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+The Project Gutenberg EBook of Geschichte von England seit der
+Thronbesteigung Jakob's des Zweiten., by Thomas Babington Macaulay
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.
+ Erster Band enthaltend Kapitel 1 und 2
+
+Author: Thomas Babington Macaulay
+
+Translator: Wilhelm Hartwig Beseler
+
+Release Date: March 7, 2010 [EBook #31530]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND ***
+
+
+
+
+Produced by Louise Hope, Delphine Lettau, richyfourtytwo
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+https://www.pgdp.net
+
+
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+
+
+
+
+[Zeichen _wie so_ bedeuten Gesperrt; +wie so+ bedeuten Antiqua
+(nicht-Fraktur); =wie so= bedeuten Fettschrift.]
+
+
+
+
+ [Titelbild: T. B. Macaulay.]
+
+
+
+
+ Thomas Babington Macaulay's
+
+ Geschichte von England
+
+
+ seit der
+
+ Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.
+
+
+ Aus dem Englischen.
+
+
+ Vollständige und wohlfeilste
+
+ =Stereotyp-Ausgabe.=
+
+
+ Zweite Auflage
+
+ =Erster Band:=
+
+ enthaltend Kapitel 1 und 2.
+
+
+ _Mit Macaulay's Portrait_.
+
+
+ Leipzig, 1856.
+ G. H. Friedlein.
+
+
+ * * * * *
+ * * * *
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+ Geschichte Englands vor der Restauration.
+
+
+
+
+ =Inhalt.=
+
+ Seite
+ Einleitung 5
+ Britannien unter den Römern 6
+ Britannien unter den Sachsen 7
+ Bekehrung der Sachsen zum Christenthume 8
+ Dänische Invasionen 10
+ Die Normannen 10
+ Die normannische Eroberung 12
+ Trennung Englands von der Normandie 13
+ Die Vermischung der Volksstämme 14
+ Englische Eroberungen auf dem Festlande 15
+ Der Krieg der Rosen 17
+ Aufhören der Leibeigenschaft 17
+ Wohlthätiges Wirken der römisch-katholischen Religion 18
+ Die frühere englische Staatsverfassung als oft
+ falsch dargestellt 19
+ Natur der beschränkten Monarchien des Mittelalters 21
+ Hoheitsrechte der früheren englischen Könige 21
+ Beschränkungen der Hoheitsrechte 22
+ Widerstand, die gewöhnliche Schranke der Tyrannei 25
+ Eigenthümlicher Charakter der englischen Aristokratie 27
+ Regierung der Tudors 28
+ Die beschränkten Monarchien des Mittelalters sind allgemein
+ in absolute Monarchien verwandelt 30
+ Die englische Monarchie als besondere Ausnahme 31
+ Die Reformation und ihre Wirkungen 31
+ Ursprung der Kirche von England 35
+ Ihr eigenthümlicher Charakter 36
+ Das Verhältniß, in welchem sie zu der Krone stand 37
+ Die Puritaner 40
+ Ihr republikanischer Geist 41
+ Gegen die Regierung Elisabeths erhob sich keine
+ systematische parlamentarische Opposition 41
+ Monopolfrage 42
+ Schottland und Irland werden wieder mit England Theile ein
+ und desselben Reichs 43
+ Verminderung des Einflusses Englands nach der
+ Thronbesteigung Jakobs I. 46
+ Die Lehre vom göttlichen Rechte 47
+ Die Kluft zwischen der Kirche und den Puritanern
+ wird größer 49
+ Thronbesteigung und Charakter Karls I. 55
+ Taktik der Opposition im Hause der Gemeinen 55
+ Bitte um Recht 56
+ Die Bitte um Recht wird verletzt 57
+ Charakter und Ansichten Wentworths 57
+ Charakter Laud's 58
+ Sternkammer und Hohe Commission 58
+ Schiffsgeld 59
+ Widerstand gegen die Liturgie in Schottland 60
+ Ein Parlament wird berufen und aufgelöst 62
+ Das Lange Parlament 63
+ Erstes Auftreten der beiden großen englischen Parteien 64
+ Der irische Aufstand 68
+ Die Remonstration 69
+ Anklage der fünf Mitglieder 70
+ Karls Abreise von London 71
+ Anfang des Bürgerkrieges 73
+ Erfolge der Royalisten 75
+ Erstehen der Independenten 75
+ Oliver Cromwell 76
+ Selbstverläugnungsverordnung 76
+ Sieg des Parlaments 77
+ Herrschaft und Charakter der Armee 77
+ Unterdrückung der Aufstände gegen die Soldatenherrschaft 79
+ Verfahren gegen den König 80
+ Seine Hinrichtung 82
+ Unterwerfung Irlands und Schottlands 83
+ Das Lange Parlament wird vertrieben 84
+ Oliver Cromwells Protektorat 86
+ Richard, Cromwells Nachfolger 89
+ Sturz Richards und Wiedereinsetzung des Langen Parlaments 91
+ Zweite Vertreibung des Langen Parlaments 92
+ Die Armee von Schottland rückt in England ein 93
+ Monk erklärt sich für ein freies Parlament 94
+ Allgemeine Wahl von 1660 95
+ Die Restauration 96
+
+
+
+
+[_Einleitung._] Es ist meine Absicht, die Geschichte Englands von der
+Thronbesteigung König Jakobs II. bis auf eine Zeit herab zu schreiben,
+deren sich noch jetzt lebende Menschen erinnern. Ich will die Fehlgriffe
+berichten, durch die sich das Haus Stuart in wenig Monaten einen
+getreuen Adel und eine anhängliche Geistlichkeit entfremdete; die Bahn
+der Revolution verfolgen, die dem langen Kampfe zwischen unsern
+souverainen Herrschern und ihren Parlamenten ein Ziel setzte und nicht
+minder die Rechte des Volkes als die der regierenden Fürstenfamilie
+feststellte; ich will ferner von dem neu errichteten Throne erzählen,
+der viel unruhige Jahre hindurch erfolgreich gegen äußere und innere
+Feinde vertheidigt ward; erzählen, wie unter dem Schutze desselben die
+Ausübung der Gesetze und die Sicherheit des Eigenthums sich mit einer
+Freiheit der Discussion und des individuellen Handelns, wie sie früher
+nicht gekannt, als vereinbar erwies; wie aus der glücklichen
+Vereinbarung von Ordnung und Freiheit eine in den Jahrbüchern der
+Geschichte beispiellose bürgerliche Wohlfahrt erblühte, wie unser
+Vaterland sich rasch aus einem Zustande schmählicher Abhängigkeit
+zu der Autorität eines Schiedsrichters unter den europäischen Mächten
+emporschwang; wie mit seinem Reichthume sein kriegerischer Ruhm wuchs;
+wie es sich durch kluge und unerschütterliche Zuverlässigkeit nach und
+nach einen öffentlichen Credit schuf, der, Wunder bewirkend, den
+Staatsmännern früherer Zeiten unglaublich erschienen sein würde;
+wie aus einem riesigen Handel eine Seemacht hervorging, mit welcher
+verglichen jede andere Seemacht älterer und neuerer Zeit zu völliger
+Bedeutungslosigkeit herabsinkt; wie Schottland nach jahrhundertlanger
+Feindschaft mit England nicht nur durch die Bande der Gesetze, sondern
+durch die noch unauflöslicheren Bande der gemeinsamen Interessen und der
+Zuneigung vereinigt ward; wie die britischen Ansiedelungen in Amerika
+schnell reicher und mächtiger wurden, als jene Königreiche, welche
+Cortez und Pizarro den Ländern Karls V. gewannen; und wie endlich
+britische Abenteurer in Asien ein Reich gründeten, das dem Alexanders an
+Glanz und Festigkeit nicht nachstand.
+
+Nicht minder habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, große Unglücksfälle,
+aus denen Triumphe hervorgingen, zu berichten und große nationale
+Verbrechen und Thorheiten, die tiefer erniedrigen, als irgend ein
+Mißgeschick; ich werde darthun, daß die Güter, welche wir zu den
+höchsten Segnungen zählen, nicht rein wie Gold sind; daß das System,
+nach welchem man unsere Freiheiten gegen die Willkür der königlichen
+Macht schützte, eine neue Art Mißbräuche erschuf, die man in
+unbeschränkten Monarchien nicht kennt; man wird ersehen, daß theils
+durch unkluge Einmischung, theils durch thörichte Vernachlässigung,
+aus der Blüte des Wohlstandes und der Ausdehnung des Handels nicht nur
+unermeßlicher Segen, sondern auch Übel hervorgingen, welche armen und
+uncultivirten Gesellschaften fremd sind; wie in zwei bedeutenden
+Besitzthümern der Krone dem verübten Unrechte gerechte Vergeltung ward;
+wie Unklugheit und Eigensinn die Bande lös'ten, welche die
+nordamerikanischen Kolonien mit dem Mutterlande vereinten; wie das mit
+dem Fluche der Herrschaft eines Volksstammes über den andern und einer
+Konfession über die andere belastete Irland zwar ein Glied des
+Staatskörpers blieb, aber welk und ausgerenkt ihm keine Kraft verlieh,
+so daß Alle, welche die Größe Englands fürchten oder beneiden,
+vorwurfsvoll darauf hindeuten.
+
+Wenn mich nicht alles täuscht, wird trotzdem meine bunte Erzählung in
+den religiösen Gemüthern Dankbarkeit und in der Brust der
+Vaterlandsfreunde neue Hoffnung erwecken, denn die Geschichte unsers
+Vaterlandes, welche die letzten einhundertundsechzig Jahre umschließt,
+ist unbedingt die Geschichte der physischen, moralischen und geistigen
+Fortbildung. Alle die, welche ihr Zeitalter mit dem idealen, goldenen
+vergleichen, mögen von Entartung und Verfall reden; aber keiner, der die
+Vergangenheit genau kennt, wird sich geneigt fühlen, unmuthig und
+verzweifelnd auf die Gegenwart zu blicken.
+
+Ich würde die Aufgabe, die ich mir gestellt, nur unvollkommen lösen,
+wenn ich allein von Schlachten und Belagerungen, von dem Bilden und
+Auflösen der Ministerien und von Palastintriguen und Parlamentsdebatten
+reden wollte; es wird vielmehr mein Bestreben sein, eben so sorgfältig
+die Geschichte des Volks aufzuzeichnen, als die der Regierung; die
+Entwickelung der nützlichen und zierenden Künste, die Entstehung
+religiöser Sekten und die Veränderungen auf dem Gebiete der
+Wissenschaften zu schildern; ein Bild von den Sitten der verschiedenen
+Generationen zu liefern, ja selbst der Veränderungen zu erwähnen, die in
+Kleidung, häuslicher Einrichtung, bei Gastmählern und öffentlichen
+Vergnügungen stattgefunden haben. Den Vorwurf, die Würde der Geschichte
+verletzt zu haben, will ich gern ertragen, wenn es mir nur gelingt, den
+Engländern des neunzehnten Jahrhunderts ein treues Bild von dem Leben
+ihrer Vorfahren zu liefern.
+
+Die Begebenheiten, die ich zu berichten mir vorgenommen, bilden nur den
+einzelnen Act eines großen und ereignißreichen Drama's, das Jahrhunderte
+umfaßt, und er würde sehr unvollkommen verstanden werden, wenn die
+Verwickelung der vorhergehenden Acte nicht allgemein bekannt wäre.
+Ich werde deshalb meine Darstellung durch eine flüchtige Skizze der
+frühesten Geschichte unseres Vaterlandes einleiten, werde zwar schnell
+über manche Jahrhunderte hinweggehen, aber bei den Wechselfällen des
+Kampfes länger verweilen, der die Regierung König Jakobs II. auf den
+entscheidenden Wendepunkt brachte.[1]
+
+ [Anmerkung 1: In diesem und dem nächsten Kapitel habe ich nur
+ selten für nöthig erachtet, Quellen zu citiren, weil ich in diesen
+ Kapiteln weder die Ereignisse ausführlich behandelt, noch
+ unbekannte Materialien benutzt. Die Thatsachen, deren ich erwähne,
+ sind größtentheils solche, die Jeder, der nur einigermaßen in der
+ englischen Geschichte bewandert ist, entweder schon kennt, oder er
+ wird wenigstens wissen, wo er Belehrung darüber findet. In den
+ folgenden Kapiteln aber werde ich die Quellen, aus denen ich
+ geschöpft, sorgfältig angeben.]
+
+
+[_Britannien unter den Römern._] In den ersten Zuständen Britanniens
+deutet nichts auf die Größe hin, die es zu erreichen bestimmt war. Als
+die Bewohner desselben zuerst den tyrischen Schiffern bekannt wurden,
+standen sie wenig über den Eingeborenen der Sandwichinseln. Zwar
+unterjochten es die römischen Waffen, aber es erhielt nur eine schwache
+Färbung von römischen Künsten und Wissenschaften. Von den westlichen
+Provinzen, welche sich die Cäsaren unterwarfen, war es die letzte, aber
+auch die erste wieder, die ihnen verloren ging. Man findet in Britannien
+nichts von Überresten prächtiger Säulenhallen oder Wasserleitungen;
+unter den Meistern lateinischer Dichtkunst und Beredtsamkeit findet man
+keinen Schriftsteller britischer Geburt aufgezeichnet; es ist demnach
+nicht wahrscheinlich, daß die Inselbewohner je mit der Sprache ihrer
+italischen Zwingherren allgemein vertraut gewesen sind. Von dem
+atlantischen Meere bis zu den Rheinländern war Jahrhunderte hindurch die
+lateinische Sprache die vorherrschende; sie hat die celtische Sprache
+verdrängt, hat der deutschen widerstanden und ist noch jetzt die
+Grundlage der französischen, spanischen und portugiesischen. Das Latein
+scheint auf unserer Insel nie die alte galische Sprache bewältigt zu
+haben, auch hat es sich gegen das Germanische nicht behaupten können.
+
+Die unbedeutende und oberflächliche Bildung, welche die Briten von ihren
+südlichen Beherrschern empfangen, verlöschten die Drangsale des fünften
+Jahrhunderts. In den Königreichen des Festlandes, in die das römische
+Reich damals zerfallen war, lernten die Eroberer viel von dem
+unterjochten Stamme. In Britannien wurden die Unterjochten eben so
+barbarisch, als die Sieger.
+
+
+[_Britannien unter den Sachsen._] Alle Häuptlinge, Alarich, Theodorich,
+Chlodowig, Alboin, die in den festländischen Provinzen des römischen
+Reichs deutsche Dynastien gründeten, waren eifrige Christen; das Gefolge
+des Ida und des Cerdic aber brachte allen Aberglauben der Elbe nach
+ihren Ansiedelungen in Britannien. Während die deutschen Herrscher in
+Paris, Toledo, Arles und Ravenna ehrfurchtsvoll den Lehren der Bischöfe
+Gehör gaben, Reliquien von Märtyrern verehrten und sich eifrig an den
+theologischen Streitfragen von Nicäa betheiligten, übten die Herrscher
+von Wessex und Mercia ihre wilden Gebräuche in den Tempeln des Thor und
+Wodan.
+
+Die auf den Trümmern des Westreichs gegründeten festländischen
+Königreiche unterhielten noch ferner einigen Verkehr mit jenen östlichen
+Provinzen, in denen die alte Civilisation, wenn auch nach und nach unter
+dem Einflusse schlechter Regierung schwindend, immer noch die Barbaren
+in Erstaunen setzte und belehrte, in denen der Hof stets noch den Glanz
+des Diocletian und des Constantin entfaltete, die Bildwerke des Polyklet
+und die Gemälde des Apelles die öffentlichen Gebäude schmückten, und
+fleißige Pedanten, wenn auch ohne Geschmack, Verstand und Geist, die
+Meisterwerke des Sophokles, Demosthenes und Plato zu lesen und zu
+erklären im Stande waren. Von dieser Verbindung war Britannien völlig
+ausgeschlossen; seine Küsten wurden von den cultivirten Bewohnern der
+Länder am Bosporus mit jenem unheimlichen Grauen betrachtet, mit welchem
+die Meerenge der Scylla und die Stadt der lästrygonischen Kannibalen zu
+Homers Zeiten die Ionier erfüllten. Es gab auf unserer Insel eine
+Provinz, deren Boden, wie Prokopius erfahren, mit Schlangen bedeckt war
+und deren Luft kein Mensch einathmen und in ihr leben konnte. Zu dieser
+Einöde wurden die Seelen der Verstorbenen aus dem Frankenlande um
+Mitternacht übergeschifft; ein fremder Fischerstamm besorgte dies
+unheimliche Geschäft. Deutlich vernahm der Bootsmann die Sprache der
+Todten; die Last derselben senkte den Kiel tief in das Wasser, ihre
+Gestalten aber blieben dem sterblichen Auge unsichtbar. Wunderdinge
+dieser Art erzählt ein geschickter Geschichtsschreiber, der Zeitgenosse
+Belisars, Simplicius und Tribonian's, in vollem Ernste dem reichen und
+gebildeten Konstantinopel von einem Lande, in welchem der Gründer
+Konstantinopels sich den kaiserlichen Purpur angelegt hatte. Von allen
+andern Provinzen des westlichen Reichs haben wir eine zusammenhängende
+Kunde; nur in Britannien werden zwei Zeitalter der Wahrheit durch ein
+Zeitalter der Fabel völlig getrennt. Odoaker und Totila, Euric und
+Trasimund, Chlodwig, Fredegunde und Brunhild sind geschichtliche Männer
+und Frauen; aber Hengist und Horsa, Vortigern und Rowena, Arthur und
+Mordred sind mythische Personen, deren Existenz zu bezweifeln ist und
+deren Abenteuer in die Klasse der des Herkules und Romulus zu werfen
+sind.
+
+
+[_Bekehrung der Sachsen zum Christenthume._] Endlich beginnt das Dunkel
+sich zu lichten, und das Land, das als Britannien aus dem Gesichtskreise
+entschwunden, erscheint als England wieder. Mit der Bekehrung der
+sächsischen Ansiedler zum Christenthume begann eine lange Reihe
+heilsamer Umgestaltungen, obgleich die Kirche selbst durch den
+Aberglauben und die Philosophie, gegen die sie lange und endlich
+siegreich gekämpft, tief verderbt war, und den von den alten Schulen
+entnommenen Lehrsätzen, sowie den alten Tempeln entlehnten Gebräuchen zu
+willig Eingang gestattet hatte. Römische Politik und gothische
+Unwissenheit, griechische Spitzfindigkeit und syrische Asketik hatten
+vereint zu ihrer Verderbniß gewirkt; aber ihr war noch genug von der
+erhabenen Gotteslehre und milden Moral früherer Zeit geblieben, um
+manchen Geist zu erheben, manches Herz zu läutern. Ebenso gehörte
+Manches, was in späterer Zeit als ihr Hauptmakel betrachtet wurde, im
+siebenten Jahrhunderte und noch lange nach demselben zu ihren größten
+Verdiensten. So würden Übergriffe der Geistlichkeit in die
+Obliegenheiten der bürgerlichen Obrigkeit in unserer Zeit ein großes
+Übel sein; aber was unter einer guten Regierung ein Übel ist, kann unter
+einer durchaus schlechten zum Segen werden. Es ist besser, wenn die
+Menschen durch weise, gut ausgeübte Gesetze und durch eine aufgeklärte
+öffentliche Meinung, als durch listige Priester regiert werden; aber es
+ist wiederum besser, wenn Priesterlist statt roher Gewalt, wenn ein
+Prälat wie Dunstan, statt eines Kriegers wie Penda herrscht. Eine in
+Rohheit versunkene Gesellschaft, die nur durch physische Kraft regiert
+wird, hat vollen Grund sich zu freuen, wenn ein Stand, dessen Wirken
+geistiger und moralischer Natur ist, die Obergewalt erhält. Ohne Zweifel
+wird ein solcher Stand seine Macht mißbrauchen; aber selbst eine
+gemißbrauchte geistige Macht ist stets edler und besser, als jene, die
+sich nur auf die Kraft des Körpers stützt. Die sächsischen Chroniken
+erzählen von Tyrannen, die, auf dem Gipfel ihrer Macht angelangt, von
+Reue ergriffen, die durch Verbrechen erworbenen Genüsse und Würden
+verschmähten, ihre Kronen niederlegten und durch harte Büßungen und
+unausgesetzte Gebete die verübten Frevel sühnen wollten: diese
+Erzählungen haben einigen Schriftstellern Anlaß zu bitteren,
+verachtenden Äußerungen gegeben, Schriftstellern, die sich der
+Freisinnigkeit rühmten, im Grunde aber so engherzig waren, als es nur
+ein Mönch aus der finstern Zeit sein kann, und an alle Ereignisse in der
+Geschichte den Maßstab zu legen pflegten, den die Pariser Gesellschaft
+des achtzehnten Jahrhunderts verwendete. Ein System, sollte ich glauben,
+das, wenn auch immerhin durch Aberglauben entstellt, dennoch in die
+durch rohe Muskelkraft und Geisteskühnheit beherrschten Gesellschaften
+starke moralische Schranken einführte, die verwegensten und mächtigsten
+Herrscher lehrte, daß sie, gleich ihren niedrigsten Knechten,
+verantwortliche Wesen seien, ein solches System hätte verdient, von
+Philosophen und Menschenfreunden mit größerer Achtung erwähnt zu
+werden. --
+
+Dieselben Bemerkungen gelten auch in Bezug auf die Verachtung, mit der
+man im vorigen Jahrhunderte von den Pilgerfahrten, den heiligen
+Zufluchtsstätten, den Kreuzzügen und den mönchischen Institutionen des
+Mittelalters zu sprechen pflegte. In Zeiten, in denen die Menschen weder
+durch Lernbegierde noch durch Gewinn zu reisen veranlaßt wurden, war es
+besser, daß der rohe Nordländer Italien und den Osten als Pilger
+besuchte, als wenn er nie etwas Anderes als die schmutzigen Wohnungen
+und die wilden Wälder, in denen er geboren, gesehen hätte. In Zeiten,
+in denen das Leben und die weibliche Ehre täglich der Gefahr ausgesetzt
+waren, von Tyrannen und Räubern angegriffen zu werden, war es besser,
+daß die Grenzen eines Heiligenschreines mit einer unvernünftigen Scheu
+betrachtet wurden, als wenn es gar keine der Rohheit und Freiheit
+verschlossene Zufluchtsstätte gegeben hätte. In Zeiten, wo die
+Staatsmänner unfähig zur Aufstellung umfassender politischer
+Combinationen waren, war es besser, daß die christlichen Völker sich
+vereinigt zur Wiedergewinnung des heiligen Grabes erhoben, als wenn sie
+von der mahomedanischen Macht eins nach dem andern überwältigt worden
+wären. Wenn man auch mit Recht in späterer Zeit die Trägheit und
+Üppigkeit der religiösen Orden tadelte, so war es gewiß gut, daß es in
+dem Zeitalter der Rohheit und Gewalttätigkeit ruhige Klöster und Gärten
+gab, in denen die Künste des Friedens in Sicherheit gepflegt, edle und
+zum Nachdenken geneigte Gemüther eine Zufluchtsstätte finden konnten;
+wo ein Bruder sich mit dem Abschreiben von Virgil's Äneide, ein anderer
+sich mit dem Studium der Analysen des Aristoteles beschäftigte; wo es
+dem Kunstsinnigen gestattet war, eine Sammlung Märtyrerlegenden
+auszumalen, oder ein Crucifix zu schnitzeln, und denen, die Sinn für
+Naturwissenschaft hatten, Versuche über die Eigenschaften der Pflanzen
+und Mineralien anzustellen. Wären solche friedlichen Orte nicht hier und
+dort unter den Hütten eines elenden Landvolkes und unter den Burgen
+eines übermüthigen Adels verstreut gewesen, es würden die Bewohner
+Europa's nur Last- und Raub-Thiere gewesen sein. Die Theologen haben die
+Kirche oft mit der Arche verglichen, von der wir im Buche der Genesis
+lesen: Die Ähnlichkeit mit derselben war nie vollkommener als während
+jener bösen Zeit, wo sie allein in Finsterniß und Sturm sich auf den
+Wogen, die alle großen Werke antiker Macht und Weisheit begraben hatten,
+erhielt, und den schwachen Keim in sich trug, dem eine zweite und
+ruhmreichere Civilisation entsprießen sollte.
+
+Selbst die geistliche Obergewalt, die der Pabst sich anmaßte, hat in den
+finstern Zeitaltern mehr Gutes als Böses bewirkt. Die Vereinigung der
+Nationen des westlichen Europa's zu einem großen Gemeinwesen war ihr
+Werk. Was die olympischen Wagenkämpfe und das pythische Orakel den
+griechischen Städten, von Trapezunt bis Massalia, das waren Rom und sein
+Bischof den Christen der lateinischen Kirche von Calabrien bis zu den
+Hebriden. Es erwuchsen so Gefühle umfassenden Wohlwollens; Volksstämme,
+durch Meere und Berge von einander getrennt, erkannten ein brüderliches
+Band und ein gemeinsames Buch der öffentlichen Gesetze an, und selbst im
+Kriege ward die Grausamkeit des Siegers nicht selten durch den Gedanken
+gemildert, daß er und seine unterjochten Feinde alle Glieder eines
+großen Bundes seien.
+
+Diesem Bunde nun traten unsere sächsischen Vorfahren bei. Es entstand
+ein regelmäßiger Verkehr zwischen unsern Küsten und jenem Theile
+Europa's, in dem die Spuren der alten Macht und Staatskunst noch
+sichtbar waren. Viel edle Denkmäler, die während der Zeit zerstört oder
+verunstaltet worden, standen noch in ihrer alten Pracht, und Reisende,
+denen Livius und Sallust unverständlich waren, konnten sich aus den
+römischen Wasserleitungen und Tempeln einen schwachen Begriff von
+römischer Geschichte bilden. Der immer noch von Erz schimmernde Dom des
+Agrippa; das Grabmal des Hadrian, der Säulen und Statuen noch nicht
+beraubt; das flavische Amphitheater, noch nicht zu einem Steinbruche
+herabgesunken, erzählten den Pilgern von Mercia und Northumberland einen
+Theil der Geschichte jener großen aufgeklärten Welt, die untergegangen
+war. Mit tief eingeprägter Ehrfurcht in den kaum geöffneten Gemüthern
+kehrten die Inselbewohner zurück und erzählten den staunenden Bewohnern
+der Hütten von London und York, daß ein mächtiges, jetzt erloschenes
+Geschlecht bei dem Grabe des heiligen Petrus Gebäude aufgeführt habe,
+die vor dem jüngsten Tage nicht untergehen würden. Die Gelehrsamkeit
+folgte dem Christenthume; die Dichtkunst und Beredtsamkunst der Zeit des
+Augustus ward in den Klöstern von Mercia und Northumberland mit Eifer
+geübt, und die Namen des Beda, des Alcuin und des Johannes, auch Erigena
+genannt, wurden durch ganz Europa mit Recht gefeiert. In diesem Zustande
+befand sich unser Vaterland, als im neunten Jahrhundert die letzte große
+Einwanderung der Barbaren des Nordens begann.
+
+
+[_Dänische Invasionen._] Mehrere Menschenalter hindurch kamen aus
+Dänemark und Skandinavien zahllose Seeräuber, die sich durch Kraft,
+Muth, schonungslose Grausamkeit und Haß gegen den christlichen Namen
+auszeichneten. Kein Land litt durch diese Einfälle so viel, als England,
+dessen Küste den Häfen, aus denen sie ausfuhren, nahe lag, und kein
+Theil unserer Insel war weit genug vom Meere entfernt, um vor Angriffen
+sicher zu sein. Dieselben Grausamkeiten, die den Sieg der Sachsen über
+die Celten begleitet, erlitten nach Jahrhunderten die Sachsen von der
+Hand der Dänen. Die Gesittung, die sich neu zu heben begann, ward von
+dem Schlage getroffen und sank wiederum darnieder. Große Colonien
+Abenteurer von der Ostsee ließen sich an den östlichen Küsten nieder,
+dehnten sich nach und nach westwärts aus, und, unterstützt durch stete
+Verstärkungen von jenseits des Meeres, trachteten sie danach, sich der
+Herrschaft des ganzen Reichs zu bemächtigen. Der Kampf zwischen den
+beiden wilden germanischen Stämmen dauerte sechs Menschenalter hindurch.
+-- Jeder gewann abwechselnd den Sieg. Furchtbare Metzeleien, denen eine
+nicht minder furchtbare Rache folgte, verheerte Provinzen, geplünderte
+Klöster und zerstörte Städte bilden den größten Theil der Geschichte
+jener furchtbaren Zeit. Als endlich der Norden keine Verwüster mehr
+aussandte, erlosch nach und nach der gegenseitige Haß der Stämme,
+und wechselseitige Verheirathungen fanden häufiger statt. Die Dänen
+erlernten die Religion der Sachsen, und somit schwand eine Ursache
+tödtlicher Erbitterung. Die dänische und sächsische Sprache, Dialekte
+einer ausgebreiteten Mundart, verschmolzen ineinander; noch aber war die
+Verschiedenheit zwischen den beiden Völkern nicht völlig verschwunden,
+als ein Ereigniß beide in gemeinsamer Knechtschaft und Erniedrigung zu
+den Füßen eines dritten Volkes niederbeugte.
+
+
+[_Die Normannen._] Unter den Volksstämmen der Christenheit behaupteten
+um jene Zeit die Normannen den ersten Platz. Muth und Wildheit
+zeichneten sie unter den Seeräubern aus, die Skandinavien zur Verheerung
+des westlichen Europa's ausgesendet hatte. Ihre Segel bildeten lange den
+Schrecken beider Küsten des Kanals. Mehr als einmal drangen ihre Waffen
+tief in das Herz des Karolingischen Reiches; sie siegten unter den
+Mauern von Mastricht und Paris. Einer der schwachen Erben Karls des
+Großen trat endlich den Fremden eine fruchtbare Provinz ab, die ein
+mächtiger Strom durchzog, und von dem Meere, ihrem Lieblingselemente,
+bespült ward. In dieser Provinz gründeten sie nun einen mächtigen Staat,
+der nach und nach seinen Einfluß über die angrenzenden Fürstenthümer
+Bretagne und Maine ausdehnte. Die Normannen, ohne den unerschrockenen
+Muth abzulegen, der der Schrecken der Länder von der Elbe bis zu den
+Pyrenäen gewesen, eigneten sich bald alle, und mehr noch als alle
+Kenntniß und Gesittung an, die sie in dem Lande der neuen Ansiedelung
+fanden. Einfälle von Außen wehrte ihre Tapferkeit ab, und in dem Innern
+ihres Gebiets begründeten sie eine Ordnung, die dem fränkischen Reiche
+lange unbekannt gewesen war. Sie traten zu dem Christenthume über, und
+mit dem Christenthume lernten sie einen großen Theil von dem, was der
+Clerus lehrte. Ihre Muttersprache gaben sie auf, und nahmen die
+französische an, in welcher das Latein das vorherrschende Element
+bildete. Der neuen Sprache verliehen sie nun bald eine Würde und
+Bedeutung, die sie nie zuvor besessen hatte. Dem vorgefundenen
+Sprachgemenge gaben sie durch die Schrift eine feste Form, und bedienten
+sich ihrer in der Gesetzgebung, in der Poesie, und in dem Roman.
+Die thierische Unmäßigkeit, zu der alle andern Zweige der großen
+germanischen Familie nur zu sehr sich hinneigten, legten sie ab. Der
+verfeinerte Luxus der Normannen bildete einen scharfen Kontrast zu der
+rohen Gefräßigkeit und Trunksucht ihrer sächsischen und dänischen
+Nachbarn. -- Nicht in Massen von Speisen und in großen Gefäßen mit
+starken Getränken entfaltete sich dieser Luxus, sondern in großen und
+prächtigen Bauwerken, kostbaren Rüstungen, schönen Pferden, auserlesenen
+Falken, wohlgeordneten Turniren, mehr feinen als überladenen
+Gastmählern, und in Weinen, die sich mehr durch Wohlgeschmack als
+berauschende Kraft auszeichneten. Jener ritterliche Geist, der auf die
+Politik, die Moral und Gesittung aller europäischen Nationen einen so
+mächtigen Einfluß ausgeübt, stand bei den normannischen Edlen in hoher
+Blüthe; sie zeichneten sich durch anmuthige Haltung und einnehmende
+Manieren aus; nicht minder auch durch ihre Gewandtheit in
+Unterhandlungen, und eine natürliche Beredtsamkeit, die sie eifrig
+pflegten. Einer der normännischen Geschichtsschreiber sagt rühmend, daß
+die Edlen seines Stammes Redner von der Wiege an seien. Ihren größten
+Ruhm aber errangen sie durch ihre kriegerischen Thaten. Vom atlantischen
+Ocean bis zum todten Meere waren die Länder Zeugen von den Wundern ihrer
+Kriegszucht und Tapferkeit. Ein normännischer Ritter an der Spitze eines
+Häufleins Krieger versprengte die Celten von Connaught. Ein Anderer
+gründete die Monarchie beider Sicilien, und sah die Kaiser des Ost und
+West vor seinen Waffen fliehen. Ein Dritter, der Ulysses des ersten
+Kreuzzuges, ward von seinen Gefährten zum Beherrscher von Antiochien
+ernannt, und ein Vierter, jener Tankred, dessen Name in Tasso's
+erhabenem Gedichte fortlebt, wurde in der ganzen Christenheit als der
+tapferste und großmüthigste unter den Kämpfern des heiligen Grabes
+gepriesen. Die Nähe eines so bedeutenden Volkes begann schon früh seine
+Wirkung auf den Volksgeist in England zu äußern. Englische Prinzen
+erhielten, schon vor der Eroberung, ihre Erziehung in der Normandie.
+Englische Bisthümer und Landgüter wurden Normannen zu Lehen gegeben. Das
+Französisch der Normandie war die gewöhnliche Sprache im Palaste von
+Westminster. Der Hof von Rouen scheint dem Eduards des Bekenners
+dasselbe gewesen zu sein, was lange Zeit nachher der Hof von Versailles
+dem Karls II. war.
+
+
+[_Die normannische Eroberung._] Durch die Schlacht von Hastings und die
+ihr folgenden Ereignisse gelangte nicht nur ein Herzog der Normandie auf
+den englischen Thron, es ward auch die ganze Bevölkerung Englands der
+Tyrannei des normännischen Stammes preisgegeben. Selten ist die
+Unterjochung einer Nation durch die andere, selbst in Asien,
+vollständiger gewesen. Die Führer der Eroberer vertheilten das Land
+unter sich, starke militärische Einrichtungen, eng mit den Verhältnissen
+des Grundeigenthums verbunden, machten es den fremden Siegern möglich
+die Landeskinder zu unterdrücken. Ein grausames und rücksichtlos grausam
+angewendetes Strafgesetzbuch schützte nicht nur die Vorrechte, sondern
+auch die Lustbarkeiten der fremden Unterjocher. Aber dennoch ließ das
+unterworfene Volk, obgleich geknechtet und mit Füßen getreten, seinen
+Stachel fühlen. Einige kühne Männer, die Lieblingshelden unserer
+ältesten Balladen, flüchteten sich in die Wälder und unternahmen von
+dort aus, trotz der Feuerglocken- und Forstgesetze, einen Raubkrieg
+gegen ihre Unterdrücker. Täglich wurden Meuchelmorde verübt; mancher
+Normanne verschwand plötzlich und spurlos; viele der aufgefundenen
+Leichen trugen die Spuren der Gewaltthätigkeit. Man drohte den Mördern
+mit martervollen Todesstrafen und stellte die strengsten Nachforschungen
+an; diese waren aber gewöhnlich ohne Erfolg, denn die ganze Nation hatte
+sich zu ihrem Schutze verschworen. Endlich ward für nöthig erachtet,
+jedem Distrikte, in welchem eine Person von fränkischer Abkunft
+erschlagen aufgefunden wurde, eine schwere Buße aufzuerlegen, und dieser
+Bestimmung ließ man bald eine andere folgen, wonach jede ermordete
+Person für einen Franken gelten sollte, wenn nicht ihre sächsische
+Abkunft erwiesen würde.
+
+In den anderthalb Jahrhunderten nach der Eroberung giebt es eigentlich
+keine englische Geschichte. Die fränkischen Könige Englands schwangen
+sich zu einer Bedeutung empor, welche die benachbarten Völker mit
+Staunen und Schrecken erfüllte. Sie eroberten Irland, ließen sich von
+Schottland huldigen, und wurden durch ihre Tapferkeit, Politik und ihre
+glücklichen Heirathsbündnisse auf dem Festlande weit mächtiger, als ihre
+Lehnsherren, die Könige von Frankreich. Asien und Europa ließen sich
+durch die Macht und den Glanz unserer Tyrannen blenden; arabische
+Chronisten berichteten mit Widerstreben aber doch mit Bewunderung den
+Fall von Acre, die Vertheidigung Joppe's und den siegreichen Kriegszug
+nach Ascalon. Noch lange Zeit brachten arabische Mütter mit dem Namen
+des löwenherzigen Plantagenet ihre Kinder zum Schweigen. Es schien
+selbst einmal, als ob die Linie des Hugo Capet enden solle, wie die
+Merowingischen und Karolingischen Linien geendet hatten, und als ob sich
+eine einzige große Monarchie von den Orkaden bis zu den Pyrenäen
+ausdehnen würde. Nach den meisten Ansichten ist die Größe eines
+Herrschers mit der Größe des ihm untergebenen Volkes so eng verbunden,
+daß fast jeder englische Geschichtsschreiber die Macht und den Glanz der
+fremden Oberherrn mit triumphirender Freude berichtet und den Verfall
+dieser Macht und dieses Glanzes als ein Unglück für unser Vaterland
+beklagt. Dies ist wahrlich ebenso abgeschmackt, als wenn ein Neger von
+Haiti in unserer Zeit mit Nationalstolz die Größe Ludwigs XIV. preisen
+und von Blenheim und Ramilies mit patriotischer Trauer und Beschämung
+reden wollte.
+
+Der Eroberer und seine Nachkommen bis zur vierten Generation waren keine
+Engländer, und fast alle in Frankreich geboren; den größten Theil ihrer
+Lebenszeit brachten sie in Frankreich zu; das Französische war ihre
+gewöhnliche Sprache; fast jedes hohe Amt, das sie zu besetzen hatten,
+ward Franzosen übertragen, und jede auf dem Festlande gemachte neue
+Erwerbung entfremdete sie der Bevölkerung unserer Insel immer mehr.
+Einer der tüchtigsten von ihnen versuchte es zwar, indem er sich mit
+einer englischen Prinzessin vermählte, die Herzen seiner englischen
+Unterthanen zu gewinnen; allein der größte Theil seiner Barone
+betrachtete diese Verbindung aus demselben Gesichtspunkte, wie man heute
+in Virginien die Verbindung eines weißen Pflanzers mit einem
+Quadronen-Mädchen betrachten würde. In der Geschichte wird er mit dem
+ehrenvollen Beinamen Beauclerc genannt; aber zu seiner Zeit legten ihm
+die eigenen Landsleute mit verachtender Anspielung auf seine sächsische
+Verbindung einen sächsischen Spottnamen bei. Wäre es, wie es einmal den
+Anschein hatte, den Plantagenets gelungen, ganz Frankreich unter ihrer
+Herrschaft zu vereinigen, so würde England wahrscheinlich nie zu einer
+unabhängigen Existenz gelangt sein. Seine Fürsten, Lords und Prälaten
+wären nach Abstammung und Sprache von den Handwerkern und Bauern völlig
+verschieden gewesen; die Erträge seiner ausgebreiteten Grundstücke
+würden die Feste und Lustbarkeiten an den Ufern der Seine verschlungen
+haben, und die edle Sprache eines Milton und Burke würde ein bäuerischer
+Dialekt ohne Literatur, ohne festgeregelte Grammatik, ohne geordnete
+Orthographie geblieben und verächtlich dem Gebrauche der Bauern
+überlassen worden sein. Niemand von englischer Abkunft würde im Stande
+gewesen sein eine hohe Stellung zu erlangen, ohne in Sprache und Sitte
+ein Franzose zu werden. --
+
+
+[_Trennung Englands von der Normandie._] Daß England einem solchen
+Geschicke entging, hat es einem Ereigniß zu danken, das die
+Geschichtsschreiber allgemein als ein unheilvolles geschildert haben.
+Das Interesse des Landes stand dem seiner Herrscher so entschieden
+entgegen, daß nur die Mißgriffe und Unglücksfälle derselben bessere
+Aussichten gewähren konnten. Die Fähigkeiten, und selbst die guten
+Eigenschaften seiner sechs ersten fränkischen Könige waren ihm ein
+Fluch; die Thorheiten und Fehler des siebenten gereichten ihm zum Segen.
+Wenn Johann die großen Eigenschaften seines Vaters, Heinrich Beauclercs,
+oder des Eroberers geerbt, auch wenn er nur den kriegerischen Muth von
+Stephan oder Richard besessen hatte, und wäre der König von Frankreich
+zu gleicher Zeit so unfähig, wie alle anderen Nachfolger Hugo Capets,
+so würde das Haus Plantagenet zu der einflußreichsten Höhe in Europa
+gelangt sein. Aber gerade in jener Zeit ward Frankreich, zum ersten Male
+seit Karls des Großen Tode, von einem kräftigen, fähigen Fürsten
+regiert; England aber, seit der Schlacht von Hastings in der Regel von
+klugen Staatsmännern und stets von tapfern Kriegern geleitet, fiel der
+Botmäßigkeit eines Schwätzers und Feiglings anheim. Von diesem
+Augenblicke an ward seine Aussicht lichter. Johann wurde aus der
+Normandie verjagt, die normännischen Edelleute mußten zwischen der Insel
+und dem Festlande wählen und gemeinschaftlich mit dem Volke, das sie
+stets geknechtet und verachtet hatten, von dem Meere eingeschlossen,
+kamen sie nach und nach dahin, England als ihr Vaterland und die
+Engländer als ihre Landsleute zu betrachten. Beide Volksstämme, einander
+so lange feindlich gesinnt, erkannten nun bald, daß sie
+gemeinschaftliche Interessen und gemeinschaftliche Feinde hatten; sie
+litten beide zugleich unter der Tyrannei eines schlechten Königs, und
+beide waren gleich entrüstet über die Bevorzugung, die der Hof den
+Eingeborenen von Poitou und Aquitanien angedeihen ließ. Die Urenkel der
+Streiter Wilhelms begannen sich denen Harolds freundschaftlich zu
+nähern, und das erste Pfand ihrer Versöhnung ward der große
+Freiheitsbrief, den sie vereint errungen und zu ihrem gemeinsamen Wohle
+entworfen hatten.
+
+
+[_Die Vermischung der Volksstämme._] Hier beginnt die Geschichte des
+englischen Volkes. Die Geschichte der frühern Begebenheiten ist die
+Geschichte der von einzelnen Stämmen verübten und erlittenen Übel,
+von Volksstämmen, die zwar auf englischem Boden wohnten, aber sich
+gegenseitig mit einer Abneigung betrachteten, wie man sie selten bei
+Völkern findet, die durch natürliche Grenzen von einander geschieden
+sind, denn selbst die gegenseitige Erbitterung im Kriege begriffener
+Länder ist jener gegenüber nur schwach zu nennen, die moralisch
+getrennte, aber örtlich vermischte Nationen hegen. Dieser Stammeshaß ist
+in keinem Lande so arg gewesen, als in England; aber auch nirgends ist
+er gründlicher vertilgt. Die Stadien des Prozesses, der die feindlichen
+Elemente in eine gleiche Masse verschmolz, sind uns nicht näher bekannt;
+aber es ist gewiß, daß die Kluft zwischen Sachsen und Normannen noch
+sehr stark hervortrat, als Johann König wurde, daß sie jedoch vor dem
+Ende der Regierung seines Enkels fast völlig verschwunden war. Zur Zeit
+Richards I. war die gewöhnliche Verwünschung eines edeln Normanns: »ich
+will zum Engländer werden!« -- und die gebräuchliche Form einer
+unwilligen Weigerung: »haltet Ihr mich für einen Engländer?« Hundert
+Jahre später war der Nachkomme eines solchen Edelmanns stolz auf den
+Namen eines Engländers.
+
+Die Quellen der bedeutendsten Ströme, die ganzen Ländern Fruchtbarkeit
+bringen und reich beladene Flotten zum Meere tragen, müssen in wilden
+und unfruchtbaren Bergketten aufgesucht werden, die auf den Landkarten
+ungenau angegeben und von Reisenden nur selten erforscht sind. Mit einer
+solchen Bergkette läßt sich die Geschichte unseres Vaterlandes während
+des dreizehnten Jahrhunderts nicht unpassend vergleichen. Ob auch jener
+Abschnitt unserer Annalen unfruchtbar und dunkel ist, so können wir doch
+nur in ihm den Ursprung unserer Freiheit, unseres Glücks und unseres
+Ruhmes suchen. Damals entstand das große englische Volk, und es begann
+der Nationalcharakter desselben jene Eigenthümlichkeiten zu entfalten,
+die er seitdem stets bewahrt hat; damals wurden unsere Väter in der
+vollsten Bedeutung des Wortes Insulaner, aber nicht nur Insulaner der
+geographischen Lage nach, sondern auch in ihrer Politik, ihrer Denkart
+und ihren Sitten. Damals trat zuerst bestimmt und klar jene Verfassung
+hervor, die seitdem durch alle Wechselfälle ihre Identität bewahrte,
+jene Verfassung, von der alle freien Verfassungen der Welt nur
+Nachbildungen sind, und die, ungeachtet einiger Mängel, als die Erste
+von allen gehalten zu werden, würdig ist, unter der je eine große
+Gesellschaft Jahrhunderte hindurch bestanden hat. Damals geschah es,
+daß das Haus der Gemeinen, dieses Musterbild aller repräsentativen
+Versammlungen der alten und neuen Welt, zu den ersten Sitzungen
+zusammentrat, und daß das gemeine Recht zu der Würde einer Wissenschaft
+erhoben und ein nicht unwürdiger Rival der kaiserlichen
+Rechtsgelehrsamkeit wurde. Damals machte der Muth jener Seeleute, welche
+die Mannschaft der rohen Barken der fünf Häfen bildeten, zuerst die
+Flagge Englands auf dem Meere furchtbar; es wurden die ältesten
+Hochschulen gegründet, die noch jetzt in den beiden großen
+Nationalsitzen der Gelehrsamkeit bestehen; es bildete sich die Sprache,
+die zwar weniger wohlklingend als die des Südens, aber an Kraft,
+Reichthum und Tauglichkeit für die erhabensten Zwecke des Dichters,
+des Philosophen und des Redners nur von der Sprache Griechenlands
+übertroffen wird; und damals endlich dämmerte der erste schwache Schein
+jener edlen Literatur auf, die zu den glänzendsten und unvergänglichen
+Schätzen Englands gehört.
+
+Bereits zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts waren die Volksstämme
+fast völlig in einander verschmolzen und untrügliche Zeichen deuteten
+an, daß aus der Mischung dreier Zweige der großen teutonischen Familie
+mit den Urbewohnern Britanniens ein Volk hervorgegangen sei, das keinem
+andern der Welt nachstand. Und wahrlich, das England, nach dem Johann
+von Philipp August einst vertrieben worden, hatte mit dem England, aus
+welchem die Heere Eduards III. zur Eroberung Frankreichs auszogen, fast
+nichts gemein.
+
+
+[_Englische Eroberungen auf dem Festlande._] Es folgte nun ein Zeitraum
+von mehr als hundert Jahren, in welchem die Engländer vorzüglich danach
+strebten, durch die Gewalt der Waffen auf dem Festlande ein großes Reich
+zu gründen. Zwar schien es, daß für die Ansprüche Eduards auf die von
+dem Hause Valois in Besitz genommene Erbschaft seine Unterthanen sich
+wenig interessirten; aber die Eroberungssucht des Fürsten bemächtigte
+sich bald des Volkes. Der Krieg war von jenen Kriegen sehr verschieden,
+welche die Plantagenets des zwölften Jahrhunderts gegen die Nachkommen
+Hugo Capets unternommen hatten; denn hätte Heinrich II. oder Richard I.
+sein Ziel erreicht, so würde England eine französische Provinz geworden
+sein. Eduard's III. und Heinrichs V. Glück machte Frankreich für einige
+Zeit zu einer englischen Provinz. Mit derselben Geringschätzung, mit der
+im zwölften Jahrhunderte die Eroberer vom Festlande die Insulaner
+betrachtet, blickten diese nun auf das Volk des Festlandes. Jeder
+Freisasse von Kent bis Northumberland erachtete sich einem Stamme
+angehörig, der zum Siegen und zum Herrschen geboren, und mit Hohn
+blickte er auf das Volk, vor dem seine Ahnen einst gezittert hatten.
+Selbst die Ritter von Gascogne und Guienne, die tapfer unter dem
+schwarzen Prinzen gefochten hatten, betrachteten die Engländer als Leute
+geringerer Art und schlossen sie verächtlich von ehrenvollen und
+einträglichen Posten aus. Nach kurzer Zeit schon beachteten unsere
+Vorfahren den ursprünglichen Grund des Streites nicht mehr, sie begannen
+die französische Krone nur für einen Zubehör der englischen zu halten,
+und wenn sie, unter Verletzung des ordentlichen Erbfolgerechts, die
+Krone Englands auf das Haus Lancaster übertrugen, so scheinen sie der
+Ansicht gewesen zu sein, daß das Recht Richards II. auf die französische
+Krone natürlich auch auf dieses Haus übergehe. Sie bethätigten einen
+Eifer und eine Kraft, die einen merkwürdigen Contrast zu der Lauheit der
+Franzosen bildeten, für die der Ausgang des Kampfes weit wichtiger war.
+Die englischen Waffen erfochten in jener Zeit gegen an Zahl überlegene
+Heerhaufen Siege, die zu den größten gehören, von denen die Geschichte
+des Mittelalters berichtet, und es waren dies in der That Siege, denen
+sich eine Nation mit Stolz rühmen darf, weil man sie dem moralischen
+Übergewichte der Sieger beizumessen hat, das sich selbst in den
+niedrigsten Reihen deutlich zeigte. Die Ritter Englands fanden in denen
+Frankreichs würdige Nebenbuhler. Chandos kämpfte mit Du Guesclin als
+einem ebenbürtigen Feinde. Aber es fehlte Frankreich an Fußvolk, das den
+englischen Bogen und Streitäxten die Spitze zu bieten vermochte. Ein
+französischer König ward gefangen nach London gebracht; ein englischer
+König ward in Paris gekrönt. Weit über die Pyrenäen und Alpen hinaus
+wurde das Banner des heiligen Georg getragen. Im Süden vom Ebro gewannen
+die Engländer eine große Schlacht, die das Geschick von Leon und
+Castilien für einige Zeit entschied, und die englischen Compagnien
+gewannen ein furchtbares Ansehen bei den Kriegerbanden, die ihre Waffen
+an die Fürsten und Republiken Italiens verdungen hatten.
+
+In jener kriegerisch bewegten Zeit vernachlässigten jedoch unsere Väter
+die Künste des Friedens nicht. Während Frankreich vom Kriege verwüstet
+wurde, daß es zuletzt in seiner Zerstörung selbst einen beklagenswerthen
+Schutz gegen neue Einfälle fand, sammelten die Engländer ruhig ihren
+Erndtesegen ein, verschönerten ihre Städte, und pflegten in Sicherheit
+das Recht, den Handel und die Wissenschaften. -- Jener Zeit gehören
+viele unserer edelsten Baudenkmäler an. Es entstanden die schönen
+Kapellen des Neuen-Collegiums und von St. Georg; das Schiff der
+Kathedrale von Winchester und das Chor des Münsters von York; der
+Spitzthurm von Salisbury und die majestätischen Thürme von Lincoln. Eine
+reiche und kernige Sprache, hervorgegangen aus dem Zusammenflusse der
+französischen und deutschen, ward nun ein Gemeingut der Aristokratie und
+des Volks. Bald begann der Genius dieses bewundernswerthe Werkzeug zu
+würdigen Zwecken zu benutzen. Während englische Heerhaufen, die
+verwüsteten Provinzen Frankreichs hinter sich lassend, triumphirend in
+Valladolid einzogen und bis vor die Thore von Florenz Schrecken
+verbreiteten, schilderten englische Dichter in lebhaften Farben den
+mannigfaltigen Wechsel menschlicher Sitten und Schicksale; es strebten
+englische Denker nach Wissen oder wagten Zweifel zu hegen, wo die
+Bigotterie sich begnügte zu staunen und zu glauben. Dieselbe Zeit, aus
+welcher der schwarze Prinz und Derby, Chandos und Hawkwood hervorging,
+gebar auch Geoffroy Chaucer und John Wycliffe. --
+
+So glänzend und erhaben war der erste Auftritt des eigentlich so zu
+nennenden englischen Volks unter den Nationen der Welt. Aber während wir
+die hohen, achtunggebietenden Eigenschaften unserer Voreltern mit
+Wohlgefallen betrachten, dürfen wir uns nicht verhehlen, daß das von
+ihnen erstrebte Ziel vom Gesichtspunkte der Humanität und der
+aufgeklärten Politik ein durchaus verwerfliches ist und daß die
+Mißgeschicke, durch die sie nach einem langen und blutigen Kampfe die
+Hoffnung auf Gründung eines großen festländischen Reiches aufzugeben
+gezwungen wurden, wahrhafte Segnungen, und nur scheinbar Unglücksfälle
+waren. Der Geist der Franzosen erwachte endlich; sie begannen den
+fremden Eroberern einen kräftigen nationalen Widerstand zu leisten, und
+von dieser Zeit an waren die Geschicklichkeit der englischen Feldherren
+und der Muth ihrer Soldaten, zum Heile für die Menschheit, ohne Erfolg.
+Unsere Vorfahren gaben, nach vielen blutigen Kämpfen, mit schmerzlicher
+Reue den Streit auf. Seitdem hat nie mehr eine englische Regierung
+ernstlich und beharrlich den Plan verfolgt, große Eroberungen auf dem
+Festlande zu machen. Zwar fuhr das Volk fort, Crecy, Poitiers und
+Agincourt ein solches Andenken zu bewahren, und man konnte noch viel
+Jahre später durch das Versprechen eines Eroberungszuges nach Frankreich
+leicht sein Blut wallend machen und ihm Hilfsgelder ablocken; aber zum
+Glück hat die Thatkraft unsers Vaterlandes sich edlern Zielen
+zugewendet, und es nimmt jetzt in der Geschichte der Menschheit eine
+weit ehrenvollere Stellung ein, als wenn es, wie es einmal den Anschein
+hatte, durch Waffengewalt ein Übergewicht erlangt hätte, das dem der
+frühern römischen Republik ähnlich wäre.
+
+
+[_Der Krieg der Rosen._] In die Grenzen der Insel wiederum
+eingeschlossen, schwang nun das kriegslustige Volk die Waffen, die der
+Schrecken Europa's gewesen, im Bürgerkriege. Die englischen Barone
+hatten lange die Mittel zur Bestreitung ihres verschwenderischen
+Aufwandes aus den unterjochten Provinzen Frankreichs gezogen. Diese
+Hilfsquelle war nun versiegt; aber die vom Glücke erzeugte Gewohnheit
+der Prunksucht und Üppigkeit dauerte fort, und die großen Lords, die
+ihre Gelüste durch Plünderung der Franzosen nicht mehr befriedigen
+konnten, beraubten nun mit großem Eifer einer den andern. Das Gebiet,
+auf das sie jetzt beschränkt waren, reichte -- wie Comines, der
+schärfste Beobachter jener Zeit, sich ausdrückt -- für sie alle nicht
+aus. Zwei aristokratische Parteien, angeführt von zwei Zweigen der
+königlichen Familie, begannen nun einen langen und schrecklichen Kampf
+um die Oberherrschaft. Da die Erbitterung derselben nicht eigentlich aus
+dem Streite wegen der Erbfolge hervorgegangen, so dauerte sie noch lange
+fort, nachdem jeder Grund zu diesem Streite verschwunden war. Die Partei
+der rothen Rose überlebte den letzten Fürsten, der, gestützt auf das
+Recht Heinrichs IV., Anspruch auf die Krone machte. Die Partei der
+weißen Rose überlebte die Heirath Richmonds mit Elisabeth. Der Führer
+beraubt, die irgend einen annehmbaren Rechtstitel aufzuweisen hatten,
+schlossen sich die Anfänger Lancasters einer Bastardlinie an, und die
+Anhänger Yorks stellten eine Reihe von Betrügern auf. Nachdem viel
+ehrgeizige Edelleute auf dem Kampfplatze oder durch die Hand des Henkers
+gefallen, nachdem viel berühmte Häuser auf immer aus der Geschichte
+verschwunden und die noch übrig gebliebenen großen Familien durch
+schwere Unglücksfälle erschöpft und zu klarer Besinnung gekommen waren,
+erkannte man endlich von allen Seiten an, daß in dem Hause Tudor alle
+Ansprüche der streitenden Plantagenets sich vereinigten.
+
+
+[_Aufhören der Leibeigenschaft._] Inzwischen trat eine Veränderung ein,
+von unendlich größerer Wichtigkeit, als die Erwerbung oder der Verlust
+einer Provinz, als die Erhebung oder der Sturz einer Dynastie. Es
+verschwand nämlich die Sklaverei mit allen sie begleitenden Übeln. --
+
+Es ist bemerkenswerth, daß die beiden größten und heilsamsten socialen
+Umwälzungen, die in England stattgefunden, die nämlich, welche im
+dreizehnten Jahrhundert der Willkürherrschaft eines Volksstammes über
+den andern und die, welche einige Menschenalter später dem
+Eigenthumsrechte des Menschen am Menschen ein Ende machte, still und
+unmerklich erregt und vollbracht wurden. Die Beobachter jener Zeit
+wurden durch diese Umwälzungen nicht überrascht, und die
+Geschichtsschreiber haben ihnen nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Weder
+durch gesetzliche Anordnung, noch durch physische Kraft wurden sie
+bewirkt; es waren moralische Ursachen, die geräuschlos erst den Abstand
+zwischen dem Normann und dem Sachsen, und später zwischen Herrn und
+Sklaven verwischten. Den Augenblick genau zu bestimmen, wann diese
+Unterschiede aufhörten, könnte niemand wagen, denn es mögen wohl noch
+spät im vierzehnten Jahrhunderte einige schwache Spuren der alten
+normännischen Sinnesart gefunden werden; auch von den Forschern in der
+Zeit der Stuarts schwache Spuren der Leibeigenschaft entdeckt sein, und
+ist diese Einrichtung bis zur gegenwärtigen Stunde gesetzlich noch nicht
+abgeschafft.
+
+
+[_Wohlthätiges Wirken der römisch-katholischen Religion._] Es würde im
+hohen Grade ungerecht sein, nicht anzuerkennen, daß bei diesen beiden
+großen Befreiungswerken die Religion der gewaltigste Hebel gewesen,
+und ob ein reinerer Glaube sich wirksamer erwiesen hätte, ist wohl in
+Zweifel zu ziehen. Der wohlwollende Geist der christlichen Sittenlehre
+ist unbezweifelt den Kastenunterschieden abhold; aber der römischen
+Kirche sind sie ganz besonders verhaßt, weil sie mit andern ihrem
+Systeme wesentlichen Unterschieden nicht zu vereinbaren sind. So legt
+sie jedem Priester eine geheimnißvolle Würde bei, die ihn berechtigt,
+von jedem Laien Ehrfurcht zu fordern; auch schließt sie niemanden aus
+Gründen der Nationalität oder der Geburt vom Priesterstande aus. Ihre
+Lehrsätze, so irrig sie in Bezug auf den priesterlichen Charakter auch
+sein mögen, haben schon oft einige der größten Übel gemildert, von denen
+die Gesellschaft heimgesucht werden kann. Es darf ein Aberglaube nicht
+unbedingt für schädlich gehalten werden, der in Ländern, die unter dem
+Fluche der Tyrannei eines Volksstammes über den andern seufzen, eine von
+der nationalen Verschiedenheit völlig unabhängige Aristokratie schafft,
+das Verhältniß zwischen den Bedrückern und Bedrückten umkehrt und den
+erblichen Herrn zwingt, vor dem geistlichen Richterstuhle seines
+erblichen Untergebenen das Knie zu beugen. In Ländern, wo die Sklaverei
+fortbesteht, zeigt sich noch heutigen Tages das Pabstthum in einem
+vortheilhaften Contraste zu andern Formen des Christenthums. Es ist
+allgemein bekannt, daß die gegenseitige Abneigung zwischen den
+europäischen und afrikanischen Racen in Rio Janeiro bei weitem nicht so
+stark ist, als in Washington, und in unserm eigenen Vaterlande äußerte
+diese Eigenthümlichkeit des römisch-katholischen Systems zur Zeit des
+Mittelalters manche heilsame Wirkung. Es wurden zwar gleich nach der
+Schlacht bei Hastings sächsische Prälaten und Äbte gewaltsam von ihren
+Ämtern vertrieben und geistliche Abenteurer vom Festlande zu Hunderten
+in reiche Pfründen eingesetzt; aber auch damals erhoben fromme
+Geistliche normännischer Abkunft gegen eine derartige Verletzung der
+Kirchenverfassung ihre Stimmen, lehnten die Annahme der Bischofsmütze
+aus den Händen des Eroberers ab und ermahnten ihn, bei dem Heile seiner
+Seele, nicht zu vergessen, daß die unterjochten Insulaner seine
+Mitchristen seien. Der Erzbischof Anselm war der erste Beschützer,
+den die Engländer unter der herrschenden Kaste fanden. In jener Zeit,
+wo der englische Name als ein Vorwurf galt und alle bürgerlichen und
+militärischen Würden ausschließlich den Landsleuten des Eroberers
+gebührend betrachtet wurden, nahm der verachtete Volksstamm mit
+lebhafter Freude die Nachricht auf, daß einer der seinigen, Nikolaus
+Breakspear, auf den päbstlichen Stuhl erhoben sei und Gesandten, den
+edelsten Häusern der Normandie entsprossen, seinen Fuß zum Kusse
+gereicht habe. Es war nicht minder ein nationaler als ein religiöser
+Drang, der Massen von Menschen zu der Kapelle Becket's trieb, des ersten
+Engländers, der den fremden Tyrannen seit der Eroberung furchtbar
+geworden. Unter denen, welche jenen Freibrief errangen, der die
+Privilegien der normännischen Barone und der sächsischen Freisassen
+zugleich sicherte, stand ein Nachfolger Becket's in erster Reihe.
+Wieviel die katholische Geistlichkeit später bei der Abschaffung der
+Leibeigenschaft mitgewirkt hat, erfahren wir aus dem unverwerflichen
+Zeugnisse des Sir Thomas Smith, eines der befähigtesten protestantischen
+Räthe Elisabeths. Wenn der sterbende Sklavenbesitzer nach dem letzten
+Sacramente verlangte, so beschworen ihn stets seine geistlichen
+Beistände bei dem Heile seiner Seele, er möge seine Brüder freigeben,
+für die Christus gestorben sei. Die Kirche wendete ihr furchtbares
+Getriebe mit einem solchen Erfolge an, daß noch vor dem Eintritte der
+Reformation fast alle Leibeigenen im Königreiche frei geworden, mit
+Ausnahme der ihr selbst angehörigen, die, wie man ihr nachrühmen muß,
+einer sehr milden Behandlung genossen zu haben scheinen.
+
+Es unterliegt keinem Zweifel, daß nach diesen beiden großen Revolutionen
+unsere Vorfahren von allen Völkern in Europa die beste Regierung
+besaßen. Das gesellschaftliche System hatte sich drei Jahrhunderte
+hindurch ununterbrochen heilsam entwickelt. Es hat unter den ersten
+Plantagenets Barone gegeben, die ihrem souverainen Herrscher Trotz zu
+bieten vermochten, und Bauern, die mit den Schweinen und Ochsen, welche
+sie hüteten, auf eine gleiche Stufe heruntergebracht waren: die maßlose
+Gewalt der Barone war nach und nach geschwächt, der Zustand des Bauern
+gehoben worden, und zwischen dem Adel- und dem Arbeiterstande hatte sich
+eine landbau- und handeltreibende Mittelklasse gebildet. Es mögen nun
+immerhin noch mehr Ungleichheiten bestanden haben, als dem Glücke und
+der Tugend unseres Geschlechts ersprießlich gewesen; aber niemand konnte
+sich der Autorität der Gesetze entziehen, und niemand war völlig von dem
+Schutze desselben ausgeschlossen.
+
+Daß die staatlichen Einrichtungen Englands schon in dieser frühen Zeit
+von den Engländern mit Stolz und Liebe und von den aufgeklärtesten
+Männern der Nachbarvölker mit Bewunderung und Neid betrachtet wurden,
+läßt sich klar und deutlich beweisen; aber über die Beschaffenheit
+dieser Einrichtungen ist oft unredlich und bitter gestritten worden.
+
+
+[_Die frühere englische Staatsverfassung als oft falsch dargestellt._]
+Die geschichtliche Literatur Englands hat in der That unter einem
+Umstande hart gelitten, der nicht wenig zu dem Glücke desselben
+beigetragen. So groß die Umgestaltung seines Staatswesens in den letzten
+sechs Jahrhunderten auch gewesen ist, sie war doch nur eine Wirkung
+allmäligen Fortschreitens, und nicht des Zerstörens und Wiederaufbauens.
+Die jetzige Verfassung unseres Vaterlandes verhält sich zu jener, unter
+der es vor fünfhundert Jahren blühte, wie der Baum zu dem Sprößlinge,
+wie der Mann zu dem Knaben. Die Umwandlung war eine große; aber nie hat
+es eine Zeit gegeben, in der nicht der Haupttheil des Bestehenden alt
+gewesen wäre. Eine auf diese Weise entstandene Staatsverfassung muß
+natürlich viel Unregelmäßigkeiten enthalten; aber neben den Übeln,
+die nur aus Unregelmäßigkeiten hervorgehen, besitzen wir viel, was sie
+reichlich aufwiegt. Andere Staaten besitzen regelrechter aufgestellte
+Verfassungen; aber keinem andern ist es bis jetzt gelungen, Revolution
+und Gesetz, Fortschritt und Stehenbleiben, die rüstige Kraft der Jugend
+mit der Majestät kaum erdenklichen Alterthums zu vereinigen.
+
+Diese große Segnung hat aber auch ihre Schattenseiten, und eine
+derselben ist, daß die Quellen, in denen wir Aufklärung über unsere
+frühere Geschichte suchen, vom Parteigeiste vergiftet sind. Es giebt
+kein Land, in dem die Staatsmänner so unter dem Einflusse der
+Vergangenheit gestanden, und die Geschichtsschreiber sich so von der
+Gegenwart leiten ließen. Allerdings besteht zwischen beiden
+Erscheinungen ein natürlicher Zusammenhang; denn wenn die Geschichte nur
+als eine Schilderung des Lebens und der Sitten, oder als eine Sammlung
+von Versuchen betrachtet wird, aus der sich allgemeine Grundsätze der
+Staatsweisheit ableiten lassen, wird der Geschichtsschreiber sich eben
+nicht stark versucht fühlen, Begebenheiten aus alter Zeit falsch
+darzustellen. Wenn aber die Geschichte als ein Archiv mit Urkunden
+angesehen, von denen die Rechte der Regierungen und der Völker abhangen,
+so wird die Neigung zu fälschen fast unwiderstehlich. Für einen
+Franzosen giebt es jetzt kein Interesse, das ihn antriebe, die Macht der
+Könige aus dem Hause Valois zu hoch zu erheben oder zu klein
+darzustellen. Die Privilegien der allgemeinen Reichsstände, der Stände
+von Bretagne und von Burgund sind jetzt Dinge von eben so wenig
+praktischer Wichtigkeit, als die Verfassung des jüdischen Sansedrin oder
+des Amphiktyonengerichts. Das neue System wird von dem alten durch die
+Kluft einer großen Revolution völlig geschieden. Für die englische
+Nation giebt es keine solche Kluft, die ihre Existenz in zwei bestimmt
+geschiedene Theile trennt. Unsere Gesetze und Gewohnheiten sind nie in
+einem allgemeinen, nicht wieder auszugleichenden Umsturze untergegangen;
+die im Mittelalter stattgehabten Ereignisse sind für uns immer noch
+vollgültig, die größten Staatsmänner nehmen bei den wichtigsten
+Veranlassungen Bezug darauf. Als zum Beispiel König Georg III. so krank
+wurde, daß er den Verrichtungen seines königlichen Amtes nicht obliegen
+konnte, und die Mehrzahl der tüchtigsten Rechtsgelehrten und Politiker
+über das unter diesen Umständen einzuschlagende Verfahren sehr
+getheilter Meinung waren, erklärten die Häuser des Parlaments, nur dann
+zur Berathung irgend eines Regentschaftsplanes zu schreiten, wenn alle
+Beispiele, die von der frühesten Zeit an in unsern Annalen zu finden,
+zusammengestellt und geordnet seien. Es wurden Ausschüsse ernannt,
+welche die alten Urkunden des Reichs prüfen sollten. Der erste Vorgang,
+über den Bericht erstattet wurde, war der aus dem Jahre 1217; man legte
+den Vorgängen aus den Jahren 1326, 1377 und 1422 große Wichtigkeit bei,
+aber als den Fall, der hier mit Recht maßgebend sein könne, hielt man
+den von 1455. Und so wurden oft in unserm Vaterlande die theuersten
+Parteiinteressen von den Resultaten antiquarischer Forschungen abhängig
+gemacht. Die nicht zu vermindernde Folge davon war, daß unsere
+Alterthumsforscher ihre Untersuchungen als Parteimänner anstellten.
+
+Man kann sich daher nicht wundern, wenn Diejenigen, welche über die
+Grenzen des Hoheitsrechtes und der Freiheit in der alten englischen
+Staatsverfassung geschrieben haben, gewöhnlich nicht als Richter,
+sondern als eifrige, unredliche Advokaten aufgetreten sind; sie
+verhandelten ja nicht über einen spekulativen, sondern über einen
+solchen Stoff, der in einem unmittelbaren praktischen Zusammenhange mit
+den wichtigsten und aufregendsten Streitfragen ihrer Zeit stand. -- Von
+dem Beginne des langen Streites zwischen dem Parlamente und den Stuarts
+bis zu der Zeit, wo die Ansprüche der Letztern nicht mehr furchtbar
+waren, gab es wenig praktisch wichtigere Fragen als die, ob die
+Regierung dieser Familie mit der alten Verfassung des Königreichs in
+Übereinstimmung gestanden habe oder nicht. Diese Frage konnte nur
+dadurch entschieden werden, daß man die Geschichtsberichte über frühere
+Regierungen in Betracht zog. -- Bracton und Fleta, der »Spiegel der
+Gerechtigkeit« und die Parlamentsarchive wurden durchforscht, um
+Beschönigungen für die Übergriffe der Sternkammer sowohl, als für die
+des höchsten Gerichtshofes aufzufinden. Viele Jahre hindurch suchte
+jeder whiggistische Geschichtsschreiber eifrig den Beweis zu führen,
+daß die altenglische Regierungsform eine republikanische, und jeder
+toryistische, daß sie eine despotische gewesen sei.
+
+So gesinnt blickten beide Parteien in die Chroniken des Mittelalters.
+Beide fanden sehr leicht, was sie suchten; aber beide wollten hartnäckig
+auch nur das sehen, was sie suchten. Die Eiferer für die Stuarts konnten
+eben so leicht Beispiele von Bedrückungen der Unterthanen, als die
+Vertheidiger der Rundköpfe Beispiele davon auffinden, daß der Krone
+entschlossen und erfolgreich Widerstand geleistet worden sei. Die Tories
+führten aus alten Schriften fast eben so unterwürfige Ausdrücke an, als
+die waren, welche man von der Kanzel von Mainwaring herab hörte, und die
+Whigs entdeckten eben so kühne und strenge Worte, als je von Bradshaw's
+Richtersitze ertönten. Eine Partei von Schriftstellern stellte
+zahlreiche Beispiele von Gelderpressungen auf, die sich Könige ohne
+Bewilligung des Parlaments erlaubt hatten; andere führten Fälle an,
+in denen das Parlament sich die Macht angeeignet hatte, den König zu
+bestrafen. Wer nur die eine Hälfte der Beweise sah, hätte glauben mögen,
+die Plantagenets seien unumschränkt wie die türkischen Sultane gewesen;
+wer nur die andere sah, hätte schließen können, daß die Plantagenets
+eben so wenig wirkliche Macht gehabt, als die Dogen von Venedig, und
+beide Folgerungen wären gleich weit von der Wahrheit entfernt gewesen.
+
+
+[_Natur der beschränkten Monarchien des Mittelalters._] Die alte
+englische Verfassung gehörte jener Klasse beschränkter Monarchien an,
+die im Mittelalter in Westeuropa entstanden, und, mancher
+Verschiedenheiten ungeachtet, dennoch eine große Familienähnlichkeit
+unter einander hatten. Eine solche Ähnlichkeit kann nicht befremden. Die
+Länder, in denen diese Monarchien entstanden, waren Provinzen eines und
+desselben großen kultivirten Reichs gewesen, das fast gleichzeitig von
+Stämmen einer und derselben rohen und kriegerischen Nation überfallen
+und unterjocht worden war. Sie waren ferner Glieder eines und desselben
+großen Bundes gegen den Islam, und standen mit einer und derselben
+stolzen und ehrgeizigen Kirche in Gemeinschaft. Ihre Staatsverfassung
+nahm nun natürlich eine gleiche Form an. Die Institutionen derselben
+entstammten theils dem kaiserlichen, theils dem päbstlichen Rom, theils
+dem alten Germanien. Alle hatten Könige, und in allen war die
+Königswürde nach und nach streng erblich geworden; alle hatten einen
+Adel mit Vorrechten, die ursprünglich auf militärischen Rang basirt
+waren. Die Ritterwürde und die Wappenregeln besaßen alle
+gemeinschaftlich; ebenso hatten alle reich dotirte kirchliche
+Stiftungen, städtische Korporationen mit ausgedehnten Freiheiten,
+und Reichsversammlungen, deren Genehmigung zur Gültigkeit vieler
+öffentlicher Akte erforderlich war.
+
+
+[_Hoheitsrechte der frühern englischen Könige._] Von allen diesen
+einander ähnlichen Verfassungen ward die englische, schon von einer
+frühen Zeit an, mit Recht für die beste gehalten. Die Hoheitsrechte des
+Regenten erstreckten sich unzweifelhaft sehr weit. Der Geist der
+Religion und des Ritterthums wirkten vereint zur Erhöhung seiner Würde.
+Das heilige Öl war auf sein Haupt gegossen worden; den tapfersten und
+edelsten Rittern war es keine Erniedrigung, vor seinen Füßen zu knien.
+Seine Person war unverletzlich, er allein nur besaß das Recht, die
+Stände des Reichs zu berufen und nach Belieben zu entlassen, und alle
+legislativen Handlungen derselben bedurften seiner Zustimmung. Er stand
+an der Spitze der ausübenden Verwaltung, war das einzige Organ in den
+Verhandlungen mit auswärtigen Mächten, der Oberbefehlshaber der Land-
+und See-Macht des Staats, der Quell der Gerechtigkeit, der Gnade und der
+Ehre. Der Regent besaß weitgreifende Befugnisse zur Regelung des
+Handels: er hatte das Recht, Münzen schlagen zu lassen, Maaß und Gewicht
+festzustellen und Märkte und Häfen zu gründen. Seine Rechte als
+Schirmherr der Kirche waren unermeßlich; seine erblichen Einkünfte, wenn
+sie sparsam verwaltet wurden, reichten zur Deckung der gewöhnlichen
+Regierungskosten aus. Der ihm eigenthümliche Grundbesitz hatte eine
+weite Ausdehnung, und in der Eigenschaft als Oberlehnsherr des gesammten
+Grund und Bodens seines Königreichs besaß er manches einträgliche und
+furchtbare Recht, das ihn in den Stand setzte, seine Gegner zu
+beeinträchtigen und niederzudrücken, Diejenigen aber, die seine Gunst
+genossen, ohne eigene Kosten zu bereichern und zu erheben.
+
+
+[_Beschränkungen der Hoheitsrechte._] Aber seine Macht, wenn auch weit
+ausgedehnt, ward dennoch durch drei große verfassungsmäßige Bestimmungen
+beschränkt, die so alt waren, daß niemand den Beginn ihrer Existenz
+kennt, und so wirksam, daß ihre natürliche, viele Menschenalter hindurch
+fortgesetzte Entwickelung die Ordnung der Dinge hervorgebracht hat,
+unter der wir jetzt leben.
+
+Erstens konnte der König, ohne die Zustimmung seines Parlaments kein
+Gesetz erlassen; zweitens konnte er ohne die Zustimmung desselben keine
+Steuern ausschreiben, und drittens war er gehalten, die exekutive Gewalt
+nach den Landesgesetzen zu üben; verletzte er diese Gesetze, so waren
+seine Räthe und Beamten verantwortlich.
+
+Kein aufrichtiger Tory wird läugnen können, daß diese Prinzipien vor
+fünfhundert Jahren die Geltung von Grundgesetzen erlangt hatten;
+andererseits wird kein ehrlicher Whig behaupten, daß sie in derselben
+frühen Zeit frei von aller Zweideutigkeit gewesen und in allen ihren
+Konsequenzen streng durchgeführt seien. Eine Verfassung des Mittelalters
+ging nicht, wie im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, als
+selbstständiges Ganze aus einem einzigen Akte hervor, und ward eben so
+wenig in einer einzigen Urkunde vollständig niedergelegt; nur in dem
+verfeinerten und spekulativen Zeitalter wird das Staatswesen
+systematisch geordnet. Der Fortschritt des Staatswesens in ungebildeten
+Gesellschaften läßt sich mit dem der Sprache und der Verskunst
+vergleichen. Ungebildete Gesellschaften haben oft eine reiche und
+kräftige Sprache, aber es fehlt ihnen eine wissenschaftliche Grammatik,
+die Definition von Haupt- und Zeitwörtern, die Namen für Deklinationen,
+Modi, Tempora und Laute; sie haben eine Verskunst die oft viel Kraft und
+Anmuth besitzt; aber sie haben keine Regeln des Versmaßes, und der
+Minstrel, dessen nur durch das Ohr geregelte Verse die Hörer entzücken,
+würde selbst nicht angeben können, aus wieviel Dactylen und Trochäen
+jede seiner Zeilen besteht. Gleich der Beredtsamkeit, die älter als die
+Syntaxis, und dem Gesange, der älter als die Prosodie ist, kann ein
+Staat lange zuvor, ehe die Grenzen zwischen der gesetzgebenden,
+ausübenden und richterlichen Gewalt genau bestimmt sind, einen hohen
+Grad der Vortrefflichkeit erlangt haben.
+
+So war es in unserm Vaterlande. Zwar war die Grenzlinie der königlichen
+Gewalt im Allgemeinen ziemlich klar, aber nicht überall mit Genauigkeit
+und Bestimmtheit angegeben. Deshalb gab es nahe der Grenze einen
+streitigen Boden, auf dem stets Eingriffe und Zurückerpressungen
+stattfanden, bis endlich nach Jahrhunderten des Kampfes bestimmte und
+dauerhafte Grenzmarken errichtet wurden. Es dürfte lehrreich sein,
+anzugeben, auf welche Weise und bis zu welcher Ausdehnung unsere frühern
+Regenten die drei großen Grundsätze, welche die Freiheiten des Volks
+schützten, gewöhnlich zu verletzen pflegten.
+
+Kein englischer König hat je die gesetzgebende Gewalt in ihrem ganzen
+Umfange beansprucht. Der gewaltthätigste und herrschsüchtigste
+Plantagenet hat sich nie das Recht angemaßt, ohne die Zustimmung seines
+großen Rathes anzuordnen, daß eine Jury aus zehn, statt aus zwölf
+Personen bestehen, daß das Gedinge einer Witwe das Viertheil statt des
+Drittheils betragen, daß der Meineid als ein Todesverbrechen betrachtet,
+oder daß der Gebrauch der gleichmäßigen Erbtheilung unter Brüdern in
+Yorkshire eingeführt werden solle[2]. Aber dem Könige stand das Recht
+zu, Verbrecher zu begnadigen, und es giebt einen Punkt, wo das Recht der
+Begnadigung und das Recht der Gesetzgebung in einander zu fließen
+scheinen und leicht, wenigstens in einer nicht aufgeklärten Zeit,
+verwechselt werden können. Ein Strafgesetz ist thatsächlich aufgehoben,
+wenn die durch dasselbe auferlegten Strafen so oft erlassen werden,
+als sie verwirkt sind. Der Souverain besaß ohne Zweifel die Befugniß,
+unbeschränkt Strafen zu erlassen; demnach war er befugt, ein Strafgesetz
+thatsächlich aufzuheben. Es konnte scheinen, als ließe sich kein
+begründeter Einwand aufstellen, wenn er das, was ihm thatsächlich
+auszuführen zustand, auch formell ausführen wollte. So entstand an der
+zweifelhaften Grenze zwischen der vollziehenden und gesetzgebenden
+Gewalt mit Hilfe spitzfindiger und höfischer Rechtsgelehrten die große
+Anomalie, die unter dem Namen des Begnadigungsrechts bekannt ist.
+
+Seit undenklichen Zeiten ist es in England unbestritten ein
+Fundamentalgesetz gewesen, daß der König ohne Bewilligung des
+Parlamentes Steuern nicht auferlegen könne. Dieses Gesetz befand sich
+unter den Artikeln, zu deren Unterzeichnung Johann von den Baronen
+gezwungen wurde. Eduard I. wagte es, diese Bestimmung zu überschreiten;
+aber er stieß, obgleich er sehr geschickt, mächtig und bei dem Volke
+beliebt war, auf einen Widerstand, dem nachzugeben er für gut befand.
+Deshalb gelobte er ausdrücklich für sich und seine Erben, nie wieder
+ohne Zustimmung und Willfährigkeit der Stände irgend eine Steuer erheben
+zu wollen. Diesen feierlichen Vertrag versuchte sein mächtiger und
+siegreicher Enkel zu brechen, aber dem Versuche ward ein kräftiger
+Widerstand entgegengesetzt. Entmuthigt gaben die Plantagenets endlich
+diesen Punkt auf; aber wenn sie auch offen das Gesetz nicht mehr
+verletzten, so wußten sie dennoch durch Umgehung desselben sich
+vorkommenden Falls zu temporären Zwecken außerordentlich Beihilfe zu
+verschaffen. Das Eintreiben von Steuern war ihnen nicht erlaubt, aber
+sie nahmen das Recht in Anspruch, zu bitten und zu borgen; sie baten
+dann mitunter in einem Tone, der dem des Befehlens nicht unähnlich war,
+und borgten nicht selten, ohne viel an Rückzahlung zu denken. Aber schon
+in der Thatsache, daß man für nöthig hielt, diese Erpressungen mit den
+Namen freiwilliger Steuern und Darlehn zu bemänteln, liegt der genügende
+Beweis, daß die Gültigkeit der großen verfassungsmäßigen Bestimmung
+allgemein anerkannt war.
+
+Daß der Grundsatz, »der König von England ist verbunden, das Land den
+Gesetzen gemäß zu verwalten, und seine Räthe und Beamten sind
+verantwortlich, wenn er wider das Gesetz handelt,« schon in einer sehr
+frühen Zeit festgestellt worden, beweisen die strengen Urtheile, die oft
+gegen die Günstlinge des Königs erlassen und vollzogen sind; aber dessen
+ungeachtet ist es auch erwiesen, daß die Plantagenets oft die Rechte
+einzelner Personen verletzten, nur damit die beeinträchtigten Parteien
+oft keine Rechtshilfe erlangen konnten. Nach dem Gesetze konnte kein
+Engländer auf den alleinigen Befehl des Herrschers verhaftet oder
+gefangen gehalten werden; aber es ist thatsächlich, daß der Regierung
+mißliebige Personen ohne jede andere Autorität als den königlichen
+Befehl eingekerkert wurden. Nach dem Gesetze durfte die Folter, die
+Schmach der römischen Rechtspflege, unter allen Umständen bei keinem
+englischen Unterthanen angewendet werden; nichtsdestoweniger wurde bei
+den Wirren des fünfzehnten Jahrhunderts eine Folterbank in dem Tower
+aufgestellt, und gelegentlich unter dem Vorwande politischer
+Nothwendigkeit, angewendet. Aus solchen Gesetzwidrigkeiten den Schluß
+ziehen zu wollen, die englischen Monarchen seien in der Theorie oder
+Praxis unumschränkt gewesen, würde indeß ein großer Irrthum sein. Wir
+leben in einer höchst gebildeten bürgerlichen Gesellschaft, in der
+mittelst der Presse und der Post Nachrichten so reißend schnell
+verbreitet werden, daß jeder Act grober Rechtsverletzung, in welchem
+Theile unserer Insel er auch begangen sein mag, in wenig Stunden von
+Millionen besprochen wird. Wollte jetzt ein englischer Souverain, der
+Habeas Corpus Acte entgegen, einen Unterthanen einkerkern oder einen
+Verschwörer auf die Folterbank spannen lassen, die Nachricht davon würde
+augenblicklich die ganze Nation electrisiren. Im Mittelalter war der
+Zustand der Gesellschaft ein ganz anderer; selten und nur mit großer
+Schwierigkeit gelangten die Beeinträchtigungen Einzelner zur Kenntniß
+des Publikums. Monate lang konnte Jemand gesetzwidrig in dem Schlosse
+von Carlisle oder Norwich gefangen gehalten werden, ohne daß die
+leiseste Kunde davon nach London kam; und es ist sehr wahrscheinlich,
+daß die Folterbank manches Jahr gebraucht worden, ehe die Mehrzahl des
+Volks auch nur geahnt, daß sie je in Anwendung gebracht. Auch waren
+unsere Vorfahren durchaus nicht so fest von der Nothwendigkeit
+überzeugt, große allgemeine Regeln festzuhalten, als wir; denn wir haben
+aus langer Erfahrung gelernt, daß man irgend eine Verletzung der
+Verfassung nicht ohne Gefahr unbemerkt könne vorübergehen lassen. Man
+theilt jetzt allgemein die Ansicht, daß eine Regierung die strenge Rüge
+des Parlamentes verdiene, wenn sie Vollmachten unnöthigerweise
+überschreitet; daß sie aber, wenn sie im Drange der Nothwendigkeit und
+aus reiner Absicht ihre Vollmachten überschritten hat, ohne Verzug das
+Parlament um nachträgliche Genehmigung angehen müsse. Aber so dachten
+die Engländer des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts nicht; sie
+zeigten wenig Neigung, eines Grundsatzes wegen, und nur seiner selbst
+wegen, zu streiten, oder gegen eine Regelwidrigkeit, die nicht zugleich
+eine Belästigung war, Beschwerde zu führen. So lange im Allgemeinen die
+Verwaltung einen milden und volksthümlichen Charakter trug, gestatteten
+sie ihrem Regenten gern einigen Spielraum; ja sie verziehen ihm nicht
+nur bei allgemein als gut anerkannten Zwecken eine das Gesetz
+überschreitende Gewalt, sie zollten ihm auch noch Beifall, und waren,
+so lange sie unter seiner Regierung sich der Sicherheit und Wohlfahrt
+erfreuten, nur zu geneigt zu glauben, daß der, den seine Ungunst
+getroffen, sie auch verdient habe. Aber diese Nachsicht hatte eine
+Grenze, und der König, der zu viel auf die Langmuth des englischen
+Volkes baute, handelte nicht weise, denn es gestattete ihm wohl
+mitunter, die verfassungsmäßige Linie zu überschreiten, aber es
+beanspruchte dann auch für sich selbst das Recht, über diese Linie
+hinauszugehen, wenn seine Übergriffe so ernst waren, daß sie Besorgniß
+erweckten. Wagte er, nicht zufrieden mit der gelegentlichen Bedrückung
+Einzelner, große Massen zu bedrücken, so riefen seine Unterthanen
+schleunig die Gesetze an, und war diese Berufung ohne Erfolg, so wandten
+sie sich eben so schleunig an den Gott der Schlachten.
+
+ [Anmerkung 2: Dies hat Hallam im ersten Kapitel seiner
+ +constitutional History+ vortrefflich auseinandergesetzt.]
+
+
+[_Widerstand, die gewöhnliche Schranke der Tyrannei im Mittelalter._]
+Die Engländer durften aber auch ruhig dem Könige einige Übergriffe
+nachsehen, denn sie besaßen für den Fall der Noth einen Zügel, der den
+ungestümsten und stolzesten Herrscher bald zur Vernunft brachte,
+den Zügel der physischen Gewalt. Einem Engländer des neunzehnten
+Jahrhunderts wird es schwer fallen, sich einen Begriff davon zu machen,
+wie leicht und schnell vor vierhundert Jahren ein solches Mittel
+angewendet wurde. Das Volk versteht seit langer Zeit nicht mehr, die
+Waffen zu gebrauchen. Unsern Voreltern war die Stufe der Vollendung
+unbekannt, auf der jetzt die Kriegskunst steht, und nur eine besondere
+Klasse besitzt die Kenntniß derselben. Hunderttausend Mann gut
+disciplinirter und gut geleiteter Truppen halten Millionen von Bauern
+und Handwerkern nieder, und einige Regimenter Garden reichen aus, um
+allen unzufriedenen Geistern einer großen Hauptstadt Furcht einzuflößen.
+Zugleich läßt aber auch die stete Vermehrung des Wohlstandes dem
+denkenden Menschen einen Aufstand weit furchtbarer erscheinen, als eine
+schlechte Regierung. Es sind ja unermeßliche Summen auf Werke verwendet,
+die bei dem Ausbruche einer Revolution in wenig Stunden zu Grunde gehen
+würden. Schon die Masse von beweglichen Gütern, die allein in den Läden
+und Magazinen von London aufgespeichert liegt, übersteigt diejenige
+fünfhundertmal, welche die ganze Insel zur Zeit der Plantagenets
+enthielt; stürzte man nun die Regierung durch physische Gewalt,
+so würden alle diese beweglichen Güter einer drohenden Gefahr der
+Plünderung und Zerstörung ausgesetzt sein. Aber noch größer wäre die
+Gefahr für den öffentlichen Credit, mit dem die Existenz Tausender von
+Familien unmittelbar zusammenhängt, und mit dem der Credit der ganzen
+Handelswelt unzertrennlich verbunden ist. Man kann ohne Übertreibung
+behaupten, daß ein Bürgerkrieg, nur eine Woche auf englischem Boden
+geführt, jetzt ein Unheil erzeugen würde, das vom Hoangho bis zum
+Missouri sich fühlbar macht und Spuren zurückläßt, die nach einem
+Jahrhunderte noch sichtbar sind. In einem solchen Zustande der
+Gesellschaft muß der Widerstand als ein Heilmittel betrachtet werden,
+das bei weitem verzweifelter ist, als jede Krankheit, die den Staat
+heimsuchen kann. Zur Zeit des Mittelalters dagegen wandte man den
+Widerstand als ein gewöhnliches Heilmittel gegen politische Übel an,
+denn es war ein Mittel, das man stets bei der Hand hatte und, wenn auch
+für den Augenblick von starker Wirkung, dennoch ohne empfindliche und
+dauernde Folgen blieb. Wenn ein bei dem Volke angesehener Führer sein
+Banner für eine volksthümliche Sache erhob, so konnte in einem Tage eine
+unregelmäßige Armee versammelt sein. Regelmäßige Truppen gab es damals
+nicht. Jeder war ein wenig Soldat, aber keiner mehr als das. Der
+Nationalreichthum bestand vorzüglich in Viehherden, in der jährlichen
+Erndte und in den einfachen, vom Volke bewohnten Gebäuden. Sämmtliche
+Hausgeräthe, die Vorräthe in den Kaufläden, und die Maschinen des ganzen
+Reichs waren nicht so viel werth, als das Eigenthum einzelner
+Kirchspiele unserer Zeit. Das Fabrikwesen war roh, der Credit fast
+unbekannt. Die Gesellschaft erholte sich daher von der Erschütterung,
+sobald der sie bewirkende Stoß vorüber war. Das Gemetzel auf dem
+Schlachtfelde, einige nachfolgende Hinrichtungen und Güterconfiscationen
+waren sämmtliche Drangsale eines Bürgerkriegs. Eine Woche später trieb
+der Bauer wieder sein Gespann, und der Edelmann ließ wieder seine Falken
+über das Feld von Towton oder Bosworth fliegen, als ob kein
+ungewöhnliches Ereigniß den gewöhnlichen Lauf des menschlichen Lebens
+unterbrochen hätte.
+
+Es sind nun hundertundsechzig Jahre verflossen, seit das englische Volk
+gewaltsam eine Regierung gestürzt hat. Während der einhundertundsechzig
+Jahre vor der Vereinigung der Rosen regierten neun Könige in England.
+Sechs von diesen neun Königen wurden abgesetzt, und fünf verloren mit
+der Krone auch das Leben. Hieraus geht klar hervor, daß jeder Vergleich
+zwischen unserer alten und neuen Staatsform zu völlig unrichtigen
+Schlüssen führen muß, wenn man die Wirkung des den Plantagenets durch
+den Widerstand und durch die stete Furcht vor demselben auferlegten
+Zwanges nicht streng berücksichtigt. Unsere Vorfahren besaßen ein sehr
+kräftiges Schutzmittel gegen die Tyrannei, das uns fehlt, und deshalb
+konnten sie ohne Bedenken auf andere Garantien verzichten, denen wir mit
+Recht die höchste Wichtigkeit beilegen. Da wir aber die Schranke der
+physischen Gewalt einer schlechten Regierung nicht entgegenstellen
+können, ohne uns der Gefahr von Übeln auszusetzen, vor denen der Gedanke
+allein schon zurückbebt, so handeln wir offenbar sehr klug, wenn wir
+alle verfassungsmäßigen Hinderungsmittel einer solchen Regierung
+gegenüber stets im Stande der Wirksamkeit erhalten, die Anfänge von
+Übergriffen eifersüchtig bewachen, und Abweichungen von der Regel, auch
+wenn sie an und für sich unbedenklich erscheinen, nicht ungerügt
+hingehen lassen, damit sie nicht die Bedeutung von Präcedenzfällen
+erhalten. Eine so scharfe Wachsamkeit war vor vierhundert Jahren
+unnöthig. Ein Volk kühner Bogenschützen und Lanzenträger konnte, ohne
+große Gefahr für seine Freiheiten, dem Fürsten einige Ungesetzlichkeiten
+nachsehen, dessen Regierung im Allgemeinen gut und dessen Thron durch
+keine Compagnie geübter Soldaten beschützt war.
+
+Mag immerhin dieses System in Vergleich mit jenen sorgfältig
+ausgearbeiteten Verfassungen, an denen die letzten siebzig Jahre so
+fruchtbar gewesen, roh erscheinen, so erfreuten sich die Engländer
+dennoch unter demselben eines hohen Maßes von Freiheit und Glück.
+Obgleich der Staat unter der schwachen Regierung Heinrichs VI. in erster
+Zeit durch Parteiungen und zuletzt durch den Bürgerkrieg zerrissen
+wurde; obgleich Eduard IV. ein ausschweifender und herrschsüchtiger
+Fürst war; obgleich Richard III. als ein Ungeheuer von Schlechtigkeiten
+geschildert worden ist, und obgleich die Bedrückungen Heinrichs VII.
+großen Mißmuth erregten: so steht es dennoch fest, daß unsere Vorfahren
+unter diesen Königen weit besser regiert wurden, als die Belgier unter
+Philipp, dem man den Beinamen des Guten gegeben, oder als die Franzosen
+unter jenem Ludwig, den man den Vater seines Volkes nannte. Es scheint
+selbst, daß unser Vaterland, während die Kriege der Rosen am ärgsten
+wütheten, sich in einer glücklichern Lage befunden habe, als die
+benachbarten Reiche in den Jahren tiefen Friedens. Comines war einer der
+aufgeklärtesten Staatsmänner seiner Zeit; er hatte die reichsten und die
+gebildeten Theile des Festlandes besucht, hatte in den reichen Städten
+von Flandern, den Manchesters und Liverpools des fünfzehnten
+Jahrhunderts, sich aufgehalten, das eben erst durch die Prachtliebe
+Lorenzo's neu geschmückte Florenz gesehen, und ebenso Venedig, bevor es
+durch die Verbündeten von Cambray gedemüthigt war: dieser ausgezeichnete
+Staatsmann erklärte nach reiflicher Erwägung, daß England von allen
+Ländern, die er kenne, am besten regiert werde. Die Verfassung desselben
+bezeichnete er ausdrücklich als ein gerechtes und heiliges Werk, das
+zugleich dem Volke Schutz, und der Hand des Fürsten, der es achte, wahre
+Stärke verleihe. Es seien die Unterthanen, sagte er, in keinem andern
+Lande so sicher vor Unrecht geschützt. Die aus unsern inneren Kriegen
+hervorgegangenen Drangsale erstreckten sich, nach seiner Ansicht, nur
+auf den Adel und die kampffähigen Männer; sie hinterließen keine Spuren,
+als zerstörte Wohnplätze und entvölkerte Städte, wie er sie an andern
+Orten zu sehen gewohnt war.
+
+
+[_Eigenthümlicher Charakter der englischen Aristokratie._] Es war jedoch
+die Wirksamkeit der die königlichen Hoheitsrechte beschränkenden
+Bestimmungen nicht allein, wodurch sich England vor den meisten
+Nachbarländern vortheilhaft unterschied; das Verhältniß des hohen Adels
+zu den übrigen Volksklassen war eine gleich wichtige, wenn auch weniger
+beachtete Eigenthümlichkeit. Es gab zwar eine starke erbliche
+Aristokratie, aber sie war von allen dergleichen Aristokratien die am
+wenigsten anmaßende und ausschließende, denn sie besaß nichts von dem
+gehässigen Charakter einer Kaste, sie nahm fortwährend Glieder aus dem
+Volke in sich auf, und gab aus ihrer Mitte dem Volke Glieder, die sich
+mit ihm mischten. Jeder Gentleman konnte ein Peer werden. Der jüngere
+Sohn eines Peers war nur ein Gentleman, und die Enkel von Peers standen
+im Range neuernannten Rittern nach. Die Würde des Ritters war Keinem
+unerreichbar, der durch Fleiß und Sparsamkeit ein ansehnliches
+Grundstück erworben, oder durch Tapferkeit in einer Schlacht oder
+Belagerung sich hervorzuthun vermochte. Es gereichte der Tochter eines
+Herzogs, selbst eines solchen von königlichem Geblüte, nicht zur Unehre,
+wenn sie einen ausgezeichneten Bürgersmann heirathete. Sir John Howard
+zum Beispiel heirathete die Tochter des Thomas Mowbray, Herzogs von
+Norfolk; Sir Richard Pole heirathete die Gräfin von Salisbury, die
+Tochter des Herzogs Georg von Clarence. Eine edle Abkunft stand zwar in
+großem Ansehen, aber es gab, zum Glück für unser Vaterland, keinen
+nothwendigen Zusammenhang zwischen einer edeln Abkunft und den
+Vorrechten der Peerswürde. Nicht nur das Haus der Lords hatte lange
+Stammbäume und alte Wappen aufzuweisen, man fand sie auch außer
+demselben. Es gab Emporkömmlinge mit den höchsten Titeln, aber es gab
+auch Männer ohne Titel, Nachkommen von Rittern, welche die Reihen der
+Sachsen bei Hastings durchbrochen oder die Mauern von Jerusalem
+erstiegen hatten. Es gab Bohun's, Mowbray's, de Veres, selbst Verwandte
+des Hauses Plantagenet, die keinen andern Titel als den des Esquire's
+und keine andern bürgerlichen Vorrechte hatten, als die, deren sich
+jeder Pächter und Krämer erfreute. Eine Grenzlinie welche, wie in andern
+Ländern, den Patrizier vom Plebejer scheidet, gab es bei uns nicht.
+Der Freisasse fühlte sich nicht geneigt, unzufrieden auf die Würden zu
+blicken, die seinen eigenen Kindern erreichbar waren, und der Edelmann
+von hohem Range fühlte sich nicht versucht, einen Stand mit Verachtung
+zu behandeln, zu dem seine Kinder hinabsteigen mußten.
+
+Nach den Kriegen der Häuser York und Lancaster wurden die Bande, welche
+den Adel und das Volk umschlangen, inniger und zahlreicher, als je. Wie
+groß die durch diese Kriege unter der alten Aristokratie angerichtete
+Verwüstung war, läßt sich aus einem einzigen Umstande folgern. Im Jahre
+1451 berief Heinrich IV. dreiundfünfzig weltliche Lords zum Parlamente;
+die Zahl der von Heinrich VII. im Jahre 1485 berufenen weltlichen Lords
+betrug nur neunundzwanzig, und von diesen waren mehrere erst kurz vor
+der Berufung zur Peerswürde erhoben worden. Im Laufe des folgenden
+Jahrhunderts wurden die Reihen des hohen Adels stark aus der Gentry
+ergänzt. Zu dieser heilsamen Vermischung der Stände trug besonders die
+Verfassung des Hauses der Gemeinen bei. Der abgeordnete Ritter der
+Grafschaft war das verbindende Glied zwischen dem Baron und dem Krämer.
+Auf denselben Bänken zwischen Goldschmieden, Tuchhändlern und
+Gewürzkrämern, welche die Handelsstädte in das Parlament gesandt hatten,
+saßen auch Mitglieder, die man in jedem andern Lande für Edelleute und
+Erbgutsherrn erachten würde, denn sie waren berechtigt, Gericht zu
+halten und Wappen zu führen, und konnten durch viele Generationen zurück
+ihre ehrenvolle Abstammung verfolgen. Einige von ihnen waren jüngere
+Söhne und Brüder hoher Lords, andere konnten sich sogar von königlicher
+Abkunft rühmen. Endlich trat der älteste Sohn eines Earl von Bedford,
+dem man als Courtoisie den Titel seines Vaters beigelegt, als Bewerber
+um einen Platz im Hause der Gemeinen auf, und seinem Beispiele folgten
+andere. Waren die Erben der Großen des Reichs einmal Glieder dieses
+Hauses, so nahmen sie sich der Privilegien desselben ebenso eifrig an,
+als irgend einer der Bürger, mit denen sie gemischt waren. So ward schon
+von frühen Zeiten an unsere Demokratie die am meisten aristokratische,
+und unsere Aristokratie die am meisten demokratische von der Welt, eine
+Eigenthümlichkeit, die sich bis zu unsern Tagen erhalten, und manche
+wichtige moralische und politische Wirkung geäußert hat.
+
+
+[_Regierung der Tudors._] Die Regierung Heinrichs VII., seines Sohnes
+und seiner Enkel war im Allgemeinen willkürlicher, als die der
+Plantagenets. Dieser Unterschied läßt sich, bis zu einer gewissen
+Grenze, aus dem persönlichen Charakter erklären, denn Muth und
+Willenskraft waren Männern und Frauen des Hauses Tudor gemein. Während
+eines Zeitraums von einhundertzwanzig Jahren übten sie ihre Macht stets
+mit Energie, oft mit Gewaltthätigkeit, mitunter selbst mit Grausamkeit
+aus. Nach dem Beispiele der ihnen vorangegangenen Herrscherfamilie
+verletzten sie nicht selten die Rechte einzelner Unterthanen, erhoben
+zuweilen Steuern unter dem Namen von Anleihen und Geschenken, befreieten
+sich von Straferlassen, und wenn sie auch nie aus eigener
+Machtvollkommenheit ein bleibendes Gesetz zu geben wagten, so erlaubten
+sie sich dennoch bei vorkommenden Fällen, wenn das Parlament nicht
+versammelt war, vorübergehenden Bedürfnissen durch vorübergehende
+Verfügungen abzuhelfen. Die Bedrückung über einen gewissen Punkt
+hinauszutreiben, war indeß den Tudors nicht möglich, da sie keine
+bewaffnete Macht besaßen und von einem bewaffneten Volke umgeben waren.
+Die Wache des Palastes bestand nur aus wenigen Dienern, welche das
+Aufgebot einer einzigen Grafschaft oder eines einzigen Distrikts von
+London leicht hätte überwältigen können. Auf solche Weise wurden diese
+stolzen Fürsten in stärkere Schranken gehalten, als auferlegte Gesetze
+zu ziehen vermögen, in Schranken, die sie zwar nicht hinderten, mitunter
+gegen einen Einzelnen willkürlich und selbst grausam zu verfahren, die
+aber doch das Volk im Allgemeinen vor dauernden Bedrückungen sicher
+stellten.
+
+In dem Bereiche ihres Hofes konnten sie zwar gefahrlos als Tyrannen
+auftreten, aber sie mußten doch stets mit Besorgniß auf die Stimmung
+des Landes achten. Heinrich VIII. z.B. fand keinen Widerstand, als er
+Buckingham und Surrey, Anna Boleyn und Lady Salisbury auf das Schaffot
+bringen wollte; als er aber ohne Bewilligung des Parlamentes den
+sechsten Theil des Vermögens seiner Unterthanen als Steuer forderte,
+fand er sich bald genöthigt, davon abzustehen. Hunderte und Tausende
+riefen, daß sie Engländer und nicht Franzosen, freie Männer und nicht
+Knechte seien. In Kent mußten die königlichen Kommissäre ihr Leben durch
+die Flucht retten; in Suffolk griffen viertausend Männer zu den Waffen,
+während die königlichen Statthalter in dieser Grafschaft vergebens ein
+Heer zusammenzubringen suchten. Wer sich auch nicht an dem Aufstande
+betheiligte, erklärte dennoch, daß er in einem solchen Kampfe nicht
+gegen seine Brüder fechten wolle. So stolz und eigensinnig Heinrich auch
+war, er mied nicht ohne Grund den Kampf mit dem aufgeregten Geiste der
+Nation, denn ihm schwebte das Schicksal seiner Vorgänger, die zu
+Berkeley und Pomfret umgekommen waren, vor Augen. Er widerrief nicht nur
+seine ungesetzlichen Erlasse, er verzieh nicht nur allen Mißvergnügten;
+er entschuldigte sich selbst öffentlich und feierlich deswegen, daß er
+die Gesetze verletzt habe.
+
+Sein Benehmen bei diesem Anlasse bezeichnet die ganze Politik seines
+Hauses. Die Fürsten dieser Linie besaßen ein hitziges Temperament und
+einen hochfliegenden Geist, aber sie kannten den Charakter des Volks,
+das sie regierten, und nie trieben sie, wie manche ihrer Vorgänger und
+Nachfolger, die Hartnäckigkeit bis zu einem gefährlichen Punkte. Die
+Tudors handelten stets so besonnen, daß ihre Macht zwar oft Widerstand
+fand, aber nie gestürzt wurde. Die Herrschaft eines Jeden derselben ward
+durch starke Ausbrüche der Unzufriedenheit gestört, aber stets gelang es
+der Regierung, die Aufständischen entweder zu beruhigen, oder sie zu
+besiegen und zu bestrafen. Durch rechtzeitige Zugeständnisse wußte sie
+auch mitunter Bürger-Unruhen abzuwenden; in der Regel aber blieb sie
+fest, und rief die Nation um Hilfe an. Die Nation folgte dem Rufe,
+sammelte sich um den Herrscher, und machte ihm die Unterwerfung der
+kleinen Anzahl Mißvergnügter möglich.
+
+Auf diese Weise entwickelte sich die Größe und Blüthe Englands von
+Heinrichs III. bis zu Elisabeths Zeit unter einer Verfassung, die den
+Keim zu unsern gegenwärtigen Institutionen in sich trug, und, wenn sie
+auch nicht genau bestimmt war und streng beobachtet wurde, dennoch durch
+die Furcht der Regierenden vor dem Geiste und der Kraft der Regierten
+gegen das Ausarten in Despotismus nachdrücklich geschützt ward.
+
+Eine solche Staatsverfassung paßt indeß nur für ein eigenes Stadium in
+der Ausbildung der Gesellschaft. Dieselben Ursachen, die in den
+friedlichen Künsten eine Theilung der Arbeit bewirken, müssen endlich
+auch den Krieg zu einer besondern Wissenschaft und einem besondern
+Gewerbe machen. Es kommt eine Zeit, in welcher der Gebrauch der Waffen
+die volle Aufmerksamkeit eines besondern Standes zu beanspruchen
+beginnt; es zeigt sich bald, daß noch so tapfere Bauern und Bürger
+geübten Soldaten gegenüber nicht Stand halten können, Männern, deren
+ganzes Leben eine Vorbereitung auf den Tag der Schlacht ist, deren
+Nerven durch das stete Vertrautsein mit der Gefahr abgehärtet sind, und
+deren Bewegungen die völlige Genauigkeit eines Uhrwerks eigen ist. Man
+begreift, daß der Schutz von ganzen Nationen nicht länger mehr sicher
+solchen Streitern anvertraut werden könne, die zu einem vierzigtägigen
+Feldzuge dem Pfluge oder Webstuhle entnommen sind. Bildet irgend ein
+Staat ein großes, stehendes Heer, so müssen die Nachbarstaaten dem
+Beispiele nachahmen, wenn sie sich einem fremden Joche nicht unterwerfen
+wollen. Wo aber ein großes stehendes Heer vorhanden ist, kann die
+beschränkte Monarchie nach Art des Mittelalters nicht länger
+fortbestehen; der Regent ist mit einem Male von der Hauptfessel seiner
+Macht befreit und wird unvermeidlich absolut, wenn ihm nicht Schranken
+angewiesen werden, die einer Gesellschaft als überflüssig erscheinen
+würden, in der Jeder vorkommenden Falls, aber Keiner stets Soldat ist.
+
+
+[_Die beschränkten Monarchien des Mittelalters sind allgemein in
+absolute Monarchien verwandelt._] Mit der Gefahr kamen auch die Mittel,
+sich vor ihr zu schützen. In den Monarchien des Mittelalters besaßen die
+Fürsten die Macht des Schwertes, die Nation aber die Macht des
+Geldbeutels, und in demselben Maße, wie die fortschreitende Civilisation
+das Schwert des Fürsten der Nation stets furchtbarer ward, so ward der
+Geldbeutel der Nation dem Fürsten stets nothwendiger. Die erblichen
+Einkünfte des Letztern reichten nicht länger für die Kosten der
+Civilverwaltung aus, und es war völlig unmöglich, daß er ohne ein
+geregeltes und umfassendes Steuersystem eine große Masse disciplinirter
+Truppen in steter Thätigkeit erhalten konnte. Die Politik, welche die
+parlamentarischen Versammlungen Europa's hätten befolgen müssen, wäre
+gewesen: fest auf ihr verfassungsmäßiges Recht zu bestehen, wonach ihnen
+die Bewilligung und das Ablehnen des Geldes zustand, und entschlossen,
+so lange die Summen für den Unterhalt der Armeen zu verweigern, bis sie
+hinreichende Bürgschaft gegen Despotismus erlangt hätten.
+
+Nach dieser weisen Politik handelte man nur in unserm Vaterlande; in den
+benachbarten Königreichen traf man große militärische Einrichtungen,
+aber man dachte nicht daran, der öffentlichen Freiheit Schutzwehren zu
+errichten, und hieraus folgte, daß überall die alten parlamentarischen
+Verfassungen aufhörten. In Frankreich, wo sie stets schwach gewesen,
+siechten sie hin, bis sie endlich an völliger Schwäche erstarben. In
+Spanien, wo sie so stark gewesen wie nur irgend in Europa, vertheidigten
+sie tapfer ihr Leben, aber zu spät. Die Handwerker von Toledo und
+Valladolid vertheidigten ohne Erfolg die Privilegien der Castilischen
+Cortes gegen die alten geübten Kriegerhaufen Karls V., und ebenso
+erfolglos kämpften eine Generation später die Bürger von Saragossa gegen
+Philipp II. für die alte Verfassung von Aragonien. So sanken die großen
+Nationalversammlungen der festländischen Monarchien eine nach der andern
+zu völliger Nichtigkeit herab, Versammlungen, die einst minder stolz und
+mächtig gewesen, als jene in Westminster. Wenn sie zusammentraten,
+geschah es nur, um einige ehrwürdige Förmlichkeiten zu beobachten,
+ungefähr wie jetzt unsere Kirchenversammlungen.
+
+
+[_Die englische Monarchie als besondere Ausnahme._] In England
+gestalteten sich die Dinge anders. Dieses besondere Glück hat es
+vorzüglich seiner insularischen Lage zu danken. Für die Würde und selbst
+für die Sicherheit der französischen und spanischen Monarchien wurden
+schon vor dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts große militärische
+Einrichtungen unentbehrlich. Hätte eine dieser beiden Mächte eine
+Entwaffnung vorgenommen, so würde sie bald dem Übergewichte der andern
+unterworfen gewesen sein. England aber, durch das Meer vor Angriffen von
+Außen geschützt und selten in Kriegsunternehmungen auf dem Festlande
+begriffen, befand sich noch nicht in der Nothwendigkeit, regelmäßige
+Truppen zu halten. Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert fanden es
+noch ohne stehende Heere. Zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts hatte
+die Staatswissenschaft schon beträchtliche Fortschritte gemacht; das
+Schicksal der spanischen Cortes und der französischen allgemeinen
+Reichsstände war unsern Parlamenten eine ernste Mahnung gewesen,
+und noch zu rechter Zeit, die Natur und Größe der Gefahr vollkommen
+erkennend, ergriffen sie ein System der Taktik, das nach einem drei
+Generationen hindurch dauernden Kampfe endlich dennoch den Sieg errang.
+
+Fast jeder Schriftsteller, der von diesem Kampfe geschrieben, ist
+darzuthun bemüht gewesen, daß die Parthei, der er angehörte, es war, die
+für die unveränderte Beibehaltung der alten Verfassung kämpfte; aber das
+Wahre ist, daß die alte Verfassung nicht unverändert beibehalten werden
+konnte. Ein Gesetz, erhaben über alle Berechnungen menschlicher
+Weisheit, hat geboten, daß Verfassungen jener besondern Art, wie sie im
+vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderte in Europa allgemein gewesen,
+nicht länger mehr bestehen sollten. Die Frage war also nicht, ob unsere
+Regierungsform eine Veränderung erleiden, sondern welcher Art diese
+Veränderung sein müsse. Durch das Erstehen einer neuen und mächtigen
+Kraft war das alte Gleichgewicht gestört und alle beschränkten
+Monarchien hatten sich eine nach der andern in unbeschränkte verwandelt.
+Was an andern Orten geschehen, würde sicher auch bei uns geschehen sein,
+wenn das Gleichgewicht nicht dadurch hergestellt worden wäre, daß man
+einen großen Theil der Macht von der Krone auf das Parlament übertrug.
+Es fehlte nicht viel, so hätten unsern Fürsten Zwangsmittel zu Gebote
+gestanden, wie kein Plantagenet oder Tudor sie je besessen, und sie
+wären unvermeidlich Despoten geworden, hätte man ihnen nicht zu gleicher
+Zeit Beschränkungen auferlegt, denen kein Plantagenet oder Tudor je
+unterworfen gewesen.
+
+
+[_Die Reformation und ihre Wirkungen._] Es scheint demnach gewiß zu
+sein, daß das siebzehnte Jahrhundert auch dann nicht ohne heftige Kämpfe
+zwischen unsern Königen und ihren Parlamenten vorübergegangen wäre, wenn
+nur politische Gründe sie angefacht hätten; aber andere Ursachen,
+vielleicht noch gewichtiger, brachten sie hervor. Während die Regierung
+der Tudors auf dem Gipfelpunkte ihrer Kraft stand, trat ein Ereigniß
+ein, das den Geschicken aller christlichen Völker, und namentlich dem
+des englischen Volks, eine neue Richtung gab. Zweimal im Laufe des
+Mittelalters hatte sich der Geist Europa's gegen die Herrschaft des
+Pabstes erhoben. Die erste Erhebung fand im südlichen Frankreich statt.
+Das kräftige Einschreiten Innocenz' III., der Eifer der damals erst
+gestifteten Franziskaner- und Dominikaner-Orden und die Rohheit der
+Kreuzfahrer, von der Geistlichkeit auf eine unkriegerische Bevölkerung
+gehetzt, vernichteten die albigensische Kirche. Die zweite Erhebung
+begann in England, und verbreitete sich bis nach Böhmen; aber auch
+diesmal gelang es dem Konzil von Kostnitz, indem es einige kirchliche
+Mißbräuche, an denen die Christenheit Anstoß nahm, beseitigte, und den
+europäischen Fürsten, indem sie schonungslos mit Feuer und Schwert gegen
+die Ketzer einschritten, der Bewegung Einhalt zu thun. Auch dies haben
+wir nicht sehr zu bedauern. Die Sympathien eines Protestanten werden
+sich natürlich zu den Albigensern und Lollards hinneigen; aber ein
+gemäßigter und aufgeklärter Protestant wird nach genauer Prüfung doch
+wohl in Zweifel ziehen, daß der glückliche Erfolg dieser Sekten
+überhaupt Glück und Tugend der Menschen befördert haben würde.
+Wie verdorben die römische Kirche damals auch war, so ist es doch
+wahrscheinlich, daß eine noch viel verdorbenere an ihre Stelle getreten
+sein würde, wenn sie im zwölften, und selbst im vierzehnten Jahrhunderte
+noch, gestürzt wäre. Der größte Theil Europa's besaß in jener Zeit nur
+wenig Kenntnisse, und die vorhandenen waren Eigenthum der Geistlichkeit.
+Von fünfhundert Menschen konnte nicht einer die Psalmen lesen; Bücher
+waren selten und theuer; die Buchdruckerkunst kannte man nicht, und
+Abschriften der Bibel, bei weitem nicht so schön und deutlich als die,
+welche der ärmste Landmann sich jetzt gedruckt verschaffen kann, wurden
+zu Preisen verkauft, die selbst der größte Theil der Geistlichen nicht
+zu zahlen vermochte. Dem Laienstande war es daher völlig unmöglich,
+durch eigene Anschauung die heilige Schrift kennen zu lernen. Wäre nun
+das eine geistige Joch abgeworfen gewesen, so hätte man aller
+Wahrscheinlichkeit nach ein anderes auferlegt, und die bisher von der
+römischen Geistlichkeit ausgeübte Gewalt würde auf eine weit schlimmere
+Klasse von Lehrern übergegangen sein. Mit den übrigen Jahrhunderten
+verglichen, war das sechzehnte Jahrhundert ein sehr aufgeklärtes; und
+dennoch folgte in diesem Zeitalter eine große Anzahl derer, welche sich
+von der alten Religion losgesagt, dem ersten besten verlockenden und
+scheinheiligen Führer, der sich ihnen darbot, und verfielen bald in noch
+gefährlichere Irrthümer als die waren, denen sie entsagt hatten. So war
+es dem Matthias und Knipperdolling, den Aposteln der Unzucht, des Raubes
+und des Mordes, möglich, eine Zeitlang große Städte zu beherrschen. In
+einem noch ungebildeten Zeitalter hätten solche falsche Propheten Reiche
+gründen können, und das Christenthum wäre in einen grausamen und
+sittenlosen Aberglauben verkehrt worden, schädlicher, nicht nur als das
+Pabstthum, sondern auch als der Islam.
+
+Jene große religiöse Umwälzung, die man besonders die Reformation nennt,
+begann ungefähr hundert Jahre nach dem Kostnitzer Konzile. Die Zeit war
+nun zu Reformationen reif, denn der geistliche Stand besaß nicht mehr
+allein und hauptsächlich den Schatz menschlichen Wissens. Die Erfindung
+der Buchdruckerkunst hatte den Gegnern der römischen Kirche eine
+mächtige Waffe gegeben, die den Vorgängern derselben gefehlt; das
+Studium der alten Schriftsteller, die rasche Entwickelung der neuen
+Sprachen, die plötzlich in jedem Zweige der Literatur entfaltete
+Thätigkeit, der politische Zustand Europas, die Lasterhaftigkeit des
+römischen Hofes, die Erpressungen der römischen Kanzlei, die Eifersucht,
+welche die Reichthümer und Privilegien der Geistlichkeit in den Laien
+erweckten, der Neid, den das Übergewicht Italiens in den diesseits der
+Alpen Geborenen erregte, -- dies Alles gab den Predigern der neuen
+Gotteslehre einen Vortheil, den sie zweckmäßig zu verwenden wußten.
+
+Man kann ohne Inconsequenz, selbst in Anbetracht des wohlthätigen
+Einflusses, den die römische Kirche auf die Menschheit ausübte, die
+Reformation als ein unschätzbares Glück betrachten. Das Gängelband,
+welches das Kind sichert und aufrecht erhält, ist dem Manne ein
+Hinderniß. So können dieselben Hilfsmittel, die auf der einen
+Bildungsstufe den menschlichen Geist stützen und entwickeln, auf einer
+andern ihm hemmende Bande sein. In der Existenz des Einzelnen wie der
+Gesellschaften giebt es einen Punkt, wo die Unterwerfung und der Glaube,
+die man in späteren Zeiten mit Recht Knechtssinn und Leichtgläubigkeit
+nennen würde, nützliche Eigenschaften sind. Das Kind, das gelehrig und
+vertrauensvoll auf die Unterweisungen Älterer hört, wird ohne Zweifel
+rasche Fortschritte machen; der Mann aber, der unbedenklich und mit
+kindlicher Gelehrigkeit jede Behauptung und jede Glaubensansicht eines
+andern und nicht klügern Mannes als er, annimmt, würde verächtlich
+erscheinen. Ebenso ist es mit ganzen Gesellschaften. Die Kindheit der
+europäischen Nationen verfloß unter der Vormundschaft der Geistlichkeit.
+Der Einfluß der geistlichen Orden war lange Zeit so überwiegend, wie es
+naturgemäß und mit Recht jede geistige Autorität sein muß. Die Priester,
+mit allen ihren Fehlern, bildeten den aufgeklärtesten Theil der
+Gesellschaft; es war daher im Ganzen genommen ein Glück, daß man ihnen
+gehorchte und sie achtete. Die Übergriffe der kirchlichen Macht in das
+Gebiet der weltlichen war so lange mehr segenbringend als schädlich,
+als sich die geistliche Gewalt in den Händen der einzigen Klasse befand,
+die Geschichte, Philosophie und öffentliches Recht studirt hatte, die
+weltliche Gewalt aber in den Händen roher Häuptlinge, die ihre eigenen
+Verleihungen und Erlasse nicht lesen konnten. Dies änderte sich jedoch;
+die Kenntnisse verbreiteten sich nach und nach unter den Laien, von
+denen schon im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts viele in geistiger
+Beziehung den aufgeklärtesten ihrer Seelenhirten gleich kamen. Von nun
+an wurde jene Autorität, welche ungeachtet mancher Mißbräuche in den
+Jahrhunderten der Finsterniß eine gesetzliche und heilsame Vormundschaft
+gewesen, eine ungerechte und verderbliche Tyrannei.
+
+Von der Zeit an, wo die Barbaren das weströmische Reich stürzten, bis zu
+der Zeit des Wiederemporblühens der Wissenschaften übte die römische
+Kirche im Allgemeinen auf Wissenschaft, Civilisation und eine gute
+Staatsverfassung einen heilsamen Einfluß aus; aber während der letzten
+drei Jahrhunderte ist es ihr Hauptbestreben gewesen, die Entwickelung
+des menschlichen Geistes zu hindern. Alle Fortschritte in der
+Christenheit, in Wissen, Freiheit, Wohlstand und in den Künsten des
+Lebens, sind ungeachtet ihres Entgegenwirkens gemacht worden und haben
+stets zu ihrer Macht im entgegengesetzten Verhältnisse gestanden.
+Die schönsten und fruchtbarsten Provinzen Europa's sind unter ihrer
+Herrschaft in Armuth, politische Knechtschaft und geistige Erstarrung
+versunken, während protestantische Länder, die einst als unfruchtbar und
+barbarisch sprichwörtlich waren, durch Geschicklichkeit und Fleiß in
+Gärten verwandelt wurden, und sich einer langen Reihe von Helden,
+Staatsmännern, Philosophen und Dichtern rühmen. Man kann sich ein
+Urtheil über die Tendenzen der päpstlichen Herrschaft bilden, wenn man
+weiß, was Italien und Schottland von Natur sind und vor vierhundert
+Jahren wirklich waren, und wenn man jetzt die Gegend um Rom mit der um
+Edinburg vergleicht. Das Herabsinken Spaniens, einst die erste unter den
+Monarchien, zu der untersten Stufe der Erniedrigung, und das
+Emporsteigen Hollands, ungeachtet mancher natürlichen Hindernisse,
+zu einer Höhe, wie sie kein Gemeinwesen von so geringer Ausdehnung je
+erreicht hat, beweisen dasselbe. Wer in Deutschland aus einem
+katholischen Lande in ein protestantisches, in der Schweiz aus einem
+katholischen in einen protestantischen Kanton, und in Irland aus einer
+katholischen in eine protestantische Grafschaft kommt, gewahrt, daß er
+von einem niedern Grade der Civilisation bei einem höhern Grade
+angelangt ist. Dieselben Resultate findet man jenseits des atlantischen
+Meeres. Die Protestanten der Vereinigten Staaten haben die Katholiken in
+Mexico, Peru und Brasilien weit hinter sich gelassen. Die Katholiken von
+Unter-Canada verharren in ihrer Trägheit; die Protestanten aber
+erfüllen den ganzen Kontinent um sich her durch Thätigkeit und
+Unternehmungsgeist. Die Franzosen haben ohne Zweifel Energie und
+Intelligenz an den Tag gelegt, die ihnen, selbst wenn sie in unrechte
+Bahnen geleitet wurden, gerechten Anspruch auf den Namen einer großen
+Nation geben; aber bei näherer Untersuchung wird sich diese scheinbare
+Ausnahme dennoch als eine Bestätigung der Regel bewähren, denn in keinem
+Lande, das für römisch-katholisch galt, hat die römisch-katholische
+Kirche mehrere Generationen hindurch so wenig in Ansehen gestanden,
+als in Frankreich.
+
+Ob England mehr der römisch-katholischen Religion oder der Reformation
+verdankt, ist schwer zu bestimmen. Die Vermischung der Volksstämme und
+die Abschaffung der Leibeigenschaft ist vorzüglich ein Ergebniß des
+Einflusses, den der Clerus des Mittelalters auf den Laienstand ausübte;
+die politische und geistige Freiheit hingegen, sammt allen mit ihnen
+verbreiteten Segnungen, dankt England hauptsächlich der großen Erhebung
+des Laienstandes gegen die Geistlichkeit.
+
+Der Kampf zwischen der alten und neuen Glaubenslehre in unserm
+Vaterlande war ein langer, und der Ausgang desselben schien mitunter
+zweifelhaft. Es gab zwei extreme Parteien, gleich bereit, mit Gewalt zu
+handeln, oder mit unbeugsamer Festigkeit zu dulden. Zwischen diesen
+beiden Parteien befand sich eine Zeitlang eine dritte, welche zwar sehr
+unlogisch, aber dennoch sehr natürlich die in der Kindheit erhaltenen
+Lehren mit den Predigten der neuern Evangelisten vermischt und, obgleich
+mit Vorliebe an den alten Observanzen hangend, dennoch die mit diesen
+Observanzen verknüpften Mißbräuche verabscheute. Leute von solcher
+Denkart folgten willig, fast dankbar, den Anleitungen eines tüchtigen
+Führers, der ihnen die Mühe ersparte, selbst zu urtheilen und, mit
+starker, fester Stimme das Lärmen des Streitens übertönend, ihnen sagte,
+wie sie Gott verehren und was sie glauben müßten. Es kann uns daher
+nicht befremden, daß die Tudors einen so großen Einfluß auf die
+kirchlichen Angelegenheiten auszuüben vermochten, und daß sie diesen
+Einfluß meistens nur in ihrem eigenen Interesse geltend machten.
+
+Heinrich VIII. versuchte eine anglikanische Kirche zu gründen, die sich
+von der römisch-katholischen in dem Punkte des Supremats, und nur in
+diesem Punkte allein unterschied; der Erfolg war ein außerordentlicher.
+Seine Energie des Charakters, seine besonders günstige Stellung zu
+fremden Mächten, die ungeheuren Reichthümer, welche durch die Beraubung
+der Klöster ihm zufielen, und vorzüglich der Beistand aller Derer, die
+zwischen beiden Meinungen schwankten, machten es ihm möglich, beiden
+Extremen zu trotzen, die Anhänger der Lehren Luthers als Ketzer
+verbrennen und die als Verräther hängen zu lassen, welche die Autorität
+des Papstes anerkannten. Aber Heinrichs System starb mit ihm. Wenn er
+länger gelebt hätte, würde es ihm schwer geworden sein, eine Stellung zu
+behaupten, die von den Anhängern der neuen und der alten Meinungen mit
+gleicher Wuth angegriffen wurde. Die Minister, denen die Bewahrung der
+königlichen Hoheitsrechte während der Minderjährigkeit seines Sohnes
+anvertraut war, konnten es nicht wagen, in einer so kühnen Politik zu
+verharren, und eben so wenig unternahm es Elisabeth, zu ihr
+zurückzukehren. Es mußte nothwendig eine Wahl getroffen werden: Die
+Regierung hatte sich entweder Rom zu unterwerfen, oder die Hilfe der
+Protestanten zu erwirken, mit denen sie nur das Eine, den Haß gegen die
+päpstliche Gewalt, gemein hatte. Die englischen Reformatoren waren
+eifrig bemüht, eben so weit zu gehen, als ihre Brüder auf dem
+Continente; einmüthig verdammten sie mehrere Glaubenssätze und Gebräuche
+als unchristlich, an denen Heinrich hartnäckig gehalten, und die
+Elisabeth nur mit Widerstreben aufgab. Selbst gegen gleichgültige Dinge,
+die einen Theil der Verfassung oder des Rituals des mystischen Babylon
+gebildet hatten, hegten viele von ihnen einen lebhaften Widerwillen.
