ihr Herr Papa trägt die Schuld an dem Irrtum, in +dem wir befangen waren. Er sprach in seinen Briefen nur von seiner +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kleinen{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, oder von {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}seinem Kinde{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, das er allein und schutzlos die weite +Reise machen lassen müsse, er fürchtete, daß dem {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}kleinen Mädchen{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, das +die Pension verließ, etwas zustoßen könne. Natürlich erwarteten wir nun +auch ein Kind, so ein halberwachsenes Mädchen von zwölf, höchstens +dreizehn Jahren.« + +»Nein, aber der Papa!« rief Ilse und lachte, aber nicht so frisch und frei +wie gewöhnlich, es klang etwas gezwungen. Es war ihr nicht ganz angenehm, +daß der Papa noch eine so kindliche Meinung von ihr hatte. »Papa ist zu +komisch! Er hält mich noch immer für die halberwachsene Ilse! Wie wird er +sich wundern, wenn er mich wiedersieht! Mit siebzehn Jahren ist man kein +Kind mehr, nicht einmal ein Backfisch!« + +»Bewahre!« stimmte der Assessor ihr bei, »mit siebzehn Jahren ist ein +junges Mädchen eine vollendete Dame.« + +Es kam halb wie leichter Spott heraus, aber er machte ein ganz ernstes +Gesicht und verzog keine Miene. So glaubte sie denn mit Stolz an die +»vollendete« Dame. + +Nur ihr Handgepäck nahm Ilse mit hinaus nach Lindenhof, dasselbe war schon +in dem Wagen untergebracht, den Korb mit den Blumen stellte der Kutscher +eben hinein. + +»Die vielen Sträuße!« bemerkte Leo Gontrau und diesmal lächelte er +wirklich etwas. »Der Korb muß Ihnen doch eine Last gewesen sein?« + +»O nein, nein!« sprach sie eifrig dagegen, »es sind ja lauter +Abschiedsgrüße von meinen Freundinnen!« + +»So viele Freundinnen!« meinte er und sah in den Korb. + +»Es sind sieben Sträuße,« belehrte ihn Ilse, die nämlich glaubte, er wolle +dieselben zählen. + +»Sie waren schön,« meinte er, »jetzt sind sie schon etwas welk. Nur dieser +Rosenstrauß mit der Vergißmeinnichteinfassung ist noch frisch.« + +Ilse ergriff denselben und beugte ihr Antlitz darauf. Eine augenblickliche +Rührung überkam sie, als sie der Geberin gedachte. + +»Ich habe ihn von meiner liebsten Freundin,« sagte sie innig - »von Nellie +Grey.« + +»Nellie Grey?« fragte er. »Wohl eine Engländerin? Ist sie hübsch und +liebenswürdig?« setzte er scherzend hinzu. + +»Sie ist reizend!« rief Ilse und geriet förmlich in Feuer, als sie von der +Freundin erzählte. + +Er hörte ihr stillschweigend zu und amüsierte sich über die Begeisterung, +mit der sie lobte, und besonders über die überschwenglichen Ausdrücke, die +dabei ihren Lippen entschlüpften. Sie wußte es gar nicht, wie sehr sie +sich Melanies Angewohnheit zu eigen gemacht hatte und wie Ausrufe, als: +furchtbar reizend! himmlisch! entzückend! süß! u. s. w. u. s. w. ihr +ebenso geläufig waren als Melanie und den übrigen Backfischen. + +»Wollen Sie nicht erst im Bahnhofsgebäude eine kleine Erfrischung +einnehmen?« fragte Leo und bot ihr den Arm, um sie dorthin zu führen. + +Dankend lehnte sie sein Anerbieten ab, trotzdem sie es eigentlich gern +angenommen hätte. Sie war nämlich hungrig und ihr Magen trug rechtes +Verlangen nach einem kräftigen Imbiß. Eine vollendete Dame aber durfte den +Hunger nicht merken lassen, es wäre doch geradezu kindisch gewesen. + +»Es ist kühl,« bemerkte er, als er ihr in den Wagen geholfen, »und mein +Auftrag lautet: Hülle {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}das Kind{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} gut ein, damit es sich nicht erkältet in +der halboffenen Chaise.« Und er nahm ein warmes Tuch, das schon bereit +lag, und wickelte sie fest darin ein, auch eine Decke schlug er um ihre +Füße. + +Sie ließ es gern geschehen, denn der Herbstwind pfiff kalt über die leeren +Felder; sie lachte sogar über seine Fürsorge; aber hinterher kamen die +Bedenken. War es recht, daß sie sich von ihm einhüllen ließ? War es nicht +eine Vertraulichkeit, die sie gestattet hatte? Würde Fräulein Güssow ihr +Benehmen schicklich finden? Ob Nellie wohl so gehandelt haben würde, wie +sie, oder ob sie nicht lieber ihren Regenmantel angezogen hätte! Sie +konnte es auch thun, er lag im Riemen geschnallt dicht bei ihr. + +Mitten in ihren peinlichen Zweifeln und Sorgen vernahm sie ein herzliches +Lachen ihres Nachbars. Natürlich brachte sie es sofort mit ihren Gedanken +in Verbindung. + +»Lachen Sie über mich?« fragte sie beinahe ängstlich. + +»Nein, nein!« entgegnete er, »wie kommen Sie zu dieser Frage? Wie würde +ich mir je erlauben, eine junge Dame auszulachen! Diese Birne ist an +meiner Heiterkeit schuld. Sie fiel mir soeben aus der Wagentasche auf die +Hand und erinnerte mich an Mamas letztes Wort, das sie mir nachrief, als +ich fortfuhr.« + +»Was sagte sie?« fragte Ilse und sah ihn neugierig an. + +»Vergiß ja nicht, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}dem Kinde{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} die Birnen zu geben, Leo, sprach sie. Die +Kleine wird wohl hungrig sein. Ich glaube,« unterbrach er sich und griff +in die Seitentasche, »sie sprach auch von einem Stück Kuchen. Richtig!« +rief er lachend und zog ein kleines Paketchen hervor, »da ist er! Darf ich +es wagen, gnädiges Fräulein, Ihnen Kuchen und Birnen anzubieten?« + +Dieser Verlockung konnte sie nicht widerstehen. »Warum nicht?« entgegnete +sie unbefangen und griff zu. »Obst ist meine ganze Leidenschaft und Kuchen +esse ich furchtbar gern! In der Pension haben wir nicht viel davon zu +sehen bekommen, Fräulein Raimar behauptete, der Magen werde schlecht vom +vielen Kuchenessen. Ist das nicht eine furchtbar öde Ansicht?« + +»Ja, eine furchtbar öde Ansicht!« wiederholte er mit ganz ernsthaftem +Gesicht, »ich begreife nicht, wie Sie es aushalten konnten, ohne Kuchen zu +leben!« + +»Manchmal,« erzählte sie, »ließen wir uns heimlich ein Stückchen holen, +über Mittag, wenn das Fräulein schlief.« + +»So, so!« lachte er, »das sind ja schöne Geschichten, das muß ich sagen!« + +»Wir thaten es nicht oft,« entschuldigte sich Ilse, »nur dann und wann, +wenn wir gar zu großen Appetit darauf hatten. Finden Sie das unrecht?« + +»Daß Sie den Kuchen aßen, finde ich durchaus nicht unrecht,« neckte er +sie, »aber daß Sie ihn heimlich holen ließen, gefällt mir nicht. Warum +fragten Sie nicht die Vorsteherin um Erlaubnis?« + +»Sie sind aber klassisch!« rief Ilse, »dann hätten wir es doch nicht +gedurft! Es war doch nichts Böses, was wir thaten, nur ein ganz harmloses +Vergnügen, Fräulein Raimar hatte nicht den geringsten Schaden davon, ob +wir Kuchen aßen oder nicht.« + +»Sie sind eine kleine Rechtsverdreherin!« tadelte er sie lachend, »ob +Schaden oder nicht, darauf kommt es gar nicht an. Die Dame hatte ihre +Gründe, weshalb sie Ihnen den Genuß des Kuchens verbot. Nummer I: Sie +handelten gegen ihren Willen - folglich sind Sie strafbar! Nummer II: Sie +thaten es heimlich - das erschwert das Vergehen!« + +Sie lachte höchst vergnügt. »Herrgott, sind Sie aber pedantisch!« + +»Ich bin Jurist, gnädiges Fräulein, und gehe jeder Sache auf den Grund.« + +»Jurist!« wiederholte Ilse und sah ihren Nachbar etwas mißtrauisch an. +»Das glaube ich nicht! Sie sehen nicht so aus.« + +»Warum nicht? Haben die Juristen ein besonderes Aussehen?« + +Diese Frage brachte sie etwas in Verlegenheit. Sie hätte ihm keine andre +Antwort daraus geben können, als daß die Juristen, die öfters auf Moosdorf +zu Gaste kamen, ganz anders ausschauten. Es waren lustige Herren, die +gerne ein Glas Wein liebten, aber jung und schön waren sie nicht. Sie sah +ihn an und schüttelte ungläubig den Kopf. »Sie sind nicht Jurist,« +widerstritt sie. + +»Nun, ich bin doch neugierig, wofür Sie mich halten,« fragte er höchst +amüsiert, »jetzt legen Sie eine Probe von Ihrer Menschenkenntnis ab!« + +»Sie sind Künstler - vielleicht Musiker - oder Maler?« + +Er lachte laut. »Musiker!« rief er, »ich ein Musiker! Wenn Sie wüßten, +gnädiges Fräulein, welch ein großes Wort Sie gelassen aussprachen! Ich +verstehe keine Note und bin so unmusikalisch wie ein Stock! Es thut mir +leid, daß ich Ihre für mich so schmeichelhafte Illusion zerstören muß, +indes was kann es helfen! Ich muß mich Ihnen leider als ein ganz +gewöhnliches Menschenkind vorstellen, das weder Maler noch Musiker ist. +Trotz Ihres Zweifels bin ich Jurist und seit vier Wochen Assessor. Sind +Sie nun überzeugt?« + +»Also kein Künstler, ach, wie schade!« sprach Ilse bedauernd. »Es müssen +doch reizende Menschen sein!« + +»Nicht immer,« wollte er sagen, doch that er es nicht. Warum ihre naiven +Anschauungen zerstören? Sie war noch so jung und sah so gläubig aus. + +»Sehen Sie dort die Kirchturmspitze?