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+The Project Gutenberg EBook of Der Trotzkopf by Emmy von Rhoden
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
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+
+Title: Der Trotzkopf
+
+Author: Emmy von Rhoden
+
+Release Date: February 17, 2010 [Ebook #31309]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO 8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TROTZKOPF***
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+ Der Trotzkopf.
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+ Der Trotzkopf.
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+ Eine Pensionsgeschichte
+
+ für
+
+ erwachsene Mädchen
+
+ von
+
+ Emmy von Rhoden.
+
+39. Auflage.
+
+Illustriert von _August Mandlick_.
+
+
+Stuttgart
+_Verlag von Gustav Weise._
+
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+
+
+ Druck von Munz & Geiger, Stuttgart.
+
+
+
+
+
+ VORWORT
+
+
+ zur zweiten Auflage.
+
+
+Die zweite Auflage dieses Buches ist der ersten in kürzerer Frist als der
+eines Jahres gefolgt. Sie ist mit dem Bilde der Verfasserin geschmückt,
+damit die jugendlichen Leserinnen auch die Züge derjenigen kennen und
+lieben lernen, die ihnen dies schöne Vermächtnis hinterlassen hat. Sie hat
+diese Liebe reich verdient; sie hat dieselbe im Leben bei all denen, die
+ihr edles Herz kannten, im vollsten Maße genossen und sich weit über das
+Grab hinaus gesichert.
+
+Emmy von Rhoden war das Pseudonym der zu früh dahingegangenen Gattin eines
+unsrer beliebtesten Schriftsteller, meines Freundes Friedrich Friedrich.
+Mir selbst und den Meinen war die Verfasserin eine teure Freundin, deren
+schriftstellerisches Debüt ich mit wärmstem Interesse begleitete. Als sie
+ihre ersten, für ein jüngeres Alter berechneten Jugendschriften (»_Das
+Musikantenkind_«, eine Erzählung für Kinder von 11-14 Jahren, und
+»_Lenchen Braun_«, eine Weihnachtsgeschichte für Kinder von 10-12 Jahren)
+veröffentlichte und damit schnell litterarisches Aufsehen und nachhaltige
+Freude in den empfänglichen Gemütern der Kinderwelt erregte, hatte Emmy
+Friedrich Friedrich aus Bescheidenheit das Pseudonym Emmy von Rhoden
+gewählt. Jetzt hat der Tod den Schleier der Pseudonymität gelüftet.
+
+Es ist mir ein Herzensbedürfnis, den Wunsch meines tiefgebeugten Freundes
+zu erfüllen, der aus leichtbegreiflichen Gründen es nicht über sich
+vermochte, der zweiten Auflage des »Trotzkopf« ein Vorwort zu geben. Er
+war der Meinung, daß ich, der ich die Unvergeßliche in ihrer
+liebenswürdigen menschlichen und schriftstellerischen Eigenart genau
+kannte, ein charakterisierendes Einführungswort der neuen Auflage finden
+würde. Nun aber, da ich das innerliche Wesen dieser seltenen Frau in Worte
+kleiden soll, fühle ich die ganze Schwere dieser Aufgabe. Soll ich von der
+Gemütstiefe reden, mit welcher die Verewigte das Wesen der Jugend erfaßte;
+von dem innigen Verständnis, welches sie den Eigentümlichkeiten einer
+jungen Mädchenseele entgegenbrachte; von der feinen Beobachtung des
+jugendlichen Gebarens; von der farbenfrischen Erzählerkunst, mit welcher
+sie vor dem seelischen Ohr des Lesers auch die zartesten Saiten der
+jugendlichen Empfindung erklingen ließ?
+
+Wer einen Ueberblick über die neueste Unterhaltungslitteratur für die
+Jugend gewann, in welcher sich allerlei Unnatur und Tendenz aufdringlich
+breit macht, wird die großen Vorzüge erkennen, welche den »Trotzkopf« zu
+einer echten und wahren Jugendschrift machen. Diese Erzählung ist
+natürlich frisch, unterhaltend und spannend, und was schwerer als dies
+alles wiegt: sie ist psychologisch wahr! Mit glücklichem Takt hat die
+Verfasserin alles rein Belehrende, alles Pedantische und unnatürlich Prüde
+vermieden. Sie erzählt mit ungekünstelter Natürlichkeit, wie ein junges,
+ungebändigtes Menschenkind durch das Leben selbst erzogen wird. Deshalb
+wirkt dies Buch auch im besten Sinne erziehend. Eine Erzählung, welche die
+jugendlichen Gemüter nicht fesselt und packt, bleibt wirkungslos und wenn
+tausend weise Lehren in dieselbe hineingestreut sind, denn diese sind nur
+graue Theorien, während das Grün des goldenen Lebensbaumes nur aus dem
+Leben selbst emporwächst.
+
+Und so möge dies anziehende, von der Sonne der Phantasie beglänzte Werk,
+das auf innerlichster Lebenserfahrung aufgebaut ist, seinen Weg weiter
+gehen zur Freude der gern angeregten Jugend! Es ist der Segen aller guten
+und edlen Naturen, daß ihre Schöpfungen auf viele Generationen hinaus
+wirken. Des alten Sebastian Frank Wort mag sich auch an dieser
+Jugendschrift als wahr erweisen: »Das aber ist der Bücher rechter einiger
+Gebrauch, daß wir darinnen ein Zeugnis unsres Herzens sehen.«
+
+_Berlin_, Oktober 1885.
+ *Franz Hirsch.*
+
+
+
+
+
+
+ [Illustration]
+
+»Papa, Diana hat Junge!«
+
+Mit diesen Worten trat ungestüm ein junges, schlankes Mädchen von fünfzehn
+Jahren in das Zimmer, in welchem sich außer dem Angeredeten, dessen Frau
+und dem Prediger des Ortes, noch Besuch aus der Nachbarschaft, ein Herr
+von Schäffer mit Frau und seinem erwachsenen Sohne, befand.
+
+Alles lachte und wandte sich dem kleinen Backfische zu, der ohne jede
+Verlegenheit auf den Papa zueilte und ausführlich über das wichtige
+Ereignis berichtete.
+
+»Es sind vier Stück, Papa,« erzählte sie lebhaft, »und braun sehen sie
+aus, wie Diana. Komm sieh dir sie an, es sind zu reizende Tierchen! Vorn
+an den Pfötchen haben sie weiße Spitzen. Ich habe gleich einen Korb geholt
+und mein Kopfkissen hineingelegt, sie müssen doch warm liegen, die kleinen
+Dinger.«
+
+Herr Oberamtmann Macket hatte den Arm um die Schulter seines Lieblings
+gelegt und strich ihm das wirre Lockenhaar aus dem erhitzten Gesicht,
+dabei sah er sein Kind mit wohlgefälligen Blicken an, was eigentlich zu
+verwundern war, da Ilse in einem Aufzuge hereingekommen, der durchaus
+nicht geeignet war, Wohlgefallen zu erregen, besonders in diesem
+Augenblicke, wo fremde Augen denselben musterten. Das verwaschene,
+dunkelblaue Kattunkleid, blusenartig gemacht und mit einem Ledergürtel
+gehalten, mochte wohl recht bequem sein, aber kleidsam war es nicht, und
+einige Flecken und Risse darin dienten ebenfalls nicht dazu, die Eleganz
+desselben zu heben. Die hohen, plumpen Lederstiefel, die unter dem kurzen
+Kleide hervorblickten, waren tüchtig bestaubt und sahen eher grau als
+schwarz aus. Aber wie gesagt, Herrn Macket genierte dieser Aufzug gar
+nicht, er sah in die fröhlichen, braunen Augen seines Lieblings, um dessen
+Kleider kümmerte er sich nicht.
+
+Er war im Begriffe, sich zu erheben, um seines Kindes Wunsch zu erfüllen,
+als seine Gattin, eine vornehme Erscheinung mit sanften und doch
+bestimmten Zügen, ihm zuvorkam. Sie hatte sich erhoben und trat auf Ilse
+zu.
+
+»Liebe Ilse,« sagte sie in freundlichem Tone und nahm dieselbe bei der
+Hand, »ich möchte dir etwas sagen, Kind. Willst du mir auf einen
+Augenblick in mein Zimmer folgen?«
+
+Sehr ruhig, aber sehr bestimmt waren die Worte gesprochen und Ilse fühlte,
+daß ein Widerstand dagegen vergeblich sein würde. Ungern und gezwungen
+folgte sie der Mutter in das anstoßende Gemach.
+
+»Was willst du mir sagen, Mama?« fragte sie und sah Frau Macket trotzig
+an.
+
+»Nichts weiter, mein Kind, als daß du sogleich auf dein Zimmer gehst und
+dich umkleidest. Du wußtest wohl nicht, daß Gäste bei uns waren?«
+
+»Doch, ich wußte es, aber ich mache mir nichts daraus,« gab Ilse kurz zur
+Antwort.
+
+»Aber ich, Ilse. Ich kann nicht gleichgültig dabei sein, wenn du in einem
+so unordentlichen Kostüme dich blicken läßt. Du bist kein Kind mehr mit
+deinen fünfzehn Jahren; bedenke, daß du seit Ostern konfirmiert bist, eine
+angehende junge Dame aber muß den Anstand wahren. Was soll der junge
+Schäffer von dir denken, er wird dich auslachen und dich verspotten.«
+
+»Der dumme Mensch!« fuhr Ilse auf. »Ob der über mich lacht oder spottet,
+ist mir ganz gleichgültig. Ich lache auch über ihn! Thut, als ob er ein
+Herr wäre mit seinem Klemmer und geht doch noch in die Schule.«
+
+»Er ist in Prima auf dem Gymnasium und zählt neunzehn Jahre. Nun sei
+vernünftig und kleide dich um, Kind, hörst du?«
+
+»Nein, - ich ziehe kein andres Kleid an, ich will mich nicht putzen!«
+
+»Wie du willst, aber dann bitte ich dich, ja ich wünsche es entschieden,
+daß du in deinem Zimmer bleibst und dein Abendbrot dort verzehrst,« gab
+Frau Macket mit großer Ruhe zur Antwort.
+
+Ilse biß auf die Unterlippe und trat mit dem Fuße heftig auf die Erde,
+aber sie sagte nichts. Mit einer schnellen Wendung ging sie zur Thür
+hinaus und warf dieselbe unsanft hinter sich zu. Oben in ihrem Zimmer ließ
+sie sich auf einen Stuhl fallen, stützte die Ellbogen auf das Fensterbrett
+und weinte Thränen des bittersten Unmutes.
+
+»O wie schrecklich ist es jetzt!« stieß sie schluchzend heraus. »Warum hat
+auch der Papa wieder eine Frau genommen, - es war so viel, viel hübscher,
+als wir beide allein waren! Alle Tage muß ich lange Reden hören über Sitte
+und Anstand und ich will doch keine Dame sein, ich will es nicht - und
+wenn sie es zehnmal sagt!« - -
+
+Als sie mit ihrem Vater noch allein war, führte sie freilich ein
+ungebundeneres und lustigeres Leben. Niemand hatte ihr Vorschriften zu
+machen oder durfte ihre dummen Streiche hindern; was sie auch ausführte,
+es galt alles als unübertrefflich. Das Lernen wurde nur als langweilige
+Nebensache betrachtet und die Gouvernanten fügten sich entweder dem Willen
+ihrer Schülerin oder sie gingen davon. Beklagte sich ja einmal diese oder
+jene bei dem Vater und hatte derselbe auch wirklich den festen Entschluß
+gefaßt, ein Machtwort zu sprechen gegen sein unbändiges Kind, er kam nicht
+dazu, es auszuführen. Sobald er mit ernster Miene ihr gegenüber trat, fiel
+Ilse ihm um den Hals, nannte ihn ihren »einzigen, kleinen Papa«, trotzdem
+er ein sehr großer, kräftiger Mann war, und küßte ihm Mund und Wangen.
+Versuchte er, ihr ernste Vorstellungen zu machen, hielt sie ihm den Mund
+zu.
+
+»Ich weiß ja alles, was du mir sagen willst, und ich will mich ganz gewiß
+bessern!« mit solchen und ähnlichen Worten und Versprechungen tröstete sie
+den Papa - ach und wie gern ließ er sich also trösten! Er konnte dem Kinde
+nie ernstlich zürnen, es war sein alles.
+
+Als Ilses Mutter starb, legte sie ihm das kleine hilflose Ding in den Arm.
+Es hatte die schönen, frohen Augen der früh Geschiedenen geerbt, und
+blickte sie ihn an, war es ihm, als ob die Gattin, die er so sehr geliebt
+hatte, ihn anlächle.
+
+Lange Jahre war er einsam geblieben und hatte nur für sein Kind gelebt. Da
+lernte er seine zweite Frau kennen. Ihr kluges, sanftes Wesen fesselte ihn
+so, daß er sie heimführte.
+
+Frau Anne betrat das Haus ihres Mannes mit dem festen Vorsatze, seinem
+Kinde die treueste, liebevollste Mutter zu sein und alles aufzubieten, um
+ihr die früh Verlorene zu ersetzen; indes jede herzliche Annäherung von
+ihrer Seite scheiterte an Ilses trotzigem Widerstande. Bald ein Jahr
+waltete sie nun schon als Frau und Stiefmutter und noch immer hatte sie es
+nicht vermocht, Ilses Liebe zu gewinnen. - - -
+
+Die Gäste blieben zum Abendessen auf Moosdorf, so hieß das große Gut des
+Oberamtmann Macket. Als der Tisch gedeckt war und alle sich an demselben
+niedergesetzt hatten, fragte Herr Macket, warum Ilse noch nicht anwesend
+sei.
+
+Frau Anne erhob sich und zog an der Klingelschnur. Der eintretenden
+Dienstmagd befahl sie, das Fräulein zu Tisch zu rufen. - - - -
+
+Ilse saß noch in derselben Stellung am Fenster. Sie hatte sich
+eingeschlossen und die Magd mußte erst tüchtig pochen und rufen, bevor sie
+sich bequemte, die Thür zu öffnen.
+
+»Sie sollen herunterkommen, Fräulein, die gnädige Mama hat es befohlen,«
+sagte Kathrine und betonte das »sollen« und »befohlen« so recht
+auffallend.
+
+»Ich soll!« rief Ilse und wandte den Kopf hastig herum, »aber ich will
+nicht! Sag' das der gnädigen Frau Mama!«
+
+»Ja,« sagte Kathrine, so recht befriedigt von dieser Antwort, denn auch
+sie war durchaus nicht damit einverstanden gewesen, daß wieder eine Frau
+in das Haus gekommen war, welche der schönen Freiheit ein Ende gemacht
+hatte, »ja, ich werd's bestellen. Gnädiges Fräulein haben ganz recht, das
+ewige Befehlen, wenn man selbst alt genug ist, ist höchst unpassend, noch
+dazu, wenn fremde Leute dabei sind.«
+
+Und sie ging hinunter in das Speisezimmer und führte wörtlich Ilses
+Bestellung aus.
+
+Herr Macket blickte seine Frau verlegen an, er wußte gar nicht, was diese
+Antwort bedeuten sollte. Sie verstand seine stumme Frage und ohne im
+geringsten den Unmut merken zu lassen, den sie in ihrem Innern empfand,
+sagte sie gelassen: »Ilse ist nicht ganz wohl, lieber Mann, sie klagte
+etwas über Kopfschmerzen. Kathrine hat ihre Bestellung ungeschickt
+ausgerichtet.«
+
+Alle Anwesenden errieten sofort, daß Frau Anne eine Ausrede machte, nur
+Herr Macket glaubte, daß es sich in Wahrheit so verhielt.
+
+»Wollen wir nicht lieber einen Boten zum Arzt schicken?« fragte er
+besorgt.
+
+Die Antwort hierauf gab ihm sein Kind selbst, das heißt, sie bewies ihm,
+daß ihr kein Finger weh that. Laut jubelnd und lachend trieb sie einen
+Reif mit einem Stock über den großen Rasenplatz, und der Jagdhund, Tyras,
+sprang demselben nach, und wenn er mit seinen Pfoten den Reif beinahe
+erhascht hatte und ihn doch nicht halten konnte, stieß er ein ärgerliches
+Geheul aus, worüber Ilse sich totlachen wollte.
+
+Herrn Mackets Gesicht verklärte sich ordentlich bei diesem Anblicke. Er
+stand auf, trat in die offenstehende Flügelthür des Zimmers und eben im
+Begriffe, Ilse zu rufen, hielt ihn Frau Anne davon zurück.
+
+»Laß sie - ich bitte dich, - lieber Mann,« bat sie, vor Unwillen leicht
+errötend, und zu den Gästen gewendet setzte sie hinzu: »Es thut mir leid,
+nun doch die Wahrheit sagen zu müssen, indes Ilses Benehmen zwingt mich
+dazu.«
+
+Und sie erzählte so mildernd als möglich den kleinen Vorfall. Es wurde
+darüber gelacht, ja Herr von Schäffer behauptete, die kleine habe
+Temperament und es sei schade, daß sie kein Knabe sei. Seine hochgebildete
+Frau konnte ihm nicht beistimmen, sie fand das wilde Mädchen geradezu
+entsetzlich und nannte es auf dem Heimwege ein _enfant terrible_.
+
+Als die Gäste fortgefahren waren, blieb der Prediger noch zurück. Derselbe
+war ein wohlwollender, nachsichtiger Mann, der Ilsen väterlich zugethan
+war. Er hatte sie getauft und eingesegnet, unter seinen Augen war sie
+herangewachsen. Seit kurzer Zeit, seitdem die letzte Gouvernante ihren
+Abschied genommen hatte, leitete er auch ihren Unterricht.
+
+Es trat ein augenblickliches, beinahe peinliches Stillschweigen ein. Ein
+jeder der drei Anwesenden hatte etwas auf dem Herzen und scheute sich
+doch, das erste Wort zu sprechen. Herr und Frau Macket saßen am Tische, er
+rauchend, sie eifrig mit einer Handarbeit beschäftigt. Prediger Wollert
+ging im Zimmer auf und ab und sah recht ernst und nachdenklich aus.
+Endlich blieb er vor dem Oberamtmann stehen.
+
+»Es kann nichts helfen, lieber Freund,« redete er denselben an, »das Wort
+muß heraus. Es geht nicht mehr so weiter, wir können das unbändige Kind
+nicht zügeln, es ist uns über den Kopf gewachsen.«
+
+Der Oberamtmann sah den Prediger verwundert an. »Wie meinen Sie das?«
+fragte er, »ich verstehe Sie nicht.«
+
+»Meine Meinung ist, geradeheraus gesagt, die,« fuhr der erstere fort, »das
+Kind muß fort von hier, in eine Pension.«
+
+»Ilse? In eine Pension? Aber warum, sie hat doch nichts verbrochen!« rief
+Herr Macket ganz erschreckt.
+
+»Verbrochen!« wiederholte lächelnd der Prediger. »Nein, nein, das hat sie
+nicht! Aber muß denn ein Kind erst etwas Böses gethan haben, um in ein
+Institut zu kommen? Es ist doch keine Strafanstalt. Hören Sie mich ruhig
+an, lieber Freund,« fuhr er besänftigend fort und legte die Hand auf
+Mackets Schulter, als er sah, daß dieser heftig auffahren wollte. »Sie
+wissen, wie ich Ilse liebe, und wissen auch, daß ich nur das Beste für sie
+im Auge habe; nun wohl, ich habe reiflich überlegt und bin zu dem
+Resultate gekommen, daß Sie, Ihre Frau und ich nicht Macht genug besitzen,
+sie zu erziehen. Sie trotzt uns allen dreien, was soll daraus werden? Sie
+hat soeben ein glänzendes Beispiel ihrer widerspenstigen Natur gegeben.«
+
+Der Oberamtmann trommelte auf dem Tische. »Das war eine Ungezogenheit, die
+ich bestrafen werde,« sagte er. »Etwas Schlimmes kann ich nicht darin
+finden. Mein Gott, Ilse ist jung, halb noch ein Kind, und Jugend muß
+austoben. Weshalb soll man einem übermütigen Mädchen so strenge Fesseln
+anlegen und es Knall und Fall in eine Pension bringen? Was ist dabei, wenn
+es einmal über den Strang schlägt? Verstand kommt nicht vor den Jahren!
+Was sagst du dazu, Anne,« wandte er sich an seine Frau, »du denkst wie
+ich, nicht wahr?«
+
+»Ich dachte wie du,« entgegnete Frau Anne, »vor einem Jahre, als ich
+dieses Haus betrat. Heute urteile ich anders, heute muß ich dem Herrn
+Prediger recht geben. Ilse ist schwer zu erziehen, trotz aller
+Herzensgüte, die sie besitzt. Ich weiß nichts mit ihr anzufangen, soviel
+Mühe ich mir auch gebe. Gewöhnlich thut sie das Gegenteil von dem, was ich
+ihr sage. Bitte ich sie, ihre Aufgaben zu machen, so thut sie entweder,
+als ob sie mich nicht verstanden hat, oder sie nimmt höchst unwillig ihre
+Bücher, wirft sie auf den Tisch, setzt sich davor und treibt allerhand
+Nebendinge. Nach kurzer Zeit erhebt sie sich wieder und fort ist sie! Da
+hilft kein gütiges Zureden, keine Strenge, sie will nicht! Frage den Herrn
+Prediger, wie ungleichmäßig Ilses wissenschaftliche Bildung ist, wie sie
+zuweilen sogar noch orthographische Fehler macht.«
+
+»Was kommt bei einem Mädchen darauf an,« entgegnete Herr Macket und erhob
+sich. »Eine Gelehrte soll sie nicht werden; wenn sie einen Brief schreiben
+kann und das Einmaleins gelernt hat, weiß sie genug.«
+
+Der Prediger lächelte. »Das ist Ihr Ernst nicht, lieber Freund. Oder würde
+es Ihnen Freude machen, wenn man von Ihrer Tochter sagte, daß sie dumm sei
+und nichts gelernt habe! Ilse hat gute Anlagen, es fehlt ihr nur der
+Trieb, die Lust zum Lernen. Beides wird sich einstellen, sobald sie unter
+junge Mädchen ihres Alters kommt. Das Streben derselben wird ihren Ehrgeiz
+wecken und ihr bester Lehrmeister sein.«
+
+Die Wahrheit dieser Worte leuchtete Herrn Macket ein, aber die Liebe zu
+seinem Kinde ließ es ihn nicht laut eingestehen. Der Gedanke, dasselbe von
+sich zu geben, war ihm furchtbar. Nicht täglich es sehen und hören zu
+können, - ihm war als ob die Sonne plötzlich aufhören müsse zu scheinen,
+als solle ihm Licht und Leben genommen werden.
+
+Frau Anne empfand, was in ihres Mannes Herzen vorging, liebevoll trat sie
+zu ihm und ergriff seine Hand.
+
+»Denke nicht, daß ich hart bin, Richard, wenn ich für den Vorschlag unsres
+Freundes stimme,« sagte sie. »Ilse steht jetzt auf der Grenze zwischen
+Kind und Jungfrau, noch hat sie Zeit, das Versäumte nachzuholen und ihre
+unbändige Natur zu zügeln. Geschieht das nicht, so könnte man eines Tages
+unser Kind als unweiblich bezeichnen, wäre das nicht furchtbar?«
+
+Er hörte kaum, was sie sprach. »Ihr wollt sie einsperren,« sagte er
+erregt, »aber das hält sie nicht aus. Laßt sie erst älter werden, es ist
+dann immer noch Zeit genug, sie fortzugeben.«
+
+Dagegen protestierten Frau Anne und der Prediger auf das entschiedenste;
+sie bewiesen, daß jetzt die höchste Zeit sei, wenn die Pension noch etwas
+nützen solle.
+
+»Ich wüßte ein Institut in W., das ich für Ilse ausgezeichnet empfehlen
+könnte,« erklärte der Prediger. »Die Vorsteherin desselben ist mir genau
+bekannt, sie ist eine vorzügliche Dame. Neben der Pension, die unter ihrer
+Leitung herrlich gediehen ist, hat sie eine Tagesschule in das Leben
+gerufen, die sich von Jahr zu Jahr vergrößert hat. Ilse würde den besten
+Unterricht und die liebevollste Pflege vereint finden. Und welch ein
+Vorzug ist nicht die wunderbare Lage dieses Ortes. Die Berge ringsum, die
+kostbare Luft - - -«
+
+»Ja ja,« unterbrach ihn Herr Macket unruhig und abwehrend, »ich glaube das
+alles gern! Aber laßt mir Zeit, bestürmt mich nicht weiter. Ein so
+wichtiger Entschluß, selbst wenn er notwendig ist, bedarf der Reife.« -
+
+Er kam schneller als er geglaubt hatte. -
+
+Am andern Morgen, es war noch sehr früh, traf der Oberamtmann sein
+Töchterchen, wie es eben im Begriffe war, hinaus auf die Wiese zu reiten,
+um das Heu mit einzuholen. Ungeniert hatte Fräulein Ilse sich auf eines
+der Pferde, das vor dem Leiterwagen gespannt war, von dem Kutscher
+hinaufheben lassen, derselbe stand auf dem Wagen und hielt die Zügel in
+der Hand.
+
+»Guten Morgen, Papachen!« rief sie ihm laut schon von weitem entgegen,
+»wir wollen auf die Wiese fahren, das Heu muß herein; der Hofmeister sagt,
+wir bekommen gegen Mittag ein Gewitter. Ich will gleich mit aufladen
+helfen!«
+
+Der Vater hatte heute nicht die unbefangene Freude an dem Wesen seines
+Kindes, ihm fielen die Worte seiner Frau vom gestrigen Abend ein. Ilse sah
+wenig weiblich in diesem Augenblicke aus, eher glich sie einem wilden
+Buben. Wie ein solcher saß sie auf dem Pferde und hatte die Füße an beiden
+Seiten herunterhängen. Das kurze blaue Kleid deckte dieselben nicht, man
+sah den plumpen, hohen Lederstiefel und noch ein Stück des bunten
+Strumpfes. Es war wahrlich kein schöner Anblick.
+
+»Steig' herab, Ilse,« sagte Herr Macket, dicht zu ihr tretend, um ihr beim
+Heruntersteigen behilflich zu sein, »du wirst jetzt nicht auf die Wiese
+reiten, hörst du, sondern deine Aufgaben machen.«
+
+Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß der Vater in so bestimmter Weise
+zu ihr sprach. Im höchsten Grade verwundert blickte sie ihn an, aber sie
+machte keine Miene, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Sie schlug die
+Arme ineinander und fing an, herzlich zu lachen.
+
+»Hahahaha! Arbeiten soll ich! Du kleiner reizender Papa, wie kommst du
+denn auf diesen komischen Einfall? Mach' nur nicht ein so böses Gesicht!
+Weißt du, wie du jetzt aussiehst? Gerade wie Mademoiselle, die letzte,
+Papa, von den vielen, - wenn sie böse war! {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Fräulein Ilse, gehen Sie auf
+Ihr Zimmer _mais tout-de-suite_. Aben Sie mir _compris_!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Dabei zog sie
+die Stirn in Falten und riß die Augen auf - so«, und sie versuchte es
+nachzuahmen. »Oh, es war zu himmlisch! Adieu Papachen, zum Frühstück komm'
+ich zurück!«
+
+Sie warf ihm noch eine Kußhand zu, lachte ihn schelmisch an und fort
+ging's im lustigen Trabe hinaus auf die Wiese in den taufrischen
+Sommermorgen hinein.
+
+Herr Macket schüttelte den Kopf, mit einem Male stiegen ernstliche
+Bedenken wegen Ilses Zukunft in ihm auf. Er fand den Gedanken, sie in eine
+Pension zu geben, heute weniger schrecklich, als gestern. Sie hatte ihm
+soeben den Beweis gegeben, daß sie auch ihm Widerstand entgegensetzte.
+Freilich mußte er sich gestehen, daß er durch seine Nachgiebigkeit
+denselben in ihr groß gezogen hatte.
+
+Er ging in das Speisezimmer und trat von dort auf die Veranda, die
+weinumrankt sich an der Vorderseite des Hauses entlang zog. Seine Frau
+erwartete ihn dort am gedeckten Frühstückstische.
+
+Ganz gegen seine Gewohnheit war er still und einsilbig. »Hattest du
+Unannehmlichkeiten?« fragte Frau Anne und reichte ihm den Kaffee.
+
+»Nein,« entgegnete er, »das nicht.« Er hielt einen Augenblick inne, als ob
+es ihm schwer würde, weiter zu sprechen, dann fuhr er fort: »Ich möchte
+dir eine Mitteilung machen, oder richtiger gesagt, dir meinen Entschluß
+wegen unsres gestrigen Gespräches verkünden. Zum 1. Juli soll Ilse in die
+Pension.«
+
+»Du scherzest,« sagte Anne und sah ihn fragend an.
+
+»Es ist mein Ernst,« erwiderte er. »Wirst du im stande sein, bis zu dem
+Termine alles zu Ilses Abreise einrichten zu können? Wir haben heute den
+12. Juni.«
+
+»Ja, das würde ich können, lieber Richard; aber verzeihe, mir kommt dein
+Entschluß etwas übereilt vor. Wird er dich nicht gereuen? Laß Ilse die
+schönen Sommermonate noch ihre Freiheit genießen und gieb sie erst zum
+Herbste fort. Der Abschied von der Heimat wird ihr dann weniger schwer
+werden.«
+
+»Nein, keine Aenderung,« sagte er, bei einem längeren Hinausschieben
+seinen Wankelmut fürchtend, »es bleibt dabei - zum 1. Juli wird sie
+angemeldet.«
+
+Nach einigen Stunden kehrte Ilse wohlgemut mit erhitzten Wangen und über
+und über mit Heu bestreut zum zweiten Frühstücke zurück. Wie sie war, ohne
+den Anzug zu wechseln, trat sie höchst vergnügt auf die Veranda.
+
+»Da bin ich,« rief sie. »Bin ich lange geblieben? Ich sage dir, Papa, das
+Heu ist kostbar! Nicht einen Tropfen Regen hat es bekommen. Du wirst deine
+Freude daran haben. Der Hofmeister meint, so gut hätten wir es seit Jahren
+nicht gehabt.«
+
+»Laß das Heu jetzt, Ilse,« entgegnete Herr Macket, »und höre zu, was ich
+dir sagen werde.«
+
+Er sagte es ziemlich ernst, es wurde ihm nicht leicht, von seinem Plane zu
+sprechen - sie war so ahnungslos, ja sie nahm gar keine Notiz von seiner
+Stimmung. Ihr Augenmerk war auf den wohlbesetzten Frühstückstisch
+gerichtet, sie war sehr hungrig von der Fahrt.
+
+»Soll ich dir Frühstück schneiden?« fragte Frau Anne freundlich, aber Ilse
+lehnte es ab.
+
+»Ich will es schon selbst thun,« sagte sie, nahm das Messer und schnitt
+sich ein tüchtiges Stück Schwarzbrot ab. Die Butter strich sie fast
+fingerdick darauf. Nachdem sie ein dickes Stück Wurst zugelangt hatte,
+fing sie an, wohlgemut zu essen. Bald von dem Brote, bald von der Wurst,
+die sie in der Hand hielt, einen Bissen nehmend. Höchst ungeniert lehnte
+sie dabei hintenüber in einem Sessel und schlug die Füße übereinander. Es
+schmeckte ihr köstlich.
+
+»Ich denke, du wolltest mir etwas sagen, Papachen!« rief sie mit vollem
+Munde, »nun schieß los, ich bin ordentlich neugierig darauf.«
+
+Er zögerte etwas mit der Antwort, noch war es Zeit, noch konnte er seinen
+Entschluß zurücknehmen - einen Augenblick überlegte er und es fehlte nicht
+viel, so hätte er es wirklich gethan, aber die Schwäche ging vorüber und
+so ruhig wie es ihm möglich war, teilte er Ilse seinen Beschluß mit.
+
+Wenn er erwartet hatte, daß sie sich stürmisch widersetzen würde, so hatte
+er geirrt. Zwar blieb ihr buchstäblich der Bissen im Munde stecken vor
+Ueberraschung und Schreck, aber ihr Auge flog zur Mutter hinüber und sie
+unterdrückte den Sturm, der in ihr tobte. Um keinen Preis sollte diese
+erfahren, wie furchtbar es ihr war, die Heimat, den Vater vor allem, zu
+verlassen, sie, die doch sicherlich nur allein die Anstifterin dieses
+Planes war, denn der Papa - nein! Nimmermehr würde er sie von sich gegeben
+haben!
+
+»Nun, du schweigst?« fragte Herr Macket, »du hast vielleicht selbst schon
+die Notwendigkeit eingesehen, daß du noch tüchtig lernen mußt, mein Kind,
+denn mit deinen Kenntnissen hapert es noch überall, nicht wahr?«
+
+»Gar nichts habe ich eingesehen!« platzte Ilse heraus, »du selbst hast mir
+ja oft genug gesagt, ein Mädchen brauche nicht so viel zu lernen, das
+allzu viele Studieren mache es erst recht dumm! Ja, das hast du gesagt,
+Papa, und nun sprichst du mit einemmal anders. Nun soll ich fort, soll auf
+den Schulbänken sitzen zwischen andern Mädchen und lernen, bis mir der
+Kopf weh thut. Aber es ist gut, ich will auch fort, ja ich freue mich auf
+die Abreise. Wenn nur erst der 1. Juli da wäre!«
+
+Und sie erhob sich hastig, warf den Rest ihres Frühstücks auf den Tisch
+und eilte fort, hinauf in ihr Zimmer, und jetzt brachen die Thränen
+hervor, die sie bis dahin nur mühsam zurückgehalten hatte.
+
+Frau Anne wäre dem Kinde gar zu gern gefolgt, sie fühlte, was in dem
+jungen Herzen vorging, aber sie wußte genau, daß Ilse ihre gütigen Worte
+trotzig zurückweisen würde; so blieb sie zurück und hoffte auf die Zeit,
+wo Ilses gutes Herz den Weg zu ihrer mütterlichen Liebe finden werde. - -
+
+ --------------
+
+Die wenigen Wochen bis zum festgesetzten Termine vergingen schnell. Frau
+Anne hatte alle Hände voll zu thun, um Ilses Garderobe in Ordnung zu
+bringen. Die Vorsteherin der Pension hatte auf Herrn Mackets Anfrage
+sofort geantwortet und sich gern zu seiner Tochter Aufnahme bereit
+erklärt. Zugleich hatte sie ein Verzeichnis der Sachen mitgeschickt, die
+jede Pensionärin bei ihrem Eintritt in das Institut mitzubringen habe.
+
+Ilse lachte spöttisch über die, nach ihrer Meinung vielen unnützen Dinge,
+besonders die Hausschürzen fand sie geradezu lächerlich. Sie hatte bis
+dahin niemals eine solche getragen.
+
+»Die dummen Dinger trage ich doch nicht, Mama!« sagte sie, als Frau Anne
+dabei war, den Koffer zu packen, »die brauchst du gar nicht einzulegen.«
+
+»Du wirst dich doch der allgemeinen Sitte fügen müssen, mein Kind,«
+entgegnete die Mutter. »Warum wolltest du auch nicht? Sieh' einmal her,
+diese blau und weiß gestreifte Schürze mit den gestickten Zacken ringsum,
+ist sie nicht ein reizender Schmuck für ein kleines Fräulein, das sich im
+Haushalte nützlich machen wird?«
+
+»Ich werde mich aber im Haushalte nicht nützlich machen!« rief Ilse in
+ungezogenem Tone, »das fehlte noch! Ihr denkt wohl, ich soll dort in der
+Küche arbeiten oder die Stuben aufräumen? Die Schürzen trage ich nicht,
+ich will es nicht!«
+
+»Uebertreibe nicht, Ilse,« entgegnete Frau Anne, »du weißt recht gut, daß
+man dergleichen nie von dir verlangen wird. Wenn du durchaus die Schürzen
+nicht tragen magst, so kannst du ja deinen Wunsch der Vorsteherin
+mitteilen, vielleicht erfüllt sie dir denselben.«
+
+»Ich werde sie nicht erst darum fragen! Solche Dinge gehen sie gar nichts
+an!« war Ilses unartige Antwort.
+
+Sie verließ die Mutter, auf welche sie einen wahren Groll hatte. All die
+schönen Wäsche- und Kleidungsstücke, die Frau Anne mit Liebe und Sorgfalt
+für sie ausgewählt hatte, fanden keine Gnade vor ihren Augen, nicht einen
+Funken Interesse zeigte sie dafür.
+
+Dem Papa erklärte sie, daß sie ein kleines Köfferchen für sich selbst
+packen werde. Niemand solle ihr dabei helfen, niemand wissen, welche
+Schätze sie mit in das neue Heim hinüberführen werde.
+
+»Das ist eine prächtige Idee, Ilschen,« stimmte Herr Macket bei, »nimm nur
+mit, was dir Freude macht.«
+
+Und er ließ sofort einen allerliebsten, kleinen Koffer kommen und
+überraschte seinen Liebling damit. Als Ilse ihm erfreut und dankend um den
+Hals fiel, als sie ihn seit längerer Zeit zum erstenmal wieder »mein
+kleines Pa'chen« nannte, da wurde es ihm so weich ums Herz, daß er sich
+abwenden mußte, um seine Rührung zu verbergen.
+
+ [Illustration]
+
+Am Tage vor ihrer Abreise schloß sich Ilse in ihr Zimmer ein und begann zu
+packen. Aber wie! Bunt durcheinander, wie ihr die Sachen in die Hand
+kamen. Zuerst das geliebte Blusenkleid nebst Ledergürtel, es wurde nur so
+in den Koffer hineingeworfen und mit den Händen etwas festgedrückt, dann
+die hohen Lederstiefel mit Staub und Schmutz, wie sie waren, dann eine
+alte Ziehharmonika, auf der sie nur ein paar Töne hervorbringen konnte,
+ein neues Hundehalsband mit einer langen Leine daran, ein ausgestopfter
+Kanarienvogel, und zuletzt, nachdem die wunderbarsten Dinge in den Koffer
+gewandert waren, griff sie nach einem Glase, in welchem ein Laubfrosch
+saß. Es ist kaum zu glauben, indessen auch dieses sollte mitverpackt
+werden, - sie hatte sich so an das Tierchen gewöhnt. Sie nahm ein gutes,
+gesticktes Taschentuch aus dem Kommodenkasten, band dasselbe über das
+Glas, legte auch noch eine Papierhülle darüber, schnitt ganz kleine Löcher
+in beides und steckte einige Fliegen hindurch.
+
+»So,« sagte sie höchst befriedigt von ihrer Packerei, »nun bist du gut
+versorgt, mein liebes Tierchen, und wirst nicht verhungern auf der weiten
+Reise.«
+
+Wie sie das Glas hineinbrachte in den Koffer, war wirklich ein Kunststück,
+das ihr erst nach vieler Mühe gelang. Aber endlich war sie doch so weit,
+daß sie den Deckel schließen konnte. Er klemmte etwas und Ilse mußte sich
+erst darauf knieen, bevor derselbe ins Schloß fiel. Den kleinen Schlüssel
+zog sie ab, befestigte ihn an einer schwarzen Schnur und band diese sich
+um den Hals.
+
+Als das Abendbrot verzehrt war und die Eltern noch am Tische saßen, ging
+Ilse in den Hof und machte eine Runde durch alle Ställe. Von den Hühnern,
+Tauben, Kühen, Pferden - sie hatte so viele Lieblinge darunter - nahm sie
+Abschied; morgen sollte sie ja alle auf lange Zeit verlassen. Das Lebewohl
+von den Hunden wurde ihr am schwersten, sie waren alle ihre guten Freunde.
+Dianas Sprößlinge, die schon allerliebst herangewachsen waren und sie
+zärtlich begrüßten, lockten ihr Thränen des tiefsten Leides hervor.
+
+Neben ihr stand Johann. Er hatte das kleine Fräulein vom ersten Tage ihres
+Lebens an gekannt und liebte sie abgöttisch. Als er ihre Thränen sah,
+liefen auch ihm einige Tropfen über die Wangen.
+
+»Wenn das kleine Fräulein wiederkommt,« sagte er mit kläglicher Stimme und
+fuhr mit der verkehrten Hand über die Wange, »dann wird es wohl eine große
+Dame sein. Ja ja, Fräulein Ilschen, unsre schöne Zeit ist dahin! Ach und
+die Hunde, wie werden sie das Fräulein vermissen! Die sind gescheit!
+Menschlichen Verstand hat das dumme Vieh! Wie sie schmeicheln, die kleinen
+Krobaten, als ob sie wüßten, daß unser kleines Fräulein morgen abreist -
+-« hier wurde seine Stimme so unsicher, daß er nicht weiter sprechen
+konnte.
+
+»Johann,« entgegnete Ilse unter Schluchzen, »sorge für die Hunde. Und wenn
+du mir einen großen - den letzten Gefallen thun willst, so,« hier sah sie
+sich erst vorsichtig nach allen Seiten um, ob auch niemand in der Nähe
+war, »so nimm Bob,« diesen Namen hatte sie Dianas kleinem Söhnchen
+gegeben, »mit auf den Kutscherbock morgen, wenn du mich zur Bahn fährst,
+aber heimlich. Niemand darf es wissen, ich will ihn mitnehmen. Ein
+Halsband und eine Leine habe ich schon eingepackt. Aber Johann, heimlich,
+hörst du?«
+
+Der Kutscher war glücklich über diesen Auftrag und daß er dem lieben,
+kleinen Fräulein noch einen Liebesdienst erweisen konnte. Er lächelte
+verschmitzt und versprach, Bob so geschickt unterzubringen, daß keine
+menschliche Seele von dem Hunde etwas merken solle.
+
+Früh am andern Morgen stand der Wagen vor der Thür, der Ilse fortbringen
+sollte. Herr Macket begleitete sie bis W., um sie der Vorsteherin,
+Fräulein Raimar, selbst zu überbringen. Er mußte sich doch persönlich
+überzeugen, wo und wie sein Liebling aufgehoben sein werde. Frau Anne
+nahete sich Ilse im letzten Augenblick, um zärtlich und gerührt von ihrem
+Kinde Abschied zu nehmen, aber diese machte ein finsteres, trotziges
+Gesicht und entwand sich der Mutter Armen.
+
+»Lebe wohl,« sagte sie kurz und sprang in den Wagen; nicht um die Welt
+hätte sie der Mutter verraten mögen, wie weh und schmerzlich ihr das
+Scheiden wurde.
+
+Als der Wagen sich in Bewegung setzte und Diana denselben laut bellend
+noch eine kurze Strecke begleitete, bog sie sich weit zum Wagen hinaus mit
+thränenden Augen und nickte ihr zu. Gut war es, daß der Vater nichts von
+den Thränen merkte, er würde vielleicht augenblicklich Kehrt gemacht
+haben.
+
+Auf dem Bahnhofe, als alles besorgt und Ilse mit dem Papa in das Koupee
+gestiegen war, trat Johann hinzu mit Bob unter dem Arme und der Mütze in
+der Hand.
+
+»Leben Sie recht wohl, Fräulein Ilschen, und kommen Sie gut hin,« sagte er
+etwas verlegen. »Die Hunde werde ich schon besorgen, dafür haben Sie nur
+keine Angst nicht. Den hier nehmen Sie wohl mit, es ist doch gut, wenn Sie
+nicht so allein in der Pension sind.«
+
+Ilse jauchzte vor Freude. Sie nahm den Hund in Empfang, liebkoste und
+streichelte ihn, dann reichte sie Johann die Hand.
+
+»Leb wohl,« sagte sie, »und habe Dank. Ich freue mich zu sehr, daß ich ein
+Hündchen mit mir nehmen kann.«
+
+»Ja, aber Ilse, das geht doch nicht,« wandte der erstaunte Oberamtmann
+ein, »du darfst doch keine Hunde mit in das Institut bringen. Sei
+vernünftig und gieb Bob Johann wieder zurück.«
+
+Doch daran war nicht zu denken. Ilse ließ sich durch keine Vorstellung
+dazu bewegen.
+
+»Die einzige Freude laß mir, Pa'chen! Willst du mich denn ganz allein
+unter den fremden Menschen lassen? Wenn Bob bei mir ist, dann habe ich
+doch einen guten Freund. Nicht wahr, Bobchen, du willst nicht wieder fort
+von mir,« wandte sie sich an den Hund, der es sich bereits höchst bequem
+auf ihrem Schoße gemacht hatte, »du bleibst nun immer bei mir!«
+
+Es war dem Oberamtmann unmöglich, ein Machtwort dagegen zu sprechen, zumal
+ja Ilse so triftige Gründe für ihren Wunsch anführte. Am meisten
+überzeugte ihn der Gedanke, daß die Kleine doch einen heimatlichen Trost
+mit in die Fremde brächte.
+
+Es war eine lange und ziemlich langweilige Fahrt, meist durch flaches
+Land, erst zuletzt kamen die Berge. Für Ilse that sich eine neue Welt auf,
+sie hatte noch nie eine so große Reise gemacht. Auf jeder Station schaute
+sie mit neugierigen Augen hinaus, jedes Bahnwärterhäuschen amüsierte sie.
+Ueber all den neuen Eindrücken, die sich ihr aufdrängten, trat der
+Trennungsschmerz in den Hintergrund.
+
+Spät am Abend, es war zehn Uhr vorbei, langten sie in W. an. Natürlich
+übernachtete Ilse mit ihrem Vater im Hotel, erst am andern Morgen sollte
+sie in ihre neue Heimat eingeführt werden.
+
+Als es am nächsten Tage neun Uhr schlug, stand Ilse fertig angezogen vor
+ihrem Papa. Sie sah in ihrem grauen Reisekleide und den zierlichen
+Lederstiefeln ganz allerliebst aus. Unter dem runden, weißen Strohhute,
+der mit einem Feldsträußchen und schwarzen Samtband aufgeputzt war, fielen
+die braunen Locken herab. Die schönen, großen Augen blickten heute nicht
+so fröhlich wie sonst, sie hatten einen ängstlich erwartungsvollen
+Ausdruck, und um den Mund zuckte es in nervöser Aufregung.
+
+»Dir fehlt doch nichts, Ilschen?« fragte Herr Macket und sah sein Kind
+besorgt an. »Du bist so blaß, hast du schlecht geschlafen?«
+
+Die herzliche Frage des Vaters löste mit einemmal die unnatürliche
+Spannung in Ilses Wesen. Sie fiel ihm um den Hals, und die bis dahin
+trotzig zurückgehaltenen Thränen brachen mit aller Macht hervor.
+
+»Aber Kind, Kind,« sagte Herr Macket sehr geängstigt durch ihre
+Leidenschaftlichkeit, »du wirst ja nicht lange von uns getrennt bleiben.
+Ein Jahr vergeht schnell, und zu Weihnachten besuchst du uns. Komm,
+Kleines, trockne die Thränen. Du mußt dir das Herz nicht schwer machen. Du
+wirst uns fleißig Briefe schreiben und die Mama oder ich werden dir
+täglich Nachricht geben von uns, von allem, was dich in Moosdorf
+interessiert.« Und er nahm sein Taschentuch und trocknete damit die immer
+von neuem hervorbrechenden Thränen seines Kindes.
+
+Der Oberamtmann befand sich in einer gleich aufgeregten Stimmung wie sein
+Kind, es wurde ihm nicht leicht zu trösten, wo er selbst des Trostes
+bedürftig war. So schwer hatte er sich die Trennung nicht gedacht, er
+würde sonst nicht darein gewilligt haben; aber da er das einmal gethan
+hatte, wollte er sich in die Notwendigkeit fügen.
+
+Er strich Ilse das Haar aus der Stirn und setzte ihr den herabgesunkenen
+Hut wieder auf. »Komm,« sagte er, »jetzt wollen wir gehen. Nun sei ein
+verständiges Kind.«
+
+»Die Mama soll mir nicht schreiben!« stieß Ilse schluchzend heraus, »nur
+deine Briefe will ich haben! Meine Briefe an dich soll sie auch nicht
+lesen!«
+
+»Ilse!« verwies Herr Macket, »so darfst du nicht sprechen. Die Mama hat
+dich lieb und meint es sehr gut mit dir.«
+
+»Sehr gut!« wiederholte sie in kindischem Zorne, »wenn sie mich lieb
+hätte, würde sie mich nicht verstoßen haben!«
+
+»Verstoßen! Du weißt nicht, was du sprichst, Ilse! Werde erst älter, dann
+wirst du das große Unrecht einsehen, das du heute deiner Mutter anthust,
+und deine bösen Worte bereuen.«
+
+»Sie ist nicht meine Mutter, - sie ist meine Stiefmutter!«
+
+»Du bist kindisch!« sagte der Oberamtmann, »aber merke dir, niemals wieder
+will ich dergleichen Aeußerungen von dir hören. Du kränkst mich damit!«
+
+Ilse sah schmollend zur Erde nieder und konnte nicht begreifen, wie es
+kam, daß der Papa sie nicht verstand, er mußte doch einsehen, wie unrecht
+ihr geschah.
+
+»Komm jetzt,« fuhr er in mildem Tone fort, »wir wollen gehen, mein Kind.«
+Sie ergriff den Hund, nahm ihn auf den Arm und wollte so ausgerüstet dem
+Vater folgen.
+
+»Laß ihn zurück,« gebot derselbe, »wir wollen die Vorsteherin erst fragen,
+ob du ihn mitbringen darfst.«
+
+Aber Ilse setzte ihren Kopf auf, »dann gehe ich auch nicht,« erklärte sie
+mit aller Bestimmtheit. »Ohne Bob bleibe ich auf keinen Fall in der
+Pension!«
+
+Macket that dem Eigensinne den Willen aus Furcht, von neuem Thränen
+hervorzulocken. Aber Ilses Widerstand war ihm im höchsten Grade peinlich.
+Was sollte Fräulein Raimar denken!
+
+Eine Viertelstunde darauf standen Vater und Tochter vor einem stattlichen,
+zweistöckigen Hause, das vor dem Thore der kleinen Stadt mitten im Grünen
+lag; es war das Institut des Fräulein Raimar.
+
+Der Oberamtmann blieb überrascht davor stehen. »Sieh Ilse, welch ein
+schönes Gebäude!« rief er höchst befriedigt. »Der Blick von hier aus in
+die nahen Berge ist geradezu bezaubernd.«
+
+Was kümmerten sie die Berge! Sie fühlte sich so gedrückt von Kummer, daß
+ihr die ganze Welt ein Jammerthal dünkte.
+
+»Wie kannst du dies Haus schön finden, Papa,« entgegnete sie. »Wie ein
+Gefängnis sieht es aus.«
+
+Herr Macket lachte. »Betrachte doch die hohen, breiten Fenster, Kind,«
+sagte er. »Glaubst du, daß in einem Gefängnisse ähnliche zu finden sind?
+Die armen Gefangenen sitzen hinter kleinen, blinden Scheiben, die außerdem
+noch mit einem Eisengitter versehen sind.«
+
+»Ich werde jetzt auch eine Gefangene sein, Papa, und du selbst lieferst
+mich in dem Gefängnisse ab.«
+
+»Du bist eine kleine Närrin!« lachte er und brach das Gespräch, das ihm
+bedenklich zu werden schien, ab.
+
+Er stieg die breiten, steinernen Stufen, die zu dem Eingange führten,
+hinauf und zog an der Klingel. Ilse, die ihm langsam gefolgt war, schrak
+unwillkürlich zusammen, als sie den hellen Schall im Hause vernahm.
+
+Gleich darauf wurde die Thür von einer Magd geöffnet. Nachdem dieselbe die
+Angekommenen gemeldet hatte, wurden sie in das Empfangszimmer der
+Vorsteherin geführt.
+
+Bevor sie dasselbe erreichten, mußten sie den Hausflur und einen langen
+Korridor, von welchem zwei Ausgänge in einen schönen, großen Hof führten,
+durchschreiten. Es war gerade die Frühstückspause in der Schule und so war
+es natürlich, daß überall lachend und plaudernd große und kleine Mädchen
+umherstanden. Sie verstummten, als sie die neue Pensionärin, von der sie
+wußten, daß sie heute ankommen werde, erblickten, und aller Augen
+richteten sich auf Ilse, der es plötzlich höchst beklommen zu Mute wurde.
+Es schien ihr, als höre sie verstecktes Kichern hinter sich und sie war
+herzlich froh, als die Thür in dem Empfangszimmer sich hinter ihr schloß.
+Noch war dasselbe leer.
+
+Ilse blickte sich um, und in diesem großen, vornehmen Raume, der
+künstlerisch und elegant zugleich eingerichtet war, stieg mit einem Male
+ein etwas banges Gefühl in ihr auf wegen Bob, sie wünschte fast, des
+Vaters Willen gefolgt zu sein. Hätte sie den Hund in ihrem Arme plötzlich
+unsichtbar machen können, sie hätte es gethan. Nun wollte der Unartige
+auch noch herunter auf den Boden, und diesen Wunsch konnte sie ihm doch
+unmöglich erfüllen, wie hätte sie wagen dürfen, ihn auf den kostbaren
+Teppich, der durch das Zimmer gebreitet lag, herab zu lassen!
+
+Die Thür öffnete sich und Fräulein Raimar trat ein. Sie begrüßte Herrn
+Macket mit steifer Freundlichkeit, dann blickte sie mit ihren stahlgrauen
+Augen, die einen zwar strengen, ernsten, trotzdem aber gewinnenden
+Ausdruck hatten, auf Ilse. Diese war dicht an den Vater getreten und hatte
+seine Hand ergriffen.
+
+»Sei willkommen, mein Kind!« Mit diesen Worten begrüßte die Vorsteherin
+Ilse und reichte ihr die Hand. »Ich denke, du wirst dich bald bei uns
+heimisch fühlen.« Als sie den Hund sah, fragte sie: »Hat dich dein Hund
+bis hierher begleitet?«
+
+Ilse blickte etwas hilflos den Papa an, der dann auch für sie das Wort
+nahm. »Sie mochte sich nicht von ihm trennen, Fräulein Raimar,« sagte er
+etwas verlegen, »sie glaubte, daß Sie die Güte haben würden, ihren kleinen
+Kameraden mit ihr aufzunehmen.«
+
+Das Fräulein lächelte. Es war das erste Mal, daß man ihr eine solche
+Zumutung machte. »Es thut mir leid, Herr Oberamtmann,« sagte sie, »daß ich
+den ersten Wunsch Ilses rücksichtslos abschlagen muß. Sie wird verständig
+sein und einsehen, daß ich nicht anders handeln kann. Stelle dir einmal
+vor, liebes Kind, wenn alle meine Pensionärinnen den gleichen Wunsch
+hätten, dann würden zweiundzwanzig Hunde im Institute sein. Welch ein
+Spektakel würde das geben! Möchtest du das Tier gern in deiner Nähe
+behalten, so wüßte ich einen Ausweg. Mein Bruder, der Bürgermeister hier,
+wird deinen Hund gewiß aufnehmen, wenn ich ihn darum bitte; dann kannst du
+täglich deinen Liebling sehen.«
+
+Ilse war rot geworden und dicke Thränen perlten in ihren Augen. »Dann
+bleibe ich auch nicht hier!« - sie wollte es eben aussprechen, aber sie
+wagte es nicht. Die Dame vor ihr hatte so etwas Unnahbares, Vornehmes in
+ihrem Wesen. Wie eine Fürstin erschien sie ihr trotz des schlichten,
+grauen Kleides, dessen kleiner Stehkragen am Halse mit einer einfachen
+goldenen Nadel zusammengehalten wurde. Ilse senkte den Blick und schwieg.
+
+Der Oberamtmann lachte. »Sie haben recht, Fräulein,« sagte er, »und wir
+hätten das selbst vorher bedenken können. Ihre große Güte, den Hund bei
+Ihrem Herrn Bruder unterzubringen, wird Ilse mit vielem Danke annehmen,
+nicht wahr?«
+
+Sie schüttelte den Kopf. »Fremde Leute sollen Bob nicht haben, Papa, du
+nimmst ihn wieder mit nach Moosdorf.«
+
+Herr Macket schämte sich der Antwort seines Kindes, aber Fräulein Raimar
+überhob ihn geschickt seiner Verlegenheit. Mit ihrem erfahrenen Sinne
+hatte sie sofort das Trotzköpfchen vor sich erkannt. Sie that, als merkte
+sie Ilses Unart nicht.
+
+»Du hast ganz recht,« sagte sie freundlich, »es ist das beste, der Papa
+nimmt das Tier wieder mit in die Heimat. Du würdest durch dasselbe
+vielleicht doch mehr zerstreut, als mir lieb wäre. Soll die Magd den Hund
+in das Hotel zurücktragen, wo Sie abgestiegen sind, Herr Oberamtmann?«
+
+»Ich will ihn selbst dorthin tragen, nicht wahr, Papachen?« fragte Ilse
+und hielt Bob ängstlich fest.
+
+»Ich wünsche nicht, daß du es thust, liebe Ilse,« wandte Fräulein Raimar
+ein. »Ich möchte dich gleich zu Mittag hier behalten, um dich den übrigen
+Pensionärinnen vorzustellen. Ich halte es so für das beste. Es thut nicht
+gut, Herr Oberamtmann, wenn ein Kind, sobald der Vater oder die Mutter es
+mir übergeben haben, noch einmal mit ihnen zurückkehrt in das Hotel. Der
+Abschied wird ihm weit schwerer gemacht.«
+
+»Nein, nein!« rief Ilse zitternd vor Aufregung, »ich bleibe nicht gleich
+hier! Ich will mit meinem Papa so lange zusammen sein, bis er abreist. Du
+nimmst mich mit dir, nicht, Papa?«
+
+Es wurde Herrn Macket heiß und kalt bei ihrem Ungestüm, indes auch diesmal
+half ihm Fräulein Raimar über die peinliche Lage hinweg.
+
+»Gewiß, mein Kind,« entgegnete sie mit Ruhe, »dein Wunsch soll dir erfüllt
+werden. Darf ich Sie bitten, Herr Oberamtmann, heute mittag mein Gast zu
+sein? Sie würden mich sehr erfreuen.«
+
+Ilse warf ihrem Papa einen flehenden Blick zu, der ungefähr ausdrücken
+sollte: »Bleib' nicht hier, nimm mich mit fort! Ich mag nicht hier bleiben
+bei dem bösen Fräulein, das mich schlecht behandeln wird!« Leider verstand
+er den Blick anders, er hielt ihn für eine stumme Bitte, die Einladung
+anzunehmen und sagte zu.
+
+Die Vorsteherin erhob sich und zog an einer Klingelschnur. Der
+eintretenden Magd trug sie auf, Fräulein Güssow zu rufen. Wenige
+Augenblicke darauf trat dieselbe in das Zimmer.
+
+Die Gerufene war die erste Lehrerin im Institute und wohnte daselbst. Weit
+jünger als die Vorsteherin, war sie eine höchst anmutige, liebenswürdige
+Erscheinung von sechsundzwanzig Jahren. Sämtliche Tagesschülerinnen und
+besonders die Pensionärinnen schwärmten für sie, sie verstand es, durch
+gleichmäßige Güte sich die jungen Herzen zu gewinnen.
+
+»Wollen Sie die Güte haben, Ilse auf ihr Zimmer zu geleiten,« sagte die
+Vorsteherin, nachdem sie die junge Lehrerin vorgestellt hatte, »damit sie
+dort ihren Hut ablegen kann.«
+
+»Gern,« erwiderte die Angeredete und trat auf Ilse zu. »Komm, liebes
+Kind,« sagte sie freundlich und ergriff sie bei der Hand, »jetzt werde ich
+dir zeigen, wo du schläfst. O, du hast ein schönes, großes Zimmer; aber du
+wohnst nicht allein dort. Ellinor Grey wird deine Stubengenossin sein. Sie
+ist ein liebes Mädchen. Du möchtest gern gleich mit ihr bekannt werden,
+nicht wahr?«
+
+Ilse überhörte die Frage. Mit scheuen, ängstlichen Augen sah sie den Vater
+an und fragte: »Du gehst doch nicht fort, Papa?« Als er sie darüber
+beruhigte, folgte sie Fräulein Güssow.
+
+»Aber den Hund mußt du wohl hier lassen, du kannst ihn doch nicht mit
+hinauf in dein Zimmer nehmen,« sagte Fräulein Raimar. »Du kannst ihn
+draußen der Magd übergeben, damit sie ihn so lange in Verwahrung nimmt.«
+
+Fräulein Güssow dachte weniger streng als die Vorsteherin. Sie fand es
+nicht so schlimm, wenn Ilse ihren Hund im Arme behielt.
+
+»Hast du ihn so sehr gern?« fragte sie, als sie mit dem jungen Mädchen den
+Korridor entlangging.
+
+»Ja,« entgegnete Ilse, »sehr, sehr lieb habe ich Bob. Und ich darf ihn
+nicht hier behalten.«
+
+Sie legte ihre Wange auf des Hundes Kopf und kämpfte mit dem Weinen.
+
+»Gräme dich nicht darum, Kind,« tröstete Fräulein Güssow, »das ist nicht
+so schlimm. Du findest hier viel etwas Besseres. Du sollst einmal sehen,
+wie bald du den Bob vergessen haben wirst. Wir haben zweiundzwanzig
+Pensionärinnen jetzt im Institute, du wirst manche liebe Freundin unter
+ihnen finden. Hast du Geschwister?«
+
+»Nein,« sagte Ilse, die ganz zutraulich gegen Fräulein Güssow wurde, »ich
+bin allein.«
+
+»Nun, siehst du! Da kann ich mir deine Liebe zu dem unvernünftigen Tiere
+erklären, dir fehlten die Gespielinnen. Gieb deinen Hund getrost dem Papa
+wieder mit zurück, du wirst ihn nicht vermissen.«
+
+Sie stiegen eine Treppe hinauf und kamen auf einen großen, hellen Vorsaal,
+auf welchem eine Anzahl Thüren mündeten. Eine derselben öffnete die
+Lehrerin, und sie traten in ein geräumiges Zimmer ein, das nach dem Garten
+führte. Die Fenster waren geöffnet und ein mächtiger Apfelbaum streckte
+seine Zweige fast zum Fenster hinein.
+
+Die Einrichtung war nicht elegant, nur das Notwendigste befand sich in dem
+Zimmer. Zwei Betten, zwei Kommoden und zwei Kleiderschränke, dann noch ein
+großer Waschtisch und einige Stühle.
+
+Als Fräulein Güssow mit Ilse eintrat, erhob sich schnell ein junges
+Mädchen von ungefähr siebzehn Jahren, das mit einem Buche in der Hand am
+Fenster gesessen hatte. Es war ein schlankes, zartgebautes Wesen, mit
+goldblondem Haar, das sie in einem Knoten aufgesteckt trug, mit blauen
+Augen und mit schelmischen Grübchen in den Wangen, sobald sie lachte. Es
+war Ellinor Grey, eine Engländerin.
+
+»Hier bringe ich dir Ilse Macket, Nellie,« so wurde der Engländerin Namen
+allgemein abgekürzt. »Ich denke, du wirst dich ihrer liebreich annehmen.«
+
+»O ja, ich werde ihr sehr lieben,« antwortete Nellie und reichte der
+Neuangekommenen die Hand. »Bleibt die Hund auch hier?« fragte sie.
+
+»Nein,« sagte Fräulein Güssow.
+
+»O wie schade! Es ist ein so süßes Tier!« Und sie streichelte Bob.
+
+Es klang so drollig und sie sah so schelmisch aus, daß Ilse sofort sich
+von ihr angezogen fühlte. Gern hätte sie noch ein Weilchen dem komischen
+Geplauder Nellies zugehört, aber sie mußte dem Fräulein folgen, die sich
+vorgenommen hatte, ihr einige Schulräume zu zeigen. Zuerst öffnete sie die
+Thür zu dem Musikzimmer, dann gingen sie in den Zeichensaal und zuletzt
+wurde Ilse in den sogenannten großen Saal geführt. Die junge Lehrerin
+erzählte ihr, daß in demselben alle Examen und zuweilen auch
+Festlichkeiten stattfänden. Ilse hörte mit halbem Ohre, sie hatte nämlich
+durch eine offenstehende Thür einen Blick in eine leerstehende Klasse
+gethan und Schulbänke darin entdeckt. Dort eingeklemmt sollte sie von
+jetzt an sitzen, nicht aufstehen dürfen, wenn es ihr beliebte - o, es war
+entsetzlich! Ein Grauen überkam sie plötzlich, ihr war, als würde ihr die
+Brust zusammengeschnürt.
+
+»In welche Klasse meinst du, daß du kommen wirst?« fragte das Fräulein,
+»deinem Alter nach müßtest du wohl in die erste versetzt werden. Hast du
+deine Arbeitsbücher mitgebracht? Wie steht es mit den Sprachen?
+Französisch und Englisch sind dir wohl geläufig, da du stets, wie dein
+Papa schrieb, eine englische oder französische Gouvernante hattest.«
+
+Von unten herauf tönte eine Glocke. Dies war eine sehr gelegene
+Unterbrechung für Ilse, der es unheimlich bei dem Examen wurde. Sie sagte,
+daß sie nicht wisse, wie weit sie sei, französisch glaube sie sprechen zu
+können.
+
+»Nun laß nur, mein Kind,« meinte das Fräulein, »heute wollen wir noch
+nicht an das Lernen denken, bei deiner Prüfung morgen werden wir ja sehen,
+welch kleine Gelehrte du bist. - Wir wollen jetzt hinunter in den
+Speisesaal gehen, die Glocke hat uns zu Tisch gerufen.«
+
+Als sie in denselben eintraten, fanden sie die Vorsteherin mit dem
+Oberamtmann bereits dort. Erstere machte ihn mit der herkömmlichen
+Einrichtung während des Essens bekannt. Zum Beispiel, daß die zuletzt
+angekommene Pensionärin stets ihren Platz neben der Vorsteherin angewiesen
+erhalte. Dann, daß zwei junge Mädchen wöchentlich den Tisch zu besorgen
+hatten. Dieselben mußten denselben decken und genau acht geben, daß nichts
+fehlte und sämtliche Gegenstände sauber und blank waren. Die Jüngste der
+Pensionärinnen sprach stets das Tischgebet.
+
+Dem Oberamtmann gefielen die Anordnungen vortrefflich und als er seinen
+Blick über die junge Mädchenschar hingleiten ließ, mußte er seine Freude
+aussprechen, wie gesund und fröhlich fast alle aussahen.
+
+Ilse sah auch umher, aber es waren nicht die fröhlichen und gesunden
+Gesichter, die sie interessierten, sondern die Schürzen. Jede Einzelne
+trug ein solches von ihr verachtetes Ding, und Fräulein Raimar sah nicht
+aus, als ob sie eine Ausnahme bei ihr gelten lassen würde.
+
+Nach dem Gebete wurden die Speisen aufgetragen. Dieselben waren kräftig
+und gut gekocht, und Herr Macket konnte sich überzeugen, daß sein Kind
+auch in dieser Hinsicht gut versorgt sein werde.
+
+Nach dem Essen verabschiedete er sich bald, und Ilse durfte ihn begleiten.
+Nellie hatte kaum davon gehört, als sie wie der Wind die Treppe
+hinaufflog, um gleich darauf mit Ilses Hut und Handschuhen zurückzukommen.
+
+Diese dankte ihr dafür, und Herr Macket reichte ihr die Hand.
+
+»Leben Sie wohl, mein Fräulein,« sagte er herzlich, denn Nellie hatte
+durch diese kleine Aufmerksamkeit ihn sofort für sich eingenommen, »und
+haben Sie Geduld mit meinem kleinen Wildfang.«
+
+»O ja,« entgegnete Nellie, »ich werde mir schon gern von sie annehmen.«
+
+»Nun, Ilse, wie gefällt dir das Institut?« fragte der Oberamtmann, als sie
+auf der Straße gingen, »ich gestehe, daß ich sehr befriedigt von hier
+abreise, ich weiß, ich lasse dich in guten Händen.«
+
+»Mir gefällt es gar nicht hier!« erklärte Ilse höchst verstimmt. »Es ist
+mir alles so fremd, und vor dem grauen Fräulein mit dem blonden, glatten
+Scheitel fürchte ich mich. Sie ist so hart, so ungefällig! Du sollst
+sehen, Papa, sie ist nicht gut gegen mich. Warum soll ich Bob nicht
+behalten?«
+
+»Du hast gehört, weshalb nicht, nun mußt du auch nicht mehr so hartnäckig
+auf deinen Wunsch zurückkommen,« verwies er sie leicht.
+
+»Nun fängst auch du an, mit mir zu zanken! Niemals hast du so böse mit mir
+gesprochen,« rief Ilse schmerzlich beleidigt. Und sie fühlte sich in dem
+Gedanken, daß kein Mensch, selbst der Papa nicht, sie leiden möge, so
+unglücklich, daß das große Mädchen auf offner Straße zu weinen anfing.
+
+Der Oberamtmann nahm ihren Arm und legte ihn in den seinigen. Des Kindes
+Thränen machten ihn so weich.
+
+»Aber Kleines,« sagte er zärtlich und versuchte zu scherzen, »was machst
+du denn? Sollen dich die Leute auslachen, wenn das große, kleine Mädchen
+weint?«
+
+Er führte sie zurück in das Hotel und dort fanden sie bereits Bob. Freudig
+bellend begrüßte er Ilse, und diese nahm ihn hoch und liebkoste ihn unter
+lautem Schluchzen.
+
+Um fünf Uhr reiste der Oberamtmann wieder zurück in die Heimat. Die
+wenigen Stunden bis dahin vergingen schnell und stürmisch. Je näher der
+Abschied rückte, desto aufgeregter wurde Ilse, und es bedurfte seiner
+ganzen Festigkeit, um ihrem Wunsche, sie wieder mit nach Moosdorf zu
+nehmen, entgegenzutreten.
+
+»Sei doch verständig!« Wie oft bat er sie in dringendem Tone darum, wenn
+sie in leidenschaftlicher Erregung allerhand Drohungen ausstieß, wie:
+
+»Ich laufe heimlich davon,« oder »ich werde so ungezogen sein, daß mich
+das böse Fräulein wieder fortschickt!« Er wußte, sie werde beides nicht
+thun, aber es machte ihm doch Kummer, seinen Liebling so trostlos zu
+sehen.
+
+Sie wollte ihn wenigstens zur Bahn begleiten, auch das litt Herr Macket
+nicht.
+
+»Ich fahre dich zurück in das Institut und dann allein zur Bahn. So ist es
+am besten. Nun komm, Ilschen,« fuhr er fort, als der Wagen unten vorfuhr,
+und nahm sie zärtlich in den Arm, »und versprich mir ein gutes, folgsames
+Kind zu sein. Du sollst einmal sehen, wie bald du dich eingewöhnt haben
+wirst.«
+
+Sie hing sich an seinen Hals und mochte sich nicht von ihm trennen. Es
+fiel ihr mit einemmal schwer auf das Herz, wie sehr sie den Papa gequält
+hatte in den letzten Stunden.
