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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:55:57 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. + Erster Band enthaltend Kapitel 1 und 2 + +Author: Thomas Babington Macaulay + +Translator: Wilhelm Hartwig Beseler + +Release Date: March 7, 2010 [EBook #31530] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND *** + + + + +Produced by Louise Hope, Delphine Lettau, richyfourtytwo +and the Online Distributed Proofreading Team at +https://www.pgdp.net + + + + + + + +[Zeichen _wie so_ bedeuten Gesperrt; +wie so+ bedeuten Antiqua +(nicht-Fraktur); =wie so= bedeuten Fettschrift.] + + + + + [Titelbild: T. B. Macaulay.] + + + + + Thomas Babington Macaulay's + + Geschichte von England + + + seit der + + Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. + + + Aus dem Englischen. + + + Vollständige und wohlfeilste + + =Stereotyp-Ausgabe.= + + + Zweite Auflage + + =Erster Band:= + + enthaltend Kapitel 1 und 2. + + + _Mit Macaulay's Portrait_. + + + Leipzig, 1856. + G. H. Friedlein. + + + * * * * * + * * * * + + + Erstes Kapitel. + + Geschichte Englands vor der Restauration. + + + + + =Inhalt.= + + Seite + Einleitung 5 + Britannien unter den Römern 6 + Britannien unter den Sachsen 7 + Bekehrung der Sachsen zum Christenthume 8 + Dänische Invasionen 10 + Die Normannen 10 + Die normannische Eroberung 12 + Trennung Englands von der Normandie 13 + Die Vermischung der Volksstämme 14 + Englische Eroberungen auf dem Festlande 15 + Der Krieg der Rosen 17 + Aufhören der Leibeigenschaft 17 + Wohlthätiges Wirken der römisch-katholischen Religion 18 + Die frühere englische Staatsverfassung als oft + falsch dargestellt 19 + Natur der beschränkten Monarchien des Mittelalters 21 + Hoheitsrechte der früheren englischen Könige 21 + Beschränkungen der Hoheitsrechte 22 + Widerstand, die gewöhnliche Schranke der Tyrannei 25 + Eigenthümlicher Charakter der englischen Aristokratie 27 + Regierung der Tudors 28 + Die beschränkten Monarchien des Mittelalters sind allgemein + in absolute Monarchien verwandelt 30 + Die englische Monarchie als besondere Ausnahme 31 + Die Reformation und ihre Wirkungen 31 + Ursprung der Kirche von England 35 + Ihr eigenthümlicher Charakter 36 + Das Verhältniß, in welchem sie zu der Krone stand 37 + Die Puritaner 40 + Ihr republikanischer Geist 41 + Gegen die Regierung Elisabeths erhob sich keine + systematische parlamentarische Opposition 41 + Monopolfrage 42 + Schottland und Irland werden wieder mit England Theile ein + und desselben Reichs 43 + Verminderung des Einflusses Englands nach der + Thronbesteigung Jakobs I. 46 + Die Lehre vom göttlichen Rechte 47 + Die Kluft zwischen der Kirche und den Puritanern + wird größer 49 + Thronbesteigung und Charakter Karls I. 55 + Taktik der Opposition im Hause der Gemeinen 55 + Bitte um Recht 56 + Die Bitte um Recht wird verletzt 57 + Charakter und Ansichten Wentworths 57 + Charakter Laud's 58 + Sternkammer und Hohe Commission 58 + Schiffsgeld 59 + Widerstand gegen die Liturgie in Schottland 60 + Ein Parlament wird berufen und aufgelöst 62 + Das Lange Parlament 63 + Erstes Auftreten der beiden großen englischen Parteien 64 + Der irische Aufstand 68 + Die Remonstration 69 + Anklage der fünf Mitglieder 70 + Karls Abreise von London 71 + Anfang des Bürgerkrieges 73 + Erfolge der Royalisten 75 + Erstehen der Independenten 75 + Oliver Cromwell 76 + Selbstverläugnungsverordnung 76 + Sieg des Parlaments 77 + Herrschaft und Charakter der Armee 77 + Unterdrückung der Aufstände gegen die Soldatenherrschaft 79 + Verfahren gegen den König 80 + Seine Hinrichtung 82 + Unterwerfung Irlands und Schottlands 83 + Das Lange Parlament wird vertrieben 84 + Oliver Cromwells Protektorat 86 + Richard, Cromwells Nachfolger 89 + Sturz Richards und Wiedereinsetzung des Langen Parlaments 91 + Zweite Vertreibung des Langen Parlaments 92 + Die Armee von Schottland rückt in England ein 93 + Monk erklärt sich für ein freies Parlament 94 + Allgemeine Wahl von 1660 95 + Die Restauration 96 + + + + +[_Einleitung._] Es ist meine Absicht, die Geschichte Englands von der +Thronbesteigung König Jakobs II. bis auf eine Zeit herab zu schreiben, +deren sich noch jetzt lebende Menschen erinnern. Ich will die Fehlgriffe +berichten, durch die sich das Haus Stuart in wenig Monaten einen +getreuen Adel und eine anhängliche Geistlichkeit entfremdete; die Bahn +der Revolution verfolgen, die dem langen Kampfe zwischen unsern +souverainen Herrschern und ihren Parlamenten ein Ziel setzte und nicht +minder die Rechte des Volkes als die der regierenden Fürstenfamilie +feststellte; ich will ferner von dem neu errichteten Throne erzählen, +der viel unruhige Jahre hindurch erfolgreich gegen äußere und innere +Feinde vertheidigt ward; erzählen, wie unter dem Schutze desselben die +Ausübung der Gesetze und die Sicherheit des Eigenthums sich mit einer +Freiheit der Discussion und des individuellen Handelns, wie sie früher +nicht gekannt, als vereinbar erwies; wie aus der glücklichen +Vereinbarung von Ordnung und Freiheit eine in den Jahrbüchern der +Geschichte beispiellose bürgerliche Wohlfahrt erblühte, wie unser +Vaterland sich rasch aus einem Zustande schmählicher Abhängigkeit +zu der Autorität eines Schiedsrichters unter den europäischen Mächten +emporschwang; wie mit seinem Reichthume sein kriegerischer Ruhm wuchs; +wie es sich durch kluge und unerschütterliche Zuverlässigkeit nach und +nach einen öffentlichen Credit schuf, der, Wunder bewirkend, den +Staatsmännern früherer Zeiten unglaublich erschienen sein würde; +wie aus einem riesigen Handel eine Seemacht hervorging, mit welcher +verglichen jede andere Seemacht älterer und neuerer Zeit zu völliger +Bedeutungslosigkeit herabsinkt; wie Schottland nach jahrhundertlanger +Feindschaft mit England nicht nur durch die Bande der Gesetze, sondern +durch die noch unauflöslicheren Bande der gemeinsamen Interessen und der +Zuneigung vereinigt ward; wie die britischen Ansiedelungen in Amerika +schnell reicher und mächtiger wurden, als jene Königreiche, welche +Cortez und Pizarro den Ländern Karls V. gewannen; und wie endlich +britische Abenteurer in Asien ein Reich gründeten, das dem Alexanders an +Glanz und Festigkeit nicht nachstand. + +Nicht minder habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, große Unglücksfälle, +aus denen Triumphe hervorgingen, zu berichten und große nationale +Verbrechen und Thorheiten, die tiefer erniedrigen, als irgend ein +Mißgeschick; ich werde darthun, daß die Güter, welche wir zu den +höchsten Segnungen zählen, nicht rein wie Gold sind; daß das System, +nach welchem man unsere Freiheiten gegen die Willkür der königlichen +Macht schützte, eine neue Art Mißbräuche erschuf, die man in +unbeschränkten Monarchien nicht kennt; man wird ersehen, daß theils +durch unkluge Einmischung, theils durch thörichte Vernachlässigung, +aus der Blüte des Wohlstandes und der Ausdehnung des Handels nicht nur +unermeßlicher Segen, sondern auch Übel hervorgingen, welche armen und +uncultivirten Gesellschaften fremd sind; wie in zwei bedeutenden +Besitzthümern der Krone dem verübten Unrechte gerechte Vergeltung ward; +wie Unklugheit und Eigensinn die Bande lös'ten, welche die +nordamerikanischen Kolonien mit dem Mutterlande vereinten; wie das mit +dem Fluche der Herrschaft eines Volksstammes über den andern und einer +Konfession über die andere belastete Irland zwar ein Glied des +Staatskörpers blieb, aber welk und ausgerenkt ihm keine Kraft verlieh, +so daß Alle, welche die Größe Englands fürchten oder beneiden, +vorwurfsvoll darauf hindeuten. + +Wenn mich nicht alles täuscht, wird trotzdem meine bunte Erzählung in +den religiösen Gemüthern Dankbarkeit und in der Brust der +Vaterlandsfreunde neue Hoffnung erwecken, denn die Geschichte unsers +Vaterlandes, welche die letzten einhundertundsechzig Jahre umschließt, +ist unbedingt die Geschichte der physischen, moralischen und geistigen +Fortbildung. Alle die, welche ihr Zeitalter mit dem idealen, goldenen +vergleichen, mögen von Entartung und Verfall reden; aber keiner, der die +Vergangenheit genau kennt, wird sich geneigt fühlen, unmuthig und +verzweifelnd auf die Gegenwart zu blicken. + +Ich würde die Aufgabe, die ich mir gestellt, nur unvollkommen lösen, +wenn ich allein von Schlachten und Belagerungen, von dem Bilden und +Auflösen der Ministerien und von Palastintriguen und Parlamentsdebatten +reden wollte; es wird vielmehr mein Bestreben sein, eben so sorgfältig +die Geschichte des Volks aufzuzeichnen, als die der Regierung; die +Entwickelung der nützlichen und zierenden Künste, die Entstehung +religiöser Sekten und die Veränderungen auf dem Gebiete der +Wissenschaften zu schildern; ein Bild von den Sitten der verschiedenen +Generationen zu liefern, ja selbst der Veränderungen zu erwähnen, die in +Kleidung, häuslicher Einrichtung, bei Gastmählern und öffentlichen +Vergnügungen stattgefunden haben. Den Vorwurf, die Würde der Geschichte +verletzt zu haben, will ich gern ertragen, wenn es mir nur gelingt, den +Engländern des neunzehnten Jahrhunderts ein treues Bild von dem Leben +ihrer Vorfahren zu liefern. + +Die Begebenheiten, die ich zu berichten mir vorgenommen, bilden nur den +einzelnen Act eines großen und ereignißreichen Drama's, das Jahrhunderte +umfaßt, und er würde sehr unvollkommen verstanden werden, wenn die +Verwickelung der vorhergehenden Acte nicht allgemein bekannt wäre. +Ich werde deshalb meine Darstellung durch eine flüchtige Skizze der +frühesten Geschichte unseres Vaterlandes einleiten, werde zwar schnell +über manche Jahrhunderte hinweggehen, aber bei den Wechselfällen des +Kampfes länger verweilen, der die Regierung König Jakobs II. auf den +entscheidenden Wendepunkt brachte.[1] + + [Anmerkung 1: In diesem und dem nächsten Kapitel habe ich nur + selten für nöthig erachtet, Quellen zu citiren, weil ich in diesen + Kapiteln weder die Ereignisse ausführlich behandelt, noch + unbekannte Materialien benutzt. Die Thatsachen, deren ich erwähne, + sind größtentheils solche, die Jeder, der nur einigermaßen in der + englischen Geschichte bewandert ist, entweder schon kennt, oder er + wird wenigstens wissen, wo er Belehrung darüber findet. In den + folgenden Kapiteln aber werde ich die Quellen, aus denen ich + geschöpft, sorgfältig angeben.] + + +[_Britannien unter den Römern._] In den ersten Zuständen Britanniens +deutet nichts auf die Größe hin, die es zu erreichen bestimmt war. Als +die Bewohner desselben zuerst den tyrischen Schiffern bekannt wurden, +standen sie wenig über den Eingeborenen der Sandwichinseln. Zwar +unterjochten es die römischen Waffen, aber es erhielt nur eine schwache +Färbung von römischen Künsten und Wissenschaften. Von den westlichen +Provinzen, welche sich die Cäsaren unterwarfen, war es die letzte, aber +auch die erste wieder, die ihnen verloren ging. Man findet in Britannien +nichts von Überresten prächtiger Säulenhallen oder Wasserleitungen; +unter den Meistern lateinischer Dichtkunst und Beredtsamkeit findet man +keinen Schriftsteller britischer Geburt aufgezeichnet; es ist demnach +nicht wahrscheinlich, daß die Inselbewohner je mit der Sprache ihrer +italischen Zwingherren allgemein vertraut gewesen sind. Von dem +atlantischen Meere bis zu den Rheinländern war Jahrhunderte hindurch die +lateinische Sprache die vorherrschende; sie hat die celtische Sprache +verdrängt, hat der deutschen widerstanden und ist noch jetzt die +Grundlage der französischen, spanischen und portugiesischen. Das Latein +scheint auf unserer Insel nie die alte galische Sprache bewältigt zu +haben, auch hat es sich gegen das Germanische nicht behaupten können. + +Die unbedeutende und oberflächliche Bildung, welche die Briten von ihren +südlichen Beherrschern empfangen, verlöschten die Drangsale des fünften +Jahrhunderts. In den Königreichen des Festlandes, in die das römische +Reich damals zerfallen war, lernten die Eroberer viel von dem +unterjochten Stamme. In Britannien wurden die Unterjochten eben so +barbarisch, als die Sieger. + + +[_Britannien unter den Sachsen._] Alle Häuptlinge, Alarich, Theodorich, +Chlodowig, Alboin, die in den festländischen Provinzen des römischen +Reichs deutsche Dynastien gründeten, waren eifrige Christen; das Gefolge +des Ida und des Cerdic aber brachte allen Aberglauben der Elbe nach +ihren Ansiedelungen in Britannien. Während die deutschen Herrscher in +Paris, Toledo, Arles und Ravenna ehrfurchtsvoll den Lehren der Bischöfe +Gehör gaben, Reliquien von Märtyrern verehrten und sich eifrig an den +theologischen Streitfragen von Nicäa betheiligten, übten die Herrscher +von Wessex und Mercia ihre wilden Gebräuche in den Tempeln des Thor und +Wodan. + +Die auf den Trümmern des Westreichs gegründeten festländischen +Königreiche unterhielten noch ferner einigen Verkehr mit jenen östlichen +Provinzen, in denen die alte Civilisation, wenn auch nach und nach unter +dem Einflusse schlechter Regierung schwindend, immer noch die Barbaren +in Erstaunen setzte und belehrte, in denen der Hof stets noch den Glanz +des Diocletian und des Constantin entfaltete, die Bildwerke des Polyklet +und die Gemälde des Apelles die öffentlichen Gebäude schmückten, und +fleißige Pedanten, wenn auch ohne Geschmack, Verstand und Geist, die +Meisterwerke des Sophokles, Demosthenes und Plato zu lesen und zu +erklären im Stande waren. Von dieser Verbindung war Britannien völlig +ausgeschlossen; seine Küsten wurden von den cultivirten Bewohnern der +Länder am Bosporus mit jenem unheimlichen Grauen betrachtet, mit welchem +die Meerenge der Scylla und die Stadt der lästrygonischen Kannibalen zu +Homers Zeiten die Ionier erfüllten. Es gab auf unserer Insel eine +Provinz, deren Boden, wie Prokopius erfahren, mit Schlangen bedeckt war +und deren Luft kein Mensch einathmen und in ihr leben konnte. Zu dieser +Einöde wurden die Seelen der Verstorbenen aus dem Frankenlande um +Mitternacht übergeschifft; ein fremder Fischerstamm besorgte dies +unheimliche Geschäft. Deutlich vernahm der Bootsmann die Sprache der +Todten; die Last derselben senkte den Kiel tief in das Wasser, ihre +Gestalten aber blieben dem sterblichen Auge unsichtbar. Wunderdinge +dieser Art erzählt ein geschickter Geschichtsschreiber, der Zeitgenosse +Belisars, Simplicius und Tribonian's, in vollem Ernste dem reichen und +gebildeten Konstantinopel von einem Lande, in welchem der Gründer +Konstantinopels sich den kaiserlichen Purpur angelegt hatte. Von allen +andern Provinzen des westlichen Reichs haben wir eine zusammenhängende +Kunde; nur in Britannien werden zwei Zeitalter der Wahrheit durch ein +Zeitalter der Fabel völlig getrennt. Odoaker und Totila, Euric und +Trasimund, Chlodwig, Fredegunde und Brunhild sind geschichtliche Männer +und Frauen; aber Hengist und Horsa, Vortigern und Rowena, Arthur und +Mordred sind mythische Personen, deren Existenz zu bezweifeln ist und +deren Abenteuer in die Klasse der des Herkules und Romulus zu werfen +sind. + + +[_Bekehrung der Sachsen zum Christenthume._] Endlich beginnt das Dunkel +sich zu lichten, und das Land, das als Britannien aus dem Gesichtskreise +entschwunden, erscheint als England wieder. Mit der Bekehrung der +sächsischen Ansiedler zum Christenthume begann eine lange Reihe +heilsamer Umgestaltungen, obgleich die Kirche selbst durch den +Aberglauben und die Philosophie, gegen die sie lange und endlich +siegreich gekämpft, tief verderbt war, und den von den alten Schulen +entnommenen Lehrsätzen, sowie den alten Tempeln entlehnten Gebräuchen zu +willig Eingang gestattet hatte. Römische Politik und gothische +Unwissenheit, griechische Spitzfindigkeit und syrische Asketik hatten +vereint zu ihrer Verderbniß gewirkt; aber ihr war noch genug von der +erhabenen Gotteslehre und milden Moral früherer Zeit geblieben, um +manchen Geist zu erheben, manches Herz zu läutern. Ebenso gehörte +Manches, was in späterer Zeit als ihr Hauptmakel betrachtet wurde, im +siebenten Jahrhunderte und noch lange nach demselben zu ihren größten +Verdiensten. So würden Übergriffe der Geistlichkeit in die +Obliegenheiten der bürgerlichen Obrigkeit in unserer Zeit ein großes +Übel sein; aber was unter einer guten Regierung ein Übel ist, kann unter +einer durchaus schlechten zum Segen werden. Es ist besser, wenn die +Menschen durch weise, gut ausgeübte Gesetze und durch eine aufgeklärte +öffentliche Meinung, als durch listige Priester regiert werden; aber es +ist wiederum besser, wenn Priesterlist statt roher Gewalt, wenn ein +Prälat wie Dunstan, statt eines Kriegers wie Penda herrscht. Eine in +Rohheit versunkene Gesellschaft, die nur durch physische Kraft regiert +wird, hat vollen Grund sich zu freuen, wenn ein Stand, dessen Wirken +geistiger und moralischer Natur ist, die Obergewalt erhält. Ohne Zweifel +wird ein solcher Stand seine Macht mißbrauchen; aber selbst eine +gemißbrauchte geistige Macht ist stets edler und besser, als jene, die +sich nur auf die Kraft des Körpers stützt. Die sächsischen Chroniken +erzählen von Tyrannen, die, auf dem Gipfel ihrer Macht angelangt, von +Reue ergriffen, die durch Verbrechen erworbenen Genüsse und Würden +verschmähten, ihre Kronen niederlegten und durch harte Büßungen und +unausgesetzte Gebete die verübten Frevel sühnen wollten: diese +Erzählungen haben einigen Schriftstellern Anlaß zu bitteren, +verachtenden Äußerungen gegeben, Schriftstellern, die sich der +Freisinnigkeit rühmten, im Grunde aber so engherzig waren, als es nur +ein Mönch aus der finstern Zeit sein kann, und an alle Ereignisse in der +Geschichte den Maßstab zu legen pflegten, den die Pariser Gesellschaft +des achtzehnten Jahrhunderts verwendete. Ein System, sollte ich glauben, +das, wenn auch immerhin durch Aberglauben entstellt, dennoch in die +durch rohe Muskelkraft und Geisteskühnheit beherrschten Gesellschaften +starke moralische Schranken einführte, die verwegensten und mächtigsten +Herrscher lehrte, daß sie, gleich ihren niedrigsten Knechten, +verantwortliche Wesen seien, ein solches System hätte verdient, von +Philosophen und Menschenfreunden mit größerer Achtung erwähnt zu +werden. -- + +Dieselben Bemerkungen gelten auch in Bezug auf die Verachtung, mit der +man im vorigen Jahrhunderte von den Pilgerfahrten, den heiligen +Zufluchtsstätten, den Kreuzzügen und den mönchischen Institutionen des +Mittelalters zu sprechen pflegte. In Zeiten, in denen die Menschen weder +durch Lernbegierde noch durch Gewinn zu reisen veranlaßt wurden, war es +besser, daß der rohe Nordländer Italien und den Osten als Pilger +besuchte, als wenn er nie etwas Anderes als die schmutzigen Wohnungen +und die wilden Wälder, in denen er geboren, gesehen hätte. In Zeiten, +in denen das Leben und die weibliche Ehre täglich der Gefahr ausgesetzt +waren, von Tyrannen und Räubern angegriffen zu werden, war es besser, +daß die Grenzen eines Heiligenschreines mit einer unvernünftigen Scheu +betrachtet wurden, als wenn es gar keine der Rohheit und Freiheit +verschlossene Zufluchtsstätte gegeben hätte. In Zeiten, wo die +Staatsmänner unfähig zur Aufstellung umfassender politischer +Combinationen waren, war es besser, daß die christlichen Völker sich +vereinigt zur Wiedergewinnung des heiligen Grabes erhoben, als wenn sie +von der mahomedanischen Macht eins nach dem andern überwältigt worden +wären. Wenn man auch mit Recht in späterer Zeit die Trägheit und +Üppigkeit der religiösen Orden tadelte, so war es gewiß gut, daß es in +dem Zeitalter der Rohheit und Gewalttätigkeit ruhige Klöster und Gärten +gab, in denen die Künste des Friedens in Sicherheit gepflegt, edle und +zum Nachdenken geneigte Gemüther eine Zufluchtsstätte finden konnten; +wo ein Bruder sich mit dem Abschreiben von Virgil's Äneide, ein anderer +sich mit dem Studium der Analysen des Aristoteles beschäftigte; wo es +dem Kunstsinnigen gestattet war, eine Sammlung Märtyrerlegenden +auszumalen, oder ein Crucifix zu schnitzeln, und denen, die Sinn für +Naturwissenschaft hatten, Versuche über die Eigenschaften der Pflanzen +und Mineralien anzustellen. Wären solche friedlichen Orte nicht hier und +dort unter den Hütten eines elenden Landvolkes und unter den Burgen +eines übermüthigen Adels verstreut gewesen, es würden die Bewohner +Europa's nur Last- und Raub-Thiere gewesen sein. Die Theologen haben die +Kirche oft mit der Arche verglichen, von der wir im Buche der Genesis +lesen: Die Ähnlichkeit mit derselben war nie vollkommener als während +jener bösen Zeit, wo sie allein in Finsterniß und Sturm sich auf den +Wogen, die alle großen Werke antiker Macht und Weisheit begraben hatten, +erhielt, und den schwachen Keim in sich trug, dem eine zweite und +ruhmreichere Civilisation entsprießen sollte. + +Selbst die geistliche Obergewalt, die der Pabst sich anmaßte, hat in den +finstern Zeitaltern mehr Gutes als Böses bewirkt. Die Vereinigung der +Nationen des westlichen Europa's zu einem großen Gemeinwesen war ihr +Werk. Was die olympischen Wagenkämpfe und das pythische Orakel den +griechischen Städten, von Trapezunt bis Massalia, das waren Rom und sein +Bischof den Christen der lateinischen Kirche von Calabrien bis zu den +Hebriden. Es erwuchsen so Gefühle umfassenden Wohlwollens; Volksstämme, +durch Meere und Berge von einander getrennt, erkannten ein brüderliches +Band und ein gemeinsames Buch der öffentlichen Gesetze an, und selbst im +Kriege ward die Grausamkeit des Siegers nicht selten durch den Gedanken +gemildert, daß er und seine unterjochten Feinde alle Glieder eines +großen Bundes seien. + +Diesem Bunde nun traten unsere sächsischen Vorfahren bei. Es entstand +ein regelmäßiger Verkehr zwischen unsern Küsten und jenem Theile +Europa's, in dem die Spuren der alten Macht und Staatskunst noch +sichtbar waren. Viel edle Denkmäler, die während der Zeit zerstört oder +verunstaltet worden, standen noch in ihrer alten Pracht, und Reisende, +denen Livius und Sallust unverständlich waren, konnten sich aus den +römischen Wasserleitungen und Tempeln einen schwachen Begriff von +römischer Geschichte bilden. Der immer noch von Erz schimmernde Dom des +Agrippa; das Grabmal des Hadrian, der Säulen und Statuen noch nicht +beraubt; das flavische Amphitheater, noch nicht zu einem Steinbruche +herabgesunken, erzählten den Pilgern von Mercia und Northumberland einen +Theil der Geschichte jener großen aufgeklärten Welt, die untergegangen +war. Mit tief eingeprägter Ehrfurcht in den kaum geöffneten Gemüthern +kehrten die Inselbewohner zurück und erzählten den staunenden Bewohnern +der Hütten von London und York, daß ein mächtiges, jetzt erloschenes +Geschlecht bei dem Grabe des heiligen Petrus Gebäude aufgeführt habe, +die vor dem jüngsten Tage nicht untergehen würden. Die Gelehrsamkeit +folgte dem Christenthume; die Dichtkunst und Beredtsamkunst der Zeit des +Augustus ward in den Klöstern von Mercia und Northumberland mit Eifer +geübt, und die Namen des Beda, des Alcuin und des Johannes, auch Erigena +genannt, wurden durch ganz Europa mit Recht gefeiert. In diesem Zustande +befand sich unser Vaterland, als im neunten Jahrhundert die letzte große +Einwanderung der Barbaren des Nordens begann. + + +[_Dänische Invasionen._] Mehrere Menschenalter hindurch kamen aus +Dänemark und Skandinavien zahllose Seeräuber, die sich durch Kraft, +Muth, schonungslose Grausamkeit und Haß gegen den christlichen Namen +auszeichneten. Kein Land litt durch diese Einfälle so viel, als England, +dessen Küste den Häfen, aus denen sie ausfuhren, nahe lag, und kein +Theil unserer Insel war weit genug vom Meere entfernt, um vor Angriffen +sicher zu sein. Dieselben Grausamkeiten, die den Sieg der Sachsen über +die Celten begleitet, erlitten nach Jahrhunderten die Sachsen von der +Hand der Dänen. Die Gesittung, die sich neu zu heben begann, ward von +dem Schlage getroffen und sank wiederum darnieder. Große Colonien +Abenteurer von der Ostsee ließen sich an den östlichen Küsten nieder, +dehnten sich nach und nach westwärts aus, und, unterstützt durch stete +Verstärkungen von jenseits des Meeres, trachteten sie danach, sich der +Herrschaft des ganzen Reichs zu bemächtigen. Der Kampf zwischen den +beiden wilden germanischen Stämmen dauerte sechs Menschenalter hindurch. +-- Jeder gewann abwechselnd den Sieg. Furchtbare Metzeleien, denen eine +nicht minder furchtbare Rache folgte, verheerte Provinzen, geplünderte +Klöster und zerstörte Städte bilden den größten Theil der Geschichte +jener furchtbaren Zeit. Als endlich der Norden keine Verwüster mehr +aussandte, erlosch nach und nach der gegenseitige Haß der Stämme, +und wechselseitige Verheirathungen fanden häufiger statt. Die Dänen +erlernten die Religion der Sachsen, und somit schwand eine Ursache +tödtlicher Erbitterung. Die dänische und sächsische Sprache, Dialekte +einer ausgebreiteten Mundart, verschmolzen ineinander; noch aber war die +Verschiedenheit zwischen den beiden Völkern nicht völlig verschwunden, +als ein Ereigniß beide in gemeinsamer Knechtschaft und Erniedrigung zu +den Füßen eines dritten Volkes niederbeugte. + + +[_Die Normannen._] Unter den Volksstämmen der Christenheit behaupteten +um jene Zeit die Normannen den ersten Platz. Muth und Wildheit +zeichneten sie unter den Seeräubern aus, die Skandinavien zur Verheerung +des westlichen Europa's ausgesendet hatte. Ihre Segel bildeten lange den +Schrecken beider Küsten des Kanals. Mehr als einmal drangen ihre Waffen +tief in das Herz des Karolingischen Reiches; sie siegten unter den +Mauern von Mastricht und Paris. Einer der schwachen Erben Karls des +Großen trat endlich den Fremden eine fruchtbare Provinz ab, die ein +mächtiger Strom durchzog, und von dem Meere, ihrem Lieblingselemente, +bespült ward. In dieser Provinz gründeten sie nun einen mächtigen Staat, +der nach und nach seinen Einfluß über die angrenzenden Fürstenthümer +Bretagne und Maine ausdehnte. Die Normannen, ohne den unerschrockenen +Muth abzulegen, der der Schrecken der Länder von der Elbe bis zu den +Pyrenäen gewesen, eigneten sich bald alle, und mehr noch als alle +Kenntniß und Gesittung an, die sie in dem Lande der neuen Ansiedelung +fanden. Einfälle von Außen wehrte ihre Tapferkeit ab, und in dem Innern +ihres Gebiets begründeten sie eine Ordnung, die dem fränkischen Reiche +lange unbekannt gewesen war. Sie traten zu dem Christenthume über, und +mit dem Christenthume lernten sie einen großen Theil von dem, was der +Clerus lehrte. Ihre Muttersprache gaben sie auf, und nahmen die +französische an, in welcher das Latein das vorherrschende Element +bildete. Der neuen Sprache verliehen sie nun bald eine Würde und +Bedeutung, die sie nie zuvor besessen hatte. Dem vorgefundenen +Sprachgemenge gaben sie durch die Schrift eine feste Form, und bedienten +sich ihrer in der Gesetzgebung, in der Poesie, und in dem Roman. +Die thierische Unmäßigkeit, zu der alle andern Zweige der großen +germanischen Familie nur zu sehr sich hinneigten, legten sie ab. Der +verfeinerte Luxus der Normannen bildete einen scharfen Kontrast zu der +rohen Gefräßigkeit und Trunksucht ihrer sächsischen und dänischen +Nachbarn. -- Nicht in Massen von Speisen und in großen Gefäßen mit +starken Getränken entfaltete sich dieser Luxus, sondern in großen und +prächtigen Bauwerken, kostbaren Rüstungen, schönen Pferden, auserlesenen +Falken, wohlgeordneten Turniren, mehr feinen als überladenen +Gastmählern, und in Weinen, die sich mehr durch Wohlgeschmack als +berauschende Kraft auszeichneten. Jener ritterliche Geist, der auf die +Politik, die Moral und Gesittung aller europäischen Nationen einen so +mächtigen Einfluß ausgeübt, stand bei den normannischen Edlen in hoher +Blüthe; sie zeichneten sich durch anmuthige Haltung und einnehmende +Manieren aus; nicht minder auch durch ihre Gewandtheit in +Unterhandlungen, und eine natürliche Beredtsamkeit, die sie eifrig +pflegten. Einer der normännischen Geschichtsschreiber sagt rühmend, daß +die Edlen seines Stammes Redner von der Wiege an seien. Ihren größten +Ruhm aber errangen sie durch ihre kriegerischen Thaten. Vom atlantischen +Ocean bis zum todten Meere waren die Länder Zeugen von den Wundern ihrer +Kriegszucht und Tapferkeit. Ein normännischer Ritter an der Spitze eines +Häufleins Krieger versprengte die Celten von Connaught. Ein Anderer +gründete die Monarchie beider Sicilien, und sah die Kaiser des Ost und +West vor seinen Waffen fliehen. Ein Dritter, der Ulysses des ersten +Kreuzzuges, ward von seinen Gefährten zum Beherrscher von Antiochien +ernannt, und ein Vierter, jener Tankred, dessen Name in Tasso's +erhabenem Gedichte fortlebt, wurde in der ganzen Christenheit als der +tapferste und großmüthigste unter den Kämpfern des heiligen Grabes +gepriesen. Die Nähe eines so bedeutenden Volkes begann schon früh seine +Wirkung auf den Volksgeist in England zu äußern. Englische Prinzen +erhielten, schon vor der Eroberung, ihre Erziehung in der Normandie. +Englische Bisthümer und Landgüter wurden Normannen zu Lehen gegeben. Das +Französisch der Normandie war die gewöhnliche Sprache im Palaste von +Westminster. Der Hof von Rouen scheint dem Eduards des Bekenners +dasselbe gewesen zu sein, was lange Zeit nachher der Hof von Versailles +dem Karls II. war. + + +[_Die normannische Eroberung._] Durch die Schlacht von Hastings und die +ihr folgenden Ereignisse gelangte nicht nur ein Herzog der Normandie auf +den englischen Thron, es ward auch die ganze Bevölkerung Englands der +Tyrannei des normännischen Stammes preisgegeben. Selten ist die +Unterjochung einer Nation durch die andere, selbst in Asien, +vollständiger gewesen. Die Führer der Eroberer vertheilten das Land +unter sich, starke militärische Einrichtungen, eng mit den Verhältnissen +des Grundeigenthums verbunden, machten es den fremden Siegern möglich +die Landeskinder zu unterdrücken. Ein grausames und rücksichtlos grausam +angewendetes Strafgesetzbuch schützte nicht nur die Vorrechte, sondern +auch die Lustbarkeiten der fremden Unterjocher. Aber dennoch ließ das +unterworfene Volk, obgleich geknechtet und mit Füßen getreten, seinen +Stachel fühlen. Einige kühne Männer, die Lieblingshelden unserer +ältesten Balladen, flüchteten sich in die Wälder und unternahmen von +dort aus, trotz der Feuerglocken- und Forstgesetze, einen Raubkrieg +gegen ihre Unterdrücker. Täglich wurden Meuchelmorde verübt; mancher +Normanne verschwand plötzlich und spurlos; viele der aufgefundenen +Leichen trugen die Spuren der Gewaltthätigkeit. Man drohte den Mördern +mit martervollen Todesstrafen und stellte die strengsten Nachforschungen +an; diese waren aber gewöhnlich ohne Erfolg, denn die ganze Nation hatte +sich zu ihrem Schutze verschworen. Endlich ward für nöthig erachtet, +jedem Distrikte, in welchem eine Person von fränkischer Abkunft +erschlagen aufgefunden wurde, eine schwere Buße aufzuerlegen, und dieser +Bestimmung ließ man bald eine andere folgen, wonach jede ermordete +Person für einen Franken gelten sollte, wenn nicht ihre sächsische +Abkunft erwiesen würde. + +In den anderthalb Jahrhunderten nach der Eroberung giebt es eigentlich +keine englische Geschichte. Die fränkischen Könige Englands schwangen +sich zu einer Bedeutung empor, welche die benachbarten Völker mit +Staunen und Schrecken erfüllte. Sie eroberten Irland, ließen sich von +Schottland huldigen, und wurden durch ihre Tapferkeit, Politik und ihre +glücklichen Heirathsbündnisse auf dem Festlande weit mächtiger, als ihre +Lehnsherren, die Könige von Frankreich. Asien und Europa ließen sich +durch die Macht und den Glanz unserer Tyrannen blenden; arabische +Chronisten berichteten mit Widerstreben aber doch mit Bewunderung den +Fall von Acre, die Vertheidigung Joppe's und den siegreichen Kriegszug +nach Ascalon. Noch lange Zeit brachten arabische Mütter mit dem Namen +des löwenherzigen Plantagenet ihre Kinder zum Schweigen. Es schien +selbst einmal, als ob die Linie des Hugo Capet enden solle, wie die +Merowingischen und Karolingischen Linien geendet hatten, und als ob sich +eine einzige große Monarchie von den Orkaden bis zu den Pyrenäen +ausdehnen würde. Nach den meisten Ansichten ist die Größe eines +Herrschers mit der Größe des ihm untergebenen Volkes so eng verbunden, +daß fast jeder englische Geschichtsschreiber die Macht und den Glanz der +fremden Oberherrn mit triumphirender Freude berichtet und den Verfall +dieser Macht und dieses Glanzes als ein Unglück für unser Vaterland +beklagt. Dies ist wahrlich ebenso abgeschmackt, als wenn ein Neger von +Haiti in unserer Zeit mit Nationalstolz die Größe Ludwigs XIV. preisen +und von Blenheim und Ramilies mit patriotischer Trauer und Beschämung +reden wollte. + +Der Eroberer und seine Nachkommen bis zur vierten Generation waren keine +Engländer, und fast alle in Frankreich geboren; den größten Theil ihrer +Lebenszeit brachten sie in Frankreich zu; das Französische war ihre +gewöhnliche Sprache; fast jedes hohe Amt, das sie zu besetzen hatten, +ward Franzosen übertragen, und jede auf dem Festlande gemachte neue +Erwerbung entfremdete sie der Bevölkerung unserer Insel immer mehr. +Einer der tüchtigsten von ihnen versuchte es zwar, indem er sich mit +einer englischen Prinzessin vermählte, die Herzen seiner englischen +Unterthanen zu gewinnen; allein der größte Theil seiner Barone +betrachtete diese Verbindung aus demselben Gesichtspunkte, wie man heute +in Virginien die Verbindung eines weißen Pflanzers mit einem +Quadronen-Mädchen betrachten würde. In der Geschichte wird er mit dem +ehrenvollen Beinamen Beauclerc genannt; aber zu seiner Zeit legten ihm +die eigenen Landsleute mit verachtender Anspielung auf seine sächsische +Verbindung einen sächsischen Spottnamen bei. Wäre es, wie es einmal den +Anschein hatte, den Plantagenets gelungen, ganz Frankreich unter ihrer +Herrschaft zu vereinigen, so würde England wahrscheinlich nie zu einer +unabhängigen Existenz gelangt sein. Seine Fürsten, Lords und Prälaten +wären nach Abstammung und Sprache von den Handwerkern und Bauern völlig +verschieden gewesen; die Erträge seiner ausgebreiteten Grundstücke +würden die Feste und Lustbarkeiten an den Ufern der Seine verschlungen +haben, und die edle Sprache eines Milton und Burke würde ein bäuerischer +Dialekt ohne Literatur, ohne festgeregelte Grammatik, ohne geordnete +Orthographie geblieben und verächtlich dem Gebrauche der Bauern +überlassen worden sein. Niemand von englischer Abkunft würde im Stande +gewesen sein eine hohe Stellung zu erlangen, ohne in Sprache und Sitte +ein Franzose zu werden. -- + + +[_Trennung Englands von der Normandie._] Daß England einem solchen +Geschicke entging, hat es einem Ereigniß zu danken, das die +Geschichtsschreiber allgemein als ein unheilvolles geschildert haben. +Das Interesse des Landes stand dem seiner Herrscher so entschieden +entgegen, daß nur die Mißgriffe und Unglücksfälle derselben bessere +Aussichten gewähren konnten. Die Fähigkeiten, und selbst die guten +Eigenschaften seiner sechs ersten fränkischen Könige waren ihm ein +Fluch; die Thorheiten und Fehler des siebenten gereichten ihm zum Segen. +Wenn Johann die großen Eigenschaften seines Vaters, Heinrich Beauclercs, +oder des Eroberers geerbt, auch wenn er nur den kriegerischen Muth von +Stephan oder Richard besessen hatte, und wäre der König von Frankreich +zu gleicher Zeit so unfähig, wie alle anderen Nachfolger Hugo Capets, +so würde das Haus Plantagenet zu der einflußreichsten Höhe in Europa +gelangt sein. Aber gerade in jener Zeit ward Frankreich, zum ersten Male +seit Karls des Großen Tode, von einem kräftigen, fähigen Fürsten +regiert; England aber, seit der Schlacht von Hastings in der Regel von +klugen Staatsmännern und stets von tapfern Kriegern geleitet, fiel der +Botmäßigkeit eines Schwätzers und Feiglings anheim. Von diesem +Augenblicke an ward seine Aussicht lichter. Johann wurde aus der +Normandie verjagt, die normännischen Edelleute mußten zwischen der Insel +und dem Festlande wählen und gemeinschaftlich mit dem Volke, das sie +stets geknechtet und verachtet hatten, von dem Meere eingeschlossen, +kamen sie nach und nach dahin, England als ihr Vaterland und die +Engländer als ihre Landsleute zu betrachten. Beide Volksstämme, einander +so lange feindlich gesinnt, erkannten nun bald, daß sie +gemeinschaftliche Interessen und gemeinschaftliche Feinde hatten; sie +litten beide zugleich unter der Tyrannei eines schlechten Königs, und +beide waren gleich entrüstet über die Bevorzugung, die der Hof den +Eingeborenen von Poitou und Aquitanien angedeihen ließ. Die Urenkel der +Streiter Wilhelms begannen sich denen Harolds freundschaftlich zu +nähern, und das erste Pfand ihrer Versöhnung ward der große +Freiheitsbrief, den sie vereint errungen und zu ihrem gemeinsamen Wohle +entworfen hatten. + + +[_Die Vermischung der Volksstämme._] Hier beginnt die Geschichte des +englischen Volkes. Die Geschichte der frühern Begebenheiten ist die +Geschichte der von einzelnen Stämmen verübten und erlittenen Übel, +von Volksstämmen, die zwar auf englischem Boden wohnten, aber sich +gegenseitig mit einer Abneigung betrachteten, wie man sie selten bei +Völkern findet, die durch natürliche Grenzen von einander geschieden +sind, denn selbst die gegenseitige Erbitterung im Kriege begriffener +Länder ist jener gegenüber nur schwach zu nennen, die moralisch +getrennte, aber örtlich vermischte Nationen hegen. Dieser Stammeshaß ist +in keinem Lande so arg gewesen, als in England; aber auch nirgends ist +er gründlicher vertilgt. Die Stadien des Prozesses, der die feindlichen +Elemente in eine gleiche Masse verschmolz, sind uns nicht näher bekannt; +aber es ist gewiß, daß die Kluft zwischen Sachsen und Normannen noch +sehr stark hervortrat, als Johann König wurde, daß sie jedoch vor dem +Ende der Regierung seines Enkels fast völlig verschwunden war. Zur Zeit +Richards I. war die gewöhnliche Verwünschung eines edeln Normanns: »ich +will zum Engländer werden!« -- und die gebräuchliche Form einer +unwilligen Weigerung: »haltet Ihr mich für einen Engländer?« Hundert +Jahre später war der Nachkomme eines solchen Edelmanns stolz auf den +Namen eines Engländers. + +Die Quellen der bedeutendsten Ströme, die ganzen Ländern Fruchtbarkeit +bringen und reich beladene Flotten zum Meere tragen, müssen in wilden +und unfruchtbaren Bergketten aufgesucht werden, die auf den Landkarten +ungenau angegeben und von Reisenden nur selten erforscht sind. Mit einer +solchen Bergkette läßt sich die Geschichte unseres Vaterlandes während +des dreizehnten Jahrhunderts nicht unpassend vergleichen. Ob auch jener +Abschnitt unserer Annalen unfruchtbar und dunkel ist, so können wir doch +nur in ihm den Ursprung unserer Freiheit, unseres Glücks und unseres +Ruhmes suchen. Damals entstand das große englische Volk, und es begann +der Nationalcharakter desselben jene Eigenthümlichkeiten zu entfalten, +die er seitdem stets bewahrt hat; damals wurden unsere Väter in der +vollsten Bedeutung des Wortes Insulaner, aber nicht nur Insulaner der +geographischen Lage nach, sondern auch in ihrer Politik, ihrer Denkart +und ihren Sitten. Damals trat zuerst bestimmt und klar jene Verfassung +hervor, die seitdem durch alle Wechselfälle ihre Identität bewahrte, +jene Verfassung, von der alle freien Verfassungen der Welt nur +Nachbildungen sind, und die, ungeachtet einiger Mängel, als die Erste +von allen gehalten zu werden, würdig ist, unter der je eine große +Gesellschaft Jahrhunderte hindurch bestanden hat. Damals geschah es, +daß das Haus der Gemeinen, dieses Musterbild aller repräsentativen +Versammlungen der alten und neuen Welt, zu den ersten Sitzungen +zusammentrat, und daß das gemeine Recht zu der Würde einer Wissenschaft +erhoben und ein nicht unwürdiger Rival der kaiserlichen +Rechtsgelehrsamkeit wurde. Damals machte der Muth jener Seeleute, welche +die Mannschaft der rohen Barken der fünf Häfen bildeten, zuerst die +Flagge Englands auf dem Meere furchtbar; es wurden die ältesten +Hochschulen gegründet, die noch jetzt in den beiden großen +Nationalsitzen der Gelehrsamkeit bestehen; es bildete sich die Sprache, +die zwar weniger wohlklingend als die des Südens, aber an Kraft, +Reichthum und Tauglichkeit für die erhabensten Zwecke des Dichters, +des Philosophen und des Redners nur von der Sprache Griechenlands +übertroffen wird; und damals endlich dämmerte der erste schwache Schein +jener edlen Literatur auf, die zu den glänzendsten und unvergänglichen +Schätzen Englands gehört. + +Bereits zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts waren die Volksstämme +fast völlig in einander verschmolzen und untrügliche Zeichen deuteten +an, daß aus der Mischung dreier Zweige der großen teutonischen Familie +mit den Urbewohnern Britanniens ein Volk hervorgegangen sei, das keinem +andern der Welt nachstand. Und wahrlich, das England, nach dem Johann +von Philipp August einst vertrieben worden, hatte mit dem England, aus +welchem die Heere Eduards III. zur Eroberung Frankreichs auszogen, fast +nichts gemein. + + +[_Englische Eroberungen auf dem Festlande._] Es folgte nun ein Zeitraum +von mehr als hundert Jahren, in welchem die Engländer vorzüglich danach +strebten, durch die Gewalt der Waffen auf dem Festlande ein großes Reich +zu gründen. Zwar schien es, daß für die Ansprüche Eduards auf die von +dem Hause Valois in Besitz genommene Erbschaft seine Unterthanen sich +wenig interessirten; aber die Eroberungssucht des Fürsten bemächtigte +sich bald des Volkes. Der Krieg war von jenen Kriegen sehr verschieden, +welche die Plantagenets des zwölften Jahrhunderts gegen die Nachkommen +Hugo Capets unternommen hatten; denn hätte Heinrich II. oder Richard I. +sein Ziel erreicht, so würde England eine französische Provinz geworden +sein. Eduard's III. und Heinrichs V. Glück machte Frankreich für einige +Zeit zu einer englischen Provinz. Mit derselben Geringschätzung, mit der +im zwölften Jahrhunderte die Eroberer vom Festlande die Insulaner +betrachtet, blickten diese nun auf das Volk des Festlandes. Jeder +Freisasse von Kent bis Northumberland erachtete sich einem Stamme +angehörig, der zum Siegen und zum Herrschen geboren, und mit Hohn +blickte er auf das Volk, vor dem seine Ahnen einst gezittert hatten. +Selbst die Ritter von Gascogne und Guienne, die tapfer unter dem +schwarzen Prinzen gefochten hatten, betrachteten die Engländer als Leute +geringerer Art und schlossen sie verächtlich von ehrenvollen und +einträglichen Posten aus. Nach kurzer Zeit schon beachteten unsere +Vorfahren den ursprünglichen Grund des Streites nicht mehr, sie begannen +die französische Krone nur für einen Zubehör der englischen zu halten, +und wenn sie, unter Verletzung des ordentlichen Erbfolgerechts, die +Krone Englands auf das Haus Lancaster übertrugen, so scheinen sie der +Ansicht gewesen zu sein, daß das Recht Richards II. auf die französische +Krone natürlich auch auf dieses Haus übergehe. Sie bethätigten einen +Eifer und eine Kraft, die einen merkwürdigen Contrast zu der Lauheit der +Franzosen bildeten, für die der Ausgang des Kampfes weit wichtiger war. +Die englischen Waffen erfochten in jener Zeit gegen an Zahl überlegene +Heerhaufen Siege, die zu den größten gehören, von denen die Geschichte +des Mittelalters berichtet, und es waren dies in der That Siege, denen +sich eine Nation mit Stolz rühmen darf, weil man sie dem moralischen +Übergewichte der Sieger beizumessen hat, das sich selbst in den +niedrigsten Reihen deutlich zeigte. Die Ritter Englands fanden in denen +Frankreichs würdige Nebenbuhler. Chandos kämpfte mit Du Guesclin als +einem ebenbürtigen Feinde. Aber es fehlte Frankreich an Fußvolk, das den +englischen Bogen und Streitäxten die Spitze zu bieten vermochte. Ein +französischer König ward gefangen nach London gebracht; ein englischer +König ward in Paris gekrönt. Weit über die Pyrenäen und Alpen hinaus +wurde das Banner des heiligen Georg getragen. Im Süden vom Ebro gewannen +die Engländer eine große Schlacht, die das Geschick von Leon und +Castilien für einige Zeit entschied, und die englischen Compagnien +gewannen ein furchtbares Ansehen bei den Kriegerbanden, die ihre Waffen +an die Fürsten und Republiken Italiens verdungen hatten. + +In jener kriegerisch bewegten Zeit vernachlässigten jedoch unsere Väter +die Künste des Friedens nicht. Während Frankreich vom Kriege verwüstet +wurde, daß es zuletzt in seiner Zerstörung selbst einen beklagenswerthen +Schutz gegen neue Einfälle fand, sammelten die Engländer ruhig ihren +Erndtesegen ein, verschönerten ihre Städte, und pflegten in Sicherheit +das Recht, den Handel und die Wissenschaften. -- Jener Zeit gehören +viele unserer edelsten Baudenkmäler an. Es entstanden die schönen +Kapellen des Neuen-Collegiums und von St. Georg; das Schiff der +Kathedrale von Winchester und das Chor des Münsters von York; der +Spitzthurm von Salisbury und die majestätischen Thürme von Lincoln. Eine +reiche und kernige Sprache, hervorgegangen aus dem Zusammenflusse der +französischen und deutschen, ward nun ein Gemeingut der Aristokratie und +des Volks. Bald begann der Genius dieses bewundernswerthe Werkzeug zu +würdigen Zwecken zu benutzen. Während englische Heerhaufen, die +verwüsteten Provinzen Frankreichs hinter sich lassend, triumphirend in +Valladolid einzogen und bis vor die Thore von Florenz Schrecken +verbreiteten, schilderten englische Dichter in lebhaften Farben den +mannigfaltigen Wechsel menschlicher Sitten und Schicksale; es strebten +englische Denker nach Wissen oder wagten Zweifel zu hegen, wo die +Bigotterie sich begnügte zu staunen und zu glauben. Dieselbe Zeit, aus +welcher der schwarze Prinz und Derby, Chandos und Hawkwood hervorging, +gebar auch Geoffroy Chaucer und John Wycliffe. -- + +So glänzend und erhaben war der erste Auftritt des eigentlich so zu +nennenden englischen Volks unter den Nationen der Welt. Aber während wir +die hohen, achtunggebietenden Eigenschaften unserer Voreltern mit +Wohlgefallen betrachten, dürfen wir uns nicht verhehlen, daß das von +ihnen erstrebte Ziel vom Gesichtspunkte der Humanität und der +aufgeklärten Politik ein durchaus verwerfliches ist und daß die +Mißgeschicke, durch die sie nach einem langen und blutigen Kampfe die +Hoffnung auf Gründung eines großen festländischen Reiches aufzugeben +gezwungen wurden, wahrhafte Segnungen, und nur scheinbar Unglücksfälle +waren. Der Geist der Franzosen erwachte endlich; sie begannen den +fremden Eroberern einen kräftigen nationalen Widerstand zu leisten, und +von dieser Zeit an waren die Geschicklichkeit der englischen Feldherren +und der Muth ihrer Soldaten, zum Heile für die Menschheit, ohne Erfolg. +Unsere Vorfahren gaben, nach vielen blutigen Kämpfen, mit schmerzlicher +Reue den Streit auf. Seitdem hat nie mehr eine englische Regierung +ernstlich und beharrlich den Plan verfolgt, große Eroberungen auf dem +Festlande zu machen. Zwar fuhr das Volk fort, Crecy, Poitiers und +Agincourt ein solches Andenken zu bewahren, und man konnte noch viel +Jahre später durch das Versprechen eines Eroberungszuges nach Frankreich +leicht sein Blut wallend machen und ihm Hilfsgelder ablocken; aber zum +Glück hat die Thatkraft unsers Vaterlandes sich edlern Zielen +zugewendet, und es nimmt jetzt in der Geschichte der Menschheit eine +weit ehrenvollere Stellung ein, als wenn es, wie es einmal den Anschein +hatte, durch Waffengewalt ein Übergewicht erlangt hätte, das dem der +frühern römischen Republik ähnlich wäre. + + +[_Der Krieg der Rosen._] In die Grenzen der Insel wiederum +eingeschlossen, schwang nun das kriegslustige Volk die Waffen, die der +Schrecken Europa's gewesen, im Bürgerkriege. Die englischen Barone +hatten lange die Mittel zur Bestreitung ihres verschwenderischen +Aufwandes aus den unterjochten Provinzen Frankreichs gezogen. Diese +Hilfsquelle war nun versiegt; aber die vom Glücke erzeugte Gewohnheit +der Prunksucht und Üppigkeit dauerte fort, und die großen Lords, die +ihre Gelüste durch Plünderung der Franzosen nicht mehr befriedigen +konnten, beraubten nun mit großem Eifer einer den andern. Das Gebiet, +auf das sie jetzt beschränkt waren, reichte -- wie Comines, der +schärfste Beobachter jener Zeit, sich ausdrückt -- für sie alle nicht +aus. Zwei aristokratische Parteien, angeführt von zwei Zweigen der +königlichen Familie, begannen nun einen langen und schrecklichen Kampf +um die Oberherrschaft. Da die Erbitterung derselben nicht eigentlich aus +dem Streite wegen der Erbfolge hervorgegangen, so dauerte sie noch lange +fort, nachdem jeder Grund zu diesem Streite verschwunden war. Die Partei +der rothen Rose überlebte den letzten Fürsten, der, gestützt auf das +Recht Heinrichs IV., Anspruch auf die Krone machte. Die Partei der +weißen Rose überlebte die Heirath Richmonds mit Elisabeth. Der Führer +beraubt, die irgend einen annehmbaren Rechtstitel aufzuweisen hatten, +schlossen sich die Anfänger Lancasters einer Bastardlinie an, und die +Anhänger Yorks stellten eine Reihe von Betrügern auf. Nachdem viel +ehrgeizige Edelleute auf dem Kampfplatze oder durch die Hand des Henkers +gefallen, nachdem viel berühmte Häuser auf immer aus der Geschichte +verschwunden und die noch übrig gebliebenen großen Familien durch +schwere Unglücksfälle erschöpft und zu klarer Besinnung gekommen waren, +erkannte man endlich von allen Seiten an, daß in dem Hause Tudor alle +Ansprüche der streitenden Plantagenets sich vereinigten. + + +[_Aufhören der Leibeigenschaft._] Inzwischen trat eine Veränderung ein, +von unendlich größerer Wichtigkeit, als die Erwerbung oder der Verlust +einer Provinz, als die Erhebung oder der Sturz einer Dynastie. Es +verschwand nämlich die Sklaverei mit allen sie begleitenden Übeln. -- + +Es ist bemerkenswerth, daß die beiden größten und heilsamsten socialen +Umwälzungen, die in England stattgefunden, die nämlich, welche im +dreizehnten Jahrhundert der Willkürherrschaft eines Volksstammes über +den andern und die, welche einige Menschenalter später dem +Eigenthumsrechte des Menschen am Menschen ein Ende machte, still und +unmerklich erregt und vollbracht wurden. Die Beobachter jener Zeit +wurden durch diese Umwälzungen nicht überrascht, und die +Geschichtsschreiber haben ihnen nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Weder +durch gesetzliche Anordnung, noch durch physische Kraft wurden sie +bewirkt; es waren moralische Ursachen, die geräuschlos erst den Abstand +zwischen dem Normann und dem Sachsen, und später zwischen Herrn und +Sklaven verwischten. Den Augenblick genau zu bestimmen, wann diese +Unterschiede aufhörten, könnte niemand wagen, denn es mögen wohl noch +spät im vierzehnten Jahrhunderte einige schwache Spuren der alten +normännischen Sinnesart gefunden werden; auch von den Forschern in der +Zeit der Stuarts schwache Spuren der Leibeigenschaft entdeckt sein, und +ist diese Einrichtung bis zur gegenwärtigen Stunde gesetzlich noch nicht +abgeschafft. + + +[_Wohlthätiges Wirken der römisch-katholischen Religion._] Es würde im +hohen Grade ungerecht sein, nicht anzuerkennen, daß bei diesen beiden +großen Befreiungswerken die Religion der gewaltigste Hebel gewesen, +und ob ein reinerer Glaube sich wirksamer erwiesen hätte, ist wohl in +Zweifel zu ziehen. Der wohlwollende Geist der christlichen Sittenlehre +ist unbezweifelt den Kastenunterschieden abhold; aber der römischen +Kirche sind sie ganz besonders verhaßt, weil sie mit andern ihrem +Systeme wesentlichen Unterschieden nicht zu vereinbaren sind. So legt +sie jedem Priester eine geheimnißvolle Würde bei, die ihn berechtigt, +von jedem Laien Ehrfurcht zu fordern; auch schließt sie niemanden aus +Gründen der Nationalität oder der Geburt vom Priesterstande aus. Ihre +Lehrsätze, so irrig sie in Bezug auf den priesterlichen Charakter auch +sein mögen, haben schon oft einige der größten Übel gemildert, von denen +die Gesellschaft heimgesucht werden kann. Es darf ein Aberglaube nicht +unbedingt für schädlich gehalten werden, der in Ländern, die unter dem +Fluche der Tyrannei eines Volksstammes über den andern seufzen, eine von +der nationalen Verschiedenheit völlig unabhängige Aristokratie schafft, +das Verhältniß zwischen den Bedrückern und Bedrückten umkehrt und den +erblichen Herrn zwingt, vor dem geistlichen Richterstuhle seines +erblichen Untergebenen das Knie zu beugen. In Ländern, wo die Sklaverei +fortbesteht, zeigt sich noch heutigen Tages das Pabstthum in einem +vortheilhaften Contraste zu andern Formen des Christenthums. Es ist +allgemein bekannt, daß die gegenseitige Abneigung zwischen den +europäischen und afrikanischen Racen in Rio Janeiro bei weitem nicht so +stark ist, als in Washington, und in unserm eigenen Vaterlande äußerte +diese Eigenthümlichkeit des römisch-katholischen Systems zur Zeit des +Mittelalters manche heilsame Wirkung. Es wurden zwar gleich nach der +Schlacht bei Hastings sächsische Prälaten und Äbte gewaltsam von ihren +Ämtern vertrieben und geistliche Abenteurer vom Festlande zu Hunderten +in reiche Pfründen eingesetzt; aber auch damals erhoben fromme +Geistliche normännischer Abkunft gegen eine derartige Verletzung der +Kirchenverfassung ihre Stimmen, lehnten die Annahme der Bischofsmütze +aus den Händen des Eroberers ab und ermahnten ihn, bei dem Heile seiner +Seele, nicht zu vergessen, daß die unterjochten Insulaner seine +Mitchristen seien. Der Erzbischof Anselm war der erste Beschützer, +den die Engländer unter der herrschenden Kaste fanden. In jener Zeit, +wo der englische Name als ein Vorwurf galt und alle bürgerlichen und +militärischen Würden ausschließlich den Landsleuten des Eroberers +gebührend betrachtet wurden, nahm der verachtete Volksstamm mit +lebhafter Freude die Nachricht auf, daß einer der seinigen, Nikolaus +Breakspear, auf den päbstlichen Stuhl erhoben sei und Gesandten, den +edelsten Häusern der Normandie entsprossen, seinen Fuß zum Kusse +gereicht habe. Es war nicht minder ein nationaler als ein religiöser +Drang, der Massen von Menschen zu der Kapelle Becket's trieb, des ersten +Engländers, der den fremden Tyrannen seit der Eroberung furchtbar +geworden. Unter denen, welche jenen Freibrief errangen, der die +Privilegien der normännischen Barone und der sächsischen Freisassen +zugleich sicherte, stand ein Nachfolger Becket's in erster Reihe. +Wieviel die katholische Geistlichkeit später bei der Abschaffung der +Leibeigenschaft mitgewirkt hat, erfahren wir aus dem unverwerflichen +Zeugnisse des Sir Thomas Smith, eines der befähigtesten protestantischen +Räthe Elisabeths. Wenn der sterbende Sklavenbesitzer nach dem letzten +Sacramente verlangte, so beschworen ihn stets seine geistlichen +Beistände bei dem Heile seiner Seele, er möge seine Brüder freigeben, +für die Christus gestorben sei. Die Kirche wendete ihr furchtbares +Getriebe mit einem solchen Erfolge an, daß noch vor dem Eintritte der +Reformation fast alle Leibeigenen im Königreiche frei geworden, mit +Ausnahme der ihr selbst angehörigen, die, wie man ihr nachrühmen muß, +einer sehr milden Behandlung genossen zu haben scheinen. + +Es unterliegt keinem Zweifel, daß nach diesen beiden großen Revolutionen +unsere Vorfahren von allen Völkern in Europa die beste Regierung +besaßen. Das gesellschaftliche System hatte sich drei Jahrhunderte +hindurch ununterbrochen heilsam entwickelt. Es hat unter den ersten +Plantagenets Barone gegeben, die ihrem souverainen Herrscher Trotz zu +bieten vermochten, und Bauern, die mit den Schweinen und Ochsen, welche +sie hüteten, auf eine gleiche Stufe heruntergebracht waren: die maßlose +Gewalt der Barone war nach und nach geschwächt, der Zustand des Bauern +gehoben worden, und zwischen dem Adel- und dem Arbeiterstande hatte sich +eine landbau- und handeltreibende Mittelklasse gebildet. Es mögen nun +immerhin noch mehr Ungleichheiten bestanden haben, als dem Glücke und +der Tugend unseres Geschlechts ersprießlich gewesen; aber niemand konnte +sich der Autorität der Gesetze entziehen, und niemand war völlig von dem +Schutze desselben ausgeschlossen. + +Daß die staatlichen Einrichtungen Englands schon in dieser frühen Zeit +von den Engländern mit Stolz und Liebe und von den aufgeklärtesten +Männern der Nachbarvölker mit Bewunderung und Neid betrachtet wurden, +läßt sich klar und deutlich beweisen; aber über die Beschaffenheit +dieser Einrichtungen ist oft unredlich und bitter gestritten worden. + + +[_Die frühere englische Staatsverfassung als oft falsch dargestellt._] +Die geschichtliche Literatur Englands hat in der That unter einem +Umstande hart gelitten, der nicht wenig zu dem Glücke desselben +beigetragen. So groß die Umgestaltung seines Staatswesens in den letzten +sechs Jahrhunderten auch gewesen ist, sie war doch nur eine Wirkung +allmäligen Fortschreitens, und nicht des Zerstörens und Wiederaufbauens. +Die jetzige Verfassung unseres Vaterlandes verhält sich zu jener, unter +der es vor fünfhundert Jahren blühte, wie der Baum zu dem Sprößlinge, +wie der Mann zu dem Knaben. Die Umwandlung war eine große; aber nie hat +es eine Zeit gegeben, in der nicht der Haupttheil des Bestehenden alt +gewesen wäre. Eine auf diese Weise entstandene Staatsverfassung muß +natürlich viel Unregelmäßigkeiten enthalten; aber neben den Übeln, +die nur aus Unregelmäßigkeiten hervorgehen, besitzen wir viel, was sie +reichlich aufwiegt. Andere Staaten besitzen regelrechter aufgestellte +Verfassungen; aber keinem andern ist es bis jetzt gelungen, Revolution +und Gesetz, Fortschritt und Stehenbleiben, die rüstige Kraft der Jugend +mit der Majestät kaum erdenklichen Alterthums zu vereinigen. + +Diese große Segnung hat aber auch ihre Schattenseiten, und eine +derselben ist, daß die Quellen, in denen wir Aufklärung über unsere +frühere Geschichte suchen, vom Parteigeiste vergiftet sind. Es giebt +kein Land, in dem die Staatsmänner so unter dem Einflusse der +Vergangenheit gestanden, und die Geschichtsschreiber sich so von der +Gegenwart leiten ließen. Allerdings besteht zwischen beiden +Erscheinungen ein natürlicher Zusammenhang; denn wenn die Geschichte nur +als eine Schilderung des Lebens und der Sitten, oder als eine Sammlung +von Versuchen betrachtet wird, aus der sich allgemeine Grundsätze der +Staatsweisheit ableiten lassen, wird der Geschichtsschreiber sich eben +nicht stark versucht fühlen, Begebenheiten aus alter Zeit falsch +darzustellen. Wenn aber die Geschichte als ein Archiv mit Urkunden +angesehen, von denen die Rechte der Regierungen und der Völker abhangen, +so wird die Neigung zu fälschen fast unwiderstehlich. Für einen +Franzosen giebt es jetzt kein Interesse, das ihn antriebe, die Macht der +Könige aus dem Hause Valois zu hoch zu erheben oder zu klein +darzustellen. Die Privilegien der allgemeinen Reichsstände, der Stände +von Bretagne und von Burgund sind jetzt Dinge von eben so wenig +praktischer Wichtigkeit, als die Verfassung des jüdischen Sansedrin oder +des Amphiktyonengerichts. Das neue System wird von dem alten durch die +Kluft einer großen Revolution völlig geschieden. Für die englische +Nation giebt es keine solche Kluft, die ihre Existenz in zwei bestimmt +geschiedene Theile trennt. Unsere Gesetze und Gewohnheiten sind nie in +einem allgemeinen, nicht wieder auszugleichenden Umsturze untergegangen; +die im Mittelalter stattgehabten Ereignisse sind für uns immer noch +vollgültig, die größten Staatsmänner nehmen bei den wichtigsten +Veranlassungen Bezug darauf. Als zum Beispiel König Georg III. so krank +wurde, daß er den Verrichtungen seines königlichen Amtes nicht obliegen +konnte, und die Mehrzahl der tüchtigsten Rechtsgelehrten und Politiker +über das unter diesen Umständen einzuschlagende Verfahren sehr +getheilter Meinung waren, erklärten die Häuser des Parlaments, nur dann +zur Berathung irgend eines Regentschaftsplanes zu schreiten, wenn alle +Beispiele, die von der frühesten Zeit an in unsern Annalen zu finden, +zusammengestellt und geordnet seien. Es wurden Ausschüsse ernannt, +welche die alten Urkunden des Reichs prüfen sollten. Der erste Vorgang, +über den Bericht erstattet wurde, war der aus dem Jahre 1217; man legte +den Vorgängen aus den Jahren 1326, 1377 und 1422 große Wichtigkeit bei, +aber als den Fall, der hier mit Recht maßgebend sein könne, hielt man +den von 1455. Und so wurden oft in unserm Vaterlande die theuersten +Parteiinteressen von den Resultaten antiquarischer Forschungen abhängig +gemacht. Die nicht zu vermindernde Folge davon war, daß unsere +Alterthumsforscher ihre Untersuchungen als Parteimänner anstellten. + +Man kann sich daher nicht wundern, wenn Diejenigen, welche über die +Grenzen des Hoheitsrechtes und der Freiheit in der alten englischen +Staatsverfassung geschrieben haben, gewöhnlich nicht als Richter, +sondern als eifrige, unredliche Advokaten aufgetreten sind; sie +verhandelten ja nicht über einen spekulativen, sondern über einen +solchen Stoff, der in einem unmittelbaren praktischen Zusammenhange mit +den wichtigsten und aufregendsten Streitfragen ihrer Zeit stand. -- Von +dem Beginne des langen Streites zwischen dem Parlamente und den Stuarts +bis zu der Zeit, wo die Ansprüche der Letztern nicht mehr furchtbar +waren, gab es wenig praktisch wichtigere Fragen als die, ob die +Regierung dieser Familie mit der alten Verfassung des Königreichs in +Übereinstimmung gestanden habe oder nicht. Diese Frage konnte nur +dadurch entschieden werden, daß man die Geschichtsberichte über frühere +Regierungen in Betracht zog. -- Bracton und Fleta, der »Spiegel der +Gerechtigkeit« und die Parlamentsarchive wurden durchforscht, um +Beschönigungen für die Übergriffe der Sternkammer sowohl, als für die +des höchsten Gerichtshofes aufzufinden. Viele Jahre hindurch suchte +jeder whiggistische Geschichtsschreiber eifrig den Beweis zu führen, +daß die altenglische Regierungsform eine republikanische, und jeder +toryistische, daß sie eine despotische gewesen sei. + +So gesinnt blickten beide Parteien in die Chroniken des Mittelalters. +Beide fanden sehr leicht, was sie suchten; aber beide wollten hartnäckig +auch nur das sehen, was sie suchten. Die Eiferer für die Stuarts konnten +eben so leicht Beispiele von Bedrückungen der Unterthanen, als die +Vertheidiger der Rundköpfe Beispiele davon auffinden, daß der Krone +entschlossen und erfolgreich Widerstand geleistet worden sei. Die Tories +führten aus alten Schriften fast eben so unterwürfige Ausdrücke an, als +die waren, welche man von der Kanzel von Mainwaring herab hörte, und die +Whigs entdeckten eben so kühne und strenge Worte, als je von Bradshaw's +Richtersitze ertönten. Eine Partei von Schriftstellern stellte +zahlreiche Beispiele von Gelderpressungen auf, die sich Könige ohne +Bewilligung des Parlaments erlaubt hatten; andere führten Fälle an, +in denen das Parlament sich die Macht angeeignet hatte, den König zu +bestrafen. Wer nur die eine Hälfte der Beweise sah, hätte glauben mögen, +die Plantagenets seien unumschränkt wie die türkischen Sultane gewesen; +wer nur die andere sah, hätte schließen können, daß die Plantagenets +eben so wenig wirkliche Macht gehabt, als die Dogen von Venedig, und +beide Folgerungen wären gleich weit von der Wahrheit entfernt gewesen. + + +[_Natur der beschränkten Monarchien des Mittelalters._] Die alte +englische Verfassung gehörte jener Klasse beschränkter Monarchien an, +die im Mittelalter in Westeuropa entstanden, und, mancher +Verschiedenheiten ungeachtet, dennoch eine große Familienähnlichkeit +unter einander hatten. Eine solche Ähnlichkeit kann nicht befremden. Die +Länder, in denen diese Monarchien entstanden, waren Provinzen eines und +desselben großen kultivirten Reichs gewesen, das fast gleichzeitig von +Stämmen einer und derselben rohen und kriegerischen Nation überfallen +und unterjocht worden war. Sie waren ferner Glieder eines und desselben +großen Bundes gegen den Islam, und standen mit einer und derselben +stolzen und ehrgeizigen Kirche in Gemeinschaft. Ihre Staatsverfassung +nahm nun natürlich eine gleiche Form an. Die Institutionen derselben +entstammten theils dem kaiserlichen, theils dem päbstlichen Rom, theils +dem alten Germanien. Alle hatten Könige, und in allen war die +Königswürde nach und nach streng erblich geworden; alle hatten einen +Adel mit Vorrechten, die ursprünglich auf militärischen Rang basirt +waren. Die Ritterwürde und die Wappenregeln besaßen alle +gemeinschaftlich; ebenso hatten alle reich dotirte kirchliche +Stiftungen, städtische Korporationen mit ausgedehnten Freiheiten, +und Reichsversammlungen, deren Genehmigung zur Gültigkeit vieler +öffentlicher Akte erforderlich war. + + +[_Hoheitsrechte der frühern englischen Könige._] Von allen diesen +einander ähnlichen Verfassungen ward die englische, schon von einer +frühen Zeit an, mit Recht für die beste gehalten. Die Hoheitsrechte des +Regenten erstreckten sich unzweifelhaft sehr weit. Der Geist der +Religion und des Ritterthums wirkten vereint zur Erhöhung seiner Würde. +Das heilige Öl war auf sein Haupt gegossen worden; den tapfersten und +edelsten Rittern war es keine Erniedrigung, vor seinen Füßen zu knien. +Seine Person war unverletzlich, er allein nur besaß das Recht, die +Stände des Reichs zu berufen und nach Belieben zu entlassen, und alle +legislativen Handlungen derselben bedurften seiner Zustimmung. Er stand +an der Spitze der ausübenden Verwaltung, war das einzige Organ in den +Verhandlungen mit auswärtigen Mächten, der Oberbefehlshaber der Land- +und See-Macht des Staats, der Quell der Gerechtigkeit, der Gnade und der +Ehre. Der Regent besaß weitgreifende Befugnisse zur Regelung des +Handels: er hatte das Recht, Münzen schlagen zu lassen, Maaß und Gewicht +festzustellen und Märkte und Häfen zu gründen. Seine Rechte als +Schirmherr der Kirche waren unermeßlich; seine erblichen Einkünfte, wenn +sie sparsam verwaltet wurden, reichten zur Deckung der gewöhnlichen +Regierungskosten aus. Der ihm eigenthümliche Grundbesitz hatte eine +weite Ausdehnung, und in der Eigenschaft als Oberlehnsherr des gesammten +Grund und Bodens seines Königreichs besaß er manches einträgliche und +furchtbare Recht, das ihn in den Stand setzte, seine Gegner zu +beeinträchtigen und niederzudrücken, Diejenigen aber, die seine Gunst +genossen, ohne eigene Kosten zu bereichern und zu erheben. + + +[_Beschränkungen der Hoheitsrechte._] Aber seine Macht, wenn auch weit +ausgedehnt, ward dennoch durch drei große verfassungsmäßige Bestimmungen +beschränkt, die so alt waren, daß niemand den Beginn ihrer Existenz +kennt, und so wirksam, daß ihre natürliche, viele Menschenalter hindurch +fortgesetzte Entwickelung die Ordnung der Dinge hervorgebracht hat, +unter der wir jetzt leben. + +Erstens konnte der König, ohne die Zustimmung seines Parlaments kein +Gesetz erlassen; zweitens konnte er ohne die Zustimmung desselben keine +Steuern ausschreiben, und drittens war er gehalten, die exekutive Gewalt +nach den Landesgesetzen zu üben; verletzte er diese Gesetze, so waren +seine Räthe und Beamten verantwortlich. + +Kein aufrichtiger Tory wird läugnen können, daß diese Prinzipien vor +fünfhundert Jahren die Geltung von Grundgesetzen erlangt hatten; +andererseits wird kein ehrlicher Whig behaupten, daß sie in derselben +frühen Zeit frei von aller Zweideutigkeit gewesen und in allen ihren +Konsequenzen streng durchgeführt seien. Eine Verfassung des Mittelalters +ging nicht, wie im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, als +selbstständiges Ganze aus einem einzigen Akte hervor, und ward eben so +wenig in einer einzigen Urkunde vollständig niedergelegt; nur in dem +verfeinerten und spekulativen Zeitalter wird das Staatswesen +systematisch geordnet. Der Fortschritt des Staatswesens in ungebildeten +Gesellschaften läßt sich mit dem der Sprache und der Verskunst +vergleichen. Ungebildete Gesellschaften haben oft eine reiche und +kräftige Sprache, aber es fehlt ihnen eine wissenschaftliche Grammatik, +die Definition von Haupt- und Zeitwörtern, die Namen für Deklinationen, +Modi, Tempora und Laute; sie haben eine Verskunst die oft viel Kraft und +Anmuth besitzt; aber sie haben keine Regeln des Versmaßes, und der +Minstrel, dessen nur durch das Ohr geregelte Verse die Hörer entzücken, +würde selbst nicht angeben können, aus wieviel Dactylen und Trochäen +jede seiner Zeilen besteht. Gleich der Beredtsamkeit, die älter als die +Syntaxis, und dem Gesange, der älter als die Prosodie ist, kann ein +Staat lange zuvor, ehe die Grenzen zwischen der gesetzgebenden, +ausübenden und richterlichen Gewalt genau bestimmt sind, einen hohen +Grad der Vortrefflichkeit erlangt haben. + +So war es in unserm Vaterlande. Zwar war die Grenzlinie der königlichen +Gewalt im Allgemeinen ziemlich klar, aber nicht überall mit Genauigkeit +und Bestimmtheit angegeben. Deshalb gab es nahe der Grenze einen +streitigen Boden, auf dem stets Eingriffe und Zurückerpressungen +stattfanden, bis endlich nach Jahrhunderten des Kampfes bestimmte und +dauerhafte Grenzmarken errichtet wurden. Es dürfte lehrreich sein, +anzugeben, auf welche Weise und bis zu welcher Ausdehnung unsere frühern +Regenten die drei großen Grundsätze, welche die Freiheiten des Volks +schützten, gewöhnlich zu verletzen pflegten. + +Kein englischer König hat je die gesetzgebende Gewalt in ihrem ganzen +Umfange beansprucht. Der gewaltthätigste und herrschsüchtigste +Plantagenet hat sich nie das Recht angemaßt, ohne die Zustimmung seines +großen Rathes anzuordnen, daß eine Jury aus zehn, statt aus zwölf +Personen bestehen, daß das Gedinge einer Witwe das Viertheil statt des +Drittheils betragen, daß der Meineid als ein Todesverbrechen betrachtet, +oder daß der Gebrauch der gleichmäßigen Erbtheilung unter Brüdern in +Yorkshire eingeführt werden solle[2]. Aber dem Könige stand das Recht +zu, Verbrecher zu begnadigen, und es giebt einen Punkt, wo das Recht der +Begnadigung und das Recht der Gesetzgebung in einander zu fließen +scheinen und leicht, wenigstens in einer nicht aufgeklärten Zeit, +verwechselt werden können. Ein Strafgesetz ist thatsächlich aufgehoben, +wenn die durch dasselbe auferlegten Strafen so oft erlassen werden, +als sie verwirkt sind. Der Souverain besaß ohne Zweifel die Befugniß, +unbeschränkt Strafen zu erlassen; demnach war er befugt, ein Strafgesetz +thatsächlich aufzuheben. Es konnte scheinen, als ließe sich kein +begründeter Einwand aufstellen, wenn er das, was ihm thatsächlich +auszuführen zustand, auch formell ausführen wollte. So entstand an der +zweifelhaften Grenze zwischen der vollziehenden und gesetzgebenden +Gewalt mit Hilfe spitzfindiger und höfischer Rechtsgelehrten die große +Anomalie, die unter dem Namen des Begnadigungsrechts bekannt ist. + +Seit undenklichen Zeiten ist es in England unbestritten ein +Fundamentalgesetz gewesen, daß der König ohne Bewilligung des +Parlamentes Steuern nicht auferlegen könne. Dieses Gesetz befand sich +unter den Artikeln, zu deren Unterzeichnung Johann von den Baronen +gezwungen wurde. Eduard I. wagte es, diese Bestimmung zu überschreiten; +aber er stieß, obgleich er sehr geschickt, mächtig und bei dem Volke +beliebt war, auf einen Widerstand, dem nachzugeben er für gut befand. +Deshalb gelobte er ausdrücklich für sich und seine Erben, nie wieder +ohne Zustimmung und Willfährigkeit der Stände irgend eine Steuer erheben +zu wollen. Diesen feierlichen Vertrag versuchte sein mächtiger und +siegreicher Enkel zu brechen, aber dem Versuche ward ein kräftiger +Widerstand entgegengesetzt. Entmuthigt gaben die Plantagenets endlich +diesen Punkt auf; aber wenn sie auch offen das Gesetz nicht mehr +verletzten, so wußten sie dennoch durch Umgehung desselben sich +vorkommenden Falls zu temporären Zwecken außerordentlich Beihilfe zu +verschaffen. Das Eintreiben von Steuern war ihnen nicht erlaubt, aber +sie nahmen das Recht in Anspruch, zu bitten und zu borgen; sie baten +dann mitunter in einem Tone, der dem des Befehlens nicht unähnlich war, +und borgten nicht selten, ohne viel an Rückzahlung zu denken. Aber schon +in der Thatsache, daß man für nöthig hielt, diese Erpressungen mit den +Namen freiwilliger Steuern und Darlehn zu bemänteln, liegt der genügende +Beweis, daß die Gültigkeit der großen verfassungsmäßigen Bestimmung +allgemein anerkannt war. + +Daß der Grundsatz, »der König von England ist verbunden, das Land den +Gesetzen gemäß zu verwalten, und seine Räthe und Beamten sind +verantwortlich, wenn er wider das Gesetz handelt,« schon in einer sehr +frühen Zeit festgestellt worden, beweisen die strengen Urtheile, die oft +gegen die Günstlinge des Königs erlassen und vollzogen sind; aber dessen +ungeachtet ist es auch erwiesen, daß die Plantagenets oft die Rechte +einzelner Personen verletzten, nur damit die beeinträchtigten Parteien +oft keine Rechtshilfe erlangen konnten. Nach dem Gesetze konnte kein +Engländer auf den alleinigen Befehl des Herrschers verhaftet oder +gefangen gehalten werden; aber es ist thatsächlich, daß der Regierung +mißliebige Personen ohne jede andere Autorität als den königlichen +Befehl eingekerkert wurden. Nach dem Gesetze durfte die Folter, die +Schmach der römischen Rechtspflege, unter allen Umständen bei keinem +englischen Unterthanen angewendet werden; nichtsdestoweniger wurde bei +den Wirren des fünfzehnten Jahrhunderts eine Folterbank in dem Tower +aufgestellt, und gelegentlich unter dem Vorwande politischer +Nothwendigkeit, angewendet. Aus solchen Gesetzwidrigkeiten den Schluß +ziehen zu wollen, die englischen Monarchen seien in der Theorie oder +Praxis unumschränkt gewesen, würde indeß ein großer Irrthum sein. Wir +leben in einer höchst gebildeten bürgerlichen Gesellschaft, in der +mittelst der Presse und der Post Nachrichten so reißend schnell +verbreitet werden, daß jeder Act grober Rechtsverletzung, in welchem +Theile unserer Insel er auch begangen sein mag, in wenig Stunden von +Millionen besprochen wird. Wollte jetzt ein englischer Souverain, der +Habeas Corpus Acte entgegen, einen Unterthanen einkerkern oder einen +Verschwörer auf die Folterbank spannen lassen, die Nachricht davon würde +augenblicklich die ganze Nation electrisiren. Im Mittelalter war der +Zustand der Gesellschaft ein ganz anderer; selten und nur mit großer +Schwierigkeit gelangten die Beeinträchtigungen Einzelner zur Kenntniß +des Publikums. Monate lang konnte Jemand gesetzwidrig in dem Schlosse +von Carlisle oder Norwich gefangen gehalten werden, ohne daß die +leiseste Kunde davon nach London kam; und es ist sehr wahrscheinlich, +daß die Folterbank manches Jahr gebraucht worden, ehe die Mehrzahl des +Volks auch nur geahnt, daß sie je in Anwendung gebracht. Auch waren +unsere Vorfahren durchaus nicht so fest von der Nothwendigkeit +überzeugt, große allgemeine Regeln festzuhalten, als wir; denn wir haben +aus langer Erfahrung gelernt, daß man irgend eine Verletzung der +Verfassung nicht ohne Gefahr unbemerkt könne vorübergehen lassen. Man +theilt jetzt allgemein die Ansicht, daß eine Regierung die strenge Rüge +des Parlamentes verdiene, wenn sie Vollmachten unnöthigerweise +überschreitet; daß sie aber, wenn sie im Drange der Nothwendigkeit und +aus reiner Absicht ihre Vollmachten überschritten hat, ohne Verzug das +Parlament um nachträgliche Genehmigung angehen müsse. Aber so dachten +die Engländer des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts nicht; sie +zeigten wenig Neigung, eines Grundsatzes wegen, und nur seiner selbst +wegen, zu streiten, oder gegen eine Regelwidrigkeit, die nicht zugleich +eine Belästigung war, Beschwerde zu führen. So lange im Allgemeinen die +Verwaltung einen milden und volksthümlichen Charakter trug, gestatteten +sie ihrem Regenten gern einigen Spielraum; ja sie verziehen ihm nicht +nur bei allgemein als gut anerkannten Zwecken eine das Gesetz +überschreitende Gewalt, sie zollten ihm auch noch Beifall, und waren, +so lange sie unter seiner Regierung sich der Sicherheit und Wohlfahrt +erfreuten, nur zu geneigt zu glauben, daß der, den seine Ungunst +getroffen, sie auch verdient habe. Aber diese Nachsicht hatte eine +Grenze, und der König, der zu viel auf die Langmuth des englischen +Volkes baute, handelte nicht weise, denn es gestattete ihm wohl +mitunter, die verfassungsmäßige Linie zu überschreiten, aber es +beanspruchte dann auch für sich selbst das Recht, über diese Linie +hinauszugehen, wenn seine Übergriffe so ernst waren, daß sie Besorgniß +erweckten. Wagte er, nicht zufrieden mit der gelegentlichen Bedrückung +Einzelner, große Massen zu bedrücken, so riefen seine Unterthanen +schleunig die Gesetze an, und war diese Berufung ohne Erfolg, so wandten +sie sich eben so schleunig an den Gott der Schlachten. + + [Anmerkung 2: Dies hat Hallam im ersten Kapitel seiner + +constitutional History+ vortrefflich auseinandergesetzt.] + + +[_Widerstand, die gewöhnliche Schranke der Tyrannei im Mittelalter._] +Die Engländer durften aber auch ruhig dem Könige einige Übergriffe +nachsehen, denn sie besaßen für den Fall der Noth einen Zügel, der den +ungestümsten und stolzesten Herrscher bald zur Vernunft brachte, +den Zügel der physischen Gewalt. Einem Engländer des neunzehnten +Jahrhunderts wird es schwer fallen, sich einen Begriff davon zu machen, +wie leicht und schnell vor vierhundert Jahren ein solches Mittel +angewendet wurde. Das Volk versteht seit langer Zeit nicht mehr, die +Waffen zu gebrauchen. Unsern Voreltern war die Stufe der Vollendung +unbekannt, auf der jetzt die Kriegskunst steht, und nur eine besondere +Klasse besitzt die Kenntniß derselben. Hunderttausend Mann gut +disciplinirter und gut geleiteter Truppen halten Millionen von Bauern +und Handwerkern nieder, und einige Regimenter Garden reichen aus, um +allen unzufriedenen Geistern einer großen Hauptstadt Furcht einzuflößen. +Zugleich läßt aber auch die stete Vermehrung des Wohlstandes dem +denkenden Menschen einen Aufstand weit furchtbarer erscheinen, als eine +schlechte Regierung. Es sind ja unermeßliche Summen auf Werke verwendet, +die bei dem Ausbruche einer Revolution in wenig Stunden zu Grunde gehen +würden. Schon die Masse von beweglichen Gütern, die allein in den Läden +und Magazinen von London aufgespeichert liegt, übersteigt diejenige +fünfhundertmal, welche die ganze Insel zur Zeit der Plantagenets +enthielt; stürzte man nun die Regierung durch physische Gewalt, +so würden alle diese beweglichen Güter einer drohenden Gefahr der +Plünderung und Zerstörung ausgesetzt sein. Aber noch größer wäre die +Gefahr für den öffentlichen Credit, mit dem die Existenz Tausender von +Familien unmittelbar zusammenhängt, und mit dem der Credit der ganzen +Handelswelt unzertrennlich verbunden ist. Man kann ohne Übertreibung +behaupten, daß ein Bürgerkrieg, nur eine Woche auf englischem Boden +geführt, jetzt ein Unheil erzeugen würde, das vom Hoangho bis zum +Missouri sich fühlbar macht und Spuren zurückläßt, die nach einem +Jahrhunderte noch sichtbar sind. In einem solchen Zustande der +Gesellschaft muß der Widerstand als ein Heilmittel betrachtet werden, +das bei weitem verzweifelter ist, als jede Krankheit, die den Staat +heimsuchen kann. Zur Zeit des Mittelalters dagegen wandte man den +Widerstand als ein gewöhnliches Heilmittel gegen politische Übel an, +denn es war ein Mittel, das man stets bei der Hand hatte und, wenn auch +für den Augenblick von starker Wirkung, dennoch ohne empfindliche und +dauernde Folgen blieb. Wenn ein bei dem Volke angesehener Führer sein +Banner für eine volksthümliche Sache erhob, so konnte in einem Tage eine +unregelmäßige Armee versammelt sein. Regelmäßige Truppen gab es damals +nicht. Jeder war ein wenig Soldat, aber keiner mehr als das. Der +Nationalreichthum bestand vorzüglich in Viehherden, in der jährlichen +Erndte und in den einfachen, vom Volke bewohnten Gebäuden. Sämmtliche +Hausgeräthe, die Vorräthe in den Kaufläden, und die Maschinen des ganzen +Reichs waren nicht so viel werth, als das Eigenthum einzelner +Kirchspiele unserer Zeit. Das Fabrikwesen war roh, der Credit fast +unbekannt. Die Gesellschaft erholte sich daher von der Erschütterung, +sobald der sie bewirkende Stoß vorüber war. Das Gemetzel auf dem +Schlachtfelde, einige nachfolgende Hinrichtungen und Güterconfiscationen +waren sämmtliche Drangsale eines Bürgerkriegs. Eine Woche später trieb +der Bauer wieder sein Gespann, und der Edelmann ließ wieder seine Falken +über das Feld von Towton oder Bosworth fliegen, als ob kein +ungewöhnliches Ereigniß den gewöhnlichen Lauf des menschlichen Lebens +unterbrochen hätte. + +Es sind nun hundertundsechzig Jahre verflossen, seit das englische Volk +gewaltsam eine Regierung gestürzt hat. Während der einhundertundsechzig +Jahre vor der Vereinigung der Rosen regierten neun Könige in England. +Sechs von diesen neun Königen wurden abgesetzt, und fünf verloren mit +der Krone auch das Leben. Hieraus geht klar hervor, daß jeder Vergleich +zwischen unserer alten und neuen Staatsform zu völlig unrichtigen +Schlüssen führen muß, wenn man die Wirkung des den Plantagenets durch +den Widerstand und durch die stete Furcht vor demselben auferlegten +Zwanges nicht streng berücksichtigt. Unsere Vorfahren besaßen ein sehr +kräftiges Schutzmittel gegen die Tyrannei, das uns fehlt, und deshalb +konnten sie ohne Bedenken auf andere Garantien verzichten, denen wir mit +Recht die höchste Wichtigkeit beilegen. Da wir aber die Schranke der +physischen Gewalt einer schlechten Regierung nicht entgegenstellen +können, ohne uns der Gefahr von Übeln auszusetzen, vor denen der Gedanke +allein schon zurückbebt, so handeln wir offenbar sehr klug, wenn wir +alle verfassungsmäßigen Hinderungsmittel einer solchen Regierung +gegenüber stets im Stande der Wirksamkeit erhalten, die Anfänge von +Übergriffen eifersüchtig bewachen, und Abweichungen von der Regel, auch +wenn sie an und für sich unbedenklich erscheinen, nicht ungerügt +hingehen lassen, damit sie nicht die Bedeutung von Präcedenzfällen +erhalten. Eine so scharfe Wachsamkeit war vor vierhundert Jahren +unnöthig. Ein Volk kühner Bogenschützen und Lanzenträger konnte, ohne +große Gefahr für seine Freiheiten, dem Fürsten einige Ungesetzlichkeiten +nachsehen, dessen Regierung im Allgemeinen gut und dessen Thron durch +keine Compagnie geübter Soldaten beschützt war. + +Mag immerhin dieses System in Vergleich mit jenen sorgfältig +ausgearbeiteten Verfassungen, an denen die letzten siebzig Jahre so +fruchtbar gewesen, roh erscheinen, so erfreuten sich die Engländer +dennoch unter demselben eines hohen Maßes von Freiheit und Glück. +Obgleich der Staat unter der schwachen Regierung Heinrichs VI. in erster +Zeit durch Parteiungen und zuletzt durch den Bürgerkrieg zerrissen +wurde; obgleich Eduard IV. ein ausschweifender und herrschsüchtiger +Fürst war; obgleich Richard III. als ein Ungeheuer von Schlechtigkeiten +geschildert worden ist, und obgleich die Bedrückungen Heinrichs VII. +großen Mißmuth erregten: so steht es dennoch fest, daß unsere Vorfahren +unter diesen Königen weit besser regiert wurden, als die Belgier unter +Philipp, dem man den Beinamen des Guten gegeben, oder als die Franzosen +unter jenem Ludwig, den man den Vater seines Volkes nannte. Es scheint +selbst, daß unser Vaterland, während die Kriege der Rosen am ärgsten +wütheten, sich in einer glücklichern Lage befunden habe, als die +benachbarten Reiche in den Jahren tiefen Friedens. Comines war einer der +aufgeklärtesten Staatsmänner seiner Zeit; er hatte die reichsten und die +gebildeten Theile des Festlandes besucht, hatte in den reichen Städten +von Flandern, den Manchesters und Liverpools des fünfzehnten +Jahrhunderts, sich aufgehalten, das eben erst durch die Prachtliebe +Lorenzo's neu geschmückte Florenz gesehen, und ebenso Venedig, bevor es +durch die Verbündeten von Cambray gedemüthigt war: dieser ausgezeichnete +Staatsmann erklärte nach reiflicher Erwägung, daß England von allen +Ländern, die er kenne, am besten regiert werde. Die Verfassung desselben +bezeichnete er ausdrücklich als ein gerechtes und heiliges Werk, das +zugleich dem Volke Schutz, und der Hand des Fürsten, der es achte, wahre +Stärke verleihe. Es seien die Unterthanen, sagte er, in keinem andern +Lande so sicher vor Unrecht geschützt. Die aus unsern inneren Kriegen +hervorgegangenen Drangsale erstreckten sich, nach seiner Ansicht, nur +auf den Adel und die kampffähigen Männer; sie hinterließen keine Spuren, +als zerstörte Wohnplätze und entvölkerte Städte, wie er sie an andern +Orten zu sehen gewohnt war. + + +[_Eigenthümlicher Charakter der englischen Aristokratie._] Es war jedoch +die Wirksamkeit der die königlichen Hoheitsrechte beschränkenden +Bestimmungen nicht allein, wodurch sich England vor den meisten +Nachbarländern vortheilhaft unterschied; das Verhältniß des hohen Adels +zu den übrigen Volksklassen war eine gleich wichtige, wenn auch weniger +beachtete Eigenthümlichkeit. Es gab zwar eine starke erbliche +Aristokratie, aber sie war von allen dergleichen Aristokratien die am +wenigsten anmaßende und ausschließende, denn sie besaß nichts von dem +gehässigen Charakter einer Kaste, sie nahm fortwährend Glieder aus dem +Volke in sich auf, und gab aus ihrer Mitte dem Volke Glieder, die sich +mit ihm mischten. Jeder Gentleman konnte ein Peer werden. Der jüngere +Sohn eines Peers war nur ein Gentleman, und die Enkel von Peers standen +im Range neuernannten Rittern nach. Die Würde des Ritters war Keinem +unerreichbar, der durch Fleiß und Sparsamkeit ein ansehnliches +Grundstück erworben, oder durch Tapferkeit in einer Schlacht oder +Belagerung sich hervorzuthun vermochte. Es gereichte der Tochter eines +Herzogs, selbst eines solchen von königlichem Geblüte, nicht zur Unehre, +wenn sie einen ausgezeichneten Bürgersmann heirathete. Sir John Howard +zum Beispiel heirathete die Tochter des Thomas Mowbray, Herzogs von +Norfolk; Sir Richard Pole heirathete die Gräfin von Salisbury, die +Tochter des Herzogs Georg von Clarence. Eine edle Abkunft stand zwar in +großem Ansehen, aber es gab, zum Glück für unser Vaterland, keinen +nothwendigen Zusammenhang zwischen einer edeln Abkunft und den +Vorrechten der Peerswürde. Nicht nur das Haus der Lords hatte lange +Stammbäume und alte Wappen aufzuweisen, man fand sie auch außer +demselben. Es gab Emporkömmlinge mit den höchsten Titeln, aber es gab +auch Männer ohne Titel, Nachkommen von Rittern, welche die Reihen der +Sachsen bei Hastings durchbrochen oder die Mauern von Jerusalem +erstiegen hatten. Es gab Bohun's, Mowbray's, de Veres, selbst Verwandte +des Hauses Plantagenet, die keinen andern Titel als den des Esquire's +und keine andern bürgerlichen Vorrechte hatten, als die, deren sich +jeder Pächter und Krämer erfreute. Eine Grenzlinie welche, wie in andern +Ländern, den Patrizier vom Plebejer scheidet, gab es bei uns nicht. +Der Freisasse fühlte sich nicht geneigt, unzufrieden auf die Würden zu +blicken, die seinen eigenen Kindern erreichbar waren, und der Edelmann +von hohem Range fühlte sich nicht versucht, einen Stand mit Verachtung +zu behandeln, zu dem seine Kinder hinabsteigen mußten. + +Nach den Kriegen der Häuser York und Lancaster wurden die Bande, welche +den Adel und das Volk umschlangen, inniger und zahlreicher, als je. Wie +groß die durch diese Kriege unter der alten Aristokratie angerichtete +Verwüstung war, läßt sich aus einem einzigen Umstande folgern. Im Jahre +1451 berief Heinrich IV. dreiundfünfzig weltliche Lords zum Parlamente; +die Zahl der von Heinrich VII. im Jahre 1485 berufenen weltlichen Lords +betrug nur neunundzwanzig, und von diesen waren mehrere erst kurz vor +der Berufung zur Peerswürde erhoben worden. Im Laufe des folgenden +Jahrhunderts wurden die Reihen des hohen Adels stark aus der Gentry +ergänzt. Zu dieser heilsamen Vermischung der Stände trug besonders die +Verfassung des Hauses der Gemeinen bei. Der abgeordnete Ritter der +Grafschaft war das verbindende Glied zwischen dem Baron und dem Krämer. +Auf denselben Bänken zwischen Goldschmieden, Tuchhändlern und +Gewürzkrämern, welche die Handelsstädte in das Parlament gesandt hatten, +saßen auch Mitglieder, die man in jedem andern Lande für Edelleute und +Erbgutsherrn erachten würde, denn sie waren berechtigt, Gericht zu +halten und Wappen zu führen, und konnten durch viele Generationen zurück +ihre ehrenvolle Abstammung verfolgen. Einige von ihnen waren jüngere +Söhne und Brüder hoher Lords, andere konnten sich sogar von königlicher +Abkunft rühmen. Endlich trat der älteste Sohn eines Earl von Bedford, +dem man als Courtoisie den Titel seines Vaters beigelegt, als Bewerber +um einen Platz im Hause der Gemeinen auf, und seinem Beispiele folgten +andere. Waren die Erben der Großen des Reichs einmal Glieder dieses +Hauses, so nahmen sie sich der Privilegien desselben ebenso eifrig an, +als irgend einer der Bürger, mit denen sie gemischt waren. So ward schon +von frühen Zeiten an unsere Demokratie die am meisten aristokratische, +und unsere Aristokratie die am meisten demokratische von der Welt, eine +Eigenthümlichkeit, die sich bis zu unsern Tagen erhalten, und manche +wichtige moralische und politische Wirkung geäußert hat. + + +[_Regierung der Tudors._] Die Regierung Heinrichs VII., seines Sohnes +und seiner Enkel war im Allgemeinen willkürlicher, als die der +Plantagenets. Dieser Unterschied läßt sich, bis zu einer gewissen +Grenze, aus dem persönlichen Charakter erklären, denn Muth und +Willenskraft waren Männern und Frauen des Hauses Tudor gemein. Während +eines Zeitraums von einhundertzwanzig Jahren übten sie ihre Macht stets +mit Energie, oft mit Gewaltthätigkeit, mitunter selbst mit Grausamkeit +aus. Nach dem Beispiele der ihnen vorangegangenen Herrscherfamilie +verletzten sie nicht selten die Rechte einzelner Unterthanen, erhoben +zuweilen Steuern unter dem Namen von Anleihen und Geschenken, befreieten +sich von Straferlassen, und wenn sie auch nie aus eigener +Machtvollkommenheit ein bleibendes Gesetz zu geben wagten, so erlaubten +sie sich dennoch bei vorkommenden Fällen, wenn das Parlament nicht +versammelt war, vorübergehenden Bedürfnissen durch vorübergehende +Verfügungen abzuhelfen. Die Bedrückung über einen gewissen Punkt +hinauszutreiben, war indeß den Tudors nicht möglich, da sie keine +bewaffnete Macht besaßen und von einem bewaffneten Volke umgeben waren. +Die Wache des Palastes bestand nur aus wenigen Dienern, welche das +Aufgebot einer einzigen Grafschaft oder eines einzigen Distrikts von +London leicht hätte überwältigen können. Auf solche Weise wurden diese +stolzen Fürsten in stärkere Schranken gehalten, als auferlegte Gesetze +zu ziehen vermögen, in Schranken, die sie zwar nicht hinderten, mitunter +gegen einen Einzelnen willkürlich und selbst grausam zu verfahren, die +aber doch das Volk im Allgemeinen vor dauernden Bedrückungen sicher +stellten. + +In dem Bereiche ihres Hofes konnten sie zwar gefahrlos als Tyrannen +auftreten, aber sie mußten doch stets mit Besorgniß auf die Stimmung +des Landes achten. Heinrich VIII. z.B. fand keinen Widerstand, als er +Buckingham und Surrey, Anna Boleyn und Lady Salisbury auf das Schaffot +bringen wollte; als er aber ohne Bewilligung des Parlamentes den +sechsten Theil des Vermögens seiner Unterthanen als Steuer forderte, +fand er sich bald genöthigt, davon abzustehen. Hunderte und Tausende +riefen, daß sie Engländer und nicht Franzosen, freie Männer und nicht +Knechte seien. In Kent mußten die königlichen Kommissäre ihr Leben durch +die Flucht retten; in Suffolk griffen viertausend Männer zu den Waffen, +während die königlichen Statthalter in dieser Grafschaft vergebens ein +Heer zusammenzubringen suchten. Wer sich auch nicht an dem Aufstande +betheiligte, erklärte dennoch, daß er in einem solchen Kampfe nicht +gegen seine Brüder fechten wolle. So stolz und eigensinnig Heinrich auch +war, er mied nicht ohne Grund den Kampf mit dem aufgeregten Geiste der +Nation, denn ihm schwebte das Schicksal seiner Vorgänger, die zu +Berkeley und Pomfret umgekommen waren, vor Augen. Er widerrief nicht nur +seine ungesetzlichen Erlasse, er verzieh nicht nur allen Mißvergnügten; +er entschuldigte sich selbst öffentlich und feierlich deswegen, daß er +die Gesetze verletzt habe. + +Sein Benehmen bei diesem Anlasse bezeichnet die ganze Politik seines +Hauses. Die Fürsten dieser Linie besaßen ein hitziges Temperament und +einen hochfliegenden Geist, aber sie kannten den Charakter des Volks, +das sie regierten, und nie trieben sie, wie manche ihrer Vorgänger und +Nachfolger, die Hartnäckigkeit bis zu einem gefährlichen Punkte. Die +Tudors handelten stets so besonnen, daß ihre Macht zwar oft Widerstand +fand, aber nie gestürzt wurde. Die Herrschaft eines Jeden derselben ward +durch starke Ausbrüche der Unzufriedenheit gestört, aber stets gelang es +der Regierung, die Aufständischen entweder zu beruhigen, oder sie zu +besiegen und zu bestrafen. Durch rechtzeitige Zugeständnisse wußte sie +auch mitunter Bürger-Unruhen abzuwenden; in der Regel aber blieb sie +fest, und rief die Nation um Hilfe an. Die Nation folgte dem Rufe, +sammelte sich um den Herrscher, und machte ihm die Unterwerfung der +kleinen Anzahl Mißvergnügter möglich. + +Auf diese Weise entwickelte sich die Größe und Blüthe Englands von +Heinrichs III. bis zu Elisabeths Zeit unter einer Verfassung, die den +Keim zu unsern gegenwärtigen Institutionen in sich trug, und, wenn sie +auch nicht genau bestimmt war und streng beobachtet wurde, dennoch durch +die Furcht der Regierenden vor dem Geiste und der Kraft der Regierten +gegen das Ausarten in Despotismus nachdrücklich geschützt ward. + +Eine solche Staatsverfassung paßt indeß nur für ein eigenes Stadium in +der Ausbildung der Gesellschaft. Dieselben Ursachen, die in den +friedlichen Künsten eine Theilung der Arbeit bewirken, müssen endlich +auch den Krieg zu einer besondern Wissenschaft und einem besondern +Gewerbe machen. Es kommt eine Zeit, in welcher der Gebrauch der Waffen +die volle Aufmerksamkeit eines besondern Standes zu beanspruchen +beginnt; es zeigt sich bald, daß noch so tapfere Bauern und Bürger +geübten Soldaten gegenüber nicht Stand halten können, Männern, deren +ganzes Leben eine Vorbereitung auf den Tag der Schlacht ist, deren +Nerven durch das stete Vertrautsein mit der Gefahr abgehärtet sind, und +deren Bewegungen die völlige Genauigkeit eines Uhrwerks eigen ist. Man +begreift, daß der Schutz von ganzen Nationen nicht länger mehr sicher +solchen Streitern anvertraut werden könne, die zu einem vierzigtägigen +Feldzuge dem Pfluge oder Webstuhle entnommen sind. Bildet irgend ein +Staat ein großes, stehendes Heer, so müssen die Nachbarstaaten dem +Beispiele nachahmen, wenn sie sich einem fremden Joche nicht unterwerfen +wollen. Wo aber ein großes stehendes Heer vorhanden ist, kann die +beschränkte Monarchie nach Art des Mittelalters nicht länger +fortbestehen; der Regent ist mit einem Male von der Hauptfessel seiner +Macht befreit und wird unvermeidlich absolut, wenn ihm nicht Schranken +angewiesen werden, die einer Gesellschaft als überflüssig erscheinen +würden, in der Jeder vorkommenden Falls, aber Keiner stets Soldat ist. + + +[_Die beschränkten Monarchien des Mittelalters sind allgemein in +absolute Monarchien verwandelt._] Mit der Gefahr kamen auch die Mittel, +sich vor ihr zu schützen. In den Monarchien des Mittelalters besaßen die +Fürsten die Macht des Schwertes, die Nation aber die Macht des +Geldbeutels, und in demselben Maße, wie die fortschreitende Civilisation +das Schwert des Fürsten der Nation stets furchtbarer ward, so ward der +Geldbeutel der Nation dem Fürsten stets nothwendiger. Die erblichen +Einkünfte des Letztern reichten nicht länger für die Kosten der +Civilverwaltung aus, und es war völlig unmöglich, daß er ohne ein +geregeltes und umfassendes Steuersystem eine große Masse disciplinirter +Truppen in steter Thätigkeit erhalten konnte. Die Politik, welche die +parlamentarischen Versammlungen Europa's hätten befolgen müssen, wäre +gewesen: fest auf ihr verfassungsmäßiges Recht zu bestehen, wonach ihnen +die Bewilligung und das Ablehnen des Geldes zustand, und entschlossen, +so lange die Summen für den Unterhalt der Armeen zu verweigern, bis sie +hinreichende Bürgschaft gegen Despotismus erlangt hätten. + +Nach dieser weisen Politik handelte man nur in unserm Vaterlande; in den +benachbarten Königreichen traf man große militärische Einrichtungen, +aber man dachte nicht daran, der öffentlichen Freiheit Schutzwehren zu +errichten, und hieraus folgte, daß überall die alten parlamentarischen +Verfassungen aufhörten. In Frankreich, wo sie stets schwach gewesen, +siechten sie hin, bis sie endlich an völliger Schwäche erstarben. In +Spanien, wo sie so stark gewesen wie nur irgend in Europa, vertheidigten +sie tapfer ihr Leben, aber zu spät. Die Handwerker von Toledo und +Valladolid vertheidigten ohne Erfolg die Privilegien der Castilischen +Cortes gegen die alten geübten Kriegerhaufen Karls V., und ebenso +erfolglos kämpften eine Generation später die Bürger von Saragossa gegen +Philipp II. für die alte Verfassung von Aragonien. So sanken die großen +Nationalversammlungen der festländischen Monarchien eine nach der andern +zu völliger Nichtigkeit herab, Versammlungen, die einst minder stolz und +mächtig gewesen, als jene in Westminster. Wenn sie zusammentraten, +geschah es nur, um einige ehrwürdige Förmlichkeiten zu beobachten, +ungefähr wie jetzt unsere Kirchenversammlungen. + + +[_Die englische Monarchie als besondere Ausnahme._] In England +gestalteten sich die Dinge anders. Dieses besondere Glück hat es +vorzüglich seiner insularischen Lage zu danken. Für die Würde und selbst +für die Sicherheit der französischen und spanischen Monarchien wurden +schon vor dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts große militärische +Einrichtungen unentbehrlich. Hätte eine dieser beiden Mächte eine +Entwaffnung vorgenommen, so würde sie bald dem Übergewichte der andern +unterworfen gewesen sein. England aber, durch das Meer vor Angriffen von +Außen geschützt und selten in Kriegsunternehmungen auf dem Festlande +begriffen, befand sich noch nicht in der Nothwendigkeit, regelmäßige +Truppen zu halten. Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert fanden es +noch ohne stehende Heere. Zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts hatte +die Staatswissenschaft schon beträchtliche Fortschritte gemacht; das +Schicksal der spanischen Cortes und der französischen allgemeinen +Reichsstände war unsern Parlamenten eine ernste Mahnung gewesen, +und noch zu rechter Zeit, die Natur und Größe der Gefahr vollkommen +erkennend, ergriffen sie ein System der Taktik, das nach einem drei +Generationen hindurch dauernden Kampfe endlich dennoch den Sieg errang. + +Fast jeder Schriftsteller, der von diesem Kampfe geschrieben, ist +darzuthun bemüht gewesen, daß die Parthei, der er angehörte, es war, die +für die unveränderte Beibehaltung der alten Verfassung kämpfte; aber das +Wahre ist, daß die alte Verfassung nicht unverändert beibehalten werden +konnte. Ein Gesetz, erhaben über alle Berechnungen menschlicher +Weisheit, hat geboten, daß Verfassungen jener besondern Art, wie sie im +vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderte in Europa allgemein gewesen, +nicht länger mehr bestehen sollten. Die Frage war also nicht, ob unsere +Regierungsform eine Veränderung erleiden, sondern welcher Art diese +Veränderung sein müsse. Durch das Erstehen einer neuen und mächtigen +Kraft war das alte Gleichgewicht gestört und alle beschränkten +Monarchien hatten sich eine nach der andern in unbeschränkte verwandelt. +Was an andern Orten geschehen, würde sicher auch bei uns geschehen sein, +wenn das Gleichgewicht nicht dadurch hergestellt worden wäre, daß man +einen großen Theil der Macht von der Krone auf das Parlament übertrug. +Es fehlte nicht viel, so hätten unsern Fürsten Zwangsmittel zu Gebote +gestanden, wie kein Plantagenet oder Tudor sie je besessen, und sie +wären unvermeidlich Despoten geworden, hätte man ihnen nicht zu gleicher +Zeit Beschränkungen auferlegt, denen kein Plantagenet oder Tudor je +unterworfen gewesen. + + +[_Die Reformation und ihre Wirkungen._] Es scheint demnach gewiß zu +sein, daß das siebzehnte Jahrhundert auch dann nicht ohne heftige Kämpfe +zwischen unsern Königen und ihren Parlamenten vorübergegangen wäre, wenn +nur politische Gründe sie angefacht hätten; aber andere Ursachen, +vielleicht noch gewichtiger, brachten sie hervor. Während die Regierung +der Tudors auf dem Gipfelpunkte ihrer Kraft stand, trat ein Ereigniß +ein, das den Geschicken aller christlichen Völker, und namentlich dem +des englischen Volks, eine neue Richtung gab. Zweimal im Laufe des +Mittelalters hatte sich der Geist Europa's gegen die Herrschaft des +Pabstes erhoben. Die erste Erhebung fand im südlichen Frankreich statt. +Das kräftige Einschreiten Innocenz' III., der Eifer der damals erst +gestifteten Franziskaner- und Dominikaner-Orden und die Rohheit der +Kreuzfahrer, von der Geistlichkeit auf eine unkriegerische Bevölkerung +gehetzt, vernichteten die albigensische Kirche. Die zweite Erhebung +begann in England, und verbreitete sich bis nach Böhmen; aber auch +diesmal gelang es dem Konzil von Kostnitz, indem es einige kirchliche +Mißbräuche, an denen die Christenheit Anstoß nahm, beseitigte, und den +europäischen Fürsten, indem sie schonungslos mit Feuer und Schwert gegen +die Ketzer einschritten, der Bewegung Einhalt zu thun. Auch dies haben +wir nicht sehr zu bedauern. Die Sympathien eines Protestanten werden +sich natürlich zu den Albigensern und Lollards hinneigen; aber ein +gemäßigter und aufgeklärter Protestant wird nach genauer Prüfung doch +wohl in Zweifel ziehen, daß der glückliche Erfolg dieser Sekten +überhaupt Glück und Tugend der Menschen befördert haben würde. +Wie verdorben die römische Kirche damals auch war, so ist es doch +wahrscheinlich, daß eine noch viel verdorbenere an ihre Stelle getreten +sein würde, wenn sie im zwölften, und selbst im vierzehnten Jahrhunderte +noch, gestürzt wäre. Der größte Theil Europa's besaß in jener Zeit nur +wenig Kenntnisse, und die vorhandenen waren Eigenthum der Geistlichkeit. +Von fünfhundert Menschen konnte nicht einer die Psalmen lesen; Bücher +waren selten und theuer; die Buchdruckerkunst kannte man nicht, und +Abschriften der Bibel, bei weitem nicht so schön und deutlich als die, +welche der ärmste Landmann sich jetzt gedruckt verschaffen kann, wurden +zu Preisen verkauft, die selbst der größte Theil der Geistlichen nicht +zu zahlen vermochte. Dem Laienstande war es daher völlig unmöglich, +durch eigene Anschauung die heilige Schrift kennen zu lernen. Wäre nun +das eine geistige Joch abgeworfen gewesen, so hätte man aller +Wahrscheinlichkeit nach ein anderes auferlegt, und die bisher von der +römischen Geistlichkeit ausgeübte Gewalt würde auf eine weit schlimmere +Klasse von Lehrern übergegangen sein. Mit den übrigen Jahrhunderten +verglichen, war das sechzehnte Jahrhundert ein sehr aufgeklärtes; und +dennoch folgte in diesem Zeitalter eine große Anzahl derer, welche sich +von der alten Religion losgesagt, dem ersten besten verlockenden und +scheinheiligen Führer, der sich ihnen darbot, und verfielen bald in noch +gefährlichere Irrthümer als die waren, denen sie entsagt hatten. So war +es dem Matthias und Knipperdolling, den Aposteln der Unzucht, des Raubes +und des Mordes, möglich, eine Zeitlang große Städte zu beherrschen. In +einem noch ungebildeten Zeitalter hätten solche falsche Propheten Reiche +gründen können, und das Christenthum wäre in einen grausamen und +sittenlosen Aberglauben verkehrt worden, schädlicher, nicht nur als das +Pabstthum, sondern auch als der Islam. + +Jene große religiöse Umwälzung, die man besonders die Reformation nennt, +begann ungefähr hundert Jahre nach dem Kostnitzer Konzile. Die Zeit war +nun zu Reformationen reif, denn der geistliche Stand besaß nicht mehr +allein und hauptsächlich den Schatz menschlichen Wissens. Die Erfindung +der Buchdruckerkunst hatte den Gegnern der römischen Kirche eine +mächtige Waffe gegeben, die den Vorgängern derselben gefehlt; das +Studium der alten Schriftsteller, die rasche Entwickelung der neuen +Sprachen, die plötzlich in jedem Zweige der Literatur entfaltete +Thätigkeit, der politische Zustand Europas, die Lasterhaftigkeit des +römischen Hofes, die Erpressungen der römischen Kanzlei, die Eifersucht, +welche die Reichthümer und Privilegien der Geistlichkeit in den Laien +erweckten, der Neid, den das Übergewicht Italiens in den diesseits der +Alpen Geborenen erregte, -- dies Alles gab den Predigern der neuen +Gotteslehre einen Vortheil, den sie zweckmäßig zu verwenden wußten. + +Man kann ohne Inconsequenz, selbst in Anbetracht des wohlthätigen +Einflusses, den die römische Kirche auf die Menschheit ausübte, die +Reformation als ein unschätzbares Glück betrachten. Das Gängelband, +welches das Kind sichert und aufrecht erhält, ist dem Manne ein +Hinderniß. So können dieselben Hilfsmittel, die auf der einen +Bildungsstufe den menschlichen Geist stützen und entwickeln, auf einer +andern ihm hemmende Bande sein. In der Existenz des Einzelnen wie der +Gesellschaften giebt es einen Punkt, wo die Unterwerfung und der Glaube, +die man in späteren Zeiten mit Recht Knechtssinn und Leichtgläubigkeit +nennen würde, nützliche Eigenschaften sind. Das Kind, das gelehrig und +vertrauensvoll auf die Unterweisungen Älterer hört, wird ohne Zweifel +rasche Fortschritte machen; der Mann aber, der unbedenklich und mit +kindlicher Gelehrigkeit jede Behauptung und jede Glaubensansicht eines +andern und nicht klügern Mannes als er, annimmt, würde verächtlich +erscheinen. Ebenso ist es mit ganzen Gesellschaften. Die Kindheit der +europäischen Nationen verfloß unter der Vormundschaft der Geistlichkeit. +Der Einfluß der geistlichen Orden war lange Zeit so überwiegend, wie es +naturgemäß und mit Recht jede geistige Autorität sein muß. Die Priester, +mit allen ihren Fehlern, bildeten den aufgeklärtesten Theil der +Gesellschaft; es war daher im Ganzen genommen ein Glück, daß man ihnen +gehorchte und sie achtete. Die Übergriffe der kirchlichen Macht in das +Gebiet der weltlichen war so lange mehr segenbringend als schädlich, +als sich die geistliche Gewalt in den Händen der einzigen Klasse befand, +die Geschichte, Philosophie und öffentliches Recht studirt hatte, die +weltliche Gewalt aber in den Händen roher Häuptlinge, die ihre eigenen +Verleihungen und Erlasse nicht lesen konnten. Dies änderte sich jedoch; +die Kenntnisse verbreiteten sich nach und nach unter den Laien, von +denen schon im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts viele in geistiger +Beziehung den aufgeklärtesten ihrer Seelenhirten gleich kamen. Von nun +an wurde jene Autorität, welche ungeachtet mancher Mißbräuche in den +Jahrhunderten der Finsterniß eine gesetzliche und heilsame Vormundschaft +gewesen, eine ungerechte und verderbliche Tyrannei. + +Von der Zeit an, wo die Barbaren das weströmische Reich stürzten, bis zu +der Zeit des Wiederemporblühens der Wissenschaften übte die römische +Kirche im Allgemeinen auf Wissenschaft, Civilisation und eine gute +Staatsverfassung einen heilsamen Einfluß aus; aber während der letzten +drei Jahrhunderte ist es ihr Hauptbestreben gewesen, die Entwickelung +des menschlichen Geistes zu hindern. Alle Fortschritte in der +Christenheit, in Wissen, Freiheit, Wohlstand und in den Künsten des +Lebens, sind ungeachtet ihres Entgegenwirkens gemacht worden und haben +stets zu ihrer Macht im entgegengesetzten Verhältnisse gestanden. +Die schönsten und fruchtbarsten Provinzen Europa's sind unter ihrer +Herrschaft in Armuth, politische Knechtschaft und geistige Erstarrung +versunken, während protestantische Länder, die einst als unfruchtbar und +barbarisch sprichwörtlich waren, durch Geschicklichkeit und Fleiß in +Gärten verwandelt wurden, und sich einer langen Reihe von Helden, +Staatsmännern, Philosophen und Dichtern rühmen. Man kann sich ein +Urtheil über die Tendenzen der päpstlichen Herrschaft bilden, wenn man +weiß, was Italien und Schottland von Natur sind und vor vierhundert +Jahren wirklich waren, und wenn man jetzt die Gegend um Rom mit der um +Edinburg vergleicht. Das Herabsinken Spaniens, einst die erste unter den +Monarchien, zu der untersten Stufe der Erniedrigung, und das +Emporsteigen Hollands, ungeachtet mancher natürlichen Hindernisse, +zu einer Höhe, wie sie kein Gemeinwesen von so geringer Ausdehnung je +erreicht hat, beweisen dasselbe. Wer in Deutschland aus einem +katholischen Lande in ein protestantisches, in der Schweiz aus einem +katholischen in einen protestantischen Kanton, und in Irland aus einer +katholischen in eine protestantische Grafschaft kommt, gewahrt, daß er +von einem niedern Grade der Civilisation bei einem höhern Grade +angelangt ist. Dieselben Resultate findet man jenseits des atlantischen +Meeres. Die Protestanten der Vereinigten Staaten haben die Katholiken in +Mexico, Peru und Brasilien weit hinter sich gelassen. Die Katholiken von +Unter-Canada verharren in ihrer Trägheit; die Protestanten aber +erfüllen den ganzen Kontinent um sich her durch Thätigkeit und +Unternehmungsgeist. Die Franzosen haben ohne Zweifel Energie und +Intelligenz an den Tag gelegt, die ihnen, selbst wenn sie in unrechte +Bahnen geleitet wurden, gerechten Anspruch auf den Namen einer großen +Nation geben; aber bei näherer Untersuchung wird sich diese scheinbare +Ausnahme dennoch als eine Bestätigung der Regel bewähren, denn in keinem +Lande, das für römisch-katholisch galt, hat die römisch-katholische +Kirche mehrere Generationen hindurch so wenig in Ansehen gestanden, +als in Frankreich. + +Ob England mehr der römisch-katholischen Religion oder der Reformation +verdankt, ist schwer zu bestimmen. Die Vermischung der Volksstämme und +die Abschaffung der Leibeigenschaft ist vorzüglich ein Ergebniß des +Einflusses, den der Clerus des Mittelalters auf den Laienstand ausübte; +die politische und geistige Freiheit hingegen, sammt allen mit ihnen +verbreiteten Segnungen, dankt England hauptsächlich der großen Erhebung +des Laienstandes gegen die Geistlichkeit. + +Der Kampf zwischen der alten und neuen Glaubenslehre in unserm +Vaterlande war ein langer, und der Ausgang desselben schien mitunter +zweifelhaft. Es gab zwei extreme Parteien, gleich bereit, mit Gewalt zu +handeln, oder mit unbeugsamer Festigkeit zu dulden. Zwischen diesen +beiden Parteien befand sich eine Zeitlang eine dritte, welche zwar sehr +unlogisch, aber dennoch sehr natürlich die in der Kindheit erhaltenen +Lehren mit den Predigten der neuern Evangelisten vermischt und, obgleich +mit Vorliebe an den alten Observanzen hangend, dennoch die mit diesen +Observanzen verknüpften Mißbräuche verabscheute. Leute von solcher +Denkart folgten willig, fast dankbar, den Anleitungen eines tüchtigen +Führers, der ihnen die Mühe ersparte, selbst zu urtheilen und, mit +starker, fester Stimme das Lärmen des Streitens übertönend, ihnen sagte, +wie sie Gott verehren und was sie glauben müßten. Es kann uns daher +nicht befremden, daß die Tudors einen so großen Einfluß auf die +kirchlichen Angelegenheiten auszuüben vermochten, und daß sie diesen +Einfluß meistens nur in ihrem eigenen Interesse geltend machten. + +Heinrich VIII. versuchte eine anglikanische Kirche zu gründen, die sich +von der römisch-katholischen in dem Punkte des Supremats, und nur in +diesem Punkte allein unterschied; der Erfolg war ein außerordentlicher. +Seine Energie des Charakters, seine besonders günstige Stellung zu +fremden Mächten, die ungeheuren Reichthümer, welche durch die Beraubung +der Klöster ihm zufielen, und vorzüglich der Beistand aller Derer, die +zwischen beiden Meinungen schwankten, machten es ihm möglich, beiden +Extremen zu trotzen, die Anhänger der Lehren Luthers als Ketzer +verbrennen und die als Verräther hängen zu lassen, welche die Autorität +des Papstes anerkannten. Aber Heinrichs System starb mit ihm. Wenn er +länger gelebt hätte, würde es ihm schwer geworden sein, eine Stellung zu +behaupten, die von den Anhängern der neuen und der alten Meinungen mit +gleicher Wuth angegriffen wurde. Die Minister, denen die Bewahrung der +königlichen Hoheitsrechte während der Minderjährigkeit seines Sohnes +anvertraut war, konnten es nicht wagen, in einer so kühnen Politik zu +verharren, und eben so wenig unternahm es Elisabeth, zu ihr +zurückzukehren. Es mußte nothwendig eine Wahl getroffen werden: Die +Regierung hatte sich entweder Rom zu unterwerfen, oder die Hilfe der +Protestanten zu erwirken, mit denen sie nur das Eine, den Haß gegen die +päpstliche Gewalt, gemein hatte. Die englischen Reformatoren waren +eifrig bemüht, eben so weit zu gehen, als ihre Brüder auf dem +Continente; einmüthig verdammten sie mehrere Glaubenssätze und Gebräuche +als unchristlich, an denen Heinrich hartnäckig gehalten, und die +Elisabeth nur mit Widerstreben aufgab. Selbst gegen gleichgültige Dinge, +die einen Theil der Verfassung oder des Rituals des mystischen Babylon +gebildet hatten, hegten viele von ihnen einen lebhaften Widerwillen. +Bischof Hooper, der in Gloucester muthig für seinen Glauben starb, +weigerte sich lange Zeit, die bischöflichen Gewänder anzulegen. Bischof +Ridley, ein noch berühmterer Märtyrer, ließ die alten Altäre seiner +Diöcese niederreißen und an Tafeln, die in der Mitte der Kirche +aufgestellt und von den Papisten sehr unehrerbietig Austernbänke genannt +wurden, das heilige Abendmahl austheilen. Bischof Jewel nannte die +geistliche Tracht ein Theaterkleid, einen Narrenanzug, ein Überbleibsel +von den Amonitern, und versprach, Alles aufzubieten, um solche +schmähliche Absurditäten auszurotten. Erzbischof Grindal zögerte lange, +die Mitra anzunehmen, weil er Widerwillen gegen die Weihe hegte, die er +als eine Mummerei betrachtete. Bischof Parkhurst sprach in einem +inbrünstigen Gebet aus, die Kirche von England möge sich die von Zürich +als absolutes Vorbild einer christlichen Verbrüderung nehmen. Bischof +Ponet wollte, daß man die Benennung »Bischof« den Papisten überlassen +und die höchsten Beamten der geläuterten Kirche Superintendenten nennen +sollte. Erwägt man nun, daß alle diese Prälaten nicht der äußersten +Richtung der protestantischen Partei huldigten, so kann man unbezweifelt +annehmen, daß das Werk der Reformation in England ebenso schonungslos +würde betrieben worden sein als in Schottland, wenn man allgemein der +Richtung dieser Partei gefolgt wäre. + + +[_Ursprung der Kirche von England._] In demselben Maße aber, wie die +Regierung des Beistandes der Protestanten bedurfte, so bedurften die +Protestanten des Schutzes der Regierung. Man gab deshalb viel von beiden +Seiten auf, es kam eine Vereinigung zu Stande, und die Frucht dieser +Vereinigung war die Kirche von England. Viele der wichtigsten +Begebenheiten, die sich seit der Reformation in unserm Vaterlande +zugetragen haben, sind den Eigenthümlichkeiten dieser großen Institution +und den heftigen Leidenschaften zuzuschreiben, die sie in den Gemüthern +von Freunden und Feinden erweckt. Die weltliche Geschichte Englands wird +uns völlig unklar bleiben, wenn wir sie nicht im steten Zusammenhange +mit der Geschichte seiner Kirchenverfassungen studiren. + +Der Mann, der am thätigsten bei der Feststellung der Bedingungen jenes +Bündnisses wirkte, aus dem die anglikanische Kirche entstand, war Thomas +Cranmer. Er war der Repräsentant beider Parteien, die damals des +gegenseitigen Beistandes bedurften; er war Theolog und Staatsmann +zugleich. Als Theolog zeigte er sich völlig bereit, die Bahn der +Änderung eben so weit zu verfolgen, als irgend ein schweizerischer oder +schottischer Reformator; als Staatsmann aber strebte er danach, die +Organisation zu bewahren, die Jahrhunderte lang den Zwecken der +römischen Bischöfe so treffliche Dienste geleistet hatte, und von der zu +erwarten stand, daß sie jetzt den Zwecken der englischen Könige und der +Minister derselben eben so ersprießlich sein würde. Sein Charakter und +sein Verstand befähigten ihn vollkommen zu dem Amte des Vermittlers. +Fromm in seinen Worten, ohne Scrupel in seinen Handlungen, im Grunde für +nichts begeistert, kühn in der Theorie, ein Feigling und Mantelträger +bei der Ausführung, ein versöhnlicher Feind und ein lauer Freund, besaß +er alle Eigenschaften, welche zur Aufstellung der Vertragsbedingungen +zwischen den religiösen und weltlichen Feinden des Papismus erforderlich +waren. + + +[_Ihr eigenthümlicher Charakter._] Noch heute zeigt die Kirche in +Verfassung, Lehren und gottesdienstlichen Gebräuchen die sichtbaren +Spuren des Vergleichs, aus dem sie hervorging; sie ist ein Mittelding +zwischen den Kirchen von Rom und Genf. Ihre von Protestanten verfaßten +Bekenntnisse und Abhandlungen stützen sich auf theologische Grundsätze, +an denen Calvin und Knox kaum ein Wort zu tadeln gehabt hätten. Ihre aus +den alten Brevieren entnommenen Gebete und Danksagungen sind fast alle +der Art, daß Bischof Fisher oder der Cardinal Pole sie aus Herzensgrunde +hätten mitbeten können. Ein Polemiker, der ihre Artikel und Homilien im +arminianischen Sinne auslegt, wird bei billigdenkenden Männern eben so +wenig Recht erhalten, als der, der läugnen wollte, daß in ihrer Liturgie +die Lehre von der Wiedergeburt durch die Taufe zu finden sei. + +Die römische Kirche hielt immer noch fest, daß die Bischofswürde eine +göttliche Einsetzung, und gewisse übernatürliche hohe Gaben fünfzig +Generationen hindurch von den elf, die auf dem galiläischen Berge ihre +Ämter empfangen, durch Handauflegen auf die Bischöfe übergegangen seien, +die in Trient sich versammelten. Eine große Anzahl Protestanten aber +hielt die Prälatur geradezu für ungesetzlich, und glaubte in der +heiligen Schrift eine ganz andere Form des kirchlichen Regimentes +ausgesprochen zu finden. Die Gründer der anglikanischen Kirche schlugen +einen Mittelweg ein, indem sie das Episkopat zwar beibehielten, aber den +Einfluß desselben auf das Gedeihen einer christlichen Gesellschaft oder +die Wirksamkeit der Sakramente für unwesentlich erklärten. Cranmer +selbst sprach bei einer wichtigen Gelegenheit als seine Überzeugung aus, +daß es in den ersten christlichen Zeiten keinen Unterschied zwischen +Bischöfen und Priestern gegeben habe, und daß das Händeauflegen völlig +unnütz sei. + +In der presbyterianischen Kirche ist die Leitung des öffentlichen +Gottesdienstes größtentheils den Geistlichen überlassen. Ihre Gebete +sind deshalb in zwei Versammlungen an einem Tage oder in einer +Versammlung an verschiedenen Tagen nicht dieselben. In dieser Gemeinde +sind sie inbrünstig, beredt und sinnreich; in jener vielleicht matt +und absurd. Die Priester der römisch-katholischen Kirche hingegen +haben schon seit Jahrhunderten tagtäglich dieselben alten +Glaubensbekenntnisse, Bitten und Danksagungen, in Indien wie in +Lithauen, in Irland wie in Peru, abgesungen. Der in einer todten Sprache +abgehaltene Gottesdienst ist nur den Gelehrten verständlich, und von der +großen Mehrzahl der versammelten Gemeinde kann man sagen, daß sie +demselben mehr als Zuschauer, denn als Zuhörer beiwohnen. Aber auch hier +schlug die englische Kirche wieder den Mittelweg ein, indem sie die +römisch-katholischen Gebetsformen beibehielt, sie in die Volkssprache +übersetzte und die ungelehrte Menge aufforderte, ihre Stimme mit der des +Priesters zu vereinigen. + +Dieselbe Politik läßt sich durch alle ihre Systeme verfolgen. Sie +verwarf zwar die Lehre von der Transsubstantiation, und verdammte jede +Anbetung des Brodes und Weines beim Abendmahle als einen Götzendienst; +aber sie verlangte dennoch, zum Ärgerniß der Puritaner, daß ihre Kinder +das Erinnerungszeichen göttlicher Liebe demüthig kniend empfangen +sollten. Sie beseitigte zwar die reichen Bekleidungen, welche die Altäre +des alten Glaubens umgaben; aber das einfache weißleinene Gewand, das +Sinnbild der Reinheit, die ihr als der mystischen Braut Christi zukomme, +behielt sie, zum Schrecken schwacher Gemüther, bei. Sie schaffte +zwar eine Menge pantomimischer Bewegungen ab, die bei dem +römisch-katholischen Gottesdienste verständliche Worte vertreten, aber +sie gab doch manchem strengen Protestanten dadurch Anstoß, daß sie das +eben aus dem Taufsteine besprengte Kind mit dem Zeichen des Kreuzes +segnete. Der römische Katholik betete zu einer Menge Heiliger, unter +denen sich Männer von zweifelhaftem, sogar einige von gehässigem +Charakter befanden; der Puritaner weigert sich, selbst den Apostel der +Heiden, den Jünger, den Jesus liebte, »heilig« zu benennen. Obgleich die +Kirche von England kein geschaffenes Wesen um Schutz anflehte, so setzte +sie doch besondere Tage zur Gedächtnißfeier an die fest, die für den +Glauben Großes gewirkt und gelitten hatten. Die Confirmation und die +Ordination behielt sie als erbauliche Gebräuche bei, aber sie zählte sie +nicht zu den Sakramenten. Die Ohrenbeichte gehörte nicht in ihr System; +aber sie forderte den sterbenden Sünder freundlich auf, seine Vergehen +einem Geistlichen zu bekennen, und ermächtigte ihre Diener, die +scheidende Seele durch eine Absolution zu erleichtern, welche ganz den +Geist des alten Glaubens athmet. -- Man kann im Allgemeinen sagen, +sie wendet sich mehr an den Verstand und weniger an die Sinne und die +Phantasie, als die römische Kirche; aber sie nimmt weniger den Verstand +und mehr die Sinne und die Phantasie in Anspruch, als die +protestantischen Kirchen von Schottland, Frankreich und der Schweiz. + + +[_Das Verhältniß, in welchem sie zu der Krone stand._] Nichts jedoch +unterschied die englische Kirche so sehr von andern Kirchen, als ihr +Verhältniß zur Monarchie. Der König war ihr Haupt. Die Grenzen der +Macht, die er als ein solches besaß, waren nicht genau angegeben, und +sind auch nie genau angegeben worden. Die Gesetze, durch die er zum +Oberherrn der Kirche ernannt, waren unbestimmt und zu allgemeinen +Ausdrücken abgefaßt. Prüfen wir, um den Sinn dieser Gesetze genau zu +deuten, die Schriften und das Leben der Gründer der englischen Kirche, +so werden wir in noch größere Verlegenheit gerathen, denn diese +schrieben und wirkten in einer Zeit großer geistigen Gährung, in einer +Zeit steten Strebens und Gegenstrebens. Sie standen daher nicht nur +untereinander, sondern oft auch mit sich selbst im Widerspruch. Der +Lehrsatz, daß der König nächst Christus das alleinige Haupt der Kirche +sei, wurde von Allen einmüthig anerkannt; aber diesen Worten wurde von +Verschiedenen, selbst von Einem und Demselben unter verschiedenen +Umständen, eine sehr verschiedene Bedeutung beigelegt. Man schrieb dem +Souverain nicht selten eine Gewalt zu, mit der sich ein Hildebrand +zufrieden erklärt haben würde; dann wieder ward sie dergestalt +eingeschränkt, daß sie nicht viel größer war als jene, welche alte +englische Fürsten beanspruchten, die stete Gemeinschaft mit der +römischen Kirche gepflogen hatten. Das, was Heinrich und seine +vertrauten Räthe unter Suprematie verstanden, war nichts Geringeres, als +die ganze Macht des Papstes; der König sollte der Papst seines Reiches, +der Stellvertreter Gottes, der Ausleger der katholischen Wahrheit, der +Ausfluß der sakramentlichen Gnaden sein. Er maßte sich die rechtsgültige +Entscheidung über wahre Lehre und Ketzerei an, das Entwerfen und +Anordnen von Glaubensbekenntnissen, und religiöse Unterweisungen für das +Volk. Er erklärte, daß alle geistliche und weltliche Gerichtsbarkeit ihm +allein zustehe, und daß er die Macht besitze, die bischöfliche Würde zu +verleihen und zurückzunehmen; er ging selbst so weit, daß er den +Bestallungsdekreten der Bischöfe, wonach diesen ihre Amtsverrichtungen +nur auf so lange übertragen wurden, als er es für gut befinden würde, +sein Siegel beifügte. Nach diesem, von Cranmer aufgestellten Systeme, +war der König nicht nur das geistliche, sondern auch das weltliche +Oberhaupt der Nation, und in dieser doppelten Eigenschaft mußte er seine +Stellvertreter haben. Wie er bürgerliche Beamte zur Bewahrung seiner +Siegel, zur Erhebung seiner Einkünfte und zur Ausübung des Rechts in +seinem Namen bestellte, so ernannte er auch Geistliche verschiedenen +Ranges, um das Evangelium zu predigen und die Sakramente zu ertheilen; +das Auflegen der Hände war dabei nicht nöthig. Nach Cranmer's klar und +deutlich ausgesprochener Meinung konnte der König, kraft seiner ihm von +Gott verliehenen Gewalt, einen Priester bestellen, und der so bestellte +Priester bedurfte keiner weitern Ordination. Trotz der Opposition +einiger eben nicht höfisch ggesinnten Geistlichen, verfuhr Cranmer nach +diesen Ansichten in allen ihren gesetzlichen Consequenzen; er hielt +seine eigenen geistlichen Funktionen für beendet, wie die des Kanzlers +und des Schatzmeisters, sobald die Krone auf ein anderes Haupt übergehe. +-- Demnach holten, bei Heinrichs Tode, der Erzbischof und seine +Suffragane neue Bestallungen ein, die sie ermächtigten, so lange zu +ordiniren und geistliche Verrichtungen vorzunehmen, bis der neue Monarch +anders verfügen würde. Als man den Einwand machte, die Gewalt zu lösen +und zu binden, die der Herr seinen Aposteln verliehen, sei von der +weltlichen Gewalt ganz verschieden, so antworteten die Theologen dieser +Schule, daß die Macht zu lösen und zu binden nicht auf die Geistlichkeit +allein, sondern auf die Gesammtheit der Christen übergegangen sei und +von der höchsten Obrigkeit, als der Repräsentantin der Gesellschaft, +geübt werden müsse. Dem Einwande, der heilige Paulus habe nur von +bestimmten Personen gesprochen, die der heilige Geist zu Aufsehern und +Hirten der Gläubigen erwählt, ward mit der Antwort begegnet: König +Heinrich sei eben der Aufseher und Hirt, den der heilige Geist erwählt +habe, und auf den sich die Worte des heiligen Paulus bezögen.[3] + +Diese ausgedehnten Ansprüche erregten bei Protestanten und Katholiken +gleiches Ärgerniß, und dies ward ein noch größeres, als das Supremat, +das Maria dem Papste zurückgegeben, bei der Thronbesteigung Elisabeths +mit der Krone wieder verbunden wurde. Man hielt es für unerhört, daß +eine Frau der erste Bischof der Kirche sein solle, in der, nach dem +Verbote des Apostels, sie nicht einmal ihre Stimme hören lassen dürfe. +Die Königin sah sich daher genöthigt, auf den priesterlichen Charakter, +den ihr Vater sich beigelegt, und der nach Cranmer's Ansicht durch +göttliche Verordnung mit der königlichen Würde unzertrennlich verbunden +sei, ausdrücklich Verzicht zu leisten. Bei der unter ihrer Regierung +stattgefundenen Revision des anglikanischen Glaubensbekenntnisses +erklärte man das Supremat in einer ganz andern Weise, als es an +Heinrich's Hofe zu geschehen pflegte. Cranmer hatte in bestimmten +Ausdrücken erklärt, Gott habe den christlichen Fürsten die ganze Sorge +für das Heil aller Unterthanen, also ebensowohl in Bezug auf die +Ausübung des göttlichen Wortes in der Seelsorge, als in Bezug auf die +Ausübung der staatlichen Gewalt, unmittelbar übertragen.[4] Der +siebenunddreißigste Religionsartikel, der unter Elisabeths Regierung +entworfen ward, erklärt in eben so bestimmten Ausdrücken, daß den +Fürsten die Aufsicht über die Ausübung des göttlichen Wortes nicht +gebühre. Aber dessen ungeachtet besaß die Königin immer noch ein +ausgedehntes und unbestimmt begrenztes Aufsichtsrecht über die Kirche. +Das Parlament hatte ihr das Amt übertragen, Ketzereien und jede Art +kirchlicher Mißbräuche zu verhindern und zu bestrafen, und ihr zugleich +gestattet, diese Gewalt wiederum auf Bevollmächtigte übergehen zu +lassen. Die Bischöfe waren nicht mehr, als ihre Minister. Im elften +Jahrhundert würde die römische Kirche eher ganz Europa in Brand gesetzt +haben, als daß sie der bürgerlichen Macht die unumschränkte Befugniß zur +Ernennung geistlicher Hirten zugestanden hätte. In unserer Zeit würden +die Diener der schottischen Kirche ihre Pfründen bei Hunderten aufgeben, +ehe sie der bürgerlichen Obrigkeit die Gewalt einräumten, Kirchendiener +zu ernennen. Solche Scrupel hegte die englische Kirche nicht. Die +königliche Autorität allein genügte, die Kirchenversammlungen +einzuberufen, zu ordnen, zu vertagen und aufzulösen. Ihre Beschlüsse +hatten ohne die königliche Sanction keine Kraft. Selbst einer ihrer +Glaubensartikel bestimmte, daß ein kirchliches Koncilium ohne königliche +Genehmigung gesetzlich nicht zusammentreten könne. Von allen ihren +Gerichtsstellen konnte man in letzter Instanz an die königliche +Autorität appelliren, selbst wenn es sich um die Feststellung +ketzerischer Ansichten, oder um die Gültigkeit eines ausgetheilten +Sakramentes handelte. Eben so wenig mißgönnte die Kirche unsern Fürsten +diese ausgedehnte Gewalt, die von ihnen in's Leben gerufen, in ihrer +schwachen Kindheit gepflegt, hier vor den Papisten und dort vor den +Puritanern bewahrt, gegen ihr abgeneigte Parlamente geschützt, und an +gelehrten Gegnern, denen zu antworten ihr schwer gefallen wäre, gerächt +worden war. So ward sie durch Dankbarkeit, Hoffnung, Furcht und +gemeinsame Neigung und Abneigung an den Thron gefesselt; alle ihre +Traditionen und Gefühle waren monarchisch. Loyalität wurde unter ihrer +Geistlichkeit zu einem Punkte der Standesehre, zu einem Zeichen, das sie +von Calvinisten und Papisten zugleich unterschied. Calvinisten und +Papisten, obgleich in andern Beziehungen uneinig, betrachteten alle +Eingriffe der weltlichen Macht in das Gebiet der geistlichen mit großer +Eifersucht. Calvinisten wie Papisten behaupteten, daß die Unterthanen +berechtigt seien, gegen gottvergessene Regenten das Schwert zu ziehen. +In Frankreich trotzten Calvinisten Karl IX., Papisten Heinrich IV., und +beide Parteien zusammen Heinrich III. In Schottland nahmen Calvinisten +Maria gefangen; im Norden vom Trent schwangen Papisten die Waffen gegen +Elisabeth. Die Kirche von England aber verdammte Calvinisten und +Papisten, und rühmte sich offen, daß sie keine Pflicht beharrlicher und +dringender einschärfe, als die des Gehorsams gegen die Fürsten. + +Die Vortheile, welche der Krone aus dieser innigen Vereinbarung mit der +Staatskirche erwuchsen, waren zwar groß, aber nicht ohne starke +Schattenseiten. Eine große Zahl Protestanten hatte den durch Cranmer +vermittelten Vergleich schon anfangs für eine Erfindung gehalten, um +zweien Herren zu dienen, und für einen Versuch, den Dienst des Herrn mit +dem des Baal zu vereinigen. Unter Eduard VI. hatten die Scrupel dieser +Partei dem regelmäßigen Gange der Regierung mehreremal große Hindernisse +bereitet, und bei der Thronbesteigung Elisabeths mehrten sich diese +Hindernisse. Gewalt gebiert natürlich Gewalt. + + [Anmerkung 3: Siehe eine merkwürdige Schrift, die Stryve als von + Gardiners eigener Hand verfaßt hält: +Ecclesiastical Memorials+, + Buch I. Kap. 17.] + + [Anmerkung 4: Dies sind Cranmer's eigene Worte. Siehe den Anhang + zu Burnets +History of the Reformation, Part I. Book III. No. 21. + Question 9.+] + + +[_Die Puritaner._] Nach den von Maria verübten Grausamkeiten war der +Geist des Protestantismus viel heftiger und unduldsamer, als zuvor. +Viele eifrige Anhänger der neuen Glaubensmeinungen waren in jener +schlimmen Zeit nach der Schweiz und nach Deutschland geflüchtet, hatten +dort bei ihren Glaubensbrüdern gastliche Aufnahme gefunden, zu den Füßen +der großen Doctoren von Straßburg, Zürich und Genf gesessen, und waren +einige Jahre hindurch an einen einfachen Gottesdienst und eine +demokratischere Form der Kirchenverwaltung gewöhnt, als in England bis +dahin existirt hatte. Diese Leute kehrten mit der Überzeugung in ihr +Vaterland zurück, daß die unter König Eduard stattgehabte Reform nicht +so gründlich und umfassend gewesen sei, als es die Interessen einer +reinen Religion erforderten. Ihre Bemühungen, von Elisabeth irgend ein +Zugeständniß zu erlangen, blieben ohne Erfolg. Es schien ihnen, daß das +System der Letztern in allem, worin es sich von dem ihres Bruders +unterschied, schlechter sei, als jenes; sie waren wenig geneigt, sich in +Glaubensangelegenheiten irgend einer menschlichen Autorität zu +unterwerfen. Auf ihre eigene Auslegung der Schrift bauend, hatten sie +sich erst kürzlich gegen eine Kirche erhoben, deren Stärke in großem +Alter und in der allgemeinen Anerkennung beruhte; nur durch einen +ungewöhnlichen Aufwand geistiger Kraft war es ihnen gelungen, das Joch +dieses glänzenden und imponirenden Aberglaubens abzuwerfen, und es stand +daher nicht zu erwarten, daß sie unmittelbar nach einer solchen +Emanzipation sich geduldig einer neuen geistigen Tyrannei fügen würden. +Lange gewöhnt, die Angesichter wie vor einem gegenwärtigen Gotte zur +Erde zu neigen, wenn der Priester die Hostie erhob, hatten sie die Messe +als ein götzendienerisches Possenspiel betrachten gelernt; lange +gewöhnt, den Papst als den Nachfolger des ersten der Apostel, als den +Bewahrer der Schlüssel von Erde und Himmel zu betrachten, hatten sie +gelernt, in ihm das Thier, den Antichrist und den Mann der Sünde zu +sehen. Daß sie nun die Huldigung, die sie dem Vatican entzogen, +unmittelbar auf eine neu geschaffene Autorität übertragen, daß sie ihr +eigenes Urtheil der Autorität einer Kirche unterordnen, die sich +ebenfalls nur auf individuelles Urtheil gründete, und daß sie sich +scheuen würden, von Lehren abzuweichen, die selbst von dem, was noch +kürzlich der allgemeine Glaube der westlichen Christenheit gewesen, +abwich, ließ sich nicht erwarten. Es ist leicht zu begreifen, daß kühne +und forschende Geister, triumphirend über die neu errungene Freiheit, +höchst entrüstet sein mußten, wenn eine um manches Jahr jüngere +Institution als sie selbst, eine Institution, die unter ihren eigenen +Augen nach und nach ihre Form von den Leidenschaften und den Interessen +des Hofes erhalten, das hochmüthige Wesen Rom's nachzuahmen begann. + + +[_Ihr republikanischer Geist._] Da man diese Leute nicht überzeugen +konnte, beschloß man, sie zu verfolgen, und die Verfolgung äußerte ihre +natürlichen Wirkungen: sie fand in ihnen eine Sekte, und machte daraus +eine Partei. Mit ihrem Hasse gegen die Kirche verband sich nun auch der +Haß gegen die Krone. Diese beiden Gefühle vermischten sich, indem eines +die Bitterkeit des andern vermehrte. Die Meinungen der Puritaner über +das gegenseitige Verhältniß zwischen Herrscher und Beherrschten waren +von denen weit verschieden, die in den Homilien eingeschärft wurden. +Die beliebtesten Theologen derselben hatten durch Wort und Beispiel zum +Widerstande gegen Tyrannen und Verfolger ermuthigt; die calvinistischen +Genossen in Frankreich, Holland und Schottland hatten die Waffen gegen +götzendienerische und grausame Regenten ergriffen, und die Ansichten +derselben über Staatsregierung nahmen die Färbung der Ansichten von der +Kirchenregierung an. Einige von den Sarkasmen, die das Volk im gemeinen +Leben gegen die Geistlichkeit richtete, konnten leicht auf das Königthum +gerichtet werden, und manche der Gründe, durch die man bewies, daß die +geistliche Gewalt am besten durch eine Synode ausgeübt werde, führten +anscheinend auch zu dem Schlusse, daß die weltliche Gewalt am besten in +einem Parlamente bewahrt sei. + +Wie nun der Priester der Staatskirche aus Interesse, Grundsatz und +Leidenschaft den königlichen Vorrechten ein eifriger Verfechter war, +so stand der Puritaner aus Interesse, Grundsatz und Leidenschaft ihnen +feindlich entgegen. Die mißvergnügten Sektirer hatten eine ausgedehnte +Macht, in jedem Stande fanden sie Anhänger, und unter den +handeltreibenden Klassen der Städte sowie unter den kleinen +Grundbesitzern auf dem Lande die meisten. + + +[_Gegen die Regierung Elisabeths erhob sich keine systematische +parlamentarische Opposition._] Schon in den ersten Regierungsjahren +Elisabeths bildeten diese Sektirer die Majorität in dem Hause der +Gemeinen, und wenn unsere Vorfahren damals ihre ganze Aufmerksamkeit auf +die innern Angelegenheiten hätten richten können, so unterliegt es +keinem Zweifel, daß der Streit zwischen der Krone und dem Parlamente +sofort begonnen haben würde. Damals aber war keine Zeit für innere +Zwistigkeiten. Es steht überhaupt in Frage, ob selbst die festeste +Vereinigung aller Klassen im Staate die gemeinsame Gefahr, die ihnen +drohte, hätte abwenden können. Das römisch-katholische und das +reformirte Europa führten einen Kampf auf Leben und Tod. Frankreich, +mit sich selbst im Kriege begriffen, konnte für einige Zeit in der +Christenheit nicht in Betracht gezogen werden. Die englische Regierung +stand an der Spitze des protestantischen Interesses, und während sie im +Lande die Presbyterianer verfolgte, ließ sie den presbyterianischen +Kirchen im Auslande einen kräftigen Schutz angedeihen. An der Spitze der +Gegenpartei stand der mächtigste Fürst jener Zeit, ein Fürst, der +Spanien, Portugal, Italien, die Niederlande und Ost- und West-Indien +beherrschte, dessen Armeen mehr als einmal Paris bedrohten, und dessen +Flotten die Küsten von Devonshire und Sussex in Furcht hielten. Lange +hatte es den Anschein, daß die Engländer auf eignem Boden einen +verzweifelten Kampf um Religion und Unabhängigkeit zu bestehen haben +würden, und von der Befürchtung eines argen Verrathes im eignen Lande +waren sie keinen Augenblick frei, denn damals war es auch für viele edle +Charaktere ein Gewissens- und Ehrenpunkt geworden, das Vaterland der +Religion zu opfern. Eine Reihe schwarzer Pläne, von Römisch-Katholischen +gegen das Leben der Königin und die Existenz der Nation ausgebrütet, +hielt die Gesellschaft in steter Besorgniß. Mag immerhin Elisabeth ihre +Fehler gehabt haben, es ist dennoch klar, daß, nach menschlichem +Ermessen, das Schicksal des Reichs und aller reformirten Kirchen von der +Sicherheit ihrer Person und von dem Glücke ihrer Regierung abhing. +Es war daher die erste Pflicht eines Patrioten und Protestanten, die +Autorität derselben zu kräftigen, und diese Pflicht ward treulich +erfüllt. Selbst in der Nacht der Kerker, wohin Elisabeth sie gesendet +hatte, beteten die Puritaner mit ungeheuchelter Inbrunst, daß die +Königin vor dem Dolche des Meuchelmörders geschützt bleiben, daß der +Aufruhr zu ihren Füßen niedergeworfen werden, und ihre Waffen zu Wasser +und zu Lande siegreich sein mögen. Einer der hartnäckigsten Anhänger +jener hartnäckigen Sekte, dem der Scharfrichter eine Hand abhauen mußte, +weil er sich durch seinen maßlosen Eifer zu einem Vergehen hatte +hinreißen lassen, schwenkte unmittelbar nach der Exekution mit der ihm +gebliebenen Hand seinen Hut und rief: Gott erhalte die Königin! Das +Gefühl, das diese Leute bei ihrem Anblicke beseelte, ist auf die +Nachkommen übergegangen, und die Nonconformisten, obgleich sie von ihr +sehr streng behandelt wurden, haben in der Gesammtheit stets ihr +Andenken ehrend bewahrt.[5] + +Zeigten sich, während des größern Theils ihrer Regierung, die Puritaner +im Hause der Gemeinen mitunter auch widersetzlich, so versuchten sie +doch nie, in einer systematischen Opposition ihr entgegenzutreten. Als +aber durch die Niederlage der Armada, den glücklichen Widerstand der +Vereinigten Niederlande gegen die spanische Macht, die Befestigung des +Thrones Heinrichs IV. von Frankreich und durch den Tod Philipps II. +Staat und Kirche gegen alle Gefahr von Außen gesichert war, begann +sofort im Innern ein hartnäckiger Kampf, der mehrere Generationen +hindurch dauern sollte. + + [Anmerkung 5: Der puritanische Geschichtsschreiber Neal, nachdem + er ihre Härte gegen die Sekte getadelt, der auch er angehörte, + sagt schließlich: Die Königin Elisabeth wird trotz dieser Makel in + der Geschichte eine weise und staatskluge Fürstin bleiben, denn + sie befreite ihr Königreich von den Bedrängnissen, in denen es + sich bei ihrem Regierungsantritte befand, und schützte die + protestantische Reformation, nach außen hin, gegen die mächtigen + Angriffe des Papstes, des Kaisers und des Königs von Spanien, im + Innern gegen die der Königin von Schottland und ihrer papistischen + Unterthanen. Sie war der Ruhm des Zeitalters, in dem sie lebte, + und wird die Bewunderung der Nachwelt sein. -- +History of the + Puritans, Part I. Chap. VIII.+] + + +[_Monopolfrage._] In dem Parlamente von 1601 lieferte die Opposition, +die seit vierzig Jahren im Stillen Kräfte gesammelt und gespart hatte, +ihre erste große Schlacht, und gewann ihren ersten Sieg. -- Der Boden +war gut gewählt. Die englischen Souveraine sind stets mit der obersten +Leitung der Handelspolizei betraut gewesen; sie besaßen das unantastbare +Recht der Münz-, Gewicht- und Maß-Regulirung, der Bestimmung der +Messen, Märkte und Häfen. Die Grenzlinie ihrer Autorität in +Handelsangelegenheiten war, wie gewöhnlich, sehr undeutlich gezeichnet; +wie gewöhnlich machte sie daher Übergriffe in das Gebiet, das +verfassungsmäßig der Gesetzgebung angehörte. Diese Übergriffe wurden, +wie gewöhnlich, so lange geduldig ertragen, bis sie einen ernsten +Charakter annahmen. Als endlich die Königin sich anmaßte, dutzendweis +Patente zu Monopolen zu ertheilen, daß es kaum noch eine Familie im +Reiche gab, die sich nicht über Bedrückungen und Erpressungen, die +natürlich aus diesem Mißbrauche entstehen mußten, zu beklagen hatte; als +Eisen, Öl, Essig, Kohlen, Salpeter, Blei, Stärke, Garn, Felle, Leder und +Glas mit übermäßig hohen Preisen bezahlt werden mußten -- da versammelte +sich das Haus der Gemeinen in einer sehr zornigen und entschlossenen +Stimmung, und umsonst tadelte eine höfisch gestimmte Minderzahl den +Sprecher, daß er die Handlungen der königlichen Hoheit in Frage stellen +lasse. Die starke und drohende Sprache der mißvergnügten Partei fand in +der Stimme der ganzen Nation ihren Wiederhall. -- Ein wüthender +Volkshaufen umtobte den Wagen des ersten Ministers der Krone, +verwünschte die Monopole, und rief aus, es dürfte nicht geduldet werden, +daß die königlichen Hoheitsrechte die alten Freiheiten Englands +antasteten. Einen Augenblick schien es, als ob die lange und ruhmreiche +Regierung Elisabeths ein schmähliches, unglückliches Ende nehmen solle. +Mit bewunderungswürdiger Klugheit und Fassung lehnte die Königin aber +den Streit ab, stellte sich an die Spitze der reformirten Partei, +entsprach den erhobenen Beschwerden, dankte den Gemeinen in einer +ergreifenden und würdigen Ansprache für die eifrige Sorge um das +öffentliche Wohl, gewann sich die Herzen des Volks wieder, und +hinterließ ihren Nachfolgern ein denkwürdiges Beispiel von dem Verhalten +eines Herrschers öffentlichen Bewegungen gegenüber, denen Widerstand zu +leisten nicht möglich ist. + + +[_Schottland und Irland werden wieder mit England Theile ein und +desselben Reichs._] Im Jahre 1603 starb die große Königin. In vielen +Beziehungen ist dieses Jahr eine der wichtigsten Epochen unserer +Geschichte. Schottland und Irland wurden damals wieder mit England +vereinigt. Beide Länder waren zwar von den Plantagenets zur Unterwerfung +gebracht, aber keines derselben hatte sich geduldig dem Joche gefügt. +Schottland hatte mit heldenmüthiger Ausdauer seine Unabhängigkeit wieder +erkämpft, war seit der Zeit des Robert Bruce ein besonderes Königreich +gewesen, und ward nun mit dem südlichen Theile der Insel dergestalt +vereinigt, daß sein Nationalstolz mehr befriedigt, als verletzt wurde. +Irland hatte seit der Zeit Heinrichs II. nie die fremden Eroberer +vertreiben können, obgleich es lange und heftig gegen sie gekämpft. +Während des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts war die englische +Macht auf dieser Insel stets gesunken, und in den Tagen Heinrichs VII. +war sie bis zu dem niedrigsten Punkte gelangt. Die irischen Besitzungen +dieses Fürsten bestanden nur aus den Grafschaften Dublin und Louth, +einigen Theilen von Meath und Kildare, und aus einigen an der Küste +zerstreut liegenden Seehäfen. Der größte Theil von Leinster selbst war +noch nicht in Grafschaften eingetheilt. Munster, Ulster und Connaught +standen unter kleinen souverainen Fürsten, die theils Celten, theils +ausgeartete Normannen waren, ihren Ursprung vergessen, und celtische +Sprache und Sitten angenommen hatten. Während des sechzehnten +Jahrhunderts aber war die englische Macht wieder bedeutend gewachsen. +Die halbwilden Häuptlinge, die jenseits der Grenzpfähle regierten, +hatten sich einer nach dem andern den Statthaltern der Tudors +unterworfen. Wenig Wochen vor Elisabeths Tode ward endlich durch +Mountjoy die Eroberung vollendet, die Strongbow vor mehr als vierhundert +Jahren begonnen hatte. Jakob I. hatte kaum den Thron bestiegen, als die +letzten O'Donnell und O'Neill, die bisher in dem Range unabhängiger +Fürsten gestanden, zu Whitehall seine Hand küßten. Von da an gewannen +seine Erlasse in Irland Geltung, seine Richter hielten dort überall ihre +Assisen, und das englische Gesetz trat an die Stelle der Gebräuche, die +unter den eingeborenen Stämmen geherrscht hatten. + +Schottland und Irland waren an Umfang einander fast gleich, und beide +zusammen ziemlich so groß wie England; aber sie hatten eine weit +geringere Bevölkerung und standen ihm an Wohlstand und Civilisation +nach. Schottland war durch die Unfruchtbarkeit seines Bodens +zurückgeblieben, und auf Irland ruhete noch immer, obgleich rings von +Licht umgeben, die starre Finsterniß des Mittelalters. + +Mit Ausnahme der celtischen Stämme, die dünn zerstreut die Hebriden und +die gebirgigen Theile der nördlichen Grafschaften bewohnten, war die +Bevölkerung Schottlands von demselben Blute wie die Englands, sie redete +dieselbe Sprache, die sich von dem reinsten Englisch nicht mehr +unterschied, als sich die Dialekte von Somersetshire und Lancashire von +einander unterschieden. Die Bevölkerung Irlands dagegen war, mit +Ausnahme der kleinen englischen Kolonie unfern der Küste, celtisch, +und bewahrte noch immer celtische Sprache und Sitte. + +Zu der Zeit ihrer Verbindung mit England zeichneten sich beide Nationen +durch angeborenen Muth und durch Intelligenz aus. In Ausdauer, +Selbstbeherrschung, Vorsicht, kurz in allen Eigenschaften, die im Leben +Erfolge sichern, sind die Schotten nie übertroffen worden. Die Iren +hingegen zeichneten sich durch Eigenschaften aus, die mehr interessant +als glücklich machen. Ein feuriges und ungestümes Volk, waren sie leicht +zum Weinen und zum Lachen, zur Wuth und zur Liebe zu bewegen. Von den +Nationen des nördlichen Europa's besaßen sie allein die Empfänglichkeit, +die Lebhaftigkeit und die natürlichen Anlagen zur Pantomime und +Redekunst, die man unter Küstenbewohnern des mittelländischen Meeres +heimisch findet. In geistiger Bildung stand Schottland unbestreitbar +höher. War es auch damals das ärmste Königreich in der Christenheit, +so wetteiferte es dennoch in jedem Zweige des Wissens mit den +begünstigtesten Ländern. Schotten, deren Wohnung und Nahrung so elend +waren, wie die der Isländer zu unserer Zeit, schrieben eben so schöne +lateinische Verse als Vida, und machten wissenschaftliche Entdeckungen, +die einem Galilei zum Ruhme gereicht haben würden. Irland hatte sich +keines Buchanan oder Napier zu rühmen; das Genie, mit dem die Urbewohner +desselben reich begabt waren, gab sich nur in Balladen kund, die +obgleich roh und rauh, dem Kennerauge Spenser's dennoch eine schöne, +reine Poesie zu enthalten schienen. + +Schottland bewahrte seine ganze Würde, als es zu einem Theile der +britischen Monarchie umgeschaffen wurde. Nachdem es den englischen +Waffen Generationen hindurch muthigen Widerstand geleistet hatte, ward +es mit seinem überlegenen Nachbar unter den ehrenvollsten Bedingungen +vereinigt. + +Es _gab_ einen König, anstatt einen zu _empfangen_; es behielt seine +eigene Verfassung und seine eigenen Gesetze, und seine Gerichtshöfe und +Parlamente blieben von denen zu Westminster völlig unabhängig. Die +Verwaltung Schottland's lag in schottischen Händen, denn es fühlte sich +kein Engländer geneigt, nach dem Norden auszuwandern, um mit dem +schlauesten und beharrlichsten aller Stämme um das zu ringen, was sich +in der ärmsten Schatzkammer zusammenraffen ließ. Dagegen strömten +schottische Abenteurer nach dem Süden, wo sie auf allen Lebensbahnen zu +einem Glücke gelangten, das zwar großen Neid erregte, im Allgemeinen +aber nur der gerechte Lohn der Klugheit und des emsigen Fleißes war. +Dessen ungeachtet erlag Schottland dem Geschicke, dem ein jedes Land, +das mit einem andern an Hilfsquellen reichern zwar verbunden, ihm aber +nicht einverleibt wird, unterworfen ist. War es auch dem Namen nach ein +unabhängiges Königreich, so ward es doch länger als ein Jahrhundert in +vielen Beziehungen nur wie eine unterjochte Provinz behandelt. + +Irland ward offen als ein durch das Schwert erkämpftes Besitzthum +regiert. Die rohen National-Institutionen existirten nicht mehr; +die englischen Kolonisten unterwarfen sich den Bestimmungen des +Mutterlandes, ohne dessen Schutz sie nicht bestehen konnten, und suchten +Ersatz darin, daß sie das Volk, unter dem sie sich niedergelassen, mit +Füßen traten. -- Das Parlament, das in Dublin zusammentrat, konnte ohne +vorhergegangene Genehmigung des englischen Geheimen-Raths kein Gesetz +erlassen; die Autorität der englischen Legislatur erstreckte sich über +Irland. Die ausführende Verwaltung war Männern anvertraut, die entweder +England selbst oder dem englischen Bezirke entnommen worden, und in +beiden Fällen wurden diese von der celtischen Bevölkerung als Fremde, +selbst als Feinde betrachtet. + +Aber noch ist des Umstandes zu erwähnen, der die Verschiedenheit Irlands +und Schottlands tiefer als ein anderer begründete: Schottland war +protestantisch. Die Erregung des Volksgeistes gegen die +römisch-katholische Kirche hatte sich in keinem andern Theile Europa's +so rasch und heftig gezeigt. Die Reformatoren hatten ihre +götzendienerische Herrscherin besiegt, abgesetzt und eingekerkert; nicht +einmal auf einen Vergleich, wie er in England abgeschlossen, wollten sie +eingehen. Sie hatten die Lehre, die Kirchenzucht und den Gottesdienst +der Calvinisten eingeführt, und machten zwischen Papstthum und Prälatur, +zwischen der Messe und dem allgemeinen Gebetbuche wenig Unterschied. Zu +Schottlands Unglück war der Fürst, den es zur Regierung eines schönern +Erblandes aussandte, durch die Hartnäckigkeit, mit der die schottischen +Theologen die Privilegien der Synode und der Kanzel gegen ihn behauptet, +der von den Schotten geliebten Kirchenverfassung so abhold geworden, +als es seine weibische Natur nur irgend zuließ; und kaum hatte er den +englischen Thron bestiegen, so begann er einen unduldsamen Eifer für das +Regiment und Ritual der englischen Kirche an den Tag zu legen. + +Die Iren waren das einzige Volk in dem nördlichen Europa, das der alten +Religion treu geblieben. Dies ist zum Theil dem Umstande beizumessen, +daß sie ihren Nachbarn an Kenntnissen um einige Jahrhunderte +nachstanden. Aber auch andere Ursachen hatten mitgewirkt. Die +Reformation war nicht minder eine rationelle, als eine moralische +Erhebung, nicht nur ein Aufstand der Laien gegen die Geistlichkeit, +sondern auch aller Zweige des großen germanischen Stammes gegen +Fremdherrschaft gewesen. Es ist eine höchst merkwürdige Erscheinung, daß +keine große Gesellschaft, deren Sprache nicht deutschen Ursprungs, je +zum Protestantismus übergetreten ist, und daß überall, wo man eine +Sprache redet, die von der des alten Rom abstammt, die Religion des +neuern Rom bis auf diesen Tag die vorherrschende geblieben. Der +Patriotismus der Iren hatte eine eigene Richtung genommen; -- sie waren +nicht auf Rom, sondern auf England erbittert, und hatten besondere +Gründe die englischen Fürsten zu hassen, welche die Häupter des großen +Schisma gewesen: Heinrich VIII. und Elisabeth. Religiöse und nationale +Begeisterung waren während des fruchtlosen Kampfes, den zwei +Generationen milesischer Fürsten gegen die Tudors unterhalten hatten, in +den Gemüthern des besiegten Volksstammes auf das Innigste verschmolzen. +Der neue Hader zwischen Protestanten und Papisten fachte den alten +zwischen Sachsen und Celten an. Die englischen Eroberer vernachlässigten +dabei alle gesetzlichen Bekehrungsmittel; man sorgte weder für Lehrer, +die der besiegten Nation sich verständlich machen konnten, noch für eine +Übersetzung der Bibel in die ersische Sprache. Die Regierung begnügte +sich mit der Einsetzung einer ausgedehnten Hierarchie protestantischer +Erzbischöfe, Bischöfe und Rectoren, die nichts thaten, und für ihr +Nichtsthun mit dem Raube bezahlt wurden, den man an einer von der großen +Masse des Volks geliebten und verehrten Kirche verübte. + +Sowohl in den Zuständen Schottlands als auch Irlands gab es Manches, das +in einem scharfblickenden Staatsmann peinliche Besorgnisse zu erregen +geeignet war. Einstweilen jedoch war ein Anschein von Ruhe da, denn alle +britischen Inseln waren zum ersten Male friedlich unter einem Scepter +vereinigt. + +Man würde glauben können, der Einfluß Englands auf die europäischen +Nationen hätte von dieser Epoche an bedeutend zunehmen müssen. Das +Gebiet, das sein neuer König beherrschte, hatte fast den doppelten +Umfang von dem, welches Elisabeth geerbt, und kein Reich der Welt war so +in sich abgeschlossen, so vor Angriffen gesichert, als das seinige. +Die Plantagenets und Tudors hatten sich wiederholt gegen Schottland +vertheidigen müssen, während sie auf dem Festlande in Kriege verwickelt +waren, und der lange Kampf in Irland hatte ihren Hilfsquellen einen +empfindlichen und andauernden Abzug bewirkt; doch selbst unter so +ungünstigen Verhältnissen hatten sich diese Fürsten einer hohen Achtung +in der ganzen Christenheit zu erfreuen gehabt. Deshalb war nicht +grundlos zu erwarten, daß England, Schottland und Irland vereint hätten +einen Staat bilden müssen, der keinem andern seiner Zeit nachstände. + + +[_Verminderung des Einflusses Englands nach der Thronbesteigung +Jakobs I._] In allen diesen Erwartungen wurde man jedoch arg getäuscht. +Von dem Tage der Thronbesteigung Jakobs I. an sank unser Vaterland von +der Höhe herab, in der es sich bis dahin gehalten, und man begann es als +eine Macht kaum zweiten Ranges zu betrachten. Unter vier auf einander +folgenden Fürsten aus dem Hause Stuart war die große britische Monarchie +viele Jahre hindurch kaum ein wichtigeres Glied in dem europäischen +Staatensysteme, als das kleine Königreich Schottland zuvor gewesen. Dies +ist jedoch nicht zu bedauern. Man kann von Jakob I. wie von Johann +sagen, daß seine Regierung, wäre sie tüchtig und glänzend gewesen, ohne +Zweifel unserm Vaterlande Unheil gebracht hätte, und daß wir seinen +Schwächen und Jämmerlichkeiten mehr verdanken, als der Weisheit und +Kraft viel besserer Regenten. Er kam in einem kritischen Augenblicke zur +Regierung. Der Zeitpunkt, wo entweder der König absolut werden, oder das +Parlament die ganze ausführende Gewalt unter seine Autorität stellen +mußte, rückte schnell heran. Wäre Jakob I. ein tapferer, thätiger und +staatskluger Regent gewesen wie Heinrich IV., Moritz von Nassau oder wie +Gustav Adolph, hätte er sich an die Spitze der Protestanten Europa's +gestellt, hätte er große Siege über Tilly und Spinola erfochten, +Westminster mit der Beute aus baierischen Klöstern und flamländischen +Kathedralen geschmückt, hätte er österreichische und castilianische +Fahnen in der St. Paulskirche aufgehängt und sich, nachdem er große +Thaten ausgeführt, an der Spitze von fünfzigtausend tapfern, +disciplinirten Truppen, die seiner Person treu anhingen, befunden -- das +englische Parlament wäre bald nichts mehr als ein Name gewesen. Zum +Glück war er nicht der Mann, der eine solche Rolle spielen konnte. Er +begann seine Regierung damit, daß er dem Kriege, der viele Jahre lang +zwischen England und Spanien gewüthet hatte, ein Ende machte, und von da +an vermied er Feindseligkeiten mit einer Vorsicht, welche der Hohn +seiner Nachbarn und das Geschrei seiner Unterthanen nicht zu erschüttern +vermochten. Selbst der vereinigte Einfluß seines Sohnes, seines +Günstlings, seines Parlaments und seines Volkes konnte ihm bis zu seinem +letzten Lebensjahre nicht bewegen, den geringsten Schritt zur +Vertheidigung seiner Familie und seiner Religion zu thun. Für die, +welche er regierte, war es gut, daß er in dieser Beziehung ihren +Wünschen kein Gehör gab. Seine friedliche Politik brachte die Wirkung +hervor, daß die Vertheidigung unserer Insel immer noch der Miliz +anvertraut blieb, während Frankreich, Spanien, Italien, Belgien und +Deutschland von gemietheten Soldaten wimmelten. + + +[_Die Lehre vom göttlichen Rechte._] Da der König kein stehendes Heer +besaß und nicht einmal versuchte, ein solches zu bilden, so hätte er +klug gethan, jeden Konflikt mit dem Volke zu vermeiden. Aber seine +Unbedachtsamkeit war so groß, daß er nicht nur die Mittel, die ihn +allein wahrhaft unumschränkt machen konnten, versäumte, sondern daß er +auch stets in der verletzendsten Weise Ansprüche machte, an die keiner +seiner Vorgänger auch nur im Traume gedacht hatte. Damals tauchten jene +seltsamen Theorien auf, welche Filmer später in ein System brachte und +der heftigsten Klasse von Tories und Hochkirchenmännern zur Loosung +wurden. Man behauptete in vollem Ernste, daß das höchste Wesen die +erbliche Monarchie, im Gegensatze zu andern Regierungsformen, besonders +wohlgefällig betrachte; daß das Gesetz der Erbfolge nach der Ordnung der +Erstgeburt eine göttliche Einrichtung, und älter als die christliche +Religion, selbst als die mosaische Gesetzgebung sei; daß keine +menschliche Macht, selbst die der ganzen gesetzgebenden Gewalt, keine +Dauer unrechtmäßigen Besitzes, und wenn sie zehn Jahrhunderte ausmache, +dem gesetzlichen Fürsten seine Rechte rauben könne; daß seine Gewalt +nothwendig stets despotisch sei; daß die das Hoheitsrecht beschränkenden +Gesetze, sowohl in England wie in andern Ländern, nur eine vom Souverain +freiwillig ertheilte Concession sei, die er nach Belieben zurückziehen +könne; und daß endlich jeder Vertrag, den der König mit seinem Volke +abschließt, nur eine Erklärung seiner augenblicklichen Absichten und +nicht eine Verbindlichkeit sei, deren Erfüllung gefordert werden könne. +Obwohl diese Theorie die Grundlagen der Regierung befestigen sollte, so +ist es doch augenscheinlich, daß sie nur dazu beitrug, sie völlig wanken +zu machen. Ließ das göttliche und unabänderliche Gesetz der Erstgeburt +Frauen zu, oder schloß es dieselben aus? In der einen wie in der andern +Voraussetzung wären die Hälfte der europäischen Regenten Usurpatoren, +die trotz der Befehle des Himmels regierten und von den rechtmäßigen +Erben außer Besitz gebracht werden könnten. Diese widersinnigen Theorien +fanden keine Begründung in dem alten Testamente, denn wir lesen darin, +daß das auserwählte Volk getadelt und bestraft ward, weil es einen König +haben wollte, und daß es später den Befehl erhielt, ihm den Gehorsam zu +verweigern. Die ganze Geschichte jenes Volks unterstützt nicht nur die +Ansicht von der göttlichen Einsetzung des Erstgeburtsrechts nicht, sie +scheint vielmehr anzudeuten, daß der Himmel die jüngern Brüder unter +seinen besondern Schutz genommen habe. Isaak war nicht der älteste Sohn +Abrahams, Jakob nicht der Isaaks, Juda nicht der Jakobs, David nicht der +Isais, Salomon nicht der Davids. In den Ländern, wo die Vielweiberei +herrscht, wird die Altersordnung unter den Kindern selten streng +beobachtet. Durch die Stellen des neuen Testamentes, welche die +Regierung als eine Anordnung Gottes bezeichnen, ward Filmers System eben +so wenig unterstützt, denn die Regierung, unter der die Autoren des +neuen Testaments lebten, war keine erbliche Monarchie. Die römischen +Kaiser waren vom Senate ernannte Magistratspersonen, und keiner +derselben behauptete, kraft des Rechtes der Geburt zu regieren; weder +Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch Nero, dem zu gehorchen +Paulus den Römern befahl, waren der patriarchalischen Regierungstheorie +nach faktisch Usurpatoren. Im Mittelalter würde man die Lehre vom +unveräußerlichen Erbrechte für ketzerisch gehalten haben, denn sie war +mit den großen Ansprüchen der römischen Kirche völlig unvereinbar. Auch +den Gründern der englischen Kirche war sie unbekannt. Die Homilie über +die vorsätzliche Empörung hatte den Gehorsam gegen die eingesetzte +Obrigkeit kräftig, und wahrlich zu kräftig, eingeprägt; aber sie machte +weder zwischen erblichen und Wahlmonarchien, noch zwischen Monarchien +und Republiken einen Unterschied. Die meisten Vorgänger Jakobs würden +gewißlich aus persönlichen Beweggründen der patriarchalischen +Regierungstheorie abgeneigt gewesen sein. Wilhelm der Rothe, +Heinrich I., Stephan, Johann, Heinrich IV., Heinrich V., Heinrich VI., +Richard III. und Heinrich VII., alle hatten regiert, ohne sich an die +strenge Ordnung der Erbfolge zu kehren. Über die Legitimität Maria's und +Elisabeths schwebte ein ernster Zweifel ob. Daß Katharina von Aragonien +und Anna Boleyn beide rechtmäßige Frauen Heinrichs VIII. gewesen, war +unmöglich, und die höchste Autorität des Reichs hatte beide Fälle +geleugnet. Die Tudors betrachteten das Erbfolgegesetz so wenig als eine +göttliche unantastbare Einsetzung, daß sie stets daran zu ändern +suchten. Heinrich VIII. erlangte einen Parlamentsbeschluß, wonach er +ermächtigt war, testamentarisch über die Krone zu verfügen, und wirklich +machte er auch zum Nachtheile der königlichen Familie von Schottland ein +Testament. Eduard VI. nahm sich, ohne Ermächtigung vom Parlamente, +ein ähnliches Recht, und die bedeutendsten Reformatoren billigten es. +Elisabeth, überzeugt, daß ihr eigener Rechtsanspruch ernsten +Anfechtungen ausgesetzt war, und nicht geneigt, ihrer Nebenbuhlerin und +Feindin, der Königin von Schottland, auch nur das Recht der Anwartschaft +zu belassen, wußte das Parlament zur Beschließung eines Gesetzes zu +bewegen, wonach Jeder, der die Befugniß des regierenden Herrschers, mit +Genehmigung der Reichsstände die Thronfolge zu ändern, anfechten würde, +den Tod des Verräthers erleiden solle. Aber die Lage Jakobs war eine +ganz andere, als die Elisabeths. Wenn auch an Fähigkeiten ihr +nachstehend, und weniger bei dem Volke beliebt, wenn auch von den +Engländern als ein Fremder betrachtet und durch das Testament Heinrichs +VIII. vom Throne ausgeschlossen, war der König von Schottland dennoch +der unzweifelhafte Erbe Wilhelms des Eroberers und Egberts. Deshalb +hatte er ein naheliegendes Interesse, wenn er die abergläubische Ansicht +einschärfte, die Geburt verleihe Rechte, die über dem Gesetze ständen, +und das Gesetz könne diese Rechte nicht ändern. Diese Ansicht war +übrigens seinem Verstande und seinem Charakter entsprechend, auch fand +sie nicht nur bald viel Vertheidiger unter denen, die um seine Gunst +buhlten, sondern machte auch schnelle Fortschritte unter den Geistlichen +der Staatskirche. + +So wurden die Ansprüche des Monarchen gerade in der Zeit, wo sich im +Parlamente und im Lande der republikanische Geist stark zu regen begann, +so ausgedehnt, daß sie selbst dem hochfahrendsten und eigenmächtigsten +seiner Vorgänger auf dem Throne mißfallen haben würden. + +Jakob rühmte sich stets seiner Fertigkeit in dem, was er +Königskunstgriff nannte; und doch läßt sich kaum ein Verfahren denken, +das allen Regeln der Kunst eines Herrschers so zuwider wäre, als das +seine. Weise Regenten haben stets die Politik befolgt, Handlungen der +Gewalt unter populären Formen zu verbergen. Augustus und Napoleon +schufen auf diese Weise absolute Monarchien, indeß die Volksmenge sie +nur für hervorragende Bürger hielt, denen man zeitweilig die höchste +Gewalt übertragen. Die Politik Jakobs stand zu der dieser beiden Männer +im schroffsten Gegensatze. Er reizte und beunruhigte seine Parlamente +durch die wiederholte Erklärung, daß sie ihre Privilegien nur so lange +als es ihm beliebe besäßen, und daß sie eben so wenig die Rechtmäßigkeit +seiner eigenen Handlungen als die der Gottheit zu beurtheilen befugt +seien. Und dennoch beugte er sich ihnen, gab einen Minister nach dem +andern ihrer Rache preis, und ließ sich durch sie zu Handlungen bewegen, +die seinen Lieblingswünschen durchaus nicht entsprachen. Der Unwille +über seine Ansprüche wuchs gleichzeitig mit der Verachtung, die seine +Zugeständnisse erregten. Seine Vorliebe für unwürdige Günstlinge und die +Nachsicht mit der Tyrannei und Raubsucht derselben erhielten die +Unzufriedenheit beständig wach; seine Feigheit, sein kindisches Wesen, +seine Pedanterie, das Widrige in Person und Manieren und seine +provinzielle Sprache machten ihn zum Gegenstande des Gespötts. Selbst in +seinen Vorzügen und Talenten zeigte sich stets das Unkönigliche. In dem +Verlaufe seiner Regierung verloren alle jene ehrwürdigen +Ideenverbindungen, die so lange die Stütze des Thrones gewesen, nach und +nach ihre Kraft. Seit zweihundert Jahren waren alle Herrscher Englands, +mit Ausnahme des unglücklichen Heinrich VI., charakterfeste, stolze, +muthige und wirklich fürstliche Männer gewesen, und fast alle hatten +mehr als gewöhnliche Fähigkeiten besessen; es war daher kein +bedeutungsloser Umstand, daß gerade am Vorabend des entscheidenden +Kampfes zwischen unsern Regenten und ihren Parlamenten das Königthum +stammelnd, geifernd, unmännlich weinend, vor einem gezogenen Degen +bebend und bald im Tone des Narren, bald in dem eines Schulmeisters +redend, der Welt sich zeigen sollte. + + +[_Die Kluft zwischen der Kirche und den Puritanern wird größer._] +Inzwischen waren die religiösen Zwistigkeiten, die seit der Zeit +Eduard VI. die Protestanten bewegt hatten, furchtbarer als je geworden. +Die Kluft zwischen der ersten Generation der Puritaner einerseits und +Cranmer und Jewel andererseits, war in Vergleich zu der, welche die +dritte Generation der Puritaner von Laud und Hammond trennte, eine +kleine. So lange Maria's Grausamkeiten noch in frischer Erinnerung +standen, die Macht der katholischen Partei noch Besorgnisse erweckte, +und so lange Spanien ein Übergewicht hatte und nach der +Universalherrschaft trachtete, waren sich alle reformirten Sekten eines +starken, gemeinsamen Interesses und eines gemeinsamen Todfeindes bewußt. +Ihre Erbitterung untereinander war im Vergleich zu der, die sie gegen +Rom hegten, nur schwach zu nennen. Conformisten und Nichtconformisten +hatten einen aufrichtigen Bund zur Erwirkung äußerst strenger Gesetze +gegen die Papisten geschlossen. Als aber mehr denn ein halbes +Jahrhundert ungestörten Besitzes der Staatskirche Zuversicht eingeflößt, +als neun Zehntheile des Volks aufrichtig dem Protestantismus anhingen, +als England mit aller Welt in Frieden stand, als eine Gefahr, den +Papismus der Nation durch fremde Waffen aufgedrängt zu sehen, nicht mehr +zu fürchten war, und als die letzten Bekenner, die vor Bonner gestanden, +dahin waren, änderte sich die Stimmung der anglikanischen Geistlichkeit. +Ihre Abneigung gegen die römisch-katholische Lehre und Kirchendisziplin +war bedeutend schwächer geworden; ihre Abneigung gegen die Puritaner +aber wuchs mit jedem Tage. Die Streitigkeiten, die von Beginn an die +protestantische Partei zerrissen hatten, gestalteten sich der Art, daß +keine Hoffnung auf Aussöhnung blieb, und zu den alten Streitfragen +gesellten sich neue von noch größerer Wichtigkeit. + +Zwar hatten die Gründer der anglikanischen Kirche das Episkopat als eine +alte, gute und passende kirchliche Einrichtung beibehalten, aber sie +hatten nicht erklärt, daß diese Form der Kirchenverwaltung eine von Gott +eingesetzte sei. Wie gering Cranmer das Amt eines Bischofs hielt, haben +wir bereits gesehen. Jewel, Cooper, Whitgift und andere hervorragende +Religionslehrer unter der Regierung Elisabeths vertheidigten die +Prälatur als etwas Unschädliches und Nützliches, das der Staat +einzuführen befugt sei, und wenn es einmal eingeführt, auf die Achtung +jedes Bürgers Anspruch habe, aber nie läugneten sie, daß eine +christliche Gemeinde ohne Bischof eine reine Kirche sein könne, sie +betrachteten vielmehr die Protestanten auf dem Festlande als Glieder +einer Glaubensfamilie, der sie selbst angehörten. Wohl waren die +Engländer in England gehalten, die Autorität des Bischofs ebenso +anzuerkennen, wie ihnen die Autorität des Sheriffs und des Coroners +anzuerkennen oblag, aber diese Verpflichtung war nur eine örtliche. Ging +ein Mitglied der englischen Kirche, ja selbst ein englischer Prälat, +nach Holland, so fügte er sich ohne Bedenken der holländischen +Staatskirche. Die Botschafter Elisabeths und Jakobs gingen im Auslande +mit vollem Gepränge zu demselben Gottesdienste, den Elisabeth und Jakob +in der Heimath übten, und mieden es sorgfältig, um den schwächern +Brüdern kein Ärgerniß zu geben, ihre Privatkapellen nach anglikanischer +Art auszuschmücken. Im Jahre 1603 erkannte die Kirchenversammlung der +Provinz Canterbury die Kirche von Schottland, welche damals bischöfliche +Beaufsichtigung und Ordination noch nicht kannte, feierlich als einen +Theil der heiligen, allgemeinen Kirche Christi an.