« brach er das Gespräch ab, »die +Wetterfahne darauf glänzt hell im Mondenscheine, das ist die Kirche von +Lindenhof! In zehn Minuten sind wir dort.« + +Als der Wagen vor dem Portale des Hauses hielt, trat Frau Gontrau schnell +auf denselben zu, um ihren kleinen Gast in Empfang zu nehmen. Als das +erwachsene Mädchen dafür ausstieg und Leo den Irrtum erklärte, nahm sie +dasselbe lachend in den Arm. + +»Ob groß, ob klein,« sagte sie mit Wärme, »Sie sind mir von Herzen +willkommen!« + +Und sie führte Ilse in das Speisezimmer, in welchem sich der Landrat +befand. Er saß in halbliegender Stellung auf dem Sofa und streckte dem +jungen Mädchen beide Hände entgegen. + +»Das ist eine kostbare Ueberraschung!« rief er aus, »eine kostbare +Ueberraschung! Anstatt des Kindes kommt eine junge Dame an! Hat uns Freund +Macket mit Absicht getäuscht?« + +Ilse lachte und zeigte die weißen Zähne. + +»Wie Sie dem Papa ähnlich sehen!« fuhr er lebhaft fort, »derselbe Mund, +die Zähne, das Kinn, es ist auffallend!« Er schob die Lampe näher zu ihr, +damit er sie noch besser betrachten könne. »Das Haar haben Sie von der +Mutter geerbt, auch die braunen Augen, das heißt nur in Farbe und Schnitt. +Der Ausdruck der Ihrigen ist lebhafter, er verrät nicht das sanfte +Taubengemüt der seligen Mama. Können Sie zornig blicken?« fragte er +scherzend. + +»Aber lieber Mann,« unterbrach ihn Frau Gontrau lachend, »erst stellst du +ein peinliches Examen mit dem Aeußeren unsres lieben Gastes an, nun gehst +du auch noch auf die Charaktereigenschaften über! - Kommen Sie, liebes +Kind, ich will Sie erlösen. Ich werde Sie auf Ihr Zimmer führen, damit Sie +sich von der langen Reise etwas erfrischen können. Ich habe Sie dicht +neben mein Schlafzimmer einquartiert, die Fremdenzimmer liegen eine Treppe +höher, und ich dachte, die Kleine fürchte sich, allein dort zu schlafen.« + +»O wie reizend!« rief Ilse kindlich erfreut und verriet, daß sie im Punkte +der Furcht noch ganz wie ein richtiges Kind empfand. + +»Leo,« redete der Amtsrat den Sohn an, als die Damen das Zimmer verlassen +hatten, »ist sie nicht ein reizendes Kind?« + +Der Angeredete schien sehr vertieft in seiner Zeitungslektüre, wenigstens +mußte der Vater noch einmal die Frage wiederholen, bevor er eine Antwort +erhielt. + +»Ja, ja,« gab er gleichgültig zur Antwort, »sie ist ein ganz netter, +kleiner Backfisch!« + +»Netter Backfisch! Ist das ein Ausdruck für ein so liebliches Wesen! Hast +du denn gar keine Augen im Kopfe? Ich sage dir, Temperament steckt in dem +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}kleinen Backfisch{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, mehr als du dir träumen läßt! Ein Blick und ich weiß +Bescheid! Du hast kein Urteil, mein Junge, darin ist dein Vater dir über!« + +Leo gab keine Antwort darauf und las andächtig weiter. + +Die Abendstunden entschwanden in Frohsinn und Heiterkeit. Ilse plauderte +und erzählte ganz ohne Scheu. Sie fühlte sich heimisch bei den lieben +Menschen. Der Landrat liebte es, sie zu necken, und sie verstand seinen +Scherz. + +»Bleiben Sie einige Tage hier,« redete er ihr zu, »die Zeit ist so kurz +bis morgen mittag. Wir telegraphieren den Eltern, daß wir Sie hier +behielten, sie werden nicht böse darüber sein.« + +Leo warf einen schnellen Blick zu Ilse hinüber, der fast wie eine Bitte +aussah, auch erbot er sich, ganz früh am andern Morgen nach dem +Stationsgebäude zu reiten, um ein Telegramm aufzugeben. Frau Gontrau +unterstützte die Bitte ihres Mannes mit großer Wärme. + +»Es wäre eine große Freude für uns, wenn Sie blieben,« sagte sie, »es +fehlt uns ein frisches Element in unsrem Hause. Sie haben die glückliche +Gabe, Leben und Frohsinn um sich zu verbreiten!« + +»Bitte, bitte, quälen Sie mich nicht,« bat Ilse, »ich kann nicht bleiben! +Ich kann es nicht, so reizend es mir auch hier gefällt! Meine Eltern +erwarten mich morgen und ich habe auch große Sehnsucht nach ihnen und auf +den kleinen Bruder freue ich mich furchtbar! Er weiß noch gar nicht, daß +er eine große Schwester hat!« + +Dagegen war nichts einzuwenden. Ilses Antwort war so echt kindlich und +natürlich. + +Frau Gontrau strich ihr die krausen Locken zurück und klopfte ihr leicht +die Wange. + +»Sie haben recht, liebe Kleine, Ihren Entschluß nicht zu ändern. Wir +wollen auch gar nicht weiter in Sie dringen mit unsren Bitten. Besuchen +Sie uns bald auf längere Zeit, Leo verläßt uns in einigen Wochen und dann +ist es einsam in unsrem großen Hause.« + +»Daraus wird doch nichts!« erklärte der Landrat. »Ich kenne meinen Freund +Macket und weiß, daß er so bald sein Töchterchen nicht wieder fortgiebt. +Halt, da fällt mir ein guter Gedanke ein! In seinem letzten Briefe ladet +der Papa uns zum Erntefeste ein, das in vier Wochen etwa stattfinden soll. +Ich nehme die Einladung an für uns, Punktum! Aber ich knüpfe die Bedingung +daran, daß er Sie mit uns zurückreisen läßt.« + +Ilse jubelte vor Vergnügen, »das wär' zu - zu himmlisch!« rief sie aus. +»Aber Sie müssen auch Wort halten, geben Sie mir die Hand darauf.« + +Mit einem kräftigen Handschlag besiegelte er sein Versprechen. + +»Ein Handschlag galt bei uns in der Pension für den höchsten Eid,« sagte +sie mit einem ernsten Kindergesicht, »dagegen handeln heißt meineidig +sein. - Sie werden doch mitkommen?« wandte sie sich an Leo. + +»Natürlich,« entgegnete er freudig, »der feierliche Eid gilt auch für +mich. Wollen wir ihn auch mit einem Handschlag besiegeln?« + +»O nein,« entgegnete sie leicht errötend, »ich glaube Ihnen schon auf Ihr +Wort.« + +Als es elf schlug, mahnte Frau Gontrau zur Ruhe. »Sie werden müde und +abgespannt sein von der Reise und den vielen fremden Eindrücken, liebe +Ilse.« + +»Ich empfinde gar keine Müdigkeit,« entgegnete diese, »und könnte noch +lange aufbleiben!« + +Sie hätte es auch gethan, wenn sie nur Papier und Feder in ihrem Zimmer +gefunden hätte! Wie gerne hätte sie ihrer Nellie so ganz frisch ihre +Reiseerlebnisse erzählt! + +Am andern Morgen gleich nach dem zweiten Frühstück rüstete sich Ilse zur +Weiterreise. Eben trat sie mit dem Korbe mit den Blumen vor die Thüre, sie +hatte sie noch einmal mit Wasser besprengt. + +»Wollen Sie denn die welken Sträuße wirklich wieder mit sich nehmen?« +fragte Assessor Gontrau. + +Ilse blickte auf den Korb und stand unschlüssig da. »Freilich,« sagte sie +betrübt, »sie sehen traurig aus, meine lieben, schönen Blumen, nun sind +sie alle welk!« + +»Wissen Sie was, Fräulein Ilse,« riet der Assessor heiter, »wir wollen ein +Autodafee anstellen und sie verbrennen! Dann sammeln wir die Asche und Sie +bewahren dieselbe in einer kostbaren Urne auf, welche die Inschrift trägt: +Diese Urne birgt die Asche der Blumensträuße meiner geliebten sieben +Freundinnen in der Pension. - Wie gefällt Ihnen diese Idee?« + +»O, Sie sind abscheulich!« rief sie. »Sie wollen sich über mich lustig +machen? Trotzdem,« fügte sie echt logisch hinzu, »gefällt mir das +Verbrennen ganz gut. Errichten Sie schnell einen Scheiterhaufen, so viel +Zeit bis zu meiner Abfahrt bleibt mir noch, ich will die Blumen in Flammen +aufgehen sehen! Die Asche aber sammeln wir nicht!« + +Leo trug eilig etwas trockenes Reisig auf dem Kiesplatze vor dem Hause +zusammen und in wenigen Sekunden flackerte ein lustiges Feuer auf. + +Ein Strauß nach dem andern verfiel dem Feuertode, nur als Nellies Rosen an +die Reihe kamen, hielt Ilse ihm den Arm fest. »Halten Sie ein!« rief sie, +»der darf nicht geopfert werden, die Blumen meiner lieben Nellie bewahre +ich bis zu meinem Tode auf!« + +»Mit in das Grab,« fügte er neckend hinzu. + +Frau Gontrau, die mit ihrem Sohne Ilse bis zur Bahn begleiten wollte, +erschien jetzt fertig angekleidet in der Thüre und mahnte zum Aufbruch. + +Ilse ging in das Haus und nahm Abschied von dem Landrate. So gerne wäre er +mitgefahren und mußte nun des bösen Fußes wegen zurückbleiben. Es war eine +rechte Geduldsprobe für ihn. Noch einmal erinnerte sie ihn dringend an +seinen Schwur. »Sie müssen kommen!« war ihr letztes Wort. + +»Es bleibt dabei!« rief er ihr nach, »der Schwur gilt!« + +Als sie im Begriffe war, in den Wagen zu steigen, überreichte ihr Leo ein +kostbares Rosenboukett. + +»Die Blumen sind aus der Asche erstiegen,« sprach er, »Sie werden +dieselben nicht verschmähen,« fügte er hinzu, als sie vor Ueberraschung +vergaß, dieselben in Empfang zu nehmen. + +»O, wie reizend! Wie furchtbar liebenswürdig! Sie glauben nicht, wie ich +mich freue!« Mit holdem Erröten reichte sie ihm die Hand. »Ich danke Ihnen +tausendmal! Ich liebe die Rosen so sehr und so schön wie diese sah ich +noch keine. Wie sehr, wie furchtbar haben Sie mich erfreut!« Und sie +konnte den Blick nicht von den herrlichen Blumen wenden und wiederholte +noch einige Male: »ich freue mich zu sehr!