+
+»Sei mir gut, mein lieber, lieber Papa!« bat sie, »sei mir gut! Du bist ja
+der einzige Mensch auf der Welt, der mich lieb hat!«
+
+Als der Wagen vor der Anstalt hielt, trennte sich Ilse lautschluchzend von
+ihrem Vater, und als sie denselben davonfahren sah, war es ihr zu Mute,
+als ob sie auf einer wüsten Insel allein zurückgelassen, elendiglich
+untergehen müsse.
+
+ * * *
+
+Noch eine Weile stand sie vor der verschlossenen Pforte, sie konnte sich
+nicht entschließen, an der Klingel zu ziehen. Da wurde die Thür von selbst
+geöffnet und Fräulein Güssow stand in derselben. Sie hatte von einem
+Fenster in der oberen Etage den Wagen kommen sehen und war hinuntergeeilt,
+um Ilse zu empfangen.
+
+»Jetzt gehörst du zu uns, liebes Kind,« sagte sie mit warmer Herzlichkeit
+und nahm sie in den Arm. »Weine nicht mehr, wir werden dich alle lieb
+haben.«
+
+Ilse gab keine Antwort, sie fühlte sich so unglücklich, daß selbst der
+liebevolle Empfang der jungen Lehrerin kein Echo in ihrem Herzen fand.
+
+»Möchtest du auf dein Zimmer gehen?« fragte diese.
+
+ [Illustration]
+
+Ilse nickte stumm, sie hielt noch immer das Tuch gegen die Augen gedrückt.
+
+»Nellie!« rief Fräulein Güssow, »gehe mit Ilse hinauf und sei ihr beim
+Auspacken ihrer Sachen behilflich. Du möchtest doch sicher gern deine
+Sachen in Ordnung haben, liebe Ilse.«
+
+Sie wußte sehr wohl, daß Ilse durchaus nicht diesen Wunsch hatte, aber sie
+wußte auch, daß die Thätigkeit das beste Heilmittel gegen Kummer und
+Herzeleid ist.
+
+Die beiden Mädchen begaben sich auf ihr Zimmer. Ilse setzte sich auf einen
+Stuhl, behielt den Hut auf dem Kopfe und starrte zum Fenster hinaus. Es
+fiel ihr nicht ein, ihre Sachen auszupacken, und sie war geradezu empört,
+daß man Dinge von ihr verlangte, die den Dienstboten zukämen. Nellie hatte
+schweigend den Schrank geöffnet und die Schubladen der Kommode aufgezogen,
+dann sah sie Ilse an, ob diese sich nicht erheben werde.
+
+»Gieb mich deiner Schlüssel, ich werde aufschließen die Koffers,« sagte
+sie, »wir müssen auspacken.«
+
+Unlustig verließ Ilse ihren Platz und da sie an irgend etwas ihren
+augenblicklichen Unmut auslassen mußte, nahm sie ihren Hut vom Kopfe und
+warf ihn mitten in das Zimmer.
+
+»Warum soll ich alles auspacken? Ich weiß gar nicht, ob ich hier bleiben
+werde,« sagte sie. »Mir gefällt es hier nicht!«
+
+Nellie hatte den Hut aufgenommen und ihn auf ein Bett gelegt. »O,« sagte
+sie sanft, »du gewöhnst dir schon. Es geht uns alle wie dich, wenn wir
+kommen. Du mußt nur deiner Kopf nicht hängen lassen. Nun gieb die
+Schlüssels, daß ich öffnen kann.«
+
+Ilses Trotz konnte durch keine Waffe besser geschlagen werden, als durch
+Nellies Sanftmut. Sie gab den Schlüssel und jene schloß auf und begann
+auszuräumen. Ilse stand dabei und sah zu.
+
+»O, du mußt dich dein Sachen selbst aufräumen in dein Kommode,« sagte
+Nellie. »Ich werde dich alles zureichen.«
+
+Ilse hatte wenig Lust dazu, Ordnung kannte sie nur dem Namen nach. Sie
+nahm die sauber, mit roten Bändern gebundene Wäsche und warf sie achtlos
+in die Schubkasten, es war ihr gleich, wie alles zu liegen kam. Nellie sah
+diesem Treiben einige Augenblicke zu, dann fing sie an zu lachen.
+
+»Was machst du?« fragte sie. »Weißt du nicht, wie Ordnung ist?
+Taschentücher, Kragen, Schürzen - alles wirfst du durcheinander. Das sieht
+sehr bunt aus. Hübsch nebeneinander mußt du es machen, so -,« und sie zog
+einen Kasten nach dem andern in ihrer Kommode auf und zeigte Ilse, wie
+sauber dort alles geordnet lag.
+
+»Das kann ich nicht!« entgegnete Ilse. »Uebrigens fällt es mir auch gar
+nicht ein, so viel Umstände um die dummen Sachen zu machen!«
+
+»Dumme Sachen!« wiederholte Nellie. »O Ilse, wie kannst du so sagen! Sieh
+diesen feinen Taschentücher, wie sie schön gestickt, - o und diese süße
+Schürzen! Und du hast die schwere Bücher daraufgethan - wie hast du sie
+zerdrückt! - Laß nur sein,« fuhr sie fort, als Ilse im Begriffe war,
+Schuhe und Stiefel auf die Wäsche zu werfen, »ich werde ohne dir machen -
+du verstehst nix!«
+
+Ilse ließ sich das nicht zweimal sagen. Ruhig sah sie zu, wie Nellie das
+Schuhzeug nahm und es unten in den Kleiderschrank stellte, wie sie
+überhaupt jedem Dinge den rechten Platz gab.
+
+»O, ein schönes Buch!« rief diese plötzlich und nahm ein Buch aus dem
+Koffer, das höchst elegant in braunen Samt gebunden und mit silbernen
+Beschlägen verziert war. In der Mitte des Deckels befand sich ein kleines
+Schild, auf welchem eingraviert war: Ilses Tagebuch.
+
+Ilse nahm dasselbe Nellie aus der Hand und sah es verwundert an. Was war
+das für ein Buch? Sie wußte nichts davon. Ein kleiner Schlüssel steckte in
+dem Schlosse desselben und als sie es aufgeschlossen hatte, fiel ein
+beschriebenes Blatt ihr gerade vor die Füße. Sie hob es auf und las:
+
+
+
+
+
+
+ Mein liebes Kind!
+
+Möge dieses Buch Dein treuer Freund in der Fremde sein. Wenn Dein Herz
+schwer ist, flüchte zu ihm und teile ihm mit, was Dich bedrückt. Es wird
+verschwiegen sein und Dein Vertrauen nie mißbrauchen.
+
+Gedenke in Liebe
+ Deiner
+ Mama.
+
+
+
+
+
+
+Ohne ein Wort zu sagen, legte Ilse das Buch beiseite. Sie empfand keinen
+Funken Freude über die reizende Ueberraschung, auch blieben die
+liebevollen Worte der Mutter ohne Eindruck auf sie.
+
+»Freut dir das Buch nicht?« fragte Nellie, die sich über diese
+Gleichgültigkeit wunderte.
+
+Ilse schüttelte den Kopf. »Was soll ich damit?« fragte sie und ihr
+hübscher, frischer Mund zog sich trotzig in die Höhe, »ich schreibe
+niemals etwas hinein. Ich werde froh sein, wenn ich meine Aufgaben gemacht
+habe. Zu langen, unnützen Geschichten habe ich keine Zeit und keine Lust.«
+
+»Ich würde viel Freude haben, wenn ich ein Mutter hätte, die mir so
+beschenkte,« sagte Nellie traurig.
+
+»Ist deine Mutter tot?« fragte Ilse teilnehmend.
+
+»O sie ist lange, lange tot,« entgegnete Nellie. »Sie starb, als ich noch
+eines klein Baby war. Meine Vater ist auch tot - ich bin ganz allein.
+Niemand hat mir recht von Herzen lieb.«
+
+»Arme Nellie,« sagte Ilse und ergriff ihre Hand. »Aber du hast
+Geschwister?«
+
+»O nein! keine Schwester - ganz allein! Ein alte Onkel laßt mir in
+Deutschland ausbilden, und wenn ich gutes Deutsch gelernt habe, muß ich
+ein Gouvernante sein.«
+
+»Gouvernante!« rief Ilse erstaunt. »Du bist doch viel zu jung dazu! Alte
+Mädchen können doch erst Gouvernanten werden!«
+
+Ueber diese naive Anschauung mußte Nellie herzlich lachen, und nun war
+ihre traurige Stimmung wieder verschwunden und ihre angeborene Heiterkeit
+brach hervor, wie der Sonnenstrahl durch graue Wolken. Auf Ilse aber hatte
+Nellies Verlassensein einen tiefen Eindruck gemacht.
+
+»Laß mich deine Freundin sein,« bat sie in ihrer kindlich offnen Weise,
+»ich will dich auch sehr lieb haben.«
+
+»Gern sollst du meine Freundin sein,« entgegnete Nellie und reichte Ilse
+die Hand. »Du hast mich von der erste Augenblick so nett gefallen.«
+
+Der große Koffer war nun leer, und Nellie ergriff den kleinen und war eben
+im Begriffe die Riemen desselben loszuschnallen, als Ilse ihr ihn unsanft
+aus der Hand nahm.
+
+»Der bleibt geschlossen!« sagte sie, »du darfst nicht sehen, was darin
+ist!«
+
+»O je! Was du machst so böse Augen!« rief Nellie und stellte sich höchst
+erschrocken. »Hast du Heimlichkeiten in der kleine Koffer? Ist wohl Kuchen
+und Wurst darin?«
+
+Nellie begleitete ihre Worte mit so komischen Gebärden, daß Ilse lachen
+mußte. Sie bereute auch schon ihre Heftigkeit.
+
+»Ich war recht heftig, Nellie, sei mir nicht böse,« bat sie. »Wenn du mich
+nicht verraten willst, dann werde ich dir zeigen, was darin ist; aber gieb
+mir die Hand darauf, daß du schweigen wirst.«
+
+Nellie legte den Zeigefinger auf den Mund und besiegelte mit einem
+Händedrucke ihre Verschwiegenheit.
+
+Jetzt nahm Ilse den Schlüssel, den sie am schwarzen Bande um den Hals
+trug, und als sie eben im Begriffe war aufzuschließen, wurde zum
+Abendessen geläutet.
+
+»O wie schade!« rief Nellie, die vor Neugierde brannte, die
+geheimnisvollen Schätze zu sehen. »Nun müssen wir hinunter und erst nach
+die Schlafgehen können wir auspacken!«
+
+»Nach dem Schlafengehen?« fragte Ilse erstaunt. »Da liegen wir ja doch in
+unsren Betten.«
+
+»Schweig!« entgegnete Nellie und legte abermals den Finger auf den Mund.
+»Das ist meines Geheimnis.« - -
+
+Ilse erhielt ihren Platz neben der Vorsteherin. An ihrer andern Seite saß
+eine junge Russin, Orla Sassuwitsch. Dieselbe war eine pikante, elegante
+Erscheinung mit kurzgeschnittenem, schwarzen Haar, sehr lebhaften, dunklen
+Augen und einem Stumpfnäschen. Sie zählte siebzehn Jahre, sah aber älter
+aus. Uebrigens sprach sie fließend deutsch.
+
+Ilse hätte gern neben Nellie gesessen, mit der sie in den wenigen Stunden
+so vertraut geworden war, die aber saß weit entfernt von ihr.
+Augenblicklich hatte sie ihren Platz noch gar nicht eingenommen, sondern
+sie stand mit noch einem Mädchen an einem Nebentische und war der
+Wirtschafterin behilflich, den Thee zu servieren.
+
+Es war ein allerliebster Anblick, die jungen Mädchen mit ihren sauberen
+Latzschürzen so häuslich geschäftig zu sehen. Geschickt gingen sie an den
+Tafeln entlang und reichten die Tassen herum.
+
+Verschiedene Schüsseln mit Butterbrötchen, die reichlich mit Wurst und
+Braten belegt waren, standen verteilt auf den Tischen.
+
+Fräulein Raimar ergriff die vor ihr stehende und reichte sie Ilse.
+
+»Nimm dir,« sagte sie, »und gieb dann weiter an deine Nachbarin.«
+
+Ilse war hungrig. Am Mittag hatte sie fast keinen Bissen genießen können,
+jetzt aber machte die Natur ihre Rechte geltend. Sie nahm sich vier
+Schnitten auf einmal, legte zwei und zwei aufeinander und verschlang den
+ganzen Vorrat in drei bis vier Bissen. Freilich hatte sie den Mund recht
+voll, die Backen traten wie geschwollen heraus, das kümmerte sie indes
+wenig, sie war gewohnt, von einem ländlichen Butterbrote tüchtig
+abzubeißen, so zarte Theebrötchen hatte sie daheim stets verschmäht. Als
+sie trank, hielt sie ihre Tasse mit beiden Händen und stützte die Ellbogen
+dabei auf den Tisch.
+
+Fräulein Raimar hatte nicht acht auf Ilse gegeben und wurde erst
+aufmerksam, als sie in ihrer Nähe unterdrücktes Kichern hörte. Melanie und
+Grete Schwarz, zwei Schwestern aus Frankfurt am Main, die Ilse gerade
+gegenüber saßen, amüsierten sich köstlich über deren Ungeniertheit,
+stießen heimlich ihre Nachbarinnen an und zeigten verstohlen auf die
+nichts ahnende.
+
+Ein strenger Blick der Vorsteherin brachte die Mädchen zur Ruhe. Sie
+liebte es nicht, daß über andrer Schwächen und Fehler gespottet wurde.
+Ueber Ilses unmanierliche Art zu essen sagte sie vorläufig nichts, um sie
+nicht vor den vielen Mädchen zu beschämen, erst unter vier Augen pflegte
+sie dergleichen Fehler zu rügen.
+
+»Bist du noch hungrig, Ilse?« fragte sie. Statt einer Antwort nickte diese
+mit dem Kopfe, sie hatte ja erst angefangen zu essen.
+
+Abermals wurde ihr die Brotschüssel gereicht und abermals nahm sie die
+gleiche Portion und verzehrte dieselbe genau in der früheren Weise.
+
+»Die ist gefräßig!« flüsterte die fünfzehnjährige Grete ihrer um zwei
+Jahre älteren Schwester zu. »Sieh nur, wie sie wieder stopft.«
+
+Melanie mußte die Hand vor den Mund halten, sonst hätte sie laut
+herausgelacht.
+
+Um halb acht Uhr war das Abendessen vorbei und zugleich den Pensionärinnen
+die Erlaubnis gegeben, frei zu thun, was sie wollten, bis neun Uhr. Dann
+war Schlafenszeit.
+
+»Komm,« sagte Nellie und trat auf Ilse zu, »ich werde mit dich in die
+Garten spazieren. Aber du hast ja dein Serviette noch nicht schön gelegt
+und die Ring drauf gezogen! Das mußt du erst machen.«
+
+»Nein,« entgegnete Ilse, »das werde ich nicht! Wozu sind denn die
+Dienstmädchen da? Zu Hause hatte ich niemals nötig, solche Dinge zu thun.«
+
+»Ist egal, meine liebe Kind. Hier mußt du solche Dinge thun, wir machen es
+alle.«
+
+Richtig, da lagen sämtliche Servietten sauber zusammengewickelt, sie war
+die einzige, die es nicht gethan hatte. Ungeduldig nahm sie die ihrige,
+schlug sie flüchtig zusammen und zog den Ring darüber.
+
+»So nicht,« meinte Nellie, »das ist ungeschickt.«
+
+Und sie faltete die Serviette noch einmal schnell und geschickt mit ihren
+kleinen Händen. Die junge Engländerin hatte bei allem, was sie that,
+Grazie und Anmut, es war eine Lust, ihr zuzusehen.
+
+»Nun schnell in der Garten!« sagte sie, nahm Ilses Arm und führte sie
+dorthin.
+
+Es war ein hübscher Garten, den Ilse jetzt kennen lernte. Nicht so groß
+und parkartig wie der heimatliche, aber wohl gepflegt. Schöne, hohe Bäume
+standen darin, auch fehlte es nicht an lauschigen Plätzen. Von allen
+Seiten sah man auf die grünbewaldeten Berge.
+
+»Ist es nicht nett hier?« fragte Nellie, habt ihr bei dich auch so schöne
+Berge?«
+
+»Nein, Berge haben wir nicht,« entgegnete Ilse, »aber es gefällt mir doch
+besser bei uns. Es ist alles so frei, ich kann das ganze Feld übersehen.
+Eine Mauer haben wir auch nicht um unsren Park, nur eine grüne Hecke, das
+ist viel hübscher.«
+
+Nellie zeigte ihr sämtliche Lieblingsplätze. Sie führte sie zur Schaukel,
+zum Turnplatz und zuletzt zu einer alten Linde, die mit ihren breiten
+Zweigen und Aesten einen großen, runden Raum beschattete.
+
+»O, es ist süß hier! Nicht wahr?« fragte sie entzückt und sah mit
+leuchtenden Augen hinauf in das grüne Blätterdach. »Hier machen wir unsre
+Ruhe zu Mittag. Dieser alter Baum kann viel erzählen, wenn er sprechen
+will! Er weiß so viel Geheimnisse, die hier verraten sind!«
+
+Bei dem Geplauder Nellies verging die Zeit schnell. Ilse, die am Morgen
+sich so unglücklich gefühlt hatte, die am Nachmittage geglaubt hatte, daß
+sie nie die Trennung vom Papa überleben könne, hatte schon verschiedenemal
+herzlich über Nellie lachen müssen, denn diese hatte eine so drollige Art,
+sie auf diese oder jene Pensionärin aufmerksam zu machen.
+
+»Wie heißt das junge Mädchen, das bei Tische neben mir sitzt?« fragte
+Ilse.
+
+»Die mit die kurze Haar und der Klemmer auf die Nase? Das ist Orla
+Sassuwitsch. Oh sie ist klug! Wir haben alle eine kleine wenig Furcht für
+sie, weil sie immer die Wahrheit gerade in die Gesicht sagt.«
+
+»Das ist doch hübsch,« meinte Ilse.
+
+»O ja, wenn sie angenehm ist, aber zuweilen thut die Wahrheit weh, das
+hört keiner Mensch gern. Wenn ich zu sie sagen würde: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Orla, du hast
+geraucht!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} das würde sie gar nicht gefallen, und es ist doch die Wahrheit.
+Ich habe durch ihr Schlüsselloch geluxt und habe große, rauchige Wolken
+gesehen. -«
+
+Sie waren jetzt bei einer Trauerweide angelangt, die ihre grünen Zweige
+bis auf den Boden gesenkt hatte. Nellie blieb stehen und bog einige Zweige
+auseinander.
+
+»Hier, Ilse, stell ich dich unsre Dichterin vor,« sagte sie lachend.
+
+Die Angeredete blickte hinein und sah ein junges Mädchen auf einer kleinen
+Bank sitzen, die hochaufgeschossen, blond und blaß, und deren Gesicht mit
+zahllosen Sommersprossen bedeckt war. Dieselbe hatte auf dem Schoße ein
+dickes, blaues Heft, in welchem sie eifrig schrieb.
+
+Mit einer gewissen neugierigen Scheu blickte Ilse sie an, es war ihr so
+neu, daß junge, siebzehnjährige Mädchen schon dichten können.
+
+»Sie schreibt Romane,« fuhr Nellie fort, »aber wie! Es kommen immer
+zerbrochene Herzen drin vor. - Du wirst dir die Auge schaden, du hast ja
+keine Licht genug zu deine Romane!«
+
+Bis dahin hatte Flora Hopfstange sich nicht stören lassen in ihrer Arbeit,
+jetzt aber wurde sie ärgerlich.
+
+»Ich bitte dich, laß mich in Ruhe, Nellie!« rief sie und schlug ihr
+hellblaues Auge schwärmerisch auf. »Ich hatte eben einen so wundervollen
+Gedanken, nun habe ich ihn verloren!«
+
+»O, ich will ihn suchen!« neckte Nellie und bückte sich auf die Erde
+nieder, als ob sie ihn dort finden könne.
+
+ [Illustration]
+
+»Du bist unausstehlich!« entgegnete Flora aufgebracht. »Du freilich hast
+keine Ahnung von meiner Poesie, verstehst du doch nicht einmal deutsch zu
+sprechen!«
+
+»Das ist wahr,« meinte Nellie lachend und verließ mit Ilse die
+schwerbeleidigte Dichterin.
+
+Melanie und Grete kamen ihnen jetzt entgegen. In ihrer Mitte führten sie
+ein junges Mädchen, sie mochte in Melanies Alter sein, mit lieben, sanften
+Gesichtszügen. Das braune Haar trug sie einfach und glatt gescheitelt,
+kein Härchen sprang widerspenstig hervor. Freundlich lächelte sie Ilse und
+Nellie an, die beiden Schwestern dagegen musterten im Vorübergehen die
+Neuangekommene mit spöttischen Blicken.
+
+»Die Schwestern kennst du,« bemerkte Nellie, »sie sitzen dich gradeüber
+bei Tisch, aber unsre {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Artige{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} ist dich noch unbekannt. O, ich sage dich,
+Ilse, sie ist so artig wie eines ganz wohlgezogenes Kind. Sie ist immer
+der erste in alle Stunden und macht nie eine dummer Streich, kurz, Rosi
+Möller ist eines Musterkind.«
+
+»Was sagst du von unsrem Musterkinde?« rief plötzlich eine fröhliche
+Mädchenstimme. »Nellie, Nellie, dein böses Zünglein geht sicher mit dir
+durch!«
+
+»Du irrst dir, liebes Lachtaube,« entgegnete Nellie, »Ilse ist noch so
+fremd, ich mache ihr bekannt.«
+
+»Wer war das?« fragte Ilse, als die kleine, runde Mädchengestalt, die an
+Orlas Arme hing, vorüber war.
+
+»Das ist Annemie von Bosse, genannt Lachtaube. Sie lacht sehr viel,
+eigentlich immer, und sie kann keine Ende davon finden. Man muß mitlachen,
+sie steckt an. - Nun habe ich dich aber alle Mädchen gezeigt, die in unsre
+Alter sind, die anderen sind zu jung oder es sind Engländerinnen. Von die
+ist nicht viel zu sage, sie sind alle langweilig und sie sprechen noch
+viel weniger gut deutsch als ich.« -
+
+Mit dem Schlage neun begaben sich sämtliche Pensionärinnen zurück in das
+Haus. Bevor sie zur Ruhe gingen, war es Sitte, daß sich alle erst in das
+Zimmer der Vorsteherin begaben, um ihr gute Nacht zu wünschen. Dieselbe
+reichte jeder einzelnen einen Kuß auf die Stirn. Zuweilen ermahnte, lobte
+oder tadelte sie diese oder jene dabei, wenn sie den Tag über etwas gut
+oder schlecht gemacht hatten, alles geschah aber in liebevollem Tone,
+nicht anders als wie eine Mutter zu ihrem Kinde spricht.
+
+»Ich möchte noch mit dir sprechen, liebe Ilse,« sagte Fräulein Raimar, als
+Ilse ihr gute Nacht bot. »Verweile noch einen Augenblick hier.«
+
+Und als sämtliche Mädchen das Zimmer verlassen hatten, ermahnte sie Ilse,
+etwas manierlicher zu essen.
+
+»Du darfst die Tasse nicht mit beiden Händen fassen und die Ellbogen dabei
+aufstützen, Kind, du glaubst nicht, wie unschön das aussieht. Achte auf
+deine Mitschülerinnen, du wirst sehen, daß keine einzige es wie du macht.
+Und dann, weißt du, stecke nicht wieder so große Bissen in den Mund. Die
+kleinen Kinder machen es zuweilen so, aber dann nennt die Mama sie:
+Nimmersatt!«
+
+Ilse war dunkelrot geworden vor Aerger über die erhaltene Ermahnung.
+Trotzig biß sie die Lippen aufeinander und unterdrückte eine ungezogene
+Antwort.
+
+»Geh nun zu Bett, mein Kind, und schlafe gut.«
+
+Sie war im Begriffe, Ilse einen Kuß auf die Stirn zu reichen, als diese
+mit einer heftigen Bewegung den Kopf zurückbog. Es war ihr unmöglich, sich
+von der Vorsteherin küssen zu lassen, die sie in diesem Augenblicke
+geradezu haßte.
+
+Fräulein Raimar wandte sich unwillig von dem Trotzkopfe ab, ohne noch
+etwas zu sagen, und Ilse verließ das Zimmer.
+
+Sie lief die Treppe hinauf und trat atemlos zu Nellie in das Zimmer. Die
+Thüre warf sie heftig in das Schloß und schob auch noch den Riegel vor,
+was in der Pension streng untersagt war.
+
+»Mach nicht der Riegel zu,« sagte Nellie, »wir dürfen das nicht thun. Wenn
+wir in die Bett liegen, kommt Fräulein Güssow bei uns nachsehen.«
+
+Ilse rührte sich natürlich nicht, und Nellie mußte das selbst besorgen.
+Ungestüm warf sie sich auf ihr Bett und brach in Thränen aus.
+
+»O, was ist dich?« fragte Nellie erschrocken.
+
+»Hier bleibe ich nicht! - Ich reise morgen fort! Wenn das mein Papa wüßte,
+wie sie mich behandelt hat!« rief Ilse aufgeregt.
+
+Durch viele Fragen bekam Nellie in einzelnen abgerissenen Sätzen von Ilse
+heraus, was Fräulein Raimar gesagt hatte.
+
+»Ich esse ungeschickt, - ich nehme zu große Bissen - und ich bin ein
+Nimmersatt! Zu Hause darf ich essen, wie und was ich will! - Ich will
+wieder fort! Morgen reise ich! -«
+
+»Du mußt dir nicht so viel grämen um so kleine Sach',« sagte Nellie sanft
+und strich liebkosend Ilses lockiges Haar. »Fräulein Raimar ist sehr
+gerecht, sie meint es gut und will dir nicht beleidigen. Mit uns alle
+macht sie es so. Wir sind doch jung und dumm und müssen noch lernen. - Nun
+komm, wir legen uns jetzt in die Bett und später, wenn Fräulein Güssow bei
+uns eingesehen hat, stehen wir ganz leise wie die Mäuschen wieder auf und
+packen deiner kleine Koffer leer.«
+
+Aber so leicht war Ilse nicht zu beruhigen. »Nein!« rief sie und sprang
+auf, »der kleine Koffer bleibt verschlossen! Ich reise wieder fort!«
+
+Hastig zog sie sich aus, warf ihre Kleidungsstücke drunter und drüber und
+legte sich schluchzend in ihr Bett. Schweigend ordnete Nellie die
+zerstreuten Sachen, sie hing das schöne Kleid an einen Nagel, Ilse hatte
+dasselbe auf einen Stuhl geworfen, und legte alles übrige glatt und
+ordentlich zusammen. Dann ging auch sie zur Ruhe.
+
+Bevor sie indes ihr Lager bestieg, kniete sie vor demselben nieder,
+faltete die Hände und betete leise ein kurzes Gebet.
+
+»Gut' Nacht, Ilse,« sagte sie dann und gab ihr einen Kuß. »Du mußt nun
+nicht mehr weinen, - alle Anfang ist schwer.«
+
+Aber Ilse weinte noch lange. Ihre Gedanken kehrten zum Vater zurück und
+begleiteten ihn auf seiner Rückreise. In wenigen Stunden mußte er die
+Heimat erreicht haben. Ach, wenn er wüßte, wie sein einziges Kind
+behandelt wurde! Sie fühlte sich zu unglücklich in der Gefangenschaft! -
+Wie ein Kind weinte sie sich in den Schlaf, aber böse Träume schreckten
+sie mehrmals auf. Bald hielt sie eine mächtige Theetasse in der Hand und
+ließ sie zur Erde fallen, bald hielt ihr die Vorsteherin im grauen Kleide
+ein heimatliches Butterbrot dicht vor den Mund, wollte sie aber zubeißen,
+war es verschwunden.
+
+ * * *
+
+Um sechs Uhr am andern Morgen hieß es: Aufgestanden! Da galt kein langes
+Besinnen, und wenn die jungen Glieder noch so sehr vom Schlafe befangen
+waren, es wurde keine Gnade geübt. Ilse pflegte daheim bald früh, bald
+spät aufzustehen, wie sie gerade Lust hatte. Einer bestimmten Ordnung, wie
+sie die Mama so sehr gewünscht, hatte sie sich nicht fügen wollen. Es
+wurde ihr denn auch nicht wenig schwer, so auf Kommandowort sich erheben
+zu müssen, gerade heute hatte sie den Wunsch, noch einigemal sich im Bette
+herumzudrehen, sie war so spät erst eingeschlafen. Aber daran war nicht zu
+denken, Nellie stand schon da und wusch sich. Mit einem Sprunge war sie
+Schlag sechs Uhr aus dem Bette gewesen.
+
+»Wach auf, Ilse,« sagte sie, »um halb sieben trinken wir Kaffee.«
+
+»Schon aufstehen,« antwortete die Verschlafene, »aber ich bin noch so
+müde.«
+
+»Thut nix, du darfst nicht mehr schlafrig sein.«
+
+Aber Ilse zögerte noch. Nellie stand schon fertig da, ja hatte schon
+alles, was sie zur Nacht- und Morgentoilette nötig hatte, beiseite
+geräumt, als sie sich langsam erhob.
+
+»O Ilse, eile dir, du hast nur zehn Minuten Zeit! Schnell, schnell, ich
+will dich helfen! Wo sind dein Kamm?«
+
+Ilse zeigte auf ein Papier, das im Fenster lag. »Dort liegen sie
+eingewickelt,« gab sie zur Antwort.
+
+»Das ist nicht nett, das gefällt mir nicht,« meinte Nellie und rümpfte das
+Näschen. »Du mußt dich ein Taschen nähen, von grauer Stoff und rote Band,
+sieh, wie dies da,« und sie zeigte ihre Kammtasche, »siehst du, so ist's
+fein.«
+
+Ilse machte nicht viel Umstände mit ihrem Haar. Sie kämmte und bürstete
+es, damit war alles abgemacht, die natürlichen Locken ringelten sich von
+selbst ohne weitere Bemühung. Ein hellblaues Band schlang ihr Nellie durch
+dieselben und band es mit einer Schleife seitwärts zu.
+
+»Nun noch die Schürze,« sagte sie, als Ilse soweit fertig war, »sie darf
+nicht fehlen.« Sie lachte, als Ilse sich dagegen sträubte.
+
+»Du bist ein klein, albern Ding,« schalt sie und band ihr die Schürze vor,
+trotz Ilses heftigem Widerstande. »Gleich hältst du still! Ohn' ein
+Schürzen giebt es kein Kaffee.«
+
+Die lustige Nellie setzte es wirklich durch, daß Ilse sich ihrem Willen
+fügte.
+
+»So,« sagte sie, »nun bist du schön! Die blau gestickter Schürze ist sehr
+nett und du bekommst einer süßer Kuß.«
+
+An langen Tafeln saßen die Mädchen bereits, Nellie und Ilse waren die
+letzten. Fräulein Raimar war des Morgens niemals zugegen, nur Fräulein
+Güssow führte die Aufsicht. Ilse mußte sich zu ihr setzen. Als ihr der
+Kaffee gereicht wurde, nahm sie die Tasse ganz manierlich beim Henkel in
+die Hand, aß auch wie es sich gehört nicht mit großen Bissen, wie am Abend
+zuvor; aber sie hatte eine andre Unart, die ebenfalls zu tadeln war, sie
+schlürfte den Kaffee so laut, daß sie allgemeine Heiterkeit erregte.
+
+Ilse hatte keine Ahnung, daß ihr das Gelächter galt, Orla machte sie damit
+bekannt.
+
+»Du führst ja ein wahres Konzert auf,« sagte sie. »Machst du das immer so?
+Schön hört sich diese Tafelmusik nicht an, das kann ich dich versichern.«
+
+Ilse fühlte sich schwer beleidigt über diese Zurechtweisung. Hastig setzte
+sie die Tasse nieder, erhob sich und eilte hinaus.
+
+»Du durftest sie nicht vor all' den übrigen so beschämen, Orla,« tadelte
+Fräulein Güssow, indem sie ebenfalls aufstand, um Ilse zu folgen, »das
+kränkt sehr.«
+
+Ilse war gerade im Begriff in den Garten zu gehen, als die junge Lehrerin
+sie zurückrief.
+
+»Wo willst du hin, Ilse?« fragte sie. »Was fällt dir ein, mein Kind, daß
+du nach deinem Gefallen davonläufst? Es ist nicht Sitte bei uns, daß
+jemand eine Mahlzeit verläßt, bevor dieselbe beendet ist. Komm gleich
+zurück und verzehre dein Frühstück.«
+
+»Ich mag nicht mehr frühstücken,« entgegnete Ilse, »und ich gehe nicht
+wieder hinein! Sie haben mich alle ausgelacht und Orla war ungezogen gegen
+mich. Es geht niemand etwas an, wie ich esse und trinke, ich mache es, wie
+ich will! Vorschriften lasse ich mir nicht machen, nein!«
+
+»Ehe ich weiter mit dir spreche, bitte ich dich erst ruhig und vernünftig
+zu sein, liebe Ilse. Ich kann nicht dulden, daß du in einem so unartigen
+Tone zu mir sprichst.«
+
+Sehr ernst und nachdrücklich hatte Fräulein Güssow gesprochen, aber es
+klang doch ein Ton der Liebe hindurch. Ihr schönes, weiches Organ
+verfehlte selten den Weg zum Herzen, das lernte auch Ilse in diesem
+Augenblicke kennen. Sie blickte zu Boden, und etwas wie Beschämung stieg
+in ihr auf.
+
+Die Lehrerin las in Ilses beweglichen Zügen und wußte, was in ihr vorging.
+
+»Gieb mir deine Hand, du kleiner Brausekopf!« sagte sie freundlich, »und
+versprich mir, nicht wieder so stürmisch zu sein und deiner
+augenblicklichen Laune zu folgen, selbst wenn du glaubst, im Rechte zu
+sein. Heute warst du es nicht einmal, du trankest wirklich etwas
+unappetitlich. Orla hat es gut gemeint, daß sie dich darauf aufmerksam
+machte, du darfst ihr darum nicht böse sein. So eine kleine wohlverdiente
+Lehre muß sich jede von euch gelegentlich gefallen lassen. Es ist doch
+besser, jetzt als Kind zurechtgewiesen zu werden, als wenn deine Fehler
+und Angewohnheiten späterhin zum Spott der Gesellschaft würden.«
+
+Daheim hatte Ilse niemals hören wollen, daß sie eine junge Dame sei, und
+jetzt berührte es sie gar nicht angenehm, daß man sie gewissermaßen noch
+zu den Kindern rechnete.
+
+»Nun siehst du das ein, Ilse?« fragte die Lehrerin.
+
+Vielleicht that sie es, aber sie würde ein Ja nicht über die Lippen
+gebracht haben. Fräulein Güssow begnügte sich mit ihrem Stillschweigen und
+nahm dasselbe für eine Zustimmung. Sie meinte, daß eine Natur wie Ilses
+nicht mit Gewalt zum Nachgeben gezwungen werden dürfe.
+
+»Nun wollen wir zurück in den Speisesaal gehen,« sagte sie, und Ilse wagte
+keine Widerrede. Sie folgte dem Fräulein mit niedergeschlagenen Augen, sie
+hatte Furcht vor den vielen peinlichen Blicken, die sich alle auf sie
+richten würden.
+
+Als sie eintraten, war das Zimmer leer und die Frühstückszeit vorüber.
+Niemand war froher als Ilse, die sich wie erlöst vorkam.
+
+»Ich habe noch einen Auftrag für dich, Ilse,« sagte die Lehrerin.
+»Fräulein Raimar wünscht deine Arbeitshefte zu sehen, auch sollst du
+zugleich mündlich geprüft werden. In einer Stunde finde dich in dem
+Konferenzzimmer ein, du wirst dort zugleich deine zukünftigen Lehrer und
+Lehrerinnen zum Teil kennen lernen.«
+
+»Wollen sie mich alle prüfen?« fragte Ilse etwas besorgt.
+
+»Nein,« entgegnete das Fräulein, »aber sie werden zuhören, wenn Fräulein
+Raimar dich examiniert. Später wirst du dann erfahren, in welche Klasse du
+gesetzt bist, und morgen nimmst du zum erstenmal an dem Unterricht teil.«
+
+Ilse ging in ihr Zimmer und suchte ihre Hefte zusammen. Sie waren nicht in
+der besten Verfassung. Das deutsche Aufsatzheft machte besonders keinen
+Staat. Verschiedene Tintenflecke zierten es, und sogar einige naseweise
+Fettflecke machten sich darauf breit. Das französische Heft wurde ganz
+beiseite gelegt. Sie hatte versucht, einige Seiten, die gar zu verschmiert
+aussahen, herauszureißen und durch diesen Gewaltstreich waren alle andern
+Blätter gelockert - unmöglich konnte sie das Buch in dieser Verfassung
+vorzeigen.
+
+Nellie, die gerade eine freie Stunde hatte, sah erstaunt Ilses Treiben zu.
+»Was thust du?« fragte sie. »Willst du dein Bücher so an Fräulein Raimar
+vorzeigen? das darfst du nicht. Hat deiner Herr Pastor dir dies erlaubt?
+Gieb schnell, ich will dich blaues Umschläge drum wickeln, das ist nett
+und man sieht die alte Flecken nicht.«
+
+»Gieb her!« rief Ilse gereizt. »Sie sind gut so! Es ist mir ganz egal, ob
+Fräulein Raimar die Flecken sieht oder nicht!«
+
+»Nicht so zornig, Fräulein Ilse! Sie sind eine kleine, unordentliche junge
+Dame! Würde es dir vielleicht spaßig sein, wenn Fräulein Raimar deine Buch
+mit spitze Finger hoch hielt und sie alle Lehrer zeigte? O nein, das wär
+dich nicht egal und nicht spaßig. Besonders wenn Herr Doktor Althoff,
+unser deutscher Lehrer, mit seine bekannte, höhnische Lachen dir so von
+die Seiten ansieht und fragt: Wie alt sind Sie, mein Fräulein?«
+
+Trotzdem Ilse ungeduldig wurde, trotzdem sie entschieden erklärte, es wäre
+höchst unnütz, daß so viele Umstände wegen der dummen Bücher gemacht
+würden, setzte Nellie ihren Willen durch.
+
+»So, nun kannst du gehen,« sagte sie, als sie auch dem letzten Hefte ein
+blaues Kleid gegeben hatte, »nun bedanke dir für mein Mühe.«
+
+»Du bist doch sehr gut, Nellie,« meinte Ilse. »Wie ist es dir nur möglich,
+stets so sanft und geduldig zu sein? Ich kann das nicht!«
+
+»O, du lernst schon, Kind. Wirst noch eine ganz zahme, kleine Vogel sein!«
+entgegnete Nellie.
+
+Um elf Uhr ging Ilse hinunter in das Konferenzzimmer. Als sie eintrat,
+fand sie mehrere Lehrer und einige Lehrerinnen anwesend. Sie saßen um
+einen Tisch, Fräulein Raimar nahm den Platz obenan ein.
+
+»Tritt näher, Ilse,« sagte sie und machte mit einigen freundlichen Worten
+die neue Schülerin mit ihren zukünftigen Lehrern bekannt. Darauf ließ sie
+sich die Schreibhefte reichen. Das Aufsatzbuch fiel ihr zuerst in die
+Hand. Sie blätterte und las darin, und einigemal schüttelte sie den Kopf.
+
+»Oft recht gute und klare Gedanken,« bemerkte sie zu dem neben ihr
+sitzenden Lehrer der deutschen Sprache, Doktor Althoff, »und dabei diese
+oberflächliche, flüchtige Schrift. Sehen Sie einmal, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}uns{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} mit einem {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}z{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+geschrieben - {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Land{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} mit einem {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}t{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. Da werden wir viel Versäumtes
+nachzuholen haben. Wie schreibst du {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Land{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, Ilse, buchstabiere einmal.«
+
+Ilse konnte unmöglich diese Frage für ernst halten. War sie denn ein
+kleines Mädchen aus der A-B-C-Klasse? Sie zögerte mit der Antwort.
+
+Die Vorsteherin indes war nicht gewöhnt zu scherzen, sie sah erstaunt die
+schweigende Ilse an.
+
+»Wie du Land schreibst, möchte ich von dir wissen,« wiederholte sie noch
+einmal in bestimmtem Tone, der jeden Zweifel, ob er ernst gemeint sei oder
+nicht, benahm.
+
+Ilse kräuselte etwas unwillig die Stirn, zog die Lippe in die Höhe und
+buchstabierte so schnell, daß man ihr kaum folgen konnte: L-a-n-d. Den
+Blick hatte sie zum Fenster hinausgewandt, um Fräulein Raimar nicht
+anzusehen.
+
+»Also nur flüchtig, ich dachte es mir,« sagte diese. »Wenn du in Zukunft
+deine Aufsätze machst, wirst du sehr aufmerksam sein. Fehler, wie ich sie
+in deinen Aufgaben finde, kommen bei uns nicht mehr in der dritten Klasse
+vor.«
+
+Es wurden nun Ilse Fragen in den verschiedensten Fächern vorgelegt.
+Manchmal fielen die Antworten überraschend aus, zuweilen dagegen geradezu
+einfältig. Doktor Althoff lächelte einigemal, was Ilse das Blut bis hinauf
+in die braunen Locken trieb. Sie ärgerte sich darüber und drehte ihr
+Taschentuch wie eine Wurst fest zusammen.
+
+Im Französischen bestand sie gut. Monsieur Michael, der französische
+Lehrer, ein älterer Herr mit weißem Haar, redete sie gleich in dieser
+Sprache an, sie antwortete ihm korrekt und fließend.
+
+Miß Lead, die englische Lehrerin, die ebenfalls im Institute wohnte, hatte
+weniger Glück bei ihrer Anrede. Ilse holperte sehr, als sie die Antwort
+gab.
+
+»Nun kannst du uns verlassen, Kind,« sagte Fräulein Raimar. »Dein Examen
+ist zu Ende. Später werde ich dir mitteilen, welche Klasse du besuchen
+wirst.«
+
+Nachdem Ilse das Zimmer verlassen, wurde nach einigem Hin- und Herberaten
+der Beschluß gefaßt, sie in die zweite Klasse zu geben, im Französischen
+solle sie indes die erste besuchen.
+
+»Ich glaube, Ilse wird uns viel Not machen,« äußerte die Vorsteherin
+besorgt. »Sie ist widerspenstig und trotzig, auch kann sie nicht den
+geringsten Tadel vertragen.«
+
+»Aber sie hat ein gutes Herz,« fiel Fräulein Güssow lebhaft ein. »Ich habe
+noch keine Beweise dafür, aber ich lese es in ihrem schönen, offnen Auge.
+Ich bin überzeugt, daß ich mich nicht täusche. Eins ist mir indes klar,
+mit Strenge werden wir wenig ausrichten, dagegen hoffe ich, mit Liebe und
+Energie wird es uns gelingen, ihren Trotz zu zähmen.«
+
+»Das ist ganz meine Ansicht!« stimmte Monsieur Michael bei, »Sie werden
+sehen, meine Damen und Herren, Mademoiselle Ilse wird eine Zierde der
+Pension sein! Mit welcher Eleganz spricht sie französisch, wie gewählt
+setzt sie die Worte! Ah, sie ist ein Genie!« - Der kleine Herr hatte sich
+ordentlich in Begeisterung gesprochen und seine Worte mit lebhaften
+Gestikulationen begleitet.
+
+»Ich wünsche von Herzen, daß Sie recht haben mögen,« entgegnete Fräulein
+Raimar und erhob sich von ihrem Platze. »An Liebe und Nachsicht wollen wir
+es nicht fehlen lassen, vielleicht gelingt es uns, Ilse verständig und
+gefügig zu machen.« -
+
+Fürs erste schien noch wenig Aussicht dazu. Beim Mittagessen legte Ilse
+wieder den Beweis ab, wie recht Fräulein Raimar hatte, wenn sie
+behauptete, daß Ilse keinen Tadel vertragen könne.
+
+Sie hielt die Gabel schlecht. Die Fingerspitzen berührten fast die
+Speisen. Das Gemüse verzehrte sie mit dem Messer und so heiß, daß sie
+manchmal, um sich nicht zu verbrennen, den Bissen wieder aus dem Munde
+fallen ließ. Auch hielt sie den Kopf sehr tief über den Teller gebeugt,
+was ihr das Aussehen eines hungrigen Kindes gab.
+
+»Sitze gerade, liebe Ilse,« ermahnte die Vorsteherin, »es ist dir nicht
+gesund, so krumm zu sitzen.«
+
+»Ich esse immer so,« erwiderte sie ziemlich kurz.
+
+»Ich aß immer so, meinst du wohl, mein Kind, denn hier wirst du dich daran
+gewöhnen, zu thun, was Sitte ist ... Hast du zu Hause auch stets die Gabel
+so kurz gefaßt und mit dem Messer gegessen?«
+
+»Ja,« sagte Ilse und warf den Kopf leicht in den Nacken. »Papa hatte nie
+etwas an mir auszusetzen, er war zufrieden, wenn es mir nur schmeckte.«
+
+»Aber die Mama, hat auch sie deine Art zu essen gutgeheißen?«
+
+Ilse schwieg. Eine Unwahrheit konnte und mochte sie nicht sagen, denn wie
+oft hatte die Mutter sie ermahnt, und wie oft hatte sie derselben zur
+Antwort gegeben: »Dann will ich gar nichts essen, wenn du mich immer
+tadelst.«
+
+Das Fräulein hatte leise, nur für Ilse verständlich gesprochen. Niemand
+ahnte, was sie sagte, denn ihre Züge sahen mild und freundlich aus. Eine
+Antwort auf ihre Frage wartete sie nicht ab, aber es gefiel ihr, daß Ilse
+lieber schwieg, als gegen ihre Ueberzeugung sprach.
+
+»Nun iß nur, Kind,« fuhr sie fort, »mit der Zeit wirst du dich schon
+gewöhnen. In wenigen Wochen hast du alle deine kleinen Unebenheiten
+abgestreift und wir werden niemals nötig haben, etwas an dir zu rügen.
+Nicht wahr?«
+
+»Ich weiß es nicht,« erwiderte Ilse und sah mit einem ziemlich
+verdrießlichen Gesicht auf ihren Teller nieder.
+
+»Du mußt dir Mühe geben, dann wird es schon gehen.«
+
+Dazu schwieg Ilse. Natürlich war sie fest davon überzeugt, daß ihr das
+größte Unrecht geschah. Warum sollte sie nicht natürlich essen? Der Papa
+hatte stets gesagt, sie solle keine Zierpuppe werden, nun hatte man bei
+allem, was sie that und wie sie es that, etwas auszusetzen. Sie wagte kaum
+noch etwas zu genießen und wenn das so weiter ging, wollte sie lieber
+verhungern. -
+
+ * * *
+
+Am Abend, als Nellie und Ilse sich schlafen gelegt hatten, als Fräulein
+Güssow bereits ihre Runde gemacht, als das Licht gelöscht und alles still
+im Hause war, rief Nellie, »wachst du, Ilse?«
+
+»Ja,« antwortete diese, »was soll ich?«
+
+»Zieh dir leise an, wir wollen dein kleiner Koffer auspacken.«
+
+»Es ist ja aber dunkel,« meinte Ilse.
+
+»O laß nur, ich habe schon eine Licht.«
+
+Leicht und unhörbar stieg Nellie aus ihrem Bette und ging auf Strümpfen an
+ihre Kommode. Sie zog den oberen Kasten vorsichtig heraus und nahm einen
+kleinen Wachsstock aus demselben. Nachdem sie ihn angezündet hatte,
+stellte sie ein Buch davor, damit kein Lichtschimmer durch das Fenster
+drang.
+
+»Ist doch fein, nicht?« fragte sie. »Nun eile dich aber,« trieb sie Ilse,
+die sich flüchtig ankleidete.
+
+»Wo hast du der Schlüssel?«
+
+»Hier habe ich ihn,« entgegnete Ilse und zog ihn unter dem Kopfkissen
+hervor, »ich werde selbst aufschließen.«
+
+Nellie leuchtete mit dem Wachsstocke und hielt die Hand davor.
+Vornübergebeugt stand sie in neugieriger Erwartung, der Schätze harrend,
+die sich vor ihren Augen aufthun würden. Recht enttäuscht wurde sie, als
+Ilse anfing auszupacken. Die erwarteten Delikatessen - Nellie war eine
+Freundin davon - kamen nicht zum Vorschein.
+
+»O, hast du keine Kuchen?« fragte sie, warf den Plunder heraus und
+durchsuchte mit der Hand bis auf den Grund.
+
+»Au, au!« rief sie plötzlich und fuhr mit der Hand zurück. »Was ist dies?
+Ich habe mir gestochen!« Und richtig, ein roter Blutstropfen hing an dem
+kleinen Finger.
+
+Ilse begriff nicht, woher die Verwundung kam, bis sie selbst in den Koffer
+griff und die Ursache entdeckte, - - o Schrecken! das Glas mit dem
+Laubfrosche war zerbrochen, und Nellie hatte sich an einem Glassplitter
+geritzt.
+
+»Wo nur der Frosch ist,« sagte Ilse ängstlich und räumte die Scherben
+fort.
+
+»Was? - eine Frosch? Eine lebendige Frosch? O je - hast du ihn verpackt?
+Wie kannst du so eine arme Tier in die Koffer thun? Ohne Luft muß er tot
+gehen!«
+
+Ilse hatte soeben den kleinen Laubfrosch gefunden, - natürlich war er tot.
+Sie legte ihn auf die flache Hand und hauchte ihn an, vielleicht brachte
+sie ihn wieder zum Leben. Nellie lachte sie aus.
+
+»Du hast die arm, klein Frosch gemordet,« sagte sie und nahm ihn in die
+Hand. »O, er ist kaput! Er kriegt keine Leben wieder, niemals! Morgen früh
+wollen wir ihn in ein Schachtel legen und unter die Linde vergraben.«
+
+Ilse sah traurig auf den Frosch und die Thränen traten ihr in die Augen.
+Sie hatte das Tierchen selbst gefangen, es stets gefüttert und eine große
+Freude daran gehabt, nun hatte sie es getötet durch eigne Schuld.
+
+ [Illustration]
+
+»Wie schlecht von mir, daß ich so dumm sein konnte!« klagte sie sich an.
+»Ich dachte gar nicht daran, als ich meine Sachen packte, daß er ersticken
+müsse. Es ging so schnell -«
+
+Einigermaßen tröstete sie die Aussicht auf das Begräbnis unter der Linde.
+
+»Wir machen eine kleiner Hügel,« sagte Nellie, »und pflanzen Blumen
+darauf. Und ein klein Holzkreuz stecken wir in die Erden und schreiben
+daran: Hier ruht Ilses Frosch. Er mußte sein junge Leben lassen, weil ihm
+der Luft ausging.«
+
+Dieser komische Einfall trocknete Ilses Thränen, sie mußte darüber lachen.
+
+Als sie den ausgestopften Kanarienvogel ansah, fand sie, daß er sehr
+gelitten hatte. Das Köpfchen war ganz breit gedrückt und der eine Flügel
+hing herunter. Nellie gab ihm wieder einige Façon. Sie drückte den Kopf
+rund und versprach auch, den Flügel wieder gut zu machen. Sie wollte ihn
+am andern Tage anleimen.
+
+»Laß mir nur machen,« sagte sie, »ich werde ihm schon wieder in die
+Ordnung bringen.«
+
+»Was ist denn das?« fragte sie plötzlich und hielt Ilses Blusenkleid in
+die Höhe, »warum hast du diese schmacklose Robe eingepackt, - und die alte
+schmutzige Stiefel, - was soll damit?«
+
+Warum? Darüber hatte Ilse selbst noch nicht nachgedacht, aber sie war
+ärgerlich, ihr Lieblingskostüm so verachtet zu sehen.
+
+»Du verstehst nichts davon,« sagte sie und nahm es Nellie fort. »Es ist
+mein liebster und schönster Anzug! Ich mag die andern Kleider gar nicht
+leiden, sie sitzen so fest und sehen so geziert aus.«
+
+»O laß mir ihn probieren,« bat Nellie, »ich will ihn anziehen.«
+
+Dagegen hatte Ilse nichts einzuwenden. Sie half Nellie ankleiden und in
+wenigen Augenblicken stand diese in einem ganz wunderbaren Aufzuge da.
+
+Der Rock war ihr zu kurz, da sie etwas größer als Ilse war, unter
+demselben sah das lange, weiße Nachtgewand hervor, die Bluse war
+stellenweise zerrissen und Nellie hatte den Aermel verfehlt und war durch
+ein großes Loch dicht daneben herausgefahren, so daß der Aermel auf dem
+Rücken hing. Nachdem sie auch noch den schäbigen Ledergürtel um ihre
+zierliche Taille geschnallt hatte, stand sie fertig da, bis auf die
+Stiefel, die sie nicht anziehen mochte, weil sie zu schmutzig waren.
+
+»Bequem ist diese Kostüm, das ist wahr,« sagte sie und fing an, allerhand
+lustige Sprünge auszuführen und sich im Kreise zu drehen. »Man ist so
+luftig - so leicht!«
+
+Ilse brach plötzlich in ein so herzhaftes Gelächter aus, daß Nellie auf
+sie zueilte und ihr den Mund mit der Hand verschloß.
+
+»Du darfst nicht so toll lachen,« sagte sie, »du wirst uns verraten!«
+
+»Ich kann nicht anders, du siehst ja zum totlachen aus.«
+
+Nellie trat mit dem Wachsstocke vor den kleinen Spiegel und betrachtete
+sich.
+
+»O wie abscheulich!« sagte sie und riß die Sachen herunter, »wie kannst du
+so ein häßlicher Anzug schön finden!«
+
+Ilse verschloß ihre Herrlichkeiten wieder in den Koffer, dann wurde das
+Licht gelöscht und in wenigen Augenblicken schliefen die beiden Mädchen
+fest und tief.
+
+ * * *
+
+Vierzehn Tage waren seit Ilses Aufnahme in der Pension vergangen. Manche
+bittre Thräne hatte sie in der kurzen Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit
+erschien, geweint, und oft, recht oft hatte sie die Feder angesetzt, um
+dem Vater zu schreiben, daß er sie zurückholen möge. Nur weil sie sich vor
+der Mutter scheute, that sie es nicht. Erst zweimal hatte sie die vielen
+und langen Briefe, die sie aus der Heimat erhalten, beantwortet, nur ganz
+kurz und mit der Entschuldigung, daß ihr die Zeit zu längeren Briefen
+fehle.
+
+Endlich, eines Sonntag Nachmittags, den fast alle Pensionärinnen zum
+Briefschreiben benutzten, setzte auch sie sich dazu nieder. Große Lust
+hatte sie indessen nicht. Sie wußte gar nicht recht, was sie schreiben
+sollte; wie es ihr eigentlich um das Herz war, mochte sie ja doch nicht
+sagen.
+
+Sie schlug die neue Schreibmappe auf, wählte nach langem Suchen einen rosa
+Bogen mit einer Schwalbe darauf, tauchte eine Feder in das Tintenfaß und -
+malte allerhand Schnörkeleien auf ein Stückchen Papier. Nachdem sie diese
+Unterhaltung ein Weilchen getrieben, begann sie endlich den Brief. Nach
+wenigen Zeilen hörte sie auf und legte das Geschriebene beiseite. Der
+Anfang gefiel ihr nicht. Es wurde ein neuer Schwalbenbogen geopfert und
+noch einer. Der vierte endlich hatte mehr Glück. Sie beschrieb denselben
+von Anfang bis zu Ende, ja, sie nahm noch einen fünften Bogen dazu. Sie
+war nun einmal in das Plaudern gekommen, immer wieder fiel ihr etwas ein,
+das sie dem Papa mitteilen mußte.
+
+Als sie zu Ende war, durchlas sie noch einmal ihre lange Epistel und wir
+blicken ihr über die Schulter und lesen mit.
+
+
+
+
+
+
+ »Mein liebes Engelspapachen!
+
+Es ist heute Sonntag. Das Wetter ist so schön und im Garten blühen die
+Rosen (da fällt mir eben ein, hat meine gelbe Rose, _maréchal Niel_, die
+der Gärtner im Frühjahre verpflanzte, schon Knospen angesetzt? bitte,
+vergiß nicht, mir Antwort zu geben) - und die Vögel singen so lustig -
+ach! und deine arme Ilse sitzt im Zimmer und kann sich nicht im Freien
+umhertummeln. Mein liebes Pa'chen, das ist recht traurig, nicht wahr? Ich
+komme mir oft vor wie unser Mopsel, wenn er genascht hatte und zur Strafe
+dafür eingesperrt wurde. Ich möchte auch manchmal, wie er es that, an der
+Thüre kratzen und rufen: macht auf! Ich will hinaus!
+
+Es ist gar nicht hübsch, immer eingesperrt zu sein. Zu Haus konnte ich
+doch immer thun und treiben, was ich wollte, im Garten, auf dem Felde, in
+den Ställen, überall durfte ich sein und meine reizenden Hunde waren bei
+mir und liefen mir nach, wohin ich ging. Ach, das war zu himmlisch nett!
+Was macht Bob, Papachen, und Diana und Mopsel und die andern? O, wenn ich
+sie gleich hier hätte!
+
+Es ist in der Pension alles so furchtbar streng, man muß jede Sache nach
+Vorschrift thun. Aufstehen, Frühstücken, Lernen, Essen, - immer zu
+bestimmten Stunden. Und das ist gräßlich! Ich bin oft noch so müde des
+Morgens, aber ich muß heraus, wenn es sechs geschlagen hat. Ach, und wie
+manchmal möchte ich in den Garten laufen und muß auf den abscheulichen
+Schulbänken sitzen! Die furchtbare Schule!
+
+Ich lerne doch nichts, Herzenspa'chen, ich bin zu dumm. Nellie und die
+andern Mädchen wissen viel mehr, sie sind auch alle klüger als ich. Nellie
+zeichnet zu schön! Einen großen Hundekopf in Kreide hat sie jetzt fertig,
+als wenn er lebte, sieht er aus. Und Klavier spielt sie, daß sie Konzerte
+geben könnte - und ich kann gar nichts!
+
+Wenn ich doch lieber zu Hause geblieben wäre, dann wüßte ich doch gar
+nicht, wie einfältig ich bin. Nellie tröstet mich oft und sagt: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Es ist
+keiner Meister von der Himmel gefallen, fang' nur an, du wirst schon
+lernen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Aber ich habe angefangen und doch nichts gelernt. Ich weiß nur,
+daß ich sehr, sehr dumm bin.
+
+Am fürchterlichsten sind die Mittwoch Nachmittage. Da sitzen wir alle von
+drei bis fünf in dem Speisesaale. Die Fenster nach dem Garten sind weit
+offen und ich blicke sehnsüchtig hinaus. Es zuckt mir förmlich in Händen
+und Füßen, daß ich aufspringen möchte, um in den Garten zu eilen - ich
+darf es nicht, ganz still muß ich dasitzen und muß meine Sachen
+ausbessern, - Strümpfe stopfen und was ich sonst noch zerrissen habe,
+wieder flicken. Denke Dir das einmal, mein kleines Papachen! Deine arme
+Ilse muß solche fürchterliche Arbeiten thun! - Und Fräulein Güssow sagt,
+das wär' notwendig, Mädchen müssen alles lernen. Sie war ganz erstaunt,
+daß ich nicht stricken konnte. Man kauft doch jetzt die Strümpfe, das ist
+ja viel netter, warum muß ich mich unnütz quälen? Es wird mir so schwer,
+die Maschen abzustricken, und ich mache es auch sehr schlecht.
+
+Melanie Schwarz, sie ist sehr hübsch, ziert sich aber und stößt mit der
+Zunge an, und dann sagt sie immer zu allem: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Furchtbar nett, furchtbar
+reizend, oder furchtbar scheußlich{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - sie meinte neulich: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du strickst
+aber furchtbar scheußlich, Ilse.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Du siehst, Pa'chen, ich kann nichts!
+
+In den Arbeitsstunden wird einmal französisch, einmal englisch die
+Unterhaltung geführt. Französisch kann ich mich allenfalls verständlich
+machen, aber englisch geht es sehr schlecht, so schlecht, daß ich mich
+schäme, den Mund aufzuthun. Nellie ist gut, sie hilft mir nach und will
+oft mit mir sprechen, wenn wir allein sind.
+
+Du fragst mich, lieber Papa, ob ich schon Freundinnen habe, - ja - Nellie
+und noch sechs andre Mädchen sind meine Freundinnen, Nellie aber habe ich
+am liebsten. Wie sie alle heißen, will ich Dir das nächstemal schreiben,
+auch Dir erzählen, wie sie aussehen, heute kann ich mich nicht dabei
+aufhalten, sonst nimmt mein Brief kein Ende. Eine Schriftstellerin ist
+auch dabei, das muß ich Dir noch mitteilen.
+
+Wenn wir spazieren gehen, nämlich jeden Mittag von zwölf bis eins und
+jeden Nachmittag von fünf bis sieben, gehe ich fast immer mit Nellie in
+einer Reihe. Wir müssen nämlich wie die Soldaten zwei und zwei
+nebeneinander marschieren. Eine Lehrerin geht voran, eine hinterher mit
+einer kleinen Pensionärin an der Hand. Nicht rechts, nicht links dürfen
+wir gehen, immer in Reih' und Glied bleiben. Ach! und ich habe so oft
+Lust, einmal recht toll davonzulaufen, auf die Berge hinauf - immer
+weiter! - aber dann würde ich nicht wieder in mein Gefängnis zurückkehren
+- -
+
+In die Kirche gehen wir einen Sonntag um den andern, dort gefällt es mir
+aber gar nicht. Ich sitze zwischen so viel fremden Leuten, und der
+Prediger, ein ganz alter Mann, spricht so undeutlich, daß ich Mühe habe,
+ihn zu verstehen. In Moosdorf ist es viel, viel hübscher! Da sitzen wir
+eben in unsrem Kirchstuhle und wenn ich hinunter sehe, kenne ich alle
+Menschen. Und wenn unser Herr Kantor die Orgel spielt und die Bauernjungen
+so laut und kräftig anfangen zu singen - und mein lieber Herr Prediger
+besteigt die Kanzel und predigt so schön zu Herzen, dann ist es mir so
+feierlich, so ganz anders als hier! - ach, und manchmal, wenn die
+Sonnenstrahlen durch das bunte Kirchenfenster fallen und so schöne Farben
+auf den Fußboden malen, dann ist es so herrlich, so herrlich, wie
+nirgendwo auf der ganzen Welt!«
+
+
+
+
+
+
+ [Illustration]
+
+Hier mußte Ilse mitten im Lesen innehalten und eine Pause machen. Der
+Gedanke an die Heimat und die Sehnsucht dahin überwältigten sie dermaßen,
+daß sie weinen mußte. Erst als ihre Thränen wieder getrocknet waren, las
+sie zu Ende.
+
+
+
+
+
+
+»Grüße nur alle, du einziger Herzenspapa, auch die Mama; das Tagebuch, das
+sie mir mit eingepackt hat, kann ich nicht gebrauchen, ich habe keine
+Zeit, etwas hineinzuschreiben. Aber ich bedanke mich dafür. Nun leb' wohl,
+mein lieber, süßer, furchtbar netter Papa. Ich küsse Dich
+hunderttausendmal. Bitte, gieb auch Bob einen Kuß und grüße Johann von
+
+ Deiner
+ Dich unbeschreiblich liebenden Tochter
+ _Ilse_.
+
+
+
+
+
+_N. S._ Ich will gern Zeichenunterricht nehmen bei dem Herrn Professor
+Schneider, ich darf doch? Morgen fange ich an.
+
+_N. S._ Beinah hätte ich vergessen, Dir zu schreiben, daß Du mir doch eine
+Kiste mit Kuchen und Wurst schickst. Nellie ist immer so hungrig, wenn wir
+des Abends im Bette liegen und ich auch.
+
+_N. S._ Lieber Papa, ich kriege immer so viel Schelte, daß ich so
+ungeschickt esse, schreibe mir doch, ob das nicht sehr unrecht ist. Der
+Mama sage nichts hiervon. Deine Hand drauf! - Fräulein Güssow habe ich
+sehr lieb.« -
+
+
+
+
+
+
+Gerade saßen Ilses Eltern mit dem Prediger zusammen auf der Veranda am
+Kaffeetische, als ihr langer Brief eintraf. Der Oberamtmann las ihn vor
+und wurde bei einigen Stellen so gerührt, daß er kaum weiter zu lesen
+vermochte.
+
+»Ich möchte das arme Kind zurückhaben,« sagte er, nachdem er zu Ende
+gelesen, »es fühlt sich unglücklich, und ich sehe nicht ein, warum wir
+unsrer einzigen Tochter das Leben so verbittern sollen. Was meinst du,
+Annchen, und Sie, lieber Vollert, wär' es nicht besser?«
+
+Der Prediger durchlas noch einmal den Brief, faltete ihn wieder zusammen
+und machte ein höchst zufriedenes Gesicht.
+
+»Ich bin nicht Ihrer Meinung,« entgegnete er, »ja ich würde das für eine
+Sünde halten. Ilse ist bereits auf dem Wege einzusehen, daß sie noch
+vieles lernen muß, sie vergleicht sich mit den Genossinnen und erkennt
+ihre Fehler, die Lücken in ihrem Wissen. Wir haben schon mehr erreicht in
+dieser kurzen Zeit, als ich mir gedacht habe.«
+
+»Das Heimweh ist ja natürlich,« fiel Frau Anne ein, »bedenke nur, wie
+schwer es einem an die Freiheit gewöhnten Wesen werden muß, sich plötzlich
+in den Schulzwang zu fügen! Die Regelmäßigkeit des Instituts ist ihrer
+ungebändigten Natur zuwider; zu Ilses Glück, sie wird sich fügen lernen,
+ihre Wildheit abstreifen und ein liebes, herziges Mädchen sein.«
+
+Der Oberamtmann war verstimmt, daß man ihn nicht verstand. Weder der
+Prediger noch Frau Anne überzeugten ihn mit ihren Vernunftgründen. Er
+urteilte eben nur mit seinem weichen Herzen, und das litt sehr bei dem
+Gedanken an sein heimwehkrankes Kind.
+
+Ilses Wünsche wurden natürlich alle erfüllt und zwar umgehend: Es mußte
+Kuchen gebacken und die schönste Wurst, nebst einem Stück Schinken aus der
+Rauchkammer geholt werden. Der Oberamtmann packte selbst die kleine Kiste
+und legte noch allerhand Leckereien mit hinein.
+
+»Not soll sie wenigstens nicht leiden,« sagte er zu seiner Frau, die ihm
+lächelnd zusah. »Junge Menschen, die noch wachsen, haben immer Hunger.
+Wenn der Magen knurrt, muß er sein Teil haben; der beruhigt sich nicht,
+wenn man zu ihm sagt: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warte nur bis es zwölf schlägt oder Morgen oder
+Abend ist, dann bekommst du etwas.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}«
+
+Frau Anne hätte gern erwidert, daß es viel besser sei, den Magen an
+regelmäßige Mahlzeiten zu gewöhnen, als zu jeder Tageszeit zu essen, aber
+sie schwieg. Sie dachte mit Recht, daß mit der Zeit Ilse von selbst von
+dieser Untugend zurückkommen werde.
+
+ * * *
+
+Es war an einem Mittwoch Nachmittag im Monat August. Die erwachsenen
+Mädchen der Pension saßen im Speisezimmer beisammen, stopfend, flickend
+oder mit anderen Arbeiten dieser Art beschäftigt. Es war sehr heiß und
+gewitterschwül, und durch die geöffneten Fenster drang kein erfrischender
+Luftzug.
+
+Ilse hielt ihren Strickstrumpf in der Hand und quälte sich, Masche auf
+Masche abzuheben. Es machte ihr Mühe mit den heißen, feuchten Fingern. Die
+Nadeln saßen so fest in den Maschen, daß sie kaum zu schieben waren. Sie
+glühte wie eine Rose bei ihrer sauren Arbeit, und der graue Strumpf, der
+eigentlich weiß sein sollte, wurde öfters aus der Hand gelegt. Nun fielen
+auch noch einige Maschen herunter, und Fräulein Güssow, die anwesend war,
+forderte Ilse auf, einmal zu versuchen, ob sie dieselben nicht allein
+wieder aufnehmen könne.
+
+»Ich kann das nicht,« sagte Ilse, »die Nadeln kleben so, ich mag sie nicht
+mehr anfassen.«
+
+»Wasche dir die Hände,« riet Fräulein Güssow, »dann wird es besser gehen.«
+
+»Das hilft nicht,« erwiderte Ilse unmutig und legte das Strickzeug vor
+sich hin.
+
+Die Mädchen lachten, und Grete, die ihr gegenübersaß, nahm es vorwitzig in
+die Hand, um den Fehler zu verbessern.
+
+Ilse nahm es ihr fort. »Laß liegen,« sagte sie, »es ist mein Strumpf!«
+
+Ehe noch Fräulein Güssow sie wegen ihres unpassenden Wesens zurechtweisen
+konnte, trat Fräulein Raimar in das Zimmer. Sie ging von einer Schülerin
+zur andern und prüfte deren Arbeiten, sie that dies zuweilen, um sich an
+den Fortschritten zu erfreuen, oder auch zu tadeln, wenn es nötig war.
+
+»Nun, wie steht es mit dir, Ilse?« fragte sie. »Hast du deinen Strumpf
+bald fertig? Zeige ihn einmal her.«
+
+Ilse that, als habe sie die Aufforderung nicht verstanden, sie schämte
+sich ihrer schmutzigen Arbeit.
+
+»Ich will dein Strickzeug sehen, Ilse, hast du mich nicht verstanden?«
+
+Etwas streng und hart klangen die Worte der Vorsteherin, und nun war es
+Trotz, weshalb sie den Gehorsam versagte.
+
+Aufgebracht über diesen Widerstand nahm Fräulein Raimar ihr den Strumpf
+unsanft aus der Hand.
+
+»Ich bin gewöhnt, daß meine Schülerinnen mir gehorchen und du wagst es,
+dich zu widersetzen? - Seht einmal Kinder,« fuhr sie fort und hielt mit
+spitzen Fingern das Strickzeug in die Höhe, »was sagt ihr zu dieser
+Arbeit? Sieht sie wohl aus, als ob sie einem erwachsenen Mädchen angehöre?