[6] Man hielt selbst +presbyterianische Geistliche zu Sitz und Stimme in ökumenischen +Konzilien als berechtigt. Als die Generalstaaten der Vereinigten +Niederlande eine Synode von nicht bischöflich ordinirten Lehrern in +Dortrecht versammelten, betheiligten sich ein englischer Bischof und ein +englischer Dechant im Auftrag des Oberhauptes der englischen Kirche an +den Sitzungen dieser Gottesgelehrten, predigten und stimmten mit ihnen +über die wichtigsten theologischen Fragen ab.[7] Es befanden sich auch +viel englische Pfründen in den Händen von Geistlichen, die früher in der +auf dem Festlande üblichen Weise der Calvinisten zu ihrem Amte geweiht +waren, und man hatte die Reordination durch einen Bischof in solchen +Fällen nicht für nöthig, selbst für ungesetzlich gehalten. + +Aber eine neue Art von Theologen begann in der englischen Kirche bereits +aufzutauchen. Nach der Ansicht derselben war das Amt des Bischofs zur +Wohlfahrt einer christlichen Gemeinschaft und zur Förderung der +Wirksamkeit der feierlichsten Religionsgebräuche wesentlich. Es gehören +zu jenem Amte gewisse hohe und heilige Vorrechte, die menschliche Macht +weder verleihen noch entziehen könne. Eine Kirche, sagten sie, welche +die apostolische Nachfolge abschaffte, könne eben so gut auch die Lehre +von der Dreieinigkeit oder der Menschwerdung abschaffen, und die +römische Kirche, welche bei allen ihren Verderbnissen die apostolische +Nachfolge beibehalten, sei der ursprünglichen Reinheit näher, als jene +reformirten Gemeinden, welche vorschnell, dem göttlichen Muster geradezu +entgegen, ein von Menschen ersonnenes System aufgestellt hätten. + +Zur Zeit Eduards VI. und Elisabeths hatten die Vertheidiger des +anglikanischen Rituals, sich gewöhnlich mit dem Ausspruche begnügt, +daß das Ritual ohne Sünde angewendet werden könne, und jeder, der sich +weigere, es auf Verordnung der Obrigkeit anzuwenden, sei ein +störrischer, ungehorsamer Unterthan. Die neu erstehende Partei aber, die +für die Institutionen der Kirche einen himmlischen Ursprung bezeichnete, +begann ihren religiösen Handlungen eine Würde und Bedeutung beizulegen. +Man deutete an, daß der Fehler des eingeführten Gottesdienstes, wenn er +überhaupt einen habe, in seiner zu großen Einfachheit bestehe, und daß +die Reformatoren in dem Eifer des Streites mit Rom viel alte Ceremonien +abgeschafft, die man füglich hätte beibehalten können. Man zollte +gewissen Tagen und Orten wiederum eine mystische Verehrung; Gebräuche, +die man lange außer Anwendung gesetzt und als abergläubische Spielereien +betrachtet, wurden wieder hervorgerufen; Gemälden und Schnitzwerken, +welche der Zerstörungswuth der ersten Generation der Protestanten +entkommen waren, ließ man nun wieder eine Verehrung angedeihen, die +Viele für götzendienerisch hielten. + +Die Reformatoren verabscheuten keinen Theil des alten Kirchensystems +mehr, als die dem Cölibate gezollte Hochachtung. Sie waren der Ansicht, +daß schon der Apostel Paulus die römische Lehre über diesen Punkt als +die des Teufels prophetisch verdammt habe, und sprachen gern und viel +über die Verbrechen und Ärgernisse, welche diese schreckliche Anklage zu +begründen den Anschein hatten. Luther hatte seine Ansicht, indem er eine +Nonne heirathete, sehr klar an den Tag gelegt. Einige der +ausgezeichnetsten Bischöfe und Priester, die unter der Regierung Maria's +den Feuertod erlitten, hatten Frauen und Kinder hinterlassen. Jetzt aber +tauchte das Gerücht auf, der alte Mönchsgeist lasse sich in der +englischen Kirche wieder verspüren, höhern Orts hege man Abneigung gegen +verheirathete Priester, Laien, die Protestanten seien, hätten in Bezug +auf das Cölibat Entschlüsse gefaßt, die fast Gelübden glichen, und +selbst ein Diener der Staatskirche habe ein Nonnenkloster gegründet, +in welchem ein Verein gottgeweihter Jungfrauen um Mitternacht Psalmen +sängen.[8] + +Dies war jedoch nicht Alles. Eine Klasse von Fragen, über welche bei den +Gründern der anglikanischen Kirche und der ersten Generation der +Puritaner wenig oder gar keine Meinungsverschiedenheit herrschte, rief +nach und nach einen heftigen Streit hervor. Die Controversen, welche die +protestantische Partei in ihrer Kindheit schon entzweit, hatten sich +fast ausschließlich auf Kirchenregiment und Kirchengebräuche bezogen, +und über Punkte der metaphysischen Theologie war es zwischen den +streitenden Parteien zu einem ernsten Kampfe nicht gekommen. Die Lehren +von Erbsünde, Glauben, Gnade, Prädestination und Gnadenwahl, an denen +die Häupter der Hierarchie festhielten, waren die, welche man gewöhnlich +calvinisch nannte. Der Erzbischof Whitgift, ihr Lieblingsprälat, entwarf +im Verein mit dem Bischof von London und andern Theologen gegen das Ende +der Regierung Elisabeths die berühmte Schrift, die unter dem Namen der +»Lambeth-Artikel« bekannt ist. Es werden darin die stärksten +calvinistischen Lehren mit einer Bestimmtheit behauptet, die vielen +Calvinisten unserer Zeit anstößig sein würde. Ein Geistlicher, der +entgegengesetzter Ansicht war und sich hart über Calvin äußerte, wurde +von der Universität Cambridge dieser Vermessenheit wegen angeklagt, und +entging der Strafe nur dadurch, daß er sich öffentlich zu den Lehren von +der Verdammniß und dem endlichen Beharren bekannte, und seine Reue über +die Beleidigung aussprach, die er frommen Männern durch seine Angriffe +auf den großen französischen Reformator zugefügt habe. Zwischen +Cranmer's und Lauds Schulen steht jene theologische, deren Haupt Hooker +war, in der Mitte, und die Arminianer haben Letztern in der neueren Zeit +als ihren Genossen betrachtet; aber dennoch erklärte Hooker Calvin für +einen Mann, der allen andern Theologen, die Frankreich je +hervorgebracht, an Weisheit überlegen sei, für einen Mann, dem Tausende +ihre Kenntniß der göttlichen Wahrheit verdankten, er selbst aber, +Calvin, sei nur Gott zu Danke verpflichtet. Als in Holland der +arminianische Streit begann, standen die englische Regierung und die +englische Kirche der calvinistischen Partei kräftig bei, und jene +Flecken, welche durch die Einkerkerung des Grotius und den Justizmord +des Barneveldt auf dieser Partei haften, trägt auch zum Theil der +englische Name. + +Vor dem Zusammentritt der holländischen Synode hatte indeß jene Partei +der anglikanischen Geistlichkeit, die dem calvinistischen +Kirchenregimente und dem calvinistischen Gottesdienste besonders abhold +war, angefangen, die calvinistische Metaphysik mißfällig zu betrachten, +und dieses Mißfallen ward natürlich durch die auffallende +Ungerechtigkeit, Anmaßung und Grausamkeit der in Dortrecht +vorherrschenden Partei noch vermehrt. Die arminianische Lehre, nicht so +streng logisch als die der früheren Reformatoren, aber den +Volksbegriffen von der göttlichen Gerechtigkeit und Güte entsprechender, +fand eine rasche und weite Verbreitung. Auch der Hof ward bald davon +ergriffen. Ansichten, die zur Zeit der Thronbesteigung Jakobs kein +Geistlicher aussprechen durfte, ohne den Verlust seines Priesterrockes +befürchten zu müssen, gaben jetzt den besten Anspruch auf Beförderung. +Ein Geistlicher jener Zeit, der von einem schlichten Landedelmann +befragt ward, was die Arminianer denn eigentlich behaupteten, gab die +eben so wahre als witzige Antwort: sie behaupten die besten Bisthümer +und Dekaneien Englands. + +Zu gleicher Zeit, als ein Theil des anglikanischen Clerus die +ursprünglich eingenommene Stellung nach einer Richtung hin verließ, wich +ein Theil der Puritaner gerade in entgegengesetzter Richtung von den +Grundsätzen und Gewohnheiten seiner Väter ab. Die von den Separatisten +erlittene Verfolgung war zwar hart genug gewesen, um zu erbittern, aber +zu gelind, um zu vernichten; man hatte sie nicht bis zur Unterwürfigkeit +gezähmt, sondern bis zur Wildheit und Unbeugsamkeit emporgestachelt. Wie +alle unterdrückten Sekten, hielten auch sie ihre eigenen Rachegefühle +für fromme Regungen, erhöhten durch Lesen und Nachdenken den Hang, über +ihre Leiden zu brüten, und bildeten sich ein, wenn sie sich bis zum +Hasse gegen ihre Feinde aufgeregt, daß sie die Feinde des Himmels +haßten. Wenn sich auch im neuen Testamente nur wenig fand, was selbst +bei unredlich verfälschter Auslegung dem Ergeben gehässiger +Leidenschaften scheinbar Nachsicht gewährte, so enthielt doch das alte +Testament die Geschichte eines Volks, das von Gott zum Zeugen seiner +Einheit und zum Diener seiner Rache auserwählt worden, und dem er +besonders mancherlei Dinge zu thun befohlen, die, ohne sein +ausdrückliches Geheiß verübt, die gräßlichsten Verbrechen gewesen wären. +In einer solchen Geschichte Vieles zu finden, was sich durch Verdrehung +den betreffenden Wünschen entsprechend machen ließ, konnte erbitterten +und düstern Gemüthern nicht schwer fallen. Bei den extremen Puritanern +begann sich nun eine Vorliebe für das alte Testament zu bilden, die sich +in ihrer ganzen Denkart und in allen ihren Gebräuchen zeigte, wenn sie +es auch sich selbst nicht offen eingestehen mochten. Der hebräischen +Sprache zollten sie eine Verehrung, die sie der Sprache versagten, in +welcher uns die Unterredungen Jesu und die Briefe des Paulus überliefert +worden; ihren Kindern gaben sie in der Taufe nicht die Namen +christlicher Heiligen, sondern die hebräischer Patriarchen und Krieger; +den wöchentlichen Festtag, den die Kirche von den ältesten Zeiten an zum +Andenken an die Auferstehung des Herrn begeht, verwandelten sie, +ungeachtet der ausdrücklichen und wiederholten Erklärungen Luthers und +Calvins, in einen jüdischen Sabbath; Rechtsgrundsätze suchten sie in den +mosaischen Bestimmungen, und Vorgänge, die ihrem gewöhnlichen Verhalten +als Muster dienen sollten, in den Büchern der Richter und Könige; ihre +Gedanken und Gespräche dreheten sich meistens um Handlungen, die man +sicherlich nicht als nachahmungswürdige Beispiele für uns +niedergeschrieben hat. Der Prophet, der einen gefangenen König in Stücke +hieb, der ungehorsame Feldherr, der das Blut einer Königin den Hunden +gab, das Weib, das ungeachtet eines gegebenen Versprechens und der +morgenländischen Gastfreundschaft zum Trotz, mit einem Nagel das Gehirn +des flüchtigen Bundesgenossen durchbohrte, der an ihrem Tische gesessen +und unter ihrem Zelte schlief, diese alle wurden den unter der Tyrannei +von Fürsten und Prälaten leidenden Christen als Muster aufgestellt. +Moral und Sitten wurden von einem Codex abhängig gemacht, der dem der +Synagoge in ihrem schlechtesten Zustande glich. Kleidung, Haltung, +Sprache, Studien und Vergnügungen dieser strengen Sekte waren nach +Grundsätzen geregelt, ähnlich denen der Pharisäer, die im Stolze auf +ihre rein gewaschenen Hände und breiten Gedenkzettel den Erlöser als +einen Sabbathschänder und Säufer schmähten. Einen Maibaum mit Kränzen zu +schmücken, die Gesundheit eines Freundes zu trinken, einen Falken fangen +zu lassen, einen Hirsch zu jagen, Schmachtlocken zu tragen, die +Halskrause zu stärken, das Spinett zu schlagen oder die Königin der Feen +zu lesen, war eine Sünde. Vorschriften dieser Art, die dem freien und +fröhlichen Geiste Luthers unerträglich, und dem hellen philosophischen +Verstande Zwingli's verächtlich erschienen sein würden, breiteten ein +mehr als mönchisches Duster über das ganze Leben. Die Gelehrsamkeit und +Redekunst, durch die sich die großen Reformatoren so hoch auszeichneten, +und denen sie größtentheils ihre Erfolge verdankten, betrachtete die +neue Schule der Protestanten mit Argwohn, wenn nicht selbst mit +Abneigung. -- Einige der Rigorösesten trugen sogar Bedenken, aus der +lateinischen Grammatik Unterricht ertheilen zu lassen, weil die Namen +Mars, Bacchus und Apollo darin vorkamen. Die schönen Künste waren so gut +wie verpönt; der feierliche Klang der Orgel erschien abergläubisch; die +leichte Musik von Ben Jonson's Maskenspielen galt für unsittlich; die +eine Hälfte der schönen Gemälde in England war götzendienerisch, die +andere unanständig. Den extremen Puritaner konnte man sofort an seinem +Gange, seiner Kleidung, seinem glatten Haare, der kalten Feierlichkeit +seines Gesichts, dem emporgekehrten Weißen der Augen, der näselnden +Sprache und vor Allem an seiner eigenthümlichen Ausdrucksweise erkennen. +Bei jeder Gelegenheit wendete er Bilder und Styl der heiligen Schrift +an. Hebräismen, gewaltsam in die englische Sprache verflochten, und +Metaphern, der kühnsten lyrischen Poesie eines fernen Zeitalters und +Landes entlehnt, und auf die gewöhnlichsten Angelegenheiten des +englischen Lebens angewendet, waren die hervorragendsten +Eigenthümlichkeiten dieses Sprachgemisches, das mit vollem Rechte den +Spott der Prälatisten sowohl als der Freigeister nach sich zog. + +Das politische und religiöse Schisma, das im sechzehnten Jahrhunderte +sich gebildet hatte, ward im ersten Viertheile des siebzehnten +Jahrhunderts stets größer. In Whitehall waren Theorien Mode, die sich +dem türkischen Despotismus näherten; der größte Theil des Unterhauses +huldigte Theorien, die sich dem Republikanismus zuneigten. Die eifrigen +Prälatisten, die bis auf den letzten Mann für das Hoheitsrecht kämpften, +und die eifrigen Puritaner, welche eben so heftig für die Privilegien +des Parlaments stritten, standen sich mit einer viel größern Erbitterung +gegenüber, als in der vorangegangenen Generation je zwischen Katholiken +und Protestanten geherrscht hat. + +Bei dieser Gemüthsstimmung der Menschen ward das Land nach einem +langjährigen Frieden in einen Krieg verwickelt, der große Anstrengungen +nöthig machte. Durch diesen Krieg ward die große constitutionelle Krisis +beschleunigt. Der König brauchte eine starke Militär-Macht, diese konnte +er ohne Geld nicht erlangen, und Geld war ohne Zustimmung des Parlaments +auf gesetzlichem Wege nicht zu erheben. Hieraus ging hervor, daß er +entweder im Sinne des Hauses der Gemeinen regieren, oder eine Verletzung +der Grundgesetze des Landes wagen mußte, die man seit mehreren Hundert +Jahren nicht mehr kannte. Die Plantagenets und Tudors hatten zwar bei +vorkommenden Gelegenheiten einen Ausfall in ihren Einkünften durch +freiwillige oder gezwungene Anleihen gedeckt, aber diese Aushilfsmittel +waren immer nur vorübergehend. Die regelmäßigen Bedürfnisse eines langen +Kriegs durch regelmäßige Steuern, ohne Einwilligung der Stände des +Reichs ausgeschrieben, zu decken, war ein Verfahren, dessen Ausführung +selbst Heinrich VIII. nicht gewagt haben würde. So schien die +entscheidende Stunde zu nahen, in der entweder das englische Parlament +das Schicksal der festländischen Senate theilen, oder das höchste +Übergewicht im Staate erlangen müsse. + + [Anmerkung 6: +Canon 55. of 1603.+] + + [Anmerkung 7: Joseph Hall, damals Dechant von Worcester und später + Bischof von Norwich, war einer jener Abgeordneten. In seiner + Selbstbiographie sagt er: »Meine Unwürdigkeit wurde zu einem + Theilnehmer an dieser ehrenwerthen, wichtigen und + verehrungswürdigen Versammlung ernannt.« Diese Demuth wird + Hochkirchenmännern nicht recht am Platze erscheinen.] + + [Anmerkung 8: +Peckard's Life of Ferrar.+ Das arminianische + Nonnenkloster, oder eine kurze Beschreibung der vor Kurzem + gestifteten klösterlichen Anstalt, das arminianische Nonnenkloster + genannt, zu Little Gidding in Huntingdonshire, 1641.] + + +[_Thronbesteigung und Charakter Karls I._] In dieser verhängnißvollen +Zeit starb Jakob, und Karl I. bestieg nach ihm den Thron. Die Natur +hatte ihn mit einem größern Verstande, mit einem stärkern Willen und +einem strengern, festern Charakter begabt, als seinen Vater. Die +politischen Theorien desselben hatte er nicht nur geerbt, er war auch +weit mehr als jener geneigt, sie praktisch auszuführen. Er war wie jener +ein eifriger Anhänger der bischöflichen Kirche, außerdem, was der Vater +nie gewesen, ein eifriger Arminianer, und sah, obgleich kein Papist, +dennoch einen Papisten lieber, als einen Puritaner. Man würde ungerecht +sein, wollte man läugnen, daß Karl einige der Eigenschaften eines guten, +ja selbst eines großen Fürsten besaß. Er schrieb und sprach nicht mit +der Genauigkeit eines Professors, wie sein Vater, sondern wie ein +intelligenter, wohlunterrichteter Edelmann. Sein Geschmack in Literatur +und Kunst war vortrefflich, seine Manieren waren würdevoll, wenn auch +nicht gewinnend, und sein häusliches Leben tadellos. Treulosigkeit war +der Hauptgrund zu seinem Mißgeschick, und bildet den schwärzesten Fleck +auf seinem Andenken, denn er besaß wirklich einen unheilbaren Hang, +dunkle und krumme Wege zu gehen. Es erscheint seltsam, daß sein Gewissen +ihn dieses großen Lasters wegen nie plagte, während es bei unbedeutenden +Gelegenheiten sich ziemlich empfindsam zeigte; man muß indeß mit gutem +Grunde annehmen, daß er nicht nur aus Neigung und Gewohnheit, sondern +aus Grundsatz treulos war. Man möchte glauben, er habe von den +Theologen, die er hoch schätzte, gelernt, daß zwischen ihm und seinen +Unterthanen kein gegenseitiger Vertrag bestehe, daß er sich seiner +despotischen Autorität, auch wenn er wollte, nicht entäußern dürfe, und +daß in jedem seiner Versprechen der stillschweigende Vorbehalt liege, es +im Falle der Nothwendigkeit wieder brechen zu können, und daß ihm allein +die Entscheidung zustehe, ob dieser Nothfall eingetreten sei. + + +[_Taktik der Opposition im Hause der Gemeinen._] Und nun begann das +gewagte Spiel, das über das Geschick des englischen Volks entschied. +Auf Seite des Hauses der Gemeinen ward mit Eifer, aber auch mit +bewunderungswürdiger Geschicklichkeit, Ruhe und Ausdauer, gespielt. An +der Spitze der Versammlung standen große Staatsmänner, die weit zurück +und weit hinaus zu blicken vermochten, und diese waren entschlossen, den +König in eine Lage zu versetzen, daß er entweder nach den Wünschen des +Parlamentes regieren, oder die heiligsten Grundsätze der Verfassung +gewaltsam antasten müsse. Aus diesem Grunde bewilligten sie ihm nur +kärgliche Geldunterstützungen. Der König erkannte, daß er entweder im +Einverständnisse mit dem Hause der Gemeinen, oder mit allen Gesetzen im +Widerspruche regieren müßte, und sein Entschluß stand bald fest: er +löste sein erstes Parlament auf und erhob aus eigner Machtvollkommenheit +Steuern. Nun berief er ein zweites Parlament, und fand es noch +unbeugsamer als das erste. Wiederum nahm er zu dem Mittel der Auflösung +seine Zuflucht, erhob, ohne den leisesten Anschein eines gesetzlichen +Rechts, neue Steuern, und ließ die Führer der Opposition einkerkern. +Eine neue Beschwerde, welche die eigenthümlichen Gefühle und +Gewohnheiten des englischen Volks zu einer kaum erträglichen Last +machten und die allen scharfblickenden Männern als eine furchtbare +Vorbedeutung erschien, erregte zu derselben Zeit allgemeine +Unzufriedenheit und Unruhe: es wurden Compagnien Soldaten bei dem Volke +einquartiert und das Kriegsrecht verdrängte an einigen Orten die alten +Rechte des Reichs. + + +[_Bitte um Recht._] Der König berief ein drittes Parlament, und bald +ward er gewahr, daß ihm die Opposition stärker und heftiger +entgegentrat, als je. Nun entschloß er sich, die Taktik zu ändern. Statt +den Forderungen der Gemeinen hartnäckig entgegen zu sein, ging er nach +manchem Streite und manchen Ausflüchten auf einen Vergleich ein, der, +wenn er ihm treulich nachgekommen wäre, ein dauerndes Ungemach +abgewendet haben würde. Das Parlament bewilligte eine namhafte +Geldunterstützung; der König bestätigte feierlich das berühmte Gesetz, +das unter dem Namen der Bitte des Rechts bekannt ist, und die zweite +große Urkunde der Freiheiten Englands bildet. Durch die Bestätigung +dieses Gesetzes legte er sich zugleich die Verpflichtung auf, nie wieder +ohne Bewilligung der Häuser Geld zu erheben, nie wieder eine Person, +wenn nicht der Rechtsgang dabei beobachtet, einzukerkern, und nie wieder +das Volk den Kriegsgerichten zu unterwerfen. + +Der Tag, an welchem nach langem Zögern dieses wichtige Aktenstück +feierlich die königliche Sanktion erhielt, war ein Tag der Freude und +der Hoffnung. Die an den Schranken des Hauses der Lords versammelten +Gemeinen erhoben ein lautes Jubelgeschrei, als der Sekretär die Worte +der Formel ausgesprochen, durch welche seit Jahrhunderten unsere Fürsten +den Wünschen der Reichsstände ihre Zustimmung zu ertheilen pflegten. +-- Die Stimme der Hauptstadt und der Nation war der Wiederhall dieses +Jubels; aber schon nach drei Wochen zeigte es sich, daß Karl nicht die +Absicht hatte, den geschlossenen Vertrag zu halten. Das von den +Volksvertretern bewilligte Geld ward erhoben; das Versprechen, durch +welches die Bewilligung erlangt, ward gebrochen. Es entspann sich ein +heftiger Kampf. Das Parlament ward in einer Weise aufgelös't, die +deutlich das Mißfallen des Königs bekundete. Einige der hervorragendsten +Mitglieder wurden eingekerkert, und eins derselben, Sir Johann Elliot, +starb im Gefängnisse nach jahrelangen Leiden. + +Karl wagte indeß nicht, die zur Fortführung des Kriegs erforderlichen +Steuern aus eigener Machtvollkommenheit ferner zu erheben; er beeilte +sich demnach, Frieden mit seinen Nachbarn zu schließen, und befaßte sich +von da an nur mit Britanniens politischen Angelegenheiten. + +Eine neue Ära begann. Viele englische Könige hatten nur bei gewissen +Gelegenheiten verfassungswidriger Handlungen sich schuldig gemacht, aber +keiner hatte es noch unternommen, sich systematisch zu einem Despoten zu +machen, und das Parlament bis zu einem Nichts herabzubringen. Und dies +war das Ziel, nach welchem Karl unverkennbar strebte. Die Häuser wurden +vom März 1629 bis zum April 1640 nicht wieder zusammenberufen. Unsere +Geschichte wies keinen Zeitraum von elf Jahren nach, der zwischen einem +und dem nächsten Parlamente gelegen; nur ein Mal hat es einen halb so +langen Zwischenraum gegeben. Diese Thatsache allein widerlegt die +Behauptung, daß Karl nur in die Fußtapfen der Plantagenets und Tudors +getreten sei. + + +[_Die Bitte um Recht wird verletzt._] Durch Zeugnisse der eifrigsten +Anhänger des Königs ist bewiesen, daß er die Bestimmungen in der Bitte +um Recht in diesem Abschnitte seiner Regierung nicht nur bei einzelnen +Gelegenheiten, sondern fortwährend und systematisch verletzte; daß er +die Einkünfte größtentheils ohne gesetzliche Ermächtigung erhoben, und +daß er der Regierung mißliebige Personen, ohne gerichtliche Vorladung +und Verhör, Jahre lang im Kerker hat schmachten lassen. + +Für solche Handlungen muß die Geschichte den König als persönlich +verantwortlich erachten. Seit der Zeit seines dritten Parlaments war er +selbst sein erster Premierminister; nur einige Personen, deren Charakter +und Fähigkeiten seinen Plänen entsprachen, standen an der Spitze +verschiedener Verwaltungszweige. + + +[_Charakter und Absichten Wentworths._] Thomas Wentworth, erst zum Lord +Wentworth und dann zum Earl von Strafford ernannt, ein äußerst fähiger, +beredter und muthiger Mann, aber grausamen und herrschsüchtigen +Charakters, war in politischen und militärischen Angelegenheiten der +vertrauteste Rath des Königs. Früher eins der bedeutendsten Glieder der +Oppositionspartei, hegte er gegen die, deren Sache er verlassen, jene +eigenthümliche Abneigung, die in allen Zeiten die Apostaten +charakterisirt hat. Da die Gefühle, die Hilfsquellen und die Politik der +Partei, der er noch vor Kurzem angehört, ihm genau bekannt waren, hatte +er einen umfassenden, tief durchdachten Plan entworfen, der die kluge +Taktik der leitenden Staatsmänner im Hause der Gemeinen fast vereitelt +hätte. Dieses Plans erwähnte er in seiner vertraulichen Correspondenz +unter der bezeichnenden Benennung: »Durch.« Er beabsichtigte, in England +Alles, und mehr noch als das, zu thun, was Richelieu in Frankreich +gethan; Karl zu einem so unumschränkten Monarchen zu machen, wie nur +irgend einer auf dem Festlande existirte; das Vermögen und die +persönliche Freiheit des ganzen Volks unter die Verfügung der Krone zu +stellen; die Gerichtshöfe aller selbstständigen Macht selbst in +gewöhnlichen civilrechtlichen Angelegenheiten zwischen Privatleuten zu +berauben, und mit schonungsloser Härte alle die zu bestrafen, die bei +Handlungen der Regierung sich unzufrieden zeigten, oder bei irgend einem +Gerichtshofe um Abstellung derselben einkamen.[9] + +Dies war sein Ziel, und den einzigen Weg, der zu diesem Ziele führte, +kannte er genau. Hätte er bei seiner wirklich klaren, zusammenhängenden +und bestimmten Anschauungsweise nicht ein seinem Vaterlande und seinen +Mitmenschen so verderbliches Ziel verfolgt, er würde die gerechtesten +Ansprüche auf hohe Bewunderung gehabt haben. Daß es nur ein einziges +Werkzeug gab, seine großen und kühnen Pläne auszuführen, und daß dieses +Werkzeug ein stehendes Heer sei, sah er klar ein. Mit der ganzen Energie +seines kräftigen Geistes strebte er nun nach der Errichtung eines +solchen Heeres. In Irland, wo er Vicekönig war, gelang ihm wirklich die +Einführung eines militärischen Despotismus, nicht nur über die +eingeborene Bevölkerung, sondern auch über die englischen Colonisten, +und er konnte sich mit Recht rühmen, daß der König auf dieser Insel so +unumschränkt sei, als nur irgend ein Fürst der Welt.[10] + + [Anmerkung 9: Die Correspondenz Wentworths scheint mir das im Text + Gesagte völlig zu bestätigen. Alle Stellen abzuschreiben, die mich + zu dem erlangten Schlusse geführt, würde eben so unmöglich sein, + als es nicht leicht ist, eine bessere Auswahl zu treffen, als Mr. + Hallam bereits getroffen hat. Aber ich mache den Leser besonders + auf die vortreffliche Schrift aufmerksam, die Wentworth über die + Angelegenheiten der Pfalz verfaßte. Sie ist vom 31. März 1637 + datirt.] + + [Anmerkung 10: Dies sind Wentworths eigene Worte. Siehe seinen + Brief an Laud vom 16. Decbr. 1634.] + + +[_Charakter Laud's._] Die Verwaltung der Kirche leitete indeß +hauptsächlich Wilhelm Laud, der Erzbischof von Canterbury. Mehr als alle +Prälaten der anglikanischen Kirche ist Laud von den Grundsätzen der +Reformation abgewichen, und Rom nahegetreten. Seine theologischen +Ansichten entfernten sich von denen der Calvinisten mehr, als selbst die +der holländischen Arminianer. Seine maßlose Vorliebe für Ceremonien, +seine Verehrung der Festtage, Vigilien und geheiligten Orte, seine übel +verhehlte Abneigung gegen die Ehe der Priester, sein glühender und von +Eigennutz nicht völlig freier Eifer, mit dem er den Anspruch des Clerus +auf das ehrerbietige Benehmen der Laien vertrat, würden ihm den Haß der +Puritaner zugezogen haben, auch wenn er nur gesetzliche und milde Mittel +zur Erreichung seiner Pläne verwendet hätte. Aber sein Verstand war ein +beschränkter, und mit der Welt hatte er nur in geringem Verkehre +gestanden. Er war heftig und reizbar von Natur, lebhaft empfindlich, +wenn es seine eigene Würde galt, kalt für die Leiden Anderer, und zu dem +bei abergläubischen Menschen gewöhnlichen Irrthume geneigt, die eigenen +mürrischen und gehässigen Launen für die Regungen eines gottesfürchtigen +Eifers zu halten. Jeder Winkel des Reichs ward unter seiner Leitung +einer unausgesetzten und scharfen Beaufsichtigung unterworfen; jeder +kleine Separatisten-Verein ward ausgespürt und aufgelöst, selbst die +Privatandachtsübungen der Familien entgingen den Späherblicken seiner +Kundschafter nicht. Die Furcht vor seiner Härte war so groß, daß der +tödtliche Haß gegen die allgemeine Kirche, der sich unzähliger Herzen +bemächtigt, unter dem äußern Scheine voller Übereinstimmung mit +derselben allgemein verborgen ward. Selbst an dem Vorabende der für ihn +und seinen Stand so verhängnißvollen Unruhen konnten ihm die Bischöfe +mehrerer umfangreichen Diöcesen noch berichten, daß in ihren Sprengeln +auch nicht ein Dissidenter mehr zu finden sei. + + +[_Sternkammer und Hohe Commission._] Die Gerichtshöfe gewährten den +Unterthanen gegen die bürgerliche und geistliche Tyrannei jener Periode +keinen Schutz. Die Richter des gemeinen Rechts, die ihre Stellen nur so +lange bekleideten, als es dem Könige beliebte, zeigten sich in +empörender Weise willfährig; aber ungeachtet ihrer Willfährigkeit waren +sie dennoch nicht so bereitwillige und wirksame Werkzeuge der +Willkür-Gewalt, als eine Klasse von Gerichtshöfen, die noch jetzt, nach +mehr als zweihundert Jahren, in dem Andenken des Volks tief verabscheut +wird. An der Spitze dieser Gerichtshöfe, durch Macht und Ehrlosigkeit +gleich ausgezeichnet, standen die Sternkammer und die Hohe Commission; +die Erstere war ein politisches, die Letztere ein religiöses +Inquisitionsgericht, und keins von Beiden war aus der alten Verfassung +Englands hervorgegangen. Die Sternkammer war von den Tudors umgestaltet, +und die Hohe Commission hatten sie erschaffen. War die Gewalt dieser +Höfe schon vor der Thronbesteigung Karls ausgedehnt und furchtbar +gewesen, so zeigte sie sich jetzt in einer Gestalt, daß jene nur gering +erscheint. Von dem gewaltigen Geiste des Primas hauptsächlich geleitet, +und von der parlamentarischen Aufsicht befreit, bethätigten sie eine +Raubgier, eine Grausamkeit und eine boshafte Energie, die man in frühern +Zeiten nie gekannt hatte. Mit Hilfe derselben war es der Regierung +möglich, nach Willkür Geldstrafen aufzuerlegen, einzukerkern, an den +Pranger zu stellen und zu verstümmeln. Zu York hatte ein besonderer Rath +unter dem Präsidium Wentworths seinen Sitz, der, im Widerspruch mit dem +Gesetz und nur durch die eigene Machtvollkommenheit des Königs ernannt, +eine fast maßlose Gewalt über die nördlichen Grafschaften ausübte. Alle +diese Gerichtshöfe, der Autorität von Westminsterhall Hohn und Trotz +bietend, verübten täglich Excesse, welche selbst von den +hervorragendsten Royalisten hart getadelt wurden. Nach Clarendons +Bericht gab es kaum einen bedeutenden Mann im Königreiche, der die Härte +und Gier der Sternkammer nicht aus eigener Erfahrung kennen gelernt; die +Hohe Commission verfuhr in einer Weise, daß ihr kaum noch ein Anhänger +im Lande geblieben, und durch die Tyrannei des Raths von York war +nördlich vom Trent die Magna Charta zu einem todten Buchstaben geworden. + +Bis auf einen Punkt war nun die englische Regierung eben so despotisch, +als die französische; aber dieser eine Punkt enthielt eine hohe +Bedeutung: es gab noch kein stehendes Heer, und folglich auch keine +Sicherheit dafür, daß nicht das ganze Gebäude der Tyrannei an einem Tage +zertrümmert werden könne. Wollte aber der König aus eigener +Machtvollkommenheit Steuern zum Unterhalte eines Heeres auferlegen, so +hatte man, aller Wahrscheinlichkeit nach, sofort den heftigen Ausbruch +eines Aufstandes zu fürchten. Durch diese Schwierigkeit ward Wentworth +mehr als durch jede andere in Verlegenheit gesetzt. Man griff nun +begierig zu einem Auskunftsmittel, das Finch, der Lord Siegelbewahrer, +in Übereinstimmung mit andern der Regierung dienenden Rechtsgelehrten, +empfohlen hatte. + + +[_Schiffsgeld._] Es hatten nämlich die alten englischen Könige die +Bewohner nicht nur der in der Nähe Schottlands liegenden Grafschaften +zur Vertheidigung der Grenze unter die Waffen gerufen, sondern auch die +Grafschaften an dem Meere aufgeboten, Schiffe zur Vertheidigung der +Küste auszurüsten; statt der Schiffe hatte man mitunter Geld genommen. +Diesen alten Gebrauch beschloß man jetzt, nach einem langen Zeitraume, +nicht nur wieder einzuführen, sondern auch auszudehnen. Früher hatten +die Fürsten nur zur Zeit des Krieges Schiffsgeld erhoben -- jetzt +forderte man es in einer Zeit tiefen Friedens ein. Wenn früher die +Fürsten, selbst in den gefährlichsten Kriegen, das Schiffsgeld nur in +den Küstengegenden erhoben hatten, so nahm man es jetzt von den +Grafschaften des Binnenlandes. Früher hatte man das Schiffsgeld +eingefordert, um eine Vertheidigung des Landes zur See zu bewirken; +jetzt trieb man es ein, wie die Royalisten selbst zugestehen, nicht um +eine Flotte zu unterhalten, sondern um dem Könige Gelder zu verschaffen, +deren Betrag er nicht nur nach Belieben ausdehnen, sondern auch zu jedem +beliebigen Zwecke verwenden konnte. + +Die ganze Nation gerieth in Aufregung und Entrüstung. John Hampden, ein +reicher Gentleman aus guter Familie in Buckinghamshire, der in seiner +nähern Umgebung hoch geachtet, aber in weitern Kreisen des Königreichs +noch wenig bekannt war, hatte zuerst den Muth, der ganzen Gewalt der +Regierung entgegenzutreten und auf eigene Kosten und Gefahr die +Hoheitsrechte zu bestreiten, die der König in Anspruch nahm. Der Fall +ward den Richtern der Schatzkammer zur Entscheidung vorgelegt; wie +abhängig und knechtisch auch die Richter waren, es lagen so starke +Gründe gegen die Ansprüche der Krone vor, daß die Majorität gegen +Hampden so klein als nur möglich ausfiel -- aber es war immer eine +Majorität. Die Ausleger der Gesetze hatten erklärt, daß der königliche +Machtspruch eine große, ergiebige Steuer auferlegen könne, und Wentworth +bemerkte sehr richtig, ihr Urtheil sei nur durch Gründe zu +rechtfertigen, die direct zu einem Schlusse führten, den zu ziehen sie +nicht gewagt haben würden. -- War es gesetzmäßig, daß zur Unterhaltung +einer Flotte ohne Zustimmung des Parlamentes Geld erhoben werden konnte, +so ließ sich schwer in Abrede stellen, daß auch Geld zum Unterhalte +einer Armee ohne Zustimmung des Parlaments erhoben werden dürfe. + +Dieser Richterspruch vermehrte die Erbitterung des Volks. Ein +Jahrhundert früher würde eine minder große Erbitterung einen allgemeinen +Aufstand bewirkt haben; aber die Unzufriedenheit äußerte sich jetzt +nicht so rasch als in früherer Zeit durch Empörung, denn Reichthum und +Gesittung der Nation waren seit lange in stetem Wachsen gewesen, und +seit siebzig Jahren, seit der Zeit nämlich, als die großen nordischen +Grafen die Waffen gegen Elisabeth ergriffen, hatte kein Bürgerkrieg +stattgefunden. So lange die englische Nation existirte, war nie eine so +lange Zeit ohne innern Zwist verflossen. Das Volk hatte sich an den +Betrieb friedlicher Gewerbe gewöhnt, und so erbittert es auch war, so +zögerte es doch lange, ehe es zum Schwerte griff. + +Unter diesen Umständen schwebten die Freiheiten unsers Vaterlandes in +der größten Gefahr. Die Gegner der Regierung begannen an dem Schicksale +ihres Vaterlandes zu verzweifeln, und mancher von ihnen hielt die +Wildnisse Amerika's für die einzige Zufluchtsstätte bürgerlicher und +geistiger Freiheit. Einige entschlossene Puritaner, welche für ihre +Religion weder das Toben des Oceans, die Beschwerden des uncivilisirten +Lebens, die Klauen wilder Thiere, noch die Tomahawks wilder Menschen +fürchteten, hatten dort inmitten der Urwälder Dörfer angebaut, die jetzt +große, reiche Städte sind, und durch alle Schicksalswechsel Spuren des +ihren Gründern angestammten Charakters bewahrt haben. Die Regierung sah +mit gehässigen Blicken auf diese jungen Colonien und suchte gewaltsam +dem Strome der Auswanderung nach denselben zu steuern; sie konnte aber +nicht verhindern, daß die Einwohnerschaft Neu-Englands aus allen Theilen +des alten Englands durch unerschrockene und gottesfürchtige Männer +ansehnlich vermehrt wurde. Jetzt jubelte Wentworth ob des nahen +Gelingens seines »Durch«. Wahrscheinlich hätten nur wenig Jahre zur +Ausführung seines großen Planes genügt, und wäre strenge Sparsamkeit +beobachtet, jeder Krieg mit auswärtigen Mächten vermieden, so hätte man +nicht nur die Schulden der Krone bezahlen, sondern auch Fonds zum +Unterhalte einer großen Militärmacht beschaffen können, und diese Macht +konnte bald den widerspenstigen Geist der Nation zügeln. + + +[_Widerstand gegen die Liturgie in Schottland._] In dieser Krisis ward +die ganze Gestalt der öffentlichen Angelegenheiten durch einen Akt +wahnsinniger Bigotterie plötzlich verändert. Wäre der König weise +gewesen, so hätte er so lange eine vorsichtige und milde Politik gegen +Schottland verfolgt, bis er der Herr des Südens geworden; denn von allen +seinen Reichen war in Schottland die größte Gefahr vorhanden, daß ein +Funke zur Flamme, und eine Flamme zu einer Feuersbrunst werden konnte. +Eine constitutionelle Opposition, wie man sie ihm in Westminster +entgegenstellte, hatte er allerdings in Edinburg nicht zu fürchten, da +das Parlament seines nördlichen Königreichs ein ganz anderer Körper als +der war, der in England denselben Namen führte. Es war schlecht +zusammengesetzt, ward wenig geachtet und hatte nie einem seiner +Vorgänger ernste Schranken gezogen. Die drei Stände beriethen in einem +Hause; die Bevollmächtigten der Flecken betrachtete man nur als von den +großen Edelleuten abhängige Personen, und kein Gesetz konnte eingebracht +werden, bevor nicht die Lords der Artikel, -- ein Ausschuß, den die +Krone in der That, wenn auch nicht der Form nach ernannte -- ihre +Billigung ausgesprochen hatten. War nun auch das schottische Parlament +ein fügsames, so hatte sich doch das schottische Volk stets als ein +unruhiges und unlenksames gezeigt. Es hatte seinen ersten Jakob in dem +Schlafzimmer niedergemetzelt, mehr als einmal die Waffen gegen Jakob II. +erhoben, Jakob III. auf dem Schlachtfelde erschlagen, durch Ungehorsam +Jakob V. das Herz gebrochen, Maria entthront und eingekerkert, hatte den +Sohn derselben gefangen gehalten, und war noch eben so unbändig als +sonst. Alle seine Gewohnheiten waren roh und kriegerisch. An der ganzen +südlichen Grenze, sowie auf der ganzen Landstrecke zwischen den Hoch- +und Niederlanden wüthete beständig ein Raubkrieg; in jedem Landestheile +war man gewohnt, den Beschwerden über erlittenes Unrecht mit kräftiger +Faust abzuhelfen, und wie groß auch die frühere Anhänglichkeit der +Nation an die Stuarts gewesen sein mochte, sie war während der langen +Abwesenheit derselben erkaltet. Der mächtigste Einfluß auf die +öffentliche Stimmung theilte sich unter zwei Klassen von Mißvergnügten: +unter die der Grundherren und die der Prediger -- Grundherren, von +demselben Geiste beseelt, der so oft die alten Douglas zum Widerstande +gegen das königliche Haus angetrieben, und Prediger, welche Knox's +repulikanische Ansichten und den Starrsinn desselben geerbt hatten. +Sowohl die nationalen als die religiösen Gefühle der Bevölkerung waren +gleich tief verletzt worden; alle Stände klagten, daß ihr Vaterland, +einst so ruhmvoll um seine Unabhängigkeit gegen die fähigsten und +muthigsten Plantagenets kämpfend, jetzt durch seine eigenen Fürsten eine +englische Provinz, wenn auch nicht dem Namen nach, doch in der That +geworden sei. Die calvinistische Lehre und Kirchenordnung hatte in +keinem andern Theile Europa's einen so starken Haltpunkt in der +öffentlichen Meinung gewonnen; die große Masse des Volks sah auf die +römische Kirche mit einem Hasse, der mit vollem Rechte ein grimmiger zu +nennen war, und die Kirche von England, die täglich der von Rom +ähnlicher zu werden schien, war der Gegenstand einer nicht minder großen +Abneigung. + +Das anglikanische System über die ganze Insel auszudehnen, war schon +lange der Wunsch der Regierung gewesen, und in dieser Absicht hatte sie +bereits verschiedene, jedem Presbyterianer höchst ärgerliche Änderungen +vorgenommen. Eine Neuerung aber, die kühnste von allen, weil sie von dem +Volke unmittelbar aufgefaßt werden mußte, hatte man noch nicht versucht. +Es war nämlich der öffentliche Gottesdienst in der bei dem Volke gern +gesehenen Weise bisher abgehalten; Karl und Laud beschlossen aber jetzt, +den Schotten die englische Liturgie oder vielmehr eine Liturgie +aufzudringen, die nach dem Urtheile aller strengen Protestanten nicht +nur von der englischen abwich, sondern auch in den abweichenden Punkten +schlechter war, als jene. + +Diesem rein aus tyrannischem Übermuthe und in sträflicher Unkenntniß +oder noch strafwürdigerer Verachtung der Volksgefühle unternommenen +Schritte verdankt unser Vaterland seine Freiheit. Der erste Gottesdienst +mit den neuen Ceremonien hatte einen Aufruhr zur Folge, und der Aufruhr +ward schnell zu einer Revolution. Ehrgeiz, Vaterlandsliebe und +Fanatismus brausten auf in einem gewaltig reißenden Strome; die ganze +Nation stand unter den Waffen. Zwar war die Macht Englands, wie sich +einige Jahre später auswies, stark genug, um Schottland im Zügel zu +halten; aber ein großer Theil des englischen Volks theilte die +religiösen Gefühle der Aufständischen, und viele Engländer, denen +Wechselgesänge, Kniebeugen, Altäre und Chorhemden keine Scrupel +erregten, sahen mit Freuden auf die Fortschritte einer Empörung, +die Aussicht auf Vereitelung der Willkürpläne des Hofes und auf die +Einberufung eines Parlaments bot. + +Für diesen unklugen Einfall, der solche Wirkungen hervorbrachte, ist +Wentworth nicht verantwortlich zu machen,[11] denn er verwirrte in der +That alle seine Pläne. Eine Nachgiebigkeit anzurathen, lag jedoch nicht +in seiner Natur. Es ward versucht, den Aufstand durch das Schwert zu +dämpfen; aber die militärischen Kräfte und Talente des Königs waren dem +Unternehmen nicht gewachsen. Unter diesen Umständen und im Widerspruche +mit den Gesetzen neue Steuern aufzuerlegen, wäre Wahnsinn gewesen; es +blieb keine andere Aussicht als ein Parlament, und im Frühjahr 1640 ward +ein solches einberufen. + + [Anmerkung 11: Siehe seinen Brief an den Grafen von + Northumberland, d. d. 30. Juli 1638.] + + +[_Ein Parlament wird berufen und aufgelös't._] Bei der Aussicht auf +Wiederherstellung einer verfassungsmäßigen Regierung und auf Abhilfe der +Beschwerden war die Stimmung der Nation eine bessere geworden. Das neue +Haus der Gemeinen zeigte sich gemäßigter und ehrerbietiger gegen den +Thron, als alle, die sich seit dem Tode Elisabeths versammelt hatten. +Die ausgezeichnetsten Royalisten haben die Mäßigung dieser Versammlung +hoch gepriesen, aber den Häuptern der Opposition scheint sie nicht wenig +Sorge und eine große Enttäuschung bereitet zu haben. Karl blieb indeß +seiner eben so unpolitischen als unedeln Gewohnheit treu, den Wünschen +seines Volks so lange sich abhold zu zeigen, bis diese Wünsche drohend +ausgesprochen wurden. Kaum legten die Gemeinen die Neigung an den Tag, +die Beschwerden, unter denen das Land elf Jahre lang gelitten, in +Betracht zu ziehen, als der König das Parlament mit allen Zeichen des +Mißfallens auflös'te. + +Zwischen der Auflösung dieser auf so kurze Zeit einberufenen Versammlung +und der Constituirung jenes ewig merkwürdigen Körpers, der unter dem +Namen des Langen Parlaments bekannt ist, lagen wenig Monate, in denen +das Joch der Nation sich herber als je gestaltete, der Volksgeist aber +sich zorniger als je dagegen erhob. Der Geheime Rath ließ Mitglieder des +Hauses der Gemeinen wegen ihres parlamentarischen Verhaltens zur +Rechenschaft ziehen, und als sie sich weigerten Rede zu stehen, in's +Gefängniß werfen. Das Schiffsgeld ward mit größerer Strenge +eingetrieben; man bedrohte den Lord Mayor und die Sheriffs von London +mit Gefängniß, weil sie nicht streng genug die Gelder eingezogen hatten; +es fanden gewaltsame Aushebungen von Soldaten statt, deren Unterhalt +ihre Grafschaften bestreiten mußten. Die stets ungesetzlich gewesene +Folter, und erst kürzlich noch von den servilsten Richtern jener Zeit +für ungesetzlich erklärt, ward in England im Monat Mai 1640 zum letzten +Male angewendet. + +Von dem Ausgange der Kriegsoperationen des Königs gegen die Schotten +hing nun Alles ab. Jener Geist, der den eigentlichen Soldaten von dem +Volke trennt und ihn an seine Führer bindet, zeigte sich äußerst +spärlich in seinen Truppen. Das Heer, größtentheils aus Rekruten +zusammengesetzt, die sich nach dem Pfluge zurücksehnten, von dem man sie +gewaltsam fortgerissen, und die im ganzen Lande vorherrschenden +religiösen und politischen Ansichten theilend, war dem Könige +gefährlicher als dem Feinde. Die von den Führern der englischen +Opposition ermuthigten Schotten fanden bei den englischen Truppen nur +schwachen Widerstand, sie gingen über den Tweed und den Tyne, und +lagerten sich an den Grenzen von Yorkshire. Und nun artete das Murren +der Unzufriedenheit in einen Tumult aus, der alle Gemüther, eines +ausgenommen, mit Schrecken erfüllte. Strafford beharrte noch immer bei +dem »Durch«, und selbst in diesem verhängnißvollen Augenblicke zeigte er +sich so grausam und despotisch, daß nicht viel fehlte, und seine eigenen +Lanzknechte hätten ihn in Stücke zerrissen. + +Noch gab es indessen ein Auskunftsmittel, das dem Könige, wie er sich +schmeichelte, die Schmach ersparen könnte, einem andern Hause der +Gemeinen gegenüberzutreten. Dem Hause der Lords war er weniger +abgeneigt. Die Bischöfe hingen an ihm und die weltlichen Lords, wenn +auch im Allgemeinen mit seiner Verwaltung nicht einverstanden, mußten +sich doch als Stand so sehr bei der Aufrechterhaltung der Ordnung und +dem Verbleiben der alten Einrichtungen interessiren, daß ein Drängen +nach ausgedehnten Reformen ihrerseits nicht zu fürchten war. Wider die +Gewohnheit, die seit Jahrhunderten ununterbrochen bestanden, rief er nur +die Lords zu einem großen Rathe zusammen; die Lords aber waren zu klug, +als daß sie die verfassungswidrigen Funktionen übernahmen, die er ihnen +zugedacht hatte. Ohne Geld, ohne Credit und ohne Autorität, selbst in +seinem eigenen Lager, fügte er sich dem Drange der Nothwendigkeit. Die +Häuser wurden zusammenberufen und die Wahlen bewiesen, daß Mißtrauen und +Haß gegen die Regierung seit dem Frühjahre gefährliche Fortschritte +gemacht hatten. + + +[_Das lange Parlament._] Im November 1640 trat jenes berühmte Parlament +zusammen, das, ungeachtet mancher Irrthümer und Mißgeschicke, gerechten +Anspruch auf die Hochachtung und Dankbarkeit aller derer hat, die in +irgend einem Theile der Welt sich der Segnungen einer constitutionellen +Regierung erfreuen. + +Im Laufe des folgenden Jahres stellte sich in den Häusern keine +Meinungsverschiedenheit von großer Wichtigkeit heraus. Die bürgerliche +und geistliche Verwaltung war zwölf Jahre hindurch so bedrückend und so +verfassungswidrig ausgeübt worden, daß selbst diejenigen Klassen, +die gewöhnlich auf Ordnung und Autorität halten, mit großem Eifer +volksthümliche Reformen zu fördern und die Werkzeuge der Tyrannei vor +Gericht zu stellen bemüht waren. Eine Verordnung ward erlassen, wonach +zwischen einem und dem nächsten Parlamente nicht mehr als drei Jahre +liegen durften und erfolgte das Ausschreiben unter dem großen Siegel +nicht zur gehörigen Zeit, so waren die Wahlbeamten befugt, auch ohne ein +solches Ausschreiben die Wahlkörper behufs Wahl der Vertreter +einzuberufen. Die Sternkammer, die Hohe Kommission und der Rath von York +wurden aufgehoben. Männer, die grausam verstümmelt in tiefen Kerkern +schmachteten, wurden freigelassen. An den ersten Dienern der Krone nahm +das Volk schonungslose Rache; der Lord Siegelbewahrer, der Primas, der +Lord Statthalter wurden in Anklagestand versetzt; Finch rettete sich +durch die Flucht, Laud ward in den Tower geworfen und Strafford ward vor +Gericht gestellt und laut eines Parlamentsbeschlusses zum Tode +verurtheilt. An demselben Tage, an dem dieser Beschluß durchging, +stimmte der König einem Gesetze bei, durch das er sich verpflichtete, +das bestehende Parlament weder zu vertagen, noch zu prorogiren oder +aufzulösen, wenn es nicht selbst seine Zustimmung dazu gäbe. + +Im September 1641, nach einer zehnmonatlichen angestrengten Arbeit, +vertagten sich die Häuser auf kurze Zeit und der König besuchte +Schottland, das er nur mit Mühe durch die Verzichtleistung auf alle +seine kirchlichen Reformpläne und durch die mit großer Überwindung +ertheilte Bestätigung einer Akte, die das Episcopat in Widerspruch mit +Gottes Wort erklärte, beruhigte. + + +[_Erstes Auftreten der beiden großen englischen Parteien._] Die Ferien +des englischen Parlamentes dauerten sechs Wochen. Der Tag des +Wiederzusammentritts der Häuser bildet eine der merkwürdigsten Epochen +unserer Geschichte. Von diesen Tage an existiren die beiden großen +corporativen Parteien, die seitdem stets das Land abwechselnd regiert +haben, obgleich der Unterschied, der damals augenscheinlich hervortrat, +in einem gewissen Sinne immer bestanden hat und auch immer bestehen muß, +denn er entspringt den Verschiedenheiten des Temperaments, der +Intelligenz und des Interesses, die man in allen Gesellschaften findet +und so lange finden wird, bis der menschliche Geist aufhört, sich durch +den Reiz der Gewohnheit und Neuheit in entgegengesetzte Richtungen +leiten zu lassen. Wir finden diesen Unterschied nicht nur in der +Politik, sondern auch in der Literatur, in Kunst und Wissenschaft, in +Chirurgie, Mechanik, dem Seewesen, der Landwirthschaft, und selbst in +der Mathematik. Überall begegnen wir einer Menschenklasse, die mit +Vorliebe an allem Alten hängt, und selbst dann noch mit banger Besorgniß +und bösen Ahnungen in die Neuerung willigt, wenn überwiegende Gründe für +deren Wohlthätigkeit vorliegen. Ebenso finden wir überall eine zweite +Menschenklasse, die sanguinischer Hoffnung und kühner Pläne voll die +Unvollkommenheiten des Bestehenden rasch erfaßt, über die Gefahren und +Widerwärtigkeiten der Neuerungen leicht hinweggeht, und nur zu geneigt +ist, jede Veränderung für eine Verbesserung zu halten. In den Neigungen +beider Klassen liegt etwas, das man billigen muß; aber die Höhepunkte +Beider findet man in der Nähe der gemeinschaftlichen Grenze, der extreme +Theil der einen besteht aus abergläubischen, einfältigen Narren; der +extreme Theil der andern aus seichten und unbesonnenen Empirikern. + +Daß sich schon in unsern ersten Parlamenten ängstlich auf Erhaltung des +Bestehenden bedachte Mitglieder von andern, eifrig nach Reformen +strebenden unterscheiden ließen, ist nicht zu bezweifeln; so lange aber +die Sitzungen des gesetzgebenden Körpers nur von kurzer Dauer waren, +konnten diese Gruppen keine bestimmte und bleibende Form annehmen, sich +anerkannten Führern nicht unterordnen, und sich weder durch Namen und +Zeichen noch durch Losungsworte unterscheiden. Der Unwille über die seit +vielen Jahren erlittene widergesetzliche Unterdrückung war während der +ersten Monate des langen Parlaments so groß und allgemein, daß das Haus +der Gemeinen wie ein Mann handelte. Ohne Streit verschwand Mißbrauch auf +Mißbrauch. Eine geringe Minorität des repräsentativen Körpers wünschte +die Sternkammer und die Hohe Commission beizubehalten; aber +eingeschüchtert durch die Begeisterung und das numerische Übergewicht +der Reformer begnügte sie sich, im Stillen den Verlust von Institutionen +zu beklagen, die mit irgend einer Aussicht auf Erfolg sich offen nicht +vertheidigen ließen. Die Royalisten fanden es in einer spätern Zeit für +zweckmäßig, den Ursprung der zwischen ihnen und ihren Gegnern +eingetretenen Spaltung weiter hinauszuverlegen, und die Akte, die dem +Könige das Auflösen oder Vertagen des Parlamentes verbietet, die Akte +über die dreijährige Frist zwischen zwei Parlamenten, sowie die Anklage +der Minister und den Antrag auf Straffords Verurtheilung, jener Faktion +beizumessen, die später gegen den König Krieg führte. Ein unredlicherer +Kunstgriff läßt sich nicht denken. Die eifrigste Förderung dieser +strengen Maßregel war von Männern ausgegangen, die später unter den +Cavalieren in erster Reihe standen. Kein Republikaner hätte härter über +Karls so lange schlecht verwaltete Regierung gesprochen, als Colepepper, +und die merkwürdigste Rede zu Gunsten der Dreijährigkeits-Akte hatte +Digby gehalten. Die Anklage des Lord Siegelbewahrers hatte Falkland +beantragt, und die Forderung, den Lord Statthalter in engem Gewahrsam zu +halten, war an den Schranken des Lords von Hyde gestellt. Erst dann, als +das Gesetz in Betreff der Verurtheilung Strafford's vorgeschlagen wurde, +ließen sich die Zeichen einer ernsten Uneinigkeit erkennen und selbst +gegen dieses Gesetz, das nichts als die äußerste Nothwendigkeit +rechtfertigen konnte, stimmten etwa sechzig Mitglieder des Hauses der +Gemeinen. Es ist gewiß, daß Hyde nicht bei der Minorität war, und daß +Falkland nicht nur mit der Majorität stimmte, sondern auch kräftig zu +Gunsten der Bill sprach. Selbst die kleine Anzahl, die Zweifel darüber +hegte, ob eine die Todesstrafe aussprechende Verfügung rückwirkend sein +könne, hielten es für nöthig gegen Straffords Charakter und Verwaltung +den größten Abscheu auszudrücken. + +Unter dieser scheinbaren Einmüthigkeit verbarg sich indeß ein großes +Schisma, und als im October 1641 das Parlament nach kurzen Ferien wieder +zusammentrat, standen zwei Parteien einander feindlich gegenüber, dem +Wesen nach dieselben, die unter verschiedenen Namen seitdem stets um die +Leitung der öffentlichen Angelegenheiten gestritten haben und noch +streiten. Man bezeichnete sie einige Jahre hindurch mit den Namen: +Cavaliere und Rundköpfe; später nannte man sie Tories und Whigs, und wie +es scheint, werden diese letztern Namen sobald nicht veralten. + +Auf jede dieser berühmten Faktionen eine Schmähschrift oder eine Lobrede +zu verfassen, würde nicht schwer sein, denn Jeder, der noch einigermaßen +urtheilsfähig und redlich ist, muß eingestehen, daß dem Rufe der Partei, +der er angehört, nicht zu vertilgende Flecken ankleben und daß seine +Gegenpartei sich vieler ausgezeichneten Namen, vieler heroischen Thaten +und vieler großen, dem Staate geleisteten Dienste rühmen kann. Die +Wahrheit ist, daß England beider Parteien, obgleich sie sich oft +bedeutend geirrt, nicht hätte entbehren können. Wenn wir in den +Institutionen desselben Freiheit und Ordnung mit den aus Neuerung und +Verjährung entspringenden Vortheilen bis zu einem Umfange vereinigt +finden, der andernorts unbekannt ist, so können wir diese glückliche +Eigenthümlichkeit den heftigen Kämpfen und den abwechselnden Siegen +zweier wetteifernden Verbindungen von Staatsmännern zuschreiben: der +einen, die für Autorität und Alterthum, der andern, die für Freiheit und +Fortschritt eiferte. + +Man darf den Umstand nicht übersehen, daß der Unterschied zwischen den +beiden Hauptabtheilungen englischer Politiker stets mehr ein Unterschied +des Grades als des Grundsatzes gewesen ist. Gewisse Grenzen, zur Rechten +wie zur Linken, wurden sehr selten überschritten. Eine kleine Anzahl +Enthusiasten auf der einen Seite hätte bereitwillig alle unsere Rechte +und Freiheiten dem Könige zu Füßen gelegt; auf der andern Seite gab es +ebenfalls einzelne Enthusiasten, die gern ihr Lieblingsphantom, das +einer Republik, durch endlose Bürgerkriege verfolgt hätten. Aber die +große Mehrzahl der Anhänger der Krone war dem Despotismus nicht +zugethan, und die große Mehrzahl der Kämpfer für die Volksrechte wollte +die Anarchie nicht. Im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts stellten beide +Parteien zweimal den gegenseitigen Kampf ein, um ihre Kräfte zur +Durchführung einer gemeinschaftlichen Sache zu vereinigen. Ihre erste +Vereinigung stellte die erbliche Monarchie wieder her; ihre zweite +rettete die verfassungsmäßige Freiheit. + +Ferner muß bemerkt werden, daß diese Parteien nie die ganze Nation +umfaßt, und daß selbst beide zusammen nie eine Mehrzahl von der Nation +gebildet haben; stets befand sich zwischen ihnen eine große Masse, +die nicht beständig einer oder der andern anhing, und bald in träger +Neutralität verharrte, bald hin und her schwankte. Diese Masse ist in +wenigen Jahren mehr als einmal von einem Extreme zu dem andern, und dann +wieder zurück gegangen. Mitunter wechselte sie ihre Parteistellung nur +deshalb, weil sie stets dieselben Männer zu unterstützen müde war; +mitunter, weil sie vor ihrem eigenen Zuweitgehen erschrak, und nicht +selten auch, weil sie Unmöglichkeiten erwartet hatte und sich getäuscht +sah. Neigte sie sich aber mit ihrem ganzen Gewicht nach der einen oder +andern Richtung hin, war ein Widerstand für diese Zeit unmöglich. + +Bei dem ersten Auftreten der rivalisirenden Parteien in bestimmter +Gestalt schienen ihre Kräfte ziemlich gleich vertheilt zu sein. Auf der +Seite der Regierung stand eine große Mehrzahl des Adels und jener +reichen Gentlemen aus guter Familie, denen, um adelig zu sein, nichts +fehlte als der Name; diese bildeten mit ihren Anhängern, über deren +Beistand sie bestimmen konnten, eine nicht unbedeutende Macht im Staate. +Auf derselben Seite standen der ganze Clerus, beide Universitäten und +jene Laien alle, die fest der bischöflichen Regierung und dem +anglikanischen Ritual anhingen. Diesen achtbaren Klassen hatten sich +einige Bundesgenossen von minderer Bedeutung angeschlossen. Alle, +die aus dem Vergnügen ein Geschäft machten, oder durch Galanterie, +Kleiderprunk und Geschmack an den leichten Künsten sich hervorthun +wollten, veranlaßte die puritanische Strenge, zu der Partei des Königs +zu treten. Mit diesen gingen nun wiederum alle diejenigen, die davon +lebten, Andern Zeitvertreib zu schaffen; der Maler, der komische +Dichter, der Seiltänzer und der Possenreißer (lustige Andreas). Diese +Künstler wußten recht gut, daß sie nur unter einem stolzen und üppigen +Despotismus gedeihen konnten, unter der strengen Herrschaft der +Rigoristen aber Hunger leiden mußten. Dasselbe Interesse leitete alle +Katholiken. Die Königin, eine Tochter Frankreichs, bekannte sich zu +ihrem Glauben; von dem Gemahle derselben wußte man, daß er seine Gattin +eben so sehr liebte, als er sie fürchtete, und daß er, obgleich +unbezweifelt Protestant aus Überzeugung, dennoch die Bekenner der alten +Religion nicht mit Abneigung betrachtete, sondern ihnen gern eine +größere Duldung gewährte, als er den Presbyterianern zu bewilligen +bereit war. Wenn die Opposition den Sieg davon trug, so wären +wahrscheinlich die unter der Regierung Elisabeths erlassenen Blutgesetze +streng geübt worden; die Römisch-Katholischen hatten daher die +triftigsten Gründe, sich der Sache des Hofes zuzuwenden. Verfuhren sie +im Allgemeinen auch mit einer Vorsicht, durch die sie den Vorwurf der +Feigheit und Lauheit auf sich zogen, so ist es dennoch wahrscheinlich, +daß sie bei dieser großen Zurückhaltung nicht minder das Interesse des +Königs als ihr eigenes im Auge hatten, und es wäre wahrlich nicht +heilbringend für ihn gewesen, wenn sie sich unter seinen Freunden +besonders bemerkbar gemacht hätten. + +Die Opposition fand ihre Hauptstärke in den kleinen Freisassen auf dem +Lande und den Krämern der Städte; aber diese wurden von einer zu +fürchtenden Minorität der Aristokratie geleitet, zu der die reichen und +mächtigen Grafen von Northumberland, Bedford, Warwick, Stamford und +Essex gehörten. In denselben Reihen befanden sich sämmtliche +protestantischen Nonconformisten und die mehrsten derjenigen Mitglieder +der Staatskirche, die noch immer an den calvinistischen Meinungen +hingen, welche die Prälaten und die niedere Geistlichkeit vor vierzig +Jahren allgemein getheilt hatten. Auch die städtischen Corporationen +standen, mit geringen Ausnahmen, auf Seite derselben Partei. In dem +Hause der Gemeinen hatte die Opposition das Übergewicht, jedoch ein +nicht entschiedenes. + +Keiner der beiden Parteien fehlte es für die Maßregeln, die sie +ergriffen zu sehen wünschten, an triftigen Gründen. Das Raisonnemenent +der aufgeklärtesten Royalisten kann in Folgendem zusammengefaßt werden: +»Es ist wahr, daß große Mißbräuche stattgefunden haben, aber sie sind +beseitigt. Es ist wahr, daß theure Rechte verletzt worden sind, aber man +hat ihnen wieder volle Geltung und neue Bürgschaften dafür gegeben. Man +hat zwar die Versammlungen der Reichsstände gegen alle frühern Gebräuche +und gegen den Geist der Verfassung elf Jahre lang ausgesetzt, jetzt aber +steht fest, daß in Zukunft nie drei Jahre ohne ein Parlament +verstreichen sollen. Die Sternkammer, die Hohe Commission und der Rath +von York haben uns gedrückt und ausgeplündert; diese verhaßten +Gerichtshöfe existiren nicht mehr. Der Lord Statthalter gedachte einen +Militairdespotismus einzuführen; er hat diesen Verrath mit seinem Kopfe +gebüßt. Der Primas befleckte unsern Gottesdienst mit papistischen +Gebräuchen und strafte die Zweifel unsers Gewissens mit papistischer +Grausamkeit; er erwartet im Tower das Urtheil seiner Pairs. Der Lord +Siegelbewahrer bestätigte einen Plan, nach dem das Eigenthum aller +Engländer der Gnade der Krone unterworfen werden sollte; er ist +beschimpft, zu Grunde gerichtet und gezwungen worden, Zuflucht in einem +fremden Lande zu suchen. Die Diener der Tyrannei haben ihre Verbrechen +gebüßt -- die Opfer der Tyrannei haben für ihre Leiden Entschädigung +erhalten. Es würde nicht weise sein, wollten wir unter diesen Umständen +ferner noch auf einem Verfahren beharren, das damals gerechtfertigt und +nothwendig war, als wir nach einem langen Zwischenraume wieder +zusammentraten und die ganze Verwaltung nur aus Mißbräuchen bestehend +vorfanden; jetzt müssen wir uns hüten, unsern Sieg über den Despotismus +nicht so weit zu verfolgen, daß wir der Anarchie anheimfallen. Die +schlechten Einrichtungen, unter denen das Vaterland noch vor Kurzem +seufzte, ohne gewaltige, die Grundlagen der Regierung erschütternde +Maßregeln zu beseitigen, stand nicht in unserer Macht; jetzt aber, da +diese Einrichtungen gestürzt sind, dürfen wir nicht zögern, dasselbe +Gebäude zu stützen, das zu zertrümmern noch vor kurzer Frist unsere +Pflicht war. Unsere Weisheit muß künftig darin bestehen, daß wir +mißtrauisch die Neuerungspläne in's Auge fassen und alle jene +Hoheitsrechte, die das Gesetz im Interesse des allgemeinen Besten dem +Souverain verliehen, vor Beeinträchtigung wahren.« + +Dies waren die Ansichten der Männer, als deren Führer der vortreffliche +Falkland zu betrachten ist. Auf der andern Seite behaupteten nicht +geringer befähigte und redliche Männer mit nicht minder ernstem +Nachdrucke, daß die Bürgschaften für die Freiheiten des englischen +Volkes mehr scheinbare als wirkliche seien, und daß der Hof seine +Willkürpläne sofort wieder aufnehmen würde, wenn die Wachsamkeit der +Gemeinen nachließe. Es sei wahr, sagten Pym, Hollis und Hampden, daß +viele gute Gesetze erlassen wären, aber hätten diese Gesetze genügt, den +König zu beschränken, so würden seine Unterthanen nur wenig Ursache zu +Klagen über seine Verwaltung gehabt haben, und die neuen Gesetze, +meinten sie, hätten sicherlich keine geringere Autorität, als die Magna +Charta und die Bitte um Recht; aber weder die Magna Charta, wenn auch +durch die Verehrung geheiligt, die man ihr vier Jahrhunderte lang +gezollt, noch die Bitte um Recht, die Karl selbst nach reiflicher +Erwägung und aus wichtigen Gründen genehmigt, sei für den Schutz des +Volkes wirksam genug befunden worden. Erschlaffte nur einmal der Zügel +der Furcht, ließe man den Geist der Opposition nur einmal einschlummern, +so würden sich alle Bürgschaften für die englischen Freiheiten in eine +einzige auflösen, in das königliche Wort, und daß man diesem nicht viel +trauen dürfe, sei durch eine lange und bittere Erfahrung bewiesen. + + +[_Der irische Aufstand._] Noch beharrten beide Parteien in einer +feindseligen Vorsicht, noch hatten sie ihre Kraft nicht gemessen, als +eine Kunde anlangte, welche Beider Leidenschaften entflammte und Beide +in ihren Ansichten bestärkte. Es hatten nämlich die großen Häuptlinge +von Ulster, die sich bei Jakobs Regierungsantritte der königlichen +Autorität nach langem Kampfe gebeugt, der erniedrigenden Abhängigkeit +müde, sich gegen die englische Regierung verschworen, und waren des +Hochverraths für schuldig erklärt worden. Ihre unermeßlichen Besitzungen +fielen nun der Krone anheim und wurden bald von Tausenden englischer und +schottischer Auswanderer bevölkert. Die neuen Ansiedler überragten an +Civilisation und geistiger Bildung die Eingeborenen, und mißbrauchten +nicht selten diese Überlegenheit. Der Haß, den die Verschiedenheit des +Stammes erzeugt, ward durch die Verschiedenheit der Religion noch +vermehrt. Unter Wentworth's eiserner Herrschaft hatte sich zwar kaum ein +leises Murren vernehmen lassen; als aber dieser starke Druck aufgehoben, +als Schottland das Beispiel eines erfolgreichen Widerstandes geliefert, +und als England mit eigenen Zwistigkeiten zu thun hatte, da brach die +verhaltene Wuth der Iren in schrecklichen Gewaltthätigkeiten aus. +Die Eingeborenen erhoben sich gegen die Colonisten. Ein Krieg, dem +nationaler und religiöser Haß einen besonders furchtbaren Charakter +verliehen, verwüstete Ulster und breitete sich über die benachbarten +Provinzen aus. Das Schloß von Dublin hielt man kaum noch für sicher. +Jede Post brachte Gräuelberichte nach London, die, wenn sie auch nicht +übertrieben gewesen wären, dennoch Mitleid und Schrecken erregen mußten. +Diese bösen Botschaften nun entzündeten bis zum höchsten Grade den Eifer +der beiden großen Parteien, die in Westminster zum Kampfe gerüstet +einander gegenüber standen. Die Anhänger des Königs behaupteten, es sei +die Pflicht eines jeden guten Engländers und Protestanten, in einer +solchen Krise die Macht des Souveräns zu stärken; die Opposition dagegen +war der Ansicht, es lägen jetzt mehr als je triftige Gründe vor, ihm +Hindernisse und Schranken entgegenzusetzen. Die Gefahr des Gemeinwesens +war allerdings Grund genug, einem des Vertrauens würdigen Oberhaupte +ausgedehnte Gewalt zu verleihen; aber der Umstand, daß dieses Oberhaupt +dem Lande feindlich gesinnt war, gab einen eben so triftigen Grund +dafür, ihm die Macht zu entziehen. Eine große Armee aufzustellen, war +von jeher des Königs Hauptbestreben gewesen, und jetzt mußte ein solches +Heer gesammelt werden. War man nun nicht auf neue Bürgschaften bedacht, +so stand zu befürchten, daß die zur Bezwingung Irlands aufgestellten +Streitkräfte gegen die Freiheit Englands verwendet werden würden. Aber +auch dies war noch nicht Alles. Es hatte sich ein gräßlicher Verdacht, +wenn auch ungerecht, doch nicht ganz unnatürlich, vieler Gemüther +bemächtigt. Die Königin nämlich war eine erklärte Anhängerin der +römisch-katholischen Kirche; den König hielten die Puritaner, weil er +sie stets schonungslos verfolgt hatte, nicht für einen aufrichtigen +Protestanten, und seine Zweideutigkeit war so allgemein bekannt, daß es +keine Verrätherei mehr gab, deren seine Unterthanen, nur bei einigem +Anscheine von Grund, ihn nicht für fähig gehalten hätten. Leise tauchte +das Gerücht auf, der Aufstand der Römisch-Katholischen von Ulster sei +nichts als ein Theil eines großen Werkes der Finsterniß, daß man in +Whitehall vorbereitet habe. + + +[_Die Remonstration._] Am 22. November 1641 fand nach einem Vorspiele +von einigen Wochen der erste große parlamentarische Kampf zwischen den +Parteien statt, die seitdem stets um die Regierung der Nation gestritten +haben und noch darum streiten. Die Opposition stellte den Antrag, das +Haus der Gemeinen möge dem Könige eine Vorstellung übergeben, in der die +Fehler, die er seit seiner Thronbesteigung in der Verwaltung begangen, +aufgezählt würden, und die zugleich das Mißtrauen ausdrücke, mit dem das +Volk seine Politik betrachte. Dieselbe Versammlung, die noch vor wenig +Monaten einstimmig die Abschaffung der Mißbräuche gefordert hatte, war +jetzt in zwei heftig erbitterte Parteien von fast gleicher Stärke +getheilt. Nach einer mehrstündigen heißen Debatte ward die beantragte +Remonstration mit nur elf Stimmen angenommen. + +Der conservativen Partei war das Ergebniß dieses Kampfes ungemein +günstig. Daß sie binnen kurzer Zeit das Übergewicht im Unterhause +erlangen würde, war unzweifelhaft, wenn nicht eine große Unbesonnenheit +es verhinderte. Des Oberhauses hatte sie sich schon bemächtigt; es +fehlte nichts zur völligen Sicherung ihres Erfolgs, als daß der König in +seinem ganzen Verhalten Achtung vor den Gesetzen und gewissenhafte Treue +gegen seine Unterthanen an den Tag legte. + +Seine ersten Maßregeln versprachen Gutes. Wie es schien, hatte er die +Nothwendigkeit eines vollständigen Wechsels des Systems erkannt und sich +klüglich dem zugewendet, was nicht länger vermieden werden konnte. Offen +erklärte er seinen Entschluß, daß er in Übereinstimmung mit den Gemeinen +regieren und deshalb nur Männer zu seinen Räthen wählen wolle, in deren +Fähigkeiten und Charakter sie volles Vertrauen setzten. Und diese Wahl +fiel auch wirklich nicht übel aus. Falkland, Hyde und Colepepper, drei +Männer, die sich durch den Eifer für Abstellung von Mißbräuchen und +Bestrafung schlechter Minister hervorgethan, wurden eingeladen, die +Stellung als vertraute Räthe der Krone einzunehmen, und sie erhielten +auch von Karl die feierliche Versicherung, daß er ohne ihr Mitwissen +keinen Schritt unternehmen wolle, der in irgend einer Weise das +Unterhaus verletze. + +Hätte er dieses Versprechen gehalten, so würde ohne allen Zweifel die +Reaktion, die bereits im Fortschreiten begriffen, bald so stark geworden +sein, als es die besten Royalisten nur immer wünschen konnten. Die +heftigen Mitglieder der Opposition begannen schon an dem glücklichen +Erfolge ihrer Partei zu verzweifeln, für ihre eigene Sicherheit zu +fürchten und von dem Verkaufen ihrer Güter und der Übersiedelung nach +Amerika zu sprechen. Daß die helle Aussicht, die sich dem Könige bereits +eröffnet, sich plötzlich verdunkelte, daß sein Leben durch +Widerwärtigkeit getrübt und endlich gewaltsam verkürzt wurde, ist nur +seiner eigenen Treulosigkeit und Verhöhnung der Gesetze beizumessen. + +Daß er beide Parteien, in die das Haus der Gemeinen sich theilte, haßte, +ist wahrscheinlich, und man kann sich darüber nicht wundern, denn in +beiden Parteien waren Freiheits- und Ordnungsliebe, wenn auch in +verschiedenen Verhältnissen, stets gemischt vorhanden. Die Rathgeber, +die zu berufen ihn die Nothwendigkeit gezwungen, waren durchaus nicht +Männer nach seinem Herzen; sie hatten an der Verurtheilung seiner +Tyrannei, an der Schmälerung seiner Macht und der Bestrafung seiner +Werkzeuge Theil genommen. Nun waren sie allerdings bereit, durch streng +gesetzliche Mittel seine streng gesetzlichen Rechte zu vertheidigen, +aber sie würden vor dem Gedanken zurückgeschaudert sein, Wentworths +Pläne des »Durch« wieder in Angriff zu nehmen. Aus diesem Grunde hielt +sie der König für Verräther, die sich nur durch den Grad ihrer +aufrührerischen Bosheit von Pym und Hampden unterschieden. + + +[_Anklage der fünf Mitglieder._] Einige Tage nach dem den Häuptern der +constitutionellen Royalisten geleisteten Versprechen, daß kein wichtiger +Schritt ohne ihr Mitwissen gethan werden solle, faßte er die +verhängnißvollste Entschließung seines ganzen Lebens, verbarg sie ihnen +sorgfältig und brachte sie in einer Weise zur Ausführung, die sie mit +Scham und Schrecken erfüllte. Er gab dem Kronanwalt Auftrag, Pym, +Hollis, Hampden und andere Mitglieder des Hauses der Gemeinen vor den +Schranken des Hauses der Lords als Hochverräther anzuklagen. Noch nicht +zufrieden mit dieser schweren Verletzung der Magna Charta und des +ununterbrochenen Gebrauchs von Jahrhunderten, erschien er in +Person, unter Begleitung von Bewaffneten, um in den Mauern des +Parlamentsgebäudes selbst die Führer der Opposition zu verhaften. + +Der Versuch mißlang, denn die angeklagten Mitglieder hatten kurz vor +Karls Erscheinen das Haus verlassen. Sowohl im Parlamente als im Lande +folgte nun ein plötzlicher und heftiger Umschwung der Stimmung. Die +gelindeste Ansicht, welche die parteilichsten Verfechter des Königs über +sein Verhalten bei dieser Gelegenheit je gehegt haben, ist die, daß er +schwach genug gewesen sei, sich von den schlechten Rathschlägen seiner +Frau und seiner Höflinge zu einer unerhörten Unbesonnenheit hinreißen zu +lassen. Die allgemeine Stimme aber klagte ihn laut eines weit schwerern +Vergehens an. In demselben Augenblicke, in dem seine Unterthanen, lange +durch seine schlechte Verwaltung ihm entfremdet, mit Gefühlen des +Vertrauens und der Liebe zu ihm zurückkehren wollten, führte er einen +tödtlichen Streich auf ihre theuersten Rechte, auf die Vorrechte des +Parlaments, überhaupt auf das ganze Prinzip der Geschwornengerichte, und +zeigte, daß er eine Opposition gegen seine Willkürpläne für eine nur +durch Blut zu sühnende Schuld betrachte. Er war nicht nur seinem großen +Rathe und seinem Volke, sondern auch seinen eigenen Anhängern untreu +geworden, und hatte einen Schritt zu thun gewagt, der wahrscheinlich +einen blutigen Kampf an dem Stuhle des Sprechers hervorgerufen haben +würde, wenn ihn ein unvorhergesehener Zufall nicht verhindert hätte. Es +fühlten jetzt die einflußreichsten Männer im Unterhause, daß nicht nur +ihre Macht und Popularität, sondern auch ihre Güter und Köpfe von dem +Ausgange des Kampfes, in den sie verwickelt waren, abhingen. Der +gesunkene Eifer der dem Hofe entgegenstehenden Partei erhob sich +plötzlich wieder zu neuem Leben. Die ganze Nacht, die auf den Frevel +folgte, stand die City von London unter Waffen. Die der Hauptstadt +zuführenden Straßen waren nach wenig Stunden schon mit Schaaren von +Freisassen bedeckt, welche mit den Zeichen der Parlamentssache an den +Hüten nach Westminster eilten. Die Opposition im Hause der +Gemeinen wurde plötzlich unwiderstehlich und setzte, bei einem +Stimmenverhältnisse von mehr als zwei gegen eine, Beschlüsse von +beispielloser Heftigkeit durch. Die Wache in Westminsterhall wurde von +starken Abtheilungen der Landmiliz besetzt und regelmäßig abgelös't. +Eine wüthende Menge belagerte täglich die Thüren des königlichen +Palastes, ihre Schmähungen und Flüche drangen bis in das Audienzgemach, +und die Hofdiener konnten den Andrang kaum von den königlichen Zimmern +abhalten. Wäre Karl noch länger in der stürmisch aufgeregten Hauptstadt +geblieben, die Gemeinen würden wahrscheinlich einen neuen Vorwand +gefunden haben, um ihn, unter Beobachtung äußerer Formen der +Ehrerbietung, zum Staatsgefangenen zu machen. + + +[_Karls Abreise von London._] Er verließ London, um nicht eher dorthin +zurückzukehren, bis der Tag einer furchtbaren und denkwürdigen +Abrechnung gekommen war. Es begann eine Unterhandlung, die mehrere +Monate dauerte. Anklagen und Gegenanklagen wechselten zwischen den +streitenden Parteien; jede friedliche Schlichtung war unmöglich +geworden. Auch den König ereilte endlich die sichere Strafe, die den +steten Verrath treffen muß. Umsonst verpfändete er jetzt sein +königliches Wort, umsonst rief er den Himmel zum Zeugen der +Aufrichtigkeit seiner Versicherungen an; das Mißtrauen seiner Gegner war +weder durch Schwüre noch durch Verträge zu verbannen, denn sie hegten +die Überzeugung, daß ihre Sicherheit von seiner völligen Hilflosigkeit +abhinge, und aus diesem Grunde bestanden sie darauf, er solle nicht nur +auf die Vorrechte verzichten, die er sich durch die Verletzung alter +Gesetze und seiner eigenen noch kürzlich geleisteten Versprechen +angemaßt hatte, sondern auch auf andere, in deren Besitz die englischen +Könige seit undenklichen Zeiten waren und noch bis auf den heutigen Tag +sind. Es sollte ohne Zustimmung der Häuser kein Minister ernannt, kein +Pair gewählt werden, und vor Allem sollte der Souverain sich der +höchsten Militairgewalt entäußern, die seit einer Zeit, deren sich +niemand mehr erinnert, der königlichen Würde angehört hatte. + +Daß Karl auf solche Forderungen eingehen würde, so lange er noch irgend +ein Widerstandsmittel besaß, ließ sich nicht erwarten; aber es würde +auch schwer sein, den Nachweis zu liefern, daß die Häuser mit Sicherheit +weniger hätten fordern können. Die große Mehrzahl der Nation hielt fest +an der erblichen Monarchie; der republikanisch Gesinnten waren nur noch +wenige, und diese wagten nicht, ihre Meinung laut auszusprechen. Die +Abschaffung des Königthums war daher eine Unmöglichkeit; aber zugleich +war es klar, daß man in den König kein Vertrauen setzen durfte. Es +hätten Diejenigen, die sein Streben nach ihrer Vernichtung aus jüngster +Erfahrung kannten, widersinnig gehandelt, wenn sie sich damit begnügt +hätten, ihm eine andere Bitte um Recht einzureichen, und von ihm neue, +denen ähnliche Versprechungen anzunehmen, die er wiederholt gegeben und +nicht gehalten hatte. Nur der Mangel einer Armee hatte ihn verhindert, +die alte Reichsverfassung völlig umzustürzen. Die Wiedereroberung +Irlands hatte die Aufstellung einer großen regelmäßigen Armee nöthig +gemacht, es wäre daher reiner Wahnsinn gewesen, hätte man die volle +Militairgewalt, wie sie seine Vorfahren besaßen, in seinen Händen lassen +wollen. + +Befindet sich ein Land in der Lage, in der sich damals England befand, +wird das königliche Amt mit Liebe und Verehrung, aber die dasselbe +verwaltende Person mit Haß und Mißtrauen betrachtet, so sollte man +meinen, daß der einzuschlagende Ausweg nicht fern läge: die Würde des +Amtes aufrecht zu halten, und die Person zu beseitigen. Diesen Weg +wählten unsere Vorfahren 1399 und 1689. Hätte im Jahre 1642 ein Mann +gelebt, der eine Stellung wie Heinrich von Lancaster zur Zeit der +Entthronung Richards II., oder wie der Prinz von Oranien zur Zeit der +Thronentsetzung Jakobs II. einnahm, so ließe sich annehmen, daß die +Häuser die Dynastie gewechselt, aber keine förmliche Veränderung der +Verfassung ausgeführt haben würden, und der neue König, durch ihre Wahl +zu dem Throne berufen und abhängig von ihrer Unterstützung, hätte +nothwendig in Übereinstimmung mit ihren Wünschen und Ansichten regieren +müssen. Aber die Partei des Parlaments zählte keinen Prinzen von +königlichem Geblüte zu ihren Anhängern, und wenn sie auch Männer von +hohem Range und ausgezeichneten Fähigkeiten besaß, so war doch keiner +unter ihnen, der die übrigen dergestalt überragte, daß man ihn als +Throncandidaten aufstellen konnte. Da es einen König geben mußte, und +ein neuer nicht zu finden war, so stellte sich die Nothwendigkeit +heraus, Karl den königlichen Titel zu belassen, und es blieb nur der +eine Ausweg übrig, den Titel von den Hoheitsrechten zu trennen. + +Schien auch die Änderung, welche die Häuser an unsern Institutionen +vorzunehmen beschlossen, eine weitumfassende, als man sie genau in +Vertragsartikel geordnet hatte; so ging sie doch in der That um nicht +viel weiter als jene Änderung, welche in der nächsten Generation die +Revolution hervorbrachte. Der Souverain ward in der Revolution +allerdings nicht durch ein Gesetz der Macht beraubt, seine Minister zu +wählen; aber es steht auch fest, daß es seit der Revolution keinem +Minister möglich war, länger als sechs Monate im Amte zu bleiben, wenn +das Haus der Gemeinen widersprach. Der Souverain hat zwar noch immer die +Gewalt Pairs zu ernennen, und die noch viel wichtigere des Schwertes; +aber er ist seit der Revolution bei Ausübung dieser Gewalten stets von +Räthen umgeben gewesen, die das Vertrauen der Volksvertreter besaßen. +Die Führer der Rundköpfe vom Jahre 1642 und die Staatsmänner, die +vielleicht ein halbes Jahrhundert später die Revolution hervorriefen, +verfolgten in der That genau dasselbe Ziel, und dieses Ziel war, den +Streit zwischen der Krone und dem Parlamente dadurch zu Ende zu bringen, +daß man dem Letztern die Oberaufsicht über die executive Verwaltung +zuertheilte. Die Staatsmänner der Revolution bewirkten dies indirekt +durch einen Dynastie-Wechsel. Die Rundköpfe von 1642 mußten einen +direkten Weg zum Ziele einschlagen, da sie den Dynastie-Wechsel nicht +bewirken konnten. + +Es darf uns jedoch nicht befremden, wenn die Forderungen der Opposition, +die eine vollständige und förmliche Übertragung aller der Krone bisher +angehörigen Befugnisse auf das Parlament umfaßten, jene große Partei +abschreckten, deren charakteristische Merkmale Achtung vor gesetzlicher +Autorität und Furcht vor gewaltsamen Neuerungen waren. Diese Partei +hatte noch kürzlich die Hoffnung gehegt, die Erlangung des Übergewichts +in dem Hause der Gemeinen durch friedliche Mittel zu bewirken; in dieser +Hoffnung aber war sie getäuscht. Karl hatte durch seine Treulosigkeit +die alten Feinde unversöhnlich gemacht, eine Anzahl gemäßigter und im +Übertritte zu ihm begriffener Männer in die Reihen der Mißvergnügten +zurückgetrieben, und seine besten Freunde so tief gekränkt, daß sie sich +eine Zeit lang beschämt und entrüstet zurückzogen. Jetzt aber mußten die +constitutionellen Royalisten unter zwei Gefahren wählen, und sie hielten +es für Pflicht, eher zu einem Fürsten zu stehen, dessen bisheriges +Verfahren sie verabscheuten und dessen Worten sie wenig Vertrauen +schenkten, als eine Entwürdigung des königlichen Amtes und eine völlige +Umgestaltung der Reichsverfassung zu dulden. Mit diesen Gefühlen traten +viele Männer, deren Tugenden und Fähigkeiten einer jeden Sache zur Ehre +gereicht haben würden, auf die Seite des Königs. + + +[_Anfang des Bürgerkriegs._] Im August 1642 griff man endlich zum +Schwerte, und fast in jeder Grafschaft des Königreichs standen zwei +bewaffnete Parteien einander feindlich gegenüber. Welche von den +streitenden Parteien anfangs die furchtbarste war, läßt sich schwer +bestimmen. Die Häuser geboten über London und die umliegenden +Grafschaften, über die Flotte, die Themseschifffahrt und die meisten +großen Städte und Seehäfen; fast alle Kriegsvorräthe im Königreiche +standen zu ihrer Verfügung, so daß sie Zölle sowohl von Waaren, aus +fremden Ländern eingeführt, als auch von einigen wichtigen Erzeugnissen +inländischer Industrie erheben konnten. Der König war mit Artillerie und +Munition schlecht versehen. Die Steuern, welche er aus den von seinen +Truppen besetzten Landbezirken zog, lieferten einen weit geringern +Ertrag, als der, den das Parlament allein aus der City von London erhob. +Zwar ist es nicht zu läugnen, daß die Freigebigkeit seiner reichen +Anhänger ihn mit Geldmitteln unterstützte, daß viele von ihnen ihr +Grundeigenthum mit Schulden belasteten, ihre Juwelen verpfändeten und +ihre silbernen Geräthe und Taufbecken zu Gelde machten, um ihm zu +helfen; allein die Erfahrung hat vollständig bewiesen, daß die +freiwillige Aufopferung Einzelner, selbst in den Zeiten der größten +Aufregung, gegen eine strenge regelmäßige Besteuerung, die willige und +zähe Zahler zugleich drückt, nur eine dürftige finanzielle Hilfsquelle +ist. + +Karl besaß jedoch einen Vortheil, der nicht nur den Mangel an Vorräthen +und Geld mehr als aufgewogen haben würde, wenn er ihn gut benützt hätte, +sondern ihm auch, ungeachtet der schlechten Führung, einige Monate lang +die Überlegenheit im Kriege gab. Seine Truppen kämpften anfangs viel +besser, als die des Parlaments. Bestanden auch beide Armeen fast nur aus +Leuten, die nie ein Schlachtfeld gesehen hatten, so war dennoch der +Unterschied ein großer. In den Reihen der Parlamentstruppen standen eine +Menge Miethlinge, die Mangel und Müßiggang bewogen hatten, sich anwerben +zu lassen. Hampdens Regiment hielt man für eins der Besten; aber selbst +dieses Regiment schildert Cromwell nur als eine zusammengelaufene Bande +von unbeschäftigten Kellnern und Bedienten. Die Armee des Königs dagegen +bestand größtentheils aus muthigen, begeisterten Gentlemen, gewohnt, den +Tod der Schande vorzuziehen, im Fechten und im Gebrauche der Feuerwaffe +geübt, als kecke Reiter vertraut mit der männlichen und gefahrvollen +Lust der Jagd, die man passend ein Bild des Krieges genannt hat. Solche +Männer, ihre Leibrosse unter sich und kleine Schaaren kommandirend, die +aus ihren jüngern Brüdern, ihren Stallknechten, Wildhütern und Jägern +zusammengestellt waren, zeigten sich schon am ersten Tage des Feldzugs +befähigt, in einem Gefecht mit Ehren zu bestehen. Zwar brachten es diese +tapfern Freiwilligen nie zu der Ausdauer, dem pünktlichen Gehorsam und +der maschinenmäßigen Präzision in den Bewegungen, die den regulären +Soldaten eigen sind; aber man stellte sie anfangs Feinden entgegen, die +eben so undisziplinirt wie sie, und bei weitem nicht so unternehmend, +stark und beherzt waren. Aus diesem Grunde fochten die Cavaliere eine +Zeit lang fast immer mit Glück. + +Auch in der Wahl eines Generals war das Parlament unglücklich gewesen. +Der Rang und Reichthum des Grafen Essex machten ihn zu einem der +bedeutendsten Glieder der Parlamentspartei. Er hatte ruhmvoll auf dem +Continente gefochten, und bei dem Beginne des Krieges ward er als +Militair so hoch geachtet, wie nur irgend ein Mann im Lande; aber bald +zeigte es sich, daß er dem Posten des Oberbefehlshabers nicht gewachsen +war. Er hatte wenig Energie und durchaus keinen erfinderischen Geist, so +daß ihn die im pfälzischen Kriege erlernte regelmäßige Taktik nicht vor +dem Schimpfe bewahrte, sich von einem Anführer wie Ruprecht, der keinen +höhern Ruhm als den eines kühnen Parteigängers beanspruchen konnte, +überrumpeln und zersprengen zu lassen. + +Ebenso wenig waren die Offiziere, denen man unter Essex die Hauptposten +anvertraut hatte, geeignet, das zu ersetzen, was ihm fehlte. Das +Parlament kann man dafür nicht verantwortlich machen. In einem Reiche, +in dem seit Menschengedenken kein großer Landkrieg geführt war, suchte +man vergebens nach Generalen von erprobter Kunst und Tapferkeit, mußte +daher anfangs unerprobten Männern vertrauen und gab natürlich von diesen +denen den Vorzug, die sich entweder durch ihre Stellung, oder durch ihre +im Parlamente entwickelten Fähigkeiten hervorgethan hatten. Aber auch +nicht eine einzige Wahl war eine glückliche zu nennen; weder die großen +Herren noch die großen Redner zeigten sich als gute Soldaten. Der Graf +von Stamford, einer der bedeutendsten Männer des hohen Adels, ward bei +Stratton von den Royalisten geschlagen; Nathaniel Fiennes, der an +Fähigkeiten in bürgerlichen Angelegenheiten keinem seiner Zeitgenossen +nachstand, bedeckte sich durch die kleinmüthige Übergabe von Bristol mit +Schmach. Von allen Staatsmännern, die in jener Zeit hohe Militairposten +empfingen, scheint Hampden allein auch im Felde die Fähigkeit und +Energie gezeigt zu haben, durch die er sich in der Politik auszeichnete. + + +[_Erfolge der Royalisten._] Nach Verlauf eines Jahres waren alle +Kriegsvortheile entschieden auf Seiten der Royalisten. In den westlichen +und nördlichen Grafschaften hatten sie gesiegt, sie hatten dem +Parlamente Bristol, die zweite Stadt des Königreichs, entrissen, und +mehrere Schlachten gewonnen, ohne eine einzige ernste oder schimpfliche +Niederlage zu erleiden. Unter den Rundköpfen dagegen begann das +Mißgeschick Uneinigkeit und Unzufriedenheit hervorzurufen; das Parlament +ward bald durch Komplote, bald durch Tumulte in einer steten Aufregung +erhalten, so daß man es für nöthig erachtete, London gegen die +königliche Armee zu befestigen, und einige mißvergnügte Bürger an ihren +eigenen Hausthüren aufzuhängen. Mehrere der bekanntesten Pairs, die bis +dahin zu Westminster geblieben waren, flüchteten an den Hof, damals zu +Oxford, und unbezweifelt würde Karl im Triumphe nach Whitehall marschirt +sein, wenn zu dieser Zeit die Operationen der Cavaliere durch +scharfsinnige und energische Köpfe geleitet worden wären. + +Aber der König ließ den günstigen Augenblick vorübergehen, und dieser +Augenblick kam nie wieder. Im August 1643 belagerte er die Stadt +Gloucester, die von den Einwohnern und der Garnison mit einer +Hartnäckigkeit vertheidigt ward, wie sie die Anhänger des Parlamentes +seit dem Beginn des Krieges nicht gezeigt hatten. Dieses Beispiel +erweckte den Eifer Londons, und die Miliz der City erklärte sich bereit, +nach allen Orten zu gehen, wo man ihrer Dienste bedürfe. Man sammelte +schnell eine beträchtliche Streitmacht, und ließ sie nach dem Westen +ausrücken. Man entsetzte Gloucester. In allen Theilen des Königreichs +verloren die Royalisten den Muth, die Parlamentspartei ward von neuem +begeistert, und die abtrünnigen Lords, welche jüngst von Westminster +nach Oxford geflohen waren, kehrten eilig von Oxford nach Westminster +zurück. + + +[_Erstehen der Independenten._] Neue beunruhigende Symptome zeigten +sich nun in dem kranken Staatskörper. Von Anfang an hatte die +Parlamentspartei Männer gehabt, die Pläne zu verwirklichen suchten, vor +denen die Mehrzahl dieser Partei zurückgebebt wäre. Diese Männer waren +Independenten in religiöser Beziehung. Sie waren der Ansicht, jede +christliche Gemeinde sei nach Christus die höchste Gerichtsstelle in +geistlichen Angelegenheiten, Berufungen an Provinzial- und +National-Synoden seien der heiligen Schrift eben so sehr entgegen, als +Berufungen an den erzbischöflichen Gerichtshof oder den Vatican, und +Papstthum, Prälatur und Presbyterianismus seien nur drei Formen einer +und derselben großen Apostasie. In der Politik waren die Independenten, +um sie mit der Benennung ihrer Zeit zu bezeichnen, Wurzel- und +Zweig-Männer, oder, um einen verwandten Ausdruck unserer Zeit +anzuwenden, Radicale. Mit der Beschränkung der Macht des Monarchen nicht +zufrieden, wollten sie auf den Trümmern des alten englischen Staats eine +Republik errichten. An Zahl wie an Einfluß waren sie anfangs zwar +unbedeutend gewesen, aber bevor noch der Krieg zwei Jahre gedauert, +hatten sie sich, wenn auch nicht zu der größten, doch zu der mächtigsten +Partei im Lande ausgebildet. Die alten parlamentarischen Führer hatte +theils der Tod geraubt, theils hatten sie selbst das öffentliche +Vertrauen verscherzt. Pym war mit fürstlichen Ehren neben den +Plantagenets zur Gruft bestattet; Hampden war seiner würdig gefallen, +indem er bei einem vergeblichen Versuche, den kühnen Reitern Ruprechts +standzuhalten, seinen Leuten ein heldenmüthiges Beispiel geben wollte; +Bedford war der Sache untreu geworden; Northumberland war als ein lauer +Anhänger bekannt, und Essex sammt seinen Unterbefehlshabern hatte wenig +Kraft und Befähigung zur Leitung der Kriegsoperationen bewiesen. Unter +diesen Umständen begann die feurige, entschlossene und hartnäckige +Independenten-Partei sowohl im Lager als im Hause der Gemeinen ihr Haupt +zu erheben. + + +[_Oliver Cromwell._] Die Seele dieser Partei war Oliver Cromwell. Er war +zu friedlichen Beschäftigungen erzogen, hatte aber doch, schon über +vierzig Jahre alt, eine Stelle in der Parlamentsarmee angenommen. Kaum +Soldat geworden, erkannte er mit dem hellen Blicke des Genie's, was +Essex und Genossen, trotz aller ihrer Erfahrung, nicht erkannt hatten. +Ihm ward sofort klar, worin die Stärke der Royalisten bestand, und +welche Mittel zur Bewältigung derselben anzuwenden seien. Er erkannte, +daß eine Reorganisation des Parlamentsheeres nothwendig, und daß zu +diesem Zwecke reiches und vortreffliches Material vorhanden sei, wenn +auch nicht so glänzendes, aber doch zuverlässigeres als das, aus dem die +tapfern Schwadronen des Königs gebildet waren. Es mußten Rekruten +beschafft werden, die nicht nur als Miethlinge dienten, sondern aus +anständigen Lebensverhältnissen kamen, und einen ernsten Charakter, +Gottesfurcht und Eifer für die öffentliche Freiheit besaßen. Solche +Männer stellte er in die Reihen seines eigenen Regimentes, und indem er +sie einer strengen, bis dahin in England unbekannten Disziplin +unterwarf, wirkte er zugleich durch Reizmittel von außerordentlicher +Kraft auf ihre geistige und sittliche Natur. + +Die Ereignisse des Jahres 1644 lieferten den vollständigen Beweis von +der Überlegenheit seines Geistes. Im Süden, unter Essex' Oberbefehl, +erlitten die Truppen des Parlaments eine schimpfliche Niederlage nach +der andern; im Norden aber ward durch den Sieg bei Marston Moor ein +reicher Ersatz für alles Das geboten, was andernorts verloren ging. Den +Royalisten war dieser Sieg kein härterer Schlag, als der Partei, die in +Westminster bis dahin das Übergewicht gehabt, denn man wußte allgemein, +daß die Energie Cromwells und der ausdauernde Muth der von ihm +gebildeten Truppen die Schlacht, welche die Presbyterianer schimpflich +verloren, wieder gewonnen hatten. + + +[_Selbstverleugnungsverordnung._] Die Selbstverleugnungsverordnung und +die neue Organisation der Armee waren Folgen dieser Begebenheiten. Essex +und die meisten derjenigen Männer, die unter ihm hohe Posten eingenommen +hatten, wurden unter schicklichen Vorwänden und mit allen Zeichen der +Achtung entlassen; die Führung des Kriegs ward andern Händen übergeben. +Fairfax, ein tapferer Soldat, aber ein Mann von mittelmäßigen +Fähigkeiten und unentschlossenem Charakter, wurde dem Namen nach +Generalissimus der Armee, Cromwell aber war das eigentliche Haupt +derselben. + +Cromwell organisirte nun eilig die ganze Armee nach denselben +Grundsätzen, nach denen er die Organisation seines eigenen Regimentes +bewirkt hatte, und mit der Vollendung dieses Werkes war auch der Ausgang +des Krieges entschieden. Die Cavaliere standen nun einem natürlichen +Muthe gegenüber, der nicht geringer als ihr eigener war, einem höhern +Enthusiasmus, als sie selbst besaßen, und einer Disziplin, die ihnen +durchaus mangelte. Daß die Soldaten des Fairfax und Cromwell von anderer +Zucht seien, als die des Essex, wurde bald sprichwörtlich. + + +[_Sieg des Parlaments._] Der erste große Zusammenstoß der Royalisten und +der neuorganisirten Armee der beiden Häuser hatte bei Naseby statt; der +Sieg der Rundköpfe war vollständig und entscheidend, und andere Triumphe +reiheten sich ihm in kurzer Zeit an. Wenig Monate genügten, und die +Autorität des Parlaments war vollständig im ganzen Königreiche +hergestellt. Karl flüchtete zu den Schotten, und diese lieferten ihn +seinen englischen Unterthanen in einer Weise aus, die ihrem +Nationalcharakter wenig Ehre machte. + +Noch war der Ausgang des Krieges zweifelhaft, und schon hatte das +Parlament den Primas hinrichten, den Gebrauch der Liturgie, soweit sich +seine Autorität erstreckte, verbieten lassen, und Jedermann +aufgefordert, jene berühmte Urkunde zu unterschreiben, die unter dem +Namen der feierlichen Ligue und des Covenants bekannt ist. Nach +beendigtem Kampfe ward das Werk der Neuerung und Rache mit erhöhtem +Eifer fortgesetzt. Man veränderte die Kirchenverfassung des Königreichs +und verjagte die meisten Mitglieder des alten Klerus aus ihren Pfründen. +Den Royalisten, die schon durch die dem Könige gewährten reichen +Unterstützungen verarmt waren, wurden so hohe Geldbußen auferlegt, daß +sie völlig zu Grunde gingen. Viele Güter wurden confiscirt und viele +geächtete Cavaliere fanden es gerathen, den Schutz einflußreicher +Mitglieder der siegenden Partei mit großen Kosten zu erkaufen. +Ausgedehnte Besitzungen der Krone, der Bischöfe und Kapitel zog man ein +und vergab sie entweder an Andere, oder verkaufte sie öffentlich, so daß +in Folge dieser Beraubungen ein großer Theil des Bodens von England auf +einmal feilgeboten wurde. Da nur wenig Geld vorhanden, der Markt +überfüllt, der Besitztitel unsicher und die Furcht vor mächtigen +Kauflustigen der freien Mitbewerbung hinderlich war, waren die Preise +oft nur dem Namen nach vorhanden. Spurlos verschwanden auf diese Weise +viele alte und ehrenwerthe Familien, und viele bis dahin unbekannte +Leute wurden in kurzer Zeit reich. + +Während aber die Häuser in dieser Art ihre Autorität geltend machten, +ward sie plötzlich ihren Händen entrissen. Das Parlament hatte diese +Autorität dadurch erlangt, daß man eine Gewalt erschaffen, der keine +Schranken gesetzt werden konnten. Im Sommer 1647, nachdem ungefähr zwölf +Monate verflossen, seit der letzte feste Platz der Cavaliere sich dem +Parlamente ergeben, mußte das Parlament sich seinen eigenen Soldaten +unterwerfen. + + +[_Herrschaft und Charakter der Armee._] Nun folgte ein Zeitraum von +dreizehn Jahren, in dem England, wenn auch unter verschiedenen Namen und +Formen, in der That durch das Schwert regiert ward. Weder vor noch nach +dieser Zeit ist in unserm Vaterlande die bürgerliche Gewalt einer +Militairdictatur unterworfen gewesen. + +Die Armee, die nun die Hauptmacht im Staate bildete, war von allen denen +sehr verschieden, die wir seitdem kennen gelernt haben. Die Löhnung des +gemeinen Soldaten ist jetzt der Art, daß sie nur die unterste Klasse der +Arbeiter Englands reizen kann, ihren Stand aufzugeben. Der Gemeine ist +von dem höhern Offizier durch eine fast unübersteigliche Schranke +getrennt. Von allen denen, die im Militairdienste avancirt sind, hat die +größere Mehrzahl die Stellen erkauft. Die entfernten Besitzungen +Englands sind so zahlreich und ausgedehnt, daß jeder in den Kriegsdienst +Eintretende fürchten muß, entweder viele Jahre im Exile, oder einige +Jahre unter Himmelsstrichen zu verleben, die auf Gesundheit und Kraft +eines Europäers nachtheilig einwirken. Die Armee des langen Parlaments +war für den Dienst im Inlande bestimmt; die Löhnung des gemeinen +Soldaten war bedeutend höher als der Lohn, den die große Masse des +Volkes durch Arbeit verdiente, und jeder, der sich durch Einsicht und +Tapferkeit auszeichnete, hatte Hoffnung auf höhere Stellungen. So kam +es, daß in den Reihen des Heeres Leute standen, die an Stand und Bildung +die große Masse überragten, nüchtern, sittlich, fleißig und zu denken +gewöhnt waren, Leute, die weder aus Hang zur Veränderung und +Zügellosigkeit, noch durch die Kniffe der Werbeoffiziere veranlaßt, +sondern aus religiösem und politischem Eifer und mit dem Streben nach +Auszeichnung und Beförderung die Waffen ergriffen hatten. Diese Soldaten +sprachen in ihren feierlichen Beschlüssen mit Stolz aus, daß sie weder +durch Zwang, noch aus Gewinnsucht Dienste genommen, daß sie nicht +Janitscharen seien, sondern freigeborene Engländer, die aus eigenem +Antriebe für die Freiheit und die Religion Englands ihr Leben +einsetzten, und deren Recht und Pflicht es wäre, die Wohlfahrt der +Nation, die sie gerettet hätten, zu bewachen. + +Einem aus solchen Elementen hervorgegangenen Heere konnte man ohne +Nachtheil für die Wirksamkeit desselben einige Freiheiten nachsehen, die +bei andern Truppen alle Disziplin aufgelöst haben würden. Gewöhnlich +werfen Soldaten, die politische Klubs bilden, Abgeordnete erwählen und +Beschlüsse über wichtige politische Fragen fassen, jeden Zwang ab, hören +auf eine Armee zu sein und werden die schlechtesten und gefährlichsten +Pöbelhaufen. In unserer Zeit würde es nicht gerathen sein, religiöse +Zusammenkünfte in irgend einem Regimente zu gestatten, bei denen ein +Korporal, der in der Bibel belesen, die Andachtsübungen seines weniger +aufgeklärten Obersten leitete, oder einen vom Glauben abgefallenen Major +Zurechtweisungen ertheilte. Aber die Krieger, die Cromwell gebildet, +waren so einsichtsvoll, so ernst und so mächtig ihrer selbst, daß, +unbeschadet der militairischen Organisation, eine politische und +religiöse in ihrem Lager bestehen konnte. Leute, die außer dem Dienste +als Demagogen und als Prediger im freien Felde verrufen waren, +zeichneten sich durch Beharrlichkeit, Liebe zur Ordnung und durch +strengen Gehorsam sowohl auf der Wache und bei den Exercitien, als auf +dem Kampfplatze aus. + +Im Kriege war dieser wunderbaren Armee nicht zu widerstehen. Das System +Cromwells hatte den unbeugsamen Muth, der dem englischen Volke eigen +ist, nicht nur geregelt, es feuerte ihn auch an. Andere Führer haben +eine eben so strenge Ordnung eingeflößt und ihren Leuten nicht minder +glühenden Eifer eingeflößt, aber nur in seinem Lager fand man strenge +Disziplin und feurigen Enthusiasmus gepaart Mit der Genauigkeit von +Maschinen, obgleich wie Kreuzfahrer fanatisirt, rückten seine Truppen +zum Siege. Von der Reorganisation bis zu seiner Auflösung hat das Heer +weder auf den britischen Inseln noch auf dem Festlande einen Feind +gefunden, der seinem Angriffe widerstehen konnte. In England, +Schottland, Irland und Flandern haben die puritanischen Soldaten, wenn +auch oft mit Schwierigkeiten und nicht selten gegen eine dreifach +überlegene Macht kämpfend, nicht nur stets den Sieg errungen, sie haben +auch jedes ihnen entgegenstehende Heer völlig geschlagen und vernichtet, +so daß sie zuletzt den Tag der Schlacht als einen Tag unfehlbaren Siegs +betrachteten und mit stolzer Zuversicht den berühmtesten Bataillonen +Europa's entgegenrückten. Turenne staunte über das wilde Jubelgeschrei, +mit dem seine englischen Verbündeten zum Kampfe gingen, und als er +erfuhr, daß die Lanzenträger Cromwells stets mit hoher Freude dem Feinde +in's Angesicht sähen, sprach er die höchste Zufriedenheit des wahren +Soldaten aus. Auch in den verbannten Cavalieren regte sich der +Nationalstolz, als sie eine Brigade ihrer Landsleute, von den Feinden an +Zahl überlegen und von ihren Verbündeten verlassen, die schönste +spanische Infanterie in wirrer Flucht vor sich hinjagen und den Weg zu +einer Schanze brechen sahen, die so eben erst die tüchtigsten Marschälle +von Frankreich für unüberwindlich erklärt hatten. + +Aber die Hauptauszeichnung der Armee Cromwells vor andern Armeen waren +die strenge Moralität und Gottesfurcht, die sich in allen Reihen zeigte. +Selbst die eifrigsten Royalisten haben zugegeben, daß in diesem +seltsamen Lager nie ein Schwur gehört, nie Trunkenheit und Spiel +gesehen, und daß in der langen Zeit der Soldatenherrschaft das Eigenthum +friedlicher Bürger und die Ehre der Frauen stets heilig gehalten worden +sind. Die etwa vorkommenden Excesse waren von denen, die siegreiche +Armeen gewöhnlich auszuüben pflegen, sehr verschieden. Es hatte sich +keine Magd über rohe Galanterie der Rothröcke zu beklagen, und kein +Goldschmied, daß aus seinem Laden eine Unze Silber genommen sei; aber +eine pelagianische Predigt, oder ein Fenster, auf dem die Jungfrau mit +dem Kinde abgebildet war, regten die puritanischen Reihen dergestalt +auf, daß die Offiziere nur mit großer Anstrengung sie wieder beruhigen +konnten. Die Musketiere und Dragoner von gewaltsamen Angriffen auf die +Kanzeln der Geistlichen abzuhalten, deren Reden nicht, wie man sich zu +jener Zeit ausdrückte, schmackhaft waren, bot für Cromwell eine der +Hauptschwierigkeiten dar, und viele unserer Kathedralen tragen jetzt +noch die Zeichen des Hasses, mit dem jene strengen Geister auf jede Spur +des Papstthums blickten. + + +[_Unterdrückung der Aufstände gegen die Soldatenherrschaft._] Es war +selbst für diese Armee keine leichte Aufgabe, das englische Volk im +Zaume zu halten. Sobald die Nation, an eine solche Knechtung nicht +gewöhnt, den ersten Druck der militairischen Tyrannei fühlte, begann sie +einen heftigen Kampf dagegen. Selbst in den Grafschaften, die während +des letzten Krieges dem Parlamente die unterwürfigsten gewesen waren, +brachen Aufstände los. Das Parlament verabscheute in der That seine +alten Vertheidiger mehr als seine alten Feinde, und mit Karl auf +Unkosten der Truppen einen Vergleich zu schließen, war sein lebhaftester +Wunsch. In Schottland erstand zu derselben Zeit eine Koalition zwischen +den Royalisten und einer großen Zahl Presbyterianer, welche die Lehren +der Independenten verabscheuten. Bald kam der Sturm zum Ausbruch. In +Norfolk, Suffolk, Essex, Kent und Wales erfolgten Aufstände. Die +Themseflotte zog plötzlich die königliche Flagge auf, stach in See und +bedrohte die südliche Küste. Eine große schottische Heeresabtheilung +überschritt die Grenze und rückte bis nach Lancashire vor. Daß alle +diese Bewegungen von einem großen Theile der Lords und der Gemeinen mit +stillem Wohlgefallen betrachtet wurden, läßt sich nicht mit Unrecht +vermuthen. + +Aber so war das Joch der Armee nicht abzuwerfen. Während Fairfax die +Erhebungen in der Umgebung der Hauptstadt niederdrückte, schlug Cromwell +die Insurgenten von Wales, zerstörte ihre festen Plätze und rückte gegen +die Schotten vor. Gegen die angreifenden Truppen waren die seinigen nur +gering an Zahl, aber er war nicht gewohnt, seine Feinde zu zählen. Die +schottische Armee ward völlig vernichtet. Nun erfolgte eine Veränderung +in der schottischen Regierung; in Edinburg setzte man eine dem Könige +feindliche Verwaltung ein, und Cromwell, mehr als je von seinen Soldaten +geliebt, kehrte triumphirend nach London zurück. + + +[_Verfahren gegen den König._] Nun bildete sich ein Plan zu einer festen +Form aus, den Niemand bei dem Beginne des Bürgerkrieges auch nur +anzudeuten gewagt haben würde und der mit der feierlichen Ligue und dem +Covenant eben so im Widerspruche stand, als mit den alten Gesetzen von +England. Seit mehrern Monaten hatten die finstern Krieger, welche die +Nation beherrschten, eine furchtbare Rache an dem gefangenen Könige +ersonnen. Wann und wie dieser Plan zuerst entstanden, ob er von dem +Generale in die Reihen der Soldaten, oder von diesen zu dem Generale +seinen Weg gefunden, ob er der Politik beizumessen ist, welche den +Fanatismus als ihr Werkzeug benutzte, oder dem Fanatismus, der die +Politik jäh mit sich fortriß, sind Fragen, die sich selbst heute noch +nicht mit voller Sicherheit beantworten lassen. Im Allgemeinen aber läßt +sich annehmen, daß der, der zu leiten schien, in der Wirklichkeit folgen +mußte, und daß er bei diesem, wie einige Jahre später bei einem andern +Anlasse, sein eigenes Urtheil und seine eigenen Neigungen den Wünschen +des Heeres zum Opfer brachte; denn die von ihm erschaffene Macht konnte +er selbst nicht immer zügeln, und um nach der Regel befehlen zu können, +mußte er mitunter auch gehorchen. Er gab öffentlich die Erklärung ab, +daß er weder die Sache angeregt habe, noch um die ersten Schritte wisse, +daß er dem Parlamente die Ausführung des Streichs nicht habe anrathen +können, aber daß er seine eigenen Gefühle der Macht der Verhältnisse +untergeordnet, von der er geglaubt, sie deute die Zwecke der Vorsehung +an. Man hat gewöhnlich diese Bekenntnisse für Beweise der Heuchelei +gehalten, die man ihm beizumessen pflegte; aber selbst die, die ihn für +einen Heuchler halten, werden es gewiß nicht wagen, ihn einen Narren zu +nennen, und deshalb werden sie darthun müssen, daß er zu irgend einem +Zwecke das Heer heimlich reizte, den Weg zu betreten, den er offen zu +empfehlen nicht wagte. Die Annahme wäre widersinnig, daß er, dem selbst +die achtbarsten Feinde weder muthwillige Grausamkeit noch unversöhnliche +Rachsucht beigemessen haben, den wichtigsten Schritt seines Lebens aus +reiner Bosheit gethan haben solle. Er war viel zu klug, um nicht wissen +zu können, daß er durch das Einwilligen, das geheiligte Blut zu +vergießen, eine That verübe, die nichts sühnen konnte, und welche nicht +nur die Royalisten, sondern auch neun Zehntheile der Parlamentspartei +mit Schmerz und Abscheu erfüllen würde. Mögen Andere Phantomen +nachgehangen haben, er dachte sicher weder an eine Republik nach antikem +Muster, noch an das tausendjährige Reich der Heiligen. Wenn er selbst +schon danach strebte, eine neue Dynastie zu gründen, so wäre Karl I. +offenbar ein weniger zu fürchtender Mitbewerber gewesen, als Karl II. +Von dem Augenblicke an, in dem Karl I. starb, würde jeder Cavalier seine +Loyalität unverkürzt auf Karl II. übertragen haben. Karl I. war ein +Gefangener, Karl II. lebte in der Freiheit. Karl I. war selbst bei denen +ein Gegenstand des Mißtrauens und der Abneigung, die bei dem Gedanken an +seine Ermordung zurückbebten; Karl II. würde alle die Theilnahme für +sich gehabt haben, die unglückliche Jugend und Unschuld erregen. Es läßt +sich unmöglich annehmen, daß dem scharfsinnigsten Politiker jener Zeit +so naheliegende und inhaltschwere Betrachtungen entgangen sein sollten. +Das Wahre ist, daß Cromwell eine Zeit lang die Absicht hegte, zwischen +dem Throne und dem Parlamente zu vermitteln und unter der Sanktion des +königlichen Namens den zerrütteten Staat durch die Macht des Schwertes +wieder aufzubauen. An dieser Absicht hielt er so lange fest, bis er +durch den widerstrebenden Geist seiner Soldaten und die unheilbare +Treulosigkeit des Königs sie aufzugeben gezwungen ward. Eine Partei im +Lager forderte den Kopf des Verräthers, der mit Agag zu unterhandeln +vorschlug. Es wurden Verschwörungen angezettelt, mit Anklagen laut +gedroht, und eine Meuterei brach aus, die Cromwell mit aller seiner +Kraft und Entschlossenheit kaum zu unterdrücken vermochte. Stellte er +auch durch eine kluge Vereinigung von Strenge und Milde die Ordnung +wieder her, so entging es ihm doch nicht, daß es im höchsten Grade +schwierig und gefährlich sei, die Wuth von Kriegern bezähmen zu wollen, +die den gefallenen Tyrannen nicht nur als ihren eigenen Feind, sondern +auch als den Feind Gottes betrachteten. + +Um diese Zeit stellte sich klarer als je heraus, daß man dem Könige +nicht trauen dürfe. Die eigenen Laster hatten Karl völlig umstrickt, +wobei allerdings auch Laster waren, die in schwierigen Lagen doppelt +stark hervorzutreten pflegen. Die List ist dem Schwachen das +natürlichste Vertheidigungsmittel, und ein Fürst, der auf dem Gipfel +seiner Macht Täuschungen aus Gewohnheit ausübte, wird in schwierigen +Lebenslagen und Bedrängnissen sich wahrlich der Aufrichtigkeit nicht +befleißigen. So gewissenlos Karl in der Kunst zu heucheln war, eben so +unglücklich war er auch darin, denn keinem Staatsmanne sind soviel +Betrügereien und Unwahrheiten unwiderleglich nachgewiesen, als ihm. +Er erklärte öffentlich die Häuser zu Westminster als ein gesetzliches +Parlament, und gleichzeitig gab er im geheimen Rathe die Erklärung ab, +daß diese Anerkennung nichtig sei. Er verwahrte sich öffentlich, daß er +nie daran denke, fremde Hilfe gegen sein Volk in das Land zu rufen; +heimlich suchte er Hilfe bei Frankreich, Dänemark und Lothringen. +Er leugnete öffentlich, daß er Papisten in seine Dienste nähme; +gleichzeitig sandte er seinen Generalen im Geheimen die Weisung, jeden +Papisten, der dienen wolle, anzunehmen. Er nahm öffentlich zu Oxford das +Sakrament darauf, daß er das Papstthum in England nie begünstigen wolle; +im Geheimen gab er seiner Gattin die Versicherung, daß er das Papstthum +in England dulden werde, und Lord Glamorgan ermächtigte er zu dem +Versprechen, daß das Papstthum in Irland eingeführt werden solle; dann +versuchte er, sich auf Kosten dieses Bevollmächtigten rein zu waschen: +Glamorgan empfing von der Hand des Königs geschriebene Verweise, die zum +Lesen für Andere bestimmt waren; aber auch lobende Anerkennungen, die +nur er allein lesen solle. Und wahrlich, es beherrschte in der That die +Falschheit den ganzen Charakter des Königs dergestalt, daß seine +treuesten Freunde sich nicht enthalten konnten, sich gegenseitig mit +bitterm Schmerze und tiefer Scham über seine unredliche Politik zu +beklagen. Seine Niederlagen, äußerten sie, verursachten ihnen weniger +Kummer als seine Intriguen. Seit dem Beginne seiner Gefangenschaft +suchte er jeden Theil der siegreichen Partei durch Schmeicheleien und +Umtriebe zu berücken, aber keiner seiner Versuche war je so unglücklich +ausgefallen, als der, Cromwell durch Schmeicheleien zu täuschen und zu +stürzen. + +Cromwell mußte indeß einen Entschluß fassen. Sollte er bei dem ohne +Zweifel vergeblichen Versuche, einen König zu retten, der durch keinen +Vertrag zu binden war, die Anhänglichkeit seiner Partei und Armee, seine +eigene Größe, ja selbst sein Leben preisgeben? Nach vielem Kämpfen und +Schwanken, vielleicht auch nach vielem Beten, ward der Entschluß +festgestellt. Karl blieb seinem Schicksale überlassen. Die kriegerischen +Heiligen beschlossen nun, daß der König, den alten Reichsgesetzen und +der fast allgemeinen Gesinnung der Nation zum Trotz, sein Verbrechen mit +dem Leben büßen solle. Eine Zeit lang glaubte er einen Tod sterben zu +müssen, wie seine unglücklichen Vorgänger, Eduard II. und Richard II. +Einen solchen Verrath hatte er indeß nicht zu fürchten, denn die, welche +ihn unter ihren Händen hatten, waren keine nächtlichen Meuchelmörder; +was sie thaten, sollte ein Schauspiel für Himmel und Erde sein und ein +ewiges Andenken bleiben. Das Ärgerniß, das sie gaben, hatte für sie den +höchsten Reiz. Daß die alte Verfassung und die öffentliche Meinung +Englands mit dem Königsmorde im schroffsten Widerspruche standen, ließ +einer Partei, die eine vollständige politische und sociale Revolution +bewirken wollte, den Mord in einem verführerischen Lichte erscheinen. +Die Erreichung dieses Zweckes machte das Zerbrechen jedes einzelnen +Theils der Staatsmaschine nöthig, und diese Nothwendigkeit berührte sie +mehr angenehm, als schmerzlich. Die Gemeinen stimmten für den Abschluß +eines Vergleichs mit dem Könige; die Soldaten schlossen die Majorität +gewaltsam aus. Die Lords verwarfen einstimmig den Vorschlag, den König +vor Gericht zu stellen; ihr Haus ward sofort geschlossen. Kein +ordentlicher Gerichtshof wollte die Verantwortung auf sich nehmen, +den zu richten, der die Quelle der Gerechtigkeit repräsentirte. + + +[_Seine Hinrichtung._] Da ward ein revolutionaires Tribunal errichtet, +und dieses Tribunal erklärte Karl für einen Tyrannen, für einen +Verräther, einen Mörder und einen öffentlichen Feind. Vor Tausenden von +Zuschauern, dem Banketsaale seines Palastes gegenüber ließ man seinen +Kopf von dem Rumpfe trennen. + +Aber bald zeigte es sich, daß die politischen und religiösen Eiferer, +denen diese That beizumessen ist, nicht nur ein Verbrechen, sondern auch +ein Versehen begangen hatten. Dem Fürsten nämlich, der dem Volke bisher +nur durch seine Fehler bekannt gewesen, hatten sie Gelegenheit geboten, +auf einer großen Bühne, Angesichts aller Nationen und Zeiten, +Eigenschaften zu zeigen, die unwiderstehlich Bewunderung und Zuneigung +erwecken müssen: den hohen Muth eines Helden, und die Geduld und +Sanftmuth eines reuigen Christen; sie hatten selbst ihre Rache in einer +Weise ausgeübt, daß derselbe Mann, der sein ganzes Leben hindurch nur +auf die Vernichtung der Freiheiten Englands gesonnen, als ein Märtyrer +eben dieser Freiheiten zu sterben schien. Nie hat ein Demagog so auf den +öffentlichen Geist gewirkt, als dieser gefangene König, der selbst auf +dem höchsten Gipfel des Unglücks seine volle königliche Würde bewahrte, +dem Tode furchtlos in's Angesicht sah und den Gefühlen seines +unterdrückten Volkes Ausdruck verlieh, indem er muthig seine +Rechtfertigung vor einem dem Gesetze unbekannten Gerichtshofe +verweigerte, von der Soldatengewalt an die Grundsätze der Verfassung +appellirte, nach dem Rechte fragte, mit dem das Haus der Gemeinen seiner +achtbarsten Glieder und das der Lords seiner legislativen Funktionen +beraubt sei, und den weinenden Zuhörern sagte, er vertheidige nicht nur +seine, sondern auch ihre Sache. Seine lange schlechte Regierung, seine +unzähligen Treulosigkeiten waren nun vergessen, und in den Gemüthern des +größten Theils seiner Unterthanen lebte sein Andenken mit dem an die +freien Institutionen fort, die er lange zu vernichten bemüht gewesen +war, denn diese freien Institutionen waren mit ihm untergegangen, und +seine Stimme allein hatte sie unter dem schmerzlichen Schweigen eines +durch Waffengewalt unterdrückten Staates vertheidigt. Eine Reaktion, zu +Gunsten der Monarchie und des vertriebenen Königshauses, trat an diesem +Tage ein und schritt so lange fort, bis der Thron in seiner vollen alten +Würde wieder aufgebaut war. + +Anfangs schien es jedoch, als ob die Mörder des Königs in dem blutigen +Sakramente, das sie eng mit einander verbunden und für immer von der +großen Masse ihrer Landsleute getrennt hatte, neue Willenskraft fänden. +England ward zu einer Republik umgeschaffen, und das Haus der Gemeinen, +auf eine kleine Zahl von Gliedern beschränkt, ward dem Namen nach die +höchste Staatsgewalt; in der That aber regierten die Armee und ihre +ersten Führer. Cromwells Wahl war getroffen, er hatte sich die Herzen +seiner Soldaten bewahrt und fast alle übrigen Klassen seiner Mitbürger +sich entfremdet. Man konnte nicht sagen, daß er außerhalb der Grenzen +seiner Lager und festen Plätze Anhänger habe. Die Elemente jener Macht, +die seit dem Beginne des Bürgerkriegs sich unter einander selbst +bekämpft hatten, als sämmtliche Cavaliere, die große Mehrzahl der +Rundköpfe, die anglikanische, presbyterianische und römisch-katholische +Kirche, England, Schottland und Irland, alle hatten sich nun gegen ihn +verbunden. Aber Cromwells Genie und Entschlossenheit waren so gewaltig, +daß er Alles vernichtete, was ihm auf der Bahn entgegentrat, die er +eingeschlagen hatte, um sich zu einen unumschränktern Gebieter seines +Vaterlandes zu machen, als irgend einer der gesetzlichen Könige +desselben gewesen, und um es gefürchteter und geachteter hinzustellen, +als es Generationen hindurch unter der Regierung legitimer Fürsten +gestanden hatte. + +England kämpfte schon nicht mehr; aber die beiden andern Königreiche, +die unter dem Scepter der Stuarts gestanden, hegten gegen die neue +Republik eine feindliche Gesinnung. Die irischen Katholiken und die +schottischen Presbyterianer sahen gleich gehässig auf die +Independenten-Partei. Beide Länder, erst kürzlich noch aufständisch +gegen Karl I., huldigten jetzt der Autorität Karls II. + + +[_Unterwerfung Irlands und Schottlands._] Aber nichts konnte der Kraft +und Geschicklichkeit Cromwells Widerstand leisten. Er besiegte in wenig +Monaten Irland so vollständig, wie es in den fünfhundert Jahren, die +seit der Landung der ersten normannischen Ansiedler verflossen, nie +besiegt gewesen. Dem Kampfe der Volksstämme und Religionen, der so lange +die Insel zerrüttet, wollte er dadurch ein Ziel setzen, daß er der +englischen und protestantischen Bevölkerung die entschieden wichtigste +Stellung anwies. Um diesen Zweck zu erreichen, zügelte er den wilden +Fanatismus seiner Anhänger nicht mehr, führte einen Krieg, der dem +Israels gegen die Kananiter glich, vernichtete die Götzendiener mit der +Schärfe des Schwertes, daß große Städte fast keine Einwohner mehr +hatten, trieb Tausende nach dem Festlande oder ließ sie nach Westindien +führen, und füllte die dadurch entstandene Lücke mit Ansiedlern +sächsischen Blutes und calvinistischen Glaubens aus. Daß das eroberte +Land unter dieser eisernen Regierung sich eines zunehmenden Wohlstandes +zu erfreuen schien, klingt seltsam, aber es ist wahr. Gegenden, die noch +vor kurzer Zeit so unwirthbar gewesen, als jene, in denen die ersten +weißen Ansiedler von Connecticut mit den rothen Männern kämpften, +glichen nach wenig Jahren Kent und Norfolk. Überall erstanden neue +Gebäude, Straßen und Pflanzungen; der Ertrag der Güter vermehrte sich +schnell, und bald klagten die englischen Grundbesitzer über die +Konkurrenz irischer Produkte auf den Märkten, und forderten +Schutzgesetze. + +Der siegreiche Feldherr, der nun auch dem Namen nach war, was er schon +längst in Wirklichkeit gewesen, Lord General der republikanischen Heere, +wandte sich von Irland nach Schottland, wo der junge König war, der zur +presbyterianischen Kirche übergetreten, den Covenant unterzeichnet, +und als Lohn dafür von den strengen Puritanern, die zu Edinburg die +Regierung leiteten, die Erlaubniß erhalten hatte, die Krone zu tragen, +und unter ihrer Oberaufsicht still und ernst einen Hof zu halten. Diese +Scheinloyalität dauerte nicht lange; Cromwell vernichtete in zwei großen +Schlachten die ganze Kriegsmacht Schottlands. Karl rettete sich durch +die Flucht vor dem Schicksale, das seinen Vater betroffen. Zum ersten +Male war nun das alte Königreich der Stuarts völlig zur Unterwürfigkeit +gebracht, und von der Unabhängigkeit, die einst gegen die tüchtigsten +Plantagenets so tapfer vertheidigt worden, blieb keine Spur. Das +englische Parlament gab Schottland Gesetze, englische Richter hielten +dort Assisen, und selbst die hartnäckige Kirche, die ihre +Selbstständigkeit gegen so viele Regierungen bewahrt, wagte nicht einmal +leise zu murren. + + +[_Das lange Parlament wird vertrieben._] Zwischen den Kriegern, die +Irland und Schottland unterjocht, und den Politikern, die in Westminster +beriethen, hatte bis zu dieser Frist wenigstens ein Schein von +Übereinstimmung stattgefunden; aber den Bund, den die Gefahr +geschlossen, löste der Sieg wieder auf. Das Parlament vergaß, daß es nur +eine Kreatur der Armee war, und die Armee war jetzt weniger als sonst +geneigt, sich den Verordnungen des Parlaments zu fügen. Es hatte auch in +der That der geringe Mitgliederbestand, den man verächtlich den Rumpf +des Hauses der Gemeinen nannte, nicht mehr Anspruch auf die Achtung, die +Volksvertretern gebührt, als die Befehlshaber in der Armee. Der Streit +ward bald zu einem entscheidenden Ende geführt. Cromwell füllte das Haus +mit Bewaffneten, der Sprecher ward von seinem Stuhle geworfen, der Stab +vom Tische genommen, der Saal geleert und die Thür verschlossen. Die +Nation, die keiner der streitenden Parteien hold war, aber ohne es zu +wollen, die Tüchtigkeit und Energie des Feldherrn achten mußte, sah +geduldig, vielleicht auch mit Wohlgefallen zu. + +König, Lords und Gemeine waren nach und nach bewältigt und vernichtet +und Cromwell erschien nun als der einzige Erbe der Machtbefugnisse die +jene zusammen besessen hatten; aber die Armee selbst, der er seine +ausgedehnte Autorität verdankte, legte ihm gewisse Beschränkungen auf. +Dieser sonderbare Körper bestand größtentheils aus eifrigen +Republikanern, die ihr Vaterland frei zu machen wähnten, indem sie es +der Knechtschaft überlieferten. Das von ihnen allgemein verehrte Buch +enthielt ein Beispiel, dessen sie häufig erwähnten. Es murrte die +unwissende und undankbare Nation gegen ihre Befreier, wie einst ein +anderes auserwähltes Volk gegen den Mann gemurrt, der es auf mühseligen +und traurigen Pfaden aus der Knechtschaft in ein Land geführt, wo Milch +und Honig floß; und dennoch hatte dieser Führer seine Brüder wider ihren +Willen befreit, auch eben so wenig Anstand genommen, diejenigen zum +abschreckenden Beispiele furchtbar zu züchtigen, welche die dargebotene +Freiheit verachteten, und sich nach den Fleischtöpfen, den Frohnvögten +und Götzenbildern Egyptens zurücksehnten. Das Ziel der kriegerischen +Heiligen, die Cromwell umgaben, war die Gründung einer freien, frommen +Republik. Zur Erreichung dieses Ziels waren sie bereit alle Mittel, +selbst gewaltthätige und ungesetzliche, ohne Bedenken anzuwenden. Es lag +daher die Möglichkeit vor, mit ihrer Hilfe eine dem Wesen nach absolute +Monarchie zu errichten, aber eben so auch die Wahrscheinlichkeit, daß +sie ihre Hilfe sofort einem Herrscher entziehen würden, der selbst unter +streng constitutionellen Formen, den Namen und die Würde eines Königs +anzunehmen wagte. + +Cromwell dachte anders; er war nicht mehr, was er gewesen, und die +Veränderung in seinen Ansichten nur als eine Wirkung selbstsüchtigen +Ehrgeizes ansehen zu wollen, würde ungerecht sein. Er brachte, als er zu +dem langen Parlamente trat, wenig Bücherkenntniß aus seiner ländlichen +Einsamkeit mit, und besaß weder Erfahrung in wichtigen Angelegenheiten, +wohl aber eine durch lange Tyrannei der Regierung und der Hierarchie +gereizte Stimmung. Während der folgenden dreizehn Jahre hatte er eine +politische Schule nicht gewöhnlicher Art durchgemacht. In einer Reihe +von Revolutionen hatte er bedeutende Rollen gespielt; er war lange die +Seele und zuletzt das Haupt einer Partei gewesen; er hatte Heere +befehligt, Schlachten gewonnen, Verträge abgeschlossen, und Königreiche +unterjocht, beruhigt und geordnet. Es wäre in der That seltsam gewesen, +wenn er stets dieselben Ansichten behalten, die er damals besessen +hatte, als sein Geist sich nur mit den Feldern und der Religion +beschäftigte, als ein Viehmarkt oder eine fromme Versammlung in +Huntingdon die Hauptereignisse waren, die in den einförmigen Lauf seines +Lebens Abwechselung brachten. Er sah ein, daß manche jener früheren +Neuerungspläne, für die er eiferte, mochten sie nun an sich gut oder +schlecht sein, der allgemeinen Stimmung des Landes nicht entsprachen, +und daß er, wenn er auf diesen Plänen beharrte, stets mit Unruhen zu +schaffen haben würde, die nur durch unausgesetzte Anwendung des +Schwertes unterdrückt werden könnten. Deshalb beabsichtigte er, in allen +wesentlichen Punkten jene alte Verfassung wieder herzustellen, welche +der große Theil des Volks stets geliebt hatte, und nach der es sich +jetzt sehnte. Das Verfahren, das später Monk anwendete, konnte Cromwell +noch nicht beobachten. Der große Königsmörder ward durch die Erinnerung +an einen furchtbaren Tag von dem Hause Stuart für immer getrennt; ihm +blieb nichts, als den alten englischen Thron zu besteigen und im Sinne +der alten englischen Staatsverfassung zu regieren. Gelang ihm dies, so +durfte er hoffen, daß die Wunden des zerfleischten Staatskörpers bald +wieder verharrschen würden; es hätten sich viele redliche und besonnene +Männer um ihn gesammelt, und diejenigen Royalisten, die mehr an den +Institutionen als den Personen, mehr an dem königlichen Amte als an +König Karl I. oder Karl II. hingen, würden bald die Hand des Königs +Oliver geküßt haben. Es würden die Peers, die still auf ihren Landgütern +wohnten und mürrisch die Theilnahme an öffentlichen Angelegenheiten +verweigerten, mit Freuden ihre alten Functionen wieder übernommen haben, +wenn sie das Ausschreiben eines im Besitz des Thrones befindlichen +Königs zu ihrem Hause gerufen hätte; Northumberland und Bedford, +Manchester und Pembroke würden stolz gewesen sein, wenn sie dem Manne, +der die Aristokratie wiederhergestellt, Krone und Sporen, Scepter und +Reichsapfel hätten vorantragen können; das Volk würde nach und nach +durch ein Gefühl der Loyalität mit der neuen Dynastie verbunden worden +sein und bei dem Tode des Gründers dieser Dynastie wäre die königliche +Würde unter allgemeiner Billigung auf seine Nachkommen übergegangen. + +Die scharfsinnigsten Royalisten hielten dafür, daß diese Ansichten +richtig seien, und daß, wenn Cromwell nur nach seinem Urtheile hätte +verfahren können, die vertriebene Dynastie nie wieder zur Regierung +gelangt wäre; aber sein Plan widersprach völlig den Gefühlen jener +Klasse, der einzigen, die er nicht zu reizen wagte. Den Soldaten war der +Name des Königs verhaßt. Einige derselben haßten selbst eine Verwaltung, +die sich in den Händen einer einzelnen Person befand; und war der große +Theil auch geneigt, den General, als den gewählten ersten Beamten einer +Republik, gegen alle Factionen zu schützen, die seine Autorität nicht +anerkennen würden, so wollten sie doch nicht zugeben, daß er sich den +Königstitel beilege, oder daß die Würde, die nur der gerechte Lohn für +seine persönlichen Verdienste sei, für erblich in seiner Familie erklärt +werde. Ihm blieb nun nichts weiter übrig, als der neuen Republik eine +der alten Monarchie so ähnliche Verfassung zu geben, als es die Armee +nur irgend gestattete. Damit nun seine Erhebung zur Macht nicht als ein +Akt persönlichen Ehrgeizes erscheinen möchte, berief er einen Rath, der +theils aus Personen zusammengesetzt war, auf deren Unterstützung er +zählen, theils aus solchen, deren Opposition er ohne Gefahr Trotz bieten +konnte. Nachdem diese, von ihm Parlament genannte Versammlung, von dem +Volke aber nach einem seiner hervorragendsten Mitglieder »Barebones +Parlament« getauft, sich eine Zeit lang der allgemeinen Verachtung +ausgesetzt hatte, gab sie dem General die von demselben empfangenen +Vollmachten zurück und überließ ihm allein, einen Verfassungsplan zu +entwerfen. + + +[_Oliver Cromwell's Protektorat._] Sein Plan hatte Anfangs nur eine +große Ähnlichkeit mit der alten Verfassung; nach Verlauf einiger Jahre +aber glaubte er weiter gehen und fast alle Theile des alten Systems +unter neuen Namen und Formen wiederherstellen zu dürfen. Der Königstitel +ward nicht wieder verwendet, aber die Vorrechte des Königs wurden einem +Lord Groß-Protektor bewilligt. Man nannte den Souverain nicht »Se. +Majestät«, sondern »Se. Hoheit.« Man krönte und salbte ihn nicht in der +Westminsterabtei, aber man ließ ihn feierlich den Thron besteigen, mit +einem Staatsschwerte umgürtet und einem Purpurmantel angethan, und in +der Westminsterabtei schenkte man ihm eine prachtvolle Bibel. Man hatte +sein Amt nicht für erblich erklärt, aber ihm erlaubt, seinen Nachfolger +zu ernennen, und Niemand zweifelte, daß er seinen Sohn wählen würde. + +Ein Haus der Gemeinen war ein nothwendiger Bestandtheil der neuen +Verfassung. Bei der Gestaltung dieses Instituts zeigte der Protektor +Weisheit und Gemeinsinn, die seine Zeitgenossen nicht gebührend +gewürdigt haben. Waren die Fehler des alten Vertretungssystems auch +nicht so bedeutend, als sie später wurden, so hatten sie scharfblickende +Männer dennoch schon bemerkt. Cromwell reformirte dieses System nach +denselben Grundsätzen, nach denen Pitt einhundertdreißig Jahre später es +zu verbessern versuchte, und nach denen es endlich in unserer Zeit +wirklich verbessert wurde. Den kleinen Flecken entzog man mit noch +schonungsloserer Strenge als 1832 das Wahlrecht und die Zahl der +Grafschaftsmitglieder ward vergrößert. Nur wenig Städte, die nicht +vertreten waren, hatten sich bis dahin zu einer Bedeutung erhoben; +zu diesen wenigen gehörten Manchester, Leeds und Halifax, und diese +erhielten Vertreter. Die Zahl der Mitglieder, die für die Hauptstadt +wählten, wurde vermehrt. Das Wahlrecht ward dergestalt geordnet, daß +jeder Besitzende, mochte sein Eigenthum in Freisassengütern bestehen +oder nicht, eine Stimme in der Grafschaft hatte, in der er angesessen +war. Nur wenig Schotten und wenige der englischen Colonisten von Irland +wurden zu der Versammlung berufen, die in Westminster allen Theilen der +britischen Inseln Gesetze geben sollte. + +Ein Haus der Lords zu errichten, war eine schwierigere Aufgabe. Die +Demokratie kann die Stütze der Verjährung entbehren, die Monarchie hat +oft ohne sie bestanden, aber ein Patrizierstand ist das Werk der Zeit. +Cromwell fand einen reichen, hoch geehrten und in allen untern +Volksklassen so populären Adel vor, als nur je der Adel gewesen ist. +Wenn er als König von England, gemäß dem alten Brauche des Königreichs, +die Pairs zu dem Parlamente berufen hätte, es würden viele derselben +ohne Zweifel dem Rufe gefolgt sein; dies durfte er nicht, und daß er den +Häuptern erlauchter Familien in seinem neuen Senate Sitze anbot, blieb +ohne Erfolg, denn sie sahen ein, daß sie einer neuerstandenen +Versammlung nicht beitreten konnten, ohne auf ihr Geburtsrecht zu +verzichten und ihren Stand zu verrathen. Der Protektor sah sich nun +genöthigt, sein Oberhaus mit neuen Männern zu besetzen, die sich in der +letzten Zeit der Aufregung hervorgethan hatten. Diese seiner +Einrichtungen, die allen Parteien mißfiel, war die unglücklichste. Die +nach allgemeiner Gleichheit strebende Partei -- Levellers -- zürnte ihm +darüber, daß er eine bevorzugte Klasse schuf; die Menge, welche für die +großen geschichtlichen Namen des Landes Achtung und Liebe hegte, +verlachte sonder Scheu ein Haus der Lords, das glückliche Kärrner und +Schuhmacher zu Gliedern zählte und wenige der alten Adeligen, die sich +fast alle verächtlich davon abwandten, berufen hatte. + +Die Art und Weise der Einrichtung von Cromwells Parlamenten war +praktisch von untergeordneter Bedeutung, da er die Mittel besaß, auch +ohne die Unterstützung und ungeachtet der Opposition derselben die +Verwaltung zu führen. Eine verfassungsmäßige Regierung, und an Stelle +der Schwertherrschaft die der Gesetze zu stellen, scheint in seinem +Wunsche gelegen zu haben. Aber ihm ward bald klar, daß er nur bei einer +unumschränkten Verwaltung sicher sein konnte, da Royalisten und +Presbyterianer ihn haßten. Das erste Haus der Gemeinen, auf seinen +Befehl vom Volke gewählt, zog seine Autorität in Frage; es ward +aufgelöst, ohne daß es auch nur eine Akte durchgebracht hatte. Sein +zweites Haus der Gemeinen, das ihn zwar als Protektor anerkannte und ihn +gern zum Könige gemacht haben würde, weigerte sich dessenungeachtet +hartnäckig, seine neuen Lords anzuerkennen. Ihm blieb nichts übrig, als +das Parlament aufzulösen. Als er schied, rief er aus: Gott sei Richter +zwischen Euch und mir! + +Diese Zerwürfnisse hatten jedoch durchaus keinen Einfluß auf die +energische Verwaltung des Protektors. Dieselben Soldaten, die ihm das +Tragen des Königstitels nicht gestatten wollten, unterstützten ihn bei +Ausführung solcher Gewaltmaßregeln, wie sie je ein englischer König nur +versucht hat. So war die Regierung der Form nach republikanisch, in +Wahrheit aber eine durch die Weisheit, Mäßigung und Großherzigkeit des +Despoten gemilderte Despotie. Das Land war in Militairbezirke getheilt, +die unter den Befehlen von Generalmajors standen. Jede aufständische +Bewegung ward im Keime erstickt und bestraft. Die Macht des Schwertes in +einer so starken, unbeugsamen und erfahrenen Hand dämpfte den Muth der +Cavaliere und der Levellers. Die loyale Gentry erklärte, sie sei zwar +immer noch bereit, für die alte Verfassung und Dynastie das Leben +einzusetzen, wenn nur eine schwache Hoffnung auf Erfolg vorhanden wäre; +aber an der Spitze von Dienern und Pächtern sich den Lanzen von Brigaden +entgegenzustellen, die in hundert Schlachten und Belagerungen siegreich +gewesen, sei eine unsinnige Verschwendung unschuldigen und +schätzenswerthen Blutes. Da sich von offenem Widerstande nichts hoffen +ließ, begannen Royalisten und Republikaner schwarze Mordpläne zu +ersinnen; aber des Protektors Kundschafter waren gut, und seine +Wachsamkeit ward nicht lästig; nur in der Mitte der blanken Schwerter +und Harnische seiner getreuen Garden verließ er die Mauern seines +Palastes. + +Wäre Cromwell ein grausamer, ausschweifender und raublustiger Regent +gewesen, so hätte die Nation vielleicht in der Verzweiflung Muth +gefunden und sich durch eine krampfhafte Anstrengung von der +Militairherrschaft zu befreien gesucht; aber waren auch die +Bedrückungen, unter denen das Land seufzte, stark genug, um ernstliche +Unzufriedenheit zu erregen, so konnten sie doch die große Masse nicht +bewegen, Leben, Vermögen und die Wohlfahrt der Familien einer +furchtbaren Macht gegenüber auf das Spiel zu setzen. Die Last der +Steuern war, wenn auch drückender als unter den Stuarts, mit den +Nachbarstaaten verglichen und nach den Hilfsquellen Englands beurtheilt, +eine leichte zu nennen. Das Eigenthum war sicher, und selbst der +Cavalier, wenn er die neue Verfassung unangetastet ließ, genoß in +Frieden, was ihm die bürgerlichen Unruhen gelassen hatten. Nur in +Fällen, in denen es sich um die Sicherheit der Person und der Regierung +des Protektors handelte, wurden die Gesetze überschritten; aber in +Streitsachen zwischen Privaten ward die Justiz mit einer Strenge und +Unparteilichkeit geübt, wie man sie zuvor nie gekannt. Seit der +Reformation hatten unter keiner englischen Regierung so wenig religiöse +Verfolgungen stattgefunden. Betrachtete man auch die unglücklichen +Katholiken als dem Bereiche der christlichen Kirche nicht mehr +angehörig, so gestattete man dennoch dem gestürzten anglikanischen +Klerus, seinen Gottesdienst unter der Bedingung abzuhalten, daß seine +Predigten alle Politik ausschlössen. Es durften selbst die Juden, denen +seit dem dreizehnten Jahrhundert der öffentliche Gottesdienst untersagt +gewesen, sich trotz der Opposition neidischer Kaufleute und fanatischer +Theologen in London eine Synagoge bauen. + +Des Protektors auswärtige Politik zwang zugleich auch diejenigen, die +ihn am meisten haßten, gegen ihren Willen ihm Anerkennung zu zollen. Die +Cavaliere konnten kaum den Wunsch unterdrücken, daß der, der soviel zur +Vermehrung des Nationalruhmes gethan, ein legitimer König gewesen sei, +und die Republikaner waren zu dem Eingeständnisse gezwungen, daß der +Tyrann nur für sich allein das Recht usurpire, mitunter dem Vaterlande +Unrecht zu thun, und daß er ihm für die geraubte Freiheit Ruhm +zurückgegeben habe. Nach einem halben Jahrhundert, während dessen +England kaum ein bedeutenderes Gewicht in der Politik Europa's gehabt, +als Venedig und Sachsen, erhob es sich plötzlich zu der gefürchtetsten +Macht der Welt, schrieb den Vereinigten Niederlanden Friedensbedingungen +vor, rächte an den Seeräubern der Berberei die der ganzen Christenheit +zugefügte Schmach, besiegte Spanien zu Land und zu Meer, bemächtigte +sich einer der schönsten westindischen Inseln und gewann an der +flämischen Küste einen festen Platz, der den Nationalstolz für den +Verlust von Calais tröstete. Es war die erste Macht auf dem Weltmeere; +es stand an der Spitze des protestantischen Interesses; Cromwell ward +von allen in katholischen Königreichen zerstreuten reformirten Kirchen +als Schirmherr anerkannt; die Hugenotten von Languedoc, die Hirten, die +sich in ihren Alpendörfchen zu einem ältern Protestantismus als den von +Augsburg bekannten, wurden durch den Schrecken allein vor Verfolgung +gesichert, den sein großer Name verbreitete. Selbst der Papst mußte +papistischen Fürsten Menschlichkeit und Mäßigung einschärfen, denn eine +Stimme, die selten vergebens drohte, hatte erklärt, daß die englischen +Kanonen in der Engelsburg gehört werden sollten, wenn man dem Volke +Gottes nicht Duldung angedeihen lasse. Es gab in der That Nichts, was +Cromwell wegen seiner und seiner Familie hätte mehr wünschen können, als +einen allgemeinen europäischen Religionskrieg, denn in diesem Falle wäre +er der Führer der protestantischen Armeen, und das Herz Englands wäre +mit ihm gewesen; man hätte seine Siege mit einer allgemeinen +Begeisterung begrüßt, wie sie das Land seit der Vernichtung der Armada +nicht geäußert, und der Flecken, den eine durch die Stimme der ganzen +Nation verdammte Handlung auf seinem strahlenden Ruhme zurückgelassen, +würde durch sie verlöscht worden sein. Zu seinem Unglücke bot sich ihm +keine Gelegenheit, außer gegen die britischen Inseln, sein +bewundernswürdiges Feldherrntalent zu entwickeln. + +Seine Gewalt, den Unterthanen ein Gegenstand der Abneigung, der +Bewunderung und der Furcht zugleich, stand, so lange er lebte, fest. +Seine Regierung war nur bei Wenigen beliebt, aber die, denen sie am +meisten verhaßt war, haßten sie nicht so sehr, als sie sie fürchteten. +Wäre die Regierung eine schlechtere gewesen, ihre Stärke hätte sie +wahrlich nicht vor dem Sturze sichern können. Aber sie enthielt Mäßigung +genug, um Bedrückungen zu vermeiden, welche die Menschen zur Wuth +treiben, und besaß eine Kraft und Energie, die zu bekämpfen nur Menschen +wagen konnten, welche die Unterdrückung bereits zum Wahnsinn getrieben. + + +[_Richard, Cromwells Nachfolger._] Man hat oft behauptet, und +anscheinend nur aus wenigen Gründen, daß Cromwell zu einer seinem Ruhme +günstigen Zeit gestorben sei, und daß er, bei längerer Lebenszeit, +wahrscheinlich minder ehrenvoll und glücklich geendet haben würde. +Soviel steht fest, daß ihn seine Soldaten bis zu dem letzten Momente +ehrten, daß ihm die ganze Bevölkerung der britischen Inseln gehorchte, +daß ihn alle auswärtigen Mächte fürchteten, daß er mit einem Gepränge, +wie London es zuvor nie gesehen, neben den alten Souverainen Englands +zur Gruft bestattet wurde, und daß ihm sein Sohn Richard so ruhig in der +Regierung folgte, wie je ein Prinz von Wales einem Könige gefolgt ist. + +Die Verwaltung Richard Cromwells hatte fünf Monate lang einen so +friedlichen und regelmäßigen Gang, daß ganz Europa der Meinung war, +seine Stellung am Staatsruder sei eine durchaus feste. Seine Lage war +wirklich in manchen Beziehungen vortheilhafter, als die seines Vaters; +er war noch zu jung, um Feinde zu haben, und an seinen Händen klebte +noch kein Bürgerblut. Die Cavaliere selbst gestanden ein, daß er ein +braver, gutmüthiger Gentleman sei. Die presbyterianische Partei, gleich +mächtig an Zahl wie an Reichthum, hatte mit dem nun verstorbenen +Protektor in tödtlicher Feindschaft gestanden, dem gegenwärtigen aber +zeigte sie eine geneigte Stimmung. Diese Partei hatte stets den Wunsch +genährt, es möge die alte Reichsverfassung mit einigen genauern +Bestimmungen und einigen stärkern Bürgschaften für die öffentliche +Freiheit wieder hergestellt werden, aber sie hatte mancherlei Gründe, +die Wiedereinsetzung der alten Herrscherfamilie zu fürchten. Für diese +Politiker war Richard der rechte Mann, denn seine Humanität, seine +Freimüthigkeit und Bescheidenheit, die Mittelmäßigkeit seiner Talente +und die Fügsamkeit, mit der er sich der Leitung klügerer Leute, als er, +überließ, machten ihn ganz vorzüglich geeignet, das Oberhaupt einer +beschränkten Monarchie zu sein. + +Es schien wirklich eine Zeit lang, als ob er unter der Leitung fähiger +Rathgeber das durchführen werde, was sein Vater umsonst begonnen hatte. +Es ward ein Parlament berufen und die Ausschreiben dazu erließ man in +der alten Form. Den kleinen Flecken gab man das ihnen vor Kurzem +entzogene Wahlrecht zurück; Manchester, Leeds und Halifax schickten +ferner nicht mehr Mitglieder ab, und die Grafschaft York ward wiederum +auf zwei Abgeordnete beschränkt. Es muß einer Generation, welche durch +die Fragen über Reform des Parlaments fast bis zum Wahnsinn aufgeregt +ward, außergewöhnlich erscheinen, daß große Städte und Grafschaften sich +dieser Änderung nicht nur geduldig, sondern auch gern fügten; aber +wenn auch damals schon denkende Männer die Fehler des alten +Repräsentativ-Systems und die daraus früher oder später entspringenden +ernsten praktischen Übel erkannten, so waren doch diese praktischen Übel +noch nicht empfindlich fühlbar gewesen. Hatte Oliver Cromwell sein +Repräsentativ-System auch nach den richtigsten Grundsätzen gebildet, so +war es doch nicht volksthümlich; sowohl die Begebenheiten, aus denen es +hervorgegangen, als die Folgen, die es bewirkt, konnten die öffentliche +Meinung nicht für dasselbe gewinnen. Es war der Militairgewalt +entsprungen, und hatte nur Streit erregt. Der Regierung durch das +Schwert überdrüssig, sehnte sich die ganze Nation nach der Regierung +durch das Gesetz. Deshalb gewährte die Wiederherstellung selbst der +Anomalien und Mißbräuche, die mit den Gesetzen streng übereinstimmten +und durch das Schwert vernichtet gewesen waren, allgemeine Befriedigung. + +Im Hause der Gemeinen gab es eine starke, theils aus offenen +Republikanern, theils aus geheimen Royalisten bestehende Opposition; +aber eine große, fest entschlossene Majorität schien dem Plane geneigt, +die alte Verfassung unter einer neuen Dynastie wieder herzustellen. +Richard ward feierlich als die erste obrigkeitliche Person im Staate +anerkannt. Die Gemeinen erklärten sich nicht nur bereit, mit den von +Oliver Cromwell ernannten Lords gemeinschaftlich die Staatsgeschäfte zu +verhandeln, sondern nahmen auch den Beschluß an, daß diejenigen +Adeligen, die zur Zeit der Unruhen der Sache der öffentlichen Freiheit +angehangen, ohne neue Ernennung im Oberhause des Parlaments zu sitzen +das Recht haben sollten. + +Bis hierher waren die Staatsmänner, deren Rath Richard befolgte, +glücklich gewesen. Fast alle Theile der Staatsverwaltung hatte man eben +so eingerichtet, wie sie bei dem Beginne des Bürgerkrieges gewesen. +Hätten der Protektor und das Parlament ungestört fortschreiten dürfen, +so läßt sich kaum bezweifeln, daß unter dem Hause Cromwell schon eine +ähnliche Ordnung der Dinge erstanden wäre, wie sie später unter dem +Hause Hannover begründet ward. Aber es gab im Staate eine andere Macht, +vollkommen fähig, gegen Protektor und Parlament aufzutreten. Richard +besaß nämlich über die Armee keine andere Autorität als die, welche er +aus dem großen ererbten Namen herleitete. Er hatte sie nie zum Siege +geführt, hatte selbst nie die Waffen getragen, alle seine Neigungen und +Gewohnheiten waren friedlicher Art, und seine religiösen Ansichten und +Gesinnungen erfreuten sich des Beifalls der militairischen Heiligen +nicht. Daß er ein guter Mensch war, hat er durch Demuth und +Leutseligkeit, während er auf dem Gipfel menschlicher Größe stand, +und durch freudige Ergebung bei Leiden und Unglücksfällen treffender +dargethan, als durch tiefe Seufzer und lange Reden; aber das damals in +jeder Wachtstube übliche fromme Geschwätz war ihm dergestalt zum Ekel, +daß er seine Abneigung dagegen nicht immer verbergen konnte. Die +Offiziere, welche den größten Einfluß auf die in der Nähe stationirten +Truppen ausübten, gehörten nicht zu seinen Freunden; sie waren durch +Muth und Tapferkeit auf dem Schlachtfelde ausgezeichnete Männer, aber es +fehlte ihnen jene Klugheit, jener bürgerliche Muth, die Eigenschaften, +die ihrem verstorbenen Führer in so hohem Grade eigen waren. Einige von +ihnen waren achtungswerthe, aber fanatische Independenten und +Republikaner. Das Haupt dieser Klasse war Fleetwood. Andere wieder +strebten danach, das zu werden, was Oliver Cromwell gewesen; sein +rasches Emporkommen, sein Glück und sein Ruhm, seine feierliche +Inauguration in den Hallen von Westminster, und seine prachtvolle +Bestattung in der Abtei hatten die Phantasie derselben entflammt; sie +waren von eben so guter Herkunft, eben so gut erzogen, als er, und +begriffen nun nicht, warum sie nicht eben so würdig wären, mit dem +Purpur bekleidet zu werden und das Schwert des Staates zu tragen. Das +Ziel ihres maßlosen Ehrgeizes verfolgten sie nicht, wie er, mit Geduld, +Wachsamkeit, Scharfsinn und Entschlossenheit, sondern mit jener Ungeduld +und Unentschiedenheit, welche die hochfliegende Mittelmäßigkeit +charakterisiren. Unter diesen matten Copien eines großen Originals +zeichnete sich Lambert am auffälligsten aus. + + +[_Sturz Richards, und Wiedereinsetzung des Langen Parlaments._] +Denselben Tag, an dem Richard den Thron bestiegen, traten die Offiziere +zu einer Verschwörung gegen ihren neuen Gebieter zusammen. Das gute +Einvernehmen zwischen ihm und seinem Parlamente beschleunigte das +Herannahen der Krisis. In dem Lager entstanden Unruhe und Erbitterung, +sowohl die religiösen Gefühle als die des Standes der Armee waren tief +verletzt, und es schien, als sollten sich die Independenten den +Presbyterianern, und die Männer des Schwerts den Männern der Robe +unterwerfen. Zwischen den Unzufriedenen in der Armee und der +republikanischen Minorität in dem Hause der Gemeinen bildete sich eine +Koalition. Selbst wenn Richard das scharfe Urtheil und den eisernen Muth +seines Vaters ererbt hätte, so bleibt es dennoch zweifelhaft, ob er +diese Koalition besiegt haben würde; es ist vielmehr gewiß, daß seine +Einfachheit und Sanftmuth den Erfordernissen der Zeit nicht entsprachen. +Er fiel ohne Widerstand und ohne Ruhm; die Armee benutzte ihn als +Werkzeug zur Auflösung des Parlamentes und schob ihn dann verächtlich +bei Seite. Um ihre republikanischen Verbündeten zufrieden zu stellen, +erklärten die Offiziere die Vertreibung des Rumpfparlamentes für +ungesetzlich und luden diese Versammlung ein, ihre Amtsgeschäfte wieder +zu beginnen. Der alte Sprecher und eine beschlußfähige Anzahl Mitglieder +traten wieder zusammen, und unter schlecht verhehltem Hohne und +Verwünschungen Seitens der Nation wurden sie zur ersten Macht des +Staates ausgerufen. Auch ward ausdrücklich erklärt, daß es weder einen +ersten Beamten, noch ein Haus der Lords ferner geben solle. + + +[_Zweite Vertreibung des Langen Parlaments._] Ein solcher Zustand der +Dinge konnte nicht von langer Dauer sein. An demselben Tage, an dem das +Lange Parlament wieder in's Leben trat, lebten auch die alten +Zwistigkeiten mit der Armee wieder auf. Es vergaß der Rumpf abermals, +daß er sein Dasein dem Belieben der Soldaten verdankte, und begann +wieder, sie als Untergebene zu behandeln. Wiederum schloß man die Thüren +des Hauses der Gemeinen durch militairische Gewalt, und eine von den +Offizieren ernannte provisorische Regierung übernahm die Leitung der +Staatsgeschäfte. + +Das Drückende dieser Lage und die Befürchtung, es könne noch schlimmer +werden, bewirkte indeß eine Verbindung zwischen den Cavalieren und den +Presbyterianern. Einige Presbyterianer hatten zwar schon vor dem Tode +Karls I. zu einer ähnlichen Vereinbarung sich geneigt gezeigt, aber erst +nach dem Falle Richard Cromwells eiferte die ganze Partei für die +Wiederherstellung des Königshauses. Für die Wiederherstellung der alten +Verfassung unter einer Dynastie gab es keine begründete Hoffnung mehr; +man mußte daher zwischen den Stuarts und der Armee wählen. Die +vertriebene Königsfamilie hatte sich großer Vergehen schuldig gemacht, +aber sie hatte diese Vergehen hart gebüßt, und man durfte hoffen, daß +sie in der Schule des Unglücks heilsame Lehren erhalten habe; es ließ +sich annehmen, daß das Schicksal Karls I. für Karl II. ein warnendes +Beispiel sein würde. Aber es waren auch, ohne Rücksicht hierauf, die dem +Lande drohenden Gefahren der Art, daß man zu ihrer Abwendung wohl einige +Ansichten aufgeben und sich einigen Wagnissen aussetzen konnte. England +schien der gehässigsten und erniedrigendsten aller Regierungsformen +anheim zu fallen bestimmt zu sein, einer Form, die alle Übel des +Despotismus mit allen Schrecken der Anarchie vereinigte. Alles Andere +war dem Joche vorzuziehen, das eine Reihenfolge unfähiger und +unrühmlicher Tyrannen auferlegte, welche nach Art der Dey's der Berberei +durch unausgesetzte Militairrevolutionen endlich zur Regierung +gelangten. Lambert konnte der erste dieser Despoten werden, aber nach +Verlauf eines Jahres hätte er wahrscheinlich Desborough, und später +Desborough dem Harrison weichen müssen. So oft der Kommandostab aus +einer schwachen Hand in die andere übergegangen wäre, so oft würde die +Nation den Erpressungen ausgesetzt gewesen sein, welche die Geschenke +für die Truppen nöthig machten. Wenn die Presbyterianer hartnäckig auf +ihrer Trennung von den Royalisten bestanden, wäre der Staat verloren +gewesen, und ob es den vereinigten Anstrengungen Beider gelungen wäre, +ihn zu retten, war sehr zweifelhaft, denn die Furcht vor der +unbesiegbaren Armee hatte sich aller Bewohner der Insel bemächtigt, und +die Cavaliere, durch hundert verlorene Schlachten belehrt, wie wenig die +numerische Überlegenheit gegen die Disziplin vermag, waren selbst noch +mehr eingeschüchtert, als die Rundköpfe. + + +[_Die Armee von Schottland rückt in England ein._] So lange die Soldaten +unter sich einig blieben, waren alle Complote und Aufstände der +Mißvergnügten ohne Wirkung. Aber wenig Tage nach der zweiten Vertreibung +des Rumpf-Parlaments liefen Nachrichten ein, welche die Herzen Aller, +die entweder der Monarchie oder der Freiheit anhingen, mit Freude +erfüllten. Jene ungeheure Streitmacht, welche Jahre lang wie ein +einziger Mann gehandelt und dadurch so unüberwindlich geworden war, +hatte sich endlich in Zwiespalt aufgelöst. Die schottische Armee, welche +der Republik große Dienste geleistet, befand sich in dem Zustande voller +Kraft; mit einem dem ähnlichen Unwillen, den die an der Donau und am +Euphrat stehenden römischen Legionen bei der Nachricht empfanden, daß +die prätorianischen Garden das Reich zum Verkauf feilgeboten, hatte sie +sich von der Revolution fern gehalten und sie beobachtet. Sie fand es +unerträglich, daß einige Regimenter, weil sie in der Nähe von +Westminster cantonnirten, und nur deshalb sich anmaßten, im Laufe eines +halben Jahres mehrere Regierungen zu ernennen und wieder abzusetzen. +Wäre die Regelung der Staatsangelegenheiten durch Soldaten am rechten +Platze gewesen, so hätten diejenigen, welche im Norden des Tweed die +englische Autorität aufrecht erhielten, dasselbe Recht abzustimmen +gehabt, als die, welche den Tower von London besetzt hielten. Die in +Schottland stehenden Truppen scheinen weniger vom Fanatismus ergriffen +gewesen zu sein, als irgend ein anderer Theil der Armee, und Georg Monk +selbst, ihr General, war der vollständige Gegensatz von einem Zeloten. +Bei dem Beginne des Bürgerkriegs hatte er zu Gunsten des Königs die +Waffen getragen, war von den Rundköpfen gefangen worden, hatte dann von +dem Parlamente eine Offizierstelle angenommen und sich, ohne den +geringsten Anspruch auf Heiligkeit, durch Muth und militairische +Fähigkeiten zu hohen Kommandostellen emporgeschwungen. Beiden +Protektoren hatte er nützliche Dienste geleistet, er war ruhig +geblieben, als die Offiziere zu Westminster Richard stürzten und das +Lange Parlament wieder einsetzten, und hätte ihm die provisorische +Regierung nicht Grund zu Unwillen und Besorgniß gegeben, so würde er +vielleicht eben so ruhig bei der zweiten Vertreibung des Langen +Parlaments geblieben sein, denn er war von Natur vorsichtig, etwas +langsam und durchaus nicht geneigt, sichere und mäßige Vortheile der +Möglichkeit zu opfern, selbst einen glänzenden Erfolg zu bewirken. Die +Furcht, durch die Unterwerfung unter die neuen Herrscher des Staats in +seiner Sicherheit gefährdet zu werden, scheint ihn mehr zum Angriffe +getrieben zu haben, als die Hoffnung, durch ihren Sturz zu einer Größe +sich zu erheben. Was auch immerhin seine Gründe sein mochten -- er trat +als der Verfechter der unterdrückten bürgerlichen Gewalt auf, +verweigerte die Anerkennung der angemaßten Autorität der provisorischen +Regierung und rückte an der Spitze von siebentausend alten Soldaten +gegen England vor. + +Dies war das Zeichen zu einem allgemeinen Ausbruche: überall weigerte +sich das Volk, Steuern zu zahlen; zu Tausenden versammelten sich die +Arbeiter der City und riefen laut nach einem freien Parlamente; die +Flotte segelte in die Themse und erklärte sich gegen die Tyrannei der +Soldaten; die Soldaten, frei von der Aufsicht eines überwiegenden +Geistes, theilten sich in Parteien; aus Furcht allein zu stehen und so +das Racheziel der unterdrückten Nation zu werden, beeilte sich jedes +einzelne Regiment, einen Separatfrieden zu schließen. Lambert, der nach +Norden der schottischen Armee entgegen geeilt war, gerieth, von seinen +Truppen verlassen, in Gefangenschaft. Seit dreizehn Jahren hatte die +bürgerliche Gewalt in jedem Streite der militairischen erliegen müssen; +jetzt beugte sich die militairische vor der bürgerlichen Gewalt. Das +allgemein gehaßte und verachtete Rumpfparlament, aber der einzige +politische Körper im Lande, der noch einen Schein von gesetzlicher +Autorität trug, kehrte in das Haus zurück, aus dem man es zweimal +schimpflich vertrieben hatte. + +Monk rückte indeß London näher. Überall, wohin er kam, eilte ihm die +Gentry entgegen und bat ihn flehentlich, er möge seine Macht zur +Wiederherstellung des Friedens und der Freiheit der zerrütteten Nation +verwenden. Der General, kaltblütig, schweigsam und ohne Eifer für irgend +eine politische oder religiöse Verfassung, beobachtete eine +unerschütterliche Zurückhaltung. Was damals seine Pläne waren, und ob er +überhaupt Pläne hatte, läßt sich nicht bestimmen; aber es war +ersichtlich sein Hauptziel, sich so lange als möglich die freie Wahl +zwischen zwei Verfahrungsarten zu erhalten, die gewöhnliche Politik von +Männern, die sich mehr durch Klugheit, als durch Scharfsinn auszeichnen. +Es ist wahrscheinlich, daß er seinen Entschluß erst nach einigen Tagen +Aufenthaltes in der Hauptstadt festgestellt hat. Das ganze Volk rief +nach einem freien Parlamente, und es ist nicht zu bezweifeln, daß ein +solches die verbannte Königsfamilie sofort zurückgerufen hätte. Der +Rumpf und die Soldaten waren dem Hause Stuart noch immer feindlich +gesinnt, und der Rumpf wiederum ward allgemein verachtet und gehaßt. +Man hatte zwar die Macht der Soldaten immer noch zu fürchten, aber die +herrschende Zwietracht hatte diese Macht bedeutend geschwächt, und dabei +war sie ohne Führer. In vielen Theilen des Landes hatten sich die +Soldaten einander feindlich gegenüber gestanden, und noch Tags zuvor, +ehe Monk London erreichte, hatte auf dem Strande ein Kampf zwischen +Reiterei und Fußvolk stattgefunden. Eine einige Armee hatte lange Zeit +eine durch Zwiespalt zerrüttete Nation niedergedrückt; jetzt war die +Nation einig und die Armee durch Zwiespalt zerrüttet. + + +[_Monk erklärt sich für ein freies Parlament._] Die Verstellung oder +Unschlüssigkeit Monks hielt eine Zeit lang alle Parteien in einer +peinlichen Ungewißheit. Endlich brach er das Schweigen, indem er sich +für ein freies Parlament erklärte. + +Diese Erklärung versetzte die Nation in einen wahren Freudentaumel; +überall wo er sich zeigte, drängte sich die jubelnde Menge um ihn und +segnete seinen Namen; alle Glocken Englands stimmten in diesen Jubel mit +ein; in den Straßen floß das Bier, und mehrere Nächte hindurch erhellten +unzählige Freudenfeuer London und die Umgegend von fünf Meilen. +Diejenigen presbyterianischen Mitglieder des Hauses der Gemeinen, die +man mehrere Jahre zuvor durch Waffengewalt vertrieben hatte, kehrten zu +ihren Sitzen zurück und es empfingen sie die lauten Begrüßungen der +Menge, die Westminsterhall und den Schloßhof anfüllte. Die Häupter der +Independenten wagten kaum noch sich in den Straßen zu zeigen, sie waren +selbst in ihren Wohnungen nicht mehr sicher. Man ergriff nun Maßregeln +zur Gründung einer zeitweiligen Regierung; es wurden Befehle zu einer +allgemeinen Wahl erlassen und das denkwürdige Parlament, das durch +zwanzig bewegte Jahre alle Wechsel des Glücks erfahren, seinen Souverain +besiegt, von seinen Dienern geknechtet und zweimal vertrieben, und +zweimal wieder eingesetzt worden, sprach endlich feierlich seine eigene +Auflösung aus. + + +[_Allgemeine Wahl von 1660._] Das Ergebniß der Wahlen entsprach dem, +was man von der Stimmung der Nation erwarten konnte. Das neue Haus der +Gemeinen war, mit geringen Ausnahmen, aus Männern zusammengesetzt, die +ergeben an der königlichen Familie hingen. Die Presbyterianer bildeten +die Mehrheit. + +Es schien fast gewiß, daß nun eine Restauration stattfinden würde; aber +es stand noch zu fürchten, daß sie keine friedliche sein würde. Die +Stimmung der Soldaten war finster und wild, sie haßten den Königstitel, +den Namen Stuart, verabscheuten den Presbyterianismus, aber mehr noch +die Prälatur. Indem sie mit Bitterkeit das Ende ihrer langen Herrschaft +und den Beginn eines Lebens voll Elend und ruhmlosen Mühens herannahen +sahen, schrieben sie ihr Unglück der Schwäche und dem Verrathe einiger +Generale zu. Eine Stunde ihres theuren Oliver Cromwell hätte selbst +jetzt noch den erloschenen Ruhm neu anfachen können. Waren sie auch +verrathen, uneinig und ohne einen Führer, der ihr Vertrauen besaß, +so mußte man sie dennoch fürchten. Der Wuth und Verzweiflung von +funfzigtausend Männern entgegenzutreten, die noch nie einem Feinde den +Rücken gewendet hatten, war keine leichte Aufgabe. Monk und seine +politischen Genossen sahen wohl ein, daß diese Krisis eine sehr +gefährliche sein würde. Indem sie jede List anwendeten, die +mißvergnügten Soldaten zu beruhigen und unter sich zu entzweien, trafen +sie auch zugleich für den Fall eines Zusammenstoßes die kräftigsten +Vorsichtsmaßregeln. Die in London garnisonirende schottische Armee +erhielt man durch Belobungen, Versprechen und Geschenke in einer +günstigen Stimmung. Die reichsten Bürger von London gewährten den +Rothröcken alles, sie spendeten so freigebig ihre besten Weine, daß man +ganze Haufen dieser frommen Krieger oft in einem Zustande fand, der +weder ihrem religiösen, noch ihrem militairischen Charakter große Ehre +machte. Monk wagte es, einige widerspenstige Regimenter aufzulösen, +während die provisorische Regierung mit Hilfe der Gentry und der +Behörden die größten Anstrengungen zur Organisirung der Miliz machte. +Bald stand diese Streitmacht, die mindestens einhundertzwanzigtausend +Mann stark war, in jeder Grafschaft marschfertig. Über zwanzigtausend +gut bewaffnete und ausgerüstete Bürger ward in Hyde-Park Heerschau +gehalten, wobei diese in einen Enthusiasmus ausbrachen, der zu der +Hoffnung berechtigte, daß sie im Fall der Noth tapfer für ihre Läden und +Häuser kämpfen würden. Die ganze Flotte hielt es mit der Nation. Es war +eine Zeit der Aufregung und der Angst, aber auch eine Zeit der Hoffnung. +Man war allgemein der Ansicht, daß England, wenn auch durch einen +verzweifelten und blutigen Kampf, frei werden, und daß die, die so lange +Zeit durch das Schwert geherrscht, jetzt durch das Schwert umkommen +würden. + +Glücklicherweise wurden die Gefahren eines Zusammenstoßes abgewendet. +Dadurch, daß Lambert aus dem Kerker entwich und seine Kameraden unter +die Waffen rief, entstand zwar ein Augenblick ernster Gefahr, und die +Flamme des Bürgerkrieges loderte sogleich empor, aber man erstickte sie +durch schnelle und kräftige Maßregeln, so daß sie sich nicht verbreiten +konnte, und nahm den unglücklichen Nachahmer Cromwells von Neuem +gefangen. Das Mißglücken dieses Unternehmens entmuthigte die Soldaten, +so daß sie sich traurig ihrem Schicksale unterwarfen. + + +[_Die Restauration._] Das neue Parlament, oder richtiger gesagt der +Convent, denn die Zusammenberufung hatte ohne königliche Ausschreiben +stattgefunden, trat in Westminster zusammen, und die Lords kehrten +wieder in den Saal zurück, von dem sie seit länger denn elf Jahren mit +Gewalt fern gehalten worden waren. Beide Häuser luden sogleich den König +ein, in sein Reich zurückzukehren. Mit einem nie gesehenen Gepränge ward +er wiederum proklamirt. Eine glänzende Flotte holte ihn von Holland und +schiffte ihn an der Küste von Kent aus. Die Felsen von Dover waren mit +Tausenden von Zuschauern bedeckt, unter denen sich wohl nicht einer +befand, der nicht vor Freude weinte. Seine Reise nach London war ein +ununterbrochener Triumphzug. Von Rochester an war die ganze Straße mit +Buden und Zelten bedeckt, daß sie einem endlosen Markte glich; überall +flatterten Fahnen, überall ertönten Glocken und Musik, überall floß der +Wein und das Bier auf das Wohl dessen, der Friede, Gesetz und Freiheit +zurückbrachte. Aber inmitten der allgemeinen Freude gewährte ein +düsterer Fleck einen drohenden Anblick. Zur Begrüßung des Herrschers +hatte man die Armee auf Blackheath aufgestellt; ob er auch lächelte, +sich verbeugte, den Obristen und Majoren seine Hand zum Kusse bot -- +sein freundliches Entgegenkommen war vergebens. Die Haltung der Soldaten +blieb eine düstere und drohende, und hätten sie ihren Gefühlen freien +Lauf gelassen, so würde das Freudenfest, bei dem auch sie wider Willen +betheiligt waren, ein schreckliches und blutiges Ende genommen haben. +Aber es herrschte keine Einigkeit mehr unter ihnen, das Vertrauen zu den +Führern und zu einander selbst hatten Zwietracht und Abtrünnigkeit +geraubt. Die ganze Macht der City von London stand unter den Waffen, +zahlreiche Milizkompagnien, geführt von loyalen Edelleuten und +Gentlemen, waren aus verschiedenen Theilen des Landes gekommen, um den +König zu bewillkommnen. Dieser große Tag ging in Frieden zu Ende, und +der zurückgerufene Wanderer konnte sicher ruhen in dem Palaste seiner +Vorfahren. + + + * * * * * + * * * * + + + Zweites Kapitel. + + Geschichte Englands unter Karl II. + + + + + =Inhalt.