« + +Leo lächelte seine Mutter an und sie verstand ihn wohl. War doch auch sie +entzückt über die kindliche Freude und die Anmut, mit der Ilse zu danken +verstand. + +Die Stunden vergehen schnell, besonders die glücklichen. Die Fahrt bis zum +Bahnhof war geschwunden, Ilse wußte nicht wie. Jetzt saß sie im Dampfwagen +und fuhr der Heimat zu. Ihre Gedanken schwirrten bunt durcheinander, sie +flogen voraus und träumten vom Wiedersehen - und sie kehrten zurück und +führten sie wieder nach Lindenhof. Es hatte ihr himmlisch dort gefallen! +Der Abschied war ihr beinahe schwer geworden. Leo hatte ihr die Hand +geküßt und sie hatte es sich gefallen lassen. Ob das wohl recht war? Am +Ende hätte sie ihm die Hand entziehen müssen? - »Ach,« seufzte sie laut, +zum Glück war sie allein im Koupee, »ach! Es ist doch zu öde, wenn man gar +nicht weiß, wie man sich zu benehmen hat! Am Ende spottet er jetzt über +mich!« Sie errötete bei diesem furchtbaren Gedanken. Da fiel ihr Blick auf +den Rosenstrauß, und wie sie den süßen Duft desselben einatmete, stand +plötzlich sein Bild lebhaft vor ihr. Ein wunderbares Gefühl überkam sie, +aber es war ihr fremd und sie schreckte davor zurück. Sie legte den Strauß +aus der Hand und erhob sich. Sie wollte nicht weiter an ihn denken, sie +wollte es nicht! + +Um sich zu zerstreuen, blickte sie zum Fenster hinaus. Erst auf der einen, +dann auf der andern Seite. Aber sie sah nicht viel, nichts als leere +Stoppelfelder, das war langweilig. + +Sie setzte sich wieder und nahm ihre Handtasche vor. Nachdem sie ein +Weilchen darin gekramt, fiel ihr ein Buch in die Hände, das Nellie ihr +hineingesteckt hatte, damit sie Unterhaltung habe. Sie hatte gar nicht +daran gedacht, jetzt griff sie freudig nach Chamissos Gedichten. Im +Begriffe, das Buch zu öffnen, fiel ihr etwas ein. »Halt,« sagte sie für +sich, »jetzt werde ich das Orakel befragen, wie Flora uns gelehrt hat.« +Sie schlug drei Kreuze über das Buch und sah gen Himmel dabei, dann +öffnete sie es schnell und die erste Zeile, auf die ihr Blick fiel, hieß: + + »Helft mir, ihr Schwestern, Kränze zu winden -« + +»Unsinn! Ich will es nicht gelten lassen!« rief sie, »also noch einmal!« +Das Buch wurde wieder geschlossen und recht, recht fest zusammengedrückt, +dann wieder die drei üblichen Kreuze, wieder langsam und feierlich +geöffnet - und siehe da, dieselben Worte gaben ihr Antwort auf ihre Frage. + +»Sonderbar! furchtbar sonderbar!« dachte sie sinnend und einen Augenblick +war sie in Versuchung, der prophetischen Stimme zu glauben, dann aber +siegte ihre gesunde Vernunft. + +»Es ist doch nur ein Zufall und die ganze Geschichte dummes Zeug!« Mit +diesem vernünftigen Gedanken gab sie alle Schicksalsfragen auf und +vertiefte sich in Chamissos herrliche Gedichte. Einige Male freilich +ertappte sie sich auf dem Wege nach Lindenhof und Leos Bild neckte sie aus +den Zeilen, aber sie wehrte sich tapfer gegen diese Traumbilder. Sie +schwanden von selbst, je näher sie der Heimat kam. Sie legte das Buch +beiseite und blickte zum Fenster hinaus. Schon erkannte sie verschiedene +Ortschaften, die in der Nähe von Moosdorf lagen, schon konnte sie den +Bahnhof erkennen! Ihr Herz schlug vor Erwartung und Freude, ihre Augen +flogen voraus und jetzt erkannte sie die Eltern, die auf dem Perron +standen, um sie in Empfang zu nehmen. + +Welche Seligkeit ein Kind empfindet, wenn es nach langer Trennung zu den +geliebten Eltern zurückkehrt, das, meine jungen Leserinnen, kann nicht +geschildert, sondern muß empfunden werden. Ilse lag in den Armen ihres +Vaters und dachte an nichts weiter, als an das Glück, wieder daheim zu +sein. + + [Illustration] + +»Bist du groß geworden!« rief der Oberamtmann und betrachtete sie mit +stolzer Freude; »ich hätte dich kaum wiedererkannt! Als halbes Kind gingst +du von uns und jetzt kehrst du heim als junge Dame!« + +Er hielt sie noch immer in seinen Armen und konnte sich nicht satt sehen +an ihr. Sanft entwand sie sich ihm, noch hatte sie die Mutter nicht +begrüßt, die mit Thränen im Auge daneben stand und ihr die Arme +entgegenstreckte. Ilse flog an ihr Herz und umschlang sie innig. + +»Meine liebe Mama!« das war alles, was sie sagen konnte. Und Frau Macket +verstand sie, innig drückte sie ihr Kind an sich, sie wußte, daß sie jetzt +sein Herz für immer gewonnen hatte. + +»Hier ist noch jemand, der dich begrüßen will, Kleines,« unterbrach der +Oberamtmann die kleine rührende Szene, die ihn selbst schon ganz +weichmütig machte, »sieh, Onkel Curt, berühmter Maler und Afrikareisender, +möchte gern deine Bekanntschaft machen!« + +Ilse reichte ihm die Hand und stand nun einem wirklichen Künstler +gegenüber. Ob sie ihn »reizend« fand? - Als sie ihn ansah, den +mittelgroßen, etwas breitschultrigen Mann, in der Samtjoppe, die mehr +bequem als elegant saß, mit dem breitkrempigen Hute, der ein braun +gebranntes, etwas verwittertes Gesicht tief beschattete, da drängte sich +unwillkürlich ein andrer in ihre Gedanken und sie verglich. »Die Juristen +gefallen mir doch besser als die Künstler,« - so meinte sie still in ihrem +Herzen. + +Ehe Ilse in den Wagen stieg, wurde sie von Johann feierlich begrüßt. Zur +besonderen Ueberraschung hatte er Bob mitgebracht, der nun in toller, +ausgelassener Freude seine Herrin begrüßte. Johann vergaß dabei seine +Empfangsrede, die er sich mühsam zurechtgedacht hatte. Verlegen drehte er +seine Mütze und sein breiter Mund zog sich von einem Ohre zum andern. + +»Da ist der Hund, Fräulein Ilschen,« sagte er. »Das unvernünftige Vieh hat +das Fräulein gewissermaßen gleich erkannt. Ich auch, wenn auch das +Fräulein gewissermaßen schön und stattlich geworden sind, wie ein +Kürassier.« - Diesen wunderlichen Vergleich gebrauchte Johann nur bei ganz +außergewöhnlichen Gelegenheiten, er galt für ihn als höchster Ausdruck des +Vollkommnen. + +Alle lachten und Ilse reichte dem Freunde ihrer Kindheit die Hand. + +»Es ist gut, Johann,« sagte der Oberamtmann, »du hast eine schöne Rede +gehalten. Nun aber steige auf und lasse die Pferde tüchtig zugreifen, in +einer halben Stunde müssen wir in Moosdorf sein.« + +Im Vaterhause war alles festlich bereitet. Fahnen, Kränze, Blumen, sogar +eine Ehrenpforte mit einem mächtigen »Willkommen!« begrüßten die +heimkehrende Tochter. - Aber sie hatte nur einen flüchtigen Blick für alle +Herrlichkeiten, ihre Ungeduld trieb sie hinein in das Haus, sie mußte +zuerst das Brüderchen sehen. + +Frau Anne, die vor ihr hineingegangen war, trat ihr schon mit demselben +entgegen. + +»Du süßer, süßer Junge!« rief Ilse im höchsten Entzücken und der prächtige +Knabe streckte ihr jauchzend seine Aermchen entgegen. + +»Er will zu mir, Mama, darf ich ihn nehmen?« Glücklich lächelnd reichte +die Frau ihr den Kleinen. Und Ilse tanzte mit ihm im Zimmer herum und +küßte und herzte ihn, bis er zu weinen anfing. + +Die Mutter nahm ihr den kleinen Schreihals ab. »War ich zu wild, Mama?« +fragte Ilse bedauernd, »sei mir nicht böse darum! Ich freue mich ja zu +furchtbar über ihn! - Was er für dicke Aermchen hat,« fuhr sie zärtlich +fort und küßte dieselben. »Ach, und die lieben, schönen Guckäuglein +schwimmen in Thränen! Daran ist nur die böse, böse Schwester schuld, mein +kleines Herz!« + +So plauderte Ilse bunt durcheinander und war so glücklich wie ein Kind am +Weihnachtsabend, wenn es seine neue Puppe begrüßt. Sie mochte sich gar +nicht von dem Kinde entfernen, bis endlich die Mama dasselbe der Wärterin +übergab. + +»Nun ist es genug, Kind,« scherzte Frau Anne, »du verwöhnst mir sonst den +Jungen, auch vergißt du uns andre darüber. Sieh! Papa und der Onkel stehen +schon wartend da, sie wünschen, daß du sie in das Speisezimmer hinüber +begleitest. Oder möchtest du erst einmal hinauf in dein Zimmer gehn?« + +Sie ergriff Ilses Arm und führte sie in die obere Etage, die beiden Herren +folgten ihnen, und Ilse mußte darüber lachen, sie ahnte ja nicht, weshalb +sie es thaten. + +Es war eine großartige Ueberraschung, die ihrer wartete. Als sie ihr +Zimmer betrat, blieb sie sprachlos an der Thüre stehen. Sie erkannte die +früheren Räume nicht wieder. Wohn- und Schlafgemach hatten die Eltern im +altdeutschen Stil eingerichtet. Nichts war vergessen. Vom Schreibtisch bis +auf die kleine Schmucktruhe, die vor dem Spiegel auf einem Schränkchen +stand. Sogar eine Staffelei war am Fenster aufgestellt. + +Ilses Freude war unbeschreiblich, die Eltern hatten ja ihre kühnsten +Wünsche erfüllt. - Etwas befangen betrachtete sie Staffelei und Maltisch. +»O, Papa,« sagte sie schüchtern, »das ist zu schön für mich, ich kann ja +noch gar nicht malen.« + +»Bedanke dich bei dem Onkel dafür, er ist der Anstifter davon!« entgegnete +der Oberamtmann. »Er hat versprochen, dein Lehrmeister zu sein, das heißt: +solange der Wandervogel bei uns aushalten wird.