+Schäme dich! Niemals wieder will ich ein so unsauberes Strickzeug sehen.«
+
+Aller Augen waren auf dasselbe gerichtet, und einige Pensionärinnen
+glaubten sich durch die Frage der Vorsteherin berechtigt, ein Wort
+mitzureden. Die vorlaute Grete meinte, daß ihre kleine fünfjährige
+Schwester daheim weit besser und sauberer stricke, ihr Strumpf sähe wie
+Schnee gegen Ilses aus, sie dürfe aber auch niemals mit schmutzigen Händen
+stricken.
+
+Die ästhetische Flora verglich das façonlose Ding mit einem Kaffeebeutel,
+ein Vergleich, der Annemie so in das Lachen brachte, daß sie sich gar
+nicht wieder beruhigen konnte.
+
+Was in diesem Augenblicke in Ilses Innerem vorging, ist schwer zu
+beschreiben. Sie sah sich verlacht und verspottet von allen Seiten und
+durfte sich nicht dagegen verteidigen. Ihr heißes Blut, ihre unbändige
+Natur bäumten sich mit aller Macht auf gegen die, wie sie glaubte, ihr
+öffentlich angethane Schmach. Sie geriet in eine so blinde Wut, wie sie
+bis jetzt noch niemals empfunden hatte, sie ballte die Hände und biß
+hinein, ihre Augen füllten sich mit heißen, trotzigen Thränen.
+
+Fräulein Raimar hatte bereits das Zimmer verlassen, doch die Thür
+desselben hinter sich offen gelassen, sie hielt sich noch auf dem Korridor
+auf. Welchen Aufruhr sie in Ilse heraufbeschworen, ahnte sie nicht, sie
+würde ihn auch schwerlich begriffen haben, glaubte sie doch fest, durch
+eine öffentliche Beschämung Ilses Widerstand ein für allemal geheilt zu
+haben. Wie wenig verstand sie ein leidenschaftliches Gemüt! Gerade das
+Gegenteil hatte sie hervorgerufen. Ilses wilder Trotz stand in
+lichterlohen Flammen.
+
+»Neckt sie nicht!« gebot Fräulein Güssow, die Ilse besser verstand. »Ich
+will nicht, daß ihr sie auslacht!«
+
+Und Nellie, die einzige, welche mitleidig dem ganzen Auftritt zugesehen,
+nahm gutmütig den verachteten Strumpf in die Hand, um ihn wieder in
+Ordnung zu bringen.
+
+»Laß!« rief Ilse und ihr ganzer Grimm entlud sich auf Nellies unschuldiges
+Haupt, »laß! Was kümmern dich meine Sachen?«
+
+»Gieb doch her,« bat diese sanft, »ich mach' dich alles wieder gut.«
+
+Aber Ilse hörte nicht darauf und riß es Nellie aus der Hand, und ehe noch
+diese sie zurückhalten konnte, warf sie im höchsten Zorne das
+unglückselige Strickzeug gegen die Wand. Die Nadeln schlugen klirrend
+aneinander und das Knäuel kollerte weit fort, zur offnen Thür hinaus, bis
+zu den Füßen der Vorsteherin.
+
+Vielleicht hätte dieselbe kein Arg an diesem kleinen Zufall gefunden, wenn
+nicht zu gleicher Zeit laute Ausrufe wie »Ah!« und »o!« ihr Ohr getroffen
+und ihr verkündet hätten, daß etwas Unerhörtes passiert sein müsse.
+
+»Was giebt es?« fragte sie hastig eintretend. Sie erhielt keine Antwort;
+aber ihr Blick fiel auf das Strickzeug am Fußboden und sie erriet das
+Ganze.
+
+»Warfst du es absichtlich hierher?« richtete sie an Ilse die Frage, und
+ihre Stimme bebte vor Aufregung, in ihren stets so ruhig blickenden Augen
+blitzte es unheimlich auf. - »Antworte - ich will es wissen!«
+
+»Ja,« sagte Ilse.
+
+»Komm hierher und nimm es wieder auf!«
+
+Die Heftigkeit der Vorsteherin machte Ilse nur verstockter, sie rührte
+sich nicht.
+
+»Hast du verstanden, was ich dir befahl? Glaubst du mir trotzen zu können?
+Ich verlange, daß du mir gehorchst!«
+
+»Nein,« entgegnete Ilse zum Entsetzen der anwesenden Pensionärinnen, »ich
+thue es nicht!«
+
+Fräulein Güssow sah die Widerspenstige traurig und bekümmert an. Nicht
+Zorn, nur Mitleid empfand sie mit derselben. »Wenn ich dich ändern könnte!
+Wenn es mir gelänge, dich auf einen andern Weg zu bringen, armes,
+verblendetes Kind!« dachte sie und beschloß, nichts unversucht zu lassen,
+um Ilse von ihrem bösen Fehler zu heilen.
+
+Solange sie Vorsteherin des Pensionats war, hatte Fräulein Raimar niemals
+Aehnliches erlebt. Trotz ihrer stets so maßvollen Ruhe war sie für den
+Augenblick fassungslos und ungewiß, was mit Ilse geschehen solle.
+
+»Geh auf dein Zimmer,« befahl sie kurz, »und bleibe dort! Das andre wird
+sich finden.«
+
+Ilse erhob sich und ging hinauf. Nachdem sie in ihrem Zimmer angelangt,
+brach der furchtbare Sturm, den sie mühsam zurückgehalten hatte, los. Sie
+warf sich auf einen Stuhl und weinte laut. Stürmisch rief sie nach ihrem
+Papa, daß er komme und sie holen möge - klagte die Mama an, die sie in
+diese fürchterliche Anstalt gebracht - kurz fühlte sich verzweifelt und
+verlassen, wie nie im Leben.
+
+Allerhand Gedanken jagten durch ihren Kopf, der zum Zerspringen brannte,
+kindisch und unausführbar. Zuerst wollte sie davonlaufen, - wohin war ihr
+gleich, nur fort, damit sie die böse Vorsteherin, die stets einen Aerger
+auf sie gehabt, und die abscheulichen Mädchen, die sie verhöhnt hatten,
+von denen keine sie lieb hatte, nicht wieder sehe - niemals! Kein Mensch
+mochte sie leiden, nur der Papa. O, wenn sie gleich bei ihm wäre!
+
+Der Gedanke, daß sie zurück müsse nach Moosdorf, behielt die Oberhand. Sie
+fing an, ihre Sachen aus der Kommode zu räumen und war eben im Begriff,
+das Mädchen zu beauftragen, ihr den Koffer vom Boden herabzuholen, als
+Nellie und gleich darauf Fräulein Güssow in das Zimmer traten.
+
+Erstaunt blickte letztere auf die umherliegenden Sachen.
+
+»Nun, Ilse, was soll denn das bedeuten?« fragte sie.
+
+Anstatt zu antworten vergrub Ilse das Gesicht in beiden Händen und
+schluchzte laut.
+
+Fräulein Güssow ließ sie einige Augenblicke gewähren, dann zog sie ihr
+leise die Hände vom Gesicht.
+
+»Beruhige dich, Kind,« sprach sie in sanftem Tone, »dann will ich mit dir
+reden.«
+
+»Ich kann nicht! Ich will fort!« stieß Ilse leidenschaftlich heraus.
+
+»Du mußt dich beherrschen, Herz. Ich glaube gern, daß es dir schwer wird,
+dein trotziges Ich zu zähmen, aber du mußt es thun, es ist notwendig.
+Siehst du nicht ein, Ilse, wie unrecht, wie ungezogen du gehandelt hast?«
+
+Diese schüttelte den Kopf. »Sie haben mich alle gereizt,« entgegnete sie
+abgebrochen schluchzend - »Fräulein Raimar hat mich so furchtbar blamiert
+- alle haben mich ausgelacht!«
+
+Fräulein Güssow hatte das Gefühl, als sei es besser gewesen, wenn die
+Vorsteherin ihren berechtigten Tadel in einer andern Weise ausgesprochen
+hätte, - doch das war nun einmal geschehen und nicht zu ändern.
+
+»Du irrst,« entgegnete sie, »nicht Fräulein Raimar, sondern du selbst hast
+dich lächerlich gemacht. Denke einmal zurück, wie du dich benommen hast. -
+Uebrigens,« fuhr sie fort, »du darfst nicht so trostlos sein und dir nicht
+allzuschwere Gedanken darüber machen. Wenn du morgen verständig bist, ist
+alles vergessen. Die Mädchen haben dich alle lieb.«
+
+»Nein, nein,« rief Ilse, »mich hat niemand lieb! Ich weiß es wohl! - Ich
+bin dumm und ungeschickt und ich will fort - zu meinem Papa!«
+
+»Wenn du so sprechen willst, Ilse, dann verlasse ich dich. Du weißt, wie
+sehr ich dich lieb habe, dergleichen kindische Reden aber will ich nicht
+von dir anhören. Soll ich gehen? - willst du vernünftig sein?« -
+
+Ilse schwieg und die junge Lehrerin wandte sich der Thür zu. Als sie im
+Begriffe war dieselbe zu öffnen, eilte Ilse auf sie zu.
+
+»Bitte, bleiben Sie,« bat sie und hielt sie an der Hand fest.
+
+»Von Herzen gern, wenn du mich ruhig anhören willst.«
+
+Sie setzte sich auf einen Stuhl am Fenster und nahm Ilse in den Arm.
+
+»Wie heiß du bist, du böser Trotzkopf,« sagte sie und streichelte ihr
+liebevoll die erhitzten Wangen. »Nellie, gieb Ilse ein Glas Wasser.«
+
+Die Angeredete hatte stumm und still am andern Fenster gelehnt und der
+Freundin lautes Schluchzen mit heimlichen Thränen begleitet, jetzt sprang
+sie hinzu und reichte das Gewünschte.
+
+»Trink einer kühle Schluck, er wird dir ruhig machen,« redete sie herzlich
+zu. »Du mußt nie wieder sagen, daß wir dir nicht liebten, du böse, böse
+Ilse! - Nicht mehr weinen darfst du, komm, ich mache deine Gesicht kalt.«
+
+Und sie tauchte einen Schwamm in das Wasser und kühlte damit Ilses
+brennende Augen und Wangen.
+
+»Nun, mein Kind,« fragte Fräulein Güssow, als Ilse sich etwas beruhigt
+hatte, »was gedenkst du zu thun?«
+
+»Ich muß heute noch abreisen,« entgegnete sie, »hier bleiben kann ich
+nicht.«
+
+»Also noch immer möchtest du mit deinem Kopfe die Wand einstoßen. Der
+Gedanke, daß du nachgeben mußt, daß es an dir ist, um Verzeihung zu
+bitten, kommt dir gar nicht in den Sinn! Du hast Fräulein Raimar bitter
+gekränkt, denkst du nicht daran, sie wieder zu versöhnen? Sprich!«
+
+»Nein,« rief Ilse und warf den Kopf zurück, »Fräulein Raimar hat mich
+beleidigt und furchtbar gekränkt! Ich bitte sie nicht um Verzeihung! Noch
+niemals habe ich jemand um Verzeihung gebeten - und ich thue es auch jetzt
+nicht! Nein!«
+
+Das war wieder ein trotziger, böser Ausfall von ihr, dennoch verlor
+Fräulein Güssow nicht die Geduld, sie blieb ruhig und sanft.
+
+»Du batest niemals um Verzeihung, Ilse? Das wundert mich; aber du hast
+deinem Papa ein gutes Wort gegeben, wenn du unartig warst und er dir
+zürnte.«
+
+»Meinem Papa!« wiederholte Ilse und sah höchst erstaunt die junge Lehrerin
+an. »Niemals hat er mir gezürnt, er war immer, immer gut, ich konnte
+machen, was ich wollte.«
+
+»So,« sprach Fräulein Güssow und meinte jetzt den Schlüssel zu Ilses
+Eigensinn in des Vaters zu großer Nachgiebigkeit gefunden zu haben. »Und
+die Mama, war auch sie stets damit zufrieden, was du thatest, - kränktest
+du sie niemals? Sage einmal aufrichtig.«
+
+Ilse blickte nachdenklich vor sich hin. Sie konnte nicht leugnen, sie
+hatte dieselbe oftmals durch ihren Widerstand gekränkt.
+
+»Ich glaube, daß ich es that,« sagte sie zögernd.
+
+»Und dann sagtest du: vergieb mir, liebe Mama, nicht wahr?«
+
+Ilse schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte sie, »niemals habe ich das gethan.
+Mama hat es auch gar nicht von mir verlangt, sie weiß, daß ich einmal
+nicht bitten kann.«
+
+»Ein Kind muß bitten können! Und ein Mädchen vor allem. O Ilse! Auch du
+mußt es lernen, noch ist es nicht zu spät!« sprach Fräulein Güssow sehr
+erregt. »O Ilse, wenn doch meine Worte es vermöchten, dich so recht aus
+deiner Verblendung aufzurütteln! Lerne nachgeben, mein Kind, lerne vor
+allem dich beherrschen! Thust du es nicht, so nimmt das Leben dich in
+seine harte Schule und bereitet dir viel Herzeleid und Kummer. Glaube mir,
+Trotz und Widerstand sind böses Unkraut in einem Mädchenherzen, und
+oftmals überwuchern sie die besten, heiligsten Gefühle! Geh' hinunter,
+Kind, bitte Fräulein Raimar um Vergebung. Ueberwindest du heute deinen
+harten Sinn, so hast du gewonnen für alle Zeit!«
+
+Sie hatte warm und eindringlich gesprochen, und in ihren braunen Augen
+standen Thränen. Ilse war auch seltsam ergriffen von ihren Worten, aber
+Abbitte thun, - das konnte sie trotzdem nicht.
+
+»Ich kann es nicht,« sagte sie zögernd, aber bestimmt.
+
+»Du willst nicht, aber du mußt,« entgegnete Fräulein Güssow im höchsten
+Grade erregt. »Gott! giebt es denn kein Mittel, daß ich dich von deinem
+Starrsinn heilen kann!« -
+
+»Komm, setze dich zu mir,« fuhr sie ruhiger fort, »ich will dir eine wahre
+Geschichte von einem trotzigen, widerspenstigen Mädchenherzen erzählen,
+das sein Lebensglück einer kindischen Laune opferte, und wenn du dann noch
+sagen wirst: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich kann nicht,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} dann gehe hin und folge deinem harten
+Kopfe, - ich werde nie wieder den Versuch machen, ihn zu beugen ...«
+
+Noch niemals hatte jemand in einem so überzeugenden Tone zu Ilse
+gesprochen, derselbe verfehlte seine Wirkung nicht. Willig und gehorsam
+setzte sie sich der jungen Lehrerin gegenüber und sah erwartungsvoll und
+gespannt auf sie. Der häßliche, trotzige Ausdruck schwand aus ihrem
+Gesichte und wer sie jetzt sah, würde nicht geglaubt haben, daß diese Ilse
+und die andre, die sich vor kaum einer Stunde so wild und unbändig
+betragen, ein und dieselbe sei.
+
+Fräulein Güssow hatte den Kopf auf das Fensterbrett gestützt und blickte
+gedankenvoll hinaus in den Garten. Ihr blasses Gesicht hatte sich leicht
+gerötet und um den Mund lag ein schmerzlicher Zug. Es schien fast, als ob
+ein heftiger Kampf in ihr arbeite, als ob es ihr schwer werde, mit dem
+ersten Worte zu beginnen. Plötzlich erhob sie sich.
+
+»Es ist hier so drückend und schwül,« sagte sie und öffnete die
+Fensterflügel.
+
+Ein erquickender Luftzug strömte ihr entgegen, ein Gewitter war im Anzuge.
+Sausend fuhr der Wind durch die Wipfel der Bäume, in der Ferne grollte der
+Donner.
+
+»Wie das wohl thut,« fuhr sie mit einem tiefen Atemzuge fort, »die Hitze
+lag mir schwer wie Blei auf der Brust. - Wie alt bist du, Ilse?«
+unterbrach sie sich plötzlich wie in halber Zerstreuung.
+
+»Im nächsten Monat werde ich sechzehn Jahre.«
+
+»Sechzehn Jahre!« wiederholte die Lehrerin, »dann bist du alt und auch
+verständig genug, denke ich, die traurige Geschichte meiner Jugendfreundin
+zu begreifen. Hör' zu.
+
+»Es war einmal ein junges, fröhliches Menschenkind, das mit seinen
+sechzehn Jahren die Welt zu erstürmen meinte. Vater und Mutter waren ihm
+früh gestorben und so kam es, daß die kleine Waise zu der Großmutter
+gegeben wurde, die sie erzog und von Grund auf verzog. Lucie, so wollen
+wir das Mädchen nennen, hatte nie gelernt zu gehorchen oder sich zu fügen,
+sie erkannte nur einen Willen an, und das war der eigene. Das war sehr
+schlimm für sie, denn bei manchen guten Eigenschaften des Herzens besaß
+Lucie einen häßlichen Fehler, den Trotz.
+
+»Anstatt denselben durch unerbittliche Strenge schon in der Kindheit zu
+zügeln, pflegte ihn die Großmama durch allzugroße Nachsicht.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warum soll ich dem Kinde nicht seinen Willen thun?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte sie, wenn man
+sie zuweilen auf ihre Schwäche aufmerksam machte, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ist es nicht schlimm
+genug, daß es keine Eltern hat? Ich kann es nun einmal nicht traurig
+sehen.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}«
+
+»War Lucie hübsch?« fragte Nellie, die sich hinter Ilses Stuhl gestellt
+und den Arm um deren Schulter gelegt hatte.
+
+»Ich glaube wohl,« entgegnete die Angeredete und errötete leicht,
+»wenigstens hat man es dem erwachsenen Mädchen oftmals gesagt. Doch das
+ist Nebensache - hört mich weiter an.
+
+»Die Großmutter besaß ein herrliches Landhaus, dessen Park sich an einen
+bewaldeten Bergesabhang lehnte. Man durfte nur eine kleine Pforte, die
+sich am Ausgange des Grundstückes befand, durchschreiten und befand sich
+im schönsten Walde, den ihr euch denken könnt.
+
+»Selten kamen Spaziergänger aus dem nahen Städtchen dorthin, desto öfter
+benutzte Lucie die kleine Ausgangspforte, durchstreifte den Wald bis an
+die Spitze des Berges, oder was sie noch häufiger that, sie lagerte sich
+an irgend einem versteckten Platze. So im weichen, schwellenden Moose zu
+liegen, ein gutes Buch zu lesen und darüber die Welt zu vergessen, - das
+war die höchste Wonne ihres Lebens.
+
+»Eines Tages hatte sie wieder ihren Lieblingsplatz am Fuße einer Eiche
+aufgesucht. Die Luft war heiß und schwül und doppelt wohlthuend empfand
+sie die Waldeskühle. Sie streckte die schlaffen Glieder im Moose aus und
+blickte hinauf in das grüne Blätterdach. Nicht lange, dann öffnete sie das
+mitgebrachte Buch und las. So vertieft war sie bald in den Inhalt
+desselben, daß sie der Gegenwart ganz entrückt war. -
+
+»Eine männliche Stimme schreckte sie plötzlich auf. Aergerlich über die
+Störung blickte sie auf und sah in das lächelnde Antlitz eines jungen
+Mannes, der mit Pinsel und Palette in der Hand vor ihr stand.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ein wunderbares Bild!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief er aus. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wahrlich, ich hätte Lust, dasselbe
+zu malen! Bleiben Sie in der Stellung,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} bat er, als Lucie sich schnell
+erheben wollte, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}nur wenige Augenblicke! Aber so böse dürfen Sie nicht
+aussehen, - nein, ich bitte, wieder derselbe Zug von Spannung um den Mund,
+- dasselbe erwartungsvolle Lächeln - bitte!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Was fällt Ihnen ein?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief Lucie aufgebracht und erhob sich mit einem
+Sprunge. Dabei fiel ihr das Buch aus der Hand.
+
+»Er kam ihr zuvor, als sie sich schnell darnach bücken wollte; doch ehe er
+es ihr überreichte, las er das Titelblatt.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Werthers Leiden{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, bemerkte er und lachte lustig. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Dacht' ich es doch!
+Natürlich verbotene Lektüre, die in der Waldeinsamkeit verschlungen wird!
+Oder hat der Herr Papa vielleicht Ihnen diese gefährliche Geschichte
+erlaubt?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»Lucie entriß ihm das Buch, aber sie wurde über und über rot.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich verbitte mir Ihre Bemerkungen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} entgegnete sie zornig. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wer hat
+Ihnen erlaubt, mich zu beobachten?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich nahm mir selbst die Freiheit,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte er sich verbeugend, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}und bitte
+dafür um Verzeihung. Ein Zufall brachte mich in Ihre Nähe, dort jene
+Buchengruppe war ich im Begriffe zu malen, - da erblickte ich Sie, und
+können Sie mir verdenken, daß ich dem Zauber nicht widerstehen konnte, Sie
+zu betrachten?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»Sie gab keine Antwort, ja sie grüßte nicht einmal, als sie eilig davon
+ging. Sie empfand Unwillen und Aerger über den Aufdringlichen und doch -
+gefiel er ihr.« -
+
+»War er ein schön Mann?« fragte Nellie.
+
+»Ja, er war schön und klug und gut. Von den letzteren Eigenschaften konnte
+Lucie sich bald überzeugen, denn der Maler machte unter irgend einem
+Vorwande einen Besuch in der Großmutter Hause.
+
+»Wie bald er der Liebling derselben, wie er nach und nach täglicher Gast
+bei ihr wurde und wie er endlich der trotzigen Lucie Herz gewann, das kann
+ich euch nicht erzählen, nur so viel, daß sie eines Tages seine Braut war.
+
+»Es war ihm nicht leicht geworden, ihr Jawort zu erringen, denn wenn er
+heute glaubte, daß sie ihn gern möge, war er morgen vom Gegenteil
+überzeugt. Wenn er im Begriffe war, sie zu fragen: hast du mich lieb?
+reizte sie ihn gerade durch Trotz und Widerstand, und das Wort erstarb ihm
+auf den Lippen.
+
+»Endlich trug er den Sieg davon. An ihrem achtzehnten Geburtstage war es,
+als sie mit ihm vor die Großmama trat und jubelnd ausrief:
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich bin Braut!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»Nun, glaubt ihr, Lucie ist eine andre geworden? Das Glück und die Liebe
+haben sie nachsichtiger gestimmt, nicht wahr, ihr glaubt, das könne nicht
+anders sein? - Wie seid ihr im Irrtum! Das Gegenteil war der Fall. Ihr
+Widerstand trat gegen den Mann, den sie von ganzem Herzen liebte, oftmals
+heftiger hervor, als je vorher.
+
+»Welche Mühe gab er sich, sie von diesem Fehler zu heilen, wie
+eindringlich und liebevoll stellte er ihr die Folgen desselben vor; sie
+hörte ihn an und versprach sich zu bessern, - aber ihr Wort hielt sie
+nicht, - - leider! - Hätte sie es gethan, wie viel Kummer und Herzeleid
+hätte sie sich erspart!«
+
+Einen Augenblick hielt die junge Lehrerin inne, ein scharfer Beobachter
+hätte ihr ansehen können, wie schwer es ihr wurde, die Geschichte weiter
+zu erzählen, - die jungen Mädchen indessen merkten nichts davon. Sie
+glaubten, die Heftigkeit des Gewitters habe die Pause hervorgerufen.
+
+»O bitte, fahren Sie fort,« bat Nellie, deren Augen vor Entzücken
+glänzten; niemals bis jetzt hatte das Fräulein ähnliches erzählt, »bitte,
+weiter! O, ich bin zu gierig, weiter zu wissen!«
+
+Ilse saß still und sinnend da. Was sie da hörte, berührte eine verwandte
+Saite in ihr, oftmals hatte sie das Gefühl, als ob das junge Mädchen nicht
+Lucie, sondern Ilse geheißen habe. -
+
+»Lucies Brautzeit neigte sich zu Ende,« fuhr Fräulein Güssow fort, »in
+vier Wochen sollte die Hochzeit sein. An dem Morgen eines herrlichen
+Maitages saß das Brautpaar auf der Veranda vor dem Hause und träumte sich
+in die Zukunft hinein. Es wurde eine Reise nach der Schweiz und Italien
+geplant, - den ganzen Sommer wollten sie umherschweifen, und wo es ihnen
+am schönsten gefiel, dort wollten sie für den Winter ihr Nest bauen.
+
+»Der Himmel wölbte sich hoch und blau über ihnen, die Frühlingssonne
+lachte sie freundlich an, - ringsum blühte, duftete und zwitscherte es,
+kein Mißton störte das wunderbare Lenzesleben.
+
+»Lucie machte Pläne und malte sich aus, wie sie leben und wie sie sich
+einrichten wollten. Sie hing am Aeußeren und hatte eine lebhafte
+Phantasie, da war es denn am Ende ganz natürlich, daß ihre Wünsche und
+Hoffnungen bis an den Himmel reichten.
+
+»Er hatte ihrem Geplauder lächelnd gelauscht, ohne sie zu unterbrechen. Da
+gab ihm ein unglücklicher Zufall die Frage ein: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wie würdest du es
+ertragen, Lucie, wenn wir uns ganz einfach einrichten müßten, wenn wir
+nicht reisen könnten - wenn wir wenig Mittel hätten, - mit einem Worte,
+wenn die Not an uns herantreten würde?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Die Not?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte sie erstaunt und sah ihn beinahe entsetzt an. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Das wäre
+furchtbar!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du giebst mir keine Antwort auf meine Frage, liebes Herz. Ich meine, ob
+deine Liebe zu mir so stark sein würde, daß du ohne Klage auch ein
+armseliges Los mit mir teilen würdest?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} -
+
+»Es verdroß sie, daß Curt, so hieß der Maler, durch unnütze Fragen einen
+Mißklang in ihre frohe Stimmung brachte.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Laß doch den Unsinn!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} wehrte sie ab, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}wir werden nie in solche Lage
+kommen. Ich bin reich und deine Bilder werden hoch bezahlt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Man kann nicht wissen, was in den Sternen für uns geschrieben steht,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+entgegnete er ernst. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du könntest zum Beispiel dein Vermögen verlieren, -
+und ich - nun wenn ich krank würde und nicht malen könnte?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warum quälst du mich mit allerhand dummen Möglichkeiten, Curt,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte
+sie ungeduldig. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich antworte dir nicht auf solche Fragen.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Und sie wandte
+sich halb von ihm ab.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du sprichst jetzt gegen deine bessere Ueberzeugung, du kleine
+Widerspenstige,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte er halb ernst, halb scherzhaft. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich weiß, du wirst
+mir ganz bestimmt meine Gewissensfrage beantworten, ich weiß auch, meine
+Lucie würde den Mut haben, ein sorgenvolles Leben mit mir zu teilen, wie
+sie meine Gefährtin in Glück und Wohlstand werden wollte. Nicht wahr? Du
+siehst ein, Liebling, daß ich von meiner zukünftigen Frau das verlangen
+kann?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Das sehe ich nicht ein!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief Lucie sehr entrüstet und entzog ihm ihre
+Hand, die er liebevoll ergriffen hatte. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Armselige Verhältnisse würden
+mich unglücklich machen - ja, unglücklich machen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} wiederholte sie, als er
+sie zweifelnd ansah, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}lieber würde ich gar nicht heiraten!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»Er wurde blaß bei ihren Worten, aber noch wollte er nicht an den Ernst
+derselben glauben. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Hast du mich lieb, Lucie?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte er sie.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ja, aber in einer Hütte bei Salz und Brot mag ich nicht mit dir wohnen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kein {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Aber{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, Lucie. Hast du mich lieb? Sage ja und nimm zurück, was du
+gesagt hast.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nein!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief sie entschieden und sprang von ihrem Platze auf. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nichts
+nehme ich zurück! Was ich gesagt habe, ist meine wahre Meinung!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Lucie!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief er erregt, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}besinne dich! Es ist nicht wahr, du denkst
+nicht wie du sprichst! Dein Widerspruch gab dir die Worte ein ....! Nimm
+sie zurück, Herz!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} und flehend blickte er ihr in das Auge.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du irrst,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} entgegnete sie mit scheinbarer Kälte, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}nicht aus Widerspruch,
+sondern mit voller Ueberzeugung sagte ich dir meine Ansicht.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nein, nein! Ich kann's, ich will's nicht glauben! - Komm her, sieh' mich
+an. Deine Augen sollen mir die Antwort geben, ich weiß, daß sie nicht
+lügen können. - Du liebst mich? Ja? Nicht wahr, du hast mich lieb?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+wiederholte er noch einmal dringend - {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}und du nimmst zurück, was du
+gesagt?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»Unglücklicherweise hatte die Großmama auf der entgegengesetzten Seite der
+Veranda gesessen und war so eine stumme Zeugin dieser Scene geworden.
+Aengstlich erhob sie sich und trat dem jungen Paare näher.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie dürfen Lucie nicht so übel nehmen, was sie sagt, lieber Curt,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+sprach sie beruhigend, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}es kommt ihr nicht vom Herzen, glauben Sie mir.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»Die alte Frau hatte es gut gemeint, aber sie stiftete Unheil an. Hätte
+sie sich nicht in den Streit gemischt, vielleicht war es besser. Ihre
+gütigen Worte stachelten Lucies Trotz noch mehr an.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Es kommt mir wohl aus dem Herzen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief dieselbe aufgebracht, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}und ich
+wiederhole noch einmal: Lieber heirate ich gar nicht, als daß ich Not und
+Mangel leide!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}« -
+
+»O, wie hart ist sie!« warf Nellie ein, als Fräulein Güssow wie erschöpft
+einen Augenblick innehielt.
+
+»Sie war nicht hart, nur verblendet,« fuhr diese fort. »Niemals hatte sie
+gelernt, sich einem andern Willen zu beugen, niemals war sie im stande
+gewesen nachzugeben. Jetzt, wo das ernste Verlangen ihres Verlobten in
+aller Entschiedenheit an sie herantrat, ihren Widerstand zu zähmen, da
+bäumte derselbe sich dagegen auf und sie unterlag seiner Macht.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ist das dein letztes Wort, - Lucie!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - Wie ein Schrecken kam es über
+seine Lippen. Sie blieb ungerührt, wandte sich von ihm und eilte aus dem
+Zimmer.
+
+»Besorgt folgte ihr die Großmama, aber sie klopfte vergeblich an der
+verschlossenen Thüre, dieselbe wurde nicht geöffnet. -
+
+»Lucie befand sich in keiner beneidenswerten Stimmung. Es kochte und tobte
+in ihr und verworrene Gedanken durchzuckten ihr Hirn. War es recht, wie
+sie gehandelt hatte? {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ja,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} antwortete sie sich darauf, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich bin im Rechte.
+Warum schreckt er mich mit den Gespenstern Sorge und Not, warum peinigt er
+mich damit? Ich will in eine glückliche Zukunft sehen und er will mir das
+Herz schwer machen mit Unmöglichkeiten. Und welch eine wichtige Sache er
+daraus macht? - Ich soll zurücknehmen, was ich gesagt habe! Solch ein
+Verlangen! Abbitte soll ich thun - Abbitte! Und er hat mich doch erst
+herausgefordert. Er ist an allem schuld.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»Aus einem Winkel ihres Herzens meldete sich auch eine Stimme, die ihr
+zurief: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Gieb nach! Reich' ihm die Hand, oder du hast ihn verloren!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Sie
+wurde nicht beachtet, und als eine Stunde vergangen war, hatte sie sich so
+völlig in den Gedanken an ihre Schuldlosigkeit eingelebt, daß sie
+erwartete, Curt müsse kommen und sie um Verzeihung bitten.
+
+»Er kam auch und begehrte Einlaß. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Oeffne mir, Lucie,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief er stürmisch,
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}es hängt unser Glück davon ab! Ich muß dich sprechen! - Ich will dich
+sprechen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»Das klang wie ein Befehl, sie schwieg und gab keine Antwort. Wohl klopfte
+ein guter Engel an ihr Herz und rief ihr warnend zu: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Erhöre ihn und es
+wird alles gut{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - sie war taub gegen seine Stimme. Ein böser Geist hielt
+sie für den Augenblick gefangen und trauernd floh ihr guter Engel von
+dannen.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich will nicht mit dir reden!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief sie zurück, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich wüßte auch nicht,
+was du mir noch sagen könntest!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}So treibst du mich fort von dir, Lucie!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - rief er außer sich. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Bedenke
+was du thust! Ich gehe und nicht eher kehre ich zu dir zurück, bis du mich
+zurückrufst: Lebe wohl!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - -
+
+»Es waren die letzten Worte, die sie von ihm gehört hat.
+
+»Nach einer in Aufregung durchwachten Nacht brach der nächste Tag an. Der
+trotzige Aufruhr in Lucies Innern hatte sich gelegt und einer
+unzufriedenen Stimmung Raum gemacht. Nachzugeben fühlte sie sich auch
+heute nicht geneigt, aber sie wollte ihn heute anhören, wenn er kam, - und
+daß er kommen werde, darauf hoffte sie fest.
+
+»Aber sie hoffte vergebens. Die Großmama überhäufte ihre Enkelin mit
+bitteren Vorwürfen und forderte sie unter Thränen auf, sie möge nachgeben.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wird es dir denn so schwer,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte sie, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}dem Manne, dem du in vier
+Wochen die Hand für das Leben geben willst, ein bittendes Wort zu sagen?
+Ueberwinde dich, Lucie, nimm deine bösen Worte zurück, oder es giebt ein
+Unglück.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich kann nicht, Großmama. Ich müßte ja abbitten, so verlangt er, und du
+weißt, ich that es nie! Er kehrt auch ohne meinen Ruf zurück, du wirst es
+sehen.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»Aber auch der nächste Tag verging und er blieb aus. Lucie befand sich in
+einer fieberhaften Aufregung und schrak zusammen, sobald sich die Thür
+öffnete. - Am dritten Tage, - es war gegen Abend, sie hatte wieder
+vergeblich ihn erwartet, da brachte Curts Diener ihr einen Brief. Sie
+eilte auf ihr Zimmer, um ihn allein und ungestört zu lesen - es war doch
+endlich - endlich ein Zeichen von ihm!
+
+»Hastig öffnet sie und in zwei Teile gebrochen fiel ihr Curts
+Verlobungsring entgegen. Wenige Zeilen nur schrieb er dazu. - Ich will
+versuchen euch dieselben zu wiederholen,« unterbrach sich Fräulein Güssow,
+»Lucie hat sie mir oftmals zu lesen gegeben.
+
+
+
+
+
+
+»Du hast mich nicht zurückgerufen, - - so sehnsüchtig ich auch darauf
+gehofft habe. Liebtest Du mich, wie ich Dich, wäre es Dir nicht schwer
+geworden, ein versöhnendes Wort zu sagen. Lebe wohl denn, ich muß von Dir
+scheiden, Lucie, weil ich Dir nicht versprechen kann, Dir stets Wohlstand
+und Glück zu bieten. - - Mit welchem Rechte könnte ich vom Schicksal
+verlangen, daß mein Leben nur von der Sonne beschienen werde? Leb' wohl, -
+ich habe Dich sehr geliebt.« -
+
+
+
+
+
+
+»Wie gebrochen sank sie zur Erde nieder und hätte vor Schmerz vergehen
+mögen. Das hatte sie nicht gedacht, - so weit hatte sie es nicht treiben
+wollen. - Nun war es zu spät, alle Reue, alle Selbstanklage, brachten ihr
+den Geliebten nicht zurück.
+
+»Die Großmama fand Lucie in einem verzweiflungsvollen Zustande, und
+heimlich, ohne ihr Wissen, schickte sie einen Boten in Curts Wohnung. Er
+kehrte zurück mit der Meldung: der Herr sei seit zwei Stunden abgereist. -
+Sie hatte ihn auf ewig verloren!« -
+
+»O, die arm' Lucie! Der schlechter Mensch, warum konnt' er ihr verlassen!«
+rief Nellie unter Weinen. »Er hat ihr gar nix lieb gehabt.«
+
+»Er hat sie sehr geliebt,« entgegnete die Lehrerin und sah hinaus auf den
+strömenden Regen; »aber er war ein ganzer Mann, der Lucies trotzigen
+Widerstand nicht länger ertragen konnte.«
+
+»Und wo ist Lucie geblieben?«
+
+»Lucie?« wiederholte Fräulein Güssow zögernd, - »ein trauriges Geschick
+hat sie getroffen. Ein Jahr nach dem Geschehenen verlor die Großmutter
+fast ihr ganzes Vermögen. Die Villa mußte verkauft werden und Lucie, das
+verwöhnte und verzogene Mädchen, war gezwungen, für die Zukunft ihr eignes
+Brot zu verdienen.«
+
+Ilse sah entsetzt die Lehrerin an. »Ja, ihr Brot zu verdienen,« betonte
+dieselbe. »Das erschreckt dich, nicht wahr? Aber es wurde ihr nicht so
+schwer, als sie einstmals geglaubt. Seit jenem Tage, da sie das Schwerste
+erfahren, war eine Aenderung in ihrem Wesen vorgegangen. Still und ernst
+ging sie einher und ihr übermütiges Lachen war verschwunden. - Sie
+bereitete sich vor, Gouvernante zu werden, und als sie ihr Examen
+bestanden hatte, ging sie, nachdem sie die Großmama durch den Tod
+verloren, nach London. Sie wirkt dort als Lehrerin in einem Institute.«
+
+»Und der Maler? Hat die arm' Lucie nie gehört davon?«
+
+»Seine Werke hat sie oft in den Galerien bewundert - er selbst blieb
+verschollen.«
+
+»Oh wie ein furchtbar trauriges Geschicht' ist das!« rief Nellie. »Es thut
+mich sehr weh.«
+
+Und Ilse? Sie saß da, die Hände gefaltet, mit gesenktem Blick. Sie war bis
+in das Innerste getroffen. Wie Lucie hätte auch sie gehandelt, auch sie
+würde es bis zum Aeußersten getrieben, auch sie würde ihr Lebensglück im
+trotzigen Uebermute geopfert haben. - Noch schwankte sie einen Augenblick,
+wie im Kampf mit sich selber, dann aber erhob sie sich schnell und ergriff
+Fräulein Güssows Hand.
+
+»Ich will um Verzeihung bitten,« sagte sie in leisem Tone, es war, als ob
+sie sich scheue, ihre eigenen Worte zu hören.
+
+Ueber der Lehrerin Gesicht glitt ein Freudenschimmer. Sie nahm die Reuige
+in den Arm und küßte sie zärtlich.
+
+»Geh' - geh',« sagte sie gerührt, »und wenn je ein böser Geist wieder über
+dich kommen will, denk' an Lucies traurige Geschichte.«
+
+Zögernd und beklommen stieg Ilse die Treppe hinunter. Vor der Vorsteherin
+Zimmer blieb sie stehen. Sie konnte sich nicht entschließen, die Thür zu
+öffnen. Zweimal hatte sie schon die Hand nach dem Drücker ausgestreckt und
+wieder zurückgezogen. Es war so furchtbar schwer, die erste Abbitte zu
+thun. Ob sie umkehre?
+
+Einen Augenblick war sie es willens, ja, schon machte sie eine leichte
+Wendung zurück, da hörte sie Fräulein Güssow die Treppe herabkommen.
+
+Sollte dieselbe sie unverrichteter Sache hier finden? Sie hätte sich vor
+ihr schämen müssen. Mit einem tiefen Atemzuge öffnete sie die Thür.
+
+ [Illustration]
+
+Die Vorsteherin saß an ihrem Schreibtische; als sie Ilse eintreten sah,
+erhob sie sich.
+
+Ilses Herz klopfte zum Zerspringen. Als sie das strenge, zürnende Auge
+Fräulein Raimars auf sich gerichtet sah, entsank ihr der Mut. Sie
+versuchte zu sprechen, aber es war ihr unmöglich, ein Wort
+hervorzubringen, die Kehle erschien ihr wie zugeschnürt. Es war eine
+Folterqual, die sie ausstand, und wenn jetzt der Boden unter ihren Füßen
+sich plötzlich geöffnet und sie hätte verschwinden lassen, sie würde es
+für eine Wohlthat des Himmels angesehen haben. Aber diese Wohlthat blieb
+aus, und Ilse stand noch immer wortlos vor der Vorsteherin.
+
+Schon regte sich wieder der alte Trotz, der ihr eingab, es ruhig darauf
+ankommen zu lassen und sich nicht zu beugen - da war es, als ob Lucie sie
+traurig anblicke, als ob sie ihr mahnend zurief: »Nicht zurück! Geh' mutig
+vorwärts!«
+
+»Nun Ilse?« unterbrach Fräulein Raimar das minutenlange Schweigen. »Was
+ist dein Begehr?«
+
+Ilse machte eine vergebliche Anstrengung zu sprechen und brach in ein
+krampfhaftes Schluchzen aus. Abgebrochen und unverständlich kam es von
+ihren Lippen: »Ver-zeih-ung!«
+
+Fräulein Raimar war sehr aufgebracht über Ilses Betragen gewesen und sie
+hatte die Absicht gehabt, ihr eine derbe Lektion dafür zu geben, als sie
+indes dieselbe so zerknirscht und reuevoll vor sich stehen sah, wurde sie
+milder gestimmt.
+
+»Für diesmal,« sagte sie, »will ich dir vergeben, ich sehe, daß du dich
+selbst mit Vorwürfen strafst, und daß du zur vollen Erkenntnis deines
+Ungehorsams gekommen bist. Bessre dich! Beträgst du dich ein zweites Mal
+in ähnlicher Weise, würde ich die strengsten Maßregeln ergreifen, das
+heißt: ich würde dich zu deinen Eltern zurückschicken! - Ich hoffe, du
+vergißt dich niemals wieder, versprich mir das!«
+
+Beinah hätte sie sich sofort gegen dieses Versprechen aufgelehnt und
+geantwortet: »Schicken lasse ich mich nicht! Dann gehe ich lieber gleich
+zu meinen Eltern,« - da war es wieder Lucies warnendes Beispiel, das diese
+böse Antwort von ihren Lippen scheuchte.
+
+Zögernd und noch immer schluchzend ergriff sie des Fräuleins Hand. »Nie -
+wieder!« stammelte sie.
+
+Und Fräulein Raimar war von der Wahrheit ihres Versprechens überzeugt und
+hatte beinah Mitleid mit der Reumütigen. »Nun geh' und beruhige dich,«
+sagte sie in mildem Tone, »und sehe ich, daß du dich besserst, wird der
+heutige Tag von mir vergessen sein. -«
+
+Als Ilse die Treppe zu ihrem Zimmer wieder hinaufstieg, fühlte sie sich
+leicht wie nie im Leben, es war ihr so frei und froh in der Brust, niemals
+hatte sie eine ähnliche Empfindung gekannt. Es war das Bewußtsein, sich
+selbst überwunden zu haben. -
+
+Der Juli und August waren vorüber und man befand sich in den ersten Tagen
+des September. Ilse hatte sich mehr und mehr in das Pensionsleben
+eingelebt und fühlte sich längst keine Fremde mehr. An vieles, das ihr
+anfangs unmöglich erschien, hatte sie sich gewöhnt, ja gewöhnen müssen.
+Wie hätte sie auch vermocht, sich gegen das einmal Bestehende aufzulehnen!
+Das frühe Aufstehen, das regelmäßige Arbeiten, die Ordnung und
+Pünktlichkeit, die streng innegehalten wurden, - schwer genug hatte sie
+sich in all diese Dinge gefunden, und wer weiß, ob sie es überhaupt je
+gethan hätte, wenn Nellie nicht wie ein guter Geist ihr stets zur Seite
+gestanden hätte. Mit ihrer fröhlichen Laune half sie der Freundin über
+manche Schwierigkeit hinweg und oft verstand sie es, durch ein Wort, ja
+durch einen Blick dieselbe zu zügeln, wenn sich die alte Heftigkeit melden
+wollte.
+
+Eine heftige Szene hatte sie übrigens nicht wieder herbeigeführt. Fräulein
+Güssows Erzählung war auf fruchtbaren Boden gefallen und hatte ihren
+trotzigen Sinn etwas nachgiebiger gemacht.
+
+Ueber ihre Fortschritte und Fähigkeiten herrschte unter ihren Lehrern und
+Lehrerinnen eine sehr verschiedene Ansicht, wie dieses in der letzten
+Konferenz recht deutlich zu Tage trat. Der Rechenlehrer und der Lehrer der
+Naturgeschichte behaupteten, daß Ilse ohne jede Begabung sei, daß sie
+weder Gedächtnis, noch Lust am Lernen besitze. Andre waren vom Gegenteile
+überzeugt. Fräulein Güssow, die in der Litteratur und Doktor Althoff, der
+Deutsch, Geschichte und in der französischen Litteratur unterrichtete,
+waren in jeder Beziehung mit Ilses Kenntnissen und ihren Fortschritten
+zufrieden. Professor Schneider lobte ganz besonders ihren Fleiß und ihre
+Ausdauer, die sie bei ihm entwickle, und erklärte mit aller
+Entschiedenheit, wenn Ilse so fortfahre, würde sie es mit ihrem Talente
+weit bringen, sie habe in den acht Wochen, in denen sie seine Schülerin
+sei, so große Fortschritte im Zeichnen gemacht, wie nie eine andre zuvor.
+
+Ueber dieses Lob geriet Monsieur Michael in Entzücken. Ja er vergaß sich
+in seiner lebhaften Freude so weit, daß er ausrief; »Bravo, Monsieur
+Schneider! So spreche auch ich, sie ist eine hochbegabte, eine
+entzückende, junge Mademoiselle.«
+
+Fräulein Raimar lächelte über diese Ekstase und erkundigte sich nach Ilses
+Betragen.
+
+Da kam denn leider manches bedenkliche Kopfschütteln an den Tag. Besonders
+wurde von einigen sehr gerügt, daß sie bei dem geringsten Tadel eine
+trotzige Miene mache, daß sie sogar mehrmals gewagt habe, zu
+widersprechen.
+
+»Leider, leider ist dem so,« bestätigte die Vorsteherin, »und ich habe
+nicht den Mut, zu glauben, daß wir sie ändern können. Ich fürchte sogar,
+daß ihr zügelloser Sinn uns eines Tages eine ähnliche Szene, wie die
+bereits erlebte, machen wird, und was geschieht dann?«
+
+»Dann geben wir sie den Eltern zurück,« fiel Miß Lead lebhaft ein. »Ich
+glaube, daß es dahin kommen wird. Ilse ist nicht nur verzogen, sie ist -
+wie soll ich sagen - sehr bäurisch, sehr brutal, sie paßt nicht in unsre
+Pension.«
+
+Doktor Althoff warf der Engländerin einen etwas ironisch lächelnden Blick
+zu, als wollte er sagen: Du freilich mit deinen übertriebenen, strengen
+Formen hast kein Verständnis für das junge, frische Wesen mit seinem
+natürlichen Sinn - »Ich glaube, Sie irren, meine Damen,« wandte er ein,
+»in unsrer kleinen Ilse steckt ein tüchtiger Kern. Lassen Sie nur erst die
+etwas rauhe Schale sich von demselben abgestoßen haben und Sie werden
+sehen, in welch ein liebenswürdiges, natürliches, echt weibliches Wesen
+sich die bäurische, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}brutale Ilse{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~},« er betonte die letzten Worte etwas
+stark, »verwandeln wird. Von der Natur ist sie dazu beanlagt, glauben Sie
+mir. Man muß nur nicht von der kurzen Zeit, die sie bei uns verweilt, gar
+zu viel verlangen.«
+
+Miß Lead zuckte die Achseln und machte eine abweisende Miene. Fräulein
+Güssow dagegen sah Doktor Althoff dankbar an.
+
+»Das sage ich mit Ihnen, Herr Doktor!« stimmte sie bei. »Wir müssen Geduld
+haben mit unsrem wilden Vogel, der bis jetzt nur die Freiheit kannte.
+Fehler, die durch jahrelange, allzunachsichtige Erziehung in dem Kinde
+groß gezogen wurden, können unmöglich in wenigen Wochen vollständig
+abgestreift sein. Mir scheint, daß wir schon viel erreicht haben, wenn wir
+daran denken, wie wenig Arbeitstrieb Ilse mit in die Pension brachte und
+wie sie jetzt gewissenhaft und sogar in manchen Fächern ihre Aufgaben sehr
+trefflich anfertigt.«
+
+Fräulein Güssows Behauptung war vollständig berechtigt. Ilse war weit
+strebsamer geworden, das gute Beispiel der übrigen Mädchen spornte sie
+mächtig an.
+
+Anfangs war es ihr gleichgültig gewesen, ob man sie in die erste oder
+zweite Klasse brachte, als sie indes die Bemerkung machte, daß alle ihre
+Mitschülerinnen jünger waren, als sie, da erwachte der Ehrgeiz und
+zugleich ein Eifer in ihr, der sie antrieb, das Versäumte nachzuholen, zu
+lernen und zu arbeiten, damit sie bald in die erste Klasse komme.
+
+Ihre Aufsätze besserten sich mit jedem Mal, auch nahm sie sich sehr
+zusammen, keine orthographischen Schnitzer mehr zu machen. Sie hatte allen
+Respekt vor Doktor Althoff, der stets mit einem leichten Spott dergleichen
+Fehler zu rügen wußte.
+
+Ihr letzter Aufsatz war der beste in der Klasse gewesen. »Ein Spaziergang
+durch den Wald« hieß das gegebene Thema und sie hatte ihre Aufgabe in
+anmutiger und lebendiger Weise gelöst. Sie wurde dafür gelobt, und Doktor
+Althoff las ihren Aufsatz der Klasse vor, was stets als eine besondere
+Auszeichnung galt. Mitten im Lesen unterbrach er sich lachend.
+
+»Da ist Ihnen ein ganz abscheulicher Irrtum passiert, Ilse,« sagte er,
+»denn ich kann mir kaum denken, daß Sie wirklich dachten, was Sie hier
+niederschreiben.«
+
+Und er trat zu ihr und zeigte ihr die verhängnisvolle Stelle, die also
+lautete:
+
+»Ich war eine gans, tüchtige Strecke allein gegangen.« - Sie errötete,
+nahm schnell eine Feder und machte aus dem s ein z.
+
+»Ein andres Mal sehen Sie sich besser vor, solche Verwechselungen können
+höchst komisch wirken. Auch mit den Kommas, Punkten u. s. w., rate ich
+Ihnen weniger verschwenderisch umzugehen, oder haben Sie die Absicht, es
+wie jene junge Dame zu machen, die, sobald sie eine Seite zu Ende
+geschrieben hatte, ganz willkürlich die Zeichen hineinsetzte. Etwa zehn
+Kommas, sieben Ausrufungszeichen, fünf Fragezeichen und neun Punkte, wie
+sie gerade Lust hatte, manchmal mehr, manchmal weniger. Das gab dann
+zuweilen einen tollen Sinn, Sie können es sich denken.«
+
+Die Mädchen lachten und Ilse mit. Ohne jede Empfindlichkeit nahm sie eine
+Rüge von diesem Lehrer auf, der es verstand, stets die richtige Art und
+Weise zu treffen. Mit liebenswürdigem Humor, in welchen er einen ernsten
+Tadel oftmals kleidete, richtete er weit mehr aus, wie mancher andre, der
+in der Aufregung sich zu zornigen Worten hinreißen ließ.
+
+Aber wie schwärmten auch seine Schülerinnen für ihn! In jeder
+Mädchenschule giebt es gewiß einen Lehrer, der zum allgemeinen Liebling
+erkoren wird, in dem Institute des Fräulein Raimar hatte Doktor Althoff
+das Los getroffen.
+
+»Er ist furchtbar reizend!« beteuerte Melanie und schlug den Blick
+schwärmerisch gen Himmel. »Das bezaubernde Lächeln um seinen Mund, das
+blitzende, geistvolle Auge, das schmale, vornehme Gesicht, das dunkle,
+lockige Haar! Wirklich furchtbar nett!« Die neugierige Grete hatte sogar
+entdeckt, daß Schwester Melanie in einem Medaillon, welches sie an der Uhr
+befestigt trug, ein Stückchen Papier mit seinem Namen geborgen hatte. Es
+war eine Unterschrift von seiner Hand, die sie unter einem früheren
+Aufsatze fortgeschnitten hatte.
+
+Flora Hopfstange besang den Gegenstand ihrer Verehrung in den
+überschwenglichsten Gedichten, auch war er der Held ihrer sämtlichen
+Novellen und Romane. Wie zufällig verlor sie zuweilen eines ihrer
+schwärmerischen Gedichte, natürlich nur in der Litteraturstunde, indessen
+vergeblich. Doktor Althoff hatte noch niemals eine ihrer kostbaren
+Dichterblüten gefunden.
+
+ [Illustration]
+
+Selbst Orla teilte diese allgemeine Schwäche, trotzdem sie dieselbe stets
+verspottete. Längst aber hatte sie sich verraten und das ging so zu.
+Doktor Althoff trug eine Nelke in der Hand, als er die Klasse betrat und
+ließ dieselbe auf dem Katheder liegen. Kaum hatte er das Zimmer verlassen,
+als fast sämtliche Schülerinnen, wie die Stoßvögel auf die rote Blume
+zustürzten, um sie für sich zu gewinnen. Orla eroberte sie glücklich. Hoch
+hielt sie ihre Siegestrophäe in die Luft und eilte damit auf ihr Zimmer.
+Vom Juwelier ließ sie sich dann ein goldenes Medaillon anfertigen mit
+einer russischen Inschrift darauf. Grete hatte das bald genug
+herausgewittert, aber leider stand sie vor einem unlösbaren Rätsel, denn
+Orla würde ihr nimmermehr vertraut haben, daß die beiden Worte ins
+Deutsche übertragen hießen: »Vom Angebeteten.« - In diese kostbare,
+goldene Hülle legte sie die Nelke und trug sie immer.
+
+Nellie machte es am ärgsten. Eines Abends, als sie mit Ilse allein auf
+ihrem Zimmer war, nahm sie ein Federmesser und ritzte damit den
+Anfangsbuchstaben seines Vornamens in ihren Oberarm. Mit spartanischem
+Mute ertrug sie lächelnd diese schmerzhafte Operation.
+
+»Aber Nellie, wie albern bist du!« rief Ilse. »Warum machst du denn den
+Unsinn? Wenn Herr Doktor Althoff all' eure Dummheiten erfährt, müßt ihr
+euch doch schämen.«
+
+»Schweig!« gebot Nellie scherzhaft, »du bist noch ein klein' grüner
+Schnabel. Du verstehst nix von heimliche Anbetung. Komm erst in der Jahre
+und lerne ihr begreifen. Dein Herz lauft noch in der Kinderschuhe.«
+
+Ilse wollte sich totlachen. Ihr gesunder, urwüchsiger Sinn verstand und
+begriff dergleichen krankhafte Dinge nicht. »Ach Nellie!« rief sie
+fröhlich, »du sprichst so weise, wie eine alte Großmama, und bist doch nur
+zwei Jahr älter als ich.«
+
+Nellie war aber keineswegs wie eine Großmama, oft sogar konnte sie recht
+kindlich denken und handeln, wenn es darauf ankam, irgend etwas für ihren
+Schnabel zu gewinnen.
+
+Eines Sonntags, es war gegen Abend, stand sie am offnen Fenster in ihrem
+Zimmer und blickte sehnsüchtig auf den Apfelbaum, dessen Früchte goldgelb
+und rotwangig, höchst verlockend zwischen dem dunklen Laube hindurch
+lachten.
+
+»Die schöne Aepfel!« rief sie aus, »o, hatte ich doch gleich einer davon!
+Er ist reif, Ilse, ich weiß, ich kenne dieser Baum genau. Ich habe jetzt
+so groß' Lust, Apfel zu speisen, und darf ihn doch nur ansehen! Sehen -
+und nicht essen - es ist hart!«
+
+Ilse, die nach Nellies Muster und Angabe einen grauen Wäschbeutel mit
+roten Arabesken benähte, legte die Arbeit beiseite und trat zu der
+Freundin.
+
+»Ja, die sind reif,« sagte sie und betrachtete mit Kennermiene die Aepfel,
+»wir haben dieselbe Sorte daheim, das sind Augustäpfel. Wenn ich doch
+gleich in Moosdorf wäre, dann stieg' ich in den Baum und holte welche
+herunter, aber hier - - ach!«
+
+Nellie horchte auf und blickte Ilse an, die mit wehmütigem Verlangen
+hinauf in den Baum sah. Plötzlich kam ihr ein guter Gedanke.
+
+»Du bist in der Baum gestiegen?« fragte sie. »O, Ilse, ich habe ein'
+furchtbar nette Idee! - Du steigst in der Baum und holst uns von der
+Apfel!«
+
+Die letzten Worte sprach sie flüsternd, damit ja kein unberechtigtes Ohr
+etwas erlauschte.
+
+Ilses braune Augen leuchteten auf. »Wie gern würde ich das thun! Aber ich
+darf ja nicht! Denk' nur, Nellie, wenn Fräulein Raimar oder irgend jemand
+anderes mich sehen würde!«
+
+»Laß mir nur machen,« meinte Nellie und machte ein höchst listiges
+Gesicht. »Heut' abend, wenn Fräulein Raimar und alles andre auf seines Ohr
+liegt, dann erheben wir uns wieder von unsrem Lager und die mutige Ilse
+wird wie eine Katz' leise aus die Fenster steigen und in der Baum
+klettern. Der lieber Mond steckt sein' Latern' dazu an und leuchtet sie,
+daß sie die besten und großesten Apfel finden kann. Und ich geb' acht, daß
+nix kommt, - ich werde eine gute Spion sein.«
+
+Ilse strahlte vor Wonne. Der Gedanke war auch zu verlockend, als daß sie
+noch länger Bedenken tragen sollte.
+
+»Das ist zu himmlisch!« rief sie so laut, daß Nellie ihr die Finger auf
+den Mund legte. »Ich ziehe meine Blouse und den blauen Rock dazu an und
+steige hinauf in das grüne Blätterdach. Es ist himmlisch, Nellie!«
+
+Und sie ergriff die Freundin am Arme und tanzte mit ihr durch das Zimmer.
+
+»O, du bist einer Engel! du kluge Ilse! Wenn wir nur erst Nacht hätten!«
+
+Ilse stand schon wieder am Fenster und warf prüfende Blicke in den Baum.
+»Siehst du, auf diesen Zweig steige ich zuerst,« sagte sie ganz erregt,
+»und dann auf den dort, - es hängen drei herrliche Aepfel daran, - die
+pflücke ich zuerst und werfe sie dir zu, - dann geht es höher hinauf bis
+an Melanies und Orlas Stubenfenster, - sie lassen es immer offen stehen
+des Nachts - dann stecke ich den Kopf hinein und rufe: Gute Nacht!«
+
+»Ilse!« rief Nellie entsetzt, »du darfst der Unsinn nicht thun! Gieb dein'
+Hand darauf!«
+
+»Es war nur Scherz,« entgegnete Ilse. »Sei ohne Sorge, Nellie, ich werde
+ganz artig und still sein, niemand soll von unsrem entzückenden Abenteuer
+erfahren!« -
+
+Die Zeit verging den beiden Mädchen wie mit Schneckenpost. Ilse, die sich
+wenig verstellen konnte, war während des Abendessens ganz besonders lustig
+und aufgeregt.
+
+»Du siehst so unternehmend und fröhlich aus,« bemerkte Fräulein Güssow,
+»hast du eine gute Nachricht aus der Heimat erhalten?«
+
+Ilse wurde rot und fühlte sich wie ertappt. Ein Glück für sie, daß die
+Lehrerin ganz arglos die Bemerkung machte und gar nicht weiter auf sie
+achtete, vielleicht wäre ihr doch die verräterische Röte aufgefallen.
+
+Endlich, endlich, war alles still im Hause. Die Runde durch sämtliche
+Schlafgemächer war gemacht, und Fräulein Güssow war bereits in ihr Zimmer
+zurückgekehrt.
+
+Nellie saß in ihrem Bett und lauschte. Sie hatte unten die Thür sich
+schließen hören, wartete noch eine kleine Weile, dann erhob sie sich und
+glitt wie ein Geist durch das Zimmer und lehnte sich weit zum Fenster
+hinaus.
+
+»Was machst du?« fragte Ilse.
+
+»Ich will sehen, ob Fräulein Güssow noch Licht in sein' Schlafstube hat -«
+flüsterte sie. »Noch ist hell unten, - immer noch - -«
+
+»Soll ich aufstehen?« fragte Ilse.
+
+»Nein, du sollst dir ganz ruhig halten und nicht so laut sprechen. Sie hat
+noch immer hell. Wie langweilig! Was sie nur anfangt! Warum geht sie nicht
+in ihr Bett und macht die Auge zu.«
+
+Sie beugte sich weit zum Fenster hinaus und sah unverwandt auf die
+seitwärts liegenden, noch immer erleuchteten Fenster. Im Flüstertone rief
+sie Ilse ihre Bemerkungen zu. Plötzlich fuhr sie schnell mit dem Kopfe
+zurück und legte den Finger auf den Mund.
+
+»Sei ganz still, Ilse, rühr' dir nicht,« sagte sie dann, sich auf den
+Zehen zu derselben heranschleichend, »sie hat eben der Kopf zum Fenster
+ausgesteckt und sieht in der Mond. Beinah' hat sie mir erblickt.«
+
+Nach einem kleinen Weilchen hörte sie das Fenster schließen und als Nellie
+vorsichtig hinunter blickte, war das Licht gelöscht.
+
+»Jetzt ist die große Augenblick gekommen,« wandte sie sich in pathetischem
+Tone an Ilse und streckte die Hand aus, »erheben Sie sich, mein Fräulein,
+und gehen Sie an das großes Werk!«
+
+Ilse war so aufgeregt durch den Gedanken an das nächtliche Abenteuer, daß
+sie gar nicht bemerkte, wie urkomisch Nellie aussah, als sie in ihrem
+langen Nachtgewande, den Arm weit ausgestreckt, so vor ihr stand.
+
+Eilig erhob sie sich und begann sich anzukleiden. Das war bald geschehen,
+da das Blousenkleid, und was sie sonst noch nötig hatte, schon bereit lag.
+
+Gegen die Stiefel erhob Nellie Einsprache. »Sie sind zu unschicklich, zu
+plump, du machst eine so laute Schritt, daß alles aufwacht.«
+
+Ilse hörte nicht darauf. Sie hatte dieselben bereits angezogen und schlich
+auf den Zehen zum Fenster hin.
+
+»Gieb mir das Körbchen,« bat sie. Nellie hing ihr ein solches um den Hals,
+damit sie den Arm frei behalte.
+
+»So, nun bist du reisefertig, mach' deine Sach' brav, mein Kind,« sagte
+sie und küßte Ilse auf die Wange.
+
+Die hörte nichts. Mit leichtem Sprunge schwang sie sich auf das
+Fensterbrett und von dort stieg sie in den Baum.
+
+Aengstlich blickte ihr Nellie nach. Aber sie hatte nicht Ursache, besorgt
+zu sein. Ilse kletterte leicht und gewandt wie ein Eichkätzchen trotz
+ihrer schweren Stiefel. Als sie die drei bewußten Aepfel erreichen konnte,
+brach sie dieselben und warf sie Nellie zu.
+
+»Da hast du eine Probe!« rief sie übermütig in halblautem Tone, »damit dir
+die Zeit nicht lang werde, bis ich wiederkomme!«
+
+Die Früchte kollerten bis an das Ende des Zimmers zu Nellies Entsetzen.
+
+»O, was thust du!« flüsterte sie und erhob drohend die Finger. »Die Köchin
+schläft unter dieser Zimmer, soll sie von der Spektakel aufwachen?«
+
+»Bärbchen schläft fest, ich höre sie draußen schnarchen,« gab Ilse zurück.
+- »Wir können ganz ohne Sorge sein - alles schläft - alles ist still und
+dunkel. - Nun lebe wohl, Nellie, jetzt trete ich meine Reise an. Ach, es
+ist köstlich hier!«
+
+Plötzlich bekam es Nellie mit der Angst. »Ich zittre für dir,« sprach sie
+mit bebenden Lippen, - »komm wieder her, - es könnte ein Unglück sein.«
+
+Ilse lachte in sich hinein und stieg keck höher und höher. Sie war so
+recht in ihrem Elemente und frei wie der Vogel in der Luft regte sie ihre
+Schwingen.
+
+Bald hatte sie die Spitze erreicht. Der Mond schien voll und klar und
+zeigte ihr jeden Schritt, den sie zu machen hatte. Als sie in gleicher
+Höhe mit dem Schlafgemache Orlas und der Schwestern war, konnte sie der
+Versuchung nicht widerstehen, einen Blick in das Fenster zu thun.
+Vorsichtig und behende balancierte sie auf dem Ast, der sie trug und
+dessen grüne Spitzen beinahe das eine Fenster berührten, und sah hinein.
+
+Ruhig, nichts ahnend lagen die Schläferinnen da, hell vom Mondlicht
+beschienen.
+
+Einen Augenblick regte sich der Uebermut in ihr. Ob sie den Mädchen einen
+Schabernak spielte? »Nur einmal gegen die Fensterscheibe klopfen,« dachte
+sie, und schon streckte sie den Finger aus dazu, - da bewegte sich Orla im
+Schlafe. Unwillkürlich fuhr Ilse zurück und ihre tolle Idee blieb
+unausgeführt.
+
+Es hingen so viel schöne Aepfel rechts und links und überall, mit kleiner
+Mühe hätte sie in wenigen Augenblicken ihr Körbchen damit füllen können,
+aber dazu hatte sie keine Lust, immer höher hinauf strebte ihr Verlangen,
+sie hatte nun einmal die Freiheit gekostet, so schnell wollte sie dieselbe
+nicht wieder aufgeben. Die Krone des Baumes war ihr Ziel, wohl eine
+beschwerliche Fahrt, aber sie schreckte nicht davor zurück.
+
+Wie ein Bube erklomm sie die manchmal schwer zu erreichenden Zweige, - ein
+einziger Fehltritt und sie lag unten mit zerbrochenen Gliedern, - dieser
+Gedanke kam ihr nicht in den Sinn, sie hatte daheim ganz andre tollkühne
+Kletterpartien ausgeführt und jede Furcht vor Gefahr verlernt.
+
+Mutig ging es vorwärts. Die lauschende Nellie vernahm dann und wann ein
+Knacken der Aeste, oder das Herabfallen eines Apfels. Einmal schrak sie
+heftig zusammen, ein Vogel flog auf. Ilse mochte ihn in seiner Nachtruhe
+gestört haben. - Es wurde ihr recht ängstlich auf ihrem Lauscherposten,
+eine Ewigkeit dünkte es ihr, daß Ilse sie verlassen hatte.
+
+»Ilse!« rief sie leise. Keine Antwort erfolgte. Wie war es auch möglich,
+daß ihr Ruf zu derselben emporgetragen wurde, die oben in der Krone stand
+und die erfrischende Nachtluft mit vollen Zügen einsog.
+
+Wie fühlte sie sich glückselig, wie frei, wie heimatlich wurde es ihr zu
+Mute! Keine Fesseln drückten sie mehr, Schulzwang, Pension, Vorsteherin -
+alles entschwand ihr wie in nebelweite Ferne - der Garten da unten gehörte
+dem Papa, der Baum, auf dem sie war, stand vor seinem Fenster, es war der
+alte Nußbaum, in dessen grünem Laubwerk sie so manchmal neckend Versteck
+gespielt hatte mit dem Papa, wenn er sie überall suchte, von dessen
+oberster Spitze sie dann plötzlich mit einem schlichen »Juchhe!« ihm
+antwortete.
+
+»Juchhe!« Ganz in Erinnerung versunken, brach es plötzlich laut und
+kräftig aus ihrer Kehle hervor, daß es weithin durch den Garten schallte.
+
+Im selben Augenblicke erwachte sie aus ihrem Traume und ganz erschrocken
+fuhr sie mit der Hand nach dem Mund. Was hatte sie gethan! Aber die Reue
+kam jetzt zu spät, vor allem mußte sie an den schnellsten Rückzug denken,
+denn wie sie vermutete, so war es, ihr unvorsichtiger Ruf war im Hause
+vernommen worden.
+
+Melanie war davon erwacht und richtete sich entsetzt in ihrem Bette auf.
+
+»Grete!« rief sie mit bebenden Lippen, »hast du gehört?«
+
+»Ja,« tönte es gedämpft zurück. »Melanie, ich fürchte mich tot!« Sie hatte
+sich die Decke über den Kopf gezogen und erwartete mit zitternder Angst
+ihr Schicksal.
+
+Auch Orla war erwacht. »Was war das?« fragte sie, »wo kam der laute Schrei
+her? Mir war es, als ob er dicht vor meinem Bette ausgestoßen wurde.«
+
+»Allmächtiger Gott!« schrie Melanie auf, »siehst du nichts? O, ich habe
+etwas furchtbar Schreckliches gesehen! Eben dort! - dicht am Fenster flog
+es vorüber! Ein Gespenst war es, mit fliegenden Haaren und großen,
+glühenden Augen! Hu, wie es mich ansah, als ob es mich verschlingen
+wollte! O, Orla - ein Gespenst - ein Gespenst!«
+
+Sie klapperte mit den Zähnen vor Furcht und Schrecken, und Orla, die
+nichts gesehen hatte, sondern nur ein lautes Brechen und Knacken im Baume
+vernommen, sprang mutig aus ihrem Bette, schlug ihre Steppdecke über die
+Schultern und sah zum Fenster hinaus.
+
+Grade hatte Ilse ihre tolle Fahrt beendet. In rasender Hast und Angst
+hatte sie dieselbe von der Höhe des Baumes bis zu ihrem Zimmerfenster
+gemacht, und Nellie, sie erwartend, streckte ihr beide Arme, soweit sie
+konnte, hilfreich entgegen. Sie war leichenblaß und außer sich über Ilses
+Tollkühnheit.
+
+»Was hast du gemacht?« flüsterte sie, »du hast uns verraten! - hast du
+gehört? Ueber uns sind sie aufgeweckt! - Orla spricht ... Wir sind
+verloren!«
+
+Eilig nahm sie der am ganzen Körper zitternden Ilse, deren Hände blutig
+geritzt waren, das Körbchen ab, warf die wenigen Aepfel, die nicht
+herausgefallen waren, in ihr Bett, das Körbchen hinter den Schrank, und
+legte sich nieder, alles in der größten Hast.