+Bischof Hooper, der in Gloucester muthig für seinen Glauben starb,
+weigerte sich lange Zeit, die bischöflichen Gewänder anzulegen. Bischof
+Ridley, ein noch berühmterer Märtyrer, ließ die alten Altäre seiner
+Diöcese niederreißen und an Tafeln, die in der Mitte der Kirche
+aufgestellt und von den Papisten sehr unehrerbietig Austernbänke genannt
+wurden, das heilige Abendmahl austheilen. Bischof Jewel nannte die
+geistliche Tracht ein Theaterkleid, einen Narrenanzug, ein Überbleibsel
+von den Amonitern, und versprach, Alles aufzubieten, um solche
+schmähliche Absurditäten auszurotten. Erzbischof Grindal zögerte lange,
+die Mitra anzunehmen, weil er Widerwillen gegen die Weihe hegte, die er
+als eine Mummerei betrachtete. Bischof Parkhurst sprach in einem
+inbrünstigen Gebet aus, die Kirche von England möge sich die von Zürich
+als absolutes Vorbild einer christlichen Verbrüderung nehmen. Bischof
+Ponet wollte, daß man die Benennung »Bischof« den Papisten überlassen
+und die höchsten Beamten der geläuterten Kirche Superintendenten nennen
+sollte. Erwägt man nun, daß alle diese Prälaten nicht der äußersten
+Richtung der protestantischen Partei huldigten, so kann man unbezweifelt
+annehmen, daß das Werk der Reformation in England ebenso schonungslos
+würde betrieben worden sein als in Schottland, wenn man allgemein der
+Richtung dieser Partei gefolgt wäre.
+
+
+[_Ursprung der Kirche von England._] In demselben Maße aber, wie die
+Regierung des Beistandes der Protestanten bedurfte, so bedurften die
+Protestanten des Schutzes der Regierung. Man gab deshalb viel von beiden
+Seiten auf, es kam eine Vereinigung zu Stande, und die Frucht dieser
+Vereinigung war die Kirche von England. Viele der wichtigsten
+Begebenheiten, die sich seit der Reformation in unserm Vaterlande
+zugetragen haben, sind den Eigenthümlichkeiten dieser großen Institution
+und den heftigen Leidenschaften zuzuschreiben, die sie in den Gemüthern
+von Freunden und Feinden erweckt. Die weltliche Geschichte Englands wird
+uns völlig unklar bleiben, wenn wir sie nicht im steten Zusammenhange
+mit der Geschichte seiner Kirchenverfassungen studiren.
+
+Der Mann, der am thätigsten bei der Feststellung der Bedingungen jenes
+Bündnisses wirkte, aus dem die anglikanische Kirche entstand, war Thomas
+Cranmer. Er war der Repräsentant beider Parteien, die damals des
+gegenseitigen Beistandes bedurften; er war Theolog und Staatsmann
+zugleich. Als Theolog zeigte er sich völlig bereit, die Bahn der
+Änderung eben so weit zu verfolgen, als irgend ein schweizerischer oder
+schottischer Reformator; als Staatsmann aber strebte er danach, die
+Organisation zu bewahren, die Jahrhunderte lang den Zwecken der
+römischen Bischöfe so treffliche Dienste geleistet hatte, und von der zu
+erwarten stand, daß sie jetzt den Zwecken der englischen Könige und der
+Minister derselben eben so ersprießlich sein würde. Sein Charakter und
+sein Verstand befähigten ihn vollkommen zu dem Amte des Vermittlers.
+Fromm in seinen Worten, ohne Scrupel in seinen Handlungen, im Grunde für
+nichts begeistert, kühn in der Theorie, ein Feigling und Mantelträger
+bei der Ausführung, ein versöhnlicher Feind und ein lauer Freund, besaß
+er alle Eigenschaften, welche zur Aufstellung der Vertragsbedingungen
+zwischen den religiösen und weltlichen Feinden des Papismus erforderlich
+waren.
+
+
+[_Ihr eigenthümlicher Charakter._] Noch heute zeigt die Kirche in
+Verfassung, Lehren und gottesdienstlichen Gebräuchen die sichtbaren
+Spuren des Vergleichs, aus dem sie hervorging; sie ist ein Mittelding
+zwischen den Kirchen von Rom und Genf. Ihre von Protestanten verfaßten
+Bekenntnisse und Abhandlungen stützen sich auf theologische Grundsätze,
+an denen Calvin und Knox kaum ein Wort zu tadeln gehabt hätten. Ihre aus
+den alten Brevieren entnommenen Gebete und Danksagungen sind fast alle
+der Art, daß Bischof Fisher oder der Cardinal Pole sie aus Herzensgrunde
+hätten mitbeten können. Ein Polemiker, der ihre Artikel und Homilien im
+arminianischen Sinne auslegt, wird bei billigdenkenden Männern eben so
+wenig Recht erhalten, als der, der läugnen wollte, daß in ihrer Liturgie
+die Lehre von der Wiedergeburt durch die Taufe zu finden sei.
+
+Die römische Kirche hielt immer noch fest, daß die Bischofswürde eine
+göttliche Einsetzung, und gewisse übernatürliche hohe Gaben fünfzig
+Generationen hindurch von den elf, die auf dem galiläischen Berge ihre
+Ämter empfangen, durch Handauflegen auf die Bischöfe übergegangen seien,
+die in Trient sich versammelten. Eine große Anzahl Protestanten aber
+hielt die Prälatur geradezu für ungesetzlich, und glaubte in der
+heiligen Schrift eine ganz andere Form des kirchlichen Regimentes
+ausgesprochen zu finden. Die Gründer der anglikanischen Kirche schlugen
+einen Mittelweg ein, indem sie das Episkopat zwar beibehielten, aber den
+Einfluß desselben auf das Gedeihen einer christlichen Gesellschaft oder
+die Wirksamkeit der Sakramente für unwesentlich erklärten. Cranmer
+selbst sprach bei einer wichtigen Gelegenheit als seine Überzeugung aus,
+daß es in den ersten christlichen Zeiten keinen Unterschied zwischen
+Bischöfen und Priestern gegeben habe, und daß das Händeauflegen völlig
+unnütz sei.
+
+In der presbyterianischen Kirche ist die Leitung des öffentlichen
+Gottesdienstes größtentheils den Geistlichen überlassen. Ihre Gebete
+sind deshalb in zwei Versammlungen an einem Tage oder in einer
+Versammlung an verschiedenen Tagen nicht dieselben. In dieser Gemeinde
+sind sie inbrünstig, beredt und sinnreich; in jener vielleicht matt
+und absurd. Die Priester der römisch-katholischen Kirche hingegen
+haben schon seit Jahrhunderten tagtäglich dieselben alten
+Glaubensbekenntnisse, Bitten und Danksagungen, in Indien wie in
+Lithauen, in Irland wie in Peru, abgesungen. Der in einer todten Sprache
+abgehaltene Gottesdienst ist nur den Gelehrten verständlich, und von der
+großen Mehrzahl der versammelten Gemeinde kann man sagen, daß sie
+demselben mehr als Zuschauer, denn als Zuhörer beiwohnen. Aber auch hier
+schlug die englische Kirche wieder den Mittelweg ein, indem sie die
+römisch-katholischen Gebetsformen beibehielt, sie in die Volkssprache
+übersetzte und die ungelehrte Menge aufforderte, ihre Stimme mit der des
+Priesters zu vereinigen.
+
+Dieselbe Politik läßt sich durch alle ihre Systeme verfolgen. Sie
+verwarf zwar die Lehre von der Transsubstantiation, und verdammte jede
+Anbetung des Brodes und Weines beim Abendmahle als einen Götzendienst;
+aber sie verlangte dennoch, zum Ärgerniß der Puritaner, daß ihre Kinder
+das Erinnerungszeichen göttlicher Liebe demüthig kniend empfangen
+sollten. Sie beseitigte zwar die reichen Bekleidungen, welche die Altäre
+des alten Glaubens umgaben; aber das einfache weißleinene Gewand, das
+Sinnbild der Reinheit, die ihr als der mystischen Braut Christi zukomme,
+behielt sie, zum Schrecken schwacher Gemüther, bei. Sie schaffte
+zwar eine Menge pantomimischer Bewegungen ab, die bei dem
+römisch-katholischen Gottesdienste verständliche Worte vertreten, aber
+sie gab doch manchem strengen Protestanten dadurch Anstoß, daß sie das
+eben aus dem Taufsteine besprengte Kind mit dem Zeichen des Kreuzes
+segnete. Der römische Katholik betete zu einer Menge Heiliger, unter
+denen sich Männer von zweifelhaftem, sogar einige von gehässigem
+Charakter befanden; der Puritaner weigert sich, selbst den Apostel der
+Heiden, den Jünger, den Jesus liebte, »heilig« zu benennen. Obgleich die
+Kirche von England kein geschaffenes Wesen um Schutz anflehte, so setzte
+sie doch besondere Tage zur Gedächtnißfeier an die fest, die für den
+Glauben Großes gewirkt und gelitten hatten. Die Confirmation und die
+Ordination behielt sie als erbauliche Gebräuche bei, aber sie zählte sie
+nicht zu den Sakramenten. Die Ohrenbeichte gehörte nicht in ihr System;
+aber sie forderte den sterbenden Sünder freundlich auf, seine Vergehen
+einem Geistlichen zu bekennen, und ermächtigte ihre Diener, die
+scheidende Seele durch eine Absolution zu erleichtern, welche ganz den
+Geist des alten Glaubens athmet. -- Man kann im Allgemeinen sagen,
+sie wendet sich mehr an den Verstand und weniger an die Sinne und die
+Phantasie, als die römische Kirche; aber sie nimmt weniger den Verstand
+und mehr die Sinne und die Phantasie in Anspruch, als die
+protestantischen Kirchen von Schottland, Frankreich und der Schweiz.
+
+
+[_Das Verhältniß, in welchem sie zu der Krone stand._] Nichts jedoch
+unterschied die englische Kirche so sehr von andern Kirchen, als ihr
+Verhältniß zur Monarchie. Der König war ihr Haupt. Die Grenzen der
+Macht, die er als ein solches besaß, waren nicht genau angegeben, und
+sind auch nie genau angegeben worden. Die Gesetze, durch die er zum
+Oberherrn der Kirche ernannt, waren unbestimmt und zu allgemeinen
+Ausdrücken abgefaßt. Prüfen wir, um den Sinn dieser Gesetze genau zu
+deuten, die Schriften und das Leben der Gründer der englischen Kirche,
+so werden wir in noch größere Verlegenheit gerathen, denn diese
+schrieben und wirkten in einer Zeit großer geistigen Gährung, in einer
+Zeit steten Strebens und Gegenstrebens. Sie standen daher nicht nur
+untereinander, sondern oft auch mit sich selbst im Widerspruch. Der
+Lehrsatz, daß der König nächst Christus das alleinige Haupt der Kirche
+sei, wurde von Allen einmüthig anerkannt; aber diesen Worten wurde von
+Verschiedenen, selbst von Einem und Demselben unter verschiedenen
+Umständen, eine sehr verschiedene Bedeutung beigelegt. Man schrieb dem
+Souverain nicht selten eine Gewalt zu, mit der sich ein Hildebrand
+zufrieden erklärt haben würde; dann wieder ward sie dergestalt
+eingeschränkt, daß sie nicht viel größer war als jene, welche alte
+englische Fürsten beanspruchten, die stete Gemeinschaft mit der
+römischen Kirche gepflogen hatten. Das, was Heinrich und seine
+vertrauten Räthe unter Suprematie verstanden, war nichts Geringeres, als
+die ganze Macht des Papstes; der König sollte der Papst seines Reiches,
+der Stellvertreter Gottes, der Ausleger der katholischen Wahrheit, der
+Ausfluß der sakramentlichen Gnaden sein. Er maßte sich die rechtsgültige
+Entscheidung über wahre Lehre und Ketzerei an, das Entwerfen und
+Anordnen von Glaubensbekenntnissen, und religiöse Unterweisungen für das
+Volk. Er erklärte, daß alle geistliche und weltliche Gerichtsbarkeit ihm
+allein zustehe, und daß er die Macht besitze, die bischöfliche Würde zu
+verleihen und zurückzunehmen; er ging selbst so weit, daß er den
+Bestallungsdekreten der Bischöfe, wonach diesen ihre Amtsverrichtungen
+nur auf so lange übertragen wurden, als er es für gut befinden würde,
+sein Siegel beifügte. Nach diesem, von Cranmer aufgestellten Systeme,
+war der König nicht nur das geistliche, sondern auch das weltliche
+Oberhaupt der Nation, und in dieser doppelten Eigenschaft mußte er seine
+Stellvertreter haben. Wie er bürgerliche Beamte zur Bewahrung seiner
+Siegel, zur Erhebung seiner Einkünfte und zur Ausübung des Rechts in
+seinem Namen bestellte, so ernannte er auch Geistliche verschiedenen
+Ranges, um das Evangelium zu predigen und die Sakramente zu ertheilen;
+das Auflegen der Hände war dabei nicht nöthig. Nach Cranmer's klar und
+deutlich ausgesprochener Meinung konnte der König, kraft seiner ihm von
+Gott verliehenen Gewalt, einen Priester bestellen, und der so bestellte
+Priester bedurfte keiner weitern Ordination. Trotz der Opposition
+einiger eben nicht höfisch ggesinnten Geistlichen, verfuhr Cranmer nach
+diesen Ansichten in allen ihren gesetzlichen Consequenzen; er hielt
+seine eigenen geistlichen Funktionen für beendet, wie die des Kanzlers
+und des Schatzmeisters, sobald die Krone auf ein anderes Haupt übergehe.
+-- Demnach holten, bei Heinrichs Tode, der Erzbischof und seine
+Suffragane neue Bestallungen ein, die sie ermächtigten, so lange zu
+ordiniren und geistliche Verrichtungen vorzunehmen, bis der neue Monarch
+anders verfügen würde. Als man den Einwand machte, die Gewalt zu lösen
+und zu binden, die der Herr seinen Aposteln verliehen, sei von der
+weltlichen Gewalt ganz verschieden, so antworteten die Theologen dieser
+Schule, daß die Macht zu lösen und zu binden nicht auf die Geistlichkeit
+allein, sondern auf die Gesammtheit der Christen übergegangen sei und
+von der höchsten Obrigkeit, als der Repräsentantin der Gesellschaft,
+geübt werden müsse. Dem Einwande, der heilige Paulus habe nur von
+bestimmten Personen gesprochen, die der heilige Geist zu Aufsehern und
+Hirten der Gläubigen erwählt, ward mit der Antwort begegnet: König
+Heinrich sei eben der Aufseher und Hirt, den der heilige Geist erwählt
+habe, und auf den sich die Worte des heiligen Paulus bezögen.[3]
+
+Diese ausgedehnten Ansprüche erregten bei Protestanten und Katholiken
+gleiches Ärgerniß, und dies ward ein noch größeres, als das Supremat,
+das Maria dem Papste zurückgegeben, bei der Thronbesteigung Elisabeths
+mit der Krone wieder verbunden wurde. Man hielt es für unerhört, daß
+eine Frau der erste Bischof der Kirche sein solle, in der, nach dem
+Verbote des Apostels, sie nicht einmal ihre Stimme hören lassen dürfe.
+Die Königin sah sich daher genöthigt, auf den priesterlichen Charakter,
+den ihr Vater sich beigelegt, und der nach Cranmer's Ansicht durch
+göttliche Verordnung mit der königlichen Würde unzertrennlich verbunden
+sei, ausdrücklich Verzicht zu leisten. Bei der unter ihrer Regierung
+stattgefundenen Revision des anglikanischen Glaubensbekenntnisses
+erklärte man das Supremat in einer ganz andern Weise, als es an
+Heinrich's Hofe zu geschehen pflegte. Cranmer hatte in bestimmten
+Ausdrücken erklärt, Gott habe den christlichen Fürsten die ganze Sorge
+für das Heil aller Unterthanen, also ebensowohl in Bezug auf die
+Ausübung des göttlichen Wortes in der Seelsorge, als in Bezug auf die
+Ausübung der staatlichen Gewalt, unmittelbar übertragen.[4] Der
+siebenunddreißigste Religionsartikel, der unter Elisabeths Regierung
+entworfen ward, erklärt in eben so bestimmten Ausdrücken, daß den
+Fürsten die Aufsicht über die Ausübung des göttlichen Wortes nicht
+gebühre. Aber dessen ungeachtet besaß die Königin immer noch ein
+ausgedehntes und unbestimmt begrenztes Aufsichtsrecht über die Kirche.
+Das Parlament hatte ihr das Amt übertragen, Ketzereien und jede Art
+kirchlicher Mißbräuche zu verhindern und zu bestrafen, und ihr zugleich
+gestattet, diese Gewalt wiederum auf Bevollmächtigte übergehen zu
+lassen. Die Bischöfe waren nicht mehr, als ihre Minister. Im elften
+Jahrhundert würde die römische Kirche eher ganz Europa in Brand gesetzt
+haben, als daß sie der bürgerlichen Macht die unumschränkte Befugniß zur
+Ernennung geistlicher Hirten zugestanden hätte. In unserer Zeit würden
+die Diener der schottischen Kirche ihre Pfründen bei Hunderten aufgeben,
+ehe sie der bürgerlichen Obrigkeit die Gewalt einräumten, Kirchendiener
+zu ernennen. Solche Scrupel hegte die englische Kirche nicht. Die
+königliche Autorität allein genügte, die Kirchenversammlungen
+einzuberufen, zu ordnen, zu vertagen und aufzulösen. Ihre Beschlüsse
+hatten ohne die königliche Sanction keine Kraft. Selbst einer ihrer
+Glaubensartikel bestimmte, daß ein kirchliches Koncilium ohne königliche
+Genehmigung gesetzlich nicht zusammentreten könne. Von allen ihren
+Gerichtsstellen konnte man in letzter Instanz an die königliche
+Autorität appelliren, selbst wenn es sich um die Feststellung
+ketzerischer Ansichten, oder um die Gültigkeit eines ausgetheilten
+Sakramentes handelte. Eben so wenig mißgönnte die Kirche unsern Fürsten
+diese ausgedehnte Gewalt, die von ihnen in's Leben gerufen, in ihrer
+schwachen Kindheit gepflegt, hier vor den Papisten und dort vor den
+Puritanern bewahrt, gegen ihr abgeneigte Parlamente geschützt, und an
+gelehrten Gegnern, denen zu antworten ihr schwer gefallen wäre, gerächt
+worden war. So ward sie durch Dankbarkeit, Hoffnung, Furcht und
+gemeinsame Neigung und Abneigung an den Thron gefesselt; alle ihre
+Traditionen und Gefühle waren monarchisch. Loyalität wurde unter ihrer
+Geistlichkeit zu einem Punkte der Standesehre, zu einem Zeichen, das sie
+von Calvinisten und Papisten zugleich unterschied. Calvinisten und
+Papisten, obgleich in andern Beziehungen uneinig, betrachteten alle
+Eingriffe der weltlichen Macht in das Gebiet der geistlichen mit großer
+Eifersucht. Calvinisten wie Papisten behaupteten, daß die Unterthanen
+berechtigt seien, gegen gottvergessene Regenten das Schwert zu ziehen.
+In Frankreich trotzten Calvinisten Karl IX., Papisten Heinrich IV., und
+beide Parteien zusammen Heinrich III. In Schottland nahmen Calvinisten
+Maria gefangen; im Norden vom Trent schwangen Papisten die Waffen gegen
+Elisabeth. Die Kirche von England aber verdammte Calvinisten und
+Papisten, und rühmte sich offen, daß sie keine Pflicht beharrlicher und
+dringender einschärfe, als die des Gehorsams gegen die Fürsten.
+
+Die Vortheile, welche der Krone aus dieser innigen Vereinbarung mit der
+Staatskirche erwuchsen, waren zwar groß, aber nicht ohne starke
+Schattenseiten. Eine große Zahl Protestanten hatte den durch Cranmer
+vermittelten Vergleich schon anfangs für eine Erfindung gehalten, um
+zweien Herren zu dienen, und für einen Versuch, den Dienst des Herrn mit
+dem des Baal zu vereinigen. Unter Eduard VI. hatten die Scrupel dieser
+Partei dem regelmäßigen Gange der Regierung mehreremal große Hindernisse
+bereitet, und bei der Thronbesteigung Elisabeths mehrten sich diese
+Hindernisse. Gewalt gebiert natürlich Gewalt.
+
+ [Anmerkung 3: Siehe eine merkwürdige Schrift, die Stryve als von
+ Gardiners eigener Hand verfaßt hält: +Ecclesiastical Memorials+,
+ Buch I. Kap. 17.]
+
+ [Anmerkung 4: Dies sind Cranmer's eigene Worte. Siehe den Anhang
+ zu Burnets +History of the Reformation, Part I. Book III. No. 21.
+ Question 9.+]
+
+
+[_Die Puritaner._] Nach den von Maria verübten Grausamkeiten war der
+Geist des Protestantismus viel heftiger und unduldsamer, als zuvor.
+Viele eifrige Anhänger der neuen Glaubensmeinungen waren in jener
+schlimmen Zeit nach der Schweiz und nach Deutschland geflüchtet, hatten
+dort bei ihren Glaubensbrüdern gastliche Aufnahme gefunden, zu den Füßen
+der großen Doctoren von Straßburg, Zürich und Genf gesessen, und waren
+einige Jahre hindurch an einen einfachen Gottesdienst und eine
+demokratischere Form der Kirchenverwaltung gewöhnt, als in England bis
+dahin existirt hatte. Diese Leute kehrten mit der Überzeugung in ihr
+Vaterland zurück, daß die unter König Eduard stattgehabte Reform nicht
+so gründlich und umfassend gewesen sei, als es die Interessen einer
+reinen Religion erforderten. Ihre Bemühungen, von Elisabeth irgend ein
+Zugeständniß zu erlangen, blieben ohne Erfolg. Es schien ihnen, daß das
+System der Letztern in allem, worin es sich von dem ihres Bruders
+unterschied, schlechter sei, als jenes; sie waren wenig geneigt, sich in
+Glaubensangelegenheiten irgend einer menschlichen Autorität zu
+unterwerfen. Auf ihre eigene Auslegung der Schrift bauend, hatten sie
+sich erst kürzlich gegen eine Kirche erhoben, deren Stärke in großem
+Alter und in der allgemeinen Anerkennung beruhte; nur durch einen
+ungewöhnlichen Aufwand geistiger Kraft war es ihnen gelungen, das Joch
+dieses glänzenden und imponirenden Aberglaubens abzuwerfen, und es stand
+daher nicht zu erwarten, daß sie unmittelbar nach einer solchen
+Emanzipation sich geduldig einer neuen geistigen Tyrannei fügen würden.
+Lange gewöhnt, die Angesichter wie vor einem gegenwärtigen Gotte zur
+Erde zu neigen, wenn der Priester die Hostie erhob, hatten sie die Messe
+als ein götzendienerisches Possenspiel betrachten gelernt; lange
+gewöhnt, den Papst als den Nachfolger des ersten der Apostel, als den
+Bewahrer der Schlüssel von Erde und Himmel zu betrachten, hatten sie
+gelernt, in ihm das Thier, den Antichrist und den Mann der Sünde zu
+sehen. Daß sie nun die Huldigung, die sie dem Vatican entzogen,
+unmittelbar auf eine neu geschaffene Autorität übertragen, daß sie ihr
+eigenes Urtheil der Autorität einer Kirche unterordnen, die sich
+ebenfalls nur auf individuelles Urtheil gründete, und daß sie sich
+scheuen würden, von Lehren abzuweichen, die selbst von dem, was noch
+kürzlich der allgemeine Glaube der westlichen Christenheit gewesen,
+abwich, ließ sich nicht erwarten. Es ist leicht zu begreifen, daß kühne
+und forschende Geister, triumphirend über die neu errungene Freiheit,
+höchst entrüstet sein mußten, wenn eine um manches Jahr jüngere
+Institution als sie selbst, eine Institution, die unter ihren eigenen
+Augen nach und nach ihre Form von den Leidenschaften und den Interessen
+des Hofes erhalten, das hochmüthige Wesen Rom's nachzuahmen begann.
+
+
+[_Ihr republikanischer Geist._] Da man diese Leute nicht überzeugen
+konnte, beschloß man, sie zu verfolgen, und die Verfolgung äußerte ihre
+natürlichen Wirkungen: sie fand in ihnen eine Sekte, und machte daraus
+eine Partei. Mit ihrem Hasse gegen die Kirche verband sich nun auch der
+Haß gegen die Krone. Diese beiden Gefühle vermischten sich, indem eines
+die Bitterkeit des andern vermehrte. Die Meinungen der Puritaner über
+das gegenseitige Verhältniß zwischen Herrscher und Beherrschten waren
+von denen weit verschieden, die in den Homilien eingeschärft wurden.
+Die beliebtesten Theologen derselben hatten durch Wort und Beispiel zum
+Widerstande gegen Tyrannen und Verfolger ermuthigt; die calvinistischen
+Genossen in Frankreich, Holland und Schottland hatten die Waffen gegen
+götzendienerische und grausame Regenten ergriffen, und die Ansichten
+derselben über Staatsregierung nahmen die Färbung der Ansichten von der
+Kirchenregierung an. Einige von den Sarkasmen, die das Volk im gemeinen
+Leben gegen die Geistlichkeit richtete, konnten leicht auf das Königthum
+gerichtet werden, und manche der Gründe, durch die man bewies, daß die
+geistliche Gewalt am besten durch eine Synode ausgeübt werde, führten
+anscheinend auch zu dem Schlusse, daß die weltliche Gewalt am besten in
+einem Parlamente bewahrt sei.
+
+Wie nun der Priester der Staatskirche aus Interesse, Grundsatz und
+Leidenschaft den königlichen Vorrechten ein eifriger Verfechter war,
+so stand der Puritaner aus Interesse, Grundsatz und Leidenschaft ihnen
+feindlich entgegen. Die mißvergnügten Sektirer hatten eine ausgedehnte
+Macht, in jedem Stande fanden sie Anhänger, und unter den
+handeltreibenden Klassen der Städte sowie unter den kleinen
+Grundbesitzern auf dem Lande die meisten.
+
+
+[_Gegen die Regierung Elisabeths erhob sich keine systematische
+parlamentarische Opposition._] Schon in den ersten Regierungsjahren
+Elisabeths bildeten diese Sektirer die Majorität in dem Hause der
+Gemeinen, und wenn unsere Vorfahren damals ihre ganze Aufmerksamkeit auf
+die innern Angelegenheiten hätten richten können, so unterliegt es
+keinem Zweifel, daß der Streit zwischen der Krone und dem Parlamente
+sofort begonnen haben würde. Damals aber war keine Zeit für innere
+Zwistigkeiten. Es steht überhaupt in Frage, ob selbst die festeste
+Vereinigung aller Klassen im Staate die gemeinsame Gefahr, die ihnen
+drohte, hätte abwenden können. Das römisch-katholische und das
+reformirte Europa führten einen Kampf auf Leben und Tod. Frankreich,
+mit sich selbst im Kriege begriffen, konnte für einige Zeit in der
+Christenheit nicht in Betracht gezogen werden. Die englische Regierung
+stand an der Spitze des protestantischen Interesses, und während sie im
+Lande die Presbyterianer verfolgte, ließ sie den presbyterianischen
+Kirchen im Auslande einen kräftigen Schutz angedeihen. An der Spitze der
+Gegenpartei stand der mächtigste Fürst jener Zeit, ein Fürst, der
+Spanien, Portugal, Italien, die Niederlande und Ost- und West-Indien
+beherrschte, dessen Armeen mehr als einmal Paris bedrohten, und dessen
+Flotten die Küsten von Devonshire und Sussex in Furcht hielten. Lange
+hatte es den Anschein, daß die Engländer auf eignem Boden einen
+verzweifelten Kampf um Religion und Unabhängigkeit zu bestehen haben
+würden, und von der Befürchtung eines argen Verrathes im eignen Lande
+waren sie keinen Augenblick frei, denn damals war es auch für viele edle
+Charaktere ein Gewissens- und Ehrenpunkt geworden, das Vaterland der
+Religion zu opfern. Eine Reihe schwarzer Pläne, von Römisch-Katholischen
+gegen das Leben der Königin und die Existenz der Nation ausgebrütet,
+hielt die Gesellschaft in steter Besorgniß. Mag immerhin Elisabeth ihre
+Fehler gehabt haben, es ist dennoch klar, daß, nach menschlichem
+Ermessen, das Schicksal des Reichs und aller reformirten Kirchen von der
+Sicherheit ihrer Person und von dem Glücke ihrer Regierung abhing.
+Es war daher die erste Pflicht eines Patrioten und Protestanten, die
+Autorität derselben zu kräftigen, und diese Pflicht ward treulich
+erfüllt. Selbst in der Nacht der Kerker, wohin Elisabeth sie gesendet
+hatte, beteten die Puritaner mit ungeheuchelter Inbrunst, daß die
+Königin vor dem Dolche des Meuchelmörders geschützt bleiben, daß der
+Aufruhr zu ihren Füßen niedergeworfen werden, und ihre Waffen zu Wasser
+und zu Lande siegreich sein mögen. Einer der hartnäckigsten Anhänger
+jener hartnäckigen Sekte, dem der Scharfrichter eine Hand abhauen mußte,
+weil er sich durch seinen maßlosen Eifer zu einem Vergehen hatte
+hinreißen lassen, schwenkte unmittelbar nach der Exekution mit der ihm
+gebliebenen Hand seinen Hut und rief: Gott erhalte die Königin! Das
+Gefühl, das diese Leute bei ihrem Anblicke beseelte, ist auf die
+Nachkommen übergegangen, und die Nonconformisten, obgleich sie von ihr
+sehr streng behandelt wurden, haben in der Gesammtheit stets ihr
+Andenken ehrend bewahrt.[5]
+
+Zeigten sich, während des größern Theils ihrer Regierung, die Puritaner
+im Hause der Gemeinen mitunter auch widersetzlich, so versuchten sie
+doch nie, in einer systematischen Opposition ihr entgegenzutreten. Als
+aber durch die Niederlage der Armada, den glücklichen Widerstand der
+Vereinigten Niederlande gegen die spanische Macht, die Befestigung des
+Thrones Heinrichs IV. von Frankreich und durch den Tod Philipps II.
+Staat und Kirche gegen alle Gefahr von Außen gesichert war, begann
+sofort im Innern ein hartnäckiger Kampf, der mehrere Generationen
+hindurch dauern sollte.
+
+ [Anmerkung 5: Der puritanische Geschichtsschreiber Neal, nachdem
+ er ihre Härte gegen die Sekte getadelt, der auch er angehörte,
+ sagt schließlich: Die Königin Elisabeth wird trotz dieser Makel in
+ der Geschichte eine weise und staatskluge Fürstin bleiben, denn
+ sie befreite ihr Königreich von den Bedrängnissen, in denen es
+ sich bei ihrem Regierungsantritte befand, und schützte die
+ protestantische Reformation, nach außen hin, gegen die mächtigen
+ Angriffe des Papstes, des Kaisers und des Königs von Spanien, im
+ Innern gegen die der Königin von Schottland und ihrer papistischen
+ Unterthanen. Sie war der Ruhm des Zeitalters, in dem sie lebte,
+ und wird die Bewunderung der Nachwelt sein. -- +History of the
+ Puritans, Part I. Chap. VIII.+]
+
+
+[_Monopolfrage._] In dem Parlamente von 1601 lieferte die Opposition,
+die seit vierzig Jahren im Stillen Kräfte gesammelt und gespart hatte,
+ihre erste große Schlacht, und gewann ihren ersten Sieg. -- Der Boden
+war gut gewählt. Die englischen Souveraine sind stets mit der obersten
+Leitung der Handelspolizei betraut gewesen; sie besaßen das unantastbare
+Recht der Münz-, Gewicht- und Maß-Regulirung, der Bestimmung der
+Messen, Märkte und Häfen. Die Grenzlinie ihrer Autorität in
+Handelsangelegenheiten war, wie gewöhnlich, sehr undeutlich gezeichnet;
+wie gewöhnlich machte sie daher Übergriffe in das Gebiet, das
+verfassungsmäßig der Gesetzgebung angehörte. Diese Übergriffe wurden,
+wie gewöhnlich, so lange geduldig ertragen, bis sie einen ernsten
+Charakter annahmen. Als endlich die Königin sich anmaßte, dutzendweis
+Patente zu Monopolen zu ertheilen, daß es kaum noch eine Familie im
+Reiche gab, die sich nicht über Bedrückungen und Erpressungen, die
+natürlich aus diesem Mißbrauche entstehen mußten, zu beklagen hatte; als
+Eisen, Öl, Essig, Kohlen, Salpeter, Blei, Stärke, Garn, Felle, Leder und
+Glas mit übermäßig hohen Preisen bezahlt werden mußten -- da versammelte
+sich das Haus der Gemeinen in einer sehr zornigen und entschlossenen
+Stimmung, und umsonst tadelte eine höfisch gestimmte Minderzahl den
+Sprecher, daß er die Handlungen der königlichen Hoheit in Frage stellen
+lasse. Die starke und drohende Sprache der mißvergnügten Partei fand in
+der Stimme der ganzen Nation ihren Wiederhall. -- Ein wüthender
+Volkshaufen umtobte den Wagen des ersten Ministers der Krone,
+verwünschte die Monopole, und rief aus, es dürfte nicht geduldet werden,
+daß die königlichen Hoheitsrechte die alten Freiheiten Englands
+antasteten. Einen Augenblick schien es, als ob die lange und ruhmreiche
+Regierung Elisabeths ein schmähliches, unglückliches Ende nehmen solle.
+Mit bewunderungswürdiger Klugheit und Fassung lehnte die Königin aber
+den Streit ab, stellte sich an die Spitze der reformirten Partei,
+entsprach den erhobenen Beschwerden, dankte den Gemeinen in einer
+ergreifenden und würdigen Ansprache für die eifrige Sorge um das
+öffentliche Wohl, gewann sich die Herzen des Volks wieder, und
+hinterließ ihren Nachfolgern ein denkwürdiges Beispiel von dem Verhalten
+eines Herrschers öffentlichen Bewegungen gegenüber, denen Widerstand zu
+leisten nicht möglich ist.
+
+
+[_Schottland und Irland werden wieder mit England Theile ein und
+desselben Reichs._] Im Jahre 1603 starb die große Königin. In vielen
+Beziehungen ist dieses Jahr eine der wichtigsten Epochen unserer
+Geschichte. Schottland und Irland wurden damals wieder mit England
+vereinigt. Beide Länder waren zwar von den Plantagenets zur Unterwerfung
+gebracht, aber keines derselben hatte sich geduldig dem Joche gefügt.
+Schottland hatte mit heldenmüthiger Ausdauer seine Unabhängigkeit wieder
+erkämpft, war seit der Zeit des Robert Bruce ein besonderes Königreich
+gewesen, und ward nun mit dem südlichen Theile der Insel dergestalt
+vereinigt, daß sein Nationalstolz mehr befriedigt, als verletzt wurde.
+Irland hatte seit der Zeit Heinrichs II. nie die fremden Eroberer
+vertreiben können, obgleich es lange und heftig gegen sie gekämpft.
+Während des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts war die englische
+Macht auf dieser Insel stets gesunken, und in den Tagen Heinrichs VII.
+war sie bis zu dem niedrigsten Punkte gelangt. Die irischen Besitzungen
+dieses Fürsten bestanden nur aus den Grafschaften Dublin und Louth,
+einigen Theilen von Meath und Kildare, und aus einigen an der Küste
+zerstreut liegenden Seehäfen. Der größte Theil von Leinster selbst war
+noch nicht in Grafschaften eingetheilt. Munster, Ulster und Connaught
+standen unter kleinen souverainen Fürsten, die theils Celten, theils
+ausgeartete Normannen waren, ihren Ursprung vergessen, und celtische
+Sprache und Sitten angenommen hatten. Während des sechzehnten
+Jahrhunderts aber war die englische Macht wieder bedeutend gewachsen.
+Die halbwilden Häuptlinge, die jenseits der Grenzpfähle regierten,
+hatten sich einer nach dem andern den Statthaltern der Tudors
+unterworfen. Wenig Wochen vor Elisabeths Tode ward endlich durch
+Mountjoy die Eroberung vollendet, die Strongbow vor mehr als vierhundert
+Jahren begonnen hatte. Jakob I. hatte kaum den Thron bestiegen, als die
+letzten O'Donnell und O'Neill, die bisher in dem Range unabhängiger
+Fürsten gestanden, zu Whitehall seine Hand küßten. Von da an gewannen
+seine Erlasse in Irland Geltung, seine Richter hielten dort überall ihre
+Assisen, und das englische Gesetz trat an die Stelle der Gebräuche, die
+unter den eingeborenen Stämmen geherrscht hatten.
+
+Schottland und Irland waren an Umfang einander fast gleich, und beide
+zusammen ziemlich so groß wie England; aber sie hatten eine weit
+geringere Bevölkerung und standen ihm an Wohlstand und Civilisation
+nach. Schottland war durch die Unfruchtbarkeit seines Bodens
+zurückgeblieben, und auf Irland ruhete noch immer, obgleich rings von
+Licht umgeben, die starre Finsterniß des Mittelalters.
+
+Mit Ausnahme der celtischen Stämme, die dünn zerstreut die Hebriden und
+die gebirgigen Theile der nördlichen Grafschaften bewohnten, war die
+Bevölkerung Schottlands von demselben Blute wie die Englands, sie redete
+dieselbe Sprache, die sich von dem reinsten Englisch nicht mehr
+unterschied, als sich die Dialekte von Somersetshire und Lancashire von
+einander unterschieden. Die Bevölkerung Irlands dagegen war, mit
+Ausnahme der kleinen englischen Kolonie unfern der Küste, celtisch,
+und bewahrte noch immer celtische Sprache und Sitte.
+
+Zu der Zeit ihrer Verbindung mit England zeichneten sich beide Nationen
+durch angeborenen Muth und durch Intelligenz aus. In Ausdauer,
+Selbstbeherrschung, Vorsicht, kurz in allen Eigenschaften, die im Leben
+Erfolge sichern, sind die Schotten nie übertroffen worden. Die Iren
+hingegen zeichneten sich durch Eigenschaften aus, die mehr interessant
+als glücklich machen. Ein feuriges und ungestümes Volk, waren sie leicht
+zum Weinen und zum Lachen, zur Wuth und zur Liebe zu bewegen. Von den
+Nationen des nördlichen Europa's besaßen sie allein die Empfänglichkeit,
+die Lebhaftigkeit und die natürlichen Anlagen zur Pantomime und
+Redekunst, die man unter Küstenbewohnern des mittelländischen Meeres
+heimisch findet. In geistiger Bildung stand Schottland unbestreitbar
+höher. War es auch damals das ärmste Königreich in der Christenheit,
+so wetteiferte es dennoch in jedem Zweige des Wissens mit den
+begünstigtesten Ländern. Schotten, deren Wohnung und Nahrung so elend
+waren, wie die der Isländer zu unserer Zeit, schrieben eben so schöne
+lateinische Verse als Vida, und machten wissenschaftliche Entdeckungen,
+die einem Galilei zum Ruhme gereicht haben würden. Irland hatte sich
+keines Buchanan oder Napier zu rühmen; das Genie, mit dem die Urbewohner
+desselben reich begabt waren, gab sich nur in Balladen kund, die
+obgleich roh und rauh, dem Kennerauge Spenser's dennoch eine schöne,
+reine Poesie zu enthalten schienen.
+
+Schottland bewahrte seine ganze Würde, als es zu einem Theile der
+britischen Monarchie umgeschaffen wurde. Nachdem es den englischen
+Waffen Generationen hindurch muthigen Widerstand geleistet hatte, ward
+es mit seinem überlegenen Nachbar unter den ehrenvollsten Bedingungen
+vereinigt.
+
+Es _gab_ einen König, anstatt einen zu _empfangen_; es behielt seine
+eigene Verfassung und seine eigenen Gesetze, und seine Gerichtshöfe und
+Parlamente blieben von denen zu Westminster völlig unabhängig. Die
+Verwaltung Schottland's lag in schottischen Händen, denn es fühlte sich
+kein Engländer geneigt, nach dem Norden auszuwandern, um mit dem
+schlauesten und beharrlichsten aller Stämme um das zu ringen, was sich
+in der ärmsten Schatzkammer zusammenraffen ließ. Dagegen strömten
+schottische Abenteurer nach dem Süden, wo sie auf allen Lebensbahnen zu
+einem Glücke gelangten, das zwar großen Neid erregte, im Allgemeinen
+aber nur der gerechte Lohn der Klugheit und des emsigen Fleißes war.
+Dessen ungeachtet erlag Schottland dem Geschicke, dem ein jedes Land,
+das mit einem andern an Hilfsquellen reichern zwar verbunden, ihm aber
+nicht einverleibt wird, unterworfen ist. War es auch dem Namen nach ein
+unabhängiges Königreich, so ward es doch länger als ein Jahrhundert in
+vielen Beziehungen nur wie eine unterjochte Provinz behandelt.
+
+Irland ward offen als ein durch das Schwert erkämpftes Besitzthum
+regiert. Die rohen National-Institutionen existirten nicht mehr;
+die englischen Kolonisten unterwarfen sich den Bestimmungen des
+Mutterlandes, ohne dessen Schutz sie nicht bestehen konnten, und suchten
+Ersatz darin, daß sie das Volk, unter dem sie sich niedergelassen, mit
+Füßen traten. -- Das Parlament, das in Dublin zusammentrat, konnte ohne
+vorhergegangene Genehmigung des englischen Geheimen-Raths kein Gesetz
+erlassen; die Autorität der englischen Legislatur erstreckte sich über
+Irland. Die ausführende Verwaltung war Männern anvertraut, die entweder
+England selbst oder dem englischen Bezirke entnommen worden, und in
+beiden Fällen wurden diese von der celtischen Bevölkerung als Fremde,
+selbst als Feinde betrachtet.
+
+Aber noch ist des Umstandes zu erwähnen, der die Verschiedenheit Irlands
+und Schottlands tiefer als ein anderer begründete: Schottland war
+protestantisch. Die Erregung des Volksgeistes gegen die
+römisch-katholische Kirche hatte sich in keinem andern Theile Europa's
+so rasch und heftig gezeigt. Die Reformatoren hatten ihre
+götzendienerische Herrscherin besiegt, abgesetzt und eingekerkert; nicht
+einmal auf einen Vergleich, wie er in England abgeschlossen, wollten sie
+eingehen. Sie hatten die Lehre, die Kirchenzucht und den Gottesdienst
+der Calvinisten eingeführt, und machten zwischen Papstthum und Prälatur,
+zwischen der Messe und dem allgemeinen Gebetbuche wenig Unterschied. Zu
+Schottlands Unglück war der Fürst, den es zur Regierung eines schönern
+Erblandes aussandte, durch die Hartnäckigkeit, mit der die schottischen
+Theologen die Privilegien der Synode und der Kanzel gegen ihn behauptet,
+der von den Schotten geliebten Kirchenverfassung so abhold geworden,
+als es seine weibische Natur nur irgend zuließ; und kaum hatte er den
+englischen Thron bestiegen, so begann er einen unduldsamen Eifer für das
+Regiment und Ritual der englischen Kirche an den Tag zu legen.
+
+Die Iren waren das einzige Volk in dem nördlichen Europa, das der alten
+Religion treu geblieben. Dies ist zum Theil dem Umstande beizumessen,
+daß sie ihren Nachbarn an Kenntnissen um einige Jahrhunderte
+nachstanden. Aber auch andere Ursachen hatten mitgewirkt. Die
+Reformation war nicht minder eine rationelle, als eine moralische
+Erhebung, nicht nur ein Aufstand der Laien gegen die Geistlichkeit,
+sondern auch aller Zweige des großen germanischen Stammes gegen
+Fremdherrschaft gewesen. Es ist eine höchst merkwürdige Erscheinung, daß
+keine große Gesellschaft, deren Sprache nicht deutschen Ursprungs, je
+zum Protestantismus übergetreten ist, und daß überall, wo man eine
+Sprache redet, die von der des alten Rom abstammt, die Religion des
+neuern Rom bis auf diesen Tag die vorherrschende geblieben. Der
+Patriotismus der Iren hatte eine eigene Richtung genommen; -- sie waren
+nicht auf Rom, sondern auf England erbittert, und hatten besondere
+Gründe die englischen Fürsten zu hassen, welche die Häupter des großen
+Schisma gewesen: Heinrich VIII. und Elisabeth. Religiöse und nationale
+Begeisterung waren während des fruchtlosen Kampfes, den zwei
+Generationen milesischer Fürsten gegen die Tudors unterhalten hatten, in
+den Gemüthern des besiegten Volksstammes auf das Innigste verschmolzen.
+Der neue Hader zwischen Protestanten und Papisten fachte den alten
+zwischen Sachsen und Celten an. Die englischen Eroberer vernachlässigten
+dabei alle gesetzlichen Bekehrungsmittel; man sorgte weder für Lehrer,
+die der besiegten Nation sich verständlich machen konnten, noch für eine
+Übersetzung der Bibel in die ersische Sprache. Die Regierung begnügte
+sich mit der Einsetzung einer ausgedehnten Hierarchie protestantischer
+Erzbischöfe, Bischöfe und Rectoren, die nichts thaten, und für ihr
+Nichtsthun mit dem Raube bezahlt wurden, den man an einer von der großen
+Masse des Volks geliebten und verehrten Kirche verübte.
+
+Sowohl in den Zuständen Schottlands als auch Irlands gab es Manches, das
+in einem scharfblickenden Staatsmann peinliche Besorgnisse zu erregen
+geeignet war. Einstweilen jedoch war ein Anschein von Ruhe da, denn alle
+britischen Inseln waren zum ersten Male friedlich unter einem Scepter
+vereinigt.
+
+Man würde glauben können, der Einfluß Englands auf die europäischen
+Nationen hätte von dieser Epoche an bedeutend zunehmen müssen. Das
+Gebiet, das sein neuer König beherrschte, hatte fast den doppelten
+Umfang von dem, welches Elisabeth geerbt, und kein Reich der Welt war so
+in sich abgeschlossen, so vor Angriffen gesichert, als das seinige.
+Die Plantagenets und Tudors hatten sich wiederholt gegen Schottland
+vertheidigen müssen, während sie auf dem Festlande in Kriege verwickelt
+waren, und der lange Kampf in Irland hatte ihren Hilfsquellen einen
+empfindlichen und andauernden Abzug bewirkt; doch selbst unter so
+ungünstigen Verhältnissen hatten sich diese Fürsten einer hohen Achtung
+in der ganzen Christenheit zu erfreuen gehabt. Deshalb war nicht
+grundlos zu erwarten, daß England, Schottland und Irland vereint hätten
+einen Staat bilden müssen, der keinem andern seiner Zeit nachstände.
+
+
+[_Verminderung des Einflusses Englands nach der Thronbesteigung
+Jakobs I._] In allen diesen Erwartungen wurde man jedoch arg getäuscht.
+Von dem Tage der Thronbesteigung Jakobs I. an sank unser Vaterland von
+der Höhe herab, in der es sich bis dahin gehalten, und man begann es als
+eine Macht kaum zweiten Ranges zu betrachten. Unter vier auf einander
+folgenden Fürsten aus dem Hause Stuart war die große britische Monarchie
+viele Jahre hindurch kaum ein wichtigeres Glied in dem europäischen
+Staatensysteme, als das kleine Königreich Schottland zuvor gewesen. Dies
+ist jedoch nicht zu bedauern. Man kann von Jakob I. wie von Johann
+sagen, daß seine Regierung, wäre sie tüchtig und glänzend gewesen, ohne
+Zweifel unserm Vaterlande Unheil gebracht hätte, und daß wir seinen
+Schwächen und Jämmerlichkeiten mehr verdanken, als der Weisheit und
+Kraft viel besserer Regenten. Er kam in einem kritischen Augenblicke zur
+Regierung. Der Zeitpunkt, wo entweder der König absolut werden, oder das
+Parlament die ganze ausführende Gewalt unter seine Autorität stellen
+mußte, rückte schnell heran. Wäre Jakob I. ein tapferer, thätiger und
+staatskluger Regent gewesen wie Heinrich IV., Moritz von Nassau oder wie
+Gustav Adolph, hätte er sich an die Spitze der Protestanten Europa's
+gestellt, hätte er große Siege über Tilly und Spinola erfochten,
+Westminster mit der Beute aus baierischen Klöstern und flamländischen
+Kathedralen geschmückt, hätte er österreichische und castilianische
+Fahnen in der St. Paulskirche aufgehängt und sich, nachdem er große
+Thaten ausgeführt, an der Spitze von fünfzigtausend tapfern,
+disciplinirten Truppen, die seiner Person treu anhingen, befunden -- das
+englische Parlament wäre bald nichts mehr als ein Name gewesen. Zum
+Glück war er nicht der Mann, der eine solche Rolle spielen konnte. Er
+begann seine Regierung damit, daß er dem Kriege, der viele Jahre lang
+zwischen England und Spanien gewüthet hatte, ein Ende machte, und von da
+an vermied er Feindseligkeiten mit einer Vorsicht, welche der Hohn
+seiner Nachbarn und das Geschrei seiner Unterthanen nicht zu erschüttern
+vermochten. Selbst der vereinigte Einfluß seines Sohnes, seines
+Günstlings, seines Parlaments und seines Volkes konnte ihm bis zu seinem
+letzten Lebensjahre nicht bewegen, den geringsten Schritt zur
+Vertheidigung seiner Familie und seiner Religion zu thun. Für die,
+welche er regierte, war es gut, daß er in dieser Beziehung ihren
+Wünschen kein Gehör gab. Seine friedliche Politik brachte die Wirkung
+hervor, daß die Vertheidigung unserer Insel immer noch der Miliz
+anvertraut blieb, während Frankreich, Spanien, Italien, Belgien und
+Deutschland von gemietheten Soldaten wimmelten.
+
+
+[_Die Lehre vom göttlichen Rechte._] Da der König kein stehendes Heer
+besaß und nicht einmal versuchte, ein solches zu bilden, so hätte er
+klug gethan, jeden Konflikt mit dem Volke zu vermeiden. Aber seine
+Unbedachtsamkeit war so groß, daß er nicht nur die Mittel, die ihn
+allein wahrhaft unumschränkt machen konnten, versäumte, sondern daß er
+auch stets in der verletzendsten Weise Ansprüche machte, an die keiner
+seiner Vorgänger auch nur im Traume gedacht hatte. Damals tauchten jene
+seltsamen Theorien auf, welche Filmer später in ein System brachte und
+der heftigsten Klasse von Tories und Hochkirchenmännern zur Loosung
+wurden. Man behauptete in vollem Ernste, daß das höchste Wesen die
+erbliche Monarchie, im Gegensatze zu andern Regierungsformen, besonders
+wohlgefällig betrachte; daß das Gesetz der Erbfolge nach der Ordnung der
+Erstgeburt eine göttliche Einrichtung, und älter als die christliche
+Religion, selbst als die mosaische Gesetzgebung sei; daß keine
+menschliche Macht, selbst die der ganzen gesetzgebenden Gewalt, keine
+Dauer unrechtmäßigen Besitzes, und wenn sie zehn Jahrhunderte ausmache,
+dem gesetzlichen Fürsten seine Rechte rauben könne; daß seine Gewalt
+nothwendig stets despotisch sei; daß die das Hoheitsrecht beschränkenden
+Gesetze, sowohl in England wie in andern Ländern, nur eine vom Souverain
+freiwillig ertheilte Concession sei, die er nach Belieben zurückziehen
+könne; und daß endlich jeder Vertrag, den der König mit seinem Volke
+abschließt, nur eine Erklärung seiner augenblicklichen Absichten und
+nicht eine Verbindlichkeit sei, deren Erfüllung gefordert werden könne.
+Obwohl diese Theorie die Grundlagen der Regierung befestigen sollte, so
+ist es doch augenscheinlich, daß sie nur dazu beitrug, sie völlig wanken
+zu machen. Ließ das göttliche und unabänderliche Gesetz der Erstgeburt
+Frauen zu, oder schloß es dieselben aus? In der einen wie in der andern
+Voraussetzung wären die Hälfte der europäischen Regenten Usurpatoren,
+die trotz der Befehle des Himmels regierten und von den rechtmäßigen
+Erben außer Besitz gebracht werden könnten. Diese widersinnigen Theorien
+fanden keine Begründung in dem alten Testamente, denn wir lesen darin,
+daß das auserwählte Volk getadelt und bestraft ward, weil es einen König
+haben wollte, und daß es später den Befehl erhielt, ihm den Gehorsam zu
+verweigern. Die ganze Geschichte jenes Volks unterstützt nicht nur die
+Ansicht von der göttlichen Einsetzung des Erstgeburtsrechts nicht, sie
+scheint vielmehr anzudeuten, daß der Himmel die jüngern Brüder unter
+seinen besondern Schutz genommen habe. Isaak war nicht der älteste Sohn
+Abrahams, Jakob nicht der Isaaks, Juda nicht der Jakobs, David nicht der
+Isais, Salomon nicht der Davids. In den Ländern, wo die Vielweiberei
+herrscht, wird die Altersordnung unter den Kindern selten streng
+beobachtet. Durch die Stellen des neuen Testamentes, welche die
+Regierung als eine Anordnung Gottes bezeichnen, ward Filmers System eben
+so wenig unterstützt, denn die Regierung, unter der die Autoren des
+neuen Testaments lebten, war keine erbliche Monarchie. Die römischen
+Kaiser waren vom Senate ernannte Magistratspersonen, und keiner
+derselben behauptete, kraft des Rechtes der Geburt zu regieren; weder
+Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch Nero, dem zu gehorchen
+Paulus den Römern befahl, waren der patriarchalischen Regierungstheorie
+nach faktisch Usurpatoren. Im Mittelalter würde man die Lehre vom
+unveräußerlichen Erbrechte für ketzerisch gehalten haben, denn sie war
+mit den großen Ansprüchen der römischen Kirche völlig unvereinbar. Auch
+den Gründern der englischen Kirche war sie unbekannt. Die Homilie über
+die vorsätzliche Empörung hatte den Gehorsam gegen die eingesetzte
+Obrigkeit kräftig, und wahrlich zu kräftig, eingeprägt; aber sie machte
+weder zwischen erblichen und Wahlmonarchien, noch zwischen Monarchien
+und Republiken einen Unterschied. Die meisten Vorgänger Jakobs würden
+gewißlich aus persönlichen Beweggründen der patriarchalischen
+Regierungstheorie abgeneigt gewesen sein. Wilhelm der Rothe,
+Heinrich I., Stephan, Johann, Heinrich IV., Heinrich V., Heinrich VI.,
+Richard III. und Heinrich VII., alle hatten regiert, ohne sich an die
+strenge Ordnung der Erbfolge zu kehren. Über die Legitimität Maria's und
+Elisabeths schwebte ein ernster Zweifel ob. Daß Katharina von Aragonien
+und Anna Boleyn beide rechtmäßige Frauen Heinrichs VIII. gewesen, war
+unmöglich, und die höchste Autorität des Reichs hatte beide Fälle
+geleugnet. Die Tudors betrachteten das Erbfolgegesetz so wenig als eine
+göttliche unantastbare Einsetzung, daß sie stets daran zu ändern
+suchten. Heinrich VIII. erlangte einen Parlamentsbeschluß, wonach er
+ermächtigt war, testamentarisch über die Krone zu verfügen, und wirklich
+machte er auch zum Nachtheile der königlichen Familie von Schottland ein
+Testament. Eduard VI. nahm sich, ohne Ermächtigung vom Parlamente,
+ein ähnliches Recht, und die bedeutendsten Reformatoren billigten es.
+Elisabeth, überzeugt, daß ihr eigener Rechtsanspruch ernsten
+Anfechtungen ausgesetzt war, und nicht geneigt, ihrer Nebenbuhlerin und
+Feindin, der Königin von Schottland, auch nur das Recht der Anwartschaft
+zu belassen, wußte das Parlament zur Beschließung eines Gesetzes zu
+bewegen, wonach Jeder, der die Befugniß des regierenden Herrschers, mit
+Genehmigung der Reichsstände die Thronfolge zu ändern, anfechten würde,
+den Tod des Verräthers erleiden solle. Aber die Lage Jakobs war eine
+ganz andere, als die Elisabeths. Wenn auch an Fähigkeiten ihr
+nachstehend, und weniger bei dem Volke beliebt, wenn auch von den
+Engländern als ein Fremder betrachtet und durch das Testament Heinrichs
+VIII. vom Throne ausgeschlossen, war der König von Schottland dennoch
+der unzweifelhafte Erbe Wilhelms des Eroberers und Egberts. Deshalb
+hatte er ein naheliegendes Interesse, wenn er die abergläubische Ansicht
+einschärfte, die Geburt verleihe Rechte, die über dem Gesetze ständen,
+und das Gesetz könne diese Rechte nicht ändern. Diese Ansicht war
+übrigens seinem Verstande und seinem Charakter entsprechend, auch fand
+sie nicht nur bald viel Vertheidiger unter denen, die um seine Gunst
+buhlten, sondern machte auch schnelle Fortschritte unter den Geistlichen
+der Staatskirche.
+
+So wurden die Ansprüche des Monarchen gerade in der Zeit, wo sich im
+Parlamente und im Lande der republikanische Geist stark zu regen begann,
+so ausgedehnt, daß sie selbst dem hochfahrendsten und eigenmächtigsten
+seiner Vorgänger auf dem Throne mißfallen haben würden.
+
+Jakob rühmte sich stets seiner Fertigkeit in dem, was er
+Königskunstgriff nannte; und doch läßt sich kaum ein Verfahren denken,
+das allen Regeln der Kunst eines Herrschers so zuwider wäre, als das
+seine. Weise Regenten haben stets die Politik befolgt, Handlungen der
+Gewalt unter populären Formen zu verbergen. Augustus und Napoleon
+schufen auf diese Weise absolute Monarchien, indeß die Volksmenge sie
+nur für hervorragende Bürger hielt, denen man zeitweilig die höchste
+Gewalt übertragen. Die Politik Jakobs stand zu der dieser beiden Männer
+im schroffsten Gegensatze. Er reizte und beunruhigte seine Parlamente
+durch die wiederholte Erklärung, daß sie ihre Privilegien nur so lange
+als es ihm beliebe besäßen, und daß sie eben so wenig die Rechtmäßigkeit
+seiner eigenen Handlungen als die der Gottheit zu beurtheilen befugt
+seien. Und dennoch beugte er sich ihnen, gab einen Minister nach dem
+andern ihrer Rache preis, und ließ sich durch sie zu Handlungen bewegen,
+die seinen Lieblingswünschen durchaus nicht entsprachen. Der Unwille
+über seine Ansprüche wuchs gleichzeitig mit der Verachtung, die seine
+Zugeständnisse erregten. Seine Vorliebe für unwürdige Günstlinge und die
+Nachsicht mit der Tyrannei und Raubsucht derselben erhielten die
+Unzufriedenheit beständig wach; seine Feigheit, sein kindisches Wesen,
+seine Pedanterie, das Widrige in Person und Manieren und seine
+provinzielle Sprache machten ihn zum Gegenstande des Gespötts. Selbst in
+seinen Vorzügen und Talenten zeigte sich stets das Unkönigliche. In dem
+Verlaufe seiner Regierung verloren alle jene ehrwürdigen
+Ideenverbindungen, die so lange die Stütze des Thrones gewesen, nach und
+nach ihre Kraft. Seit zweihundert Jahren waren alle Herrscher Englands,
+mit Ausnahme des unglücklichen Heinrich VI., charakterfeste, stolze,
+muthige und wirklich fürstliche Männer gewesen, und fast alle hatten
+mehr als gewöhnliche Fähigkeiten besessen; es war daher kein
+bedeutungsloser Umstand, daß gerade am Vorabend des entscheidenden
+Kampfes zwischen unsern Regenten und ihren Parlamenten das Königthum
+stammelnd, geifernd, unmännlich weinend, vor einem gezogenen Degen
+bebend und bald im Tone des Narren, bald in dem eines Schulmeisters
+redend, der Welt sich zeigen sollte.
+
+
+[_Die Kluft zwischen der Kirche und den Puritanern wird größer._]
+Inzwischen waren die religiösen Zwistigkeiten, die seit der Zeit
+Eduard VI. die Protestanten bewegt hatten, furchtbarer als je geworden.
+Die Kluft zwischen der ersten Generation der Puritaner einerseits und
+Cranmer und Jewel andererseits, war in Vergleich zu der, welche die
+dritte Generation der Puritaner von Laud und Hammond trennte, eine
+kleine. So lange Maria's Grausamkeiten noch in frischer Erinnerung
+standen, die Macht der katholischen Partei noch Besorgnisse erweckte,
+und so lange Spanien ein Übergewicht hatte und nach der
+Universalherrschaft trachtete, waren sich alle reformirten Sekten eines
+starken, gemeinsamen Interesses und eines gemeinsamen Todfeindes bewußt.
+Ihre Erbitterung untereinander war im Vergleich zu der, die sie gegen
+Rom hegten, nur schwach zu nennen. Conformisten und Nichtconformisten
+hatten einen aufrichtigen Bund zur Erwirkung äußerst strenger Gesetze
+gegen die Papisten geschlossen. Als aber mehr denn ein halbes
+Jahrhundert ungestörten Besitzes der Staatskirche Zuversicht eingeflößt,
+als neun Zehntheile des Volks aufrichtig dem Protestantismus anhingen,
+als England mit aller Welt in Frieden stand, als eine Gefahr, den
+Papismus der Nation durch fremde Waffen aufgedrängt zu sehen, nicht mehr
+zu fürchten war, und als die letzten Bekenner, die vor Bonner gestanden,
+dahin waren, änderte sich die Stimmung der anglikanischen Geistlichkeit.
+Ihre Abneigung gegen die römisch-katholische Lehre und Kirchendisziplin
+war bedeutend schwächer geworden; ihre Abneigung gegen die Puritaner
+aber wuchs mit jedem Tage. Die Streitigkeiten, die von Beginn an die
+protestantische Partei zerrissen hatten, gestalteten sich der Art, daß
+keine Hoffnung auf Aussöhnung blieb, und zu den alten Streitfragen
+gesellten sich neue von noch größerer Wichtigkeit.
+
+Zwar hatten die Gründer der anglikanischen Kirche das Episkopat als eine
+alte, gute und passende kirchliche Einrichtung beibehalten, aber sie
+hatten nicht erklärt, daß diese Form der Kirchenverwaltung eine von Gott
+eingesetzte sei. Wie gering Cranmer das Amt eines Bischofs hielt, haben
+wir bereits gesehen. Jewel, Cooper, Whitgift und andere hervorragende
+Religionslehrer unter der Regierung Elisabeths vertheidigten die
+Prälatur als etwas Unschädliches und Nützliches, das der Staat
+einzuführen befugt sei, und wenn es einmal eingeführt, auf die Achtung
+jedes Bürgers Anspruch habe, aber nie läugneten sie, daß eine
+christliche Gemeinde ohne Bischof eine reine Kirche sein könne, sie
+betrachteten vielmehr die Protestanten auf dem Festlande als Glieder
+einer Glaubensfamilie, der sie selbst angehörten. Wohl waren die
+Engländer in England gehalten, die Autorität des Bischofs ebenso
+anzuerkennen, wie ihnen die Autorität des Sheriffs und des Coroners
+anzuerkennen oblag, aber diese Verpflichtung war nur eine örtliche. Ging
+ein Mitglied der englischen Kirche, ja selbst ein englischer Prälat,
+nach Holland, so fügte er sich ohne Bedenken der holländischen
+Staatskirche. Die Botschafter Elisabeths und Jakobs gingen im Auslande
+mit vollem Gepränge zu demselben Gottesdienste, den Elisabeth und Jakob
+in der Heimath übten, und mieden es sorgfältig, um den schwächern
+Brüdern kein Ärgerniß zu geben, ihre Privatkapellen nach anglikanischer
+Art auszuschmücken. Im Jahre 1603 erkannte die Kirchenversammlung der
+Provinz Canterbury die Kirche von Schottland, welche damals bischöfliche
+Beaufsichtigung und Ordination noch nicht kannte, feierlich als einen
+Theil der heiligen, allgemeinen Kirche Christi an.[6] Man hielt selbst
+presbyterianische Geistliche zu Sitz und Stimme in ökumenischen
+Konzilien als berechtigt. Als die Generalstaaten der Vereinigten
+Niederlande eine Synode von nicht bischöflich ordinirten Lehrern in
+Dortrecht versammelten, betheiligten sich ein englischer Bischof und ein
+englischer Dechant im Auftrag des Oberhauptes der englischen Kirche an
+den Sitzungen dieser Gottesgelehrten, predigten und stimmten mit ihnen
+über die wichtigsten theologischen Fragen ab.[7] Es befanden sich auch
+viel englische Pfründen in den Händen von Geistlichen, die früher in der
+auf dem Festlande üblichen Weise der Calvinisten zu ihrem Amte geweiht
+waren, und man hatte die Reordination durch einen Bischof in solchen
+Fällen nicht für nöthig, selbst für ungesetzlich gehalten.
+
+Aber eine neue Art von Theologen begann in der englischen Kirche bereits
+aufzutauchen. Nach der Ansicht derselben war das Amt des Bischofs zur
+Wohlfahrt einer christlichen Gemeinschaft und zur Förderung der
+Wirksamkeit der feierlichsten Religionsgebräuche wesentlich. Es gehören
+zu jenem Amte gewisse hohe und heilige Vorrechte, die menschliche Macht
+weder verleihen noch entziehen könne. Eine Kirche, sagten sie, welche
+die apostolische Nachfolge abschaffte, könne eben so gut auch die Lehre
+von der Dreieinigkeit oder der Menschwerdung abschaffen, und die
+römische Kirche, welche bei allen ihren Verderbnissen die apostolische
+Nachfolge beibehalten, sei der ursprünglichen Reinheit näher, als jene
+reformirten Gemeinden, welche vorschnell, dem göttlichen Muster geradezu
+entgegen, ein von Menschen ersonnenes System aufgestellt hätten.
+
+Zur Zeit Eduards VI. und Elisabeths hatten die Vertheidiger des
+anglikanischen Rituals, sich gewöhnlich mit dem Ausspruche begnügt,
+daß das Ritual ohne Sünde angewendet werden könne, und jeder, der sich
+weigere, es auf Verordnung der Obrigkeit anzuwenden, sei ein
+störrischer, ungehorsamer Unterthan. Die neu erstehende Partei aber, die
+für die Institutionen der Kirche einen himmlischen Ursprung bezeichnete,
+begann ihren religiösen Handlungen eine Würde und Bedeutung beizulegen.
+Man deutete an, daß der Fehler des eingeführten Gottesdienstes, wenn er
+überhaupt einen habe, in seiner zu großen Einfachheit bestehe, und daß
+die Reformatoren in dem Eifer des Streites mit Rom viel alte Ceremonien
+abgeschafft, die man füglich hätte beibehalten können. Man zollte
+gewissen Tagen und Orten wiederum eine mystische Verehrung; Gebräuche,
+die man lange außer Anwendung gesetzt und als abergläubische Spielereien
+betrachtet, wurden wieder hervorgerufen; Gemälden und Schnitzwerken,
+welche der Zerstörungswuth der ersten Generation der Protestanten
+entkommen waren, ließ man nun wieder eine Verehrung angedeihen, die
+Viele für götzendienerisch hielten.
+
+Die Reformatoren verabscheuten keinen Theil des alten Kirchensystems
+mehr, als die dem Cölibate gezollte Hochachtung. Sie waren der Ansicht,
+daß schon der Apostel Paulus die römische Lehre über diesen Punkt als
+die des Teufels prophetisch verdammt habe, und sprachen gern und viel
+über die Verbrechen und Ärgernisse, welche diese schreckliche Anklage zu
+begründen den Anschein hatten. Luther hatte seine Ansicht, indem er eine
+Nonne heirathete, sehr klar an den Tag gelegt. Einige der
+ausgezeichnetsten Bischöfe und Priester, die unter der Regierung Maria's
+den Feuertod erlitten, hatten Frauen und Kinder hinterlassen. Jetzt aber
+tauchte das Gerücht auf, der alte Mönchsgeist lasse sich in der
+englischen Kirche wieder verspüren, höhern Orts hege man Abneigung gegen
+verheirathete Priester, Laien, die Protestanten seien, hätten in Bezug
+auf das Cölibat Entschlüsse gefaßt, die fast Gelübden glichen, und
+selbst ein Diener der Staatskirche habe ein Nonnenkloster gegründet,
+in welchem ein Verein gottgeweihter Jungfrauen um Mitternacht Psalmen
+sängen.[8]
+
+Dies war jedoch nicht Alles. Eine Klasse von Fragen, über welche bei den
+Gründern der anglikanischen Kirche und der ersten Generation der
+Puritaner wenig oder gar keine Meinungsverschiedenheit herrschte, rief
+nach und nach einen heftigen Streit hervor. Die Controversen, welche die
+protestantische Partei in ihrer Kindheit schon entzweit, hatten sich
+fast ausschließlich auf Kirchenregiment und Kirchengebräuche bezogen,
+und über Punkte der metaphysischen Theologie war es zwischen den
+streitenden Parteien zu einem ernsten Kampfe nicht gekommen. Die Lehren
+von Erbsünde, Glauben, Gnade, Prädestination und Gnadenwahl, an denen
+die Häupter der Hierarchie festhielten, waren die, welche man gewöhnlich
+calvinisch nannte. Der Erzbischof Whitgift, ihr Lieblingsprälat, entwarf
+im Verein mit dem Bischof von London und andern Theologen gegen das Ende
+der Regierung Elisabeths die berühmte Schrift, die unter dem Namen der
+»Lambeth-Artikel« bekannt ist. Es werden darin die stärksten
+calvinistischen Lehren mit einer Bestimmtheit behauptet, die vielen
+Calvinisten unserer Zeit anstößig sein würde. Ein Geistlicher, der
+entgegengesetzter Ansicht war und sich hart über Calvin äußerte, wurde
+von der Universität Cambridge dieser Vermessenheit wegen angeklagt, und
+entging der Strafe nur dadurch, daß er sich öffentlich zu den Lehren von
+der Verdammniß und dem endlichen Beharren bekannte, und seine Reue über
+die Beleidigung aussprach, die er frommen Männern durch seine Angriffe
+auf den großen französischen Reformator zugefügt habe. Zwischen
+Cranmer's und Lauds Schulen steht jene theologische, deren Haupt Hooker
+war, in der Mitte, und die Arminianer haben Letztern in der neueren Zeit
+als ihren Genossen betrachtet; aber dennoch erklärte Hooker Calvin für
+einen Mann, der allen andern Theologen, die Frankreich je
+hervorgebracht, an Weisheit überlegen sei, für einen Mann, dem Tausende
+ihre Kenntniß der göttlichen Wahrheit verdankten, er selbst aber,
+Calvin, sei nur Gott zu Danke verpflichtet. Als in Holland der
+arminianische Streit begann, standen die englische Regierung und die
+englische Kirche der calvinistischen Partei kräftig bei, und jene
+Flecken, welche durch die Einkerkerung des Grotius und den Justizmord
+des Barneveldt auf dieser Partei haften, trägt auch zum Theil der
+englische Name.
+
+Vor dem Zusammentritt der holländischen Synode hatte indeß jene Partei
+der anglikanischen Geistlichkeit, die dem calvinistischen
+Kirchenregimente und dem calvinistischen Gottesdienste besonders abhold
+war, angefangen, die calvinistische Metaphysik mißfällig zu betrachten,
+und dieses Mißfallen ward natürlich durch die auffallende
+Ungerechtigkeit, Anmaßung und Grausamkeit der in Dortrecht
+vorherrschenden Partei noch vermehrt. Die arminianische Lehre, nicht so
+streng logisch als die der früheren Reformatoren, aber den
+Volksbegriffen von der göttlichen Gerechtigkeit und Güte entsprechender,
+fand eine rasche und weite Verbreitung. Auch der Hof ward bald davon
+ergriffen. Ansichten, die zur Zeit der Thronbesteigung Jakobs kein
+Geistlicher aussprechen durfte, ohne den Verlust seines Priesterrockes
+befürchten zu müssen, gaben jetzt den besten Anspruch auf Beförderung.
+Ein Geistlicher jener Zeit, der von einem schlichten Landedelmann
+befragt ward, was die Arminianer denn eigentlich behaupteten, gab die
+eben so wahre als witzige Antwort: sie behaupten die besten Bisthümer
+und Dekaneien Englands.
+
+Zu gleicher Zeit, als ein Theil des anglikanischen Clerus die
+ursprünglich eingenommene Stellung nach einer Richtung hin verließ, wich
+ein Theil der Puritaner gerade in entgegengesetzter Richtung von den
+Grundsätzen und Gewohnheiten seiner Väter ab. Die von den Separatisten
+erlittene Verfolgung war zwar hart genug gewesen, um zu erbittern, aber
+zu gelind, um zu vernichten; man hatte sie nicht bis zur Unterwürfigkeit
+gezähmt, sondern bis zur Wildheit und Unbeugsamkeit emporgestachelt. Wie
+alle unterdrückten Sekten, hielten auch sie ihre eigenen Rachegefühle
+für fromme Regungen, erhöhten durch Lesen und Nachdenken den Hang, über
+ihre Leiden zu brüten, und bildeten sich ein, wenn sie sich bis zum
+Hasse gegen ihre Feinde aufgeregt, daß sie die Feinde des Himmels
+haßten. Wenn sich auch im neuen Testamente nur wenig fand, was selbst
+bei unredlich verfälschter Auslegung dem Ergeben gehässiger
+Leidenschaften scheinbar Nachsicht gewährte, so enthielt doch das alte
+Testament die Geschichte eines Volks, das von Gott zum Zeugen seiner
+Einheit und zum Diener seiner Rache auserwählt worden, und dem er
+besonders mancherlei Dinge zu thun befohlen, die, ohne sein
+ausdrückliches Geheiß verübt, die gräßlichsten Verbrechen gewesen wären.
+In einer solchen Geschichte Vieles zu finden, was sich durch Verdrehung
+den betreffenden Wünschen entsprechend machen ließ, konnte erbitterten
+und düstern Gemüthern nicht schwer fallen. Bei den extremen Puritanern
+begann sich nun eine Vorliebe für das alte Testament zu bilden, die sich
+in ihrer ganzen Denkart und in allen ihren Gebräuchen zeigte, wenn sie
+es auch sich selbst nicht offen eingestehen mochten. Der hebräischen
+Sprache zollten sie eine Verehrung, die sie der Sprache versagten, in
+welcher uns die Unterredungen Jesu und die Briefe des Paulus überliefert
+worden; ihren Kindern gaben sie in der Taufe nicht die Namen
+christlicher Heiligen, sondern die hebräischer Patriarchen und Krieger;
+den wöchentlichen Festtag, den die Kirche von den ältesten Zeiten an zum
+Andenken an die Auferstehung des Herrn begeht, verwandelten sie,
+ungeachtet der ausdrücklichen und wiederholten Erklärungen Luthers und
+Calvins, in einen jüdischen Sabbath; Rechtsgrundsätze suchten sie in den
+mosaischen Bestimmungen, und Vorgänge, die ihrem gewöhnlichen Verhalten
+als Muster dienen sollten, in den Büchern der Richter und Könige; ihre
+Gedanken und Gespräche dreheten sich meistens um Handlungen, die man
+sicherlich nicht als nachahmungswürdige Beispiele für uns
+niedergeschrieben hat. Der Prophet, der einen gefangenen König in Stücke
+hieb, der ungehorsame Feldherr, der das Blut einer Königin den Hunden
+gab, das Weib, das ungeachtet eines gegebenen Versprechens und der
+morgenländischen Gastfreundschaft zum Trotz, mit einem Nagel das Gehirn
+des flüchtigen Bundesgenossen durchbohrte, der an ihrem Tische gesessen
+und unter ihrem Zelte schlief, diese alle wurden den unter der Tyrannei
+von Fürsten und Prälaten leidenden Christen als Muster aufgestellt.
+Moral und Sitten wurden von einem Codex abhängig gemacht, der dem der
+Synagoge in ihrem schlechtesten Zustande glich. Kleidung, Haltung,
+Sprache, Studien und Vergnügungen dieser strengen Sekte waren nach
+Grundsätzen geregelt, ähnlich denen der Pharisäer, die im Stolze auf
+ihre rein gewaschenen Hände und breiten Gedenkzettel den Erlöser als
+einen Sabbathschänder und Säufer schmähten. Einen Maibaum mit Kränzen zu
+schmücken, die Gesundheit eines Freundes zu trinken, einen Falken fangen
+zu lassen, einen Hirsch zu jagen, Schmachtlocken zu tragen, die
+Halskrause zu stärken, das Spinett zu schlagen oder die Königin der Feen
+zu lesen, war eine Sünde. Vorschriften dieser Art, die dem freien und
+fröhlichen Geiste Luthers unerträglich, und dem hellen philosophischen
+Verstande Zwingli's verächtlich erschienen sein würden, breiteten ein
+mehr als mönchisches Duster über das ganze Leben. Die Gelehrsamkeit und
+Redekunst, durch die sich die großen Reformatoren so hoch auszeichneten,
+und denen sie größtentheils ihre Erfolge verdankten, betrachtete die
+neue Schule der Protestanten mit Argwohn, wenn nicht selbst mit
+Abneigung. -- Einige der Rigorösesten trugen sogar Bedenken, aus der
+lateinischen Grammatik Unterricht ertheilen zu lassen, weil die Namen
+Mars, Bacchus und Apollo darin vorkamen. Die schönen Künste waren so gut
+wie verpönt; der feierliche Klang der Orgel erschien abergläubisch; die
+leichte Musik von Ben Jonson's Maskenspielen galt für unsittlich; die
+eine Hälfte der schönen Gemälde in England war götzendienerisch, die
+andere unanständig. Den extremen Puritaner konnte man sofort an seinem
+Gange, seiner Kleidung, seinem glatten Haare, der kalten Feierlichkeit
+seines Gesichts, dem emporgekehrten Weißen der Augen, der näselnden
+Sprache und vor Allem an seiner eigenthümlichen Ausdrucksweise erkennen.
+Bei jeder Gelegenheit wendete er Bilder und Styl der heiligen Schrift
+an. Hebräismen, gewaltsam in die englische Sprache verflochten, und
+Metaphern, der kühnsten lyrischen Poesie eines fernen Zeitalters und
+Landes entlehnt, und auf die gewöhnlichsten Angelegenheiten des
+englischen Lebens angewendet, waren die hervorragendsten
+Eigenthümlichkeiten dieses Sprachgemisches, das mit vollem Rechte den
+Spott der Prälatisten sowohl als der Freigeister nach sich zog.
+
+Das politische und religiöse Schisma, das im sechzehnten Jahrhunderte
+sich gebildet hatte, ward im ersten Viertheile des siebzehnten
+Jahrhunderts stets größer. In Whitehall waren Theorien Mode, die sich
+dem türkischen Despotismus näherten; der größte Theil des Unterhauses
+huldigte Theorien, die sich dem Republikanismus zuneigten. Die eifrigen
+Prälatisten, die bis auf den letzten Mann für das Hoheitsrecht kämpften,
+und die eifrigen Puritaner, welche eben so heftig für die Privilegien
+des Parlaments stritten, standen sich mit einer viel größern Erbitterung
+gegenüber, als in der vorangegangenen Generation je zwischen Katholiken
+und Protestanten geherrscht hat.
+
+Bei dieser Gemüthsstimmung der Menschen ward das Land nach einem
+langjährigen Frieden in einen Krieg verwickelt, der große Anstrengungen
+nöthig machte. Durch diesen Krieg ward die große constitutionelle Krisis
+beschleunigt. Der König brauchte eine starke Militär-Macht, diese konnte
+er ohne Geld nicht erlangen, und Geld war ohne Zustimmung des Parlaments
+auf gesetzlichem Wege nicht zu erheben. Hieraus ging hervor, daß er
+entweder im Sinne des Hauses der Gemeinen regieren, oder eine Verletzung
+der Grundgesetze des Landes wagen mußte, die man seit mehreren Hundert
+Jahren nicht mehr kannte. Die Plantagenets und Tudors hatten zwar bei
+vorkommenden Gelegenheiten einen Ausfall in ihren Einkünften durch
+freiwillige oder gezwungene Anleihen gedeckt, aber diese Aushilfsmittel
+waren immer nur vorübergehend. Die regelmäßigen Bedürfnisse eines langen
+Kriegs durch regelmäßige Steuern, ohne Einwilligung der Stände des
+Reichs ausgeschrieben, zu decken, war ein Verfahren, dessen Ausführung
+selbst Heinrich VIII. nicht gewagt haben würde. So schien die
+entscheidende Stunde zu nahen, in der entweder das englische Parlament
+das Schicksal der festländischen Senate theilen, oder das höchste
+Übergewicht im Staate erlangen müsse.
+
+ [Anmerkung 6: +Canon 55. of 1603.+]
+
+ [Anmerkung 7: Joseph Hall, damals Dechant von Worcester und später
+ Bischof von Norwich, war einer jener Abgeordneten. In seiner
+ Selbstbiographie sagt er: »Meine Unwürdigkeit wurde zu einem
+ Theilnehmer an dieser ehrenwerthen, wichtigen und
+ verehrungswürdigen Versammlung ernannt.« Diese Demuth wird
+ Hochkirchenmännern nicht recht am Platze erscheinen.]
+
+ [Anmerkung 8: +Peckard's Life of Ferrar.+ Das arminianische
+ Nonnenkloster, oder eine kurze Beschreibung der vor Kurzem
+ gestifteten klösterlichen Anstalt, das arminianische Nonnenkloster
+ genannt, zu Little Gidding in Huntingdonshire, 1641.]
+
+
+[_Thronbesteigung und Charakter Karls I._] In dieser verhängnißvollen
+Zeit starb Jakob, und Karl I. bestieg nach ihm den Thron. Die Natur
+hatte ihn mit einem größern Verstande, mit einem stärkern Willen und
+einem strengern, festern Charakter begabt, als seinen Vater. Die
+politischen Theorien desselben hatte er nicht nur geerbt, er war auch
+weit mehr als jener geneigt, sie praktisch auszuführen. Er war wie jener
+ein eifriger Anhänger der bischöflichen Kirche, außerdem, was der Vater
+nie gewesen, ein eifriger Arminianer, und sah, obgleich kein Papist,
+dennoch einen Papisten lieber, als einen Puritaner. Man würde ungerecht
+sein, wollte man läugnen, daß Karl einige der Eigenschaften eines guten,
+ja selbst eines großen Fürsten besaß. Er schrieb und sprach nicht mit
+der Genauigkeit eines Professors, wie sein Vater, sondern wie ein
+intelligenter, wohlunterrichteter Edelmann. Sein Geschmack in Literatur
+und Kunst war vortrefflich, seine Manieren waren würdevoll, wenn auch
+nicht gewinnend, und sein häusliches Leben tadellos. Treulosigkeit war
+der Hauptgrund zu seinem Mißgeschick, und bildet den schwärzesten Fleck
+auf seinem Andenken, denn er besaß wirklich einen unheilbaren Hang,
+dunkle und krumme Wege zu gehen. Es erscheint seltsam, daß sein Gewissen
+ihn dieses großen Lasters wegen nie plagte, während es bei unbedeutenden
+Gelegenheiten sich ziemlich empfindsam zeigte; man muß indeß mit gutem
+Grunde annehmen, daß er nicht nur aus Neigung und Gewohnheit, sondern
+aus Grundsatz treulos war. Man möchte glauben, er habe von den
+Theologen, die er hoch schätzte, gelernt, daß zwischen ihm und seinen
+Unterthanen kein gegenseitiger Vertrag bestehe, daß er sich seiner
+despotischen Autorität, auch wenn er wollte, nicht entäußern dürfe, und
+daß in jedem seiner Versprechen der stillschweigende Vorbehalt liege, es
+im Falle der Nothwendigkeit wieder brechen zu können, und daß ihm allein
+die Entscheidung zustehe, ob dieser Nothfall eingetreten sei.
+
+
+[_Taktik der Opposition im Hause der Gemeinen._] Und nun begann das
+gewagte Spiel, das über das Geschick des englischen Volks entschied.
+Auf Seite des Hauses der Gemeinen ward mit Eifer, aber auch mit
+bewunderungswürdiger Geschicklichkeit, Ruhe und Ausdauer, gespielt. An
+der Spitze der Versammlung standen große Staatsmänner, die weit zurück
+und weit hinaus zu blicken vermochten, und diese waren entschlossen, den
+König in eine Lage zu versetzen, daß er entweder nach den Wünschen des
+Parlamentes regieren, oder die heiligsten Grundsätze der Verfassung
+gewaltsam antasten müsse. Aus diesem Grunde bewilligten sie ihm nur
+kärgliche Geldunterstützungen. Der König erkannte, daß er entweder im
+Einverständnisse mit dem Hause der Gemeinen, oder mit allen Gesetzen im
+Widerspruche regieren müßte, und sein Entschluß stand bald fest: er
+löste sein erstes Parlament auf und erhob aus eigner Machtvollkommenheit
+Steuern. Nun berief er ein zweites Parlament, und fand es noch
+unbeugsamer als das erste. Wiederum nahm er zu dem Mittel der Auflösung
+seine Zuflucht, erhob, ohne den leisesten Anschein eines gesetzlichen
+Rechts, neue Steuern, und ließ die Führer der Opposition einkerkern.
+Eine neue Beschwerde, welche die eigenthümlichen Gefühle und
+Gewohnheiten des englischen Volks zu einer kaum erträglichen Last
+machten und die allen scharfblickenden Männern als eine furchtbare
+Vorbedeutung erschien, erregte zu derselben Zeit allgemeine
+Unzufriedenheit und Unruhe: es wurden Compagnien Soldaten bei dem Volke
+einquartiert und das Kriegsrecht verdrängte an einigen Orten die alten
+Rechte des Reichs.
+
+
+[_Bitte um Recht._] Der König berief ein drittes Parlament, und bald
+ward er gewahr, daß ihm die Opposition stärker und heftiger
+entgegentrat, als je. Nun entschloß er sich, die Taktik zu ändern. Statt
+den Forderungen der Gemeinen hartnäckig entgegen zu sein, ging er nach
+manchem Streite und manchen Ausflüchten auf einen Vergleich ein, der,
+wenn er ihm treulich nachgekommen wäre, ein dauerndes Ungemach
+abgewendet haben würde. Das Parlament bewilligte eine namhafte
+Geldunterstützung; der König bestätigte feierlich das berühmte Gesetz,
+das unter dem Namen der Bitte des Rechts bekannt ist, und die zweite
+große Urkunde der Freiheiten Englands bildet. Durch die Bestätigung
+dieses Gesetzes legte er sich zugleich die Verpflichtung auf, nie wieder
+ohne Bewilligung der Häuser Geld zu erheben, nie wieder eine Person,
+wenn nicht der Rechtsgang dabei beobachtet, einzukerkern, und nie wieder
+das Volk den Kriegsgerichten zu unterwerfen.
+
+Der Tag, an welchem nach langem Zögern dieses wichtige Aktenstück
+feierlich die königliche Sanktion erhielt, war ein Tag der Freude und
+der Hoffnung. Die an den Schranken des Hauses der Lords versammelten
+Gemeinen erhoben ein lautes Jubelgeschrei, als der Sekretär die Worte
+der Formel ausgesprochen, durch welche seit Jahrhunderten unsere Fürsten
+den Wünschen der Reichsstände ihre Zustimmung zu ertheilen pflegten.
+-- Die Stimme der Hauptstadt und der Nation war der Wiederhall dieses
+Jubels; aber schon nach drei Wochen zeigte es sich, daß Karl nicht die
+Absicht hatte, den geschlossenen Vertrag zu halten. Das von den
+Volksvertretern bewilligte Geld ward erhoben; das Versprechen, durch
+welches die Bewilligung erlangt, ward gebrochen. Es entspann sich ein
+heftiger Kampf. Das Parlament ward in einer Weise aufgelös't, die
+deutlich das Mißfallen des Königs bekundete. Einige der hervorragendsten
+Mitglieder wurden eingekerkert, und eins derselben, Sir Johann Elliot,
+starb im Gefängnisse nach jahrelangen Leiden.
+
+Karl wagte indeß nicht, die zur Fortführung des Kriegs erforderlichen
+Steuern aus eigener Machtvollkommenheit ferner zu erheben; er beeilte
+sich demnach, Frieden mit seinen Nachbarn zu schließen, und befaßte sich
+von da an nur mit Britanniens politischen Angelegenheiten.
+
+Eine neue Ära begann. Viele englische Könige hatten nur bei gewissen
+Gelegenheiten verfassungswidriger Handlungen sich schuldig gemacht, aber
+keiner hatte es noch unternommen, sich systematisch zu einem Despoten zu
+machen, und das Parlament bis zu einem Nichts herabzubringen. Und dies
+war das Ziel, nach welchem Karl unverkennbar strebte. Die Häuser wurden
+vom März 1629 bis zum April 1640 nicht wieder zusammenberufen. Unsere
+Geschichte wies keinen Zeitraum von elf Jahren nach, der zwischen einem
+und dem nächsten Parlamente gelegen; nur ein Mal hat es einen halb so
+langen Zwischenraum gegeben. Diese Thatsache allein widerlegt die
+Behauptung, daß Karl nur in die Fußtapfen der Plantagenets und Tudors
+getreten sei.
+
+
+[_Die Bitte um Recht wird verletzt._] Durch Zeugnisse der eifrigsten
+Anhänger des Königs ist bewiesen, daß er die Bestimmungen in der Bitte
+um Recht in diesem Abschnitte seiner Regierung nicht nur bei einzelnen
+Gelegenheiten, sondern fortwährend und systematisch verletzte; daß er
+die Einkünfte größtentheils ohne gesetzliche Ermächtigung erhoben, und
+daß er der Regierung mißliebige Personen, ohne gerichtliche Vorladung
+und Verhör, Jahre lang im Kerker hat schmachten lassen.
+
+Für solche Handlungen muß die Geschichte den König als persönlich
+verantwortlich erachten. Seit der Zeit seines dritten Parlaments war er
+selbst sein erster Premierminister; nur einige Personen, deren Charakter
+und Fähigkeiten seinen Plänen entsprachen, standen an der Spitze
+verschiedener Verwaltungszweige.
+
+
+[_Charakter und Absichten Wentworths._] Thomas Wentworth, erst zum Lord
+Wentworth und dann zum Earl von Strafford ernannt, ein äußerst fähiger,
+beredter und muthiger Mann, aber grausamen und herrschsüchtigen
+Charakters, war in politischen und militärischen Angelegenheiten der
+vertrauteste Rath des Königs. Früher eins der bedeutendsten Glieder der
+Oppositionspartei, hegte er gegen die, deren Sache er verlassen, jene
+eigenthümliche Abneigung, die in allen Zeiten die Apostaten
+charakterisirt hat. Da die Gefühle, die Hilfsquellen und die Politik der
+Partei, der er noch vor Kurzem angehört, ihm genau bekannt waren, hatte
+er einen umfassenden, tief durchdachten Plan entworfen, der die kluge
+Taktik der leitenden Staatsmänner im Hause der Gemeinen fast vereitelt
+hätte. Dieses Plans erwähnte er in seiner vertraulichen Correspondenz
+unter der bezeichnenden Benennung: »Durch.« Er beabsichtigte, in England
+Alles, und mehr noch als das, zu thun, was Richelieu in Frankreich
+gethan; Karl zu einem so unumschränkten Monarchen zu machen, wie nur
+irgend einer auf dem Festlande existirte; das Vermögen und die
+persönliche Freiheit des ganzen Volks unter die Verfügung der Krone zu
+stellen; die Gerichtshöfe aller selbstständigen Macht selbst in
+gewöhnlichen civilrechtlichen Angelegenheiten zwischen Privatleuten zu
+berauben, und mit schonungsloser Härte alle die zu bestrafen, die bei
+Handlungen der Regierung sich unzufrieden zeigten, oder bei irgend einem
+Gerichtshofe um Abstellung derselben einkamen.[9]
+
+Dies war sein Ziel, und den einzigen Weg, der zu diesem Ziele führte,
+kannte er genau. Hätte er bei seiner wirklich klaren, zusammenhängenden
+und bestimmten Anschauungsweise nicht ein seinem Vaterlande und seinen
+Mitmenschen so verderbliches Ziel verfolgt, er würde die gerechtesten
+Ansprüche auf hohe Bewunderung gehabt haben. Daß es nur ein einziges
+Werkzeug gab, seine großen und kühnen Pläne auszuführen, und daß dieses
+Werkzeug ein stehendes Heer sei, sah er klar ein. Mit der ganzen Energie
+seines kräftigen Geistes strebte er nun nach der Errichtung eines
+solchen Heeres. In Irland, wo er Vicekönig war, gelang ihm wirklich die
+Einführung eines militärischen Despotismus, nicht nur über die
+eingeborene Bevölkerung, sondern auch über die englischen Colonisten,
+und er konnte sich mit Recht rühmen, daß der König auf dieser Insel so
+unumschränkt sei, als nur irgend ein Fürst der Welt.[10]
+
+ [Anmerkung 9: Die Correspondenz Wentworths scheint mir das im Text
+ Gesagte völlig zu bestätigen. Alle Stellen abzuschreiben, die mich
+ zu dem erlangten Schlusse geführt, würde eben so unmöglich sein,
+ als es nicht leicht ist, eine bessere Auswahl zu treffen, als Mr.
+ Hallam bereits getroffen hat. Aber ich mache den Leser besonders
+ auf die vortreffliche Schrift aufmerksam, die Wentworth über die
+ Angelegenheiten der Pfalz verfaßte. Sie ist vom 31. März 1637
+ datirt.]
+
+ [Anmerkung 10: Dies sind Wentworths eigene Worte. Siehe seinen
+ Brief an Laud vom 16. Decbr. 1634.]
+
+
+[_Charakter Laud's._] Die Verwaltung der Kirche leitete indeß
+hauptsächlich Wilhelm Laud, der Erzbischof von Canterbury. Mehr als alle
+Prälaten der anglikanischen Kirche ist Laud von den Grundsätzen der
+Reformation abgewichen, und Rom nahegetreten. Seine theologischen
+Ansichten entfernten sich von denen der Calvinisten mehr, als selbst die
+der holländischen Arminianer. Seine maßlose Vorliebe für Ceremonien,
+seine Verehrung der Festtage, Vigilien und geheiligten Orte, seine übel
+verhehlte Abneigung gegen die Ehe der Priester, sein glühender und von
+Eigennutz nicht völlig freier Eifer, mit dem er den Anspruch des Clerus
+auf das ehrerbietige Benehmen der Laien vertrat, würden ihm den Haß der
+Puritaner zugezogen haben, auch wenn er nur gesetzliche und milde Mittel
+zur Erreichung seiner Pläne verwendet hätte. Aber sein Verstand war ein
+beschränkter, und mit der Welt hatte er nur in geringem Verkehre
+gestanden. Er war heftig und reizbar von Natur, lebhaft empfindlich,
+wenn es seine eigene Würde galt, kalt für die Leiden Anderer, und zu dem
+bei abergläubischen Menschen gewöhnlichen Irrthume geneigt, die eigenen
+mürrischen und gehässigen Launen für die Regungen eines gottesfürchtigen
+Eifers zu halten. Jeder Winkel des Reichs ward unter seiner Leitung
+einer unausgesetzten und scharfen Beaufsichtigung unterworfen; jeder
+kleine Separatisten-Verein ward ausgespürt und aufgelöst, selbst die
+Privatandachtsübungen der Familien entgingen den Späherblicken seiner
+Kundschafter nicht. Die Furcht vor seiner Härte war so groß, daß der
+tödtliche Haß gegen die allgemeine Kirche, der sich unzähliger Herzen
+bemächtigt, unter dem äußern Scheine voller Übereinstimmung mit
+derselben allgemein verborgen ward. Selbst an dem Vorabende der für ihn
+und seinen Stand so verhängnißvollen Unruhen konnten ihm die Bischöfe
+mehrerer umfangreichen Diöcesen noch berichten, daß in ihren Sprengeln
+auch nicht ein Dissidenter mehr zu finden sei.
+
+
+[_Sternkammer und Hohe Commission._] Die Gerichtshöfe gewährten den
+Unterthanen gegen die bürgerliche und geistliche Tyrannei jener Periode
+keinen Schutz. Die Richter des gemeinen Rechts, die ihre Stellen nur so
+lange bekleideten, als es dem Könige beliebte, zeigten sich in
+empörender Weise willfährig; aber ungeachtet ihrer Willfährigkeit waren
+sie dennoch nicht so bereitwillige und wirksame Werkzeuge der
+Willkür-Gewalt, als eine Klasse von Gerichtshöfen, die noch jetzt, nach
+mehr als zweihundert Jahren, in dem Andenken des Volks tief verabscheut
+wird. An der Spitze dieser Gerichtshöfe, durch Macht und Ehrlosigkeit
+gleich ausgezeichnet, standen die Sternkammer und die Hohe Commission;
+die Erstere war ein politisches, die Letztere ein religiöses
+Inquisitionsgericht, und keins von Beiden war aus der alten Verfassung
+Englands hervorgegangen. Die Sternkammer war von den Tudors umgestaltet,
+und die Hohe Commission hatten sie erschaffen. War die Gewalt dieser
+Höfe schon vor der Thronbesteigung Karls ausgedehnt und furchtbar
+gewesen, so zeigte sie sich jetzt in einer Gestalt, daß jene nur gering
+erscheint. Von dem gewaltigen Geiste des Primas hauptsächlich geleitet,
+und von der parlamentarischen Aufsicht befreit, bethätigten sie eine
+Raubgier, eine Grausamkeit und eine boshafte Energie, die man in frühern
+Zeiten nie gekannt hatte. Mit Hilfe derselben war es der Regierung
+möglich, nach Willkür Geldstrafen aufzuerlegen, einzukerkern, an den
+Pranger zu stellen und zu verstümmeln. Zu York hatte ein besonderer Rath
+unter dem Präsidium Wentworths seinen Sitz, der, im Widerspruch mit dem
+Gesetz und nur durch die eigene Machtvollkommenheit des Königs ernannt,
+eine fast maßlose Gewalt über die nördlichen Grafschaften ausübte. Alle
+diese Gerichtshöfe, der Autorität von Westminsterhall Hohn und Trotz
+bietend, verübten täglich Excesse, welche selbst von den
+hervorragendsten Royalisten hart getadelt wurden. Nach Clarendons
+Bericht gab es kaum einen bedeutenden Mann im Königreiche, der die Härte
+und Gier der Sternkammer nicht aus eigener Erfahrung kennen gelernt; die
+Hohe Commission verfuhr in einer Weise, daß ihr kaum noch ein Anhänger
+im Lande geblieben, und durch die Tyrannei des Raths von York war
+nördlich vom Trent die Magna Charta zu einem todten Buchstaben geworden.
+
+Bis auf einen Punkt war nun die englische Regierung eben so despotisch,
+als die französische; aber dieser eine Punkt enthielt eine hohe
+Bedeutung: es gab noch kein stehendes Heer, und folglich auch keine
+Sicherheit dafür, daß nicht das ganze Gebäude der Tyrannei an einem Tage
+zertrümmert werden könne. Wollte aber der König aus eigener
+Machtvollkommenheit Steuern zum Unterhalte eines Heeres auferlegen, so
+hatte man, aller Wahrscheinlichkeit nach, sofort den heftigen Ausbruch
+eines Aufstandes zu fürchten. Durch diese Schwierigkeit ward Wentworth
+mehr als durch jede andere in Verlegenheit gesetzt. Man griff nun
+begierig zu einem Auskunftsmittel, das Finch, der Lord Siegelbewahrer,
+in Übereinstimmung mit andern der Regierung dienenden Rechtsgelehrten,
+empfohlen hatte.
+
+
+[_Schiffsgeld._] Es hatten nämlich die alten englischen Könige die
+Bewohner nicht nur der in der Nähe Schottlands liegenden Grafschaften
+zur Vertheidigung der Grenze unter die Waffen gerufen, sondern auch die
+Grafschaften an dem Meere aufgeboten, Schiffe zur Vertheidigung der
+Küste auszurüsten; statt der Schiffe hatte man mitunter Geld genommen.
+Diesen alten Gebrauch beschloß man jetzt, nach einem langen Zeitraume,
+nicht nur wieder einzuführen, sondern auch auszudehnen. Früher hatten
+die Fürsten nur zur Zeit des Krieges Schiffsgeld erhoben -- jetzt
+forderte man es in einer Zeit tiefen Friedens ein. Wenn früher die
+Fürsten, selbst in den gefährlichsten Kriegen, das Schiffsgeld nur in
+den Küstengegenden erhoben hatten, so nahm man es jetzt von den
+Grafschaften des Binnenlandes. Früher hatte man das Schiffsgeld
+eingefordert, um eine Vertheidigung des Landes zur See zu bewirken;
+jetzt trieb man es ein, wie die Royalisten selbst zugestehen, nicht um
+eine Flotte zu unterhalten, sondern um dem Könige Gelder zu verschaffen,
+deren Betrag er nicht nur nach Belieben ausdehnen, sondern auch zu jedem
+beliebigen Zwecke verwenden konnte.
+
+Die ganze Nation gerieth in Aufregung und Entrüstung. John Hampden, ein
+reicher Gentleman aus guter Familie in Buckinghamshire, der in seiner
+nähern Umgebung hoch geachtet, aber in weitern Kreisen des Königreichs
+noch wenig bekannt war, hatte zuerst den Muth, der ganzen Gewalt der
+Regierung entgegenzutreten und auf eigene Kosten und Gefahr die
+Hoheitsrechte zu bestreiten, die der König in Anspruch nahm. Der Fall
+ward den Richtern der Schatzkammer zur Entscheidung vorgelegt; wie
+abhängig und knechtisch auch die Richter waren, es lagen so starke
+Gründe gegen die Ansprüche der Krone vor, daß die Majorität gegen
+Hampden so klein als nur möglich ausfiel -- aber es war immer eine
+Majorität. Die Ausleger der Gesetze hatten erklärt, daß der königliche
+Machtspruch eine große, ergiebige Steuer auferlegen könne, und Wentworth
+bemerkte sehr richtig, ihr Urtheil sei nur durch Gründe zu
+rechtfertigen, die direct zu einem Schlusse führten, den zu ziehen sie
+nicht gewagt haben würden. -- War es gesetzmäßig, daß zur Unterhaltung
+einer Flotte ohne Zustimmung des Parlamentes Geld erhoben werden konnte,
+so ließ sich schwer in Abrede stellen, daß auch Geld zum Unterhalte
+einer Armee ohne Zustimmung des Parlaments erhoben werden dürfe.
+
+Dieser Richterspruch vermehrte die Erbitterung des Volks. Ein
+Jahrhundert früher würde eine minder große Erbitterung einen allgemeinen
+Aufstand bewirkt haben; aber die Unzufriedenheit äußerte sich jetzt
+nicht so rasch als in früherer Zeit durch Empörung, denn Reichthum und
+Gesittung der Nation waren seit lange in stetem Wachsen gewesen, und
+seit siebzig Jahren, seit der Zeit nämlich, als die großen nordischen
+Grafen die Waffen gegen Elisabeth ergriffen, hatte kein Bürgerkrieg
+stattgefunden. So lange die englische Nation existirte, war nie eine so
+lange Zeit ohne innern Zwist verflossen. Das Volk hatte sich an den
+Betrieb friedlicher Gewerbe gewöhnt, und so erbittert es auch war, so
+zögerte es doch lange, ehe es zum Schwerte griff.
+
+Unter diesen Umständen schwebten die Freiheiten unsers Vaterlandes in
+der größten Gefahr. Die Gegner der Regierung begannen an dem Schicksale
+ihres Vaterlandes zu verzweifeln, und mancher von ihnen hielt die
+Wildnisse Amerika's für die einzige Zufluchtsstätte bürgerlicher und
+geistiger Freiheit. Einige entschlossene Puritaner, welche für ihre
+Religion weder das Toben des Oceans, die Beschwerden des uncivilisirten
+Lebens, die Klauen wilder Thiere, noch die Tomahawks wilder Menschen
+fürchteten, hatten dort inmitten der Urwälder Dörfer angebaut, die jetzt
+große, reiche Städte sind, und durch alle Schicksalswechsel Spuren des
+ihren Gründern angestammten Charakters bewahrt haben. Die Regierung sah
+mit gehässigen Blicken auf diese jungen Colonien und suchte gewaltsam
+dem Strome der Auswanderung nach denselben zu steuern; sie konnte aber
+nicht verhindern, daß die Einwohnerschaft Neu-Englands aus allen Theilen
+des alten Englands durch unerschrockene und gottesfürchtige Männer
+ansehnlich vermehrt wurde. Jetzt jubelte Wentworth ob des nahen
+Gelingens seines »Durch«. Wahrscheinlich hätten nur wenig Jahre zur
+Ausführung seines großen Planes genügt, und wäre strenge Sparsamkeit
+beobachtet, jeder Krieg mit auswärtigen Mächten vermieden, so hätte man
+nicht nur die Schulden der Krone bezahlen, sondern auch Fonds zum
+Unterhalte einer großen Militärmacht beschaffen können, und diese Macht
+konnte bald den widerspenstigen Geist der Nation zügeln.
+
+
+[_Widerstand gegen die Liturgie in Schottland._] In dieser Krisis ward
+die ganze Gestalt der öffentlichen Angelegenheiten durch einen Akt
+wahnsinniger Bigotterie plötzlich verändert. Wäre der König weise
+gewesen, so hätte er so lange eine vorsichtige und milde Politik gegen
+Schottland verfolgt, bis er der Herr des Südens geworden; denn von allen
+seinen Reichen war in Schottland die größte Gefahr vorhanden, daß ein
+Funke zur Flamme, und eine Flamme zu einer Feuersbrunst werden konnte.
+Eine constitutionelle Opposition, wie man sie ihm in Westminster
+entgegenstellte, hatte er allerdings in Edinburg nicht zu fürchten, da
+das Parlament seines nördlichen Königreichs ein ganz anderer Körper als
+der war, der in England denselben Namen führte. Es war schlecht
+zusammengesetzt, ward wenig geachtet und hatte nie einem seiner
+Vorgänger ernste Schranken gezogen. Die drei Stände beriethen in einem
+Hause; die Bevollmächtigten der Flecken betrachtete man nur als von den
+großen Edelleuten abhängige Personen, und kein Gesetz konnte eingebracht
+werden, bevor nicht die Lords der Artikel, -- ein Ausschuß, den die
+Krone in der That, wenn auch nicht der Form nach ernannte -- ihre
+Billigung ausgesprochen hatten. War nun auch das schottische Parlament
+ein fügsames, so hatte sich doch das schottische Volk stets als ein
+unruhiges und unlenksames gezeigt. Es hatte seinen ersten Jakob in dem
+Schlafzimmer niedergemetzelt, mehr als einmal die Waffen gegen Jakob II.
+erhoben, Jakob III. auf dem Schlachtfelde erschlagen, durch Ungehorsam
+Jakob V. das Herz gebrochen, Maria entthront und eingekerkert, hatte den
+Sohn derselben gefangen gehalten, und war noch eben so unbändig als
+sonst. Alle seine Gewohnheiten waren roh und kriegerisch. An der ganzen
+südlichen Grenze, sowie auf der ganzen Landstrecke zwischen den Hoch-
+und Niederlanden wüthete beständig ein Raubkrieg; in jedem Landestheile
+war man gewohnt, den Beschwerden über erlittenes Unrecht mit kräftiger
+Faust abzuhelfen, und wie groß auch die frühere Anhänglichkeit der
+Nation an die Stuarts gewesen sein mochte, sie war während der langen
+Abwesenheit derselben erkaltet. Der mächtigste Einfluß auf die
+öffentliche Stimmung theilte sich unter zwei Klassen von Mißvergnügten:
+unter die der Grundherren und die der Prediger -- Grundherren, von
+demselben Geiste beseelt, der so oft die alten Douglas zum Widerstande
+gegen das königliche Haus angetrieben, und Prediger, welche Knox's
+repulikanische Ansichten und den Starrsinn desselben geerbt hatten.
+Sowohl die nationalen als die religiösen Gefühle der Bevölkerung waren
+gleich tief verletzt worden; alle Stände klagten, daß ihr Vaterland,
+einst so ruhmvoll um seine Unabhängigkeit gegen die fähigsten und
+muthigsten Plantagenets kämpfend, jetzt durch seine eigenen Fürsten eine
+englische Provinz, wenn auch nicht dem Namen nach, doch in der That
+geworden sei. Die calvinistische Lehre und Kirchenordnung hatte in
+keinem andern Theile Europa's einen so starken Haltpunkt in der
+öffentlichen Meinung gewonnen; die große Masse des Volks sah auf die
+römische Kirche mit einem Hasse, der mit vollem Rechte ein grimmiger zu
+nennen war, und die Kirche von England, die täglich der von Rom
+ähnlicher zu werden schien, war der Gegenstand einer nicht minder großen
+Abneigung.
+
+Das anglikanische System über die ganze Insel auszudehnen, war schon
+lange der Wunsch der Regierung gewesen, und in dieser Absicht hatte sie
+bereits verschiedene, jedem Presbyterianer höchst ärgerliche Änderungen
+vorgenommen. Eine Neuerung aber, die kühnste von allen, weil sie von dem
+Volke unmittelbar aufgefaßt werden mußte, hatte man noch nicht versucht.
+Es war nämlich der öffentliche Gottesdienst in der bei dem Volke gern
+gesehenen Weise bisher abgehalten; Karl und Laud beschlossen aber jetzt,
+den Schotten die englische Liturgie oder vielmehr eine Liturgie
+aufzudringen, die nach dem Urtheile aller strengen Protestanten nicht
+nur von der englischen abwich, sondern auch in den abweichenden Punkten
+schlechter war, als jene.
+
+Diesem rein aus tyrannischem Übermuthe und in sträflicher Unkenntniß
+oder noch strafwürdigerer Verachtung der Volksgefühle unternommenen
+Schritte verdankt unser Vaterland seine Freiheit. Der erste Gottesdienst
+mit den neuen Ceremonien hatte einen Aufruhr zur Folge, und der Aufruhr
+ward schnell zu einer Revolution. Ehrgeiz, Vaterlandsliebe und
+Fanatismus brausten auf in einem gewaltig reißenden Strome; die ganze
+Nation stand unter den Waffen. Zwar war die Macht Englands, wie sich
+einige Jahre später auswies, stark genug, um Schottland im Zügel zu
+halten; aber ein großer Theil des englischen Volks theilte die
+religiösen Gefühle der Aufständischen, und viele Engländer, denen
+Wechselgesänge, Kniebeugen, Altäre und Chorhemden keine Scrupel
+erregten, sahen mit Freuden auf die Fortschritte einer Empörung,
+die Aussicht auf Vereitelung der Willkürpläne des Hofes und auf die
+Einberufung eines Parlaments bot.
+
+Für diesen unklugen Einfall, der solche Wirkungen hervorbrachte, ist
+Wentworth nicht verantwortlich zu machen,[11] denn er verwirrte in der
+That alle seine Pläne. Eine Nachgiebigkeit anzurathen, lag jedoch nicht
+in seiner Natur. Es ward versucht, den Aufstand durch das Schwert zu
+dämpfen; aber die militärischen Kräfte und Talente des Königs waren dem
+Unternehmen nicht gewachsen. Unter diesen Umständen und im Widerspruche
+mit den Gesetzen neue Steuern aufzuerlegen, wäre Wahnsinn gewesen; es
+blieb keine andere Aussicht als ein Parlament, und im Frühjahr 1640 ward
+ein solches einberufen.
+
+ [Anmerkung 11: Siehe seinen Brief an den Grafen von
+ Northumberland, d. d. 30. Juli 1638.]
+
+
+[_Ein Parlament wird berufen und aufgelös't._] Bei der Aussicht auf
+Wiederherstellung einer verfassungsmäßigen Regierung und auf Abhilfe der
+Beschwerden war die Stimmung der Nation eine bessere geworden. Das neue
+Haus der Gemeinen zeigte sich gemäßigter und ehrerbietiger gegen den
+Thron, als alle, die sich seit dem Tode Elisabeths versammelt hatten.
+Die ausgezeichnetsten Royalisten haben die Mäßigung dieser Versammlung
+hoch gepriesen, aber den Häuptern der Opposition scheint sie nicht wenig
+Sorge und eine große Enttäuschung bereitet zu haben. Karl blieb indeß
+seiner eben so unpolitischen als unedeln Gewohnheit treu, den Wünschen
+seines Volks so lange sich abhold zu zeigen, bis diese Wünsche drohend
+ausgesprochen wurden. Kaum legten die Gemeinen die Neigung an den Tag,
+die Beschwerden, unter denen das Land elf Jahre lang gelitten, in
+Betracht zu ziehen, als der König das Parlament mit allen Zeichen des
+Mißfallens auflös'te.
+
+Zwischen der Auflösung dieser auf so kurze Zeit einberufenen Versammlung
+und der Constituirung jenes ewig merkwürdigen Körpers, der unter dem
+Namen des Langen Parlaments bekannt ist, lagen wenig Monate, in denen
+das Joch der Nation sich herber als je gestaltete, der Volksgeist aber
+sich zorniger als je dagegen erhob. Der Geheime Rath ließ Mitglieder des
+Hauses der Gemeinen wegen ihres parlamentarischen Verhaltens zur
+Rechenschaft ziehen, und als sie sich weigerten Rede zu stehen, in's
+Gefängniß werfen. Das Schiffsgeld ward mit größerer Strenge
+eingetrieben; man bedrohte den Lord Mayor und die Sheriffs von London
+mit Gefängniß, weil sie nicht streng genug die Gelder eingezogen hatten;
+es fanden gewaltsame Aushebungen von Soldaten statt, deren Unterhalt
+ihre Grafschaften bestreiten mußten. Die stets ungesetzlich gewesene
+Folter, und erst kürzlich noch von den servilsten Richtern jener Zeit
+für ungesetzlich erklärt, ward in England im Monat Mai 1640 zum letzten
+Male angewendet.
+
+Von dem Ausgange der Kriegsoperationen des Königs gegen die Schotten
+hing nun Alles ab. Jener Geist, der den eigentlichen Soldaten von dem
+Volke trennt und ihn an seine Führer bindet, zeigte sich äußerst
+spärlich in seinen Truppen. Das Heer, größtentheils aus Rekruten
+zusammengesetzt, die sich nach dem Pfluge zurücksehnten, von dem man sie
+gewaltsam fortgerissen, und die im ganzen Lande vorherrschenden
+religiösen und politischen Ansichten theilend, war dem Könige
+gefährlicher als dem Feinde. Die von den Führern der englischen
+Opposition ermuthigten Schotten fanden bei den englischen Truppen nur
+schwachen Widerstand, sie gingen über den Tweed und den Tyne, und
+lagerten sich an den Grenzen von Yorkshire. Und nun artete das Murren
+der Unzufriedenheit in einen Tumult aus, der alle Gemüther, eines
+ausgenommen, mit Schrecken erfüllte. Strafford beharrte noch immer bei
+dem »Durch«, und selbst in diesem verhängnißvollen Augenblicke zeigte er
+sich so grausam und despotisch, daß nicht viel fehlte, und seine eigenen
+Lanzknechte hätten ihn in Stücke zerrissen.
+
+Noch gab es indessen ein Auskunftsmittel, das dem Könige, wie er sich
+schmeichelte, die Schmach ersparen könnte, einem andern Hause der
+Gemeinen gegenüberzutreten. Dem Hause der Lords war er weniger
+abgeneigt. Die Bischöfe hingen an ihm und die weltlichen Lords, wenn
+auch im Allgemeinen mit seiner Verwaltung nicht einverstanden, mußten
+sich doch als Stand so sehr bei der Aufrechterhaltung der Ordnung und
+dem Verbleiben der alten Einrichtungen interessiren, daß ein Drängen
+nach ausgedehnten Reformen ihrerseits nicht zu fürchten war. Wider die
+Gewohnheit, die seit Jahrhunderten ununterbrochen bestanden, rief er nur
+die Lords zu einem großen Rathe zusammen; die Lords aber waren zu klug,
+als daß sie die verfassungswidrigen Funktionen übernahmen, die er ihnen
+zugedacht hatte. Ohne Geld, ohne Credit und ohne Autorität, selbst in
+seinem eigenen Lager, fügte er sich dem Drange der Nothwendigkeit. Die
+Häuser wurden zusammenberufen und die Wahlen bewiesen, daß Mißtrauen und
+Haß gegen die Regierung seit dem Frühjahre gefährliche Fortschritte
+gemacht hatten.
+
+
+[_Das lange Parlament._] Im November 1640 trat jenes berühmte Parlament
+zusammen, das, ungeachtet mancher Irrthümer und Mißgeschicke, gerechten
+Anspruch auf die Hochachtung und Dankbarkeit aller derer hat, die in
+irgend einem Theile der Welt sich der Segnungen einer constitutionellen
+Regierung erfreuen.
+
+Im Laufe des folgenden Jahres stellte sich in den Häusern keine
+Meinungsverschiedenheit von großer Wichtigkeit heraus. Die bürgerliche
+und geistliche Verwaltung war zwölf Jahre hindurch so bedrückend und so
+verfassungswidrig ausgeübt worden, daß selbst diejenigen Klassen,
+die gewöhnlich auf Ordnung und Autorität halten, mit großem Eifer
+volksthümliche Reformen zu fördern und die Werkzeuge der Tyrannei vor
+Gericht zu stellen bemüht waren. Eine Verordnung ward erlassen, wonach
+zwischen einem und dem nächsten Parlamente nicht mehr als drei Jahre
+liegen durften und erfolgte das Ausschreiben unter dem großen Siegel
+nicht zur gehörigen Zeit, so waren die Wahlbeamten befugt, auch ohne ein
+solches Ausschreiben die Wahlkörper behufs Wahl der Vertreter
+einzuberufen. Die Sternkammer, die Hohe Kommission und der Rath von York
+wurden aufgehoben. Männer, die grausam verstümmelt in tiefen Kerkern
+schmachteten, wurden freigelassen. An den ersten Dienern der Krone nahm
+das Volk schonungslose Rache; der Lord Siegelbewahrer, der Primas, der
+Lord Statthalter wurden in Anklagestand versetzt; Finch rettete sich
+durch die Flucht, Laud ward in den Tower geworfen und Strafford ward vor
+Gericht gestellt und laut eines Parlamentsbeschlusses zum Tode
+verurtheilt. An demselben Tage, an dem dieser Beschluß durchging,
+stimmte der König einem Gesetze bei, durch das er sich verpflichtete,
+das bestehende Parlament weder zu vertagen, noch zu prorogiren oder
+aufzulösen, wenn es nicht selbst seine Zustimmung dazu gäbe.
+
+Im September 1641, nach einer zehnmonatlichen angestrengten Arbeit,
+vertagten sich die Häuser auf kurze Zeit und der König besuchte
+Schottland, das er nur mit Mühe durch die Verzichtleistung auf alle
+seine kirchlichen Reformpläne und durch die mit großer Überwindung
+ertheilte Bestätigung einer Akte, die das Episcopat in Widerspruch mit
+Gottes Wort erklärte, beruhigte.
+
+
+[_Erstes Auftreten der beiden großen englischen Parteien._] Die Ferien
+des englischen Parlamentes dauerten sechs Wochen. Der Tag des
+Wiederzusammentritts der Häuser bildet eine der merkwürdigsten Epochen
+unserer Geschichte. Von diesen Tage an existiren die beiden großen
+corporativen Parteien, die seitdem stets das Land abwechselnd regiert
+haben, obgleich der Unterschied, der damals augenscheinlich hervortrat,
+in einem gewissen Sinne immer bestanden hat und auch immer bestehen muß,
+denn er entspringt den Verschiedenheiten des Temperaments, der
+Intelligenz und des Interesses, die man in allen Gesellschaften findet
+und so lange finden wird, bis der menschliche Geist aufhört, sich durch
+den Reiz der Gewohnheit und Neuheit in entgegengesetzte Richtungen
+leiten zu lassen. Wir finden diesen Unterschied nicht nur in der
+Politik, sondern auch in der Literatur, in Kunst und Wissenschaft, in
+Chirurgie, Mechanik, dem Seewesen, der Landwirthschaft, und selbst in
+der Mathematik. Überall begegnen wir einer Menschenklasse, die mit
+Vorliebe an allem Alten hängt, und selbst dann noch mit banger Besorgniß
+und bösen Ahnungen in die Neuerung willigt, wenn überwiegende Gründe für
+deren Wohlthätigkeit vorliegen. Ebenso finden wir überall eine zweite
+Menschenklasse, die sanguinischer Hoffnung und kühner Pläne voll die
+Unvollkommenheiten des Bestehenden rasch erfaßt, über die Gefahren und
+Widerwärtigkeiten der Neuerungen leicht hinweggeht, und nur zu geneigt
+ist, jede Veränderung für eine Verbesserung zu halten. In den Neigungen
+beider Klassen liegt etwas, das man billigen muß; aber die Höhepunkte
+Beider findet man in der Nähe der gemeinschaftlichen Grenze, der extreme
+Theil der einen besteht aus abergläubischen, einfältigen Narren; der
+extreme Theil der andern aus seichten und unbesonnenen Empirikern.
+
+Daß sich schon in unsern ersten Parlamenten ängstlich auf Erhaltung des
+Bestehenden bedachte Mitglieder von andern, eifrig nach Reformen
+strebenden unterscheiden ließen, ist nicht zu bezweifeln; so lange aber
+die Sitzungen des gesetzgebenden Körpers nur von kurzer Dauer waren,
+konnten diese Gruppen keine bestimmte und bleibende Form annehmen, sich
+anerkannten Führern nicht unterordnen, und sich weder durch Namen und
+Zeichen noch durch Losungsworte unterscheiden. Der Unwille über die seit
+vielen Jahren erlittene widergesetzliche Unterdrückung war während der
+ersten Monate des langen Parlaments so groß und allgemein, daß das Haus
+der Gemeinen wie ein Mann handelte. Ohne Streit verschwand Mißbrauch auf
+Mißbrauch. Eine geringe Minorität des repräsentativen Körpers wünschte
+die Sternkammer und die Hohe Commission beizubehalten; aber
+eingeschüchtert durch die Begeisterung und das numerische Übergewicht
+der Reformer begnügte sie sich, im Stillen den Verlust von Institutionen
+zu beklagen, die mit irgend einer Aussicht auf Erfolg sich offen nicht
+vertheidigen ließen. Die Royalisten fanden es in einer spätern Zeit für
+zweckmäßig, den Ursprung der zwischen ihnen und ihren Gegnern
+eingetretenen Spaltung weiter hinauszuverlegen, und die Akte, die dem
+Könige das Auflösen oder Vertagen des Parlamentes verbietet, die Akte
+über die dreijährige Frist zwischen zwei Parlamenten, sowie die Anklage
+der Minister und den Antrag auf Straffords Verurtheilung, jener Faktion
+beizumessen, die später gegen den König Krieg führte. Ein unredlicherer
+Kunstgriff läßt sich nicht denken. Die eifrigste Förderung dieser
+strengen Maßregel war von Männern ausgegangen, die später unter den
+Cavalieren in erster Reihe standen. Kein Republikaner hätte härter über
+Karls so lange schlecht verwaltete Regierung gesprochen, als Colepepper,
+und die merkwürdigste Rede zu Gunsten der Dreijährigkeits-Akte hatte
+Digby gehalten. Die Anklage des Lord Siegelbewahrers hatte Falkland
+beantragt, und die Forderung, den Lord Statthalter in engem Gewahrsam zu
+halten, war an den Schranken des Lords von Hyde gestellt. Erst dann, als
+das Gesetz in Betreff der Verurtheilung Strafford's vorgeschlagen wurde,
+ließen sich die Zeichen einer ernsten Uneinigkeit erkennen und selbst
+gegen dieses Gesetz, das nichts als die äußerste Nothwendigkeit
+rechtfertigen konnte, stimmten etwa sechzig Mitglieder des Hauses der
+Gemeinen. Es ist gewiß, daß Hyde nicht bei der Minorität war, und daß
+Falkland nicht nur mit der Majorität stimmte, sondern auch kräftig zu
+Gunsten der Bill sprach. Selbst die kleine Anzahl, die Zweifel darüber
+hegte, ob eine die Todesstrafe aussprechende Verfügung rückwirkend sein
+könne, hielten es für nöthig gegen Straffords Charakter und Verwaltung
+den größten Abscheu auszudrücken.
+
+Unter dieser scheinbaren Einmüthigkeit verbarg sich indeß ein großes
+Schisma, und als im October 1641 das Parlament nach kurzen Ferien wieder
+zusammentrat, standen zwei Parteien einander feindlich gegenüber, dem
+Wesen nach dieselben, die unter verschiedenen Namen seitdem stets um die
+Leitung der öffentlichen Angelegenheiten gestritten haben und noch
+streiten. Man bezeichnete sie einige Jahre hindurch mit den Namen:
+Cavaliere und Rundköpfe; später nannte man sie Tories und Whigs, und wie
+es scheint, werden diese letztern Namen sobald nicht veralten.
+
+Auf jede dieser berühmten Faktionen eine Schmähschrift oder eine Lobrede
+zu verfassen, würde nicht schwer sein, denn Jeder, der noch einigermaßen
+urtheilsfähig und redlich ist, muß eingestehen, daß dem Rufe der Partei,
+der er angehört, nicht zu vertilgende Flecken ankleben und daß seine
+Gegenpartei sich vieler ausgezeichneten Namen, vieler heroischen Thaten
+und vieler großen, dem Staate geleisteten Dienste rühmen kann. Die
+Wahrheit ist, daß England beider Parteien, obgleich sie sich oft
+bedeutend geirrt, nicht hätte entbehren können. Wenn wir in den
+Institutionen desselben Freiheit und Ordnung mit den aus Neuerung und
+Verjährung entspringenden Vortheilen bis zu einem Umfange vereinigt
+finden, der andernorts unbekannt ist, so können wir diese glückliche
+Eigenthümlichkeit den heftigen Kämpfen und den abwechselnden Siegen
+zweier wetteifernden Verbindungen von Staatsmännern zuschreiben: der
+einen, die für Autorität und Alterthum, der andern, die für Freiheit und
+Fortschritt eiferte.
+
+Man darf den Umstand nicht übersehen, daß der Unterschied zwischen den
+beiden Hauptabtheilungen englischer Politiker stets mehr ein Unterschied
+des Grades als des Grundsatzes gewesen ist. Gewisse Grenzen, zur Rechten
+wie zur Linken, wurden sehr selten überschritten. Eine kleine Anzahl
+Enthusiasten auf der einen Seite hätte bereitwillig alle unsere Rechte
+und Freiheiten dem Könige zu Füßen gelegt; auf der andern Seite gab es
+ebenfalls einzelne Enthusiasten, die gern ihr Lieblingsphantom, das
+einer Republik, durch endlose Bürgerkriege verfolgt hätten. Aber die
+große Mehrzahl der Anhänger der Krone war dem Despotismus nicht
+zugethan, und die große Mehrzahl der Kämpfer für die Volksrechte wollte
+die Anarchie nicht. Im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts stellten beide
+Parteien zweimal den gegenseitigen Kampf ein, um ihre Kräfte zur
+Durchführung einer gemeinschaftlichen Sache zu vereinigen. Ihre erste
+Vereinigung stellte die erbliche Monarchie wieder her; ihre zweite
+rettete die verfassungsmäßige Freiheit.
+
+Ferner muß bemerkt werden, daß diese Parteien nie die ganze Nation
+umfaßt, und daß selbst beide zusammen nie eine Mehrzahl von der Nation
+gebildet haben; stets befand sich zwischen ihnen eine große Masse,
+die nicht beständig einer oder der andern anhing, und bald in träger
+Neutralität verharrte, bald hin und her schwankte. Diese Masse ist in
+wenigen Jahren mehr als einmal von einem Extreme zu dem andern, und dann
+wieder zurück gegangen. Mitunter wechselte sie ihre Parteistellung nur
+deshalb, weil sie stets dieselben Männer zu unterstützen müde war;
+mitunter, weil sie vor ihrem eigenen Zuweitgehen erschrak, und nicht
+selten auch, weil sie Unmöglichkeiten erwartet hatte und sich getäuscht
+sah. Neigte sie sich aber mit ihrem ganzen Gewicht nach der einen oder
+andern Richtung hin, war ein Widerstand für diese Zeit unmöglich.
+
+Bei dem ersten Auftreten der rivalisirenden Parteien in bestimmter
+Gestalt schienen ihre Kräfte ziemlich gleich vertheilt zu sein. Auf der
+Seite der Regierung stand eine große Mehrzahl des Adels und jener
+reichen Gentlemen aus guter Familie, denen, um adelig zu sein, nichts
+fehlte als der Name; diese bildeten mit ihren Anhängern, über deren
+Beistand sie bestimmen konnten, eine nicht unbedeutende Macht im Staate.