= + + Seite + Das Verfahren zur Wiederherstellung des Hauses Stuart + wird mit Unrecht getadelt 5 + Beseitigung der Lehnspflichten der Ritterschaft 6 + Auflösung des Heeres 7 + Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen den Rundköpfen + und Cavalieren 7 + Religiöse Uneinigkeit 9 + Unpopularität der Puritaner 11 + Charakter Karls II. 15 + Charakterschilderung des Herzogs von York und des Earl + von Clarendon 18 + Allgemeine Wahl von 1661 20 + Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen Parlamente 21 + Verfolgung der Puritaner 21 + Eifer der Geistlichkeit für die erbliche Monarchie 22 + Veränderung in den Sitten der Gesellschaft 23 + Verworfenheit der Politiker 25 + Zustand von Schottland 26 + Zustand von Irland 28 + Die Regierung in England wird unpopulär 29 + Krieg mit den Holländern 31 + Opposition in dem Hause der Gemeinen 32 + Sturz Clarendons 33 + Zustand der europäischen Staatsangelegenheiten und + Überlegenheit Frankreichs 35 + Charakter Ludwigs XIV. 36 + Die Tripleallianz 38 + Die Vaterlandspartei 38 + Verbindung zwischen Karl II. und Frankreich 39 + Pläne Ludwigs in Bezug auf England 40 + Vertrag von Dover 42 + Natur des englischen Cabinets 43 + Die Cabale 44 + Zahlungseinstellung der Schatzkammer 46 + Krieg mit den Vereinigten Provinzen und große Gefahr + derselben 46 + Wilhelm, Prinz von Oranien 47 + Versammlung des Parlaments 48 + Indulgenzerklärung 49 + Cassirung der Indulgenzakte, Annahme der Testakte 50 + Auflösung der Cabale 51 + Verwickelte Lage der Vaterlandspartei 53 + Verkehr dieser Partei mit der französischen Gesandtschaft 53 + Frieden von Nimwegen 54 + Große Unzufriedenheit in England 54 + Danby's Sturz 56 + Die papistische Verschwörung 56 + Erste allgemeine Wahl von 1679 58 + Heftigkeit des neuen Hauses der Gemeinen 60 + Temple's Regierungssystem 60 + Charakter des Halifax 63 + Charakter Sunderlands 65 + Prorogation des Parlaments 66 + Habeas-Corpus-Akte 66 + Zweite allgemeine Wahl von 1679 67 + Popularität Monmouths 67 + Lawrence Hyde 70 + Sidney Godolphin 70 + Heftigkeit der Parteien bei der Frage der Ausschließungsbill 71 + Die Namen Whig und Tory 71 + Zusammentritt des Parlaments und Durchgang der + Ausschließungsbill im Hause der Gemeinen 72 + Die Lords verwerfen die Ausschließungsbill 73 + Hinrichtung Staffords 73 + Allgemeine Wahlen von 1681 74 + Das Parlament zu Oxford gehalten und aufgelöst 74 + Toryreaction 75 + Verfolgung der Whigs 76 + Der Freibrief der City wird zurückgenommen 77 + Verschwörung der Whigs 77 + Entdeckung der Whigverschwörung 79 + Strenge der Regierung 79 + Entziehung von Privilegien 79 + Einfluß des Herzogs von York 80 + Halifax opponirt ihm 81 + Lord Guildford 82 + Politik Ludwigs 84 + Stand der Parteien am Hofe Karls zur Zeit seines Todes 85 + + + + +[_Das Verfahren zur Wiederherstellung des Hauses Stuart wird mit Unrecht +getadelt._] Englands Geschichte bietet während des siebzehnten +Jahrhunderts das Bild der Umgestaltung einer, nach Art des Mittelalters +geschaffenen beschränkten Monarchie in eine, der höheren geistigen +Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft angemessenere beschränkte +Monarchie, deren Schutz und Vertheidigung nicht blos in den Händen des +Adels liegt, und deren finanzielle Bedürfnisse nicht ferner von dem +Ertrage der Krongüter bestritten werden müssen. Die Staatsmänner welche +im Jahre 1642 die Spitze des Langen Parlaments bildeten, suchten diese +Umwandlung dadurch herbeizuführen, daß sie den Reichsständen die Wahl +der Minister, die Oberaufsicht über die gesammte Administration sowie +den Oberbefehl über das Heer übertrugen; so vortrefflich dieser Plan +aber auch immer durchdacht war, der Gang des herrschenden Bürgerkrieges +ließ ihn nicht zur gewünschten Ausführung kommen. Es ist Thatsache, +daß die Häuser endlich triumphirten, sie hatten aber vorher einen Kampf +bestehen müssen, durch den sie zur Bildung einer Gewalt gezwungen +wurden, die zu überwachen sie nicht mächtig genug waren, und welche gar +bald die Herrschaft über alle Parteien und Stände des Landes sich +anzueignen begann. So lange der weise und hochherzige Cromwell den +Oberbefehl führte, waren die von einer Militairherrschaft +unzertrennlichen Übel weniger fühlbar; als aber das Heldenschwert, +welches er mit Kraft und Muth geführt, seiner Hand entsank, als Führer +an die Spitze des Heeres traten, welche weder seinen Verstand noch seine +Humanität, weder seine Fähigkeiten noch seine Tugenden besaßen, da +schien der Augenblick nicht fern zu sein, wo Freiheit und Ordnung zu +ruhmlosem Untergange übereinander stürzen würden. + +Zu dieser Katastrophe sollte es jedoch nicht kommen. Oft haben der +Freiheit huldigende Schriftsteller die Restauration ein unglückliches +Ereigniß genannt, sie haben die Beschränktheit und Niederträchtigkeit +der Convention verdammt, welche die vertriebene Königsfamilie aus der +Verbannung rief, ohne neue Garantien gegen schlechte Staatsverwaltung in +der Hand zu haben; aber Alle, welche dieser Ansicht sind, haben nicht +die Eigenthümlichkeit der Krisis durchschaut, welche nach Richard +Cromwells Absetzung eintrat. England war von der Gefahr bedroht, unter +den Despotismus von bedeutungslosen Menschen zu gerathen, welche die +Willkür der Soldateska heute emporhob, und morgen wieder in das Nichts +zurückwarf. Jeder einsichtsvolle Vaterlandsfreund erkannte die +Nothwendigkeit, der Soldatenherrschaft ein Ende zu machen, doch war die +Lösung dieser Aufgabe höchst schwierig, so lange die Soldaten unter sich +einig blieben. Bald aber schimmerte ein Hoffnungsstrahl; es kam zu +Mißverständnissen und Streitigkeiten unter den Generalen, ein Heerführer +bekämpfte den andern, und die Armeen standen einander erbittert +gegenüber. Jetzt galt es, den kritischen Moment rasch zu fassen und zu +benutzen, die Zukunft unseres Vaterlandes hing davon ab, und wahrlich! +es haben unsere Voreltern nicht gesäumt, im verhängnißvollen Augenblicke +zur That zu schreiten. Alle Streitigkeiten über Reformen, welche unserer +Verfassung nöthig waren, wurden bis zu geeigneterer Zeit vertagt, +Cavalier und Rundkopf, Episcopale und Presbyterianer, sie alle standen +fest und einig zur Unterdrückung der militärischen Tyrannei und +Aufrechthaltung der alten Gesetze des Landes. Mit Recht konnte die Frage +über Vertheilung der Gewalt zwischen Monarchen, Adel und Gemeinen bis zu +der nothwendigen Entscheidung unbeantwortet bleiben, ob künftighin +Englands Regierung in der Hand des Königs und des Volkes, oder in der +bewaffneten Faust der Soldateska liegen solle. Es war ein Glück, daß die +Staatsmänner der Convention nicht durch lange Reden über +Regierungsprinzipien, durch Entwerfung einer neuen Constitution, oder +durch Eröffnung von Conferenzen die Zeit verloren; oder daß man +wochenlang zwischen Westminster und den Niederlanden Boten mit Plänen +und Gegenplänen, Fragen von Hyde und Antworten von Prynne hin und her +gesandt. Wäre es geschehen, so würde die Coalition, welche die Erhaltung +der öffentlichen Sicherheit bezweckte, ihrer Auflösung entgegen gegangen +sein; es wären Streitigkeiten zwischen den Königlich Gesinnten und den +Presbyterianern ausgebrochen; die militairischen Factionen hätten sich +wahrscheinlich geeinigt und die getäuschten Freunde der Freiheit würden +unter einer Regierung, unvollkommener als die des unfähigsten Königs aus +dem Stamme der Stuarts, schmerzlich empfunden haben, daß die günstige +Gelegenheit zur Abhilfe vorübergegangen sei. + + +[_Beseitigung der Lehnspflichten der Ritterschaft._] So wurde denn durch +allgemeine Übereinkunft der beiden mächtigen Parteien die alte +Staatsverfassung in der Form wiederhergestellt, welche sie vor achtzehn +Jahren, wo König Karl I. die Hauptstadt verließ, gehabt hatte, und alle +Acte des Langen Parlaments, welche der König genehmigt hatte, behielten +ihre volle Geltung. Ebenso wurde auch von dem wieder eingesetzten Könige +eine neue Concession bewilligt, welche für die Cavaliere von größerer +Wichtigkeit war als für die Rundköpfe. Vor Jahrhunderten schon hatte man +als das geeignetste Mittel der Nationalvertheidigung das militairische +Lehnswesen eingeführt, das Nützliche aber was diese Einrichtung in sich +trug, war im Laufe der Zeit verschwunden, und nichts als Beschwerden und +leere Formen davon zurückgeblieben. Wer von der Krone ein Landgut gegen +ritterliche Dienstleistung in Lehn trug -- und in dieser Weise war der +größte Theil des Grundeigenthums von England vergeben -- hatte bei der +Besitznahme eine bedeutende Geldsumme zu erlegen, konnte jedoch nicht +den geringsten Theil des erworbenen Eigenthums ohne höhere Erlaubniß +verkaufen. Starb er und der Erbe der Güter befand sich noch in den +Jahren der Unmündigkeit, so übernahm der König die Vormundschaft, und +erhielt für die Dauer derselben nicht allein einen bedeutenden Theil des +Güterertrags, sondern der Unmündige war auch verpflichtet, bei +Vermeidung schwerer Strafe, nach dem Willen des königlichen Vormunds und +nur in angemessenen Rangverhältnissen Ehebündnisse zu schließen. Daher +kam es, daß eine Menge mittelloser Abenteurer den Hof belagerten, in der +Hoffnung, zum Lohne für Unterwürfigkeit und Schmeichelei ein solches +reiches Mündel durch die Gnade des Königs zu erlangen. Mit der Monarchie +endigten auch diese Mißbräuche, und alle Gutsherren des Landes wünschten +natürlich dringend, daß mit der Wiedererstehung derselben sie nicht etwa +wiederkehren möchten; deshalb wurden sie durch ein Statut feierlich +beseitigt, und mit Ausnahme einiger ehrendienstlichen Handlungen, welche +noch jetzt bei der Krönung von einigen Vasallen der Person des Königs +geleistet werden müssen, entschwanden diese alten, ritterdienstlichen +Lehen für immer. + + +[_Auflösung des Heeres._] Jetzt sollte das Heer aufgelöst werden. +Funfzigtausend alte, kriegstüchtige Soldaten wurden verabschiedet und +gerechtfertigt schien die allgemeine Furcht, daß diese große Menge +brodlos gewordener Menschen Verbrechen und Unglück in bedeutender Zahl +hervorrufen, und der Mangel sie zu Mord und Plünderung treiben würde; +aber man hatte sich getäuscht, denn schon nach wenigen Monaten war die +furchtbare Armee friedlich im Volke verschwunden und selbst die +königlich Gesinnten mußten zugestehen, daß die entlassenen Kriegsleute +als brave und tüchtige Arbeiter sich allgemeiner Achtung zu erfreuen +hatten, und daß sie das Volk, wie man gefürchtet, weder durch Raub und +Plünderung noch durch Bettelei belästigten. Ja es ging die gute Meinung, +welche man von diesen entlassenen Soldaten hegte, soweit, daß wenn z.B. +ein Bäcker, Maurer oder Fuhrman sich durch Fleiß und Redlichkeit +bemerkbar machte, man unverholen aussprach, er müsse einst zu Oliver +Cromwells alten Soldaten gehört haben. -- + +Obgleich die militairische Despotie geschwunden war, hatte sie doch im +Volke tiefe Erinnerungen zurückgelassen. Man sprach mit Abscheu und +Verachtung von den stehenden Heeren, und merkwürdig ist es, daß diese +Empfindungen unter den Cavalieren stärker waren als unter den +Rundköpfen. Es war ein Glück, daß als England unter der blutigen +Regierung des Schwertes stand, dasselbe nicht von dem angestammten +Fürsten, sondern den Männern der Revolution geführt wurde, obschon diese +weder das Leben des Königs noch die Kirche schonten. Die Freiheit +unseres Vaterlandes wäre dahin gewesen, wenn König Karl mit seinem guten +Rechte an der Spitze einer so höchst vortrefflichen Armee stand, wie die +Cromwells war. Der monarchischen Partei war das einzige Mittel, wodurch +die Monarchie in eine absolute umgeändert werden konnte, zum Glück ein +Gegenstand der Furcht und des Schreckens, und nach der Ansicht der +Königlichen und Prälatisten nicht zu trennen von Fürstenmord und +Feldkanzelgeschrei. Die Tories eiferten noch ein Jahrhundert nach +Cromwells Tode gegen die Vermehrung des stehenden Heeres, und rühmten +die Vorzüge einer Nationalbewaffnung. War es doch noch im Jahre 1786 +einem Minister, der das Vertrauen der Tories in hohem Grade besaß, +unmöglich, die Befestigung der Meeresküsten bei ihnen durchzusetzen, +immer war ihnen das stehende Heer ein Gegenstand des Ärgernisses, bis +endlich die französische Revolution ihren Ansichten einen Umschwung gab. + + +[_Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen den Rundköpfen und +Cavalieren._] Die Coalition, welche den König wieder auf den Thron +erhoben, hörte mit der Gefahr auf, die sie in's Leben gerufen; aber +wiederum traten zwei feindliche Parteien auf den Kampfplatz. Ihre +einzige übereinstimmende Handlung war die Bestrafung einiger +Unglücklichen, auf denen zu jener Zeit der allgemeine Haß ruhte. +Cromwell war nicht mehr, und diejenigen, welche einst zitternd vor ihm +flohen, hatten die elende Genugthuung, den Leichnam des größten Mannes, +der England je beherrschte, aus der Erde zu reißen, ihn zu verstümmeln, +aufzuhängen und zu verbrennen. Auch von den republikanischen Häuptern +fielen zwar wenige, aber immer noch zu viel der Rache anheim, bald aber, +nachdem sie von dem Blute der Königsmörder gesättigt waren, wandten sich +die Sieger gegen einander. Obschon die Rundköpfe nicht in Abrede +stellten, daß der hingerichtete König viele Vorzüge besessen, und das +Urtheil, welches ein gesetzwidriger Gerichtshof über ihn gesprochen, als +ein ungerechtes verdammten, so behaupteten sie doch, daß er bei seiner +Verwaltung sich Handlungen gegen die Verfassung erlaubt habe, und daß +die Häuser in ihrem vollen Rechte gewesen seien, als sie die Waffen +gegen ihn erhoben. Sie erklärten ferner, der gefährlichste Feind der +Monarchie sei der Schmeichler, welcher das Gesetz den Prärogativen +untergeordnet wissen wolle, der jede königliche Handlung gutheiße, +selbst wenn sie Eingriffe in die Rechte Anderer enthalte, und nicht +allein Cromwell und Harrison sondern auch Pym und Hampden mit den Namen +Verräther belege. Wünsche der König eine friedliche und glückliche +Regierung, so müsse er auch denen vertrauen, welche zwar die Waffen zur +Vertheidigung der verletzten Privilegien des Parlaments ergriffen, sich +aber doch der wüthenden Soldateska entgegen stellten, als es die Rettung +seines Vaters galt, und deren Anstrengungen die königliche Familie ihre +Zurückrufung hauptsächlich zu danken habe. + +Weit verschieden von dieser Ansicht war die des Adels. Bei allen +Wechselfällen welche das Fürstenhaus betroffen, waren sie achtzehn Jahre +hindurch diesem treuergeben geblieben. Sollten sie, da sie das +Mißgeschick ihres Fürsten getheilt, nicht auch seinen Triumph theilen? +War nicht ein Unterschied zwischen ihnen und dem unloyalen Unterthan, +welcher das Schwert gegen die heiligen Rechte seines Fürsten gezogen, +und sich als ein Anhänger Richard Cromwells nicht eher an der +Restauration der Stuarts betheiligte, bis er erkannte, daß nur dadurch +das Volk von der gefürchteten Militairherrschaft zu retten sei? Und wenn +auch die Dienste, welche ein solcher Mann zuletzt geleistet, Verzeihung +des Geschehenen erheischten, waren diese Dienste in die Wagschale zu +legen gegen die Aufopferungen und Mühseligkeiten der wackeren Cavaliere, +die in unerschütterlicher Treue bei der Dynastie verharrt? War es +möglich, ihn in gleiche Linie zu stellen mit Männern, welche nicht +nöthig hatten, die Gnade des Königs anzurufen, weil sie dieselbe in +jedem Augenblicke einer vieljährigen Vergangenheit verdient hatten? +Durfte er im Genuß eines Vermögens gelassen werden, welches aus dem +Eigenthume der zu Grunde gerichteten Vertheidiger des Thrones bestand? +Mußte er sich nicht glücklich schätzen, Leben und Eigenthum, welche so +oft der Gerechtigkeit verfallen waren, gesichert zu sehen, und Theil zu +haben an den Segnungen einer milden Regierung, der er so lange feindlich +gegenübergestanden? War es billig, ihn für seine Verrätherei zum +Nachtheile von Männern zu belohnen, deren einziger Vorwurf nur in der +Treue liegen konnte, mit welcher sie fest an ihrem Huldigungseide +gehalten hatten? Durfte der König seine alten Feinde mit Reichthümern +überschütten, die man seinen alten Freunden geraubt? Konnte man zu +Männern Vertrauen haben, welche gegen ihren König aufgestanden, und das +Schwert gegen ihn erhoben, ja ihn eingekerkert hatten, und die jetzt, +anstatt reuig und zerknirscht das Haupt zu beugen, mit keckem Trotz ihre +Handlungen vertheidigten und als hohen Beweis ihrer Loyalität anführten, +daß sie ihre Hand nicht zum Königsmorde bieten wollten? Allerdings +hätten sie bei Wiederaufrichtung des Thrones thätige Hilfe geleistet; +aber wer anders als sie habe ihn denn vorher umgestürzt? und noch jetzt +huldigten sie ja Grundsätzen, welche gar leicht zur Wiederholung einer +solchen That führen könnten. Daß die königliche Gnade einige von denen +berühren möchte, welche sich bei Wiederherstellung des Thrones besonders +nützlich gezeigt, fand man zwar angemessen, aber die Pflicht der +Gerechtigkeit und Dankbarkeit sowie die Staatsklugheit geböten, daß der +König seine Gnade über die treuen Männer ausschütte, welche in den Tagen +des Glücks wie der Gefahr zu ihm und seinem Hause gestanden. Aus diesen +Gründen beanspruchte der Adel natürlich Entschädigung für seine Leiden +und besondere Rücksicht bei Austheilung der königlichen Gnadenbeweise. +Einige exaltirte Männer dieser Partei gingen sogar noch weiter und +verlangten ausgedehnte Proskriptionslisten. + + +[_Religiöse Uneinigkeit._] Noch erbitterter wurde der politische Kampf +durch einen religiösen Streit. Der König fand die Kirche in einem +eigenthümlichen Zustande. Kurze Zeit vor dem Beginn des Bürgerkrieges +hatte Karl I., wenn auch mit Widerstreben, einer von Falkland +unterstützten Bill seine Zustimmung gegeben, wodurch die Bischöfe ihres +Sitzes im Hause der Lords beraubt worden; das Episcopat aber und die +Liturgie waren niemals durch ein Gesetz aufgehoben worden. Das lange +Parlament hatte jedoch Verordnungen erlassen, welche im Kirchenregiment +und öffentlichen Gottesdienste eine förmliche Revolution hervorgerufen. +Im Prinzip war das neue System kaum weniger erastianisch als das, +welches es verdrängte. Die Kammern, namentlich durch die Rathschläge des +äußerst klugen Selden veranlaßt, hatten den Entschluß gefaßt, die +weltliche Gewalt vollständig über die geistliche zu stellen. Sie hatten +sich geweigert die Erklärung zu geben, daß irgend eine Form der +Kirchenverfassung göttlichen Ursprungs sei, und ebenso bestimmt, daß von +allen geistlichen Gerichtshöfen eine Appellation in letzter Instanz an +das Parlament gehen solle. Mit diesem höchst wichtigen Vorbehalt +beschloß man in England ein Kirchenregiment einzuführen, welches dem +bereits in Schottland vorhandenen vollständig glich. Die Autorität von +Konzilien, die in regelmäßiger Stufenfolge sich eines über das andere +erhoben, setzte man an die Stelle der Autorität der Bischöfe und +Erzbischöfe, die Liturgie machte dem presbyterianischen Directorium +Platz. Die neuen Regulative waren jedoch kaum abgefaßt, als die +Independenten sich zu außerordentlichem Einflusse im Staate erhoben. Die +Independenten waren nicht geneigt, Verordnungen, welche die Klassen-, +Provinzial- und Nationalsynoden betrafen, durchzusetzen, und sie sind +deshalb nie zu vollständiger Ausführung gebracht worden. Das +presbyterianische System wurde ausnahmsweise nur in Middlesex und +Lancashire im ganzen Umfange ausgeübt, in den übrigen fünfzig +Grafschaften scheint fast jedes einzelne Kirchspiel ohne Verbindung mit +den benachbarten geblieben zu sein. Die Geistlichen bildeten zwar in +einigen Bezirken freiwillige Verbindungen unter sich, zu dem Zwecke +gegenseitigen Beistands und Rathes; diese Vereine besaßen aber keine +zwingende Kraft. Da jetzt weder Bischöfe noch Presbyterien die Patrone +der geistlichen Pfründen zügelten, so würde es in deren Macht gestanden +haben, die Seelsorge den verrufensten Menschen zu übergeben, wenn nicht +das energische Einschreiten Cromwells diese Willkür unmöglich gemacht +hätte. Er gründete auf seine eigene Autorität eine Behörde von +Bevollmächtigten, welche den Namen »Prüfer« (+Triers+) führten und von +denen die meisten Independenten-Geistliche waren. Außerdem hatten einige +wenige presbyterianische Pfarrer sowie einige Laien in diesem Kollegium +Sitz und Stimme. Das Zeugniß, welches diese Prüfer gaben, vertrat die +Stelle sowohl der Einsetzung als der Einführung, und Niemand konnte eine +geistliche Pfründe erhalten, wenn er nicht ein solches Zeugniß besaß. +Ohne Zweifel war dies eine Handlung des Despotismus, wie sie wohl selten +von einem Beherrscher Englands ausgegangen, aber bei der allgemeinen +Überzeugung, daß ohne eine solche Maßregel das Land von liederlichen und +unwissenden Menschen überschwemmt werden müsse, welche den Namen von +Geistlichen trügen und deren Einkommen verzehrten, erhoben mehrere +Männer, die in hoher Achtung standen, ihre Stimme, und, obgleich keine +Freunde Cromwells, erklärten sie laut, daß er in diesem Falle als ein +öffentlicher Wohlthäter gehandelt habe. Die Kandidaten, welche die +Prüfer zur Bekleidung eines geistlichen Amtes fähig befunden, nahmen +ihre Pfarreien in Besitz, bebauten ihre Ländereien, erhoben den Zehnten, +beteten ohne Buch und Chorhemd und ertheilten das Abendmahl an +Kommunikanten, welche an langen Tafeln saßen. + +In solch heilloser Verwirrung befand sich Englands Kirchenverfassung. +Das Episcopat war die Regierungsform, welche die alten bis dahin noch +nicht aufgehobenen Gesetze vorschrieben; eine Parlamentsverordnung hatte +die presbyterianische Form festgestellt, aber weder das alte Gesetz noch +die parlamentarische Verordnung waren thatsächlich in Kraft. Die Kirche +in ihrem wahren Zustande erschien als ein unregelmäßiger Körper, +zusammengefügt aus einigen wenigen Presbyterien und einer Menge von +Independenten-Gemeinden, welche sämmtlich durch die Autorität der +Regierung nieder- und zusammengehalten wurden. + +Von denen, welche bei der Zurückführung des Königs hauptsächlich +mitgewirkt hatten, wünschten Viele dringend Synoden und das Directorium. +Andere eiferten dafür, durch einen Vergleich die religiösen +Streitigkeiten, welche England so lange bewegt hatten, zu beendigen. +Zwischen den bigotten Anhängern Lauds und Calvins konnte weder Friede +noch Waffenstillstand bestehen; aber es war möglich, die gemäßigten +Episcopalen von Ushers Schule und die gemäßigten Presbyterianer von der +Schule Baxters zu einer Verständigung zu bewegen. Die gemäßigten +Episcopalen würden zugestehen, daß ein Bischof gesetzmäßig durch ein +Konzil unterstützt werden könne, und die gemäßigten Presbyterianer +würden nicht in Abrede stellen, daß jede Provinzialversammlung +gesetzmäßig einen beständigen Präsidenten haben und daß dieser +gesetzmäßig »Bischof« genannt werden könne. Man könne eine revidirte +Liturgie annehmen, welche das extemporirte Gebet nicht ausschlösse, +einen Taufdienst, bei welchem man das Zeichen des Kreuzes nach Ermessen +in Anwendung bringen könne oder nicht; eine Austheilung des Abendmahls, +bei welcher es den Gläubigen unbenommen bleiben sollte zu sitzen, wenn +ihr Gewissen es ihnen nicht gestatte zu knieen. Dieser Plan aber stimmte +nicht mit den Ansichten der Cavaliere überein. Die wirklich religiösen +Mitglieder dieser Partei waren dem ganzen System ihrer Kirche auf das +Gewissenhafteste zugethan. Diese war ihrem gemordeten König theuer +gewesen und hatte sie selbst getröstet, als das Unglück hereinbrach. +Ihr Gottesdienst, der während einer schweren Prüfungszeit in heimlicher +Kammer so oft das gramerfüllte Herz gestärkt, er war ihnen so lieb +geworden, daß sie sich nicht entschließen konnten, auch nur eine einzige +Response aufzugeben. Andere königlich Gesinnte, welche weniger fromm +waren, hielten es mit der Episcopalkirche, blos weil sie eine Feindin +ihrer Feinde war. Gebete und Ceremonien beurtheilten sie nicht nach dem +Troste, welcher ihnen daraus erwuchs, sondern nach dem Ärgerniß, welches +den Rundköpfen dadurch verursacht wurde, und da es ihnen nicht einfiel, +durch Nachgiebigkeit Einigung herbeiführen zu wollen, so war eine solche +zur Unmöglichkeit geworden. Sie waren gegen die Nachgiebigkeit +hauptsächlich deshalb eingenommen, weil sie keine Einigung wünschten. + + +[_Unpopularität der Puritaner._] So tadelnswerth diese Gefühle auch +immer sein mochten, so waren sie doch nicht nur natürlich, sondern auch +wohl zu entschuldigen. Die Puritaner hatten unstreitig in den Tagen +ihrer Macht Veranlassung zur Gereiztheit gegeben. Aus ihrer eigenen +Unzufriedenheit, ihrem eigenen Siege und der Vernichtung jener stolzen +Hierarchie, unter deren schwerem Joche sie geschmachtet, mußten sie +gelernt haben, daß im siebzehnten Jahrhundert die Macht der bürgerlichen +Obrigkeit in England nicht ausreiche, die Gemüther der Menschen zur +Übereinstimmung mit ihrem theologischen Systeme abzurichten. In Alles +sich einmischend, bewiesen sie sich dabei so unduldsam, als Laud es nur +jemals gewesen war. Unter Androhung schwerer Strafen verboten sie nicht +allein in den Kirchen, sondern selbst für Privathäuser den Gebrauch des +allgemeinen Gebetbuches. Wenn ein frommes Kind am Krankenlager der +Eltern eine der schönen Kollekten las, welche seit Jahrhunderten den +Kummer christlicher Herzen gelindert hatten, so wurde diese Handlung der +kindlichen Liebe für ein Verbrechen erklärt. Mit schwerer Ahndung wurden +diejenigen bedroht, welche es wagen würden, die calvinistische Form des +Gottesdienstes zu tadeln. Geachtete Geistliche wurden zu Tausenden nicht +nur von ihren Pfründen vertrieben, sondern auch oft den Mißhandlungen +eines fanatischen Pöbels preisgegeben; Gotteshäuser und Grabstätten, +treffliche Kunstwerke und seltene Überbleibsel des Alterthums wurden mit +roher Hand verunstaltet oder vernichtet. Eine Verordnung des Parlaments +verfügte, daß sämmtliche Gemälde der königlichen Gallerie, welche Jesus +oder die heilige Jungfrau mit dem Kinde darstellten, in's Feuer geworfen +werden sollten. Gleiches Schicksal erlitten die Werke der +Bildhauerkunst. Nymphen und Grazien, welche unter ionischen Meißeln +entstanden waren, wurden den Händen puritanischer Steinmetzen übergeben, +welche sie anständig machen mußten. Gegen leichtsinnige Vergehen aber +kämpfte die herrschende Partei mit einem Eifer, der ebenso wenig durch +Humanität als durch gesundem Menschenverstand gemäßigt war. Man erließ +strenge Gesetze gegen das Wetten und eine Verordnung verhängte die +Todesstrafe über den Ehebruch. Der unerlaubte Umgang der Geschlechter, +selbst wenn weder Verführung und Gewaltthätigkeit dabei vorkam, noch die +Sittlichkeit beleidigt oder das eheliche Recht verletzt war, galt für +ein schweres Verbrechen. Öffentliche Lustbarkeiten, von den +Maskenspielen in den Häusern der Vornehmen bis zu den Ringstechen und +ländlichen Jahrmarktspossen herab, wurden auf das Ernstlichste verfolgt. +So bestimmte eine Verordnung, daß in England künftig alle Maibäume +umgehauen werden sollten; eine andere untersagte theatralische +Vorstellungen. Die Schauspielhäuser sollten niedergerissen und die +Schauspieler gestäupt werden, die Zuschauer aber in eine Geldstrafe +verfallen. Seiltanz, Puppenspiel, Kegeln und Pferderennen wurden ungern +gesehen; der entsetzlichste Gräuel aber, welcher den Zorn der Sektirer +auf den höchsten Punkt trieb, war die Bärenhetze, damals eine +Lieblingsunterhaltung für Vornehme und Geringe. Es ist bemerkenswerth, +daß die Abneigung gegen diese Lustbarkeit nicht aus dem Gefühle +hervorging, welches in unserer Zeit die Gesetzgebung bewog, sich in's +Mittel zu legen, um die Thiere gegen die muthwillige Grausamkeit der +Menschen in Schutz zu nehmen. Der Puritaner verabscheute die Bärenhetze +nicht, weil dabei der Bär gemartert wurde, sondern weil die Zuschauer +daran Vergnügen fanden. Er hatte sich die zwiefache Freude ersonnen, +nicht nur den Bären, sondern auch den Zuschauer zu quälen.[1] + +Den deutlichsten Begriff von der Denkungsweise der Rigoristen giebt +vielleicht ihr Verhalten in Bezug auf das Weihnachtsfest. Seit +undenklichen Zeiten war Weihnachten die Zeit der Freude und häuslichen +Liebe, in welcher die Familien sich vereinigten, die entfernt lebenden +Kinder in's Vaterhaus zurückkehrten, alle Streitigkeiten ausgeglichen, +die Häuser mit Immergrün geschmückt und die Tische mit den besten +Speisen besetzt wurden. Die Weihnachtszeit stimmt das Herz sanft und +öffnet es fremden Leiden, wenn nicht alle Menschenliebe aus ihm gewichen +ist. Zu dieser Zeit gestattete man den Armen, theilzunehmen an den +Genüssen des Reichen, dessen Freigebigkeit in Betracht der kurzen Tage +und der rauhen Witterung um so höheren Werth hatten. Der Unterschied +zwischen den Herren und Pächtern, den Vorgesetzten und Untergebenen trat +in dieser Zeit weniger hervor, als im übrigen Theile des Jahres. Doch +der großen Freude ist auch stets der Muthwille nahe; im Ganzen genommen +aber war der Geist, in dem der festliche Tag gefeiert wurde, eines +christlichen Festes nicht unwürdig. Zwar gebot das Lange Parlament im +Jahre 1644, daß man den 25. December streng als Fasttag behandeln, +und daß Jedermann an diesem Tage um Vergebung der großen Nationalsünde +bitten solle, welche das Volk seit Menschengedenken an demselben +begangen, indem es sich unter dem Mistelzweige getummelt, wilden +Schweinskopf verzehrt und Ale, mit gerösteten Äpfeln dazu, genossen. +Keine öffentliche Maßregel jener Zeit rief in den niederen Klassen eine +größere Entrüstung hervor, als diese, und beim nächsten Weihnachtsfeste +brachen an verschiedenen Orten gefährliche Empörungen aus. Die +Konstabler wurden mißhandelt, die Obrigkeiten verhöhnt, man stürmte die +Häuser bekannter Zeloten und in allen Gotteshäusern wurde offen das +verbotene Gebet des Tages abgehalten. + +So war der Geist der extremen Puritaner, sowohl der Presbyterianer wie +der Independenten. Wenngleich Cromwell auch nicht geneigt war, sich in +Alles, was geschah, einzumischen oder wohl gar Verfolgungen eintreten zu +lassen, so stand er doch an der Spitze einer Partei und war folglich ein +Sklave derselben, weshalb er auch nicht vollständig nach eigener Ansicht +und Neigung regieren konnte. Viele Obrigkeiten machten sich selbst unter +seiner Herrschaft in ihren Bezirken so verhaßt, wie Sir Hudibras. Sie +störten alle Vergnügungen in der Nachbarschaft, trieben mit roher Gewalt +festliche Versammlungen auseinander und warfen die Fiedler in das +Gefängniß. Noch unsinniger und gefährlicher war der Eifer der Soldaten. +Erschienen sie in einem Dorfe, so mußte alles Tanzen und Glockenläuten +unterbleiben und jedes Fest hatte ein Ende. In London unterbrachen sie +zu verschiedenen Malen theatralische Vorstellungen, welche durch kein +Verbot des gutmüthigen und einsichtsvollen Protektors gestört worden +waren. + +Eine solche Tyrannei mußte Furcht und Haß erzeugen, und mit ihnen +mischte sich die tiefste Verachtung. Seit den Zeiten Elisabeths waren +die Eigenthümlichkeiten des Puritaners, sein Aussehen, seine Kleidung, +seine Sprachweise, seine seltsamen Gewissensskrupel Gegenstände des +Spottes gewesen, aber diese Sonderbarkeiten erschienen viel widerlicher +bei einer Partei, welche die Regierung eines mächtigen Reiches führte, +als bei einer machtlosen verfolgten Gemeinde. Wenn es schon lächerlich +erschien, das geistliche Kauderwelsch auf der Bühne aus dem Munde von ++Tribulation Wholesome+ (heilsame Trübsal) und +Zeal-of-the-Land Busy+ +(geschäftiger Landeseifer) zu hören, so klang es noch viel lächerlicher, +wenn sich Heerführer und hohe Staatsbeamte desselben bedienten. Hierbei +ist noch zu erwähnen, daß während der Revolution einige Sekten in's +Leben getreten waren, deren Überspanntheit Alles, was man bis dahin in +England gesehen, übertraf. Ludwig Muggleton, ein wahnsinniger Schneider, +zog in den Bierhäusern herum, und Ale trinkend verkündete er ewige +Qualen allen denjenigen, welche an seiner Versicherung zweifelten, daß +das höchste Wesen nur sechs Fuß hoch sei und die Entfernung der Sonne +von der Erde genau vier Meilen betrage.[2] Die größte Heiterkeit +erregte Georg Fox durch seine Behauptung, daß es eine Verletzung der +christlichen Aufrichtigkeit sei, die einzelne Person in der Mehrheit +anzureden, und eine heidnische Verehrung des Janus und Wodan, wenn man +vom Januar und dem Tage Wodans (der Mittwoche) spreche. Wenige Jahre +später nahmen einige angesehene Männer seine Lehre an und sie gelangte +zu nicht unbedeutendem öffentlichen Ansehen. Für die verächtlichsten +Fanatiker jedoch galten zur Zeit der Restauration in der Meinung des +Volkes die Quäker. Die Puritaner Altenglands behandelten sie mit großer +Strenge und in Neuengland wurden sie auf das Heftigste verfolgt. Das +Volk aber, welches sich selten um genaue Unterscheidungen kümmert, +verwechselte die Puritaner oft mit den Quäkern. Beide waren Schismatiker +und haßten das Episcopat wie die Liturgie; beide hatten lächerliche +Manieren hinsichtlich ihrer Kleidung, ihrer Gewohnheiten und +Vergnügungen. Obgleich ihre Meinungen völlig von einander abwichen, so +wurden sie doch von dem Volke als scheinheilige Schismatiker in eine +Kategorie geworfen, und was sie Lächerliches oder Gehässiges an sich +hatten, vermehrte die Verachtung und den Widerwillen, welche die Menge +gegen beide fühlte. + +Vor dem Beginn der Bürgerkriege waren selbst diejenigen, denen die +Ansichten und Gewohnheiten der Puritaner am meisten zuwider waren, zu +der Anerkennung gezwungen, daß ihre Moralität im Wesentlichen tadellos +sei; doch jetzt wurde dieses Lob nicht mehr gezollt, zum Unglück aber +auch nicht mehr verdient. Immer war es das Schicksal der Sekten, so +lange sie verfolgt und unterdrückt wurden, im Rufe der Heiligkeit zu +stehen; sobald sie aber mächtig sich erhoben, verschwand auch die hohe +Achtung, welche ihnen bis dahin geworden war. Die Erklärung liegt nicht +fern. Nur selten wird Jemand einer geächteten, religiösen Gesellschaft +beitreten, den nicht Gewissensgründe dahin führen, und deshalb besteht +ein solcher Verein mit nur wenigen Ausnahmen aus Persönlichkeiten, die +von der Wahrheit und Richtigkeit ihres Glaubens völlig durchdrungen +sind. Die strengste Zucht, welche in einer solchen Gesellschaft +gehandhabt werden kann, ist ein sehr schwaches Werkzeug der Läuterung im +Vergleich mit etwas heftiger Verfolgung. Es ist bestimmt wahr, daß zur +Zeit als Diokletian die Christen verfolgte, nur Wenige sich taufen +ließen, welche nicht die ernste, religiöse Überzeugung dazu bewog, +und daß aus gleichem Grunde Viele sich protestantischen Gemeinden +anschlossen, auf die Gefahr hin von Bonner verbrannt zu werden. Aber +wenn eine Sekte zu Ansehen und Macht gelangt, wenn ihre Gunst den Weg +bahnt zu Ehrenstellen und Reichthümern, so werden sich immer habsüchtige +und ehrgeizige Menschen herandrängen, ihre Sprache reden, ihre Gebräuche +annehmen, ihre Eigenthümlichkeiten nachahmen, überhaupt in allen äußeren +Zeichen des Eifers ihre ehrenwerthen Mitglieder sehr bald übertreffen. +Die strengste Wachsamkeit der kirchlichen Leiter und ihre schärfste +Unterscheidungsgabe wird nicht hinreichen, das Eindringen solcher +heuchelnden Gesellen zu verhindern. Es ist nicht möglich, das Unkraut +vom Weizen zu sichten, aber bald fängt die Welt an einzusehen, daß die +frommen Herren nicht besser sind als andere Leute und schließt dann +nicht ganz unrichtig, daß, wenn sie nicht besser sind, sie wohl +schlechter sein müssen. So dauert es gar nicht lange, daß die äußeren +Zeichen, welche man früher als Eigenthümlichkeiten der Heiligkeit +betrachtete, als charakteristische Kennzeichen eines Schurken betrachtet +werden. + +So erging es den englischen Nichtconformisten. Während sie unterdrückt +waren, hatte sich ihre Gemeinschaft rein erhalten; als sie aber +übermächtig wurden im Lande, da durfte Niemand der Hoffnung leben, ohne +ihren Einfluß zu Ehren und Ansehen zu gelangen; ihre Gunst aber war nur +dadurch zu gewinnen, daß man gewisse Zeichen und Losungsworte der +geistlichen Brüderschaft mit ihnen wechselte. Einer der ersten +Beschlüsse von Barebones Parlament, welches von allen das am meisten +puritanische war, bestand darin, daß Niemand in den Dienst des Staates +treten sollte, bevor das Haus sich von seiner Frömmigkeit genügend +überzeugt habe. Was damals für ein Zeichen wahrer Gottseligkeit galt, +der dunkle Anzug, das saure Ansehen, das kurzgeschorne Haar, das +näselnde Gewinsel, die mit Bibelstellen durchwebte Rede, der Abscheu vor +Schauspielen, Karten und Falkenbeize, wurde sehr leicht von Männern +nachgeahmt, denen jede Religion gleichgültig war. Die aufrichtigen +Puritaner verschwanden bald in einer Masse von weltlichen Leuten, die +zum Theil der schlechtesten Sorte angehörten. Denn der anerkannteste +Wüstling, der unter dem königlichen Banner gefochten hatte, konnte mit +Recht für tugendhaft gelten, denen gegenüber, welche, während sie von +süßen Erfahrungen und trostgewährenden Traktätleins sprachen, in steter +Ausübung von Betrug, Raub und geheimer Wollust lebten. Das Volk bildete +sich leider ein zu rasches Urtheil über die ganze Körperschaft nach dem +Betragen dieser elenden Heuchler; die Gottesverehrung, die Sitten, die +Redeweise der Puritaner wurden nach der öffentlichen Meinung mit den +abscheulichsten und niedrigsten Ausschweifungen in Verbindung gebracht. +Als die Restauration begonnen hatte, und man ohne Gefahr seine +Feindschaft gegen die Partei aussprechen durfte, welche so lange im +Lande geherrscht, da tönte aus allen Gegenden des Königreichs _ein_ +Schrei des Hasses gegen den Puritanismus, welcher häufig durch die +Stimmen jener Schurken verstärkt wurde, deren Lasterhaftigkeit den +puritanischen Namen in Verruf gebracht hatte. + +So waren die beiden großen Parteien, welche nach langen Feindseligkeiten +sich auf einen Augenblick zur Wiederherstellung der Monarchie die Hand +gereicht, einander jetzt wiederum, sowohl in politischer wie religiöser +Beziehung, gänzlich entfremdet. Die Masse des Volkes hielt zu den +Royalisten. Vergessen waren die Verbrechen Straffords und Lauds, die +Gräuelthaten der Sternkammer und der hohen Kommission, und Niemand +gedachte mehr der großen Dienste, welche das Lange Parlament in dem +ersten Jahre seines Bestehens dem Staate geleistet hatte. An die +Ermordung Karls I., die finstere Tyrannei des Rumpfs und die +Gewaltthätigkeiten des Heeres dachte man mit Entrüstung, und die Massen +waren geneigt, Alle, welche dem vorigen Könige Widerstand +entgegengesetzt, für dessen Tod und die daraus hervorgegangenen +unglücklichen Folgen verantwortlich zu machen. + +Das Haus der Gemeinen war in einer Zeit gewählt worden, als noch die +Presbyterianer herrschten, und so vertrat es in keiner Art die +allgemeine Stimmung des Volks, zeigte aber eine starke Neigung, der +unduldsamen Loyalität der Edelleute ernsthaft entgegen zu treten. Als +ein Mitglied öffentlich erklärte, daß Alle, welche gegen Karl I. die +Waffen ergriffen, eben solche Verrätherei begangen wie diejenigen, +welche ihn hingerichtet, wurde dasselbe zur Ordnung gerufen, und erhielt +von dem Sprecher einen Verweis. Ohne Zweifel war es der allgemeine +aufrichtige Wunsch des Hauses, die kirchlichen Streitigkeiten so zu +ordnen, daß die gemäßigten Puritaner dadurch zufriedengestellt würden; +eine solche Erledigung wünschte aber weder der Hof noch das Volk. + + [Anmerkung 1: Wie wenig das Mitleid dabei im Spiele war, erkennt + man zur Genüge aus einer Schrift, betitelt: +A perfect Diurnal of + some Passages of Parliament, and from other Parts of the Kingdom, + from Monday July 24th, to Monday July 31st, 1643+. »Als die + Königin aus Holland zurückkehrte, brachte sie außer einem Haufen + von schlechtem Gesindel, welches das Aussehen von Menschenfressern + hatte, eine Anzahl wilder Bären mit. Ihr werdet aus dem Weiteren + ersehen, zu welchem Zwecke. Man ließ diese Bären bei Newark + zurück, um sie Sonntags in die Landstädte zu bringen und dort zu + hetzen. Solcher Art ist die Religion, welche die, von denen hier + die Rede ist, unter uns einführen wollen. Wagte es Jemand, ihre + schändlichen Entheiligungen zu hindern oder sich nur Bemerkungen + darüber zu erlauben, so wurde er unverzüglich als Rundkopf oder + Puritaner bezeichnet und war in Gefahr geplündert zu werden. + Einige von Oberst Cromwells Soldaten, welche zufällig am Sonntag + nach der Stadt Uppingham in Rutland kamen, sahen die eben + stattfindende Bärenhetze, und veranlaßten, daß das Spiel sofort + unterbrochen und die Bären an einen Baum gebunden und erschossen + wurden.« Dieses war durchaus kein vereinzeltes Beispiel. Der + Sheriff von Surrey, Oberst Pride, befahl, daß die Bären im Garten + von Southwark getödtet werden sollten. Ein loyaler Satyriker läßt + ihn diesen Befehl folgendermaßen vertheidigen: »Am meisten liegt + mir die Tödtung dieser Bären am Herzen, wodurch ich mir den Haß + des Volkes zugezogen, das mich mit allen Benennungen des + Regenbogens beehrt. Aber erschlug nicht David einen Bären? Tödtete + nicht der Lord Statthalter Ireton einen Bären? Tödtete nicht ein + anderer Lord von den Unsrigen fünf Bären?« +Last Speech and dying + Words of Thomas Pride.+] + + [Anmerkung 2: Man sehe Penns +New Witnesses proved Old Heretics+ + und Muggletons Werke an mehreren Stellen.] + + +[_Charakter Karls II._] Der neueingesetzte König besaß um diese Zeit die +Liebe des Volkes in höherem Maaße, als jemals einer seiner Vorgänger. +Das Unglück, welches sein Haus betroffen, der heldenmüthige Tod seines +Vaters, die vielen Leiden und romantischen Abenteuer, welche er erlebt, +machten ihn zum Gegenstande allgemeiner Theilnahme. Durch seine Rückkehr +wurde England von einer drückenden Knechtschaft erlöst. Herbeigerufen +durch die Stimmen der beiden streitenden Parteien, war er der geeignete +Mann, um als Schiedsrichter zwischen sie zu treten, und in gewisser +Beziehung war er wohl befähigt, diese Aufgabe zu lösen. Die Natur hatte +ihn mit vorzüglichen Anlagen und einem glücklichen Temperament +ausgestattet, und von seiner Erziehung ließ sich erwarten, daß sie +seinen Verstand entwickelt und ihn zur Ausübung jeder Tugend des +öffentlichen und Privatlebens befähigt habe. Der Wechsel des Glücks war +ihm nicht unbekannt, und beide Seiten der menschlichen Natur hatte er +beobachten lernen. In früher Jugend hatte ihn das Schicksal aus dem +Königsschlosse hinausgeworfen in ein Leben der Verbannung, der Gefahren +und Entbehrungen; in einem Alter der geistigen und körperlichen +Kraftfülle, in dem das erste Aufbrausen der jugendlichen Leidenschaften +sich bereits gelegt, ward er zurückgerufen von seinen unstäten +Wanderungen, um Englands mächtige Krone zu tragen. Bittere Erfahrungen +hatten ihm bewiesen, wie oft die zur Schau getragene Ergebenheit der +Hofleute Bosheit, Verrätherei und Undank verbirgt; dagegen waren ihm in +der Hütte der Armuth die überzeugendsten Beweise von wahrem Seelenadel +gegeben worden. Als hohe Belohnung jedem versprochen ward, der ihn +seinen Feinden verrathen würde, und man denjenigen, welcher ihm +hilfreich beistehen wollte, mit dem Tode bedrohte, da hatten arme +Landleute und die niedrigsten seiner Diener mit rührender Aufopferung +dem unglücklichen Fürsten zur Seite gestanden, und ihn mit derselben +tiefen Ehrerbietung behandelt, als ob die Krone seiner Väter noch in +vollem Glanze auf seinem Haupte strahlte. Es stand zu erwarten, daß ein +junger Mann, dem es weder an Fähigkeiten noch an liebenswürdigen +Eigenschaften gebrach, durch die gemachten Erfahrungen zu einem großen +und ausgezeichneten König herangebildet worden sei. Karl besaß, neben +gefälligen Formen für die Gesellschaft, feine und einnehmende Manieren +und nicht wenig Talent für lebendige Unterhaltung; aber dabei war er dem +Sinnengenusse im höchsten Grade ergeben, sowie ein Freund des Müßiggangs +und der Leichtfertigkeit, ohne Kraft sich zu beherrschen, ohne hohen +Begriff von menschlicher Tugend und Zuneigung, ohne Drang nach Ruhm, und +unempfindlich gegen jeden Tadel. Nach seiner Ansicht war jeder käuflich, +nur daß er sich oft in höheren Preis stellte, als ein anderer, und wenn +der Handel recht hartnäckig und geschickt betrieben ward, so gab es für +denselben verschiedene und wohlklingende Namen. Die höchste +Geschicklichkeit, mit welcher kluge Männer den Preis ihrer Fähigkeiten +zu steigern wußten, ward Rechtschaffenheit, die raffinirteste +Gewandtheit, mit der liebenswürdige Frauen den Preis ihrer Reize zu +erhöhen verstanden, Sittsamkeit genannt. Vaterlandsliebe, Familienliebe, +Freundesliebe, Liebe zu Gott, dies Alles waren leere Phrasen, zarte und +schickliche Benennungen für die Selbstliebe. Bei einer solchen Ansicht +von den Menschen war es Karl natürlich sehr gleichgültig, wie diese über +ihn dachten. Ehre und Schande waren ihm dasselbe, was dem Blinden Licht +und Dunkelheit sein mag. Man hat seine Verachtung der Schmeichelei hoch +gerühmt, aber sie erscheint des Lobes nicht würdig, wenn man sie in +Zusammenhang mit den übrigen Eigenschaften seines Charakters bringt. +Man kann sowohl über der Schmeichelei stehen, wie unter ihr, wer dem +Schmeichler nicht traut, wird auch keinem Andern trauen; wer keinen +Begriff von _wahrem_ Ruhme hat, wird auch den _scheinbaren_ verachten. + +Bei Karls Gemüthsart ist es rühmlich zu erwähnen, daß er trotz der +schlechten Meinung, welche er von den Menschen hatte, doch nie ein +Menschenfeind wurde. Er fand in den Menschen wenig was ihm nicht +hassenswerth dünkte, und doch haßte er sie nicht, er war sogar +menschenfreundlich genug, daß es ihm Kummer verursachte, wenn er ihre +Leiden sah, oder ihre Klagen hören mußte. Diese Art von +Menschenfreundlichkeit aber, welche bei einem Privatmann recht schön und +lobenswerth sein mag, indem dessen Macht, Nutzen oder Schaden zu +bringen, auf einen engen Kreis beschränkt wird, ist bei Herrschern +häufiger ein Laster gewesen als eine Tugend. Mehr als ein wohlgesinnter +Fürst hat ganze Provinzen dem Raube und der Unterdrückung preisgegeben, +blos weil es ihn unangenehm berührte, andere als glückliche Gesichter +auf seinen Spaziergängen und an seiner Tafel zu sehen. Keiner ist +geeignet, das Scepter eines großen Staats zu führen, welcher Bedenken +trägt, zum Besten der Massen mit denen er niemals in Berührung kommt, +die Wenigen, welche Zutritt bei ihm haben, zu kränken. Die leichtsinnige +Schwäche, welche Karl besaß, war so groß, wie sie vielleicht noch nie +bei einem Manne von seinem Verstande gefunden wurde; obgleich nichts +weniger als ein Schwachkopf, war er doch ein Sklave. Nichtswürdige +Männer und feile Frauen, deren Erbärmlichkeit er völlig durchschaute, +von denen er wußte, daß er ebensowenig ihre Liebe wie sie sein Vertrauen +besaßen, konnten mit Leichtigkeit ihm Alles abschmeicheln was sie +wünschten: Titel, Ehrenstellen, Güter, Staatsgeheimnisse und +Begnadigungen. Obgleich er viel austheilte, genoß er doch niemals das +Vergnügen, welches die Freigebigkeit verursacht, und ebensowenig erntete +er den Ruhm derselben. Er gab nie aus freiem Antriebe, aber es war ihm +unangenehm das Erbetene zu versagen. Eine natürliche Folge davon war, +daß im Allgemeinen nicht diejenigen, welche sie verdienten, oder die in +seiner Gunst standen, Empfänger dieser Gnadenbeweise waren, sondern daß +sie den unverschämtesten und zudringlichsten Bewerbern zu Theil wurden, +denen es gelungen war, sich eine Audienz zu verschaffen. + +Die Beweggründe, welche das politische Verhalten Carls II. leiteten, +waren ganz anderer Natur als diejenigen, welche die Handlungen seines +Vorgängers wie seines Nachfolgers auf dem Throne bestimmten. Er war +nicht der Mann, den eine patriarchalische Regierungstheorie oder die +Lehre vom göttlichen Recht anziehen konnte. Durchaus frei von Ehrgeiz, +verabscheute er alle Geschäfte, und ehe er sich der Mühe unterzogen +hätte, die Zügel der Regierung selbst in die Hand zu nehmen, würde er +lieber auf die Krone Verzicht geleistet haben. Seine Arbeitsscheu sowie +seine Unkenntniß der Staatsgeschäfte waren so groß, daß selbst die +Schreiber, welche Gelegenheit hatten ihn im Geheimen Rathe zu +beobachten, über seine kindische Ungeduld und seine läppischen +Bemerkungen oft nur mit Mühe das Lachen unterdrücken konnten. Seine +Schritte wurden weder von der Dankbarkeit noch von der Rache geleitet, +denn auf sein Gemüth konnten empfangene Beleidigungen ebensowenig wie +geleistete Dienste einen anderen als einen schwachen und rasch +vorübergehenden Eindruck machen. Es war nur sein Wunsch, ein König zu +sein wie es später Ludwig XV. von Frankreich war, ein Herrscher, der zur +Befriedigung seiner Privatneigungen rücksichtslos den Staatsschatz +benutzen und durch Ehrenstellen und Geld Personen an sich fesseln +konnte, die geeignet waren seinen Müßiggang zu theilen, und welcher, +wenn auch die schlechteste Verwaltung den Staat an den Rand des +Verderbens gebracht, immer noch die mißliebige Wahrheit aus dem Bereiche +seines Serails fern halten und nichts sehen und hören wollte, was ihn in +seiner üppigen Trägheit hätte stören können. Zu diesen Zwecken, aber +auch _nur_ zu diesen Zwecken, wünschte er eine willkürliche Gewalt, +vorausgesetzt daß sie ohne Anstrengung und Gefahr erlangt werden konnte. +Bei den religiösen Streitfragen, welche Zwiespalt unter den Protestanten +hervorriefen, blieb sein Gewissen vollkommen unberührt, denn seine +Ansichten schwankten fortwährend zwischen Unglauben und Pabstthum. Wenn +aber auch sein Gewissen bei dem Kampfe der Episcopalen und +Presbyterianer unberührt blieb, so war es doch anders mit seinen +Neigungen. Gerade diejenigen Laster, gegen welche der Puritanismus die +wenigste Nachsicht zeigte, übte er am fleißigsten, und als Mann von +guter Erziehung, der mit großem Scharfblick die lächerlichen Seiten +einer Sache erkannte, ließ er es nicht an verächtlichen Scherzen über +die puritanischen Abgeschmacktheiten fehlen. Es ist indessen nicht zu +leugnen, daß er einige Ursache hatte mit dieser Secte unzufrieden zu +sein. In einem Alter wo die Leidenschaften am ungestümsten herrschen, +und der Leichtsinn am ehesten zu entschuldigen ist, hatte Karl einige +Monate in Schottland gelebt, dem Namen nach als König, in der That aber +ein Staatsgefangener unter der Obhut der schroffen Presbyterianer. Nicht +genug, daß sie ihm zumutheten ihren Gottesdienst zu üben und ihr +Covenant zu unterschreiben, bewachten sie jeden seiner Schritte, und +überhäuften ihn mit Strafpredigten, wenn er sich eine jugendliche +Thorheit zu Schulden kommen ließ. Er wurde gezwungen endlose Gebete und +Predigten anzuhören, und konnte sich noch glücklich schätzen, wenn er +nicht von einem fanatischen Kanzelredner, auf seine eigenen Schwächen +rücksichtslos sowie auf das tyrannische Regiment seines unglücklichen +Vaters und den papistischen Götzendienst der Mutter aufmerksam gemacht +wurde. Er hatte diese Zeit seines Lebens in so traurigen Verhältnissen +zugebracht, daß das Unglück, welches ihn zu neuer Wanderung hinaustrieb, +ihm eher eine Befreiung als ein Mißgeschick dünken mußte. Beherrscht von +diesen Gefühlen, war es Karls eifrigster Wunsch, die Partei zu +vernichten, welche seinem Vater so heftigen Widerstand entgegengestellt +hatte. + + +[_Charakterschilderung des Herzogs von York und des Earl von +Clarendon._] Nach demselben Ziele strebte des Königs Bruder, Jacob, +Herzog von York. Obgleich in hohem Grade der Sinnenlust ergeben, war +Jacob fleißig, methodisch, und liebte Autorität und Beschäftigung. Sein +Verstand war höchst einfach und beschränkt, sein Charakter starr, +hartnäckig und unversöhnlich. Daß dieser Fürst kein Wohlgefallen an den +freien Institutionen Englands und an der Partei finden konnte, welche +für diese Institutionen die wärmste Theilnahme hegte, leuchtet ein. +Obgleich ein Mitglied der anglikanischen Kirche hatte der Herzog doch +schon gewisse Neigungen gezeigt, welche die guten Protestanten ernstlich +beunruhigten. + +Der Mann, dessen Schultern in jener Zeit den größten Theil der +Regierungslast zu tragen hatten, war Eduard Hyde, Kanzler des Reichs, +welcher bald zum Earl von Clarendon erhoben ward. Wenn auch Clarendon +als Schriftsteller unsere Achtung mit Recht verdient, so müssen wir doch +auch die großen Fehler erwähnen, welche er sich als Staatsmann zu +Schulden kommen ließ. Diese Fehler werden allerdings zum Theil +entschuldigt und erklärt durch die ungünstige Lage, in der er sich +befand. Im ersten Jahre des Langen Parlaments zeichnete er sich höchst +ehrenvoll unter den Senatoren aus, welche ernstlich bemüht waren, den +Beschwerden der Nation abzuhelfen. Eine der schlimmsten von diesen +Beschwerden, welche das Concil von York betraf, wurde hauptsächlich +durch seine Bemühungen beseitigt. Beim Eintritt der großen Spaltung, als +die Reformpartei und die Partei der Conservativen sich gegen einander +schaarten, trat er mit vielen weisen und braven Männern auf die Seite +der Conservativen. Von jetzt an theilte er die Schicksale des Hofs, +genoß König Carls I. volles Vertrauen, soweit der zurückhaltende +Charakter und die gewundene Politik dieses Monarchen solches einem +Minister überhaupt gewähren konnten, und ging später mit Carl II. in die +Verbannung, wo er dessen politisches Verhalten leitete. + +Nachdem die Restauration durchgeführt war, gelangte Hyde zur Stellung +eines Premierministers, und einige Monate nachher wurde allgemein +bekannt, daß er zu dem regierenden Hause in ein engverwandtschaftliches +Verhältniß getreten, indem durch eine bisher geheimgehaltene Vermählung +seine Tochter Herzogin von York und deren Nachkommenschaft dadurch zur +Thronfolge berechtigt worden sei. In Folge dieser hohen Verbindung +gewann Hyde eine Bedeutung, welche ihn über die ältesten und +angesehensten Geschlechter des Adels erhob, und in mancher Hinsicht war +er auch dieser hervorragenden Stellung vollkommen gewachsen, indem nicht +nur in Abfassung wichtiger Staatsschriften, sondern auch in Rath und +Parlament er sehr anerkennungswerthe diplomatische Befähigung zeigte. +Genau bekannt mit den allgemeinen Grundsätzen der Staatskunst, verstand +es Niemand besser wie er, die Verschiedenheiten der Charaktere mit +geübtem Auge zu erkennen, und dabei besaß er nicht nur ein starkes +Gefühl für sittliche und religiöse Verpflichtungen, sondern auch eine +tiefe Ehrfurcht gegen die Gesetze des Vaterlandes und aufrichtige +Achtung für die Ehre und das Ansehen der Krone. Dabei war er stolz und +anmaßend; jeder Widerstand reizte ihn. Es ist kaum möglich, daß ein +Diplomat, den die bürgerlichen Wirren in die Verbannung getrieben, und +der eine Reihe von Jahren in derselben zugebracht, in dem Augenblicke, +wo ein Umschwung der politischen Verhältnisse ihn wieder an die Spitze +der Regierung zurückruft, die Zügel derselben mit sicherer und gewandter +Hand zu führen vermag. Auch mit Clarendon war dies der Fall. Als er, dem +Zwange der Nothwendigkeit weichend, England verlassen hatte, erbittert +durch den heftigen Kampf, welcher dem Sturze seiner Partei und seines +Glücks voranging, betrachtete er Alles, was sich in dem Zeitraume von +1646 bis zum Jahre 1660 in seinem Vaterlande ereignete, vom fernen +Continente aus in falschem Lichte. Seine Ansichten von dem Stande der +Dinge regelte er nach den Mittheilungen aufgeregter Parteimänner, deren +zerrüttete Vermögensverhältnisse ihren Geist mit Wuth und Verzweiflung +erfüllten. Den günstigen Stand der Ereignisse beurtheilte er nicht nach +dem Maaße, in welchem sie die Wohlfahrt und den Ruhm seines Volkes +vermehrten, sondern nur nach der Aussicht, die sie ihm zur Rückkehr +boten, und sein Wunsch, den er durchaus nicht verhehlte, war, daß +niemals Ruhe und Friede in England einziehen möge, bis die alte +Königsfamilie den Thron ihrer Väter wieder in Besitz genommen habe. Als +er endlich zurückkehrte, wurde ihm, ohne daß er Zeit gehabt hatte, sich +von dem Stande der Dinge durch eigne Anschauung zu unterrichten, und zu +ermitteln welche Veränderungen vierzehn ereignißvolle Jahre in dem +Charakter und den Gesinnungen des englischen Volks herbeigeführt, sofort +die Leitung des Staates übergeben. In solchem Falle würde wohl selbst +ein Minister von größter Umsicht und bei aller Geneigtheit gute Lehre +anzunehmen, in ernste Irrthümer verfallen sein; Takt aber, und +Gelehrigkeit lagen nicht in Clarendons Charakter. Er sah in England noch +das England, wie es zur Zeit seiner Jugend war, und sein Antlitz +verfinsterte sich bei Wahrnehmung aller der Veränderungen, welche die +Ereignisse der letzten Jahre hervorgerufen. Obgleich er nicht daran +dachte, gegen die alte, unbezweifelte Macht des Hauses der Gemeinen +aufzutreten, so blickte er doch mit dem höchsten Mißfallen auf die +zunehmende Gewalt desselben. Die königlichen Rechte, um die er so +Manches erlitten, und durch welche er endlich zu Glück und hohen Ehren +gekommen war, sie galten ihm heilig; gegen die Rundköpfe aber fühlte er +eine sowohl persönliche wie politische Abneigung. Als treuer Anhänger +der anglikanischen Kirche hatte er wiederholt in Fällen, wo die +Interessen dieser Kirche es erheischten, sich von den besten Freunden +getrennt, und sein Eifer für das Episcopat und das gemeinschaftliche +Gebetbuch vereinigte sich mit einem racheglühenden Hasse gegen die +Puritaner, der weder dem Staatsmanne noch dem Christen zur Ehre +gereichte. + +Während der Zeit als das Haus der Gemeinen, welches die Königsfamilie +zurückrief, versammelt war, war eine Wiederherstellung des alten +kirchlichen Systems unausführbar. Nicht allein, daß der Hof seine Pläne +völlig geheim hielt, der König hatte auch in feierlichster Weise +Zusicherungen ertheilt, durch welche die Gemüther der gemäßigten +Presbyterianer vollkommen beruhigt wurden. Er hatte vor seiner +Wiedererhebung das Versprechen gegeben, allen Unterthanen völlige +Gewissensfreiheit zu gestatten, und indem er dieses Versprechen jetzt +erneute, fügte er die Versicherung hinzu, daß er mit allen Kräften dahin +wirken würde, zwischen den streitenden Parteien eine Vereinigung +herbeizuführen. Er erklärte, es sei sein Wunsch, daß Bischöfe und +Synoden die geistliche Gerichtsbarkeit unter sich theilen, und daß eine +Anzahl gelehrter Theologen, zur Hälfte aus Presbyterianern bestehend, +eine Revision der Liturgie vornehmen sollten. Die Fragen in Betreff des +Chorhemds, des Knieens beim Abendmahle, des Bekreuzigens bei der Taufe, +sollte selbst für ängstliche Gewissen in befriedigender Weise gelöst +werden. Auf diese Art hatte der König die Wachsamkeit derjenigen, welche +er hauptsächlich fürchtete, eingeschläfert, und als dieses geschehen +war, hob er das Parlament auf. Zu einer Acte, durch welche mit wenigen +Ausnahmen alle Diejenigen, die in den letzten Unruhen politischer +Vergehen schuldig geworden waren, begnadigt werden sollten, hatte er +bereits seine Zustimmung gegeben. Von den Gemeinen war ihm eine +lebenslängliche Bewilligung von Steuern zugesprochen worden, deren +jährlicher Betrag auf eine Million zweimalhunderttausend Pfund geschätzt +ward. Diese Summe, nebst den erblichen Einkünften der Krone, reichte +damals vollkommen hin, um in Friedenszeiten die Bedürfnisse der +Regierung zu bestreiten. Für ein stehendes Heer wurde nichts bewilligt, +die Nation erschrak schon bei Erwähnung desselben, und die geringste +Hinweisung darauf würde die Gemüther aller Parteien auf's heftigste +erbittert und beunruhigt haben. + + +[_Allgemeine Wahl von 1661._] Zu Anfang des Jahres 1661 fand eine +allgemeine Wahl statt. Das Volk war in hohem Grade von loyaler +Begeisterung erfüllt, und die ganze Hauptstadt war in der lebendigsten +Thätigkeit wegen der Vorbereitungen zur prachtvollsten Krönung, von der +man jemals gehört. Das Resultat bestand darin, daß man Abgeordnete in's +Parlament sandte, wie sie England bisher noch nie gesehen hatte. Ein +großer Theil der glücklichen Bewerber waren Männer, welche für Krone und +Kirche gekämpft, und die schweren Beschimpfungen und Demüthigungen noch +nicht vergessen hatten, die ihnen die Rundköpfe angethan. Als die +Mitglieder zusammenkamen, traten die Leidenschaften, unter deren +Einflusse jeder Einzelne stand, heftiger hervor. Mehrere Jahre hindurch +war das Haus der Gemeinen eifriger für das Königthum eingenommen als der +König selbst, und günstiger gestimmt für das Episcopat als die Bischöfe. +Carl und Clarendon waren über die Vollständigkeit ihres Erfolgs fast +bestürzt, ihre Lage hatte Ähnlichkeit mit der Ludwigs XVIII. und des +Herzogs von Richelieu, als im Jahre 1815 die Kammer versammelt war. +Hätte der König auch wirklich die Absicht gehabt, die Versprechungen, +welche er den Presbyterianern gemacht, zu erfüllen, es würde jetzt gar +nicht mehr in seiner Macht gestanden haben. Nur seinen eifrigen +Bemühungen ist es zuzuschreiben, daß der siegreiche Adel verhindert +wurde, die Indemnitätsacte zu vernichten und erbarmungslose Rache +auszuüben für die erduldeten Leiden. + + +[_Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen Parlamente._] Die Gemeinen +eröffneten ihre Thätigkeit mit den Beschlüssen, daß jedes Mitglied bei +Strafe der Ausstoßung das Abendmahl nach der Form genießen müsse, welche +die alte Liturgie vorschrieb, und daß der Covenant durch Henkershand im +Hofe des Palastes verbrannt werden sollte. Es wurde eine Acte +durchgesetzt, welche die Macht des Schwertes nicht nur einzig und allein +dem König zusprach, sondern auch bestimmte, daß in keinem auch noch so +extremen Falle die beiden Häuser berechtigt sein sollten, dem König +gewaltsamen Widerstand entgegen zu setzen. Eine zweite Acte, welche +ebenfalls durchging, forderte von jedem öffentlichen Beamten einen Eid, +daß er Widerstand gegen das Ansehen des Königs unter allen Umständen für +ungesetzlich halte. Einige exaltirte Männer bemühten sich, eine Bill zur +Geltung zu bringen, welche alle Gesetze, die das Lange Parlament +geschaffen, mit einem Male aufheben und die Sternkammer nebst der Hohen +Commission wieder herstellen sollte; bei aller Heftigkeit der Reaction +aber gelang es ihr doch nicht, dies durchzusetzen. Das Gesetz, daß nach +Verlauf von drei Jahren ein Parlament gehalten werden mußte, blieb in +Kraft, die strengen Klauseln aber welche die Wahlbeamten anwiesen, +zur bestimmten Zeit, auch ohne königliches Ausschreiben, die Wahl +vorzunehmen, wurden aufgehoben. Die Bischöfe kehrten auf ihre Sitze im +Oberhause zurück; die alte Kirchenverfassung und die alte Liturgie +wurden ohne jede Beschränkung, welche auch nur die vernünftigsten +Presbyterianer zu versöhnen geeignet gewesen wäre, wieder hergestellt. +Zum ersten Male wurde jetzt die bischöfliche Ordination unerläßliche +Bedingung für diejenigen, welche ein geistliches Amt bekleiden wollten. +Fast zweitausend Prediger, denen ihr Gewissen nicht gestattete sich zu +fügen, wurden an einem Tage abgesetzt, und frohlockend erinnerte die +herrschende Partei die Dulder daran, daß das Lange Parlament, als es auf +dem Gipfel seiner Macht gestanden, eine noch viel größere Anzahl von +königlich gesinnten Geistlichen vertrieben habe. Dieser Vorwurf war +allerdings nicht ungegründet, aber das Lange Parlament hatte den +Vertriebenen wenigstens eine Unterstützung zukommen lassen, welche sie +vor bitterem Mangel schützte; die Gerechtigkeit und Humanität des Adels +aber, welcher von Haß bethört war, reichten nicht aus, um dieses +Beispiel nachzuahmen. + + +[_Verfolgung der Puritaner._] Bald erschienen Strafgesetze gegen die +Nichtconformisten, die in der puritanischen Gesetzgebung vergebens ihres +Gleichen suchten, welche der König aber unmöglich genehmigen konnte, +ohne Zusagen zu brechen, die er bei dem wichtigen Wendepunkte seines +Schicksals denjenigen gegeben, in deren Händen dasselbe damals lag. +Erschreckt und tief bekümmert eilten die Presbyterianer an die Stufen +des Thrones, rühmten ihre jüngst geleisteten Dienste und beriefen sich +auf das wiederholt verpfändete königliche Wort. Der König schwankte, +seine eigne Handschrift, sein eignes Siegel, sie konnte er nicht +abläugnen, und er fühlte nur zu wohl, welchen großen Dank er den +Bittstellern schuldig war. Dringenden Bitten zu widerstehen war er nicht +gewöhnt, ebensowenig war er verfolgungssüchtig, und wenn auch gegen die +Puritaner eingenommen, so konnte diese Abneigung doch nur ein schwaches +Gefühl genannt werden neben dem bitteren Hasse, von welchem Laud +durchdrungen war. Er war überdies der römisch-katholischen Kirche +gewogen, und sah wohl ein, daß es nicht möglich sein würde, den +Bekennern derselben Freiheit des Gottesdienstes zu gewähren, ohne +dieselbe Begünstigung auch auf die protestantischen Dissenters zu +übertragen. Zwar versuchte er es den unduldsamen Glaubenseifer des +Hauses der Gemeinen zu beschränken, aber dieses stand unter dem +Einflusse tieferer Überzeugungen und heftigerer Leidenschaften, als der +König. Nach einigem scheinbaren Sträuben gab er nach, und genehmigte mit +einem Anschein von Bereitwilligkeit eine Reihe gehässiger Maßregeln +gegen die Separatisten. Es galt für ein Verbrechen, dem Gottesdienste +der Dissenters beizuwohnen, ein gewöhnlicher Friedensrichter konnte ohne +Jury verurtheilen, und über denjenigen, welcher zum dritten Male das +Verbot übertrat, die Deportation auf sieben Jahre verhängen. Mit +überlegter Grausamkeit ward festgesetzt, daß der Übertreter des Gesetzes +nicht nach Neu-England transportirt werden sollte, wo er die Aussicht +hatte, gleichgesinnte Freunde anzutreffen, und kehrte er vor Ablauf der +festgesetzten Verbannungszeit in sein Vaterland zurück, so sollte er der +Todesstrafe verfallen sein. Ein neuer, unsinniger Eid wurde von den +Geistlichen verlangt, welche man ihrer Pfründen beraubt hatte, weil sie +sich nicht conformiren wollten, und Alle die sich weigerten diesen Eid +zu leisten, durften nicht auf fünf Meilen in die Nähe einer Stadt +kommen, welche von einer Gemeindecorporation verwaltet wurde, oder im +Parlamente vertreten war, oder auch einer Stadt, wo sie als Geistliche +ihren Wohnsitz gehabt. Die Magistratspersonen, welche diese strengen +Bestimmungen in Ausführung zu bringen hatten, waren fast durchgängig von +Parteigeist erfüllte Männer, entflammt durch die Erinnerung an Leiden, +welche sie während der Republick erduldet hatten. Die Kerker waren daher +sehr bald mit Dissenters überfüllt, und unter diesen Unglücklichen +befanden sich nicht wenige, deren Genie und Tugend eine Zierde jeder +christlichen Gesellschaft gewesen sein würden. + + +[_Eifer der Geistlichkeit für die erbliche Monarchie._] Die englische +Kirche erkannte den Schutz, dessen sie sich von Seiten der Regierung +erfreute, dankbar an. Sie hatte seit dem Anfange ihres Bestehens +Anhänglichkeit an die Monarchie gezeigt, aber während des +Vierteljahrhunderts, welches der Restauration folgte, überstieg ihr +Eifer für königliches Ansehen und erbliches Recht jede Grenze. Sie hatte +mit dem Hause der Stuarts gelitten, und war mit ihm wieder zu Geltung +gekommen; sie war mit ihm durch gemeinschaftliche Interessen, +Freundschaften und Feindschaften eng verknüpft. Es schien unmöglich, +daß jemals eine Zeit eintreten könnte, wo die Bande, welche sie mit den +Nachkommen des erlauchten Märtyrers vereinte, zerrissen, wo die +Loyalität, deren sie sich rühmte, aufhören würde, ihr eine angenehme und +vortheilhafte Pflicht zu sein. Sie pries deshalb in den widerlichsten +Phrasen jenes Vorrecht, welches stets bemüht war sie zu vergrößern und +zu vertheidigen, und verdammte auf das Behaglichste die Ruchlosigkeit +derjenigen, welche durch Bedrückung, die sie selbst nicht zu erwarten +hatte, zum Aufruhr verleitet wurden. Die Verwerfung des Widerstandes war +ihr Lieblingsthema, und diese Lehre trug sie ohne jede Einschränkung vor +und entwickelte sie bis zu den äußersten Consequenzen. Ihre Anhänger +wiederholten unaufhörlich, daß selbst wenn England das Unglück haben +sollte von einem König wie Busiris oder Phalaris heimgesucht zu werden, +welcher zum Hohne der Gesetze ohne alle rechtlichen Gründe täglich +hunderte von unschuldigen Opfern zu Folterqualen und Tod verdammte, +überhaupt kein Fall denkbar sei, wo alle Stände des Königreichs +insgesammt berechtigt sein würden, dem Tyrannen physische Gewalt +entgegenzustellen. Glücklicherweise gewährt der menschliche Charakter +hinreichende Bürgschaft, daß derartige Theorien eben nur Theorien +bleiben werden. Als der Tag der Prüfung kam, da standen die Männer, +welche laut und aufrichtig diese grenzenlose Loyalität zur Schau +getragen hatten, fast in allen Grafschaften Englands dem Throne mit den +Waffen in der Hand gegenüber. + +Im ganzen Königreiche wechselte jetzt das Grundeigenthum seine Besitzer. +Die Verkäufe der Nationalgüter, welche das Parlament nicht bestätigt +hatte, erklärten die Gerichtshöfe für ungültig. Der König, die Bischöfe, +die Dechanten, die Capitel, der hohe und niedere royalistische Adel: +sie alle traten wieder in den Besitz ihrer eingezogenen Güter, und +verdrängten selbst diejenigen Käufer, welche die angemessensten Preise +dafür bezahlt hatten. Die Verluste, welche dem Adel während des +Übergewichtes seiner Gegner erwachsen waren, wurden theilweise ersetzt, +aber eben nur theilweise. Die allgemeine Amnestie schloß alle Klagen +über entzogene Nutzungen aus, und eine Menge von Royalisten, welche zur +Abzahlung von auferlegten Geldstrafen an das Parlament, oder um sich die +Gunst mächtiger Rundköpfe zu erkaufen, Grundeigenthum unter dem +wirklichen Werthe veräußert hatten, mußten die gesetzlichen Folgen ihrer +Handlungsweise tragen. + + +[_Veränderung in den Sitten der Gesellschaft._] Während die erwähnten +Veränderungen stattfanden, trat ein anderer noch bedeutungsvollerer +Wechsel in den Sitten und Gebräuchen der Gesellschaft ein. +Leidenschaften und Neigungen, welche die strenge Herrschaft der +Puritaner gezügelt hatte, so daß dieselben, wenn es überhaupt geschah, +nur mit großer Vorsicht befriedigt werden konnten, brachen jetzt, wo das +Hemmniß beseitigt war, mit maßloser Gewalt hervor. Man suchte +unsittliche Vergnügungen und strafbare Genüsse mit einer Begierde, +welche nach den Gesetzen der Natur nur in Folge langer und erzwungener +Enthaltsamkeit entstehen kann. Durch die öffentliche Meinung wurde +dieses Treiben nicht beschränkt. Die Nation, voll Widerwillen gegen die +gottseligen Reden, argwöhnisch gegen alle Ansprüche auf Heiligkeit, und +dabei immer noch leidend unter den Nachwehen der erlittenen Tyrannei von +Gebietern, welche sauer waren im Leben und heiß im Gebet, blickte eine +Zeit lang wohlgefällig auf die angenehmeren und freundlicheren Laster. +Noch weniger Beschränkungen erlaubte sich die Regierung. Es gab in der +That keine Ausschweifung, welche nicht durch die unverhohlene +Lasterhaftigkeit des Königs und seiner Günstlinge sanktionirt worden +wäre. Nur einige bejahrte Räthe Carls I. bewahrten noch den sittlichen +Ernst, welcher dreißig Jahre früher in Whitehall geherrscht hatte. Zu +ihnen gehörten Clarendon selbst, sowie seine Freunde Thomas Wriothesley, +Earl von Southampton, Lord-Schatzmeister, sowie Jacob Butler, Herzog von +Ormond, der, nachdem er unter wechselnden Verhältnissen ritterlich für +seines Königs Sache in Irland gekämpft hatte, dieses Königreich jetzt +als Statthalter regierte. Aber weder das Andenken an die Verdienste +dieser Männer noch ihre hohe Stellung im Staate schützte sie vor den +Sarkasmen, welche neumodische Laster so gern auf veraltete Tugend +schleudern. Der Ruf feiner Bildung und angenehmer Manieren war kaum zu +erlangen, wenn man sich nicht zur Verletzung der Schicklichkeit +entschloß. Bedeutende und vielseitige Talente unterstützten die +Verbreitung dieses moralischen Übels nach Kräften. Die Moralphilosophie +hatte in neuerer Zeit eine Gestalt angenommen, welche ganz geeignet war, +einer Generation zu gefallen, welche der Monarchie wie dem Laster mit +gleichem Eifer ergeben war. Thomas Hobbes hatte in einer bestimmteren +und glänzenderen Sprache, als je ein anderer metaphysischer +Schriftsteller sie gebraucht, die Behauptung aufgestellt, der Wille des +Fürsten sei der Maßstab für Recht und Unrecht, und jeder gute Unterthan +müsse bereit sein, auf Befehl des Königs zum Papstthum, Mahomedanismus +oder Heidenthume überzutreten. Tausende, welche das wirklich Gediegene +in seinen Ansichten nicht zu würdigen verstanden, begrüßten freudig eine +Theorie, welche zu gleicher Zeit das königliche Ansehen erhöhte, die +Bande der Moralität lockerte, und die Religion zu einer bloßen +Staatsangelegenheit herabwürdigte. Der Hobbismus wurde bald ein +wesentlicher Bestandtheil des Charakters eines vollendeten Gentleman. +Die leichteren Zweige der Literatur erhielten einen starken Anstrich von +der herrschenden Sittenlosigkeit; die Dichtkunst wurde eine Kupplerin +der gemeinsten Begierden; der Witz, anstatt Schuld und Irrthum zu +züchtigen, wandte seine verletzenden Pfeile gegen Unschuld und Wahrheit. +Die wiederhergestellte Kirche machte zwar einen Versuch gegen die +herrschende Sittenlosigkeit anzukämpfen, aber es geschah ohne alle +Energie und mit getheiltem Herzen. Obgleich die Würde ihres Charakters +es erheischte, die irrenden Kinder zu ermahnen, so geschahen diese +Ermahnungen doch auf höchst lässige Weise. Ihre Aufmerksamkeit war nach +einer anderen Seite hin beschäftigt, ihre ganzen Kräfte concentrirten +sich in der Absicht, die Puritaner zu vernichten, und ihre Jünger zu +zwingen, dem Kaiser zu geben was des Kaisers sei. Sie war beraubt und +niedergehalten worden durch die Partei, welche strenge Sittlichkeit +predigte; Wüstlinge hatten sie wieder zu Ehren und Ansehen gebracht. Ob +auch die Männer der Lust und Mode nicht geneigt waren, ihre Lebensweise +nach den Vorschriften der Kirche einzurichten, so ließen sie sich doch +jeden Augenblick willig finden, für ihre Kathedralen und Paläste, für +jeden Buchstaben ihrer Gesetze und jeden Faden ihrer Gewänder bis an die +Knie im Blute zu kämpfen. Der ausschweifende Edelmann besuchte zwar +Bordelle und Spielhäuser, aber er mied wenigstens die Conventikel; wenn +auch sein Mund nur gotteslästerliche und unzüchtige Reden führte, so +machte er das einigermaßen durch seinen Eifer wieder gut, Baxter und +Howe in den Kerker zu werfen, weil sie Predigten und Gebete abgehalten +hatten. So bekämpfte der Klerus längere Zeit die Schismatiker mit einem +Eifer, der ihm wenig Muße ließ dem Laster entgegen zu treten. Die +Zweideutigkeiten Ethereges und Wycherley's wurden in Anwesenheit und mit +besonderer Genehmigung des Kirchenoberhauptes in weiblichen +Versammlungen von Frauen öffentlich vorgetragen, während der Verfasser +von des »Pilgers Reise« für das Verbrechen, den Armen das Evangelium +verkündet zu haben, im Kerker schmachtete. Es ist eine feststehende und +lehrreiche Thatsache, daß zu der Zeit, als die politische Macht der +anglikanischen Kirche ihren Höhepunkt erreicht hatte, die Moral der +Nation sich auf der niedrigsten Stufe befand. + + +[_Verworfenheit der Politiker._] Kaum ein Rang und Beruf entging der +Ansteckung durch die allgemeine Unsittlichkeit, diejenigen aber, welche +sich hauptsächlich mit Politik beschäftigten, bildeten vielleicht den +schlechtesten Theil der verderbten Gesellschaft, indem sie nicht blos +unter den schädlichen Einflüssen standen, welche die Nation im +Allgemeinen berührten, sondern noch einer besonderen Verderbniß der +schlimmsten Art ausgesetzt waren. Ihr Charakter hatte sich mitten unter +häufigen Revolutionen und Contrerevolutionen herangebildet; im Laufe +weniger Jahre hatten sie den wiederholten Wechsel der kirchlichen und +bürgerlichen Verfassung ihres Vaterlandes beobachtet. Sie hatten +gesehen, wie die bischöfliche Kirche die Puritaner verfolgte, wie die +puritanische Kirche die Bischöflichen verfolgte, und wie die +bischöfliche Kirche dann wieder die Puritaner verfolgte. Sie hatten die +Vernichtung und Wiedererstehung der erblichen Monarchie gesehen, hatten +beobachtet, wie das Lange Parlament dreimal die Oberherrschaft im Staate +errang, und dreimal unter Verwünschungen und Hohngelächter von Millionen +wieder zusammenstürzte. Sie hatten erlebt, wie eine neue Dynastie sich +rasch auf den Gipfel der Macht und des Ruhmes erhob, um bald darauf ohne +allen Kampf wieder vom Thronsessel herabgeschleudert zu werden. Sie +hatten gesehen, wie ein neues System der Volksvertretung entworfen, +versucht und wieder aufgegeben worden war. Sie hatten ein neues Haus der +Lords eben so schnell entstehen wie vergehen sehen. Sie hatten gesehen, +wie Massen von Eigenthum auf gewaltsame Weise bald den Edelleuten, bald +den Rundköpfen zur Beute wurden. Unter solchen Umständen konnte Niemand +als Staatsmann sich bewegen und gedeihen, der sich nicht willig finden +ließ, je nach den Verhältnissen die Farbe zu wechseln. Nur in stiller +Zurückgezogenheit war es möglich, für die Dauer den Charakter eines +guten Royalisten oder eines starren Republikaners zu behaupten. Wer +unter solchen Zeitverhältnissen bürgerliche Größe zu erlangen wünscht, +muß jeden Gedanken an konsequentes Festhalten aufgeben. Anstatt inmitten +unaufhörlicher Veränderungen nach Unveränderlichkeit zu streben, muß er +beständig umherspähen, um die ersten Kennzeichen einer nahenden Reaktion +zu entdecken und muß den richtigen Augenblick erfassen, um eine verlorne +Sache aufzugeben. Nachdem er fest zu einer Partei gehalten, so lange sie +die Oberhand hatte, muß er sie plötzlich verlassen, wenn sie in +schwierige Lagen kommt, muß sich gegen sie waffnen, sie verfolgen, und +mit den neuen Bundesgenossen eine neue Bahn einschlagen, auf der ihm +Macht und Glück entgegenleuchten. Seine Lage bildet in ihm nothwendig +eine besondere Klasse von Fähigkeiten, wie eine besondere Klasse von +Lastern bis zur höchsten Vollkommenheit aus. Schnelligkeit im Beobachten +verbindet sich mit Fruchtbarkeit an Hilfsmitteln. Ohne Mühe eignet er +sich den Ton jeder Sekte oder Faktion an, mit der ihn der Zufall +zusammenführt. Er erkennt die Zeichen der Zeit mit einem Scharfblick, +den die Menge wunderbar findet, mit einem Scharfblick, ähnlich dem eines +alten Polizeimannes, welcher die schwächsten Anzeichen eines Verbrechen +aufzufinden versteht, oder eines Mohawk-Kriegers, der in den Wäldern +eine Spur verfolgt. + +Bei Staatsmännern von derartiger Bildung wird man aber freilich nur +selten Redlichkeit und Ausdauer, oder eine von denjenigen Tugenden +antreffen, welche dem edlen Stamme der Wahrheit entsprossen sind. Er +besitzt weder Glauben an eine Lehre, noch Eifer für eine Angelegenheit. +Vor seinen Augen sind so viele alte Institutionen untergegangen, daß er +keine Achtung vor langem Bestehen kennt. Er hat so viele neue +Einrichtungen, welche zu großen Erwartungen berechtigten, entstehen und +Enttäuschung hervorbringen sehen, daß er keine Hoffnung auf den +Fortschritt setzt; und diejenigen, welche ängstlich bemüht sind _zu +erhalten_, verlacht er nicht minder wie die, welche es sich angelegen +sein lassen _zu verbessern_. Es giebt im Staate nichts, zu dessen +Erhaltung oder Vernichtung er nicht ohne alle Gewissensbisse und ohne +Erröthen mitwirken könnte; treu zu bleiben seinen Überzeugungen und +seinen Freunden, ist in seinen Augen Beschränktheit und Verkehrtheit; +die Politik ist für ihn nicht eine Wissenschaft, die sich mit dem Wohle +der Völker beschäftigt, sondern ein aufregendes Spiel des Zufalls und +der Geschicklichkeit, in welchem der begünstigte Spieler ein Landgut, +eine Adelskrone oder wohl gar eine Königskrone gewinnen, aber auch durch +eine unüberlegte Bewegung Gut und Leben verlieren kann. Der Ehrgeiz, +welcher in friedlichen Tagen bei guten Menschen eine halbe Tugend ist, +wird jetzt, jedem edleren und menschenfreundlicheren Gefühle entfremdet, +eine selbstsüchtige Begierde, fast so unedel, als die Habsucht. Unter +den Staatsmännern, welche von der Restauration bis zum Regierungsantritt +des Hauses Hannover sich an der Spitze der großen Parteien des +Vaterlandes befunden haben, lassen sich nur sehr Wenige auffinden, deren +Ruf nicht durch Eigenschaften befleckt ist, denen man in unserem +Zeitalter die Namen von grober Untreue und Verdorbenheit geben würde. Es +ist schwerlich eine Übertreibung, wenn man sagt, daß öffentliche Männer +ohne alle Grundsätze, welche in neuerer Zeit an den Staatsgeschäften +Theil genommen haben, als uneigennützig und gewissenhaft betrachtet zu +werden verdienten, wollte man sie nach dem Maaßstabe beurtheilen, der in +der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts geltend war. + + +[_Zustand von Schottland._] Während diese Veränderungen der Politik, +Religion und Sittlichkeit in England stattfanden, war die königliche +Autorität ohne Schwierigkeit in allen übrigen Theilen der britischen +Inseln wieder hergestellt worden. Schottland hatte die Restauration der +Stuarts mit Freuden begrüßt, da man durch sie die Wiederherstellung der +nationalen Unabhängigkeit erwartete. Und wirklich wurde das von Cromwell +aufgelegte Joch dem Anscheine nach beseitigt; die Stände versammelten +sich wiederum in dem alten Saale zu Edinburg, und die Senatoren des +Justizkollegiums verwalteten wieder das schottische Recht in der +früheren Form; aber die Unabhängigkeit des kleinen Königreichs bestand +mehr dem Namen nach, als in der Wirklichkeit, indem der König, so lange +er England auf seiner Seite hatte, eine Unzufriedenheit in den anderen +Gebietstheilen nicht zu fürchten brauchte. Er befand sich jetzt in +solcher Lage, daß er den Versuch, der seinen Vater in's Verderben +stürzte, wiederholen konnte, ohne dessen Schicksal fürchten zu müssen. +Karl I. hatte es versucht, seine eigene Religion durch königliche Gewalt +den Schotten zu einem Zeitpunkte aufzudringen, da sowohl diese Religion, +als auch die königliche Macht in England unpopulär waren, und nicht +genug, daß ihm diese Absicht völlig mißglückte, kosteten die Unruhen, +welche daraus entstanden, ihm zuletzt sogar noch Krone und Leben. +Die Zeiten hatten sich geändert; England schwärmte für Monarchie und +Prälatenthum, und deshalb konnte der Plan, dessen Anwendung vor einem +Menschenalter höchst unklug gewesen sein würde, ohne erhebliche Gefahr +für den Thron wieder aufgenommen werden. Die Regierung beschloß, in +Schottland eine bischöfliche Kirche zu errichten; dieser Plan wurde aber +von jedem vernünftigen Schotten gemißbilligt. Einige, mit Eifer für die +Prärogative des Königs eingenommene schottische Staatsmänner waren als +Presbyterianer erzogen, und wenn sie auch nicht durch Gewissensfragen +beunruhigt wurden, so hatten sie doch eine Vorliebe für die Religion +ihrer Kindheit, und wußten wohl, wie tief dieselbe in den Herzen ihrer +Landsleute wurzelte. Mit Entschiedenheit erklärten sie sich gegen den +Plan, als sie aber einsahen, daß es nichts fruchtete, fehlte es ihnen an +der nöthigen Energie, um bei einer Opposition zu verharren, die ihren +Landesherrn beleidigen mußte, und Mehre waren sogar ruchlos und +niederträchtig genug, das Christenthum in einer Form zu _verfolgen_, +welche sie in ihrem Gewissen für die reinste hielten. Die Einrichtung +des schottischen Parlaments war der Art, daß es schwerlich selbst +schwächeren Königen, als dem damals ziemlich machtlosen Karl, einen +ernstlichen Widerstand entgegen gestellt haben würde. Das Episkopat ward +daher durch Gesetze eingeführt, und was die Form des Gottesdienstes +anlangte, so wurde dem Gutdünken des Klerus ein weiter Spielraum +bewilligt. In einigen Kirchen wendete man die englische Liturgie an; in +anderen wählten die Geistlichen aus dieser Liturgie diejenigen Gebete +und Danksagungen aus, die aller Wahrscheinlichkeit nach dem Volke am +wenigsten anstößig sein würden. Im Allgemeinen aber wurde am Schlusse +des öffentlichen Gottesdienstes der Lobgesang angestimmt und bei der +Taufe das apostolische Glaubensbekenntniß gesprochen. Der größte Theil +des schottischen Volkes haßte die neue Kirche als eine abergläubische +und ausländische, besudelt mit den Verderbnissen Roms, und als ein +Zeichen der englischen Oberherrschaft. Trotzdem kam es zu keinem +allgemeinen Aufstande; es war das Land nicht mehr, das es vor +zweiundzwanzig Jahren gewesen. Unglücklicher Krieg und Fremdherrschaft +hatten den Muth des Volkes gebrochen. Die Aristokratie, welche bei den +mittleren und niederen Schichten des Volkes in hohem Ansehen stand, +hatte die Bewegung gegen Karl I. geleitet, gegen Karl II. zeigte sie +sich unterwürfig. Auf die Hilfe der englischen Puritaner konnte man +nicht rechnen, sie waren eine schwache Partei, geächtet durch Gesetz und +öffentliche Meinung. Nur mit Unmuth fügte sich daher die Masse des +schottischen Volkes; bestürmt von bösen Ahnungen des Gewissens, wohnten +sie dem Gottesdienste des bischöflichen Klerus oder derjenigen +presbyterianischen Geistlichen bei, die sich hatten bereit finden +lassen, von der Regierung eine halbe Duldung anzunehmen, die man +Indulgenz nannte. Es gab aber besonders in dem westlichen Unterlande +entschlossene und kühne Männer, welche der Meinung waren, die Pflicht, +den Covenant zu halten, stehe höher, als die Pflicht, der Obrigkeit zu +gehorchen. Dem Gesetz trotzend, ließen diese Leute sich nicht abhalten, +Versammlungen zu veranstalten, um Gott nach ihrer Weise zu verehren. In +der Indulgenz erblickten sie keineswegs eine Art Entschädigung für die +Unbilden, welche die Kirche von der Obrigkeit erlitten, sondern ein +neues und um so hassenswürdiges Unrecht, da man ihm das Ansehen einer +Wohlthat geben wollte. Verfolgung, meinten sie, könne nur den Körper +tödten, die schmachvolle Indulgenz aber vernichte die Seele. Als man sie +aus den Städten vertrieb, sammelten sie sich in den Wäldern und +Gebirgen; wurden sie von der bürgerlichen Macht angegriffen, so setzten +sie der Gewalt unbedenklich Gewalt entgegen. Bei jedem Konventikel +erschienen sie bewaffnet, und mehrmals erregten sie offenen Aufruhr. Sie +wurden zwar ohne große Mühe besiegt, aber durch Niederlagen und Strafen +stählte sich nur ihr Muth. Gehetzt wie wilde Thiere, gefoltert bis ihre +Gebeine zermalmt waren, hundertweise in den Kerker geworfen, zu +Zwanzigen aufgeknüpft, heute der Rohheit englischer Soldaten +preisgegeben, morgen der Willkür hochländischer Räuberbanden überlassen, +vertheidigten sie sich immer noch mit so entsetzlicher Wuth, daß der +kühnste und mächtigste Unterdrücker Ursache hatte, ihren durch die +Verzweiflung angefachten Muth zu fürchten. + + +[_Zustand von Irland._] So war unter der Regierung Karls II. der Zustand +von Schottland; aber Irland war nicht minder zerrüttet. Auf dieser Insel +bestanden Fehden, welche sich mit den heftigsten Feindschaften der +englischen Politiker nicht vergleichen ließen. Die Feindseligkeiten +zwischen den irischen Cavalieren und den irischen Rundköpfen waren fast +vergessen über der grimmigeren Feindschaft, welche zwischen der +englischen und der celtischen Race wüthete. Die Kluft zwischen den +Episkopalen und Presbyterianern verschwand, wenn man sie mit der +verglich, welche Beide von den Papisten trennte. In den letzten +bürgerlichen Unruhen war ein großer Theil des irischen Grundeigenthums +von dem unterjochten Volke auf die Sieger übergegangen. Auf die Gunst +der Krone konnten sowohl von den alten wie von den neuen Besitzern nur +wenige Anspruch machen, denn die Plünderer wie die Geplünderten waren in +der Mehrzahl Rebellen. Die Regierung wurde des Streites der beiden +ergrimmten Parteien über entgegengesetzte Ansprüche und gegenseitige +Beschuldigungen bald müde und überdrüssig. Diejenigen Kolonisten, unter +welche Cromwell das eroberte Land vertheilt hatte, und deren Abkömmlinge +man noch immer Cromwellianer nannte, gaben zu bedenken, daß die +englische Nation unter jeder Dynastie, und die protestantische Religion +in jeder Form, von den Ureinwohnern auf das Heftigste angefeindet würde. +Sie schilderten mit Übertreibung die Gräuel, welche den Aufstand von +Ulster geschändet hatten, sie beschworen den König, die Politik des +Protektors mit Entschiedenheit zu verfolgen, und schämten sich nicht es +auszusprechen, daß der Frieden in Irland nur dann bestehen könne, wenn +der alte Volksstamm der Iren völlig vertilgt sein werde. Die Katholiken +stellten ihr Vergehen möglichst gering dar und jammerten kläglich über +die Härte ihrer Strafe, die auch in der That eben nicht gelind gewesen +war. Sie baten Karl, die Unschuldigen nicht mit den Schuldigen zu +verwechseln und erinnerten ihn, daß ein großer Theil der Schuldigen +ihren Fehler dadurch gut gemacht, daß sie zu ihrer Pflicht zurückgekehrt +waren und seine Rechte gegen die Henker seines Vaters in Schutz nahmen. +Um die zwei zudringlichen Parteien, von denen keine auf seine Liebe +Anspruch hatte, los zu werden, diktirte der Hof einen Vergleich, +und befreite sich dadurch von der Plage. Das grausame, aber höchst +praktische und energische System, durch welches Cromwell Irland durchweg +englisch machen wollte, wurde aufgegeben, und die Cromwellianer +veranlaßt, ein Drittel ihrer Erwerbungen herauszugeben. Das übergebene +Land wurde willkürlich unter diejenigen Bewerber vertheilt, welche die +Regierung begünstigen wollte. Eine Masse von Leuten aber, welche +versicherten, daß sie sich keiner Illoyalität schuldig gemacht, und +einzelne Personen, die sich rühmten, ihre Loyalität auf das Glänzendste +bewiesen zu haben, erhielten weder Zurückerstattung noch Entschädigung, +und erfüllten Frankreich und Spanien mit lauten Klagen über die +Ungerechtigkeit und Undankbarkeit der Stuarts. + + +[_Die Regierung in England wird unpopulär._] Selbst in England hatte um +diese Zeit die Regierung aufgehört populär zu sein. Unter den +Royalisten, und zwischen ihnen und dem Hofe, waren Zwistigkeiten +entstanden; die besiegte und niedergetretene Partei aber, von der man +glaubte, daß sie vernichtet sei, die jedoch eine zähe Lebenskraft besaß, +erhob von Neuem das Haupt, und trat wiederum gerüstet hervor. Wenn auch +die Verwaltung ohne Tadel gewesen wäre, so konnte doch die Begeisterung, +mit der die Rückkehr des Königs und das Ende der Militärherrschaft +begrüßt wurde, nicht von Dauer sein, denn es ist in der menschlichen +Natur begründet, daß auf übermäßige Erregung immer Abspannung folgt. +Die Art aber wie der Hof seinen Sieg mißbrauchte, führte eine rasche und +vollständige Abkühlung herbei. Jeder Gemäßigte erschrak vor der +Anmaßung, Hartherzigkeit und Treulosigkeit, mit der man die +Nichtconformisten behandelte. Durch die Strafgesetze war die +unterdrückte Partei vollständig von den heuchlerischen Mitgliedern +gereinigt worden, welche sie in Mißcredit gebracht hatten; jetzt stand +sie wieder als würdige und fromme Gemeinschaft da. Der Puritaner als +Sieger, Gebieter, Verfolger und Sequestrator war ein Gegenstand des +Hasses gewesen, aber der verrathene und gemißhandelte Puritaner, +verlassen von allen falschen Freunden, die im Glücke ihn umgaben, +vertrieben von seinem Hause, mit schweren Strafen bedroht, wenn er es +wagte, seinem Gewissen gemäß zu beten und das Abendmahl zu empfangen, +aber immer noch unerschütterlich in seinem Entschlusse, nur Gott, +und nicht den Menschen zu gehorchen, war, trotz einiger unangenehmen +Erinnerungen, jedem redlichen Gemüth ein Gegenstand des Mitgefühls und +der Hochachtung. Diese Gefühle steigerten sich, als das Gerücht umlief, +daß der Hof nicht gesonnen sei, die Katholiken ebenso streng zu +behandeln, wie es den Presbyterianern widerfahren war. Es tauchte ein +unbestimmter Verdacht auf, daß der König und der Herzog nicht aufrichtig +protestantisch gesinnt seien. Viele, denen die Verschlossenheit und +Heuchelei der Pharisäer der Republik widerlich gewesen war, empfanden +jetzt noch größeren Abscheu vor der schamlosen Üppigkeit des Hofes und +der Cavaliere, und neigten sich zu dem Zweifel hin, ob nicht die +finstere Grübelei von »Preise Gott, Barebone« der abscheulichen +Gottlosigkeit und den Ausschweifungen der Buckinghams und Sedley's +vorzuziehen sei. Selbst sittenlose Menschen, denen es nicht gänzlich an +Einsicht und Sinn für das Gemeinwohl fehlte, beklagten, daß die +Regierung Dinge von höchster Wichtigkeit als Kleinigkeiten betrachte, +dagegen Angelegenheiten ohne Bedeutung zu ernsten Geschäften mache. Man +könne es einem Könige vergeben, wenn er seine Mußestunden durch Wein, +Witz und Schönheit erheitere; aber unerträglich sei es, wenn er zu einem +bloßen Tagediebe und Wollüstlinge sich erniedrige, wodurch das Interesse +des Staates vernachlässigt sowie der Staatsdienst und die Finanzen in +Noth und Unordnung gebracht würden, während liederliche Weiber und +Schmarotzer sich bereicherten. + +Eine große Menge von Royalisten stimmten in diese Klagen ein, und +setzten manche heftige Bemerkung über die Undankbarkeit des Königs +hinzu. Freilich würde das ganze Einkommen desselben nicht hingereicht +haben, sie alle nach Maaßgabe ihres Verdientes, wie sie es +veranschlagten, zu belohnen, denn jedem Gentleman mit zerrüttetem +Vermögen, der unter Ruprecht oder Derby gefochten hatte, erschienen +seine Dienste ungemein wichtig und seine ertragenen Leiden +außerordentlich hart. Ein Jeder hatte sich geschmeichelt, daß, wie es +auch immer den Übrigen ergehen möchte -- wenigstens _er_ für Alles, +was die bürgerlichen Unruhen ihm geraubt, eine reichliche Entschädigung +erhalten, und der Herstellung der Monarchie die Verbesserung seiner +eigenen zerrütteten Glücksumstände folgen würde. Keiner von diesen +Erwartungsvollen vermochte seinen Unmuth zurückzuhalten, als er sah, +daß er unter der Herrschaft des Königs eben so arm war, wie zur Zeit des +Rumpfs, oder unter dem Protektor. Die Rücksichtslosigkeit und Üppigkeit +des Hofes erregte den heftigsten Unwillen dieser loyalen Veteranen. Sie +behaupteten nicht mit Unrecht, daß die Hälfte der Summen, welche der +König an Concubinen und Hofnarren verschwende, die Herzen von vielen +hundert alten Cavalieren erfreuen würde, welche, nachdem sie ihre Wälder +gelichtet, und ihr Silbergeschirr eingeschmolzen, um seinem Vater zu +unterstützen, jetzt in ärmlichen Kleidern herumgingen, und nicht wüßten, +wie sie ihren Hunger stillen sollten. + +Um dieselbe Zeit fielen plötzlich die Renten. Das Einkommen jedes +Grundeigenthümers verminderte sich um fünf Schillinge auf das Pfund. +Der Nothruf der Landleute ließ sich aus jeder Grafschaft des Königreichs +vernehmen, und, wie immer, ward die Regierung für diese Noth +verantwortlich gemacht. Der niedere Adel, gezwungen seine Ausgaben auf +einige Zeit zu beschränken, blickte mit Entrüstung auf den Glanz und die +zunehmende Verschwendung in Whitehall, und war fest überzeugt, das Geld, +welches zur Aufrechthaltung seines Wohlstandes bestimmt gewesen, sei +durch einen unbegreiflichen Proceß in die Taschen der königlichen +Günstlinge gewandert. + +Die Menschen waren jetzt in einer Stimmung, in der jeder öffentliche Akt +Unzufriedenheit erregte. Karl hatte sich mit der Prinzessin Katharina +von Portugal vermählt; diese Verbindung mißfiel aber allgemein, und das +Murren ward noch hörbarer, als es sich herausstellte, daß der König +muthmaßlich keine legitimen Nachkommen erhalten werde. Dünkirchen, das +Cromwell Spanien entrissen, wurde an Ludwig XIV., Frankreichs König, +verkauft, was allgemeinen Unwillen erregte. Die Engländer beobachteten +bereits nicht ohne Besorgniß die Zunahme der französischen Macht, und +betrachteten das Haus der Bourbons mit denselben Empfindungen, welche +ihre Großväter gegen das Haus Österreich gehegt hatten. War es +wohlgethan, fragte man, der Macht einer schon so gewaltigen Monarchie +einen Zuwachs zu geben? -- Außerdem ward Dünkirchen von dem Volke nicht +nur als Waffenplatz und als ein Schlüssel zu den Niederlanden, sondern +auch als eine Trophäe englischer Tapferkeit geschätzt. Dünkirchen war +für die Zeiten Karls, was Calais einer früheren Generation gewesen, +und was der Felsen von Gibraltar, -- so ritterlich unheilvolle Jahre +hindurch gegen die Flotten und Heere einer mächtigen Allianz +vertheidigt, -- für uns ist. Die Rücksicht auf finanzielle Ursachen wäre +ein Entschuldigungsgrund gewesen, wenn ihn eine sparsame Regierung +geltend gemacht hätte; es war aber kein Geheimniß, daß die Kosten, +welche Dünkirchen veranlaßte, ohne Bedeutung erschienen gegenüber den +Summen, welche am Hofe in Ausschweifungen und Thorheiten vergeudet +wurden. Es schien unerhört, daß ein Souverain, der in allen seinen +Vergnügungen einer beispiellosen Verschwendung huldigte, den Knauser +spielen wollte, wenn es die Wohlfahrt und Ehre des Vaterlandes galt. + +Die allgemeine Unzufriedenheit nahm zu, als es sich zeigte daß, während +man Dünkirchen unter dem Vorwande der Sparsamkeit aufgab, die Festung +Tanger, welche zur Mitgift der Königin Katharina gehörte, mit ungeheuren +Kosten hergestellt und unterhalten wurde. An diesen Platz knüpften sich +keine Erinnerungen des Nationalstolzes, und derselbe konnte in keiner +Art das National-Interesse fördern. Durch ihn wurde England in einen +ruhmlosen, nachtheiligen und unabsehbaren Krieg mit halbwilden +arabischen Stämmen verwickelt, und er lag in einem für die Gesundheit +und Kraft des englischen Volks höchst nachtheiligen Klima. + + +[_Krieg mit den Holländern._] Das Murren aber, welches diese Fehlgriffe +hervorriefen, war nicht zu vergleichen mit dem lauten Geschrei, das bald +darauf sich erhob. Die Regierung begann einen Krieg mit den Vereinigten +Provinzen. Das Haus der Gemeinen bewilligte mit größter Bereitwilligkeit +unerhörte Summen, größer als die, welche die Flotten und Heere Cromwells +zu einer Zeit kosteten, da seine Macht in aller Welt gefürchtet war. Die +Verschwendung, Unredlichkeit und Unfähigkeit seiner Nachfolger waren so +groß, daß diese Freigebigkeit sich schlimmer als nutzlos erwies. Die +feigen Höflinge, ohne alle Befähigung den großen Männern +entgegenzutreten, welche damals die holländischen Waffen befehligten, +-- einem Staatsmann, wie de Witte, und einem General wie de Ruyter -- +suchten sich schnell zu bereichern, während die halbverhungerten +Matrosen in Empörung ausbrachen, die Werfte unbeschützt, und die Schiffe +leck und ohne Takelwerk waren. Jetzt beschloß man, die Offensive +aufzugeben; aber sehr bald kam die Überzeugung, daß bei einer solchen +Verwaltung selbst ein Vertheidigungskrieg nicht durchzuführen sei. Die +holländische Flotte lief in die Themse ein, und vernichtete bei Chatham +sämmtliche Kriegsschiffe. Es wurde erzählt, daß gerade an dem Tage +dieser harten Demüthigung der König mit den Damen seines Serails bei +Tafel gesessen, und sich damit amüsirt habe, eine Motte im Speisesaale +herumzujagen. Das Andenken an Cromwell fand jetzt seine gerechte +Anerkennung. Überall rühmte man seine Tapferkeit, seine Umsicht und +seinen Patriotismus. Man erinnerte sich, wie unter seiner Herrschaft +alle auswärtigen Mächte vor Englands Namen gezittert hatten, wie die +jetzt so kecken Generalstaaten sein Haupt vor ihm gebeugt, wie bei der +Nachricht von seinem Tode Amsterdam illuminirt worden, wie bei einer +Errettung aus großer Gefahr, und daß die Kinder an den Kanälen +umherliefen, vor Freude jauchzend, daß der Teufel gestorben sei. Selbst +Royalisten erklärten unverholen, die Rettung des Staates sei nur dadurch +zu bewerkstelligen, daß man die alten Krieger der Republik zu den Waffen +rufe. Bald fühlte die Hauptstadt alle Drangsale einer Blokade. +Feuerungsmaterial war kaum zu erlangen. Tilbury Fort, wo einst Elisabeth +mit männlichem Muthe gegen Spanien und Parma schnöden Spott +geschleudert, wurde von den Holländern insultirt. Es war das erste, aber +auch das letzte Mal, wo Londons Bürger den Donner fremder Geschütze +vernahmen. Im Staatsrathe wurde der ernstliche Vorschlag gemacht, beim +Anrücken des Feindes den Tower preiszugeben. Das Volk durchzog in Masse +die Straßen, und rief, daß England verrathen und verkauft sei. Die +Paläste und Equipagen der Minister wurden vom Pöbel angegriffen, und es +erhielt ganz den Anschein, daß die Regierung zugleich mit der Invasion +auch einen Volksaufstand zu fürchten haben werde. Die größte Gefahr zog +allerdings bald vorüber; es wurde ein Vertrag abgeschlossen, ganz +abweichend von denen, welche Cromwell zu unterzeichnen pflegte, und noch +einmal kehrte der Frieden einer Nation zurück, die sich in einer ebenso +gereizten und niedergedrückten Stimmung befand, wie in den Tagen des +Schiffsgeldes. + +Die Unzufriedenheit, welche die schlechte Verwaltung hervorrief, ward +noch durch Unfälle vermehrt, die auch die beste Verwaltung nicht hätte +beseitigen können. Während der schimpfliche Krieg mit Holland geführt +wurde, erfuhr London zwei Unglücksfälle, von denen in so kurzem +Zeitraume noch nie eine Stadt betroffen worden war. Eine Seuche, an +Furchtbarkeit alle überbietend, welche im Laufe von drei Jahrhunderten +die Insel heimgesucht hatten, kostete binnen sechs Monaten mehr als +hunderttausend Menschen das Leben, und kaum hatte der Leichenwagen seine +Thätigkeit beendet, als eine Feuersbrunst, wie sie seit dem Brande Roms +unter Nero Europa nicht erlebt, die ganze City, vom Tower bis zum +Tempel, und von dem Flusse bis zu den Bezirken von Smithfield in einen +Aschenhaufen verwandelte. + + +[_Opposition in dem Hause der Gemeinen._] Hätte man, während die Nation +unter so viel Schande und Drangsal fast erlag, eine allgemeine Wahl +vorgenommen, so würden nach aller Wahrscheinlichkeit die Rundköpfe +wieder zur Herrschaft im Staate gelangt sein; das Parlament war aber +noch immer das Cavalierparlament, welches in dem ersten Loyalitätstaumel +gewählt worden, der auf die Restauration folgte. Es ward jedoch bald +offenbar, daß keine gesetzgebende Versammlung in England, wäre sie auch +noch so loyal, sich begnügen würde, blos das zu sein, was dergleichen +Versammlungen zur Zeit der Tudors gewesen waren. Vom Tode Elisabeths bis +zum Beginn des Bürgerkrieges hatten die Puritaner, welche in dem +volksvertretenden Körper überwiegend waren, durch eine geschickte +Anwendung der Macht des Geldes Übergriffe in das Gebiet der exekutiven +Regierung gethan. Die Herren, welche nach Ausführung der Restauration +das Unterhaus einnahmen, haßten zwar die Puritaner, waren aber gar nicht +böse, die Früchte der puritanischen Staatskunst zu erben. Allerdings +hatten sie den besten Willen, die Gewalt, welche ihnen im Staate +geworden, zu dem Zwecke zu verwenden, ihrem König sowohl daheim, wie im +Auslande, Macht und Ansehen zu verschaffen; sie waren aber auch +entschlossen, ihre eigene Macht nicht aufzugeben. Die große englische +Revolution des siebzehnten Jahrhunderts, nämlich die Übertragung der +Oberleitung der ausführenden Verwaltung von der Krone auf das Haus der +Gemeinen, war während des ganzen langen Bestehens dieses Parlaments in +ruhigem, aber schnellem und entschlossenem Fortschreiten. Karl gerieth +durch seine Thorheiten und Laster beständig in Geldverlegenheit. Nur +durch die Gemeinen konnte er auf gesetzlichem Wege Geld erlangen, und es +ließ sich nicht verhindern, daß sie selbst einen Preis für ihre +Bewilligung festsetzten. Dieser bestand darin, daß es ihnen erlaubt sei, +sich in alle Prärogativen des Königs zu mischen, ihm die Zustimmung zu +Gesetzen, welche er mißbilligte, abzuzwingen, Cabinete aufzulösen, den +Gang der auswärtigen Politik vorzuschreiben und selbst die Kriegsführung +zu leiten. Der königlichen Würde und der Person des Souverains +versprachen sie laut und offenherzig die treueste Anhänglichkeit. +Clarendon aber waren sie keine Unterthanentreue schuldig, und so griffen +sie ihn mit einer so heftigen Entrüstung an, wie ihre Vorgänger einst +Strafford. + + +[_Sturz Clarendons._] Die guten Eigenschaften, wie die Fehler dieses +Staatsmannes beförderten gleichmäßig seinen Sturz. Er war das Haupt der +Verwaltung, und wurde deshalb selbst für solche Handlungen +verantwortlich gemacht, denen er in der Rathsversammlung lebhaften, wenn +auch nutzlosen Widerstand entgegengestellt hatte. Die Puritaner und +Alle, welche diese bemitleideten, hielten ihn für einen +unverbesserlichen Zeloten, für einen zweiten Laud, nur mit mehr Verstand +begabt als dieser. Er hatte stets behauptet, daß man die Amnestieakte +streng handhaben müsse, und obgleich dieser Theil seines Verhaltens +höchst ehrenwerth für ihn erschien, so verfeindete derselbe ihn doch mit +allen Royalisten, welche ihren zerrütteten Verhältnissen durch Klagen +gegen die Rundköpfe wegen erlittener Verluste und entzogener Nutzungen +wieder aufzuhelfen wünschten. Die Presbyterianer Schottlands +beschuldigten ihn des Sturzes ihrer Kirche, die irländischen Papisten +warfen ihm den Verlust ihrer Güter vor. Als Vater der Herzogin von York +hatte er gegründete Ursachen, eine unfruchtbare Königin zu wünschen, und +kam daher in den Verdacht, absichtlich eine solche empfohlen zu haben. +Den Verkauf Dünkirchens machte man ihm mit Recht zum Vorwurf; die Schuld +an dem holländischen Kriege aber ward ihm mit weniger Grund zur Last +gelegt. Sein reizbares Temperament, sein stolzes Benehmen, die maßlose +Sucht, Reichthümer zu erwerben, die prahlerische Art mit der er +dieselben wieder verschwendete, seine mit den Meisterstücken van Dyks +gefüllte Gemäldegallerie -- dem früheren Eigenthume verarmter Cavaliere, +-- sein Palast, dessen lange stattliche Fronte sich der bescheidenen +Wohnung des Königs gegenüber erhob, unterwarfen ihn vielem +wohlverdienten, jedoch auch manchem ungerechten Tadel. Als die +holländische Flotte in der Themse ankerte, richtete sich die Wuth des +Pöbels hauptsächlich gegen den Kanzler. Man warf ihm die Fenster ein, +vernichtete die Bäume seines Gartens, und errichtete vor dem Eingange +seines Palastes einen Galgen. Am verhaßtesten war er dem Hause der +Gemeinen. Er war nicht fähig, zu erkennen, daß die Zeit schnell +heranrückte, wo dieses Haus, wenn es überhaupt fortbestand, die +Oberherrschaft im Staate erlangen, daß die Leitung desselben ein +wichtiger Zweig der Staatsgeschäfte werden, und daß es unmöglich sein +würde, ohne den Beistand von Männern, welche das Vertrauen des Hauses +besaßen, das Ruder des Staatsschiffs zu führen. Er ließ sich nicht davon +abbringen, das Parlament als eine Corporation zu betrachten, die in +keiner Hinsicht von jenem Parlamente abweiche, welches vor vierzig +Jahren existirte, als er im Temple dem Studium der Rechtswissenschaft +oblag. Zwar beabsichtigte er nicht, die gesetzgebende Versammlung der +Vorrechte zu berauben, welche die alte Verfassung Englands ihr +bewilligt; aber die neue Ausdehnung derselben, wenn auch natürlich und +unvermeidlich, und nur durch ihre völlige Vernichtung abzuwenden, +erfüllte ihn mit Widerwillen und Unruhe. Nie würde er sich entschlossen +haben, das große Siegel unter eine Verordnung zur Erhebung von +Schiffsgeld zu drücken, oder im Rathe seine Zustimmung dazu zu geben, +daß ein Mitglied des Parlaments auf Grund von Äußerungen während der +Debatte in den Tower geschickt werden könne; als aber die Gemeinen zu +wissen verlangten, wozu das Geld, welches sie für den Krieg bewilligt, +verwendet worden sei, als sie anfingen die schlechte Verwaltung der +Flotte zu untersuchen, da gerieth er vor Unwillen außer sich. Er war der +Ansicht, daß dergleichen Nachforschungen außerhalb ihrer Berechtigung +lägen und gab zwar zu, daß das Haus eine sehr loyale Versammlung sei, +die der Krone recht ersprießliche Dienste geleistet, und daß seine +Absichten ganz vortrefflich sein könnten, aber in weiteren und engeren +Kreisen sprach er unverholen sein Bedauern aus, daß der Monarchie +aufrichtig ergebene Gentlemen mit solcher Unbedachtsamkeit die Vorrechte +des Souverains antasteten. Wenn auch anderer Gesinnung als die +Mitglieder des Langen Parlaments, handelten sie doch -- sagte er -- wie +dieses Parlament, indem sie Angelegenheiten zu den ihrigen machten, +welche, außerhalb des Wirkungskreises der Reichsstände, nur lediglich +der Autorität der Krone unterlägen. Er versicherte, der Staat werde sich +nie einer guten Regierung erfreuen, bis die Abgeordneten der +Grafschaften sich damit begnügten, nicht mehr zu sein, als ihre +Vorgänger zur Zeit Elisabeths. Alle Vorschläge, welche von Männern, die +ihre Zeit besser erkannt hatten als er, zu dem Zwecke gemacht wurden, +ein Einverständniß zwischen dem Hofe und den Gemeinen herbeizuführen, +wies er als unreife Projecte, die mit den alten englischen +Staatsverhältnissen nicht harmonirten, verächtlich zurück. Junge +Sprecher, welche im Unterhause zu Ansehen und Auszeichnung gelangten, +behandelte er abstoßend, und machte sich dieselben fast ohne Ausnahme +dadurch zu unversöhnlichen Feinden. Ohne Zweifel war einer seiner +größten Fehler die maßlose Verachtung der Jugend, und es war dieselbe um +so weniger zu rechtfertigen, da seine eigene diplomatische Erfahrung in +englischen Regierungsangelegenheiten, durchaus in keinem Verhältnisse zu +seinen Jahren stand, indem er einen großen Theil seines Lebens im +Auslande zugebracht und von der Welt, in der er sich nach seiner +Rückkehr bewegte, nicht so viel wußte, als Leute, welche dem Alter nach +seine Söhne sein konnten. + +Aus diesen Gründen war er den Gemeinen verhaßt, und aus anderen Gründen +auch bei Hofe nicht beliebt. Seine Moral wie seine Politik erinnerten an +eine frühere Generation. Selbst als junger Student der Rechte, wo er mit +so vielen witzigen und vergnügungslustigen Menschen umging, hatten ihn +sein natürlicher Ernst und seine frommen Grundsätze fast ganz vor der +Ansteckung der Modethorheiten bewahrt; um so weniger war er geeignet, +im höheren Alter und bei schwankender Gesundheit noch ein Wüstling zu +werden. Mit bitterem und verächtlichem Widerwillen betrachtete er die +Lasterhaftigkeit der ausgelassenen Jugend, sowie er nicht minder die +tiefste Abneigung gegen die theologischen Irrthümer der Sectirer hegte. +Er benutzte jede Gelegenheit, um seinen Haß gegen Possenreißer, +Schwelger und Buhlerinnen auszusprechen, welche den Palast erfüllten, +und die Warnungen, die er gegen den König aussprach, waren nicht nur +sehr scharf, sondern auch, was Karl noch ärgerlicher war, sehr lang. Es +fand sich Niemand, der einem Minister beistand, dem man den doppelten +Vorwurf machte, Fehler zu besitzen, welche die Wuth des Volkes +erweckten, und Tugenden, welche dem Monarchen beschwerlich und +unangenehm waren. Southampton war gestorben; Ormond stand dem Freunde +mannhaft und treu, aber fruchtlos zur Seite. Der Kanzler fiel in die +tiefste Ungnade. Der König nahm ihm das Siegel ab, die Gemeinen +versetzten ihn in Anklagestand, sein Kopf war nicht mehr sicher, er +entfloh aus England und wurde durch eine Akte zu ewiger Verbannung +verurtheilt; die aber, welche seinen Fall herbeigeführt, begannen sich +um die Trümmer seiner Gewalt zu streiten. + +Durch Clarendon's Hinopferung war der öffentliche Rachedurst etwas +abgekühlt; doch war die Entrüstung über die Verschwendung und +Nachlässigkeit der Regierung, so wie über den schlechten Ausgang des +letzten Krieges noch keineswegs beschwichtigt. Die Räthe des Königs, +denen das Schicksal des Kanzlers vorschwebte, fürchteten für ihre eigene +Sicherheit. Sie beschworen deshalb den Herrscher, die Aufregung, welche +im Parlamente wie im ganzen Lande herrschte, zu besänftigen und einen +Schritt zu thun, der in der Geschichte des Hauses Stuart ohne Beispiel +ist und der Klugheit und Hochherzigkeit eines Cromwell würdig gewesen +wäre. + + +[_Zustand der europäischen Staatsangelegenheiten und Überlegenheit +Frankreichs._] Wir sind jetzt bei dem Punkte angekommen, wo die +Geschichte der großen, englischen Revolution anfängt, sich mit der +Geschichte der auswärtigen Staatsangelegenheiten zu verflechten. Die +spanische Macht war seit vielen Jahren im Abnehmen begriffen. Spanien +besaß zwar in Europa noch Mailand, die beiden Sicilien, Belgien und die +Franche Comté, und in Amerika lagen seine Besitzungen zu beiden Seiten +des Äquators noch weit über die beiden Grenzen der heißen Zone hinaus; +allein dieser große Körper war gelähmt, und nicht nur ohne Macht, andere +Staaten zu belästigen, sondern auch außer Stande, ohne Unterstützung +einen Angriff auszuhalten. Frankreich war jetzt ohne Zweifel die +bedeutendste Macht Europa's. Seit jener Zeit haben seine Hilfsquellen +unbedingt zugenommen, aber nicht so schnell wie die Hilfsquellen +Englands. Auch darf man nicht vergessen, daß vor einhundertachtzig +Jahren das russische Kaiserreich -- jetzt eine Monarchie ersten Ranges +-- ebensoweit außer dem Bereich der europäischen Politik lag, wie +Abyssinien oder Siam, daß das brandenburgische Haus damals kaum +bedeutender war, als jetzt das Haus Sachsen, und daß die Republik der +Vereinigten Staaten von Amerika zu jener Zeit noch nicht existirte. Die +Bedeutung Frankreichs hat sich demnach, obgleich sie noch immer sehr +groß ist, relativ vermindert. Zu den Zeiten Ludwigs XIV. war Frankreichs +Gebiet noch nicht ganz so ausgebreitet wie gegenwärtig, aber es war ein +großes, abgeschlossenes, fruchtbares Land, zum Angriff wie zur +Vertheidigung trefflich geeignet, in einem glücklichen Klima gelegen, +und bewohnt von einem tapferen, gewerbfleißigen und geistreichen Volke. +Der Staat gehorchte völlig der Leitung eines einzigen Geistes. Die +großen Lehen, welche in Allem -- den Namen ausgenommen -- souveraine +Fürstenthümer gewesen, waren Eigenthum der Krone geworden. Nur wenige +hochbetagte Leute erinnerten sich noch der letzten Versammlung der +Generalstaaten. Den Widerstand, den die Hugenotten, der Adel und die +Parlamente der königlichen Macht entgegengestellt, war durch die beiden +großen Cardinäle vernichtet, welche vierzig Jahre lang die Nation +beherrscht hatten. Die Regierung war jetzt despotisch, aber wenigstens +im Verkehr mit den höheren Ständen war dieser Despotismus ebenso mild +als großmüthig, und gemäßigt durch ritterliche Gesinnungen und feine +Sitte. Die Mittel, über welche der Souverain gebieten konnte, waren für +jene Zeit von ungeheurer Bedeutung. Sein Einkommen, erhöht durch eine +allerdings etwas harte und ungeregelte Besteuerung, welche drückend auf +dem Landmann lastete, überstieg bei weitem das jedes anderen Herrschers; +seine vorzüglich disciplinirte und von den größten damals lebenden +Generälen befehligte Armee zählte bereits mehr als hundertzwanzigtausend +Mann. Eine solche regulaire Truppenmacht war seit dem Untergange des +römischen Kaiserreiches in Europa nicht gesehen worden. Unter den +Seemächten nahm Frankreich zwar nicht den ersten Rang ein; aber wenn es +auch Rivalen auf dem Meere hatte, so wurde es doch von keinem +übertroffen. Seine Macht während der letzten vierzig Jahre des +siebzehnten Jahrhunderts war so bedeutend, daß ein einzelner Feind ihm +unmöglich widerstehen konnte und daß zwei mächtige Coalitionen, zu denen +sich die halbe christliche Welt gegen Frankreich verbunden hatte, nichts +auszurichten vermochten. + + +[_Charakter Ludwigs XIV._] Die Achtung, welche Frankreichs Macht und +Bedeutung einflößten, wurden noch durch die persönlichen Eigenschaften +seines Königs erhöht. Kein Souverain hat jemals die Majestät eines +großen Staates mit mehr Würde und Anstand vertreten, als er. Er war sein +eigener Premierminister, und besorgte die Obliegenheiten dieser +schwierigen Stellung mit einer Gewandtheit und einem Fleiße, die man in +der That kaum von einem Manne hätte erwarten sollen, der schon in den +Jahren der Kindheit Frankreichs Krone trug und von Schmeichlern umgeben +war, ehe er noch sprechen konnte. Er besaß in ausgezeichnetem Grade zwei +für einen Fürsten unschätzbare Talente, nämlich seine Diener passend zu +wählen, und sich selbst den größeren Theil des Ruhmes ihrer Thätigkeit +anzueignen. In seinem Verkehr mit auswärtigen Mächten zeigte er einigen +Großmuth, aber keine Gerechtigkeit. Unglückliche Bundesgenossen, welche +mit der einzigen Hoffnung auf sein Mitleid sich ihm zu Füßen warfen, +beschützte er mit einer chevaleresken Uneigennützigkeit, die sich besser +für einen irrenden Ritter schickte, als für einen Staatsmann; die +heiligsten Bande der Treue aber galten ihm nichts, und er zerriß sie +ohne Scham und Scheu, sobald sie seinem Interesse, oder dem was er Ruhm +nannte, widerstritten. Doch diese Treulosigkeit und Gewaltthätigkeit +waren weniger verletzend als der Übermuth, mit dem er seine Nachbarn +unaufhörlich an seine eigene Erhabenheit und ihre Bedeutungslosigkeit +erinnerte. Damals zeigte er noch nicht die finstre Frömmigkeit, welche +in späterer Zeit dem französischen Hofe das Aussehen eines Klosters gab; +er war im Gegentheil ebenso ausschweifend, wenn auch nicht so kindisch +und träge wie sein Bruder von England. Doch war er ein aufrichtiger +Katholik, und nicht nur sein Gewissen, sondern auch seine Eitelkeit +veranlaßten ihn, seine Gewalt nach Art seiner berühmten Vorgänger, +Chlodwig, Karl der Große und Ludwig der Heilige, zur Verherrlichung und +Ausbreitung des wahren Glaubens zu verwenden. + +Unsere Väter blickten freilich mit ernster Besorgniß auf Frankreichs +wachsende Macht. Aber diese an sich völlig gerechtfertigte Empfindung +war nicht frei von anderen, weniger lobenswerthen Gefühlen. Frankreich +war unser Erbfeind. Gegen Frankreich hatten wir die ruhmvollsten +Schlachten geschlagen, von denen unsere Geschichte erzählte. Zweimal war +Frankreich von den Plantagenets erobert worden, und den Verlust +Frankreichs hatte man lange als ein großes Nationalunglück betrachtet. +Noch trugen unsere Souveraine den Titel eines Königs von Frankreich, +noch prangten die französischen Lilien, verbunden mit unseren eigenen +Löwen, im Wappenschilde des Hauses Stuart. Die Furcht vor Spanien hatte +im sechzehnten Jahrhundert das feindselige Verhältniß unterbrochen, das +von Alters her zwischen uns und Frankreich bestand. Die Furcht aber, +welche Spanien einflößte, machte bald einem verächtlichen Mitleide +Platz, und Frankreich trat wieder als alter Nationalfeind hervor. Der +Verkauf Dünkirchens war die am allgemeinsten verschrieene Maßregel des +wieder eingesetzten Königs gewesen, und Anhänglichkeit an Frankreich +stand an der Spitze aller Verbrechen, deren die Gemeinen Clarendon +beschuldigten. Selbst in Geringfügigkeiten zeigte sich die allgemeine +Stimmung. Wenn in den Straßen von Westminster eine Rauferei zwischen den +Dienern der französischen und spanischen Gesandtschaften stattfand, +so gab das Volk, obgleich an jeder thätlichen Theilnahme kräftigst +gehindert, doch die unzweideutigsten Zeichen, daß der alte Haß noch +nicht erloschen war. + +Frankreich und Spanien lagen eben in ernstem Streite mit einander. Eine +der Hauptabsichten der Politik Ludwigs war sein ganzes Leben hindurch +die Ausdehnung seiner Besitzungen bis an den Rhein. Aus diesem Grunde +hatte er Spanien den Krieg erklärt und befand sich jetzt auf dem Wege +der Eroberung. Die Vereinigten Provinzen gewahrten mit Besorgniß die +Fortschritte seiner Waffen. Diese berühmte Föderation hatte den Gipfel +der Macht, der Wohlfahrt und des Glückes erreicht. Das batavische +Gebiet, den Wogen entrissen und durch menschliche Kunst gegen sie +vertheidigt, war an Ausdehnung dem Fürstenthum Wales ziemlich gleich; +aber dieser enge Raum glich einem geschäftigen und dicht bevölkerten +Bienenstock, in welchem unaufhörlich neuer Reichthum geschaffen wurde +und eine Masse alter Schätze aufgehäuft waren. Der Anblick von Holland, +die vortreffliche Bodenkultur, die zahllosen Kanäle, die immer thätigen +Mühlen, die endlosen Flotten von Barken, das rasche Aufblühen großer +Städte, die beständig mit zahllosen Masten bespickten Häfen, die +geräumigen stattlichen Häuser, die prachtvollen Villas, die +reichgeschmückten Zimmer, die Gemäldesammlungen, die Landhäuser, die +Tulpenbeete: dies Alles übte auf die englischen Reisenden einen Zauber +aus, wie ihn der erste Anblick Englands auf einen Norweger oder Canadier +hervorbringen mag. Cromwell hatte die Generalstaaten gezwungen sich vor +ihm zu beugen; nach der Restauration aber hatten sie sich gerächt, mit +Erfolg gegen Karl Krieg geführt, und einen ehrenvollen Frieden +geschlossen. In so hohem Ansehen jedoch die reiche Republik in Europa +stand, Ludwigs Macht war ihr überlegen. Nicht ohne guten Grund fürchtete +sie, daß er sein Gebiet bald bis an ihre Grenzen ausdehnen werde, und +sie hatte wohl Ursache, die unmittelbare Nachbarschaft eines ebenso +mächtigen und ehrgeizigen, als gewissenlosen Monarchen zu scheuen. Es +war jedoch schwer ein Mittel aufzufinden, welches die Gefahr beseitigen +konnte. Die Holländer allein konnten Frankreich nicht die Wage halten, +und von der Rheinseite her war keine Hilfe zu erwarten. Ludwig hatte +verschiedene deutsche Fürsten für sich gewonnen, und der Kaiser selbst +war durch die Unzufriedenheit der Ungarn beschäftigt. England hatte sich +durch die Erinnerung an neuerdings erfahrene und erduldete schwere +Beleidigungen von den Vereinigten Provinzen getrennt, und seine Politik +war seit der Restauration so arm an Weisheit und Muth gewesen, daß man +kaum auf eine wirksame Unterstützung von seiner Seite hoffen konnte. + +Das Schicksal Clarendons und die überhandnehmende üble Stimmung des +Parlaments bestimmten die Räthe Karls, plötzlich eine Politik zu +ergreifen, welche die Nation in das freudigste Erstaunen versetzte. + + +[_Die Tripleallianz._] Der englische Resident zu Brüssel, Sir William +Temple, einer der erfahrensten Diplomaten und beliebtesten +Schriftsteller jener Zeit, hatte seinem Hofe bereits vorgeschlagen, daß +es eben so vortheilhaft als erwünscht sei, mit den Generalstaaten in +Vernehmen zu treten, um der anwachsenden Macht Frankreichs einen Damm +entgegen zu setzen. Längere Zeit hatte man seine Winke unberücksichtigt +gelassen, jetzt aber hielt man es für angemessen, ihnen Folge zu +leisten, und er bekam den Auftrag, mit den Generalstaaten deshalb zu +unterhandeln. Er begab sich nach dem Haag, und kam bald zu einem +Verständniß mit Johann de Witt, dem damaligen Premierminister Hollands. +Schweden war, trotz seiner unbedeutenden Hilfsquellen, vierzig Jahre +vorher durch das Genie Gustav Adolfs zu einem hohen Ansehen unter den +europäischen Mächten gelangt, und hatte diese Stellung bis jetzt +behauptet. Es wurde veranlaßt, sich bei dieser Gelegenheit mit England +und den Niederlanden zu verbinden. So ward jene Koalition gebildet, die +unter dem Namen der Tripleallianz bekannt ist. Ludwig ließ wohl Verdruß +und Gereiztheit merken, wagte es aber nicht, sich neben der Feindschaft +Spaniens auch noch die der Verbündeten zuzuziehen. Er gab daher willig +einen bedeutenden Theil des Gebietes auf, das seine Heere bereits +erobert hatten, der Friede ward in Europa hergestellt, und die englische +Regierung, noch kürzlich ein Gegenstand allgemeiner Verachtung, wurde +einige Monate lang von den auswärtigen Mächten mit fast eben so hoher +Achtung angesehen, als man früher dem Protektor gezollt hatte. + +In England war die Tripleallianz höchst populär. Sie befriedigte sowohl +den Nationalhaß wie den Nationalstolz, setzte dem Übermuthe eines +mächtigen und ehrgeizigen Nachbars ein Ziel, und verband auf das +Innigste die wichtigsten protestantischen Staaten. Cavaliere und +Rundköpfe waren vollkommen zufrieden, aber die Freude der Rundköpfe war +noch größer als die der Cavaliere, denn England hatte sich jetzt mit +einem Lande von republikanischer Verfassung und presbyterianischer +Religion gegen einen Staat verbündet, der von einem absoluten Fürsten +regiert ward, welcher der römisch-katholischen Kirche ergeben war. +Das Haus der Gemeinen zollte dem Vertrage lauten Beifall, und einige +rücksichtslose Unzufriedene nannten ihn die einzige gute Maßregel, +welche seit der Rückkehr des Königs ausgeführt worden sei. + + +[_Die Vaterlandspartei._] Dem Könige aber war diese Billigung des +Parlaments und Volks höchst gleichgültig. In der Tripleallianz sah er +blos ein vorübergehendes Mittel zur Beschwichtigung der herrschenden +Unzufriedenheit, welche einen ernsten Charakter anzunehmen schien. Er +bekümmerte sich weder um die Selbstständigkeit und Sicherheit, noch um +die Würde der Nation, über die er herrschte, und hatte angefangen, die +verfassungsmäßigen Beschränkungen lästig zu finden. Schon hatte sich im +Parlamente eine fest zusammenhaltende Partei gebildet, welche man die +Vaterlandspartei nannte. Diese bestand aus allen öffentlichen Männern, +welche sich zum Puritanismus und Republikanismus hinneigten, und von +denen Viele zwar der englischen Kirche und erblichen Monarchie zugethan, +aber aus Furcht vor dem Papstthum und Entrüstung über die Verschwendung, +Üppigkeit und Treulosigkeit des Hofes zur Opposition genöthigt waren. +Die Macht dieses Vereins von Staatsmännern war in stetem Wachsthum; +alljährlich kamen einige von den Mitgliedern, welche durch die loyale +Aufregung des Jahres 1661 in das Parlament gekommen waren, in Wegfall, +und die erledigten Plätze wurden durch weniger fügsame Personen besetzt. +Karl betrachtete sich nicht als König, so lange noch eine Versammlung +von Unterthanen, ehe sie seine Schulden bezahlte, seine Rechnungen +verlangen und darauf bestehen konnte, daß er erklärte, wer von seinen +Maitressen oder lustigen Gesellschaftern das Geld weggefischt habe, +welches zur Ausrüstung und Bemannung der Flotte bestimmt gewesen war. +Wenn er auch nicht gerade nach Ruhm geizte, so verdrossen ihn doch die +Spöttereien, welche bisweilen in den Verhandlungen der Gemeinen +vorkamen, und bei einer Gelegenheit versuchte er durch ein sehr schlecht +gewähltes Mittel diese Redefreiheit zu beschränken. Sir John Coventry, +ein Landedelmann, hatte in der Debatte auf die Liederlichkeit des Hofes +angespielt. Jede frühere Regierung würde ihn vor den Geheimen Rath +gefordert und in den Tower geschickt haben; jetzt aber wählte man einen +anderen Weg. Man sandte heimlich eine Rotte von Raufbolden ab, welche +dem Beleidiger die Nase aufschlitzen mußten. Diese gemeine Rache +verursachte, anstatt dem Geiste der Opposition zu schaden, eine solche +Aufregung, daß der König sich zu der harten Demüthigung genöthigt sah, +die Werkzeuge seiner Rache durch eine Akte zu verurtheilen, welche ihm +das Begnadigungsrecht entzog. + +Wie sehr er aber auch gegen die verfassungsmäßigen Schranken eingenommen +war, was sollte er thun, um sich von ihnen zu befreien? Er konnte sich +nur vermittelst einer großen stehenden Armee zum Despoten machen, aber +eine solche existirte nicht. Seine Einkünfte erlaubten ihm zwar einige +reguläre Truppen zu halten, aber diese, wenn auch stark genug, +um Mißtrauen und Besorgniß im Hause der Gemeinen wie im Volke +hervorzurufen, waren kaum hinreichend, um Whitehall und den Tower gegen +einen Aufstand des Londoner Pöbels zu vertheidigen. Solche Aufstände +waren allerdings bedenklicher Art, denn es wurde berechnet, daß in der +Hauptstadt und ihren Vorstädten nicht weniger als zwanzigtausend alte +Cromwellsche Soldaten lebten. + + +[_Verbindung zwischen Karl II. und Frankreich._] Da der König die +Absicht hatte, sich von der Aufsicht des Parlaments zu befreien, und er +zu diesem Unternehmen keine angemessene Hilfe im Innern zu finden hoffen +konnte, so war es natürlich, daß er den Blick zu diesem Behufe nach dem +Auslande richtete. Die Macht und der Reichthum des französischen Königs +konnten der schwierigen Aufgabe gewachsen sein, die unbeschränkte +Monarchie in England einzuführen. Ein solcher Bundesgenosse verlangte +aber jedenfalls starke Beweise der Dankbarkeit für einen derartigen +Dienst, Karl hätte zu der Bedeutung eines großen Vasallen herabsteigen, +und Krieg und Frieden nach Vorschrift der Regierung beschließen müssen, +welche ihm ihren Schutz gewährte. Seine Stellung zu Ludwig würde große +Ähnlichkeit mit der gehabt haben, in der sich jetzt der Rajah von +Nagpore und der König von Oude zur britischen Regierung befinden. Diese +Fürsten sind verpflichtet, die Ostindische Kompagnie in allen Angriffs- +und Vertheidigungskriegen zu unterstützen, und nur solche diplomatische +Verbindungen zu unterhalten, welche die Ostindische Kompagnie erlaubt. +Dafür sichert sie die Kompagnie gegen Empörung. So lange sie ihren +Verpflichtungen gegen die überlegene Macht treulich nachkommen, läßt man +sie über große Einkünfte verfügen, erlaubt ihnen, ihre Paläste mit +schönen Frauen anzufüllen, sich in der Gesellschaft ihrer Lieblinge dumm +zu schwelgen, und jeden Unterthanen, der ihnen mißfällt, ungestraft zu +unterdrücken. Ein solches Leben mußte einem Manne von Hochherzigkeit und +gewaltigem Geiste unerträglich sein; aber für den üppigen, trägen, +abgespannten, jeder Vaterlandsliebe und alles Bewußtseins persönlicher +Würde ermangelnden Karl hatte eine solche Aussicht durchaus nichts +Mißfälliges. Daß der Herzog von York zu dem Plane, die Würde der Krone, +welche er vermutlich einst selbst tragen würde, zu erniedrigen, die Hand +geboten haben sollte, mag auffallend erscheinen, denn seine Gemüthsart +war hochfahrend und herrschsüchtig, und er zeigte in der That ohne +Unterbrechung durch Aufwallungen und gelegentliche Weigerungen seinen +Haß gegen das französische Joch; er war jedoch durch Aberglauben fast +ebenso verdorben, wie sein Bruder durch Nichtsthun und Üppigkeit. Jacob +war damals schon Katholik. Frömmelei war die vorherrschende Richtung +seines beschränkten halsstarrigen Geistes geworden und so mit seiner +Herrschsucht verwachsen, daß diese beiden Leidenschaften kaum mehr zu +unterscheiden waren. Es war sehr unwahrscheinlich, daß er ohne fremde +Hilfe im Stande sein würde, das Übergewicht, oder auch nur Duldung für +seinen Glauben zu erlangen, und bei seiner Gemüthsverfassung sah er in +keinem Schritte etwas Erniedrigendes, wenn dadurch das Wohl der wahren +Kirche befördert werden konnte. + +Die Unterhandlung, welche eröffnet wurde, dauerte mehrere Monate. Die +Hauptagentin zwischen den Höfen von England und Frankreich war die +schöne, anmuthige und geistreiche Henriette, Herzogin von Orleans, Karls +Schwester, Ludwigs Schwägerin, und der Liebling Beider. Der König von +England erbot sich, den katholischen Glauben anzunehmen, die +Tripleallianz aufzulösen und sich mit Frankreich gegen Holland zu +verbinden, wenn Frankreich sich verpflichten wolle, ihm die nöthige +militärische und pekuniäre Hilfe zu leisten, welche nöthig sei, um sich +vom Parlamente unabhängig zu machen. Ludwig bemühte sich anfangs, diese +Vorschläge mit scheinbarer Kälte anzuhören, und ging endlich in einer +Weise darauf ein, als ob er eine große Gunst gewährte; der Weg aber, den +er einzuschlagen gesonnen war, konnte ihm nur Gewinn bringen. + + +[_Pläne Ludwigs in Bezug auf England._] Es scheint gewiß, daß es nie +seine ernstliche Absicht war, mit bewaffneter Hand in England +Despotismus und Papstthum einzuführen. Er mußte leicht einsehen, daß ein +derartiges Unternehmen höchst schwierig und gewagt war, indem es auf +Jahre hinaus alle Kräfte Frankreichs in Anspruch nehmen, und den +vortheilhafteren Vergrößerungsplänen, die er im Sinne hatte, hinderlich +sein würde. Zwar hätte er gern das Verdienst und den Ruhm erwerben +mögen, gegen angemessene Bedingungen seiner Kirche einen bedeutenden +Dienst zu leisten, er hatte aber keine Lust, seinen Vorfahren +nachzuahmen, welche im zwölften und dreizehnten Jahrhundert den Kern des +französischen Adels in Syrien und Egypten dem Tode entgegengeführt, und +es war ihm wohlbekannt, daß ein Kreuzzug gegen den Protestantismus in +England mit denselben Gefahren verbunden sein würde, wie die +Unternehmungen, welche die Heere Ludwigs VII. und Ludwigs IX. +verschlungen hatten. Es war für ihn keine Ursache vorhanden, den Stuarts +Absolutismus zu wünschen, und die englische Verfassung betrachtete er +durchaus nicht mit ähnlichen Gefühlen, durch welche späterhin Fürsten +veranlaßt wurden, gegen die freien Institutionen benachbarter Völker +Krieg zu führen. Dermalen hat jede große Partei, welche volksthümliche +Regierung wünscht, ihre Verbindungen in jedem civilisirten Staate. Jeder +wichtige Vortheil, den diese Partei erringt, giebt das Signal zu einer +allgemeinen Bewegung. Es ist nicht auffällig, wenn Regierungen, denen +eine gemeinschaftliche Gefahr droht, sich zu gegenseitiger Sicherung +verbinden; aber im siebzehnten Jahrhundert gab es keine derartige +Gefahr. Zwischen der öffentlichen Meinung in England und der von +Frankreich lag eine große Kluft. Unsere Einrichtungen wie unsere +Parteien verstand man in Paris ebenso wenig wie in Konstantinopel. Es +ist zu bezweifeln, ob eins von den vierzig Mitgliedern der französischen +Akademie ein englisches Werk in seiner Bibliothek hatte und Shakespeare, +Johnson oder Butler auch nur dem Namen nach kannte. Einige Hugenotten, +auf welche der Empörungsgeist ihrer Vorfahren übergegangen war, mochten +vielleicht Sympathien für ihre Glaubensbrüder, die englischen Rundköpfe, +hegen, aber die Hugenotten waren nicht mehr gefürchtet. Die Franzosen, +der Mehrzahl nach Katholiken, und stolz auf die Erhabenheit ihres +Monarchen wie auf ihre eigene Loyalität, betrachteten unsere +Anstrengungen gegen Papstthum und Willkürherrschaft nicht blos ohne +Bewunderung und Theilnahme, sondern mit entschiedener Mißbilligung und +Abneigung. Man würde sich deshalb irren, wollte man das Verfahren +Ludwigs Befürchtungen beimessen, welche nur entfernt denjenigen +ähnelten, die in unserem Jahrhundert die heilige Allianz bestimmten, +sich in die inneren Unruhen Spaniens und Neapels zu mischen. + +Nichtsdestoweniger waren ihm die Vorschläge des Hofes von Whitehall +äußerst willkommen. Er sann bereits auf großartige Pläne, welche Europa +über vierzig Jahre lang in Gährung erhalten sollten. Es war sein Wunsch, +die Vereinigten Provinzen zu demüthigen, und Belgien, die Franche Comté +und Lothringen an Frankreich zu bringen. Dies war aber noch nicht Alles. +Der König von Spanien, ein schwacher, kränklicher Knabe, starb aller +Wahrscheinlichkeit nach ohne Leibeserben. Seine älteste Schwester war +die Königin von Frankreich. Somit lag die Vermuthung sehr nahe, daß die +Zeit nicht mehr fern sei, wo das Haus der Bourbons seine Rechte an das +große Reich erheben werde, in welchem die Sonne nie unterging. Der +Vereinigung zweier so mächtigen Kronen auf einem Haupte würde sich ohne +Zweifel eine kontinentale Koalition widersetzt haben; aber jeder solchen +Koalition war Frankreich allein hinreichend gewachsen. England konnte +den Stand der Dinge ändern, von der Stellung, welche es in einer solchen +Krisis einnahm, hing das Schicksal der Welt ab, und es war zur Genüge +bekannt, daß Parlament und Volk von England eifrig der Politik anhingen, +deren Werk die Tripleallianz war. Es konnte daher für Ludwig nichts +erfreulicher sein, als in Erfahrung zu bringen, daß die Fürsten des +Hauses Stuart seine Hilfe wünschten und dieselbe durch unbegrenzte +Ergebenheit zu erkaufen geneigt wären. Er entschloß sich, die günstige +Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen, und bildete sich selbst einen +Plan, den er ohne Abweichung verfolgt hat, bis die Revolution von 1688 +alle seine politischen Pläne über den Haufen warf. Er erklärte sich +bereit, die Absichten des englischen Hofes zu befördern, und versprach +kräftigen Beistand, spendete auch bisweilen so viel Unterstützung, als +zur Aufrechterhaltung der Hoffnung nothwendig war, und er ohne Gefahr +und Unbequemlichkeit missen konnte. Auf diese Art wurde es ihm möglich, +mit viel geringeren Kosten als der Bau und die Einrichtung von +Versailles oder Marly erforderten, England fast zwanzig Jahre hindurch +zu einem eben so unbedeutenden Gliede des europäischen Staatenkörpers zu +machen, wie die Republik San Marino. -- + +Seine Absicht war nicht etwa, unsere Verfassung umzustürzen, sondern nur +die verschiedenen Elemente, aus denen sie bestand, in einem bleibenden +Zustande von Aufregung zu erhalten, und zwischen den Börsenmännern und +den Männern des Schwertes eine tödtliche Feindschaft hervorzurufen. +Zu diesem Zwecke bestach und stachelte er beide Parteien abwechselnd, +verlieh gleichzeitig den Ministern der Krone und den Häuptern der +Opposition Pensionen, ermuthigte den Hof, den rebellischen Übergriffen +des Parlaments entgegen zu treten, und verrieth dem Parlament die +Willkürpläne des Hofes. + +Einer von den Kunstgriffen, welche er anwandte, um sich Einfluß auf die +englischen Rathbeschlüsse zu verschaffen, verdient besonders erwähnt zu +werden. Obgleich Karl der Liebe, im höheren Sinne dieses Wortes, unfähig +war, so beherrschte ihn doch jedes Weib, dessen Reize seine Begierden +erregten, und dessen Manieren und Beredtsamkeit ihm die Zeit verkürzten. +Man würde mit Recht einen Ehemann verspotten, der sich von einer Frau +von Stand und gutem Rufe halb soviel gefallen ließe, als Englands König +von den lockeren Dirnen ertrug, die, während sie seiner Freigebigkeit +Alles verdankten, mit den Höflingen fast unter seinen Augen buhlten. +Geduldig ließ er sich die Zanksüchtigkeit Barbara Palmers, und die +naseweise Lustigkeit der Eleonore Gwynn gefallen. Ludwig war der höchst +richtigen Meinung, der beste Gesandte, den er nach London schicken +könne, sei eine schöne, lebenslustige und listige Französin, und eine +solche war Louise von Querouaille, von unsern derben Vorfahren Madame +Carwell genannt. Sie verdrängte bald alle Nebenbuhlerinnen, ward zur +Herzogin von Portsmouth erhoben, mit Reichthümern überschüttet, und +behauptete eine Herrschaft, die erst mit dem Tode Karls zu Ende ging. + + +[_Vertrag von Dover._] Die wichtigsten Bedingungen des Bündnisses +zwischen den beiden Kronen waren in einem geheimen Vertrage enthalten, +welcher im Mai 1670 zu Dover ratificirt wurde, zehn Jahre nach dem Tage, +an welchem Karl in demselben Hafen unter dem Jubel und den +Freudenthränen seines zu vertrauensvollen Volkes gelandet war. + +In diesem Vertrage erklärte Karl, sich öffentlich zur katholischen +Religion zu bekennen, seine Waffen mit denen Ludwigs zur Unterdrückung +der Vereinigten Provinzen zu verbinden und die ganze Land- und Seemacht +Englands aufbieten zu wollen, um die Rechte der Bourbons auf die große +spanische Monarchie zu unterstützen. Ludwig dagegen verpflichtete sich, +bedeutende Subsidien zu zahlen, und gab das Versprechen, bei etwaigem +Ausbruch einer Empörung in England auf eigene Kosten eine Armee zum +Beistande seines Bundesgenossen zu stellen. + +Dieser Vertrag ward unter düsteren Auspicien abgeschlossen. Sechs Wochen +nach seiner Unterzeichnung und Besiegelung war die liebenswürdige +Prinzessin nicht mehr, deren Einfluß auf Bruder und Schwager so +verderblich für ihr Vaterland gewesen. Durch ihren Tod entstand ein +entsetzlicher Argwohn, welcher die neugestiftete Freundschaft zwischen +den Stuarts und den Bourbons zu lösen drohte; nach kurzer Zeit aber +wiederholten die Verbündeten ihre Versicherungen unverminderter +Willfährigkeit. + +Der Herzog von York, zu bornirt, um die Gefahr zu erkennen, oder zu +fanatisch, sich deshalb Sorgen zu machen, verlangte mit Ungestüm, daß +der Artikel, welcher die katholische Religion betraf, unverzüglich in +Ausführung gebracht werde, aber Ludwig war scharfsinnig genug, +einzusehen, daß diese Handlung eine Explosion in England verursachen +werde, stark genug, um diejenigen Theile seines Planes zu zerstören, +welche ihn am meisten interessirten. Es wurde daher der Beschluß gefaßt, +daß Karl noch ferner für einen Protestanten gelten, und an hohen Festen +das Abendmahl nach dem Ritual der englischen Kirche empfangen solle; +sein gewissenhafterer Bruder besuchte seitdem die königliche Kapelle +nicht mehr. + +Um diese Zeit verschied die Herzogin von York, die Tochter des +verbannten Earl von Clarendon. Sie war vor einigen Jahren im Geheimen +zur katholischen Kirche übergetreten, und hinterließ zwei Töchter, Maria +und Anna, welche später nach einander Königinnen von England geworden +sind. Dieselben wurden auf besonderen Befehl des Königs protestantisch +erzogen, denn der König erkannte sehr wohl, daß es eine vergebliche Mühe +sein würde, sich für ein Mitglied der anglikanischen Kirche auszugeben, +wenn Kinder, die aller Wahrscheinlichkeit nach Erben des Thrones werden +mußten, mit seiner Bewilligung eine katholische Erziehung genossen. + +Die vornehmsten Beamten der Krone waren damals Männer, deren Namen mit +Recht eine nicht beneidenswerthe Berühmtheit erlangt haben; jedoch +müssen wir auch vorsichtig sein, und ihr Andenken nicht mit einer +Schmach beladen, die mit Recht ihrem Gebieter gebührt. Der Vertrag von +Dover war hauptsächlich ein Werk des Königs. Er conferirte darüber mit +französischen Geschäftsträgern, schrieb in Betreff desselben viele +eigenhändige Briefe, brachte selbst die entehrendsten Punkte, welche er +enthielt, in Vorschlag, und verheimlichte sorgfältig mehrere dieser +Artikel der Mehrzahl seiner Cabinetsräthe. + + +[_Natur des englischen Cabinets._] Wenige Vorfälle in der Geschichte +Englands sind merkwürdiger, als der Ursprung und das Wachsthum der +Macht, welche das Cabinet jetzt besitzt. Seit frühester Zeit +unterstützte die Beherrscher Englands ein Geheimer Rath, welchem das +Gesetz viele bedeutende Befugnisse und Pflichten übertrug. Jahrhunderte +hindurch berathschlagte dieses Collegium über die bedeutungsvollsten und +kitzlichsten Staatsangelegenheiten; doch änderte sich allmälig sein +Charakter. Es wurde zu ausgedehnt für rasche That und Geheimhaltung. Die +Stellung eines Geheimen Rathes wurde oft als ehrende Auszeichnung an +Leute vergeben, denen man nichts anvertraute, und um deren Meinung man +sich nicht kümmerte. Der Souverain beschränkte sich bei wichtigen +Angelegenheiten auf den Rath eines kleinen Kreises leitender Minister. +Die Vortheile und Nachtheile dieses Verfahrens sind von Bacon schon +frühzeitig mit seiner bekannten, treffenden und scharfsinnigen +Urtheilsgabe geschildert worden, aber erst nach Beendigung der +Restauration zog der innere Rath die öffentliche Aufmerksamkeit auf +sich. Die Politiker der alten Schule betrachteten das Cabinet als eine +nicht verfassungsmäßige und gefährliche Behörde. Gleichwohl gewann es an +Bedeutung, zog endlich die höchste ausübende Gewalt an sich, und wird +jetzt seit mehreren Menschenaltern für einen wesentlichen Bestandtheil +unserer Staatsverfassung angesehen. Seltsamer Weise ist das Cabinet dem +Gesetze aber noch immer unbekannt, die Namen der Personen des hohen und +niedern Adels, aus denen es besteht, werden dem Publikum nie amtlich +bekannt gemacht, es führt keine Protokolle über seine Versammlungen und +Beschlüsse, und keine Parlamentsakte hat seine Existenz anerkannt. + + +[_Die Cabale._] Einige Jahre hindurch gebrauchte man im Volke das Wort +Cabal gleichbedeutend mit Cabinet. Durch ein sonderbares Zusammentreffen +bestand nämlich das Cabinet im Jahre 1671 aus fünf Personen, von deren +Namen die Anfangsbuchstaben das Wort Cabal bildeten, es waren Clifford, +Arlington, Buckingham, Ashley und Lauderdale. Durch diese Anwendung +erhielt das Wort eine so üble Bedeutung, daß es seitdem nur als ein +Vorwurf gebraucht wird. + +Sir Thomas Clifford war Schatzkommissarius, und hatte sich im Hause der +Gemeinen sehr bemerkbar gemacht. Er war von den Mitgliedern der Cabale +das Ehrenwertheste, denn bei einem lebhaften und herrschsüchtigen +Charakter besaß er ein starkes, wenngleich auf beklagenswerthe Weise +irregeleitetes Gefühl für Ehre und Pflicht. + +Heinrich Bennet, Lord Arlington, zu jener Zeit Staatssekretair, hatte +seit angetretenem Mannesalter auf dem Continent gelebt, und sich jene +kosmopolitische Gleichgültigkeit gegen Verfassungen und Religionen zu +eigen gemacht, welche man oft bei Leuten findet, deren Leben in +unregelmäßiger diplomatischer Thätigkeit verflossen ist. Die +Verfassungsform, welche ihm am meisten zusagte, war die französische; +gab es eine Kirche, für welche er einige Vorliebe hegte, so war es die +katholische. Bei einigem Unterhaltungstalente, sowie ziemlicher +Befähigung zu den gewöhnlichen Geschäften seines Amtes, hatte Arlington +im Laufe seines an Reisen und Unterhandlungen reichen Lebens die Kunst +erlernt, seine Rede und sein Benehmen der Gesellschaft anzupassen, in +der er sich eben bewegte. Seine Lebhaftigkeit im Unterhaltungszimmer +amüsirte den König, seine Würde bei Verhandlungen und Zusammenkünften +imponirte dem Publikum, und es war ihm geglückt, sowohl durch geleistete +Dienste, wie auch durch erregte Hoffnungen, sich einen bedeutenden +Anhang zu verschaffen. + +Buckingham, Ashley und Lauderdale waren Männer, welche die +Unsittlichkeit, die unter den Staatsmännern jener Zeit epidemisch war, +in der schlimmsten Form, und durch große Verschiedenheit des +Temperaments und der geistigen Anlagen modifizirt, besaßen. Buckingham +war vom Vergnügen übersättigt, und hatte sich zum Zeitvertreib +den Ehrgeiz erwählt. Wie er mit Architektur und Musik, mit +Lustspielschreiben und mit Forschen nach dem Steine der Weisen sich zu +unterhalten versucht hatte, so wollte er sich jetzt durch geheime +Unterhandlungen und durch einen holländischen Krieg amüsiren. Er war +bereits, mehr aus Unbeständigkeit und Lust zur Veränderung, als aus +einem ernsteren Grunde, allen Parteien treulos geworden. Einmal stand er +auf der Seite der Cavaliere, ein andermal war ein Verhaftsbefehl gegen +ihn erlassen, weil er einen verrätherischen Verkehr mit dem Überreste +der republikanischen Armee in der City unterhielt. Jetzt war er wieder +Höfling, und bemüht, die Gnade des Königs durch Dienstleistungen zu +erwerben, vor denen die Ausgezeichnetsten unter denen, welche für das +königliche Haus gekämpft und gelitten hatten, sich mit tiefem Abscheu +abgewandt haben würden. + +Ashley, mit einem entschiedeneren Charakter und ungestümeren Ehrgeize, +hatte gleiche Unzuverlässigkeit gezeigt, aber es war dieselbe nicht +Folge des Leichtsinns, sondern der berechneten Selbstsucht. Er hatte +einer Reihe von Regierungen gedient, und sie verrathen, aber für seine +Verräthereien immer den glücklichen Zeitpunkt so gut gewählt, daß alle +Revolutionen sein Glück beförderten. Das Volk, voller Bewunderung über +ein Glück, welches, sonst in fortwährendem Wechsel begriffen, hier so +dauernd anhielt, schrieb ihm eine fast wunderbare Sehergabe zu, und +verglich ihn mit dem israelitischen Staatsmanne von dem wir lesen, daß +sein Rath gewesen sei, als wenn ein Mann das Orakel Gottes befragt +hätte. + +Lauderdale, laut und plump, in der Freude wie im Zorn, war unter dem +Scheine von polternder Freimüthigkeit vielleicht der unehrlichste in der +ganzen Cabal. In dem schottischen Aufruhr von 1638 war er ein +hervorragender, eifriger Anhänger des Covenants gewesen. Man +beschuldigte ihn, bei dem Verkaufe Karls I. an das englische Parlament +schwer betheiligt gewesen zu sein, und er wurde daher von den guten +Cavalieren für einen noch verächtlicheren Verräther gehalten als +diejenigen, welche im hohen Gerichtshofe gesessen hatten. Oft sprach er +mit lauter Heiterkeit von den Tagen, da er ein Sectirer und Rebell +gewesen war. Der Hof benutzte ihn jetzt als Hauptwerkzeug bei dem +Vorhaben, dem widerstrebenden Volke das Episkopat aufzudringen, und er +schämte sich nicht, in dieser Angelegenheit Schwert, Strick und Folter +mit schonungslosem Eifer anzuwenden. Wer ihn aber genauer kannte, wußte +auch, daß die letzten dreißig Jahre seine Gesinnungen unverändert +gelassen hatten, daß er noch jetzt das Andenken Karls I. verachtete und +noch immer die presbyterianische Kirchenform jeder andern vorzog. + +Bei aller Gewissenlosigkeit Buckinghams, Ashley's und Lauderdale's wagte +man es doch nicht, ihnen das Vorhaben des Königs, zur katholischen +Kirche überzutreten, anzuvertrauen. Man zeigte ihnen einen falschen +Vertrag, in welchem der die Religion betreffende Artikel fehlte; im +echten Vertrage befinden sich blos die Namen und Siegel von Clifford und +Arlington. Diese beiden Staatsmänner nahmen Partei für die alte Kirche, +welche Parteilichkeit der brave, heftige Clifford auch bald darauf +ehrlich aussprach, die aber der überlegendere, weniger edle Arlington +verhehlte, bis die Furcht vor dem nahen Tode ihm Offenheit abzwang. +Die drei andern Cabinetsminister waren jedoch nicht leicht zu täuschen, +und vermutheten wahrscheinlich mehr, als man ihnen mitgetheilt hatte. +Übrigens waren sie bei allen politischen Übereinkünften mit Frankreich +in's Geheimniß gezogen, und schämten sich nicht, kostbare +Gnadengeschenke von Ludwig anzunehmen. + +Karls nächste Absicht war jetzt von den Gemeinen Zugeständnisse zu +erhalten, die zur Realisirung des geheimen Vertrags dienen sollten. Die +Cabale, welche sich im Besitze der Gewalt befand, als die Regierung in +einem Zustande des Übergangs war, vereinigte in sich zwei verschiedene +Gattungen von Lastern, welche zwei verschiedenen Zeitaltern und zwei +verschiedenen Systemen angehörten. Wie diese fünf bösen Räthe zu den +letzten englischen Staatsmännern gehörten, welche die ernstliche Absicht +hatten, das Parlament zu vernichten, so waren sie auch die ersten +englischen Staatsmänner, welche dasselbe zu bestechen versuchten, und +ihre Politik zeigt zugleich die letzte Spur von Straffords »Durch« und +die erste Spur von jener systematischen Bestechung, welche nach der Zeit +Walpole's ausgeübt wurde. Sehr bald erkannten sie aber, daß, obgleich +das Haus der Gemeinen fast durchgängig aus Cavalieren bestand, und +französisches Gold und Stellen an die Mitglieder verschwendet wurden, +doch keine Aussicht war, auch nur die am wenigsten gehässigen Punkte des +Vertrags von Dover durch die Majorität unterstützt zu sehen; man mußte +also nothwendig zum Betrug greifen. Der König heuchelte daher großen +Eifer für die Grundsätze der Tripleallianz und erklärte, daß um den +französischen Ehrgeiz zu zügeln, eine Vermehrung der Flotte nöthig sei. +Die Gemeinen ließen sich fangen, und bewilligten achthunderttausend +Pfund. Sofort wurde das Parlament vertagt, und der jeder Controle +entledigte Hof begann unverzüglich mit der Ausführung seines großen +Planes. + + +[_Zahlungseinstellung der Schatzkammer._] Die finanziellen +Verlegenheiten waren sehr ernster Natur. Ein Krieg mit Holland mußte +ungeheure Kosten erfordern, und die gewöhnlichen Einkünfte reichten eben +nur hin, um die Bedürfnisse der Regierung im Frieden zu bestreiten. Die +achthunderttausend Pfund, welche man den Gemeinen abgeschwindelt hatte, +waren nicht genügend, die Kosten der Flotte und des Heeres auch nur auf +ein einziges Kriegsjahr zu decken, und nach der traurigen Lehre, die das +Lange Parlament gegeben, wagte es selbst die Cabale nicht, wieder ein +Boden- oder Schiffsgeld einzuführen. In dieser Verlegenheit empfahlen +Ashley und Clifford einen niederträchtigen Verrath an dem öffentlichen +Vertrauen. Die Goldschmiede Londons trieben damals nicht blos Handel mit +edlen Metallen, sondern auch Geldwechsel, und waren daran gewöhnt, +der Staatskasse große Summen vorzustrecken, für welche Darlehen sie +Anweisungen auf das Einkommen erhielten, welche nach der Steuererhebung +mit den Zinsen bezahlt wurden. In dieser Art waren eine Million und +dreihunderttausend Pfund der Ehre des Staates anvertraut worden. Da +erschien plötzlich die Bekanntmachung, daß es nicht möglich sei, das +Capital zu zahlen, und daß die Creditoren sich mit den Zinsen begnügen +müßten. In Folge dessen konnten dieselben ihren eigenen Verpflichtungen +nicht nachkommen, die Börse gerieth in Aufruhr, mehrere große +Handelshäuser machten Bankerott, Schreck und Jammer kamen über die ganze +Gesellschaft. Inzwischen ging man rasch dem Despotismus entgegen. +Proklamationen, welche von Parlamentsakten dispensirten oder +Vorschriften machten, die nur dem Parlamente zustanden, erschienen in +rascher Aufeinanderfolge. Das bedeutendste dieser Edicte war die +Indulgenzerklärung. In diesem Aktenstücke wurden die Strafgesetze gegen +die Katholiken durch königlichen Machtspruch noch einmal beseitigt, und +um die wahre Absicht der Maßregel zu verschleiern, hob man gleichzeitig +auch die Gesetze gegen die protestantischen Nichtconformisten auf. + + +[_Krieg mit den Vereinigten Provinzen und große Gefahr derselben._] +Wenige Tage nach dem Bekanntwerden der Indulgenzerklärung wurde den +Vereinigten Provinzen der Krieg erklärt. Zur See fochten die Holländer +mit Ehren, zu Lande aber wurden sie anfänglich durch unwiderstehliche +Gewalt bezwungen. Ein großes französisches Heer ging über den Rhein, +eine Festung nach der andern ergab sich. Die Sieger besetzten drei von +den sieben Provinzen des Bundes. Man sah die Lagerfeuer des Feindes von +dem Dache des Rathhauses zu Amsterdam. Zu gleicher Zeit wurde die von +außen so hart bedrängte Republick auch von inneren Zwistigkeiten +heimgesucht. Die Regierung befand sich in den Händen einer geschlossenen +Oligarchie mächtiger Bürger. Es gab eine große Menge selbstgewählter +Stadträthe, welche innerhalb ihrer Bezirke viele Souverainetätsrechte +ausübten; diese Räthe schickten Abgeordnete an die Provinzialstaaten, +und die Provinzialstaaten wieder Beauftragte an die Generalstaaten. Eine +erbliche, höchste Obrigkeit war kein wesentlicher Theil dieser +Staatseinrichtung. Doch hatte eine, an berühmten Männern auffallend +fruchtbare Familie allmälig eine bedeutende und zugleich ziemlich +unbestimmte Gewalt erlangt. Wilhelm, dieses Namens der Erste, Prinz von +Nassau-Oranien und Statthalter von Holland, hatte an der Spitze des +denkwürdigen Aufstandes gegen Spanien gestanden, sein Sohn Moritz war +Generalkapitain und oberster Minister der Staaten gewesen, hatte sich +durch ausgezeichnete Befähigung und vortreffliche Dienste, sowie durch +einige verrätherische und unmenschliche Handlungen zu königlicher Macht +emporgeschwungen, und diese Macht zum Theil seiner Familie hinterlassen. +Der Einfluß der Statthalter war ein Gegenstand höchster Eifersucht für +die städtische Oligarchie, aber die Armee, sowie die große Menge von +Bürgern, denen jede Theilnahme an der Regierung entzogen war, +betrachteten die Bürgermeister und Deputirten mit einer Abneigung, +ähnlich der, welche die Legionen und der große Haufe in Rom gegen den +Senat fühlten, und zollten dem Hause Oranien eine so treue Ergebenheit +wie die Legionen und die Massen dem Hause Cäsars. Der Statthalter stand +an der Spitze des Heeres der Republik, verfügte über alle militärischen +Commandos, hatte bedeutenden Einfluß auf die Civilgewalt, und umgab sich +mit einem fast königlichen Glanze. + +Prinz Wilhelm II. hatte bei der oligarchischen Partei auf heftigen +Widerstand gestoßen, er starb 1650, während großer bürgerlicher Unruhen, +ohne Kinder zu hinterlassen. Die Mitglieder seiner Familie befanden sich +einige Zeit ohne Haupt, und die von ihm ausgeübte Gewalt wurde unter die +Stadträthe, Provinzialstaaten und Generalstaaten vertheilt. + +Wenige Tage nach Wilhelms Tode gebar seine Witwe, Marie, Tochter +Karls I. von England, einen Sohn, welcher bestimmt war, den Ruhm und die +Macht des Hauses Nassau auf den höchsten Gipfel zu treiben, die +Vereinigten Provinzen vor Unterdrückung zu bewahren, die Macht +Frankreichs zu brechen und der englischen Verfassung eine solide +Grundlage zu geben. + + +[_Wilhelm Prinz von Oranien._] Dieser Prinz mit dem Namen Wilhelm +Heinrich, war von seiner Geburt an ein Gegenstand ernster Sorge für die +zur Zeit in Holland herrschende Partei, und loyaler Ergebenheit für die +Anhänger seines Hauses. Als der Besitzer eines großen Vermögens, als das +Haupt eines der erlauchtesten Häuser Europa's, als ein souverainer Fürst +des deutschen Reiches, als ein Prinz von königlichem Geblüte Englands, +vor Allem aber als ein Sprößling der Schöpfer der batavischen Freiheit, +genoß er der höchsten Achtung. Aber das mächtige Amt, welches seine +Familie einst als erblich betrachtete, wurde nicht wieder besetzt, +und nach dem Willen der aristokratischen Partei sollte nie wieder ein +Statthalter gewählt werden. Die Stelle der ersten Magistratsperson +vertrat zum großen Theile der Großpensionair der Provinz Holland, Johann +de Witt, dessen Klugheit, Festigkeit und Redlichkeit ihn zu einem hohen +Ansehen im Rathe der municipalen Oligarchie erhoben hatten. + +Die französische Invasion brachte eine vollständige Umwandlung hervor. +Das leidende, und von Schrecken erfüllte Volk wüthete furchtbar gegen +die Regierung, und fiel in seiner Tollheit über die tapfersten +Heerführer und die geschicktesten Staatsmänner der Regierung her. De +Ruyter wurde von dem Pöbel insultirt, und de Witt vor dem Thore des +Palastes der Generalstaaten im Haag in Stücke zerrissen. Der Prinz von +Oranien war an dem Morde unschuldig, aber bei dieser Gelegenheit, sowie +zwanzig Jahre später bei einer anderen beklagenswerthen Veranlassung, +beurtheilte er die Verbrechen, welche in seinem Interesse verübt wurden, +so nachsichtig, daß dadurch sein Ruhm befleckt wurde. Er trat ohne +Nebenbuhler an die Spitze der Regierung. Wenn auch noch jung, hob sein +feuriger unbeugsamer Geist, obgleich unter einer kalten, düsteren +Außenseite verborgen, gar bald den Muth seiner zagenden Landsleute. +Jeder Versuch seines Oheims, sowie des französischen Königs, ihn durch +die glänzendsten Versprechungen der Sache der Republik abwendig zu +machen, war vergeblich. Gegen die Generalstaaten führte er eine +schwungreiche, begeisternde Sprache. Er wagte sogar ihnen einen +Vorschlag zu machen, der einen Anstrich von antikem Heroismus hatte, +und der, wenn er zur Ausführung gekommen wäre, der edelste Stoff für ein +Epos sein würde, der im Bereiche der neueren Geschichte existirte. Er +erklärte den Abgeordneten, daß, selbst wenn ihr Heimathsland und die +Wunder, mit denen menschlicher Kunstfleiß es bedeckt, von dem Ocean +verschlungen wären, noch nicht Alles verloren sei. Die Holländer könnten +Holland überleben; Freiheit und reine Gottesverehrung, würden sie auch +von Tyrannen und Fanatikern aus Europa verbannt, könnten in Asiens +entferntesten Inseln eine Freistätte finden. Die Schiffe, welche in den +Häfen der Republik ankerten, würden ausreichen, um zweihunderttausend +Auswanderer nach dem indischen Archipel zu bringen, dort könne die +holländische Republik ein neues, glorreiches Dasein beginnen, und unter +dem Kreuze des Südens, umgeben von Zuckerrohr und Muscatbäumen, die +Börse eines reicheren Amsterdam und den Lehrstuhl eines gelehrteren +Leyden errichten. Der Nationalgeist erhob sich gewaltig. Die +Bedingungen, welche die Verbündeten anboten, wurden kurz zurückgewiesen, +die Dämme wurden durchstochen, und das ganze Land in einen ungeheuren +See verwandelt, aus dem die Städte mit ihren Mauern und Thürmen wie +Inseln hervorragten. Die Feinde retteten sich nur durch den eiligsten +Rückzug vor Vernichtung; Ludwig aber, welcher es zuweilen für +vortheilhaft hielt, sich an der Spitze des Heeres zu zeigen, jedoch +einen Palast bequemer fand als ein Kriegslager, war bereits heimgekehrt, +um in den neuangelegten Alleen von Versailles sich der Schmeicheleien +der Dichter und des Lächelns seiner Damen zu erfreuen. + +Bald folgte der Ebbe die Fluth. Der Erfolg des Seekrieges war +zweifelhaft geblieben; zu Lande hatten die Vereinigten Provinzen +Aufschub erlangt, und ein Aufschub, wenn auch noch so kurz, war von +unübersehbarer Wichtigkeit. Beunruhigt durch die weitaussehenden Pläne +Ludwigs, griffen beide Linien des mächtigen österreichischen Hauses zu +den Waffen. Spanien und Holland vergaßen die alten gegenseitigen +Beschwerden und Demüthigungen, und söhnten sich angesichts der +gemeinschaftlichen Gefahr wieder aus. Aus allen Gegenden Deutschlands +marschirten Truppen nach dem Rheine. Die Fonds der englischen Regierung, +welche man durch Beraubung der Staatsgläubiger zusammen gebracht, waren +erschöpft, von der City ließ sich kein Darlehn erwarten, und der Versuch +durch königlichen Machtspruch Steuern zu erheben, würde unverzüglich +eine Revolution hervorgerufen haben. Ludwig aber, der jetzt mit dem +halben Europa in Krieg verwickelt war, befand sich nicht in der +Verfassung, die Mittel zur Bezwingung des englischen Volkes +herbeizuschaffen. So war es nothwendig, das Parlament einzuberufen. + + +[_Versammlung des Parlaments._] Im Frühlinge des Jahres 1673 +versammelten sich also die Häuser nach einer Unterbrechung von beinahe +zwei Jahren. Clifford, jetzt Pair und Lord Schatzmeister, und Ashley, +jetzt Lord Kanzler und Earl von Shaftesbury, waren die Männer, auf +welche der König hinsichtlich der Leitung des Parlaments sich verließ. +Die Vaterlandspartei zögerte nicht, sofort die Politik der Cabale +anzugreifen, dieser Angriff geschah aber nicht stürmisch, sondern durch +langsames und wohlberechnetes Vorrücken. Die Gemeinen gaben zuerst +Hoffnung, daß sie die auswärtige Politik des Königs unterstützen +wollten, verlangten aber, daß er diese Hilfe dadurch erkaufen sollte, +daß er das ganze System seiner innern Politik fallen lasse. Vor Allem +verlangten sie die Zurücknahme der Indulgenzerklärung. + + +[_Indulgenzerklärung._] Der unpopulärste Schritt, den die Regierung +jemals gethan hatte, war unbedingt die Bekanntmachung dieser Erklärung. +Die verschiedenartigsten Gefühle waren verletzt durch eine an sich zwar +freisinnige, aber in höchst despotischer Weise ausgeführte Maßregel. +Die Feinde religiöser, und die Freunde bürgerlicher Freiheit waren eng +verbunden, und aus diesen beiden Klassen bestanden neunzehn +Zwanzigtheile der Nation. Der eifrige Anhänger der Staatskirche +beschwerte sich über die Bevorzugung, welche dem Papisten wie dem +Puritaner zu Theil geworden sei. Der Puritaner freute sich zwar über das +Aufhören der Verfolgung, die ihn gedrückt hatte, war aber eben nicht +besonders dankbar für eine Duldung, welche er mit dem Antichrist theilen +sollte. Alle Engländer jedoch, welche Freiheit und Gerechtigkeit +achteten, erkannten mit Besorgniß den tiefen Eingriff, den die +Prärogative in das Gebiet der Gesetzgebung gethan hatte. + +Der Wahrheit die Ehre zu geben, darf nicht geleugnet werden, daß die +constitutionelle Frage nicht ganz frei von Dunkelheit war. Unsere alten +Könige besaßen das unbestrittene Recht, die Wirkung von Strafgesetzen zu +suspendiren, die Gerichtshöfe hatten dieses Recht anerkannt und die +Parlamente es nicht angefochten. Daß ein derartiges Recht der Krone +zustehe, wagten, selbst von der Landpartei, in Betracht der Ereignisse +und Autoritäten nur Wenige in Abrede zu stellen. Gleichwohl war es klar +daß, wenn diese Prärogative keine Grenze hatte, die englische Regierung +von reinem Despotismus fast gar nicht unterschieden werden konnte. +Daß es eine Grenze gebe, gestand der König sammt seinen Ministern ein, +die Frage war nur, ob die Indulgenzerklärung innerhalb oder außerhalb +derselben liege, und keine Partei vermochte eine Grenzlinie zu +bestimmen, welche die Prüfung bestand. Einige Gegner der Regierung +beschwerten sich, daß durch die Erklärung nicht weniger als vierzig +Gesetze suspendirt würden; warum aber nicht vierzig sogut wie eins? Ein +Redner sprach unverhohlen aus, daß der König verfassungsmäßig zwar von +schlechten Gesetzen dispensiren könne, nicht aber von guten. Das +Ungereimte einer solchen Unterscheidung liegt auf der Hand. Die Ansicht, +welche im Hause der Gemeinen angenommen schien, war wohl im Allgemeinen +die, daß das Dispensationsrecht sich blos auf weltliche Punkte +erstrecke, und nicht auf Gesetze, die man zur Sicherheit der +Landeskirche erlassen. Da aber der König das Oberhaupt der Kirche war, +so schien es, daß wenn er überhaupt die dispensirende Gewalt besitze, +er sie wohl auch da haben konnte, wo die Kirche in's Spiel kam. Die +Versuche der Hofleute, die Grenzen dieser Prärogative zu bezeichnen, +mißlangen eben so vollständig wie früher die der Opposition.