+
+Ilse hatte ein gleiches gethan. Ohne sich zu entkleiden, mit Stiefel und
+Blousenkleid, sprang sie in ihr Bett und deckte sich bis an das Kinn zu.
+Sie schloß die Augen und erwartete in Todesangst das furchtbare
+Strafgericht, das ihrer wartete. -
+
+Bei dem trügerischen Lichte des Mondes konnte Orla nicht erkennen, was
+eigentlich vorging. Sie sah wohl eine Gestalt - sah ein Paar weiße Arme,
+die ihr fabelhaft lang erschienen, aber nur einen flüchtigen Moment, dann
+war die ganze Erscheinung lautlos und still wie im Nebel verschwunden.
+
+Sie lauschte noch einige Augenblicke atemlos, aber der Spuk war vorbei -
+nichts rührte sich. Trotz ihres Mutes wurde es ihr unheimlich zu Mute. Sie
+zog den Kopf zurück.
+
+»Nun?« fragte Melanie, »sahst du etwas?«
+
+»Ja,« entgegnete Orla, »deutlich habe ich eine Gestalt gesehen, und ich
+könnte darauf schwören, daß sie von zwei langen, weißen Armen in Nellies
+Zimmer gezogen wurde.«
+
+»Liebe, liebe Orla!« bat Melanie kläglich und mit gerungenen Händen,
+»wecke die Leute! Wenn das Gespenst noch einmal erscheint, sterbe ich vor
+Angst!«
+
+ [Illustration]
+
+Orla ergriff die Klingelschnur, die sich dicht neben ihrem Bette befand,
+und läutete. In jedem Zimmer war eine solche angebracht, für den Fall, daß
+ein plötzliches Unwohlsein eine Pensionärin des Nachts befiel. Sämtliche
+Schnüre führten zu einer Hauptglocke, die unten, dicht neben Fräulein
+Raimars Schlafzimmer angebracht war.
+
+Laut und schrill, wie eine Sturmglocke, tönte ihr Klang, der noch niemals
+die Ruhe gestört, durch die Stille der Nacht. Nellie und Ilse erzitterten,
+als ob sie ihr Sterbeglöcklein hörten.
+
+Wie mit einem Zauberschlage wurde es lebendig im Hause. Die Fenster, die
+eben noch dunkel und wie träumend in den Garten geblickt hatten, erhellten
+sich. Thüren wurden geöffnet, Stimmen laut.
+
+Die Vorsteherin, im tiefen Negligee, ein Licht in der Hand, trat zuerst
+aus ihrem Zimmer. Fast gleichzeitig erschien Fräulein Güssow. Als beide
+den Korridor passierten, schoß Miß Lead aus ihrer Zimmerthür, ängstlich
+fragend blickte sie die Damen an.
+
+Sie war nicht gerade eine Heldin, die gute Miß, der Glockenschall war ihr
+in alle Glieder gefahren. Zitternd war sie aus dem Bette gesprungen und
+hatte nach ihren Kleidungsstücken gesucht. Im Dunkeln tappte sie
+vergeblich darnach. Sie hatte Licht anzünden wollen, aber die Schachtel
+mit Streichhölzern war ihr in der Aufregung entfallen. In nervöser Hast
+ergriff sie einen schottischen Plaid und drapierte sich denselben wie
+einen Mantel um ihre Gestalt. Ihr spärliches Haar, das sie jeden Abend
+eine gute Viertelstunde kämmte und bürstete, hing gelöst auf ihre Schulter
+herab.
+
+Sie machte einen höchst komischen Eindruck in diesem abenteuerlichen
+Kostüme und die Vorsteherin gab ihr den ernstlichen Rat, sie möge sich
+wieder niederlegen, aber Miß Lead wehrte dieses Ansinnen lebhaft ab.
+
+»Nein, nein!« Und sie hing sich an Fräulein Güssows Arm so fest, als ob
+sie bei ihr Schutz und Beistand suche.
+
+Auch mehrere Pensionärinnen waren von dem ungewohnten Lärm erwacht und
+aufgestanden. Angstvoll stürzten sie aus ihren Zimmern und folgten den
+Lehrerinnen dicht auf dem Fuße, Flora hatte sogar einen Rockzipfel der
+Vorsteherin erfaßt.
+
+Orla hörte Stimmen auf der Treppe und öffnete die Thür.
+
+»Ist dir oder den Schwestern etwas passiert?« fragte Fräulein Raimar
+schnell in das Zimmer tretend.
+
+Statt Orla antwortete Melanie: »Etwas furchtbar Schreckliches haben wir
+erlebt!« rief sie. »Ein Gespenst, ein furchtbares Gespenst haben wir
+gesehen!«
+
+»Du hast geträumt,« sagte die Vorsteherin, »es giebt keine Gespenster!«
+
+»Ich sah es mit offenen Augen, Fräulein!« entgegnete Melanie mit voller
+Ueberzeugung. »Erst erwachten wir alle drei von einem furchtbar lauten
+Schrei, nicht wahr, Orla! gleich darauf sauste das Gespenst hier ganz
+dicht am Fenster vorbei.«
+
+»Es war vielleicht ein Spitzbube, der sich Aepfel holen wollte,« beruhigte
+die Vorsteherin. »Hast du auch etwas gesehen, Orla?«
+
+»Ja,« sagte sie. »Ich sah zum Fenster hinaus und da schien es mir, als ob
+etwas in Nellies Zimmer verschwand -«
+
+Die Pensionärinnen, sogar Miß Lead, drängten sich im dichten Knäuel
+ängstlich um Fräulein Raimar. Gespenster - Spitzbuben! das war ja um sich
+tot zu fürchten. So schauerliche Dinge hatte man noch niemals in der
+Pension erlebt. Flora zitterte zwar vor Furcht und Erregung, trotzdem fand
+sie dieses Erlebnis höchst romantisch. Sie nahm sich vor, in ihrem
+nächsten Romane dasselbe zu verwerten.
+
+Fräulein Güssow hatte kaum vernommen, daß der Spuk in Nellies Zimmer
+verschwunden sein solle, als sie still die Treppe hinunterstieg und sich
+zu den beiden Mädchen begab. Sie öffnete die Thür und leuchtete in das
+Zimmer. Ihr Blick glitt prüfend durch dasselbe, es war nichts Verdächtiges
+zu sehen. Die Fenster waren geschlossen und Ilse schien fest zu schlafen.
+
+Nellie hatte sich im Bett erhoben und that ganz erstaunt beim Anblick der
+Lehrerin.
+
+»O, was giebt es?« fragte sie. »Warum ist der Glocke gezogen? Ich habe mir
+so erschreckt.«
+
+»Es soll hier jemand in das Fenster bei euch gestiegen sein,« antwortete
+Fräulein Raimar, die mit den übrigen Fräulein Güssow gefolgt war.
+
+Nellie stockte der Atem vor Angst. Was sollte sie beginnen? Die Wahrheit
+gestehen? Unmöglich! Es wäre zugleich Ilses und ihre Entlassung aus der
+Pension gewesen. Und lügen? Sie wäre nicht dazu im stande gewesen.
+Entsetzt blickte sie die Vorsteherin an und gab keine Antwort.
+
+Dieselbe deutete Nellies stummes Entsetzen anders und sah es für eine
+Folge des plötzlichen Schreckens an.
+
+»Nun, nun,« beruhigte sie, »du darfst dicht nicht weiter ängstigen. Orla
+und die Schwestern wollen durchaus einen lauten Schrei gehört haben und
+Orla behauptet fest, es sei ein Gespenst vor ihrem Fenster vorbeigeflogen
+und hier in eurem Zimmer verschwunden.«
+
+»O, eine Gespenst! Wie furchtbar!« wiederholten Nellies zitternde Lippen
+und ihr blasses Gesicht - die Angst, die sich in ihren Zügen malte,
+erweckten Mitleid in Fräulein Raimars Herzen.
+
+»Beruhige dich nur,« sagte sie, »die Mädchen werden geträumt haben. Das
+ganze Haus haben sie in Aufruhr gebracht. - Ich denke, wir legen uns
+wieder nieder,« wandte sie sich zu Fräulein Güssow, »es ist das beste
+Mittel, die aufgeregten Gemüter zur Ruhe zu bringen.«
+
+Schon im Herausgehen begriffen, fiel ihr die schlafende Ilse ein. Sie trat
+an das Bett derselben und beugte sich leicht darüber. »Ist denn Ilse gar
+nicht erwacht von dem Spektakel?« fragte sie erstaunt.
+
+Mit Todesangst verfolgte Nellie jede Bewegung der Vorsteherin. Wenn sie
+sich ein wenig zur Seite wandte, wenn ihr Blick das Fußende des Bettes
+streifte - dann waren sie verloren. Unter dem Deckbette - o Entsetzen! sah
+eine Spitze von Ilses fürchterlichem Stiefel vor.
+
+»Sie hat immer ein so fester Schlaf,« brachte Nellie mühsam hervor und
+plötzlich - im Augenblicke der höchsten Not kehrte ihre Geistesgegenwart
+zurück.
+
+»Bitte, bitte, Fräulein Güssow,« sagte sie und erhob flehend die Hände,
+»sehen Sie unter meines Bett, ob keine Gespenst daliegt.«
+
+Sofort lenkte sich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf Nellie und die
+Angeredete nahm wirklich das Licht und leuchtete unter das Bett. Fräulein
+Raimar schüttelte unwillig den Kopf.
+
+»Sei nicht kindisch, Nellie,« verwies sie dieselbe, »du wirst in deinem
+Alter doch wahrlich nicht mehr an Spukgeschichten glauben!«
+
+Und Miß Lead, die bis dahin mit den Pensionärinnen vor der äußeren Thür
+gestanden, trat zu ihrer Landsmännin und schalt sie wegen ihrer
+Furchtsamkeit.
+
+Kaum hatte Nellie die sonderbar Gekleidete erblickt, als sie in ein lautes
+Gelächter ausbrach. »O, Miß Lead!« rief sie aus. »Sie haben die Aussicht
+wie eine Räuberhauptmann! Seien Sie nicht böse, aber ich muß lachen!« Und
+die übrigen Mädchen stimmten fröhlich ein in das Gelächter, sie hatten bis
+jetzt nicht auf die englische Lehrerin geachtet.
+
+Miß Lead wurde hochrot vor Aerger, und die Vorsteherin gab Nellie einen
+ernsten Verweis über ihr unartiges Benehmen. Es wurde darüber die
+Gespenstergeschichte vergessen und Ilse nicht weiter beachtet. Oder doch?
+
+Fräulein Güssow entfernte sich, mit dem Lichte in der Hand, sehr schnell
+aus der Thür - hatte sie vielleicht die unselige Stiefelspitze entdeckt?
+
+»Wir wollen Ilses Ruhe nicht stören,« sagte sie, »warum soll die Aermste
+auch noch ermuntert werden?«
+
+»Sie haben recht, wir wollen sie nicht stören. Aber sie hat einen
+wunderbar festen Schlaf. Nun geht zur Ruhe, Kinder. Melanies Gespenst war
+sicherlich nichts weiter, als eine Katze, die sich im Baume einen Vogel
+gefangen hat. Ihr könnt ganz ohne Sorge sein, zum zweitenmal wird es nicht
+wiederkehren.«
+
+Damit hatte der nächtliche Spuk sein Ende erreicht. In kurzer Zeit lag
+alles wieder im tiefen Schlafe. Melanie hatte die Lampe brennen lassen, um
+keinen Preis würde sie im Dunklen geblieben sein.
+
+Als Nellie sich vollkommen überzeugt hatte, daß alles wieder still im
+Hause war, da kehrte mit dem Gefühle der Sicherheit auch ihre frohe Laune
+wieder. Sie suchte die Aepfel unter der Bettdecke hervor und fing an,
+gemütlich zu essen, als ob nichts vorgefallen wäre.
+
+»Was machst du denn?« fragte Ilse, als sie das knirschende Geräusch hörte.
+Sie hatte bis jetzt noch nicht gewagt, sich zu rühren, und lag wie im
+Schweiße gebadet da.
+
+»Ich speise Aepfel,« entgegnete Nellie sorglos.
+
+»Aber, Nellie, wie kannst du das nur!« rief Ilse ganz entrüstet. »Ich
+zittre noch an allen Gliedern, mein Herz schlägt wie ein Hammer - und du
+kannst essen! Wirf die Aepfel fort - sie gehören ja gar nicht uns. Ach,
+Nellie, ich ärgere mich über meinen dummen Streich!«
+
+»O was!« sagte Nellie ruhig weiter essend, »man muß thun, als ob man zu
+Haus ist! Gräm' dir nicht mit unnütze Gedanke, zieh' dir lieber aus und
+pack' deine Sache fort in deine Koffer. Du kannst ruhig schlafen, mein
+Darling, morgen weiß kein' Seel' von unser lustiges Abenteuer und du wirst
+sehr klug sein, liebe Ilschen, und schweigen.«
+
+Ilse ging heute nicht auf Nellies scherzenden Ton ein; der Gedanke, die
+Vorsteherin hintergangen zu haben, drückte sie schwer. Schweigend
+entkleidete sie sich und verschloß ihre Sachen sorgfältig in den Koffer.
+Dann legte sie sich nieder.
+
+Der Schlaf aber wollte nicht kommen. Nellies regelmäßige Atemzüge
+verrieten längst, daß dieselbe sanft und süß eingeschlummert war, als sie
+noch immer wachend im Bette lag. Der Gedanke, wie nahe sie daran gewesen
+war, entdeckt zu werden, schreckte sie immer von neuem auf. Sobald sie im
+Begriffe war, einzuschlafen, fuhr sie angstvoll in die Höhe. Endlich
+schlief sie ein, aber selbst im Traum quälten sie die schrecklichsten
+Bilder. Bald wurde sie verfolgt, bald fiel sie vom Baume und zuletzt hatte
+sie sich in einen Vogel verwandelt und eine große Eule wollte sie
+fressen. -
+
+Früh am andern Morgen, als Fräulein Raimar ihren Spaziergang durch den
+Garten machte, blieb sie vor dem Apfelbaume stehen. Sie schüttelte den
+Kopf und rief den Gärtner.
+
+»Es müssen Diebe in diesem Baume gewesen sein, Lange,« sagte sie, »sehen
+Sie nur das viele Laub und sogar einige abgebrochene Zweige darunter. Da
+liegen auch mehrere Aepfel, die sie verloren haben mögen. Machen Sie doch,
+solange das Obst noch nicht abgenommen ist, öfters des Nachts eine Runde
+durch den Garten.«
+
+»Es ist mir ein Rätsel, wie sie hereingekommen sind,« bemerkte der Gärtner
+kopfschüttelnd, »die Gartenpforte war fest verschlossen. Sie müssen
+geradezu über die Mauer geklettert sein.«
+
+»Wohl möglich,« stimmte Fräulein Raimar ihm bei, und im Weitergehen dachte
+sie, daß Melanie doch im Rechte gewesen sei. Freilich ein Gespenst hatte
+sie nicht gesehen, wohl aber einen Spitzbuben.
+
+Oben, am offnen Fenster, standen die beiden Mädchen und hatten jedes Wort
+vernommen. Ilse war es heiß und kalt dabei geworden und sie hatte sich wie
+eine arme Sünderin ertappt und beschämt gefühlt. Nellie dagegen lachte so
+recht vergnügt in sich hinein und nahm alles wie einen köstlichen Scherz
+hin.
+
+»Das ist eine spaßige Sach',« sagte sie übermütig, »ich kann mir
+totlachen! Wenn sie wüßte, daß die böse Spitzbuben mit sie unter eine Dach
+wohnen. - Wie würde sie sich staunen!«
+
+Ilse hielt ihr den Mund zu. »Du darfst nicht darüber lachen, Nellie,«
+gebot sie entschieden, »ich schäme mich so sehr! Spitzbuben hat uns
+Fräulein Raimar genannt, und das sind wir auch. Ich hatte gar nicht daran
+gedacht, und das war recht dumm von mir.«
+
+»Wer wird so strenge richten, kleine Weisheit,« tröstete Nellie. »Was man
+in der Mund steckt, ist kein Diebstahl, merken Sie sich das! Fräulein
+Raimar bekommt auch so große Kostgeld, da bezahlen wir die paar lumpige
+Apfel alle mit. - Komm, gieb mir ein Kuß und sieh nicht so trübe aus, du
+klein Spitzbube!«
+
+Mit Nellie war schwer streiten. Sie widerlegte so harmlos und sah so
+schelmisch dabei aus, daß Ilse, wenn sie auch nicht überzeugt wurde, sich
+wenigstens nicht mehr so hart anklagte. Aber auf einem bestand sie. Nellie
+mußte ihr die Hand darauf geben, daß niemals wieder ein ähnlicher Streich
+von ihnen ausgeführt werden solle. - -
+
+ * * *
+
+Die Tage wurden kürzer und kürzer. Der Oktoberwind fuhr sausend durch die
+Bäume und trieb sein lustiges Spiel mit den trocknen, gelben Blättern.
+Oede und verlassen lag der Garten des Instituts, denn der schöne
+Aufenthalt im Freien hatte so ziemlich ein Ende, die Mädchen waren mehr
+und mehr auf die Zimmer angewiesen.
+
+In den Wochentagen empfanden sie das kaum, aber an den
+Sonntagnachmittagen, die sie gewohnt waren, im Garten zu verleben, da
+fühlten sie sich doppelt eingeengt. In den Zimmern war es so dumpf, so
+langweilig; so war Ilses Ansicht. Man konnte doch nicht immer Briefe
+schreiben, oder nähen. Sich die Zeit verkürzen mit Romanschreiben, das
+konnte nur Flora, die denn auch den innigen Wunsch hatte, die
+Sonntagnachmittage möchten ewig dauern.
+
+ [Illustration]
+
+»Ich komme heute auf euer Zimmer,« sagte sie eines Sonntagmorgens zu den
+Freundinnen. »Ich werde euch meine neueste Novelle vorlesen, natürlich nur
+den Anfang und den Schluß, das andre habe ich noch nicht geschrieben, ich
+mache es immer so. Ich sage euch, ihr werdet entzückt sein, Kinder! Ich
+selbst fühle, wie entzückend mein neuestes Werk mir gelungen ist!«
+
+Nellie lächelte. »Wie ich mir auf dieser neue Werk freue!« sprach sie
+neckend. »Immer nur die Anfangs und die Endes macht Flora. Die langweilige
+Mitte laßt sie aus! O, sie ist ein großer Dichter!«
+
+Flora war heute gar nicht empfindlich, sie that, als höre sie Nellies
+Neckereien nicht.
+
+»Also auf heute nachmittag!« sagte sie und drückte Ilse die Hand.
+
+Nach der Kaffeestunde begleitete sie denn auch die beiden Mädchen auf ihr
+Zimmer, und nachdem alle drei am Fenster Platz genommen hatten, zog sie
+mit wichtiger Miene mehrere lose Blätter aus ihrer Kleidertasche hervor.
+
+»Fang doch an dein' Novelle, warum besinnst du dir?« fragte Nellie, als
+Flora ein Blatt nach dem andern ansah und wieder beiseite legte.
+
+»Entschuldigt einen Augenblick,« entgegnete Flora, »das ist mir alles so
+durcheinandergekommen. - Seite 5-10-11-3-« zählte sie. »Halt! hier ist
+Blatt I. So, nun will ich beginnen! - Und Nellie, thue mir den einzigen
+Gefallen, unterbrich mich nicht fortwährend mit deinen witzigen Einfällen,
+du schwächst wirklich den ganzen Eindruck damit. - Nun hört zu. Meine
+Novelle heißt:
+
+ _Ein Schmerzensopfer._
+
+Das Meer brauste und der Sturm tobte. - Weiße Möwen flogen krächzend
+darüber hinweg. - Der Mond lugte dann und wann zwischen zerrissenen Wolken
+hervor - traurig - einsam. - -
+
+Da schaukelt ein kleines Schiff auf den hohen Wogen und nähert sich dem
+Strande. Ein junges Mädchen sitzt allein darin. Leichtfüßig schwingt sie
+sich aus dem Schiff und setzt sich auf ein Felsstück, das von den Wellen
+des Meeres umspült wird und hart am Strande liegt.
+
+Tief seufzt sie auf und ihre großen Vergißmeinnichtaugen füllen sich mit
+Thränen.
+
+ [Illustration]
+
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Was soll ich beginnen?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} flöten ihre Lippen und in ihrem süßen
+Blumenangesichte drückt sich ein schmerzliches Entsagen aus. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Er liebt
+mich - und ich ihn! Aber Aurora liebt ihn auch und sie ist meine geliebte
+Schwester! Kann ich sie leiden sehen? - Nein - nimmermehr! Und sollte ich
+darüber an gebrochenem Herzen sterben!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+Sie seufzte tief. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}O sterben! Aber ich fühl's, ich werde nicht sterben -
+mein Herz wird nicht brechen, - es wird weiter schlagen, - - wenn es auch
+besser wäre, das zähe Ding stände zur rechten Zeit für ewig still!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - -«
+
+Hier machte Flora eine kleine Pause und Nellie konnte es nicht
+unterlassen, sie zu unterbrechen.
+
+»O wie furchtbar traurig!« rief sie aus, »das arme Blumenangesicht mit die
+Vergißmeinnichtsauge und das zähe Herz! Wo ist sie denn hergekommen auf
+ihres kleines Schiff, - so allein auf die brausende Meer?«
+
+Und sie lachte mit ihren Schelmengrübchen so herzlich über Floras Unsinn,
+daß ihr die Thränen in die Augen traten.
+
+»Wie abscheulich von dir, Nellie,« fuhr Flora sehr erzürnt auf, »daß du
+mich so unterbrichst! Wenn nur ein Funken Poesie in deinem Busen
+schlummerte, würdest du meine Werke verstehen. Aber du bist nüchtern vom
+Scheitel bis zur Sohle!«
+
+»O, o!« lachte Nellie ausgelassen, »o, wie komisch bist du, Flora! Lies
+nur weiter dein {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Schmerzensopfer{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, ich will nun artig hören und kein Laut
+mehr lachen.«
+
+Aber Flora nahm schmollend ihre Blätter zusammen. Das heißt, es war ihr
+nicht so recht Ernst damit, denn als auch Ilse sich aufs Bitten legte, sie
+möge doch nun auch den Schluß ihrer Novelle vorlesen, da ließ sie sich
+erweichen. Schon hatte sie die Lippen geöffnet, um fortzufahren, da wurde
+sie unterbrochen durch Melanies hastigen Eintritt.
+
+»Kinder!« rief diese aufgeregt, »es ist etwas furchtbar Interessantes
+passiert! Denkt euch, eben ist eine höchst elegante Dame vorgefahren mit
+einem reizend netten, kleinen Mädchen. Fräulein Raimar empfing sie schon
+an der Thür und Orla hat deutlich gehört wie sie sagte: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie bringen das
+Kind selbst, gnädige Frau!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - Es bleibt also hier in der Pension, und wir
+haben nichts davon gewußt! Warum wird nun die ganze Geschichte so
+furchtbar geheimnisvoll gemacht? Wir haben doch stets gewußt, wenn eine
+neue Pensionärin ankam! Ich finde das, aufrichtig gesagt, klassisch!« -
+
+Die Mädchen horchten erstaunt auf und selbst Flora vergaß das Weiterlesen.
+Welch eine Bewandtnis hatte es mit dem kleinen Mädchen, das so plötzlich
+hereingeschneit kam?
+
+»O, welch eine klassische Geschichte!« rief Nellie. »Kommt, wir wollen
+gleich die fremde Dame mit ihres Kind uns ansehen!«
+
+Und sie eilten die Treppe hinunter mit einer Hast und Neugierde, als ob
+ein neues Wunder aufgegangen sei, Nellie den andern immer voran, sie mußte
+die erste sein, die dasselbe in Augenschein nahm.
+
+Es war aber gar nichts zu sehen, denn vorläufig verweilten die Fremden in
+Fräulein Raimars Zimmer. Indessen der Wagen hielt noch auf der Straße und
+Nellie schloß daraus, daß die Dame sich nicht allzulange aufhalten werde.
+
+»Sehen müssen wir ihr,« sagte Nellie, »kommt, wir stellen uns an der
+großen Glasthür im Speisesalon und warten, bis sie kommt.«
+
+Als sie dort eintraten, fanden sie bereits die Thür belagert. Es gab noch
+andre Neugierige in der Pension.
+
+»Ihr kommt zu spät!« rief Grete, die natürlich den besten Platz hatte.
+»Dahinten könnt ihr nichts sehen!«
+
+Nellie aber wußte sich zu helfen. Sie zog einen Stuhl heran und stellte
+sich darauf. Ilse natürlich kletterte ihr nach.
+
+Die Geduld der Mädchen wurde auf eine harte Probe gestellt, wohl eine gute
+halbe Stunde mußten sie noch warten, bevor die Erwartete erschien. -
+Langsam und lebhaft sprechend ging sie mit der Vorsteherin an den
+Lauschenden vorüber. Zum Glück war es bereits dämmerig und die Damen waren
+so in der Unterhaltung begriffen, daß sie nicht auf die vielen
+Mädchenköpfe hinter der Glasthür achteten, Fräulein Raimar würde die
+kindische Neugierde ernstlich gerügt haben.
+
+»O, wie sie hübsch ist!« bemerkte Nellie halblaut.
+
+»Sei doch still, Nellie,« gebot Orla, die das Ohr dicht an der Thür hielt,
+um einige Worte zu erlauschen.
+
+»Was sagt sie?« fragte Flora, »ich glaube, sie spricht französisch.«
+
+»Nein, italienisch,« behauptete Melanie, die nämlich seit einigen Tagen
+angefangen hatte, diese Sprache zu treiben.
+
+»Sie spricht deutsch,« erklärte Grete. »Eben hat sie gesagt: Meine kleine
+Lilli.«
+
+»Gott bewahre, was du gehört hast!« widerstritt Orla, »sie spricht
+englisch.«
+
+»O, eine Landsmann von mir!« rief Nellie laut und erfreut.
+
+Ueber diese drollige Bemerkung kam Annemie in das Lachen. Orla wurde ganz
+böse darüber und hielt ihr den Mund zu.
+
+»Fräulein Raimar ist ja noch im Korridor mit der Dame,« flüsterte sie,
+»wenn sie sich umsieht, sind wir blamiert.«
+
+In diesem Augenblicke kam von der andern Seite des Korridors Rosi Müller.
+Erstaunt sah sie auf die Belagerung der Glasthür. Die Mädchen mußten
+zurücktreten, um sie einzulassen.
+
+»Wie könnt ihr euch nur so kindisch benehmen,« sagte sie sanft und
+vorwurfsvoll. »Ich begreife eure Neugierde nicht.«
+
+»Du bist auch unsre {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Artige{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~},« meinte Grete.
+
+Rosi überhörte diese vorlaute Bemerkung. »Kommt, setzen wir uns an die
+Tafel mit unsren Handarbeiten,« fuhr sie fort, als das Gas angezündet war,
+»wir haben die Erzählung von Ottilie Wildermuth noch nicht zu Ende gehört.
+Willst du heute vorlesen, Orla?«
+
+Aber es kam nicht dazu. Gerade als Orla beginnen wollte, trat Fräulein
+Güssow mit der kleinen Lilli an der Hand ein.
+
+Sofort sprangen die Mädchen von ihren Plätzen auf und umringten dieselbe.
+
+»Sieh', Lilli,« sagte die junge Lehrerin, »nun kannst du gleich deine
+zukünftigen Freundinnen kennen lernen.«
+
+Die Kleine schüttelte den Kopf. »Die Madel sind schon so groß,« antwortete
+sie im süddeutschen Dialekt und ohne Befangenheit, »die können doch nit
+meine Freundinnen sein!«
+
+Nellie fand gleich einen Ausweg, sie kniete sich zu dem Kinde nieder und
+sagte: »Jetzt bin ich ein klein Madel wie du und du kannst mit mich
+spielen.«
+
+Lilli lachte. »Nein, du bist groß,« sagte sie, »aber du gefallst mir. Und
+du auch,« wandte sie sich zu Ilse, die neben Nellie stand. »Du hast halt
+so schöne Lockerl wie ich. Weißt, du sollst meine Freundin sein, mit dir
+will ich spielen.«
+
+Sie ergriff Ilses Hand und sah dieselbe mit ihren großen Augen treuherzig
+an. Das junge Mädchen war ganz entzückt von der Zutraulichkeit der Kleinen
+und küßte und liebkoste sie.
+
+Natürlich waren sämtliche Pensionärinnen ganz hingerissen von dem Kinde,
+das wie eine zarte Elfe in ihrer Mitte stand. Lange blonde Locken fielen
+ihm über die Schulter herab und die schwarzen Augen mit den
+feingeschnittenen, dunklen Augenbrauen darüber bildeten einen wunderbaren
+Kontrast zu denselben. Das gestickte, sehr kurze weiße Kleidchen ließ Hals
+und Arme frei. Eine hochrote, seidene Schärpe vervollständigte den höchst
+eleganten Anzug.
+
+»O du süßes, entzückendes Geschöpfchen!« »Du Engelsbild! Kleine Fee!« und
+mit ähnlichen überschwenglichen Ausdrücken überschütteten die
+Pensionärinnen das Kind. Fräulein Raimar war unbemerkt eingetreten und
+hörte diese Ausrufe kopfschüttelnd an.
+
+Sie trat in den Kreis und nahm Lilli bei der Hand. »Komm,« sagte sie zu
+ihr, »du sollst erst umgekleidet werden. Du möchtest dich erkälten in dem
+leichten Anzuge.«
+
+»Bitt' schön, laß mich hier, Fräulein,« bat das Kind. »Ich hab' gar nit
+kalt. Schau, ich geh' halt immer so. Die Madel sind so gut, es gefallt mir
+hier!«
+
+Fräulein Raimar ließ sich nicht erbitten. »Komm nur, Kind,« sagte sie
+gütig, »du wirst die Mädchen alle wiedersehen zum Abendessen.«
+
+Die abgeschlagene Bitte verstimmte Lilli nicht. »Laß Ilse mit mir gehen,
+Fräulein,« bat sie.
+
+Dieser Wunsch wurde ihr erfüllt. Als Ilse mit dem Kinde das Zimmer
+verlassen hatte, wandte sich die Vorsteherin mit ernsten, ermahnenden
+Worten an ihre Zöglinge.
+
+»Ich bitte euch, in Zukunft Lilli nicht wieder so große Schmeicheleien in
+das Gesicht zu sagen. Wollt ihr sie eitel und oberflächlich machen? Sie
+ist ein sehr schönes Kind und wird bereits manche Aeußerung hierüber
+gehört haben, es giebt ja unvernünftige Leute genug. Wir wollen nicht in
+diesen Fehler verfallen, und ich denke, ihr werdet mir beistehen und in
+Zukunft vorsichtiger sein. - Lilli bleibt bei uns. Ich hatte noch nichts
+davon zu euch gesprochen, weil ihr Eintritt in die Pension noch nicht fest
+beschlossen war.«
+
+»Wo wohnen Lillis Eltern?« fragte Flora.
+
+»In Wien,« entgegnete das Fräulein. »Der Vater ist tot und die Mutter ist
+eine bedeutende Schauspielerin. Weil sie sich in ihrem Berufe wenig um die
+Erziehung ihres Kindes kümmern kann, hat sie es in eine Pension gegeben.«
+
+»Lillis Mutter ist ein schönes Frau,« bemerkte Nellie.
+
+»Wo hast du sie gesehen?« fragte die Vorsteherin etwas erstaunt.
+
+»O, ich habe ihr vorbeigehen sehen,« entgegnete Nellie leicht errötend.
+
+»Sie konnte leider nicht länger verweilen,« wandte sich Fräulein Raimar an
+die junge Lehrerin, »mit dem Schnellzuge fährt sie heute abend wieder
+fort.«
+
+Die jungen Mädchen hatten die Damen dicht umringt und horchten auf jedes
+Wort. Sie hätten so »furchtbar« gern recht Ausführliches über Lillis
+Mutter erfahren, die als »bedeutende Schauspielerin« ihre Gemüter lebhaft
+erregte und interessierte. Aber sie erfuhren nichts. Das Gespräch wurde
+abgebrochen und Fräulein Raimar führte die Wißbegierigen recht unsanft in
+die Wirklichkeit zurück.
+
+»Wer hat den Tisch zu besorgen?« fragte sie. »Es ist Zeit, daß wir den
+Thee einnehmen.«
+
+Ilse und Flora hatten heute dieses Amt. Letztere verließ sofort das
+Zimmer, um kurze Zeit darauf mit Ilse zurückzukehren. Jede trug einen Stoß
+Teller, welchen sie auf einen Seitentisch stellten. Sie legten die
+Tischtücher auf und fingen an, die Tafel zu decken.
+
+Vor wenigen Monaten hatte Ilse es für eine Unmöglichkeit gehalten, daß sie
+je eine solche Beschäftigung thun würde, - heute stand sie da in ihrer
+rosa Latzschürze und besorgte alles so geschickt und manierlich wie irgend
+eine andre Pensionärin.
+
+Manierlich und geschickt war sie freilich nicht immer gewesen und es hatte
+manche Mühe gekostet, ehe sie es so weit gebracht, bis sie überhaupt sich
+überwunden hatte, »Dienstbotenarbeiten« zu verrichten. Die gutmütige
+Wirtschafterin konnte manches Lied über Ilses Widerspenstigkeit singen,
+manche unartige Antwort hatte sie derselben zu verzeihen.
+
+Einmal, als sie einen Teller mit Butterschnitten fallen ließ und auch noch
+den Milchtopf umgestoßen hatte, ermahnte sie die Wirtschafterin,
+vorsichtiger zu sein.
+
+»Nein,« hatte sie trotzig geantwortet, »ich will nicht vorsichtiger sein,
+solche Arbeit brauche ich nicht zu thun.«
+
+Aber sie nahm sich das nächste Mal doch mehr in acht, es war am Ende kein
+sehr angenehmes Gefühl, von allen ausgelacht zu werden. Auch bemerkte sie,
+daß keine der Pensionärinnen, selbst die ungraziöse Grete nicht, sich so
+einfältig benahm wie sie, die meisten verrichteten die kleinen häuslichen
+Geschäfte mit Anmut und besonders mit einem freundlichen Gesichte, -
+sollte sie die einzig Dumme unter allen sein?
+
+Lilli erhielt ihren Tischplatz zwischen der Vorsteherin und Ilse. Während
+der Mahlzeit belustigte sie die ganze Gesellschaft. Sie plauderte ganz
+unbefangen, gar nicht schüchtern und blöde. »Das macht,« bemerkte Flora,
+»weil sie unter Künstlern groß geworden ist.«
+
+»Du, Fräulein, gieb mir noch a Gipferl, bitt' schön. Ich hab' halt so
+großen Hunger,« rief sie ungeniert. Und als Fräulein Güssow fragte,
+welches ihre Lieblingsgerichte seien, meinte sie: »Wianer Würstl und
+Sauerkraut.«
+
+»Aber eine Mehlspeise wirst du doch lieber essen,« meinte Fräulein Raimar.
+
+»O nein! Mehlspeis' eß i gar nit gern - aber a groß Stückerl Rindfleisch
+mit Gemüs - das mag i!«
+
+Alles lachte. Selbst die Vorsteherin stimmte ein. Wer hätte auch nicht mit
+Vergnügen dem Geplauder der Kleinen zuhören sollen!
+
+Mit Lilli war ein andres Leben in die Pension gekommen. Alles drehte sich
+um sie, jeder wollte ihr Freude machen. Und wenn die Mädchen auch
+vermieden, ihr Schmeicheleien in das Gesicht zu sagen, so waren doch alle
+bemüht, ihr den Hof zu machen. Am glücklichsten waren sie, wenn Lilli sich
+herabließ, ein kleines Volkslied zu singen. Ich sage herabließ, denn wenn
+sie nicht aufgelegt war, ließ sie sich durch keine Bitten dazu bewegen. -
+Flora geriet jedesmal in Verzückung, prophezeite Lilli eine große Zukunft
+und schwur darauf, daß sie einst mit ihrer vollen, weichen Stimme ein
+Stern erster Größe am Theaterhimmel sein werde.
+
+Voll und weich war die Stimme nicht, Flora blickte einmal wieder durch
+ihre romantische Brille, aber es klang weh und traurig, wenn das Kind mit
+so ernsthafter Miene dastand und sang.
+
+»Sie ist furchtbar süß!« lispelte Melanie, als Lilli zum erstenmal {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kommt
+a Vogerl geflogen{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} vortrug. »Sieh nur, Flora, wie melancholisch sie die
+Augen in die Ferne richtet.«
+
+»Ja, melancholisch,« wiederholte Flora langsam und pathetisch, »du hast
+recht. Weißt du, Melanie, es liegt so etwas Geheimnisvolles -
+Traumverlorenes in ihren samtnen, dunklen Mignonaugen, so etwas, das sagen
+möchte: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du fade Welt, ich passe nicht für dich.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}«
+
+»Denn es kümmert sich ka Katzerl - ka Hunderl um mi,« schloß Lilli ihr
+Liedchen.
+
+»O wie reizend!« rief Nellie und klatschte in die Hände.
+
+»Wie kann man diese Worte reizend finden!« rief Flora entrüstet. »Traurig
+- düster - das ist der rechte Ausdruck dafür. Ein einsames, verlassenes
+Herz hat sie empfunden und welche Folterqualen mag es dabei erlitten
+haben.«
+
+»O, das Herz ist eine sehr zähe Ding, und doch wär' es manchmal besser,«
+deklamierte Nellie mit komischem Pathos, aber sie kam nicht weiter. Flora
+hielt ihr den Mund zu.
+
+»Du bist schändlich - ganz abscheulich!« rief sie, »nie, nie wieder weihe
+ich dich in meine geheimsten Gedanken ein! Wie kannst du mein Vertrauen so
+mißbrauchen?«
+
+ * * *
+
+Weihnachten rückte heran und fleißig rührten sich aller Hände. Da wurde
+genäht, gestickt, gezeichnet, Klavierstücke wurden eingeübt, um die Eltern
+oder die Angehörigen liebevoll zu überraschen.
+
+Ilse hatte noch niemals den Vater oder die Mutter mit einer Arbeit
+erfreut. Zuweilen hatte sie eine kleine Arbeit angefangen, auf dringendes
+Zureden ihrer Gouvernanten, aber sie war nicht weit damit gekommen. Sie
+habe einmal kein Geschick dazu, behauptete sie, und dachte nicht daran,
+daß es ihr nur einfach an Geduld und Ausdauer mangele.
+
+»Was willst du deine Eltern geben?« fragte Nellie, die eifrig dabei war,
+einen sterbenden Hirsch in Kreide zu zeichnen, er sollte ein Geschenk für
+den Onkel in London werden, der sie im Institute ausbilden ließ.
+
+»Ich habe noch nicht daran gedacht,« entgegnete Ilse. »Meinst du, Nellie,«
+fügte sie nach einigem Besinnen hinzu, »daß die Rose, die ich jetzt
+zeichne, dem Papa Freude machen würde?«
+
+»O sicher! Aber du mußt sehr fleißig sein, mein klein' Ilschen, sonst wird
+die liebe Christfest kommen und du bist noch lang nicht fertig. Und was
+willst du deine Mutter geben?« fragte Nellie.
+
+»Meiner Mama?« Sie dehnte ihre Frage etwas in die Länge. »Ich werde ihr
+etwas kaufen,« sagte sie dann so obenhin.
+
+Nellie war nicht damit zufrieden. »Kaufen, das macht keine Freude!«
+tadelte sie. »Warum wollen deine Finger faul sein?«
+
+»Nellie hat recht,« mischte sich Rosi in das Gespräch, die neben Ilse saß
+und an einer altdeutschen Decke arbeitete. »Deine Mama wird wenig Freude
+an einem gekauften Gegenstand haben.«
+
+»Ich bin zu ungeschickt,« gestand Ilse offen.
+
+»Wir werden dir helfen und dir alles gern zeigen,« versprach Rosi. Und
+Fräulein Güssow, die grade hinzutrat, benahm Ilse den letzten Zweifel.
+
+»Du kannst ein gleiches Nähkörbchen, wie Annemie anfertigt, arbeiten, ich
+weiß bestimmt, es wird dir gelingen.«
+
+Und es gelang wirklich, ja weit besser, als Ilse sich selbst zugetraut.
+Sie hatte eine kindliche Freude, als das Körbchen so wohlgelungen in acht
+Tagen fix und fertig vor ihr stand.
+
+»Es sind noch vierzehn Tage bis Weihnachten,« sagte sie zu Rosi, »und ich
+möchte noch etwas arbeiten, für Fräulein Güssow und Fräulein Raimar.«
+
+»Und für meine Lori, bitt' schön, meine gute Ilse!« bettelte Lilli, die
+gewöhnlich an den Mittwochnachmittagen im Arbeitssaale zugegen war und
+dann ihren Platz dicht bei Ilse wählte, die sie, wie sie sich ausdrückte,
+zum aufessen liebte. »Mein' Lori muß halt a neues Kleiderl haben,« fuhr
+sie fort und hielt ihre Puppe in die Höhe, »bescher' ihr eins zum heil'gen
+Christ. Schau, das alte da ist ja schlecht!«
+
+Natürlich versprach Ilse, ihr diesen Herzenswunsch zu erfüllen, und zur
+Besiegelung drückte sie dem kleinen Liebling einen Kuß auf die roten
+Lippen.
+
+»Ich habe eine famose Idee!« (famos war seit kurzer Zeit Modewort im
+Institute) rief Ilse am Abend desselben Tages aus, als sie mit Nellie
+allein war. »Ich kaufe für Lilli eine neue Puppe und kleide sie selbst an.
+Was meinst du dazu?«
+
+»O, das ist wirklich ein famos Gedanke,« entgegnete Nellie, »aber lieb
+Kind, hast du auch an der viele Geld gedacht, die so ein' Puppe mit ihrer
+Siebensachen kostet? Wie steht's mit dein' Kasse?«
+
+»O, das hat keine Not, ich habe sehr viel Geld!« versicherte Ilse sehr
+bestimmt. Und sie nahm ihr Portemonnaie aus der Kommode und zählte ihre
+Schätze.
+
+»Zwölf Mark,« sagte sie, »das ist mehr, als ich brauche, nicht?«
+
+»Sie sind ein sehr schlecht' Rechenmeister, mein Fräulein,« riß Nellie sie
+unbarmherzig aus ihrer Illusion, »ich mein', Sie reichen lang' nicht aus.«
+
+Ilse sah die Freundin zweifelnd an. »Du scherzest,« meinte sie, »zwölf
+Mark ist doch furchtbar viel Geld?«
+
+»Reicht lang nicht!« wiederholte Nellie unerbittlich, »hör zu, ich will
+dir vorrechnen:
+
+ 1) Ein Nähtischdecken für Fräulein Raimar macht vier Mark,
+ 2) ein Arbeitstaschen für Fräulein Güssow macht drei Mark,
+ 3) eine schöne Geschenk für die liebe Nellie und all die andren
+ junge Fräulein - macht - sehr viele Mark.
+
+Wo willst du Geld zu der Puppen nehmen?«
+
+»Ach,« fiel Ilse ihr ins Wort, »und unser Kutscher daheim und seine drei
+Kinder! - daran habe ich noch gar nicht gedacht!«
+
+Sie machte ein recht betrübtes Gesicht, denn sie hatte es sich gar zu
+reizend ausgedacht, wie sie Lilli überraschen wollte. Nun konnte es nichts
+werden.
+
+Nachdenklich saß sie einige Augenblicke, dann leuchteten plötzlich ihre
+Augen freudig auf.
+
+»Halt!« rief sie aus, »ich weiß etwas! Heute abend schreibe ich an Papa
+und bitte ihn, mir Geld zu schicken. Er thut es, ich weiß es ganz
+bestimmt. Mein Papa ist ja ein zu reizender Papa!«
+
+»Und dein' Mutter?« fragte Nellie, »ist sie nicht auch ein' sehr gütiger
+Frau? Wie macht sie dich immer Freude mit die viel' schöne Sachen, die sie
+an dir schickt. Freust du dir sehr auf Weihnachten? Ja? Es ist doch schön,
+die lieben Eltern wieder sehen.«
+
+Ilse zögerte mit der Antwort. Es fiel ihr ein, wie sie im Sommer ihrem
+Vater entschieden erklärt hatte, zum Christfest nicht in die Heimat zu
+reisen. Ihr Sinn hatte sich nicht geändert. Noch hatte sie den Groll gegen
+die Mutter nicht überwunden. Trotzdem sie sich sagen mußte und zuweilen
+auch ganz heimlich eingestand, wie nötig für ihr Wissen und ihre
+Ausbildung der Aufenthalt in einer tüchtigen Pension war, so hielt sie
+immer noch an dem Gedanken fest: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie hat mich fortgeschickt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»Ich werde hier bleiben,« sagte sie, »ich will das Weihnachtsfest mit euch
+verleben.«
+
+»Das ist famos!« rief Nellie entzückt, »ich freue mir furchtbar, daß du
+nicht fortreisen willst! All unsre Freunde reisen auch nicht, und es ist
+so schön hier, die heilige Christ. - Alles bekommt eine große Kiste von
+Haus, mit allen Bescherung und Schokolad' und Marzipan! - und die
+Christabend wird jede Kiste aufgenagelt, und ich helfe auspacken bald der
+eine, bald der andre.«
+
+»Erhältst du keine Kiste?« fragte Ilse.
+
+»Du weißt ja - ich hab' kein' Eltern - wer sollte mir beschenken?«
+
+»Gar, gar nichts bekommst du?«
+
+Ilse konnte es nicht fassen.
+
+»Zu Neujahr schenkt mein Onkel für mir Geld, da kaufe ich mir, was ich
+notwendig habe.«
+
+Ilse sah die Freundin schweigend an. Am Abend aber schrieb sie einen
+langen Brief in die Heimat, worin sie zuerst ihren Entschluß mitteilte,
+daß sie die Weihnachtstage mit den Freundinnen feiern möchte. Dann ging
+sie zu dem Geldmangel über und schilderte dem Papa mit vielen zärtlichen
+Schmeichelnamen ihre Not, und zuletzt gedachte sie mit warmen Worten
+Nellies. - »Noch eine dringende Bitte habe ich zum Schlusse,« fuhr sie in
+ihrem Briefe fort, »an Dich, Mama,« wollte sie schreiben, aber sie besann
+sich und schrieb: »an Euch, liebe Eltern. Meine Freundin Nellie ist
+nämlich die einzige in der Pension, die keine Weihnachtskiste erhalten
+wird. Sie ist eine Waise und steht ganz allein in der Welt. Ihr Onkel in
+London läßt sie zu einer Gouvernante ausbilden. Ist das nicht furchtbar
+traurig? Ach! und die arme Nellie ist noch so jung und immer so fröhlich,
+ich kann mir gar nicht denken, daß sie eine Gouvernante wird! Es ist doch
+schrecklich, wenn man kein liebes Vaterhaus hat! - Nun wollt' ich Euch
+recht von Herzen bitten, Ihr möchtet die Geschenke, die Ihr mir zugedacht
+habt, zwischen mir und meiner Nellie teilen und zwei Kisten daraus machen.
+Bitte, bitte! Ihr schenkt mir stets so viel, daß ich doch immer noch genug
+habe, wenn es auch nur die Hälfte ist. Ich würde gewiß keine rechte Freude
+am heiligen Abend haben, wenn Nellie gar nichts auszupacken hätte.
+
+Ihr hattet mir Erlaubnis gegeben, an den Tanzstunden nach Weihnachten
+teilnehmen zu dürfen, und du, liebe Mama, versprachst mir ein neues Kleid
+dazu, kaufe mir keins, mein blaues ist noch sehr gut und ich komme damit
+aus. Schenkt Nellie dafür etwas - bitte, bitte!
+
+ [Illustration]
+
+Mit diesem _heißen_ Wunsche umarmt Euch
+
+ Eure
+ dankbare Ilse.
+
+_N. S._ Das Geld schicke nur recht bald, einziges Papachen, ich habe es
+furchtbar nötig.«
+
+Umgehend erhielt denn auch Ilse das Gewünschte. Der zärtliche Papa hatte
+in seiner Freude über die Herzensgüte seines Kindes eine große Summe
+schicken wollen, Frau Anne hielt ihn davon zurück. Sie stellte ihm vor,
+daß es für Ilse weit besser sei, wenn sie mit geringen Mitteln sich
+einrichten lerne und stets genügsam bleibe.
+
+Ihr Wunsch, Weihnachten nicht in die Heimat zu kommen, wurde gern erfüllt,
+der Papa schrieb sogar, er lobe ihren verständigen Entschluß. Die weite
+Reise war im Winter nicht ratsam. Freilich werde er seinen Wildfang
+schmerzlich vermissen und es werde der Mama und ihm recht einsam sein,
+aber er wolle sich mit dem Gedanken trösten, daß das nächste Christfest
+desto schöner ausfallen werde. -
+
+Beinah kränkte sie diese bereitwillige Zustimmung, indes sie kam zu keinem
+Nachdenken darüber, der Briefträger kam und brachte ihr dreißig Mark.
+
+»Dreißig Mark!« jubelte Ilse. »Nellie, nun sind wir reich! - Komm, laß uns
+gleich gehen und unsre Einkäufe machen, ich kann die Zeit nicht erwarten.«
+
+»O nein, Kind,« entgegnete Nellie bedächtig, »erst müssen wir ein langer
+Zettel aufschreiben mit alle Sachen, die wir kaufen werden. Wir müssen
+doch rechnen, was sie kosten.«
+
+Daran hatte die lebhafte Ilse gar nicht gedacht. Ohne zu überlegen, würde
+sie blind drauf los gekauft und am Ende wieder nicht gereicht haben.
+
+Die beiden Mädchen machten sich nun daran, eine Liste aufzusetzen. Die
+nötigen Geschenke wurden aufgeschrieben und von der praktischen Nellie der
+ungefähre Preis dahinter gesetzt. Als Ilse für die Kinder des Kutscher
+Johann ebenfalls Sachen zu kaufen aufschrieb, rief Nellie:
+
+»Halt! Du kannst von deine alte Sachen die Kutschermädchen schenken, dann
+sparen wir Geld.«
+
+»Ich habe nichts,« meinte Ilse, »kaufen geht schneller.«
+
+Nellie hatte sich bereits daran gemacht, in Ilses Kommode und auch im
+Schranke nachzusehen, um sich zu überzeugen, ob sie nichts fände.
+
+»Man muß sparen und nicht seine Geld aus die Fenster schmeißen.«
+
+Und siehe da, es fand sich allerhand unter Ilses alten Sachen. Schürzen,
+die sie nicht mehr trug, ein Kleid, das ihr zu eng und zu kurz geworden
+war, und zuletzt noch das vorjährige Pelzzeug, welches die gütigen Eltern
+durch neues, weit kostbareres ersetzt hatten.
+
+»Siehst du, Verschwender!« triumphierte Nellie. »Du weißt nicht deine
+große Schatze. Nun kaufen wir für dein' Kutscher ein Paar warme Handschuh
+und fertig ist die ganze Kutschergesellschaft.«
+
+Die wenigen Wochen bis zum heiligen Abend vergingen in rasender Schnelle.
+Nellie und Ilse hatten neben so mancherlei andern Arbeiten auch noch die
+neue Puppe anzukleiden. Das war für Ilse eine schwere Aufgabe, und ohne
+ihre geschickte Freundin wäre sie niemals damit zu stande gekommen.
+
+»Wie geschickt du bist, Nellie,« sagte Ilse, als diese der Puppe das
+schottische Kleid anprobierte, »das hast du doch geradezu klassisch
+gemacht. Ich hätte es wirklich nicht fertig gebracht.«
+
+»Aber hast du niemals ein Kleid für dein' Puppen genäht - oder eine Hut -
+oder ein Mantel?«
+
+»Nein,« antwortete Ilse aufrichtig, »niemals! Ich habe an den toten
+Dingern mein Lebtag keine Freude gehabt. Viel lieber habe ich mit den
+Hunden gespielt.«
+
+»Da ist kein Wunder, wenn du ein klein', dumm' Ding geblieben bist! Deine
+Hunde brauchen kein Kleid,« lachte Nellie. »Nun mußt du auf dein' alt'
+Tage nähen lernen, siehst du.«
+
+Ilse lachte fröhlich mit und bemühte sich, das weiße Batistschürzchen für
+die Puppe, an welchem sie rings herum Spitzen setzte, recht sauber und
+nett fertig zu bringen. - Einen Tag vor der Bescherung erhielten die
+erwachsenen Mädchen, denen es Vergnügen machte, die Erlaubnis, die schöne,
+große Tanne auszuputzen. Das war ein Fest und für Ilse ganz und gar neu.
+Niemals hatte sie sich bis dahin selbst damit befaßt, und sie kannte es
+nicht anders, als daß am Weihnachtsabend ein mit vielem kostbaren
+Zuckerwerk behangener Baum ihr hell entgegengestrahlt hatte, - hier lernte
+sie kennen, daß auch ohne Zuckerwerk derselbe herrlich zu schmücken war.
+
+Nach dem Abendbrot, als die jüngeren Mädchen und auch die Engländerinnen,
+die kein Verständnis für das harmlose Vergnügen hatten, zu Bett gegangen
+waren, begann das Werk.
+
+Orla brachte einen großen Korb mit Tannenzapfen, selbst gesucht auf den
+Spaziergängen im Walde, und setzte denselben auf die Tafel. Annemie
+stellte zwei Schälchen mit Gummiarabikum daneben, in das eine schüttete
+sie Silber-, in das andre Goldpuder und rührte es mit einem Stäbchen um.
+
+»Wer will mir helfen,« rief Orla.
+
+»Ich! ich!« antwortete es von allen Seiten; nur Ilse schwieg, sie hatte
+keine Ahnung, was eigentlich mit den vielen großen und kleinen
+Tannenzäpfchen geschehen solle. - Daheim verkamen dieselben unbeachtet im
+Walde. - Es sollte ihr bald kein Geheimnis mehr sein.
+
+Melanie und Rosi hatten die Pinsel ergriffen und fingen an, den
+unansehnlichen braunen Dingern ein goldenes oder silbernes Gewand zu
+geben. Und wie schnell das ging. Kaum hatten sie ein paarmal darüber
+gepinselt, so waren sie fertig.
+
+»Sieh nur, Rosi,« rief Melanie aus und hielt einen vergoldeten Zapfen
+unter die Gaslampe, »ist der nicht furchtbar reizend? Wundervoll, nicht?
+Gleichmäßig, wirklich künstlerisch ist er vergoldet, kein dunkles
+Pünktchen ist an ihm zu sehen!« Und sie betrachtete das Prachtexemplar
+höchst wohlgefällig nach allen Seiten.
+
+Orla und Rosi hatten fleißig weitergepinselt und stillschweigend einen
+Tannenzapfen nach dem andern beiseite gelegt.
+
+»Du bist im höchsten Grade langweilig mit deinem ewigen Selbstlobe,«
+tadelte Orla, »ich habe noch nie jemand kennen gelernt, der sich so
+vergöttert wie du. Pinsle lieber weiter und halte dich nicht bei unnützen
+Lobhudeleien auf.«
+
+Melanie fühlte sich sehr getroffen und errötete. »Wie grob du bist, Orla!«
+sagte sie gereizt, »du hast freilich keinen Sinn für harmlose Vergnügen.«
+
+»Kinder!« unterbrach Fräulein Güssow, die am andern Ende der Tafel saß und
+Aepfel und Nüsse vergoldete, »keinen Streit! Melanie, komm zu mir, du
+kannst mir helfen, und du Ilse, versuche einmal, ob du Melanies Stelle
+ersetzen kannst.«
+
+Ilse ließ sich das nicht zweimal sagen. Eilig griff sie zum Pinsel und
+flink und gesandt that sie ihre Arbeit. Orla war sehr zufrieden damit.
+
+»Nur nicht ganz so dick aufstreichen,« mahnte sie, »sonst reichen wir
+nicht mit unsrem Gold- und Silbervorrat.«
+
+Flora und Annemie fertigten Netze aus Goldpapier an. »Eine geisttötende
+Arbeit,« flüsterte Flora Annemie zu, »und außerdem ohne jede Poesie. Warum
+die Tanne mit allerhand Tand aufputzen? Ist sie nicht am herrlichsten in
+ihrem duftigen, grünen Waldkleide? - Lichter vom gelben Wachsstocke in ihr
+dunkles Nadelhaar gesteckt, - ein goldener Stern hoch oben auf ihrer
+schlanken Spitze, - schwebend - strahlend! - das nenn' ich Poesie!« -
+
+Hier hielt sich Annemie nicht mehr, sie bekam einen solchen Lachreiz, daß
+sie aufsprang und hinauslief, um sich draußen erst auszulachen.
+
+Dicht unter dem Baume standen Grete und Nellie. Letztere hoch auf einer
+Trittleiter, eine große Düte Salz in der Hand haltend. Die andre mit einem
+Leimtiegel in der Hand war ihr Handlanger. Das heißt, sie reichte Nellie
+den Pinsel zu, damit diese die Zweige mit dem Leim bestrich, bevor sie
+Salz darauf warf.
+
+»Jetzt bin ich eine große Sturmwind und mache der Baum voller Schnee,«
+scherzte Nellie.
+
+»Wirklich! - die Zweige werden weiß!« rief Ilse und verließ einen
+Augenblick ihre Arbeit, um sich das Schneetreiben genau anzusehen. »Das
+ist aber klassisch! Das gefällt mir! Nein, das sieht zu reizend aus!«
+
+Freilich fiel ein großer Teil Salz unter den Baum, indes Nellie ließ sich
+die Mühe nicht verdrießen, immer wieder kehrte sie dasselbe zusammen und
+strich es mit der Hand dick auf den Leim.
+
+»Du alt' Baum wirfst sonst alles Schnee auf die Erde,« meinte sie. »Aber
+das ist schlechte Arbeit, alle meiner Finger kleben.«
+
+Rosi trat jetzt auch an den Baum heran, um ihn mit den glänzenden
+Tannenzapfen zu schmücken. Sie sah heute ganz anders aus als sonst. Ihre
+sonst so gleichmäßigen Züge trugen den Ausdruck froher Erwartung, ihre
+milden Augen strahlten und rosig waren ihre Wangen angehaucht.
+
+»O du selige, o du fröhliche Weihnachtszeit,« summte sie mit ihrer
+frischen Stimme leise vor sich hin, und Fräulein Güssow rief ihr zu:
+
+»Singe nur laut heraus, Rosi, das bringt uns bei unsrer Arbeit so recht in
+die echte Weihnachtsstimmung.«
+
+»Wir wollen alle singen!« riefen Grete und Annemie, »bitte, Fräulein
+Güssow!«
+
+»Meinetwegen, aber hübsch gedämpft, Kinder, damit die Kleinen nicht davon
+erwachen.«
+
+Und nun erklang aus den jugendlichen Kehlen das schöne Lied vierstimmig. -
+- Die junge Lehrerin senkte den Kopf herab, - der Gesang stimmte sie
+traurig. Ihre Kindheit - ihre erste Jugendzeit stand mit einemmal lebendig
+vor ihrer Seele. - - Was hatte sie gehofft - - und wie hatten sich ihre
+Träume erfüllt! - - Durch ihre eigne Schuld! -
+
+Mitten im Gesange wurde plötzlich die Thür geöffnet und Fräulein Raimar,
+begleitet von Herrn Doktor Althoff, trat herein. Sie hatten soeben eine
+notwendige Besprechung in der Vorsteherin Zimmer beendet.
+
+Das war eine Ueberraschung, die niemand vermutet hatte. Der Gesang
+verstummte und die Mädchen wurden mehr oder weniger verlegen, als der
+Gegenstand ihrer stillen Verehrung so unerwartet vor ihnen stand. Flora
+errötete bis an die Haarwurzeln.
+
+»Nun, warum singt ihr nicht weiter, Kinder?« fragte die Vorsteherin. »Laßt
+euch nicht stören durch unsre Gegenwart.«
+
+Aber es wollte nicht wieder so recht in Zug kommen. Orla setzte zwar ein,
+aber falsch, sie war sehr wenig musikalisch. - Annemie mußte über den
+Mißton lachen, und da Lachen ansteckt, - stimmten die übrigen ein.
+
+ [Illustration]
+
+»Was machen Sie denn, Miß Nellie?« fragte Doktor Althoff und trat auf sie
+zu. »Warum verstecken Sie Ihre Hände so ängstlich?«
+
+Er lächelte sie an. Flora warf einen verstohlenen Blick auf ihn, und bevor
+sie sich zur Ruhe legte, schrieb sie in ihr Tagebuch:
+
+»Er hat sie angelächelt! Beneidenswerte Nellie! - Bezaubernd - hinreißend
+- sah er in diesem Augenblicke aus! Die geistvollen, dunklen Augen
+sprühten Feuer - um die schmalen Lippen zuckte es sarkastisch - wunderbare
+Perlenzähne schimmerten durch den dunkelblonden Bart. - Aber Nellie ist
+kokett! Leider! - Dieser Augenaufschlag!« -
+
+»O,« entgegnete Nellie höchst verlegen, »ich habe die Finger verklebt mit
+der häßliche Leim!« und schnell lief sie hinaus, um sich gründlich zu
+reinigen. Doktor Althoff sah ihr wohlgefällig nach.
+
+»Nellie spricht doch sehr schlecht deutsch,« bemerkte Flora etwas
+spöttisch, »ich begreife das eigentlich nicht. Ein Jahr ist sie bereits in
+der Pension und wie falsch drückt sie sich noch immer aus.«
+
+Sie hatte ihre Bemerkung so laut gemacht, daß der junge Lehrer sie hören
+mußte.
+
+»Die deutsche Sprache ist schwer zu erlernen, Flora,« entgegnete er, »und
+ich muß gestehen, Nellie hat in dem einen Jahre schon sehr gute
+Fortschritte gemacht. Uebrigens klingen die kleinen Schnitzer, die sie
+zuweilen macht, ganz allerliebst und naiv, - wir wollen sie nicht deshalb
+verdammen.«
+
+Fräulein Raimar blickte etwas erstaunt auf den Sprechenden, der sich so
+warm Nellies annahm. Vielleicht fand sie seine Entschuldigung in Gegenwart
+der übrigen Mädchen nicht ganz passend.
+
+»Es ist sehr spät, Kinder,« unterbrach sie das Thema, »wollt ihr nicht für
+heute aufhören und morgen in eurer Arbeit fortfahren?«
+
+Aber die Mädchen baten so sehr, heute schon ihr Werk vollenden zu dürfen,
+daß sie die Erlaubnis erhielten. Zu Floras Aerger, welche die Zeit nicht
+abwarten konnte, bis sie die vielen großartigen Gedanken, die in ihrem
+Kopfe spukten, erst schwarz auf weiß vor sich hatte.
+
+Fräulein Raimar und Doktor Althoff entfernten sich und Nellie trat gleich
+darauf wieder in das Zimmer. Flora konnte nicht umhin, ihr einen kleinen
+Seitenhieb zu versetzen.
+
+»Warum verstecktest du deine Hände auf dem Rücken?« fragte sie. »Ich fand
+das furchtbar komisch von dir. Du dachtest wohl, Doktor Althoff wolle dir
+die Hand geben?«
+
+Die arme Nellie war über diesen Angriff so erschrocken, daß sie nicht
+darauf antworten konnte. Aber Ilse half ihrer Freundin aus der
+Verlegenheit.
+
+»Ich finde nichts Komisches darin, Flora,« sagte sie lustig, »wenn Nellie
+nicht gern beschmutzte Finger sehen lassen will; aber daß du ihr deine
+eignen Gedanken zutraust, das finde ich komisch! - Ja, ja, Florchen, du
+bist erkannt!«
+
+Flora errötete, aber sie war klug und antwortete nur mit einem
+wegwerfenden Achselzucken. -
+
+Alle Vorbereitungen waren zu Ende. Die Mädchen trugen Ketten, Netze, kurz
+allen Schmuck herbei, um den Baum zu behängen.
+
+Wie er sich füllte! Wie festlich geschmückt er bald dastand! Ilse
+bewunderte hauptsächlich die glänzenden Tannenzapfen, die sich zwischen
+den dunklen Nadeln ganz herrlich ausnahmen.
+
+»Wie ein Märchenbaum!« rief sie fröhlich, und »Bäumchen rüttle dich und
+schüttle dich!« setzte sie übermütig hinzu.
+
+»O, nein!« rief Nellie in komischem Ernste, »nicht schüttle und rüttle
+dir, Baumchen, es fallt sonst all der Salz von deiner Nadel und ich muß
+mir noch einmal die Finger zerkleben.«
+
+»Nie in meinem Leben sah ich einen so schönen Christbaum!« erklärte Ilse.
+
+»Wir sind noch nicht fertig, Ilse,« entgegnete Fräulein Güssow, »bald
+hätte ich das Gold- und Silberhaar vergessen.« - Und nun begann sie feine
+Fäden rings um den Baum zu spinnen.
+
+»Wie schön! wie schön!« jubelte Ilse und schlug wie ein Kind vor Freude in
+die Hände. Dann nahm sie Nellie in den Arm und tanzte mit ihr um den Baum.
+
+»Du wirst mit deiner lauten Freude die Schlafenden aufwecken,« ermahnte
+Fräulein Güssow; aber sie sah Ilse mit inniger Teilnahme an. - Es gab eine
+Zeit, wo auch sie so fröhlich hinausgejubelt hatte in die Welt, - bis der
+Sturm kam und ihr die Blüte des Frohsinns abstreifte und verwehte. -
+
+»Geht nun zu Bett, Kinder,« bat sie, »aber leise, hört ihr? Gute Nacht!«
+
+»Gute Nacht, gute Nacht!« rief es zurück und Ilse setzte hinzu: »Ach,
+Fräulein! Wenn es doch erst morgen wäre!« -
+
+Das war ein Leben am andern Tage! Die Mädchen waren ganz außer Rand und
+Band. Ilse war ausgelassen fröhlich und Nellie stand ihr darin bei.
+Annemie lachte über jede Kleinigkeit, ja selbst Rosi, die stets
+Vernünftige, machte heute eine Ausnahme und schloß sich der allgemeinen
+Stimmung an. Als Flora ein selbstgedichtetes Weihnachtslied zum besten
+gab, und die ganze übermütige Schar sie dabei auslachte, lachte Rosi mit,
+- nur als Nellie an zu necken fing, bat sie sanft:
+
+»Bitte, Nellie, nicht spotten! Wir haben die arme Flora schon genug
+gekränkt, als wir sie auslachten.«
+
+Melanie und Grete waren die einzigen, die eine leise Verstimmung nicht
+unterdrücken konnten. Sie hatten gehofft, Weihnachten zu Hause verleben zu
+können, und waren enttäuscht, als die Eltern ihnen nicht die Erlaubnis
+gaben, weil sie es nicht passend fanden, daß junge Mädchen allein eine so
+weite Reise machten.
+
+Melanie fand diesen Grund geradezu furchtbar kränkend. »Als ob ich noch
+ein Kind wäre!« sprach sie ärgerlich zu Orla. »Ich bin siebzehn Jahre alt!
+Und doch wahrhaftig alt und verständig genug, uns beide zu schützen!«
+
+»Aber du bist hübsch,« entgegnete die Angeredete mit leichter Ironie, »und
+das ist gefährlich. Denk' einmal, wenn dir unterwegs ein Abenteuer
+begegnete! Das wäre doch furchtbar schrecklich!«
+
+»Ich bitte dich, Orla, verschone mich mit deinen albernen Spöttereien!«
+wehrte Melanie entrüstet ab. Aber sie fühlte sich doch in ihrem Inneren
+geschmeichelt, die kleine Eitelkeit.
+
+»Du hörst es ja doch gern, Herzchen,« lachte Orla. »Warum auch nicht?
+Hübsch zu sein ist ja keine Schande, - besonders wenn man so wenig eitel
+ist wie du! Uebrigens tröste dich mit uns, wir sind ja fast alle
+zurückgeblieben, bis auf die wenigen Pensionärinnen, die in der
+Nachbarschaft wohnen, und die vier Engländerinnen, die Miß Lead wieder
+zurück in ihre Heimat bringt. - Störe nicht unsre fröhliche Laune durch
+ein verstimmtes Gesicht. Sieh doch nur Lilli an, - kannst du bei dem
+Anblicke so seliger Freude noch mißmutig sein?«
+
+Das Kind lief nämlich von einer zur andern, treppauf, treppab und fragte
+jede Viertelstunde, ob es noch nicht dunkel würde, und ob das liebe
+Christkindl noch nit bald käm. -
+
+Endlich, endlich brach der Abend herein. Die Vorsteherin und Fräulein
+Güssow verweilten schon seit zwei Uhr in dem großen Saale, und in einer
+Klasse, die dicht daneben lag, saßen erwartungsvoll die Pensionärinnen.
+Natürlich im Dunkeln, denn Licht durfte vor der Bescherung nicht
+angesteckt werden.
+
+Lilli fühlte sich etwas unheimlich in der Finsternis. Sie kletterte auf
+Ilses Schoß und schlang den Arm um ihren Hals.
+
+»Kommt denn das Christkindl noch nit bald?« fragte sie wieder. »Schau, es
+ist halt schon stockfinster.«
+
+»Nun bald,« tröstete Ilse und drückte Lilli zärtlich an sich. Das
+Anschmiegen des Kindes that ihr so wohl und seine Liebe machte sie so
+glücklich. »Bald kommt das Christkind, ach, und wie schön wird das sein! -
+Soll ich dir ein Märchen erzählen, damit dir die Zeit schneller vergeht?«
+
+»Bitt schön! Vom Hansel und Gretel!«
+
+Ilse hatte indes kaum begonnen »es war einmal«, als Lilli ihr den Mund
+zuhielt.
+
+»Nit weiter!« unterbrach sie, »ich mag das heut nit hören! Ich muß immer
+an das Christkindl denken. Kennst du das liebe Christkindl, Ilse? Hast
+du's schon g'schaut?«
+
+»Nein,« sagte Ilse, »gesehen habe ich es noch niemals. Niemand kann es
+sehen, es wohnt nicht auf der Erde.«
+
+»Wohnt es im Himmel?« fragte Lilli. »Schau, da möcht' ich halt auch
+wohnen, da ist's schön, nit? Da singen die lieben Englein, und die lieben
+Englein, die wohnten früher auf der Erde, das waren die artigen Kinder,
+nit? - Der liebe Gott hat sie in sein Himmelreich geholt, nit wahr, Ilse?«
+
+Die Worte des Kindes riefen sentimentale Ahnungen in Flora hervor, sie war
+auch im Begriff, dieselben auszusprechen, als Nellie ihr das Wort
+abschnitt.