« + +Nach dem Essen schlich sich Ilse hinaus in den Hof, sie mußte es fast +heimlich thun, denn der Papa konnte sich heute nicht von ihr trennen. +Johann hatte auf diesen Augenblick längst gewartet und stand schon bereit, +das Fräulein zu führen. + +Zuerst mußte sie ihm in den Pferdestall folgen, und als sie die Runde +durch sämtliche andre Ställe gemacht, alle Kühe, Hunde u. s. w. begrüßt +hatte, da wollte er ihr auch noch den neuen Schweinestall zeigen, diesen +Besuch aber schob Ilse bis auf eine andre Zeit auf. + +»Schade, schade,« meinte Johann und machte ein niedergeschlagenes Gesicht, +»ich hätte dem Fräulein so gern das neue Schweinehaus gezeigt. Es ist +gewissermaßen schön drin, man könnte selbst drin wohnen.« + +»Morgen, Johann,« entgegnete Ilse, »heute habe ich keine Zeit mehr dazu, +ich muß zu den Eltern.« + +Kopfschüttelnd blickte der Kutscher ihr nach. »Früher hätte sie das nicht +gesagt,« sprach er für sich und bedenklich setzte er hinzu: »Sollte sie +vornehm geworden sein?« + +Als der Tag zu Ende war, als Ilse allein in ihrem Zimmer saß, um zur Ruhe +zu gehen, hielt sie zuvor noch eine Einkehr in ihr Herz. Der heutige Tag +war so reich an wechselvollen und freudigen Eindrücken gewesen, was lag +nicht alles zwischen Abend und Morgen! Trennung und Wiedersehn! War sie +wirklich erst heute früh von Lindenhof abgefahren, und hatte sie erst +gestern morgen die Pension verlassen? Der Abschied von dort schien schon +so weit hinter ihr zu liegen. - + +Es war so süß, mit wachen Augen noch etwas zu träumen, und sie mochte noch +nicht an den Schlaf denken. Ihr Blick fiel auf den geöffneten Reisekoffer +und sie bekam Lust, denselben auszupacken. Sie fing auch an, einige Sachen +herauszunehmen und in die herrlich geschnitzte Kommode zu räumen, dabei +mußte sie sich an Nellie erinnern; es fiel ihr ein, wie treu und lustig +sie ihr geholfen hatte, damals, am ersten Tage in der Pension. Die gute, +geduldige Nellie! Wäre sie doch gleich bei ihr! + +Als sie ihr Tagebuch aus dem Koffer nahm, behielt sie es sinnend in der +Hand. Was es enthielt, waren nur weiße Blätter, denn nie hatte sie das +Bedürfnis gefühlt, ihm etwas anzuvertrauen. Wie in halber Zerstreuung +schloß sie es auf und legte es geöffnet auf den Schreibtisch. Sie griff +nach der Feder, tauchte sie ein und plötzlich - wie von einer inneren +Macht getrieben, schrieb sie die Worte nieder: »Seit ich ihn gesehen -« + +Weiter kam sie nicht. Sie warf die Feder weit von sich und hielt beide +Hände vor ihr heißerglühtes Gesicht. Eine tiefe Beschämung preßte ihr die +Brust zusammen. Was hatte sie geschrieben, wessen Bild hatte ihr die Worte +diktiert? + +Als ob sie sich auf einem schweren Unrecht ertappt, so schnell schloß sie +das Buch und barg es in einem versteckten Fach ihres neuen Schreibtisches. +Fort mit den thörichten Gedanken, die ihr Unruhe machten und an denen nur +Chamissos Lieder die Schuld trugen! Sie wollte sie niemals wieder lesen - +niemals! - + +Drei Wochen waren Ilse im elterlichen Hause vergangen und sie fühlte sich +so glücklich und wohl darin, wie nie zuvor. Gleich in den ersten Tagen +hatte sie ihre Zeit nützlich eingeteilt. Auf ihren Wunsch gab ihr der +Prediger noch einige Nachhilfestunden in verschiedenen wissenschaftlichen +Fächern. Er war überrascht über die Fortschritte seiner früheren +Schülerin, besonders aber freute er sich über ihren Ernst, ihre +Beständigkeit beim Lernen. Er hatte sich nicht geirrt, als er die Pension +einen Segen für Ilse genannt. + +Auch Frau Anne segnete das Institut, das aus dem wilden Kinde eine +liebliche, sinnende Jungfrau geschaffen hatte. Eine solche Umwandlung +hatte sie vor Jahr und Tag kaum für möglich gehalten. An Ilses gutem +Herzen hatte sie niemals gezweifelt, aber sie war überrascht von der +geduldigen Liebe, die sie dem kleinen Bruder entgegenbrachte. Nur der +Amtsrat konnte sich noch nicht in sein verändertes Kind finden. Manchmal +sah er es prüfend von der Seite an, als ob er fragen wollte: »Ist sie es, +oder ist sie es nicht?« + +»Ich weiß nicht,« sagte er eines Tages zu seiner Gattin, »Ilse ist mir zu +zahm geworden. Ich kann mir nicht helfen, aber mein unbändiges Kind mit +dem Loch im Kleide gefiel mir besser, als die junge Dame im modischen +Anzuge.« + +»Aber Ilse ist jetzt wirklich eine junge Dame, lieber Richard,« lachte +Frau Anne, »sie ist kein Kind mehr und du mußt dich daran gewöhnen, sie +nicht mehr als solches anzusehn. Uebrigens ist sie so heiter und +ausgelassen wie früher, nur hat sie gelernt, ihren Uebermut zu zügeln. Ich +bin sehr zufrieden, wie sie ist, und bin ganz stolz auf mein Töchterchen.« + +»Du magst ja recht haben,« entgegnete Herr Macket, ohne indes von der +Wahrheit ihrer Worte überzeugt zu sein, »und mit der Zeit werde ich mich +auch an das erwachsene Mädchen gewöhnen, aber ich glaube, es wird noch +mancher Tag darüber hingehn.« + +»Wer weiß! Wer weiß! Ilse reißt dich vielleicht, ehe du es denkst, aus +deiner Täuschung und giebt dir den Beweis, daß sie kein Kind mehr ist.« + +»Ich verstehe dich nicht, liebe Anne,« sagte der Oberamtmann und sah seine +Frau fragend an, »du sprichst so geheimnisvoll und machst mich neugierig.« + +»Ich habe eine Beobachtung gemacht und glaube nicht, daß ich mich täusche. +Der junge Gontrau ist Ilse nicht gleichgültig geblieben.« + +Sprachlos blickte Herr Macket seine Frau an. Eine solche Möglichkeit zu +fassen, war er nicht im stande, sie war ihm noch niemals in den Sinn +gekommen. + +»Du irrst, Anne,« sprach er endlich, »das ist geradezu unmöglich. Oder,« +fügte er besorgt hinzu, »hat sie dir etwa ein Geständnis abgelegt?« + +»Behüte Gott,« wehrte Frau Anne ab, »wo denkst du hin? Ilses Herz ist wie +eine Sinnpflanze, die ihre Blätter schließt bei der leisesten Berührung. +Noch weiß und ahnt sie selbst nichts von ihren Gefühlen, in ihrer +kindlichen Unbefangenheit hat sie mir ihr Geheimnis verraten. Sie spricht +gern und oft von Gontraus und weilt am liebsten in ihrer Erinnerung bei +dem Sohne, von dem sie ausführlich jede Kleinigkeit erzählt. Du müßtest +sie hören, wenn sie die Erkennungsszene am Bahnhof in Lindenhof erzählt, +und sehen, wie ihre Augen dabei strahlen.« + +»Nun ja,« fiel er ihr ins Wort, »das war romantisch! Du bist eine so kluge +Frau, mein Annchen, weißt du denn nicht, daß alle Backfischchen gern +schwärmen?« + +»Höre nur weiter zu, Richard. Neulich fragte sie mich ganz aus dem +Stegreife, ob ich den Namen {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Leo{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} schön fände, und ob Juristen kluge +Menschen wären? Den Rosenstrauß, den sie bei ihrem Abschied erhielt, hat +sie aufbewahrt. Als neulich die Hausmagd denselben wegwerfen wollte, ward +sie fast ärgerlich. Sie nahm ihr denselben aus der Hand und steckte die +vertrockneten Blumen in eine Vase, die heute noch auf ihrem Schreibtische +steht.« + +»Ist das alles, was du weißt?« lachte der Oberamtmann vergnügt und auch +sehr erleichtert, »dann muß ich dir sagen, liebes Kind, daß deine +Beobachtungen auf sehr wacklichen Füßen stehen. Ich kenne meinen Wildfang +besser und weiß, daß er noch fern von solchen Allotrias ist. Ilschen +verliebt! Ha, ha, ha! Vergieb, Frauchen, daß ich dich auslache, aber ich +kann nicht anders!« + +Sie mochte nicht weiter seine sichere Unbefangenheit stören und brach das +Gespräch ab. »Was kommen soll, kommt doch,« dachte sie, »und wer kann +sagen, wie bald!« - Wenige Tage nach diesem Gespräche fand das Erntefest +statt. Frau Macket und Ilse befanden sich am Morgen dieses Tages in dem +großen Gartensaale. Sie ordneten noch hier und da einiges an der gedeckten +Tafel, die festlich geschmückt und zum Empfange vieler Gäste bereit stand. +Ilse beschäftigte sich damit, die Vasen mit Blumen zu füllen. Es war ihr +so vergnügt und froh um das Herz und singend und trällernd verrichtete sie +ihre Arbeit. + +»Mama,« unterbrach sie sich plötzlich, »weißt du, daß ich eigentlich recht +betrübt heute bin?« + +»Nein,« entgegnete die Angeredete lächelnd, »davon habe ich noch nichts +gemerkt. Weshalb wolltest du auch betrübt sein?« + +»Weil Nellie mir nicht geschrieben hat. Ich habe sie so herzlich zu unsrem +Erntefeste eingeladen und sie hat mir keine Antwort darauf gegeben. Heute +sind es sechs Tage, daß ich ihr schrieb.« + +»Sie wird keine Erlaubnis erhalten haben, Kind. Du zweifeltest selbst +daran, hast du das vergessen? Es wird ihr sehr schwer werden, dir der +Vorsteherin abschlägige Antwort mitzuteilen. Oder sollte sie dich heute +unangemeldet überraschen?« + +»Das wäre famos, himmlisch! Gontraus und Nellie hier - dann wären alle +meine Wünsche erfüllt! Aber daran ist nicht zu denken, Fräulein Raimar +erlaubt das auf keinen Fall. Nellie muß immer lernen und immer lernen. Ach +Mama! Es muß furchtbar schrecklich sein, eine Gouvernante zu werden! +Findest du nicht auch?