+Auf derselben Seite standen der ganze Clerus, beide Universitäten und
+jene Laien alle, die fest der bischöflichen Regierung und dem
+anglikanischen Ritual anhingen. Diesen achtbaren Klassen hatten sich
+einige Bundesgenossen von minderer Bedeutung angeschlossen. Alle,
+die aus dem Vergnügen ein Geschäft machten, oder durch Galanterie,
+Kleiderprunk und Geschmack an den leichten Künsten sich hervorthun
+wollten, veranlaßte die puritanische Strenge, zu der Partei des Königs
+zu treten. Mit diesen gingen nun wiederum alle diejenigen, die davon
+lebten, Andern Zeitvertreib zu schaffen; der Maler, der komische
+Dichter, der Seiltänzer und der Possenreißer (lustige Andreas). Diese
+Künstler wußten recht gut, daß sie nur unter einem stolzen und üppigen
+Despotismus gedeihen konnten, unter der strengen Herrschaft der
+Rigoristen aber Hunger leiden mußten. Dasselbe Interesse leitete alle
+Katholiken. Die Königin, eine Tochter Frankreichs, bekannte sich zu
+ihrem Glauben; von dem Gemahle derselben wußte man, daß er seine Gattin
+eben so sehr liebte, als er sie fürchtete, und daß er, obgleich
+unbezweifelt Protestant aus Überzeugung, dennoch die Bekenner der alten
+Religion nicht mit Abneigung betrachtete, sondern ihnen gern eine
+größere Duldung gewährte, als er den Presbyterianern zu bewilligen
+bereit war. Wenn die Opposition den Sieg davon trug, so wären
+wahrscheinlich die unter der Regierung Elisabeths erlassenen Blutgesetze
+streng geübt worden; die Römisch-Katholischen hatten daher die
+triftigsten Gründe, sich der Sache des Hofes zuzuwenden. Verfuhren sie
+im Allgemeinen auch mit einer Vorsicht, durch die sie den Vorwurf der
+Feigheit und Lauheit auf sich zogen, so ist es dennoch wahrscheinlich,
+daß sie bei dieser großen Zurückhaltung nicht minder das Interesse des
+Königs als ihr eigenes im Auge hatten, und es wäre wahrlich nicht
+heilbringend für ihn gewesen, wenn sie sich unter seinen Freunden
+besonders bemerkbar gemacht hätten.
+
+Die Opposition fand ihre Hauptstärke in den kleinen Freisassen auf dem
+Lande und den Krämern der Städte; aber diese wurden von einer zu
+fürchtenden Minorität der Aristokratie geleitet, zu der die reichen und
+mächtigen Grafen von Northumberland, Bedford, Warwick, Stamford und
+Essex gehörten. In denselben Reihen befanden sich sämmtliche
+protestantischen Nonconformisten und die mehrsten derjenigen Mitglieder
+der Staatskirche, die noch immer an den calvinistischen Meinungen
+hingen, welche die Prälaten und die niedere Geistlichkeit vor vierzig
+Jahren allgemein getheilt hatten. Auch die städtischen Corporationen
+standen, mit geringen Ausnahmen, auf Seite derselben Partei. In dem
+Hause der Gemeinen hatte die Opposition das Übergewicht, jedoch ein
+nicht entschiedenes.
+
+Keiner der beiden Parteien fehlte es für die Maßregeln, die sie
+ergriffen zu sehen wünschten, an triftigen Gründen. Das Raisonnemenent
+der aufgeklärtesten Royalisten kann in Folgendem zusammengefaßt werden:
+»Es ist wahr, daß große Mißbräuche stattgefunden haben, aber sie sind
+beseitigt. Es ist wahr, daß theure Rechte verletzt worden sind, aber man
+hat ihnen wieder volle Geltung und neue Bürgschaften dafür gegeben. Man
+hat zwar die Versammlungen der Reichsstände gegen alle frühern Gebräuche
+und gegen den Geist der Verfassung elf Jahre lang ausgesetzt, jetzt aber
+steht fest, daß in Zukunft nie drei Jahre ohne ein Parlament
+verstreichen sollen. Die Sternkammer, die Hohe Commission und der Rath
+von York haben uns gedrückt und ausgeplündert; diese verhaßten
+Gerichtshöfe existiren nicht mehr. Der Lord Statthalter gedachte einen
+Militairdespotismus einzuführen; er hat diesen Verrath mit seinem Kopfe
+gebüßt. Der Primas befleckte unsern Gottesdienst mit papistischen
+Gebräuchen und strafte die Zweifel unsers Gewissens mit papistischer
+Grausamkeit; er erwartet im Tower das Urtheil seiner Pairs. Der Lord
+Siegelbewahrer bestätigte einen Plan, nach dem das Eigenthum aller
+Engländer der Gnade der Krone unterworfen werden sollte; er ist
+beschimpft, zu Grunde gerichtet und gezwungen worden, Zuflucht in einem
+fremden Lande zu suchen. Die Diener der Tyrannei haben ihre Verbrechen
+gebüßt -- die Opfer der Tyrannei haben für ihre Leiden Entschädigung
+erhalten. Es würde nicht weise sein, wollten wir unter diesen Umständen
+ferner noch auf einem Verfahren beharren, das damals gerechtfertigt und
+nothwendig war, als wir nach einem langen Zwischenraume wieder
+zusammentraten und die ganze Verwaltung nur aus Mißbräuchen bestehend
+vorfanden; jetzt müssen wir uns hüten, unsern Sieg über den Despotismus
+nicht so weit zu verfolgen, daß wir der Anarchie anheimfallen. Die
+schlechten Einrichtungen, unter denen das Vaterland noch vor Kurzem
+seufzte, ohne gewaltige, die Grundlagen der Regierung erschütternde
+Maßregeln zu beseitigen, stand nicht in unserer Macht; jetzt aber, da
+diese Einrichtungen gestürzt sind, dürfen wir nicht zögern, dasselbe
+Gebäude zu stützen, das zu zertrümmern noch vor kurzer Frist unsere
+Pflicht war. Unsere Weisheit muß künftig darin bestehen, daß wir
+mißtrauisch die Neuerungspläne in's Auge fassen und alle jene
+Hoheitsrechte, die das Gesetz im Interesse des allgemeinen Besten dem
+Souverain verliehen, vor Beeinträchtigung wahren.«
+
+Dies waren die Ansichten der Männer, als deren Führer der vortreffliche
+Falkland zu betrachten ist. Auf der andern Seite behaupteten nicht
+geringer befähigte und redliche Männer mit nicht minder ernstem
+Nachdrucke, daß die Bürgschaften für die Freiheiten des englischen
+Volkes mehr scheinbare als wirkliche seien, und daß der Hof seine
+Willkürpläne sofort wieder aufnehmen würde, wenn die Wachsamkeit der
+Gemeinen nachließe. Es sei wahr, sagten Pym, Hollis und Hampden, daß
+viele gute Gesetze erlassen wären, aber hätten diese Gesetze genügt, den
+König zu beschränken, so würden seine Unterthanen nur wenig Ursache zu
+Klagen über seine Verwaltung gehabt haben, und die neuen Gesetze,
+meinten sie, hätten sicherlich keine geringere Autorität, als die Magna
+Charta und die Bitte um Recht; aber weder die Magna Charta, wenn auch
+durch die Verehrung geheiligt, die man ihr vier Jahrhunderte lang
+gezollt, noch die Bitte um Recht, die Karl selbst nach reiflicher
+Erwägung und aus wichtigen Gründen genehmigt, sei für den Schutz des
+Volkes wirksam genug befunden worden. Erschlaffte nur einmal der Zügel
+der Furcht, ließe man den Geist der Opposition nur einmal einschlummern,
+so würden sich alle Bürgschaften für die englischen Freiheiten in eine
+einzige auflösen, in das königliche Wort, und daß man diesem nicht viel
+trauen dürfe, sei durch eine lange und bittere Erfahrung bewiesen.
+
+
+[_Der irische Aufstand._] Noch beharrten beide Parteien in einer
+feindseligen Vorsicht, noch hatten sie ihre Kraft nicht gemessen, als
+eine Kunde anlangte, welche Beider Leidenschaften entflammte und Beide
+in ihren Ansichten bestärkte. Es hatten nämlich die großen Häuptlinge
+von Ulster, die sich bei Jakobs Regierungsantritte der königlichen
+Autorität nach langem Kampfe gebeugt, der erniedrigenden Abhängigkeit
+müde, sich gegen die englische Regierung verschworen, und waren des
+Hochverraths für schuldig erklärt worden. Ihre unermeßlichen Besitzungen
+fielen nun der Krone anheim und wurden bald von Tausenden englischer und
+schottischer Auswanderer bevölkert. Die neuen Ansiedler überragten an
+Civilisation und geistiger Bildung die Eingeborenen, und mißbrauchten
+nicht selten diese Überlegenheit. Der Haß, den die Verschiedenheit des
+Stammes erzeugt, ward durch die Verschiedenheit der Religion noch
+vermehrt. Unter Wentworth's eiserner Herrschaft hatte sich zwar kaum ein
+leises Murren vernehmen lassen; als aber dieser starke Druck aufgehoben,
+als Schottland das Beispiel eines erfolgreichen Widerstandes geliefert,
+und als England mit eigenen Zwistigkeiten zu thun hatte, da brach die
+verhaltene Wuth der Iren in schrecklichen Gewaltthätigkeiten aus.
+Die Eingeborenen erhoben sich gegen die Colonisten. Ein Krieg, dem
+nationaler und religiöser Haß einen besonders furchtbaren Charakter
+verliehen, verwüstete Ulster und breitete sich über die benachbarten
+Provinzen aus. Das Schloß von Dublin hielt man kaum noch für sicher.
+Jede Post brachte Gräuelberichte nach London, die, wenn sie auch nicht
+übertrieben gewesen wären, dennoch Mitleid und Schrecken erregen mußten.
+Diese bösen Botschaften nun entzündeten bis zum höchsten Grade den Eifer
+der beiden großen Parteien, die in Westminster zum Kampfe gerüstet
+einander gegenüber standen. Die Anhänger des Königs behaupteten, es sei
+die Pflicht eines jeden guten Engländers und Protestanten, in einer
+solchen Krise die Macht des Souveräns zu stärken; die Opposition dagegen
+war der Ansicht, es lägen jetzt mehr als je triftige Gründe vor, ihm
+Hindernisse und Schranken entgegenzusetzen. Die Gefahr des Gemeinwesens
+war allerdings Grund genug, einem des Vertrauens würdigen Oberhaupte
+ausgedehnte Gewalt zu verleihen; aber der Umstand, daß dieses Oberhaupt
+dem Lande feindlich gesinnt war, gab einen eben so triftigen Grund
+dafür, ihm die Macht zu entziehen. Eine große Armee aufzustellen, war
+von jeher des Königs Hauptbestreben gewesen, und jetzt mußte ein solches
+Heer gesammelt werden. War man nun nicht auf neue Bürgschaften bedacht,
+so stand zu befürchten, daß die zur Bezwingung Irlands aufgestellten
+Streitkräfte gegen die Freiheit Englands verwendet werden würden. Aber
+auch dies war noch nicht Alles. Es hatte sich ein gräßlicher Verdacht,
+wenn auch ungerecht, doch nicht ganz unnatürlich, vieler Gemüther
+bemächtigt. Die Königin nämlich war eine erklärte Anhängerin der
+römisch-katholischen Kirche; den König hielten die Puritaner, weil er
+sie stets schonungslos verfolgt hatte, nicht für einen aufrichtigen
+Protestanten, und seine Zweideutigkeit war so allgemein bekannt, daß es
+keine Verrätherei mehr gab, deren seine Unterthanen, nur bei einigem
+Anscheine von Grund, ihn nicht für fähig gehalten hätten. Leise tauchte
+das Gerücht auf, der Aufstand der Römisch-Katholischen von Ulster sei
+nichts als ein Theil eines großen Werkes der Finsterniß, daß man in
+Whitehall vorbereitet habe.
+
+
+[_Die Remonstration._] Am 22. November 1641 fand nach einem Vorspiele
+von einigen Wochen der erste große parlamentarische Kampf zwischen den
+Parteien statt, die seitdem stets um die Regierung der Nation gestritten
+haben und noch darum streiten. Die Opposition stellte den Antrag, das
+Haus der Gemeinen möge dem Könige eine Vorstellung übergeben, in der die
+Fehler, die er seit seiner Thronbesteigung in der Verwaltung begangen,
+aufgezählt würden, und die zugleich das Mißtrauen ausdrücke, mit dem das
+Volk seine Politik betrachte. Dieselbe Versammlung, die noch vor wenig
+Monaten einstimmig die Abschaffung der Mißbräuche gefordert hatte, war
+jetzt in zwei heftig erbitterte Parteien von fast gleicher Stärke
+getheilt. Nach einer mehrstündigen heißen Debatte ward die beantragte
+Remonstration mit nur elf Stimmen angenommen.
+
+Der conservativen Partei war das Ergebniß dieses Kampfes ungemein
+günstig. Daß sie binnen kurzer Zeit das Übergewicht im Unterhause
+erlangen würde, war unzweifelhaft, wenn nicht eine große Unbesonnenheit
+es verhinderte. Des Oberhauses hatte sie sich schon bemächtigt; es
+fehlte nichts zur völligen Sicherung ihres Erfolgs, als daß der König in
+seinem ganzen Verhalten Achtung vor den Gesetzen und gewissenhafte Treue
+gegen seine Unterthanen an den Tag legte.
+
+Seine ersten Maßregeln versprachen Gutes. Wie es schien, hatte er die
+Nothwendigkeit eines vollständigen Wechsels des Systems erkannt und sich
+klüglich dem zugewendet, was nicht länger vermieden werden konnte. Offen
+erklärte er seinen Entschluß, daß er in Übereinstimmung mit den Gemeinen
+regieren und deshalb nur Männer zu seinen Räthen wählen wolle, in deren
+Fähigkeiten und Charakter sie volles Vertrauen setzten. Und diese Wahl
+fiel auch wirklich nicht übel aus. Falkland, Hyde und Colepepper, drei
+Männer, die sich durch den Eifer für Abstellung von Mißbräuchen und
+Bestrafung schlechter Minister hervorgethan, wurden eingeladen, die
+Stellung als vertraute Räthe der Krone einzunehmen, und sie erhielten
+auch von Karl die feierliche Versicherung, daß er ohne ihr Mitwissen
+keinen Schritt unternehmen wolle, der in irgend einer Weise das
+Unterhaus verletze.
+
+Hätte er dieses Versprechen gehalten, so würde ohne allen Zweifel die
+Reaktion, die bereits im Fortschreiten begriffen, bald so stark geworden
+sein, als es die besten Royalisten nur immer wünschen konnten. Die
+heftigen Mitglieder der Opposition begannen schon an dem glücklichen
+Erfolge ihrer Partei zu verzweifeln, für ihre eigene Sicherheit zu
+fürchten und von dem Verkaufen ihrer Güter und der Übersiedelung nach
+Amerika zu sprechen. Daß die helle Aussicht, die sich dem Könige bereits
+eröffnet, sich plötzlich verdunkelte, daß sein Leben durch
+Widerwärtigkeit getrübt und endlich gewaltsam verkürzt wurde, ist nur
+seiner eigenen Treulosigkeit und Verhöhnung der Gesetze beizumessen.
+
+Daß er beide Parteien, in die das Haus der Gemeinen sich theilte, haßte,
+ist wahrscheinlich, und man kann sich darüber nicht wundern, denn in
+beiden Parteien waren Freiheits- und Ordnungsliebe, wenn auch in
+verschiedenen Verhältnissen, stets gemischt vorhanden. Die Rathgeber,
+die zu berufen ihn die Nothwendigkeit gezwungen, waren durchaus nicht
+Männer nach seinem Herzen; sie hatten an der Verurtheilung seiner
+Tyrannei, an der Schmälerung seiner Macht und der Bestrafung seiner
+Werkzeuge Theil genommen. Nun waren sie allerdings bereit, durch streng
+gesetzliche Mittel seine streng gesetzlichen Rechte zu vertheidigen,
+aber sie würden vor dem Gedanken zurückgeschaudert sein, Wentworths
+Pläne des »Durch« wieder in Angriff zu nehmen. Aus diesem Grunde hielt
+sie der König für Verräther, die sich nur durch den Grad ihrer
+aufrührerischen Bosheit von Pym und Hampden unterschieden.
+
+
+[_Anklage der fünf Mitglieder._] Einige Tage nach dem den Häuptern der
+constitutionellen Royalisten geleisteten Versprechen, daß kein wichtiger
+Schritt ohne ihr Mitwissen gethan werden solle, faßte er die
+verhängnißvollste Entschließung seines ganzen Lebens, verbarg sie ihnen
+sorgfältig und brachte sie in einer Weise zur Ausführung, die sie mit
+Scham und Schrecken erfüllte. Er gab dem Kronanwalt Auftrag, Pym,
+Hollis, Hampden und andere Mitglieder des Hauses der Gemeinen vor den
+Schranken des Hauses der Lords als Hochverräther anzuklagen. Noch nicht
+zufrieden mit dieser schweren Verletzung der Magna Charta und des
+ununterbrochenen Gebrauchs von Jahrhunderten, erschien er in
+Person, unter Begleitung von Bewaffneten, um in den Mauern des
+Parlamentsgebäudes selbst die Führer der Opposition zu verhaften.
+
+Der Versuch mißlang, denn die angeklagten Mitglieder hatten kurz vor
+Karls Erscheinen das Haus verlassen. Sowohl im Parlamente als im Lande
+folgte nun ein plötzlicher und heftiger Umschwung der Stimmung. Die
+gelindeste Ansicht, welche die parteilichsten Verfechter des Königs über
+sein Verhalten bei dieser Gelegenheit je gehegt haben, ist die, daß er
+schwach genug gewesen sei, sich von den schlechten Rathschlägen seiner
+Frau und seiner Höflinge zu einer unerhörten Unbesonnenheit hinreißen zu
+lassen. Die allgemeine Stimme aber klagte ihn laut eines weit schwerern
+Vergehens an. In demselben Augenblicke, in dem seine Unterthanen, lange
+durch seine schlechte Verwaltung ihm entfremdet, mit Gefühlen des
+Vertrauens und der Liebe zu ihm zurückkehren wollten, führte er einen
+tödtlichen Streich auf ihre theuersten Rechte, auf die Vorrechte des
+Parlaments, überhaupt auf das ganze Prinzip der Geschwornengerichte, und
+zeigte, daß er eine Opposition gegen seine Willkürpläne für eine nur
+durch Blut zu sühnende Schuld betrachte. Er war nicht nur seinem großen
+Rathe und seinem Volke, sondern auch seinen eigenen Anhängern untreu
+geworden, und hatte einen Schritt zu thun gewagt, der wahrscheinlich
+einen blutigen Kampf an dem Stuhle des Sprechers hervorgerufen haben
+würde, wenn ihn ein unvorhergesehener Zufall nicht verhindert hätte. Es
+fühlten jetzt die einflußreichsten Männer im Unterhause, daß nicht nur
+ihre Macht und Popularität, sondern auch ihre Güter und Köpfe von dem
+Ausgange des Kampfes, in den sie verwickelt waren, abhingen. Der
+gesunkene Eifer der dem Hofe entgegenstehenden Partei erhob sich
+plötzlich wieder zu neuem Leben. Die ganze Nacht, die auf den Frevel
+folgte, stand die City von London unter Waffen. Die der Hauptstadt
+zuführenden Straßen waren nach wenig Stunden schon mit Schaaren von
+Freisassen bedeckt, welche mit den Zeichen der Parlamentssache an den
+Hüten nach Westminster eilten. Die Opposition im Hause der
+Gemeinen wurde plötzlich unwiderstehlich und setzte, bei einem
+Stimmenverhältnisse von mehr als zwei gegen eine, Beschlüsse von
+beispielloser Heftigkeit durch. Die Wache in Westminsterhall wurde von
+starken Abtheilungen der Landmiliz besetzt und regelmäßig abgelös't.
+Eine wüthende Menge belagerte täglich die Thüren des königlichen
+Palastes, ihre Schmähungen und Flüche drangen bis in das Audienzgemach,
+und die Hofdiener konnten den Andrang kaum von den königlichen Zimmern
+abhalten. Wäre Karl noch länger in der stürmisch aufgeregten Hauptstadt
+geblieben, die Gemeinen würden wahrscheinlich einen neuen Vorwand
+gefunden haben, um ihn, unter Beobachtung äußerer Formen der
+Ehrerbietung, zum Staatsgefangenen zu machen.
+
+
+[_Karls Abreise von London._] Er verließ London, um nicht eher dorthin
+zurückzukehren, bis der Tag einer furchtbaren und denkwürdigen
+Abrechnung gekommen war. Es begann eine Unterhandlung, die mehrere
+Monate dauerte. Anklagen und Gegenanklagen wechselten zwischen den
+streitenden Parteien; jede friedliche Schlichtung war unmöglich
+geworden. Auch den König ereilte endlich die sichere Strafe, die den
+steten Verrath treffen muß. Umsonst verpfändete er jetzt sein
+königliches Wort, umsonst rief er den Himmel zum Zeugen der
+Aufrichtigkeit seiner Versicherungen an; das Mißtrauen seiner Gegner war
+weder durch Schwüre noch durch Verträge zu verbannen, denn sie hegten
+die Überzeugung, daß ihre Sicherheit von seiner völligen Hilflosigkeit
+abhinge, und aus diesem Grunde bestanden sie darauf, er solle nicht nur
+auf die Vorrechte verzichten, die er sich durch die Verletzung alter
+Gesetze und seiner eigenen noch kürzlich geleisteten Versprechen
+angemaßt hatte, sondern auch auf andere, in deren Besitz die englischen
+Könige seit undenklichen Zeiten waren und noch bis auf den heutigen Tag
+sind. Es sollte ohne Zustimmung der Häuser kein Minister ernannt, kein
+Pair gewählt werden, und vor Allem sollte der Souverain sich der
+höchsten Militairgewalt entäußern, die seit einer Zeit, deren sich
+niemand mehr erinnert, der königlichen Würde angehört hatte.
+
+Daß Karl auf solche Forderungen eingehen würde, so lange er noch irgend
+ein Widerstandsmittel besaß, ließ sich nicht erwarten; aber es würde
+auch schwer sein, den Nachweis zu liefern, daß die Häuser mit Sicherheit
+weniger hätten fordern können. Die große Mehrzahl der Nation hielt fest
+an der erblichen Monarchie; der republikanisch Gesinnten waren nur noch
+wenige, und diese wagten nicht, ihre Meinung laut auszusprechen. Die
+Abschaffung des Königthums war daher eine Unmöglichkeit; aber zugleich
+war es klar, daß man in den König kein Vertrauen setzen durfte. Es
+hätten Diejenigen, die sein Streben nach ihrer Vernichtung aus jüngster
+Erfahrung kannten, widersinnig gehandelt, wenn sie sich damit begnügt
+hätten, ihm eine andere Bitte um Recht einzureichen, und von ihm neue,
+denen ähnliche Versprechungen anzunehmen, die er wiederholt gegeben und
+nicht gehalten hatte. Nur der Mangel einer Armee hatte ihn verhindert,
+die alte Reichsverfassung völlig umzustürzen. Die Wiedereroberung
+Irlands hatte die Aufstellung einer großen regelmäßigen Armee nöthig
+gemacht, es wäre daher reiner Wahnsinn gewesen, hätte man die volle
+Militairgewalt, wie sie seine Vorfahren besaßen, in seinen Händen lassen
+wollen.
+
+Befindet sich ein Land in der Lage, in der sich damals England befand,
+wird das königliche Amt mit Liebe und Verehrung, aber die dasselbe
+verwaltende Person mit Haß und Mißtrauen betrachtet, so sollte man
+meinen, daß der einzuschlagende Ausweg nicht fern läge: die Würde des
+Amtes aufrecht zu halten, und die Person zu beseitigen. Diesen Weg
+wählten unsere Vorfahren 1399 und 1689. Hätte im Jahre 1642 ein Mann
+gelebt, der eine Stellung wie Heinrich von Lancaster zur Zeit der
+Entthronung Richards II., oder wie der Prinz von Oranien zur Zeit der
+Thronentsetzung Jakobs II. einnahm, so ließe sich annehmen, daß die
+Häuser die Dynastie gewechselt, aber keine förmliche Veränderung der
+Verfassung ausgeführt haben würden, und der neue König, durch ihre Wahl
+zu dem Throne berufen und abhängig von ihrer Unterstützung, hätte
+nothwendig in Übereinstimmung mit ihren Wünschen und Ansichten regieren
+müssen. Aber die Partei des Parlaments zählte keinen Prinzen von
+königlichem Geblüte zu ihren Anhängern, und wenn sie auch Männer von
+hohem Range und ausgezeichneten Fähigkeiten besaß, so war doch keiner
+unter ihnen, der die übrigen dergestalt überragte, daß man ihn als
+Throncandidaten aufstellen konnte. Da es einen König geben mußte, und
+ein neuer nicht zu finden war, so stellte sich die Nothwendigkeit
+heraus, Karl den königlichen Titel zu belassen, und es blieb nur der
+eine Ausweg übrig, den Titel von den Hoheitsrechten zu trennen.
+
+Schien auch die Änderung, welche die Häuser an unsern Institutionen
+vorzunehmen beschlossen, eine weitumfassende, als man sie genau in
+Vertragsartikel geordnet hatte; so ging sie doch in der That um nicht
+viel weiter als jene Änderung, welche in der nächsten Generation die
+Revolution hervorbrachte. Der Souverain ward in der Revolution
+allerdings nicht durch ein Gesetz der Macht beraubt, seine Minister zu
+wählen; aber es steht auch fest, daß es seit der Revolution keinem
+Minister möglich war, länger als sechs Monate im Amte zu bleiben, wenn
+das Haus der Gemeinen widersprach. Der Souverain hat zwar noch immer die
+Gewalt Pairs zu ernennen, und die noch viel wichtigere des Schwertes;
+aber er ist seit der Revolution bei Ausübung dieser Gewalten stets von
+Räthen umgeben gewesen, die das Vertrauen der Volksvertreter besaßen.
+Die Führer der Rundköpfe vom Jahre 1642 und die Staatsmänner, die
+vielleicht ein halbes Jahrhundert später die Revolution hervorriefen,
+verfolgten in der That genau dasselbe Ziel, und dieses Ziel war, den
+Streit zwischen der Krone und dem Parlamente dadurch zu Ende zu bringen,
+daß man dem Letztern die Oberaufsicht über die executive Verwaltung
+zuertheilte. Die Staatsmänner der Revolution bewirkten dies indirekt
+durch einen Dynastie-Wechsel. Die Rundköpfe von 1642 mußten einen
+direkten Weg zum Ziele einschlagen, da sie den Dynastie-Wechsel nicht
+bewirken konnten.
+
+Es darf uns jedoch nicht befremden, wenn die Forderungen der Opposition,
+die eine vollständige und förmliche Übertragung aller der Krone bisher
+angehörigen Befugnisse auf das Parlament umfaßten, jene große Partei
+abschreckten, deren charakteristische Merkmale Achtung vor gesetzlicher
+Autorität und Furcht vor gewaltsamen Neuerungen waren. Diese Partei
+hatte noch kürzlich die Hoffnung gehegt, die Erlangung des Übergewichts
+in dem Hause der Gemeinen durch friedliche Mittel zu bewirken; in dieser
+Hoffnung aber war sie getäuscht. Karl hatte durch seine Treulosigkeit
+die alten Feinde unversöhnlich gemacht, eine Anzahl gemäßigter und im
+Übertritte zu ihm begriffener Männer in die Reihen der Mißvergnügten
+zurückgetrieben, und seine besten Freunde so tief gekränkt, daß sie sich
+eine Zeit lang beschämt und entrüstet zurückzogen. Jetzt aber mußten die
+constitutionellen Royalisten unter zwei Gefahren wählen, und sie hielten
+es für Pflicht, eher zu einem Fürsten zu stehen, dessen bisheriges
+Verfahren sie verabscheuten und dessen Worten sie wenig Vertrauen
+schenkten, als eine Entwürdigung des königlichen Amtes und eine völlige
+Umgestaltung der Reichsverfassung zu dulden. Mit diesen Gefühlen traten
+viele Männer, deren Tugenden und Fähigkeiten einer jeden Sache zur Ehre
+gereicht haben würden, auf die Seite des Königs.
+
+
+[_Anfang des Bürgerkriegs._] Im August 1642 griff man endlich zum
+Schwerte, und fast in jeder Grafschaft des Königreichs standen zwei
+bewaffnete Parteien einander feindlich gegenüber. Welche von den
+streitenden Parteien anfangs die furchtbarste war, läßt sich schwer
+bestimmen. Die Häuser geboten über London und die umliegenden
+Grafschaften, über die Flotte, die Themseschifffahrt und die meisten
+großen Städte und Seehäfen; fast alle Kriegsvorräthe im Königreiche
+standen zu ihrer Verfügung, so daß sie Zölle sowohl von Waaren, aus
+fremden Ländern eingeführt, als auch von einigen wichtigen Erzeugnissen
+inländischer Industrie erheben konnten. Der König war mit Artillerie und
+Munition schlecht versehen. Die Steuern, welche er aus den von seinen
+Truppen besetzten Landbezirken zog, lieferten einen weit geringern
+Ertrag, als der, den das Parlament allein aus der City von London erhob.
+Zwar ist es nicht zu läugnen, daß die Freigebigkeit seiner reichen
+Anhänger ihn mit Geldmitteln unterstützte, daß viele von ihnen ihr
+Grundeigenthum mit Schulden belasteten, ihre Juwelen verpfändeten und
+ihre silbernen Geräthe und Taufbecken zu Gelde machten, um ihm zu
+helfen; allein die Erfahrung hat vollständig bewiesen, daß die
+freiwillige Aufopferung Einzelner, selbst in den Zeiten der größten
+Aufregung, gegen eine strenge regelmäßige Besteuerung, die willige und
+zähe Zahler zugleich drückt, nur eine dürftige finanzielle Hilfsquelle
+ist.
+
+Karl besaß jedoch einen Vortheil, der nicht nur den Mangel an Vorräthen
+und Geld mehr als aufgewogen haben würde, wenn er ihn gut benützt hätte,
+sondern ihm auch, ungeachtet der schlechten Führung, einige Monate lang
+die Überlegenheit im Kriege gab. Seine Truppen kämpften anfangs viel
+besser, als die des Parlaments. Bestanden auch beide Armeen fast nur aus
+Leuten, die nie ein Schlachtfeld gesehen hatten, so war dennoch der
+Unterschied ein großer. In den Reihen der Parlamentstruppen standen eine
+Menge Miethlinge, die Mangel und Müßiggang bewogen hatten, sich anwerben
+zu lassen. Hampdens Regiment hielt man für eins der Besten; aber selbst
+dieses Regiment schildert Cromwell nur als eine zusammengelaufene Bande
+von unbeschäftigten Kellnern und Bedienten. Die Armee des Königs dagegen
+bestand größtentheils aus muthigen, begeisterten Gentlemen, gewohnt, den
+Tod der Schande vorzuziehen, im Fechten und im Gebrauche der Feuerwaffe
+geübt, als kecke Reiter vertraut mit der männlichen und gefahrvollen
+Lust der Jagd, die man passend ein Bild des Krieges genannt hat. Solche
+Männer, ihre Leibrosse unter sich und kleine Schaaren kommandirend, die
+aus ihren jüngern Brüdern, ihren Stallknechten, Wildhütern und Jägern
+zusammengestellt waren, zeigten sich schon am ersten Tage des Feldzugs
+befähigt, in einem Gefecht mit Ehren zu bestehen. Zwar brachten es diese
+tapfern Freiwilligen nie zu der Ausdauer, dem pünktlichen Gehorsam und
+der maschinenmäßigen Präzision in den Bewegungen, die den regulären
+Soldaten eigen sind; aber man stellte sie anfangs Feinden entgegen, die
+eben so undisziplinirt wie sie, und bei weitem nicht so unternehmend,
+stark und beherzt waren. Aus diesem Grunde fochten die Cavaliere eine
+Zeit lang fast immer mit Glück.
+
+Auch in der Wahl eines Generals war das Parlament unglücklich gewesen.
+Der Rang und Reichthum des Grafen Essex machten ihn zu einem der
+bedeutendsten Glieder der Parlamentspartei. Er hatte ruhmvoll auf dem
+Continente gefochten, und bei dem Beginne des Krieges ward er als
+Militair so hoch geachtet, wie nur irgend ein Mann im Lande; aber bald
+zeigte es sich, daß er dem Posten des Oberbefehlshabers nicht gewachsen
+war. Er hatte wenig Energie und durchaus keinen erfinderischen Geist, so
+daß ihn die im pfälzischen Kriege erlernte regelmäßige Taktik nicht vor
+dem Schimpfe bewahrte, sich von einem Anführer wie Ruprecht, der keinen
+höhern Ruhm als den eines kühnen Parteigängers beanspruchen konnte,
+überrumpeln und zersprengen zu lassen.
+
+Ebenso wenig waren die Offiziere, denen man unter Essex die Hauptposten
+anvertraut hatte, geeignet, das zu ersetzen, was ihm fehlte. Das
+Parlament kann man dafür nicht verantwortlich machen. In einem Reiche,
+in dem seit Menschengedenken kein großer Landkrieg geführt war, suchte
+man vergebens nach Generalen von erprobter Kunst und Tapferkeit, mußte
+daher anfangs unerprobten Männern vertrauen und gab natürlich von diesen
+denen den Vorzug, die sich entweder durch ihre Stellung, oder durch ihre
+im Parlamente entwickelten Fähigkeiten hervorgethan hatten. Aber auch
+nicht eine einzige Wahl war eine glückliche zu nennen; weder die großen
+Herren noch die großen Redner zeigten sich als gute Soldaten. Der Graf
+von Stamford, einer der bedeutendsten Männer des hohen Adels, ward bei
+Stratton von den Royalisten geschlagen; Nathaniel Fiennes, der an
+Fähigkeiten in bürgerlichen Angelegenheiten keinem seiner Zeitgenossen
+nachstand, bedeckte sich durch die kleinmüthige Übergabe von Bristol mit
+Schmach. Von allen Staatsmännern, die in jener Zeit hohe Militairposten
+empfingen, scheint Hampden allein auch im Felde die Fähigkeit und
+Energie gezeigt zu haben, durch die er sich in der Politik auszeichnete.
+
+
+[_Erfolge der Royalisten._] Nach Verlauf eines Jahres waren alle
+Kriegsvortheile entschieden auf Seiten der Royalisten. In den westlichen
+und nördlichen Grafschaften hatten sie gesiegt, sie hatten dem
+Parlamente Bristol, die zweite Stadt des Königreichs, entrissen, und
+mehrere Schlachten gewonnen, ohne eine einzige ernste oder schimpfliche
+Niederlage zu erleiden. Unter den Rundköpfen dagegen begann das
+Mißgeschick Uneinigkeit und Unzufriedenheit hervorzurufen; das Parlament
+ward bald durch Komplote, bald durch Tumulte in einer steten Aufregung
+erhalten, so daß man es für nöthig erachtete, London gegen die
+königliche Armee zu befestigen, und einige mißvergnügte Bürger an ihren
+eigenen Hausthüren aufzuhängen. Mehrere der bekanntesten Pairs, die bis
+dahin zu Westminster geblieben waren, flüchteten an den Hof, damals zu
+Oxford, und unbezweifelt würde Karl im Triumphe nach Whitehall marschirt
+sein, wenn zu dieser Zeit die Operationen der Cavaliere durch
+scharfsinnige und energische Köpfe geleitet worden wären.
+
+Aber der König ließ den günstigen Augenblick vorübergehen, und dieser
+Augenblick kam nie wieder. Im August 1643 belagerte er die Stadt
+Gloucester, die von den Einwohnern und der Garnison mit einer
+Hartnäckigkeit vertheidigt ward, wie sie die Anhänger des Parlamentes
+seit dem Beginn des Krieges nicht gezeigt hatten. Dieses Beispiel
+erweckte den Eifer Londons, und die Miliz der City erklärte sich bereit,
+nach allen Orten zu gehen, wo man ihrer Dienste bedürfe. Man sammelte
+schnell eine beträchtliche Streitmacht, und ließ sie nach dem Westen
+ausrücken. Man entsetzte Gloucester. In allen Theilen des Königreichs
+verloren die Royalisten den Muth, die Parlamentspartei ward von neuem
+begeistert, und die abtrünnigen Lords, welche jüngst von Westminster
+nach Oxford geflohen waren, kehrten eilig von Oxford nach Westminster
+zurück.
+
+
+[_Erstehen der Independenten._] Neue beunruhigende Symptome zeigten
+sich nun in dem kranken Staatskörper. Von Anfang an hatte die
+Parlamentspartei Männer gehabt, die Pläne zu verwirklichen suchten, vor
+denen die Mehrzahl dieser Partei zurückgebebt wäre. Diese Männer waren
+Independenten in religiöser Beziehung. Sie waren der Ansicht, jede
+christliche Gemeinde sei nach Christus die höchste Gerichtsstelle in
+geistlichen Angelegenheiten, Berufungen an Provinzial- und
+National-Synoden seien der heiligen Schrift eben so sehr entgegen, als
+Berufungen an den erzbischöflichen Gerichtshof oder den Vatican, und
+Papstthum, Prälatur und Presbyterianismus seien nur drei Formen einer
+und derselben großen Apostasie. In der Politik waren die Independenten,
+um sie mit der Benennung ihrer Zeit zu bezeichnen, Wurzel- und
+Zweig-Männer, oder, um einen verwandten Ausdruck unserer Zeit
+anzuwenden, Radicale. Mit der Beschränkung der Macht des Monarchen nicht
+zufrieden, wollten sie auf den Trümmern des alten englischen Staats eine
+Republik errichten. An Zahl wie an Einfluß waren sie anfangs zwar
+unbedeutend gewesen, aber bevor noch der Krieg zwei Jahre gedauert,
+hatten sie sich, wenn auch nicht zu der größten, doch zu der mächtigsten
+Partei im Lande ausgebildet. Die alten parlamentarischen Führer hatte
+theils der Tod geraubt, theils hatten sie selbst das öffentliche
+Vertrauen verscherzt. Pym war mit fürstlichen Ehren neben den
+Plantagenets zur Gruft bestattet; Hampden war seiner würdig gefallen,
+indem er bei einem vergeblichen Versuche, den kühnen Reitern Ruprechts
+standzuhalten, seinen Leuten ein heldenmüthiges Beispiel geben wollte;
+Bedford war der Sache untreu geworden; Northumberland war als ein lauer
+Anhänger bekannt, und Essex sammt seinen Unterbefehlshabern hatte wenig
+Kraft und Befähigung zur Leitung der Kriegsoperationen bewiesen. Unter
+diesen Umständen begann die feurige, entschlossene und hartnäckige
+Independenten-Partei sowohl im Lager als im Hause der Gemeinen ihr Haupt
+zu erheben.
+
+
+[_Oliver Cromwell._] Die Seele dieser Partei war Oliver Cromwell. Er war
+zu friedlichen Beschäftigungen erzogen, hatte aber doch, schon über
+vierzig Jahre alt, eine Stelle in der Parlamentsarmee angenommen. Kaum
+Soldat geworden, erkannte er mit dem hellen Blicke des Genie's, was
+Essex und Genossen, trotz aller ihrer Erfahrung, nicht erkannt hatten.
+Ihm ward sofort klar, worin die Stärke der Royalisten bestand, und
+welche Mittel zur Bewältigung derselben anzuwenden seien. Er erkannte,
+daß eine Reorganisation des Parlamentsheeres nothwendig, und daß zu
+diesem Zwecke reiches und vortreffliches Material vorhanden sei, wenn
+auch nicht so glänzendes, aber doch zuverlässigeres als das, aus dem die
+tapfern Schwadronen des Königs gebildet waren. Es mußten Rekruten
+beschafft werden, die nicht nur als Miethlinge dienten, sondern aus
+anständigen Lebensverhältnissen kamen, und einen ernsten Charakter,
+Gottesfurcht und Eifer für die öffentliche Freiheit besaßen. Solche
+Männer stellte er in die Reihen seines eigenen Regimentes, und indem er
+sie einer strengen, bis dahin in England unbekannten Disziplin
+unterwarf, wirkte er zugleich durch Reizmittel von außerordentlicher
+Kraft auf ihre geistige und sittliche Natur.
+
+Die Ereignisse des Jahres 1644 lieferten den vollständigen Beweis von
+der Überlegenheit seines Geistes. Im Süden, unter Essex' Oberbefehl,
+erlitten die Truppen des Parlaments eine schimpfliche Niederlage nach
+der andern; im Norden aber ward durch den Sieg bei Marston Moor ein
+reicher Ersatz für alles Das geboten, was andernorts verloren ging. Den
+Royalisten war dieser Sieg kein härterer Schlag, als der Partei, die in
+Westminster bis dahin das Übergewicht gehabt, denn man wußte allgemein,
+daß die Energie Cromwells und der ausdauernde Muth der von ihm
+gebildeten Truppen die Schlacht, welche die Presbyterianer schimpflich
+verloren, wieder gewonnen hatten.
+
+
+[_Selbstverleugnungsverordnung._] Die Selbstverleugnungsverordnung und
+die neue Organisation der Armee waren Folgen dieser Begebenheiten. Essex
+und die meisten derjenigen Männer, die unter ihm hohe Posten eingenommen
+hatten, wurden unter schicklichen Vorwänden und mit allen Zeichen der
+Achtung entlassen; die Führung des Kriegs ward andern Händen übergeben.
+Fairfax, ein tapferer Soldat, aber ein Mann von mittelmäßigen
+Fähigkeiten und unentschlossenem Charakter, wurde dem Namen nach
+Generalissimus der Armee, Cromwell aber war das eigentliche Haupt
+derselben.
+
+Cromwell organisirte nun eilig die ganze Armee nach denselben
+Grundsätzen, nach denen er die Organisation seines eigenen Regimentes
+bewirkt hatte, und mit der Vollendung dieses Werkes war auch der Ausgang
+des Krieges entschieden. Die Cavaliere standen nun einem natürlichen
+Muthe gegenüber, der nicht geringer als ihr eigener war, einem höhern
+Enthusiasmus, als sie selbst besaßen, und einer Disziplin, die ihnen
+durchaus mangelte. Daß die Soldaten des Fairfax und Cromwell von anderer
+Zucht seien, als die des Essex, wurde bald sprichwörtlich.
+
+
+[_Sieg des Parlaments._] Der erste große Zusammenstoß der Royalisten und
+der neuorganisirten Armee der beiden Häuser hatte bei Naseby statt; der
+Sieg der Rundköpfe war vollständig und entscheidend, und andere Triumphe
+reiheten sich ihm in kurzer Zeit an. Wenig Monate genügten, und die
+Autorität des Parlaments war vollständig im ganzen Königreiche
+hergestellt. Karl flüchtete zu den Schotten, und diese lieferten ihn
+seinen englischen Unterthanen in einer Weise aus, die ihrem
+Nationalcharakter wenig Ehre machte.
+
+Noch war der Ausgang des Krieges zweifelhaft, und schon hatte das
+Parlament den Primas hinrichten, den Gebrauch der Liturgie, soweit sich
+seine Autorität erstreckte, verbieten lassen, und Jedermann
+aufgefordert, jene berühmte Urkunde zu unterschreiben, die unter dem
+Namen der feierlichen Ligue und des Covenants bekannt ist. Nach
+beendigtem Kampfe ward das Werk der Neuerung und Rache mit erhöhtem
+Eifer fortgesetzt. Man veränderte die Kirchenverfassung des Königreichs
+und verjagte die meisten Mitglieder des alten Klerus aus ihren Pfründen.
+Den Royalisten, die schon durch die dem Könige gewährten reichen
+Unterstützungen verarmt waren, wurden so hohe Geldbußen auferlegt, daß
+sie völlig zu Grunde gingen. Viele Güter wurden confiscirt und viele
+geächtete Cavaliere fanden es gerathen, den Schutz einflußreicher
+Mitglieder der siegenden Partei mit großen Kosten zu erkaufen.
+Ausgedehnte Besitzungen der Krone, der Bischöfe und Kapitel zog man ein
+und vergab sie entweder an Andere, oder verkaufte sie öffentlich, so daß
+in Folge dieser Beraubungen ein großer Theil des Bodens von England auf
+einmal feilgeboten wurde. Da nur wenig Geld vorhanden, der Markt
+überfüllt, der Besitztitel unsicher und die Furcht vor mächtigen
+Kauflustigen der freien Mitbewerbung hinderlich war, waren die Preise
+oft nur dem Namen nach vorhanden. Spurlos verschwanden auf diese Weise
+viele alte und ehrenwerthe Familien, und viele bis dahin unbekannte
+Leute wurden in kurzer Zeit reich.
+
+Während aber die Häuser in dieser Art ihre Autorität geltend machten,
+ward sie plötzlich ihren Händen entrissen. Das Parlament hatte diese
+Autorität dadurch erlangt, daß man eine Gewalt erschaffen, der keine
+Schranken gesetzt werden konnten. Im Sommer 1647, nachdem ungefähr zwölf
+Monate verflossen, seit der letzte feste Platz der Cavaliere sich dem
+Parlamente ergeben, mußte das Parlament sich seinen eigenen Soldaten
+unterwerfen.
+
+
+[_Herrschaft und Charakter der Armee._] Nun folgte ein Zeitraum von
+dreizehn Jahren, in dem England, wenn auch unter verschiedenen Namen und
+Formen, in der That durch das Schwert regiert ward. Weder vor noch nach
+dieser Zeit ist in unserm Vaterlande die bürgerliche Gewalt einer
+Militairdictatur unterworfen gewesen.
+
+Die Armee, die nun die Hauptmacht im Staate bildete, war von allen denen
+sehr verschieden, die wir seitdem kennen gelernt haben. Die Löhnung des
+gemeinen Soldaten ist jetzt der Art, daß sie nur die unterste Klasse der
+Arbeiter Englands reizen kann, ihren Stand aufzugeben. Der Gemeine ist
+von dem höhern Offizier durch eine fast unübersteigliche Schranke
+getrennt. Von allen denen, die im Militairdienste avancirt sind, hat die
+größere Mehrzahl die Stellen erkauft. Die entfernten Besitzungen
+Englands sind so zahlreich und ausgedehnt, daß jeder in den Kriegsdienst
+Eintretende fürchten muß, entweder viele Jahre im Exile, oder einige
+Jahre unter Himmelsstrichen zu verleben, die auf Gesundheit und Kraft
+eines Europäers nachtheilig einwirken. Die Armee des langen Parlaments
+war für den Dienst im Inlande bestimmt; die Löhnung des gemeinen
+Soldaten war bedeutend höher als der Lohn, den die große Masse des
+Volkes durch Arbeit verdiente, und jeder, der sich durch Einsicht und
+Tapferkeit auszeichnete, hatte Hoffnung auf höhere Stellungen. So kam
+es, daß in den Reihen des Heeres Leute standen, die an Stand und Bildung
+die große Masse überragten, nüchtern, sittlich, fleißig und zu denken
+gewöhnt waren, Leute, die weder aus Hang zur Veränderung und
+Zügellosigkeit, noch durch die Kniffe der Werbeoffiziere veranlaßt,
+sondern aus religiösem und politischem Eifer und mit dem Streben nach
+Auszeichnung und Beförderung die Waffen ergriffen hatten. Diese Soldaten
+sprachen in ihren feierlichen Beschlüssen mit Stolz aus, daß sie weder
+durch Zwang, noch aus Gewinnsucht Dienste genommen, daß sie nicht
+Janitscharen seien, sondern freigeborene Engländer, die aus eigenem
+Antriebe für die Freiheit und die Religion Englands ihr Leben
+einsetzten, und deren Recht und Pflicht es wäre, die Wohlfahrt der
+Nation, die sie gerettet hätten, zu bewachen.
+
+Einem aus solchen Elementen hervorgegangenen Heere konnte man ohne
+Nachtheil für die Wirksamkeit desselben einige Freiheiten nachsehen, die
+bei andern Truppen alle Disziplin aufgelöst haben würden. Gewöhnlich
+werfen Soldaten, die politische Klubs bilden, Abgeordnete erwählen und
+Beschlüsse über wichtige politische Fragen fassen, jeden Zwang ab, hören
+auf eine Armee zu sein und werden die schlechtesten und gefährlichsten
+Pöbelhaufen. In unserer Zeit würde es nicht gerathen sein, religiöse
+Zusammenkünfte in irgend einem Regimente zu gestatten, bei denen ein
+Korporal, der in der Bibel belesen, die Andachtsübungen seines weniger
+aufgeklärten Obersten leitete, oder einen vom Glauben abgefallenen Major
+Zurechtweisungen ertheilte. Aber die Krieger, die Cromwell gebildet,
+waren so einsichtsvoll, so ernst und so mächtig ihrer selbst, daß,
+unbeschadet der militairischen Organisation, eine politische und
+religiöse in ihrem Lager bestehen konnte. Leute, die außer dem Dienste
+als Demagogen und als Prediger im freien Felde verrufen waren,
+zeichneten sich durch Beharrlichkeit, Liebe zur Ordnung und durch
+strengen Gehorsam sowohl auf der Wache und bei den Exercitien, als auf
+dem Kampfplatze aus.
+
+Im Kriege war dieser wunderbaren Armee nicht zu widerstehen. Das System
+Cromwells hatte den unbeugsamen Muth, der dem englischen Volke eigen
+ist, nicht nur geregelt, es feuerte ihn auch an. Andere Führer haben
+eine eben so strenge Ordnung eingeflößt und ihren Leuten nicht minder
+glühenden Eifer eingeflößt, aber nur in seinem Lager fand man strenge
+Disziplin und feurigen Enthusiasmus gepaart Mit der Genauigkeit von
+Maschinen, obgleich wie Kreuzfahrer fanatisirt, rückten seine Truppen
+zum Siege. Von der Reorganisation bis zu seiner Auflösung hat das Heer
+weder auf den britischen Inseln noch auf dem Festlande einen Feind
+gefunden, der seinem Angriffe widerstehen konnte. In England,
+Schottland, Irland und Flandern haben die puritanischen Soldaten, wenn
+auch oft mit Schwierigkeiten und nicht selten gegen eine dreifach
+überlegene Macht kämpfend, nicht nur stets den Sieg errungen, sie haben
+auch jedes ihnen entgegenstehende Heer völlig geschlagen und vernichtet,
+so daß sie zuletzt den Tag der Schlacht als einen Tag unfehlbaren Siegs
+betrachteten und mit stolzer Zuversicht den berühmtesten Bataillonen
+Europa's entgegenrückten. Turenne staunte über das wilde Jubelgeschrei,
+mit dem seine englischen Verbündeten zum Kampfe gingen, und als er
+erfuhr, daß die Lanzenträger Cromwells stets mit hoher Freude dem Feinde
+in's Angesicht sähen, sprach er die höchste Zufriedenheit des wahren
+Soldaten aus. Auch in den verbannten Cavalieren regte sich der
+Nationalstolz, als sie eine Brigade ihrer Landsleute, von den Feinden an
+Zahl überlegen und von ihren Verbündeten verlassen, die schönste
+spanische Infanterie in wirrer Flucht vor sich hinjagen und den Weg zu
+einer Schanze brechen sahen, die so eben erst die tüchtigsten Marschälle
+von Frankreich für unüberwindlich erklärt hatten.
+
+Aber die Hauptauszeichnung der Armee Cromwells vor andern Armeen waren
+die strenge Moralität und Gottesfurcht, die sich in allen Reihen zeigte.
+Selbst die eifrigsten Royalisten haben zugegeben, daß in diesem
+seltsamen Lager nie ein Schwur gehört, nie Trunkenheit und Spiel
+gesehen, und daß in der langen Zeit der Soldatenherrschaft das Eigenthum
+friedlicher Bürger und die Ehre der Frauen stets heilig gehalten worden
+sind. Die etwa vorkommenden Excesse waren von denen, die siegreiche
+Armeen gewöhnlich auszuüben pflegen, sehr verschieden. Es hatte sich
+keine Magd über rohe Galanterie der Rothröcke zu beklagen, und kein
+Goldschmied, daß aus seinem Laden eine Unze Silber genommen sei; aber
+eine pelagianische Predigt, oder ein Fenster, auf dem die Jungfrau mit
+dem Kinde abgebildet war, regten die puritanischen Reihen dergestalt
+auf, daß die Offiziere nur mit großer Anstrengung sie wieder beruhigen
+konnten. Die Musketiere und Dragoner von gewaltsamen Angriffen auf die
+Kanzeln der Geistlichen abzuhalten, deren Reden nicht, wie man sich zu
+jener Zeit ausdrückte, schmackhaft waren, bot für Cromwell eine der
+Hauptschwierigkeiten dar, und viele unserer Kathedralen tragen jetzt
+noch die Zeichen des Hasses, mit dem jene strengen Geister auf jede Spur
+des Papstthums blickten.
+
+
+[_Unterdrückung der Aufstände gegen die Soldatenherrschaft._] Es war
+selbst für diese Armee keine leichte Aufgabe, das englische Volk im
+Zaume zu halten. Sobald die Nation, an eine solche Knechtung nicht
+gewöhnt, den ersten Druck der militairischen Tyrannei fühlte, begann sie
+einen heftigen Kampf dagegen. Selbst in den Grafschaften, die während
+des letzten Krieges dem Parlamente die unterwürfigsten gewesen waren,
+brachen Aufstände los. Das Parlament verabscheute in der That seine
+alten Vertheidiger mehr als seine alten Feinde, und mit Karl auf
+Unkosten der Truppen einen Vergleich zu schließen, war sein lebhaftester
+Wunsch. In Schottland erstand zu derselben Zeit eine Koalition zwischen
+den Royalisten und einer großen Zahl Presbyterianer, welche die Lehren
+der Independenten verabscheuten. Bald kam der Sturm zum Ausbruch. In
+Norfolk, Suffolk, Essex, Kent und Wales erfolgten Aufstände. Die
+Themseflotte zog plötzlich die königliche Flagge auf, stach in See und
+bedrohte die südliche Küste. Eine große schottische Heeresabtheilung
+überschritt die Grenze und rückte bis nach Lancashire vor. Daß alle
+diese Bewegungen von einem großen Theile der Lords und der Gemeinen mit
+stillem Wohlgefallen betrachtet wurden, läßt sich nicht mit Unrecht
+vermuthen.
+
+Aber so war das Joch der Armee nicht abzuwerfen. Während Fairfax die
+Erhebungen in der Umgebung der Hauptstadt niederdrückte, schlug Cromwell
+die Insurgenten von Wales, zerstörte ihre festen Plätze und rückte gegen
+die Schotten vor. Gegen die angreifenden Truppen waren die seinigen nur
+gering an Zahl, aber er war nicht gewohnt, seine Feinde zu zählen. Die
+schottische Armee ward völlig vernichtet. Nun erfolgte eine Veränderung
+in der schottischen Regierung; in Edinburg setzte man eine dem Könige
+feindliche Verwaltung ein, und Cromwell, mehr als je von seinen Soldaten
+geliebt, kehrte triumphirend nach London zurück.
+
+
+[_Verfahren gegen den König._] Nun bildete sich ein Plan zu einer festen
+Form aus, den Niemand bei dem Beginne des Bürgerkrieges auch nur
+anzudeuten gewagt haben würde und der mit der feierlichen Ligue und dem
+Covenant eben so im Widerspruche stand, als mit den alten Gesetzen von
+England. Seit mehrern Monaten hatten die finstern Krieger, welche die
+Nation beherrschten, eine furchtbare Rache an dem gefangenen Könige
+ersonnen. Wann und wie dieser Plan zuerst entstanden, ob er von dem
+Generale in die Reihen der Soldaten, oder von diesen zu dem Generale
+seinen Weg gefunden, ob er der Politik beizumessen ist, welche den
+Fanatismus als ihr Werkzeug benutzte, oder dem Fanatismus, der die
+Politik jäh mit sich fortriß, sind Fragen, die sich selbst heute noch
+nicht mit voller Sicherheit beantworten lassen. Im Allgemeinen aber läßt
+sich annehmen, daß der, der zu leiten schien, in der Wirklichkeit folgen
+mußte, und daß er bei diesem, wie einige Jahre später bei einem andern
+Anlasse, sein eigenes Urtheil und seine eigenen Neigungen den Wünschen
+des Heeres zum Opfer brachte; denn die von ihm erschaffene Macht konnte
+er selbst nicht immer zügeln, und um nach der Regel befehlen zu können,
+mußte er mitunter auch gehorchen. Er gab öffentlich die Erklärung ab,
+daß er weder die Sache angeregt habe, noch um die ersten Schritte wisse,
+daß er dem Parlamente die Ausführung des Streichs nicht habe anrathen
+können, aber daß er seine eigenen Gefühle der Macht der Verhältnisse
+untergeordnet, von der er geglaubt, sie deute die Zwecke der Vorsehung
+an. Man hat gewöhnlich diese Bekenntnisse für Beweise der Heuchelei
+gehalten, die man ihm beizumessen pflegte; aber selbst die, die ihn für
+einen Heuchler halten, werden es gewiß nicht wagen, ihn einen Narren zu
+nennen, und deshalb werden sie darthun müssen, daß er zu irgend einem
+Zwecke das Heer heimlich reizte, den Weg zu betreten, den er offen zu
+empfehlen nicht wagte. Die Annahme wäre widersinnig, daß er, dem selbst
+die achtbarsten Feinde weder muthwillige Grausamkeit noch unversöhnliche
+Rachsucht beigemessen haben, den wichtigsten Schritt seines Lebens aus
+reiner Bosheit gethan haben solle. Er war viel zu klug, um nicht wissen
+zu können, daß er durch das Einwilligen, das geheiligte Blut zu
+vergießen, eine That verübe, die nichts sühnen konnte, und welche nicht
+nur die Royalisten, sondern auch neun Zehntheile der Parlamentspartei
+mit Schmerz und Abscheu erfüllen würde. Mögen Andere Phantomen
+nachgehangen haben, er dachte sicher weder an eine Republik nach antikem
+Muster, noch an das tausendjährige Reich der Heiligen. Wenn er selbst
+schon danach strebte, eine neue Dynastie zu gründen, so wäre Karl I.
+offenbar ein weniger zu fürchtender Mitbewerber gewesen, als Karl II.
+Von dem Augenblicke an, in dem Karl I. starb, würde jeder Cavalier seine
+Loyalität unverkürzt auf Karl II. übertragen haben. Karl I. war ein
+Gefangener, Karl II. lebte in der Freiheit. Karl I. war selbst bei denen
+ein Gegenstand des Mißtrauens und der Abneigung, die bei dem Gedanken an
+seine Ermordung zurückbebten; Karl II. würde alle die Theilnahme für
+sich gehabt haben, die unglückliche Jugend und Unschuld erregen. Es läßt
+sich unmöglich annehmen, daß dem scharfsinnigsten Politiker jener Zeit
+so naheliegende und inhaltschwere Betrachtungen entgangen sein sollten.
+Das Wahre ist, daß Cromwell eine Zeit lang die Absicht hegte, zwischen
+dem Throne und dem Parlamente zu vermitteln und unter der Sanktion des
+königlichen Namens den zerrütteten Staat durch die Macht des Schwertes
+wieder aufzubauen. An dieser Absicht hielt er so lange fest, bis er
+durch den widerstrebenden Geist seiner Soldaten und die unheilbare
+Treulosigkeit des Königs sie aufzugeben gezwungen ward. Eine Partei im
+Lager forderte den Kopf des Verräthers, der mit Agag zu unterhandeln
+vorschlug. Es wurden Verschwörungen angezettelt, mit Anklagen laut
+gedroht, und eine Meuterei brach aus, die Cromwell mit aller seiner
+Kraft und Entschlossenheit kaum zu unterdrücken vermochte. Stellte er
+auch durch eine kluge Vereinigung von Strenge und Milde die Ordnung
+wieder her, so entging es ihm doch nicht, daß es im höchsten Grade
+schwierig und gefährlich sei, die Wuth von Kriegern bezähmen zu wollen,
+die den gefallenen Tyrannen nicht nur als ihren eigenen Feind, sondern
+auch als den Feind Gottes betrachteten.
+
+Um diese Zeit stellte sich klarer als je heraus, daß man dem Könige
+nicht trauen dürfe. Die eigenen Laster hatten Karl völlig umstrickt,
+wobei allerdings auch Laster waren, die in schwierigen Lagen doppelt
+stark hervorzutreten pflegen. Die List ist dem Schwachen das
+natürlichste Vertheidigungsmittel, und ein Fürst, der auf dem Gipfel
+seiner Macht Täuschungen aus Gewohnheit ausübte, wird in schwierigen
+Lebenslagen und Bedrängnissen sich wahrlich der Aufrichtigkeit nicht
+befleißigen. So gewissenlos Karl in der Kunst zu heucheln war, eben so
+unglücklich war er auch darin, denn keinem Staatsmanne sind soviel
+Betrügereien und Unwahrheiten unwiderleglich nachgewiesen, als ihm.
+Er erklärte öffentlich die Häuser zu Westminster als ein gesetzliches
+Parlament, und gleichzeitig gab er im geheimen Rathe die Erklärung ab,
+daß diese Anerkennung nichtig sei. Er verwahrte sich öffentlich, daß er
+nie daran denke, fremde Hilfe gegen sein Volk in das Land zu rufen;
+heimlich suchte er Hilfe bei Frankreich, Dänemark und Lothringen.
+Er leugnete öffentlich, daß er Papisten in seine Dienste nähme;
+gleichzeitig sandte er seinen Generalen im Geheimen die Weisung, jeden
+Papisten, der dienen wolle, anzunehmen. Er nahm öffentlich zu Oxford das
+Sakrament darauf, daß er das Papstthum in England nie begünstigen wolle;
+im Geheimen gab er seiner Gattin die Versicherung, daß er das Papstthum
+in England dulden werde, und Lord Glamorgan ermächtigte er zu dem
+Versprechen, daß das Papstthum in Irland eingeführt werden solle; dann
+versuchte er, sich auf Kosten dieses Bevollmächtigten rein zu waschen:
+Glamorgan empfing von der Hand des Königs geschriebene Verweise, die zum
+Lesen für Andere bestimmt waren; aber auch lobende Anerkennungen, die
+nur er allein lesen solle. Und wahrlich, es beherrschte in der That die
+Falschheit den ganzen Charakter des Königs dergestalt, daß seine
+treuesten Freunde sich nicht enthalten konnten, sich gegenseitig mit
+bitterm Schmerze und tiefer Scham über seine unredliche Politik zu
+beklagen. Seine Niederlagen, äußerten sie, verursachten ihnen weniger
+Kummer als seine Intriguen. Seit dem Beginne seiner Gefangenschaft
+suchte er jeden Theil der siegreichen Partei durch Schmeicheleien und
+Umtriebe zu berücken, aber keiner seiner Versuche war je so unglücklich
+ausgefallen, als der, Cromwell durch Schmeicheleien zu täuschen und zu
+stürzen.
+
+Cromwell mußte indeß einen Entschluß fassen. Sollte er bei dem ohne
+Zweifel vergeblichen Versuche, einen König zu retten, der durch keinen
+Vertrag zu binden war, die Anhänglichkeit seiner Partei und Armee, seine
+eigene Größe, ja selbst sein Leben preisgeben? Nach vielem Kämpfen und
+Schwanken, vielleicht auch nach vielem Beten, ward der Entschluß
+festgestellt. Karl blieb seinem Schicksale überlassen. Die kriegerischen
+Heiligen beschlossen nun, daß der König, den alten Reichsgesetzen und
+der fast allgemeinen Gesinnung der Nation zum Trotz, sein Verbrechen mit
+dem Leben büßen solle. Eine Zeit lang glaubte er einen Tod sterben zu
+müssen, wie seine unglücklichen Vorgänger, Eduard II. und Richard II.
+Einen solchen Verrath hatte er indeß nicht zu fürchten, denn die, welche
+ihn unter ihren Händen hatten, waren keine nächtlichen Meuchelmörder;
+was sie thaten, sollte ein Schauspiel für Himmel und Erde sein und ein
+ewiges Andenken bleiben. Das Ärgerniß, das sie gaben, hatte für sie den
+höchsten Reiz. Daß die alte Verfassung und die öffentliche Meinung
+Englands mit dem Königsmorde im schroffsten Widerspruche standen, ließ
+einer Partei, die eine vollständige politische und sociale Revolution
+bewirken wollte, den Mord in einem verführerischen Lichte erscheinen.
+Die Erreichung dieses Zweckes machte das Zerbrechen jedes einzelnen
+Theils der Staatsmaschine nöthig, und diese Nothwendigkeit berührte sie
+mehr angenehm, als schmerzlich. Die Gemeinen stimmten für den Abschluß
+eines Vergleichs mit dem Könige; die Soldaten schlossen die Majorität
+gewaltsam aus. Die Lords verwarfen einstimmig den Vorschlag, den König
+vor Gericht zu stellen; ihr Haus ward sofort geschlossen. Kein
+ordentlicher Gerichtshof wollte die Verantwortung auf sich nehmen,
+den zu richten, der die Quelle der Gerechtigkeit repräsentirte.
+
+
+[_Seine Hinrichtung._] Da ward ein revolutionaires Tribunal errichtet,
+und dieses Tribunal erklärte Karl für einen Tyrannen, für einen
+Verräther, einen Mörder und einen öffentlichen Feind. Vor Tausenden von
+Zuschauern, dem Banketsaale seines Palastes gegenüber ließ man seinen
+Kopf von dem Rumpfe trennen.
+
+Aber bald zeigte es sich, daß die politischen und religiösen Eiferer,
+denen diese That beizumessen ist, nicht nur ein Verbrechen, sondern auch
+ein Versehen begangen hatten. Dem Fürsten nämlich, der dem Volke bisher
+nur durch seine Fehler bekannt gewesen, hatten sie Gelegenheit geboten,
+auf einer großen Bühne, Angesichts aller Nationen und Zeiten,
+Eigenschaften zu zeigen, die unwiderstehlich Bewunderung und Zuneigung
+erwecken müssen: den hohen Muth eines Helden, und die Geduld und
+Sanftmuth eines reuigen Christen; sie hatten selbst ihre Rache in einer
+Weise ausgeübt, daß derselbe Mann, der sein ganzes Leben hindurch nur
+auf die Vernichtung der Freiheiten Englands gesonnen, als ein Märtyrer
+eben dieser Freiheiten zu sterben schien. Nie hat ein Demagog so auf den
+öffentlichen Geist gewirkt, als dieser gefangene König, der selbst auf
+dem höchsten Gipfel des Unglücks seine volle königliche Würde bewahrte,
+dem Tode furchtlos in's Angesicht sah und den Gefühlen seines
+unterdrückten Volkes Ausdruck verlieh, indem er muthig seine
+Rechtfertigung vor einem dem Gesetze unbekannten Gerichtshofe
+verweigerte, von der Soldatengewalt an die Grundsätze der Verfassung
+appellirte, nach dem Rechte fragte, mit dem das Haus der Gemeinen seiner
+achtbarsten Glieder und das der Lords seiner legislativen Funktionen
+beraubt sei, und den weinenden Zuhörern sagte, er vertheidige nicht nur
+seine, sondern auch ihre Sache. Seine lange schlechte Regierung, seine
+unzähligen Treulosigkeiten waren nun vergessen, und in den Gemüthern des
+größten Theils seiner Unterthanen lebte sein Andenken mit dem an die
+freien Institutionen fort, die er lange zu vernichten bemüht gewesen
+war, denn diese freien Institutionen waren mit ihm untergegangen, und
+seine Stimme allein hatte sie unter dem schmerzlichen Schweigen eines
+durch Waffengewalt unterdrückten Staates vertheidigt. Eine Reaktion, zu
+Gunsten der Monarchie und des vertriebenen Königshauses, trat an diesem
+Tage ein und schritt so lange fort, bis der Thron in seiner vollen alten
+Würde wieder aufgebaut war.
+
+Anfangs schien es jedoch, als ob die Mörder des Königs in dem blutigen
+Sakramente, das sie eng mit einander verbunden und für immer von der
+großen Masse ihrer Landsleute getrennt hatte, neue Willenskraft fänden.
+England ward zu einer Republik umgeschaffen, und das Haus der Gemeinen,
+auf eine kleine Zahl von Gliedern beschränkt, ward dem Namen nach die
+höchste Staatsgewalt; in der That aber regierten die Armee und ihre
+ersten Führer. Cromwells Wahl war getroffen, er hatte sich die Herzen
+seiner Soldaten bewahrt und fast alle übrigen Klassen seiner Mitbürger
+sich entfremdet. Man konnte nicht sagen, daß er außerhalb der Grenzen
+seiner Lager und festen Plätze Anhänger habe. Die Elemente jener Macht,
+die seit dem Beginne des Bürgerkriegs sich unter einander selbst
+bekämpft hatten, als sämmtliche Cavaliere, die große Mehrzahl der
+Rundköpfe, die anglikanische, presbyterianische und römisch-katholische
+Kirche, England, Schottland und Irland, alle hatten sich nun gegen ihn
+verbunden. Aber Cromwells Genie und Entschlossenheit waren so gewaltig,
+daß er Alles vernichtete, was ihm auf der Bahn entgegentrat, die er
+eingeschlagen hatte, um sich zu einen unumschränktern Gebieter seines
+Vaterlandes zu machen, als irgend einer der gesetzlichen Könige
+desselben gewesen, und um es gefürchteter und geachteter hinzustellen,
+als es Generationen hindurch unter der Regierung legitimer Fürsten
+gestanden hatte.
+
+England kämpfte schon nicht mehr; aber die beiden andern Königreiche,
+die unter dem Scepter der Stuarts gestanden, hegten gegen die neue
+Republik eine feindliche Gesinnung. Die irischen Katholiken und die
+schottischen Presbyterianer sahen gleich gehässig auf die
+Independenten-Partei. Beide Länder, erst kürzlich noch aufständisch
+gegen Karl I., huldigten jetzt der Autorität Karls II.
+
+
+[_Unterwerfung Irlands und Schottlands._] Aber nichts konnte der Kraft
+und Geschicklichkeit Cromwells Widerstand leisten. Er besiegte in wenig
+Monaten Irland so vollständig, wie es in den fünfhundert Jahren, die
+seit der Landung der ersten normannischen Ansiedler verflossen, nie
+besiegt gewesen. Dem Kampfe der Volksstämme und Religionen, der so lange
+die Insel zerrüttet, wollte er dadurch ein Ziel setzen, daß er der
+englischen und protestantischen Bevölkerung die entschieden wichtigste
+Stellung anwies. Um diesen Zweck zu erreichen, zügelte er den wilden
+Fanatismus seiner Anhänger nicht mehr, führte einen Krieg, der dem
+Israels gegen die Kananiter glich, vernichtete die Götzendiener mit der
+Schärfe des Schwertes, daß große Städte fast keine Einwohner mehr
+hatten, trieb Tausende nach dem Festlande oder ließ sie nach Westindien
+führen, und füllte die dadurch entstandene Lücke mit Ansiedlern
+sächsischen Blutes und calvinistischen Glaubens aus. Daß das eroberte
+Land unter dieser eisernen Regierung sich eines zunehmenden Wohlstandes
+zu erfreuen schien, klingt seltsam, aber es ist wahr. Gegenden, die noch
+vor kurzer Zeit so unwirthbar gewesen, als jene, in denen die ersten
+weißen Ansiedler von Connecticut mit den rothen Männern kämpften,
+glichen nach wenig Jahren Kent und Norfolk. Überall erstanden neue
+Gebäude, Straßen und Pflanzungen; der Ertrag der Güter vermehrte sich
+schnell, und bald klagten die englischen Grundbesitzer über die
+Konkurrenz irischer Produkte auf den Märkten, und forderten
+Schutzgesetze.
+
+Der siegreiche Feldherr, der nun auch dem Namen nach war, was er schon
+längst in Wirklichkeit gewesen, Lord General der republikanischen Heere,
+wandte sich von Irland nach Schottland, wo der junge König war, der zur
+presbyterianischen Kirche übergetreten, den Covenant unterzeichnet,
+und als Lohn dafür von den strengen Puritanern, die zu Edinburg die
+Regierung leiteten, die Erlaubniß erhalten hatte, die Krone zu tragen,
+und unter ihrer Oberaufsicht still und ernst einen Hof zu halten. Diese
+Scheinloyalität dauerte nicht lange; Cromwell vernichtete in zwei großen
+Schlachten die ganze Kriegsmacht Schottlands. Karl rettete sich durch
+die Flucht vor dem Schicksale, das seinen Vater betroffen. Zum ersten
+Male war nun das alte Königreich der Stuarts völlig zur Unterwürfigkeit
+gebracht, und von der Unabhängigkeit, die einst gegen die tüchtigsten
+Plantagenets so tapfer vertheidigt worden, blieb keine Spur. Das
+englische Parlament gab Schottland Gesetze, englische Richter hielten
+dort Assisen, und selbst die hartnäckige Kirche, die ihre
+Selbstständigkeit gegen so viele Regierungen bewahrt, wagte nicht einmal
+leise zu murren.
+
+
+[_Das lange Parlament wird vertrieben._] Zwischen den Kriegern, die
+Irland und Schottland unterjocht, und den Politikern, die in Westminster
+beriethen, hatte bis zu dieser Frist wenigstens ein Schein von
+Übereinstimmung stattgefunden; aber den Bund, den die Gefahr
+geschlossen, löste der Sieg wieder auf. Das Parlament vergaß, daß es nur
+eine Kreatur der Armee war, und die Armee war jetzt weniger als sonst
+geneigt, sich den Verordnungen des Parlaments zu fügen. Es hatte auch in
+der That der geringe Mitgliederbestand, den man verächtlich den Rumpf
+des Hauses der Gemeinen nannte, nicht mehr Anspruch auf die Achtung, die
+Volksvertretern gebührt, als die Befehlshaber in der Armee. Der Streit
+ward bald zu einem entscheidenden Ende geführt. Cromwell füllte das Haus
+mit Bewaffneten, der Sprecher ward von seinem Stuhle geworfen, der Stab
+vom Tische genommen, der Saal geleert und die Thür verschlossen. Die
+Nation, die keiner der streitenden Parteien hold war, aber ohne es zu
+wollen, die Tüchtigkeit und Energie des Feldherrn achten mußte, sah
+geduldig, vielleicht auch mit Wohlgefallen zu.
+
+König, Lords und Gemeine waren nach und nach bewältigt und vernichtet
+und Cromwell erschien nun als der einzige Erbe der Machtbefugnisse die
+jene zusammen besessen hatten; aber die Armee selbst, der er seine
+ausgedehnte Autorität verdankte, legte ihm gewisse Beschränkungen auf.
+Dieser sonderbare Körper bestand größtentheils aus eifrigen
+Republikanern, die ihr Vaterland frei zu machen wähnten, indem sie es
+der Knechtschaft überlieferten. Das von ihnen allgemein verehrte Buch
+enthielt ein Beispiel, dessen sie häufig erwähnten. Es murrte die
+unwissende und undankbare Nation gegen ihre Befreier, wie einst ein
+anderes auserwähltes Volk gegen den Mann gemurrt, der es auf mühseligen
+und traurigen Pfaden aus der Knechtschaft in ein Land geführt, wo Milch
+und Honig floß; und dennoch hatte dieser Führer seine Brüder wider ihren
+Willen befreit, auch eben so wenig Anstand genommen, diejenigen zum
+abschreckenden Beispiele furchtbar zu züchtigen, welche die dargebotene
+Freiheit verachteten, und sich nach den Fleischtöpfen, den Frohnvögten
+und Götzenbildern Egyptens zurücksehnten. Das Ziel der kriegerischen
+Heiligen, die Cromwell umgaben, war die Gründung einer freien, frommen
+Republik. Zur Erreichung dieses Ziels waren sie bereit alle Mittel,
+selbst gewaltthätige und ungesetzliche, ohne Bedenken anzuwenden. Es lag
+daher die Möglichkeit vor, mit ihrer Hilfe eine dem Wesen nach absolute
+Monarchie zu errichten, aber eben so auch die Wahrscheinlichkeit, daß
+sie ihre Hilfe sofort einem Herrscher entziehen würden, der selbst unter
+streng constitutionellen Formen, den Namen und die Würde eines Königs
+anzunehmen wagte.
+
+Cromwell dachte anders; er war nicht mehr, was er gewesen, und die
+Veränderung in seinen Ansichten nur als eine Wirkung selbstsüchtigen
+Ehrgeizes ansehen zu wollen, würde ungerecht sein. Er brachte, als er zu
+dem langen Parlamente trat, wenig Bücherkenntniß aus seiner ländlichen
+Einsamkeit mit, und besaß weder Erfahrung in wichtigen Angelegenheiten,
+wohl aber eine durch lange Tyrannei der Regierung und der Hierarchie
+gereizte Stimmung. Während der folgenden dreizehn Jahre hatte er eine
+politische Schule nicht gewöhnlicher Art durchgemacht. In einer Reihe
+von Revolutionen hatte er bedeutende Rollen gespielt; er war lange die
+Seele und zuletzt das Haupt einer Partei gewesen; er hatte Heere
+befehligt, Schlachten gewonnen, Verträge abgeschlossen, und Königreiche
+unterjocht, beruhigt und geordnet. Es wäre in der That seltsam gewesen,
+wenn er stets dieselben Ansichten behalten, die er damals besessen
+hatte, als sein Geist sich nur mit den Feldern und der Religion
+beschäftigte, als ein Viehmarkt oder eine fromme Versammlung in
+Huntingdon die Hauptereignisse waren, die in den einförmigen Lauf seines
+Lebens Abwechselung brachten. Er sah ein, daß manche jener früheren
+Neuerungspläne, für die er eiferte, mochten sie nun an sich gut oder
+schlecht sein, der allgemeinen Stimmung des Landes nicht entsprachen,
+und daß er, wenn er auf diesen Plänen beharrte, stets mit Unruhen zu
+schaffen haben würde, die nur durch unausgesetzte Anwendung des
+Schwertes unterdrückt werden könnten. Deshalb beabsichtigte er, in allen
+wesentlichen Punkten jene alte Verfassung wieder herzustellen, welche
+der große Theil des Volks stets geliebt hatte, und nach der es sich
+jetzt sehnte. Das Verfahren, das später Monk anwendete, konnte Cromwell
+noch nicht beobachten. Der große Königsmörder ward durch die Erinnerung
+an einen furchtbaren Tag von dem Hause Stuart für immer getrennt; ihm
+blieb nichts, als den alten englischen Thron zu besteigen und im Sinne
+der alten englischen Staatsverfassung zu regieren. Gelang ihm dies, so
+durfte er hoffen, daß die Wunden des zerfleischten Staatskörpers bald
+wieder verharrschen würden; es hätten sich viele redliche und besonnene
+Männer um ihn gesammelt, und diejenigen Royalisten, die mehr an den
+Institutionen als den Personen, mehr an dem königlichen Amte als an
+König Karl I. oder Karl II. hingen, würden bald die Hand des Königs
+Oliver geküßt haben. Es würden die Peers, die still auf ihren Landgütern
+wohnten und mürrisch die Theilnahme an öffentlichen Angelegenheiten
+verweigerten, mit Freuden ihre alten Functionen wieder übernommen haben,
+wenn sie das Ausschreiben eines im Besitz des Thrones befindlichen
+Königs zu ihrem Hause gerufen hätte; Northumberland und Bedford,
+Manchester und Pembroke würden stolz gewesen sein, wenn sie dem Manne,
+der die Aristokratie wiederhergestellt, Krone und Sporen, Scepter und
+Reichsapfel hätten vorantragen können; das Volk würde nach und nach
+durch ein Gefühl der Loyalität mit der neuen Dynastie verbunden worden
+sein und bei dem Tode des Gründers dieser Dynastie wäre die königliche
+Würde unter allgemeiner Billigung auf seine Nachkommen übergegangen.
+
+Die scharfsinnigsten Royalisten hielten dafür, daß diese Ansichten
+richtig seien, und daß, wenn Cromwell nur nach seinem Urtheile hätte
+verfahren können, die vertriebene Dynastie nie wieder zur Regierung
+gelangt wäre; aber sein Plan widersprach völlig den Gefühlen jener
+Klasse, der einzigen, die er nicht zu reizen wagte. Den Soldaten war der
+Name des Königs verhaßt. Einige derselben haßten selbst eine Verwaltung,
+die sich in den Händen einer einzelnen Person befand; und war der große
+Theil auch geneigt, den General, als den gewählten ersten Beamten einer
+Republik, gegen alle Factionen zu schützen, die seine Autorität nicht
+anerkennen würden, so wollten sie doch nicht zugeben, daß er sich den
+Königstitel beilege, oder daß die Würde, die nur der gerechte Lohn für
+seine persönlichen Verdienste sei, für erblich in seiner Familie erklärt
+werde. Ihm blieb nun nichts weiter übrig, als der neuen Republik eine
+der alten Monarchie so ähnliche Verfassung zu geben, als es die Armee
+nur irgend gestattete. Damit nun seine Erhebung zur Macht nicht als ein
+Akt persönlichen Ehrgeizes erscheinen möchte, berief er einen Rath, der
+theils aus Personen zusammengesetzt war, auf deren Unterstützung er
+zählen, theils aus solchen, deren Opposition er ohne Gefahr Trotz bieten
+konnte. Nachdem diese, von ihm Parlament genannte Versammlung, von dem
+Volke aber nach einem seiner hervorragendsten Mitglieder »Barebones
+Parlament« getauft, sich eine Zeit lang der allgemeinen Verachtung
+ausgesetzt hatte, gab sie dem General die von demselben empfangenen
+Vollmachten zurück und überließ ihm allein, einen Verfassungsplan zu
+entwerfen.
+
+
+[_Oliver Cromwell's Protektorat._] Sein Plan hatte Anfangs nur eine
+große Ähnlichkeit mit der alten Verfassung; nach Verlauf einiger Jahre
+aber glaubte er weiter gehen und fast alle Theile des alten Systems
+unter neuen Namen und Formen wiederherstellen zu dürfen. Der Königstitel
+ward nicht wieder verwendet, aber die Vorrechte des Königs wurden einem
+Lord Groß-Protektor bewilligt. Man nannte den Souverain nicht »Se.
+Majestät«, sondern »Se. Hoheit.« Man krönte und salbte ihn nicht in der
+Westminsterabtei, aber man ließ ihn feierlich den Thron besteigen, mit
+einem Staatsschwerte umgürtet und einem Purpurmantel angethan, und in
+der Westminsterabtei schenkte man ihm eine prachtvolle Bibel. Man hatte
+sein Amt nicht für erblich erklärt, aber ihm erlaubt, seinen Nachfolger
+zu ernennen, und Niemand zweifelte, daß er seinen Sohn wählen würde.
+
+Ein Haus der Gemeinen war ein nothwendiger Bestandtheil der neuen
+Verfassung. Bei der Gestaltung dieses Instituts zeigte der Protektor
+Weisheit und Gemeinsinn, die seine Zeitgenossen nicht gebührend
+gewürdigt haben. Waren die Fehler des alten Vertretungssystems auch
+nicht so bedeutend, als sie später wurden, so hatten sie scharfblickende
+Männer dennoch schon bemerkt. Cromwell reformirte dieses System nach
+denselben Grundsätzen, nach denen Pitt einhundertdreißig Jahre später es
+zu verbessern versuchte, und nach denen es endlich in unserer Zeit
+wirklich verbessert wurde. Den kleinen Flecken entzog man mit noch
+schonungsloserer Strenge als 1832 das Wahlrecht und die Zahl der
+Grafschaftsmitglieder ward vergrößert. Nur wenig Städte, die nicht
+vertreten waren, hatten sich bis dahin zu einer Bedeutung erhoben;
+zu diesen wenigen gehörten Manchester, Leeds und Halifax, und diese
+erhielten Vertreter. Die Zahl der Mitglieder, die für die Hauptstadt
+wählten, wurde vermehrt. Das Wahlrecht ward dergestalt geordnet, daß
+jeder Besitzende, mochte sein Eigenthum in Freisassengütern bestehen
+oder nicht, eine Stimme in der Grafschaft hatte, in der er angesessen
+war. Nur wenig Schotten und wenige der englischen Colonisten von Irland
+wurden zu der Versammlung berufen, die in Westminster allen Theilen der
+britischen Inseln Gesetze geben sollte.
+
+Ein Haus der Lords zu errichten, war eine schwierigere Aufgabe. Die
+Demokratie kann die Stütze der Verjährung entbehren, die Monarchie hat
+oft ohne sie bestanden, aber ein Patrizierstand ist das Werk der Zeit.
+Cromwell fand einen reichen, hoch geehrten und in allen untern
+Volksklassen so populären Adel vor, als nur je der Adel gewesen ist.
+Wenn er als König von England, gemäß dem alten Brauche des Königreichs,
+die Pairs zu dem Parlamente berufen hätte, es würden viele derselben
+ohne Zweifel dem Rufe gefolgt sein; dies durfte er nicht, und daß er den
+Häuptern erlauchter Familien in seinem neuen Senate Sitze anbot, blieb
+ohne Erfolg, denn sie sahen ein, daß sie einer neuerstandenen
+Versammlung nicht beitreten konnten, ohne auf ihr Geburtsrecht zu
+verzichten und ihren Stand zu verrathen. Der Protektor sah sich nun
+genöthigt, sein Oberhaus mit neuen Männern zu besetzen, die sich in der
+letzten Zeit der Aufregung hervorgethan hatten. Diese seiner
+Einrichtungen, die allen Parteien mißfiel, war die unglücklichste. Die
+nach allgemeiner Gleichheit strebende Partei -- Levellers -- zürnte ihm
+darüber, daß er eine bevorzugte Klasse schuf; die Menge, welche für die
+großen geschichtlichen Namen des Landes Achtung und Liebe hegte,
+verlachte sonder Scheu ein Haus der Lords, das glückliche Kärrner und
+Schuhmacher zu Gliedern zählte und wenige der alten Adeligen, die sich
+fast alle verächtlich davon abwandten, berufen hatte.
+
+Die Art und Weise der Einrichtung von Cromwells Parlamenten war
+praktisch von untergeordneter Bedeutung, da er die Mittel besaß, auch
+ohne die Unterstützung und ungeachtet der Opposition derselben die
+Verwaltung zu führen. Eine verfassungsmäßige Regierung, und an Stelle
+der Schwertherrschaft die der Gesetze zu stellen, scheint in seinem
+Wunsche gelegen zu haben. Aber ihm ward bald klar, daß er nur bei einer
+unumschränkten Verwaltung sicher sein konnte, da Royalisten und
+Presbyterianer ihn haßten. Das erste Haus der Gemeinen, auf seinen
+Befehl vom Volke gewählt, zog seine Autorität in Frage; es ward
+aufgelöst, ohne daß es auch nur eine Akte durchgebracht hatte. Sein
+zweites Haus der Gemeinen, das ihn zwar als Protektor anerkannte und ihn
+gern zum Könige gemacht haben würde, weigerte sich dessenungeachtet
+hartnäckig, seine neuen Lords anzuerkennen. Ihm blieb nichts übrig, als
+das Parlament aufzulösen. Als er schied, rief er aus: Gott sei Richter
+zwischen Euch und mir!
+
+Diese Zerwürfnisse hatten jedoch durchaus keinen Einfluß auf die
+energische Verwaltung des Protektors. Dieselben Soldaten, die ihm das
+Tragen des Königstitels nicht gestatten wollten, unterstützten ihn bei
+Ausführung solcher Gewaltmaßregeln, wie sie je ein englischer König nur
+versucht hat. So war die Regierung der Form nach republikanisch, in
+Wahrheit aber eine durch die Weisheit, Mäßigung und Großherzigkeit des
+Despoten gemilderte Despotie. Das Land war in Militairbezirke getheilt,
+die unter den Befehlen von Generalmajors standen. Jede aufständische
+Bewegung ward im Keime erstickt und bestraft. Die Macht des Schwertes in
+einer so starken, unbeugsamen und erfahrenen Hand dämpfte den Muth der
+Cavaliere und der Levellers. Die loyale Gentry erklärte, sie sei zwar
+immer noch bereit, für die alte Verfassung und Dynastie das Leben
+einzusetzen, wenn nur eine schwache Hoffnung auf Erfolg vorhanden wäre;
+aber an der Spitze von Dienern und Pächtern sich den Lanzen von Brigaden
+entgegenzustellen, die in hundert Schlachten und Belagerungen siegreich
+gewesen, sei eine unsinnige Verschwendung unschuldigen und
+schätzenswerthen Blutes. Da sich von offenem Widerstande nichts hoffen
+ließ, begannen Royalisten und Republikaner schwarze Mordpläne zu
+ersinnen; aber des Protektors Kundschafter waren gut, und seine
+Wachsamkeit ward nicht lästig; nur in der Mitte der blanken Schwerter
+und Harnische seiner getreuen Garden verließ er die Mauern seines
+Palastes.
+
+Wäre Cromwell ein grausamer, ausschweifender und raublustiger Regent
+gewesen, so hätte die Nation vielleicht in der Verzweiflung Muth
+gefunden und sich durch eine krampfhafte Anstrengung von der
+Militairherrschaft zu befreien gesucht; aber waren auch die
+Bedrückungen, unter denen das Land seufzte, stark genug, um ernstliche
+Unzufriedenheit zu erregen, so konnten sie doch die große Masse nicht
+bewegen, Leben, Vermögen und die Wohlfahrt der Familien einer
+furchtbaren Macht gegenüber auf das Spiel zu setzen. Die Last der
+Steuern war, wenn auch drückender als unter den Stuarts, mit den
+Nachbarstaaten verglichen und nach den Hilfsquellen Englands beurtheilt,
+eine leichte zu nennen. Das Eigenthum war sicher, und selbst der
+Cavalier, wenn er die neue Verfassung unangetastet ließ, genoß in
+Frieden, was ihm die bürgerlichen Unruhen gelassen hatten. Nur in
+Fällen, in denen es sich um die Sicherheit der Person und der Regierung
+des Protektors handelte, wurden die Gesetze überschritten; aber in
+Streitsachen zwischen Privaten ward die Justiz mit einer Strenge und
+Unparteilichkeit geübt, wie man sie zuvor nie gekannt. Seit der
+Reformation hatten unter keiner englischen Regierung so wenig religiöse
+Verfolgungen stattgefunden. Betrachtete man auch die unglücklichen
+Katholiken als dem Bereiche der christlichen Kirche nicht mehr
+angehörig, so gestattete man dennoch dem gestürzten anglikanischen
+Klerus, seinen Gottesdienst unter der Bedingung abzuhalten, daß seine
+Predigten alle Politik ausschlössen. Es durften selbst die Juden, denen
+seit dem dreizehnten Jahrhundert der öffentliche Gottesdienst untersagt
+gewesen, sich trotz der Opposition neidischer Kaufleute und fanatischer
+Theologen in London eine Synagoge bauen.
+
+Des Protektors auswärtige Politik zwang zugleich auch diejenigen, die
+ihn am meisten haßten, gegen ihren Willen ihm Anerkennung zu zollen. Die
+Cavaliere konnten kaum den Wunsch unterdrücken, daß der, der soviel zur
+Vermehrung des Nationalruhmes gethan, ein legitimer König gewesen sei,
+und die Republikaner waren zu dem Eingeständnisse gezwungen, daß der
+Tyrann nur für sich allein das Recht usurpire, mitunter dem Vaterlande
+Unrecht zu thun, und daß er ihm für die geraubte Freiheit Ruhm
+zurückgegeben habe. Nach einem halben Jahrhundert, während dessen
+England kaum ein bedeutenderes Gewicht in der Politik Europa's gehabt,
+als Venedig und Sachsen, erhob es sich plötzlich zu der gefürchtetsten
+Macht der Welt, schrieb den Vereinigten Niederlanden Friedensbedingungen
+vor, rächte an den Seeräubern der Berberei die der ganzen Christenheit
+zugefügte Schmach, besiegte Spanien zu Land und zu Meer, bemächtigte
+sich einer der schönsten westindischen Inseln und gewann an der
+flämischen Küste einen festen Platz, der den Nationalstolz für den
+Verlust von Calais tröstete. Es war die erste Macht auf dem Weltmeere;
+es stand an der Spitze des protestantischen Interesses; Cromwell ward
+von allen in katholischen Königreichen zerstreuten reformirten Kirchen
+als Schirmherr anerkannt; die Hugenotten von Languedoc, die Hirten, die
+sich in ihren Alpendörfchen zu einem ältern Protestantismus als den von
+Augsburg bekannten, wurden durch den Schrecken allein vor Verfolgung
+gesichert, den sein großer Name verbreitete. Selbst der Papst mußte
+papistischen Fürsten Menschlichkeit und Mäßigung einschärfen, denn eine
+Stimme, die selten vergebens drohte, hatte erklärt, daß die englischen
+Kanonen in der Engelsburg gehört werden sollten, wenn man dem Volke
+Gottes nicht Duldung angedeihen lasse. Es gab in der That Nichts, was
+Cromwell wegen seiner und seiner Familie hätte mehr wünschen können, als
+einen allgemeinen europäischen Religionskrieg, denn in diesem Falle wäre
+er der Führer der protestantischen Armeen, und das Herz Englands wäre
+mit ihm gewesen; man hätte seine Siege mit einer allgemeinen
+Begeisterung begrüßt, wie sie das Land seit der Vernichtung der Armada
+nicht geäußert, und der Flecken, den eine durch die Stimme der ganzen
+Nation verdammte Handlung auf seinem strahlenden Ruhme zurückgelassen,
+würde durch sie verlöscht worden sein. Zu seinem Unglücke bot sich ihm
+keine Gelegenheit, außer gegen die britischen Inseln, sein
+bewundernswürdiges Feldherrntalent zu entwickeln.
+
+Seine Gewalt, den Unterthanen ein Gegenstand der Abneigung, der
+Bewunderung und der Furcht zugleich, stand, so lange er lebte, fest.
+Seine Regierung war nur bei Wenigen beliebt, aber die, denen sie am
+meisten verhaßt war, haßten sie nicht so sehr, als sie sie fürchteten.
+Wäre die Regierung eine schlechtere gewesen, ihre Stärke hätte sie
+wahrlich nicht vor dem Sturze sichern können. Aber sie enthielt Mäßigung
+genug, um Bedrückungen zu vermeiden, welche die Menschen zur Wuth
+treiben, und besaß eine Kraft und Energie, die zu bekämpfen nur Menschen
+wagen konnten, welche die Unterdrückung bereits zum Wahnsinn getrieben.
+
+
+[_Richard, Cromwells Nachfolger._] Man hat oft behauptet, und
+anscheinend nur aus wenigen Gründen, daß Cromwell zu einer seinem Ruhme
+günstigen Zeit gestorben sei, und daß er, bei längerer Lebenszeit,
+wahrscheinlich minder ehrenvoll und glücklich geendet haben würde.
+Soviel steht fest, daß ihn seine Soldaten bis zu dem letzten Momente
+ehrten, daß ihm die ganze Bevölkerung der britischen Inseln gehorchte,
+daß ihn alle auswärtigen Mächte fürchteten, daß er mit einem Gepränge,
+wie London es zuvor nie gesehen, neben den alten Souverainen Englands
+zur Gruft bestattet wurde, und daß ihm sein Sohn Richard so ruhig in der
+Regierung folgte, wie je ein Prinz von Wales einem Könige gefolgt ist.
+
+Die Verwaltung Richard Cromwells hatte fünf Monate lang einen so
+friedlichen und regelmäßigen Gang, daß ganz Europa der Meinung war,
+seine Stellung am Staatsruder sei eine durchaus feste. Seine Lage war
+wirklich in manchen Beziehungen vortheilhafter, als die seines Vaters;
+er war noch zu jung, um Feinde zu haben, und an seinen Händen klebte
+noch kein Bürgerblut. Die Cavaliere selbst gestanden ein, daß er ein
+braver, gutmüthiger Gentleman sei. Die presbyterianische Partei, gleich
+mächtig an Zahl wie an Reichthum, hatte mit dem nun verstorbenen
+Protektor in tödtlicher Feindschaft gestanden, dem gegenwärtigen aber
+zeigte sie eine geneigte Stimmung. Diese Partei hatte stets den Wunsch
+genährt, es möge die alte Reichsverfassung mit einigen genauern
+Bestimmungen und einigen stärkern Bürgschaften für die öffentliche
+Freiheit wieder hergestellt werden, aber sie hatte mancherlei Gründe,
+die Wiedereinsetzung der alten Herrscherfamilie zu fürchten. Für diese
+Politiker war Richard der rechte Mann, denn seine Humanität, seine
+Freimüthigkeit und Bescheidenheit, die Mittelmäßigkeit seiner Talente
+und die Fügsamkeit, mit der er sich der Leitung klügerer Leute, als er,
+überließ, machten ihn ganz vorzüglich geeignet, das Oberhaupt einer
+beschränkten Monarchie zu sein.
+
+Es schien wirklich eine Zeit lang, als ob er unter der Leitung fähiger
+Rathgeber das durchführen werde, was sein Vater umsonst begonnen hatte.
+Es ward ein Parlament berufen und die Ausschreiben dazu erließ man in
+der alten Form. Den kleinen Flecken gab man das ihnen vor Kurzem
+entzogene Wahlrecht zurück; Manchester, Leeds und Halifax schickten
+ferner nicht mehr Mitglieder ab, und die Grafschaft York ward wiederum
+auf zwei Abgeordnete beschränkt. Es muß einer Generation, welche durch
+die Fragen über Reform des Parlaments fast bis zum Wahnsinn aufgeregt
+ward, außergewöhnlich erscheinen, daß große Städte und Grafschaften sich
+dieser Änderung nicht nur geduldig, sondern auch gern fügten; aber
+wenn auch damals schon denkende Männer die Fehler des alten
+Repräsentativ-Systems und die daraus früher oder später entspringenden
+ernsten praktischen Übel erkannten, so waren doch diese praktischen Übel
+noch nicht empfindlich fühlbar gewesen. Hatte Oliver Cromwell sein
+Repräsentativ-System auch nach den richtigsten Grundsätzen gebildet, so
+war es doch nicht volksthümlich; sowohl die Begebenheiten, aus denen es
+hervorgegangen, als die Folgen, die es bewirkt, konnten die öffentliche
+Meinung nicht für dasselbe gewinnen. Es war der Militairgewalt
+entsprungen, und hatte nur Streit erregt. Der Regierung durch das
+Schwert überdrüssig, sehnte sich die ganze Nation nach der Regierung
+durch das Gesetz. Deshalb gewährte die Wiederherstellung selbst der
+Anomalien und Mißbräuche, die mit den Gesetzen streng übereinstimmten
+und durch das Schwert vernichtet gewesen waren, allgemeine Befriedigung.
+
+Im Hause der Gemeinen gab es eine starke, theils aus offenen
+Republikanern, theils aus geheimen Royalisten bestehende Opposition;
+aber eine große, fest entschlossene Majorität schien dem Plane geneigt,
+die alte Verfassung unter einer neuen Dynastie wieder herzustellen.
+Richard ward feierlich als die erste obrigkeitliche Person im Staate
+anerkannt. Die Gemeinen erklärten sich nicht nur bereit, mit den von
+Oliver Cromwell ernannten Lords gemeinschaftlich die Staatsgeschäfte zu
+verhandeln, sondern nahmen auch den Beschluß an, daß diejenigen
+Adeligen, die zur Zeit der Unruhen der Sache der öffentlichen Freiheit
+angehangen, ohne neue Ernennung im Oberhause des Parlaments zu sitzen
+das Recht haben sollten.
+
+Bis hierher waren die Staatsmänner, deren Rath Richard befolgte,
+glücklich gewesen. Fast alle Theile der Staatsverwaltung hatte man eben
+so eingerichtet, wie sie bei dem Beginne des Bürgerkrieges gewesen.
+Hätten der Protektor und das Parlament ungestört fortschreiten dürfen,
+so läßt sich kaum bezweifeln, daß unter dem Hause Cromwell schon eine
+ähnliche Ordnung der Dinge erstanden wäre, wie sie später unter dem
+Hause Hannover begründet ward. Aber es gab im Staate eine andere Macht,
+vollkommen fähig, gegen Protektor und Parlament aufzutreten. Richard
+besaß nämlich über die Armee keine andere Autorität als die, welche er
+aus dem großen ererbten Namen herleitete. Er hatte sie nie zum Siege
+geführt, hatte selbst nie die Waffen getragen, alle seine Neigungen und
+Gewohnheiten waren friedlicher Art, und seine religiösen Ansichten und
+Gesinnungen erfreuten sich des Beifalls der militairischen Heiligen
+nicht. Daß er ein guter Mensch war, hat er durch Demuth und
+Leutseligkeit, während er auf dem Gipfel menschlicher Größe stand,
+und durch freudige Ergebung bei Leiden und Unglücksfällen treffender
+dargethan, als durch tiefe Seufzer und lange Reden; aber das damals in
+jeder Wachtstube übliche fromme Geschwätz war ihm dergestalt zum Ekel,
+daß er seine Abneigung dagegen nicht immer verbergen konnte. Die
+Offiziere, welche den größten Einfluß auf die in der Nähe stationirten
+Truppen ausübten, gehörten nicht zu seinen Freunden; sie waren durch
+Muth und Tapferkeit auf dem Schlachtfelde ausgezeichnete Männer, aber es
+fehlte ihnen jene Klugheit, jener bürgerliche Muth, die Eigenschaften,
+die ihrem verstorbenen Führer in so hohem Grade eigen waren. Einige von
+ihnen waren achtungswerthe, aber fanatische Independenten und
+Republikaner. Das Haupt dieser Klasse war Fleetwood. Andere wieder
+strebten danach, das zu werden, was Oliver Cromwell gewesen; sein
+rasches Emporkommen, sein Glück und sein Ruhm, seine feierliche
+Inauguration in den Hallen von Westminster, und seine prachtvolle
+Bestattung in der Abtei hatten die Phantasie derselben entflammt; sie
+waren von eben so guter Herkunft, eben so gut erzogen, als er, und
+begriffen nun nicht, warum sie nicht eben so würdig wären, mit dem
+Purpur bekleidet zu werden und das Schwert des Staates zu tragen. Das
+Ziel ihres maßlosen Ehrgeizes verfolgten sie nicht, wie er, mit Geduld,
+Wachsamkeit, Scharfsinn und Entschlossenheit, sondern mit jener Ungeduld
+und Unentschiedenheit, welche die hochfliegende Mittelmäßigkeit
+charakterisiren. Unter diesen matten Copien eines großen Originals
+zeichnete sich Lambert am auffälligsten aus.
+
+
+[_Sturz Richards, und Wiedereinsetzung des Langen Parlaments._]
+Denselben Tag, an dem Richard den Thron bestiegen, traten die Offiziere
+zu einer Verschwörung gegen ihren neuen Gebieter zusammen. Das gute
+Einvernehmen zwischen ihm und seinem Parlamente beschleunigte das
+Herannahen der Krisis. In dem Lager entstanden Unruhe und Erbitterung,
+sowohl die religiösen Gefühle als die des Standes der Armee waren tief
+verletzt, und es schien, als sollten sich die Independenten den
+Presbyterianern, und die Männer des Schwerts den Männern der Robe
+unterwerfen. Zwischen den Unzufriedenen in der Armee und der
+republikanischen Minorität in dem Hause der Gemeinen bildete sich eine
+Koalition. Selbst wenn Richard das scharfe Urtheil und den eisernen Muth
+seines Vaters ererbt hätte, so bleibt es dennoch zweifelhaft, ob er
+diese Koalition besiegt haben würde; es ist vielmehr gewiß, daß seine
+Einfachheit und Sanftmuth den Erfordernissen der Zeit nicht entsprachen.
+Er fiel ohne Widerstand und ohne Ruhm; die Armee benutzte ihn als
+Werkzeug zur Auflösung des Parlamentes und schob ihn dann verächtlich
+bei Seite. Um ihre republikanischen Verbündeten zufrieden zu stellen,
+erklärten die Offiziere die Vertreibung des Rumpfparlamentes für
+ungesetzlich und luden diese Versammlung ein, ihre Amtsgeschäfte wieder
+zu beginnen. Der alte Sprecher und eine beschlußfähige Anzahl Mitglieder
+traten wieder zusammen, und unter schlecht verhehltem Hohne und
+Verwünschungen Seitens der Nation wurden sie zur ersten Macht des
+Staates ausgerufen. Auch ward ausdrücklich erklärt, daß es weder einen
+ersten Beamten, noch ein Haus der Lords ferner geben solle.
+
+
+[_Zweite Vertreibung des Langen Parlaments._] Ein solcher Zustand der
+Dinge konnte nicht von langer Dauer sein. An demselben Tage, an dem das
+Lange Parlament wieder in's Leben trat, lebten auch die alten
+Zwistigkeiten mit der Armee wieder auf. Es vergaß der Rumpf abermals,
+daß er sein Dasein dem Belieben der Soldaten verdankte, und begann
+wieder, sie als Untergebene zu behandeln. Wiederum schloß man die Thüren
+des Hauses der Gemeinen durch militairische Gewalt, und eine von den
+Offizieren ernannte provisorische Regierung übernahm die Leitung der
+Staatsgeschäfte.
+
+Das Drückende dieser Lage und die Befürchtung, es könne noch schlimmer
+werden, bewirkte indeß eine Verbindung zwischen den Cavalieren und den
+Presbyterianern. Einige Presbyterianer hatten zwar schon vor dem Tode
+Karls I. zu einer ähnlichen Vereinbarung sich geneigt gezeigt, aber erst
+nach dem Falle Richard Cromwells eiferte die ganze Partei für die
+Wiederherstellung des Königshauses. Für die Wiederherstellung der alten
+Verfassung unter einer Dynastie gab es keine begründete Hoffnung mehr;
+man mußte daher zwischen den Stuarts und der Armee wählen. Die
+vertriebene Königsfamilie hatte sich großer Vergehen schuldig gemacht,
+aber sie hatte diese Vergehen hart gebüßt, und man durfte hoffen, daß
+sie in der Schule des Unglücks heilsame Lehren erhalten habe; es ließ
+sich annehmen, daß das Schicksal Karls I. für Karl II. ein warnendes
+Beispiel sein würde. Aber es waren auch, ohne Rücksicht hierauf, die dem
+Lande drohenden Gefahren der Art, daß man zu ihrer Abwendung wohl einige
+Ansichten aufgeben und sich einigen Wagnissen aussetzen konnte. England
+schien der gehässigsten und erniedrigendsten aller Regierungsformen
+anheim zu fallen bestimmt zu sein, einer Form, die alle Übel des
+Despotismus mit allen Schrecken der Anarchie vereinigte. Alles Andere
+war dem Joche vorzuziehen, das eine Reihenfolge unfähiger und
+unrühmlicher Tyrannen auferlegte, welche nach Art der Dey's der Berberei
+durch unausgesetzte Militairrevolutionen endlich zur Regierung
+gelangten. Lambert konnte der erste dieser Despoten werden, aber nach
+Verlauf eines Jahres hätte er wahrscheinlich Desborough, und später
+Desborough dem Harrison weichen müssen. So oft der Kommandostab aus
+einer schwachen Hand in die andere übergegangen wäre, so oft würde die
+Nation den Erpressungen ausgesetzt gewesen sein, welche die Geschenke
+für die Truppen nöthig machten. Wenn die Presbyterianer hartnäckig auf
+ihrer Trennung von den Royalisten bestanden, wäre der Staat verloren
+gewesen, und ob es den vereinigten Anstrengungen Beider gelungen wäre,
+ihn zu retten, war sehr zweifelhaft, denn die Furcht vor der
+unbesiegbaren Armee hatte sich aller Bewohner der Insel bemächtigt, und
+die Cavaliere, durch hundert verlorene Schlachten belehrt, wie wenig die
+numerische Überlegenheit gegen die Disziplin vermag, waren selbst noch
+mehr eingeschüchtert, als die Rundköpfe.
+
+
+[_Die Armee von Schottland rückt in England ein._] So lange die Soldaten
+unter sich einig blieben, waren alle Complote und Aufstände der
+Mißvergnügten ohne Wirkung. Aber wenig Tage nach der zweiten Vertreibung
+des Rumpf-Parlaments liefen Nachrichten ein, welche die Herzen Aller,
+die entweder der Monarchie oder der Freiheit anhingen, mit Freude
+erfüllten. Jene ungeheure Streitmacht, welche Jahre lang wie ein
+einziger Mann gehandelt und dadurch so unüberwindlich geworden war,
+hatte sich endlich in Zwiespalt aufgelöst. Die schottische Armee, welche
+der Republik große Dienste geleistet, befand sich in dem Zustande voller
+Kraft; mit einem dem ähnlichen Unwillen, den die an der Donau und am
+Euphrat stehenden römischen Legionen bei der Nachricht empfanden, daß
+die prätorianischen Garden das Reich zum Verkauf feilgeboten, hatte sie
+sich von der Revolution fern gehalten und sie beobachtet. Sie fand es
+unerträglich, daß einige Regimenter, weil sie in der Nähe von
+Westminster cantonnirten, und nur deshalb sich anmaßten, im Laufe eines
+halben Jahres mehrere Regierungen zu ernennen und wieder abzusetzen.
+Wäre die Regelung der Staatsangelegenheiten durch Soldaten am rechten
+Platze gewesen, so hätten diejenigen, welche im Norden des Tweed die
+englische Autorität aufrecht erhielten, dasselbe Recht abzustimmen
+gehabt, als die, welche den Tower von London besetzt hielten. Die in
+Schottland stehenden Truppen scheinen weniger vom Fanatismus ergriffen
+gewesen zu sein, als irgend ein anderer Theil der Armee, und Georg Monk
+selbst, ihr General, war der vollständige Gegensatz von einem Zeloten.
+Bei dem Beginne des Bürgerkriegs hatte er zu Gunsten des Königs die
+Waffen getragen, war von den Rundköpfen gefangen worden, hatte dann von
+dem Parlamente eine Offizierstelle angenommen und sich, ohne den
+geringsten Anspruch auf Heiligkeit, durch Muth und militairische
+Fähigkeiten zu hohen Kommandostellen emporgeschwungen. Beiden
+Protektoren hatte er nützliche Dienste geleistet, er war ruhig
+geblieben, als die Offiziere zu Westminster Richard stürzten und das
+Lange Parlament wieder einsetzten, und hätte ihm die provisorische
+Regierung nicht Grund zu Unwillen und Besorgniß gegeben, so würde er
+vielleicht eben so ruhig bei der zweiten Vertreibung des Langen
+Parlaments geblieben sein, denn er war von Natur vorsichtig, etwas
+langsam und durchaus nicht geneigt, sichere und mäßige Vortheile der
+Möglichkeit zu opfern, selbst einen glänzenden Erfolg zu bewirken. Die
+Furcht, durch die Unterwerfung unter die neuen Herrscher des Staats in
+seiner Sicherheit gefährdet zu werden, scheint ihn mehr zum Angriffe
+getrieben zu haben, als die Hoffnung, durch ihren Sturz zu einer Größe
+sich zu erheben. Was auch immerhin seine Gründe sein mochten -- er trat
+als der Verfechter der unterdrückten bürgerlichen Gewalt auf,
+verweigerte die Anerkennung der angemaßten Autorität der provisorischen
+Regierung und rückte an der Spitze von siebentausend alten Soldaten
+gegen England vor.
+
+Dies war das Zeichen zu einem allgemeinen Ausbruche: überall weigerte
+sich das Volk, Steuern zu zahlen; zu Tausenden versammelten sich die
+Arbeiter der City und riefen laut nach einem freien Parlamente; die
+Flotte segelte in die Themse und erklärte sich gegen die Tyrannei der
+Soldaten; die Soldaten, frei von der Aufsicht eines überwiegenden
+Geistes, theilten sich in Parteien; aus Furcht allein zu stehen und so
+das Racheziel der unterdrückten Nation zu werden, beeilte sich jedes
+einzelne Regiment, einen Separatfrieden zu schließen. Lambert, der nach
+Norden der schottischen Armee entgegen geeilt war, gerieth, von seinen
+Truppen verlassen, in Gefangenschaft. Seit dreizehn Jahren hatte die
+bürgerliche Gewalt in jedem Streite der militairischen erliegen müssen;
+jetzt beugte sich die militairische vor der bürgerlichen Gewalt. Das
+allgemein gehaßte und verachtete Rumpfparlament, aber der einzige
+politische Körper im Lande, der noch einen Schein von gesetzlicher
+Autorität trug, kehrte in das Haus zurück, aus dem man es zweimal
+schimpflich vertrieben hatte.
+
+Monk rückte indeß London näher. Überall, wohin er kam, eilte ihm die
+Gentry entgegen und bat ihn flehentlich, er möge seine Macht zur
+Wiederherstellung des Friedens und der Freiheit der zerrütteten Nation
+verwenden. Der General, kaltblütig, schweigsam und ohne Eifer für irgend
+eine politische oder religiöse Verfassung, beobachtete eine
+unerschütterliche Zurückhaltung. Was damals seine Pläne waren, und ob er
+überhaupt Pläne hatte, läßt sich nicht bestimmen; aber es war
+ersichtlich sein Hauptziel, sich so lange als möglich die freie Wahl
+zwischen zwei Verfahrungsarten zu erhalten, die gewöhnliche Politik von
+Männern, die sich mehr durch Klugheit, als durch Scharfsinn auszeichnen.
+Es ist wahrscheinlich, daß er seinen Entschluß erst nach einigen Tagen
+Aufenthaltes in der Hauptstadt festgestellt hat. Das ganze Volk rief
+nach einem freien Parlamente, und es ist nicht zu bezweifeln, daß ein
+solches die verbannte Königsfamilie sofort zurückgerufen hätte. Der
+Rumpf und die Soldaten waren dem Hause Stuart noch immer feindlich
+gesinnt, und der Rumpf wiederum ward allgemein verachtet und gehaßt.
+Man hatte zwar die Macht der Soldaten immer noch zu fürchten, aber die
+herrschende Zwietracht hatte diese Macht bedeutend geschwächt, und dabei
+war sie ohne Führer. In vielen Theilen des Landes hatten sich die
+Soldaten einander feindlich gegenüber gestanden, und noch Tags zuvor,
+ehe Monk London erreichte, hatte auf dem Strande ein Kampf zwischen
+Reiterei und Fußvolk stattgefunden. Eine einige Armee hatte lange Zeit
+eine durch Zwiespalt zerrüttete Nation niedergedrückt; jetzt war die
+Nation einig und die Armee durch Zwiespalt zerrüttet.
+
+
+[_Monk erklärt sich für ein freies Parlament._] Die Verstellung oder
+Unschlüssigkeit Monks hielt eine Zeit lang alle Parteien in einer
+peinlichen Ungewißheit. Endlich brach er das Schweigen, indem er sich
+für ein freies Parlament erklärte.
+
+Diese Erklärung versetzte die Nation in einen wahren Freudentaumel;
+überall wo er sich zeigte, drängte sich die jubelnde Menge um ihn und
+segnete seinen Namen; alle Glocken Englands stimmten in diesen Jubel mit
+ein; in den Straßen floß das Bier, und mehrere Nächte hindurch erhellten
+unzählige Freudenfeuer London und die Umgegend von fünf Meilen.
+Diejenigen presbyterianischen Mitglieder des Hauses der Gemeinen, die
+man mehrere Jahre zuvor durch Waffengewalt vertrieben hatte, kehrten zu
+ihren Sitzen zurück und es empfingen sie die lauten Begrüßungen der
+Menge, die Westminsterhall und den Schloßhof anfüllte. Die Häupter der
+Independenten wagten kaum noch sich in den Straßen zu zeigen, sie waren
+selbst in ihren Wohnungen nicht mehr sicher. Man ergriff nun Maßregeln
+zur Gründung einer zeitweiligen Regierung; es wurden Befehle zu einer
+allgemeinen Wahl erlassen und das denkwürdige Parlament, das durch
+zwanzig bewegte Jahre alle Wechsel des Glücks erfahren, seinen Souverain
+besiegt, von seinen Dienern geknechtet und zweimal vertrieben, und
+zweimal wieder eingesetzt worden, sprach endlich feierlich seine eigene
+Auflösung aus.
+
+
+[_Allgemeine Wahl von 1660._] Das Ergebniß der Wahlen entsprach dem,
+was man von der Stimmung der Nation erwarten konnte. Das neue Haus der
+Gemeinen war, mit geringen Ausnahmen, aus Männern zusammengesetzt, die
+ergeben an der königlichen Familie hingen. Die Presbyterianer bildeten
+die Mehrheit.
+
+Es schien fast gewiß, daß nun eine Restauration stattfinden würde; aber
+es stand noch zu fürchten, daß sie keine friedliche sein würde. Die
+Stimmung der Soldaten war finster und wild, sie haßten den Königstitel,
+den Namen Stuart, verabscheuten den Presbyterianismus, aber mehr noch
+die Prälatur. Indem sie mit Bitterkeit das Ende ihrer langen Herrschaft
+und den Beginn eines Lebens voll Elend und ruhmlosen Mühens herannahen
+sahen, schrieben sie ihr Unglück der Schwäche und dem Verrathe einiger
+Generale zu. Eine Stunde ihres theuren Oliver Cromwell hätte selbst
+jetzt noch den erloschenen Ruhm neu anfachen können. Waren sie auch
+verrathen, uneinig und ohne einen Führer, der ihr Vertrauen besaß,
+so mußte man sie dennoch fürchten. Der Wuth und Verzweiflung von
+funfzigtausend Männern entgegenzutreten, die noch nie einem Feinde den
+Rücken gewendet hatten, war keine leichte Aufgabe. Monk und seine
+politischen Genossen sahen wohl ein, daß diese Krisis eine sehr
+gefährliche sein würde. Indem sie jede List anwendeten, die
+mißvergnügten Soldaten zu beruhigen und unter sich zu entzweien, trafen
+sie auch zugleich für den Fall eines Zusammenstoßes die kräftigsten
+Vorsichtsmaßregeln. Die in London garnisonirende schottische Armee
+erhielt man durch Belobungen, Versprechen und Geschenke in einer
+günstigen Stimmung. Die reichsten Bürger von London gewährten den
+Rothröcken alles, sie spendeten so freigebig ihre besten Weine, daß man
+ganze Haufen dieser frommen Krieger oft in einem Zustande fand, der
+weder ihrem religiösen, noch ihrem militairischen Charakter große Ehre
+machte. Monk wagte es, einige widerspenstige Regimenter aufzulösen,
+während die provisorische Regierung mit Hilfe der Gentry und der
+Behörden die größten Anstrengungen zur Organisirung der Miliz machte.
+Bald stand diese Streitmacht, die mindestens einhundertzwanzigtausend
+Mann stark war, in jeder Grafschaft marschfertig. Über zwanzigtausend
+gut bewaffnete und ausgerüstete Bürger ward in Hyde-Park Heerschau
+gehalten, wobei diese in einen Enthusiasmus ausbrachen, der zu der
+Hoffnung berechtigte, daß sie im Fall der Noth tapfer für ihre Läden und
+Häuser kämpfen würden. Die ganze Flotte hielt es mit der Nation. Es war
+eine Zeit der Aufregung und der Angst, aber auch eine Zeit der Hoffnung.
+Man war allgemein der Ansicht, daß England, wenn auch durch einen
+verzweifelten und blutigen Kampf, frei werden, und daß die, die so lange
+Zeit durch das Schwert geherrscht, jetzt durch das Schwert umkommen
+würden.
+
+Glücklicherweise wurden die Gefahren eines Zusammenstoßes abgewendet.
+Dadurch, daß Lambert aus dem Kerker entwich und seine Kameraden unter
+die Waffen rief, entstand zwar ein Augenblick ernster Gefahr, und die
+Flamme des Bürgerkrieges loderte sogleich empor, aber man erstickte sie
+durch schnelle und kräftige Maßregeln, so daß sie sich nicht verbreiten
+konnte, und nahm den unglücklichen Nachahmer Cromwells von Neuem
+gefangen. Das Mißglücken dieses Unternehmens entmuthigte die Soldaten,
+so daß sie sich traurig ihrem Schicksale unterwarfen.
+
+
+[_Die Restauration._] Das neue Parlament, oder richtiger gesagt der
+Convent, denn die Zusammenberufung hatte ohne königliche Ausschreiben
+stattgefunden, trat in Westminster zusammen, und die Lords kehrten
+wieder in den Saal zurück, von dem sie seit länger denn elf Jahren mit
+Gewalt fern gehalten worden waren. Beide Häuser luden sogleich den König
+ein, in sein Reich zurückzukehren. Mit einem nie gesehenen Gepränge ward
+er wiederum proklamirt. Eine glänzende Flotte holte ihn von Holland und
+schiffte ihn an der Küste von Kent aus. Die Felsen von Dover waren mit
+Tausenden von Zuschauern bedeckt, unter denen sich wohl nicht einer
+befand, der nicht vor Freude weinte. Seine Reise nach London war ein
+ununterbrochener Triumphzug. Von Rochester an war die ganze Straße mit
+Buden und Zelten bedeckt, daß sie einem endlosen Markte glich; überall
+flatterten Fahnen, überall ertönten Glocken und Musik, überall floß der
+Wein und das Bier auf das Wohl dessen, der Friede, Gesetz und Freiheit
+zurückbrachte. Aber inmitten der allgemeinen Freude gewährte ein
+düsterer Fleck einen drohenden Anblick. Zur Begrüßung des Herrschers
+hatte man die Armee auf Blackheath aufgestellt; ob er auch lächelte,
+sich verbeugte, den Obristen und Majoren seine Hand zum Kusse bot --
+sein freundliches Entgegenkommen war vergebens. Die Haltung der Soldaten
+blieb eine düstere und drohende, und hätten sie ihren Gefühlen freien
+Lauf gelassen, so würde das Freudenfest, bei dem auch sie wider Willen
+betheiligt waren, ein schreckliches und blutiges Ende genommen haben.
+Aber es herrschte keine Einigkeit mehr unter ihnen, das Vertrauen zu den
+Führern und zu einander selbst hatten Zwietracht und Abtrünnigkeit
+geraubt. Die ganze Macht der City von London stand unter den Waffen,
+zahlreiche Milizkompagnien, geführt von loyalen Edelleuten und
+Gentlemen, waren aus verschiedenen Theilen des Landes gekommen, um den
+König zu bewillkommnen. Dieser große Tag ging in Frieden zu Ende, und
+der zurückgerufene Wanderer konnte sicher ruhen in dem Palaste seiner
+Vorfahren.
+
+
+ * * * * *
+ * * * *
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+ Geschichte Englands unter Karl II.
+
+
+
+
+ =Inhalt.=
+
+ Seite
+ Das Verfahren zur Wiederherstellung des Hauses Stuart
+ wird mit Unrecht getadelt 5
+ Beseitigung der Lehnspflichten der Ritterschaft 6
+ Auflösung des Heeres 7
+ Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen den Rundköpfen
+ und Cavalieren 7
+ Religiöse Uneinigkeit 9
+ Unpopularität der Puritaner 11
+ Charakter Karls II. 15
+ Charakterschilderung des Herzogs von York und des Earl
+ von Clarendon 18
+ Allgemeine Wahl von 1661 20
+ Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen Parlamente 21
+ Verfolgung der Puritaner 21
+ Eifer der Geistlichkeit für die erbliche Monarchie 22
+ Veränderung in den Sitten der Gesellschaft 23
+ Verworfenheit der Politiker 25
+ Zustand von Schottland 26
+ Zustand von Irland 28
+ Die Regierung in England wird unpopulär 29
+ Krieg mit den Holländern 31
+ Opposition in dem Hause der Gemeinen 32
+ Sturz Clarendons 33
+ Zustand der europäischen Staatsangelegenheiten und
+ Überlegenheit Frankreichs 35
+ Charakter Ludwigs XIV. 36
+ Die Tripleallianz 38
+ Die Vaterlandspartei 38
+ Verbindung zwischen Karl II. und Frankreich 39
+ Pläne Ludwigs in Bezug auf England 40
+ Vertrag von Dover 42
+ Natur des englischen Cabinets 43
+ Die Cabale 44
+ Zahlungseinstellung der Schatzkammer 46
+ Krieg mit den Vereinigten Provinzen und große Gefahr
+ derselben 46
+ Wilhelm, Prinz von Oranien 47
+ Versammlung des Parlaments 48
+ Indulgenzerklärung 49
+ Cassirung der Indulgenzakte, Annahme der Testakte 50
+ Auflösung der Cabale 51
+ Verwickelte Lage der Vaterlandspartei 53
+ Verkehr dieser Partei mit der französischen Gesandtschaft 53
+ Frieden von Nimwegen 54
+ Große Unzufriedenheit in England 54
+ Danby's Sturz 56
+ Die papistische Verschwörung 56
+ Erste allgemeine Wahl von 1679 58
+ Heftigkeit des neuen Hauses der Gemeinen 60
+ Temple's Regierungssystem 60
+ Charakter des Halifax 63
+ Charakter Sunderlands 65
+ Prorogation des Parlaments 66
+ Habeas-Corpus-Akte 66
+ Zweite allgemeine Wahl von 1679 67
+ Popularität Monmouths 67
+ Lawrence Hyde 70
+ Sidney Godolphin 70
+ Heftigkeit der Parteien bei der Frage der Ausschließungsbill 71
+ Die Namen Whig und Tory 71
+ Zusammentritt des Parlaments und Durchgang der
+ Ausschließungsbill im Hause der Gemeinen 72
+ Die Lords verwerfen die Ausschließungsbill 73
+ Hinrichtung Staffords 73
+ Allgemeine Wahlen von 1681 74
+ Das Parlament zu Oxford gehalten und aufgelöst 74
+ Toryreaction 75
+ Verfolgung der Whigs 76
+ Der Freibrief der City wird zurückgenommen 77
+ Verschwörung der Whigs 77
+ Entdeckung der Whigverschwörung 79
+ Strenge der Regierung 79
+ Entziehung von Privilegien 79
+ Einfluß des Herzogs von York 80
+ Halifax opponirt ihm 81
+ Lord Guildford 82
+ Politik Ludwigs 84
+ Stand der Parteien am Hofe Karls zur Zeit seines Todes 85
+
+
+
+
+[_Das Verfahren zur Wiederherstellung des Hauses Stuart wird mit Unrecht
+getadelt._] Englands Geschichte bietet während des siebzehnten
+Jahrhunderts das Bild der Umgestaltung einer, nach Art des Mittelalters
+geschaffenen beschränkten Monarchie in eine, der höheren geistigen
+Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft angemessenere beschränkte
+Monarchie, deren Schutz und Vertheidigung nicht blos in den Händen des
+Adels liegt, und deren finanzielle Bedürfnisse nicht ferner von dem
+Ertrage der Krongüter bestritten werden müssen. Die Staatsmänner welche
+im Jahre 1642 die Spitze des Langen Parlaments bildeten, suchten diese
+Umwandlung dadurch herbeizuführen, daß sie den Reichsständen die Wahl
+der Minister, die Oberaufsicht über die gesammte Administration sowie
+den Oberbefehl über das Heer übertrugen; so vortrefflich dieser Plan
+aber auch immer durchdacht war, der Gang des herrschenden Bürgerkrieges
+ließ ihn nicht zur gewünschten Ausführung kommen. Es ist Thatsache,
+daß die Häuser endlich triumphirten, sie hatten aber vorher einen Kampf
+bestehen müssen, durch den sie zur Bildung einer Gewalt gezwungen
+wurden, die zu überwachen sie nicht mächtig genug waren, und welche gar
+bald die Herrschaft über alle Parteien und Stände des Landes sich
+anzueignen begann. So lange der weise und hochherzige Cromwell den
+Oberbefehl führte, waren die von einer Militairherrschaft
+unzertrennlichen Übel weniger fühlbar; als aber das Heldenschwert,
+welches er mit Kraft und Muth geführt, seiner Hand entsank, als Führer
+an die Spitze des Heeres traten, welche weder seinen Verstand noch seine
+Humanität, weder seine Fähigkeiten noch seine Tugenden besaßen, da
+schien der Augenblick nicht fern zu sein, wo Freiheit und Ordnung zu
+ruhmlosem Untergange übereinander stürzen würden.
+
+Zu dieser Katastrophe sollte es jedoch nicht kommen. Oft haben der
+Freiheit huldigende Schriftsteller die Restauration ein unglückliches
+Ereigniß genannt, sie haben die Beschränktheit und Niederträchtigkeit
+der Convention verdammt, welche die vertriebene Königsfamilie aus der
+Verbannung rief, ohne neue Garantien gegen schlechte Staatsverwaltung in
+der Hand zu haben; aber Alle, welche dieser Ansicht sind, haben nicht
+die Eigenthümlichkeit der Krisis durchschaut, welche nach Richard
+Cromwells Absetzung eintrat. England war von der Gefahr bedroht, unter
+den Despotismus von bedeutungslosen Menschen zu gerathen, welche die
+Willkür der Soldateska heute emporhob, und morgen wieder in das Nichts
+zurückwarf. Jeder einsichtsvolle Vaterlandsfreund erkannte die
+Nothwendigkeit, der Soldatenherrschaft ein Ende zu machen, doch war die
+Lösung dieser Aufgabe höchst schwierig, so lange die Soldaten unter sich
+einig blieben. Bald aber schimmerte ein Hoffnungsstrahl; es kam zu
+Mißverständnissen und Streitigkeiten unter den Generalen, ein Heerführer
+bekämpfte den andern, und die Armeen standen einander erbittert
+gegenüber. Jetzt galt es, den kritischen Moment rasch zu fassen und zu
+benutzen, die Zukunft unseres Vaterlandes hing davon ab, und wahrlich!