+
+»Was schwatzt der kleine Kind für Zeug?« sagte sie und streichelte
+liebkosend Lillis Hand. »Wo hast du dies gehört? Keiner Mensch hat noch in
+der Himmel geschaut.«
+
+»Aber die Mama hat's gesagt, - sie weiß es, nit wahr, Ilse?« rief Lilli
+heftig.
+
+Die gab ihr keine Antwort darauf, sie versuchte, das Kind auf andre
+Gedanken zu bringen.
+
+»Möchtest du wieder zu deiner Mama?« fragte sie.
+
+»Nein,« entgegnete Lilli, »ich bleib' lieber bei euch. Die Mama kümmert
+sich halt so wenig um mich, sie hat kein' Zeit. Sie muß immer studieren,«
+setzte sie altklug hinzu. »Alle Abend geht sie ins Theater.«
+
+»Denn es kümmert sich ka Katzerl - ka Hunderl um mi!« recitierte Flora
+schwärmerisch.
+
+»Komm zu mir, Lilli,« bat Melanie, »ich will dir eine herrliche
+Weihnachtsgeschichte erzählen.«
+
+»Bitt', bitt', laß mich bei Ilse bleiben, Melanie, ich will ganz gewiß
+recht genau zuhören auf dein G'schicht.«
+
+Und während Melanie ihre Erzählung zum besten giebt, wollen wir einen
+Blick in den Weihnachtssaal werfen.
+
+Die beiden Damen waren so ziemlich fertig mit ihrer großen Arbeit.
+Fräulein Güssow war dabei, noch einige versiegelte Pakete auf verschiedene
+Plätze zu verteilen. Es waren in denselben die Geschenke enthalten, welche
+die junge Welt sich untereinander bescherte. Der Name der Empfängerin war
+darauf geschrieben, die Geberin mußte erraten werden.
+
+Fräulein Raimar stand neben dem Gärtner, der eifrig beschäftigt war, die
+angekommenen Kisten zu öffnen, die Deckel wurden lose wieder darauf
+gelegt, denn das Auspacken besorgten die Empfängerinnen selbst.
+
+Nur mit Lilli wurde eine Ausnahme gemacht, Fräulein Raimar packte deren
+Kiste aus und schüttelte den Kopf, als sie damit beschäftigt war.
+
+»Sehen Sie nur den Tand, liebe Freundin,« sagte sie. »Nicht ein
+vernünftiges Stück finde ich dabei. Zwei weiße Kleider, so kurz, daß sie
+dem Kinde kaum bis an die Knie reichen, aber schön gestickt, hier eine
+breite rosa Atlasschärpe, ein kleiner Hermelinmuff, ein Paar feine
+Saffianstiefel und eine Puppe im Ballstaat. Und vieles Zuckerwerk - das
+ist alles! Warme Strümpfe und eine warme Decke, um die ich so sehr
+gebeten, und die dem Kinde so nötig sind, - sie fehlen ganz.«
+
+»Hier scheint ein Brief für Sie zu sein,« sagte Fräulein Güssow und nahm
+ein duftiges rosa Billet von der Erde auf. Wahrscheinlich war dasselbe aus
+dem Muff gefallen, den die Vorsteherin noch in der Hand hielt. Sie erbrach
+das an sie gerichtete Schreiben und las wie folgt:
+
+
+
+
+
+
+»Ich ersuche Sie freundlich, meiner Lilli die Kleinigkeiten unter den Baum
+zu legen. Hoffentlich ist das liebe Herzl recht gesund. Nun ich hab halt
+nit nötig, mich zu sorgen, weiß ich doch das goldene Fischel in so gute
+Händ! - Wollne Strümpf und a Jackerl hab i halt nit mitgeschickt, i wünsch
+das Kind nit zu verwöhnen. Es soll immer a weiß Kleiderl anziehn, - Hals
+frei und Arme frei, - so ist sie's gewohnt, und dabei möcht ich's halt
+lassen.
+
+Geben Sie mein Herzblatterl tausend Schmazerl, und daß es die Mama nit
+vergißt!
+
+Mit dankbaren Grüßen verbleib ich
+
+ Ihre
+ ergebene _Toni Lubauer_.«
+
+
+
+
+
+
+»Weiße Kleider und dünne Strümpfe!« wiederholte Fräulein Raimar
+kopfschüttelnd. »Es ist gut, daß wir für einiges gesorgt haben, ich könnte
+es nicht vor mir selbst verantworten, das kleine Ding so durchsichtig und
+wenig bekleidet zu sehen.«
+
+Die junge Lehrerin stimmte bei und warf einen recht befriedigten Blick auf
+all die schönen und nützlichen Sachen, die auf Lillis Tischchen aufgebaut
+lagen.
+
+Der Gärtner war mit seiner Arbeit fertig und hatte das Zimmer verlassen -
+die Damen zündeten die Lichter des Baumes an, und als auch das geschehen
+war, ergriff die Vorsteherin eine silberne Klingel und läutete.
+
+Wie mit einem Zauberschlage flogen die Flügelthüren auf und die junge
+Schar stürmte herein.
+
+Einen Augenblick standen sie wie geblendet da. So plötzlich aus der
+Dunkelheit in das helle Licht, - der Kontrast war fast zu grell.
+
+Lilli besonders stand wie gebannt da und hielt Ilses Hand krampfhaft fest.
+
+»Komm,« redete Fräulein Raimar sie an, »ich will dich an deinen Tisch
+führen, du bist ja ganz stumm geworden.«
+
+Als das Kind vor seiner Bescherung stand, kehrte seine Lebhaftigkeit
+zurück.
+
+»Die schöne Puppe!« rief es entzückt und schlug die Händchen zusammen.
+
+»Die ist aber halt zu schön! Meine alte Lori ist lang nit so süß! - Und
+ein Strohhüterl hat sie auf - ach Gotterl! und die langen Zopferl! Und ein
+Schultascherl tragt sie am Arm! Bitt schön, Fräulein, darf ich sie in die
+Hand nehmen? Ich möcht sie ganz nah anschaun! Bitt schön, erlaube mir's!«
+
+Fräulein Raimar erfüllte gern die Bitte des Kindes, das behutsam sein
+Püppchen in den Arm nahm.
+
+»Sie kann die Augerl schließen!« fuhr dasselbe fort. »Schau, Fräulein, sie
+will schlafen!« Das Kind war ganz außer sich vor Entzücken bei dieser
+Entdeckung und hielt sein Plappermäulchen nicht einen Augenblick still.
+»Meine Lori hat die Aeugerl immer auf, sie kann nit schlafen, nit wahr,
+Fräulein? Die ist dumm, lang nit so gescheit wie diese. - Hast du mir die
+Puppe geschenkt, Fräulein?«
+
+»Nein,« entgegnete diese, die sich an Lillis jubelnder Freude erquickte.
+»Ilse und Nellie haben sie dir angezogen. Aber sieh einmal, hier hast du
+noch eine Puppe, die hat dir deine Mama geschenkt.«
+
+Kaum einen Blick hatte sie für die kostbare Balldame. »Die ist mir zu
+geputzt,« sagte sie, »die kann ich doch nit in das Bett legen! Die kann
+mein Kind nit sein!« - Und mit der Puppe im Arme lief sie zu Ilse, um sich
+zu bedanken.
+
+Diese aber war sehr beschäftigt. Sie packte ihre Kiste aus und hatte nicht
+Zeit, an etwas anderes zu denken. »Später, Liebling,« sagte sie, und
+fertigte die Kleine mit einem flüchtigen Kuß ab. - Soeben hielt sie einen
+prächtigen rosa Wollstoff in der Hand und Nellie stand neben ihr und
+bewunderte denselben lebhaft.
+
+»O wie süß!« rief sie. »Wie von Spinnweb so fein! Und wie er dir kleidet,«
+fuhr sie fort und hielt den Stoff der Freundin an, »das wird ein schön'
+Tanzstundenkleid! Du wirst dir wie eine Fee darin machen!«
+
+Ilse aber war gar nicht recht vergnügt über das kostbare Geschenk, es
+malte sich sogar etwas wie Enttäuschung in ihren Zügen. Warum mochten die
+Eltern ihre Bitte nicht berücksichtigt, ja nicht einmal eine Antwort
+darauf gegeben haben?
+
+Und Nellie war so gut - so neidlos teilte sie ihre Freude.
+
+So mochte auch Fräulein Güssow denken, die näher getreten war. Sie legte
+den Arm um Nellies Schulter und fragte: »Warum packst du nicht deine
+eigene Kiste aus?«
+
+»Meine Kiste?« wiederholte Nellie. »O Fräulein, Sie spaßen! Für mir giebt
+es das nicht!«
+
+Ilse horchte auf. Einen schnellen, fragenden Blick warf sie der jungen
+Lehrerin zu und diese antwortete mit einem geheimnisvollen Lächeln.
+
+»Wer weiß!« fuhr sie fort, »sieh einmal nach, vielleicht hat eine gütige
+Fee dir etwas beschert.«
+
+Ilse erhob sich schnell aus ihrer knieenden Stellung und nahm die Freundin
+unter den Arm. »Komm,« sagte sie, »wir wollen suchen.«
+
+Kiste an Kiste stand da in der Reihe, jede indes war bereits in Besitz
+genommen, Ilses Auge aber flog voraus. Sie hatte am Ende des Saales eine
+herrenlose Kiste entdeckt, dorthin zog sie Nellie.
+
+Und richtig, da stand mit großen Buchstaben auf dem Deckel: »An Miß Nellie
+Grey.« - Es war kein Zweifel, die Adresse lautete an sie.
+
+»O, was ist dies!« rief Nellie überrascht und ihre Wangen röteten sich,
+»wer hat an mir gedacht? Ist es gewiß für mir?«
+
+»Ja, sie ist wirklich für dich,« versicherte Ilse strahlend, denn nun
+hatte sie erst die echte Weihnachtsfreude, »nimm nur den Deckel hoch.«
+
+Immer noch etwas zögernd folgte Nellie dieser Aufforderung. Welche
+Ueberraschung! Da lag obenauf ein gleicher Stoff in blaßblau, wie sie
+soeben denselben in rosa bei Ilse bewundert.
+
+Und wie sie nun weiter auspackten, jetzt eine jede ihre eigene Kiste, da
+hielten sie sich jubelnd stets die gleichen Herrlichkeiten entgegen. Bald
+war es eine gestickte Schürze, dann kamen farbige Strümpfe an die Reihe,
+Handschuhe, sogar die Korallenkette, die schon lange ein sehnlicher Wunsch
+Ilses war, fehlte bei Nellies Bescherung nicht. Auch die vielen Leckereien
+waren gleichmäßig verteilt.
+
+Ilse hatte in einem Karton mit Briefpapier einen langen zärtlichen Brief
+der Eltern gefunden und als Nellie den ihrigen öffnete, lag auch für sie
+ein kleines Briefchen darin.
+
+
+
+
+
+
+»Meine liebe Nellie,« schrieb Ilses Mama, »ich darf Sie doch so nennen als
+meiner Ilse liebste Freundin? Mein Mann und ich möchten Ihnen so gern
+einen kleinen Beweis geben, wie dankbar wir Ihnen sind für die Liebe und
+Freundschaft, die Sie stets unsrem Kinde zu teil werden ließen. Zwei
+Freundinnen aber müssen auch gleiche Freuden haben - und mit diesem
+Gedanken bitten wir Sie herzlich, den Inhalt der Kiste freundlich
+anzunehmen.
+
+Mit dem aufrichtigen Wunsche, daß Sie auch fernerhin unsrer Ilse eine
+treue Freundin bleiben mögen, grüßt Sie herzlich
+
+ _Anne Macket_.«
+
+
+
+
+
+
+Nellie fiel Ilse um den Hals und vermochte kein Wort hervorzubringen. Die
+Rührung schnürte ihr die Kehle zu - Thränen waren seltene Gäste bei unsrer
+Nellie. Das frühverwaiste Mädchen, das sich von klein auf stets bei
+Verwandten herumdrücken mußte, dem das Sonnenlicht der elterlichen Liebe
+fehlte, hatte das Weinen beinah verlernt. Wer hätte auch auf seine Thränen
+achten sollen?
+
+»Dein Mutter ist ein Engel!« brachte sie endlich, so halb unterdrückt,
+heraus. »Wie soll ich sie für alles danken?«
+
+»Ja, meine Mama ist sehr gut!« bestätigte Ilse, und zum erstenmal stieg
+ein warmes, zärtliches Gefühl für dieselbe in ihrem Herzen auf.
+
+Für sentimentale Stimmungen waren Ilse und Nellie indes nicht angethan,
+und als erstere ein Stück Marzipan der Freundin in den Mund steckte, war
+die Rührung zu Ende. Thränenden Auges verzehrte es Nellie, und dieser
+Anblick kam Ilse so possierlich vor, daß sie lachen mußte, - natürlich
+stimmte Nellie ein.
+
+»Seid ihr fertig, Kinder? Habt ihr alle eure Kisten ausgepackt!« rief
+Fräulein Raimar und unterbrach das Gewirr von Stimmen, das laut und
+lebhaft durcheinander klang.
+
+»Ja, ja!« rief es zurück und nun beeiferte sich eine jede, die heimatliche
+Bescherung vorzuzeigen, und die Vorsteherin blickte in lauter freudig
+erregte und zufriedene Gesichter. Nur Flora sah etwas enttäuscht aus. Sie
+hatte anstatt »Jean Pauls Werke«, die sie sich so glühend gewünscht,
+»Schlossers Weltgeschichte« erhalten mit dem Versprechen vom Papa, daß,
+wenn sie erst reifer für solche Lektüre sei, sie dieses Werk erhalten
+werde.
+
+Reifer! Es klang ihr wie bittrer Hohn. Sie fühlte sich mit ihren sechzehn
+Jahren schon so überreif, daß sie selbst poetische Werke in das Leben rief
+- und sie - sie sollte nicht »Jean Paul« lesen!
+
+Nachdem die Geschenke der Eltern auf eine leer gelassene Tafel aufgebaut
+waren, und nachdem die Mädchen auch diejenigen der Lehrerinnen in Empfang
+genommen hatten, kamen endlich die versiegelten und verpackten
+Ueberraschungen an die Reihe.
+
+Da kamen denn allerhand drollige Dinge zum Vorschein und der Jubel und das
+Lachen wollten kein Ende nehmen.
+
+Flora hatte soeben einen langen, blauen Strumpf aus zahllosen Papieren
+herausgewickelt und hielt ihn hoch in der Hand. Etwas verwundert drehte
+sie diese wunderbare Gabe nach allen Seiten, die ironische Anspielung fiel
+ihr nicht sogleich ein.
+
+»Ein Strumpf?« fragte sie, »was soll ich damit?«
+
+»Er ist dein Wappen, lieber Blaustrumpf,« belehrte sie Orla. »Die Idee ist
+wirklich famos!«
+
+»Er ist von dir!« beschuldigte sie Flora.
+
+»Leider nein,« entgegnete Orla.
+
+Annemie lachte so laut und herzhaft, daß sie sich als die Geberin verriet.
+
+»Bist du mir böse, Flora?« fragte sie gutmütig.
+
+ [Illustration]
+
+Sonderbare Frage! Ganz im Gegenteil, Flora fühlte sich höchst
+geschmeichelt, daß man sie zu den Blaustrümpfen zählte. Der gestickte
+Schlips, den Annemie in den Strumpf versteckt hatte, erfreute sie nicht
+halb so wie die dichterische Anerkennung. - In bester Stimmung löste sie
+jetzt den Bindfaden von einem Pappkasten. Derselbe war eng damit
+umschnürt. Auf dem Deckel war ein Weinglas gemalt und mit großen
+Buchstaben stand »Vorsicht« daneben geschrieben.
+
+Ganz behutsam nahm sie denn auch den Deckel ab, warf die Papierschnitzel
+heraus und fand in feines Seidenpapier eingeschlagen ein zerbrochenes Herz
+von Bisquit!
+
+»Wie abscheulich von dir, Nellie!« rief sie gekränkt und wandte sich
+sofort an die richtige Adresse. Das Herz warf sie achtlos beiseite.
+
+»Nicht so hitzig, Flora,« riet Grete, »sieh doch das zerbrochene Herz erst
+näher an.«
+
+Zögernd entschloß sie sich dazu, und als sie ein reizendes, kleines
+Toilettekissen höchst künstlich verborgen entdeckte, söhnte sie sich
+einigermaßen mit der bösen Nellie aus.
+
+Aber nicht Flora allein, auch all die übrigen mußten manche kleine
+Neckerei in den Kauf nehmen, so manche schwache Seite wurde an das
+Tageslicht gefördert und schonungslos gegeißelt. Die Vorsteherin wachte
+darüber, daß diese Reibereien stets in den Grenzen des Scherzes blieben;
+im allgemeinen hielt sie dieselben für ein gutes Mittel, sich gegenseitig
+auf die Fehler aufmerksam zu machen, es half oft mehr als alle ernsten
+Ermahnungen.
+
+Nellie stand vor einem großen Berg Eßwaren, die sie aus ihren Paketen, in
+welchen sie außer einem kleinen Geschenke immer noch nebenbei allerhand
+Süßigkeiten fand, herausgewickelt hatte.
+
+Schokolade, Marzipan, Apfelsinen, Rosinen und Mandeln, Lebkuchen, und in
+einem reizenden Kasten von Porzellan zwei saure Gurken. Diese waren eine
+besondere Lieblingsspeise von ihr.
+
+Sie lachte und fragte, ob sie ein so hungrig Mädchen sei. »O, da ist ja
+noch ein Paket,« fuhr sie fort, »was für ein leckerer Bissen wird wohl
+darin sein?«
+
+Aber sie irrte sich, diesmal kam ein Buch zum Vorschein und wie sie es
+aufschlug, las sie auf dem Titelblatte: »Deutsche Grammatik.« Ein Blatt
+Papier mit einem kleinen Gedichte lag dabei. Nellie las es vor.
+
+ »Lerne fleißig die deutsche Sprache -
+ Willst du begreifen holde Poesie.
+ Dies Buch ist einer Verkannten Rache,
+ Die du verstanden hast noch nie!«
+
+»Flora!« rief Nellie. »Du hast mir mit deine edle Rache sehr beschämt! Ich
+werde lernen aus dieser Buch und dir verstehen! - Komm, gieb dein' Hand,
+ich verspreche dich, daß ich nie wieder dein' holde Poesie auslachen will,
+und wenn sie voll lauter zerbrochene Herzen ist.« -
+
+Orla hatte unter anderm einen Klemmer erhalten und - o Schrecken! auch ein
+Etui mit Cigaretten. Fräulein Raimar stand neben ihr und sah das
+verräterische Ding.
+
+»Was ist denn das?« fragte sie. »Ich will nicht hoffen, Orla, daß du wie
+eine Emanzipierte rauchst! Du würdest mich sehr erzürnen, wenn das der
+Fall wäre. Doch,« unterbrach sie sich, »wie komme ich dazu, einen Scherz
+für Ernst zu nehmen, am Weihnachtsabend sind dergleichen Witze erlaubt.«
+Leiser und nur für die Russin vernehmbar setzte sie hinzu: »Ich habe das
+feste Vertrauen zu dir, daß du niemals rauchen wirst!«
+
+Die Angeredete schwieg und senkte die Augen. Der Tadel traf die Wahrheit,
+sie hatte wirklich manchmal im Verborgenen eine Cigarette geraucht. War es
+doch in ihrer Heimat nichts Auffallendes, wenn eine Dame sich ein kleines
+Rauchvergnügen machte.
+
+Innerlich schalt sie die Pedanterie der Deutschen, der sie eine so
+harmlose Freude zum Opfer bringen mußte, denn niemals würde es ihre
+Wahrheitsliebe gestattet haben, gegen das Verbot der Vorsteherin zu
+sündigen, - mit einiger Ueberwindung reichte sie derselben die Cigaretten.
+
+»Bitte, bewahren Sie mir dieselben,« bat sie und lächelnd fügte sie hinzu:
+»Damit ich nicht in Versuchung komme ...«
+
+Melanie liebäugelte mit einem zierlichen Handspiegel. Sie freute sich sehr
+über denselben, noch mehr aber über ihr eignes Bild, das ihr
+entgegenlachte.
+
+Grete blickte ihr über die Schulter. »Das ist eine Anspielung auf deine
+Eitelkeit, Melanie! Ich habe nichts bekommen, was mich ärgern oder wodurch
+ich mich getroffen fühlen könnte!«
+
+»Nun glaubst du dich wohl fehlerfrei, liebe Grete!« spottete Melanie.
+»Bilde dir das ja nicht ein, liebes Kind, du bist noch längst kein
+vollkommnes Wesen. Es giebt sehr vieles an dir auszusetzen!«
+
+Und als ob ihre Worte sofort in Erfüllung gehen sollten, rief Fräulein
+Güssow: »Grete, da steht noch eine vergessene Schachtel auf deinem Platze!
+Du hattest Papier darauf geworfen und wirst sie deshalb übersehen haben!«
+
+Vergnügt und erwartungsvoll öffnete Gretchen die Schachtel. O weh! als sie
+den Deckel abhob, lachte ein glänzendes, zierlich gearbeitetes
+Vorlegeschloß sie boshaft an.
+
+»Das ist eine Anspielung für dich, teures Plappermäulchen!« rief Melanie
+mit schwesterlicher Schadenfreude, und hielt das Schloß an Gretes Lippen.
+
+»So, damit du in Zukunft hübsch schweigst und nicht so vorlaut bist.«
+
+Unwillig wandte Grete sich ab, sie war gar wenig erbaut von der
+Ueberraschung. Sie warf das Schloß wieder in die Schachtel, schloß den
+Deckel und verriet durch ihre Empfindlichkeit, wie sehr sie sich getroffen
+fühlte ....
+
+Ilse hatte aus einer mächtigen Kiste, die bis obenhin mit Heu gefüllt war,
+einen Hund herausgeholt. Keinen lebendigen, o nein! es war nur einer aus
+Pappe. Braun sah er aus und hatte weiße Pfötchen. Um den Hals trug er
+einen Zettel am roten Bande, auf welchem mit großen Buchstaben »Bob«
+geschrieben stand.
+
+»Orla!« erriet Ilse sofort. Dieselbe hatte sie oft genug mit ihrem Hunde
+aufgezogen. Es kam ihr jetzt selbst recht lächerlich vor, wenn sie sich
+ihren Einzug in der Pension mit Bob auf dem Arme ausmalte. Wie einfältig
+war sie gewesen - wie unnütz hatte sie den armen Papa gequält! - Ilse
+hatte noch eine Ueberraschung, bei der sie fast erschrak. In einem
+reizenden Arbeitskorbe fand sie mehrere Aepfel von Marzipan.
+
+Nellie stand neben Ilse und flüsterte ihr zu: »Diese sind Aepfel von der
+Baum - weißt du noch?«
+
+Als die Angeredete ängstlich zur Seite blickte, fuhr sie beruhigend fort:
+»Du darfst nicht Angst haben, niemand hört uns.«
+
+Sie hatte recht. Die Aufmerksamkeit aller war auf einen Vogelbauer
+gerichtet, in welchem eine lebendige Lachtaube saß. Annemie hielt
+denselben höchst angenehm überrascht in der Hand.
+
+»Nun könnt ihr um die Wette lachen,« scherzte die Vorsteherin, »denn das
+Täubchen darfst du behalten und in deinem Zimmer aufhängen. Aber vergiß
+niemals, Annemie, daß du das Tierchen regelmäßig füttern mußt, hörst du?«
+
+So erhielt eine jede ihre scherzhafte Rüge, nur Rosi nicht. Sie zerbrachen
+sich den Kopf, um einen Tadel an ihr zu entdecken, aber zu ihrem Bedauern
+fanden sie keinen. »Ganz ohne Scherz darf sie nicht sein,« erklärte
+Nellie, ging hin und kaufte ein Bilderbuch, auf dessen Titelblatt in
+goldenen Buchstaben drei Worte glänzten: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Für artige Kinder{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. - »Dies paßt
+sehr für ihr,« sagte sie, und die übrigen Mädchen stimmten ein.
+
+Rosi nahm das Buch, lächelte und legte es beiseite. Sie konnte nicht so
+recht begreifen, was es bedeuten sollte ....
+
+Nachdem die Bescherung zu Ende und nachdem auch für die beiden Damen ein
+Tisch mit allerhand selbstgearbeiteten Sachen ausgebaut war, wurde der
+Thee eingenommen und kurze Zeit darauf zur Ruhe gegangen. Lilli wurde es
+schwer, sich von ihren schönen Sachen zu trennen, sie wollte nicht zu Bett
+gehen, aber der Sandmann kam und streute ihr den Schlaf in die Augen.
+Schlafend wurde sie entkleidet und in ihr Bett, das in Fräulein Güssows
+Zimmer stand, getragen.
+
+Und nun wurde es still und dunkel im Hause. Der schöne Christabend war zu
+Ende mit seiner frohen Erwartung, seinem Lichterglanze ....
+
+Ob wohl der Baum im nächsten Jahre für alle wieder angezündet wird, die
+heute unter ihm versammelt waren? -
+
+ * * *
+
+Nun war alles wieder im alten Geleise! Der Unterricht hatte begonnen und
+Miß Lead war wenige Tage nach Neujahr von ihrer überseeischen Reise
+zurückgekehrt. Sie hatte sechs junge Engländerinnen mitgebracht, die kein
+Wort Deutsch verstanden und sehr viel Heimweh hatten.
+
+Nellie versuchte es, sie zu trösten, aber sie verschlossen sich starr
+gegen jedes Trosteswort, sie fühlten sich unglücklich im fremden Lande.
+Sie wollten nicht Deutsch lernen, sie haßten diese Sprache und die
+Menschen, erklärten sie. Lange Jammerbriefe sandten sie in die Heimat, in
+denen sie die Angehörigen himmelhoch baten, sie wieder zurückkehren zu
+lassen.
+
+Es war diese Art und Weise nichts Auffallendes und nichts Neues. Fräulein
+Raimar legte keinen Wert darauf, ähnliche Erfahrungen machte sie stets mit
+den Engländerinnen. Es war schon vorgekommen, daß diese oder jene sich
+vornahm, zu verhungern, und Speise und Trank hartnäckig verweigerte. Vor
+Hunger gestorben war indes noch keine, wenn der Magen zu energisch sein
+Recht verlangte, entsagten sie dem Hungertode.
+
+»Ich mag meine Landsmänner gar nicht sehr!« bemerkte Nellie eines Tages zu
+Ilse. »Die Deutsche liebe ich mehr. Ich will nicht zurück in meine
+Heimat.«
+
+»Landsmänner!« wiederholte Ilse. »Gleich sage einmal, wie es richtig
+heißt. Neulich habe ich es dir erst gesagt.«
+
+»O ja, ich weiß, Landsfrauen heißt es,« verbesserte sich Nellie.
+
+»Du bist klassisch!« lachte Ilse laut. »Lands-männ-innen heißt es. Sag
+einmal nach - so - und nun vergiß dieses Wort nicht wieder, du liebe,
+englische Deutsche! Du bist auch ganz anders wie deine Landsmänninnen,
+lange nicht so steif, so zurückhaltend und so hochmütig wie die! Sie sehen
+immer auf uns herab, als ob sie sagen wollten: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Gott sei Dank, daß ich
+keine Deutsche bin!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}«
+
+»O nein!« wehrte sich Nellie, in der plötzlich der Nationalstolz wach
+wurde, »so schlimm darfst du nicht sagen! Es hat den Schein, daß sie
+hochmütig sind, weil sie dir nicht verstehen, sie macht ein fremdes
+Gesicht, weiter nix!«
+
+»Sie sind hochmütig, Nellie!« neckte Ilse. »Entschuldige deine
+langweiligen Engländerinnen nicht. Eben sagtest du selbst, daß du sie
+nicht leiden möchtest.«
+
+Das gestand Nellie zu. Sie meinte aber, sie selbst könne so sprechen, ein
+gleiches Urteil aus einem andern Munde könne und dürfe sie nicht anhören.
+Sie wolle es auch nicht.
+
+»Du bist doch aber ganz wunderlich, Nellie,« lachte Ilse, »Doktor Althoff
+würde sagen: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie haben verdrehte Ansichten, Miß Nellie.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}«
+
+»O nein,« entgegnete Nellie eifrig und leicht errötend, »Doktor Althoff
+würde mir verstehn. Er weiß, wie es in mein Herz aussieht!«
+
+Das kam Ilse äußerst komisch vor und sie neckte die Freundin damit sehr.
+»Er hätte viel zu thun, wenn er in alle eure Herzen blicken wollte!« rief
+sie lachend, »und wenn er sich wirklich einmal die Mühe gäbe, so würde er
+euch schön verhöhnen, dich und alle die andern, die ihr für ihn
+schwärmt.« -
+
+Ilse lernte jetzt mit rechtem Eifer und schon längst war ihr das Arbeiten
+keine Last mehr. Das Zeichnen machte ihr besondre Freude, und seitdem der
+Papa so glückselig über die ihm geschenkte Rose geschrieben, strebte sie
+darnach, auch das zu erreichen, was derselbe in seiner blinden Liebe zu
+ihr schon erreicht sah. Er hielt sie bereits für eine Künstlerin und mit
+Stolz hatte er ihr geschrieben, daß er die Rose habe einrahmen lassen und
+daß sie nun über seinem Schreibtisch hänge. Ilse war gar nicht damit
+einverstanden, sie wußte ja genau, wie der zärtliche Papa jeden Besuch,
+der zu ihm kam, zu ihrem schwachen Erstlingswerk führen werde.
+
+Auch die Mama war hocherfreut über Ilses Weihnachtsgeschenke gewesen. Sie
+gaben ihr ein glänzendes Zeugnis von deren Fortschritten und der Ausdauer,
+die der Wildfang bis dahin nicht gekannt hatte. Die größte Freude indes
+hatte sie an Ilses Dankesbrief gehabt. Es war das erste Mal, daß sie in so
+herzlich warmer Weise das Wort an sie richtete und Frau Annes Augen
+füllten sich mit Thränen freudiger Rührung. Sie fühlte jetzt bestimmt, daß
+die Zukunft ihr Ilses volle Liebe bringen werde. -
+
+Die längst ersehnten Tanzstunden hatten bereits seit vierzehn Tagen
+begonnen und brachten etwas Abwechselung in das gleichmäßige
+Pensionsleben. Zweimal in der Woche kam von sechs bis acht Uhr abends der
+Tanzlehrer mit einer Geige und unterrichtete im großen Saale.
+
+Nicht alle Zöglinge nahmen teil daran. Die kleineren Mädchen nicht und
+auch die Engländerinnen schlossen sich aus, sie verstanden noch zu wenig
+Deutsch, auch konnten sie vorläufig keinen Geschmack an den einförmigen
+Pas finden. Melanie konnte das freilich auch nicht und fand bis jetzt die
+Tanzstunde {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}furchtbar öde{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}.
+
+»Es ist ein furchtbar langweiliges Vergnügen, diese Hüpferei,« äußerte sie
+auf einem Spaziergange zu Flora, »wozu diese Pas - diese Verbeugungen? Wir
+können doch alle schon tanzen, und wie wir uns zu verbeugen haben - und
+grüßen müssen, das wissen wir doch erst recht. Wir sind doch erwachsene
+Mädchen!«
+
+»Ach!« seufzte Flora und ein schwärmerischer Blick glitt seitwärts über
+den spiegelglatten Teich - zu den schlittschuhlaufenden Gymnasiasten
+hinüber - »ach! das möchte noch alles gehen. Das Fürchterlichste ist doch,
+daß wir zwei volle Monate ohne Herren tanzen müssen!«
+
+»Wie furchtbar öde!« Melanie rief es ordentlich entrüstet. »Man behandelt
+uns wahrhaftig mit puritanischer Strenge! Ohne - Herren! Es ist kaum zu
+glauben!«
+
+»Ja, mit puritanischer Strenge!« wiederholte Flora, der dies Wort
+außerordentlich gefiel. »Ich begreife nicht, warum uns der Verkehr mit den
+Herren so lange entzogen wird. Man behandelt uns eben wie Kinder!«
+
+Die {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}furchtbar öden{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Monate gingen indessen auch zu Ende und Fräulein
+Raimar schickte Einladungen aus an junge, wohlerzogene Herren, die das
+Gymnasium besuchten, und ersuchte sie, die letzten vier Wochen an dem
+Tanzunterrichte teilzunehmen.
+
+Mit welcher Freude diese Einladungen begrüßt wurden, brauche ich nicht zu
+sagen. Die jungen Leute schätzten es sich zur besonderen Ehre, zu den
+Tanzabenden in der Pension zugezogen zu werden. Diesmal brannten sie
+besonders darauf, weil sie behaupteten, daß noch niemals so hübsche
+Mädchen in dem Institute gewesen seien. Sie kannten dieselben von Ansehen
+sehr genau, denn, wenn irgend möglich, suchten sie ihnen auf den
+Spaziergängen zu begegnen. Nun sollten sie mit ihnen tanzen, sich mit
+ihnen unterhalten dürfen, es war zu famos!
+
+»Ihr werdet heute abend zum ersten Male mit Herren tanzen, Kinder,«
+kündigte Fräulein Raimar eines Mittwochs bei der Mittagstafel an. Und als
+sie bemerkte, wie vergnügt die meisten diese frohe Botschaft
+entgegennahmen, fügte sie hinzu: »Ich hoffe, daß ihr euch nicht zu lebhaft
+mit den jungen Leuten unterhalten werdet! Vergeßt nicht, daß dieselben nur
+des Tanzes, nicht der Unterhaltung wegen da sind!«
+
+Annemie kamen diese Ermahnungen so komisch vor, daß sie zu kichern anfing.
+Ein strafender Blick traf sie dafür.
+
+»Für dich sind meine Worte besonders gesprochen, Annemie,« nahm die
+Vorsteherin wieder das Wort, »ich fürchte, du wirst dich durch dein
+albernes Lachen auffallend machen, hüte dich davor. Und dich, Grete,
+ermahne ich ernstlich, nicht so viel zu schwatzen. Ueberlege erst, was du
+sagen willst, damit kein Unsinn herauskommt.«
+
+So und in ähnlicher Weise warnte und ermahnte sie ihre jungen Zöglinge,
+die in ihrer erwartungsvollen Aufregung heute nur mit halbem Ohre hörten,
+was ihnen so eindringlich vorgestellt wurde. Viel wichtiger erschien ihnen
+die Frage: »Was werdet ihr heute abend anziehen? Womit werdet ihr euch
+schmücken?«
+
+Sie hatten auch kaum das Speisezimmer verlassen, als sie die Treppen
+hinaufstürmten, um in Orlas und der Schwestern Zimmer eine große Beratung
+zu halten.
+
+Melanie holte einen großen Pappkasten hervor und fing an, Blumen und
+Bänder herauszukramen. Sie hatte sich vor den Spiegel gestellt und hielt
+eine Rose in ihr schönes aschblondes Haar.
+
+»Wie findet ihr diese Rose?« fragte sie. »Bitte, seht doch einmal! Kümmert
+sich denn kein Mensch um mich?« rief sie laut und ungeduldig den
+Durcheinanderschwatzenden zu und stampfte sogar etwas mit dem Fuße auf.
+
+»Sie steht dir gut, Melanie,« antwortete Rosi, die eben erst eingetreten
+war und die letzten Worte hörte, an ihre eigene Toilette dachte sie nicht.
+»Das dunkle Rot in deinem blonden Haar sieht prächtig aus!«
+
+»Du hast nicht viel Geschmack, liebste Rosi. Nimm mir nicht übel, daß ich
+es dir frei heraussage,« fertigte Melanie die Aermste ab. »Orla, bitte,
+gieb du dein Urteil ab.«
+
+Die Russin galt als die eleganteste, deren Toilette stets am
+geschmackvollsten war. Mit Kennermiene musterte sie denn auch Melanie.
+
+»Die dunkle Rose ist zu grell,« entschied sie, »für dein Haar paßt eine
+blaßrote besser. Uebrigens, was willst du denn anziehen? Das ist doch am
+Ende die Hauptsache und darnach mußt du die Blumen wählen.«
+
+»Mein blaues Batistkleid, denke ich.«
+
+»Dein bestes Kleid!« rief die vorlaute Grete erstaunt. »Gut, dann ziehe
+ich mein geblümtes an!«
+
+Gerade wie die Verhandlungen am lautesten waren, öffnete sich die Thür und
+Fräulein Güssow trat ein.
+
+»Fräulein Raimar läßt euch sagen, ihr möchtet heute abend eure
+Sonntagskleider tragen,« verkündete sie.
+
+»O! ...« Langgedehnt und unzufrieden kam es über Melanies Lippen. »O,
+Fräulein Güssow, die alten, dunklen Kleider! Die hellen sind so viel
+besser!«
+
+Aber es blieb bei den Wollkleidern. Gegen das Machtgebot der Vorsteherin
+galt kein Widerstreben.
+
+Bevor sie in den Tanzsaal hinuntergingen, fanden sich die Mädchen noch
+einmal bei Orla ein. Diese hielt erst eine allgemeine Musterung über die
+Toiletten, besserte hier und dort und verstand es, durch eine Kleinigkeit
+dem einfachsten Anzuge einen netten Anstrich zu geben.
+
+Melanie hatte sich nach besten Kräften elegant herausgeputzt. Ein weißes
+Spitzenfichu schmiegte sich in weichen Falten um ihren Hals, und eine
+blaßrote Rose, seitwärts an demselben befestigt, kleidete sie ganz
+allerliebst. Sie war tadellos und sah trotz des einfachen braunen Kleides
+sehr geputzt aus.
+
+An Gretes ungeschickter Figur war nicht viel zu ändern. Lange Arme, große
+Füße, schlechte Haltung und dicke Taille, das waren Dinge, die leider
+nicht zu verbergen waren, auch trugen die ungraziösen Bewegungen durchaus
+nicht zur Verschönerung bei.
+
+»Für dich ist die dunkle Tracht ganz vorteilhaft,« meinte Orla, indem sie
+eine dicke Korallenkette aus ihrem Schmuckkasten nahm und sie dem darüber
+hocherfreuten Gretchen um den Hals schlang. »So, die will ich dir leihen,
+damit du nicht zu einfach aussiehst.«
+
+Flora unterwarf sich keiner Musterung, sie fand es unnütz, da ihr
+Geschmack weit eigenartiger sei als Orlas. Sie hatte mit endloser Mühe
+eine griechische Haartour zurechtgebracht. Im Nacken trug sie ihr Haar im
+Knoten, mit einigen herausfallenden Locken, vorn hatte sie dasselbe mit
+einem schwarzen Sammetbande, das mit weißen Perlen benäht war, dreimal
+abgebunden. In die Stirn fielen gekräuselte Fransen.
+
+Sie fand sich entzückend, diese Haartour söhnte sie sogar mit dem grünen
+Wollkleide aus, in dem sie lang und schlank wie eine wirkliche
+Hopfenstange aussah.
+
+Rosi hatte sich nicht besonders geschmückt. Ihr schwarzes Kaschmirkleid
+war unverändert geblieben. Eine weiße Spitze am Halsausschnitt,
+zusammengehalten von einer Spitzenschleife, die einen silbernen Pfeil
+trug. So ging sie Sonntags gekleidet und Fräulein Raimars Vorschrift
+lautete, daß sie sich heute sonntäglich kleiden sollten.
+
+»O Gott, wie hausbacken siehst du aus, Rosi! Als ob du in die Kirche gehen
+wolltest, so ernst und feierlich!« rief Orla. »Hast du denn nicht ein
+farbiges Band anstatt der weißen Schleife?«
+
+Sie hatte keins und jetzt half Melanie aus. Bereitwillig lieh sie Rosi
+eine ganz neue rosa Atlasschleife und freute sich herzlich, wie furchtbar
+nett sie derselben stand.
+
+»Betrachte dich nur einmal,« sagte sie und hielt ihr den Handspiegel vor
+die Augen. »Nun, was meinst du dazu? Nicht wahr, jetzt siehst du nicht
+mehr aus wie {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Gottesfurcht vom Lande{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}!«
+
+»Die Schleife gefällt mir wohl gut,« meinte Rosi, »aber es ist mir ein
+peinliches Gefühl, geliehene Sachen zu tragen.«
+
+»_O sancta simplicitas!_« rief die geniale Flora. »Kind, du gehst in
+deiner Pedanterie wirklich zu weit! Unter Freundinnen herrscht Gleichheit,
+da kann von geliehenen Sachen keine Rede sein!«
+
+Und um dies Wort gleichsam zur That zu machen, griff sie in Melanies
+offenstehenden Blumenkasten, nahm eine feuerfarbene Nelke heraus und
+befestigte dieselbe an ihrem Gürtel.
+
+»Du erlaubst doch, Melanie?« fragte sie so nebenhin, »die rote Farbe steht
+mir wirklich brillant!« und mit einem wohlgefälligen Blick betrachtete sie
+sich in dem Spiegel.
+
+»Nellie und Ilse, wo bleiben sie nur?« fragte Orla.
+
+Eben traten sie ein. Beide waren geschmackvoll gekleidet. Nellie im
+schottischen Kleide, am Hals und den Aermeln mit echten Spitzen garniert,
+sah graziös und vorteilhaft aus, ebenfalls Ilse, die über ihr blaues Kleid
+einen breiten Spitzenkragen gelegt hatte. Darüber trug sie die
+Korallenkette, mit welcher auch Nellie sich geschmückt hatte.
+
+»Schnell noch diese Margueriten in dein Haar!« rief Melanie und machte
+Miene, dieselbe Ilse in ihren Locken zu befestigen. Aber die wehrte es ab.
+
+»Geh mit deinen Blumen!« entgegnete sie abwehrend, »ich mag die toten,
+nachgemachten Dinger nicht leiden!«
+
+»Wie du willst,« sagte Melanie etwas schnippisch und warf die verschmähten
+Gänseblümchen wieder in den Kasten.
+
+Die Mädchen verließen das Zimmer und stiegen die Treppe hinunter.
+
+»Orla ist doch die eleganteste von uns,« bemerkte Melanie nicht ohne einen
+Anflug von Neid zu Nellie, und musterte die vor ihr Gehende, die
+allerdings in der blauen Samttaille und einem gleichfarbig seidenen Rocke
+höchst vornehm erschien. »Freilich in Samt und Seide kleiden mich meine
+Eltern nicht, so reich sind wir nicht.«
+
+»Thut nix!« erwiderte Nellie, »man muß mit weniges auch zufrieden sein!«
+
+»Bitte, bitte - wartet einen Augenblick!« rief es plötzlich hinter ihnen.
+
+Annemie war es, die in voller Eile allen nachgelaufen kam. »Ich bin noch
+nicht ganz fertig,« fuhr sie atemlos fort, »ich kann aber nichts dafür!
+Als ich mein Kleid überzog, riß ein Band irgendwo, - nun hängt der eine
+Zipfel vom Ueberwurfe bis auf die Erde. Bitte, seht einmal nach!«
+
+Alle waren stehen geblieben und betrachteten Annemie. Nellie, praktisch
+wie immer, untersuchte gleich, wo der Schaden saß.
+
+»Komm her,« sagte sie, »ich werde dir ausbessern. Aber ein Nadel und Faden
+muß ich haben, dann nähe ich dir gleich mit weniger Stich in Ordnung.«
+
+»Sei nicht umständlich,« meinte Flora. »Hier hast du eine Stecknadel,
+damit wirst du es ebenso gut machen können. Wie manchmal habe ich mir
+schon ein Band oder einen kleinen Riß schnell mit der Nadel gesteckt.«
+
+Aber davon wollte die Engländerin nichts wissen. Sie nahm Annemie mit in
+ihr Zimmer und nähte die wenigen Stiche.
+
+»Bitte, liebe, gute Nellie, mir ist hier am Aermel ein Endchen Spitze
+abgerissen, willst du mir nicht die gleich annähen? Du bist auch ein
+Engel!«
+
+Nellie brachte auch diesen Schaden in Ordnung, und als sie fertig war,
+zupfte sie an Annemie hier und dort zurecht, nichts saß an der kleinen,
+runden Lachtaube, wie es sitzen mußte. Die Handschuhe waren nicht
+zugeknöpft, die Halskrause saß schief und an dem halbhohen Lackschuh
+fehlte ein Knöpfchen.
+
+»Du bist aber ein sehr unordentlich' Mädchen, liebes Lachtaube,« schalt
+Nellie, »aber ich kann dich nicht helfen, du mußt mit deiner abgerissener
+Knopf gehen. Es schlägt sechs, wir müssen pünktlich erscheinen.«
+
+Die übrigen Mädchen hatten an der Treppe gewartet, jetzt gingen alle
+zusammen hinunter und an der Thür des Saales blieben sie stehen, sie
+hatten mit einem Male keinen Mut, hineinzugehen.
+
+»Ich höre sprechen,« sagte Orla gedämpft, »ich glaube, die Herren sind
+schon da.«
+
+Sie legte das Ohr an die Thür und horchte.
+
+»Wirklich, sie sind da!« bestätigte sie.
+
+»Lass' mich durchs Schlüsselloch sehen, Orla,« bat die neugierige Flora
+und schob die erstere leicht beiseite.
+
+Sie beugte den Kopf, als sie das Auge an die Thür legen wollte, packte
+Grete der Uebermut, so daß sie Flora einen Stoß gab und diese mit dem
+Haupte gegen die Thür flog. Das war ein Schreck! Wie der Wind flogen alle
+bis an das andre Ende des Vorsaals, - wenn Fräulein Raimar das Geräusch
+gehört hätte! »Dann sind wir einfach furchtbar blamiert,« erklärte Melanie
+und schalt Grete albern und ungezogen.
+
+»Du bist ein Tollpatsch, Grete, im höchsten Grade ungebildet!« sagte Flora
+entrüstet, und Annemie lachte, daß ihr die hellen Thränen über die Wangen
+liefen.
+
+»Sei mir nicht böse, daß ich dich auslache, Flora,« sagte diese, »aber ich
+kann nicht anders. Du sahest zu komisch aus und machtest ein so entsetztes
+Gesicht, als du mit deinem griechisch frisierten Kopf gegen die Thür
+flogst.«
+
+Fräulein Raimar hatte wirklich ein Klopfen an der Thür vernommen, sie
+öffnete dieselbe, und als sie die Mädchen stehen sah, rief sie ihnen zu,
+sich zu beeilen.
+
+Das war ein kritischer Moment. Unbemerkt stießen sie sich untereinander an
+und stritten sich leise, wer die erste sein solle.
+
+»Du mußt vorangehen, Orla, du bist die älteste,« flüsterte Ilse.
+
+»Ich bin die jüngste, ich komme zuletzt!« rief Grete, die sonst immer mit
+ihrem Munde die erste war.
+
+»Laß mich die letzte sein, Grete,« bat Annemie, »ich habe mich noch nicht
+ausgelacht.«
+
+Rosi war die verständige, wie immer. »Komm, Orla,« sagte sie, »wir dürfen
+Fräulein Raimar nicht warten lassen. Wir benehmen uns überhaupt höchst
+kindisch, finde ich. An allem ist Gretes Albernheit schuld.«
+
+Das gute Beispiel der beiden Aeltesten wirkte wohlthuend auf die übrigen.
+Sie nahmen sich zusammen und gingen ruhig und ernst in den Saal.
+
+»Meine Damen, erlauben Sie, daß ich Ihnen die Herren vorstelle,« mit
+diesen Worten empfing sie der Tanzlehrer. Es folgten Verbeugungen von
+beiden Seiten.
+
+Flora schwamm in Seligkeit, sie hatte unter den Herren einen Primaner
+erkannt, für den sie bereits längst im Geheimen schwärmte. Erst kürzlich
+hatte sie ihn als Apoll in Jamben besungen.
+
+Fräulein Güssow stand neben der Vorsteherin und hatte ihre Freude an den
+jungen Mädchenblüten. An Ilse hing ihr Auge am zärtlichsten. Wie reizend
+hatte sich ihr Liebling entfaltet! Körperlich und seelisch. Wie viel
+gleichmäßiger war das stürmische Kind geworden. Wo war der böse Trotz
+geblieben?
+
+Sie verglich Ilse mit den übrigen und fand, daß sie nicht allein die
+hübscheste, sondern auch weit natürlicher und unbefangener war, als die
+meisten andern. Keine Spur von Koketterie äußerte sich in ihrem Wesen,
+frei und fröhlich blickte sie mit den großen Kinderaugen in die Welt und
+schien die glückliche Frage auszusprechen: »Liebe Welt, bist du immer so
+schön?«
+
+Melanies Züge waren regelmäßiger, aber längst nicht so unbewußt lieblich,
+man merkte dem hübschen Mädchen an, daß sie schon gar zu oft den Spiegel
+um seine Meinung befragte.
+
+Flora und Melanie standen beisammen und machten ihre Bemerkungen über die
+Herren, zu denen sie verstohlen hinüber schielten. Natürlich gaben sie
+sich den Schein, als ob sie sich gar nicht um dieselben kümmerten.
+
+Orla war aufrichtiger. Sie hatte den Klemmer auf die Nase gesetzt und
+betrachtete die Jünglinge ganz ungeniert. Später erhielt sie einen Tadel
+deswegen von der Vorsteherin.
+
+Grete und Annemie hatten sich in eine Fensternische gesetzt und kicherten
+und schwatzten das dummste Zeug. Sogar Nellie war nicht ganz frei von
+einer harmlosen Gefallsucht. Sie hatte sich so zu setzen gewußt, daß ihr
+kleiner, schmaler Fuß im Goldkäferstiefel wie absichtslos unter ihrem
+Kleide hervorsah. Rosi war natürlich weder kokett, noch empfand sie die
+geringste Erregung. Ruhig und freundlich, wie immer, saß sie da, und so
+tadellos gerade hielt sie sich, daß sie auch in der Tanzstunde das
+Musterkind für die andern war.
+
+»Anfangen!« rief der Tanzlehrer und klatschte in die Hände.
+
+Und das Orchester, das aus einem Klavier und einer Geige bestand, begann.
+
+Wie herrlich klang die Musik den jungen, unverwöhnten Ohren, wie
+»furchtbar entzückend« fanden sie die Walzerklänge. -
+
+»Bitte die Herren, sich zu engagieren!« kommandierte der Tanzlehrer, und
+wie von einem Zauberstabe berührt stürzten die tanzlustigen Jünglinge auf
+die Dame zu, die sich ein jeder bereits still und verschwiegen als Ziel
+seiner Wünsche ausgesucht hatte.
+
+Vor der blendenden Melanie verbeugten sich zugleich drei Herren. Welch ein
+Triumph für ihr eitles Herz! - Leider konnte sie nicht mit allen dreien
+auf einmal tanzen und mußte sich mit der Genugthuung begnügen, daß alle
+Anwesende doch sicher diese Auszeichnung bemerkt hatten. - Alle wohl
+nicht, aber Flora und Grete hatten sie bemerkt und mußten die schmerzliche
+Erfahrung machen, daß die Verschmähten zu ihnen kamen, um sie zu erlösen.
+Sie waren von all den jungen Damen die allein Uebriggebliebenen. Flora
+fühlte sich besonders tief gekränkt und mit neidischen Blicken folgte sie
+Ilse, die eben mit »Apoll« an ihr vorüberwalzte.
+
+Recht lebhaft war die Unterhaltung am ersten Herrenabend nicht. Die
+Gegenwart der Vorsteherin, ihre beobachtenden Blicke legten einigen Zwang
+auf. Nellie, die sich sehr zusammennahm, um ja keinen Sprachfehler zu
+machen, war ganz besonders schweigsam, und einige Male, als sie angeredet
+wurde und sich recht gewählt ausdrücken wollte, brachte sie die
+drolligsten Dinge zum Vorschein.
+
+Ein junger Mann erzählte ihr, daß er in einigen Jahren, wenn er
+ausstudiert habe, nach England gehen werde. »Werden Sie dort verständig
+(beständig, meinte sie) sein?« fragte sie. - Ein andrer fragte, ob sie
+gern in Deutschland weile. »O ja, ich bin ganz verliebt in der Deutsche!«
+gab sie freudig zur Antwort.
+
+Aber Nellie konnte nie mißverstanden werden. Ihre kindliche Naivetät nahm
+sofort alle Herzen für sie ein. Die jungen Herren waren denn auch sämtlich
+entzückt von der jungen Engländerin, und da sie obenein sehr gut tanzte,
+wurde sie bald zum allgemeinen Liebling erkoren.
+
+Grete wurde ihre schweigsame Zurückhaltung äußerst sauer, verschiedene
+Male fiel sie aus der Rolle. Einmal ertappte sie Orla, die gerade hinter
+ihr stand, auf einer argen Indiskretion.
+
+»Wie heißt die junge Dame mit den Locken?« wurde sie von ihrem Tanzherrn
+gefragt.
+
+»Das ist Ilse Macket,« gab Grete schnell zur Antwort. Und nun fing sie an,
+ausführlich über dieselbe zu berichten. »Sie ist erst seit Juli hier,«
+fuhr sie fort und der Mund ging ihr wie eine Plappermühle, »ihr Vater
+brachte sie hierher. Sie ist nämlich weit her, aus Pommern, und, denken
+Sie sich, sie hatte ihren Hund mitgebracht und wollte ihn durchaus mit in
+die Pension nehmen! Natürlich Fräulein Raimar erlaubte es ihr nicht. Ach,
+und ungeschickt war sie! Kein Mensch kann sich davon einen Begriff machen.
+Einmal hat sie einen ganzen Stoß Teller -«
+
+»Grete,« unterbrach Orla ihren Redefluß, »du verlierst eine Nadel. Tritt
+einen Augenblick mit mir zur Seite, damit ich sie wieder befestige.«
+
+»Wie ungezogen, wie abscheulich von dir!« schalt Orla, indem sie sich
+scheinbar an Gretes Kragen zu schassen machte. »Warum blamierst du Ilse
+so? - Du siehst den Herrn heute zum ersten Male und machst ihn sofort zum
+Mitwisser unsrer Pensionsgeheimnisse! Möchtest du denn, daß die arme Ilse
+verspottet würde?«
+
+Grete erschrak. Daran hatte sie gar nicht gedacht! Die Schwatzhaftigkeit
+war wieder einmal mit ihr durchgegangen und hatte ihr einen bösen Streich
+gespielt.
+
+Höchst betrübt und niedergeschlagen trat sie wieder in die Reihe der
+Tanzenden. Sie faßte auch den festen Entschluß, in Zukunft vorsichtiger zu
+sein, aber wie lange! Es ist so schwer, eine lebhafte Zunge zu zügeln!
+
+Doch es liegt nicht in meiner Absicht, die Tanzstundenereignisse genau und
+ausführlich zu schildern. Ich nehme an, meine Backfischchen, denen ich
+meine Erzählung widme, haben die Leiden und Freuden derselben aus eigener
+Erfahrung bereits kennen gelernt. Es ist immer dasselbe. Harmlose
+Koketterien, kleine Eifersüchteleien, ein wenig Neid, schwärmerische
+Verehrung, etwas Courschneiderei, zuweilen auch Klatscherei - u. s. w.
+Dazu noch die kleinen Aufmerksamkeiten, die hinter den Kulissen spielen,
+z. B. Fensterparaden, duftige Blumenspenden, manchmal sogar eine
+gemeinsame Schlittschuhpartie auf dem Eise.
+
+Die letztgenannten Aufmerksamkeiten waren natürlich vollständig
+ausgeschlossen in der Pension. Fräulein Raimar würde dieselben nicht
+geduldet haben. Streng hielt sie darauf, daß außer den Tanzstunden nicht
+die geringste Annäherung mit den Herren stattfand. In diesem Punkte kannte
+sie keine Nachsicht.
+
+Schon in höchstem Grade unangenehm war es ihr, daß die jungen Leute sich
+herausnahmen, ihre täglichen Spaziergänge mit den Zöglingen zu
+durchkreuzen und grüßend an ihnen vorüberzuschreiten. Es war ihr geradezu
+unbegreiflich, wie sie es herausbrachten, welchen Weg sie wählte. Denn
+wenn sie ihre junge Schar heute durch den Park - morgen in dieses Thal -
+übermorgen über jenen Berg führte, immer konnte sie überzeugt sein, die
+roten Primanermützen auftauchen zu sehen - sie konnte ihnen nicht
+entgehen. Die Lösung dieses Rätsels war einfach genug, der Verrat wurde
+durch die Tagesschülerinnen ausgeführt. Sie waren die Vermittlerinnen
+zwischen ihren Brüdern, Vettern oder Bekannten und den Pensionärinnen. Sie
+schmuggelten Grüße, Gedichte, sogar Photographien ein und Flora benutzte
+diesen Weg, ihr Album den Herren zuzusenden mit der Bitte, ein
+selbstverfaßtes Gedicht hineinzuschreiben.
+
+Eines Tages, es war so ziemlich gegen den Schluß der Tanzstunden, erhielt
+Nellie nach dem Schulunterricht ein kleines Billet zugesteckt. Sie ging
+auf ihr Zimmer, wo Ilse anwesend war, und öffnete dasselbe.
+
+»Wie albern!« rief sie hocherrötend aus, als sie die wenigen Zeilen
+gelesen hatte. »Wie kann der einfältige Mensch sich so dreist gegen mir
+benehmen! Ich habe ihm nie Ursach' zu so große Dreistigkeit gegeben!« Und
+sie zerriß die Zeilen.
+
+Ehe noch Ilse ihre Meinung aussprechen konnte, kam Melanie hereingestürzt,
+strahlend vor Eitelkeit und Freude.
+
+»Kinder!« rief sie mit ihrer lispelnden Stimme, »ich muß euch etwas
+mitteilen! Aber verratet mich nicht! Schwört, daß ihr niemand etwas sagen
+werdet! Du auch, Grete,« wandte sie sich an die eintretende Schwester.
+
+Natürlich wartete sie in ihrer Erregung den Schwur gar nicht ab, sondern
+geheimnisvoll die Thür verriegelnd zog sie ein kleines Briefchen aus ihrer
+Kleidertasche und begann vorzulesen.
+
+
+
+
+
+
+»Mein gnädiges Fräulein!
+
+Sie würden mich zu dem glücklichsten aller Sterblichen machen, wenn Sie
+mir Ihre Photographie verehrten! - Meine Bitte ist kühn, ich weiß es, aber
+Sie werden mir diese Kühnheit großmütig verzeihen, wenn ich Ihnen gestehe,
+daß es mein glühendster Wunsch ist, Ihre wunderbar klassischen Züge
+täglich, stündlich sehen und anbeten zu können.
+
+Darf ich auf Ihre Gnade hoffen?
+
+ _Georg Breitner_.«
+
+
+
+
+
+
+Nellie hatte die Papierstückchen von der Erde aufgenommen und dieselben so
+ziemlich wieder zusammengesetzt auf ihrer Kommode. Nun las sie die Zeilen
+vor. Sie waren von demselben Verfasser und enthielten die gleiche Bitte,
+nur waren die Worte ein wenig anders gesetzt, auch nannte er Nellies Züge
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}liebreizend{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} anstatt {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}klassisch{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}.
+
+Sie wurde doch etwas herabgestimmt bei dieser Entdeckung, die
+siegesstrahlende Melanie! Einen Augenblick schwieg sie und sah Nellie an.
+
+»Was thun wir, Nellie?« fragte sie dann, »wir können doch Herrn Breitner
+die Bitte nicht abschlagen!«
+
+»Du darfst dein Bild nicht geben!« platzte Grete, die nebenbei etwas Neid
+gegen die weit hübschere Schwester empfand, heraus. »Auf keinen Fall, oder
+ich schreibe es dem Papa!«
+
+»Dich habe ich nicht um deine Meinung gefragt!« gab Melanie kurz zur
+Antwort. »Nellie, was sagst du?«
+
+»Aber, Melanie!« rief Ilse ganz erregt, »wie kannst du nur einen
+Augenblick im Zweifel sein! Du wirst doch wahrhaftig dein Bild nicht an
+einen Herrn verschenken, der dir eigentlich ganz fremd und noch kein
+ordentlicher Herr ist! Er will dich zum Narren halten, weiter nichts!«
+
+»Du schwatzest geradezu Unsinn, liebe Einfalt vom Lande!« entgegnete
+Melanie gereizt. »Was verstehst du denn unter {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ordentliche Herren{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}?«
+
+»Solche, die nicht mehr in die Schule gehen und auf Schulbänken sitzen!«
+erklärte Ilse. »Herr Georg Breitner wird dein Bild mit in die Klasse
+nehmen und die {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Herren{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Schüler werden es bewundern. Dann bist du
+furchtbar blamiert!«
+
+»Nellie, du bist ja so still!« wandte sich Melanie etwas kleinlauter als
+vorhin an diese, »sage doch, was wir thun sollen!«
+
+»O gar nix!« entgegnete dieselbe trocken, »wir werden thun, als ob wir der
+dumm' Brief nicht bekommen haben.«
+
+»Und wenn er fragt? Was sagen wir dann, Nellie?«
+
+»O, auch nix. Wir zucken mit die Schulter und schweigen. Das nennt man in
+Deutsch: Mit Nichtachtung verstrafen!«
+
+Einverstanden war Melanie durchaus nicht mit dieser Entscheidung, sie
+hätte so gern ihr »klassisches Konterfei« vergeben, trotzdem mußte sie
+sich der Notwendigkeit fügen. Warum mußte er auch noch um Nellies
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}liebreizendes Bild{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} bitten?
+
+»Ihr habt furchtbar öde Ansichten!« sagte sie spottend und verließ das
+Zimmer.
+
+ * * *
+
+Die Tanzstunde nahte ihrem Ende. »Leider!« seufzten die jungen Leute.
+Fräulein Raimar indes atmete auf, denn wenn sie auch der Jugend gern
+fröhliche Stunden bereitete, so sehnte sie doch wieder Ruhe und
+Gleichmäßigkeit zurück, weil sie die Erfahrung gemacht hatte, daß durch
+die Zerstreuung stets der rechte Ernst zum Lernen etwas abhanden kam.
+
+Den Schluß und Glanzpunkt bildete alljährlich ein kleiner Ball, und
+morgen, am Sonnabend, sollte derselbe stattfinden.
+
+Die Benennung »Ball« klingt eigentlich zu hoch für das kleine Fest. Es
+wurden noch einige Gäste geladen, das Orchester schwang sich zu einer
+zweiten Geige auf, dem Thee nebst belegten Butterbroten folgte eine
+leichte Bowle mit Pfannkuchen, und die jungen Mädchen zogen ihre besten
+Kleider an. Das war alles!
+
+Aber der große Saal erhielt ein festliches Ansehen, dafür trug stets
+Fräulein Raimar Sorge. Sie liebte es, den Schönheitssinn ihrer jungen
+Zöglinge zu wecken, damit dieselben späterhin imstande seien, mit wenigen
+Mitteln auch dem einfachsten Feste ein künstlerisches Ansehen zu geben.
+
+Soeben stand sie neben dem Gärtner und ordnete an, wie er die Tannen, die
+er am Morgen aus dem Walde geholt, mit blühenden Topfgewächsen zu
+lauschigen Ecken und Plätzen gruppieren solle. Als das geschehen war,
+mußte er Konsolen von rotem Thone zwischen verschiedenen Wandleuchtern
+befestigen, - üppige Schlingpflanzen wurden darauf gestellt und fielen
+anmutig herab. Auch der altmodische Kronleuchter, geformt wie eine
+bronzene Schale mit Lichterarmen, erhielt seinen grünen Schmuck. Es wurde
+eine Schlingpflanze in die Schale gestellt, so daß die grünen Ranken
+zwischen den Armen herabfielen. Am Abend, wenn die Kerzen brannten, machte
+dieser einfache Schmuck einen reizend malerischen Eindruck.
+
+Als alles fertig war, übersah die Vorsteherin noch einmal den Saal, und
+recht befriedigt verließ sie denselben.
+
+Die jungen Mädchen waren natürlich in großer Aufregung. Es war der erste
+Ball, der ihnen bevorstand, und dieses wichtige Ereignis nahm all ihre
+Gedanken in Anspruch. Einige betrachteten wieder und wieder die duftigen
+Kleider, andre versuchten besondere Haartrachten, so Flora, die eine
+Passion dafür hatte, wieder andre probierten die Kleider an, der
+Sicherheit wegen, wie Nellie meinte, die soeben mit Ilse die
+Weihnachtskleider von der Schneiderin erhalten hatte. Gerade als beide
+angekleidet dastanden, kam Lilli hereingejubelt.
+
+»Ich geh mit auf euren Ball!« rief sie, »das Fräulein hat es mir erlaubt.
+Und mein neues, weißes Kleiderl zieh ich an und die rote Atlasschärpe
+bind' ich um, - und ich darf halt mittanzen! Ich freu mich halt zu sehr
+auf morgen!«
+
+Und sie faßte mit beiden Händchen an ihre Schürze und tanzte zierlich und
+graziös durch das Zimmer.
+
+Es war schon ziemlich dunkel, und die Kleine hatte nicht bemerkt, wie
+geputzt Nellie und Ilse waren. Als die erstere Licht anzündete, blieb sie
+plötzlich überrascht stehen und sah erstaunt von einer zur andern.
+
+»Wie schön schaut ihr aus!« rief sie bewundernd und mit gefaltenen Händen,
+und fast andächtig sah sie die beiden Mädchen an.
+
+»Weißt, Ilse,« fuhr sie lebhaft fort, »du schaust aus gerad wie des
+Kaisers Tochter! Ich führ' dich morgen in den Saal - bitt' schön!«
+
+Ilse nahm ihren Liebling zärtlich in den Arm und küßte ihn herzhaft auf
+den Mund. »Du bist ja so heiß, Lilli,« sagte sie und befühlte Stirn und
+Wange des Kindes. »Fehlt dir etwas?«
+
+»Der Kopf thut mir halt a bissel weh,« entgegnete Lilli, »aber gar nit
+viel, - gewiß nit,« beteuerte sie, als Ilse sie besorgt ansah. »Morgen
+thut er nit mehr weh, - morgen geh ich ganz gewiß auf den Ball! Du gehst
+auch mit,« sagte sie zu ihrer Puppe, die nach ihrer Geberin, Ilse, getauft
+war. »Aber artig mußt halt sein, sonst wirst in dein Bett gesteckt!« -
+
+ »Doch mit des Geschickes Mächten
+ Ist kein ew'ger Bund zu flechten
+ Und das Unglück schreitet schnell.«
+
+Acht Tage später schrieb Flora diese inhaltschweren Worte in ihr
+Tagebuch. -
+
+Am andern Morgen lag Lilli heftig fiebernd in ihrem Bette. Der
+herbeigerufene Arzt machte ein ernstes Gesicht. »Sie hat starkes Fieber,«
+sagte er und verordnete Eisumschläge auf den Kopf, die jede halbe Stunde
+gewechselt werden mußten. Das lebhafte Kind lag still und teilnahmlos da.
+
+Fräulein Güssow saß recht sorgenvoll an Lillis Bett, die eben etwas
+eingeschlummert war. Die Vorsteherin beruhigte sie und meinte, daß Lillis
+ganze Krankheit ein heftiges Schnupfenfieber sein werde, sie habe bei
+Kindern oftmals ähnliche Fälle erlebt.
+
+Die junge Lehrerin schüttelte ungläubig den Kopf. »Wenn nur der Ball heute
+abend nicht wäre!« sprach sie seufzend. »Der Lärm im Hause und das kranke
+Kind - es will mir nicht in den Kopf! - Wenn wir ihn hinausschöben,
+Fräulein?«
+
+»Sie sehen zu schwarz, liebe Freundin,« entgegnete die Vorsteherin. »Der
+Lärm wird Lilli nicht stören, wie sollte er aus dem Vorderhause bis
+hierher in Ihr stilles Zimmer dringen? Bedenken Sie, wie sehr sich die
+Kinder auf den heutigen Abend gefreut haben; wie grausam wäre es, wollten
+wir ihre Freude zerstören! Noch sehe ich keine Gefahr und wir können
+unbesorgt den Ball stattfinden lassen.«
+
+»Ball!« wiederholte Lilli, die erwacht war und das Wort gehört hatte; »ich
+will tanzen! Zieh mich an, Fräulein! Bitt schön, laß mich tanzen!«
+
+Fräulein Güssow warf der Vorsteherin einen verständnisvollen Blick zu,
+jetzt mußte dieselbe sich doch überzeugen, wie krank die Kleine war, - sie
+phantasierte.
+
+Aber Fräulein Raimar war nicht überzeugt und auch nicht erschrocken. Sie
+trat zu Lilli an das Bett und ergriff deren Hand.
+
+»Es ist ja noch heller Tag, Lilli,« sagte sie freundlich; »siehst du
+nicht, wie die Sonne scheint? Heute abend sollst du tanzen, jetzt ist es
+noch viel zu früh. Lege dich nieder und schlafe noch etwas; wenn du
+aufwachst, bist du gesund und ziehst dein gesticktes Kleid an.«
+
+»Die liebe Sonn scheint,« wiederholte das Kind, wie aus einem Traume
+erwachend, und sah mit müden Augen zum Fenster hinaus. Dann legte sie die
+Hand gegen die Stirn und sagte leise: »Ach Gotterl, Fräulein, mir thut der
+Kopf halt so weh!«
+
+»Das wird sich geben, mein Herz. Nimm nur recht artig deine Medizin ein.«
+
+Sie küßte Lilli und versicherte der sehr geängstigten Lehrerin, das
+Phantasieren der kleinen Kranken habe nichts zu bedeuten, bei lebhaften
+Kindern stelle sich dasselbe bei einem harmlosen Schnupfenfieber ein. Und
+mit diesem aufrichtig gemeinten Troste verließ sie das Zimmer.
+
+Es schien, als habe sie wahr gesprochen. Gegen Mittag schlief Lilli ein.
+Das Fieber hatte etwas nachgelassen und Fräulein Güssow atmete erleichtert
+auf. Als Ilse kam und teilnehmend mit trauriger Miene nach Lillis Befinden
+fragte, winkte sie derselben freudig zu und flüsterte: »Sie schläft, - es
+scheint eine Besserung eingetreten zu sein.«
+
+Ilse teilte sofort diese gute Nachricht den Freundinnen, die schon in
+ängstlicher Sorge um den kleinen Liebling waren, mit, und brachte sie alle
+wieder in fröhliche Stimmung. Nur Flora blieb bei ihren düsteren
+Prophezeiungen.