« + +Frau Anne versuchte, Ilse von ihrem Vorurteile zu heilen, aber vergeblich. +Sie blieb dabei, Gouvernanten könnten nur alte Mädchen werden und ihre +Nellie passe gar nicht dazu. + +Plaudernd und singend hatte Ilse endlich sämtliche Vasen gefüllt und auf +der Tafel verteilt. Sie stand noch bewundernd vor ihrem Werke, als die +Mutter sie antrieb, sich anzukleiden. + +»Es ist hohe Zeit, Ilse, wir müssen uns eilen, in einer Stunde wird Papa +mit Gontraus zurück sein.« + +Wie ein Vogel flog Ilse die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Kaum hatte sie +indessen mit ihrer Toilette begonnen, als ihr die Magd einen Brief +überbrachte, den der Briefträger soeben für sie abgegeben hatte. Er war +von Nellie. Sie erbrach ihn sofort und las. + +Die ersten Worte schon brachten sie in eine lebhafte Aufregung, kaum +vermochte sie weiter zu lesen. Mit stockendem Atem überflog sie die +Zeilen, und als sie zu Ende war, eilte sie mit dem Briefe hinunter in der +Mutter Gemach. Sie hätte es nicht ausgehalten, die wichtige Neuigkeit, die +sie eben erhalten, länger für sich zu behalten. + +»Mama!« rief sie ganz atemlos, »ein Brief von Nellie! Ich muß ihn dir +vorlesen!« - Und sie begann: + + + + + + +»Mein süß Ilschen! + +»Ich bin eine Braut! O! und ein sehr glückliches Braut! Errätst Du, mit +wem? Ja? O Ilse, Doktor Althoff ist meiner liebe, liebe Schatz! Ich möchte +gleich Deine liebes Gesicht schauen, wenn Du diese groß Ereignis liest, +ich sehe, wie Du Dein braun Lockenkopf schüttelst und höre Dir rufen: +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nellie will mir pfoppen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Aber nein, sie pfoppt Dir nicht, alles, was sie +heute schreibt, ist wahr. Du sollst alles wissen, meine liebe Freundin, +ich will erzählen, wie es kam. O, es ist ein schwer' Aufgabe für mich, - +ich bin so zerwirrt vom Glück und ich finde mir so schlecht zurecht mit +der deutsch Sprache. Du mußt Geduld mit Dein Nellie haben, die eigentlich +sehr dumm ist! Ich schäm' mir, Ilse, wenn ich denke an mein furchtbaren +Dummheit. Es ist mir ein Rätsel, wie Alfred mir lieb haben kann. - Doch +still darüber. - Höre weiter. + +»Mit Dein lieber Brief, den Du mir schriebst, wo Du mir zu Dein Erntefest +einladest, kam ein andern Brief an Fräulein Raimar. Als ich nun begriffen +war, in ihr Zimmer zu steigen, um sie recht für die Erlaubnis zu bitten, +tritt sie ganz plötzlich - ohne Anmeldung bei mir ein. Das war ein Wunder, +denn sie macht uns niemals ein Visite, immer läßt sie uns rufen, wenn sie +einiges von uns will. Ich errötete vor Schreck, Du kannst denken. +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nellie,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} spricht sie und hält ein offner Brief in ihr Hand, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}dieses +Schreiben hier enthält die Anfrage an mir, ob ich nicht ein junge +Engländerin zu sofortiger Antritt empfehlen kann. Vollkommen deutsch +braucht diese nicht zu sprechen, sie soll nur die drei Kinder englisch +beibringen. Ich denke Dir vorzuschlagen, Nellie, bist Du einverstanden? +Die Dame bietet hohe Gehalt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»Ich glaube, daß ich ein sehr traurig Gesicht machte zu ihr Vorschlag und +ich konnte auch gar nix sagen. Dein Brief hielt ich noch in die Hand, aber +ich habe nicht gewagt, Fräulein Raimar zu sprechen, sie hätte doch mein +Bitten abgeschlagen. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du hast wohl keine Lust,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte sie, weil ich schweigend war. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}O, gar keine Lust,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} dacht' ich, aber ich durft' nicht sagen, wie +furchtbar schrecklich mich der Gedanke war, ein Vierteldutzend Kinder zu +unterrichten. Immer so weise und artig sein, - immer so mit der guten +Beispiel vorangehn - nein, das macht mir gar nicht Spaß. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Bestimmen Sie für mir, Fräulein,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte ich, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich werde thun, wie Sie +denken. Werde ich aber klug genug sein, zu ein' so großer Aufgabe?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Laß das meine Sorgen sein,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte Fräulein Raimar sehr bestimmend, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich +würde Dich nicht empfehlen, wenn ich nicht wüßte, daß Du diese Stellung +vollkommen erfüllen kannst.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»Damit verließ sie mir und ich blieb tief betrübt zurück. + +»Die Zubereitung für mein Abreise wurde gemacht und ich hatte viel zu +thun, o - und viel zu hören! + +»Miß Lead hielt langen, strengen Predigten und vorbereitete mich zu eine +würdige Gouvernante. Fräulein Raimar mahnte mir täglich zu Ernst und +Gediegenheit, nur Fräulein Güssow sah mir oft mit ein lang traurigen Blick +an, der zu mich sprach: Thust mich leid, Darling, daß Du unter fremde +Leute dienen mußt. + +»Der ernste Abschiedstag war da. Es war der achtundzwanzigste September, +morgens 11 Uhr, ein Stunde vor meine Abreise. Ich saß in mein Zimmer auf +mein Reisekoffer und weinte. Ich war so gefüllt von Kummer, das Herz +drückte mir so schwer wie ein Mühlstein in der Brust. Kannst Du Dich das +vorstellen? Nein, süß Ilschen, Du kannst nicht. Als Du von uns gingst, +weintest Du auch und warst sehr betrübt, aber Du kehrtest in ein liebe +Vaterhaus heim und Deine Eltern trocknete Deine Thräne, - wer trocknet +meine? Niemand. Ich ging fort in die Fremde und {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ka Katzerl, ka Hunderl{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} +kümmert sich um mir. Ich wünschte mir tot zu liegen, wie unsre süße Lilli. + +»Wie ich mir so ganz verlassen fühle und laut schluchze, steht plötzlich +Doktor Althoff, mein Doktor Althoff vor mir. Ich hatte ihn nicht gehört, +als er anklopfte und die Thür öffnete. Du kannst mein Schreck denken! Ich +spring' von mein Reisekoffer und halt' das Tuch vor mein weinend Gesicht, +ich schämte mir so. + +»Leise zog er es fort und fragte mich mit seiner schöner, tiefer Organ: +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warum weinen Sie, Miß Nellie? Thut Sie es weh, aus dem Institut zu +scheiden, möchten Sie hier bleiben!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»Ich sagte gar nix, weil ich nicht konnte vor lautes Schluchzen. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sehen Sie mich an, Miß Nellie,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} bat er, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich möchte gern in Ihr Auge +sehen bei das, was ich Sie fragen will.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»Ich versuchte ihn anzublicken, aber ich mußt' mein Auge niederschlagen, +er hatte ein so sonderlicher Blick, niemals hat er mir so angesehen. O, +ich ward so angst und es lief mich ganz heiß über mein Gesicht. Er griff +mein' Hand und hielt sie fest und dann - ich weiß nicht, wie es kam - mit +einem Male hatte er mir in seinen Arm genommen und fragte: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Haben Sie mich +lieb, Nellie?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»Ilse, kannst Du Dich denken, was ich empfand bei diese Frage? Es war, als +ob der Himmel plötzlich offen war und alle Seligkeit auf mein Haupt +schüttelte. Im Wachen und im Träumen immer hör' ich dieser Wort in mein +Ohr und zuweilen denk' ich, es ist alles nicht wahr! Doch höre weiter. Du +bist mein best' Freundin und nichts soll dir verborgen sein. + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Hast Du mich lieb?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte er noch einmal, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}willst Du mein kleines Frau +sein?