+es haben unsere Voreltern nicht gesäumt, im verhängnißvollen Augenblicke
+zur That zu schreiten. Alle Streitigkeiten über Reformen, welche unserer
+Verfassung nöthig waren, wurden bis zu geeigneterer Zeit vertagt,
+Cavalier und Rundkopf, Episcopale und Presbyterianer, sie alle standen
+fest und einig zur Unterdrückung der militärischen Tyrannei und
+Aufrechthaltung der alten Gesetze des Landes. Mit Recht konnte die Frage
+über Vertheilung der Gewalt zwischen Monarchen, Adel und Gemeinen bis zu
+der nothwendigen Entscheidung unbeantwortet bleiben, ob künftighin
+Englands Regierung in der Hand des Königs und des Volkes, oder in der
+bewaffneten Faust der Soldateska liegen solle. Es war ein Glück, daß die
+Staatsmänner der Convention nicht durch lange Reden über
+Regierungsprinzipien, durch Entwerfung einer neuen Constitution, oder
+durch Eröffnung von Conferenzen die Zeit verloren; oder daß man
+wochenlang zwischen Westminster und den Niederlanden Boten mit Plänen
+und Gegenplänen, Fragen von Hyde und Antworten von Prynne hin und her
+gesandt. Wäre es geschehen, so würde die Coalition, welche die Erhaltung
+der öffentlichen Sicherheit bezweckte, ihrer Auflösung entgegen gegangen
+sein; es wären Streitigkeiten zwischen den Königlich Gesinnten und den
+Presbyterianern ausgebrochen; die militairischen Factionen hätten sich
+wahrscheinlich geeinigt und die getäuschten Freunde der Freiheit würden
+unter einer Regierung, unvollkommener als die des unfähigsten Königs aus
+dem Stamme der Stuarts, schmerzlich empfunden haben, daß die günstige
+Gelegenheit zur Abhilfe vorübergegangen sei.
+
+
+[_Beseitigung der Lehnspflichten der Ritterschaft._] So wurde denn durch
+allgemeine Übereinkunft der beiden mächtigen Parteien die alte
+Staatsverfassung in der Form wiederhergestellt, welche sie vor achtzehn
+Jahren, wo König Karl I. die Hauptstadt verließ, gehabt hatte, und alle
+Acte des Langen Parlaments, welche der König genehmigt hatte, behielten
+ihre volle Geltung. Ebenso wurde auch von dem wieder eingesetzten Könige
+eine neue Concession bewilligt, welche für die Cavaliere von größerer
+Wichtigkeit war als für die Rundköpfe. Vor Jahrhunderten schon hatte man
+als das geeignetste Mittel der Nationalvertheidigung das militairische
+Lehnswesen eingeführt, das Nützliche aber was diese Einrichtung in sich
+trug, war im Laufe der Zeit verschwunden, und nichts als Beschwerden und
+leere Formen davon zurückgeblieben. Wer von der Krone ein Landgut gegen
+ritterliche Dienstleistung in Lehn trug -- und in dieser Weise war der
+größte Theil des Grundeigenthums von England vergeben -- hatte bei der
+Besitznahme eine bedeutende Geldsumme zu erlegen, konnte jedoch nicht
+den geringsten Theil des erworbenen Eigenthums ohne höhere Erlaubniß
+verkaufen. Starb er und der Erbe der Güter befand sich noch in den
+Jahren der Unmündigkeit, so übernahm der König die Vormundschaft, und
+erhielt für die Dauer derselben nicht allein einen bedeutenden Theil des
+Güterertrags, sondern der Unmündige war auch verpflichtet, bei
+Vermeidung schwerer Strafe, nach dem Willen des königlichen Vormunds und
+nur in angemessenen Rangverhältnissen Ehebündnisse zu schließen. Daher
+kam es, daß eine Menge mittelloser Abenteurer den Hof belagerten, in der
+Hoffnung, zum Lohne für Unterwürfigkeit und Schmeichelei ein solches
+reiches Mündel durch die Gnade des Königs zu erlangen. Mit der Monarchie
+endigten auch diese Mißbräuche, und alle Gutsherren des Landes wünschten
+natürlich dringend, daß mit der Wiedererstehung derselben sie nicht etwa
+wiederkehren möchten; deshalb wurden sie durch ein Statut feierlich
+beseitigt, und mit Ausnahme einiger ehrendienstlichen Handlungen, welche
+noch jetzt bei der Krönung von einigen Vasallen der Person des Königs
+geleistet werden müssen, entschwanden diese alten, ritterdienstlichen
+Lehen für immer.
+
+
+[_Auflösung des Heeres._] Jetzt sollte das Heer aufgelöst werden.
+Funfzigtausend alte, kriegstüchtige Soldaten wurden verabschiedet und
+gerechtfertigt schien die allgemeine Furcht, daß diese große Menge
+brodlos gewordener Menschen Verbrechen und Unglück in bedeutender Zahl
+hervorrufen, und der Mangel sie zu Mord und Plünderung treiben würde;
+aber man hatte sich getäuscht, denn schon nach wenigen Monaten war die
+furchtbare Armee friedlich im Volke verschwunden und selbst die
+königlich Gesinnten mußten zugestehen, daß die entlassenen Kriegsleute
+als brave und tüchtige Arbeiter sich allgemeiner Achtung zu erfreuen
+hatten, und daß sie das Volk, wie man gefürchtet, weder durch Raub und
+Plünderung noch durch Bettelei belästigten. Ja es ging die gute Meinung,
+welche man von diesen entlassenen Soldaten hegte, soweit, daß wenn z.B.
+ein Bäcker, Maurer oder Fuhrman sich durch Fleiß und Redlichkeit
+bemerkbar machte, man unverholen aussprach, er müsse einst zu Oliver
+Cromwells alten Soldaten gehört haben. --
+
+Obgleich die militairische Despotie geschwunden war, hatte sie doch im
+Volke tiefe Erinnerungen zurückgelassen. Man sprach mit Abscheu und
+Verachtung von den stehenden Heeren, und merkwürdig ist es, daß diese
+Empfindungen unter den Cavalieren stärker waren als unter den
+Rundköpfen. Es war ein Glück, daß als England unter der blutigen
+Regierung des Schwertes stand, dasselbe nicht von dem angestammten
+Fürsten, sondern den Männern der Revolution geführt wurde, obschon diese
+weder das Leben des Königs noch die Kirche schonten. Die Freiheit
+unseres Vaterlandes wäre dahin gewesen, wenn König Karl mit seinem guten
+Rechte an der Spitze einer so höchst vortrefflichen Armee stand, wie die
+Cromwells war. Der monarchischen Partei war das einzige Mittel, wodurch
+die Monarchie in eine absolute umgeändert werden konnte, zum Glück ein
+Gegenstand der Furcht und des Schreckens, und nach der Ansicht der
+Königlichen und Prälatisten nicht zu trennen von Fürstenmord und
+Feldkanzelgeschrei. Die Tories eiferten noch ein Jahrhundert nach
+Cromwells Tode gegen die Vermehrung des stehenden Heeres, und rühmten
+die Vorzüge einer Nationalbewaffnung. War es doch noch im Jahre 1786
+einem Minister, der das Vertrauen der Tories in hohem Grade besaß,
+unmöglich, die Befestigung der Meeresküsten bei ihnen durchzusetzen,
+immer war ihnen das stehende Heer ein Gegenstand des Ärgernisses, bis
+endlich die französische Revolution ihren Ansichten einen Umschwung gab.
+
+
+[_Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen den Rundköpfen und
+Cavalieren._] Die Coalition, welche den König wieder auf den Thron
+erhoben, hörte mit der Gefahr auf, die sie in's Leben gerufen; aber
+wiederum traten zwei feindliche Parteien auf den Kampfplatz. Ihre
+einzige übereinstimmende Handlung war die Bestrafung einiger
+Unglücklichen, auf denen zu jener Zeit der allgemeine Haß ruhte.
+Cromwell war nicht mehr, und diejenigen, welche einst zitternd vor ihm
+flohen, hatten die elende Genugthuung, den Leichnam des größten Mannes,
+der England je beherrschte, aus der Erde zu reißen, ihn zu verstümmeln,
+aufzuhängen und zu verbrennen. Auch von den republikanischen Häuptern
+fielen zwar wenige, aber immer noch zu viel der Rache anheim, bald aber,
+nachdem sie von dem Blute der Königsmörder gesättigt waren, wandten sich
+die Sieger gegen einander. Obschon die Rundköpfe nicht in Abrede
+stellten, daß der hingerichtete König viele Vorzüge besessen, und das
+Urtheil, welches ein gesetzwidriger Gerichtshof über ihn gesprochen, als
+ein ungerechtes verdammten, so behaupteten sie doch, daß er bei seiner
+Verwaltung sich Handlungen gegen die Verfassung erlaubt habe, und daß
+die Häuser in ihrem vollen Rechte gewesen seien, als sie die Waffen
+gegen ihn erhoben. Sie erklärten ferner, der gefährlichste Feind der
+Monarchie sei der Schmeichler, welcher das Gesetz den Prärogativen
+untergeordnet wissen wolle, der jede königliche Handlung gutheiße,
+selbst wenn sie Eingriffe in die Rechte Anderer enthalte, und nicht
+allein Cromwell und Harrison sondern auch Pym und Hampden mit den Namen
+Verräther belege. Wünsche der König eine friedliche und glückliche
+Regierung, so müsse er auch denen vertrauen, welche zwar die Waffen zur
+Vertheidigung der verletzten Privilegien des Parlaments ergriffen, sich
+aber doch der wüthenden Soldateska entgegen stellten, als es die Rettung
+seines Vaters galt, und deren Anstrengungen die königliche Familie ihre
+Zurückrufung hauptsächlich zu danken habe.
+
+Weit verschieden von dieser Ansicht war die des Adels. Bei allen
+Wechselfällen welche das Fürstenhaus betroffen, waren sie achtzehn Jahre
+hindurch diesem treuergeben geblieben. Sollten sie, da sie das
+Mißgeschick ihres Fürsten getheilt, nicht auch seinen Triumph theilen?
+War nicht ein Unterschied zwischen ihnen und dem unloyalen Unterthan,
+welcher das Schwert gegen die heiligen Rechte seines Fürsten gezogen,
+und sich als ein Anhänger Richard Cromwells nicht eher an der
+Restauration der Stuarts betheiligte, bis er erkannte, daß nur dadurch
+das Volk von der gefürchteten Militairherrschaft zu retten sei? Und wenn
+auch die Dienste, welche ein solcher Mann zuletzt geleistet, Verzeihung
+des Geschehenen erheischten, waren diese Dienste in die Wagschale zu
+legen gegen die Aufopferungen und Mühseligkeiten der wackeren Cavaliere,
+die in unerschütterlicher Treue bei der Dynastie verharrt? War es
+möglich, ihn in gleiche Linie zu stellen mit Männern, welche nicht
+nöthig hatten, die Gnade des Königs anzurufen, weil sie dieselbe in
+jedem Augenblicke einer vieljährigen Vergangenheit verdient hatten?
+Durfte er im Genuß eines Vermögens gelassen werden, welches aus dem
+Eigenthume der zu Grunde gerichteten Vertheidiger des Thrones bestand?
+Mußte er sich nicht glücklich schätzen, Leben und Eigenthum, welche so
+oft der Gerechtigkeit verfallen waren, gesichert zu sehen, und Theil zu
+haben an den Segnungen einer milden Regierung, der er so lange feindlich
+gegenübergestanden? War es billig, ihn für seine Verrätherei zum
+Nachtheile von Männern zu belohnen, deren einziger Vorwurf nur in der
+Treue liegen konnte, mit welcher sie fest an ihrem Huldigungseide
+gehalten hatten? Durfte der König seine alten Feinde mit Reichthümern
+überschütten, die man seinen alten Freunden geraubt? Konnte man zu
+Männern Vertrauen haben, welche gegen ihren König aufgestanden, und das
+Schwert gegen ihn erhoben, ja ihn eingekerkert hatten, und die jetzt,
+anstatt reuig und zerknirscht das Haupt zu beugen, mit keckem Trotz ihre
+Handlungen vertheidigten und als hohen Beweis ihrer Loyalität anführten,
+daß sie ihre Hand nicht zum Königsmorde bieten wollten? Allerdings
+hätten sie bei Wiederaufrichtung des Thrones thätige Hilfe geleistet;
+aber wer anders als sie habe ihn denn vorher umgestürzt? und noch jetzt
+huldigten sie ja Grundsätzen, welche gar leicht zur Wiederholung einer
+solchen That führen könnten. Daß die königliche Gnade einige von denen
+berühren möchte, welche sich bei Wiederherstellung des Thrones besonders
+nützlich gezeigt, fand man zwar angemessen, aber die Pflicht der
+Gerechtigkeit und Dankbarkeit sowie die Staatsklugheit geböten, daß der
+König seine Gnade über die treuen Männer ausschütte, welche in den Tagen
+des Glücks wie der Gefahr zu ihm und seinem Hause gestanden. Aus diesen
+Gründen beanspruchte der Adel natürlich Entschädigung für seine Leiden
+und besondere Rücksicht bei Austheilung der königlichen Gnadenbeweise.
+Einige exaltirte Männer dieser Partei gingen sogar noch weiter und
+verlangten ausgedehnte Proskriptionslisten.
+
+
+[_Religiöse Uneinigkeit._] Noch erbitterter wurde der politische Kampf
+durch einen religiösen Streit. Der König fand die Kirche in einem
+eigenthümlichen Zustande. Kurze Zeit vor dem Beginn des Bürgerkrieges
+hatte Karl I., wenn auch mit Widerstreben, einer von Falkland
+unterstützten Bill seine Zustimmung gegeben, wodurch die Bischöfe ihres
+Sitzes im Hause der Lords beraubt worden; das Episcopat aber und die
+Liturgie waren niemals durch ein Gesetz aufgehoben worden. Das lange
+Parlament hatte jedoch Verordnungen erlassen, welche im Kirchenregiment
+und öffentlichen Gottesdienste eine förmliche Revolution hervorgerufen.
+Im Prinzip war das neue System kaum weniger erastianisch als das,
+welches es verdrängte. Die Kammern, namentlich durch die Rathschläge des
+äußerst klugen Selden veranlaßt, hatten den Entschluß gefaßt, die
+weltliche Gewalt vollständig über die geistliche zu stellen. Sie hatten
+sich geweigert die Erklärung zu geben, daß irgend eine Form der
+Kirchenverfassung göttlichen Ursprungs sei, und ebenso bestimmt, daß von
+allen geistlichen Gerichtshöfen eine Appellation in letzter Instanz an
+das Parlament gehen solle. Mit diesem höchst wichtigen Vorbehalt
+beschloß man in England ein Kirchenregiment einzuführen, welches dem
+bereits in Schottland vorhandenen vollständig glich. Die Autorität von
+Konzilien, die in regelmäßiger Stufenfolge sich eines über das andere
+erhoben, setzte man an die Stelle der Autorität der Bischöfe und
+Erzbischöfe, die Liturgie machte dem presbyterianischen Directorium
+Platz. Die neuen Regulative waren jedoch kaum abgefaßt, als die
+Independenten sich zu außerordentlichem Einflusse im Staate erhoben. Die
+Independenten waren nicht geneigt, Verordnungen, welche die Klassen-,
+Provinzial- und Nationalsynoden betrafen, durchzusetzen, und sie sind
+deshalb nie zu vollständiger Ausführung gebracht worden. Das
+presbyterianische System wurde ausnahmsweise nur in Middlesex und
+Lancashire im ganzen Umfange ausgeübt, in den übrigen fünfzig
+Grafschaften scheint fast jedes einzelne Kirchspiel ohne Verbindung mit
+den benachbarten geblieben zu sein. Die Geistlichen bildeten zwar in
+einigen Bezirken freiwillige Verbindungen unter sich, zu dem Zwecke
+gegenseitigen Beistands und Rathes; diese Vereine besaßen aber keine
+zwingende Kraft. Da jetzt weder Bischöfe noch Presbyterien die Patrone
+der geistlichen Pfründen zügelten, so würde es in deren Macht gestanden
+haben, die Seelsorge den verrufensten Menschen zu übergeben, wenn nicht
+das energische Einschreiten Cromwells diese Willkür unmöglich gemacht
+hätte. Er gründete auf seine eigene Autorität eine Behörde von
+Bevollmächtigten, welche den Namen »Prüfer« (+Triers+) führten und von
+denen die meisten Independenten-Geistliche waren. Außerdem hatten einige
+wenige presbyterianische Pfarrer sowie einige Laien in diesem Kollegium
+Sitz und Stimme. Das Zeugniß, welches diese Prüfer gaben, vertrat die
+Stelle sowohl der Einsetzung als der Einführung, und Niemand konnte eine
+geistliche Pfründe erhalten, wenn er nicht ein solches Zeugniß besaß.
+Ohne Zweifel war dies eine Handlung des Despotismus, wie sie wohl selten
+von einem Beherrscher Englands ausgegangen, aber bei der allgemeinen
+Überzeugung, daß ohne eine solche Maßregel das Land von liederlichen und
+unwissenden Menschen überschwemmt werden müsse, welche den Namen von
+Geistlichen trügen und deren Einkommen verzehrten, erhoben mehrere
+Männer, die in hoher Achtung standen, ihre Stimme, und, obgleich keine
+Freunde Cromwells, erklärten sie laut, daß er in diesem Falle als ein
+öffentlicher Wohlthäter gehandelt habe. Die Kandidaten, welche die
+Prüfer zur Bekleidung eines geistlichen Amtes fähig befunden, nahmen
+ihre Pfarreien in Besitz, bebauten ihre Ländereien, erhoben den Zehnten,
+beteten ohne Buch und Chorhemd und ertheilten das Abendmahl an
+Kommunikanten, welche an langen Tafeln saßen.
+
+In solch heilloser Verwirrung befand sich Englands Kirchenverfassung.
+Das Episcopat war die Regierungsform, welche die alten bis dahin noch
+nicht aufgehobenen Gesetze vorschrieben; eine Parlamentsverordnung hatte
+die presbyterianische Form festgestellt, aber weder das alte Gesetz noch
+die parlamentarische Verordnung waren thatsächlich in Kraft. Die Kirche
+in ihrem wahren Zustande erschien als ein unregelmäßiger Körper,
+zusammengefügt aus einigen wenigen Presbyterien und einer Menge von
+Independenten-Gemeinden, welche sämmtlich durch die Autorität der
+Regierung nieder- und zusammengehalten wurden.
+
+Von denen, welche bei der Zurückführung des Königs hauptsächlich
+mitgewirkt hatten, wünschten Viele dringend Synoden und das Directorium.
+Andere eiferten dafür, durch einen Vergleich die religiösen
+Streitigkeiten, welche England so lange bewegt hatten, zu beendigen.
+Zwischen den bigotten Anhängern Lauds und Calvins konnte weder Friede
+noch Waffenstillstand bestehen; aber es war möglich, die gemäßigten
+Episcopalen von Ushers Schule und die gemäßigten Presbyterianer von der
+Schule Baxters zu einer Verständigung zu bewegen. Die gemäßigten
+Episcopalen würden zugestehen, daß ein Bischof gesetzmäßig durch ein
+Konzil unterstützt werden könne, und die gemäßigten Presbyterianer
+würden nicht in Abrede stellen, daß jede Provinzialversammlung
+gesetzmäßig einen beständigen Präsidenten haben und daß dieser
+gesetzmäßig »Bischof« genannt werden könne. Man könne eine revidirte
+Liturgie annehmen, welche das extemporirte Gebet nicht ausschlösse,
+einen Taufdienst, bei welchem man das Zeichen des Kreuzes nach Ermessen
+in Anwendung bringen könne oder nicht; eine Austheilung des Abendmahls,
+bei welcher es den Gläubigen unbenommen bleiben sollte zu sitzen, wenn
+ihr Gewissen es ihnen nicht gestatte zu knieen. Dieser Plan aber stimmte
+nicht mit den Ansichten der Cavaliere überein. Die wirklich religiösen
+Mitglieder dieser Partei waren dem ganzen System ihrer Kirche auf das
+Gewissenhafteste zugethan. Diese war ihrem gemordeten König theuer
+gewesen und hatte sie selbst getröstet, als das Unglück hereinbrach.
+Ihr Gottesdienst, der während einer schweren Prüfungszeit in heimlicher
+Kammer so oft das gramerfüllte Herz gestärkt, er war ihnen so lieb
+geworden, daß sie sich nicht entschließen konnten, auch nur eine einzige
+Response aufzugeben. Andere königlich Gesinnte, welche weniger fromm
+waren, hielten es mit der Episcopalkirche, blos weil sie eine Feindin
+ihrer Feinde war. Gebete und Ceremonien beurtheilten sie nicht nach dem
+Troste, welcher ihnen daraus erwuchs, sondern nach dem Ärgerniß, welches
+den Rundköpfen dadurch verursacht wurde, und da es ihnen nicht einfiel,
+durch Nachgiebigkeit Einigung herbeiführen zu wollen, so war eine solche
+zur Unmöglichkeit geworden. Sie waren gegen die Nachgiebigkeit
+hauptsächlich deshalb eingenommen, weil sie keine Einigung wünschten.
+
+
+[_Unpopularität der Puritaner._] So tadelnswerth diese Gefühle auch
+immer sein mochten, so waren sie doch nicht nur natürlich, sondern auch
+wohl zu entschuldigen. Die Puritaner hatten unstreitig in den Tagen
+ihrer Macht Veranlassung zur Gereiztheit gegeben. Aus ihrer eigenen
+Unzufriedenheit, ihrem eigenen Siege und der Vernichtung jener stolzen
+Hierarchie, unter deren schwerem Joche sie geschmachtet, mußten sie
+gelernt haben, daß im siebzehnten Jahrhundert die Macht der bürgerlichen
+Obrigkeit in England nicht ausreiche, die Gemüther der Menschen zur
+Übereinstimmung mit ihrem theologischen Systeme abzurichten. In Alles
+sich einmischend, bewiesen sie sich dabei so unduldsam, als Laud es nur
+jemals gewesen war. Unter Androhung schwerer Strafen verboten sie nicht
+allein in den Kirchen, sondern selbst für Privathäuser den Gebrauch des
+allgemeinen Gebetbuches. Wenn ein frommes Kind am Krankenlager der
+Eltern eine der schönen Kollekten las, welche seit Jahrhunderten den
+Kummer christlicher Herzen gelindert hatten, so wurde diese Handlung der
+kindlichen Liebe für ein Verbrechen erklärt. Mit schwerer Ahndung wurden
+diejenigen bedroht, welche es wagen würden, die calvinistische Form des
+Gottesdienstes zu tadeln. Geachtete Geistliche wurden zu Tausenden nicht
+nur von ihren Pfründen vertrieben, sondern auch oft den Mißhandlungen
+eines fanatischen Pöbels preisgegeben; Gotteshäuser und Grabstätten,
+treffliche Kunstwerke und seltene Überbleibsel des Alterthums wurden mit
+roher Hand verunstaltet oder vernichtet. Eine Verordnung des Parlaments
+verfügte, daß sämmtliche Gemälde der königlichen Gallerie, welche Jesus
+oder die heilige Jungfrau mit dem Kinde darstellten, in's Feuer geworfen
+werden sollten. Gleiches Schicksal erlitten die Werke der
+Bildhauerkunst. Nymphen und Grazien, welche unter ionischen Meißeln
+entstanden waren, wurden den Händen puritanischer Steinmetzen übergeben,
+welche sie anständig machen mußten. Gegen leichtsinnige Vergehen aber
+kämpfte die herrschende Partei mit einem Eifer, der ebenso wenig durch
+Humanität als durch gesundem Menschenverstand gemäßigt war. Man erließ
+strenge Gesetze gegen das Wetten und eine Verordnung verhängte die
+Todesstrafe über den Ehebruch. Der unerlaubte Umgang der Geschlechter,
+selbst wenn weder Verführung und Gewaltthätigkeit dabei vorkam, noch die
+Sittlichkeit beleidigt oder das eheliche Recht verletzt war, galt für
+ein schweres Verbrechen. Öffentliche Lustbarkeiten, von den
+Maskenspielen in den Häusern der Vornehmen bis zu den Ringstechen und
+ländlichen Jahrmarktspossen herab, wurden auf das Ernstlichste verfolgt.
+So bestimmte eine Verordnung, daß in England künftig alle Maibäume
+umgehauen werden sollten; eine andere untersagte theatralische
+Vorstellungen. Die Schauspielhäuser sollten niedergerissen und die
+Schauspieler gestäupt werden, die Zuschauer aber in eine Geldstrafe
+verfallen. Seiltanz, Puppenspiel, Kegeln und Pferderennen wurden ungern
+gesehen; der entsetzlichste Gräuel aber, welcher den Zorn der Sektirer
+auf den höchsten Punkt trieb, war die Bärenhetze, damals eine
+Lieblingsunterhaltung für Vornehme und Geringe. Es ist bemerkenswerth,
+daß die Abneigung gegen diese Lustbarkeit nicht aus dem Gefühle
+hervorging, welches in unserer Zeit die Gesetzgebung bewog, sich in's
+Mittel zu legen, um die Thiere gegen die muthwillige Grausamkeit der
+Menschen in Schutz zu nehmen. Der Puritaner verabscheute die Bärenhetze
+nicht, weil dabei der Bär gemartert wurde, sondern weil die Zuschauer
+daran Vergnügen fanden. Er hatte sich die zwiefache Freude ersonnen,
+nicht nur den Bären, sondern auch den Zuschauer zu quälen.[1]
+
+Den deutlichsten Begriff von der Denkungsweise der Rigoristen giebt
+vielleicht ihr Verhalten in Bezug auf das Weihnachtsfest. Seit
+undenklichen Zeiten war Weihnachten die Zeit der Freude und häuslichen
+Liebe, in welcher die Familien sich vereinigten, die entfernt lebenden
+Kinder in's Vaterhaus zurückkehrten, alle Streitigkeiten ausgeglichen,
+die Häuser mit Immergrün geschmückt und die Tische mit den besten
+Speisen besetzt wurden. Die Weihnachtszeit stimmt das Herz sanft und
+öffnet es fremden Leiden, wenn nicht alle Menschenliebe aus ihm gewichen
+ist. Zu dieser Zeit gestattete man den Armen, theilzunehmen an den
+Genüssen des Reichen, dessen Freigebigkeit in Betracht der kurzen Tage
+und der rauhen Witterung um so höheren Werth hatten. Der Unterschied
+zwischen den Herren und Pächtern, den Vorgesetzten und Untergebenen trat
+in dieser Zeit weniger hervor, als im übrigen Theile des Jahres. Doch
+der großen Freude ist auch stets der Muthwille nahe; im Ganzen genommen
+aber war der Geist, in dem der festliche Tag gefeiert wurde, eines
+christlichen Festes nicht unwürdig. Zwar gebot das Lange Parlament im
+Jahre 1644, daß man den 25. December streng als Fasttag behandeln,
+und daß Jedermann an diesem Tage um Vergebung der großen Nationalsünde
+bitten solle, welche das Volk seit Menschengedenken an demselben
+begangen, indem es sich unter dem Mistelzweige getummelt, wilden
+Schweinskopf verzehrt und Ale, mit gerösteten Äpfeln dazu, genossen.
+Keine öffentliche Maßregel jener Zeit rief in den niederen Klassen eine
+größere Entrüstung hervor, als diese, und beim nächsten Weihnachtsfeste
+brachen an verschiedenen Orten gefährliche Empörungen aus. Die
+Konstabler wurden mißhandelt, die Obrigkeiten verhöhnt, man stürmte die
+Häuser bekannter Zeloten und in allen Gotteshäusern wurde offen das
+verbotene Gebet des Tages abgehalten.
+
+So war der Geist der extremen Puritaner, sowohl der Presbyterianer wie
+der Independenten. Wenngleich Cromwell auch nicht geneigt war, sich in
+Alles, was geschah, einzumischen oder wohl gar Verfolgungen eintreten zu
+lassen, so stand er doch an der Spitze einer Partei und war folglich ein
+Sklave derselben, weshalb er auch nicht vollständig nach eigener Ansicht
+und Neigung regieren konnte. Viele Obrigkeiten machten sich selbst unter
+seiner Herrschaft in ihren Bezirken so verhaßt, wie Sir Hudibras. Sie
+störten alle Vergnügungen in der Nachbarschaft, trieben mit roher Gewalt
+festliche Versammlungen auseinander und warfen die Fiedler in das
+Gefängniß. Noch unsinniger und gefährlicher war der Eifer der Soldaten.
+Erschienen sie in einem Dorfe, so mußte alles Tanzen und Glockenläuten
+unterbleiben und jedes Fest hatte ein Ende. In London unterbrachen sie
+zu verschiedenen Malen theatralische Vorstellungen, welche durch kein
+Verbot des gutmüthigen und einsichtsvollen Protektors gestört worden
+waren.
+
+Eine solche Tyrannei mußte Furcht und Haß erzeugen, und mit ihnen
+mischte sich die tiefste Verachtung. Seit den Zeiten Elisabeths waren
+die Eigenthümlichkeiten des Puritaners, sein Aussehen, seine Kleidung,
+seine Sprachweise, seine seltsamen Gewissensskrupel Gegenstände des
+Spottes gewesen, aber diese Sonderbarkeiten erschienen viel widerlicher
+bei einer Partei, welche die Regierung eines mächtigen Reiches führte,
+als bei einer machtlosen verfolgten Gemeinde. Wenn es schon lächerlich
+erschien, das geistliche Kauderwelsch auf der Bühne aus dem Munde von
++Tribulation Wholesome+ (heilsame Trübsal) und +Zeal-of-the-Land Busy+
+(geschäftiger Landeseifer) zu hören, so klang es noch viel lächerlicher,
+wenn sich Heerführer und hohe Staatsbeamte desselben bedienten. Hierbei
+ist noch zu erwähnen, daß während der Revolution einige Sekten in's
+Leben getreten waren, deren Überspanntheit Alles, was man bis dahin in
+England gesehen, übertraf. Ludwig Muggleton, ein wahnsinniger Schneider,
+zog in den Bierhäusern herum, und Ale trinkend verkündete er ewige
+Qualen allen denjenigen, welche an seiner Versicherung zweifelten, daß
+das höchste Wesen nur sechs Fuß hoch sei und die Entfernung der Sonne
+von der Erde genau vier Meilen betrage.[2] Die größte Heiterkeit
+erregte Georg Fox durch seine Behauptung, daß es eine Verletzung der
+christlichen Aufrichtigkeit sei, die einzelne Person in der Mehrheit
+anzureden, und eine heidnische Verehrung des Janus und Wodan, wenn man
+vom Januar und dem Tage Wodans (der Mittwoche) spreche. Wenige Jahre
+später nahmen einige angesehene Männer seine Lehre an und sie gelangte
+zu nicht unbedeutendem öffentlichen Ansehen. Für die verächtlichsten
+Fanatiker jedoch galten zur Zeit der Restauration in der Meinung des
+Volkes die Quäker. Die Puritaner Altenglands behandelten sie mit großer
+Strenge und in Neuengland wurden sie auf das Heftigste verfolgt. Das
+Volk aber, welches sich selten um genaue Unterscheidungen kümmert,
+verwechselte die Puritaner oft mit den Quäkern. Beide waren Schismatiker
+und haßten das Episcopat wie die Liturgie; beide hatten lächerliche
+Manieren hinsichtlich ihrer Kleidung, ihrer Gewohnheiten und
+Vergnügungen. Obgleich ihre Meinungen völlig von einander abwichen, so
+wurden sie doch von dem Volke als scheinheilige Schismatiker in eine
+Kategorie geworfen, und was sie Lächerliches oder Gehässiges an sich
+hatten, vermehrte die Verachtung und den Widerwillen, welche die Menge
+gegen beide fühlte.
+
+Vor dem Beginn der Bürgerkriege waren selbst diejenigen, denen die
+Ansichten und Gewohnheiten der Puritaner am meisten zuwider waren, zu
+der Anerkennung gezwungen, daß ihre Moralität im Wesentlichen tadellos
+sei; doch jetzt wurde dieses Lob nicht mehr gezollt, zum Unglück aber
+auch nicht mehr verdient. Immer war es das Schicksal der Sekten, so
+lange sie verfolgt und unterdrückt wurden, im Rufe der Heiligkeit zu
+stehen; sobald sie aber mächtig sich erhoben, verschwand auch die hohe
+Achtung, welche ihnen bis dahin geworden war. Die Erklärung liegt nicht
+fern. Nur selten wird Jemand einer geächteten, religiösen Gesellschaft
+beitreten, den nicht Gewissensgründe dahin führen, und deshalb besteht
+ein solcher Verein mit nur wenigen Ausnahmen aus Persönlichkeiten, die
+von der Wahrheit und Richtigkeit ihres Glaubens völlig durchdrungen
+sind. Die strengste Zucht, welche in einer solchen Gesellschaft
+gehandhabt werden kann, ist ein sehr schwaches Werkzeug der Läuterung im
+Vergleich mit etwas heftiger Verfolgung. Es ist bestimmt wahr, daß zur
+Zeit als Diokletian die Christen verfolgte, nur Wenige sich taufen
+ließen, welche nicht die ernste, religiöse Überzeugung dazu bewog,
+und daß aus gleichem Grunde Viele sich protestantischen Gemeinden
+anschlossen, auf die Gefahr hin von Bonner verbrannt zu werden. Aber
+wenn eine Sekte zu Ansehen und Macht gelangt, wenn ihre Gunst den Weg
+bahnt zu Ehrenstellen und Reichthümern, so werden sich immer habsüchtige
+und ehrgeizige Menschen herandrängen, ihre Sprache reden, ihre Gebräuche
+annehmen, ihre Eigenthümlichkeiten nachahmen, überhaupt in allen äußeren
+Zeichen des Eifers ihre ehrenwerthen Mitglieder sehr bald übertreffen.
+Die strengste Wachsamkeit der kirchlichen Leiter und ihre schärfste
+Unterscheidungsgabe wird nicht hinreichen, das Eindringen solcher
+heuchelnden Gesellen zu verhindern. Es ist nicht möglich, das Unkraut
+vom Weizen zu sichten, aber bald fängt die Welt an einzusehen, daß die
+frommen Herren nicht besser sind als andere Leute und schließt dann
+nicht ganz unrichtig, daß, wenn sie nicht besser sind, sie wohl
+schlechter sein müssen. So dauert es gar nicht lange, daß die äußeren
+Zeichen, welche man früher als Eigenthümlichkeiten der Heiligkeit
+betrachtete, als charakteristische Kennzeichen eines Schurken betrachtet
+werden.
+
+So erging es den englischen Nichtconformisten. Während sie unterdrückt
+waren, hatte sich ihre Gemeinschaft rein erhalten; als sie aber
+übermächtig wurden im Lande, da durfte Niemand der Hoffnung leben, ohne
+ihren Einfluß zu Ehren und Ansehen zu gelangen; ihre Gunst aber war nur
+dadurch zu gewinnen, daß man gewisse Zeichen und Losungsworte der
+geistlichen Brüderschaft mit ihnen wechselte. Einer der ersten
+Beschlüsse von Barebones Parlament, welches von allen das am meisten
+puritanische war, bestand darin, daß Niemand in den Dienst des Staates
+treten sollte, bevor das Haus sich von seiner Frömmigkeit genügend
+überzeugt habe. Was damals für ein Zeichen wahrer Gottseligkeit galt,
+der dunkle Anzug, das saure Ansehen, das kurzgeschorne Haar, das
+näselnde Gewinsel, die mit Bibelstellen durchwebte Rede, der Abscheu vor
+Schauspielen, Karten und Falkenbeize, wurde sehr leicht von Männern
+nachgeahmt, denen jede Religion gleichgültig war. Die aufrichtigen
+Puritaner verschwanden bald in einer Masse von weltlichen Leuten, die
+zum Theil der schlechtesten Sorte angehörten. Denn der anerkannteste
+Wüstling, der unter dem königlichen Banner gefochten hatte, konnte mit
+Recht für tugendhaft gelten, denen gegenüber, welche, während sie von
+süßen Erfahrungen und trostgewährenden Traktätleins sprachen, in steter
+Ausübung von Betrug, Raub und geheimer Wollust lebten. Das Volk bildete
+sich leider ein zu rasches Urtheil über die ganze Körperschaft nach dem
+Betragen dieser elenden Heuchler; die Gottesverehrung, die Sitten, die
+Redeweise der Puritaner wurden nach der öffentlichen Meinung mit den
+abscheulichsten und niedrigsten Ausschweifungen in Verbindung gebracht.
+Als die Restauration begonnen hatte, und man ohne Gefahr seine
+Feindschaft gegen die Partei aussprechen durfte, welche so lange im
+Lande geherrscht, da tönte aus allen Gegenden des Königreichs _ein_
+Schrei des Hasses gegen den Puritanismus, welcher häufig durch die
+Stimmen jener Schurken verstärkt wurde, deren Lasterhaftigkeit den
+puritanischen Namen in Verruf gebracht hatte.
+
+So waren die beiden großen Parteien, welche nach langen Feindseligkeiten
+sich auf einen Augenblick zur Wiederherstellung der Monarchie die Hand
+gereicht, einander jetzt wiederum, sowohl in politischer wie religiöser
+Beziehung, gänzlich entfremdet. Die Masse des Volkes hielt zu den
+Royalisten. Vergessen waren die Verbrechen Straffords und Lauds, die
+Gräuelthaten der Sternkammer und der hohen Kommission, und Niemand
+gedachte mehr der großen Dienste, welche das Lange Parlament in dem
+ersten Jahre seines Bestehens dem Staate geleistet hatte. An die
+Ermordung Karls I., die finstere Tyrannei des Rumpfs und die
+Gewaltthätigkeiten des Heeres dachte man mit Entrüstung, und die Massen
+waren geneigt, Alle, welche dem vorigen Könige Widerstand
+entgegengesetzt, für dessen Tod und die daraus hervorgegangenen
+unglücklichen Folgen verantwortlich zu machen.
+
+Das Haus der Gemeinen war in einer Zeit gewählt worden, als noch die
+Presbyterianer herrschten, und so vertrat es in keiner Art die
+allgemeine Stimmung des Volks, zeigte aber eine starke Neigung, der
+unduldsamen Loyalität der Edelleute ernsthaft entgegen zu treten. Als
+ein Mitglied öffentlich erklärte, daß Alle, welche gegen Karl I. die
+Waffen ergriffen, eben solche Verrätherei begangen wie diejenigen,
+welche ihn hingerichtet, wurde dasselbe zur Ordnung gerufen, und erhielt
+von dem Sprecher einen Verweis. Ohne Zweifel war es der allgemeine
+aufrichtige Wunsch des Hauses, die kirchlichen Streitigkeiten so zu
+ordnen, daß die gemäßigten Puritaner dadurch zufriedengestellt würden;
+eine solche Erledigung wünschte aber weder der Hof noch das Volk.
+
+ [Anmerkung 1: Wie wenig das Mitleid dabei im Spiele war, erkennt
+ man zur Genüge aus einer Schrift, betitelt: +A perfect Diurnal of
+ some Passages of Parliament, and from other Parts of the Kingdom,
+ from Monday July 24th, to Monday July 31st, 1643+. »Als die
+ Königin aus Holland zurückkehrte, brachte sie außer einem Haufen
+ von schlechtem Gesindel, welches das Aussehen von Menschenfressern
+ hatte, eine Anzahl wilder Bären mit. Ihr werdet aus dem Weiteren
+ ersehen, zu welchem Zwecke. Man ließ diese Bären bei Newark
+ zurück, um sie Sonntags in die Landstädte zu bringen und dort zu
+ hetzen. Solcher Art ist die Religion, welche die, von denen hier
+ die Rede ist, unter uns einführen wollen. Wagte es Jemand, ihre
+ schändlichen Entheiligungen zu hindern oder sich nur Bemerkungen
+ darüber zu erlauben, so wurde er unverzüglich als Rundkopf oder
+ Puritaner bezeichnet und war in Gefahr geplündert zu werden.
+ Einige von Oberst Cromwells Soldaten, welche zufällig am Sonntag
+ nach der Stadt Uppingham in Rutland kamen, sahen die eben
+ stattfindende Bärenhetze, und veranlaßten, daß das Spiel sofort
+ unterbrochen und die Bären an einen Baum gebunden und erschossen
+ wurden.« Dieses war durchaus kein vereinzeltes Beispiel. Der
+ Sheriff von Surrey, Oberst Pride, befahl, daß die Bären im Garten
+ von Southwark getödtet werden sollten. Ein loyaler Satyriker läßt
+ ihn diesen Befehl folgendermaßen vertheidigen: »Am meisten liegt
+ mir die Tödtung dieser Bären am Herzen, wodurch ich mir den Haß
+ des Volkes zugezogen, das mich mit allen Benennungen des
+ Regenbogens beehrt. Aber erschlug nicht David einen Bären? Tödtete
+ nicht der Lord Statthalter Ireton einen Bären? Tödtete nicht ein
+ anderer Lord von den Unsrigen fünf Bären?« +Last Speech and dying
+ Words of Thomas Pride.+]
+
+ [Anmerkung 2: Man sehe Penns +New Witnesses proved Old Heretics+
+ und Muggletons Werke an mehreren Stellen.]
+
+
+[_Charakter Karls II._] Der neueingesetzte König besaß um diese Zeit die
+Liebe des Volkes in höherem Maaße, als jemals einer seiner Vorgänger.
+Das Unglück, welches sein Haus betroffen, der heldenmüthige Tod seines
+Vaters, die vielen Leiden und romantischen Abenteuer, welche er erlebt,
+machten ihn zum Gegenstande allgemeiner Theilnahme. Durch seine Rückkehr
+wurde England von einer drückenden Knechtschaft erlöst. Herbeigerufen
+durch die Stimmen der beiden streitenden Parteien, war er der geeignete
+Mann, um als Schiedsrichter zwischen sie zu treten, und in gewisser
+Beziehung war er wohl befähigt, diese Aufgabe zu lösen. Die Natur hatte
+ihn mit vorzüglichen Anlagen und einem glücklichen Temperament
+ausgestattet, und von seiner Erziehung ließ sich erwarten, daß sie
+seinen Verstand entwickelt und ihn zur Ausübung jeder Tugend des
+öffentlichen und Privatlebens befähigt habe. Der Wechsel des Glücks war
+ihm nicht unbekannt, und beide Seiten der menschlichen Natur hatte er
+beobachten lernen. In früher Jugend hatte ihn das Schicksal aus dem
+Königsschlosse hinausgeworfen in ein Leben der Verbannung, der Gefahren
+und Entbehrungen; in einem Alter der geistigen und körperlichen
+Kraftfülle, in dem das erste Aufbrausen der jugendlichen Leidenschaften
+sich bereits gelegt, ward er zurückgerufen von seinen unstäten
+Wanderungen, um Englands mächtige Krone zu tragen. Bittere Erfahrungen
+hatten ihm bewiesen, wie oft die zur Schau getragene Ergebenheit der
+Hofleute Bosheit, Verrätherei und Undank verbirgt; dagegen waren ihm in
+der Hütte der Armuth die überzeugendsten Beweise von wahrem Seelenadel
+gegeben worden. Als hohe Belohnung jedem versprochen ward, der ihn
+seinen Feinden verrathen würde, und man denjenigen, welcher ihm
+hilfreich beistehen wollte, mit dem Tode bedrohte, da hatten arme
+Landleute und die niedrigsten seiner Diener mit rührender Aufopferung
+dem unglücklichen Fürsten zur Seite gestanden, und ihn mit derselben
+tiefen Ehrerbietung behandelt, als ob die Krone seiner Väter noch in
+vollem Glanze auf seinem Haupte strahlte. Es stand zu erwarten, daß ein
+junger Mann, dem es weder an Fähigkeiten noch an liebenswürdigen
+Eigenschaften gebrach, durch die gemachten Erfahrungen zu einem großen
+und ausgezeichneten König herangebildet worden sei. Karl besaß, neben
+gefälligen Formen für die Gesellschaft, feine und einnehmende Manieren
+und nicht wenig Talent für lebendige Unterhaltung; aber dabei war er dem
+Sinnengenusse im höchsten Grade ergeben, sowie ein Freund des Müßiggangs
+und der Leichtfertigkeit, ohne Kraft sich zu beherrschen, ohne hohen
+Begriff von menschlicher Tugend und Zuneigung, ohne Drang nach Ruhm, und
+unempfindlich gegen jeden Tadel. Nach seiner Ansicht war jeder käuflich,
+nur daß er sich oft in höheren Preis stellte, als ein anderer, und wenn
+der Handel recht hartnäckig und geschickt betrieben ward, so gab es für
+denselben verschiedene und wohlklingende Namen. Die höchste
+Geschicklichkeit, mit welcher kluge Männer den Preis ihrer Fähigkeiten
+zu steigern wußten, ward Rechtschaffenheit, die raffinirteste
+Gewandtheit, mit der liebenswürdige Frauen den Preis ihrer Reize zu
+erhöhen verstanden, Sittsamkeit genannt. Vaterlandsliebe, Familienliebe,
+Freundesliebe, Liebe zu Gott, dies Alles waren leere Phrasen, zarte und
+schickliche Benennungen für die Selbstliebe. Bei einer solchen Ansicht
+von den Menschen war es Karl natürlich sehr gleichgültig, wie diese über
+ihn dachten. Ehre und Schande waren ihm dasselbe, was dem Blinden Licht
+und Dunkelheit sein mag. Man hat seine Verachtung der Schmeichelei hoch
+gerühmt, aber sie erscheint des Lobes nicht würdig, wenn man sie in
+Zusammenhang mit den übrigen Eigenschaften seines Charakters bringt.
+Man kann sowohl über der Schmeichelei stehen, wie unter ihr, wer dem
+Schmeichler nicht traut, wird auch keinem Andern trauen; wer keinen
+Begriff von _wahrem_ Ruhme hat, wird auch den _scheinbaren_ verachten.
+
+Bei Karls Gemüthsart ist es rühmlich zu erwähnen, daß er trotz der
+schlechten Meinung, welche er von den Menschen hatte, doch nie ein
+Menschenfeind wurde. Er fand in den Menschen wenig was ihm nicht
+hassenswerth dünkte, und doch haßte er sie nicht, er war sogar
+menschenfreundlich genug, daß es ihm Kummer verursachte, wenn er ihre
+Leiden sah, oder ihre Klagen hören mußte. Diese Art von
+Menschenfreundlichkeit aber, welche bei einem Privatmann recht schön und
+lobenswerth sein mag, indem dessen Macht, Nutzen oder Schaden zu
+bringen, auf einen engen Kreis beschränkt wird, ist bei Herrschern
+häufiger ein Laster gewesen als eine Tugend. Mehr als ein wohlgesinnter
+Fürst hat ganze Provinzen dem Raube und der Unterdrückung preisgegeben,
+blos weil es ihn unangenehm berührte, andere als glückliche Gesichter
+auf seinen Spaziergängen und an seiner Tafel zu sehen. Keiner ist
+geeignet, das Scepter eines großen Staats zu führen, welcher Bedenken
+trägt, zum Besten der Massen mit denen er niemals in Berührung kommt,
+die Wenigen, welche Zutritt bei ihm haben, zu kränken. Die leichtsinnige
+Schwäche, welche Karl besaß, war so groß, wie sie vielleicht noch nie
+bei einem Manne von seinem Verstande gefunden wurde; obgleich nichts
+weniger als ein Schwachkopf, war er doch ein Sklave. Nichtswürdige
+Männer und feile Frauen, deren Erbärmlichkeit er völlig durchschaute,
+von denen er wußte, daß er ebensowenig ihre Liebe wie sie sein Vertrauen
+besaßen, konnten mit Leichtigkeit ihm Alles abschmeicheln was sie
+wünschten: Titel, Ehrenstellen, Güter, Staatsgeheimnisse und
+Begnadigungen. Obgleich er viel austheilte, genoß er doch niemals das
+Vergnügen, welches die Freigebigkeit verursacht, und ebensowenig erntete
+er den Ruhm derselben. Er gab nie aus freiem Antriebe, aber es war ihm
+unangenehm das Erbetene zu versagen. Eine natürliche Folge davon war,
+daß im Allgemeinen nicht diejenigen, welche sie verdienten, oder die in
+seiner Gunst standen, Empfänger dieser Gnadenbeweise waren, sondern daß
+sie den unverschämtesten und zudringlichsten Bewerbern zu Theil wurden,
+denen es gelungen war, sich eine Audienz zu verschaffen.
+
+Die Beweggründe, welche das politische Verhalten Carls II. leiteten,
+waren ganz anderer Natur als diejenigen, welche die Handlungen seines
+Vorgängers wie seines Nachfolgers auf dem Throne bestimmten. Er war
+nicht der Mann, den eine patriarchalische Regierungstheorie oder die
+Lehre vom göttlichen Recht anziehen konnte. Durchaus frei von Ehrgeiz,
+verabscheute er alle Geschäfte, und ehe er sich der Mühe unterzogen
+hätte, die Zügel der Regierung selbst in die Hand zu nehmen, würde er
+lieber auf die Krone Verzicht geleistet haben. Seine Arbeitsscheu sowie
+seine Unkenntniß der Staatsgeschäfte waren so groß, daß selbst die
+Schreiber, welche Gelegenheit hatten ihn im Geheimen Rathe zu
+beobachten, über seine kindische Ungeduld und seine läppischen
+Bemerkungen oft nur mit Mühe das Lachen unterdrücken konnten. Seine
+Schritte wurden weder von der Dankbarkeit noch von der Rache geleitet,
+denn auf sein Gemüth konnten empfangene Beleidigungen ebensowenig wie
+geleistete Dienste einen anderen als einen schwachen und rasch
+vorübergehenden Eindruck machen. Es war nur sein Wunsch, ein König zu
+sein wie es später Ludwig XV. von Frankreich war, ein Herrscher, der zur
+Befriedigung seiner Privatneigungen rücksichtslos den Staatsschatz
+benutzen und durch Ehrenstellen und Geld Personen an sich fesseln
+konnte, die geeignet waren seinen Müßiggang zu theilen, und welcher,
+wenn auch die schlechteste Verwaltung den Staat an den Rand des
+Verderbens gebracht, immer noch die mißliebige Wahrheit aus dem Bereiche
+seines Serails fern halten und nichts sehen und hören wollte, was ihn in
+seiner üppigen Trägheit hätte stören können. Zu diesen Zwecken, aber
+auch _nur_ zu diesen Zwecken, wünschte er eine willkürliche Gewalt,
+vorausgesetzt daß sie ohne Anstrengung und Gefahr erlangt werden konnte.
+Bei den religiösen Streitfragen, welche Zwiespalt unter den Protestanten
+hervorriefen, blieb sein Gewissen vollkommen unberührt, denn seine
+Ansichten schwankten fortwährend zwischen Unglauben und Pabstthum. Wenn
+aber auch sein Gewissen bei dem Kampfe der Episcopalen und
+Presbyterianer unberührt blieb, so war es doch anders mit seinen
+Neigungen. Gerade diejenigen Laster, gegen welche der Puritanismus die
+wenigste Nachsicht zeigte, übte er am fleißigsten, und als Mann von
+guter Erziehung, der mit großem Scharfblick die lächerlichen Seiten
+einer Sache erkannte, ließ er es nicht an verächtlichen Scherzen über
+die puritanischen Abgeschmacktheiten fehlen. Es ist indessen nicht zu
+leugnen, daß er einige Ursache hatte mit dieser Secte unzufrieden zu
+sein. In einem Alter wo die Leidenschaften am ungestümsten herrschen,
+und der Leichtsinn am ehesten zu entschuldigen ist, hatte Karl einige
+Monate in Schottland gelebt, dem Namen nach als König, in der That aber
+ein Staatsgefangener unter der Obhut der schroffen Presbyterianer. Nicht
+genug, daß sie ihm zumutheten ihren Gottesdienst zu üben und ihr
+Covenant zu unterschreiben, bewachten sie jeden seiner Schritte, und
+überhäuften ihn mit Strafpredigten, wenn er sich eine jugendliche
+Thorheit zu Schulden kommen ließ. Er wurde gezwungen endlose Gebete und
+Predigten anzuhören, und konnte sich noch glücklich schätzen, wenn er
+nicht von einem fanatischen Kanzelredner, auf seine eigenen Schwächen
+rücksichtslos sowie auf das tyrannische Regiment seines unglücklichen
+Vaters und den papistischen Götzendienst der Mutter aufmerksam gemacht
+wurde. Er hatte diese Zeit seines Lebens in so traurigen Verhältnissen
+zugebracht, daß das Unglück, welches ihn zu neuer Wanderung hinaustrieb,
+ihm eher eine Befreiung als ein Mißgeschick dünken mußte. Beherrscht von
+diesen Gefühlen, war es Karls eifrigster Wunsch, die Partei zu
+vernichten, welche seinem Vater so heftigen Widerstand entgegengestellt
+hatte.
+
+
+[_Charakterschilderung des Herzogs von York und des Earl von
+Clarendon._] Nach demselben Ziele strebte des Königs Bruder, Jacob,
+Herzog von York. Obgleich in hohem Grade der Sinnenlust ergeben, war
+Jacob fleißig, methodisch, und liebte Autorität und Beschäftigung. Sein
+Verstand war höchst einfach und beschränkt, sein Charakter starr,
+hartnäckig und unversöhnlich. Daß dieser Fürst kein Wohlgefallen an den
+freien Institutionen Englands und an der Partei finden konnte, welche
+für diese Institutionen die wärmste Theilnahme hegte, leuchtet ein.
+Obgleich ein Mitglied der anglikanischen Kirche hatte der Herzog doch
+schon gewisse Neigungen gezeigt, welche die guten Protestanten ernstlich
+beunruhigten.
+
+Der Mann, dessen Schultern in jener Zeit den größten Theil der
+Regierungslast zu tragen hatten, war Eduard Hyde, Kanzler des Reichs,
+welcher bald zum Earl von Clarendon erhoben ward. Wenn auch Clarendon
+als Schriftsteller unsere Achtung mit Recht verdient, so müssen wir doch
+auch die großen Fehler erwähnen, welche er sich als Staatsmann zu
+Schulden kommen ließ. Diese Fehler werden allerdings zum Theil
+entschuldigt und erklärt durch die ungünstige Lage, in der er sich
+befand. Im ersten Jahre des Langen Parlaments zeichnete er sich höchst
+ehrenvoll unter den Senatoren aus, welche ernstlich bemüht waren, den
+Beschwerden der Nation abzuhelfen. Eine der schlimmsten von diesen
+Beschwerden, welche das Concil von York betraf, wurde hauptsächlich
+durch seine Bemühungen beseitigt. Beim Eintritt der großen Spaltung, als
+die Reformpartei und die Partei der Conservativen sich gegen einander
+schaarten, trat er mit vielen weisen und braven Männern auf die Seite
+der Conservativen. Von jetzt an theilte er die Schicksale des Hofs,
+genoß König Carls I. volles Vertrauen, soweit der zurückhaltende
+Charakter und die gewundene Politik dieses Monarchen solches einem
+Minister überhaupt gewähren konnten, und ging später mit Carl II. in die
+Verbannung, wo er dessen politisches Verhalten leitete.
+
+Nachdem die Restauration durchgeführt war, gelangte Hyde zur Stellung
+eines Premierministers, und einige Monate nachher wurde allgemein
+bekannt, daß er zu dem regierenden Hause in ein engverwandtschaftliches
+Verhältniß getreten, indem durch eine bisher geheimgehaltene Vermählung
+seine Tochter Herzogin von York und deren Nachkommenschaft dadurch zur
+Thronfolge berechtigt worden sei. In Folge dieser hohen Verbindung
+gewann Hyde eine Bedeutung, welche ihn über die ältesten und
+angesehensten Geschlechter des Adels erhob, und in mancher Hinsicht war
+er auch dieser hervorragenden Stellung vollkommen gewachsen, indem nicht
+nur in Abfassung wichtiger Staatsschriften, sondern auch in Rath und
+Parlament er sehr anerkennungswerthe diplomatische Befähigung zeigte.
+Genau bekannt mit den allgemeinen Grundsätzen der Staatskunst, verstand
+es Niemand besser wie er, die Verschiedenheiten der Charaktere mit
+geübtem Auge zu erkennen, und dabei besaß er nicht nur ein starkes
+Gefühl für sittliche und religiöse Verpflichtungen, sondern auch eine
+tiefe Ehrfurcht gegen die Gesetze des Vaterlandes und aufrichtige
+Achtung für die Ehre und das Ansehen der Krone. Dabei war er stolz und
+anmaßend; jeder Widerstand reizte ihn. Es ist kaum möglich, daß ein
+Diplomat, den die bürgerlichen Wirren in die Verbannung getrieben, und
+der eine Reihe von Jahren in derselben zugebracht, in dem Augenblicke,
+wo ein Umschwung der politischen Verhältnisse ihn wieder an die Spitze
+der Regierung zurückruft, die Zügel derselben mit sicherer und gewandter
+Hand zu führen vermag. Auch mit Clarendon war dies der Fall. Als er, dem
+Zwange der Nothwendigkeit weichend, England verlassen hatte, erbittert
+durch den heftigen Kampf, welcher dem Sturze seiner Partei und seines
+Glücks voranging, betrachtete er Alles, was sich in dem Zeitraume von
+1646 bis zum Jahre 1660 in seinem Vaterlande ereignete, vom fernen
+Continente aus in falschem Lichte. Seine Ansichten von dem Stande der
+Dinge regelte er nach den Mittheilungen aufgeregter Parteimänner, deren
+zerrüttete Vermögensverhältnisse ihren Geist mit Wuth und Verzweiflung
+erfüllten. Den günstigen Stand der Ereignisse beurtheilte er nicht nach
+dem Maaße, in welchem sie die Wohlfahrt und den Ruhm seines Volkes
+vermehrten, sondern nur nach der Aussicht, die sie ihm zur Rückkehr
+boten, und sein Wunsch, den er durchaus nicht verhehlte, war, daß
+niemals Ruhe und Friede in England einziehen möge, bis die alte
+Königsfamilie den Thron ihrer Väter wieder in Besitz genommen habe. Als
+er endlich zurückkehrte, wurde ihm, ohne daß er Zeit gehabt hatte, sich
+von dem Stande der Dinge durch eigne Anschauung zu unterrichten, und zu
+ermitteln welche Veränderungen vierzehn ereignißvolle Jahre in dem
+Charakter und den Gesinnungen des englischen Volks herbeigeführt, sofort
+die Leitung des Staates übergeben. In solchem Falle würde wohl selbst
+ein Minister von größter Umsicht und bei aller Geneigtheit gute Lehre
+anzunehmen, in ernste Irrthümer verfallen sein; Takt aber, und
+Gelehrigkeit lagen nicht in Clarendons Charakter. Er sah in England noch
+das England, wie es zur Zeit seiner Jugend war, und sein Antlitz
+verfinsterte sich bei Wahrnehmung aller der Veränderungen, welche die
+Ereignisse der letzten Jahre hervorgerufen. Obgleich er nicht daran
+dachte, gegen die alte, unbezweifelte Macht des Hauses der Gemeinen
+aufzutreten, so blickte er doch mit dem höchsten Mißfallen auf die
+zunehmende Gewalt desselben. Die königlichen Rechte, um die er so
+Manches erlitten, und durch welche er endlich zu Glück und hohen Ehren
+gekommen war, sie galten ihm heilig; gegen die Rundköpfe aber fühlte er
+eine sowohl persönliche wie politische Abneigung. Als treuer Anhänger
+der anglikanischen Kirche hatte er wiederholt in Fällen, wo die
+Interessen dieser Kirche es erheischten, sich von den besten Freunden
+getrennt, und sein Eifer für das Episcopat und das gemeinschaftliche
+Gebetbuch vereinigte sich mit einem racheglühenden Hasse gegen die
+Puritaner, der weder dem Staatsmanne noch dem Christen zur Ehre
+gereichte.
+
+Während der Zeit als das Haus der Gemeinen, welches die Königsfamilie
+zurückrief, versammelt war, war eine Wiederherstellung des alten
+kirchlichen Systems unausführbar. Nicht allein, daß der Hof seine Pläne
+völlig geheim hielt, der König hatte auch in feierlichster Weise
+Zusicherungen ertheilt, durch welche die Gemüther der gemäßigten
+Presbyterianer vollkommen beruhigt wurden. Er hatte vor seiner
+Wiedererhebung das Versprechen gegeben, allen Unterthanen völlige
+Gewissensfreiheit zu gestatten, und indem er dieses Versprechen jetzt
+erneute, fügte er die Versicherung hinzu, daß er mit allen Kräften dahin
+wirken würde, zwischen den streitenden Parteien eine Vereinigung
+herbeizuführen. Er erklärte, es sei sein Wunsch, daß Bischöfe und
+Synoden die geistliche Gerichtsbarkeit unter sich theilen, und daß eine
+Anzahl gelehrter Theologen, zur Hälfte aus Presbyterianern bestehend,
+eine Revision der Liturgie vornehmen sollten. Die Fragen in Betreff des
+Chorhemds, des Knieens beim Abendmahle, des Bekreuzigens bei der Taufe,
+sollte selbst für ängstliche Gewissen in befriedigender Weise gelöst
+werden. Auf diese Art hatte der König die Wachsamkeit derjenigen, welche
+er hauptsächlich fürchtete, eingeschläfert, und als dieses geschehen
+war, hob er das Parlament auf. Zu einer Acte, durch welche mit wenigen
+Ausnahmen alle Diejenigen, die in den letzten Unruhen politischer
+Vergehen schuldig geworden waren, begnadigt werden sollten, hatte er
+bereits seine Zustimmung gegeben. Von den Gemeinen war ihm eine
+lebenslängliche Bewilligung von Steuern zugesprochen worden, deren
+jährlicher Betrag auf eine Million zweimalhunderttausend Pfund geschätzt
+ward. Diese Summe, nebst den erblichen Einkünften der Krone, reichte
+damals vollkommen hin, um in Friedenszeiten die Bedürfnisse der
+Regierung zu bestreiten. Für ein stehendes Heer wurde nichts bewilligt,
+die Nation erschrak schon bei Erwähnung desselben, und die geringste
+Hinweisung darauf würde die Gemüther aller Parteien auf's heftigste
+erbittert und beunruhigt haben.
+
+
+[_Allgemeine Wahl von 1661._] Zu Anfang des Jahres 1661 fand eine
+allgemeine Wahl statt. Das Volk war in hohem Grade von loyaler
+Begeisterung erfüllt, und die ganze Hauptstadt war in der lebendigsten
+Thätigkeit wegen der Vorbereitungen zur prachtvollsten Krönung, von der
+man jemals gehört. Das Resultat bestand darin, daß man Abgeordnete in's
+Parlament sandte, wie sie England bisher noch nie gesehen hatte. Ein
+großer Theil der glücklichen Bewerber waren Männer, welche für Krone und
+Kirche gekämpft, und die schweren Beschimpfungen und Demüthigungen noch
+nicht vergessen hatten, die ihnen die Rundköpfe angethan. Als die
+Mitglieder zusammenkamen, traten die Leidenschaften, unter deren
+Einflusse jeder Einzelne stand, heftiger hervor. Mehrere Jahre hindurch
+war das Haus der Gemeinen eifriger für das Königthum eingenommen als der
+König selbst, und günstiger gestimmt für das Episcopat als die Bischöfe.
+Carl und Clarendon waren über die Vollständigkeit ihres Erfolgs fast
+bestürzt, ihre Lage hatte Ähnlichkeit mit der Ludwigs XVIII. und des
+Herzogs von Richelieu, als im Jahre 1815 die Kammer versammelt war.
+Hätte der König auch wirklich die Absicht gehabt, die Versprechungen,
+welche er den Presbyterianern gemacht, zu erfüllen, es würde jetzt gar
+nicht mehr in seiner Macht gestanden haben. Nur seinen eifrigen
+Bemühungen ist es zuzuschreiben, daß der siegreiche Adel verhindert
+wurde, die Indemnitätsacte zu vernichten und erbarmungslose Rache
+auszuüben für die erduldeten Leiden.
+
+
+[_Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen Parlamente._] Die Gemeinen
+eröffneten ihre Thätigkeit mit den Beschlüssen, daß jedes Mitglied bei
+Strafe der Ausstoßung das Abendmahl nach der Form genießen müsse, welche
+die alte Liturgie vorschrieb, und daß der Covenant durch Henkershand im
+Hofe des Palastes verbrannt werden sollte. Es wurde eine Acte
+durchgesetzt, welche die Macht des Schwertes nicht nur einzig und allein
+dem König zusprach, sondern auch bestimmte, daß in keinem auch noch so
+extremen Falle die beiden Häuser berechtigt sein sollten, dem König
+gewaltsamen Widerstand entgegen zu setzen. Eine zweite Acte, welche
+ebenfalls durchging, forderte von jedem öffentlichen Beamten einen Eid,
+daß er Widerstand gegen das Ansehen des Königs unter allen Umständen für
+ungesetzlich halte. Einige exaltirte Männer bemühten sich, eine Bill zur
+Geltung zu bringen, welche alle Gesetze, die das Lange Parlament
+geschaffen, mit einem Male aufheben und die Sternkammer nebst der Hohen
+Commission wieder herstellen sollte; bei aller Heftigkeit der Reaction
+aber gelang es ihr doch nicht, dies durchzusetzen. Das Gesetz, daß nach
+Verlauf von drei Jahren ein Parlament gehalten werden mußte, blieb in
+Kraft, die strengen Klauseln aber welche die Wahlbeamten anwiesen,
+zur bestimmten Zeit, auch ohne königliches Ausschreiben, die Wahl
+vorzunehmen, wurden aufgehoben. Die Bischöfe kehrten auf ihre Sitze im
+Oberhause zurück; die alte Kirchenverfassung und die alte Liturgie
+wurden ohne jede Beschränkung, welche auch nur die vernünftigsten
+Presbyterianer zu versöhnen geeignet gewesen wäre, wieder hergestellt.
+Zum ersten Male wurde jetzt die bischöfliche Ordination unerläßliche
+Bedingung für diejenigen, welche ein geistliches Amt bekleiden wollten.
+Fast zweitausend Prediger, denen ihr Gewissen nicht gestattete sich zu
+fügen, wurden an einem Tage abgesetzt, und frohlockend erinnerte die
+herrschende Partei die Dulder daran, daß das Lange Parlament, als es auf
+dem Gipfel seiner Macht gestanden, eine noch viel größere Anzahl von
+königlich gesinnten Geistlichen vertrieben habe. Dieser Vorwurf war
+allerdings nicht ungegründet, aber das Lange Parlament hatte den
+Vertriebenen wenigstens eine Unterstützung zukommen lassen, welche sie
+vor bitterem Mangel schützte; die Gerechtigkeit und Humanität des Adels
+aber, welcher von Haß bethört war, reichten nicht aus, um dieses
+Beispiel nachzuahmen.
+
+
+[_Verfolgung der Puritaner._] Bald erschienen Strafgesetze gegen die
+Nichtconformisten, die in der puritanischen Gesetzgebung vergebens ihres
+Gleichen suchten, welche der König aber unmöglich genehmigen konnte,
+ohne Zusagen zu brechen, die er bei dem wichtigen Wendepunkte seines
+Schicksals denjenigen gegeben, in deren Händen dasselbe damals lag.
+Erschreckt und tief bekümmert eilten die Presbyterianer an die Stufen
+des Thrones, rühmten ihre jüngst geleisteten Dienste und beriefen sich
+auf das wiederholt verpfändete königliche Wort. Der König schwankte,
+seine eigne Handschrift, sein eignes Siegel, sie konnte er nicht
+abläugnen, und er fühlte nur zu wohl, welchen großen Dank er den
+Bittstellern schuldig war. Dringenden Bitten zu widerstehen war er nicht
+gewöhnt, ebensowenig war er verfolgungssüchtig, und wenn auch gegen die
+Puritaner eingenommen, so konnte diese Abneigung doch nur ein schwaches
+Gefühl genannt werden neben dem bitteren Hasse, von welchem Laud
+durchdrungen war. Er war überdies der römisch-katholischen Kirche
+gewogen, und sah wohl ein, daß es nicht möglich sein würde, den
+Bekennern derselben Freiheit des Gottesdienstes zu gewähren, ohne
+dieselbe Begünstigung auch auf die protestantischen Dissenters zu
+übertragen. Zwar versuchte er es den unduldsamen Glaubenseifer des
+Hauses der Gemeinen zu beschränken, aber dieses stand unter dem
+Einflusse tieferer Überzeugungen und heftigerer Leidenschaften, als der
+König. Nach einigem scheinbaren Sträuben gab er nach, und genehmigte mit
+einem Anschein von Bereitwilligkeit eine Reihe gehässiger Maßregeln
+gegen die Separatisten. Es galt für ein Verbrechen, dem Gottesdienste
+der Dissenters beizuwohnen, ein gewöhnlicher Friedensrichter konnte ohne
+Jury verurtheilen, und über denjenigen, welcher zum dritten Male das
+Verbot übertrat, die Deportation auf sieben Jahre verhängen. Mit
+überlegter Grausamkeit ward festgesetzt, daß der Übertreter des Gesetzes
+nicht nach Neu-England transportirt werden sollte, wo er die Aussicht
+hatte, gleichgesinnte Freunde anzutreffen, und kehrte er vor Ablauf der
+festgesetzten Verbannungszeit in sein Vaterland zurück, so sollte er der
+Todesstrafe verfallen sein. Ein neuer, unsinniger Eid wurde von den
+Geistlichen verlangt, welche man ihrer Pfründen beraubt hatte, weil sie
+sich nicht conformiren wollten, und Alle die sich weigerten diesen Eid
+zu leisten, durften nicht auf fünf Meilen in die Nähe einer Stadt
+kommen, welche von einer Gemeindecorporation verwaltet wurde, oder im
+Parlamente vertreten war, oder auch einer Stadt, wo sie als Geistliche
+ihren Wohnsitz gehabt. Die Magistratspersonen, welche diese strengen
+Bestimmungen in Ausführung zu bringen hatten, waren fast durchgängig von
+Parteigeist erfüllte Männer, entflammt durch die Erinnerung an Leiden,
+welche sie während der Republick erduldet hatten. Die Kerker waren daher
+sehr bald mit Dissenters überfüllt, und unter diesen Unglücklichen
+befanden sich nicht wenige, deren Genie und Tugend eine Zierde jeder
+christlichen Gesellschaft gewesen sein würden.
+
+
+[_Eifer der Geistlichkeit für die erbliche Monarchie._] Die englische
+Kirche erkannte den Schutz, dessen sie sich von Seiten der Regierung
+erfreute, dankbar an. Sie hatte seit dem Anfange ihres Bestehens
+Anhänglichkeit an die Monarchie gezeigt, aber während des
+Vierteljahrhunderts, welches der Restauration folgte, überstieg ihr
+Eifer für königliches Ansehen und erbliches Recht jede Grenze. Sie hatte
+mit dem Hause der Stuarts gelitten, und war mit ihm wieder zu Geltung
+gekommen; sie war mit ihm durch gemeinschaftliche Interessen,
+Freundschaften und Feindschaften eng verknüpft. Es schien unmöglich,
+daß jemals eine Zeit eintreten könnte, wo die Bande, welche sie mit den
+Nachkommen des erlauchten Märtyrers vereinte, zerrissen, wo die
+Loyalität, deren sie sich rühmte, aufhören würde, ihr eine angenehme und
+vortheilhafte Pflicht zu sein. Sie pries deshalb in den widerlichsten
+Phrasen jenes Vorrecht, welches stets bemüht war sie zu vergrößern und
+zu vertheidigen, und verdammte auf das Behaglichste die Ruchlosigkeit
+derjenigen, welche durch Bedrückung, die sie selbst nicht zu erwarten
+hatte, zum Aufruhr verleitet wurden. Die Verwerfung des Widerstandes war
+ihr Lieblingsthema, und diese Lehre trug sie ohne jede Einschränkung vor
+und entwickelte sie bis zu den äußersten Consequenzen. Ihre Anhänger
+wiederholten unaufhörlich, daß selbst wenn England das Unglück haben
+sollte von einem König wie Busiris oder Phalaris heimgesucht zu werden,
+welcher zum Hohne der Gesetze ohne alle rechtlichen Gründe täglich
+hunderte von unschuldigen Opfern zu Folterqualen und Tod verdammte,
+überhaupt kein Fall denkbar sei, wo alle Stände des Königreichs
+insgesammt berechtigt sein würden, dem Tyrannen physische Gewalt
+entgegenzustellen. Glücklicherweise gewährt der menschliche Charakter
+hinreichende Bürgschaft, daß derartige Theorien eben nur Theorien
+bleiben werden. Als der Tag der Prüfung kam, da standen die Männer,
+welche laut und aufrichtig diese grenzenlose Loyalität zur Schau
+getragen hatten, fast in allen Grafschaften Englands dem Throne mit den
+Waffen in der Hand gegenüber.
+
+Im ganzen Königreiche wechselte jetzt das Grundeigenthum seine Besitzer.
+Die Verkäufe der Nationalgüter, welche das Parlament nicht bestätigt
+hatte, erklärten die Gerichtshöfe für ungültig. Der König, die Bischöfe,
+die Dechanten, die Capitel, der hohe und niedere royalistische Adel:
+sie alle traten wieder in den Besitz ihrer eingezogenen Güter, und
+verdrängten selbst diejenigen Käufer, welche die angemessensten Preise
+dafür bezahlt hatten. Die Verluste, welche dem Adel während des
+Übergewichtes seiner Gegner erwachsen waren, wurden theilweise ersetzt,
+aber eben nur theilweise. Die allgemeine Amnestie schloß alle Klagen
+über entzogene Nutzungen aus, und eine Menge von Royalisten, welche zur
+Abzahlung von auferlegten Geldstrafen an das Parlament, oder um sich die
+Gunst mächtiger Rundköpfe zu erkaufen, Grundeigenthum unter dem
+wirklichen Werthe veräußert hatten, mußten die gesetzlichen Folgen ihrer
+Handlungsweise tragen.
+
+
+[_Veränderung in den Sitten der Gesellschaft._] Während die erwähnten
+Veränderungen stattfanden, trat ein anderer noch bedeutungsvollerer
+Wechsel in den Sitten und Gebräuchen der Gesellschaft ein.
+Leidenschaften und Neigungen, welche die strenge Herrschaft der
+Puritaner gezügelt hatte, so daß dieselben, wenn es überhaupt geschah,
+nur mit großer Vorsicht befriedigt werden konnten, brachen jetzt, wo das
+Hemmniß beseitigt war, mit maßloser Gewalt hervor. Man suchte
+unsittliche Vergnügungen und strafbare Genüsse mit einer Begierde,
+welche nach den Gesetzen der Natur nur in Folge langer und erzwungener
+Enthaltsamkeit entstehen kann. Durch die öffentliche Meinung wurde
+dieses Treiben nicht beschränkt. Die Nation, voll Widerwillen gegen die
+gottseligen Reden, argwöhnisch gegen alle Ansprüche auf Heiligkeit, und
+dabei immer noch leidend unter den Nachwehen der erlittenen Tyrannei von
+Gebietern, welche sauer waren im Leben und heiß im Gebet, blickte eine
+Zeit lang wohlgefällig auf die angenehmeren und freundlicheren Laster.
+Noch weniger Beschränkungen erlaubte sich die Regierung. Es gab in der
+That keine Ausschweifung, welche nicht durch die unverhohlene
+Lasterhaftigkeit des Königs und seiner Günstlinge sanktionirt worden
+wäre. Nur einige bejahrte Räthe Carls I. bewahrten noch den sittlichen
+Ernst, welcher dreißig Jahre früher in Whitehall geherrscht hatte. Zu
+ihnen gehörten Clarendon selbst, sowie seine Freunde Thomas Wriothesley,
+Earl von Southampton, Lord-Schatzmeister, sowie Jacob Butler, Herzog von
+Ormond, der, nachdem er unter wechselnden Verhältnissen ritterlich für
+seines Königs Sache in Irland gekämpft hatte, dieses Königreich jetzt
+als Statthalter regierte. Aber weder das Andenken an die Verdienste
+dieser Männer noch ihre hohe Stellung im Staate schützte sie vor den
+Sarkasmen, welche neumodische Laster so gern auf veraltete Tugend
+schleudern. Der Ruf feiner Bildung und angenehmer Manieren war kaum zu
+erlangen, wenn man sich nicht zur Verletzung der Schicklichkeit
+entschloß. Bedeutende und vielseitige Talente unterstützten die
+Verbreitung dieses moralischen Übels nach Kräften. Die Moralphilosophie
+hatte in neuerer Zeit eine Gestalt angenommen, welche ganz geeignet war,
+einer Generation zu gefallen, welche der Monarchie wie dem Laster mit
+gleichem Eifer ergeben war. Thomas Hobbes hatte in einer bestimmteren
+und glänzenderen Sprache, als je ein anderer metaphysischer
+Schriftsteller sie gebraucht, die Behauptung aufgestellt, der Wille des
+Fürsten sei der Maßstab für Recht und Unrecht, und jeder gute Unterthan
+müsse bereit sein, auf Befehl des Königs zum Papstthum, Mahomedanismus
+oder Heidenthume überzutreten. Tausende, welche das wirklich Gediegene
+in seinen Ansichten nicht zu würdigen verstanden, begrüßten freudig eine
+Theorie, welche zu gleicher Zeit das königliche Ansehen erhöhte, die
+Bande der Moralität lockerte, und die Religion zu einer bloßen
+Staatsangelegenheit herabwürdigte. Der Hobbismus wurde bald ein
+wesentlicher Bestandtheil des Charakters eines vollendeten Gentleman.
+Die leichteren Zweige der Literatur erhielten einen starken Anstrich von
+der herrschenden Sittenlosigkeit; die Dichtkunst wurde eine Kupplerin
+der gemeinsten Begierden; der Witz, anstatt Schuld und Irrthum zu
+züchtigen, wandte seine verletzenden Pfeile gegen Unschuld und Wahrheit.
+Die wiederhergestellte Kirche machte zwar einen Versuch gegen die
+herrschende Sittenlosigkeit anzukämpfen, aber es geschah ohne alle
+Energie und mit getheiltem Herzen. Obgleich die Würde ihres Charakters
+es erheischte, die irrenden Kinder zu ermahnen, so geschahen diese
+Ermahnungen doch auf höchst lässige Weise. Ihre Aufmerksamkeit war nach
+einer anderen Seite hin beschäftigt, ihre ganzen Kräfte concentrirten
+sich in der Absicht, die Puritaner zu vernichten, und ihre Jünger zu
+zwingen, dem Kaiser zu geben was des Kaisers sei. Sie war beraubt und
+niedergehalten worden durch die Partei, welche strenge Sittlichkeit
+predigte; Wüstlinge hatten sie wieder zu Ehren und Ansehen gebracht. Ob
+auch die Männer der Lust und Mode nicht geneigt waren, ihre Lebensweise
+nach den Vorschriften der Kirche einzurichten, so ließen sie sich doch
+jeden Augenblick willig finden, für ihre Kathedralen und Paläste, für
+jeden Buchstaben ihrer Gesetze und jeden Faden ihrer Gewänder bis an die
+Knie im Blute zu kämpfen. Der ausschweifende Edelmann besuchte zwar
+Bordelle und Spielhäuser, aber er mied wenigstens die Conventikel; wenn
+auch sein Mund nur gotteslästerliche und unzüchtige Reden führte, so
+machte er das einigermaßen durch seinen Eifer wieder gut, Baxter und
+Howe in den Kerker zu werfen, weil sie Predigten und Gebete abgehalten
+hatten. So bekämpfte der Klerus längere Zeit die Schismatiker mit einem
+Eifer, der ihm wenig Muße ließ dem Laster entgegen zu treten. Die
+Zweideutigkeiten Ethereges und Wycherley's wurden in Anwesenheit und mit
+besonderer Genehmigung des Kirchenoberhauptes in weiblichen
+Versammlungen von Frauen öffentlich vorgetragen, während der Verfasser
+von des »Pilgers Reise« für das Verbrechen, den Armen das Evangelium
+verkündet zu haben, im Kerker schmachtete. Es ist eine feststehende und
+lehrreiche Thatsache, daß zu der Zeit, als die politische Macht der
+anglikanischen Kirche ihren Höhepunkt erreicht hatte, die Moral der
+Nation sich auf der niedrigsten Stufe befand.
+
+
+[_Verworfenheit der Politiker._] Kaum ein Rang und Beruf entging der
+Ansteckung durch die allgemeine Unsittlichkeit, diejenigen aber, welche
+sich hauptsächlich mit Politik beschäftigten, bildeten vielleicht den
+schlechtesten Theil der verderbten Gesellschaft, indem sie nicht blos
+unter den schädlichen Einflüssen standen, welche die Nation im
+Allgemeinen berührten, sondern noch einer besonderen Verderbniß der
+schlimmsten Art ausgesetzt waren. Ihr Charakter hatte sich mitten unter
+häufigen Revolutionen und Contrerevolutionen herangebildet; im Laufe
+weniger Jahre hatten sie den wiederholten Wechsel der kirchlichen und
+bürgerlichen Verfassung ihres Vaterlandes beobachtet. Sie hatten
+gesehen, wie die bischöfliche Kirche die Puritaner verfolgte, wie die
+puritanische Kirche die Bischöflichen verfolgte, und wie die
+bischöfliche Kirche dann wieder die Puritaner verfolgte. Sie hatten die
+Vernichtung und Wiedererstehung der erblichen Monarchie gesehen, hatten
+beobachtet, wie das Lange Parlament dreimal die Oberherrschaft im Staate
+errang, und dreimal unter Verwünschungen und Hohngelächter von Millionen
+wieder zusammenstürzte. Sie hatten erlebt, wie eine neue Dynastie sich
+rasch auf den Gipfel der Macht und des Ruhmes erhob, um bald darauf ohne
+allen Kampf wieder vom Thronsessel herabgeschleudert zu werden. Sie
+hatten gesehen, wie ein neues System der Volksvertretung entworfen,
+versucht und wieder aufgegeben worden war. Sie hatten ein neues Haus der
+Lords eben so schnell entstehen wie vergehen sehen. Sie hatten gesehen,
+wie Massen von Eigenthum auf gewaltsame Weise bald den Edelleuten, bald
+den Rundköpfen zur Beute wurden. Unter solchen Umständen konnte Niemand
+als Staatsmann sich bewegen und gedeihen, der sich nicht willig finden
+ließ, je nach den Verhältnissen die Farbe zu wechseln. Nur in stiller
+Zurückgezogenheit war es möglich, für die Dauer den Charakter eines
+guten Royalisten oder eines starren Republikaners zu behaupten. Wer
+unter solchen Zeitverhältnissen bürgerliche Größe zu erlangen wünscht,
+muß jeden Gedanken an konsequentes Festhalten aufgeben. Anstatt inmitten
+unaufhörlicher Veränderungen nach Unveränderlichkeit zu streben, muß er
+beständig umherspähen, um die ersten Kennzeichen einer nahenden Reaktion
+zu entdecken und muß den richtigen Augenblick erfassen, um eine verlorne
+Sache aufzugeben. Nachdem er fest zu einer Partei gehalten, so lange sie
+die Oberhand hatte, muß er sie plötzlich verlassen, wenn sie in
+schwierige Lagen kommt, muß sich gegen sie waffnen, sie verfolgen, und
+mit den neuen Bundesgenossen eine neue Bahn einschlagen, auf der ihm
+Macht und Glück entgegenleuchten. Seine Lage bildet in ihm nothwendig
+eine besondere Klasse von Fähigkeiten, wie eine besondere Klasse von
+Lastern bis zur höchsten Vollkommenheit aus. Schnelligkeit im Beobachten
+verbindet sich mit Fruchtbarkeit an Hilfsmitteln. Ohne Mühe eignet er
+sich den Ton jeder Sekte oder Faktion an, mit der ihn der Zufall
+zusammenführt. Er erkennt die Zeichen der Zeit mit einem Scharfblick,
+den die Menge wunderbar findet, mit einem Scharfblick, ähnlich dem eines
+alten Polizeimannes, welcher die schwächsten Anzeichen eines Verbrechen
+aufzufinden versteht, oder eines Mohawk-Kriegers, der in den Wäldern
+eine Spur verfolgt.
+
+Bei Staatsmännern von derartiger Bildung wird man aber freilich nur
+selten Redlichkeit und Ausdauer, oder eine von denjenigen Tugenden
+antreffen, welche dem edlen Stamme der Wahrheit entsprossen sind. Er
+besitzt weder Glauben an eine Lehre, noch Eifer für eine Angelegenheit.
+Vor seinen Augen sind so viele alte Institutionen untergegangen, daß er
+keine Achtung vor langem Bestehen kennt. Er hat so viele neue
+Einrichtungen, welche zu großen Erwartungen berechtigten, entstehen und
+Enttäuschung hervorbringen sehen, daß er keine Hoffnung auf den
+Fortschritt setzt; und diejenigen, welche ängstlich bemüht sind _zu
+erhalten_, verlacht er nicht minder wie die, welche es sich angelegen
+sein lassen _zu verbessern_. Es giebt im Staate nichts, zu dessen
+Erhaltung oder Vernichtung er nicht ohne alle Gewissensbisse und ohne
+Erröthen mitwirken könnte; treu zu bleiben seinen Überzeugungen und
+seinen Freunden, ist in seinen Augen Beschränktheit und Verkehrtheit;
+die Politik ist für ihn nicht eine Wissenschaft, die sich mit dem Wohle
+der Völker beschäftigt, sondern ein aufregendes Spiel des Zufalls und
+der Geschicklichkeit, in welchem der begünstigte Spieler ein Landgut,
+eine Adelskrone oder wohl gar eine Königskrone gewinnen, aber auch durch
+eine unüberlegte Bewegung Gut und Leben verlieren kann. Der Ehrgeiz,
+welcher in friedlichen Tagen bei guten Menschen eine halbe Tugend ist,
+wird jetzt, jedem edleren und menschenfreundlicheren Gefühle entfremdet,
+eine selbstsüchtige Begierde, fast so unedel, als die Habsucht. Unter
+den Staatsmännern, welche von der Restauration bis zum Regierungsantritt
+des Hauses Hannover sich an der Spitze der großen Parteien des
+Vaterlandes befunden haben, lassen sich nur sehr Wenige auffinden, deren
+Ruf nicht durch Eigenschaften befleckt ist, denen man in unserem
+Zeitalter die Namen von grober Untreue und Verdorbenheit geben würde. Es
+ist schwerlich eine Übertreibung, wenn man sagt, daß öffentliche Männer
+ohne alle Grundsätze, welche in neuerer Zeit an den Staatsgeschäften
+Theil genommen haben, als uneigennützig und gewissenhaft betrachtet zu
+werden verdienten, wollte man sie nach dem Maaßstabe beurtheilen, der in
+der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts geltend war.
+
+
+[_Zustand von Schottland._] Während diese Veränderungen der Politik,
+Religion und Sittlichkeit in England stattfanden, war die königliche
+Autorität ohne Schwierigkeit in allen übrigen Theilen der britischen
+Inseln wieder hergestellt worden. Schottland hatte die Restauration der
+Stuarts mit Freuden begrüßt, da man durch sie die Wiederherstellung der
+nationalen Unabhängigkeit erwartete. Und wirklich wurde das von Cromwell
+aufgelegte Joch dem Anscheine nach beseitigt; die Stände versammelten
+sich wiederum in dem alten Saale zu Edinburg, und die Senatoren des
+Justizkollegiums verwalteten wieder das schottische Recht in der
+früheren Form; aber die Unabhängigkeit des kleinen Königreichs bestand
+mehr dem Namen nach, als in der Wirklichkeit, indem der König, so lange
+er England auf seiner Seite hatte, eine Unzufriedenheit in den anderen
+Gebietstheilen nicht zu fürchten brauchte. Er befand sich jetzt in
+solcher Lage, daß er den Versuch, der seinen Vater in's Verderben
+stürzte, wiederholen konnte, ohne dessen Schicksal fürchten zu müssen.
+Karl I. hatte es versucht, seine eigene Religion durch königliche Gewalt
+den Schotten zu einem Zeitpunkte aufzudringen, da sowohl diese Religion,
+als auch die königliche Macht in England unpopulär waren, und nicht
+genug, daß ihm diese Absicht völlig mißglückte, kosteten die Unruhen,
+welche daraus entstanden, ihm zuletzt sogar noch Krone und Leben.
+Die Zeiten hatten sich geändert; England schwärmte für Monarchie und
+Prälatenthum, und deshalb konnte der Plan, dessen Anwendung vor einem
+Menschenalter höchst unklug gewesen sein würde, ohne erhebliche Gefahr
+für den Thron wieder aufgenommen werden. Die Regierung beschloß, in
+Schottland eine bischöfliche Kirche zu errichten; dieser Plan wurde aber
+von jedem vernünftigen Schotten gemißbilligt. Einige, mit Eifer für die
+Prärogative des Königs eingenommene schottische Staatsmänner waren als
+Presbyterianer erzogen, und wenn sie auch nicht durch Gewissensfragen
+beunruhigt wurden, so hatten sie doch eine Vorliebe für die Religion
+ihrer Kindheit, und wußten wohl, wie tief dieselbe in den Herzen ihrer
+Landsleute wurzelte. Mit Entschiedenheit erklärten sie sich gegen den
+Plan, als sie aber einsahen, daß es nichts fruchtete, fehlte es ihnen an
+der nöthigen Energie, um bei einer Opposition zu verharren, die ihren
+Landesherrn beleidigen mußte, und Mehre waren sogar ruchlos und
+niederträchtig genug, das Christenthum in einer Form zu _verfolgen_,
+welche sie in ihrem Gewissen für die reinste hielten. Die Einrichtung
+des schottischen Parlaments war der Art, daß es schwerlich selbst
+schwächeren Königen, als dem damals ziemlich machtlosen Karl, einen
+ernstlichen Widerstand entgegen gestellt haben würde. Das Episkopat ward
+daher durch Gesetze eingeführt, und was die Form des Gottesdienstes
+anlangte, so wurde dem Gutdünken des Klerus ein weiter Spielraum
+bewilligt. In einigen Kirchen wendete man die englische Liturgie an; in
+anderen wählten die Geistlichen aus dieser Liturgie diejenigen Gebete
+und Danksagungen aus, die aller Wahrscheinlichkeit nach dem Volke am
+wenigsten anstößig sein würden. Im Allgemeinen aber wurde am Schlusse
+des öffentlichen Gottesdienstes der Lobgesang angestimmt und bei der
+Taufe das apostolische Glaubensbekenntniß gesprochen. Der größte Theil
+des schottischen Volkes haßte die neue Kirche als eine abergläubische
+und ausländische, besudelt mit den Verderbnissen Roms, und als ein
+Zeichen der englischen Oberherrschaft. Trotzdem kam es zu keinem
+allgemeinen Aufstande; es war das Land nicht mehr, das es vor
+zweiundzwanzig Jahren gewesen. Unglücklicher Krieg und Fremdherrschaft
+hatten den Muth des Volkes gebrochen. Die Aristokratie, welche bei den
+mittleren und niederen Schichten des Volkes in hohem Ansehen stand,
+hatte die Bewegung gegen Karl I. geleitet, gegen Karl II. zeigte sie
+sich unterwürfig. Auf die Hilfe der englischen Puritaner konnte man
+nicht rechnen, sie waren eine schwache Partei, geächtet durch Gesetz und
+öffentliche Meinung. Nur mit Unmuth fügte sich daher die Masse des
+schottischen Volkes; bestürmt von bösen Ahnungen des Gewissens, wohnten
+sie dem Gottesdienste des bischöflichen Klerus oder derjenigen
+presbyterianischen Geistlichen bei, die sich hatten bereit finden
+lassen, von der Regierung eine halbe Duldung anzunehmen, die man
+Indulgenz nannte. Es gab aber besonders in dem westlichen Unterlande
+entschlossene und kühne Männer, welche der Meinung waren, die Pflicht,
+den Covenant zu halten, stehe höher, als die Pflicht, der Obrigkeit zu
+gehorchen. Dem Gesetz trotzend, ließen diese Leute sich nicht abhalten,
+Versammlungen zu veranstalten, um Gott nach ihrer Weise zu verehren. In
+der Indulgenz erblickten sie keineswegs eine Art Entschädigung für die
+Unbilden, welche die Kirche von der Obrigkeit erlitten, sondern ein
+neues und um so hassenswürdiges Unrecht, da man ihm das Ansehen einer
+Wohlthat geben wollte. Verfolgung, meinten sie, könne nur den Körper
+tödten, die schmachvolle Indulgenz aber vernichte die Seele. Als man sie
+aus den Städten vertrieb, sammelten sie sich in den Wäldern und
+Gebirgen; wurden sie von der bürgerlichen Macht angegriffen, so setzten
+sie der Gewalt unbedenklich Gewalt entgegen. Bei jedem Konventikel
+erschienen sie bewaffnet, und mehrmals erregten sie offenen Aufruhr. Sie
+wurden zwar ohne große Mühe besiegt, aber durch Niederlagen und Strafen
+stählte sich nur ihr Muth. Gehetzt wie wilde Thiere, gefoltert bis ihre
+Gebeine zermalmt waren, hundertweise in den Kerker geworfen, zu
+Zwanzigen aufgeknüpft, heute der Rohheit englischer Soldaten
+preisgegeben, morgen der Willkür hochländischer Räuberbanden überlassen,
+vertheidigten sie sich immer noch mit so entsetzlicher Wuth, daß der
+kühnste und mächtigste Unterdrücker Ursache hatte, ihren durch die
+Verzweiflung angefachten Muth zu fürchten.
+
+
+[_Zustand von Irland._] So war unter der Regierung Karls II. der Zustand
+von Schottland; aber Irland war nicht minder zerrüttet. Auf dieser Insel
+bestanden Fehden, welche sich mit den heftigsten Feindschaften der
+englischen Politiker nicht vergleichen ließen. Die Feindseligkeiten
+zwischen den irischen Cavalieren und den irischen Rundköpfen waren fast
+vergessen über der grimmigeren Feindschaft, welche zwischen der
+englischen und der celtischen Race wüthete. Die Kluft zwischen den
+Episkopalen und Presbyterianern verschwand, wenn man sie mit der
+verglich, welche Beide von den Papisten trennte. In den letzten
+bürgerlichen Unruhen war ein großer Theil des irischen Grundeigenthums
+von dem unterjochten Volke auf die Sieger übergegangen. Auf die Gunst
+der Krone konnten sowohl von den alten wie von den neuen Besitzern nur
+wenige Anspruch machen, denn die Plünderer wie die Geplünderten waren in
+der Mehrzahl Rebellen. Die Regierung wurde des Streites der beiden
+ergrimmten Parteien über entgegengesetzte Ansprüche und gegenseitige
+Beschuldigungen bald müde und überdrüssig. Diejenigen Kolonisten, unter
+welche Cromwell das eroberte Land vertheilt hatte, und deren Abkömmlinge
+man noch immer Cromwellianer nannte, gaben zu bedenken, daß die
+englische Nation unter jeder Dynastie, und die protestantische Religion
+in jeder Form, von den Ureinwohnern auf das Heftigste angefeindet würde.
+Sie schilderten mit Übertreibung die Gräuel, welche den Aufstand von
+Ulster geschändet hatten, sie beschworen den König, die Politik des
+Protektors mit Entschiedenheit zu verfolgen, und schämten sich nicht es
+auszusprechen, daß der Frieden in Irland nur dann bestehen könne, wenn
+der alte Volksstamm der Iren völlig vertilgt sein werde. Die Katholiken
+stellten ihr Vergehen möglichst gering dar und jammerten kläglich über
+die Härte ihrer Strafe, die auch in der That eben nicht gelind gewesen
+war. Sie baten Karl, die Unschuldigen nicht mit den Schuldigen zu
+verwechseln und erinnerten ihn, daß ein großer Theil der Schuldigen
+ihren Fehler dadurch gut gemacht, daß sie zu ihrer Pflicht zurückgekehrt
+waren und seine Rechte gegen die Henker seines Vaters in Schutz nahmen.
+Um die zwei zudringlichen Parteien, von denen keine auf seine Liebe
+Anspruch hatte, los zu werden, diktirte der Hof einen Vergleich,
+und befreite sich dadurch von der Plage. Das grausame, aber höchst
+praktische und energische System, durch welches Cromwell Irland durchweg
+englisch machen wollte, wurde aufgegeben, und die Cromwellianer
+veranlaßt, ein Drittel ihrer Erwerbungen herauszugeben. Das übergebene
+Land wurde willkürlich unter diejenigen Bewerber vertheilt, welche die
+Regierung begünstigen wollte. Eine Masse von Leuten aber, welche
+versicherten, daß sie sich keiner Illoyalität schuldig gemacht, und
+einzelne Personen, die sich rühmten, ihre Loyalität auf das Glänzendste
+bewiesen zu haben, erhielten weder Zurückerstattung noch Entschädigung,
+und erfüllten Frankreich und Spanien mit lauten Klagen über die
+Ungerechtigkeit und Undankbarkeit der Stuarts.
+
+
+[_Die Regierung in England wird unpopulär._] Selbst in England hatte um
+diese Zeit die Regierung aufgehört populär zu sein. Unter den
+Royalisten, und zwischen ihnen und dem Hofe, waren Zwistigkeiten
+entstanden; die besiegte und niedergetretene Partei aber, von der man
+glaubte, daß sie vernichtet sei, die jedoch eine zähe Lebenskraft besaß,
+erhob von Neuem das Haupt, und trat wiederum gerüstet hervor. Wenn auch
+die Verwaltung ohne Tadel gewesen wäre, so konnte doch die Begeisterung,
+mit der die Rückkehr des Königs und das Ende der Militärherrschaft
+begrüßt wurde, nicht von Dauer sein, denn es ist in der menschlichen
+Natur begründet, daß auf übermäßige Erregung immer Abspannung folgt.
+Die Art aber wie der Hof seinen Sieg mißbrauchte, führte eine rasche und
+vollständige Abkühlung herbei. Jeder Gemäßigte erschrak vor der
+Anmaßung, Hartherzigkeit und Treulosigkeit, mit der man die
+Nichtconformisten behandelte. Durch die Strafgesetze war die
+unterdrückte Partei vollständig von den heuchlerischen Mitgliedern
+gereinigt worden, welche sie in Mißcredit gebracht hatten; jetzt stand
+sie wieder als würdige und fromme Gemeinschaft da. Der Puritaner als
+Sieger, Gebieter, Verfolger und Sequestrator war ein Gegenstand des
+Hasses gewesen, aber der verrathene und gemißhandelte Puritaner,
+verlassen von allen falschen Freunden, die im Glücke ihn umgaben,
+vertrieben von seinem Hause, mit schweren Strafen bedroht, wenn er es
+wagte, seinem Gewissen gemäß zu beten und das Abendmahl zu empfangen,
+aber immer noch unerschütterlich in seinem Entschlusse, nur Gott,
+und nicht den Menschen zu gehorchen, war, trotz einiger unangenehmen
+Erinnerungen, jedem redlichen Gemüth ein Gegenstand des Mitgefühls und
+der Hochachtung. Diese Gefühle steigerten sich, als das Gerücht umlief,
+daß der Hof nicht gesonnen sei, die Katholiken ebenso streng zu
+behandeln, wie es den Presbyterianern widerfahren war. Es tauchte ein
+unbestimmter Verdacht auf, daß der König und der Herzog nicht aufrichtig
+protestantisch gesinnt seien. Viele, denen die Verschlossenheit und
+Heuchelei der Pharisäer der Republik widerlich gewesen war, empfanden
+jetzt noch größeren Abscheu vor der schamlosen Üppigkeit des Hofes und
+der Cavaliere, und neigten sich zu dem Zweifel hin, ob nicht die
+finstere Grübelei von »Preise Gott, Barebone« der abscheulichen
+Gottlosigkeit und den Ausschweifungen der Buckinghams und Sedley's
+vorzuziehen sei. Selbst sittenlose Menschen, denen es nicht gänzlich an
+Einsicht und Sinn für das Gemeinwohl fehlte, beklagten, daß die
+Regierung Dinge von höchster Wichtigkeit als Kleinigkeiten betrachte,
+dagegen Angelegenheiten ohne Bedeutung zu ernsten Geschäften mache. Man
+könne es einem Könige vergeben, wenn er seine Mußestunden durch Wein,
+Witz und Schönheit erheitere; aber unerträglich sei es, wenn er zu einem
+bloßen Tagediebe und Wollüstlinge sich erniedrige, wodurch das Interesse
+des Staates vernachlässigt sowie der Staatsdienst und die Finanzen in
+Noth und Unordnung gebracht würden, während liederliche Weiber und
+Schmarotzer sich bereicherten.
+
+Eine große Menge von Royalisten stimmten in diese Klagen ein, und
+setzten manche heftige Bemerkung über die Undankbarkeit des Königs
+hinzu. Freilich würde das ganze Einkommen desselben nicht hingereicht
+haben, sie alle nach Maaßgabe ihres Verdientes, wie sie es
+veranschlagten, zu belohnen, denn jedem Gentleman mit zerrüttetem
+Vermögen, der unter Ruprecht oder Derby gefochten hatte, erschienen
+seine Dienste ungemein wichtig und seine ertragenen Leiden
+außerordentlich hart. Ein Jeder hatte sich geschmeichelt, daß, wie es
+auch immer den Übrigen ergehen möchte -- wenigstens _er_ für Alles,
+was die bürgerlichen Unruhen ihm geraubt, eine reichliche Entschädigung
+erhalten, und der Herstellung der Monarchie die Verbesserung seiner
+eigenen zerrütteten Glücksumstände folgen würde. Keiner von diesen
+Erwartungsvollen vermochte seinen Unmuth zurückzuhalten, als er sah,
+daß er unter der Herrschaft des Königs eben so arm war, wie zur Zeit des
+Rumpfs, oder unter dem Protektor. Die Rücksichtslosigkeit und Üppigkeit
+des Hofes erregte den heftigsten Unwillen dieser loyalen Veteranen. Sie
+behaupteten nicht mit Unrecht, daß die Hälfte der Summen, welche der
+König an Concubinen und Hofnarren verschwende, die Herzen von vielen
+hundert alten Cavalieren erfreuen würde, welche, nachdem sie ihre Wälder
+gelichtet, und ihr Silbergeschirr eingeschmolzen, um seinem Vater zu
+unterstützen, jetzt in ärmlichen Kleidern herumgingen, und nicht wüßten,
+wie sie ihren Hunger stillen sollten.
+
+Um dieselbe Zeit fielen plötzlich die Renten. Das Einkommen jedes
+Grundeigenthümers verminderte sich um fünf Schillinge auf das Pfund.
+Der Nothruf der Landleute ließ sich aus jeder Grafschaft des Königreichs
+vernehmen, und, wie immer, ward die Regierung für diese Noth
+verantwortlich gemacht. Der niedere Adel, gezwungen seine Ausgaben auf
+einige Zeit zu beschränken, blickte mit Entrüstung auf den Glanz und die
+zunehmende Verschwendung in Whitehall, und war fest überzeugt, das Geld,
+welches zur Aufrechthaltung seines Wohlstandes bestimmt gewesen, sei
+durch einen unbegreiflichen Proceß in die Taschen der königlichen
+Günstlinge gewandert.
+
+Die Menschen waren jetzt in einer Stimmung, in der jeder öffentliche Akt
+Unzufriedenheit erregte. Karl hatte sich mit der Prinzessin Katharina
+von Portugal vermählt; diese Verbindung mißfiel aber allgemein, und das
+Murren ward noch hörbarer, als es sich herausstellte, daß der König
+muthmaßlich keine legitimen Nachkommen erhalten werde. Dünkirchen, das
+Cromwell Spanien entrissen, wurde an Ludwig XIV., Frankreichs König,
+verkauft, was allgemeinen Unwillen erregte. Die Engländer beobachteten
+bereits nicht ohne Besorgniß die Zunahme der französischen Macht, und
+betrachteten das Haus der Bourbons mit denselben Empfindungen, welche
+ihre Großväter gegen das Haus Österreich gehegt hatten. War es
+wohlgethan, fragte man, der Macht einer schon so gewaltigen Monarchie
+einen Zuwachs zu geben? -- Außerdem ward Dünkirchen von dem Volke nicht
+nur als Waffenplatz und als ein Schlüssel zu den Niederlanden, sondern
+auch als eine Trophäe englischer Tapferkeit geschätzt. Dünkirchen war
+für die Zeiten Karls, was Calais einer früheren Generation gewesen,
+und was der Felsen von Gibraltar, -- so ritterlich unheilvolle Jahre
+hindurch gegen die Flotten und Heere einer mächtigen Allianz
+vertheidigt, -- für uns ist. Die Rücksicht auf finanzielle Ursachen wäre
+ein Entschuldigungsgrund gewesen, wenn ihn eine sparsame Regierung
+geltend gemacht hätte; es war aber kein Geheimniß, daß die Kosten,
+welche Dünkirchen veranlaßte, ohne Bedeutung erschienen gegenüber den
+Summen, welche am Hofe in Ausschweifungen und Thorheiten vergeudet
+wurden. Es schien unerhört, daß ein Souverain, der in allen seinen
+Vergnügungen einer beispiellosen Verschwendung huldigte, den Knauser
+spielen wollte, wenn es die Wohlfahrt und Ehre des Vaterlandes galt.
+
+Die allgemeine Unzufriedenheit nahm zu, als es sich zeigte daß, während
+man Dünkirchen unter dem Vorwande der Sparsamkeit aufgab, die Festung
+Tanger, welche zur Mitgift der Königin Katharina gehörte, mit ungeheuren
+Kosten hergestellt und unterhalten wurde. An diesen Platz knüpften sich
+keine Erinnerungen des Nationalstolzes, und derselbe konnte in keiner
+Art das National-Interesse fördern. Durch ihn wurde England in einen
+ruhmlosen, nachtheiligen und unabsehbaren Krieg mit halbwilden
+arabischen Stämmen verwickelt, und er lag in einem für die Gesundheit
+und Kraft des englischen Volks höchst nachtheiligen Klima.
+
+
+[_Krieg mit den Holländern._] Das Murren aber, welches diese Fehlgriffe
+hervorriefen, war nicht zu vergleichen mit dem lauten Geschrei, das bald
+darauf sich erhob. Die Regierung begann einen Krieg mit den Vereinigten
+Provinzen. Das Haus der Gemeinen bewilligte mit größter Bereitwilligkeit
+unerhörte Summen, größer als die, welche die Flotten und Heere Cromwells
+zu einer Zeit kosteten, da seine Macht in aller Welt gefürchtet war. Die
+Verschwendung, Unredlichkeit und Unfähigkeit seiner Nachfolger waren so
+groß, daß diese Freigebigkeit sich schlimmer als nutzlos erwies. Die
+feigen Höflinge, ohne alle Befähigung den großen Männern
+entgegenzutreten, welche damals die holländischen Waffen befehligten,
+-- einem Staatsmann, wie de Witte, und einem General wie de Ruyter --
+suchten sich schnell zu bereichern, während die halbverhungerten
+Matrosen in Empörung ausbrachen, die Werfte unbeschützt, und die Schiffe
+leck und ohne Takelwerk waren. Jetzt beschloß man, die Offensive
+aufzugeben; aber sehr bald kam die Überzeugung, daß bei einer solchen
+Verwaltung selbst ein Vertheidigungskrieg nicht durchzuführen sei. Die
+holländische Flotte lief in die Themse ein, und vernichtete bei Chatham
+sämmtliche Kriegsschiffe. Es wurde erzählt, daß gerade an dem Tage
+dieser harten Demüthigung der König mit den Damen seines Serails bei
+Tafel gesessen, und sich damit amüsirt habe, eine Motte im Speisesaale
+herumzujagen. Das Andenken an Cromwell fand jetzt seine gerechte
+Anerkennung. Überall rühmte man seine Tapferkeit, seine Umsicht und
+seinen Patriotismus. Man erinnerte sich, wie unter seiner Herrschaft
+alle auswärtigen Mächte vor Englands Namen gezittert hatten, wie die
+jetzt so kecken Generalstaaten sein Haupt vor ihm gebeugt, wie bei der
+Nachricht von seinem Tode Amsterdam illuminirt worden, wie bei einer
+Errettung aus großer Gefahr, und daß die Kinder an den Kanälen
+umherliefen, vor Freude jauchzend, daß der Teufel gestorben sei. Selbst
+Royalisten erklärten unverholen, die Rettung des Staates sei nur dadurch
+zu bewerkstelligen, daß man die alten Krieger der Republik zu den Waffen
+rufe. Bald fühlte die Hauptstadt alle Drangsale einer Blokade.
+Feuerungsmaterial war kaum zu erlangen. Tilbury Fort, wo einst Elisabeth
+mit männlichem Muthe gegen Spanien und Parma schnöden Spott
+geschleudert, wurde von den Holländern insultirt. Es war das erste, aber
+auch das letzte Mal, wo Londons Bürger den Donner fremder Geschütze
+vernahmen. Im Staatsrathe wurde der ernstliche Vorschlag gemacht, beim
+Anrücken des Feindes den Tower preiszugeben. Das Volk durchzog in Masse
+die Straßen, und rief, daß England verrathen und verkauft sei. Die
+Paläste und Equipagen der Minister wurden vom Pöbel angegriffen, und es
+erhielt ganz den Anschein, daß die Regierung zugleich mit der Invasion
+auch einen Volksaufstand zu fürchten haben werde. Die größte Gefahr zog
+allerdings bald vorüber; es wurde ein Vertrag abgeschlossen, ganz
+abweichend von denen, welche Cromwell zu unterzeichnen pflegte, und noch
+einmal kehrte der Frieden einer Nation zurück, die sich in einer ebenso
+gereizten und niedergedrückten Stimmung befand, wie in den Tagen des
+Schiffsgeldes.
+
+Die Unzufriedenheit, welche die schlechte Verwaltung hervorrief, ward
+noch durch Unfälle vermehrt, die auch die beste Verwaltung nicht hätte
+beseitigen können. Während der schimpfliche Krieg mit Holland geführt
+wurde, erfuhr London zwei Unglücksfälle, von denen in so kurzem
+Zeitraume noch nie eine Stadt betroffen worden war. Eine Seuche, an
+Furchtbarkeit alle überbietend, welche im Laufe von drei Jahrhunderten
+die Insel heimgesucht hatten, kostete binnen sechs Monaten mehr als
+hunderttausend Menschen das Leben, und kaum hatte der Leichenwagen seine
+Thätigkeit beendet, als eine Feuersbrunst, wie sie seit dem Brande Roms
+unter Nero Europa nicht erlebt, die ganze City, vom Tower bis zum
+Tempel, und von dem Flusse bis zu den Bezirken von Smithfield in einen
+Aschenhaufen verwandelte.
+
+
+[_Opposition in dem Hause der Gemeinen._] Hätte man, während die Nation
+unter so viel Schande und Drangsal fast erlag, eine allgemeine Wahl
+vorgenommen, so würden nach aller Wahrscheinlichkeit die Rundköpfe
+wieder zur Herrschaft im Staate gelangt sein; das Parlament war aber
+noch immer das Cavalierparlament, welches in dem ersten Loyalitätstaumel
+gewählt worden, der auf die Restauration folgte. Es ward jedoch bald
+offenbar, daß keine gesetzgebende Versammlung in England, wäre sie auch
+noch so loyal, sich begnügen würde, blos das zu sein, was dergleichen
+Versammlungen zur Zeit der Tudors gewesen waren. Vom Tode Elisabeths bis
+zum Beginn des Bürgerkrieges hatten die Puritaner, welche in dem
+volksvertretenden Körper überwiegend waren, durch eine geschickte
+Anwendung der Macht des Geldes Übergriffe in das Gebiet der exekutiven
+Regierung gethan. Die Herren, welche nach Ausführung der Restauration
+das Unterhaus einnahmen, haßten zwar die Puritaner, waren aber gar nicht
+böse, die Früchte der puritanischen Staatskunst zu erben. Allerdings
+hatten sie den besten Willen, die Gewalt, welche ihnen im Staate
+geworden, zu dem Zwecke zu verwenden, ihrem König sowohl daheim, wie im
+Auslande, Macht und Ansehen zu verschaffen; sie waren aber auch
+entschlossen, ihre eigene Macht nicht aufzugeben. Die große englische
+Revolution des siebzehnten Jahrhunderts, nämlich die Übertragung der
+Oberleitung der ausführenden Verwaltung von der Krone auf das Haus der
+Gemeinen, war während des ganzen langen Bestehens dieses Parlaments in
+ruhigem, aber schnellem und entschlossenem Fortschreiten. Karl gerieth
+durch seine Thorheiten und Laster beständig in Geldverlegenheit. Nur
+durch die Gemeinen konnte er auf gesetzlichem Wege Geld erlangen, und es
+ließ sich nicht verhindern, daß sie selbst einen Preis für ihre
+Bewilligung festsetzten. Dieser bestand darin, daß es ihnen erlaubt sei,
+sich in alle Prärogativen des Königs zu mischen, ihm die Zustimmung zu
+Gesetzen, welche er mißbilligte, abzuzwingen, Cabinete aufzulösen, den
+Gang der auswärtigen Politik vorzuschreiben und selbst die Kriegsführung
+zu leiten. Der königlichen Würde und der Person des Souverains
+versprachen sie laut und offenherzig die treueste Anhänglichkeit.
+Clarendon aber waren sie keine Unterthanentreue schuldig, und so griffen
+sie ihn mit einer so heftigen Entrüstung an, wie ihre Vorgänger einst
+Strafford.
+
+
+[_Sturz Clarendons._] Die guten Eigenschaften, wie die Fehler dieses
+Staatsmannes beförderten gleichmäßig seinen Sturz. Er war das Haupt der
+Verwaltung, und wurde deshalb selbst für solche Handlungen
+verantwortlich gemacht, denen er in der Rathsversammlung lebhaften, wenn
+auch nutzlosen Widerstand entgegengestellt hatte. Die Puritaner und
+Alle, welche diese bemitleideten, hielten ihn für einen
+unverbesserlichen Zeloten, für einen zweiten Laud, nur mit mehr Verstand
+begabt als dieser. Er hatte stets behauptet, daß man die Amnestieakte
+streng handhaben müsse, und obgleich dieser Theil seines Verhaltens
+höchst ehrenwerth für ihn erschien, so verfeindete derselbe ihn doch mit
+allen Royalisten, welche ihren zerrütteten Verhältnissen durch Klagen
+gegen die Rundköpfe wegen erlittener Verluste und entzogener Nutzungen
+wieder aufzuhelfen wünschten. Die Presbyterianer Schottlands
+beschuldigten ihn des Sturzes ihrer Kirche, die irländischen Papisten
+warfen ihm den Verlust ihrer Güter vor. Als Vater der Herzogin von York
+hatte er gegründete Ursachen, eine unfruchtbare Königin zu wünschen, und
+kam daher in den Verdacht, absichtlich eine solche empfohlen zu haben.
+Den Verkauf Dünkirchens machte man ihm mit Recht zum Vorwurf; die Schuld
+an dem holländischen Kriege aber ward ihm mit weniger Grund zur Last
+gelegt. Sein reizbares Temperament, sein stolzes Benehmen, die maßlose
+Sucht, Reichthümer zu erwerben, die prahlerische Art mit der er
+dieselben wieder verschwendete, seine mit den Meisterstücken van Dyks
+gefüllte Gemäldegallerie -- dem früheren Eigenthume verarmter Cavaliere,
+-- sein Palast, dessen lange stattliche Fronte sich der bescheidenen
+Wohnung des Königs gegenüber erhob, unterwarfen ihn vielem
+wohlverdienten, jedoch auch manchem ungerechten Tadel. Als die
+holländische Flotte in der Themse ankerte, richtete sich die Wuth des
+Pöbels hauptsächlich gegen den Kanzler. Man warf ihm die Fenster ein,
+vernichtete die Bäume seines Gartens, und errichtete vor dem Eingange
+seines Palastes einen Galgen. Am verhaßtesten war er dem Hause der
+Gemeinen. Er war nicht fähig, zu erkennen, daß die Zeit schnell
+heranrückte, wo dieses Haus, wenn es überhaupt fortbestand, die
+Oberherrschaft im Staate erlangen, daß die Leitung desselben ein
+wichtiger Zweig der Staatsgeschäfte werden, und daß es unmöglich sein
+würde, ohne den Beistand von Männern, welche das Vertrauen des Hauses
+besaßen, das Ruder des Staatsschiffs zu führen. Er ließ sich nicht davon
+abbringen, das Parlament als eine Corporation zu betrachten, die in
+keiner Hinsicht von jenem Parlamente abweiche, welches vor vierzig
+Jahren existirte, als er im Temple dem Studium der Rechtswissenschaft
+oblag. Zwar beabsichtigte er nicht, die gesetzgebende Versammlung der
+Vorrechte zu berauben, welche die alte Verfassung Englands ihr
+bewilligt; aber die neue Ausdehnung derselben, wenn auch natürlich und
+unvermeidlich, und nur durch ihre völlige Vernichtung abzuwenden,
+erfüllte ihn mit Widerwillen und Unruhe. Nie würde er sich entschlossen
+haben, das große Siegel unter eine Verordnung zur Erhebung von
+Schiffsgeld zu drücken, oder im Rathe seine Zustimmung dazu zu geben,
+daß ein Mitglied des Parlaments auf Grund von Äußerungen während der
+Debatte in den Tower geschickt werden könne; als aber die Gemeinen zu
+wissen verlangten, wozu das Geld, welches sie für den Krieg bewilligt,
+verwendet worden sei, als sie anfingen die schlechte Verwaltung der
+Flotte zu untersuchen, da gerieth er vor Unwillen außer sich. Er war der
+Ansicht, daß dergleichen Nachforschungen außerhalb ihrer Berechtigung
+lägen und gab zwar zu, daß das Haus eine sehr loyale Versammlung sei,
+die der Krone recht ersprießliche Dienste geleistet, und daß seine
+Absichten ganz vortrefflich sein könnten, aber in weiteren und engeren
+Kreisen sprach er unverholen sein Bedauern aus, daß der Monarchie
+aufrichtig ergebene Gentlemen mit solcher Unbedachtsamkeit die Vorrechte
+des Souverains antasteten. Wenn auch anderer Gesinnung als die
+Mitglieder des Langen Parlaments, handelten sie doch -- sagte er -- wie
+dieses Parlament, indem sie Angelegenheiten zu den ihrigen machten,
+welche, außerhalb des Wirkungskreises der Reichsstände, nur lediglich
+der Autorität der Krone unterlägen. Er versicherte, der Staat werde sich
+nie einer guten Regierung erfreuen, bis die Abgeordneten der
+Grafschaften sich damit begnügten, nicht mehr zu sein, als ihre
+Vorgänger zur Zeit Elisabeths. Alle Vorschläge, welche von Männern, die
+ihre Zeit besser erkannt hatten als er, zu dem Zwecke gemacht wurden,
+ein Einverständniß zwischen dem Hofe und den Gemeinen herbeizuführen,
+wies er als unreife Projecte, die mit den alten englischen
+Staatsverhältnissen nicht harmonirten, verächtlich zurück. Junge
+Sprecher, welche im Unterhause zu Ansehen und Auszeichnung gelangten,
+behandelte er abstoßend, und machte sich dieselben fast ohne Ausnahme
+dadurch zu unversöhnlichen Feinden. Ohne Zweifel war einer seiner
+größten Fehler die maßlose Verachtung der Jugend, und es war dieselbe um
+so weniger zu rechtfertigen, da seine eigene diplomatische Erfahrung in
+englischen Regierungsangelegenheiten, durchaus in keinem Verhältnisse zu
+seinen Jahren stand, indem er einen großen Theil seines Lebens im
+Auslande zugebracht und von der Welt, in der er sich nach seiner
+Rückkehr bewegte, nicht so viel wußte, als Leute, welche dem Alter nach
+seine Söhne sein konnten.
+
+Aus diesen Gründen war er den Gemeinen verhaßt, und aus anderen Gründen
+auch bei Hofe nicht beliebt. Seine Moral wie seine Politik erinnerten an
+eine frühere Generation. Selbst als junger Student der Rechte, wo er mit
+so vielen witzigen und vergnügungslustigen Menschen umging, hatten ihn
+sein natürlicher Ernst und seine frommen Grundsätze fast ganz vor der
+Ansteckung der Modethorheiten bewahrt; um so weniger war er geeignet,
+im höheren Alter und bei schwankender Gesundheit noch ein Wüstling zu
+werden. Mit bitterem und verächtlichem Widerwillen betrachtete er die
+Lasterhaftigkeit der ausgelassenen Jugend, sowie er nicht minder die
+tiefste Abneigung gegen die theologischen Irrthümer der Sectirer hegte.
+Er benutzte jede Gelegenheit, um seinen Haß gegen Possenreißer,
+Schwelger und Buhlerinnen auszusprechen, welche den Palast erfüllten,
+und die Warnungen, die er gegen den König aussprach, waren nicht nur
+sehr scharf, sondern auch, was Karl noch ärgerlicher war, sehr lang. Es
+fand sich Niemand, der einem Minister beistand, dem man den doppelten
+Vorwurf machte, Fehler zu besitzen, welche die Wuth des Volkes
+erweckten, und Tugenden, welche dem Monarchen beschwerlich und
+unangenehm waren. Southampton war gestorben; Ormond stand dem Freunde
+mannhaft und treu, aber fruchtlos zur Seite. Der Kanzler fiel in die
+tiefste Ungnade. Der König nahm ihm das Siegel ab, die Gemeinen
+versetzten ihn in Anklagestand, sein Kopf war nicht mehr sicher, er
+entfloh aus England und wurde durch eine Akte zu ewiger Verbannung
+verurtheilt; die aber, welche seinen Fall herbeigeführt, begannen sich
+um die Trümmer seiner Gewalt zu streiten.
+
+Durch Clarendon's Hinopferung war der öffentliche Rachedurst etwas
+abgekühlt; doch war die Entrüstung über die Verschwendung und
+Nachlässigkeit der Regierung, so wie über den schlechten Ausgang des
+letzten Krieges noch keineswegs beschwichtigt. Die Räthe des Königs,
+denen das Schicksal des Kanzlers vorschwebte, fürchteten für ihre eigene
+Sicherheit. Sie beschworen deshalb den Herrscher, die Aufregung, welche
+im Parlamente wie im ganzen Lande herrschte, zu besänftigen und einen
+Schritt zu thun, der in der Geschichte des Hauses Stuart ohne Beispiel
+ist und der Klugheit und Hochherzigkeit eines Cromwell würdig gewesen
+wäre.
+
+
+[_Zustand der europäischen Staatsangelegenheiten und Überlegenheit
+Frankreichs._] Wir sind jetzt bei dem Punkte angekommen, wo die
+Geschichte der großen, englischen Revolution anfängt, sich mit der
+Geschichte der auswärtigen Staatsangelegenheiten zu verflechten. Die
+spanische Macht war seit vielen Jahren im Abnehmen begriffen. Spanien
+besaß zwar in Europa noch Mailand, die beiden Sicilien, Belgien und die
+Franche Comté, und in Amerika lagen seine Besitzungen zu beiden Seiten
+des Äquators noch weit über die beiden Grenzen der heißen Zone hinaus;
+allein dieser große Körper war gelähmt, und nicht nur ohne Macht, andere
+Staaten zu belästigen, sondern auch außer Stande, ohne Unterstützung
+einen Angriff auszuhalten. Frankreich war jetzt ohne Zweifel die
+bedeutendste Macht Europa's. Seit jener Zeit haben seine Hilfsquellen
+unbedingt zugenommen, aber nicht so schnell wie die Hilfsquellen
+Englands. Auch darf man nicht vergessen, daß vor einhundertachtzig
+Jahren das russische Kaiserreich -- jetzt eine Monarchie ersten Ranges
+-- ebensoweit außer dem Bereich der europäischen Politik lag, wie
+Abyssinien oder Siam, daß das brandenburgische Haus damals kaum
+bedeutender war, als jetzt das Haus Sachsen, und daß die Republik der
+Vereinigten Staaten von Amerika zu jener Zeit noch nicht existirte. Die
+Bedeutung Frankreichs hat sich demnach, obgleich sie noch immer sehr
+groß ist, relativ vermindert. Zu den Zeiten Ludwigs XIV. war Frankreichs
+Gebiet noch nicht ganz so ausgebreitet wie gegenwärtig, aber es war ein
+großes, abgeschlossenes, fruchtbares Land, zum Angriff wie zur
+Vertheidigung trefflich geeignet, in einem glücklichen Klima gelegen,
+und bewohnt von einem tapferen, gewerbfleißigen und geistreichen Volke.
+Der Staat gehorchte völlig der Leitung eines einzigen Geistes. Die
+großen Lehen, welche in Allem -- den Namen ausgenommen -- souveraine
+Fürstenthümer gewesen, waren Eigenthum der Krone geworden. Nur wenige
+hochbetagte Leute erinnerten sich noch der letzten Versammlung der
+Generalstaaten. Den Widerstand, den die Hugenotten, der Adel und die
+Parlamente der königlichen Macht entgegengestellt, war durch die beiden
+großen Cardinäle vernichtet, welche vierzig Jahre lang die Nation
+beherrscht hatten. Die Regierung war jetzt despotisch, aber wenigstens
+im Verkehr mit den höheren Ständen war dieser Despotismus ebenso mild
+als großmüthig, und gemäßigt durch ritterliche Gesinnungen und feine
+Sitte. Die Mittel, über welche der Souverain gebieten konnte, waren für
+jene Zeit von ungeheurer Bedeutung. Sein Einkommen, erhöht durch eine
+allerdings etwas harte und ungeregelte Besteuerung, welche drückend auf
+dem Landmann lastete, überstieg bei weitem das jedes anderen Herrschers;
+seine vorzüglich disciplinirte und von den größten damals lebenden
+Generälen befehligte Armee zählte bereits mehr als hundertzwanzigtausend
+Mann. Eine solche regulaire Truppenmacht war seit dem Untergange des
+römischen Kaiserreiches in Europa nicht gesehen worden. Unter den
+Seemächten nahm Frankreich zwar nicht den ersten Rang ein; aber wenn es
+auch Rivalen auf dem Meere hatte, so wurde es doch von keinem
+übertroffen. Seine Macht während der letzten vierzig Jahre des
+siebzehnten Jahrhunderts war so bedeutend, daß ein einzelner Feind ihm
+unmöglich widerstehen konnte und daß zwei mächtige Coalitionen, zu denen
+sich die halbe christliche Welt gegen Frankreich verbunden hatte, nichts
+auszurichten vermochten.
+
+
+[_Charakter Ludwigs XIV._] Die Achtung, welche Frankreichs Macht und
+Bedeutung einflößten, wurden noch durch die persönlichen Eigenschaften
+seines Königs erhöht. Kein Souverain hat jemals die Majestät eines
+großen Staates mit mehr Würde und Anstand vertreten, als er. Er war sein
+eigener Premierminister, und besorgte die Obliegenheiten dieser
+schwierigen Stellung mit einer Gewandtheit und einem Fleiße, die man in
+der That kaum von einem Manne hätte erwarten sollen, der schon in den
+Jahren der Kindheit Frankreichs Krone trug und von Schmeichlern umgeben
+war, ehe er noch sprechen konnte. Er besaß in ausgezeichnetem Grade zwei
+für einen Fürsten unschätzbare Talente, nämlich seine Diener passend zu
+wählen, und sich selbst den größeren Theil des Ruhmes ihrer Thätigkeit
+anzueignen. In seinem Verkehr mit auswärtigen Mächten zeigte er einigen
+Großmuth, aber keine Gerechtigkeit. Unglückliche Bundesgenossen, welche
+mit der einzigen Hoffnung auf sein Mitleid sich ihm zu Füßen warfen,
+beschützte er mit einer chevaleresken Uneigennützigkeit, die sich besser
+für einen irrenden Ritter schickte, als für einen Staatsmann; die
+heiligsten Bande der Treue aber galten ihm nichts, und er zerriß sie
+ohne Scham und Scheu, sobald sie seinem Interesse, oder dem was er Ruhm
+nannte, widerstritten. Doch diese Treulosigkeit und Gewaltthätigkeit
+waren weniger verletzend als der Übermuth, mit dem er seine Nachbarn
+unaufhörlich an seine eigene Erhabenheit und ihre Bedeutungslosigkeit
+erinnerte. Damals zeigte er noch nicht die finstre Frömmigkeit, welche
+in späterer Zeit dem französischen Hofe das Aussehen eines Klosters gab;
+er war im Gegentheil ebenso ausschweifend, wenn auch nicht so kindisch
+und träge wie sein Bruder von England. Doch war er ein aufrichtiger
+Katholik, und nicht nur sein Gewissen, sondern auch seine Eitelkeit
+veranlaßten ihn, seine Gewalt nach Art seiner berühmten Vorgänger,
+Chlodwig, Karl der Große und Ludwig der Heilige, zur Verherrlichung und
+Ausbreitung des wahren Glaubens zu verwenden.
+
+Unsere Väter blickten freilich mit ernster Besorgniß auf Frankreichs
+wachsende Macht. Aber diese an sich völlig gerechtfertigte Empfindung
+war nicht frei von anderen, weniger lobenswerthen Gefühlen. Frankreich
+war unser Erbfeind. Gegen Frankreich hatten wir die ruhmvollsten
+Schlachten geschlagen, von denen unsere Geschichte erzählte. Zweimal war
+Frankreich von den Plantagenets erobert worden, und den Verlust
+Frankreichs hatte man lange als ein großes Nationalunglück betrachtet.
+Noch trugen unsere Souveraine den Titel eines Königs von Frankreich,
+noch prangten die französischen Lilien, verbunden mit unseren eigenen
+Löwen, im Wappenschilde des Hauses Stuart. Die Furcht vor Spanien hatte
+im sechzehnten Jahrhundert das feindselige Verhältniß unterbrochen, das
+von Alters her zwischen uns und Frankreich bestand. Die Furcht aber,
+welche Spanien einflößte, machte bald einem verächtlichen Mitleide
+Platz, und Frankreich trat wieder als alter Nationalfeind hervor. Der
+Verkauf Dünkirchens war die am allgemeinsten verschrieene Maßregel des
+wieder eingesetzten Königs gewesen, und Anhänglichkeit an Frankreich
+stand an der Spitze aller Verbrechen, deren die Gemeinen Clarendon
+beschuldigten. Selbst in Geringfügigkeiten zeigte sich die allgemeine
+Stimmung. Wenn in den Straßen von Westminster eine Rauferei zwischen den
+Dienern der französischen und spanischen Gesandtschaften stattfand,
+so gab das Volk, obgleich an jeder thätlichen Theilnahme kräftigst
+gehindert, doch die unzweideutigsten Zeichen, daß der alte Haß noch
+nicht erloschen war.