+
+»Meine ahnungsvolle Stimme täuscht mich nicht, ich fühle es, der Tod wird
+diese zarte Knospe brechen,« sagte sie in tragischem Tone und probierte
+dabei ihre neuen Ballschuhe an, streckte den Fuß weit von sich und
+bewunderte mit sehr befriedigter Miene die zierliche, elegante Form des
+Schuhes. Es war ihr wenig ernst mit ihren düstern Ahnungen!
+
+Lillis Besserung war leider nur trügerisch gewesen. Während die jungen
+Mädchen heiter und glücklich Toilette zum fröhlichen Feste machten, lag
+sie im heftigsten Fieber.
+
+Fräulein Güssow wich nicht von ihrem Bette und erklärte mit aller
+Bestimmtheit, daß sie diesen Platz nicht verlassen werde. Auf Fräulein
+Raimars Wunsch wurde die Verschlimmerung der Krankheit vorläufig geheim
+gehalten; sie mochte keinen Mißklang in die unbefangene Freude ihrer
+Zöglinge bringen, mußte sie sich doch bei ruhiger Ueberzeugung sagen, daß
+nichts damit gebessert werde. - So blieb denn die junge Lehrerin allein im
+Krankenzimmer. Sie hörte das unruhige Getappel im Vorderhause; dann und
+wann schlug wohl ein fröhliches Lachen an ihr Ohr - und endlich vernahm
+sie die gedämpften Töne der Polonaise.
+
+»Ilse, komm!« rief Lilli plötzlich und Fräulein Güssow fuhr erschreckt
+zusammen. »Ilse, bitt, bitt schön, komm! Ich führ dich in den Saal, komm!«
+- Hoch hatte sie sich im Bett aufgestellt und machte alle Anstrengungen,
+aus demselben zu springen.
+
+Fräulein Güssow legte den Arm um das fiebernde Kind und versuchte es
+niederzulegen, aber Lilli stieß sie von sich.
+
+»Geh fort!« rief sie; »du bist nit des Kaisers Tochter, du hast kein
+schönes Kleiderl an! - Ilse! Ilse komm!«
+
+Angstvoll und gellend stieß sie ihre Worte heraus und mit starren Augen
+blickte sie ihre Pflegerin an.
+
+»Wenn du ruhig bist, wird Ilse kommen,« sagte dieselbe mit zitternder
+Stimme, die Angst schnürte ihr fast die Kehle zu. »Sei ruhig, mein
+Liebling, willst du? Lege dich nieder - ganz still - so.« Und sie bettete
+mit sanfter Gewalt die immer noch aufrechtstehende Lilli in die Kissen.
+
+»Ganz still,« wiederholte das Kind mechanisch; »Ilse komm, - ganz still!«
+
+Fräulein Güssow zog an der Klingelschnur, und nach einiger Zeit
+ängstlichen Harrens erschien die Köchin. Sie war die einzige, welche die
+Glocke vernommen hatte, die beiden andern Dienstboten waren im Vorderhause
+beschäftigt.
+
+»Rufe sofort Fräulein Ilse,« gebot sie mit halblauter Stimme, »und dann
+hole den Arzt. Das Kind ist sehr krank. Aber still und ohne Aufsehen,
+Bärbchen, niemand darf es wissen.«
+
+»Aber wenn mich Fräulein Raimar fragen sollte,« wandte die etwas
+schwerfällige Köchin ein, »dann muß ich es ihr sagen, nicht?«
+
+»Sie wird dich nicht fragen, wenn du deine Sache klug machst. Eile dich
+nur, ich bitte dich!«
+
+Der Zufall kam Bärbchen zu Hilfe. Gerade als sie sich dem Saale näherte,
+traten Ilse und Nellie lachend und plaudernd, mit ganz erhitzten Wangen,
+Arm in Arm, aus der Thür desselben.
+
+Geheimnisvoll winkte ihnen die Köchin zu. »Fräulein Ilschen,« sagte sie,
+»Sie möchten gleich zu Fräulein Güssow kommen!«
+
+»Es ist doch nichts passiert, Bärbchen?« fragten beide Mädchen fast
+zugleich.
+
+»O nein, passiert gerade nichts, aber das Kind ist kränker geworden, ich
+soll gleich den Doktor holen. Es soll aber niemand etwas wissen. Sie
+brauchen keine Angst zu haben, Fräuleinchens,« beruhigte sie, als sie die
+erschrockenen Gesichter vor sich sah, »so schnell geht das nicht mit so
+kleinen Kindern. Krank - tot - gesund - man weiß nicht, woher es kommt!
+Aber nun will ich laufen!« Und wie der Wind war sie die Treppe hinunter
+und zum Hause hinaus.
+
+»Ich gehe mit dich,« sagte Nellie, aber Ilse wehrte ihr ab.
+
+»Du mußt in den Saal zurückkehren, Nellie,« erklärte Ilse entschieden, »es
+würde Aufsehen erregen, wenn wir beide fehlten. Ich gehe allein und bringe
+dir bald Bescheid.«
+
+Traurig sah Nellie der Freundin nach, dann kehrte sie zurück in den
+hellerleuchteten Saal. Schwer legte es sich auf ihr Herz, als sie ringsum
+nur glückliche, fröhliche Menschen sah - unwillkürlich füllte sich ihr
+Auge mit Thränen.
+
+Aber ihr betrübtes Gesicht durfte niemand sehen, sie trat deshalb
+unbeachtet hinter eine Tannengruppe.
+
+Einer indes hatte sie doch beachtet und das war Doktor Althoff. Als er sie
+mit so ernstem Gesicht eintreten und gleich darauf verschwinden sah,
+näherte er sich ihr langsam.
+
+»Weshalb suchen Sie die Einsamkeit, Miß Nellie?« fragte er herzlich.
+»Haben Sie Kummer?«
+
+»O Herr Doktor, ich ängstige mir so um das Kind! Bärbchen hat Ilse gerufen
+und holt jetzt der Arzt!« Und Nellies sonst so fröhliche Augen blickten in
+Angst und Trauer den jungen Mann an.
+
+Doktor Althoff hatte sie nie so lieblich gesehen als in diesem
+Augenblicke.
+
+Die schelmische, lustige Nellie in dem duftigen, hellblauen Kleide, den
+Kranz von Tausendschön im goldblonden Haar, hatte ihn schon den ganzen
+Abend erfreut, die trauernde Nellie, die ein so warmes Mitgefühl verriet,
+entzückte ihn geradezu.
+
+»Beruhigen Sie sich,« tröstete er, »ich werde sofort in das Krankenzimmer
+gehen und verspreche Ihnen, Sie zu benachrichtigen, wie es dort steht.«
+
+Als er die Thür desselben nach leisem Anklopfen öffnete, bot sich ihm ein
+rührender Anblick dar. Ilse kniete an dem Bett und hatte ihr Haupt dicht
+neben Lillis Köpfchen gelegt, so daß ihre braunen Locken sich mit den
+lichtblonden des Kindes mischten. Eine frische, rote Rose, der einzige
+Schmuck, den sie heute abend getragen, hatte sich aus ihrem Haar gelöst
+und lag halb entblättert auf dem Boden. Fräulein Güssow legte soeben einen
+neuen Eisumschlag auf der Kranken glühende Stirn.
+
+Doktor Althoff fragte nicht, - ein Blick auf die kleine Kranke sagte ihm
+alles. Groß und fremd sah sie ihn an, ihre Händchen zuckten und griffen
+unruhig in die leere Luft. Als Ilse sich erheben wollte, klammerte sie
+sich fest an sie.
+
+»Du sollst nit fortgehn, du bist des Kaisers Tochter!« stieß sie in
+abgerissenen Sätzen heraus, »du bist die Schönste! - Tanz mit mir - komm!«
+
+Plötzlich sprangen ihre Phantasien davon ab, und sie sah Ilse für das
+Christkind an.
+
+»Du liebes Christkindl hast ein goldenes Kleiderl an, - und ein Kronerl
+tragst auf dem Kopf - ah, wie das strahlt! Du willst mit mir spielen,«
+fuhr sie geheimnisvoll lächelnd fort, »wart nur, ich komm zu dir, zu den
+lieben Engelein! - Ich komm - nimm mich mit!«
+
+Ermattet sank sie nach diesem Anfall in die Kissen zurück.
+
+Ilse war wie gelähmt vor Schreck. Niemals zuvor hatte sie an dem Lager
+eines Schwererkrankten gestanden, es war daher natürlich, daß sie ganz
+fassungslos war. Sie umklammerte Fräulein Güssow und wurde totenblaß, ohne
+ein Wort über die bebenden Lippen zu bringen.
+
+»Kehren Sie in den Saal zurück, Ilse,« riet Doktor Althoff und ergriff
+ihre Hand. »Kommen Sie, ich werde Sie führen.«
+
+Aber sie schüttelte den Kopf. »Ich bleibe hier,« sagte sie leise aber
+fest, »ich verlasse Lilli nicht.«
+
+Und wie auch die Strauß'schen Klänge der blauen Donau schmeichelnd und
+verlockend durch die Nacht in das stille Krankenzimmer drangen, Ilse
+dachte nicht daran, zur Lust und Freude zurückzukehren. Ihre ganze Seele
+war von den Leiden ihres Lieblings erfüllt.
+
+Nur wenige Augenblicke lag Lilli still und mit geschlossenen Augen da,
+dann fing sie von neuem weit heftiger an zu phantasieren. Bald rief sie
+nach Ilse, um mit ihr zu tanzen, bald wollte sie mit dem Christkindl
+spielen, zuletzt fing sie an, mit leiser, matter Stimme zu singen: »Kommt
+a Vogerl geflogen -«
+
+Wie klang heute des Kindes Lied so weh und traurig! Ilse mußte sich
+abwenden, heiße Thränen rannen über ihre Wangen, es war, als müsse ihr das
+Herz zerspringen.
+
+»Ich befürchte das Schlimmste!« sprach Fräulein Güssow tief ergriffen.
+»Wenn nur der Arzt käme!«
+
+Nach kurzer Zeit, die den Wartenden eine Ewigkeit dünkte, trat derselbe
+ein. Sein Blick fiel auf das Kind, und er erschrak. Wie hatte es sich
+verändert, seitdem er es verlassen, was war seit gestern aus dem
+blühenden, lebensfrohen Wesen geworden! Die runden Wangen waren
+eingefallen und die großen, schwarzen Augen starrten wie abwesend in die
+leere Luft. Er nahm ihre Hand und fühlte nach ihrem Puls, - sie merkte
+nichts davon, leise fing sie wieder an zu singen: »Und es kümmert sich ka
+Hunderl -«
+
+»Au, au!« schrie sie plötzlich auf und griff nach ihrem Kopfe. »Das
+Katzerl beißt mich! Nimm es weg, Fräulein! Au weh!«
+
+Der Arzt rührte ein Pulver in ein Glas Wasser und reichte es ihr. Nur
+mühsam war ihr dasselbe beizubringen und erst auf Ilses sanftes Zureden
+öffnete sie die Lippen. Nachdem sie getrunken, wurde sie ruhiger und
+verfiel in einen Halbschlummer.
+
+»Wo wohnen die Eltern der Kleinen?« wandte der Arzt sich an Fräulein
+Güssow. »Ich rate, dieselben unverzüglich von der Krankheit zu
+benachrichtigen. Ich kann für den Ausgang nicht stehen. - Wir haben es mit
+einer bösartigen Gehirnentzündung zu thun.«
+
+»Nur die Mutter lebt,« nahm Doktor Althoff das Wort und erbot sich, sofort
+ein Telegramm an dieselbe abgehen zu lassen. Nach seiner Berechnung konnte
+sie schon am Abend des nächsten Tages eintreffen.
+
+Bevor er das Haus verließ, kehrte er noch einmal in den Saal zurück, um
+die Vorsteherin mit dem Ausspruch des Arztes bekannt zu machen. Nellie,
+die gerade mit Georg Brenner Française tanzte und nicht aus der Reihe
+treten konnte, warf einen ängstlich fragenden Blick auf ihn, flüchtig nur
+streifte sie sein Auge, und doch erriet sie, daß er nichts Gutes zu melden
+habe. O, wäre nur der Tanz erst zu Ende, daß sie ihn fragen könnte! Aber
+er wartete nicht darauf, nach wenigen Minuten verließ er schon wieder den
+Saal und ließ Nellie in den peinlichsten Zweifeln zurück. War es schlimmer
+geworden? Der Vorsteherin ruhiges Gesicht gab ihr keine Antwort auf ihre
+Frage. Es lag dasselbe wohlwollende Lächeln auf demselben wie zuvor. Sie
+unterhielt sich mit einigen Gästen ohne jede sichtbare Erregung.
+
+Und doch war sie bis in das Innerste erregt. Aber sie verstand die seltene
+Kunst, sich meisterhaft zu beherrschen. Warum sollte sie plötzlich Schreck
+und Aufregung in die Freude bringen? In einer Viertelstunde war der Tanz
+vorüber, dann sollten die jungen Mädchen sich niederlegen, ohne zu
+erfahren, wie es mit der Kranken stand. Die Jugend bedarf des Schlafes,
+sagte sie sich, besonders nach einer halb durchtanzten Nacht.
+Verschlimmerte sich Lillis Zustand, so erfuhren sie diese traurige
+Botschaft am Morgen noch früh genug.
+
+Ilses Verschwinden, das allgemein bemerkt wurde, hatte Nellie auf ihre Art
+entschuldigt, sie hatte jedem Fragenden geantwortet: »O ja, sie wird
+gleich wieder da sein, sie hat nur auf ein Augenblick Kopfschmerzen.« Der
+Vorsteherin hatte sie so halb und halb die Wahrheit gesagt. Aber der Ball
+ging zu Ende und Ilse war nicht wiedergekehrt. -
+
+Miß Lead hatte von der Vorsteherin den Auftrag erhalten, dafür Sorge zu
+tragen, daß die Mädchen still und geräuschlos ihre Gemächer aufsuchten,
+das wurde befolgt, aber als sie sich sicher glaubten, als die englische
+Lehrerin sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, da huschten sie alle noch
+auf eine kurze Zeit zu Rosi hinüber, deren Stübchen ganz am Ende des
+Korridors lag. Sie mußten noch einen kurzen Austausch haben, ihre jungen
+Herzen waren zu voll von dem herrlichen Feste.
+
+Melanie brachte ihre duftigen Sträuße, die sie im Cotillon erhalten hatte,
+mit und breitete sie auf dem Tische aus. Mit wehmütiger Freude betrachtete
+sie den reichen Segen. »Ach!« rief sie aus, »wie schade, daß alles vorbei
+ist!«
+
+»Alles Schöne ist vergänglich, nur die Erinnerung bleibt!« entgegnete
+Flora weise. Und sie betrachtete bei ihren Worten die Photographie eines
+jungen Mannes, die sie vorsichtig und geschickt in ihrem Taschentuche
+verborgen hielt. - Es war Georg Breitners Bild. Er hatte dafür das ihrige
+eingetauscht.
+
+»Ach, Kinder, es war doch zu schön!« brach Annemie in plötzlicher
+Begeisterung aus. »O, was ich euch alles erzählen könnte!«
+
+»Und ich! Und ich!« klang es durcheinander.
+
+»Ihr würdet staunen, wenn ich sprechen wollte!« rief Melanie stolz und
+schlug ihr Auge kokett gen Himmel, »ich habe viel erlebt!« - In ihrem
+Eifer vergaß sie ganz, ihre Stimme zu dämpfen.
+
+»Nicht so laut, Melanie,« ermahnte Rosi und Orla stimmte ihr bei. »Wir
+wollen zu Bett gehen,« riet sie ernstlich, »denn wenn ihr erst anfangt,
+eure Erlebnisse zu erzählen, dann können wir bis zum hellen Morgen hier
+sitzen.«
+
+»Morgen ist Sonntag, da können wir ausschlafen!« meinte Grete, die darauf
+brannte, die geheimnisvoll angedeuteten Geschichten zu hören. »Wo sind
+denn aber Ilse und Nellie?« unterbrach sie sich plötzlich und sah sich um;
+»ich habe Ilse den ganzen Abend nicht gesehen. Hatte sie wirklich
+Kopfschmerzen? Kommt, wir wollen uns zu ihnen schleichen und nachsehen!«
+
+Doch dieser allgemein Beifall findende Vorschlag kam nicht zur Ausführung.
+Eben als sie auf den Zehen einige Schritte gethan, stand Miß Lead wie ein
+Nachtgespenst vor ihnen.
+
+»Wo wollt ihr hin?« fragte sie erzürnt. »Habe ich euch nicht Ruhe geboten?
+Sofort legt euch nieder, - und morgen werde ich euren Ungehorsam der
+Vorsteherin melden!«
+
+So wurde es denn still in den oberen Räumen. Die plaudernden Lippen
+verstummten nach und nach - die Augen schlossen sich zu süßem Schlummer
+und ein gütiger Traumgott führte die Schlafenden zurück in den festlichen
+Saal. Noch einmal ließ er die Musik erklingen und die junge Schar im
+lustigen Tanze dahinfliegen. -
+
+»O wie öde ist die Wirklichkeit!« war Melanies erstes Wort, als sie
+erwachte.
+
+ * * *
+
+In dem Krankenzimmer dachte man nicht an Schlaf, noch weniger an
+glückliche Träume. Traurig sah es dort aus. Lilli tobte zwar nicht mehr,
+aber sie lag ohne Teilnahme da. Das Fieber war noch immer im Zunehmen
+begriffen. Als die Vorsteherin eintrat, erhob sich der Arzt und teilte ihr
+seine Befürchtung mit. Ilse schluchzte leise in sich hinein; es wurde ihr
+so schwer, sich zu beherrschen.
+
+»Geh zu Bett, Ilse,« sprach Fräulein Raimar sanft zu ihr, »du darfst nicht
+länger hier verweilen.«
+
+Der Arzt stimmte energisch bei, und so schmerzlich bittend das junge
+Mädchen auch die Vorsteherin ansah, dieselbe beharrte bei ihrem Willen.
+
+»Du bist ein gutes Kind,« sagte sie weich und ihre Stimme klang wie
+verhaltene Thränen, »aber ich darf deinen Wunsch nicht erfüllen. Ein
+längerer Aufenthalt hier könnte deiner Gesundheit schaden. Du kannst dem
+Kinde auch nicht helfen, - sieh hin - es kennt dich - uns alle nicht
+mehr!«
+
+ [Illustration]
+
+Bevor sie das Zimmer verließ, trat Ilse noch einmal zögernd und leise an
+Lillis Bett. Zitternd ergriff sie die kleine, fieberheiße Hand, beugte
+sich nieder und drückte einen Kuß darauf. »Gute Nacht, Liebling,« hauchte
+sie leise, »gute Nacht!«
+
+Und mit einem langen, thränenschweren Blick auf das blasse Gesichtchen
+nahm sie Abschied, ach, sie fühlte es, es war ein Lebewohl für immer. Dann
+eilte sie hinaus, das Taschentuch fest vor den Mund gepreßt, damit sie vor
+Herzeleid nicht laut aufschreie.
+
+Draußen, dicht vor der Thür, stand Nellie. Unbemerkt war sie der
+Vorsteherin gefolgt und hatte die Freundin erwartet. Ilse fiel ihr um den
+Hals und Nellie führte die Trostlose hinauf in ihr Zimmer. Dort angelangt
+warf Ilse sich verzweifelnd auf ihr Bett und begrub ihr Gesicht laut
+weinend in die Kissen.
+
+»Ist sie so sehr krank?« fragte Nellie.
+
+»Sie stirbt, Nellie!« schluchzte Ilse außer sich, »unser süßer, kleiner
+Liebling stirbt!«
+
+Nellie wurde blaß und ein heftiges Zittern überfiel ihren Körper, aber
+sagen konnte sie nichts. Sie vermochte niemals ihren Schmerz laut
+herauszujammern, die ungestüme Art Ilses war ihr fremd. War das zu
+verwundern? Ilse hatte Kummer und Leid noch niemals Aug in Auge gesehen,
+ihre frohe Jugendzeit war bis dahin einem sonnigen Maientag zu
+vergleichen, der wolkenlos mit blauem Himmel auf die Erde niederlacht, -
+wie anders Nellie! So mancher trübe Schatten hatte bereits ihr junges
+Dasein verdunkelt! Sie mußte an den Tod des geliebten Vaters denken, der
+sie so jung als Waise zurückließ!
+
+Still setzte sie sich neben die Freundin auf den Bettrand und ergriff
+deren Hand.
+
+»Komm,« sagte sie mit unsichrer Stimme, »setze dir hoch. Du machst dir
+auch krank, wenn du so hitzig bist! Und wenn wir uns tot weinen, wir
+machen doch der arm' klein' Herz nicht gesund. Wenn der liebe Gott sagt:
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich will der klein' Engel zu mich nehmen,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} was können wir da machen? - O
+Ilse! es ist gar nicht so schrecklich, als ein jung Kind zu sterben! Wer
+weiß, welch' traurig Schicksal unsre Lilli aufwartete: Ist es nicht
+besser, da tot zu sein? - Ich wär' sehr glücklich, wenn mich der liebe
+Gott als klein' Kind zu sich genommen hätte!«
+
+Wie traurig das klang! Sofort wendete sich Ilses ganzes Mitleid ihrer
+einzigen Nellie zu. Sie antwortete nichts, aber sie erhob sich und
+umschlang dieselbe fest und innig. Und die beiden jungen Mädchengestalten
+in ihren duftigen Ballgewändern, die sie nur zur Freude zu tragen gehofft
+hatten, schlossen in diesem ernsten Augenblick einen innigen
+Freundschaftsbund für das ganze Leben. Der Mond trat plötzlich hinter dem
+dunklen Gewölk hervor und verklärte mit seinem blassen Schimmer die
+lieblichen, thränenvollen Gesichter der Freundinnen wie zwei betaute
+Rosen, die an einem Stengel erblüht sind. -
+
+ * * *
+
+Es war ein trübseliger Sonntag, der dem Ballfeste folgte. Als die junge
+Schar, noch ganz erfüllt von der Erinnerung an dasselbe, beim Morgenkaffee
+saß, trat Fräulein Güssow ein. Bei ihrem Anblick verstummte das fröhliche
+Geplauder, ihr blasses und verweintes Gesicht verkündete nichts Gutes.
+Ilse und Nellie waren sofort an ihrer Seite, sie hatten bis dahin
+seitwärts gestanden; es war ihnen unmöglich, an der Fröhlichkeit der
+andern teilzunehmen.
+
+»Ist es besser?« fragte Ilse hoffend und bangend zugleich.
+
+Traurig schüttelte die Angeredete den Kopf und ihre Augen füllten sich mit
+Thränen. »Nein,« sagte sie, »es ist nicht besser. Die Krankheit hat sich
+gesteigert und ihr müßt euch auf das Schlimmste gefaßt machen. Ich teile
+euch dies mit, Kinder, damit ihr nicht allzusehr erschreckt, wenn -« Sie
+konnte den Satz nicht vollenden, Thränen erstickten ihre Stimme.
+
+Eine augenblickliche Todesstille trat bei dieser Eröffnung ein. Als aber
+Ilse laut zu schluchzen anfing, da erhob sich ein allgemeines Jammern und
+Wehklagen. Kein Auge blieb trocken bei dem Gedanken, den herzigen Liebling
+für immer hergeben zu müssen.
+
+Die junge Lehrerin entfernte sich und Ilse eilte ihr nach.
+
+»Lassen Sie mich zu ihr,« bat sie dringend und erhob die Hände. »Bitte!«
+
+Sie konnte ihr diesen Wunsch nicht erfüllen. »Du darfst sie nicht
+wiedersehn, Ilse,« sagte sie fest und entschieden. »Sie hat sich so
+verändert, daß deine lebhafte Phantasie ihr trauriges Bild für lange Zeit
+nicht vergessen würde. Sie ist nur noch ein Schatten des schönen,
+fröhlichen Kindes.«
+
+Und sie küßte die trostlose Ilse und kehrte in das Krankenzimmer zurück,
+das Fräulein Raimar seit Mitternacht nicht wieder verlassen hatte.
+
+Als Ilse wieder in den Speisesaal eintrat, stand Miß Lead fertig zum
+Kirchgang angekleidet mit dem Gesangbuch in der Hand da. Sie trieb zur
+Eile an, da es hohe Zeit sei, zur Kirche zu gehen.
+
+»Ich kann Sie heute nicht begleiten, Miß Lead,« entgegnete Orla, die ganz
+gegen ihre Gewohnheit sich vom Gefühle übermannen ließ und heftig weinte;
+»ich kann es nicht!«
+
+»Ich auch nicht! - Ich auch nicht!« erklärten die übrigen. Selbst Rosi,
+die stets Sanfte und Gefügige, bat um Verzeihung, wenn sie ebenfalls
+zurückbleibe. »Ich bin so aufgeregt und könnte nicht andächtig auf die
+Predigt hören,« fügte sie hinzu.
+
+»Ich begreife euch nicht,« sprach die Engländerin höchst erstaunt von
+einer zur andern sehend. »Ist das Gotteshaus nicht der beste Ort für ein
+gequältes Herz? Sagt nicht der Herr: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kommt her zu mir alle, die ihr
+mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Ich gehe und will für
+die Kranke beten, vielleicht erhört mich der Herr.«
+
+Und sie ging, und die englischen Pensionärinnen schlossen sich ihr an. Sie
+teilten in ihrem strenggläubigen Herzen die Ansicht der Lehrerin. Nur
+Nellie blieb zurück. Nicht weil sie weniger gläubig war - o nein! Sie
+hatte ein kindlich frommes Gemüt, aber sie hatte auch ein
+tiefempfindendes, warmes Herz; es wäre ihr unmöglich gewesen, das Haus,
+das ihr eine liebe Heimat geworden war, in einem Augenblicke zu verlassen,
+wo der Todesengel seinen Einzug halten konnte.
+
+»Ich will auch beten,« sagte sie leise wie für sich. Und sie trat in den
+Hintergrund des Zimmers, kniete nieder, legte die gefalteten Hände auf
+einen Stuhl und beugte den Kopf darüber. In dieser andächtigen Stellung
+verbrachte sie lange Zeit und betete heiß und innig zu Gott, daß er Lilli
+am Leben erhalten möge. -
+
+Aber es stand anders in den Sternen geschrieben. Gegen Abend öffnete die
+Vorsteherin plötzlich weit die Fensterflügel im Krankenzimmer - Lilli war
+tot.
+
+Sanft hatte der Todesengel sie auf die Stirn geküßt und sie hinweggetragen
+in sein dunkles Schattenreich. Wie ein sorglos schlummerndes Kind lag sie
+da, der krampfhaft entstellende Zug war geschwunden und ein friedliches
+Lächeln lag über den leise geöffneten Lippen.
+
+Die beiden Lehrerinnen standen stumm und mit gefalteten Händen am Bette
+der kleinen Verstorbenen und konnten den Blick nicht von ihr trennen. Die
+Abendsonne verklärte mit rosigem Schimmer das zarte Gesicht und in dem
+knospenden Apfelbaume vor dem Fenster sang ein Star sein melodisches
+Abendlied - draußen erwachendes Frühlingsleben - hier die junge
+Menschenknospe - gebrochen, ehe sie sich zur Blüte entfalten konnte.
+
+»So früh und in der Fremde mußtest du sterben, armes Kind!« unterbrach
+Fräulein Güssow die feierliche Stille.
+
+»Sie fühlte sich glücklich und heimisch bei uns,« entgegnete Fräulein
+Raimar tief ergriffen. »Die eigentliche Heimat war ihr fremd geworden. -
+Sie hat nicht einmal nach der Mutter verlangt.«
+
+»Wie sanft sie schlummert, als ob sie leben und atmen müßte. O, sie ist
+glücklich!« Und in einem plötzlich überwallenden Gefühle beugte sich die
+junge Lehrerin laut weinend über Lilli und küßte ihr die kalte Stirn.
+»Schlaf wohl, schlaf wohl, teures Kind! Gott hatte dich lieb, darum nahm
+er dich zu sich!«
+
+»Fassen Sie sich, liebe Freundin,« ermahnte Fräulein Raimar, indem sie die
+Hand auf der Erregten Schulter legte, »uns bleibt jetzt die schwere
+Aufgabe, die Kinder mit dem traurigen Ausgang bekannt zu machen. So ruhig
+als möglich müssen wir ihnen diese Mitteilung machen, damit die ohnehin
+erregten Gemüter nicht ganz außer Fassung kommen.«
+
+Aber sie kamen doch außer Fassung, besonders Ilse, deren lebhafte Natur
+sich dem Schmerze zügellos hingab. Sie glaubte vergehen zu müssen. Noch
+nie hatte sie sich so unglücklich gefühlt, als in der ersten Nacht nach
+Lillis Tode, selbst damals nicht, als sie den Wagen fortfahren sah, der
+den geliebten Vater entführte, und sie fremd und verlassen an der Pforte
+dieses Hauses stand.
+
+ * * *
+
+Lilli war in die Erde gebettet. Unter Schneeglöckchen und Veilchen
+schlummerte sie. Der kleine Sarg war mit den holden Frühlingskindern über
+und über bedeckt gewesen. Tief betrauert wurde das kleine Wesen von allen,
+die mit ihm in nähere Berührung gekommen, und es hatte allgemein
+schmerzliche Verwunderung erregt, daß die Mutter fern geblieben war.
+
+Am Todestage Lillis war ein Telegramm angekommen, worin sie meldete, daß
+sie erst am Dienstag abend eintreffen könne. Es sei ihr unmöglich, früher
+zu kommen, da sie am Montag in einem neuen Stücke die Hauptrolle zu
+spielen habe. Als ihr an diesem Tage der Tod ihres Kindes gemeldet wurde,
+kam umgehend ein Brief voll überschwenglicher Klagen, aber sie blieb fern.
+Kostbare Blumen hatte sie gesandt, auch der Vorsteherin den Auftrag
+gegeben, ein Marmormonument, einen knieenden Engel darstellend, für des
+Kindes Grab anfertigen zu lassen, mit goldenen Buchstaben solle auf dem
+Sockel eingegraben werden: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Teures Kind, bete für mich.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+Aeußerlich war somit alles geschehen, aber das Herz blieb kalt bei diesen
+pomphaften Kundgebungen.
+
+»Meine Mama wäre gekommen, wenn sie mich sterbenskrank gewußt hätte,«
+bemerkte Ilse, als sie Nellie den Brief vorlas, den ihr die Mutter so
+herzlich und tröstend geschrieben hatte.
+
+»O sicher, sie wär von der Welten Ende zu dich gereist,« beteuerte Nellie
+lebhaft.
+
+»Und sie ist nicht einmal meine rechte Mutter,« fuhr Ilse nachdenklich
+fort. »Ach Nellie, ich habe sie oft recht sehr gekränkt! Glaubst du wohl,
+daß sie mir vergeben wird?«
+
+Ilses Herz war so weich und empfänglich durch den Schmerz geworden und
+eine ernste, weihevolle Stimmung durchdrang ihr ganzes Wesen. Nie waren
+ihr bis dahin ähnliche Gedanken gekommen, und wäre es der Fall gewesen,
+hätten sie früher einmal bei ihr angeklopft, sie würden keinen Einlaß
+gefunden haben. Heute war es anders, sie hatte das Bedürfnis, sich gegen
+ihre Herzensfreundin auszusprechen und sich anzuklagen.
+
+»O mach dich kein Kummer darum, Kind. Deine Mutter hat ein so liebesreiche
+Herz, kein Titelchen Bosheit für dir ist darin. Sie vergebt dir alles. Du
+warst ja auch noch ein ungezogen, dumm' Baby, als du bei sie warst, jetzt
+aber bist du eine sehr anständige (sie meinte verständige) junge Dame.«
+
+»Ist das dein Ernst, Nellie?« fragte Ilse und sah mit ihren Kinderaugen
+Nellie zweifelnd an.
+
+»Es ist mein Ernst, und ich gebe dir den guter Rat, schreibe an deiner
+Mutter ein lang' Brief und bitte ihr um Verzeihung.«
+
+Ilse überlegte einen Augenblick. »Du hast recht, Nellie,« sagte sie dann
+entschlossen, »ich werde ihr schreiben, ich bin es ihr schuldig. Heute
+noch will ich es thun! Wenn sie mir nur bald darauf antwortet, ich werde
+nicht eher ruhig sein!«
+
+Als sie sich eben niedergesetzt hatte, ihr Vorhaben auszuführen, trat
+Flora mit strahlenden Augen ein.
+
+»Ich muß euch meine neuesten Gedichte vorlesen,« sagte sie erregt, »sie
+sind das beste, was ich bis jetzt geschrieben habe! Ihr müßt mich
+anhören!«
+
+Und sie entfaltete ein starkes Heft, in welchem sie Lillis Tod in den
+verschiedensten Dichtungsarten besungen hatte.
+
+ _Elegie auf den Tod einer vom Sturm geknickten Rosenknospe!_
+
+begann sie zu lesen.
+
+Nellie hielt sich die Ohren zu. »Schweig still! Ich mag dir nicht anhören
+mit dein dumm Zeug! Aergere mir nicht damit!«
+
+Ilse stimmte ihr bei. »Laß uns zufrieden, Flora,« sagte sie, »wir sind
+noch zu traurig, als daß wir lachen möchten! Und du weißt doch, daß alle
+deine Gedichte uns lustig machen.«
+
+Tief verletzt schloß Flora ihr Heft, auf dessen Umschlag mit großen
+Buchstaben zu lesen stand: »Floras Klagelieder!« - »Ihr habt keinen Sinn
+für erhabene Dichtkunst, und ich will Gott danken, wenn es Ostern ist und
+ich diesen prosaischen Aufenthalt verlassen kann!«
+
+Sie verließ die Undankbaren und suchte Rosi auf. Wenn niemand ihre
+Dichtkunst bewundern wollte, fand sie an ihr stets eine geduldige
+Zuhörerin. »Das rechte Verständnis freilich fehle ihr,« meinte Flora mit
+einem ergebungsvollen Seufzer.
+
+Der Brief an die Mutter war abgeschickt. Acht Tage waren seitdem vergangen
+und noch war keine Antwort eingetroffen. Ilse war unruhig und aufgeregt
+darüber. Nellie, ihre einzige Vertraute, tröstete sie.
+
+»Es ist ja noch kein' Ewigkeit vorbei, seit du schriebst,« sagte sie. »Es
+scheint dich nur so, weil du immer daran denkst. Ich wette, heute wirst du
+ein schön, lang Brief haben. Mich ahnt das!«
+
+Und richtig, Nellies Ahnung, die eigentlich gar nicht so ernst gemeint
+war, ging in Erfüllung. Es kam ein Brief an Ilse.
+
+»Komm sogleich in mein Zimmer, Ilse, ich habe dir etwas mitzuteilen!« Mit
+diesen Worten empfing Fräulein Raimar dieselbe, als sie eben aus der
+Kirche kam.
+
+Klopfenden Herzens folgte ihr das junge Mädchen, sich den Kopf
+zerbrechend, welch eine geheimnisvolle Mitteilung ihrer wartete. -
+
+»Ich habe soeben einen Brief von deinem Papa erhalten, liebes Kind, worin
+er mich bittet, dir etwas recht Erfreuliches zu verkünden. Ahnst du nicht,
+was es sein könnte?«
+
+»Nein,« entgegnete Ilse und blickte die Vorsteherin erwartungsvoll fragend
+an.
+
+»Dir ist ein Brüderchen beschert worden! Da, hier lies selbst, der Papa
+hat für dich einen Brief eingelegt.«
+
+Aber Ilse vermochte nicht zu lesen in diesem Augenblick. Die Nachricht
+hatte sie bis in das Innerste erfreut und durchzittert. Das Blut schoß ihr
+heiß in die Wangen, und ehe sie noch ein Wort über die Lippen bringen
+konnte, flog sie dem Fräulein an den Hals und küßte dieselbe. Sie mußte an
+jemand ihre jubelnde Freude auslassen.
+
+Als sie zur Besinnung kam, schämte sie sich ihrer Uebereilung. Wie konnte
+sie allen Respekt außer acht lassen und so ungeniert die Vorsteherin
+umarmen!
+
+»Verzeihen Sie,« sagte sie befangen und trat bescheiden zurück. Aber
+Fräulein Raimar schnitt ihr das Wort ab und nahm sie noch einmal herzlich
+in den Arm.
+
+»Komm her, mein Kind,« sagte sie warm, »und laß mich die erste sein, die
+dir von ganzem Herzen Glück wünscht.« - Später äußerte sie gegen Fräulein
+Güssow, daß Ilses strahlende Freude ihr so recht den Beweis für deren
+kindlich unbefangenes Herz gegeben habe. Anfangs habe sie nicht geglaubt,
+daß Ilses trotzige Natur sich jemals zügeln lassen werde.
+
+Der Brief an Ilse war nur kurz und von der Mutter schon vor mehreren Tagen
+an sie geschrieben. Der Papa trug an der Verzögerung schuld, er hatte noch
+einige Zeilen hinzufügen wollen und war nicht gleich dazu gekommen.
+
+»Lies erst, was sie schreibt!« bat Nellie, zu der Ilse jubelnd in das
+Zimmer gestürzt war, »lies erst, nachher sprechen wir von die Baby.«
+
+Und Ilse las:
+
+
+
+
+
+
+»Mein teures Kind!
+
+Dein letzter Brief hat mich sehr glücklich gemacht! Ich kann den
+Augenblick kaum erwarten, wo ich Dich an mein Herz nehmen darf, um Dir mit
+einem herzlichen Kuß zu sagen, daß ich Dir niemals böse war. Ich wußte
+immer, daß mein Trotzköpfchen schon den Weg zu mir finden werde. Mache Dir
+nur keine Sorgen um vergangene kleine Sünden, sie sind längst in alle
+Winde verweht, denke lieber an die zukünftige Zeit, in der wir wieder
+beisammen sind, und male sie Dir so rosig aus, wie Deine junge Phantasie
+es nur zu thun vermag. Ich habe Dich sehr, sehr lieb! Mit zärtlichen
+Küssen
+
+ _Deine Mama_.«
+
+
+
+
+
+
+Und der Papa hatte gestern flüchtig dazu geschrieben:
+
+
+
+
+
+
+»Hurra! Wir haben einen prächtigen Jungen! Ich habe nur den einen Wunsch,
+ihn Dir, mein Kleines, gleich zeigen zu können. Er sieht Dir ähnlich, hat
+gerade so lustige, braune Augen wie Du! Morgen schreibe ich Dir mehr.«
+
+
+
+
+
+
+ [Illustration]
+
+»O!« jammerte Ilse unter Lachen und Weinen, »wenn ich doch gleich dort
+sein könnte! Ich habe so große Sehnsucht, die Mama, den Papa und das
+kleine Brüderchen zu sehen!« Dabei umarmte und herzte sie Nellie, und als
+Fräulein Güssow hinzutrat, fiel sie auch dieser um den Hals. Sie hätte in
+ihrer Seligkeit am liebsten die ganze Welt umarmt! -
+
+Am Nachmittag, als der erste Freudenrausch sich gelegt hatte, kehrten
+Ilses Gedanken zu der verstorbenen Lilli zurück. Sie machte sich Vorwürfe,
+daß sie deren Andenken heute so ganz vergessen konnte!
+
+»Komm, Nellie,« sagte sie, »laß uns im Garten Veilchen pflücken zu einem
+Kranz auf Lillis Grab.«
+
+Fräulein Güssow stimmte diesem Vorschlage bei und begleitete gegen Abend
+die Freundinnen hinaus auf den stillen Friedhof. Ilse beugte sich nieder
+und legte den Kranz auf den frischen Grabhügel. Noch lagen die vielen
+andern Kränze von dem Begräbnisse darauf, aber sie waren verwelkt und
+trocken, und in den langen, weißen Atlasbändern spielte der Abendwind. -
+
+Die Tage kamen und gingen, und das Osterfest war vor der Thür. Die
+Prüfungen waren bereits vorüber, und die ausgeteilten Zeugnisse hatten
+Freude oder Kummer hervorgerufen, je nachdem sie für die Betreffenden
+ausgefallen waren. Ilse konnte zufrieden sein. Mit Ausnahme einzelner
+Fächer, bei denen obenan das Rechnen stand, hatte sie sehr gute
+Fortschritte gemacht. Ihr ernstes Streben, ihr Betragen, das besonders
+seit dem Tode Lillis tadellos geworden war, wurde von ihren Lehrern und
+Lehrerinnen rühmend hervorgehoben, nur die englische Lehrerin schloß sich
+dieser Ansicht nicht an. Sie blieb bei ihrem Vorurteile und fand, daß Ilse
+nach wie vor ohne jede Manier und Grazie sei, auch tadelte sie sehr ihre
+englische Aussprache.
+
+»Laß dir nix vormachen, Ilse,« sagte Nellie, als sie allein waren. »Du
+sprichst schon ganz nett englisch und drückst dir stets sehr fein aus.
+Uebrigens tröste dir mit mir, sieh, was sie hier geschrieben haben,« - und
+sie reichte betrübt der Freundin ihr Zeugnis, und Ilse las: Besondere
+Bemerkung: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nellie macht sehr langsame Fortschritte in der deutschen
+Sprache.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - »Ist das nicht unrecht?« fragte sie. »Ich gebe mich so
+furchtbar große Mühe mit eure schwere Sprache.«
+
+Nun war die Reihe zu trösten an Ilse. Dieselbe versprach ihr von jetzt an,
+keinen Schnitzer mehr durchgehen zu lassen, Nellie dagegen wollte täglich
+eine volle Stunde nur englisch mit der Freundin plaudern.
+
+Flora war in höchster Aufregung. Sie fand es geradezu großartig, daß
+Doktor Althoff ihr eine II in der Litteratur geben konnte. »Mir das!« rief
+sie aus, sobald er sich entfernt hatte, »mir das! die ich selbst schon so
+lange litterarisch thätig bin! Aber Sie werden sich wundern, Herr Doktor,
+Sie werden sich wundern!«
+
+Diese geheimnisvolle Anspielung bezog sich auf ihr jüngstes Werk. Sie
+hatte gestern den letzten Federstrich daran gethan und es dann sogleich
+mit einem Briefe auf rosa Papier dem Lehrer zur Durchsicht gegeben. Mit
+bescheidenem Selbstbewußtsein hatte sie hinzugefügt, sie rechne darauf,
+daß ihr Zauberspiel am Geburtstage der Vorsteherin aufgeführt werde.
+Sollte Herr Doktor einige kleine Aenderungen für notwendig finden, so
+würde sie sich gern seinem Rate fügen. -
+
+Es waren einige Tage darüber vergangen und noch hatte sie keine Antwort
+erhalten. Warum mochte er zögern? Gefallen mußte ihm »Thea, die
+Blumenfee«, darüber war sie nicht im Zweifel. Sie hatte sich so
+hineingelebt in ihre Zauberposse, und ihre Phantasie flüsterte ihr einen
+großartigen Erfolg in das Ohr. Sie hörte den stürmischen Beifall der
+Anwesenden, - die Dichterin wurde gerufen! - Sie träumte wachend, langsam
+- gesenkten Auges trete sie aus den Kulissen hervor. - »Flora!« ruft es
+von allen Seiten, und voller Staunen richten sich aller Augen auf sie. -
+Ja, staunt nur, ihr Ungläubigen, die ihr die arme Flora so oft verkannt
+habt! Jetzt hat sie euch überzeugt, daß ihre Dichtkunst kein leerer Wahn
+ist! - Bescheiden und demütig verneigt sie sich nach rechts und links -
+ohne den Blick zu erheben - sie war vor den Spiegel getreten, um Blick und
+Verbeugung einzustudieren. - »Die Blumenfee werde ich vorstellen,« träumte
+sie weiter, »natürlich! Wer anders könnte sich so in den Geist der Rolle
+versetzen, als ich! Wie herrlich wird mir das Kostüm stehen! Ein Kleid von
+Silbergaze mit Rosen durchwebt, eine goldene Krone auf dem Haupte, ein
+langer, duftiger Schleier und offnes, wallendes Haar!«
+
+Ganz in Gedanken versunken löste sie die aufgesteckten Flechten und
+drapierte das Haar malerisch um ihre Schultern. Unwillkürlich kamen ihr
+dabei die ersten Verse ihres großen Werkes auf die Lippen und laut, mit
+pathetischer Stimme, fing sie an zu deklamieren:
+
+ »Heraus, ihr Blumen, aus euren Kelchen,
+ Ich will mit euch spielen!
+ Eilt euch, ihr lieben Tulpen und Nelken,
+ Laßt mich nicht warten, ihr vielen, vielen,
+ Heraus, heraus!«
+
+Ein lautes Pochen an der Thür und ungestümes Auf- und Niederdrücken des
+Griffes unterbrach sie höchst unangenehm. Zugleich wurde Gretes Stimme
+laut.
+
+»Warum schließt du dich denn ein? Mach' schnell auf, ich bringe dir
+etwas!«
+
+In aller Eile befestigte Flora ihr Haar, schob dann den Riegel zurück und
+fragte ärgerlich: »Was willst du denn?«
+
+Grete war in das Zimmer getreten und sah sich verwundert um. »Du sprachst
+doch eben laut,« sagte sie, »mit wem hast du dich denn unterhalten?«
+
+Flora blieb ihr die Antwort schuldig; sie sah ihr Manuskript in Gretes
+Hand, ungestüm nahm sie es an sich.
+
+»Gieb her! Wie kommst du zu meinem Hefte?«
+
+»Nur nicht so heftig,« entgegnete Grete, »was fällt dir denn ein? Es ist
+die reine Gefälligkeit, daß ich es dir bringe. Doktor Althoff hat es mir
+für dich übergeben.«
+
+»Warum ließ er mich nicht selbst rufen? Du wirst dich wohl wieder
+vorwitzig aufgedrängt haben, es ist so deine gewöhnliche Art. Uebrigens
+jetzt kannst du wieder gehen, ich möchte allein sein!«
+
+Aber Grete verspürte keine Lust, sie zu verlassen, sie witterte ein
+Geheimnis, das mußte sie erst heraus haben!
+
+»Ich habe aber keine Lust, dich zu verlassen,« sagte sie und setzte sich
+mit aller Gemütlichkeit nieder.
+
+»Du bist wirklich unausstehlich!« stieß Flora ärgerlich heraus und drehte
+Grete den Rücken. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Wenn du durchaus hier
+bleiben willst, so thue es meinetwegen,« fuhr sie fort und näherte sich
+der Thür, »mich geniert es nicht.«
+
+Und sie hatte die Thür geöffnet und war hinaus, noch ehe Grete sich
+erhoben hatte. Schnell drehte sie den Schlüssel im Schloß um und - das
+neugierige Gretchen war eine Gefangene.
+
+Geflügelten Schrittes eilte sie in den Garten, der Traueresche zu. Sie
+huschte zwischen den bis auf den Boden herabhängenden Zweigen hindurch und
+sank auf einem Bänkchen von Birkenstämmen nieder. Hier war sie vor jedem
+Lauscherblicke sicher.
+
+Sie preßte die Hand auf das hochklopfende Herz und ein Zittern überlief
+sie vor der Entscheidung! Wie wird sein Urteil ausgefallen sein? Nicht
+lange hielt die zagende Schwäche an und ihre Zuversicht kehrte zurück.
+Mutig und siegesbewußt schlug sie das Heft auf. Natürlich suchte sie
+zuerst nach einigen Zeilen von seiner Hand. Aber sie blätterte und fand
+nichts. Sie breitete das Heft auseinander, hielt es hoch, schüttelte es
+tüchtig, der erwartete Brief fiel nicht heraus. Sie war höchst betroffen,
+da sie bei einer flüchtigen Durchsicht des Manuskripts auch nicht die
+kleinste Notiz entdecken konnte. Schon wollte sie es unwillig beiseite
+legen, als ihre Augen zwei Worte entdeckten, die Doktor Althoff mit seiner
+zierlichen und doch festen Handschrift mit roter Tinte gerade in den
+Schnörkel hineingeschrieben, den sie dem Schlußworte »Ende« malerisch
+angehängt hatte. Sie las und fiel wie gebrochen hintenüber.
+
+»Abscheulich!« riefen ihre bebenden Lippen, »empörend!«
+
+Floras Entrüstung war wohl natürlich, zertrümmerten doch die beiden
+kleinen Wörtchen den ganzen Prachtbau ihres Luftschlosses. »Konfuses
+Zeug!« stand da deutlich geschrieben und erbarmungslos war hiemit das
+Todesurteil ihrer Dichtung besiegelt.
+
+Sie ballte die Hände in ohnmächtiger Wut und haßte den Mann, den sie bis
+dahin so schwärmerisch angebetet hatte. Warum verkannte er ihr Genie, oder
+vielmehr, warum wollte er dasselbe nicht anerkennen? Sie wollte zu ihm
+eilen ... sogleich ... er sollte ihr Rechenschaft über sein vernichtendes
+Urteil geben!
+
+Aber sie verwarf diesen Entschluß, weil sie befürchtete, vor Aufregung
+ohnmächtig zu werden. Und schwach sollte er sie nicht sehen ...
+nimmermehr! Sie wollte ihm schreiben und zwar sofort!
+
+Sie zog ein Notizbuch aus ihrer Tasche und begann einen stürmischen Brief
+aufzusetzen. Kaum hatte sie indes einige Sätze niedergeschrieben, als sie
+durch den grünen Blättervorhang Grete gerade auf die Esche losstürmen sah,
+es blieb ihr eben noch Zeit genug, das Notizbuch zu verbergen, als
+dieselbe bereits vor ihr stand.
+
+Floras Gedanken waren nur mit dem Briefe beschäftigt gewesen, sie hatte
+darüber ihr Manuskript, das sie neben sich auf die Bank gelegt hatte,
+vergessen. Grete hatte es indes mit ihren Spüraugen sofort entdeckt. Wie
+ein Vogel schoß sie darauf los, ergriff es und eilte mit ihrer Beute
+davon.
+
+»Etsch, Fräulein Flora!« rief sie noch triumphierend, »nun werde ich doch
+hinter deine Geheimnisse kommen! Jetzt bist du meine Gefangene!«
+
+»Grete, gieb her!« rief Flora angstvoll und eilte derselben nach, »bitte,
+bitte! Ich will dir auch schenken, was du haben willst!«
+
+Grete aber blieb taub bei ihren Bitten. Lachend eilte sie weiter.
+
+»Du mußt mir mein Eigentum zurückgeben, ich will es!« drohte Flora, als
+sie einsah, daß Güte nicht half, »ich befehle es dir!«
+
+Darüber brach Grete in ein lautes Gelächter aus. »Du befiehlst es mir? Das
+ist reizend!« rief sie, »du bist wirklich furchtbar naiv!« Und sie hatte
+das Haus erreicht, während Flora weit hinter ihr zurückblieb. Trotz ihrer
+schwerfälligen, plumpen Figur war sie doch weit schneller als letztere,
+die etwas steif und ungelenk war.
+
+Als Flora einsah, daß ihre Verfolgung nutzlos war, blieb sie weinend
+stehen. Einen wahrhaft verzweiflungsvollen Blick warf sie der Räuberin
+ihres Schatzes nach, denn nun war sie verloren, das heißt preisgegeben dem
+Hohn und Spott der Mitschülerinnen, an die sie Grete verraten würde.
+
+Aber es kam anders. Gerade als Grete die paar Stufen zum Korridor hinaus
+sprang, lief sie beinahe Doktor Althoff in die Arme. Sie hatte ihn nicht
+gesehen, weil sie den Kopf nach rückwärts gewandt hielt. Das Heft hoch in
+der Luft schwenkend, hatte sie der armen Flora zugerufen: »Jetzt lese ich
+deine Geheimnisse!«
+
+Mit einem Blick hatte der Lehrer erkannt, um was es sich handelte; er wäre
+darüber nicht im Zweifel gewesen, selbst wenn ihn Grete weniger
+erschrocken angesehen hätte.
+
+»Sie sollten ja dies Heft an Flora abgeben,« sagte er vorwurfsvoll, »wie
+kommt es, daß Sie es noch mit sich herumtragen?«
+
+Sie antwortete nicht und sah ziemlich betreten und beschämt aus, auch war
+sie rot bis über die Ohren geworden.
+
+»Ich werde Ihnen nie wieder einen Auftrag geben,« fuhr er fort, »da ich
+sehe, wie wenig ich mich auf Sie verlassen kann. Geben Sie mir das Heft,
+ich werde es selbst an Flora abliefern.«
+
+Grete reichte ihm das Verlangte. »Sie ist selbst schuld daran,« stieß sie
+zu ihrer Entschuldigung hervor und warf den ohnehin großen Mund noch mehr
+auf; »sie hat ... sie hat mich eingeschlossen! Zur Strafe habe ich ihr das
+Buch fortgenommen!«
+
+»Zur Strafe!« wiederholte Doktor Althoff mit einem zweifelnden Lächeln,
+»und was wollten Sie jetzt damit machen?«
+
+»Ach,« verriet sie sich, »hineingesehen hätte ich ganz gewiß nicht! Floras
+Dichtungen sind viel zu überspannt und langweilig! Ich wollte sie nur
+necken.«
+
+»Grete, Grete!« drohte der junge Lehrer lächelnd mit dem Finger, »wenn
+dies Wort eine Brücke wäre, ich ginge nicht hinüber. Seien Sie in Zukunft
+nicht wieder so indiskret und neugierig, Neugierde ist kein schöner
+Schmuck für ein junges Mädchen.«
+
+Er wandte sich von der Beschämten ab und ging auf Flora zu, die langsam
+heran kam. Noch zitterten Thränen in ihren Augen, die sie wie in
+Verklärung auf ihren Erretter richtete. Wo war der Haß geblieben, der
+soeben noch in ihrem Innern getobt hatte? Verschwunden und verweht! Die
+alte Liebe und Begeisterung für Doktor Althoff hatten ihn zurückgedrängt
+und waren wieder eingezogen in ihr großmütiges Herz. So mächtig wallte die
+Begeisterung in ihr über, daß sie plötzlich, hingerissen von Dankbarkeit,
+sich niederbeugte, seine Hand ergriff und einen heißen Kuß darauf drückte.
+
+»Ich danke Ihnen,« hauchte sie leise, dann eilte sie fort, zurück zu ihrer
+Friedensstätte, ihrem Musentempel, und anstatt den angefangenen Brief zu
+vollenden, dichtete sie ein Sonett, das die Aufschrift trug: »An ihn.«
+
+Doktor Althoff blickte der Davoneilenden kopfschüttelnd nach. »Ein
+überspanntes, verdrehtes Wesen!« mußte er unwillkürlich sagen, »und das
+schlimmste ist, sie wird niemals zu heilen sein.« -
+
+Der Geburtstag des Fräulein Raimar, der in den Mai fiel, war stets ein
+großartiges Fest. Tagesschülerinnen und Pensionärinnen wetteiferten mit
+einander, dasselbe durch musikalische und theatralische Aufführungen,
+durch lebende Bilder u. s. w. so bunt und unterhaltend zu gestalten als
+möglich. Auch in diesem Jahre wurde keine Ausnahme gemacht, trotzdem Lilli
+kaum vier Wochen in der Erde ruhte.
+
+»Ich würde gern auf eine größere Feier verzichten,« sprach eines Tages die
+Vorsteherin zu der englischen Lehrerin und Fräulein Güssow, »aber ich darf
+es unsrer Zöglinge wegen nicht thun. Mehr oder weniger hat sie Lillis Tod
+sehr ergriffen und sie hängen die Köpfe; da ist das beste Mittel, sie
+wieder aufzumuntern, daß wir ihnen eine Zerstreuung schaffen. Mit aller
+Trauer können wir ja den Tod des lieben Kindes nicht ungeschehen machen.«
+
+Die beiden Damen stimmten ein und beschlossen untereinander, mit den
+Vorbereitungen zu dem Feste zu beginnen. Miß Lead übernahm es, ein
+englisches Stück, Fräulein Güssow, ein französisches Lustspiel
+einzustudieren. Erstere wählte nur Tagesschülerinnen zu ihren
+Mitwirkenden, während letztere ihre Rollen nur mit Pensionärinnen
+besetzte. Sie hatte aber erst einen kleinen Kampf mit den Mädchen, bevor
+dieselben die ihnen zugedachten Rollen annahmen. Flora, die eine alte Dame
+vorstellen sollte, war durchaus nicht damit einverstanden, sie behauptete,
+Rosi passe weit besser zu dieser Rolle, diese aber hatte nicht einen
+Funken schauspielerischen Talentes und würde sich niemals dazu verstanden
+haben, Theater zu spielen. Sie sprach auch weniger fließend französisch
+als Flora.
+
+Fräulein Güssow machte nicht viel Umstände. »Wie du willst, Flora,« sagte
+sie, »macht es dir kein Vergnügen, diese allerliebste Rolle zu übernehmen,
+so wähle ich eine Tagesschülerin dafür und du kannst diesmal nur
+Zuschauerin sein.«
+
+Das behagte Flora noch weniger. Nach einigem Zögern entschloß sie sich,
+freilich wie sie sagte, mit großer Selbstüberwindung, die Alte zu spielen.
+Ilse und Melanie stellten deren Töchter dar und paßten in ihren
+Charaktereigentümlichkeiten prächtig dazu. Melanie putzsüchtig, elegant
+und eitel, Ilse das Gegenteil. Wild und unbändig, trotzig und
+widerspenstig, natürlich nichts weniger als elegant führt sie die
+übermütigsten Streiche aus und die schwache Mutter ist nicht im stande,
+sie zu zügeln. Da erscheint ein junger, entfernter Verwandter,
+interessiert sich für den Wildfang und versteht es, durch Güte und
+Festigkeit die Tugenden in demselben zu wecken und die Widerspenstige zu
+zähmen. Zum Schlusse wird sie seine Braut.
+
+»Orla, du kannst die Rolle des Vetters übernehmen,« bestimmte die
+Lehrerin.
+
+»Orla?« fragte Ilse verwundert, »sie kann doch keinen Mann darstellen?«
+
+Es erhob sich ein wahrer Sturm unter den jungen Mädchen bei Ilses
+unschuldiger Frage. Die Stimmen schwirrten durcheinander, denn jede war
+bemüht, Ilse über ihre Unwissenheit aufzuklären.
+
+»Weißt du denn nicht, wie es bei uns Sitte ist?« fragte Orla.
+
+»Mit Herren dürfen wir nicht Theater spielen,« bemerkte Flora spottend,
+»sie sind verpönt in der Pension!«
+
+»Du bist naiv, Ilse!« rief Melanie. »Das ist ja eben so ledern und
+furchtbar öde, daß wir Mädchen auch Männerrollen geben müssen!«
+
+»Herren, Herren!« wiederholte Annemie unter lautem Lachen, »es ist zum
+totlachen!«
+
+»Ja, wenn Herren mitspielten, dann möchte ich Ilses Rolle spielen,«
+überschrie Grete mit ihrer kräftigen Stimme alle übrigen, »so aber -«
+
+»So aber wirst du den Bauernjungen übernehmen, Grete,« fuhr Fräulein
+Güssow dazwischen. Die Aufgeregten hatten ganz deren Gegenwart vergessen.
+»Und jetzt bitte ich mir Ruhe aus, ihr unbändigen Kinder! Fräulein Raimar
+hat ihre triftigen Gründe zu ihren Bestimmungen, wie könnt ihr euch
+dagegen auflehnen? Daß ihr noch zu kindisch seid, dieselben zu verstehen,
+habe ich in diesem Augenblicke klar und deutlich gesehen! Schämt euch! ...
+Jetzt macht euch daran, eure Rollen auszuschreiben, morgen werden wir eine
+Leseprobe halten.« Mit diesen Worten verließ sie die aufrührerische
+Gesellschaft.
+
+Alle schwiegen bis auf Grete, sie konnte nicht unterlassen, noch einmal zu
+sagen: »Langweilig ist es doch ohne Herren! Und den dummen Bauernjungen
+spiel' ich nicht!«
+
+Aber sie spielte ihn doch und es zeigte sich bald, daß sie ganz
+vortrefflich dazu paßte.
+
+Die täglichen Proben brachten die gewünschte Zerstreuung. Ilse besonders
+fand viel Freude an einem Vergnügen, das ihr bis dahin unbekannt gewesen
+war. Die anfängliche Befangenheit überwand sie bald und sie spielte ihre
+Rolle zur vollen Zufriedenheit Fräulein Güssows, die zuweilen ein Lächeln
+über die höchst natürliche Darstellung nicht unterdrücken konnte.
+
+Zur Hauptprobe mußten alle in ihren Kostümen erscheinen, damit sie sich
+gegenseitig an den veränderten Anblick gewöhnten. Diese Bestimmung war
+sehr gut, denn als sie sich in ihren komischen Anzügen betrachteten,
+konnten sie das Lachen nicht zurückhalten.
+
+Flora mit langen Scheitellocken und einer Spitzenhaube, mit einem Lorgnon,
+das sie vor die Augen hielt, war kaum zu erkennen. Das elegante, schwarze
+Schleppkleid ließ sie weit größer erscheinen, als sie war. Sie war
+übrigens ganz ausgesöhnt mit ihrer {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}alten{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Partie und das Lob, welches
+Fräulein Güssow ihr einige Male erteilte, hatte sie zu der Idee gebracht,
+daß ihr eigentlicher Beruf der einer Schauspielerin sei, und sie träumte
+Tag und Nacht {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}von der Welt, welche die Bretter bedeuten{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Dichterin -
+Schauspielerin{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. Eine große Zukunft stand ihr bevor!
+
+Orla sah in ihrem Jägeranzuge, den grünen Hut keck auf das eine Ohr
+gesetzt, wirklich gut aus, und der kleine Stutzbart, mit dem sie die
+Oberlippe geziert hatte, gab ihr ein keckes Ansehen und stand ihr
+allerliebst.
+
+»Famos siehst du aus, Orla!« meinte Melanie und betrachtete mit besonderem
+Entzücken deren Stulpenstiefel.
+
+»Du solltest immer so gehen,« setzte Flora ganz ernsthaft hinzu. Natürlich
+wurde sie ausgelacht.
+
+ [Illustration]
+
+Grete war ein Bauernjunge, wie er sein muß. Plump und ungeschickt, dreist
+und laut. Melanie fühlte sich himmlisch wohl in dem koketten und eleganten
+Kostüm, das sie sich gewählt hatte. Sie stand vor dem Spiegel und putzte
+noch hie und da an sich herum. Und Ilse?
+
+Sie trat als letzte herein und bei ihrem Anblick erhob sich ein so
+stürmisches Gelächter, daß Fräulein Güssow Mühe hatte, es zu dämmen.
+
+»Wie siehst du aus, Mädchen?« sprach sie lachend, »komm näher, ich muß
+dich genau betrachten. Willst du wirklich in diesem Aufzuge spielen? Nein,
+Ilse, so geht es wirklich nicht. Wir müssen an deinem Kleide durchaus
+Verschönerungen anbringen! Du bist auch gar zu wenig eitel, sonst würdest
+du wohl selbst darauf gekommen sein.«
+
+»Lassen Sie mich so!« bat Ilse inständigst, sie war ja so glücklich, ihr
+geliebtes Blusenkleid bei dieser Gelegenheit tragen zu dürfen. Sie war aus
+demselben herausgewachsen, zu eng und zu kurz war es geworden, natürlich
+erhöhte dieser Mangel noch den komischen Eindruck.
+
+»Nein, Kind, unmöglich! Du siehst wie eine Bettlerin aus. Der Aermel darf
+nicht ausgerissen sein, der schlechte Gürtel muß durch einen neuen ersetzt
+werden, um den Hals wirst du einen Matrosenkragen legen und die
+fürchterlichen Stiefel laß vor allen Dingen blank putzen. Dann wird es
+gehen. Man darf nicht übertreiben,« fügte sie hinzu, als Ilse ein etwas
+betrübtes Gesicht machte, »stets muß das richtige Maß inne gehalten
+werden. Auch die Locken dürfen dir nicht so wirr über die Augen fallen, du
+kannst ja kaum sehen. Vergiß nicht, daß du die Tochter einer Baronin bist,
+dein Anzug darf verwildert, aber nicht zerrissen sein.«
+
+»Wollen wir nicht anfangen?« trieb Miß Lead, die sich mit ihren
+Künstlerinnen ebenfalls zur Hauptprobe eingestellt hatte. Sie war schon
+etwas ungeduldig bei der genauen Musterung der Kostüme geworden und fand
+es höchst überflüssig, daß Fräulein Güssow überhaupt Wert darauf legte.
+Die Hauptsache war nach ihrer Meinung die vollständige Beherrschung der
+fremden Sprache, und daß die Mädchen ihre Rollen gut gelernt hatten, alles
+andre war Nebensache. Viel Gesten litt sie um keinen Preis, wollte ja eine
+Mitspielende es wagen, sich frei und natürlich zu bewegen, geriet sie
+förmlich außer sich und rief: »Ruhe! Ruhe! Wo bleibt die Plastik?«
+
+Wie es fast immer der Fall ist, so war es auch hier; die Hauptprobe fiel
+herzlich schlecht aus. Die Mädchen waren schon aufgeregt in Erwartung des
+nächsten Tages und wurden es noch mehr durch die Ungeduld von Miß Lead,
+die heftig erklärte, daß sie es für das beste halte, wenn die ganze
+Theateridee aufgegeben werde. Das französische Stück fand sie entsetzlich
+und sie gab Fräulein Güssow den guten Rat, es nicht aufführen zu lassen.
+»Ich bitte Sie,« rief sie aus, »es handelt sich um eine Liebesgeschichte!
+Das wird den größten Anstoß erregen!«
+
+Fräulein Güssow setzte der Engländerin lächelnd auseinander, daß nicht
+Kinder, sondern erwachsene Mädchen das Stück aufführten. »Die
+Liebesgeschichte,« wandte sie ein, »ist nur eine harmlose Nebensache, es
+handelt sich hauptsächlich um die Heilung eines widerspenstigen Mädchens.«
+
+Miß Lead schüttelte mißbilligend den Kopf, sie wollte sich nicht davon
+überzeugen. »Ilse wird Ihnen, wenn Sie wirklich auf Ihrem Vorsatz
+bestehen, alles verderben. Wie sieht sie aus, und wie spielt sie? Plump,
+ohne jeden Anstand! Das Podium der kleinen Bühne erdröhnt förmlich bei
+ihren furchtbaren Schritten, ihre Bewegungen sind frei und keck.«
+
+Fräulein Güssow schwieg zu diesem harten, ungerechten Urteil. Sie hatte es
+längst aufgegeben, die Engländerin von ihrem Vorurteile zu heilen. Starr
+hielt dieselbe daran fest. Ilse war und blieb ihr ein Dorn im Auge.
+
+Miß Lead hatte sich geirrt. Am nächsten Abend ging alles über Erwarten
+gut. Der glänzend erhellte Saal, die festlich versammelte Gesellschaft
+brachten eine belebende Stimmung unter das junge Volk. Die ganze
+Festlichkeit leitete ein Prolog ein, den eine Schülerin der ersten Klasse
+gedichtet hatte. Sie trug ihn selbst recht hübsch vor und erntete
+wohlverdienten Beifall. Nur Flora, die hinter den Kulissen stand, zuckte
+die Achseln. »Kein Schwung, keine Poesie und kein Talent!« lautete ihr
+kritischer Ausspruch.
+
+Die Aufführung des englischen Stückes ging vorüber, glatt, reizlos und
+langweilig. Und wenn die Anwesenden sich dies in ihrem Innern auch
+einstimmig eingestanden, so waren sie doch am Ende des Stückes mit
+Beifallsspenden nicht sparsam. Die Mitspielenden wurden herausgerufen, und
+als der rote Vorhang in die Höhe ging und die Mädchen sich dankend
+verneigten, strahlte Miß Lead vor Stolz und Seligkeit. »_Very well_,« rief
+sie laut, »ihr habt eure Sache gut gemacht!«
+
+Nachdem verschiedene lebende Bilder und musikalische Aufführungen vorüber
+waren, bildete das französische Lustspiel den Schluß.
+
+»Wollen Sie es wirklich wagen?« wandte sich die englische Lehrerin in
+wohlwollendem, etwas herablassendem Tone zu Fräulein Güssow. »Schreckt Sie
+der große Erfolg, den wir erzielten, nicht ab? Folgen Sie meinem Rate,
+treten Sie zurück! Wir werden eine Entschuldigung finden. Der französische
+Flattersinn muß abfallen gegen die englische Gediegenheit.«
+
+Trotz Miß Lead's Bedenken begann das französische Stück, und sie mußte die
+niederschlagende Erfahrung machen, daß es weit beifälliger aufgenommen
+wurde, als das englische. Die Gesellschaft amüsierte sich köstlich und kam
+aus dem Lachen nicht heraus. Zweimal wurde Ilse bei offener Szene gerufen,
+so drollig und natürlich spielte sie.
+
+»Sie ist _charmante, charmante_!« rief Monsieur Michael feurig, »ich habe
+Ursache, stolz auf sie zu sein. Leicht und elegant wie eine Pariserin
+spricht und spielt sie!«
+
+»Sie spielt sich selbst!« entgegnete Doktor Althoff lachend, »aber ich
+hätte dem Wildfang kaum so viel Anmut zugetraut.«
+
+Einen kleinen Triumph sollte Miß Lead doch noch feiern, - Ilse verdarb die
+Liebesszene am Schluß. In dem Augenblick, als Orla sie umarmen wollte, kam
+ihr das so komisch vor, daß sie in ein lautes Gelächter ausbrach.
+
+»Wie schade!« rief Nellie halblaut. »Warum muß sie lachen? Sie war zu
+nett, nun verderbt sie die Schluß.«
+
+Doktor Althoff, der zufällig in Nellies Nähe stand, hörte ihren Ausruf.
+»Trotzdem, Miß Nellie,« entgegnete er, auf einem leeren Stuhl neben ihr
+Platz nehmend, »ist ihre Freundin die Siegerin des Abends; aber warum
+wirkten Sie nicht mit, warum sind Sie nur Zuschauerin? Sie würden gewiß
+eine gute Schauspielerin sein.«
+
+Nellie senkte die Augenlider. »O, Sie sind sehr gütig,« sagte sie
+befangen, »aber ich weiß nicht zu spielen, Herr Doktor, ich hab' nicht
+Talent.«
+
+»Das käme auf einen Versuch an! Sehen Sie Ilse an, wer hätte geglaubt, daß
+sie eine so allerliebste Schauspielerin sein könne!«
+
+»Nicht wahr?« stimmte Nellie lebhaft und mit aufrichtiger Freude bei, »sie
+ist reizend und ich bin entzückend über ihr!«
+
+Der junge Lehrer schwieg und sah sie teilnahmvoll an. Wie neidlos kamen
+ihr die Worte aus dem Herzen, wie leuchteten ihre Augen freudig auf, als
+sie die Freundin lobte! Und im Vergleich zu Ilse, wie wenig hatte sie doch
+von der Zukunft zu hoffen! Jene ein Kind des Glückes - und diese? Ein
+armes Wesen, das den mühevollen Pfad einer Lehrerin pilgern sollte!