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}O ja - herzlich gern,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte ich und ich weiß nicht, ob es sehr +geschickt (schicklich) vor mich war, daß ich so schnell und ohne Besinnen +mein Jawort gab, aber ich konnte nicht anders, ich hatte ja mein Alfred +schon lange still in mein tiefster Herz geliebt. + +»Und nun küßte er mir auf die Stirn und nannte mir seine Braut. Mein +Seligkeit war ohne Grenzen, ich war nicht mehr verlassen, hatte mit ein +Mal ein wonnige Heimat gefunden. + +»Als wir uns verlobt hatten, gingen wir sogleich zu Fräulein Raimar und +Alfred stellte mir als seine Braut vor. O, Ilse! Du hättest die erstaunte +Gesichter sehen müssen! Es war zu spassig! Fräulein Raimar weniger, sie +weiß immer so gut ihr Gesicht in die gleiche Falte zu legen, man weiß +nicht, ob sie Freude oder Trauer hat. Aber ich glaube, diesmal hatte sie +Freude, denn sie nahm mich in ihr Arm und küßte mir. Zu Alfred sagte sie: +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wie ist das so schnell gekommen, Herr Doktor? Ich habe niemals von Ihr +Neigung gemerkt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich bin selbst erst klar geworden, als ich Nellie verlieren sollte,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} +sagte Alfred und bat Fräulein Raimar, die Gouvernante abzubestellen und +mir unter ihr mütterlicher Schutz zu behalten, bis wir heiraten. Sie hat +es versprochen. So blieb ich hier und packte meine ganze Siebensachen +wieder aus. + +»Miß Lead glückwünschte mir auch, aber wenn sie auch meiner Landsmann ist, +war sie doch kalt wie ein Frosch. Ich glaube, sie hat viel Neid. Aber ich +mache mir nix davon und strahle voll Wonne. Fräulein Güssow freut sich +furchtbar über mein Glück, ich habe sie so lieb als eine Schwester und +bitte jetzt alle Tag der liebe Gott, daß er sie von ihr schwer' Beruf +ablöse, sie ist zu gut für ein streng' Lehrerin. + +»Unsre Freundinnen waren reizend nett! das heißt nicht alle, denn Melanie +und Grete sind schnell abgereist, weil ihr Mutter krank war, sie wissen +noch nichts. Orla beschenkte mir gleich mit ein kostbar Armband zum +Andenken und zur Freude über unsre Verlobung. Das klein' Lachtaube konnte +vor Lachen kein Wort sagen. Rosi sprach {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}artige{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Worte wie immer, und +Flora? Sie machte ein lang Gesicht und sah Alfred mit ein schwärmerischer +Blick an, dann drückte sie uns stumm die Hände. Gestern hat sie mir mit +ein lang {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Elegie an ein Braut{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} beglückt, sie ist sehr schön wie alle +Gedichte von Flora. + +»Heute früh ist mein Alfred abgereist zu sein Mutter, das war ein sehr +schwer' Abschied! Wir fühlten uns gegenseitig ein wenig schwanken, doch +ließe wir die Kopfe nicht fallen. Ich schluckte die Thränen tapfer hinter, +Fräulein Raimar sollte mir nicht schwächlich sehen. Alfred kommt ja auch +bald zurück, nur acht Tage ist er fort. + +»Nun leb' wohl, _dear_ Ilschen. Ich habe Dir ein langer, langer Brief +geschrieben, nun antworte mich gleich, bitte, bitte! Ich freu' mir +furchtbar auf Dein Brief, Du kommst doch zu mein Hochzeit? Neujahr werden +wir getraut. Tausend Küsse, mein Herzkind, und grüße Deine lieber Eltern +und das klein Babi von + + Dein + seligste Nellie.« + + + + + + +»Nellie Doktor Althoffs Braut!« rief Ilse jubelnd. »Nun wird sie keine +Gouvernante, Mama!« + +»Nein, nun hat sie die beste Heimat gefunden!« entgegnete Frau Macket, die +zuweilen über Nellies komische Ausdrücke gelacht, zuweilen aber auch eine +Thräne der Rührung nicht zu unterdrücken vermocht hatte, »sie ist dem +alleinstehenden Kinde von Herzen zu gönnen. Es muß ein liebes, drolliges +Geschöpfchen sein, ihr Brief giebt ein sprechendes Zeugnis davon.« + +Wenn Ilse auf dieses Kapitel kam, war sie unerschöpflich. Frau Anne mußte +sie ernstlich mahnen, sich anzukleiden. + + [Illustration] + +»Gleich, Mama, gleich! Ich werde mich furchtbar eilen!« Aber zwischen Thür +und Angel wandte sie sich noch einmal, um zu fragen, warum Doktor Althoff +sich wohl gerade in Nellie verliebt haben möge. Die Antwort auf diese +sonderbare Frage wartete sie indes nicht ab, sondern sprang die Treppe +hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. + +»Nellie Braut!« Ihre Gedanken konnten sich nicht davon trennen. Sie +durchlebte mit der Freundin das wichtige Ereignis von Anfang bis Ende und +war so der Gegenwart entrückt, daß sie lauter Verkehrtheiten machte. + +Anstatt des weißen Battistkleides hatte sie ihr Morgenkleid übergezogen, +sie merkte es erst, als sie die blaßroten Schleifen daran befestigen +wollte. Eilig machte sie ihren Fehler gut. Aber ihre Toilette war noch +nicht vollständig vollendet, als sie dem Verlangen nicht widerstehen +konnte, erst noch einmal Nellies Brief zu durchfliegen. »Haben Sie mich +lieb?« »Willst Du mein kleine Frau sein?« Diese Stelle war zu schön, sie +mußte sie nochmals lesen, dann ließ sie den Brief in den Schoß sinken und +sann und träumte, ohne daß sie es wußte, wiederholten ihre Lippen die +Worte: »Hast Du mich lieb?« + +Der Ruf der Mutter, die an die verschlossene Thür klopfte, schreckte sie +auf und brachte sie in die Wirklichkeit zurück. Da lagen die Schleifen, +dort die Blumen, an nichts hatte sie gedacht. + +»Geh nur hinunter, Mama, ich folge dir gleich!« rief sie und sprang in die +Höhe. + +Aber Frau Anne ließ sich nicht abweisen, »sie müsse erst Ilses Anzug +prüfen,« rief sie zurück. + +»Noch nicht fertig!« schalt sie eintretend. »O, du böse Ilse, was hast du +gemacht? Warum ließest du dir nicht von Sofie helfen, wenn du allein nicht +fertig werden konntest! Nur schnell, schnell! Jeder Augenblick ist +kostbar!« + +Unter ihren geschickten Händen stand Ilse bald fertig geschmückt da. Frau +Anne betrachtete sie mit freudigen Blicken, so reizend hatte sie ihr Kind +noch niemals gesehen. War der duftige Anzug daran schuld? Oder hatten die +Augen einen besonderen Glanz? + + * * * + +Kaum zehn Minuten später kam der Wagen vom Bahnhof zurück und brachte die +Gäste. Der Landrat stieg zuerst aus demselben. Ungeniert nahm er Ilse, die +mit ihrer Mama zum Empfange bereit stand, in die Arme und küßte sie auf +die Wange. Leo begrüßte die Damen mit einem Handkuß. Ilse wußte jetzt, wie +sie sich bei einem so kritischen Falle zu benehmen hatte, sie zog die Hand +nicht fort, die Mama hatte es auch nicht gethan. + +Die Eltern führten Gontraus hinauf in die bereitstehenden Gastzimmer, Leo +blieb noch zögernd auf der Veranda stehen. Er trat zu Ilse, die etwas +entfernt von ihm stand. Sie lehnte gegen einen Pfeiler und zupfte sehr +eifrig an einer Weinranke. Sein Blick ruhte auf dem reizenden Mädchen, das +ihm in den wenigen Wochen, seit er sie nicht gesehen hatte, größer und +schöner geworden schien. + +»Sie sind so still und so ernst,« redete er sie an, »gar nicht wie im +Lindenhof. Wo ist Ihr fröhlicher Uebermut geblieben? Drückt Sie ein +Kummer?« + +»Kummer? o nein!« Und ihre Augen lachten ihn mit der alten Fröhlichkeit +an. »Im Gegenteil, eine große, große Freude habe ich gehabt!« Und sie +verkündete ihm Nellies Verlobung. + +Eigentlich wunderte es sie, daß er so wenig darauf zu erwidern hatte. Fast +keine Miene hatte er bei dieser hochwichtigen Nachricht verzogen. Sein +Blick hing unverwandt an ihren Lippen, und doch schien es, als wären seine +Gedanken in weiter Ferne. + +»Ist sie sehr glücklich?« fragte er in halber Zerstreuung. + +»Glücklich?« wiederholte Ilse verwundert über seine Frage. »Selig ist sie! +Sie müssen nur ihren Brief lesen!« + +»Lesen Sie ihn mir vor,« bat er. »Lassen Sie uns die schöne Einsamkeit +benutzen, jetzt sind wir ungestört.« + +»Das geht nicht! Nein, gewiß nicht!« rief sie beinahe ängstlich. Es +schreckte sie plötzlich der Gedanke: Wie kannst du ihm Nellies geheimste +Empfindungen offenbaren? - Doch war es dieser Gedanke allein, der sie so +seltsam beklommen machte? Entsprang die Furcht, mit ihm allein zu sein, +aus derselben Quelle? + +»Wenn ich Sie sehr darum bitte, auch dann nicht?« + +Sie war schon halb auf der Flucht, als seine dringende Bitte ihr Ohr +berührte. + +»Ich kann nicht! Ich habe im Hause zu thun! Später!« rief sie ihm verwirrt +zu, flog über die Veranda hinweg durch den Speisesaal bis in die +offenstehende Thür des kleinen Boudoirs der Mama. + +Er sah ihr nach, bis der Zipfel ihres weißen Kleides entschwunden war. Auf +seinem Antlitz spiegelten sich die verschiedensten Gefühle, sie drückten +Zweifel, Hoffnung und Entzücken aus. + +Als Ilse so hastig in das kleine Zimmer trat, atemlos und mit heißen +Wangen, erschrak sie fast, als sie den Onkel antraf. + +»Nun, Backfischchen, was ist dir denn begegnet?« fragte er und legte das +Buch, in welchem er gelesen, aus der Hand. + +»O nichts, nichts, gar nichts!« rief sie schnell. »Ich bin nur so heiß und +mein Herz klopft so furchtbar.« + +Ehe er noch nach der Ursache ihrer Erregung fragen konnte, schnitt sie ihm +das Wort ab. »Eine furchtbar interessante Neuigkeit, Onkel Curt! Nellie +ist Braut!« + +Wer Nellie war, wußte er längst, oft genug hatte Ilse ihm in den +Malstunden, die sie mit vielem Eifer nahm, von ihr erzählt, aber wie sie +aussah, wußte er noch nicht, heute konnte sie ihm das Bild derselben +zeigen. Es war ihr jetzt das Album nachgesandt, welches Fräulein Raimar +ihr bereits bei der Abreise versprochen hatte. Es enthielt die Bilder der +Lehrerinnen und Freundinnen. + +»Also Nellies Verlobung macht dir Herzklopfen?« meinte er etwas +zweifelhaft lächelnd. »So, so! Sag' mal, Fischchen, sind Gontraus schon +da?« + +Diese Frage hatte Ilse überhört. »Hier ist Nellie!