+
+Frankreich und Spanien lagen eben in ernstem Streite mit einander. Eine
+der Hauptabsichten der Politik Ludwigs war sein ganzes Leben hindurch
+die Ausdehnung seiner Besitzungen bis an den Rhein. Aus diesem Grunde
+hatte er Spanien den Krieg erklärt und befand sich jetzt auf dem Wege
+der Eroberung. Die Vereinigten Provinzen gewahrten mit Besorgniß die
+Fortschritte seiner Waffen. Diese berühmte Föderation hatte den Gipfel
+der Macht, der Wohlfahrt und des Glückes erreicht. Das batavische
+Gebiet, den Wogen entrissen und durch menschliche Kunst gegen sie
+vertheidigt, war an Ausdehnung dem Fürstenthum Wales ziemlich gleich;
+aber dieser enge Raum glich einem geschäftigen und dicht bevölkerten
+Bienenstock, in welchem unaufhörlich neuer Reichthum geschaffen wurde
+und eine Masse alter Schätze aufgehäuft waren. Der Anblick von Holland,
+die vortreffliche Bodenkultur, die zahllosen Kanäle, die immer thätigen
+Mühlen, die endlosen Flotten von Barken, das rasche Aufblühen großer
+Städte, die beständig mit zahllosen Masten bespickten Häfen, die
+geräumigen stattlichen Häuser, die prachtvollen Villas, die
+reichgeschmückten Zimmer, die Gemäldesammlungen, die Landhäuser, die
+Tulpenbeete: dies Alles übte auf die englischen Reisenden einen Zauber
+aus, wie ihn der erste Anblick Englands auf einen Norweger oder Canadier
+hervorbringen mag. Cromwell hatte die Generalstaaten gezwungen sich vor
+ihm zu beugen; nach der Restauration aber hatten sie sich gerächt, mit
+Erfolg gegen Karl Krieg geführt, und einen ehrenvollen Frieden
+geschlossen. In so hohem Ansehen jedoch die reiche Republik in Europa
+stand, Ludwigs Macht war ihr überlegen. Nicht ohne guten Grund fürchtete
+sie, daß er sein Gebiet bald bis an ihre Grenzen ausdehnen werde, und
+sie hatte wohl Ursache, die unmittelbare Nachbarschaft eines ebenso
+mächtigen und ehrgeizigen, als gewissenlosen Monarchen zu scheuen. Es
+war jedoch schwer ein Mittel aufzufinden, welches die Gefahr beseitigen
+konnte. Die Holländer allein konnten Frankreich nicht die Wage halten,
+und von der Rheinseite her war keine Hilfe zu erwarten. Ludwig hatte
+verschiedene deutsche Fürsten für sich gewonnen, und der Kaiser selbst
+war durch die Unzufriedenheit der Ungarn beschäftigt. England hatte sich
+durch die Erinnerung an neuerdings erfahrene und erduldete schwere
+Beleidigungen von den Vereinigten Provinzen getrennt, und seine Politik
+war seit der Restauration so arm an Weisheit und Muth gewesen, daß man
+kaum auf eine wirksame Unterstützung von seiner Seite hoffen konnte.
+
+Das Schicksal Clarendons und die überhandnehmende üble Stimmung des
+Parlaments bestimmten die Räthe Karls, plötzlich eine Politik zu
+ergreifen, welche die Nation in das freudigste Erstaunen versetzte.
+
+
+[_Die Tripleallianz._] Der englische Resident zu Brüssel, Sir William
+Temple, einer der erfahrensten Diplomaten und beliebtesten
+Schriftsteller jener Zeit, hatte seinem Hofe bereits vorgeschlagen, daß
+es eben so vortheilhaft als erwünscht sei, mit den Generalstaaten in
+Vernehmen zu treten, um der anwachsenden Macht Frankreichs einen Damm
+entgegen zu setzen. Längere Zeit hatte man seine Winke unberücksichtigt
+gelassen, jetzt aber hielt man es für angemessen, ihnen Folge zu
+leisten, und er bekam den Auftrag, mit den Generalstaaten deshalb zu
+unterhandeln. Er begab sich nach dem Haag, und kam bald zu einem
+Verständniß mit Johann de Witt, dem damaligen Premierminister Hollands.
+Schweden war, trotz seiner unbedeutenden Hilfsquellen, vierzig Jahre
+vorher durch das Genie Gustav Adolfs zu einem hohen Ansehen unter den
+europäischen Mächten gelangt, und hatte diese Stellung bis jetzt
+behauptet. Es wurde veranlaßt, sich bei dieser Gelegenheit mit England
+und den Niederlanden zu verbinden. So ward jene Koalition gebildet, die
+unter dem Namen der Tripleallianz bekannt ist. Ludwig ließ wohl Verdruß
+und Gereiztheit merken, wagte es aber nicht, sich neben der Feindschaft
+Spaniens auch noch die der Verbündeten zuzuziehen. Er gab daher willig
+einen bedeutenden Theil des Gebietes auf, das seine Heere bereits
+erobert hatten, der Friede ward in Europa hergestellt, und die englische
+Regierung, noch kürzlich ein Gegenstand allgemeiner Verachtung, wurde
+einige Monate lang von den auswärtigen Mächten mit fast eben so hoher
+Achtung angesehen, als man früher dem Protektor gezollt hatte.
+
+In England war die Tripleallianz höchst populär. Sie befriedigte sowohl
+den Nationalhaß wie den Nationalstolz, setzte dem Übermuthe eines
+mächtigen und ehrgeizigen Nachbars ein Ziel, und verband auf das
+Innigste die wichtigsten protestantischen Staaten. Cavaliere und
+Rundköpfe waren vollkommen zufrieden, aber die Freude der Rundköpfe war
+noch größer als die der Cavaliere, denn England hatte sich jetzt mit
+einem Lande von republikanischer Verfassung und presbyterianischer
+Religion gegen einen Staat verbündet, der von einem absoluten Fürsten
+regiert ward, welcher der römisch-katholischen Kirche ergeben war.
+Das Haus der Gemeinen zollte dem Vertrage lauten Beifall, und einige
+rücksichtslose Unzufriedene nannten ihn die einzige gute Maßregel,
+welche seit der Rückkehr des Königs ausgeführt worden sei.
+
+
+[_Die Vaterlandspartei._] Dem Könige aber war diese Billigung des
+Parlaments und Volks höchst gleichgültig. In der Tripleallianz sah er
+blos ein vorübergehendes Mittel zur Beschwichtigung der herrschenden
+Unzufriedenheit, welche einen ernsten Charakter anzunehmen schien. Er
+bekümmerte sich weder um die Selbstständigkeit und Sicherheit, noch um
+die Würde der Nation, über die er herrschte, und hatte angefangen, die
+verfassungsmäßigen Beschränkungen lästig zu finden. Schon hatte sich im
+Parlamente eine fest zusammenhaltende Partei gebildet, welche man die
+Vaterlandspartei nannte. Diese bestand aus allen öffentlichen Männern,
+welche sich zum Puritanismus und Republikanismus hinneigten, und von
+denen Viele zwar der englischen Kirche und erblichen Monarchie zugethan,
+aber aus Furcht vor dem Papstthum und Entrüstung über die Verschwendung,
+Üppigkeit und Treulosigkeit des Hofes zur Opposition genöthigt waren.
+Die Macht dieses Vereins von Staatsmännern war in stetem Wachsthum;
+alljährlich kamen einige von den Mitgliedern, welche durch die loyale
+Aufregung des Jahres 1661 in das Parlament gekommen waren, in Wegfall,
+und die erledigten Plätze wurden durch weniger fügsame Personen besetzt.
+Karl betrachtete sich nicht als König, so lange noch eine Versammlung
+von Unterthanen, ehe sie seine Schulden bezahlte, seine Rechnungen
+verlangen und darauf bestehen konnte, daß er erklärte, wer von seinen
+Maitressen oder lustigen Gesellschaftern das Geld weggefischt habe,
+welches zur Ausrüstung und Bemannung der Flotte bestimmt gewesen war.
+Wenn er auch nicht gerade nach Ruhm geizte, so verdrossen ihn doch die
+Spöttereien, welche bisweilen in den Verhandlungen der Gemeinen
+vorkamen, und bei einer Gelegenheit versuchte er durch ein sehr schlecht
+gewähltes Mittel diese Redefreiheit zu beschränken. Sir John Coventry,
+ein Landedelmann, hatte in der Debatte auf die Liederlichkeit des Hofes
+angespielt. Jede frühere Regierung würde ihn vor den Geheimen Rath
+gefordert und in den Tower geschickt haben; jetzt aber wählte man einen
+anderen Weg. Man sandte heimlich eine Rotte von Raufbolden ab, welche
+dem Beleidiger die Nase aufschlitzen mußten. Diese gemeine Rache
+verursachte, anstatt dem Geiste der Opposition zu schaden, eine solche
+Aufregung, daß der König sich zu der harten Demüthigung genöthigt sah,
+die Werkzeuge seiner Rache durch eine Akte zu verurtheilen, welche ihm
+das Begnadigungsrecht entzog.
+
+Wie sehr er aber auch gegen die verfassungsmäßigen Schranken eingenommen
+war, was sollte er thun, um sich von ihnen zu befreien? Er konnte sich
+nur vermittelst einer großen stehenden Armee zum Despoten machen, aber
+eine solche existirte nicht. Seine Einkünfte erlaubten ihm zwar einige
+reguläre Truppen zu halten, aber diese, wenn auch stark genug,
+um Mißtrauen und Besorgniß im Hause der Gemeinen wie im Volke
+hervorzurufen, waren kaum hinreichend, um Whitehall und den Tower gegen
+einen Aufstand des Londoner Pöbels zu vertheidigen. Solche Aufstände
+waren allerdings bedenklicher Art, denn es wurde berechnet, daß in der
+Hauptstadt und ihren Vorstädten nicht weniger als zwanzigtausend alte
+Cromwellsche Soldaten lebten.
+
+
+[_Verbindung zwischen Karl II. und Frankreich._] Da der König die
+Absicht hatte, sich von der Aufsicht des Parlaments zu befreien, und er
+zu diesem Unternehmen keine angemessene Hilfe im Innern zu finden hoffen
+konnte, so war es natürlich, daß er den Blick zu diesem Behufe nach dem
+Auslande richtete. Die Macht und der Reichthum des französischen Königs
+konnten der schwierigen Aufgabe gewachsen sein, die unbeschränkte
+Monarchie in England einzuführen. Ein solcher Bundesgenosse verlangte
+aber jedenfalls starke Beweise der Dankbarkeit für einen derartigen
+Dienst, Karl hätte zu der Bedeutung eines großen Vasallen herabsteigen,
+und Krieg und Frieden nach Vorschrift der Regierung beschließen müssen,
+welche ihm ihren Schutz gewährte. Seine Stellung zu Ludwig würde große
+Ähnlichkeit mit der gehabt haben, in der sich jetzt der Rajah von
+Nagpore und der König von Oude zur britischen Regierung befinden. Diese
+Fürsten sind verpflichtet, die Ostindische Kompagnie in allen Angriffs-
+und Vertheidigungskriegen zu unterstützen, und nur solche diplomatische
+Verbindungen zu unterhalten, welche die Ostindische Kompagnie erlaubt.
+Dafür sichert sie die Kompagnie gegen Empörung. So lange sie ihren
+Verpflichtungen gegen die überlegene Macht treulich nachkommen, läßt man
+sie über große Einkünfte verfügen, erlaubt ihnen, ihre Paläste mit
+schönen Frauen anzufüllen, sich in der Gesellschaft ihrer Lieblinge dumm
+zu schwelgen, und jeden Unterthanen, der ihnen mißfällt, ungestraft zu
+unterdrücken. Ein solches Leben mußte einem Manne von Hochherzigkeit und
+gewaltigem Geiste unerträglich sein; aber für den üppigen, trägen,
+abgespannten, jeder Vaterlandsliebe und alles Bewußtseins persönlicher
+Würde ermangelnden Karl hatte eine solche Aussicht durchaus nichts
+Mißfälliges. Daß der Herzog von York zu dem Plane, die Würde der Krone,
+welche er vermutlich einst selbst tragen würde, zu erniedrigen, die Hand
+geboten haben sollte, mag auffallend erscheinen, denn seine Gemüthsart
+war hochfahrend und herrschsüchtig, und er zeigte in der That ohne
+Unterbrechung durch Aufwallungen und gelegentliche Weigerungen seinen
+Haß gegen das französische Joch; er war jedoch durch Aberglauben fast
+ebenso verdorben, wie sein Bruder durch Nichtsthun und Üppigkeit. Jacob
+war damals schon Katholik. Frömmelei war die vorherrschende Richtung
+seines beschränkten halsstarrigen Geistes geworden und so mit seiner
+Herrschsucht verwachsen, daß diese beiden Leidenschaften kaum mehr zu
+unterscheiden waren. Es war sehr unwahrscheinlich, daß er ohne fremde
+Hilfe im Stande sein würde, das Übergewicht, oder auch nur Duldung für
+seinen Glauben zu erlangen, und bei seiner Gemüthsverfassung sah er in
+keinem Schritte etwas Erniedrigendes, wenn dadurch das Wohl der wahren
+Kirche befördert werden konnte.
+
+Die Unterhandlung, welche eröffnet wurde, dauerte mehrere Monate. Die
+Hauptagentin zwischen den Höfen von England und Frankreich war die
+schöne, anmuthige und geistreiche Henriette, Herzogin von Orleans, Karls
+Schwester, Ludwigs Schwägerin, und der Liebling Beider. Der König von
+England erbot sich, den katholischen Glauben anzunehmen, die
+Tripleallianz aufzulösen und sich mit Frankreich gegen Holland zu
+verbinden, wenn Frankreich sich verpflichten wolle, ihm die nöthige
+militärische und pekuniäre Hilfe zu leisten, welche nöthig sei, um sich
+vom Parlamente unabhängig zu machen. Ludwig bemühte sich anfangs, diese
+Vorschläge mit scheinbarer Kälte anzuhören, und ging endlich in einer
+Weise darauf ein, als ob er eine große Gunst gewährte; der Weg aber, den
+er einzuschlagen gesonnen war, konnte ihm nur Gewinn bringen.
+
+
+[_Pläne Ludwigs in Bezug auf England._] Es scheint gewiß, daß es nie
+seine ernstliche Absicht war, mit bewaffneter Hand in England
+Despotismus und Papstthum einzuführen. Er mußte leicht einsehen, daß ein
+derartiges Unternehmen höchst schwierig und gewagt war, indem es auf
+Jahre hinaus alle Kräfte Frankreichs in Anspruch nehmen, und den
+vortheilhafteren Vergrößerungsplänen, die er im Sinne hatte, hinderlich
+sein würde. Zwar hätte er gern das Verdienst und den Ruhm erwerben
+mögen, gegen angemessene Bedingungen seiner Kirche einen bedeutenden
+Dienst zu leisten, er hatte aber keine Lust, seinen Vorfahren
+nachzuahmen, welche im zwölften und dreizehnten Jahrhundert den Kern des
+französischen Adels in Syrien und Egypten dem Tode entgegengeführt, und
+es war ihm wohlbekannt, daß ein Kreuzzug gegen den Protestantismus in
+England mit denselben Gefahren verbunden sein würde, wie die
+Unternehmungen, welche die Heere Ludwigs VII. und Ludwigs IX.
+verschlungen hatten. Es war für ihn keine Ursache vorhanden, den Stuarts
+Absolutismus zu wünschen, und die englische Verfassung betrachtete er
+durchaus nicht mit ähnlichen Gefühlen, durch welche späterhin Fürsten
+veranlaßt wurden, gegen die freien Institutionen benachbarter Völker
+Krieg zu führen. Dermalen hat jede große Partei, welche volksthümliche
+Regierung wünscht, ihre Verbindungen in jedem civilisirten Staate. Jeder
+wichtige Vortheil, den diese Partei erringt, giebt das Signal zu einer
+allgemeinen Bewegung. Es ist nicht auffällig, wenn Regierungen, denen
+eine gemeinschaftliche Gefahr droht, sich zu gegenseitiger Sicherung
+verbinden; aber im siebzehnten Jahrhundert gab es keine derartige
+Gefahr. Zwischen der öffentlichen Meinung in England und der von
+Frankreich lag eine große Kluft. Unsere Einrichtungen wie unsere
+Parteien verstand man in Paris ebenso wenig wie in Konstantinopel. Es
+ist zu bezweifeln, ob eins von den vierzig Mitgliedern der französischen
+Akademie ein englisches Werk in seiner Bibliothek hatte und Shakespeare,
+Johnson oder Butler auch nur dem Namen nach kannte. Einige Hugenotten,
+auf welche der Empörungsgeist ihrer Vorfahren übergegangen war, mochten
+vielleicht Sympathien für ihre Glaubensbrüder, die englischen Rundköpfe,
+hegen, aber die Hugenotten waren nicht mehr gefürchtet. Die Franzosen,
+der Mehrzahl nach Katholiken, und stolz auf die Erhabenheit ihres
+Monarchen wie auf ihre eigene Loyalität, betrachteten unsere
+Anstrengungen gegen Papstthum und Willkürherrschaft nicht blos ohne
+Bewunderung und Theilnahme, sondern mit entschiedener Mißbilligung und
+Abneigung. Man würde sich deshalb irren, wollte man das Verfahren
+Ludwigs Befürchtungen beimessen, welche nur entfernt denjenigen
+ähnelten, die in unserem Jahrhundert die heilige Allianz bestimmten,
+sich in die inneren Unruhen Spaniens und Neapels zu mischen.
+
+Nichtsdestoweniger waren ihm die Vorschläge des Hofes von Whitehall
+äußerst willkommen. Er sann bereits auf großartige Pläne, welche Europa
+über vierzig Jahre lang in Gährung erhalten sollten. Es war sein Wunsch,
+die Vereinigten Provinzen zu demüthigen, und Belgien, die Franche Comté
+und Lothringen an Frankreich zu bringen. Dies war aber noch nicht Alles.
+Der König von Spanien, ein schwacher, kränklicher Knabe, starb aller
+Wahrscheinlichkeit nach ohne Leibeserben. Seine älteste Schwester war
+die Königin von Frankreich. Somit lag die Vermuthung sehr nahe, daß die
+Zeit nicht mehr fern sei, wo das Haus der Bourbons seine Rechte an das
+große Reich erheben werde, in welchem die Sonne nie unterging. Der
+Vereinigung zweier so mächtigen Kronen auf einem Haupte würde sich ohne
+Zweifel eine kontinentale Koalition widersetzt haben; aber jeder solchen
+Koalition war Frankreich allein hinreichend gewachsen. England konnte
+den Stand der Dinge ändern, von der Stellung, welche es in einer solchen
+Krisis einnahm, hing das Schicksal der Welt ab, und es war zur Genüge
+bekannt, daß Parlament und Volk von England eifrig der Politik anhingen,
+deren Werk die Tripleallianz war. Es konnte daher für Ludwig nichts
+erfreulicher sein, als in Erfahrung zu bringen, daß die Fürsten des
+Hauses Stuart seine Hilfe wünschten und dieselbe durch unbegrenzte
+Ergebenheit zu erkaufen geneigt wären. Er entschloß sich, die günstige
+Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen, und bildete sich selbst einen
+Plan, den er ohne Abweichung verfolgt hat, bis die Revolution von 1688
+alle seine politischen Pläne über den Haufen warf. Er erklärte sich
+bereit, die Absichten des englischen Hofes zu befördern, und versprach
+kräftigen Beistand, spendete auch bisweilen so viel Unterstützung, als
+zur Aufrechterhaltung der Hoffnung nothwendig war, und er ohne Gefahr
+und Unbequemlichkeit missen konnte. Auf diese Art wurde es ihm möglich,
+mit viel geringeren Kosten als der Bau und die Einrichtung von
+Versailles oder Marly erforderten, England fast zwanzig Jahre hindurch
+zu einem eben so unbedeutenden Gliede des europäischen Staatenkörpers zu
+machen, wie die Republik San Marino. --
+
+Seine Absicht war nicht etwa, unsere Verfassung umzustürzen, sondern nur
+die verschiedenen Elemente, aus denen sie bestand, in einem bleibenden
+Zustande von Aufregung zu erhalten, und zwischen den Börsenmännern und
+den Männern des Schwertes eine tödtliche Feindschaft hervorzurufen.
+Zu diesem Zwecke bestach und stachelte er beide Parteien abwechselnd,
+verlieh gleichzeitig den Ministern der Krone und den Häuptern der
+Opposition Pensionen, ermuthigte den Hof, den rebellischen Übergriffen
+des Parlaments entgegen zu treten, und verrieth dem Parlament die
+Willkürpläne des Hofes.
+
+Einer von den Kunstgriffen, welche er anwandte, um sich Einfluß auf die
+englischen Rathbeschlüsse zu verschaffen, verdient besonders erwähnt zu
+werden. Obgleich Karl der Liebe, im höheren Sinne dieses Wortes, unfähig
+war, so beherrschte ihn doch jedes Weib, dessen Reize seine Begierden
+erregten, und dessen Manieren und Beredtsamkeit ihm die Zeit verkürzten.
+Man würde mit Recht einen Ehemann verspotten, der sich von einer Frau
+von Stand und gutem Rufe halb soviel gefallen ließe, als Englands König
+von den lockeren Dirnen ertrug, die, während sie seiner Freigebigkeit
+Alles verdankten, mit den Höflingen fast unter seinen Augen buhlten.
+Geduldig ließ er sich die Zanksüchtigkeit Barbara Palmers, und die
+naseweise Lustigkeit der Eleonore Gwynn gefallen. Ludwig war der höchst
+richtigen Meinung, der beste Gesandte, den er nach London schicken
+könne, sei eine schöne, lebenslustige und listige Französin, und eine
+solche war Louise von Querouaille, von unsern derben Vorfahren Madame
+Carwell genannt. Sie verdrängte bald alle Nebenbuhlerinnen, ward zur
+Herzogin von Portsmouth erhoben, mit Reichthümern überschüttet, und
+behauptete eine Herrschaft, die erst mit dem Tode Karls zu Ende ging.
+
+
+[_Vertrag von Dover._] Die wichtigsten Bedingungen des Bündnisses
+zwischen den beiden Kronen waren in einem geheimen Vertrage enthalten,
+welcher im Mai 1670 zu Dover ratificirt wurde, zehn Jahre nach dem Tage,
+an welchem Karl in demselben Hafen unter dem Jubel und den
+Freudenthränen seines zu vertrauensvollen Volkes gelandet war.
+
+In diesem Vertrage erklärte Karl, sich öffentlich zur katholischen
+Religion zu bekennen, seine Waffen mit denen Ludwigs zur Unterdrückung
+der Vereinigten Provinzen zu verbinden und die ganze Land- und Seemacht
+Englands aufbieten zu wollen, um die Rechte der Bourbons auf die große
+spanische Monarchie zu unterstützen. Ludwig dagegen verpflichtete sich,
+bedeutende Subsidien zu zahlen, und gab das Versprechen, bei etwaigem
+Ausbruch einer Empörung in England auf eigene Kosten eine Armee zum
+Beistande seines Bundesgenossen zu stellen.
+
+Dieser Vertrag ward unter düsteren Auspicien abgeschlossen. Sechs Wochen
+nach seiner Unterzeichnung und Besiegelung war die liebenswürdige
+Prinzessin nicht mehr, deren Einfluß auf Bruder und Schwager so
+verderblich für ihr Vaterland gewesen. Durch ihren Tod entstand ein
+entsetzlicher Argwohn, welcher die neugestiftete Freundschaft zwischen
+den Stuarts und den Bourbons zu lösen drohte; nach kurzer Zeit aber
+wiederholten die Verbündeten ihre Versicherungen unverminderter
+Willfährigkeit.
+
+Der Herzog von York, zu bornirt, um die Gefahr zu erkennen, oder zu
+fanatisch, sich deshalb Sorgen zu machen, verlangte mit Ungestüm, daß
+der Artikel, welcher die katholische Religion betraf, unverzüglich in
+Ausführung gebracht werde, aber Ludwig war scharfsinnig genug,
+einzusehen, daß diese Handlung eine Explosion in England verursachen
+werde, stark genug, um diejenigen Theile seines Planes zu zerstören,
+welche ihn am meisten interessirten. Es wurde daher der Beschluß gefaßt,
+daß Karl noch ferner für einen Protestanten gelten, und an hohen Festen
+das Abendmahl nach dem Ritual der englischen Kirche empfangen solle;
+sein gewissenhafterer Bruder besuchte seitdem die königliche Kapelle
+nicht mehr.
+
+Um diese Zeit verschied die Herzogin von York, die Tochter des
+verbannten Earl von Clarendon. Sie war vor einigen Jahren im Geheimen
+zur katholischen Kirche übergetreten, und hinterließ zwei Töchter, Maria
+und Anna, welche später nach einander Königinnen von England geworden
+sind. Dieselben wurden auf besonderen Befehl des Königs protestantisch
+erzogen, denn der König erkannte sehr wohl, daß es eine vergebliche Mühe
+sein würde, sich für ein Mitglied der anglikanischen Kirche auszugeben,
+wenn Kinder, die aller Wahrscheinlichkeit nach Erben des Thrones werden
+mußten, mit seiner Bewilligung eine katholische Erziehung genossen.
+
+Die vornehmsten Beamten der Krone waren damals Männer, deren Namen mit
+Recht eine nicht beneidenswerthe Berühmtheit erlangt haben; jedoch
+müssen wir auch vorsichtig sein, und ihr Andenken nicht mit einer
+Schmach beladen, die mit Recht ihrem Gebieter gebührt. Der Vertrag von
+Dover war hauptsächlich ein Werk des Königs. Er conferirte darüber mit
+französischen Geschäftsträgern, schrieb in Betreff desselben viele
+eigenhändige Briefe, brachte selbst die entehrendsten Punkte, welche er
+enthielt, in Vorschlag, und verheimlichte sorgfältig mehrere dieser
+Artikel der Mehrzahl seiner Cabinetsräthe.
+
+
+[_Natur des englischen Cabinets._] Wenige Vorfälle in der Geschichte
+Englands sind merkwürdiger, als der Ursprung und das Wachsthum der
+Macht, welche das Cabinet jetzt besitzt. Seit frühester Zeit
+unterstützte die Beherrscher Englands ein Geheimer Rath, welchem das
+Gesetz viele bedeutende Befugnisse und Pflichten übertrug. Jahrhunderte
+hindurch berathschlagte dieses Collegium über die bedeutungsvollsten und
+kitzlichsten Staatsangelegenheiten; doch änderte sich allmälig sein
+Charakter. Es wurde zu ausgedehnt für rasche That und Geheimhaltung. Die
+Stellung eines Geheimen Rathes wurde oft als ehrende Auszeichnung an
+Leute vergeben, denen man nichts anvertraute, und um deren Meinung man
+sich nicht kümmerte. Der Souverain beschränkte sich bei wichtigen
+Angelegenheiten auf den Rath eines kleinen Kreises leitender Minister.
+Die Vortheile und Nachtheile dieses Verfahrens sind von Bacon schon
+frühzeitig mit seiner bekannten, treffenden und scharfsinnigen
+Urtheilsgabe geschildert worden, aber erst nach Beendigung der
+Restauration zog der innere Rath die öffentliche Aufmerksamkeit auf
+sich. Die Politiker der alten Schule betrachteten das Cabinet als eine
+nicht verfassungsmäßige und gefährliche Behörde. Gleichwohl gewann es an
+Bedeutung, zog endlich die höchste ausübende Gewalt an sich, und wird
+jetzt seit mehreren Menschenaltern für einen wesentlichen Bestandtheil
+unserer Staatsverfassung angesehen. Seltsamer Weise ist das Cabinet dem
+Gesetze aber noch immer unbekannt, die Namen der Personen des hohen und
+niedern Adels, aus denen es besteht, werden dem Publikum nie amtlich
+bekannt gemacht, es führt keine Protokolle über seine Versammlungen und
+Beschlüsse, und keine Parlamentsakte hat seine Existenz anerkannt.
+
+
+[_Die Cabale._] Einige Jahre hindurch gebrauchte man im Volke das Wort
+Cabal gleichbedeutend mit Cabinet. Durch ein sonderbares Zusammentreffen
+bestand nämlich das Cabinet im Jahre 1671 aus fünf Personen, von deren
+Namen die Anfangsbuchstaben das Wort Cabal bildeten, es waren Clifford,
+Arlington, Buckingham, Ashley und Lauderdale. Durch diese Anwendung
+erhielt das Wort eine so üble Bedeutung, daß es seitdem nur als ein
+Vorwurf gebraucht wird.
+
+Sir Thomas Clifford war Schatzkommissarius, und hatte sich im Hause der
+Gemeinen sehr bemerkbar gemacht. Er war von den Mitgliedern der Cabale
+das Ehrenwertheste, denn bei einem lebhaften und herrschsüchtigen
+Charakter besaß er ein starkes, wenngleich auf beklagenswerthe Weise
+irregeleitetes Gefühl für Ehre und Pflicht.
+
+Heinrich Bennet, Lord Arlington, zu jener Zeit Staatssekretair, hatte
+seit angetretenem Mannesalter auf dem Continent gelebt, und sich jene
+kosmopolitische Gleichgültigkeit gegen Verfassungen und Religionen zu
+eigen gemacht, welche man oft bei Leuten findet, deren Leben in
+unregelmäßiger diplomatischer Thätigkeit verflossen ist. Die
+Verfassungsform, welche ihm am meisten zusagte, war die französische;
+gab es eine Kirche, für welche er einige Vorliebe hegte, so war es die
+katholische. Bei einigem Unterhaltungstalente, sowie ziemlicher
+Befähigung zu den gewöhnlichen Geschäften seines Amtes, hatte Arlington
+im Laufe seines an Reisen und Unterhandlungen reichen Lebens die Kunst
+erlernt, seine Rede und sein Benehmen der Gesellschaft anzupassen, in
+der er sich eben bewegte. Seine Lebhaftigkeit im Unterhaltungszimmer
+amüsirte den König, seine Würde bei Verhandlungen und Zusammenkünften
+imponirte dem Publikum, und es war ihm geglückt, sowohl durch geleistete
+Dienste, wie auch durch erregte Hoffnungen, sich einen bedeutenden
+Anhang zu verschaffen.
+
+Buckingham, Ashley und Lauderdale waren Männer, welche die
+Unsittlichkeit, die unter den Staatsmännern jener Zeit epidemisch war,
+in der schlimmsten Form, und durch große Verschiedenheit des
+Temperaments und der geistigen Anlagen modifizirt, besaßen. Buckingham
+war vom Vergnügen übersättigt, und hatte sich zum Zeitvertreib
+den Ehrgeiz erwählt. Wie er mit Architektur und Musik, mit
+Lustspielschreiben und mit Forschen nach dem Steine der Weisen sich zu
+unterhalten versucht hatte, so wollte er sich jetzt durch geheime
+Unterhandlungen und durch einen holländischen Krieg amüsiren. Er war
+bereits, mehr aus Unbeständigkeit und Lust zur Veränderung, als aus
+einem ernsteren Grunde, allen Parteien treulos geworden. Einmal stand er
+auf der Seite der Cavaliere, ein andermal war ein Verhaftsbefehl gegen
+ihn erlassen, weil er einen verrätherischen Verkehr mit dem Überreste
+der republikanischen Armee in der City unterhielt. Jetzt war er wieder
+Höfling, und bemüht, die Gnade des Königs durch Dienstleistungen zu
+erwerben, vor denen die Ausgezeichnetsten unter denen, welche für das
+königliche Haus gekämpft und gelitten hatten, sich mit tiefem Abscheu
+abgewandt haben würden.
+
+Ashley, mit einem entschiedeneren Charakter und ungestümeren Ehrgeize,
+hatte gleiche Unzuverlässigkeit gezeigt, aber es war dieselbe nicht
+Folge des Leichtsinns, sondern der berechneten Selbstsucht. Er hatte
+einer Reihe von Regierungen gedient, und sie verrathen, aber für seine
+Verräthereien immer den glücklichen Zeitpunkt so gut gewählt, daß alle
+Revolutionen sein Glück beförderten. Das Volk, voller Bewunderung über
+ein Glück, welches, sonst in fortwährendem Wechsel begriffen, hier so
+dauernd anhielt, schrieb ihm eine fast wunderbare Sehergabe zu, und
+verglich ihn mit dem israelitischen Staatsmanne von dem wir lesen, daß
+sein Rath gewesen sei, als wenn ein Mann das Orakel Gottes befragt
+hätte.
+
+Lauderdale, laut und plump, in der Freude wie im Zorn, war unter dem
+Scheine von polternder Freimüthigkeit vielleicht der unehrlichste in der
+ganzen Cabal. In dem schottischen Aufruhr von 1638 war er ein
+hervorragender, eifriger Anhänger des Covenants gewesen. Man
+beschuldigte ihn, bei dem Verkaufe Karls I. an das englische Parlament
+schwer betheiligt gewesen zu sein, und er wurde daher von den guten
+Cavalieren für einen noch verächtlicheren Verräther gehalten als
+diejenigen, welche im hohen Gerichtshofe gesessen hatten. Oft sprach er
+mit lauter Heiterkeit von den Tagen, da er ein Sectirer und Rebell
+gewesen war. Der Hof benutzte ihn jetzt als Hauptwerkzeug bei dem
+Vorhaben, dem widerstrebenden Volke das Episkopat aufzudringen, und er
+schämte sich nicht, in dieser Angelegenheit Schwert, Strick und Folter
+mit schonungslosem Eifer anzuwenden. Wer ihn aber genauer kannte, wußte
+auch, daß die letzten dreißig Jahre seine Gesinnungen unverändert
+gelassen hatten, daß er noch jetzt das Andenken Karls I. verachtete und
+noch immer die presbyterianische Kirchenform jeder andern vorzog.
+
+Bei aller Gewissenlosigkeit Buckinghams, Ashley's und Lauderdale's wagte
+man es doch nicht, ihnen das Vorhaben des Königs, zur katholischen
+Kirche überzutreten, anzuvertrauen. Man zeigte ihnen einen falschen
+Vertrag, in welchem der die Religion betreffende Artikel fehlte; im
+echten Vertrage befinden sich blos die Namen und Siegel von Clifford und
+Arlington. Diese beiden Staatsmänner nahmen Partei für die alte Kirche,
+welche Parteilichkeit der brave, heftige Clifford auch bald darauf
+ehrlich aussprach, die aber der überlegendere, weniger edle Arlington
+verhehlte, bis die Furcht vor dem nahen Tode ihm Offenheit abzwang.
+Die drei andern Cabinetsminister waren jedoch nicht leicht zu täuschen,
+und vermutheten wahrscheinlich mehr, als man ihnen mitgetheilt hatte.
+Übrigens waren sie bei allen politischen Übereinkünften mit Frankreich
+in's Geheimniß gezogen, und schämten sich nicht, kostbare
+Gnadengeschenke von Ludwig anzunehmen.
+
+Karls nächste Absicht war jetzt von den Gemeinen Zugeständnisse zu
+erhalten, die zur Realisirung des geheimen Vertrags dienen sollten. Die
+Cabale, welche sich im Besitze der Gewalt befand, als die Regierung in
+einem Zustande des Übergangs war, vereinigte in sich zwei verschiedene
+Gattungen von Lastern, welche zwei verschiedenen Zeitaltern und zwei
+verschiedenen Systemen angehörten. Wie diese fünf bösen Räthe zu den
+letzten englischen Staatsmännern gehörten, welche die ernstliche Absicht
+hatten, das Parlament zu vernichten, so waren sie auch die ersten
+englischen Staatsmänner, welche dasselbe zu bestechen versuchten, und
+ihre Politik zeigt zugleich die letzte Spur von Straffords »Durch« und
+die erste Spur von jener systematischen Bestechung, welche nach der Zeit
+Walpole's ausgeübt wurde. Sehr bald erkannten sie aber, daß, obgleich
+das Haus der Gemeinen fast durchgängig aus Cavalieren bestand, und
+französisches Gold und Stellen an die Mitglieder verschwendet wurden,
+doch keine Aussicht war, auch nur die am wenigsten gehässigen Punkte des
+Vertrags von Dover durch die Majorität unterstützt zu sehen; man mußte
+also nothwendig zum Betrug greifen. Der König heuchelte daher großen
+Eifer für die Grundsätze der Tripleallianz und erklärte, daß um den
+französischen Ehrgeiz zu zügeln, eine Vermehrung der Flotte nöthig sei.
+Die Gemeinen ließen sich fangen, und bewilligten achthunderttausend
+Pfund. Sofort wurde das Parlament vertagt, und der jeder Controle
+entledigte Hof begann unverzüglich mit der Ausführung seines großen
+Planes.
+
+
+[_Zahlungseinstellung der Schatzkammer._] Die finanziellen
+Verlegenheiten waren sehr ernster Natur. Ein Krieg mit Holland mußte
+ungeheure Kosten erfordern, und die gewöhnlichen Einkünfte reichten eben
+nur hin, um die Bedürfnisse der Regierung im Frieden zu bestreiten. Die
+achthunderttausend Pfund, welche man den Gemeinen abgeschwindelt hatte,
+waren nicht genügend, die Kosten der Flotte und des Heeres auch nur auf
+ein einziges Kriegsjahr zu decken, und nach der traurigen Lehre, die das
+Lange Parlament gegeben, wagte es selbst die Cabale nicht, wieder ein
+Boden- oder Schiffsgeld einzuführen. In dieser Verlegenheit empfahlen
+Ashley und Clifford einen niederträchtigen Verrath an dem öffentlichen
+Vertrauen. Die Goldschmiede Londons trieben damals nicht blos Handel mit
+edlen Metallen, sondern auch Geldwechsel, und waren daran gewöhnt,
+der Staatskasse große Summen vorzustrecken, für welche Darlehen sie
+Anweisungen auf das Einkommen erhielten, welche nach der Steuererhebung
+mit den Zinsen bezahlt wurden. In dieser Art waren eine Million und
+dreihunderttausend Pfund der Ehre des Staates anvertraut worden. Da
+erschien plötzlich die Bekanntmachung, daß es nicht möglich sei, das
+Capital zu zahlen, und daß die Creditoren sich mit den Zinsen begnügen
+müßten. In Folge dessen konnten dieselben ihren eigenen Verpflichtungen
+nicht nachkommen, die Börse gerieth in Aufruhr, mehrere große
+Handelshäuser machten Bankerott, Schreck und Jammer kamen über die ganze
+Gesellschaft. Inzwischen ging man rasch dem Despotismus entgegen.
+Proklamationen, welche von Parlamentsakten dispensirten oder
+Vorschriften machten, die nur dem Parlamente zustanden, erschienen in
+rascher Aufeinanderfolge. Das bedeutendste dieser Edicte war die
+Indulgenzerklärung. In diesem Aktenstücke wurden die Strafgesetze gegen
+die Katholiken durch königlichen Machtspruch noch einmal beseitigt, und
+um die wahre Absicht der Maßregel zu verschleiern, hob man gleichzeitig
+auch die Gesetze gegen die protestantischen Nichtconformisten auf.
+
+
+[_Krieg mit den Vereinigten Provinzen und große Gefahr derselben._]
+Wenige Tage nach dem Bekanntwerden der Indulgenzerklärung wurde den
+Vereinigten Provinzen der Krieg erklärt. Zur See fochten die Holländer
+mit Ehren, zu Lande aber wurden sie anfänglich durch unwiderstehliche
+Gewalt bezwungen. Ein großes französisches Heer ging über den Rhein,
+eine Festung nach der andern ergab sich. Die Sieger besetzten drei von
+den sieben Provinzen des Bundes. Man sah die Lagerfeuer des Feindes von
+dem Dache des Rathhauses zu Amsterdam. Zu gleicher Zeit wurde die von
+außen so hart bedrängte Republick auch von inneren Zwistigkeiten
+heimgesucht. Die Regierung befand sich in den Händen einer geschlossenen
+Oligarchie mächtiger Bürger. Es gab eine große Menge selbstgewählter
+Stadträthe, welche innerhalb ihrer Bezirke viele Souverainetätsrechte
+ausübten; diese Räthe schickten Abgeordnete an die Provinzialstaaten,
+und die Provinzialstaaten wieder Beauftragte an die Generalstaaten. Eine
+erbliche, höchste Obrigkeit war kein wesentlicher Theil dieser
+Staatseinrichtung. Doch hatte eine, an berühmten Männern auffallend
+fruchtbare Familie allmälig eine bedeutende und zugleich ziemlich
+unbestimmte Gewalt erlangt. Wilhelm, dieses Namens der Erste, Prinz von
+Nassau-Oranien und Statthalter von Holland, hatte an der Spitze des
+denkwürdigen Aufstandes gegen Spanien gestanden, sein Sohn Moritz war
+Generalkapitain und oberster Minister der Staaten gewesen, hatte sich
+durch ausgezeichnete Befähigung und vortreffliche Dienste, sowie durch
+einige verrätherische und unmenschliche Handlungen zu königlicher Macht
+emporgeschwungen, und diese Macht zum Theil seiner Familie hinterlassen.
+Der Einfluß der Statthalter war ein Gegenstand höchster Eifersucht für
+die städtische Oligarchie, aber die Armee, sowie die große Menge von
+Bürgern, denen jede Theilnahme an der Regierung entzogen war,
+betrachteten die Bürgermeister und Deputirten mit einer Abneigung,
+ähnlich der, welche die Legionen und der große Haufe in Rom gegen den
+Senat fühlten, und zollten dem Hause Oranien eine so treue Ergebenheit
+wie die Legionen und die Massen dem Hause Cäsars. Der Statthalter stand
+an der Spitze des Heeres der Republik, verfügte über alle militärischen
+Commandos, hatte bedeutenden Einfluß auf die Civilgewalt, und umgab sich
+mit einem fast königlichen Glanze.
+
+Prinz Wilhelm II. hatte bei der oligarchischen Partei auf heftigen
+Widerstand gestoßen, er starb 1650, während großer bürgerlicher Unruhen,
+ohne Kinder zu hinterlassen. Die Mitglieder seiner Familie befanden sich
+einige Zeit ohne Haupt, und die von ihm ausgeübte Gewalt wurde unter die
+Stadträthe, Provinzialstaaten und Generalstaaten vertheilt.
+
+Wenige Tage nach Wilhelms Tode gebar seine Witwe, Marie, Tochter
+Karls I. von England, einen Sohn, welcher bestimmt war, den Ruhm und die
+Macht des Hauses Nassau auf den höchsten Gipfel zu treiben, die
+Vereinigten Provinzen vor Unterdrückung zu bewahren, die Macht
+Frankreichs zu brechen und der englischen Verfassung eine solide
+Grundlage zu geben.
+
+
+[_Wilhelm Prinz von Oranien._] Dieser Prinz mit dem Namen Wilhelm
+Heinrich, war von seiner Geburt an ein Gegenstand ernster Sorge für die
+zur Zeit in Holland herrschende Partei, und loyaler Ergebenheit für die
+Anhänger seines Hauses. Als der Besitzer eines großen Vermögens, als das
+Haupt eines der erlauchtesten Häuser Europa's, als ein souverainer Fürst
+des deutschen Reiches, als ein Prinz von königlichem Geblüte Englands,
+vor Allem aber als ein Sprößling der Schöpfer der batavischen Freiheit,
+genoß er der höchsten Achtung. Aber das mächtige Amt, welches seine
+Familie einst als erblich betrachtete, wurde nicht wieder besetzt,
+und nach dem Willen der aristokratischen Partei sollte nie wieder ein
+Statthalter gewählt werden. Die Stelle der ersten Magistratsperson
+vertrat zum großen Theile der Großpensionair der Provinz Holland, Johann
+de Witt, dessen Klugheit, Festigkeit und Redlichkeit ihn zu einem hohen
+Ansehen im Rathe der municipalen Oligarchie erhoben hatten.
+
+Die französische Invasion brachte eine vollständige Umwandlung hervor.
+Das leidende, und von Schrecken erfüllte Volk wüthete furchtbar gegen
+die Regierung, und fiel in seiner Tollheit über die tapfersten
+Heerführer und die geschicktesten Staatsmänner der Regierung her. De
+Ruyter wurde von dem Pöbel insultirt, und de Witt vor dem Thore des
+Palastes der Generalstaaten im Haag in Stücke zerrissen. Der Prinz von
+Oranien war an dem Morde unschuldig, aber bei dieser Gelegenheit, sowie
+zwanzig Jahre später bei einer anderen beklagenswerthen Veranlassung,
+beurtheilte er die Verbrechen, welche in seinem Interesse verübt wurden,
+so nachsichtig, daß dadurch sein Ruhm befleckt wurde. Er trat ohne
+Nebenbuhler an die Spitze der Regierung. Wenn auch noch jung, hob sein
+feuriger unbeugsamer Geist, obgleich unter einer kalten, düsteren
+Außenseite verborgen, gar bald den Muth seiner zagenden Landsleute.
+Jeder Versuch seines Oheims, sowie des französischen Königs, ihn durch
+die glänzendsten Versprechungen der Sache der Republik abwendig zu
+machen, war vergeblich. Gegen die Generalstaaten führte er eine
+schwungreiche, begeisternde Sprache. Er wagte sogar ihnen einen
+Vorschlag zu machen, der einen Anstrich von antikem Heroismus hatte,
+und der, wenn er zur Ausführung gekommen wäre, der edelste Stoff für ein
+Epos sein würde, der im Bereiche der neueren Geschichte existirte. Er
+erklärte den Abgeordneten, daß, selbst wenn ihr Heimathsland und die
+Wunder, mit denen menschlicher Kunstfleiß es bedeckt, von dem Ocean
+verschlungen wären, noch nicht Alles verloren sei. Die Holländer könnten
+Holland überleben; Freiheit und reine Gottesverehrung, würden sie auch
+von Tyrannen und Fanatikern aus Europa verbannt, könnten in Asiens
+entferntesten Inseln eine Freistätte finden. Die Schiffe, welche in den
+Häfen der Republik ankerten, würden ausreichen, um zweihunderttausend
+Auswanderer nach dem indischen Archipel zu bringen, dort könne die
+holländische Republik ein neues, glorreiches Dasein beginnen, und unter
+dem Kreuze des Südens, umgeben von Zuckerrohr und Muscatbäumen, die
+Börse eines reicheren Amsterdam und den Lehrstuhl eines gelehrteren
+Leyden errichten. Der Nationalgeist erhob sich gewaltig. Die
+Bedingungen, welche die Verbündeten anboten, wurden kurz zurückgewiesen,
+die Dämme wurden durchstochen, und das ganze Land in einen ungeheuren
+See verwandelt, aus dem die Städte mit ihren Mauern und Thürmen wie
+Inseln hervorragten. Die Feinde retteten sich nur durch den eiligsten
+Rückzug vor Vernichtung; Ludwig aber, welcher es zuweilen für
+vortheilhaft hielt, sich an der Spitze des Heeres zu zeigen, jedoch
+einen Palast bequemer fand als ein Kriegslager, war bereits heimgekehrt,
+um in den neuangelegten Alleen von Versailles sich der Schmeicheleien
+der Dichter und des Lächelns seiner Damen zu erfreuen.
+
+Bald folgte der Ebbe die Fluth. Der Erfolg des Seekrieges war
+zweifelhaft geblieben; zu Lande hatten die Vereinigten Provinzen
+Aufschub erlangt, und ein Aufschub, wenn auch noch so kurz, war von
+unübersehbarer Wichtigkeit. Beunruhigt durch die weitaussehenden Pläne
+Ludwigs, griffen beide Linien des mächtigen österreichischen Hauses zu
+den Waffen. Spanien und Holland vergaßen die alten gegenseitigen
+Beschwerden und Demüthigungen, und söhnten sich angesichts der
+gemeinschaftlichen Gefahr wieder aus. Aus allen Gegenden Deutschlands
+marschirten Truppen nach dem Rheine. Die Fonds der englischen Regierung,
+welche man durch Beraubung der Staatsgläubiger zusammen gebracht, waren
+erschöpft, von der City ließ sich kein Darlehn erwarten, und der Versuch
+durch königlichen Machtspruch Steuern zu erheben, würde unverzüglich
+eine Revolution hervorgerufen haben. Ludwig aber, der jetzt mit dem
+halben Europa in Krieg verwickelt war, befand sich nicht in der
+Verfassung, die Mittel zur Bezwingung des englischen Volkes
+herbeizuschaffen. So war es nothwendig, das Parlament einzuberufen.
+
+
+[_Versammlung des Parlaments._] Im Frühlinge des Jahres 1673
+versammelten sich also die Häuser nach einer Unterbrechung von beinahe
+zwei Jahren. Clifford, jetzt Pair und Lord Schatzmeister, und Ashley,
+jetzt Lord Kanzler und Earl von Shaftesbury, waren die Männer, auf
+welche der König hinsichtlich der Leitung des Parlaments sich verließ.
+Die Vaterlandspartei zögerte nicht, sofort die Politik der Cabale
+anzugreifen, dieser Angriff geschah aber nicht stürmisch, sondern durch
+langsames und wohlberechnetes Vorrücken. Die Gemeinen gaben zuerst
+Hoffnung, daß sie die auswärtige Politik des Königs unterstützen
+wollten, verlangten aber, daß er diese Hilfe dadurch erkaufen sollte,
+daß er das ganze System seiner innern Politik fallen lasse. Vor Allem
+verlangten sie die Zurücknahme der Indulgenzerklärung.
+
+
+[_Indulgenzerklärung._] Der unpopulärste Schritt, den die Regierung
+jemals gethan hatte, war unbedingt die Bekanntmachung dieser Erklärung.
+Die verschiedenartigsten Gefühle waren verletzt durch eine an sich zwar
+freisinnige, aber in höchst despotischer Weise ausgeführte Maßregel.
+Die Feinde religiöser, und die Freunde bürgerlicher Freiheit waren eng
+verbunden, und aus diesen beiden Klassen bestanden neunzehn
+Zwanzigtheile der Nation. Der eifrige Anhänger der Staatskirche
+beschwerte sich über die Bevorzugung, welche dem Papisten wie dem
+Puritaner zu Theil geworden sei. Der Puritaner freute sich zwar über das
+Aufhören der Verfolgung, die ihn gedrückt hatte, war aber eben nicht
+besonders dankbar für eine Duldung, welche er mit dem Antichrist theilen
+sollte. Alle Engländer jedoch, welche Freiheit und Gerechtigkeit
+achteten, erkannten mit Besorgniß den tiefen Eingriff, den die
+Prärogative in das Gebiet der Gesetzgebung gethan hatte.
+
+Der Wahrheit die Ehre zu geben, darf nicht geleugnet werden, daß die
+constitutionelle Frage nicht ganz frei von Dunkelheit war. Unsere alten
+Könige besaßen das unbestrittene Recht, die Wirkung von Strafgesetzen zu
+suspendiren, die Gerichtshöfe hatten dieses Recht anerkannt und die
+Parlamente es nicht angefochten. Daß ein derartiges Recht der Krone
+zustehe, wagten, selbst von der Landpartei, in Betracht der Ereignisse
+und Autoritäten nur Wenige in Abrede zu stellen. Gleichwohl war es klar
+daß, wenn diese Prärogative keine Grenze hatte, die englische Regierung
+von reinem Despotismus fast gar nicht unterschieden werden konnte.
+Daß es eine Grenze gebe, gestand der König sammt seinen Ministern ein,
+die Frage war nur, ob die Indulgenzerklärung innerhalb oder außerhalb
+derselben liege, und keine Partei vermochte eine Grenzlinie zu
+bestimmen, welche die Prüfung bestand. Einige Gegner der Regierung
+beschwerten sich, daß durch die Erklärung nicht weniger als vierzig
+Gesetze suspendirt würden; warum aber nicht vierzig sogut wie eins? Ein
+Redner sprach unverhohlen aus, daß der König verfassungsmäßig zwar von
+schlechten Gesetzen dispensiren könne, nicht aber von guten. Das
+Ungereimte einer solchen Unterscheidung liegt auf der Hand. Die Ansicht,
+welche im Hause der Gemeinen angenommen schien, war wohl im Allgemeinen
+die, daß das Dispensationsrecht sich blos auf weltliche Punkte
+erstrecke, und nicht auf Gesetze, die man zur Sicherheit der
+Landeskirche erlassen. Da aber der König das Oberhaupt der Kirche war,
+so schien es, daß wenn er überhaupt die dispensirende Gewalt besitze,
+er sie wohl auch da haben konnte, wo die Kirche in's Spiel kam. Die
+Versuche der Hofleute, die Grenzen dieser Prärogative zu bezeichnen,
+mißlangen eben so vollständig wie früher die der Opposition.[3]
+
+Die Wahrheit ist, daß die Dispensationsbefugniß eine große Anomalie in
+Staatssachen war. In der Theorie war sie mit den Grundsätzen gemischter
+Verfassung nicht zu vereinigen, aber sie war in einer Zeit entstanden,
+wo das Volk sich wenig um Theorien kümmerte. In der Praxis hatte man
+diese Befugniß niemals auf gröbliche Art gemißbraucht, sie war deshalb
+geduldet worden, und endlich allmälig zu einer Art Verjährung gekommen.
+Nach einem langen Zwischenraume wurde sie endlich in einem
+fortgeschrittenen Zeitalter bei einer wichtigen Veranlassung und zwar in
+früher nicht gekannter Ausdehnung, zu einem allgemein verabscheuten
+Zwecke in Anwendung gebracht. Sie wurde einer strengen Untersuchung
+unterworfen, und wenn man auch nicht gleich wagte sie geradezu für
+verfassungswidrig zu erklären, so kam man doch zu der Erkenntniß, daß
+sie in directem Widerspruche mit der Verfassung stehe, und wenn sie
+willkürlich blieb, die englische Regierung aus einer beschränkten
+Regierung in eine absolute verwandeln würde.
+
+ [Anmerkung 3: Das Vernünftigste was über diesen Gegenstand im
+ Hause der Gemeinen gesprochen wurde, rührte von Sir William
+ Coventry her. »Unsere Voreltern haben niemals eine Linie gezogen,
+ um die Souverainetätsrechte und die Freiheit zu begrenzen.«]
+
+
+[_Cassirung der Indulgenzakte. Annahme der Testakte._] Durch solche
+Befürchtungen veranlaßt, stellten die Gemeinen in Abrede, daß es ein
+Dispensationsrecht des Königs gebe, zwar nicht rücksichtlich aller
+Strafgesetze, sondern blos soweit diese die kirchlichen Angelegenheiten
+beträfen, und sie gaben dem König nicht undeutlich zu verstehen, daß sie
+nur bei Aufgabe dieses Rechtes ihm Bewilligungen für den holländischen
+Krieg machen würden. Für den Augenblick schien er geneigt, Alles zu
+wagen, bis ihm Ludwig dringend rieth, sich der Nothwendigkeit zu fügen
+und einen günstigeren Zeitpunkt abzuwarten, wo die französischen Heere,
+jetzt zu schwerem Kriege auf dem Festlande verwendet, benutzt werden
+könnten, um die Unzufriedenheit in England zu unterdrücken. In der
+Cabale selbst wurden Zeichen von Uneinigkeit und Verrätherei sichtbar.
+Shaftesbury erkannte mit seinem zum Sprichwort gewordenen Scharfblick,
+daß eine heftige Reaction bevorstehe, und Alles einer Krisis gleich der
+von 1640 zuschreite. Er beschloß, daß diese ihn nicht in Straffords Lage
+finden sollte, machte deshalb eine plötzliche Wendung und erkannte im
+Hause der Lords an, daß die Erklärung gesetzwidrig sei. Der König, von
+seinen Verbündeten sowie von seinem Kanzler verlassen, fügte sich, nahm
+die Indulgenzerklärung zurück und versprach feierlich, daß sie niemals
+in Anwendung gebracht werden solle.
+
+Selbst diese Concession war ungenügend. Die Gemeinen waren noch nicht
+damit zufrieden, ihren Souverain zur Vernichtung der Indulgenz gezwungen
+zu haben, sie nöthigten ihm auch seine ungern ertheilte Zustimmung ab zu
+einem wichtigen Gesetze, welches bis zur Regierung Georgs IV. geltend
+geblieben ist. Dieses Gesetz unter der Benennung »Testakte« bekannt,
+bestimmte, daß alle mit militairischen oder bürgerlichen Ämtern
+bekleideten Personen den Suprematseid leisten, eine Erklärung gegen die
+Transsubstantiation unterschreiben und öffentlich das Abendmahl nach den
+Gesetzen der englischen Kirche empfangen sollten. Die Einleitung des
+Gesetzes spricht nur in feindseligen Ausdrücken gegen die Papisten, die
+folgenden Paragraphen aber waren den Papisten kaum weniger ungünstig als
+der strengsten Klasse von Puritanern. Diese jedoch, durch die offenbare
+Hinneigung des Hofes zum Papstthum erschreckt, und von einigen Anhängern
+der Hochkirche zu der Hoffnung beredet, daß nach der wirksamen
+Entwaffnung der Katholischen den protestantischen Nichtconformisten
+Hilfe werden solle, erhoben nur geringen Widerspruch, und auch der
+König, der sich in größter Geldverlegenheit befand, konnte nicht wagen
+seine Genehmigung vorzuenthalten. Die Akte wurde vollzogen und in Folge
+davon der Herzog von York genöthigt, den hohen Posten eines Lord
+Großadmirals aufzugeben.
+
+
+[_Auflösung der Cabale._] Noch hatten die Gemeinen sich nicht gegen den
+holländischen Krieg erklärt. Nachdem aber der König aus Dankbarkeit für
+die ihn sehr vorsichtig gespendeten Summen den ganzen Plan seiner
+inneren Politik fallen gelassen, traten sie heftig gegen seine
+auswärtige Politik auf. Sie verlangten, daß Buckingham und Lauderdale
+für immer aus dem Rathe entfernt würden, und bildeten einen Ausschuß,
+welcher ermitteln sollte, ob es angemessen sei, Arlington unter Anklage
+zu stellen. Nach kurzer Zeit existirte die Cabale nicht mehr. Clifford,
+der Einzige von den Fünfen, der mit einigem Grund für einen rechtlichen
+Mann gelten konnte, verweigerte den neuen Religionseid, legte seinen
+weißen Stab nieder und zog sich auf seine Güter zurück. Arlington
+vertauschte den Posten eines Staatssecretairs mit einer ruhigen,
+ehrenvollen Anstellung im königlichen Hause. Shaftesbury und Buckingham
+versöhnten sich mit der Opposition und erschienen an der Spitze der
+stürmischen Demokratie der City. Lauderdale hingegen blieb Minister der
+schottischen Angelegenheiten, mit denen das englische Parlament nichts
+zu schaffen hatte.
+
+Jetzt drängten die Gemeinen den König, mit Holland Frieden zu schließen
+und erklärten ohne Hehl, daß sie durchaus keine Mittel zu diesem Kriege
+bewilligen würden, wenn der Feind sich nicht hartnäckig weigere, auf
+annehmbare Bedingungen einzugehen. Karl begriff, daß er nun jeden
+Gedanken an die Ausführung des Vertrags von Dover bis auf einen
+geeigneteren Zeitpunkt fallen lassen müsse, und schmeichelte der Nation
+durch den Anschein, als wolle er zur Politik der Tripleallianz
+zurückkehren. Temple, welcher seit der Macht der Cabale in
+Zurückgezogenheit unter seinen Büchern und Blumen lebte, wurde aus der
+Einsamkeit hervorgeholt, und durch seine Vermittlung ein Separatfrieden
+mit den Vereinigten Provinzen geschlossen. Er wurde darauf Gesandter im
+Haag, und seine Anwesenheit galt dort als ein sicheres Pfand der
+Aufrichtigkeit seines Hofes.
+
+Die oberste Leitung der Geschäfte war jetzt in den Händen Sir Thomas
+Osborns, eines Baronets aus Yorkshire, der im Hause der Gemeinen ein
+seltenes Talent für Geschäft und Debatte gezeigt hatte. Osborn wurde
+Lord Schatzmeister und bald darauf Earl von Danby. Er war kein Mann von
+achtungswerthem Charakter, insofern man ihn nach dem Maßstabe der
+Sittlichkeit beurtheilen wollte. Begierig nach Reichthümern und
+Auszeichnungen, war er, selbst verdorben, auch noch ein Verführer
+Anderer. Die Cabale hatte ihm die Kunst hinterlassen, Parlamente zu
+bestechen, eine damals noch unausgebildete Kunst, der man die hohe
+Vollendung noch nicht ansah, zu der sie sich in dem folgenden
+Jahrhundert emporschwang. Er verbesserte den Entwurf der ersten Erfinder
+bedeutend. Dieselben hatten blos Sprecher erkauft, Danby aber bezahlte
+Jeden, der eine Stimme hatte. Doch darf dieser neue Minister nicht mit
+den Unterhändlern von Dover in eine Reihe gestellt werden. Er besaß die
+Empfindungen eines Engländers und Protestanten, und niemals vergaß er
+über die eigenen Interessen ganz die seines Vaterlandes und seiner
+Religion. Er war allerdings eifrig bemüht, die königliche Prärogative zu
+erhöhen, doch benutzte er dazu Mittel, welche von denen sehr verschieden
+waren, die Arlington und Clifford im Sinne gehabt hatten. Nie dachte er
+daran, durch Hilfe fremder Truppen und Erniedrigung des Königreichs
+dasselbe zu dem Range eines abhängigen Fürstenthums herabsinken zu
+lassen. Sein Plan war, um die Monarchie wieder diejenigen Klassen zu
+schaaren, welche während der Unruhen des letzten Menschenalters ihre
+treuen Bundesgenossen gewesen, durch die neuerlichen Laster und
+Irrthümer des Hofes aber mit Unwillen zurückgetreten waren. Mit Hilfe
+des alten Cavalier-Interesses, des hohen und niedern Adels, des Klerus
+und der Universitäten konnte es nach seiner Meinung möglich sein, Karl
+zwar nicht zu einem unbeschränkten, aber doch zu einem kaum weniger
+mächtigen Souverain als Elisabeth war, zu machen.
+
+Von diesen Ansichten durchdrungen beschloß Danby der Partei der
+Cavaliere den ausschließlichen Besitz aller politischen Macht sowohl der
+executiven wie der gesetzgebenden, zu sichern. Es wurde daher im Jahre
+1675 im Hause der Lords eine Bill vorgelegt, welche bestimmte, daß
+Niemand ein Amt versehen oder in einem Hause des Parlaments sitzen
+solle, der nicht vorher die eidliche Erklärung gegeben, daß er
+Widerstand gegen die königliche Macht unbedingt für strafbar halte, und
+nie den Versuch machen werde, sich an der Verfassung des Staates oder
+der Kirche zu vergreifen. Mehrere Wochen hindurch erhielten die durch
+diesen Antrag hervorgerufenen Verhandlungen, Abstimmungen und Proteste
+das Land in großer Aufregung. Die Opposition im Hause der Lords, an
+deren Spitze zwei Mitglieder der Cabale standen, welche Frieden mit dem
+Volke zu machten wünschten, Buckingham und Shaftesbury, war
+außerordentlich heftig und hartnäckig, und hatte guten Erfolg. Die Bill
+wurde nicht verworfen, aber verzögert, verstümmelt und endlich bei Seite
+gelegt.
+
+Auf solche Willkür und Abgeschlossenheit gründete sich Danby's innere
+Politik; seine Ansichten über äußere Politik machten ihm mehr Ehre, sie
+waren das Gegentheil von denen der Cabale, und glichen fast ganz denen
+der Vaterlandspartei. Er klagte bitter über die Erniedrigung, in welche
+man England versetzt, und erklärte in größter Aufregung, daß es sein
+sehnlichster Wunsch sei, den Franzosen durch Prügel die nöthige Achtung
+einzuflößen. Er war so wenig Herr seiner Gefühle, daß er bei einem
+großen Gastmahle, wo die höchsten Würdenträger des Staats und der Kirche
+anwesend waren, sein Glas auf das Verderben Aller leerte, die nicht für
+einen Krieg gegen Frankreich gestimmt wären. Es wäre ihm sehr erwünscht
+gewesen, hätte sich sein Vaterland mit den Mächten vereinigt, welche
+sich damals gegen Ludwig verbunden hatten, und zu dem Zwecke war er
+geneigt, Temple, den Stifter der Tripleallianz, an die Spitze des
+Departements der auswärtigen Angelegenheiten zu stellen. Aber die Macht
+des Premierministers hatte ihre Grenzen. In seinen vertraulichsten
+Briefen beklagt er sich, daß die Verblendung seines Herrn England
+hindere den ihm gebührenden Platz unter den Nationen Europa's
+einzunehmen. Karl besaß eine unersättliche Gier nach französischem
+Golde, und hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben eines Tages
+mit Hilfe der französischen Waffen eine absolute Monarchie zu errichten
+-- diese beiden Gründe waren für ihn hinreichend, um ein gutes Vernehmen
+mit dem Hofe von Versailles zu unterhalten.
+
+So verfolgte der Souverain ein System auswärtiger Politik, dem des
+Ministers diametral entgegen. Allerdings besaßen weder der Souverain
+noch der Minister den Charakter danach, irgend einen Plan stätig zu
+verfolgen, jeder gab bei Gelegenheit dem Drängen des Andern nach, und
+ihre abweichenden Neigungen und gegenseitigen Zugeständnisse verliehen
+der ganzen Verwaltung einen sonderbaren Anstrich. Aus Leichtsinn und
+Indolenz erlaubte der König zuweilen, daß Danby Maßregeln traf, welche
+Ludwig bitter beleidigen mußten; ebenso fügte sich Danby ehe er seinen
+hohen Posten aufgegeben hätte, bisweilen lieber in Gefälligkeiten, die
+ihm schwere Sorge und Schande verursachten. Der König wurde dahin
+gebracht, seine Erlaubniß zu einer Vermählung zwischen Maria, der
+ältesten Tochter und muthmaßlichen Erbin des Herzogs von York, und
+Wilhelm von Oranien, dem Todfeinde Frankreichs und erblichen Kämpfer der
+Reformation, zu geben; ja der tapfre Earl von Ossory, Ormonds Sohn,
+eilte den Holländern zum Beistande mit einigen britischen Truppen
+herbei, welche an dem blutigsten Tage des ganzen Krieges den Ruf des
+kühnsten Muthes trefflich bewährten. Auf der anderen Seite mußte der
+Schatzmeister bei einigen schimpflichen Geldgeschäften, die zwischen
+seinem Gebieter und dem Hofe von Versailles abgemacht wurden, nicht nur
+die Augen zudrücken, sondern auch -- obgleich mit Verdruß und
+Widerstreben -- dabei mitwirken.
+
+
+[_Verwickelte Lage der Vaterlandspartei._] Mittlerweile wurde die
+Vaterlandspartei durch zwei gewaltige Gefühle nach zwei verschiedenen
+Richtungen hin getrieben. Die Leiter des Volks hatten Furcht vor der
+Größe Ludwigs, der nicht nur der ganzen Stärke der continentalen Allianz
+Widerstand leistete, sondern sogar Boden gewann; ebenso wagten sie es
+aber auch nicht, ihrem eigenen Könige die Mittel zur Demüthigung
+Frankreichs anzuvertrauen, damit dieselben nicht zur Vernichtung der
+Freiheit Englands verwendet würden. Der Widerstreit zwischen diesen
+beiden Befürchtungen, welche vollkommen gerechtfertigt waren, ließ die
+Opposition eben so haltlos und wankelmüthig erscheinen, wie die des
+Hofes. Die Gemeinen forderten Krieg mit Frankreich, bis der König, von
+Danby zur Nachgiebigkeit vermocht, sich zu fügen schien, und eine Armee
+auszuheben begann. Als sie aber sahen, daß man mit den Werbungen
+fortschritt, wurde ihre Furcht vor Ludwig durch eine noch näher liegende
+Furcht verdrängt. Sie glaubten nämlich, daß diese neuen Truppen in einem
+Dienste verwendet werden möchten, für den Karl größere Theilnahme hegte
+als für die Vertheidigung Flanderns, verweigerten deshalb alle
+Geldbewilligungen, und verlangten jetzt ebenso laut die Entlassung der
+Truppen, als sie kurz vorher die Bildung einer Armee gefordert hatten.
+Diejenigen Geschichtschreiber, welche sich über diese Unbeständigkeit
+mit strengem Tadel ausgesprochen, scheinen nicht die gehörige Rücksicht
+auf die verzweifelte Lage von Leuten genommen zu haben, welche von dem
+Glauben durchdrungen waren, ihr Fürst vereinige sich mit einer
+auswärtigen feindlichen Macht zur Unterdrückung ihrer Freiheiten. Ihm
+militairische Hilfsmittel verweigern hieß den Staat wehrlos machen; gab
+man ihm dieselben, so benutzte er sie vielleicht gegen den Staat. Bei
+solcher Bewandtniß kann die Unentschlossenheit nicht als Beweis von
+Mangel an Ehrgefühl oder gar von Schwäche betrachtet werden.
+
+
+[_Verkehr dieser Partei mit der französischen Gesandtschaft._] Dieser
+Argwohn wurde von dem französischen König eifrig genährt. Er hatte
+England geraume Zeit in Unthätigkeit erhalten, indem er den Thron gegen
+das Parlament zu unterstützen versprach, aber jetzt gewann er die
+beunruhigende Überzeugung, daß die patriotischen Rathschläge Danby's im
+Cabinet Anklang fanden, und nun begann er das Parlament gegen den Thron
+zu hetzen. Ludwig und die Vaterlandspartei trafen in einem, aber auch
+nur in diesem einen Punkte zusammen, nämlich in dem tiefen Mißtrauen
+gegen Karl. Hätte die Vaterlandspartei die Überzeugung erhalten können,
+daß ihr Souverain wirklich einen Krieg gegen Frankreich im Sinne hatte,
+so würde sie ihn auf's Eifrigste unterstützt haben. Hätte Ludwig die
+Gewißheit gehabt, daß die neuen Rüstungen nur der Verfassung von England
+galten, so würde er sie nicht zu verhindern gesucht haben. Die
+Charakterlosigkeit Karls aber und seine Treulosigkeit waren so groß,
+daß die französische Regierung und die englische Opposition -- sonst in
+allen Ansichten von einander abweichend -- wenigstens darin
+übereinstimmten, daß seinen Worten nicht zu trauen sei, und beide den
+Wunsch theilten, ihn ohne Geld und Heer zu lassen. Es fanden
+Verhandlungen statt zwischen Barillon, dem französischen Gesandten, und
+solchen englischen Staatsmännern, welche stets Abneigung und Furcht vor
+dem französischen Übergewicht gezeigt und in der That auch aufrichtig
+empfunden hatten. Das redlichste Mitglied der Vaterlandspartei, Lord
+Wilhelm Russel, Sohn des Earl von Bedford, besprach sich unbedenklich
+mit einem fremden Gesandten zu dem Zweck, seinem eigenen Souveraine
+Verlegenheiten zu bereiten. Soweit ging Russels Fehltritt. Seine
+Grundsätze sowohl wie sein großes Vermögen erheben ihn über den Verdacht
+schmutziger Absichten; allein man hat nur zu viel Grund anzunehmen, daß
+mehrere seiner Verbündeten weniger Bedenklichkeit zeigten. Man würde
+ihnen Unrecht thun, wollte man sie der Niederträchtigkeit beschuldigen,
+Geld angenommen zu haben, um ihrem Vaterlande zu schaden, sie meinten
+ihm im Gegentheil nützlich zu sein; es ist aber nicht in Abrede zu
+stellen, daß sie unehrenhaft und unzart genug waren, von einem fremden
+Fürsten dafür Bezahlung anzunehmen, daß sie dem eigenen Lande dienten.
+Einer von denen, welche diese erniedrigende Anklage mit Recht trifft,
+war ein Mann, der nach der Meinung des Volkes der personifizirte
+Gemeinsinn war, und welcher trotz einiger großen moralischen und
+geistigen Schwächen mit Recht ein Held, ein Philosoph und ein Patriot
+genannt zu werden verdient. Es erregt schmerzliche Empfindungen, einen
+derartigen Namen auf der Liste der Pensionaire Frankreichs zu finden,
+und doch liegt einiger Trost in dem Gedanken, daß in unserer Zeit ein
+öffentlicher Charakter der nicht einer Versuchung widerstände, welcher
+die Tugend und der Stolz Algernon Sidney's unterlagen, als alles
+Pflicht- und Schamgefühls bar betrachtet werden würde.
+
+
+[_Frieden von Nimwegen._] Die Folge dieser Intriguen war, daß England,
+wenn es gleich bei Gelegenheit eine drohende Haltung zeigte, unthätig
+blieb, bis der continentale Krieg nach fast siebenjähriger Dauer 1678
+durch den Frieden von Nimwegen sein Ende fand. Die Vereinigten
+Provinzen, 1672 am äußersten Rande des Verderbens stehend, erlangten
+ehrenvolle und vortheilhafte Bedingungen. Daß sie mit genauer Noth dem
+Untergange entrannen, wurde allgemein der Geschicklichkeit und
+Tapferkeit des jungen Statthalters zugeschrieben. Er besaß in Europa
+einen bedeutenden Ruf, und insbesondere bei den Engländern, welche ihn
+als einen ihrer eigenen Prinzen betrachteten, und denen es Freude
+machte, in ihm den Gemahl ihrer zukünftigen Königin zu sehen. Frankreich
+erwarb mehrere wichtige Städte in Belgien und die bedeutende Provinz
+Franche Comté; die sinkende spanische Monarchie aber hatte fast den
+ganzen Verlust zu tragen.
+
+
+[_Große Unzufriedenheit in England._] Kaum waren die Feindseligkeiten
+auf dem Festlande einige Monate vorüber, so trat eine große Krisis in
+der englischen Politik ein, welche durch den Gang der Verhältnisse seit
+bereits achtzehn Jahren vorbereitet worden war. Das ganze Capital von
+Popularität, welches der König beim Antritt seiner Regierung besaß, war
+verschwendet, und dem loyalen Enthusiasmus tiefe Abneigung gefolgt. Die
+öffentliche Meinung war die Strecke zurückgegangen, die sie zwischen
+1640 und 1660 durchlaufen hatte, und befand sich noch einmal auf
+demselben Standpunkte, den sie einnahm, als das Lange Parlament
+zusammentrat.
+
+Die herrschende Unzufriedenheit bestand aus einem Gemisch der
+verschiedenartigsten Empfindungen. Eins dieser Gefühle war verletzter
+Nationalstolz. Die damalige Generation kannte England, wie es, auf
+gleiche Bedingungen mit Frankreich verbündet, Siegerin über Holland und
+Spanien, Beherrscherin des Meeres, der Schrecken Roms, der Schutzgeist
+des protestantischen Europa's war. Seine Hilfsquellen waren nicht
+schwächer geworden, und es stand zu erwarten, daß unter dem Scepter
+eines legitimen Königs, der die Liebe und den völligen Gehorsam seiner
+Unterthanen besaß, es in Europa zum Wenigsten eben so hervorragend
+dastehen müsse, wie unter der Herrschaft eines Usurpators, der mit
+größter Wachsamkeit und Energie ein rebellisches Volk niederzuhalten
+hatte. Und doch war es durch die Schwäche und Erbärmlichkeit seines
+Oberhauptes so tief gesunken, daß jedes deutsche oder italienische
+Ländchen, welches fünftausend Soldaten in's Feld schicken konnte,
+ein wichtigeres Glied unter den Nationen Europa's bildete.
+
+Mit der bitteren Empfindung nationaler Demüthigung verband sich die
+Besorgniß um die bürgerliche Freiheit. Unbestimmte Gerüchte, um so
+beunruhigender weil sie unbestimmt waren, schrieben dem Hofe einen
+überdachten Plan gegen alle constitutionellen Rechte der Engländer zu;
+man raunte sich sogar in's Ohr, daß die Ausführung dieses Planes mit
+Hilfe fremder Waffen geschehen solle. Selbst den Cavalieren kochte bei
+dem Gedanken an solche Einmischung das Blut in den Adern, und einige,
+die stets die Lehre von der Unzulässigkeit des Widerstandes im Munde
+hatten, murrten jetzt, daß diese Lehre auch eine Grenze habe! Wollte man
+eine fremde Macht herüberführen, um der Nation Zwang anzuthun, so
+möchten sie nicht für die eigene Geduld einstehen!
+
+Weder Nationalstolz noch Besorgniß um die öffentliche Freiheit aber
+hatten auf die Stimmung des Volkes einen solchen Einfluß, wie der Haß
+gegen die römisch-katholische Kirche. Dieser Haß war eine herrschende
+Leidenschaft des Volkes geworden und bei Unwissenden und Profanen eben
+so gewaltig wie bei den Protestanten von Überzeugung. Die
+Unmenschlichkeiten während der Regierung Maria's, Unmenschlichkeiten,
+die selbst bei der unbefangensten, klarsten Darstellung Grauen erregen
+und in den volksthümlichen Erzählungen von Märtyrern weder genau, noch
+vorurtheilslos berichtet wurden, die Verschwörung gegen Elisabeth, und
+namentlich die Pulververschwörung hatten in der Erinnerung des Volkes
+ein nicht zu löschendes, bitteres Gefühl hinterlassen, das durch
+jährliche Erinnerungsfeste, Gebete, Freudenfeuer und Prozessionen immer
+wieder neue Nahrung erhielt.
+
+Es ist hierbei nicht zu vergessen, daß diejenigen Klassen, welche dem
+Throne insbesondere anhingen, der Klerus und der grundbesitzende Adel,
+hauptsächlich Ursache hatten, die katholische Kirche zu hassen. Der
+Klerus zitterte für seine Pfründen, der Adel mit Grundbesitz für seine
+Abteien und hohen Zehnten. So lange die Regierung der Heiligen noch in
+frischem Andenken war, hatte der Haß gegen das Papstthum in etwas dem
+Hasse gegen den Puritanismus Platz gemacht; aber während der achtzehn
+Jahre, welche seit der Restauration verflossen waren, hatte die
+Feindseligkeit gegen den Puritanismus abgenommen, wogegen die Abneigung
+gegen das Papstthum gewachsen war. Zwar waren die Bedingungen des
+Vertrags von Dover nur Wenigen genauer bekannt, aber einige Andeutungen
+doch laut genug geworden. Der allgemeine Glaube war, daß ein großer,
+vernichtender Schlag gegen den Protestantismus geführt werden solle.
+Viele hatten den König in Verdacht, daß er sich Rom zuwende, sein Bruder
+und muthmaßlicher Thronerbe war als ein bigotter Katholik bekannt. Die
+erste Herzogin von York war als Katholikin gestorben, und Jacob hatte
+darauf, trotz der Gegenvorstellungen des Hauses der Gemeinen, die
+Prinzessin Maria von Modena, auch eine Katholikin, geheirathet; wenn aus
+dieser Ehe Söhne hervorgingen, so stand zu fürchten, daß dieselben als
+Katholiken erzogen werden möchten, und dann eine lange Reihe von Fürsten
+auf dem Throne sitzen würden, welche Feindschaft gegen die herrschende
+Staatskirche im Herzen trügen; man hatte neuerdings die Verfassung
+verletzt, um die Katholiken gegen das Strafgesetz in Schutz zu nehmen;
+der Bundesgenosse, dessen Politik England seit Jahren beherrscht hatte,
+war nicht blos ein Katholik, sondern auch ein Verfolger des
+Protestantismus. Unter allen diesen Umständen war es zu rechtfertigen,
+wenn der gemeine Mann eine Wiederkehr der Zeiten jener Fürstin
+fürchtete, welche er die blutige Maria nannte.
+
+Die Nation war demgemäß in einer Stimmung, bei der jeder Funke zur
+Flamme werden konnte. Da wurde mit einem Male an zwei Stellen Feuer an
+die ungeheure Masse des Zündstoffes gelegt, und augenblicklich stand
+Alles in Flammen.
+
+
+[_Danby's Sturz._] Der französische Hof, welcher Danby als seinen
+bittersten Feind kannte, ersann den listigen Plan, ihn dadurch zu
+stürzen, daß er ihn für seinen Freund gelten ließ. Ludwig bewies dem
+Hause der Gemeinen mit Hilfe Ralphs von Montague, eines unredlichen,
+schamlosen Menschen, der als Gesandter in Frankreich gewesen war, daß
+der Schatzmeister bei einem Geldgesuche sich betheiligt, welches der Hof
+von Whitehall an den von Versailles gerichtet. Diese Entdeckung hatte
+ihre berechneten Folgen, indem der Schatzmeister, nicht seiner
+Verbrechen sondern seiner Verdienste wegen, nicht als Theilhaber an
+einer strafbaren Verhandlung, sondern als entschiedener Gegner
+derselben, der Verfolgung des Parlaments anheim fiel. Seine Zeitgenossen
+kannten die Umstände nicht, welche in den Augen der Nachwelt die ihm zur
+Last gelegte Schuld so sehr verringert erscheinen lassen, sie sahen in
+ihm einen Mäkler, welcher England an Frankreich verkauft hatte. Seine
+Größe war offenbar vorüber, und sein Kopf in nicht geringer Gefahr.
+
+
+[_Die papistische Verschwörung._] Die Aufregung, welche die erwähnte
+Entdeckung verursachte, war jedoch unbedeutend im Vergleich zu der
+heftigen Bewegung, die das Gerücht hervorrief, es sei ein großes
+papistisches Complot entdeckt worden. Ein gewisser Titus Oates,
+Geistlicher der englischen Kirche, war von seinen kirchlichen
+Vorgesetzten gezwungen worden, wegen unordentlichen Lebenswandels und
+heterodoxer Lehre seine Pfründe zu verlassen, und führte seitdem ein
+lasterhaftes und unstätes Leben. Er hatte sich einmal als Katholiken
+bekannt und auf dem Kontinent einige Zeit in englischen Kollegien des
+Jesuitenordens zugebracht. In diesen Seminarien hatte er viel wirres
+Geschrei vernommen über die geeignetsten Mittel, England wieder in den
+Schooß der wahren Kirche zurückzuführen. Aus den Andeutungen, welche ihm
+hier geworden, setzte er nun einen schauderhaften Roman zusammen, der
+mehr den Phantasieen eines Fieberkranken als Ereignissen glich, die sich
+jemals in der Wirklichkeit zugetragen. Der Papst, versicherte er, hätte
+die Regierung Englands den Jesuiten in die Hände gegeben. Diese hätten
+durch Bestallungen, ausgefertigt unter dem Siegel ihrer Gesellschaft,
+katholische Priester sowie Personen des hohen und niederen Adels zu den
+höchsten Posten in Kirche und Staat bestimmt. Schon einmal hätten die
+Papisten London niedergebrannt, sie hätten bereits einen zweiten Versuch
+dazu gemacht, und gingen jetzt mit dem Plane um, alle Schiffe auf der
+Themse anzuzünden. Auf ein gegebenes Zeichen würden sie über die
+Protestanten herfallen und sie niedermachen, zu gleicher Zeit würde eine
+französische Armee an der Küste von Irland erscheinen. Alle leitenden
+Staatsmänner und Geistlichen Englands sollten umgebracht werden, und zur
+Ermordung des Königs habe man drei oder vier Pläne entworfen; er sollte
+erdolcht, oder durch Medizin vergiftet oder mit silbernen Kugeln
+erschossen werden. Die öffentliche Meinung war so empfindlich und
+reizbar, daß diese Lügen bei dem gemeinen Manne leicht Eingang fanden,
+und zwei einander rasch folgende Vorgänge erregten selbst bei besonnenen
+Männern einen Argwohn, daß die Erzählung, wenn auch entstellt und
+übertrieben, doch nicht ganz ohne Grund sein möge.
+
+Eduard Coleman, ein sehr thätiger, aber nicht eben achtungswerther
+katholischer Intriguant, befand sich unter den angeklagten Personen. Man
+forschte nach seinen Papieren, und es zeigte sich, daß er so eben den
+größten Theil derselben vernichtet hatte, einige aber, die gerettet
+worden waren, enthielten Stellen, welche befangenen Gemüthern die
+Anschuldigung Oates' zu rechtfertigen schien. Ruhig und vorurtheilsfrei
+betrachtet, sprachen diese Stellen freilich blos die Hoffnung aus,
+welche der Stand der Dinge, die Neigungen Karls, die noch stärkeren
+Neigungen Jacobs und die, zwischen dem französischen und englischen Hofe
+bestehenden Verbindungen sehr natürlich in der Brust eines Katholiken
+erwecken mußten, der den Interessen seiner Kirche eifrig ergeben war.
+Unser Vaterland aber hatte damals keine Lust, Schreiben von Papisten
+unbefangen zu deuten, und es wurde nicht ganz ohne rechtlichen Anschein
+geschlossen, daß, wenn die als unwichtig übersehenen Papiere so
+bedenklichen Inhalts wären, diejenigen Documente, welche man in das
+Feuer geworfen, vermuthlich das Geheimniß eines großen Verbrechens
+enthalten haben müßten.
+
+Nach einigen Tagen wurde bekannt, daß Sir Edmondsbury Godfrey, ein
+vorzüglicher Friedensrichter, welcher die Aussagen des Oates gegen
+Coleman niedergeschrieben, verschwunden sei. Durch die angestellten
+Nachforschungen entdeckte man Godfrey's Leichnam auf einem Felde in der
+Nähe Londons, und es unterlag keinem Zweifel, daß er zwar gewaltsam
+getödtet, nicht aber von Räubern angegriffen worden sei. Sein Schicksal
+ist bis auf diesen Tag ein Geheimniß geblieben. Manche glauben, er habe
+sich selbst entleibt, Andere sagen, er sei durch einen Privatfeind
+ermordet worden; am unwahrscheinlichsten aber ist die Annahme, die dem
+Hofe feindliche Partei habe ihn getödtet, um der Verschwörungsgeschichte
+einen Anhalt zu geben. Im Ganzen genommen scheint die Annahme am
+richtigsten zu sein, daß einige erhitzte Katholiken durch die
+lügenhaften Beschuldigungen Oates' und die Beleidigungen der Menge zur
+höchsten Wuth gereizt, zwischen dem meineidigen Ankläger und der
+schuldlosen Gerichtsperson nicht genau unterschieden, und eine Rache
+ausübten, von der die Geschichte verfolgter Sekten nur zu viele
+Beispiele darbietet. Ist es so gewesen, dann muß der Mörder in einer
+späteren Zeit seine Schlechtigkeit und Thorheit bitter bereut haben. Die
+Hauptstadt und die ganze Nation waren von Haß und Furcht erfüllt. Die
+Strafgesetze, welche in ihrer Strenge etwas gemäßigt worden waren,
+wurden von Neuem verschärft, überall waren Richter in Thätigkeit, Häuser
+zu durchsuchen und Papiere in Beschlag zu nehmen; die Gefängnisse waren
+mit Katholiken angefüllt. London gewährte das Bild einer Stadt im
+Belagerungszustande. Die Miliz war jede Nacht unter den Waffen;
+Vorkehrungen wurden getroffen, die großen Durchgänge zu verbarrikadiren,
+Patrouillen durchzogen die Straßen nach allen Richtungen. Rings um
+Whitehall waren Kanonen aufgefahren, und kein Bürger glaubte sich
+sicher, wenn er nicht unter dem Mantel einen mit Blei gefüllten kleinen
+Dreschflegel trug, um den katholischen Meuchelmördern den Kopf
+einzuschlagen. Die Leiche des ermordeten Friedensrichters war mehrere
+Tage der Neugierde der Masse ausgestellt, und wurde dann mit unsinnigen
+und seltsamen Ceremonien, welche mehr Haß und Rachedurst, als Schmerz
+und religiöse Hoffnung andeuteten, zu Grabe gebracht. Die Häuser
+verlangten, daß man in den Gewölben, über denen sie saßen, eine Wache
+legen sollte, damit sie keine zweite Pulververschwörung zu fürchten
+hätten. Alle ihre Maßregeln stimmten mit diesem Verlangen überein. Seit
+der Regierung Elisabeths hatten die Mitglieder des Hauses der Gemeinen
+immer den Suprematseid leisten müssen, einige Katholiken aber hatten es
+verstanden, diesem Eide eine solche Auslegung zu geben, daß sie ihn ohne
+Bedenken leisten konnten. Es wurde jetzt ein noch strengerer Eid
+hinzugefügt, und die katholischen Lords sahen sich zum ersten Male von
+ihren Sitzen im Parlament ausgeschlossen. Strenge Maßregeln gegen die
+Königin wurden beschlossen. Einen Staatssecretair ließen die Gemeinen
+in's Gefängniß bringen, weil er Bestallungen für gewisse Personen,
+welche keine guten Protestanten waren, contrasignirt hatte, den Lord
+Schatzmeister beschuldigten sie des Hochverraths; ja sie vergaßen die
+während und nach dem Bürgerkriege offen bekannte Lehre soweit, daß sie
+einen Versuch machten, den Oberbefehl der Miliz den Händen des Königs zu
+entreißen. In solchem Zustand hatte eine achtzehnjährige schlechte
+Regierung das loyalste Parlament gebracht, das je in England bestanden
+hatte.
+
+Auffallend ist es, daß der König selbst in dieser höchsten Noth es
+wagte, Berufung an sein Volk einzulegen, denn das Volk war noch
+erhitzter als seine Repräsentanten. Das Unterhaus, so unzufrieden es
+auch war, enthielt eine größere Zahl von Cavalieren, als nach aller
+Wahrscheinlichkeit jemals wieder darin sitzen würden, aber man gedachte
+durch eine Auflösung die Anklage gegen den Lord Schatzmeister zu
+sistiren, durch welche alle strafwürdigen Geheimnisse der französischen
+Allianz an's Licht kommen, und dem König persönliche Verlegenheit und
+Widerwärtigkeit bereiten mußten. Das Parlament wurde daher im Januar des
+Jahres 1679 aufgelöst. -- Es hatte seit Anfang des Jahres 1661
+bestanden, -- und eine allgemeine Wahl wurde angeordnet.
+
+
+[_Erste allgemeine Wahl von 1679._] Während mehrerer Wochen wurde der
+Wahlkampf im ganzen Lande mit beispielloser Heftigkeit und
+Hartnäckigkeit geführt, bedeutendere Summen als je zuvor wurden auf
+denselben verwandt, und ganz neue Kunstgriffe in Anwendung gebracht. Die
+Verfasser von Flugschriften aus damaliger Zeit erwähnen als etwas ganz
+Außergewöhnliches, daß mit großen Kosten Pferde zur Beförderung der
+Wähler gemiethet wurden. Der Kunstgriff, Freisassengüter zu zerstückeln,
+um die Wahlstimmen zu vervielfältigen, verdankt jenem merkwürdigen
+Kampfe seine Entstehung. Dissenterprediger, welche sich vor der
+Verfolgung in stille, entlegene Winkel geflüchtet hatten, kamen jetzt
+aus ihren Schlupfwinkeln hervor und wanderten auf den Dörfern umher,
+um den Eifer des zerstreuten Volkes Gottes wieder anzufachen. Die Fluth
+stieg hoch gegen die Regierung. Die meisten der neugewählten Mitglieder
+kamen in einer Stimmung nach Westminster, welche nicht sehr von der
+ihrer Vorgänger abwich, welche Strafford und Laud in den Tower gesperrt
+hatten.
+
+Mittlerweile wurden die Gerichtshöfe, welche auch während der
+politischen Unruhen Zufluchtsstätten für die Schuldlosen aller Parteien
+sein sollen, durch niedrigere Leidenschaften und gemeinere Bestechungen
+entehrt, als selbst bei den Wahlumtrieben vorkamen. Die Erzählung des
+Oates, hätte sie auch vermocht das ganze Lande in wilde Aufregung zu
+bringen, würde ohne ein anderes Zeugniß nicht hingereicht haben, den
+unbedeutendsten der Angeklagten zu verderben, indem nach dem alten
+englischen Rechte zwei Zeugen erforderlich sind, um eine Anklage auf ein
+schweres Verbrechen zu begründen. Indeß der günstige Erfolg des ersten
+Schurken blieb nicht ohne seine natürlichen Folgen. Binnen wenigen
+Wochen hatte sich derselbe aus Armuth und Dunkelheit zu Reichthum und
+Macht emporgeschwungen, welche ihn Prinzen und Edelleuten gefährlich
+machten, und eine Berühmtheit erlangt, die für gemeine Seelen den ganzen
+Reiz des wahren Ruhmes hat. Er blieb nicht lange ohne Beihilfe und
+Genossenschaft. Ein schlechter Mensch, mit Namen Carstairs, der in
+Schottland sein Leben dadurch fristete, daß er verkleidet Conventikel
+besuchte, und dann die Prediger denuncirte, ging voran. Bedloe, ein
+bekannter Schwindler, folgte, und bald drangen aus allen Bordellen,
+Spielhöllen und Bierhäusern Londons käufliche Zeugen hervor, um
+Katholiken durch ihre erlogenen Aussagen um's Leben zu bringen. Einer
+wußte eine Geschichte von einer Armee zu erzählen, die aus
+dreißigtausend Mann als Pilger verkleideten Soldaten bestehend sich in
+Corunna versammeln, und von da nach Wales segeln sollte; einem Anderen
+hatte man die Heiligsprechung und fünfhundert Pfund geboten, wenn er den
+König ermorden wollte; ein Dritter hatte beim Besuche eines Speisehauses
+in Coventgarden gehört, wie ein angesehener, katholischer Banquier in
+Gegenwart aller Gäste und Kellner gelobte, den ketzerischen Tyrannen
+um's Leben zu bringen. Oates, um von seinen Nachfolgern nicht
+übertroffen zu werden, fügte seiner ursprünglichen Geschichte einen
+bedeutenden Nachtrag hinzu. Er besaß die beispiellose Unverschämtheit,
+unter Anderem zu versichern, er habe einst, als er hinter einer offenen
+Thür gestanden, die Königin sagen hören, sie sei entschlossen in die
+Ermordung ihres Gemahls zu willigen. Selbst solche Erfindungen glaubte
+das Volk, und der Richterstand des Landes that als glaube er sie auch.
+Die höchsten Justizpersonen des Reichs waren bestochen, unmenschlich und
+furchtsam, und die Leiter der Vaterlandspartei unterstützten nach
+Kräften die herrschende Verblendung. Die achtbarsten Mitglieder
+derselben waren in der That selbst so befangen, daß sie den größeren
+Theil der Beweise für die Verschwörung nicht bezweifelten. Männer wie
+Shaftesbury und Buckingham wußten natürlich, daß die ganze Sache ein
+Roman sei, aber ein Roman, der ihnen zusagte, denn ihrem verhärteten
+Gewissen war der Tod eines unschuldigen Menschen eben so gleichgültig,
+als der Tod eines Feldhuhns. Die Geschwornen standen unter dem Einflusse
+der Gefühle, welche damals die ganze Nation beherrschten, und wurden von
+der Richterbank ermuthigt, diesen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Das
+Volk überschüttete Oates und sein Gelichter mit Beifall, schrie und
+lärmte gegen die Zeugen, welche zu Gunsten der Angeklagten auftraten und
+jubelte vor Freude, wenn eine Verurtheilung ausgesprochen ward.
+Vergeblich wiesen die Dulder auf die Unbescholtenheit ihres früheren
+Lebens hin, denn die öffentliche Meinung war von dem Vorurtheile
+befangen, daß ein Katholik, je gewissenhafter er sei, um so eher gegen
+die protestantische Regierung complottiren werde. Vergebens behaupteten
+sie noch in dem Augenblicke, wo der Karren unter ihren Füßen weggezogen
+ward, ihre völlige Unschuld, denn es galt die Meinung, daß ein guter
+Katholik alle Unwahrheiten, durch die er seiner Kirche diente, nicht nur
+als verzeihlich sondern sogar als verdienstlich ansehe.
+
+
+[_Heftigkeit des neuen Hauses der Gemeinen._] Während unter der Form der
+Gerechtigkeit unschuldiges Blut in Strömen vergossen wurde, trat das
+neue Parlament zusammen, und die Heftigkeit der überwiegenden Partei war
+so groß, daß selbst Männer, deren Jugend unter Revolutionen verstrichen
+war, Männer, die sich der Verurtheilung Straffords, des Attentats auf
+die fünf Mitglieder, der Beseitigung des Hauses der Lords und der
+Hinrichtung des Königs erinnerten, mit größter Besorgniß auf den Zustand
+der Dinge blickten. Die Anklage Danby's wurde wieder aufgenommen. Er bat
+um die königliche Gnade, aber die Gemeinen wiesen dieses Gesuch mit
+Verachtung zurück und verlangten die Fortsetzung des Processes. Um Danby
+war es ihnen übrigens eigentlich gar nicht zu thun; sie waren überzeugt,
+daß das einzige wirksame Mittel, die Freiheit und Religion Englands zu
+retten, darin bestehe, daß man den Herzog von York vom Throne
+ausschließe.
+
+Der König befand sich in großer Verlegenheit. Er hatte seinen Bruder,
+dessen Anblick allein schon das Volk zu wahnsinniger Wuth entflammte,
+veranlaßt, auf einige Zeit nach Brüssel zu gehen, aber dieses
+Zugeständniß schien keinen besonders günstigen Eindruck gemacht zu
+haben. Die Partei der Rundköpfe hatte offenbar das Übergewicht. Zu
+dieser Partei gehörten Millionen, welche zur Zeit der Revolution auf
+Seiten der Prärogative gestanden. Unter den alten Cavalieren fürchteten
+Viele das Papstthum; und Andere, die sich noch immer mit Bitterkeit der
+Undankbarkeit des Fürsten erinnerten, dem sie so viel geopfert, blickten
+auf sein Unglück eben so gleichgültig hin, wie er einst auf das ihrige.
+Selbst die anglikanische Geistlichkeit, durch den Abfall des Herzogs von
+York gekränkt und beunruhigt, unterstützte die Opposition insoweit, daß
+sie in das allgemeine Geschrei gegen die Römisch-Katholischen von Herzen
+einstimmte.
+
+
+[_Temple's Regierungssystem._] In dieser höchsten Bedrängniß nahm der
+König seine Zuflucht zu Sir William Temple. Von allen Staatsmännern
+jener Zeit hatte Temple sich den Ruf eines redlichen Mannes erhalten.
+Die Tripleallianz war sein Werk, er hatte sich geweigert, an der Politik
+der Cabale Theil zu nehmen, und so lange dieses Cabinet die
+Angelegenheiten des Staates leitete, war er in stiller Zurückgezogenheit
+geblieben. Auf den Ruf Danby's war er aus seiner Einsamkeit
+hervorgetreten, hatte den Frieden zwischen Holland und England
+vermittelt, und große Thätigkeit bei dem Zustandebringen der Vermählung
+der Prinzessin Maria mit ihrem Vetter, dem Prinzen von Oranien,
+entwickelt. So sah Jedermann in ihm den Schöpfer des wenigen Guten,
+das die Regierung seit der Restauration vollbracht, und von den vielen
+Verbrechen und Irrthümern der letzten achtzehn Jahre konnte ihm keines
+zur Last gelegt werden. Sein Privatleben, wenngleich nicht streng, war
+anständig, seine Manieren waren volksthümlich, und es war nicht möglich
+ihn durch Titel oder Geld zu bestechen. Etwas fehlte allerdings an dem
+Charakter dieses vortrefflichen Staatsmannes: seine Vaterlandsliebe
+besaß keinen hohen Wärmegrad. Seine persönliche Ruhe und Würde ging ihm
+über Alles, und er schrak mit kleinmüthiger Furcht vor jeder
+Verantwortlichkeit zurück. Seine Gewohnheiten waren nicht geeignet,
+ihn in den Parteikämpfen Englands eine Rolle spielen zu lassen. Er war
+fünfzig Jahre alt geworden, ohne jemals im Parlamente gesessen zu haben,
+und seine Geschäftserfahrungen hatte er fast ausschließlich fremden
+Höfen gesammelt. Man hielt ihn mit Grund für einen der ersten Diplomaten
+Europa's, aber die Talente und Fertigkeiten eines Diplomaten sind
+himmelweit verschieden von denjenigen, welche einen Staatsmann
+befähigen, in aufgeregter Zeit das Haus der Gemeinen zu leiten.
+
+Der Plan, den er in Anregung brachte, verrieth viel Geist. Wenn auch
+kein tiefer Denker, so hatte er doch mehr als die meisten
+Geschäftsmänner über die allgemeinen Regierungsgrundsätze nachgedacht,
+und sein geistiger Blick war durch Geschichtsstudien und Aufenthalt im
+Auslande sehr umfassend geworden. Er scheint klarer als die meisten
+seiner Zeitgenossen den Grund der Schwierigkeiten erkannt zu haben,
+welche die Regierung bedrängten. Der Charakter der englischen
+Staatsverfassung fing an, sich zu verändern, das Parlament erhob, wenn
+auch langsam, doch unaufhörlich, seine Macht über die der Prärogative.
+Die Grenze zwischen der gesetzgebenden und der executiven Gewalt war in
+der Theorie so genau abgemessen wie jemals, aber in der Praxis schwand
+sie mehr und mehr. Nach der Theorie der Verfassung hatte der König
+selbst seine Minister zu wählen; das Haus der Gemeinen aber hatte nach
+einander Clarendon, die Cabale und Danby von der Leitung der
+Staatsgeschäfte entfernt. Nach der Theorie der Verfassung hatte der
+König allein das Recht, über Krieg und Frieden zu entscheiden; er war
+durch das Haus der Gemeinen gezwungen worden, Frieden mit Holland zu
+schließen, und es hätte ihn fast dazu getrieben, Krieg mit Frankreich zu
+beginnen. Nach der Theorie der Verfassung stand dem Könige allein die
+Entscheidung in Fällen zu, wo es sich um Begnadigungen handelte; er
+hatte aber eine solche Furcht vor dem Hause der Gemeinen, daß er es
+nicht wagen durfte, Männer vom Galgen zu retten, von denen er gar wohl
+wußte, daß sie als unschuldige Opfer des Meineids fielen. Es scheint,
+daß Temple die Absicht hatte, der Gesetzgebung ihre unzweifelhaft
+verfassungsmäßigen Gewalten zu belassen, und sie zugleich, wenn möglich,
+zu verhindern, Übergriffe in das Gebiet der ausübenden Verwaltung zu
+thun. Zu diesen Zwecke beschloß er, zwischen den Landesherrn und das
+Parlament einen Körper zu stellen, welcher im Stande wäre, die
+Heftigkeit ihres Zusammenstoßes zu mildern. Es existirte ein altes,
+ehrenwerthes, von dem Gesetze sanctionirtes Institut, das nach seiner
+Meinung zu diesem Zwecke umgestaltet werden konnte. Er beschloß, dem
+Geheimen Rathe einen neuen Charakter und eine neue Bestimmung in der
+Verfassung zu verleihen. Die Zahl der Räthe wurde auf dreißig bestimmt,
+funfzehn davon sollten die ersten Beamten des Staates, der Rechtspflege
+und der Kirche sein, die anderen funfzehn sollten aus Adeligen und
+Herren bestehen, die sich in keinem Amte befanden, aber ein großes
+Vermögen besaßen und eines hohen Ansehens genossen. Ein engeres
+Kabinet sollte nicht bestehen. Diese dreißig sollten mit allen
+Staatsgeheimnissen betraut und zu jeder Versammlung berufen werden, der
+König aber sich verpflichten, bei allen Gelegenheiten ihrem Rathe Folge
+zu leisten.
+
+Temple scheint von der Ansicht ausgegangen zu sein, durch diese
+Einrichtung sei die Nation gegen die Tyrannei der Krone, und diese gegen
+die Übergriffe des Parlaments geschützt. Einmal war es nicht
+wahrscheinlich, daß Pläne, wie sie die Cabale gefaßt hatte, in einer
+Versammlung von dreißig Männern, die zur Hälfte durch keine Bande des
+Interesses an den Hof geknüpft waren, auch nur in Vorschlag gebracht
+werden könnten, und dann ließ sich hoffen, daß ein solcher Rath den
+Gemeinen eine Bürgschaft gegen schlechte Regierung sein, und sie sich
+mehr als bisher geschehen auf ihre streng gesetzgebenden Functionen
+beschränken und es für weniger nöthig erachten würden, ihren Blick auf
+alle Theile der executiven Verwaltung zu richten.
+
+Dieser Plan, obschon in verschiedener Hinsicht der Fähigkeiten seines
+Schöpfers nicht unwürdig, war im Princip mangelhaft. Die neue Behörde
+war halb Kabinet, halb Parlament, und wie jede Entdeckung in der
+Mechanik oder Politik, welche zu zwei von einander abweichenden Zwecken
+benutzt werden soll, konnte sie keinen erreichen. Für eine gute Behörde
+war sie zu groß und zu getheilt, sie war zu eng mit der Krone verknüpft,
+um dieselbe überwachen zu können, und enthielt genug populäre Elemente,
+sie zu einem nicht eben guten Staatsrathe zu machen, unfähig Geheimnisse
+zu bewahren, difficile Verhandlungen zu leiten, und Krieg zu führen.
+Und doch war das populäre Element nicht hinreichend, um das Volk gegen
+fehlerhafte Verwaltung zu schützen. Der Plan konnte deshalb, selbst wenn
+man die Absicht gehabt hätte, ihn die Probe bestehen zu lassen, sich
+nicht vortheilhaft bewähren, ihn aber die Probe bestehen zu lassen, dazu
+fehlte der gute Wille. Der König war unzuverlässig und treulos, das
+Parlament ohne Besonnenheit und Billigkeit, und die Personen, aus denen
+man den neuen Rath bilden wollte, obschon vielleicht die besten, welche
+in jener Zeit zu haben waren, trotzdem noch immer unbrauchbar genug.
+
+Der Beginn des neuen Systems erregte allgemeine Freude, denn das Volk
+war der Meinung, jede Veränderung müsse auch eine Verbesserung sein;
+auch war es mit einigen neuen Ernennungen zufrieden gestellt.
+Shaftesbury, zur Zeit sein Liebling, wurde Lord Präsident, und Russel
+nebst einigen anderen hervorragenden Mitgliedern der Vaterlandspartei
+für den Geheimen Rath vereidet. Aber nach Verlauf von wenig Tagen war
+Alles wieder in Verwirrung. Das Unpraktische des aus so vielen
+Mitgliedern bestehenden Kabinets war so hervortretend, daß Temple selbst
+einwilligte eine der von ihm festgestellten Grundregeln zu verletzen und
+ein kleines Kollegium zu bilden, welches die wirkliche Leitung aller
+Geschäfte besorgte. Dasselbe bestand neben ihm aus drei anderen
+Ministern, Arthur Capel, Earl von Essex, Georg Savile, Viscount Halifax,
+und Robert Spencer, Earl von Sunderland.
+
+Über den Earl von Essex, damaligen ersten Schatzcommissar, genügt es zu
+sagen, daß er ein Mann von soliden, wenn auch nicht hervorragenden
+Gaben, und ernster, melancholischer Gemüthsart war. Er hatte der
+Vaterlandspartei angehört und wünschte damals aufrichtig, eine
+Versöhnung zwischen dieser Partei und dem Throne zu vermitteln, welche
+auch für den Staat günstig wäre.
+
+
+[_Charakter des Halifax._] Halifax war unter den Staatsmännern jener
+Zeit an Genie der vorzüglichste. Er war fruchtbaren, hellen und
+umfassenden Geistes. Seine feine, verständliche und lebendige
+Beredtsamkeit, getragen von dem Silbertone seines Sprachorgans, war der
+Stolz des Hauses der Lords. Seine Conversation war reich an Gedanken,
+Phantasie und Witz, und seine politischen Abhandlungen sind es werth,
+wegen ihres wissenschaftlichen Verdienstes studirt zu werden, und
+berechtigen ihn in vollem Maße, unter den Klassikern Englands genannt zu
+werden. Mit der Bedeutung, zu der so große und vielseitige Talente ihn
+erhoben, vereinigte er den ganzen Einfluß, den Rang und Reichthum
+verliehen. Doch hatte er in seinem politischen Wirken weniger glückliche
+Erfolge als Andere, welche sich nicht so bedeutender Vorzüge rühmen
+konnten. Und in der That hinderten ihn die genialen Eigenthümlichkeiten,
+welche seinen Schriften so hohen Werth verleihen, sehr oft in den
+Streitigkeiten des praktischen Lebens. Er betrachtete die Ereignisse des
+Tages nicht immer aus dem Gesichtspunkte, wie sie sich Jemandem
+darstellen, der an ihnen lebhaften Antheil nimmt, sondern aus dem, in
+welchem sie nach Jahren dem philosophischen Schriftsteller erscheinen.
+Bei dieser Richtung des Geistes konnte er unmöglich lange mit irgend
+einem Vereine von Männern im Einverständniß bleiben. Alle Vorurtheile,
+alle Übertreibungen der beiden großen Parteien erregten seinen Spott;
+er verabscheute die elenden Kunstgriffe und das widerliche Geschrei der
+Demagogen; aber er verachtete noch mehr die Lehre vom göttlichen Recht
+und dem passiven Gehorsam. Ohne Rücksicht auf die Parteien spottete er
+über die Bigotterie des Puritaners wie über die des Anhängers der
+Hofkirche. Es war ihm unerklärlich, wie Jemand gegen Verehrung der
+Heiligen und Chorhemden Bedenken tragen, oder einen Andern verfolgen
+könne, weil er solche Bedenken trug. Seiner Gesinnung nach war er das,
+was man in neuerer Zeit conservativ nennt, in der Theorie war er
+Republikaner. Selbst wenn seine Furcht vor Anarchie und seine Verachtung
+des verblendeten großen Haufens ihn veranlaßten, eine Zeitlang den
+Vertheidigern der willkürlichen Gewalt beizustehen, so hielt doch sein
+Verstand immer zu Locke und Milton. Freilich waren seine Witze über
+erbliche Monarchie bisweilen der Art, daß sie sich besser für den
+Theilnehmer eines Kalbskopf-Clubs als für ein Mitglied des Geheimen
+Rathes der Stuarts geschickt hätten. In der Religion war er nichts
+weniger als ein Eiferer, so daß er von lieblosen Leuten Atheist genannt
+wurde; doch diesen Vorwurf wies er mit Abscheu zurück, und er scheint in
+der That trotz des Ärgernisses, das er bisweilen durch Anwendung seiner
+seltenen Gaben auf witzige Erörterungen ernster Gegenstände gab,
+durchaus nicht ohne Empfänglichkeit für religiöse Eindrücke gewesen zu
+sein.
+
+Er war das Haupt derjenigen Staatsmänner, welche die beiden großen
+Parteien verächtlich »Trimmer« nannten; anstatt aber über diesen
+Spottnamen entrüstet zu sein, betrachtete er ihn als einen Ehrentitel,
+und vertheidigte mit großem Eifer die Würde desselben. »Das Gute hält
+zwischen den Extremen die Mitte«, pflegte er zu sagen. »Die gemäßigte
+Zone befindet sich zwischen dem Klima, wo die Menschen geröstet werden,
+und dem, in welchem sie erfrieren. Die englische Kirche hält die Mitte
+zwischen der anabaptistischen Überspanntheit und der papistischen
+Trägheit. Die englische Verfassung hält die Mitte zwischen türkischem
+Despotismus und polnischer Anarchie. Tugend ist blos das rechte Maß
+zwischen den Neigungen, von denen jede, wenn man ihr zu sehr nachhängt,
+ein Laster wird; ja die Vollkommenheit des höchsten Wesens sogar besteht
+in dem genauesten Gleichgewicht von Eigenschaften, deren keine
+überwiegen dürfte, ohne die ganze moralische und physische Weltordnung
+zu stören.«[4] So war Halifax ein Trimmer aus Grundsatz; er war es aber
+auch nach der Verfassung von Kopf und Herzen. Sein Geist war scharf,
+skeptisch, unerschöpflich fruchtbar an Unterscheidungen und
+Einwendungen, sein Geschmack fein, sein Sinn für das Komische bedeutend,
+sein Charakter friedlich und zur Versöhnung geneigt, aber dabei stolz
+und ebensowenig zur Feindschaft als zur enthusiastischen Bewunderung
+fähig. Ein solcher Mann konnte ebenfalls unmöglich auf die Dauer bei
+irgend einem Vereine politischer Bundesgenossen ausharren; doch darf man
+ihn nicht nach dem großen Haufen der Renegaten beurtheilen. Denn ob er
+gleich, wie diese, von einer Seite auf die andere trat, so fand dieser
+Übertritt doch stets nach entgegengesetzter Richtung wie die ihrige
+statt. Er hatte nichts mit denen gemein, welche von einem Extrem zum
+andern überspringen und die von ihnen verlassene Partei mit einem Hasse
+betrachten, welcher den gegen beständige Feinde weit übertrifft, er
+hielt die Mitte zwischen den feindlichen Parteien, und hütete sich, die
+Grenze zu überschreiten, welche dieselben trennte. Die Partei, der er
+sich eine Zeitlang anschloß, war diejenige, welche ihm eben am wenigsten
+zusagte, weil es die Partei war, von der er die nächste Kenntniß hatte.
+Er zeigte daher stets Strenge gegen seine heftigen Genossen, und stand
+jederzeit in freundlichem Vernehmen mit seinen gemäßigten Gegnern. Jede
+Partei konnte am Tage ihres übermüthigen und rachsüchtigen Triumphes
+seines Tadels sich versichert halten, und jeder besiegten und verfolgten
+Partei war er ein Beistand. Es darf zu seiner steten Ehre nicht
+unerwähnt bleiben, daß er bemüht war, die Opfer zu retten, deren
+Schicksal einen unverlöschlichen Flecken auf den Namen der Whigs sowohl
+wie der Tories geworfen hat.
+
+Er hatte sich durch seine Opposition so bemerkbar gemacht, und dadurch
+das königliche Mißfallen in so hohem Grade auf sich gezogen, daß er
+nicht ohne viele Umständlichkeiten und Streitigkeiten in den Rath der
+Dreißig gelangte, kaum hatte er aber am Hofe Fuß gefaßt, so machten ihn
+die Liebenswürdigkeit seines Auftretens und seiner Unterhaltung zum
+Günstling. Die heftige Mißstimmung des Volkes beunruhigte ihn ernstlich,
+er glaubte, daß wohl die Freiheit vorläufig gesichert sei, die
+öffentliche Ordnung und gesetzliche Gewalt aber in Gefahr wären. Aus
+diesem Grunde stellte er sich, nach seiner gewöhnlichen Art, auf die
+Seite der Schwächeren. Möglicherweise war seine Bekehrung nicht ganz
+frei von Eigennutz, denn obgleich Studium und Nachdenken ihn von manchen
+gewöhnlichen Vorurtheilen zurückgebracht hatten, so war er doch ein
+Sklave niederer Gelüste geblieben. An Geld litt er keinen Mangel,
+und man kann ihn nicht beschuldigen, daß er es jemals auf Wegen sich
+verschafft hätte, welche auch von dem strengsten Richter jener Zeit für
+verwerflich erklärt worden wären, aber Rang und Macht hatten für ihn
+viel Lockendes. Er versicherte zwar, daß Titel und hohe Ämter nur Köder
+für Thoren seien, daß er Geschäfte, Pracht und Pomp verachte und es sein
+innigster Wunsch sei, aus dem lauten Treiben und Glanze von Whitehall in
+die stillen Wälder sich zurückzuziehen, welche seinen alten Sitz von
+Rufford umgaben, aber sein Benehmen stand zu diesen Erklärungen in
+vollem Widerspruch. In Wahrheit wünschte er von Hofleuten und
+Philosophen bewundert zu werden, weil er zu hohen Würden sich
+emporgeschwungen hatte und er dieselben doch zugleich verachtete.
+
+ [Anmerkung 4: Man wird erkennen, daß ich Halifax für den
+ Verfasser, oder wenigstens für einen der Verfasser der Schrift:
+ +»Character of a Trimmer«+ halte, welche eine Zeitlang seinem
+ Vetter Sir William Coventry zugeschrieben wurde.]
+
+
+[_Charakter Sunderlands._] Sunderland war Staatssekretair. Dieser Mann
+war ein verkörpertes Bild der politischen Sittenlosigkeit seiner Zeit.
+Er besaß einen durchdringenden Verstand, ein geschäftiges, boshaftes
+Temperament, ein fühlloses Herz und einen gemeinen Sinn. Sein Charakter
+hatte eine Schule von Lastern durchgemacht, welche darin zur üppigsten
+Reife gediehen waren. Bei seinem Eintritt in das öffentliche Leben hatte
+er verschiedene Jahre auf auswärtigen diplomatischen Stationen
+zugebracht, und einige Jahre als Gesandter in Frankreich gelebt. Jeder
+Beruf ist seinen besonderen Versuchungen unterworfen, und es wird
+Niemand in seinem Rechte verletzt, wenn man behauptet, daß die
+Diplomaten, als Klasse betrachtet, sich von jeher durch ihre
+Geschmeidigkeit, durch die Geschicklichkeit, mit der sie sich des
+Vertrauens derjenigen bemächtigen, mit denen sie zu thun haben, und
+durch die Leichtigkeit mit der sie den Ton jeder Gesellschaft, in der
+sie sich bewegen, zu treffen wissen, mehr ausgezeichnet haben, als durch
+edlen Enthusiasmus oder strenge Rechtschaffenheit, und die Beziehungen
+zwischen Karl und Ludwig waren von der Art, daß kein englischer Cavalier
+lange als Gesandter in Frankreich sein konnte, ohne alle patriotischen
+und redlichen Gesinnungen zu verlieren. Sunderland ging aus dieser bösen
+Schule, in der er gebildet worden, listig, geschmeidig, schamlos, frei
+von jedem Vorurtheile und aller Grundsätze bar hervor. Seine erbliche
+Verbindung machte ihn zum Cavalier, sonst aber hatte er nichts mit den
+Cavalieren gemein. Sie waren mit vollem Herzen monarchisch gesinnt und
+verdammten in der Theorie jeden Widerstand, aber in ihrer Brust schlugen
+trotzige englische Herzen, welche wirklichen Despotismus nicht geduldet
+hätten. Er hingegen fand ein schwaches, berechnetes Gefallen an
+republikanischen Staatseinrichtungen, das sich mit der vollkommenen
+Bereitwilligkeit vertrug, im praktischen Leben das ergebenste Werkzeug
+willkürlicher Macht zu sein. Gleich anderen vollendeten Schmeichlern und
+Unterhändlern war er weit geschickter in der Kunst, Charaktere zu
+durchschauen und auf ihre Schwächen Pläne zu gründen, als er vermochte,
+die Gefühle der Massen zu erkennen, und den Heranzug großer Umwälzungen
+vorauszusehen. Äußerst gewandt in der Intrigue, war es selbst für kluge
+und erfahrungsreiche Männer, welche seine Treulosigkeit im Voraus
+kannten, keine leichte Aufgabe, dem Zauber seiner Manieren zu
+widerstehen und seinen Versicherungen der Ergebenheit zu mißtrauen. Aber
+bei seiner Anstrengung, Einzelne zu studiren und für sich einzunehmen,
+vergaß er die Stimmung des Volkes zu beobachten, weshalb er sich in
+Bezug auf die wichtigsten Ereignisse seiner Zeit sehr oft täuschte. Jede
+wichtige Bewegung und jeder Umschlag der öffentlichen Meinung
+überraschte ihn, und die Welt, der es unbegreiflich war, wie ein so
+ausgezeichneter Mann oft Dinge nicht erkannte, die der Kaffeehauspolitik
+klar waren, hielt seine Maßregeln bisweilen für tief durchdachte Pläne,
+während es in der That nur gewaltige Fehler waren.
+
+Seine vorzüglichsten Fähigkeiten zeigten sich bei Privatunterhandlungen.
+Im königlichen Kabinet, sowie in kleineren Kreisen besaß er einen
+außerordentlichen Einfluß, in der Rathsversammlung aber war er
+schweigsam und im Hause der Lords kam kein Laut über seine Lippen.
+
+Die vier vertrauten Räthe der Krone erkannten sehr bald, daß sie eine
+verantwortliche und gehässige Stellung einnahmen. Die übrigen
+Rathsmitglieder murrten über eine Bevorzugung, die sich mit den
+Versprechungen des Königs nicht vereinigen ließ, und einige derselben,
+mit Shaftesbury an der Spitze, machten im Parlamente wieder die
+eifrigste Opposition. Die Aufregung, welche die letzten Veränderungen
+beseitigt hatten, trat heftiger als jemals hervor. Der bestürzte Karl
+versprach den Gemeinen umsonst jede Sicherstellung der protestantischen
+Religion, die sie nur immer verlangten, unter der einzigen Bedingung,
+daß sie sich nicht an der Thronfolgeordnung vergriffen; sie wollten von
+keinem Vergleiche hören, Ausschließungsbill war ihr Ruf, nichts als
+Ausschließungsbill! Der König verfügte sich daher, einige Wochen nach
+seiner öffentlichen Versicherung, keinen Schritt ohne Wissen seines
+Geheimen Raths zu thun, in das Haus der Lords, ohne dem Rathe das
+Geringste davon mitgetheilt zu haben, und vertagte das Parlament.
+
+
+[_Prorogation des Parlaments._] Der Tag dieser Prorogation, der 26. Mai
+1679, bildet einen wichtigen Abschnitt in unserer Geschichte, indem an
+demselben die Habeas-Corpus-Akte die königliche Zustimmung empfing. Seit
+der Magna Charta war das Recht in Betreff der persönlichen Freiheit der
+Engländer in seinen materiellen Bestandtheilen fast dasselbe, was es zu
+unserer Zeit ist, aber in Ermangelung eines thatkräftigen Systems, und
+einer geschickten Handhabung desselben hatte es sich bis jetzt ohne
+Wirkung gezeigt. Man brauchte kein neues Recht, sondern nur ein gutes
+gründliches Schutzmittel, und solches war die Habeas-Corpus-Akte.
+
+
+[_Habeas-Corpus-Akte._] Der König würde ohne Zweifel die Genehmigung
+dieses Gesetzes mit Freuden versagt haben, aber er beabsichtigte über
+die Successionsfrage vom Parlamente an das Volk zu appelliren, und
+durfte es in diesem äußerst wichtigen Moment nicht wagen, eine Bill
+zurückzuweisen, welche so außerordentlich populär war.
+
+An diesem Tage wurde die englische Presse auf eine kurze Zeit frei. In
+früheren Zeiten standen die Drucker unter strenger Beaufsichtigung des
+Gerichtshofes der Sternkammer. Das Lange Parlament hatte dieselbe zwar
+aufgelöst, aber trotz der philosophischen und dringenden Einwürfe
+Miltons die Censur eingeführt und aufrecht erhalten. Kurz nach der
+Restauration ging eine Akte durch, welche den Druck nicht genehmigter
+Bücher untersagte, und man hatte beschlossen, daß diese Akte bis zum
+Schluß der ersten Session des nächsten Parlaments in Kraft bleiben
+solle. Dieser Zeitpunkt war jetzt da, und die Presse wurde in dem
+Augenblicke frei, als der König die Häuser vertagte.
+
+
+[_Zweite Allgemeine Wahl von 1679._] Kurz nach der Prorogation fand die
+Auflösung und eine allgemeine Neuwahl statt. Der Eifer und die Macht der
+Opposition waren außerordentlich, und das Geschrei nach der
+Ausschließungsbill ertönte lauter wie früher; auch vereinigte sich mit
+diesem Geschrei ein anderes, welches das Blut der Menge in Aufregung
+versetzte, aber von allen vernünftigen Freunden der Freiheit mit Schmerz
+und Besorgniß vernommen wurde. Es wurden nicht blos die Rechte des
+Herzogs von York, eines ausgemachten Katholiken, sondern auch die seiner
+beiden Töchter, aufrichtiger und eifriger Protestantinnen, angegriffen,
+und mit Bestimmtheit behauptet, der älteste natürliche Sohn des Königs
+sei von ehelicher Geburt und der gesetzmäßige Erbe der Krone.
+
+
+[_Popularetät Monmouths._] Als Karl noch auf dem Continent als Wanderer
+lebte, lernte er im Haag Lucie Walters, ein wallisisches Mädchen kennen,
+welche zwar außerordentlich schön, aber dabei beschränkten Geistes und
+sittenlos war. Sie wurde seine Maitresse, und bald darauf Mutter eines
+Sohnes, gegen dessen Echtheit ein eifersüchtiger Liebhaber wohl Bedenken
+erhoben haben würde, denn die Dame hatte verschiedene Anbeter, und es
+wurde behauptet, daß sie gegen keinen derselben unerbittlich sei. Karl
+glaubte jedoch ihren Worten, und äußerte gegen den kleinen Jakob Crofts,
+wie das Kind genannt wurde, eine ungemeine Zärtlichkeit, welche bei
+diesem kalten, sorglosen Charakter höchst überraschend erscheint. Bald
+nach der Restauration kam der junge Liebling, welcher in Frankreich die
+Erziehung eines vollkommenen Gentleman genossen, nach Whitehall. Er
+bezog eine Wohnung im Palaste, erhielt Pagen zur Bedienung, und genoß
+verschiedene Bevorzugungen, welche bisher nur Prinzen von Geblüt zu
+Theil geworden waren. Noch in zarter Jugend vermählte man ihn mit Anna
+Scott, der Erbin des edlen Hauses der Buccleuch. Er nahm den Namen
+seiner Gemahlin an, und trat durch diese Verbindung in den Besitz sehr
+bedeutender Güter, so daß man das Vermögen, welches er besaß, auf nicht
+weniger als zehntausend Pfund jährlicher Einkünfte schätzte. Er wurde
+mit Titeln und Gunstbezeugungen, von einträglicherer Art als Titel,
+förmlich überschüttet. Man ernannte ihn zum Herzog von Monmouth in
+England, zum Herzog von Buccleuch in Schottland, zum Ritter des
+Hosenbandordens, Stallmeister, Befehlshaber der ersten Abtheilung der
+Leibgarde, Oberrichter von Eyre, südlich vom Trent, und Kanzler der
+Universität Cambridge. Im Volke gönnte man ihm dieses Glück. Er besaß
+ein höchst einnehmendes Äußeres, dabei war er von sanftem Gemüth und
+liebenswürdigem leutseligen Wesen. Obgleich ein Wüstling, gewann er doch
+die Herzen der Puritaner und wenn es auch allgemein bekannt war, daß er
+um den abscheulichen Angriff auf Sir John Coventry gewußt, wurde es ihm
+doch nicht schwer, die Vergebung der Vaterlandspartei zu erhalten.
+Selbst strenge Sittenrichter räumten ein, daß an einem derartigen Hofe
+von einem Kinde, das mit einem Kinde vermählt worden sei, strenge
+eheliche Treue sich nicht erwarten lasse, und selbst Vaterlandsfreunde
+entschuldigten den heftigen Knaben, der eine Beleidigung gegen seinen
+Vater mit übertriebener Rache vergalt. Bald aber wurde der Schatten,
+den Liebschaften und nächtliche Streiche auf seinen Charakter geworfen,
+durch ehrenvolle Handlungen verwischt. Als Karl und Ludwig sich gegen
+Holland waffneten, befehligte Monmouth die englischen Hilfstruppen,
+welche nach dem Continent geschickt wurden, und zeigte sich als tapferer
+Soldat und als tüchtiger Offizier. Bei seiner Zurückkunft war er der
+populärste Mann im Königreiche. Man gewährte ihm Alles, mit Ausnahme der
+Krone, und selbst diese schien für ihn nicht völlig unerreichbar zu
+sein. Die Unterscheidung, welche man höchst unkluger Weise zwischen ihm
+und Männern des höchsten Adels machte, war von üblen Folgen gewesen. Man
+hatte ihn als Knaben aufgefordert, im Audienzzimmer bedeckt zu bleiben,
+während Howards und Seymours mit entblößtem Haupte neben ihm standen.
+Starb ein fremder Fürst, so trug Monmouth als Trauerkleid den langen
+Purpurmantel, den kein anderer Unterthan als der Herzog von York und
+Prinz Ruprecht anlegen durften. Natürlich mußten diese Dinge ihn
+bestimmen, sich als einen legitimen Prinzen des Hauses Stuart zu
+betrachten. Karl war noch in reiferem Alter seinen leichtsinnigen
+Vergnügungen ergeben, ohne dabei auf seine Würde Rücksicht zu nehmen.
+Es ließ sich wohl annehmen, daß er als Jüngling von zwanzig Jahren eine
+förmliche Ehe mit einer Dame eingegangen, deren Schönheit ihn bezaubert
+und die auf leichtere Bedingungen nicht zu gewinnen war. Als Monmouth
+noch ein Kind war, und der Herzog von York noch für einen Protestanten
+gehalten wurde, ging schon das Gerücht, nicht blos im Volke, sondern
+auch in Kreisen, welche wohl unterrichtet sein konnten, daß der König
+mit Lucie Walters vermählt, und wenn Jedem sein Recht würde, ihr Sohn
+Prinz von Wales sei. Man sprach viel von einem schwarzen Kästchen, in
+welchem nach dem Glauben des Volks der Ehevertrag enthalten sein sollte.
+Als Monmouth aus den Niederlanden heimkehrte, von wo er einen hohen Ruf
+rücksichtlich seiner Tapferkeit und Führung mitbrachte, und als es
+bekannt wurde, daß der Herzog von York Mitglied einer von der Menge
+gehaßten Kirche sei, gewann diese müßige Geschichte Bedeutung, obgleich
+nicht der geringste Beweis dafür vorhanden war. Gegen sie sprach die
+feierliche Erklärung des Königs, welche er vor seinem Rathe abgegeben
+und die auf seinen Befehl zur Kenntniß des Volkes gebracht worden war.