[3] + +Die Wahrheit ist, daß die Dispensationsbefugniß eine große Anomalie in +Staatssachen war. In der Theorie war sie mit den Grundsätzen gemischter +Verfassung nicht zu vereinigen, aber sie war in einer Zeit entstanden, +wo das Volk sich wenig um Theorien kümmerte. In der Praxis hatte man +diese Befugniß niemals auf gröbliche Art gemißbraucht, sie war deshalb +geduldet worden, und endlich allmälig zu einer Art Verjährung gekommen. +Nach einem langen Zwischenraume wurde sie endlich in einem +fortgeschrittenen Zeitalter bei einer wichtigen Veranlassung und zwar in +früher nicht gekannter Ausdehnung, zu einem allgemein verabscheuten +Zwecke in Anwendung gebracht. Sie wurde einer strengen Untersuchung +unterworfen, und wenn man auch nicht gleich wagte sie geradezu für +verfassungswidrig zu erklären, so kam man doch zu der Erkenntniß, daß +sie in directem Widerspruche mit der Verfassung stehe, und wenn sie +willkürlich blieb, die englische Regierung aus einer beschränkten +Regierung in eine absolute verwandeln würde. + + [Anmerkung 3: Das Vernünftigste was über diesen Gegenstand im + Hause der Gemeinen gesprochen wurde, rührte von Sir William + Coventry her. »Unsere Voreltern haben niemals eine Linie gezogen, + um die Souverainetätsrechte und die Freiheit zu begrenzen.«] + + +[_Cassirung der Indulgenzakte. Annahme der Testakte._] Durch solche +Befürchtungen veranlaßt, stellten die Gemeinen in Abrede, daß es ein +Dispensationsrecht des Königs gebe, zwar nicht rücksichtlich aller +Strafgesetze, sondern blos soweit diese die kirchlichen Angelegenheiten +beträfen, und sie gaben dem König nicht undeutlich zu verstehen, daß sie +nur bei Aufgabe dieses Rechtes ihm Bewilligungen für den holländischen +Krieg machen würden. Für den Augenblick schien er geneigt, Alles zu +wagen, bis ihm Ludwig dringend rieth, sich der Nothwendigkeit zu fügen +und einen günstigeren Zeitpunkt abzuwarten, wo die französischen Heere, +jetzt zu schwerem Kriege auf dem Festlande verwendet, benutzt werden +könnten, um die Unzufriedenheit in England zu unterdrücken. In der +Cabale selbst wurden Zeichen von Uneinigkeit und Verrätherei sichtbar. +Shaftesbury erkannte mit seinem zum Sprichwort gewordenen Scharfblick, +daß eine heftige Reaction bevorstehe, und Alles einer Krisis gleich der +von 1640 zuschreite. Er beschloß, daß diese ihn nicht in Straffords Lage +finden sollte, machte deshalb eine plötzliche Wendung und erkannte im +Hause der Lords an, daß die Erklärung gesetzwidrig sei. Der König, von +seinen Verbündeten sowie von seinem Kanzler verlassen, fügte sich, nahm +die Indulgenzerklärung zurück und versprach feierlich, daß sie niemals +in Anwendung gebracht werden solle. + +Selbst diese Concession war ungenügend. Die Gemeinen waren noch nicht +damit zufrieden, ihren Souverain zur Vernichtung der Indulgenz gezwungen +zu haben, sie nöthigten ihm auch seine ungern ertheilte Zustimmung ab zu +einem wichtigen Gesetze, welches bis zur Regierung Georgs IV. geltend +geblieben ist. Dieses Gesetz unter der Benennung »Testakte« bekannt, +bestimmte, daß alle mit militairischen oder bürgerlichen Ämtern +bekleideten Personen den Suprematseid leisten, eine Erklärung gegen die +Transsubstantiation unterschreiben und öffentlich das Abendmahl nach den +Gesetzen der englischen Kirche empfangen sollten. Die Einleitung des +Gesetzes spricht nur in feindseligen Ausdrücken gegen die Papisten, die +folgenden Paragraphen aber waren den Papisten kaum weniger ungünstig als +der strengsten Klasse von Puritanern. Diese jedoch, durch die offenbare +Hinneigung des Hofes zum Papstthum erschreckt, und von einigen Anhängern +der Hochkirche zu der Hoffnung beredet, daß nach der wirksamen +Entwaffnung der Katholischen den protestantischen Nichtconformisten +Hilfe werden solle, erhoben nur geringen Widerspruch, und auch der +König, der sich in größter Geldverlegenheit befand, konnte nicht wagen +seine Genehmigung vorzuenthalten. Die Akte wurde vollzogen und in Folge +davon der Herzog von York genöthigt, den hohen Posten eines Lord +Großadmirals aufzugeben. + + +[_Auflösung der Cabale._] Noch hatten die Gemeinen sich nicht gegen den +holländischen Krieg erklärt. Nachdem aber der König aus Dankbarkeit für +die ihn sehr vorsichtig gespendeten Summen den ganzen Plan seiner +inneren Politik fallen gelassen, traten sie heftig gegen seine +auswärtige Politik auf. Sie verlangten, daß Buckingham und Lauderdale +für immer aus dem Rathe entfernt würden, und bildeten einen Ausschuß, +welcher ermitteln sollte, ob es angemessen sei, Arlington unter Anklage +zu stellen. Nach kurzer Zeit existirte die Cabale nicht mehr. Clifford, +der Einzige von den Fünfen, der mit einigem Grund für einen rechtlichen +Mann gelten konnte, verweigerte den neuen Religionseid, legte seinen +weißen Stab nieder und zog sich auf seine Güter zurück. Arlington +vertauschte den Posten eines Staatssecretairs mit einer ruhigen, +ehrenvollen Anstellung im königlichen Hause. Shaftesbury und Buckingham +versöhnten sich mit der Opposition und erschienen an der Spitze der +stürmischen Demokratie der City. Lauderdale hingegen blieb Minister der +schottischen Angelegenheiten, mit denen das englische Parlament nichts +zu schaffen hatte. + +Jetzt drängten die Gemeinen den König, mit Holland Frieden zu schließen +und erklärten ohne Hehl, daß sie durchaus keine Mittel zu diesem Kriege +bewilligen würden, wenn der Feind sich nicht hartnäckig weigere, auf +annehmbare Bedingungen einzugehen. Karl begriff, daß er nun jeden +Gedanken an die Ausführung des Vertrags von Dover bis auf einen +geeigneteren Zeitpunkt fallen lassen müsse, und schmeichelte der Nation +durch den Anschein, als wolle er zur Politik der Tripleallianz +zurückkehren. Temple, welcher seit der Macht der Cabale in +Zurückgezogenheit unter seinen Büchern und Blumen lebte, wurde aus der +Einsamkeit hervorgeholt, und durch seine Vermittlung ein Separatfrieden +mit den Vereinigten Provinzen geschlossen. Er wurde darauf Gesandter im +Haag, und seine Anwesenheit galt dort als ein sicheres Pfand der +Aufrichtigkeit seines Hofes. + +Die oberste Leitung der Geschäfte war jetzt in den Händen Sir Thomas +Osborns, eines Baronets aus Yorkshire, der im Hause der Gemeinen ein +seltenes Talent für Geschäft und Debatte gezeigt hatte. Osborn wurde +Lord Schatzmeister und bald darauf Earl von Danby. Er war kein Mann von +achtungswerthem Charakter, insofern man ihn nach dem Maßstabe der +Sittlichkeit beurtheilen wollte. Begierig nach Reichthümern und +Auszeichnungen, war er, selbst verdorben, auch noch ein Verführer +Anderer. Die Cabale hatte ihm die Kunst hinterlassen, Parlamente zu +bestechen, eine damals noch unausgebildete Kunst, der man die hohe +Vollendung noch nicht ansah, zu der sie sich in dem folgenden +Jahrhundert emporschwang. Er verbesserte den Entwurf der ersten Erfinder +bedeutend. Dieselben hatten blos Sprecher erkauft, Danby aber bezahlte +Jeden, der eine Stimme hatte. Doch darf dieser neue Minister nicht mit +den Unterhändlern von Dover in eine Reihe gestellt werden. Er besaß die +Empfindungen eines Engländers und Protestanten, und niemals vergaß er +über die eigenen Interessen ganz die seines Vaterlandes und seiner +Religion. Er war allerdings eifrig bemüht, die königliche Prärogative zu +erhöhen, doch benutzte er dazu Mittel, welche von denen sehr verschieden +waren, die Arlington und Clifford im Sinne gehabt hatten. Nie dachte er +daran, durch Hilfe fremder Truppen und Erniedrigung des Königreichs +dasselbe zu dem Range eines abhängigen Fürstenthums herabsinken zu +lassen. Sein Plan war, um die Monarchie wieder diejenigen Klassen zu +schaaren, welche während der Unruhen des letzten Menschenalters ihre +treuen Bundesgenossen gewesen, durch die neuerlichen Laster und +Irrthümer des Hofes aber mit Unwillen zurückgetreten waren. Mit Hilfe +des alten Cavalier-Interesses, des hohen und niedern Adels, des Klerus +und der Universitäten konnte es nach seiner Meinung möglich sein, Karl +zwar nicht zu einem unbeschränkten, aber doch zu einem kaum weniger +mächtigen Souverain als Elisabeth war, zu machen. + +Von diesen Ansichten durchdrungen beschloß Danby der Partei der +Cavaliere den ausschließlichen Besitz aller politischen Macht sowohl der +executiven wie der gesetzgebenden, zu sichern. Es wurde daher im Jahre +1675 im Hause der Lords eine Bill vorgelegt, welche bestimmte, daß +Niemand ein Amt versehen oder in einem Hause des Parlaments sitzen +solle, der nicht vorher die eidliche Erklärung gegeben, daß er +Widerstand gegen die königliche Macht unbedingt für strafbar halte, und +nie den Versuch machen werde, sich an der Verfassung des Staates oder +der Kirche zu vergreifen. Mehrere Wochen hindurch erhielten die durch +diesen Antrag hervorgerufenen Verhandlungen, Abstimmungen und Proteste +das Land in großer Aufregung. Die Opposition im Hause der Lords, an +deren Spitze zwei Mitglieder der Cabale standen, welche Frieden mit dem +Volke zu machten wünschten, Buckingham und Shaftesbury, war +außerordentlich heftig und hartnäckig, und hatte guten Erfolg. Die Bill +wurde nicht verworfen, aber verzögert, verstümmelt und endlich bei Seite +gelegt. + +Auf solche Willkür und Abgeschlossenheit gründete sich Danby's innere +Politik; seine Ansichten über äußere Politik machten ihm mehr Ehre, sie +waren das Gegentheil von denen der Cabale, und glichen fast ganz denen +der Vaterlandspartei. Er klagte bitter über die Erniedrigung, in welche +man England versetzt, und erklärte in größter Aufregung, daß es sein +sehnlichster Wunsch sei, den Franzosen durch Prügel die nöthige Achtung +einzuflößen. Er war so wenig Herr seiner Gefühle, daß er bei einem +großen Gastmahle, wo die höchsten Würdenträger des Staats und der Kirche +anwesend waren, sein Glas auf das Verderben Aller leerte, die nicht für +einen Krieg gegen Frankreich gestimmt wären. Es wäre ihm sehr erwünscht +gewesen, hätte sich sein Vaterland mit den Mächten vereinigt, welche +sich damals gegen Ludwig verbunden hatten, und zu dem Zwecke war er +geneigt, Temple, den Stifter der Tripleallianz, an die Spitze des +Departements der auswärtigen Angelegenheiten zu stellen. Aber die Macht +des Premierministers hatte ihre Grenzen. In seinen vertraulichsten +Briefen beklagt er sich, daß die Verblendung seines Herrn England +hindere den ihm gebührenden Platz unter den Nationen Europa's +einzunehmen. Karl besaß eine unersättliche Gier nach französischem +Golde, und hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben eines Tages +mit Hilfe der französischen Waffen eine absolute Monarchie zu errichten +-- diese beiden Gründe waren für ihn hinreichend, um ein gutes Vernehmen +mit dem Hofe von Versailles zu unterhalten. + +So verfolgte der Souverain ein System auswärtiger Politik, dem des +Ministers diametral entgegen. Allerdings besaßen weder der Souverain +noch der Minister den Charakter danach, irgend einen Plan stätig zu +verfolgen, jeder gab bei Gelegenheit dem Drängen des Andern nach, und +ihre abweichenden Neigungen und gegenseitigen Zugeständnisse verliehen +der ganzen Verwaltung einen sonderbaren Anstrich. Aus Leichtsinn und +Indolenz erlaubte der König zuweilen, daß Danby Maßregeln traf, welche +Ludwig bitter beleidigen mußten; ebenso fügte sich Danby ehe er seinen +hohen Posten aufgegeben hätte, bisweilen lieber in Gefälligkeiten, die +ihm schwere Sorge und Schande verursachten. Der König wurde dahin +gebracht, seine Erlaubniß zu einer Vermählung zwischen Maria, der +ältesten Tochter und muthmaßlichen Erbin des Herzogs von York, und +Wilhelm von Oranien, dem Todfeinde Frankreichs und erblichen Kämpfer der +Reformation, zu geben; ja der tapfre Earl von Ossory, Ormonds Sohn, +eilte den Holländern zum Beistande mit einigen britischen Truppen +herbei, welche an dem blutigsten Tage des ganzen Krieges den Ruf des +kühnsten Muthes trefflich bewährten. Auf der anderen Seite mußte der +Schatzmeister bei einigen schimpflichen Geldgeschäften, die zwischen +seinem Gebieter und dem Hofe von Versailles abgemacht wurden, nicht nur +die Augen zudrücken, sondern auch -- obgleich mit Verdruß und +Widerstreben -- dabei mitwirken. + + +[_Verwickelte Lage der Vaterlandspartei._] Mittlerweile wurde die +Vaterlandspartei durch zwei gewaltige Gefühle nach zwei verschiedenen +Richtungen hin getrieben. Die Leiter des Volks hatten Furcht vor der +Größe Ludwigs, der nicht nur der ganzen Stärke der continentalen Allianz +Widerstand leistete, sondern sogar Boden gewann; ebenso wagten sie es +aber auch nicht, ihrem eigenen Könige die Mittel zur Demüthigung +Frankreichs anzuvertrauen, damit dieselben nicht zur Vernichtung der +Freiheit Englands verwendet würden. Der Widerstreit zwischen diesen +beiden Befürchtungen, welche vollkommen gerechtfertigt waren, ließ die +Opposition eben so haltlos und wankelmüthig erscheinen, wie die des +Hofes. Die Gemeinen forderten Krieg mit Frankreich, bis der König, von +Danby zur Nachgiebigkeit vermocht, sich zu fügen schien, und eine Armee +auszuheben begann. Als sie aber sahen, daß man mit den Werbungen +fortschritt, wurde ihre Furcht vor Ludwig durch eine noch näher liegende +Furcht verdrängt. Sie glaubten nämlich, daß diese neuen Truppen in einem +Dienste verwendet werden möchten, für den Karl größere Theilnahme hegte +als für die Vertheidigung Flanderns, verweigerten deshalb alle +Geldbewilligungen, und verlangten jetzt ebenso laut die Entlassung der +Truppen, als sie kurz vorher die Bildung einer Armee gefordert hatten. +Diejenigen Geschichtschreiber, welche sich über diese Unbeständigkeit +mit strengem Tadel ausgesprochen, scheinen nicht die gehörige Rücksicht +auf die verzweifelte Lage von Leuten genommen zu haben, welche von dem +Glauben durchdrungen waren, ihr Fürst vereinige sich mit einer +auswärtigen feindlichen Macht zur Unterdrückung ihrer Freiheiten. Ihm +militairische Hilfsmittel verweigern hieß den Staat wehrlos machen; gab +man ihm dieselben, so benutzte er sie vielleicht gegen den Staat. Bei +solcher Bewandtniß kann die Unentschlossenheit nicht als Beweis von +Mangel an Ehrgefühl oder gar von Schwäche betrachtet werden. + + +[_Verkehr dieser Partei mit der französischen Gesandtschaft._] Dieser +Argwohn wurde von dem französischen König eifrig genährt. Er hatte +England geraume Zeit in Unthätigkeit erhalten, indem er den Thron gegen +das Parlament zu unterstützen versprach, aber jetzt gewann er die +beunruhigende Überzeugung, daß die patriotischen Rathschläge Danby's im +Cabinet Anklang fanden, und nun begann er das Parlament gegen den Thron +zu hetzen. Ludwig und die Vaterlandspartei trafen in einem, aber auch +nur in diesem einen Punkte zusammen, nämlich in dem tiefen Mißtrauen +gegen Karl. Hätte die Vaterlandspartei die Überzeugung erhalten können, +daß ihr Souverain wirklich einen Krieg gegen Frankreich im Sinne hatte, +so würde sie ihn auf's Eifrigste unterstützt haben. Hätte Ludwig die +Gewißheit gehabt, daß die neuen Rüstungen nur der Verfassung von England +galten, so würde er sie nicht zu verhindern gesucht haben. Die +Charakterlosigkeit Karls aber und seine Treulosigkeit waren so groß, +daß die französische Regierung und die englische Opposition -- sonst in +allen Ansichten von einander abweichend -- wenigstens darin +übereinstimmten, daß seinen Worten nicht zu trauen sei, und beide den +Wunsch theilten, ihn ohne Geld und Heer zu lassen. Es fanden +Verhandlungen statt zwischen Barillon, dem französischen Gesandten, und +solchen englischen Staatsmännern, welche stets Abneigung und Furcht vor +dem französischen Übergewicht gezeigt und in der That auch aufrichtig +empfunden hatten. Das redlichste Mitglied der Vaterlandspartei, Lord +Wilhelm Russel, Sohn des Earl von Bedford, besprach sich unbedenklich +mit einem fremden Gesandten zu dem Zweck, seinem eigenen Souveraine +Verlegenheiten zu bereiten. Soweit ging Russels Fehltritt. Seine +Grundsätze sowohl wie sein großes Vermögen erheben ihn über den Verdacht +schmutziger Absichten; allein man hat nur zu viel Grund anzunehmen, daß +mehrere seiner Verbündeten weniger Bedenklichkeit zeigten. Man würde +ihnen Unrecht thun, wollte man sie der Niederträchtigkeit beschuldigen, +Geld angenommen zu haben, um ihrem Vaterlande zu schaden, sie meinten +ihm im Gegentheil nützlich zu sein; es ist aber nicht in Abrede zu +stellen, daß sie unehrenhaft und unzart genug waren, von einem fremden +Fürsten dafür Bezahlung anzunehmen, daß sie dem eigenen Lande dienten. +Einer von denen, welche diese erniedrigende Anklage mit Recht trifft, +war ein Mann, der nach der Meinung des Volkes der personifizirte +Gemeinsinn war, und welcher trotz einiger großen moralischen und +geistigen Schwächen mit Recht ein Held, ein Philosoph und ein Patriot +genannt zu werden verdient. Es erregt schmerzliche Empfindungen, einen +derartigen Namen auf der Liste der Pensionaire Frankreichs zu finden, +und doch liegt einiger Trost in dem Gedanken, daß in unserer Zeit ein +öffentlicher Charakter der nicht einer Versuchung widerstände, welcher +die Tugend und der Stolz Algernon Sidney's unterlagen, als alles +Pflicht- und Schamgefühls bar betrachtet werden würde. + + +[_Frieden von Nimwegen._] Die Folge dieser Intriguen war, daß England, +wenn es gleich bei Gelegenheit eine drohende Haltung zeigte, unthätig +blieb, bis der continentale Krieg nach fast siebenjähriger Dauer 1678 +durch den Frieden von Nimwegen sein Ende fand. Die Vereinigten +Provinzen, 1672 am äußersten Rande des Verderbens stehend, erlangten +ehrenvolle und vortheilhafte Bedingungen. Daß sie mit genauer Noth dem +Untergange entrannen, wurde allgemein der Geschicklichkeit und +Tapferkeit des jungen Statthalters zugeschrieben. Er besaß in Europa +einen bedeutenden Ruf, und insbesondere bei den Engländern, welche ihn +als einen ihrer eigenen Prinzen betrachteten, und denen es Freude +machte, in ihm den Gemahl ihrer zukünftigen Königin zu sehen. Frankreich +erwarb mehrere wichtige Städte in Belgien und die bedeutende Provinz +Franche Comté; die sinkende spanische Monarchie aber hatte fast den +ganzen Verlust zu tragen. + + +[_Große Unzufriedenheit in England._] Kaum waren die Feindseligkeiten +auf dem Festlande einige Monate vorüber, so trat eine große Krisis in +der englischen Politik ein, welche durch den Gang der Verhältnisse seit +bereits achtzehn Jahren vorbereitet worden war. Das ganze Capital von +Popularität, welches der König beim Antritt seiner Regierung besaß, war +verschwendet, und dem loyalen Enthusiasmus tiefe Abneigung gefolgt. Die +öffentliche Meinung war die Strecke zurückgegangen, die sie zwischen +1640 und 1660 durchlaufen hatte, und befand sich noch einmal auf +demselben Standpunkte, den sie einnahm, als das Lange Parlament +zusammentrat. + +Die herrschende Unzufriedenheit bestand aus einem Gemisch der +verschiedenartigsten Empfindungen. Eins dieser Gefühle war verletzter +Nationalstolz. Die damalige Generation kannte England, wie es, auf +gleiche Bedingungen mit Frankreich verbündet, Siegerin über Holland und +Spanien, Beherrscherin des Meeres, der Schrecken Roms, der Schutzgeist +des protestantischen Europa's war. Seine Hilfsquellen waren nicht +schwächer geworden, und es stand zu erwarten, daß unter dem Scepter +eines legitimen Königs, der die Liebe und den völligen Gehorsam seiner +Unterthanen besaß, es in Europa zum Wenigsten eben so hervorragend +dastehen müsse, wie unter der Herrschaft eines Usurpators, der mit +größter Wachsamkeit und Energie ein rebellisches Volk niederzuhalten +hatte. Und doch war es durch die Schwäche und Erbärmlichkeit seines +Oberhauptes so tief gesunken, daß jedes deutsche oder italienische +Ländchen, welches fünftausend Soldaten in's Feld schicken konnte, +ein wichtigeres Glied unter den Nationen Europa's bildete. + +Mit der bitteren Empfindung nationaler Demüthigung verband sich die +Besorgniß um die bürgerliche Freiheit. Unbestimmte Gerüchte, um so +beunruhigender weil sie unbestimmt waren, schrieben dem Hofe einen +überdachten Plan gegen alle constitutionellen Rechte der Engländer zu; +man raunte sich sogar in's Ohr, daß die Ausführung dieses Planes mit +Hilfe fremder Waffen geschehen solle. Selbst den Cavalieren kochte bei +dem Gedanken an solche Einmischung das Blut in den Adern, und einige, +die stets die Lehre von der Unzulässigkeit des Widerstandes im Munde +hatten, murrten jetzt, daß diese Lehre auch eine Grenze habe! Wollte man +eine fremde Macht herüberführen, um der Nation Zwang anzuthun, so +möchten sie nicht für die eigene Geduld einstehen! + +Weder Nationalstolz noch Besorgniß um die öffentliche Freiheit aber +hatten auf die Stimmung des Volkes einen solchen Einfluß, wie der Haß +gegen die römisch-katholische Kirche. Dieser Haß war eine herrschende +Leidenschaft des Volkes geworden und bei Unwissenden und Profanen eben +so gewaltig wie bei den Protestanten von Überzeugung. Die +Unmenschlichkeiten während der Regierung Maria's, Unmenschlichkeiten, +die selbst bei der unbefangensten, klarsten Darstellung Grauen erregen +und in den volksthümlichen Erzählungen von Märtyrern weder genau, noch +vorurtheilslos berichtet wurden, die Verschwörung gegen Elisabeth, und +namentlich die Pulververschwörung hatten in der Erinnerung des Volkes +ein nicht zu löschendes, bitteres Gefühl hinterlassen, das durch +jährliche Erinnerungsfeste, Gebete, Freudenfeuer und Prozessionen immer +wieder neue Nahrung erhielt. + +Es ist hierbei nicht zu vergessen, daß diejenigen Klassen, welche dem +Throne insbesondere anhingen, der Klerus und der grundbesitzende Adel, +hauptsächlich Ursache hatten, die katholische Kirche zu hassen. Der +Klerus zitterte für seine Pfründen, der Adel mit Grundbesitz für seine +Abteien und hohen Zehnten. So lange die Regierung der Heiligen noch in +frischem Andenken war, hatte der Haß gegen das Papstthum in etwas dem +Hasse gegen den Puritanismus Platz gemacht; aber während der achtzehn +Jahre, welche seit der Restauration verflossen waren, hatte die +Feindseligkeit gegen den Puritanismus abgenommen, wogegen die Abneigung +gegen das Papstthum gewachsen war. Zwar waren die Bedingungen des +Vertrags von Dover nur Wenigen genauer bekannt, aber einige Andeutungen +doch laut genug geworden. Der allgemeine Glaube war, daß ein großer, +vernichtender Schlag gegen den Protestantismus geführt werden solle. +Viele hatten den König in Verdacht, daß er sich Rom zuwende, sein Bruder +und muthmaßlicher Thronerbe war als ein bigotter Katholik bekannt. Die +erste Herzogin von York war als Katholikin gestorben, und Jacob hatte +darauf, trotz der Gegenvorstellungen des Hauses der Gemeinen, die +Prinzessin Maria von Modena, auch eine Katholikin, geheirathet; wenn aus +dieser Ehe Söhne hervorgingen, so stand zu fürchten, daß dieselben als +Katholiken erzogen werden möchten, und dann eine lange Reihe von Fürsten +auf dem Throne sitzen würden, welche Feindschaft gegen die herrschende +Staatskirche im Herzen trügen; man hatte neuerdings die Verfassung +verletzt, um die Katholiken gegen das Strafgesetz in Schutz zu nehmen; +der Bundesgenosse, dessen Politik England seit Jahren beherrscht hatte, +war nicht blos ein Katholik, sondern auch ein Verfolger des +Protestantismus. Unter allen diesen Umständen war es zu rechtfertigen, +wenn der gemeine Mann eine Wiederkehr der Zeiten jener Fürstin +fürchtete, welche er die blutige Maria nannte. + +Die Nation war demgemäß in einer Stimmung, bei der jeder Funke zur +Flamme werden konnte. Da wurde mit einem Male an zwei Stellen Feuer an +die ungeheure Masse des Zündstoffes gelegt, und augenblicklich stand +Alles in Flammen. + + +[_Danby's Sturz._] Der französische Hof, welcher Danby als seinen +bittersten Feind kannte, ersann den listigen Plan, ihn dadurch zu +stürzen, daß er ihn für seinen Freund gelten ließ. Ludwig bewies dem +Hause der Gemeinen mit Hilfe Ralphs von Montague, eines unredlichen, +schamlosen Menschen, der als Gesandter in Frankreich gewesen war, daß +der Schatzmeister bei einem Geldgesuche sich betheiligt, welches der Hof +von Whitehall an den von Versailles gerichtet. Diese Entdeckung hatte +ihre berechneten Folgen, indem der Schatzmeister, nicht seiner +Verbrechen sondern seiner Verdienste wegen, nicht als Theilhaber an +einer strafbaren Verhandlung, sondern als entschiedener Gegner +derselben, der Verfolgung des Parlaments anheim fiel. Seine Zeitgenossen +kannten die Umstände nicht, welche in den Augen der Nachwelt die ihm zur +Last gelegte Schuld so sehr verringert erscheinen lassen, sie sahen in +ihm einen Mäkler, welcher England an Frankreich verkauft hatte. Seine +Größe war offenbar vorüber, und sein Kopf in nicht geringer Gefahr. + + +[_Die papistische Verschwörung._] Die Aufregung, welche die erwähnte +Entdeckung verursachte, war jedoch unbedeutend im Vergleich zu der +heftigen Bewegung, die das Gerücht hervorrief, es sei ein großes +papistisches Complot entdeckt worden. Ein gewisser Titus Oates, +Geistlicher der englischen Kirche, war von seinen kirchlichen +Vorgesetzten gezwungen worden, wegen unordentlichen Lebenswandels und +heterodoxer Lehre seine Pfründe zu verlassen, und führte seitdem ein +lasterhaftes und unstätes Leben. Er hatte sich einmal als Katholiken +bekannt und auf dem Kontinent einige Zeit in englischen Kollegien des +Jesuitenordens zugebracht. In diesen Seminarien hatte er viel wirres +Geschrei vernommen über die geeignetsten Mittel, England wieder in den +Schooß der wahren Kirche zurückzuführen. Aus den Andeutungen, welche ihm +hier geworden, setzte er nun einen schauderhaften Roman zusammen, der +mehr den Phantasieen eines Fieberkranken als Ereignissen glich, die sich +jemals in der Wirklichkeit zugetragen. Der Papst, versicherte er, hätte +die Regierung Englands den Jesuiten in die Hände gegeben. Diese hätten +durch Bestallungen, ausgefertigt unter dem Siegel ihrer Gesellschaft, +katholische Priester sowie Personen des hohen und niederen Adels zu den +höchsten Posten in Kirche und Staat bestimmt. Schon einmal hätten die +Papisten London niedergebrannt, sie hätten bereits einen zweiten Versuch +dazu gemacht, und gingen jetzt mit dem Plane um, alle Schiffe auf der +Themse anzuzünden. Auf ein gegebenes Zeichen würden sie über die +Protestanten herfallen und sie niedermachen, zu gleicher Zeit würde eine +französische Armee an der Küste von Irland erscheinen. Alle leitenden +Staatsmänner und Geistlichen Englands sollten umgebracht werden, und zur +Ermordung des Königs habe man drei oder vier Pläne entworfen; er sollte +erdolcht, oder durch Medizin vergiftet oder mit silbernen Kugeln +erschossen werden. Die öffentliche Meinung war so empfindlich und +reizbar, daß diese Lügen bei dem gemeinen Manne leicht Eingang fanden, +und zwei einander rasch folgende Vorgänge erregten selbst bei besonnenen +Männern einen Argwohn, daß die Erzählung, wenn auch entstellt und +übertrieben, doch nicht ganz ohne Grund sein möge. + +Eduard Coleman, ein sehr thätiger, aber nicht eben achtungswerther +katholischer Intriguant, befand sich unter den angeklagten Personen. Man +forschte nach seinen Papieren, und es zeigte sich, daß er so eben den +größten Theil derselben vernichtet hatte, einige aber, die gerettet +worden waren, enthielten Stellen, welche befangenen Gemüthern die +Anschuldigung Oates' zu rechtfertigen schien. Ruhig und vorurtheilsfrei +betrachtet, sprachen diese Stellen freilich blos die Hoffnung aus, +welche der Stand der Dinge, die Neigungen Karls, die noch stärkeren +Neigungen Jacobs und die, zwischen dem französischen und englischen Hofe +bestehenden Verbindungen sehr natürlich in der Brust eines Katholiken +erwecken mußten, der den Interessen seiner Kirche eifrig ergeben war. +Unser Vaterland aber hatte damals keine Lust, Schreiben von Papisten +unbefangen zu deuten, und es wurde nicht ganz ohne rechtlichen Anschein +geschlossen, daß, wenn die als unwichtig übersehenen Papiere so +bedenklichen Inhalts wären, diejenigen Documente, welche man in das +Feuer geworfen, vermuthlich das Geheimniß eines großen Verbrechens +enthalten haben müßten. + +Nach einigen Tagen wurde bekannt, daß Sir Edmondsbury Godfrey, ein +vorzüglicher Friedensrichter, welcher die Aussagen des Oates gegen +Coleman niedergeschrieben, verschwunden sei. Durch die angestellten +Nachforschungen entdeckte man Godfrey's Leichnam auf einem Felde in der +Nähe Londons, und es unterlag keinem Zweifel, daß er zwar gewaltsam +getödtet, nicht aber von Räubern angegriffen worden sei. Sein Schicksal +ist bis auf diesen Tag ein Geheimniß geblieben. Manche glauben, er habe +sich selbst entleibt, Andere sagen, er sei durch einen Privatfeind +ermordet worden; am unwahrscheinlichsten aber ist die Annahme, die dem +Hofe feindliche Partei habe ihn getödtet, um der Verschwörungsgeschichte +einen Anhalt zu geben. Im Ganzen genommen scheint die Annahme am +richtigsten zu sein, daß einige erhitzte Katholiken durch die +lügenhaften Beschuldigungen Oates' und die Beleidigungen der Menge zur +höchsten Wuth gereizt, zwischen dem meineidigen Ankläger und der +schuldlosen Gerichtsperson nicht genau unterschieden, und eine Rache +ausübten, von der die Geschichte verfolgter Sekten nur zu viele +Beispiele darbietet. Ist es so gewesen, dann muß der Mörder in einer +späteren Zeit seine Schlechtigkeit und Thorheit bitter bereut haben. Die +Hauptstadt und die ganze Nation waren von Haß und Furcht erfüllt. Die +Strafgesetze, welche in ihrer Strenge etwas gemäßigt worden waren, +wurden von Neuem verschärft, überall waren Richter in Thätigkeit, Häuser +zu durchsuchen und Papiere in Beschlag zu nehmen; die Gefängnisse waren +mit Katholiken angefüllt. London gewährte das Bild einer Stadt im +Belagerungszustande. Die Miliz war jede Nacht unter den Waffen; +Vorkehrungen wurden getroffen, die großen Durchgänge zu verbarrikadiren, +Patrouillen durchzogen die Straßen nach allen Richtungen. Rings um +Whitehall waren Kanonen aufgefahren, und kein Bürger glaubte sich +sicher, wenn er nicht unter dem Mantel einen mit Blei gefüllten kleinen +Dreschflegel trug, um den katholischen Meuchelmördern den Kopf +einzuschlagen. Die Leiche des ermordeten Friedensrichters war mehrere +Tage der Neugierde der Masse ausgestellt, und wurde dann mit unsinnigen +und seltsamen Ceremonien, welche mehr Haß und Rachedurst, als Schmerz +und religiöse Hoffnung andeuteten, zu Grabe gebracht. Die Häuser +verlangten, daß man in den Gewölben, über denen sie saßen, eine Wache +legen sollte, damit sie keine zweite Pulververschwörung zu fürchten +hätten. Alle ihre Maßregeln stimmten mit diesem Verlangen überein. Seit +der Regierung Elisabeths hatten die Mitglieder des Hauses der Gemeinen +immer den Suprematseid leisten müssen, einige Katholiken aber hatten es +verstanden, diesem Eide eine solche Auslegung zu geben, daß sie ihn ohne +Bedenken leisten konnten. Es wurde jetzt ein noch strengerer Eid +hinzugefügt, und die katholischen Lords sahen sich zum ersten Male von +ihren Sitzen im Parlament ausgeschlossen. Strenge Maßregeln gegen die +Königin wurden beschlossen. Einen Staatssecretair ließen die Gemeinen +in's Gefängniß bringen, weil er Bestallungen für gewisse Personen, +welche keine guten Protestanten waren, contrasignirt hatte, den Lord +Schatzmeister beschuldigten sie des Hochverraths; ja sie vergaßen die +während und nach dem Bürgerkriege offen bekannte Lehre soweit, daß sie +einen Versuch machten, den Oberbefehl der Miliz den Händen des Königs zu +entreißen. In solchem Zustand hatte eine achtzehnjährige schlechte +Regierung das loyalste Parlament gebracht, das je in England bestanden +hatte. + +Auffallend ist es, daß der König selbst in dieser höchsten Noth es +wagte, Berufung an sein Volk einzulegen, denn das Volk war noch +erhitzter als seine Repräsentanten. Das Unterhaus, so unzufrieden es +auch war, enthielt eine größere Zahl von Cavalieren, als nach aller +Wahrscheinlichkeit jemals wieder darin sitzen würden, aber man gedachte +durch eine Auflösung die Anklage gegen den Lord Schatzmeister zu +sistiren, durch welche alle strafwürdigen Geheimnisse der französischen +Allianz an's Licht kommen, und dem König persönliche Verlegenheit und +Widerwärtigkeit bereiten mußten. Das Parlament wurde daher im Januar des +Jahres 1679 aufgelöst. -- Es hatte seit Anfang des Jahres 1661 +bestanden, -- und eine allgemeine Wahl wurde angeordnet. + + +[_Erste allgemeine Wahl von 1679._] Während mehrerer Wochen wurde der +Wahlkampf im ganzen Lande mit beispielloser Heftigkeit und +Hartnäckigkeit geführt, bedeutendere Summen als je zuvor wurden auf +denselben verwandt, und ganz neue Kunstgriffe in Anwendung gebracht. Die +Verfasser von Flugschriften aus damaliger Zeit erwähnen als etwas ganz +Außergewöhnliches, daß mit großen Kosten Pferde zur Beförderung der +Wähler gemiethet wurden. Der Kunstgriff, Freisassengüter zu zerstückeln, +um die Wahlstimmen zu vervielfältigen, verdankt jenem merkwürdigen +Kampfe seine Entstehung. Dissenterprediger, welche sich vor der +Verfolgung in stille, entlegene Winkel geflüchtet hatten, kamen jetzt +aus ihren Schlupfwinkeln hervor und wanderten auf den Dörfern umher, +um den Eifer des zerstreuten Volkes Gottes wieder anzufachen. Die Fluth +stieg hoch gegen die Regierung. Die meisten der neugewählten Mitglieder +kamen in einer Stimmung nach Westminster, welche nicht sehr von der +ihrer Vorgänger abwich, welche Strafford und Laud in den Tower gesperrt +hatten. + +Mittlerweile wurden die Gerichtshöfe, welche auch während der +politischen Unruhen Zufluchtsstätten für die Schuldlosen aller Parteien +sein sollen, durch niedrigere Leidenschaften und gemeinere Bestechungen +entehrt, als selbst bei den Wahlumtrieben vorkamen. Die Erzählung des +Oates, hätte sie auch vermocht das ganze Lande in wilde Aufregung zu +bringen, würde ohne ein anderes Zeugniß nicht hingereicht haben, den +unbedeutendsten der Angeklagten zu verderben, indem nach dem alten +englischen Rechte zwei Zeugen erforderlich sind, um eine Anklage auf ein +schweres Verbrechen zu begründen. Indeß der günstige Erfolg des ersten +Schurken blieb nicht ohne seine natürlichen Folgen. Binnen wenigen +Wochen hatte sich derselbe aus Armuth und Dunkelheit zu Reichthum und +Macht emporgeschwungen, welche ihn Prinzen und Edelleuten gefährlich +machten, und eine Berühmtheit erlangt, die für gemeine Seelen den ganzen +Reiz des wahren Ruhmes hat. Er blieb nicht lange ohne Beihilfe und +Genossenschaft. Ein schlechter Mensch, mit Namen Carstairs, der in +Schottland sein Leben dadurch fristete, daß er verkleidet Conventikel +besuchte, und dann die Prediger denuncirte, ging voran. Bedloe, ein +bekannter Schwindler, folgte, und bald drangen aus allen Bordellen, +Spielhöllen und Bierhäusern Londons käufliche Zeugen hervor, um +Katholiken durch ihre erlogenen Aussagen um's Leben zu bringen. Einer +wußte eine Geschichte von einer Armee zu erzählen, die aus +dreißigtausend Mann als Pilger verkleideten Soldaten bestehend sich in +Corunna versammeln, und von da nach Wales segeln sollte; einem Anderen +hatte man die Heiligsprechung und fünfhundert Pfund geboten, wenn er den +König ermorden wollte; ein Dritter hatte beim Besuche eines Speisehauses +in Coventgarden gehört, wie ein angesehener, katholischer Banquier in +Gegenwart aller Gäste und Kellner gelobte, den ketzerischen Tyrannen +um's Leben zu bringen. Oates, um von seinen Nachfolgern nicht +übertroffen zu werden, fügte seiner ursprünglichen Geschichte einen +bedeutenden Nachtrag hinzu. Er besaß die beispiellose Unverschämtheit, +unter Anderem zu versichern, er habe einst, als er hinter einer offenen +Thür gestanden, die Königin sagen hören, sie sei entschlossen in die +Ermordung ihres Gemahls zu willigen. Selbst solche Erfindungen glaubte +das Volk, und der Richterstand des Landes that als glaube er sie auch. +Die höchsten Justizpersonen des Reichs waren bestochen, unmenschlich und +furchtsam, und die Leiter der Vaterlandspartei unterstützten nach +Kräften die herrschende Verblendung. Die achtbarsten Mitglieder +derselben waren in der That selbst so befangen, daß sie den größeren +Theil der Beweise für die Verschwörung nicht bezweifelten. Männer wie +Shaftesbury und Buckingham wußten natürlich, daß die ganze Sache ein +Roman sei, aber ein Roman, der ihnen zusagte, denn ihrem verhärteten +Gewissen war der Tod eines unschuldigen Menschen eben so gleichgültig, +als der Tod eines Feldhuhns. Die Geschwornen standen unter dem Einflusse +der Gefühle, welche damals die ganze Nation beherrschten, und wurden von +der Richterbank ermuthigt, diesen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Das +Volk überschüttete Oates und sein Gelichter mit Beifall, schrie und +lärmte gegen die Zeugen, welche zu Gunsten der Angeklagten auftraten und +jubelte vor Freude, wenn eine Verurtheilung ausgesprochen ward. +Vergeblich wiesen die Dulder auf die Unbescholtenheit ihres früheren +Lebens hin, denn die öffentliche Meinung war von dem Vorurtheile +befangen, daß ein Katholik, je gewissenhafter er sei, um so eher gegen +die protestantische Regierung complottiren werde. Vergebens behaupteten +sie noch in dem Augenblicke, wo der Karren unter ihren Füßen weggezogen +ward, ihre völlige Unschuld, denn es galt die Meinung, daß ein guter +Katholik alle Unwahrheiten, durch die er seiner Kirche diente, nicht nur +als verzeihlich sondern sogar als verdienstlich ansehe. + + +[_Heftigkeit des neuen Hauses der Gemeinen._] Während unter der Form der +Gerechtigkeit unschuldiges Blut in Strömen vergossen wurde, trat das +neue Parlament zusammen, und die Heftigkeit der überwiegenden Partei war +so groß, daß selbst Männer, deren Jugend unter Revolutionen verstrichen +war, Männer, die sich der Verurtheilung Straffords, des Attentats auf +die fünf Mitglieder, der Beseitigung des Hauses der Lords und der +Hinrichtung des Königs erinnerten, mit größter Besorgniß auf den Zustand +der Dinge blickten. Die Anklage Danby's wurde wieder aufgenommen. Er bat +um die königliche Gnade, aber die Gemeinen wiesen dieses Gesuch mit +Verachtung zurück und verlangten die Fortsetzung des Processes. Um Danby +war es ihnen übrigens eigentlich gar nicht zu thun; sie waren überzeugt, +daß das einzige wirksame Mittel, die Freiheit und Religion Englands zu +retten, darin bestehe, daß man den Herzog von York vom Throne +ausschließe. + +Der König befand sich in großer Verlegenheit. Er hatte seinen Bruder, +dessen Anblick allein schon das Volk zu wahnsinniger Wuth entflammte, +veranlaßt, auf einige Zeit nach Brüssel zu gehen, aber dieses +Zugeständniß schien keinen besonders günstigen Eindruck gemacht zu +haben. Die Partei der Rundköpfe hatte offenbar das Übergewicht. Zu +dieser Partei gehörten Millionen, welche zur Zeit der Revolution auf +Seiten der Prärogative gestanden. Unter den alten Cavalieren fürchteten +Viele das Papstthum; und Andere, die sich noch immer mit Bitterkeit der +Undankbarkeit des Fürsten erinnerten, dem sie so viel geopfert, blickten +auf sein Unglück eben so gleichgültig hin, wie er einst auf das ihrige. +Selbst die anglikanische Geistlichkeit, durch den Abfall des Herzogs von +York gekränkt und beunruhigt, unterstützte die Opposition insoweit, daß +sie in das allgemeine Geschrei gegen die Römisch-Katholischen von Herzen +einstimmte. + + +[_Temple's Regierungssystem._] In dieser höchsten Bedrängniß nahm der +König seine Zuflucht zu Sir William Temple. Von allen Staatsmännern +jener Zeit hatte Temple sich den Ruf eines redlichen Mannes erhalten. +Die Tripleallianz war sein Werk, er hatte sich geweigert, an der Politik +der Cabale Theil zu nehmen, und so lange dieses Cabinet die +Angelegenheiten des Staates leitete, war er in stiller Zurückgezogenheit +geblieben. Auf den Ruf Danby's war er aus seiner Einsamkeit +hervorgetreten, hatte den Frieden zwischen Holland und England +vermittelt, und große Thätigkeit bei dem Zustandebringen der Vermählung +der Prinzessin Maria mit ihrem Vetter, dem Prinzen von Oranien, +entwickelt. So sah Jedermann in ihm den Schöpfer des wenigen Guten, +das die Regierung seit der Restauration vollbracht, und von den vielen +Verbrechen und Irrthümern der letzten achtzehn Jahre konnte ihm keines +zur Last gelegt werden. Sein Privatleben, wenngleich nicht streng, war +anständig, seine Manieren waren volksthümlich, und es war nicht möglich +ihn durch Titel oder Geld zu bestechen. Etwas fehlte allerdings an dem +Charakter dieses vortrefflichen Staatsmannes: seine Vaterlandsliebe +besaß keinen hohen Wärmegrad. Seine persönliche Ruhe und Würde ging ihm +über Alles, und er schrak mit kleinmüthiger Furcht vor jeder +Verantwortlichkeit zurück. Seine Gewohnheiten waren nicht geeignet, +ihn in den Parteikämpfen Englands eine Rolle spielen zu lassen. Er war +fünfzig Jahre alt geworden, ohne jemals im Parlamente gesessen zu haben, +und seine Geschäftserfahrungen hatte er fast ausschließlich fremden +Höfen gesammelt. Man hielt ihn mit Grund für einen der ersten Diplomaten +Europa's, aber die Talente und Fertigkeiten eines Diplomaten sind +himmelweit verschieden von denjenigen, welche einen Staatsmann +befähigen, in aufgeregter Zeit das Haus der Gemeinen zu leiten. + +Der Plan, den er in Anregung brachte, verrieth viel Geist. Wenn auch +kein tiefer Denker, so hatte er doch mehr als die meisten +Geschäftsmänner über die allgemeinen Regierungsgrundsätze nachgedacht, +und sein geistiger Blick war durch Geschichtsstudien und Aufenthalt im +Auslande sehr umfassend geworden. Er scheint klarer als die meisten +seiner Zeitgenossen den Grund der Schwierigkeiten erkannt zu haben, +welche die Regierung bedrängten. Der Charakter der englischen +Staatsverfassung fing an, sich zu verändern, das Parlament erhob, wenn +auch langsam, doch unaufhörlich, seine Macht über die der Prärogative. +Die Grenze zwischen der gesetzgebenden und der executiven Gewalt war in +der Theorie so genau abgemessen wie jemals, aber in der Praxis schwand +sie mehr und mehr. Nach der Theorie der Verfassung hatte der König +selbst seine Minister zu wählen; das Haus der Gemeinen aber hatte nach +einander Clarendon, die Cabale und Danby von der Leitung der +Staatsgeschäfte entfernt. Nach der Theorie der Verfassung hatte der +König allein das Recht, über Krieg und Frieden zu entscheiden; er war +durch das Haus der Gemeinen gezwungen worden, Frieden mit Holland zu +schließen, und es hätte ihn fast dazu getrieben, Krieg mit Frankreich zu +beginnen. Nach der Theorie der Verfassung stand dem Könige allein die +Entscheidung in Fällen zu, wo es sich um Begnadigungen handelte; er +hatte aber eine solche Furcht vor dem Hause der Gemeinen, daß er es +nicht wagen durfte, Männer vom Galgen zu retten, von denen er gar wohl +wußte, daß sie als unschuldige Opfer des Meineids fielen. Es scheint, +daß Temple die Absicht hatte, der Gesetzgebung ihre unzweifelhaft +verfassungsmäßigen Gewalten zu belassen, und sie zugleich, wenn möglich, +zu verhindern, Übergriffe in das Gebiet der ausübenden Verwaltung zu +thun. Zu diesen Zwecke beschloß er, zwischen den Landesherrn und das +Parlament einen Körper zu stellen, welcher im Stande wäre, die +Heftigkeit ihres Zusammenstoßes zu mildern. Es existirte ein altes, +ehrenwerthes, von dem Gesetze sanctionirtes Institut, das nach seiner +Meinung zu diesem Zwecke umgestaltet werden konnte. Er beschloß, dem +Geheimen Rathe einen neuen Charakter und eine neue Bestimmung in der +Verfassung zu verleihen. Die Zahl der Räthe wurde auf dreißig bestimmt, +funfzehn davon sollten die ersten Beamten des Staates, der Rechtspflege +und der Kirche sein, die anderen funfzehn sollten aus Adeligen und +Herren bestehen, die sich in keinem Amte befanden, aber ein großes +Vermögen besaßen und eines hohen Ansehens genossen. Ein engeres +Kabinet sollte nicht bestehen. Diese dreißig sollten mit allen +Staatsgeheimnissen betraut und zu jeder Versammlung berufen werden, der +König aber sich verpflichten, bei allen Gelegenheiten ihrem Rathe Folge +zu leisten. + +Temple scheint von der Ansicht ausgegangen zu sein, durch diese +Einrichtung sei die Nation gegen die Tyrannei der Krone, und diese gegen +die Übergriffe des Parlaments geschützt. Einmal war es nicht +wahrscheinlich, daß Pläne, wie sie die Cabale gefaßt hatte, in einer +Versammlung von dreißig Männern, die zur Hälfte durch keine Bande des +Interesses an den Hof geknüpft waren, auch nur in Vorschlag gebracht +werden könnten, und dann ließ sich hoffen, daß ein solcher Rath den +Gemeinen eine Bürgschaft gegen schlechte Regierung sein, und sie sich +mehr als bisher geschehen auf ihre streng gesetzgebenden Functionen +beschränken und es für weniger nöthig erachten würden, ihren Blick auf +alle Theile der executiven Verwaltung zu richten. + +Dieser Plan, obschon in verschiedener Hinsicht der Fähigkeiten seines +Schöpfers nicht unwürdig, war im Princip mangelhaft. Die neue Behörde +war halb Kabinet, halb Parlament, und wie jede Entdeckung in der +Mechanik oder Politik, welche zu zwei von einander abweichenden Zwecken +benutzt werden soll, konnte sie keinen erreichen. Für eine gute Behörde +war sie zu groß und zu getheilt, sie war zu eng mit der Krone verknüpft, +um dieselbe überwachen zu können, und enthielt genug populäre Elemente, +sie zu einem nicht eben guten Staatsrathe zu machen, unfähig Geheimnisse +zu bewahren, difficile Verhandlungen zu leiten, und Krieg zu führen. +Und doch war das populäre Element nicht hinreichend, um das Volk gegen +fehlerhafte Verwaltung zu schützen. Der Plan konnte deshalb, selbst wenn +man die Absicht gehabt hätte, ihn die Probe bestehen zu lassen, sich +nicht vortheilhaft bewähren, ihn aber die Probe bestehen zu lassen, dazu +fehlte der gute Wille. Der König war unzuverlässig und treulos, das +Parlament ohne Besonnenheit und Billigkeit, und die Personen, aus denen +man den neuen Rath bilden wollte, obschon vielleicht die besten, welche +in jener Zeit zu haben waren, trotzdem noch immer unbrauchbar genug. + +Der Beginn des neuen Systems erregte allgemeine Freude, denn das Volk +war der Meinung, jede Veränderung müsse auch eine Verbesserung sein; +auch war es mit einigen neuen Ernennungen zufrieden gestellt. +Shaftesbury, zur Zeit sein Liebling, wurde Lord Präsident, und Russel +nebst einigen anderen hervorragenden Mitgliedern der Vaterlandspartei +für den Geheimen Rath vereidet. Aber nach Verlauf von wenig Tagen war +Alles wieder in Verwirrung. Das Unpraktische des aus so vielen +Mitgliedern bestehenden Kabinets war so hervortretend, daß Temple selbst +einwilligte eine der von ihm festgestellten Grundregeln zu verletzen und +ein kleines Kollegium zu bilden, welches die wirkliche Leitung aller +Geschäfte besorgte. Dasselbe bestand neben ihm aus drei anderen +Ministern, Arthur Capel, Earl von Essex, Georg Savile, Viscount Halifax, +und Robert Spencer, Earl von Sunderland. + +Über den Earl von Essex, damaligen ersten Schatzcommissar, genügt es zu +sagen, daß er ein Mann von soliden, wenn auch nicht hervorragenden +Gaben, und ernster, melancholischer Gemüthsart war. Er hatte der +Vaterlandspartei angehört und wünschte damals aufrichtig, eine +Versöhnung zwischen dieser Partei und dem Throne zu vermitteln, welche +auch für den Staat günstig wäre. + + +[_Charakter des Halifax._] Halifax war unter den Staatsmännern jener +Zeit an Genie der vorzüglichste. Er war fruchtbaren, hellen und +umfassenden Geistes. Seine feine, verständliche und lebendige +Beredtsamkeit, getragen von dem Silbertone seines Sprachorgans, war der +Stolz des Hauses der Lords. Seine Conversation war reich an Gedanken, +Phantasie und Witz, und seine politischen Abhandlungen sind es werth, +wegen ihres wissenschaftlichen Verdienstes studirt zu werden, und +berechtigen ihn in vollem Maße, unter den Klassikern Englands genannt zu +werden. Mit der Bedeutung, zu der so große und vielseitige Talente ihn +erhoben, vereinigte er den ganzen Einfluß, den Rang und Reichthum +verliehen. Doch hatte er in seinem politischen Wirken weniger glückliche +Erfolge als Andere, welche sich nicht so bedeutender Vorzüge rühmen +konnten. Und in der That hinderten ihn die genialen Eigenthümlichkeiten, +welche seinen Schriften so hohen Werth verleihen, sehr oft in den +Streitigkeiten des praktischen Lebens. Er betrachtete die Ereignisse des +Tages nicht immer aus dem Gesichtspunkte, wie sie sich Jemandem +darstellen, der an ihnen lebhaften Antheil nimmt, sondern aus dem, in +welchem sie nach Jahren dem philosophischen Schriftsteller erscheinen. +Bei dieser Richtung des Geistes konnte er unmöglich lange mit irgend +einem Vereine von Männern im Einverständniß bleiben. Alle Vorurtheile, +alle Übertreibungen der beiden großen Parteien erregten seinen Spott; +er verabscheute die elenden Kunstgriffe und das widerliche Geschrei der +Demagogen; aber er verachtete noch mehr die Lehre vom göttlichen Recht +und dem passiven Gehorsam. Ohne Rücksicht auf die Parteien spottete er +über die Bigotterie des Puritaners wie über die des Anhängers der +Hofkirche. Es war ihm unerklärlich, wie Jemand gegen Verehrung der +Heiligen und Chorhemden Bedenken tragen, oder einen Andern verfolgen +könne, weil er solche Bedenken trug. Seiner Gesinnung nach war er das, +was man in neuerer Zeit conservativ nennt, in der Theorie war er +Republikaner. Selbst wenn seine Furcht vor Anarchie und seine Verachtung +des verblendeten großen Haufens ihn veranlaßten, eine Zeitlang den +Vertheidigern der willkürlichen Gewalt beizustehen, so hielt doch sein +Verstand immer zu Locke und Milton. Freilich waren seine Witze über +erbliche Monarchie bisweilen der Art, daß sie sich besser für den +Theilnehmer eines Kalbskopf-Clubs als für ein Mitglied des Geheimen +Rathes der Stuarts geschickt hätten. In der Religion war er nichts +weniger als ein Eiferer, so daß er von lieblosen Leuten Atheist genannt +wurde; doch diesen Vorwurf wies er mit Abscheu zurück, und er scheint in +der That trotz des Ärgernisses, das er bisweilen durch Anwendung seiner +seltenen Gaben auf witzige Erörterungen ernster Gegenstände gab, +durchaus nicht ohne Empfänglichkeit für religiöse Eindrücke gewesen zu +sein. + +Er war das Haupt derjenigen Staatsmänner, welche die beiden großen +Parteien verächtlich »Trimmer« nannten; anstatt aber über diesen +Spottnamen entrüstet zu sein, betrachtete er ihn als einen Ehrentitel, +und vertheidigte mit großem Eifer die Würde desselben. »Das Gute hält +zwischen den Extremen die Mitte«, pflegte er zu sagen. »Die gemäßigte +Zone befindet sich zwischen dem Klima, wo die Menschen geröstet werden, +und dem, in welchem sie erfrieren. Die englische Kirche hält die Mitte +zwischen der anabaptistischen Überspanntheit und der papistischen +Trägheit. Die englische Verfassung hält die Mitte zwischen türkischem +Despotismus und polnischer Anarchie. Tugend ist blos das rechte Maß +zwischen den Neigungen, von denen jede, wenn man ihr zu sehr nachhängt, +ein Laster wird; ja die Vollkommenheit des höchsten Wesens sogar besteht +in dem genauesten Gleichgewicht von Eigenschaften, deren keine +überwiegen dürfte, ohne die ganze moralische und physische Weltordnung +zu stören.«[4] So war Halifax ein Trimmer aus Grundsatz; er war es aber +auch nach der Verfassung von Kopf und Herzen. Sein Geist war scharf, +skeptisch, unerschöpflich fruchtbar an Unterscheidungen und +Einwendungen, sein Geschmack fein, sein Sinn für das Komische bedeutend, +sein Charakter friedlich und zur Versöhnung geneigt, aber dabei stolz +und ebensowenig zur Feindschaft als zur enthusiastischen Bewunderung +fähig. Ein solcher Mann konnte ebenfalls unmöglich auf die Dauer bei +irgend einem Vereine politischer Bundesgenossen ausharren; doch darf man +ihn nicht nach dem großen Haufen der Renegaten beurtheilen. Denn ob er +gleich, wie diese, von einer Seite auf die andere trat, so fand dieser +Übertritt doch stets nach entgegengesetzter Richtung wie die ihrige +statt. Er hatte nichts mit denen gemein, welche von einem Extrem zum +andern überspringen und die von ihnen verlassene Partei mit einem Hasse +betrachten, welcher den gegen beständige Feinde weit übertrifft, er +hielt die Mitte zwischen den feindlichen Parteien, und hütete sich, die +Grenze zu überschreiten, welche dieselben trennte. Die Partei, der er +sich eine Zeitlang anschloß, war diejenige, welche ihm eben am wenigsten +zusagte, weil es die Partei war, von der er die nächste Kenntniß hatte. +Er zeigte daher stets Strenge gegen seine heftigen Genossen, und stand +jederzeit in freundlichem Vernehmen mit seinen gemäßigten Gegnern. Jede +Partei konnte am Tage ihres übermüthigen und rachsüchtigen Triumphes +seines Tadels sich versichert halten, und jeder besiegten und verfolgten +Partei war er ein Beistand. Es darf zu seiner steten Ehre nicht +unerwähnt bleiben, daß er bemüht war, die Opfer zu retten, deren +Schicksal einen unverlöschlichen Flecken auf den Namen der Whigs sowohl +wie der Tories geworfen hat. + +Er hatte sich durch seine Opposition so bemerkbar gemacht, und dadurch +das königliche Mißfallen in so hohem Grade auf sich gezogen, daß er +nicht ohne viele Umständlichkeiten und Streitigkeiten in den Rath der +Dreißig gelangte, kaum hatte er aber am Hofe Fuß gefaßt, so machten ihn +die Liebenswürdigkeit seines Auftretens und seiner Unterhaltung zum +Günstling. Die heftige Mißstimmung des Volkes beunruhigte ihn ernstlich, +er glaubte, daß wohl die Freiheit vorläufig gesichert sei, die +öffentliche Ordnung und gesetzliche Gewalt aber in Gefahr wären. Aus +diesem Grunde stellte er sich, nach seiner gewöhnlichen Art, auf die +Seite der Schwächeren. Möglicherweise war seine Bekehrung nicht ganz +frei von Eigennutz, denn obgleich Studium und Nachdenken ihn von manchen +gewöhnlichen Vorurtheilen zurückgebracht hatten, so war er doch ein +Sklave niederer Gelüste geblieben. An Geld litt er keinen Mangel, +und man kann ihn nicht beschuldigen, daß er es jemals auf Wegen sich +verschafft hätte, welche auch von dem strengsten Richter jener Zeit für +verwerflich erklärt worden wären, aber Rang und Macht hatten für ihn +viel Lockendes. Er versicherte zwar, daß Titel und hohe Ämter nur Köder +für Thoren seien, daß er Geschäfte, Pracht und Pomp verachte und es sein +innigster Wunsch sei, aus dem lauten Treiben und Glanze von Whitehall in +die stillen Wälder sich zurückzuziehen, welche seinen alten Sitz von +Rufford umgaben, aber sein Benehmen stand zu diesen Erklärungen in +vollem Widerspruch. In Wahrheit wünschte er von Hofleuten und +Philosophen bewundert zu werden, weil er zu hohen Würden sich +emporgeschwungen hatte und er dieselben doch zugleich verachtete. + + [Anmerkung 4: Man wird erkennen, daß ich Halifax für den + Verfasser, oder wenigstens für einen der Verfasser der Schrift: + +»Character of a Trimmer«+ halte, welche eine Zeitlang seinem + Vetter Sir William Coventry zugeschrieben wurde.] + + +[_Charakter Sunderlands._] Sunderland war Staatssekretair. Dieser Mann +war ein verkörpertes Bild der politischen Sittenlosigkeit seiner Zeit. +Er besaß einen durchdringenden Verstand, ein geschäftiges, boshaftes +Temperament, ein fühlloses Herz und einen gemeinen Sinn. Sein Charakter +hatte eine Schule von Lastern durchgemacht, welche darin zur üppigsten +Reife gediehen waren. Bei seinem Eintritt in das öffentliche Leben hatte +er verschiedene Jahre auf auswärtigen diplomatischen Stationen +zugebracht, und einige Jahre als Gesandter in Frankreich gelebt. Jeder +Beruf ist seinen besonderen Versuchungen unterworfen, und es wird +Niemand in seinem Rechte verletzt, wenn man behauptet, daß die +Diplomaten, als Klasse betrachtet, sich von jeher durch ihre +Geschmeidigkeit, durch die Geschicklichkeit, mit der sie sich des +Vertrauens derjenigen bemächtigen, mit denen sie zu thun haben, und +durch die Leichtigkeit mit der sie den Ton jeder Gesellschaft, in der +sie sich bewegen, zu treffen wissen, mehr ausgezeichnet haben, als durch +edlen Enthusiasmus oder strenge Rechtschaffenheit, und die Beziehungen +zwischen Karl und Ludwig waren von der Art, daß kein englischer Cavalier +lange als Gesandter in Frankreich sein konnte, ohne alle patriotischen +und redlichen Gesinnungen zu verlieren. Sunderland ging aus dieser bösen +Schule, in der er gebildet worden, listig, geschmeidig, schamlos, frei +von jedem Vorurtheile und aller Grundsätze bar hervor. Seine erbliche +Verbindung machte ihn zum Cavalier, sonst aber hatte er nichts mit den +Cavalieren gemein. Sie waren mit vollem Herzen monarchisch gesinnt und +verdammten in der Theorie jeden Widerstand, aber in ihrer Brust schlugen +trotzige englische Herzen, welche wirklichen Despotismus nicht geduldet +hätten. Er hingegen fand ein schwaches, berechnetes Gefallen an +republikanischen Staatseinrichtungen, das sich mit der vollkommenen +Bereitwilligkeit vertrug, im praktischen Leben das ergebenste Werkzeug +willkürlicher Macht zu sein. Gleich anderen vollendeten Schmeichlern und +Unterhändlern war er weit geschickter in der Kunst, Charaktere zu +durchschauen und auf ihre Schwächen Pläne zu gründen, als er vermochte, +die Gefühle der Massen zu erkennen, und den Heranzug großer Umwälzungen +vorauszusehen. Äußerst gewandt in der Intrigue, war es selbst für kluge +und erfahrungsreiche Männer, welche seine Treulosigkeit im Voraus +kannten, keine leichte Aufgabe, dem Zauber seiner Manieren zu +widerstehen und seinen Versicherungen der Ergebenheit zu mißtrauen. Aber +bei seiner Anstrengung, Einzelne zu studiren und für sich einzunehmen, +vergaß er die Stimmung des Volkes zu beobachten, weshalb er sich in +Bezug auf die wichtigsten Ereignisse seiner Zeit sehr oft täuschte. Jede +wichtige Bewegung und jeder Umschlag der öffentlichen Meinung +überraschte ihn, und die Welt, der es unbegreiflich war, wie ein so +ausgezeichneter Mann oft Dinge nicht erkannte, die der Kaffeehauspolitik +klar waren, hielt seine Maßregeln bisweilen für tief durchdachte Pläne, +während es in der That nur gewaltige Fehler waren. + +Seine vorzüglichsten Fähigkeiten zeigten sich bei Privatunterhandlungen. +Im königlichen Kabinet, sowie in kleineren Kreisen besaß er einen +außerordentlichen Einfluß, in der Rathsversammlung aber war er +schweigsam und im Hause der Lords kam kein Laut über seine Lippen. + +Die vier vertrauten Räthe der Krone erkannten sehr bald, daß sie eine +verantwortliche und gehässige Stellung einnahmen. Die übrigen +Rathsmitglieder murrten über eine Bevorzugung, die sich mit den +Versprechungen des Königs nicht vereinigen ließ, und einige derselben, +mit Shaftesbury an der Spitze, machten im Parlamente wieder die +eifrigste Opposition. Die Aufregung, welche die letzten Veränderungen +beseitigt hatten, trat heftiger als jemals hervor. Der bestürzte Karl +versprach den Gemeinen umsonst jede Sicherstellung der protestantischen +Religion, die sie nur immer verlangten, unter der einzigen Bedingung, +daß sie sich nicht an der Thronfolgeordnung vergriffen; sie wollten von +keinem Vergleiche hören, Ausschließungsbill war ihr Ruf, nichts als +Ausschließungsbill! Der König verfügte sich daher, einige Wochen nach +seiner öffentlichen Versicherung, keinen Schritt ohne Wissen seines +Geheimen Raths zu thun, in das Haus der Lords, ohne dem Rathe das +Geringste davon mitgetheilt zu haben, und vertagte das Parlament. + + +[_Prorogation des Parlaments._] Der Tag dieser Prorogation, der 26. Mai +1679, bildet einen wichtigen Abschnitt in unserer Geschichte, indem an +demselben die Habeas-Corpus-Akte die königliche Zustimmung empfing. Seit +der Magna Charta war das Recht in Betreff der persönlichen Freiheit der +Engländer in seinen materiellen Bestandtheilen fast dasselbe, was es zu +unserer Zeit ist, aber in Ermangelung eines thatkräftigen Systems, und +einer geschickten Handhabung desselben hatte es sich bis jetzt ohne +Wirkung gezeigt. Man brauchte kein neues Recht, sondern nur ein gutes +gründliches Schutzmittel, und solches war die Habeas-Corpus-Akte. + + +[_Habeas-Corpus-Akte._] Der König würde ohne Zweifel die Genehmigung +dieses Gesetzes mit Freuden versagt haben, aber er beabsichtigte über +die Successionsfrage vom Parlamente an das Volk zu appelliren, und +durfte es in diesem äußerst wichtigen Moment nicht wagen, eine Bill +zurückzuweisen, welche so außerordentlich populär war. + +An diesem Tage wurde die englische Presse auf eine kurze Zeit frei. In +früheren Zeiten standen die Drucker unter strenger Beaufsichtigung des +Gerichtshofes der Sternkammer. Das Lange Parlament hatte dieselbe zwar +aufgelöst, aber trotz der philosophischen und dringenden Einwürfe +Miltons die Censur eingeführt und aufrecht erhalten. Kurz nach der +Restauration ging eine Akte durch, welche den Druck nicht genehmigter +Bücher untersagte, und man hatte beschlossen, daß diese Akte bis zum +Schluß der ersten Session des nächsten Parlaments in Kraft bleiben +solle. Dieser Zeitpunkt war jetzt da, und die Presse wurde in dem +Augenblicke frei, als der König die Häuser vertagte. + + +[_Zweite Allgemeine Wahl von 1679._] Kurz nach der Prorogation fand die +Auflösung und eine allgemeine Neuwahl statt. Der Eifer und die Macht der +Opposition waren außerordentlich, und das Geschrei nach der +Ausschließungsbill ertönte lauter wie früher; auch vereinigte sich mit +diesem Geschrei ein anderes, welches das Blut der Menge in Aufregung +versetzte, aber von allen vernünftigen Freunden der Freiheit mit Schmerz +und Besorgniß vernommen wurde. Es wurden nicht blos die Rechte des +Herzogs von York, eines ausgemachten Katholiken, sondern auch die seiner +beiden Töchter, aufrichtiger und eifriger Protestantinnen, angegriffen, +und mit Bestimmtheit behauptet, der älteste natürliche Sohn des Königs +sei von ehelicher Geburt und der gesetzmäßige Erbe der Krone. + + +[_Popularetät Monmouths._] Als Karl noch auf dem Continent als Wanderer +lebte, lernte er im Haag Lucie Walters, ein wallisisches Mädchen kennen, +welche zwar außerordentlich schön, aber dabei beschränkten Geistes und +sittenlos war. Sie wurde seine Maitresse, und bald darauf Mutter eines +Sohnes, gegen dessen Echtheit ein eifersüchtiger Liebhaber wohl Bedenken +erhoben haben würde, denn die Dame hatte verschiedene Anbeter, und es +wurde behauptet, daß sie gegen keinen derselben unerbittlich sei. Karl +glaubte jedoch ihren Worten, und äußerte gegen den kleinen Jakob Crofts, +wie das Kind genannt wurde, eine ungemeine Zärtlichkeit, welche bei +diesem kalten, sorglosen Charakter höchst überraschend erscheint. Bald +nach der Restauration kam der junge Liebling, welcher in Frankreich die +Erziehung eines vollkommenen Gentleman genossen, nach Whitehall. Er +bezog eine Wohnung im Palaste, erhielt Pagen zur Bedienung, und genoß +verschiedene Bevorzugungen, welche bisher nur Prinzen von Geblüt zu +Theil geworden waren. Noch in zarter Jugend vermählte man ihn mit Anna +Scott, der Erbin des edlen Hauses der Buccleuch. Er nahm den Namen +seiner Gemahlin an, und trat durch diese Verbindung in den Besitz sehr +bedeutender Güter, so daß man das Vermögen, welches er besaß, auf nicht +weniger als zehntausend Pfund jährlicher Einkünfte schätzte. Er wurde +mit Titeln und Gunstbezeugungen, von einträglicherer Art als Titel, +förmlich überschüttet. Man ernannte ihn zum Herzog von Monmouth in +England, zum Herzog von Buccleuch in Schottland, zum Ritter des +Hosenbandordens, Stallmeister, Befehlshaber der ersten Abtheilung der +Leibgarde, Oberrichter von Eyre, südlich vom Trent, und Kanzler der +Universität Cambridge. Im Volke gönnte man ihm dieses Glück. Er besaß +ein höchst einnehmendes Äußeres, dabei war er von sanftem Gemüth und +liebenswürdigem leutseligen Wesen. Obgleich ein Wüstling, gewann er doch +die Herzen der Puritaner und wenn es auch allgemein bekannt war, daß er +um den abscheulichen Angriff auf Sir John Coventry gewußt, wurde es ihm +doch nicht schwer, die Vergebung der Vaterlandspartei zu erhalten. +Selbst strenge Sittenrichter räumten ein, daß an einem derartigen Hofe +von einem Kinde, das mit einem Kinde vermählt worden sei, strenge +eheliche Treue sich nicht erwarten lasse, und selbst Vaterlandsfreunde +entschuldigten den heftigen Knaben, der eine Beleidigung gegen seinen +Vater mit übertriebener Rache vergalt. Bald aber wurde der Schatten, +den Liebschaften und nächtliche Streiche auf seinen Charakter geworfen, +durch ehrenvolle Handlungen verwischt. Als Karl und Ludwig sich gegen +Holland waffneten, befehligte Monmouth die englischen Hilfstruppen, +welche nach dem Continent geschickt wurden, und zeigte sich als tapferer +Soldat und als tüchtiger Offizier. Bei seiner Zurückkunft war er der +populärste Mann im Königreiche. Man gewährte ihm Alles, mit Ausnahme der +Krone, und selbst diese schien für ihn nicht völlig unerreichbar zu +sein. Die Unterscheidung, welche man höchst unkluger Weise zwischen ihm +und Männern des höchsten Adels machte, war von üblen Folgen gewesen. Man +hatte ihn als Knaben aufgefordert, im Audienzzimmer bedeckt zu bleiben, +während Howards und Seymours mit entblößtem Haupte neben ihm standen. +Starb ein fremder Fürst, so trug Monmouth als Trauerkleid den langen +Purpurmantel, den kein anderer Unterthan als der Herzog von York und +Prinz Ruprecht anlegen durften. Natürlich mußten diese Dinge ihn +bestimmen, sich als einen legitimen Prinzen des Hauses Stuart zu +betrachten. Karl war noch in reiferem Alter seinen leichtsinnigen +Vergnügungen ergeben, ohne dabei auf seine Würde Rücksicht zu nehmen. +Es ließ sich wohl annehmen, daß er als Jüngling von zwanzig Jahren eine +förmliche Ehe mit einer Dame eingegangen, deren Schönheit ihn bezaubert +und die auf leichtere Bedingungen nicht zu gewinnen war. Als Monmouth +noch ein Kind war, und der Herzog von York noch für einen Protestanten +gehalten wurde, ging schon das Gerücht, nicht blos im Volke, sondern +auch in Kreisen, welche wohl unterrichtet sein konnten, daß der König +mit Lucie Walters vermählt, und wenn Jedem sein Recht würde, ihr Sohn +Prinz von Wales sei. Man sprach viel von einem schwarzen Kästchen, in +welchem nach dem Glauben des Volks der Ehevertrag enthalten sein sollte. +Als Monmouth aus den Niederlanden heimkehrte, von wo er einen hohen Ruf +rücksichtlich seiner Tapferkeit und Führung mitbrachte, und als es +bekannt wurde, daß der Herzog von York Mitglied einer von der Menge +gehaßten Kirche sei, gewann diese müßige Geschichte Bedeutung, obgleich +nicht der geringste Beweis dafür vorhanden war. Gegen sie sprach die +feierliche Erklärung des Königs, welche er vor seinem Rathe abgegeben +und die auf seinen Befehl zur Kenntniß des Volkes gebracht worden war. +Aber die Menge, stets eingenommen für romantische Abenteuer, lieh der +Geschichte von der heimlichen Ehe und dem schwarzen Kästchen ein +geneigtes Ohr. Einige Häupter der Oppositionspartei wiederholten ihr +Verfahren, welches sie bei der gehässigeren Fabel des Oates beobachtet: +sie unterstützten eine Geschichte, die sie im Herzen verachten mußten. +Den Antheil, den die niederen Volksklassen an dem Manne nahmen, in +welchem sie den Vertheidiger der wahren Religion und legitimen Erben des +englischen Thrones erblickten, wußte man durch alle möglichen +Kunstgriffe aufrecht zu erhalten. Als Monmouth um Mitternacht in London +ankam, erhielten die Wächter von den Behörden Befehl, das frohe Ereigniß +in den Straßen der City auszurufen. Das Volk verließ seine Lagerstätten, +Freudenfeuer flammten, die Fenster wurden erleuchtet, die Kirchen +geöffnet und festliches Glockengeläute ertönte von allen Thürmen. Wenn +er sich auf der Reise befand, kam man ihm mit nicht geringerer Pracht +und Begeisterung entgegen, als sie bei Umzügen der Herrscher durch ihr +Reich zur Schau getragen werden. Von einem Schlosse zum anderen gaben +ihm lange berittene Züge bewaffneter Gentlemen und Freisassen das +Ehrengeleite, und aus den Städten strömte die ganze Bevölkerung zu +seinem Empfange herbei. Die Wähler drängten sich an seine Seite, mit der +lauten Versicherung, daß er über ihre Stimmen zu verfügen habe. Sein +Stolz war zu einer solchen Höhe gestiegen, daß er nicht nur in seinem +Wappen die Löwen von England und die französischen Lilien, jedoch _ohne_ +den linken Querbalken -- nach der Heraldik ein Zeichen illegitimer +Geburt -- führte, sondern es sogar wagte, des »Königs Krankheit« +(Scropheln, Kröpfe) durch Berührung zu heilen. Zu gleicher Zeit +verabsäumte er keinen Kunstgriff der Herablassung, der ihm die Liebe der +Massen erwerben konnte. Er stand bei den Kindern der Landleute Gevatter, +machte ländliche Lustbarkeiten mit, versuchte sich im Ringkampf oder mit +dem Kampfstock und erreichte beim Wettlauf das Ziel eher in seinen +Stiefeln, als flinke Läufer dasselbe in Schuhen. + +Es ist eine seltsame Erscheinung, daß an zwei großen Wendepunkten +unserer Geschichte die Häupter der protestantischen Partei in gleichen +Irrthum verfielen und durch denselben ihr Vaterland und ihre Religion in +große Gefahr brachten. Als Eduard VI. gestorben war, erklärten sie sich +für die Lady Johanna, welche keinen Schein eines Geburtsrechts besaß, +und stellten sie nicht allein ihrer Feindin Maria entgegen, sondern auch +der Elisabeth, der wahren Hoffnung Englands und der protestantischen +Kirche. Hierdurch wurden die geachtetsten Protestanten mit Elisabeth an +der Spitze gezwungen, sich mit den Katholiken zu vereinigen. In +derselben Art griff hundertdreißig Jahre später ein Theil der +Opposition, indem er Monmouth als Thronfolger aufstellte, nicht nur die +Rechte Jakobs an, den sie als einen Feind ihres Glaubens und ihrer +Freiheiten kannten, sondern auch die des Prinzen und der Prinzessin von +Oranien, welche sowohl durch ihre Stellung, wie durch persönliche +Vorzüge zu Vertheidigern aller freien Verfassungen und reformirten +Kirchen ausersehen waren. + +Nach wenigen Jahren zeigte sich die Thorheit dieses Verfahrens. Vor der +Hand beruhte auf der Popularetät Monmouths größtentheils die Stärke der +Opposition. Die Wahlen fielen gegen den Hof aus, der Tag, an welchem die +Häuser zusammentreten sollten, rückte heran, und es wurde nöthig, daß +sich der König über den einzuschlagenden Weg entschied. Seine Räthe +vermeinten die ersten, leisen Symptome eines Umschwungs der öffentlichen +Stimmung zu erkennen, und lebten der Hoffnung, daß eine bloße +Verzögerung des Anpralls den Sieg herbeiführen würde. Daher faßte er den +Entschluß, ohne die Dreißig um Rath zu fragen, das neue Parlament noch +vor Beginn seiner Thätigkeit zu prorogiren. Dem Herzog von York, der von +Brüssel zurückgekehrt war, wurde Befehl gegeben, nach Schottland zu +gehen, und die Verwaltung dieses Königreichs zu übernehmen. + +Temple's Verfassungsplan war jetzt natürlich aufgegeben und bald +vergessen. Der Geheime Rath wurde wieder was er früher war, Shaftesbury +und seine politischen Glaubensgenossen verließen ihre Sitze. Temple +selbst kehrte, nach seiner Gewohnheit bei unruhigen Zeiten, zu seinem +Garten und seinen Büchern zurück. Essex verließ das Schatzamt und schloß +sich der Opposition an; Halifax aber, ärgerlich und voller Besorgniß +über die Voreiligkeit seiner alten Bundesgenossen, und Sunderland, der +niemals einen Posten aufgab so lange er ihn behalten konnte, verblieben +im königlichen Dienste. + +In Folge der Entlassungen, welche in dieser Conjunctur stattfanden, +war wiederum einer Reihe von Bewerbern der Weg zur Größe gebahnt. Zwei +Staatsmänner, welche sich nachmals auf den höchsten Gipfel der Macht, +den ein britischer Unterthan erreichen kann, emporschwangen, zogen bald +die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Es waren dies Lawrence Hyde und +Sidney Godolphin. + + +[_Lawrence Hyde._] Lawrence Hyde war der zweite Sohn des Kanzlers +Clarendon und Bruder der verstorbenen Herzogin von York. Er besaß +vorzügliche Eigenschaften, welche durch parlamentarische und +diplomatische Erfahrungen ausgebildet waren, aber seine +Charakterlosigkeit verringerte die Kraft seiner Fähigkeiten. Obgleich +Diplomat und Höfling, hatte er nie seine Gemüthsbewegungen in der +Gewalt. Stolz und unverschämt im Glück, war er nicht im Stande, seine +tiefe Niedergeschlagenheit zu verbergen, wenn ihn ein Unfall traf, +wodurch seinen Feinden der Triumph verdoppelt wurde. Unbedeutende +Angriffe genügten, seinen Zorn rege zu machen, und dann ließ er sich zu +den bittersten Bemerkungen hinreißen, welche er allerdings mit der +Abkühlung auch wieder vergaß, die aber nicht so bald aus dem +Gedächtnisse Anderer entwichen. Sein scharfer, Alles schnell +durchschauender Verstand würde ihn zu einem vollendeten Staatsmann +gemacht haben, wäre er nicht so dünkelhaft und reizbar gewesen. Seine +Schriften verrathen eine tüchtige Rednergabe, aber seine Empfindlichkeit +machte es ihm unmöglich, seine Talente in der Debatte zur Geltung zu +bringen, denn nichts war leichter als ihn aufzubringen, und von dem +Augenblick an, wo die Leidenschaftlichkeit in ihm die Oberhand gewann, +war er der Gnade von Gegnern preisgegeben, deren Fähigkeiten tief unter +den seinigen standen. + +Wie die meisten leitenden Staatsmänner jener Zeit, war er ein +consequenter heftiger und erbitterter Parteimann, ein Cavalier der alten +Schule, ein eifriger Vertheidiger des Thrones und der Kirche und dabei +von Feindschaft gegen Republikaner und Nichtconformisten erfüllt. +Er besaß deshalb einen bedeutenden Kreis von persönlichen Anhängern; +namentlich der Clerus erblickte in ihm einen Mann, auf den man fest +rechnen konnte, und gewährte seinen Schwächen eine Nachsicht, deren er +auch in der That bedurfte, denn er war ein starker Trinker, und wenn er +wüthend wurde, was sehr oft geschah, fluchte er wie ein Lastträger. + +Er war Essex' Nachfolger im Schatzamte. Es darf nicht vergessen werden, +daß die Stelle eines ersten Lords der Schatzkammer damals noch nicht die +Bedeutung und das Ansehen hatte, wie in der Jetztzeit. Wenn es einen +Lord Schatzmeister gab, so war dieser hohe Beamte in der Regel +Premierminister; wurde aber der weiße Stab einer Commission verliehen, +so stand der erste Commissar noch unter dem Range eines +Staatssekretairs. Erst seit Walpole's Zeit betrachtete man den ersten +Lord des Schatzes als das Haupt der ausführenden Verwaltung. + + +[_Sidney Godolphin._] Godolphin war als Page in Whitehall erzogen +worden, und hatte schon zeitig die Gewandtheit und Selbstbeherrschung +eines alten Hofmanns sich zu eigen gemacht. Er war fleißig, besaß einen +hellen Verstand, und bedeutende Kenntniß des Finanzwesens, daher war er +für jede Regierung ein höchst brauchbarer Mann, in dessen Ansichten und +Charakter sich nichts befand, was ihn hätte hindern können, irgend einer +Regierung gute Dienste zu leisten. Karl pflegte von ihm zu sagen: +»Sidney Godolphin ist niemals im Wege und niemals vom Wege.« Diese +treffende Bemerkung erklärt die großen Erfolge in Godolphins Leben. + +Er schloß sich zu verschiedenen Zeiten den beiden großen Parteien an, +ohne jedoch jemals die Leidenschaft einer derselben zu theilen. Gleich +den meisten Leuten, welche vorsichtigen Charakters und im Besitze +bedeutender Glücksgüter sind, hatte er eine entschiedene Neigung alles +Bestehende zu unterstützen. Er war kein Freund von Revolutionen, und aus +derselben Ursache, welche ihm die Revolutionen verhaßt machte, liebte er +auch die Contrerevolutionen nicht. Er besaß eine ernste und gemessene +Haltung, aber seine persönlichen Neigungen waren niedrig und +leichtfertig. Die meiste Zeit, die ihm die Staatsgeschäfte übrig ließen, +verbrachte er bei Wettrennen, Hahnkämpfen und Kartenspiel. Er saß jetzt +unter Rochester im Schatzamte, und machte sich durch Fleiß und +Kenntnisse sehr bemerkbar. + +Ehe das neue Parlament zu neuer Thätigkeit zusammentreten konnte, +verging ein volles Jahr, ein ereignißvolles Jahr, welches in unserer +Sprache und unseren Sitten unverlöschliche Spuren zurückgelassen hat. +Niemals waren früher politische Streitigkeiten mit soviel Freimuth +geführt worden, nie hatten politische Klubs von so ausgebildeter +Organisation und so gewaltigem Einflusse existirt. Die eine Frage der +Ausschließung beschäftigte alle Gemüther, und sämmtliche Pressen und +Kanzeln des Reiches betheiligten sich an dem Streite. Von den Einen +wurde erklärt, daß die Verfassung und Religion des Staates unter einem +der katholischen Kirche ergebenen Herrscher gefährdet seien, die Anderen +behaupteten, daß wenn die Reihe an Jakob komme, die Krone zu tragen, +dieses Recht von Gott stamme, und selbst dann nicht vertilgt werden +könne, wenn alle Zweige der gesetzgebenden Gewalt sich dagegen +vereinigten. + + +[_Heftigkeit der Parteien bei der Frage der Ausschließungsbill._] Jede +Grafschaft wie jede Stadt und jede Familie war in gewaltiger Aufregung. +Nachbarliche Artigkeit und Gastfreundschaft wurden gestört, die engsten +Bande der Geselligkeit und Verwandtschaft lösten sich auf. Selbst +Schulknaben bildeten wüthende Parteien, und der Herzog von York wie der +Earl von Shaftesbury besaßen eifrige Anhänger in den Schulstuben von +Westminster und Eton. Die Theater dröhnten von dem Geschrei der +streitenden Parteien. Aufgeregte Protestanten brachten die Päpstin +Johanna auf die Bühne, und wohlbezahlte Poeten würzten ihre Prologe und +Epiloge mit Lobeserhebungen des Königs und des Herzogs. Die +Mißvergnügten bestürmten den Thron mit Bitten um sofortige Einberufung +des Parlaments. Die Loyalen sandten Addressen, voller Ausdrücke der +tiefsten Verachtung gegen diejenigen, welche es wagten dem Souverain +Vorschriften zu machen. Die Bürger Londons liefen zu Tausenden zusammen, +um den Papst im Bilde zu verbrennen. Die Regierung stellte Cavallerie +bei Templebar und schweres Geschütz um Whitehall auf. In diesem Jahre +vermehrte sich unsere Sprache um zwei Worten: +mob+ (Pöbel) und +sham+ +(Lüge, Betrug), bemerkenswerthe Erinnerungszeichen einer Zeit des +Aufruhrs und Betrugs. Die Gegner des Hofes nannte man: Birminghams, +Petitionäre und Ausschließungsmänner (+exclusionists+) die auf des +Königs Seite standen: Anti-Birminghams, Verabscheuer (+abhorrers+) und +Rennthiere (+tantivies+). + + +[_Die Namen Whig und Tory._] Diese Bezeichnungen kamen bald aus der +Mode, aber zu jener Zeit entstanden zwei Spottnamen, welche zwar +anfänglich zur Verhöhnung benutzt, bald aber mit Stolz angenommen +wurden, noch jetzt täglich in Anwendung sind, soweit die englische Zunge +verbreitet ist, und die so lange unvertilgbar bleiben werden, als die +englische Literatur besteht. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß +einer dieser Spottnamen schottischen, der andere irländischen Ursprungs +ist. In Schottland wie in Irland hatten sich in Folge der schlechten +Regierung Banden von verzweifelten Menschen gebildet, deren Wildheit +noch durch Fanatismus erhöht wurde. Einige der verfolgten Anhänger des +Covenants, durch den härtesten Druck zur Verzweiflung getrieben, +mordeten den Primas von Schottland, ergriffen gegen die Regierung die +Waffen und fochten mit einigem Erfolg gegen die Truppen des Königs. +Sie wurden erst besiegt, nachdem Monmouth mit einigen englischen +Streitkräften sie an der Bothwellbrücke auseinander gesprengt hatte. +Diese Zeloten bestanden zum größten Theile aus Landleuten des westlichen +Unterlands, welche gewöhnlich Whigs hießen. So verband sich die +Benennung Whig mit dem Begriffe eines presbyterianischen Eiferers in +Schottland, und wurde auf diejenigen englischen Politiker übertragen, +welche geneigt waren, dem Hofe zu opponiren, und protestantische +Nichtconformisten mit Rücksicht zu behandeln. Die Moorgegenden Irlands +boten zu gleicher Zeit papistischen Flüchtlingen, welche Ähnlichkeit mit +denen hatten, welche man später Weißburschen (+white-boys+) nannte, +einen Zufluchtsort. Diese Leute hießen damals Tories. Mit dem Namen Tory +bezeichnete man daher diejenigen Engländer, welche sich sträubten zur +Ausschließung eines katholischen Prinzen vom Throne beizutragen. + +Die Wuth der feindlichen Parteien würde schon stark genug gewesen sein, +wenn man dieselbe sich selbst überlassen hätte, so aber wurde sie von +dem gemeinschaftlichen Feinde beider absichtlich noch mehr +aufgestachelt. Ludwig unterließ noch immer nicht, sowohl den Hof wie die +Opposition zu bestechen, und beiden zu schmeicheln. Er rieth Karl, fest +zu bleiben, Jakob, eine Revolution in Schottland zu erregen, und +ermuthigte die Whigs, nicht zu wanken, sondern mit Zuverlässigkeit auf +Frankreichs Schutz zu rechnen. + +Bei allem diesen bewegten Treiben konnte es einem scharfblickenden Auge +nicht verborgen bleiben, daß die öffentliche Meinung allmälig sich einer +Umwandlung näherte. Die Verfolgung der Katholiken hatte noch nicht +aufgehört, aber die Verurtheilungen verstanden sich nicht mehr -- wie +früher -- von selbst. Eine neue Rotte falscher Zeugen, unter ihnen ein +Schuft Namens Dangerfield, der sich am meisten hervorthat, peinigte die +Gerichtshöfe; aber obgleich die Lügen dieser Menschen besseren Klang +hatten als die des Oates, so fanden sie doch weniger Glauben. Die +Geschwornen waren nicht mehr so befangen, wie zur Zeit des allgemeinen +Entsetzens, welches der Ermordung Godfrey's folgte, und die Richter, +während der Wahnsinnsperiode gefügige Werkzeuge des Volkes, hatten jetzt +den Muth, zum Theil das auszusprechen, was sie von Anfang für wahr +gehalten. + + +[_Zusammentritt des Parlaments, und Durchgang der Ausschließungsbill im +Hause der Gemeinen._] Endlich, im Oktober des Jahres 1680, trat das +Parlament zusammen. Die Whigs bildeten bei den Gemeinen eine so große +Majorität, daß die Ausschließungsbill alle ihre Stadien ohne Beschwerde +durchlief. Der König wußte kaum, auf welche Mitglieder seines eigenen +Kabinets er zählen dürfe; Hyde hatte seine Toryansichten treulich +festgehalten, und im Interesse der erblichen Monarchie eine beharrliche +Thätigkeit entwickelt; Godolphin jedoch, in dem ängstlichen Bestreben +nach Ruhe, und der Ansicht, daß diese nur durch Zugeständnisse +herbeizuführen sei, wünschte, daß die Bill durchgehen möchte. +Sunderland, stets falsch und verblendet, unfähig die Symptome der +nahenden Reaction zu erkennen und voller Eifer die Partei, welche nach +seiner Meinung unwiderstehlich war, zu versöhnen, beschloß gegen den Hof +zu stimmen. Die Herzogin von Portsmouth beschwor ihren königlichen +Geliebten, sich nicht mit Gewalt dem Verderben preiszugeben. Wenn es +wirklich einen Punkt gab, bei welchem derselbe Regungen des Gewissens +oder der Ehre in sich fühlte, so war es die Successionsfrage; es schien +jedoch einige Tage, als ob er nachgeben würde. Er schwankte, fragte nach +der Höhe der Summe, welche ihm die Gemeinen für seine Einwilligung +zahlen würden, und gestattete, daß eine Unterhandlung mit den leitenden +Whigs begann. Ein schweres gegenseitiges Mißtrauen aber, Jahre lang im +Wachsthum begriffen, und durch die Kunstgriffe Frankreichs sorgfältig +unterhalten, ließ keinen Vergleich zu Stande kommen, auf beiden Seiten +fehlte das gegenseitige Vertrauen. Das ganze Volk blickte jetzt voll +banger Erwartung auf das Haus der Lords. Die Pairs waren zahlreich +versammelt, der König selbst anwesend, die Debatte lang, ernsthaft und +bisweilen stürmisch. Mehrere erfaßten den Griff des Degens auf eine Art, +welche an die aufgeregten Parlamente Heinrichs III. und Richards II. +erinnerte. + + +[_Die Lords verwerfen die Ausschließungsbill._] Der falsche Sunderland +schloß sich an Shaftesbury und Essex an; der geistreiche Halifax aber +warf alle Opposition darnieder. Verlassen von seinen wichtigsten +Collegen und einer Menge gewandter Gegner preisgegeben, führte er die +Sache des Herzogs von York in einer Folge von Reden, welche noch nach +vielen Jahren als Meisterwerke der Logik, Genialität und Beredtsamkeit +galten. Es ist ein seltener Fall, daß die Macht der Rede einen Umschwung +in der Abstimmung hervorbringt, aber das Zeugniß der Zeitgenossen +beweist zur Evidenz, daß bei dieser Gelegenheit durch die +außerordentliche Redekunst des Halifax die Stimmen geändert wurden. +Die Bischöfe, treu ihrer Lehre, unterstützten das Prinzip des +Erblichkeitsrechts, und die Bill wurde mit großer Majorität +verworfen.[5] + + [Anmerkung 5: Ein anwesender Pair hat den Erfolg von Halifax' + Redekunst in Worten beschrieben, welche ich mittheilen will, weil + sie, obgleich schon längst gedruckt, vermuthlich nur wenigen + selbst der aufmerksamsten und wißbegierigsten Leser der Geschichte + bekannt sind: + + »Von außerordentlicher Beredtsamkeit und großen Mitteln waren die + Feinde des Herzogs, welche die Bill vertheidigten, aber ein edler + Lord trat auf, der an diesem Tage mit aller Macht der Rede in + Beweisführung, in Gründen aus dem öffentlichen wie aus dem + Privatinteresse der Menschen, in Ehre, Gewissen und Anstand sich + selbst und jeden Andern übertraf. Zuletzt siegte er durch sein + Verfahren und seine Talente, und wurden durch ihn Witz und Bosheit + der anderen Partei zu nichte gemacht.« + + Diese Stelle ist einer Denkschrift Heinrichs, Earls von + Peterborough entlehnt, die sich in einem Buche unter dem Titel: + +»Succinct Genealogies, by Robert Halstead« Fol. 1685+, findet. + Der Name Halstead ist fingirt. Die wahren Verfasser sind der Earl + von Peterborough selbst und sein Kaplan. Das Buch ist höchst + selten, da bloß vierundzwanzig Exemplare davon gedruckt wurden, + von denen zwei das britische Museum besitzt. Von diesen beiden + gehörte eines Georg IV. und das andere Mr. Grenville.] + + +[_Hinrichtung Staffords._] Die im Hause der Gemeinen vorherrschende +Partei erlitt durch diese Niederlage eine bittere Kränkung, doch fand +sie darin einigen Trost, daß Blut von Katholiken fließen mußte. William +Howard, Viscount Stafford, einer der Unglücklichen, welche bei dem +Complot betheiligt sein sollten, wurde vor die Schranken seiner Pairs +gestellt, auf die Beschuldigung Oates' und zweier andern falschen Zeugen +Dugdale und Turberville wegen Hochverraths verurtheilt und hingerichtet. +Aber die näheren Umstände seines Prozesses und seiner Hinrichtung +konnten den Führern der Whigpartei zu einer warnenden Lehre dienen. Eine +große und ehrenwerthe Minorität des Hauses der Lords erklärte den +Gefangenen für unschuldig. Die Volksmasse, welche noch vor wenigen +Monaten die letzten, vor der Hinrichtung gegebenen Versicherungen der +Opfer des Oates mit Spott und Hohngeschrei aufgenommen hatte, sprach nun +laut seine Überzeugung aus, daß an Stafford ein Mord begangen worden +sei. Als er in den letzten Augenblicken seine Unschuld betheuerte, rief +man ihm zu: »Gott segne Euch, Mylord. Wir glauben Euch, Mylord!« Ein +scharfsichtiger Beobachter konnte leicht voraussehen, daß für das damals +vergossene Blut bald anderes nachfließen werde. + + +[_Allgemeine Wahlen von 1681._] Der König wollte das Mittel einer +Auflösung nochmals versuchen. Er berief ein Parlament für den März des +Jahres 1681 nach Oxford. Seit den Zeiten der Plantagenets waren die +Häuser stets zu Westminster versammelt gewesen, außer wenn Seuchen in +London herrschten, aber so ungewöhnliche Zeitumstände erheischten auch +außerordentliche Vorsichtsmaßregeln. Wurde das Parlament an seinem +gewöhnlichen Versammlungsorte gehalten, so konnte das Haus der Gemeinen +sich für permanent erklären und Londons Magistrat und Bürgerschaft zu +Hilfe rufen. Die Miliz konnte zum Schutze Shaftesbury's herbeieilen, wie +sie vor vierzig Jahren zur Vertheidigung Pyms und Hampdens aufgestanden +war, die Wachen konnten entwaffnet, der Palast erobert und der König von +den Rebellen zum Gefangenen gemacht werden; solche Gefahren waren in +Oxford nicht möglich. Die Universität hielt es mit der Krone und der +Adel der Umgegend gehörte fast durchgängig den Tories an, die Opposition +hatte demnach hier mehr zu fürchten, als der König. + +Der Wahlkampf war heftig. Im Hause der Gemeinen bildeten die Whigs noch +immer eine Majorität, es war aber nicht zu verkennen, daß der Tory-Geist +allenthalben im Lande rasch um sich griff. Man sollte glauben, der +scharfblickende, gewandte Shaftesbury hätte den eintretenden Wechsel +bemerken und zu dem, vom Hofe gebotenen Vergleiche seine Einwilligung +geben müssen, aber er schien seine frühere Taktik nicht mehr verfolgen +zu wollen. Anstatt Vorsichtsmaßregeln zu treffen, um bei schlimmem +Erfolge sich den Rückzug zu sichern, nahm er eine Position, in welcher +er siegen oder seinen Untergang finden mußte. Vielleicht war ihm der +Kopf, so vortrefflich er auch war, durch die Gunst des Volkes, durch das +Glück und durch die Aufregung des Kampfes schwindelnd geworden, +vielleicht hatte er auch seine Partei so aufgestachelt, daß er sie nicht +mehr beherrschen konnte und in wildem Laufe von denen mit fortgerissen +wurde, die er zu leiten glaubte. + + +[_Das Parlament zu Oxford gehalten und aufgelöst._] So kam der +ereignißvolle Tag heran. Die Versammlung zu Oxford hatte mehr +Ähnlichkeit mit einem polnischen Reichstage als einem englischen +Parlament. Die Mitglieder der Whigpartei kamen in Begleitung einer +großen Anzahl wohl bewaffneter und berittener Pächter und Dienstleute, +welche trotzige Blicke mit den königlichen Garden wechselten. Die +kleinste Veranlagung konnte bei dieser Gährung eine Revolution +hervorrufen, nur wagte es keine Partei, den ersten Schlag zu führen. +Noch einmal versprach der König, mit Ausnahmen der Ausschließungsbill in +Alles zu willigen, die Gemeinen aber wollten nichts annehmen als eben +die Ausschließungsbill. Nach Verlauf von wenigen Tagen war das Parlament +wieder aufgelöst. + + +[_Toryreaction._] Der König hatte gesiegt, und die Reaction, welche +einige Monate vor dem Zusammentreten der Häuser zu Oxford ihren Anfang +nahm, machte rasche Fortschritte. Die Nation war dem Papstthum +allerdings noch immer feindlich gesinnt, aber wenn die Leute auf die +Complotgeschichte zurückblickten, so erkannten sie doch, daß ihr +protestantischer Eifer sie zu Thorheiten und Verbrechen veranlaßt hatte, +und es schien ihnen unbegreiflich, daß sie sich durch alberne Mährchen +verleiten ließen, das Blut ihrer Mitbürger und Mitchristen zu verlangen. +Freilich mußten die loyalsten Männer zugestehen, daß Karls Verwaltung +oft heilloser Art gewesen sei, aber Leute, die von seinem Verkehr mit +Frankreich nicht so genau unterrichtet waren, als wir es jetzt sind, und +auf welche die Heftigkeit der Whigs einen widerwärtigen Eindruck machte, +rechneten die großen Zugeständnisse her, welche in den letzten Jahren +das Parlament von ihm erlangt, und die noch bedeutenderen +Zugeständnisse, zu denen er sich bereit gezeigt. Er hatte die Gesetze +sanktionirt, welche die Katholischen von dem Hause der Lords, dem +Geheimen Rathe und jedem bürgerlichen und militairischen Amte +ausgeschlossen, und ebenso die Habeas-Corpus-Akte genehmigt. Waren keine +größeren Bürgschaften da gegen die Gefahren, welche der Verfassung und +der Kirche von einem katholischen Souverän drohten, so trug nicht Karl +die Schuld, denn er hatte das Parlament aufgefordert, dergleichen +Bürgschaften in Vorschlag zu bringen, sondern jene Whigs, welche von +keinem Ersatzmittel für die Ausschließungsbill hören wollten. -- Eins +nur hatte der König seinem Volke abgeschlagen: er hatte sich geweigert, +seinen Bruder des Geburtsrechtes zu berauben, aber ließ sich nicht +annehmen, daß diese Weigerung aus ehrenwerthen Gründen stattgefunden? +welche egoistischen Motive konnte selbst der Parteigeist dem Herzen des +Königs zu Grunde legen? die Ausschließungsbill beeinträchtigte durch +nichts die Hohheitsrechte des regierenden Königs und verminderte +ebensowenig seine Revenüen, ja, er hätte sogar durch ihre Genehmigung +eine bedeutende Vermehrung seines Einkommens erzielen können. Und konnte +es ihm nicht gleichgültig sein, wer nach ihm die Krone trug? Ja, wenn +bei ihm persönliche Vorliebe in's Spiel kam, so wußte man, daß dieselbe +mehr für den Herzog von Monmouth als für den Herzog von York vorhanden +war. Das Verfahren des Königs ließ sich daher auf das Natürlichste +dadurch erklären, daß trotz seines unstäten Charakters und seiner +leichtfertigen Moral, er doch in diesem Falle von Pflicht und Ehre sich +habe leiten lassen. Und war es so, konnte ihn die Nation dann zu einer +Handlung zwingen, die er für verbrecherisch und ehrlos hielt? Auf sein +Gewissen einen Zwang auszuüben, geschähe es auch durch streng +verfassungsmäßige Mittel, hielten eifrige Royalisten für unedel und +pflichtwidrig, aber _solche_ Mittel waren nicht die einzigen, welche die +Whigs anzuwenden gedachten. Bereits zeigten sich Vorboten eines +herannahenden Bürgerkriegs, und Männer, welche zu den Zeiten der +bürgerlichen Unruhen und der Republik sich allgemein verhaßt gemacht +hatten, traten jetzt aus der Verborgenheit hervor, in die sie sich nach +der Restauration vor dem allgemeinen Unwillen geflüchtet hatten, gingen +überall mit zuversichtlichen und geschäftigen Mienen herum und schienen +einen zweiten Sieg der Heiligen schon im Voraus zu feiern. Ein zweites +Naseby, ein zweiter hoher Gerichtshof, eine zweite Republik, ein +nochmaliger Usurpator auf dem Throne, ein abermaliges Hinauswerfen der +Lords aus ihrem Saale, eine zweite Säuberung der Universitäten, eine +wiederholte Beraubung und Verfolgung der Kirche, eine neue Herrschaft +der Puritaner -- auf solche Resultate schien die verzweifelte Politik +der Opposition hinzuarbeiten. + +Solche Gefühle belebten die höheren und mittleren Klassen, welche sich +in großer Zahl um den Thron schaarten. Der König befand sich in +ähnlicher Lage wie sein Vater kurz nach dem Erlasse der großen +Remonstration. Die Reaction von 1641 hatte man in ihrem Fortschritte +gehemmt. Als sein ihm lange entfremdetes Volk mit versöhnlichen Herzen +im Begriff war, zu ihm zurückzukehren, hatte Karl I. durch treulose +Verletzung der Grundgesetze des Reiches das öffentliche Vertrauen auf +immer verscherzt. Hätte Karl II. ebenso gehandelt, hätte er die Führer +der Whigpartei gesetzwidrig verhaften und vor einem Tribunale, das keine +legale Gerichtsbarkeit über sie besaß, des Hochverraths beschuldigen +lassen, so würden sie ohne Zweifel das verlorne Übergewicht bald wieder +erlangt haben. Es war ein Glück für ihn, daß er bei dieser Krisis sich +rathen ließ, eine Politik zu verfolgen, die seinen Absichten ganz +entsprechend war. Er entschloß sich, dem Gesetze Folge zu leisten, +zugleich aber auch den kräftigsten und schonungslosesten Gebrauch von +demselben gegen seine Widersacher zu machen. Er war nicht verpflichtet, +vor Ablauf der nächsten drei Jahre ein Parlament einzuberufen, und +befand sich eben in keiner Geldverlegenheit, denn der Betrag der +Steuern, welche ihm auf Lebenszeit bewilligt waren, überstieg das +angenommene Bedürfniß. Er lebte mit aller Welt in Frieden, konnte seine +Ausgaben beschränken, indem er den kostspieligen und nutzlosen Posten zu +Tanger aufgab, und wußte, daß er auf Geldhilfe von Seiten Frankreichs +rechnen durfte. Es blieb ihm daher die nöthige Zeit, und fehlte ihm +nicht an Mitteln, die Opposition in aller gesetzlichen Form systematisch +zu bekämpfen. Die Richter konnte er willkürlich entlassen, die +Geschwornen wurden von den Sheriffs ernannt, und in fast allen +Districten Englands erwählte er die Sheriffs. Zeugen desselben +Gelichters, welchem diejenigen angehört hatten, auf deren Aussagen die +Katholiken das Schaffot besteigen mußten, waren bereit, auch die Whigs +auf die Richtstätte zu liefern. + + +[_Verfolgung der Whigs._] Als erstes Opfer fiel College, ein lauter, +wilder Demagog von niedrigem Herkommen und schlechter Erziehung. Er war +seines Handwerks ein Tischler, und hatte den Ruhm, der Erfinder des +protestantischen Dreschflegels zu sein.[6] Als das Parlament in Oxford +gewesen, sollte er dort den Plan gehabt haben, einen Angriff auf die +Garde des Königs zu machen. Gegen ihn zeugten Dugdale und Turberville, +dieselben Schurken, welche wenige Monate früher falsches Zeugniß gegen +Stafford abgelegt. Einer Jury von Landedelleuten gegenüber konnte kein +Exclusionist auf Gnade rechnen; er wurde für schuldig erklärt. Der +Ausspruch der Geschwornen wurde von den Massen, welche das Gerichtshaus +von Oxford füllten, mit enthusiastischem Gebrüll begrüßt, so +unmenschlich wie das, welches er mit seinen Genossen ausgestoßen, wenn +man unschuldige Katholiken zum Henkerstode verurtheilte. Seine +Hinrichtung gab das Zeichen zu einer neuen Justiz-Schlächterei, nicht +weniger schändlich als die, an der er früher selbst betheiligt gewesen +war. + +Die Regierung war durch diesen ersten Triumph so kühn geworden, daß sie +jetzt ihr Absehen auf einen Feind von ganz anderer Art richtete. Man +beschloß Shaftesbury auf Leben und Tod anzuklagen, und es wurden Beweise +gesammelt, um gegen ihn einen Prozeß auf Hochverrath einzuleiten. Aber +die Thatsachen, welche es zu beweisen galt, mußten in London geschehen +sein. Die Sheriffs von London, von den Bürgern gewählt, waren eifrige +Whigs. Sie ernannten eine große, aus Whigs bestehende Jury, welche den +Antrag auf Anklage zurückwies; allein diese Niederlage entmuthigte die +Rathgeber des Königs keineswegs, sondern bestimmte sie vielmehr, auf +einen neuen, kühnen Plan zu sinnen. + + [Anmerkung 6: Dies erwähnt das interessante Werk, unter dem Titel: + +»Ragguaglio della solenne Comparsa fatta in Roma gli otto di + Gennaio, 1687, dall' illustrissimo et excellentissimo signor Conte + di Castelmaine.«+] + + +[_Der Freibrief der City wird zurückgenommen._] Der Freibrief der +Hauptstadt stand ihnen im Wege, und dieser Freibrief mußte vernichtet +werden. Es wurde erklärt, daß die City von London durch einige +Ungesetzlichkeiten ihre munizipalen Privilegien verwirkt habe und die +ganze Corporation einer Untersuchung vor dem Gerichtshofe der +Kings-Bench zu übergeben sei. Zugleich handhabte man die Gesetze, welche +bald nach der Restauration gegen Nichtconformisten entstanden waren und +während der Herrschaft der Whigs geruht hatten, mit außerordentlicher +Strenge. + + +[_Verschwörungen der Whigs._] Die Whigs aber hatten den Muth noch nicht +verloren. Befanden sie sich auch in schlimmer Lage, so bildeten sie doch +noch immer eine zahlreiche und mächtige Partei, und da ihre Anhänger +größtentheils in bedeutenderen Städten, und namentlich in der Hauptstadt +lebten, so erregten sie mehr Lärm und Aufsehen, als ihre wirkliche +Stärke rechtfertigte. Aufgeregt durch das Andenken an vergangene +Triumphe und das Gefühl der jetzigen Unterdrückung, überschätzten sie +sowohl ihre Macht wie ihre Leiden. Sie vermochten nicht, die Existenz +jener klaren und Alles bewältigenden Nothwendigkeit nachzuweisen, welche +allein das gewaltsame Mittel der Auflehnung gegen eine gesetzmäßig +bestehende Regierung zu rechtfertigen vermag. Welchen Argwohn sie auch +immer in sich trugen, sie konnten keinen Beweis dafür liefern, daß ihr +Souverain mit Frankreich ein Bündniß gegen die Religion und die +Freiheiten Englands geschlossen habe. Was davon bekannt war, reichte +nicht aus, um die Anwendung des Schwertes zu rechtfertigen. Wurde die +Ausschließungsbill verworfen, so hatten es die Lords in der Ausübung +eines Rechts gethan, das so lange bestand wie die Verfassung; hatte der +König das Parlament von Oxford aufgelöst, so geschah es vermittelst +eines Hohheitsrechtes, das nicht in Abrede gestellt werden konnte. Wenn +der Hof nach der Auflösung zu einigen strengen Maßregeln griff, so +verstießen dieselben doch nicht gegen die Bestimmungen der Gesetze und +gegen die Praxis, welche von den Unzufriedenen noch kürzlich selbst +ausgeübt worden war. Verfolgte der König seine Widersacher, so geschah +es nach aller Form und vor den ordentlichen Gerichtshöfen. Die +Zeugnisse, welche für die Krone sprachen, waren wenigstens ebenso +geltend als diejenigen, auf welche hin die Opposition noch vor kurzem +Englands edelstes Blut vergossen hatte. Ein angeklagter Whig hatte jetzt +von Richtern, Advokaten, Sheriffs, Geschwornen und Zuschauern keine +üblere Behandlung zu erwarten, als diejenige war, welche die Whigs noch +jüngst als angemessen für einen angeklagten Papisten hielten. Man hatte +die Privilegien der City Londons angegriffen, doch war es nicht mit +bewaffneter Hand, oder durch Ausübung einer nicht zu rechtfertigenden +Prärogative geschehen, sondern in Übereinstimmung mit dem ordentlichen +Gerichtsgebrauch von Westminsterhall. Auf den Befehl des Königs waren +weder neue Steuern erhoben, noch ein Gesetz außer Kraft gesetzt worden; +die Habeas-Corpus-Akte wurde geachtet und selbst die Testakte in +Ausführung gebracht. Es war daher der Opposition unmöglich, den König +einer so schlechten Regierung zu beschuldigen, daß ein Aufstand sich +hätte rechtfertigen lassen. Und gesetzt seine Regierung wäre noch +mangelhafter gewesen, ein Aufstand würde immer verbrecherisch geblieben +sein, da keine Aussicht vorhanden war ihn mit Erfolg durchzuführen. +Die Lage der Whigs im Jahre 1682 war eine andere als die der Rundköpfe +vierzig Jahre früher. Diejenigen, welche gegen Karl I. zu den Waffen +griffen, thaten es unter der Autorität eines Parlaments, welches das +Gesetz versammelt hatte und ohne seine eigene Zustimmung nicht aufgelöst +werden konnte. Die Widersacher Karls II. bestanden aus Privatleuten. +Fast alle Hilfsmittel des Königreichs in Militair und Flotte befanden +sich in den Händen derjenigen, welche Karl I. entgegenstanden, jetzt +besaß Karl II. diese Hilfsmittel. Die Hälfte der Nation hatte das Haus +der Gemeinen gegen Karl I. unterstützt; die Zahl der Kriegslustigen +gegen Karl II. war in großer Minorität. Es unterlag daher keinem +Zweifel, daß sie nicht im Stande sein würden, eine Erhebung +durchzuführen, und ebenso wahrscheinlich mußte ein Scheitern derselben +die Übel, über welche sie klagten, nur vergrößern. Die wahre Politik der +Whigs wäre gewesen, sich mit Ergebung in das Mißgeschick zu fügen, +welches eine natürliche Folge und wohlverdiente Strafe ihrer Verirrungen +war, geduldig auf eine Änderung der Volksstimmung zu warten, die nicht +ausbleiben konnte, dem Gesetze sich zu fügen, und den, wenn auch +unvollkommenen doch keineswegs nichtigen Schutz zu beanspruchen, den das +Gesetz der Unschuld gewähren muß. Zu ihrem Unglück schlugen sie einen +anderen Weg ein. Gewissenlose heißblütige Führer der Partei bildeten und +verarbeiteten Widerstandspläne, und wurden zwar nicht mit Beifall, doch +mit dem Scheine des Einverständnisses von bessern Männern angehört, als +sie selbst waren. Man beschloß zu gleicher Zeit in London, in Cheshire, +zu Bristol und zu Newcastle Aufstände ausbrechen zu lassen, und hatte +mit den mißvergnügten schottischen Presbyterianern Verbindungen +angeknüpft, welche unter einer Tyrannei schmachteten, wie sie England in +den trübsten Zeiten nicht erduldet. Indem so die Führer der Opposition +Pläne wegen offener Rebellion besprachen, aber immer noch durch Furcht +und Gewissen sich von der entscheidenden That abhalten ließen, verfielen +einige ihrer Genossen auf einen ganz besonderen Plan. Für wilde, +charakterlose Menschen, welche der Fanatismus dem Wahnsinn nahe +gebracht, schien es der einfachste und sicherste Weg, die Freiheiten +Englands und den Protestantismus dadurch zu retten, daß man den König +und seinem Bruder einen Hinterhalt legte, und Beide ermordete. Bereits +waren Ort und Zeit bestimmt und die Einzelheiten der Ermordung häufig +besprochen worden, wenn auch noch nicht bis zur Ausführung geordnet. Nur +Wenige waren in diesen Plan eingeweiht, und namentlich wurde er vor dem +rechtschaffenen, menschenfreundlichen Russell und vor Monmouth geheim +gehalten, der zwar nicht eben ein zartes Gewissen hatte, aber doch mit +Entsetzen vor dem Verbrechen des Vatermords zurückgebebt sein würde. So +existirten zwei Verschwörungen, eine in der andern. Das größere Complot +der Whigs ging dahin, das Volk zum Aufruhr gegen die Regierung zu +verleiten, das kleinere Complot aber, das Ryehousecomplot +(Roggenhauscomplot) genannt, welches nur aus wenigen Personen bestand, +beabsichtigte den Meuchelmord des Königs und seines muthmaßlichen +Thronfolgers. + + +[_Entdeckung der Whigverschwörung._] Beide Complots wurden verrathen. +Feige Verräther eilten sich selbst zu retten, indem sie Alles und noch +mehr als das, anzeigten was in den Berathungen der Partei erwähnt worden +war. Es ist Thatsache, daß nur eine sehr kleine Zahl der Mißvergnügten +daran dachte, zum Mittel des Meuchelmordes zu schreiten, da aber zwei +Verschwörungen sich vereinigten, so war es der Regierung leicht, sie zu +vermischen. + + +[_Strenge der Regierung._] Die zu rechtfertigende Entrüstung, welche das +Ryehousecomplot hervorrief, traf längere Zeit die gesammte Whigpartei. +Der Konig hatte jetzt völlige Freiheit, für Jahre des Zwanges und der +Demüthigung sich zu rächen. Shaftesbury war allerdings dem, durch seine +vielfache Treulosigkeit wohlverdienten Schicksale entgangen. Er hatte +den Untergang seiner Partei herannahen sehen, hatte einen vergeblichen +Versuch gemacht, sich mit den königlichen Brüdern zu versöhnen, und war +nach Holland geflüchtet, wo er bald darauf unter dem großmüthigen +Schutze einer Regierung starb, der er manch bitteres Leid zugefügt. +Monmouth warf sich seinem Vater zu Füßen und erhielt Gnade, +compromittirte sich aber sehr bald wieder, und hielt es für klug, in ein +freiwilliges Exil zu gehen. Essex tödtete sich im Tower mit eigener +Hand. Russel, der keines hochverrätherischen Verbrechens schuldig +gewesen zu sein scheint, und Sidney, dessen Schuld gesetzlich nicht +bewiesen werden konnte, wurden trotz Recht und Gerechtigkeit enthauptet. +Russel starb mit christlicher Ergebung, Sidney mit stoischem Muthe. +Einige betheiligte Politiker von niederem Range wurden zum Galgen +verurtheilt. Viele flüchteten aus dem Lande. Eine Menge Prozesse +entstanden wegen unterlassener Anzeige von Verrath, wegen +Schmähschriften oder Verschwörungen. Verurtheilungen wurden ohne Mühe +von den torystischen Geschwornen erlangt und strenge Strafen von den +höfischen Richtern verhängt. Mit diesen Criminalprozessen vereinigten +sich nicht minder furchtbare Civilprozesse. Es wurden Personen verklagt, +die den Herzog von York beschimpft hatten, und Entschädigungen, welche +einer lebenslänglichen Kerkerhaft gleichkamen, wurden von dem Kläger +gefordert, und ohne Bedenken zuerkannt. Der Gerichtshof der Kings-Bench +erklärte, daß die Freiheiten der City Londons der Krone verfallen seien. +Dieser bedeutende Sieg machte die Regierung so übermüthig, daß sie die +Institutionen anderer Corporationen angriff, an deren Spitze Whigbeamten +standen, oder welche whigistische Mitglieder in das Parlament gewählt +hatten. + + +[_Entziehung von Privilegien._] Stadt für Stadt wurde gezwungen, ihre +Privilegien aufzugeben, und die neuen Freibriefe, welche an Stelle +derselben verliehen wurden, gaben den Tories überall die Herrschaft. + +Wie wenig auch diese Maßregeln zu entschuldigen waren, so hatten sie +doch den Schein der Gesetzlichkeit, und wurden zugleich von einer +Handlung begleitet, welche die Befürchtungen zu nichte machen sollten, +mit denen viele loyale Leute der Thronbesteigung eines katholischen +Souverains entgegen sahen. Lady Anna, jüngere Tochter des Herzogs von +York aus erster Ehe, wurde mit Georg, einem Prinzen aus dem +rechtgläubigen Hause Dänemark, vermählt. Der torystische Adel sammt dem +Klerus hatten jetzt Ursache zu der Hoffnung, daß die englische Kirche, +ohne Verletzung der Thronfolgeordnung, vollständig gesichert sei. Der +König und sein Erbe standen in ziemlich gleichem Alter, beide näherten +sich dem Abend des Lebens. Der König erfreute sich einer vortrefflichen +Gesundheit, und aller Wahrscheinlichkeit nach konnte Jakob, wenn er +überhaupt auf den Thron gelangte, nur kurze Zeit regieren. Über diese +Zeit hinaus bot sich die zufriedenstellende Aussicht auf eine lange +Reihe protestantischer Souveraine. + +Die Freiheit, ohne Censur zu drucken, gereichte der überwundenen Partei +zu wenig oder keinem Vortheil, denn die Stimmung der Richter und +Geschwornen war der Art, daß kein Schriftsteller, den die Regierung +wegen eines Libells verfolgte, die geringste Hoffnung hatte, +freigesprochen zu werden. Die Furcht vor Bestrafung brachte daher +dieselbe Wirkung hervor, welche die Censur selbst erzielt haben würde. +Indessen erdröhnten die Kanzeln von Reden gegen die Sünde der Rebellion. +Die Abhandlungen, in denen Filmer die Behauptung aufstellte, erbliche +Despotie sei die von Gott verordnete Regierungsform, beschränkte +Monarchie hingegen ein verderblicher Unsinn, waren kürzlich erschienen +und von der Mehrzahl der Tories wohl aufgenommen worden. An demselben +Tage, an welchem Russel auf dem Schaffot starb, erklärte sich die +Universität von Oxford für diese wunderlichen Lehren in einem +feierlichen öffentlichen Akte und ließ die politischen Schriften von +Buchanan, Milton und Baxter mitten auf dem Schulhofe verbrennen. + +Hierdurch wurde der König ermuthigt die Grenzen zu überschreiten, welche +er einige Jahre lang respectirt hatte, und den klaren Buchstaben des +Gesetzes zu verletzen. Das Gesetz verordnete, daß zwischen der Auflösung +eines Parlaments und der Zusammenberufung eines anderen nicht mehr als +drei Jahre verstreichen dürften, aber drei Jahre waren nach Auflösung +des Parlaments von Oxford vorüber, und es erfolgten keine Neuwahlen. +Dieser Verfassungsbruch war um so weniger zu entschuldigen, da der König +keinen Grund hatte, sich vor einem neuen Hause der Gemeinen zu fürchten. +Die Grafschaften waren größtentheils auf seiner Seite, und die +Landstädte, welche früher unter der Herrschaft der Whigs standen, waren +so umgestaltet, daß man überzeugt sein konnte, sie würden nur dem Hofe +ergebene Leute wählen. + + +[_Einfluß des Herzogs von York._] Bald darauf kam abermals eine +Verletzung des Gesetzes vor, und zwar zu Gunsten des Herzogs von York. +Dieser Prinz war seiner Religion sowie seines harten, rauhen Charakters +wegen nichts weniger als populär, so daß man es als Nothwendigkeit +betrachtete ihn so lange aus den Augen des Volks zu bringen, als die +Ausschließungsbill im Parlamente verhandelt wurde, damit sein +öffentliches Erscheinen der Partei, die ihm sein Geburtsrecht entziehen +wollte, nicht zum Nutzen gereichen könne. Man hatte ihn deshalb +entsendet, Schottlands Regierung zu übernehmen, wo der alte, ungestüme +Tyrann Lauderdale im Begriff war zu sterben. Jetzt wurde selbst +Lauderdale übertroffen. Die Regierung Jakobs charakterisirte sich durch +gehässige Gesetze, unmenschliche Strafen und Urtheile, deren +Ungerechtigkeit selbst in jenem Zeitalter beispiellos war. Der +schottische Geheime Rath hatte die Macht, Staatsverbrecher der Folter zu +unterwerfen, dieser Anblick aber war so haarsträubend, daß wenn die +spanischen Stiefeln gebracht wurden, selbst die ergebensten und +herzlosesten Hofleute das Zimmer verließen. Der Sessionstisch war in +Folge dessen zuweilen ganz unbesetzt, und man erachtete es später für +nothwendig, besonders zu verordnen, daß die Räthe bei solchen +Gelegenheiten ihre Plätze nicht verlassen dürften. Was den Herzog von +York betraf, so schien ihm das entsetzliche Schauspiel, welche die +verworfensten Menschen jener Zeit nicht ohne Mitleid und Grausen ansehen +konnten, zu amüsiren. Er besuchte nicht nur die Rathssitzungen, wenn +gefoltert wurde, sondern betrachtete auch die Qualen der unglücklichen +Opfer mit einer Aufmerksamkeit und einem Behagen, mit denen man ein +interessantes, wissenschaftliches Experiment zu verfolgen pflegt. +So verlebte er seine Zeit in Edinburg, bis das Resultat des Kampfes +zwischen dem Hofe und den Whigs nicht mehr zu bezweifeln war; dann +kehrte er nach England zurück, obgleich noch immer durch die Testakte +von aller öffentlichen Thätigkeit ausgeschlossen. Anfänglich wagte der +König zwar nicht, gegen ein Gesetz zu handeln, in welchem die große +Mehrzahl seiner loyalsten Unterthanen eine hauptsächliche Bürgschaft für +ihre Religion und ihre bürgerlichen Rechte sah; als aber eine +Reihenfolge von Versuchen bewies, daß die Nation geduldig genug war, +fast Alles über sich ergehen zu lassen was der Regierung zu thun +beliebte, so erlaubte sich Karl im Interesse seines Bruders eine +Ausnahme vom Gesetz zu machen. Der Herzog kehrte auf seinen Sitz im +Rathe zurück, und übernahm die Leitung des Seewesens. + + +[_Halifax opponirt ihm._] Diese verfassungswidrige Handlung veranlaßte +freilich einige Unzufriedenheit unter den gemäßigten Tories, und fand +sogar bei den Ministern des Königs keinen einstimmigen Beifall. Halifax +besonders, zur Zeit Marquis und Lord des Geheimsiegels, zeigte von dem +Tage an, wo die Tories mit seiner Beihilfe das Übergewicht erlangten, +eine Hinneigung zur Partei der Whigs. Nachdem man die Ausschließungsbill +verworfen hatte, verlangte er von dem Hause der Lords vorbeugende +Schritte gegen die Gefahr, welche die Freiheiten sowie die Religion des +englischen Volkes unter der kommenden Regierung treffen könnte; mit +Besorgniß erkannte er erst jetzt die Heftigkeit einer Reaktion, welche +zum Theil von ihm selbst ausgegangen war. Er machte kein Hehl aus der +Verachtung, welche die erbärmlichen Lehren der Universität Oxford in ihm +hervorgerufen. Das Bündniß mit Frankreich war ihm ein Greuel, und er +mißbilligte ernstlich die lange Aussetzung des Parlaments, so wie er +auch den Barbarismus tadelte, mit dem man die gestürzte Partei +behandelte. Er, der unter der siegreichen Herrschaft der Whigs sich +nicht gescheut hatte, Stafford für unschuldig zu erklären, wagte es, als +diese Partei niedergeworfen und hilflos war, Russel in Schutz zu nehmen. +In einer der letzten Rathssitzungen, bei welchen Karl gegenwärtig war, +ereignete sich eine merkwürdige Scene. Der Freibrief für Massachusetts +war verwirkt, und es entstand die Frage, wie diese Colonie künftig +verwaltet werden sollte. Die übereinstimmende Meinung des Collegiums +war, daß die vollständige Gewalt, die gesetzgebende wie die executive, +von der Krone ausgeübt werden solle. Halifax war anderer Meinung, und +sprach mit großem Eifer gegen unumschränkte Monarchie und zu Gunsten +repräsentativer Verfassung. Es sei ein Irrthum, versicherte er, wenn man +sich dem Glauben hingäbe, daß eine dem englischen Volksstamme +entsprungene und von englischen Gefühlen durchdrungene Nation es längere +Zeit ertragen würde, englische Institutionen zu entbehren. Das Leben, +sagte er, würde werthlos sein in einem Lande, wo Freiheit und Eigenthum +der Willkür eines despotischen Herrschers preisgegeben wären. Der Herzog +von York war über diese Sprache höchst erbittert, und machte seinen +Bruder auf das Wagniß aufmerksam, einen Mann im Amte zu lassen, der die +gefährlichen Ansichten Marvells und Sidney's vollkommen zu theilen +scheine. + +In neuerer Zeit ist Halifax von einigen Schriftstellern der Vorwurf +gemacht worden, daß er im Ministerium geblieben, während er das System, +nach welchem die inneren wie die äußeren Angelegenheiten behandelt +wurden, mißbilligte; doch ist dieser Tadel nicht gerechtfertigt. Man +darf nicht vergessen, daß der Begriff »Ministerium« in dem Sinne wie er +jetzt genommen wird, zu damaliger Zeit unbekannt war[7]. Die Sache +selbst existirte gar nicht, denn sie ist das Produkt eines Zeitalters, +in welchem sich die parlamentarische Regierung vollständig entwickelt +hatte. Jetzt bilden die ersten Diener der Krone einen geschlossenen +Körper und man nimmt an, daß unter ihnen ein freundschaftliches +Vertrauen besteht und sie über die Hauptgrundsätze einig sind, nach +denen die executive Verwaltung geleitet werden soll. Findet eine leichte +Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen statt, so wird sie bald +ausgeglichen; wenn aber Einer in einer Lebensfrage mit den Anderen nicht +übereinstimmt, so ist es seine Pflicht abzutreten. So lange er sein Amt +verwaltet, trifft auch ihn die Verantwortlichkeit für die Maßregeln, von +denen er seinen Collegen abzurathen sich bemüht hat. Im siebzehnten +Jahrhundert bestand unter den Leitern der verschiedenen +Verwaltungszweige, kein collegialisches Verhältniß dieser Art. Jeder +hätte für seine eigenen Handlungen einzustehen, für die Anwendung, +welche er von dem anvertrauten Amtssiegel gemacht, für Dokumente, die er +unterzeichnet, für die Rathschläge, welche er dem König ertheilt. Ein +Staatsmann hatte blos zu verantworten was er selbst gethan, oder wozu +Andere durch ihn veranlaßt worden waren. Wenn er sich bemühte, nicht den +Unterhändler bei unredlichen Angelegenheiten abzugeben, und als +Rathgeber immer nur das Rechte empfahl, so hatte er keinen Tadel zu +fürchten. Man würde es für eine unbegreifliche Bedenklichkeit erklärt +haben, wenn er sein Amt deshalb niedergelegt hätte, weil seine +Rathschläge in Dingen, die nicht in sein Departement gehörten, von +seinem Souverain unberücksichtigt geblieben wären, wenn er zum Beispiel +aus dem Admiralitätsrathe geschieden wäre, weil die Finanzen sich in +Unordnung, oder aus dem Schatzamte, weil die auswärtigen Angelegenheiten +sich in keinem befriedigenden Zustande befanden. Es war daher durchaus +nicht selten, zu gleicher Zeit Männer in hohen Ämtern zu sehen, welche +offenbar eben so weit von einander abwichen, wie Pulteney von Walpole, +oder Fox von Pitt. + + [Anmerkung 7: +North's Examen+, 69.] + + +[_Lord Guildford._] Die besonnenen und verfassungsmäßigen Rathschläge +Halifax' wurden, -- aber ohne Kraft und Entschlossenheit, -- von Franz +North, Lord Guildford unterstützt, welchem kürzlich das Amt eines +Großsiegelbewahrers anvertraut worden war. Guildfords Charakter ist mit +großer Ausführlichkeit von seinem Bruder, Roger North, geschildert +worden, einem höchst intoleranten Lord und sehr gezierten und +pedantischen Schriftsteller, aber aufmerksamen Beobachter aller kleinen +Umstände, welche den Menschen bezeichnen. Auffallend ist es, daß der +Biograph, trotzdem daß er unter dem Einflusse der stärksten, +brüderlichen Parteilichkeit stand, und obgleich er sich offenbar +anstrengte, ein vortheilhaftes Bild zu liefern, doch nicht im Stande +war, den Lord Siegelbewahrer anders als einen unedlen Menschen +hinzustellen. Doch besaß Guildford einen klaren Verstand, sein Fleiß war +groß, und seine Kenntnisse in Literatur und Wissenschaft nicht +unerheblich, sowie seine rechtswissenschaftliche Bildung mehr als +gewöhnlich. Seine Fehler bestanden in Egoismus, Feigheit und Gemeinheit. +Er war nicht unempfänglich für weibliche Schönheit und liebte den +starken Genuß des Weines, aber weder Schönheit noch Wein konnten den +vorsichtigen und geizigen Wüstling jemals, selbst nicht in frühen +Jugendjahren, zu einer Anwandlung von Hochherzigkeit verlocken. Obgleich +von edler Abstammung erhob er sich aus seiner Stellung nur durch +niederträchtiges Kriechen vor Allen, die in den Gerichtshöfen einigen +Einfluß hatten. Er wurde Oberrichter im Gerichtshofe der Common Pleas, +und als solcher Theilnehmer an einigen der schändlichsten Justizmorde, +welche die Geschichte kennt. Er besaß Einsicht genug, um zu wissen, daß +Oates und Bedloe Lügner waren, aber das Parlament und das Land befanden +sich in Aufregung, die Regierung hatte sich dem Drange gefügt, und North +war nicht der Mann, der um der Gerechtigkeit und Menschlichkeit willen +einen guten Posten aufgab. Während er also heimlich eine Widerlegung des +ganzen Romans von dem papistischen Complot niederschrieb, behauptete er +öffentlich, daß die Wahrheit dieser Geschichte sonnenklar sei, +und schämte sich nicht, vom Richterstuhle herab den unglücklichen +Katholiken, die auf Leben und Tod angeklagt vor ihm standen, wüthende +Blicke zuzuschleudern. Er hatte zuletzt die höchste richterliche +Stellung erreicht, aber ein Jurist, der nach jahrelanger Ausübung seines +Berufs in vorgerücktem Alter zur Politik übergeht, wird selten als +Staatsmann zu hoher Auszeichnung gelangen, und Guildford bestätigte +diese allgemeine Regel. Er kannte seine Schwächen so genau, daß er +niemals anwesend war, wenn seine Collegen über auswärtige +Angelegenheiten beriethen. Selbst bei Fragen, welche seinem Berufe +galten, hatte seine Meinung im Geheimen Rathe weniger Bedeutung als die +irgend eines früheren Großsiegelbewahrers. Übrigens benutzte er den +geringen Einfluß, den er besaß, so weit er den Muth dazu hatte, +wenigstens im Interesse der Gesetze. + +Der vorzüglichste Widersacher des Halifax war Lawrence Hyde, der vor +kurzem zum Earl von Rochester erhoben worden war. Von allen Tories besaß +Rochester die größte Intoleranz, und war nicht leicht zu einem +Vergleiche zu bringen. Die gemäßigten Mitglieder seiner Partei beklagten +sich, daß das Schatzamt, so lange er als erster Commissar darin +fungirte, alle Stellen an laute Schreier vergebe, deren alleiniger +Anspruch auf Beförderung darin bestand, daß sie unaufhörlich auf den +Untergang des Whiggismus tranken und Freudenfeuer anzündeten, um die +Ausschließungsbill zu verbrennen; der Herzog von York aber, welchem ein +Charakter gefiel, der soviel Ähnlichkeit mir dem seinigen hatte, +unterstützte seinen Schwager auf das leidenschaftlichste und +beharrlichste. + +Die Anstrengungen der rivalisirenden Minister, einander zu schlagen und +zu verdrängen, erhielten den Hof in beständiger Unruhe. Halifax lag den +König an, ein Parlament zu berufen, eine vollständige Amnestie zu +bewilligen, den Herzog von York jeder Theilnahme an der Regierung zu +entheben, Monmouth aus dem Exil zurückzurufen, jede Verbindung mit +Ludwig abzubrechen und eine enge Allianz mit Holland -- nach Art der +Tripleallianz -- zu schließen. Der Herzog von York dagegen scheute das +Zusammenkommen eines Parlaments, sah auf die gestürzte Partei der Whigs +noch immer mit dem alten Hasse herab, bildete sich noch immer ein, daß +der vor beinahe funfzehn Jahren zu Dover entworfene Plan ausführbar sei, +warnte fast täglich seinen Bruder, einen Mann, der im Herzen +Republikaner war, in dem Besitze des Geheimsiegels zu lassen, und +empfahl mit allem Eifer Rochester zu der hohen Stelle eines Lord +Schatzmeisters. + +Während die beiden Parteien in der Weise kämpften, behauptete Godolphin, +vorsichtig, schweigsam und fleißig, Neutralität zwischen ihnen. +Sunderland intriguirte mit seiner bekannten nie ruhenden Falschheit +gegen beide. Mit Ungnade seiner Stelle enthoben, weil er für die +Ausschließungsbill gestimmt, war er zu Kreuze gekrochen, indem er sich +der Fürsprache der Herzogin von Portsmouth bediente und dem Herzog von +York demüthigst sich näherte. Jetzt war er wieder Staatssecretair. + + +[_Politik Ludwigs._] Auch Ludwig war weder nachlässig noch müßig. Zu +dieser Zeit begünstigte Alles seine Pläne. Er war vor dem deutschen +Reiche sicher, welches damals an der Donau mit den Türken kämpfte, +und Holland konnte ohne Bundesgenossen nicht daran denken, ihm +entgegenzutreten; er hatte deshalb freien Willen, seinem Ehrgeiz und +seiner Anmaßung den Zügel schießen zu lassen. Er eroberte Dixmuyden und +Courtray, bombardirte Luxemburg und beanspruchte von der Republik Genua +die schmählichsten Demütigungen. Die französische Macht erhob sich zu +jener Zeit auf die bedeutendste Höhe, die sie in dem Jahrtausend +zwischen den Regierungen Karls des Großen und Napoleons jemals +erreichte. Es war nicht abzusehen, wo ihre Eroberungen aufhören würden, +wenn es England in einem Zustande von Abhängigkeit erhalten konnte, und +es war daher eine wichtige Angelegenheit für den Versailler Hof, die +Einberufung eines Parlaments sowie die Versöhnung der englischen +Parteien zu verhindern. Zu diesem Zwecke wurden Versprechungen, +Drohungen und Bestechungen nach Kräften angewendet. Karl wurde bisweilen +durch die Hoffnung auf Subsidien angelockt, und dann wieder durch die +Mittheilung erschreckt, daß, wenn er die Häuser versammle, man die +geheimen Artikel des Vertrags von Dover zur öffentlichen Kenntniß +bringen werde. Mehrere Geheime Räthe wurden durch Bestechung gewonnen, +und als ein ähnlicher Versuch bei Halifax mißglückte, wandte die +französische Gesandtschaft ihren ganzen Einfluß und alle Kräfte an, +um den unbestechlichen Mann von seinem Posten zu verdrängen; aber +geistreicher Witz und die vielseitigsten Talente hatten ihn seinem +Gebieter so unentbehrlich gemacht, daß dieser Versuch fruchtlos +vorüberging.[8] + +Halifax war nicht zufrieden bei der Defensive stehen zu bleiben, sondern +beschuldigte Rochester öffentlich der untreuen Verwaltung. Es fand eine +Untersuchung statt, bei der es sich zeigte, daß dem öffentlichen Schatze +durch schlechte Verwaltung des ersten Lords des Schatzes vierzigtausend +Pfund verloren gegangen waren. Durch diesen Vorfall wurde er gezwungen, +nicht nur seine Hoffnungen auf den weißen Stab fahren zu lassen, sondern +auch von der Leitung des Finanzwesens auf den, allerdings im Range +höheren, aber weniger bedeutenden und einträglichen Posten des Lord +Präsidenten überzugehen. »Ich habe schon Leute die Treppe hinunterwerfen +sehen -- meinte Halifax -- aber Mylord Rochester ist der Erste, den ich +jemals die Treppe hinaufwerfen sah.« Godolphin, jetzt Pair, wurde erster +Schatzcommissair. + + [Anmerkung 8: Lord Preston, damals Gesandter in Paris, schrieb von + dort an Halifax folgendes: »Ich finde, daß Ew. Herrlichkeit noch + immer so unglücklich sind, von diesem Hofe nicht mit günstigen + Augen angesehen zu werden, und Herr Barillon darf Ihnen nicht + freundlich zulächeln, da sein Hof die Stirn in Falten zieht. Sehr + wohl bekannt sind Ew. Herrlichkeit Eigenschaften, welche zu Furcht + und dadurch zu Haß gegen Sie Veranlassung geben und Sie können + glauben, Mylord, wenn alle ihre Gewalt im Stande ist Sie nach + Rufford zu bringen, so wird man dieselbe zu diesem Zweck in + Anwendung bringen. Zwei Punkte heben sie, wie ich vernehme, + besonders gegen Sie hervor: Ihre Verschwiegenheit nämlich, und den + Umstand, daß Sie der Bestechung nicht zugänglich sind. Es ist mir + bekannt, daß sie gegen diese zwei Dinge sich ausgesprochen haben.« + Das Datum des Briefes ist vom 5. October N. St. 1683.] + + +[_Stand der Parteien am Hofe Karls zur Zeit seines Todes._] Der Kampf +war noch immer nicht zu Ende, der Ausgang war von dem Willen Karls +abhängig, und Karl konnte zu keinem Entschlusse kommen. In seiner +Verlegenheit versprach er Jedem was ihm einfiel. Einmal wollte er mit +Frankreich zusammenhalten, dann wollte er wieder jede Verbindung mit +Ludwig auflösen; jetzt wollte er nichts wieder von einem Parlamente +hören und gleich darauf wollte er befehlen, daß ein Ausschreiben für ein +solches ergehen solle; dem Herzog von York versprach er Halifax zu +entlassen. Öffentlich zeigte er die heftigste Erbitterung gegen +Monmouth, und im Geheimen versicherte er ihn seiner unwandelbaren +Zuneigung. Wie lange, im Fall er länger gelebt, diese Unentschiedenheit +gewährt haben und zu welchem Entschluß er endlich gekommen sein würde, +darüber lassen sich nur Vermuthungen hegen. Früh im Jahre 1685, als die +feindlichen Parteien mit ängstlicher Sorge seiner Entschließung harrten, +starb er, und es öffnete sich eine neue Scene. In einigen Monaten +verwischten die Übergriffe der Regierung den Eindruck, den die +Übergriffe der Opposition auf die öffentliche Stimmung hervorgebracht +hatten. Der heftigen Reaktion, welche die Partei der Whigs niederwarf, +folgte eine noch stärkere Reaktion in umgekehrter Richtung, und +deutliche Symptome ließen erwarten, daß der große Kampf zwischen den +Prärogativen der Krone und den Gerechtsamen des Parlaments nahe daran +sei, zu einem definitiven Resultat zu gelangen. -- + + + * * * * * + * * * * + * * * * * + + +Druckfehler und Unregelmässigkeiten + +Rechtschreibungsformen wie »funfzig« : »fünfzig«, »Urtel« : »Urtheil« +und »Partein« : »Parteien« sind ungeändert, sowie Wörter in »-löst« : +»-lös't«. Die Namen »Jacob« : »Jakob«, »Carl« : »Karl«, und »Russell« : +»Russel« sind ebenso ungeändert (auch wenn es um die selbe Person +handelt). + + +_Besondere Fehler_ + + von Heinrichs III. bis zu Elisabeths Zeit + [_ungeändert: fehler für_ Heinrichs VII. ?] + Unter Eduard VI. hatten die Scrupel dieser Partei [Eduard IV.] + weder Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch Nero, dem + zu gehorchen Paulus den Römern befahl, waren der patriarchalischen + Regierungstheorie nach faktisch Usurpatoren. + [_ungeändert: übersetzungsfehler für_ + sowohl Tiberius ... als auch Nero ... + (both Tiberius ... and Nero ... were ... usurpers)] + seine unglücklichen Vorgänger, Eduard II. und Richard II. + [Richard III.] + +I. Kapitel + + In den ersten Zuständen Britanniens [Britaniens] + Endlich beginnt das Dunkel sich zu lichten [beginnnt] + die Pariser Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts [Jahrhunders] + Ein grausames und rücksichtlos grausam angewendetes Strafgesetzbuch + [_fehler für_ rücksichtslos?] + Dieselbe Zeit, aus welcher der schwarze Prinz [Zeit, welcher] + völlig unabhängige Aristokratie schafft [Aristokartie] + vor dem geistlichen Richterstuhle [Richterstule] + Erbtheilung unter Brüdern in Yorkshire eingeführt werden [Yorkshier] + ohne Verzug das Parlament um nachträgliche Genehmigung [Parlement] + [Anm. I.2: ... seiner +constitutional History+ [_ungeändert_] + zerstörte Wohnplätze und entvölkerte Städte [zestörte] + deren sich jeder Pächter und Krämer erfreute [Pachter] + trat ein Ereigniß ein, das den Geschicken [daß] + Der größte Theil Europa's besaß in jener Zeit + [Euro-/ropa's _am Linienende_] + dieselben alten Glaubensbekenntnisse, Bitten und Danksagungen + [Glaubensbekenntnisse Bitten] + Sie standen daher nicht nur untereinander, sondern oft auch + [nicht untereinander] + konnte ihm bis zu seinem letzten Lebensjahre nicht bewegen + [_fehler für_ ihn?] + seine Rechte rauben könne [könnne] + Lehre und Kirchendisziplin war bedeutend schwächer geworden [georden] + daß eine christliche Gemeinde ohne Bischof [Gemeine] + einen Mann, der allen andern Theologen [alle] + das ungeachtet eines gegebenen Versprechens + [ge-/gegebenen _am Linienende_] + die Namen Mars, Bacchus und Apollo [Bachus] + jeder kleine Separatisten-Verein ward ausgespürt + [_fehler für_ aufgespürt?] + wie man sie ihm in Westminster entgegenstellte [entgegenstellt] + von dem man sie gewaltsam fortgerissen [gewalsam] + Die Anklage des Lord Siegelbewahrers [der] + weder die großen Herren noch die großen Redner [Herrrn] + Nathaniel Fiennes, der an Fähigkeiten [Fiennes der] + Im Süden, unter Essex' Oberbefehl [Essex, Oberbefehl] + einen vom Glauben abgefallenen Major Zurechtweisungen ertheilte + [_fehler für_ einem?] + und der mit der feierlichen Ligue und dem Covenant [und mit der] + [_Seine Hinrichtung._] [_. fehlt_] + alle hatten sich nun gegen ihn verbunden. [_. fehlt_] + um sich zu einen unumschränktern Gebieter [_fehler für_ einem?] + »Barebones Parlament« getauft [Barebone's] + an der Spitze des protestantischen Interesses [protestanischen] + Das Haupt dieser Klasse war Fleetwood. [Fleetword] + und später Desborough dem Harrison weichen müssen [Harrisson] + +II. Kapitel + + [Inhalt] + Die Namen Whig und Tory ... 71 [_fehlt in Inhaltsverzeichniss_] + + an der Spitze einer so höchst vortrefflichen Armee stand + [_ungeändert: fehler für_ gestanden hätte ?] + nur in Middlesex und Lancashire [Middlessex] + Einer der ersten Beschlüsse von Barebones Parlament [Barebone's] + der unduldsamen Loyalität der Edelleute [Loyaletät] + [Anm. II.1] to Monday July 31st, 1643 [31st,1643] + sondern auch in Rath und Parlament [Parlement] + Zwar versuchte er es den unduldsamen Glaubenseifer [_ungeändert_] + argwöhnisch gegen alle Ansprüche [arwöhnisch] + sowie seine Freunde Thomas Wriothesley [Whriotesley] + jedem edleren und menschenfreundlicheren Gefühle entfremdet + [menschenfreundlicherem] + den Ausschweifungen der Buckinghams und Sedley's [Seydley's] + wenn er seine Mußestunden [Musestunden] + höchst nachtheiligen Klima [nachtheiligem] + sein Haupt vor ihm gebeugt + [_ungeändert: fehler für »ihr Haupt« oder »das Haupt«?_] + im Parlamente wie im ganzen Lande herrschte [Lande, herrschte] + zeigte er einigen Großmuth [einige] + wie auf ihre eigene Loyalität [Loyaletät] + die naseweise Lustigkeit der Eleonore Gwynn [Gwyne] + während großer bürgerlicher Unruhen [bürgerlichen] + Der Prinz von Oranien war an dem Morde unschuldig [Oranien, war] + selbst wenn ihr Heimathsland und die Wunder + [_fehler für_ Heimathland?] + den protestantischen Nichtconformisten [Nichtconfirmisten] + Dankbarkeit für die ihn sehr vorsichtig gespendeten Summen + [_fehler für_ ihm?] + mit Hilfe Ralphs von Montague [Mantague] + es sei ein großes papistisches Complot entdeckt worden [endeckt] + In solchem Zustand [_fehler für_ solchen?] + Als Monmouth noch ein Kind war [Monmuth] + Die Regierung stellte Cavallerie bei Templebar [_ungeändert_] + der Ermordung Godfrey's [Godefrey's] + stets falsch und verblendet [alsch] + [Anm. II.5] den Erfolg von Halifax' Redekunst [Halifax Redekunst] + wurden trotz Recht und Gerechtigkeit enthauptet [wurde] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Geschichte von England seit der +Thronbesteigung Jakob's des Zweiten., by Thomas Babington Macaulay + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND *** + +***** This file should be named 31530-8.txt or 31530-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/1/5/3/31530/ + +Produced by Louise Hope, Delphine Lettau, richyfourtytwo +and the Online Distributed Proofreading Team at +https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/31530-8.zip b/31530-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b0bf78c --- /dev/null +++ b/31530-8.zip diff --git a/31530-h.zip b/31530-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d4636cd --- /dev/null +++ b/31530-h.zip diff --git a/31530-h/31530-h.htm b/31530-h/31530-h.htm new file mode 100644 index 0000000..a3d25a1 --- /dev/null +++ b/31530-h/31530-h.htm @@ -0,0 +1,11825 @@ +<!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN"> +<html> +<head> +<title>Macaulay’s Geschichte von England, I</title> +<meta http-equiv = "Content-Type" content = "text/html; charset=UTF-8"> + +<style type = "text/css"> + +/* different edition from other volumes */ + +body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;} + +div.titlepage {padding: 2em 0;} +div.chapterhead {padding: 6em 2em; width: 20em; margin: 2em auto; +border-top: 1px solid #000; border-bottom: 1px solid #000;} + +hr {width: 80%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; text-align: center; +height: 1px; color: #000; background-color: #000;} +hr.small {width: 30%;} +hr.tiny {width: 20%;} +hr.micro {width: 10%;} + +hr.border {margin-top: .5em; margin-bottom: 0; width: 14em; +height: 1px;} + +img {border: none; text-decoration: none;} + +em {font-style: normal; letter-spacing: 0.2em; margin-right: -.2em;} + +div.mynote a {text-decoration: none;} +table.toc a {text-decoration: none;} +table.toc a:link {color: #006; background-color: inherit;} +table.toc a:visited {color: #003; background-color: inherit;} +a.tag {text-decoration: none; vertical-align: .3em; font-size: 80%; +padding-left: .25em; line-height: .1em;} + +h1, h2, h3, h4, h5, h6 {text-align: center; font-style: normal; +font-weight: normal; line-height: 1.5; margin-top: .5em; +margin-bottom: .5em;} + +h1 {font-size: 250%;} +h2 {font-size: 200%;} +h3 {font-size: 150%;} +h4 {font-size: 120%; margin-top: 3em;} +div.titlepage h4, div.chapterhead h4 {margin-top: .5em;} +h4.sans {font-family: sans-serif; font-size: 95%;} +h5 {font-size: 100%;} +h6 {font-size: 85%;} + +p {margin-top: .5em; margin-bottom: 0em; line-height: 1.2;} + +p.illustration {text-align: center; margin-top: 1em; +margin-bottom: 1em;} +p.section {margin-top: 2em;} +p.hanging {margin-left: 2em; text-indent: -1em;} + +/* footnotes */ + +p.footnote, div.footnote {margin: 1em 2em 2em;} +div.footnote p, p.footnote {font-size: 92%;} +div.footnote p.continue {margin-top: .25em; text-indent: 1em;} + + +/* tables */ + +table {margin-left: auto; margin-right: auto; margin-top: 1em; +margin-bottom: 1em; font-size: inherit; font-family: inherit; +border-collapse: collapse;} + +td {vertical-align: top; text-align: left; padding: .2em .1em;} + +td.seite {text-align: right; font-size: 88%;} + +tr.bottomline td {padding-bottom: .5em; border-bottom: 1px solid #006;} +tr.toppad td {padding-top: .5em;} + +td.number {text-align: right; vertical-align: bottom; +padding-left: 2em;} + +table.toc {width: 90%; margin-bottom: 4em;} +table.toc p {margin-top: 0em; margin-left: 2em; +text-indent: -2em; line-height: normal;} + + +/* sidenotes */ + +span.heading {width: 25%; float: left; clear: left; padding: .25em; +margin: .25em .5em .25em 0; font-weight: bold; border: 1px solid #999;} + + +/* text formatting */ + +.extended {letter-spacing: 0.5em; margin-right: -.5em;} +.script {font-family: cursive;} + +div.chapterhead span.extended {letter-spacing: 1.5em; margin-right: 0;} + +span.antiqua {font-family: sans-serif; font-size: 95%;} + +/* correction popup */ + +ins.correction {text-decoration: none; border-bottom: thin dotted red;} +ins.error {text-decoration: none; border-bottom: thin solid red;} + +/* page number */ + +span.pagenum {position: absolute; right: 2%; font-size: 90%; +font-weight: normal; font-style: normal; text-align: right; +text-indent: 0em;} + +/* Transcriber’s Note */ + +.mynote {background-color: #DDE; color: #000; +font-family: sans-serif; font-size: 90%;} + +div.mynote {margin: 1em 5%; padding: .5em 1em 1em;} +p.mynote {margin: 1em 5%; padding: 1em;} + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Geschichte von England seit der +Thronbesteigung Jakob's des Zwe, by Thomas Babington Macaulay + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. + Erster Band enthaltend Kapitel 1 und 2 + +Author: Thomas Babington Macaulay + +Translator: Wilhelm Hartwig Beseler + +Release Date: March 7, 2010 [EBook #31530] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND *** + + + + +Produced by Louise Hope, Delphine Lettau, richyfourtytwo +and the Online Distributed Proofreading Team at +https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<div class = "mynote"> + +<p><a name = "start" id = "start">Dieser Text</a> benutzt die +UTF-8-Kodierung (Unicode). Wenn die Apostrophe, Anführungs­zeichen +und die Umlaute in diesem Absatz als seltsame Zeichen dargestellt +werden, könnte es auch an Ihrem inkompa­tiblen Browser oder an +fehlenden Fonts (Zeichen­sätzen) liegen. Stellen Sie zunächst +sicher, dass der „Zeichensatz“ oder „Datei-Kodierung“ auf Unicode +(UTF-8) eingestellt ist. Eventuell ist es auch nötig, die +Standard­schrift Ihres Browser zu ändern.</p> + +<p>Einige Druckfehler sind korrigiert und mit <ins class = "correction" +title = "wie so">popups</ins> notiert. Recht­schreibungs­formen +wie »funfzig« : »fünfzig«, »Urtel« : »Urtheil« und »Partein« : +»Parteien« sind ungeändert. Die Namen »Russell« und »Russel« sind ebenso +ungeändert (auch wenn es um die selbe Person handelt).</p> + +<p>Da das Buchs ursprüngliche Titelbild unbrauchbar war, ist ein Bild +aus eine andere Quelle erstattet.</p> + +<hr class = "small"> + +<p class = "hanging"><a href = "#kap_I">1. Kapitel</a><br> +<a href = "#inhalt_I">Inhalt</a></p> + +<p class = "hanging"><a href = "#kap_II">2. Kapitel</a><br> +<a href = "#inhalt_II">Inhalt</a></p> + +</div> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/frontis.jpg" width = "395" height = "518" +alt = "titelbild" usemap = "#frontismap"> +<br> +<img src = "images/sig.png" width = "272" height = "92" +alt = "unterschrift »T. B. Macaulay«"> +</p> + +<map name = "frontismap" id = "frontismap"> +<area shape = "rect" coords = "0,504,395,518" target = "_blank" +href = "images/credits.png" alt = "Geo. Richmond, ARA; W. Holl" +title = "Geo. Richmond, ARA; W. Holl"> +</map> + + +<div class = "titlepage"> + +<h2>Thomas Babington Macaulay’s</h2> + +<h1>Geschichte von England</h1> + + +<h6><em>seit der</em></h6> + +<p> </p> + +<h4>Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.</h4> + +<p> </p> + +<hr class = "tiny"> + +<h6><em>Aus dem Englischen.</em></h6> + +<hr class = "tiny"> + +<h5>Vollständige und wohlfeilste</h5> + +<h4 class = "sans"><b><span class = +"extended">Stereotyp-Ausgabe</span>.</b></h4> + +<h5>Zweite Auflage</h5> + +<hr class = "micro"> + +<p> </p> + +<h5>Erster Band:</h5> + +<h6>enthaltend Kapitel 1 und 2.</h6> + +<p> </p> + +<hr class = "border"> + +<h4 class = "script">Mit Macaulay’s Portrait.</h4> + +<hr class = "border"> + +<p> </p> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/floral.png" width = "178" height = "9" +alt = "----"></p> + +<h5>Leipzig, 1856.</h5> + +<h6 class = "extended">G. H. Friedlein.</h6> + +</div> + + +<a name = "kap_I" id = "kap_I"> </a> +<div class = "chapterhead"> + +<span class = "pagenum">I.1</span> +<a name = "pageI_1" id = "pageI_1"> </a> + +<h5><b>Erstes Kapitel.</b></h5> + +<hr class = "tiny"> + +<h4>Geschichte Englands vor der Restauration.</h4> + +</div> + +<a name = "pageI_2" id = "pageI_2"> </a> + +<span class = "pagenum">I.3</span> +<a name = "pageI_3" id = "pageI_3"> </a> + +<h4><a name = "inhalt_I" id = "inhalt_I"> +<b><span class = "extended">Inhalt</span>.</b></a></h4> + +<hr class = "micro"> + +<table class = "toc" summary = "inhaltsverzeichniss"> +<tr> +<td></td> +<td class = "seite">Seite</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href = "#secI_1">Einleitung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_5">5</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_2">Britannien unter den Römern</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_6">6</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_3">Britannien unter den Sachsen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_7">7</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_4">Bekehrung der Sachsen zum Christenthume</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_8">8</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_5">Dänische Invasionen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_10">10</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_6">Die Normannen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_10">10</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_7">Die normannische Eroberung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_12">12</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_8">Trennung Englands von der Normandie</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_13">13</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_9">Die Vermischung der Volksstämme</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_14">14</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_10">Englische Eroberungen auf dem +Festlande</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_15">15</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_11">Der Krieg der Rosen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_17">17</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_12">Aufhören der Leibeigenschaft</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_17">17</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secI_13">Wohlthätiges Wirken der römisch-katholischen +Religion</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_18">18</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secI_14">Die frühere englische Staats­verfassung +als oft falsch dargestellt</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_19">19</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secI_15">Natur der beschränkten Monarchien des +Mittelalters</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_21">21</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_16">Hoheitsrechte der früheren englischen +Könige</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_21">21</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_17">Beschränkungen der Hoheitsrechte</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_22">22</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_18">Widerstand, die gewöhnliche Schranke der +Tyrannei</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_25">25</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secI_19">Eigenthüm­licher Charakter der +englischen Aristokratie</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_27">27</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_20">Regierung der Tudors</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_28">28</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secI_21">Die beschränkten Monarchien des Mittelalters +sind allgemein in absolute Monarchien verwandelt</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_30">30</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_22">Die englische Monarchie als besondere +Ausnahme</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_31">31</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_23">Die Reformation und ihre Wirkungen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_31">31</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_24">Ursprung der Kirche von England</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_35">35</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_25">Ihr eigenthümlicher Charakter</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_36">36</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_26">Das Verhältniß, in welchem sie zu der Krone +stand</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_37">37</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_27">Die Puritaner</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_40">40</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_28">Ihr republikanischer Geist</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_41">41</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secI_29">Gegen die Regierung Elisabeths erhob sich +keine systematische parlamentarische Opposition</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_41">41</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_30">Monopolfrage</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_42">42</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secI_31">Schottland und Irland werden wieder mit +England Theile ein und desselben Reichs</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_43">43</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secI_32">Verminderung des Einflusses Englands nach +der Thronbesteigung Jakobs I.</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_46">46</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_33">Die Lehre vom göttlichen Rechte</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_47">47</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secI_34">Die Kluft zwischen der Kirche und den +Puritanern wird größer</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_49">49</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_35">Thronbesteigung und Charakter Karls I.</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_55">55</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_36">Taktik der Opposition im Hause der +Gemeinen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_55">55</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> +<span class = "pagenum">I.4</span> +<a name = "pageI_4" id = "pageI_4"> </a> +<a href = "#secI_37">Bitte um Recht</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_56">56</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_38">Die Bitte um Recht wird verletzt</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_57">57</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_39">Charakter und Ansichten Wentworths</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_57">57</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_40">Charakter Laud’s</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_58">58</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_41">Sternkammer und Hohe Commission</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_58">58</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_42">Schiffsgeld</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_59">59</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_43">Widerstand gegen die Liturgie in +Schottland</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_60">60</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_44">Ein Parlament wird berufen und +aufgelöst</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_62">62</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_45">Das Lange Parlament</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_63">63</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secI_46">Erstes Auftreten der beiden großen +englischen Parteien</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_64">64</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_47">Der irische Aufstand</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_68">68</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_48">Die Remonstration</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_69">69</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_49">Anklage der fünf Mitglieder</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_70">70</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_50">Karls Abreise von London</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_71">71</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_51">Anfang des Bürgerkrieges</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_73">73</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_52">Erfolge der Royalisten</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_75">75</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_53">Erstehen der Independenten</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_75">75</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_54">Oliver Cromwell</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_76">76</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_55">Selbstverläugnungsverordnung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_76">76</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_56">Sieg des Parlaments</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_77">77</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_57">Herrschaft und Charakter der Armee</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_77">77</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secI_58">Unterdrückung der Aufstände gegen die +Soldaten­herrschaft</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_79">79</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_59">Verfahren gegen den König</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_80">80</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_60">Seine Hinrichtung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_82">82</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_61">Unterwerfung Irlands und Schottlands</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_83">83</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_62">Das Lange Parlament wird vertrieben</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_84">84</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_63">Oliver Cromwells Protektorat</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_86">86</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_64">Richard, Cromwells Nachfolger</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_89">89</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secI_65">Sturz Richards und Wiedereinsetzung des +Langen Parlaments</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_91">91</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_66">Zweite Vertreibung des Langen +Parlaments</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_92">92</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_67">Die Armee von Schottland rückt in England +ein</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_93">93</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_68">Monk erklärt sich für ein freies +Parlament</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_94">94</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secI_69">Allgemeine Wahl von 1660</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_95">95</a></td> +</tr> +<tr class = "bottomline"> +<td><a href = "#secI_70">Die Restauration</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageI_96">96</a></td> +</tr> +<tr class = "toppad"> +<td><a href = "#kap_II">[<i>2. Kapitel</i>]</a></td> +<td></td> +</tr> +</table> + + +<span class = "pagenum">I.5</span> +<a name = "pageI_5" id = "pageI_5"> </a> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Einleitung.</span> +<a name = "secI_1" id = "secI_1">Es</a> ist meine Absicht, die +Geschichte Englands von der Thronbesteigung König Jakobs II. bis +auf eine Zeit herab zu schreiben, deren sich noch jetzt lebende Menschen +erinnern. Ich will die Fehlgriffe berichten, durch die sich das Haus +Stuart in wenig Monaten einen getreuen Adel und eine anhängliche +Geistlichkeit entfremdete; die Bahn der Revolution verfolgen, die dem +langen Kampfe zwischen unsern souverainen Herrschern und ihren +Parlamenten ein Ziel setzte und nicht minder die Rechte des Volkes als +die der regierenden Fürstenfamilie feststellte; ich will ferner von dem +neu errichteten Throne erzählen, der viel unruhige Jahre hindurch +erfolgreich gegen äußere und innere Feinde vertheidigt ward; erzählen, +wie unter dem Schutze desselben die Ausübung der Gesetze und die +Sicherheit des Eigenthums sich mit einer Freiheit der Discussion und des +individuellen Handelns, wie sie früher nicht gekannt, als vereinbar +erwies; wie aus der glücklichen Vereinbarung von Ordnung und Freiheit +eine in den Jahrbüchern der Geschichte beispiellose bürgerliche +Wohlfahrt erblühte, wie unser Vaterland sich rasch aus einem Zustande +schmählicher Abhängigkeit zu der Autorität eines Schiedsrichters unter +den europäischen Mächten emporschwang; wie mit seinem Reichthume sein +kriegerischer Ruhm wuchs; wie es sich durch kluge und unerschütterliche +Zuverlässigkeit nach und nach einen öffentlichen Credit schuf, der, +Wunder bewirkend, den Staats­männern früherer Zeiten unglaublich +erschienen sein würde; wie aus einem riesigen Handel eine Seemacht +hervorging, mit welcher verglichen jede andere Seemacht älterer und +neuerer Zeit zu völliger Bedeutungslosigkeit herabsinkt; wie Schottland +nach jahrhundert­langer Feindschaft mit England nicht nur durch die +Bande der Gesetze, sondern durch die noch unauflöslicheren Bande der +gemeinsamen Interessen und der Zuneigung vereinigt ward; wie die +britischen Ansiedelungen in Amerika schnell reicher und mächtiger +wurden, als jene Königreiche, welche Cortez und Pizarro den Ländern +Karls V. gewannen; und wie endlich britische Abenteurer in Asien +ein Reich gründeten, das dem Alexanders an Glanz und Festigkeit nicht +nachstand.</p> + +<p>Nicht minder habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, große +Unglücksfälle, aus denen Triumphe hervorgingen, zu berichten und große +nationale Verbrechen und Thorheiten, die tiefer erniedrigen, als irgend +ein Mißgeschick; ich werde darthun, daß die Güter, welche wir zu den +höchsten Segnungen zählen, nicht rein wie Gold sind; daß das System, +nach welchem man unsere Freiheiten gegen die Willkür der königlichen +Macht schützte, eine neue Art Mißbräuche erschuf, die man in +unbeschränkten Monarchien nicht kennt; man wird ersehen, daß theils +durch unkluge Einmischung, theils durch thörichte Vernachlässigung, aus +der Blüte des Wohlstandes und der Ausdehnung des Handels nicht nur +unermeßlicher Segen, sondern auch Übel hervorgingen, welche armen und +uncultivirten Gesellschaften fremd sind; wie in zwei bedeutenden +Besitzthümern der Krone dem verübten Unrechte +<span class = "pagenum">I.6</span> +<a name = "pageI_6" id = "pageI_6"> </a> +gerechte Vergeltung ward; wie Unklugheit und Eigensinn die Bande +lös’ten, welche die nordamerikanischen Kolonien mit dem Mutterlande +vereinten; wie das mit dem Fluche der Herrschaft eines Volksstammes über +den andern und einer Konfession über die andere belastete Irland zwar +ein Glied des Staats­körpers blieb, aber welk und ausgerenkt ihm +keine Kraft verlieh, so daß Alle, welche die Größe Englands fürchten +oder beneiden, vorwurfsvoll darauf hindeuten.</p> + +<p>Wenn mich nicht alles täuscht, wird trotzdem meine bunte Erzählung in +den religiösen Gemüthern Dankbarkeit und in der Brust der +Vaterlandsfreunde neue Hoffnung erwecken, denn die Geschichte unsers +Vaterlandes, welche die letzten einhundert­undsechzig Jahre +umschließt, ist unbedingt die Geschichte der physischen, moralischen und +geistigen Fortbildung. Alle die, welche ihr Zeitalter mit dem idealen, +goldenen vergleichen, mögen von Entartung und Verfall reden; aber +keiner, der die Vergangenheit genau kennt, wird sich geneigt fühlen, +unmuthig und verzweifelnd auf die Gegenwart zu blicken.</p> + +<p>Ich würde die Aufgabe, die ich mir gestellt, nur unvollkommen lösen, +wenn ich allein von Schlachten und Belagerungen, von dem Bilden und +Auflösen der Ministerien und von Palastintriguen und Parlamentsdebatten +reden wollte; es wird vielmehr mein Bestreben sein, eben so sorgfältig +die Geschichte des Volks aufzuzeichnen, als die der Regierung; die +Entwickelung der nützlichen und zierenden Künste, die Entstehung +religiöser Sekten und die Veränderungen auf dem Gebiete der +Wissenschaften zu schildern; ein Bild von den Sitten der verschiedenen +Generationen zu liefern, ja selbst der Veränderungen zu erwähnen, die in +Kleidung, häuslicher Einrichtung, bei Gastmählern und öffentlichen +Vergnügungen stattgefunden haben. Den Vorwurf, die Würde der Geschichte +verletzt zu haben, will ich gern ertragen, wenn es mir nur gelingt, den +Engländern des neunzehnten Jahrhunderts ein treues Bild von dem Leben +ihrer Vorfahren zu liefern.</p> + +<p>Die Begebenheiten, die ich zu berichten mir vorgenommen, bilden nur +den einzelnen Act eines großen und ereignißreichen Drama’s, das +Jahrhunderte umfaßt, und er würde sehr unvollkommen verstanden werden, +wenn die Verwickelung der vorhergehenden Acte nicht allgemein bekannt +wäre. Ich werde deshalb meine Darstellung durch eine flüchtige Skizze +der frühesten Geschichte unseres Vaterlandes einleiten, werde zwar +schnell über manche Jahrhunderte hinweggehen, aber bei den Wechselfällen +des Kampfes länger verweilen, der die Regierung König Jakobs II. +auf den entscheidenden Wendepunkt brachte.<a class = "tag" name = +"tagI_1" id = "tagI_1" href = "#noteI_1">1</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteI_1" id = "noteI_1" href = "#tagI_1">1.</a> +In diesem und dem nächsten Kapitel habe ich nur selten für nöthig +erachtet, Quellen zu citiren, weil ich in diesen Kapiteln weder die +Ereignisse ausführlich behandelt, noch unbekannte Materialien benutzt. +Die Thatsachen, deren ich erwähne, sind größtentheils solche, die Jeder, +der nur einigermaßen in der englischen Geschichte bewandert ist, +entweder schon kennt, oder er wird wenigstens wissen, wo er Belehrung +darüber findet. In den folgenden Kapiteln aber werde ich die Quellen, +aus denen ich geschöpft, sorgfältig angeben.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Britannien unter den Römern.</span> +<a name = "secI_2" id = "secI_2">In</a> den ersten Zuständen <ins class += "correction" title = "Original hat »Britaniens«">Britanniens</ins> +deutet nichts auf die Größe hin, die es zu erreichen bestimmt war. Als +die Bewohner desselben zuerst den tyrischen Schiffern bekannt wurden, +standen sie wenig über den Eingeborenen der Sandwichinseln. Zwar +unterjochten es die römischen Waffen, aber es erhielt nur eine schwache +Färbung von römischen Künsten und Wissenschaften. Von den westlichen +Provinzen, +<span class = "pagenum">I.7</span> +<a name = "pageI_7" id = "pageI_7"> </a> +welche sich die Cäsaren unterwarfen, war es die letzte, aber auch die +erste wieder, die ihnen verloren ging. Man findet in Britannien nichts +von Überresten prächtiger Säulenhallen oder Wasserleitungen; unter den +Meistern lateinischer Dichtkunst und Beredtsamkeit findet man keinen +Schriftsteller britischer Geburt aufgezeichnet; es ist demnach nicht +wahrscheinlich, daß die Inselbewohner je mit der Sprache ihrer +italischen Zwingherren allgemein vertraut gewesen sind. Von dem +atlantischen Meere bis zu den Rheinländern war Jahrhunderte hindurch die +lateinische Sprache die vorherrschende; sie hat die celtische Sprache +verdrängt, hat der deutschen widerstanden und ist noch jetzt die +Grundlage der französischen, spanischen und portugiesischen. Das Latein +scheint auf unserer Insel nie die alte galische Sprache bewältigt zu +haben, auch hat es sich gegen das Germanische nicht behaupten +können.</p> + +<p>Die unbedeutende und oberflächliche Bildung, welche die Briten von +ihren südlichen Beherrschern empfangen, verlöschten die Drangsale des +fünften Jahrhunderts. In den Königreichen des Festlandes, in die das +römische Reich damals zerfallen war, lernten die Eroberer viel von dem +unterjochten Stamme. In Britannien wurden die Unterjochten eben so +barbarisch, als die Sieger.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Britannien unter den Sachsen.</span> +<a name = "secI_3" id = "secI_3">Alle</a> Häuptlinge, Alarich, +Theodorich, Chlodowig, Alboin, die in den festländischen Provinzen des +römischen Reichs deutsche Dynastien gründeten, waren eifrige Christen; +das Gefolge des Ida und des Cerdic aber brachte allen Aberglauben der +Elbe nach ihren Ansiedelungen in Britannien. Während die deutschen +Herrscher in Paris, Toledo, Arles und Ravenna ehrfurchtsvoll den Lehren +der Bischöfe Gehör gaben, Reliquien von Märtyrern verehrten und sich +eifrig an den theologischen Streitfragen von Nicäa betheiligten, übten +die Herrscher von Wessex und Mercia ihre wilden Gebräuche in den Tempeln +des Thor und Wodan.