+
+»Nicht wahr, ist sie nicht reizend?« wiederholte Nellie und blickte
+fragend auf.
+
+»Gewiß, gewiß!« gab der Lehrer zerstreut zur Antwort, und von dem
+Gegenstand plötzlich abspringend, fragte er: »Woher haben Sie die
+herrlichen Veilchen?« und deutete dabei auf einen Strauß, den sie in der
+Hand hielt. »Sie duften wundervoll! Ich liebe die Veilchen sehr.«
+
+Sie hörte nur, daß er die Veilchen liebe, bedurfte es da einer großen
+Ueberlegung? »O nehmen Sie,« sagte sie naiv und errötete dabei, »bitte, es
+macht mich großer Freude!«
+
+»Nicht alle,« entgegnete er lächelnd und zog einige Blumen aus dem Strauß,
+den sie ihm gereicht, »so, nun habe ich genug. Haben Sie Dank dafür.«
+
+Er erhob sich und verließ sie. Mit glänzenden Augen sah sie ihm nach, sie
+hatte bemerkt, wie er ihre Veilchen im Knopfloch befestigte.
+
+»Wie taktlos von dir!« redete Miß Lead, die ihren Platz dicht hinter
+Nellie hatte, dieselbe an und riß sie mit ihrer scharfen Stimme aus allen
+Himmeln. »Welch ein Betragen! Ich habe jedes Wort mit angehört. Schämst du
+dich nicht, einem Herrn Blumen anzubieten?«
+
+Als ob ein eisiger Wind plötzlich in eine kaum erschlossene Blütenknospe
+gefahren wäre, so wurde Nellies kurze Freude zerstört.
+
+»Habe ich ein Unrecht gemacht?« fragte sie geängstigt. »O bitte, Miß,
+sagen Sie, war ich ungeschickt? Wird Herr Doktor mich für unbescheiden
+halten?«
+
+Dieser Gedanke peinigte sie sehr und übergoß sie mit heißer Glut. Mit
+wahrer Angst wartete sie auf ein beruhigendes Wort und sah in der Lehrerin
+Gesicht, das indes nicht aussah, als ob sie zur Milde geneigt sei.
+
+»Jedenfalls wird er dich für sehr einfältig halten,« erwiderte sie
+unbarmherzig, »wenn er nicht vielleicht deine Handlungsweise zudringlich
+nennt.«
+
+»O nein, nein!« rief Nellie beinahe entsetzt, »er wird nicht so hart von
+sein Schüler denken!«
+
+»So, weißt du das so bestimmt?« quälte Miß Lead sie weiter, »du bist kein
+Kind mehr, dem man allenfalls dergleichen Taktlosigkeiten vergiebt, ein
+erwachsenes Mädchen darf niemals blindlings seinem Gefühle folgen!«
+
+»Ich will bitten, daß er mir die Blumen wiedergiebt,« sagte Nellie tief
+beschämt.
+
+»Das darfst du nicht, wenn du dich nicht noch mehr bloßstellen willst. Du
+wirst schweigen und dich niemals wieder vergessen! Eine zukünftige
+Gouvernante muß jedes Wort, jeden Blick, und vor allem jede Handlung
+reiflich überlegen. Das merke dir!«
+
+Traurig sah Nellie nach diesem harten Verweise zu Boden. Dahin war ihre
+fröhliche Laune, sie hatte keine Lust mehr an dem Feste. Eine heiße Thräne
+tropfte ihr aus dem Auge und fiel auf die Veilchen, die Urheber ihres
+Kummers. Sie brannten ihr förmlich in der Hand und am liebsten hätte sie
+dieselben weit von sich geschleudert. Still und einsilbig blieb sie den
+ganzen Abend, und sobald Doktor Althoff in ihre Nähe kam, wich sie ihm
+ängstlich aus. Es war ihr unmöglich, ihm in das Auge zu blicken. Miß Lead
+hatte ihre frohe Unbefangenheit zerstört.
+
+Als die Freundinnen sich nach dem Feste zur Ruhe begaben, saß Nellie ganz
+gegen ihre Gewohnheit noch einige Zeit sinnend da. »Du bist so still,«
+fragte Ilse, »was hast du?«
+
+»O nichts, nichts!« erwiderte Nellie schnell und erhob sich aus ihrer
+träumenden Stellung, »es ist gar nix!«
+
+Zum ersten Male verschwieg sie der geliebten Freundin die Wahrheit, sie
+vermochte es nicht, über ihren Kummer zu reden, und doch - was war es, das
+trotz allen Kummers ihr Herz schneller klopfen ließ und wie ein
+Frühlingswehen durch ihre Seele zog?
+
+ * * *
+
+Holunder und Maiblumen hatten ausgeblüht und die Rosen öffneten ihre
+duftigen Kelche. Nellie und Ilse wandelten nach dem Abendessen durch den
+Garten, und als sie im Gebüsch die Nachtigall schlagen hörten, blieben sie
+stehen und lauschten.
+
+»Wie süß!« rief Nellie, »komm, laß uns auf der Bank setzen und lauschen.«
+
+Sie hielten sich beide umschlungen und sprachen kein Wort. Der herrliche,
+duftende Abend, der Mond, der silbern am Abendhimmel aufstieg, der
+schmelzende Gesang der Nachtigall weckten eine ahnungsvolle, nie gekannte
+Stimmung in ihren jungen Herzen.
+
+»O Ilse,« unterbrach Nellie mit einem Seufzer die feierliche Stille, »wie
+bald gehst du fort und läßt mir allein zurück! Ich bin sehr traurig, wenn
+ich daran denke!«
+
+Auch Ilse war wehmütig und der Gedanke, von Nellie scheiden zu müssen,
+machte ihr das Auge feucht. Aber sie unterdrückte mutig die weiche
+Stimmung und versuchte, die Freundin zu trösten. »Es ist noch lange hin,
+bis ich die Pension verlasse,« sagte sie, »du weißt ja, daß meine Eltern
+meinen Aufenthalt bis zum ersten September verlängerten. Noch acht Wochen
+sind wir beisammen, Nellie, das ist noch eine sehr lange Zeit, denk'
+einmal, acht volle Wochen!«
+
+Nellie schüttelte traurig den Kopf. »O nein, es ist nur sehr kurze Zeit,«
+erwiderte sie, »es sind auch nicht acht Wochen voll, du mußt ordentlich
+rechnen. Heute haben wir schon der siebente Juli, - macht bis zu der erste
+September vierundfünfzig Tage - fehlt also zwei volle Tag an der achte
+Woch -«
+
+Trotz ihres Kummers mußte Ilse lachen. »Du liebe, süße Nellie,« rief sie
+und küßte diese herzlich auf den Mund, »du bist doch immer komisch, selbst
+wenn du traurig bist! Weißt du, wir wollen uns das Herz nicht heute schon
+schwer machen mit dem Gedanken an unsre Trennung, wir gehen ja nicht für
+immer auseinander! Du besuchst mich bald, - ja?«
+
+Aber Nellie war einmal weich gestimmt heute abend und der Freundin Trost
+fand keinen Eingang in ihrem Herzen. Sie versuchte zwar die Thränen zu
+unterdrücken, aber sie brachen immer neu hervor. Ilse lehnte den Kopf an
+ihre Schulter und schwieg. In ihrem Innern kämpften der Schmerz und die
+Freude. Sie hätte so gern sich auf das Wiedersehen ihrer Lieben, besonders
+des kleinen Brüderchens, gefreut, sie vermochte es nicht ungetrübt, weil
+der Abschied von Nellie dazwischen stand. -
+
+»Hier sind sie! Kommt, hierher! Sie sitzen beide unter dem Holunderbusch!«
+
+Keine andre als Grete war es, die durch ihren lauten Ruf die Träumenden
+aufschreckte. Unbemerkt war sie aus einem Seitenweg hervorgetreten und
+stand nun wie aus der Erde gewachsen vor ihnen.
+
+Ilse sprang auf und trat den andern Mädchen, die herbeigeeilt kamen,
+entgegen. Nellie trocknete verstohlen ihre Thränen und machte wieder ein
+heitres Gesicht.
+
+»Wir haben euch überall gesucht,« sagte Orla, »was macht ihr denn hier?«
+
+»Ich glaube wahrhaftig, ihr schwärmt im Mondenschein, Kinder,« lispelte
+Melanie, »ihr macht so furchtbar schmachtende Augen alle beide, habt ihr
+geweint?«
+
+Grete mußte sich hiervon genau überzeugen, sie trat zu Nellie und sah sie
+neugierig prüfend an. »Du hast geweint, Nellie - und du auch Ilse -«
+behauptete sie entschieden. »Was habt ihr denn? Warum weint ihr?«
+
+»Um nix!« entgegnete Nellie ärgerlich über die unzarte Grete.
+
+»Um nichts weint man doch nicht,« fuhr dieselbe unbeirrt fort, »bitte,
+sagt es doch, warum ihr geweint habt.«
+
+»Laß deine zudringlichen Fragen,« verwies sie Flora, »und wenn sie dir
+sagen würden: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Der silberne Mond, die duftenden Rosen, der entzückende
+Sommerabend, so recht zur Liebe und Traurigkeit geschaffen, haben unsern
+Herzen Wehmut und Thränen entlockt,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - würdest du das verstehen? Niemals!
+Denn du hast keinen Sinn für die höhere Sphäre - du bist zu prosaisch!«
+Sie begleitete ihre Worte mit einem schwärmerischen Aufschlag ihrer
+wasserblauen Augen.
+
+Floras hochtrabende Aeußerung stellte sofort die fröhlichste Stimmung her.
+Nellie vergaß ihr Herzeleid darüber und sagte lachend: »O Flora, was für
+ein zarter Seel' du hast! Sei bedankt du hoher Dichterin, du hast uns
+verstanden!«
+
+»Kinder!« unterbrach Orla die Sprechenden, »nun hört auf mit euren
+Albernheiten, ich habe euch eine höchst wichtige Mitteilung zu machen!«
+
+Wichtige Mitteilung! Grete sperrte Mund und Nase auf und sah gespannt auf
+Orla, zu der sie sich ganz dicht herangedrängt hatte.
+
+»Nicht hier!« fuhr diese fort, »folgt mir unter die Linde!«
+
+»Unter die Linde?« fragte Annemie ängstlich. »Laß uns doch hier, es ist ja
+schon dunkel unter dem alten, großen Baum!«
+
+»Ja, und es ist schon spät, wir müssen uns eilen,« fiel die ebenfalls
+furchtsame Flora ein.
+
+»Mache dir keine Sorge darum, liebste Flora,« gab Orla zurück, »denn höre
+und staune: Weil heute mein Geburtstag ist, hat Fräulein Raimar auf
+dringendes Bitten die hohe Gnade gehabt, unsern Aufenthalt im Garten heute
+abend bis um zehn Uhr zu verlängern!«
+
+»Himmlisch! Furchtbar reizend! Zu nett!« u. s. w. rief es durcheinander
+und Grete machte sogar einen kleinen, ungeschickten Sprung in die Luft.
+
+»Also auf zur Linde!« kommandierte Orla und schlug den Weg dorthin ein.
+
+Ohne Gegenrede folgten ihr alle, in wenigen Augenblicken waren sie dort.
+Orla stieg auf eine Bank, die dicht am Stamme lehnte, schlug die Arme
+untereinander und sah schweigend auf die Mädchen herab, die einen dichten
+Halbkreis um sie bildeten und mit höchster Spannung auf sie blickten.
+
+»Meine lieben Freundinnen,« hub sie an, da raschelte es über ihnen in den
+Zweigen. Die Mädchen schraken zusammen.
+
+»Was war das?« fragte Annemie, »Gott, wenn sich im Baume jemand versteckt
+hätte!«
+
+»Oder wenn ein Gespenst wieder seinen Spuk triebe!« sprach Melanie mit
+bebenden Lippen.
+
+»Wie unheimlich ist es hier!« fiel Grete ein, »ich fürchte mich!«
+
+»So ein Gespenst mit großer Feuerauge und fliegender Haar,« meinte Nellie
+und stieß Ilse an, »o, es wäre furchtbar!«
+
+Orla stand ruhig und unerschrocken da, sie kannte keine Furcht. »Schämt
+euch!« rief sie den Zagenden zu, »seid ihr erwachsene Mädchen? Kann euch
+eine harmlose Fledermaus in die Flucht treiben? Geht zurück, wenn ihr euch
+fürchtet, für Kinder passen meine Worte nicht! Wollt ihr vernünftig sein?«
+
+»Ja, ja!« tönte es zurück, zwar etwas zaghaft, aber die Neugierde trug
+doch den Sieg über die Furcht davon.
+
+»So hört mich an! Hier an dieser Stätte, unter dem Schutze unsrer
+geliebten Linde laßt uns einen Bund schließen, der uns in Freundschaft für
+das ganze Leben vereinen soll. Wie lange wird es dauern und wir verlassen
+die Pension, und das Schicksal zerstreut uns in alle Winde!«
+
+»In alle Winde!« wiederholte Flora halblaut.
+
+»Nun frage ich euch, soll uns dasselbe für immer trennen? Ich sage: nein!
+wir werden uns wiedersehen! Wir haben stets treu zusammengehalten, unsre
+Freundschaft darf nicht wie ein leerer Wahn verrauschen -«
+
+»Wie ein leerer Wahn verrauschen -« gab Flora als Echo zurück.
+
+»Ruhig!« geboten die andern, »laß Orla sprechen!«
+
+»So frage ich euch denn: wollt ihr mit mir in diesem feierlichen
+Augenblicke geloben, daß ihr heute in drei Jahren zurückkehren wollt? Hier
+unter der Linde, am siebenten Juli, morgens elf Uhr, soll uns ein frohes
+Wiedersehen vereinen. Seid ihr mit meinem Vorschlage einverstanden?«
+
+»Ja!« rief es einstimmig und begeistert, »wir kommen!«
+
+»Schwört einen Eid darauf!«
+
+Sie erhob drei Finger der rechten Hand und alle übrigen folgten ihrem
+Beispiele. Nur Rosi zögerte.
+
+»Es könnten doch Hindernisse eintreten, die eine Reise hierher unmöglich
+machten,« warf sie mit ihrer sanften Stimme ein.
+
+»Hindernisse, das heißt, nur wichtige Hindernisse heben den Eid auf!«
+erklärte Orla. »In diesem Falle ist die Ausbleibende verpflichtet, durch
+einen ausführlichen Brief den Grund ihres Eidbruches anzugeben. Beschwört
+auch das!«
+
+Wieder erhoben sich die Hände und diesmal zögerte Rosi nicht, sich dem
+Schwure anzuschließen.
+
+»Nun haben wir uns für ewig verbunden!« nahm Orla wieder das Wort, »und
+jede von uns wird ihren Eid halten, damit wir indes stets desselben
+gedenken, mache ich euch einen Vorschlag. Wir wollen zur Erinnerung an
+diese heilige Stunde einfache, silberne Ringe anfertigen lassen, die wir
+an dem kleinen Finger der linken Hand tragen. Jede von uns erhält einen
+solchen und trägt ihn bis zu ihrer Sterbestunde.«
+
+»Bis zu ihrer Sterbestunde!« sprach Flora langsam und elegisch nach.
+
+Die Ringidee wurde von allen reizend, famos und entzückend gefunden und
+mit Begeisterung angenommen. Orla, die von ihrem erhabenen Platze
+heruntergesprungen war, wurde umringt und mit schmeichelhafter Anerkennung
+überhäuft. Melanie prophezeite ihr geradezu eine große Zukunft als
+Rednerin, sie habe {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}furchtbar reizend{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} gesprochen.
+
+Alle befanden sich übrigens in einer gehobenen Stimmung, sie fielen sich
+in die Arme, küßten sich und versicherten sich gegenseitig der
+zärtlichsten Freundschaft, die nur mit dem Tode enden könne.
+
+Sie glaubten ganz ernst an ihre Versprechungen, kein Zweifel vergiftete
+ihre unschuldsvolle Zuversicht. Der Mond lugte wischen den Zweigen
+hindurch und blickte wie spottend mit einem Auge auf das rührende
+Schauspiel. Vielleicht verstand ihn der alte Baum, vielleicht bedeutete
+das leise Rauschen in seinem Wipfel die Antwort: Du Zweifler da oben,
+spotte nicht über die gläubigen Kinder. Weißt du nicht, daß es immer so
+war und immer so sein wird? Die Träume der Jugend gehören zur jungen
+Brust, wie der Tau zur Rose. Enttäuschung und Nüchternheit töten früh
+genug diese Blüten der kurzen Maienzeit.
+
+»Orla,« sagte Flora, als sie langsam in das Haus zurückkehrten, »auch ich
+möchte einen Vorschlag machen. Wenn eine von uns Freundinnen, die wir uns
+bis in den Tod verbunden haben, in den Bund der heiligen Ehe tritt, so
+soll es ihre Pflicht sein, ihre Genossinnen zu diesem hohen Feste
+einzuladen.«
+
+»Ja,« stimmte Orla bei, »das ist ein guter Gedanke, wir wollen denselben
+mit einem Handschlag besiegeln.«
+
+Sie schlossen einen Kreis und reichten sich die Hände, verzogen auch keine
+Miene dabei. Nur Ilse konnte das Lachen nicht lassen, die
+Hochzeitsgedanken kamen ihr gar zu komisch vor.
+
+»Ich trete zwar niemals in den Bund der heiligen Ehe, aber ich gebe doch
+mein Handschlag zu die Einladung,« neckte Nellie.
+
+»Spotte nicht über so ernste Dinge,« sprach Flora zürnend. »Wir sind nicht
+aufgelegt zu deinen Scherzen.«
+
+»O, ich scherz' gar nix, aber wie soll ein arm' häßlich Engländerin mit
+sehr viel Sommerspross' auf der Nas' ein Mann bekommen?«
+
+Diese komische Bemerkung verscheuchte den Ernst von den jugendlichen
+Stirnen und Scherz und Frohsinn kehrten zurück.
+
+Ehe sich Flora zur Ruhe begab, schrieb sie in ihr Tagebuch:
+
+»Welch ein großer, ereignisvoller Tag! O, ich zittere noch, wenn ich daran
+denke! Mondschein! Rosenduft! Linde! Sang der Philomele! Orla hinreißend
+gesprochen (Meine nächste Heldin Orla heißen!) Freundschaftsbündnis!
+Schwur! Hochzeitsversprechen! (Meine entzückende Idee!) Handschlag darauf!
+Wie heißt die Hochbeglückte, die zuerst denselben löst? Schicksal, du
+dunkles, laß mich den Schleier heben! Giebt es Ahnungen, sollt' ich? -«
+
+Sie legte die Feder nieder, schloß das Buch und verbarg es tief in ihrem
+Kommodenkasten. Ihre Hand zitterte und ihre Gedanken verwirrten sich. Sie
+legte sich nieder und schlief ein. Träumend sah sie sich im Brautkranz und
+weißen Atlaskleide.
+
+ * * *
+
+Die acht Wochen, oder wie Nellie sagte: »vierundfünfzig Tage«, waren
+vorübergegangen. Der erste September brach an. Nellie hatte die ganze
+Nacht nicht schlafen können vor Herzeleid, der Abschied von der geliebten
+Freundin raubte ihr die Ruhe. Auch Ilse war es gleich ergangen und es war
+rührend, wie beide Mädchen bemüht waren, ihre Schlaflosigkeit und ihre
+Thränen sich gegenseitig zu verbergen.
+
+Als der Morgen anbrach, hielt Nellie es nicht mehr aus. Sie stand auf,
+warf ihr Morgenkleid über und schlich an Ilses Bett.
+
+»Wachst du?« fragte sie, als dieselbe sie mit offenen Augen ansah, »das
+ist schön, nun können wir noch eine ganze Stunde plaudern, es hat eben
+Fünf geschlagen.«
+
+Sie setzte sich auf Ilses Bettrand und ergriff deren beide Hände, und als
+sie aufblickte und Thränen in Ilses Augen schimmern sah, da war es aus mit
+ihrer künstlichen Fassung. Sie beugte sich zu der Freundin nieder und
+indem sich beide fest umschlungen hielten, vermischten sich ihre heißen
+Thränen.
+
+»O, Ilse! Wie einsam wird es sein, wenn dein Bett leer ist! Oder wenn ein
+anderer Gesicht mir daraus ansieht, o, ich bin sehr, sehr traurig!«
+
+Ilse hatte sich aufgerichtet und drückte die Weinende innig an sich. Zu
+sprechen vermochte sie nicht, es war ihr zu weh.
+
+»Wir sehen uns bald wieder,« sprach sie endlich mit zitternder Stimme und
+versuchte Nellie zu trösten. »Du besuchst uns in Moosdorf; den ganzen
+Winter über wirst du bei uns bleiben.«
+
+Nellie schüttelte ungläubig den Kopf. »Das wird nix, ich werde nicht
+Erlaubnis bekommen zu ein so lang' Besuch. Meine Zeit ist Ostern vorbei,
+dann heißt es: fort aus der Pension! Ich muß ein' Stell' annehmen und
+Kinder Unterricht geben. Aber ich weiß noch nicht viel und muß sehr
+fleißig lernen, Fräulein Raimar sagt es alle Tage.«
+
+»Aber die Michaelisferien darfst du gewiß bei uns zubringen. Meine Eltern
+werden selbst an Fräulein Raimar schreiben und sie dringend darum bitten,
+sie wird es ihnen nicht abschlagen,« entgegnete Ilse.
+
+»Es geht nicht, ich muß lernen!«
+
+Ilse sah die Freundin traurig und bedauernd an. »Wenn du wirklich eine
+Gouvernante werden mußt, Nellie, so versprich mir fest, daß du all' deine
+Ferien bei uns in Moosdorf zubringen willst. Meine Heimat soll auch die
+deinige sein.«
+
+Mit einem Handschlage wurde dies Versprechen besiegelt. »Du bist sehr gut,
+Ilse, ich werde nie wieder ein Mädchen lieben wie dir. Vergiß mir nie!
+Sieh dieser klein' silbern' Ring recht oft an und denk' dabei immer an
+dein' Nellie, die in Einsamkeit zurückgeblieben ist.«
+
+»Nicht einsam,« tröstete Ilse, »sie haben dich alle so lieb im Institute.«
+
+»Und wenn ich fort bin, aus der Auge, aus der Sinn, dann bin ich fremd für
+sie.«
+
+»Nein, Nellie, du wirst Fräulein Raimar und Fräulein Güssow nie eine
+Fremde sein!« entgegnete Ilse mit vollster Ueberzeugung. »Sie haben dich
+furchtbar lieb!«
+
+»O ja, ich weiß; aber sie sind nicht mehr in Jugend und werden mir nie
+verstehn, wie du. Sie haben vergessen, wie man ein dumm' Streich macht!
+Denkst du noch an der Apfelbaum?«
+
+Die Erinnerung an diese lustige Fahrt trocknete ihre Thränen und rief ein
+fröhliches Lächeln auf ihre Lippen. Jede geringe Kleinigkeit durchlebten
+sie in Gedanken noch einmal. Die Spukgeschichte. Miß Lead in ihrem
+wunderbaren Aufzuge. Die Stiefelspitze, die sie beinahe verriet, ach, und
+die Angst, die sie ausgestanden! - »Und es war doch schön!« rief Nellie
+aus, »ich wünsche, daß wir noch einmal alles machen könnten!«
+
+»Wenn du nach Moosdorf kommst,« sagte Ilse, »dann wollen wir in die Bäume
+klettern nach Herzenslust! Du wirst es bald lernen! O, es wird dir bei uns
+gefallen! Wir haben ein großes, schönes Wohnhaus mit Türmchen und Söllern,
+fast wie ein Schloß. Du wirst dein Zimmer dicht neben mir haben, das ist
+doch reizend, nicht wahr? Ich fahre dich alle Tage mit meinen Ponies
+spazieren, und Hunde haben wir zum Entzücken!«
+
+So plauderte Ilse von der Heimat und schilderte der Freundin lebhaft und
+feurig die dortigen Herrlichkeiten. Auf diese Weise kamen sie für den
+Augenblick über das Weh des Abschieds hinweg, die Aussicht auf ein nicht
+allzufernes Wiedersehen versüßte ihren herben Trennungsschmerz. -
+
+Wenige Stunden später stand Ilse reisefertig vor Fräulein Raimar und sagte
+ihr Lebewohl. Die Vorsteherin hielt sie im Arme und redete liebevoll auf
+sie ein.
+
+»Es thut mir leid, daß dein Vater verhindert ist, dich abzuholen,« sagte
+sie, »nun mußt du die weite Reise allein machen! Gern hätte ich ihn auch
+noch einmal gesprochen und mancherlei mitgeteilt, was ich nun schriftlich
+thun mußte. Wie erstaunt wird er sein, wenn er dich wiedersieht, er wird
+die frühere Ilse gar nicht wieder erkennen! Weißt du wohl noch, wie ungern
+du damals zu uns kamst?«
+
+»Verzeihen Sie mir,« bat Ilse unter Thränen, »und vergessen Sie, wenn ich
+Sie kränkte!«
+
+»O, rede nicht davon! Du bist uns allen eine liebe Schülerin geworden und
+ungern sehen wir dich scheiden. Ich hoffe, du schreibst mir zuweilen,
+liebe Ilse, und giebst mir Nachricht, ob du gute Fortschritte in der Musik
+und besonders im Zeichnen machst. Ich habe den Papa gebeten in diesem
+Briefe,« sie übergab Ilse denselben, »daß er dir noch in einigen Fächern
+Nachhilfe geben lassen möge, besonders möge er für einen tüchtigen Lehrer
+im Zeichnen sorgen, da du viel Talent dazu habest.«
+
+Fräulein Güssow trat ein und meldete, daß der Wagen vor der Thüre stehe,
+sie und Nellie begleiteten Ilse zur Bahn.
+
+»Leb wohl denn, mein Kind,« sagte die Vorsteherin, »und wenn du einmal
+Sehnsucht nach der Pension bekommen solltest, so kehre zu uns zurück,
+jederzeit wirst du uns von Herzen willkommen sein.«
+
+Im Hausflur standen die Freundinnen versammelt. Sie umringten die
+Scheidende und reichten ihr Blumensträuße. Natürlich küßten und herzten
+sie sich unter Thränen.
+
+»Vergiß uns nicht!« »Schreib bald!« »Ich habe dich furchtbar lieb gehabt!«
+so und ähnlich klang es durcheinander, und ehe Ilse in den Wagen stieg,
+flüsterte Flora ihr zu: »Gedenke deines Schwurs!«
+
+»Die Blumen werden dir lästig sein unterwegs, Ilse,« meinte Fräulein
+Güssow, die bereits mit Nellie im Wagen Platz genommen hatte, »laß sie
+zurück und nimm aus jedem Strauße nur einige Blümchen mit.«
+
+Aber welches junge Mädchen würde auf diesen vernünftigen Vorschlag
+eingegangen sein! Eine Abreise ohne Strauß ist gar keine richtige Abreise
+nach heutigem Begriffe. Natürlich schüttelte Ilse den Kopf und sah das
+Fräulein bittend an. »Ich möchte sie so gern alle mitnehmen,« sagte sie.
+
+»Aber wie?« Darauf gab Rosi die Antwort. Sie hatte ein offenes Körbchen
+herbeigeholt und legte den ganzen Blumenvorrat vorsichtig hinein.
+
+Und nun zogen die Pferde an; noch ein »Lebewohl«, ein letzter
+Abschiedsblick, ein Grüßen mit dem Tuche und hinter ihr lag die Stätte, an
+der sie eine glückliche und lehrreiche Zeit verlebt. Ilse lehnte sich im
+Wagen zurück und weinte laut.
+
+Als die Damen am Bahnhofgebäude anlangten, war der Zug soeben eingefahren.
+Er hatte fünfzehn Minuten Aufenthalt und Fräulein Güssow hatte Zeit, ein
+passendes Koupee für Ilse auszusuchen.
+
+»Wo ist ein Damenkoupee? fragte sie den Schaffner, »diese junge Dame fährt
+nach W.«
+
+»Hier! hier!« rief es aus dem Fenster eines Koupees hinter ihr, »hier
+können junge, hübsche Damen Platz nehmen!«
+
+Das Fräulein wandte den Kopf und blickte in ein fröhliches
+Studentenangesicht. Das Cereviskäppchen saß ihm keck auf einem Ohre und
+kaum geheilte »Schmisse« schmückten Kinn und Wange. Hinter ihm standen
+noch einige andre Studenten und lachten zu dem Scherze ihres Freundes.
+Laut und ungeniert bewunderten sie die jungen Mädchen.
+
+»Entzückend! Wunderbar! Fortuna mit dem Füllhorne!« riefen sie den Damen
+nach, die sich eilig entfernten. - Fräulein Güssow ergriff unwillkürlich
+Ilses Hand, die hocherrötet war.
+
+ [Illustration]
+
+»Wie unverschämt!« sagte sie entrüstet, »wie konnten sie das wagen! Ach
+Ilse, ich bin in Sorge um dich!« - Und sie ließ einen recht besorgten
+Blick über das junge Mädchen hingleiten, das in seinem schottischen
+Reisekleide, dem passenden Barett mit blau schillerndem Flügel an der
+Seite, überaus lieblich aussah. - »Du reistest noch niemals allein, und
+jetzt mußt du ohne Schutz die lange Fahrt machen. Wenn doch dein Papa dich
+abgeholt hätte!«
+
+»Das war nicht möglich!« entgegnete Ilse. »Er mußte daheim bleiben, um
+Mamas einzigen Bruder, der zehn Jahr in der Welt umhergereist ist, heute
+zu begrüßen. Ich habe ihn selbst darum gebeten, als er mir schrieb, daß er
+trotzdem kommen wolle. Ich bin auch gar nicht ängstlich, es ist ja heller
+Tag. Papa hat mir auch die ganze Reiseroute so genau aufgeschrieben, daß
+ich mich nicht irren kann.«
+
+»Lies mir das noch einmal vor,« sagte Fräulein Güssow. »Ich möchte dich
+gern mit meinen Gedanken begleiten. Du, Nellie, könntest indessen Ilses
+Handgepäck in das Koupee legen.«
+
+Ilse nahm aus einem roten Ledertäschchen, das sie an ihrem Gürtel
+befestigt an der Seite trug, einen Brief und las:
+
+»Um elf Uhr Abfahrt von dort, um zwei Uhr Ankunft in M. Bis drei Uhr
+Aufenthalt daselbst. Dann Weiterfahrt _ohne umzusteigen_ bis Lindenhof. Um
+fünf Uhr langst du dort an, steigst aus und wirst von meinem alten
+Freunde, Landrat Gontrau mit seiner Frau, empfangen. Sie nehmen dich mit
+hinaus nach Lindenhof, wo du, auf ihre dringenden Bitten, übernachtest.
+
+»Am andern Mittag fährst du weiter und Gontrau hat mir versprochen, dich
+sicher zur Bahn zu befördern und alles Nötige für deine Weiterreise zu
+besorgen.
+
+»Vergiß nicht, eine Photographie von mir in die Hand zu nehmen; Gontraus,
+denen du ja unbekannt bist, werden dich daran erkennen.«
+
+»Hast du das Bild?« fragte das Fräulein, und als Ilse bejahte, gab sie
+derselben noch mancherlei gute Lehren mit auf den Weg. »Ich weiß, du bist
+verständig und wirst auch vorsichtig sein, aber du bist noch unerfahren
+und kennst die Welt und die Menschen nicht; - es giebt Leute, die gar zu
+gern unsre ganzen Lebensverhältnisse herauslocken möchten und höchst
+geschickt zu fragen verstehen; weiche ihnen soviel wie möglich aus und sei
+höchst vorsichtig in deinen Aeußerungen. Für alle Fälle warne ich dich
+aber, in keiner Weise eine Aufmerksamkeit oder eine Gefälligkeit, wenn sie
+dir überflüssig erscheint, von einem Herrn, sei er jung oder alt,
+anzunehmen. Folge nur stets deiner zurückhaltenden Natur, liebes Herz,
+dann wirst du auch das Rechte thun.«
+
+»Einsteigen!« rief der Schaffner und unterbrach die liebevollen
+Ermahnungen der jungen Lehrerin. Weinend umarmte Ilse dieselbe, und alles,
+was sie an Liebe und Dankbarkeit für dieselbe empfand, stammelte sie in
+zwei Worten mühsam hervor: »Dank - Dank -«
+
+»Leb' wohl denn, mein geliebtes Kind!« entgegnete diese und schloß ihr den
+Mund mit einem innigen Kusse.
+
+Und Nellie? Der Abschied von ihr war der schwerste Augenblick für Ilse.
+»Behalt' mir lieb,« bat sie kaum hörbar und sah dabei so unglücklich aus,
+als ob das Glück für immer von ihr scheide. Und Ilse hielt sie fest
+umschlungen und vermochte kein Wort hervorzubringen, - dann riß sie sich
+los und stieg ein.
+
+Im letzten Augenblicke stieg noch eine alte Dame mit weißen Locken ein.
+Sie war ganz außer Atem von dem eiligen Gehen und schien etwas ängstlich
+und unbeholfen zu sein. Fräulein Güssow war ihr beim Einsteigen behilflich
+und als der Schaffner ihr Billett koupierte, erfuhr sie zu ihrer großen
+Freude, daß die Dame und Ilse die gleiche Reisetour hatten. Sie richtete
+die herzliche Bitte an dieselbe, daß sie das junge Mädchen unter ihren
+Schutz nehmen möge. Mit größter Liebenswürdigkeit versprach dies die Dame.
+
+Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Ilse lehnte zum Fenster hinaus
+und grüßte mit dem Tuch die Zurückbleibenden. - Schmerzlich bewegt blickte
+Fräulein Güssow dem Zuge nach, es war ihr, als ob er ein Stück von ihrem
+Herzen mit sich nähme! Noch nie hatte sie mit so vieler Liebe und
+Hingebung sich der Erziehung einer Schülerin gewidmet, noch nie hatte sie
+sich durch den glücklichen Erfolg so belohnt gefühlt. - Nun ging sie fort
+und wer konnte sagen, ob sie das Kind je wiedersehen werde?
+
+»Komm,« wandte sie sich der laut schluchzenden Nellie zu, »wir wollen
+gehen!« Und sie zog Nellies Arm durch den ihrigen und sprach tröstende
+Worte zu ihr - und hatte doch selbst ein so tiefbetrübtes Herz.
+
+ * * *
+
+Im Flug entführte der Dampfwagen Ilse dem Orte, den sie unter so
+verschiedenartigen Gefühlen betreten und wieder verlassen hatte. Reichlich
+flossen ihre Thränen. Sie hielt das Tuch gegen die Augen gedrückt und die
+liebliche Gegend, an der sie vorüberfuhr, die Berge, die ihr vertraute
+Bekannte geworden, erhielten keinen Abschiedsgruß von ihr. Ein
+Sonnenstrahl stahl sich zum Fenster hinein, fiel auf ihr lockiges Haar und
+färbte es golden, aber Trost in ihrem Kummer vermochte er ihr nicht zu
+bringen.
+
+Die Dame sah teilnehmend auf die Weinende, aber sie störte sie nicht in
+ihrem Schmerze. Erst als sie bemerkte, daß Ilse ruhiger wurde, knüpfte sie
+ein Gespräch mit ihr an.
+
+»Ich verstehe Ihren Kummer wohl, liebes Kind,« sagte sie herzlich, »und
+kann Ihnen nachempfinden, wie Ihnen um das Herz ist. So ein Abschied von
+der Pension ist ein wichtiger Abschnitt, es thut weh, von den Freundinnen
+scheiden zu müssen, die man lieb gewonnen hat, - aber Kind, so gar
+trostlos müssen Sie das alles nicht ansehen. Die Trennung ist ja nicht für
+das ganze Leben, die Freundinnen werden Sie in Ihrer Heimat besuchen. Es
+ist wohl schön in Ihrer Heimat?«
+
+Das war eine Frage zur rechten Zeit. Ilses Kinderaugen lachten noch unter
+Thränen die Fragerin an. Sie fing an, lebhaft zu erzählen, ihre Gedanken
+kehrten in das Elternhaus zurück, und zum erstenmale dachte sie seit
+längerer Zeit mit ungetrübter Sehnsucht an dasselbe.
+
+»Wie werden Sie sich freuen, die Eltern wiederzusehen!« fuhr die Dame
+fort, die großes Wohlgefallen an dem jungen Mädchen fand.
+
+»O sehr, sehr!« entgegnete Ilse, »und besonders freue ich mich auf den
+kleinen Bruder, den ich noch gar nicht kenne! Ich habe sein Bild bei mir,
+darf ich es Ihnen zeigen?«
+
+ [Illustration]
+
+Sie nahm eine Ledertasche von oben herab, öffnete dieselbe und nahm ein
+Album daraus hervor.
+
+»Das ist er!« sagte sie und zeigte mit Stolz auf einen kleinen, dicken
+Buben, der im Hemdchen photographiert war.
+
+»Ein schönes Kind!« bewunderte die Dame, »und ist das Ihre Mama, die den
+Kleinen auf dem Schoße hält?«
+
+Ilse bejahte. »Hier ist mein Papa,« fuhr sie fort und holte sein Bild aus
+dem Saffiantäschchen. Was war natürlicher, als daß sie bei dieser
+Gelegenheit erzählte, daß ihr das Bild zum Erkennungszeichen dienen solle,
+wenn Gontraus sie empfangen würden.
+
+»Gontrau?« fragte die alte Dame, »Landrat Gontrau? Das sind ja liebe
+Bekannte von mir. Mein Mann, Sanitätsrat Lange, ist seit langen Jahren
+Arzt in ihrem Hause! Wir wohnen in L., das ist die nächste Station von
+Lindenhof. Wie sich das wunderbar trifft! Nun stecken Sie das Bild Ihres
+Papas nur getrost ein, wir haben es nicht mehr nötig; jetzt werde ich Sie
+meinen Freunden zuführen! So viel Zeit habe ich bei meinem kurzen
+Aufenthalte!«
+
+Ilse war sehr erfreut über diesen wunderbaren Zufall, und im Geplauder mit
+der liebenswürdigen, feingebildeten Frau Rat verging ihr die Zeit mit
+Windesschnelle. Sie war ganz erstaunt, als der Schaffner das Koupee
+öffnete und hineinrief: »Station M.! Sie müssen aussteigen, meine Damen!«
+
+»Schon!« rief Ilse und griff nach ihren Sachen.
+
+Frau Rat hatte sich auch erhoben und suchte ihr Handgepäck zusammen. Es
+geschah alles mit ängstlicher Hast, ihre Hände zitterten etwas in nervöser
+Aufregung. Eine Ledertasche, die sie von oben herabnahm, entfiel ihrer
+Hand. Das Schloß an derselben sprang auf und verschiedene kleine
+Gegenstände kollerten auf den Boden.
+
+»O Gott!« rief sie erschrocken, »was habe ich da gemacht!« - Sie wollte
+sich bücken und ließ eine Schachtel dabei fallen.
+
+»Bitte, lassen Sie mich alles besorgen!« beruhigte sie Ilse. Schnell hatte
+sie alles aufgesucht und wieder in die Tasche gethan. Das Portemonnaie der
+Frau Rat, das sich ebenfalls unter den herausgefallenen Dingen befand,
+steckte sie tief hinein in die Tasche, verschloß dieselbe vorsichtig und
+gab sie der geängsteten Dame in die Hand.
+
+»So,« sagte sie, »nehmen Sie das an sich, für Ihre übrigen Sachen werde
+ich Sorge tragen.«
+
+Sie legte sämtliches Handgepäck zusammen auf den Sitz, stieg dann hinaus,
+ließ sich dasselbe von der Dame zureichen, übergab es einem
+bereitstehenden Packträger und half endlich der Frau Rat vorsichtig die
+hohen Stufen hinabsteigen.
+
+»Danke, danke, liebes Kind,« sagte diese. »Wie umsichtig und verständig
+Sie alles besorgen! Ich hätte das bei Ihrer Jugend kaum erwartet.«
+
+Ilse wunderte sich selbst darüber, wer weiß aber, ob ihre Selbständigkeit
+sich so plötzlich entwickelt hätte, wenn die hilflose Art und Weise ihrer
+Begleiterin dieselbe nicht herausgefordert hätte. - Ganz stolz hob sie den
+Kopf bei diesem Lobe und wünschte: wenn Fräulein Güssow doch gleich
+dasselbe hören könnte! Sie hatte so große Besorgnisse gehabt, und jetzt
+war sie Beschützerin, anstatt daß sie beschützt wurde! - Es war wirklich
+ein recht erhebendes Gefühl für sie, leider nicht von langer Dauer!
+
+Als sie mit Frau Rat langsam dem Stationsgebäude zuschritt, hörte sie
+laute Zurufe aus einem Koupee des noch haltenden Zuges. Ein flüchtiger
+Blick und sie hatte sofort die Studenten erkannt. Ganz ängstlich ergriff
+sie den Arm der Dame, denn in diesem Augenblick war all ihre frohe
+Sicherheit geschwunden und sie fühlte sich recht eines Schutzes bedürftig.
+
+»Leb wohl - leb wohl - du süße Maid! - Nur einen Abschiedsblick, reizendes
+Lockenköpfchen!« riefen die Uebermütigen, und als der Zug schon im
+Weiterfahren war, warf einer von ihnen ihr eine herrliche Rose zu, sie
+fiel gerade zu ihren Füßen.
+
+Ilse wandte sich ab, sie wußte vor Scham und Verlegenheit nicht, wohin sie
+den Blick wenden sollte.
+
+»Kannten Sie die jungen Herren?« fragte Frau Rat. -
+
+Ilse verneinte und erzählte, daß sie dieselben zum ersten Male bei ihrer
+Abreise gesehen.
+
+»Ja, das ist lustiges Blut!« meinte Frau Rat. »Die ganze Welt gehört ihnen
+und man darf es ihnen nicht übel nehmen, wenn sie sich mehr herausnehmen
+als andre. - Wollen Sie die Rose nicht aufnehmen, Kind?«
+
+Ilse hatte wohl den Wunsch, aber sie schüttelte doch den Kopf. »Ich darf
+nicht,« sagte sie, und Fräulein Güssows Worte: »keine Aufmerksamkeit von
+einem Herrn anzunehmen,« standen mahnend vor ihrer Seele. - Der Werfer
+fuhr freilich auf und davon und niemals hätte er erfahren, ob sie die Rose
+nahm oder nicht, - trotzdem schwankte sie nicht, ihre Gewissenhaftigkeit
+und das eigne Bewußtsein waren die Wächter, die sie zurückhielten.
+
+Frau Rat verstand sofort Ilses Benehmen und freute sich über ihr
+Taktgefühl. »Sie haben recht, Kind,« sagte sie, »und eigentlich beschämen
+Sie mich etwas. Aber ich dachte nicht gleich daran, wer die Blume geworfen
+hat. Ich sah das herrliche Prachtexemplar im Staube liegen und es that mir
+leid um die unschuldige Rose.«
+
+Nach einer Stunde Aufenthalt fuhren die Damen weiter. Ilse hatte die Zeit
+benützt, eine Korrespondenzkarte an Fräulein Güssow zu schreiben. Als sie
+schrieb, meldete sich der Abschiedsschmerz aufs neue. Es verwischten sogar
+einige Thränen die frische Schrift; aber sie meldete, daß ihr die Reise
+bis jetzt furchtbar schnell vergangen sei, und Frau Rat wäre eine zu
+entzückende Frau.
+
+Die Erwähnte dachte ungefähr ebenso von ihrer jungen Reisegefährtin. Sie
+hatte in der kurzen Zeit eine warme Zuneigung zu derselben gefaßt. Ilse
+war so ganz anders als all die jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft. Sie
+verglich sie mit einem sprudelnden Waldquell, dessen Wasserspiegel bis auf
+den klaren Grund sehen läßt. Wahr und offen und doch nicht geschwätzig,
+natürlich und ohne jede Ziererei. Und doch, wie hübsch war die Kleine! -
+Frau Rat blickte mit innerer Freude in Ilses rosiges Gesicht, in ihre
+braunen Augen, die ein so getreuer Spiegel ihrer Seele waren; die sie
+traurig und thränengefüllt, fröhlich und schelmisch aufleuchten sah, und
+deren dunkle Wimpern sich sittsam senkten, als übermütige Studenten ihr
+huldigen wollten.
+
+»Nun sind wir in wenigen Minuten in Lindenhof und müssen uns trennen,«
+sagte Frau Rat. »Es thut mir von Herzen leid, ich habe Sie sehr lieb
+gewonnen. Versprechen Sie mir fest, mich zu besuchen, wenn der Zufall Sie
+in die Nähe von L. führen sollte.«
+
+Ilse versprach das gern und gestand, daß auch ihr das Scheiden schwer
+werde. Frau Rat hätte so {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}himmlisch{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} verstanden, sie zu trösten.
+
+»Da sind wir schon!« rief Frau Rat und steckte den Kopf zum Fenster
+hinaus, um sich nach Gontraus umzusehn. Sie waren nicht zu erblicken.
+Einige Bauernfrauen standen wartend mit ihren Tragkörben da, sie wollten
+mit dem Zuge weiterfahren, das war alles. - Ilse hatte auch hinausgeschaut
+und als sie niemand anwesend sah, der sie erwartete, wurde es ihr recht
+bange.
+
+»Ach!« seufzte sie, »was fange ich nun an! Ich bin ganz verlassen hier!
+Lassen Sie mich mit Ihnen weiterfahren, liebe Frau Rat, und nehmen Sie
+mich für die eine Nacht auf. Bitte, bitte!«
+
+»Wie gern thäte ich das, mein Kind; aber das wäre gegen die Bestimmung
+Ihrer Eltern. Gontraus werden noch kommen, auf jeden Fall! Sie haben sich
+etwas verspätet, Sie können es glauben. Was würden sie sagen, wenn
+Fräulein Ilse davongeflogen wäre?«
+
+Ilse seufzte schwer und stieg aus. Ihr Gepäck, auch die Blumen, die trotz
+des häufigen Besprengens mit frischem Wasser die Köpfchen traurig hängen
+ließen, hatte sie aus dem Koupee gehoben, - nun stand sie da und sah sich
+hilflos nach beiden Seiten um.
+
+»Machen Sie nicht ein so trostloses Gesicht, liebes Kind,« beruhigte die
+alte Dame, »es wäre ja noch immer kein Unglück, wenn Gontraus durch irgend
+ein Mißverständnis Sie heute nicht erwarteten! In diesem Falle bestellen
+Sie einen Wagen im Stationsgebäude und fahren nach Lindenhof hinaus. In
+einer guten Stunde sind Sie dort, und daß Sie bei den lieben Menschen mit
+offnen Armen empfangen werden, dafür stehe ich ein.«
+
+»Nein, nein! das thue ich nicht! Das würde ich nicht wagen!« rief Ilse
+ganz erschrocken. »Ich weiß ja gar nicht, ob man mich haben will! Ich kann
+doch nicht unbekannten Leuten in das Haus fallen!«
+
+Es leuchtete so etwas vom alten Trotze dabei aus ihren Augen und die
+Oberlippe kräuselte sich in verdächtiger Weise. Frau Rat lächelte über den
+jugendlichen Ungestüm.
+
+»Man will Sie haben, und fremde Leute sind es auch nicht, zu denen Sie
+kommen, kleine Ungeduldige,« sprach sie scherzhaft. »Der Landrat ist ein
+sehr guter Freund Ihres Vaters.«
+
+Ilse konnte sich nicht dabei beruhigen, sie wurde sogar noch
+niedergeschlagener.
+
+Als Frau Rat bemerkte, daß sie nur noch fünf Minuten beisammen sein
+würden, füllten sich ihre Augen mit Thränen.
+
+»Gehen Sie einmal schnell um das Gebäude, dort können Sie die ganze
+Chaussee überblicken, die nach dem Rittergute führt. Vielleicht sehen Sie
+den Wagen kommen.«
+
+Sie that, wie ihr geraten wurde. Im vollen Laufen öffnete sie das
+Saffiantäschchen und nahm Papas Bild heraus. »Es ist zwar doch
+vergeblich,« dachte sie, »aber ich will es für alle Fälle in die Hand
+nehmen.«
+
+ [Illustration]
+
+Kaum hatte sie sich entfernt, kaum war sie links um das Haus gegangen, als
+von der andern Seite desselben ein junger, schlanker Mann mit leichtem,
+elastischen Schritt eilig hervortrat. Sein Auge glitt suchend über den
+Perron, dann ging er dicht an dem Zuge entlang und spähte forschend in
+jedes Koupee. Frau Rat hatte ihn sofort entdeckt und ihre Züge verklärten
+sich, - der Suchende war niemand anders als der Sohn des Landrats. »Leo!
+Leo!« rief sie ihn an, »komm, schnell! Wo sind deine Eltern? Du suchst
+sie, nicht wahr? Ich bin mit ihr gefahren - sie ist ein reizendes, junges
+Mädchen! Frisch wie eine Waldblume, sage ich dir. Dort ist sie um das Haus
+gegangen!«
+
+»Was für eine Waldblume meinst du, Tante Rat?« fragte der junge Mann etwas
+erstaunt und sah mit seinen offenen, klugen Augen die Angeredete, die sehr
+schnell und mit lebhaften Gesten gesprochen hatte, an. »Von wem sprichst
+du?«
+
+»Von ihr - von ihr!« rief sie zurück. »Von Ilse, die ihr erwartet,« wollte
+sie eigentlich sagen, aber der Name fiel ihr im Augenblick nicht ein; das
+betäubende Läuten der Glocke, die das Zeichen zur Abfahrt gab, machte sie
+nervös und verwirrte sie, es kam noch hinzu, daß der junge Mann ihren
+Worten wenig Aufmerksamkeit schenkte und immer auf dem Sprunge stand, sie
+zu verlassen.
+
+»Ich muß dich verlassen, Tante!« sagte er denn auch, »ich muß mich nach
+einem Kinde umsehen, das ich mit diesem Zuge erwarte -«
+
+»Sie ist es! Sie ist es!« rief sie lebhaft, aber er hörte ihre Worte nicht
+mehr, sondern von neuem ging er suchend den Zug entlang.
+
+»Haben Sie ein allein reisendes Kind bemerkt - und ist dasselbe vielleicht
+hier ausgestiegen?« fragte er einen Schaffner.
+
+»Nein!« antwortete dieser und schwang sich auf seinen hohen Sitz hinauf,
+denn der Zug setzte sich langsam in Bewegung.
+
+Als Frau Rat an ihm vorüberfuhr, rief sie ihm einige Worte zu, leider
+vergeblich, er verstand sie nicht.
+
+Assessor Gontrau blieb stehen, etwas ratlos und nachdenklich. Der
+Oberamtmann Macket hatte seinen Vater gebeten, daß er sofort bei Ilses
+Ankunft telegraphieren möge, ob sie glücklich angekommen sei. Was sollte
+er jetzt thun? Es blieb ihm nichts andres übrig, als eine Depesche
+abzusenden mit den Worten: »Nicht angekommen!«
+
+Eben im Begriffe, sich zu diesem Zwecke in das Bureau zu begeben, fiel
+sein Blick auf einen Brief, der auf der Erde dicht vor ihm lag. Er hob ihn
+auf und las die Aufschrift auf dem geöffneten Kouvert. Nicht wenig
+erstaunte er, als er die Adresse las: »Fräulein Ilse Macket,« - sonderbar!
+Der Schaffner und die Leute hier haben kein Kind aussteigen sehen und doch
+muß es angekommen sein!
+
+»Wissen Sie nicht, wer den Brief verloren hat?« wandte er sich an eine
+Frau, die einen kleinen Obststand in der Nähe hatte.
+
+»Gesehen habe ich es gerade nicht,« meinte die, »aber ein junges Fräulein
+mit Locken hat ihn gewiß mit aus der Tasche gezogen. Ich sah, daß sie
+etwas herausnahm. Die dort war es,« unterbrach sie sich plötzlich und
+zeigte auf Ilse, die um das ganze Haus gegangen war und von der
+entgegengesetzten Seite gerade hervortrat, als der Zug abfuhr.
+
+Ihre alte Freundin grüßte noch einmal zärtlich zum Fenster hinaus, machte
+auch allerhand bedeutungsvolle Zeichen, winkte nach der andern Seite zu
+Leo hinüber, - Ilse verstand nichts von allem.
+
+Höchst unglücklich stand sie da und blickte dem Zuge nach, der ihre
+einzige Bekannte hier in die Ferne führte. »Nun bin ich verlassen!« sprach
+sie für sich, »was soll ich nun anfangen!« Es war merkwürdig, wie ihre
+mutige Sicherheit ein so schnelles Ende genommen hatte. - Wie recht hatte
+Fräulein Güssow mit ihrer Besorgnis! Auf diesen Fall war sie gar nicht
+vorbereitet! Was sollte sie nun beginnen? Am liebsten hätte sie wie ein
+kleines Kind angefangen zu weinen, sie schämte sich nur vor dem jungen,
+blonden Postbeamten, der zu einem Parterrefenster hinauslehnte und sie
+neugierig beobachtete.
+
+Aus ihrer peinlichen Ratlosigkeit schreckten sie plötzlich eilige Schritte
+auf und gleich darauf erfolgte die Anrede: »Gnädiges Fräulein, ich bitte
+um einen Augenblick!«
+
+Ilse wandte den Kopf, und als ihr Auge flüchtig die Gestalt eines jungen
+Mannes streifte, erfaßte sie eine unnennbare Angst. Was wollte er von ihr
+- warum redete er sie an? Sie verlor alle ruhige Fassung und nur der eine
+Gedanke beherrschte sie: Du darfst ihn nicht anhören! - Als ob sie nichts
+gehört habe, ging sie weiter, und als sie bemerkte, daß sie verfolgt
+wurde, beschleunigte sie ihre Schritte. Wie ihr das Herz klopfte vor Angst
+und Aufregung!
+
+»Sie haben etwas verloren, gnädiges Fräulein, wollen Sie nicht die Güte
+haben, mir einen Augenblick Gehör zu schenken!« rief er dringend.
+
+Nun stand sie still, aber sie wagte nicht, sich nach ihm umzusehen. Er
+benützte schnell diesen Moment und trat vor sie hin. Mit einem leichten,
+spöttischen Lächeln betrachtete er den kleinen Backfisch, der so ängstlich
+und blöde vor ihm davonlief. Schon schwebte ihm eine etwas ironische
+Bemerkung auf den Lippen, die er indes unterdrückte, als er in das
+liebliche, rosige Antlitz sah. Mit niedergeschlagenen Augen und in
+ängstlicher Verlegenheit stand sie vor ihm. - {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wie eine Waldblume{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} hatte
+Tante Rat zu ihm gesagt, jetzt wußte er, wen sie damit gemeint.
+
+»Ich fand diesen Brief dort,« sprach er, »gehört er vielleicht Ihnen?«
+
+Ein flüchtiger Blick belehrte Ilse, daß er den Brief ihres Papas in der
+Hand hielt. »Ja,« sagte sie, ziemlich beschämt über ihr albernes
+Davonlaufen, »er gehört mir.« - Sie nahm ihn in Empfang, ohne den jungen
+Mann anzusehen.
+
+»Ich danke Ihnen,« fügte sie noch hinzu und wollte mit einer schüchternen
+Verbeugung weitergehen.
+
+»Und war die Adresse an Sie gerichtet?« fragte er weiter, so daß sie
+zögernd still stand.
+
+Doch bevor er noch ihre Antwort abwartete, rief er plötzlich erfreut und
+lachend zugleich: »Sie - Sie sind Fräulein Ilse Macket! ich sehe die
+Photographie in Ihrer Hand! Das ist ein wundervoller Spaß!«
+
+Erstaunt blickte Ilse ihn an, und nun sah sie zum ersten Male in das
+hübsche, von der Sonne etwas gebräunte Gesicht des jungen Gontrau.
+
+»Verzeihen Sie mein unschickliches Lachen,« entschuldigte er sich, »aber
+Sie werden dasselbe verstehen, wenn ich Ihnen Aufklärung gegeben habe. -
+Zuvor erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle, mein Name ist Gontrau.«
+- Er hob den weichen Filzhut ab und begrüßte sie in liebenswürdiger,
+ehrerbietiger Weise.
+
+»Gontrau!« rief Ilse strahlend vor Freude, »ist's wahr, Gontrau? Aber Sie
+sind doch nicht - doch nicht -«
+
+»Der Landrat?« ergänzte er ihre Frage. »Nein, der bin ich nicht, nur sein
+Sohn.«
+
+»Ich war recht einfältig, daß ich Ihnen davonlief,« sprach sie errötend,
+»aber ich wußte nicht, wer Sie waren; ich hielt Sie für einen fremden
+Herrn, der mich ausfragen wollte. Ach, Sie glauben nicht, wie ich mich
+geängstigt habe, als ich so ganz allein hier stand! Wie ein verirrtes Kind
+kam ich mir vor, das nicht weiß woher und wohin. Nun bin ich froh,
+furchtbar froh! Aber wo sind Ihre Eltern?« plötzlich fiel es ihr ein, daß
+dieselben nicht anwesend waren. »Bitte, führen Sie mich zu ihnen.«
+
+»Leider konnten sie nicht die Freude haben, Sie hier zu begrüßen,«
+entgegnete Leo, den ihr kindliches Geplauder geradezu entzückte. »Meinem
+Vater ist ein kleiner Unfall zugestoßen. In dem Augenblick, als er den
+Wagen besteigen wollte, um hierher zu fahren, vertrat er sich den Fuß und
+zwar so böse, daß er zurückbleiben mußte. Die Mutter konnte zu ihrem
+Kummer nun auch nicht fort, sie mußte dem Vater behilflich sein. Dieser
+Unfall ist denn auch an meiner Verspätung schuld, die ich von ganzem
+Herzen bedaure, doppelt bedaure, da sie Ihnen Sorge und Kummer bereitet
+hat. Mama hatte sich so darauf gefreut, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}die Kleine{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} in Empfang nehmen zu
+können! Ja, ja, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}die Kleine{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~},« wiederholte er und amüsierte sich über ihr
+verwundertes Gesicht. »Ihr Herr Papa trägt die Schuld an dem Irrtum, in
+dem wir befangen waren. Er sprach in seinen Briefen nur von seiner
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kleinen{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, oder von {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}seinem Kinde{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, das er allein und schutzlos die weite
+Reise machen lassen müsse, er fürchtete, daß dem {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}kleinen Mädchen{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, das
+die Pension verließ, etwas zustoßen könne. Natürlich erwarteten wir nun
+auch ein Kind, so ein halberwachsenes Mädchen von zwölf, höchstens
+dreizehn Jahren.«
+
+»Nein, aber der Papa!« rief Ilse und lachte, aber nicht so frisch und frei
+wie gewöhnlich, es klang etwas gezwungen. Es war ihr nicht ganz angenehm,
+daß der Papa noch eine so kindliche Meinung von ihr hatte. »Papa ist zu
+komisch! Er hält mich noch immer für die halberwachsene Ilse! Wie wird er
+sich wundern, wenn er mich wiedersieht! Mit siebzehn Jahren ist man kein
+Kind mehr, nicht einmal ein Backfisch!«
+
+»Bewahre!« stimmte der Assessor ihr bei, »mit siebzehn Jahren ist ein
+junges Mädchen eine vollendete Dame.«
+
+Es kam halb wie leichter Spott heraus, aber er machte ein ganz ernstes
+Gesicht und verzog keine Miene. So glaubte sie denn mit Stolz an die
+»vollendete« Dame.
+
+Nur ihr Handgepäck nahm Ilse mit hinaus nach Lindenhof, dasselbe war schon
+in dem Wagen untergebracht, den Korb mit den Blumen stellte der Kutscher
+eben hinein.
+
+»Die vielen Sträuße!« bemerkte Leo Gontrau und diesmal lächelte er
+wirklich etwas. »Der Korb muß Ihnen doch eine Last gewesen sein?«
+
+»O nein, nein!« sprach sie eifrig dagegen, »es sind ja lauter
+Abschiedsgrüße von meinen Freundinnen!«
+
+»So viele Freundinnen!« meinte er und sah in den Korb.
+
+»Es sind sieben Sträuße,« belehrte ihn Ilse, die nämlich glaubte, er wolle
+dieselben zählen.
+
+»Sie waren schön,« meinte er, »jetzt sind sie schon etwas welk. Nur dieser
+Rosenstrauß mit der Vergißmeinnichteinfassung ist noch frisch.«
+
+Ilse ergriff denselben und beugte ihr Antlitz darauf. Eine augenblickliche
+Rührung überkam sie, als sie der Geberin gedachte.
+
+»Ich habe ihn von meiner liebsten Freundin,« sagte sie innig - »von Nellie
+Grey.«
+
+»Nellie Grey?« fragte er. »Wohl eine Engländerin? Ist sie hübsch und
+liebenswürdig?« setzte er scherzend hinzu.
+
+»Sie ist reizend!« rief Ilse und geriet förmlich in Feuer, als sie von der
+Freundin erzählte.
+
+Er hörte ihr stillschweigend zu und amüsierte sich über die Begeisterung,
+mit der sie lobte, und besonders über die überschwenglichen Ausdrücke, die
+dabei ihren Lippen entschlüpften. Sie wußte es gar nicht, wie sehr sie
+sich Melanies Angewohnheit zu eigen gemacht hatte und wie Ausrufe, als:
+furchtbar reizend! himmlisch! entzückend! süß! u. s. w. u. s. w. ihr
+ebenso geläufig waren als Melanie und den übrigen Backfischen.
+
+»Wollen Sie nicht erst im Bahnhofsgebäude eine kleine Erfrischung
+einnehmen?« fragte Leo und bot ihr den Arm, um sie dorthin zu führen.
+
+Dankend lehnte sie sein Anerbieten ab, trotzdem sie es eigentlich gern
+angenommen hätte. Sie war nämlich hungrig und ihr Magen trug rechtes
+Verlangen nach einem kräftigen Imbiß. Eine vollendete Dame aber durfte den
+Hunger nicht merken lassen, es wäre doch geradezu kindisch gewesen.
+
+»Es ist kühl,« bemerkte er, als er ihr in den Wagen geholfen, »und mein
+Auftrag lautet: Hülle {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}das Kind{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} gut ein, damit es sich nicht erkältet in
+der halboffenen Chaise.« Und er nahm ein warmes Tuch, das schon bereit
+lag, und wickelte sie fest darin ein, auch eine Decke schlug er um ihre
+Füße.
+
+Sie ließ es gern geschehen, denn der Herbstwind pfiff kalt über die leeren
+Felder; sie lachte sogar über seine Fürsorge; aber hinterher kamen die
+Bedenken. War es recht, daß sie sich von ihm einhüllen ließ? War es nicht
+eine Vertraulichkeit, die sie gestattet hatte? Würde Fräulein Güssow ihr
+Benehmen schicklich finden? Ob Nellie wohl so gehandelt haben würde, wie
+sie, oder ob sie nicht lieber ihren Regenmantel angezogen hätte! Sie
+konnte es auch thun, er lag im Riemen geschnallt dicht bei ihr.
+
+Mitten in ihren peinlichen Zweifeln und Sorgen vernahm sie ein herzliches
+Lachen ihres Nachbars. Natürlich brachte sie es sofort mit ihren Gedanken
+in Verbindung.
+
+»Lachen Sie über mich?« fragte sie beinahe ängstlich.
+
+»Nein, nein!« entgegnete er, »wie kommen Sie zu dieser Frage? Wie würde
+ich mir je erlauben, eine junge Dame auszulachen! Diese Birne ist an
+meiner Heiterkeit schuld. Sie fiel mir soeben aus der Wagentasche auf die
+Hand und erinnerte mich an Mamas letztes Wort, das sie mir nachrief, als
+ich fortfuhr.«
+
+»Was sagte sie?« fragte Ilse und sah ihn neugierig an.
+
+»Vergiß ja nicht, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}dem Kinde{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} die Birnen zu geben, Leo, sprach sie. Die
+Kleine wird wohl hungrig sein. Ich glaube,« unterbrach er sich und griff
+in die Seitentasche, »sie sprach auch von einem Stück Kuchen. Richtig!«
+rief er lachend und zog ein kleines Paketchen hervor, »da ist er! Darf ich
+es wagen, gnädiges Fräulein, Ihnen Kuchen und Birnen anzubieten?«
+
+Dieser Verlockung konnte sie nicht widerstehen. »Warum nicht?« entgegnete
+sie unbefangen und griff zu. »Obst ist meine ganze Leidenschaft und Kuchen
+esse ich furchtbar gern! In der Pension haben wir nicht viel davon zu
+sehen bekommen, Fräulein Raimar behauptete, der Magen werde schlecht vom
+vielen Kuchenessen. Ist das nicht eine furchtbar öde Ansicht?«
+
+»Ja, eine furchtbar öde Ansicht!« wiederholte er mit ganz ernsthaftem
+Gesicht, »ich begreife nicht, wie Sie es aushalten konnten, ohne Kuchen zu
+leben!«
+
+»Manchmal,« erzählte sie, »ließen wir uns heimlich ein Stückchen holen,
+über Mittag, wenn das Fräulein schlief.«
+
+»So, so!« lachte er, »das sind ja schöne Geschichten, das muß ich sagen!«
+
+»Wir thaten es nicht oft,« entschuldigte sich Ilse, »nur dann und wann,
+wenn wir gar zu großen Appetit darauf hatten. Finden Sie das unrecht?«
+
+»Daß Sie den Kuchen aßen, finde ich durchaus nicht unrecht,« neckte er
+sie, »aber daß Sie ihn heimlich holen ließen, gefällt mir nicht. Warum
+fragten Sie nicht die Vorsteherin um Erlaubnis?«
+
+»Sie sind aber klassisch!« rief Ilse, »dann hätten wir es doch nicht
+gedurft! Es war doch nichts Böses, was wir thaten, nur ein ganz harmloses
+Vergnügen, Fräulein Raimar hatte nicht den geringsten Schaden davon, ob
+wir Kuchen aßen oder nicht.«
+
+»Sie sind eine kleine Rechtsverdreherin!« tadelte er sie lachend, »ob
+Schaden oder nicht, darauf kommt es gar nicht an. Die Dame hatte ihre
+Gründe, weshalb sie Ihnen den Genuß des Kuchens verbot. Nummer I: Sie
+handelten gegen ihren Willen - folglich sind Sie strafbar! Nummer II: Sie
+thaten es heimlich - das erschwert das Vergehen!«
+
+Sie lachte höchst vergnügt. »Herrgott, sind Sie aber pedantisch!«
+
+»Ich bin Jurist, gnädiges Fräulein, und gehe jeder Sache auf den Grund.«
+
+»Jurist!« wiederholte Ilse und sah ihren Nachbar etwas mißtrauisch an.
+»Das glaube ich nicht! Sie sehen nicht so aus.«
+
+»Warum nicht? Haben die Juristen ein besonderes Aussehen?«
+
+Diese Frage brachte sie etwas in Verlegenheit. Sie hätte ihm keine andre
+Antwort daraus geben können, als daß die Juristen, die öfters auf Moosdorf
+zu Gaste kamen, ganz anders ausschauten. Es waren lustige Herren, die
+gerne ein Glas Wein liebten, aber jung und schön waren sie nicht. Sie sah
+ihn an und schüttelte ungläubig den Kopf. »Sie sind nicht Jurist,«
+widerstritt sie.
+
+»Nun, ich bin doch neugierig, wofür Sie mich halten,« fragte er höchst
+amüsiert, »jetzt legen Sie eine Probe von Ihrer Menschenkenntnis ab!«
+
+»Sie sind Künstler - vielleicht Musiker - oder Maler?«
+
+Er lachte laut. »Musiker!« rief er, »ich ein Musiker! Wenn Sie wüßten,
+gnädiges Fräulein, welch ein großes Wort Sie gelassen aussprachen! Ich
+verstehe keine Note und bin so unmusikalisch wie ein Stock! Es thut mir
+leid, daß ich Ihre für mich so schmeichelhafte Illusion zerstören muß,
+indes was kann es helfen! Ich muß mich Ihnen leider als ein ganz
+gewöhnliches Menschenkind vorstellen, das weder Maler noch Musiker ist.
+Trotz Ihres Zweifels bin ich Jurist und seit vier Wochen Assessor. Sind
+Sie nun überzeugt?«
+
+»Also kein Künstler, ach, wie schade!« sprach Ilse bedauernd. »Es müssen
+doch reizende Menschen sein!«
+
+»Nicht immer,« wollte er sagen, doch that er es nicht. Warum ihre naiven
+Anschauungen zerstören? Sie war noch so jung und sah so gläubig aus.
+
+»Sehen Sie dort die Kirchturmspitze?« brach er das Gespräch ab, »die
+Wetterfahne darauf glänzt hell im Mondenscheine, das ist die Kirche von
+Lindenhof! In zehn Minuten sind wir dort.«
+
+Als der Wagen vor dem Portale des Hauses hielt, trat Frau Gontrau schnell
+auf denselben zu, um ihren kleinen Gast in Empfang zu nehmen. Als das
+erwachsene Mädchen dafür ausstieg und Leo den Irrtum erklärte, nahm sie
+dasselbe lachend in den Arm.
+
+»Ob groß, ob klein,« sagte sie mit Wärme, »Sie sind mir von Herzen
+willkommen!«
+
+Und sie führte Ilse in das Speisezimmer, in welchem sich der Landrat
+befand. Er saß in halbliegender Stellung auf dem Sofa und streckte dem
+jungen Mädchen beide Hände entgegen.
+
+»Das ist eine kostbare Ueberraschung!« rief er aus, »eine kostbare
+Ueberraschung! Anstatt des Kindes kommt eine junge Dame an! Hat uns Freund
+Macket mit Absicht getäuscht?«
+
+Ilse lachte und zeigte die weißen Zähne.
+
+»Wie Sie dem Papa ähnlich sehen!« fuhr er lebhaft fort, »derselbe Mund,
+die Zähne, das Kinn, es ist auffallend!« Er schob die Lampe näher zu ihr,
+damit er sie noch besser betrachten könne. »Das Haar haben Sie von der
+Mutter geerbt, auch die braunen Augen, das heißt nur in Farbe und Schnitt.
+Der Ausdruck der Ihrigen ist lebhafter, er verrät nicht das sanfte
+Taubengemüt der seligen Mama. Können Sie zornig blicken?« fragte er
+scherzend.