+Aber die Menge, stets eingenommen für romantische Abenteuer, lieh der
+Geschichte von der heimlichen Ehe und dem schwarzen Kästchen ein
+geneigtes Ohr. Einige Häupter der Oppositionspartei wiederholten ihr
+Verfahren, welches sie bei der gehässigeren Fabel des Oates beobachtet:
+sie unterstützten eine Geschichte, die sie im Herzen verachten mußten.
+Den Antheil, den die niederen Volksklassen an dem Manne nahmen, in
+welchem sie den Vertheidiger der wahren Religion und legitimen Erben des
+englischen Thrones erblickten, wußte man durch alle möglichen
+Kunstgriffe aufrecht zu erhalten. Als Monmouth um Mitternacht in London
+ankam, erhielten die Wächter von den Behörden Befehl, das frohe Ereigniß
+in den Straßen der City auszurufen. Das Volk verließ seine Lagerstätten,
+Freudenfeuer flammten, die Fenster wurden erleuchtet, die Kirchen
+geöffnet und festliches Glockengeläute ertönte von allen Thürmen. Wenn
+er sich auf der Reise befand, kam man ihm mit nicht geringerer Pracht
+und Begeisterung entgegen, als sie bei Umzügen der Herrscher durch ihr
+Reich zur Schau getragen werden. Von einem Schlosse zum anderen gaben
+ihm lange berittene Züge bewaffneter Gentlemen und Freisassen das
+Ehrengeleite, und aus den Städten strömte die ganze Bevölkerung zu
+seinem Empfange herbei. Die Wähler drängten sich an seine Seite, mit der
+lauten Versicherung, daß er über ihre Stimmen zu verfügen habe. Sein
+Stolz war zu einer solchen Höhe gestiegen, daß er nicht nur in seinem
+Wappen die Löwen von England und die französischen Lilien, jedoch _ohne_
+den linken Querbalken -- nach der Heraldik ein Zeichen illegitimer
+Geburt -- führte, sondern es sogar wagte, des »Königs Krankheit«
+(Scropheln, Kröpfe) durch Berührung zu heilen. Zu gleicher Zeit
+verabsäumte er keinen Kunstgriff der Herablassung, der ihm die Liebe der
+Massen erwerben konnte. Er stand bei den Kindern der Landleute Gevatter,
+machte ländliche Lustbarkeiten mit, versuchte sich im Ringkampf oder mit
+dem Kampfstock und erreichte beim Wettlauf das Ziel eher in seinen
+Stiefeln, als flinke Läufer dasselbe in Schuhen.
+
+Es ist eine seltsame Erscheinung, daß an zwei großen Wendepunkten
+unserer Geschichte die Häupter der protestantischen Partei in gleichen
+Irrthum verfielen und durch denselben ihr Vaterland und ihre Religion in
+große Gefahr brachten. Als Eduard VI. gestorben war, erklärten sie sich
+für die Lady Johanna, welche keinen Schein eines Geburtsrechts besaß,
+und stellten sie nicht allein ihrer Feindin Maria entgegen, sondern auch
+der Elisabeth, der wahren Hoffnung Englands und der protestantischen
+Kirche. Hierdurch wurden die geachtetsten Protestanten mit Elisabeth an
+der Spitze gezwungen, sich mit den Katholiken zu vereinigen. In
+derselben Art griff hundertdreißig Jahre später ein Theil der
+Opposition, indem er Monmouth als Thronfolger aufstellte, nicht nur die
+Rechte Jakobs an, den sie als einen Feind ihres Glaubens und ihrer
+Freiheiten kannten, sondern auch die des Prinzen und der Prinzessin von
+Oranien, welche sowohl durch ihre Stellung, wie durch persönliche
+Vorzüge zu Vertheidigern aller freien Verfassungen und reformirten
+Kirchen ausersehen waren.
+
+Nach wenigen Jahren zeigte sich die Thorheit dieses Verfahrens. Vor der
+Hand beruhte auf der Popularetät Monmouths größtentheils die Stärke der
+Opposition. Die Wahlen fielen gegen den Hof aus, der Tag, an welchem die
+Häuser zusammentreten sollten, rückte heran, und es wurde nöthig, daß
+sich der König über den einzuschlagenden Weg entschied. Seine Räthe
+vermeinten die ersten, leisen Symptome eines Umschwungs der öffentlichen
+Stimmung zu erkennen, und lebten der Hoffnung, daß eine bloße
+Verzögerung des Anpralls den Sieg herbeiführen würde. Daher faßte er den
+Entschluß, ohne die Dreißig um Rath zu fragen, das neue Parlament noch
+vor Beginn seiner Thätigkeit zu prorogiren. Dem Herzog von York, der von
+Brüssel zurückgekehrt war, wurde Befehl gegeben, nach Schottland zu
+gehen, und die Verwaltung dieses Königreichs zu übernehmen.
+
+Temple's Verfassungsplan war jetzt natürlich aufgegeben und bald
+vergessen. Der Geheime Rath wurde wieder was er früher war, Shaftesbury
+und seine politischen Glaubensgenossen verließen ihre Sitze. Temple
+selbst kehrte, nach seiner Gewohnheit bei unruhigen Zeiten, zu seinem
+Garten und seinen Büchern zurück. Essex verließ das Schatzamt und schloß
+sich der Opposition an; Halifax aber, ärgerlich und voller Besorgniß
+über die Voreiligkeit seiner alten Bundesgenossen, und Sunderland, der
+niemals einen Posten aufgab so lange er ihn behalten konnte, verblieben
+im königlichen Dienste.
+
+In Folge der Entlassungen, welche in dieser Conjunctur stattfanden,
+war wiederum einer Reihe von Bewerbern der Weg zur Größe gebahnt. Zwei
+Staatsmänner, welche sich nachmals auf den höchsten Gipfel der Macht,
+den ein britischer Unterthan erreichen kann, emporschwangen, zogen bald
+die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Es waren dies Lawrence Hyde und
+Sidney Godolphin.
+
+
+[_Lawrence Hyde._] Lawrence Hyde war der zweite Sohn des Kanzlers
+Clarendon und Bruder der verstorbenen Herzogin von York. Er besaß
+vorzügliche Eigenschaften, welche durch parlamentarische und
+diplomatische Erfahrungen ausgebildet waren, aber seine
+Charakterlosigkeit verringerte die Kraft seiner Fähigkeiten. Obgleich
+Diplomat und Höfling, hatte er nie seine Gemüthsbewegungen in der
+Gewalt. Stolz und unverschämt im Glück, war er nicht im Stande, seine
+tiefe Niedergeschlagenheit zu verbergen, wenn ihn ein Unfall traf,
+wodurch seinen Feinden der Triumph verdoppelt wurde. Unbedeutende
+Angriffe genügten, seinen Zorn rege zu machen, und dann ließ er sich zu
+den bittersten Bemerkungen hinreißen, welche er allerdings mit der
+Abkühlung auch wieder vergaß, die aber nicht so bald aus dem
+Gedächtnisse Anderer entwichen. Sein scharfer, Alles schnell
+durchschauender Verstand würde ihn zu einem vollendeten Staatsmann
+gemacht haben, wäre er nicht so dünkelhaft und reizbar gewesen. Seine
+Schriften verrathen eine tüchtige Rednergabe, aber seine Empfindlichkeit
+machte es ihm unmöglich, seine Talente in der Debatte zur Geltung zu
+bringen, denn nichts war leichter als ihn aufzubringen, und von dem
+Augenblick an, wo die Leidenschaftlichkeit in ihm die Oberhand gewann,
+war er der Gnade von Gegnern preisgegeben, deren Fähigkeiten tief unter
+den seinigen standen.
+
+Wie die meisten leitenden Staatsmänner jener Zeit, war er ein
+consequenter heftiger und erbitterter Parteimann, ein Cavalier der alten
+Schule, ein eifriger Vertheidiger des Thrones und der Kirche und dabei
+von Feindschaft gegen Republikaner und Nichtconformisten erfüllt.
+Er besaß deshalb einen bedeutenden Kreis von persönlichen Anhängern;
+namentlich der Clerus erblickte in ihm einen Mann, auf den man fest
+rechnen konnte, und gewährte seinen Schwächen eine Nachsicht, deren er
+auch in der That bedurfte, denn er war ein starker Trinker, und wenn er
+wüthend wurde, was sehr oft geschah, fluchte er wie ein Lastträger.
+
+Er war Essex' Nachfolger im Schatzamte. Es darf nicht vergessen werden,
+daß die Stelle eines ersten Lords der Schatzkammer damals noch nicht die
+Bedeutung und das Ansehen hatte, wie in der Jetztzeit. Wenn es einen
+Lord Schatzmeister gab, so war dieser hohe Beamte in der Regel
+Premierminister; wurde aber der weiße Stab einer Commission verliehen,
+so stand der erste Commissar noch unter dem Range eines
+Staatssekretairs. Erst seit Walpole's Zeit betrachtete man den ersten
+Lord des Schatzes als das Haupt der ausführenden Verwaltung.
+
+
+[_Sidney Godolphin._] Godolphin war als Page in Whitehall erzogen
+worden, und hatte schon zeitig die Gewandtheit und Selbstbeherrschung
+eines alten Hofmanns sich zu eigen gemacht. Er war fleißig, besaß einen
+hellen Verstand, und bedeutende Kenntniß des Finanzwesens, daher war er
+für jede Regierung ein höchst brauchbarer Mann, in dessen Ansichten und
+Charakter sich nichts befand, was ihn hätte hindern können, irgend einer
+Regierung gute Dienste zu leisten. Karl pflegte von ihm zu sagen:
+»Sidney Godolphin ist niemals im Wege und niemals vom Wege.« Diese
+treffende Bemerkung erklärt die großen Erfolge in Godolphins Leben.
+
+Er schloß sich zu verschiedenen Zeiten den beiden großen Parteien an,
+ohne jedoch jemals die Leidenschaft einer derselben zu theilen. Gleich
+den meisten Leuten, welche vorsichtigen Charakters und im Besitze
+bedeutender Glücksgüter sind, hatte er eine entschiedene Neigung alles
+Bestehende zu unterstützen. Er war kein Freund von Revolutionen, und aus
+derselben Ursache, welche ihm die Revolutionen verhaßt machte, liebte er
+auch die Contrerevolutionen nicht. Er besaß eine ernste und gemessene
+Haltung, aber seine persönlichen Neigungen waren niedrig und
+leichtfertig. Die meiste Zeit, die ihm die Staatsgeschäfte übrig ließen,
+verbrachte er bei Wettrennen, Hahnkämpfen und Kartenspiel. Er saß jetzt
+unter Rochester im Schatzamte, und machte sich durch Fleiß und
+Kenntnisse sehr bemerkbar.
+
+Ehe das neue Parlament zu neuer Thätigkeit zusammentreten konnte,
+verging ein volles Jahr, ein ereignißvolles Jahr, welches in unserer
+Sprache und unseren Sitten unverlöschliche Spuren zurückgelassen hat.
+Niemals waren früher politische Streitigkeiten mit soviel Freimuth
+geführt worden, nie hatten politische Klubs von so ausgebildeter
+Organisation und so gewaltigem Einflusse existirt. Die eine Frage der
+Ausschließung beschäftigte alle Gemüther, und sämmtliche Pressen und
+Kanzeln des Reiches betheiligten sich an dem Streite. Von den Einen
+wurde erklärt, daß die Verfassung und Religion des Staates unter einem
+der katholischen Kirche ergebenen Herrscher gefährdet seien, die Anderen
+behaupteten, daß wenn die Reihe an Jakob komme, die Krone zu tragen,
+dieses Recht von Gott stamme, und selbst dann nicht vertilgt werden
+könne, wenn alle Zweige der gesetzgebenden Gewalt sich dagegen
+vereinigten.
+
+
+[_Heftigkeit der Parteien bei der Frage der Ausschließungsbill._] Jede
+Grafschaft wie jede Stadt und jede Familie war in gewaltiger Aufregung.
+Nachbarliche Artigkeit und Gastfreundschaft wurden gestört, die engsten
+Bande der Geselligkeit und Verwandtschaft lösten sich auf. Selbst
+Schulknaben bildeten wüthende Parteien, und der Herzog von York wie der
+Earl von Shaftesbury besaßen eifrige Anhänger in den Schulstuben von
+Westminster und Eton. Die Theater dröhnten von dem Geschrei der
+streitenden Parteien. Aufgeregte Protestanten brachten die Päpstin
+Johanna auf die Bühne, und wohlbezahlte Poeten würzten ihre Prologe und
+Epiloge mit Lobeserhebungen des Königs und des Herzogs. Die
+Mißvergnügten bestürmten den Thron mit Bitten um sofortige Einberufung
+des Parlaments. Die Loyalen sandten Addressen, voller Ausdrücke der
+tiefsten Verachtung gegen diejenigen, welche es wagten dem Souverain
+Vorschriften zu machen. Die Bürger Londons liefen zu Tausenden zusammen,
+um den Papst im Bilde zu verbrennen. Die Regierung stellte Cavallerie
+bei Templebar und schweres Geschütz um Whitehall auf. In diesem Jahre
+vermehrte sich unsere Sprache um zwei Worten: +mob+ (Pöbel) und +sham+
+(Lüge, Betrug), bemerkenswerthe Erinnerungszeichen einer Zeit des
+Aufruhrs und Betrugs. Die Gegner des Hofes nannte man: Birminghams,
+Petitionäre und Ausschließungsmänner (+exclusionists+) die auf des
+Königs Seite standen: Anti-Birminghams, Verabscheuer (+abhorrers+) und
+Rennthiere (+tantivies+).
+
+
+[_Die Namen Whig und Tory._] Diese Bezeichnungen kamen bald aus der
+Mode, aber zu jener Zeit entstanden zwei Spottnamen, welche zwar
+anfänglich zur Verhöhnung benutzt, bald aber mit Stolz angenommen
+wurden, noch jetzt täglich in Anwendung sind, soweit die englische Zunge
+verbreitet ist, und die so lange unvertilgbar bleiben werden, als die
+englische Literatur besteht. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß
+einer dieser Spottnamen schottischen, der andere irländischen Ursprungs
+ist. In Schottland wie in Irland hatten sich in Folge der schlechten
+Regierung Banden von verzweifelten Menschen gebildet, deren Wildheit
+noch durch Fanatismus erhöht wurde. Einige der verfolgten Anhänger des
+Covenants, durch den härtesten Druck zur Verzweiflung getrieben,
+mordeten den Primas von Schottland, ergriffen gegen die Regierung die
+Waffen und fochten mit einigem Erfolg gegen die Truppen des Königs.
+Sie wurden erst besiegt, nachdem Monmouth mit einigen englischen
+Streitkräften sie an der Bothwellbrücke auseinander gesprengt hatte.
+Diese Zeloten bestanden zum größten Theile aus Landleuten des westlichen
+Unterlands, welche gewöhnlich Whigs hießen. So verband sich die
+Benennung Whig mit dem Begriffe eines presbyterianischen Eiferers in
+Schottland, und wurde auf diejenigen englischen Politiker übertragen,
+welche geneigt waren, dem Hofe zu opponiren, und protestantische
+Nichtconformisten mit Rücksicht zu behandeln. Die Moorgegenden Irlands
+boten zu gleicher Zeit papistischen Flüchtlingen, welche Ähnlichkeit mit
+denen hatten, welche man später Weißburschen (+white-boys+) nannte,
+einen Zufluchtsort. Diese Leute hießen damals Tories. Mit dem Namen Tory
+bezeichnete man daher diejenigen Engländer, welche sich sträubten zur
+Ausschließung eines katholischen Prinzen vom Throne beizutragen.
+
+Die Wuth der feindlichen Parteien würde schon stark genug gewesen sein,
+wenn man dieselbe sich selbst überlassen hätte, so aber wurde sie von
+dem gemeinschaftlichen Feinde beider absichtlich noch mehr
+aufgestachelt. Ludwig unterließ noch immer nicht, sowohl den Hof wie die
+Opposition zu bestechen, und beiden zu schmeicheln. Er rieth Karl, fest
+zu bleiben, Jakob, eine Revolution in Schottland zu erregen, und
+ermuthigte die Whigs, nicht zu wanken, sondern mit Zuverlässigkeit auf
+Frankreichs Schutz zu rechnen.
+
+Bei allem diesen bewegten Treiben konnte es einem scharfblickenden Auge
+nicht verborgen bleiben, daß die öffentliche Meinung allmälig sich einer
+Umwandlung näherte. Die Verfolgung der Katholiken hatte noch nicht
+aufgehört, aber die Verurtheilungen verstanden sich nicht mehr -- wie
+früher -- von selbst. Eine neue Rotte falscher Zeugen, unter ihnen ein
+Schuft Namens Dangerfield, der sich am meisten hervorthat, peinigte die
+Gerichtshöfe; aber obgleich die Lügen dieser Menschen besseren Klang
+hatten als die des Oates, so fanden sie doch weniger Glauben. Die
+Geschwornen waren nicht mehr so befangen, wie zur Zeit des allgemeinen
+Entsetzens, welches der Ermordung Godfrey's folgte, und die Richter,
+während der Wahnsinnsperiode gefügige Werkzeuge des Volkes, hatten jetzt
+den Muth, zum Theil das auszusprechen, was sie von Anfang für wahr
+gehalten.
+
+
+[_Zusammentritt des Parlaments, und Durchgang der Ausschließungsbill im
+Hause der Gemeinen._] Endlich, im Oktober des Jahres 1680, trat das
+Parlament zusammen. Die Whigs bildeten bei den Gemeinen eine so große
+Majorität, daß die Ausschließungsbill alle ihre Stadien ohne Beschwerde
+durchlief. Der König wußte kaum, auf welche Mitglieder seines eigenen
+Kabinets er zählen dürfe; Hyde hatte seine Toryansichten treulich
+festgehalten, und im Interesse der erblichen Monarchie eine beharrliche
+Thätigkeit entwickelt; Godolphin jedoch, in dem ängstlichen Bestreben
+nach Ruhe, und der Ansicht, daß diese nur durch Zugeständnisse
+herbeizuführen sei, wünschte, daß die Bill durchgehen möchte.
+Sunderland, stets falsch und verblendet, unfähig die Symptome der
+nahenden Reaction zu erkennen und voller Eifer die Partei, welche nach
+seiner Meinung unwiderstehlich war, zu versöhnen, beschloß gegen den Hof
+zu stimmen. Die Herzogin von Portsmouth beschwor ihren königlichen
+Geliebten, sich nicht mit Gewalt dem Verderben preiszugeben. Wenn es
+wirklich einen Punkt gab, bei welchem derselbe Regungen des Gewissens
+oder der Ehre in sich fühlte, so war es die Successionsfrage; es schien
+jedoch einige Tage, als ob er nachgeben würde. Er schwankte, fragte nach
+der Höhe der Summe, welche ihm die Gemeinen für seine Einwilligung
+zahlen würden, und gestattete, daß eine Unterhandlung mit den leitenden
+Whigs begann. Ein schweres gegenseitiges Mißtrauen aber, Jahre lang im
+Wachsthum begriffen, und durch die Kunstgriffe Frankreichs sorgfältig
+unterhalten, ließ keinen Vergleich zu Stande kommen, auf beiden Seiten
+fehlte das gegenseitige Vertrauen. Das ganze Volk blickte jetzt voll
+banger Erwartung auf das Haus der Lords. Die Pairs waren zahlreich
+versammelt, der König selbst anwesend, die Debatte lang, ernsthaft und
+bisweilen stürmisch. Mehrere erfaßten den Griff des Degens auf eine Art,
+welche an die aufgeregten Parlamente Heinrichs III. und Richards II.
+erinnerte.
+
+
+[_Die Lords verwerfen die Ausschließungsbill._] Der falsche Sunderland
+schloß sich an Shaftesbury und Essex an; der geistreiche Halifax aber
+warf alle Opposition darnieder. Verlassen von seinen wichtigsten
+Collegen und einer Menge gewandter Gegner preisgegeben, führte er die
+Sache des Herzogs von York in einer Folge von Reden, welche noch nach
+vielen Jahren als Meisterwerke der Logik, Genialität und Beredtsamkeit
+galten. Es ist ein seltener Fall, daß die Macht der Rede einen Umschwung
+in der Abstimmung hervorbringt, aber das Zeugniß der Zeitgenossen
+beweist zur Evidenz, daß bei dieser Gelegenheit durch die
+außerordentliche Redekunst des Halifax die Stimmen geändert wurden.
+Die Bischöfe, treu ihrer Lehre, unterstützten das Prinzip des
+Erblichkeitsrechts, und die Bill wurde mit großer Majorität
+verworfen.[5]
+
+ [Anmerkung 5: Ein anwesender Pair hat den Erfolg von Halifax'
+ Redekunst in Worten beschrieben, welche ich mittheilen will, weil
+ sie, obgleich schon längst gedruckt, vermuthlich nur wenigen
+ selbst der aufmerksamsten und wißbegierigsten Leser der Geschichte
+ bekannt sind:
+
+ »Von außerordentlicher Beredtsamkeit und großen Mitteln waren die
+ Feinde des Herzogs, welche die Bill vertheidigten, aber ein edler
+ Lord trat auf, der an diesem Tage mit aller Macht der Rede in
+ Beweisführung, in Gründen aus dem öffentlichen wie aus dem
+ Privatinteresse der Menschen, in Ehre, Gewissen und Anstand sich
+ selbst und jeden Andern übertraf. Zuletzt siegte er durch sein
+ Verfahren und seine Talente, und wurden durch ihn Witz und Bosheit
+ der anderen Partei zu nichte gemacht.«
+
+ Diese Stelle ist einer Denkschrift Heinrichs, Earls von
+ Peterborough entlehnt, die sich in einem Buche unter dem Titel:
+ +»Succinct Genealogies, by Robert Halstead« Fol. 1685+, findet.
+ Der Name Halstead ist fingirt. Die wahren Verfasser sind der Earl
+ von Peterborough selbst und sein Kaplan. Das Buch ist höchst
+ selten, da bloß vierundzwanzig Exemplare davon gedruckt wurden,
+ von denen zwei das britische Museum besitzt. Von diesen beiden
+ gehörte eines Georg IV. und das andere Mr. Grenville.]
+
+
+[_Hinrichtung Staffords._] Die im Hause der Gemeinen vorherrschende
+Partei erlitt durch diese Niederlage eine bittere Kränkung, doch fand
+sie darin einigen Trost, daß Blut von Katholiken fließen mußte. William
+Howard, Viscount Stafford, einer der Unglücklichen, welche bei dem
+Complot betheiligt sein sollten, wurde vor die Schranken seiner Pairs
+gestellt, auf die Beschuldigung Oates' und zweier andern falschen Zeugen
+Dugdale und Turberville wegen Hochverraths verurtheilt und hingerichtet.
+Aber die näheren Umstände seines Prozesses und seiner Hinrichtung
+konnten den Führern der Whigpartei zu einer warnenden Lehre dienen. Eine
+große und ehrenwerthe Minorität des Hauses der Lords erklärte den
+Gefangenen für unschuldig. Die Volksmasse, welche noch vor wenigen
+Monaten die letzten, vor der Hinrichtung gegebenen Versicherungen der
+Opfer des Oates mit Spott und Hohngeschrei aufgenommen hatte, sprach nun
+laut seine Überzeugung aus, daß an Stafford ein Mord begangen worden
+sei. Als er in den letzten Augenblicken seine Unschuld betheuerte, rief
+man ihm zu: »Gott segne Euch, Mylord. Wir glauben Euch, Mylord!« Ein
+scharfsichtiger Beobachter konnte leicht voraussehen, daß für das damals
+vergossene Blut bald anderes nachfließen werde.
+
+
+[_Allgemeine Wahlen von 1681._] Der König wollte das Mittel einer
+Auflösung nochmals versuchen. Er berief ein Parlament für den März des
+Jahres 1681 nach Oxford. Seit den Zeiten der Plantagenets waren die
+Häuser stets zu Westminster versammelt gewesen, außer wenn Seuchen in
+London herrschten, aber so ungewöhnliche Zeitumstände erheischten auch
+außerordentliche Vorsichtsmaßregeln. Wurde das Parlament an seinem
+gewöhnlichen Versammlungsorte gehalten, so konnte das Haus der Gemeinen
+sich für permanent erklären und Londons Magistrat und Bürgerschaft zu
+Hilfe rufen. Die Miliz konnte zum Schutze Shaftesbury's herbeieilen, wie
+sie vor vierzig Jahren zur Vertheidigung Pyms und Hampdens aufgestanden
+war, die Wachen konnten entwaffnet, der Palast erobert und der König von
+den Rebellen zum Gefangenen gemacht werden; solche Gefahren waren in
+Oxford nicht möglich. Die Universität hielt es mit der Krone und der
+Adel der Umgegend gehörte fast durchgängig den Tories an, die Opposition
+hatte demnach hier mehr zu fürchten, als der König.
+
+Der Wahlkampf war heftig. Im Hause der Gemeinen bildeten die Whigs noch
+immer eine Majorität, es war aber nicht zu verkennen, daß der Tory-Geist
+allenthalben im Lande rasch um sich griff. Man sollte glauben, der
+scharfblickende, gewandte Shaftesbury hätte den eintretenden Wechsel
+bemerken und zu dem, vom Hofe gebotenen Vergleiche seine Einwilligung
+geben müssen, aber er schien seine frühere Taktik nicht mehr verfolgen
+zu wollen. Anstatt Vorsichtsmaßregeln zu treffen, um bei schlimmem
+Erfolge sich den Rückzug zu sichern, nahm er eine Position, in welcher
+er siegen oder seinen Untergang finden mußte. Vielleicht war ihm der
+Kopf, so vortrefflich er auch war, durch die Gunst des Volkes, durch das
+Glück und durch die Aufregung des Kampfes schwindelnd geworden,
+vielleicht hatte er auch seine Partei so aufgestachelt, daß er sie nicht
+mehr beherrschen konnte und in wildem Laufe von denen mit fortgerissen
+wurde, die er zu leiten glaubte.
+
+
+[_Das Parlament zu Oxford gehalten und aufgelöst._] So kam der
+ereignißvolle Tag heran. Die Versammlung zu Oxford hatte mehr
+Ähnlichkeit mit einem polnischen Reichstage als einem englischen
+Parlament. Die Mitglieder der Whigpartei kamen in Begleitung einer
+großen Anzahl wohl bewaffneter und berittener Pächter und Dienstleute,
+welche trotzige Blicke mit den königlichen Garden wechselten. Die
+kleinste Veranlagung konnte bei dieser Gährung eine Revolution
+hervorrufen, nur wagte es keine Partei, den ersten Schlag zu führen.
+Noch einmal versprach der König, mit Ausnahmen der Ausschließungsbill in
+Alles zu willigen, die Gemeinen aber wollten nichts annehmen als eben
+die Ausschließungsbill. Nach Verlauf von wenigen Tagen war das Parlament
+wieder aufgelöst.
+
+
+[_Toryreaction._] Der König hatte gesiegt, und die Reaction, welche
+einige Monate vor dem Zusammentreten der Häuser zu Oxford ihren Anfang
+nahm, machte rasche Fortschritte. Die Nation war dem Papstthum
+allerdings noch immer feindlich gesinnt, aber wenn die Leute auf die
+Complotgeschichte zurückblickten, so erkannten sie doch, daß ihr
+protestantischer Eifer sie zu Thorheiten und Verbrechen veranlaßt hatte,
+und es schien ihnen unbegreiflich, daß sie sich durch alberne Mährchen
+verleiten ließen, das Blut ihrer Mitbürger und Mitchristen zu verlangen.
+Freilich mußten die loyalsten Männer zugestehen, daß Karls Verwaltung
+oft heilloser Art gewesen sei, aber Leute, die von seinem Verkehr mit
+Frankreich nicht so genau unterrichtet waren, als wir es jetzt sind, und
+auf welche die Heftigkeit der Whigs einen widerwärtigen Eindruck machte,
+rechneten die großen Zugeständnisse her, welche in den letzten Jahren
+das Parlament von ihm erlangt, und die noch bedeutenderen
+Zugeständnisse, zu denen er sich bereit gezeigt. Er hatte die Gesetze
+sanktionirt, welche die Katholischen von dem Hause der Lords, dem
+Geheimen Rathe und jedem bürgerlichen und militairischen Amte
+ausgeschlossen, und ebenso die Habeas-Corpus-Akte genehmigt. Waren keine
+größeren Bürgschaften da gegen die Gefahren, welche der Verfassung und
+der Kirche von einem katholischen Souverän drohten, so trug nicht Karl
+die Schuld, denn er hatte das Parlament aufgefordert, dergleichen
+Bürgschaften in Vorschlag zu bringen, sondern jene Whigs, welche von
+keinem Ersatzmittel für die Ausschließungsbill hören wollten. -- Eins
+nur hatte der König seinem Volke abgeschlagen: er hatte sich geweigert,
+seinen Bruder des Geburtsrechtes zu berauben, aber ließ sich nicht
+annehmen, daß diese Weigerung aus ehrenwerthen Gründen stattgefunden?
+welche egoistischen Motive konnte selbst der Parteigeist dem Herzen des
+Königs zu Grunde legen? die Ausschließungsbill beeinträchtigte durch
+nichts die Hohheitsrechte des regierenden Königs und verminderte
+ebensowenig seine Revenüen, ja, er hätte sogar durch ihre Genehmigung
+eine bedeutende Vermehrung seines Einkommens erzielen können. Und konnte
+es ihm nicht gleichgültig sein, wer nach ihm die Krone trug? Ja, wenn
+bei ihm persönliche Vorliebe in's Spiel kam, so wußte man, daß dieselbe
+mehr für den Herzog von Monmouth als für den Herzog von York vorhanden
+war. Das Verfahren des Königs ließ sich daher auf das Natürlichste
+dadurch erklären, daß trotz seines unstäten Charakters und seiner
+leichtfertigen Moral, er doch in diesem Falle von Pflicht und Ehre sich
+habe leiten lassen. Und war es so, konnte ihn die Nation dann zu einer
+Handlung zwingen, die er für verbrecherisch und ehrlos hielt? Auf sein
+Gewissen einen Zwang auszuüben, geschähe es auch durch streng
+verfassungsmäßige Mittel, hielten eifrige Royalisten für unedel und
+pflichtwidrig, aber _solche_ Mittel waren nicht die einzigen, welche die
+Whigs anzuwenden gedachten. Bereits zeigten sich Vorboten eines
+herannahenden Bürgerkriegs, und Männer, welche zu den Zeiten der
+bürgerlichen Unruhen und der Republik sich allgemein verhaßt gemacht
+hatten, traten jetzt aus der Verborgenheit hervor, in die sie sich nach
+der Restauration vor dem allgemeinen Unwillen geflüchtet hatten, gingen
+überall mit zuversichtlichen und geschäftigen Mienen herum und schienen
+einen zweiten Sieg der Heiligen schon im Voraus zu feiern. Ein zweites
+Naseby, ein zweiter hoher Gerichtshof, eine zweite Republik, ein
+nochmaliger Usurpator auf dem Throne, ein abermaliges Hinauswerfen der
+Lords aus ihrem Saale, eine zweite Säuberung der Universitäten, eine
+wiederholte Beraubung und Verfolgung der Kirche, eine neue Herrschaft
+der Puritaner -- auf solche Resultate schien die verzweifelte Politik
+der Opposition hinzuarbeiten.
+
+Solche Gefühle belebten die höheren und mittleren Klassen, welche sich
+in großer Zahl um den Thron schaarten. Der König befand sich in
+ähnlicher Lage wie sein Vater kurz nach dem Erlasse der großen
+Remonstration. Die Reaction von 1641 hatte man in ihrem Fortschritte
+gehemmt. Als sein ihm lange entfremdetes Volk mit versöhnlichen Herzen
+im Begriff war, zu ihm zurückzukehren, hatte Karl I. durch treulose
+Verletzung der Grundgesetze des Reiches das öffentliche Vertrauen auf
+immer verscherzt. Hätte Karl II. ebenso gehandelt, hätte er die Führer
+der Whigpartei gesetzwidrig verhaften und vor einem Tribunale, das keine
+legale Gerichtsbarkeit über sie besaß, des Hochverraths beschuldigen
+lassen, so würden sie ohne Zweifel das verlorne Übergewicht bald wieder
+erlangt haben. Es war ein Glück für ihn, daß er bei dieser Krisis sich
+rathen ließ, eine Politik zu verfolgen, die seinen Absichten ganz
+entsprechend war. Er entschloß sich, dem Gesetze Folge zu leisten,
+zugleich aber auch den kräftigsten und schonungslosesten Gebrauch von
+demselben gegen seine Widersacher zu machen. Er war nicht verpflichtet,
+vor Ablauf der nächsten drei Jahre ein Parlament einzuberufen, und
+befand sich eben in keiner Geldverlegenheit, denn der Betrag der
+Steuern, welche ihm auf Lebenszeit bewilligt waren, überstieg das
+angenommene Bedürfniß. Er lebte mit aller Welt in Frieden, konnte seine
+Ausgaben beschränken, indem er den kostspieligen und nutzlosen Posten zu
+Tanger aufgab, und wußte, daß er auf Geldhilfe von Seiten Frankreichs
+rechnen durfte. Es blieb ihm daher die nöthige Zeit, und fehlte ihm
+nicht an Mitteln, die Opposition in aller gesetzlichen Form systematisch
+zu bekämpfen. Die Richter konnte er willkürlich entlassen, die
+Geschwornen wurden von den Sheriffs ernannt, und in fast allen
+Districten Englands erwählte er die Sheriffs. Zeugen desselben
+Gelichters, welchem diejenigen angehört hatten, auf deren Aussagen die
+Katholiken das Schaffot besteigen mußten, waren bereit, auch die Whigs
+auf die Richtstätte zu liefern.
+
+
+[_Verfolgung der Whigs._] Als erstes Opfer fiel College, ein lauter,
+wilder Demagog von niedrigem Herkommen und schlechter Erziehung. Er war
+seines Handwerks ein Tischler, und hatte den Ruhm, der Erfinder des
+protestantischen Dreschflegels zu sein.[6] Als das Parlament in Oxford
+gewesen, sollte er dort den Plan gehabt haben, einen Angriff auf die
+Garde des Königs zu machen. Gegen ihn zeugten Dugdale und Turberville,
+dieselben Schurken, welche wenige Monate früher falsches Zeugniß gegen
+Stafford abgelegt. Einer Jury von Landedelleuten gegenüber konnte kein
+Exclusionist auf Gnade rechnen; er wurde für schuldig erklärt. Der
+Ausspruch der Geschwornen wurde von den Massen, welche das Gerichtshaus
+von Oxford füllten, mit enthusiastischem Gebrüll begrüßt, so
+unmenschlich wie das, welches er mit seinen Genossen ausgestoßen, wenn
+man unschuldige Katholiken zum Henkerstode verurtheilte. Seine
+Hinrichtung gab das Zeichen zu einer neuen Justiz-Schlächterei, nicht
+weniger schändlich als die, an der er früher selbst betheiligt gewesen
+war.
+
+Die Regierung war durch diesen ersten Triumph so kühn geworden, daß sie
+jetzt ihr Absehen auf einen Feind von ganz anderer Art richtete. Man
+beschloß Shaftesbury auf Leben und Tod anzuklagen, und es wurden Beweise
+gesammelt, um gegen ihn einen Prozeß auf Hochverrath einzuleiten. Aber
+die Thatsachen, welche es zu beweisen galt, mußten in London geschehen
+sein. Die Sheriffs von London, von den Bürgern gewählt, waren eifrige
+Whigs. Sie ernannten eine große, aus Whigs bestehende Jury, welche den
+Antrag auf Anklage zurückwies; allein diese Niederlage entmuthigte die
+Rathgeber des Königs keineswegs, sondern bestimmte sie vielmehr, auf
+einen neuen, kühnen Plan zu sinnen.
+
+ [Anmerkung 6: Dies erwähnt das interessante Werk, unter dem Titel:
+ +»Ragguaglio della solenne Comparsa fatta in Roma gli otto di
+ Gennaio, 1687, dall' illustrissimo et excellentissimo signor Conte
+ di Castelmaine.«+]
+
+
+[_Der Freibrief der City wird zurückgenommen._] Der Freibrief der
+Hauptstadt stand ihnen im Wege, und dieser Freibrief mußte vernichtet
+werden. Es wurde erklärt, daß die City von London durch einige
+Ungesetzlichkeiten ihre munizipalen Privilegien verwirkt habe und die
+ganze Corporation einer Untersuchung vor dem Gerichtshofe der
+Kings-Bench zu übergeben sei. Zugleich handhabte man die Gesetze, welche
+bald nach der Restauration gegen Nichtconformisten entstanden waren und
+während der Herrschaft der Whigs geruht hatten, mit außerordentlicher
+Strenge.
+
+
+[_Verschwörungen der Whigs._] Die Whigs aber hatten den Muth noch nicht
+verloren. Befanden sie sich auch in schlimmer Lage, so bildeten sie doch
+noch immer eine zahlreiche und mächtige Partei, und da ihre Anhänger
+größtentheils in bedeutenderen Städten, und namentlich in der Hauptstadt
+lebten, so erregten sie mehr Lärm und Aufsehen, als ihre wirkliche
+Stärke rechtfertigte. Aufgeregt durch das Andenken an vergangene
+Triumphe und das Gefühl der jetzigen Unterdrückung, überschätzten sie
+sowohl ihre Macht wie ihre Leiden. Sie vermochten nicht, die Existenz
+jener klaren und Alles bewältigenden Nothwendigkeit nachzuweisen, welche
+allein das gewaltsame Mittel der Auflehnung gegen eine gesetzmäßig
+bestehende Regierung zu rechtfertigen vermag. Welchen Argwohn sie auch
+immer in sich trugen, sie konnten keinen Beweis dafür liefern, daß ihr
+Souverain mit Frankreich ein Bündniß gegen die Religion und die
+Freiheiten Englands geschlossen habe. Was davon bekannt war, reichte
+nicht aus, um die Anwendung des Schwertes zu rechtfertigen. Wurde die
+Ausschließungsbill verworfen, so hatten es die Lords in der Ausübung
+eines Rechts gethan, das so lange bestand wie die Verfassung; hatte der
+König das Parlament von Oxford aufgelöst, so geschah es vermittelst
+eines Hohheitsrechtes, das nicht in Abrede gestellt werden konnte. Wenn
+der Hof nach der Auflösung zu einigen strengen Maßregeln griff, so
+verstießen dieselben doch nicht gegen die Bestimmungen der Gesetze und
+gegen die Praxis, welche von den Unzufriedenen noch kürzlich selbst
+ausgeübt worden war. Verfolgte der König seine Widersacher, so geschah
+es nach aller Form und vor den ordentlichen Gerichtshöfen. Die
+Zeugnisse, welche für die Krone sprachen, waren wenigstens ebenso
+geltend als diejenigen, auf welche hin die Opposition noch vor kurzem
+Englands edelstes Blut vergossen hatte. Ein angeklagter Whig hatte jetzt
+von Richtern, Advokaten, Sheriffs, Geschwornen und Zuschauern keine
+üblere Behandlung zu erwarten, als diejenige war, welche die Whigs noch
+jüngst als angemessen für einen angeklagten Papisten hielten. Man hatte
+die Privilegien der City Londons angegriffen, doch war es nicht mit
+bewaffneter Hand, oder durch Ausübung einer nicht zu rechtfertigenden
+Prärogative geschehen, sondern in Übereinstimmung mit dem ordentlichen
+Gerichtsgebrauch von Westminsterhall. Auf den Befehl des Königs waren
+weder neue Steuern erhoben, noch ein Gesetz außer Kraft gesetzt worden;
+die Habeas-Corpus-Akte wurde geachtet und selbst die Testakte in
+Ausführung gebracht. Es war daher der Opposition unmöglich, den König
+einer so schlechten Regierung zu beschuldigen, daß ein Aufstand sich
+hätte rechtfertigen lassen. Und gesetzt seine Regierung wäre noch
+mangelhafter gewesen, ein Aufstand würde immer verbrecherisch geblieben
+sein, da keine Aussicht vorhanden war ihn mit Erfolg durchzuführen.
+Die Lage der Whigs im Jahre 1682 war eine andere als die der Rundköpfe
+vierzig Jahre früher. Diejenigen, welche gegen Karl I. zu den Waffen
+griffen, thaten es unter der Autorität eines Parlaments, welches das
+Gesetz versammelt hatte und ohne seine eigene Zustimmung nicht aufgelöst
+werden konnte. Die Widersacher Karls II. bestanden aus Privatleuten.
+Fast alle Hilfsmittel des Königreichs in Militair und Flotte befanden
+sich in den Händen derjenigen, welche Karl I. entgegenstanden, jetzt
+besaß Karl II. diese Hilfsmittel. Die Hälfte der Nation hatte das Haus
+der Gemeinen gegen Karl I. unterstützt; die Zahl der Kriegslustigen
+gegen Karl II. war in großer Minorität. Es unterlag daher keinem
+Zweifel, daß sie nicht im Stande sein würden, eine Erhebung
+durchzuführen, und ebenso wahrscheinlich mußte ein Scheitern derselben
+die Übel, über welche sie klagten, nur vergrößern. Die wahre Politik der
+Whigs wäre gewesen, sich mit Ergebung in das Mißgeschick zu fügen,
+welches eine natürliche Folge und wohlverdiente Strafe ihrer Verirrungen
+war, geduldig auf eine Änderung der Volksstimmung zu warten, die nicht
+ausbleiben konnte, dem Gesetze sich zu fügen, und den, wenn auch
+unvollkommenen doch keineswegs nichtigen Schutz zu beanspruchen, den das
+Gesetz der Unschuld gewähren muß. Zu ihrem Unglück schlugen sie einen
+anderen Weg ein. Gewissenlose heißblütige Führer der Partei bildeten und
+verarbeiteten Widerstandspläne, und wurden zwar nicht mit Beifall, doch
+mit dem Scheine des Einverständnisses von bessern Männern angehört, als
+sie selbst waren. Man beschloß zu gleicher Zeit in London, in Cheshire,
+zu Bristol und zu Newcastle Aufstände ausbrechen zu lassen, und hatte
+mit den mißvergnügten schottischen Presbyterianern Verbindungen
+angeknüpft, welche unter einer Tyrannei schmachteten, wie sie England in
+den trübsten Zeiten nicht erduldet. Indem so die Führer der Opposition
+Pläne wegen offener Rebellion besprachen, aber immer noch durch Furcht
+und Gewissen sich von der entscheidenden That abhalten ließen, verfielen
+einige ihrer Genossen auf einen ganz besonderen Plan. Für wilde,
+charakterlose Menschen, welche der Fanatismus dem Wahnsinn nahe
+gebracht, schien es der einfachste und sicherste Weg, die Freiheiten
+Englands und den Protestantismus dadurch zu retten, daß man den König
+und seinem Bruder einen Hinterhalt legte, und Beide ermordete. Bereits
+waren Ort und Zeit bestimmt und die Einzelheiten der Ermordung häufig
+besprochen worden, wenn auch noch nicht bis zur Ausführung geordnet. Nur
+Wenige waren in diesen Plan eingeweiht, und namentlich wurde er vor dem
+rechtschaffenen, menschenfreundlichen Russell und vor Monmouth geheim
+gehalten, der zwar nicht eben ein zartes Gewissen hatte, aber doch mit
+Entsetzen vor dem Verbrechen des Vatermords zurückgebebt sein würde. So
+existirten zwei Verschwörungen, eine in der andern. Das größere Complot
+der Whigs ging dahin, das Volk zum Aufruhr gegen die Regierung zu
+verleiten, das kleinere Complot aber, das Ryehousecomplot
+(Roggenhauscomplot) genannt, welches nur aus wenigen Personen bestand,
+beabsichtigte den Meuchelmord des Königs und seines muthmaßlichen
+Thronfolgers.
+
+
+[_Entdeckung der Whigverschwörung._] Beide Complots wurden verrathen.
+Feige Verräther eilten sich selbst zu retten, indem sie Alles und noch
+mehr als das, anzeigten was in den Berathungen der Partei erwähnt worden
+war. Es ist Thatsache, daß nur eine sehr kleine Zahl der Mißvergnügten
+daran dachte, zum Mittel des Meuchelmordes zu schreiten, da aber zwei
+Verschwörungen sich vereinigten, so war es der Regierung leicht, sie zu
+vermischen.
+
+
+[_Strenge der Regierung._] Die zu rechtfertigende Entrüstung, welche das
+Ryehousecomplot hervorrief, traf längere Zeit die gesammte Whigpartei.
+Der Konig hatte jetzt völlige Freiheit, für Jahre des Zwanges und der
+Demüthigung sich zu rächen. Shaftesbury war allerdings dem, durch seine
+vielfache Treulosigkeit wohlverdienten Schicksale entgangen. Er hatte
+den Untergang seiner Partei herannahen sehen, hatte einen vergeblichen
+Versuch gemacht, sich mit den königlichen Brüdern zu versöhnen, und war
+nach Holland geflüchtet, wo er bald darauf unter dem großmüthigen
+Schutze einer Regierung starb, der er manch bitteres Leid zugefügt.
+Monmouth warf sich seinem Vater zu Füßen und erhielt Gnade,
+compromittirte sich aber sehr bald wieder, und hielt es für klug, in ein
+freiwilliges Exil zu gehen. Essex tödtete sich im Tower mit eigener
+Hand. Russel, der keines hochverrätherischen Verbrechens schuldig
+gewesen zu sein scheint, und Sidney, dessen Schuld gesetzlich nicht
+bewiesen werden konnte, wurden trotz Recht und Gerechtigkeit enthauptet.
+Russel starb mit christlicher Ergebung, Sidney mit stoischem Muthe.
+Einige betheiligte Politiker von niederem Range wurden zum Galgen
+verurtheilt. Viele flüchteten aus dem Lande. Eine Menge Prozesse
+entstanden wegen unterlassener Anzeige von Verrath, wegen
+Schmähschriften oder Verschwörungen. Verurtheilungen wurden ohne Mühe
+von den torystischen Geschwornen erlangt und strenge Strafen von den
+höfischen Richtern verhängt. Mit diesen Criminalprozessen vereinigten
+sich nicht minder furchtbare Civilprozesse. Es wurden Personen verklagt,
+die den Herzog von York beschimpft hatten, und Entschädigungen, welche
+einer lebenslänglichen Kerkerhaft gleichkamen, wurden von dem Kläger
+gefordert, und ohne Bedenken zuerkannt. Der Gerichtshof der Kings-Bench
+erklärte, daß die Freiheiten der City Londons der Krone verfallen seien.
+Dieser bedeutende Sieg machte die Regierung so übermüthig, daß sie die
+Institutionen anderer Corporationen angriff, an deren Spitze Whigbeamten
+standen, oder welche whigistische Mitglieder in das Parlament gewählt
+hatten.
+
+
+[_Entziehung von Privilegien._] Stadt für Stadt wurde gezwungen, ihre
+Privilegien aufzugeben, und die neuen Freibriefe, welche an Stelle
+derselben verliehen wurden, gaben den Tories überall die Herrschaft.
+
+Wie wenig auch diese Maßregeln zu entschuldigen waren, so hatten sie
+doch den Schein der Gesetzlichkeit, und wurden zugleich von einer
+Handlung begleitet, welche die Befürchtungen zu nichte machen sollten,
+mit denen viele loyale Leute der Thronbesteigung eines katholischen
+Souverains entgegen sahen. Lady Anna, jüngere Tochter des Herzogs von
+York aus erster Ehe, wurde mit Georg, einem Prinzen aus dem
+rechtgläubigen Hause Dänemark, vermählt. Der torystische Adel sammt dem
+Klerus hatten jetzt Ursache zu der Hoffnung, daß die englische Kirche,
+ohne Verletzung der Thronfolgeordnung, vollständig gesichert sei. Der
+König und sein Erbe standen in ziemlich gleichem Alter, beide näherten
+sich dem Abend des Lebens. Der König erfreute sich einer vortrefflichen
+Gesundheit, und aller Wahrscheinlichkeit nach konnte Jakob, wenn er
+überhaupt auf den Thron gelangte, nur kurze Zeit regieren. Über diese
+Zeit hinaus bot sich die zufriedenstellende Aussicht auf eine lange
+Reihe protestantischer Souveraine.
+
+Die Freiheit, ohne Censur zu drucken, gereichte der überwundenen Partei
+zu wenig oder keinem Vortheil, denn die Stimmung der Richter und
+Geschwornen war der Art, daß kein Schriftsteller, den die Regierung
+wegen eines Libells verfolgte, die geringste Hoffnung hatte,
+freigesprochen zu werden. Die Furcht vor Bestrafung brachte daher
+dieselbe Wirkung hervor, welche die Censur selbst erzielt haben würde.
+Indessen erdröhnten die Kanzeln von Reden gegen die Sünde der Rebellion.
+Die Abhandlungen, in denen Filmer die Behauptung aufstellte, erbliche
+Despotie sei die von Gott verordnete Regierungsform, beschränkte
+Monarchie hingegen ein verderblicher Unsinn, waren kürzlich erschienen
+und von der Mehrzahl der Tories wohl aufgenommen worden. An demselben
+Tage, an welchem Russel auf dem Schaffot starb, erklärte sich die
+Universität von Oxford für diese wunderlichen Lehren in einem
+feierlichen öffentlichen Akte und ließ die politischen Schriften von
+Buchanan, Milton und Baxter mitten auf dem Schulhofe verbrennen.
+
+Hierdurch wurde der König ermuthigt die Grenzen zu überschreiten, welche
+er einige Jahre lang respectirt hatte, und den klaren Buchstaben des
+Gesetzes zu verletzen. Das Gesetz verordnete, daß zwischen der Auflösung
+eines Parlaments und der Zusammenberufung eines anderen nicht mehr als
+drei Jahre verstreichen dürften, aber drei Jahre waren nach Auflösung
+des Parlaments von Oxford vorüber, und es erfolgten keine Neuwahlen.
+Dieser Verfassungsbruch war um so weniger zu entschuldigen, da der König
+keinen Grund hatte, sich vor einem neuen Hause der Gemeinen zu fürchten.
+Die Grafschaften waren größtentheils auf seiner Seite, und die
+Landstädte, welche früher unter der Herrschaft der Whigs standen, waren
+so umgestaltet, daß man überzeugt sein konnte, sie würden nur dem Hofe
+ergebene Leute wählen.
+
+
+[_Einfluß des Herzogs von York._] Bald darauf kam abermals eine
+Verletzung des Gesetzes vor, und zwar zu Gunsten des Herzogs von York.
+Dieser Prinz war seiner Religion sowie seines harten, rauhen Charakters
+wegen nichts weniger als populär, so daß man es als Nothwendigkeit
+betrachtete ihn so lange aus den Augen des Volks zu bringen, als die
+Ausschließungsbill im Parlamente verhandelt wurde, damit sein
+öffentliches Erscheinen der Partei, die ihm sein Geburtsrecht entziehen
+wollte, nicht zum Nutzen gereichen könne. Man hatte ihn deshalb
+entsendet, Schottlands Regierung zu übernehmen, wo der alte, ungestüme
+Tyrann Lauderdale im Begriff war zu sterben. Jetzt wurde selbst
+Lauderdale übertroffen. Die Regierung Jakobs charakterisirte sich durch
+gehässige Gesetze, unmenschliche Strafen und Urtheile, deren
+Ungerechtigkeit selbst in jenem Zeitalter beispiellos war. Der
+schottische Geheime Rath hatte die Macht, Staatsverbrecher der Folter zu
+unterwerfen, dieser Anblick aber war so haarsträubend, daß wenn die
+spanischen Stiefeln gebracht wurden, selbst die ergebensten und
+herzlosesten Hofleute das Zimmer verließen. Der Sessionstisch war in
+Folge dessen zuweilen ganz unbesetzt, und man erachtete es später für
+nothwendig, besonders zu verordnen, daß die Räthe bei solchen
+Gelegenheiten ihre Plätze nicht verlassen dürften. Was den Herzog von
+York betraf, so schien ihm das entsetzliche Schauspiel, welche die
+verworfensten Menschen jener Zeit nicht ohne Mitleid und Grausen ansehen
+konnten, zu amüsiren. Er besuchte nicht nur die Rathssitzungen, wenn
+gefoltert wurde, sondern betrachtete auch die Qualen der unglücklichen
+Opfer mit einer Aufmerksamkeit und einem Behagen, mit denen man ein
+interessantes, wissenschaftliches Experiment zu verfolgen pflegt.
+So verlebte er seine Zeit in Edinburg, bis das Resultat des Kampfes
+zwischen dem Hofe und den Whigs nicht mehr zu bezweifeln war; dann
+kehrte er nach England zurück, obgleich noch immer durch die Testakte
+von aller öffentlichen Thätigkeit ausgeschlossen. Anfänglich wagte der
+König zwar nicht, gegen ein Gesetz zu handeln, in welchem die große
+Mehrzahl seiner loyalsten Unterthanen eine hauptsächliche Bürgschaft für
+ihre Religion und ihre bürgerlichen Rechte sah; als aber eine
+Reihenfolge von Versuchen bewies, daß die Nation geduldig genug war,
+fast Alles über sich ergehen zu lassen was der Regierung zu thun
+beliebte, so erlaubte sich Karl im Interesse seines Bruders eine
+Ausnahme vom Gesetz zu machen. Der Herzog kehrte auf seinen Sitz im
+Rathe zurück, und übernahm die Leitung des Seewesens.
+
+
+[_Halifax opponirt ihm._] Diese verfassungswidrige Handlung veranlaßte
+freilich einige Unzufriedenheit unter den gemäßigten Tories, und fand
+sogar bei den Ministern des Königs keinen einstimmigen Beifall. Halifax
+besonders, zur Zeit Marquis und Lord des Geheimsiegels, zeigte von dem
+Tage an, wo die Tories mit seiner Beihilfe das Übergewicht erlangten,
+eine Hinneigung zur Partei der Whigs. Nachdem man die Ausschließungsbill
+verworfen hatte, verlangte er von dem Hause der Lords vorbeugende
+Schritte gegen die Gefahr, welche die Freiheiten sowie die Religion des
+englischen Volkes unter der kommenden Regierung treffen könnte; mit
+Besorgniß erkannte er erst jetzt die Heftigkeit einer Reaktion, welche
+zum Theil von ihm selbst ausgegangen war. Er machte kein Hehl aus der
+Verachtung, welche die erbärmlichen Lehren der Universität Oxford in ihm
+hervorgerufen. Das Bündniß mit Frankreich war ihm ein Greuel, und er
+mißbilligte ernstlich die lange Aussetzung des Parlaments, so wie er
+auch den Barbarismus tadelte, mit dem man die gestürzte Partei
+behandelte. Er, der unter der siegreichen Herrschaft der Whigs sich
+nicht gescheut hatte, Stafford für unschuldig zu erklären, wagte es, als
+diese Partei niedergeworfen und hilflos war, Russel in Schutz zu nehmen.
+In einer der letzten Rathssitzungen, bei welchen Karl gegenwärtig war,
+ereignete sich eine merkwürdige Scene. Der Freibrief für Massachusetts
+war verwirkt, und es entstand die Frage, wie diese Colonie künftig
+verwaltet werden sollte. Die übereinstimmende Meinung des Collegiums
+war, daß die vollständige Gewalt, die gesetzgebende wie die executive,
+von der Krone ausgeübt werden solle. Halifax war anderer Meinung, und
+sprach mit großem Eifer gegen unumschränkte Monarchie und zu Gunsten
+repräsentativer Verfassung. Es sei ein Irrthum, versicherte er, wenn man
+sich dem Glauben hingäbe, daß eine dem englischen Volksstamme
+entsprungene und von englischen Gefühlen durchdrungene Nation es längere
+Zeit ertragen würde, englische Institutionen zu entbehren. Das Leben,
+sagte er, würde werthlos sein in einem Lande, wo Freiheit und Eigenthum
+der Willkür eines despotischen Herrschers preisgegeben wären. Der Herzog
+von York war über diese Sprache höchst erbittert, und machte seinen
+Bruder auf das Wagniß aufmerksam, einen Mann im Amte zu lassen, der die
+gefährlichen Ansichten Marvells und Sidney's vollkommen zu theilen
+scheine.
+
+In neuerer Zeit ist Halifax von einigen Schriftstellern der Vorwurf
+gemacht worden, daß er im Ministerium geblieben, während er das System,
+nach welchem die inneren wie die äußeren Angelegenheiten behandelt
+wurden, mißbilligte; doch ist dieser Tadel nicht gerechtfertigt. Man
+darf nicht vergessen, daß der Begriff »Ministerium« in dem Sinne wie er
+jetzt genommen wird, zu damaliger Zeit unbekannt war[7]. Die Sache
+selbst existirte gar nicht, denn sie ist das Produkt eines Zeitalters,
+in welchem sich die parlamentarische Regierung vollständig entwickelt
+hatte. Jetzt bilden die ersten Diener der Krone einen geschlossenen
+Körper und man nimmt an, daß unter ihnen ein freundschaftliches
+Vertrauen besteht und sie über die Hauptgrundsätze einig sind, nach
+denen die executive Verwaltung geleitet werden soll. Findet eine leichte
+Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen statt, so wird sie bald
+ausgeglichen; wenn aber Einer in einer Lebensfrage mit den Anderen nicht
+übereinstimmt, so ist es seine Pflicht abzutreten. So lange er sein Amt
+verwaltet, trifft auch ihn die Verantwortlichkeit für die Maßregeln, von
+denen er seinen Collegen abzurathen sich bemüht hat. Im siebzehnten
+Jahrhundert bestand unter den Leitern der verschiedenen
+Verwaltungszweige, kein collegialisches Verhältniß dieser Art. Jeder
+hätte für seine eigenen Handlungen einzustehen, für die Anwendung,
+welche er von dem anvertrauten Amtssiegel gemacht, für Dokumente, die er
+unterzeichnet, für die Rathschläge, welche er dem König ertheilt. Ein
+Staatsmann hatte blos zu verantworten was er selbst gethan, oder wozu
+Andere durch ihn veranlaßt worden waren. Wenn er sich bemühte, nicht den
+Unterhändler bei unredlichen Angelegenheiten abzugeben, und als
+Rathgeber immer nur das Rechte empfahl, so hatte er keinen Tadel zu
+fürchten. Man würde es für eine unbegreifliche Bedenklichkeit erklärt
+haben, wenn er sein Amt deshalb niedergelegt hätte, weil seine
+Rathschläge in Dingen, die nicht in sein Departement gehörten, von
+seinem Souverain unberücksichtigt geblieben wären, wenn er zum Beispiel
+aus dem Admiralitätsrathe geschieden wäre, weil die Finanzen sich in
+Unordnung, oder aus dem Schatzamte, weil die auswärtigen Angelegenheiten
+sich in keinem befriedigenden Zustande befanden. Es war daher durchaus
+nicht selten, zu gleicher Zeit Männer in hohen Ämtern zu sehen, welche
+offenbar eben so weit von einander abwichen, wie Pulteney von Walpole,
+oder Fox von Pitt.
+
+ [Anmerkung 7: +North's Examen+, 69.]
+
+
+[_Lord Guildford._] Die besonnenen und verfassungsmäßigen Rathschläge
+Halifax' wurden, -- aber ohne Kraft und Entschlossenheit, -- von Franz
+North, Lord Guildford unterstützt, welchem kürzlich das Amt eines
+Großsiegelbewahrers anvertraut worden war. Guildfords Charakter ist mit
+großer Ausführlichkeit von seinem Bruder, Roger North, geschildert
+worden, einem höchst intoleranten Lord und sehr gezierten und
+pedantischen Schriftsteller, aber aufmerksamen Beobachter aller kleinen
+Umstände, welche den Menschen bezeichnen. Auffallend ist es, daß der
+Biograph, trotzdem daß er unter dem Einflusse der stärksten,
+brüderlichen Parteilichkeit stand, und obgleich er sich offenbar
+anstrengte, ein vortheilhaftes Bild zu liefern, doch nicht im Stande
+war, den Lord Siegelbewahrer anders als einen unedlen Menschen
+hinzustellen. Doch besaß Guildford einen klaren Verstand, sein Fleiß war
+groß, und seine Kenntnisse in Literatur und Wissenschaft nicht
+unerheblich, sowie seine rechtswissenschaftliche Bildung mehr als
+gewöhnlich. Seine Fehler bestanden in Egoismus, Feigheit und Gemeinheit.
+Er war nicht unempfänglich für weibliche Schönheit und liebte den
+starken Genuß des Weines, aber weder Schönheit noch Wein konnten den
+vorsichtigen und geizigen Wüstling jemals, selbst nicht in frühen
+Jugendjahren, zu einer Anwandlung von Hochherzigkeit verlocken. Obgleich
+von edler Abstammung erhob er sich aus seiner Stellung nur durch
+niederträchtiges Kriechen vor Allen, die in den Gerichtshöfen einigen
+Einfluß hatten. Er wurde Oberrichter im Gerichtshofe der Common Pleas,
+und als solcher Theilnehmer an einigen der schändlichsten Justizmorde,
+welche die Geschichte kennt. Er besaß Einsicht genug, um zu wissen, daß
+Oates und Bedloe Lügner waren, aber das Parlament und das Land befanden
+sich in Aufregung, die Regierung hatte sich dem Drange gefügt, und North
+war nicht der Mann, der um der Gerechtigkeit und Menschlichkeit willen
+einen guten Posten aufgab. Während er also heimlich eine Widerlegung des
+ganzen Romans von dem papistischen Complot niederschrieb, behauptete er
+öffentlich, daß die Wahrheit dieser Geschichte sonnenklar sei,
+und schämte sich nicht, vom Richterstuhle herab den unglücklichen
+Katholiken, die auf Leben und Tod angeklagt vor ihm standen, wüthende
+Blicke zuzuschleudern. Er hatte zuletzt die höchste richterliche
+Stellung erreicht, aber ein Jurist, der nach jahrelanger Ausübung seines
+Berufs in vorgerücktem Alter zur Politik übergeht, wird selten als
+Staatsmann zu hoher Auszeichnung gelangen, und Guildford bestätigte
+diese allgemeine Regel. Er kannte seine Schwächen so genau, daß er
+niemals anwesend war, wenn seine Collegen über auswärtige
+Angelegenheiten beriethen. Selbst bei Fragen, welche seinem Berufe
+galten, hatte seine Meinung im Geheimen Rathe weniger Bedeutung als die
+irgend eines früheren Großsiegelbewahrers. Übrigens benutzte er den
+geringen Einfluß, den er besaß, so weit er den Muth dazu hatte,
+wenigstens im Interesse der Gesetze.
+
+Der vorzüglichste Widersacher des Halifax war Lawrence Hyde, der vor
+kurzem zum Earl von Rochester erhoben worden war. Von allen Tories besaß
+Rochester die größte Intoleranz, und war nicht leicht zu einem
+Vergleiche zu bringen. Die gemäßigten Mitglieder seiner Partei beklagten
+sich, daß das Schatzamt, so lange er als erster Commissar darin
+fungirte, alle Stellen an laute Schreier vergebe, deren alleiniger
+Anspruch auf Beförderung darin bestand, daß sie unaufhörlich auf den
+Untergang des Whiggismus tranken und Freudenfeuer anzündeten, um die
+Ausschließungsbill zu verbrennen; der Herzog von York aber, welchem ein
+Charakter gefiel, der soviel Ähnlichkeit mir dem seinigen hatte,
+unterstützte seinen Schwager auf das leidenschaftlichste und
+beharrlichste.
+
+Die Anstrengungen der rivalisirenden Minister, einander zu schlagen und
+zu verdrängen, erhielten den Hof in beständiger Unruhe. Halifax lag den
+König an, ein Parlament zu berufen, eine vollständige Amnestie zu
+bewilligen, den Herzog von York jeder Theilnahme an der Regierung zu
+entheben, Monmouth aus dem Exil zurückzurufen, jede Verbindung mit
+Ludwig abzubrechen und eine enge Allianz mit Holland -- nach Art der
+Tripleallianz -- zu schließen. Der Herzog von York dagegen scheute das
+Zusammenkommen eines Parlaments, sah auf die gestürzte Partei der Whigs
+noch immer mit dem alten Hasse herab, bildete sich noch immer ein, daß
+der vor beinahe funfzehn Jahren zu Dover entworfene Plan ausführbar sei,
+warnte fast täglich seinen Bruder, einen Mann, der im Herzen
+Republikaner war, in dem Besitze des Geheimsiegels zu lassen, und
+empfahl mit allem Eifer Rochester zu der hohen Stelle eines Lord
+Schatzmeisters.
+
+Während die beiden Parteien in der Weise kämpften, behauptete Godolphin,
+vorsichtig, schweigsam und fleißig, Neutralität zwischen ihnen.
+Sunderland intriguirte mit seiner bekannten nie ruhenden Falschheit
+gegen beide. Mit Ungnade seiner Stelle enthoben, weil er für die
+Ausschließungsbill gestimmt, war er zu Kreuze gekrochen, indem er sich
+der Fürsprache der Herzogin von Portsmouth bediente und dem Herzog von
+York demüthigst sich näherte. Jetzt war er wieder Staatssecretair.
+
+
+[_Politik Ludwigs._] Auch Ludwig war weder nachlässig noch müßig. Zu
+dieser Zeit begünstigte Alles seine Pläne. Er war vor dem deutschen
+Reiche sicher, welches damals an der Donau mit den Türken kämpfte,
+und Holland konnte ohne Bundesgenossen nicht daran denken, ihm
+entgegenzutreten; er hatte deshalb freien Willen, seinem Ehrgeiz und
+seiner Anmaßung den Zügel schießen zu lassen. Er eroberte Dixmuyden und
+Courtray, bombardirte Luxemburg und beanspruchte von der Republik Genua
+die schmählichsten Demütigungen. Die französische Macht erhob sich zu
+jener Zeit auf die bedeutendste Höhe, die sie in dem Jahrtausend
+zwischen den Regierungen Karls des Großen und Napoleons jemals
+erreichte. Es war nicht abzusehen, wo ihre Eroberungen aufhören würden,
+wenn es England in einem Zustande von Abhängigkeit erhalten konnte, und
+es war daher eine wichtige Angelegenheit für den Versailler Hof, die
+Einberufung eines Parlaments sowie die Versöhnung der englischen
+Parteien zu verhindern. Zu diesem Zwecke wurden Versprechungen,
+Drohungen und Bestechungen nach Kräften angewendet. Karl wurde bisweilen
+durch die Hoffnung auf Subsidien angelockt, und dann wieder durch die
+Mittheilung erschreckt, daß, wenn er die Häuser versammle, man die
+geheimen Artikel des Vertrags von Dover zur öffentlichen Kenntniß
+bringen werde. Mehrere Geheime Räthe wurden durch Bestechung gewonnen,
+und als ein ähnlicher Versuch bei Halifax mißglückte, wandte die
+französische Gesandtschaft ihren ganzen Einfluß und alle Kräfte an,
+um den unbestechlichen Mann von seinem Posten zu verdrängen; aber
+geistreicher Witz und die vielseitigsten Talente hatten ihn seinem
+Gebieter so unentbehrlich gemacht, daß dieser Versuch fruchtlos
+vorüberging.[8]
+
+Halifax war nicht zufrieden bei der Defensive stehen zu bleiben, sondern
+beschuldigte Rochester öffentlich der untreuen Verwaltung. Es fand eine
+Untersuchung statt, bei der es sich zeigte, daß dem öffentlichen Schatze
+durch schlechte Verwaltung des ersten Lords des Schatzes vierzigtausend
+Pfund verloren gegangen waren. Durch diesen Vorfall wurde er gezwungen,
+nicht nur seine Hoffnungen auf den weißen Stab fahren zu lassen, sondern
+auch von der Leitung des Finanzwesens auf den, allerdings im Range
+höheren, aber weniger bedeutenden und einträglichen Posten des Lord
+Präsidenten überzugehen. »Ich habe schon Leute die Treppe hinunterwerfen
+sehen -- meinte Halifax -- aber Mylord Rochester ist der Erste, den ich
+jemals die Treppe hinaufwerfen sah.« Godolphin, jetzt Pair, wurde erster
+Schatzcommissair.
+
+ [Anmerkung 8: Lord Preston, damals Gesandter in Paris, schrieb von
+ dort an Halifax folgendes: »Ich finde, daß Ew. Herrlichkeit noch
+ immer so unglücklich sind, von diesem Hofe nicht mit günstigen
+ Augen angesehen zu werden, und Herr Barillon darf Ihnen nicht
+ freundlich zulächeln, da sein Hof die Stirn in Falten zieht. Sehr
+ wohl bekannt sind Ew. Herrlichkeit Eigenschaften, welche zu Furcht
+ und dadurch zu Haß gegen Sie Veranlassung geben und Sie können
+ glauben, Mylord, wenn alle ihre Gewalt im Stande ist Sie nach
+ Rufford zu bringen, so wird man dieselbe zu diesem Zweck in
+ Anwendung bringen. Zwei Punkte heben sie, wie ich vernehme,
+ besonders gegen Sie hervor: Ihre Verschwiegenheit nämlich, und den
+ Umstand, daß Sie der Bestechung nicht zugänglich sind. Es ist mir
+ bekannt, daß sie gegen diese zwei Dinge sich ausgesprochen haben.«
+ Das Datum des Briefes ist vom 5. October N. St. 1683.]
+
+
+[_Stand der Parteien am Hofe Karls zur Zeit seines Todes._] Der Kampf
+war noch immer nicht zu Ende, der Ausgang war von dem Willen Karls
+abhängig, und Karl konnte zu keinem Entschlusse kommen. In seiner
+Verlegenheit versprach er Jedem was ihm einfiel. Einmal wollte er mit
+Frankreich zusammenhalten, dann wollte er wieder jede Verbindung mit
+Ludwig auflösen; jetzt wollte er nichts wieder von einem Parlamente
+hören und gleich darauf wollte er befehlen, daß ein Ausschreiben für ein
+solches ergehen solle; dem Herzog von York versprach er Halifax zu
+entlassen. Öffentlich zeigte er die heftigste Erbitterung gegen
+Monmouth, und im Geheimen versicherte er ihn seiner unwandelbaren
+Zuneigung. Wie lange, im Fall er länger gelebt, diese Unentschiedenheit
+gewährt haben und zu welchem Entschluß er endlich gekommen sein würde,
+darüber lassen sich nur Vermuthungen hegen. Früh im Jahre 1685, als die
+feindlichen Parteien mit ängstlicher Sorge seiner Entschließung harrten,
+starb er, und es öffnete sich eine neue Scene. In einigen Monaten
+verwischten die Übergriffe der Regierung den Eindruck, den die
+Übergriffe der Opposition auf die öffentliche Stimmung hervorgebracht
+hatten. Der heftigen Reaktion, welche die Partei der Whigs niederwarf,
+folgte eine noch stärkere Reaktion in umgekehrter Richtung, und
+deutliche Symptome ließen erwarten, daß der große Kampf zwischen den
+Prärogativen der Krone und den Gerechtsamen des Parlaments nahe daran
+sei, zu einem definitiven Resultat zu gelangen. --
+
+
+ * * * * *
+ * * * *
+ * * * * *
+
+
+Druckfehler und Unregelmässigkeiten
+
+Rechtschreibungsformen wie »funfzig« : »fünfzig«, »Urtel« : »Urtheil«
+und »Partein« : »Parteien« sind ungeändert, sowie Wörter in »-löst« :
+»-lös't«. Die Namen »Jacob« : »Jakob«, »Carl« : »Karl«, und »Russell« :
+»Russel« sind ebenso ungeändert (auch wenn es um die selbe Person
+handelt).
+
+
+_Besondere Fehler_
+
+ von Heinrichs III. bis zu Elisabeths Zeit
+ [_ungeändert: fehler für_ Heinrichs VII. ?]
+ Unter Eduard VI. hatten die Scrupel dieser Partei [Eduard IV.]
+ weder Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch Nero, dem
+ zu gehorchen Paulus den Römern befahl, waren der patriarchalischen
+ Regierungstheorie nach faktisch Usurpatoren.
+ [_ungeändert: übersetzungsfehler für_
+ sowohl Tiberius ... als auch Nero ...
+ (both Tiberius ... and Nero ... were ... usurpers)]
+ seine unglücklichen Vorgänger, Eduard II. und Richard II.
+ [Richard III.]
+
+I. Kapitel
+
+ In den ersten Zuständen Britanniens [Britaniens]
+ Endlich beginnt das Dunkel sich zu lichten [beginnnt]
+ die Pariser Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts [Jahrhunders]
+ Ein grausames und rücksichtlos grausam angewendetes Strafgesetzbuch
+ [_fehler für_ rücksichtslos?]
+ Dieselbe Zeit, aus welcher der schwarze Prinz [Zeit, welcher]
+ völlig unabhängige Aristokratie schafft [Aristokartie]
+ vor dem geistlichen Richterstuhle [Richterstule]
+ Erbtheilung unter Brüdern in Yorkshire eingeführt werden [Yorkshier]
+ ohne Verzug das Parlament um nachträgliche Genehmigung [Parlement]
+ [Anm. I.2: ... seiner +constitutional History+ [_ungeändert_]
+ zerstörte Wohnplätze und entvölkerte Städte [zestörte]
+ deren sich jeder Pächter und Krämer erfreute [Pachter]
+ trat ein Ereigniß ein, das den Geschicken [daß]
+ Der größte Theil Europa's besaß in jener Zeit
+ [Euro-/ropa's _am Linienende_]
+ dieselben alten Glaubensbekenntnisse, Bitten und Danksagungen
+ [Glaubensbekenntnisse Bitten]
+ Sie standen daher nicht nur untereinander, sondern oft auch
+ [nicht untereinander]
+ konnte ihm bis zu seinem letzten Lebensjahre nicht bewegen
+ [_fehler für_ ihn?]
+ seine Rechte rauben könne [könnne]
+ Lehre und Kirchendisziplin war bedeutend schwächer geworden [georden]
+ daß eine christliche Gemeinde ohne Bischof [Gemeine]
+ einen Mann, der allen andern Theologen [alle]
+ das ungeachtet eines gegebenen Versprechens
+ [ge-/gegebenen _am Linienende_]
+ die Namen Mars, Bacchus und Apollo [Bachus]
+ jeder kleine Separatisten-Verein ward ausgespürt
+ [_fehler für_ aufgespürt?]
+ wie man sie ihm in Westminster entgegenstellte [entgegenstellt]
+ von dem man sie gewaltsam fortgerissen [gewalsam]
+ Die Anklage des Lord Siegelbewahrers [der]
+ weder die großen Herren noch die großen Redner [Herrrn]
+ Nathaniel Fiennes, der an Fähigkeiten [Fiennes der]
+ Im Süden, unter Essex' Oberbefehl [Essex, Oberbefehl]
+ einen vom Glauben abgefallenen Major Zurechtweisungen ertheilte
+ [_fehler für_ einem?]
+ und der mit der feierlichen Ligue und dem Covenant [und mit der]
+ [_Seine Hinrichtung._] [_. fehlt_]
+ alle hatten sich nun gegen ihn verbunden. [_. fehlt_]
+ um sich zu einen unumschränktern Gebieter [_fehler für_ einem?]
+ »Barebones Parlament« getauft [Barebone's]
+ an der Spitze des protestantischen Interesses [protestanischen]
+ Das Haupt dieser Klasse war Fleetwood. [Fleetword]
+ und später Desborough dem Harrison weichen müssen [Harrisson]
+
+II. Kapitel
+
+ [Inhalt]
+ Die Namen Whig und Tory ... 71 [_fehlt in Inhaltsverzeichniss_]
+
+ an der Spitze einer so höchst vortrefflichen Armee stand
+ [_ungeändert: fehler für_ gestanden hätte ?]
+ nur in Middlesex und Lancashire [Middlessex]
+ Einer der ersten Beschlüsse von Barebones Parlament [Barebone's]
+ der unduldsamen Loyalität der Edelleute [Loyaletät]
+ [Anm. II.1] to Monday July 31st, 1643 [31st,1643]
+ sondern auch in Rath und Parlament [Parlement]
+ Zwar versuchte er es den unduldsamen Glaubenseifer [_ungeändert_]
+ argwöhnisch gegen alle Ansprüche [arwöhnisch]
+ sowie seine Freunde Thomas Wriothesley [Whriotesley]
+ jedem edleren und menschenfreundlicheren Gefühle entfremdet
+ [menschenfreundlicherem]
+ den Ausschweifungen der Buckinghams und Sedley's [Seydley's]
+ wenn er seine Mußestunden [Musestunden]
+ höchst nachtheiligen Klima [nachtheiligem]
+ sein Haupt vor ihm gebeugt
+ [_ungeändert: fehler für »ihr Haupt« oder »das Haupt«?_]
+ im Parlamente wie im ganzen Lande herrschte [Lande, herrschte]
+ zeigte er einigen Großmuth [einige]
+ wie auf ihre eigene Loyalität [Loyaletät]
+ die naseweise Lustigkeit der Eleonore Gwynn [Gwyne]
+ während großer bürgerlicher Unruhen [bürgerlichen]
+ Der Prinz von Oranien war an dem Morde unschuldig [Oranien, war]
+ selbst wenn ihr Heimathsland und die Wunder
+ [_fehler für_ Heimathland?]
+ den protestantischen Nichtconformisten [Nichtconfirmisten]
+ Dankbarkeit für die ihn sehr vorsichtig gespendeten Summen
+ [_fehler für_ ihm?]
+ mit Hilfe Ralphs von Montague [Mantague]
+ es sei ein großes papistisches Complot entdeckt worden [endeckt]
+ In solchem Zustand [_fehler für_ solchen?]
+ Als Monmouth noch ein Kind war [Monmuth]
+ Die Regierung stellte Cavallerie bei Templebar [_ungeändert_]
+ der Ermordung Godfrey's [Godefrey's]
+ stets falsch und verblendet [alsch]
+ [Anm. II.5] den Erfolg von Halifax' Redekunst [Halifax Redekunst]
+ wurden trotz Recht und Gerechtigkeit enthauptet [wurde]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Geschichte von England seit der
+Thronbesteigung Jakob's des Zweiten., by Thomas Babington Macaulay
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND ***
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
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+Foundation
+
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+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
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+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+Literary Archive Foundation
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+charities and charitable donations in all 50 states of the United
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+
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@@ -0,0 +1,11825 @@
+<!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN">
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+</style>
+</head>
+
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Geschichte von England seit der
+Thronbesteigung Jakob's des Zwe, by Thomas Babington Macaulay
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.
+ Erster Band enthaltend Kapitel 1 und 2
+
+Author: Thomas Babington Macaulay
+
+Translator: Wilhelm Hartwig Beseler
+
+Release Date: March 7, 2010 [EBook #31530]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND ***
+
+
+
+
+Produced by Louise Hope, Delphine Lettau, richyfourtytwo
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+<div class = "mynote">
+
+<p><a name = "start" id = "start">Dieser Text</a> benutzt die
+UTF-8-Kodierung (Unicode). Wenn die Apostrophe, Anführungs&shy;zeichen
+und die Umlaute in diesem Absatz als seltsame Zeichen dargestellt
+werden, könnte es auch an Ihrem inkompa&shy;tiblen Browser oder an
+fehlenden Fonts (Zeichen&shy;sätzen) liegen. Stellen Sie zunächst
+sicher, dass der „Zeichensatz“ oder „Datei-Kodierung“ auf Unicode
+(UTF-8) eingestellt ist. Eventuell ist es auch nötig, die
+Standard&shy;schrift Ihres Browser zu ändern.</p>
+
+<p>Einige Druckfehler sind korrigiert und mit <ins class = "correction"
+title = "wie so">popups</ins> notiert. Recht&shy;schreibungs&shy;formen
+wie »funfzig« : »fünfzig«, »Urtel« : »Urtheil« und »Partein« :
+»Parteien« sind ungeändert. Die Namen »Russell« und »Russel« sind ebenso
+ungeändert (auch wenn es um die selbe Person handelt).</p>
+
+<p>Da das Buchs ursprüngliche Titelbild unbrauchbar war, ist ein Bild
+aus eine andere Quelle erstattet.</p>
+
+<hr class = "small">
+
+<p class = "hanging"><a href = "#kap_I">1. Kapitel</a><br>
+<a href = "#inhalt_I">Inhalt</a></p>
+
+<p class = "hanging"><a href = "#kap_II">2. Kapitel</a><br>
+<a href = "#inhalt_II">Inhalt</a></p>
+
+</div>
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/frontis.jpg" width = "395" height = "518"
+alt = "titelbild" usemap = "#frontismap">
+<br>
+<img src = "images/sig.png" width = "272" height = "92"
+alt = "unterschrift »T. B. Macaulay«">
+</p>
+
+<map name = "frontismap" id = "frontismap">
+<area shape = "rect" coords = "0,504,395,518" target = "_blank"
+href = "images/credits.png" alt = "Geo. Richmond, ARA; W. Holl"
+title = "Geo. Richmond, ARA; W. Holl">
+</map>
+
+
+<div class = "titlepage">
+
+<h2>Thomas Babington Macaulay’s</h2>
+
+<h1>Geschichte von England</h1>
+
+
+<h6><em>seit der</em></h6>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h4>Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.</h4>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<hr class = "tiny">
+
+<h6><em>Aus dem Englischen.</em></h6>
+
+<hr class = "tiny">
+
+<h5>Vollständige und wohlfeilste</h5>
+
+<h4 class = "sans"><b><span class =
+"extended">Stereotyp-Ausgabe</span>.</b></h4>
+
+<h5>Zweite Auflage</h5>
+
+<hr class = "micro">
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h5>Erster Band:</h5>
+
+<h6>enthaltend Kapitel 1 und 2.</h6>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<hr class = "border">
+
+<h4 class = "script">Mit Macaulay’s Portrait.</h4>
+
+<hr class = "border">
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/floral.png" width = "178" height = "9"
+alt = "----"></p>
+
+<h5>Leipzig, 1856.</h5>
+
+<h6 class = "extended">G. H. Friedlein.</h6>
+
+</div>
+
+
+<a name = "kap_I" id = "kap_I">&nbsp;</a>
+<div class = "chapterhead">
+
+<span class = "pagenum">I.1</span>
+<a name = "pageI_1" id = "pageI_1"> </a>
+
+<h5><b>Erstes Kapitel.</b></h5>
+
+<hr class = "tiny">
+
+<h4>Geschichte Englands vor der Restauration.</h4>
+
+</div>
+
+<a name = "pageI_2" id = "pageI_2"> </a>
+
+<span class = "pagenum">I.3</span>
+<a name = "pageI_3" id = "pageI_3"> </a>
+
+<h4><a name = "inhalt_I" id = "inhalt_I">
+<b><span class = "extended">Inhalt</span>.</b></a></h4>
+
+<hr class = "micro">
+
+<table class = "toc" summary = "inhaltsverzeichniss">
+<tr>
+<td></td>
+<td class = "seite">Seite</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td><a href = "#secI_1">Einleitung</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_5">5</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_2">Britannien unter den Römern</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_6">6</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_3">Britannien unter den Sachsen</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_7">7</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_4">Bekehrung der Sachsen zum Christenthume</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_8">8</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_5">Dänische Invasionen</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_10">10</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_6">Die Normannen</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_10">10</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_7">Die normannische Eroberung</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_12">12</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_8">Trennung Englands von der Normandie</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_13">13</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_9">Die Vermischung der Volksstämme</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_14">14</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_10">Englische Eroberungen auf dem
+Festlande</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_15">15</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_11">Der Krieg der Rosen</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_17">17</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_12">Aufhören der Leibeigenschaft</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_17">17</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secI_13">Wohlthätiges Wirken der römisch-katholischen
+Religion</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_18">18</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secI_14">Die frühere englische Staats&shy;verfassung
+als oft falsch dargestellt</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_19">19</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secI_15">Natur der beschränkten Monarchien des
+Mittelalters</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_21">21</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_16">Hoheitsrechte der früheren englischen
+Könige</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_21">21</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_17">Beschränkungen der Hoheitsrechte</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_22">22</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_18">Widerstand, die gewöhnliche Schranke der
+Tyrannei</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_25">25</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secI_19">Eigenthüm&shy;licher Charakter der
+englischen Aristokratie</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_27">27</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_20">Regierung der Tudors</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_28">28</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secI_21">Die beschränkten Monarchien des Mittelalters
+sind allgemein in absolute Monarchien verwandelt</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_30">30</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_22">Die englische Monarchie als besondere
+Ausnahme</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_31">31</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_23">Die Reformation und ihre Wirkungen</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_31">31</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_24">Ursprung der Kirche von England</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_35">35</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_25">Ihr eigenthümlicher Charakter</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_36">36</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_26">Das Verhältniß, in welchem sie zu der Krone
+stand</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_37">37</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_27">Die Puritaner</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_40">40</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_28">Ihr republikanischer Geist</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_41">41</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secI_29">Gegen die Regierung Elisabeths erhob sich
+keine systematische parlamentarische Opposition</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_41">41</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_30">Monopolfrage</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_42">42</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secI_31">Schottland und Irland werden wieder mit
+England Theile ein und desselben Reichs</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_43">43</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secI_32">Verminderung des Einflusses Englands nach
+der Thronbesteigung Jakobs&nbsp;I.</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_46">46</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_33">Die Lehre vom göttlichen Rechte</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_47">47</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secI_34">Die Kluft zwischen der Kirche und den
+Puritanern wird größer</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_49">49</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_35">Thronbesteigung und Charakter Karls I.</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_55">55</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_36">Taktik der Opposition im Hause der
+Gemeinen</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_55">55</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>
+<span class = "pagenum">I.4</span>
+<a name = "pageI_4" id = "pageI_4"> </a>
+<a href = "#secI_37">Bitte um Recht</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_56">56</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_38">Die Bitte um Recht wird verletzt</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_57">57</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_39">Charakter und Ansichten Wentworths</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_57">57</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_40">Charakter Laud’s</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_58">58</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_41">Sternkammer und Hohe Commission</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_58">58</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_42">Schiffsgeld</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_59">59</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_43">Widerstand gegen die Liturgie in
+Schottland</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_60">60</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_44">Ein Parlament wird berufen und
+aufgelöst</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_62">62</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_45">Das Lange Parlament</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_63">63</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secI_46">Erstes Auftreten der beiden großen
+englischen Parteien</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_64">64</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_47">Der irische Aufstand</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_68">68</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_48">Die Remonstration</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_69">69</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_49">Anklage der fünf Mitglieder</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_70">70</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_50">Karls Abreise von London</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_71">71</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_51">Anfang des Bürgerkrieges</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_73">73</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_52">Erfolge der Royalisten</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_75">75</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_53">Erstehen der Independenten</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_75">75</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_54">Oliver Cromwell</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_76">76</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_55">Selbstverläugnungsverordnung</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_76">76</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_56">Sieg des Parlaments</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_77">77</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_57">Herrschaft und Charakter der Armee</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_77">77</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secI_58">Unterdrückung der Aufstände gegen die
+Soldaten&shy;herrschaft</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_79">79</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_59">Verfahren gegen den König</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_80">80</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_60">Seine Hinrichtung</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_82">82</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_61">Unterwerfung Irlands und Schottlands</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_83">83</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_62">Das Lange Parlament wird vertrieben</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_84">84</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_63">Oliver Cromwells Protektorat</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_86">86</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_64">Richard, Cromwells Nachfolger</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_89">89</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secI_65">Sturz Richards und Wiedereinsetzung des
+Langen Parlaments</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_91">91</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_66">Zweite Vertreibung des Langen
+Parlaments</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_92">92</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_67">Die Armee von Schottland rückt in England
+ein</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_93">93</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_68">Monk erklärt sich für ein freies
+Parlament</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_94">94</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secI_69">Allgemeine Wahl von 1660</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_95">95</a></td>
+</tr>
+<tr class = "bottomline">
+<td><a href = "#secI_70">Die Restauration</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageI_96">96</a></td>
+</tr>
+<tr class = "toppad">
+<td><a href = "#kap_II">[<i>2. Kapitel</i>]</a></td>
+<td></td>
+</tr>
+</table>
+
+
+<span class = "pagenum">I.5</span>
+<a name = "pageI_5" id = "pageI_5"> </a>
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Einleitung.</span>
+<a name = "secI_1" id = "secI_1">Es</a> ist meine Absicht, die
+Geschichte Englands von der Thronbesteigung König Jakobs&nbsp;II. bis
+auf eine Zeit herab zu schreiben, deren sich noch jetzt lebende Menschen
+erinnern. Ich will die Fehlgriffe berichten, durch die sich das Haus
+Stuart in wenig Monaten einen getreuen Adel und eine anhängliche
+Geistlichkeit entfremdete; die Bahn der Revolution verfolgen, die dem
+langen Kampfe zwischen unsern souverainen Herrschern und ihren
+Parlamenten ein Ziel setzte und nicht minder die Rechte des Volkes als
+die der regierenden Fürstenfamilie feststellte; ich will ferner von dem
+neu errichteten Throne erzählen, der viel unruhige Jahre hindurch
+erfolgreich gegen äußere und innere Feinde vertheidigt ward; erzählen,
+wie unter dem Schutze desselben die Ausübung der Gesetze und die
+Sicherheit des Eigenthums sich mit einer Freiheit der Discussion und des
+individuellen Handelns, wie sie früher nicht gekannt, als vereinbar
+erwies; wie aus der glücklichen Vereinbarung von Ordnung und Freiheit
+eine in den Jahrbüchern der Geschichte beispiellose bürgerliche
+Wohlfahrt erblühte, wie unser Vaterland sich rasch aus einem Zustande
+schmählicher Abhängigkeit zu der Autorität eines Schiedsrichters unter
+den europäischen Mächten emporschwang; wie mit seinem Reichthume sein
+kriegerischer Ruhm wuchs; wie es sich durch kluge und unerschütterliche
+Zuverlässigkeit nach und nach einen öffentlichen Credit schuf, der,
+Wunder bewirkend, den Staats&shy;männern früherer Zeiten unglaublich
+erschienen sein würde; wie aus einem riesigen Handel eine Seemacht
+hervorging, mit welcher verglichen jede andere Seemacht älterer und
+neuerer Zeit zu völliger Bedeutungslosigkeit herabsinkt; wie Schottland
+nach jahrhundert&shy;langer Feindschaft mit England nicht nur durch die
+Bande der Gesetze, sondern durch die noch unauflöslicheren Bande der
+gemeinsamen Interessen und der Zuneigung vereinigt ward; wie die
+britischen Ansiedelungen in Amerika schnell reicher und mächtiger
+wurden, als jene Königreiche, welche Cortez und Pizarro den Ländern
+Karls&nbsp;V. gewannen; und wie endlich britische Abenteurer in Asien
+ein Reich gründeten, das dem Alexanders an Glanz und Festigkeit nicht
+nachstand.</p>
+
+<p>Nicht minder habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, große
+Unglücksfälle, aus denen Triumphe hervorgingen, zu berichten und große
+nationale Verbrechen und Thorheiten, die tiefer erniedrigen, als irgend
+ein Mißgeschick; ich werde darthun, daß die Güter, welche wir zu den
+höchsten Segnungen zählen, nicht rein wie Gold sind; daß das System,
+nach welchem man unsere Freiheiten gegen die Willkür der königlichen
+Macht schützte, eine neue Art Mißbräuche erschuf, die man in
+unbeschränkten Monarchien nicht kennt; man wird ersehen, daß theils
+durch unkluge Einmischung, theils durch thörichte Vernachlässigung, aus
+der Blüte des Wohlstandes und der Ausdehnung des Handels nicht nur
+unermeßlicher Segen, sondern auch Übel hervorgingen, welche armen und
+uncultivirten Gesellschaften fremd sind; wie in zwei bedeutenden
+Besitzthümern der Krone dem verübten Unrechte
+<span class = "pagenum">I.6</span>
+<a name = "pageI_6" id = "pageI_6"> </a>
+gerechte Vergeltung ward; wie Unklugheit und Eigensinn die Bande
+lös’ten, welche die nordamerikanischen Kolonien mit dem Mutterlande
+vereinten; wie das mit dem Fluche der Herrschaft eines Volksstammes über
+den andern und einer Konfession über die andere belastete Irland zwar
+ein Glied des Staats&shy;körpers blieb, aber welk und ausgerenkt ihm
+keine Kraft verlieh, so daß Alle, welche die Größe Englands fürchten
+oder beneiden, vorwurfsvoll darauf hindeuten.</p>
+
+<p>Wenn mich nicht alles täuscht, wird trotzdem meine bunte Erzählung in
+den religiösen Gemüthern Dankbarkeit und in der Brust der
+Vaterlandsfreunde neue Hoffnung erwecken, denn die Geschichte unsers
+Vaterlandes, welche die letzten einhundert&shy;undsechzig Jahre
+umschließt, ist unbedingt die Geschichte der physischen, moralischen und
+geistigen Fortbildung. Alle die, welche ihr Zeitalter mit dem idealen,
+goldenen vergleichen, mögen von Entartung und Verfall reden; aber
+keiner, der die Vergangenheit genau kennt, wird sich geneigt fühlen,
+unmuthig und verzweifelnd auf die Gegenwart zu blicken.</p>
+
+<p>Ich würde die Aufgabe, die ich mir gestellt, nur unvollkommen lösen,
+wenn ich allein von Schlachten und Belagerungen, von dem Bilden und
+Auflösen der Ministerien und von Palastintriguen und Parlamentsdebatten
+reden wollte; es wird vielmehr mein Bestreben sein, eben so sorgfältig
+die Geschichte des Volks aufzuzeichnen, als die der Regierung; die
+Entwickelung der nützlichen und zierenden Künste, die Entstehung
+religiöser Sekten und die Veränderungen auf dem Gebiete der
+Wissenschaften zu schildern; ein Bild von den Sitten der verschiedenen
+Generationen zu liefern, ja selbst der Veränderungen zu erwähnen, die in
+Kleidung, häuslicher Einrichtung, bei Gastmählern und öffentlichen
+Vergnügungen stattgefunden haben. Den Vorwurf, die Würde der Geschichte
+verletzt zu haben, will ich gern ertragen, wenn es mir nur gelingt, den
+Engländern des neunzehnten Jahrhunderts ein treues Bild von dem Leben
+ihrer Vorfahren zu liefern.</p>
+
+<p>Die Begebenheiten, die ich zu berichten mir vorgenommen, bilden nur
+den einzelnen Act eines großen und ereignißreichen Drama’s, das
+Jahrhunderte umfaßt, und er würde sehr unvollkommen verstanden werden,
+wenn die Verwickelung der vorhergehenden Acte nicht allgemein bekannt
+wäre. Ich werde deshalb meine Darstellung durch eine flüchtige Skizze
+der frühesten Geschichte unseres Vaterlandes einleiten, werde zwar
+schnell über manche Jahrhunderte hinweggehen, aber bei den Wechselfällen
+des Kampfes länger verweilen, der die Regierung König Jakobs&nbsp;II.
+auf den entscheidenden Wendepunkt brachte.<a class = "tag" name =
+"tagI_1" id = "tagI_1" href = "#noteI_1">1</a></p>
+
+<p class = "footnote">
+<a name = "noteI_1" id = "noteI_1" href = "#tagI_1">1.</a>
+In diesem und dem nächsten Kapitel habe ich nur selten für nöthig
+erachtet, Quellen zu citiren, weil ich in diesen Kapiteln weder die
+Ereignisse ausführlich behandelt, noch unbekannte Materialien benutzt.
+Die Thatsachen, deren ich erwähne, sind größtentheils solche, die Jeder,
+der nur einigermaßen in der englischen Geschichte bewandert ist,
+entweder schon kennt, oder er wird wenigstens wissen, wo er Belehrung
+darüber findet. In den folgenden Kapiteln aber werde ich die Quellen,
+aus denen ich geschöpft, sorgfältig angeben.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Britannien unter den Römern.</span>
+<a name = "secI_2" id = "secI_2">In</a> den ersten Zuständen <ins class
+= "correction" title = "Original hat »Britaniens«">Britanniens</ins>
+deutet nichts auf die Größe hin, die es zu erreichen bestimmt war. Als
+die Bewohner desselben zuerst den tyrischen Schiffern bekannt wurden,
+standen sie wenig über den Eingeborenen der Sandwichinseln. Zwar
+unterjochten es die römischen Waffen, aber es erhielt nur eine schwache
+Färbung von römischen Künsten und Wissenschaften. Von den westlichen
+Provinzen,
+<span class = "pagenum">I.7</span>
+<a name = "pageI_7" id = "pageI_7"> </a>
+welche sich die Cäsaren unterwarfen, war es die letzte, aber auch die
+erste wieder, die ihnen verloren ging. Man findet in Britannien nichts
+von Überresten prächtiger Säulenhallen oder Wasserleitungen; unter den
+Meistern lateinischer Dichtkunst und Beredtsamkeit findet man keinen
+Schriftsteller britischer Geburt aufgezeichnet; es ist demnach nicht
+wahrscheinlich, daß die Inselbewohner je mit der Sprache ihrer
+italischen Zwingherren allgemein vertraut gewesen sind. Von dem
+atlantischen Meere bis zu den Rheinländern war Jahrhunderte hindurch die
+lateinische Sprache die vorherrschende; sie hat die celtische Sprache
+verdrängt, hat der deutschen widerstanden und ist noch jetzt die
+Grundlage der französischen, spanischen und portugiesischen. Das Latein
+scheint auf unserer Insel nie die alte galische Sprache bewältigt zu
+haben, auch hat es sich gegen das Germanische nicht behaupten
+können.</p>
+
+<p>Die unbedeutende und oberflächliche Bildung, welche die Briten von
+ihren südlichen Beherrschern empfangen, verlöschten die Drangsale des
+fünften Jahrhunderts. In den Königreichen des Festlandes, in die das
+römische Reich damals zerfallen war, lernten die Eroberer viel von dem
+unterjochten Stamme. In Britannien wurden die Unterjochten eben so
+barbarisch, als die Sieger.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Britannien unter den Sachsen.</span>
+<a name = "secI_3" id = "secI_3">Alle</a> Häuptlinge, Alarich,
+Theodorich, Chlodowig, Alboin, die in den festländischen Provinzen des
+römischen Reichs deutsche Dynastien gründeten, waren eifrige Christen;
+das Gefolge des Ida und des Cerdic aber brachte allen Aberglauben der
+Elbe nach ihren Ansiedelungen in Britannien. Während die deutschen
+Herrscher in Paris, Toledo, Arles und Ravenna ehrfurchtsvoll den Lehren
+der Bischöfe Gehör gaben, Reliquien von Märtyrern verehrten und sich
+eifrig an den theologischen Streitfragen von Nicäa betheiligten, übten
+die Herrscher von Wessex und Mercia ihre wilden Gebräuche in den Tempeln
+des Thor und Wodan.</p>
+
+<p>Die auf den Trümmern des Westreichs gegründeten festländischen
+Königreiche unterhielten noch ferner einigen Verkehr mit jenen östlichen
+Provinzen, in denen die alte Civilisation, wenn auch nach und nach unter
+dem Einflusse schlechter Regierung schwindend, immer noch die Barbaren
+in Erstaunen setzte und belehrte, in denen der Hof stets noch den Glanz
+des Diocletian und des Constantin entfaltete, die Bildwerke des Polyklet
+und die Gemälde des Apelles die öffentlichen Gebäude schmückten, und
+fleißige Pedanten, wenn auch ohne Geschmack, Verstand und Geist, die
+Meisterwerke des Sophokles, Demosthenes und Plato zu lesen und zu
+erklären im Stande waren. Von dieser Verbindung war Britannien völlig
+ausgeschlossen; seine Küsten wurden von den cultivirten Bewohnern der
+Länder am Bosporus mit jenem unheimlichen Grauen betrachtet, mit welchem
+die Meerenge der Scylla und die Stadt der lästrygonischen Kannibalen zu
+Homers Zeiten die Ionier erfüllten. Es gab auf unserer Insel eine
+Provinz, deren Boden, wie Prokopius erfahren, mit Schlangen bedeckt war
+und deren Luft kein Mensch einathmen und in ihr leben konnte. Zu dieser
+Einöde wurden die Seelen der Verstorbenen aus dem Frankenlande um
+Mitternacht übergeschifft; ein fremder Fischerstamm besorgte dies
+unheimliche Geschäft. Deutlich vernahm der Bootsmann die Sprache der
+Todten; die Last derselben senkte den Kiel tief in das Wasser, ihre
+Gestalten aber blieben dem sterblichen Auge unsichtbar. Wunderdinge
+dieser Art erzählt ein geschickter Geschichts&shy;schreiber, der
+Zeitgenosse Belisars,
+<span class = "pagenum">I.8</span>
+<a name = "pageI_8" id = "pageI_8"> </a>
+Simplicius und Tribonian’s, in vollem Ernste dem reichen und gebildeten
+Konstantinopel von einem Lande, in welchem der Gründer Konstantinopels
+sich den kaiserlichen Purpur angelegt hatte. Von allen andern Provinzen
+des westlichen Reichs haben wir eine zusammenhängende Kunde; nur in
+Britannien werden zwei Zeitalter der Wahrheit durch ein Zeitalter der
+Fabel völlig getrennt. Odoaker und Totila, Euric und Trasimund,
+Chlodwig, Fredegunde und Brunhild sind geschichtliche Männer und Frauen;
+aber Hengist und Horsa, Vortigern und Rowena, Arthur und Mordred sind
+mythische Personen, deren Existenz zu bezweifeln ist und deren Abenteuer
+in die Klasse der des Herkules und Romulus zu werfen sind.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Bekehrung der Sachsen zum Christenthume.</span>
+<a name = "secI_4" id = "secI_4">Endlich</a> <ins class = "correction"
+title = "Original hat »beginnnt«">beginnt</ins> das Dunkel sich zu
+lichten, und das Land, das als Britannien aus dem Gesichtskreise
+entschwunden, erscheint als England wieder. Mit der Bekehrung der
+sächsischen Ansiedler zum Christenthume begann eine lange Reihe
+heilsamer Umgestaltungen, obgleich die Kirche selbst durch den
+Aberglauben und die Philosophie, gegen die sie lange und endlich
+siegreich gekämpft, tief verderbt war, und den von den alten Schulen
+entnommenen Lehrsätzen, sowie den alten Tempeln entlehnten Gebräuchen zu
+willig Eingang gestattet hatte. Römische Politik und gothische
+Unwissenheit, griechische Spitzfindigkeit und syrische Asketik hatten
+vereint zu ihrer Verderbniß gewirkt; aber ihr war noch genug von der
+erhabenen Gotteslehre und milden Moral früherer Zeit geblieben, um
+manchen Geist zu erheben, manches Herz zu läutern. Ebenso gehörte
+Manches, was in späterer Zeit als ihr Hauptmakel betrachtet wurde, im
+siebenten Jahrhunderte und noch lange nach demselben zu ihren größten
+Verdiensten. So würden Übergriffe der Geistlichkeit in die
+Obliegenheiten der bürgerlichen Obrigkeit in unserer Zeit ein großes
+Übel sein; aber was unter einer guten Regierung ein Übel ist, kann unter
+einer durchaus schlechten zum Segen werden. Es ist besser, wenn die
+Menschen durch weise, gut ausgeübte Gesetze und durch eine aufgeklärte
+öffentliche Meinung, als durch listige Priester regiert werden; aber es
+ist wiederum besser, wenn Priesterlist statt roher Gewalt, wenn ein
+Prälat wie Dunstan, statt eines Kriegers wie Penda herrscht. Eine in
+Rohheit versunkene Gesellschaft, die nur durch physische Kraft regiert
+wird, hat vollen Grund sich zu freuen, wenn ein Stand, dessen Wirken
+geistiger und moralischer Natur ist, die Obergewalt erhält. Ohne Zweifel
+wird ein solcher Stand seine Macht mißbrauchen; aber selbst eine
+gemißbrauchte geistige Macht ist stets edler und besser, als jene, die
+sich nur auf die Kraft des Körpers stützt. Die sächsischen Chroniken
+erzählen von Tyrannen, die, auf dem Gipfel ihrer Macht angelangt, von
+Reue ergriffen, die durch Verbrechen erworbenen Genüsse und Würden
+verschmähten, ihre Kronen niederlegten und durch harte Büßungen und
+unausgesetzte Gebete die verübten Frevel sühnen wollten: diese
+Erzählungen haben einigen Schriftstellern Anlaß zu bitteren,
+verachtenden Äußerungen gegeben, Schriftstellern, die sich der
+Freisinnigkeit rühmten, im Grunde aber so engherzig waren, als es nur
+ein Mönch aus der finstern Zeit sein kann, und an alle Ereignisse in der
+Geschichte den Maßstab zu legen pflegten, den die Pariser Gesellschaft
+des achtzehnten <ins class = "correction" title = "Original hat »Jahrhunders«">Jahrhunderts</ins> verwendete. Ein System, sollte ich
+glauben, das, wenn auch immerhin durch Aberglauben entstellt, dennoch in
+die durch rohe Muskelkraft und Geisteskühnheit beherrschten
+Gesellschaften starke moralische Schranken einführte, die verwegensten
+und mächtigsten Herrscher lehrte, daß sie, gleich ihren niedrigsten
+<span class = "pagenum">I.9</span>
+<a name = "pageI_9" id = "pageI_9"> </a>
+Knechten, verantwortliche Wesen seien, ein solches System hätte
+verdient, von Philosophen und Menschenfreunden mit größerer Achtung
+erwähnt zu werden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Dieselben Bemerkungen gelten auch in Bezug auf die Verachtung, mit
+der man im vorigen Jahrhunderte von den Pilgerfahrten, den heiligen
+Zufluchtsstätten, den Kreuzzügen und den mönchischen Institutionen des
+Mittelalters zu sprechen pflegte. In Zeiten, in denen die Menschen weder
+durch Lernbegierde noch durch Gewinn zu reisen veranlaßt wurden, war es
+besser, daß der rohe Nordländer Italien und den Osten als Pilger
+besuchte, als wenn er nie etwas Anderes als die schmutzigen Wohnungen
+und die wilden Wälder, in denen er geboren, gesehen hätte. In Zeiten, in
+denen das Leben und die weibliche Ehre täglich der Gefahr ausgesetzt
+waren, von Tyrannen und Räubern angegriffen zu werden, war es besser,
+daß die Grenzen eines Heiligenschreines mit einer unvernünftigen Scheu
+betrachtet wurden, als wenn es gar keine der Rohheit und Freiheit
+verschlossene Zufluchtsstätte gegeben hätte. In Zeiten, wo die
+Staats&shy;männer unfähig zur Aufstellung umfassender politischer
+Combinationen waren, war es besser, daß die christlichen Völker sich
+vereinigt zur Wiedergewinnung des heiligen Grabes erhoben, als wenn sie
+von der mahomedanischen Macht eins nach dem andern überwältigt worden
+wären. Wenn man auch mit Recht in späterer Zeit die Trägheit und
+Üppigkeit der religiösen Orden tadelte, so war es gewiß gut, daß es in
+dem Zeitalter der Rohheit und Gewalttätigkeit ruhige Klöster und Gärten
+gab, in denen die Künste des Friedens in Sicherheit gepflegt, edle und
+zum Nachdenken geneigte Gemüther eine Zufluchtsstätte finden konnten; wo
+ein Bruder sich mit dem Abschreiben von Virgil’s Äneide, ein anderer
+sich mit dem Studium der Analysen des Aristoteles beschäftigte; wo es
+dem Kunstsinnigen gestattet war, eine Sammlung Märtyrerlegenden
+auszumalen, oder ein Crucifix zu schnitzeln, und denen, die Sinn für
+Naturwissenschaft hatten, Versuche über die Eigenschaften der Pflanzen
+und Mineralien anzustellen. Wären solche friedlichen Orte nicht hier und
+dort unter den Hütten eines elenden Landvolkes und unter den Burgen
+eines übermüthigen Adels verstreut gewesen, es würden die Bewohner
+Europa’s nur Last- und Raub-Thiere gewesen sein. Die Theologen haben die
+Kirche oft mit der Arche verglichen, von der wir im Buche der Genesis
+lesen: Die Ähnlichkeit mit derselben war nie vollkommener als während
+jener bösen Zeit, wo sie allein in Finsterniß und Sturm sich auf den
+Wogen, die alle großen Werke antiker Macht und Weisheit begraben hatten,
+erhielt, und den schwachen Keim in sich trug, dem eine zweite und
+ruhmreichere Civilisation entsprießen sollte.</p>
+
+<p>Selbst die geistliche Obergewalt, die der Pabst sich anmaßte, hat in
+den finstern Zeitaltern mehr Gutes als Böses bewirkt. Die Vereinigung
+der Nationen des westlichen Europa’s zu einem großen Gemeinwesen war ihr
+Werk. Was die olympischen Wagenkämpfe und das pythische Orakel den
+griechischen Städten, von Trapezunt bis Massalia, das waren Rom und sein
+Bischof den Christen der lateinischen Kirche von Calabrien bis zu den
+Hebriden. Es erwuchsen so Gefühle umfassenden Wohlwollens; Volksstämme,
+durch Meere und Berge von einander getrennt, erkannten ein brüderliches
+Band und ein gemeinsames Buch der öffentlichen Gesetze an, und selbst im
+Kriege ward die Grausamkeit des Siegers nicht selten durch den Gedanken
+gemildert, daß er und seine unterjochten Feinde alle Glieder eines
+großen Bundes seien.</p>
+
+<span class = "pagenum">I.10</span>
+<a name = "pageI_10" id = "pageI_10"> </a>
+<p>Diesem Bunde nun traten unsere sächsischen Vorfahren bei. Es entstand
+ein regelmäßiger Verkehr zwischen unsern Küsten und jenem Theile
+Europa’s, in dem die Spuren der alten Macht und Staatskunst noch
+sichtbar waren. Viel edle Denkmäler, die während der Zeit zerstört oder
+verunstaltet worden, standen noch in ihrer alten Pracht, und Reisende,
+denen Livius und Sallust unverständlich waren, konnten sich aus den
+römischen Wasserleitungen und Tempeln einen schwachen Begriff von
+römischer Geschichte bilden. Der immer noch von Erz schimmernde Dom des
+Agrippa; das Grabmal des Hadrian, der Säulen und Statuen noch nicht
+beraubt; das flavische Amphitheater, noch nicht zu einem Steinbruche
+herabgesunken, erzählten den Pilgern von Mercia und Northumberland einen
+Theil der Geschichte jener großen aufgeklärten Welt, die untergegangen
+war. Mit tief eingeprägter Ehrfurcht in den kaum geöffneten Gemüthern
+kehrten die Inselbewohner zurück und erzählten den staunenden Bewohnern
+der Hütten von London und York, daß ein mächtiges, jetzt erloschenes
+Geschlecht bei dem Grabe des heiligen Petrus Gebäude aufgeführt habe,
+die vor dem jüngsten Tage nicht untergehen würden. Die Gelehrsamkeit
+folgte dem Christenthume; die Dichtkunst und Beredtsamkunst der Zeit des
+Augustus ward in den Klöstern von Mercia und Northumberland mit Eifer
+geübt, und die Namen des Beda, des Alcuin und des Johannes, auch Erigena
+genannt, wurden durch ganz Europa mit Recht gefeiert. In diesem Zustande
+befand sich unser Vaterland, als im neunten Jahrhundert die letzte große
+Einwanderung der Barbaren des Nordens begann.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Dänische Invasionen.</span>
+<a name = "secI_5" id = "secI_5">Mehrere</a> Menschenalter hindurch
+kamen aus Dänemark und Skandinavien zahllose Seeräuber, die sich durch
+Kraft, Muth, schonungslose Grausamkeit und Haß gegen den christlichen
+Namen auszeichneten. Kein Land litt durch diese Einfälle so viel, als
+England, dessen Küste den Häfen, aus denen sie ausfuhren, nahe lag, und
+kein Theil unserer Insel war weit genug vom Meere entfernt, um vor
+Angriffen sicher zu sein. Dieselben Grausamkeiten, die den Sieg der
+Sachsen über die Celten begleitet, erlitten nach Jahrhunderten die
+Sachsen von der Hand der Dänen. Die Gesittung, die sich neu zu heben
+begann, ward von dem Schlage getroffen und sank wiederum darnieder.
+Große Colonien Abenteurer von der Ostsee ließen sich an den östlichen
+Küsten nieder, dehnten sich nach und nach westwärts aus, und,
+unterstützt durch stete Verstärkungen von jenseits des Meeres,
+trachteten sie danach, sich der Herrschaft des ganzen Reichs zu
+bemächtigen. Der Kampf zwischen den beiden wilden germanischen Stämmen
+dauerte sechs Menschenalter hindurch. &mdash; Jeder gewann abwechselnd
+den Sieg. Furchtbare Metzeleien, denen eine nicht minder furchtbare
+Rache folgte, verheerte Provinzen, geplünderte Klöster und zerstörte
+Städte bilden den größten Theil der Geschichte jener furchtbaren Zeit.
+Als endlich der Norden keine Verwüster mehr aussandte, erlosch nach und
+nach der gegenseitige Haß der Stämme, und wechselseitige Verheirathungen
+fanden häufiger statt. Die Dänen erlernten die Religion der Sachsen, und
+somit schwand eine Ursache tödtlicher Erbitterung. Die dänische und
+sächsische Sprache, Dialekte einer ausgebreiteten Mundart, verschmolzen
+ineinander; noch aber war die Verschiedenheit zwischen den beiden
+Völkern nicht völlig verschwunden, als ein Ereigniß beide in gemeinsamer
+Knechtschaft und Erniedrigung zu den Füßen eines dritten Volkes
+niederbeugte.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Normannen.</span>
+<a name = "secI_6" id = "secI_6">Unter</a> den Volksstämmen der
+Christenheit
+<span class = "pagenum">I.11</span>
+<a name = "pageI_11" id = "pageI_11"> </a>
+behaupteten um jene Zeit die Normannen den ersten Platz. Muth und
+Wildheit zeichneten sie unter den Seeräubern aus, die Skandinavien zur
+Verheerung des westlichen Europa’s ausgesendet hatte. Ihre Segel
+bildeten lange den Schrecken beider Küsten des Kanals. Mehr als einmal
+drangen ihre Waffen tief in das Herz des Karolingischen Reiches; sie
+siegten unter den Mauern von Mastricht und Paris. Einer der schwachen
+Erben Karls des Großen trat endlich den Fremden eine fruchtbare Provinz
+ab, die ein mächtiger Strom durchzog, und von dem Meere, ihrem
+Lieblingselemente, bespült ward. In dieser Provinz gründeten sie nun
+einen mächtigen Staat, der nach und nach seinen Einfluß über die
+angrenzenden Fürstenthümer Bretagne und Maine ausdehnte. Die Normannen,
+ohne den unerschrockenen Muth abzulegen, der der Schrecken der Länder
+von der Elbe bis zu den Pyrenäen gewesen, eigneten sich bald alle, und
+mehr noch als alle Kenntniß und Gesittung an, die sie in dem Lande der
+neuen Ansiedelung fanden. Einfälle von Außen wehrte ihre Tapferkeit ab,
+und in dem Innern ihres Gebiets begründeten sie eine Ordnung, die dem
+fränkischen Reiche lange unbekannt gewesen war. Sie traten zu dem
+Christenthume über, und mit dem Christenthume lernten sie einen großen
+Theil von dem, was der Clerus lehrte. Ihre Muttersprache gaben sie auf,
+und nahmen die französische an, in welcher das Latein das vorherrschende
+Element bildete. Der neuen Sprache verliehen sie nun bald eine Würde und
+Bedeutung, die sie nie zuvor besessen hatte. Dem vorgefundenen
+Sprachgemenge gaben sie durch die Schrift eine feste Form, und bedienten
+sich ihrer in der Gesetzgebung, in der Poesie, und in dem Roman. Die
+thierische Unmäßigkeit, zu der alle andern Zweige der großen
+germanischen Familie nur zu sehr sich hinneigten, legten sie ab. Der
+verfeinerte Luxus der Normannen bildete einen scharfen Kontrast zu der
+rohen Gefräßigkeit und Trunksucht ihrer sächsischen und dänischen
+Nachbarn. &mdash; Nicht in Massen von Speisen und in großen Gefäßen mit
+starken Getränken entfaltete sich dieser Luxus, sondern in großen und
+prächtigen Bauwerken, kostbaren Rüstungen, schönen Pferden, auserlesenen
+Falken, wohlgeordneten Turniren, mehr feinen als überladenen
+Gastmählern, und in Weinen, die sich mehr durch Wohlgeschmack als
+berauschende Kraft auszeichneten. Jener ritterliche Geist, der auf die
+Politik, die Moral und Gesittung aller europäischen Nationen einen so
+mächtigen Einfluß ausgeübt, stand bei den normannischen Edlen in hoher
+Blüthe; sie zeichneten sich durch anmuthige Haltung und einnehmende
+Manieren aus; nicht minder auch durch ihre Gewandtheit in
+Unterhandlungen, und eine natürliche Beredtsamkeit, die sie eifrig
+pflegten. Einer der normännischen Geschichts&shy;schreiber sagt rühmend,
+daß die Edlen seines Stammes Redner von der Wiege an seien. Ihren
+größten Ruhm aber errangen sie durch ihre kriegerischen Thaten. Vom
+atlantischen Ocean bis zum todten Meere waren die Länder Zeugen von den
+Wundern ihrer Kriegszucht und Tapferkeit. Ein normännischer Ritter an
+der Spitze eines Häufleins Krieger versprengte die Celten von Connaught.
+Ein Anderer gründete die Monarchie beider Sicilien, und sah die Kaiser
+des Ost und West vor seinen Waffen fliehen. Ein Dritter, der Ulysses des
+ersten Kreuzzuges, ward von seinen Gefährten zum Beherrscher von
+Antiochien ernannt, und ein Vierter, jener Tankred, dessen Name in
+Tasso’s erhabenem Gedichte fortlebt, wurde in der ganzen Christenheit
+als der tapferste und großmüthigste unter den Kämpfern des heiligen
+Grabes gepriesen. Die Nähe eines so
+<span class = "pagenum">I.12</span>
+<a name = "pageI_12" id = "pageI_12"> </a>
+bedeutenden Volkes begann schon früh seine Wirkung auf den Volksgeist in
+England zu äußern. Englische Prinzen erhielten, schon vor der Eroberung,
+ihre Erziehung in der Normandie. Englische Bisthümer und Landgüter
+wurden Normannen zu Lehen gegeben. Das Französisch der Normandie war die
+gewöhnliche Sprache im Palaste von Westminster. Der Hof von Rouen
+scheint dem Eduards des Bekenners dasselbe gewesen zu sein, was lange
+Zeit nachher der Hof von Versailles dem Karls&nbsp;II. war.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die normannische Eroberung.</span>
+<a name = "secI_7" id = "secI_7">Durch</a> die Schlacht von Hastings und
+die ihr folgenden Ereignisse gelangte nicht nur ein Herzog der Normandie
+auf den englischen Thron, es ward auch die ganze Bevölkerung Englands
+der Tyrannei des normännischen Stammes preisgegeben. Selten ist die
+Unterjochung einer Nation durch die andere, selbst in Asien,
+vollständiger gewesen. Die Führer der Eroberer vertheilten das Land
+unter sich, starke militärische Einrichtungen, eng mit den Verhältnissen
+des Grundeigenthums verbunden, machten es den fremden Siegern möglich
+die Landeskinder zu unterdrücken. Ein grausames und <ins class =
+"correction" title = "Fehler für »rücksichtslos«?">rücksichtlos</ins>
+grausam angewendetes Strafgesetzbuch schützte nicht nur die Vorrechte,
+sondern auch die Lustbarkeiten der fremden Unterjocher. Aber dennoch
+ließ das unterworfene Volk, obgleich geknechtet und mit Füßen getreten,
+seinen Stachel fühlen. Einige kühne Männer, die Lieblingshelden unserer
+ältesten Balladen, flüchteten sich in die Wälder und unternahmen von
+dort aus, trotz der Feuerglocken- und Forstgesetze, einen Raubkrieg
+gegen ihre Unterdrücker. Täglich wurden Meuchelmorde verübt; mancher
+Normanne verschwand plötzlich und spurlos; viele der aufgefundenen
+Leichen trugen die Spuren der Gewaltthätigkeit. Man drohte den Mördern
+mit martervollen Todesstrafen und stellte die strengsten Nachforschungen
+an; diese waren aber gewöhnlich ohne Erfolg, denn die ganze Nation hatte
+sich zu ihrem Schutze verschworen. Endlich ward für nöthig erachtet,
+jedem Distrikte, in welchem eine Person von fränkischer Abkunft
+erschlagen aufgefunden wurde, eine schwere Buße aufzuerlegen, und dieser
+Bestimmung ließ man bald eine andere folgen, wonach jede ermordete
+Person für einen Franken gelten sollte, wenn nicht ihre sächsische
+Abkunft erwiesen würde.</p>
+
+<p>In den anderthalb Jahrhunderten nach der Eroberung giebt es
+eigentlich keine englische Geschichte. Die fränkischen Könige Englands
+schwangen sich zu einer Bedeutung empor, welche die benachbarten Völker
+mit Staunen und Schrecken erfüllte. Sie eroberten Irland, ließen sich
+von Schottland huldigen, und wurden durch ihre Tapferkeit, Politik und
+ihre glücklichen Heirathsbündnisse auf dem Festlande weit mächtiger, als
+ihre Lehnsherren, die Könige von Frankreich. Asien und Europa ließen
+sich durch die Macht und den Glanz unserer Tyrannen blenden; arabische
+Chronisten berichteten mit Widerstreben aber doch mit Bewunderung den
+Fall von Acre, die Vertheidigung Joppe’s und den siegreichen Kriegszug
+nach Ascalon. Noch lange Zeit brachten arabische Mütter mit dem Namen
+des löwenherzigen Plantagenet ihre Kinder zum Schweigen. Es schien
+selbst einmal, als ob die Linie des Hugo Capet enden solle, wie die
+Merowingischen und Karolingischen Linien geendet hatten, und als ob sich
+eine einzige große Monarchie von den Orkaden bis zu den Pyrenäen
+ausdehnen würde. Nach den meisten Ansichten ist die Größe eines
+Herrschers mit der Größe des ihm untergebenen Volkes so eng verbunden,
+daß fast jeder englische Geschichts&shy;schreiber die Macht und den
+Glanz der fremden Oberherrn mit triumphirender Freude berichtet und den
+Verfall dieser Macht und dieses Glanzes als ein Unglück
+<span class = "pagenum">I.13</span>
+<a name = "pageI_13" id = "pageI_13"> </a>
+für unser Vaterland beklagt. Dies ist wahrlich ebenso abgeschmackt, als
+wenn ein Neger von Haiti in unserer Zeit mit Nationalstolz die Größe
+Ludwigs XIV. preisen und von Blenheim und Ramilies mit patriotischer
+Trauer und Beschämung reden wollte.</p>
+
+<p>Der Eroberer und seine Nachkommen bis zur vierten Generation waren
+keine Engländer, und fast alle in Frankreich geboren; den größten Theil
+ihrer Lebenszeit brachten sie in Frankreich zu; das Französische war
+ihre gewöhnliche Sprache; fast jedes hohe Amt, das sie zu besetzen
+hatten, ward Franzosen übertragen, und jede auf dem Festlande gemachte
+neue Erwerbung entfremdete sie der Bevölkerung unserer Insel immer mehr.
+Einer der tüchtigsten von ihnen versuchte es zwar, indem er sich mit
+einer englischen Prinzessin vermählte, die Herzen seiner englischen
+Unterthanen zu gewinnen; allein der größte Theil seiner Barone
+betrachtete diese Verbindung aus demselben Gesichtspunkte, wie man heute
+in Virginien die Verbindung eines weißen Pflanzers mit einem
+Quadronen-Mädchen betrachten würde. In der Geschichte wird er mit dem
+ehrenvollen Beinamen Beauclerc genannt; aber zu seiner Zeit legten ihm
+die eigenen Landsleute mit verachtender Anspielung auf seine sächsische
+Verbindung einen sächsischen Spottnamen bei. Wäre es, wie es einmal den
+Anschein hatte, den Plantagenets gelungen, ganz Frankreich unter ihrer
+Herrschaft zu vereinigen, so würde England wahrscheinlich nie zu einer
+unabhängigen Existenz gelangt sein. Seine Fürsten, Lords und Prälaten
+wären nach Abstammung und Sprache von den Handwerkern und Bauern völlig
+verschieden gewesen; die Erträge seiner ausgebreiteten Grundstücke
+würden die Feste und Lustbarkeiten an den Ufern der Seine verschlungen
+haben, und die edle Sprache eines Milton und Burke würde ein bäuerischer
+Dialekt ohne Literatur, ohne festgeregelte Grammatik, ohne geordnete
+Orthographie geblieben und verächtlich dem Gebrauche der Bauern
+überlassen worden sein. Niemand von englischer Abkunft würde im Stande
+gewesen sein eine hohe Stellung zu erlangen, ohne in Sprache und Sitte
+ein Franzose zu werden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Trennung Englands von der Normandie.</span>
+<a name = "secI_8" id = "secI_8">Daß</a> England einem solchen Geschicke
+entging, hat es einem Ereigniß zu danken, das die
+Geschichts&shy;schreiber allgemein als ein unheilvolles geschildert
+haben. Das Interesse des Landes stand dem seiner Herrscher so
+entschieden entgegen, daß nur die Mißgriffe und Unglücksfälle derselben
+bessere Aussichten gewähren konnten. Die Fähigkeiten, und selbst die
+guten Eigenschaften seiner sechs ersten fränkischen Könige waren ihm ein
+Fluch; die Thorheiten und Fehler des siebenten gereichten ihm zum Segen.