</p> + +<p>Die auf den Trümmern des Westreichs gegründeten festländischen +Königreiche unterhielten noch ferner einigen Verkehr mit jenen östlichen +Provinzen, in denen die alte Civilisation, wenn auch nach und nach unter +dem Einflusse schlechter Regierung schwindend, immer noch die Barbaren +in Erstaunen setzte und belehrte, in denen der Hof stets noch den Glanz +des Diocletian und des Constantin entfaltete, die Bildwerke des Polyklet +und die Gemälde des Apelles die öffentlichen Gebäude schmückten, und +fleißige Pedanten, wenn auch ohne Geschmack, Verstand und Geist, die +Meisterwerke des Sophokles, Demosthenes und Plato zu lesen und zu +erklären im Stande waren. Von dieser Verbindung war Britannien völlig +ausgeschlossen; seine Küsten wurden von den cultivirten Bewohnern der +Länder am Bosporus mit jenem unheimlichen Grauen betrachtet, mit welchem +die Meerenge der Scylla und die Stadt der lästrygonischen Kannibalen zu +Homers Zeiten die Ionier erfüllten. Es gab auf unserer Insel eine +Provinz, deren Boden, wie Prokopius erfahren, mit Schlangen bedeckt war +und deren Luft kein Mensch einathmen und in ihr leben konnte. Zu dieser +Einöde wurden die Seelen der Verstorbenen aus dem Frankenlande um +Mitternacht übergeschifft; ein fremder Fischerstamm besorgte dies +unheimliche Geschäft. Deutlich vernahm der Bootsmann die Sprache der +Todten; die Last derselben senkte den Kiel tief in das Wasser, ihre +Gestalten aber blieben dem sterblichen Auge unsichtbar. Wunderdinge +dieser Art erzählt ein geschickter Geschichts­schreiber, der +Zeitgenosse Belisars, +<span class = "pagenum">I.8</span> +<a name = "pageI_8" id = "pageI_8"> </a> +Simplicius und Tribonian’s, in vollem Ernste dem reichen und gebildeten +Konstantinopel von einem Lande, in welchem der Gründer Konstantinopels +sich den kaiserlichen Purpur angelegt hatte. Von allen andern Provinzen +des westlichen Reichs haben wir eine zusammenhängende Kunde; nur in +Britannien werden zwei Zeitalter der Wahrheit durch ein Zeitalter der +Fabel völlig getrennt. Odoaker und Totila, Euric und Trasimund, +Chlodwig, Fredegunde und Brunhild sind geschichtliche Männer und Frauen; +aber Hengist und Horsa, Vortigern und Rowena, Arthur und Mordred sind +mythische Personen, deren Existenz zu bezweifeln ist und deren Abenteuer +in die Klasse der des Herkules und Romulus zu werfen sind.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Bekehrung der Sachsen zum Christenthume.</span> +<a name = "secI_4" id = "secI_4">Endlich</a> <ins class = "correction" +title = "Original hat »beginnnt«">beginnt</ins> das Dunkel sich zu +lichten, und das Land, das als Britannien aus dem Gesichtskreise +entschwunden, erscheint als England wieder. Mit der Bekehrung der +sächsischen Ansiedler zum Christenthume begann eine lange Reihe +heilsamer Umgestaltungen, obgleich die Kirche selbst durch den +Aberglauben und die Philosophie, gegen die sie lange und endlich +siegreich gekämpft, tief verderbt war, und den von den alten Schulen +entnommenen Lehrsätzen, sowie den alten Tempeln entlehnten Gebräuchen zu +willig Eingang gestattet hatte. Römische Politik und gothische +Unwissenheit, griechische Spitzfindigkeit und syrische Asketik hatten +vereint zu ihrer Verderbniß gewirkt; aber ihr war noch genug von der +erhabenen Gotteslehre und milden Moral früherer Zeit geblieben, um +manchen Geist zu erheben, manches Herz zu läutern. Ebenso gehörte +Manches, was in späterer Zeit als ihr Hauptmakel betrachtet wurde, im +siebenten Jahrhunderte und noch lange nach demselben zu ihren größten +Verdiensten. So würden Übergriffe der Geistlichkeit in die +Obliegenheiten der bürgerlichen Obrigkeit in unserer Zeit ein großes +Übel sein; aber was unter einer guten Regierung ein Übel ist, kann unter +einer durchaus schlechten zum Segen werden. Es ist besser, wenn die +Menschen durch weise, gut ausgeübte Gesetze und durch eine aufgeklärte +öffentliche Meinung, als durch listige Priester regiert werden; aber es +ist wiederum besser, wenn Priesterlist statt roher Gewalt, wenn ein +Prälat wie Dunstan, statt eines Kriegers wie Penda herrscht. Eine in +Rohheit versunkene Gesellschaft, die nur durch physische Kraft regiert +wird, hat vollen Grund sich zu freuen, wenn ein Stand, dessen Wirken +geistiger und moralischer Natur ist, die Obergewalt erhält. Ohne Zweifel +wird ein solcher Stand seine Macht mißbrauchen; aber selbst eine +gemißbrauchte geistige Macht ist stets edler und besser, als jene, die +sich nur auf die Kraft des Körpers stützt. Die sächsischen Chroniken +erzählen von Tyrannen, die, auf dem Gipfel ihrer Macht angelangt, von +Reue ergriffen, die durch Verbrechen erworbenen Genüsse und Würden +verschmähten, ihre Kronen niederlegten und durch harte Büßungen und +unausgesetzte Gebete die verübten Frevel sühnen wollten: diese +Erzählungen haben einigen Schriftstellern Anlaß zu bitteren, +verachtenden Äußerungen gegeben, Schriftstellern, die sich der +Freisinnigkeit rühmten, im Grunde aber so engherzig waren, als es nur +ein Mönch aus der finstern Zeit sein kann, und an alle Ereignisse in der +Geschichte den Maßstab zu legen pflegten, den die Pariser Gesellschaft +des achtzehnten <ins class = "correction" title = "Original hat »Jahrhunders«">Jahrhunderts</ins> verwendete. Ein System, sollte ich +glauben, das, wenn auch immerhin durch Aberglauben entstellt, dennoch in +die durch rohe Muskelkraft und Geisteskühnheit beherrschten +Gesellschaften starke moralische Schranken einführte, die verwegensten +und mächtigsten Herrscher lehrte, daß sie, gleich ihren niedrigsten +<span class = "pagenum">I.9</span> +<a name = "pageI_9" id = "pageI_9"> </a> +Knechten, verantwortliche Wesen seien, ein solches System hätte +verdient, von Philosophen und Menschenfreunden mit größerer Achtung +erwähnt zu werden. —</p> + +<p>Dieselben Bemerkungen gelten auch in Bezug auf die Verachtung, mit +der man im vorigen Jahrhunderte von den Pilgerfahrten, den heiligen +Zufluchtsstätten, den Kreuzzügen und den mönchischen Institutionen des +Mittelalters zu sprechen pflegte. In Zeiten, in denen die Menschen weder +durch Lernbegierde noch durch Gewinn zu reisen veranlaßt wurden, war es +besser, daß der rohe Nordländer Italien und den Osten als Pilger +besuchte, als wenn er nie etwas Anderes als die schmutzigen Wohnungen +und die wilden Wälder, in denen er geboren, gesehen hätte. In Zeiten, in +denen das Leben und die weibliche Ehre täglich der Gefahr ausgesetzt +waren, von Tyrannen und Räubern angegriffen zu werden, war es besser, +daß die Grenzen eines Heiligenschreines mit einer unvernünftigen Scheu +betrachtet wurden, als wenn es gar keine der Rohheit und Freiheit +verschlossene Zufluchtsstätte gegeben hätte. In Zeiten, wo die +Staats­männer unfähig zur Aufstellung umfassender politischer +Combinationen waren, war es besser, daß die christlichen Völker sich +vereinigt zur Wiedergewinnung des heiligen Grabes erhoben, als wenn sie +von der mahomedanischen Macht eins nach dem andern überwältigt worden +wären. Wenn man auch mit Recht in späterer Zeit die Trägheit und +Üppigkeit der religiösen Orden tadelte, so war es gewiß gut, daß es in +dem Zeitalter der Rohheit und Gewalttätigkeit ruhige Klöster und Gärten +gab, in denen die Künste des Friedens in Sicherheit gepflegt, edle und +zum Nachdenken geneigte Gemüther eine Zufluchtsstätte finden konnten; wo +ein Bruder sich mit dem Abschreiben von Virgil’s Äneide, ein anderer +sich mit dem Studium der Analysen des Aristoteles beschäftigte; wo es +dem Kunstsinnigen gestattet war, eine Sammlung Märtyrerlegenden +auszumalen, oder ein Crucifix zu schnitzeln, und denen, die Sinn für +Naturwissenschaft hatten, Versuche über die Eigenschaften der Pflanzen +und Mineralien anzustellen. Wären solche friedlichen Orte nicht hier und +dort unter den Hütten eines elenden Landvolkes und unter den Burgen +eines übermüthigen Adels verstreut gewesen, es würden die Bewohner +Europa’s nur Last- und Raub-Thiere gewesen sein. Die Theologen haben die +Kirche oft mit der Arche verglichen, von der wir im Buche der Genesis +lesen: Die Ähnlichkeit mit derselben war nie vollkommener als während +jener bösen Zeit, wo sie allein in Finsterniß und Sturm sich auf den +Wogen, die alle großen Werke antiker Macht und Weisheit begraben hatten, +erhielt, und den schwachen Keim in sich trug, dem eine zweite und +ruhmreichere Civilisation entsprießen sollte.</p> + +<p>Selbst die geistliche Obergewalt, die der Pabst sich anmaßte, hat in +den finstern Zeitaltern mehr Gutes als Böses bewirkt. Die Vereinigung +der Nationen des westlichen Europa’s zu einem großen Gemeinwesen war ihr +Werk. Was die olympischen Wagenkämpfe und das pythische Orakel den +griechischen Städten, von Trapezunt bis Massalia, das waren Rom und sein +Bischof den Christen der lateinischen Kirche von Calabrien bis zu den +Hebriden. Es erwuchsen so Gefühle umfassenden Wohlwollens; Volksstämme, +durch Meere und Berge von einander getrennt, erkannten ein brüderliches +Band und ein gemeinsames Buch der öffentlichen Gesetze an, und selbst im +Kriege ward die Grausamkeit des Siegers nicht selten durch den Gedanken +gemildert, daß er und seine unterjochten Feinde alle Glieder eines +großen Bundes seien.</p> + +<span class = "pagenum">I.10</span> +<a name = "pageI_10" id = "pageI_10"> </a> +<p>Diesem Bunde nun traten unsere sächsischen Vorfahren bei. Es entstand +ein regelmäßiger Verkehr zwischen unsern Küsten und jenem Theile +Europa’s, in dem die Spuren der alten Macht und Staatskunst noch +sichtbar waren. Viel edle Denkmäler, die während der Zeit zerstört oder +verunstaltet worden, standen noch in ihrer alten Pracht, und Reisende, +denen Livius und Sallust unverständlich waren, konnten sich aus den +römischen Wasserleitungen und Tempeln einen schwachen Begriff von +römischer Geschichte bilden. Der immer noch von Erz schimmernde Dom des +Agrippa; das Grabmal des Hadrian, der Säulen und Statuen noch nicht +beraubt; das flavische Amphitheater, noch nicht zu einem Steinbruche +herabgesunken, erzählten den Pilgern von Mercia und Northumberland einen +Theil der Geschichte jener großen aufgeklärten Welt, die untergegangen +war. Mit tief eingeprägter Ehrfurcht in den kaum geöffneten Gemüthern +kehrten die Inselbewohner zurück und erzählten den staunenden Bewohnern +der Hütten von London und York, daß ein mächtiges, jetzt erloschenes +Geschlecht bei dem Grabe des heiligen Petrus Gebäude aufgeführt habe, +die vor dem jüngsten Tage nicht untergehen würden. Die Gelehrsamkeit +folgte dem Christenthume; die Dichtkunst und Beredtsamkunst der Zeit des +Augustus ward in den Klöstern von Mercia und Northumberland mit Eifer +geübt, und die Namen des Beda, des Alcuin und des Johannes, auch Erigena +genannt, wurden durch ganz Europa mit Recht gefeiert. In diesem Zustande +befand sich unser Vaterland, als im neunten Jahrhundert die letzte große +Einwanderung der Barbaren des Nordens begann.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Dänische Invasionen.</span> +<a name = "secI_5" id = "secI_5">Mehrere</a> Menschenalter hindurch +kamen aus Dänemark und Skandinavien zahllose Seeräuber, die sich durch +Kraft, Muth, schonungslose Grausamkeit und Haß gegen den christlichen +Namen auszeichneten. Kein Land litt durch diese Einfälle so viel, als +England, dessen Küste den Häfen, aus denen sie ausfuhren, nahe lag, und +kein Theil unserer Insel war weit genug vom Meere entfernt, um vor +Angriffen sicher zu sein. Dieselben Grausamkeiten, die den Sieg der +Sachsen über die Celten begleitet, erlitten nach Jahrhunderten die +Sachsen von der Hand der Dänen. Die Gesittung, die sich neu zu heben +begann, ward von dem Schlage getroffen und sank wiederum darnieder. +Große Colonien Abenteurer von der Ostsee ließen sich an den östlichen +Küsten nieder, dehnten sich nach und nach westwärts aus, und, +unterstützt durch stete Verstärkungen von jenseits des Meeres, +trachteten sie danach, sich der Herrschaft des ganzen Reichs zu +bemächtigen. Der Kampf zwischen den beiden wilden germanischen Stämmen +dauerte sechs Menschenalter hindurch. — Jeder gewann abwechselnd +den Sieg. Furchtbare Metzeleien, denen eine nicht minder furchtbare +Rache folgte, verheerte Provinzen, geplünderte Klöster und zerstörte +Städte bilden den größten Theil der Geschichte jener furchtbaren Zeit. +Als endlich der Norden keine Verwüster mehr aussandte, erlosch nach und +nach der gegenseitige Haß der Stämme, und wechselseitige Verheirathungen +fanden häufiger statt. Die Dänen erlernten die Religion der Sachsen, und +somit schwand eine Ursache tödtlicher Erbitterung. Die dänische und +sächsische Sprache, Dialekte einer ausgebreiteten Mundart, verschmolzen +ineinander; noch aber war die Verschiedenheit zwischen den beiden +Völkern nicht völlig verschwunden, als ein Ereigniß beide in gemeinsamer +Knechtschaft und Erniedrigung zu den Füßen eines dritten Volkes +niederbeugte.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Normannen.</span> +<a name = "secI_6" id = "secI_6">Unter</a> den Volksstämmen der +Christenheit +<span class = "pagenum">I.11</span> +<a name = "pageI_11" id = "pageI_11"> </a> +behaupteten um jene Zeit die Normannen den ersten Platz. Muth und +Wildheit zeichneten sie unter den Seeräubern aus, die Skandinavien zur +Verheerung des westlichen Europa’s ausgesendet hatte. Ihre Segel +bildeten lange den Schrecken beider Küsten des Kanals. Mehr als einmal +drangen ihre Waffen tief in das Herz des Karolingischen Reiches; sie +siegten unter den Mauern von Mastricht und Paris. Einer der schwachen +Erben Karls des Großen trat endlich den Fremden eine fruchtbare Provinz +ab, die ein mächtiger Strom durchzog, und von dem Meere, ihrem +Lieblingselemente, bespült ward. In dieser Provinz gründeten sie nun +einen mächtigen Staat, der nach und nach seinen Einfluß über die +angrenzenden Fürstenthümer Bretagne und Maine ausdehnte. Die Normannen, +ohne den unerschrockenen Muth abzulegen, der der Schrecken der Länder +von der Elbe bis zu den Pyrenäen gewesen, eigneten sich bald alle, und +mehr noch als alle Kenntniß und Gesittung an, die sie in dem Lande der +neuen Ansiedelung fanden. Einfälle von Außen wehrte ihre Tapferkeit ab, +und in dem Innern ihres Gebiets begründeten sie eine Ordnung, die dem +fränkischen Reiche lange unbekannt gewesen war. Sie traten zu dem +Christenthume über, und mit dem Christenthume lernten sie einen großen +Theil von dem, was der Clerus lehrte. Ihre Muttersprache gaben sie auf, +und nahmen die französische an, in welcher das Latein das vorherrschende +Element bildete. Der neuen Sprache verliehen sie nun bald eine Würde und +Bedeutung, die sie nie zuvor besessen hatte. Dem vorgefundenen +Sprachgemenge gaben sie durch die Schrift eine feste Form, und bedienten +sich ihrer in der Gesetzgebung, in der Poesie, und in dem Roman. Die +thierische Unmäßigkeit, zu der alle andern Zweige der großen +germanischen Familie nur zu sehr sich hinneigten, legten sie ab. Der +verfeinerte Luxus der Normannen bildete einen scharfen Kontrast zu der +rohen Gefräßigkeit und Trunksucht ihrer sächsischen und dänischen +Nachbarn. — Nicht in Massen von Speisen und in großen Gefäßen mit +starken Getränken entfaltete sich dieser Luxus, sondern in großen und +prächtigen Bauwerken, kostbaren Rüstungen, schönen Pferden, auserlesenen +Falken, wohlgeordneten Turniren, mehr feinen als überladenen +Gastmählern, und in Weinen, die sich mehr durch Wohlgeschmack als +berauschende Kraft auszeichneten. Jener ritterliche Geist, der auf die +Politik, die Moral und Gesittung aller europäischen Nationen einen so +mächtigen Einfluß ausgeübt, stand bei den normannischen Edlen in hoher +Blüthe; sie zeichneten sich durch anmuthige Haltung und einnehmende +Manieren aus; nicht minder auch durch ihre Gewandtheit in +Unterhandlungen, und eine natürliche Beredtsamkeit, die sie eifrig +pflegten. Einer der normännischen Geschichts­schreiber sagt rühmend, +daß die Edlen seines Stammes Redner von der Wiege an seien. Ihren +größten Ruhm aber errangen sie durch ihre kriegerischen Thaten. Vom +atlantischen Ocean bis zum todten Meere waren die Länder Zeugen von den +Wundern ihrer Kriegszucht und Tapferkeit. Ein normännischer Ritter an +der Spitze eines Häufleins Krieger versprengte die Celten von Connaught. +Ein Anderer gründete die Monarchie beider Sicilien, und sah die Kaiser +des Ost und West vor seinen Waffen fliehen. Ein Dritter, der Ulysses des +ersten Kreuzzuges, ward von seinen Gefährten zum Beherrscher von +Antiochien ernannt, und ein Vierter, jener Tankred, dessen Name in +Tasso’s erhabenem Gedichte fortlebt, wurde in der ganzen Christenheit +als der tapferste und großmüthigste unter den Kämpfern des heiligen +Grabes gepriesen. Die Nähe eines so +<span class = "pagenum">I.12</span> +<a name = "pageI_12" id = "pageI_12"> </a> +bedeutenden Volkes begann schon früh seine Wirkung auf den Volksgeist in +England zu äußern. Englische Prinzen erhielten, schon vor der Eroberung, +ihre Erziehung in der Normandie. Englische Bisthümer und Landgüter +wurden Normannen zu Lehen gegeben. Das Französisch der Normandie war die +gewöhnliche Sprache im Palaste von Westminster. Der Hof von Rouen +scheint dem Eduards des Bekenners dasselbe gewesen zu sein, was lange +Zeit nachher der Hof von Versailles dem Karls II. war.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die normannische Eroberung.</span> +<a name = "secI_7" id = "secI_7">Durch</a> die Schlacht von Hastings und +die ihr folgenden Ereignisse gelangte nicht nur ein Herzog der Normandie +auf den englischen Thron, es ward auch die ganze Bevölkerung Englands +der Tyrannei des normännischen Stammes preisgegeben. Selten ist die +Unterjochung einer Nation durch die andere, selbst in Asien, +vollständiger gewesen. Die Führer der Eroberer vertheilten das Land +unter sich, starke militärische Einrichtungen, eng mit den Verhältnissen +des Grundeigenthums verbunden, machten es den fremden Siegern möglich +die Landeskinder zu unterdrücken. Ein grausames und <ins class = +"correction" title = "Fehler für »rücksichtslos«?">rücksichtlos</ins> +grausam angewendetes Strafgesetzbuch schützte nicht nur die Vorrechte, +sondern auch die Lustbarkeiten der fremden Unterjocher. Aber dennoch +ließ das unterworfene Volk, obgleich geknechtet und mit Füßen getreten, +seinen Stachel fühlen. Einige kühne Männer, die Lieblingshelden unserer +ältesten Balladen, flüchteten sich in die Wälder und unternahmen von +dort aus, trotz der Feuerglocken- und Forstgesetze, einen Raubkrieg +gegen ihre Unterdrücker. Täglich wurden Meuchelmorde verübt; mancher +Normanne verschwand plötzlich und spurlos; viele der aufgefundenen +Leichen trugen die Spuren der Gewaltthätigkeit. Man drohte den Mördern +mit martervollen Todesstrafen und stellte die strengsten Nachforschungen +an; diese waren aber gewöhnlich ohne Erfolg, denn die ganze Nation hatte +sich zu ihrem Schutze verschworen. Endlich ward für nöthig erachtet, +jedem Distrikte, in welchem eine Person von fränkischer Abkunft +erschlagen aufgefunden wurde, eine schwere Buße aufzuerlegen, und dieser +Bestimmung ließ man bald eine andere folgen, wonach jede ermordete +Person für einen Franken gelten sollte, wenn nicht ihre sächsische +Abkunft erwiesen würde.</p> + +<p>In den anderthalb Jahrhunderten nach der Eroberung giebt es +eigentlich keine englische Geschichte. Die fränkischen Könige Englands +schwangen sich zu einer Bedeutung empor, welche die benachbarten Völker +mit Staunen und Schrecken erfüllte. Sie eroberten Irland, ließen sich +von Schottland huldigen, und wurden durch ihre Tapferkeit, Politik und +ihre glücklichen Heirathsbündnisse auf dem Festlande weit mächtiger, als +ihre Lehnsherren, die Könige von Frankreich. Asien und Europa ließen +sich durch die Macht und den Glanz unserer Tyrannen blenden; arabische +Chronisten berichteten mit Widerstreben aber doch mit Bewunderung den +Fall von Acre, die Vertheidigung Joppe’s und den siegreichen Kriegszug +nach Ascalon. Noch lange Zeit brachten arabische Mütter mit dem Namen +des löwenherzigen Plantagenet ihre Kinder zum Schweigen. Es schien +selbst einmal, als ob die Linie des Hugo Capet enden solle, wie die +Merowingischen und Karolingischen Linien geendet hatten, und als ob sich +eine einzige große Monarchie von den Orkaden bis zu den Pyrenäen +ausdehnen würde. Nach den meisten Ansichten ist die Größe eines +Herrschers mit der Größe des ihm untergebenen Volkes so eng verbunden, +daß fast jeder englische Geschichts­schreiber die Macht und den +Glanz der fremden Oberherrn mit triumphirender Freude berichtet und den +Verfall dieser Macht und dieses Glanzes als ein Unglück +<span class = "pagenum">I.13</span> +<a name = "pageI_13" id = "pageI_13"> </a> +für unser Vaterland beklagt. Dies ist wahrlich ebenso abgeschmackt, als +wenn ein Neger von Haiti in unserer Zeit mit Nationalstolz die Größe +Ludwigs XIV. preisen und von Blenheim und Ramilies mit patriotischer +Trauer und Beschämung reden wollte.</p> + +<p>Der Eroberer und seine Nachkommen bis zur vierten Generation waren +keine Engländer, und fast alle in Frankreich geboren; den größten Theil +ihrer Lebenszeit brachten sie in Frankreich zu; das Französische war +ihre gewöhnliche Sprache; fast jedes hohe Amt, das sie zu besetzen +hatten, ward Franzosen übertragen, und jede auf dem Festlande gemachte +neue Erwerbung entfremdete sie der Bevölkerung unserer Insel immer mehr. +Einer der tüchtigsten von ihnen versuchte es zwar, indem er sich mit +einer englischen Prinzessin vermählte, die Herzen seiner englischen +Unterthanen zu gewinnen; allein der größte Theil seiner Barone +betrachtete diese Verbindung aus demselben Gesichtspunkte, wie man heute +in Virginien die Verbindung eines weißen Pflanzers mit einem +Quadronen-Mädchen betrachten würde. In der Geschichte wird er mit dem +ehrenvollen Beinamen Beauclerc genannt; aber zu seiner Zeit legten ihm +die eigenen Landsleute mit verachtender Anspielung auf seine sächsische +Verbindung einen sächsischen Spottnamen bei. Wäre es, wie es einmal den +Anschein hatte, den Plantagenets gelungen, ganz Frankreich unter ihrer +Herrschaft zu vereinigen, so würde England wahrscheinlich nie zu einer +unabhängigen Existenz gelangt sein. Seine Fürsten, Lords und Prälaten +wären nach Abstammung und Sprache von den Handwerkern und Bauern völlig +verschieden gewesen; die Erträge seiner ausgebreiteten Grundstücke +würden die Feste und Lustbarkeiten an den Ufern der Seine verschlungen +haben, und die edle Sprache eines Milton und Burke würde ein bäuerischer +Dialekt ohne Literatur, ohne festgeregelte Grammatik, ohne geordnete +Orthographie geblieben und verächtlich dem Gebrauche der Bauern +überlassen worden sein. Niemand von englischer Abkunft würde im Stande +gewesen sein eine hohe Stellung zu erlangen, ohne in Sprache und Sitte +ein Franzose zu werden. —</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Trennung Englands von der Normandie.</span> +<a name = "secI_8" id = "secI_8">Daß</a> England einem solchen Geschicke +entging, hat es einem Ereigniß zu danken, das die +Geschichts­schreiber allgemein als ein unheilvolles geschildert +haben. Das Interesse des Landes stand dem seiner Herrscher so +entschieden entgegen, daß nur die Mißgriffe und Unglücksfälle derselben +bessere Aussichten gewähren konnten. Die Fähigkeiten, und selbst die +guten Eigenschaften seiner sechs ersten fränkischen Könige waren ihm ein +Fluch; die Thorheiten und Fehler des siebenten gereichten ihm zum Segen. +Wenn Johann die großen Eigenschaften seines Vaters, Heinrich Beauclercs, +oder des Eroberers geerbt, auch wenn er nur den kriegerischen Muth von +Stephan oder Richard besessen hatte, und wäre der König von Frankreich +zu gleicher Zeit so unfähig, wie alle anderen Nachfolger Hugo Capets, so +würde das Haus Plantagenet zu der einflußreichsten Höhe in Europa +gelangt sein. Aber gerade in jener Zeit ward Frankreich, zum ersten Male +seit Karls des Großen Tode, von einem kräftigen, fähigen Fürsten +regiert; England aber, seit der Schlacht von Hastings in der Regel von +klugen Staats­männern und stets von tapfern Kriegern geleitet, fiel +der Botmäßigkeit eines Schwätzers und Feiglings anheim. Von diesem +Augenblicke an ward seine Aussicht lichter. Johann wurde aus der +Normandie verjagt, die normännischen Edelleute mußten zwischen der Insel +und dem Festlande wählen und +<span class = "pagenum">I.14</span> +<a name = "pageI_14" id = "pageI_14"> </a> +gemein­schaftlich mit dem Volke, das sie stets geknechtet und +verachtet hatten, von dem Meere eingeschlossen, kamen sie nach und nach +dahin, England als ihr Vaterland und die Engländer als ihre Landsleute +zu betrachten. Beide Volksstämme, einander so lange feindlich gesinnt, +erkannten nun bald, daß sie gemein­schaftliche Interessen und +gemein­schaftliche Feinde hatten; sie litten beide zugleich unter +der Tyrannei eines schlechten Königs, und beide waren gleich entrüstet +über die Bevorzugung, die der Hof den Eingeborenen von Poitou und +Aquitanien angedeihen ließ. Die Urenkel der Streiter Wilhelms begannen +sich denen Harolds freundschaftlich zu nähern, und das erste Pfand ihrer +Versöhnung ward der große Freiheitsbrief, den sie vereint errungen und +zu ihrem gemeinsamen Wohle entworfen hatten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Vermischung der Volksstämme.</span> +<a name = "secI_9" id = "secI_9">Hier</a> beginnt die Geschichte des +englischen Volkes. Die Geschichte der frühern Begebenheiten ist die +Geschichte der von einzelnen Stämmen verübten und erlittenen Übel, von +Volksstämmen, die zwar auf englischem Boden wohnten, aber sich +gegenseitig mit einer Abneigung betrachteten, wie man sie selten bei +Völkern findet, die durch natürliche Grenzen von einander geschieden +sind, denn selbst die gegenseitige Erbitterung im Kriege begriffener +Länder ist jener gegenüber nur schwach zu nennen, die moralisch +getrennte, aber örtlich vermischte Nationen hegen. Dieser Stammeshaß ist +in keinem Lande so arg gewesen, als in England; aber auch nirgends ist +er gründlicher vertilgt. Die Stadien des Prozesses, der die feindlichen +Elemente in eine gleiche Masse verschmolz, sind uns nicht näher bekannt; +aber es ist gewiß, daß die Kluft zwischen Sachsen und Normannen noch +sehr stark hervortrat, als Johann König wurde, daß sie jedoch vor dem +Ende der Regierung seines Enkels fast völlig verschwunden war. Zur Zeit +Richards I. war die gewöhnliche Verwünschung eines edeln Normanns: +„ich will zum Engländer werden!“ — und die gebräuchliche Form +einer unwilligen Weigerung: „haltet Ihr mich für einen Engländer?“ +Hundert Jahre später war der Nachkomme eines solchen Edelmanns stolz auf +den Namen eines Engländers.</p> + +<p>Die Quellen der bedeutendsten Ströme, die ganzen Ländern +Fruchtbarkeit bringen und reich beladene Flotten zum Meere tragen, +müssen in wilden und unfruchtbaren Bergketten aufgesucht werden, die auf +den Landkarten ungenau angegeben und von Reisenden nur selten erforscht +sind. Mit einer solchen Bergkette läßt sich die Geschichte unseres +Vaterlandes während des dreizehnten Jahrhunderts nicht unpassend +vergleichen. Ob auch jener Abschnitt unserer Annalen unfruchtbar und +dunkel ist, so können wir doch nur in ihm den Ursprung unserer Freiheit, +unseres Glücks und unseres Ruhmes suchen. Damals entstand das große +englische Volk, und es begann der Nationalcharakter desselben jene +Eigenthüm­lichkeiten zu entfalten, die er seitdem stets bewahrt hat; +damals wurden unsere Väter in der vollsten Bedeutung des Wortes +Insulaner, aber nicht nur Insulaner der geographischen Lage nach, +sondern auch in ihrer Politik, ihrer Denkart und ihren Sitten. Damals +trat zuerst bestimmt und klar jene Verfassung hervor, die seitdem durch +alle Wechselfälle ihre Identität bewahrte, jene Verfassung, von der alle +freien Verfassungen der Welt nur Nachbildungen sind, und die, ungeachtet +einiger Mängel, als die Erste von allen gehalten zu werden, würdig ist, +unter der je eine große Gesellschaft Jahrhunderte hindurch bestanden +hat. Damals geschah es, daß das Haus der Gemeinen, dieses Musterbild +aller repräsentativen Versammlungen der alten und neuen +<span class = "pagenum">I.15</span> +<a name = "pageI_15" id = "pageI_15"> </a> +Welt, zu den ersten Sitzungen zusammentrat, und daß das gemeine Recht zu +der Würde einer Wissenschaft erhoben und ein nicht unwürdiger Rival der +kaiserlichen Rechtsgelehrsamkeit wurde. Damals machte der Muth jener +Seeleute, welche die Mannschaft der rohen Barken der fünf Häfen +bildeten, zuerst die Flagge Englands auf dem Meere furchtbar; es wurden +die ältesten Hochschulen gegründet, die noch jetzt in den beiden großen +Nationalsitzen der Gelehrsamkeit bestehen; es bildete sich die Sprache, +die zwar weniger wohlklingend als die des Südens, aber an Kraft, +Reichthum und Tauglichkeit für die erhabensten Zwecke des Dichters, des +Philosophen und des Redners nur von der Sprache Griechenlands +übertroffen wird; und damals endlich dämmerte der erste schwache Schein +jener edlen Literatur auf, die zu den glänzendsten und unvergänglichen +Schätzen Englands gehört.</p> + +<p>Bereits zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts waren die Volksstämme +fast völlig in einander verschmolzen und untrügliche Zeichen deuteten +an, daß aus der Mischung dreier Zweige der großen teutonischen Familie +mit den Urbewohnern Britanniens ein Volk hervorgegangen sei, das keinem +andern der Welt nachstand. Und wahrlich, das England, nach dem Johann +von Philipp August einst vertrieben worden, hatte mit dem England, aus +welchem die Heere Eduards III. zur Eroberung Frankreichs auszogen, fast +nichts gemein.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Englische Eroberungen auf dem Festlande.</span> +<a name = "secI_10" id = "secI_10">Es</a> folgte nun ein Zeitraum von +mehr als hundert Jahren, in welchem die Engländer vorzüglich danach +strebten, durch die Gewalt der Waffen auf dem Festlande ein großes Reich +zu gründen. Zwar schien es, daß für die Ansprüche Eduards auf die von +dem Hause Valois in Besitz genommene Erbschaft seine Unterthanen sich +wenig interessirten; aber die Eroberungssucht des Fürsten bemächtigte +sich bald des Volkes. Der Krieg war von jenen Kriegen sehr verschieden, +welche die Plantagenets des zwölften Jahrhunderts gegen die Nachkommen +Hugo Capets unternommen hatten; denn hätte Heinrich II. oder +Richard I. sein Ziel erreicht, so würde England eine französische +Provinz geworden sein. Eduard’s III. und Heinrichs V. Glück machte +Frankreich für einige Zeit zu einer englischen Provinz. Mit derselben +Geringschätzung, mit der im zwölften Jahrhunderte die Eroberer vom +Festlande die Insulaner betrachtet, blickten diese nun auf das Volk des +Festlandes. Jeder Freisasse von Kent bis Northumberland erachtete sich +einem Stamme angehörig, der zum Siegen und zum Herrschen geboren, und +mit Hohn blickte er auf das Volk, vor dem seine Ahnen einst gezittert +hatten. Selbst die Ritter von Gascogne und Guienne, die tapfer unter dem +schwarzen Prinzen gefochten hatten, betrachteten die Engländer als Leute +geringerer Art und schlossen sie verächtlich von ehrenvollen und +einträglichen Posten aus. Nach kurzer Zeit schon beachteten unsere +Vorfahren den ursprünglichen Grund des Streites nicht mehr, sie begannen +die französische Krone nur für einen Zubehör der englischen zu halten, +und wenn sie, unter Verletzung des ordentlichen Erbfolgerechts, die +Krone Englands auf das Haus Lancaster übertrugen, so scheinen sie der +Ansicht gewesen zu sein, daß das Recht Richards II. auf die +französische Krone natürlich auch auf dieses Haus übergehe. Sie +bethätigten einen Eifer und eine Kraft, die einen merkwürdigen Contrast +zu der Lauheit der Franzosen bildeten, für die der Ausgang des Kampfes +weit wichtiger war. Die englischen Waffen erfochten in jener Zeit gegen +an Zahl überlegene Heerhaufen Siege, +<span class = "pagenum">I.16</span> +<a name = "pageI_16" id = "pageI_16"> </a> +die zu den größten gehören, von denen die Geschichte des Mittelalters +berichtet, und es waren dies in der That Siege, denen sich eine Nation +mit Stolz rühmen darf, weil man sie dem moralischen Übergewichte der +Sieger beizumessen hat, das sich selbst in den niedrigsten Reihen +deutlich zeigte. Die Ritter Englands fanden in denen Frankreichs würdige +Nebenbuhler. Chandos kämpfte mit Du Guesclin als einem ebenbürtigen +Feinde. Aber es fehlte Frankreich an Fußvolk, das den englischen Bogen +und Streitäxten die Spitze zu bieten vermochte. Ein französischer König +ward gefangen nach London gebracht; ein englischer König ward in Paris +gekrönt. Weit über die Pyrenäen und Alpen hinaus wurde das Banner des +heiligen Georg getragen. Im Süden vom Ebro gewannen die Engländer eine +große Schlacht, die das Geschick von Leon und Castilien für einige Zeit +entschied, und die englischen Compagnien gewannen ein furchtbares +Ansehen bei den Kriegerbanden, die ihre Waffen an die Fürsten und +Republiken Italiens verdungen hatten.</p> + +<p>In jener kriegerisch bewegten Zeit vernachlässigten jedoch unsere +Väter die Künste des Friedens nicht. Während Frankreich vom Kriege +verwüstet wurde, daß es zuletzt in seiner Zerstörung selbst einen +beklagenswerthen Schutz gegen neue Einfälle fand, sammelten die +Engländer ruhig ihren Erndtesegen ein, verschönerten ihre Städte, und +pflegten in Sicherheit das Recht, den Handel und die Wissenschaften. +— Jener Zeit gehören viele unserer edelsten Baudenkmäler an. Es +entstanden die schönen Kapellen des Neuen-Collegiums und von St. Georg; +das Schiff der Kathedrale von Winchester und das Chor des Münsters von +York; der Spitzthurm von Salisbury und die majestätischen Thürme von +Lincoln. Eine reiche und kernige Sprache, hervorgegangen aus dem +Zusammenflusse der französischen und deutschen, ward nun ein Gemeingut +der Aristokratie und des Volks. Bald begann der Genius dieses +bewundernswerthe Werkzeug zu würdigen Zwecken zu benutzen. Während +englische Heerhaufen, die verwüsteten Provinzen Frankreichs hinter sich +lassend, triumphirend in Valladolid einzogen und bis vor die Thore von +Florenz Schrecken verbreiteten, schilderten englische Dichter in +lebhaften Farben den mannigfaltigen Wechsel menschlicher Sitten und +Schicksale; es strebten englische Denker nach Wissen oder wagten Zweifel +zu hegen, wo die Bigotterie sich begnügte zu staunen und zu glauben. +Dieselbe Zeit,<ins class = "correction" title = "Wort »aus« fehlt">aus</ins> welcher der schwarze Prinz und Derby, Chandos und +Hawkwood hervorging, gebar auch Geoffroy Chaucer und John +Wycliffe. —</p> + +<p>So glänzend und erhaben war der erste Auftritt des eigentlich so zu +nennenden englischen Volks unter den Nationen der Welt. Aber während wir +die hohen, achtunggebietenden Eigenschaften unserer Voreltern mit +Wohlgefallen betrachten, dürfen wir uns nicht verhehlen, daß das von +ihnen erstrebte Ziel vom Gesichtspunkte der Humanität und der +aufgeklärten Politik ein durchaus verwerfliches ist und daß die +Mißgeschicke, durch die sie nach einem langen und blutigen Kampfe die +Hoffnung auf Gründung eines großen festländischen Reiches aufzugeben +gezwungen wurden, wahrhafte Segnungen, und nur scheinbar Unglücksfälle +waren. Der Geist der Franzosen erwachte endlich; sie begannen den +fremden Eroberern einen kräftigen nationalen Widerstand zu leisten, und +von dieser Zeit an waren die Geschicklichkeit der englischen Feldherren +und der Muth ihrer Soldaten, zum Heile für die Menschheit, ohne Erfolg. +Unsere Vorfahren gaben, nach vielen blutigen Kämpfen, mit schmerzlicher +Reue den Streit auf. Seitdem +<span class = "pagenum">I.17</span> +<a name = "pageI_17" id = "pageI_17"> </a> +hat nie mehr eine englische Regierung ernstlich und beharrlich den Plan +verfolgt, große Eroberungen auf dem Festlande zu machen. Zwar fuhr das +Volk fort, Crecy, Poitiers und Agincourt ein solches Andenken zu +bewahren, und man konnte noch viel Jahre später durch das Versprechen +eines Eroberungszuges nach Frankreich leicht sein Blut wallend machen +und ihm Hilfsgelder ablocken; aber zum Glück hat die Thatkraft unsers +Vaterlandes sich edlern Zielen zugewendet, und es nimmt jetzt in der +Geschichte der Menschheit eine weit ehrenvollere Stellung ein, als wenn +es, wie es einmal den Anschein hatte, durch Waffengewalt ein Übergewicht +erlangt hätte, das dem der frühern römischen Republik ähnlich wäre.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Der Krieg der Rosen.</span> +<a name = "secI_11" id = "secI_11">In</a> die Grenzen der Insel wiederum +eingeschlossen, schwang nun das kriegslustige Volk die Waffen, die der +Schrecken Europa’s gewesen, im Bürgerkriege. Die englischen Barone +hatten lange die Mittel zur Bestreitung ihres verschwenderischen +Aufwandes aus den unterjochten Provinzen Frankreichs gezogen. Diese +Hilfsquelle war nun versiegt; aber die vom Glücke erzeugte Gewohnheit +der Prunksucht und Üppigkeit dauerte fort, und die großen Lords, die +ihre Gelüste durch Plünderung der Franzosen nicht mehr befriedigen +konnten, beraubten nun mit großem Eifer einer den andern. Das Gebiet, +auf das sie jetzt beschränkt waren, reichte — wie Comines, der +schärfste Beobachter jener Zeit, sich ausdrückt — für sie alle +nicht aus. Zwei aristokratische Parteien, angeführt von zwei Zweigen der +königlichen Familie, begannen nun einen langen und schrecklichen Kampf +um die Oberherrschaft. Da die Erbitterung derselben nicht eigentlich aus +dem Streite wegen der Erbfolge hervorgegangen, so dauerte sie noch lange +fort, nachdem jeder Grund zu diesem Streite verschwunden war. Die Partei +der rothen Rose überlebte den letzten Fürsten, der, gestützt auf das +Recht Heinrichs IV., Anspruch auf die Krone machte. Die Partei der +weißen Rose überlebte die Heirath Richmonds mit Elisabeth. Der Führer +beraubt, die irgend einen annehmbaren Rechtstitel aufzuweisen hatten, +schlossen sich die Anfänger Lancasters einer Bastardlinie an, und die +Anhänger Yorks stellten eine Reihe von Betrügern auf. Nachdem viel +ehrgeizige Edelleute auf dem Kampfplatze oder durch die Hand des Henkers +gefallen, nachdem viel berühmte Häuser auf immer aus der Geschichte +verschwunden und die noch übrig gebliebenen großen Familien durch +schwere Unglücksfälle erschöpft und zu klarer Besinnung gekommen waren, +erkannte man endlich von allen Seiten an, daß in dem Hause Tudor alle +Ansprüche der streitenden Plantagenets sich vereinigten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Aufhören der Leibeigenschaft.</span> +<a name = "secI_12" id = "secI_12">Inzwischen</a> trat eine Veränderung +ein, von unendlich größerer Wichtigkeit, als die Erwerbung oder der +Verlust einer Provinz, als die Erhebung oder der Sturz einer Dynastie. +Es verschwand nämlich die Sklaverei mit allen sie begleitenden +Übeln. —</p> + +<p>Es ist bemerkenswerth, daß die beiden größten und heilsamsten +socialen Umwälzungen, die in England stattgefunden, die nämlich, welche +im dreizehnten Jahrhundert der Willkürherrschaft eines Volksstammes über +den andern und die, welche einige Menschenalter später dem +Eigenthumsrechte des Menschen am Menschen ein Ende machte, still und +unmerklich erregt und vollbracht wurden. Die Beobachter jener Zeit +wurden durch diese Umwälzungen nicht überrascht, und die +Geschichts­schreiber haben ihnen nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet. +Weder durch gesetzliche Anordnung, noch +<span class = "pagenum">I.18</span> +<a name = "pageI_18" id = "pageI_18"> </a> +durch physische Kraft wurden sie bewirkt; es waren moralische Ursachen, +die geräuschlos erst den Abstand zwischen dem Normann und dem Sachsen, +und später zwischen Herrn und Sklaven verwischten. Den Augenblick genau +zu bestimmen, wann diese Unterschiede aufhörten, könnte niemand wagen, +denn es mögen wohl noch spät im vierzehnten Jahrhunderte einige schwache +Spuren der alten normännischen Sinnesart gefunden werden; auch von den +Forschern in der Zeit der Stuarts schwache Spuren der Leibeigenschaft +entdeckt sein, und ist diese Einrichtung bis zur gegenwärtigen Stunde +gesetzlich noch nicht abgeschafft.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wohlthätiges Wirken der römisch-katholischen Religion.</span> +<a name = "secI_13" id = "secI_13">Es</a> würde im hohen Grade ungerecht +sein, nicht anzuerkennen, daß bei diesen beiden großen Befreiungswerken +die Religion der gewaltigste Hebel gewesen, und ob ein reinerer Glaube +sich wirksamer erwiesen hätte, ist wohl in Zweifel zu ziehen. Der +wohlwollende Geist der christlichen Sittenlehre ist unbezweifelt den +Kastenunterschieden abhold; aber der römischen Kirche sind sie ganz +besonders verhaßt, weil sie mit andern ihrem Systeme wesentlichen +Unterschieden nicht zu vereinbaren sind. So legt sie jedem Priester eine +geheimnißvolle Würde bei, die ihn berechtigt, von jedem Laien Ehrfurcht +zu fordern; auch schließt sie niemanden aus Gründen der Nationalität +oder der Geburt vom Priesterstande aus. Ihre Lehrsätze, so irrig sie in +Bezug auf den priesterlichen Charakter auch sein mögen, haben schon oft +einige der größten Übel gemildert, von denen die Gesellschaft +heimgesucht werden kann. Es darf ein Aberglaube nicht unbedingt für +schädlich gehalten werden, der in Ländern, die unter dem Fluche der +Tyrannei eines Volksstammes über den andern seufzen, eine von der +nationalen Verschiedenheit völlig unabhängige <ins class = "correction" +title = "Original hat »Aristokartie«">Aristokratie</ins> schafft, das +Verhältniß zwischen den Bedrückern und Bedrückten umkehrt und den +erblichen Herrn zwingt, vor dem geistlichen <ins class = "correction" +title = "Original hat »Richterstule«">Richterstuhle</ins> seines +erblichen Untergebenen das Knie zu beugen. In Ländern, wo die Sklaverei +fortbesteht, zeigt sich noch heutigen Tages das Pabstthum in einem +vortheilhaften Contraste zu andern Formen des Christenthums. Es ist +allgemein bekannt, daß die gegenseitige Abneigung zwischen den +europäischen und afrikanischen Racen in Rio Janeiro bei weitem nicht so +stark ist, als in Washington, und in unserm eigenen Vaterlande äußerte +diese Eigenthüm­lichkeit des römisch-katholischen Systems zur Zeit +des Mittelalters manche heilsame Wirkung. Es wurden zwar gleich nach der +Schlacht bei Hastings sächsische Prälaten und Äbte gewaltsam von ihren +Ämtern vertrieben und geistliche Abenteurer vom Festlande zu Hunderten +in reiche Pfründen eingesetzt; aber auch damals erhoben fromme +Geistliche normännischer Abkunft gegen eine derartige Verletzung der +Kirchenverfassung ihre Stimmen, lehnten die Annahme der Bischofsmütze +aus den Händen des Eroberers ab und ermahnten ihn, bei dem Heile seiner +Seele, nicht zu vergessen, daß die unterjochten Insulaner seine +Mitchristen seien. Der Erzbischof Anselm war der erste Beschützer, den +die Engländer unter der herrschenden Kaste fanden. In jener Zeit, wo der +englische Name als ein Vorwurf galt und alle bürgerlichen und +militärischen Würden ausschließlich den Landsleuten des Eroberers +gebührend betrachtet wurden, nahm der verachtete Volksstamm mit +lebhafter Freude die Nachricht auf, daß einer der seinigen, Nikolaus +Breakspear, auf den päbstlichen Stuhl erhoben sei und Gesandten, den +edelsten Häusern der Normandie entsprossen, seinen Fuß zum Kusse +gereicht habe. Es war nicht minder ein nationaler als ein religiöser +Drang, der Massen von +<span class = "pagenum">I.19</span> +<a name = "pageI_19" id = "pageI_19"> </a> +Menschen zu der Kapelle Becket’s trieb, des ersten Engländers, der den +fremden Tyrannen seit der Eroberung furchtbar geworden. Unter denen, +welche jenen Freibrief errangen, der die Privilegien der normännischen +Barone und der sächsischen Freisassen zugleich sicherte, stand ein +Nachfolger Becket’s in erster Reihe. Wieviel die katholische +Geistlichkeit später bei der Abschaffung der Leibeigenschaft mitgewirkt +hat, erfahren wir aus dem unverwerflichen Zeugnisse des Sir Thomas +Smith, eines der befähigtesten protestantischen Räthe Elisabeths. Wenn +der sterbende Sklavenbesitzer nach dem letzten Sacramente verlangte, so +beschworen ihn stets seine geistlichen Beistände bei dem Heile seiner +Seele, er möge seine Brüder freigeben, für die Christus gestorben sei. +Die Kirche wendete ihr furchtbares Getriebe mit einem solchen Erfolge +an, daß noch vor dem Eintritte der Reformation fast alle Leibeigenen im +Königreiche frei geworden, mit Ausnahme der ihr selbst angehörigen, die, +wie man ihr nachrühmen muß, einer sehr milden Behandlung genossen zu +haben scheinen.</p> + +<p>Es unterliegt keinem Zweifel, daß nach diesen beiden großen +Revolutionen unsere Vorfahren von allen Völkern in Europa die beste +Regierung besaßen. Das gesellschaftliche System hatte sich drei +Jahrhunderte hindurch ununterbrochen heilsam entwickelt. Es hat unter +den ersten Plantagenets Barone gegeben, die ihrem souverainen Herrscher +Trotz zu bieten vermochten, und Bauern, die mit den Schweinen und +Ochsen, welche sie hüteten, auf eine gleiche Stufe heruntergebracht +waren: die maßlose Gewalt der Barone war nach und nach geschwächt, der +Zustand des Bauern gehoben worden, und zwischen dem Adel- und dem +Arbeiterstande hatte sich eine landbau- und handeltreibende Mittelklasse +gebildet. Es mögen nun immerhin noch mehr Ungleichheiten bestanden +haben, als dem Glücke und der Tugend unseres Geschlechts ersprießlich +gewesen; aber niemand konnte sich der Autorität der Gesetze entziehen, +und niemand war völlig von dem Schutze desselben ausgeschlossen.</p> + +<p>Daß die staatlichen Einrichtungen Englands schon in dieser frühen +Zeit von den Engländern mit Stolz und Liebe und von den aufgeklärtesten +Männern der Nachbarvölker mit Bewunderung und Neid betrachtet wurden, +läßt sich klar und deutlich beweisen; aber über die Beschaffenheit +dieser Einrichtungen ist oft unredlich und bitter gestritten worden.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die frühere englische Staats­verfassung als oft falsch +dargestellt.</span> +<a name = "secI_14" id = "secI_14">Die</a> geschichtliche Literatur +Englands hat in der That unter einem Umstande hart gelitten, der nicht +wenig zu dem Glücke desselben beigetragen. So groß die Umgestaltung +seines Staats­wesens in den letzten sechs Jahrhunderten auch gewesen +ist, sie war doch nur eine Wirkung allmäligen Fortschreitens, und nicht +des Zerstörens und Wiederaufbauens. Die jetzige Verfassung unseres +Vaterlandes verhält sich zu jener, unter der es vor fünfhundert Jahren +blühte, wie der Baum zu dem Sprößlinge, wie der Mann zu dem Knaben. Die +Umwandlung war eine große; aber nie hat es eine Zeit gegeben, in der +nicht der Haupttheil des Bestehenden alt gewesen wäre. Eine auf diese +Weise entstandene Staats­verfassung muß natürlich viel +Unregelmäßigkeiten enthalten; aber neben den Übeln, die nur aus +Unregelmäßigkeiten hervorgehen, besitzen wir viel, was sie reichlich +aufwiegt. Andere Staaten besitzen regelrechter aufgestellte +Verfassungen; aber keinem andern ist es bis jetzt gelungen, Revolution +und Gesetz, Fortschritt und Stehenbleiben, die rüstige Kraft der Jugend +mit der Majestät kaum erdenklichen Alterthums zu vereinigen.</p> + +<span class = "pagenum">I.20</span> +<a name = "pageI_20" id = "pageI_20"> </a> +<p>Diese große Segnung hat aber auch ihre Schattenseiten, und eine +derselben ist, daß die Quellen, in denen wir Aufklärung über unsere +frühere Geschichte suchen, vom Parteigeiste vergiftet sind. Es giebt +kein Land, in dem die Staats­männer so unter dem Einflusse der +Vergangenheit gestanden, und die Geschichts­schreiber sich so von +der Gegenwart leiten ließen. Allerdings besteht zwischen beiden +Erscheinungen ein natürlicher Zusammenhang; denn wenn die Geschichte nur +als eine Schilderung des Lebens und der Sitten, oder als eine Sammlung +von Versuchen betrachtet wird, aus der sich allgemeine Grundsätze der +Staats­weisheit ableiten lassen, wird der Geschichts­schreiber +sich eben nicht stark versucht fühlen, Begebenheiten aus alter Zeit +falsch darzustellen. Wenn aber die Geschichte als ein Archiv mit +Urkunden angesehen, von denen die Rechte der Regierungen und der Völker +abhangen, so wird die Neigung zu fälschen fast unwiderstehlich. Für +einen Franzosen giebt es jetzt kein Interesse, das ihn antriebe, die +Macht der Könige aus dem Hause Valois zu hoch zu erheben oder zu klein +darzustellen. Die Privilegien der allgemeinen Reichsstände, der Stände +von Bretagne und von Burgund sind jetzt Dinge von eben so wenig +praktischer Wichtigkeit, als die Verfassung des jüdischen Sansedrin oder +des Amphiktyonen­gerichts. Das neue System wird von dem alten durch +die Kluft einer großen Revolution völlig geschieden. Für die englische +Nation giebt es keine solche Kluft, die ihre Existenz in zwei bestimmt +geschiedene Theile trennt. Unsere Gesetze und Gewohnheiten sind nie in +einem allgemeinen, nicht wieder auszugleichenden Umsturze untergegangen; +die im Mittelalter stattgehabten Ereignisse sind für uns immer noch +vollgültig, die größten Staats­männer nehmen bei den wichtigsten +Veranlassungen Bezug darauf. Als zum Beispiel König Georg III. so krank +wurde, daß er den Verrichtungen seines königlichen Amtes nicht obliegen +konnte, und die Mehrzahl der tüchtigsten Rechtsgelehrten und Politiker +über das unter diesen Umständen einzuschlagende Verfahren sehr +getheilter Meinung waren, erklärten die Häuser des Parlaments, nur dann +zur Berathung irgend eines Regentschaftsplanes zu schreiten, wenn alle +Beispiele, die von der frühesten Zeit an in unsern Annalen zu finden, +zusammengestellt und geordnet seien. Es wurden Ausschüsse ernannt, +welche die alten Urkunden des Reichs prüfen sollten. Der erste Vorgang, +über den Bericht erstattet wurde, war der aus dem Jahre 1217; man legte +den Vorgängen aus den Jahren 1326, 1377 und 1422 große Wichtigkeit bei, +aber als den Fall, der hier mit Recht maßgebend sein könne, hielt man +den von 1455. Und so wurden oft in unserm Vaterlande die theuersten +Parteiinteressen von den Resultaten antiquarischer Forschungen abhängig +gemacht. Die nicht zu vermindernde Folge davon war, daß unsere +Alterthums­forscher ihre Untersuchungen als Parteimänner +anstellten.</p> + +<p>Man kann sich daher nicht wundern, wenn Diejenigen, welche über die +Grenzen des Hoheitsrechtes und der Freiheit in der alten englischen +Staats­verfassung geschrieben haben, gewöhnlich nicht als Richter, +sondern als eifrige, unredliche Advokaten aufgetreten sind; sie +verhandelten ja nicht über einen spekulativen, sondern über einen +solchen Stoff, der in einem unmittelbaren praktischen Zusammenhange mit +den wichtigsten und aufregendsten Streitfragen ihrer Zeit stand. — +Von dem Beginne des langen Streites zwischen dem Parlamente und den +Stuarts bis zu der Zeit, wo die Ansprüche der Letztern nicht mehr +furchtbar waren, gab es wenig praktisch wichtigere Fragen als die, ob +die Regierung dieser Familie +<span class = "pagenum">I.21</span> +<a name = "pageI_21" id = "pageI_21"> </a> +mit der alten Verfassung des Königreichs in Übereinstimmung gestanden +habe oder nicht. Diese Frage konnte nur dadurch entschieden werden, daß +man die Geschichts­berichte über frühere Regierungen in Betracht +zog. — Bracton und Fleta, der „Spiegel der Gerechtigkeit“ und die +Parlamentsarchive wurden durchforscht, um Beschönigungen für die +Übergriffe der Sternkammer sowohl, als für die des höchsten +Gerichtshofes aufzufinden. Viele Jahre hindurch suchte jeder +whiggistische Geschichts­schreiber eifrig den Beweis zu führen, daß +die altenglische Regierungsform eine republikanische, und jeder +toryistische, daß sie eine despotische gewesen sei.</p> + +<p>So gesinnt blickten beide Parteien in die Chroniken des Mittelalters. +Beide fanden sehr leicht, was sie suchten; aber beide wollten hartnäckig +auch nur das sehen, was sie suchten. Die Eiferer für die Stuarts konnten +eben so leicht Beispiele von Bedrückungen der Unterthanen, als die +Vertheidiger der Rundköpfe Beispiele davon auffinden, daß der Krone +entschlossen und erfolgreich Widerstand geleistet worden sei. Die Tories +führten aus alten Schriften fast eben so unterwürfige Ausdrücke an, als +die waren, welche man von der Kanzel von Mainwaring herab hörte, und die +Whigs entdeckten eben so kühne und strenge Worte, als je von Bradshaw’s +Richtersitze ertönten. Eine Partei von Schriftstellern stellte +zahlreiche Beispiele von Gelderpressungen auf, die sich Könige ohne +Bewilligung des Parlaments erlaubt hatten; andere führten Fälle an, in +denen das Parlament sich die Macht angeeignet hatte, den König zu +bestrafen. Wer nur die eine Hälfte der Beweise sah, hätte glauben mögen, +die Plantagenets seien unumschränkt wie die türkischen Sultane gewesen; +wer nur die andere sah, hätte schließen können, daß die Plantagenets +eben so wenig wirkliche Macht gehabt, als die Dogen von Venedig, und +beide Folgerungen wären gleich weit von der Wahrheit entfernt +gewesen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Natur der beschränkten Monarchien des Mittelalters.</span> +<a name = "secI_15" id = "secI_15">Die</a> alte englische Verfassung +gehörte jener Klasse beschränkter Monarchien an, die im Mittelalter in +Westeuropa entstanden, und, mancher Verschiedenheiten ungeachtet, +dennoch eine große Familienähnlichkeit unter einander hatten. Eine +solche Ähnlichkeit kann nicht befremden. Die Länder, in denen diese +Monarchien entstanden, waren Provinzen eines und desselben großen +kultivirten Reichs gewesen, das fast gleichzeitig von Stämmen einer und +derselben rohen und kriegerischen Nation überfallen und unterjocht +worden war. Sie waren ferner Glieder eines und desselben großen Bundes +gegen den Islam, und standen mit einer und derselben stolzen und +ehrgeizigen Kirche in Gemeinschaft. Ihre Staats­verfassung nahm nun +natürlich eine gleiche Form an. Die Institutionen derselben entstammten +theils dem kaiserlichen, theils dem päbstlichen Rom, theils dem alten +Germanien. Alle hatten Könige, und in allen war die Königswürde nach und +nach streng erblich geworden; alle hatten einen Adel mit Vorrechten, die +ursprünglich auf militärischen Rang basirt waren. Die Ritterwürde und +die Wappenregeln besaßen alle gemein­schaftlich; ebenso hatten alle +reich dotirte kirchliche Stiftungen, städtische Korporationen mit +ausgedehnten Freiheiten, und Reichsversammlungen, deren Genehmigung zur +Gültigkeit vieler öffentlicher Akte erforderlich war.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Hoheitsrechte der frühern englischen Könige.</span> +<a name = "secI_16" id = "secI_16">Von</a> allen diesen einander +ähnlichen Verfassungen ward die englische, schon von einer frühen Zeit +an, mit Recht für die beste gehalten. Die Hoheitsrechte des Regenten +erstreckten sich unzweifelhaft sehr weit. Der Geist der Religion +<span class = "pagenum">I.22</span> +<a name = "pageI_22" id = "pageI_22"> </a> +und des Ritterthums wirkten vereint zur Erhöhung seiner Würde. Das +heilige Öl war auf sein Haupt gegossen worden; den tapfersten und +edelsten Rittern war es keine Erniedrigung, vor seinen Füßen zu knien. +Seine Person war unverletzlich, er allein nur besaß das Recht, die +Stände des Reichs zu berufen und nach Belieben zu entlassen, und alle +legislativen Handlungen derselben bedurften seiner Zustimmung. Er stand +an der Spitze der ausübenden Verwaltung, war das einzige Organ in den +Verhandlungen mit auswärtigen Mächten, der Oberbefehlshaber der Land- +und See-Macht des Staats, der Quell der Gerechtigkeit, der Gnade und der +Ehre. Der Regent besaß weitgreifende Befugnisse zur Regelung des +Handels: er hatte das Recht, Münzen schlagen zu lassen, Maaß und Gewicht +festzustellen und Märkte und Häfen zu gründen. Seine Rechte als +Schirmherr der Kirche waren unermeßlich; seine erblichen Einkünfte, wenn +sie sparsam verwaltet wurden, reichten zur Deckung der gewöhnlichen +Regierungs­kosten aus. Der ihm eigenthümliche Grundbesitz hatte eine +weite Ausdehnung, und in der Eigenschaft als Oberlehnsherr des gesammten +Grund und Bodens seines Königreichs besaß er manches einträgliche und +furchtbare Recht, das ihn in den Stand setzte, seine Gegner zu +beeinträchtigen und niederzudrücken, Diejenigen aber, die seine Gunst +genossen, ohne eigene Kosten zu bereichern und zu erheben.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Beschränkungen der Hoheitsrechte.</span> +<a name = "secI_17" id = "secI_17">Aber</a> seine Macht, wenn auch weit +ausgedehnt, ward dennoch durch drei große verfassungs­mäßige +Bestimmungen beschränkt, die so alt waren, daß niemand den Beginn ihrer +Existenz kennt, und so wirksam, daß ihre natürliche, viele Menschenalter +hindurch fortgesetzte Entwickelung die Ordnung der Dinge hervorgebracht +hat, unter der wir jetzt leben.</p> + +<p>Erstens konnte der König, ohne die Zustimmung seines Parlaments kein +Gesetz erlassen; zweitens konnte er ohne die Zustimmung desselben keine +Steuern ausschreiben, und drittens war er gehalten, die exekutive Gewalt +nach den Landesgesetzen zu üben; verletzte er diese Gesetze, so waren +seine Räthe und Beamten verantwortlich.</p> + +<p>Kein aufrichtiger Tory wird läugnen können, daß diese Prinzipien vor +fünfhundert Jahren die Geltung von Grundgesetzen erlangt hatten; +andererseits wird kein ehrlicher Whig behaupten, daß sie in derselben +frühen Zeit frei von aller Zweideutigkeit gewesen und in allen ihren +Konsequenzen streng durchgeführt seien. Eine Verfassung des Mittelalters +ging nicht, wie im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, als +selbstständiges Ganze aus einem einzigen Akte hervor, und ward eben so +wenig in einer einzigen Urkunde vollständig niedergelegt; nur in dem +verfeinerten und spekulativen Zeitalter wird das Staatswesen +systematisch geordnet. Der Fortschritt des Staats­wesens in +ungebildeten Gesellschaften läßt sich mit dem der Sprache und der +Verskunst vergleichen. Ungebildete Gesellschaften haben oft eine reiche +und kräftige Sprache, aber es fehlt ihnen eine wissenschaftliche +Grammatik, die Definition von Haupt- und Zeitwörtern, die Namen für +Deklinationen, Modi, Tempora und Laute; sie haben eine Verskunst die oft +viel Kraft und Anmuth besitzt; aber sie haben keine Regeln des +Versmaßes, und der Minstrel, dessen nur durch das Ohr geregelte Verse +die Hörer entzücken, würde selbst nicht angeben können, aus wieviel +Dactylen und Trochäen jede seiner Zeilen besteht. Gleich der +Beredtsamkeit, die älter als die Syntaxis, und dem Gesange, der älter +als die Prosodie ist, kann ein Staat lange zuvor, ehe die Grenzen +zwischen der gesetzgebenden, +<span class = "pagenum">I.23</span> +<a name = "pageI_23" id = "pageI_23"> </a> +ausübenden und richterlichen Gewalt genau bestimmt sind, einen hohen +Grad der Vortrefflichkeit erlangt haben.</p> + +<p>So war es in unserm Vaterlande. Zwar war die Grenzlinie der +königlichen Gewalt im Allgemeinen ziemlich klar, aber nicht überall mit +Genauigkeit und Bestimmtheit angegeben. Deshalb gab es nahe der Grenze +einen streitigen Boden, auf dem stets Eingriffe und Zurückerpressungen +stattfanden, bis endlich nach Jahrhunderten des Kampfes bestimmte und +dauerhafte Grenzmarken errichtet wurden. Es dürfte lehrreich sein, +anzugeben, auf welche Weise und bis zu welcher Ausdehnung unsere frühern +Regenten die drei großen Grundsätze, welche die Freiheiten des Volks +schützten, gewöhnlich zu verletzen pflegten.</p> + +<p>Kein englischer König hat je die gesetzgebende Gewalt in ihrem ganzen +Umfange beansprucht. Der gewaltthätigste und herrschsüchtigste +Plantagenet hat sich nie das Recht angemaßt, ohne die Zustimmung seines +großen Rathes anzuordnen, daß eine Jury aus zehn, statt aus zwölf +Personen bestehen, daß das Gedinge einer Witwe das Viertheil statt des +Drittheils betragen, daß der Meineid als ein Todesverbrechen betrachtet, +oder daß der Gebrauch der gleichmäßigen Erbtheilung unter Brüdern in +<ins class = "correction" title = "Original hat »Yorkshier«">Yorkshire</ins> eingeführt werden solle<a class = "tag" +name = "tagI_2" id = "tagI_2" href = "#noteI_2">2</a>. Aber dem Könige +stand das Recht zu, Verbrecher zu begnadigen, und es giebt einen Punkt, +wo das Recht der Begnadigung und das Recht der Gesetzgebung in einander +zu fließen scheinen und leicht, wenigstens in einer nicht aufgeklärten +Zeit, verwechselt werden können. Ein Strafgesetz ist thatsächlich +aufgehoben, wenn die durch dasselbe auferlegten Strafen so oft erlassen +werden, als sie verwirkt sind. Der Souverain besaß ohne Zweifel die +Befugniß, unbeschränkt Strafen zu erlassen; demnach war er befugt, ein +Strafgesetz thatsächlich aufzuheben. Es konnte scheinen, als ließe sich +kein begründeter Einwand aufstellen, wenn er das, was ihm thatsächlich +auszuführen zustand, auch formell ausführen wollte. So entstand an der +zweifelhaften Grenze zwischen der vollziehenden und gesetzgebenden +Gewalt mit Hilfe spitzfindiger und höfischer Rechtsgelehrten die große +Anomalie, die unter dem Namen des Begnadigungsrechts bekannt ist.</p> + +<p>Seit undenklichen Zeiten ist es in England unbestritten ein +Fundamentalgesetz gewesen, daß der König ohne Bewilligung des +Parlamentes Steuern nicht auferlegen könne. Dieses Gesetz befand sich +unter den Artikeln, zu deren Unterzeichnung Johann von den Baronen +gezwungen wurde. Eduard I. wagte es, diese Bestimmung zu +überschreiten; aber er stieß, obgleich er sehr geschickt, mächtig und +bei dem Volke beliebt war, auf einen Widerstand, dem nachzugeben er für +gut befand. Deshalb gelobte er ausdrücklich für sich und seine Erben, +nie wieder ohne Zustimmung und Willfährigkeit der Stände irgend eine +Steuer erheben zu wollen. Diesen feierlichen Vertrag versuchte sein +mächtiger und siegreicher Enkel zu brechen, aber dem Versuche ward ein +kräftiger Widerstand entgegengesetzt. Entmuthigt gaben die Plantagenets +endlich diesen Punkt auf; aber wenn sie auch offen das Gesetz nicht mehr +verletzten, so wußten sie dennoch durch Umgehung desselben sich +vorkommenden Falls zu temporären Zwecken außerordentlich Beihilfe zu +verschaffen. Das Eintreiben von Steuern war ihnen nicht erlaubt, aber +sie nahmen das Recht in Anspruch, zu bitten und zu borgen; sie baten +dann mitunter in einem Tone, der dem des Befehlens nicht +<span class = "pagenum">I.24</span> +<a name = "pageI_24" id = "pageI_24"> </a> +unähnlich war, und borgten nicht selten, ohne viel an Rückzahlung zu +denken. Aber schon in der Thatsache, daß man für nöthig hielt, diese +Erpressungen mit den Namen freiwilliger Steuern und Darlehn zu +bemänteln, liegt der genügende Beweis, daß die Gültigkeit der großen +verfassungs­mäßigen Bestimmung allgemein anerkannt war.</p> + +<p>Daß der Grundsatz, „der König von England ist verbunden, das Land den +Gesetzen gemäß zu verwalten, und seine Räthe und Beamten sind +verantwortlich, wenn er wider das Gesetz handelt,“ schon in einer sehr +frühen Zeit festgestellt worden, beweisen die strengen Urtheile, die oft +gegen die Günstlinge des Königs erlassen und vollzogen sind; aber dessen +ungeachtet ist es auch erwiesen, daß die Plantagenets oft die Rechte +einzelner Personen verletzten, nur damit die beeinträchtigten Parteien +oft keine Rechtshilfe erlangen konnten. Nach dem Gesetze konnte kein +Engländer auf den alleinigen Befehl des Herrschers verhaftet oder +gefangen gehalten werden; aber es ist thatsächlich, daß der Regierung +mißliebige Personen ohne jede andere Autorität als den königlichen +Befehl eingekerkert wurden. Nach dem Gesetze durfte die Folter, die +Schmach der römischen Rechtspflege, unter allen Umständen bei keinem +englischen Unterthanen angewendet werden; nichtsdestoweniger wurde bei +den Wirren des fünfzehnten Jahrhunderts eine Folterbank in dem Tower +aufgestellt, und gelegentlich unter dem Vorwande politischer +Nothwendigkeit, angewendet. Aus solchen Gesetzwidrigkeiten den Schluß +ziehen zu wollen, die englischen Monarchen seien in der Theorie oder +Praxis unumschränkt gewesen, würde indeß ein großer Irrthum sein. Wir +leben in einer höchst gebildeten bürgerlichen Gesellschaft, in der +mittelst der Presse und der Post Nachrichten so reißend schnell +verbreitet werden, daß jeder Act grober Rechtsverletzung, in welchem +Theile unserer Insel er auch begangen sein mag, in wenig Stunden von +Millionen besprochen wird. Wollte jetzt ein englischer Souverain, der +Habeas Corpus Acte entgegen, einen Unterthanen einkerkern oder einen +Verschwörer auf die Folterbank spannen lassen, die Nachricht davon würde +augenblicklich die ganze Nation electrisiren. Im Mittelalter war der +Zustand der Gesellschaft ein ganz anderer; selten und nur mit großer +Schwierigkeit gelangten die Beeinträchtigungen Einzelner zur Kenntniß +des Publikums. Monate lang konnte Jemand gesetzwidrig in dem Schlosse +von Carlisle oder Norwich gefangen gehalten werden, ohne daß die +leiseste Kunde davon nach London kam; und es ist sehr wahrscheinlich, +daß die Folterbank manches Jahr gebraucht worden, ehe die Mehrzahl des +Volks auch nur geahnt, daß sie je in Anwendung gebracht. Auch waren +unsere Vorfahren durchaus nicht so fest von der Nothwendigkeit +überzeugt, große allgemeine Regeln festzuhalten, als wir; denn wir haben +aus langer Erfahrung gelernt, daß man irgend eine Verletzung der +Verfassung nicht ohne Gefahr unbemerkt könne vorübergehen lassen. Man +theilt jetzt allgemein die Ansicht, daß eine Regierung die strenge Rüge +des Parlamentes verdiene, wenn sie Vollmachten unnöthigerweise +überschreitet; daß sie aber, wenn sie im Drange der Nothwendigkeit und +aus reiner Absicht ihre Vollmachten überschritten hat, ohne Verzug das +<ins class = "correction" title = "Original hat »Parlement«">Parlament</ins> um nachträgliche Genehmigung angehen müsse. +Aber so dachten die Engländer des vierzehnten und fünfzehnten +Jahrhunderts nicht; sie zeigten wenig Neigung, eines Grundsatzes wegen, +und nur seiner selbst wegen, zu streiten, oder gegen eine +Regelwidrigkeit, die nicht zugleich eine Belästigung war, Beschwerde zu +führen. So lange im Allgemeinen die Verwaltung einen milden und +volksthümlichen Charakter trug, gestatteten +<span class = "pagenum">I.25</span> +<a name = "pageI_25" id = "pageI_25"> </a> +sie ihrem Regenten gern einigen Spielraum; ja sie verziehen ihm nicht +nur bei allgemein als gut anerkannten Zwecken eine das Gesetz +überschreitende Gewalt, sie zollten ihm auch noch Beifall, und waren, so +lange sie unter seiner Regierung sich der Sicherheit und Wohlfahrt +erfreuten, nur zu geneigt zu glauben, daß der, den seine Ungunst +getroffen, sie auch verdient habe. Aber diese Nachsicht hatte eine +Grenze, und der König, der zu viel auf die Langmuth des englischen +Volkes baute, handelte nicht weise, denn es gestattete ihm wohl +mitunter, die verfassungs­mäßige Linie zu überschreiten, aber es +beanspruchte dann auch für sich selbst das Recht, über diese Linie +hinauszugehen, wenn seine Übergriffe so ernst waren, daß sie Besorgniß +erweckten. Wagte er, nicht zufrieden mit der gelegentlichen Bedrückung +Einzelner, große Massen zu bedrücken, so riefen seine Unterthanen +schleunig die Gesetze an, und war diese Berufung ohne Erfolg, so wandten +sie sich eben so schleunig an den Gott der Schlachten.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteI_2" id = "noteI_2" href = "#tagI_2">2.</a> +Dies hat Hallam im ersten Kapitel seiner <span class = "antiqua"><ins +class = "correction" title = "ungeändert">constitutional</ins> +History</span> vortrefflich auseinandergesetzt.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Widerstand, die gewöhnliche Schranke der Tyrannei im Mittelalter.</span> +<a name = "secI_18" id = "secI_18">Die</a> Engländer durften aber auch +ruhig dem Könige einige Übergriffe nachsehen, denn sie besaßen für den +Fall der Noth einen Zügel, der den ungestümsten und stolzesten Herrscher +bald zur Vernunft brachte, den Zügel der physischen Gewalt. Einem +Engländer des neunzehnten Jahrhunderts wird es schwer fallen, sich einen +Begriff davon zu machen, wie leicht und schnell vor vierhundert Jahren +ein solches Mittel angewendet wurde. Das Volk versteht seit langer Zeit +nicht mehr, die Waffen zu gebrauchen. Unsern Voreltern war die Stufe der +Vollendung unbekannt, auf der jetzt die Kriegskunst steht, und nur eine +besondere Klasse besitzt die Kenntniß derselben. Hunderttausend Mann gut +disciplinirter und gut geleiteter Truppen halten Millionen von Bauern +und Handwerkern nieder, und einige Regimenter Garden reichen aus, um +allen unzufriedenen Geistern einer großen Hauptstadt Furcht einzuflößen. +Zugleich läßt aber auch die stete Vermehrung des Wohlstandes dem +denkenden Menschen einen Aufstand weit furchtbarer erscheinen, als eine +schlechte Regierung. Es sind ja unermeßliche Summen auf Werke verwendet, +die bei dem Ausbruche einer Revolution in wenig Stunden zu Grunde gehen +würden. Schon die Masse von beweglichen Gütern, die allein in den Läden +und Magazinen von London aufgespeichert liegt, übersteigt diejenige +fünfhundertmal, welche die ganze Insel zur Zeit der Plantagenets +enthielt; stürzte man nun die Regierung durch physische Gewalt, so +würden alle diese beweglichen Güter einer drohenden Gefahr der +Plünderung und Zerstörung ausgesetzt sein. Aber noch größer wäre die +Gefahr für den öffentlichen Credit, mit dem die Existenz Tausender von +Familien unmittelbar zusammenhängt, und mit dem der Credit der ganzen +Handelswelt unzertrennlich verbunden ist. Man kann ohne Übertreibung +behaupten, daß ein Bürgerkrieg, nur eine Woche auf englischem Boden +geführt, jetzt ein Unheil erzeugen würde, das vom Hoangho bis zum +Missouri sich fühlbar macht und Spuren zurückläßt, die nach einem +Jahrhunderte noch sichtbar sind. In einem solchen Zustande der +Gesellschaft muß der Widerstand als ein Heilmittel betrachtet werden, +das bei weitem verzweifelter ist, als jede Krankheit, die den Staat +heimsuchen kann. Zur Zeit des Mittelalters dagegen wandte man den +Widerstand als ein gewöhnliches Heilmittel gegen politische Übel an, +denn es war ein Mittel, das man stets bei der Hand hatte und, wenn auch +für den Augenblick von starker Wirkung, dennoch ohne empfindliche und +dauernde Folgen blieb. Wenn ein bei dem Volke angesehener Führer +<span class = "pagenum">I.26</span> +<a name = "pageI_26" id = "pageI_26"> </a> +sein Banner für eine volksthümliche Sache erhob, so konnte in einem Tage +eine unregelmäßige Armee versammelt sein. Regelmäßige Truppen gab es +damals nicht. Jeder war ein wenig Soldat, aber keiner mehr als das. Der +Nationalreichthum bestand vorzüglich in Viehherden, in der jährlichen +Erndte und in den einfachen, vom Volke bewohnten Gebäuden. Sämmtliche +Hausgeräthe, die Vorräthe in den Kaufläden, und die Maschinen des ganzen +Reichs waren nicht so viel werth, als das Eigenthum einzelner +Kirchspiele unserer Zeit. Das Fabrikwesen war roh, der Credit fast +unbekannt. Die Gesellschaft erholte sich daher von der Erschütterung, +sobald der sie bewirkende Stoß vorüber war. Das Gemetzel auf dem +Schlachtfelde, einige nachfolgende Hinrichtungen und Güterconfiscationen +waren sämmtliche Drangsale eines Bürgerkriegs. Eine Woche später trieb +der Bauer wieder sein Gespann, und der Edelmann ließ wieder seine Falken +über das Feld von Towton oder Bosworth fliegen, als ob kein +ungewöhnliches Ereigniß den gewöhnlichen Lauf des menschlichen Lebens +unterbrochen hätte.</p> + +<p>Es sind nun hundert­undsechzig Jahre verflossen, seit das +englische Volk gewaltsam eine Regierung gestürzt hat. Während der +einhundert­undsechzig Jahre vor der Vereinigung der Rosen regierten +neun Könige in England. Sechs von diesen neun Königen wurden abgesetzt, +und fünf verloren mit der Krone auch das Leben. Hieraus geht klar +hervor, daß jeder Vergleich zwischen unserer alten und neuen Staatsform +zu völlig unrichtigen Schlüssen führen muß, wenn man die Wirkung des den +Plantagenets durch den Widerstand und durch die stete Furcht vor +demselben auferlegten Zwanges nicht streng berücksichtigt. Unsere +Vorfahren besaßen ein sehr kräftiges Schutzmittel gegen die Tyrannei, +das uns fehlt, und deshalb konnten sie ohne Bedenken auf andere +Garantien verzichten, denen wir mit Recht die höchste Wichtigkeit +beilegen. Da wir aber die Schranke der physischen Gewalt einer +schlechten Regierung nicht entgegenstellen können, ohne uns der Gefahr +von Übeln auszusetzen, vor denen der Gedanke allein schon zurückbebt, so +handeln wir offenbar sehr klug, wenn wir alle verfassungs­mäßigen +Hinderungsmittel einer solchen Regierung gegenüber stets im Stande der +Wirksamkeit erhalten, die Anfänge von Übergriffen eifersüchtig bewachen, +und Abweichungen von der Regel, auch wenn sie an und für sich +unbedenklich erscheinen, nicht ungerügt hingehen lassen, damit sie nicht +die Bedeutung von Präcedenzfällen erhalten. Eine so scharfe Wachsamkeit +war vor vierhundert Jahren unnöthig. Ein Volk kühner Bogenschützen und +Lanzenträger konnte, ohne große Gefahr für seine Freiheiten, dem Fürsten +einige Ungesetzlichkeiten nachsehen, dessen Regierung im Allgemeinen gut +und dessen Thron durch keine Compagnie geübter Soldaten beschützt +war.</p> + +<p>Mag immerhin dieses System in Vergleich mit jenen sorgfältig +ausgearbeiteten Verfassungen, an denen die letzten siebzig Jahre so +fruchtbar gewesen, roh erscheinen, so erfreuten sich die Engländer +dennoch unter demselben eines hohen Maßes von Freiheit und Glück. +Obgleich der Staat unter der schwachen Regierung Heinrichs VI. in +erster Zeit durch Parteiungen und zuletzt durch den Bürgerkrieg +zerrissen wurde; obgleich Eduard IV. ein ausschweifender und +herrschsüchtiger Fürst war; obgleich Richard III. als ein Ungeheuer von +Schlechtigkeiten geschildert worden ist, und obgleich die Bedrückungen +Heinrichs VII. großen Mißmuth erregten: so steht es dennoch fest, daß +unsere Vorfahren unter diesen Königen weit besser regiert wurden, als +die Belgier unter Philipp, dem man den +<span class = "pagenum">I.27</span> +<a name = "pageI_27" id = "pageI_27"> </a> +Beinamen des Guten gegeben, oder als die Franzosen unter jenem Ludwig, +den man den Vater seines Volkes nannte. Es scheint selbst, daß unser +Vaterland, während die Kriege der Rosen am ärgsten wütheten, sich in +einer glücklichern Lage befunden habe, als die benachbarten Reiche in +den Jahren tiefen Friedens. Comines war einer der aufgeklärtesten +Staats­männer seiner Zeit; er hatte die reichsten und die gebildeten +Theile des Festlandes besucht, hatte in den reichen Städten von +Flandern, den Manchesters und Liverpools des fünfzehnten Jahrhunderts, +sich aufgehalten, das eben erst durch die Prachtliebe Lorenzo’s neu +geschmückte Florenz gesehen, und ebenso Venedig, bevor es durch die +Verbündeten von Cambray gedemüthigt war: dieser ausgezeichnete +Staatsmann erklärte nach reiflicher Erwägung, daß England von allen +Ländern, die er kenne, am besten regiert werde. Die Verfassung desselben +bezeichnete er ausdrücklich als ein gerechtes und heiliges Werk, das +zugleich dem Volke Schutz, und der Hand des Fürsten, der es achte, wahre +Stärke verleihe. Es seien die Unterthanen, sagte er, in keinem andern +Lande so sicher vor Unrecht geschützt. Die aus unsern inneren Kriegen +hervorgegangenen Drangsale erstreckten sich, nach seiner Ansicht, nur +auf den Adel und die kampffähigen Männer; sie hinterließen keine Spuren, +als <ins class = "correction" title = "Original hat »zestörte«">zerstörte</ins> Wohnplätze und entvölkerte Städte, wie er +sie an andern Orten zu sehen gewohnt war.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Eigenthüm­licher Charakter der englischen Aristokratie.</span> +<a name = "secI_19" id = "secI_19">Es</a> war jedoch die Wirksamkeit der +die königlichen Hoheitsrechte beschränkenden Bestimmungen nicht allein, +wodurch sich England vor den meisten Nachbarländern vortheilhaft +unterschied; das Verhältniß des hohen Adels zu den übrigen Volksklassen +war eine gleich wichtige, wenn auch weniger beachtete +Eigenthüm­lichkeit. Es gab zwar eine starke erbliche Aristokratie, +aber sie war von allen dergleichen Aristokratien die am wenigsten +anmaßende und ausschließende, denn sie besaß nichts von dem gehässigen +Charakter einer Kaste, sie nahm fortwährend Glieder aus dem Volke in +sich auf, und gab aus ihrer Mitte dem Volke Glieder, die sich mit ihm +mischten. Jeder Gentleman konnte ein Peer werden. Der jüngere Sohn eines +Peers war nur ein Gentleman, und die Enkel von Peers standen im Range +neuernannten Rittern nach. Die Würde des Ritters war Keinem +unerreichbar, der durch Fleiß und Sparsamkeit ein ansehnliches +Grundstück erworben, oder durch Tapferkeit in einer Schlacht oder +Belagerung sich hervorzuthun vermochte. Es gereichte der Tochter eines +Herzogs, selbst eines solchen von königlichem Geblüte, nicht zur Unehre, +wenn sie einen ausgezeichneten Bürgersmann heirathete. Sir John Howard +zum Beispiel heirathete die Tochter des Thomas Mowbray, Herzogs von +Norfolk; Sir Richard Pole heirathete die Gräfin von Salisbury, die +Tochter des Herzogs Georg von Clarence. Eine edle Abkunft stand zwar in +großem Ansehen, aber es gab, zum Glück für unser Vaterland, keinen +nothwendigen Zusammenhang zwischen einer edeln Abkunft und den +Vorrechten der Peerswürde. Nicht nur das Haus der Lords hatte lange +Stammbäume und alte Wappen aufzuweisen, man fand sie auch außer +demselben. Es gab Emporkömmlinge mit den höchsten Titeln, aber es gab +auch Männer ohne Titel, Nachkommen von Rittern, welche die Reihen der +Sachsen bei Hastings durchbrochen oder die Mauern von Jerusalem +erstiegen hatten. Es gab Bohun’s, Mowbray’s, de Veres, selbst Verwandte +des Hauses Plantagenet, die keinen andern Titel als den des Esquire’s +und keine andern bürgerlichen Vorrechte hatten, als die, deren sich +jeder <ins class = "correction" title = "Original hat »Pachter«">Pächter</ins> und Krämer erfreute. Eine +<span class = "pagenum">I.28</span> +<a name = "pageI_28" id = "pageI_28"> </a> +Grenzlinie welche, wie in andern Ländern, den Patrizier vom Plebejer +scheidet, gab es bei uns nicht. Der Freisasse fühlte sich nicht geneigt, +unzufrieden auf die Würden zu blicken, die seinen eigenen Kindern +erreichbar waren, und der Edelmann von hohem Range fühlte sich nicht +versucht, einen Stand mit Verachtung zu behandeln, zu dem seine Kinder +hinabsteigen mußten.</p> + +<p>Nach den Kriegen der Häuser York und Lancaster wurden die Bande, +welche den Adel und das Volk umschlangen, inniger und zahlreicher, als +je. Wie groß die durch diese Kriege unter der alten Aristokratie +angerichtete Verwüstung war, läßt sich aus einem einzigen Umstande +folgern. Im Jahre 1451 berief Heinrich IV. dreiundfünfzig weltliche +Lords zum Parlamente; die Zahl der von Heinrich VII. im Jahre 1485 +berufenen weltlichen Lords betrug nur neunundzwanzig, und von diesen +waren mehrere erst kurz vor der Berufung zur Peerswürde erhoben worden. +Im Laufe des folgenden Jahrhunderts wurden die Reihen des hohen Adels +stark aus der Gentry ergänzt. Zu dieser heilsamen Vermischung der Stände +trug besonders die Verfassung des Hauses der Gemeinen bei. Der +abgeordnete Ritter der Grafschaft war das verbindende Glied zwischen dem +Baron und dem Krämer. Auf denselben Bänken zwischen Goldschmieden, +Tuchhändlern und Gewürzkrämern, welche die Handelsstädte in das +Parlament gesandt hatten, saßen auch Mitglieder, die man in jedem andern +Lande für Edelleute und Erbgutsherrn erachten würde, denn sie waren +berechtigt, Gericht zu halten und Wappen zu führen, und konnten durch +viele Generationen zurück ihre ehrenvolle Abstammung verfolgen. Einige +von ihnen waren jüngere Söhne und Brüder hoher Lords, andere konnten +sich sogar von königlicher Abkunft rühmen. Endlich trat der älteste Sohn +eines Earl von Bedford, dem man als Courtoisie den Titel seines Vaters +beigelegt, als Bewerber um einen Platz im Hause der Gemeinen auf, und +seinem Beispiele folgten andere. Waren die Erben der Großen des Reichs +einmal Glieder dieses Hauses, so nahmen sie sich der Privilegien +desselben ebenso eifrig an, als irgend einer der Bürger, mit denen sie +gemischt waren. So ward schon von frühen Zeiten an unsere Demokratie die +am meisten aristokratische, und unsere Aristokratie die am meisten +demokratische von der Welt, eine Eigenthüm­lichkeit, die sich bis zu +unsern Tagen erhalten, und manche wichtige moralische und politische +Wirkung geäußert hat.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Regierung der Tudors.</span> +<a name = "secI_20" id = "secI_20">Die</a> Regierung Heinrichs VII., +seines Sohnes und seiner Enkel war im Allgemeinen willkürlicher, als die +der Plantagenets. Dieser Unterschied läßt sich, bis zu einer gewissen +Grenze, aus dem persönlichen Charakter erklären, denn Muth und +Willenskraft waren Männern und Frauen des Hauses Tudor gemein. Während +eines Zeitraums von einhundert­zwanzig Jahren übten sie ihre Macht +stets mit Energie, oft mit Gewaltthätigkeit, mitunter selbst mit +Grausamkeit aus. Nach dem Beispiele der ihnen vorangegangenen +Herrscherfamilie verletzten sie nicht selten die Rechte einzelner +Unterthanen, erhoben zuweilen Steuern unter dem Namen von Anleihen und +Geschenken, befreieten sich von Straferlassen, und wenn sie auch nie aus +eigener Machtvollkommenheit ein bleibendes Gesetz zu geben wagten, so +erlaubten sie sich dennoch bei vorkommenden Fällen, wenn das Parlament +nicht versammelt war, vorübergehenden Bedürfnissen durch vorübergehende +Verfügungen abzuhelfen. Die Bedrückung über einen gewissen Punkt +hinauszutreiben, war indeß den Tudors nicht möglich, da sie keine +bewaffnete Macht besaßen und von einem bewaffneten Volke umgeben waren. +Die Wache des Palastes bestand +<span class = "pagenum">I.29</span> +<a name = "pageI_29" id = "pageI_29"> </a> +nur aus wenigen Dienern, welche das Aufgebot einer einzigen Grafschaft +oder eines einzigen Distrikts von London leicht hätte überwältigen +können. Auf solche Weise wurden diese stolzen Fürsten in stärkere +Schranken gehalten, als auferlegte Gesetze zu ziehen vermögen, in +Schranken, die sie zwar nicht hinderten, mitunter gegen einen Einzelnen +willkürlich und selbst grausam zu verfahren, die aber doch das Volk im +Allgemeinen vor dauernden Bedrückungen sicher stellten.</p> + +<p>In dem Bereiche ihres Hofes konnten sie zwar gefahrlos als Tyrannen +auftreten, aber sie mußten doch stets mit Besorgniß auf die Stimmung des +Landes achten. Heinrich VIII. z. B. fand keinen Widerstand, als er +Buckingham und Surrey, Anna Boleyn und Lady Salisbury auf das Schaffot +bringen wollte; als er aber ohne Bewilligung des Parlamentes den +sechsten Theil des Vermögens seiner Unterthanen als Steuer forderte, +fand er sich bald genöthigt, davon abzustehen. Hunderte und Tausende +riefen, daß sie Engländer und nicht Franzosen, freie Männer und nicht +Knechte seien. In Kent mußten die königlichen Kommissäre ihr Leben durch +die Flucht retten; in Suffolk griffen viertausend Männer zu den Waffen, +während die königlichen Statthalter in dieser Grafschaft vergebens ein +Heer zusammenzubringen suchten. Wer sich auch nicht an dem Aufstande +betheiligte, erklärte dennoch, daß er in einem solchen Kampfe nicht +gegen seine Brüder fechten wolle. So stolz und eigensinnig Heinrich auch +war, er mied nicht ohne Grund den Kampf mit dem aufgeregten Geiste der +Nation, denn ihm schwebte das Schicksal seiner Vorgänger, die zu +Berkeley und Pomfret umgekommen waren, vor Augen. Er widerrief nicht nur +seine ungesetzlichen Erlasse, er verzieh nicht nur allen Mißvergnügten; +er entschuldigte sich selbst öffentlich und feierlich deswegen, daß er +die Gesetze verletzt habe.</p> + +<p>Sein Benehmen bei diesem Anlasse bezeichnet die ganze Politik seines +Hauses. Die Fürsten dieser Linie besaßen ein hitziges Temperament und +einen hochfliegenden Geist, aber sie kannten den Charakter des Volks, +das sie regierten, und nie trieben sie, wie manche ihrer Vorgänger und +Nachfolger, die Hartnäckigkeit bis zu einem gefährlichen Punkte. Die +Tudors handelten stets so besonnen, daß ihre Macht zwar oft Widerstand +fand, aber nie gestürzt wurde. Die Herrschaft eines Jeden derselben ward +durch starke Ausbrüche der Unzufriedenheit gestört, aber stets gelang es +der Regierung, die Aufständischen entweder zu beruhigen, oder sie zu +besiegen und zu bestrafen. Durch rechtzeitige Zugeständnisse wußte sie +auch mitunter Bürger-Unruhen abzuwenden; in der Regel aber blieb sie +fest, und rief die Nation um Hilfe an. Die Nation folgte dem Rufe, +sammelte sich um den Herrscher, und machte ihm die Unterwerfung der +kleinen Anzahl Mißvergnügter möglich.</p> + +<p>Auf diese Weise entwickelte sich die Größe und Blüthe Englands von +<ins class = "error" title = "ungeändert: Fehler für »Heinrichs VII. «?">Heinrichs III.</ins> bis zu Elisabeths Zeit unter einer +Verfassung, die den Keim zu unsern gegenwärtigen Institutionen in sich +trug, und, wenn sie auch nicht genau bestimmt war und streng beobachtet +wurde, dennoch durch die Furcht der Regierenden vor dem Geiste und der +Kraft der Regierten gegen das Ausarten in Despotismus nachdrücklich +geschützt ward.</p> + +<p>Eine solche Staats­verfassung paßt indeß nur für ein eigenes +Stadium in der Ausbildung der Gesellschaft. Dieselben Ursachen, die in +den friedlichen Künsten eine Theilung der Arbeit bewirken, müssen +endlich auch den Krieg zu einer besondern Wissenschaft und einem +besondern Gewerbe machen. +<span class = "pagenum">I.30</span> +<a name = "pageI_30" id = "pageI_30"> </a> +Es kommt eine Zeit, in welcher der Gebrauch der Waffen die volle +Aufmerksamkeit eines besondern Standes zu beanspruchen beginnt; es zeigt +sich bald, daß noch so tapfere Bauern und Bürger geübten Soldaten +gegenüber nicht Stand halten können, Männern, deren ganzes Leben eine +Vorbereitung auf den Tag der Schlacht ist, deren Nerven durch das stete +Vertrautsein mit der Gefahr abgehärtet sind, und deren Bewegungen die +völlige Genauigkeit eines Uhrwerks eigen ist. Man begreift, daß der +Schutz von ganzen Nationen nicht länger mehr sicher solchen Streitern +anvertraut werden könne, die zu einem vierzigtägigen Feldzuge dem Pfluge +oder Webstuhle entnommen sind. Bildet irgend ein Staat ein großes, +stehendes Heer, so müssen die Nachbarstaaten dem Beispiele nachahmen, +wenn sie sich einem fremden Joche nicht unterwerfen wollen. Wo aber ein +großes stehendes Heer vorhanden ist, kann die beschränkte Monarchie nach +Art des Mittelalters nicht länger fortbestehen; der Regent ist mit einem +Male von der Hauptfessel seiner Macht befreit und wird unvermeidlich +absolut, wenn ihm nicht Schranken angewiesen werden, die einer +Gesellschaft als überflüssig erscheinen würden, in der Jeder +vorkommenden Falls, aber Keiner stets Soldat ist.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die beschränkten Monarchien des Mittelalters sind allgemein in absolute +Monarchien verwandelt.</span> +<a name = "secI_21" id = "secI_21">Mit</a> der Gefahr kamen auch die +Mittel, sich vor ihr zu schützen. In den Monarchien des Mittelalters +besaßen die Fürsten die Macht des Schwertes, die Nation aber die Macht +des Geldbeutels, und in demselben Maße, wie die fortschreitende +Civilisation das Schwert des Fürsten der Nation stets furchtbarer ward, +so ward der Geldbeutel der Nation dem Fürsten stets nothwendiger. Die +erblichen Einkünfte des Letztern reichten nicht länger für die Kosten +der Civilverwaltung aus, und es war völlig unmöglich, daß er ohne ein +geregeltes und umfassendes Steuersystem eine große Masse disciplinirter +Truppen in steter Thätigkeit erhalten konnte. Die Politik, welche die +parlamentarischen Versammlungen Europa’s hätten befolgen müssen, wäre +gewesen: fest auf ihr verfassungs­mäßiges Recht zu bestehen, wonach +ihnen die Bewilligung und das Ablehnen des Geldes zustand, und +entschlossen, so lange die Summen für den Unterhalt der Armeen zu +verweigern, bis sie hinreichende Bürgschaft gegen Despotismus erlangt +hätten.</p> + +<p>Nach dieser weisen Politik handelte man nur in unserm Vaterlande; in +den benachbarten Königreichen traf man große militärische Einrichtungen, +aber man dachte nicht daran, der öffentlichen Freiheit Schutzwehren zu +errichten, und hieraus folgte, daß überall die alten parlamentarischen +Verfassungen aufhörten. In Frankreich, wo sie stets schwach gewesen, +siechten sie hin, bis sie endlich an völliger Schwäche erstarben. In +Spanien, wo sie so stark gewesen wie nur irgend in Europa, vertheidigten +sie tapfer ihr Leben, aber zu spät. Die Handwerker von Toledo und +Valladolid vertheidigten ohne Erfolg die Privilegien der Castilischen +Cortes gegen die alten geübten Kriegerhaufen Karls V., und ebenso +erfolglos kämpften eine Generation später die Bürger von Saragossa gegen +Philipp II. für die alte Verfassung von Aragonien. So sanken die +großen National­versammlungen der festländischen Monarchien eine +nach der andern zu völliger Nichtigkeit herab, Versammlungen, die einst +minder stolz und mächtig gewesen, als jene in Westminster. Wenn sie +zusammentraten, geschah es nur, um einige ehrwürdige Förmlichkeiten zu +beobachten, ungefähr wie jetzt unsere Kirchen­versammlungen.</p> + + +<span class = "pagenum">I.31</span> +<a name = "pageI_31" id = "pageI_31"> </a> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die englische Monarchie als besondere Ausnahme.</span> +<a name = "secI_22" id = "secI_22">In</a> England gestalteten sich die +Dinge anders. Dieses besondere Glück hat es vorzüglich seiner +insularischen Lage zu danken. Für die Würde und selbst für die +Sicherheit der französischen und spanischen Monarchien wurden schon vor +dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts große militärische Einrichtungen +unentbehrlich. Hätte eine dieser beiden Mächte eine Entwaffnung +vorgenommen, so würde sie bald dem Übergewichte der andern unterworfen +gewesen sein. England aber, durch das Meer vor Angriffen von Außen +geschützt und selten in Kriegs­unter­nehmungen auf dem Festlande +begriffen, befand sich noch nicht in der Nothwendigkeit, regelmäßige +Truppen zu halten. Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert fanden es +noch ohne stehende Heere. Zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts hatte +die Staats­wissenschaft schon beträchtliche Fortschritte gemacht; +das Schicksal der spanischen Cortes und der französischen allgemeinen +Reichsstände war unsern Parlamenten eine ernste Mahnung gewesen, und +noch zu rechter Zeit, die Natur und Größe der Gefahr vollkommen +erkennend, ergriffen sie ein System der Taktik, das nach einem drei +Generationen hindurch dauernden Kampfe endlich dennoch den Sieg +errang.</p> + +<p>Fast jeder Schriftsteller, der von diesem Kampfe geschrieben, ist +darzuthun bemüht gewesen, daß die Parthei, der er angehörte, es war, die +für die unveränderte Beibehaltung der alten Verfassung kämpfte; aber das +Wahre ist, daß die alte Verfassung nicht unverändert beibehalten werden +konnte. Ein Gesetz, erhaben über alle Berechnungen menschlicher +Weisheit, hat geboten, daß Verfassungen jener besondern Art, wie sie im +vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderte in Europa allgemein gewesen, +nicht länger mehr bestehen sollten. Die Frage war also nicht, ob unsere +Regierungsform eine Veränderung erleiden, sondern welcher Art diese +Veränderung sein müsse. Durch das Erstehen einer neuen und mächtigen +Kraft war das alte Gleichgewicht gestört und alle beschränkten +Monarchien hatten sich eine nach der andern in unbeschränkte verwandelt. +Was an andern Orten geschehen, würde sicher auch bei uns geschehen sein, +wenn das Gleichgewicht nicht dadurch hergestellt worden wäre, daß man +einen großen Theil der Macht von der Krone auf das Parlament übertrug. +Es fehlte nicht viel, so hätten unsern Fürsten Zwangsmittel zu Gebote +gestanden, wie kein Plantagenet oder Tudor sie je besessen, und sie +wären unvermeidlich Despoten geworden, hätte man ihnen nicht zu gleicher +Zeit Beschränkungen auferlegt, denen kein Plantagenet oder Tudor je +unterworfen gewesen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Reformation und ihre Wirkungen.</span> +<a name = "secI_23" id = "secI_23">Es</a> scheint demnach gewiß zu sein, +daß das siebzehnte Jahrhundert auch dann nicht ohne heftige Kämpfe +zwischen unsern Königen und ihren Parlamenten vorübergegangen wäre, wenn +nur politische Gründe sie angefacht hätten; aber andere Ursachen, +vielleicht noch gewichtiger, brachten sie hervor. Während die Regierung +der Tudors auf dem Gipfelpunkte ihrer Kraft stand, trat ein Ereigniß +ein, <ins class = "correction" title = "Original hat »daß«">das</ins> +den Geschicken aller christlichen Völker, und namentlich dem des +englischen Volks, eine neue Richtung gab. Zweimal im Laufe des +Mittelalters hatte sich der Geist Europa’s gegen die Herrschaft des +Pabstes erhoben. Die erste Erhebung fand im südlichen Frankreich statt. +Das kräftige Einschreiten Innocenz’ III., der Eifer der damals erst +gestifteten Franziskaner- und Dominikaner-Orden und die Rohheit der +Kreuzfahrer, von der Geistlichkeit auf eine unkriegerische Bevölkerung +gehetzt, vernichteten die albigensische Kirche. Die zweite Erhebung +begann in England, +<span class = "pagenum">I.32</span> +<a name = "pageI_32" id = "pageI_32"> </a> +und verbreitete sich bis nach Böhmen; aber auch diesmal gelang es dem +Konzil von Kostnitz, indem es einige kirchliche Mißbräuche, an denen die +Christenheit Anstoß nahm, beseitigte, und den europäischen Fürsten, +indem sie schonungslos mit Feuer und Schwert gegen die Ketzer +einschritten, der Bewegung Einhalt zu thun. Auch dies haben wir nicht +sehr zu bedauern. Die Sympathien eines Protestanten werden sich +natürlich zu den Albigensern und Lollards hinneigen; aber ein gemäßigter +und aufgeklärter Protestant wird nach genauer Prüfung doch wohl in +Zweifel ziehen, daß der glückliche Erfolg dieser Sekten überhaupt Glück +und Tugend der Menschen befördert haben würde. Wie verdorben die +römische Kirche damals auch war, so ist es doch wahrscheinlich, daß eine +noch viel verdorbenere an ihre Stelle getreten sein würde, wenn sie im +zwölften, und selbst im vierzehnten Jahrhunderte noch, gestürzt wäre. +Der größte Theil <ins class = "correction" title = "Original hat »Euro-/ropa’s« am Linienende">Europa’s </ins> besaß in jener Zeit nur +wenig Kenntnisse, und die vorhandenen waren Eigenthum der Geistlichkeit. +Von fünfhundert Menschen konnte nicht einer die Psalmen lesen; Bücher +waren selten und theuer; die Buchdruckerkunst kannte man nicht, und +Abschriften der Bibel, bei weitem nicht so schön und deutlich als die, +welche der ärmste Landmann sich jetzt gedruckt verschaffen kann, wurden +zu Preisen verkauft, die selbst der größte Theil der Geistlichen nicht +zu zahlen vermochte. Dem Laienstande war es daher völlig unmöglich, +durch eigene Anschauung die heilige Schrift kennen zu lernen. Wäre nun +das eine geistige Joch abgeworfen gewesen, so hätte man aller +Wahrscheinlichkeit nach ein anderes auferlegt, und die bisher von der +römischen Geistlichkeit ausgeübte Gewalt würde auf eine weit schlimmere +Klasse von Lehrern übergegangen sein. Mit den übrigen Jahrhunderten +verglichen, war das sechzehnte Jahrhundert ein sehr aufgeklärtes; und +dennoch folgte in diesem Zeitalter eine große Anzahl derer, welche sich +von der alten Religion losgesagt, dem ersten besten verlockenden und +scheinheiligen Führer, der sich ihnen darbot, und verfielen bald in noch +gefährlichere Irrthümer als die waren, denen sie entsagt hatten. So war +es dem Matthias und Knipperdolling, den Aposteln der Unzucht, des Raubes +und des Mordes, möglich, eine Zeitlang große Städte zu beherrschen. In +einem noch ungebildeten Zeitalter hätten solche falsche Propheten Reiche +gründen können, und das Christenthum wäre in einen grausamen und +sittenlosen Aberglauben verkehrt worden, schädlicher, nicht nur als das +Pabstthum, sondern auch als der Islam.</p> + +<p>Jene große religiöse Umwälzung, die man besonders die Reformation +nennt, begann ungefähr hundert Jahre nach dem Kostnitzer Konzile. Die +Zeit war nun zu Reformationen reif, denn der geistliche Stand besaß +nicht mehr allein und hauptsächlich den Schatz menschlichen Wissens. Die +Erfindung der Buchdruckerkunst hatte den Gegnern der römischen Kirche +eine mächtige Waffe gegeben, die den Vorgängern derselben gefehlt; das +Studium der alten Schriftsteller, die rasche Entwickelung der neuen +Sprachen, die plötzlich in jedem Zweige der Literatur entfaltete +Thätigkeit, der politische Zustand Europas, die Lasterhaftigkeit des +römischen Hofes, die Erpressungen der römischen Kanzlei, die Eifersucht, +welche die Reichthümer und Privilegien der Geistlichkeit in den Laien +erweckten, der Neid, den das Übergewicht Italiens in den diesseits der +Alpen Geborenen erregte, — dies Alles gab den Predigern der neuen +Gotteslehre einen Vortheil, den sie zweckmäßig zu verwenden wußten.</p> + +<p>Man kann ohne Inconsequenz, selbst in Anbetracht des wohlthätigen +<span class = "pagenum">I.33</span> +<a name = "pageI_33" id = "pageI_33"> </a> +Einflusses, den die römische Kirche auf die Menschheit ausübte, die +Reformation als ein unschätzbares Glück betrachten. Das Gängelband, +welches das Kind sichert und aufrecht erhält, ist dem Manne ein +Hinderniß. So können dieselben Hilfsmittel, die auf der einen +Bildungsstufe den menschlichen Geist stützen und entwickeln, auf einer +andern ihm hemmende Bande sein. In der Existenz des Einzelnen wie der +Gesellschaften giebt es einen Punkt, wo die Unterwerfung und der Glaube, +die man in späteren Zeiten mit Recht Knechtssinn und Leichtgläubigkeit +nennen würde, nützliche Eigenschaften sind. Das Kind, das gelehrig und +vertrauensvoll auf die Unterweisungen Älterer hört, wird ohne Zweifel +rasche Fortschritte machen; der Mann aber, der unbedenklich und mit +kindlicher Gelehrigkeit jede Behauptung und jede Glaubensansicht eines +andern und nicht klügern Mannes als er, annimmt, würde verächtlich +erscheinen. Ebenso ist es mit ganzen Gesellschaften. Die Kindheit der +europäischen Nationen verfloß unter der Vormundschaft der Geistlichkeit. +Der Einfluß der geistlichen Orden war lange Zeit so überwiegend, wie es +naturgemäß und mit Recht jede geistige Autorität sein muß. Die Priester, +mit allen ihren Fehlern, bildeten den aufgeklärtesten Theil der +Gesellschaft; es war daher im Ganzen genommen ein Glück, daß man ihnen +gehorchte und sie achtete. Die Übergriffe der kirchlichen Macht in das +Gebiet der weltlichen war so lange mehr segenbringend als schädlich, als +sich die geistliche Gewalt in den Händen der einzigen Klasse befand, die +Geschichte, Philosophie und öffentliches Recht studirt hatte, die +weltliche Gewalt aber in den Händen roher Häuptlinge, die ihre eigenen +Verleihungen und Erlasse nicht lesen konnten. Dies änderte sich jedoch; +die Kenntnisse verbreiteten sich nach und nach unter den Laien, von +denen schon im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts viele in geistiger +Beziehung den aufgeklärtesten ihrer Seelenhirten gleich kamen. Von nun +an wurde jene Autorität, welche ungeachtet mancher Mißbräuche in den +Jahrhunderten der Finsterniß eine gesetzliche und heilsame Vormundschaft +gewesen, eine ungerechte und verderbliche Tyrannei.</p> + +<p>Von der Zeit an, wo die Barbaren das weströmische Reich stürzten, bis +zu der Zeit des Wiederemporblühens der Wissenschaften übte die römische +Kirche im Allgemeinen auf Wissenschaft, Civilisation und eine gute +Staats­verfassung einen heilsamen Einfluß aus; aber während der +letzten drei Jahrhunderte ist es ihr Hauptbestreben gewesen, die +Entwickelung des menschlichen Geistes zu hindern. Alle Fortschritte in +der Christenheit, in Wissen, Freiheit, Wohlstand und in den Künsten des +Lebens, sind ungeachtet ihres Entgegenwirkens gemacht worden und haben +stets zu ihrer Macht im entgegengesetzten Verhältnisse gestanden. Die +schönsten und fruchtbarsten Provinzen Europa’s sind unter ihrer +Herrschaft in Armuth, politische Knechtschaft und geistige Erstarrung +versunken, während protestantische Länder, die einst als unfruchtbar und +barbarisch sprichwörtlich waren, durch Geschicklichkeit und Fleiß in +Gärten verwandelt wurden, und sich einer langen Reihe von Helden, +Staats­männern, Philosophen und Dichtern rühmen. Man kann sich ein +Urtheil über die Tendenzen der päpstlichen Herrschaft bilden, wenn man +weiß, was Italien und Schottland von Natur sind und vor vierhundert +Jahren wirklich waren, und wenn man jetzt die Gegend um Rom mit der um +Edinburg vergleicht. Das Herabsinken Spaniens, einst die erste unter den +Monarchien, zu der untersten Stufe der Erniedrigung, und das +Emporsteigen Hollands, ungeachtet mancher natürlichen Hindernisse, zu +einer Höhe, wie sie kein Gemeinwesen von so +<span class = "pagenum">I.34</span> +<a name = "pageI_34" id = "pageI_34"> </a> +geringer Ausdehnung je erreicht hat, beweisen dasselbe. Wer in +Deutschland aus einem katholischen Lande in ein protestantisches, in der +Schweiz aus einem katholischen in einen protestantischen Kanton, und in +Irland aus einer katholischen in eine protestantische Grafschaft kommt, +gewahrt, daß er von einem niedern Grade der Civilisation bei einem +höhern Grade angelangt ist. Dieselben Resultate findet man jenseits des +atlantischen Meeres. Die Protestanten der Vereinigten Staaten haben die +Katholiken in Mexico, Peru und Brasilien weit hinter sich gelassen. Die +Katholiken von Unter-Canada verharren in ihrer Trägheit; die +Protestanten aber erfüllen den ganzen Kontinent um sich her durch +Thätigkeit und Unternehmungsgeist. Die Franzosen haben ohne Zweifel +Energie und Intelligenz an den Tag gelegt, die ihnen, selbst wenn sie in +unrechte Bahnen geleitet wurden, gerechten Anspruch auf den Namen einer +großen Nation geben; aber bei näherer Untersuchung wird sich diese +scheinbare Ausnahme dennoch als eine Bestätigung der Regel bewähren, +denn in keinem Lande, das für römisch-katholisch galt, hat die +römisch-katholische Kirche mehrere Generationen hindurch so wenig in +Ansehen gestanden, als in Frankreich.</p> + +<p>Ob England mehr der römisch-katholischen Religion oder der +Reformation verdankt, ist schwer zu bestimmen. Die Vermischung der +Volksstämme und die Abschaffung der Leibeigenschaft ist vorzüglich ein +Ergebniß des Einflusses, den der Clerus des Mittelalters auf den +Laienstand ausübte; die politische und geistige Freiheit hingegen, sammt +allen mit ihnen verbreiteten Segnungen, dankt England hauptsächlich der +großen Erhebung des Laienstandes gegen die Geistlichkeit.</p> + +<p>Der Kampf zwischen der alten und neuen Glaubenslehre in unserm +Vaterlande war ein langer, und der Ausgang desselben schien mitunter +zweifelhaft. Es gab zwei extreme Parteien, gleich bereit, mit Gewalt zu +handeln, oder mit unbeugsamer Festigkeit zu dulden. Zwischen diesen +beiden Parteien befand sich eine Zeitlang eine dritte, welche zwar sehr +unlogisch, aber dennoch sehr natürlich die in der Kindheit erhaltenen +Lehren mit den Predigten der neuern Evangelisten vermischt und, obgleich +mit Vorliebe an den alten Observanzen hangend, dennoch die mit diesen +Observanzen verknüpften Mißbräuche verabscheute. Leute von solcher +Denkart folgten willig, fast dankbar, den Anleitungen eines tüchtigen +Führers, der ihnen die Mühe ersparte, selbst zu urtheilen und, mit +starker, fester Stimme das Lärmen des Streitens übertönend, ihnen sagte, +wie sie Gott verehren und was sie glauben müßten. Es kann uns daher +nicht befremden, daß die Tudors einen so großen Einfluß auf die +kirchlichen Angelegenheiten auszuüben vermochten, und daß sie diesen +Einfluß meistens nur in ihrem eigenen Interesse geltend machten.</p> + +<p>Heinrich VIII. versuchte eine anglikanische Kirche zu gründen, die +sich von der römisch-katholischen in dem Punkte des Supremats, und nur +in diesem Punkte allein unterschied; der Erfolg war ein +außerordentlicher. Seine Energie des Charakters, seine besonders +günstige Stellung zu fremden Mächten, die ungeheuren Reichthümer, welche +durch die Beraubung der Klöster ihm zufielen, und vorzüglich der +Beistand aller Derer, die zwischen beiden Meinungen schwankten, machten +es ihm möglich, beiden Extremen zu trotzen, die Anhänger der Lehren +Luthers als Ketzer verbrennen und die als Verräther hängen zu lassen, +welche die Autorität des Papstes anerkannten. Aber Heinrichs System +starb mit ihm. Wenn er länger gelebt hätte, würde es ihm schwer geworden +sein, eine Stellung +<span class = "pagenum">I.35</span> +<a name = "pageI_35" id = "pageI_35"> </a> +zu behaupten, die von den Anhängern der neuen und der alten Meinungen +mit gleicher Wuth angegriffen wurde. Die Minister, denen die Bewahrung +der königlichen Hoheitsrechte während der Minderjährigkeit seines Sohnes +anvertraut war, konnten es nicht wagen, in einer so kühnen Politik zu +verharren, und eben so wenig unternahm es Elisabeth, zu ihr +zurückzukehren. Es mußte nothwendig eine Wahl getroffen werden: Die +Regierung hatte sich entweder Rom zu unterwerfen, oder die Hilfe der +Protestanten zu erwirken, mit denen sie nur das Eine, den Haß gegen die +päpstliche Gewalt, gemein hatte. Die englischen Reformatoren waren +eifrig bemüht, eben so weit zu gehen, als ihre Brüder auf dem +Continente; einmüthig verdammten sie mehrere Glaubenssätze und Gebräuche +als unchristlich, an denen Heinrich hartnäckig gehalten, und die +Elisabeth nur mit Widerstreben aufgab. Selbst gegen gleichgültige Dinge, +die einen Theil der Verfassung oder des Rituals des mystischen Babylon +gebildet hatten, hegten viele von ihnen einen lebhaften Widerwillen. +Bischof Hooper, der in Gloucester muthig für seinen Glauben starb, +weigerte sich lange Zeit, die bischöflichen Gewänder anzulegen. Bischof +Ridley, ein noch berühmterer Märtyrer, ließ die alten Altäre seiner +Diöcese niederreißen und an Tafeln, die in der Mitte der Kirche +aufgestellt und von den Papisten sehr unehrerbietig Austernbänke genannt +wurden, das heilige Abendmahl austheilen. Bischof Jewel nannte die +geistliche Tracht ein Theaterkleid, einen Narrenanzug, ein Überbleibsel +von den Amonitern, und versprach, Alles aufzubieten, um solche +schmähliche Absurditäten auszurotten. Erzbischof Grindal zögerte lange, +die Mitra anzunehmen, weil er Widerwillen gegen die Weihe hegte, die er +als eine Mummerei betrachtete. Bischof Parkhurst sprach in einem +inbrünstigen Gebet aus, die Kirche von England möge sich die von Zürich +als absolutes Vorbild einer christlichen Verbrüderung nehmen. Bischof +Ponet wollte, daß man die Benennung „Bischof“ den Papisten überlassen +und die höchsten Beamten der geläuterten Kirche Superintendenten nennen +sollte. Erwägt man nun, daß alle diese Prälaten nicht der äußersten +Richtung der protestantischen Partei huldigten, so kann man unbezweifelt +annehmen, daß das Werk der Reformation in England ebenso schonungslos +würde betrieben worden sein als in Schottland, wenn man allgemein der +Richtung dieser Partei gefolgt wäre.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Ursprung der Kirche von England.</span> +<a name = "secI_24" id = "secI_24">In</a> demselben Maße aber, wie die +Regierung des Beistandes der Protestanten bedurfte, so bedurften die +Protestanten des Schutzes der Regierung. Man gab deshalb viel von beiden +Seiten auf, es kam eine Vereinigung zu Stande, und die Frucht dieser +Vereinigung war die Kirche von England. Viele der wichtigsten +Begebenheiten, die sich seit der Reformation in unserm Vaterlande +zugetragen haben, sind den Eigenthüm­lichkeiten dieser großen +Institution und den heftigen Leidenschaften zuzuschreiben, die sie in +den Gemüthern von Freunden und Feinden erweckt. Die weltliche Geschichte +Englands wird uns völlig unklar bleiben, wenn wir sie nicht im steten +Zusammenhange mit der Geschichte seiner Kirchenverfassungen +studiren.</p> + +<p>Der Mann, der am thätigsten bei der Feststellung der Bedingungen +jenes Bündnisses wirkte, aus dem die anglikanische Kirche entstand, war +Thomas Cranmer. Er war der Repräsentant beider Parteien, die damals des +gegenseitigen Beistandes bedurften; er war Theolog und Staatsmann +zugleich. Als Theolog zeigte er sich völlig bereit, die Bahn der +Änderung eben so weit zu verfolgen, als irgend ein schweizerischer oder +schottischer +<span class = "pagenum">I.36</span> +<a name = "pageI_36" id = "pageI_36"> </a> +Reformator; als Staatsmann aber strebte er danach, die Organisation zu +bewahren, die Jahrhunderte lang den Zwecken der römischen Bischöfe so +treffliche Dienste geleistet hatte, und von der zu erwarten stand, daß +sie jetzt den Zwecken der englischen Könige und der Minister derselben +eben so ersprießlich sein würde. Sein Charakter und sein Verstand +befähigten ihn vollkommen zu dem Amte des Vermittlers. Fromm in seinen +Worten, ohne Scrupel in seinen Handlungen, im Grunde für nichts +begeistert, kühn in der Theorie, ein Feigling und Mantelträger bei der +Ausführung, ein versöhnlicher Feind und ein lauer Freund, besaß er alle +Eigenschaften, welche zur Aufstellung der Vertragsbedingungen zwischen +den religiösen und weltlichen Feinden des Papismus erforderlich +waren.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Ihr eigenthümlicher Charakter.</span> +<a name = "secI_25" id = "secI_25">Noch</a> heute zeigt die Kirche in +Verfassung, Lehren und gottesdienstlichen Gebräuchen die sichtbaren +Spuren des Vergleichs, aus dem sie hervorging; sie ist ein Mittelding +zwischen den Kirchen von Rom und Genf. Ihre von Protestanten verfaßten +Bekenntnisse und Abhandlungen stützen sich auf theologische Grundsätze, +an denen Calvin und Knox kaum ein Wort zu tadeln gehabt hätten. Ihre aus +den alten Brevieren entnommenen Gebete und Danksagungen sind fast alle +der Art, daß Bischof Fisher oder der Cardinal Pole sie aus Herzensgrunde +hätten mitbeten können. Ein Polemiker, der ihre Artikel und Homilien im +arminianischen Sinne auslegt, wird bei billigdenkenden Männern eben so +wenig Recht erhalten, als der, der läugnen wollte, daß in ihrer Liturgie +die Lehre von der Wiedergeburt durch die Taufe zu finden sei.</p> + +<p>Die römische Kirche hielt immer noch fest, daß die Bischofswürde eine +göttliche Einsetzung, und gewisse übernatürliche hohe Gaben fünfzig +Generationen hindurch von den elf, die auf dem galiläischen Berge ihre +Ämter empfangen, durch Handauflegen auf die Bischöfe übergegangen seien, +die in Trient sich versammelten. Eine große Anzahl Protestanten aber +hielt die Prälatur geradezu für ungesetzlich, und glaubte in der +heiligen Schrift eine ganz andere Form des kirchlichen Regimentes +ausgesprochen zu finden. Die Gründer der anglikanischen Kirche schlugen +einen Mittelweg ein, indem sie das Episkopat zwar beibehielten, aber den +Einfluß desselben auf das Gedeihen einer christlichen Gesellschaft oder +die Wirksamkeit der Sakramente für unwesentlich erklärten. Cranmer +selbst sprach bei einer wichtigen Gelegenheit als seine Überzeugung aus, +daß es in den ersten christlichen Zeiten keinen Unterschied zwischen +Bischöfen und Priestern gegeben habe, und daß das Händeauflegen völlig +unnütz sei.</p> + +<p>In der presbyterianischen Kirche ist die Leitung des öffentlichen +Gottesdienstes größtentheils den Geistlichen überlassen. Ihre Gebete +sind deshalb in zwei Versammlungen an einem Tage oder in einer +Versammlung an verschiedenen Tagen nicht dieselben. In dieser Gemeinde +sind sie inbrünstig, beredt und sinnreich; in jener vielleicht matt und +absurd. Die Priester der römisch-katholischen Kirche hingegen haben +schon seit Jahrhunderten tagtäglich dieselben alten +Glaubens­bekenntnisse<ins class = "correction" title = ", fehlt">, +</ins>Bitten und Danksagungen, in Indien wie in Lithauen, in Irland wie +in Peru, abgesungen. Der in einer todten Sprache abgehaltene +Gottesdienst ist nur den Gelehrten verständlich, und von der großen +Mehrzahl der versammelten Gemeinde kann man sagen, daß sie demselben +mehr als Zuschauer, denn als Zuhörer beiwohnen. Aber auch hier schlug +die englische Kirche wieder den Mittelweg ein, indem sie die +römisch-katholischen Gebetsformen beibehielt, sie in +<span class = "pagenum">I.37</span> +<a name = "pageI_37" id = "pageI_37"> </a> +die Volkssprache übersetzte und die ungelehrte Menge aufforderte, ihre +Stimme mit der des Priesters zu vereinigen.</p> + +<p>Dieselbe Politik läßt sich durch alle ihre Systeme verfolgen. Sie +verwarf zwar die Lehre von der Transsubstantiation, und verdammte jede +Anbetung des Brodes und Weines beim Abendmahle als einen Götzendienst; +aber sie verlangte dennoch, zum Ärgerniß der Puritaner, daß ihre Kinder +das Erinnerungszeichen göttlicher Liebe demüthig kniend empfangen +sollten. Sie beseitigte zwar die reichen Bekleidungen, welche die Altäre +des alten Glaubens umgaben; aber das einfache weißleinene Gewand, das +Sinnbild der Reinheit, die ihr als der mystischen Braut Christi zukomme, +behielt sie, zum Schrecken schwacher Gemüther, bei. Sie schaffte zwar +eine Menge pantomimischer Bewegungen ab, die bei dem +römisch-katholischen Gottesdienste verständliche Worte vertreten, aber +sie gab doch manchem strengen Protestanten dadurch Anstoß, daß sie das +eben aus dem Taufsteine besprengte Kind mit dem Zeichen des Kreuzes +segnete. Der römische Katholik betete zu einer Menge Heiliger, unter +denen sich Männer von zweifelhaftem, sogar einige von gehässigem +Charakter befanden; der Puritaner weigert sich, selbst den Apostel der +Heiden, den Jünger, den Jesus liebte, „heilig“ zu benennen. Obgleich die +Kirche von England kein geschaffenes Wesen um Schutz anflehte, so setzte +sie doch besondere Tage zur Gedächtnißfeier an die fest, die für den +Glauben Großes gewirkt und gelitten hatten. Die Confirmation und die +Ordination behielt sie als erbauliche Gebräuche bei, aber sie zählte sie +nicht zu den Sakramenten. Die Ohrenbeichte gehörte nicht in ihr System; +aber sie forderte den sterbenden Sünder freundlich auf, seine Vergehen +einem Geistlichen zu bekennen, und ermächtigte ihre Diener, die +scheidende Seele durch eine Absolution zu erleichtern, welche ganz den +Geist des alten Glaubens athmet. — Man kann im Allgemeinen sagen, +sie wendet sich mehr an den Verstand und weniger an die Sinne und die +Phantasie, als die römische Kirche; aber sie nimmt weniger den Verstand +und mehr die Sinne und die Phantasie in Anspruch, als die +protestantischen Kirchen von Schottland, Frankreich und der Schweiz.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Das Verhältniß, in welchem sie zu der Krone stand.</span> +<a name = "secI_26" id = "secI_26">Nichts</a> jedoch unterschied die +englische Kirche so sehr von andern Kirchen, als ihr Verhältniß zur +Monarchie. Der König war ihr Haupt. Die Grenzen der Macht, die er als +ein solches besaß, waren nicht genau angegeben, und sind auch nie genau +angegeben worden. Die Gesetze, durch die er zum Oberherrn der Kirche +ernannt, waren unbestimmt und zu allgemeinen Ausdrücken abgefaßt. Prüfen +wir, um den Sinn dieser Gesetze genau zu deuten, die Schriften und das +Leben der Gründer der englischen Kirche, so werden wir in noch größere +Verlegenheit gerathen, denn diese schrieben und wirkten in einer Zeit +großer geistigen Gährung, in einer Zeit steten Strebens und +Gegenstrebens. Sie standen daher nicht <ins class = "correction" title = +"Wort »nur« fehlt">nur</ins> untereinander, sondern oft auch mit sich +selbst im Widerspruch. Der Lehrsatz, daß der König nächst Christus das +alleinige Haupt der Kirche sei, wurde von Allen einmüthig anerkannt; +aber diesen Worten wurde von Verschiedenen, selbst von Einem und +Demselben unter verschiedenen Umständen, eine sehr verschiedene +Bedeutung beigelegt. Man schrieb dem Souverain nicht selten eine Gewalt +zu, mit der sich ein Hildebrand zufrieden erklärt haben würde; dann +wieder ward sie dergestalt eingeschränkt, daß sie nicht viel größer war +als jene, welche alte englische Fürsten beanspruchten, die +<span class = "pagenum">I.38</span> +<a name = "pageI_38" id = "pageI_38"> </a> +stete Gemeinschaft mit der römischen Kirche gepflogen hatten. Das, was +Heinrich und seine vertrauten Räthe unter Suprematie verstanden, war +nichts Geringeres, als die ganze Macht des Papstes; der König sollte der +Papst seines Reiches, der Stellvertreter Gottes, der Ausleger der +katholischen Wahrheit, der Ausfluß der sakramentlichen Gnaden sein. Er +maßte sich die rechtsgültige Entscheidung über wahre Lehre und Ketzerei +an, das Entwerfen und Anordnen von Glaubens­bekenntnissen, und +religiöse Unterweisungen für das Volk. Er erklärte, daß alle geistliche +und weltliche Gerichtsbarkeit ihm allein zustehe, und daß er die Macht +besitze, die bischöfliche Würde zu verleihen und zurückzunehmen; er ging +selbst so weit, daß er den Bestallungsdekreten der Bischöfe, wonach +diesen ihre Amtsverrichtungen nur auf so lange übertragen wurden, als er +es für gut befinden würde, sein Siegel beifügte. Nach diesem, von +Cranmer aufgestellten Systeme, war der König nicht nur das geistliche, +sondern auch das weltliche Oberhaupt der Nation, und in dieser doppelten +Eigenschaft mußte er seine Stellvertreter haben. Wie er bürgerliche +Beamte zur Bewahrung seiner Siegel, zur Erhebung seiner Einkünfte und +zur Ausübung des Rechts in seinem Namen bestellte, so ernannte er auch +Geistliche verschiedenen Ranges, um das Evangelium zu predigen und die +Sakramente zu ertheilen; das Auflegen der Hände war dabei nicht nöthig. +Nach Cranmer’s klar und deutlich ausgesprochener Meinung konnte der +König, kraft seiner ihm von Gott verliehenen Gewalt, einen Priester +bestellen, und der so bestellte Priester bedurfte keiner weitern +Ordination. Trotz der Opposition einiger eben nicht höfisch ggesinnten +Geistlichen, verfuhr Cranmer nach diesen Ansichten in allen ihren +gesetzlichen Consequenzen; er hielt seine eigenen geistlichen Funktionen +für beendet, wie die des Kanzlers und des Schatzmeisters, sobald die +Krone auf ein anderes Haupt übergehe. — Demnach holten, bei +Heinrichs Tode, der Erzbischof und seine Suffragane neue Bestallungen +ein, die sie ermächtigten, so lange zu ordiniren und geistliche +Verrichtungen vorzunehmen, bis der neue Monarch anders verfügen würde. +Als man den Einwand machte, die Gewalt zu lösen und zu binden, die der +Herr seinen Aposteln verliehen, sei von der weltlichen Gewalt ganz +verschieden, so antworteten die Theologen dieser Schule, daß die Macht +zu lösen und zu binden nicht auf die Geistlichkeit allein, sondern auf +die Gesammtheit der Christen übergegangen sei und von der höchsten +Obrigkeit, als der Repräsentantin der Gesellschaft, geübt werden müsse. +Dem Einwande, der heilige Paulus habe nur von bestimmten Personen +gesprochen, die der heilige Geist zu Aufsehern und Hirten der Gläubigen +erwählt, ward mit der Antwort begegnet: König Heinrich sei eben der +Aufseher und Hirt, den der heilige Geist erwählt habe, und auf den sich +die Worte des heiligen Paulus bezögen.<a class = "tag" name = "tagI_3" +id = "tagI_3" href = "#noteI_3">3</a></p> + +<p>Diese ausgedehnten Ansprüche erregten bei Protestanten und Katholiken +gleiches Ärgerniß, und dies ward ein noch größeres, als das Supremat, +das Maria dem Papste zurückgegeben, bei der Thronbesteigung Elisabeths +mit der Krone wieder verbunden wurde. Man hielt es für unerhört, daß +eine Frau der erste Bischof der Kirche sein solle, in der, nach dem +Verbote des Apostels, sie nicht einmal ihre Stimme hören lassen dürfe. +Die +<span class = "pagenum">I.39</span> +<a name = "pageI_39" id = "pageI_39"> </a> +Königin sah sich daher genöthigt, auf den priesterlichen Charakter, den +ihr Vater sich beigelegt, und der nach Cranmer’s Ansicht durch göttliche +Verordnung mit der königlichen Würde unzertrennlich verbunden sei, +ausdrücklich Verzicht zu leisten. Bei der unter ihrer Regierung +stattgefundenen Revision des anglikanischen Glaubens­bekenntnisses +erklärte man das Supremat in einer ganz andern Weise, als es an +Heinrich’s Hofe zu geschehen pflegte. Cranmer hatte in bestimmten +Ausdrücken erklärt, Gott habe den christlichen Fürsten die ganze Sorge +für das Heil aller Unterthanen, also ebensowohl in Bezug auf die +Ausübung des göttlichen Wortes in der Seelsorge, als in Bezug auf die +Ausübung der staatlichen Gewalt, unmittelbar übertragen.<a class = "tag" +name = "tagI_4" id = "tagI_4" href = "#noteI_4">4</a> Der +siebenunddreißigste Religionsartikel, der unter Elisabeths Regierung +entworfen ward, erklärt in eben so bestimmten Ausdrücken, daß den +Fürsten die Aufsicht über die Ausübung des göttlichen Wortes nicht +gebühre. Aber dessen ungeachtet besaß die Königin immer noch ein +ausgedehntes und unbestimmt begrenztes Aufsichtsrecht über die Kirche. +Das Parlament hatte ihr das Amt übertragen, Ketzereien und jede Art +kirchlicher Mißbräuche zu verhindern und zu bestrafen, und ihr zugleich +gestattet, diese Gewalt wiederum auf Bevollmächtigte übergehen zu +lassen. Die Bischöfe waren nicht mehr, als ihre Minister. Im elften +Jahrhundert würde die römische Kirche eher ganz Europa in Brand gesetzt +haben, als daß sie der bürgerlichen Macht die unumschränkte Befugniß zur +Ernennung geistlicher Hirten zugestanden hätte. In unserer Zeit würden +die Diener der schottischen Kirche ihre Pfründen bei Hunderten aufgeben, +ehe sie der bürgerlichen Obrigkeit die Gewalt einräumten, Kirchendiener +zu ernennen. Solche Scrupel hegte die englische Kirche nicht. Die +königliche Autorität allein genügte, die Kirchen­versammlungen +einzuberufen, zu ordnen, zu vertagen und aufzulösen. Ihre Beschlüsse +hatten ohne die königliche Sanction keine Kraft. Selbst einer ihrer +Glaubensartikel bestimmte, daß ein kirchliches Koncilium ohne königliche +Genehmigung gesetzlich nicht zusammentreten könne. Von allen ihren +Gerichtsstellen konnte man in letzter Instanz an die königliche +Autorität appelliren, selbst wenn es sich um die Feststellung +ketzerischer Ansichten, oder um die Gültigkeit eines ausgetheilten +Sakramentes handelte. Eben so wenig mißgönnte die Kirche unsern Fürsten +diese ausgedehnte Gewalt, die von ihnen in’s Leben gerufen, in ihrer +schwachen Kindheit gepflegt, hier vor den Papisten und dort vor den +Puritanern bewahrt, gegen ihr abgeneigte Parlamente geschützt, und an +gelehrten Gegnern, denen zu antworten ihr schwer gefallen wäre, gerächt +worden war. So ward sie durch Dankbarkeit, Hoffnung, Furcht und +gemeinsame Neigung und Abneigung an den Thron gefesselt; alle ihre +Traditionen und Gefühle waren monarchisch. Loyalität wurde unter ihrer +Geistlichkeit zu einem Punkte der Standesehre, zu einem Zeichen, das sie +von Calvinisten und Papisten zugleich unterschied. Calvinisten und +Papisten, obgleich in andern Beziehungen uneinig, betrachteten alle +Eingriffe der weltlichen Macht in das Gebiet der geistlichen mit großer +Eifersucht. Calvinisten wie Papisten behaupteten, daß die Unterthanen +berechtigt seien, gegen gottvergessene Regenten das Schwert zu ziehen. +In Frankreich trotzten Calvinisten Karl IX., Papisten Heinrich IV., +<span class = "pagenum">I.40</span> +<a name = "pageI_40" id = "pageI_40"> </a> +und beide Parteien zusammen Heinrich III. In Schottland nahmen +Calvinisten Maria gefangen; im Norden vom Trent schwangen Papisten die +Waffen gegen Elisabeth. Die Kirche von England aber verdammte +Calvinisten und Papisten, und rühmte sich offen, daß sie keine Pflicht +beharrlicher und dringender einschärfe, als die des Gehorsams gegen die +Fürsten.</p> + +<p>Die Vortheile, welche der Krone aus dieser innigen Vereinbarung mit +der Staats­kirche erwuchsen, waren zwar groß, aber nicht ohne starke +Schattenseiten. Eine große Zahl Protestanten hatte den durch Cranmer +vermittelten Vergleich schon anfangs für eine Erfindung gehalten, um +zweien Herren zu dienen, und für einen Versuch, den Dienst des Herrn mit +dem des Baal zu vereinigen. Unter <ins class = "error" title = "Original hat »Eduard IV.«">Eduard VI.</ins>. hatten die Scrupel dieser +Partei dem regelmäßigen Gange der Regierung mehreremal große Hindernisse +bereitet, und bei der Thronbesteigung Elisabeths mehrten sich diese +Hindernisse. Gewalt gebiert natürlich Gewalt.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteI_3" id = "noteI_3" href = "#tagI_3">3.</a> +Siehe eine merkwürdige Schrift, die Stryve als von Gardiners eigener +Hand verfaßt hält: <span class = "antiqua">Ecclesiastical +Memorials</span>, Buch I. Kap. 17.</p> + +<p><a name = "noteI_4" id = "noteI_4" href = "#tagI_4">4.</a> +Dies sind Cranmer’s eigene Worte. Siehe den Anhang zu Burnets <span +class = "antiqua">History of the Reformation, Part I. Book III. No. +21. Question 9.</span></p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Puritaner.</span> +<a name = "secI_27" id = "secI_27">Nach</a> den von Maria verübten +Grausamkeiten war der Geist des Protestantismus viel heftiger und +unduldsamer, als zuvor. Viele eifrige Anhänger der neuen +Glaubensmeinungen waren in jener schlimmen Zeit nach der Schweiz und +nach Deutschland geflüchtet, hatten dort bei ihren Glaubensbrüdern +gastliche Aufnahme gefunden, zu den Füßen der großen Doctoren von +Straßburg, Zürich und Genf gesessen, und waren einige Jahre hindurch an +einen einfachen Gottesdienst und eine demokratischere Form der +Kirchenverwaltung gewöhnt, als in England bis dahin existirt hatte. +Diese Leute kehrten mit der Überzeugung in ihr Vaterland zurück, daß die +unter König Eduard stattgehabte Reform nicht so gründlich und umfassend +gewesen sei, als es die Interessen einer reinen Religion erforderten. +Ihre Bemühungen, von Elisabeth irgend ein Zugeständniß zu erlangen, +blieben ohne Erfolg. Es schien ihnen, daß das System der Letztern in +allem, worin es sich von dem ihres Bruders unterschied, schlechter sei, +als jenes; sie waren wenig geneigt, sich in +Glaubens­angelegen­heiten irgend einer menschlichen Autorität zu +unterwerfen. Auf ihre eigene Auslegung der Schrift bauend, hatten sie +sich erst kürzlich gegen eine Kirche erhoben, deren Stärke in großem +Alter und in der allgemeinen Anerkennung beruhte; nur durch einen +ungewöhnlichen Aufwand geistiger Kraft war es ihnen gelungen, das Joch +dieses glänzenden und imponirenden Aberglaubens abzuwerfen, und es stand +daher nicht zu erwarten, daß sie unmittelbar nach einer solchen +Emanzipation sich geduldig einer neuen geistigen Tyrannei fügen würden. +Lange gewöhnt, die Angesichter wie vor einem gegenwärtigen Gotte zur +Erde zu neigen, wenn der Priester die Hostie erhob, hatten sie die Messe +als ein götzendienerisches Possenspiel betrachten gelernt; lange +gewöhnt, den Papst als den Nachfolger des ersten der Apostel, als den +Bewahrer der Schlüssel von Erde und Himmel zu betrachten, hatten sie +gelernt, in ihm das Thier, den Antichrist und den Mann der Sünde zu +sehen. Daß sie nun die Huldigung, die sie dem Vatican entzogen, +unmittelbar auf eine neu geschaffene Autorität übertragen, daß sie ihr +eigenes Urtheil der Autorität einer Kirche unterordnen, die sich +ebenfalls nur auf individuelles Urtheil gründete, und daß sie sich +scheuen würden, von Lehren abzuweichen, die selbst von dem, was noch +kürzlich der allgemeine Glaube der westlichen Christenheit gewesen, +abwich, ließ sich nicht erwarten. Es ist leicht zu begreifen, daß kühne +und forschende Geister, triumphirend über die neu errungene Freiheit, +<span class = "pagenum">I.41</span> +<a name = "pageI_41" id = "pageI_41"> </a> +höchst entrüstet sein mußten, wenn eine um manches Jahr jüngere +Institution als sie selbst, eine Institution, die unter ihren eigenen +Augen nach und nach ihre Form von den Leidenschaften und den Interessen +des Hofes erhalten, das hochmüthige Wesen Rom’s nachzuahmen begann.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Ihr republikanischer Geist.</span> +<a name = "secI_28" id = "secI_28">Da</a> man diese Leute nicht +überzeugen konnte, beschloß man, sie zu verfolgen, und die Verfolgung +äußerte ihre natürlichen Wirkungen: sie fand in ihnen eine Sekte, und +machte daraus eine Partei. Mit ihrem Hasse gegen die Kirche verband sich +nun auch der Haß gegen die Krone. Diese beiden Gefühle vermischten sich, +indem eines die Bitterkeit des andern vermehrte. Die Meinungen der +Puritaner über das gegenseitige Verhältniß zwischen Herrscher und +Beherrschten waren von denen weit verschieden, die in den Homilien +eingeschärft wurden. Die beliebtesten Theologen derselben hatten durch +Wort und Beispiel zum Widerstande gegen Tyrannen und Verfolger +ermuthigt; die calvinistischen Genossen in Frankreich, Holland und +Schottland hatten die Waffen gegen götzendienerische und grausame +Regenten ergriffen, und die Ansichten derselben über +Staats­regierung nahmen die Färbung der Ansichten von der +Kirchenregierung an. Einige von den Sarkasmen, die das Volk im gemeinen +Leben gegen die Geistlichkeit richtete, konnten leicht auf das Königthum +gerichtet werden, und manche der Gründe, durch die man bewies, daß die +geistliche Gewalt am besten durch eine Synode ausgeübt werde, führten +anscheinend auch zu dem Schlusse, daß die weltliche Gewalt am besten in +einem Parlamente bewahrt sei.</p> + +<p>Wie nun der Priester der Staats­kirche aus Interesse, Grundsatz +und Leidenschaft den königlichen Vorrechten ein eifriger Verfechter war, +so stand der Puritaner aus Interesse, Grundsatz und Leidenschaft ihnen +feindlich entgegen. Die mißvergnügten Sektirer hatten eine ausgedehnte +Macht, in jedem Stande fanden sie Anhänger, und unter den +handeltreibenden Klassen der Städte sowie unter den kleinen +Grundbesitzern auf dem Lande die meisten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Gegen die Regierung Elisabeths erhob sich keine systematische +parlamentarische Opposition.</span> +<a name = "secI_29" id = "secI_29">Schon</a> in den ersten +Regierungs­jahren Elisabeths bildeten diese Sektirer die Majorität +in dem Hause der Gemeinen, und wenn unsere Vorfahren damals ihre ganze +Aufmerksamkeit auf die innern Angelegenheiten hätten richten können, so +unterliegt es keinem Zweifel, daß der Streit zwischen der Krone und dem +Parlamente sofort begonnen haben würde. Damals aber war keine Zeit für +innere Zwistigkeiten. Es steht überhaupt in Frage, ob selbst die +festeste Vereinigung aller Klassen im Staate die gemeinsame Gefahr, die +ihnen drohte, hätte abwenden können. Das römisch-katholische und das +reformirte Europa führten einen Kampf auf Leben und Tod. Frankreich, mit +sich selbst im Kriege begriffen, konnte für einige Zeit in der +Christenheit nicht in Betracht gezogen werden. Die englische Regierung +stand an der Spitze des protestantischen Interesses, und während sie im +Lande die Presbyterianer verfolgte, ließ sie den presbyterianischen +Kirchen im Auslande einen kräftigen Schutz angedeihen. An der Spitze der +Gegenpartei stand der mächtigste Fürst jener Zeit, ein Fürst, der +Spanien, Portugal, Italien, die Niederlande und Ost- und West-Indien +beherrschte, dessen Armeen mehr als einmal Paris bedrohten, und dessen +Flotten die Küsten von Devonshire und Sussex in Furcht hielten. Lange +hatte es den Anschein, daß die Engländer auf eignem Boden einen +verzweifelten Kampf um Religion +<span class = "pagenum">I.42</span> +<a name = "pageI_42" id = "pageI_42"> </a> +und Unabhängigkeit zu bestehen haben würden, und von der Befürchtung +eines argen Verrathes im eignen Lande waren sie keinen Augenblick frei, +denn damals war es auch für viele edle Charaktere ein Gewissens- und +Ehrenpunkt geworden, das Vaterland der Religion zu opfern. Eine Reihe +schwarzer Pläne, von Römisch-Katholischen gegen das Leben der Königin +und die Existenz der Nation ausgebrütet, hielt die Gesellschaft in +steter Besorgniß. Mag immerhin Elisabeth ihre Fehler gehabt haben, es +ist dennoch klar, daß, nach menschlichem Ermessen, das Schicksal des +Reichs und aller reformirten Kirchen von der Sicherheit ihrer Person und +von dem Glücke ihrer Regierung abhing. Es war daher die erste Pflicht +eines Patrioten und Protestanten, die Autorität derselben zu kräftigen, +und diese Pflicht ward treulich erfüllt. Selbst in der Nacht der Kerker, +wohin Elisabeth sie gesendet hatte, beteten die Puritaner mit +ungeheuchelter Inbrunst, daß die Königin vor dem Dolche des +Meuchelmörders geschützt bleiben, daß der Aufruhr zu ihren Füßen +niedergeworfen werden, und ihre Waffen zu Wasser und zu Lande siegreich +sein mögen. Einer der hartnäckigsten Anhänger jener hartnäckigen Sekte, +dem der Scharfrichter eine Hand abhauen mußte, weil er sich durch seinen +maßlosen Eifer zu einem Vergehen hatte hinreißen lassen, schwenkte +unmittelbar nach der Exekution mit der ihm gebliebenen Hand seinen Hut +und rief: Gott erhalte die Königin! Das Gefühl, das diese Leute bei +ihrem Anblicke beseelte, ist auf die Nachkommen übergegangen, und die +Nonconformisten, obgleich sie von ihr sehr streng behandelt wurden, +haben in der Gesammtheit stets ihr Andenken ehrend bewahrt.<a class = +"tag" name = "tagI_5" id = "tagI_5" href = "#noteI_5">5</a></p> + +<p>Zeigten sich, während des größern Theils ihrer Regierung, die +Puritaner im Hause der Gemeinen mitunter auch widersetzlich, so +versuchten sie doch nie, in einer systematischen Opposition ihr +entgegenzutreten. Als aber durch die Niederlage der Armada, den +glücklichen Widerstand der Vereinigten Niederlande gegen die spanische +Macht, die Befestigung des Thrones Heinrichs IV. von Frankreich und +durch den Tod Philipps II. Staat und Kirche gegen alle Gefahr von +Außen gesichert war, begann sofort im Innern ein hartnäckiger Kampf, der +mehrere Generationen hindurch dauern sollte.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteI_5" id = "noteI_5" href = "#tagI_5">5.</a> +Der puritanische Geschichts­schreiber Neal, nachdem er ihre Härte +gegen die Sekte getadelt, der auch er angehörte, sagt schließlich: Die +Königin Elisabeth wird trotz dieser Makel in der Geschichte eine weise +und staatskluge Fürstin bleiben, denn sie befreite ihr Königreich von +den Bedrängnissen, in denen es sich bei ihrem Regierungs­antritte +befand, und schützte die protestantische Reformation, nach außen hin, +gegen die mächtigen Angriffe des Papstes, des Kaisers und des Königs von +Spanien, im Innern gegen die der Königin von Schottland und ihrer +papistischen Unterthanen. Sie war der Ruhm des Zeitalters, in dem sie +lebte, und wird die Bewunderung der Nachwelt sein. — <span class = +"antiqua">History of the Puritans, Part I. Chap. VIII.</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Monopolfrage.</span> +<a name = "secI_30" id = "secI_30">In</a> dem Parlamente von 1601 +lieferte die Opposition, die seit vierzig Jahren im Stillen Kräfte +gesammelt und gespart hatte, ihre erste große Schlacht, und gewann ihren +ersten Sieg. — Der Boden war gut gewählt. Die englischen +Souveraine sind stets mit der obersten Leitung der Handelspolizei +betraut gewesen; sie besaßen das unantastbare Recht der Münz-, Gewicht- +und Maß-Regulirung, der Bestimmung der Messen, Märkte und Häfen. Die +Grenzlinie ihrer Autorität in Handels­angelegen­heiten war, wie +gewöhnlich, sehr undeutlich gezeichnet; +<span class = "pagenum">I.43</span> +<a name = "pageI_43" id = "pageI_43"> </a> +wie gewöhnlich machte sie daher Übergriffe in das Gebiet, das +verfassungsmäßig der Gesetzgebung angehörte. Diese Übergriffe wurden, +wie gewöhnlich, so lange geduldig ertragen, bis sie einen ernsten +Charakter annahmen. Als endlich die Königin sich anmaßte, dutzendweis +Patente zu Monopolen zu ertheilen, daß es kaum noch eine Familie im +Reiche gab, die sich nicht über Bedrückungen und Erpressungen, die +natürlich aus diesem Mißbrauche entstehen mußten, zu beklagen hatte; als +Eisen, Öl, Essig, Kohlen, Salpeter, Blei, Stärke, Garn, Felle, Leder und +Glas mit übermäßig hohen Preisen bezahlt werden mußten — da +versammelte sich das Haus der Gemeinen in einer sehr zornigen und +entschlossenen Stimmung, und umsonst tadelte eine höfisch gestimmte +Minderzahl den Sprecher, daß er die Handlungen der königlichen Hoheit in +Frage stellen lasse. Die starke und drohende Sprache der mißvergnügten +Partei fand in der Stimme der ganzen Nation ihren Wiederhall. — +Ein wüthender Volkshaufen umtobte den Wagen des ersten Ministers der +Krone, verwünschte die Monopole, und rief aus, es dürfte nicht geduldet +werden, daß die königlichen Hoheitsrechte die alten Freiheiten Englands +antasteten. Einen Augenblick schien es, als ob die lange und ruhmreiche +Regierung Elisabeths ein schmähliches, unglückliches Ende nehmen solle. +Mit bewunderungs­würdiger Klugheit und Fassung lehnte die Königin +aber den Streit ab, stellte sich an die Spitze der reformirten Partei, +entsprach den erhobenen Beschwerden, dankte den Gemeinen in einer +ergreifenden und würdigen Ansprache für die eifrige Sorge um das +öffentliche Wohl, gewann sich die Herzen des Volks wieder, und +hinterließ ihren Nachfolgern ein denkwürdiges Beispiel von dem Verhalten +eines Herrschers öffentlichen Bewegungen gegenüber, denen Widerstand zu +leisten nicht möglich ist.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Schottland und Irland werden wieder mit England Theile ein und desselben +Reichs.</span> +<a name = "secI_31" id = "secI_31">Im</a> Jahre 1603 starb die große +Königin. In vielen Beziehungen ist dieses Jahr eine der wichtigsten +Epochen unserer Geschichte. Schottland und Irland wurden damals wieder +mit England vereinigt. Beide Länder waren zwar von den Plantagenets zur +Unterwerfung gebracht, aber keines derselben hatte sich geduldig dem +Joche gefügt. Schottland hatte mit heldenmüthiger Ausdauer seine +Unabhängigkeit wieder erkämpft, war seit der Zeit des Robert Bruce ein +besonderes Königreich gewesen, und ward nun mit dem südlichen Theile der +Insel dergestalt vereinigt, daß sein Nationalstolz mehr befriedigt, als +verletzt wurde. Irland hatte seit der Zeit Heinrichs II. nie die +fremden Eroberer vertreiben können, obgleich es lange und heftig gegen +sie gekämpft. Während des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts war +die englische Macht auf dieser Insel stets gesunken, und in den Tagen +Heinrichs VII. war sie bis zu dem niedrigsten Punkte gelangt. Die +irischen Besitzungen dieses Fürsten bestanden nur aus den Grafschaften +Dublin und Louth, einigen Theilen von Meath und Kildare, und aus einigen +an der Küste zerstreut liegenden Seehäfen. Der größte Theil von Leinster +selbst war noch nicht in Grafschaften eingetheilt. Munster, Ulster und +Connaught standen unter kleinen souverainen Fürsten, die theils Celten, +theils ausgeartete Normannen waren, ihren Ursprung vergessen, und +celtische Sprache und Sitten angenommen hatten. Während des sechzehnten +Jahrhunderts aber war die englische Macht wieder bedeutend gewachsen. +Die halbwilden Häuptlinge, die jenseits der Grenzpfähle regierten, +hatten sich einer nach dem andern den Statthaltern der Tudors +unterworfen. Wenig Wochen +<span class = "pagenum">I.44</span> +<a name = "pageI_44" id = "pageI_44"> </a> +vor Elisabeths Tode ward endlich durch Mountjoy die Eroberung vollendet, +die Strongbow vor mehr als vierhundert Jahren begonnen hatte. +Jakob I. hatte kaum den Thron bestiegen, als die letzten O’Donnell +und O’Neill, die bisher in dem Range unabhängiger Fürsten gestanden, zu +Whitehall seine Hand küßten. Von da an gewannen seine Erlasse in Irland +Geltung, seine Richter hielten dort überall ihre Assisen, und das +englische Gesetz trat an die Stelle der Gebräuche, die unter den +eingeborenen Stämmen geherrscht hatten.</p> + +<p>Schottland und Irland waren an Umfang einander fast gleich, und beide +zusammen ziemlich so groß wie England; aber sie hatten eine weit +geringere Bevölkerung und standen ihm an Wohlstand und Civilisation +nach. Schottland war durch die Unfruchtbarkeit seines Bodens +zurückgeblieben, und auf Irland ruhete noch immer, obgleich rings von +Licht umgeben, die starre Finsterniß des Mittelalters.</p> + +<p>Mit Ausnahme der celtischen Stämme, die dünn zerstreut die Hebriden +und die gebirgigen Theile der nördlichen Grafschaften bewohnten, war die +Bevölkerung Schottlands von demselben Blute wie die Englands, sie redete +dieselbe Sprache, die sich von dem reinsten Englisch nicht mehr +unterschied, als sich die Dialekte von Somersetshire und Lancashire von +einander unterschieden. Die Bevölkerung Irlands dagegen war, mit +Ausnahme der kleinen englischen Kolonie unfern der Küste, celtisch, und +bewahrte noch immer celtische Sprache und Sitte.</p> + +<p>Zu der Zeit ihrer Verbindung mit England zeichneten sich beide +Nationen durch angeborenen Muth und durch Intelligenz aus. In Ausdauer, +Selbstbeherrschung, Vorsicht, kurz in allen Eigenschaften, die im Leben +Erfolge sichern, sind die Schotten nie übertroffen worden. Die Iren +hingegen zeichneten sich durch Eigenschaften aus, die mehr interessant +als glücklich machen. Ein feuriges und ungestümes Volk, waren sie leicht +zum Weinen und zum Lachen, zur Wuth und zur Liebe zu bewegen. Von den +Nationen des nördlichen Europa’s besaßen sie allein die Empfänglichkeit, +die Lebhaftigkeit und die natürlichen Anlagen zur Pantomime und +Redekunst, die man unter Küstenbewohnern des mittelländischen Meeres +heimisch findet. In geistiger Bildung stand Schottland unbestreitbar +höher. War es auch damals das ärmste Königreich in der Christenheit, so +wetteiferte es dennoch in jedem Zweige des Wissens mit den +begünstigtesten Ländern. Schotten, deren Wohnung und Nahrung so elend +waren, wie die der Isländer zu unserer Zeit, schrieben eben so schöne +lateinische Verse als Vida, und machten wissenschaftliche Entdeckungen, +die einem Galilei zum Ruhme gereicht haben würden. Irland hatte sich +keines Buchanan oder Napier zu rühmen; das Genie, mit dem die Urbewohner +desselben reich begabt waren, gab sich nur in Balladen kund, die +obgleich roh und rauh, dem Kennerauge Spenser’s dennoch eine schöne, +reine Poesie zu enthalten schienen.</p> + +<p>Schottland bewahrte seine ganze Würde, als es zu einem Theile der +britischen Monarchie umgeschaffen wurde. Nachdem es den englischen +Waffen Generationen hindurch muthigen Widerstand geleistet hatte, ward +es mit seinem überlegenen Nachbar unter den ehrenvollsten Bedingungen +vereinigt.</p> + +<p>Es <em>gab</em> einen König, anstatt einen zu <em>empfangen</em>; es +behielt seine eigene Verfassung und seine eigenen Gesetze, und seine +Gerichtshöfe und Parlamente blieben von denen zu Westminster völlig +unabhängig. Die Verwaltung Schottland’s lag in schottischen Händen, denn +es fühlte sich +<span class = "pagenum">I.45</span> +<a name = "pageI_45" id = "pageI_45"> </a> +kein Engländer geneigt, nach dem Norden auszuwandern, um mit dem +schlauesten und beharrlichsten aller Stämme um das zu ringen, was sich +in der ärmsten Schatzkammer zusammenraffen ließ. Dagegen strömten +schottische Abenteurer nach dem Süden, wo sie auf allen Lebensbahnen zu +einem Glücke gelangten, das zwar großen Neid erregte, im Allgemeinen +aber nur der gerechte Lohn der Klugheit und des emsigen Fleißes war. +Dessen ungeachtet erlag Schottland dem Geschicke, dem ein jedes Land, +das mit einem andern an Hilfsquellen reichern zwar verbunden, ihm aber +nicht einverleibt wird, unterworfen ist. War es auch dem Namen nach ein +unabhängiges Königreich, so ward es doch länger als ein Jahrhundert in +vielen Beziehungen nur wie eine unterjochte Provinz behandelt.</p> + +<p>Irland ward offen als ein durch das Schwert erkämpftes Besitzthum +regiert. Die rohen National-Institutionen existirten nicht mehr; die +englischen Kolonisten unterwarfen sich den Bestimmungen des +Mutterlandes, ohne dessen Schutz sie nicht bestehen konnten, und suchten +Ersatz darin, daß sie das Volk, unter dem sie sich niedergelassen, mit +Füßen traten. — Das Parlament, das in Dublin zusammentrat, konnte +ohne vorhergegangene Genehmigung des englischen Geheimen-Raths kein +Gesetz erlassen; die Autorität der englischen Legislatur erstreckte sich +über Irland. Die ausführende Verwaltung war Männern anvertraut, die +entweder England selbst oder dem englischen Bezirke entnommen worden, +und in beiden Fällen wurden diese von der celtischen Bevölkerung als +Fremde, selbst als Feinde betrachtet.</p> + +<p>Aber noch ist des Umstandes zu erwähnen, der die Verschiedenheit +Irlands und Schottlands tiefer als ein anderer begründete: Schottland +war protestantisch. Die Erregung des Volksgeistes gegen die +römisch-katholische Kirche hatte sich in keinem andern Theile Europa’s +so rasch und heftig gezeigt. Die Reformatoren hatten ihre +götzendienerische Herrscherin besiegt, abgesetzt und eingekerkert; nicht +einmal auf einen Vergleich, wie er in England abgeschlossen, wollten sie +eingehen. Sie hatten die Lehre, die Kirchenzucht und den Gottesdienst +der Calvinisten eingeführt, und machten zwischen Papstthum und Prälatur, +zwischen der Messe und dem allgemeinen Gebetbuche wenig Unterschied. Zu +Schottlands Unglück war der Fürst, den es zur Regierung eines schönern +Erblandes aussandte, durch die Hartnäckigkeit, mit der die schottischen +Theologen die Privilegien der Synode und der Kanzel gegen ihn behauptet, +der von den Schotten geliebten Kirchenverfassung so abhold geworden, als +es seine weibische Natur nur irgend zuließ; und kaum hatte er den +englischen Thron bestiegen, so begann er einen unduldsamen Eifer für das +Regiment und Ritual der englischen Kirche an den Tag zu legen.</p> + +<p>Die Iren waren das einzige Volk in dem nördlichen Europa, das der +alten Religion treu geblieben. Dies ist zum Theil dem Umstande +beizumessen, daß sie ihren Nachbarn an Kenntnissen um einige +Jahrhunderte nachstanden. Aber auch andere Ursachen hatten mitgewirkt. +Die Reformation war nicht minder eine rationelle, als eine moralische +Erhebung, nicht nur ein Aufstand der Laien gegen die Geistlichkeit, +sondern auch aller Zweige des großen germanischen Stammes gegen +Fremdherrschaft gewesen. Es ist eine höchst merkwürdige Erscheinung, daß +keine große Gesellschaft, deren Sprache nicht deutschen Ursprungs, je +zum Protestantismus übergetreten ist, und daß überall, wo man eine +Sprache redet, die von der des alten Rom abstammt, die Religion des +neuern Rom bis auf diesen Tag die vorherrschende geblieben. Der +Patriotismus der Iren hatte eine +<span class = "pagenum">I.46</span> +<a name = "pageI_46" id = "pageI_46"> </a> +eigene Richtung genommen; — sie waren nicht auf Rom, sondern auf +England erbittert, und hatten besondere Gründe die englischen Fürsten zu +hassen, welche die Häupter des großen Schisma gewesen: Heinrich VIII. +und Elisabeth. Religiöse und nationale Begeisterung waren während des +fruchtlosen Kampfes, den zwei Generationen milesischer Fürsten gegen die +Tudors unterhalten hatten, in den Gemüthern des besiegten Volksstammes +auf das Innigste verschmolzen. Der neue Hader zwischen Protestanten und +Papisten fachte den alten zwischen Sachsen und Celten an. Die englischen +Eroberer vernachlässigten dabei alle gesetzlichen Bekehrungsmittel; man +sorgte weder für Lehrer, die der besiegten Nation sich verständlich +machen konnten, noch für eine Übersetzung der Bibel in die ersische +Sprache. Die Regierung begnügte sich mit der Einsetzung einer +ausgedehnten Hierarchie protestantischer Erzbischöfe, Bischöfe und +Rectoren, die nichts thaten, und für ihr Nichtsthun mit dem Raube +bezahlt wurden, den man an einer von der großen Masse des Volks +geliebten und verehrten Kirche verübte.</p> + +<p>Sowohl in den Zuständen Schottlands als auch Irlands gab es Manches, +das in einem scharfblickenden Staatsmann peinliche Besorgnisse zu +erregen geeignet war. Einstweilen jedoch war ein Anschein von Ruhe da, +denn alle britischen Inseln waren zum ersten Male friedlich unter einem +Scepter vereinigt.</p> + +<p>Man würde glauben können, der Einfluß Englands auf die europäischen +Nationen hätte von dieser Epoche an bedeutend zunehmen müssen. Das +Gebiet, das sein neuer König beherrschte, hatte fast den doppelten +Umfang von dem, welches Elisabeth geerbt, und kein Reich der Welt war so +in sich abgeschlossen, so vor Angriffen gesichert, als das seinige. Die +Plantagenets und Tudors hatten sich wiederholt gegen Schottland +vertheidigen müssen, während sie auf dem Festlande in Kriege verwickelt +waren, und der lange Kampf in Irland hatte ihren Hilfsquellen einen +empfindlichen und andauernden Abzug bewirkt; doch selbst unter so +ungünstigen Verhältnissen hatten sich diese Fürsten einer hohen Achtung +in der ganzen Christenheit zu erfreuen gehabt. Deshalb war nicht +grundlos zu erwarten, daß England, Schottland und Irland vereint hätten +einen Staat bilden müssen, der keinem andern seiner Zeit nachstände.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verminderung des Einflusses Englands nach der Thronbesteigung +Jakobs I.</span> +<a name = "secI_32" id = "secI_32">In</a> allen diesen Erwartungen wurde +man jedoch arg getäuscht. Von dem Tage der Thronbesteigung +Jakobs I. an sank unser Vaterland von der Höhe herab, in der es +sich bis dahin gehalten, und man begann es als eine Macht kaum zweiten +Ranges zu betrachten. Unter vier auf einander folgenden Fürsten aus dem +Hause Stuart war die große britische Monarchie viele Jahre hindurch kaum +ein wichtigeres Glied in dem europäischen Staatensysteme, als das kleine +Königreich Schottland zuvor gewesen. Dies ist jedoch nicht zu bedauern. +Man kann von Jakob I. wie von Johann sagen, daß seine Regierung, +wäre sie tüchtig und glänzend gewesen, ohne Zweifel unserm Vaterlande +Unheil gebracht hätte, und daß wir seinen Schwächen und Jämmerlichkeiten +mehr verdanken, als der Weisheit und Kraft viel besserer Regenten. Er +kam in einem kritischen Augenblicke zur Regierung. Der Zeitpunkt, wo +entweder der König absolut werden, oder das Parlament die ganze +ausführende Gewalt unter seine Autorität stellen mußte, rückte schnell +heran. Wäre Jakob I. ein tapferer, thätiger und staatskluger Regent +gewesen wie Heinrich IV., +<span class = "pagenum">I.47</span> +<a name = "pageI_47" id = "pageI_47"> </a> +Moritz von Nassau oder wie Gustav Adolph, hätte er sich an die Spitze +der Protestanten Europa’s gestellt, hätte er große Siege über Tilly und +Spinola erfochten, Westminster mit der Beute aus baierischen Klöstern +und flamländischen Kathedralen geschmückt, hätte er österreichische und +castilianische Fahnen in der St. Paulskirche aufgehängt und sich, +nachdem er große Thaten ausgeführt, an der Spitze von fünfzigtausend +tapfern, disciplinirten Truppen, die seiner Person treu anhingen, +befunden — das englische Parlament wäre bald nichts mehr als ein +Name gewesen. Zum Glück war er nicht der Mann, der eine solche Rolle +spielen konnte. Er begann seine Regierung damit, daß er dem Kriege, der +viele Jahre lang zwischen England und Spanien gewüthet hatte, ein Ende +machte, und von da an vermied er Feindseligkeiten mit einer Vorsicht, +welche der Hohn seiner Nachbarn und das Geschrei seiner Unterthanen +nicht zu erschüttern vermochten. Selbst der vereinigte Einfluß seines +Sohnes, seines Günstlings, seines Parlaments und seines Volkes konnte +<ins class = "correction" title = "Fehler für »ihn«?">ihm</ins> bis zu +seinem letzten Lebensjahre nicht bewegen, den geringsten Schritt zur +Vertheidigung seiner Familie und seiner Religion zu thun. Für die, +welche er regierte, war es gut, daß er in dieser Beziehung ihren +Wünschen kein Gehör gab. Seine friedliche Politik brachte die Wirkung +hervor, daß die Vertheidigung unserer Insel immer noch der Miliz +anvertraut blieb, während Frankreich, Spanien, Italien, Belgien und +Deutschland von gemietheten Soldaten wimmelten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Lehre vom göttlichen Rechte.</span> +<a name = "secI_33" id = "secI_33">Da</a> der König kein stehendes Heer +besaß und nicht einmal versuchte, ein solches zu bilden, so hätte er +klug gethan, jeden Konflikt mit dem Volke zu vermeiden. Aber seine +Unbedachtsamkeit war so groß, daß er nicht nur die Mittel, die ihn +allein wahrhaft unumschränkt machen konnten, versäumte, sondern daß er +auch stets in der verletzendsten Weise Ansprüche machte, an die keiner +seiner Vorgänger auch nur im Traume gedacht hatte. Damals tauchten jene +seltsamen Theorien auf, welche Filmer später in ein System brachte und +der heftigsten Klasse von Tories und Hochkirchenmännern zur Loosung +wurden. Man behauptete in vollem Ernste, daß das höchste Wesen die +erbliche Monarchie, im Gegensatze zu andern Regierungs­formen, +besonders wohlgefällig betrachte; daß das Gesetz der Erbfolge nach der +Ordnung der Erstgeburt eine göttliche Einrichtung, und älter als die +christliche Religion, selbst als die mosaische Gesetzgebung sei; daß +keine menschliche Macht, selbst die der ganzen gesetzgebenden Gewalt, +keine Dauer unrechtmäßigen Besitzes, und wenn sie zehn Jahrhunderte +ausmache, dem gesetzlichen Fürsten seine Rechte rauben <ins class = +"correction" title = "Original hat »könnne«">könne</ins>; daß seine +Gewalt nothwendig stets despotisch sei; daß die das Hoheitsrecht +beschränkenden Gesetze, sowohl in England wie in andern Ländern, nur +eine vom Souverain freiwillig ertheilte Concession sei, die er nach +Belieben zurückziehen könne; und daß endlich jeder Vertrag, den der +König mit seinem Volke abschließt, nur eine Erklärung seiner +augenblicklichen Absichten und nicht eine Verbindlichkeit sei, deren +Erfüllung gefordert werden könne. Obwohl diese Theorie die Grundlagen +der Regierung befestigen sollte, so ist es doch augenscheinlich, daß sie +nur dazu beitrug, sie völlig wanken zu machen. Ließ das göttliche und +unabänderliche Gesetz der Erstgeburt Frauen zu, oder schloß es dieselben +aus? In der einen wie in der andern Voraussetzung wären die Hälfte der +europäischen Regenten Usurpatoren, die trotz der Befehle des Himmels +regierten und von den rechtmäßigen Erben außer Besitz gebracht werden +<span class = "pagenum">I.48</span> +<a name = "pageI_48" id = "pageI_48"> </a> +könnten. Diese widersinnigen Theorien fanden keine Begründung in dem +alten Testamente, denn wir lesen darin, daß das auserwählte Volk +getadelt und bestraft ward, weil es einen König haben wollte, und daß es +später den Befehl erhielt, ihm den Gehorsam zu verweigern. Die ganze +Geschichte jenes Volks unterstützt nicht nur die Ansicht von der +göttlichen Einsetzung des Erstgeburtsrechts nicht, sie scheint vielmehr +anzudeuten, daß der Himmel die jüngern Brüder unter seinen besondern +Schutz genommen habe. Isaak war nicht der älteste Sohn Abrahams, Jakob +nicht der Isaaks, Juda nicht der Jakobs, David nicht der Isais, Salomon +nicht der Davids. In den Ländern, wo die Vielweiberei herrscht, wird die +Altersordnung unter den Kindern selten streng beobachtet. Durch die +Stellen des neuen Testamentes, welche die Regierung als eine Anordnung +Gottes bezeichnen, ward Filmers System eben so wenig unterstützt, denn +die Regierung, unter der die Autoren des neuen Testaments lebten, war +keine erbliche Monarchie. Die römischen Kaiser waren vom Senate ernannte +Magistratspersonen, und keiner derselben behauptete, kraft des Rechtes +der Geburt zu regieren; <a class = "tag" name = "tagA" id = "tagA" href += "#noteA">A</a>weder Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch +Nero, dem zu gehorchen Paulus den Römern befahl, waren der +patriarchalischen Regierungs­theorie nach faktisch Usurpatoren<a +class = "tag" href = "#noteA">A</a>. Im Mittelalter würde man die Lehre +vom unveräußerlichen Erbrechte für ketzerisch gehalten haben, denn sie +war mit den großen Ansprüchen der römischen Kirche völlig unvereinbar. +Auch den Gründern der englischen Kirche war sie unbekannt. Die Homilie +über die vorsätzliche Empörung hatte den Gehorsam gegen die eingesetzte +Obrigkeit kräftig, und wahrlich zu kräftig, eingeprägt; aber sie machte +weder zwischen erblichen und Wahlmonarchien, noch zwischen Monarchien +und Republiken einen Unterschied. Die meisten Vorgänger Jakobs würden +gewißlich aus persönlichen Beweggründen der patriarchalischen +Regierungs­theorie abgeneigt gewesen sein. Wilhelm der Rothe, +Heinrich I., Stephan, Johann, Heinrich IV., Heinrich V., +Heinrich VI., Richard III. und Heinrich VII., alle hatten regiert, +ohne sich an die strenge Ordnung der Erbfolge zu kehren. Über die +Legitimität Maria’s und Elisabeths schwebte ein ernster Zweifel ob. Daß +Katharina von Aragonien und Anna Boleyn beide rechtmäßige Frauen +Heinrichs VIII. gewesen, war unmöglich, und die höchste Autorität des +Reichs hatte beide Fälle geleugnet. Die Tudors betrachteten das +Erbfolgegesetz so wenig als eine göttliche unantastbare Einsetzung, daß +sie stets daran zu ändern suchten. Heinrich VIII. erlangte einen +Parlamentsbeschluß, wonach er ermächtigt war, testamentarisch über die +Krone zu verfügen, und wirklich machte er auch zum Nachtheile der +königlichen Familie von Schottland ein Testament. Eduard VI. nahm +sich, ohne Ermächtigung vom Parlamente, ein ähnliches Recht, und die +bedeutendsten Reformatoren billigten es. Elisabeth, überzeugt, daß ihr +eigener Rechtsanspruch ernsten Anfechtungen ausgesetzt war, und nicht +geneigt, ihrer Nebenbuhlerin und Feindin, der Königin von Schottland, +auch nur das Recht der Anwartschaft zu belassen, wußte das Parlament zur +Beschließung eines Gesetzes zu bewegen, wonach Jeder, der die Befugniß +des regierenden Herrschers, mit Genehmigung der Reichsstände die +Thronfolge zu ändern, anfechten würde, den Tod des Verräthers erleiden +solle. Aber die Lage Jakobs war eine ganz andere, als die Elisabeths. +Wenn auch an Fähigkeiten ihr nachstehend, und weniger bei dem Volke +beliebt, wenn auch von den Engländern als ein Fremder betrachtet und +durch das Testament Heinrichs VIII. vom Throne ausgeschlossen, war +<span class = "pagenum">I.49</span> +<a name = "pageI_49" id = "pageI_49"> </a> +der König von Schottland dennoch der unzweifelhafte Erbe Wilhelms des +Eroberers und Egberts. Deshalb hatte er ein naheliegendes Interesse, +wenn er die abergläubische Ansicht einschärfte, die Geburt verleihe +Rechte, die über dem Gesetze ständen, und das Gesetz könne diese Rechte +nicht ändern. Diese Ansicht war übrigens seinem Verstande und seinem +Charakter entsprechend, auch fand sie nicht nur bald viel Vertheidiger +unter denen, die um seine Gunst buhlten, sondern machte auch schnelle +Fortschritte unter den Geistlichen der Staats­kirche.</p> + +<p>So wurden die Ansprüche des Monarchen gerade in der Zeit, wo sich im +Parlamente und im Lande der republikanische Geist stark zu regen begann, +so ausgedehnt, daß sie selbst dem hochfahrendsten und eigenmächtigsten +seiner Vorgänger auf dem Throne mißfallen haben würden.</p> + +<p>Jakob rühmte sich stets seiner Fertigkeit in dem, was er +Königs­kunstgriff nannte; und doch läßt sich kaum ein Verfahren +denken, das allen Regeln der Kunst eines Herrschers so zuwider wäre, als +das seine. Weise Regenten haben stets die Politik befolgt, Handlungen +der Gewalt unter populären Formen zu verbergen. Augustus und Napoleon +schufen auf diese Weise absolute Monarchien, indeß die Volksmenge sie +nur für hervorragende Bürger hielt, denen man zeitweilig die höchste +Gewalt übertragen. Die Politik Jakobs stand zu der dieser beiden Männer +im schroffsten Gegensatze. Er reizte und beunruhigte seine Parlamente +durch die wiederholte Erklärung, daß sie ihre Privilegien nur so lange +als es ihm beliebe besäßen, und daß sie eben so wenig die Rechtmäßigkeit +seiner eigenen Handlungen als die der Gottheit zu beurtheilen befugt +seien. Und dennoch beugte er sich ihnen, gab einen Minister nach dem +andern ihrer Rache preis, und ließ sich durch sie zu Handlungen bewegen, +die seinen Lieblingswünschen durchaus nicht entsprachen. Der Unwille +über seine Ansprüche wuchs gleichzeitig mit der Verachtung, die seine +Zugeständnisse erregten. Seine Vorliebe für unwürdige Günstlinge und die +Nachsicht mit der Tyrannei und Raubsucht derselben erhielten die +Unzufriedenheit beständig wach; seine Feigheit, sein kindisches Wesen, +seine Pedanterie, das Widrige in Person und Manieren und seine +provinzielle Sprache machten ihn zum Gegenstande des Gespötts. Selbst in +seinen Vorzügen und Talenten zeigte sich stets das Unkönigliche. In dem +Verlaufe seiner Regierung verloren alle jene ehrwürdigen +Ideenverbindungen, die so lange die Stütze des Thrones gewesen, nach und +nach ihre Kraft. Seit zweihundert Jahren waren alle Herrscher Englands, +mit Ausnahme des unglücklichen Heinrich VI., charakterfeste, +stolze, muthige und wirklich fürstliche Männer gewesen, und fast alle +hatten mehr als gewöhnliche Fähigkeiten besessen; es war daher kein +bedeutungsloser Umstand, daß gerade am Vorabend des entscheidenden +Kampfes zwischen unsern Regenten und ihren Parlamenten das Königthum +stammelnd, geifernd, unmännlich weinend, vor einem gezogenen Degen +bebend und bald im Tone des Narren, bald in dem eines Schulmeisters +redend, der Welt sich zeigen sollte.</p> + +<div class = "mynote"> +<p><a name = "noteA" id = "noteA" href = "#tagA">A...A</a> +»weder Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch Nero, dem +zu gehorchen Paulus den Römern befahl, waren der patriarchalischen +Regierungs­theorie nach faktisch Usurpatoren.«</p> + +<p><i>Satz ungeändert: übersetzungsfehler für</i></p> + +<p>»sowohl Tiberius ... als auch Nero ...«<br> +(<i>both Tiberius ... and Nero ... were ... usurpers</i>)</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Kluft zwischen der Kirche und den Puritanern wird größer.</span> +<a name = "secI_34" id = "secI_34">Inzwischen</a> waren die religiösen +Zwistigkeiten, die seit der Zeit Eduard VI. die Protestanten bewegt +hatten, furchtbarer als je geworden. Die Kluft zwischen der ersten +Generation der Puritaner einerseits und Cranmer und Jewel andererseits, +war in Vergleich zu der, welche die dritte Generation der Puritaner von +Laud und Hammond trennte, eine kleine. So lange Maria’s Grausamkeiten +noch in frischer Erinnerung standen, +<span class = "pagenum">I.50</span> +<a name = "pageI_50" id = "pageI_50"> </a> +die Macht der katholischen Partei noch Besorgnisse erweckte, und so +lange Spanien ein Übergewicht hatte und nach der Universalherrschaft +trachtete, waren sich alle reformirten Sekten eines starken, gemeinsamen +Interesses und eines gemeinsamen Todfeindes bewußt. Ihre Erbitterung +untereinander war im Vergleich zu der, die sie gegen Rom hegten, nur +schwach zu nennen. Conformisten und Nichtconformisten hatten einen +aufrichtigen Bund zur Erwirkung äußerst strenger Gesetze gegen die +Papisten geschlossen. Als aber mehr denn ein halbes Jahrhundert +ungestörten Besitzes der Staats­kirche Zuversicht eingeflößt, als +neun Zehntheile des Volks aufrichtig dem Protestantismus anhingen, als +England mit aller Welt in Frieden stand, als eine Gefahr, den Papismus +der Nation durch fremde Waffen aufgedrängt zu sehen, nicht mehr zu +fürchten war, und als die letzten Bekenner, die vor Bonner gestanden, +dahin waren, änderte sich die Stimmung der anglikanischen Geistlichkeit. +Ihre Abneigung gegen die römisch-katholische Lehre und Kirchendisziplin +war bedeutend schwächer <ins class = "correction" title = "Original hat »georden«">geworden</ins> ihre Abneigung gegen die Puritaner aber wuchs +mit jedem Tage. Die Streitigkeiten, die von Beginn an die +protestantische Partei zerrissen hatten, gestalteten sich der Art, daß +keine Hoffnung auf Aussöhnung blieb, und zu den alten Streitfragen +gesellten sich neue von noch größerer Wichtigkeit.