« fiel sie dem Onkel in +die Rede und reichte ihm das Album. »Sag', ist sie nicht reizend?« + +»Reizend? Das kann ich nicht finden,« entgegnete er etwas gedehnt und nach +einigen prüfenden Kennerblicken. »Anmutig, graziös, ja, der Mund ist +lieblich, Augen und Nase aber -« + +»Ach, Onkel,« unterbrach ihn Ilse, »du darfst sie nicht mit so kritischen +Blicken ansehen, du kannst mir glauben, Nellie ist reizend! Das Bild ist +auch schlecht, in Wirklichkeit ist sie viel hübscher!« + +Er hatte in dem Album weiter geblättert und nach dieser oder jener sich +erkundigt. Plötzlich fragte er erregt: »Wie heißt diese Dame hier?« + +»Das ist meine liebste Lehrerin, Fräulein Güssow. Wir hatten sie alle +furchtbar lieb und schwärmten für sie. Du kennst sie wohl?« wandte sie +sich fragend an ihn. Es fiel ihr auf, daß er das Bild so starr +betrachtete. + +»Ich kenne sie nicht, nein. Aber es muß mir im Leben ein Mädchen begegnet +sein, das diesem Bilde glich. Doch, das ist lange her. Wie alt ist deine +Lehrerin?« + +»Sie ist nicht mehr jung, schon siebenundzwanzig Jahre alt,« entgegnete +Ilse nach echter Backfischart. + +»Ja, da ist sie schon ein altes Mädchen,« bestätigte der Onkel. Aber nur +seine Lippen scherzten, sein Auge hing mit Ernst und Wehmut an dem +getreuen Bilde der Lehrerin. + +Wäre Ilse nicht so jung und allzu sehr mit ihrer eigenen kleinen Person +beschäftigt gewesen, es hätte ihr auffallen müssen, wie andächtig und wie +lange er das Bild betrachtete. »Du findest sie wohl hübsch?« fragte sie +unbefangen. + +»Wie heißt sie? Güssow?« fragte er, und jetzt hatte er ihre Frage +überhört. »Wie ist ihr Vorname?« + +»Charlotte.« + +»Lotte,« nickte er zustimmend, »ein schöner Name!« + +Er schloß das Album und nahm sein Buch wieder zur Hand. Ilses Anwesenheit +schien er vergessen zu haben. + +Sie kannte ihn schon als einen Sonderling, darum fiel ihr sein Wesen nicht +auf. + +»Komm mit hinaus auf die Veranda, Onkel,« bat sie, »Gontraus sind +gekommen.« Diese letzten Worte setzte sie mit abgewandtem Gesicht hinzu. + +»Ja, ja, bald!« entgegnete er zerstreut und ließ sich nicht stören. »Ich +folge dir gleich.« + +Zögernd und auf den Fußspitzen durchschritt sie den Speisesaal. Mehrmals +blieb sie stehen und lauschte. Alles war still. Als sie die geöffnete +Thüre erreicht hatte, bog sie den Kopf etwas vor und spähte nach beiden +Seiten; als sie die Veranda völlig vereinsamt sah, wagte sie sich hinaus. +Der Frühstückstisch stand bereit, sie machte sich daran zu schaffen, +horchte dann wieder, ob die Eltern noch nicht kämen. Sie blieben recht +lange. Wo sie nur verweilten? Wenn sie gewußt hätte, daß sie mit dem +Landrat und seiner Frau oben im Wohnzimmer waren, wo sie durchaus erst dem +kleinen Bruder eine Visite abstatten wollten, wie würde sie zu ihnen +geeilt sein. + +Endlich vernahm sie Schritte. War das der Onkel? Es war nicht sein +Schritt, auch würde er nicht durch die Hausflur und von außen herum auf +die Veranda gekommen sein. Vorsichtig lugte sie durch das Blätterwerk und +erkannte zu ihrem Schrecken - Leo. + +Das Blut schoß ihr in die Wangen und der Atem stockte ihr in der Brust. +Unmöglich konnte sie ihm jetzt gegenüberstehen! Sie würde nicht im stande +gewesen sein, ein Wort hervorzubringen, und wenn sie so stumm und dumm vor +ihm stand, was sollte er von ihr denken? + +Flucht! das war das einzige, was sie aus dieser peinlichen Lage befreien +konnte, aber es war zu spät, er hatte sie gesehen, und gerade, als sie +ihren eiligen Rückzug nahm, als sie den Salon bereits halb durchschritten +hatte, holte er sie ein. + +»Jetzt müssen Sie bleiben, gnädiges Fräulein,« sprach er scherzend, »ich +lasse Sie nicht fort! Sie haben mich auf {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}später{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} vertröstet und jetzt ist +es {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}später{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, und Sie werden sich allergnädigst herablassen, mir Miß +Nellies Brief vorzulesen! eine Frau - ein Wort!« + +Nun war sie gefangen! Entfliehen konnte sie ihm nicht mehr, es wäre zu +einfältig gewesen. Sie drückte die Hand fest auf das stürmisch klopfende +Herz und wandte sich um. Scheu, wie eine wilde Taube, die sich im Netze +gefangen hat, erhob sie das braune Auge und sah ihn an. + +Ihre Befangenheit entging ihm nicht, aber mit feinem Gefühle brachte er +sie mit leichtem Scherze darüber hinweg. Er bot ihr den Arm und führte sie +zu einer Ecke der Veranda, in welcher ein kleiner eiserner Tisch und zwei +Stühle standen. Die Oktobersonne stahl sich durch das blutrote Weinlaub +und neckte das junge Mädchen. Gerade in die Augen blitzte sie ihm ihre +Strahlen hinein, so daß sie dieselben schließen mußte. + +»Die Sonne blendet,« bemerkte Ilse und war froh, ein gleichgültiges Wort +gefunden zu haben. »Es ist auch so warm hier,« fuhr sie fort und erhob +sich. + +»Die böse Sonne! Wir wollen ihr aus dem Weg gehen!« Und er führte sie auf +die entgegengesetzte Seite. + +Hier war es schattig und kühl und Ilse hatte keinen Grund mehr, sich zu +erheben. Sie war auch nach und nach mehr Herrin ihrer Beklommenheit +geworden, und als er noch einmal an den Brief erinnerte, fand sie sogar +den früheren scherzhaften Ton. + +»Sie sind ein Quälgeist,« sagte sie. »Was kann es Sie interessieren, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}wie{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} +- und {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}was{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Nellie mir schreibt! Sie wollen nur darüber spotten und das +dürfen Sie nicht!« + +»Wie können Sie mich in so bösem Verdacht haben!« wehrte er ab. »Sie haben +mir Ihre Freundin so liebenswürdig geschildert, daß mein Wunsch, von ihr +zu hören, wie sie mit eigenen Worte von ihrem Glücke schreibt, ganz +natürlich ist.« + +Ilse sah ihn noch etwas ungläubig an, doch, da sie den spottenden Zug um +seinen Mund nicht entdeckte, glaubte sie ihm und zog den Brief aus der +Tasche. Sie schlug ihn auf und las ihn für sich. + +»Nun?« fragte er. + +»Immer Geduld, Herr Assessor! Erst muß ich die Stellen aussuchen, die Sie +hören dürfen! Der ganze Inhalt ist nicht für Ihre Ohren bestimmt!« + +»Das wäre grausam!« protestierte er dagegen, »das ist gerade so, als ob +Sie einem Kinde ein Stückchen Zucker hinhalten und sagen zu ihm: du, lecke +mal dran! Den Zucker aber steckten Sie selbst in den Mund.« + +Sie lachte lustig über seinen Vergleich, er brachte sie ganz in die alte, +fröhliche Laune zurück. »Nun hören Sie zu, aber nicht spotten!« drohte sie +ihm mit dem Finger. + +Es war ein anmutiges Bild, das die jungen, schönen Menschenkinder boten. +Dicht nebeneinander saßen sie beide, sie lesend und er aufmerksam ihren +Worten lauschend. Er hatte den Arm auf den Tisch gestützt und sah auf Ilse +herab, die den Kopf etwas vornübergebeugt hielt. Plötzlich hielt sie inne. + +»Lesen Sie weiter, bitte! Warum hören Sie auf? Denken Sie an das Stück +Zucker?« Sie schwieg, wie mit sich selbst überlegend. + +Warum eigentlich wollte sie ihm das Schönste im ganzen Briefe +verschweigen? Nellie hatte ihre Verlobung so drollig, so gemütvoll +geschildert, ihre ganze Eigenart sprach sich darin aus. + +Als er sie noch einmal so dringend bat, fortzufahren, that sie es. Erst +etwas zögernd, dann aber las sie fließend, ohne nur einmal zu stocken, zu +Ende. + +Warum saß er so stumm? Sein Schweigen mußte sie verletzen. Sie hatte so +fest erwartet, daß er sein Entzücken laut äußern würde! Nun sagte er gar +nichts. Fast vorwurfsvoll sah sie ihn an, aber wie schnell senkte sie ihr +Auge. Es traf sie sein Blick so sonderbar. Sie mußte an Doktor Althoffs +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}sonderlicher{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Blick denken. + +»Ihre Freundin hat ein warmes, tiefes Empfinden,« bemerkte er endlich, +aber es kam gezwungen heraus. Er fühlte das selbst und brach ab. + +»Fräulein Ilse,« fuhr er nach einer kleinen Pause ganz ohne Zusammenhang +fort, »was würden Sie antworten, wenn - wenn jemand Sie fragen würde: +Haben Sie mich lieb?« + +Sie war so verwirrt, so erschrocken bei seiner Frage, die sie wie ein +Blitz aus blauem Himmel traf. Ihr heißes Blut wallte auf bei dem Gedanken, +daß er sie verspotten könne. + +Fast hastig erhob sie sich. »Nein, würde ich sagen!« fuhr sie heraus, »ich +habe niemand lieb! Niemand!« wiederholte sie, als ob sie erst noch einen +Trumpf darauf setzen wollte. + +Wenn der Brausekopf nur einen Blick auf ihn geworfen hätte, wie bald würde +sie ihn verstanden haben! Sein Auge hing mit Entzücken an ihr, der +Widerstand verlieh ihren Zügen einen neuen Reiz für ihn. + +»Ilse,« sagte er zärtlich und ergriff ihre Hand. »Wenn ich es wäre, der +Sie fragte: Haben Sie mich lieb, wollen Sie meine kleine Frau sein? Würden +Sie auch dann so sprechen?