+
+»Aber lieber Mann,« unterbrach ihn Frau Gontrau lachend, »erst stellst du
+ein peinliches Examen mit dem Aeußeren unsres lieben Gastes an, nun gehst
+du auch noch auf die Charaktereigenschaften über! - Kommen Sie, liebes
+Kind, ich will Sie erlösen. Ich werde Sie auf Ihr Zimmer führen, damit Sie
+sich von der langen Reise etwas erfrischen können. Ich habe Sie dicht
+neben mein Schlafzimmer einquartiert, die Fremdenzimmer liegen eine Treppe
+höher, und ich dachte, die Kleine fürchte sich, allein dort zu schlafen.«
+
+»O wie reizend!« rief Ilse kindlich erfreut und verriet, daß sie im Punkte
+der Furcht noch ganz wie ein richtiges Kind empfand.
+
+»Leo,« redete der Amtsrat den Sohn an, als die Damen das Zimmer verlassen
+hatten, »ist sie nicht ein reizendes Kind?«
+
+Der Angeredete schien sehr vertieft in seiner Zeitungslektüre, wenigstens
+mußte der Vater noch einmal die Frage wiederholen, bevor er eine Antwort
+erhielt.
+
+»Ja, ja,« gab er gleichgültig zur Antwort, »sie ist ein ganz netter,
+kleiner Backfisch!«
+
+»Netter Backfisch! Ist das ein Ausdruck für ein so liebliches Wesen! Hast
+du denn gar keine Augen im Kopfe? Ich sage dir, Temperament steckt in dem
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}kleinen Backfisch{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, mehr als du dir träumen läßt! Ein Blick und ich weiß
+Bescheid! Du hast kein Urteil, mein Junge, darin ist dein Vater dir über!«
+
+Leo gab keine Antwort darauf und las andächtig weiter.
+
+Die Abendstunden entschwanden in Frohsinn und Heiterkeit. Ilse plauderte
+und erzählte ganz ohne Scheu. Sie fühlte sich heimisch bei den lieben
+Menschen. Der Landrat liebte es, sie zu necken, und sie verstand seinen
+Scherz.
+
+»Bleiben Sie einige Tage hier,« redete er ihr zu, »die Zeit ist so kurz
+bis morgen mittag. Wir telegraphieren den Eltern, daß wir Sie hier
+behielten, sie werden nicht böse darüber sein.«
+
+Leo warf einen schnellen Blick zu Ilse hinüber, der fast wie eine Bitte
+aussah, auch erbot er sich, ganz früh am andern Morgen nach dem
+Stationsgebäude zu reiten, um ein Telegramm aufzugeben. Frau Gontrau
+unterstützte die Bitte ihres Mannes mit großer Wärme.
+
+»Es wäre eine große Freude für uns, wenn Sie blieben,« sagte sie, »es
+fehlt uns ein frisches Element in unsrem Hause. Sie haben die glückliche
+Gabe, Leben und Frohsinn um sich zu verbreiten!«
+
+»Bitte, bitte, quälen Sie mich nicht,« bat Ilse, »ich kann nicht bleiben!
+Ich kann es nicht, so reizend es mir auch hier gefällt! Meine Eltern
+erwarten mich morgen und ich habe auch große Sehnsucht nach ihnen und auf
+den kleinen Bruder freue ich mich furchtbar! Er weiß noch gar nicht, daß
+er eine große Schwester hat!«
+
+Dagegen war nichts einzuwenden. Ilses Antwort war so echt kindlich und
+natürlich.
+
+Frau Gontrau strich ihr die krausen Locken zurück und klopfte ihr leicht
+die Wange.
+
+»Sie haben recht, liebe Kleine, Ihren Entschluß nicht zu ändern. Wir
+wollen auch gar nicht weiter in Sie dringen mit unsren Bitten. Besuchen
+Sie uns bald auf längere Zeit, Leo verläßt uns in einigen Wochen und dann
+ist es einsam in unsrem großen Hause.«
+
+»Daraus wird doch nichts!« erklärte der Landrat. »Ich kenne meinen Freund
+Macket und weiß, daß er so bald sein Töchterchen nicht wieder fortgiebt.
+Halt, da fällt mir ein guter Gedanke ein! In seinem letzten Briefe ladet
+der Papa uns zum Erntefeste ein, das in vier Wochen etwa stattfinden soll.
+Ich nehme die Einladung an für uns, Punktum! Aber ich knüpfe die Bedingung
+daran, daß er Sie mit uns zurückreisen läßt.«
+
+Ilse jubelte vor Vergnügen, »das wär' zu - zu himmlisch!« rief sie aus.
+»Aber Sie müssen auch Wort halten, geben Sie mir die Hand darauf.«
+
+Mit einem kräftigen Handschlag besiegelte er sein Versprechen.
+
+»Ein Handschlag galt bei uns in der Pension für den höchsten Eid,« sagte
+sie mit einem ernsten Kindergesicht, »dagegen handeln heißt meineidig
+sein. - Sie werden doch mitkommen?« wandte sie sich an Leo.
+
+»Natürlich,« entgegnete er freudig, »der feierliche Eid gilt auch für
+mich. Wollen wir ihn auch mit einem Handschlag besiegeln?«
+
+»O nein,« entgegnete sie leicht errötend, »ich glaube Ihnen schon auf Ihr
+Wort.«
+
+Als es elf schlug, mahnte Frau Gontrau zur Ruhe. »Sie werden müde und
+abgespannt sein von der Reise und den vielen fremden Eindrücken, liebe
+Ilse.«
+
+»Ich empfinde gar keine Müdigkeit,« entgegnete diese, »und könnte noch
+lange aufbleiben!«
+
+Sie hätte es auch gethan, wenn sie nur Papier und Feder in ihrem Zimmer
+gefunden hätte! Wie gerne hätte sie ihrer Nellie so ganz frisch ihre
+Reiseerlebnisse erzählt!
+
+Am andern Morgen gleich nach dem zweiten Frühstück rüstete sich Ilse zur
+Weiterreise. Eben trat sie mit dem Korbe mit den Blumen vor die Thüre, sie
+hatte sie noch einmal mit Wasser besprengt.
+
+»Wollen Sie denn die welken Sträuße wirklich wieder mit sich nehmen?«
+fragte Assessor Gontrau.
+
+Ilse blickte auf den Korb und stand unschlüssig da. »Freilich,« sagte sie
+betrübt, »sie sehen traurig aus, meine lieben, schönen Blumen, nun sind
+sie alle welk!«
+
+»Wissen Sie was, Fräulein Ilse,« riet der Assessor heiter, »wir wollen ein
+Autodafee anstellen und sie verbrennen! Dann sammeln wir die Asche und Sie
+bewahren dieselbe in einer kostbaren Urne auf, welche die Inschrift trägt:
+Diese Urne birgt die Asche der Blumensträuße meiner geliebten sieben
+Freundinnen in der Pension. - Wie gefällt Ihnen diese Idee?«
+
+»O, Sie sind abscheulich!« rief sie. »Sie wollen sich über mich lustig
+machen? Trotzdem,« fügte sie echt logisch hinzu, »gefällt mir das
+Verbrennen ganz gut. Errichten Sie schnell einen Scheiterhaufen, so viel
+Zeit bis zu meiner Abfahrt bleibt mir noch, ich will die Blumen in Flammen
+aufgehen sehen! Die Asche aber sammeln wir nicht!«
+
+Leo trug eilig etwas trockenes Reisig auf dem Kiesplatze vor dem Hause
+zusammen und in wenigen Sekunden flackerte ein lustiges Feuer auf.
+
+Ein Strauß nach dem andern verfiel dem Feuertode, nur als Nellies Rosen an
+die Reihe kamen, hielt Ilse ihm den Arm fest. »Halten Sie ein!« rief sie,
+»der darf nicht geopfert werden, die Blumen meiner lieben Nellie bewahre
+ich bis zu meinem Tode auf!«
+
+»Mit in das Grab,« fügte er neckend hinzu.
+
+Frau Gontrau, die mit ihrem Sohne Ilse bis zur Bahn begleiten wollte,
+erschien jetzt fertig angekleidet in der Thüre und mahnte zum Aufbruch.
+
+Ilse ging in das Haus und nahm Abschied von dem Landrate. So gerne wäre er
+mitgefahren und mußte nun des bösen Fußes wegen zurückbleiben. Es war eine
+rechte Geduldsprobe für ihn. Noch einmal erinnerte sie ihn dringend an
+seinen Schwur. »Sie müssen kommen!« war ihr letztes Wort.
+
+»Es bleibt dabei!« rief er ihr nach, »der Schwur gilt!«
+
+Als sie im Begriffe war, in den Wagen zu steigen, überreichte ihr Leo ein
+kostbares Rosenboukett.
+
+»Die Blumen sind aus der Asche erstiegen,« sprach er, »Sie werden
+dieselben nicht verschmähen,« fügte er hinzu, als sie vor Ueberraschung
+vergaß, dieselben in Empfang zu nehmen.
+
+»O, wie reizend! Wie furchtbar liebenswürdig! Sie glauben nicht, wie ich
+mich freue!« Mit holdem Erröten reichte sie ihm die Hand. »Ich danke Ihnen
+tausendmal! Ich liebe die Rosen so sehr und so schön wie diese sah ich
+noch keine. Wie sehr, wie furchtbar haben Sie mich erfreut!« Und sie
+konnte den Blick nicht von den herrlichen Blumen wenden und wiederholte
+noch einige Male: »ich freue mich zu sehr!«
+
+Leo lächelte seine Mutter an und sie verstand ihn wohl. War doch auch sie
+entzückt über die kindliche Freude und die Anmut, mit der Ilse zu danken
+verstand.
+
+Die Stunden vergehen schnell, besonders die glücklichen. Die Fahrt bis zum
+Bahnhof war geschwunden, Ilse wußte nicht wie. Jetzt saß sie im Dampfwagen
+und fuhr der Heimat zu. Ihre Gedanken schwirrten bunt durcheinander, sie
+flogen voraus und träumten vom Wiedersehen - und sie kehrten zurück und
+führten sie wieder nach Lindenhof. Es hatte ihr himmlisch dort gefallen!
+Der Abschied war ihr beinahe schwer geworden. Leo hatte ihr die Hand
+geküßt und sie hatte es sich gefallen lassen. Ob das wohl recht war? Am
+Ende hätte sie ihm die Hand entziehen müssen? - »Ach,« seufzte sie laut,
+zum Glück war sie allein im Koupee, »ach! Es ist doch zu öde, wenn man gar
+nicht weiß, wie man sich zu benehmen hat! Am Ende spottet er jetzt über
+mich!« Sie errötete bei diesem furchtbaren Gedanken. Da fiel ihr Blick auf
+den Rosenstrauß, und wie sie den süßen Duft desselben einatmete, stand
+plötzlich sein Bild lebhaft vor ihr. Ein wunderbares Gefühl überkam sie,
+aber es war ihr fremd und sie schreckte davor zurück. Sie legte den Strauß
+aus der Hand und erhob sich. Sie wollte nicht weiter an ihn denken, sie
+wollte es nicht!
+
+Um sich zu zerstreuen, blickte sie zum Fenster hinaus. Erst auf der einen,
+dann auf der andern Seite. Aber sie sah nicht viel, nichts als leere
+Stoppelfelder, das war langweilig.
+
+Sie setzte sich wieder und nahm ihre Handtasche vor. Nachdem sie ein
+Weilchen darin gekramt, fiel ihr ein Buch in die Hände, das Nellie ihr
+hineingesteckt hatte, damit sie Unterhaltung habe. Sie hatte gar nicht
+daran gedacht, jetzt griff sie freudig nach Chamissos Gedichten. Im
+Begriffe, das Buch zu öffnen, fiel ihr etwas ein. »Halt,« sagte sie für
+sich, »jetzt werde ich das Orakel befragen, wie Flora uns gelehrt hat.«
+Sie schlug drei Kreuze über das Buch und sah gen Himmel dabei, dann
+öffnete sie es schnell und die erste Zeile, auf die ihr Blick fiel, hieß:
+
+ »Helft mir, ihr Schwestern, Kränze zu winden -«
+
+»Unsinn! Ich will es nicht gelten lassen!« rief sie, »also noch einmal!«
+Das Buch wurde wieder geschlossen und recht, recht fest zusammengedrückt,
+dann wieder die drei üblichen Kreuze, wieder langsam und feierlich
+geöffnet - und siehe da, dieselben Worte gaben ihr Antwort auf ihre Frage.
+
+»Sonderbar! furchtbar sonderbar!« dachte sie sinnend und einen Augenblick
+war sie in Versuchung, der prophetischen Stimme zu glauben, dann aber
+siegte ihre gesunde Vernunft.
+
+»Es ist doch nur ein Zufall und die ganze Geschichte dummes Zeug!« Mit
+diesem vernünftigen Gedanken gab sie alle Schicksalsfragen auf und
+vertiefte sich in Chamissos herrliche Gedichte. Einige Male freilich
+ertappte sie sich auf dem Wege nach Lindenhof und Leos Bild neckte sie aus
+den Zeilen, aber sie wehrte sich tapfer gegen diese Traumbilder. Sie
+schwanden von selbst, je näher sie der Heimat kam. Sie legte das Buch
+beiseite und blickte zum Fenster hinaus. Schon erkannte sie verschiedene
+Ortschaften, die in der Nähe von Moosdorf lagen, schon konnte sie den
+Bahnhof erkennen! Ihr Herz schlug vor Erwartung und Freude, ihre Augen
+flogen voraus und jetzt erkannte sie die Eltern, die auf dem Perron
+standen, um sie in Empfang zu nehmen.
+
+Welche Seligkeit ein Kind empfindet, wenn es nach langer Trennung zu den
+geliebten Eltern zurückkehrt, das, meine jungen Leserinnen, kann nicht
+geschildert, sondern muß empfunden werden. Ilse lag in den Armen ihres
+Vaters und dachte an nichts weiter, als an das Glück, wieder daheim zu
+sein.
+
+ [Illustration]
+
+»Bist du groß geworden!« rief der Oberamtmann und betrachtete sie mit
+stolzer Freude; »ich hätte dich kaum wiedererkannt! Als halbes Kind gingst
+du von uns und jetzt kehrst du heim als junge Dame!«
+
+Er hielt sie noch immer in seinen Armen und konnte sich nicht satt sehen
+an ihr. Sanft entwand sie sich ihm, noch hatte sie die Mutter nicht
+begrüßt, die mit Thränen im Auge daneben stand und ihr die Arme
+entgegenstreckte. Ilse flog an ihr Herz und umschlang sie innig.
+
+»Meine liebe Mama!« das war alles, was sie sagen konnte. Und Frau Macket
+verstand sie, innig drückte sie ihr Kind an sich, sie wußte, daß sie jetzt
+sein Herz für immer gewonnen hatte.
+
+»Hier ist noch jemand, der dich begrüßen will, Kleines,« unterbrach der
+Oberamtmann die kleine rührende Szene, die ihn selbst schon ganz
+weichmütig machte, »sieh, Onkel Curt, berühmter Maler und Afrikareisender,
+möchte gern deine Bekanntschaft machen!«
+
+Ilse reichte ihm die Hand und stand nun einem wirklichen Künstler
+gegenüber. Ob sie ihn »reizend« fand? - Als sie ihn ansah, den
+mittelgroßen, etwas breitschultrigen Mann, in der Samtjoppe, die mehr
+bequem als elegant saß, mit dem breitkrempigen Hute, der ein braun
+gebranntes, etwas verwittertes Gesicht tief beschattete, da drängte sich
+unwillkürlich ein andrer in ihre Gedanken und sie verglich. »Die Juristen
+gefallen mir doch besser als die Künstler,« - so meinte sie still in ihrem
+Herzen.
+
+Ehe Ilse in den Wagen stieg, wurde sie von Johann feierlich begrüßt. Zur
+besonderen Ueberraschung hatte er Bob mitgebracht, der nun in toller,
+ausgelassener Freude seine Herrin begrüßte. Johann vergaß dabei seine
+Empfangsrede, die er sich mühsam zurechtgedacht hatte. Verlegen drehte er
+seine Mütze und sein breiter Mund zog sich von einem Ohre zum andern.
+
+»Da ist der Hund, Fräulein Ilschen,« sagte er. »Das unvernünftige Vieh hat
+das Fräulein gewissermaßen gleich erkannt. Ich auch, wenn auch das
+Fräulein gewissermaßen schön und stattlich geworden sind, wie ein
+Kürassier.« - Diesen wunderlichen Vergleich gebrauchte Johann nur bei ganz
+außergewöhnlichen Gelegenheiten, er galt für ihn als höchster Ausdruck des
+Vollkommnen.
+
+Alle lachten und Ilse reichte dem Freunde ihrer Kindheit die Hand.
+
+»Es ist gut, Johann,« sagte der Oberamtmann, »du hast eine schöne Rede
+gehalten. Nun aber steige auf und lasse die Pferde tüchtig zugreifen, in
+einer halben Stunde müssen wir in Moosdorf sein.«
+
+Im Vaterhause war alles festlich bereitet. Fahnen, Kränze, Blumen, sogar
+eine Ehrenpforte mit einem mächtigen »Willkommen!« begrüßten die
+heimkehrende Tochter. - Aber sie hatte nur einen flüchtigen Blick für alle
+Herrlichkeiten, ihre Ungeduld trieb sie hinein in das Haus, sie mußte
+zuerst das Brüderchen sehen.
+
+Frau Anne, die vor ihr hineingegangen war, trat ihr schon mit demselben
+entgegen.
+
+»Du süßer, süßer Junge!« rief Ilse im höchsten Entzücken und der prächtige
+Knabe streckte ihr jauchzend seine Aermchen entgegen.
+
+»Er will zu mir, Mama, darf ich ihn nehmen?« Glücklich lächelnd reichte
+die Frau ihr den Kleinen. Und Ilse tanzte mit ihm im Zimmer herum und
+küßte und herzte ihn, bis er zu weinen anfing.
+
+Die Mutter nahm ihr den kleinen Schreihals ab. »War ich zu wild, Mama?«
+fragte Ilse bedauernd, »sei mir nicht böse darum! Ich freue mich ja zu
+furchtbar über ihn! - Was er für dicke Aermchen hat,« fuhr sie zärtlich
+fort und küßte dieselben. »Ach, und die lieben, schönen Guckäuglein
+schwimmen in Thränen! Daran ist nur die böse, böse Schwester schuld, mein
+kleines Herz!«
+
+So plauderte Ilse bunt durcheinander und war so glücklich wie ein Kind am
+Weihnachtsabend, wenn es seine neue Puppe begrüßt. Sie mochte sich gar
+nicht von dem Kinde entfernen, bis endlich die Mama dasselbe der Wärterin
+übergab.
+
+»Nun ist es genug, Kind,« scherzte Frau Anne, »du verwöhnst mir sonst den
+Jungen, auch vergißt du uns andre darüber. Sieh! Papa und der Onkel stehen
+schon wartend da, sie wünschen, daß du sie in das Speisezimmer hinüber
+begleitest. Oder möchtest du erst einmal hinauf in dein Zimmer gehn?«
+
+Sie ergriff Ilses Arm und führte sie in die obere Etage, die beiden Herren
+folgten ihnen, und Ilse mußte darüber lachen, sie ahnte ja nicht, weshalb
+sie es thaten.
+
+Es war eine großartige Ueberraschung, die ihrer wartete. Als sie ihr
+Zimmer betrat, blieb sie sprachlos an der Thüre stehen. Sie erkannte die
+früheren Räume nicht wieder. Wohn- und Schlafgemach hatten die Eltern im
+altdeutschen Stil eingerichtet. Nichts war vergessen. Vom Schreibtisch bis
+auf die kleine Schmucktruhe, die vor dem Spiegel auf einem Schränkchen
+stand. Sogar eine Staffelei war am Fenster aufgestellt.
+
+Ilses Freude war unbeschreiblich, die Eltern hatten ja ihre kühnsten
+Wünsche erfüllt. - Etwas befangen betrachtete sie Staffelei und Maltisch.
+»O, Papa,« sagte sie schüchtern, »das ist zu schön für mich, ich kann ja
+noch gar nicht malen.«
+
+»Bedanke dich bei dem Onkel dafür, er ist der Anstifter davon!« entgegnete
+der Oberamtmann. »Er hat versprochen, dein Lehrmeister zu sein, das heißt:
+solange der Wandervogel bei uns aushalten wird.«
+
+Nach dem Essen schlich sich Ilse hinaus in den Hof, sie mußte es fast
+heimlich thun, denn der Papa konnte sich heute nicht von ihr trennen.
+Johann hatte auf diesen Augenblick längst gewartet und stand schon bereit,
+das Fräulein zu führen.
+
+Zuerst mußte sie ihm in den Pferdestall folgen, und als sie die Runde
+durch sämtliche andre Ställe gemacht, alle Kühe, Hunde u. s. w. begrüßt
+hatte, da wollte er ihr auch noch den neuen Schweinestall zeigen, diesen
+Besuch aber schob Ilse bis auf eine andre Zeit auf.
+
+»Schade, schade,« meinte Johann und machte ein niedergeschlagenes Gesicht,
+»ich hätte dem Fräulein so gern das neue Schweinehaus gezeigt. Es ist
+gewissermaßen schön drin, man könnte selbst drin wohnen.«
+
+»Morgen, Johann,« entgegnete Ilse, »heute habe ich keine Zeit mehr dazu,
+ich muß zu den Eltern.«
+
+Kopfschüttelnd blickte der Kutscher ihr nach. »Früher hätte sie das nicht
+gesagt,« sprach er für sich und bedenklich setzte er hinzu: »Sollte sie
+vornehm geworden sein?«
+
+Als der Tag zu Ende war, als Ilse allein in ihrem Zimmer saß, um zur Ruhe
+zu gehen, hielt sie zuvor noch eine Einkehr in ihr Herz. Der heutige Tag
+war so reich an wechselvollen und freudigen Eindrücken gewesen, was lag
+nicht alles zwischen Abend und Morgen! Trennung und Wiedersehn! War sie
+wirklich erst heute früh von Lindenhof abgefahren, und hatte sie erst
+gestern morgen die Pension verlassen? Der Abschied von dort schien schon
+so weit hinter ihr zu liegen. -
+
+Es war so süß, mit wachen Augen noch etwas zu träumen, und sie mochte noch
+nicht an den Schlaf denken. Ihr Blick fiel auf den geöffneten Reisekoffer
+und sie bekam Lust, denselben auszupacken. Sie fing auch an, einige Sachen
+herauszunehmen und in die herrlich geschnitzte Kommode zu räumen, dabei
+mußte sie sich an Nellie erinnern; es fiel ihr ein, wie treu und lustig
+sie ihr geholfen hatte, damals, am ersten Tage in der Pension. Die gute,
+geduldige Nellie! Wäre sie doch gleich bei ihr!
+
+Als sie ihr Tagebuch aus dem Koffer nahm, behielt sie es sinnend in der
+Hand. Was es enthielt, waren nur weiße Blätter, denn nie hatte sie das
+Bedürfnis gefühlt, ihm etwas anzuvertrauen. Wie in halber Zerstreuung
+schloß sie es auf und legte es geöffnet auf den Schreibtisch. Sie griff
+nach der Feder, tauchte sie ein und plötzlich - wie von einer inneren
+Macht getrieben, schrieb sie die Worte nieder: »Seit ich ihn gesehen -«
+
+Weiter kam sie nicht. Sie warf die Feder weit von sich und hielt beide
+Hände vor ihr heißerglühtes Gesicht. Eine tiefe Beschämung preßte ihr die
+Brust zusammen. Was hatte sie geschrieben, wessen Bild hatte ihr die Worte
+diktiert?
+
+Als ob sie sich auf einem schweren Unrecht ertappt, so schnell schloß sie
+das Buch und barg es in einem versteckten Fach ihres neuen Schreibtisches.
+Fort mit den thörichten Gedanken, die ihr Unruhe machten und an denen nur
+Chamissos Lieder die Schuld trugen! Sie wollte sie niemals wieder lesen -
+niemals! -
+
+Drei Wochen waren Ilse im elterlichen Hause vergangen und sie fühlte sich
+so glücklich und wohl darin, wie nie zuvor. Gleich in den ersten Tagen
+hatte sie ihre Zeit nützlich eingeteilt. Auf ihren Wunsch gab ihr der
+Prediger noch einige Nachhilfestunden in verschiedenen wissenschaftlichen
+Fächern. Er war überrascht über die Fortschritte seiner früheren
+Schülerin, besonders aber freute er sich über ihren Ernst, ihre
+Beständigkeit beim Lernen. Er hatte sich nicht geirrt, als er die Pension
+einen Segen für Ilse genannt.
+
+Auch Frau Anne segnete das Institut, das aus dem wilden Kinde eine
+liebliche, sinnende Jungfrau geschaffen hatte. Eine solche Umwandlung
+hatte sie vor Jahr und Tag kaum für möglich gehalten. An Ilses gutem
+Herzen hatte sie niemals gezweifelt, aber sie war überrascht von der
+geduldigen Liebe, die sie dem kleinen Bruder entgegenbrachte. Nur der
+Amtsrat konnte sich noch nicht in sein verändertes Kind finden. Manchmal
+sah er es prüfend von der Seite an, als ob er fragen wollte: »Ist sie es,
+oder ist sie es nicht?«
+
+»Ich weiß nicht,« sagte er eines Tages zu seiner Gattin, »Ilse ist mir zu
+zahm geworden. Ich kann mir nicht helfen, aber mein unbändiges Kind mit
+dem Loch im Kleide gefiel mir besser, als die junge Dame im modischen
+Anzuge.«
+
+»Aber Ilse ist jetzt wirklich eine junge Dame, lieber Richard,« lachte
+Frau Anne, »sie ist kein Kind mehr und du mußt dich daran gewöhnen, sie
+nicht mehr als solches anzusehn. Uebrigens ist sie so heiter und
+ausgelassen wie früher, nur hat sie gelernt, ihren Uebermut zu zügeln. Ich
+bin sehr zufrieden, wie sie ist, und bin ganz stolz auf mein Töchterchen.«
+
+»Du magst ja recht haben,« entgegnete Herr Macket, ohne indes von der
+Wahrheit ihrer Worte überzeugt zu sein, »und mit der Zeit werde ich mich
+auch an das erwachsene Mädchen gewöhnen, aber ich glaube, es wird noch
+mancher Tag darüber hingehn.«
+
+»Wer weiß! Wer weiß! Ilse reißt dich vielleicht, ehe du es denkst, aus
+deiner Täuschung und giebt dir den Beweis, daß sie kein Kind mehr ist.«
+
+»Ich verstehe dich nicht, liebe Anne,« sagte der Oberamtmann und sah seine
+Frau fragend an, »du sprichst so geheimnisvoll und machst mich neugierig.«
+
+»Ich habe eine Beobachtung gemacht und glaube nicht, daß ich mich täusche.
+Der junge Gontrau ist Ilse nicht gleichgültig geblieben.«
+
+Sprachlos blickte Herr Macket seine Frau an. Eine solche Möglichkeit zu
+fassen, war er nicht im stande, sie war ihm noch niemals in den Sinn
+gekommen.
+
+»Du irrst, Anne,« sprach er endlich, »das ist geradezu unmöglich. Oder,«
+fügte er besorgt hinzu, »hat sie dir etwa ein Geständnis abgelegt?«
+
+»Behüte Gott,« wehrte Frau Anne ab, »wo denkst du hin? Ilses Herz ist wie
+eine Sinnpflanze, die ihre Blätter schließt bei der leisesten Berührung.
+Noch weiß und ahnt sie selbst nichts von ihren Gefühlen, in ihrer
+kindlichen Unbefangenheit hat sie mir ihr Geheimnis verraten. Sie spricht
+gern und oft von Gontraus und weilt am liebsten in ihrer Erinnerung bei
+dem Sohne, von dem sie ausführlich jede Kleinigkeit erzählt. Du müßtest
+sie hören, wenn sie die Erkennungsszene am Bahnhof in Lindenhof erzählt,
+und sehen, wie ihre Augen dabei strahlen.«
+
+»Nun ja,« fiel er ihr ins Wort, »das war romantisch! Du bist eine so kluge
+Frau, mein Annchen, weißt du denn nicht, daß alle Backfischchen gern
+schwärmen?«
+
+»Höre nur weiter zu, Richard. Neulich fragte sie mich ganz aus dem
+Stegreife, ob ich den Namen {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Leo{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} schön fände, und ob Juristen kluge
+Menschen wären? Den Rosenstrauß, den sie bei ihrem Abschied erhielt, hat
+sie aufbewahrt. Als neulich die Hausmagd denselben wegwerfen wollte, ward
+sie fast ärgerlich. Sie nahm ihr denselben aus der Hand und steckte die
+vertrockneten Blumen in eine Vase, die heute noch auf ihrem Schreibtische
+steht.«
+
+»Ist das alles, was du weißt?« lachte der Oberamtmann vergnügt und auch
+sehr erleichtert, »dann muß ich dir sagen, liebes Kind, daß deine
+Beobachtungen auf sehr wacklichen Füßen stehen. Ich kenne meinen Wildfang
+besser und weiß, daß er noch fern von solchen Allotrias ist. Ilschen
+verliebt! Ha, ha, ha! Vergieb, Frauchen, daß ich dich auslache, aber ich
+kann nicht anders!«
+
+Sie mochte nicht weiter seine sichere Unbefangenheit stören und brach das
+Gespräch ab. »Was kommen soll, kommt doch,« dachte sie, »und wer kann
+sagen, wie bald!« - Wenige Tage nach diesem Gespräche fand das Erntefest
+statt. Frau Macket und Ilse befanden sich am Morgen dieses Tages in dem
+großen Gartensaale. Sie ordneten noch hier und da einiges an der gedeckten
+Tafel, die festlich geschmückt und zum Empfange vieler Gäste bereit stand.
+Ilse beschäftigte sich damit, die Vasen mit Blumen zu füllen. Es war ihr
+so vergnügt und froh um das Herz und singend und trällernd verrichtete sie
+ihre Arbeit.
+
+»Mama,« unterbrach sie sich plötzlich, »weißt du, daß ich eigentlich recht
+betrübt heute bin?«
+
+»Nein,« entgegnete die Angeredete lächelnd, »davon habe ich noch nichts
+gemerkt. Weshalb wolltest du auch betrübt sein?«
+
+»Weil Nellie mir nicht geschrieben hat. Ich habe sie so herzlich zu unsrem
+Erntefeste eingeladen und sie hat mir keine Antwort darauf gegeben. Heute
+sind es sechs Tage, daß ich ihr schrieb.«
+
+»Sie wird keine Erlaubnis erhalten haben, Kind. Du zweifeltest selbst
+daran, hast du das vergessen? Es wird ihr sehr schwer werden, dir der
+Vorsteherin abschlägige Antwort mitzuteilen. Oder sollte sie dich heute
+unangemeldet überraschen?«
+
+»Das wäre famos, himmlisch! Gontraus und Nellie hier - dann wären alle
+meine Wünsche erfüllt! Aber daran ist nicht zu denken, Fräulein Raimar
+erlaubt das auf keinen Fall. Nellie muß immer lernen und immer lernen. Ach
+Mama! Es muß furchtbar schrecklich sein, eine Gouvernante zu werden!
+Findest du nicht auch?«
+
+Frau Anne versuchte, Ilse von ihrem Vorurteile zu heilen, aber vergeblich.
+Sie blieb dabei, Gouvernanten könnten nur alte Mädchen werden und ihre
+Nellie passe gar nicht dazu.
+
+Plaudernd und singend hatte Ilse endlich sämtliche Vasen gefüllt und auf
+der Tafel verteilt. Sie stand noch bewundernd vor ihrem Werke, als die
+Mutter sie antrieb, sich anzukleiden.
+
+»Es ist hohe Zeit, Ilse, wir müssen uns eilen, in einer Stunde wird Papa
+mit Gontraus zurück sein.«
+
+Wie ein Vogel flog Ilse die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Kaum hatte sie
+indessen mit ihrer Toilette begonnen, als ihr die Magd einen Brief
+überbrachte, den der Briefträger soeben für sie abgegeben hatte. Er war
+von Nellie. Sie erbrach ihn sofort und las.
+
+Die ersten Worte schon brachten sie in eine lebhafte Aufregung, kaum
+vermochte sie weiter zu lesen. Mit stockendem Atem überflog sie die
+Zeilen, und als sie zu Ende war, eilte sie mit dem Briefe hinunter in der
+Mutter Gemach. Sie hätte es nicht ausgehalten, die wichtige Neuigkeit, die
+sie eben erhalten, länger für sich zu behalten.
+
+»Mama!« rief sie ganz atemlos, »ein Brief von Nellie! Ich muß ihn dir
+vorlesen!« - Und sie begann:
+
+
+
+
+
+
+»Mein süß Ilschen!
+
+»Ich bin eine Braut! O! und ein sehr glückliches Braut! Errätst Du, mit
+wem? Ja? O Ilse, Doktor Althoff ist meiner liebe, liebe Schatz! Ich möchte
+gleich Deine liebes Gesicht schauen, wenn Du diese groß Ereignis liest,
+ich sehe, wie Du Dein braun Lockenkopf schüttelst und höre Dir rufen:
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nellie will mir pfoppen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Aber nein, sie pfoppt Dir nicht, alles, was sie
+heute schreibt, ist wahr. Du sollst alles wissen, meine liebe Freundin,
+ich will erzählen, wie es kam. O, es ist ein schwer' Aufgabe für mich, -
+ich bin so zerwirrt vom Glück und ich finde mir so schlecht zurecht mit
+der deutsch Sprache. Du mußt Geduld mit Dein Nellie haben, die eigentlich
+sehr dumm ist! Ich schäm' mir, Ilse, wenn ich denke an mein furchtbaren
+Dummheit. Es ist mir ein Rätsel, wie Alfred mir lieb haben kann. - Doch
+still darüber. - Höre weiter.
+
+»Mit Dein lieber Brief, den Du mir schriebst, wo Du mir zu Dein Erntefest
+einladest, kam ein andern Brief an Fräulein Raimar. Als ich nun begriffen
+war, in ihr Zimmer zu steigen, um sie recht für die Erlaubnis zu bitten,
+tritt sie ganz plötzlich - ohne Anmeldung bei mir ein. Das war ein Wunder,
+denn sie macht uns niemals ein Visite, immer läßt sie uns rufen, wenn sie
+einiges von uns will. Ich errötete vor Schreck, Du kannst denken.
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nellie,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} spricht sie und hält ein offner Brief in ihr Hand, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}dieses
+Schreiben hier enthält die Anfrage an mir, ob ich nicht ein junge
+Engländerin zu sofortiger Antritt empfehlen kann. Vollkommen deutsch
+braucht diese nicht zu sprechen, sie soll nur die drei Kinder englisch
+beibringen. Ich denke Dir vorzuschlagen, Nellie, bist Du einverstanden?
+Die Dame bietet hohe Gehalt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»Ich glaube, daß ich ein sehr traurig Gesicht machte zu ihr Vorschlag und
+ich konnte auch gar nix sagen. Dein Brief hielt ich noch in die Hand, aber
+ich habe nicht gewagt, Fräulein Raimar zu sprechen, sie hätte doch mein
+Bitten abgeschlagen.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du hast wohl keine Lust,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte sie, weil ich schweigend war.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}O, gar keine Lust,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} dacht' ich, aber ich durft' nicht sagen, wie
+furchtbar schrecklich mich der Gedanke war, ein Vierteldutzend Kinder zu
+unterrichten. Immer so weise und artig sein, - immer so mit der guten
+Beispiel vorangehn - nein, das macht mir gar nicht Spaß.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Bestimmen Sie für mir, Fräulein,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte ich, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich werde thun, wie Sie
+denken. Werde ich aber klug genug sein, zu ein' so großer Aufgabe?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Laß das meine Sorgen sein,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte Fräulein Raimar sehr bestimmend, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich
+würde Dich nicht empfehlen, wenn ich nicht wüßte, daß Du diese Stellung
+vollkommen erfüllen kannst.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»Damit verließ sie mir und ich blieb tief betrübt zurück.
+
+»Die Zubereitung für mein Abreise wurde gemacht und ich hatte viel zu
+thun, o - und viel zu hören!
+
+»Miß Lead hielt langen, strengen Predigten und vorbereitete mich zu eine
+würdige Gouvernante. Fräulein Raimar mahnte mir täglich zu Ernst und
+Gediegenheit, nur Fräulein Güssow sah mir oft mit ein lang traurigen Blick
+an, der zu mich sprach: Thust mich leid, Darling, daß Du unter fremde
+Leute dienen mußt.
+
+»Der ernste Abschiedstag war da. Es war der achtundzwanzigste September,
+morgens 11 Uhr, ein Stunde vor meine Abreise. Ich saß in mein Zimmer auf
+mein Reisekoffer und weinte. Ich war so gefüllt von Kummer, das Herz
+drückte mir so schwer wie ein Mühlstein in der Brust. Kannst Du Dich das
+vorstellen? Nein, süß Ilschen, Du kannst nicht. Als Du von uns gingst,
+weintest Du auch und warst sehr betrübt, aber Du kehrtest in ein liebe
+Vaterhaus heim und Deine Eltern trocknete Deine Thräne, - wer trocknet
+meine? Niemand. Ich ging fort in die Fremde und {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ka Katzerl, ka Hunderl{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+kümmert sich um mir. Ich wünschte mir tot zu liegen, wie unsre süße Lilli.
+
+»Wie ich mir so ganz verlassen fühle und laut schluchze, steht plötzlich
+Doktor Althoff, mein Doktor Althoff vor mir. Ich hatte ihn nicht gehört,
+als er anklopfte und die Thür öffnete. Du kannst mein Schreck denken! Ich
+spring' von mein Reisekoffer und halt' das Tuch vor mein weinend Gesicht,
+ich schämte mir so.
+
+»Leise zog er es fort und fragte mich mit seiner schöner, tiefer Organ:
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warum weinen Sie, Miß Nellie? Thut Sie es weh, aus dem Institut zu
+scheiden, möchten Sie hier bleiben!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»Ich sagte gar nix, weil ich nicht konnte vor lautes Schluchzen.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sehen Sie mich an, Miß Nellie,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} bat er, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich möchte gern in Ihr Auge
+sehen bei das, was ich Sie fragen will.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»Ich versuchte ihn anzublicken, aber ich mußt' mein Auge niederschlagen,
+er hatte ein so sonderlicher Blick, niemals hat er mir so angesehen. O,
+ich ward so angst und es lief mich ganz heiß über mein Gesicht. Er griff
+mein' Hand und hielt sie fest und dann - ich weiß nicht, wie es kam - mit
+einem Male hatte er mir in seinen Arm genommen und fragte: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Haben Sie mich
+lieb, Nellie?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»Ilse, kannst Du Dich denken, was ich empfand bei diese Frage? Es war, als
+ob der Himmel plötzlich offen war und alle Seligkeit auf mein Haupt
+schüttelte. Im Wachen und im Träumen immer hör' ich dieser Wort in mein
+Ohr und zuweilen denk' ich, es ist alles nicht wahr! Doch höre weiter. Du
+bist mein best' Freundin und nichts soll dir verborgen sein.
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Hast Du mich lieb?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte er noch einmal, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}willst Du mein kleines Frau
+sein?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}O ja - herzlich gern,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte ich und ich weiß nicht, ob es sehr
+geschickt (schicklich) vor mich war, daß ich so schnell und ohne Besinnen
+mein Jawort gab, aber ich konnte nicht anders, ich hatte ja mein Alfred
+schon lange still in mein tiefster Herz geliebt.
+
+»Und nun küßte er mir auf die Stirn und nannte mir seine Braut. Mein
+Seligkeit war ohne Grenzen, ich war nicht mehr verlassen, hatte mit ein
+Mal ein wonnige Heimat gefunden.
+
+»Als wir uns verlobt hatten, gingen wir sogleich zu Fräulein Raimar und
+Alfred stellte mir als seine Braut vor. O, Ilse! Du hättest die erstaunte
+Gesichter sehen müssen! Es war zu spassig! Fräulein Raimar weniger, sie
+weiß immer so gut ihr Gesicht in die gleiche Falte zu legen, man weiß
+nicht, ob sie Freude oder Trauer hat. Aber ich glaube, diesmal hatte sie
+Freude, denn sie nahm mich in ihr Arm und küßte mir. Zu Alfred sagte sie:
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wie ist das so schnell gekommen, Herr Doktor? Ich habe niemals von Ihr
+Neigung gemerkt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+»{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich bin selbst erst klar geworden, als ich Nellie verlieren sollte,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+sagte Alfred und bat Fräulein Raimar, die Gouvernante abzubestellen und
+mir unter ihr mütterlicher Schutz zu behalten, bis wir heiraten. Sie hat
+es versprochen. So blieb ich hier und packte meine ganze Siebensachen
+wieder aus.
+
+»Miß Lead glückwünschte mir auch, aber wenn sie auch meiner Landsmann ist,
+war sie doch kalt wie ein Frosch. Ich glaube, sie hat viel Neid. Aber ich
+mache mir nix davon und strahle voll Wonne. Fräulein Güssow freut sich
+furchtbar über mein Glück, ich habe sie so lieb als eine Schwester und
+bitte jetzt alle Tag der liebe Gott, daß er sie von ihr schwer' Beruf
+ablöse, sie ist zu gut für ein streng' Lehrerin.
+
+»Unsre Freundinnen waren reizend nett! das heißt nicht alle, denn Melanie
+und Grete sind schnell abgereist, weil ihr Mutter krank war, sie wissen
+noch nichts. Orla beschenkte mir gleich mit ein kostbar Armband zum
+Andenken und zur Freude über unsre Verlobung. Das klein' Lachtaube konnte
+vor Lachen kein Wort sagen. Rosi sprach {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}artige{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Worte wie immer, und
+Flora? Sie machte ein lang Gesicht und sah Alfred mit ein schwärmerischer
+Blick an, dann drückte sie uns stumm die Hände. Gestern hat sie mir mit
+ein lang {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Elegie an ein Braut{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} beglückt, sie ist sehr schön wie alle
+Gedichte von Flora.
+
+»Heute früh ist mein Alfred abgereist zu sein Mutter, das war ein sehr
+schwer' Abschied! Wir fühlten uns gegenseitig ein wenig schwanken, doch
+ließe wir die Kopfe nicht fallen. Ich schluckte die Thränen tapfer hinter,
+Fräulein Raimar sollte mir nicht schwächlich sehen. Alfred kommt ja auch
+bald zurück, nur acht Tage ist er fort.
+
+»Nun leb' wohl, _dear_ Ilschen. Ich habe Dir ein langer, langer Brief
+geschrieben, nun antworte mich gleich, bitte, bitte! Ich freu' mir
+furchtbar auf Dein Brief, Du kommst doch zu mein Hochzeit? Neujahr werden
+wir getraut. Tausend Küsse, mein Herzkind, und grüße Deine lieber Eltern
+und das klein Babi von
+
+ Dein
+ seligste Nellie.«
+
+
+
+
+
+
+»Nellie Doktor Althoffs Braut!« rief Ilse jubelnd. »Nun wird sie keine
+Gouvernante, Mama!«
+
+»Nein, nun hat sie die beste Heimat gefunden!« entgegnete Frau Macket, die
+zuweilen über Nellies komische Ausdrücke gelacht, zuweilen aber auch eine
+Thräne der Rührung nicht zu unterdrücken vermocht hatte, »sie ist dem
+alleinstehenden Kinde von Herzen zu gönnen. Es muß ein liebes, drolliges
+Geschöpfchen sein, ihr Brief giebt ein sprechendes Zeugnis davon.«
+
+Wenn Ilse auf dieses Kapitel kam, war sie unerschöpflich. Frau Anne mußte
+sie ernstlich mahnen, sich anzukleiden.
+
+ [Illustration]
+
+»Gleich, Mama, gleich! Ich werde mich furchtbar eilen!« Aber zwischen Thür
+und Angel wandte sie sich noch einmal, um zu fragen, warum Doktor Althoff
+sich wohl gerade in Nellie verliebt haben möge. Die Antwort auf diese
+sonderbare Frage wartete sie indes nicht ab, sondern sprang die Treppe
+hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.
+
+»Nellie Braut!« Ihre Gedanken konnten sich nicht davon trennen. Sie
+durchlebte mit der Freundin das wichtige Ereignis von Anfang bis Ende und
+war so der Gegenwart entrückt, daß sie lauter Verkehrtheiten machte.
+
+Anstatt des weißen Battistkleides hatte sie ihr Morgenkleid übergezogen,
+sie merkte es erst, als sie die blaßroten Schleifen daran befestigen
+wollte. Eilig machte sie ihren Fehler gut. Aber ihre Toilette war noch
+nicht vollständig vollendet, als sie dem Verlangen nicht widerstehen
+konnte, erst noch einmal Nellies Brief zu durchfliegen. »Haben Sie mich
+lieb?« »Willst Du mein kleine Frau sein?« Diese Stelle war zu schön, sie
+mußte sie nochmals lesen, dann ließ sie den Brief in den Schoß sinken und
+sann und träumte, ohne daß sie es wußte, wiederholten ihre Lippen die
+Worte: »Hast Du mich lieb?«
+
+Der Ruf der Mutter, die an die verschlossene Thür klopfte, schreckte sie
+auf und brachte sie in die Wirklichkeit zurück. Da lagen die Schleifen,
+dort die Blumen, an nichts hatte sie gedacht.
+
+»Geh nur hinunter, Mama, ich folge dir gleich!« rief sie und sprang in die
+Höhe.
+
+Aber Frau Anne ließ sich nicht abweisen, »sie müsse erst Ilses Anzug
+prüfen,« rief sie zurück.
+
+»Noch nicht fertig!« schalt sie eintretend. »O, du böse Ilse, was hast du
+gemacht? Warum ließest du dir nicht von Sofie helfen, wenn du allein nicht
+fertig werden konntest! Nur schnell, schnell! Jeder Augenblick ist
+kostbar!«
+
+Unter ihren geschickten Händen stand Ilse bald fertig geschmückt da. Frau
+Anne betrachtete sie mit freudigen Blicken, so reizend hatte sie ihr Kind
+noch niemals gesehen. War der duftige Anzug daran schuld? Oder hatten die
+Augen einen besonderen Glanz?
+
+ * * *
+
+Kaum zehn Minuten später kam der Wagen vom Bahnhof zurück und brachte die
+Gäste. Der Landrat stieg zuerst aus demselben. Ungeniert nahm er Ilse, die
+mit ihrer Mama zum Empfange bereit stand, in die Arme und küßte sie auf
+die Wange. Leo begrüßte die Damen mit einem Handkuß. Ilse wußte jetzt, wie
+sie sich bei einem so kritischen Falle zu benehmen hatte, sie zog die Hand
+nicht fort, die Mama hatte es auch nicht gethan.
+
+Die Eltern führten Gontraus hinauf in die bereitstehenden Gastzimmer, Leo
+blieb noch zögernd auf der Veranda stehen. Er trat zu Ilse, die etwas
+entfernt von ihm stand. Sie lehnte gegen einen Pfeiler und zupfte sehr
+eifrig an einer Weinranke. Sein Blick ruhte auf dem reizenden Mädchen, das
+ihm in den wenigen Wochen, seit er sie nicht gesehen hatte, größer und
+schöner geworden schien.
+
+»Sie sind so still und so ernst,« redete er sie an, »gar nicht wie im
+Lindenhof. Wo ist Ihr fröhlicher Uebermut geblieben? Drückt Sie ein
+Kummer?«
+
+»Kummer? o nein!« Und ihre Augen lachten ihn mit der alten Fröhlichkeit
+an. »Im Gegenteil, eine große, große Freude habe ich gehabt!« Und sie
+verkündete ihm Nellies Verlobung.
+
+Eigentlich wunderte es sie, daß er so wenig darauf zu erwidern hatte. Fast
+keine Miene hatte er bei dieser hochwichtigen Nachricht verzogen. Sein
+Blick hing unverwandt an ihren Lippen, und doch schien es, als wären seine
+Gedanken in weiter Ferne.
+
+»Ist sie sehr glücklich?« fragte er in halber Zerstreuung.
+
+»Glücklich?« wiederholte Ilse verwundert über seine Frage. »Selig ist sie!
+Sie müssen nur ihren Brief lesen!«
+
+»Lesen Sie ihn mir vor,« bat er. »Lassen Sie uns die schöne Einsamkeit
+benutzen, jetzt sind wir ungestört.«
+
+»Das geht nicht! Nein, gewiß nicht!« rief sie beinahe ängstlich. Es
+schreckte sie plötzlich der Gedanke: Wie kannst du ihm Nellies geheimste
+Empfindungen offenbaren? - Doch war es dieser Gedanke allein, der sie so
+seltsam beklommen machte? Entsprang die Furcht, mit ihm allein zu sein,
+aus derselben Quelle?
+
+»Wenn ich Sie sehr darum bitte, auch dann nicht?«
+
+Sie war schon halb auf der Flucht, als seine dringende Bitte ihr Ohr
+berührte.
+
+»Ich kann nicht! Ich habe im Hause zu thun! Später!« rief sie ihm verwirrt
+zu, flog über die Veranda hinweg durch den Speisesaal bis in die
+offenstehende Thür des kleinen Boudoirs der Mama.
+
+Er sah ihr nach, bis der Zipfel ihres weißen Kleides entschwunden war. Auf
+seinem Antlitz spiegelten sich die verschiedensten Gefühle, sie drückten
+Zweifel, Hoffnung und Entzücken aus.
+
+Als Ilse so hastig in das kleine Zimmer trat, atemlos und mit heißen
+Wangen, erschrak sie fast, als sie den Onkel antraf.
+
+»Nun, Backfischchen, was ist dir denn begegnet?« fragte er und legte das
+Buch, in welchem er gelesen, aus der Hand.
+
+»O nichts, nichts, gar nichts!« rief sie schnell. »Ich bin nur so heiß und
+mein Herz klopft so furchtbar.«
+
+Ehe er noch nach der Ursache ihrer Erregung fragen konnte, schnitt sie ihm
+das Wort ab. »Eine furchtbar interessante Neuigkeit, Onkel Curt! Nellie
+ist Braut!«
+
+Wer Nellie war, wußte er längst, oft genug hatte Ilse ihm in den
+Malstunden, die sie mit vielem Eifer nahm, von ihr erzählt, aber wie sie
+aussah, wußte er noch nicht, heute konnte sie ihm das Bild derselben
+zeigen. Es war ihr jetzt das Album nachgesandt, welches Fräulein Raimar
+ihr bereits bei der Abreise versprochen hatte. Es enthielt die Bilder der
+Lehrerinnen und Freundinnen.
+
+»Also Nellies Verlobung macht dir Herzklopfen?« meinte er etwas
+zweifelhaft lächelnd. »So, so! Sag' mal, Fischchen, sind Gontraus schon
+da?«
+
+Diese Frage hatte Ilse überhört. »Hier ist Nellie!« fiel sie dem Onkel in
+die Rede und reichte ihm das Album. »Sag', ist sie nicht reizend?«
+
+»Reizend? Das kann ich nicht finden,« entgegnete er etwas gedehnt und nach
+einigen prüfenden Kennerblicken. »Anmutig, graziös, ja, der Mund ist
+lieblich, Augen und Nase aber -«
+
+»Ach, Onkel,« unterbrach ihn Ilse, »du darfst sie nicht mit so kritischen
+Blicken ansehen, du kannst mir glauben, Nellie ist reizend! Das Bild ist
+auch schlecht, in Wirklichkeit ist sie viel hübscher!«
+
+Er hatte in dem Album weiter geblättert und nach dieser oder jener sich
+erkundigt. Plötzlich fragte er erregt: »Wie heißt diese Dame hier?«
+
+»Das ist meine liebste Lehrerin, Fräulein Güssow. Wir hatten sie alle
+furchtbar lieb und schwärmten für sie. Du kennst sie wohl?« wandte sie
+sich fragend an ihn. Es fiel ihr auf, daß er das Bild so starr
+betrachtete.
+
+»Ich kenne sie nicht, nein. Aber es muß mir im Leben ein Mädchen begegnet
+sein, das diesem Bilde glich. Doch, das ist lange her. Wie alt ist deine
+Lehrerin?«
+
+»Sie ist nicht mehr jung, schon siebenundzwanzig Jahre alt,« entgegnete
+Ilse nach echter Backfischart.
+
+»Ja, da ist sie schon ein altes Mädchen,« bestätigte der Onkel. Aber nur
+seine Lippen scherzten, sein Auge hing mit Ernst und Wehmut an dem
+getreuen Bilde der Lehrerin.
+
+Wäre Ilse nicht so jung und allzu sehr mit ihrer eigenen kleinen Person
+beschäftigt gewesen, es hätte ihr auffallen müssen, wie andächtig und wie
+lange er das Bild betrachtete. »Du findest sie wohl hübsch?« fragte sie
+unbefangen.
+
+»Wie heißt sie? Güssow?« fragte er, und jetzt hatte er ihre Frage
+überhört. »Wie ist ihr Vorname?«
+
+»Charlotte.«
+
+»Lotte,« nickte er zustimmend, »ein schöner Name!«
+
+Er schloß das Album und nahm sein Buch wieder zur Hand. Ilses Anwesenheit
+schien er vergessen zu haben.
+
+Sie kannte ihn schon als einen Sonderling, darum fiel ihr sein Wesen nicht
+auf.
+
+»Komm mit hinaus auf die Veranda, Onkel,« bat sie, »Gontraus sind
+gekommen.« Diese letzten Worte setzte sie mit abgewandtem Gesicht hinzu.
+
+»Ja, ja, bald!« entgegnete er zerstreut und ließ sich nicht stören. »Ich
+folge dir gleich.«
+
+Zögernd und auf den Fußspitzen durchschritt sie den Speisesaal. Mehrmals
+blieb sie stehen und lauschte. Alles war still. Als sie die geöffnete
+Thüre erreicht hatte, bog sie den Kopf etwas vor und spähte nach beiden
+Seiten; als sie die Veranda völlig vereinsamt sah, wagte sie sich hinaus.
+Der Frühstückstisch stand bereit, sie machte sich daran zu schaffen,
+horchte dann wieder, ob die Eltern noch nicht kämen. Sie blieben recht
+lange. Wo sie nur verweilten? Wenn sie gewußt hätte, daß sie mit dem
+Landrat und seiner Frau oben im Wohnzimmer waren, wo sie durchaus erst dem
+kleinen Bruder eine Visite abstatten wollten, wie würde sie zu ihnen
+geeilt sein.
+
+Endlich vernahm sie Schritte. War das der Onkel? Es war nicht sein
+Schritt, auch würde er nicht durch die Hausflur und von außen herum auf
+die Veranda gekommen sein. Vorsichtig lugte sie durch das Blätterwerk und
+erkannte zu ihrem Schrecken - Leo.
+
+Das Blut schoß ihr in die Wangen und der Atem stockte ihr in der Brust.
+Unmöglich konnte sie ihm jetzt gegenüberstehen! Sie würde nicht im stande
+gewesen sein, ein Wort hervorzubringen, und wenn sie so stumm und dumm vor
+ihm stand, was sollte er von ihr denken?
+
+Flucht! das war das einzige, was sie aus dieser peinlichen Lage befreien
+konnte, aber es war zu spät, er hatte sie gesehen, und gerade, als sie
+ihren eiligen Rückzug nahm, als sie den Salon bereits halb durchschritten
+hatte, holte er sie ein.
+
+»Jetzt müssen Sie bleiben, gnädiges Fräulein,« sprach er scherzend, »ich
+lasse Sie nicht fort! Sie haben mich auf {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}später{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} vertröstet und jetzt ist
+es {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}später{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, und Sie werden sich allergnädigst herablassen, mir Miß
+Nellies Brief vorzulesen! eine Frau - ein Wort!«
+
+Nun war sie gefangen! Entfliehen konnte sie ihm nicht mehr, es wäre zu
+einfältig gewesen. Sie drückte die Hand fest auf das stürmisch klopfende
+Herz und wandte sich um. Scheu, wie eine wilde Taube, die sich im Netze
+gefangen hat, erhob sie das braune Auge und sah ihn an.
+
+Ihre Befangenheit entging ihm nicht, aber mit feinem Gefühle brachte er
+sie mit leichtem Scherze darüber hinweg. Er bot ihr den Arm und führte sie
+zu einer Ecke der Veranda, in welcher ein kleiner eiserner Tisch und zwei
+Stühle standen. Die Oktobersonne stahl sich durch das blutrote Weinlaub
+und neckte das junge Mädchen. Gerade in die Augen blitzte sie ihm ihre
+Strahlen hinein, so daß sie dieselben schließen mußte.
+
+»Die Sonne blendet,« bemerkte Ilse und war froh, ein gleichgültiges Wort
+gefunden zu haben. »Es ist auch so warm hier,« fuhr sie fort und erhob
+sich.
+
+»Die böse Sonne! Wir wollen ihr aus dem Weg gehen!« Und er führte sie auf
+die entgegengesetzte Seite.
+
+Hier war es schattig und kühl und Ilse hatte keinen Grund mehr, sich zu
+erheben. Sie war auch nach und nach mehr Herrin ihrer Beklommenheit
+geworden, und als er noch einmal an den Brief erinnerte, fand sie sogar
+den früheren scherzhaften Ton.
+
+»Sie sind ein Quälgeist,« sagte sie. »Was kann es Sie interessieren, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}wie{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+- und {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}was{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Nellie mir schreibt! Sie wollen nur darüber spotten und das
+dürfen Sie nicht!«
+
+»Wie können Sie mich in so bösem Verdacht haben!« wehrte er ab. »Sie haben
+mir Ihre Freundin so liebenswürdig geschildert, daß mein Wunsch, von ihr
+zu hören, wie sie mit eigenen Worte von ihrem Glücke schreibt, ganz
+natürlich ist.«
+
+Ilse sah ihn noch etwas ungläubig an, doch, da sie den spottenden Zug um
+seinen Mund nicht entdeckte, glaubte sie ihm und zog den Brief aus der
+Tasche. Sie schlug ihn auf und las ihn für sich.
+
+»Nun?« fragte er.
+
+»Immer Geduld, Herr Assessor! Erst muß ich die Stellen aussuchen, die Sie
+hören dürfen! Der ganze Inhalt ist nicht für Ihre Ohren bestimmt!«
+
+»Das wäre grausam!« protestierte er dagegen, »das ist gerade so, als ob
+Sie einem Kinde ein Stückchen Zucker hinhalten und sagen zu ihm: du, lecke
+mal dran! Den Zucker aber steckten Sie selbst in den Mund.«
+
+Sie lachte lustig über seinen Vergleich, er brachte sie ganz in die alte,
+fröhliche Laune zurück. »Nun hören Sie zu, aber nicht spotten!« drohte sie
+ihm mit dem Finger.
+
+Es war ein anmutiges Bild, das die jungen, schönen Menschenkinder boten.
+Dicht nebeneinander saßen sie beide, sie lesend und er aufmerksam ihren
+Worten lauschend. Er hatte den Arm auf den Tisch gestützt und sah auf Ilse
+herab, die den Kopf etwas vornübergebeugt hielt. Plötzlich hielt sie inne.
+
+»Lesen Sie weiter, bitte! Warum hören Sie auf? Denken Sie an das Stück
+Zucker?« Sie schwieg, wie mit sich selbst überlegend.
+
+Warum eigentlich wollte sie ihm das Schönste im ganzen Briefe
+verschweigen? Nellie hatte ihre Verlobung so drollig, so gemütvoll
+geschildert, ihre ganze Eigenart sprach sich darin aus.
+
+Als er sie noch einmal so dringend bat, fortzufahren, that sie es. Erst
+etwas zögernd, dann aber las sie fließend, ohne nur einmal zu stocken, zu
+Ende.
+
+Warum saß er so stumm? Sein Schweigen mußte sie verletzen. Sie hatte so
+fest erwartet, daß er sein Entzücken laut äußern würde! Nun sagte er gar
+nichts. Fast vorwurfsvoll sah sie ihn an, aber wie schnell senkte sie ihr
+Auge. Es traf sie sein Blick so sonderbar. Sie mußte an Doktor Althoffs
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}sonderlicher{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Blick denken.
+
+»Ihre Freundin hat ein warmes, tiefes Empfinden,« bemerkte er endlich,
+aber es kam gezwungen heraus. Er fühlte das selbst und brach ab.
+
+»Fräulein Ilse,« fuhr er nach einer kleinen Pause ganz ohne Zusammenhang
+fort, »was würden Sie antworten, wenn - wenn jemand Sie fragen würde:
+Haben Sie mich lieb?«
+
+Sie war so verwirrt, so erschrocken bei seiner Frage, die sie wie ein
+Blitz aus blauem Himmel traf. Ihr heißes Blut wallte auf bei dem Gedanken,
+daß er sie verspotten könne.
+
+Fast hastig erhob sie sich. »Nein, würde ich sagen!« fuhr sie heraus, »ich
+habe niemand lieb! Niemand!« wiederholte sie, als ob sie erst noch einen
+Trumpf darauf setzen wollte.
+
+Wenn der Brausekopf nur einen Blick auf ihn geworfen hätte, wie bald würde
+sie ihn verstanden haben! Sein Auge hing mit Entzücken an ihr, der
+Widerstand verlieh ihren Zügen einen neuen Reiz für ihn.
+
+»Ilse,« sagte er zärtlich und ergriff ihre Hand. »Wenn ich es wäre, der
+Sie fragte: Haben Sie mich lieb, wollen Sie meine kleine Frau sein? Würden
+Sie auch dann so sprechen?«
+
+Hastig entzog sie ihm ihre Hand und verhüllte das Gesicht.
+
+»Hast du mich lieb, Ilse?« - Seine Stimme klang weich und innig und traf
+ihr Herz - ein »Ja« aber brachte sie nicht über die Lippen. Ihr spröder
+Sinn ließ es nicht zu, oder regte sich noch einmal der alte Widerspruch in
+ihr?
+
+»Nein! Niemals!« sagte sie schnell und wandte sich heftig ab.
+
+»Nein! - niemals?« wiederholte er und sah sie in schmerzlicher Erregung
+an, »o Ilse! nehmen Sie das Wort zurück, es hängt das Glück meines Lebens
+davon ab! - Ich war zu schnell mit meiner Frage - nicht wahr? Ich habe Sie
+erschreckt! - Nicht jetzt geben Sie mir die Antwort, erst wenn Sie ruhiger
+sein werden, dann -«
+
+Er sank auf einen Stuhl und bedeckte die Augen mit der Hand.
+
+Ilse stand noch immer von ihm abgewandt, in ihr kämpften die
+widerstreitendsten Gefühle. Ihr Herz zog sie zu ihm hin, aber sie konnte
+die Brücke nicht finden, die über den breiten Strom führte, der sie noch
+von ihm trennte. Da war es plötzlich, als stiege Lucies Bild vor ihr auf,
+als vernähme sie eine Stimme, die ihr warnend zurief: »Willst du ihn
+verlieren? - Denke an mein Geschick!«
+
+»Leo,« sagte sie schüchtern und trat ihm einen Schritt näher, aber
+erschreckt über ihre Kühnheit blieb sie hocherrötend und mit
+niedergeschlagenen Augen stehen.
+
+ [Illustration]
+
+Wie ein Hauch fast war sein Name über ihre Lippen gekommen, aber er hatte
+ihn doch vernommen. Jubelnd sprang er auf und sein Auge, das eben noch so
+verzagt und traurig geblickt hatte, leuchtete in freudigem Glanze.
+
+»Nun bist du meine Ilse!« rief er aus und zog sie an sein Herz, doch als
+er den ersten Kuß auf ihre Lippen drücken wollte, da wendete sie den Kopf
+zur Seite und die spröde, widerspenstige Ilse meldete sich noch einmal.
+
+»Küssen ist nicht erlaubt,« erklärte sie mit aller Entschiedenheit, »wie
+könnte ich mich von einem fremden Manne küssen lassen?«
+
+»Aber die Hand,« bat er lachend, »die Hand darf ich küssen!«
+
+Das wurde ihm gnädig bewilligt.
+
+Er hielt sie noch in dem Arm, als die beiden Elternpaare auf der Veranda
+erschienen. Alle hatten sofort begriffen, was hier geschehen war, nur der
+Oberamtmann stand wie versteinert da. Der Landrat und seine Gattin waren
+die ersten, die das Brautpaar begrüßten, beglückt nahmen sie Ilse als ihr
+Töchterchen an ihr Herz. Herr Macket hatte sich noch nicht vom Flecke
+gerührt.
+
+Frau Anne trat zu ihm und legte die Hand auf seinen Arm. »Siehst du,
+Richard, aus dem Kinde ist eine Jungfrau geworden, glaubst du es nun?«
+fragte sie zärtlich.
+
+»Ilse! Meine kleine Ilse!« brachte er endlich mühsam hervor und seine
+Brust hob und senkte sich im heftigen Kampfe. »Ist es wahr? Willst du mich
+verlassen?«
+
+Da flog sie an seinen Hals und küßte ihn stürmisch, dabei rief sie unter
+Weinen und Lachen: »Mein kleiner, einziger Herzenspapa, ich habe ihn ja so
+lieb!«
+
+ * * *
+
+Nun ist eigentlich meine Erzählung zu Ende, denn die überraschten
+Gesichter der Gäste zu schildern ist langweilig, selbst wenn die
+Ueberraschung ihnen so unerwartet kam, wie Ilses Verlobung am Erntefeste.
+Eins aber muß ich meinen lieben Leserinnen noch mitteilen, wie nämlich
+Onkel Curt an demselben Tage plötzlich verschwunden war. Während alle
+fröhlich bei der Tafel saßen, hatte er sich von Johann still und ohne
+Aufsehen nach dem Bahnhof fahren lassen.
+
+Frau Macket fiel seine Flucht nicht weiter auf, sie kannte ihren Bruder
+als einen unstäten Geist, der, wie es ihm einfiel, kam und verschwand. -
+Drei Wochen vergingen ohne das geringste Lebenszeichen, da endlich langte
+ein Brief aus München von ihm an. Sein Inhalt versetzte alle auf Moosdorf
+in sprachloses Erstaunen. Ilse aber kam darüber ganz außer Rand und Band.
+Sie klatschte in die Hände, tanzte im Zimmer umher und rief jubelnd: »Ich
+bin die Ursache ihres Glückes, durch mich haben sie sich gefunden! Was
+wird Leo dazu sagen? Wie freue ich mich!« - Doch ich will nicht
+vorgreifen, sondern lieber den kurzen Inhalt des Briefes mitteilen.
+
+»Wir sind auf der Hochzeitsreise. Lotte und ich wollen den Winter in
+Italien zubringen. Ihr wundert Euch, nicht wahr? Ist aber gar nichts dabei
+zu verwundern. Lotte und ich waren schon uralte Brautleute, haben nur
+niemals davon gesprochen. - Im Frühjahr kehren wir zurück, ich werde Euch
+dann meine junge Frau vorstellen. - Dem Fischchen besonderen Gruß - sie
+weiß schon warum. Soll übrigens fleißig weitermalen, wenn der Brautstand
+ihr die Zeit dazu läßt.« -
+
+»Nun bin ich Deine Tante, mein Liebling! Wer hätte das gedacht!« schrieb
+seine Frau, ehemals Fräulein Güssow, unter den Brief. »Wie gern hätte ich
+Dir längst die ganze wunderbare Geschichte, - und wie alles gekommen ist,
+mitgeteilt, aber ich durfte es nicht. Onkel Curt wollte erst nach unsrer
+Verheiratung die Erlaubnis dazu geben. Auch heute kann ich nur wenige
+Zeilen Dir schreiben, mein Mann steht hinter mir und treibt, daß ich
+aufhöre.
+
+»Denkst Du noch an Lucies Geschichte? - Jene Lucie hieß Lotte und war ich
+selbst - und der Maler? - Nun, Du errätst schon, wer es war, ohne daß ich
+ihn nenne.
+
+»Wenn wir zurückkehren, bist Du am Ende auch eine junge Frau? Wie habe ich
+mich gefreut über dein sonniges Glück, Herz! Der Himmel erhalte es Dir!«
+
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+römische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung
+wiedergegeben) und einzelne Wörter aus fremden Sprachen, hier durch
+Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Passagen.
+
+Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:
+
+ Seite 38: Anführungszeichen ergänzt hinter »nicht,«
+ Seite 61: erste Zeile ausgefallen, ergänzt nach 28. Auflage (»Grüße
+ nur alle, du einziger Herzenspapa, auch die«)
+ Seite 70: doppeltes in einfaches Anführungszeichen geändert vor und
+ nach »Ich kann nicht,«
+ Seite 133: Anführungszeichen ergänzt hinter »Lubauer.«
+ Seite 137: Anführungszeichen ergänzt hinter »Macket.«
+ Seite 153: Punkt ergänzt hinter »solle«
+ Seite 159: Anführungszeichen ergänzt vor »Mein« und hinter
+ »Breitner.«
+ Seite 191: Anführungszeichen ergänzt vor »aber«
+ Seite 237: Punkt ergänzt hinter »langweilig«
+ Seite 250: doppeltes in einfaches Anführungszeichen geändert hinter
+ »will.« und »Nellie?«
+ Seite 252: öffnendes in schließendes Anführungszeichen geändert
+ hinter »gefunden!«
+ Seite 262: »Auge« geändert in »Augen«
+ Seite 265: »Kurt« geändert in »Curt« (zweimal)
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TROTZKOPF***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+February 17, 2010
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Anca Sabine Dumitrescu, Jana Srna, Norbert H.
+ Langkau, Stefan Cramme and the Online Distributed Proofreading
+ Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 31309-8.txt or 31309-8.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/1/3/0/31309/
+
+
+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+
+
+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+ Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
+
+
+ 1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in your possession. If you paid a fee
+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
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+ 1.D.
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+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
+state of change. If you are outside the United States, check the laws of
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+The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
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+
+
+ 1.E.
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+Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
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+ 1.E.1.
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+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
+"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
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+ This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+ almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
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+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
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+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+ 1.E.4.
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+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
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+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+on the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org),
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+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation."
+
+ - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
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+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
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+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
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+
+ 1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
+
+
+ 1.F.2.
+
+
+LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the "Right of
+Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
+damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
+NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
+FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
+OF SUCH DAMAGE.
+
+
+ 1.F.3.
+
+
+LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this
+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
+of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
+the person you received the work from. If you received the work on a
+physical medium, you must return the medium with your written explanation.
+The person or entity that provided you with the defective work may elect
+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
+work electronically, the person or entity providing it to you may choose
+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+ 1.F.4.
+
+
+Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+ 1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+ 1.F.6.
+
+
+INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and
+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+ Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+_Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
+newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+
+
+
+
+***FINIS***
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