</p> + +<p>Zwar hatten die Gründer der anglikanischen Kirche das Episkopat als +eine alte, gute und passende kirchliche Einrichtung beibehalten, aber +sie hatten nicht erklärt, daß diese Form der Kirchenverwaltung eine von +Gott eingesetzte sei. Wie gering Cranmer das Amt eines Bischofs hielt, +haben wir bereits gesehen. Jewel, Cooper, Whitgift und andere +hervorragende Religionslehrer unter der Regierung Elisabeths +vertheidigten die Prälatur als etwas Unschädliches und Nützliches, das +der Staat einzuführen befugt sei, und wenn es einmal eingeführt, auf die +Achtung jedes Bürgers Anspruch habe, aber nie läugneten sie, daß eine +christliche <ins class = "correction" title = "Original hat »Gemeine«">Gemeinde</ins> ohne Bischof eine reine Kirche sein könne, sie +betrachteten vielmehr die Protestanten auf dem Festlande als Glieder +einer Glaubensfamilie, der sie selbst angehörten. Wohl waren die +Engländer in England gehalten, die Autorität des Bischofs ebenso +anzuerkennen, wie ihnen die Autorität des Sheriffs und des Coroners +anzuerkennen oblag, aber diese Verpflichtung war nur eine örtliche. Ging +ein Mitglied der englischen Kirche, ja selbst ein englischer Prälat, +nach Holland, so fügte er sich ohne Bedenken der holländischen +Staats­kirche. Die Botschafter Elisabeths und Jakobs gingen im +Auslande mit vollem Gepränge zu demselben Gottesdienste, den Elisabeth +und Jakob in der Heimath übten, und mieden es sorgfältig, um den +schwächern Brüdern kein Ärgerniß zu geben, ihre Privatkapellen nach +anglikanischer Art auszuschmücken. Im Jahre 1603 erkannte die +Kirchenversammlung der Provinz Canterbury die Kirche von Schottland, +welche damals bischöfliche Beaufsichtigung und Ordination noch nicht +kannte, feierlich als einen Theil der heiligen, allgemeinen Kirche +Christi an.<a class = "tag" name = "tagI_6" id = "tagI_6" href = +"#noteI_6">6</a> Man hielt selbst presbyterianische Geistliche zu Sitz +und Stimme in ökumenischen Konzilien als berechtigt. Als die +Generalstaaten der Vereinigten Niederlande eine Synode von nicht +bischöflich ordinirten Lehrern in Dortrecht versammelten, betheiligten +sich ein englischer Bischof und ein englischer Dechant im Auftrag des +Oberhauptes der englischen Kirche an den Sitzungen dieser +Gottesgelehrten, +<span class = "pagenum">I.51</span> +<a name = "pageI_51" id = "pageI_51"> </a> +predigten und stimmten mit ihnen über die wichtigsten theologischen +Fragen ab.<a class = "tag" name = "tagI_7" id = "tagI_7" href = +"#noteI_7">7</a> Es befanden sich auch viel englische Pfründen in den +Händen von Geistlichen, die früher in der auf dem Festlande üblichen +Weise der Calvinisten zu ihrem Amte geweiht waren, und man hatte die +Reordination durch einen Bischof in solchen Fällen nicht für nöthig, +selbst für ungesetzlich gehalten.</p> + +<p>Aber eine neue Art von Theologen begann in der englischen Kirche +bereits aufzutauchen. Nach der Ansicht derselben war das Amt des +Bischofs zur Wohlfahrt einer christlichen Gemeinschaft und zur Förderung +der Wirksamkeit der feierlichsten Religionsgebräuche wesentlich. Es +gehören zu jenem Amte gewisse hohe und heilige Vorrechte, die +menschliche Macht weder verleihen noch entziehen könne. Eine Kirche, +sagten sie, welche die apostolische Nachfolge abschaffte, könne eben so +gut auch die Lehre von der Dreieinigkeit oder der Menschwerdung +abschaffen, und die römische Kirche, welche bei allen ihren +Verderbnissen die apostolische Nachfolge beibehalten, sei der +ursprünglichen Reinheit näher, als jene reformirten Gemeinden, welche +vorschnell, dem göttlichen Muster geradezu entgegen, ein von Menschen +ersonnenes System aufgestellt hätten.</p> + +<p>Zur Zeit Eduards VI. und Elisabeths hatten die Vertheidiger des +anglikanischen Rituals, sich gewöhnlich mit dem Ausspruche begnügt, daß +das Ritual ohne Sünde angewendet werden könne, und jeder, der sich +weigere, es auf Verordnung der Obrigkeit anzuwenden, sei ein +störrischer, ungehorsamer Unterthan. Die neu erstehende Partei aber, die +für die Institutionen der Kirche einen himmlischen Ursprung bezeichnete, +begann ihren religiösen Handlungen eine Würde und Bedeutung beizulegen. +Man deutete an, daß der Fehler des eingeführten Gottesdienstes, wenn er +überhaupt einen habe, in seiner zu großen Einfachheit bestehe, und daß +die Reformatoren in dem Eifer des Streites mit Rom viel alte Ceremonien +abgeschafft, die man füglich hätte beibehalten können. Man zollte +gewissen Tagen und Orten wiederum eine mystische Verehrung; Gebräuche, +die man lange außer Anwendung gesetzt und als abergläubische Spielereien +betrachtet, wurden wieder hervorgerufen; Gemälden und Schnitzwerken, +welche der Zerstörungswuth der ersten Generation der Protestanten +entkommen waren, ließ man nun wieder eine Verehrung angedeihen, die +Viele für götzendienerisch hielten.</p> + +<p>Die Reformatoren verabscheuten keinen Theil des alten Kirchensystems +mehr, als die dem Cölibate gezollte Hochachtung. Sie waren der Ansicht, +daß schon der Apostel Paulus die römische Lehre über diesen Punkt als +die des Teufels prophetisch verdammt habe, und sprachen gern und viel +über die Verbrechen und Ärgernisse, welche diese schreckliche Anklage zu +begründen den Anschein hatten. Luther hatte seine Ansicht, indem er eine +Nonne heirathete, sehr klar an den Tag gelegt. Einige der +ausgezeichnetsten Bischöfe und Priester, die unter der Regierung Maria’s +den Feuertod erlitten, hatten Frauen und Kinder hinterlassen. Jetzt aber +tauchte das Gerücht auf, der alte Mönchsgeist lasse sich in der +englischen Kirche wieder +<span class = "pagenum">I.52</span> +<a name = "pageI_52" id = "pageI_52"> </a> +verspüren, höhern Orts hege man Abneigung gegen verheirathete Priester, +Laien, die Protestanten seien, hätten in Bezug auf das Cölibat +Entschlüsse gefaßt, die fast Gelübden glichen, und selbst ein Diener der +Staats­kirche habe ein Nonnenkloster gegründet, in welchem ein +Verein gottgeweihter Jungfrauen um Mitternacht Psalmen sängen.<a class = +"tag" name = "tagI_8" id = "tagI_8" href = "#noteI_8">8</a></p> + +<p>Dies war jedoch nicht Alles. Eine Klasse von Fragen, über welche bei +den Gründern der anglikanischen Kirche und der ersten Generation der +Puritaner wenig oder gar keine Meinungs­verschiedenheit herrschte, +rief nach und nach einen heftigen Streit hervor. Die Controversen, +welche die protestantische Partei in ihrer Kindheit schon entzweit, +hatten sich fast ausschließlich auf Kirchenregiment und Kirchengebräuche +bezogen, und über Punkte der metaphysischen Theologie war es zwischen +den streitenden Parteien zu einem ernsten Kampfe nicht gekommen. Die +Lehren von Erbsünde, Glauben, Gnade, Prädestination und Gnadenwahl, an +denen die Häupter der Hierarchie festhielten, waren die, welche man +gewöhnlich calvinisch nannte. Der Erzbischof Whitgift, ihr +Lieblingsprälat, entwarf im Verein mit dem Bischof von London und andern +Theologen gegen das Ende der Regierung Elisabeths die berühmte Schrift, +die unter dem Namen der „Lambeth-Artikel“ bekannt ist. Es werden darin +die stärksten calvinistischen Lehren mit einer Bestimmtheit behauptet, +die vielen Calvinisten unserer Zeit anstößig sein würde. Ein +Geistlicher, der entgegengesetzter Ansicht war und sich hart über Calvin +äußerte, wurde von der Universität Cambridge dieser Vermessenheit wegen +angeklagt, und entging der Strafe nur dadurch, daß er sich öffentlich zu +den Lehren von der Verdammniß und dem endlichen Beharren bekannte, und +seine Reue über die Beleidigung aussprach, die er frommen Männern durch +seine Angriffe auf den großen französischen Reformator zugefügt habe. +Zwischen Cranmer’s und Lauds Schulen steht jene theologische, deren +Haupt Hooker war, in der Mitte, und die Arminianer haben Letztern in der +neueren Zeit als ihren Genossen betrachtet; aber dennoch erklärte Hooker +Calvin für einen Mann, der <ins class = "correction" title = "Original hat »alle«">allen</ins> andern Theologen, die Frankreich je +hervorgebracht, an Weisheit überlegen sei, für einen Mann, dem Tausende +ihre Kenntniß der göttlichen Wahrheit verdankten, er selbst aber, +Calvin, sei nur Gott zu Danke verpflichtet. Als in Holland der +arminianische Streit begann, standen die englische Regierung und die +englische Kirche der calvinistischen Partei kräftig bei, und jene +Flecken, welche durch die Einkerkerung des Grotius und den Justizmord +des Barneveldt auf dieser Partei haften, trägt auch zum Theil der +englische Name.</p> + +<p>Vor dem Zusammentritt der holländischen Synode hatte indeß jene +Partei der anglikanischen Geistlichkeit, die dem calvinistischen +Kirchenregimente und dem calvinistischen Gottesdienste besonders abhold +war, angefangen, die calvinistische Metaphysik mißfällig zu betrachten, +und dieses Mißfallen ward natürlich durch die auffallende +Ungerechtigkeit, Anmaßung und Grausamkeit der in Dortrecht +vorherrschenden Partei noch vermehrt. Die arminianische Lehre, nicht so +streng logisch als die der früheren Reformatoren, aber den +Volksbegriffen von der göttlichen Gerechtigkeit und Güte entsprechender, +fand eine rasche und weite Verbreitung. Auch der Hof ward +<span class = "pagenum">I.53</span> +<a name = "pageI_53" id = "pageI_53"> </a> +bald davon ergriffen. Ansichten, die zur Zeit der Thronbesteigung Jakobs +kein Geistlicher aussprechen durfte, ohne den Verlust seines +Priesterrockes befürchten zu müssen, gaben jetzt den besten Anspruch auf +Beförderung. Ein Geistlicher jener Zeit, der von einem schlichten +Landedelmann befragt ward, was die Arminianer denn eigentlich +behaupteten, gab die eben so wahre als witzige Antwort: sie behaupten +die besten Bisthümer und Dekaneien Englands.</p> + +<p>Zu gleicher Zeit, als ein Theil des anglikanischen Clerus die +ursprünglich eingenommene Stellung nach einer Richtung hin verließ, wich +ein Theil der Puritaner gerade in entgegengesetzter Richtung von den +Grundsätzen und Gewohnheiten seiner Väter ab. Die von den Separatisten +erlittene Verfolgung war zwar hart genug gewesen, um zu erbittern, aber +zu gelind, um zu vernichten; man hatte sie nicht bis zur Unterwürfigkeit +gezähmt, sondern bis zur Wildheit und Unbeugsamkeit emporgestachelt. Wie +alle unterdrückten Sekten, hielten auch sie ihre eigenen Rachegefühle +für fromme Regungen, erhöhten durch Lesen und Nachdenken den Hang, über +ihre Leiden zu brüten, und bildeten sich ein, wenn sie sich bis zum +Hasse gegen ihre Feinde aufgeregt, daß sie die Feinde des Himmels +haßten. Wenn sich auch im neuen Testamente nur wenig fand, was selbst +bei unredlich verfälschter Auslegung dem Ergeben gehässiger +Leidenschaften scheinbar Nachsicht gewährte, so enthielt doch das alte +Testament die Geschichte eines Volks, das von Gott zum Zeugen seiner +Einheit und zum Diener seiner Rache auserwählt worden, und dem er +besonders mancherlei Dinge zu thun befohlen, die, ohne sein +ausdrückliches Geheiß verübt, die gräßlichsten Verbrechen gewesen wären. +In einer solchen Geschichte Vieles zu finden, was sich durch Verdrehung +den betreffenden Wünschen entsprechend machen ließ, konnte erbitterten +und düstern Gemüthern nicht schwer fallen. Bei den extremen Puritanern +begann sich nun eine Vorliebe für das alte Testament zu bilden, die sich +in ihrer ganzen Denkart und in allen ihren Gebräuchen zeigte, wenn sie +es auch sich selbst nicht offen eingestehen mochten. Der hebräischen +Sprache zollten sie eine Verehrung, die sie der Sprache versagten, in +welcher uns die Unterredungen Jesu und die Briefe des Paulus überliefert +worden; ihren Kindern gaben sie in der Taufe nicht die Namen +christlicher Heiligen, sondern die hebräischer Patriarchen und Krieger; +den wöchentlichen Festtag, den die Kirche von den ältesten Zeiten an zum +Andenken an die Auferstehung des Herrn begeht, verwandelten sie, +ungeachtet der ausdrücklichen und wiederholten Erklärungen Luthers und +Calvins, in einen jüdischen Sabbath; Rechtsgrundsätze suchten sie in den +mosaischen Bestimmungen, und Vorgänge, die ihrem gewöhnlichen Verhalten +als Muster dienen sollten, in den Büchern der Richter und Könige; ihre +Gedanken und Gespräche dreheten sich meistens um Handlungen, die man +sicherlich nicht als nachahmungswürdige Beispiele für uns +niedergeschrieben hat. Der Prophet, der einen gefangenen König in Stücke +hieb, der ungehorsame Feldherr, der das Blut einer Königin den Hunden +gab, das Weib, das ungeachtet eines <ins class = "correction" title = +"Original hat »ge-/gegebenen« am Linienende">gegebenen</ins> +Versprechens und der morgenländischen Gastfreundschaft zum Trotz, mit +einem Nagel das Gehirn des flüchtigen Bundesgenossen durchbohrte, der an +ihrem Tische gesessen und unter ihrem Zelte schlief, diese alle wurden +den unter der Tyrannei von Fürsten und Prälaten leidenden Christen als +Muster aufgestellt. Moral und Sitten wurden von einem Codex abhängig +gemacht, der dem der Synagoge in ihrem schlechtesten +<span class = "pagenum">I.54</span> +<a name = "pageI_54" id = "pageI_54"> </a> +Zustande glich. Kleidung, Haltung, Sprache, Studien und Vergnügungen +dieser strengen Sekte waren nach Grundsätzen geregelt, ähnlich denen der +Pharisäer, die im Stolze auf ihre rein gewaschenen Hände und breiten +Gedenkzettel den Erlöser als einen Sabbathschänder und Säufer schmähten. +Einen Maibaum mit Kränzen zu schmücken, die Gesundheit eines Freundes zu +trinken, einen Falken fangen zu lassen, einen Hirsch zu jagen, +Schmachtlocken zu tragen, die Halskrause zu stärken, das Spinett zu +schlagen oder die Königin der Feen zu lesen, war eine Sünde. +Vorschriften dieser Art, die dem freien und fröhlichen Geiste Luthers +unerträglich, und dem hellen philosophischen Verstande Zwingli’s +verächtlich erschienen sein würden, breiteten ein mehr als mönchisches +Duster über das ganze Leben. Die Gelehrsamkeit und Redekunst, durch die +sich die großen Reformatoren so hoch auszeichneten, und denen sie +größtentheils ihre Erfolge verdankten, betrachtete die neue Schule der +Protestanten mit Argwohn, wenn nicht selbst mit Abneigung. — +Einige der Rigorösesten trugen sogar Bedenken, aus der lateinischen +Grammatik Unterricht ertheilen zu lassen, weil die Namen Mars, <ins +class = "correction" title = "Original hat »Bachus«">Bacchus</ins> und +Apollo darin vorkamen. Die schönen Künste waren so gut wie verpönt; der +feierliche Klang der Orgel erschien abergläubisch; die leichte Musik von +Ben Jonson’s Maskenspielen galt für unsittlich; die eine Hälfte der +schönen Gemälde in England war götzendienerisch, die andere unanständig. +Den extremen Puritaner konnte man sofort an seinem Gange, seiner +Kleidung, seinem glatten Haare, der kalten Feierlichkeit seines +Gesichts, dem emporgekehrten Weißen der Augen, der näselnden Sprache und +vor Allem an seiner eigenthümlichen Ausdrucksweise erkennen. Bei jeder +Gelegenheit wendete er Bilder und Styl der heiligen Schrift an. +Hebräismen, gewaltsam in die englische Sprache verflochten, und +Metaphern, der kühnsten lyrischen Poesie eines fernen Zeitalters und +Landes entlehnt, und auf die gewöhnlichsten Angelegenheiten des +englischen Lebens angewendet, waren die hervorragendsten +Eigenthüm­lichkeiten dieses Sprachgemisches, das mit vollem Rechte +den Spott der Prälatisten sowohl als der Freigeister nach sich zog.</p> + +<p>Das politische und religiöse Schisma, das im sechzehnten Jahrhunderte +sich gebildet hatte, ward im ersten Viertheile des siebzehnten +Jahrhunderts stets größer. In Whitehall waren Theorien Mode, die sich +dem türkischen Despotismus näherten; der größte Theil des Unterhauses +huldigte Theorien, die sich dem Republikanismus zuneigten. Die eifrigen +Prälatisten, die bis auf den letzten Mann für das Hoheitsrecht kämpften, +und die eifrigen Puritaner, welche eben so heftig für die Privilegien +des Parlaments stritten, standen sich mit einer viel größern Erbitterung +gegenüber, als in der vorangegangenen Generation je zwischen Katholiken +und Protestanten geherrscht hat.</p> + +<p>Bei dieser Gemüthsstimmung der Menschen ward das Land nach einem +langjährigen Frieden in einen Krieg verwickelt, der große Anstrengungen +nöthig machte. Durch diesen Krieg ward die große constitutionelle Krisis +beschleunigt. Der König brauchte eine starke Militär-Macht, diese konnte +er ohne Geld nicht erlangen, und Geld war ohne Zustimmung des Parlaments +auf gesetzlichem Wege nicht zu erheben. Hieraus ging hervor, daß er +entweder im Sinne des Hauses der Gemeinen regieren, oder eine Verletzung +der Grundgesetze des Landes wagen mußte, die man seit mehreren Hundert +Jahren nicht mehr kannte. Die Plantagenets und Tudors hatten zwar bei +vorkommenden Gelegenheiten einen Ausfall in ihren Einkünften +<span class = "pagenum">I.55</span> +<a name = "pageI_55" id = "pageI_55"> </a> +durch freiwillige oder gezwungene Anleihen gedeckt, aber diese +Aushilfsmittel waren immer nur vorübergehend. Die regelmäßigen +Bedürfnisse eines langen Kriegs durch regelmäßige Steuern, ohne +Einwilligung der Stände des Reichs ausgeschrieben, zu decken, war ein +Verfahren, dessen Ausführung selbst Heinrich VIII. nicht gewagt haben +würde. So schien die entscheidende Stunde zu nahen, in der entweder das +englische Parlament das Schicksal der festländischen Senate theilen, +oder das höchste Übergewicht im Staate erlangen müsse.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteI_6" id = "noteI_6" href = "#tagI_6">6.</a> +<span class = "antiqua">Canon 55. of 1603.</span></p> + +<p><a name = "noteI_7" id = "noteI_7" href = "#tagI_7">7.</a> +Joseph Hall, damals Dechant von Worcester und später Bischof von +Norwich, war einer jener Abgeordneten. In seiner Selbstbiographie sagt +er: „Meine Unwürdigkeit wurde zu einem Theilnehmer an dieser +ehrenwerthen, wichtigen und verehrungswürdigen Versammlung ernannt.“ +Diese Demuth wird Hochkirchenmännern nicht recht am Platze +erscheinen.</p> + +<p><a name = "noteI_8" id = "noteI_8" href = "#tagI_8">8.</a> +<span class = "antiqua">Peckard’s Life of Ferrar.</span> Das +arminianische Nonnenkloster, oder eine kurze Beschreibung der vor Kurzem +gestifteten klösterlichen Anstalt, das arminianische Nonnenkloster +genannt, zu Little Gidding in Huntingdonshire, 1641.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Thronbesteigung und Charakter Karls I.</span> +<a name = "secI_35" id = "secI_35">In</a> dieser verhängnißvollen Zeit +starb Jakob, und Karl I. bestieg nach ihm den Thron. Die Natur +hatte ihn mit einem größern Verstande, mit einem stärkern Willen und +einem strengern, festern Charakter begabt, als seinen Vater. Die +politischen Theorien desselben hatte er nicht nur geerbt, er war auch +weit mehr als jener geneigt, sie praktisch auszuführen. Er war wie jener +ein eifriger Anhänger der bischöflichen Kirche, außerdem, was der Vater +nie gewesen, ein eifriger Arminianer, und sah, obgleich kein Papist, +dennoch einen Papisten lieber, als einen Puritaner. Man würde ungerecht +sein, wollte man läugnen, daß Karl einige der Eigenschaften eines guten, +ja selbst eines großen Fürsten besaß. Er schrieb und sprach nicht mit +der Genauigkeit eines Professors, wie sein Vater, sondern wie ein +intelligenter, wohlunterrichteter Edelmann. Sein Geschmack in Literatur +und Kunst war vortrefflich, seine Manieren waren würdevoll, wenn auch +nicht gewinnend, und sein häusliches Leben tadellos. Treulosigkeit war +der Hauptgrund zu seinem Mißgeschick, und bildet den schwärzesten Fleck +auf seinem Andenken, denn er besaß wirklich einen unheilbaren Hang, +dunkle und krumme Wege zu gehen. Es erscheint seltsam, daß sein Gewissen +ihn dieses großen Lasters wegen nie plagte, während es bei unbedeutenden +Gelegenheiten sich ziemlich empfindsam zeigte; man muß indeß mit gutem +Grunde annehmen, daß er nicht nur aus Neigung und Gewohnheit, sondern +aus Grundsatz treulos war. Man möchte glauben, er habe von den +Theologen, die er hoch schätzte, gelernt, daß zwischen ihm und seinen +Unterthanen kein gegenseitiger Vertrag bestehe, daß er sich seiner +despotischen Autorität, auch wenn er wollte, nicht entäußern dürfe, und +daß in jedem seiner Versprechen der stillschweigende Vorbehalt liege, es +im Falle der Nothwendigkeit wieder brechen zu können, und daß ihm allein +die Entscheidung zustehe, ob dieser Nothfall eingetreten sei.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Taktik der Opposition im Hause der Gemeinen.</span> +<a name = "secI_36" id = "secI_36">Und</a> nun begann das gewagte Spiel, +das über das Geschick des englischen Volks entschied. Auf Seite des +Hauses der Gemeinen ward mit Eifer, aber auch mit +bewunderungs­würdiger Geschicklichkeit, Ruhe und Ausdauer, gespielt. +An der Spitze der Versammlung standen große Staats­männer, die weit +zurück und weit hinaus zu blicken vermochten, und diese waren +entschlossen, den König in eine Lage zu versetzen, daß er entweder nach +den Wünschen des Parlamentes regieren, oder die heiligsten Grundsätze +der Verfassung gewaltsam antasten müsse. Aus diesem Grunde bewilligten +sie ihm nur kärgliche Geldunterstützungen. Der König erkannte, daß er +entweder im Einverständnisse mit dem Hause der Gemeinen, oder mit allen +Gesetzen im Widerspruche regieren müßte, und sein Entschluß stand bald +fest: er löste sein erstes Parlament auf und erhob aus eigner +Machtvollkommenheit Steuern. Nun berief er ein zweites Parlament, und +fand es noch unbeugsamer als das erste. Wiederum nahm er zu dem Mittel +<span class = "pagenum">I.56</span> +<a name = "pageI_56" id = "pageI_56"> </a> +der Auflösung seine Zuflucht, erhob, ohne den leisesten Anschein eines +gesetzlichen Rechts, neue Steuern, und ließ die Führer der Opposition +einkerkern. Eine neue Beschwerde, welche die eigenthümlichen Gefühle und +Gewohnheiten des englischen Volks zu einer kaum erträglichen Last +machten und die allen scharfblickenden Männern als eine furchtbare +Vorbedeutung erschien, erregte zu derselben Zeit allgemeine +Unzufriedenheit und Unruhe: es wurden Compagnien Soldaten bei dem Volke +einquartiert und das Kriegsrecht verdrängte an einigen Orten die alten +Rechte des Reichs.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Bitte um Recht.</span> +<a name = "secI_37" id = "secI_37">Der</a> König berief ein drittes +Parlament, und bald ward er gewahr, daß ihm die Opposition stärker und +heftiger entgegentrat, als je. Nun entschloß er sich, die Taktik zu +ändern. Statt den Forderungen der Gemeinen hartnäckig entgegen zu sein, +ging er nach manchem Streite und manchen Ausflüchten auf einen Vergleich +ein, der, wenn er ihm treulich nachgekommen wäre, ein dauerndes Ungemach +abgewendet haben würde. Das Parlament bewilligte eine namhafte +Geldunterstützung; der König bestätigte feierlich das berühmte Gesetz, +das unter dem Namen der Bitte des Rechts bekannt ist, und die zweite +große Urkunde der Freiheiten Englands bildet. Durch die Bestätigung +dieses Gesetzes legte er sich zugleich die Verpflichtung auf, nie wieder +ohne Bewilligung der Häuser Geld zu erheben, nie wieder eine Person, +wenn nicht der Rechtsgang dabei beobachtet, einzukerkern, und nie wieder +das Volk den Kriegs­gerichten zu unterwerfen.</p> + +<p>Der Tag, an welchem nach langem Zögern dieses wichtige Aktenstück +feierlich die königliche Sanktion erhielt, war ein Tag der Freude und +der Hoffnung. Die an den Schranken des Hauses der Lords versammelten +Gemeinen erhoben ein lautes Jubelgeschrei, als der Sekretär die Worte +der Formel ausgesprochen, durch welche seit Jahrhunderten unsere Fürsten +den Wünschen der Reichsstände ihre Zustimmung zu ertheilen pflegten. +— Die Stimme der Hauptstadt und der Nation war der Wiederhall +dieses Jubels; aber schon nach drei Wochen zeigte es sich, daß Karl +nicht die Absicht hatte, den geschlossenen Vertrag zu halten. Das von +den Volksvertretern bewilligte Geld ward erhoben; das Versprechen, durch +welches die Bewilligung erlangt, ward gebrochen. Es entspann sich ein +heftiger Kampf. Das Parlament ward in einer Weise aufgelös’t, die +deutlich das Mißfallen des Königs bekundete. Einige der hervorragendsten +Mitglieder wurden eingekerkert, und eins derselben, Sir Johann Elliot, +starb im Gefängnisse nach jahrelangen Leiden.</p> + +<p>Karl wagte indeß nicht, die zur Fortführung des Kriegs erforderlichen +Steuern aus eigener Machtvollkommenheit ferner zu erheben; er beeilte +sich demnach, Frieden mit seinen Nachbarn zu schließen, und befaßte sich +von da an nur mit Britanniens politischen Angelegenheiten.</p> + +<p>Eine neue Ära begann. Viele englische Könige hatten nur bei gewissen +Gelegenheiten verfassungs­widriger Handlungen sich schuldig gemacht, +aber keiner hatte es noch unternommen, sich systematisch zu einem +Despoten zu machen, und das Parlament bis zu einem Nichts +herabzubringen. Und dies war das Ziel, nach welchem Karl unverkennbar +strebte. Die Häuser wurden vom März 1629 bis zum April 1640 nicht wieder +zusammenberufen. Unsere Geschichte wies keinen Zeitraum von elf Jahren +nach, der zwischen einem und dem nächsten Parlamente gelegen; nur ein +Mal hat es einen halb so langen Zwischenraum gegeben. Diese Thatsache +allein +<span class = "pagenum">I.57</span> +<a name = "pageI_57" id = "pageI_57"> </a> +widerlegt die Behauptung, daß Karl nur in die Fußtapfen der Plantagenets +und Tudors getreten sei.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Bitte um Recht wird verletzt.</span> +<a name = "secI_38" id = "secI_38">Durch</a> Zeugnisse der eifrigsten +Anhänger des Königs ist bewiesen, daß er die Bestimmungen in der Bitte +um Recht in diesem Abschnitte seiner Regierung nicht nur bei einzelnen +Gelegenheiten, sondern fortwährend und systematisch verletzte; daß er +die Einkünfte größtentheils ohne gesetzliche Ermächtigung erhoben, und +daß er der Regierung mißliebige Personen, ohne gerichtliche Vorladung +und Verhör, Jahre lang im Kerker hat schmachten lassen.</p> + +<p>Für solche Handlungen muß die Geschichte den König als persönlich +verantwortlich erachten. Seit der Zeit seines dritten Parlaments war er +selbst sein erster Premierminister; nur einige Personen, deren Charakter +und Fähigkeiten seinen Plänen entsprachen, standen an der Spitze +verschiedener Verwaltungszweige.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Charakter und Absichten Wentworths.</span> +<a name = "secI_39" id = "secI_39">Thomas</a> Wentworth, erst zum Lord +Wentworth und dann zum Earl von Strafford ernannt, ein äußerst fähiger, +beredter und muthiger Mann, aber grausamen und herrschsüchtigen +Charakters, war in politischen und militärischen Angelegenheiten der +vertrauteste Rath des Königs. Früher eins der bedeutendsten Glieder der +Oppositionspartei, hegte er gegen die, deren Sache er verlassen, jene +eigenthümliche Abneigung, die in allen Zeiten die Apostaten +charakterisirt hat. Da die Gefühle, die Hilfsquellen und die Politik der +Partei, der er noch vor Kurzem angehört, ihm genau bekannt waren, hatte +er einen umfassenden, tief durchdachten Plan entworfen, der die kluge +Taktik der leitenden Staats­männer im Hause der Gemeinen fast +vereitelt hätte. Dieses Plans erwähnte er in seiner vertraulichen +Correspondenz unter der bezeichnenden Benennung: „Durch.“ Er +beabsichtigte, in England Alles, und mehr noch als das, zu thun, was +Richelieu in Frankreich gethan; Karl zu einem so unumschränkten +Monarchen zu machen, wie nur irgend einer auf dem Festlande existirte; +das Vermögen und die persönliche Freiheit des ganzen Volks unter die +Verfügung der Krone zu stellen; die Gerichtshöfe aller selbstständigen +Macht selbst in gewöhnlichen civilrechtlichen Angelegenheiten zwischen +Privatleuten zu berauben, und mit schonungsloser Härte alle die zu +bestrafen, die bei Handlungen der Regierung sich unzufrieden zeigten, +oder bei irgend einem Gerichtshofe um Abstellung derselben einkamen.<a +class = "tag" name = "tagI_9" id = "tagI_9" href = "#noteI_9">9</a></p> + +<p>Dies war sein Ziel, und den einzigen Weg, der zu diesem Ziele führte, +kannte er genau. Hätte er bei seiner wirklich klaren, zusammenhängenden +und bestimmten Anschauungsweise nicht ein seinem Vaterlande und seinen +Mitmenschen so verderbliches Ziel verfolgt, er würde die gerechtesten +Ansprüche auf hohe Bewunderung gehabt haben. Daß es nur ein einziges +Werkzeug gab, seine großen und kühnen Pläne auszuführen, und daß dieses +Werkzeug ein stehendes Heer sei, sah er klar ein. Mit der ganzen Energie +seines kräftigen Geistes strebte er nun nach der Errichtung eines +<span class = "pagenum">I.58</span> +<a name = "pageI_58" id = "pageI_58"> </a> +solchen Heeres. In Irland, wo er Vicekönig war, gelang ihm wirklich die +Einführung eines militärischen Despotismus, nicht nur über die +eingeborene Bevölkerung, sondern auch über die englischen Colonisten, +und er konnte sich mit Recht rühmen, daß der König auf dieser Insel so +unumschränkt sei, als nur irgend ein Fürst der Welt.<a class = "tag" +name = "tagI_10" id = "tagI_10" href = "#noteI_10">10</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteI_9" id = "noteI_9" href = "#tagI_9">9.</a> +Die Correspondenz Wentworths scheint mir das im Text Gesagte völlig zu +bestätigen. Alle Stellen abzuschreiben, die mich zu dem erlangten +Schlusse geführt, würde eben so unmöglich sein, als es nicht leicht ist, +eine bessere Auswahl zu treffen, als Mr. Hallam bereits getroffen hat. +Aber ich mache den Leser besonders auf die vortreffliche Schrift +aufmerksam, die Wentworth über die Angelegenheiten der Pfalz verfaßte. +Sie ist vom 31. März 1637 datirt.</p> + +<p><a name = "noteI_10" id = "noteI_10" href = "#tagI_10">10.</a> +Dies sind Wentworths eigene Worte. Siehe seinen Brief an Laud vom 16. +Decbr. 1634.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Charakter Laud’s.</span> +<a name = "secI_40" id = "secI_40">Die</a> Verwaltung der Kirche leitete +indeß hauptsächlich Wilhelm Laud, der Erzbischof von Canterbury. Mehr +als alle Prälaten der anglikanischen Kirche ist Laud von den Grundsätzen +der Reformation abgewichen, und Rom nahegetreten. Seine theologischen +Ansichten entfernten sich von denen der Calvinisten mehr, als selbst die +der holländischen Arminianer. Seine maßlose Vorliebe für Ceremonien, +seine Verehrung der Festtage, Vigilien und geheiligten Orte, seine übel +verhehlte Abneigung gegen die Ehe der Priester, sein glühender und von +Eigennutz nicht völlig freier Eifer, mit dem er den Anspruch des Clerus +auf das ehrerbietige Benehmen der Laien vertrat, würden ihm den Haß der +Puritaner zugezogen haben, auch wenn er nur gesetzliche und milde Mittel +zur Erreichung seiner Pläne verwendet hätte. Aber sein Verstand war ein +beschränkter, und mit der Welt hatte er nur in geringem Verkehre +gestanden. Er war heftig und reizbar von Natur, lebhaft empfindlich, +wenn es seine eigene Würde galt, kalt für die Leiden Anderer, und zu dem +bei abergläubischen Menschen gewöhnlichen Irrthume geneigt, die eigenen +mürrischen und gehässigen Launen für die Regungen eines gottesfürchtigen +Eifers zu halten. Jeder Winkel des Reichs ward unter seiner Leitung +einer unausgesetzten und scharfen Beaufsichtigung unterworfen; jeder +kleine Separatisten-Verein ward <ins class = "correction" title = +"Fehler für »aufgespürt«?">ausgespürt</ins> und aufgelöst, selbst die +Privat­andachts­Ã¼bungen der Familien entgingen den Späherblicken +seiner Kundschafter nicht. Die Furcht vor seiner Härte war so groß, daß +der tödtliche Haß gegen die allgemeine Kirche, der sich unzähliger +Herzen bemächtigt, unter dem äußern Scheine voller Übereinstimmung mit +derselben allgemein verborgen ward. Selbst an dem Vorabende der für ihn +und seinen Stand so verhängnißvollen Unruhen konnten ihm die Bischöfe +mehrerer umfangreichen Diöcesen noch berichten, daß in ihren Sprengeln +auch nicht ein Dissidenter mehr zu finden sei.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Sternkammer und Hohe Commission.</span> +<a name = "secI_41" id = "secI_41">Die</a> Gerichtshöfe gewährten den +Unterthanen gegen die bürgerliche und geistliche Tyrannei jener Periode +keinen Schutz. Die Richter des gemeinen Rechts, die ihre Stellen nur so +lange bekleideten, als es dem Könige beliebte, zeigten sich in +empörender Weise willfährig; aber ungeachtet ihrer Willfährigkeit waren +sie dennoch nicht so bereitwillige und wirksame Werkzeuge der +Willkür-Gewalt, als eine Klasse von Gerichtshöfen, die noch jetzt, nach +mehr als zweihundert Jahren, in dem Andenken des Volks tief verabscheut +wird. An der Spitze dieser Gerichtshöfe, durch Macht und Ehrlosigkeit +gleich ausgezeichnet, standen die Sternkammer und die Hohe Commission; +die Erstere war ein politisches, die Letztere ein religiöses +Inquisitions­gericht, und keins von Beiden war aus der alten +Verfassung Englands hervorgegangen. Die Sternkammer war von den Tudors +umgestaltet, und die Hohe Commission hatten sie erschaffen. War die +Gewalt dieser Höfe schon vor der Thronbesteigung Karls ausgedehnt und +furchtbar gewesen, so zeigte sie sich jetzt +<span class = "pagenum">I.59</span> +<a name = "pageI_59" id = "pageI_59"> </a> +in einer Gestalt, daß jene nur gering erscheint. Von dem gewaltigen +Geiste des Primas hauptsächlich geleitet, und von der parlamentarischen +Aufsicht befreit, bethätigten sie eine Raubgier, eine Grausamkeit und +eine boshafte Energie, die man in frühern Zeiten nie gekannt hatte. Mit +Hilfe derselben war es der Regierung möglich, nach Willkür Geldstrafen +aufzuerlegen, einzukerkern, an den Pranger zu stellen und zu +verstümmeln. Zu York hatte ein besonderer Rath unter dem Präsidium +Wentworths seinen Sitz, der, im Widerspruch mit dem Gesetz und nur durch +die eigene Machtvollkommenheit des Königs ernannt, eine fast maßlose +Gewalt über die nördlichen Grafschaften ausübte. Alle diese +Gerichtshöfe, der Autorität von Westminsterhall Hohn und Trotz bietend, +verübten täglich Excesse, welche selbst von den hervorragendsten +Royalisten hart getadelt wurden. Nach Clarendons Bericht gab es kaum +einen bedeutenden Mann im Königreiche, der die Härte und Gier der +Sternkammer nicht aus eigener Erfahrung kennen gelernt; die Hohe +Commission verfuhr in einer Weise, daß ihr kaum noch ein Anhänger im +Lande geblieben, und durch die Tyrannei des Raths von York war nördlich +vom Trent die Magna Charta zu einem todten Buchstaben geworden.</p> + +<p>Bis auf einen Punkt war nun die englische Regierung eben so +despotisch, als die französische; aber dieser eine Punkt enthielt eine +hohe Bedeutung: es gab noch kein stehendes Heer, und folglich auch keine +Sicherheit dafür, daß nicht das ganze Gebäude der Tyrannei an einem Tage +zertrümmert werden könne. Wollte aber der König aus eigener +Machtvollkommenheit Steuern zum Unterhalte eines Heeres auferlegen, so +hatte man, aller Wahrscheinlichkeit nach, sofort den heftigen Ausbruch +eines Aufstandes zu fürchten. Durch diese Schwierigkeit ward Wentworth +mehr als durch jede andere in Verlegenheit gesetzt. Man griff nun +begierig zu einem Auskunftsmittel, das Finch, der Lord Siegelbewahrer, +in Übereinstimmung mit andern der Regierung dienenden Rechtsgelehrten, +empfohlen hatte.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Schiffsgeld.</span> +<a name = "secI_42" id = "secI_42">Es</a> hatten nämlich die alten +englischen Könige die Bewohner nicht nur der in der Nähe Schottlands +liegenden Grafschaften zur Vertheidigung der Grenze unter die Waffen +gerufen, sondern auch die Grafschaften an dem Meere aufgeboten, Schiffe +zur Vertheidigung der Küste auszurüsten; statt der Schiffe hatte man +mitunter Geld genommen. Diesen alten Gebrauch beschloß man jetzt, nach +einem langen Zeitraume, nicht nur wieder einzuführen, sondern auch +auszudehnen. Früher hatten die Fürsten nur zur Zeit des Krieges +Schiffsgeld erhoben — jetzt forderte man es in einer Zeit tiefen +Friedens ein. Wenn früher die Fürsten, selbst in den gefährlichsten +Kriegen, das Schiffsgeld nur in den Küstengegenden erhoben hatten, so +nahm man es jetzt von den Grafschaften des Binnenlandes. Früher hatte +man das Schiffsgeld eingefordert, um eine Vertheidigung des Landes zur +See zu bewirken; jetzt trieb man es ein, wie die Royalisten selbst +zugestehen, nicht um eine Flotte zu unterhalten, sondern um dem Könige +Gelder zu verschaffen, deren Betrag er nicht nur nach Belieben +ausdehnen, sondern auch zu jedem beliebigen Zwecke verwenden konnte.</p> + +<p>Die ganze Nation gerieth in Aufregung und Entrüstung. John Hampden, +ein reicher Gentleman aus guter Familie in Buckinghamshire, der in +seiner nähern Umgebung hoch geachtet, aber in weitern Kreisen des +Königreichs noch wenig bekannt war, hatte zuerst den Muth, der ganzen +Gewalt der Regierung entgegenzutreten und auf eigene Kosten und Gefahr +die Hoheitsrechte +<span class = "pagenum">I.60</span> +<a name = "pageI_60" id = "pageI_60"> </a> +zu bestreiten, die der König in Anspruch nahm. Der Fall ward den +Richtern der Schatzkammer zur Entscheidung vorgelegt; wie abhängig und +knechtisch auch die Richter waren, es lagen so starke Gründe gegen die +Ansprüche der Krone vor, daß die Majorität gegen Hampden so klein als +nur möglich ausfiel — aber es war immer eine Majorität. Die +Ausleger der Gesetze hatten erklärt, daß der königliche Machtspruch eine +große, ergiebige Steuer auferlegen könne, und Wentworth bemerkte sehr +richtig, ihr Urtheil sei nur durch Gründe zu rechtfertigen, die direct +zu einem Schlusse führten, den zu ziehen sie nicht gewagt haben würden. +— War es gesetzmäßig, daß zur Unterhaltung einer Flotte ohne +Zustimmung des Parlamentes Geld erhoben werden konnte, so ließ sich +schwer in Abrede stellen, daß auch Geld zum Unterhalte einer Armee ohne +Zustimmung des Parlaments erhoben werden dürfe.</p> + +<p>Dieser Richterspruch vermehrte die Erbitterung des Volks. Ein +Jahrhundert früher würde eine minder große Erbitterung einen allgemeinen +Aufstand bewirkt haben; aber die Unzufriedenheit äußerte sich jetzt +nicht so rasch als in früherer Zeit durch Empörung, denn Reichthum und +Gesittung der Nation waren seit lange in stetem Wachsen gewesen, und +seit siebzig Jahren, seit der Zeit nämlich, als die großen nordischen +Grafen die Waffen gegen Elisabeth ergriffen, hatte kein Bürgerkrieg +stattgefunden. So lange die englische Nation existirte, war nie eine so +lange Zeit ohne innern Zwist verflossen. Das Volk hatte sich an den +Betrieb friedlicher Gewerbe gewöhnt, und so erbittert es auch war, so +zögerte es doch lange, ehe es zum Schwerte griff.</p> + +<p>Unter diesen Umständen schwebten die Freiheiten unsers Vaterlandes in +der größten Gefahr. Die Gegner der Regierung begannen an dem Schicksale +ihres Vaterlandes zu verzweifeln, und mancher von ihnen hielt die +Wildnisse Amerika’s für die einzige Zufluchtsstätte bürgerlicher und +geistiger Freiheit. Einige entschlossene Puritaner, welche für ihre +Religion weder das Toben des Oceans, die Beschwerden des uncivilisirten +Lebens, die Klauen wilder Thiere, noch die Tomahawks wilder Menschen +fürchteten, hatten dort inmitten der Urwälder Dörfer angebaut, die jetzt +große, reiche Städte sind, und durch alle Schicksalswechsel Spuren des +ihren Gründern angestammten Charakters bewahrt haben. Die Regierung sah +mit gehässigen Blicken auf diese jungen Colonien und suchte gewaltsam +dem Strome der Auswanderung nach denselben zu steuern; sie konnte aber +nicht verhindern, daß die Einwohnerschaft Neu-Englands aus allen Theilen +des alten Englands durch unerschrockene und gottesfürchtige Männer +ansehnlich vermehrt wurde. Jetzt jubelte Wentworth ob des nahen +Gelingens seines „Durch“. Wahrscheinlich hätten nur wenig Jahre zur +Ausführung seines großen Planes genügt, und wäre strenge Sparsamkeit +beobachtet, jeder Krieg mit auswärtigen Mächten vermieden, so hätte man +nicht nur die Schulden der Krone bezahlen, sondern auch Fonds zum +Unterhalte einer großen Militärmacht beschaffen können, und diese Macht +konnte bald den widerspenstigen Geist der Nation zügeln.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Widerstand gegen die Liturgie in Schottland.</span> +<a name = "secI_43" id = "secI_43">In</a> dieser Krisis ward die ganze +Gestalt der öffentlichen Angelegenheiten durch einen Akt wahnsinniger +Bigotterie plötzlich verändert. Wäre der König weise gewesen, so hätte +er so lange eine vorsichtige und milde Politik gegen Schottland +verfolgt, bis er der Herr des Südens geworden; denn von allen seinen +Reichen war in Schottland die größte Gefahr vorhanden, daß +<span class = "pagenum">I.61</span> +<a name = "pageI_61" id = "pageI_61"> </a> +ein Funke zur Flamme, und eine Flamme zu einer Feuersbrunst werden +konnte. Eine constitutionelle Opposition, wie man sie ihm in Westminster +<ins class = "correction" title = "Original hat »entgegenstellt«">entgegenstellte</ins>, hatte er allerdings in Edinburg +nicht zu fürchten, da das Parlament seines nördlichen Königreichs ein +ganz anderer Körper als der war, der in England denselben Namen führte. +Es war schlecht zusammengesetzt, ward wenig geachtet und hatte nie einem +seiner Vorgänger ernste Schranken gezogen. Die drei Stände beriethen in +einem Hause; die Bevollmächtigten der Flecken betrachtete man nur als +von den großen Edelleuten abhängige Personen, und kein Gesetz konnte +eingebracht werden, bevor nicht die Lords der Artikel, — ein +Ausschuß, den die Krone in der That, wenn auch nicht der Form nach +ernannte — ihre Billigung ausgesprochen hatten. War nun auch das +schottische Parlament ein fügsames, so hatte sich doch das schottische +Volk stets als ein unruhiges und unlenksames gezeigt. Es hatte seinen +ersten Jakob in dem Schlafzimmer niedergemetzelt, mehr als einmal die +Waffen gegen Jakob II. erhoben, Jakob III. auf dem Schlachtfelde +erschlagen, durch Ungehorsam Jakob V. das Herz gebrochen, Maria +entthront und eingekerkert, hatte den Sohn derselben gefangen gehalten, +und war noch eben so unbändig als sonst. Alle seine Gewohnheiten waren +roh und kriegerisch. An der ganzen südlichen Grenze, sowie auf der +ganzen Landstrecke zwischen den Hoch- und Nieder­landen wüthete +beständig ein Raubkrieg; in jedem Landestheile war man gewohnt, den +Beschwerden über erlittenes Unrecht mit kräftiger Faust abzuhelfen, und +wie groß auch die frühere Anhänglichkeit der Nation an die Stuarts +gewesen sein mochte, sie war während der langen Abwesenheit derselben +erkaltet. Der mächtigste Einfluß auf die öffentliche Stimmung theilte +sich unter zwei Klassen von Mißvergnügten: unter die der Grundherren und +die der Prediger — Grundherren, von demselben Geiste beseelt, der +so oft die alten Douglas zum Widerstande gegen das königliche Haus +angetrieben, und Prediger, welche Knox’s repulikanische Ansichten und +den Starrsinn desselben geerbt hatten. Sowohl die nationalen als die +religiösen Gefühle der Bevölkerung waren gleich tief verletzt worden; +alle Stände klagten, daß ihr Vaterland, einst so ruhmvoll um seine +Unabhängigkeit gegen die fähigsten und muthigsten Plantagenets kämpfend, +jetzt durch seine eigenen Fürsten eine englische Provinz, wenn auch +nicht dem Namen nach, doch in der That geworden sei. Die calvinistische +Lehre und Kirchenordnung hatte in keinem andern Theile Europa’s einen so +starken Haltpunkt in der öffentlichen Meinung gewonnen; die große Masse +des Volks sah auf die römische Kirche mit einem Hasse, der mit vollem +Rechte ein grimmiger zu nennen war, und die Kirche von England, die +täglich der von Rom ähnlicher zu werden schien, war der Gegenstand einer +nicht minder großen Abneigung.</p> + +<p>Das anglikanische System über die ganze Insel auszudehnen, war schon +lange der Wunsch der Regierung gewesen, und in dieser Absicht hatte sie +bereits verschiedene, jedem Presbyterianer höchst ärgerliche Änderungen +vorgenommen. Eine Neuerung aber, die kühnste von allen, weil sie von dem +Volke unmittelbar aufgefaßt werden mußte, hatte man noch nicht versucht. +Es war nämlich der öffentliche Gottesdienst in der bei dem Volke gern +gesehenen Weise bisher abgehalten; Karl und Laud beschlossen aber jetzt, +den Schotten die englische Liturgie oder vielmehr eine Liturgie +aufzudringen, die nach dem Urtheile aller strengen Protestanten nicht +nur von der englischen abwich, sondern auch in den abweichenden Punkten +schlechter war, als jene.</p> + +<span class = "pagenum">I.62</span> +<a name = "pageI_62" id = "pageI_62"> </a> +<p>Diesem rein aus tyrannischem Übermuthe und in sträflicher Unkenntniß +oder noch strafwürdigerer Verachtung der Volksgefühle unternommenen +Schritte verdankt unser Vaterland seine Freiheit. Der erste Gottesdienst +mit den neuen Ceremonien hatte einen Aufruhr zur Folge, und der Aufruhr +ward schnell zu einer Revolution. Ehrgeiz, Vaterlandsliebe und +Fanatismus brausten auf in einem gewaltig reißenden Strome; die ganze +Nation stand unter den Waffen. Zwar war die Macht Englands, wie sich +einige Jahre später auswies, stark genug, um Schottland im Zügel zu +halten; aber ein großer Theil des englischen Volks theilte die +religiösen Gefühle der Aufständischen, und viele Engländer, denen +Wechselgesänge, Kniebeugen, Altäre und Chorhemden keine Scrupel +erregten, sahen mit Freuden auf die Fortschritte einer Empörung, die +Aussicht auf Vereitelung der Willkürpläne des Hofes und auf die +Einberufung eines Parlaments bot.</p> + +<p>Für diesen unklugen Einfall, der solche Wirkungen hervorbrachte, ist +Wentworth nicht verantwortlich zu machen,<a class = "tag" name = +"tagI_11" id = "tagI_11" href = "#noteI_11">11</a> denn er verwirrte in +der That alle seine Pläne. Eine Nachgiebigkeit anzurathen, lag jedoch +nicht in seiner Natur. Es ward versucht, den Aufstand durch das Schwert +zu dämpfen; aber die militärischen Kräfte und Talente des Königs waren +dem Unternehmen nicht gewachsen. Unter diesen Umständen und im +Widerspruche mit den Gesetzen neue Steuern aufzuerlegen, wäre Wahnsinn +gewesen; es blieb keine andere Aussicht als ein Parlament, und im +Frühjahr 1640 ward ein solches einberufen.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteI_11" id = "noteI_11" href = "#tagI_11">11.</a> +Siehe seinen Brief an den Grafen von Northumberland, d. d. 30. Juli +1638.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Ein Parlament wird berufen und aufgelös’t.</span> +<a name = "secI_44" id = "secI_44">Bei</a> der Aussicht auf +Wiederherstellung einer verfassungs­mäßigen Regierung und auf +Abhilfe der Beschwerden war die Stimmung der Nation eine bessere +geworden. Das neue Haus der Gemeinen zeigte sich gemäßigter und +ehrerbietiger gegen den Thron, als alle, die sich seit dem Tode +Elisabeths versammelt hatten. Die ausgezeichnetsten Royalisten haben die +Mäßigung dieser Versammlung hoch gepriesen, aber den Häuptern der +Opposition scheint sie nicht wenig Sorge und eine große Enttäuschung +bereitet zu haben. Karl blieb indeß seiner eben so unpolitischen als +unedeln Gewohnheit treu, den Wünschen seines Volks so lange sich abhold +zu zeigen, bis diese Wünsche drohend ausgesprochen wurden. Kaum legten +die Gemeinen die Neigung an den Tag, die Beschwerden, unter denen das +Land elf Jahre lang gelitten, in Betracht zu ziehen, als der König das +Parlament mit allen Zeichen des Mißfallens auflös’te.</p> + +<p>Zwischen der Auflösung dieser auf so kurze Zeit einberufenen +Versammlung und der Constituirung jenes ewig merkwürdigen Körpers, der +unter dem Namen des Langen Parlaments bekannt ist, lagen wenig Monate, +in denen das Joch der Nation sich herber als je gestaltete, der +Volksgeist aber sich zorniger als je dagegen erhob. Der Geheime Rath +ließ Mitglieder des Hauses der Gemeinen wegen ihres parlamentarischen +Verhaltens zur Rechenschaft ziehen, und als sie sich weigerten Rede zu +stehen, in’s Gefängniß werfen. Das Schiffsgeld ward mit größerer Strenge +eingetrieben; man bedrohte den Lord Mayor und die Sheriffs von London +mit Gefängniß, weil sie nicht streng genug die Gelder eingezogen hatten; +es fanden gewaltsame Aushebungen von Soldaten statt, deren Unterhalt +ihre +<span class = "pagenum">I.63</span> +<a name = "pageI_63" id = "pageI_63"> </a> +Grafschaften bestreiten mußten. Die stets ungesetzlich gewesene Folter, +und erst kürzlich noch von den servilsten Richtern jener Zeit für +ungesetzlich erklärt, ward in England im Monat Mai 1640 zum letzten Male +angewendet.</p> + +<p>Von dem Ausgange der Kriegsoperationen des Königs gegen die Schotten +hing nun Alles ab. Jener Geist, der den eigentlichen Soldaten von dem +Volke trennt und ihn an seine Führer bindet, zeigte sich äußerst +spärlich in seinen Truppen. Das Heer, größtentheils aus Rekruten +zusammengesetzt, die sich nach dem Pfluge zurücksehnten, von dem man sie +<ins class = "correction" title = "Original hat »gewalsam«">gewaltsam</ins> fortgerissen, und die im ganzen Lande +vorherrschenden religiösen und politischen Ansichten theilend, war dem +Könige gefährlicher als dem Feinde. Die von den Führern der englischen +Opposition ermuthigten Schotten fanden bei den englischen Truppen nur +schwachen Widerstand, sie gingen über den Tweed und den Tyne, und +lagerten sich an den Grenzen von Yorkshire. Und nun artete das Murren +der Unzufriedenheit in einen Tumult aus, der alle Gemüther, eines +ausgenommen, mit Schrecken erfüllte. Strafford beharrte noch immer bei +dem „Durch“, und selbst in diesem verhängnißvollen Augenblicke zeigte er +sich so grausam und despotisch, daß nicht viel fehlte, und seine eigenen +Lanzknechte hätten ihn in Stücke zerrissen.</p> + +<p>Noch gab es indessen ein Auskunftsmittel, das dem Könige, wie er sich +schmeichelte, die Schmach ersparen könnte, einem andern Hause der +Gemeinen gegenüberzutreten. Dem Hause der Lords war er weniger +abgeneigt. Die Bischöfe hingen an ihm und die weltlichen Lords, wenn +auch im Allgemeinen mit seiner Verwaltung nicht einverstanden, mußten +sich doch als Stand so sehr bei der Aufrechterhaltung der Ordnung und +dem Verbleiben der alten Einrichtungen interessiren, daß ein Drängen +nach ausgedehnten Reformen ihrerseits nicht zu fürchten war. Wider die +Gewohnheit, die seit Jahrhunderten ununterbrochen bestanden, rief er nur +die Lords zu einem großen Rathe zusammen; die Lords aber waren zu klug, +als daß sie die verfassungs­widrigen Funktionen übernahmen, die er +ihnen zugedacht hatte. Ohne Geld, ohne Credit und ohne Autorität, selbst +in seinem eigenen Lager, fügte er sich dem Drange der Nothwendigkeit. +Die Häuser wurden zusammenberufen und die Wahlen bewiesen, daß Mißtrauen +und Haß gegen die Regierung seit dem Frühjahre gefährliche Fortschritte +gemacht hatten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Das lange Parlament.</span> +<a name = "secI_45" id = "secI_45">Im</a> November 1640 trat jenes +berühmte Parlament zusammen, das, ungeachtet mancher Irrthümer und +Mißgeschicke, gerechten Anspruch auf die Hochachtung und Dankbarkeit +aller derer hat, die in irgend einem Theile der Welt sich der Segnungen +einer constitutionellen Regierung erfreuen.</p> + +<p>Im Laufe des folgenden Jahres stellte sich in den Häusern keine +Meinungs­verschiedenheit von großer Wichtigkeit heraus. Die +bürgerliche und geistliche Verwaltung war zwölf Jahre hindurch so +bedrückend und so verfassungs­widrig ausgeübt worden, daß selbst +diejenigen Klassen, die gewöhnlich auf Ordnung und Autorität halten, mit +großem Eifer volksthümliche Reformen zu fördern und die Werkzeuge der +Tyrannei vor Gericht zu stellen bemüht waren. Eine Verordnung ward +erlassen, wonach zwischen einem und dem nächsten Parlamente nicht mehr +als drei Jahre liegen durften und erfolgte das Ausschreiben unter dem +großen Siegel nicht zur gehörigen Zeit, so waren die Wahlbeamten befugt, +auch ohne ein solches Ausschreiben die Wahlkörper behufs Wahl der +Vertreter einzuberufen. Die +<span class = "pagenum">I.64</span> +<a name = "pageI_64" id = "pageI_64"> </a> +Sternkammer, die Hohe Kommission und der Rath von York wurden +aufgehoben. Männer, die grausam verstümmelt in tiefen Kerkern +schmachteten, wurden freigelassen. An den ersten Dienern der Krone nahm +das Volk schonungslose Rache; der Lord Siegelbewahrer, der Primas, der +Lord Statthalter wurden in Anklagestand versetzt; Finch rettete sich +durch die Flucht, Laud ward in den Tower geworfen und Strafford ward vor +Gericht gestellt und laut eines Parlaments­beschlusses zum Tode +verurtheilt. An demselben Tage, an dem dieser Beschluß durchging, +stimmte der König einem Gesetze bei, durch das er sich verpflichtete, +das bestehende Parlament weder zu vertagen, noch zu prorogiren oder +aufzulösen, wenn es nicht selbst seine Zustimmung dazu gäbe.</p> + +<p>Im September 1641, nach einer zehnmonatlichen angestrengten Arbeit, +vertagten sich die Häuser auf kurze Zeit und der König besuchte +Schottland, das er nur mit Mühe durch die Verzichtleistung auf alle +seine kirchlichen Reformpläne und durch die mit großer Überwindung +ertheilte Bestätigung einer Akte, die das Episcopat in Widerspruch mit +Gottes Wort erklärte, beruhigte.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Erstes Auftreten der beiden großen englischen Parteien.</span> +<a name = "secI_46" id = "secI_46">Die</a> Ferien des englischen +Parlamentes dauerten sechs Wochen. Der Tag des Wieder­zusammentritts +der Häuser bildet eine der merkwürdigsten Epochen unserer Geschichte. +Von diesen Tage an existiren die beiden großen corporativen Parteien, +die seitdem stets das Land abwechselnd regiert haben, obgleich der +Unterschied, der damals augenscheinlich hervortrat, in einem gewissen +Sinne immer bestanden hat und auch immer bestehen muß, denn er +entspringt den Verschiedenheiten des Temperaments, der Intelligenz und +des Interesses, die man in allen Gesellschaften findet und so lange +finden wird, bis der menschliche Geist aufhört, sich durch den Reiz der +Gewohnheit und Neuheit in entgegengesetzte Richtungen leiten zu lassen. +Wir finden diesen Unterschied nicht nur in der Politik, sondern auch in +der Literatur, in Kunst und Wissenschaft, in Chirurgie, Mechanik, dem +Seewesen, der Landwirthschaft, und selbst in der Mathematik. Überall +begegnen wir einer Menschenklasse, die mit Vorliebe an allem Alten +hängt, und selbst dann noch mit banger Besorgniß und bösen Ahnungen in +die Neuerung willigt, wenn überwiegende Gründe für deren Wohlthätigkeit +vorliegen. Ebenso finden wir überall eine zweite Menschenklasse, die +sanguinischer Hoffnung und kühner Pläne voll die Unvollkommenheiten des +Bestehenden rasch erfaßt, über die Gefahren und Widerwärtigkeiten der +Neuerungen leicht hinweggeht, und nur zu geneigt ist, jede Veränderung +für eine Verbesserung zu halten. In den Neigungen beider Klassen liegt +etwas, das man billigen muß; aber die Höhepunkte Beider findet man in +der Nähe der gemein­schaftlichen Grenze, der extreme Theil der einen +besteht aus abergläubischen, einfältigen Narren; der extreme Theil der +andern aus seichten und unbesonnenen Empirikern.</p> + +<p>Daß sich schon in unsern ersten Parlamenten ängstlich auf Erhaltung +des Bestehenden bedachte Mitglieder von andern, eifrig nach Reformen +strebenden unterscheiden ließen, ist nicht zu bezweifeln; so lange aber +die Sitzungen des gesetzgebenden Körpers nur von kurzer Dauer waren, +konnten diese Gruppen keine bestimmte und bleibende Form annehmen, sich +anerkannten Führern nicht unterordnen, und sich weder durch Namen und +Zeichen noch durch Losungsworte unterscheiden. Der Unwille über die seit +vielen Jahren erlittene widergesetzliche Unterdrückung war während der +<span class = "pagenum">I.65</span> +<a name = "pageI_65" id = "pageI_65"> </a> +ersten Monate des langen Parlaments so groß und allgemein, daß das Haus +der Gemeinen wie ein Mann handelte. Ohne Streit verschwand Mißbrauch auf +Mißbrauch. Eine geringe Minorität des repräsentativen Körpers wünschte +die Sternkammer und die Hohe Commission beizubehalten; aber +eingeschüchtert durch die Begeisterung und das numerische Übergewicht +der Reformer begnügte sie sich, im Stillen den Verlust von Institutionen +zu beklagen, die mit irgend einer Aussicht auf Erfolg sich offen nicht +vertheidigen ließen. Die Royalisten fanden es in einer spätern Zeit für +zweckmäßig, den Ursprung der zwischen ihnen und ihren Gegnern +eingetretenen Spaltung weiter hinauszuverlegen, und die Akte, die dem +Könige das Auflösen oder Vertagen des Parlamentes verbietet, die Akte +über die dreijährige Frist zwischen zwei Parlamenten, sowie die Anklage +der Minister und den Antrag auf Straffords Verurtheilung, jener Faktion +beizumessen, die später gegen den König Krieg führte. Ein unredlicherer +Kunstgriff läßt sich nicht denken. Die eifrigste Förderung dieser +strengen Maßregel war von Männern ausgegangen, die später unter den +Cavalieren in erster Reihe standen. Kein Republikaner hätte härter über +Karls so lange schlecht verwaltete Regierung gesprochen, als Colepepper, +und die merkwürdigste Rede zu Gunsten der Dreijährigkeits-Akte hatte +Digby gehalten. Die Anklage <ins class = "correction" title = "Original hat »der«">des</ins> Lord Siegelbewahrers hatte Falkland beantragt, und +die Forderung, den Lord Statthalter in engem Gewahrsam zu halten, war an +den Schranken des Lords von Hyde gestellt. Erst dann, als das Gesetz in +Betreff der Verurtheilung Strafford’s vorgeschlagen wurde, ließen sich +die Zeichen einer ernsten Uneinigkeit erkennen und selbst gegen dieses +Gesetz, das nichts als die äußerste Nothwendigkeit rechtfertigen konnte, +stimmten etwa sechzig Mitglieder des Hauses der Gemeinen. Es ist gewiß, +daß Hyde nicht bei der Minorität war, und daß Falkland nicht nur mit der +Majorität stimmte, sondern auch kräftig zu Gunsten der Bill sprach. +Selbst die kleine Anzahl, die Zweifel darüber hegte, ob eine die +Todesstrafe aussprechende Verfügung rückwirkend sein könne, hielten es +für nöthig gegen Straffords Charakter und Verwaltung den größten Abscheu +auszudrücken.</p> + +<p>Unter dieser scheinbaren Einmüthigkeit verbarg sich indeß ein großes +Schisma, und als im October 1641 das Parlament nach kurzen Ferien wieder +zusammentrat, standen zwei Parteien einander feindlich gegenüber, dem +Wesen nach dieselben, die unter verschiedenen Namen seitdem stets um die +Leitung der öffentlichen Angelegenheiten gestritten haben und noch +streiten. Man bezeichnete sie einige Jahre hindurch mit den Namen: +Cavaliere und Rundköpfe; später nannte man sie Tories und Whigs, und wie +es scheint, werden diese letztern Namen sobald nicht veralten.</p> + +<p>Auf jede dieser berühmten Faktionen eine Schmähschrift oder eine +Lobrede zu verfassen, würde nicht schwer sein, denn Jeder, der noch +einigermaßen urtheilsfähig und redlich ist, muß eingestehen, daß dem +Rufe der Partei, der er angehört, nicht zu vertilgende Flecken ankleben +und daß seine Gegenpartei sich vieler ausgezeichneten Namen, vieler +heroischen Thaten und vieler großen, dem Staate geleisteten Dienste +rühmen kann. Die Wahrheit ist, daß England beider Parteien, obgleich sie +sich oft bedeutend geirrt, nicht hätte entbehren können. Wenn wir in den +Institutionen desselben Freiheit und Ordnung mit den aus Neuerung und +Verjährung entspringenden Vortheilen bis zu einem Umfange vereinigt +finden, der andernorts unbekannt ist, so können wir diese glückliche +Eigenthüm­lichkeit +<span class = "pagenum">I.66</span> +<a name = "pageI_66" id = "pageI_66"> </a> +den heftigen Kämpfen und den abwechselnden Siegen zweier wetteifernden +Verbindungen von Staats­männern zuschreiben: der einen, die für +Autorität und Alterthum, der andern, die für Freiheit und Fortschritt +eiferte.</p> + +<p>Man darf den Umstand nicht übersehen, daß der Unterschied zwischen +den beiden Hauptabtheilungen englischer Politiker stets mehr ein +Unterschied des Grades als des Grundsatzes gewesen ist. Gewisse Grenzen, +zur Rechten wie zur Linken, wurden sehr selten überschritten. Eine +kleine Anzahl Enthusiasten auf der einen Seite hätte bereitwillig alle +unsere Rechte und Freiheiten dem Könige zu Füßen gelegt; auf der andern +Seite gab es ebenfalls einzelne Enthusiasten, die gern ihr +Lieblingsphantom, das einer Republik, durch endlose Bürgerkriege +verfolgt hätten. Aber die große Mehrzahl der Anhänger der Krone war dem +Despotismus nicht zugethan, und die große Mehrzahl der Kämpfer für die +Volksrechte wollte die Anarchie nicht. Im Laufe des siebzehnten +Jahrhunderts stellten beide Parteien zweimal den gegenseitigen Kampf +ein, um ihre Kräfte zur Durchführung einer gemein­schaftlichen Sache +zu vereinigen. Ihre erste Vereinigung stellte die erbliche Monarchie +wieder her; ihre zweite rettete die verfassungs­mäßige Freiheit.</p> + +<p>Ferner muß bemerkt werden, daß diese Parteien nie die ganze Nation +umfaßt, und daß selbst beide zusammen nie eine Mehrzahl von der Nation +gebildet haben; stets befand sich zwischen ihnen eine große Masse, die +nicht beständig einer oder der andern anhing, und bald in träger +Neutralität verharrte, bald hin und her schwankte. Diese Masse ist in +wenigen Jahren mehr als einmal von einem Extreme zu dem andern, und dann +wieder zurück gegangen. Mitunter wechselte sie ihre Parteistellung nur +deshalb, weil sie stets dieselben Männer zu unterstützen müde war; +mitunter, weil sie vor ihrem eigenen Zuweitgehen erschrak, und nicht +selten auch, weil sie Unmöglichkeiten erwartet hatte und sich getäuscht +sah. Neigte sie sich aber mit ihrem ganzen Gewicht nach der einen oder +andern Richtung hin, war ein Widerstand für diese Zeit unmöglich.</p> + +<p>Bei dem ersten Auftreten der rivalisirenden Parteien in bestimmter +Gestalt schienen ihre Kräfte ziemlich gleich vertheilt zu sein. Auf der +Seite der Regierung stand eine große Mehrzahl des Adels und jener +reichen Gentlemen aus guter Familie, denen, um adelig zu sein, nichts +fehlte als der Name; diese bildeten mit ihren Anhängern, über deren +Beistand sie bestimmen konnten, eine nicht unbedeutende Macht im Staate. +Auf derselben Seite standen der ganze Clerus, beide Universitäten und +jene Laien alle, die fest der bischöflichen Regierung und dem +anglikanischen Ritual anhingen. Diesen achtbaren Klassen hatten sich +einige Bundesgenossen von minderer Bedeutung angeschlossen. Alle, die +aus dem Vergnügen ein Geschäft machten, oder durch Galanterie, +Kleiderprunk und Geschmack an den leichten Künsten sich hervorthun +wollten, veranlaßte die puritanische Strenge, zu der Partei des Königs +zu treten. Mit diesen gingen nun wiederum alle diejenigen, die davon +lebten, Andern Zeitvertreib zu schaffen; der Maler, der komische +Dichter, der Seiltänzer und der Possenreißer (lustige Andreas). Diese +Künstler wußten recht gut, daß sie nur unter einem stolzen und üppigen +Despotismus gedeihen konnten, unter der strengen Herrschaft der +Rigoristen aber Hunger leiden mußten. Dasselbe Interesse leitete alle +Katholiken. Die Königin, +<span class = "pagenum">I.67</span> +<a name = "pageI_67" id = "pageI_67"> </a> +eine Tochter Frankreichs, bekannte sich zu ihrem Glauben; von dem +Gemahle derselben wußte man, daß er seine Gattin eben so sehr liebte, +als er sie fürchtete, und daß er, obgleich unbezweifelt Protestant aus +Überzeugung, dennoch die Bekenner der alten Religion nicht mit Abneigung +betrachtete, sondern ihnen gern eine größere Duldung gewährte, als er +den Presbyterianern zu bewilligen bereit war. Wenn die Opposition den +Sieg davon trug, so wären wahrscheinlich die unter der Regierung +Elisabeths erlassenen Blutgesetze streng geübt worden; die +Römisch-Katholischen hatten daher die triftigsten Gründe, sich der Sache +des Hofes zuzuwenden. Verfuhren sie im Allgemeinen auch mit einer +Vorsicht, durch die sie den Vorwurf der Feigheit und Lauheit auf sich +zogen, so ist es dennoch wahrscheinlich, daß sie bei dieser großen +Zurückhaltung nicht minder das Interesse des Königs als ihr eigenes im +Auge hatten, und es wäre wahrlich nicht heilbringend für ihn gewesen, +wenn sie sich unter seinen Freunden besonders bemerkbar gemacht +hätten.</p> + +<p>Die Opposition fand ihre Hauptstärke in den kleinen Freisassen auf +dem Lande und den Krämern der Städte; aber diese wurden von einer zu +fürchtenden Minorität der Aristokratie geleitet, zu der die reichen und +mächtigen Grafen von Northumberland, Bedford, Warwick, Stamford und +Essex gehörten. In denselben Reihen befanden sich sämmtliche +protestantischen Nonconformisten und die mehrsten derjenigen Mitglieder +der Staats­kirche, die noch immer an den calvinistischen Meinungen +hingen, welche die Prälaten und die niedere Geistlichkeit vor vierzig +Jahren allgemein getheilt hatten. Auch die städtischen Corporationen +standen, mit geringen Ausnahmen, auf Seite derselben Partei. In dem +Hause der Gemeinen hatte die Opposition das Übergewicht, jedoch ein +nicht entschiedenes.</p> + +<p>Keiner der beiden Parteien fehlte es für die Maßregeln, die sie +ergriffen zu sehen wünschten, an triftigen Gründen. Das Raisonnemenent +der aufgeklärtesten Royalisten kann in Folgendem zusammengefaßt werden: +„Es ist wahr, daß große Mißbräuche stattgefunden haben, aber sie sind +beseitigt. Es ist wahr, daß theure Rechte verletzt worden sind, aber man +hat ihnen wieder volle Geltung und neue Bürgschaften dafür gegeben. Man +hat zwar die Versammlungen der Reichsstände gegen alle frühern Gebräuche +und gegen den Geist der Verfassung elf Jahre lang ausgesetzt, jetzt aber +steht fest, daß in Zukunft nie drei Jahre ohne ein Parlament +verstreichen sollen. Die Sternkammer, die Hohe Commission und der Rath +von York haben uns gedrückt und ausgeplündert; diese verhaßten +Gerichtshöfe existiren nicht mehr. Der Lord Statthalter gedachte einen +Militairdespotismus einzuführen; er hat diesen Verrath mit seinem Kopfe +gebüßt. Der Primas befleckte unsern Gottesdienst mit papistischen +Gebräuchen und strafte die Zweifel unsers Gewissens mit papistischer +Grausamkeit; er erwartet im Tower das Urtheil seiner Pairs. Der Lord +Siegelbewahrer bestätigte einen Plan, nach dem das Eigenthum aller +Engländer der Gnade der Krone unterworfen werden sollte; er ist +beschimpft, zu Grunde gerichtet und gezwungen worden, Zuflucht in einem +fremden Lande zu suchen. Die Diener der Tyrannei haben ihre Verbrechen +gebüßt — die Opfer der Tyrannei haben für ihre Leiden +Entschädigung erhalten. Es würde nicht weise sein, wollten wir unter +diesen Umständen ferner noch auf einem Verfahren beharren, das damals +gerechtfertigt und nothwendig war, als wir nach einem langen +Zwischenraume +<span class = "pagenum">I.68</span> +<a name = "pageI_68" id = "pageI_68"> </a> +wieder zusammentraten und die ganze Verwaltung nur aus Mißbräuchen +bestehend vorfanden; jetzt müssen wir uns hüten, unsern Sieg über den +Despotismus nicht so weit zu verfolgen, daß wir der Anarchie +anheimfallen. Die schlechten Einrichtungen, unter denen das Vaterland +noch vor Kurzem seufzte, ohne gewaltige, die Grundlagen der Regierung +erschütternde Maßregeln zu beseitigen, stand nicht in unserer Macht; +jetzt aber, da diese Einrichtungen gestürzt sind, dürfen wir nicht +zögern, dasselbe Gebäude zu stützen, das zu zertrümmern noch vor kurzer +Frist unsere Pflicht war. Unsere Weisheit muß künftig darin bestehen, +daß wir mißtrauisch die Neuerungspläne in’s Auge fassen und alle jene +Hoheitsrechte, die das Gesetz im Interesse des allgemeinen Besten dem +Souverain verliehen, vor Beeinträchtigung wahren.“</p> + +<p>Dies waren die Ansichten der Männer, als deren Führer der +vortreffliche Falkland zu betrachten ist. Auf der andern Seite +behaupteten nicht geringer befähigte und redliche Männer mit nicht +minder ernstem Nachdrucke, daß die Bürgschaften für die Freiheiten des +englischen Volkes mehr scheinbare als wirkliche seien, und daß der Hof +seine Willkürpläne sofort wieder aufnehmen würde, wenn die Wachsamkeit +der Gemeinen nachließe. Es sei wahr, sagten Pym, Hollis und Hampden, daß +viele gute Gesetze erlassen wären, aber hätten diese Gesetze genügt, den +König zu beschränken, so würden seine Unterthanen nur wenig Ursache zu +Klagen über seine Verwaltung gehabt haben, und die neuen Gesetze, +meinten sie, hätten sicherlich keine geringere Autorität, als die Magna +Charta und die Bitte um Recht; aber weder die Magna Charta, wenn auch +durch die Verehrung geheiligt, die man ihr vier Jahrhunderte lang +gezollt, noch die Bitte um Recht, die Karl selbst nach reiflicher +Erwägung und aus wichtigen Gründen genehmigt, sei für den Schutz des +Volkes wirksam genug befunden worden. Erschlaffte nur einmal der Zügel +der Furcht, ließe man den Geist der Opposition nur einmal einschlummern, +so würden sich alle Bürgschaften für die englischen Freiheiten in eine +einzige auflösen, in das königliche Wort, und daß man diesem nicht viel +trauen dürfe, sei durch eine lange und bittere Erfahrung bewiesen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Der irische Aufstand.</span> +<a name = "secI_47" id = "secI_47">Noch</a> beharrten beide Parteien in +einer feindseligen Vorsicht, noch hatten sie ihre Kraft nicht gemessen, +als eine Kunde anlangte, welche Beider Leidenschaften entflammte und +Beide in ihren Ansichten bestärkte. Es hatten nämlich die großen +Häuptlinge von Ulster, die sich bei Jakobs Regierungs­antritte der +königlichen Autorität nach langem Kampfe gebeugt, der erniedrigenden +Abhängigkeit müde, sich gegen die englische Regierung verschworen, und +waren des Hochverraths für schuldig erklärt worden. Ihre unermeßlichen +Besitzungen fielen nun der Krone anheim und wurden bald von Tausenden +englischer und schottischer Auswanderer bevölkert. Die neuen Ansiedler +überragten an Civilisation und geistiger Bildung die Eingeborenen, und +mißbrauchten nicht selten diese Überlegenheit. Der Haß, den die +Verschiedenheit des Stammes erzeugt, ward durch die Verschiedenheit der +Religion noch vermehrt. Unter Wentworth’s eiserner Herrschaft hatte sich +zwar kaum ein leises Murren vernehmen lassen; als aber dieser starke +Druck aufgehoben, als Schottland das Beispiel eines erfolgreichen +Widerstandes geliefert, und als England mit eigenen Zwistigkeiten zu +thun hatte, da brach die verhaltene Wuth der Iren in schrecklichen +Gewaltthätigkeiten aus. Die Eingeborenen erhoben sich gegen die +Colonisten. Ein Krieg, dem +<span class = "pagenum">I.69</span> +<a name = "pageI_69" id = "pageI_69"> </a> +nationaler und religiöser Haß einen besonders furchtbaren Charakter +verliehen, verwüstete Ulster und breitete sich über die benachbarten +Provinzen aus. Das Schloß von Dublin hielt man kaum noch für sicher. +Jede Post brachte Gräuelberichte nach London, die, wenn sie auch nicht +übertrieben gewesen wären, dennoch Mitleid und Schrecken erregen mußten. +Diese bösen Botschaften nun entzündeten bis zum höchsten Grade den Eifer +der beiden großen Parteien, die in Westminster zum Kampfe gerüstet +einander gegenüber standen. Die Anhänger des Königs behaupteten, es sei +die Pflicht eines jeden guten Engländers und Protestanten, in einer +solchen Krise die Macht des Souveräns zu stärken; die Opposition dagegen +war der Ansicht, es lägen jetzt mehr als je triftige Gründe vor, ihm +Hindernisse und Schranken entgegenzusetzen. Die Gefahr des Gemeinwesens +war allerdings Grund genug, einem des Vertrauens würdigen Oberhaupte +ausgedehnte Gewalt zu verleihen; aber der Umstand, daß dieses Oberhaupt +dem Lande feindlich gesinnt war, gab einen eben so triftigen Grund +dafür, ihm die Macht zu entziehen. Eine große Armee aufzustellen, war +von jeher des Königs Hauptbestreben gewesen, und jetzt mußte ein solches +Heer gesammelt werden. War man nun nicht auf neue Bürgschaften bedacht, +so stand zu befürchten, daß die zur Bezwingung Irlands aufgestellten +Streitkräfte gegen die Freiheit Englands verwendet werden würden. Aber +auch dies war noch nicht Alles. Es hatte sich ein gräßlicher Verdacht, +wenn auch ungerecht, doch nicht ganz unnatürlich, vieler Gemüther +bemächtigt. Die Königin nämlich war eine erklärte Anhängerin der +römisch-katholischen Kirche; den König hielten die Puritaner, weil er +sie stets schonungslos verfolgt hatte, nicht für einen aufrichtigen +Protestanten, und seine Zweideutigkeit war so allgemein bekannt, daß es +keine Verrätherei mehr gab, deren seine Unterthanen, nur bei einigem +Anscheine von Grund, ihn nicht für fähig gehalten hätten. Leise tauchte +das Gerücht auf, der Aufstand der Römisch-Katholischen von Ulster sei +nichts als ein Theil eines großen Werkes der Finsterniß, daß man in +Whitehall vorbereitet habe.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Remonstration.</span> +<a name = "secI_48" id = "secI_48">Am</a> 22. November 1641 fand nach +einem Vorspiele von einigen Wochen der erste große parlamentarische +Kampf zwischen den Parteien statt, die seitdem stets um die Regierung +der Nation gestritten haben und noch darum streiten. Die Opposition +stellte den Antrag, das Haus der Gemeinen möge dem Könige eine +Vorstellung übergeben, in der die Fehler, die er seit seiner +Thronbesteigung in der Verwaltung begangen, aufgezählt würden, und die +zugleich das Mißtrauen ausdrücke, mit dem das Volk seine Politik +betrachte. Dieselbe Versammlung, die noch vor wenig Monaten einstimmig +die Abschaffung der Mißbräuche gefordert hatte, war jetzt in zwei heftig +erbitterte Parteien von fast gleicher Stärke getheilt. Nach einer +mehrstündigen heißen Debatte ward die beantragte Remonstration mit nur +elf Stimmen angenommen.</p> + +<p>Der conservativen Partei war das Ergebniß dieses Kampfes ungemein +günstig. Daß sie binnen kurzer Zeit das Übergewicht im Unterhause +erlangen würde, war unzweifelhaft, wenn nicht eine große Unbesonnenheit +es verhinderte. Des Oberhauses hatte sie sich schon bemächtigt; es +fehlte nichts zur völligen Sicherung ihres Erfolgs, als daß der König in +seinem ganzen Verhalten Achtung vor den Gesetzen und gewissenhafte Treue +gegen seine Unterthanen an den Tag legte.</p> + +<span class = "pagenum">I.70</span> +<a name = "pageI_70" id = "pageI_70"> </a> +<p>Seine ersten Maßregeln versprachen Gutes. Wie es schien, hatte er die +Nothwendigkeit eines vollständigen Wechsels des Systems erkannt und sich +klüglich dem zugewendet, was nicht länger vermieden werden konnte. Offen +erklärte er seinen Entschluß, daß er in Übereinstimmung mit den Gemeinen +regieren und deshalb nur Männer zu seinen Räthen wählen wolle, in deren +Fähigkeiten und Charakter sie volles Vertrauen setzten. Und diese Wahl +fiel auch wirklich nicht übel aus. Falkland, Hyde und Colepepper, drei +Männer, die sich durch den Eifer für Abstellung von Mißbräuchen und +Bestrafung schlechter Minister hervorgethan, wurden eingeladen, die +Stellung als vertraute Räthe der Krone einzunehmen, und sie erhielten +auch von Karl die feierliche Versicherung, daß er ohne ihr Mitwissen +keinen Schritt unternehmen wolle, der in irgend einer Weise das +Unterhaus verletze.</p> + +<p>Hätte er dieses Versprechen gehalten, so würde ohne allen Zweifel die +Reaktion, die bereits im Fortschreiten begriffen, bald so stark geworden +sein, als es die besten Royalisten nur immer wünschen konnten. Die +heftigen Mitglieder der Opposition begannen schon an dem glücklichen +Erfolge ihrer Partei zu verzweifeln, für ihre eigene Sicherheit zu +fürchten und von dem Verkaufen ihrer Güter und der Übersiedelung nach +Amerika zu sprechen. Daß die helle Aussicht, die sich dem Könige bereits +eröffnet, sich plötzlich verdunkelte, daß sein Leben durch +Widerwärtigkeit getrübt und endlich gewaltsam verkürzt wurde, ist nur +seiner eigenen Treulosigkeit und Verhöhnung der Gesetze beizumessen.</p> + +<p>Daß er beide Parteien, in die das Haus der Gemeinen sich theilte, +haßte, ist wahrscheinlich, und man kann sich darüber nicht wundern, denn +in beiden Parteien waren Freiheits- und Ordnungsliebe, wenn auch in +verschiedenen Verhältnissen, stets gemischt vorhanden. Die Rathgeber, +die zu berufen ihn die Nothwendigkeit gezwungen, waren durchaus nicht +Männer nach seinem Herzen; sie hatten an der Verurtheilung seiner +Tyrannei, an der Schmälerung seiner Macht und der Bestrafung seiner +Werkzeuge Theil genommen. Nun waren sie allerdings bereit, durch streng +gesetzliche Mittel seine streng gesetzlichen Rechte zu vertheidigen, +aber sie würden vor dem Gedanken zurückgeschaudert sein, Wentworths +Pläne des „Durch“ wieder in Angriff zu nehmen. Aus diesem Grunde hielt +sie der König für Verräther, die sich nur durch den Grad ihrer +aufrührerischen Bosheit von Pym und Hampden unterschieden.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Anklage der fünf Mitglieder.</span> +<a name = "secI_49" id = "secI_49">Einige</a> Tage nach dem den Häuptern +der constitutionellen Royalisten geleisteten Versprechen, daß kein +wichtiger Schritt ohne ihr Mitwissen gethan werden solle, faßte er die +verhängnißvollste Entschließung seines ganzen Lebens, verbarg sie ihnen +sorgfältig und brachte sie in einer Weise zur Ausführung, die sie mit +Scham und Schrecken erfüllte. Er gab dem Kronanwalt Auftrag, Pym, +Hollis, Hampden und andere Mitglieder des Hauses der Gemeinen vor den +Schranken des Hauses der Lords als Hochverräther anzuklagen. Noch nicht +zufrieden mit dieser schweren Verletzung der Magna Charta und des +ununterbrochenen Gebrauchs von Jahrhunderten, erschien er in Person, +unter Begleitung von Bewaffneten, um in den Mauern des +Parlamentsgebäudes selbst die Führer der Opposition zu verhaften.</p> + +<p>Der Versuch mißlang, denn die angeklagten Mitglieder hatten kurz vor +Karls Erscheinen das Haus verlassen. Sowohl im Parlamente als im Lande +folgte nun ein plötzlicher und heftiger Umschwung der Stimmung. +<span class = "pagenum">I.71</span> +<a name = "pageI_71" id = "pageI_71"> </a> +Die gelindeste Ansicht, welche die parteilichsten Verfechter des Königs +über sein Verhalten bei dieser Gelegenheit je gehegt haben, ist die, daß +er schwach genug gewesen sei, sich von den schlechten Rathschlägen +seiner Frau und seiner Höflinge zu einer unerhörten Unbesonnenheit +hinreißen zu lassen. Die allgemeine Stimme aber klagte ihn laut eines +weit schwerern Vergehens an. In demselben Augenblicke, in dem seine +Unterthanen, lange durch seine schlechte Verwaltung ihm entfremdet, mit +Gefühlen des Vertrauens und der Liebe zu ihm zurückkehren wollten, +führte er einen tödtlichen Streich auf ihre theuersten Rechte, auf die +Vorrechte des Parlaments, überhaupt auf das ganze Prinzip der +Geschwornen­gerichte, und zeigte, daß er eine Opposition gegen seine +Willkürpläne für eine nur durch Blut zu sühnende Schuld betrachte. Er +war nicht nur seinem großen Rathe und seinem Volke, sondern auch seinen +eigenen Anhängern untreu geworden, und hatte einen Schritt zu thun +gewagt, der wahrscheinlich einen blutigen Kampf an dem Stuhle des +Sprechers hervorgerufen haben würde, wenn ihn ein unvorhergesehener +Zufall nicht verhindert hätte. Es fühlten jetzt die einflußreichsten +Männer im Unterhause, daß nicht nur ihre Macht und Popularität, sondern +auch ihre Güter und Köpfe von dem Ausgange des Kampfes, in den sie +verwickelt waren, abhingen. Der gesunkene Eifer der dem Hofe +entgegenstehenden Partei erhob sich plötzlich wieder zu neuem Leben. Die +ganze Nacht, die auf den Frevel folgte, stand die City von London unter +Waffen. Die der Hauptstadt zuführenden Straßen waren nach wenig Stunden +schon mit Schaaren von Freisassen bedeckt, welche mit den Zeichen der +Parlamentssache an den Hüten nach Westminster eilten. Die Opposition im +Hause der Gemeinen wurde plötzlich unwiderstehlich und setzte, bei einem +Stimmenverhältnisse von mehr als zwei gegen eine, Beschlüsse von +beispielloser Heftigkeit durch. Die Wache in Westminsterhall wurde von +starken Abtheilungen der Landmiliz besetzt und regelmäßig abgelös’t. +Eine wüthende Menge belagerte täglich die Thüren des königlichen +Palastes, ihre Schmähungen und Flüche drangen bis in das Audienzgemach, +und die Hofdiener konnten den Andrang kaum von den königlichen Zimmern +abhalten. Wäre Karl noch länger in der stürmisch aufgeregten Hauptstadt +geblieben, die Gemeinen würden wahrscheinlich einen neuen Vorwand +gefunden haben, um ihn, unter Beobachtung äußerer Formen der +Ehrerbietung, zum Staats­gefangenen zu machen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Karls Abreise von London.</span> +<a name = "secI_50" id = "secI_50">Er</a> verließ London, um nicht eher +dorthin zurückzukehren, bis der Tag einer furchtbaren und denkwürdigen +Abrechnung gekommen war. Es begann eine Unterhandlung, die mehrere +Monate dauerte. Anklagen und Gegenanklagen wechselten zwischen den +streitenden Parteien; jede friedliche Schlichtung war unmöglich +geworden. Auch den König ereilte endlich die sichere Strafe, die den +steten Verrath treffen muß. Umsonst verpfändete er jetzt sein +königliches Wort, umsonst rief er den Himmel zum Zeugen der +Aufrichtigkeit seiner Versicherungen an; das Mißtrauen seiner Gegner war +weder durch Schwüre noch durch Verträge zu verbannen, denn sie hegten +die Überzeugung, daß ihre Sicherheit von seiner völligen Hilflosigkeit +abhinge, und aus diesem Grunde bestanden sie darauf, er solle nicht nur +auf die Vorrechte verzichten, die er sich durch die Verletzung alter +Gesetze und seiner eigenen noch kürzlich geleisteten Versprechen +angemaßt hatte, sondern auch auf andere, in deren Besitz die englischen +Könige seit undenklichen Zeiten waren und +<span class = "pagenum">I.72</span> +<a name = "pageI_72" id = "pageI_72"> </a> +noch bis auf den heutigen Tag sind. Es sollte ohne Zustimmung der Häuser +kein Minister ernannt, kein Pair gewählt werden, und vor Allem sollte +der Souverain sich der höchsten Militairgewalt entäußern, die seit einer +Zeit, deren sich niemand mehr erinnert, der königlichen Würde angehört +hatte.</p> + +<p>Daß Karl auf solche Forderungen eingehen würde, so lange er noch +irgend ein Widerstandsmittel besaß, ließ sich nicht erwarten; aber es +würde auch schwer sein, den Nachweis zu liefern, daß die Häuser mit +Sicherheit weniger hätten fordern können. Die große Mehrzahl der Nation +hielt fest an der erblichen Monarchie; der republikanisch Gesinnten +waren nur noch wenige, und diese wagten nicht, ihre Meinung laut +auszusprechen. Die Abschaffung des Königthums war daher eine +Unmöglichkeit; aber zugleich war es klar, daß man in den König kein +Vertrauen setzen durfte. Es hätten Diejenigen, die sein Streben nach +ihrer Vernichtung aus jüngster Erfahrung kannten, widersinnig gehandelt, +wenn sie sich damit begnügt hätten, ihm eine andere Bitte um Recht +einzureichen, und von ihm neue, denen ähnliche Versprechungen +anzunehmen, die er wiederholt gegeben und nicht gehalten hatte. Nur der +Mangel einer Armee hatte ihn verhindert, die alte Reichsverfassung +völlig umzustürzen. Die Wiedereroberung Irlands hatte die Aufstellung +einer großen regelmäßigen Armee nöthig gemacht, es wäre daher reiner +Wahnsinn gewesen, hätte man die volle Militairgewalt, wie sie seine +Vorfahren besaßen, in seinen Händen lassen wollen.</p> + +<p>Befindet sich ein Land in der Lage, in der sich damals England +befand, wird das königliche Amt mit Liebe und Verehrung, aber die +dasselbe verwaltende Person mit Haß und Mißtrauen betrachtet, so sollte +man meinen, daß der einzuschlagende Ausweg nicht fern läge: die Würde +des Amtes aufrecht zu halten, und die Person zu beseitigen. Diesen Weg +wählten unsere Vorfahren 1399 und 1689. Hätte im Jahre 1642 ein Mann +gelebt, der eine Stellung wie Heinrich von Lancaster zur Zeit der +Entthronung Richards II., oder wie der Prinz von Oranien zur Zeit +der Thronentsetzung Jakobs II. einnahm, so ließe sich annehmen, daß +die Häuser die Dynastie gewechselt, aber keine förmliche Veränderung der +Verfassung ausgeführt haben würden, und der neue König, durch ihre Wahl +zu dem Throne berufen und abhängig von ihrer Unterstützung, hätte +nothwendig in Übereinstimmung mit ihren Wünschen und Ansichten regieren +müssen. Aber die Partei des Parlaments zählte keinen Prinzen von +königlichem Geblüte zu ihren Anhängern, und wenn sie auch Männer von +hohem Range und ausgezeichneten Fähigkeiten besaß, so war doch keiner +unter ihnen, der die übrigen dergestalt überragte, daß man ihn als +Throncandidaten aufstellen konnte. Da es einen König geben mußte, und +ein neuer nicht zu finden war, so stellte sich die Nothwendigkeit +heraus, Karl den königlichen Titel zu belassen, und es blieb nur der +eine Ausweg übrig, den Titel von den Hoheitsrechten zu trennen.</p> + +<p>Schien auch die Änderung, welche die Häuser an unsern Institutionen +vorzunehmen beschlossen, eine weitumfassende, als man sie genau in +Vertragsartikel geordnet hatte; so ging sie doch in der That um nicht +viel weiter als jene Änderung, welche in der nächsten Generation die +Revolution hervorbrachte. Der Souverain ward in der Revolution +allerdings nicht durch ein Gesetz der Macht beraubt, seine Minister zu +wählen; aber es steht auch fest, daß es seit der Revolution keinem +Minister möglich war, +<span class = "pagenum">I.73</span> +<a name = "pageI_73" id = "pageI_73"> </a> +länger als sechs Monate im Amte zu bleiben, wenn das Haus der Gemeinen +widersprach. Der Souverain hat zwar noch immer die Gewalt Pairs zu +ernennen, und die noch viel wichtigere des Schwertes; aber er ist seit +der Revolution bei Ausübung dieser Gewalten stets von Räthen umgeben +gewesen, die das Vertrauen der Volksvertreter besaßen. Die Führer der +Rundköpfe vom Jahre 1642 und die Staats­männer, die vielleicht ein +halbes Jahrhundert später die Revolution hervorriefen, verfolgten in der +That genau dasselbe Ziel, und dieses Ziel war, den Streit zwischen der +Krone und dem Parlamente dadurch zu Ende zu bringen, daß man dem +Letztern die Oberaufsicht über die executive Verwaltung zuertheilte. Die +Staats­männer der Revolution bewirkten dies indirekt durch einen +Dynastie-Wechsel. Die Rundköpfe von 1642 mußten einen direkten Weg zum +Ziele einschlagen, da sie den Dynastie-Wechsel nicht bewirken +konnten.</p> + +<p>Es darf uns jedoch nicht befremden, wenn die Forderungen der +Opposition, die eine vollständige und förmliche Übertragung aller der +Krone bisher angehörigen Befugnisse auf das Parlament umfaßten, jene +große Partei abschreckten, deren charakteristische Merkmale Achtung vor +gesetzlicher Autorität und Furcht vor gewaltsamen Neuerungen waren. +Diese Partei hatte noch kürzlich die Hoffnung gehegt, die Erlangung des +Übergewichts in dem Hause der Gemeinen durch friedliche Mittel zu +bewirken; in dieser Hoffnung aber war sie getäuscht. Karl hatte durch +seine Treulosigkeit die alten Feinde unversöhnlich gemacht, eine Anzahl +gemäßigter und im Übertritte zu ihm begriffener Männer in die Reihen der +Mißvergnügten zurückgetrieben, und seine besten Freunde so tief +gekränkt, daß sie sich eine Zeit lang beschämt und entrüstet +zurückzogen. Jetzt aber mußten die constitutionellen Royalisten unter +zwei Gefahren wählen, und sie hielten es für Pflicht, eher zu einem +Fürsten zu stehen, dessen bisheriges Verfahren sie verabscheuten und +dessen Worten sie wenig Vertrauen schenkten, als eine Entwürdigung des +königlichen Amtes und eine völlige Umgestaltung der Reichsverfassung zu +dulden. Mit diesen Gefühlen traten viele Männer, deren Tugenden und +Fähigkeiten einer jeden Sache zur Ehre gereicht haben würden, auf die +Seite des Königs.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Anfang des Bürgerkriegs.</span> +<a name = "secI_51" id = "secI_51">Im</a> August 1642 griff man endlich +zum Schwerte, und fast in jeder Grafschaft des Königreichs standen zwei +bewaffnete Parteien einander feindlich gegenüber. Welche von den +streitenden Parteien anfangs die furchtbarste war, läßt sich schwer +bestimmen. Die Häuser geboten über London und die umliegenden +Grafschaften, über die Flotte, die Themseschifffahrt und die meisten +großen Städte und Seehäfen; fast alle Kriegsvorräthe im Königreiche +standen zu ihrer Verfügung, so daß sie Zölle sowohl von Waaren, aus +fremden Ländern eingeführt, als auch von einigen wichtigen Erzeugnissen +inländischer Industrie erheben konnten. Der König war mit Artillerie und +Munition schlecht versehen. Die Steuern, welche er aus den von seinen +Truppen besetzten Landbezirken zog, lieferten einen weit geringern +Ertrag, als der, den das Parlament allein aus der City von London erhob. +Zwar ist es nicht zu läugnen, daß die Freigebigkeit seiner reichen +Anhänger ihn mit Geldmitteln unterstützte, daß viele von ihnen ihr +Grundeigenthum mit Schulden belasteten, ihre Juwelen verpfändeten und +ihre silbernen Geräthe und Taufbecken zu Gelde machten, um ihm zu +helfen; allein die Erfahrung hat vollständig bewiesen, daß die +freiwillige Aufopferung Einzelner, selbst in +<span class = "pagenum">I.74</span> +<a name = "pageI_74" id = "pageI_74"> </a> +den Zeiten der größten Aufregung, gegen eine strenge regelmäßige +Besteuerung, die willige und zähe Zahler zugleich drückt, nur eine +dürftige finanzielle Hilfsquelle ist.</p> + +<p>Karl besaß jedoch einen Vortheil, der nicht nur den Mangel an +Vorräthen und Geld mehr als aufgewogen haben würde, wenn er ihn gut +benützt hätte, sondern ihm auch, ungeachtet der schlechten Führung, +einige Monate lang die Überlegenheit im Kriege gab. Seine Truppen +kämpften anfangs viel besser, als die des Parlaments. Bestanden auch +beide Armeen fast nur aus Leuten, die nie ein Schlachtfeld gesehen +hatten, so war dennoch der Unterschied ein großer. In den Reihen der +Parlamentstruppen standen eine Menge Miethlinge, die Mangel und +Müßiggang bewogen hatten, sich anwerben zu lassen. Hampdens Regiment +hielt man für eins der Besten; aber selbst dieses Regiment schildert +Cromwell nur als eine zusammengelaufene Bande von unbeschäftigten +Kellnern und Bedienten. Die Armee des Königs dagegen bestand +größtentheils aus muthigen, begeisterten Gentlemen, gewohnt, den Tod der +Schande vorzuziehen, im Fechten und im Gebrauche der Feuerwaffe geübt, +als kecke Reiter vertraut mit der männlichen und gefahrvollen Lust der +Jagd, die man passend ein Bild des Krieges genannt hat. Solche Männer, +ihre Leibrosse unter sich und kleine Schaaren kommandirend, die aus +ihren jüngern Brüdern, ihren Stallknechten, Wildhütern und Jägern +zusammengestellt waren, zeigten sich schon am ersten Tage des Feldzugs +befähigt, in einem Gefecht mit Ehren zu bestehen. Zwar brachten es diese +tapfern Freiwilligen nie zu der Ausdauer, dem pünktlichen Gehorsam und +der maschinenmäßigen Präzision in den Bewegungen, die den regulären +Soldaten eigen sind; aber man stellte sie anfangs Feinden entgegen, die +eben so undisziplinirt wie sie, und bei weitem nicht so unternehmend, +stark und beherzt waren. Aus diesem Grunde fochten die Cavaliere eine +Zeit lang fast immer mit Glück.</p> + +<p>Auch in der Wahl eines Generals war das Parlament unglücklich +gewesen. Der Rang und Reichthum des Grafen Essex machten ihn zu einem +der bedeutendsten Glieder der Parlamentspartei. Er hatte ruhmvoll auf +dem Continente gefochten, und bei dem Beginne des Krieges ward er als +Militair so hoch geachtet, wie nur irgend ein Mann im Lande; aber bald +zeigte es sich, daß er dem Posten des Oberbefehlshabers nicht gewachsen +war. Er hatte wenig Energie und durchaus keinen erfinderischen Geist, so +daß ihn die im pfälzischen Kriege erlernte regelmäßige Taktik nicht vor +dem Schimpfe bewahrte, sich von einem Anführer wie Ruprecht, der keinen +höhern Ruhm als den eines kühnen Parteigängers beanspruchen konnte, +überrumpeln und zersprengen zu lassen.</p> + +<p>Ebenso wenig waren die Offiziere, denen man unter Essex die +Hauptposten anvertraut hatte, geeignet, das zu ersetzen, was ihm fehlte. +Das Parlament kann man dafür nicht verantwortlich machen. In einem +Reiche, in dem seit Menschengedenken kein großer Landkrieg geführt war, +suchte man vergebens nach Generalen von erprobter Kunst und Tapferkeit, +mußte daher anfangs unerprobten Männern vertrauen und gab natürlich von +diesen denen den Vorzug, die sich entweder durch ihre Stellung, oder +durch ihre im Parlamente entwickelten Fähigkeiten hervorgethan hatten. +Aber auch nicht eine einzige Wahl war eine glückliche zu nennen; weder +die großen <ins class = "correction" title = "Original hat »Herrrn«">Herren</ins> noch die großen Redner zeigten sich als gute +Soldaten. Der Graf von Stamford, einer der bedeutendsten Männer des +hohen Adels, ward bei Stratton von den Royalisten geschlagen; Nathaniel +Fiennes<ins class = "correction" title = ", fehlt">, </ins>der +<span class = "pagenum">I.75</span> +<a name = "pageI_75" id = "pageI_75"> </a> +an Fähigkeiten in bürgerlichen Angelegenheiten keinem seiner +Zeitgenossen nachstand, bedeckte sich durch die kleinmüthige Übergabe +von Bristol mit Schmach. Von allen Staats­männern, die in jener Zeit +hohe Militairposten empfingen, scheint Hampden allein auch im Felde die +Fähigkeit und Energie gezeigt zu haben, durch die er sich in der Politik +auszeichnete.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Erfolge der Royalisten.</span> +<a name = "secI_52" id = "secI_52">Nach</a> Verlauf eines Jahres waren +alle Kriegsvortheile entschieden auf Seiten der Royalisten. In den +westlichen und nördlichen Grafschaften hatten sie gesiegt, sie hatten +dem Parlamente Bristol, die zweite Stadt des Königreichs, entrissen, und +mehrere Schlachten gewonnen, ohne eine einzige ernste oder schimpfliche +Niederlage zu erleiden. Unter den Rundköpfen dagegen begann das +Mißgeschick Uneinigkeit und Unzufriedenheit hervorzurufen; das Parlament +ward bald durch Komplote, bald durch Tumulte in einer steten Aufregung +erhalten, so daß man es für nöthig erachtete, London gegen die +königliche Armee zu befestigen, und einige mißvergnügte Bürger an ihren +eigenen Hausthüren aufzuhängen. Mehrere der bekanntesten Pairs, die bis +dahin zu Westminster geblieben waren, flüchteten an den Hof, damals zu +Oxford, und unbezweifelt würde Karl im Triumphe nach Whitehall marschirt +sein, wenn zu dieser Zeit die Operationen der Cavaliere durch +scharfsinnige und energische Köpfe geleitet worden wären.</p> + +<p>Aber der König ließ den günstigen Augenblick vorübergehen, und dieser +Augenblick kam nie wieder. Im August 1643 belagerte er die Stadt +Gloucester, die von den Einwohnern und der Garnison mit einer +Hartnäckigkeit vertheidigt ward, wie sie die Anhänger des Parlamentes +seit dem Beginn des Krieges nicht gezeigt hatten. Dieses Beispiel +erweckte den Eifer Londons, und die Miliz der City erklärte sich bereit, +nach allen Orten zu gehen, wo man ihrer Dienste bedürfe. Man sammelte +schnell eine beträchtliche Streitmacht, und ließ sie nach dem Westen +ausrücken. Man entsetzte Gloucester. In allen Theilen des Königreichs +verloren die Royalisten den Muth, die Parlamentspartei ward von neuem +begeistert, und die abtrünnigen Lords, welche jüngst von Westminster +nach Oxford geflohen waren, kehrten eilig von Oxford nach Westminster +zurück.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Erstehen der Independenten.</span> +<a name = "secI_53" id = "secI_53">Neue</a> beunruhigende Symptome +zeigten sich nun in dem kranken Staats­körper. Von Anfang an hatte +die Parlamentspartei Männer gehabt, die Pläne zu verwirklichen suchten, +vor denen die Mehrzahl dieser Partei zurückgebebt wäre. Diese Männer +waren Independenten in religiöser Beziehung. Sie waren der Ansicht, jede +christliche Gemeinde sei nach Christus die höchste Gerichtsstelle in +geistlichen Angelegenheiten, Berufungen an Provinzial- und +National-Synoden seien der heiligen Schrift eben so sehr entgegen, als +Berufungen an den erzbischöflichen Gerichtshof oder den Vatican, und +Papstthum, Prälatur und Presbyterianismus seien nur drei Formen einer +und derselben großen Apostasie. In der Politik waren die Independenten, +um sie mit der Benennung ihrer Zeit zu bezeichnen, Wurzel- und +Zweig-Männer, oder, um einen verwandten Ausdruck unserer Zeit +anzuwenden, Radicale. Mit der Beschränkung der Macht des Monarchen nicht +zufrieden, wollten sie auf den Trümmern des alten englischen Staats eine +Republik errichten. An Zahl wie an Einfluß waren sie anfangs zwar +unbedeutend gewesen, aber bevor noch der Krieg zwei Jahre gedauert, +hatten sie sich, wenn auch nicht zu der größten, doch zu der mächtigsten +Partei im Lande ausgebildet. Die alten parlamentarischen Führer hatte +theils der Tod geraubt, theils hatten +<span class = "pagenum">I.76</span> +<a name = "pageI_76" id = "pageI_76"> </a> +sie selbst das öffentliche Vertrauen verscherzt. Pym war mit fürstlichen +Ehren neben den Plantagenets zur Gruft bestattet; Hampden war seiner +würdig gefallen, indem er bei einem vergeblichen Versuche, den kühnen +Reitern Ruprechts standzuhalten, seinen Leuten ein heldenmüthiges +Beispiel geben wollte; Bedford war der Sache untreu geworden; +Northumberland war als ein lauer Anhänger bekannt, und Essex sammt +seinen Unterbefehlshabern hatte wenig Kraft und Befähigung zur Leitung +der Kriegsoperationen bewiesen. Unter diesen Umständen begann die +feurige, entschlossene und hartnäckige Independenten-Partei sowohl im +Lager als im Hause der Gemeinen ihr Haupt zu erheben.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Oliver Cromwell.</span> +<a name = "secI_54" id = "secI_54">Die</a> Seele dieser Partei war +Oliver Cromwell. Er war zu friedlichen Beschäftigungen erzogen, hatte +aber doch, schon über vierzig Jahre alt, eine Stelle in der +Parlamentsarmee angenommen. Kaum Soldat geworden, erkannte er mit dem +hellen Blicke des Genie’s, was Essex und Genossen, trotz aller ihrer +Erfahrung, nicht erkannt hatten. Ihm ward sofort klar, worin die Stärke +der Royalisten bestand, und welche Mittel zur Bewältigung derselben +anzuwenden seien. Er erkannte, daß eine Reorganisation des +Parlamentsheeres nothwendig, und daß zu diesem Zwecke reiches und +vortreffliches Material vorhanden sei, wenn auch nicht so glänzendes, +aber doch zuverlässigeres als das, aus dem die tapfern Schwadronen des +Königs gebildet waren. Es mußten Rekruten beschafft werden, die nicht +nur als Miethlinge dienten, sondern aus anständigen Lebensverhältnissen +kamen, und einen ernsten Charakter, Gottesfurcht und Eifer für die +öffentliche Freiheit besaßen. Solche Männer stellte er in die Reihen +seines eigenen Regimentes, und indem er sie einer strengen, bis dahin in +England unbekannten Disziplin unterwarf, wirkte er zugleich durch +Reizmittel von außerordentlicher Kraft auf ihre geistige und sittliche +Natur.</p> + +<p>Die Ereignisse des Jahres 1644 lieferten den vollständigen Beweis von +der Überlegenheit seines Geistes. Im Süden, unter <ins class = +"correction" title = "Original hat »Essex,«">Essex’</ins> Oberbefehl, +erlitten die Truppen des Parlaments eine schimpfliche Niederlage nach +der andern; im Norden aber ward durch den Sieg bei Marston Moor ein +reicher Ersatz für alles Das geboten, was andernorts verloren ging. Den +Royalisten war dieser Sieg kein härterer Schlag, als der Partei, die in +Westminster bis dahin das Übergewicht gehabt, denn man wußte allgemein, +daß die Energie Cromwells und der ausdauernde Muth der von ihm +gebildeten Truppen die Schlacht, welche die Presbyterianer schimpflich +verloren, wieder gewonnen hatten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Selbst­verleugnungs­verordnung.</span> +<a name = "secI_55" id = "secI_55">Die</a> +Selbstverleugnungs­verordnung und die neue Organisation der Armee +waren Folgen dieser Begebenheiten. Essex und die meisten derjenigen +Männer, die unter ihm hohe Posten eingenommen hatten, wurden unter +schicklichen Vorwänden und mit allen Zeichen der Achtung entlassen; die +Führung des Kriegs ward andern Händen übergeben. Fairfax, ein tapferer +Soldat, aber ein Mann von mittelmäßigen Fähigkeiten und unentschlossenem +Charakter, wurde dem Namen nach Generalissimus der Armee, Cromwell aber +war das eigentliche Haupt derselben.</p> + +<p>Cromwell organisirte nun eilig die ganze Armee nach denselben +Grundsätzen, nach denen er die Organisation seines eigenen Regimentes +bewirkt hatte, und mit der Vollendung dieses Werkes war auch der Ausgang +des Krieges entschieden. Die Cavaliere standen nun einem natürlichen +<span class = "pagenum">I.77</span> +<a name = "pageI_77" id = "pageI_77"> </a> +Muthe gegenüber, der nicht geringer als ihr eigener war, einem höhern +Enthusiasmus, als sie selbst besaßen, und einer Disziplin, die ihnen +durchaus mangelte. Daß die Soldaten des Fairfax und Cromwell von anderer +Zucht seien, als die des Essex, wurde bald sprichwörtlich.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Sieg des Parlaments.</span> +<a name = "secI_56" id = "secI_56">Der</a> erste große Zusammenstoß der +Royalisten und der neuorganisirten Armee der beiden Häuser hatte bei +Naseby statt; der Sieg der Rundköpfe war vollständig und entscheidend, +und andere Triumphe reiheten sich ihm in kurzer Zeit an. Wenig Monate +genügten, und die Autorität des Parlaments war vollständig im ganzen +Königreiche hergestellt. Karl flüchtete zu den Schotten, und diese +lieferten ihn seinen englischen Unterthanen in einer Weise aus, die +ihrem Nationalcharakter wenig Ehre machte.</p> + +<p>Noch war der Ausgang des Krieges zweifelhaft, und schon hatte das +Parlament den Primas hinrichten, den Gebrauch der Liturgie, soweit sich +seine Autorität erstreckte, verbieten lassen, und Jedermann +aufgefordert, jene berühmte Urkunde zu unterschreiben, die unter dem +Namen der feierlichen Ligue und des Covenants bekannt ist. Nach +beendigtem Kampfe ward das Werk der Neuerung und Rache mit erhöhtem +Eifer fortgesetzt. Man veränderte die Kirchenverfassung des Königreichs +und verjagte die meisten Mitglieder des alten Klerus aus ihren Pfründen. +Den Royalisten, die schon durch die dem Könige gewährten reichen +Unterstützungen verarmt waren, wurden so hohe Geldbußen auferlegt, daß +sie völlig zu Grunde gingen. Viele Güter wurden confiscirt und viele +geächtete Cavaliere fanden es gerathen, den Schutz einflußreicher +Mitglieder der siegenden Partei mit großen Kosten zu erkaufen. +Ausgedehnte Besitzungen der Krone, der Bischöfe und Kapitel zog man ein +und vergab sie entweder an Andere, oder verkaufte sie öffentlich, so daß +in Folge dieser Beraubungen ein großer Theil des Bodens von England auf +einmal feilgeboten wurde. Da nur wenig Geld vorhanden, der Markt +überfüllt, der Besitztitel unsicher und die Furcht vor mächtigen +Kauflustigen der freien Mitbewerbung hinderlich war, waren die Preise +oft nur dem Namen nach vorhanden. Spurlos verschwanden auf diese Weise +viele alte und ehrenwerthe Familien, und viele bis dahin unbekannte +Leute wurden in kurzer Zeit reich.</p> + +<p>Während aber die Häuser in dieser Art ihre Autorität geltend machten, +ward sie plötzlich ihren Händen entrissen. Das Parlament hatte diese +Autorität dadurch erlangt, daß man eine Gewalt erschaffen, der keine +Schranken gesetzt werden konnten. Im Sommer 1647, nachdem ungefähr zwölf +Monate verflossen, seit der letzte feste Platz der Cavaliere sich dem +Parlamente ergeben, mußte das Parlament sich seinen eigenen Soldaten +unterwerfen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Herrschaft und Charakter der Armee.</span> +<a name = "secI_57" id = "secI_57">Nun</a> folgte ein Zeitraum von +dreizehn Jahren, in dem England, wenn auch unter verschiedenen Namen und +Formen, in der That durch das Schwert regiert ward. Weder vor noch nach +dieser Zeit ist in unserm Vaterlande die bürgerliche Gewalt einer +Militairdictatur unterworfen gewesen.</p> + +<p>Die Armee, die nun die Hauptmacht im Staate bildete, war von allen +denen sehr verschieden, die wir seitdem kennen gelernt haben. Die +Löhnung des gemeinen Soldaten ist jetzt der Art, daß sie nur die +unterste Klasse der Arbeiter Englands reizen kann, ihren Stand +aufzugeben. Der Gemeine ist von dem höhern Offizier durch eine fast +unübersteigliche +<span class = "pagenum">I.78</span> +<a name = "pageI_78" id = "pageI_78"> </a> +Schranke getrennt. Von allen denen, die im Militairdienste avancirt +sind, hat die größere Mehrzahl die Stellen erkauft. Die entfernten +Besitzungen Englands sind so zahlreich und ausgedehnt, daß jeder in den +Kriegsdienst Eintretende fürchten muß, entweder viele Jahre im Exile, +oder einige Jahre unter Himmelsstrichen zu verleben, die auf Gesundheit +und Kraft eines Europäers nachtheilig einwirken. Die Armee des langen +Parlaments war für den Dienst im Inlande bestimmt; die Löhnung des +gemeinen Soldaten war bedeutend höher als der Lohn, den die große Masse +des Volkes durch Arbeit verdiente, und jeder, der sich durch Einsicht +und Tapferkeit auszeichnete, hatte Hoffnung auf höhere Stellungen. So +kam es, daß in den Reihen des Heeres Leute standen, die an Stand und +Bildung die große Masse überragten, nüchtern, sittlich, fleißig und zu +denken gewöhnt waren, Leute, die weder aus Hang zur Veränderung und +Zügellosigkeit, noch durch die Kniffe der Werbeoffiziere veranlaßt, +sondern aus religiösem und politischem Eifer und mit dem Streben nach +Auszeichnung und Beförderung die Waffen ergriffen hatten. Diese Soldaten +sprachen in ihren feierlichen Beschlüssen mit Stolz aus, daß sie weder +durch Zwang, noch aus Gewinnsucht Dienste genommen, daß sie nicht +Janitscharen seien, sondern freigeborene Engländer, die aus eigenem +Antriebe für die Freiheit und die Religion Englands ihr Leben +einsetzten, und deren Recht und Pflicht es wäre, die Wohlfahrt der +Nation, die sie gerettet hätten, zu bewachen.</p> + +<p>Einem aus solchen Elementen hervorgegangenen Heere konnte man ohne +Nachtheil für die Wirksamkeit desselben einige Freiheiten nachsehen, die +bei andern Truppen alle Disziplin aufgelöst haben würden. Gewöhnlich +werfen Soldaten, die politische Klubs bilden, Abgeordnete erwählen und +Beschlüsse über wichtige politische Fragen fassen, jeden Zwang ab, hören +auf eine Armee zu sein und werden die schlechtesten und gefährlichsten +Pöbelhaufen. In unserer Zeit würde es nicht gerathen sein, religiöse +Zusammenkünfte in irgend einem Regimente zu gestatten, bei denen ein +Korporal, der in der Bibel belesen, die Andachtsübungen seines weniger +aufgeklärten Obersten leitete, oder <ins class = "correction" title = +"Fehler für »einem«?">einen</ins> vom Glauben abgefallenen Major +Zurechtweisungen ertheilte. Aber die Krieger, die Cromwell gebildet, +waren so einsichtsvoll, so ernst und so mächtig ihrer selbst, daß, +unbeschadet der militairischen Organisation, eine politische und +religiöse in ihrem Lager bestehen konnte. Leute, die außer dem Dienste +als Demagogen und als Prediger im freien Felde verrufen waren, +zeichneten sich durch Beharrlichkeit, Liebe zur Ordnung und durch +strengen Gehorsam sowohl auf der Wache und bei den Exercitien, als auf +dem Kampfplatze aus.</p> + +<p>Im Kriege war dieser wunderbaren Armee nicht zu widerstehen. Das +System Cromwells hatte den unbeugsamen Muth, der dem englischen Volke +eigen ist, nicht nur geregelt, es feuerte ihn auch an. Andere Führer +haben eine eben so strenge Ordnung eingeflößt und ihren Leuten nicht +minder glühenden Eifer eingeflößt, aber nur in seinem Lager fand man +strenge Disziplin und feurigen Enthusiasmus gepaart Mit der Genauigkeit +von Maschinen, obgleich wie Kreuzfahrer fanatisirt, rückten seine +Truppen zum Siege. Von der Reorganisation bis zu seiner Auflösung hat +das Heer weder auf den britischen Inseln noch auf dem Festlande einen +Feind gefunden, der seinem Angriffe widerstehen konnte. In England, +Schottland, Irland und Flandern haben die puritanischen Soldaten, wenn +<span class = "pagenum">I.79</span> +<a name = "pageI_79" id = "pageI_79"> </a> +auch oft mit Schwierigkeiten und nicht selten gegen eine dreifach +überlegene Macht kämpfend, nicht nur stets den Sieg errungen, sie haben +auch jedes ihnen entgegenstehende Heer völlig geschlagen und vernichtet, +so daß sie zuletzt den Tag der Schlacht als einen Tag unfehlbaren Siegs +betrachteten und mit stolzer Zuversicht den berühmtesten Bataillonen +Europa’s entgegenrückten. Turenne staunte über das wilde Jubelgeschrei, +mit dem seine englischen Verbündeten zum Kampfe gingen, und als er +erfuhr, daß die Lanzenträger Cromwells stets mit hoher Freude dem Feinde +in’s Angesicht sähen, sprach er die höchste Zufriedenheit des wahren +Soldaten aus. Auch in den verbannten Cavalieren regte sich der +Nationalstolz, als sie eine Brigade ihrer Landsleute, von den Feinden an +Zahl überlegen und von ihren Verbündeten verlassen, die schönste +spanische Infanterie in wirrer Flucht vor sich hinjagen und den Weg zu +einer Schanze brechen sahen, die so eben erst die tüchtigsten Marschälle +von Frankreich für unüberwindlich erklärt hatten.</p> + +<p>Aber die Hauptauszeichnung der Armee Cromwells vor andern Armeen +waren die strenge Moralität und Gottesfurcht, die sich in allen Reihen +zeigte. Selbst die eifrigsten Royalisten haben zugegeben, daß in diesem +seltsamen Lager nie ein Schwur gehört, nie Trunkenheit und Spiel +gesehen, und daß in der langen Zeit der Soldaten­herrschaft das +Eigenthum friedlicher Bürger und die Ehre der Frauen stets heilig +gehalten worden sind. Die etwa vorkommenden Excesse waren von denen, die +siegreiche Armeen gewöhnlich auszuüben pflegen, sehr verschieden. Es +hatte sich keine Magd über rohe Galanterie der Rothröcke zu beklagen, +und kein Goldschmied, daß aus seinem Laden eine Unze Silber genommen +sei; aber eine pelagianische Predigt, oder ein Fenster, auf dem die +Jungfrau mit dem Kinde abgebildet war, regten die puritanischen Reihen +dergestalt auf, daß die Offiziere nur mit großer Anstrengung sie wieder +beruhigen konnten. Die Musketiere und Dragoner von gewaltsamen Angriffen +auf die Kanzeln der Geistlichen abzuhalten, deren Reden nicht, wie man +sich zu jener Zeit ausdrückte, schmackhaft waren, bot für Cromwell eine +der Haupt­schwierig­keiten dar, und viele unserer Kathedralen +tragen jetzt noch die Zeichen des Hasses, mit dem jene strengen Geister +auf jede Spur des Papstthums blickten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Unterdrückung der Aufstände gegen die Soldaten­herrschaft.</span> +<a name = "secI_58" id = "secI_58">Es</a> war selbst für diese Armee +keine leichte Aufgabe, das englische Volk im Zaume zu halten. Sobald die +Nation, an eine solche Knechtung nicht gewöhnt, den ersten Druck der +militairischen Tyrannei fühlte, begann sie einen heftigen Kampf dagegen. +Selbst in den Grafschaften, die während des letzten Krieges dem +Parlamente die unterwürfigsten gewesen waren, brachen Aufstände los. Das +Parlament verabscheute in der That seine alten Vertheidiger mehr als +seine alten Feinde, und mit Karl auf Unkosten der Truppen einen +Vergleich zu schließen, war sein lebhaftester Wunsch. In Schottland +erstand zu derselben Zeit eine Koalition zwischen den Royalisten und +einer großen Zahl Presbyterianer, welche die Lehren der Independenten +verabscheuten. Bald kam der Sturm zum Ausbruch. In Norfolk, Suffolk, +Essex, Kent und Wales erfolgten Aufstände. Die Themseflotte zog +plötzlich die königliche Flagge auf, stach in See und bedrohte die +südliche Küste. Eine große schottische Heeresabtheilung überschritt die +Grenze und rückte bis nach Lancashire vor. Daß alle diese Bewegungen von +einem großen Theile +<span class = "pagenum">I.80</span> +<a name = "pageI_80" id = "pageI_80"> </a> +der Lords und der Gemeinen mit stillem Wohlgefallen betrachtet wurden, +läßt sich nicht mit Unrecht vermuthen.</p> + +<p>Aber so war das Joch der Armee nicht abzuwerfen. Während Fairfax die +Erhebungen in der Umgebung der Hauptstadt niederdrückte, schlug Cromwell +die Insurgenten von Wales, zerstörte ihre festen Plätze und rückte gegen +die Schotten vor. Gegen die angreifenden Truppen waren die seinigen nur +gering an Zahl, aber er war nicht gewohnt, seine Feinde zu zählen. Die +schottische Armee ward völlig vernichtet. Nun erfolgte eine Veränderung +in der schottischen Regierung; in Edinburg setzte man eine dem Könige +feindliche Verwaltung ein, und Cromwell, mehr als je von seinen Soldaten +geliebt, kehrte triumphirend nach London zurück.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verfahren gegen den König.</span> +<a name = "secI_59" id = "secI_59">Nun</a> bildete sich ein Plan zu +einer festen Form aus, den Niemand bei dem Beginne des Bürgerkrieges +auch nur anzudeuten gewagt haben würde und <ins class = "correction" +title = "Wort »der« fehlt">der</ins> mit der feierlichen Ligue und dem +Covenant eben so im Widerspruche stand, als mit den alten Gesetzen von +England. Seit mehrern Monaten hatten die finstern Krieger, welche die +Nation beherrschten, eine furchtbare Rache an dem gefangenen Könige +ersonnen. Wann und wie dieser Plan zuerst entstanden, ob er von dem +Generale in die Reihen der Soldaten, oder von diesen zu dem Generale +seinen Weg gefunden, ob er der Politik beizumessen ist, welche den +Fanatismus als ihr Werkzeug benutzte, oder dem Fanatismus, der die +Politik jäh mit sich fortriß, sind Fragen, die sich selbst heute noch +nicht mit voller Sicherheit beantworten lassen. Im Allgemeinen aber läßt +sich annehmen, daß der, der zu leiten schien, in der Wirklichkeit folgen +mußte, und daß er bei diesem, wie einige Jahre später bei einem andern +Anlasse, sein eigenes Urtheil und seine eigenen Neigungen den Wünschen +des Heeres zum Opfer brachte; denn die von ihm erschaffene Macht konnte +er selbst nicht immer zügeln, und um nach der Regel befehlen zu können, +mußte er mitunter auch gehorchen. Er gab öffentlich die Erklärung ab, +daß er weder die Sache angeregt habe, noch um die ersten Schritte wisse, +daß er dem Parlamente die Ausführung des Streichs nicht habe anrathen +können, aber daß er seine eigenen Gefühle der Macht der Verhältnisse +untergeordnet, von der er geglaubt, sie deute die Zwecke der Vorsehung +an. Man hat gewöhnlich diese Bekenntnisse für Beweise der Heuchelei +gehalten, die man ihm beizumessen pflegte; aber selbst die, die ihn für +einen Heuchler halten, werden es gewiß nicht wagen, ihn einen Narren zu +nennen, und deshalb werden sie darthun müssen, daß er zu irgend einem +Zwecke das Heer heimlich reizte, den Weg zu betreten, den er offen zu +empfehlen nicht wagte. Die Annahme wäre widersinnig, daß er, dem selbst +die achtbarsten Feinde weder muthwillige Grausamkeit noch unversöhnliche +Rachsucht beigemessen haben, den wichtigsten Schritt seines Lebens aus +reiner Bosheit gethan haben solle. Er war viel zu klug, um nicht wissen +zu können, daß er durch das Einwilligen, das geheiligte Blut zu +vergießen, eine That verübe, die nichts sühnen konnte, und welche nicht +nur die Royalisten, sondern auch neun Zehntheile der Parlamentspartei +mit Schmerz und Abscheu erfüllen würde. Mögen Andere Phantomen +nachgehangen haben, er dachte sicher weder an eine Republik nach antikem +Muster, noch an das tausendjährige Reich der Heiligen. Wenn er selbst +schon danach strebte, eine neue Dynastie zu gründen, so wäre +Karl I. offenbar ein weniger zu fürchtender Mitbewerber gewesen, +als Karl II. Von dem Augenblicke an, in dem Karl I. starb, +würde jeder +<span class = "pagenum">I.81</span> +<a name = "pageI_81" id = "pageI_81"> </a> +Cavalier seine Loyalität unverkürzt auf Karl II. übertragen haben. +Karl I. war ein Gefangener, Karl II. lebte in der Freiheit. +Karl I. war selbst bei denen ein Gegenstand des Mißtrauens und der +Abneigung, die bei dem Gedanken an seine Ermordung zurückbebten; +Karl II. würde alle die Theilnahme für sich gehabt haben, die +unglückliche Jugend und Unschuld erregen. Es läßt sich unmöglich +annehmen, daß dem scharfsinnigsten Politiker jener Zeit so naheliegende +und inhaltschwere Betrachtungen entgangen sein sollten. Das Wahre ist, +daß Cromwell eine Zeit lang die Absicht hegte, zwischen dem Throne und +dem Parlamente zu vermitteln und unter der Sanktion des königlichen +Namens den zerrütteten Staat durch die Macht des Schwertes wieder +aufzubauen. An dieser Absicht hielt er so lange fest, bis er durch den +widerstrebenden Geist seiner Soldaten und die unheilbare Treulosigkeit +des Königs sie aufzugeben gezwungen ward. Eine Partei im Lager forderte +den Kopf des Verräthers, der mit Agag zu unterhandeln vorschlug. Es +wurden Verschwörungen angezettelt, mit Anklagen laut gedroht, und eine +Meuterei brach aus, die Cromwell mit aller seiner Kraft und +Entschlossenheit kaum zu unterdrücken vermochte. Stellte er auch durch +eine kluge Vereinigung von Strenge und Milde die Ordnung wieder her, so +entging es ihm doch nicht, daß es im höchsten Grade schwierig und +gefährlich sei, die Wuth von Kriegern bezähmen zu wollen, die den +gefallenen Tyrannen nicht nur als ihren eigenen Feind, sondern auch als +den Feind Gottes betrachteten.</p> + +<p>Um diese Zeit stellte sich klarer als je heraus, daß man dem Könige +nicht trauen dürfe. Die eigenen Laster hatten Karl völlig umstrickt, +wobei allerdings auch Laster waren, die in schwierigen Lagen doppelt +stark hervorzutreten pflegen. Die List ist dem Schwachen das +natürlichste Vertheidigungs­mittel, und ein Fürst, der auf dem +Gipfel seiner Macht Täuschungen aus Gewohnheit ausübte, wird in +schwierigen Lebenslagen und Bedrängnissen sich wahrlich der +Aufrichtigkeit nicht befleißigen. So gewissenlos Karl in der Kunst zu +heucheln war, eben so unglücklich war er auch darin, denn keinem +Staatsmanne sind soviel Betrügereien und Unwahrheiten unwiderleglich +nachgewiesen, als ihm. Er erklärte öffentlich die Häuser zu Westminster +als ein gesetzliches Parlament, und gleichzeitig gab er im geheimen +Rathe die Erklärung ab, daß diese Anerkennung nichtig sei. Er verwahrte +sich öffentlich, daß er nie daran denke, fremde Hilfe gegen sein Volk in +das Land zu rufen; heimlich suchte er Hilfe bei Frankreich, Dänemark und +Lothringen. Er leugnete öffentlich, daß er Papisten in seine Dienste +nähme; gleichzeitig sandte er seinen Generalen im Geheimen die Weisung, +jeden Papisten, der dienen wolle, anzunehmen. Er nahm öffentlich zu +Oxford das Sakrament darauf, daß er das Papstthum in England nie +begünstigen wolle; im Geheimen gab er seiner Gattin die Versicherung, +daß er das Papstthum in England dulden werde, und Lord Glamorgan +ermächtigte er zu dem Versprechen, daß das Papstthum in Irland +eingeführt werden solle; dann versuchte er, sich auf Kosten dieses +Bevollmächtigten rein zu waschen: Glamorgan empfing von der Hand des +Königs geschriebene Verweise, die zum Lesen für Andere bestimmt waren; +aber auch lobende Anerkennungen, die nur er allein lesen solle. Und +wahrlich, es beherrschte in der That die Falschheit den ganzen Charakter +des Königs dergestalt, daß seine treuesten Freunde sich nicht enthalten +konnten, sich gegenseitig mit bitterm Schmerze und tiefer Scham über +seine unredliche Politik zu beklagen. Seine Niederlagen, +<span class = "pagenum">I.82</span> +<a name = "pageI_82" id = "pageI_82"> </a> +äußerten sie, verursachten ihnen weniger Kummer als seine Intriguen. +Seit dem Beginne seiner Gefangenschaft suchte er jeden Theil der +siegreichen Partei durch Schmeicheleien und Umtriebe zu berücken, aber +keiner seiner Versuche war je so unglücklich ausgefallen, als der, +Cromwell durch Schmeicheleien zu täuschen und zu stürzen.</p> + +<p>Cromwell mußte indeß einen Entschluß fassen. Sollte er bei dem ohne +Zweifel vergeblichen Versuche, einen König zu retten, der durch keinen +Vertrag zu binden war, die Anhänglichkeit seiner Partei und Armee, seine +eigene Größe, ja selbst sein Leben preisgeben? Nach vielem Kämpfen und +Schwanken, vielleicht auch nach vielem Beten, ward der Entschluß +festgestellt. Karl blieb seinem Schicksale überlassen. Die kriegerischen +Heiligen beschlossen nun, daß der König, den alten Reichsgesetzen und +der fast allgemeinen Gesinnung der Nation zum Trotz, sein Verbrechen mit +dem Leben büßen solle. Eine Zeit lang glaubte er einen Tod sterben zu +müssen, wie seine unglücklichen Vorgänger, Eduard II. und <ins +class = "error" title = "Original hat »Richard III.«">Richard II.</ins>. Einen solchen Verrath hatte er indeß +nicht zu fürchten, denn die, welche ihn unter ihren Händen hatten, waren +keine nächtlichen Meuchelmörder; was sie thaten, sollte ein Schauspiel +für Himmel und Erde sein und ein ewiges Andenken bleiben. Das Ärgerniß, +das sie gaben, hatte für sie den höchsten Reiz. Daß die alte Verfassung +und die öffentliche Meinung Englands mit dem Königsmorde im schroffsten +Widerspruche standen, ließ einer Partei, die eine vollständige +politische und sociale Revolution bewirken wollte, den Mord in einem +verführerischen Lichte erscheinen. Die Erreichung dieses Zweckes machte +das Zerbrechen jedes einzelnen Theils der Staats­maschine nöthig, +und diese Nothwendigkeit berührte sie mehr angenehm, als schmerzlich. +Die Gemeinen stimmten für den Abschluß eines Vergleichs mit dem Könige; +die Soldaten schlossen die Majorität gewaltsam aus. Die Lords verwarfen +einstimmig den Vorschlag, den König vor Gericht zu stellen; ihr Haus +ward sofort geschlossen. Kein ordentlicher Gerichtshof wollte die +Verantwortung auf sich nehmen, den zu richten, der die Quelle der +Gerechtigkeit repräsentirte.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Seine Hinrichtung<ins class = "correction" title = ". fehlt">. </ins></span> +<a name = "secI_60" id = "secI_60">Da</a> ward ein revolutionaires +Tribunal errichtet, und dieses Tribunal erklärte Karl für einen +Tyrannen, für einen Verräther, einen Mörder und einen öffentlichen +Feind. Vor Tausenden von Zuschauern, dem Banketsaale seines Palastes +gegenüber ließ man seinen Kopf von dem Rumpfe trennen.</p> + +<p>Aber bald zeigte es sich, daß die politischen und religiösen Eiferer, +denen diese That beizumessen ist, nicht nur ein Verbrechen, sondern auch +ein Versehen begangen hatten. Dem Fürsten nämlich, der dem Volke bisher +nur durch seine Fehler bekannt gewesen, hatten sie Gelegenheit geboten, +auf einer großen Bühne, Angesichts aller Nationen und Zeiten, +Eigenschaften zu zeigen, die unwiderstehlich Bewunderung und Zuneigung +erwecken müssen: den hohen Muth eines Helden, und die Geduld und +Sanftmuth eines reuigen Christen; sie hatten selbst ihre Rache in einer +Weise ausgeübt, daß derselbe Mann, der sein ganzes Leben hindurch nur +auf die Vernichtung der Freiheiten Englands gesonnen, als ein Märtyrer +eben dieser Freiheiten zu sterben schien. Nie hat ein Demagog so auf den +öffentlichen Geist gewirkt, als dieser gefangene König, der selbst auf +dem höchsten Gipfel des Unglücks seine volle königliche Würde bewahrte, +dem Tode furchtlos in’s Angesicht sah und den Gefühlen seines +unterdrückten Volkes Ausdruck verlieh, indem er muthig seine +Rechtfertigung vor einem +<span class = "pagenum">I.83</span> +<a name = "pageI_83" id = "pageI_83"> </a> +dem Gesetze unbekannten Gerichtshofe verweigerte, von der +Soldaten­gewalt an die Grundsätze der Verfassung appellirte, nach +dem Rechte fragte, mit dem das Haus der Gemeinen seiner achtbarsten +Glieder und das der Lords seiner legislativen Funktionen beraubt sei, +und den weinenden Zuhörern sagte, er vertheidige nicht nur seine, +sondern auch ihre Sache. Seine lange schlechte Regierung, seine +unzähligen Treulosigkeiten waren nun vergessen, und in den Gemüthern des +größten Theils seiner Unterthanen lebte sein Andenken mit dem an die +freien Institutionen fort, die er lange zu vernichten bemüht gewesen +war, denn diese freien Institutionen waren mit ihm untergegangen, und +seine Stimme allein hatte sie unter dem schmerzlichen Schweigen eines +durch Waffengewalt unterdrückten Staates vertheidigt. Eine Reaktion, zu +Gunsten der Monarchie und des vertriebenen Königs­hauses, trat an +diesem Tage ein und schritt so lange fort, bis der Thron in seiner +vollen alten Würde wieder aufgebaut war.</p> + +<p>Anfangs schien es jedoch, als ob die Mörder des Königs in dem +blutigen Sakramente, das sie eng mit einander verbunden und für immer +von der großen Masse ihrer Landsleute getrennt hatte, neue Willenskraft +fänden. England ward zu einer Republik umgeschaffen, und das Haus der +Gemeinen, auf eine kleine Zahl von Gliedern beschränkt, ward dem Namen +nach die höchste Staats­gewalt; in der That aber regierten die Armee +und ihre ersten Führer. Cromwells Wahl war getroffen, er hatte sich die +Herzen seiner Soldaten bewahrt und fast alle übrigen Klassen seiner +Mitbürger sich entfremdet. Man konnte nicht sagen, daß er außerhalb der +Grenzen seiner Lager und festen Plätze Anhänger habe. Die Elemente jener +Macht, die seit dem Beginne des Bürgerkriegs sich unter einander selbst +bekämpft hatten, als sämmtliche Cavaliere, die große Mehrzahl der +Rundköpfe, die anglikanische, presbyterianische und römisch-katholische +Kirche, England, Schottland und Irland, alle hatten sich nun gegen ihn +verbunden<ins class = "correction" title = ". fehlt">. </ins>Aber +Cromwells Genie und Entschlossenheit waren so gewaltig, daß er Alles +vernichtete, was ihm auf der Bahn entgegentrat, die er eingeschlagen +hatte, um sich zu <ins class = "correction" title = "Fehler für »einem«?">einen</ins> unumschränktern Gebieter seines Vaterlandes zu +machen, als irgend einer der gesetzlichen Könige desselben gewesen, und +um es gefürchteter und geachteter hinzustellen, als es Generationen +hindurch unter der Regierung legitimer Fürsten gestanden hatte.</p> + +<p>England kämpfte schon nicht mehr; aber die beiden andern Königreiche, +die unter dem Scepter der Stuarts gestanden, hegten gegen die neue +Republik eine feindliche Gesinnung. Die irischen Katholiken und die +schottischen Presbyterianer sahen gleich gehässig auf die +Independenten-Partei. Beide Länder, erst kürzlich noch aufständisch +gegen Karl I., huldigten jetzt der Autorität Karls II.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Unterwerfung Irlands und Schottlands.</span> +<a name = "secI_61" id = "secI_61">Aber</a> nichts konnte der Kraft und +Geschicklichkeit Cromwells Widerstand leisten. Er besiegte in wenig +Monaten Irland so vollständig, wie es in den fünfhundert Jahren, die +seit der Landung der ersten normannischen Ansiedler verflossen, nie +besiegt gewesen. Dem Kampfe der Volksstämme und Religionen, der so lange +die Insel zerrüttet, wollte er dadurch ein Ziel setzen, daß er der +englischen und protestantischen Bevölkerung die entschieden wichtigste +Stellung anwies. Um diesen Zweck zu erreichen, zügelte er den wilden +Fanatismus seiner Anhänger nicht mehr, führte einen Krieg, der dem +Israels gegen die Kananiter glich, vernichtete die Götzendiener mit der +Schärfe des Schwertes, daß große Städte fast keine Einwohner mehr +<span class = "pagenum">I.84</span> +<a name = "pageI_84" id = "pageI_84"> </a> +hatten, trieb Tausende nach dem Festlande oder ließ sie nach Westindien +führen, und füllte die dadurch entstandene Lücke mit Ansiedlern +sächsischen Blutes und calvinistischen Glaubens aus. Daß das eroberte +Land unter dieser eisernen Regierung sich eines zunehmenden Wohlstandes +zu erfreuen schien, klingt seltsam, aber es ist wahr. Gegenden, die noch +vor kurzer Zeit so unwirthbar gewesen, als jene, in denen die ersten +weißen Ansiedler von Connecticut mit den rothen Männern kämpften, +glichen nach wenig Jahren Kent und Norfolk. Überall erstanden neue +Gebäude, Straßen und Pflanzungen; der Ertrag der Güter vermehrte sich +schnell, und bald klagten die englischen Grundbesitzer über die +Konkurrenz irischer Produkte auf den Märkten, und forderten +Schutzgesetze.</p> + +<p>Der siegreiche Feldherr, der nun auch dem Namen nach war, was er +schon längst in Wirklichkeit gewesen, Lord General der republikanischen +Heere, wandte sich von Irland nach Schottland, wo der junge König war, +der zur presbyterianischen Kirche übergetreten, den Covenant +unterzeichnet, und als Lohn dafür von den strengen Puritanern, die zu +Edinburg die Regierung leiteten, die Erlaubniß erhalten hatte, die Krone +zu tragen, und unter ihrer Oberaufsicht still und ernst einen Hof zu +halten. Diese Scheinloyalität dauerte nicht lange; Cromwell vernichtete +in zwei großen Schlachten die ganze Kriegsmacht Schottlands. Karl +rettete sich durch die Flucht vor dem Schicksale, das seinen Vater +betroffen. Zum ersten Male war nun das alte Königreich der Stuarts +völlig zur Unterwürfigkeit gebracht, und von der Unabhängigkeit, die +einst gegen die tüchtigsten Plantagenets so tapfer vertheidigt worden, +blieb keine Spur. Das englische Parlament gab Schottland Gesetze, +englische Richter hielten dort Assisen, und selbst die hartnäckige +Kirche, die ihre Selbstständigkeit gegen so viele Regierungen bewahrt, +wagte nicht einmal leise zu murren.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Das lange Parlament wird vertrieben.</span> +<a name = "secI_62" id = "secI_62">Zwischen</a> den Kriegern, die Irland +und Schottland unterjocht, und den Politikern, die in Westminster +beriethen, hatte bis zu dieser Frist wenigstens ein Schein von +Übereinstimmung stattgefunden; aber den Bund, den die Gefahr +geschlossen, löste der Sieg wieder auf. Das Parlament vergaß, daß es nur +eine Kreatur der Armee war, und die Armee war jetzt weniger als sonst +geneigt, sich den Verordnungen des Parlaments zu fügen. Es hatte auch in +der That der geringe Mitgliederbestand, den man verächtlich den Rumpf +des Hauses der Gemeinen nannte, nicht mehr Anspruch auf die Achtung, die +Volksvertretern gebührt, als die Befehlshaber in der Armee. Der Streit +ward bald zu einem entscheidenden Ende geführt. Cromwell füllte das Haus +mit Bewaffneten, der Sprecher ward von seinem Stuhle geworfen, der Stab +vom Tische genommen, der Saal geleert und die Thür verschlossen. Die +Nation, die keiner der streitenden Parteien hold war, aber ohne es zu +wollen, die Tüchtigkeit und Energie des Feldherrn achten mußte, sah +geduldig, vielleicht auch mit Wohlgefallen zu.</p> + +<p>König, Lords und Gemeine waren nach und nach bewältigt und vernichtet +und Cromwell erschien nun als der einzige Erbe der Machtbefugnisse die +jene zusammen besessen hatten; aber die Armee selbst, der er seine +ausgedehnte Autorität verdankte, legte ihm gewisse Beschränkungen auf. +Dieser sonderbare Körper bestand größtentheils aus eifrigen +Republikanern, die ihr Vaterland frei zu machen wähnten, indem sie es +der Knechtschaft überlieferten. Das von ihnen allgemein verehrte Buch +enthielt ein Beispiel, dessen sie häufig erwähnten. Es murrte die +unwissende und +<span class = "pagenum">I.85</span> +<a name = "pageI_85" id = "pageI_85"> </a> +undankbare Nation gegen ihre Befreier, wie einst ein anderes +auserwähltes Volk gegen den Mann gemurrt, der es auf mühseligen und +traurigen Pfaden aus der Knechtschaft in ein Land geführt, wo Milch und +Honig floß; und dennoch hatte dieser Führer seine Brüder wider ihren +Willen befreit, auch eben so wenig Anstand genommen, diejenigen zum +abschreckenden Beispiele furchtbar zu züchtigen, welche die dargebotene +Freiheit verachteten, und sich nach den Fleischtöpfen, den Frohnvögten +und Götzenbildern Egyptens zurücksehnten. Das Ziel der kriegerischen +Heiligen, die Cromwell umgaben, war die Gründung einer freien, frommen +Republik. Zur Erreichung dieses Ziels waren sie bereit alle Mittel, +selbst gewaltthätige und ungesetzliche, ohne Bedenken anzuwenden. Es lag +daher die Möglichkeit vor, mit ihrer Hilfe eine dem Wesen nach absolute +Monarchie zu errichten, aber eben so auch die Wahrscheinlichkeit, daß +sie ihre Hilfe sofort einem Herrscher entziehen würden, der selbst unter +streng constitutionellen Formen, den Namen und die Würde eines Königs +anzunehmen wagte.</p> + +<p>Cromwell dachte anders; er war nicht mehr, was er gewesen, und die +Veränderung in seinen Ansichten nur als eine Wirkung selbstsüchtigen +Ehrgeizes ansehen zu wollen, würde ungerecht sein. Er brachte, als er zu +dem langen Parlamente trat, wenig Bücherkenntniß aus seiner ländlichen +Einsamkeit mit, und besaß weder Erfahrung in wichtigen Angelegenheiten, +wohl aber eine durch lange Tyrannei der Regierung und der Hierarchie +gereizte Stimmung. Während der folgenden dreizehn Jahre hatte er eine +politische Schule nicht gewöhnlicher Art durchgemacht. In einer Reihe +von Revolutionen hatte er bedeutende Rollen gespielt; er war lange die +Seele und zuletzt das Haupt einer Partei gewesen; er hatte Heere +befehligt, Schlachten gewonnen, Verträge abgeschlossen, und Königreiche +unterjocht, beruhigt und geordnet. Es wäre in der That seltsam gewesen, +wenn er stets dieselben Ansichten behalten, die er damals besessen +hatte, als sein Geist sich nur mit den Feldern und der Religion +beschäftigte, als ein Viehmarkt oder eine fromme Versammlung in +Huntingdon die Hauptereignisse waren, die in den einförmigen Lauf seines +Lebens Abwechselung brachten. Er sah ein, daß manche jener früheren +Neuerungspläne, für die er eiferte, mochten sie nun an sich gut oder +schlecht sein, der allgemeinen Stimmung des Landes nicht entsprachen, +und daß er, wenn er auf diesen Plänen beharrte, stets mit Unruhen zu +schaffen haben würde, die nur durch unausgesetzte Anwendung des +Schwertes unterdrückt werden könnten. Deshalb beabsichtigte er, in allen +wesentlichen Punkten jene alte Verfassung wieder herzustellen, welche +der große Theil des Volks stets geliebt hatte, und nach der es sich +jetzt sehnte. Das Verfahren, das später Monk anwendete, konnte Cromwell +noch nicht beobachten. Der große Königs­mörder ward durch die +Erinnerung an einen furchtbaren Tag von dem Hause Stuart für immer +getrennt; ihm blieb nichts, als den alten englischen Thron zu besteigen +und im Sinne der alten englischen Staats­verfassung zu regieren. +Gelang ihm dies, so durfte er hoffen, daß die Wunden des zerfleischten +Staats­körpers bald wieder verharrschen würden; es hätten sich viele +redliche und besonnene Männer um ihn gesammelt, und diejenigen +Royalisten, die mehr an den Institutionen als den Personen, mehr an dem +königlichen Amte als an König Karl I. oder Karl II. hingen, +würden bald die Hand des Königs Oliver geküßt haben. Es würden die +Peers, die still auf ihren Landgütern wohnten und mürrisch die +Theilnahme an +<span class = "pagenum">I.86</span> +<a name = "pageI_86" id = "pageI_86"> </a> +öffentlichen Angelegenheiten verweigerten, mit Freuden ihre alten +Functionen wieder übernommen haben, wenn sie das Ausschreiben eines im +Besitz des Thrones befindlichen Königs zu ihrem Hause gerufen hätte; +Northumberland und Bedford, Manchester und Pembroke würden stolz gewesen +sein, wenn sie dem Manne, der die Aristokratie wiederhergestellt, Krone +und Sporen, Scepter und Reichsapfel hätten vorantragen können; das Volk +würde nach und nach durch ein Gefühl der Loyalität mit der neuen +Dynastie verbunden worden sein und bei dem Tode des Gründers dieser +Dynastie wäre die königliche Würde unter allgemeiner Billigung auf seine +Nachkommen übergegangen.</p> + +<p>Die scharfsinnigsten Royalisten hielten dafür, daß diese Ansichten +richtig seien, und daß, wenn Cromwell nur nach seinem Urtheile hätte +verfahren können, die vertriebene Dynastie nie wieder zur Regierung +gelangt wäre; aber sein Plan widersprach völlig den Gefühlen jener +Klasse, der einzigen, die er nicht zu reizen wagte. Den Soldaten war der +Name des Königs verhaßt. Einige derselben haßten selbst eine Verwaltung, +die sich in den Händen einer einzelnen Person befand; und war der große +Theil auch geneigt, den General, als den gewählten ersten Beamten einer +Republik, gegen alle Factionen zu schützen, die seine Autorität nicht +anerkennen würden, so wollten sie doch nicht zugeben, daß er sich den +Königstitel beilege, oder daß die Würde, die nur der gerechte Lohn für +seine persönlichen Verdienste sei, für erblich in seiner Familie erklärt +werde. Ihm blieb nun nichts weiter übrig, als der neuen Republik eine +der alten Monarchie so ähnliche Verfassung zu geben, als es die Armee +nur irgend gestattete. Damit nun seine Erhebung zur Macht nicht als ein +Akt persönlichen Ehrgeizes erscheinen möchte, berief er einen Rath, der +theils aus Personen zusammengesetzt war, auf deren Unterstützung er +zählen, theils aus solchen, deren Opposition er ohne Gefahr Trotz bieten +konnte. Nachdem diese, von ihm Parlament genannte Versammlung, von dem +Volke aber nach einem seiner hervorragendsten Mitglieder „<ins class = +"correction" title = "Original hat »Barebone’s«">Barebones</ins> +Parlament“ getauft, sich eine Zeit lang der allgemeinen Verachtung +ausgesetzt hatte, gab sie dem General die von demselben empfangenen +Vollmachten zurück und überließ ihm allein, einen Verfassungsplan zu +entwerfen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Oliver Cromwell’s Protektorat.</span> +<a name = "secI_63" id = "secI_63">Sein</a> Plan hatte Anfangs nur eine +große Ähnlichkeit mit der alten Verfassung; nach Verlauf einiger Jahre +aber glaubte er weiter gehen und fast alle Theile des alten Systems +unter neuen Namen und Formen wiederherstellen zu dürfen. Der Königstitel +ward nicht wieder verwendet, aber die Vorrechte des Königs wurden einem +Lord Groß-Protektor bewilligt. Man nannte den Souverain nicht „Se. +Majestät“, sondern „Se. Hoheit.“ Man krönte und salbte ihn nicht in der +Westminsterabtei, aber man ließ ihn feierlich den Thron besteigen, mit +einem Staats­schwerte umgürtet und einem Purpurmantel angethan, und +in der Westminsterabtei schenkte man ihm eine prachtvolle Bibel. Man +hatte sein Amt nicht für erblich erklärt, aber ihm erlaubt, seinen +Nachfolger zu ernennen, und Niemand zweifelte, daß er seinen Sohn wählen +würde.</p> + +<p>Ein Haus der Gemeinen war ein nothwendiger Bestandtheil der neuen +Verfassung. Bei der Gestaltung dieses Instituts zeigte der Protektor +Weisheit und Gemeinsinn, die seine Zeitgenossen nicht gebührend +gewürdigt haben. Waren die Fehler des alten Vertretungssystems auch +nicht so bedeutend, als sie später wurden, so hatten sie scharfblickende +Männer +<span class = "pagenum">I.87</span> +<a name = "pageI_87" id = "pageI_87"> </a> +dennoch schon bemerkt. Cromwell reformirte dieses System nach denselben +Grundsätzen, nach denen Pitt einhundert­dreißig Jahre später es zu +verbessern versuchte, und nach denen es endlich in unserer Zeit wirklich +verbessert wurde. Den kleinen Flecken entzog man mit noch +schonungsloserer Strenge als 1832 das Wahlrecht und die Zahl der +Grafschafts­mitglieder ward vergrößert. Nur wenig Städte, die nicht +vertreten waren, hatten sich bis dahin zu einer Bedeutung erhoben; zu +diesen wenigen gehörten Manchester, Leeds und Halifax, und diese +erhielten Vertreter. Die Zahl der Mitglieder, die für die Hauptstadt +wählten, wurde vermehrt. Das Wahlrecht ward dergestalt geordnet, daß +jeder Besitzende, mochte sein Eigenthum in Freisassengütern bestehen +oder nicht, eine Stimme in der Grafschaft hatte, in der er angesessen +war. Nur wenig Schotten und wenige der englischen Colonisten von Irland +wurden zu der Versammlung berufen, die in Westminster allen Theilen der +britischen Inseln Gesetze geben sollte.</p> + +<p>Ein Haus der Lords zu errichten, war eine schwierigere Aufgabe. Die +Demokratie kann die Stütze der Verjährung entbehren, die Monarchie hat +oft ohne sie bestanden, aber ein Patrizierstand ist das Werk der Zeit. +Cromwell fand einen reichen, hoch geehrten und in allen untern +Volksklassen so populären Adel vor, als nur je der Adel gewesen ist. +Wenn er als König von England, gemäß dem alten Brauche des Königreichs, +die Pairs zu dem Parlamente berufen hätte, es würden viele derselben +ohne Zweifel dem Rufe gefolgt sein; dies durfte er nicht, und daß er den +Häuptern erlauchter Familien in seinem neuen Senate Sitze anbot, blieb +ohne Erfolg, denn sie sahen ein, daß sie einer neuerstandenen +Versammlung nicht beitreten konnten, ohne auf ihr Geburtsrecht zu +verzichten und ihren Stand zu verrathen. Der Protektor sah sich nun +genöthigt, sein Oberhaus mit neuen Männern zu besetzen, die sich in der +letzten Zeit der Aufregung hervorgethan hatten. Diese seiner +Einrichtungen, die allen Parteien mißfiel, war die unglücklichste. Die +nach allgemeiner Gleichheit strebende Partei — Levellers — +zürnte ihm darüber, daß er eine bevorzugte Klasse schuf; die Menge, +welche für die großen geschichtlichen Namen des Landes Achtung und Liebe +hegte, verlachte sonder Scheu ein Haus der Lords, das glückliche Kärrner +und Schuhmacher zu Gliedern zählte und wenige der alten Adeligen, die +sich fast alle verächtlich davon abwandten, berufen hatte.</p> + +<p>Die Art und Weise der Einrichtung von Cromwells Parlamenten war +praktisch von untergeordneter Bedeutung, da er die Mittel besaß, auch +ohne die Unterstützung und ungeachtet der Opposition derselben die +Verwaltung zu führen. Eine verfassungs­mäßige Regierung, und an +Stelle der Schwertherrschaft die der Gesetze zu stellen, scheint in +seinem Wunsche gelegen zu haben. Aber ihm ward bald klar, daß er nur bei +einer unumschränkten Verwaltung sicher sein konnte, da Royalisten und +Presbyterianer ihn haßten. Das erste Haus der Gemeinen, auf seinen +Befehl vom Volke gewählt, zog seine Autorität in Frage; es ward +aufgelöst, ohne daß es auch nur eine Akte durchgebracht hatte. Sein +zweites Haus der Gemeinen, das ihn zwar als Protektor anerkannte und ihn +gern zum Könige gemacht haben würde, weigerte sich dessenungeachtet +hartnäckig, seine neuen Lords anzuerkennen. Ihm blieb nichts übrig, als +das Parlament aufzulösen. Als er schied, rief er aus: Gott sei Richter +zwischen Euch und mir!</p> + +<span class = "pagenum">I.88</span> +<a name = "pageI_88" id = "pageI_88"> </a> +<p>Diese Zerwürfnisse hatten jedoch durchaus keinen Einfluß auf die +energische Verwaltung des Protektors. Dieselben Soldaten, die ihm das +Tragen des Königs­titels nicht gestatten wollten, unterstützten ihn +bei Ausführung solcher Gewaltmaßregeln, wie sie je ein englischer König +nur versucht hat. So war die Regierung der Form nach republikanisch, in +Wahrheit aber eine durch die Weisheit, Mäßigung und Großherzigkeit des +Despoten gemilderte Despotie. Das Land war in Militairbezirke getheilt, +die unter den Befehlen von Generalmajors standen. Jede aufständische +Bewegung ward im Keime erstickt und bestraft. Die Macht des Schwertes in +einer so starken, unbeugsamen und erfahrenen Hand dämpfte den Muth der +Cavaliere und der Levellers. Die loyale Gentry erklärte, sie sei zwar +immer noch bereit, für die alte Verfassung und Dynastie das Leben +einzusetzen, wenn nur eine schwache Hoffnung auf Erfolg vorhanden wäre; +aber an der Spitze von Dienern und Pächtern sich den Lanzen von Brigaden +entgegenzustellen, die in hundert Schlachten und Belagerungen siegreich +gewesen, sei eine unsinnige Verschwendung unschuldigen und +schätzenswerthen Blutes. Da sich von offenem Widerstande nichts hoffen +ließ, begannen Royalisten und Republikaner schwarze Mordpläne zu +ersinnen; aber des Protektors Kundschafter waren gut, und seine +Wachsamkeit ward nicht lästig; nur in der Mitte der blanken Schwerter +und Harnische seiner getreuen Garden verließ er die Mauern seines +Palastes.</p> + +<p>Wäre Cromwell ein grausamer, ausschweifender und raublustiger Regent +gewesen, so hätte die Nation vielleicht in der Verzweiflung Muth +gefunden und sich durch eine krampfhafte Anstrengung von der +Militairherrschaft zu befreien gesucht; aber waren auch die +Bedrückungen, unter denen das Land seufzte, stark genug, um ernstliche +Unzufriedenheit zu erregen, so konnten sie doch die große Masse nicht +bewegen, Leben, Vermögen und die Wohlfahrt der Familien einer +furchtbaren Macht gegenüber auf das Spiel zu setzen. Die Last der +Steuern war, wenn auch drückender als unter den Stuarts, mit den +Nachbarstaaten verglichen und nach den Hilfsquellen Englands beurtheilt, +eine leichte zu nennen. Das Eigenthum war sicher, und selbst der +Cavalier, wenn er die neue Verfassung unangetastet ließ, genoß in +Frieden, was ihm die bürgerlichen Unruhen gelassen hatten. Nur in +Fällen, in denen es sich um die Sicherheit der Person und der Regierung +des Protektors handelte, wurden die Gesetze überschritten; aber in +Streitsachen zwischen Privaten ward die Justiz mit einer Strenge und +Unparteilichkeit geübt, wie man sie zuvor nie gekannt. Seit der +Reformation hatten unter keiner englischen Regierung so wenig religiöse +Verfolgungen stattgefunden. Betrachtete man auch die unglücklichen +Katholiken als dem Bereiche der christlichen Kirche nicht mehr +angehörig, so gestattete man dennoch dem gestürzten anglikanischen +Klerus, seinen Gottesdienst unter der Bedingung abzuhalten, daß seine +Predigten alle Politik ausschlössen. Es durften selbst die Juden, denen +seit dem dreizehnten Jahrhundert der öffentliche Gottesdienst untersagt +gewesen, sich trotz der Opposition neidischer Kaufleute und fanatischer +Theologen in London eine Synagoge bauen.</p> + +<p>Des Protektors auswärtige Politik zwang zugleich auch diejenigen, die +ihn am meisten haßten, gegen ihren Willen ihm Anerkennung zu zollen. Die +Cavaliere konnten kaum den Wunsch unterdrücken, daß der, der soviel zur +Vermehrung des Nationalruhmes gethan, ein legitimer König gewesen +<span class = "pagenum">I.89</span> +<a name = "pageI_89" id = "pageI_89"> </a> +sei, und die Republikaner waren zu dem Eingeständnisse gezwungen, daß +der Tyrann nur für sich allein das Recht usurpire, mitunter dem +Vaterlande Unrecht zu thun, und daß er ihm für die geraubte Freiheit +Ruhm zurückgegeben habe. Nach einem halben Jahrhundert, während dessen +England kaum ein bedeutenderes Gewicht in der Politik Europa’s gehabt, +als Venedig und Sachsen, erhob es sich plötzlich zu der gefürchtetsten +Macht der Welt, schrieb den Vereinigten Nieder­landen +Friedensbedingungen vor, rächte an den Seeräubern der Berberei die der +ganzen Christenheit zugefügte Schmach, besiegte Spanien zu Land und zu +Meer, bemächtigte sich einer der schönsten westindischen Inseln und +gewann an der flämischen Küste einen festen Platz, der den Nationalstolz +für den Verlust von Calais tröstete. Es war die erste Macht auf dem +Weltmeere; es stand an der Spitze des <ins class = "correction" title = +"Original hat »protestanischen«">protestantischen</ins> Interesses; +Cromwell ward von allen in katholischen Königreichen zerstreuten +reformirten Kirchen als Schirmherr anerkannt; die Hugenotten von +Languedoc, die Hirten, die sich in ihren Alpendörfchen zu einem ältern +Protestantismus als den von Augsburg bekannten, wurden durch den +Schrecken allein vor Verfolgung gesichert, den sein großer Name +verbreitete. Selbst der Papst mußte papistischen Fürsten Menschlichkeit +und Mäßigung einschärfen, denn eine Stimme, die selten vergebens drohte, +hatte erklärt, daß die englischen Kanonen in der Engelsburg gehört +werden sollten, wenn man dem Volke Gottes nicht Duldung angedeihen +lasse. Es gab in der That Nichts, was Cromwell wegen seiner und seiner +Familie hätte mehr wünschen können, als einen allgemeinen europäischen +Religionskrieg, denn in diesem Falle wäre er der Führer der +protestantischen Armeen, und das Herz Englands wäre mit ihm gewesen; man +hätte seine Siege mit einer allgemeinen Begeisterung begrüßt, wie sie +das Land seit der Vernichtung der Armada nicht geäußert, und der +Flecken, den eine durch die Stimme der ganzen Nation verdammte Handlung +auf seinem strahlenden Ruhme zurückgelassen, würde durch sie verlöscht +worden sein. Zu seinem Unglücke bot sich ihm keine Gelegenheit, außer +gegen die britischen Inseln, sein bewundernswürdiges Feldherrntalent zu +entwickeln.</p> + +<p>Seine Gewalt, den Unterthanen ein Gegenstand der Abneigung, der +Bewunderung und der Furcht zugleich, stand, so lange er lebte, fest. +Seine Regierung war nur bei Wenigen beliebt, aber die, denen sie am +meisten verhaßt war, haßten sie nicht so sehr, als sie sie fürchteten. +Wäre die Regierung eine schlechtere gewesen, ihre Stärke hätte sie +wahrlich nicht vor dem Sturze sichern können. Aber sie enthielt Mäßigung +genug, um Bedrückungen zu vermeiden, welche die Menschen zur Wuth +treiben, und besaß eine Kraft und Energie, die zu bekämpfen nur Menschen +wagen konnten, welche die Unterdrückung bereits zum Wahnsinn +getrieben.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Richard, Cromwells Nachfolger.</span> +<a name = "secI_64" id = "secI_64">Man</a> hat oft behauptet, und +anscheinend nur aus wenigen Gründen, daß Cromwell zu einer seinem Ruhme +günstigen Zeit gestorben sei, und daß er, bei längerer Lebenszeit, +wahrscheinlich minder ehrenvoll und glücklich geendet haben würde. +Soviel steht fest, daß ihn seine Soldaten bis zu dem letzten Momente +ehrten, daß ihm die ganze Bevölkerung der britischen Inseln gehorchte, +daß ihn alle auswärtigen Mächte fürchteten, daß er mit einem Gepränge, +wie London es zuvor nie gesehen, neben den alten Souverainen Englands +zur Gruft bestattet wurde, und daß ihm sein Sohn Richard so ruhig in der +Regierung folgte, wie je ein Prinz von Wales einem Könige gefolgt +ist.</p> + +<span class = "pagenum">I.90</span> +<a name = "pageI_90" id = "pageI_90"> </a> +<p>Die Verwaltung Richard Cromwells hatte fünf Monate lang einen so +friedlichen und regelmäßigen Gang, daß ganz Europa der Meinung war, +seine Stellung am Staatsruder sei eine durchaus feste. Seine Lage war +wirklich in manchen Beziehungen vortheilhafter, als die seines Vaters; +er war noch zu jung, um Feinde zu haben, und an seinen Händen klebte +noch kein Bürgerblut. Die Cavaliere selbst gestanden ein, daß er ein +braver, gutmüthiger Gentleman sei. Die presbyterianische Partei, gleich +mächtig an Zahl wie an Reichthum, hatte mit dem nun verstorbenen +Protektor in tödtlicher Feindschaft gestanden, dem gegenwärtigen aber +zeigte sie eine geneigte Stimmung. Diese Partei hatte stets den Wunsch +genährt, es möge die alte Reichsverfassung mit einigen genauern +Bestimmungen und einigen stärkern Bürgschaften für die öffentliche +Freiheit wieder hergestellt werden, aber sie hatte mancherlei Gründe, +die Wiedereinsetzung der alten Herrscherfamilie zu fürchten. Für diese +Politiker war Richard der rechte Mann, denn seine Humanität, seine +Freimüthigkeit und Bescheidenheit, die Mittelmäßigkeit seiner Talente +und die Fügsamkeit, mit der er sich der Leitung klügerer Leute, als er, +überließ, machten ihn ganz vorzüglich geeignet, das Oberhaupt einer +beschränkten Monarchie zu sein.</p> + +<p>Es schien wirklich eine Zeit lang, als ob er unter der Leitung +fähiger Rathgeber das durchführen werde, was sein Vater umsonst begonnen +hatte. Es ward ein Parlament berufen und die Ausschreiben dazu erließ +man in der alten Form. Den kleinen Flecken gab man das ihnen vor Kurzem +entzogene Wahlrecht zurück; Manchester, Leeds und Halifax schickten +ferner nicht mehr Mitglieder ab, und die Grafschaft York ward wiederum +auf zwei Abgeordnete beschränkt. Es muß einer Generation, welche durch +die Fragen über Reform des Parlaments fast bis zum Wahnsinn aufgeregt +ward, außergewöhnlich erscheinen, daß große Städte und Grafschaften sich +dieser Änderung nicht nur geduldig, sondern auch gern fügten; aber wenn +auch damals schon denkende Männer die Fehler des alten +Repräsentativ-Systems und die daraus früher oder später entspringenden +ernsten praktischen Übel erkannten, so waren doch diese praktischen Übel +noch nicht empfindlich fühlbar gewesen. Hatte Oliver Cromwell sein +Repräsentativ-System auch nach den richtigsten Grundsätzen gebildet, so +war es doch nicht volksthümlich; sowohl die Begebenheiten, aus denen es +hervorgegangen, als die Folgen, die es bewirkt, konnten die öffentliche +Meinung nicht für dasselbe gewinnen. Es war der Militairgewalt +entsprungen, und hatte nur Streit erregt. Der Regierung durch das +Schwert überdrüssig, sehnte sich die ganze Nation nach der Regierung +durch das Gesetz. Deshalb gewährte die Wiederherstellung selbst der +Anomalien und Mißbräuche, die mit den Gesetzen streng übereinstimmten +und durch das Schwert vernichtet gewesen waren, allgemeine +Befriedigung.</p> + +<p>Im Hause der Gemeinen gab es eine starke, theils aus offenen +Republikanern, theils aus geheimen Royalisten bestehende Opposition; +aber eine große, fest entschlossene Majorität schien dem Plane geneigt, +die alte Verfassung unter einer neuen Dynastie wieder herzustellen. +Richard ward feierlich als die erste obrigkeitliche Person im Staate +anerkannt. Die Gemeinen erklärten sich nicht nur bereit, mit den von +Oliver Cromwell ernannten Lords gemein­schaftlich die +Staats­geschäfte zu verhandeln, sondern nahmen auch den Beschluß an, +daß diejenigen Adeligen, die zur Zeit der Unruhen der Sache der +öffentlichen Freiheit angehangen, ohne neue Ernennung im Oberhause des +Parlaments zu sitzen das Recht haben sollten.</p> + +<span class = "pagenum">I.91</span> +<a name = "pageI_91" id = "pageI_91"> </a> +<p>Bis hierher waren die Staats­männer, deren Rath Richard befolgte, +glücklich gewesen. Fast alle Theile der Staats­verwaltung hatte man +eben so eingerichtet, wie sie bei dem Beginne des Bürgerkrieges gewesen. +Hätten der Protektor und das Parlament ungestört fortschreiten dürfen, +so läßt sich kaum bezweifeln, daß unter dem Hause Cromwell schon eine +ähnliche Ordnung der Dinge erstanden wäre, wie sie später unter dem +Hause Hannover begründet ward. Aber es gab im Staate eine andere Macht, +vollkommen fähig, gegen Protektor und Parlament aufzutreten. Richard +besaß nämlich über die Armee keine andere Autorität als die, welche er +aus dem großen ererbten Namen herleitete. Er hatte sie nie zum Siege +geführt, hatte selbst nie die Waffen getragen, alle seine Neigungen und +Gewohnheiten waren friedlicher Art, und seine religiösen Ansichten und +Gesinnungen erfreuten sich des Beifalls der militairischen Heiligen +nicht. Daß er ein guter Mensch war, hat er durch Demuth und +Leutseligkeit, während er auf dem Gipfel menschlicher Größe stand, und +durch freudige Ergebung bei Leiden und Unglücksfällen treffender +dargethan, als durch tiefe Seufzer und lange Reden; aber das damals in +jeder Wachtstube übliche fromme Geschwätz war ihm dergestalt zum Ekel, +daß er seine Abneigung dagegen nicht immer verbergen konnte. Die +Offiziere, welche den größten Einfluß auf die in der Nähe stationirten +Truppen ausübten, gehörten nicht zu seinen Freunden; sie waren durch +Muth und Tapferkeit auf dem Schlachtfelde ausgezeichnete Männer, aber es +fehlte ihnen jene Klugheit, jener bürgerliche Muth, die Eigenschaften, +die ihrem verstorbenen Führer in so hohem Grade eigen waren. Einige von +ihnen waren achtungswerthe, aber fanatische Independenten und +Republikaner. Das Haupt dieser Klasse war <ins class = "correction" +title = "Original hat »Fleetword«">Fleetwood</ins>. Andere wieder +strebten danach, das zu werden, was Oliver Cromwell gewesen; sein +rasches Emporkommen, sein Glück und sein Ruhm, seine feierliche +Inauguration in den Hallen von Westminster, und seine prachtvolle +Bestattung in der Abtei hatten die Phantasie derselben entflammt; sie +waren von eben so guter Herkunft, eben so gut erzogen, als er, und +begriffen nun nicht, warum sie nicht eben so würdig wären, mit dem +Purpur bekleidet zu werden und das Schwert des Staates zu tragen. Das +Ziel ihres maßlosen Ehrgeizes verfolgten sie nicht, wie er, mit Geduld, +Wachsamkeit, Scharfsinn und Entschlossenheit, sondern mit jener Ungeduld +und Unentschiedenheit, welche die hochfliegende Mittelmäßigkeit +charakterisiren. Unter diesen matten Copien eines großen Originals +zeichnete sich Lambert am auffälligsten aus.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Sturz Richards, und Wiedereinsetzung des Langen Parlaments.</span> +<a name = "secI_65" id = "secI_65">Denselben</a> Tag, an dem Richard den +Thron bestiegen, traten die Offiziere zu einer Verschwörung gegen ihren +neuen Gebieter zusammen. Das gute Einvernehmen zwischen ihm und seinem +Parlamente beschleunigte das Herannahen der Krisis. In dem Lager +entstanden Unruhe und Erbitterung, sowohl die religiösen Gefühle als die +des Standes der Armee waren tief verletzt, und es schien, als sollten +sich die Independenten den Presbyterianern, und die Männer des Schwerts +den Männern der Robe unterwerfen. Zwischen den Unzufriedenen in der +Armee und der republikanischen Minorität in dem Hause der Gemeinen +bildete sich eine Koalition. Selbst wenn Richard das scharfe Urtheil und +den eisernen Muth seines Vaters ererbt hätte, so bleibt es dennoch +zweifelhaft, ob er diese Koalition besiegt haben würde; es ist vielmehr +gewiß, daß seine Einfachheit und Sanftmuth den Erfordernissen der Zeit +nicht entsprachen. +<span class = "pagenum">I.92</span> +<a name = "pageI_92" id = "pageI_92"> </a> +Er fiel ohne Widerstand und ohne Ruhm; die Armee benutzte ihn als +Werkzeug zur Auflösung des Parlamentes und schob ihn dann verächtlich +bei Seite. Um ihre republikanischen Verbündeten zufrieden zu stellen, +erklärten die Offiziere die Vertreibung des Rumpfparlamentes für +ungesetzlich und luden diese Versammlung ein, ihre Amtsgeschäfte wieder +zu beginnen. Der alte Sprecher und eine beschlußfähige Anzahl Mitglieder +traten wieder zusammen, und unter schlecht verhehltem Hohne und +Verwünschungen Seitens der Nation wurden sie zur ersten Macht des +Staates ausgerufen. Auch ward ausdrücklich erklärt, daß es weder einen +ersten Beamten, noch ein Haus der Lords ferner geben solle.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Zweite Vertreibung des Langen Parlaments.</span> +<a name = "secI_66" id = "secI_66">Ein</a> solcher Zustand der Dinge +konnte nicht von langer Dauer sein. An demselben Tage, an dem das Lange +Parlament wieder in’s Leben trat, lebten auch die alten Zwistigkeiten +mit der Armee wieder auf. Es vergaß der Rumpf abermals, daß er sein +Dasein dem Belieben der Soldaten verdankte, und begann wieder, sie als +Untergebene zu behandeln. Wiederum schloß man die Thüren des Hauses der +Gemeinen durch militairische Gewalt, und eine von den Offizieren +ernannte provisorische Regierung übernahm die Leitung der +Staats­geschäfte.</p> + +<p>Das Drückende dieser Lage und die Befürchtung, es könne noch +schlimmer werden, bewirkte indeß eine Verbindung zwischen den Cavalieren +und den Presbyterianern. Einige Presbyterianer hatten zwar schon vor dem +Tode Karls I. zu einer ähnlichen Vereinbarung sich geneigt gezeigt, +aber erst nach dem Falle Richard Cromwells eiferte die ganze Partei für +die Wiederherstellung des Königs­hauses. Für die Wiederherstellung +der alten Verfassung unter einer Dynastie gab es keine begründete +Hoffnung mehr; man mußte daher zwischen den Stuarts und der Armee +wählen. Die vertriebene Königs­familie hatte sich großer Vergehen +schuldig gemacht, aber sie hatte diese Vergehen hart gebüßt, und man +durfte hoffen, daß sie in der Schule des Unglücks heilsame Lehren +erhalten habe; es ließ sich annehmen, daß das Schicksal Karls I. +für Karl II. ein warnendes Beispiel sein würde. Aber es waren auch, +ohne Rücksicht hierauf, die dem Lande drohenden Gefahren der Art, daß +man zu ihrer Abwendung wohl einige Ansichten aufgeben und sich einigen +Wagnissen aussetzen konnte. England schien der gehässigsten und +erniedrigendsten aller Regierungs­formen anheim zu fallen bestimmt +zu sein, einer Form, die alle Übel des Despotismus mit allen Schrecken +der Anarchie vereinigte. Alles Andere war dem Joche vorzuziehen, das +eine Reihenfolge unfähiger und unrühmlicher Tyrannen auferlegte, welche +nach Art der Dey’s der Berberei durch unausgesetzte +Militair­revolutionen endlich zur Regierung gelangten. Lambert +konnte der erste dieser Despoten werden, aber nach Verlauf eines Jahres +hätte er wahrscheinlich Desborough, und später Desborough dem <ins class += "correction" title = "Original hat »Harrisson«">Harrison</ins> weichen +müssen. So oft der Kommandostab aus einer schwachen Hand in die andere +übergegangen wäre, so oft würde die Nation den Erpressungen ausgesetzt +gewesen sein, welche die Geschenke für die Truppen nöthig machten. Wenn +die Presbyterianer hartnäckig auf ihrer Trennung von den Royalisten +bestanden, wäre der Staat verloren gewesen, und ob es den vereinigten +Anstrengungen Beider gelungen wäre, ihn zu retten, war sehr zweifelhaft, +denn die Furcht vor der unbesiegbaren Armee hatte sich aller Bewohner +der Insel bemächtigt, und die Cavaliere, durch hundert verlorene +Schlachten belehrt, wie wenig die +<span class = "pagenum">I.93</span> +<a name = "pageI_93" id = "pageI_93"> </a> +numerische Überlegenheit gegen die Disziplin vermag, waren selbst noch +mehr eingeschüchtert, als die Rundköpfe.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Armee von Schottland rückt in England ein.</span> +<a name = "secI_67" id = "secI_67">So</a> lange die Soldaten unter sich +einig blieben, waren alle Complote und Aufstände der Mißvergnügten ohne +Wirkung. Aber wenig Tage nach der zweiten Vertreibung des +Rumpf-Parlaments liefen Nachrichten ein, welche die Herzen Aller, die +entweder der Monarchie oder der Freiheit anhingen, mit Freude erfüllten. +Jene ungeheure Streitmacht, welche Jahre lang wie ein einziger Mann +gehandelt und dadurch so unüberwindlich geworden war, hatte sich endlich +in Zwiespalt aufgelöst. Die schottische Armee, welche der Republik große +Dienste geleistet, befand sich in dem Zustande voller Kraft; mit einem +dem ähnlichen Unwillen, den die an der Donau und am Euphrat stehenden +römischen Legionen bei der Nachricht empfanden, daß die prätorianischen +Garden das Reich zum Verkauf feilgeboten, hatte sie sich von der +Revolution fern gehalten und sie beobachtet. Sie fand es unerträglich, +daß einige Regimenter, weil sie in der Nähe von Westminster +cantonnirten, und nur deshalb sich anmaßten, im Laufe eines halben +Jahres mehrere Regierungen zu ernennen und wieder abzusetzen. Wäre die +Regelung der Staats­angelegen­heiten durch Soldaten am rechten +Platze gewesen, so hätten diejenigen, welche im Norden des Tweed die +englische Autorität aufrecht erhielten, dasselbe Recht abzustimmen +gehabt, als die, welche den Tower von London besetzt hielten. Die in +Schottland stehenden Truppen scheinen weniger vom Fanatismus ergriffen +gewesen zu sein, als irgend ein anderer Theil der Armee, und Georg Monk +selbst, ihr General, war der vollständige Gegensatz von einem Zeloten. +Bei dem Beginne des Bürgerkriegs hatte er zu Gunsten des Königs die +Waffen getragen, war von den Rundköpfen gefangen worden, hatte dann von +dem Parlamente eine Offizierstelle angenommen und sich, ohne den +geringsten Anspruch auf Heiligkeit, durch Muth und militairische +Fähigkeiten zu hohen Kommandostellen emporgeschwungen. Beiden +Protektoren hatte er nützliche Dienste geleistet, er war ruhig +geblieben, als die Offiziere zu Westminster Richard stürzten und das +Lange Parlament wieder einsetzten, und hätte ihm die provisorische +Regierung nicht Grund zu Unwillen und Besorgniß gegeben, so würde er +vielleicht eben so ruhig bei der zweiten Vertreibung des Langen +Parlaments geblieben sein, denn er war von Natur vorsichtig, etwas +langsam und durchaus nicht geneigt, sichere und mäßige Vortheile der +Möglichkeit zu opfern, selbst einen glänzenden Erfolg zu bewirken. Die +Furcht, durch die Unterwerfung unter die neuen Herrscher des Staats in +seiner Sicherheit gefährdet zu werden, scheint ihn mehr zum Angriffe +getrieben zu haben, als die Hoffnung, durch ihren Sturz zu einer Größe +sich zu erheben. Was auch immerhin seine Gründe sein mochten — er +trat als der Verfechter der unterdrückten bürgerlichen Gewalt auf, +verweigerte die Anerkennung der angemaßten Autorität der provisorischen +Regierung und rückte an der Spitze von siebentausend alten Soldaten +gegen England vor.</p> + +<p>Dies war das Zeichen zu einem allgemeinen Ausbruche: überall weigerte +sich das Volk, Steuern zu zahlen; zu Tausenden versammelten sich die +Arbeiter der City und riefen laut nach einem freien Parlamente; die +Flotte segelte in die Themse und erklärte sich gegen die Tyrannei der +Soldaten; die Soldaten, frei von der Aufsicht eines überwiegenden +Geistes, theilten sich in Parteien; aus Furcht allein zu stehen und so +das +<span class = "pagenum">I.94</span> +<a name = "pageI_94" id = "pageI_94"> </a> +Racheziel der unterdrückten Nation zu werden, beeilte sich jedes +einzelne Regiment, einen Separatfrieden zu schließen. Lambert, der nach +Norden der schottischen Armee entgegen geeilt war, gerieth, von seinen +Truppen verlassen, in Gefangenschaft. Seit dreizehn Jahren hatte die +bürgerliche Gewalt in jedem Streite der militairischen erliegen müssen; +jetzt beugte sich die militairische vor der bürgerlichen Gewalt. Das +allgemein gehaßte und verachtete Rumpfparlament, aber der einzige +politische Körper im Lande, der noch einen Schein von gesetzlicher +Autorität trug, kehrte in das Haus zurück, aus dem man es zweimal +schimpflich vertrieben hatte.