« + +Hastig entzog sie ihm ihre Hand und verhüllte das Gesicht. + +»Hast du mich lieb, Ilse?« - Seine Stimme klang weich und innig und traf +ihr Herz - ein »Ja« aber brachte sie nicht über die Lippen. Ihr spröder +Sinn ließ es nicht zu, oder regte sich noch einmal der alte Widerspruch in +ihr? + +»Nein! Niemals!« sagte sie schnell und wandte sich heftig ab. + +»Nein! - niemals?« wiederholte er und sah sie in schmerzlicher Erregung +an, »o Ilse! nehmen Sie das Wort zurück, es hängt das Glück meines Lebens +davon ab! - Ich war zu schnell mit meiner Frage - nicht wahr? Ich habe Sie +erschreckt! - Nicht jetzt geben Sie mir die Antwort, erst wenn Sie ruhiger +sein werden, dann -« + +Er sank auf einen Stuhl und bedeckte die Augen mit der Hand. + +Ilse stand noch immer von ihm abgewandt, in ihr kämpften die +widerstreitendsten Gefühle. Ihr Herz zog sie zu ihm hin, aber sie konnte +die Brücke nicht finden, die über den breiten Strom führte, der sie noch +von ihm trennte. Da war es plötzlich, als stiege Lucies Bild vor ihr auf, +als vernähme sie eine Stimme, die ihr warnend zurief: »Willst du ihn +verlieren? - Denke an mein Geschick!« + +»Leo,« sagte sie schüchtern und trat ihm einen Schritt näher, aber +erschreckt über ihre Kühnheit blieb sie hocherrötend und mit +niedergeschlagenen Augen stehen. + + [Illustration] + +Wie ein Hauch fast war sein Name über ihre Lippen gekommen, aber er hatte +ihn doch vernommen. Jubelnd sprang er auf und sein Auge, das eben noch so +verzagt und traurig geblickt hatte, leuchtete in freudigem Glanze. + +»Nun bist du meine Ilse!« rief er aus und zog sie an sein Herz, doch als +er den ersten Kuß auf ihre Lippen drücken wollte, da wendete sie den Kopf +zur Seite und die spröde, widerspenstige Ilse meldete sich noch einmal. + +»Küssen ist nicht erlaubt,« erklärte sie mit aller Entschiedenheit, »wie +könnte ich mich von einem fremden Manne küssen lassen?« + +»Aber die Hand,« bat er lachend, »die Hand darf ich küssen!« + +Das wurde ihm gnädig bewilligt. + +Er hielt sie noch in dem Arm, als die beiden Elternpaare auf der Veranda +erschienen. Alle hatten sofort begriffen, was hier geschehen war, nur der +Oberamtmann stand wie versteinert da. Der Landrat und seine Gattin waren +die ersten, die das Brautpaar begrüßten, beglückt nahmen sie Ilse als ihr +Töchterchen an ihr Herz. Herr Macket hatte sich noch nicht vom Flecke +gerührt. + +Frau Anne trat zu ihm und legte die Hand auf seinen Arm. »Siehst du, +Richard, aus dem Kinde ist eine Jungfrau geworden, glaubst du es nun?« +fragte sie zärtlich. + +»Ilse! Meine kleine Ilse!« brachte er endlich mühsam hervor und seine +Brust hob und senkte sich im heftigen Kampfe. »Ist es wahr? Willst du mich +verlassen?« + +Da flog sie an seinen Hals und küßte ihn stürmisch, dabei rief sie unter +Weinen und Lachen: »Mein kleiner, einziger Herzenspapa, ich habe ihn ja so +lieb!« + + * * * + +Nun ist eigentlich meine Erzählung zu Ende, denn die überraschten +Gesichter der Gäste zu schildern ist langweilig, selbst wenn die +Ueberraschung ihnen so unerwartet kam, wie Ilses Verlobung am Erntefeste. +Eins aber muß ich meinen lieben Leserinnen noch mitteilen, wie nämlich +Onkel Curt an demselben Tage plötzlich verschwunden war. Während alle +fröhlich bei der Tafel saßen, hatte er sich von Johann still und ohne +Aufsehen nach dem Bahnhof fahren lassen. + +Frau Macket fiel seine Flucht nicht weiter auf, sie kannte ihren Bruder +als einen unstäten Geist, der, wie es ihm einfiel, kam und verschwand. - +Drei Wochen vergingen ohne das geringste Lebenszeichen, da endlich langte +ein Brief aus München von ihm an. Sein Inhalt versetzte alle auf Moosdorf +in sprachloses Erstaunen. Ilse aber kam darüber ganz außer Rand und Band. +Sie klatschte in die Hände, tanzte im Zimmer umher und rief jubelnd: »Ich +bin die Ursache ihres Glückes, durch mich haben sie sich gefunden! Was +wird Leo dazu sagen? Wie freue ich mich!« - Doch ich will nicht +vorgreifen, sondern lieber den kurzen Inhalt des Briefes mitteilen. + +»Wir sind auf der Hochzeitsreise. Lotte und ich wollen den Winter in +Italien zubringen. Ihr wundert Euch, nicht wahr? Ist aber gar nichts dabei +zu verwundern. Lotte und ich waren schon uralte Brautleute, haben nur +niemals davon gesprochen. - Im Frühjahr kehren wir zurück, ich werde Euch +dann meine junge Frau vorstellen. - Dem Fischchen besonderen Gruß - sie +weiß schon warum. Soll übrigens fleißig weitermalen, wenn der Brautstand +ihr die Zeit dazu läßt.« - + +»Nun bin ich Deine Tante, mein Liebling! Wer hätte das gedacht!« schrieb +seine Frau, ehemals Fräulein Güssow, unter den Brief. »Wie gern hätte ich +Dir längst die ganze wunderbare Geschichte, - und wie alles gekommen ist, +mitgeteilt, aber ich durfte es nicht. Onkel Curt wollte erst nach unsrer +Verheiratung die Erlaubnis dazu geben. Auch heute kann ich nur wenige +Zeilen Dir schreiben, mein Mann steht hinter mir und treibt, daß ich +aufhöre. + +»Denkst Du noch an Lucies Geschichte? - Jene Lucie hieß Lotte und war ich +selbst - und der Maler? - Nun, Du errätst schon, wer es war, ohne daß ich +ihn nenne. + +»Wenn wir zurückkehren, bist Du am Ende auch eine junge Frau? Wie habe ich +mich gefreut über dein sonniges Glück, Herz! Der Himmel erhalte es Dir!« + + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +römische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung +wiedergegeben) und einzelne Wörter aus fremden Sprachen, hier durch +Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Passagen. + +Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: + + Seite 38: Anführungszeichen ergänzt hinter »nicht,« + Seite 61: erste Zeile ausgefallen, ergänzt nach 28. Auflage (»Grüße + nur alle, du einziger Herzenspapa, auch die«) + Seite 70: doppeltes in einfaches Anführungszeichen geändert vor und + nach »Ich kann nicht,« + Seite 133: Anführungszeichen ergänzt hinter »Lubauer.« + Seite 137: Anführungszeichen ergänzt hinter »Macket.« + Seite 153: Punkt ergänzt hinter »solle« + Seite 159: Anführungszeichen ergänzt vor »Mein« und hinter + »Breitner.« + Seite 191: Anführungszeichen ergänzt vor »aber« + Seite 237: Punkt ergänzt hinter »langweilig« + Seite 250: doppeltes in einfaches Anführungszeichen geändert hinter + »will.« und »Nellie?« + Seite 252: öffnendes in schließendes Anführungszeichen geändert + hinter »gefunden!« + Seite 262: »Auge« geändert in »Augen« + Seite 265: »Kurt« geändert in »Curt« (zweimal) + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TROTZKOPF*** + + + + CREDITS + + +February 17, 2010 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Anca Sabine Dumitrescu, Jana Srna, Norbert H. + Langkau, Stefan Cramme and the Online Distributed Proofreading + Team at http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 31309-8.txt or 31309-8.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/1/3/0/31309/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. 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They may be modified and printed and given away +-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks. +Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + + THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE + + +_Please read this before you distribute or use this work._ + +To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work (or +any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"), +you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +License (available with this file or online at +http://www.gutenberg.org/license). + + + Section 1. + + +General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works + + + 1.A. + + +By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work, +you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the +terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) +agreement. 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It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring +that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North +1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information +can be found at the Foundation's web site and official page at +http://www.pglaf.org + +For additional contact information: + + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + + Section 4. + + + Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation + + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread +public support and donations to carry out its mission of increasing the +number of public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form accessible by the widest array of equipment +including outdated equipment. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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