+Wenn Johann die großen Eigenschaften seines Vaters, Heinrich Beauclercs,
+oder des Eroberers geerbt, auch wenn er nur den kriegerischen Muth von
+Stephan oder Richard besessen hatte, und wäre der König von Frankreich
+zu gleicher Zeit so unfähig, wie alle anderen Nachfolger Hugo Capets, so
+würde das Haus Plantagenet zu der einflußreichsten Höhe in Europa
+gelangt sein. Aber gerade in jener Zeit ward Frankreich, zum ersten Male
+seit Karls des Großen Tode, von einem kräftigen, fähigen Fürsten
+regiert; England aber, seit der Schlacht von Hastings in der Regel von
+klugen Staats&shy;männern und stets von tapfern Kriegern geleitet, fiel
+der Botmäßigkeit eines Schwätzers und Feiglings anheim. Von diesem
+Augenblicke an ward seine Aussicht lichter. Johann wurde aus der
+Normandie verjagt, die normännischen Edelleute mußten zwischen der Insel
+und dem Festlande wählen und
+<span class = "pagenum">I.14</span>
+<a name = "pageI_14" id = "pageI_14"> </a>
+gemein&shy;schaftlich mit dem Volke, das sie stets geknechtet und
+verachtet hatten, von dem Meere eingeschlossen, kamen sie nach und nach
+dahin, England als ihr Vaterland und die Engländer als ihre Landsleute
+zu betrachten. Beide Volksstämme, einander so lange feindlich gesinnt,
+erkannten nun bald, daß sie gemein&shy;schaftliche Interessen und
+gemein&shy;schaftliche Feinde hatten; sie litten beide zugleich unter
+der Tyrannei eines schlechten Königs, und beide waren gleich entrüstet
+über die Bevorzugung, die der Hof den Eingeborenen von Poitou und
+Aquitanien angedeihen ließ. Die Urenkel der Streiter Wilhelms begannen
+sich denen Harolds freundschaftlich zu nähern, und das erste Pfand ihrer
+Versöhnung ward der große Freiheitsbrief, den sie vereint errungen und
+zu ihrem gemeinsamen Wohle entworfen hatten.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Vermischung der Volksstämme.</span>
+<a name = "secI_9" id = "secI_9">Hier</a> beginnt die Geschichte des
+englischen Volkes. Die Geschichte der frühern Begebenheiten ist die
+Geschichte der von einzelnen Stämmen verübten und erlittenen Übel, von
+Volksstämmen, die zwar auf englischem Boden wohnten, aber sich
+gegenseitig mit einer Abneigung betrachteten, wie man sie selten bei
+Völkern findet, die durch natürliche Grenzen von einander geschieden
+sind, denn selbst die gegenseitige Erbitterung im Kriege begriffener
+Länder ist jener gegenüber nur schwach zu nennen, die moralisch
+getrennte, aber örtlich vermischte Nationen hegen. Dieser Stammeshaß ist
+in keinem Lande so arg gewesen, als in England; aber auch nirgends ist
+er gründlicher vertilgt. Die Stadien des Prozesses, der die feindlichen
+Elemente in eine gleiche Masse verschmolz, sind uns nicht näher bekannt;
+aber es ist gewiß, daß die Kluft zwischen Sachsen und Normannen noch
+sehr stark hervortrat, als Johann König wurde, daß sie jedoch vor dem
+Ende der Regierung seines Enkels fast völlig verschwunden war. Zur Zeit
+Richards&nbsp;I. war die gewöhnliche Verwünschung eines edeln Normanns:
+„ich will zum Engländer werden!“ &mdash; und die gebräuchliche Form
+einer unwilligen Weigerung: „haltet Ihr mich für einen Engländer?“
+Hundert Jahre später war der Nachkomme eines solchen Edelmanns stolz auf
+den Namen eines Engländers.</p>
+
+<p>Die Quellen der bedeutendsten Ströme, die ganzen Ländern
+Fruchtbarkeit bringen und reich beladene Flotten zum Meere tragen,
+müssen in wilden und unfruchtbaren Bergketten aufgesucht werden, die auf
+den Landkarten ungenau angegeben und von Reisenden nur selten erforscht
+sind. Mit einer solchen Bergkette läßt sich die Geschichte unseres
+Vaterlandes während des dreizehnten Jahrhunderts nicht unpassend
+vergleichen. Ob auch jener Abschnitt unserer Annalen unfruchtbar und
+dunkel ist, so können wir doch nur in ihm den Ursprung unserer Freiheit,
+unseres Glücks und unseres Ruhmes suchen. Damals entstand das große
+englische Volk, und es begann der Nationalcharakter desselben jene
+Eigenthüm&shy;lichkeiten zu entfalten, die er seitdem stets bewahrt hat;
+damals wurden unsere Väter in der vollsten Bedeutung des Wortes
+Insulaner, aber nicht nur Insulaner der geographischen Lage nach,
+sondern auch in ihrer Politik, ihrer Denkart und ihren Sitten. Damals
+trat zuerst bestimmt und klar jene Verfassung hervor, die seitdem durch
+alle Wechselfälle ihre Identität bewahrte, jene Verfassung, von der alle
+freien Verfassungen der Welt nur Nachbildungen sind, und die, ungeachtet
+einiger Mängel, als die Erste von allen gehalten zu werden, würdig ist,
+unter der je eine große Gesellschaft Jahrhunderte hindurch bestanden
+hat. Damals geschah es, daß das Haus der Gemeinen, dieses Musterbild
+aller repräsentativen Versammlungen der alten und neuen
+<span class = "pagenum">I.15</span>
+<a name = "pageI_15" id = "pageI_15"> </a>
+Welt, zu den ersten Sitzungen zusammentrat, und daß das gemeine Recht zu
+der Würde einer Wissenschaft erhoben und ein nicht unwürdiger Rival der
+kaiserlichen Rechtsgelehrsamkeit wurde. Damals machte der Muth jener
+Seeleute, welche die Mannschaft der rohen Barken der fünf Häfen
+bildeten, zuerst die Flagge Englands auf dem Meere furchtbar; es wurden
+die ältesten Hochschulen gegründet, die noch jetzt in den beiden großen
+Nationalsitzen der Gelehrsamkeit bestehen; es bildete sich die Sprache,
+die zwar weniger wohlklingend als die des Südens, aber an Kraft,
+Reichthum und Tauglichkeit für die erhabensten Zwecke des Dichters, des
+Philosophen und des Redners nur von der Sprache Griechenlands
+übertroffen wird; und damals endlich dämmerte der erste schwache Schein
+jener edlen Literatur auf, die zu den glänzendsten und unvergänglichen
+Schätzen Englands gehört.</p>
+
+<p>Bereits zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts waren die Volksstämme
+fast völlig in einander verschmolzen und untrügliche Zeichen deuteten
+an, daß aus der Mischung dreier Zweige der großen teutonischen Familie
+mit den Urbewohnern Britanniens ein Volk hervorgegangen sei, das keinem
+andern der Welt nachstand. Und wahrlich, das England, nach dem Johann
+von Philipp August einst vertrieben worden, hatte mit dem England, aus
+welchem die Heere Eduards III. zur Eroberung Frankreichs auszogen, fast
+nichts gemein.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Englische Eroberungen auf dem Festlande.</span>
+<a name = "secI_10" id = "secI_10">Es</a> folgte nun ein Zeitraum von
+mehr als hundert Jahren, in welchem die Engländer vorzüglich danach
+strebten, durch die Gewalt der Waffen auf dem Festlande ein großes Reich
+zu gründen. Zwar schien es, daß für die Ansprüche Eduards auf die von
+dem Hause Valois in Besitz genommene Erbschaft seine Unterthanen sich
+wenig interessirten; aber die Eroberungssucht des Fürsten bemächtigte
+sich bald des Volkes. Der Krieg war von jenen Kriegen sehr verschieden,
+welche die Plantagenets des zwölften Jahrhunderts gegen die Nachkommen
+Hugo Capets unternommen hatten; denn hätte Heinrich&nbsp;II. oder
+Richard&nbsp;I. sein Ziel erreicht, so würde England eine französische
+Provinz geworden sein. Eduard’s III. und Heinrichs&nbsp;V. Glück machte
+Frankreich für einige Zeit zu einer englischen Provinz. Mit derselben
+Geringschätzung, mit der im zwölften Jahrhunderte die Eroberer vom
+Festlande die Insulaner betrachtet, blickten diese nun auf das Volk des
+Festlandes. Jeder Freisasse von Kent bis Northumberland erachtete sich
+einem Stamme angehörig, der zum Siegen und zum Herrschen geboren, und
+mit Hohn blickte er auf das Volk, vor dem seine Ahnen einst gezittert
+hatten. Selbst die Ritter von Gascogne und Guienne, die tapfer unter dem
+schwarzen Prinzen gefochten hatten, betrachteten die Engländer als Leute
+geringerer Art und schlossen sie verächtlich von ehrenvollen und
+einträglichen Posten aus. Nach kurzer Zeit schon beachteten unsere
+Vorfahren den ursprünglichen Grund des Streites nicht mehr, sie begannen
+die französische Krone nur für einen Zubehör der englischen zu halten,
+und wenn sie, unter Verletzung des ordentlichen Erbfolgerechts, die
+Krone Englands auf das Haus Lancaster übertrugen, so scheinen sie der
+Ansicht gewesen zu sein, daß das Recht Richards&nbsp;II. auf die
+französische Krone natürlich auch auf dieses Haus übergehe. Sie
+bethätigten einen Eifer und eine Kraft, die einen merkwürdigen Contrast
+zu der Lauheit der Franzosen bildeten, für die der Ausgang des Kampfes
+weit wichtiger war. Die englischen Waffen erfochten in jener Zeit gegen
+an Zahl überlegene Heerhaufen Siege,
+<span class = "pagenum">I.16</span>
+<a name = "pageI_16" id = "pageI_16"> </a>
+die zu den größten gehören, von denen die Geschichte des Mittelalters
+berichtet, und es waren dies in der That Siege, denen sich eine Nation
+mit Stolz rühmen darf, weil man sie dem moralischen Übergewichte der
+Sieger beizumessen hat, das sich selbst in den niedrigsten Reihen
+deutlich zeigte. Die Ritter Englands fanden in denen Frankreichs würdige
+Nebenbuhler. Chandos kämpfte mit Du Guesclin als einem ebenbürtigen
+Feinde. Aber es fehlte Frankreich an Fußvolk, das den englischen Bogen
+und Streitäxten die Spitze zu bieten vermochte. Ein französischer König
+ward gefangen nach London gebracht; ein englischer König ward in Paris
+gekrönt. Weit über die Pyrenäen und Alpen hinaus wurde das Banner des
+heiligen Georg getragen. Im Süden vom Ebro gewannen die Engländer eine
+große Schlacht, die das Geschick von Leon und Castilien für einige Zeit
+entschied, und die englischen Compagnien gewannen ein furchtbares
+Ansehen bei den Kriegerbanden, die ihre Waffen an die Fürsten und
+Republiken Italiens verdungen hatten.</p>
+
+<p>In jener kriegerisch bewegten Zeit vernachlässigten jedoch unsere
+Väter die Künste des Friedens nicht. Während Frankreich vom Kriege
+verwüstet wurde, daß es zuletzt in seiner Zerstörung selbst einen
+beklagenswerthen Schutz gegen neue Einfälle fand, sammelten die
+Engländer ruhig ihren Erndtesegen ein, verschönerten ihre Städte, und
+pflegten in Sicherheit das Recht, den Handel und die Wissenschaften.
+&mdash; Jener Zeit gehören viele unserer edelsten Baudenkmäler an. Es
+entstanden die schönen Kapellen des Neuen-Collegiums und von St. Georg;
+das Schiff der Kathedrale von Winchester und das Chor des Münsters von
+York; der Spitzthurm von Salisbury und die majestätischen Thürme von
+Lincoln. Eine reiche und kernige Sprache, hervorgegangen aus dem
+Zusammenflusse der französischen und deutschen, ward nun ein Gemeingut
+der Aristokratie und des Volks. Bald begann der Genius dieses
+bewundernswerthe Werkzeug zu würdigen Zwecken zu benutzen. Während
+englische Heerhaufen, die verwüsteten Provinzen Frankreichs hinter sich
+lassend, triumphirend in Valladolid einzogen und bis vor die Thore von
+Florenz Schrecken verbreiteten, schilderten englische Dichter in
+lebhaften Farben den mannigfaltigen Wechsel menschlicher Sitten und
+Schicksale; es strebten englische Denker nach Wissen oder wagten Zweifel
+zu hegen, wo die Bigotterie sich begnügte zu staunen und zu glauben.
+Dieselbe Zeit,<ins class = "correction" title = "Wort »aus« fehlt">aus</ins> welcher der schwarze Prinz und Derby, Chandos und
+Hawkwood hervorging, gebar auch Geoffroy Chaucer und John
+Wycliffe.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>So glänzend und erhaben war der erste Auftritt des eigentlich so zu
+nennenden englischen Volks unter den Nationen der Welt. Aber während wir
+die hohen, achtunggebietenden Eigenschaften unserer Voreltern mit
+Wohlgefallen betrachten, dürfen wir uns nicht verhehlen, daß das von
+ihnen erstrebte Ziel vom Gesichtspunkte der Humanität und der
+aufgeklärten Politik ein durchaus verwerfliches ist und daß die
+Mißgeschicke, durch die sie nach einem langen und blutigen Kampfe die
+Hoffnung auf Gründung eines großen festländischen Reiches aufzugeben
+gezwungen wurden, wahrhafte Segnungen, und nur scheinbar Unglücksfälle
+waren. Der Geist der Franzosen erwachte endlich; sie begannen den
+fremden Eroberern einen kräftigen nationalen Widerstand zu leisten, und
+von dieser Zeit an waren die Geschicklichkeit der englischen Feldherren
+und der Muth ihrer Soldaten, zum Heile für die Menschheit, ohne Erfolg.
+Unsere Vorfahren gaben, nach vielen blutigen Kämpfen, mit schmerzlicher
+Reue den Streit auf. Seitdem
+<span class = "pagenum">I.17</span>
+<a name = "pageI_17" id = "pageI_17"> </a>
+hat nie mehr eine englische Regierung ernstlich und beharrlich den Plan
+verfolgt, große Eroberungen auf dem Festlande zu machen. Zwar fuhr das
+Volk fort, Crecy, Poitiers und Agincourt ein solches Andenken zu
+bewahren, und man konnte noch viel Jahre später durch das Versprechen
+eines Eroberungszuges nach Frankreich leicht sein Blut wallend machen
+und ihm Hilfsgelder ablocken; aber zum Glück hat die Thatkraft unsers
+Vaterlandes sich edlern Zielen zugewendet, und es nimmt jetzt in der
+Geschichte der Menschheit eine weit ehrenvollere Stellung ein, als wenn
+es, wie es einmal den Anschein hatte, durch Waffengewalt ein Übergewicht
+erlangt hätte, das dem der frühern römischen Republik ähnlich wäre.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Der Krieg der Rosen.</span>
+<a name = "secI_11" id = "secI_11">In</a> die Grenzen der Insel wiederum
+eingeschlossen, schwang nun das kriegslustige Volk die Waffen, die der
+Schrecken Europa’s gewesen, im Bürgerkriege. Die englischen Barone
+hatten lange die Mittel zur Bestreitung ihres verschwenderischen
+Aufwandes aus den unterjochten Provinzen Frankreichs gezogen. Diese
+Hilfsquelle war nun versiegt; aber die vom Glücke erzeugte Gewohnheit
+der Prunksucht und Üppigkeit dauerte fort, und die großen Lords, die
+ihre Gelüste durch Plünderung der Franzosen nicht mehr befriedigen
+konnten, beraubten nun mit großem Eifer einer den andern. Das Gebiet,
+auf das sie jetzt beschränkt waren, reichte &mdash; wie Comines, der
+schärfste Beobachter jener Zeit, sich ausdrückt &mdash; für sie alle
+nicht aus. Zwei aristokratische Parteien, angeführt von zwei Zweigen der
+königlichen Familie, begannen nun einen langen und schrecklichen Kampf
+um die Oberherrschaft. Da die Erbitterung derselben nicht eigentlich aus
+dem Streite wegen der Erbfolge hervorgegangen, so dauerte sie noch lange
+fort, nachdem jeder Grund zu diesem Streite verschwunden war. Die Partei
+der rothen Rose überlebte den letzten Fürsten, der, gestützt auf das
+Recht Heinrichs&nbsp;IV., Anspruch auf die Krone machte. Die Partei der
+weißen Rose überlebte die Heirath Richmonds mit Elisabeth. Der Führer
+beraubt, die irgend einen annehmbaren Rechtstitel aufzuweisen hatten,
+schlossen sich die Anfänger Lancasters einer Bastardlinie an, und die
+Anhänger Yorks stellten eine Reihe von Betrügern auf. Nachdem viel
+ehrgeizige Edelleute auf dem Kampfplatze oder durch die Hand des Henkers
+gefallen, nachdem viel berühmte Häuser auf immer aus der Geschichte
+verschwunden und die noch übrig gebliebenen großen Familien durch
+schwere Unglücksfälle erschöpft und zu klarer Besinnung gekommen waren,
+erkannte man endlich von allen Seiten an, daß in dem Hause Tudor alle
+Ansprüche der streitenden Plantagenets sich vereinigten.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Aufhören der Leibeigenschaft.</span>
+<a name = "secI_12" id = "secI_12">Inzwischen</a> trat eine Veränderung
+ein, von unendlich größerer Wichtigkeit, als die Erwerbung oder der
+Verlust einer Provinz, als die Erhebung oder der Sturz einer Dynastie.
+Es verschwand nämlich die Sklaverei mit allen sie begleitenden
+Übeln.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es ist bemerkenswerth, daß die beiden größten und heilsamsten
+socialen Umwälzungen, die in England stattgefunden, die nämlich, welche
+im dreizehnten Jahrhundert der Willkürherrschaft eines Volksstammes über
+den andern und die, welche einige Menschenalter später dem
+Eigenthumsrechte des Menschen am Menschen ein Ende machte, still und
+unmerklich erregt und vollbracht wurden. Die Beobachter jener Zeit
+wurden durch diese Umwälzungen nicht überrascht, und die
+Geschichts&shy;schreiber haben ihnen nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet.
+Weder durch gesetzliche Anordnung, noch
+<span class = "pagenum">I.18</span>
+<a name = "pageI_18" id = "pageI_18"> </a>
+durch physische Kraft wurden sie bewirkt; es waren moralische Ursachen,
+die geräuschlos erst den Abstand zwischen dem Normann und dem Sachsen,
+und später zwischen Herrn und Sklaven verwischten. Den Augenblick genau
+zu bestimmen, wann diese Unterschiede aufhörten, könnte niemand wagen,
+denn es mögen wohl noch spät im vierzehnten Jahrhunderte einige schwache
+Spuren der alten normännischen Sinnesart gefunden werden; auch von den
+Forschern in der Zeit der Stuarts schwache Spuren der Leibeigenschaft
+entdeckt sein, und ist diese Einrichtung bis zur gegenwärtigen Stunde
+gesetzlich noch nicht abgeschafft.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Wohlthätiges Wirken der römisch-katholischen Religion.</span>
+<a name = "secI_13" id = "secI_13">Es</a> würde im hohen Grade ungerecht
+sein, nicht anzuerkennen, daß bei diesen beiden großen Befreiungswerken
+die Religion der gewaltigste Hebel gewesen, und ob ein reinerer Glaube
+sich wirksamer erwiesen hätte, ist wohl in Zweifel zu ziehen. Der
+wohlwollende Geist der christlichen Sittenlehre ist unbezweifelt den
+Kastenunterschieden abhold; aber der römischen Kirche sind sie ganz
+besonders verhaßt, weil sie mit andern ihrem Systeme wesentlichen
+Unterschieden nicht zu vereinbaren sind. So legt sie jedem Priester eine
+geheimnißvolle Würde bei, die ihn berechtigt, von jedem Laien Ehrfurcht
+zu fordern; auch schließt sie niemanden aus Gründen der Nationalität
+oder der Geburt vom Priesterstande aus. Ihre Lehrsätze, so irrig sie in
+Bezug auf den priesterlichen Charakter auch sein mögen, haben schon oft
+einige der größten Übel gemildert, von denen die Gesellschaft
+heimgesucht werden kann. Es darf ein Aberglaube nicht unbedingt für
+schädlich gehalten werden, der in Ländern, die unter dem Fluche der
+Tyrannei eines Volksstammes über den andern seufzen, eine von der
+nationalen Verschiedenheit völlig unabhängige <ins class = "correction"
+title = "Original hat »Aristokartie«">Aristokratie</ins> schafft, das
+Verhältniß zwischen den Bedrückern und Bedrückten umkehrt und den
+erblichen Herrn zwingt, vor dem geistlichen <ins class = "correction"
+title = "Original hat »Richterstule«">Richterstuhle</ins> seines
+erblichen Untergebenen das Knie zu beugen. In Ländern, wo die Sklaverei
+fortbesteht, zeigt sich noch heutigen Tages das Pabstthum in einem
+vortheilhaften Contraste zu andern Formen des Christenthums. Es ist
+allgemein bekannt, daß die gegenseitige Abneigung zwischen den
+europäischen und afrikanischen Racen in Rio Janeiro bei weitem nicht so
+stark ist, als in Washington, und in unserm eigenen Vaterlande äußerte
+diese Eigenthüm&shy;lichkeit des römisch-katholischen Systems zur Zeit
+des Mittelalters manche heilsame Wirkung. Es wurden zwar gleich nach der
+Schlacht bei Hastings sächsische Prälaten und Äbte gewaltsam von ihren
+Ämtern vertrieben und geistliche Abenteurer vom Festlande zu Hunderten
+in reiche Pfründen eingesetzt; aber auch damals erhoben fromme
+Geistliche normännischer Abkunft gegen eine derartige Verletzung der
+Kirchenverfassung ihre Stimmen, lehnten die Annahme der Bischofsmütze
+aus den Händen des Eroberers ab und ermahnten ihn, bei dem Heile seiner
+Seele, nicht zu vergessen, daß die unterjochten Insulaner seine
+Mitchristen seien. Der Erzbischof Anselm war der erste Beschützer, den
+die Engländer unter der herrschenden Kaste fanden. In jener Zeit, wo der
+englische Name als ein Vorwurf galt und alle bürgerlichen und
+militärischen Würden ausschließlich den Landsleuten des Eroberers
+gebührend betrachtet wurden, nahm der verachtete Volksstamm mit
+lebhafter Freude die Nachricht auf, daß einer der seinigen, Nikolaus
+Breakspear, auf den päbstlichen Stuhl erhoben sei und Gesandten, den
+edelsten Häusern der Normandie entsprossen, seinen Fuß zum Kusse
+gereicht habe. Es war nicht minder ein nationaler als ein religiöser
+Drang, der Massen von
+<span class = "pagenum">I.19</span>
+<a name = "pageI_19" id = "pageI_19"> </a>
+Menschen zu der Kapelle Becket’s trieb, des ersten Engländers, der den
+fremden Tyrannen seit der Eroberung furchtbar geworden. Unter denen,
+welche jenen Freibrief errangen, der die Privilegien der normännischen
+Barone und der sächsischen Freisassen zugleich sicherte, stand ein
+Nachfolger Becket’s in erster Reihe. Wieviel die katholische
+Geistlichkeit später bei der Abschaffung der Leibeigenschaft mitgewirkt
+hat, erfahren wir aus dem unverwerflichen Zeugnisse des Sir Thomas
+Smith, eines der befähigtesten protestantischen Räthe Elisabeths. Wenn
+der sterbende Sklavenbesitzer nach dem letzten Sacramente verlangte, so
+beschworen ihn stets seine geistlichen Beistände bei dem Heile seiner
+Seele, er möge seine Brüder freigeben, für die Christus gestorben sei.
+Die Kirche wendete ihr furchtbares Getriebe mit einem solchen Erfolge
+an, daß noch vor dem Eintritte der Reformation fast alle Leibeigenen im
+Königreiche frei geworden, mit Ausnahme der ihr selbst angehörigen, die,
+wie man ihr nachrühmen muß, einer sehr milden Behandlung genossen zu
+haben scheinen.</p>
+
+<p>Es unterliegt keinem Zweifel, daß nach diesen beiden großen
+Revolutionen unsere Vorfahren von allen Völkern in Europa die beste
+Regierung besaßen. Das gesellschaftliche System hatte sich drei
+Jahrhunderte hindurch ununterbrochen heilsam entwickelt. Es hat unter
+den ersten Plantagenets Barone gegeben, die ihrem souverainen Herrscher
+Trotz zu bieten vermochten, und Bauern, die mit den Schweinen und
+Ochsen, welche sie hüteten, auf eine gleiche Stufe heruntergebracht
+waren: die maßlose Gewalt der Barone war nach und nach geschwächt, der
+Zustand des Bauern gehoben worden, und zwischen dem Adel- und dem
+Arbeiterstande hatte sich eine landbau- und handeltreibende Mittelklasse
+gebildet. Es mögen nun immerhin noch mehr Ungleichheiten bestanden
+haben, als dem Glücke und der Tugend unseres Geschlechts ersprießlich
+gewesen; aber niemand konnte sich der Autorität der Gesetze entziehen,
+und niemand war völlig von dem Schutze desselben ausgeschlossen.</p>
+
+<p>Daß die staatlichen Einrichtungen Englands schon in dieser frühen
+Zeit von den Engländern mit Stolz und Liebe und von den aufgeklärtesten
+Männern der Nachbarvölker mit Bewunderung und Neid betrachtet wurden,
+läßt sich klar und deutlich beweisen; aber über die Beschaffenheit
+dieser Einrichtungen ist oft unredlich und bitter gestritten worden.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die frühere englische Staats&shy;verfassung als oft falsch
+dargestellt.</span>
+<a name = "secI_14" id = "secI_14">Die</a> geschichtliche Literatur
+Englands hat in der That unter einem Umstande hart gelitten, der nicht
+wenig zu dem Glücke desselben beigetragen. So groß die Umgestaltung
+seines Staats&shy;wesens in den letzten sechs Jahrhunderten auch gewesen
+ist, sie war doch nur eine Wirkung allmäligen Fortschreitens, und nicht
+des Zerstörens und Wiederaufbauens. Die jetzige Verfassung unseres
+Vaterlandes verhält sich zu jener, unter der es vor fünfhundert Jahren
+blühte, wie der Baum zu dem Sprößlinge, wie der Mann zu dem Knaben. Die
+Umwandlung war eine große; aber nie hat es eine Zeit gegeben, in der
+nicht der Haupttheil des Bestehenden alt gewesen wäre. Eine auf diese
+Weise entstandene Staats&shy;verfassung muß natürlich viel
+Unregelmäßigkeiten enthalten; aber neben den Übeln, die nur aus
+Unregelmäßigkeiten hervorgehen, besitzen wir viel, was sie reichlich
+aufwiegt. Andere Staaten besitzen regelrechter aufgestellte
+Verfassungen; aber keinem andern ist es bis jetzt gelungen, Revolution
+und Gesetz, Fortschritt und Stehenbleiben, die rüstige Kraft der Jugend
+mit der Majestät kaum erdenklichen Alterthums zu vereinigen.</p>
+
+<span class = "pagenum">I.20</span>
+<a name = "pageI_20" id = "pageI_20"> </a>
+<p>Diese große Segnung hat aber auch ihre Schattenseiten, und eine
+derselben ist, daß die Quellen, in denen wir Aufklärung über unsere
+frühere Geschichte suchen, vom Parteigeiste vergiftet sind. Es giebt
+kein Land, in dem die Staats&shy;männer so unter dem Einflusse der
+Vergangenheit gestanden, und die Geschichts&shy;schreiber sich so von
+der Gegenwart leiten ließen. Allerdings besteht zwischen beiden
+Erscheinungen ein natürlicher Zusammenhang; denn wenn die Geschichte nur
+als eine Schilderung des Lebens und der Sitten, oder als eine Sammlung
+von Versuchen betrachtet wird, aus der sich allgemeine Grundsätze der
+Staats&shy;weisheit ableiten lassen, wird der Geschichts&shy;schreiber
+sich eben nicht stark versucht fühlen, Begebenheiten aus alter Zeit
+falsch darzustellen. Wenn aber die Geschichte als ein Archiv mit
+Urkunden angesehen, von denen die Rechte der Regierungen und der Völker
+abhangen, so wird die Neigung zu fälschen fast unwiderstehlich. Für
+einen Franzosen giebt es jetzt kein Interesse, das ihn antriebe, die
+Macht der Könige aus dem Hause Valois zu hoch zu erheben oder zu klein
+darzustellen. Die Privilegien der allgemeinen Reichsstände, der Stände
+von Bretagne und von Burgund sind jetzt Dinge von eben so wenig
+praktischer Wichtigkeit, als die Verfassung des jüdischen Sansedrin oder
+des Amphiktyonen&shy;gerichts. Das neue System wird von dem alten durch
+die Kluft einer großen Revolution völlig geschieden. Für die englische
+Nation giebt es keine solche Kluft, die ihre Existenz in zwei bestimmt
+geschiedene Theile trennt. Unsere Gesetze und Gewohnheiten sind nie in
+einem allgemeinen, nicht wieder auszugleichenden Umsturze untergegangen;
+die im Mittelalter stattgehabten Ereignisse sind für uns immer noch
+vollgültig, die größten Staats&shy;männer nehmen bei den wichtigsten
+Veranlassungen Bezug darauf. Als zum Beispiel König Georg III. so krank
+wurde, daß er den Verrichtungen seines königlichen Amtes nicht obliegen
+konnte, und die Mehrzahl der tüchtigsten Rechtsgelehrten und Politiker
+über das unter diesen Umständen einzuschlagende Verfahren sehr
+getheilter Meinung waren, erklärten die Häuser des Parlaments, nur dann
+zur Berathung irgend eines Regentschaftsplanes zu schreiten, wenn alle
+Beispiele, die von der frühesten Zeit an in unsern Annalen zu finden,
+zusammengestellt und geordnet seien. Es wurden Ausschüsse ernannt,
+welche die alten Urkunden des Reichs prüfen sollten. Der erste Vorgang,
+über den Bericht erstattet wurde, war der aus dem Jahre 1217; man legte
+den Vorgängen aus den Jahren 1326, 1377 und 1422 große Wichtigkeit bei,
+aber als den Fall, der hier mit Recht maßgebend sein könne, hielt man
+den von 1455. Und so wurden oft in unserm Vaterlande die theuersten
+Parteiinteressen von den Resultaten antiquarischer Forschungen abhängig
+gemacht. Die nicht zu vermindernde Folge davon war, daß unsere
+Alterthums&shy;forscher ihre Untersuchungen als Parteimänner
+anstellten.</p>
+
+<p>Man kann sich daher nicht wundern, wenn Diejenigen, welche über die
+Grenzen des Hoheitsrechtes und der Freiheit in der alten englischen
+Staats&shy;verfassung geschrieben haben, gewöhnlich nicht als Richter,
+sondern als eifrige, unredliche Advokaten aufgetreten sind; sie
+verhandelten ja nicht über einen spekulativen, sondern über einen
+solchen Stoff, der in einem unmittelbaren praktischen Zusammenhange mit
+den wichtigsten und aufregendsten Streitfragen ihrer Zeit stand. &mdash;
+Von dem Beginne des langen Streites zwischen dem Parlamente und den
+Stuarts bis zu der Zeit, wo die Ansprüche der Letztern nicht mehr
+furchtbar waren, gab es wenig praktisch wichtigere Fragen als die, ob
+die Regierung dieser Familie
+<span class = "pagenum">I.21</span>
+<a name = "pageI_21" id = "pageI_21"> </a>
+mit der alten Verfassung des Königreichs in Übereinstimmung gestanden
+habe oder nicht. Diese Frage konnte nur dadurch entschieden werden, daß
+man die Geschichts&shy;berichte über frühere Regierungen in Betracht
+zog. &mdash; Bracton und Fleta, der „Spiegel der Gerechtigkeit“ und die
+Parlamentsarchive wurden durchforscht, um Beschönigungen für die
+Übergriffe der Sternkammer sowohl, als für die des höchsten
+Gerichtshofes aufzufinden. Viele Jahre hindurch suchte jeder
+whiggistische Geschichts&shy;schreiber eifrig den Beweis zu führen, daß
+die altenglische Regierungsform eine republikanische, und jeder
+toryistische, daß sie eine despotische gewesen sei.</p>
+
+<p>So gesinnt blickten beide Parteien in die Chroniken des Mittelalters.
+Beide fanden sehr leicht, was sie suchten; aber beide wollten hartnäckig
+auch nur das sehen, was sie suchten. Die Eiferer für die Stuarts konnten
+eben so leicht Beispiele von Bedrückungen der Unterthanen, als die
+Vertheidiger der Rundköpfe Beispiele davon auffinden, daß der Krone
+entschlossen und erfolgreich Widerstand geleistet worden sei. Die Tories
+führten aus alten Schriften fast eben so unterwürfige Ausdrücke an, als
+die waren, welche man von der Kanzel von Mainwaring herab hörte, und die
+Whigs entdeckten eben so kühne und strenge Worte, als je von Bradshaw’s
+Richtersitze ertönten. Eine Partei von Schriftstellern stellte
+zahlreiche Beispiele von Gelderpressungen auf, die sich Könige ohne
+Bewilligung des Parlaments erlaubt hatten; andere führten Fälle an, in
+denen das Parlament sich die Macht angeeignet hatte, den König zu
+bestrafen. Wer nur die eine Hälfte der Beweise sah, hätte glauben mögen,
+die Plantagenets seien unumschränkt wie die türkischen Sultane gewesen;
+wer nur die andere sah, hätte schließen können, daß die Plantagenets
+eben so wenig wirkliche Macht gehabt, als die Dogen von Venedig, und
+beide Folgerungen wären gleich weit von der Wahrheit entfernt
+gewesen.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Natur der beschränkten Monarchien des Mittelalters.</span>
+<a name = "secI_15" id = "secI_15">Die</a> alte englische Verfassung
+gehörte jener Klasse beschränkter Monarchien an, die im Mittelalter in
+Westeuropa entstanden, und, mancher Verschiedenheiten ungeachtet,
+dennoch eine große Familienähnlichkeit unter einander hatten. Eine
+solche Ähnlichkeit kann nicht befremden. Die Länder, in denen diese
+Monarchien entstanden, waren Provinzen eines und desselben großen
+kultivirten Reichs gewesen, das fast gleichzeitig von Stämmen einer und
+derselben rohen und kriegerischen Nation überfallen und unterjocht
+worden war. Sie waren ferner Glieder eines und desselben großen Bundes
+gegen den Islam, und standen mit einer und derselben stolzen und
+ehrgeizigen Kirche in Gemeinschaft. Ihre Staats&shy;verfassung nahm nun
+natürlich eine gleiche Form an. Die Institutionen derselben entstammten
+theils dem kaiserlichen, theils dem päbstlichen Rom, theils dem alten
+Germanien. Alle hatten Könige, und in allen war die Königswürde nach und
+nach streng erblich geworden; alle hatten einen Adel mit Vorrechten, die
+ursprünglich auf militärischen Rang basirt waren. Die Ritterwürde und
+die Wappenregeln besaßen alle gemein&shy;schaftlich; ebenso hatten alle
+reich dotirte kirchliche Stiftungen, städtische Korporationen mit
+ausgedehnten Freiheiten, und Reichsversammlungen, deren Genehmigung zur
+Gültigkeit vieler öffentlicher Akte erforderlich war.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Hoheitsrechte der frühern englischen Könige.</span>
+<a name = "secI_16" id = "secI_16">Von</a> allen diesen einander
+ähnlichen Verfassungen ward die englische, schon von einer frühen Zeit
+an, mit Recht für die beste gehalten. Die Hoheitsrechte des Regenten
+erstreckten sich unzweifelhaft sehr weit. Der Geist der Religion
+<span class = "pagenum">I.22</span>
+<a name = "pageI_22" id = "pageI_22"> </a>
+und des Ritterthums wirkten vereint zur Erhöhung seiner Würde. Das
+heilige Öl war auf sein Haupt gegossen worden; den tapfersten und
+edelsten Rittern war es keine Erniedrigung, vor seinen Füßen zu knien.
+Seine Person war unverletzlich, er allein nur besaß das Recht, die
+Stände des Reichs zu berufen und nach Belieben zu entlassen, und alle
+legislativen Handlungen derselben bedurften seiner Zustimmung. Er stand
+an der Spitze der ausübenden Verwaltung, war das einzige Organ in den
+Verhandlungen mit auswärtigen Mächten, der Oberbefehlshaber der Land-
+und See-Macht des Staats, der Quell der Gerechtigkeit, der Gnade und der
+Ehre. Der Regent besaß weitgreifende Befugnisse zur Regelung des
+Handels: er hatte das Recht, Münzen schlagen zu lassen, Maaß und Gewicht
+festzustellen und Märkte und Häfen zu gründen. Seine Rechte als
+Schirmherr der Kirche waren unermeßlich; seine erblichen Einkünfte, wenn
+sie sparsam verwaltet wurden, reichten zur Deckung der gewöhnlichen
+Regierungs&shy;kosten aus. Der ihm eigenthümliche Grundbesitz hatte eine
+weite Ausdehnung, und in der Eigenschaft als Oberlehnsherr des gesammten
+Grund und Bodens seines Königreichs besaß er manches einträgliche und
+furchtbare Recht, das ihn in den Stand setzte, seine Gegner zu
+beeinträchtigen und niederzudrücken, Diejenigen aber, die seine Gunst
+genossen, ohne eigene Kosten zu bereichern und zu erheben.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Beschränkungen der Hoheitsrechte.</span>
+<a name = "secI_17" id = "secI_17">Aber</a> seine Macht, wenn auch weit
+ausgedehnt, ward dennoch durch drei große verfassungs&shy;mäßige
+Bestimmungen beschränkt, die so alt waren, daß niemand den Beginn ihrer
+Existenz kennt, und so wirksam, daß ihre natürliche, viele Menschenalter
+hindurch fortgesetzte Entwickelung die Ordnung der Dinge hervorgebracht
+hat, unter der wir jetzt leben.</p>
+
+<p>Erstens konnte der König, ohne die Zustimmung seines Parlaments kein
+Gesetz erlassen; zweitens konnte er ohne die Zustimmung desselben keine
+Steuern ausschreiben, und drittens war er gehalten, die exekutive Gewalt
+nach den Landesgesetzen zu üben; verletzte er diese Gesetze, so waren
+seine Räthe und Beamten verantwortlich.</p>
+
+<p>Kein aufrichtiger Tory wird läugnen können, daß diese Prinzipien vor
+fünfhundert Jahren die Geltung von Grundgesetzen erlangt hatten;
+andererseits wird kein ehrlicher Whig behaupten, daß sie in derselben
+frühen Zeit frei von aller Zweideutigkeit gewesen und in allen ihren
+Konsequenzen streng durchgeführt seien. Eine Verfassung des Mittelalters
+ging nicht, wie im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, als
+selbstständiges Ganze aus einem einzigen Akte hervor, und ward eben so
+wenig in einer einzigen Urkunde vollständig niedergelegt; nur in dem
+verfeinerten und spekulativen Zeitalter wird das Staatswesen
+systematisch geordnet. Der Fortschritt des Staats&shy;wesens in
+ungebildeten Gesellschaften läßt sich mit dem der Sprache und der
+Verskunst vergleichen. Ungebildete Gesellschaften haben oft eine reiche
+und kräftige Sprache, aber es fehlt ihnen eine wissenschaftliche
+Grammatik, die Definition von Haupt- und Zeitwörtern, die Namen für
+Deklinationen, Modi, Tempora und Laute; sie haben eine Verskunst die oft
+viel Kraft und Anmuth besitzt; aber sie haben keine Regeln des
+Versmaßes, und der Minstrel, dessen nur durch das Ohr geregelte Verse
+die Hörer entzücken, würde selbst nicht angeben können, aus wieviel
+Dactylen und Trochäen jede seiner Zeilen besteht. Gleich der
+Beredtsamkeit, die älter als die Syntaxis, und dem Gesange, der älter
+als die Prosodie ist, kann ein Staat lange zuvor, ehe die Grenzen
+zwischen der gesetzgebenden,
+<span class = "pagenum">I.23</span>
+<a name = "pageI_23" id = "pageI_23"> </a>
+ausübenden und richterlichen Gewalt genau bestimmt sind, einen hohen
+Grad der Vortrefflichkeit erlangt haben.</p>
+
+<p>So war es in unserm Vaterlande. Zwar war die Grenzlinie der
+königlichen Gewalt im Allgemeinen ziemlich klar, aber nicht überall mit
+Genauigkeit und Bestimmtheit angegeben. Deshalb gab es nahe der Grenze
+einen streitigen Boden, auf dem stets Eingriffe und Zurückerpressungen
+stattfanden, bis endlich nach Jahrhunderten des Kampfes bestimmte und
+dauerhafte Grenzmarken errichtet wurden. Es dürfte lehrreich sein,
+anzugeben, auf welche Weise und bis zu welcher Ausdehnung unsere frühern
+Regenten die drei großen Grundsätze, welche die Freiheiten des Volks
+schützten, gewöhnlich zu verletzen pflegten.</p>
+
+<p>Kein englischer König hat je die gesetzgebende Gewalt in ihrem ganzen
+Umfange beansprucht. Der gewaltthätigste und herrschsüchtigste
+Plantagenet hat sich nie das Recht angemaßt, ohne die Zustimmung seines
+großen Rathes anzuordnen, daß eine Jury aus zehn, statt aus zwölf
+Personen bestehen, daß das Gedinge einer Witwe das Viertheil statt des
+Drittheils betragen, daß der Meineid als ein Todesverbrechen betrachtet,
+oder daß der Gebrauch der gleichmäßigen Erbtheilung unter Brüdern in
+<ins class = "correction" title = "Original hat »Yorkshier«">Yorkshire</ins> eingeführt werden solle<a class = "tag"
+name = "tagI_2" id = "tagI_2" href = "#noteI_2">2</a>. Aber dem Könige
+stand das Recht zu, Verbrecher zu begnadigen, und es giebt einen Punkt,
+wo das Recht der Begnadigung und das Recht der Gesetzgebung in einander
+zu fließen scheinen und leicht, wenigstens in einer nicht aufgeklärten
+Zeit, verwechselt werden können. Ein Strafgesetz ist thatsächlich
+aufgehoben, wenn die durch dasselbe auferlegten Strafen so oft erlassen
+werden, als sie verwirkt sind. Der Souverain besaß ohne Zweifel die
+Befugniß, unbeschränkt Strafen zu erlassen; demnach war er befugt, ein
+Strafgesetz thatsächlich aufzuheben. Es konnte scheinen, als ließe sich
+kein begründeter Einwand aufstellen, wenn er das, was ihm thatsächlich
+auszuführen zustand, auch formell ausführen wollte. So entstand an der
+zweifelhaften Grenze zwischen der vollziehenden und gesetzgebenden
+Gewalt mit Hilfe spitzfindiger und höfischer Rechtsgelehrten die große
+Anomalie, die unter dem Namen des Begnadigungsrechts bekannt ist.</p>
+
+<p>Seit undenklichen Zeiten ist es in England unbestritten ein
+Fundamentalgesetz gewesen, daß der König ohne Bewilligung des
+Parlamentes Steuern nicht auferlegen könne. Dieses Gesetz befand sich
+unter den Artikeln, zu deren Unterzeichnung Johann von den Baronen
+gezwungen wurde. Eduard&nbsp;I. wagte es, diese Bestimmung zu
+überschreiten; aber er stieß, obgleich er sehr geschickt, mächtig und
+bei dem Volke beliebt war, auf einen Widerstand, dem nachzugeben er für
+gut befand. Deshalb gelobte er ausdrücklich für sich und seine Erben,
+nie wieder ohne Zustimmung und Willfährigkeit der Stände irgend eine
+Steuer erheben zu wollen. Diesen feierlichen Vertrag versuchte sein
+mächtiger und siegreicher Enkel zu brechen, aber dem Versuche ward ein
+kräftiger Widerstand entgegengesetzt. Entmuthigt gaben die Plantagenets
+endlich diesen Punkt auf; aber wenn sie auch offen das Gesetz nicht mehr
+verletzten, so wußten sie dennoch durch Umgehung desselben sich
+vorkommenden Falls zu temporären Zwecken außerordentlich Beihilfe zu
+verschaffen. Das Eintreiben von Steuern war ihnen nicht erlaubt, aber
+sie nahmen das Recht in Anspruch, zu bitten und zu borgen; sie baten
+dann mitunter in einem Tone, der dem des Befehlens nicht
+<span class = "pagenum">I.24</span>
+<a name = "pageI_24" id = "pageI_24"> </a>
+unähnlich war, und borgten nicht selten, ohne viel an Rückzahlung zu
+denken. Aber schon in der Thatsache, daß man für nöthig hielt, diese
+Erpressungen mit den Namen freiwilliger Steuern und Darlehn zu
+bemänteln, liegt der genügende Beweis, daß die Gültigkeit der großen
+verfassungs&shy;mäßigen Bestimmung allgemein anerkannt war.</p>
+
+<p>Daß der Grundsatz, „der König von England ist verbunden, das Land den
+Gesetzen gemäß zu verwalten, und seine Räthe und Beamten sind
+verantwortlich, wenn er wider das Gesetz handelt,“ schon in einer sehr
+frühen Zeit festgestellt worden, beweisen die strengen Urtheile, die oft
+gegen die Günstlinge des Königs erlassen und vollzogen sind; aber dessen
+ungeachtet ist es auch erwiesen, daß die Plantagenets oft die Rechte
+einzelner Personen verletzten, nur damit die beeinträchtigten Parteien
+oft keine Rechtshilfe erlangen konnten. Nach dem Gesetze konnte kein
+Engländer auf den alleinigen Befehl des Herrschers verhaftet oder
+gefangen gehalten werden; aber es ist thatsächlich, daß der Regierung
+mißliebige Personen ohne jede andere Autorität als den königlichen
+Befehl eingekerkert wurden. Nach dem Gesetze durfte die Folter, die
+Schmach der römischen Rechtspflege, unter allen Umständen bei keinem
+englischen Unterthanen angewendet werden; nichtsdestoweniger wurde bei
+den Wirren des fünfzehnten Jahrhunderts eine Folterbank in dem Tower
+aufgestellt, und gelegentlich unter dem Vorwande politischer
+Nothwendigkeit, angewendet. Aus solchen Gesetzwidrigkeiten den Schluß
+ziehen zu wollen, die englischen Monarchen seien in der Theorie oder
+Praxis unumschränkt gewesen, würde indeß ein großer Irrthum sein. Wir
+leben in einer höchst gebildeten bürgerlichen Gesellschaft, in der
+mittelst der Presse und der Post Nachrichten so reißend schnell
+verbreitet werden, daß jeder Act grober Rechtsverletzung, in welchem
+Theile unserer Insel er auch begangen sein mag, in wenig Stunden von
+Millionen besprochen wird. Wollte jetzt ein englischer Souverain, der
+Habeas Corpus Acte entgegen, einen Unterthanen einkerkern oder einen
+Verschwörer auf die Folterbank spannen lassen, die Nachricht davon würde
+augenblicklich die ganze Nation electrisiren. Im Mittelalter war der
+Zustand der Gesellschaft ein ganz anderer; selten und nur mit großer
+Schwierigkeit gelangten die Beeinträchtigungen Einzelner zur Kenntniß
+des Publikums. Monate lang konnte Jemand gesetzwidrig in dem Schlosse
+von Carlisle oder Norwich gefangen gehalten werden, ohne daß die
+leiseste Kunde davon nach London kam; und es ist sehr wahrscheinlich,
+daß die Folterbank manches Jahr gebraucht worden, ehe die Mehrzahl des
+Volks auch nur geahnt, daß sie je in Anwendung gebracht. Auch waren
+unsere Vorfahren durchaus nicht so fest von der Nothwendigkeit
+überzeugt, große allgemeine Regeln festzuhalten, als wir; denn wir haben
+aus langer Erfahrung gelernt, daß man irgend eine Verletzung der
+Verfassung nicht ohne Gefahr unbemerkt könne vorübergehen lassen. Man
+theilt jetzt allgemein die Ansicht, daß eine Regierung die strenge Rüge
+des Parlamentes verdiene, wenn sie Vollmachten unnöthigerweise
+überschreitet; daß sie aber, wenn sie im Drange der Nothwendigkeit und
+aus reiner Absicht ihre Vollmachten überschritten hat, ohne Verzug das
+<ins class = "correction" title = "Original hat »Parlement«">Parlament</ins> um nachträgliche Genehmigung angehen müsse.
+Aber so dachten die Engländer des vierzehnten und fünfzehnten
+Jahrhunderts nicht; sie zeigten wenig Neigung, eines Grundsatzes wegen,
+und nur seiner selbst wegen, zu streiten, oder gegen eine
+Regelwidrigkeit, die nicht zugleich eine Belästigung war, Beschwerde zu
+führen. So lange im Allgemeinen die Verwaltung einen milden und
+volksthümlichen Charakter trug, gestatteten
+<span class = "pagenum">I.25</span>
+<a name = "pageI_25" id = "pageI_25"> </a>
+sie ihrem Regenten gern einigen Spielraum; ja sie verziehen ihm nicht
+nur bei allgemein als gut anerkannten Zwecken eine das Gesetz
+überschreitende Gewalt, sie zollten ihm auch noch Beifall, und waren, so
+lange sie unter seiner Regierung sich der Sicherheit und Wohlfahrt
+erfreuten, nur zu geneigt zu glauben, daß der, den seine Ungunst
+getroffen, sie auch verdient habe. Aber diese Nachsicht hatte eine
+Grenze, und der König, der zu viel auf die Langmuth des englischen
+Volkes baute, handelte nicht weise, denn es gestattete ihm wohl
+mitunter, die verfassungs&shy;mäßige Linie zu überschreiten, aber es
+beanspruchte dann auch für sich selbst das Recht, über diese Linie
+hinauszugehen, wenn seine Übergriffe so ernst waren, daß sie Besorgniß
+erweckten. Wagte er, nicht zufrieden mit der gelegentlichen Bedrückung
+Einzelner, große Massen zu bedrücken, so riefen seine Unterthanen
+schleunig die Gesetze an, und war diese Berufung ohne Erfolg, so wandten
+sie sich eben so schleunig an den Gott der Schlachten.</p>
+
+<p class = "footnote">
+<a name = "noteI_2" id = "noteI_2" href = "#tagI_2">2.</a>
+Dies hat Hallam im ersten Kapitel seiner <span class = "antiqua"><ins
+class = "correction" title = "ungeändert">constitutional</ins>
+History</span> vortrefflich auseinandergesetzt.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Widerstand, die gewöhnliche Schranke der Tyrannei im Mittelalter.</span>
+<a name = "secI_18" id = "secI_18">Die</a> Engländer durften aber auch
+ruhig dem Könige einige Übergriffe nachsehen, denn sie besaßen für den
+Fall der Noth einen Zügel, der den ungestümsten und stolzesten Herrscher
+bald zur Vernunft brachte, den Zügel der physischen Gewalt. Einem
+Engländer des neunzehnten Jahrhunderts wird es schwer fallen, sich einen
+Begriff davon zu machen, wie leicht und schnell vor vierhundert Jahren
+ein solches Mittel angewendet wurde. Das Volk versteht seit langer Zeit
+nicht mehr, die Waffen zu gebrauchen. Unsern Voreltern war die Stufe der
+Vollendung unbekannt, auf der jetzt die Kriegskunst steht, und nur eine
+besondere Klasse besitzt die Kenntniß derselben. Hunderttausend Mann gut
+disciplinirter und gut geleiteter Truppen halten Millionen von Bauern
+und Handwerkern nieder, und einige Regimenter Garden reichen aus, um
+allen unzufriedenen Geistern einer großen Hauptstadt Furcht einzuflößen.
+Zugleich läßt aber auch die stete Vermehrung des Wohlstandes dem
+denkenden Menschen einen Aufstand weit furchtbarer erscheinen, als eine
+schlechte Regierung. Es sind ja unermeßliche Summen auf Werke verwendet,
+die bei dem Ausbruche einer Revolution in wenig Stunden zu Grunde gehen
+würden. Schon die Masse von beweglichen Gütern, die allein in den Läden
+und Magazinen von London aufgespeichert liegt, übersteigt diejenige
+fünfhundertmal, welche die ganze Insel zur Zeit der Plantagenets
+enthielt; stürzte man nun die Regierung durch physische Gewalt, so
+würden alle diese beweglichen Güter einer drohenden Gefahr der
+Plünderung und Zerstörung ausgesetzt sein. Aber noch größer wäre die
+Gefahr für den öffentlichen Credit, mit dem die Existenz Tausender von
+Familien unmittelbar zusammenhängt, und mit dem der Credit der ganzen
+Handelswelt unzertrennlich verbunden ist. Man kann ohne Übertreibung
+behaupten, daß ein Bürgerkrieg, nur eine Woche auf englischem Boden
+geführt, jetzt ein Unheil erzeugen würde, das vom Hoangho bis zum
+Missouri sich fühlbar macht und Spuren zurückläßt, die nach einem
+Jahrhunderte noch sichtbar sind. In einem solchen Zustande der
+Gesellschaft muß der Widerstand als ein Heilmittel betrachtet werden,
+das bei weitem verzweifelter ist, als jede Krankheit, die den Staat
+heimsuchen kann. Zur Zeit des Mittelalters dagegen wandte man den
+Widerstand als ein gewöhnliches Heilmittel gegen politische Übel an,
+denn es war ein Mittel, das man stets bei der Hand hatte und, wenn auch
+für den Augenblick von starker Wirkung, dennoch ohne empfindliche und
+dauernde Folgen blieb. Wenn ein bei dem Volke angesehener Führer
+<span class = "pagenum">I.26</span>
+<a name = "pageI_26" id = "pageI_26"> </a>
+sein Banner für eine volksthümliche Sache erhob, so konnte in einem Tage
+eine unregelmäßige Armee versammelt sein. Regelmäßige Truppen gab es
+damals nicht. Jeder war ein wenig Soldat, aber keiner mehr als das. Der
+Nationalreichthum bestand vorzüglich in Viehherden, in der jährlichen
+Erndte und in den einfachen, vom Volke bewohnten Gebäuden. Sämmtliche
+Hausgeräthe, die Vorräthe in den Kaufläden, und die Maschinen des ganzen
+Reichs waren nicht so viel werth, als das Eigenthum einzelner
+Kirchspiele unserer Zeit. Das Fabrikwesen war roh, der Credit fast
+unbekannt. Die Gesellschaft erholte sich daher von der Erschütterung,
+sobald der sie bewirkende Stoß vorüber war. Das Gemetzel auf dem
+Schlachtfelde, einige nachfolgende Hinrichtungen und Güterconfiscationen
+waren sämmtliche Drangsale eines Bürgerkriegs. Eine Woche später trieb
+der Bauer wieder sein Gespann, und der Edelmann ließ wieder seine Falken
+über das Feld von Towton oder Bosworth fliegen, als ob kein
+ungewöhnliches Ereigniß den gewöhnlichen Lauf des menschlichen Lebens
+unterbrochen hätte.</p>
+
+<p>Es sind nun hundert&shy;undsechzig Jahre verflossen, seit das
+englische Volk gewaltsam eine Regierung gestürzt hat. Während der
+einhundert&shy;undsechzig Jahre vor der Vereinigung der Rosen regierten
+neun Könige in England. Sechs von diesen neun Königen wurden abgesetzt,
+und fünf verloren mit der Krone auch das Leben. Hieraus geht klar
+hervor, daß jeder Vergleich zwischen unserer alten und neuen Staatsform
+zu völlig unrichtigen Schlüssen führen muß, wenn man die Wirkung des den
+Plantagenets durch den Widerstand und durch die stete Furcht vor
+demselben auferlegten Zwanges nicht streng berücksichtigt. Unsere
+Vorfahren besaßen ein sehr kräftiges Schutzmittel gegen die Tyrannei,
+das uns fehlt, und deshalb konnten sie ohne Bedenken auf andere
+Garantien verzichten, denen wir mit Recht die höchste Wichtigkeit
+beilegen. Da wir aber die Schranke der physischen Gewalt einer
+schlechten Regierung nicht entgegenstellen können, ohne uns der Gefahr
+von Übeln auszusetzen, vor denen der Gedanke allein schon zurückbebt, so
+handeln wir offenbar sehr klug, wenn wir alle verfassungs&shy;mäßigen
+Hinderungsmittel einer solchen Regierung gegenüber stets im Stande der
+Wirksamkeit erhalten, die Anfänge von Übergriffen eifersüchtig bewachen,
+und Abweichungen von der Regel, auch wenn sie an und für sich
+unbedenklich erscheinen, nicht ungerügt hingehen lassen, damit sie nicht
+die Bedeutung von Präcedenzfällen erhalten. Eine so scharfe Wachsamkeit
+war vor vierhundert Jahren unnöthig. Ein Volk kühner Bogenschützen und
+Lanzenträger konnte, ohne große Gefahr für seine Freiheiten, dem Fürsten
+einige Ungesetzlichkeiten nachsehen, dessen Regierung im Allgemeinen gut
+und dessen Thron durch keine Compagnie geübter Soldaten beschützt
+war.</p>
+
+<p>Mag immerhin dieses System in Vergleich mit jenen sorgfältig
+ausgearbeiteten Verfassungen, an denen die letzten siebzig Jahre so
+fruchtbar gewesen, roh erscheinen, so erfreuten sich die Engländer
+dennoch unter demselben eines hohen Maßes von Freiheit und Glück.
+Obgleich der Staat unter der schwachen Regierung Heinrichs&nbsp;VI. in
+erster Zeit durch Parteiungen und zuletzt durch den Bürgerkrieg
+zerrissen wurde; obgleich Eduard&nbsp;IV. ein ausschweifender und
+herrschsüchtiger Fürst war; obgleich Richard III. als ein Ungeheuer von
+Schlechtigkeiten geschildert worden ist, und obgleich die Bedrückungen
+Heinrichs VII. großen Mißmuth erregten: so steht es dennoch fest, daß
+unsere Vorfahren unter diesen Königen weit besser regiert wurden, als
+die Belgier unter Philipp, dem man den
+<span class = "pagenum">I.27</span>
+<a name = "pageI_27" id = "pageI_27"> </a>
+Beinamen des Guten gegeben, oder als die Franzosen unter jenem Ludwig,
+den man den Vater seines Volkes nannte. Es scheint selbst, daß unser
+Vaterland, während die Kriege der Rosen am ärgsten wütheten, sich in
+einer glücklichern Lage befunden habe, als die benachbarten Reiche in
+den Jahren tiefen Friedens. Comines war einer der aufgeklärtesten
+Staats&shy;männer seiner Zeit; er hatte die reichsten und die gebildeten
+Theile des Festlandes besucht, hatte in den reichen Städten von
+Flandern, den Manchesters und Liverpools des fünfzehnten Jahrhunderts,
+sich aufgehalten, das eben erst durch die Prachtliebe Lorenzo’s neu
+geschmückte Florenz gesehen, und ebenso Venedig, bevor es durch die
+Verbündeten von Cambray gedemüthigt war: dieser ausgezeichnete
+Staatsmann erklärte nach reiflicher Erwägung, daß England von allen
+Ländern, die er kenne, am besten regiert werde. Die Verfassung desselben
+bezeichnete er ausdrücklich als ein gerechtes und heiliges Werk, das
+zugleich dem Volke Schutz, und der Hand des Fürsten, der es achte, wahre
+Stärke verleihe. Es seien die Unterthanen, sagte er, in keinem andern
+Lande so sicher vor Unrecht geschützt. Die aus unsern inneren Kriegen
+hervorgegangenen Drangsale erstreckten sich, nach seiner Ansicht, nur
+auf den Adel und die kampffähigen Männer; sie hinterließen keine Spuren,
+als <ins class = "correction" title = "Original hat »zestörte«">zerstörte</ins> Wohnplätze und entvölkerte Städte, wie er
+sie an andern Orten zu sehen gewohnt war.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Eigenthüm&shy;licher Charakter der englischen Aristokratie.</span>
+<a name = "secI_19" id = "secI_19">Es</a> war jedoch die Wirksamkeit der
+die königlichen Hoheitsrechte beschränkenden Bestimmungen nicht allein,
+wodurch sich England vor den meisten Nachbarländern vortheilhaft
+unterschied; das Verhältniß des hohen Adels zu den übrigen Volksklassen
+war eine gleich wichtige, wenn auch weniger beachtete
+Eigenthüm&shy;lichkeit. Es gab zwar eine starke erbliche Aristokratie,
+aber sie war von allen dergleichen Aristokratien die am wenigsten
+anmaßende und ausschließende, denn sie besaß nichts von dem gehässigen
+Charakter einer Kaste, sie nahm fortwährend Glieder aus dem Volke in
+sich auf, und gab aus ihrer Mitte dem Volke Glieder, die sich mit ihm
+mischten. Jeder Gentleman konnte ein Peer werden. Der jüngere Sohn eines
+Peers war nur ein Gentleman, und die Enkel von Peers standen im Range
+neuernannten Rittern nach. Die Würde des Ritters war Keinem
+unerreichbar, der durch Fleiß und Sparsamkeit ein ansehnliches
+Grundstück erworben, oder durch Tapferkeit in einer Schlacht oder
+Belagerung sich hervorzuthun vermochte. Es gereichte der Tochter eines
+Herzogs, selbst eines solchen von königlichem Geblüte, nicht zur Unehre,
+wenn sie einen ausgezeichneten Bürgersmann heirathete. Sir John Howard
+zum Beispiel heirathete die Tochter des Thomas Mowbray, Herzogs von
+Norfolk; Sir Richard Pole heirathete die Gräfin von Salisbury, die
+Tochter des Herzogs Georg von Clarence. Eine edle Abkunft stand zwar in
+großem Ansehen, aber es gab, zum Glück für unser Vaterland, keinen
+nothwendigen Zusammenhang zwischen einer edeln Abkunft und den
+Vorrechten der Peerswürde. Nicht nur das Haus der Lords hatte lange
+Stammbäume und alte Wappen aufzuweisen, man fand sie auch außer
+demselben. Es gab Emporkömmlinge mit den höchsten Titeln, aber es gab
+auch Männer ohne Titel, Nachkommen von Rittern, welche die Reihen der
+Sachsen bei Hastings durchbrochen oder die Mauern von Jerusalem
+erstiegen hatten. Es gab Bohun’s, Mowbray’s, de Veres, selbst Verwandte
+des Hauses Plantagenet, die keinen andern Titel als den des Esquire’s
+und keine andern bürgerlichen Vorrechte hatten, als die, deren sich
+jeder <ins class = "correction" title = "Original hat »Pachter«">Pächter</ins> und Krämer erfreute. Eine
+<span class = "pagenum">I.28</span>
+<a name = "pageI_28" id = "pageI_28"> </a>
+Grenzlinie welche, wie in andern Ländern, den Patrizier vom Plebejer
+scheidet, gab es bei uns nicht. Der Freisasse fühlte sich nicht geneigt,
+unzufrieden auf die Würden zu blicken, die seinen eigenen Kindern
+erreichbar waren, und der Edelmann von hohem Range fühlte sich nicht
+versucht, einen Stand mit Verachtung zu behandeln, zu dem seine Kinder
+hinabsteigen mußten.</p>
+
+<p>Nach den Kriegen der Häuser York und Lancaster wurden die Bande,
+welche den Adel und das Volk umschlangen, inniger und zahlreicher, als
+je. Wie groß die durch diese Kriege unter der alten Aristokratie
+angerichtete Verwüstung war, läßt sich aus einem einzigen Umstande
+folgern. Im Jahre 1451 berief Heinrich&nbsp;IV. dreiundfünfzig weltliche
+Lords zum Parlamente; die Zahl der von Heinrich VII. im Jahre 1485
+berufenen weltlichen Lords betrug nur neunundzwanzig, und von diesen
+waren mehrere erst kurz vor der Berufung zur Peerswürde erhoben worden.
+Im Laufe des folgenden Jahrhunderts wurden die Reihen des hohen Adels
+stark aus der Gentry ergänzt. Zu dieser heilsamen Vermischung der Stände
+trug besonders die Verfassung des Hauses der Gemeinen bei. Der
+abgeordnete Ritter der Grafschaft war das verbindende Glied zwischen dem
+Baron und dem Krämer. Auf denselben Bänken zwischen Goldschmieden,
+Tuchhändlern und Gewürzkrämern, welche die Handelsstädte in das
+Parlament gesandt hatten, saßen auch Mitglieder, die man in jedem andern
+Lande für Edelleute und Erbgutsherrn erachten würde, denn sie waren
+berechtigt, Gericht zu halten und Wappen zu führen, und konnten durch
+viele Generationen zurück ihre ehrenvolle Abstammung verfolgen. Einige
+von ihnen waren jüngere Söhne und Brüder hoher Lords, andere konnten
+sich sogar von königlicher Abkunft rühmen. Endlich trat der älteste Sohn
+eines Earl von Bedford, dem man als Courtoisie den Titel seines Vaters
+beigelegt, als Bewerber um einen Platz im Hause der Gemeinen auf, und
+seinem Beispiele folgten andere. Waren die Erben der Großen des Reichs
+einmal Glieder dieses Hauses, so nahmen sie sich der Privilegien
+desselben ebenso eifrig an, als irgend einer der Bürger, mit denen sie
+gemischt waren. So ward schon von frühen Zeiten an unsere Demokratie die
+am meisten aristokratische, und unsere Aristokratie die am meisten
+demokratische von der Welt, eine Eigenthüm&shy;lichkeit, die sich bis zu
+unsern Tagen erhalten, und manche wichtige moralische und politische
+Wirkung geäußert hat.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Regierung der Tudors.</span>
+<a name = "secI_20" id = "secI_20">Die</a> Regierung Heinrichs VII.,
+seines Sohnes und seiner Enkel war im Allgemeinen willkürlicher, als die
+der Plantagenets. Dieser Unterschied läßt sich, bis zu einer gewissen
+Grenze, aus dem persönlichen Charakter erklären, denn Muth und
+Willenskraft waren Männern und Frauen des Hauses Tudor gemein. Während
+eines Zeitraums von einhundert&shy;zwanzig Jahren übten sie ihre Macht
+stets mit Energie, oft mit Gewaltthätigkeit, mitunter selbst mit
+Grausamkeit aus. Nach dem Beispiele der ihnen vorangegangenen
+Herrscherfamilie verletzten sie nicht selten die Rechte einzelner
+Unterthanen, erhoben zuweilen Steuern unter dem Namen von Anleihen und
+Geschenken, befreieten sich von Straferlassen, und wenn sie auch nie aus
+eigener Machtvollkommenheit ein bleibendes Gesetz zu geben wagten, so
+erlaubten sie sich dennoch bei vorkommenden Fällen, wenn das Parlament
+nicht versammelt war, vorübergehenden Bedürfnissen durch vorübergehende
+Verfügungen abzuhelfen. Die Bedrückung über einen gewissen Punkt
+hinauszutreiben, war indeß den Tudors nicht möglich, da sie keine
+bewaffnete Macht besaßen und von einem bewaffneten Volke umgeben waren.
+Die Wache des Palastes bestand
+<span class = "pagenum">I.29</span>
+<a name = "pageI_29" id = "pageI_29"> </a>
+nur aus wenigen Dienern, welche das Aufgebot einer einzigen Grafschaft
+oder eines einzigen Distrikts von London leicht hätte überwältigen
+können. Auf solche Weise wurden diese stolzen Fürsten in stärkere
+Schranken gehalten, als auferlegte Gesetze zu ziehen vermögen, in
+Schranken, die sie zwar nicht hinderten, mitunter gegen einen Einzelnen
+willkürlich und selbst grausam zu verfahren, die aber doch das Volk im
+Allgemeinen vor dauernden Bedrückungen sicher stellten.</p>
+
+<p>In dem Bereiche ihres Hofes konnten sie zwar gefahrlos als Tyrannen
+auftreten, aber sie mußten doch stets mit Besorgniß auf die Stimmung des
+Landes achten. Heinrich VIII. z.&nbsp;B. fand keinen Widerstand, als er
+Buckingham und Surrey, Anna Boleyn und Lady Salisbury auf das Schaffot
+bringen wollte; als er aber ohne Bewilligung des Parlamentes den
+sechsten Theil des Vermögens seiner Unterthanen als Steuer forderte,
+fand er sich bald genöthigt, davon abzustehen. Hunderte und Tausende
+riefen, daß sie Engländer und nicht Franzosen, freie Männer und nicht
+Knechte seien. In Kent mußten die königlichen Kommissäre ihr Leben durch
+die Flucht retten; in Suffolk griffen viertausend Männer zu den Waffen,
+während die königlichen Statthalter in dieser Grafschaft vergebens ein
+Heer zusammenzubringen suchten. Wer sich auch nicht an dem Aufstande
+betheiligte, erklärte dennoch, daß er in einem solchen Kampfe nicht
+gegen seine Brüder fechten wolle. So stolz und eigensinnig Heinrich auch
+war, er mied nicht ohne Grund den Kampf mit dem aufgeregten Geiste der
+Nation, denn ihm schwebte das Schicksal seiner Vorgänger, die zu
+Berkeley und Pomfret umgekommen waren, vor Augen. Er widerrief nicht nur
+seine ungesetzlichen Erlasse, er verzieh nicht nur allen Mißvergnügten;
+er entschuldigte sich selbst öffentlich und feierlich deswegen, daß er
+die Gesetze verletzt habe.</p>
+
+<p>Sein Benehmen bei diesem Anlasse bezeichnet die ganze Politik seines
+Hauses. Die Fürsten dieser Linie besaßen ein hitziges Temperament und
+einen hochfliegenden Geist, aber sie kannten den Charakter des Volks,
+das sie regierten, und nie trieben sie, wie manche ihrer Vorgänger und
+Nachfolger, die Hartnäckigkeit bis zu einem gefährlichen Punkte. Die
+Tudors handelten stets so besonnen, daß ihre Macht zwar oft Widerstand
+fand, aber nie gestürzt wurde. Die Herrschaft eines Jeden derselben ward
+durch starke Ausbrüche der Unzufriedenheit gestört, aber stets gelang es
+der Regierung, die Aufständischen entweder zu beruhigen, oder sie zu
+besiegen und zu bestrafen. Durch rechtzeitige Zugeständnisse wußte sie
+auch mitunter Bürger-Unruhen abzuwenden; in der Regel aber blieb sie
+fest, und rief die Nation um Hilfe an. Die Nation folgte dem Rufe,
+sammelte sich um den Herrscher, und machte ihm die Unterwerfung der
+kleinen Anzahl Mißvergnügter möglich.</p>
+
+<p>Auf diese Weise entwickelte sich die Größe und Blüthe Englands von
+<ins class = "error" title = "ungeändert: Fehler für »Heinrichs VII. «?">Heinrichs&nbsp;III.</ins> bis zu Elisabeths Zeit unter einer
+Verfassung, die den Keim zu unsern gegenwärtigen Institutionen in sich
+trug, und, wenn sie auch nicht genau bestimmt war und streng beobachtet
+wurde, dennoch durch die Furcht der Regierenden vor dem Geiste und der
+Kraft der Regierten gegen das Ausarten in Despotismus nachdrücklich
+geschützt ward.</p>
+
+<p>Eine solche Staats&shy;verfassung paßt indeß nur für ein eigenes
+Stadium in der Ausbildung der Gesellschaft. Dieselben Ursachen, die in
+den friedlichen Künsten eine Theilung der Arbeit bewirken, müssen
+endlich auch den Krieg zu einer besondern Wissenschaft und einem
+besondern Gewerbe machen.
+<span class = "pagenum">I.30</span>
+<a name = "pageI_30" id = "pageI_30"> </a>
+Es kommt eine Zeit, in welcher der Gebrauch der Waffen die volle
+Aufmerksamkeit eines besondern Standes zu beanspruchen beginnt; es zeigt
+sich bald, daß noch so tapfere Bauern und Bürger geübten Soldaten
+gegenüber nicht Stand halten können, Männern, deren ganzes Leben eine
+Vorbereitung auf den Tag der Schlacht ist, deren Nerven durch das stete
+Vertrautsein mit der Gefahr abgehärtet sind, und deren Bewegungen die
+völlige Genauigkeit eines Uhrwerks eigen ist. Man begreift, daß der
+Schutz von ganzen Nationen nicht länger mehr sicher solchen Streitern
+anvertraut werden könne, die zu einem vierzigtägigen Feldzuge dem Pfluge
+oder Webstuhle entnommen sind. Bildet irgend ein Staat ein großes,
+stehendes Heer, so müssen die Nachbarstaaten dem Beispiele nachahmen,
+wenn sie sich einem fremden Joche nicht unterwerfen wollen. Wo aber ein
+großes stehendes Heer vorhanden ist, kann die beschränkte Monarchie nach
+Art des Mittelalters nicht länger fortbestehen; der Regent ist mit einem
+Male von der Hauptfessel seiner Macht befreit und wird unvermeidlich
+absolut, wenn ihm nicht Schranken angewiesen werden, die einer
+Gesellschaft als überflüssig erscheinen würden, in der Jeder
+vorkommenden Falls, aber Keiner stets Soldat ist.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die beschränkten Monarchien des Mittelalters sind allgemein in absolute
+Monarchien verwandelt.</span>
+<a name = "secI_21" id = "secI_21">Mit</a> der Gefahr kamen auch die
+Mittel, sich vor ihr zu schützen. In den Monarchien des Mittelalters
+besaßen die Fürsten die Macht des Schwertes, die Nation aber die Macht
+des Geldbeutels, und in demselben Maße, wie die fortschreitende
+Civilisation das Schwert des Fürsten der Nation stets furchtbarer ward,
+so ward der Geldbeutel der Nation dem Fürsten stets nothwendiger. Die
+erblichen Einkünfte des Letztern reichten nicht länger für die Kosten
+der Civilverwaltung aus, und es war völlig unmöglich, daß er ohne ein
+geregeltes und umfassendes Steuersystem eine große Masse disciplinirter
+Truppen in steter Thätigkeit erhalten konnte. Die Politik, welche die
+parlamentarischen Versammlungen Europa’s hätten befolgen müssen, wäre
+gewesen: fest auf ihr verfassungs&shy;mäßiges Recht zu bestehen, wonach
+ihnen die Bewilligung und das Ablehnen des Geldes zustand, und
+entschlossen, so lange die Summen für den Unterhalt der Armeen zu
+verweigern, bis sie hinreichende Bürgschaft gegen Despotismus erlangt
+hätten.</p>
+
+<p>Nach dieser weisen Politik handelte man nur in unserm Vaterlande; in
+den benachbarten Königreichen traf man große militärische Einrichtungen,
+aber man dachte nicht daran, der öffentlichen Freiheit Schutzwehren zu
+errichten, und hieraus folgte, daß überall die alten parlamentarischen
+Verfassungen aufhörten. In Frankreich, wo sie stets schwach gewesen,
+siechten sie hin, bis sie endlich an völliger Schwäche erstarben. In
+Spanien, wo sie so stark gewesen wie nur irgend in Europa, vertheidigten
+sie tapfer ihr Leben, aber zu spät. Die Handwerker von Toledo und
+Valladolid vertheidigten ohne Erfolg die Privilegien der Castilischen
+Cortes gegen die alten geübten Kriegerhaufen Karls&nbsp;V., und ebenso
+erfolglos kämpften eine Generation später die Bürger von Saragossa gegen
+Philipp&nbsp;II. für die alte Verfassung von Aragonien. So sanken die
+großen National&shy;versammlungen der festländischen Monarchien eine
+nach der andern zu völliger Nichtigkeit herab, Versammlungen, die einst
+minder stolz und mächtig gewesen, als jene in Westminster. Wenn sie
+zusammentraten, geschah es nur, um einige ehrwürdige Förmlichkeiten zu
+beobachten, ungefähr wie jetzt unsere Kirchen&shy;versammlungen.</p>
+
+
+<span class = "pagenum">I.31</span>
+<a name = "pageI_31" id = "pageI_31"> </a>
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die englische Monarchie als besondere Ausnahme.</span>
+<a name = "secI_22" id = "secI_22">In</a> England gestalteten sich die
+Dinge anders. Dieses besondere Glück hat es vorzüglich seiner
+insularischen Lage zu danken. Für die Würde und selbst für die
+Sicherheit der französischen und spanischen Monarchien wurden schon vor
+dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts große militärische Einrichtungen
+unentbehrlich. Hätte eine dieser beiden Mächte eine Entwaffnung
+vorgenommen, so würde sie bald dem Übergewichte der andern unterworfen
+gewesen sein. England aber, durch das Meer vor Angriffen von Außen
+geschützt und selten in Kriegs&shy;unter&shy;nehmungen auf dem Festlande
+begriffen, befand sich noch nicht in der Nothwendigkeit, regelmäßige
+Truppen zu halten. Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert fanden es
+noch ohne stehende Heere. Zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts hatte
+die Staats&shy;wissenschaft schon beträchtliche Fortschritte gemacht;
+das Schicksal der spanischen Cortes und der französischen allgemeinen
+Reichsstände war unsern Parlamenten eine ernste Mahnung gewesen, und
+noch zu rechter Zeit, die Natur und Größe der Gefahr vollkommen
+erkennend, ergriffen sie ein System der Taktik, das nach einem drei
+Generationen hindurch dauernden Kampfe endlich dennoch den Sieg
+errang.</p>
+
+<p>Fast jeder Schriftsteller, der von diesem Kampfe geschrieben, ist
+darzuthun bemüht gewesen, daß die Parthei, der er angehörte, es war, die
+für die unveränderte Beibehaltung der alten Verfassung kämpfte; aber das
+Wahre ist, daß die alte Verfassung nicht unverändert beibehalten werden
+konnte. Ein Gesetz, erhaben über alle Berechnungen menschlicher
+Weisheit, hat geboten, daß Verfassungen jener besondern Art, wie sie im
+vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderte in Europa allgemein gewesen,
+nicht länger mehr bestehen sollten. Die Frage war also nicht, ob unsere
+Regierungsform eine Veränderung erleiden, sondern welcher Art diese
+Veränderung sein müsse. Durch das Erstehen einer neuen und mächtigen
+Kraft war das alte Gleichgewicht gestört und alle beschränkten
+Monarchien hatten sich eine nach der andern in unbeschränkte verwandelt.
+Was an andern Orten geschehen, würde sicher auch bei uns geschehen sein,
+wenn das Gleichgewicht nicht dadurch hergestellt worden wäre, daß man
+einen großen Theil der Macht von der Krone auf das Parlament übertrug.
+Es fehlte nicht viel, so hätten unsern Fürsten Zwangsmittel zu Gebote
+gestanden, wie kein Plantagenet oder Tudor sie je besessen, und sie
+wären unvermeidlich Despoten geworden, hätte man ihnen nicht zu gleicher
+Zeit Beschränkungen auferlegt, denen kein Plantagenet oder Tudor je
+unterworfen gewesen.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Reformation und ihre Wirkungen.</span>
+<a name = "secI_23" id = "secI_23">Es</a> scheint demnach gewiß zu sein,
+daß das siebzehnte Jahrhundert auch dann nicht ohne heftige Kämpfe
+zwischen unsern Königen und ihren Parlamenten vorübergegangen wäre, wenn
+nur politische Gründe sie angefacht hätten; aber andere Ursachen,
+vielleicht noch gewichtiger, brachten sie hervor. Während die Regierung
+der Tudors auf dem Gipfelpunkte ihrer Kraft stand, trat ein Ereigniß
+ein, <ins class = "correction" title = "Original hat »daß«">das</ins>
+den Geschicken aller christlichen Völker, und namentlich dem des
+englischen Volks, eine neue Richtung gab. Zweimal im Laufe des
+Mittelalters hatte sich der Geist Europa’s gegen die Herrschaft des
+Pabstes erhoben. Die erste Erhebung fand im südlichen Frankreich statt.
+Das kräftige Einschreiten Innocenz’ III., der Eifer der damals erst
+gestifteten Franziskaner- und Dominikaner-Orden und die Rohheit der
+Kreuzfahrer, von der Geistlichkeit auf eine unkriegerische Bevölkerung
+gehetzt, vernichteten die albigensische Kirche. Die zweite Erhebung
+begann in England,
+<span class = "pagenum">I.32</span>
+<a name = "pageI_32" id = "pageI_32"> </a>
+und verbreitete sich bis nach Böhmen; aber auch diesmal gelang es dem
+Konzil von Kostnitz, indem es einige kirchliche Mißbräuche, an denen die
+Christenheit Anstoß nahm, beseitigte, und den europäischen Fürsten,
+indem sie schonungslos mit Feuer und Schwert gegen die Ketzer
+einschritten, der Bewegung Einhalt zu thun. Auch dies haben wir nicht
+sehr zu bedauern. Die Sympathien eines Protestanten werden sich
+natürlich zu den Albigensern und Lollards hinneigen; aber ein gemäßigter
+und aufgeklärter Protestant wird nach genauer Prüfung doch wohl in
+Zweifel ziehen, daß der glückliche Erfolg dieser Sekten überhaupt Glück
+und Tugend der Menschen befördert haben würde. Wie verdorben die
+römische Kirche damals auch war, so ist es doch wahrscheinlich, daß eine
+noch viel verdorbenere an ihre Stelle getreten sein würde, wenn sie im
+zwölften, und selbst im vierzehnten Jahrhunderte noch, gestürzt wäre.
+Der größte Theil <ins class = "correction" title = "Original hat »Euro-/ropa’s« am Linienende">Europa’s </ins> besaß in jener Zeit nur
+wenig Kenntnisse, und die vorhandenen waren Eigenthum der Geistlichkeit.
+Von fünfhundert Menschen konnte nicht einer die Psalmen lesen; Bücher
+waren selten und theuer; die Buchdruckerkunst kannte man nicht, und
+Abschriften der Bibel, bei weitem nicht so schön und deutlich als die,
+welche der ärmste Landmann sich jetzt gedruckt verschaffen kann, wurden
+zu Preisen verkauft, die selbst der größte Theil der Geistlichen nicht
+zu zahlen vermochte. Dem Laienstande war es daher völlig unmöglich,
+durch eigene Anschauung die heilige Schrift kennen zu lernen. Wäre nun
+das eine geistige Joch abgeworfen gewesen, so hätte man aller
+Wahrscheinlichkeit nach ein anderes auferlegt, und die bisher von der
+römischen Geistlichkeit ausgeübte Gewalt würde auf eine weit schlimmere
+Klasse von Lehrern übergegangen sein. Mit den übrigen Jahrhunderten
+verglichen, war das sechzehnte Jahrhundert ein sehr aufgeklärtes; und
+dennoch folgte in diesem Zeitalter eine große Anzahl derer, welche sich
+von der alten Religion losgesagt, dem ersten besten verlockenden und
+scheinheiligen Führer, der sich ihnen darbot, und verfielen bald in noch
+gefährlichere Irrthümer als die waren, denen sie entsagt hatten. So war
+es dem Matthias und Knipperdolling, den Aposteln der Unzucht, des Raubes
+und des Mordes, möglich, eine Zeitlang große Städte zu beherrschen. In
+einem noch ungebildeten Zeitalter hätten solche falsche Propheten Reiche
+gründen können, und das Christenthum wäre in einen grausamen und
+sittenlosen Aberglauben verkehrt worden, schädlicher, nicht nur als das
+Pabstthum, sondern auch als der Islam.</p>
+
+<p>Jene große religiöse Umwälzung, die man besonders die Reformation
+nennt, begann ungefähr hundert Jahre nach dem Kostnitzer Konzile. Die
+Zeit war nun zu Reformationen reif, denn der geistliche Stand besaß
+nicht mehr allein und hauptsächlich den Schatz menschlichen Wissens. Die
+Erfindung der Buchdruckerkunst hatte den Gegnern der römischen Kirche
+eine mächtige Waffe gegeben, die den Vorgängern derselben gefehlt; das
+Studium der alten Schriftsteller, die rasche Entwickelung der neuen
+Sprachen, die plötzlich in jedem Zweige der Literatur entfaltete
+Thätigkeit, der politische Zustand Europas, die Lasterhaftigkeit des
+römischen Hofes, die Erpressungen der römischen Kanzlei, die Eifersucht,
+welche die Reichthümer und Privilegien der Geistlichkeit in den Laien
+erweckten, der Neid, den das Übergewicht Italiens in den diesseits der
+Alpen Geborenen erregte, &mdash; dies Alles gab den Predigern der neuen
+Gotteslehre einen Vortheil, den sie zweckmäßig zu verwenden wußten.</p>
+
+<p>Man kann ohne Inconsequenz, selbst in Anbetracht des wohlthätigen
+<span class = "pagenum">I.33</span>
+<a name = "pageI_33" id = "pageI_33"> </a>
+Einflusses, den die römische Kirche auf die Menschheit ausübte, die
+Reformation als ein unschätzbares Glück betrachten. Das Gängelband,
+welches das Kind sichert und aufrecht erhält, ist dem Manne ein
+Hinderniß. So können dieselben Hilfsmittel, die auf der einen
+Bildungsstufe den menschlichen Geist stützen und entwickeln, auf einer
+andern ihm hemmende Bande sein. In der Existenz des Einzelnen wie der
+Gesellschaften giebt es einen Punkt, wo die Unterwerfung und der Glaube,
+die man in späteren Zeiten mit Recht Knechtssinn und Leichtgläubigkeit
+nennen würde, nützliche Eigenschaften sind. Das Kind, das gelehrig und
+vertrauensvoll auf die Unterweisungen Älterer hört, wird ohne Zweifel
+rasche Fortschritte machen; der Mann aber, der unbedenklich und mit
+kindlicher Gelehrigkeit jede Behauptung und jede Glaubensansicht eines
+andern und nicht klügern Mannes als er, annimmt, würde verächtlich
+erscheinen. Ebenso ist es mit ganzen Gesellschaften. Die Kindheit der
+europäischen Nationen verfloß unter der Vormundschaft der Geistlichkeit.
+Der Einfluß der geistlichen Orden war lange Zeit so überwiegend, wie es
+naturgemäß und mit Recht jede geistige Autorität sein muß. Die Priester,
+mit allen ihren Fehlern, bildeten den aufgeklärtesten Theil der
+Gesellschaft; es war daher im Ganzen genommen ein Glück, daß man ihnen
+gehorchte und sie achtete. Die Übergriffe der kirchlichen Macht in das
+Gebiet der weltlichen war so lange mehr segenbringend als schädlich, als
+sich die geistliche Gewalt in den Händen der einzigen Klasse befand, die
+Geschichte, Philosophie und öffentliches Recht studirt hatte, die
+weltliche Gewalt aber in den Händen roher Häuptlinge, die ihre eigenen
+Verleihungen und Erlasse nicht lesen konnten. Dies änderte sich jedoch;
+die Kenntnisse verbreiteten sich nach und nach unter den Laien, von
+denen schon im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts viele in geistiger
+Beziehung den aufgeklärtesten ihrer Seelenhirten gleich kamen. Von nun
+an wurde jene Autorität, welche ungeachtet mancher Mißbräuche in den
+Jahrhunderten der Finsterniß eine gesetzliche und heilsame Vormundschaft
+gewesen, eine ungerechte und verderbliche Tyrannei.</p>
+
+<p>Von der Zeit an, wo die Barbaren das weströmische Reich stürzten, bis
+zu der Zeit des Wiederemporblühens der Wissenschaften übte die römische
+Kirche im Allgemeinen auf Wissenschaft, Civilisation und eine gute
+Staats&shy;verfassung einen heilsamen Einfluß aus; aber während der
+letzten drei Jahrhunderte ist es ihr Hauptbestreben gewesen, die
+Entwickelung des menschlichen Geistes zu hindern. Alle Fortschritte in
+der Christenheit, in Wissen, Freiheit, Wohlstand und in den Künsten des
+Lebens, sind ungeachtet ihres Entgegenwirkens gemacht worden und haben
+stets zu ihrer Macht im entgegengesetzten Verhältnisse gestanden. Die
+schönsten und fruchtbarsten Provinzen Europa’s sind unter ihrer
+Herrschaft in Armuth, politische Knechtschaft und geistige Erstarrung
+versunken, während protestantische Länder, die einst als unfruchtbar und
+barbarisch sprichwörtlich waren, durch Geschicklichkeit und Fleiß in
+Gärten verwandelt wurden, und sich einer langen Reihe von Helden,
+Staats&shy;männern, Philosophen und Dichtern rühmen. Man kann sich ein
+Urtheil über die Tendenzen der päpstlichen Herrschaft bilden, wenn man
+weiß, was Italien und Schottland von Natur sind und vor vierhundert
+Jahren wirklich waren, und wenn man jetzt die Gegend um Rom mit der um
+Edinburg vergleicht. Das Herabsinken Spaniens, einst die erste unter den
+Monarchien, zu der untersten Stufe der Erniedrigung, und das
+Emporsteigen Hollands, ungeachtet mancher natürlichen Hindernisse, zu
+einer Höhe, wie sie kein Gemeinwesen von so
+<span class = "pagenum">I.34</span>
+<a name = "pageI_34" id = "pageI_34"> </a>
+geringer Ausdehnung je erreicht hat, beweisen dasselbe. Wer in
+Deutschland aus einem katholischen Lande in ein protestantisches, in der
+Schweiz aus einem katholischen in einen protestantischen Kanton, und in
+Irland aus einer katholischen in eine protestantische Grafschaft kommt,
+gewahrt, daß er von einem niedern Grade der Civilisation bei einem
+höhern Grade angelangt ist. Dieselben Resultate findet man jenseits des
+atlantischen Meeres. Die Protestanten der Vereinigten Staaten haben die
+Katholiken in Mexico, Peru und Brasilien weit hinter sich gelassen. Die
+Katholiken von Unter-Canada verharren in ihrer Trägheit; die
+Protestanten aber erfüllen den ganzen Kontinent um sich her durch
+Thätigkeit und Unternehmungsgeist. Die Franzosen haben ohne Zweifel
+Energie und Intelligenz an den Tag gelegt, die ihnen, selbst wenn sie in
+unrechte Bahnen geleitet wurden, gerechten Anspruch auf den Namen einer
+großen Nation geben; aber bei näherer Untersuchung wird sich diese
+scheinbare Ausnahme dennoch als eine Bestätigung der Regel bewähren,
+denn in keinem Lande, das für römisch-katholisch galt, hat die
+römisch-katholische Kirche mehrere Generationen hindurch so wenig in
+Ansehen gestanden, als in Frankreich.</p>
+
+<p>Ob England mehr der römisch-katholischen Religion oder der
+Reformation verdankt, ist schwer zu bestimmen. Die Vermischung der
+Volksstämme und die Abschaffung der Leibeigenschaft ist vorzüglich ein
+Ergebniß des Einflusses, den der Clerus des Mittelalters auf den
+Laienstand ausübte; die politische und geistige Freiheit hingegen, sammt
+allen mit ihnen verbreiteten Segnungen, dankt England hauptsächlich der
+großen Erhebung des Laienstandes gegen die Geistlichkeit.</p>
+
+<p>Der Kampf zwischen der alten und neuen Glaubenslehre in unserm
+Vaterlande war ein langer, und der Ausgang desselben schien mitunter
+zweifelhaft. Es gab zwei extreme Parteien, gleich bereit, mit Gewalt zu
+handeln, oder mit unbeugsamer Festigkeit zu dulden. Zwischen diesen
+beiden Parteien befand sich eine Zeitlang eine dritte, welche zwar sehr
+unlogisch, aber dennoch sehr natürlich die in der Kindheit erhaltenen
+Lehren mit den Predigten der neuern Evangelisten vermischt und, obgleich
+mit Vorliebe an den alten Observanzen hangend, dennoch die mit diesen
+Observanzen verknüpften Mißbräuche verabscheute. Leute von solcher
+Denkart folgten willig, fast dankbar, den Anleitungen eines tüchtigen
+Führers, der ihnen die Mühe ersparte, selbst zu urtheilen und, mit
+starker, fester Stimme das Lärmen des Streitens übertönend, ihnen sagte,
+wie sie Gott verehren und was sie glauben müßten. Es kann uns daher
+nicht befremden, daß die Tudors einen so großen Einfluß auf die
+kirchlichen Angelegenheiten auszuüben vermochten, und daß sie diesen
+Einfluß meistens nur in ihrem eigenen Interesse geltend machten.</p>
+
+<p>Heinrich VIII. versuchte eine anglikanische Kirche zu gründen, die
+sich von der römisch-katholischen in dem Punkte des Supremats, und nur
+in diesem Punkte allein unterschied; der Erfolg war ein
+außerordentlicher. Seine Energie des Charakters, seine besonders
+günstige Stellung zu fremden Mächten, die ungeheuren Reichthümer, welche
+durch die Beraubung der Klöster ihm zufielen, und vorzüglich der
+Beistand aller Derer, die zwischen beiden Meinungen schwankten, machten
+es ihm möglich, beiden Extremen zu trotzen, die Anhänger der Lehren
+Luthers als Ketzer verbrennen und die als Verräther hängen zu lassen,
+welche die Autorität des Papstes anerkannten. Aber Heinrichs System
+starb mit ihm. Wenn er länger gelebt hätte, würde es ihm schwer geworden
+sein, eine Stellung
+<span class = "pagenum">I.35</span>
+<a name = "pageI_35" id = "pageI_35"> </a>
+zu behaupten, die von den Anhängern der neuen und der alten Meinungen
+mit gleicher Wuth angegriffen wurde. Die Minister, denen die Bewahrung
+der königlichen Hoheitsrechte während der Minderjährigkeit seines Sohnes
+anvertraut war, konnten es nicht wagen, in einer so kühnen Politik zu
+verharren, und eben so wenig unternahm es Elisabeth, zu ihr
+zurückzukehren. Es mußte nothwendig eine Wahl getroffen werden: Die
+Regierung hatte sich entweder Rom zu unterwerfen, oder die Hilfe der
+Protestanten zu erwirken, mit denen sie nur das Eine, den Haß gegen die
+päpstliche Gewalt, gemein hatte. Die englischen Reformatoren waren
+eifrig bemüht, eben so weit zu gehen, als ihre Brüder auf dem
+Continente; einmüthig verdammten sie mehrere Glaubenssätze und Gebräuche
+als unchristlich, an denen Heinrich hartnäckig gehalten, und die
+Elisabeth nur mit Widerstreben aufgab. Selbst gegen gleichgültige Dinge,
+die einen Theil der Verfassung oder des Rituals des mystischen Babylon
+gebildet hatten, hegten viele von ihnen einen lebhaften Widerwillen.
+Bischof Hooper, der in Gloucester muthig für seinen Glauben starb,
+weigerte sich lange Zeit, die bischöflichen Gewänder anzulegen. Bischof
+Ridley, ein noch berühmterer Märtyrer, ließ die alten Altäre seiner
+Diöcese niederreißen und an Tafeln, die in der Mitte der Kirche
+aufgestellt und von den Papisten sehr unehrerbietig Austernbänke genannt
+wurden, das heilige Abendmahl austheilen. Bischof Jewel nannte die
+geistliche Tracht ein Theaterkleid, einen Narrenanzug, ein Überbleibsel
+von den Amonitern, und versprach, Alles aufzubieten, um solche
+schmähliche Absurditäten auszurotten. Erzbischof Grindal zögerte lange,
+die Mitra anzunehmen, weil er Widerwillen gegen die Weihe hegte, die er
+als eine Mummerei betrachtete. Bischof Parkhurst sprach in einem
+inbrünstigen Gebet aus, die Kirche von England möge sich die von Zürich
+als absolutes Vorbild einer christlichen Verbrüderung nehmen. Bischof
+Ponet wollte, daß man die Benennung „Bischof“ den Papisten überlassen
+und die höchsten Beamten der geläuterten Kirche Superintendenten nennen
+sollte. Erwägt man nun, daß alle diese Prälaten nicht der äußersten
+Richtung der protestantischen Partei huldigten, so kann man unbezweifelt
+annehmen, daß das Werk der Reformation in England ebenso schonungslos
+würde betrieben worden sein als in Schottland, wenn man allgemein der
+Richtung dieser Partei gefolgt wäre.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Ursprung der Kirche von England.</span>
+<a name = "secI_24" id = "secI_24">In</a> demselben Maße aber, wie die
+Regierung des Beistandes der Protestanten bedurfte, so bedurften die
+Protestanten des Schutzes der Regierung. Man gab deshalb viel von beiden
+Seiten auf, es kam eine Vereinigung zu Stande, und die Frucht dieser
+Vereinigung war die Kirche von England. Viele der wichtigsten
+Begebenheiten, die sich seit der Reformation in unserm Vaterlande
+zugetragen haben, sind den Eigenthüm&shy;lichkeiten dieser großen
+Institution und den heftigen Leidenschaften zuzuschreiben, die sie in
+den Gemüthern von Freunden und Feinden erweckt. Die weltliche Geschichte
+Englands wird uns völlig unklar bleiben, wenn wir sie nicht im steten
+Zusammenhange mit der Geschichte seiner Kirchenverfassungen
+studiren.</p>
+
+<p>Der Mann, der am thätigsten bei der Feststellung der Bedingungen
+jenes Bündnisses wirkte, aus dem die anglikanische Kirche entstand, war
+Thomas Cranmer. Er war der Repräsentant beider Parteien, die damals des
+gegenseitigen Beistandes bedurften; er war Theolog und Staatsmann
+zugleich. Als Theolog zeigte er sich völlig bereit, die Bahn der
+Änderung eben so weit zu verfolgen, als irgend ein schweizerischer oder
+schottischer
+<span class = "pagenum">I.36</span>
+<a name = "pageI_36" id = "pageI_36"> </a>
+Reformator; als Staatsmann aber strebte er danach, die Organisation zu
+bewahren, die Jahrhunderte lang den Zwecken der römischen Bischöfe so
+treffliche Dienste geleistet hatte, und von der zu erwarten stand, daß
+sie jetzt den Zwecken der englischen Könige und der Minister derselben
+eben so ersprießlich sein würde. Sein Charakter und sein Verstand
+befähigten ihn vollkommen zu dem Amte des Vermittlers. Fromm in seinen
+Worten, ohne Scrupel in seinen Handlungen, im Grunde für nichts
+begeistert, kühn in der Theorie, ein Feigling und Mantelträger bei der
+Ausführung, ein versöhnlicher Feind und ein lauer Freund, besaß er alle
+Eigenschaften, welche zur Aufstellung der Vertragsbedingungen zwischen
+den religiösen und weltlichen Feinden des Papismus erforderlich
+waren.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Ihr eigenthümlicher Charakter.</span>
+<a name = "secI_25" id = "secI_25">Noch</a> heute zeigt die Kirche in
+Verfassung, Lehren und gottesdienstlichen Gebräuchen die sichtbaren
+Spuren des Vergleichs, aus dem sie hervorging; sie ist ein Mittelding
+zwischen den Kirchen von Rom und Genf. Ihre von Protestanten verfaßten
+Bekenntnisse und Abhandlungen stützen sich auf theologische Grundsätze,
+an denen Calvin und Knox kaum ein Wort zu tadeln gehabt hätten. Ihre aus
+den alten Brevieren entnommenen Gebete und Danksagungen sind fast alle
+der Art, daß Bischof Fisher oder der Cardinal Pole sie aus Herzensgrunde
+hätten mitbeten können. Ein Polemiker, der ihre Artikel und Homilien im
+arminianischen Sinne auslegt, wird bei billigdenkenden Männern eben so
+wenig Recht erhalten, als der, der läugnen wollte, daß in ihrer Liturgie
+die Lehre von der Wiedergeburt durch die Taufe zu finden sei.</p>
+
+<p>Die römische Kirche hielt immer noch fest, daß die Bischofswürde eine
+göttliche Einsetzung, und gewisse übernatürliche hohe Gaben fünfzig
+Generationen hindurch von den elf, die auf dem galiläischen Berge ihre
+Ämter empfangen, durch Handauflegen auf die Bischöfe übergegangen seien,
+die in Trient sich versammelten. Eine große Anzahl Protestanten aber
+hielt die Prälatur geradezu für ungesetzlich, und glaubte in der
+heiligen Schrift eine ganz andere Form des kirchlichen Regimentes
+ausgesprochen zu finden. Die Gründer der anglikanischen Kirche schlugen
+einen Mittelweg ein, indem sie das Episkopat zwar beibehielten, aber den
+Einfluß desselben auf das Gedeihen einer christlichen Gesellschaft oder
+die Wirksamkeit der Sakramente für unwesentlich erklärten. Cranmer
+selbst sprach bei einer wichtigen Gelegenheit als seine Überzeugung aus,
+daß es in den ersten christlichen Zeiten keinen Unterschied zwischen
+Bischöfen und Priestern gegeben habe, und daß das Händeauflegen völlig
+unnütz sei.</p>
+
+<p>In der presbyterianischen Kirche ist die Leitung des öffentlichen
+Gottesdienstes größtentheils den Geistlichen überlassen. Ihre Gebete
+sind deshalb in zwei Versammlungen an einem Tage oder in einer
+Versammlung an verschiedenen Tagen nicht dieselben. In dieser Gemeinde
+sind sie inbrünstig, beredt und sinnreich; in jener vielleicht matt und
+absurd. Die Priester der römisch-katholischen Kirche hingegen haben
+schon seit Jahrhunderten tagtäglich dieselben alten
+Glaubens&shy;bekenntnisse<ins class = "correction" title = ", fehlt">,
+</ins>Bitten und Danksagungen, in Indien wie in Lithauen, in Irland wie
+in Peru, abgesungen. Der in einer todten Sprache abgehaltene
+Gottesdienst ist nur den Gelehrten verständlich, und von der großen
+Mehrzahl der versammelten Gemeinde kann man sagen, daß sie demselben
+mehr als Zuschauer, denn als Zuhörer beiwohnen. Aber auch hier schlug
+die englische Kirche wieder den Mittelweg ein, indem sie die
+römisch-katholischen Gebetsformen beibehielt, sie in
+<span class = "pagenum">I.37</span>
+<a name = "pageI_37" id = "pageI_37"> </a>
+die Volkssprache übersetzte und die ungelehrte Menge aufforderte, ihre
+Stimme mit der des Priesters zu vereinigen.</p>
+
+<p>Dieselbe Politik läßt sich durch alle ihre Systeme verfolgen. Sie
+verwarf zwar die Lehre von der Transsubstantiation, und verdammte jede
+Anbetung des Brodes und Weines beim Abendmahle als einen Götzendienst;
+aber sie verlangte dennoch, zum Ärgerniß der Puritaner, daß ihre Kinder
+das Erinnerungszeichen göttlicher Liebe demüthig kniend empfangen
+sollten. Sie beseitigte zwar die reichen Bekleidungen, welche die Altäre
+des alten Glaubens umgaben; aber das einfache weißleinene Gewand, das
+Sinnbild der Reinheit, die ihr als der mystischen Braut Christi zukomme,
+behielt sie, zum Schrecken schwacher Gemüther, bei. Sie schaffte zwar
+eine Menge pantomimischer Bewegungen ab, die bei dem
+römisch-katholischen Gottesdienste verständliche Worte vertreten, aber
+sie gab doch manchem strengen Protestanten dadurch Anstoß, daß sie das
+eben aus dem Taufsteine besprengte Kind mit dem Zeichen des Kreuzes
+segnete. Der römische Katholik betete zu einer Menge Heiliger, unter
+denen sich Männer von zweifelhaftem, sogar einige von gehässigem
+Charakter befanden; der Puritaner weigert sich, selbst den Apostel der
+Heiden, den Jünger, den Jesus liebte, „heilig“ zu benennen. Obgleich die
+Kirche von England kein geschaffenes Wesen um Schutz anflehte, so setzte
+sie doch besondere Tage zur Gedächtnißfeier an die fest, die für den
+Glauben Großes gewirkt und gelitten hatten. Die Confirmation und die
+Ordination behielt sie als erbauliche Gebräuche bei, aber sie zählte sie
+nicht zu den Sakramenten. Die Ohrenbeichte gehörte nicht in ihr System;
+aber sie forderte den sterbenden Sünder freundlich auf, seine Vergehen
+einem Geistlichen zu bekennen, und ermächtigte ihre Diener, die
+scheidende Seele durch eine Absolution zu erleichtern, welche ganz den
+Geist des alten Glaubens athmet. &mdash; Man kann im Allgemeinen sagen,
+sie wendet sich mehr an den Verstand und weniger an die Sinne und die
+Phantasie, als die römische Kirche; aber sie nimmt weniger den Verstand
+und mehr die Sinne und die Phantasie in Anspruch, als die
+protestantischen Kirchen von Schottland, Frankreich und der Schweiz.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Das Verhältniß, in welchem sie zu der Krone stand.</span>
+<a name = "secI_26" id = "secI_26">Nichts</a> jedoch unterschied die
+englische Kirche so sehr von andern Kirchen, als ihr Verhältniß zur
+Monarchie. Der König war ihr Haupt. Die Grenzen der Macht, die er als
+ein solches besaß, waren nicht genau angegeben, und sind auch nie genau
+angegeben worden. Die Gesetze, durch die er zum Oberherrn der Kirche
+ernannt, waren unbestimmt und zu allgemeinen Ausdrücken abgefaßt. Prüfen
+wir, um den Sinn dieser Gesetze genau zu deuten, die Schriften und das
+Leben der Gründer der englischen Kirche, so werden wir in noch größere
+Verlegenheit gerathen, denn diese schrieben und wirkten in einer Zeit
+großer geistigen Gährung, in einer Zeit steten Strebens und
+Gegenstrebens. Sie standen daher nicht <ins class = "correction" title =
+"Wort »nur« fehlt">nur</ins> untereinander, sondern oft auch mit sich
+selbst im Widerspruch. Der Lehrsatz, daß der König nächst Christus das
+alleinige Haupt der Kirche sei, wurde von Allen einmüthig anerkannt;
+aber diesen Worten wurde von Verschiedenen, selbst von Einem und
+Demselben unter verschiedenen Umständen, eine sehr verschiedene
+Bedeutung beigelegt. Man schrieb dem Souverain nicht selten eine Gewalt
+zu, mit der sich ein Hildebrand zufrieden erklärt haben würde; dann
+wieder ward sie dergestalt eingeschränkt, daß sie nicht viel größer war
+als jene, welche alte englische Fürsten beanspruchten, die
+<span class = "pagenum">I.38</span>
+<a name = "pageI_38" id = "pageI_38"> </a>
+stete Gemeinschaft mit der römischen Kirche gepflogen hatten. Das, was
+Heinrich und seine vertrauten Räthe unter Suprematie verstanden, war
+nichts Geringeres, als die ganze Macht des Papstes; der König sollte der
+Papst seines Reiches, der Stellvertreter Gottes, der Ausleger der
+katholischen Wahrheit, der Ausfluß der sakramentlichen Gnaden sein. Er
+maßte sich die rechtsgültige Entscheidung über wahre Lehre und Ketzerei
+an, das Entwerfen und Anordnen von Glaubens&shy;bekenntnissen, und
+religiöse Unterweisungen für das Volk. Er erklärte, daß alle geistliche
+und weltliche Gerichtsbarkeit ihm allein zustehe, und daß er die Macht
+besitze, die bischöfliche Würde zu verleihen und zurückzunehmen; er ging
+selbst so weit, daß er den Bestallungsdekreten der Bischöfe, wonach
+diesen ihre Amtsverrichtungen nur auf so lange übertragen wurden, als er
+es für gut befinden würde, sein Siegel beifügte. Nach diesem, von
+Cranmer aufgestellten Systeme, war der König nicht nur das geistliche,
+sondern auch das weltliche Oberhaupt der Nation, und in dieser doppelten
+Eigenschaft mußte er seine Stellvertreter haben. Wie er bürgerliche
+Beamte zur Bewahrung seiner Siegel, zur Erhebung seiner Einkünfte und
+zur Ausübung des Rechts in seinem Namen bestellte, so ernannte er auch
+Geistliche verschiedenen Ranges, um das Evangelium zu predigen und die
+Sakramente zu ertheilen; das Auflegen der Hände war dabei nicht nöthig.
+Nach Cranmer’s klar und deutlich ausgesprochener Meinung konnte der
+König, kraft seiner ihm von Gott verliehenen Gewalt, einen Priester
+bestellen, und der so bestellte Priester bedurfte keiner weitern
+Ordination. Trotz der Opposition einiger eben nicht höfisch ggesinnten
+Geistlichen, verfuhr Cranmer nach diesen Ansichten in allen ihren
+gesetzlichen Consequenzen; er hielt seine eigenen geistlichen Funktionen
+für beendet, wie die des Kanzlers und des Schatzmeisters, sobald die
+Krone auf ein anderes Haupt übergehe. &mdash; Demnach holten, bei
+Heinrichs Tode, der Erzbischof und seine Suffragane neue Bestallungen
+ein, die sie ermächtigten, so lange zu ordiniren und geistliche
+Verrichtungen vorzunehmen, bis der neue Monarch anders verfügen würde.
+Als man den Einwand machte, die Gewalt zu lösen und zu binden, die der
+Herr seinen Aposteln verliehen, sei von der weltlichen Gewalt ganz
+verschieden, so antworteten die Theologen dieser Schule, daß die Macht
+zu lösen und zu binden nicht auf die Geistlichkeit allein, sondern auf
+die Gesammtheit der Christen übergegangen sei und von der höchsten
+Obrigkeit, als der Repräsentantin der Gesellschaft, geübt werden müsse.
+Dem Einwande, der heilige Paulus habe nur von bestimmten Personen
+gesprochen, die der heilige Geist zu Aufsehern und Hirten der Gläubigen
+erwählt, ward mit der Antwort begegnet: König Heinrich sei eben der
+Aufseher und Hirt, den der heilige Geist erwählt habe, und auf den sich
+die Worte des heiligen Paulus bezögen.<a class = "tag" name = "tagI_3"
+id = "tagI_3" href = "#noteI_3">3</a></p>
+
+<p>Diese ausgedehnten Ansprüche erregten bei Protestanten und Katholiken
+gleiches Ärgerniß, und dies ward ein noch größeres, als das Supremat,
+das Maria dem Papste zurückgegeben, bei der Thronbesteigung Elisabeths
+mit der Krone wieder verbunden wurde. Man hielt es für unerhört, daß
+eine Frau der erste Bischof der Kirche sein solle, in der, nach dem
+Verbote des Apostels, sie nicht einmal ihre Stimme hören lassen dürfe.
+Die
+<span class = "pagenum">I.39</span>
+<a name = "pageI_39" id = "pageI_39"> </a>
+Königin sah sich daher genöthigt, auf den priesterlichen Charakter, den
+ihr Vater sich beigelegt, und der nach Cranmer’s Ansicht durch göttliche
+Verordnung mit der königlichen Würde unzertrennlich verbunden sei,
+ausdrücklich Verzicht zu leisten. Bei der unter ihrer Regierung
+stattgefundenen Revision des anglikanischen Glaubens&shy;bekenntnisses
+erklärte man das Supremat in einer ganz andern Weise, als es an
+Heinrich’s Hofe zu geschehen pflegte. Cranmer hatte in bestimmten
+Ausdrücken erklärt, Gott habe den christlichen Fürsten die ganze Sorge
+für das Heil aller Unterthanen, also ebensowohl in Bezug auf die
+Ausübung des göttlichen Wortes in der Seelsorge, als in Bezug auf die
+Ausübung der staatlichen Gewalt, unmittelbar übertragen.<a class = "tag"
+name = "tagI_4" id = "tagI_4" href = "#noteI_4">4</a> Der
+siebenunddreißigste Religionsartikel, der unter Elisabeths Regierung
+entworfen ward, erklärt in eben so bestimmten Ausdrücken, daß den
+Fürsten die Aufsicht über die Ausübung des göttlichen Wortes nicht
+gebühre. Aber dessen ungeachtet besaß die Königin immer noch ein
+ausgedehntes und unbestimmt begrenztes Aufsichtsrecht über die Kirche.
+Das Parlament hatte ihr das Amt übertragen, Ketzereien und jede Art
+kirchlicher Mißbräuche zu verhindern und zu bestrafen, und ihr zugleich
+gestattet, diese Gewalt wiederum auf Bevollmächtigte übergehen zu
+lassen. Die Bischöfe waren nicht mehr, als ihre Minister. Im elften
+Jahrhundert würde die römische Kirche eher ganz Europa in Brand gesetzt
+haben, als daß sie der bürgerlichen Macht die unumschränkte Befugniß zur
+Ernennung geistlicher Hirten zugestanden hätte. In unserer Zeit würden
+die Diener der schottischen Kirche ihre Pfründen bei Hunderten aufgeben,
+ehe sie der bürgerlichen Obrigkeit die Gewalt einräumten, Kirchendiener
+zu ernennen. Solche Scrupel hegte die englische Kirche nicht. Die
+königliche Autorität allein genügte, die Kirchen&shy;versammlungen
+einzuberufen, zu ordnen, zu vertagen und aufzulösen. Ihre Beschlüsse
+hatten ohne die königliche Sanction keine Kraft. Selbst einer ihrer
+Glaubensartikel bestimmte, daß ein kirchliches Koncilium ohne königliche
+Genehmigung gesetzlich nicht zusammentreten könne. Von allen ihren
+Gerichtsstellen konnte man in letzter Instanz an die königliche
+Autorität appelliren, selbst wenn es sich um die Feststellung
+ketzerischer Ansichten, oder um die Gültigkeit eines ausgetheilten
+Sakramentes handelte. Eben so wenig mißgönnte die Kirche unsern Fürsten
+diese ausgedehnte Gewalt, die von ihnen in’s Leben gerufen, in ihrer
+schwachen Kindheit gepflegt, hier vor den Papisten und dort vor den
+Puritanern bewahrt, gegen ihr abgeneigte Parlamente geschützt, und an
+gelehrten Gegnern, denen zu antworten ihr schwer gefallen wäre, gerächt
+worden war. So ward sie durch Dankbarkeit, Hoffnung, Furcht und
+gemeinsame Neigung und Abneigung an den Thron gefesselt; alle ihre
+Traditionen und Gefühle waren monarchisch. Loyalität wurde unter ihrer
+Geistlichkeit zu einem Punkte der Standesehre, zu einem Zeichen, das sie
+von Calvinisten und Papisten zugleich unterschied. Calvinisten und
+Papisten, obgleich in andern Beziehungen uneinig, betrachteten alle
+Eingriffe der weltlichen Macht in das Gebiet der geistlichen mit großer
+Eifersucht. Calvinisten wie Papisten behaupteten, daß die Unterthanen
+berechtigt seien, gegen gottvergessene Regenten das Schwert zu ziehen.
+In Frankreich trotzten Calvinisten Karl IX., Papisten Heinrich&nbsp;IV.,
+<span class = "pagenum">I.40</span>
+<a name = "pageI_40" id = "pageI_40"> </a>
+und beide Parteien zusammen Heinrich III. In Schottland nahmen
+Calvinisten Maria gefangen; im Norden vom Trent schwangen Papisten die
+Waffen gegen Elisabeth. Die Kirche von England aber verdammte
+Calvinisten und Papisten, und rühmte sich offen, daß sie keine Pflicht
+beharrlicher und dringender einschärfe, als die des Gehorsams gegen die
+Fürsten.</p>
+
+<p>Die Vortheile, welche der Krone aus dieser innigen Vereinbarung mit
+der Staats&shy;kirche erwuchsen, waren zwar groß, aber nicht ohne starke
+Schattenseiten. Eine große Zahl Protestanten hatte den durch Cranmer
+vermittelten Vergleich schon anfangs für eine Erfindung gehalten, um
+zweien Herren zu dienen, und für einen Versuch, den Dienst des Herrn mit
+dem des Baal zu vereinigen. Unter <ins class = "error" title = "Original hat »Eduard IV.«">Eduard&nbsp;VI.</ins>. hatten die Scrupel dieser
+Partei dem regelmäßigen Gange der Regierung mehreremal große Hindernisse
+bereitet, und bei der Thronbesteigung Elisabeths mehrten sich diese
+Hindernisse. Gewalt gebiert natürlich Gewalt.</p>
+
+<div class = "footnote">
+<p><a name = "noteI_3" id = "noteI_3" href = "#tagI_3">3.</a>
+Siehe eine merkwürdige Schrift, die Stryve als von Gardiners eigener
+Hand verfaßt hält: <span class = "antiqua">Ecclesiastical
+Memorials</span>, Buch&nbsp;I. Kap.&nbsp;17.</p>
+
+<p><a name = "noteI_4" id = "noteI_4" href = "#tagI_4">4.</a>
+Dies sind Cranmer’s eigene Worte. Siehe den Anhang zu Burnets <span
+class = "antiqua">History of the Reformation, Part&nbsp;I. Book III. No.
+21. Question 9.</span></p>
+</div>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Puritaner.</span>
+<a name = "secI_27" id = "secI_27">Nach</a> den von Maria verübten
+Grausamkeiten war der Geist des Protestantismus viel heftiger und
+unduldsamer, als zuvor. Viele eifrige Anhänger der neuen
+Glaubensmeinungen waren in jener schlimmen Zeit nach der Schweiz und
+nach Deutschland geflüchtet, hatten dort bei ihren Glaubensbrüdern
+gastliche Aufnahme gefunden, zu den Füßen der großen Doctoren von
+Straßburg, Zürich und Genf gesessen, und waren einige Jahre hindurch an
+einen einfachen Gottesdienst und eine demokratischere Form der
+Kirchenverwaltung gewöhnt, als in England bis dahin existirt hatte.
+Diese Leute kehrten mit der Überzeugung in ihr Vaterland zurück, daß die
+unter König Eduard stattgehabte Reform nicht so gründlich und umfassend
+gewesen sei, als es die Interessen einer reinen Religion erforderten.
+Ihre Bemühungen, von Elisabeth irgend ein Zugeständniß zu erlangen,
+blieben ohne Erfolg. Es schien ihnen, daß das System der Letztern in
+allem, worin es sich von dem ihres Bruders unterschied, schlechter sei,
+als jenes; sie waren wenig geneigt, sich in
+Glaubens&shy;angelegen&shy;heiten irgend einer menschlichen Autorität zu
+unterwerfen. Auf ihre eigene Auslegung der Schrift bauend, hatten sie
+sich erst kürzlich gegen eine Kirche erhoben, deren Stärke in großem
+Alter und in der allgemeinen Anerkennung beruhte; nur durch einen
+ungewöhnlichen Aufwand geistiger Kraft war es ihnen gelungen, das Joch
+dieses glänzenden und imponirenden Aberglaubens abzuwerfen, und es stand
+daher nicht zu erwarten, daß sie unmittelbar nach einer solchen
+Emanzipation sich geduldig einer neuen geistigen Tyrannei fügen würden.
+Lange gewöhnt, die Angesichter wie vor einem gegenwärtigen Gotte zur
+Erde zu neigen, wenn der Priester die Hostie erhob, hatten sie die Messe
+als ein götzendienerisches Possenspiel betrachten gelernt; lange
+gewöhnt, den Papst als den Nachfolger des ersten der Apostel, als den
+Bewahrer der Schlüssel von Erde und Himmel zu betrachten, hatten sie
+gelernt, in ihm das Thier, den Antichrist und den Mann der Sünde zu
+sehen. Daß sie nun die Huldigung, die sie dem Vatican entzogen,
+unmittelbar auf eine neu geschaffene Autorität übertragen, daß sie ihr
+eigenes Urtheil der Autorität einer Kirche unterordnen, die sich
+ebenfalls nur auf individuelles Urtheil gründete, und daß sie sich
+scheuen würden, von Lehren abzuweichen, die selbst von dem, was noch
+kürzlich der allgemeine Glaube der westlichen Christenheit gewesen,
+abwich, ließ sich nicht erwarten. Es ist leicht zu begreifen, daß kühne
+und forschende Geister, triumphirend über die neu errungene Freiheit,
+<span class = "pagenum">I.41</span>
+<a name = "pageI_41" id = "pageI_41"> </a>
+höchst entrüstet sein mußten, wenn eine um manches Jahr jüngere
+Institution als sie selbst, eine Institution, die unter ihren eigenen
+Augen nach und nach ihre Form von den Leidenschaften und den Interessen
+des Hofes erhalten, das hochmüthige Wesen Rom’s nachzuahmen begann.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Ihr republikanischer Geist.</span>
+<a name = "secI_28" id = "secI_28">Da</a> man diese Leute nicht
+überzeugen konnte, beschloß man, sie zu verfolgen, und die Verfolgung
+äußerte ihre natürlichen Wirkungen: sie fand in ihnen eine Sekte, und
+machte daraus eine Partei. Mit ihrem Hasse gegen die Kirche verband sich
+nun auch der Haß gegen die Krone. Diese beiden Gefühle vermischten sich,
+indem eines die Bitterkeit des andern vermehrte. Die Meinungen der
+Puritaner über das gegenseitige Verhältniß zwischen Herrscher und
+Beherrschten waren von denen weit verschieden, die in den Homilien
+eingeschärft wurden. Die beliebtesten Theologen derselben hatten durch
+Wort und Beispiel zum Widerstande gegen Tyrannen und Verfolger
+ermuthigt; die calvinistischen Genossen in Frankreich, Holland und
+Schottland hatten die Waffen gegen götzendienerische und grausame
+Regenten ergriffen, und die Ansichten derselben über
+Staats&shy;regierung nahmen die Färbung der Ansichten von der
+Kirchenregierung an. Einige von den Sarkasmen, die das Volk im gemeinen
+Leben gegen die Geistlichkeit richtete, konnten leicht auf das Königthum
+gerichtet werden, und manche der Gründe, durch die man bewies, daß die
+geistliche Gewalt am besten durch eine Synode ausgeübt werde, führten
+anscheinend auch zu dem Schlusse, daß die weltliche Gewalt am besten in
+einem Parlamente bewahrt sei.</p>
+
+<p>Wie nun der Priester der Staats&shy;kirche aus Interesse, Grundsatz
+und Leidenschaft den königlichen Vorrechten ein eifriger Verfechter war,
+so stand der Puritaner aus Interesse, Grundsatz und Leidenschaft ihnen
+feindlich entgegen. Die mißvergnügten Sektirer hatten eine ausgedehnte
+Macht, in jedem Stande fanden sie Anhänger, und unter den
+handeltreibenden Klassen der Städte sowie unter den kleinen
+Grundbesitzern auf dem Lande die meisten.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Gegen die Regierung Elisabeths erhob sich keine systematische
+parlamentarische Opposition.</span>
+<a name = "secI_29" id = "secI_29">Schon</a> in den ersten
+Regierungs&shy;jahren Elisabeths bildeten diese Sektirer die Majorität
+in dem Hause der Gemeinen, und wenn unsere Vorfahren damals ihre ganze
+Aufmerksamkeit auf die innern Angelegenheiten hätten richten können, so
+unterliegt es keinem Zweifel, daß der Streit zwischen der Krone und dem
+Parlamente sofort begonnen haben würde. Damals aber war keine Zeit für
+innere Zwistigkeiten. Es steht überhaupt in Frage, ob selbst die
+festeste Vereinigung aller Klassen im Staate die gemeinsame Gefahr, die
+ihnen drohte, hätte abwenden können. Das römisch-katholische und das
+reformirte Europa führten einen Kampf auf Leben und Tod. Frankreich, mit
+sich selbst im Kriege begriffen, konnte für einige Zeit in der
+Christenheit nicht in Betracht gezogen werden. Die englische Regierung
+stand an der Spitze des protestantischen Interesses, und während sie im
+Lande die Presbyterianer verfolgte, ließ sie den presbyterianischen
+Kirchen im Auslande einen kräftigen Schutz angedeihen. An der Spitze der
+Gegenpartei stand der mächtigste Fürst jener Zeit, ein Fürst, der
+Spanien, Portugal, Italien, die Niederlande und Ost- und West-Indien
+beherrschte, dessen Armeen mehr als einmal Paris bedrohten, und dessen
+Flotten die Küsten von Devonshire und Sussex in Furcht hielten. Lange
+hatte es den Anschein, daß die Engländer auf eignem Boden einen
+verzweifelten Kampf um Religion
+<span class = "pagenum">I.42</span>
+<a name = "pageI_42" id = "pageI_42"> </a>
+und Unabhängigkeit zu bestehen haben würden, und von der Befürchtung
+eines argen Verrathes im eignen Lande waren sie keinen Augenblick frei,
+denn damals war es auch für viele edle Charaktere ein Gewissens- und
+Ehrenpunkt geworden, das Vaterland der Religion zu opfern. Eine Reihe
+schwarzer Pläne, von Römisch-Katholischen gegen das Leben der Königin
+und die Existenz der Nation ausgebrütet, hielt die Gesellschaft in
+steter Besorgniß. Mag immerhin Elisabeth ihre Fehler gehabt haben, es
+ist dennoch klar, daß, nach menschlichem Ermessen, das Schicksal des
+Reichs und aller reformirten Kirchen von der Sicherheit ihrer Person und
+von dem Glücke ihrer Regierung abhing. Es war daher die erste Pflicht
+eines Patrioten und Protestanten, die Autorität derselben zu kräftigen,
+und diese Pflicht ward treulich erfüllt. Selbst in der Nacht der Kerker,
+wohin Elisabeth sie gesendet hatte, beteten die Puritaner mit
+ungeheuchelter Inbrunst, daß die Königin vor dem Dolche des
+Meuchelmörders geschützt bleiben, daß der Aufruhr zu ihren Füßen
+niedergeworfen werden, und ihre Waffen zu Wasser und zu Lande siegreich
+sein mögen. Einer der hartnäckigsten Anhänger jener hartnäckigen Sekte,
+dem der Scharfrichter eine Hand abhauen mußte, weil er sich durch seinen
+maßlosen Eifer zu einem Vergehen hatte hinreißen lassen, schwenkte
+unmittelbar nach der Exekution mit der ihm gebliebenen Hand seinen Hut
+und rief: Gott erhalte die Königin! Das Gefühl, das diese Leute bei
+ihrem Anblicke beseelte, ist auf die Nachkommen übergegangen, und die
+Nonconformisten, obgleich sie von ihr sehr streng behandelt wurden,
+haben in der Gesammtheit stets ihr Andenken ehrend bewahrt.<a class =
+"tag" name = "tagI_5" id = "tagI_5" href = "#noteI_5">5</a></p>
+
+<p>Zeigten sich, während des größern Theils ihrer Regierung, die
+Puritaner im Hause der Gemeinen mitunter auch widersetzlich, so
+versuchten sie doch nie, in einer systematischen Opposition ihr
+entgegenzutreten. Als aber durch die Niederlage der Armada, den
+glücklichen Widerstand der Vereinigten Niederlande gegen die spanische
+Macht, die Befestigung des Thrones Heinrichs&nbsp;IV. von Frankreich und
+durch den Tod Philipps&nbsp;II. Staat und Kirche gegen alle Gefahr von
+Außen gesichert war, begann sofort im Innern ein hartnäckiger Kampf, der
+mehrere Generationen hindurch dauern sollte.</p>
+
+<p class = "footnote">
+<a name = "noteI_5" id = "noteI_5" href = "#tagI_5">5.</a>
+Der puritanische Geschichts&shy;schreiber Neal, nachdem er ihre Härte
+gegen die Sekte getadelt, der auch er angehörte, sagt schließlich: Die
+Königin Elisabeth wird trotz dieser Makel in der Geschichte eine weise
+und staatskluge Fürstin bleiben, denn sie befreite ihr Königreich von
+den Bedrängnissen, in denen es sich bei ihrem Regierungs&shy;antritte
+befand, und schützte die protestantische Reformation, nach außen hin,
+gegen die mächtigen Angriffe des Papstes, des Kaisers und des Königs von
+Spanien, im Innern gegen die der Königin von Schottland und ihrer
+papistischen Unterthanen. Sie war der Ruhm des Zeitalters, in dem sie
+lebte, und wird die Bewunderung der Nachwelt sein. &mdash; <span class =
+"antiqua">History of the Puritans, Part&nbsp;I. Chap. VIII.</span></p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Monopolfrage.</span>
+<a name = "secI_30" id = "secI_30">In</a> dem Parlamente von 1601
+lieferte die Opposition, die seit vierzig Jahren im Stillen Kräfte
+gesammelt und gespart hatte, ihre erste große Schlacht, und gewann ihren
+ersten Sieg. &mdash; Der Boden war gut gewählt. Die englischen
+Souveraine sind stets mit der obersten Leitung der Handelspolizei
+betraut gewesen; sie besaßen das unantastbare Recht der Münz-, Gewicht-
+und Maß-Regulirung, der Bestimmung der Messen, Märkte und Häfen. Die
+Grenzlinie ihrer Autorität in Handels&shy;angelegen&shy;heiten war, wie
+gewöhnlich, sehr undeutlich gezeichnet;
+<span class = "pagenum">I.43</span>
+<a name = "pageI_43" id = "pageI_43"> </a>
+wie gewöhnlich machte sie daher Übergriffe in das Gebiet, das
+verfassungsmäßig der Gesetzgebung angehörte. Diese Übergriffe wurden,
+wie gewöhnlich, so lange geduldig ertragen, bis sie einen ernsten
+Charakter annahmen. Als endlich die Königin sich anmaßte, dutzendweis
+Patente zu Monopolen zu ertheilen, daß es kaum noch eine Familie im
+Reiche gab, die sich nicht über Bedrückungen und Erpressungen, die
+natürlich aus diesem Mißbrauche entstehen mußten, zu beklagen hatte; als
+Eisen, Öl, Essig, Kohlen, Salpeter, Blei, Stärke, Garn, Felle, Leder und
+Glas mit übermäßig hohen Preisen bezahlt werden mußten &mdash; da
+versammelte sich das Haus der Gemeinen in einer sehr zornigen und
+entschlossenen Stimmung, und umsonst tadelte eine höfisch gestimmte
+Minderzahl den Sprecher, daß er die Handlungen der königlichen Hoheit in
+Frage stellen lasse. Die starke und drohende Sprache der mißvergnügten
+Partei fand in der Stimme der ganzen Nation ihren Wiederhall. &mdash;
+Ein wüthender Volkshaufen umtobte den Wagen des ersten Ministers der
+Krone, verwünschte die Monopole, und rief aus, es dürfte nicht geduldet
+werden, daß die königlichen Hoheitsrechte die alten Freiheiten Englands
+antasteten. Einen Augenblick schien es, als ob die lange und ruhmreiche
+Regierung Elisabeths ein schmähliches, unglückliches Ende nehmen solle.
+Mit bewunderungs&shy;würdiger Klugheit und Fassung lehnte die Königin
+aber den Streit ab, stellte sich an die Spitze der reformirten Partei,
+entsprach den erhobenen Beschwerden, dankte den Gemeinen in einer
+ergreifenden und würdigen Ansprache für die eifrige Sorge um das
+öffentliche Wohl, gewann sich die Herzen des Volks wieder, und
+hinterließ ihren Nachfolgern ein denkwürdiges Beispiel von dem Verhalten
+eines Herrschers öffentlichen Bewegungen gegenüber, denen Widerstand zu
+leisten nicht möglich ist.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Schottland und Irland werden wieder mit England Theile ein und desselben
+Reichs.</span>
+<a name = "secI_31" id = "secI_31">Im</a> Jahre 1603 starb die große
+Königin. In vielen Beziehungen ist dieses Jahr eine der wichtigsten
+Epochen unserer Geschichte. Schottland und Irland wurden damals wieder
+mit England vereinigt. Beide Länder waren zwar von den Plantagenets zur
+Unterwerfung gebracht, aber keines derselben hatte sich geduldig dem
+Joche gefügt. Schottland hatte mit heldenmüthiger Ausdauer seine
+Unabhängigkeit wieder erkämpft, war seit der Zeit des Robert Bruce ein
+besonderes Königreich gewesen, und ward nun mit dem südlichen Theile der
+Insel dergestalt vereinigt, daß sein Nationalstolz mehr befriedigt, als
+verletzt wurde. Irland hatte seit der Zeit Heinrichs&nbsp;II. nie die
+fremden Eroberer vertreiben können, obgleich es lange und heftig gegen
+sie gekämpft. Während des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts war
+die englische Macht auf dieser Insel stets gesunken, und in den Tagen
+Heinrichs VII. war sie bis zu dem niedrigsten Punkte gelangt. Die
+irischen Besitzungen dieses Fürsten bestanden nur aus den Grafschaften
+Dublin und Louth, einigen Theilen von Meath und Kildare, und aus einigen
+an der Küste zerstreut liegenden Seehäfen. Der größte Theil von Leinster
+selbst war noch nicht in Grafschaften eingetheilt. Munster, Ulster und
+Connaught standen unter kleinen souverainen Fürsten, die theils Celten,
+theils ausgeartete Normannen waren, ihren Ursprung vergessen, und
+celtische Sprache und Sitten angenommen hatten. Während des sechzehnten
+Jahrhunderts aber war die englische Macht wieder bedeutend gewachsen.
+Die halbwilden Häuptlinge, die jenseits der Grenzpfähle regierten,
+hatten sich einer nach dem andern den Statthaltern der Tudors
+unterworfen. Wenig Wochen
+<span class = "pagenum">I.44</span>
+<a name = "pageI_44" id = "pageI_44"> </a>
+vor Elisabeths Tode ward endlich durch Mountjoy die Eroberung vollendet,
+die Strongbow vor mehr als vierhundert Jahren begonnen hatte.