</p> + +<p>Monk rückte indeß London näher. Überall, wohin er kam, eilte ihm die +Gentry entgegen und bat ihn flehentlich, er möge seine Macht zur +Wiederherstellung des Friedens und der Freiheit der zerrütteten Nation +verwenden. Der General, kaltblütig, schweigsam und ohne Eifer für irgend +eine politische oder religiöse Verfassung, beobachtete eine +unerschütterliche Zurückhaltung. Was damals seine Pläne waren, und ob er +überhaupt Pläne hatte, läßt sich nicht bestimmen; aber es war +ersichtlich sein Hauptziel, sich so lange als möglich die freie Wahl +zwischen zwei Verfahrungsarten zu erhalten, die gewöhnliche Politik von +Männern, die sich mehr durch Klugheit, als durch Scharfsinn auszeichnen. +Es ist wahrscheinlich, daß er seinen Entschluß erst nach einigen Tagen +Aufenthaltes in der Hauptstadt festgestellt hat. Das ganze Volk rief +nach einem freien Parlamente, und es ist nicht zu bezweifeln, daß ein +solches die verbannte Königs­familie sofort zurückgerufen hätte. Der +Rumpf und die Soldaten waren dem Hause Stuart noch immer feindlich +gesinnt, und der Rumpf wiederum ward allgemein verachtet und gehaßt. Man +hatte zwar die Macht der Soldaten immer noch zu fürchten, aber die +herrschende Zwietracht hatte diese Macht bedeutend geschwächt, und dabei +war sie ohne Führer. In vielen Theilen des Landes hatten sich die +Soldaten einander feindlich gegenüber gestanden, und noch Tags zuvor, +ehe Monk London erreichte, hatte auf dem Strande ein Kampf zwischen +Reiterei und Fußvolk stattgefunden. Eine einige Armee hatte lange Zeit +eine durch Zwiespalt zerrüttete Nation niedergedrückt; jetzt war die +Nation einig und die Armee durch Zwiespalt zerrüttet.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Monk erklärt sich für ein freies Parlament.</span> +<a name = "secI_68" id = "secI_68">Die</a> Verstellung oder +Unschlüssigkeit Monks hielt eine Zeit lang alle Parteien in einer +peinlichen Ungewißheit. Endlich brach er das Schweigen, indem er sich +für ein freies Parlament erklärte.</p> + +<p>Diese Erklärung versetzte die Nation in einen wahren Freudentaumel; +überall wo er sich zeigte, drängte sich die jubelnde Menge um ihn und +segnete seinen Namen; alle Glocken Englands stimmten in diesen Jubel mit +ein; in den Straßen floß das Bier, und mehrere Nächte hindurch erhellten +unzählige Freudenfeuer London und die Umgegend von fünf Meilen. +Diejenigen presbyterianischen Mitglieder des Hauses der Gemeinen, die +man mehrere Jahre zuvor durch Waffengewalt vertrieben hatte, kehrten zu +ihren Sitzen zurück und es empfingen sie die lauten Begrüßungen der +Menge, die Westminsterhall und den Schloßhof anfüllte. Die Häupter der +Independenten wagten kaum noch sich in den Straßen zu zeigen, sie waren +selbst in ihren Wohnungen nicht mehr sicher. Man ergriff nun Maßregeln +zur Gründung einer zeitweiligen Regierung; es wurden Befehle zu einer +allgemeinen Wahl erlassen und das denkwürdige Parlament, das durch +zwanzig bewegte Jahre alle Wechsel des Glücks erfahren, seinen +<span class = "pagenum">I.95</span> +<a name = "pageI_95" id = "pageI_95"> </a> +Souverain besiegt, von seinen Dienern geknechtet und zweimal vertrieben, +und zweimal wieder eingesetzt worden, sprach endlich feierlich seine +eigene Auflösung aus.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Allgemeine Wahl von 1660.</span> +<a name = "secI_69" id = "secI_69">Das</a> Ergebniß der Wahlen entsprach +dem, was man von der Stimmung der Nation erwarten konnte. Das neue Haus +der Gemeinen war, mit geringen Ausnahmen, aus Männern zusammengesetzt, +die ergeben an der königlichen Familie hingen. Die Presbyterianer +bildeten die Mehrheit.</p> + +<p>Es schien fast gewiß, daß nun eine Restauration stattfinden würde; +aber es stand noch zu fürchten, daß sie keine friedliche sein würde. Die +Stimmung der Soldaten war finster und wild, sie haßten den Königstitel, +den Namen Stuart, verabscheuten den Presbyterianismus, aber mehr noch +die Prälatur. Indem sie mit Bitterkeit das Ende ihrer langen Herrschaft +und den Beginn eines Lebens voll Elend und ruhmlosen Mühens herannahen +sahen, schrieben sie ihr Unglück der Schwäche und dem Verrathe einiger +Generale zu. Eine Stunde ihres theuren Oliver Cromwell hätte selbst +jetzt noch den erloschenen Ruhm neu anfachen können. Waren sie auch +verrathen, uneinig und ohne einen Führer, der ihr Vertrauen besaß, so +mußte man sie dennoch fürchten. Der Wuth und Verzweiflung von +funfzigtausend Männern entgegenzutreten, die noch nie einem Feinde den +Rücken gewendet hatten, war keine leichte Aufgabe. Monk und seine +politischen Genossen sahen wohl ein, daß diese Krisis eine sehr +gefährliche sein würde. Indem sie jede List anwendeten, die +mißvergnügten Soldaten zu beruhigen und unter sich zu entzweien, trafen +sie auch zugleich für den Fall eines Zusammenstoßes die kräftigsten +Vorsichtsmaßregeln. Die in London garnisonirende schottische Armee +erhielt man durch Belobungen, Versprechen und Geschenke in einer +günstigen Stimmung. Die reichsten Bürger von London gewährten den +Rothröcken alles, sie spendeten so freigebig ihre besten Weine, daß man +ganze Haufen dieser frommen Krieger oft in einem Zustande fand, der +weder ihrem religiösen, noch ihrem militairischen Charakter große Ehre +machte. Monk wagte es, einige widerspenstige Regimenter aufzulösen, +während die provisorische Regierung mit Hilfe der Gentry und der +Behörden die größten Anstrengungen zur Organisirung der Miliz machte. +Bald stand diese Streitmacht, die mindestens +einhundert­zwanzig­tausend Mann stark war, in jeder Grafschaft +marschfertig. Über zwanzigtausend gut bewaffnete und ausgerüstete Bürger +ward in Hyde-Park Heerschau gehalten, wobei diese in einen Enthusiasmus +ausbrachen, der zu der Hoffnung berechtigte, daß sie im Fall der Noth +tapfer für ihre Läden und Häuser kämpfen würden. Die ganze Flotte hielt +es mit der Nation. Es war eine Zeit der Aufregung und der Angst, aber +auch eine Zeit der Hoffnung. Man war allgemein der Ansicht, daß England, +wenn auch durch einen verzweifelten und blutigen Kampf, frei werden, und +daß die, die so lange Zeit durch das Schwert geherrscht, jetzt durch das +Schwert umkommen würden.</p> + +<p>Glücklicherweise wurden die Gefahren eines Zusammenstoßes abgewendet. +Dadurch, daß Lambert aus dem Kerker entwich und seine Kameraden unter +die Waffen rief, entstand zwar ein Augenblick ernster Gefahr, und die +Flamme des Bürgerkrieges loderte sogleich empor, aber man erstickte sie +durch schnelle und kräftige Maßregeln, so daß sie sich nicht verbreiten +konnte, und nahm den unglücklichen Nachahmer Cromwells von +<span class = "pagenum">I.96</span> +<a name = "pageI_96" id = "pageI_96"> </a> +Neuem gefangen. Das Mißglücken dieses Unternehmens entmuthigte die +Soldaten, so daß sie sich traurig ihrem Schicksale unterwarfen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Restauration.</span> +<a name = "secI_70" id = "secI_70">Das</a> neue Parlament, oder +richtiger gesagt der Convent, denn die Zusammenberufung hatte ohne +königliche Ausschreiben stattgefunden, trat in Westminster zusammen, und +die Lords kehrten wieder in den Saal zurück, von dem sie seit länger +denn elf Jahren mit Gewalt fern gehalten worden waren. Beide Häuser +luden sogleich den König ein, in sein Reich zurückzukehren. Mit einem +nie gesehenen Gepränge ward er wiederum proklamirt. Eine glänzende +Flotte holte ihn von Holland und schiffte ihn an der Küste von Kent aus. +Die Felsen von Dover waren mit Tausenden von Zuschauern bedeckt, unter +denen sich wohl nicht einer befand, der nicht vor Freude weinte. Seine +Reise nach London war ein ununterbrochener Triumphzug. Von Rochester an +war die ganze Straße mit Buden und Zelten bedeckt, daß sie einem +endlosen Markte glich; überall flatterten Fahnen, überall ertönten +Glocken und Musik, überall floß der Wein und das Bier auf das Wohl +dessen, der Friede, Gesetz und Freiheit zurückbrachte. Aber inmitten der +allgemeinen Freude gewährte ein düsterer Fleck einen drohenden Anblick. +Zur Begrüßung des Herrschers hatte man die Armee auf Blackheath +aufgestellt; ob er auch lächelte, sich verbeugte, den Obristen und +Majoren seine Hand zum Kusse bot — sein freundliches +Entgegenkommen war vergebens. Die Haltung der Soldaten blieb eine +düstere und drohende, und hätten sie ihren Gefühlen freien Lauf +gelassen, so würde das Freudenfest, bei dem auch sie wider Willen +betheiligt waren, ein schreckliches und blutiges Ende genommen haben. +Aber es herrschte keine Einigkeit mehr unter ihnen, das Vertrauen zu den +Führern und zu einander selbst hatten Zwietracht und Abtrünnigkeit +geraubt. Die ganze Macht der City von London stand unter den Waffen, +zahlreiche Milizkompagnien, geführt von loyalen Edelleuten und +Gentlemen, waren aus verschiedenen Theilen des Landes gekommen, um den +König zu bewillkommnen. Dieser große Tag ging in Frieden zu Ende, und +der zurückgerufene Wanderer konnte sicher ruhen in dem Palaste seiner +Vorfahren.</p> + + +<a name = "kap_II" id = "kap_II"> </a> +<div class = "chapterhead"> + +<span class = "pagenum">II.1</span> +<a name = "pageII_1" id = "pageII_1"> </a> + +<h5><b>Zweites Kapitel.</b></h5> + +<hr class = "tiny"> + +<h4>Geschichte Englands unter Karl II.</h4> + +</div> + + +<a name = "pageII_2" id = "pageII_2"> </a> + +<span class = "pagenum">II.3</span> +<a name = "pageII_3" id = "pageII_3"> </a> + +<h4><a name = "inhalt_II" id = "inhalt_II"> +<b><span class = "extended">Inhalt</span>.</b></a></h4> + +<hr class = "micro"> + +<table class = "toc" summary = "inhaltsverzeichniss"> +<tr> +<td></td> +<td class = "seite">Seite</td> +</tr> +<tr class = "bottomline"> +<td><a href = "#kap_I">[<i>1. Kapitel</i>]</a></td> +<td></td> +</tr> +<tr class = "toppad"> +<td><p><a href = "#secII_1">Das Verfahren zur Wiederherstellung des +Hauses Stuart wird mit Unrecht getadelt</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_5">5</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_2">Beseitigung der Lehnspflichten der +Ritterschaft</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_6">6</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_3">Auflösung des Heeres</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_7">7</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secII_4">Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen +den Rundköpfen und Cavalieren</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_7">7</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_5">Religiöse Uneinigkeit</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_9">9</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_6">Unpopularität der Puritaner</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_11">11</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_7">Charakter Karls II.</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_15">15</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secII_8">Charakterschilderung des Herzogs von York +und des Earl von Clarendon</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_18">18</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_9">Allgemeine Wahl von 1661</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_20">20</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secII_10">Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen +Parlamente</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_21">21</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_11">Verfolgung der Puritaner</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_21">21</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secII_12">Eifer der Geistlichkeit für die erbliche +Monarchie</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_22">22</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_13">Veränderung in den Sitten der +Gesellschaft</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_23">23</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_14">Verworfenheit der Politiker</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_25">25</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_15">Zustand von Schottland</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_26">26</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_16">Zustand von Irland</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_28">28</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_17">Die Regierung in England wird +unpopulär</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_29">29</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_18">Krieg mit den Holländern</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_31">31</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_19">Opposition in dem Hause der Gemeinen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_32">32</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_20">Sturz Clarendons</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_33">33</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secII_21">Zustand der europäischen +Staats­angelegen­heiten und Überlegenheit +Frankreichs</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_35">35</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_22">Charakter Ludwigs XIV.</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_36">36</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_23">Die Tripleallianz</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_38">38</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_24">Die Vaterlandspartei</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_38">38</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_25">Verbindung zwischen Karl II. und +Frankreich</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_39">39</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_26">Pläne Ludwigs in Bezug auf England</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_40">40</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_27">Vertrag von Dover</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_42">42</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_28">Natur des englischen Cabinets</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_43">43</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_29">Die Cabale</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_44">44</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_30">Zahlungseinstellung der Schatzkammer</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_46">46</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secII_31">Krieg mit den Vereinigten Provinzen und +große Gefahr derselben</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_46">46</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_32">Wilhelm, Prinz von Oranien</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_47">47</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_33">Versammlung des Parlaments</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_48">48</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_34">Indulgenzerklärung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_49">49</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_35">Cassirung der Indulgenzakte, Annahme der +Testakte</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_50">50</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_36">Auflösung der Cabale</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_51">51</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> +<span class = "pagenum">II.4</span> +<a name = "pageII_4" id = "pageII_4"> </a> +<a href = "#secII_37">Verwickelte Lage der Vaterlandspartei</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_53">53</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secII_38">Verkehr dieser Partei mit der französischen +Gesandtschaft</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_53">53</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_39">Frieden von Nimwegen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_54">54</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_40">Große Unzufriedenheit in England</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_54">54</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_41">Danby’s Sturz</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_56">56</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_42">Die papistische Verschwörung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_56">56</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_43">Erste allgemeine Wahl von 1679</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_58">58</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_44">Heftigkeit des neuen Hauses der +Gemeinen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_60">60</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_45">Temple’s Regierungs­system</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_60">60</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_46">Charakter des Halifax</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_63">63</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_47">Charakter Sunderlands</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_65">65</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_48">Prorogation des Parlaments</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_66">66</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_49">Habeas-Corpus-Akte</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_66">66</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_50">Zweite allgemeine Wahl von 1679</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_67">67</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_51">Popularität Monmouths</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_67">67</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_52">Lawrence Hyde</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_70">70</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_53">Sidney Godolphin</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_70">70</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secII_54">Heftigkeit der Parteien bei der Frage der +Ausschließungsbill</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_71">71</a></td> +</tr> + +<tr> +<td><a href = "#secII_55"><ins class = "correction" title = "fehlt in Inhaltsverzeichniss"><i>Die Namen Whig und Tory</i></ins></a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_71"><i>71</i></a></td> +</tr> + +<tr> +<td><p><a href = "#secII_56">Zusammentritt des Parlaments und Durchgang +der Ausschließungsbill im Hause der Gemeinen</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_72">72</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_57">Die Lords verwerfen die +Ausschließungsbill</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_73">73</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_58">Hinrichtung Staffords</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_73">73</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_59">Allgemeine Wahlen von 1681</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_74">74</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_60">Das Parlament zu Oxford gehalten und +aufgelöst</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_74">74</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_61">Toryreaction</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_75">75</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_62">Verfolgung der Whigs</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_76">76</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_63">Der Freibrief der City wird +zurückgenommen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_77">77</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_64">Verschwörung der Whigs</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_77">77</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_65">Entdeckung der Whigverschwörung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_79">79</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_66">Strenge der Regierung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_79">79</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_67">Entziehung von Privilegien</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_79">79</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_68">Einfluß des Herzogs von York</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_80">80</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_69">Halifax opponirt ihm</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_81">81</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_70">Lord Guildford</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_82">82</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secII_71">Politik Ludwigs</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_84">84</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secII_72">Stand der Parteien am Hofe Karls zur Zeit +seines Todes</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageII_85">85</a></td> +</tr> +</table> + + +<span class = "pagenum">II.5</span> +<a name = "pageII_5" id = "pageII_5"> </a> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Das Verfahren zur Wiederherstellung des Hauses Stuart wird mit Unrecht +getadelt.</span> +<a name = "secII_1" id = "secII_1">Englands</a> Geschichte bietet +während des siebzehnten Jahrhunderts das Bild der Umgestaltung einer, +nach Art des Mittelalters geschaffenen beschränkten Monarchie in eine, +der höheren geistigen Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft +angemessenere beschränkte Monarchie, deren Schutz und Vertheidigung +nicht blos in den Händen des Adels liegt, und deren finanzielle +Bedürfnisse nicht ferner von dem Ertrage der Krongüter bestritten werden +müssen. Die Staats­männer welche im Jahre 1642 die Spitze des Langen +Parlaments bildeten, suchten diese Umwandlung dadurch herbeizuführen, +daß sie den Reichsständen die Wahl der Minister, die Oberaufsicht über +die gesammte Administration sowie den Oberbefehl über das Heer +übertrugen; so vortrefflich dieser Plan aber auch immer durchdacht war, +der Gang des herrschenden Bürgerkrieges ließ ihn nicht zur gewünschten +Ausführung kommen. Es ist Thatsache, daß die Häuser endlich +triumphirten, sie hatten aber vorher einen Kampf bestehen müssen, durch +den sie zur Bildung einer Gewalt gezwungen wurden, die zu überwachen sie +nicht mächtig genug waren, und welche gar bald die Herrschaft über alle +Parteien und Stände des Landes sich anzueignen begann. So lange der +weise und hochherzige Cromwell den Oberbefehl führte, waren die von +einer Militairherrschaft unzertrennlichen Übel weniger fühlbar; als aber +das Heldenschwert, welches er mit Kraft und Muth geführt, seiner Hand +entsank, als Führer an die Spitze des Heeres traten, welche weder seinen +Verstand noch seine Humanität, weder seine Fähigkeiten noch seine +Tugenden besaßen, da schien der Augenblick nicht fern zu sein, wo +Freiheit und Ordnung zu ruhmlosem Untergange übereinander stürzen +würden.</p> + +<p>Zu dieser Katastrophe sollte es jedoch nicht kommen. Oft haben der +Freiheit huldigende Schriftsteller die Restauration ein unglückliches +Ereigniß genannt, sie haben die Beschränktheit und +Nieder­trächtigkeit der Convention verdammt, welche die vertriebene +Königs­familie aus der Verbannung rief, ohne neue Garantien gegen +schlechte Staats­verwaltung in der Hand zu haben; aber Alle, welche +dieser Ansicht sind, haben nicht die Eigenthüm­lichkeit der Krisis +durchschaut, welche nach Richard Cromwells Absetzung eintrat. England +war von der Gefahr bedroht, unter den Despotismus von bedeutungslosen +Menschen zu gerathen, welche die Willkür der Soldateska heute emporhob, +und morgen wieder in das Nichts zurückwarf. Jeder einsichtsvolle +Vaterlandsfreund erkannte die Nothwendigkeit, der +Soldaten­herrschaft ein Ende zu machen, doch war die Lösung dieser +Aufgabe höchst schwierig, so lange die Soldaten unter sich einig +blieben. Bald aber schimmerte ein Hoffnungsstrahl; es kam zu +Mißverständnissen und Streitigkeiten unter den Generalen, ein Heerführer +bekämpfte den andern, und die Armeen standen einander erbittert +gegenüber. Jetzt galt es, den kritischen Moment rasch zu fassen und zu +benutzen, die Zukunft unseres +<span class = "pagenum">II.6</span> +<a name = "pageII_6" id = "pageII_6"> </a> +Vaterlandes hing davon ab, und wahrlich! es haben unsere Voreltern nicht +gesäumt, im verhängnißvollen Augenblicke zur That zu schreiten. Alle +Streitigkeiten über Reformen, welche unserer Verfassung nöthig waren, +wurden bis zu geeigneterer Zeit vertagt, Cavalier und Rundkopf, +Episcopale und Presbyterianer, sie alle standen fest und einig zur +Unterdrückung der militärischen Tyrannei und Aufrechthaltung der alten +Gesetze des Landes. Mit Recht konnte die Frage über Vertheilung der +Gewalt zwischen Monarchen, Adel und Gemeinen bis zu der nothwendigen +Entscheidung unbeantwortet bleiben, ob künftighin Englands Regierung in +der Hand des Königs und des Volkes, oder in der bewaffneten Faust der +Soldateska liegen solle. Es war ein Glück, daß die Staats­männer der +Convention nicht durch lange Reden über Regierungs­prinzipien, durch +Entwerfung einer neuen Constitution, oder durch Eröffnung von +Conferenzen die Zeit verloren; oder daß man wochenlang zwischen +Westminster und den Nieder­landen Boten mit Plänen und Gegenplänen, +Fragen von Hyde und Antworten von Prynne hin und her gesandt. Wäre es +geschehen, so würde die Coalition, welche die Erhaltung der öffentlichen +Sicherheit bezweckte, ihrer Auflösung entgegen gegangen sein; es wären +Streitigkeiten zwischen den Königlich Gesinnten und den Presbyterianern +ausgebrochen; die militairischen Factionen hätten sich wahrscheinlich +geeinigt und die getäuschten Freunde der Freiheit würden unter einer +Regierung, unvollkommener als die des unfähigsten Königs aus dem Stamme +der Stuarts, schmerzlich empfunden haben, daß die günstige Gelegenheit +zur Abhilfe vorübergegangen sei.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Beseitigung der Lehnspflichten der Ritterschaft.</span> +<a name = "secII_2" id = "secII_2">So</a> wurde denn durch allgemeine +Übereinkunft der beiden mächtigen Parteien die alte +Staats­verfassung in der Form wiederhergestellt, welche sie vor +achtzehn Jahren, wo König Karl I. die Hauptstadt verließ, gehabt +hatte, und alle Acte des Langen Parlaments, welche der König genehmigt +hatte, behielten ihre volle Geltung. Ebenso wurde auch von dem wieder +eingesetzten Könige eine neue Concession bewilligt, welche für die +Cavaliere von größerer Wichtigkeit war als für die Rundköpfe. Vor +Jahrhunderten schon hatte man als das geeignetste Mittel der +National­vertheidigung das militairische Lehnswesen eingeführt, das +Nützliche aber was diese Einrichtung in sich trug, war im Laufe der Zeit +verschwunden, und nichts als Beschwerden und leere Formen davon +zurückgeblieben. Wer von der Krone ein Landgut gegen ritterliche +Dienstleistung in Lehn trug — und in dieser Weise war der größte +Theil des Grundeigenthums von England vergeben — hatte bei der +Besitznahme eine bedeutende Geldsumme zu erlegen, konnte jedoch nicht +den geringsten Theil des erworbenen Eigenthums ohne höhere Erlaubniß +verkaufen. Starb er und der Erbe der Güter befand sich noch in den +Jahren der Unmündigkeit, so übernahm der König die Vormundschaft, und +erhielt für die Dauer derselben nicht allein einen bedeutenden Theil des +Güterertrags, sondern der Unmündige war auch verpflichtet, bei +Vermeidung schwerer Strafe, nach dem Willen des königlichen Vormunds und +nur in angemessenen Rangverhältnissen Ehebündnisse zu schließen. Daher +kam es, daß eine Menge mittelloser Abenteurer den Hof belagerten, in der +Hoffnung, zum Lohne für Unterwürfigkeit und Schmeichelei ein solches +reiches Mündel durch die Gnade des Königs zu erlangen. Mit der Monarchie +endigten auch diese Mißbräuche, und alle Gutsherren des Landes wünschten +natürlich dringend, daß mit der Wiedererstehung +<span class = "pagenum">II.7</span> +<a name = "pageII_7" id = "pageII_7"> </a> +derselben sie nicht etwa wiederkehren möchten; deshalb wurden sie durch +ein Statut feierlich beseitigt, und mit Ausnahme einiger +ehrendienstlichen Handlungen, welche noch jetzt bei der Krönung von +einigen Vasallen der Person des Königs geleistet werden müssen, +entschwanden diese alten, ritterdienstlichen Lehen für immer.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Auflösung des Heeres.</span> +<a name = "secII_3" id = "secII_3">Jetzt</a> sollte das Heer aufgelöst +werden. Funfzigtausend alte, kriegstüchtige Soldaten wurden +verabschiedet und gerechtfertigt schien die allgemeine Furcht, daß diese +große Menge brodlos gewordener Menschen Verbrechen und Unglück in +bedeutender Zahl hervorrufen, und der Mangel sie zu Mord und Plünderung +treiben würde; aber man hatte sich getäuscht, denn schon nach wenigen +Monaten war die furchtbare Armee friedlich im Volke verschwunden und +selbst die königlich Gesinnten mußten zugestehen, daß die entlassenen +Kriegsleute als brave und tüchtige Arbeiter sich allgemeiner Achtung zu +erfreuen hatten, und daß sie das Volk, wie man gefürchtet, weder durch +Raub und Plünderung noch durch Bettelei belästigten. Ja es ging die gute +Meinung, welche man von diesen entlassenen Soldaten hegte, soweit, daß +wenn z. B. ein Bäcker, Maurer oder Fuhrman sich durch Fleiß und +Redlichkeit bemerkbar machte, man unverholen aussprach, er müsse einst +zu Oliver Cromwells alten Soldaten gehört haben. —</p> + +<p>Obgleich die militairische Despotie geschwunden war, hatte sie doch +im Volke tiefe Erinnerungen zurückgelassen. Man sprach mit Abscheu und +Verachtung von den stehenden Heeren, und merkwürdig ist es, daß diese +Empfindungen unter den Cavalieren stärker waren als unter den +Rundköpfen. Es war ein Glück, daß als England unter der blutigen +Regierung des Schwertes stand, dasselbe nicht von dem angestammten +Fürsten, sondern den Männern der Revolution geführt wurde, obschon diese +weder das Leben des Königs noch die Kirche schonten. Die Freiheit +unseres Vaterlandes wäre dahin gewesen, wenn König Karl mit seinem guten +Rechte an der Spitze einer so höchst vortrefflichen Armee <ins class = +"correction" title = "Fehler für »gestanden hätte«?">stand</ins>, wie +die Cromwells war. Der monarchischen Partei war das einzige Mittel, +wodurch die Monarchie in eine absolute umgeändert werden konnte, zum +Glück ein Gegenstand der Furcht und des Schreckens, und nach der Ansicht +der Königlichen und Prälatisten nicht zu trennen von Fürstenmord und +Feldkanzelgeschrei. Die Tories eiferten noch ein Jahrhundert nach +Cromwells Tode gegen die Vermehrung des stehenden Heeres, und rühmten +die Vorzüge einer Nationalbewaffnung. War es doch noch im Jahre 1786 +einem Minister, der das Vertrauen der Tories in hohem Grade besaß, +unmöglich, die Befestigung der Meeresküsten bei ihnen durchzusetzen, +immer war ihnen das stehende Heer ein Gegenstand des Ärgernisses, bis +endlich die französische Revolution ihren Ansichten einen Umschwung +gab.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen den Rundköpfen und +Cavalieren.</span> +<a name = "secII_4" id = "secII_4">Die</a> Coalition, welche den König +wieder auf den Thron erhoben, hörte mit der Gefahr auf, die sie in’s +Leben gerufen; aber wiederum traten zwei feindliche Parteien auf den +Kampfplatz. Ihre einzige übereinstimmende Handlung war die Bestrafung +einiger Unglücklichen, auf denen zu jener Zeit der allgemeine Haß ruhte. +Cromwell war nicht mehr, und diejenigen, welche einst zitternd vor ihm +flohen, hatten die elende Genugthuung, den Leichnam des größten Mannes, +der England je beherrschte, aus der Erde zu reißen, ihn zu verstümmeln, +aufzuhängen und zu verbrennen. Auch von den republikanischen Häuptern +<span class = "pagenum">II.8</span> +<a name = "pageII_8" id = "pageII_8"> </a> +fielen zwar wenige, aber immer noch zu viel der Rache anheim, bald aber, +nachdem sie von dem Blute der Königs­mörder gesättigt waren, wandten +sich die Sieger gegen einander. Obschon die Rundköpfe nicht in Abrede +stellten, daß der hingerichtete König viele Vorzüge besessen, und das +Urtheil, welches ein gesetzwidriger Gerichtshof über ihn gesprochen, als +ein ungerechtes verdammten, so behaupteten sie doch, daß er bei seiner +Verwaltung sich Handlungen gegen die Verfassung erlaubt habe, und daß +die Häuser in ihrem vollen Rechte gewesen seien, als sie die Waffen +gegen ihn erhoben. Sie erklärten ferner, der gefährlichste Feind der +Monarchie sei der Schmeichler, welcher das Gesetz den Prärogativen +untergeordnet wissen wolle, der jede königliche Handlung gutheiße, +selbst wenn sie Eingriffe in die Rechte Anderer enthalte, und nicht +allein Cromwell und Harrison sondern auch Pym und Hampden mit den Namen +Verräther belege. Wünsche der König eine friedliche und glückliche +Regierung, so müsse er auch denen vertrauen, welche zwar die Waffen zur +Vertheidigung der verletzten Privilegien des Parlaments ergriffen, sich +aber doch der wüthenden Soldateska entgegen stellten, als es die Rettung +seines Vaters galt, und deren Anstrengungen die königliche Familie ihre +Zurückrufung hauptsächlich zu danken habe.</p> + +<p>Weit verschieden von dieser Ansicht war die des Adels. Bei allen +Wechselfällen welche das Fürstenhaus betroffen, waren sie achtzehn Jahre +hindurch diesem treuergeben geblieben. Sollten sie, da sie das +Mißgeschick ihres Fürsten getheilt, nicht auch seinen Triumph theilen? +War nicht ein Unterschied zwischen ihnen und dem unloyalen Unterthan, +welcher das Schwert gegen die heiligen Rechte seines Fürsten gezogen, +und sich als ein Anhänger Richard Cromwells nicht eher an der +Restauration der Stuarts betheiligte, bis er erkannte, daß nur dadurch +das Volk von der gefürchteten Militairherrschaft zu retten sei? Und wenn +auch die Dienste, welche ein solcher Mann zuletzt geleistet, Verzeihung +des Geschehenen erheischten, waren diese Dienste in die Wagschale zu +legen gegen die Aufopferungen und Mühseligkeiten der wackeren Cavaliere, +die in unerschütterlicher Treue bei der Dynastie verharrt? War es +möglich, ihn in gleiche Linie zu stellen mit Männern, welche nicht +nöthig hatten, die Gnade des Königs anzurufen, weil sie dieselbe in +jedem Augenblicke einer vieljährigen Vergangenheit verdient hatten? +Durfte er im Genuß eines Vermögens gelassen werden, welches aus dem +Eigenthume der zu Grunde gerichteten Vertheidiger des Thrones bestand? +Mußte er sich nicht glücklich schätzen, Leben und Eigenthum, welche so +oft der Gerechtigkeit verfallen waren, gesichert zu sehen, und Theil zu +haben an den Segnungen einer milden Regierung, der er so lange feindlich +gegenübergestanden? War es billig, ihn für seine Verrätherei zum +Nachtheile von Männern zu belohnen, deren einziger Vorwurf nur in der +Treue liegen konnte, mit welcher sie fest an ihrem Huldigungseide +gehalten hatten? Durfte der König seine alten Feinde mit Reichthümern +überschütten, die man seinen alten Freunden geraubt? Konnte man zu +Männern Vertrauen haben, welche gegen ihren König aufgestanden, und das +Schwert gegen ihn erhoben, ja ihn eingekerkert hatten, und die jetzt, +anstatt reuig und zerknirscht das Haupt zu beugen, mit keckem Trotz ihre +Handlungen vertheidigten und als hohen Beweis ihrer Loyalität anführten, +daß sie ihre Hand nicht zum Königsmorde bieten wollten? Allerdings +hätten sie bei Wiederaufrichtung des Thrones thätige Hilfe geleistet; +aber wer anders als sie habe ihn denn vorher +<span class = "pagenum">II.9</span> +<a name = "pageII_9" id = "pageII_9"> </a> +umgestürzt? und noch jetzt huldigten sie ja Grundsätzen, welche gar +leicht zur Wiederholung einer solchen That führen könnten. Daß die +königliche Gnade einige von denen berühren möchte, welche sich bei +Wiederherstellung des Thrones besonders nützlich gezeigt, fand man zwar +angemessen, aber die Pflicht der Gerechtigkeit und Dankbarkeit sowie die +Staats­klugheit geböten, daß der König seine Gnade über die treuen +Männer ausschütte, welche in den Tagen des Glücks wie der Gefahr zu ihm +und seinem Hause gestanden. Aus diesen Gründen beanspruchte der Adel +natürlich Entschädigung für seine Leiden und besondere Rücksicht bei +Austheilung der königlichen Gnadenbeweise. Einige exaltirte Männer +dieser Partei gingen sogar noch weiter und verlangten ausgedehnte +Proskriptionslisten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Religiöse Uneinigkeit.</span> +<a name = "secII_5" id = "secII_5">Noch</a> erbitterter wurde der +politische Kampf durch einen religiösen Streit. Der König fand die +Kirche in einem eigenthümlichen Zustande. Kurze Zeit vor dem Beginn des +Bürgerkrieges hatte Karl I., wenn auch mit Widerstreben, einer von +Falkland unterstützten Bill seine Zustimmung gegeben, wodurch die +Bischöfe ihres Sitzes im Hause der Lords beraubt worden; das Episcopat +aber und die Liturgie waren niemals durch ein Gesetz aufgehoben worden. +Das lange Parlament hatte jedoch Verordnungen erlassen, welche im +Kirchenregiment und öffentlichen Gottesdienste eine förmliche Revolution +hervorgerufen. Im Prinzip war das neue System kaum weniger erastianisch +als das, welches es verdrängte. Die Kammern, namentlich durch die +Rathschläge des äußerst klugen Selden veranlaßt, hatten den Entschluß +gefaßt, die weltliche Gewalt vollständig über die geistliche zu stellen. +Sie hatten sich geweigert die Erklärung zu geben, daß irgend eine Form +der Kirchenverfassung göttlichen Ursprungs sei, und ebenso bestimmt, daß +von allen geistlichen Gerichtshöfen eine Appellation in letzter Instanz +an das Parlament gehen solle. Mit diesem höchst wichtigen Vorbehalt +beschloß man in England ein Kirchenregiment einzuführen, welches dem +bereits in Schottland vorhandenen vollständig glich. Die Autorität von +Konzilien, die in regelmäßiger Stufenfolge sich eines über das andere +erhoben, setzte man an die Stelle der Autorität der Bischöfe und +Erzbischöfe, die Liturgie machte dem presbyterianischen Directorium +Platz. Die neuen Regulative waren jedoch kaum abgefaßt, als die +Independenten sich zu außerordentlichem Einflusse im Staate erhoben. Die +Independenten waren nicht geneigt, Verordnungen, welche die Klassen-, +Provinzial- und Nationalsynoden betrafen, durchzusetzen, und sie sind +deshalb nie zu vollständiger Ausführung gebracht worden. Das +presbyterianische System wurde ausnahmsweise nur in <ins class = +"correction" title = "Original hat »Middlessex«">Middlesex</ins> und +Lancashire im ganzen Umfange ausgeübt, in den übrigen fünfzig +Grafschaften scheint fast jedes einzelne Kirchspiel ohne Verbindung mit +den benachbarten geblieben zu sein. Die Geistlichen bildeten zwar in +einigen Bezirken freiwillige Verbindungen unter sich, zu dem Zwecke +gegenseitigen Beistands und Rathes; diese Vereine besaßen aber keine +zwingende Kraft. Da jetzt weder Bischöfe noch Presbyterien die Patrone +der geistlichen Pfründen zügelten, so würde es in deren Macht gestanden +haben, die Seelsorge den verrufensten Menschen zu übergeben, wenn nicht +das energische Einschreiten Cromwells diese Willkür unmöglich gemacht +hätte. Er gründete auf seine eigene Autorität eine Behörde von +Bevollmächtigten, welche den Namen „Prüfer“ (<span class = +"antiqua">Triers</span>) führten und von denen die meisten +Independenten-Geistliche waren. Außerdem hatten einige wenige +presbyterianische Pfarrer sowie einige +<span class = "pagenum">II.10</span> +<a name = "pageII_10" id = "pageII_10"> </a> +Laien in diesem Kollegium Sitz und Stimme. Das Zeugniß, welches diese +Prüfer gaben, vertrat die Stelle sowohl der Einsetzung als der +Einführung, und Niemand konnte eine geistliche Pfründe erhalten, wenn er +nicht ein solches Zeugniß besaß. Ohne Zweifel war dies eine Handlung des +Despotismus, wie sie wohl selten von einem Beherrscher Englands +ausgegangen, aber bei der allgemeinen Überzeugung, daß ohne eine solche +Maßregel das Land von liederlichen und unwissenden Menschen überschwemmt +werden müsse, welche den Namen von Geistlichen trügen und deren +Einkommen verzehrten, erhoben mehrere Männer, die in hoher Achtung +standen, ihre Stimme, und, obgleich keine Freunde Cromwells, erklärten +sie laut, daß er in diesem Falle als ein öffentlicher Wohlthäter +gehandelt habe. Die Kandidaten, welche die Prüfer zur Bekleidung eines +geistlichen Amtes fähig befunden, nahmen ihre Pfarreien in Besitz, +bebauten ihre Ländereien, erhoben den Zehnten, beteten ohne Buch und +Chorhemd und ertheilten das Abendmahl an Kommunikanten, welche an langen +Tafeln saßen.</p> + +<p>In solch heilloser Verwirrung befand sich Englands Kirchenverfassung. +Das Episcopat war die Regierungsform, welche die alten bis dahin noch +nicht aufgehobenen Gesetze vorschrieben; eine Parlaments­verordnung +hatte die presbyterianische Form festgestellt, aber weder das alte +Gesetz noch die parlamentarische Verordnung waren thatsächlich in Kraft. +Die Kirche in ihrem wahren Zustande erschien als ein unregelmäßiger +Körper, zusammengefügt aus einigen wenigen Presbyterien und einer Menge +von Independenten-Gemeinden, welche sämmtlich durch die Autorität der +Regierung nieder- und zusammengehalten wurden.</p> + +<p>Von denen, welche bei der Zurückführung des Königs hauptsächlich +mitgewirkt hatten, wünschten Viele dringend Synoden und das Directorium. +Andere eiferten dafür, durch einen Vergleich die religiösen +Streitigkeiten, welche England so lange bewegt hatten, zu beendigen. +Zwischen den bigotten Anhängern Lauds und Calvins konnte weder Friede +noch Waffenstillstand bestehen; aber es war möglich, die gemäßigten +Episcopalen von Ushers Schule und die gemäßigten Presbyterianer von der +Schule Baxters zu einer Verständigung zu bewegen. Die gemäßigten +Episcopalen würden zugestehen, daß ein Bischof gesetzmäßig durch ein +Konzil unterstützt werden könne, und die gemäßigten Presbyterianer +würden nicht in Abrede stellen, daß jede Provinzial­versammlung +gesetzmäßig einen beständigen Präsidenten haben und daß dieser +gesetzmäßig „Bischof“ genannt werden könne. Man könne eine revidirte +Liturgie annehmen, welche das extemporirte Gebet nicht ausschlösse, +einen Taufdienst, bei welchem man das Zeichen des Kreuzes nach Ermessen +in Anwendung bringen könne oder nicht; eine Austheilung des Abendmahls, +bei welcher es den Gläubigen unbenommen bleiben sollte zu sitzen, wenn +ihr Gewissen es ihnen nicht gestatte zu knieen. Dieser Plan aber stimmte +nicht mit den Ansichten der Cavaliere überein. Die wirklich religiösen +Mitglieder dieser Partei waren dem ganzen System ihrer Kirche auf das +Gewissenhafteste zugethan. Diese war ihrem gemordeten König theuer +gewesen und hatte sie selbst getröstet, als das Unglück hereinbrach. Ihr +Gottesdienst, der während einer schweren Prüfungszeit in heimlicher +Kammer so oft das gramerfüllte Herz gestärkt, er war ihnen so lieb +geworden, daß sie sich nicht entschließen konnten, auch nur eine einzige +Response aufzugeben. Andere königlich Gesinnte, welche weniger fromm +waren, hielten es mit +<span class = "pagenum">II.11</span> +<a name = "pageII_11" id = "pageII_11"> </a> +der Episcopalkirche, blos weil sie eine Feindin ihrer Feinde war. Gebete +und Ceremonien beurtheilten sie nicht nach dem Troste, welcher ihnen +daraus erwuchs, sondern nach dem Ärgerniß, welches den Rundköpfen +dadurch verursacht wurde, und da es ihnen nicht einfiel, durch +Nachgiebigkeit Einigung herbeiführen zu wollen, so war eine solche zur +Unmöglichkeit geworden. Sie waren gegen die Nachgiebigkeit hauptsächlich +deshalb eingenommen, weil sie keine Einigung wünschten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Unpopularität der Puritaner.</span> +<a name = "secII_6" id = "secII_6">So</a> tadelnswerth diese Gefühle +auch immer sein mochten, so waren sie doch nicht nur natürlich, sondern +auch wohl zu entschuldigen. Die Puritaner hatten unstreitig in den Tagen +ihrer Macht Veranlassung zur Gereiztheit gegeben. Aus ihrer eigenen +Unzufriedenheit, ihrem eigenen Siege und der Vernichtung jener stolzen +Hierarchie, unter deren schwerem Joche sie geschmachtet, mußten sie +gelernt haben, daß im siebzehnten Jahrhundert die Macht der bürgerlichen +Obrigkeit in England nicht ausreiche, die Gemüther der Menschen zur +Übereinstimmung mit ihrem theologischen Systeme abzurichten. In Alles +sich einmischend, bewiesen sie sich dabei so unduldsam, als Laud es nur +jemals gewesen war. Unter Androhung schwerer Strafen verboten sie nicht +allein in den Kirchen, sondern selbst für Privathäuser den Gebrauch des +allgemeinen Gebetbuches. Wenn ein frommes Kind am Krankenlager der +Eltern eine der schönen Kollekten las, welche seit Jahrhunderten den +Kummer christlicher Herzen gelindert hatten, so wurde diese Handlung der +kindlichen Liebe für ein Verbrechen erklärt. Mit schwerer Ahndung wurden +diejenigen bedroht, welche es wagen würden, die calvinistische Form des +Gottesdienstes zu tadeln. Geachtete Geistliche wurden zu Tausenden nicht +nur von ihren Pfründen vertrieben, sondern auch oft den Mißhandlungen +eines fanatischen Pöbels preisgegeben; Gotteshäuser und Grabstätten, +treffliche Kunstwerke und seltene Überbleibsel des Alterthums wurden mit +roher Hand verunstaltet oder vernichtet. Eine Verordnung des Parlaments +verfügte, daß sämmtliche Gemälde der königlichen Gallerie, welche Jesus +oder die heilige Jungfrau mit dem Kinde darstellten, in’s Feuer geworfen +werden sollten. Gleiches Schicksal erlitten die Werke der +Bildhauerkunst. Nymphen und Grazien, welche unter ionischen Meißeln +entstanden waren, wurden den Händen puritanischer Steinmetzen übergeben, +welche sie anständig machen mußten. Gegen leichtsinnige Vergehen aber +kämpfte die herrschende Partei mit einem Eifer, der ebenso wenig durch +Humanität als durch gesundem Menschenverstand gemäßigt war. Man erließ +strenge Gesetze gegen das Wetten und eine Verordnung verhängte die +Todesstrafe über den Ehebruch. Der unerlaubte Umgang der Geschlechter, +selbst wenn weder Verführung und Gewaltthätigkeit dabei vorkam, noch die +Sittlichkeit beleidigt oder das eheliche Recht verletzt war, galt für +ein schweres Verbrechen. Öffentliche Lustbarkeiten, von den +Maskenspielen in den Häusern der Vornehmen bis zu den Ringstechen und +ländlichen Jahrmarktspossen herab, wurden auf das Ernstlichste verfolgt. +So bestimmte eine Verordnung, daß in England künftig alle Maibäume +umgehauen werden sollten; eine andere untersagte theatralische +Vorstellungen. Die Schauspielhäuser sollten niedergerissen und die +Schauspieler gestäupt werden, die Zuschauer aber in eine Geldstrafe +verfallen. Seiltanz, Puppenspiel, Kegeln und Pferderennen wurden ungern +gesehen; der entsetzlichste Gräuel aber, welcher den Zorn der Sektirer +auf den höchsten Punkt trieb, war die Bärenhetze, damals +<span class = "pagenum">II.12</span> +<a name = "pageII_12" id = "pageII_12"> </a> +eine Lieblings­unter­haltung für Vornehme und Geringe. Es ist +bemerkenswerth, daß die Abneigung gegen diese Lustbarkeit nicht aus dem +Gefühle hervorging, welches in unserer Zeit die Gesetzgebung bewog, sich +in’s Mittel zu legen, um die Thiere gegen die muthwillige Grausamkeit +der Menschen in Schutz zu nehmen. Der Puritaner verabscheute die +Bärenhetze nicht, weil dabei der Bär gemartert wurde, sondern weil die +Zuschauer daran Vergnügen fanden. Er hatte sich die zwiefache Freude +ersonnen, nicht nur den Bären, sondern auch den Zuschauer zu quälen.<a +class = "tag" name = "tagII_1" id = "tagII_1" href = +"#noteII_1">1</a></p> + +<p>Den deutlichsten Begriff von der Denkungsweise der Rigoristen giebt +vielleicht ihr Verhalten in Bezug auf das Weihnachtsfest. Seit +undenklichen Zeiten war Weihnachten die Zeit der Freude und häuslichen +Liebe, in welcher die Familien sich vereinigten, die entfernt lebenden +Kinder in’s Vaterhaus zurückkehrten, alle Streitigkeiten ausgeglichen, +die Häuser mit Immergrün geschmückt und die Tische mit den besten +Speisen besetzt wurden. Die Weihnachtszeit stimmt das Herz sanft und +öffnet es fremden Leiden, wenn nicht alle Menschenliebe aus ihm gewichen +ist. Zu dieser Zeit gestattete man den Armen, theilzunehmen an den +Genüssen des Reichen, dessen Freigebigkeit in Betracht der kurzen Tage +und der rauhen Witterung um so höheren Werth hatten. Der Unterschied +zwischen den Herren und Pächtern, den Vorgesetzten und Untergebenen trat +in dieser Zeit weniger hervor, als im übrigen Theile des Jahres. Doch +der großen Freude ist auch stets der Muthwille nahe; im Ganzen genommen +aber war der Geist, in dem der festliche Tag gefeiert wurde, eines +christlichen Festes nicht unwürdig. Zwar gebot das Lange Parlament im +Jahre 1644, daß man den 25. December streng als Fasttag behandeln, und +daß Jedermann an diesem Tage um Vergebung der großen Nationalsünde +bitten solle, welche das Volk seit Menschengedenken an demselben +begangen, indem es sich unter dem Mistelzweige getummelt, wilden +Schweinskopf verzehrt und Ale, mit gerösteten Äpfeln dazu, genossen. +Keine öffentliche Maßregel jener Zeit rief in den niederen Klassen eine +größere Entrüstung hervor, als diese, und beim nächsten Weihnachtsfeste +brachen an +<span class = "pagenum">II.13</span> +<a name = "pageII_13" id = "pageII_13"> </a> +verschiedenen Orten gefährliche Empörungen aus. Die Konstabler wurden +mißhandelt, die Obrigkeiten verhöhnt, man stürmte die Häuser bekannter +Zeloten und in allen Gotteshäusern wurde offen das verbotene Gebet des +Tages abgehalten.</p> + +<p>So war der Geist der extremen Puritaner, sowohl der Presbyterianer +wie der Independenten. Wenngleich Cromwell auch nicht geneigt war, sich +in Alles, was geschah, einzumischen oder wohl gar Verfolgungen eintreten +zu lassen, so stand er doch an der Spitze einer Partei und war folglich +ein Sklave derselben, weshalb er auch nicht vollständig nach eigener +Ansicht und Neigung regieren konnte. Viele Obrigkeiten machten sich +selbst unter seiner Herrschaft in ihren Bezirken so verhaßt, wie Sir +Hudibras. Sie störten alle Vergnügungen in der Nachbarschaft, trieben +mit roher Gewalt festliche Versammlungen auseinander und warfen die +Fiedler in das Gefängniß. Noch unsinniger und gefährlicher war der Eifer +der Soldaten. Erschienen sie in einem Dorfe, so mußte alles Tanzen und +Glockenläuten unterbleiben und jedes Fest hatte ein Ende. In London +unterbrachen sie zu verschiedenen Malen theatralische Vorstellungen, +welche durch kein Verbot des gutmüthigen und einsichtsvollen Protektors +gestört worden waren.</p> + +<p>Eine solche Tyrannei mußte Furcht und Haß erzeugen, und mit ihnen +mischte sich die tiefste Verachtung. Seit den Zeiten Elisabeths waren +die Eigenthüm­lichkeiten des Puritaners, sein Aussehen, seine +Kleidung, seine Sprachweise, seine seltsamen Gewissensskrupel +Gegenstände des Spottes gewesen, aber diese Sonderbarkeiten erschienen +viel widerlicher bei einer Partei, welche die Regierung eines mächtigen +Reiches führte, als bei einer machtlosen verfolgten Gemeinde. Wenn es +schon lächerlich erschien, das geistliche Kauderwelsch auf der Bühne aus +dem Munde von <span class = "antiqua">Tribulation Wholesome</span> +(heilsame Trübsal) und <span class = "antiqua">Zeal-of-the-Land +Busy</span> (geschäftiger Landeseifer) zu hören, so klang es noch viel +lächerlicher, wenn sich Heerführer und hohe Staats­beamte desselben +bedienten. Hierbei ist noch zu erwähnen, daß während der Revolution +einige Sekten in’s Leben getreten waren, deren Überspanntheit Alles, was +man bis dahin in England gesehen, übertraf. Ludwig Muggleton, ein +wahnsinniger Schneider, zog in den Bierhäusern herum, und Ale trinkend +verkündete er ewige Qualen allen denjenigen, welche an seiner +Versicherung zweifelten, daß das höchste Wesen nur sechs Fuß hoch sei +und die Entfernung der Sonne von der Erde genau vier Meilen betrage.<a +class = "tag" name = "tagII_2" id = "tagII_2" href = "#noteII_2">2</a> +Die größte Heiterkeit erregte Georg Fox durch seine Behauptung, daß es +eine Verletzung der christlichen Aufrichtigkeit sei, die einzelne Person +in der Mehrheit anzureden, und eine heidnische Verehrung des Janus und +Wodan, wenn man vom Januar und dem Tage Wodans (der Mittwoche) spreche. +Wenige Jahre später nahmen einige angesehene Männer seine Lehre an und +sie gelangte zu nicht unbedeutendem öffentlichen Ansehen. Für die +verächtlichsten Fanatiker jedoch galten zur Zeit der Restauration in der +Meinung des Volkes die Quäker. Die Puritaner Altenglands behandelten sie +mit großer Strenge und in Neuengland wurden sie auf das Heftigste +verfolgt. Das Volk aber, welches sich selten um genaue Unterscheidungen +kümmert, verwechselte +<span class = "pagenum">II.14</span> +<a name = "pageII_14" id = "pageII_14"> </a> +die Puritaner oft mit den Quäkern. Beide waren Schismatiker und haßten +das Episcopat wie die Liturgie; beide hatten lächerliche Manieren +hinsichtlich ihrer Kleidung, ihrer Gewohnheiten und Vergnügungen. +Obgleich ihre Meinungen völlig von einander abwichen, so wurden sie doch +von dem Volke als scheinheilige Schismatiker in eine Kategorie geworfen, +und was sie Lächerliches oder Gehässiges an sich hatten, vermehrte die +Verachtung und den Widerwillen, welche die Menge gegen beide fühlte.</p> + +<p>Vor dem Beginn der Bürgerkriege waren selbst diejenigen, denen die +Ansichten und Gewohnheiten der Puritaner am meisten zuwider waren, zu +der Anerkennung gezwungen, daß ihre Moralität im Wesentlichen tadellos +sei; doch jetzt wurde dieses Lob nicht mehr gezollt, zum Unglück aber +auch nicht mehr verdient. Immer war es das Schicksal der Sekten, so +lange sie verfolgt und unterdrückt wurden, im Rufe der Heiligkeit zu +stehen; sobald sie aber mächtig sich erhoben, verschwand auch die hohe +Achtung, welche ihnen bis dahin geworden war. Die Erklärung liegt nicht +fern. Nur selten wird Jemand einer geächteten, religiösen Gesellschaft +beitreten, den nicht Gewissensgründe dahin führen, und deshalb besteht +ein solcher Verein mit nur wenigen Ausnahmen aus Persönlichkeiten, die +von der Wahrheit und Richtigkeit ihres Glaubens völlig durchdrungen +sind. Die strengste Zucht, welche in einer solchen Gesellschaft +gehandhabt werden kann, ist ein sehr schwaches Werkzeug der Läuterung im +Vergleich mit etwas heftiger Verfolgung. Es ist bestimmt wahr, daß zur +Zeit als Diokletian die Christen verfolgte, nur Wenige sich taufen +ließen, welche nicht die ernste, religiöse Überzeugung dazu bewog, und +daß aus gleichem Grunde Viele sich protestantischen Gemeinden +anschlossen, auf die Gefahr hin von Bonner verbrannt zu werden. Aber +wenn eine Sekte zu Ansehen und Macht gelangt, wenn ihre Gunst den Weg +bahnt zu Ehrenstellen und Reichthümern, so werden sich immer habsüchtige +und ehrgeizige Menschen herandrängen, ihre Sprache reden, ihre Gebräuche +annehmen, ihre Eigenthüm­lichkeiten nachahmen, überhaupt in allen +äußeren Zeichen des Eifers ihre ehrenwerthen Mitglieder sehr bald +übertreffen. Die strengste Wachsamkeit der kirchlichen Leiter und ihre +schärfste Unterscheidungsgabe wird nicht hinreichen, das Eindringen +solcher heuchelnden Gesellen zu verhindern. Es ist nicht möglich, das +Unkraut vom Weizen zu sichten, aber bald fängt die Welt an einzusehen, +daß die frommen Herren nicht besser sind als andere Leute und schließt +dann nicht ganz unrichtig, daß, wenn sie nicht besser sind, sie wohl +schlechter sein müssen. So dauert es gar nicht lange, daß die äußeren +Zeichen, welche man früher als Eigenthüm­lichkeiten der Heiligkeit +betrachtete, als charakteristische Kennzeichen eines Schurken betrachtet +werden.</p> + +<p>So erging es den englischen Nichtconformisten. Während sie +unterdrückt waren, hatte sich ihre Gemeinschaft rein erhalten; als sie +aber übermächtig wurden im Lande, da durfte Niemand der Hoffnung leben, +ohne ihren Einfluß zu Ehren und Ansehen zu gelangen; ihre Gunst aber war +nur dadurch zu gewinnen, daß man gewisse Zeichen und Losungsworte der +geistlichen Brüderschaft mit ihnen wechselte. Einer der ersten +Beschlüsse von <ins class = "correction" title = "Original hat »Barebone’s«">Barebones</ins> Parlament, welches von allen das am +meisten puritanische war, bestand darin, daß Niemand in den Dienst des +Staates treten sollte, bevor das Haus sich von seiner Frömmigkeit +genügend überzeugt habe. Was damals für ein Zeichen wahrer Gottseligkeit +galt, +<span class = "pagenum">II.15</span> +<a name = "pageII_15" id = "pageII_15"> </a> +der dunkle Anzug, das saure Ansehen, das kurzgeschorne Haar, das +näselnde Gewinsel, die mit Bibelstellen durchwebte Rede, der Abscheu vor +Schauspielen, Karten und Falkenbeize, wurde sehr leicht von Männern +nachgeahmt, denen jede Religion gleichgültig war. Die aufrichtigen +Puritaner verschwanden bald in einer Masse von weltlichen Leuten, die +zum Theil der schlechtesten Sorte angehörten. Denn der anerkannteste +Wüstling, der unter dem königlichen Banner gefochten hatte, konnte mit +Recht für tugendhaft gelten, denen gegenüber, welche, während sie von +süßen Erfahrungen und trostgewährenden Traktätleins sprachen, in steter +Ausübung von Betrug, Raub und geheimer Wollust lebten. Das Volk bildete +sich leider ein zu rasches Urtheil über die ganze Körperschaft nach dem +Betragen dieser elenden Heuchler; die Gottesverehrung, die Sitten, die +Redeweise der Puritaner wurden nach der öffentlichen Meinung mit den +abscheulichsten und niedrigsten Ausschweifungen in Verbindung gebracht. +Als die Restauration begonnen hatte, und man ohne Gefahr seine +Feindschaft gegen die Partei aussprechen durfte, welche so lange im +Lande geherrscht, da tönte aus allen Gegenden des Königreichs +<em>ein</em> Schrei des Hasses gegen den Puritanismus, welcher häufig +durch die Stimmen jener Schurken verstärkt wurde, deren Lasterhaftigkeit +den puritanischen Namen in Verruf gebracht hatte.</p> + +<p>So waren die beiden großen Parteien, welche nach langen +Feindseligkeiten sich auf einen Augenblick zur Wiederherstellung der +Monarchie die Hand gereicht, einander jetzt wiederum, sowohl in +politischer wie religiöser Beziehung, gänzlich entfremdet. Die Masse des +Volkes hielt zu den Royalisten. Vergessen waren die Verbrechen +Straffords und Lauds, die Gräuelthaten der Sternkammer und der hohen +Kommission, und Niemand gedachte mehr der großen Dienste, welche das +Lange Parlament in dem ersten Jahre seines Bestehens dem Staate +geleistet hatte. An die Ermordung Karls I., die finstere Tyrannei +des Rumpfs und die Gewaltthätigkeiten des Heeres dachte man mit +Entrüstung, und die Massen waren geneigt, Alle, welche dem vorigen +Könige Widerstand entgegengesetzt, für dessen Tod und die daraus +hervorgegangenen unglücklichen Folgen verantwortlich zu machen.</p> + +<p>Das Haus der Gemeinen war in einer Zeit gewählt worden, als noch die +Presbyterianer herrschten, und so vertrat es in keiner Art die +allgemeine Stimmung des Volks, zeigte aber eine starke Neigung, der +unduldsamen <ins class = "correction" title = "Original hat »Loyaletät«">Loyalität</ins> der Edelleute ernsthaft entgegen zu treten. +Als ein Mitglied öffentlich erklärte, daß Alle, welche gegen +Karl I. die Waffen ergriffen, eben solche Verrätherei begangen wie +diejenigen, welche ihn hingerichtet, wurde dasselbe zur Ordnung gerufen, +und erhielt von dem Sprecher einen Verweis. Ohne Zweifel war es der +allgemeine aufrichtige Wunsch des Hauses, die kirchlichen Streitigkeiten +so zu ordnen, daß die gemäßigten Puritaner dadurch zufriedengestellt +würden; eine solche Erledigung wünschte aber weder der Hof noch das +Volk.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteII_1" id = "noteII_1" href = "#tagII_1">1.</a> +Wie wenig das Mitleid dabei im Spiele war, erkennt man zur Genüge aus +einer Schrift, betitelt: <span class = "antiqua">A perfect Diurnal +of some Passages of Parliament, and from other Parts of the Kingdom, +from Monday July 24th to Monday July 31st,<ins class = "correction" +title = "ohne Raum gedrückt">, </ins>1643</span>. „Als die Königin aus +Holland zurückkehrte, brachte sie außer einem Haufen von schlechtem +Gesindel, welches das Aussehen von Menschenfressern hatte, eine Anzahl +wilder Bären mit. Ihr werdet aus dem Weiteren ersehen, zu welchem +Zwecke. Man ließ diese Bären bei Newark zurück, um sie Sonntags in die +Landstädte zu bringen und dort zu hetzen. Solcher Art ist die Religion, +welche die, von denen hier die Rede ist, unter uns einführen wollen. +Wagte es Jemand, ihre schändlichen Entheiligungen zu hindern oder sich +nur Bemerkungen darüber zu erlauben, so wurde er unverzüglich als +Rundkopf oder Puritaner bezeichnet und war in Gefahr geplündert zu +werden. Einige von Oberst Cromwells Soldaten, welche zufällig am Sonntag +nach der Stadt Uppingham in Rutland kamen, sahen die eben stattfindende +Bärenhetze, und veranlaßten, daß das Spiel sofort unterbrochen und die +Bären an einen Baum gebunden und erschossen wurden.“ Dieses war durchaus +kein vereinzeltes Beispiel. Der Sheriff von Surrey, Oberst Pride, +befahl, daß die Bären im Garten von Southwark getödtet werden sollten. +Ein loyaler Satyriker läßt ihn diesen Befehl folgendermaßen +vertheidigen: „Am meisten liegt mir die Tödtung dieser Bären am Herzen, +wodurch ich mir den Haß des Volkes zugezogen, das mich mit allen +Benennungen des Regenbogens beehrt. Aber erschlug nicht David einen +Bären? Tödtete nicht der Lord Statthalter Ireton einen Bären? Tödtete +nicht ein anderer Lord von den Unsrigen fünf Bären?“ <span class = +"antiqua">Last Speech and dying Words of Thomas Pride.</span></p> + +<p><a name = "noteII_2" id = "noteII_2" href = "#tagII_2">2.</a> +Man sehe Penns <span class = "antiqua">New Witnesses proved Old +Heretics</span> und Muggletons Werke an mehreren Stellen.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Charakter Karls II.</span> +<a name = "secII_7" id = "secII_7">Der</a> neueingesetzte König besaß um +diese Zeit die Liebe des Volkes in höherem Maaße, als jemals einer +seiner Vorgänger. Das Unglück, welches sein Haus betroffen, der +heldenmüthige Tod seines Vaters, die vielen Leiden und romantischen +Abenteuer, welche er erlebt, machten ihn zum Gegenstande allgemeiner +Theilnahme. Durch seine Rückkehr wurde England von einer drückenden +Knechtschaft erlöst. Herbeigerufen durch die Stimmen der beiden +streitenden Parteien, war er +<span class = "pagenum">II.16</span> +<a name = "pageII_16" id = "pageII_16"> </a> +der geeignete Mann, um als Schiedsrichter zwischen sie zu treten, und in +gewisser Beziehung war er wohl befähigt, diese Aufgabe zu lösen. Die +Natur hatte ihn mit vorzüglichen Anlagen und einem glücklichen +Temperament ausgestattet, und von seiner Erziehung ließ sich erwarten, +daß sie seinen Verstand entwickelt und ihn zur Ausübung jeder Tugend des +öffentlichen und Privatlebens befähigt habe. Der Wechsel des Glücks war +ihm nicht unbekannt, und beide Seiten der menschlichen Natur hatte er +beobachten lernen. In früher Jugend hatte ihn das Schicksal aus dem +Königs­schlosse hinausgeworfen in ein Leben der Verbannung, der +Gefahren und Entbehrungen; in einem Alter der geistigen und körperlichen +Kraftfülle, in dem das erste Aufbrausen der jugendlichen Leidenschaften +sich bereits gelegt, ward er zurückgerufen von seinen unstäten +Wanderungen, um Englands mächtige Krone zu tragen. Bittere Erfahrungen +hatten ihm bewiesen, wie oft die zur Schau getragene Ergebenheit der +Hofleute Bosheit, Verrätherei und Undank verbirgt; dagegen waren ihm in +der Hütte der Armuth die überzeugendsten Beweise von wahrem Seelenadel +gegeben worden. Als hohe Belohnung jedem versprochen ward, der ihn +seinen Feinden verrathen würde, und man denjenigen, welcher ihm +hilfreich beistehen wollte, mit dem Tode bedrohte, da hatten arme +Landleute und die niedrigsten seiner Diener mit rührender Aufopferung +dem unglücklichen Fürsten zur Seite gestanden, und ihn mit derselben +tiefen Ehrerbietung behandelt, als ob die Krone seiner Väter noch in +vollem Glanze auf seinem Haupte strahlte. Es stand zu erwarten, daß ein +junger Mann, dem es weder an Fähigkeiten noch an liebenswürdigen +Eigenschaften gebrach, durch die gemachten Erfahrungen zu einem großen +und ausgezeichneten König herangebildet worden sei. Karl besaß, neben +gefälligen Formen für die Gesellschaft, feine und einnehmende Manieren +und nicht wenig Talent für lebendige Unterhaltung; aber dabei war er dem +Sinnengenusse im höchsten Grade ergeben, sowie ein Freund des Müßiggangs +und der Leichtfertigkeit, ohne Kraft sich zu beherrschen, ohne hohen +Begriff von menschlicher Tugend und Zuneigung, ohne Drang nach Ruhm, und +unempfindlich gegen jeden Tadel. Nach seiner Ansicht war jeder käuflich, +nur daß er sich oft in höheren Preis stellte, als ein anderer, und wenn +der Handel recht hartnäckig und geschickt betrieben ward, so gab es für +denselben verschiedene und wohlklingende Namen. Die höchste +Geschicklichkeit, mit welcher kluge Männer den Preis ihrer Fähigkeiten +zu steigern wußten, ward Rechtschaffenheit, die raffinirteste +Gewandtheit, mit der liebenswürdige Frauen den Preis ihrer Reize zu +erhöhen verstanden, Sittsamkeit genannt. Vaterlandsliebe, Familienliebe, +Freundesliebe, Liebe zu Gott, dies Alles waren leere Phrasen, zarte und +schickliche Benennungen für die Selbstliebe. Bei einer solchen Ansicht +von den Menschen war es Karl natürlich sehr gleichgültig, wie diese über +ihn dachten. Ehre und Schande waren ihm dasselbe, was dem Blinden Licht +und Dunkelheit sein mag. Man hat seine Verachtung der Schmeichelei hoch +gerühmt, aber sie erscheint des Lobes nicht würdig, wenn man sie in +Zusammenhang mit den übrigen Eigenschaften seines Charakters bringt. Man +kann sowohl über der Schmeichelei stehen, wie unter ihr, wer dem +Schmeichler nicht traut, wird auch keinem Andern trauen; wer keinen +Begriff von <em>wahrem</em> Ruhme hat, wird auch den +<em>scheinbaren</em> verachten.</p> + +<p>Bei Karls Gemüthsart ist es rühmlich zu erwähnen, daß er trotz +<span class = "pagenum">II.17</span> +<a name = "pageII_17" id = "pageII_17"> </a> +der schlechten Meinung, welche er von den Menschen hatte, doch nie ein +Menschenfeind wurde. Er fand in den Menschen wenig was ihm nicht +hassenswerth dünkte, und doch haßte er sie nicht, er war sogar +menschenfreundlich genug, daß es ihm Kummer verursachte, wenn er ihre +Leiden sah, oder ihre Klagen hören mußte. Diese Art von +Menschen­freund­lichkeit aber, welche bei einem Privatmann recht +schön und lobenswerth sein mag, indem dessen Macht, Nutzen oder Schaden +zu bringen, auf einen engen Kreis beschränkt wird, ist bei Herrschern +häufiger ein Laster gewesen als eine Tugend. Mehr als ein wohlgesinnter +Fürst hat ganze Provinzen dem Raube und der Unterdrückung preisgegeben, +blos weil es ihn unangenehm berührte, andere als glückliche Gesichter +auf seinen Spaziergängen und an seiner Tafel zu sehen. Keiner ist +geeignet, das Scepter eines großen Staats zu führen, welcher Bedenken +trägt, zum Besten der Massen mit denen er niemals in Berührung kommt, +die Wenigen, welche Zutritt bei ihm haben, zu kränken. Die leichtsinnige +Schwäche, welche Karl besaß, war so groß, wie sie vielleicht noch nie +bei einem Manne von seinem Verstande gefunden wurde; obgleich nichts +weniger als ein Schwachkopf, war er doch ein Sklave. Nichtswürdige +Männer und feile Frauen, deren Erbärmlichkeit er völlig durchschaute, +von denen er wußte, daß er ebensowenig ihre Liebe wie sie sein Vertrauen +besaßen, konnten mit Leichtigkeit ihm Alles abschmeicheln was sie +wünschten: Titel, Ehrenstellen, Güter, Staats­geheimnisse und +Begnadigungen. Obgleich er viel austheilte, genoß er doch niemals das +Vergnügen, welches die Freigebigkeit verursacht, und ebensowenig erntete +er den Ruhm derselben. Er gab nie aus freiem Antriebe, aber es war ihm +unangenehm das Erbetene zu versagen. Eine natürliche Folge davon war, +daß im Allgemeinen nicht diejenigen, welche sie verdienten, oder die in +seiner Gunst standen, Empfänger dieser Gnadenbeweise waren, sondern daß +sie den unverschämtesten und zudringlichsten Bewerbern zu Theil wurden, +denen es gelungen war, sich eine Audienz zu verschaffen.</p> + +<p>Die Beweggründe, welche das politische Verhalten Carls II. leiteten, +waren ganz anderer Natur als diejenigen, welche die Handlungen seines +Vorgängers wie seines Nachfolgers auf dem Throne bestimmten. Er war +nicht der Mann, den eine patriarchalische Regierungs­theorie oder +die Lehre vom göttlichen Recht anziehen konnte. Durchaus frei von +Ehrgeiz, verabscheute er alle Geschäfte, und ehe er sich der Mühe +unterzogen hätte, die Zügel der Regierung selbst in die Hand zu nehmen, +würde er lieber auf die Krone Verzicht geleistet haben. Seine +Arbeitsscheu sowie seine Unkenntniß der Staats­geschäfte waren so +groß, daß selbst die Schreiber, welche Gelegenheit hatten ihn im +Geheimen Rathe zu beobachten, über seine kindische Ungeduld und seine +läppischen Bemerkungen oft nur mit Mühe das Lachen unterdrücken konnten. +Seine Schritte wurden weder von der Dankbarkeit noch von der Rache +geleitet, denn auf sein Gemüth konnten empfangene Beleidigungen +ebensowenig wie geleistete Dienste einen anderen als einen schwachen und +rasch vorübergehenden Eindruck machen. Es war nur sein Wunsch, ein König +zu sein wie es später Ludwig XV. von Frankreich war, ein Herrscher, der +zur Befriedigung seiner Privatneigungen rücksichtslos den +Staats­schatz benutzen und durch Ehrenstellen und Geld Personen an +sich fesseln konnte, die geeignet waren seinen Müßiggang zu theilen, und +welcher, wenn auch die schlechteste Verwaltung den Staat an den Rand des +Verderbens gebracht, immer noch die mißliebige +<span class = "pagenum">II.18</span> +<a name = "pageII_18" id = "pageII_18"> </a> +Wahrheit aus dem Bereiche seines Serails fern halten und nichts sehen +und hören wollte, was ihn in seiner üppigen Trägheit hätte stören +können. Zu diesen Zwecken, aber auch <em>nur</em> zu diesen Zwecken, +wünschte er eine willkürliche Gewalt, vorausgesetzt daß sie ohne +Anstrengung und Gefahr erlangt werden konnte. Bei den religiösen +Streitfragen, welche Zwiespalt unter den Protestanten hervorriefen, +blieb sein Gewissen vollkommen unberührt, denn seine Ansichten +schwankten fortwährend zwischen Unglauben und Pabstthum. Wenn aber auch +sein Gewissen bei dem Kampfe der Episcopalen und Presbyterianer +unberührt blieb, so war es doch anders mit seinen Neigungen. Gerade +diejenigen Laster, gegen welche der Puritanismus die wenigste Nachsicht +zeigte, übte er am fleißigsten, und als Mann von guter Erziehung, der +mit großem Scharfblick die lächerlichen Seiten einer Sache erkannte, +ließ er es nicht an verächtlichen Scherzen über die puritanischen +Abgeschmacktheiten fehlen. Es ist indessen nicht zu leugnen, daß er +einige Ursache hatte mit dieser Secte unzufrieden zu sein. In einem +Alter wo die Leidenschaften am ungestümsten herrschen, und der +Leichtsinn am ehesten zu entschuldigen ist, hatte Karl einige Monate in +Schottland gelebt, dem Namen nach als König, in der That aber ein +Staats­gefangener unter der Obhut der schroffen Presbyterianer. +Nicht genug, daß sie ihm zumutheten ihren Gottesdienst zu üben und ihr +Covenant zu unterschreiben, bewachten sie jeden seiner Schritte, und +überhäuften ihn mit Strafpredigten, wenn er sich eine jugendliche +Thorheit zu Schulden kommen ließ. Er wurde gezwungen endlose Gebete und +Predigten anzuhören, und konnte sich noch glücklich schätzen, wenn er +nicht von einem fanatischen Kanzelredner, auf seine eigenen Schwächen +rücksichtslos sowie auf das tyrannische Regiment seines unglücklichen +Vaters und den papistischen Götzendienst der Mutter aufmerksam gemacht +wurde. Er hatte diese Zeit seines Lebens in so traurigen Verhältnissen +zugebracht, daß das Unglück, welches ihn zu neuer Wanderung hinaustrieb, +ihm eher eine Befreiung als ein Mißgeschick dünken mußte. Beherrscht von +diesen Gefühlen, war es Karls eifrigster Wunsch, die Partei zu +vernichten, welche seinem Vater so heftigen Widerstand entgegengestellt +hatte.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Charakter­schilderung des Herzogs von York und des Earl von +Clarendon.</span> +<a name = "secII_8" id = "secII_8">Nach</a> demselben Ziele strebte des +Königs Bruder, Jacob, Herzog von York. Obgleich in hohem Grade der +Sinnenlust ergeben, war Jacob fleißig, methodisch, und liebte Autorität +und Beschäftigung. Sein Verstand war höchst einfach und beschränkt, sein +Charakter starr, hartnäckig und unversöhnlich. Daß dieser Fürst kein +Wohlgefallen an den freien Institutionen Englands und an der Partei +finden konnte, welche für diese Institutionen die wärmste Theilnahme +hegte, leuchtet ein. Obgleich ein Mitglied der anglikanischen Kirche +hatte der Herzog doch schon gewisse Neigungen gezeigt, welche die guten +Protestanten ernstlich beunruhigten.</p> + +<p>Der Mann, dessen Schultern in jener Zeit den größten Theil der +Regierungslast zu tragen hatten, war Eduard Hyde, Kanzler des Reichs, +welcher bald zum Earl von Clarendon erhoben ward. Wenn auch Clarendon +als Schriftsteller unsere Achtung mit Recht verdient, so müssen wir doch +auch die großen Fehler erwähnen, welche er sich als Staatsmann zu +Schulden kommen ließ. Diese Fehler werden allerdings zum Theil +entschuldigt und erklärt durch die ungünstige Lage, in der er sich +befand. Im ersten Jahre des Langen Parlaments zeichnete er sich höchst +ehrenvoll unter den Senatoren +<span class = "pagenum">II.19</span> +<a name = "pageII_19" id = "pageII_19"> </a> +aus, welche ernstlich bemüht waren, den Beschwerden der Nation +abzuhelfen. Eine der schlimmsten von diesen Beschwerden, welche das +Concil von York betraf, wurde hauptsächlich durch seine Bemühungen +beseitigt. Beim Eintritt der großen Spaltung, als die Reformpartei und +die Partei der Conservativen sich gegen einander schaarten, trat er mit +vielen weisen und braven Männern auf die Seite der Conservativen. Von +jetzt an theilte er die Schicksale des Hofs, genoß König Carls I. +volles Vertrauen, soweit der zurückhaltende Charakter und die gewundene +Politik dieses Monarchen solches einem Minister überhaupt gewähren +konnten, und ging später mit Carl II. in die Verbannung, wo er +dessen politisches Verhalten leitete.</p> + +<p>Nachdem die Restauration durchgeführt war, gelangte Hyde zur Stellung +eines Premierministers, und einige Monate nachher wurde allgemein +bekannt, daß er zu dem regierenden Hause in ein +engverwandt­schaft­liches Verhältniß getreten, indem durch eine +bisher geheimgehaltene Vermählung seine Tochter Herzogin von York und +deren Nachkommenschaft dadurch zur Thronfolge berechtigt worden sei. In +Folge dieser hohen Verbindung gewann Hyde eine Bedeutung, welche ihn +über die ältesten und angesehensten Geschlechter des Adels erhob, und in +mancher Hinsicht war er auch dieser hervorragenden Stellung vollkommen +gewachsen, indem nicht nur in Abfassung wichtiger Staats­schriften, +sondern auch in Rath und <ins class = "correction" title = "Original hat »Parlement«">Parlament</ins> er sehr anerkennungswerthe diplomatische +Befähigung zeigte. Genau bekannt mit den allgemeinen Grundsätzen der +Staatskunst, verstand es Niemand besser wie er, die Verschiedenheiten +der Charaktere mit geübtem Auge zu erkennen, und dabei besaß er nicht +nur ein starkes Gefühl für sittliche und religiöse Verpflichtungen, +sondern auch eine tiefe Ehrfurcht gegen die Gesetze des Vaterlandes und +aufrichtige Achtung für die Ehre und das Ansehen der Krone. Dabei war er +stolz und anmaßend; jeder Widerstand reizte ihn. Es ist kaum möglich, +daß ein Diplomat, den die bürgerlichen Wirren in die Verbannung +getrieben, und der eine Reihe von Jahren in derselben zugebracht, in dem +Augenblicke, wo ein Umschwung der politischen Verhältnisse ihn wieder an +die Spitze der Regierung zurückruft, die Zügel derselben mit sicherer +und gewandter Hand zu führen vermag. Auch mit Clarendon war dies der +Fall. Als er, dem Zwange der Nothwendigkeit weichend, England verlassen +hatte, erbittert durch den heftigen Kampf, welcher dem Sturze seiner +Partei und seines Glücks voranging, betrachtete er Alles, was sich in +dem Zeitraume von 1646 bis zum Jahre 1660 in seinem Vaterlande +ereignete, vom fernen Continente aus in falschem Lichte. Seine Ansichten +von dem Stande der Dinge regelte er nach den Mittheilungen aufgeregter +Parteimänner, deren zerrüttete Vermögens­verhältnisse ihren Geist +mit Wuth und Verzweiflung erfüllten. Den günstigen Stand der Ereignisse +beurtheilte er nicht nach dem Maaße, in welchem sie die Wohlfahrt und +den Ruhm seines Volkes vermehrten, sondern nur nach der Aussicht, die +sie ihm zur Rückkehr boten, und sein Wunsch, den er durchaus nicht +verhehlte, war, daß niemals Ruhe und Friede in England einziehen möge, +bis die alte Königs­familie den Thron ihrer Väter wieder in Besitz +genommen habe. Als er endlich zurückkehrte, wurde ihm, ohne daß er Zeit +gehabt hatte, sich von dem Stande der Dinge durch eigne Anschauung zu +unterrichten, und zu ermitteln welche Veränderungen vierzehn +ereignißvolle Jahre in dem Charakter und den Gesinnungen des englischen +Volks herbeigeführt, sofort die Leitung des Staates übergeben. In +solchem Falle würde wohl selbst ein Minister von größter Umsicht und bei +aller +<span class = "pagenum">II.20</span> +<a name = "pageII_20" id = "pageII_20"> </a> +Geneigtheit gute Lehre anzunehmen, in ernste Irrthümer verfallen sein; +Takt aber, und Gelehrigkeit lagen nicht in Clarendons Charakter. Er sah +in England noch das England, wie es zur Zeit seiner Jugend war, und sein +Antlitz verfinsterte sich bei Wahrnehmung aller der Veränderungen, +welche die Ereignisse der letzten Jahre hervorgerufen. Obgleich er nicht +daran dachte, gegen die alte, unbezweifelte Macht des Hauses der +Gemeinen aufzutreten, so blickte er doch mit dem höchsten Mißfallen auf +die zunehmende Gewalt desselben. Die königlichen Rechte, um die er so +Manches erlitten, und durch welche er endlich zu Glück und hohen Ehren +gekommen war, sie galten ihm heilig; gegen die Rundköpfe aber fühlte er +eine sowohl persönliche wie politische Abneigung. Als treuer Anhänger +der anglikanischen Kirche hatte er wiederholt in Fällen, wo die +Interessen dieser Kirche es erheischten, sich von den besten Freunden +getrennt, und sein Eifer für das Episcopat und das +gemein­schaftliche Gebetbuch vereinigte sich mit einem +racheglühenden Hasse gegen die Puritaner, der weder dem Staatsmanne noch +dem Christen zur Ehre gereichte.</p> + +<p>Während der Zeit als das Haus der Gemeinen, welches die +Königs­familie zurückrief, versammelt war, war eine +Wiederherstellung des alten kirchlichen Systems unausführbar. Nicht +allein, daß der Hof seine Pläne völlig geheim hielt, der König hatte +auch in feierlichster Weise Zusicherungen ertheilt, durch welche die +Gemüther der gemäßigten Presbyterianer vollkommen beruhigt wurden. Er +hatte vor seiner Wiedererhebung das Versprechen gegeben, allen +Unterthanen völlige Gewissensfreiheit zu gestatten, und indem er dieses +Versprechen jetzt erneute, fügte er die Versicherung hinzu, daß er mit +allen Kräften dahin wirken würde, zwischen den streitenden Parteien eine +Vereinigung herbeizuführen. Er erklärte, es sei sein Wunsch, daß +Bischöfe und Synoden die geistliche Gerichtsbarkeit unter sich theilen, +und daß eine Anzahl gelehrter Theologen, zur Hälfte aus Presbyterianern +bestehend, eine Revision der Liturgie vornehmen sollten. Die Fragen in +Betreff des Chorhemds, des Knieens beim Abendmahle, des Bekreuzigens bei +der Taufe, sollte selbst für ängstliche Gewissen in befriedigender Weise +gelöst werden. Auf diese Art hatte der König die Wachsamkeit derjenigen, +welche er hauptsächlich fürchtete, eingeschläfert, und als dieses +geschehen war, hob er das Parlament auf. Zu einer Acte, durch welche mit +wenigen Ausnahmen alle Diejenigen, die in den letzten Unruhen +politischer Vergehen schuldig geworden waren, begnadigt werden sollten, +hatte er bereits seine Zustimmung gegeben. Von den Gemeinen war ihm eine +lebenslängliche Bewilligung von Steuern zugesprochen worden, deren +jährlicher Betrag auf eine Million zweimal­hundert­tausend Pfund +geschätzt ward. Diese Summe, nebst den erblichen Einkünften der Krone, +reichte damals vollkommen hin, um in Friedenszeiten die Bedürfnisse der +Regierung zu bestreiten. Für ein stehendes Heer wurde nichts bewilligt, +die Nation erschrak schon bei Erwähnung desselben, und die geringste +Hinweisung darauf würde die Gemüther aller Parteien auf’s heftigste +erbittert und beunruhigt haben.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Allgemeine Wahl von 1661.</span> +<a name = "secII_9" id = "secII_9">Zu</a> Anfang des Jahres 1661 fand +eine allgemeine Wahl statt. Das Volk war in hohem Grade von loyaler +Begeisterung erfüllt, und die ganze Hauptstadt war in der lebendigsten +Thätigkeit wegen der Vorbereitungen zur prachtvollsten Krönung, von der +man jemals gehört. Das Resultat bestand darin, daß man Abgeordnete in’s +Parlament sandte, wie sie England bisher noch nie gesehen hatte. Ein +großer Theil der glücklichen Bewerber waren Männer, welche für +<span class = "pagenum">II.21</span> +<a name = "pageII_21" id = "pageII_21"> </a> +Krone und Kirche gekämpft, und die schweren Beschimpfungen und +Demüthigungen noch nicht vergessen hatten, die ihnen die Rundköpfe +angethan. Als die Mitglieder zusammenkamen, traten die Leidenschaften, +unter deren Einflusse jeder Einzelne stand, heftiger hervor. Mehrere +Jahre hindurch war das Haus der Gemeinen eifriger für das Königthum +eingenommen als der König selbst, und günstiger gestimmt für das +Episcopat als die Bischöfe. Carl und Clarendon waren über die +Vollständigkeit ihres Erfolgs fast bestürzt, ihre Lage hatte Ähnlichkeit +mit der Ludwigs XVIII. und des Herzogs von Richelieu, als im Jahre 1815 +die Kammer versammelt war. Hätte der König auch wirklich die Absicht +gehabt, die Versprechungen, welche er den Presbyterianern gemacht, zu +erfüllen, es würde jetzt gar nicht mehr in seiner Macht gestanden haben. +Nur seinen eifrigen Bemühungen ist es zuzuschreiben, daß der siegreiche +Adel verhindert wurde, die Indemnitätsacte zu vernichten und +erbarmungslose Rache auszuüben für die erduldeten Leiden.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen Parlamente.</span> +<a name = "secII_10" id = "secII_10">Die</a> Gemeinen eröffneten ihre +Thätigkeit mit den Beschlüssen, daß jedes Mitglied bei Strafe der +Ausstoßung das Abendmahl nach der Form genießen müsse, welche die alte +Liturgie vorschrieb, und daß der Covenant durch Henkershand im Hofe des +Palastes verbrannt werden sollte. Es wurde eine Acte durchgesetzt, +welche die Macht des Schwertes nicht nur einzig und allein dem König +zusprach, sondern auch bestimmte, daß in keinem auch noch so extremen +Falle die beiden Häuser berechtigt sein sollten, dem König gewaltsamen +Widerstand entgegen zu setzen. Eine zweite Acte, welche ebenfalls +durchging, forderte von jedem öffentlichen Beamten einen Eid, daß er +Widerstand gegen das Ansehen des Königs unter allen Umständen für +ungesetzlich halte. Einige exaltirte Männer bemühten sich, eine Bill zur +Geltung zu bringen, welche alle Gesetze, die das Lange Parlament +geschaffen, mit einem Male aufheben und die Sternkammer nebst der Hohen +Commission wieder herstellen sollte; bei aller Heftigkeit der Reaction +aber gelang es ihr doch nicht, dies durchzusetzen. Das Gesetz, daß nach +Verlauf von drei Jahren ein Parlament gehalten werden mußte, blieb in +Kraft, die strengen Klauseln aber welche die Wahlbeamten anwiesen, zur +bestimmten Zeit, auch ohne königliches Ausschreiben, die Wahl +vorzunehmen, wurden aufgehoben. Die Bischöfe kehrten auf ihre Sitze im +Oberhause zurück; die alte Kirchenverfassung und die alte Liturgie +wurden ohne jede Beschränkung, welche auch nur die vernünftigsten +Presbyterianer zu versöhnen geeignet gewesen wäre, wieder hergestellt. +Zum ersten Male wurde jetzt die bischöfliche Ordination unerläßliche +Bedingung für diejenigen, welche ein geistliches Amt bekleiden wollten. +Fast zweitausend Prediger, denen ihr Gewissen nicht gestattete sich zu +fügen, wurden an einem Tage abgesetzt, und frohlockend erinnerte die +herrschende Partei die Dulder daran, daß das Lange Parlament, als es auf +dem Gipfel seiner Macht gestanden, eine noch viel größere Anzahl von +königlich gesinnten Geistlichen vertrieben habe. Dieser Vorwurf war +allerdings nicht ungegründet, aber das Lange Parlament hatte den +Vertriebenen wenigstens eine Unterstützung zukommen lassen, welche sie +vor bitterem Mangel schützte; die Gerechtigkeit und Humanität des Adels +aber, welcher von Haß bethört war, reichten nicht aus, um dieses +Beispiel nachzuahmen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verfolgung der Puritaner.</span> +<a name = "secII_11" id = "secII_11">Bald</a> erschienen Strafgesetze +gegen die Nichtconformisten, die in der puritanischen Gesetzgebung +vergebens +<span class = "pagenum">II.22</span> +<a name = "pageII_22" id = "pageII_22"> </a> +ihres Gleichen suchten, welche der König aber unmöglich genehmigen +konnte, ohne Zusagen zu brechen, die er bei dem wichtigen Wendepunkte +seines Schicksals denjenigen gegeben, in deren Händen dasselbe damals +lag. Erschreckt und tief bekümmert eilten die Presbyterianer an die +Stufen des Thrones, rühmten ihre jüngst geleisteten Dienste und beriefen +sich auf das wiederholt verpfändete königliche Wort. Der König +schwankte, seine eigne Handschrift, sein eignes Siegel, sie konnte er +nicht abläugnen, und er fühlte nur zu wohl, welchen großen Dank er den +Bittstellern schuldig war. Dringenden Bitten zu widerstehen war er nicht +gewöhnt, ebensowenig war er verfolgungssüchtig, und wenn auch gegen die +Puritaner eingenommen, so konnte diese Abneigung doch nur ein schwaches +Gefühl genannt werden neben dem bitteren Hasse, von welchem Laud +durchdrungen war. Er war überdies der römisch-katholischen Kirche +gewogen, und sah wohl ein, daß es nicht möglich sein würde, den +Bekennern derselben Freiheit des Gottesdienstes zu gewähren, ohne +dieselbe Begünstigung auch auf die protestantischen Dissenters zu +übertragen. Zwar versuchte er <ins class = "correction" title = +"ungeändert">es</ins> den unduldsamen Glaubenseifer des Hauses der +Gemeinen zu beschränken, aber dieses stand unter dem Einflusse tieferer +Überzeugungen und heftigerer Leidenschaften, als der König. Nach einigem +scheinbaren Sträuben gab er nach, und genehmigte mit einem Anschein von +Bereitwilligkeit eine Reihe gehässiger Maßregeln gegen die Separatisten. +Es galt für ein Verbrechen, dem Gottesdienste der Dissenters +beizuwohnen, ein gewöhnlicher Friedensrichter konnte ohne Jury +verurtheilen, und über denjenigen, welcher zum dritten Male das Verbot +übertrat, die Deportation auf sieben Jahre verhängen. Mit überlegter +Grausamkeit ward festgesetzt, daß der Übertreter des Gesetzes nicht nach +Neu-England transportirt werden sollte, wo er die Aussicht hatte, +gleichgesinnte Freunde anzutreffen, und kehrte er vor Ablauf der +festgesetzten Verbannungszeit in sein Vaterland zurück, so sollte er der +Todesstrafe verfallen sein. Ein neuer, unsinniger Eid wurde von den +Geistlichen verlangt, welche man ihrer Pfründen beraubt hatte, weil sie +sich nicht conformiren wollten, und Alle die sich weigerten diesen Eid +zu leisten, durften nicht auf fünf Meilen in die Nähe einer Stadt +kommen, welche von einer Gemeindecorporation verwaltet wurde, oder im +Parlamente vertreten war, oder auch einer Stadt, wo sie als Geistliche +ihren Wohnsitz gehabt. Die Magistratspersonen, welche diese strengen +Bestimmungen in Ausführung zu bringen hatten, waren fast durchgängig von +Parteigeist erfüllte Männer, entflammt durch die Erinnerung an Leiden, +welche sie während der Republick erduldet hatten. Die Kerker waren daher +sehr bald mit Dissenters überfüllt, und unter diesen Unglücklichen +befanden sich nicht wenige, deren Genie und Tugend eine Zierde jeder +christlichen Gesellschaft gewesen sein würden.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Eifer der Geistlichkeit für die erbliche Monarchie.</span> +<a name = "secII_12" id = "secII_12">Die</a> englische Kirche erkannte +den Schutz, dessen sie sich von Seiten der Regierung erfreute, dankbar +an. Sie hatte seit dem Anfange ihres Bestehens Anhänglichkeit an die +Monarchie gezeigt, aber während des Vierteljahrhunderts, welches der +Restauration folgte, überstieg ihr Eifer für königliches Ansehen und +erbliches Recht jede Grenze. Sie hatte mit dem Hause der Stuarts +gelitten, und war mit ihm wieder zu Geltung gekommen; sie war mit ihm +durch gemein­schaftliche Interessen, Freundschaften und +Feindschaften eng verknüpft. Es schien unmöglich, daß jemals eine Zeit +eintreten könnte, wo die Bande, welche sie mit den Nachkommen des +erlauchten Märtyrers +<span class = "pagenum">II.23</span> +<a name = "pageII_23" id = "pageII_23"> </a> +vereinte, zerrissen, wo die Loyalität, deren sie sich rühmte, aufhören +würde, ihr eine angenehme und vortheilhafte Pflicht zu sein. Sie pries +deshalb in den widerlichsten Phrasen jenes Vorrecht, welches stets +bemüht war sie zu vergrößern und zu vertheidigen, und verdammte auf das +Behaglichste die Ruchlosigkeit derjenigen, welche durch Bedrückung, die +sie selbst nicht zu erwarten hatte, zum Aufruhr verleitet wurden. Die +Verwerfung des Widerstandes war ihr Lieblingsthema, und diese Lehre trug +sie ohne jede Einschränkung vor und entwickelte sie bis zu den äußersten +Consequenzen. Ihre Anhänger wiederholten unaufhörlich, daß selbst wenn +England das Unglück haben sollte von einem König wie Busiris oder +Phalaris heimgesucht zu werden, welcher zum Hohne der Gesetze ohne alle +rechtlichen Gründe täglich hunderte von unschuldigen Opfern zu +Folterqualen und Tod verdammte, überhaupt kein Fall denkbar sei, wo alle +Stände des Königreichs insgesammt berechtigt sein würden, dem Tyrannen +physische Gewalt entgegenzustellen. Glücklicherweise gewährt der +menschliche Charakter hinreichende Bürgschaft, daß derartige Theorien +eben nur Theorien bleiben werden. Als der Tag der Prüfung kam, da +standen die Männer, welche laut und aufrichtig diese grenzenlose +Loyalität zur Schau getragen hatten, fast in allen Grafschaften Englands +dem Throne mit den Waffen in der Hand gegenüber.</p> + +<p>Im ganzen Königreiche wechselte jetzt das Grundeigenthum seine +Besitzer. Die Verkäufe der Nationalgüter, welche das Parlament nicht +bestätigt hatte, erklärten die Gerichtshöfe für ungültig. Der König, die +Bischöfe, die Dechanten, die Capitel, der hohe und niedere royalistische +Adel: sie alle traten wieder in den Besitz ihrer eingezogenen Güter, und +verdrängten selbst diejenigen Käufer, welche die angemessensten Preise +dafür bezahlt hatten. Die Verluste, welche dem Adel während des +Übergewichtes seiner Gegner erwachsen waren, wurden theilweise ersetzt, +aber eben nur theilweise. Die allgemeine Amnestie schloß alle Klagen +über entzogene Nutzungen aus, und eine Menge von Royalisten, welche zur +Abzahlung von auferlegten Geldstrafen an das Parlament, oder um sich die +Gunst mächtiger Rundköpfe zu erkaufen, Grundeigenthum unter dem +wirklichen Werthe veräußert hatten, mußten die gesetzlichen Folgen ihrer +Handlungsweise tragen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Veränderung in den Sitten der Gesellschaft.</span> +<a name = "secII_13" id = "secII_13">Während</a> die erwähnten +Veränderungen stattfanden, trat ein anderer noch bedeutungsvollerer +Wechsel in den Sitten und Gebräuchen der Gesellschaft ein. +Leidenschaften und Neigungen, welche die strenge Herrschaft der +Puritaner gezügelt hatte, so daß dieselben, wenn es überhaupt geschah, +nur mit großer Vorsicht befriedigt werden konnten, brachen jetzt, wo das +Hemmniß beseitigt war, mit maßloser Gewalt hervor. Man suchte +unsittliche Vergnügungen und strafbare Genüsse mit einer Begierde, +welche nach den Gesetzen der Natur nur in Folge langer und erzwungener +Enthaltsamkeit entstehen kann. Durch die öffentliche Meinung wurde +dieses Treiben nicht beschränkt. Die Nation, voll Widerwillen gegen die +gottseligen Reden, <ins class = "correction" title = "Original hat »arwöhnisch«">argwöhnisch</ins> gegen alle Ansprüche auf Heiligkeit, und +dabei immer noch leidend unter den Nachwehen der erlittenen Tyrannei von +Gebietern, welche sauer waren im Leben und heiß im Gebet, blickte eine +Zeit lang wohlgefällig auf die angenehmeren und freundlicheren Laster. +Noch weniger Beschränkungen erlaubte sich die Regierung. Es gab in der +That keine Ausschweifung, welche nicht durch die unverhohlene +Lasterhaftigkeit des Königs und seiner +<span class = "pagenum">II.24</span> +<a name = "pageII_24" id = "pageII_24"> </a> +Günstlinge sanktionirt worden wäre. Nur einige bejahrte Räthe +Carls I. bewahrten noch den sittlichen Ernst, welcher dreißig Jahre +früher in Whitehall geherrscht hatte. Zu ihnen gehörten Clarendon +selbst, sowie seine Freunde Thomas <ins class = "correction" title = +"Original hat »Whriotesley«">Wriothesley</ins>, Earl von Southampton, +Lord-Schatzmeister, sowie Jacob Butler, Herzog von Ormond, der, nachdem +er unter wechselnden Verhältnissen ritterlich für seines Königs Sache in +Irland gekämpft hatte, dieses Königreich jetzt als Statthalter regierte. +Aber weder das Andenken an die Verdienste dieser Männer noch ihre hohe +Stellung im Staate schützte sie vor den Sarkasmen, welche neumodische +Laster so gern auf veraltete Tugend schleudern. Der Ruf feiner Bildung +und angenehmer Manieren war kaum zu erlangen, wenn man sich nicht zur +Verletzung der Schicklichkeit entschloß. Bedeutende und vielseitige +Talente unterstützten die Verbreitung dieses moralischen Übels nach +Kräften. Die Moralphilosophie hatte in neuerer Zeit eine Gestalt +angenommen, welche ganz geeignet war, einer Generation zu gefallen, +welche der Monarchie wie dem Laster mit gleichem Eifer ergeben war. +Thomas Hobbes hatte in einer bestimmteren und glänzenderen Sprache, als +je ein anderer metaphysischer Schriftsteller sie gebraucht, die +Behauptung aufgestellt, der Wille des Fürsten sei der Maßstab für Recht +und Unrecht, und jeder gute Unterthan müsse bereit sein, auf Befehl des +Königs zum Papstthum, Mahomedanismus oder Heidenthume überzutreten. +Tausende, welche das wirklich Gediegene in seinen Ansichten nicht zu +würdigen verstanden, begrüßten freudig eine Theorie, welche zu gleicher +Zeit das königliche Ansehen erhöhte, die Bande der Moralität lockerte, +und die Religion zu einer bloßen Staats­angelegenheit herabwürdigte. +Der Hobbismus wurde bald ein wesentlicher Bestandtheil des Charakters +eines vollendeten Gentleman. Die leichteren Zweige der Literatur +erhielten einen starken Anstrich von der herrschenden Sittenlosigkeit; +die Dichtkunst wurde eine Kupplerin der gemeinsten Begierden; der Witz, +anstatt Schuld und Irrthum zu züchtigen, wandte seine verletzenden +Pfeile gegen Unschuld und Wahrheit. Die wiederhergestellte Kirche machte +zwar einen Versuch gegen die herrschende Sittenlosigkeit anzukämpfen, +aber es geschah ohne alle Energie und mit getheiltem Herzen. Obgleich +die Würde ihres Charakters es erheischte, die irrenden Kinder zu +ermahnen, so geschahen diese Ermahnungen doch auf höchst lässige Weise. +Ihre Aufmerksamkeit war nach einer anderen Seite hin beschäftigt, ihre +ganzen Kräfte concentrirten sich in der Absicht, die Puritaner zu +vernichten, und ihre Jünger zu zwingen, dem Kaiser zu geben was des +Kaisers sei. Sie war beraubt und niedergehalten worden durch die Partei, +welche strenge Sittlichkeit predigte; Wüstlinge hatten sie wieder zu +Ehren und Ansehen gebracht. Ob auch die Männer der Lust und Mode nicht +geneigt waren, ihre Lebensweise nach den Vorschriften der Kirche +einzurichten, so ließen sie sich doch jeden Augenblick willig finden, +für ihre Kathedralen und Paläste, für jeden Buchstaben ihrer Gesetze und +jeden Faden ihrer Gewänder bis an die Knie im Blute zu kämpfen. Der +ausschweifende Edelmann besuchte zwar Bordelle und Spielhäuser, aber er +mied wenigstens die Conventikel; wenn auch sein Mund nur +gotteslästerliche und unzüchtige Reden führte, so machte er das +einigermaßen durch seinen Eifer wieder gut, Baxter und Howe in den +Kerker zu werfen, weil sie Predigten und Gebete abgehalten hatten. So +bekämpfte der Klerus längere Zeit die Schismatiker mit einem Eifer, der +ihm wenig Muße ließ dem Laster entgegen zu treten. Die Zweideutigkeiten +Ethereges und Wycherley’s wurden +<span class = "pagenum">II.25</span> +<a name = "pageII_25" id = "pageII_25"> </a> +in Anwesenheit und mit besonderer Genehmigung des Kirchenoberhauptes in +weiblichen Versammlungen von Frauen öffentlich vorgetragen, während der +Verfasser von des „Pilgers Reise“ für das Verbrechen, den Armen das +Evangelium verkündet zu haben, im Kerker schmachtete. Es ist eine +feststehende und lehrreiche Thatsache, daß zu der Zeit, als die +politische Macht der anglikanischen Kirche ihren Höhepunkt erreicht +hatte, die Moral der Nation sich auf der niedrigsten Stufe befand.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verworfenheit der Politiker.</span> +<a name = "secII_14" id = "secII_14">Kaum</a> ein Rang und Beruf entging +der Ansteckung durch die allgemeine Unsittlichkeit, diejenigen aber, +welche sich hauptsächlich mit Politik beschäftigten, bildeten vielleicht +den schlechtesten Theil der verderbten Gesellschaft, indem sie nicht +blos unter den schädlichen Einflüssen standen, welche die Nation im +Allgemeinen berührten, sondern noch einer besonderen Verderbniß der +schlimmsten Art ausgesetzt waren. Ihr Charakter hatte sich mitten unter +häufigen Revolutionen und Contrerevolutionen herangebildet; im Laufe +weniger Jahre hatten sie den wiederholten Wechsel der kirchlichen und +bürgerlichen Verfassung ihres Vaterlandes beobachtet. Sie hatten +gesehen, wie die bischöfliche Kirche die Puritaner verfolgte, wie die +puritanische Kirche die Bischöflichen verfolgte, und wie die +bischöfliche Kirche dann wieder die Puritaner verfolgte. Sie hatten die +Vernichtung und Wiedererstehung der erblichen Monarchie gesehen, hatten +beobachtet, wie das Lange Parlament dreimal die Oberherrschaft im Staate +errang, und dreimal unter Verwünschungen und Hohngelächter von Millionen +wieder zusammenstürzte. Sie hatten erlebt, wie eine neue Dynastie sich +rasch auf den Gipfel der Macht und des Ruhmes erhob, um bald darauf ohne +allen Kampf wieder vom Thronsessel herabgeschleudert zu werden. Sie +hatten gesehen, wie ein neues System der Volksvertretung entworfen, +versucht und wieder aufgegeben worden war. Sie hatten ein neues Haus der +Lords eben so schnell entstehen wie vergehen sehen. Sie hatten gesehen, +wie Massen von Eigenthum auf gewaltsame Weise bald den Edelleuten, bald +den Rundköpfen zur Beute wurden. Unter solchen Umständen konnte Niemand +als Staatsmann sich bewegen und gedeihen, der sich nicht willig finden +ließ, je nach den Verhältnissen die Farbe zu wechseln. Nur in stiller +Zurückgezogenheit war es möglich, für die Dauer den Charakter eines +guten Royalisten oder eines starren Republikaners zu behaupten. Wer +unter solchen Zeitverhältnissen bürgerliche Größe zu erlangen wünscht, +muß jeden Gedanken an konsequentes Festhalten aufgeben. Anstatt inmitten +unaufhörlicher Veränderungen nach Unveränderlichkeit zu streben, muß er +beständig umherspähen, um die ersten Kennzeichen einer nahenden Reaktion +zu entdecken und muß den richtigen Augenblick erfassen, um eine verlorne +Sache aufzugeben. Nachdem er fest zu einer Partei gehalten, so lange sie +die Oberhand hatte, muß er sie plötzlich verlassen, wenn sie in +schwierige Lagen kommt, muß sich gegen sie waffnen, sie verfolgen, und +mit den neuen Bundesgenossen eine neue Bahn einschlagen, auf der ihm +Macht und Glück entgegenleuchten. Seine Lage bildet in ihm nothwendig +eine besondere Klasse von Fähigkeiten, wie eine besondere Klasse von +Lastern bis zur höchsten Vollkommenheit aus. Schnelligkeit im Beobachten +verbindet sich mit Fruchtbarkeit an Hilfsmitteln. Ohne Mühe eignet er +sich den Ton jeder Sekte oder Faktion an, mit der ihn der Zufall +zusammenführt. Er erkennt die Zeichen der Zeit mit einem Scharfblick, +den die Menge wunderbar findet, mit einem Scharfblick, ähnlich dem eines +alten Polizeimannes, +<span class = "pagenum">II.26</span> +<a name = "pageII_26" id = "pageII_26"> </a> +welcher die schwächsten Anzeichen eines Verbrechen aufzufinden versteht, +oder eines Mohawk-Kriegers, der in den Wäldern eine Spur verfolgt.</p> + +<p>Bei Staats­männern von derartiger Bildung wird man aber freilich +nur selten Redlichkeit und Ausdauer, oder eine von denjenigen Tugenden +antreffen, welche dem edlen Stamme der Wahrheit entsprossen sind. Er +besitzt weder Glauben an eine Lehre, noch Eifer für eine Angelegenheit. +Vor seinen Augen sind so viele alte Institutionen untergegangen, daß er +keine Achtung vor langem Bestehen kennt. Er hat so viele neue +Einrichtungen, welche zu großen Erwartungen berechtigten, entstehen und +Enttäuschung hervorbringen sehen, daß er keine Hoffnung auf den +Fortschritt setzt; und diejenigen, welche ängstlich bemüht sind <em>zu +erhalten</em>, verlacht er nicht minder wie die, welche es sich +angelegen sein lassen <em>zu verbessern</em>. Es giebt im Staate nichts, +zu dessen Erhaltung oder Vernichtung er nicht ohne alle Gewissensbisse +und ohne Erröthen mitwirken könnte; treu zu bleiben seinen Überzeugungen +und seinen Freunden, ist in seinen Augen Beschränktheit und +Verkehrtheit; die Politik ist für ihn nicht eine Wissenschaft, die sich +mit dem Wohle der Völker beschäftigt, sondern ein aufregendes Spiel des +Zufalls und der Geschicklichkeit, in welchem der begünstigte Spieler ein +Landgut, eine Adelskrone oder wohl gar eine Königskrone gewinnen, aber +auch durch eine unüberlegte Bewegung Gut und Leben verlieren kann. Der +Ehrgeiz, welcher in friedlichen Tagen bei guten Menschen eine halbe +Tugend ist, wird jetzt, jedem edleren und <ins class = "correction" +title = "Original hat »menschenfreundlicherem«">menschen­freund­licheren</ins> Gefühle +entfremdet, eine selbstsüchtige Begierde, fast so unedel, als die +Habsucht. Unter den Staats­männern, welche von der Restauration bis +zum Regierungs­antritt des Hauses Hannover sich an der Spitze der +großen Parteien des Vaterlandes befunden haben, lassen sich nur sehr +Wenige auffinden, deren Ruf nicht durch Eigenschaften befleckt ist, +denen man in unserem Zeitalter die Namen von grober Untreue und +Verdorbenheit geben würde. Es ist schwerlich eine Übertreibung, wenn man +sagt, daß öffentliche Männer ohne alle Grundsätze, welche in neuerer +Zeit an den Staats­geschäften Theil genommen haben, als +uneigennützig und gewissenhaft betrachtet zu werden verdienten, wollte +man sie nach dem Maaßstabe beurtheilen, der in der zweiten Hälfte des +siebzehnten Jahrhunderts geltend war.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Zustand von Schottland.</span> +<a name = "secII_15" id = "secII_15">Während</a> diese Veränderungen der +Politik, Religion und Sittlichkeit in England stattfanden, war die +königliche Autorität ohne Schwierigkeit in allen übrigen Theilen der +britischen Inseln wieder hergestellt worden. Schottland hatte die +Restauration der Stuarts mit Freuden begrüßt, da man durch sie die +Wiederherstellung der nationalen Unabhängigkeit erwartete. Und wirklich +wurde das von Cromwell aufgelegte Joch dem Anscheine nach beseitigt; die +Stände versammelten sich wiederum in dem alten Saale zu Edinburg, und +die Senatoren des Justizkollegiums verwalteten wieder das schottische +Recht in der früheren Form; aber die Unabhängigkeit des kleinen +Königreichs bestand mehr dem Namen nach, als in der Wirklichkeit, indem +der König, so lange er England auf seiner Seite hatte, eine +Unzufriedenheit in den anderen Gebietstheilen nicht zu fürchten +brauchte. Er befand sich jetzt in solcher Lage, daß er den Versuch, der +seinen Vater in’s Verderben stürzte, wiederholen konnte, ohne dessen +Schicksal fürchten zu müssen. Karl I. hatte es versucht, seine +eigene Religion durch königliche Gewalt den Schotten +<span class = "pagenum">II.27</span> +<a name = "pageII_27" id = "pageII_27"> </a> +zu einem Zeitpunkte aufzudringen, da sowohl diese Religion, als auch die +königliche Macht in England unpopulär waren, und nicht genug, daß ihm +diese Absicht völlig mißglückte, kosteten die Unruhen, welche daraus +entstanden, ihm zuletzt sogar noch Krone und Leben. Die Zeiten hatten +sich geändert; England schwärmte für Monarchie und Prälatenthum, und +deshalb konnte der Plan, dessen Anwendung vor einem Menschenalter höchst +unklug gewesen sein würde, ohne erhebliche Gefahr für den Thron wieder +aufgenommen werden. Die Regierung beschloß, in Schottland eine +bischöfliche Kirche zu errichten; dieser Plan wurde aber von jedem +vernünftigen Schotten gemißbilligt. Einige, mit Eifer für die +Prärogative des Königs eingenommene schottische Staats­männer waren +als Presbyterianer erzogen, und wenn sie auch nicht durch +Gewissensfragen beunruhigt wurden, so hatten sie doch eine Vorliebe für +die Religion ihrer Kindheit, und wußten wohl, wie tief dieselbe in den +Herzen ihrer Landsleute wurzelte. Mit Entschiedenheit erklärten sie sich +gegen den Plan, als sie aber einsahen, daß es nichts fruchtete, fehlte +es ihnen an der nöthigen Energie, um bei einer Opposition zu verharren, +die ihren Landesherrn beleidigen mußte, und Mehre waren sogar ruchlos +und niederträchtig genug, das Christenthum in einer Form zu +<em>verfolgen</em>, welche sie in ihrem Gewissen für die reinste +hielten. Die Einrichtung des schottischen Parlaments war der Art, daß es +schwerlich selbst schwächeren Königen, als dem damals ziemlich +machtlosen Karl, einen ernstlichen Widerstand entgegen gestellt haben +würde. Das Episkopat ward daher durch Gesetze eingeführt, und was die +Form des Gottesdienstes anlangte, so wurde dem Gutdünken des Klerus ein +weiter Spielraum bewilligt. In einigen Kirchen wendete man die englische +Liturgie an; in anderen wählten die Geistlichen aus dieser Liturgie +diejenigen Gebete und Danksagungen aus, die aller Wahrscheinlichkeit +nach dem Volke am wenigsten anstößig sein würden. Im Allgemeinen aber +wurde am Schlusse des öffentlichen Gottesdienstes der Lobgesang +angestimmt und bei der Taufe das apostolische Glaubensbekenntniß +gesprochen. Der größte Theil des schottischen Volkes haßte die neue +Kirche als eine abergläubische und ausländische, besudelt mit den +Verderbnissen Roms, und als ein Zeichen der englischen Oberherrschaft. +Trotzdem kam es zu keinem allgemeinen Aufstande; es war das Land nicht +mehr, das es vor zweiundzwanzig Jahren gewesen. Unglücklicher Krieg und +Fremdherrschaft hatten den Muth des Volkes gebrochen. Die Aristokratie, +welche bei den mittleren und niederen Schichten des Volkes in hohem +Ansehen stand, hatte die Bewegung gegen Karl I. geleitet, gegen +Karl II. zeigte sie sich unterwürfig. Auf die Hilfe der englischen +Puritaner konnte man nicht rechnen, sie waren eine schwache Partei, +geächtet durch Gesetz und öffentliche Meinung. Nur mit Unmuth fügte sich +daher die Masse des schottischen Volkes; bestürmt von bösen Ahnungen des +Gewissens, wohnten sie dem Gottesdienste des bischöflichen Klerus oder +derjenigen presbyterianischen Geistlichen bei, die sich hatten bereit +finden lassen, von der Regierung eine halbe Duldung anzunehmen, die man +Indulgenz nannte. Es gab aber besonders in dem westlichen Unterlande +entschlossene und kühne Männer, welche der Meinung waren, die Pflicht, +den Covenant zu halten, stehe höher, als die Pflicht, der Obrigkeit zu +gehorchen. Dem Gesetz trotzend, ließen diese Leute sich nicht abhalten, +Versammlungen zu veranstalten, um Gott nach ihrer Weise zu verehren. In +der Indulgenz erblickten sie keineswegs eine Art Entschädigung für die +Unbilden, welche +<span class = "pagenum">II.28</span> +<a name = "pageII_28" id = "pageII_28"> </a> +die Kirche von der Obrigkeit erlitten, sondern ein neues und um so +hassenswürdiges Unrecht, da man ihm das Ansehen einer Wohlthat geben +wollte. Verfolgung, meinten sie, könne nur den Körper tödten, die +schmachvolle Indulgenz aber vernichte die Seele. Als man sie aus den +Städten vertrieb, sammelten sie sich in den Wäldern und Gebirgen; wurden +sie von der bürgerlichen Macht angegriffen, so setzten sie der Gewalt +unbedenklich Gewalt entgegen. Bei jedem Konventikel erschienen sie +bewaffnet, und mehrmals erregten sie offenen Aufruhr. Sie wurden zwar +ohne große Mühe besiegt, aber durch Niederlagen und Strafen stählte sich +nur ihr Muth. Gehetzt wie wilde Thiere, gefoltert bis ihre Gebeine +zermalmt waren, hundertweise in den Kerker geworfen, zu Zwanzigen +aufgeknüpft, heute der Rohheit englischer Soldaten preisgegeben, morgen +der Willkür hochländischer Räuberbanden überlassen, vertheidigten sie +sich immer noch mit so entsetzlicher Wuth, daß der kühnste und +mächtigste Unterdrücker Ursache hatte, ihren durch die Verzweiflung +angefachten Muth zu fürchten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Zustand von Irland.</span> +<a name = "secII_16" id = "secII_16">So</a> war unter der Regierung +Karls II. der Zustand von Schottland; aber Irland war nicht minder +zerrüttet. Auf dieser Insel bestanden Fehden, welche sich mit den +heftigsten Feindschaften der englischen Politiker nicht vergleichen +ließen. Die Feindseligkeiten zwischen den irischen Cavalieren und den +irischen Rundköpfen waren fast vergessen über der grimmigeren +Feindschaft, welche zwischen der englischen und der celtischen Race +wüthete. Die Kluft zwischen den Episkopalen und Presbyterianern +verschwand, wenn man sie mit der verglich, welche Beide von den Papisten +trennte. In den letzten bürgerlichen Unruhen war ein großer Theil des +irischen Grundeigenthums von dem unterjochten Volke auf die Sieger +übergegangen. Auf die Gunst der Krone konnten sowohl von den alten wie +von den neuen Besitzern nur wenige Anspruch machen, denn die Plünderer +wie die Geplünderten waren in der Mehrzahl Rebellen. Die Regierung wurde +des Streites der beiden ergrimmten Parteien über entgegengesetzte +Ansprüche und gegenseitige Beschuldigungen bald müde und überdrüssig. +Diejenigen Kolonisten, unter welche Cromwell das eroberte Land vertheilt +hatte, und deren Abkömmlinge man noch immer Cromwellianer nannte, gaben +zu bedenken, daß die englische Nation unter jeder Dynastie, und die +protestantische Religion in jeder Form, von den Ureinwohnern auf das +Heftigste angefeindet würde. Sie schilderten mit Übertreibung die +Gräuel, welche den Aufstand von Ulster geschändet hatten, sie beschworen +den König, die Politik des Protektors mit Entschiedenheit zu verfolgen, +und schämten sich nicht es auszusprechen, daß der Frieden in Irland nur +dann bestehen könne, wenn der alte Volksstamm der Iren völlig vertilgt +sein werde. Die Katholiken stellten ihr Vergehen möglichst gering dar +und jammerten kläglich über die Härte ihrer Strafe, die auch in der That +eben nicht gelind gewesen war. Sie baten Karl, die Unschuldigen nicht +mit den Schuldigen zu verwechseln und erinnerten ihn, daß ein großer +Theil der Schuldigen ihren Fehler dadurch gut gemacht, daß sie zu ihrer +Pflicht zurückgekehrt waren und seine Rechte gegen die Henker seines +Vaters in Schutz nahmen. Um die zwei zudringlichen Parteien, von denen +keine auf seine Liebe Anspruch hatte, los zu werden, diktirte der Hof +einen Vergleich, und befreite sich dadurch von der Plage. Das grausame, +aber höchst praktische und energische System, durch welches Cromwell +Irland durchweg englisch machen +<span class = "pagenum">II.29</span> +<a name = "pageII_29" id = "pageII_29"> </a> +wollte, wurde aufgegeben, und die Cromwellianer veranlaßt, ein Drittel +ihrer Erwerbungen herauszugeben. Das übergebene Land wurde willkürlich +unter diejenigen Bewerber vertheilt, welche die Regierung begünstigen +wollte. Eine Masse von Leuten aber, welche versicherten, daß sie sich +keiner Illoyalität schuldig gemacht, und einzelne Personen, die sich +rühmten, ihre Loyalität auf das Glänzendste bewiesen zu haben, erhielten +weder Zurückerstattung noch Entschädigung, und erfüllten Frankreich und +Spanien mit lauten Klagen über die Ungerechtigkeit und Undankbarkeit der +Stuarts.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Regierung in England wird unpopulär.</span> +<a name = "secII_17" id = "secII_17">Selbst</a> in England hatte um +diese Zeit die Regierung aufgehört populär zu sein. Unter den +Royalisten, und zwischen ihnen und dem Hofe, waren Zwistigkeiten +entstanden; die besiegte und niedergetretene Partei aber, von der man +glaubte, daß sie vernichtet sei, die jedoch eine zähe Lebenskraft besaß, +erhob von Neuem das Haupt, und trat wiederum gerüstet hervor. Wenn auch +die Verwaltung ohne Tadel gewesen wäre, so konnte doch die Begeisterung, +mit der die Rückkehr des Königs und das Ende der Militärherrschaft +begrüßt wurde, nicht von Dauer sein, denn es ist in der menschlichen +Natur begründet, daß auf übermäßige Erregung immer Abspannung folgt. Die +Art aber wie der Hof seinen Sieg mißbrauchte, führte eine rasche und +vollständige Abkühlung herbei. Jeder Gemäßigte erschrak vor der +Anmaßung, Hartherzigkeit und Treulosigkeit, mit der man die +Nichtconformisten behandelte. Durch die Strafgesetze war die +unterdrückte Partei vollständig von den heuchlerischen Mitgliedern +gereinigt worden, welche sie in Mißcredit gebracht hatten; jetzt stand +sie wieder als würdige und fromme Gemeinschaft da. Der Puritaner als +Sieger, Gebieter, Verfolger und Sequestrator war ein Gegenstand des +Hasses gewesen, aber der verrathene und gemißhandelte Puritaner, +verlassen von allen falschen Freunden, die im Glücke ihn umgaben, +vertrieben von seinem Hause, mit schweren Strafen bedroht, wenn er es +wagte, seinem Gewissen gemäß zu beten und das Abendmahl zu empfangen, +aber immer noch unerschütterlich in seinem Entschlusse, nur Gott, und +nicht den Menschen zu gehorchen, war, trotz einiger unangenehmen +Erinnerungen, jedem redlichen Gemüth ein Gegenstand des Mitgefühls und +der Hochachtung. Diese Gefühle steigerten sich, als das Gerücht umlief, +daß der Hof nicht gesonnen sei, die Katholiken ebenso streng zu +behandeln, wie es den Presbyterianern widerfahren war. Es tauchte ein +unbestimmter Verdacht auf, daß der König und der Herzog nicht aufrichtig +protestantisch gesinnt seien. Viele, denen die Verschlossenheit und +Heuchelei der Pharisäer der Republik widerlich gewesen war, empfanden +jetzt noch größeren Abscheu vor der schamlosen Üppigkeit des Hofes und +der Cavaliere, und neigten sich zu dem Zweifel hin, ob nicht die +finstere Grübelei von „Preise Gott, Barebone“ der abscheulichen +Gottlosigkeit und den Ausschweifungen der Buckinghams und <ins class = +"correction" title = "Original hat »Seydley’s«">Sedley’s</ins> +vorzuziehen sei. Selbst sittenlose Menschen, denen es nicht gänzlich an +Einsicht und Sinn für das Gemeinwohl fehlte, beklagten, daß die +Regierung Dinge von höchster Wichtigkeit als Kleinigkeiten betrachte, +dagegen Angelegenheiten ohne Bedeutung zu ernsten Geschäften mache. Man +könne es einem Könige vergeben, wenn er seine <ins class = "correction" +title = "Original hat »Musestunden«">Mußestunden</ins> durch Wein, Witz +und Schönheit erheitere; aber unerträglich sei es, wenn er zu einem +bloßen Tagediebe und Wollüstlinge sich erniedrige, wodurch das Interesse +des Staates vernachlässigt sowie der Staats­dienst und die Finanzen +in +<span class = "pagenum">II.30</span> +<a name = "pageII_30" id = "pageII_30"> </a> +Noth und Unordnung gebracht würden, während liederliche Weiber und +Schmarotzer sich bereicherten.</p> + +<p>Eine große Menge von Royalisten stimmten in diese Klagen ein, und +setzten manche heftige Bemerkung über die Undankbarkeit des Königs +hinzu. Freilich würde das ganze Einkommen desselben nicht hingereicht +haben, sie alle nach Maaßgabe ihres Verdientes, wie sie es +veranschlagten, zu belohnen, denn jedem Gentleman mit zerrüttetem +Vermögen, der unter Ruprecht oder Derby gefochten hatte, erschienen +seine Dienste ungemein wichtig und seine ertragenen Leiden +außerordentlich hart. Ein Jeder hatte sich geschmeichelt, daß, wie es +auch immer den Übrigen ergehen möchte — wenigstens <em>er</em> für +Alles, was die bürgerlichen Unruhen ihm geraubt, eine reichliche +Entschädigung erhalten, und der Herstellung der Monarchie die +Verbesserung seiner eigenen zerrütteten Glücksumstände folgen würde. +Keiner von diesen Erwartungsvollen vermochte seinen Unmuth +zurückzuhalten, als er sah, daß er unter der Herrschaft des Königs eben +so arm war, wie zur Zeit des Rumpfs, oder unter dem Protektor. Die +Rücksichtslosigkeit und Üppigkeit des Hofes erregte den heftigsten +Unwillen dieser loyalen Veteranen. Sie behaupteten nicht mit Unrecht, +daß die Hälfte der Summen, welche der König an Concubinen und Hofnarren +verschwende, die Herzen von vielen hundert alten Cavalieren erfreuen +würde, welche, nachdem sie ihre Wälder gelichtet, und ihr Silbergeschirr +eingeschmolzen, um seinem Vater zu unterstützen, jetzt in ärmlichen +Kleidern herumgingen, und nicht wüßten, wie sie ihren Hunger stillen +sollten.</p> + +<p>Um dieselbe Zeit fielen plötzlich die Renten. Das Einkommen jedes +Grundeigenthümers verminderte sich um fünf Schillinge auf das Pfund. Der +Nothruf der Landleute ließ sich aus jeder Grafschaft des Königreichs +vernehmen, und, wie immer, ward die Regierung für diese Noth +verantwortlich gemacht. Der niedere Adel, gezwungen seine Ausgaben auf +einige Zeit zu beschränken, blickte mit Entrüstung auf den Glanz und die +zunehmende Verschwendung in Whitehall, und war fest überzeugt, das Geld, +welches zur Aufrechthaltung seines Wohlstandes bestimmt gewesen, sei +durch einen unbegreiflichen Proceß in die Taschen der königlichen +Günstlinge gewandert.</p> + +<p>Die Menschen waren jetzt in einer Stimmung, in der jeder öffentliche +Akt Unzufriedenheit erregte. Karl hatte sich mit der Prinzessin +Katharina von Portugal vermählt; diese Verbindung mißfiel aber +allgemein, und das Murren ward noch hörbarer, als es sich herausstellte, +daß der König muthmaßlich keine legitimen Nachkommen erhalten werde. +Dünkirchen, das Cromwell Spanien entrissen, wurde an Ludwig XIV., +Frankreichs König, verkauft, was allgemeinen Unwillen erregte. Die +Engländer beobachteten bereits nicht ohne Besorgniß die Zunahme der +französischen Macht, und betrachteten das Haus der Bourbons mit +denselben Empfindungen, welche ihre Großväter gegen das Haus Österreich +gehegt hatten. War es wohlgethan, fragte man, der Macht einer schon so +gewaltigen Monarchie einen Zuwachs zu geben? — Außerdem ward +Dünkirchen von dem Volke nicht nur als Waffenplatz und als ein Schlüssel +zu den Nieder­landen, sondern auch als eine Trophäe englischer +Tapferkeit geschätzt. Dünkirchen war für die Zeiten Karls, was Calais +einer früheren Generation gewesen, und was der Felsen von Gibraltar, +— so ritterlich unheilvolle Jahre hindurch gegen die Flotten und +Heere einer +<span class = "pagenum">II.31</span> +<a name = "pageII_31" id = "pageII_31"> </a> +mächtigen Allianz vertheidigt, — für uns ist. Die Rücksicht auf +finanzielle Ursachen wäre ein Entschuldigungs­grund gewesen, wenn +ihn eine sparsame Regierung geltend gemacht hätte; es war aber kein +Geheimniß, daß die Kosten, welche Dünkirchen veranlaßte, ohne Bedeutung +erschienen gegenüber den Summen, welche am Hofe in Ausschweifungen und +Thorheiten vergeudet wurden. Es schien unerhört, daß ein Souverain, der +in allen seinen Vergnügungen einer beispiellosen Verschwendung huldigte, +den Knauser spielen wollte, wenn es die Wohlfahrt und Ehre des +Vaterlandes galt.</p> + +<p>Die allgemeine Unzufriedenheit nahm zu, als es sich zeigte daß, +während man Dünkirchen unter dem Vorwande der Sparsamkeit aufgab, die +Festung Tanger, welche zur Mitgift der Königin Katharina gehörte, mit +ungeheuren Kosten hergestellt und unterhalten wurde. An diesen Platz +knüpften sich keine Erinnerungen des Nationalstolzes, und derselbe +konnte in keiner Art das National-Interesse fördern. Durch ihn wurde +England in einen ruhmlosen, nachtheiligen und unabsehbaren Krieg mit +halbwilden arabischen Stämmen verwickelt, und er lag in einem für die +Gesundheit und Kraft des englischen Volks höchst <ins class = +"correction" title = "Original hat »nachtheiligem«">nachtheiligen</ins> +Klima.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Krieg mit den Holländern.</span> +<a name = "secII_18" id = "secII_18">Das</a> Murren aber, welches diese +Fehlgriffe hervorriefen, war nicht zu vergleichen mit dem lauten +Geschrei, das bald darauf sich erhob. Die Regierung begann einen Krieg +mit den Vereinigten Provinzen. Das Haus der Gemeinen bewilligte mit +größter Bereitwilligkeit unerhörte Summen, größer als die, welche die +Flotten und Heere Cromwells zu einer Zeit kosteten, da seine Macht in +aller Welt gefürchtet war. Die Verschwendung, Unredlichkeit und +Unfähigkeit seiner Nachfolger waren so groß, daß diese Freigebigkeit +sich schlimmer als nutzlos erwies. Die feigen Höflinge, ohne alle +Befähigung den großen Männern entgegenzutreten, welche damals die +holländischen Waffen befehligten, — einem Staatsmann, wie de +Witte, und einem General wie de Ruyter — suchten sich schnell zu +bereichern, während die halbverhungerten Matrosen in Empörung +ausbrachen, die Werfte unbeschützt, und die Schiffe leck und ohne +Takelwerk waren. Jetzt beschloß man, die Offensive aufzugeben; aber sehr +bald kam die Überzeugung, daß bei einer solchen Verwaltung selbst ein +Vertheidigungskrieg nicht durchzuführen sei. Die holländische Flotte +lief in die Themse ein, und vernichtete bei Chatham sämmtliche +Kriegsschiffe. Es wurde erzählt, daß gerade an dem Tage dieser harten +Demüthigung der König mit den Damen seines Serails bei Tafel gesessen, +und sich damit amüsirt habe, eine Motte im Speisesaale herumzujagen. Das +Andenken an Cromwell fand jetzt seine gerechte Anerkennung. Überall +rühmte man seine Tapferkeit, seine Umsicht und seinen Patriotismus. Man +erinnerte sich, wie unter seiner Herrschaft alle auswärtigen Mächte vor +Englands Namen gezittert hatten, wie die jetzt so kecken Generalstaaten +<ins class = "correction" title = "Fehler für »ihr« oder »das«?">sein</ins> Haupt vor ihm gebeugt, wie bei der Nachricht von +seinem Tode Amsterdam illuminirt worden, wie bei einer Errettung aus +großer Gefahr, und daß die Kinder an den Kanälen umherliefen, vor Freude +jauchzend, daß der Teufel gestorben sei. Selbst Royalisten erklärten +unverholen, die Rettung des Staates sei nur dadurch zu bewerkstelligen, +daß man die alten Krieger der Republik zu den Waffen rufe. Bald fühlte +die Hauptstadt alle Drangsale einer Blokade. Feuerungsmaterial war kaum +zu erlangen. Tilbury Fort, wo einst Elisabeth mit männlichem Muthe gegen +Spanien und Parma schnöden Spott geschleudert, +<span class = "pagenum">II.32</span> +<a name = "pageII_32" id = "pageII_32"> </a> +wurde von den Holländern insultirt. Es war das erste, aber auch das +letzte Mal, wo Londons Bürger den Donner fremder Geschütze vernahmen. Im +Staatsrathe wurde der ernstliche Vorschlag gemacht, beim Anrücken des +Feindes den Tower preiszugeben. Das Volk durchzog in Masse die Straßen, +und rief, daß England verrathen und verkauft sei. Die Paläste und +Equipagen der Minister wurden vom Pöbel angegriffen, und es erhielt ganz +den Anschein, daß die Regierung zugleich mit der Invasion auch einen +Volksaufstand zu fürchten haben werde. Die größte Gefahr zog allerdings +bald vorüber; es wurde ein Vertrag abgeschlossen, ganz abweichend von +denen, welche Cromwell zu unterzeichnen pflegte, und noch einmal kehrte +der Frieden einer Nation zurück, die sich in einer ebenso gereizten und +niedergedrückten Stimmung befand, wie in den Tagen des +Schiffsgeldes.</p> + +<p>Die Unzufriedenheit, welche die schlechte Verwaltung hervorrief, ward +noch durch Unfälle vermehrt, die auch die beste Verwaltung nicht hätte +beseitigen können. Während der schimpfliche Krieg mit Holland geführt +wurde, erfuhr London zwei Unglücksfälle, von denen in so kurzem +Zeitraume noch nie eine Stadt betroffen worden war. Eine Seuche, an +Furchtbarkeit alle überbietend, welche im Laufe von drei Jahrhunderten +die Insel heimgesucht hatten, kostete binnen sechs Monaten mehr als +hundert­tausend Menschen das Leben, und kaum hatte der Leichenwagen +seine Thätigkeit beendet, als eine Feuersbrunst, wie sie seit dem Brande +Roms unter Nero Europa nicht erlebt, die ganze City, vom Tower bis zum +Tempel, und von dem Flusse bis zu den Bezirken von Smithfield in einen +Aschenhaufen verwandelte.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Opposition in dem Hause der Gemeinen.</span> +<a name = "secII_19" id = "secII_19">Hätte</a> man, während die Nation +unter so viel Schande und Drangsal fast erlag, eine allgemeine Wahl +vorgenommen, so würden nach aller Wahrscheinlichkeit die Rundköpfe +wieder zur Herrschaft im Staate gelangt sein; das Parlament war aber +noch immer das Cavalierparlament, welches in dem ersten Loyalitätstaumel +gewählt worden, der auf die Restauration folgte. Es ward jedoch bald +offenbar, daß keine gesetzgebende Versammlung in England, wäre sie auch +noch so loyal, sich begnügen würde, blos das zu sein, was dergleichen +Versammlungen zur Zeit der Tudors gewesen waren. Vom Tode Elisabeths bis +zum Beginn des Bürgerkrieges hatten die Puritaner, welche in dem +volksvertretenden Körper überwiegend waren, durch eine geschickte +Anwendung der Macht des Geldes Übergriffe in das Gebiet der exekutiven +Regierung gethan. Die Herren, welche nach Ausführung der Restauration +das Unterhaus einnahmen, haßten zwar die Puritaner, waren aber gar nicht +böse, die Früchte der puritanischen Staatskunst zu erben. Allerdings +hatten sie den besten Willen, die Gewalt, welche ihnen im Staate +geworden, zu dem Zwecke zu verwenden, ihrem König sowohl daheim, wie im +Auslande, Macht und Ansehen zu verschaffen; sie waren aber auch +entschlossen, ihre eigene Macht nicht aufzugeben. Die große englische +Revolution des siebzehnten Jahrhunderts, nämlich die Übertragung der +Oberleitung der ausführenden Verwaltung von der Krone auf das Haus der +Gemeinen, war während des ganzen langen Bestehens dieses Parlaments in +ruhigem, aber schnellem und entschlossenem Fortschreiten. Karl gerieth +durch seine Thorheiten und Laster beständig in Geldverlegenheit. Nur +durch die Gemeinen konnte er auf gesetzlichem Wege Geld erlangen, und es +ließ sich nicht verhindern, daß sie +<span class = "pagenum">II.33</span> +<a name = "pageII_33" id = "pageII_33"> </a> +selbst einen Preis für ihre Bewilligung festsetzten. Dieser bestand +darin, daß es ihnen erlaubt sei, sich in alle Prärogativen des Königs zu +mischen, ihm die Zustimmung zu Gesetzen, welche er mißbilligte, +abzuzwingen, Cabinete aufzulösen, den Gang der auswärtigen Politik +vorzuschreiben und selbst die Kriegsführung zu leiten. Der königlichen +Würde und der Person des Souverains versprachen sie laut und offenherzig +die treueste Anhänglichkeit. Clarendon aber waren sie keine +Unterthanentreue schuldig, und so griffen sie ihn mit einer so heftigen +Entrüstung an, wie ihre Vorgänger einst Strafford.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Sturz Clarendons.</span> +<a name = "secII_20" id = "secII_20">Die</a> guten Eigenschaften, wie +die Fehler dieses Staats­mannes beförderten gleichmäßig seinen +Sturz. Er war das Haupt der Verwaltung, und wurde deshalb selbst für +solche Handlungen verantwortlich gemacht, denen er in der +Rathsversammlung lebhaften, wenn auch nutzlosen Widerstand +entgegengestellt hatte. Die Puritaner und Alle, welche diese +bemitleideten, hielten ihn für einen unverbesserlichen Zeloten, für +einen zweiten Laud, nur mit mehr Verstand begabt als dieser. Er hatte +stets behauptet, daß man die Amnestieakte streng handhaben müsse, und +obgleich dieser Theil seines Verhaltens höchst ehrenwerth für ihn +erschien, so verfeindete derselbe ihn doch mit allen Royalisten, welche +ihren zerrütteten Verhältnissen durch Klagen gegen die Rundköpfe wegen +erlittener Verluste und entzogener Nutzungen wieder aufzuhelfen +wünschten. Die Presbyterianer Schottlands beschuldigten ihn des Sturzes +ihrer Kirche, die irländischen Papisten warfen ihm den Verlust ihrer +Güter vor. Als Vater der Herzogin von York hatte er gegründete Ursachen, +eine unfruchtbare Königin zu wünschen, und kam daher in den Verdacht, +absichtlich eine solche empfohlen zu haben. Den Verkauf Dünkirchens +machte man ihm mit Recht zum Vorwurf; die Schuld an dem holländischen +Kriege aber ward ihm mit weniger Grund zur Last gelegt. Sein reizbares +Temperament, sein stolzes Benehmen, die maßlose Sucht, Reichthümer zu +erwerben, die prahlerische Art mit der er dieselben wieder +verschwendete, seine mit den Meisterstücken van Dyks gefüllte +Gemäldegallerie — dem früheren Eigenthume verarmter Cavaliere, +— sein Palast, dessen lange stattliche Fronte sich der +bescheidenen Wohnung des Königs gegenüber erhob, unterwarfen ihn vielem +wohlverdienten, jedoch auch manchem ungerechten Tadel. Als die +holländische Flotte in der Themse ankerte, richtete sich die Wuth des +Pöbels hauptsächlich gegen den Kanzler. Man warf ihm die Fenster ein, +vernichtete die Bäume seines Gartens, und errichtete vor dem Eingange +seines Palastes einen Galgen. Am verhaßtesten war er dem Hause der +Gemeinen. Er war nicht fähig, zu erkennen, daß die Zeit schnell +heranrückte, wo dieses Haus, wenn es überhaupt fortbestand, die +Oberherrschaft im Staate erlangen, daß die Leitung desselben ein +wichtiger Zweig der Staats­geschäfte werden, und daß es unmöglich +sein würde, ohne den Beistand von Männern, welche das Vertrauen des +Hauses besaßen, das Ruder des Staats­schiffs zu führen. Er ließ sich +nicht davon abbringen, das Parlament als eine Corporation zu betrachten, +die in keiner Hinsicht von jenem Parlamente abweiche, welches vor +vierzig Jahren existirte, als er im Temple dem Studium der +Rechtswissenschaft oblag. Zwar beabsichtigte er nicht, die gesetzgebende +Versammlung der Vorrechte zu berauben, welche die alte Verfassung +Englands ihr bewilligt; aber die neue Ausdehnung derselben, wenn auch +natürlich und unvermeidlich, und nur durch ihre völlige Vernichtung +abzuwenden, +<span class = "pagenum">II.34</span> +<a name = "pageII_34" id = "pageII_34"> </a> +erfüllte ihn mit Widerwillen und Unruhe. Nie würde er sich entschlossen +haben, das große Siegel unter eine Verordnung zur Erhebung von +Schiffsgeld zu drücken, oder im Rathe seine Zustimmung dazu zu geben, +daß ein Mitglied des Parlaments auf Grund von Äußerungen während der +Debatte in den Tower geschickt werden könne; als aber die Gemeinen zu +wissen verlangten, wozu das Geld, welches sie für den Krieg bewilligt, +verwendet worden sei, als sie anfingen die schlechte Verwaltung der +Flotte zu untersuchen, da gerieth er vor Unwillen außer sich. Er war der +Ansicht, daß dergleichen Nachforschungen außerhalb ihrer Berechtigung +lägen und gab zwar zu, daß das Haus eine sehr loyale Versammlung sei, +die der Krone recht ersprießliche Dienste geleistet, und daß seine +Absichten ganz vortrefflich sein könnten, aber in weiteren und engeren +Kreisen sprach er unverholen sein Bedauern aus, daß der Monarchie +aufrichtig ergebene Gentlemen mit solcher Unbedachtsamkeit die Vorrechte +des Souverains antasteten. Wenn auch anderer Gesinnung als die +Mitglieder des Langen Parlaments, handelten sie doch — sagte er +— wie dieses Parlament, indem sie Angelegenheiten zu den ihrigen +machten, welche, außerhalb des Wirkungskreises der Reichsstände, nur +lediglich der Autorität der Krone unterlägen. Er versicherte, der Staat +werde sich nie einer guten Regierung erfreuen, bis die Abgeordneten der +Grafschaften sich damit begnügten, nicht mehr zu sein, als ihre +Vorgänger zur Zeit Elisabeths. Alle Vorschläge, welche von Männern, die +ihre Zeit besser erkannt hatten als er, zu dem Zwecke gemacht wurden, +ein Einverständniß zwischen dem Hofe und den Gemeinen herbeizuführen, +wies er als unreife Projecte, die mit den alten englischen +Staats­verhältnissen nicht harmonirten, verächtlich zurück. Junge +Sprecher, welche im Unterhause zu Ansehen und Auszeichnung gelangten, +behandelte er abstoßend, und machte sich dieselben fast ohne Ausnahme +dadurch zu unversöhnlichen Feinden. Ohne Zweifel war einer seiner +größten Fehler die maßlose Verachtung der Jugend, und es war dieselbe um +so weniger zu rechtfertigen, da seine eigene diplomatische Erfahrung in +englischen Regierungs­angelegen­heiten, durchaus in keinem +Verhältnisse zu seinen Jahren stand, indem er einen großen Theil seines +Lebens im Auslande zugebracht und von der Welt, in der er sich nach +seiner Rückkehr bewegte, nicht so viel wußte, als Leute, welche dem +Alter nach seine Söhne sein konnten.</p> + +<p>Aus diesen Gründen war er den Gemeinen verhaßt, und aus anderen +Gründen auch bei Hofe nicht beliebt. Seine Moral wie seine Politik +erinnerten an eine frühere Generation. Selbst als junger Student der +Rechte, wo er mit so vielen witzigen und vergnügungslustigen Menschen +umging, hatten ihn sein natürlicher Ernst und seine frommen Grundsätze +fast ganz vor der Ansteckung der Modethorheiten bewahrt; um so weniger +war er geeignet, im höheren Alter und bei schwankender Gesundheit noch +ein Wüstling zu werden. Mit bitterem und verächtlichem Widerwillen +betrachtete er die Lasterhaftigkeit der ausgelassenen Jugend, sowie er +nicht minder die tiefste Abneigung gegen die theologischen Irrthümer der +Sectirer hegte. Er benutzte jede Gelegenheit, um seinen Haß gegen +Possenreißer, Schwelger und Buhlerinnen auszusprechen, welche den Palast +erfüllten, und die Warnungen, die er gegen den König aussprach, waren +nicht nur sehr scharf, sondern auch, was Karl noch ärgerlicher war, sehr +lang. Es fand sich Niemand, der einem Minister beistand, dem man den +doppelten Vorwurf machte, Fehler zu besitzen, welche die Wuth des Volkes +erweckten, und Tugenden, welche dem Monarchen beschwerlich und +unangenehm waren. +<span class = "pagenum">II.35</span> +<a name = "pageII_35" id = "pageII_35"> </a> +Southampton war gestorben; Ormond stand dem Freunde mannhaft und treu, +aber fruchtlos zur Seite. Der Kanzler fiel in die tiefste Ungnade. Der +König nahm ihm das Siegel ab, die Gemeinen versetzten ihn in +Anklagestand, sein Kopf war nicht mehr sicher, er entfloh aus England +und wurde durch eine Akte zu ewiger Verbannung verurtheilt; die aber, +welche seinen Fall herbeigeführt, begannen sich um die Trümmer seiner +Gewalt zu streiten.</p> + +<p>Durch Clarendon’s Hinopferung war der öffentliche Rachedurst etwas +abgekühlt; doch war die Entrüstung über die Verschwendung und +Nachlässigkeit der Regierung, so wie über den schlechten Ausgang des +letzten Krieges noch keineswegs beschwichtigt. Die Räthe des Königs, +denen das Schicksal des Kanzlers vorschwebte, fürchteten für ihre eigene +Sicherheit. Sie beschworen deshalb den Herrscher, die Aufregung, welche +im Parlamente wie im ganzen <ins class = "correction" title = "Original hat »Lande,«">Lande</ins> herrschte, zu besänftigen und einen Schritt zu +thun, der in der Geschichte des Hauses Stuart ohne Beispiel ist und der +Klugheit und Hochherzigkeit eines Cromwell würdig gewesen wäre.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Zustand der europäischen Staats­angelegen­heiten und +Überlegenheit Frankreichs.</span> +<a name = "secII_21" id = "secII_21">Wir</a> sind jetzt bei dem Punkte +angekommen, wo die Geschichte der großen, englischen Revolution anfängt, +sich mit der Geschichte der auswärtigen Staats­angelegen­heiten +zu verflechten. Die spanische Macht war seit vielen Jahren im Abnehmen +begriffen. Spanien besaß zwar in Europa noch Mailand, die beiden +Sicilien, Belgien und die Franche Comté, und in Amerika lagen seine +Besitzungen zu beiden Seiten des Äquators noch weit über die beiden +Grenzen der heißen Zone hinaus; allein dieser große Körper war gelähmt, +und nicht nur ohne Macht, andere Staaten zu belästigen, sondern auch +außer Stande, ohne Unterstützung einen Angriff auszuhalten. Frankreich +war jetzt ohne Zweifel die bedeutendste Macht Europa’s. Seit jener Zeit +haben seine Hilfsquellen unbedingt zugenommen, aber nicht so schnell wie +die Hilfsquellen Englands. Auch darf man nicht vergessen, daß vor +einhundert­achtzig Jahren das russische Kaiserreich — jetzt +eine Monarchie ersten Ranges — ebensoweit außer dem Bereich der +europäischen Politik lag, wie Abyssinien oder Siam, daß das +brandenburgische Haus damals kaum bedeutender war, als jetzt das Haus +Sachsen, und daß die Republik der Vereinigten Staaten von Amerika zu +jener Zeit noch nicht existirte. Die Bedeutung Frankreichs hat sich +demnach, obgleich sie noch immer sehr groß ist, relativ vermindert. Zu +den Zeiten Ludwigs XIV. war Frankreichs Gebiet noch nicht ganz so +ausgebreitet wie gegenwärtig, aber es war ein großes, abgeschlossenes, +fruchtbares Land, zum Angriff wie zur Vertheidigung trefflich geeignet, +in einem glücklichen Klima gelegen, und bewohnt von einem tapferen, +gewerbfleißigen und geistreichen Volke. Der Staat gehorchte völlig der +Leitung eines einzigen Geistes. Die großen Lehen, welche in Allem +— den Namen ausgenommen — souveraine Fürstenthümer gewesen, +waren Eigenthum der Krone geworden. Nur wenige hochbetagte Leute +erinnerten sich noch der letzten Versammlung der Generalstaaten. Den +Widerstand, den die Hugenotten, der Adel und die Parlamente der +königlichen Macht entgegengestellt, war durch die beiden großen +Cardinäle vernichtet, welche vierzig Jahre lang die Nation beherrscht +hatten. Die Regierung war jetzt despotisch, aber wenigstens im Verkehr +mit den höheren Ständen war dieser Despotismus ebenso mild als +großmüthig, und gemäßigt durch ritterliche Gesinnungen und feine Sitte. +Die Mittel, über welche der Souverain gebieten konnte, waren für jene +Zeit von ungeheurer +<span class = "pagenum">II.36</span> +<a name = "pageII_36" id = "pageII_36"> </a> +Bedeutung. Sein Einkommen, erhöht durch eine allerdings etwas harte und +ungeregelte Besteuerung, welche drückend auf dem Landmann lastete, +überstieg bei weitem das jedes anderen Herrschers; seine vorzüglich +disciplinirte und von den größten damals lebenden Generälen befehligte +Armee zählte bereits mehr als hundert­zwanzig­tausend Mann. Eine +solche regulaire Truppenmacht war seit dem Untergange des römischen +Kaiserreiches in Europa nicht gesehen worden. Unter den Seemächten nahm +Frankreich zwar nicht den ersten Rang ein; aber wenn es auch Rivalen auf +dem Meere hatte, so wurde es doch von keinem übertroffen. Seine Macht +während der letzten vierzig Jahre des siebzehnten Jahrhunderts war so +bedeutend, daß ein einzelner Feind ihm unmöglich widerstehen konnte und +daß zwei mächtige Coalitionen, zu denen sich die halbe christliche Welt +gegen Frankreich verbunden hatte, nichts auszurichten vermochten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Charakter Ludwigs XIV.</span> +<a name = "secII_22" id = "secII_22">Die</a> Achtung, welche Frankreichs +Macht und Bedeutung einflößten, wurden noch durch die persönlichen +Eigenschaften seines Königs erhöht. Kein Souverain hat jemals die +Majestät eines großen Staates mit mehr Würde und Anstand vertreten, als +er. Er war sein eigener Premierminister, und besorgte die Obliegenheiten +dieser schwierigen Stellung mit einer Gewandtheit und einem Fleiße, die +man in der That kaum von einem Manne hätte erwarten sollen, der schon in +den Jahren der Kindheit Frankreichs Krone trug und von Schmeichlern +umgeben war, ehe er noch sprechen konnte. Er besaß in ausgezeichnetem +Grade zwei für einen Fürsten unschätzbare Talente, nämlich seine Diener +passend zu wählen, und sich selbst den größeren Theil des Ruhmes ihrer +Thätigkeit anzueignen. In seinem Verkehr mit auswärtigen Mächten zeigte +er <ins class = "correction" title = "Original hat »einige«">einigen</ins> Großmuth, aber keine Gerechtigkeit. Unglückliche +Bundesgenossen, welche mit der einzigen Hoffnung auf sein Mitleid sich +ihm zu Füßen warfen, beschützte er mit einer chevaleresken +Uneigennützigkeit, die sich besser für einen irrenden Ritter schickte, +als für einen Staatsmann; die heiligsten Bande der Treue aber galten ihm +nichts, und er zerriß sie ohne Scham und Scheu, sobald sie seinem +Interesse, oder dem was er Ruhm nannte, widerstritten. Doch diese +Treulosigkeit und Gewaltthätigkeit waren weniger verletzend als der +Übermuth, mit dem er seine Nachbarn unaufhörlich an seine eigene +Erhabenheit und ihre Bedeutungslosigkeit erinnerte. Damals zeigte er +noch nicht die finstre Frömmigkeit, welche in späterer Zeit dem +französischen Hofe das Aussehen eines Klosters gab; er war im Gegentheil +ebenso ausschweifend, wenn auch nicht so kindisch und träge wie sein +Bruder von England. Doch war er ein aufrichtiger Katholik, und nicht nur +sein Gewissen, sondern auch seine Eitelkeit veranlaßten ihn, seine +Gewalt nach Art seiner berühmten Vorgänger, Chlodwig, Karl der Große und +Ludwig der Heilige, zur Verherrlichung und Ausbreitung des wahren +Glaubens zu verwenden.</p> + +<p>Unsere Väter blickten freilich mit ernster Besorgniß auf Frankreichs +wachsende Macht. Aber diese an sich völlig gerechtfertigte Empfindung +war nicht frei von anderen, weniger lobenswerthen Gefühlen. Frankreich +war unser Erbfeind. Gegen Frankreich hatten wir die ruhmvollsten +Schlachten geschlagen, von denen unsere Geschichte erzählte. Zweimal war +Frankreich von den Plantagenets erobert worden, und den Verlust +Frankreichs hatte man lange als ein großes Nationalunglück betrachtet. +Noch trugen unsere Souveraine den Titel eines Königs von Frankreich, +noch prangten die französischen Lilien, verbunden mit unseren eigenen +Löwen, +<span class = "pagenum">II.37</span> +<a name = "pageII_37" id = "pageII_37"> </a> +im Wappenschilde des Hauses Stuart. Die Furcht vor Spanien hatte im +sechzehnten Jahrhundert das feindselige Verhältniß unterbrochen, das von +Alters her zwischen uns und Frankreich bestand. Die Furcht aber, welche +Spanien einflößte, machte bald einem verächtlichen Mitleide Platz, und +Frankreich trat wieder als alter Nationalfeind hervor. Der Verkauf +Dünkirchens war die am allgemeinsten verschrieene Maßregel des wieder +eingesetzten Königs gewesen, und Anhänglichkeit an Frankreich stand an +der Spitze aller Verbrechen, deren die Gemeinen Clarendon beschuldigten. +Selbst in Geringfügigkeiten zeigte sich die allgemeine Stimmung. Wenn in +den Straßen von Westminster eine Rauferei zwischen den Dienern der +französischen und spanischen Gesandtschaften stattfand, so gab das Volk, +obgleich an jeder thätlichen Theilnahme kräftigst gehindert, doch die +unzweideutigsten Zeichen, daß der alte Haß noch nicht erloschen war.</p> + +<p>Frankreich und Spanien lagen eben in ernstem Streite mit einander. +Eine der Hauptabsichten der Politik Ludwigs war sein ganzes Leben +hindurch die Ausdehnung seiner Besitzungen bis an den Rhein. Aus diesem +Grunde hatte er Spanien den Krieg erklärt und befand sich jetzt auf dem +Wege der Eroberung. Die Vereinigten Provinzen gewahrten mit Besorgniß +die Fortschritte seiner Waffen. Diese berühmte Föderation hatte den +Gipfel der Macht, der Wohlfahrt und des Glückes erreicht. Das batavische +Gebiet, den Wogen entrissen und durch menschliche Kunst gegen sie +vertheidigt, war an Ausdehnung dem Fürstenthum Wales ziemlich gleich; +aber dieser enge Raum glich einem geschäftigen und dicht bevölkerten +Bienenstock, in welchem unaufhörlich neuer Reichthum geschaffen wurde +und eine Masse alter Schätze aufgehäuft waren. Der Anblick von Holland, +die vortreffliche Bodenkultur, die zahllosen Kanäle, die immer thätigen +Mühlen, die endlosen Flotten von Barken, das rasche Aufblühen großer +Städte, die beständig mit zahllosen Masten bespickten Häfen, die +geräumigen stattlichen Häuser, die prachtvollen Villas, die +reichgeschmückten Zimmer, die Gemäldesammlungen, die Landhäuser, die +Tulpenbeete: dies Alles übte auf die englischen Reisenden einen Zauber +aus, wie ihn der erste Anblick Englands auf einen Norweger oder Canadier +hervorbringen mag. Cromwell hatte die Generalstaaten gezwungen sich vor +ihm zu beugen; nach der Restauration aber hatten sie sich gerächt, mit +Erfolg gegen Karl Krieg geführt, und einen ehrenvollen Frieden +geschlossen. In so hohem Ansehen jedoch die reiche Republik in Europa +stand, Ludwigs Macht war ihr überlegen. Nicht ohne guten Grund fürchtete +sie, daß er sein Gebiet bald bis an ihre Grenzen ausdehnen werde, und +sie hatte wohl Ursache, die unmittelbare Nachbarschaft eines ebenso +mächtigen und ehrgeizigen, als gewissenlosen Monarchen zu scheuen. Es +war jedoch schwer ein Mittel aufzufinden, welches die Gefahr beseitigen +konnte. Die Holländer allein konnten Frankreich nicht die Wage halten, +und von der Rheinseite her war keine Hilfe zu erwarten. Ludwig hatte +verschiedene deutsche Fürsten für sich gewonnen, und der Kaiser selbst +war durch die Unzufriedenheit der Ungarn beschäftigt. England hatte sich +durch die Erinnerung an neuerdings erfahrene und erduldete schwere +Beleidigungen von den Vereinigten Provinzen getrennt, und seine Politik +war seit der Restauration so arm an Weisheit und Muth gewesen, daß man +kaum auf eine wirksame Unterstützung von seiner Seite hoffen konnte.</p> + +<p>Das Schicksal Clarendons und die überhandnehmende üble Stimmung des +<span class = "pagenum">II.38</span> +<a name = "pageII_38" id = "pageII_38"> </a> +Parlaments bestimmten die Räthe Karls, plötzlich eine Politik zu +ergreifen, welche die Nation in das freudigste Erstaunen versetzte.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Tripleallianz.</span> +<a name = "secII_23" id = "secII_23">Der</a> englische Resident zu +Brüssel, Sir William Temple, einer der erfahrensten Diplomaten und +beliebtesten Schriftsteller jener Zeit, hatte seinem Hofe bereits +vorgeschlagen, daß es eben so vortheilhaft als erwünscht sei, mit den +Generalstaaten in Vernehmen zu treten, um der anwachsenden Macht +Frankreichs einen Damm entgegen zu setzen. Längere Zeit hatte man seine +Winke unberücksichtigt gelassen, jetzt aber hielt man es für angemessen, +ihnen Folge zu leisten, und er bekam den Auftrag, mit den Generalstaaten +deshalb zu unterhandeln. Er begab sich nach dem Haag, und kam bald zu +einem Verständniß mit Johann de Witt, dem damaligen Premierminister +Hollands. Schweden war, trotz seiner unbedeutenden Hilfsquellen, vierzig +Jahre vorher durch das Genie Gustav Adolfs zu einem hohen Ansehen unter +den europäischen Mächten gelangt, und hatte diese Stellung bis jetzt +behauptet. Es wurde veranlaßt, sich bei dieser Gelegenheit mit England +und den Nieder­landen zu verbinden. So ward jene Koalition gebildet, +die unter dem Namen der Tripleallianz bekannt ist. Ludwig ließ wohl +Verdruß und Gereiztheit merken, wagte es aber nicht, sich neben der +Feindschaft Spaniens auch noch die der Verbündeten zuzuziehen. Er gab +daher willig einen bedeutenden Theil des Gebietes auf, das seine Heere +bereits erobert hatten, der Friede ward in Europa hergestellt, und die +englische Regierung, noch kürzlich ein Gegenstand allgemeiner +Verachtung, wurde einige Monate lang von den auswärtigen Mächten mit +fast eben so hoher Achtung angesehen, als man früher dem Protektor +gezollt hatte.</p> + +<p>In England war die Tripleallianz höchst populär. Sie befriedigte +sowohl den Nationalhaß wie den Nationalstolz, setzte dem Übermuthe eines +mächtigen und ehrgeizigen Nachbars ein Ziel, und verband auf das +Innigste die wichtigsten protestantischen Staaten. Cavaliere und +Rundköpfe waren vollkommen zufrieden, aber die Freude der Rundköpfe war +noch größer als die der Cavaliere, denn England hatte sich jetzt mit +einem Lande von republikanischer Verfassung und presbyterianischer +Religion gegen einen Staat verbündet, der von einem absoluten Fürsten +regiert ward, welcher der römisch-katholischen Kirche ergeben war. Das +Haus der Gemeinen zollte dem Vertrage lauten Beifall, und einige +rücksichtslose Unzufriedene nannten ihn die einzige gute Maßregel, +welche seit der Rückkehr des Königs ausgeführt worden sei.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Vaterlandspartei.</span> +<a name = "secII_24" id = "secII_24">Dem</a> Könige aber war diese +Billigung des Parlaments und Volks höchst gleichgültig. In der +Tripleallianz sah er blos ein vorübergehendes Mittel zur Beschwichtigung +der herrschenden Unzufriedenheit, welche einen ernsten Charakter +anzunehmen schien. Er bekümmerte sich weder um die Selbstständigkeit und +Sicherheit, noch um die Würde der Nation, über die er herrschte, und +hatte angefangen, die verfassungs­mäßigen Beschränkungen lästig zu +finden. Schon hatte sich im Parlamente eine fest zusammenhaltende Partei +gebildet, welche man die Vaterlandspartei nannte. Diese bestand aus +allen öffentlichen Männern, welche sich zum Puritanismus und +Republikanismus hinneigten, und von denen Viele zwar der englischen +Kirche und erblichen Monarchie zugethan, aber aus Furcht vor dem +Papstthum und Entrüstung über die Verschwendung, Üppigkeit und +Treulosigkeit des Hofes zur Opposition genöthigt waren. Die Macht dieses +Vereins von Staats­männern war in stetem +<span class = "pagenum">II.39</span> +<a name = "pageII_39" id = "pageII_39"> </a> +Wachsthum; alljährlich kamen einige von den Mitgliedern, welche durch +die loyale Aufregung des Jahres 1661 in das Parlament gekommen waren, in +Wegfall, und die erledigten Plätze wurden durch weniger fügsame Personen +besetzt. Karl betrachtete sich nicht als König, so lange noch eine +Versammlung von Unterthanen, ehe sie seine Schulden bezahlte, seine +Rechnungen verlangen und darauf bestehen konnte, daß er erklärte, wer +von seinen Maitressen oder lustigen Gesellschaftern das Geld weggefischt +habe, welches zur Ausrüstung und Bemannung der Flotte bestimmt gewesen +war. Wenn er auch nicht gerade nach Ruhm geizte, so verdrossen ihn doch +die Spöttereien, welche bisweilen in den Verhandlungen der Gemeinen +vorkamen, und bei einer Gelegenheit versuchte er durch ein sehr schlecht +gewähltes Mittel diese Redefreiheit zu beschränken. Sir John Coventry, +ein Landedelmann, hatte in der Debatte auf die Liederlichkeit des Hofes +angespielt. Jede frühere Regierung würde ihn vor den Geheimen Rath +gefordert und in den Tower geschickt haben; jetzt aber wählte man einen +anderen Weg. Man sandte heimlich eine Rotte von Raufbolden ab, welche +dem Beleidiger die Nase aufschlitzen mußten. Diese gemeine Rache +verursachte, anstatt dem Geiste der Opposition zu schaden, eine solche +Aufregung, daß der König sich zu der harten Demüthigung genöthigt sah, +die Werkzeuge seiner Rache durch eine Akte zu verurtheilen, welche ihm +das Begnadigungsrecht entzog.</p> + +<p>Wie sehr er aber auch gegen die verfassungs­mäßigen Schranken +eingenommen war, was sollte er thun, um sich von ihnen zu befreien? Er +konnte sich nur vermittelst einer großen stehenden Armee zum Despoten +machen, aber eine solche existirte nicht. Seine Einkünfte erlaubten ihm +zwar einige reguläre Truppen zu halten, aber diese, wenn auch stark +genug, um Mißtrauen und Besorgniß im Hause der Gemeinen wie im Volke +hervorzurufen, waren kaum hinreichend, um Whitehall und den Tower gegen +einen Aufstand des Londoner Pöbels zu vertheidigen. Solche Aufstände +waren allerdings bedenklicher Art, denn es wurde berechnet, daß in der +Hauptstadt und ihren Vorstädten nicht weniger als zwanzigtausend alte +Cromwellsche Soldaten lebten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verbindung zwischen Karl II. und Frankreich.</span> +<a name = "secII_25" id = "secII_25">Da</a> der König die Absicht hatte, +sich von der Aufsicht des Parlaments zu befreien, und er zu diesem +Unternehmen keine angemessene Hilfe im Innern zu finden hoffen konnte, +so war es natürlich, daß er den Blick zu diesem Behufe nach dem Auslande +richtete. Die Macht und der Reichthum des französischen Königs konnten +der schwierigen Aufgabe gewachsen sein, die unbeschränkte Monarchie in +England einzuführen. Ein solcher Bundesgenosse verlangte aber jedenfalls +starke Beweise der Dankbarkeit für einen derartigen Dienst, Karl hätte +zu der Bedeutung eines großen Vasallen herabsteigen, und Krieg und +Frieden nach Vorschrift der Regierung beschließen müssen, welche ihm +ihren Schutz gewährte. Seine Stellung zu Ludwig würde große Ähnlichkeit +mit der gehabt haben, in der sich jetzt der Rajah von Nagpore und der +König von Oude zur britischen Regierung befinden. Diese Fürsten sind +verpflichtet, die Ostindische Kompagnie in allen Angriffs- und +Vertheidigungs­kriegen zu unterstützen, und nur solche diplomatische +Verbindungen zu unterhalten, welche die Ostindische Kompagnie erlaubt. +Dafür sichert sie die Kompagnie gegen Empörung. So lange sie ihren +Verpflichtungen gegen die überlegene Macht treulich nachkommen, läßt man +sie über große Einkünfte verfügen, erlaubt ihnen, +<span class = "pagenum">II.40</span> +<a name = "pageII_40" id = "pageII_40"> </a> +ihre Paläste mit schönen Frauen anzufüllen, sich in der Gesellschaft +ihrer Lieblinge dumm zu schwelgen, und jeden Unterthanen, der ihnen +mißfällt, ungestraft zu unterdrücken. Ein solches Leben mußte einem +Manne von Hochherzigkeit und gewaltigem Geiste unerträglich sein; aber +für den üppigen, trägen, abgespannten, jeder Vaterlandsliebe und alles +Bewußtseins persönlicher Würde ermangelnden Karl hatte eine solche +Aussicht durchaus nichts Mißfälliges. Daß der Herzog von York zu dem +Plane, die Würde der Krone, welche er vermutlich einst selbst tragen +würde, zu erniedrigen, die Hand geboten haben sollte, mag auffallend +erscheinen, denn seine Gemüthsart war hochfahrend und herrschsüchtig, +und er zeigte in der That ohne Unterbrechung durch Aufwallungen und +gelegentliche Weigerungen seinen Haß gegen das französische Joch; er war +jedoch durch Aberglauben fast ebenso verdorben, wie sein Bruder durch +Nichtsthun und Üppigkeit. Jacob war damals schon Katholik. Frömmelei war +die vorherrschende Richtung seines beschränkten halsstarrigen Geistes +geworden und so mit seiner Herrschsucht verwachsen, daß diese beiden +Leidenschaften kaum mehr zu unterscheiden waren. Es war sehr +unwahrscheinlich, daß er ohne fremde Hilfe im Stande sein würde, das +Übergewicht, oder auch nur Duldung für seinen Glauben zu erlangen, und +bei seiner Gemüthsverfassung sah er in keinem Schritte etwas +Erniedrigendes, wenn dadurch das Wohl der wahren Kirche befördert werden +konnte.</p> + +<p>Die Unterhandlung, welche eröffnet wurde, dauerte mehrere Monate. Die +Hauptagentin zwischen den Höfen von England und Frankreich war die +schöne, anmuthige und geistreiche Henriette, Herzogin von Orleans, Karls +Schwester, Ludwigs Schwägerin, und der Liebling Beider. Der König von +England erbot sich, den katholischen Glauben anzunehmen, die +Tripleallianz aufzulösen und sich mit Frankreich gegen Holland zu +verbinden, wenn Frankreich sich verpflichten wolle, ihm die nöthige +militärische und pekuniäre Hilfe zu leisten, welche nöthig sei, um sich +vom Parlamente unabhängig zu machen. Ludwig bemühte sich anfangs, diese +Vorschläge mit scheinbarer Kälte anzuhören, und ging endlich in einer +Weise darauf ein, als ob er eine große Gunst gewährte; der Weg aber, den +er einzuschlagen gesonnen war, konnte ihm nur Gewinn bringen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Pläne Ludwigs in Bezug auf England.</span> +<a name = "secII_26" id = "secII_26">Es</a> scheint gewiß, daß es nie +seine ernstliche Absicht war, mit bewaffneter Hand in England +Despotismus und Papstthum einzuführen. Er mußte leicht einsehen, daß ein +derartiges Unternehmen höchst schwierig und gewagt war, indem es auf +Jahre hinaus alle Kräfte Frankreichs in Anspruch nehmen, und den +vortheilhafteren Vergrößerungsplänen, die er im Sinne hatte, hinderlich +sein würde. Zwar hätte er gern das Verdienst und den Ruhm erwerben +mögen, gegen angemessene Bedingungen seiner Kirche einen bedeutenden +Dienst zu leisten, er hatte aber keine Lust, seinen Vorfahren +nachzuahmen, welche im zwölften und dreizehnten Jahrhundert den Kern des +französischen Adels in Syrien und Egypten dem Tode entgegengeführt, und +es war ihm wohlbekannt, daß ein Kreuzzug gegen den Protestantismus in +England mit denselben Gefahren verbunden sein würde, wie die +Unternehmungen, welche die Heere Ludwigs VII. und Ludwigs IX. +verschlungen hatten. Es war für ihn keine Ursache vorhanden, den Stuarts +Absolutismus zu wünschen, und die englische Verfassung betrachtete er +durchaus nicht mit ähnlichen Gefühlen, durch welche späterhin Fürsten +veranlaßt wurden, gegen die freien Institutionen benachbarter Völker +Krieg zu führen. +<span class = "pagenum">II.41</span> +<a name = "pageII_41" id = "pageII_41"> </a> +Dermalen hat jede große Partei, welche volksthümliche Regierung wünscht, +ihre Verbindungen in jedem civilisirten Staate. Jeder wichtige Vortheil, +den diese Partei erringt, giebt das Signal zu einer allgemeinen +Bewegung. Es ist nicht auffällig, wenn Regierungen, denen eine +gemein­schaftliche Gefahr droht, sich zu gegenseitiger Sicherung +verbinden; aber im siebzehnten Jahrhundert gab es keine derartige +Gefahr. Zwischen der öffentlichen Meinung in England und der von +Frankreich lag eine große Kluft. Unsere Einrichtungen wie unsere +Parteien verstand man in Paris ebenso wenig wie in Konstantinopel. Es +ist zu bezweifeln, ob eins von den vierzig Mitgliedern der französischen +Akademie ein englisches Werk in seiner Bibliothek hatte und Shakespeare, +Johnson oder Butler auch nur dem Namen nach kannte. Einige Hugenotten, +auf welche der Empörungsgeist ihrer Vorfahren übergegangen war, mochten +vielleicht Sympathien für ihre Glaubensbrüder, die englischen Rundköpfe, +hegen, aber die Hugenotten waren nicht mehr gefürchtet. Die Franzosen, +der Mehrzahl nach Katholiken, und stolz auf die Erhabenheit ihres +Monarchen wie auf ihre eigene <ins class = "correction" title = +"Original hat »Loyaletät«">Loyalität</ins>, betrachteten unsere +Anstrengungen gegen Papstthum und Willkürherrschaft nicht blos ohne +Bewunderung und Theilnahme, sondern mit entschiedener Mißbilligung und +Abneigung. Man würde sich deshalb irren, wollte man das Verfahren +Ludwigs Befürchtungen beimessen, welche nur entfernt denjenigen +ähnelten, die in unserem Jahrhundert die heilige Allianz bestimmten, +sich in die inneren Unruhen Spaniens und Neapels zu mischen.</p> + +<p>Nichtsdestoweniger waren ihm die Vorschläge des Hofes von Whitehall +äußerst willkommen. Er sann bereits auf großartige Pläne, welche Europa +über vierzig Jahre lang in Gährung erhalten sollten. Es war sein Wunsch, +die Vereinigten Provinzen zu demüthigen, und Belgien, die Franche Comté +und Lothringen an Frankreich zu bringen. Dies war aber noch nicht Alles. +Der König von Spanien, ein schwacher, kränklicher Knabe, starb aller +Wahrscheinlichkeit nach ohne Leibeserben. Seine älteste Schwester war +die Königin von Frankreich. Somit lag die Vermuthung sehr nahe, daß die +Zeit nicht mehr fern sei, wo das Haus der Bourbons seine Rechte an das +große Reich erheben werde, in welchem die Sonne nie unterging. Der +Vereinigung zweier so mächtigen Kronen auf einem Haupte würde sich ohne +Zweifel eine kontinentale Koalition widersetzt haben; aber jeder solchen +Koalition war Frankreich allein hinreichend gewachsen. England konnte +den Stand der Dinge ändern, von der Stellung, welche es in einer solchen +Krisis einnahm, hing das Schicksal der Welt ab, und es war zur Genüge +bekannt, daß Parlament und Volk von England eifrig der Politik anhingen, +deren Werk die Tripleallianz war. Es konnte daher für Ludwig nichts +erfreulicher sein, als in Erfahrung zu bringen, daß die Fürsten des +Hauses Stuart seine Hilfe wünschten und dieselbe durch unbegrenzte +Ergebenheit zu erkaufen geneigt wären. Er entschloß sich, die günstige +Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen, und bildete sich selbst einen +Plan, den er ohne Abweichung verfolgt hat, bis die Revolution von 1688 +alle seine politischen Pläne über den Haufen warf. Er erklärte sich +bereit, die Absichten des englischen Hofes zu befördern, und versprach +kräftigen Beistand, spendete auch bisweilen so viel Unterstützung, als +zur Aufrechterhaltung der Hoffnung nothwendig war, und er ohne Gefahr +und Unbequemlichkeit missen konnte. Auf diese Art wurde es ihm möglich, +mit viel geringeren Kosten als der Bau und +<span class = "pagenum">II.42</span> +<a name = "pageII_42" id = "pageII_42"> </a> +die Einrichtung von Versailles oder Marly erforderten, England fast +zwanzig Jahre hindurch zu einem eben so unbedeutenden Gliede des +europäischen Staatenkörpers zu machen, wie die Republik San +Marino. —</p> + +<p>Seine Absicht war nicht etwa, unsere Verfassung umzustürzen, sondern +nur die verschiedenen Elemente, aus denen sie bestand, in einem +bleibenden Zustande von Aufregung zu erhalten, und zwischen den +Börsenmännern und den Männern des Schwertes eine tödtliche Feindschaft +hervorzurufen. Zu diesem Zwecke bestach und stachelte er beide Parteien +abwechselnd, verlieh gleichzeitig den Ministern der Krone und den +Häuptern der Opposition Pensionen, ermuthigte den Hof, den rebellischen +Übergriffen des Parlaments entgegen zu treten, und verrieth dem +Parlament die Willkürpläne des Hofes.</p> + +<p>Einer von den Kunstgriffen, welche er anwandte, um sich Einfluß auf +die englischen Rathbeschlüsse zu verschaffen, verdient besonders erwähnt +zu werden. Obgleich Karl der Liebe, im höheren Sinne dieses Wortes, +unfähig war, so beherrschte ihn doch jedes Weib, dessen Reize seine +Begierden erregten, und dessen Manieren und Beredtsamkeit ihm die Zeit +verkürzten. Man würde mit Recht einen Ehemann verspotten, der sich von +einer Frau von Stand und gutem Rufe halb soviel gefallen ließe, als +Englands König von den lockeren Dirnen ertrug, die, während sie seiner +Freigebigkeit Alles verdankten, mit den Höflingen fast unter seinen +Augen buhlten. Geduldig ließ er sich die Zanksüchtigkeit Barbara +Palmers, und die naseweise Lustigkeit der Eleonore <ins class = +"correction" title = "Original hat »Gwyne«">Gwynn</ins> gefallen. Ludwig +war der höchst richtigen Meinung, der beste Gesandte, den er nach London +schicken könne, sei eine schöne, lebenslustige und listige Französin, +und eine solche war Louise von Querouaille, von unsern derben Vorfahren +Madame Carwell genannt. Sie verdrängte bald alle Nebenbuhlerinnen, ward +zur Herzogin von Portsmouth erhoben, mit Reichthümern überschüttet, und +behauptete eine Herrschaft, die erst mit dem Tode Karls zu Ende +ging.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Vertrag von Dover.</span> +<a name = "secII_27" id = "secII_27">Die</a> wichtigsten Bedingungen des +Bündnisses zwischen den beiden Kronen waren in einem geheimen Vertrage +enthalten, welcher im Mai 1670 zu Dover ratificirt wurde, zehn Jahre +nach dem Tage, an welchem Karl in demselben Hafen unter dem Jubel und +den Freudenthränen seines zu vertrauensvollen Volkes gelandet war.</p> + +<p>In diesem Vertrage erklärte Karl, sich öffentlich zur katholischen +Religion zu bekennen, seine Waffen mit denen Ludwigs zur Unterdrückung +der Vereinigten Provinzen zu verbinden und die ganze Land- und Seemacht +Englands aufbieten zu wollen, um die Rechte der Bourbons auf die große +spanische Monarchie zu unterstützen. Ludwig dagegen verpflichtete sich, +bedeutende Subsidien zu zahlen, und gab das Versprechen, bei etwaigem +Ausbruch einer Empörung in England auf eigene Kosten eine Armee zum +Beistande seines Bundesgenossen zu stellen.</p> + +<p>Dieser Vertrag ward unter düsteren Auspicien abgeschlossen. Sechs +Wochen nach seiner Unterzeichnung und Besiegelung war die liebenswürdige +Prinzessin nicht mehr, deren Einfluß auf Bruder und Schwager so +verderblich für ihr Vaterland gewesen. Durch ihren Tod entstand ein +entsetzlicher Argwohn, welcher die neugestiftete Freundschaft zwischen +den Stuarts und den Bourbons zu lösen drohte; nach kurzer Zeit aber +wiederholten die Verbündeten ihre Versicherungen unverminderter +Willfährigkeit.</p> + +<p>Der Herzog von York, zu bornirt, um die Gefahr zu erkennen, oder +<span class = "pagenum">II.43</span> +<a name = "pageII_43" id = "pageII_43"> </a> +zu fanatisch, sich deshalb Sorgen zu machen, verlangte mit Ungestüm, daß +der Artikel, welcher die katholische Religion betraf, unverzüglich in +Ausführung gebracht werde, aber Ludwig war scharfsinnig genug, +einzusehen, daß diese Handlung eine Explosion in England verursachen +werde, stark genug, um diejenigen Theile seines Planes zu zerstören, +welche ihn am meisten interessirten. Es wurde daher der Beschluß gefaßt, +daß Karl noch ferner für einen Protestanten gelten, und an hohen Festen +das Abendmahl nach dem Ritual der englischen Kirche empfangen solle; +sein gewissenhafterer Bruder besuchte seitdem die königliche Kapelle +nicht mehr.</p> + +<p>Um diese Zeit verschied die Herzogin von York, die Tochter des +verbannten Earl von Clarendon. Sie war vor einigen Jahren im Geheimen +zur katholischen Kirche übergetreten, und hinterließ zwei Töchter, Maria +und Anna, welche später nach einander Königinnen von England geworden +sind. Dieselben wurden auf besonderen Befehl des Königs protestantisch +erzogen, denn der König erkannte sehr wohl, daß es eine vergebliche Mühe +sein würde, sich für ein Mitglied der anglikanischen Kirche auszugeben, +wenn Kinder, die aller Wahrscheinlichkeit nach Erben des Thrones werden +mußten, mit seiner Bewilligung eine katholische Erziehung genossen.</p> + +<p>Die vornehmsten Beamten der Krone waren damals Männer, deren Namen +mit Recht eine nicht beneidenswerthe Berühmtheit erlangt haben; jedoch +müssen wir auch vorsichtig sein, und ihr Andenken nicht mit einer +Schmach beladen, die mit Recht ihrem Gebieter gebührt. Der Vertrag von +Dover war hauptsächlich ein Werk des Königs. Er conferirte darüber mit +französischen Geschäftsträgern, schrieb in Betreff desselben viele +eigenhändige Briefe, brachte selbst die entehrendsten Punkte, welche er +enthielt, in Vorschlag, und verheimlichte sorgfältig mehrere dieser +Artikel der Mehrzahl seiner Cabinetsräthe.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Natur des englischen Cabinets.</span> +<a name = "secII_28" id = "secII_28">Wenige</a> Vorfälle in der +Geschichte Englands sind merkwürdiger, als der Ursprung und das +Wachsthum der Macht, welche das Cabinet jetzt besitzt. Seit frühester +Zeit unterstützte die Beherrscher Englands ein Geheimer Rath, welchem +das Gesetz viele bedeutende Befugnisse und Pflichten übertrug. +Jahrhunderte hindurch berathschlagte dieses Collegium über die +bedeutungsvollsten und kitzlichsten Staats­angelegen­heiten; +doch änderte sich allmälig sein Charakter. Es wurde zu ausgedehnt für +rasche That und Geheimhaltung. Die Stellung eines Geheimen Rathes wurde +oft als ehrende Auszeichnung an Leute vergeben, denen man nichts +anvertraute, und um deren Meinung man sich nicht kümmerte. Der Souverain +beschränkte sich bei wichtigen Angelegenheiten auf den Rath eines +kleinen Kreises leitender Minister. Die Vortheile und Nachtheile dieses +Verfahrens sind von Bacon schon frühzeitig mit seiner bekannten, +treffenden und scharfsinnigen Urtheilsgabe geschildert worden, aber erst +nach Beendigung der Restauration zog der innere Rath die öffentliche +Aufmerksamkeit auf sich. Die Politiker der alten Schule betrachteten das +Cabinet als eine nicht verfassungs­mäßige und gefährliche Behörde. +Gleichwohl gewann es an Bedeutung, zog endlich die höchste ausübende +Gewalt an sich, und wird jetzt seit mehreren Menschenaltern für einen +wesentlichen Bestandtheil unserer Staats­verfassung angesehen. +Seltsamer Weise ist das Cabinet dem Gesetze aber noch immer unbekannt, +die Namen der Personen des hohen und niedern Adels, aus denen es +besteht, werden dem Publikum nie amtlich bekannt gemacht, +<span class = "pagenum">II.44</span> +<a name = "pageII_44" id = "pageII_44"> </a> +es führt keine Protokolle über seine Versammlungen und Beschlüsse, und +keine Parlamentsakte hat seine Existenz anerkannt.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Cabale.</span> +<a name = "secII_29" id = "secII_29">Einige</a> Jahre hindurch +gebrauchte man im Volke das Wort Cabal gleichbedeutend mit Cabinet. +Durch ein sonderbares Zusammentreffen bestand nämlich das Cabinet im +Jahre 1671 aus fünf Personen, von deren Namen die Anfangsbuchstaben das +Wort Cabal bildeten, es waren Clifford, Arlington, Buckingham, Ashley +und Lauderdale. Durch diese Anwendung erhielt das Wort eine so üble +Bedeutung, daß es seitdem nur als ein Vorwurf gebraucht wird.</p> + +<p>Sir Thomas Clifford war Schatzkommissarius, und hatte sich im Hause +der Gemeinen sehr bemerkbar gemacht. Er war von den Mitgliedern der +Cabale das Ehrenwertheste, denn bei einem lebhaften und herrschsüchtigen +Charakter besaß er ein starkes, wenngleich auf beklagenswerthe Weise +irregeleitetes Gefühl für Ehre und Pflicht.</p> + +<p>Heinrich Bennet, Lord Arlington, zu jener Zeit Staats­sekretair, +hatte seit angetretenem Mannesalter auf dem Continent gelebt, und sich +jene kosmopolitische Gleichgültigkeit gegen Verfassungen und Religionen +zu eigen gemacht, welche man oft bei Leuten findet, deren Leben in +unregelmäßiger diplomatischer Thätigkeit verflossen ist. Die +Verfassungsform, welche ihm am meisten zusagte, war die französische; +gab es eine Kirche, für welche er einige Vorliebe hegte, so war es die +katholische. Bei einigem Unter­haltungs­talente, sowie +ziemlicher Befähigung zu den gewöhnlichen Geschäften seines Amtes, hatte +Arlington im Laufe seines an Reisen und Unterhandlungen reichen Lebens +die Kunst erlernt, seine Rede und sein Benehmen der Gesellschaft +anzupassen, in der er sich eben bewegte. Seine Lebhaftigkeit im +Unterhaltungszimmer amüsirte den König, seine Würde bei Verhandlungen +und Zusammenkünften imponirte dem Publikum, und es war ihm geglückt, +sowohl durch geleistete Dienste, wie auch durch erregte Hoffnungen, sich +einen bedeutenden Anhang zu verschaffen.</p> + +<p>Buckingham, Ashley und Lauderdale waren Männer, welche die +Unsittlichkeit, die unter den Staats­männern jener Zeit epidemisch +war, in der schlimmsten Form, und durch große Verschiedenheit des +Temperaments und der geistigen Anlagen modifizirt, besaßen. Buckingham +war vom Vergnügen übersättigt, und hatte sich zum Zeitvertreib den +Ehrgeiz erwählt. Wie er mit Architektur und Musik, mit +Lustspielschreiben und mit Forschen nach dem Steine der Weisen sich zu +unterhalten versucht hatte, so wollte er sich jetzt durch geheime +Unterhandlungen und durch einen holländischen Krieg amüsiren. Er war +bereits, mehr aus Unbeständigkeit und Lust zur Veränderung, als aus +einem ernsteren Grunde, allen Parteien treulos geworden. Einmal stand er +auf der Seite der Cavaliere, ein andermal war ein Verhaftsbefehl gegen +ihn erlassen, weil er einen verrätherischen Verkehr mit dem Überreste +der republikanischen Armee in der City unterhielt. Jetzt war er wieder +Höfling, und bemüht, die Gnade des Königs durch Dienstleistungen zu +erwerben, vor denen die Ausgezeichnetsten unter denen, welche für das +königliche Haus gekämpft und gelitten hatten, sich mit tiefem Abscheu +abgewandt haben würden.</p> + +<p>Ashley, mit einem entschiedeneren Charakter und ungestümeren +Ehrgeize, hatte gleiche Unzuverlässigkeit gezeigt, aber es war dieselbe +nicht Folge des Leichtsinns, sondern der berechneten Selbstsucht. Er +hatte einer Reihe von Regierungen gedient, und sie verrathen, aber für +seine Verräthereien immer den glücklichen Zeitpunkt so gut gewählt, daß +alle Revolutionen +<span class = "pagenum">II.45</span> +<a name = "pageII_45" id = "pageII_45"> </a> +sein Glück beförderten. Das Volk, voller Bewunderung über ein Glück, +welches, sonst in fortwährendem Wechsel begriffen, hier so dauernd +anhielt, schrieb ihm eine fast wunderbare Sehergabe zu, und verglich ihn +mit dem israelitischen Staatsmanne von dem wir lesen, daß sein Rath +gewesen sei, als wenn ein Mann das Orakel Gottes befragt hätte.</p> + +<p>Lauderdale, laut und plump, in der Freude wie im Zorn, war unter dem +Scheine von polternder Freimüthigkeit vielleicht der unehrlichste in der +ganzen Cabal. In dem schottischen Aufruhr von 1638 war er ein +hervorragender, eifriger Anhänger des Covenants gewesen. Man +beschuldigte ihn, bei dem Verkaufe Karls I. an das englische +Parlament schwer betheiligt gewesen zu sein, und er wurde daher von den +guten Cavalieren für einen noch verächtlicheren Verräther gehalten als +diejenigen, welche im hohen Gerichtshofe gesessen hatten. Oft sprach er +mit lauter Heiterkeit von den Tagen, da er ein Sectirer und Rebell +gewesen war. Der Hof benutzte ihn jetzt als Hauptwerkzeug bei dem +Vorhaben, dem widerstrebenden Volke das Episkopat aufzudringen, und er +schämte sich nicht, in dieser Angelegenheit Schwert, Strick und Folter +mit schonungslosem Eifer anzuwenden. Wer ihn aber genauer kannte, wußte +auch, daß die letzten dreißig Jahre seine Gesinnungen unverändert +gelassen hatten, daß er noch jetzt das Andenken Karls I. verachtete +und noch immer die presbyterianische Kirchenform jeder andern +vorzog.</p> + +<p>Bei aller Gewissenlosigkeit Buckinghams, Ashley’s und Lauderdale’s +wagte man es doch nicht, ihnen das Vorhaben des Königs, zur katholischen +Kirche überzutreten, anzuvertrauen. Man zeigte ihnen einen falschen +Vertrag, in welchem der die Religion betreffende Artikel fehlte; im +echten Vertrage befinden sich blos die Namen und Siegel von Clifford und +Arlington. Diese beiden Staats­männer nahmen Partei für die alte +Kirche, welche Parteilichkeit der brave, heftige Clifford auch bald +darauf ehrlich aussprach, die aber der überlegendere, weniger edle +Arlington verhehlte, bis die Furcht vor dem nahen Tode ihm Offenheit +abzwang. Die drei andern Cabinetsminister waren jedoch nicht leicht zu +täuschen, und vermutheten wahrscheinlich mehr, als man ihnen mitgetheilt +hatte. Übrigens waren sie bei allen politischen Übereinkünften mit +Frankreich in’s Geheimniß gezogen, und schämten sich nicht, kostbare +Gnadengeschenke von Ludwig anzunehmen.</p> + +<p>Karls nächste Absicht war jetzt von den Gemeinen Zugeständnisse zu +erhalten, die zur Realisirung des geheimen Vertrags dienen sollten. Die +Cabale, welche sich im Besitze der Gewalt befand, als die Regierung in +einem Zustande des Übergangs war, vereinigte in sich zwei verschiedene +Gattungen von Lastern, welche zwei verschiedenen Zeitaltern und zwei +verschiedenen Systemen angehörten. Wie diese fünf bösen Räthe zu den +letzten englischen Staats­männern gehörten, welche die ernstliche +Absicht hatten, das Parlament zu vernichten, so waren sie auch die +ersten englischen Staats­männer, welche dasselbe zu bestechen +versuchten, und ihre Politik zeigt zugleich die letzte Spur von +Straffords „Durch“ und die erste Spur von jener systematischen +Bestechung, welche nach der Zeit Walpole’s ausgeübt wurde. Sehr bald +erkannten sie aber, daß, obgleich das Haus der Gemeinen fast durchgängig +aus Cavalieren bestand, und französisches Gold und Stellen an die +Mitglieder verschwendet wurden, doch keine Aussicht war, auch nur die am +wenigsten gehässigen Punkte des Vertrags von Dover durch die Majorität +unterstützt zu sehen; man mußte also nothwendig zum Betrug greifen. Der +König heuchelte daher großen Eifer für die +<span class = "pagenum">II.46</span> +<a name = "pageII_46" id = "pageII_46"> </a> +Grundsätze der Tripleallianz und erklärte, daß um den französischen +Ehrgeiz zu zügeln, eine Vermehrung der Flotte nöthig sei. Die Gemeinen +ließen sich fangen, und bewilligten achthundert­tausend Pfund. +Sofort wurde das Parlament vertagt, und der jeder Controle entledigte +Hof begann unverzüglich mit der Ausführung seines großen Planes.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Zahlungseinstellung der Schatzkammer.</span> +<a name = "secII_30" id = "secII_30">Die</a> finanziellen Verlegenheiten +waren sehr ernster Natur. Ein Krieg mit Holland mußte ungeheure Kosten +erfordern, und die gewöhnlichen Einkünfte reichten eben nur hin, um die +Bedürfnisse der Regierung im Frieden zu bestreiten. Die +achthundert­tausend Pfund, welche man den Gemeinen abgeschwindelt +hatte, waren nicht genügend, die Kosten der Flotte und des Heeres auch +nur auf ein einziges Kriegsjahr zu decken, und nach der traurigen Lehre, +die das Lange Parlament gegeben, wagte es selbst die Cabale nicht, +wieder ein Boden- oder Schiffsgeld einzuführen. In dieser Verlegenheit +empfahlen Ashley und Clifford einen niederträchtigen Verrath an dem +öffentlichen Vertrauen. Die Goldschmiede Londons trieben damals nicht +blos Handel mit edlen Metallen, sondern auch Geldwechsel, und waren +daran gewöhnt, der Staatskasse große Summen vorzustrecken, für welche +Darlehen sie Anweisungen auf das Einkommen erhielten, welche nach der +Steuererhebung mit den Zinsen bezahlt wurden. In dieser Art waren eine +Million und dreihundert­tausend Pfund der Ehre des Staates +anvertraut worden. Da erschien plötzlich die Bekanntmachung, daß es +nicht möglich sei, das Capital zu zahlen, und daß die Creditoren sich +mit den Zinsen begnügen müßten. In Folge dessen konnten dieselben ihren +eigenen Verpflichtungen nicht nachkommen, die Börse gerieth in Aufruhr, +mehrere große Handelshäuser machten Bankerott, Schreck und Jammer kamen +über die ganze Gesellschaft. Inzwischen ging man rasch dem Despotismus +entgegen. Proklamationen, welche von Parlamentsakten dispensirten oder +Vorschriften machten, die nur dem Parlamente zustanden, erschienen in +rascher Aufeinanderfolge. Das bedeutendste dieser Edicte war die +Indulgenzerklärung. In diesem Aktenstücke wurden die Strafgesetze gegen +die Katholiken durch königlichen Machtspruch noch einmal beseitigt, und +um die wahre Absicht der Maßregel zu verschleiern, hob man gleichzeitig +auch die Gesetze gegen die protestantischen Nichtconformisten auf.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Krieg mit den Vereinigten Provinzen und große Gefahr derselben.</span> +<a name = "secII_31" id = "secII_31">Wenige</a> Tage nach dem +Bekanntwerden der Indulgenzerklärung wurde den Vereinigten Provinzen der +Krieg erklärt. Zur See fochten die Holländer mit Ehren, zu Lande aber +wurden sie anfänglich durch unwiderstehliche Gewalt bezwungen. Ein +großes französisches Heer ging über den Rhein, eine Festung nach der +andern ergab sich. Die Sieger besetzten drei von den sieben Provinzen +des Bundes. Man sah die Lagerfeuer des Feindes von dem Dache des +Rathhauses zu Amsterdam. Zu gleicher Zeit wurde die von außen so hart +bedrängte Republick auch von inneren Zwistigkeiten heimgesucht. Die +Regierung befand sich in den Händen einer geschlossenen Oligarchie +mächtiger Bürger. Es gab eine große Menge selbstgewählter Stadträthe, +welche innerhalb ihrer Bezirke viele Souverainetäts­rechte ausübten; +diese Räthe schickten Abgeordnete an die Provinzialstaaten, und die +Provinzialstaaten wieder Beauftragte an die Generalstaaten. Eine +erbliche, höchste Obrigkeit war kein wesentlicher Theil dieser +Staats­einrichtung. Doch hatte eine, an berühmten Männern auffallend +fruchtbare Familie allmälig eine bedeutende und zugleich ziemlich +unbestimmte +<span class = "pagenum">II.47</span> +<a name = "pageII_47" id = "pageII_47"> </a> +Gewalt erlangt. Wilhelm, dieses Namens der Erste, Prinz von +Nassau-Oranien und Statthalter von Holland, hatte an der Spitze des +denkwürdigen Aufstandes gegen Spanien gestanden, sein Sohn Moritz war +Generalkapitain und oberster Minister der Staaten gewesen, hatte sich +durch ausgezeichnete Befähigung und vortreffliche Dienste, sowie durch +einige verrätherische und unmenschliche Handlungen zu königlicher Macht +emporgeschwungen, und diese Macht zum Theil seiner Familie hinterlassen. +Der Einfluß der Statthalter war ein Gegenstand höchster Eifersucht für +die städtische Oligarchie, aber die Armee, sowie die große Menge von +Bürgern, denen jede Theilnahme an der Regierung entzogen war, +betrachteten die Bürgermeister und Deputirten mit einer Abneigung, +ähnlich der, welche die Legionen und der große Haufe in Rom gegen den +Senat fühlten, und zollten dem Hause Oranien eine so treue Ergebenheit +wie die Legionen und die Massen dem Hause Cäsars. Der Statthalter stand +an der Spitze des Heeres der Republik, verfügte über alle militärischen +Commandos, hatte bedeutenden Einfluß auf die Civilgewalt, und umgab sich +mit einem fast königlichen Glanze.</p> + +<p>Prinz Wilhelm II. hatte bei der oligarchischen Partei auf heftigen +Widerstand gestoßen, er starb 1650, während großer <ins class = +"correction" title = "Original hat »bürgerlichen«">bürgerlicher</ins> +Unruhen, ohne Kinder zu hinterlassen. Die Mitglieder seiner Familie +befanden sich einige Zeit ohne Haupt, und die von ihm ausgeübte Gewalt +wurde unter die Stadträthe, Provinzialstaaten und Generalstaaten +vertheilt.</p> + +<p>Wenige Tage nach Wilhelms Tode gebar seine Witwe, Marie, Tochter +Karls I. von England, einen Sohn, welcher bestimmt war, den Ruhm +und die Macht des Hauses Nassau auf den höchsten Gipfel zu treiben, die +Vereinigten Provinzen vor Unterdrückung zu bewahren, die Macht +Frankreichs zu brechen und der englischen Verfassung eine solide +Grundlage zu geben.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm Prinz von Oranien.</span> +<a name = "secII_32" id = "secII_32">Dieser</a> Prinz mit dem Namen +Wilhelm Heinrich, war von seiner Geburt an ein Gegenstand ernster Sorge +für die zur Zeit in Holland herrschende Partei, und loyaler Ergebenheit +für die Anhänger seines Hauses. Als der Besitzer eines großen Vermögens, +als das Haupt eines der erlauchtesten Häuser Europa’s, als ein +souverainer Fürst des deutschen Reiches, als ein Prinz von königlichem +Geblüte Englands, vor Allem aber als ein Sprößling der Schöpfer der +batavischen Freiheit, genoß er der höchsten Achtung. Aber das mächtige +Amt, welches seine Familie einst als erblich betrachtete, wurde nicht +wieder besetzt, und nach dem Willen der aristokratischen Partei sollte +nie wieder ein Statthalter gewählt werden. Die Stelle der ersten +Magistratsperson vertrat zum großen Theile der Großpensionair der +Provinz Holland, Johann de Witt, dessen Klugheit, Festigkeit und +Redlichkeit ihn zu einem hohen Ansehen im Rathe der municipalen +Oligarchie erhoben hatten.</p> + +<p>Die französische Invasion brachte eine vollständige Umwandlung +hervor. Das leidende, und von Schrecken erfüllte Volk wüthete furchtbar +gegen die Regierung, und fiel in seiner Tollheit über die tapfersten +Heerführer und die geschicktesten Staats­männer der Regierung her. +De Ruyter wurde von dem Pöbel insultirt, und de Witt vor dem Thore des +Palastes der Generalstaaten im Haag in Stücke zerrissen. Der Prinz von +<ins class = "correction" title = "Original hat »Oranien,«">Oranien</ins> war an dem Morde unschuldig, aber bei dieser +Gelegenheit, sowie zwanzig Jahre später bei einer anderen +beklagenswerthen Veranlassung, beurtheilte er die Verbrechen, welche in +seinem Interesse verübt wurden, so nachsichtig, daß dadurch sein Ruhm +befleckt wurde. Er trat ohne Nebenbuhler an die +<span class = "pagenum">II.48</span> +<a name = "pageII_48" id = "pageII_48"> </a> +Spitze der Regierung. Wenn auch noch jung, hob sein feuriger unbeugsamer +Geist, obgleich unter einer kalten, düsteren Außenseite verborgen, gar +bald den Muth seiner zagenden Landsleute. Jeder Versuch seines Oheims, +sowie des französischen Königs, ihn durch die glänzendsten +Versprechungen der Sache der Republik abwendig zu machen, war +vergeblich. Gegen die Generalstaaten führte er eine schwungreiche, +begeisternde Sprache. Er wagte sogar ihnen einen Vorschlag zu machen, +der einen Anstrich von antikem Heroismus hatte, und der, wenn er zur +Ausführung gekommen wäre, der edelste Stoff für ein Epos sein würde, der +im Bereiche der neueren Geschichte existirte. Er erklärte den +Abgeordneten, daß, selbst wenn ihr <ins class = "correction" title = +"Fehler für »Heimathland«?">Heimathsland</ins> und die Wunder, mit denen +menschlicher Kunstfleiß es bedeckt, von dem Ocean verschlungen wären, +noch nicht Alles verloren sei. Die Holländer könnten Holland überleben; +Freiheit und reine Gottesverehrung, würden sie auch von Tyrannen und +Fanatikern aus Europa verbannt, könnten in Asiens entferntesten Inseln +eine Freistätte finden. Die Schiffe, welche in den Häfen der Republik +ankerten, würden ausreichen, um zweihundert­tausend Auswanderer nach +dem indischen Archipel zu bringen, dort könne die holländische Republik +ein neues, glorreiches Dasein beginnen, und unter dem Kreuze des Südens, +umgeben von Zuckerrohr und Muscatbäumen, die Börse eines reicheren +Amsterdam und den Lehrstuhl eines gelehrteren Leyden errichten. Der +Nationalgeist erhob sich gewaltig. Die Bedingungen, welche die +Verbündeten anboten, wurden kurz zurückgewiesen, die Dämme wurden +durchstochen, und das ganze Land in einen ungeheuren See verwandelt, aus +dem die Städte mit ihren Mauern und Thürmen wie Inseln hervorragten. Die +Feinde retteten sich nur durch den eiligsten Rückzug vor Vernichtung; +Ludwig aber, welcher es zuweilen für vortheilhaft hielt, sich an der +Spitze des Heeres zu zeigen, jedoch einen Palast bequemer fand als ein +Kriegslager, war bereits heimgekehrt, um in den neuangelegten Alleen von +Versailles sich der Schmeicheleien der Dichter und des Lächelns seiner +Damen zu erfreuen.</p> + +<p>Bald folgte der Ebbe die Fluth. Der Erfolg des Seekrieges war +zweifelhaft geblieben; zu Lande hatten die Vereinigten Provinzen +Aufschub erlangt, und ein Aufschub, wenn auch noch so kurz, war von +unübersehbarer Wichtigkeit. Beunruhigt durch die weitaussehenden Pläne +Ludwigs, griffen beide Linien des mächtigen österreichischen Hauses zu +den Waffen. Spanien und Holland vergaßen die alten gegenseitigen +Beschwerden und Demüthigungen, und söhnten sich angesichts der +gemein­schaftlichen Gefahr wieder aus. Aus allen Gegenden +Deutschlands marschirten Truppen nach dem Rheine. Die Fonds der +englischen Regierung, welche man durch Beraubung der +Staats­gläubiger zusammen gebracht, waren erschöpft, von der City +ließ sich kein Darlehn erwarten, und der Versuch durch königlichen +Machtspruch Steuern zu erheben, würde unverzüglich eine Revolution +hervorgerufen haben. Ludwig aber, der jetzt mit dem halben Europa in +Krieg verwickelt war, befand sich nicht in der Verfassung, die Mittel +zur Bezwingung des englischen Volkes herbeizuschaffen. So war es +nothwendig, das Parlament einzuberufen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Versammlung des Parlaments.</span> +<a name = "secII_33" id = "secII_33">Im</a> Frühlinge des Jahres 1673 +versammelten sich also die Häuser nach einer Unterbrechung von beinahe +zwei Jahren. Clifford, jetzt Pair und Lord Schatzmeister, und Ashley, +jetzt Lord Kanzler und Earl von Shaftesbury, waren die Männer, auf +welche der König hinsichtlich der Leitung des Parlaments sich verließ. +<span class = "pagenum">II.49</span> +<a name = "pageII_49" id = "pageII_49"> </a> +Die Vaterlandspartei zögerte nicht, sofort die Politik der Cabale +anzugreifen, dieser Angriff geschah aber nicht stürmisch, sondern durch +langsames und wohlberechnetes Vorrücken. Die Gemeinen gaben zuerst +Hoffnung, daß sie die auswärtige Politik des Königs unterstützen +wollten, verlangten aber, daß er diese Hilfe dadurch erkaufen sollte, +daß er das ganze System seiner innern Politik fallen lasse. Vor Allem +verlangten sie die Zurücknahme der Indulgenzerklärung.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Indulgenzerklärung.</span> +<a name = "secII_34" id = "secII_34">Der</a> unpopulärste Schritt, den +die Regierung jemals gethan hatte, war unbedingt die Bekanntmachung +dieser Erklärung. Die verschieden­artigsten Gefühle waren verletzt +durch eine an sich zwar freisinnige, aber in höchst despotischer Weise +ausgeführte Maßregel. Die Feinde religiöser, und die Freunde +bürgerlicher Freiheit waren eng verbunden, und aus diesen beiden Klassen +bestanden neunzehn Zwanzigtheile der Nation. Der eifrige Anhänger der +Staats­kirche beschwerte sich über die Bevorzugung, welche dem +Papisten wie dem Puritaner zu Theil geworden sei. Der Puritaner freute +sich zwar über das Aufhören der Verfolgung, die ihn gedrückt hatte, war +aber eben nicht besonders dankbar für eine Duldung, welche er mit dem +Antichrist theilen sollte. Alle Engländer jedoch, welche Freiheit und +Gerechtigkeit achteten, erkannten mit Besorgniß den tiefen Eingriff, den +die Prärogative in das Gebiet der Gesetzgebung gethan hatte.</p> + +<p>Der Wahrheit die Ehre zu geben, darf nicht geleugnet werden, daß die +constitutionelle Frage nicht ganz frei von Dunkelheit war. Unsere alten +Könige besaßen das unbestrittene Recht, die Wirkung von Strafgesetzen zu +suspendiren, die Gerichtshöfe hatten dieses Recht anerkannt und die +Parlamente es nicht angefochten. Daß ein derartiges Recht der Krone +zustehe, wagten, selbst von der Landpartei, in Betracht der Ereignisse +und Autoritäten nur Wenige in Abrede zu stellen. Gleichwohl war es klar +daß, wenn diese Prärogative keine Grenze hatte, die englische Regierung +von reinem Despotismus fast gar nicht unterschieden werden konnte. Daß +es eine Grenze gebe, gestand der König sammt seinen Ministern ein, die +Frage war nur, ob die Indulgenzerklärung innerhalb oder außerhalb +derselben liege, und keine Partei vermochte eine Grenzlinie zu +bestimmen, welche die Prüfung bestand. Einige Gegner der Regierung +beschwerten sich, daß durch die Erklärung nicht weniger als vierzig +Gesetze suspendirt würden; warum aber nicht vierzig sogut wie eins? Ein +Redner sprach unverhohlen aus, daß der König verfassungsmäßig zwar von +schlechten Gesetzen dispensiren könne, nicht aber von guten. Das +Ungereimte einer solchen Unterscheidung liegt auf der Hand. Die Ansicht, +welche im Hause der Gemeinen angenommen schien, war wohl im Allgemeinen +die, daß das Dispensationsrecht sich blos auf weltliche Punkte +erstrecke, und nicht auf Gesetze, die man zur Sicherheit der +Landeskirche erlassen. Da aber der König das Oberhaupt der Kirche war, +so schien es, daß wenn er überhaupt die dispensirende Gewalt besitze, er +sie wohl auch da haben konnte, wo die Kirche in’s Spiel kam. Die +Versuche der Hofleute, die Grenzen dieser Prärogative zu bezeichnen, +mißlangen eben so vollständig wie früher die der Opposition.<a class = +"tag" name = "tagII_3" id = "tagII_3" href = "#noteII_3">3</a></p> + +<span class = "pagenum">II.50</span> +<a name = "pageII_50" id = "pageII_50"> </a> +<p>Die Wahrheit ist, daß die Dispensations­befugniß eine große +Anomalie in Staats­sachen war. In der Theorie war sie mit den +Grundsätzen gemischter Verfassung nicht zu vereinigen, aber sie war in +einer Zeit entstanden, wo das Volk sich wenig um Theorien kümmerte. In +der Praxis hatte man diese Befugniß niemals auf gröbliche Art +gemißbraucht, sie war deshalb geduldet worden, und endlich allmälig zu +einer Art Verjährung gekommen. Nach einem langen Zwischenraume wurde sie +endlich in einem fortgeschrittenen Zeitalter bei einer wichtigen +Veranlassung und zwar in früher nicht gekannter Ausdehnung, zu einem +allgemein verabscheuten Zwecke in Anwendung gebracht. Sie wurde einer +strengen Untersuchung unterworfen, und wenn man auch nicht gleich wagte +sie geradezu für verfassungs­widrig zu erklären, so kam man doch zu +der Erkenntniß, daß sie in directem Widerspruche mit der Verfassung +stehe, und wenn sie willkürlich blieb, die englische Regierung aus einer +beschränkten Regierung in eine absolute verwandeln würde.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteII_3" id = "noteII_3" href = "#tagII_3">3.</a> +Das Vernünftigste was über diesen Gegenstand im Hause der Gemeinen +gesprochen wurde, rührte von Sir William Coventry her. „Unsere Voreltern +haben niemals eine Linie gezogen, um die Souverainetäts­rechte und +die Freiheit zu begrenzen.“</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Cassirung der Indulgenzakte. Annahme der Testakte.</span> +<a name = "secII_35" id = "secII_35">Durch</a> solche Befürchtungen +veranlaßt, stellten die Gemeinen in Abrede, daß es ein +Dispensationsrecht des Königs gebe, zwar nicht rücksichtlich aller +Strafgesetze, sondern blos soweit diese die kirchlichen Angelegenheiten +beträfen, und sie gaben dem König nicht undeutlich zu verstehen, daß sie +nur bei Aufgabe dieses Rechtes ihm Bewilligungen für den holländischen +Krieg machen würden. Für den Augenblick schien er geneigt, Alles zu +wagen, bis ihm Ludwig dringend rieth, sich der Nothwendigkeit zu fügen +und einen günstigeren Zeitpunkt abzuwarten, wo die französischen Heere, +jetzt zu schwerem Kriege auf dem Festlande verwendet, benutzt werden +könnten, um die Unzufriedenheit in England zu unterdrücken. In der +Cabale selbst wurden Zeichen von Uneinigkeit und Verrätherei sichtbar. +Shaftesbury erkannte mit seinem zum Sprichwort gewordenen Scharfblick, +daß eine heftige Reaction bevorstehe, und Alles einer Krisis gleich der +von 1640 zuschreite. Er beschloß, daß diese ihn nicht in Straffords Lage +finden sollte, machte deshalb eine plötzliche Wendung und erkannte im +Hause der Lords an, daß die Erklärung gesetzwidrig sei. Der König, von +seinen Verbündeten sowie von seinem Kanzler verlassen, fügte sich, nahm +die Indulgenzerklärung zurück und versprach feierlich, daß sie niemals +in Anwendung gebracht werden solle.</p> + +<p>Selbst diese Concession war ungenügend. Die Gemeinen waren noch nicht +damit zufrieden, ihren Souverain zur Vernichtung der Indulgenz gezwungen +zu haben, sie nöthigten ihm auch seine ungern ertheilte Zustimmung ab zu +einem wichtigen Gesetze, welches bis zur Regierung Georgs IV. +geltend geblieben ist. Dieses Gesetz unter der Benennung „Testakte“ +bekannt, bestimmte, daß alle mit militairischen oder bürgerlichen Ämtern +bekleideten Personen den Suprematseid leisten, eine Erklärung gegen die +Transsubstantiation unterschreiben und öffentlich das Abendmahl nach den +Gesetzen der englischen Kirche empfangen sollten. Die Einleitung des +Gesetzes spricht nur in feindseligen Ausdrücken gegen die Papisten, die +folgenden Paragraphen aber waren den Papisten kaum weniger ungünstig als +der strengsten Klasse von Puritanern. Diese jedoch, durch die offenbare +Hinneigung des Hofes zum Papstthum erschreckt, und von einigen Anhängern +der Hochkirche zu der Hoffnung beredet, daß nach der wirksamen +Entwaffnung der Katholischen den protestantischen <ins class = +"correction" title = "Original hat »Nichtconfirmisten«">Nichtconformisten</ins> Hilfe werden solle, erhoben +nur geringen Widerspruch, und auch der König, +<span class = "pagenum">II.51</span> +<a name = "pageII_51" id = "pageII_51"> </a> +der sich in größter Geldverlegenheit befand, konnte nicht wagen seine +Genehmigung vorzuenthalten. Die Akte wurde vollzogen und in Folge davon +der Herzog von York genöthigt, den hohen Posten eines Lord Großadmirals +aufzugeben.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Auflösung der Cabale.</span> +<a name = "secII_36" id = "secII_36">Noch</a> hatten die Gemeinen sich +nicht gegen den holländischen Krieg erklärt. Nachdem aber der König aus +Dankbarkeit für die <ins class = "correction" title = "Fehler für »ihm«?">ihn</ins> sehr vorsichtig gespendeten Summen den ganzen Plan +seiner inneren Politik fallen gelassen, traten sie heftig gegen seine +auswärtige Politik auf. Sie verlangten, daß Buckingham und Lauderdale +für immer aus dem Rathe entfernt würden, und bildeten einen Ausschuß, +welcher ermitteln sollte, ob es angemessen sei, Arlington unter Anklage +zu stellen. Nach kurzer Zeit existirte die Cabale nicht mehr. Clifford, +der Einzige von den Fünfen, der mit einigem Grund für einen rechtlichen +Mann gelten konnte, verweigerte den neuen Religionseid, legte seinen +weißen Stab nieder und zog sich auf seine Güter zurück. Arlington +vertauschte den Posten eines Staats­secretairs mit einer ruhigen, +ehrenvollen Anstellung im königlichen Hause. Shaftesbury und Buckingham +versöhnten sich mit der Opposition und erschienen an der Spitze der +stürmischen Demokratie der City. Lauderdale hingegen blieb Minister der +schottischen Angelegenheiten, mit denen das englische Parlament nichts +zu schaffen hatte.</p> + +<p>Jetzt drängten die Gemeinen den König, mit Holland Frieden zu +schließen und erklärten ohne Hehl, daß sie durchaus keine Mittel zu +diesem Kriege bewilligen würden, wenn der Feind sich nicht hartnäckig +weigere, auf annehmbare Bedingungen einzugehen. Karl begriff, daß er nun +jeden Gedanken an die Ausführung des Vertrags von Dover bis auf einen +geeigneteren Zeitpunkt fallen lassen müsse, und schmeichelte der Nation +durch den Anschein, als wolle er zur Politik der Tripleallianz +zurückkehren. Temple, welcher seit der Macht der Cabale in +Zurückgezogenheit unter seinen Büchern und Blumen lebte, wurde aus der +Einsamkeit hervorgeholt, und durch seine Vermittlung ein Separatfrieden +mit den Vereinigten Provinzen geschlossen. Er wurde darauf Gesandter im +Haag, und seine Anwesenheit galt dort als ein sicheres Pfand der +Aufrichtigkeit seines Hofes.</p> + +<p>Die oberste Leitung der Geschäfte war jetzt in den Händen Sir Thomas +Osborns, eines Baronets aus Yorkshire, der im Hause der Gemeinen ein +seltenes Talent für Geschäft und Debatte gezeigt hatte. Osborn wurde +Lord Schatzmeister und bald darauf Earl von Danby. Er war kein Mann von +achtungswerthem Charakter, insofern man ihn nach dem Maßstabe der +Sittlichkeit beurtheilen wollte. Begierig nach Reichthümern und +Auszeichnungen, war er, selbst verdorben, auch noch ein Verführer +Anderer. Die Cabale hatte ihm die Kunst hinterlassen, Parlamente zu +bestechen, eine damals noch unausgebildete Kunst, der man die hohe +Vollendung noch nicht ansah, zu der sie sich in dem folgenden +Jahrhundert emporschwang. Er verbesserte den Entwurf der ersten Erfinder +bedeutend. Dieselben hatten blos Sprecher erkauft, Danby aber bezahlte +Jeden, der eine Stimme hatte. Doch darf dieser neue Minister nicht mit +den Unterhändlern von Dover in eine Reihe gestellt werden. Er besaß die +Empfindungen eines Engländers und Protestanten, und niemals vergaß er +über die eigenen Interessen ganz die seines Vaterlandes und seiner +Religion. Er war allerdings eifrig bemüht, die königliche Prärogative zu +erhöhen, doch benutzte er dazu Mittel, welche von denen sehr verschieden +waren, die Arlington und Clifford im Sinne gehabt hatten. Nie dachte +<span class = "pagenum">II.52</span> +<a name = "pageII_52" id = "pageII_52"> </a> +er daran, durch Hilfe fremder Truppen und Erniedrigung des Königreichs +dasselbe zu dem Range eines abhängigen Fürstenthums herabsinken zu +lassen. Sein Plan war, um die Monarchie wieder diejenigen Klassen zu +schaaren, welche während der Unruhen des letzten Menschenalters ihre +treuen Bundesgenossen gewesen, durch die neuerlichen Laster und +Irrthümer des Hofes aber mit Unwillen zurückgetreten waren. Mit Hilfe +des alten Cavalier-Interesses, des hohen und niedern Adels, des Klerus +und der Universitäten konnte es nach seiner Meinung möglich sein, Karl +zwar nicht zu einem unbeschränkten, aber doch zu einem kaum weniger +mächtigen Souverain als Elisabeth war, zu machen.</p> + +<p>Von diesen Ansichten durchdrungen beschloß Danby der Partei der +Cavaliere den ausschließlichen Besitz aller politischen Macht sowohl der +executiven wie der gesetzgebenden, zu sichern. Es wurde daher im Jahre +1675 im Hause der Lords eine Bill vorgelegt, welche bestimmte, daß +Niemand ein Amt versehen oder in einem Hause des Parlaments sitzen +solle, der nicht vorher die eidliche Erklärung gegeben, daß er +Widerstand gegen die königliche Macht unbedingt für strafbar halte, und +nie den Versuch machen werde, sich an der Verfassung des Staates oder +der Kirche zu vergreifen. Mehrere Wochen hindurch erhielten die durch +diesen Antrag hervorgerufenen Verhandlungen, Abstimmungen und Proteste +das Land in großer Aufregung. Die Opposition im Hause der Lords, an +deren Spitze zwei Mitglieder der Cabale standen, welche Frieden mit dem +Volke zu machten wünschten, Buckingham und Shaftesbury, war +außerordentlich heftig und hartnäckig, und hatte guten Erfolg. Die Bill +wurde nicht verworfen, aber verzögert, verstümmelt und endlich bei Seite +gelegt.</p> + +<p>Auf solche Willkür und Abgeschlossenheit gründete sich Danby’s innere +Politik; seine Ansichten über äußere Politik machten ihm mehr Ehre, sie +waren das Gegentheil von denen der Cabale, und glichen fast ganz denen +der Vaterlandspartei. Er klagte bitter über die Erniedrigung, in welche +man England versetzt, und erklärte in größter Aufregung, daß es sein +sehnlichster Wunsch sei, den Franzosen durch Prügel die nöthige Achtung +einzuflößen. Er war so wenig Herr seiner Gefühle, daß er bei einem +großen Gastmahle, wo die höchsten Würdenträger des Staats und der Kirche +anwesend waren, sein Glas auf das Verderben Aller leerte, die nicht für +einen Krieg gegen Frankreich gestimmt wären. Es wäre ihm sehr erwünscht +gewesen, hätte sich sein Vaterland mit den Mächten vereinigt, welche +sich damals gegen Ludwig verbunden hatten, und zu dem Zwecke war er +geneigt, Temple, den Stifter der Tripleallianz, an die Spitze des +Departements der auswärtigen Angelegenheiten zu stellen. Aber die Macht +des Premierministers hatte ihre Grenzen. In seinen vertraulichsten +Briefen beklagt er sich, daß die Verblendung seines Herrn England +hindere den ihm gebührenden Platz unter den Nationen Europa’s +einzunehmen. Karl besaß eine unersättliche Gier nach französischem +Golde, und hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben eines Tages +mit Hilfe der französischen Waffen eine absolute Monarchie zu errichten +— diese beiden Gründe waren für ihn hinreichend, um ein gutes +Vernehmen mit dem Hofe von Versailles zu unterhalten.</p> + +<p>So verfolgte der Souverain ein System auswärtiger Politik, dem des +Ministers diametral entgegen. Allerdings besaßen weder der Souverain +noch der Minister den Charakter danach, irgend einen Plan stätig zu +verfolgen, jeder gab bei Gelegenheit dem Drängen des Andern nach, und +<span class = "pagenum">II.53</span> +<a name = "pageII_53" id = "pageII_53"> </a> +ihre abweichenden Neigungen und gegenseitigen Zugeständnisse verliehen +der ganzen Verwaltung einen sonderbaren Anstrich. Aus Leichtsinn und +Indolenz erlaubte der König zuweilen, daß Danby Maßregeln traf, welche +Ludwig bitter beleidigen mußten; ebenso fügte sich Danby ehe er seinen +hohen Posten aufgegeben hätte, bisweilen lieber in Gefälligkeiten, die +ihm schwere Sorge und Schande verursachten. Der König wurde dahin +gebracht, seine Erlaubniß zu einer Vermählung zwischen Maria, der +ältesten Tochter und muthmaßlichen Erbin des Herzogs von York, und +Wilhelm von Oranien, dem Todfeinde Frankreichs und erblichen Kämpfer der +Reformation, zu geben; ja der tapfre Earl von Ossory, Ormonds Sohn, +eilte den Holländern zum Beistande mit einigen britischen Truppen +herbei, welche an dem blutigsten Tage des ganzen Krieges den Ruf des +kühnsten Muthes trefflich bewährten. Auf der anderen Seite mußte der +Schatzmeister bei einigen schimpflichen Geldgeschäften, die zwischen +seinem Gebieter und dem Hofe von Versailles abgemacht wurden, nicht nur +die Augen zudrücken, sondern auch — obgleich mit Verdruß und +Widerstreben — dabei mitwirken.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verwickelte Lage der Vaterlandspartei.</span> +<a name = "secII_37" id = "secII_37">Mittlerweile</a> wurde die +Vaterlandspartei durch zwei gewaltige Gefühle nach zwei verschiedenen +Richtungen hin getrieben. Die Leiter des Volks hatten Furcht vor der +Größe Ludwigs, der nicht nur der ganzen Stärke der continentalen Allianz +Widerstand leistete, sondern sogar Boden gewann; ebenso wagten sie es +aber auch nicht, ihrem eigenen Könige die Mittel zur Demüthigung +Frankreichs anzuvertrauen, damit dieselben nicht zur Vernichtung der +Freiheit Englands verwendet würden. Der Widerstreit zwischen diesen +beiden Befürchtungen, welche vollkommen gerechtfertigt waren, ließ die +Opposition eben so haltlos und wankelmüthig erscheinen, wie die des +Hofes. Die Gemeinen forderten Krieg mit Frankreich, bis der König, von +Danby zur Nachgiebigkeit vermocht, sich zu fügen schien, und eine Armee +auszuheben begann. Als sie aber sahen, daß man mit den Werbungen +fortschritt, wurde ihre Furcht vor Ludwig durch eine noch näher liegende +Furcht verdrängt. Sie glaubten nämlich, daß diese neuen Truppen in einem +Dienste verwendet werden möchten, für den Karl größere Theilnahme hegte +als für die Vertheidigung Flanderns, verweigerten deshalb alle +Geldbewilligungen, und verlangten jetzt ebenso laut die Entlassung der +Truppen, als sie kurz vorher die Bildung einer Armee gefordert hatten. +Diejenigen Geschichts­chreiber, welche sich über diese +Unbeständigkeit mit strengem Tadel ausgesprochen, scheinen nicht die +gehörige Rücksicht auf die verzweifelte Lage von Leuten genommen zu +haben, welche von dem Glauben durchdrungen waren, ihr Fürst vereinige +sich mit einer auswärtigen feindlichen Macht zur Unterdrückung ihrer +Freiheiten. Ihm militairische Hilfsmittel verweigern hieß den Staat +wehrlos machen; gab man ihm dieselben, so benutzte er sie vielleicht +gegen den Staat. Bei solcher Bewandtniß kann die Unentschlossenheit +nicht als Beweis von Mangel an Ehrgefühl oder gar von Schwäche +betrachtet werden.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verkehr dieser Partei mit der französischen Gesandtschaft.</span> +<a name = "secII_38" id = "secII_38">Dieser</a> Argwohn wurde von dem +französischen König eifrig genährt. Er hatte England geraume Zeit in +Unthätigkeit erhalten, indem er den Thron gegen das Parlament zu +unterstützen versprach, aber jetzt gewann er die beunruhigende +Überzeugung, daß die patriotischen Rathschläge Danby’s im Cabinet +Anklang fanden, und nun begann er das Parlament gegen den Thron zu +hetzen. Ludwig und die Vaterlandspartei trafen in +<span class = "pagenum">II.54</span> +<a name = "pageII_54" id = "pageII_54"> </a> +einem, aber auch nur in diesem einen Punkte zusammen, nämlich in dem +tiefen Mißtrauen gegen Karl. Hätte die Vaterlandspartei die Überzeugung +erhalten können, daß ihr Souverain wirklich einen Krieg gegen Frankreich +im Sinne hatte, so würde sie ihn auf’s Eifrigste unterstützt haben. +Hätte Ludwig die Gewißheit gehabt, daß die neuen Rüstungen nur der +Verfassung von England galten, so würde er sie nicht zu verhindern +gesucht haben. Die Charakterlosigkeit Karls aber und seine Treulosigkeit +waren so groß, daß die französische Regierung und die englische +Opposition — sonst in allen Ansichten von einander abweichend +— wenigstens darin übereinstimmten, daß seinen Worten nicht zu +trauen sei, und beide den Wunsch theilten, ihn ohne Geld und Heer zu +lassen. Es fanden Verhandlungen statt zwischen Barillon, dem +französischen Gesandten, und solchen englischen Staats­männern, +welche stets Abneigung und Furcht vor dem französischen Übergewicht +gezeigt und in der That auch aufrichtig empfunden hatten. Das redlichste +Mitglied der Vaterlandspartei, Lord Wilhelm Russel, Sohn des Earl von +Bedford, besprach sich unbedenklich mit einem fremden Gesandten zu dem +Zweck, seinem eigenen Souveraine Verlegenheiten zu bereiten. Soweit ging +Russels Fehltritt. Seine Grundsätze sowohl wie sein großes Vermögen +erheben ihn über den Verdacht schmutziger Absichten; allein man hat nur +zu viel Grund anzunehmen, daß mehrere seiner Verbündeten weniger +Bedenklichkeit zeigten. Man würde ihnen Unrecht thun, wollte man sie der +Nieder­trächtigkeit beschuldigen, Geld angenommen zu haben, um ihrem +Vaterlande zu schaden, sie meinten ihm im Gegentheil nützlich zu sein; +es ist aber nicht in Abrede zu stellen, daß sie unehrenhaft und unzart +genug waren, von einem fremden Fürsten dafür Bezahlung anzunehmen, daß +sie dem eigenen Lande dienten. Einer von denen, welche diese +erniedrigende Anklage mit Recht trifft, war ein Mann, der nach der +Meinung des Volkes der personifizirte Gemeinsinn war, und welcher trotz +einiger großen moralischen und geistigen Schwächen mit Recht ein Held, +ein Philosoph und ein Patriot genannt zu werden verdient. Es erregt +schmerzliche Empfindungen, einen derartigen Namen auf der Liste der +Pensionaire Frankreichs zu finden, und doch liegt einiger Trost in dem +Gedanken, daß in unserer Zeit ein öffentlicher Charakter der nicht einer +Versuchung widerstände, welcher die Tugend und der Stolz Algernon +Sidney’s unterlagen, als alles Pflicht- und Schamgefühls bar betrachtet +werden würde.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Frieden von Nimwegen.</span> +<a name = "secII_39" id = "secII_39">Die</a> Folge dieser Intriguen war, +daß England, wenn es gleich bei Gelegenheit eine drohende Haltung +zeigte, unthätig blieb, bis der continentale Krieg nach fast +siebenjähriger Dauer 1678 durch den Frieden von Nimwegen sein Ende fand. +Die Vereinigten Provinzen, 1672 am äußersten Rande des Verderbens +stehend, erlangten ehrenvolle und vortheilhafte Bedingungen. Daß sie mit +genauer Noth dem Untergange entrannen, wurde allgemein der +Geschicklichkeit und Tapferkeit des jungen Statthalters zugeschrieben. +Er besaß in Europa einen bedeutenden Ruf, und insbesondere bei den +Engländern, welche ihn als einen ihrer eigenen Prinzen betrachteten, und +denen es Freude machte, in ihm den Gemahl ihrer zukünftigen Königin zu +sehen. Frankreich erwarb mehrere wichtige Städte in Belgien und die +bedeutende Provinz Franche Comté; die sinkende spanische Monarchie aber +hatte fast den ganzen Verlust zu tragen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Große Unzufriedenheit in England.</span> +<a name = "secII_40" id = "secII_40">Kaum</a> waren die Feindseligkeiten +auf dem Festlande einige Monate vorüber, so trat eine +<span class = "pagenum">II.55</span> +<a name = "pageII_55" id = "pageII_55"> </a> +große Krisis in der englischen Politik ein, welche durch den Gang der +Verhältnisse seit bereits achtzehn Jahren vorbereitet worden war. Das +ganze Capital von Popularität, welches der König beim Antritt seiner +Regierung besaß, war verschwendet, und dem loyalen Enthusiasmus tiefe +Abneigung gefolgt. Die öffentliche Meinung war die Strecke +zurückgegangen, die sie zwischen 1640 und 1660 durchlaufen hatte, und +befand sich noch einmal auf demselben Standpunkte, den sie einnahm, als +das Lange Parlament zusammentrat.</p> + +<p>Die herrschende Unzufriedenheit bestand aus einem Gemisch der +verschieden­artigsten Empfindungen. Eins dieser Gefühle war +verletzter Nationalstolz. Die damalige Generation kannte England, wie +es, auf gleiche Bedingungen mit Frankreich verbündet, Siegerin über +Holland und Spanien, Beherrscherin des Meeres, der Schrecken Roms, der +Schutzgeist des protestantischen Europa’s war. Seine Hilfsquellen waren +nicht schwächer geworden, und es stand zu erwarten, daß unter dem +Scepter eines legitimen Königs, der die Liebe und den völligen Gehorsam +seiner Unterthanen besaß, es in Europa zum Wenigsten eben so +hervorragend dastehen müsse, wie unter der Herrschaft eines Usurpators, +der mit größter Wachsamkeit und Energie ein rebellisches Volk +niederzuhalten hatte. Und doch war es durch die Schwäche und +Erbärmlichkeit seines Oberhauptes so tief gesunken, daß jedes deutsche +oder italienische Ländchen, welches fünftausend Soldaten in’s Feld +schicken konnte, ein wichtigeres Glied unter den Nationen Europa’s +bildete.</p> + +<p>Mit der bitteren Empfindung nationaler Demüthigung verband sich die +Besorgniß um die bürgerliche Freiheit. Unbestimmte Gerüchte, um so +beunruhigender weil sie unbestimmt waren, schrieben dem Hofe einen +überdachten Plan gegen alle constitutionellen Rechte der Engländer zu; +man raunte sich sogar in’s Ohr, daß die Ausführung dieses Planes mit +Hilfe fremder Waffen geschehen solle. Selbst den Cavalieren kochte bei +dem Gedanken an solche Einmischung das Blut in den Adern, und einige, +die stets die Lehre von der Unzulässigkeit des Widerstandes im Munde +hatten, murrten jetzt, daß diese Lehre auch eine Grenze habe! Wollte man +eine fremde Macht herüberführen, um der Nation Zwang anzuthun, so +möchten sie nicht für die eigene Geduld einstehen!</p> + +<p>Weder Nationalstolz noch Besorgniß um die öffentliche Freiheit aber +hatten auf die Stimmung des Volkes einen solchen Einfluß, wie der Haß +gegen die römisch-katholische Kirche. Dieser Haß war eine herrschende +Leidenschaft des Volkes geworden und bei Unwissenden und Profanen eben +so gewaltig wie bei den Protestanten von Überzeugung. Die +Unmenschlichkeiten während der Regierung Maria’s, Unmenschlichkeiten, +die selbst bei der unbefangensten, klarsten Darstellung Grauen erregen +und in den volksthümlichen Erzählungen von Märtyrern weder genau, noch +vorurtheilslos berichtet wurden, die Verschwörung gegen Elisabeth, und +namentlich die Pulververschwörung hatten in der Erinnerung des Volkes +ein nicht zu löschendes, bitteres Gefühl hinterlassen, das durch +jährliche Erinnerungsfeste, Gebete, Freudenfeuer und Prozessionen immer +wieder neue Nahrung erhielt.</p> + +<p>Es ist hierbei nicht zu vergessen, daß diejenigen Klassen, welche dem +Throne insbesondere anhingen, der Klerus und der grundbesitzende Adel, +hauptsächlich Ursache hatten, die katholische Kirche zu hassen. Der +Klerus zitterte für seine Pfründen, der Adel mit Grundbesitz für seine +Abteien und hohen Zehnten. So lange die Regierung der Heiligen noch in +frischem +<span class = "pagenum">II.56</span> +<a name = "pageII_56" id = "pageII_56"> </a> +Andenken war, hatte der Haß gegen das Papstthum in etwas dem Hasse gegen +den Puritanismus Platz gemacht; aber während der achtzehn Jahre, welche +seit der Restauration verflossen waren, hatte die Feindseligkeit gegen +den Puritanismus abgenommen, wogegen die Abneigung gegen das Papstthum +gewachsen war. Zwar waren die Bedingungen des Vertrags von Dover nur +Wenigen genauer bekannt, aber einige Andeutungen doch laut genug +geworden. Der allgemeine Glaube war, daß ein großer, vernichtender +Schlag gegen den Protestantismus geführt werden solle. Viele hatten den +König in Verdacht, daß er sich Rom zuwende, sein Bruder und +muthmaßlicher Thronerbe war als ein bigotter Katholik bekannt. Die erste +Herzogin von York war als Katholikin gestorben, und Jacob hatte darauf, +trotz der Gegenvorstellungen des Hauses der Gemeinen, die Prinzessin +Maria von Modena, auch eine Katholikin, geheirathet; wenn aus dieser Ehe +Söhne hervorgingen, so stand zu fürchten, daß dieselben als Katholiken +erzogen werden möchten, und dann eine lange Reihe von Fürsten auf dem +Throne sitzen würden, welche Feindschaft gegen die herrschende +Staats­kirche im Herzen trügen; man hatte neuerdings die Verfassung +verletzt, um die Katholiken gegen das Strafgesetz in Schutz zu nehmen; +der Bundesgenosse, dessen Politik England seit Jahren beherrscht hatte, +war nicht blos ein Katholik, sondern auch ein Verfolger des +Protestantismus. Unter allen diesen Umständen war es zu rechtfertigen, +wenn der gemeine Mann eine Wiederkehr der Zeiten jener Fürstin +fürchtete, welche er die blutige Maria nannte.</p> + +<p>Die Nation war demgemäß in einer Stimmung, bei der jeder Funke zur +Flamme werden konnte. Da wurde mit einem Male an zwei Stellen Feuer an +die ungeheure Masse des Zündstoffes gelegt, und augenblicklich stand +Alles in Flammen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Danby’s Sturz.</span> +<a name = "secII_41" id = "secII_41">Der</a> französische Hof, welcher +Danby als seinen bittersten Feind kannte, ersann den listigen Plan, ihn +dadurch zu stürzen, daß er ihn für seinen Freund gelten ließ. Ludwig +bewies dem Hause der Gemeinen mit Hilfe Ralphs von <ins class = +"correction" title = "Original hat »Mantague«">Montague</ins>, eines +unredlichen, schamlosen Menschen, der als Gesandter in Frankreich +gewesen war, daß der Schatzmeister bei einem Geldgesuche sich +betheiligt, welches der Hof von Whitehall an den von Versailles +gerichtet. Diese Entdeckung hatte ihre berechneten Folgen, indem der +Schatzmeister, nicht seiner Verbrechen sondern seiner Verdienste wegen, +nicht als Theilhaber an einer strafbaren Verhandlung, sondern als +entschiedener Gegner derselben, der Verfolgung des Parlaments anheim +fiel. Seine Zeitgenossen kannten die Umstände nicht, welche in den Augen +der Nachwelt die ihm zur Last gelegte Schuld so sehr verringert +erscheinen lassen, sie sahen in ihm einen Mäkler, welcher England an +Frankreich verkauft hatte. Seine Größe war offenbar vorüber, und sein +Kopf in nicht geringer Gefahr.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die papistische Verschwörung.</span> +<a name = "secII_42" id = "secII_42">Die</a> Aufregung, welche die +erwähnte Entdeckung verursachte, war jedoch unbedeutend im Vergleich zu +der heftigen Bewegung, die das Gerücht hervorrief, es sei ein großes +papistisches Complot <ins class = "correction" title = "Original hat »endeckt«">entdeckt</ins> worden. Ein gewisser Titus Oates, Geistlicher +der englischen Kirche, war von seinen kirchlichen Vorgesetzten gezwungen +worden, wegen unordentlichen Lebenswandels und heterodoxer Lehre seine +Pfründe zu verlassen, und führte seitdem ein lasterhaftes und unstätes +Leben. Er hatte sich einmal als Katholiken bekannt und auf dem Kontinent +einige Zeit in englischen Kollegien des Jesuitenordens zugebracht. In +<span class = "pagenum">II.57</span> +<a name = "pageII_57" id = "pageII_57"> </a> +diesen Seminarien hatte er viel wirres Geschrei vernommen über die +geeignetsten Mittel, England wieder in den Schooß der wahren Kirche +zurückzuführen. Aus den Andeutungen, welche ihm hier geworden, setzte er +nun einen schauderhaften Roman zusammen, der mehr den Phantasieen eines +Fieberkranken als Ereignissen glich, die sich jemals in der Wirklichkeit +zugetragen. Der Papst, versicherte er, hätte die Regierung Englands den +Jesuiten in die Hände gegeben. Diese hätten durch Bestallungen, +ausgefertigt unter dem Siegel ihrer Gesellschaft, katholische Priester +sowie Personen des hohen und niederen Adels zu den höchsten Posten in +Kirche und Staat bestimmt. Schon einmal hätten die Papisten London +niedergebrannt, sie hätten bereits einen zweiten Versuch dazu gemacht, +und gingen jetzt mit dem Plane um, alle Schiffe auf der Themse +anzuzünden. Auf ein gegebenes Zeichen würden sie über die Protestanten +herfallen und sie niedermachen, zu gleicher Zeit würde eine französische +Armee an der Küste von Irland erscheinen. Alle leitenden +Staats­männer und Geistlichen Englands sollten umgebracht werden, +und zur Ermordung des Königs habe man drei oder vier Pläne entworfen; er +sollte erdolcht, oder durch Medizin vergiftet oder mit silbernen Kugeln +erschossen werden. Die öffentliche Meinung war so empfindlich und +reizbar, daß diese Lügen bei dem gemeinen Manne leicht Eingang fanden, +und zwei einander rasch folgende Vorgänge erregten selbst bei besonnenen +Männern einen Argwohn, daß die Erzählung, wenn auch entstellt und +übertrieben, doch nicht ganz ohne Grund sein möge.</p> + +<p>Eduard Coleman, ein sehr thätiger, aber nicht eben achtungswerther +katholischer Intriguant, befand sich unter den angeklagten Personen. Man +forschte nach seinen Papieren, und es zeigte sich, daß er so eben den +größten Theil derselben vernichtet hatte, einige aber, die gerettet +worden waren, enthielten Stellen, welche befangenen Gemüthern die +Anschuldigung Oates’ zu rechtfertigen schien. Ruhig und vorurtheilsfrei +betrachtet, sprachen diese Stellen freilich blos die Hoffnung aus, +welche der Stand der Dinge, die Neigungen Karls, die noch stärkeren +Neigungen Jacobs und die, zwischen dem französischen und englischen Hofe +bestehenden Verbindungen sehr natürlich in der Brust eines Katholiken +erwecken mußten, der den Interessen seiner Kirche eifrig ergeben war. +Unser Vaterland aber hatte damals keine Lust, Schreiben von Papisten +unbefangen zu deuten, und es wurde nicht ganz ohne rechtlichen Anschein +geschlossen, daß, wenn die als unwichtig übersehenen Papiere so +bedenklichen Inhalts wären, diejenigen Documente, welche man in das +Feuer geworfen, vermuthlich das Geheimniß eines großen Verbrechens +enthalten haben müßten.</p> + +<p>Nach einigen Tagen wurde bekannt, daß Sir Edmondsbury Godfrey, ein +vorzüglicher Friedensrichter, welcher die Aussagen des Oates gegen +Coleman niedergeschrieben, verschwunden sei. Durch die angestellten +Nachforschungen entdeckte man Godfrey’s Leichnam auf einem Felde in der +Nähe Londons, und es unterlag keinem Zweifel, daß er zwar gewaltsam +getödtet, nicht aber von Räubern angegriffen worden sei. Sein Schicksal +ist bis auf diesen Tag ein Geheimniß geblieben. Manche glauben, er habe +sich selbst entleibt, Andere sagen, er sei durch einen Privatfeind +ermordet worden; am unwahr­schein­lichsten aber ist die Annahme, +die dem Hofe feindliche Partei habe ihn getödtet, um der +Verschwörungs­geschichte einen Anhalt zu geben. Im Ganzen genommen +scheint die Annahme am richtigsten zu sein, daß einige erhitzte +Katholiken durch die lügenhaften +<span class = "pagenum">II.58</span> +<a name = "pageII_58" id = "pageII_58"> </a> +Beschuldigungen Oates’ und die Beleidigungen der Menge zur höchsten Wuth +gereizt, zwischen dem meineidigen Ankläger und der schuldlosen +Gerichtsperson nicht genau unterschieden, und eine Rache ausübten, von +der die Geschichte verfolgter Sekten nur zu viele Beispiele darbietet. +Ist es so gewesen, dann muß der Mörder in einer späteren Zeit seine +Schlechtigkeit und Thorheit bitter bereut haben. Die Hauptstadt und die +ganze Nation waren von Haß und Furcht erfüllt. Die Strafgesetze, welche +in ihrer Strenge etwas gemäßigt worden waren, wurden von Neuem +verschärft, überall waren Richter in Thätigkeit, Häuser zu durchsuchen +und Papiere in Beschlag zu nehmen; die Gefängnisse waren mit Katholiken +angefüllt. London gewährte das Bild einer Stadt im +Belagerungs­zustande. Die Miliz war jede Nacht unter den Waffen; +Vorkehrungen wurden getroffen, die großen Durchgänge zu verbarrikadiren, +Patrouillen durchzogen die Straßen nach allen Richtungen. Rings um +Whitehall waren Kanonen aufgefahren, und kein Bürger glaubte sich +sicher, wenn er nicht unter dem Mantel einen mit Blei gefüllten kleinen +Dreschflegel trug, um den katholischen Meuchelmördern den Kopf +einzuschlagen. Die Leiche des ermordeten Friedensrichters war mehrere +Tage der Neugierde der Masse ausgestellt, und wurde dann mit unsinnigen +und seltsamen Ceremonien, welche mehr Haß und Rachedurst, als Schmerz +und religiöse Hoffnung andeuteten, zu Grabe gebracht. Die Häuser +verlangten, daß man in den Gewölben, über denen sie saßen, eine Wache +legen sollte, damit sie keine zweite Pulververschwörung zu fürchten +hätten. Alle ihre Maßregeln stimmten mit diesem Verlangen überein. Seit +der Regierung Elisabeths hatten die Mitglieder des Hauses der Gemeinen +immer den Suprematseid leisten müssen, einige Katholiken aber hatten es +verstanden, diesem Eide eine solche Auslegung zu geben, daß sie ihn ohne +Bedenken leisten konnten. Es wurde jetzt ein noch strengerer Eid +hinzugefügt, und die katholischen Lords sahen sich zum ersten Male von +ihren Sitzen im Parlament ausgeschlossen. Strenge Maßregeln gegen die +Königin wurden beschlossen. Einen Staats­secretair ließen die +Gemeinen in’s Gefängniß bringen, weil er Bestallungen für gewisse +Personen, welche keine guten Protestanten waren, contrasignirt hatte, +den Lord Schatzmeister beschuldigten sie des Hochverraths; ja sie +vergaßen die während und nach dem Bürgerkriege offen bekannte Lehre +soweit, daß sie einen Versuch machten, den Oberbefehl der Miliz den +Händen des Königs zu entreißen. In <ins class = "correction" title = +"Fehler für »solchen«?">solchem</ins> Zustand hatte eine achtzehnjährige +schlechte Regierung das loyalste Parlament gebracht, das je in England +bestanden hatte.</p> + +<p>Auffallend ist es, daß der König selbst in dieser höchsten Noth es +wagte, Berufung an sein Volk einzulegen, denn das Volk war noch +erhitzter als seine Repräsentanten. Das Unterhaus, so unzufrieden es +auch war, enthielt eine größere Zahl von Cavalieren, als nach aller +Wahrscheinlichkeit jemals wieder darin sitzen würden, aber man gedachte +durch eine Auflösung die Anklage gegen den Lord Schatzmeister zu +sistiren, durch welche alle strafwürdigen Geheimnisse der französischen +Allianz an’s Licht kommen, und dem König persönliche Verlegenheit und +Widerwärtigkeit bereiten mußten. Das Parlament wurde daher im Januar des +Jahres 1679 aufgelöst. — Es hatte seit Anfang des Jahres 1661 +bestanden, — und eine allgemeine Wahl wurde angeordnet.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Erste allgemeine Wahl von 1679.</span> +<a name = "secII_43" id = "secII_43">Während</a> mehrerer Wochen wurde +der Wahlkampf im ganzen Lande mit beispielloser Heftigkeit und +<span class = "pagenum">II.59</span> +<a name = "pageII_59" id = "pageII_59"> </a> +Hartnäckigkeit geführt, bedeutendere Summen als je zuvor wurden auf +denselben verwandt, und ganz neue Kunstgriffe in Anwendung gebracht. Die +Verfasser von Flugschriften aus damaliger Zeit erwähnen als etwas ganz +Außergewöhnliches, daß mit großen Kosten Pferde zur Beförderung der +Wähler gemiethet wurden. Der Kunstgriff, Freisassengüter zu zerstückeln, +um die Wahlstimmen zu vervielfältigen, verdankt jenem merkwürdigen +Kampfe seine Entstehung. Dissenterprediger, welche sich vor der +Verfolgung in stille, entlegene Winkel geflüchtet hatten, kamen jetzt +aus ihren Schlupfwinkeln hervor und wanderten auf den Dörfern umher, um +den Eifer des zerstreuten Volkes Gottes wieder anzufachen. Die Fluth +stieg hoch gegen die Regierung. Die meisten der neugewählten Mitglieder +kamen in einer Stimmung nach Westminster, welche nicht sehr von der +ihrer Vorgänger abwich, welche Strafford und Laud in den Tower gesperrt +hatten.</p> + +<p>Mittlerweile wurden die Gerichtshöfe, welche auch während der +politischen Unruhen Zufluchtsstätten für die Schuldlosen aller Parteien +sein sollen, durch niedrigere Leidenschaften und gemeinere Bestechungen +entehrt, als selbst bei den Wahlumtrieben vorkamen. Die Erzählung des +Oates, hätte sie auch vermocht das ganze Lande in wilde Aufregung zu +bringen, würde ohne ein anderes Zeugniß nicht hingereicht haben, den +unbedeutendsten der Angeklagten zu verderben, indem nach dem alten +englischen Rechte zwei Zeugen erforderlich sind, um eine Anklage auf ein +schweres Verbrechen zu begründen. Indeß der günstige Erfolg des ersten +Schurken blieb nicht ohne seine natürlichen Folgen. Binnen wenigen +Wochen hatte sich derselbe aus Armuth und Dunkelheit zu Reichthum und +Macht emporgeschwungen, welche ihn Prinzen und Edelleuten gefährlich +machten, und eine Berühmtheit erlangt, die für gemeine Seelen den ganzen +Reiz des wahren Ruhmes hat. Er blieb nicht lange ohne Beihilfe und +Genossenschaft. Ein schlechter Mensch, mit Namen Carstairs, der in +Schottland sein Leben dadurch fristete, daß er verkleidet Conventikel +besuchte, und dann die Prediger denuncirte, ging voran. Bedloe, ein +bekannter Schwindler, folgte, und bald drangen aus allen Bordellen, +Spielhöllen und Bierhäusern Londons käufliche Zeugen hervor, um +Katholiken durch ihre erlogenen Aussagen um’s Leben zu bringen. Einer +wußte eine Geschichte von einer Armee zu erzählen, die aus +dreißigtausend Mann als Pilger verkleideten Soldaten bestehend sich in +Corunna versammeln, und von da nach Wales segeln sollte; einem Anderen +hatte man die Heiligsprechung und fünfhundert Pfund geboten, wenn er den +König ermorden wollte; ein Dritter hatte beim Besuche eines Speisehauses +in Coventgarden gehört, wie ein angesehener, katholischer Banquier in +Gegenwart aller Gäste und Kellner gelobte, den ketzerischen Tyrannen +um’s Leben zu bringen. Oates, um von seinen Nachfolgern nicht +übertroffen zu werden, fügte seiner ursprünglichen Geschichte einen +bedeutenden Nachtrag hinzu. Er besaß die beispiellose Unverschämtheit, +unter Anderem zu versichern, er habe einst, als er hinter einer offenen +Thür gestanden, die Königin sagen hören, sie sei entschlossen in die +Ermordung ihres Gemahls zu willigen. Selbst solche Erfindungen glaubte +das Volk, und der Richterstand des Landes that als glaube er sie auch. +Die höchsten Justizpersonen des Reichs waren bestochen, unmenschlich und +furchtsam, und die Leiter der Vaterlandspartei unterstützten nach +Kräften die herrschende Verblendung. Die achtbarsten Mitglieder +derselben waren in der That selbst so befangen, daß sie den +<span class = "pagenum">II.60</span> +<a name = "pageII_60" id = "pageII_60"> </a> +größeren Theil der Beweise für die Verschwörung nicht bezweifelten. +Männer wie Shaftesbury und Buckingham wußten natürlich, daß die ganze +Sache ein Roman sei, aber ein Roman, der ihnen zusagte, denn ihrem +verhärteten Gewissen war der Tod eines unschuldigen Menschen eben so +gleichgültig, als der Tod eines Feldhuhns. Die Geschwornen standen unter +dem Einflusse der Gefühle, welche damals die ganze Nation beherrschten, +und wurden von der Richterbank ermuthigt, diesen Gefühlen freien Lauf zu +lassen. Das Volk überschüttete Oates und sein Gelichter mit Beifall, +schrie und lärmte gegen die Zeugen, welche zu Gunsten der Angeklagten +auftraten und jubelte vor Freude, wenn eine Verurtheilung ausgesprochen +ward. Vergeblich wiesen die Dulder auf die Unbescholtenheit ihres +früheren Lebens hin, denn die öffentliche Meinung war von dem +Vorurtheile befangen, daß ein Katholik, je gewissenhafter er sei, um so +eher gegen die protestantische Regierung complottiren werde. Vergebens +behaupteten sie noch in dem Augenblicke, wo der Karren unter ihren Füßen +weggezogen ward, ihre völlige Unschuld, denn es galt die Meinung, daß +ein guter Katholik alle Unwahrheiten, durch die er seiner Kirche diente, +nicht nur als verzeihlich sondern sogar als verdienstlich ansehe.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Heftigkeit des neuen Hauses der Gemeinen.</span> +<a name = "secII_44" id = "secII_44">Während</a> unter der Form der +Gerechtigkeit unschuldiges Blut in Strömen vergossen wurde, trat das +neue Parlament zusammen, und die Heftigkeit der überwiegenden Partei war +so groß, daß selbst Männer, deren Jugend unter Revolutionen verstrichen +war, Männer, die sich der Verurtheilung Straffords, des Attentats auf +die fünf Mitglieder, der Beseitigung des Hauses der Lords und der +Hinrichtung des Königs erinnerten, mit größter Besorgniß auf den Zustand +der Dinge blickten. Die Anklage Danby’s wurde wieder aufgenommen. Er bat +um die königliche Gnade, aber die Gemeinen wiesen dieses Gesuch mit +Verachtung zurück und verlangten die Fortsetzung des Processes. Um Danby +war es ihnen übrigens eigentlich gar nicht zu thun; sie waren überzeugt, +daß das einzige wirksame Mittel, die Freiheit und Religion Englands zu +retten, darin bestehe, daß man den Herzog von York vom Throne +ausschließe.</p> + +<p>Der König befand sich in großer Verlegenheit. Er hatte seinen Bruder, +dessen Anblick allein schon das Volk zu wahnsinniger Wuth entflammte, +veranlaßt, auf einige Zeit nach Brüssel zu gehen, aber dieses +Zugeständniß schien keinen besonders günstigen Eindruck gemacht zu +haben. Die Partei der Rundköpfe hatte offenbar das Übergewicht. Zu +dieser Partei gehörten Millionen, welche zur Zeit der Revolution auf +Seiten der Prärogative gestanden. Unter den alten Cavalieren fürchteten +Viele das Papstthum; und Andere, die sich noch immer mit Bitterkeit der +Undankbarkeit des Fürsten erinnerten, dem sie so viel geopfert, blickten +auf sein Unglück eben so gleichgültig hin, wie er einst auf das ihrige. +Selbst die anglikanische Geistlichkeit, durch den Abfall des Herzogs von +York gekränkt und beunruhigt, unterstützte die Opposition insoweit, daß +sie in das allgemeine Geschrei gegen die Römisch-Katholischen von Herzen +einstimmte.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Temple’s Regierungs­system.</span> +<a name = "secII_45" id = "secII_45">In</a> dieser höchsten Bedrängniß +nahm der König seine Zuflucht zu Sir William Temple. Von allen +Staats­männern jener Zeit hatte Temple sich den Ruf eines redlichen +Mannes erhalten. Die Tripleallianz war sein Werk, er hatte sich +geweigert, +<span class = "pagenum">II.61</span> +<a name = "pageII_61" id = "pageII_61"> </a> +an der Politik der Cabale Theil zu nehmen, und so lange dieses Cabinet +die Angelegenheiten des Staates leitete, war er in stiller +Zurückgezogenheit geblieben. Auf den Ruf Danby’s war er aus seiner +Einsamkeit hervorgetreten, hatte den Frieden zwischen Holland und +England vermittelt, und große Thätigkeit bei dem Zustandebringen der +Vermählung der Prinzessin Maria mit ihrem Vetter, dem Prinzen von +Oranien, entwickelt. So sah Jedermann in ihm den Schöpfer des wenigen +Guten, das die Regierung seit der Restauration vollbracht, und von den +vielen Verbrechen und Irrthümern der letzten achtzehn Jahre konnte ihm +keines zur Last gelegt werden. Sein Privatleben, wenngleich nicht +streng, war anständig, seine Manieren waren volksthümlich, und es war +nicht möglich ihn durch Titel oder Geld zu bestechen. Etwas fehlte +allerdings an dem Charakter dieses vortrefflichen Staats­mannes: +seine Vaterlandsliebe besaß keinen hohen Wärmegrad. Seine persönliche +Ruhe und Würde ging ihm über Alles, und er schrak mit kleinmüthiger +Furcht vor jeder Verantwortlichkeit zurück. Seine Gewohnheiten waren +nicht geeignet, ihn in den Parteikämpfen Englands eine Rolle spielen zu +lassen. Er war fünfzig Jahre alt geworden, ohne jemals im Parlamente +gesessen zu haben, und seine Geschäfts­erfahrungen hatte er fast +ausschließlich fremden Höfen gesammelt. Man hielt ihn mit Grund für +einen der ersten Diplomaten Europa’s, aber die Talente und Fertigkeiten +eines Diplomaten sind himmelweit verschieden von denjenigen, welche +einen Staatsmann befähigen, in aufgeregter Zeit das Haus der Gemeinen zu +leiten.</p> + +<p>Der Plan, den er in Anregung brachte, verrieth viel Geist. Wenn auch +kein tiefer Denker, so hatte er doch mehr als die meisten +Geschäftsmänner über die allgemeinen Regierungs­grundsätze +nachgedacht, und sein geistiger Blick war durch Geschichts­studien +und Aufenthalt im Auslande sehr umfassend geworden. Er scheint klarer +als die meisten seiner Zeitgenossen den Grund der Schwierigkeiten +erkannt zu haben, welche die Regierung bedrängten. Der Charakter der +englischen Staats­verfassung fing an, sich zu verändern, das +Parlament erhob, wenn auch langsam, doch unaufhörlich, seine Macht über +die der Prärogative. Die Grenze zwischen der gesetzgebenden und der +executiven Gewalt war in der Theorie so genau abgemessen wie jemals, +aber in der Praxis schwand sie mehr und mehr. Nach der Theorie der +Verfassung hatte der König selbst seine Minister zu wählen; das Haus der +Gemeinen aber hatte nach einander Clarendon, die Cabale und Danby von +der Leitung der Staats­geschäfte entfernt. Nach der Theorie der +Verfassung hatte der König allein das Recht, über Krieg und Frieden zu +entscheiden; er war durch das Haus der Gemeinen gezwungen worden, +Frieden mit Holland zu schließen, und es hätte ihn fast dazu getrieben, +Krieg mit Frankreich zu beginnen. Nach der Theorie der Verfassung stand +dem Könige allein die Entscheidung in Fällen zu, wo es sich um +Begnadigungen handelte; er hatte aber eine solche Furcht vor dem Hause +der Gemeinen, daß er es nicht wagen durfte, Männer vom Galgen zu retten, +von denen er gar wohl wußte, daß sie als unschuldige Opfer des Meineids +fielen. Es scheint, daß Temple die Absicht hatte, der Gesetzgebung ihre +unzweifelhaft verfassungs­mäßigen Gewalten zu belassen, und sie +zugleich, wenn möglich, zu verhindern, Übergriffe in das Gebiet der +ausübenden Verwaltung zu thun. Zu diesen Zwecke beschloß er, zwischen +den Landesherrn und das Parlament einen Körper zu stellen, welcher im +Stande wäre, die Heftigkeit ihres Zusammenstoßes +<span class = "pagenum">II.62</span> +<a name = "pageII_62" id = "pageII_62"> </a> +zu mildern. Es existirte ein altes, ehrenwerthes, von dem Gesetze +sanctionirtes Institut, das nach seiner Meinung zu diesem Zwecke +umgestaltet werden konnte. Er beschloß, dem Geheimen Rathe einen neuen +Charakter und eine neue Bestimmung in der Verfassung zu verleihen. Die +Zahl der Räthe wurde auf dreißig bestimmt, funfzehn davon sollten die +ersten Beamten des Staates, der Rechtspflege und der Kirche sein, die +anderen funfzehn sollten aus Adeligen und Herren bestehen, die sich in +keinem Amte befanden, aber ein großes Vermögen besaßen und eines hohen +Ansehens genossen. Ein engeres Kabinet sollte nicht bestehen. Diese +dreißig sollten mit allen Staats­geheimnissen betraut und zu jeder +Versammlung berufen werden, der König aber sich verpflichten, bei allen +Gelegenheiten ihrem Rathe Folge zu leisten.</p> + +<p>Temple scheint von der Ansicht ausgegangen zu sein, durch diese +Einrichtung sei die Nation gegen die Tyrannei der Krone, und diese gegen +die Übergriffe des Parlaments geschützt. Einmal war es nicht +wahrscheinlich, daß Pläne, wie sie die Cabale gefaßt hatte, in einer +Versammlung von dreißig Männern, die zur Hälfte durch keine Bande des +Interesses an den Hof geknüpft waren, auch nur in Vorschlag gebracht +werden könnten, und dann ließ sich hoffen, daß ein solcher Rath den +Gemeinen eine Bürgschaft gegen schlechte Regierung sein, und sie sich +mehr als bisher geschehen auf ihre streng gesetzgebenden Functionen +beschränken und es für weniger nöthig erachten würden, ihren Blick auf +alle Theile der executiven Verwaltung zu richten.</p> + +<p>Dieser Plan, obschon in verschiedener Hinsicht der Fähigkeiten seines +Schöpfers nicht unwürdig, war im Princip mangelhaft. Die neue Behörde +war halb Kabinet, halb Parlament, und wie jede Entdeckung in der +Mechanik oder Politik, welche zu zwei von einander abweichenden Zwecken +benutzt werden soll, konnte sie keinen erreichen. Für eine gute Behörde +war sie zu groß und zu getheilt, sie war zu eng mit der Krone verknüpft, +um dieselbe überwachen zu können, und enthielt genug populäre Elemente, +sie zu einem nicht eben guten Staatsrathe zu machen, unfähig Geheimnisse +zu bewahren, difficile Verhandlungen zu leiten, und Krieg zu führen. Und +doch war das populäre Element nicht hinreichend, um das Volk gegen +fehlerhafte Verwaltung zu schützen. Der Plan konnte deshalb, selbst wenn +man die Absicht gehabt hätte, ihn die Probe bestehen zu lassen, sich +nicht vortheilhaft bewähren, ihn aber die Probe bestehen zu lassen, dazu +fehlte der gute Wille. Der König war unzuverlässig und treulos, das +Parlament ohne Besonnenheit und Billigkeit, und die Personen, aus denen +man den neuen Rath bilden wollte, obschon vielleicht die besten, welche +in jener Zeit zu haben waren, trotzdem noch immer unbrauchbar genug.</p> + +<p>Der Beginn des neuen Systems erregte allgemeine Freude, denn das Volk +war der Meinung, jede Veränderung müsse auch eine Verbesserung sein; +auch war es mit einigen neuen Ernennungen zufrieden gestellt. +Shaftesbury, zur Zeit sein Liebling, wurde Lord Präsident, und Russel +nebst einigen anderen hervorragenden Mitgliedern der Vaterlandspartei +für den Geheimen Rath vereidet. Aber nach Verlauf von wenig Tagen war +Alles wieder in Verwirrung. Das Unpraktische des aus so vielen +Mitgliedern bestehenden Kabinets war so hervortretend, daß Temple selbst +einwilligte eine der von ihm festgestellten Grundregeln zu verletzen und +ein kleines Kollegium zu bilden, welches die wirkliche Leitung aller +<span class = "pagenum">II.63</span> +<a name = "pageII_63" id = "pageII_63"> </a> +Geschäfte besorgte. Dasselbe bestand neben ihm aus drei anderen +Ministern, Arthur Capel, Earl von Essex, Georg Savile, Viscount Halifax, +und Robert Spencer, Earl von Sunderland.</p> + +<p>Über den Earl von Essex, damaligen ersten Schatzcommissar, genügt es +zu sagen, daß er ein Mann von soliden, wenn auch nicht hervorragenden +Gaben, und ernster, melancholischer Gemüthsart war. Er hatte der +Vaterlandspartei angehört und wünschte damals aufrichtig, eine +Versöhnung zwischen dieser Partei und dem Throne zu vermitteln, welche +auch für den Staat günstig wäre.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Charakter des Halifax.</span> +<a name = "secII_46" id = "secII_46">Halifax</a> war unter den +Staats­männern jener Zeit an Genie der vorzüglichste. Er war +fruchtbaren, hellen und umfassenden Geistes. Seine feine, verständliche +und lebendige Beredtsamkeit, getragen von dem Silbertone seines +Sprachorgans, war der Stolz des Hauses der Lords. Seine Conversation war +reich an Gedanken, Phantasie und Witz, und seine politischen +Abhandlungen sind es werth, wegen ihres wissenschaftlichen Verdienstes +studirt zu werden, und berechtigen ihn in vollem Maße, unter den +Klassikern Englands genannt zu werden. Mit der Bedeutung, zu der so +große und vielseitige Talente ihn erhoben, vereinigte er den ganzen +Einfluß, den Rang und Reichthum verliehen. Doch hatte er in seinem +politischen Wirken weniger glückliche Erfolge als Andere, welche sich +nicht so bedeutender Vorzüge rühmen konnten. Und in der That hinderten +ihn die genialen Eigenthüm­lichkeiten, welche seinen Schriften so +hohen Werth verleihen, sehr oft in den Streitigkeiten des praktischen +Lebens. Er betrachtete die Ereignisse des Tages nicht immer aus dem +Gesichtspunkte, wie sie sich Jemandem darstellen, der an ihnen lebhaften +Antheil nimmt, sondern aus dem, in welchem sie nach Jahren dem +philosophischen Schriftsteller erscheinen. Bei dieser Richtung des +Geistes konnte er unmöglich lange mit irgend einem Vereine von Männern +im Einverständniß bleiben. Alle Vorurtheile, alle Übertreibungen der +beiden großen Parteien erregten seinen Spott; er verabscheute die +elenden Kunstgriffe und das widerliche Geschrei der Demagogen; aber er +verachtete noch mehr die Lehre vom göttlichen Recht und dem passiven +Gehorsam. Ohne Rücksicht auf die Parteien spottete er über die +Bigotterie des Puritaners wie über die des Anhängers der Hofkirche. Es +war ihm unerklärlich, wie Jemand gegen Verehrung der Heiligen und +Chorhemden Bedenken tragen, oder einen Andern verfolgen könne, weil er +solche Bedenken trug. Seiner Gesinnung nach war er das, was man in +neuerer Zeit conservativ nennt, in der Theorie war er Republikaner. +Selbst wenn seine Furcht vor Anarchie und seine Verachtung des +verblendeten großen Haufens ihn veranlaßten, eine Zeitlang den +Vertheidigern der willkürlichen Gewalt beizustehen, so hielt doch sein +Verstand immer zu Locke und Milton. Freilich waren seine Witze über +erbliche Monarchie bisweilen der Art, daß sie sich besser für den +Theilnehmer eines Kalbskopf-Clubs als für ein Mitglied des Geheimen +Rathes der Stuarts geschickt hätten. In der Religion war er nichts +weniger als ein Eiferer, so daß er von lieblosen Leuten Atheist genannt +wurde; doch diesen Vorwurf wies er mit Abscheu zurück, und er scheint in +der That trotz des Ärgernisses, das er bisweilen durch Anwendung seiner +seltenen Gaben auf witzige Erörterungen ernster Gegenstände gab, +durchaus nicht ohne Empfänglichkeit für religiöse Eindrücke gewesen zu +sein.</p> + +<p>Er war das Haupt derjenigen Staats­männer, welche die beiden +großen +<span class = "pagenum">II.64</span> +<a name = "pageII_64" id = "pageII_64"> </a> +Parteien verächtlich „Trimmer“ nannten; anstatt aber über diesen +Spottnamen entrüstet zu sein, betrachtete er ihn als einen Ehrentitel, +und vertheidigte mit großem Eifer die Würde desselben. „Das Gute hält +zwischen den Extremen die Mitte“, pflegte er zu sagen. „Die gemäßigte +Zone befindet sich zwischen dem Klima, wo die Menschen geröstet werden, +und dem, in welchem sie erfrieren. Die englische Kirche hält die Mitte +zwischen der anabaptistischen Überspanntheit und der papistischen +Trägheit. Die englische Verfassung hält die Mitte zwischen türkischem +Despotismus und polnischer Anarchie. Tugend ist blos das rechte Maß +zwischen den Neigungen, von denen jede, wenn man ihr zu sehr nachhängt, +ein Laster wird; ja die Vollkommenheit des höchsten Wesens sogar besteht +in dem genauesten Gleichgewicht von Eigenschaften, deren keine +überwiegen dürfte, ohne die ganze moralische und physische Weltordnung +zu stören.“<a class = "tag" name = "tagII_4" id = "tagII_4" href = +"#noteII_4">4</a> So war Halifax ein Trimmer aus Grundsatz; er war es +aber auch nach der Verfassung von Kopf und Herzen. Sein Geist war +scharf, skeptisch, unerschöpflich fruchtbar an Unterscheidungen und +Einwendungen, sein Geschmack fein, sein Sinn für das Komische bedeutend, +sein Charakter friedlich und zur Versöhnung geneigt, aber dabei stolz +und ebensowenig zur Feindschaft als zur enthusiastischen Bewunderung +fähig. Ein solcher Mann konnte ebenfalls unmöglich auf die Dauer bei +irgend einem Vereine politischer Bundesgenossen ausharren; doch darf man +ihn nicht nach dem großen Haufen der Renegaten beurtheilen. Denn ob er +gleich, wie diese, von einer Seite auf die andere trat, so fand dieser +Übertritt doch stets nach entgegengesetzter Richtung wie die ihrige +statt. Er hatte nichts mit denen gemein, welche von einem Extrem zum +andern überspringen und die von ihnen verlassene Partei mit einem Hasse +betrachten, welcher den gegen beständige Feinde weit übertrifft, er +hielt die Mitte zwischen den feindlichen Parteien, und hütete sich, die +Grenze zu überschreiten, welche dieselben trennte. Die Partei, der er +sich eine Zeitlang anschloß, war diejenige, welche ihm eben am wenigsten +zusagte, weil es die Partei war, von der er die nächste Kenntniß hatte. +Er zeigte daher stets Strenge gegen seine heftigen Genossen, und stand +jederzeit in freundlichem Vernehmen mit seinen gemäßigten Gegnern. Jede +Partei konnte am Tage ihres übermüthigen und rachsüchtigen Triumphes +seines Tadels sich versichert halten, und jeder besiegten und verfolgten +Partei war er ein Beistand. Es darf zu seiner steten Ehre nicht +unerwähnt bleiben, daß er bemüht war, die Opfer zu retten, deren +Schicksal einen unverlöschlichen Flecken auf den Namen der Whigs sowohl +wie der Tories geworfen hat.</p> + +<p>Er hatte sich durch seine Opposition so bemerkbar gemacht, und +dadurch das königliche Mißfallen in so hohem Grade auf sich gezogen, daß +er nicht ohne viele Umständlichkeiten und Streitigkeiten in den Rath der +Dreißig gelangte, kaum hatte er aber am Hofe Fuß gefaßt, so machten ihn +die Liebenswürdigkeit seines Auftretens und seiner Unterhaltung zum +Günstling. Die heftige Mißstimmung des Volkes beunruhigte ihn ernstlich, +er glaubte, daß wohl die Freiheit vorläufig gesichert sei, die +öffentliche Ordnung und gesetzliche Gewalt aber in Gefahr wären. Aus +diesem +<span class = "pagenum">II.65</span> +<a name = "pageII_65" id = "pageII_65"> </a> +Grunde stellte er sich, nach seiner gewöhnlichen Art, auf die Seite der +Schwächeren. Möglicherweise war seine Bekehrung nicht ganz frei von +Eigennutz, denn obgleich Studium und Nachdenken ihn von manchen +gewöhnlichen Vorurtheilen zurückgebracht hatten, so war er doch ein +Sklave niederer Gelüste geblieben. An Geld litt er keinen Mangel, und +man kann ihn nicht beschuldigen, daß er es jemals auf Wegen sich +verschafft hätte, welche auch von dem strengsten Richter jener Zeit für +verwerflich erklärt worden wären, aber Rang und Macht hatten für ihn +viel Lockendes. Er versicherte zwar, daß Titel und hohe Ämter nur Köder +für Thoren seien, daß er Geschäfte, Pracht und Pomp verachte und es sein +innigster Wunsch sei, aus dem lauten Treiben und Glanze von Whitehall in +die stillen Wälder sich zurückzuziehen, welche seinen alten Sitz von +Rufford umgaben, aber sein Benehmen stand zu diesen Erklärungen in +vollem Widerspruch. In Wahrheit wünschte er von Hofleuten und +Philosophen bewundert zu werden, weil er zu hohen Würden sich +emporgeschwungen hatte und er dieselben doch zugleich verachtete.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteII_4" id = "noteII_4" href = "#tagII_4">4.</a> +Man wird erkennen, daß ich Halifax für den Verfasser, oder wenigstens +für einen der Verfasser der Schrift: <span class = "antiqua">„Character +of a Trimmer“</span> halte, welche eine Zeitlang seinem Vetter Sir +William Coventry zugeschrieben wurde.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Charakter Sunderlands.</span> +<a name = "secII_47" id = "secII_47">Sunderland</a> war +Staats­sekretair. Dieser Mann war ein verkörpertes Bild der +politischen Sittenlosigkeit seiner Zeit. Er besaß einen durchdringenden +Verstand, ein geschäftiges, boshaftes Temperament, ein fühlloses Herz +und einen gemeinen Sinn. Sein Charakter hatte eine Schule von Lastern +durchgemacht, welche darin zur üppigsten Reife gediehen waren. Bei +seinem Eintritt in das öffentliche Leben hatte er verschiedene Jahre auf +auswärtigen diplomatischen Stationen zugebracht, und einige Jahre als +Gesandter in Frankreich gelebt. Jeder Beruf ist seinen besonderen +Versuchungen unterworfen, und es wird Niemand in seinem Rechte verletzt, +wenn man behauptet, daß die Diplomaten, als Klasse betrachtet, sich von +jeher durch ihre Geschmeidigkeit, durch die Geschicklichkeit, mit der +sie sich des Vertrauens derjenigen bemächtigen, mit denen sie zu thun +haben, und durch die Leichtigkeit mit der sie den Ton jeder +Gesellschaft, in der sie sich bewegen, zu treffen wissen, mehr +ausgezeichnet haben, als durch edlen Enthusiasmus oder strenge +Rechtschaffenheit, und die Beziehungen zwischen Karl und Ludwig waren +von der Art, daß kein englischer Cavalier lange als Gesandter in +Frankreich sein konnte, ohne alle patriotischen und redlichen +Gesinnungen zu verlieren. Sunderland ging aus dieser bösen Schule, in +der er gebildet worden, listig, geschmeidig, schamlos, frei von jedem +Vorurtheile und aller Grundsätze bar hervor. Seine erbliche Verbindung +machte ihn zum Cavalier, sonst aber hatte er nichts mit den Cavalieren +gemein. Sie waren mit vollem Herzen monarchisch gesinnt und verdammten +in der Theorie jeden Widerstand, aber in ihrer Brust schlugen trotzige +englische Herzen, welche wirklichen Despotismus nicht geduldet hätten. +Er hingegen fand ein schwaches, berechnetes Gefallen an republikanischen +Staats­einrichtungen, das sich mit der vollkommenen Bereitwilligkeit +vertrug, im praktischen Leben das ergebenste Werkzeug willkürlicher +Macht zu sein. Gleich anderen vollendeten Schmeichlern und Unterhändlern +war er weit geschickter in der Kunst, Charaktere zu durchschauen und auf +ihre Schwächen Pläne zu gründen, als er vermochte, die Gefühle der +Massen zu erkennen, und den Heranzug großer Umwälzungen vorauszusehen. +Äußerst gewandt in der Intrigue, war es selbst für kluge und +erfahrungsreiche Männer, welche seine Treulosigkeit im Voraus kannten, +keine leichte Aufgabe, dem Zauber seiner Manieren zu widerstehen und +seinen Versicherungen +<span class = "pagenum">II.66</span> +<a name = "pageII_66" id = "pageII_66"> </a> +der Ergebenheit zu mißtrauen. Aber bei seiner Anstrengung, Einzelne zu +studiren und für sich einzunehmen, vergaß er die Stimmung des Volkes zu +beobachten, weshalb er sich in Bezug auf die wichtigsten Ereignisse +seiner Zeit sehr oft täuschte. Jede wichtige Bewegung und jeder Umschlag +der öffentlichen Meinung überraschte ihn, und die Welt, der es +unbegreiflich war, wie ein so ausgezeichneter Mann oft Dinge nicht +erkannte, die der Kaffeehauspolitik klar waren, hielt seine Maßregeln +bisweilen für tief durchdachte Pläne, während es in der That nur +gewaltige Fehler waren.</p> + +<p>Seine vorzüglichsten Fähigkeiten zeigten sich bei +Privat­unter­handlungen. Im königlichen Kabinet, sowie in +kleineren Kreisen besaß er einen außerordentlichen Einfluß, in der +Rathsversammlung aber war er schweigsam und im Hause der Lords kam kein +Laut über seine Lippen.</p> + +<p>Die vier vertrauten Räthe der Krone erkannten sehr bald, daß sie eine +verantwortliche und gehässige Stellung einnahmen. Die übrigen +Rathsmitglieder murrten über eine Bevorzugung, die sich mit den +Versprechungen des Königs nicht vereinigen ließ, und einige derselben, +mit Shaftesbury an der Spitze, machten im Parlamente wieder die +eifrigste Opposition. Die Aufregung, welche die letzten Veränderungen +beseitigt hatten, trat heftiger als jemals hervor. Der bestürzte Karl +versprach den Gemeinen umsonst jede Sicherstellung der protestantischen +Religion, die sie nur immer verlangten, unter der einzigen Bedingung, +daß sie sich nicht an der Thronfolgeordnung vergriffen; sie wollten von +keinem Vergleiche hören, Ausschließungsbill war ihr Ruf, nichts als +Ausschließungsbill! Der König verfügte sich daher, einige Wochen nach +seiner öffentlichen Versicherung, keinen Schritt ohne Wissen seines +Geheimen Raths zu thun, in das Haus der Lords, ohne dem Rathe das +Geringste davon mitgetheilt zu haben, und vertagte das Parlament.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Prorogation des Parlaments.</span> +<a name = "secII_48" id = "secII_48">Der</a> Tag dieser Prorogation, der +26. Mai 1679, bildet einen wichtigen Abschnitt in unserer Geschichte, +indem an demselben die Habeas-Corpus-Akte die königliche Zustimmung +empfing. Seit der Magna Charta war das Recht in Betreff der persönlichen +Freiheit der Engländer in seinen materiellen Bestandtheilen fast +dasselbe, was es zu unserer Zeit ist, aber in Ermangelung eines +thatkräftigen Systems, und einer geschickten Handhabung desselben hatte +es sich bis jetzt ohne Wirkung gezeigt. Man brauchte kein neues Recht, +sondern nur ein gutes gründliches Schutzmittel, und solches war die +Habeas-Corpus-Akte.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Habeas-Corpus-Akte.</span> +<a name = "secII_49" id = "secII_49">Der</a> König würde ohne Zweifel +die Genehmigung dieses Gesetzes mit Freuden versagt haben, aber er +beabsichtigte über die Successionsfrage vom Parlamente an das Volk zu +appelliren, und durfte es in diesem äußerst wichtigen Moment nicht +wagen, eine Bill zurückzuweisen, welche so außerordentlich populär +war.</p> + +<p>An diesem Tage wurde die englische Presse auf eine kurze Zeit frei. +In früheren Zeiten standen die Drucker unter strenger Beaufsichtigung +des Gerichtshofes der Sternkammer. Das Lange Parlament hatte dieselbe +zwar aufgelöst, aber trotz der philosophischen und dringenden Einwürfe +Miltons die Censur eingeführt und aufrecht erhalten. Kurz nach der +Restauration ging eine Akte durch, welche den Druck nicht genehmigter +Bücher untersagte, und man hatte beschlossen, daß diese Akte bis zum +Schluß der ersten Session des nächsten Parlaments in Kraft bleiben +<span class = "pagenum">II.67</span> +<a name = "pageII_67" id = "pageII_67"> </a> +solle. Dieser Zeitpunkt war jetzt da, und die Presse wurde in dem +Augenblicke frei, als der König die Häuser vertagte.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Zweite Allgemeine Wahl von 1679.</span> +<a name = "secII_50" id = "secII_50">Kurz</a> nach der Prorogation fand +die Auflösung und eine allgemeine Neuwahl statt. Der Eifer und die Macht +der Opposition waren außerordentlich, und das Geschrei nach der +Ausschließungsbill ertönte lauter wie früher; auch vereinigte sich mit +diesem Geschrei ein anderes, welches das Blut der Menge in Aufregung +versetzte, aber von allen vernünftigen Freunden der Freiheit mit Schmerz +und Besorgniß vernommen wurde. Es wurden nicht blos die Rechte des +Herzogs von York, eines ausgemachten Katholiken, sondern auch die seiner +beiden Töchter, aufrichtiger und eifriger Protestantinnen, angegriffen, +und mit Bestimmtheit behauptet, der älteste natürliche Sohn des Königs +sei von ehelicher Geburt und der gesetzmäßige Erbe der Krone.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Popularetät Monmouths.</span> +<a name = "secII_51" id = "secII_51">Als</a> Karl noch auf dem Continent +als Wanderer lebte, lernte er im Haag Lucie Walters, ein wallisisches +Mädchen kennen, welche zwar außerordentlich schön, aber dabei +beschränkten Geistes und sittenlos war. Sie wurde seine Maitresse, und +bald darauf Mutter eines Sohnes, gegen dessen Echtheit ein +eifersüchtiger Liebhaber wohl Bedenken erhoben haben würde, denn die +Dame hatte verschiedene Anbeter, und es wurde behauptet, daß sie gegen +keinen derselben unerbittlich sei. Karl glaubte jedoch ihren Worten, und +äußerte gegen den kleinen Jakob Crofts, wie das Kind genannt wurde, eine +ungemeine Zärtlichkeit, welche bei diesem kalten, sorglosen Charakter +höchst überraschend erscheint. Bald nach der Restauration kam der junge +Liebling, welcher in Frankreich die Erziehung eines vollkommenen +Gentleman genossen, nach Whitehall. Er bezog eine Wohnung im Palaste, +erhielt Pagen zur Bedienung, und genoß verschiedene Bevorzugungen, +welche bisher nur Prinzen von Geblüt zu Theil geworden waren. Noch in +zarter Jugend vermählte man ihn mit Anna Scott, der Erbin des edlen +Hauses der Buccleuch. Er nahm den Namen seiner Gemahlin an, und trat +durch diese Verbindung in den Besitz sehr bedeutender Güter, so daß man +das Vermögen, welches er besaß, auf nicht weniger als zehntausend Pfund +jährlicher Einkünfte schätzte. Er wurde mit Titeln und Gunstbezeugungen, +von einträglicherer Art als Titel, förmlich überschüttet. Man ernannte +ihn zum Herzog von Monmouth in England, zum Herzog von Buccleuch in +Schottland, zum Ritter des Hosenbandordens, Stallmeister, Befehlshaber +der ersten Abtheilung der Leibgarde, Oberrichter von Eyre, südlich vom +Trent, und Kanzler der Universität Cambridge. Im Volke gönnte man ihm +dieses Glück. Er besaß ein höchst einnehmendes Äußeres, dabei war er von +sanftem Gemüth und liebenswürdigem leutseligen Wesen. Obgleich ein +Wüstling, gewann er doch die Herzen der Puritaner und wenn es auch +allgemein bekannt war, daß er um den abscheulichen Angriff auf Sir John +Coventry gewußt, wurde es ihm doch nicht schwer, die Vergebung der +Vaterlandspartei zu erhalten. Selbst strenge Sittenrichter räumten ein, +daß an einem derartigen Hofe von einem Kinde, das mit einem Kinde +vermählt worden sei, strenge eheliche Treue sich nicht erwarten lasse, +und selbst Vaterlandsfreunde entschuldigten den heftigen Knaben, der +eine Beleidigung gegen seinen Vater mit übertriebener Rache vergalt. +Bald aber wurde der Schatten, den Liebschaften und nächtliche Streiche +auf seinen Charakter geworfen, durch ehrenvolle Handlungen verwischt. +Als Karl und Ludwig sich gegen Holland waffneten, +<span class = "pagenum">II.68</span> +<a name = "pageII_68" id = "pageII_68"> </a> +befehligte Monmouth die englischen Hilfstruppen, welche nach dem +Continent geschickt wurden, und zeigte sich als tapferer Soldat und als +tüchtiger Offizier. Bei seiner Zurückkunft war er der populärste Mann im +Königreiche. Man gewährte ihm Alles, mit Ausnahme der Krone, und selbst +diese schien für ihn nicht völlig unerreichbar zu sein. Die +Unterscheidung, welche man höchst unkluger Weise zwischen ihm und +Männern des höchsten Adels machte, war von üblen Folgen gewesen. Man +hatte ihn als Knaben aufgefordert, im Audienzzimmer bedeckt zu bleiben, +während Howards und Seymours mit entblößtem Haupte neben ihm standen. +Starb ein fremder Fürst, so trug Monmouth als Trauerkleid den langen +Purpurmantel, den kein anderer Unterthan als der Herzog von York und +Prinz Ruprecht anlegen durften. Natürlich mußten diese Dinge ihn +bestimmen, sich als einen legitimen Prinzen des Hauses Stuart zu +betrachten. Karl war noch in reiferem Alter seinen leichtsinnigen +Vergnügungen ergeben, ohne dabei auf seine Würde Rücksicht zu nehmen. Es +ließ sich wohl annehmen, daß er als Jüngling von zwanzig Jahren eine +förmliche Ehe mit einer Dame eingegangen, deren Schönheit ihn bezaubert +und die auf leichtere Bedingungen nicht zu gewinnen war. Als <ins class += "correction" title = "Original hat »Monmuth«">Monmouth</ins> noch ein +Kind war, und der Herzog von York noch für einen Protestanten gehalten +wurde, ging schon das Gerücht, nicht blos im Volke, sondern auch in +Kreisen, welche wohl unterrichtet sein konnten, daß der König mit Lucie +Walters vermählt, und wenn Jedem sein Recht würde, ihr Sohn Prinz von +Wales sei. Man sprach viel von einem schwarzen Kästchen, in welchem nach +dem Glauben des Volks der Ehevertrag enthalten sein sollte. Als Monmouth +aus den Nieder­landen heimkehrte, von wo er einen hohen Ruf +rücksichtlich seiner Tapferkeit und Führung mitbrachte, und als es +bekannt wurde, daß der Herzog von York Mitglied einer von der Menge +gehaßten Kirche sei, gewann diese müßige Geschichte Bedeutung, obgleich +nicht der geringste Beweis dafür vorhanden war. Gegen sie sprach die +feierliche Erklärung des Königs, welche er vor seinem Rathe abgegeben +und die auf seinen Befehl zur Kenntniß des Volkes gebracht worden war. +Aber die Menge, stets eingenommen für romantische Abenteuer, lieh der +Geschichte von der heimlichen Ehe und dem schwarzen Kästchen ein +geneigtes Ohr. Einige Häupter der Oppositionspartei wiederholten ihr +Verfahren, welches sie bei der gehässigeren Fabel des Oates beobachtet: +sie unterstützten eine Geschichte, die sie im Herzen verachten mußten. +Den Antheil, den die niederen Volksklassen an dem Manne nahmen, in +welchem sie den Vertheidiger der wahren Religion und legitimen Erben des +englischen Thrones erblickten, wußte man durch alle möglichen +Kunstgriffe aufrecht zu erhalten. Als Monmouth um Mitternacht in London +ankam, erhielten die Wächter von den Behörden Befehl, das frohe Ereigniß +in den Straßen der City auszurufen. Das Volk verließ seine Lagerstätten, +Freudenfeuer flammten, die Fenster wurden erleuchtet, die Kirchen +geöffnet und festliches Glockengeläute ertönte von allen Thürmen. Wenn +er sich auf der Reise befand, kam man ihm mit nicht geringerer Pracht +und Begeisterung entgegen, als sie bei Umzügen der Herrscher durch ihr +Reich zur Schau getragen werden. Von einem Schlosse zum anderen gaben +ihm lange berittene Züge bewaffneter Gentlemen und Freisassen das +Ehrengeleite, und aus den Städten strömte die ganze Bevölkerung zu +seinem Empfange herbei. Die Wähler drängten sich an seine Seite, mit der +lauten Versicherung, daß er über ihre Stimmen +<span class = "pagenum">II.69</span> +<a name = "pageII_69" id = "pageII_69"> </a> +zu verfügen habe. Sein Stolz war zu einer solchen Höhe gestiegen, daß er +nicht nur in seinem Wappen die Löwen von England und die französischen +Lilien, jedoch <em>ohne</em> den linken Querbalken — nach der +Heraldik ein Zeichen illegitimer Geburt — führte, sondern es sogar +wagte, des „Königs Krankheit“ (Scropheln, Kröpfe) durch Berührung zu +heilen. Zu gleicher Zeit verabsäumte er keinen Kunstgriff der +Herablassung, der ihm die Liebe der Massen erwerben konnte. Er stand bei +den Kindern der Landleute Gevatter, machte ländliche Lustbarkeiten mit, +versuchte sich im Ringkampf oder mit dem Kampfstock und erreichte beim +Wettlauf das Ziel eher in seinen Stiefeln, als flinke Läufer dasselbe in +Schuhen.</p> + +<p>Es ist eine seltsame Erscheinung, daß an zwei großen Wendepunkten +unserer Geschichte die Häupter der protestantischen Partei in gleichen +Irrthum verfielen und durch denselben ihr Vaterland und ihre Religion in +große Gefahr brachten. Als Eduard VI. gestorben war, erklärten sie +sich für die Lady Johanna, welche keinen Schein eines Geburtsrechts +besaß, und stellten sie nicht allein ihrer Feindin Maria entgegen, +sondern auch der Elisabeth, der wahren Hoffnung Englands und der +protestantischen Kirche. Hierdurch wurden die geachtetsten Protestanten +mit Elisabeth an der Spitze gezwungen, sich mit den Katholiken zu +vereinigen. In derselben Art griff hundert­dreißig Jahre später ein +Theil der Opposition, indem er Monmouth als Thronfolger aufstellte, +nicht nur die Rechte Jakobs an, den sie als einen Feind ihres Glaubens +und ihrer Freiheiten kannten, sondern auch die des Prinzen und der +Prinzessin von Oranien, welche sowohl durch ihre Stellung, wie durch +persönliche Vorzüge zu Vertheidigern aller freien Verfassungen und +reformirten Kirchen ausersehen waren.</p> + +<p>Nach wenigen Jahren zeigte sich die Thorheit dieses Verfahrens. Vor +der Hand beruhte auf der Popularetät Monmouths größtentheils die Stärke +der Opposition. Die Wahlen fielen gegen den Hof aus, der Tag, an welchem +die Häuser zusammentreten sollten, rückte heran, und es wurde nöthig, +daß sich der König über den einzuschlagenden Weg entschied. Seine Räthe +vermeinten die ersten, leisen Symptome eines Umschwungs der öffentlichen +Stimmung zu erkennen, und lebten der Hoffnung, daß eine bloße +Verzögerung des Anpralls den Sieg herbeiführen würde. Daher faßte er den +Entschluß, ohne die Dreißig um Rath zu fragen, das neue Parlament noch +vor Beginn seiner Thätigkeit zu prorogiren. Dem Herzog von York, der von +Brüssel zurückgekehrt war, wurde Befehl gegeben, nach Schottland zu +gehen, und die Verwaltung dieses Königreichs zu übernehmen.</p> + +<p>Temple’s Verfassungsplan war jetzt natürlich aufgegeben und bald +vergessen. Der Geheime Rath wurde wieder was er früher war, Shaftesbury +und seine politischen Glaubensgenossen verließen ihre Sitze. Temple +selbst kehrte, nach seiner Gewohnheit bei unruhigen Zeiten, zu seinem +Garten und seinen Büchern zurück. Essex verließ das Schatzamt und schloß +sich der Opposition an; Halifax aber, ärgerlich und voller Besorgniß +über die Voreiligkeit seiner alten Bundesgenossen, und Sunderland, der +niemals einen Posten aufgab so lange er ihn behalten konnte, verblieben +im königlichen Dienste.</p> + +<p>In Folge der Entlassungen, welche in dieser Conjunctur stattfanden, +war wiederum einer Reihe von Bewerbern der Weg zur Größe gebahnt. Zwei +Staats­männer, welche sich nachmals auf den höchsten Gipfel der +<span class = "pagenum">II.70</span> +<a name = "pageII_70" id = "pageII_70"> </a> +Macht, den ein britischer Unterthan erreichen kann, emporschwangen, +zogen bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Es waren dies +Lawrence Hyde und Sidney Godolphin.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Lawrence Hyde.</span> +<a name = "secII_52" id = "secII_52">Lawrence</a> Hyde war der zweite +Sohn des Kanzlers Clarendon und Bruder der verstorbenen Herzogin von +York. Er besaß vorzügliche Eigenschaften, welche durch parlamentarische +und diplomatische Erfahrungen ausgebildet waren, aber seine +Charakterlosigkeit verringerte die Kraft seiner Fähigkeiten. Obgleich +Diplomat und Höfling, hatte er nie seine Gemüthsbewegungen in der +Gewalt. Stolz und unverschämt im Glück, war er nicht im Stande, seine +tiefe Nieder­geschlagenheit zu verbergen, wenn ihn ein Unfall traf, +wodurch seinen Feinden der Triumph verdoppelt wurde. Unbedeutende +Angriffe genügten, seinen Zorn rege zu machen, und dann ließ er sich zu +den bittersten Bemerkungen hinreißen, welche er allerdings mit der +Abkühlung auch wieder vergaß, die aber nicht so bald aus dem +Gedächtnisse Anderer entwichen. Sein scharfer, Alles schnell +durchschauender Verstand würde ihn zu einem vollendeten Staatsmann +gemacht haben, wäre er nicht so dünkelhaft und reizbar gewesen. Seine +Schriften verrathen eine tüchtige Rednergabe, aber seine Empfindlichkeit +machte es ihm unmöglich, seine Talente in der Debatte zur Geltung zu +bringen, denn nichts war leichter als ihn aufzubringen, und von dem +Augenblick an, wo die Leiden­schaft­lichkeit in ihm die Oberhand +gewann, war er der Gnade von Gegnern preisgegeben, deren Fähigkeiten +tief unter den seinigen standen.</p> + +<p>Wie die meisten leitenden Staats­männer jener Zeit, war er ein +consequenter heftiger und erbitterter Parteimann, ein Cavalier der alten +Schule, ein eifriger Vertheidiger des Thrones und der Kirche und dabei +von Feindschaft gegen Republikaner und Nichtconformisten erfüllt. Er +besaß deshalb einen bedeutenden Kreis von persönlichen Anhängern; +namentlich der Clerus erblickte in ihm einen Mann, auf den man fest +rechnen konnte, und gewährte seinen Schwächen eine Nachsicht, deren er +auch in der That bedurfte, denn er war ein starker Trinker, und wenn er +wüthend wurde, was sehr oft geschah, fluchte er wie ein Lastträger.</p> + +<p>Er war Essex’ Nachfolger im Schatzamte. Es darf nicht vergessen +werden, daß die Stelle eines ersten Lords der Schatzkammer damals noch +nicht die Bedeutung und das Ansehen hatte, wie in der Jetztzeit. Wenn es +einen Lord Schatzmeister gab, so war dieser hohe Beamte in der Regel +Premierminister; wurde aber der weiße Stab einer Commission verliehen, +so stand der erste Commissar noch unter dem Range eines +Staats­sekretairs. Erst seit Walpole’s Zeit betrachtete man den +ersten Lord des Schatzes als das Haupt der ausführenden Verwaltung.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Sidney Godolphin.</span> +<a name = "secII_53" id = "secII_53">Godolphin</a> war als Page in +Whitehall erzogen worden, und hatte schon zeitig die Gewandtheit und +Selbstbeherrschung eines alten Hofmanns sich zu eigen gemacht. Er war +fleißig, besaß einen hellen Verstand, und bedeutende Kenntniß des +Finanzwesens, daher war er für jede Regierung ein höchst brauchbarer +Mann, in dessen Ansichten und Charakter sich nichts befand, was ihn +hätte hindern können, irgend einer Regierung gute Dienste zu leisten. +Karl pflegte von ihm zu sagen: „Sidney Godolphin ist niemals im Wege und +niemals vom Wege.“ Diese treffende Bemerkung erklärt die großen Erfolge +in Godolphins Leben.</p> + +<p>Er schloß sich zu verschiedenen Zeiten den beiden großen Parteien an, +<span class = "pagenum">II.71</span> +<a name = "pageII_71" id = "pageII_71"> </a> +ohne jedoch jemals die Leidenschaft einer derselben zu theilen. Gleich +den meisten Leuten, welche vorsichtigen Charakters und im Besitze +bedeutender Glücksgüter sind, hatte er eine entschiedene Neigung alles +Bestehende zu unterstützen. Er war kein Freund von Revolutionen, und aus +derselben Ursache, welche ihm die Revolutionen verhaßt machte, liebte er +auch die Contrerevolutionen nicht. Er besaß eine ernste und gemessene +Haltung, aber seine persönlichen Neigungen waren niedrig und +leichtfertig. Die meiste Zeit, die ihm die Staats­geschäfte übrig +ließen, verbrachte er bei Wettrennen, Hahnkämpfen und Kartenspiel. Er +saß jetzt unter Rochester im Schatzamte, und machte sich durch Fleiß und +Kenntnisse sehr bemerkbar.</p> + +<p>Ehe das neue Parlament zu neuer Thätigkeit zusammentreten konnte, +verging ein volles Jahr, ein ereignißvolles Jahr, welches in unserer +Sprache und unseren Sitten unverlöschliche Spuren zurückgelassen hat. +Niemals waren früher politische Streitigkeiten mit soviel Freimuth +geführt worden, nie hatten politische Klubs von so ausgebildeter +Organisation und so gewaltigem Einflusse existirt. Die eine Frage der +Ausschließung beschäftigte alle Gemüther, und sämmtliche Pressen und +Kanzeln des Reiches betheiligten sich an dem Streite. Von den Einen +wurde erklärt, daß die Verfassung und Religion des Staates unter einem +der katholischen Kirche ergebenen Herrscher gefährdet seien, die Anderen +behaupteten, daß wenn die Reihe an Jakob komme, die Krone zu tragen, +dieses Recht von Gott stamme, und selbst dann nicht vertilgt werden +könne, wenn alle Zweige der gesetzgebenden Gewalt sich dagegen +vereinigten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Heftigkeit der Parteien bei der Frage der Ausschließungsbill.</span> +<a name = "secII_54" id = "secII_54">Jede</a> Grafschaft wie jede Stadt +und jede Familie war in gewaltiger Aufregung. Nachbarliche Artigkeit und +Gastfreundschaft wurden gestört, die engsten Bande der Geselligkeit und +Verwandtschaft lösten sich auf. Selbst Schulknaben bildeten wüthende +Parteien, und der Herzog von York wie der Earl von Shaftesbury besaßen +eifrige Anhänger in den Schulstuben von Westminster und Eton. Die +Theater dröhnten von dem Geschrei der streitenden Parteien. Aufgeregte +Protestanten brachten die Päpstin Johanna auf die Bühne, und +wohlbezahlte Poeten würzten ihre Prologe und Epiloge mit Lobeserhebungen +des Königs und des Herzogs. Die Mißvergnügten bestürmten den Thron mit +Bitten um sofortige Einberufung des Parlaments. Die Loyalen sandten +Addressen, voller Ausdrücke der tiefsten Verachtung gegen diejenigen, +welche es wagten dem Souverain Vorschriften zu machen. Die Bürger +Londons liefen zu Tausenden zusammen, um den Papst im Bilde zu +verbrennen. Die Regierung stellte Cavallerie bei <ins class = +"correction" title = "ungeändert">Templebar</ins> und schweres Geschütz +um Whitehall auf. In diesem Jahre vermehrte sich unsere Sprache um zwei +Worten: <span class = "antiqua">mob</span> (Pöbel) und <span class = +"antiqua">sham</span> (Lüge, Betrug), bemerkenswerthe Erinnerungszeichen +einer Zeit des Aufruhrs und Betrugs. Die Gegner des Hofes nannte man: +Birminghams, Petitionäre und Ausschließungs­männer (<span class = +"antiqua">exclusionists</span>) die auf des Königs Seite standen: +Anti-Birminghams, Verabscheuer (<span class = +"antiqua">abhorrers</span>) und Rennthiere (<span class = +"antiqua">tantivies</span>).</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Namen Whig und Tory.</span> +<a name = "secII_55" id = "secII_55">Diese</a> Bezeichnungen kamen bald +aus der Mode, aber zu jener Zeit entstanden zwei Spottnamen, welche zwar +anfänglich zur Verhöhnung benutzt, bald aber mit Stolz angenommen +wurden, noch jetzt täglich in Anwendung sind, soweit die englische Zunge +verbreitet ist, und die so lange unvertilgbar bleiben werden, als die +englische Literatur besteht. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß +einer dieser Spottnamen +<span class = "pagenum">II.72</span> +<a name = "pageII_72" id = "pageII_72"> </a> +schottischen, der andere irländischen Ursprungs ist. In Schottland wie +in Irland hatten sich in Folge der schlechten Regierung Banden von +verzweifelten Menschen gebildet, deren Wildheit noch durch Fanatismus +erhöht wurde. Einige der verfolgten Anhänger des Covenants, durch den +härtesten Druck zur Verzweiflung getrieben, mordeten den Primas von +Schottland, ergriffen gegen die Regierung die Waffen und fochten mit +einigem Erfolg gegen die Truppen des Königs. Sie wurden erst besiegt, +nachdem Monmouth mit einigen englischen Streitkräften sie an der +Bothwellbrücke auseinander gesprengt hatte. Diese Zeloten bestanden zum +größten Theile aus Landleuten des westlichen Unterlands, welche +gewöhnlich Whigs hießen. So verband sich die Benennung Whig mit dem +Begriffe eines presbyterianischen Eiferers in Schottland, und wurde auf +diejenigen englischen Politiker übertragen, welche geneigt waren, dem +Hofe zu opponiren, und protestantische Nichtconformisten mit Rücksicht +zu behandeln. Die Moorgegenden Irlands boten zu gleicher Zeit +papistischen Flüchtlingen, welche Ähnlichkeit mit denen hatten, welche +man später Weißburschen (<span class = "antiqua">white-boys</span>) +nannte, einen Zufluchtsort. Diese Leute hießen damals Tories. Mit dem +Namen Tory bezeichnete man daher diejenigen Engländer, welche sich +sträubten zur Ausschließung eines katholischen Prinzen vom Throne +beizutragen.</p> + +<p>Die Wuth der feindlichen Parteien würde schon stark genug gewesen +sein, wenn man dieselbe sich selbst überlassen hätte, so aber wurde sie +von dem gemein­schaftlichen Feinde beider absichtlich noch mehr +aufgestachelt. Ludwig unterließ noch immer nicht, sowohl den Hof wie die +Opposition zu bestechen, und beiden zu schmeicheln. Er rieth Karl, fest +zu bleiben, Jakob, eine Revolution in Schottland zu erregen, und +ermuthigte die Whigs, nicht zu wanken, sondern mit Zuverlässigkeit auf +Frankreichs Schutz zu rechnen.</p> + +<p>Bei allem diesen bewegten Treiben konnte es einem scharfblickenden +Auge nicht verborgen bleiben, daß die öffentliche Meinung allmälig sich +einer Umwandlung näherte. Die Verfolgung der Katholiken hatte noch nicht +aufgehört, aber die Verurtheilungen verstanden sich nicht mehr — +wie früher — von selbst. Eine neue Rotte falscher Zeugen, unter +ihnen ein Schuft Namens Dangerfield, der sich am meisten hervorthat, +peinigte die Gerichtshöfe; aber obgleich die Lügen dieser Menschen +besseren Klang hatten als die des Oates, so fanden sie doch weniger +Glauben. Die Geschwornen waren nicht mehr so befangen, wie zur Zeit des +allgemeinen Entsetzens, welches der Ermordung <ins class = "correction" +title = "Original hat »Godefrey’s«">Godfrey’s</ins> folgte, und die +Richter, während der Wahnsinnsperiode gefügige Werkzeuge des Volkes, +hatten jetzt den Muth, zum Theil das auszusprechen, was sie von Anfang +für wahr gehalten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Zusammentritt des Parlaments, und Durchgang der Ausschließungsbill im +Hause der Gemeinen.</span> +<a name = "secII_56" id = "secII_56">Endlich</a>, im Oktober des Jahres +1680, trat das Parlament zusammen. Die Whigs bildeten bei den Gemeinen +eine so große Majorität, daß die Ausschließungsbill alle ihre Stadien +ohne Beschwerde durchlief. Der König wußte kaum, auf welche Mitglieder +seines eigenen Kabinets er zählen dürfe; Hyde hatte seine Toryansichten +treulich festgehalten, und im Interesse der erblichen Monarchie eine +beharrliche Thätigkeit entwickelt; Godolphin jedoch, in dem ängstlichen +Bestreben nach Ruhe, und der Ansicht, daß diese nur durch Zugeständnisse +herbeizuführen sei, wünschte, daß die Bill durchgehen möchte. +<span class = "pagenum">II.73</span> +<a name = "pageII_73" id = "pageII_73"> </a> +Sunderland, stets <ins class = "correction" title = "Original hat »alsch«">falsch</ins> und verblendet, unfähig die Symptome der nahenden +Reaction zu erkennen und voller Eifer die Partei, welche nach seiner +Meinung unwiderstehlich war, zu versöhnen, beschloß gegen den Hof zu +stimmen. Die Herzogin von Portsmouth beschwor ihren königlichen +Geliebten, sich nicht mit Gewalt dem Verderben preiszugeben. Wenn es +wirklich einen Punkt gab, bei welchem derselbe Regungen des Gewissens +oder der Ehre in sich fühlte, so war es die Successionsfrage; es schien +jedoch einige Tage, als ob er nachgeben würde. Er schwankte, fragte nach +der Höhe der Summe, welche ihm die Gemeinen für seine Einwilligung +zahlen würden, und gestattete, daß eine Unterhandlung mit den leitenden +Whigs begann. Ein schweres gegenseitiges Mißtrauen aber, Jahre lang im +Wachsthum begriffen, und durch die Kunstgriffe Frankreichs sorgfältig +unterhalten, ließ keinen Vergleich zu Stande kommen, auf beiden Seiten +fehlte das gegenseitige Vertrauen. Das ganze Volk blickte jetzt voll +banger Erwartung auf das Haus der Lords. Die Pairs waren zahlreich +versammelt, der König selbst anwesend, die Debatte lang, ernsthaft und +bisweilen stürmisch. Mehrere erfaßten den Griff des Degens auf eine Art, +welche an die aufgeregten Parlamente Heinrichs III. und +Richards II. erinnerte.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Lords verwerfen die Ausschließungsbill.</span> +<a name = "secII_57" id = "secII_57">Der</a> falsche Sunderland schloß +sich an Shaftesbury und Essex an; der geistreiche Halifax aber warf alle +Opposition darnieder. Verlassen von seinen wichtigsten Collegen und +einer Menge gewandter Gegner preisgegeben, führte er die Sache des +Herzogs von York in einer Folge von Reden, welche noch nach vielen +Jahren als Meisterwerke der Logik, Genialität und Beredtsamkeit galten. +Es ist ein seltener Fall, daß die Macht der Rede einen Umschwung in der +Abstimmung hervorbringt, aber das Zeugniß der Zeitgenossen beweist zur +Evidenz, daß bei dieser Gelegenheit durch die außerordentliche Redekunst +des Halifax die Stimmen geändert wurden. Die Bischöfe, treu ihrer Lehre, +unterstützten das Prinzip des Erblichkeitsrechts, und die Bill wurde mit +großer Majorität verworfen.<a class = "tag" name = "tagII_5" id = +"tagII_5" href = "#noteII_5">5</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteII_5" id = "noteII_5" href = "#tagII_5">5.</a> +Ein anwesender Pair hat den Erfolg von <ins class = "correction" title = +"’ fehlt">Halifax’</ins> Redekunst in Worten beschrieben, welche ich +mittheilen will, weil sie, obgleich schon längst gedruckt, vermuthlich +nur wenigen selbst der aufmerksamsten und wißbegierigsten Leser der +Geschichte bekannt sind:</p> + +<p class = "continue"> +„Von außerordentlicher Beredtsamkeit und großen Mitteln waren die Feinde +des Herzogs, welche die Bill vertheidigten, aber ein edler Lord trat +auf, der an diesem Tage mit aller Macht der Rede in Beweisführung, in +Gründen aus dem öffentlichen wie aus dem Privatinteresse der Menschen, +in Ehre, Gewissen und Anstand sich selbst und jeden Andern übertraf. +Zuletzt siegte er durch sein Verfahren und seine Talente, und wurden +durch ihn Witz und Bosheit der anderen Partei zu nichte gemacht.“</p> + +<p class = "continue"> +Diese Stelle ist einer Denkschrift Heinrichs, Earls von Peterborough +entlehnt, die sich in einem Buche unter dem Titel: <span class = +"antiqua">„Succinct Genealogies, by Robert Halstead“ Fol. 1685</span>, +findet. Der Name Halstead ist fingirt. Die wahren Verfasser sind der +Earl von Peterborough selbst und sein Kaplan. Das Buch ist höchst +selten, da bloß vierundzwanzig Exemplare davon gedruckt wurden, von +denen zwei das britische Museum besitzt. Von diesen beiden gehörte eines +Georg IV. und das andere Mr. Grenville.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Hinrichtung Staffords.</span> +<a name = "secII_58" id = "secII_58">Die</a> im Hause der Gemeinen +vorherrschende Partei erlitt durch diese Niederlage eine bittere +Kränkung, doch fand sie darin einigen Trost, daß Blut von Katholiken +fließen mußte. William Howard, Viscount Stafford, einer der +Unglücklichen, welche bei dem Complot betheiligt sein sollten, wurde vor +die Schranken seiner Pairs gestellt, auf die Beschuldigung Oates’ und +zweier andern falschen Zeugen Dugdale und Turberville wegen Hochverraths +verurtheilt und hingerichtet. +<span class = "pagenum">II.74</span> +<a name = "pageII_74" id = "pageII_74"> </a> +Aber die näheren Umstände seines Prozesses und seiner Hinrichtung +konnten den Führern der Whigpartei zu einer warnenden Lehre dienen. Eine +große und ehrenwerthe Minorität des Hauses der Lords erklärte den +Gefangenen für unschuldig. Die Volksmasse, welche noch vor wenigen +Monaten die letzten, vor der Hinrichtung gegebenen Versicherungen der +Opfer des Oates mit Spott und Hohngeschrei aufgenommen hatte, sprach nun +laut seine Überzeugung aus, daß an Stafford ein Mord begangen worden +sei. Als er in den letzten Augenblicken seine Unschuld betheuerte, rief +man ihm zu: „Gott segne Euch, Mylord. Wir glauben Euch, Mylord!“ Ein +scharfsichtiger Beobachter konnte leicht voraussehen, daß für das damals +vergossene Blut bald anderes nachfließen werde.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Allgemeine Wahlen von 1681.</span> +<a name = "secII_59" id = "secII_59">Der</a> König wollte das Mittel +einer Auflösung nochmals versuchen. Er berief ein Parlament für den März +des Jahres 1681 nach Oxford. Seit den Zeiten der Plantagenets waren die +Häuser stets zu Westminster versammelt gewesen, außer wenn Seuchen in +London herrschten, aber so ungewöhnliche Zeitumstände erheischten auch +außerordentliche Vorsichtsmaßregeln. Wurde das Parlament an seinem +gewöhnlichen Versammlungsorte gehalten, so konnte das Haus der Gemeinen +sich für permanent erklären und Londons Magistrat und Bürgerschaft zu +Hilfe rufen. Die Miliz konnte zum Schutze Shaftesbury’s herbeieilen, wie +sie vor vierzig Jahren zur Vertheidigung Pyms und Hampdens aufgestanden +war, die Wachen konnten entwaffnet, der Palast erobert und der König von +den Rebellen zum Gefangenen gemacht werden; solche Gefahren waren in +Oxford nicht möglich. Die Universität hielt es mit der Krone und der +Adel der Umgegend gehörte fast durchgängig den Tories an, die Opposition +hatte demnach hier mehr zu fürchten, als der König.</p> + +<p>Der Wahlkampf war heftig. Im Hause der Gemeinen bildeten die Whigs +noch immer eine Majorität, es war aber nicht zu verkennen, daß der +Tory-Geist allenthalben im Lande rasch um sich griff. Man sollte +glauben, der scharfblickende, gewandte Shaftesbury hätte den +eintretenden Wechsel bemerken und zu dem, vom Hofe gebotenen Vergleiche +seine Einwilligung geben müssen, aber er schien seine frühere Taktik +nicht mehr verfolgen zu wollen. Anstatt Vorsichtsmaßregeln zu treffen, +um bei schlimmem Erfolge sich den Rückzug zu sichern, nahm er eine +Position, in welcher er siegen oder seinen Untergang finden mußte. +Vielleicht war ihm der Kopf, so vortrefflich er auch war, durch die +Gunst des Volkes, durch das Glück und durch die Aufregung des Kampfes +schwindelnd geworden, vielleicht hatte er auch seine Partei so +aufgestachelt, daß er sie nicht mehr beherrschen konnte und in wildem +Laufe von denen mit fortgerissen wurde, die er zu leiten glaubte.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Das Parlament zu Oxford gehalten und aufgelöst.</span> +<a name = "secII_60" id = "secII_60">So</a> kam der ereignißvolle Tag +heran. Die Versammlung zu Oxford hatte mehr Ähnlichkeit mit einem +polnischen Reichstage als einem englischen Parlament. Die Mitglieder der +Whigpartei kamen in Begleitung einer großen Anzahl wohl bewaffneter und +berittener Pächter und Dienstleute, welche trotzige Blicke mit den +königlichen Garden wechselten. Die kleinste Veranlagung konnte bei +dieser Gährung eine Revolution hervorrufen, nur wagte es keine Partei, +den ersten Schlag zu führen. Noch einmal versprach der König, mit +Ausnahmen der Ausschließungsbill in Alles zu willigen, die Gemeinen aber +wollten nichts annehmen als eben die Ausschließungsbill. Nach Verlauf +von wenigen Tagen war das Parlament wieder aufgelöst.</p> + + +<span class = "pagenum">II.75</span> +<a name = "pageII_75" id = "pageII_75"> </a> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Toryreaction.</span> +<a name = "secII_61" id = "secII_61">Der</a> König hatte gesiegt, und +die Reaction, welche einige Monate vor dem Zusammentreten der Häuser zu +Oxford ihren Anfang nahm, machte rasche Fortschritte. Die Nation war dem +Papstthum allerdings noch immer feindlich gesinnt, aber wenn die Leute +auf die Complotgeschichte zurückblickten, so erkannten sie doch, daß ihr +protestantischer Eifer sie zu Thorheiten und Verbrechen veranlaßt hatte, +und es schien ihnen unbegreiflich, daß sie sich durch alberne Mährchen +verleiten ließen, das Blut ihrer Mitbürger und Mitchristen zu verlangen. +Freilich mußten die loyalsten Männer zugestehen, daß Karls Verwaltung +oft heilloser Art gewesen sei, aber Leute, die von seinem Verkehr mit +Frankreich nicht so genau unterrichtet waren, als wir es jetzt sind, und +auf welche die Heftigkeit der Whigs einen widerwärtigen Eindruck machte, +rechneten die großen Zugeständnisse her, welche in den letzten Jahren +das Parlament von ihm erlangt, und die noch bedeutenderen +Zugeständnisse, zu denen er sich bereit gezeigt. Er hatte die Gesetze +sanktionirt, welche die Katholischen von dem Hause der Lords, dem +Geheimen Rathe und jedem bürgerlichen und militairischen Amte +ausgeschlossen, und ebenso die Habeas-Corpus-Akte genehmigt. Waren keine +größeren Bürgschaften da gegen die Gefahren, welche der Verfassung und +der Kirche von einem katholischen Souverän drohten, so trug nicht Karl +die Schuld, denn er hatte das Parlament aufgefordert, dergleichen +Bürgschaften in Vorschlag zu bringen, sondern jene Whigs, welche von +keinem Ersatzmittel für die Ausschließungsbill hören wollten. — +Eins nur hatte der König seinem Volke abgeschlagen: er hatte sich +geweigert, seinen Bruder des Geburtsrechtes zu berauben, aber ließ sich +nicht annehmen, daß diese Weigerung aus ehrenwerthen Gründen +stattgefunden? welche egoistischen Motive konnte selbst der Parteigeist +dem Herzen des Königs zu Grunde legen? die Ausschließungsbill +beeinträchtigte durch nichts die Hohheitsrechte des regierenden Königs +und verminderte ebensowenig seine Revenüen, ja, er hätte sogar durch +ihre Genehmigung eine bedeutende Vermehrung seines Einkommens erzielen +können. Und konnte es ihm nicht gleichgültig sein, wer nach ihm die +Krone trug? Ja, wenn bei ihm persönliche Vorliebe in’s Spiel kam, so +wußte man, daß dieselbe mehr für den Herzog von Monmouth als für den +Herzog von York vorhanden war. Das Verfahren des Königs ließ sich daher +auf das Natürlichste dadurch erklären, daß trotz seines unstäten +Charakters und seiner leichtfertigen Moral, er doch in diesem Falle von +Pflicht und Ehre sich habe leiten lassen. Und war es so, konnte ihn die +Nation dann zu einer Handlung zwingen, die er für verbrecherisch und +ehrlos hielt? Auf sein Gewissen einen Zwang auszuüben, geschähe es auch +durch streng verfassungs­mäßige Mittel, hielten eifrige Royalisten +für unedel und pflichtwidrig, aber <em>solche</em> Mittel waren nicht +die einzigen, welche die Whigs anzuwenden gedachten. Bereits zeigten +sich Vorboten eines herannahenden Bürgerkriegs, und Männer, welche zu +den Zeiten der bürgerlichen Unruhen und der Republik sich allgemein +verhaßt gemacht hatten, traten jetzt aus der Verborgenheit hervor, in +die sie sich nach der Restauration vor dem allgemeinen Unwillen +geflüchtet hatten, gingen überall mit zuversichtlichen und geschäftigen +Mienen herum und schienen einen zweiten Sieg der Heiligen schon im +Voraus zu feiern. Ein zweites Naseby, ein zweiter hoher Gerichtshof, +eine zweite Republik, ein nochmaliger Usurpator auf dem Throne, ein +abermaliges Hinauswerfen der Lords aus ihrem Saale, eine zweite +Säuberung der Universitäten, eine wiederholte +<span class = "pagenum">II.76</span> +<a name = "pageII_76" id = "pageII_76"> </a> +Beraubung und Verfolgung der Kirche, eine neue Herrschaft der Puritaner +— auf solche Resultate schien die verzweifelte Politik der +Opposition hinzuarbeiten.</p> + +<p>Solche Gefühle belebten die höheren und mittleren Klassen, welche +sich in großer Zahl um den Thron schaarten. Der König befand sich in +ähnlicher Lage wie sein Vater kurz nach dem Erlasse der großen +Remonstration. Die Reaction von 1641 hatte man in ihrem Fortschritte +gehemmt. Als sein ihm lange entfremdetes Volk mit versöhnlichen Herzen +im Begriff war, zu ihm zurückzukehren, hatte Karl I. durch treulose +Verletzung der Grundgesetze des Reiches das öffentliche Vertrauen auf +immer verscherzt. Hätte Karl II. ebenso gehandelt, hätte er die +Führer der Whigpartei gesetzwidrig verhaften und vor einem Tribunale, +das keine legale Gerichtsbarkeit über sie besaß, des Hochverraths +beschuldigen lassen, so würden sie ohne Zweifel das verlorne Übergewicht +bald wieder erlangt haben. Es war ein Glück für ihn, daß er bei dieser +Krisis sich rathen ließ, eine Politik zu verfolgen, die seinen Absichten +ganz entsprechend war. Er entschloß sich, dem Gesetze Folge zu leisten, +zugleich aber auch den kräftigsten und schonungslosesten Gebrauch von +demselben gegen seine Widersacher zu machen. Er war nicht verpflichtet, +vor Ablauf der nächsten drei Jahre ein Parlament einzuberufen, und +befand sich eben in keiner Geldverlegenheit, denn der Betrag der +Steuern, welche ihm auf Lebenszeit bewilligt waren, überstieg das +angenommene Bedürfniß. Er lebte mit aller Welt in Frieden, konnte seine +Ausgaben beschränken, indem er den kostspieligen und nutzlosen Posten zu +Tanger aufgab, und wußte, daß er auf Geldhilfe von Seiten Frankreichs +rechnen durfte. Es blieb ihm daher die nöthige Zeit, und fehlte ihm +nicht an Mitteln, die Opposition in aller gesetzlichen Form systematisch +zu bekämpfen. Die Richter konnte er willkürlich entlassen, die +Geschwornen wurden von den Sheriffs ernannt, und in fast allen +Districten Englands erwählte er die Sheriffs. Zeugen desselben +Gelichters, welchem diejenigen angehört hatten, auf deren Aussagen die +Katholiken das Schaffot besteigen mußten, waren bereit, auch die Whigs +auf die Richtstätte zu liefern.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verfolgung der Whigs.</span> +<a name = "secII_62" id = "secII_62">Als</a> erstes Opfer fiel College, +ein lauter, wilder Demagog von niedrigem Herkommen und schlechter +Erziehung. Er war seines Handwerks ein Tischler, und hatte den Ruhm, der +Erfinder des protestantischen Dreschflegels zu sein.<a class = "tag" +name = "tagII_6" id = "tagII_6" href = "#noteII_6">6</a> Als das +Parlament in Oxford gewesen, sollte er dort den Plan gehabt haben, einen +Angriff auf die Garde des Königs zu machen. Gegen ihn zeugten Dugdale +und Turberville, dieselben Schurken, welche wenige Monate früher +falsches Zeugniß gegen Stafford abgelegt. Einer Jury von Landedelleuten +gegenüber konnte kein Exclusionist auf Gnade rechnen; er wurde für +schuldig erklärt. Der Ausspruch der Geschwornen wurde von den Massen, +welche das Gerichtshaus von Oxford füllten, mit enthusiastischem Gebrüll +begrüßt, so unmenschlich wie das, welches er mit seinen Genossen +ausgestoßen, wenn man unschuldige Katholiken zum Henkerstode +verurtheilte. Seine Hinrichtung gab das Zeichen zu einer neuen +Justiz-Schlächterei, nicht weniger schändlich als die, an der er früher +selbst betheiligt gewesen war.</p> + +<span class = "pagenum">II.77</span> +<a name = "pageII_77" id = "pageII_77"> </a> +<p>Die Regierung war durch diesen ersten Triumph so kühn geworden, daß +sie jetzt ihr Absehen auf einen Feind von ganz anderer Art richtete. Man +beschloß Shaftesbury auf Leben und Tod anzuklagen, und es wurden Beweise +gesammelt, um gegen ihn einen Prozeß auf Hochverrath einzuleiten. Aber +die Thatsachen, welche es zu beweisen galt, mußten in London geschehen +sein. Die Sheriffs von London, von den Bürgern gewählt, waren eifrige +Whigs. Sie ernannten eine große, aus Whigs bestehende Jury, welche den +Antrag auf Anklage zurückwies; allein diese Niederlage entmuthigte die +Rathgeber des Königs keineswegs, sondern bestimmte sie vielmehr, auf +einen neuen, kühnen Plan zu sinnen.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteII_6" id = "noteII_6" href = "#tagII_6">6.</a> +Dies erwähnt das interessante Werk, unter dem Titel: <span class = +"antiqua">„Ragguaglio della solenne Comparsa fatta in Roma gli otto di +Gennaio, 1687, dall’ illustrissimo et excellentissimo signor Conte di +Castelmaine.“</span></p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Der Freibrief der City wird zurückgenommen.</span> +<a name = "secII_63" id = "secII_63">Der</a> Freibrief der Hauptstadt +stand ihnen im Wege, und dieser Freibrief mußte vernichtet werden. Es +wurde erklärt, daß die City von London durch einige Ungesetzlichkeiten +ihre munizipalen Privilegien verwirkt habe und die ganze Corporation +einer Untersuchung vor dem Gerichtshofe der Kings-Bench zu übergeben +sei. Zugleich handhabte man die Gesetze, welche bald nach der +Restauration gegen Nichtconformisten entstanden waren und während der +Herrschaft der Whigs geruht hatten, mit außerordentlicher Strenge.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verschwörungen der Whigs.</span> +<a name = "secII_64" id = "secII_64">Die</a> Whigs aber hatten den Muth +noch nicht verloren. Befanden sie sich auch in schlimmer Lage, so +bildeten sie doch noch immer eine zahlreiche und mächtige Partei, und da +ihre Anhänger größtentheils in bedeutenderen Städten, und namentlich in +der Hauptstadt lebten, so erregten sie mehr Lärm und Aufsehen, als ihre +wirkliche Stärke rechtfertigte. Aufgeregt durch das Andenken an +vergangene Triumphe und das Gefühl der jetzigen Unterdrückung, +überschätzten sie sowohl ihre Macht wie ihre Leiden. Sie vermochten +nicht, die Existenz jener klaren und Alles bewältigenden Nothwendigkeit +nachzuweisen, welche allein das gewaltsame Mittel der Auflehnung gegen +eine gesetzmäßig bestehende Regierung zu rechtfertigen vermag. Welchen +Argwohn sie auch immer in sich trugen, sie konnten keinen Beweis dafür +liefern, daß ihr Souverain mit Frankreich ein Bündniß gegen die Religion +und die Freiheiten Englands geschlossen habe. Was davon bekannt war, +reichte nicht aus, um die Anwendung des Schwertes zu rechtfertigen. +Wurde die Ausschließungsbill verworfen, so hatten es die Lords in der +Ausübung eines Rechts gethan, das so lange bestand wie die Verfassung; +hatte der König das Parlament von Oxford aufgelöst, so geschah es +vermittelst eines Hohheitsrechtes, das nicht in Abrede gestellt werden +konnte. Wenn der Hof nach der Auflösung zu einigen strengen Maßregeln +griff, so verstießen dieselben doch nicht gegen die Bestimmungen der +Gesetze und gegen die Praxis, welche von den Unzufriedenen noch kürzlich +selbst ausgeübt worden war. Verfolgte der König seine Widersacher, so +geschah es nach aller Form und vor den ordentlichen Gerichtshöfen. Die +Zeugnisse, welche für die Krone sprachen, waren wenigstens ebenso +geltend als diejenigen, auf welche hin die Opposition noch vor kurzem +Englands edelstes Blut vergossen hatte. Ein angeklagter Whig hatte jetzt +von Richtern, Advokaten, Sheriffs, Geschwornen und Zuschauern keine +üblere Behandlung zu erwarten, als diejenige war, welche die Whigs noch +jüngst als angemessen für einen angeklagten Papisten hielten. Man hatte +die Privilegien der City Londons angegriffen, doch war es nicht mit +bewaffneter Hand, oder durch Ausübung einer nicht zu rechtfertigenden +Prärogative geschehen, sondern in Übereinstimmung mit dem ordentlichen +Gerichtsgebrauch +<span class = "pagenum">II.78</span> +<a name = "pageII_78" id = "pageII_78"> </a> +von Westminsterhall. Auf den Befehl des Königs waren weder neue Steuern +erhoben, noch ein Gesetz außer Kraft gesetzt worden; die +Habeas-Corpus-Akte wurde geachtet und selbst die Testakte in Ausführung +gebracht. Es war daher der Opposition unmöglich, den König einer so +schlechten Regierung zu beschuldigen, daß ein Aufstand sich hätte +rechtfertigen lassen. Und gesetzt seine Regierung wäre noch mangelhafter +gewesen, ein Aufstand würde immer verbrecherisch geblieben sein, da +keine Aussicht vorhanden war ihn mit Erfolg durchzuführen. Die Lage der +Whigs im Jahre 1682 war eine andere als die der Rundköpfe vierzig Jahre +früher. Diejenigen, welche gegen Karl I. zu den Waffen griffen, +thaten es unter der Autorität eines Parlaments, welches das Gesetz +versammelt hatte und ohne seine eigene Zustimmung nicht aufgelöst werden +konnte. Die Widersacher Karls II. bestanden aus Privatleuten. Fast +alle Hilfsmittel des Königreichs in Militair und Flotte befanden sich in +den Händen derjenigen, welche Karl I. entgegenstanden, jetzt besaß +Karl II. diese Hilfsmittel. Die Hälfte der Nation hatte das Haus +der Gemeinen gegen Karl I. unterstützt; die Zahl der Kriegslustigen +gegen Karl II. war in großer Minorität. Es unterlag daher keinem +Zweifel, daß sie nicht im Stande sein würden, eine Erhebung +durchzuführen, und ebenso wahrscheinlich mußte ein Scheitern derselben +die Übel, über welche sie klagten, nur vergrößern. Die wahre Politik der +Whigs wäre gewesen, sich mit Ergebung in das Mißgeschick zu fügen, +welches eine natürliche Folge und wohlverdiente Strafe ihrer Verirrungen +war, geduldig auf eine Änderung der Volksstimmung zu warten, die nicht +ausbleiben konnte, dem Gesetze sich zu fügen, und den, wenn auch +unvollkommenen doch keineswegs nichtigen Schutz zu beanspruchen, den das +Gesetz der Unschuld gewähren muß. Zu ihrem Unglück schlugen sie einen +anderen Weg ein. Gewissenlose heißblütige Führer der Partei bildeten und +verarbeiteten Widerstandspläne, und wurden zwar nicht mit Beifall, doch +mit dem Scheine des Einverständnisses von bessern Männern angehört, als +sie selbst waren. Man beschloß zu gleicher Zeit in London, in Cheshire, +zu Bristol und zu Newcastle Aufstände ausbrechen zu lassen, und hatte +mit den mißvergnügten schottischen Presbyterianern Verbindungen +angeknüpft, welche unter einer Tyrannei schmachteten, wie sie England in +den trübsten Zeiten nicht erduldet. Indem so die Führer der Opposition +Pläne wegen offener Rebellion besprachen, aber immer noch durch Furcht +und Gewissen sich von der entscheidenden That abhalten ließen, verfielen +einige ihrer Genossen auf einen ganz besonderen Plan. Für wilde, +charakterlose Menschen, welche der Fanatismus dem Wahnsinn nahe +gebracht, schien es der einfachste und sicherste Weg, die Freiheiten +Englands und den Protestantismus dadurch zu retten, daß man den König +und seinem Bruder einen Hinterhalt legte, und Beide ermordete. Bereits +waren Ort und Zeit bestimmt und die Einzelheiten der Ermordung häufig +besprochen worden, wenn auch noch nicht bis zur Ausführung geordnet. Nur +Wenige waren in diesen Plan eingeweiht, und namentlich wurde er vor dem +rechtschaffenen, menschen­freundlichen Russell und vor Monmouth +geheim gehalten, der zwar nicht eben ein zartes Gewissen hatte, aber +doch mit Entsetzen vor dem Verbrechen des Vatermords zurückgebebt sein +würde. So existirten zwei Verschwörungen, eine in der andern. Das +größere Complot der Whigs ging dahin, das Volk zum Aufruhr gegen die +Regierung zu verleiten, das kleinere Complot aber, das Ryehousecomplot +(Roggenhauscomplot) genannt, welches nur aus wenigen Personen bestand, +<span class = "pagenum">II.79</span> +<a name = "pageII_79" id = "pageII_79"> </a> +beabsichtigte den Meuchelmord des Königs und seines muthmaßlichen +Thronfolgers.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Entdeckung der Whigverschwörung.</span> +<a name = "secII_65" id = "secII_65">Beide</a> Complots wurden +verrathen. Feige Verräther eilten sich selbst zu retten, indem sie Alles +und noch mehr als das, anzeigten was in den Berathungen der Partei +erwähnt worden war. Es ist Thatsache, daß nur eine sehr kleine Zahl der +Mißvergnügten daran dachte, zum Mittel des Meuchelmordes zu schreiten, +da aber zwei Verschwörungen sich vereinigten, so war es der Regierung +leicht, sie zu vermischen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Strenge der Regierung.</span> +<a name = "secII_66" id = "secII_66">Die</a> zu rechtfertigende +Entrüstung, welche das Ryehousecomplot hervorrief, traf längere Zeit die +gesammte Whigpartei. Der Konig hatte jetzt völlige Freiheit, für Jahre +des Zwanges und der Demüthigung sich zu rächen. Shaftesbury war +allerdings dem, durch seine vielfache Treulosigkeit wohlverdienten +Schicksale entgangen. Er hatte den Untergang seiner Partei herannahen +sehen, hatte einen vergeblichen Versuch gemacht, sich mit den +königlichen Brüdern zu versöhnen, und war nach Holland geflüchtet, wo er +bald darauf unter dem großmüthigen Schutze einer Regierung starb, der er +manch bitteres Leid zugefügt. Monmouth warf sich seinem Vater zu Füßen +und erhielt Gnade, compromittirte sich aber sehr bald wieder, und hielt +es für klug, in ein freiwilliges Exil zu gehen. Essex tödtete sich im +Tower mit eigener Hand. Russel, der keines hochverrätherischen +Verbrechens schuldig gewesen zu sein scheint, und Sidney, dessen Schuld +gesetzlich nicht bewiesen werden konnte, <ins class = "correction" title += "Original hat »wurde«">wurden</ins> trotz Recht und Gerechtigkeit +enthauptet. Russel starb mit christlicher Ergebung, Sidney mit stoischem +Muthe. Einige betheiligte Politiker von niederem Range wurden zum Galgen +verurtheilt. Viele flüchteten aus dem Lande. Eine Menge Prozesse +entstanden wegen unterlassener Anzeige von Verrath, wegen +Schmähschriften oder Verschwörungen. Verurtheilungen wurden ohne Mühe +von den torystischen Geschwornen erlangt und strenge Strafen von den +höfischen Richtern verhängt. Mit diesen Criminalprozessen vereinigten +sich nicht minder furchtbare Civilprozesse. Es wurden Personen verklagt, +die den Herzog von York beschimpft hatten, und Entschädigungen, welche +einer lebenslänglichen Kerkerhaft gleichkamen, wurden von dem Kläger +gefordert, und ohne Bedenken zuerkannt. Der Gerichtshof der Kings-Bench +erklärte, daß die Freiheiten der City Londons der Krone verfallen seien. +Dieser bedeutende Sieg machte die Regierung so übermüthig, daß sie die +Institutionen anderer Corporationen angriff, an deren Spitze Whigbeamten +standen, oder welche whigistische Mitglieder in das Parlament gewählt +hatten.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Entziehung von Privilegien.</span> +<a name = "secII_67" id = "secII_67">Stadt</a> für Stadt wurde +gezwungen, ihre Privilegien aufzugeben, und die neuen Freibriefe, welche +an Stelle derselben verliehen wurden, gaben den Tories überall die +Herrschaft.</p> + +<p>Wie wenig auch diese Maßregeln zu entschuldigen waren, so hatten sie +doch den Schein der Gesetzlichkeit, und wurden zugleich von einer +Handlung begleitet, welche die Befürchtungen zu nichte machen sollten, +mit denen viele loyale Leute der Thronbesteigung eines katholischen +Souverains entgegen sahen. Lady Anna, jüngere Tochter des Herzogs von +York aus erster Ehe, wurde mit Georg, einem Prinzen aus dem +rechtgläubigen Hause Dänemark, vermählt. Der torystische Adel sammt dem +Klerus hatten jetzt Ursache zu der Hoffnung, daß die englische Kirche, +ohne Verletzung der Thronfolgeordnung, vollständig gesichert sei. Der +König und sein Erbe +<span class = "pagenum">II.80</span> +<a name = "pageII_80" id = "pageII_80"> </a> +standen in ziemlich gleichem Alter, beide näherten sich dem Abend des +Lebens. Der König erfreute sich einer vortrefflichen Gesundheit, und +aller Wahrscheinlichkeit nach konnte Jakob, wenn er überhaupt auf den +Thron gelangte, nur kurze Zeit regieren. Über diese Zeit hinaus bot sich +die zufriedenstellende Aussicht auf eine lange Reihe protestantischer +Souveraine.</p> + +<p>Die Freiheit, ohne Censur zu drucken, gereichte der überwundenen +Partei zu wenig oder keinem Vortheil, denn die Stimmung der Richter und +Geschwornen war der Art, daß kein Schriftsteller, den die Regierung +wegen eines Libells verfolgte, die geringste Hoffnung hatte, +freigesprochen zu werden. Die Furcht vor Bestrafung brachte daher +dieselbe Wirkung hervor, welche die Censur selbst erzielt haben würde. +Indessen erdröhnten die Kanzeln von Reden gegen die Sünde der Rebellion. +Die Abhandlungen, in denen Filmer die Behauptung aufstellte, erbliche +Despotie sei die von Gott verordnete Regierungsform, beschränkte +Monarchie hingegen ein verderblicher Unsinn, waren kürzlich erschienen +und von der Mehrzahl der Tories wohl aufgenommen worden. An demselben +Tage, an welchem Russel auf dem Schaffot starb, erklärte sich die +Universität von Oxford für diese wunderlichen Lehren in einem +feierlichen öffentlichen Akte und ließ die politischen Schriften von +Buchanan, Milton und Baxter mitten auf dem Schulhofe verbrennen.</p> + +<p>Hierdurch wurde der König ermuthigt die Grenzen zu überschreiten, +welche er einige Jahre lang respectirt hatte, und den klaren Buchstaben +des Gesetzes zu verletzen. Das Gesetz verordnete, daß zwischen der +Auflösung eines Parlaments und der Zusammenberufung eines anderen nicht +mehr als drei Jahre verstreichen dürften, aber drei Jahre waren nach +Auflösung des Parlaments von Oxford vorüber, und es erfolgten keine +Neuwahlen. Dieser Verfassungsbruch war um so weniger zu entschuldigen, +da der König keinen Grund hatte, sich vor einem neuen Hause der Gemeinen +zu fürchten. Die Grafschaften waren größtentheils auf seiner Seite, und +die Landstädte, welche früher unter der Herrschaft der Whigs standen, +waren so umgestaltet, daß man überzeugt sein konnte, sie würden nur dem +Hofe ergebene Leute wählen.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Einfluß des Herzogs von York.</span> +<a name = "secII_68" id = "secII_68">Bald</a> darauf kam abermals eine +Verletzung des Gesetzes vor, und zwar zu Gunsten des Herzogs von York. +Dieser Prinz war seiner Religion sowie seines harten, rauhen Charakters +wegen nichts weniger als populär, so daß man es als Nothwendigkeit +betrachtete ihn so lange aus den Augen des Volks zu bringen, als die +Ausschließungsbill im Parlamente verhandelt wurde, damit sein +öffentliches Erscheinen der Partei, die ihm sein Geburtsrecht entziehen +wollte, nicht zum Nutzen gereichen könne. Man hatte ihn deshalb +entsendet, Schottlands Regierung zu übernehmen, wo der alte, ungestüme +Tyrann Lauderdale im Begriff war zu sterben. Jetzt wurde selbst +Lauderdale übertroffen. Die Regierung Jakobs charakterisirte sich durch +gehässige Gesetze, unmenschliche Strafen und Urtheile, deren +Ungerechtigkeit selbst in jenem Zeitalter beispiellos war. Der +schottische Geheime Rath hatte die Macht, Staats­verbrecher der +Folter zu unterwerfen, dieser Anblick aber war so haarsträubend, daß +wenn die spanischen Stiefeln gebracht wurden, selbst die ergebensten und +herzlosesten Hofleute das Zimmer verließen. Der Sessionstisch war in +Folge dessen zuweilen ganz unbesetzt, und man erachtete es später für +nothwendig, besonders zu verordnen, daß die Räthe bei solchen +Gelegenheiten ihre Plätze nicht verlassen dürften. +<span class = "pagenum">II.81</span> +<a name = "pageII_81" id = "pageII_81"> </a> +Was den Herzog von York betraf, so schien ihm das entsetzliche +Schauspiel, welche die verworfensten Menschen jener Zeit nicht ohne +Mitleid und Grausen ansehen konnten, zu amüsiren. Er besuchte nicht nur +die Rathssitzungen, wenn gefoltert wurde, sondern betrachtete auch die +Qualen der unglücklichen Opfer mit einer Aufmerksamkeit und einem +Behagen, mit denen man ein interessantes, wissenschaftliches Experiment +zu verfolgen pflegt. So verlebte er seine Zeit in Edinburg, bis das +Resultat des Kampfes zwischen dem Hofe und den Whigs nicht mehr zu +bezweifeln war; dann kehrte er nach England zurück, obgleich noch immer +durch die Testakte von aller öffentlichen Thätigkeit ausgeschlossen. +Anfänglich wagte der König zwar nicht, gegen ein Gesetz zu handeln, in +welchem die große Mehrzahl seiner loyalsten Unterthanen eine +hauptsächliche Bürgschaft für ihre Religion und ihre bürgerlichen Rechte +sah; als aber eine Reihenfolge von Versuchen bewies, daß die Nation +geduldig genug war, fast Alles über sich ergehen zu lassen was der +Regierung zu thun beliebte, so erlaubte sich Karl im Interesse seines +Bruders eine Ausnahme vom Gesetz zu machen. Der Herzog kehrte auf seinen +Sitz im Rathe zurück, und übernahm die Leitung des Seewesens.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Halifax opponirt ihm.</span> +<a name = "secII_69" id = "secII_69">Diese</a> verfassungs­widrige +Handlung veranlaßte freilich einige Unzufriedenheit unter den gemäßigten +Tories, und fand sogar bei den Ministern des Königs keinen einstimmigen +Beifall. Halifax besonders, zur Zeit Marquis und Lord des Geheimsiegels, +zeigte von dem Tage an, wo die Tories mit seiner Beihilfe das +Übergewicht erlangten, eine Hinneigung zur Partei der Whigs. Nachdem man +die Ausschließungsbill verworfen hatte, verlangte er von dem Hause der +Lords vorbeugende Schritte gegen die Gefahr, welche die Freiheiten sowie +die Religion des englischen Volkes unter der kommenden Regierung treffen +könnte; mit Besorgniß erkannte er erst jetzt die Heftigkeit einer +Reaktion, welche zum Theil von ihm selbst ausgegangen war. Er machte +kein Hehl aus der Verachtung, welche die erbärmlichen Lehren der +Universität Oxford in ihm hervorgerufen. Das Bündniß mit Frankreich war +ihm ein Greuel, und er mißbilligte ernstlich die lange Aussetzung des +Parlaments, so wie er auch den Barbarismus tadelte, mit dem man die +gestürzte Partei behandelte. Er, der unter der siegreichen Herrschaft +der Whigs sich nicht gescheut hatte, Stafford für unschuldig zu +erklären, wagte es, als diese Partei niedergeworfen und hilflos war, +Russel in Schutz zu nehmen. In einer der letzten Rathssitzungen, bei +welchen Karl gegenwärtig war, ereignete sich eine merkwürdige Scene. Der +Freibrief für Massachusetts war verwirkt, und es entstand die Frage, wie +diese Colonie künftig verwaltet werden sollte. Die übereinstimmende +Meinung des Collegiums war, daß die vollständige Gewalt, die +gesetzgebende wie die executive, von der Krone ausgeübt werden solle. +Halifax war anderer Meinung, und sprach mit großem Eifer gegen +unumschränkte Monarchie und zu Gunsten repräsentativer Verfassung. Es +sei ein Irrthum, versicherte er, wenn man sich dem Glauben hingäbe, daß +eine dem englischen Volksstamme entsprungene und von englischen Gefühlen +durchdrungene Nation es längere Zeit ertragen würde, englische +Institutionen zu entbehren. Das Leben, sagte er, würde werthlos sein in +einem Lande, wo Freiheit und Eigenthum der Willkür eines despotischen +Herrschers preisgegeben wären. Der Herzog von York war über diese +Sprache höchst erbittert, und machte seinen Bruder auf das Wagniß +aufmerksam, einen Mann im Amte zu lassen, der die gefährlichen Ansichten +Marvells und Sidney’s vollkommen zu theilen scheine.</p> + +<span class = "pagenum">II.82</span> +<a name = "pageII_82" id = "pageII_82"> </a> +<p>In neuerer Zeit ist Halifax von einigen Schriftstellern der Vorwurf +gemacht worden, daß er im Ministerium geblieben, während er das System, +nach welchem die inneren wie die äußeren Angelegenheiten behandelt +wurden, mißbilligte; doch ist dieser Tadel nicht gerechtfertigt. Man +darf nicht vergessen, daß der Begriff „Ministerium“ in dem Sinne wie er +jetzt genommen wird, zu damaliger Zeit unbekannt war<a class = "tag" +name = "tagII_7" id = "tagII_7" href = "#noteII_7">7</a>. Die Sache +selbst existirte gar nicht, denn sie ist das Produkt eines Zeitalters, +in welchem sich die parlamentarische Regierung vollständig entwickelt +hatte. Jetzt bilden die ersten Diener der Krone einen geschlossenen +Körper und man nimmt an, daß unter ihnen ein freundschaftliches +Vertrauen besteht und sie über die Hauptgrundsätze einig sind, nach +denen die executive Verwaltung geleitet werden soll. Findet eine leichte +Meinungs­verschiedenheit zwischen ihnen statt, so wird sie bald +ausgeglichen; wenn aber Einer in einer Lebensfrage mit den Anderen nicht +übereinstimmt, so ist es seine Pflicht abzutreten. So lange er sein Amt +verwaltet, trifft auch ihn die Verantwortlichkeit für die Maßregeln, von +denen er seinen Collegen abzurathen sich bemüht hat. Im siebzehnten +Jahrhundert bestand unter den Leitern der verschiedenen +Verwaltungszweige, kein collegialisches Verhältniß dieser Art. Jeder +hätte für seine eigenen Handlungen einzustehen, für die Anwendung, +welche er von dem anvertrauten Amtssiegel gemacht, für Dokumente, die er +unterzeichnet, für die Rathschläge, welche er dem König ertheilt. Ein +Staatsmann hatte blos zu verantworten was er selbst gethan, oder wozu +Andere durch ihn veranlaßt worden waren. Wenn er sich bemühte, nicht den +Unterhändler bei unredlichen Angelegenheiten abzugeben, und als +Rathgeber immer nur das Rechte empfahl, so hatte er keinen Tadel zu +fürchten. Man würde es für eine unbegreifliche Bedenklichkeit erklärt +haben, wenn er sein Amt deshalb niedergelegt hätte, weil seine +Rathschläge in Dingen, die nicht in sein Departement gehörten, von +seinem Souverain unberücksichtigt geblieben wären, wenn er zum Beispiel +aus dem Admiralitätsrathe geschieden wäre, weil die Finanzen sich in +Unordnung, oder aus dem Schatzamte, weil die auswärtigen Angelegenheiten +sich in keinem befriedigenden Zustande befanden. Es war daher durchaus +nicht selten, zu gleicher Zeit Männer in hohen Ämtern zu sehen, welche +offenbar eben so weit von einander abwichen, wie Pulteney von Walpole, +oder Fox von Pitt.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteII_7" id = "noteII_7" href = "#tagII_7">7.</a> +<span class = "antiqua">North’s Examen</span>, 69.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Lord Guildford.</span> +<a name = "secII_70" id = "secII_70">Die</a> besonnenen und +verfassungs­mäßigen Rathschläge Halifax’ wurden, — aber ohne +Kraft und Entschlossenheit, — von Franz North, Lord Guildford +unterstützt, welchem kürzlich das Amt eines Großsiegelbewahrers +anvertraut worden war. Guildfords Charakter ist mit großer +Ausführlichkeit von seinem Bruder, Roger North, geschildert worden, +einem höchst intoleranten Lord und sehr gezierten und pedantischen +Schriftsteller, aber aufmerksamen Beobachter aller kleinen Umstände, +welche den Menschen bezeichnen. Auffallend ist es, daß der Biograph, +trotzdem daß er unter dem Einflusse der stärksten, brüderlichen +Parteilichkeit stand, und obgleich er sich offenbar anstrengte, ein +vortheilhaftes Bild zu liefern, doch nicht im Stande war, den Lord +Siegelbewahrer anders als einen unedlen Menschen hinzustellen. Doch +besaß Guildford einen klaren Verstand, sein Fleiß war groß, und seine +Kenntnisse in Literatur und Wissenschaft nicht unerheblich, sowie seine +rechts­wissen­schaftliche Bildung mehr als gewöhnlich. Seine +Fehler bestanden in Egoismus, Feigheit und Gemeinheit. Er war nicht +unempfänglich +<span class = "pagenum">II.83</span> +<a name = "pageII_83" id = "pageII_83"> </a> +für weibliche Schönheit und liebte den starken Genuß des Weines, aber +weder Schönheit noch Wein konnten den vorsichtigen und geizigen Wüstling +jemals, selbst nicht in frühen Jugendjahren, zu einer Anwandlung von +Hochherzigkeit verlocken. Obgleich von edler Abstammung erhob er sich +aus seiner Stellung nur durch niederträchtiges Kriechen vor Allen, die +in den Gerichtshöfen einigen Einfluß hatten. Er wurde Oberrichter im +Gerichtshofe der Common Pleas, und als solcher Theilnehmer an einigen +der schändlichsten Justizmorde, welche die Geschichte kennt. Er besaß +Einsicht genug, um zu wissen, daß Oates und Bedloe Lügner waren, aber +das Parlament und das Land befanden sich in Aufregung, die Regierung +hatte sich dem Drange gefügt, und North war nicht der Mann, der um der +Gerechtigkeit und Menschlichkeit willen einen guten Posten aufgab. +Während er also heimlich eine Widerlegung des ganzen Romans von dem +papistischen Complot niederschrieb, behauptete er öffentlich, daß die +Wahrheit dieser Geschichte sonnenklar sei, und schämte sich nicht, vom +Richterstuhle herab den unglücklichen Katholiken, die auf Leben und Tod +angeklagt vor ihm standen, wüthende Blicke zuzuschleudern. Er hatte +zuletzt die höchste richterliche Stellung erreicht, aber ein Jurist, der +nach jahrelanger Ausübung seines Berufs in vorgerücktem Alter zur +Politik übergeht, wird selten als Staatsmann zu hoher Auszeichnung +gelangen, und Guildford bestätigte diese allgemeine Regel. Er kannte +seine Schwächen so genau, daß er niemals anwesend war, wenn seine +Collegen über auswärtige Angelegenheiten beriethen. Selbst bei Fragen, +welche seinem Berufe galten, hatte seine Meinung im Geheimen Rathe +weniger Bedeutung als die irgend eines früheren Großsiegelbewahrers. +Übrigens benutzte er den geringen Einfluß, den er besaß, so weit er den +Muth dazu hatte, wenigstens im Interesse der Gesetze.</p> + +<p>Der vorzüglichste Widersacher des Halifax war Lawrence Hyde, der vor +kurzem zum Earl von Rochester erhoben worden war. Von allen Tories besaß +Rochester die größte Intoleranz, und war nicht leicht zu einem +Vergleiche zu bringen. Die gemäßigten Mitglieder seiner Partei beklagten +sich, daß das Schatzamt, so lange er als erster Commissar darin +fungirte, alle Stellen an laute Schreier vergebe, deren alleiniger +Anspruch auf Beförderung darin bestand, daß sie unaufhörlich auf den +Untergang des Whiggismus tranken und Freudenfeuer anzündeten, um die +Ausschließungsbill zu verbrennen; der Herzog von York aber, welchem ein +Charakter gefiel, der soviel Ähnlichkeit mir dem seinigen hatte, +unterstützte seinen Schwager auf das leidenschaftlichste und +beharrlichste.</p> + +<p>Die Anstrengungen der rivalisirenden Minister, einander zu schlagen +und zu verdrängen, erhielten den Hof in beständiger Unruhe. Halifax lag +den König an, ein Parlament zu berufen, eine vollständige Amnestie zu +bewilligen, den Herzog von York jeder Theilnahme an der Regierung zu +entheben, Monmouth aus dem Exil zurückzurufen, jede Verbindung mit +Ludwig abzubrechen und eine enge Allianz mit Holland — nach Art +der Tripleallianz — zu schließen. Der Herzog von York dagegen +scheute das Zusammenkommen eines Parlaments, sah auf die gestürzte +Partei der Whigs noch immer mit dem alten Hasse herab, bildete sich noch +immer ein, daß der vor beinahe funfzehn Jahren zu Dover entworfene Plan +ausführbar sei, warnte fast täglich seinen Bruder, einen Mann, der im +Herzen Republikaner war, in dem Besitze des Geheimsiegels zu lassen, und +empfahl mit allem Eifer Rochester zu der hohen Stelle eines Lord +Schatzmeisters.</p> + +<span class = "pagenum">II.84</span> +<a name = "pageII_84" id = "pageII_84"> </a> +<p>Während die beiden Parteien in der Weise kämpften, behauptete +Godolphin, vorsichtig, schweigsam und fleißig, Neutralität zwischen +ihnen. Sunderland intriguirte mit seiner bekannten nie ruhenden +Falschheit gegen beide. Mit Ungnade seiner Stelle enthoben, weil er für +die Ausschließungsbill gestimmt, war er zu Kreuze gekrochen, indem er +sich der Fürsprache der Herzogin von Portsmouth bediente und dem Herzog +von York demüthigst sich näherte. Jetzt war er wieder +Staats­secretair.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Politik Ludwigs.</span> +<a name = "secII_71" id = "secII_71">Auch</a> Ludwig war weder +nachlässig noch müßig. Zu dieser Zeit begünstigte Alles seine Pläne. Er +war vor dem deutschen Reiche sicher, welches damals an der Donau mit den +Türken kämpfte, und Holland konnte ohne Bundesgenossen nicht daran +denken, ihm entgegenzutreten; er hatte deshalb freien Willen, seinem +Ehrgeiz und seiner Anmaßung den Zügel schießen zu lassen. Er eroberte +Dixmuyden und Courtray, bombardirte Luxemburg und beanspruchte von der +Republik Genua die schmählichsten Demütigungen. Die französische Macht +erhob sich zu jener Zeit auf die bedeutendste Höhe, die sie in dem +Jahrtausend zwischen den Regierungen Karls des Großen und Napoleons +jemals erreichte. Es war nicht abzusehen, wo ihre Eroberungen aufhören +würden, wenn es England in einem Zustande von Abhängigkeit erhalten +konnte, und es war daher eine wichtige Angelegenheit für den Versailler +Hof, die Einberufung eines Parlaments sowie die Versöhnung der +englischen Parteien zu verhindern. Zu diesem Zwecke wurden +Versprechungen, Drohungen und Bestechungen nach Kräften angewendet. Karl +wurde bisweilen durch die Hoffnung auf Subsidien angelockt, und dann +wieder durch die Mittheilung erschreckt, daß, wenn er die Häuser +versammle, man die geheimen Artikel des Vertrags von Dover zur +öffentlichen Kenntniß bringen werde. Mehrere Geheime Räthe wurden durch +Bestechung gewonnen, und als ein ähnlicher Versuch bei Halifax +mißglückte, wandte die französische Gesandtschaft ihren ganzen Einfluß +und alle Kräfte an, um den unbestechlichen Mann von seinem Posten zu +verdrängen; aber geistreicher Witz und die vielseitigsten Talente hatten +ihn seinem Gebieter so unentbehrlich gemacht, daß dieser Versuch +fruchtlos vorüberging.<a class = "tag" name = "tagII_8" id = "tagII_8" +href = "#noteII_8">8</a></p> + +<p>Halifax war nicht zufrieden bei der Defensive stehen zu bleiben, +sondern beschuldigte Rochester öffentlich der untreuen Verwaltung. Es +fand eine Untersuchung statt, bei der es sich zeigte, daß dem +öffentlichen Schatze durch schlechte Verwaltung des ersten Lords des +Schatzes vierzigtausend Pfund verloren gegangen waren. Durch diesen +Vorfall wurde er gezwungen, nicht nur seine Hoffnungen auf den weißen +Stab fahren zu lassen, sondern auch von der Leitung des Finanzwesens auf +den, allerdings im Range höheren, aber weniger bedeutenden und +einträglichen Posten des +<span class = "pagenum">II.85</span> +<a name = "pageII_85" id = "pageII_85"> </a> +Lord Präsidenten überzugehen. „Ich habe schon Leute die Treppe +hinunterwerfen sehen — meinte Halifax — aber Mylord +Rochester ist der Erste, den ich jemals die Treppe hinaufwerfen sah.“ +Godolphin, jetzt Pair, wurde erster Schatzcommissair.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteII_8" id = "noteII_8" href = "#tagII_8">8.</a> +Lord Preston, damals Gesandter in Paris, schrieb von dort an Halifax +folgendes: „Ich finde, daß Ew. Herrlichkeit noch immer so unglücklich +sind, von diesem Hofe nicht mit günstigen Augen angesehen zu werden, und +Herr Barillon darf Ihnen nicht freundlich zulächeln, da sein Hof die +Stirn in Falten zieht. Sehr wohl bekannt sind Ew. Herrlichkeit +Eigenschaften, welche zu Furcht und dadurch zu Haß gegen Sie +Veranlassung geben und Sie können glauben, Mylord, wenn alle ihre Gewalt +im Stande ist Sie nach Rufford zu bringen, so wird man dieselbe zu +diesem Zweck in Anwendung bringen. Zwei Punkte heben sie, wie ich +vernehme, besonders gegen Sie hervor: Ihre Verschwiegenheit nämlich, und +den Umstand, daß Sie der Bestechung nicht zugänglich sind. Es ist mir +bekannt, daß sie gegen diese zwei Dinge sich ausgesprochen haben.“ Das +Datum des Briefes ist vom 5. October N. St. 1683.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Stand der Parteien am Hofe Karls zur Zeit seines Todes.</span> +<a name = "secII_72" id = "secII_72">Der</a> Kampf war noch immer nicht +zu Ende, der Ausgang war von dem Willen Karls abhängig, und Karl konnte +zu keinem Entschlusse kommen. In seiner Verlegenheit versprach er Jedem +was ihm einfiel. Einmal wollte er mit Frankreich zusammenhalten, dann +wollte er wieder jede Verbindung mit Ludwig auflösen; jetzt wollte er +nichts wieder von einem Parlamente hören und gleich darauf wollte er +befehlen, daß ein Ausschreiben für ein solches ergehen solle; dem Herzog +von York versprach er Halifax zu entlassen. Öffentlich zeigte er die +heftigste Erbitterung gegen Monmouth, und im Geheimen versicherte er ihn +seiner unwandelbaren Zuneigung. Wie lange, im Fall er länger gelebt, +diese Unentschiedenheit gewährt haben und zu welchem Entschluß er +endlich gekommen sein würde, darüber lassen sich nur Vermuthungen hegen. +Früh im Jahre 1685, als die feindlichen Parteien mit ängstlicher Sorge +seiner Entschließung harrten, starb er, und es öffnete sich eine neue +Scene. In einigen Monaten verwischten die Übergriffe der Regierung den +Eindruck, den die Übergriffe der Opposition auf die öffentliche Stimmung +hervorgebracht hatten. Der heftigen Reaktion, welche die Partei der +Whigs niederwarf, folgte eine noch stärkere Reaktion in umgekehrter +Richtung, und deutliche Symptome ließen erwarten, daß der große Kampf +zwischen den Prärogativen der Krone und den Gerechtsamen des Parlaments +nahe daran sei, zu einem definitiven Resultat zu +gelangen. —</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Geschichte von England seit der +Thronbesteigung Jakob's des Zwe, by Thomas Babington Macaulay + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND *** + +***** This file should be named 31530-h.htm or 31530-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/1/5/3/31530/ + +Produced by Louise Hope, Delphine Lettau, richyfourtytwo +and the Online Distributed Proofreading Team at +https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/31530-h/images/credits.png b/31530-h/images/credits.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c7f0b1f --- /dev/null +++ b/31530-h/images/credits.png diff --git a/31530-h/images/floral.png b/31530-h/images/floral.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..43c6737 --- /dev/null +++ b/31530-h/images/floral.png diff --git a/31530-h/images/frontis.jpg b/31530-h/images/frontis.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a0d927e --- /dev/null +++ b/31530-h/images/frontis.jpg diff --git a/31530-h/images/sig.png b/31530-h/images/sig.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fa38ca8 --- /dev/null +++ b/31530-h/images/sig.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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