+Jakob&nbsp;I. hatte kaum den Thron bestiegen, als die letzten O’Donnell
+und O’Neill, die bisher in dem Range unabhängiger Fürsten gestanden, zu
+Whitehall seine Hand küßten. Von da an gewannen seine Erlasse in Irland
+Geltung, seine Richter hielten dort überall ihre Assisen, und das
+englische Gesetz trat an die Stelle der Gebräuche, die unter den
+eingeborenen Stämmen geherrscht hatten.</p>
+
+<p>Schottland und Irland waren an Umfang einander fast gleich, und beide
+zusammen ziemlich so groß wie England; aber sie hatten eine weit
+geringere Bevölkerung und standen ihm an Wohlstand und Civilisation
+nach. Schottland war durch die Unfruchtbarkeit seines Bodens
+zurückgeblieben, und auf Irland ruhete noch immer, obgleich rings von
+Licht umgeben, die starre Finsterniß des Mittelalters.</p>
+
+<p>Mit Ausnahme der celtischen Stämme, die dünn zerstreut die Hebriden
+und die gebirgigen Theile der nördlichen Grafschaften bewohnten, war die
+Bevölkerung Schottlands von demselben Blute wie die Englands, sie redete
+dieselbe Sprache, die sich von dem reinsten Englisch nicht mehr
+unterschied, als sich die Dialekte von Somersetshire und Lancashire von
+einander unterschieden. Die Bevölkerung Irlands dagegen war, mit
+Ausnahme der kleinen englischen Kolonie unfern der Küste, celtisch, und
+bewahrte noch immer celtische Sprache und Sitte.</p>
+
+<p>Zu der Zeit ihrer Verbindung mit England zeichneten sich beide
+Nationen durch angeborenen Muth und durch Intelligenz aus. In Ausdauer,
+Selbstbeherrschung, Vorsicht, kurz in allen Eigenschaften, die im Leben
+Erfolge sichern, sind die Schotten nie übertroffen worden. Die Iren
+hingegen zeichneten sich durch Eigenschaften aus, die mehr interessant
+als glücklich machen. Ein feuriges und ungestümes Volk, waren sie leicht
+zum Weinen und zum Lachen, zur Wuth und zur Liebe zu bewegen. Von den
+Nationen des nördlichen Europa’s besaßen sie allein die Empfänglichkeit,
+die Lebhaftigkeit und die natürlichen Anlagen zur Pantomime und
+Redekunst, die man unter Küstenbewohnern des mittelländischen Meeres
+heimisch findet. In geistiger Bildung stand Schottland unbestreitbar
+höher. War es auch damals das ärmste Königreich in der Christenheit, so
+wetteiferte es dennoch in jedem Zweige des Wissens mit den
+begünstigtesten Ländern. Schotten, deren Wohnung und Nahrung so elend
+waren, wie die der Isländer zu unserer Zeit, schrieben eben so schöne
+lateinische Verse als Vida, und machten wissenschaftliche Entdeckungen,
+die einem Galilei zum Ruhme gereicht haben würden. Irland hatte sich
+keines Buchanan oder Napier zu rühmen; das Genie, mit dem die Urbewohner
+desselben reich begabt waren, gab sich nur in Balladen kund, die
+obgleich roh und rauh, dem Kennerauge Spenser’s dennoch eine schöne,
+reine Poesie zu enthalten schienen.</p>
+
+<p>Schottland bewahrte seine ganze Würde, als es zu einem Theile der
+britischen Monarchie umgeschaffen wurde. Nachdem es den englischen
+Waffen Generationen hindurch muthigen Widerstand geleistet hatte, ward
+es mit seinem überlegenen Nachbar unter den ehrenvollsten Bedingungen
+vereinigt.</p>
+
+<p>Es <em>gab</em> einen König, anstatt einen zu <em>empfangen</em>; es
+behielt seine eigene Verfassung und seine eigenen Gesetze, und seine
+Gerichtshöfe und Parlamente blieben von denen zu Westminster völlig
+unabhängig. Die Verwaltung Schottland’s lag in schottischen Händen, denn
+es fühlte sich
+<span class = "pagenum">I.45</span>
+<a name = "pageI_45" id = "pageI_45"> </a>
+kein Engländer geneigt, nach dem Norden auszuwandern, um mit dem
+schlauesten und beharrlichsten aller Stämme um das zu ringen, was sich
+in der ärmsten Schatzkammer zusammenraffen ließ. Dagegen strömten
+schottische Abenteurer nach dem Süden, wo sie auf allen Lebensbahnen zu
+einem Glücke gelangten, das zwar großen Neid erregte, im Allgemeinen
+aber nur der gerechte Lohn der Klugheit und des emsigen Fleißes war.
+Dessen ungeachtet erlag Schottland dem Geschicke, dem ein jedes Land,
+das mit einem andern an Hilfsquellen reichern zwar verbunden, ihm aber
+nicht einverleibt wird, unterworfen ist. War es auch dem Namen nach ein
+unabhängiges Königreich, so ward es doch länger als ein Jahrhundert in
+vielen Beziehungen nur wie eine unterjochte Provinz behandelt.</p>
+
+<p>Irland ward offen als ein durch das Schwert erkämpftes Besitzthum
+regiert. Die rohen National-Institutionen existirten nicht mehr; die
+englischen Kolonisten unterwarfen sich den Bestimmungen des
+Mutterlandes, ohne dessen Schutz sie nicht bestehen konnten, und suchten
+Ersatz darin, daß sie das Volk, unter dem sie sich niedergelassen, mit
+Füßen traten. &mdash; Das Parlament, das in Dublin zusammentrat, konnte
+ohne vorhergegangene Genehmigung des englischen Geheimen-Raths kein
+Gesetz erlassen; die Autorität der englischen Legislatur erstreckte sich
+über Irland. Die ausführende Verwaltung war Männern anvertraut, die
+entweder England selbst oder dem englischen Bezirke entnommen worden,
+und in beiden Fällen wurden diese von der celtischen Bevölkerung als
+Fremde, selbst als Feinde betrachtet.</p>
+
+<p>Aber noch ist des Umstandes zu erwähnen, der die Verschiedenheit
+Irlands und Schottlands tiefer als ein anderer begründete: Schottland
+war protestantisch. Die Erregung des Volksgeistes gegen die
+römisch-katholische Kirche hatte sich in keinem andern Theile Europa’s
+so rasch und heftig gezeigt. Die Reformatoren hatten ihre
+götzendienerische Herrscherin besiegt, abgesetzt und eingekerkert; nicht
+einmal auf einen Vergleich, wie er in England abgeschlossen, wollten sie
+eingehen. Sie hatten die Lehre, die Kirchenzucht und den Gottesdienst
+der Calvinisten eingeführt, und machten zwischen Papstthum und Prälatur,
+zwischen der Messe und dem allgemeinen Gebetbuche wenig Unterschied. Zu
+Schottlands Unglück war der Fürst, den es zur Regierung eines schönern
+Erblandes aussandte, durch die Hartnäckigkeit, mit der die schottischen
+Theologen die Privilegien der Synode und der Kanzel gegen ihn behauptet,
+der von den Schotten geliebten Kirchenverfassung so abhold geworden, als
+es seine weibische Natur nur irgend zuließ; und kaum hatte er den
+englischen Thron bestiegen, so begann er einen unduldsamen Eifer für das
+Regiment und Ritual der englischen Kirche an den Tag zu legen.</p>
+
+<p>Die Iren waren das einzige Volk in dem nördlichen Europa, das der
+alten Religion treu geblieben. Dies ist zum Theil dem Umstande
+beizumessen, daß sie ihren Nachbarn an Kenntnissen um einige
+Jahrhunderte nachstanden. Aber auch andere Ursachen hatten mitgewirkt.
+Die Reformation war nicht minder eine rationelle, als eine moralische
+Erhebung, nicht nur ein Aufstand der Laien gegen die Geistlichkeit,
+sondern auch aller Zweige des großen germanischen Stammes gegen
+Fremdherrschaft gewesen. Es ist eine höchst merkwürdige Erscheinung, daß
+keine große Gesellschaft, deren Sprache nicht deutschen Ursprungs, je
+zum Protestantismus übergetreten ist, und daß überall, wo man eine
+Sprache redet, die von der des alten Rom abstammt, die Religion des
+neuern Rom bis auf diesen Tag die vorherrschende geblieben. Der
+Patriotismus der Iren hatte eine
+<span class = "pagenum">I.46</span>
+<a name = "pageI_46" id = "pageI_46"> </a>
+eigene Richtung genommen; &mdash; sie waren nicht auf Rom, sondern auf
+England erbittert, und hatten besondere Gründe die englischen Fürsten zu
+hassen, welche die Häupter des großen Schisma gewesen: Heinrich VIII.
+und Elisabeth. Religiöse und nationale Begeisterung waren während des
+fruchtlosen Kampfes, den zwei Generationen milesischer Fürsten gegen die
+Tudors unterhalten hatten, in den Gemüthern des besiegten Volksstammes
+auf das Innigste verschmolzen. Der neue Hader zwischen Protestanten und
+Papisten fachte den alten zwischen Sachsen und Celten an. Die englischen
+Eroberer vernachlässigten dabei alle gesetzlichen Bekehrungsmittel; man
+sorgte weder für Lehrer, die der besiegten Nation sich verständlich
+machen konnten, noch für eine Übersetzung der Bibel in die ersische
+Sprache. Die Regierung begnügte sich mit der Einsetzung einer
+ausgedehnten Hierarchie protestantischer Erzbischöfe, Bischöfe und
+Rectoren, die nichts thaten, und für ihr Nichtsthun mit dem Raube
+bezahlt wurden, den man an einer von der großen Masse des Volks
+geliebten und verehrten Kirche verübte.</p>
+
+<p>Sowohl in den Zuständen Schottlands als auch Irlands gab es Manches,
+das in einem scharfblickenden Staatsmann peinliche Besorgnisse zu
+erregen geeignet war. Einstweilen jedoch war ein Anschein von Ruhe da,
+denn alle britischen Inseln waren zum ersten Male friedlich unter einem
+Scepter vereinigt.</p>
+
+<p>Man würde glauben können, der Einfluß Englands auf die europäischen
+Nationen hätte von dieser Epoche an bedeutend zunehmen müssen. Das
+Gebiet, das sein neuer König beherrschte, hatte fast den doppelten
+Umfang von dem, welches Elisabeth geerbt, und kein Reich der Welt war so
+in sich abgeschlossen, so vor Angriffen gesichert, als das seinige. Die
+Plantagenets und Tudors hatten sich wiederholt gegen Schottland
+vertheidigen müssen, während sie auf dem Festlande in Kriege verwickelt
+waren, und der lange Kampf in Irland hatte ihren Hilfsquellen einen
+empfindlichen und andauernden Abzug bewirkt; doch selbst unter so
+ungünstigen Verhältnissen hatten sich diese Fürsten einer hohen Achtung
+in der ganzen Christenheit zu erfreuen gehabt. Deshalb war nicht
+grundlos zu erwarten, daß England, Schottland und Irland vereint hätten
+einen Staat bilden müssen, der keinem andern seiner Zeit nachstände.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Verminderung des Einflusses Englands nach der Thronbesteigung
+Jakobs&nbsp;I.</span>
+<a name = "secI_32" id = "secI_32">In</a> allen diesen Erwartungen wurde
+man jedoch arg getäuscht. Von dem Tage der Thronbesteigung
+Jakobs&nbsp;I. an sank unser Vaterland von der Höhe herab, in der es
+sich bis dahin gehalten, und man begann es als eine Macht kaum zweiten
+Ranges zu betrachten. Unter vier auf einander folgenden Fürsten aus dem
+Hause Stuart war die große britische Monarchie viele Jahre hindurch kaum
+ein wichtigeres Glied in dem europäischen Staatensysteme, als das kleine
+Königreich Schottland zuvor gewesen. Dies ist jedoch nicht zu bedauern.
+Man kann von Jakob&nbsp;I. wie von Johann sagen, daß seine Regierung,
+wäre sie tüchtig und glänzend gewesen, ohne Zweifel unserm Vaterlande
+Unheil gebracht hätte, und daß wir seinen Schwächen und Jämmerlichkeiten
+mehr verdanken, als der Weisheit und Kraft viel besserer Regenten. Er
+kam in einem kritischen Augenblicke zur Regierung. Der Zeitpunkt, wo
+entweder der König absolut werden, oder das Parlament die ganze
+ausführende Gewalt unter seine Autorität stellen mußte, rückte schnell
+heran. Wäre Jakob&nbsp;I. ein tapferer, thätiger und staatskluger Regent
+gewesen wie Heinrich&nbsp;IV.,
+<span class = "pagenum">I.47</span>
+<a name = "pageI_47" id = "pageI_47"> </a>
+Moritz von Nassau oder wie Gustav Adolph, hätte er sich an die Spitze
+der Protestanten Europa’s gestellt, hätte er große Siege über Tilly und
+Spinola erfochten, Westminster mit der Beute aus baierischen Klöstern
+und flamländischen Kathedralen geschmückt, hätte er österreichische und
+castilianische Fahnen in der St. Paulskirche aufgehängt und sich,
+nachdem er große Thaten ausgeführt, an der Spitze von fünfzigtausend
+tapfern, disciplinirten Truppen, die seiner Person treu anhingen,
+befunden &mdash; das englische Parlament wäre bald nichts mehr als ein
+Name gewesen. Zum Glück war er nicht der Mann, der eine solche Rolle
+spielen konnte. Er begann seine Regierung damit, daß er dem Kriege, der
+viele Jahre lang zwischen England und Spanien gewüthet hatte, ein Ende
+machte, und von da an vermied er Feindseligkeiten mit einer Vorsicht,
+welche der Hohn seiner Nachbarn und das Geschrei seiner Unterthanen
+nicht zu erschüttern vermochten. Selbst der vereinigte Einfluß seines
+Sohnes, seines Günstlings, seines Parlaments und seines Volkes konnte
+<ins class = "correction" title = "Fehler für »ihn«?">ihm</ins> bis zu
+seinem letzten Lebensjahre nicht bewegen, den geringsten Schritt zur
+Vertheidigung seiner Familie und seiner Religion zu thun. Für die,
+welche er regierte, war es gut, daß er in dieser Beziehung ihren
+Wünschen kein Gehör gab. Seine friedliche Politik brachte die Wirkung
+hervor, daß die Vertheidigung unserer Insel immer noch der Miliz
+anvertraut blieb, während Frankreich, Spanien, Italien, Belgien und
+Deutschland von gemietheten Soldaten wimmelten.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Lehre vom göttlichen Rechte.</span>
+<a name = "secI_33" id = "secI_33">Da</a> der König kein stehendes Heer
+besaß und nicht einmal versuchte, ein solches zu bilden, so hätte er
+klug gethan, jeden Konflikt mit dem Volke zu vermeiden. Aber seine
+Unbedachtsamkeit war so groß, daß er nicht nur die Mittel, die ihn
+allein wahrhaft unumschränkt machen konnten, versäumte, sondern daß er
+auch stets in der verletzendsten Weise Ansprüche machte, an die keiner
+seiner Vorgänger auch nur im Traume gedacht hatte. Damals tauchten jene
+seltsamen Theorien auf, welche Filmer später in ein System brachte und
+der heftigsten Klasse von Tories und Hochkirchenmännern zur Loosung
+wurden. Man behauptete in vollem Ernste, daß das höchste Wesen die
+erbliche Monarchie, im Gegensatze zu andern Regierungs&shy;formen,
+besonders wohlgefällig betrachte; daß das Gesetz der Erbfolge nach der
+Ordnung der Erstgeburt eine göttliche Einrichtung, und älter als die
+christliche Religion, selbst als die mosaische Gesetzgebung sei; daß
+keine menschliche Macht, selbst die der ganzen gesetzgebenden Gewalt,
+keine Dauer unrechtmäßigen Besitzes, und wenn sie zehn Jahrhunderte
+ausmache, dem gesetzlichen Fürsten seine Rechte rauben <ins class =
+"correction" title = "Original hat »könnne«">könne</ins>; daß seine
+Gewalt nothwendig stets despotisch sei; daß die das Hoheitsrecht
+beschränkenden Gesetze, sowohl in England wie in andern Ländern, nur
+eine vom Souverain freiwillig ertheilte Concession sei, die er nach
+Belieben zurückziehen könne; und daß endlich jeder Vertrag, den der
+König mit seinem Volke abschließt, nur eine Erklärung seiner
+augenblicklichen Absichten und nicht eine Verbindlichkeit sei, deren
+Erfüllung gefordert werden könne. Obwohl diese Theorie die Grundlagen
+der Regierung befestigen sollte, so ist es doch augenscheinlich, daß sie
+nur dazu beitrug, sie völlig wanken zu machen. Ließ das göttliche und
+unabänderliche Gesetz der Erstgeburt Frauen zu, oder schloß es dieselben
+aus? In der einen wie in der andern Voraussetzung wären die Hälfte der
+europäischen Regenten Usurpatoren, die trotz der Befehle des Himmels
+regierten und von den rechtmäßigen Erben außer Besitz gebracht werden
+<span class = "pagenum">I.48</span>
+<a name = "pageI_48" id = "pageI_48"> </a>
+könnten. Diese widersinnigen Theorien fanden keine Begründung in dem
+alten Testamente, denn wir lesen darin, daß das auserwählte Volk
+getadelt und bestraft ward, weil es einen König haben wollte, und daß es
+später den Befehl erhielt, ihm den Gehorsam zu verweigern. Die ganze
+Geschichte jenes Volks unterstützt nicht nur die Ansicht von der
+göttlichen Einsetzung des Erstgeburtsrechts nicht, sie scheint vielmehr
+anzudeuten, daß der Himmel die jüngern Brüder unter seinen besondern
+Schutz genommen habe. Isaak war nicht der älteste Sohn Abrahams, Jakob
+nicht der Isaaks, Juda nicht der Jakobs, David nicht der Isais, Salomon
+nicht der Davids. In den Ländern, wo die Vielweiberei herrscht, wird die
+Altersordnung unter den Kindern selten streng beobachtet. Durch die
+Stellen des neuen Testamentes, welche die Regierung als eine Anordnung
+Gottes bezeichnen, ward Filmers System eben so wenig unterstützt, denn
+die Regierung, unter der die Autoren des neuen Testaments lebten, war
+keine erbliche Monarchie. Die römischen Kaiser waren vom Senate ernannte
+Magistratspersonen, und keiner derselben behauptete, kraft des Rechtes
+der Geburt zu regieren; <a class = "tag" name = "tagA" id = "tagA" href
+= "#noteA">A</a>weder Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch
+Nero, dem zu gehorchen Paulus den Römern befahl, waren der
+patriarchalischen Regierungs&shy;theorie nach faktisch Usurpatoren<a
+class = "tag" href = "#noteA">A</a>. Im Mittelalter würde man die Lehre
+vom unveräußerlichen Erbrechte für ketzerisch gehalten haben, denn sie
+war mit den großen Ansprüchen der römischen Kirche völlig unvereinbar.
+Auch den Gründern der englischen Kirche war sie unbekannt. Die Homilie
+über die vorsätzliche Empörung hatte den Gehorsam gegen die eingesetzte
+Obrigkeit kräftig, und wahrlich zu kräftig, eingeprägt; aber sie machte
+weder zwischen erblichen und Wahlmonarchien, noch zwischen Monarchien
+und Republiken einen Unterschied. Die meisten Vorgänger Jakobs würden
+gewißlich aus persönlichen Beweggründen der patriarchalischen
+Regierungs&shy;theorie abgeneigt gewesen sein. Wilhelm der Rothe,
+Heinrich&nbsp;I., Stephan, Johann, Heinrich&nbsp;IV., Heinrich&nbsp;V.,
+Heinrich&nbsp;VI., Richard III. und Heinrich VII., alle hatten regiert,
+ohne sich an die strenge Ordnung der Erbfolge zu kehren. Über die
+Legitimität Maria’s und Elisabeths schwebte ein ernster Zweifel ob. Daß
+Katharina von Aragonien und Anna Boleyn beide rechtmäßige Frauen
+Heinrichs VIII. gewesen, war unmöglich, und die höchste Autorität des
+Reichs hatte beide Fälle geleugnet. Die Tudors betrachteten das
+Erbfolgegesetz so wenig als eine göttliche unantastbare Einsetzung, daß
+sie stets daran zu ändern suchten. Heinrich VIII. erlangte einen
+Parlamentsbeschluß, wonach er ermächtigt war, testamentarisch über die
+Krone zu verfügen, und wirklich machte er auch zum Nachtheile der
+königlichen Familie von Schottland ein Testament. Eduard&nbsp;VI. nahm
+sich, ohne Ermächtigung vom Parlamente, ein ähnliches Recht, und die
+bedeutendsten Reformatoren billigten es. Elisabeth, überzeugt, daß ihr
+eigener Rechtsanspruch ernsten Anfechtungen ausgesetzt war, und nicht
+geneigt, ihrer Nebenbuhlerin und Feindin, der Königin von Schottland,
+auch nur das Recht der Anwartschaft zu belassen, wußte das Parlament zur
+Beschließung eines Gesetzes zu bewegen, wonach Jeder, der die Befugniß
+des regierenden Herrschers, mit Genehmigung der Reichsstände die
+Thronfolge zu ändern, anfechten würde, den Tod des Verräthers erleiden
+solle. Aber die Lage Jakobs war eine ganz andere, als die Elisabeths.
+Wenn auch an Fähigkeiten ihr nachstehend, und weniger bei dem Volke
+beliebt, wenn auch von den Engländern als ein Fremder betrachtet und
+durch das Testament Heinrichs VIII. vom Throne ausgeschlossen, war
+<span class = "pagenum">I.49</span>
+<a name = "pageI_49" id = "pageI_49"> </a>
+der König von Schottland dennoch der unzweifelhafte Erbe Wilhelms des
+Eroberers und Egberts. Deshalb hatte er ein naheliegendes Interesse,
+wenn er die abergläubische Ansicht einschärfte, die Geburt verleihe
+Rechte, die über dem Gesetze ständen, und das Gesetz könne diese Rechte
+nicht ändern. Diese Ansicht war übrigens seinem Verstande und seinem
+Charakter entsprechend, auch fand sie nicht nur bald viel Vertheidiger
+unter denen, die um seine Gunst buhlten, sondern machte auch schnelle
+Fortschritte unter den Geistlichen der Staats&shy;kirche.</p>
+
+<p>So wurden die Ansprüche des Monarchen gerade in der Zeit, wo sich im
+Parlamente und im Lande der republikanische Geist stark zu regen begann,
+so ausgedehnt, daß sie selbst dem hochfahrendsten und eigenmächtigsten
+seiner Vorgänger auf dem Throne mißfallen haben würden.</p>
+
+<p>Jakob rühmte sich stets seiner Fertigkeit in dem, was er
+Königs&shy;kunstgriff nannte; und doch läßt sich kaum ein Verfahren
+denken, das allen Regeln der Kunst eines Herrschers so zuwider wäre, als
+das seine. Weise Regenten haben stets die Politik befolgt, Handlungen
+der Gewalt unter populären Formen zu verbergen. Augustus und Napoleon
+schufen auf diese Weise absolute Monarchien, indeß die Volksmenge sie
+nur für hervorragende Bürger hielt, denen man zeitweilig die höchste
+Gewalt übertragen. Die Politik Jakobs stand zu der dieser beiden Männer
+im schroffsten Gegensatze. Er reizte und beunruhigte seine Parlamente
+durch die wiederholte Erklärung, daß sie ihre Privilegien nur so lange
+als es ihm beliebe besäßen, und daß sie eben so wenig die Rechtmäßigkeit
+seiner eigenen Handlungen als die der Gottheit zu beurtheilen befugt
+seien. Und dennoch beugte er sich ihnen, gab einen Minister nach dem
+andern ihrer Rache preis, und ließ sich durch sie zu Handlungen bewegen,
+die seinen Lieblingswünschen durchaus nicht entsprachen. Der Unwille
+über seine Ansprüche wuchs gleichzeitig mit der Verachtung, die seine
+Zugeständnisse erregten. Seine Vorliebe für unwürdige Günstlinge und die
+Nachsicht mit der Tyrannei und Raubsucht derselben erhielten die
+Unzufriedenheit beständig wach; seine Feigheit, sein kindisches Wesen,
+seine Pedanterie, das Widrige in Person und Manieren und seine
+provinzielle Sprache machten ihn zum Gegenstande des Gespötts. Selbst in
+seinen Vorzügen und Talenten zeigte sich stets das Unkönigliche. In dem
+Verlaufe seiner Regierung verloren alle jene ehrwürdigen
+Ideenverbindungen, die so lange die Stütze des Thrones gewesen, nach und
+nach ihre Kraft. Seit zweihundert Jahren waren alle Herrscher Englands,
+mit Ausnahme des unglücklichen Heinrich&nbsp;VI., charakterfeste,
+stolze, muthige und wirklich fürstliche Männer gewesen, und fast alle
+hatten mehr als gewöhnliche Fähigkeiten besessen; es war daher kein
+bedeutungsloser Umstand, daß gerade am Vorabend des entscheidenden
+Kampfes zwischen unsern Regenten und ihren Parlamenten das Königthum
+stammelnd, geifernd, unmännlich weinend, vor einem gezogenen Degen
+bebend und bald im Tone des Narren, bald in dem eines Schulmeisters
+redend, der Welt sich zeigen sollte.</p>
+
+<div class = "mynote">
+<p><a name = "noteA" id = "noteA" href = "#tagA">A...A</a>
+»weder Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch Nero, dem
+zu gehorchen Paulus den Römern befahl, waren der patriarchalischen
+Regierungs&shy;theorie nach faktisch Usurpatoren.«</p>
+
+<p><i>Satz ungeändert: übersetzungsfehler für</i></p>
+
+<p>»sowohl Tiberius ... als auch Nero ...«<br>
+(<i>both Tiberius ... and Nero ... were ... usurpers</i>)</p>
+</div>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Kluft zwischen der Kirche und den Puritanern wird größer.</span>
+<a name = "secI_34" id = "secI_34">Inzwischen</a> waren die religiösen
+Zwistigkeiten, die seit der Zeit Eduard&nbsp;VI. die Protestanten bewegt
+hatten, furchtbarer als je geworden. Die Kluft zwischen der ersten
+Generation der Puritaner einerseits und Cranmer und Jewel andererseits,
+war in Vergleich zu der, welche die dritte Generation der Puritaner von
+Laud und Hammond trennte, eine kleine. So lange Maria’s Grausamkeiten
+noch in frischer Erinnerung standen,
+<span class = "pagenum">I.50</span>
+<a name = "pageI_50" id = "pageI_50"> </a>
+die Macht der katholischen Partei noch Besorgnisse erweckte, und so
+lange Spanien ein Übergewicht hatte und nach der Universalherrschaft
+trachtete, waren sich alle reformirten Sekten eines starken, gemeinsamen
+Interesses und eines gemeinsamen Todfeindes bewußt. Ihre Erbitterung
+untereinander war im Vergleich zu der, die sie gegen Rom hegten, nur
+schwach zu nennen. Conformisten und Nichtconformisten hatten einen
+aufrichtigen Bund zur Erwirkung äußerst strenger Gesetze gegen die
+Papisten geschlossen. Als aber mehr denn ein halbes Jahrhundert
+ungestörten Besitzes der Staats&shy;kirche Zuversicht eingeflößt, als
+neun Zehntheile des Volks aufrichtig dem Protestantismus anhingen, als
+England mit aller Welt in Frieden stand, als eine Gefahr, den Papismus
+der Nation durch fremde Waffen aufgedrängt zu sehen, nicht mehr zu
+fürchten war, und als die letzten Bekenner, die vor Bonner gestanden,
+dahin waren, änderte sich die Stimmung der anglikanischen Geistlichkeit.
+Ihre Abneigung gegen die römisch-katholische Lehre und Kirchendisziplin
+war bedeutend schwächer <ins class = "correction" title = "Original hat »georden«">geworden</ins> ihre Abneigung gegen die Puritaner aber wuchs
+mit jedem Tage. Die Streitigkeiten, die von Beginn an die
+protestantische Partei zerrissen hatten, gestalteten sich der Art, daß
+keine Hoffnung auf Aussöhnung blieb, und zu den alten Streitfragen
+gesellten sich neue von noch größerer Wichtigkeit.</p>
+
+<p>Zwar hatten die Gründer der anglikanischen Kirche das Episkopat als
+eine alte, gute und passende kirchliche Einrichtung beibehalten, aber
+sie hatten nicht erklärt, daß diese Form der Kirchenverwaltung eine von
+Gott eingesetzte sei. Wie gering Cranmer das Amt eines Bischofs hielt,
+haben wir bereits gesehen. Jewel, Cooper, Whitgift und andere
+hervorragende Religionslehrer unter der Regierung Elisabeths
+vertheidigten die Prälatur als etwas Unschädliches und Nützliches, das
+der Staat einzuführen befugt sei, und wenn es einmal eingeführt, auf die
+Achtung jedes Bürgers Anspruch habe, aber nie läugneten sie, daß eine
+christliche <ins class = "correction" title = "Original hat »Gemeine«">Gemeinde</ins> ohne Bischof eine reine Kirche sein könne, sie
+betrachteten vielmehr die Protestanten auf dem Festlande als Glieder
+einer Glaubensfamilie, der sie selbst angehörten. Wohl waren die
+Engländer in England gehalten, die Autorität des Bischofs ebenso
+anzuerkennen, wie ihnen die Autorität des Sheriffs und des Coroners
+anzuerkennen oblag, aber diese Verpflichtung war nur eine örtliche. Ging
+ein Mitglied der englischen Kirche, ja selbst ein englischer Prälat,
+nach Holland, so fügte er sich ohne Bedenken der holländischen
+Staats&shy;kirche. Die Botschafter Elisabeths und Jakobs gingen im
+Auslande mit vollem Gepränge zu demselben Gottesdienste, den Elisabeth
+und Jakob in der Heimath übten, und mieden es sorgfältig, um den
+schwächern Brüdern kein Ärgerniß zu geben, ihre Privatkapellen nach
+anglikanischer Art auszuschmücken. Im Jahre 1603 erkannte die
+Kirchenversammlung der Provinz Canterbury die Kirche von Schottland,
+welche damals bischöfliche Beaufsichtigung und Ordination noch nicht
+kannte, feierlich als einen Theil der heiligen, allgemeinen Kirche
+Christi an.<a class = "tag" name = "tagI_6" id = "tagI_6" href =
+"#noteI_6">6</a> Man hielt selbst presbyterianische Geistliche zu Sitz
+und Stimme in ökumenischen Konzilien als berechtigt. Als die
+Generalstaaten der Vereinigten Niederlande eine Synode von nicht
+bischöflich ordinirten Lehrern in Dortrecht versammelten, betheiligten
+sich ein englischer Bischof und ein englischer Dechant im Auftrag des
+Oberhauptes der englischen Kirche an den Sitzungen dieser
+Gottesgelehrten,
+<span class = "pagenum">I.51</span>
+<a name = "pageI_51" id = "pageI_51"> </a>
+predigten und stimmten mit ihnen über die wichtigsten theologischen
+Fragen ab.<a class = "tag" name = "tagI_7" id = "tagI_7" href =
+"#noteI_7">7</a> Es befanden sich auch viel englische Pfründen in den
+Händen von Geistlichen, die früher in der auf dem Festlande üblichen
+Weise der Calvinisten zu ihrem Amte geweiht waren, und man hatte die
+Reordination durch einen Bischof in solchen Fällen nicht für nöthig,
+selbst für ungesetzlich gehalten.</p>
+
+<p>Aber eine neue Art von Theologen begann in der englischen Kirche
+bereits aufzutauchen. Nach der Ansicht derselben war das Amt des
+Bischofs zur Wohlfahrt einer christlichen Gemeinschaft und zur Förderung
+der Wirksamkeit der feierlichsten Religionsgebräuche wesentlich. Es
+gehören zu jenem Amte gewisse hohe und heilige Vorrechte, die
+menschliche Macht weder verleihen noch entziehen könne. Eine Kirche,
+sagten sie, welche die apostolische Nachfolge abschaffte, könne eben so
+gut auch die Lehre von der Dreieinigkeit oder der Menschwerdung
+abschaffen, und die römische Kirche, welche bei allen ihren
+Verderbnissen die apostolische Nachfolge beibehalten, sei der
+ursprünglichen Reinheit näher, als jene reformirten Gemeinden, welche
+vorschnell, dem göttlichen Muster geradezu entgegen, ein von Menschen
+ersonnenes System aufgestellt hätten.</p>
+
+<p>Zur Zeit Eduards VI. und Elisabeths hatten die Vertheidiger des
+anglikanischen Rituals, sich gewöhnlich mit dem Ausspruche begnügt, daß
+das Ritual ohne Sünde angewendet werden könne, und jeder, der sich
+weigere, es auf Verordnung der Obrigkeit anzuwenden, sei ein
+störrischer, ungehorsamer Unterthan. Die neu erstehende Partei aber, die
+für die Institutionen der Kirche einen himmlischen Ursprung bezeichnete,
+begann ihren religiösen Handlungen eine Würde und Bedeutung beizulegen.
+Man deutete an, daß der Fehler des eingeführten Gottesdienstes, wenn er
+überhaupt einen habe, in seiner zu großen Einfachheit bestehe, und daß
+die Reformatoren in dem Eifer des Streites mit Rom viel alte Ceremonien
+abgeschafft, die man füglich hätte beibehalten können. Man zollte
+gewissen Tagen und Orten wiederum eine mystische Verehrung; Gebräuche,
+die man lange außer Anwendung gesetzt und als abergläubische Spielereien
+betrachtet, wurden wieder hervorgerufen; Gemälden und Schnitzwerken,
+welche der Zerstörungswuth der ersten Generation der Protestanten
+entkommen waren, ließ man nun wieder eine Verehrung angedeihen, die
+Viele für götzendienerisch hielten.</p>
+
+<p>Die Reformatoren verabscheuten keinen Theil des alten Kirchensystems
+mehr, als die dem Cölibate gezollte Hochachtung. Sie waren der Ansicht,
+daß schon der Apostel Paulus die römische Lehre über diesen Punkt als
+die des Teufels prophetisch verdammt habe, und sprachen gern und viel
+über die Verbrechen und Ärgernisse, welche diese schreckliche Anklage zu
+begründen den Anschein hatten. Luther hatte seine Ansicht, indem er eine
+Nonne heirathete, sehr klar an den Tag gelegt. Einige der
+ausgezeichnetsten Bischöfe und Priester, die unter der Regierung Maria’s
+den Feuertod erlitten, hatten Frauen und Kinder hinterlassen. Jetzt aber
+tauchte das Gerücht auf, der alte Mönchsgeist lasse sich in der
+englischen Kirche wieder
+<span class = "pagenum">I.52</span>
+<a name = "pageI_52" id = "pageI_52"> </a>
+verspüren, höhern Orts hege man Abneigung gegen verheirathete Priester,
+Laien, die Protestanten seien, hätten in Bezug auf das Cölibat
+Entschlüsse gefaßt, die fast Gelübden glichen, und selbst ein Diener der
+Staats&shy;kirche habe ein Nonnenkloster gegründet, in welchem ein
+Verein gottgeweihter Jungfrauen um Mitternacht Psalmen sängen.<a class =
+"tag" name = "tagI_8" id = "tagI_8" href = "#noteI_8">8</a></p>
+
+<p>Dies war jedoch nicht Alles. Eine Klasse von Fragen, über welche bei
+den Gründern der anglikanischen Kirche und der ersten Generation der
+Puritaner wenig oder gar keine Meinungs&shy;verschiedenheit herrschte,
+rief nach und nach einen heftigen Streit hervor. Die Controversen,
+welche die protestantische Partei in ihrer Kindheit schon entzweit,
+hatten sich fast ausschließlich auf Kirchenregiment und Kirchengebräuche
+bezogen, und über Punkte der metaphysischen Theologie war es zwischen
+den streitenden Parteien zu einem ernsten Kampfe nicht gekommen. Die
+Lehren von Erbsünde, Glauben, Gnade, Prädestination und Gnadenwahl, an
+denen die Häupter der Hierarchie festhielten, waren die, welche man
+gewöhnlich calvinisch nannte. Der Erzbischof Whitgift, ihr
+Lieblingsprälat, entwarf im Verein mit dem Bischof von London und andern
+Theologen gegen das Ende der Regierung Elisabeths die berühmte Schrift,
+die unter dem Namen der „Lambeth-Artikel“ bekannt ist. Es werden darin
+die stärksten calvinistischen Lehren mit einer Bestimmtheit behauptet,
+die vielen Calvinisten unserer Zeit anstößig sein würde. Ein
+Geistlicher, der entgegengesetzter Ansicht war und sich hart über Calvin
+äußerte, wurde von der Universität Cambridge dieser Vermessenheit wegen
+angeklagt, und entging der Strafe nur dadurch, daß er sich öffentlich zu
+den Lehren von der Verdammniß und dem endlichen Beharren bekannte, und
+seine Reue über die Beleidigung aussprach, die er frommen Männern durch
+seine Angriffe auf den großen französischen Reformator zugefügt habe.
+Zwischen Cranmer’s und Lauds Schulen steht jene theologische, deren
+Haupt Hooker war, in der Mitte, und die Arminianer haben Letztern in der
+neueren Zeit als ihren Genossen betrachtet; aber dennoch erklärte Hooker
+Calvin für einen Mann, der <ins class = "correction" title = "Original hat »alle«">allen</ins> andern Theologen, die Frankreich je
+hervorgebracht, an Weisheit überlegen sei, für einen Mann, dem Tausende
+ihre Kenntniß der göttlichen Wahrheit verdankten, er selbst aber,
+Calvin, sei nur Gott zu Danke verpflichtet. Als in Holland der
+arminianische Streit begann, standen die englische Regierung und die
+englische Kirche der calvinistischen Partei kräftig bei, und jene
+Flecken, welche durch die Einkerkerung des Grotius und den Justizmord
+des Barneveldt auf dieser Partei haften, trägt auch zum Theil der
+englische Name.</p>
+
+<p>Vor dem Zusammentritt der holländischen Synode hatte indeß jene
+Partei der anglikanischen Geistlichkeit, die dem calvinistischen
+Kirchenregimente und dem calvinistischen Gottesdienste besonders abhold
+war, angefangen, die calvinistische Metaphysik mißfällig zu betrachten,
+und dieses Mißfallen ward natürlich durch die auffallende
+Ungerechtigkeit, Anmaßung und Grausamkeit der in Dortrecht
+vorherrschenden Partei noch vermehrt. Die arminianische Lehre, nicht so
+streng logisch als die der früheren Reformatoren, aber den
+Volksbegriffen von der göttlichen Gerechtigkeit und Güte entsprechender,
+fand eine rasche und weite Verbreitung. Auch der Hof ward
+<span class = "pagenum">I.53</span>
+<a name = "pageI_53" id = "pageI_53"> </a>
+bald davon ergriffen. Ansichten, die zur Zeit der Thronbesteigung Jakobs
+kein Geistlicher aussprechen durfte, ohne den Verlust seines
+Priesterrockes befürchten zu müssen, gaben jetzt den besten Anspruch auf
+Beförderung. Ein Geistlicher jener Zeit, der von einem schlichten
+Landedelmann befragt ward, was die Arminianer denn eigentlich
+behaupteten, gab die eben so wahre als witzige Antwort: sie behaupten
+die besten Bisthümer und Dekaneien Englands.</p>
+
+<p>Zu gleicher Zeit, als ein Theil des anglikanischen Clerus die
+ursprünglich eingenommene Stellung nach einer Richtung hin verließ, wich
+ein Theil der Puritaner gerade in entgegengesetzter Richtung von den
+Grundsätzen und Gewohnheiten seiner Väter ab. Die von den Separatisten
+erlittene Verfolgung war zwar hart genug gewesen, um zu erbittern, aber
+zu gelind, um zu vernichten; man hatte sie nicht bis zur Unterwürfigkeit
+gezähmt, sondern bis zur Wildheit und Unbeugsamkeit emporgestachelt. Wie
+alle unterdrückten Sekten, hielten auch sie ihre eigenen Rachegefühle
+für fromme Regungen, erhöhten durch Lesen und Nachdenken den Hang, über
+ihre Leiden zu brüten, und bildeten sich ein, wenn sie sich bis zum
+Hasse gegen ihre Feinde aufgeregt, daß sie die Feinde des Himmels
+haßten. Wenn sich auch im neuen Testamente nur wenig fand, was selbst
+bei unredlich verfälschter Auslegung dem Ergeben gehässiger
+Leidenschaften scheinbar Nachsicht gewährte, so enthielt doch das alte
+Testament die Geschichte eines Volks, das von Gott zum Zeugen seiner
+Einheit und zum Diener seiner Rache auserwählt worden, und dem er
+besonders mancherlei Dinge zu thun befohlen, die, ohne sein
+ausdrückliches Geheiß verübt, die gräßlichsten Verbrechen gewesen wären.
+In einer solchen Geschichte Vieles zu finden, was sich durch Verdrehung
+den betreffenden Wünschen entsprechend machen ließ, konnte erbitterten
+und düstern Gemüthern nicht schwer fallen. Bei den extremen Puritanern
+begann sich nun eine Vorliebe für das alte Testament zu bilden, die sich
+in ihrer ganzen Denkart und in allen ihren Gebräuchen zeigte, wenn sie
+es auch sich selbst nicht offen eingestehen mochten. Der hebräischen
+Sprache zollten sie eine Verehrung, die sie der Sprache versagten, in
+welcher uns die Unterredungen Jesu und die Briefe des Paulus überliefert
+worden; ihren Kindern gaben sie in der Taufe nicht die Namen
+christlicher Heiligen, sondern die hebräischer Patriarchen und Krieger;
+den wöchentlichen Festtag, den die Kirche von den ältesten Zeiten an zum
+Andenken an die Auferstehung des Herrn begeht, verwandelten sie,
+ungeachtet der ausdrücklichen und wiederholten Erklärungen Luthers und
+Calvins, in einen jüdischen Sabbath; Rechtsgrundsätze suchten sie in den
+mosaischen Bestimmungen, und Vorgänge, die ihrem gewöhnlichen Verhalten
+als Muster dienen sollten, in den Büchern der Richter und Könige; ihre
+Gedanken und Gespräche dreheten sich meistens um Handlungen, die man
+sicherlich nicht als nachahmungswürdige Beispiele für uns
+niedergeschrieben hat. Der Prophet, der einen gefangenen König in Stücke
+hieb, der ungehorsame Feldherr, der das Blut einer Königin den Hunden
+gab, das Weib, das ungeachtet eines <ins class = "correction" title =
+"Original hat »ge-/gegebenen« am Linienende">gegebenen</ins>
+Versprechens und der morgenländischen Gastfreundschaft zum Trotz, mit
+einem Nagel das Gehirn des flüchtigen Bundesgenossen durchbohrte, der an
+ihrem Tische gesessen und unter ihrem Zelte schlief, diese alle wurden
+den unter der Tyrannei von Fürsten und Prälaten leidenden Christen als
+Muster aufgestellt. Moral und Sitten wurden von einem Codex abhängig
+gemacht, der dem der Synagoge in ihrem schlechtesten
+<span class = "pagenum">I.54</span>
+<a name = "pageI_54" id = "pageI_54"> </a>
+Zustande glich. Kleidung, Haltung, Sprache, Studien und Vergnügungen
+dieser strengen Sekte waren nach Grundsätzen geregelt, ähnlich denen der
+Pharisäer, die im Stolze auf ihre rein gewaschenen Hände und breiten
+Gedenkzettel den Erlöser als einen Sabbathschänder und Säufer schmähten.
+Einen Maibaum mit Kränzen zu schmücken, die Gesundheit eines Freundes zu
+trinken, einen Falken fangen zu lassen, einen Hirsch zu jagen,
+Schmachtlocken zu tragen, die Halskrause zu stärken, das Spinett zu
+schlagen oder die Königin der Feen zu lesen, war eine Sünde.
+Vorschriften dieser Art, die dem freien und fröhlichen Geiste Luthers
+unerträglich, und dem hellen philosophischen Verstande Zwingli’s
+verächtlich erschienen sein würden, breiteten ein mehr als mönchisches
+Duster über das ganze Leben. Die Gelehrsamkeit und Redekunst, durch die
+sich die großen Reformatoren so hoch auszeichneten, und denen sie
+größtentheils ihre Erfolge verdankten, betrachtete die neue Schule der
+Protestanten mit Argwohn, wenn nicht selbst mit Abneigung. &mdash;
+Einige der Rigorösesten trugen sogar Bedenken, aus der lateinischen
+Grammatik Unterricht ertheilen zu lassen, weil die Namen Mars, <ins
+class = "correction" title = "Original hat »Bachus«">Bacchus</ins> und
+Apollo darin vorkamen. Die schönen Künste waren so gut wie verpönt; der
+feierliche Klang der Orgel erschien abergläubisch; die leichte Musik von
+Ben Jonson’s Maskenspielen galt für unsittlich; die eine Hälfte der
+schönen Gemälde in England war götzendienerisch, die andere unanständig.
+Den extremen Puritaner konnte man sofort an seinem Gange, seiner
+Kleidung, seinem glatten Haare, der kalten Feierlichkeit seines
+Gesichts, dem emporgekehrten Weißen der Augen, der näselnden Sprache und
+vor Allem an seiner eigenthümlichen Ausdrucksweise erkennen. Bei jeder
+Gelegenheit wendete er Bilder und Styl der heiligen Schrift an.
+Hebräismen, gewaltsam in die englische Sprache verflochten, und
+Metaphern, der kühnsten lyrischen Poesie eines fernen Zeitalters und
+Landes entlehnt, und auf die gewöhnlichsten Angelegenheiten des
+englischen Lebens angewendet, waren die hervorragendsten
+Eigenthüm&shy;lichkeiten dieses Sprachgemisches, das mit vollem Rechte
+den Spott der Prälatisten sowohl als der Freigeister nach sich zog.</p>
+
+<p>Das politische und religiöse Schisma, das im sechzehnten Jahrhunderte
+sich gebildet hatte, ward im ersten Viertheile des siebzehnten
+Jahrhunderts stets größer. In Whitehall waren Theorien Mode, die sich
+dem türkischen Despotismus näherten; der größte Theil des Unterhauses
+huldigte Theorien, die sich dem Republikanismus zuneigten. Die eifrigen
+Prälatisten, die bis auf den letzten Mann für das Hoheitsrecht kämpften,
+und die eifrigen Puritaner, welche eben so heftig für die Privilegien
+des Parlaments stritten, standen sich mit einer viel größern Erbitterung
+gegenüber, als in der vorangegangenen Generation je zwischen Katholiken
+und Protestanten geherrscht hat.</p>
+
+<p>Bei dieser Gemüthsstimmung der Menschen ward das Land nach einem
+langjährigen Frieden in einen Krieg verwickelt, der große Anstrengungen
+nöthig machte. Durch diesen Krieg ward die große constitutionelle Krisis
+beschleunigt. Der König brauchte eine starke Militär-Macht, diese konnte
+er ohne Geld nicht erlangen, und Geld war ohne Zustimmung des Parlaments
+auf gesetzlichem Wege nicht zu erheben. Hieraus ging hervor, daß er
+entweder im Sinne des Hauses der Gemeinen regieren, oder eine Verletzung
+der Grundgesetze des Landes wagen mußte, die man seit mehreren Hundert
+Jahren nicht mehr kannte. Die Plantagenets und Tudors hatten zwar bei
+vorkommenden Gelegenheiten einen Ausfall in ihren Einkünften
+<span class = "pagenum">I.55</span>
+<a name = "pageI_55" id = "pageI_55"> </a>
+durch freiwillige oder gezwungene Anleihen gedeckt, aber diese
+Aushilfsmittel waren immer nur vorübergehend. Die regelmäßigen
+Bedürfnisse eines langen Kriegs durch regelmäßige Steuern, ohne
+Einwilligung der Stände des Reichs ausgeschrieben, zu decken, war ein
+Verfahren, dessen Ausführung selbst Heinrich VIII. nicht gewagt haben
+würde. So schien die entscheidende Stunde zu nahen, in der entweder das
+englische Parlament das Schicksal der festländischen Senate theilen,
+oder das höchste Übergewicht im Staate erlangen müsse.</p>
+
+<div class = "footnote">
+<p><a name = "noteI_6" id = "noteI_6" href = "#tagI_6">6.</a>
+<span class = "antiqua">Canon 55. of 1603.</span></p>
+
+<p><a name = "noteI_7" id = "noteI_7" href = "#tagI_7">7.</a>
+Joseph Hall, damals Dechant von Worcester und später Bischof von
+Norwich, war einer jener Abgeordneten. In seiner Selbstbiographie sagt
+er: „Meine Unwürdigkeit wurde zu einem Theilnehmer an dieser
+ehrenwerthen, wichtigen und verehrungswürdigen Versammlung ernannt.“
+Diese Demuth wird Hochkirchenmännern nicht recht am Platze
+erscheinen.</p>
+
+<p><a name = "noteI_8" id = "noteI_8" href = "#tagI_8">8.</a>
+<span class = "antiqua">Peckard’s Life of Ferrar.</span> Das
+arminianische Nonnenkloster, oder eine kurze Beschreibung der vor Kurzem
+gestifteten klösterlichen Anstalt, das arminianische Nonnenkloster
+genannt, zu Little Gidding in Huntingdonshire, 1641.</p>
+</div>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Thronbesteigung und Charakter Karls&nbsp;I.</span>
+<a name = "secI_35" id = "secI_35">In</a> dieser verhängnißvollen Zeit
+starb Jakob, und Karl&nbsp;I. bestieg nach ihm den Thron. Die Natur
+hatte ihn mit einem größern Verstande, mit einem stärkern Willen und
+einem strengern, festern Charakter begabt, als seinen Vater. Die
+politischen Theorien desselben hatte er nicht nur geerbt, er war auch
+weit mehr als jener geneigt, sie praktisch auszuführen. Er war wie jener
+ein eifriger Anhänger der bischöflichen Kirche, außerdem, was der Vater
+nie gewesen, ein eifriger Arminianer, und sah, obgleich kein Papist,
+dennoch einen Papisten lieber, als einen Puritaner. Man würde ungerecht
+sein, wollte man läugnen, daß Karl einige der Eigenschaften eines guten,
+ja selbst eines großen Fürsten besaß. Er schrieb und sprach nicht mit
+der Genauigkeit eines Professors, wie sein Vater, sondern wie ein
+intelligenter, wohlunterrichteter Edelmann. Sein Geschmack in Literatur
+und Kunst war vortrefflich, seine Manieren waren würdevoll, wenn auch
+nicht gewinnend, und sein häusliches Leben tadellos. Treulosigkeit war
+der Hauptgrund zu seinem Mißgeschick, und bildet den schwärzesten Fleck
+auf seinem Andenken, denn er besaß wirklich einen unheilbaren Hang,
+dunkle und krumme Wege zu gehen. Es erscheint seltsam, daß sein Gewissen
+ihn dieses großen Lasters wegen nie plagte, während es bei unbedeutenden
+Gelegenheiten sich ziemlich empfindsam zeigte; man muß indeß mit gutem
+Grunde annehmen, daß er nicht nur aus Neigung und Gewohnheit, sondern
+aus Grundsatz treulos war. Man möchte glauben, er habe von den
+Theologen, die er hoch schätzte, gelernt, daß zwischen ihm und seinen
+Unterthanen kein gegenseitiger Vertrag bestehe, daß er sich seiner
+despotischen Autorität, auch wenn er wollte, nicht entäußern dürfe, und
+daß in jedem seiner Versprechen der stillschweigende Vorbehalt liege, es
+im Falle der Nothwendigkeit wieder brechen zu können, und daß ihm allein
+die Entscheidung zustehe, ob dieser Nothfall eingetreten sei.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Taktik der Opposition im Hause der Gemeinen.</span>
+<a name = "secI_36" id = "secI_36">Und</a> nun begann das gewagte Spiel,
+das über das Geschick des englischen Volks entschied. Auf Seite des
+Hauses der Gemeinen ward mit Eifer, aber auch mit
+bewunderungs&shy;würdiger Geschicklichkeit, Ruhe und Ausdauer, gespielt.
+An der Spitze der Versammlung standen große Staats&shy;männer, die weit
+zurück und weit hinaus zu blicken vermochten, und diese waren
+entschlossen, den König in eine Lage zu versetzen, daß er entweder nach
+den Wünschen des Parlamentes regieren, oder die heiligsten Grundsätze
+der Verfassung gewaltsam antasten müsse. Aus diesem Grunde bewilligten
+sie ihm nur kärgliche Geldunterstützungen. Der König erkannte, daß er
+entweder im Einverständnisse mit dem Hause der Gemeinen, oder mit allen
+Gesetzen im Widerspruche regieren müßte, und sein Entschluß stand bald
+fest: er löste sein erstes Parlament auf und erhob aus eigner
+Machtvollkommenheit Steuern. Nun berief er ein zweites Parlament, und
+fand es noch unbeugsamer als das erste. Wiederum nahm er zu dem Mittel
+<span class = "pagenum">I.56</span>
+<a name = "pageI_56" id = "pageI_56"> </a>
+der Auflösung seine Zuflucht, erhob, ohne den leisesten Anschein eines
+gesetzlichen Rechts, neue Steuern, und ließ die Führer der Opposition
+einkerkern. Eine neue Beschwerde, welche die eigenthümlichen Gefühle und
+Gewohnheiten des englischen Volks zu einer kaum erträglichen Last
+machten und die allen scharfblickenden Männern als eine furchtbare
+Vorbedeutung erschien, erregte zu derselben Zeit allgemeine
+Unzufriedenheit und Unruhe: es wurden Compagnien Soldaten bei dem Volke
+einquartiert und das Kriegsrecht verdrängte an einigen Orten die alten
+Rechte des Reichs.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Bitte um Recht.</span>
+<a name = "secI_37" id = "secI_37">Der</a> König berief ein drittes
+Parlament, und bald ward er gewahr, daß ihm die Opposition stärker und
+heftiger entgegentrat, als je. Nun entschloß er sich, die Taktik zu
+ändern. Statt den Forderungen der Gemeinen hartnäckig entgegen zu sein,
+ging er nach manchem Streite und manchen Ausflüchten auf einen Vergleich
+ein, der, wenn er ihm treulich nachgekommen wäre, ein dauerndes Ungemach
+abgewendet haben würde. Das Parlament bewilligte eine namhafte
+Geldunterstützung; der König bestätigte feierlich das berühmte Gesetz,
+das unter dem Namen der Bitte des Rechts bekannt ist, und die zweite
+große Urkunde der Freiheiten Englands bildet. Durch die Bestätigung
+dieses Gesetzes legte er sich zugleich die Verpflichtung auf, nie wieder
+ohne Bewilligung der Häuser Geld zu erheben, nie wieder eine Person,
+wenn nicht der Rechtsgang dabei beobachtet, einzukerkern, und nie wieder
+das Volk den Kriegs&shy;gerichten zu unterwerfen.</p>
+
+<p>Der Tag, an welchem nach langem Zögern dieses wichtige Aktenstück
+feierlich die königliche Sanktion erhielt, war ein Tag der Freude und
+der Hoffnung. Die an den Schranken des Hauses der Lords versammelten
+Gemeinen erhoben ein lautes Jubelgeschrei, als der Sekretär die Worte
+der Formel ausgesprochen, durch welche seit Jahrhunderten unsere Fürsten
+den Wünschen der Reichsstände ihre Zustimmung zu ertheilen pflegten.
+&mdash; Die Stimme der Hauptstadt und der Nation war der Wiederhall
+dieses Jubels; aber schon nach drei Wochen zeigte es sich, daß Karl
+nicht die Absicht hatte, den geschlossenen Vertrag zu halten. Das von
+den Volksvertretern bewilligte Geld ward erhoben; das Versprechen, durch
+welches die Bewilligung erlangt, ward gebrochen. Es entspann sich ein
+heftiger Kampf. Das Parlament ward in einer Weise aufgelös’t, die
+deutlich das Mißfallen des Königs bekundete. Einige der hervorragendsten
+Mitglieder wurden eingekerkert, und eins derselben, Sir Johann Elliot,
+starb im Gefängnisse nach jahrelangen Leiden.</p>
+
+<p>Karl wagte indeß nicht, die zur Fortführung des Kriegs erforderlichen
+Steuern aus eigener Machtvollkommenheit ferner zu erheben; er beeilte
+sich demnach, Frieden mit seinen Nachbarn zu schließen, und befaßte sich
+von da an nur mit Britanniens politischen Angelegenheiten.</p>
+
+<p>Eine neue Ära begann. Viele englische Könige hatten nur bei gewissen
+Gelegenheiten verfassungs&shy;widriger Handlungen sich schuldig gemacht,
+aber keiner hatte es noch unternommen, sich systematisch zu einem
+Despoten zu machen, und das Parlament bis zu einem Nichts
+herabzubringen. Und dies war das Ziel, nach welchem Karl unverkennbar
+strebte. Die Häuser wurden vom März 1629 bis zum April 1640 nicht wieder
+zusammenberufen. Unsere Geschichte wies keinen Zeitraum von elf Jahren
+nach, der zwischen einem und dem nächsten Parlamente gelegen; nur ein
+Mal hat es einen halb so langen Zwischenraum gegeben. Diese Thatsache
+allein
+<span class = "pagenum">I.57</span>
+<a name = "pageI_57" id = "pageI_57"> </a>
+widerlegt die Behauptung, daß Karl nur in die Fußtapfen der Plantagenets
+und Tudors getreten sei.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Bitte um Recht wird verletzt.</span>
+<a name = "secI_38" id = "secI_38">Durch</a> Zeugnisse der eifrigsten
+Anhänger des Königs ist bewiesen, daß er die Bestimmungen in der Bitte
+um Recht in diesem Abschnitte seiner Regierung nicht nur bei einzelnen
+Gelegenheiten, sondern fortwährend und systematisch verletzte; daß er
+die Einkünfte größtentheils ohne gesetzliche Ermächtigung erhoben, und
+daß er der Regierung mißliebige Personen, ohne gerichtliche Vorladung
+und Verhör, Jahre lang im Kerker hat schmachten lassen.</p>
+
+<p>Für solche Handlungen muß die Geschichte den König als persönlich
+verantwortlich erachten. Seit der Zeit seines dritten Parlaments war er
+selbst sein erster Premierminister; nur einige Personen, deren Charakter
+und Fähigkeiten seinen Plänen entsprachen, standen an der Spitze
+verschiedener Verwaltungszweige.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Charakter und Absichten Wentworths.</span>
+<a name = "secI_39" id = "secI_39">Thomas</a> Wentworth, erst zum Lord
+Wentworth und dann zum Earl von Strafford ernannt, ein äußerst fähiger,
+beredter und muthiger Mann, aber grausamen und herrschsüchtigen
+Charakters, war in politischen und militärischen Angelegenheiten der
+vertrauteste Rath des Königs. Früher eins der bedeutendsten Glieder der
+Oppositionspartei, hegte er gegen die, deren Sache er verlassen, jene
+eigenthümliche Abneigung, die in allen Zeiten die Apostaten
+charakterisirt hat. Da die Gefühle, die Hilfsquellen und die Politik der
+Partei, der er noch vor Kurzem angehört, ihm genau bekannt waren, hatte
+er einen umfassenden, tief durchdachten Plan entworfen, der die kluge
+Taktik der leitenden Staats&shy;männer im Hause der Gemeinen fast
+vereitelt hätte. Dieses Plans erwähnte er in seiner vertraulichen
+Correspondenz unter der bezeichnenden Benennung: „Durch.“ Er
+beabsichtigte, in England Alles, und mehr noch als das, zu thun, was
+Richelieu in Frankreich gethan; Karl zu einem so unumschränkten
+Monarchen zu machen, wie nur irgend einer auf dem Festlande existirte;
+das Vermögen und die persönliche Freiheit des ganzen Volks unter die
+Verfügung der Krone zu stellen; die Gerichtshöfe aller selbstständigen
+Macht selbst in gewöhnlichen civilrechtlichen Angelegenheiten zwischen
+Privatleuten zu berauben, und mit schonungsloser Härte alle die zu
+bestrafen, die bei Handlungen der Regierung sich unzufrieden zeigten,
+oder bei irgend einem Gerichtshofe um Abstellung derselben einkamen.<a
+class = "tag" name = "tagI_9" id = "tagI_9" href = "#noteI_9">9</a></p>
+
+<p>Dies war sein Ziel, und den einzigen Weg, der zu diesem Ziele führte,
+kannte er genau. Hätte er bei seiner wirklich klaren, zusammenhängenden
+und bestimmten Anschauungsweise nicht ein seinem Vaterlande und seinen
+Mitmenschen so verderbliches Ziel verfolgt, er würde die gerechtesten
+Ansprüche auf hohe Bewunderung gehabt haben. Daß es nur ein einziges
+Werkzeug gab, seine großen und kühnen Pläne auszuführen, und daß dieses
+Werkzeug ein stehendes Heer sei, sah er klar ein. Mit der ganzen Energie
+seines kräftigen Geistes strebte er nun nach der Errichtung eines
+<span class = "pagenum">I.58</span>
+<a name = "pageI_58" id = "pageI_58"> </a>
+solchen Heeres. In Irland, wo er Vicekönig war, gelang ihm wirklich die
+Einführung eines militärischen Despotismus, nicht nur über die
+eingeborene Bevölkerung, sondern auch über die englischen Colonisten,
+und er konnte sich mit Recht rühmen, daß der König auf dieser Insel so
+unumschränkt sei, als nur irgend ein Fürst der Welt.<a class = "tag"
+name = "tagI_10" id = "tagI_10" href = "#noteI_10">10</a></p>
+
+<div class = "footnote">
+<p><a name = "noteI_9" id = "noteI_9" href = "#tagI_9">9.</a>
+Die Correspondenz Wentworths scheint mir das im Text Gesagte völlig zu
+bestätigen. Alle Stellen abzuschreiben, die mich zu dem erlangten
+Schlusse geführt, würde eben so unmöglich sein, als es nicht leicht ist,
+eine bessere Auswahl zu treffen, als Mr. Hallam bereits getroffen hat.
+Aber ich mache den Leser besonders auf die vortreffliche Schrift
+aufmerksam, die Wentworth über die Angelegenheiten der Pfalz verfaßte.
+Sie ist vom 31. März 1637 datirt.</p>
+
+<p><a name = "noteI_10" id = "noteI_10" href = "#tagI_10">10.</a>
+Dies sind Wentworths eigene Worte. Siehe seinen Brief an Laud vom 16.
+Decbr. 1634.</p>
+</div>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Charakter Laud’s.</span>
+<a name = "secI_40" id = "secI_40">Die</a> Verwaltung der Kirche leitete
+indeß hauptsächlich Wilhelm Laud, der Erzbischof von Canterbury. Mehr
+als alle Prälaten der anglikanischen Kirche ist Laud von den Grundsätzen
+der Reformation abgewichen, und Rom nahegetreten. Seine theologischen
+Ansichten entfernten sich von denen der Calvinisten mehr, als selbst die
+der holländischen Arminianer. Seine maßlose Vorliebe für Ceremonien,
+seine Verehrung der Festtage, Vigilien und geheiligten Orte, seine übel
+verhehlte Abneigung gegen die Ehe der Priester, sein glühender und von
+Eigennutz nicht völlig freier Eifer, mit dem er den Anspruch des Clerus
+auf das ehrerbietige Benehmen der Laien vertrat, würden ihm den Haß der
+Puritaner zugezogen haben, auch wenn er nur gesetzliche und milde Mittel
+zur Erreichung seiner Pläne verwendet hätte. Aber sein Verstand war ein
+beschränkter, und mit der Welt hatte er nur in geringem Verkehre
+gestanden. Er war heftig und reizbar von Natur, lebhaft empfindlich,
+wenn es seine eigene Würde galt, kalt für die Leiden Anderer, und zu dem
+bei abergläubischen Menschen gewöhnlichen Irrthume geneigt, die eigenen
+mürrischen und gehässigen Launen für die Regungen eines gottesfürchtigen
+Eifers zu halten. Jeder Winkel des Reichs ward unter seiner Leitung
+einer unausgesetzten und scharfen Beaufsichtigung unterworfen; jeder
+kleine Separatisten-Verein ward <ins class = "correction" title =
+"Fehler für »aufgespürt«?">ausgespürt</ins> und aufgelöst, selbst die
+Privat&shy;andachts&shy;übungen der Familien entgingen den Späherblicken
+seiner Kundschafter nicht. Die Furcht vor seiner Härte war so groß, daß
+der tödtliche Haß gegen die allgemeine Kirche, der sich unzähliger
+Herzen bemächtigt, unter dem äußern Scheine voller Übereinstimmung mit
+derselben allgemein verborgen ward. Selbst an dem Vorabende der für ihn
+und seinen Stand so verhängnißvollen Unruhen konnten ihm die Bischöfe
+mehrerer umfangreichen Diöcesen noch berichten, daß in ihren Sprengeln
+auch nicht ein Dissidenter mehr zu finden sei.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Sternkammer und Hohe Commission.</span>
+<a name = "secI_41" id = "secI_41">Die</a> Gerichtshöfe gewährten den
+Unterthanen gegen die bürgerliche und geistliche Tyrannei jener Periode
+keinen Schutz. Die Richter des gemeinen Rechts, die ihre Stellen nur so
+lange bekleideten, als es dem Könige beliebte, zeigten sich in
+empörender Weise willfährig; aber ungeachtet ihrer Willfährigkeit waren
+sie dennoch nicht so bereitwillige und wirksame Werkzeuge der
+Willkür-Gewalt, als eine Klasse von Gerichtshöfen, die noch jetzt, nach
+mehr als zweihundert Jahren, in dem Andenken des Volks tief verabscheut
+wird. An der Spitze dieser Gerichtshöfe, durch Macht und Ehrlosigkeit
+gleich ausgezeichnet, standen die Sternkammer und die Hohe Commission;
+die Erstere war ein politisches, die Letztere ein religiöses
+Inquisitions&shy;gericht, und keins von Beiden war aus der alten
+Verfassung Englands hervorgegangen. Die Sternkammer war von den Tudors
+umgestaltet, und die Hohe Commission hatten sie erschaffen. War die
+Gewalt dieser Höfe schon vor der Thronbesteigung Karls ausgedehnt und
+furchtbar gewesen, so zeigte sie sich jetzt
+<span class = "pagenum">I.59</span>
+<a name = "pageI_59" id = "pageI_59"> </a>
+in einer Gestalt, daß jene nur gering erscheint. Von dem gewaltigen
+Geiste des Primas hauptsächlich geleitet, und von der parlamentarischen
+Aufsicht befreit, bethätigten sie eine Raubgier, eine Grausamkeit und
+eine boshafte Energie, die man in frühern Zeiten nie gekannt hatte. Mit
+Hilfe derselben war es der Regierung möglich, nach Willkür Geldstrafen
+aufzuerlegen, einzukerkern, an den Pranger zu stellen und zu
+verstümmeln. Zu York hatte ein besonderer Rath unter dem Präsidium
+Wentworths seinen Sitz, der, im Widerspruch mit dem Gesetz und nur durch
+die eigene Machtvollkommenheit des Königs ernannt, eine fast maßlose
+Gewalt über die nördlichen Grafschaften ausübte. Alle diese
+Gerichtshöfe, der Autorität von Westminsterhall Hohn und Trotz bietend,
+verübten täglich Excesse, welche selbst von den hervorragendsten
+Royalisten hart getadelt wurden. Nach Clarendons Bericht gab es kaum
+einen bedeutenden Mann im Königreiche, der die Härte und Gier der
+Sternkammer nicht aus eigener Erfahrung kennen gelernt; die Hohe
+Commission verfuhr in einer Weise, daß ihr kaum noch ein Anhänger im
+Lande geblieben, und durch die Tyrannei des Raths von York war nördlich
+vom Trent die Magna Charta zu einem todten Buchstaben geworden.</p>
+
+<p>Bis auf einen Punkt war nun die englische Regierung eben so
+despotisch, als die französische; aber dieser eine Punkt enthielt eine
+hohe Bedeutung: es gab noch kein stehendes Heer, und folglich auch keine
+Sicherheit dafür, daß nicht das ganze Gebäude der Tyrannei an einem Tage
+zertrümmert werden könne. Wollte aber der König aus eigener
+Machtvollkommenheit Steuern zum Unterhalte eines Heeres auferlegen, so
+hatte man, aller Wahrscheinlichkeit nach, sofort den heftigen Ausbruch
+eines Aufstandes zu fürchten. Durch diese Schwierigkeit ward Wentworth
+mehr als durch jede andere in Verlegenheit gesetzt. Man griff nun
+begierig zu einem Auskunftsmittel, das Finch, der Lord Siegelbewahrer,
+in Übereinstimmung mit andern der Regierung dienenden Rechtsgelehrten,
+empfohlen hatte.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Schiffsgeld.</span>
+<a name = "secI_42" id = "secI_42">Es</a> hatten nämlich die alten
+englischen Könige die Bewohner nicht nur der in der Nähe Schottlands
+liegenden Grafschaften zur Vertheidigung der Grenze unter die Waffen
+gerufen, sondern auch die Grafschaften an dem Meere aufgeboten, Schiffe
+zur Vertheidigung der Küste auszurüsten; statt der Schiffe hatte man
+mitunter Geld genommen. Diesen alten Gebrauch beschloß man jetzt, nach
+einem langen Zeitraume, nicht nur wieder einzuführen, sondern auch
+auszudehnen. Früher hatten die Fürsten nur zur Zeit des Krieges
+Schiffsgeld erhoben &mdash; jetzt forderte man es in einer Zeit tiefen
+Friedens ein. Wenn früher die Fürsten, selbst in den gefährlichsten
+Kriegen, das Schiffsgeld nur in den Küstengegenden erhoben hatten, so
+nahm man es jetzt von den Grafschaften des Binnenlandes. Früher hatte
+man das Schiffsgeld eingefordert, um eine Vertheidigung des Landes zur
+See zu bewirken; jetzt trieb man es ein, wie die Royalisten selbst
+zugestehen, nicht um eine Flotte zu unterhalten, sondern um dem Könige
+Gelder zu verschaffen, deren Betrag er nicht nur nach Belieben
+ausdehnen, sondern auch zu jedem beliebigen Zwecke verwenden konnte.</p>
+
+<p>Die ganze Nation gerieth in Aufregung und Entrüstung. John Hampden,
+ein reicher Gentleman aus guter Familie in Buckinghamshire, der in
+seiner nähern Umgebung hoch geachtet, aber in weitern Kreisen des
+Königreichs noch wenig bekannt war, hatte zuerst den Muth, der ganzen
+Gewalt der Regierung entgegenzutreten und auf eigene Kosten und Gefahr
+die Hoheitsrechte
+<span class = "pagenum">I.60</span>
+<a name = "pageI_60" id = "pageI_60"> </a>
+zu bestreiten, die der König in Anspruch nahm. Der Fall ward den
+Richtern der Schatzkammer zur Entscheidung vorgelegt; wie abhängig und
+knechtisch auch die Richter waren, es lagen so starke Gründe gegen die
+Ansprüche der Krone vor, daß die Majorität gegen Hampden so klein als
+nur möglich ausfiel &mdash; aber es war immer eine Majorität. Die
+Ausleger der Gesetze hatten erklärt, daß der königliche Machtspruch eine
+große, ergiebige Steuer auferlegen könne, und Wentworth bemerkte sehr
+richtig, ihr Urtheil sei nur durch Gründe zu rechtfertigen, die direct
+zu einem Schlusse führten, den zu ziehen sie nicht gewagt haben würden.
+&mdash; War es gesetzmäßig, daß zur Unterhaltung einer Flotte ohne
+Zustimmung des Parlamentes Geld erhoben werden konnte, so ließ sich
+schwer in Abrede stellen, daß auch Geld zum Unterhalte einer Armee ohne
+Zustimmung des Parlaments erhoben werden dürfe.</p>
+
+<p>Dieser Richterspruch vermehrte die Erbitterung des Volks. Ein
+Jahrhundert früher würde eine minder große Erbitterung einen allgemeinen
+Aufstand bewirkt haben; aber die Unzufriedenheit äußerte sich jetzt
+nicht so rasch als in früherer Zeit durch Empörung, denn Reichthum und
+Gesittung der Nation waren seit lange in stetem Wachsen gewesen, und
+seit siebzig Jahren, seit der Zeit nämlich, als die großen nordischen
+Grafen die Waffen gegen Elisabeth ergriffen, hatte kein Bürgerkrieg
+stattgefunden. So lange die englische Nation existirte, war nie eine so
+lange Zeit ohne innern Zwist verflossen. Das Volk hatte sich an den
+Betrieb friedlicher Gewerbe gewöhnt, und so erbittert es auch war, so
+zögerte es doch lange, ehe es zum Schwerte griff.</p>
+
+<p>Unter diesen Umständen schwebten die Freiheiten unsers Vaterlandes in
+der größten Gefahr. Die Gegner der Regierung begannen an dem Schicksale
+ihres Vaterlandes zu verzweifeln, und mancher von ihnen hielt die
+Wildnisse Amerika’s für die einzige Zufluchtsstätte bürgerlicher und
+geistiger Freiheit. Einige entschlossene Puritaner, welche für ihre
+Religion weder das Toben des Oceans, die Beschwerden des uncivilisirten
+Lebens, die Klauen wilder Thiere, noch die Tomahawks wilder Menschen
+fürchteten, hatten dort inmitten der Urwälder Dörfer angebaut, die jetzt
+große, reiche Städte sind, und durch alle Schicksalswechsel Spuren des
+ihren Gründern angestammten Charakters bewahrt haben. Die Regierung sah
+mit gehässigen Blicken auf diese jungen Colonien und suchte gewaltsam
+dem Strome der Auswanderung nach denselben zu steuern; sie konnte aber
+nicht verhindern, daß die Einwohnerschaft Neu-Englands aus allen Theilen
+des alten Englands durch unerschrockene und gottesfürchtige Männer
+ansehnlich vermehrt wurde. Jetzt jubelte Wentworth ob des nahen
+Gelingens seines „Durch“. Wahrscheinlich hätten nur wenig Jahre zur
+Ausführung seines großen Planes genügt, und wäre strenge Sparsamkeit
+beobachtet, jeder Krieg mit auswärtigen Mächten vermieden, so hätte man
+nicht nur die Schulden der Krone bezahlen, sondern auch Fonds zum
+Unterhalte einer großen Militärmacht beschaffen können, und diese Macht
+konnte bald den widerspenstigen Geist der Nation zügeln.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Widerstand gegen die Liturgie in Schottland.</span>
+<a name = "secI_43" id = "secI_43">In</a> dieser Krisis ward die ganze
+Gestalt der öffentlichen Angelegenheiten durch einen Akt wahnsinniger
+Bigotterie plötzlich verändert. Wäre der König weise gewesen, so hätte
+er so lange eine vorsichtige und milde Politik gegen Schottland
+verfolgt, bis er der Herr des Südens geworden; denn von allen seinen
+Reichen war in Schottland die größte Gefahr vorhanden, daß
+<span class = "pagenum">I.61</span>
+<a name = "pageI_61" id = "pageI_61"> </a>
+ein Funke zur Flamme, und eine Flamme zu einer Feuersbrunst werden
+konnte. Eine constitutionelle Opposition, wie man sie ihm in Westminster
+<ins class = "correction" title = "Original hat »entgegenstellt«">entgegenstellte</ins>, hatte er allerdings in Edinburg
+nicht zu fürchten, da das Parlament seines nördlichen Königreichs ein
+ganz anderer Körper als der war, der in England denselben Namen führte.
+Es war schlecht zusammengesetzt, ward wenig geachtet und hatte nie einem
+seiner Vorgänger ernste Schranken gezogen. Die drei Stände beriethen in
+einem Hause; die Bevollmächtigten der Flecken betrachtete man nur als
+von den großen Edelleuten abhängige Personen, und kein Gesetz konnte
+eingebracht werden, bevor nicht die Lords der Artikel, &mdash; ein
+Ausschuß, den die Krone in der That, wenn auch nicht der Form nach
+ernannte &mdash; ihre Billigung ausgesprochen hatten. War nun auch das
+schottische Parlament ein fügsames, so hatte sich doch das schottische
+Volk stets als ein unruhiges und unlenksames gezeigt. Es hatte seinen
+ersten Jakob in dem Schlafzimmer niedergemetzelt, mehr als einmal die
+Waffen gegen Jakob&nbsp;II. erhoben, Jakob III. auf dem Schlachtfelde
+erschlagen, durch Ungehorsam Jakob&nbsp;V. das Herz gebrochen, Maria
+entthront und eingekerkert, hatte den Sohn derselben gefangen gehalten,
+und war noch eben so unbändig als sonst. Alle seine Gewohnheiten waren
+roh und kriegerisch. An der ganzen südlichen Grenze, sowie auf der
+ganzen Landstrecke zwischen den Hoch- und Nieder&shy;landen wüthete
+beständig ein Raubkrieg; in jedem Landestheile war man gewohnt, den
+Beschwerden über erlittenes Unrecht mit kräftiger Faust abzuhelfen, und
+wie groß auch die frühere Anhänglichkeit der Nation an die Stuarts
+gewesen sein mochte, sie war während der langen Abwesenheit derselben
+erkaltet. Der mächtigste Einfluß auf die öffentliche Stimmung theilte
+sich unter zwei Klassen von Mißvergnügten: unter die der Grundherren und
+die der Prediger &mdash; Grundherren, von demselben Geiste beseelt, der
+so oft die alten Douglas zum Widerstande gegen das königliche Haus
+angetrieben, und Prediger, welche Knox’s repulikanische Ansichten und
+den Starrsinn desselben geerbt hatten. Sowohl die nationalen als die
+religiösen Gefühle der Bevölkerung waren gleich tief verletzt worden;
+alle Stände klagten, daß ihr Vaterland, einst so ruhmvoll um seine
+Unabhängigkeit gegen die fähigsten und muthigsten Plantagenets kämpfend,
+jetzt durch seine eigenen Fürsten eine englische Provinz, wenn auch
+nicht dem Namen nach, doch in der That geworden sei. Die calvinistische
+Lehre und Kirchenordnung hatte in keinem andern Theile Europa’s einen so
+starken Haltpunkt in der öffentlichen Meinung gewonnen; die große Masse
+des Volks sah auf die römische Kirche mit einem Hasse, der mit vollem
+Rechte ein grimmiger zu nennen war, und die Kirche von England, die
+täglich der von Rom ähnlicher zu werden schien, war der Gegenstand einer
+nicht minder großen Abneigung.</p>
+
+<p>Das anglikanische System über die ganze Insel auszudehnen, war schon
+lange der Wunsch der Regierung gewesen, und in dieser Absicht hatte sie
+bereits verschiedene, jedem Presbyterianer höchst ärgerliche Änderungen
+vorgenommen. Eine Neuerung aber, die kühnste von allen, weil sie von dem
+Volke unmittelbar aufgefaßt werden mußte, hatte man noch nicht versucht.
+Es war nämlich der öffentliche Gottesdienst in der bei dem Volke gern
+gesehenen Weise bisher abgehalten; Karl und Laud beschlossen aber jetzt,
+den Schotten die englische Liturgie oder vielmehr eine Liturgie
+aufzudringen, die nach dem Urtheile aller strengen Protestanten nicht
+nur von der englischen abwich, sondern auch in den abweichenden Punkten
+schlechter war, als jene.</p>
+
+<span class = "pagenum">I.62</span>
+<a name = "pageI_62" id = "pageI_62"> </a>
+<p>Diesem rein aus tyrannischem Übermuthe und in sträflicher Unkenntniß
+oder noch strafwürdigerer Verachtung der Volksgefühle unternommenen
+Schritte verdankt unser Vaterland seine Freiheit. Der erste Gottesdienst
+mit den neuen Ceremonien hatte einen Aufruhr zur Folge, und der Aufruhr
+ward schnell zu einer Revolution. Ehrgeiz, Vaterlandsliebe und
+Fanatismus brausten auf in einem gewaltig reißenden Strome; die ganze
+Nation stand unter den Waffen. Zwar war die Macht Englands, wie sich
+einige Jahre später auswies, stark genug, um Schottland im Zügel zu
+halten; aber ein großer Theil des englischen Volks theilte die
+religiösen Gefühle der Aufständischen, und viele Engländer, denen
+Wechselgesänge, Kniebeugen, Altäre und Chorhemden keine Scrupel
+erregten, sahen mit Freuden auf die Fortschritte einer Empörung, die
+Aussicht auf Vereitelung der Willkürpläne des Hofes und auf die
+Einberufung eines Parlaments bot.</p>
+
+<p>Für diesen unklugen Einfall, der solche Wirkungen hervorbrachte, ist
+Wentworth nicht verantwortlich zu machen,<a class = "tag" name =
+"tagI_11" id = "tagI_11" href = "#noteI_11">11</a> denn er verwirrte in
+der That alle seine Pläne. Eine Nachgiebigkeit anzurathen, lag jedoch
+nicht in seiner Natur. Es ward versucht, den Aufstand durch das Schwert
+zu dämpfen; aber die militärischen Kräfte und Talente des Königs waren
+dem Unternehmen nicht gewachsen. Unter diesen Umständen und im
+Widerspruche mit den Gesetzen neue Steuern aufzuerlegen, wäre Wahnsinn
+gewesen; es blieb keine andere Aussicht als ein Parlament, und im
+Frühjahr 1640 ward ein solches einberufen.</p>
+
+<p class = "footnote">
+<a name = "noteI_11" id = "noteI_11" href = "#tagI_11">11.</a>
+Siehe seinen Brief an den Grafen von Northumberland, d.&nbsp;d. 30. Juli
+1638.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Ein Parlament wird berufen und aufgelös’t.</span>
+<a name = "secI_44" id = "secI_44">Bei</a> der Aussicht auf
+Wiederherstellung einer verfassungs&shy;mäßigen Regierung und auf
+Abhilfe der Beschwerden war die Stimmung der Nation eine bessere
+geworden. Das neue Haus der Gemeinen zeigte sich gemäßigter und
+ehrerbietiger gegen den Thron, als alle, die sich seit dem Tode
+Elisabeths versammelt hatten. Die ausgezeichnetsten Royalisten haben die
+Mäßigung dieser Versammlung hoch gepriesen, aber den Häuptern der
+Opposition scheint sie nicht wenig Sorge und eine große Enttäuschung
+bereitet zu haben. Karl blieb indeß seiner eben so unpolitischen als
+unedeln Gewohnheit treu, den Wünschen seines Volks so lange sich abhold
+zu zeigen, bis diese Wünsche drohend ausgesprochen wurden. Kaum legten
+die Gemeinen die Neigung an den Tag, die Beschwerden, unter denen das
+Land elf Jahre lang gelitten, in Betracht zu ziehen, als der König das
+Parlament mit allen Zeichen des Mißfallens auflös’te.</p>
+
+<p>Zwischen der Auflösung dieser auf so kurze Zeit einberufenen
+Versammlung und der Constituirung jenes ewig merkwürdigen Körpers, der
+unter dem Namen des Langen Parlaments bekannt ist, lagen wenig Monate,
+in denen das Joch der Nation sich herber als je gestaltete, der
+Volksgeist aber sich zorniger als je dagegen erhob. Der Geheime Rath
+ließ Mitglieder des Hauses der Gemeinen wegen ihres parlamentarischen
+Verhaltens zur Rechenschaft ziehen, und als sie sich weigerten Rede zu
+stehen, in’s Gefängniß werfen. Das Schiffsgeld ward mit größerer Strenge
+eingetrieben; man bedrohte den Lord Mayor und die Sheriffs von London
+mit Gefängniß, weil sie nicht streng genug die Gelder eingezogen hatten;
+es fanden gewaltsame Aushebungen von Soldaten statt, deren Unterhalt
+ihre
+<span class = "pagenum">I.63</span>
+<a name = "pageI_63" id = "pageI_63"> </a>
+Grafschaften bestreiten mußten. Die stets ungesetzlich gewesene Folter,
+und erst kürzlich noch von den servilsten Richtern jener Zeit für
+ungesetzlich erklärt, ward in England im Monat Mai 1640 zum letzten Male
+angewendet.</p>
+
+<p>Von dem Ausgange der Kriegsoperationen des Königs gegen die Schotten
+hing nun Alles ab. Jener Geist, der den eigentlichen Soldaten von dem
+Volke trennt und ihn an seine Führer bindet, zeigte sich äußerst
+spärlich in seinen Truppen. Das Heer, größtentheils aus Rekruten
+zusammengesetzt, die sich nach dem Pfluge zurücksehnten, von dem man sie
+<ins class = "correction" title = "Original hat »gewalsam«">gewaltsam</ins> fortgerissen, und die im ganzen Lande
+vorherrschenden religiösen und politischen Ansichten theilend, war dem
+Könige gefährlicher als dem Feinde. Die von den Führern der englischen
+Opposition ermuthigten Schotten fanden bei den englischen Truppen nur
+schwachen Widerstand, sie gingen über den Tweed und den Tyne, und
+lagerten sich an den Grenzen von Yorkshire. Und nun artete das Murren
+der Unzufriedenheit in einen Tumult aus, der alle Gemüther, eines
+ausgenommen, mit Schrecken erfüllte. Strafford beharrte noch immer bei
+dem „Durch“, und selbst in diesem verhängnißvollen Augenblicke zeigte er
+sich so grausam und despotisch, daß nicht viel fehlte, und seine eigenen
+Lanzknechte hätten ihn in Stücke zerrissen.</p>
+
+<p>Noch gab es indessen ein Auskunftsmittel, das dem Könige, wie er sich
+schmeichelte, die Schmach ersparen könnte, einem andern Hause der
+Gemeinen gegenüberzutreten. Dem Hause der Lords war er weniger
+abgeneigt. Die Bischöfe hingen an ihm und die weltlichen Lords, wenn
+auch im Allgemeinen mit seiner Verwaltung nicht einverstanden, mußten
+sich doch als Stand so sehr bei der Aufrechterhaltung der Ordnung und
+dem Verbleiben der alten Einrichtungen interessiren, daß ein Drängen
+nach ausgedehnten Reformen ihrerseits nicht zu fürchten war. Wider die
+Gewohnheit, die seit Jahrhunderten ununterbrochen bestanden, rief er nur
+die Lords zu einem großen Rathe zusammen; die Lords aber waren zu klug,
+als daß sie die verfassungs&shy;widrigen Funktionen übernahmen, die er
+ihnen zugedacht hatte. Ohne Geld, ohne Credit und ohne Autorität, selbst
+in seinem eigenen Lager, fügte er sich dem Drange der Nothwendigkeit.
+Die Häuser wurden zusammenberufen und die Wahlen bewiesen, daß Mißtrauen
+und Haß gegen die Regierung seit dem Frühjahre gefährliche Fortschritte
+gemacht hatten.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Das lange Parlament.</span>
+<a name = "secI_45" id = "secI_45">Im</a> November 1640 trat jenes
+berühmte Parlament zusammen, das, ungeachtet mancher Irrthümer und
+Mißgeschicke, gerechten Anspruch auf die Hochachtung und Dankbarkeit
+aller derer hat, die in irgend einem Theile der Welt sich der Segnungen
+einer constitutionellen Regierung erfreuen.</p>
+
+<p>Im Laufe des folgenden Jahres stellte sich in den Häusern keine
+Meinungs&shy;verschiedenheit von großer Wichtigkeit heraus. Die
+bürgerliche und geistliche Verwaltung war zwölf Jahre hindurch so
+bedrückend und so verfassungs&shy;widrig ausgeübt worden, daß selbst
+diejenigen Klassen, die gewöhnlich auf Ordnung und Autorität halten, mit
+großem Eifer volksthümliche Reformen zu fördern und die Werkzeuge der
+Tyrannei vor Gericht zu stellen bemüht waren. Eine Verordnung ward
+erlassen, wonach zwischen einem und dem nächsten Parlamente nicht mehr
+als drei Jahre liegen durften und erfolgte das Ausschreiben unter dem
+großen Siegel nicht zur gehörigen Zeit, so waren die Wahlbeamten befugt,
+auch ohne ein solches Ausschreiben die Wahlkörper behufs Wahl der
+Vertreter einzuberufen. Die
+<span class = "pagenum">I.64</span>
+<a name = "pageI_64" id = "pageI_64"> </a>
+Sternkammer, die Hohe Kommission und der Rath von York wurden
+aufgehoben. Männer, die grausam verstümmelt in tiefen Kerkern
+schmachteten, wurden freigelassen. An den ersten Dienern der Krone nahm
+das Volk schonungslose Rache; der Lord Siegelbewahrer, der Primas, der
+Lord Statthalter wurden in Anklagestand versetzt; Finch rettete sich
+durch die Flucht, Laud ward in den Tower geworfen und Strafford ward vor
+Gericht gestellt und laut eines Parlaments&shy;beschlusses zum Tode
+verurtheilt. An demselben Tage, an dem dieser Beschluß durchging,
+stimmte der König einem Gesetze bei, durch das er sich verpflichtete,
+das bestehende Parlament weder zu vertagen, noch zu prorogiren oder
+aufzulösen, wenn es nicht selbst seine Zustimmung dazu gäbe.</p>
+
+<p>Im September 1641, nach einer zehnmonatlichen angestrengten Arbeit,
+vertagten sich die Häuser auf kurze Zeit und der König besuchte
+Schottland, das er nur mit Mühe durch die Verzichtleistung auf alle
+seine kirchlichen Reformpläne und durch die mit großer Überwindung
+ertheilte Bestätigung einer Akte, die das Episcopat in Widerspruch mit
+Gottes Wort erklärte, beruhigte.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Erstes Auftreten der beiden großen englischen Parteien.</span>
+<a name = "secI_46" id = "secI_46">Die</a> Ferien des englischen
+Parlamentes dauerten sechs Wochen. Der Tag des Wieder&shy;zusammentritts
+der Häuser bildet eine der merkwürdigsten Epochen unserer Geschichte.
+Von diesen Tage an existiren die beiden großen corporativen Parteien,
+die seitdem stets das Land abwechselnd regiert haben, obgleich der
+Unterschied, der damals augenscheinlich hervortrat, in einem gewissen
+Sinne immer bestanden hat und auch immer bestehen muß, denn er
+entspringt den Verschiedenheiten des Temperaments, der Intelligenz und
+des Interesses, die man in allen Gesellschaften findet und so lange
+finden wird, bis der menschliche Geist aufhört, sich durch den Reiz der
+Gewohnheit und Neuheit in entgegengesetzte Richtungen leiten zu lassen.
+Wir finden diesen Unterschied nicht nur in der Politik, sondern auch in
+der Literatur, in Kunst und Wissenschaft, in Chirurgie, Mechanik, dem
+Seewesen, der Landwirthschaft, und selbst in der Mathematik. Überall
+begegnen wir einer Menschenklasse, die mit Vorliebe an allem Alten
+hängt, und selbst dann noch mit banger Besorgniß und bösen Ahnungen in
+die Neuerung willigt, wenn überwiegende Gründe für deren Wohlthätigkeit
+vorliegen. Ebenso finden wir überall eine zweite Menschenklasse, die
+sanguinischer Hoffnung und kühner Pläne voll die Unvollkommenheiten des
+Bestehenden rasch erfaßt, über die Gefahren und Widerwärtigkeiten der
+Neuerungen leicht hinweggeht, und nur zu geneigt ist, jede Veränderung
+für eine Verbesserung zu halten. In den Neigungen beider Klassen liegt
+etwas, das man billigen muß; aber die Höhepunkte Beider findet man in
+der Nähe der gemein&shy;schaftlichen Grenze, der extreme Theil der einen
+besteht aus abergläubischen, einfältigen Narren; der extreme Theil der
+andern aus seichten und unbesonnenen Empirikern.</p>
+
+<p>Daß sich schon in unsern ersten Parlamenten ängstlich auf Erhaltung
+des Bestehenden bedachte Mitglieder von andern, eifrig nach Reformen
+strebenden unterscheiden ließen, ist nicht zu bezweifeln; so lange aber
+die Sitzungen des gesetzgebenden Körpers nur von kurzer Dauer waren,
+konnten diese Gruppen keine bestimmte und bleibende Form annehmen, sich
+anerkannten Führern nicht unterordnen, und sich weder durch Namen und
+Zeichen noch durch Losungsworte unterscheiden. Der Unwille über die seit
+vielen Jahren erlittene widergesetzliche Unterdrückung war während der
+<span class = "pagenum">I.65</span>
+<a name = "pageI_65" id = "pageI_65"> </a>
+ersten Monate des langen Parlaments so groß und allgemein, daß das Haus
+der Gemeinen wie ein Mann handelte. Ohne Streit verschwand Mißbrauch auf
+Mißbrauch. Eine geringe Minorität des repräsentativen Körpers wünschte
+die Sternkammer und die Hohe Commission beizubehalten; aber
+eingeschüchtert durch die Begeisterung und das numerische Übergewicht
+der Reformer begnügte sie sich, im Stillen den Verlust von Institutionen
+zu beklagen, die mit irgend einer Aussicht auf Erfolg sich offen nicht
+vertheidigen ließen. Die Royalisten fanden es in einer spätern Zeit für
+zweckmäßig, den Ursprung der zwischen ihnen und ihren Gegnern
+eingetretenen Spaltung weiter hinauszuverlegen, und die Akte, die dem
+Könige das Auflösen oder Vertagen des Parlamentes verbietet, die Akte
+über die dreijährige Frist zwischen zwei Parlamenten, sowie die Anklage
+der Minister und den Antrag auf Straffords Verurtheilung, jener Faktion
+beizumessen, die später gegen den König Krieg führte. Ein unredlicherer
+Kunstgriff läßt sich nicht denken. Die eifrigste Förderung dieser
+strengen Maßregel war von Männern ausgegangen, die später unter den
+Cavalieren in erster Reihe standen. Kein Republikaner hätte härter über
+Karls so lange schlecht verwaltete Regierung gesprochen, als Colepepper,
+und die merkwürdigste Rede zu Gunsten der Dreijährigkeits-Akte hatte
+Digby gehalten. Die Anklage <ins class = "correction" title = "Original hat »der«">des</ins> Lord Siegelbewahrers hatte Falkland beantragt, und
+die Forderung, den Lord Statthalter in engem Gewahrsam zu halten, war an
+den Schranken des Lords von Hyde gestellt. Erst dann, als das Gesetz in
+Betreff der Verurtheilung Strafford’s vorgeschlagen wurde, ließen sich
+die Zeichen einer ernsten Uneinigkeit erkennen und selbst gegen dieses
+Gesetz, das nichts als die äußerste Nothwendigkeit rechtfertigen konnte,
+stimmten etwa sechzig Mitglieder des Hauses der Gemeinen. Es ist gewiß,
+daß Hyde nicht bei der Minorität war, und daß Falkland nicht nur mit der
+Majorität stimmte, sondern auch kräftig zu Gunsten der Bill sprach.
+Selbst die kleine Anzahl, die Zweifel darüber hegte, ob eine die
+Todesstrafe aussprechende Verfügung rückwirkend sein könne, hielten es
+für nöthig gegen Straffords Charakter und Verwaltung den größten Abscheu
+auszudrücken.</p>
+
+<p>Unter dieser scheinbaren Einmüthigkeit verbarg sich indeß ein großes
+Schisma, und als im October 1641 das Parlament nach kurzen Ferien wieder
+zusammentrat, standen zwei Parteien einander feindlich gegenüber, dem
+Wesen nach dieselben, die unter verschiedenen Namen seitdem stets um die
+Leitung der öffentlichen Angelegenheiten gestritten haben und noch
+streiten. Man bezeichnete sie einige Jahre hindurch mit den Namen:
+Cavaliere und Rundköpfe; später nannte man sie Tories und Whigs, und wie
+es scheint, werden diese letztern Namen sobald nicht veralten.</p>
+
+<p>Auf jede dieser berühmten Faktionen eine Schmähschrift oder eine
+Lobrede zu verfassen, würde nicht schwer sein, denn Jeder, der noch
+einigermaßen urtheilsfähig und redlich ist, muß eingestehen, daß dem
+Rufe der Partei, der er angehört, nicht zu vertilgende Flecken ankleben
+und daß seine Gegenpartei sich vieler ausgezeichneten Namen, vieler
+heroischen Thaten und vieler großen, dem Staate geleisteten Dienste
+rühmen kann. Die Wahrheit ist, daß England beider Parteien, obgleich sie
+sich oft bedeutend geirrt, nicht hätte entbehren können. Wenn wir in den
+Institutionen desselben Freiheit und Ordnung mit den aus Neuerung und
+Verjährung entspringenden Vortheilen bis zu einem Umfange vereinigt
+finden, der andernorts unbekannt ist, so können wir diese glückliche
+Eigenthüm&shy;lichkeit
+<span class = "pagenum">I.66</span>
+<a name = "pageI_66" id = "pageI_66"> </a>
+den heftigen Kämpfen und den abwechselnden Siegen zweier wetteifernden
+Verbindungen von Staats&shy;männern zuschreiben: der einen, die für
+Autorität und Alterthum, der andern, die für Freiheit und Fortschritt
+eiferte.</p>
+
+<p>Man darf den Umstand nicht übersehen, daß der Unterschied zwischen
+den beiden Hauptabtheilungen englischer Politiker stets mehr ein
+Unterschied des Grades als des Grundsatzes gewesen ist. Gewisse Grenzen,
+zur Rechten wie zur Linken, wurden sehr selten überschritten. Eine
+kleine Anzahl Enthusiasten auf der einen Seite hätte bereitwillig alle
+unsere Rechte und Freiheiten dem Könige zu Füßen gelegt; auf der andern
+Seite gab es ebenfalls einzelne Enthusiasten, die gern ihr
+Lieblingsphantom, das einer Republik, durch endlose Bürgerkriege
+verfolgt hätten. Aber die große Mehrzahl der Anhänger der Krone war dem
+Despotismus nicht zugethan, und die große Mehrzahl der Kämpfer für die
+Volksrechte wollte die Anarchie nicht. Im Laufe des siebzehnten
+Jahrhunderts stellten beide Parteien zweimal den gegenseitigen Kampf
+ein, um ihre Kräfte zur Durchführung einer gemein&shy;schaftlichen Sache
+zu vereinigen. Ihre erste Vereinigung stellte die erbliche Monarchie
+wieder her; ihre zweite rettete die verfassungs&shy;mäßige Freiheit.</p>
+
+<p>Ferner muß bemerkt werden, daß diese Parteien nie die ganze Nation
+umfaßt, und daß selbst beide zusammen nie eine Mehrzahl von der Nation
+gebildet haben; stets befand sich zwischen ihnen eine große Masse, die
+nicht beständig einer oder der andern anhing, und bald in träger
+Neutralität verharrte, bald hin und her schwankte. Diese Masse ist in
+wenigen Jahren mehr als einmal von einem Extreme zu dem andern, und dann
+wieder zurück gegangen. Mitunter wechselte sie ihre Parteistellung nur
+deshalb, weil sie stets dieselben Männer zu unterstützen müde war;
+mitunter, weil sie vor ihrem eigenen Zuweitgehen erschrak, und nicht
+selten auch, weil sie Unmöglichkeiten erwartet hatte und sich getäuscht
+sah. Neigte sie sich aber mit ihrem ganzen Gewicht nach der einen oder
+andern Richtung hin, war ein Widerstand für diese Zeit unmöglich.</p>
+
+<p>Bei dem ersten Auftreten der rivalisirenden Parteien in bestimmter
+Gestalt schienen ihre Kräfte ziemlich gleich vertheilt zu sein. Auf der
+Seite der Regierung stand eine große Mehrzahl des Adels und jener
+reichen Gentlemen aus guter Familie, denen, um adelig zu sein, nichts
+fehlte als der Name; diese bildeten mit ihren Anhängern, über deren
+Beistand sie bestimmen konnten, eine nicht unbedeutende Macht im Staate.
+Auf derselben Seite standen der ganze Clerus, beide Universitäten und
+jene Laien alle, die fest der bischöflichen Regierung und dem
+anglikanischen Ritual anhingen. Diesen achtbaren Klassen hatten sich
+einige Bundesgenossen von minderer Bedeutung angeschlossen. Alle, die
+aus dem Vergnügen ein Geschäft machten, oder durch Galanterie,
+Kleiderprunk und Geschmack an den leichten Künsten sich hervorthun
+wollten, veranlaßte die puritanische Strenge, zu der Partei des Königs
+zu treten. Mit diesen gingen nun wiederum alle diejenigen, die davon
+lebten, Andern Zeitvertreib zu schaffen; der Maler, der komische
+Dichter, der Seiltänzer und der Possenreißer (lustige Andreas). Diese
+Künstler wußten recht gut, daß sie nur unter einem stolzen und üppigen
+Despotismus gedeihen konnten, unter der strengen Herrschaft der
+Rigoristen aber Hunger leiden mußten. Dasselbe Interesse leitete alle
+Katholiken. Die Königin,
+<span class = "pagenum">I.67</span>
+<a name = "pageI_67" id = "pageI_67"> </a>
+eine Tochter Frankreichs, bekannte sich zu ihrem Glauben; von dem
+Gemahle derselben wußte man, daß er seine Gattin eben so sehr liebte,
+als er sie fürchtete, und daß er, obgleich unbezweifelt Protestant aus
+Überzeugung, dennoch die Bekenner der alten Religion nicht mit Abneigung
+betrachtete, sondern ihnen gern eine größere Duldung gewährte, als er
+den Presbyterianern zu bewilligen bereit war. Wenn die Opposition den
+Sieg davon trug, so wären wahrscheinlich die unter der Regierung
+Elisabeths erlassenen Blutgesetze streng geübt worden; die
+Römisch-Katholischen hatten daher die triftigsten Gründe, sich der Sache
+des Hofes zuzuwenden. Verfuhren sie im Allgemeinen auch mit einer
+Vorsicht, durch die sie den Vorwurf der Feigheit und Lauheit auf sich
+zogen, so ist es dennoch wahrscheinlich, daß sie bei dieser großen
+Zurückhaltung nicht minder das Interesse des Königs als ihr eigenes im
+Auge hatten, und es wäre wahrlich nicht heilbringend für ihn gewesen,
+wenn sie sich unter seinen Freunden besonders bemerkbar gemacht
+hätten.</p>
+
+<p>Die Opposition fand ihre Hauptstärke in den kleinen Freisassen auf
+dem Lande und den Krämern der Städte; aber diese wurden von einer zu
+fürchtenden Minorität der Aristokratie geleitet, zu der die reichen und
+mächtigen Grafen von Northumberland, Bedford, Warwick, Stamford und
+Essex gehörten. In denselben Reihen befanden sich sämmtliche
+protestantischen Nonconformisten und die mehrsten derjenigen Mitglieder
+der Staats&shy;kirche, die noch immer an den calvinistischen Meinungen
+hingen, welche die Prälaten und die niedere Geistlichkeit vor vierzig
+Jahren allgemein getheilt hatten. Auch die städtischen Corporationen
+standen, mit geringen Ausnahmen, auf Seite derselben Partei. In dem
+Hause der Gemeinen hatte die Opposition das Übergewicht, jedoch ein
+nicht entschiedenes.</p>
+
+<p>Keiner der beiden Parteien fehlte es für die Maßregeln, die sie
+ergriffen zu sehen wünschten, an triftigen Gründen. Das Raisonnemenent
+der aufgeklärtesten Royalisten kann in Folgendem zusammengefaßt werden:
+„Es ist wahr, daß große Mißbräuche stattgefunden haben, aber sie sind
+beseitigt. Es ist wahr, daß theure Rechte verletzt worden sind, aber man
+hat ihnen wieder volle Geltung und neue Bürgschaften dafür gegeben. Man
+hat zwar die Versammlungen der Reichsstände gegen alle frühern Gebräuche
+und gegen den Geist der Verfassung elf Jahre lang ausgesetzt, jetzt aber
+steht fest, daß in Zukunft nie drei Jahre ohne ein Parlament
+verstreichen sollen. Die Sternkammer, die Hohe Commission und der Rath
+von York haben uns gedrückt und ausgeplündert; diese verhaßten
+Gerichtshöfe existiren nicht mehr. Der Lord Statthalter gedachte einen
+Militairdespotismus einzuführen; er hat diesen Verrath mit seinem Kopfe
+gebüßt. Der Primas befleckte unsern Gottesdienst mit papistischen
+Gebräuchen und strafte die Zweifel unsers Gewissens mit papistischer
+Grausamkeit; er erwartet im Tower das Urtheil seiner Pairs. Der Lord
+Siegelbewahrer bestätigte einen Plan, nach dem das Eigenthum aller
+Engländer der Gnade der Krone unterworfen werden sollte; er ist
+beschimpft, zu Grunde gerichtet und gezwungen worden, Zuflucht in einem
+fremden Lande zu suchen. Die Diener der Tyrannei haben ihre Verbrechen
+gebüßt &mdash; die Opfer der Tyrannei haben für ihre Leiden
+Entschädigung erhalten. Es würde nicht weise sein, wollten wir unter
+diesen Umständen ferner noch auf einem Verfahren beharren, das damals
+gerechtfertigt und nothwendig war, als wir nach einem langen
+Zwischenraume
+<span class = "pagenum">I.68</span>
+<a name = "pageI_68" id = "pageI_68"> </a>
+wieder zusammentraten und die ganze Verwaltung nur aus Mißbräuchen
+bestehend vorfanden; jetzt müssen wir uns hüten, unsern Sieg über den
+Despotismus nicht so weit zu verfolgen, daß wir der Anarchie
+anheimfallen. Die schlechten Einrichtungen, unter denen das Vaterland
+noch vor Kurzem seufzte, ohne gewaltige, die Grundlagen der Regierung
+erschütternde Maßregeln zu beseitigen, stand nicht in unserer Macht;
+jetzt aber, da diese Einrichtungen gestürzt sind, dürfen wir nicht
+zögern, dasselbe Gebäude zu stützen, das zu zertrümmern noch vor kurzer
+Frist unsere Pflicht war. Unsere Weisheit muß künftig darin bestehen,
+daß wir mißtrauisch die Neuerungspläne in’s Auge fassen und alle jene
+Hoheitsrechte, die das Gesetz im Interesse des allgemeinen Besten dem
+Souverain verliehen, vor Beeinträchtigung wahren.“</p>
+
+<p>Dies waren die Ansichten der Männer, als deren Führer der
+vortreffliche Falkland zu betrachten ist. Auf der andern Seite
+behaupteten nicht geringer befähigte und redliche Männer mit nicht
+minder ernstem Nachdrucke, daß die Bürgschaften für die Freiheiten des
+englischen Volkes mehr scheinbare als wirkliche seien, und daß der Hof
+seine Willkürpläne sofort wieder aufnehmen würde, wenn die Wachsamkeit
+der Gemeinen nachließe. Es sei wahr, sagten Pym, Hollis und Hampden, daß
+viele gute Gesetze erlassen wären, aber hätten diese Gesetze genügt, den
+König zu beschränken, so würden seine Unterthanen nur wenig Ursache zu
+Klagen über seine Verwaltung gehabt haben, und die neuen Gesetze,
+meinten sie, hätten sicherlich keine geringere Autorität, als die Magna
+Charta und die Bitte um Recht; aber weder die Magna Charta, wenn auch
+durch die Verehrung geheiligt, die man ihr vier Jahrhunderte lang
+gezollt, noch die Bitte um Recht, die Karl selbst nach reiflicher
+Erwägung und aus wichtigen Gründen genehmigt, sei für den Schutz des
+Volkes wirksam genug befunden worden. Erschlaffte nur einmal der Zügel
+der Furcht, ließe man den Geist der Opposition nur einmal einschlummern,
+so würden sich alle Bürgschaften für die englischen Freiheiten in eine
+einzige auflösen, in das königliche Wort, und daß man diesem nicht viel
+trauen dürfe, sei durch eine lange und bittere Erfahrung bewiesen.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Der irische Aufstand.</span>
+<a name = "secI_47" id = "secI_47">Noch</a> beharrten beide Parteien in
+einer feindseligen Vorsicht, noch hatten sie ihre Kraft nicht gemessen,
+als eine Kunde anlangte, welche Beider Leidenschaften entflammte und
+Beide in ihren Ansichten bestärkte. Es hatten nämlich die großen
+Häuptlinge von Ulster, die sich bei Jakobs Regierungs&shy;antritte der
+königlichen Autorität nach langem Kampfe gebeugt, der erniedrigenden
+Abhängigkeit müde, sich gegen die englische Regierung verschworen, und
+waren des Hochverraths für schuldig erklärt worden. Ihre unermeßlichen
+Besitzungen fielen nun der Krone anheim und wurden bald von Tausenden
+englischer und schottischer Auswanderer bevölkert. Die neuen Ansiedler
+überragten an Civilisation und geistiger Bildung die Eingeborenen, und
+mißbrauchten nicht selten diese Überlegenheit. Der Haß, den die
+Verschiedenheit des Stammes erzeugt, ward durch die Verschiedenheit der
+Religion noch vermehrt. Unter Wentworth’s eiserner Herrschaft hatte sich
+zwar kaum ein leises Murren vernehmen lassen; als aber dieser starke
+Druck aufgehoben, als Schottland das Beispiel eines erfolgreichen
+Widerstandes geliefert, und als England mit eigenen Zwistigkeiten zu
+thun hatte, da brach die verhaltene Wuth der Iren in schrecklichen
+Gewaltthätigkeiten aus. Die Eingeborenen erhoben sich gegen die
+Colonisten. Ein Krieg, dem
+<span class = "pagenum">I.69</span>
+<a name = "pageI_69" id = "pageI_69"> </a>
+nationaler und religiöser Haß einen besonders furchtbaren Charakter
+verliehen, verwüstete Ulster und breitete sich über die benachbarten
+Provinzen aus. Das Schloß von Dublin hielt man kaum noch für sicher.
+Jede Post brachte Gräuelberichte nach London, die, wenn sie auch nicht
+übertrieben gewesen wären, dennoch Mitleid und Schrecken erregen mußten.
+Diese bösen Botschaften nun entzündeten bis zum höchsten Grade den Eifer
+der beiden großen Parteien, die in Westminster zum Kampfe gerüstet
+einander gegenüber standen. Die Anhänger des Königs behaupteten, es sei
+die Pflicht eines jeden guten Engländers und Protestanten, in einer
+solchen Krise die Macht des Souveräns zu stärken; die Opposition dagegen
+war der Ansicht, es lägen jetzt mehr als je triftige Gründe vor, ihm
+Hindernisse und Schranken entgegenzusetzen. Die Gefahr des Gemeinwesens
+war allerdings Grund genug, einem des Vertrauens würdigen Oberhaupte
+ausgedehnte Gewalt zu verleihen; aber der Umstand, daß dieses Oberhaupt
+dem Lande feindlich gesinnt war, gab einen eben so triftigen Grund
+dafür, ihm die Macht zu entziehen. Eine große Armee aufzustellen, war
+von jeher des Königs Hauptbestreben gewesen, und jetzt mußte ein solches
+Heer gesammelt werden. War man nun nicht auf neue Bürgschaften bedacht,
+so stand zu befürchten, daß die zur Bezwingung Irlands aufgestellten
+Streitkräfte gegen die Freiheit Englands verwendet werden würden. Aber
+auch dies war noch nicht Alles. Es hatte sich ein gräßlicher Verdacht,
+wenn auch ungerecht, doch nicht ganz unnatürlich, vieler Gemüther
+bemächtigt. Die Königin nämlich war eine erklärte Anhängerin der
+römisch-katholischen Kirche; den König hielten die Puritaner, weil er
+sie stets schonungslos verfolgt hatte, nicht für einen aufrichtigen
+Protestanten, und seine Zweideutigkeit war so allgemein bekannt, daß es
+keine Verrätherei mehr gab, deren seine Unterthanen, nur bei einigem
+Anscheine von Grund, ihn nicht für fähig gehalten hätten. Leise tauchte
+das Gerücht auf, der Aufstand der Römisch-Katholischen von Ulster sei
+nichts als ein Theil eines großen Werkes der Finsterniß, daß man in
+Whitehall vorbereitet habe.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Remonstration.</span>
+<a name = "secI_48" id = "secI_48">Am</a> 22. November 1641 fand nach
+einem Vorspiele von einigen Wochen der erste große parlamentarische
+Kampf zwischen den Parteien statt, die seitdem stets um die Regierung
+der Nation gestritten haben und noch darum streiten. Die Opposition
+stellte den Antrag, das Haus der Gemeinen möge dem Könige eine
+Vorstellung übergeben, in der die Fehler, die er seit seiner
+Thronbesteigung in der Verwaltung begangen, aufgezählt würden, und die
+zugleich das Mißtrauen ausdrücke, mit dem das Volk seine Politik
+betrachte. Dieselbe Versammlung, die noch vor wenig Monaten einstimmig
+die Abschaffung der Mißbräuche gefordert hatte, war jetzt in zwei heftig
+erbitterte Parteien von fast gleicher Stärke getheilt. Nach einer
+mehrstündigen heißen Debatte ward die beantragte Remonstration mit nur
+elf Stimmen angenommen.</p>
+
+<p>Der conservativen Partei war das Ergebniß dieses Kampfes ungemein
+günstig. Daß sie binnen kurzer Zeit das Übergewicht im Unterhause
+erlangen würde, war unzweifelhaft, wenn nicht eine große Unbesonnenheit
+es verhinderte. Des Oberhauses hatte sie sich schon bemächtigt; es
+fehlte nichts zur völligen Sicherung ihres Erfolgs, als daß der König in
+seinem ganzen Verhalten Achtung vor den Gesetzen und gewissenhafte Treue
+gegen seine Unterthanen an den Tag legte.</p>
+
+<span class = "pagenum">I.70</span>
+<a name = "pageI_70" id = "pageI_70"> </a>
+<p>Seine ersten Maßregeln versprachen Gutes. Wie es schien, hatte er die
+Nothwendigkeit eines vollständigen Wechsels des Systems erkannt und sich
+klüglich dem zugewendet, was nicht länger vermieden werden konnte. Offen
+erklärte er seinen Entschluß, daß er in Übereinstimmung mit den Gemeinen
+regieren und deshalb nur Männer zu seinen Räthen wählen wolle, in deren
+Fähigkeiten und Charakter sie volles Vertrauen setzten. Und diese Wahl
+fiel auch wirklich nicht übel aus. Falkland, Hyde und Colepepper, drei
+Männer, die sich durch den Eifer für Abstellung von Mißbräuchen und
+Bestrafung schlechter Minister hervorgethan, wurden eingeladen, die
+Stellung als vertraute Räthe der Krone einzunehmen, und sie erhielten
+auch von Karl die feierliche Versicherung, daß er ohne ihr Mitwissen
+keinen Schritt unternehmen wolle, der in irgend einer Weise das
+Unterhaus verletze.</p>
+
+<p>Hätte er dieses Versprechen gehalten, so würde ohne allen Zweifel die
+Reaktion, die bereits im Fortschreiten begriffen, bald so stark geworden
+sein, als es die besten Royalisten nur immer wünschen konnten. Die
+heftigen Mitglieder der Opposition begannen schon an dem glücklichen
+Erfolge ihrer Partei zu verzweifeln, für ihre eigene Sicherheit zu
+fürchten und von dem Verkaufen ihrer Güter und der Übersiedelung nach
+Amerika zu sprechen. Daß die helle Aussicht, die sich dem Könige bereits
+eröffnet, sich plötzlich verdunkelte, daß sein Leben durch
+Widerwärtigkeit getrübt und endlich gewaltsam verkürzt wurde, ist nur
+seiner eigenen Treulosigkeit und Verhöhnung der Gesetze beizumessen.</p>
+
+<p>Daß er beide Parteien, in die das Haus der Gemeinen sich theilte,
+haßte, ist wahrscheinlich, und man kann sich darüber nicht wundern, denn
+in beiden Parteien waren Freiheits- und Ordnungsliebe, wenn auch in
+verschiedenen Verhältnissen, stets gemischt vorhanden. Die Rathgeber,
+die zu berufen ihn die Nothwendigkeit gezwungen, waren durchaus nicht
+Männer nach seinem Herzen; sie hatten an der Verurtheilung seiner
+Tyrannei, an der Schmälerung seiner Macht und der Bestrafung seiner
+Werkzeuge Theil genommen. Nun waren sie allerdings bereit, durch streng
+gesetzliche Mittel seine streng gesetzlichen Rechte zu vertheidigen,
+aber sie würden vor dem Gedanken zurückgeschaudert sein, Wentworths
+Pläne des „Durch“ wieder in Angriff zu nehmen. Aus diesem Grunde hielt
+sie der König für Verräther, die sich nur durch den Grad ihrer
+aufrührerischen Bosheit von Pym und Hampden unterschieden.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Anklage der fünf Mitglieder.</span>
+<a name = "secI_49" id = "secI_49">Einige</a> Tage nach dem den Häuptern
+der constitutionellen Royalisten geleisteten Versprechen, daß kein
+wichtiger Schritt ohne ihr Mitwissen gethan werden solle, faßte er die
+verhängnißvollste Entschließung seines ganzen Lebens, verbarg sie ihnen
+sorgfältig und brachte sie in einer Weise zur Ausführung, die sie mit
+Scham und Schrecken erfüllte. Er gab dem Kronanwalt Auftrag, Pym,
+Hollis, Hampden und andere Mitglieder des Hauses der Gemeinen vor den
+Schranken des Hauses der Lords als Hochverräther anzuklagen. Noch nicht
+zufrieden mit dieser schweren Verletzung der Magna Charta und des
+ununterbrochenen Gebrauchs von Jahrhunderten, erschien er in Person,
+unter Begleitung von Bewaffneten, um in den Mauern des
+Parlamentsgebäudes selbst die Führer der Opposition zu verhaften.</p>
+
+<p>Der Versuch mißlang, denn die angeklagten Mitglieder hatten kurz vor
+Karls Erscheinen das Haus verlassen. Sowohl im Parlamente als im Lande
+folgte nun ein plötzlicher und heftiger Umschwung der Stimmung.
+<span class = "pagenum">I.71</span>
+<a name = "pageI_71" id = "pageI_71"> </a>
+Die gelindeste Ansicht, welche die parteilichsten Verfechter des Königs
+über sein Verhalten bei dieser Gelegenheit je gehegt haben, ist die, daß
+er schwach genug gewesen sei, sich von den schlechten Rathschlägen
+seiner Frau und seiner Höflinge zu einer unerhörten Unbesonnenheit
+hinreißen zu lassen. Die allgemeine Stimme aber klagte ihn laut eines
+weit schwerern Vergehens an. In demselben Augenblicke, in dem seine
+Unterthanen, lange durch seine schlechte Verwaltung ihm entfremdet, mit
+Gefühlen des Vertrauens und der Liebe zu ihm zurückkehren wollten,
+führte er einen tödtlichen Streich auf ihre theuersten Rechte, auf die
+Vorrechte des Parlaments, überhaupt auf das ganze Prinzip der
+Geschwornen&shy;gerichte, und zeigte, daß er eine Opposition gegen seine
+Willkürpläne für eine nur durch Blut zu sühnende Schuld betrachte. Er
+war nicht nur seinem großen Rathe und seinem Volke, sondern auch seinen
+eigenen Anhängern untreu geworden, und hatte einen Schritt zu thun
+gewagt, der wahrscheinlich einen blutigen Kampf an dem Stuhle des
+Sprechers hervorgerufen haben würde, wenn ihn ein unvorhergesehener
+Zufall nicht verhindert hätte. Es fühlten jetzt die einflußreichsten
+Männer im Unterhause, daß nicht nur ihre Macht und Popularität, sondern
+auch ihre Güter und Köpfe von dem Ausgange des Kampfes, in den sie
+verwickelt waren, abhingen. Der gesunkene Eifer der dem Hofe
+entgegenstehenden Partei erhob sich plötzlich wieder zu neuem Leben. Die
+ganze Nacht, die auf den Frevel folgte, stand die City von London unter
+Waffen. Die der Hauptstadt zuführenden Straßen waren nach wenig Stunden
+schon mit Schaaren von Freisassen bedeckt, welche mit den Zeichen der
+Parlamentssache an den Hüten nach Westminster eilten. Die Opposition im
+Hause der Gemeinen wurde plötzlich unwiderstehlich und setzte, bei einem
+Stimmenverhältnisse von mehr als zwei gegen eine, Beschlüsse von
+beispielloser Heftigkeit durch. Die Wache in Westminsterhall wurde von
+starken Abtheilungen der Landmiliz besetzt und regelmäßig abgelös’t.
+Eine wüthende Menge belagerte täglich die Thüren des königlichen
+Palastes, ihre Schmähungen und Flüche drangen bis in das Audienzgemach,
+und die Hofdiener konnten den Andrang kaum von den königlichen Zimmern
+abhalten. Wäre Karl noch länger in der stürmisch aufgeregten Hauptstadt
+geblieben, die Gemeinen würden wahrscheinlich einen neuen Vorwand
+gefunden haben, um ihn, unter Beobachtung äußerer Formen der
+Ehrerbietung, zum Staats&shy;gefangenen zu machen.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Karls Abreise von London.</span>
+<a name = "secI_50" id = "secI_50">Er</a> verließ London, um nicht eher
+dorthin zurückzukehren, bis der Tag einer furchtbaren und denkwürdigen
+Abrechnung gekommen war. Es begann eine Unterhandlung, die mehrere
+Monate dauerte. Anklagen und Gegenanklagen wechselten zwischen den
+streitenden Parteien; jede friedliche Schlichtung war unmöglich
+geworden. Auch den König ereilte endlich die sichere Strafe, die den
+steten Verrath treffen muß. Umsonst verpfändete er jetzt sein
+königliches Wort, umsonst rief er den Himmel zum Zeugen der
+Aufrichtigkeit seiner Versicherungen an; das Mißtrauen seiner Gegner war
+weder durch Schwüre noch durch Verträge zu verbannen, denn sie hegten
+die Überzeugung, daß ihre Sicherheit von seiner völligen Hilflosigkeit
+abhinge, und aus diesem Grunde bestanden sie darauf, er solle nicht nur
+auf die Vorrechte verzichten, die er sich durch die Verletzung alter
+Gesetze und seiner eigenen noch kürzlich geleisteten Versprechen
+angemaßt hatte, sondern auch auf andere, in deren Besitz die englischen
+Könige seit undenklichen Zeiten waren und
+<span class = "pagenum">I.72</span>
+<a name = "pageI_72" id = "pageI_72"> </a>
+noch bis auf den heutigen Tag sind. Es sollte ohne Zustimmung der Häuser
+kein Minister ernannt, kein Pair gewählt werden, und vor Allem sollte
+der Souverain sich der höchsten Militairgewalt entäußern, die seit einer
+Zeit, deren sich niemand mehr erinnert, der königlichen Würde angehört
+hatte.</p>
+
+<p>Daß Karl auf solche Forderungen eingehen würde, so lange er noch
+irgend ein Widerstandsmittel besaß, ließ sich nicht erwarten; aber es
+würde auch schwer sein, den Nachweis zu liefern, daß die Häuser mit
+Sicherheit weniger hätten fordern können. Die große Mehrzahl der Nation
+hielt fest an der erblichen Monarchie; der republikanisch Gesinnten
+waren nur noch wenige, und diese wagten nicht, ihre Meinung laut
+auszusprechen. Die Abschaffung des Königthums war daher eine
+Unmöglichkeit; aber zugleich war es klar, daß man in den König kein
+Vertrauen setzen durfte. Es hätten Diejenigen, die sein Streben nach
+ihrer Vernichtung aus jüngster Erfahrung kannten, widersinnig gehandelt,
+wenn sie sich damit begnügt hätten, ihm eine andere Bitte um Recht
+einzureichen, und von ihm neue, denen ähnliche Versprechungen
+anzunehmen, die er wiederholt gegeben und nicht gehalten hatte. Nur der
+Mangel einer Armee hatte ihn verhindert, die alte Reichsverfassung
+völlig umzustürzen. Die Wiedereroberung Irlands hatte die Aufstellung
+einer großen regelmäßigen Armee nöthig gemacht, es wäre daher reiner
+Wahnsinn gewesen, hätte man die volle Militairgewalt, wie sie seine
+Vorfahren besaßen, in seinen Händen lassen wollen.</p>
+
+<p>Befindet sich ein Land in der Lage, in der sich damals England
+befand, wird das königliche Amt mit Liebe und Verehrung, aber die
+dasselbe verwaltende Person mit Haß und Mißtrauen betrachtet, so sollte
+man meinen, daß der einzuschlagende Ausweg nicht fern läge: die Würde
+des Amtes aufrecht zu halten, und die Person zu beseitigen. Diesen Weg
+wählten unsere Vorfahren 1399 und 1689. Hätte im Jahre 1642 ein Mann
+gelebt, der eine Stellung wie Heinrich von Lancaster zur Zeit der
+Entthronung Richards&nbsp;II., oder wie der Prinz von Oranien zur Zeit
+der Thronentsetzung Jakobs&nbsp;II. einnahm, so ließe sich annehmen, daß
+die Häuser die Dynastie gewechselt, aber keine förmliche Veränderung der
+Verfassung ausgeführt haben würden, und der neue König, durch ihre Wahl
+zu dem Throne berufen und abhängig von ihrer Unterstützung, hätte
+nothwendig in Übereinstimmung mit ihren Wünschen und Ansichten regieren
+müssen. Aber die Partei des Parlaments zählte keinen Prinzen von
+königlichem Geblüte zu ihren Anhängern, und wenn sie auch Männer von
+hohem Range und ausgezeichneten Fähigkeiten besaß, so war doch keiner
+unter ihnen, der die übrigen dergestalt überragte, daß man ihn als
+Throncandidaten aufstellen konnte. Da es einen König geben mußte, und
+ein neuer nicht zu finden war, so stellte sich die Nothwendigkeit
+heraus, Karl den königlichen Titel zu belassen, und es blieb nur der
+eine Ausweg übrig, den Titel von den Hoheitsrechten zu trennen.</p>
+
+<p>Schien auch die Änderung, welche die Häuser an unsern Institutionen
+vorzunehmen beschlossen, eine weitumfassende, als man sie genau in
+Vertragsartikel geordnet hatte; so ging sie doch in der That um nicht
+viel weiter als jene Änderung, welche in der nächsten Generation die
+Revolution hervorbrachte. Der Souverain ward in der Revolution
+allerdings nicht durch ein Gesetz der Macht beraubt, seine Minister zu
+wählen; aber es steht auch fest, daß es seit der Revolution keinem
+Minister möglich war,
+<span class = "pagenum">I.73</span>
+<a name = "pageI_73" id = "pageI_73"> </a>
+länger als sechs Monate im Amte zu bleiben, wenn das Haus der Gemeinen
+widersprach. Der Souverain hat zwar noch immer die Gewalt Pairs zu
+ernennen, und die noch viel wichtigere des Schwertes; aber er ist seit
+der Revolution bei Ausübung dieser Gewalten stets von Räthen umgeben
+gewesen, die das Vertrauen der Volksvertreter besaßen. Die Führer der
+Rundköpfe vom Jahre 1642 und die Staats&shy;männer, die vielleicht ein
+halbes Jahrhundert später die Revolution hervorriefen, verfolgten in der
+That genau dasselbe Ziel, und dieses Ziel war, den Streit zwischen der
+Krone und dem Parlamente dadurch zu Ende zu bringen, daß man dem
+Letztern die Oberaufsicht über die executive Verwaltung zuertheilte. Die
+Staats&shy;männer der Revolution bewirkten dies indirekt durch einen
+Dynastie-Wechsel. Die Rundköpfe von 1642 mußten einen direkten Weg zum
+Ziele einschlagen, da sie den Dynastie-Wechsel nicht bewirken
+konnten.</p>
+
+<p>Es darf uns jedoch nicht befremden, wenn die Forderungen der
+Opposition, die eine vollständige und förmliche Übertragung aller der
+Krone bisher angehörigen Befugnisse auf das Parlament umfaßten, jene
+große Partei abschreckten, deren charakteristische Merkmale Achtung vor
+gesetzlicher Autorität und Furcht vor gewaltsamen Neuerungen waren.
+Diese Partei hatte noch kürzlich die Hoffnung gehegt, die Erlangung des
+Übergewichts in dem Hause der Gemeinen durch friedliche Mittel zu
+bewirken; in dieser Hoffnung aber war sie getäuscht. Karl hatte durch
+seine Treulosigkeit die alten Feinde unversöhnlich gemacht, eine Anzahl
+gemäßigter und im Übertritte zu ihm begriffener Männer in die Reihen der
+Mißvergnügten zurückgetrieben, und seine besten Freunde so tief
+gekränkt, daß sie sich eine Zeit lang beschämt und entrüstet
+zurückzogen. Jetzt aber mußten die constitutionellen Royalisten unter
+zwei Gefahren wählen, und sie hielten es für Pflicht, eher zu einem
+Fürsten zu stehen, dessen bisheriges Verfahren sie verabscheuten und
+dessen Worten sie wenig Vertrauen schenkten, als eine Entwürdigung des
+königlichen Amtes und eine völlige Umgestaltung der Reichsverfassung zu
+dulden. Mit diesen Gefühlen traten viele Männer, deren Tugenden und
+Fähigkeiten einer jeden Sache zur Ehre gereicht haben würden, auf die
+Seite des Königs.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Anfang des Bürgerkriegs.</span>
+<a name = "secI_51" id = "secI_51">Im</a> August 1642 griff man endlich
+zum Schwerte, und fast in jeder Grafschaft des Königreichs standen zwei
+bewaffnete Parteien einander feindlich gegenüber. Welche von den
+streitenden Parteien anfangs die furchtbarste war, läßt sich schwer
+bestimmen. Die Häuser geboten über London und die umliegenden
+Grafschaften, über die Flotte, die Themseschifffahrt und die meisten
+großen Städte und Seehäfen; fast alle Kriegsvorräthe im Königreiche
+standen zu ihrer Verfügung, so daß sie Zölle sowohl von Waaren, aus
+fremden Ländern eingeführt, als auch von einigen wichtigen Erzeugnissen
+inländischer Industrie erheben konnten. Der König war mit Artillerie und
+Munition schlecht versehen. Die Steuern, welche er aus den von seinen
+Truppen besetzten Landbezirken zog, lieferten einen weit geringern
+Ertrag, als der, den das Parlament allein aus der City von London erhob.
+Zwar ist es nicht zu läugnen, daß die Freigebigkeit seiner reichen
+Anhänger ihn mit Geldmitteln unterstützte, daß viele von ihnen ihr
+Grundeigenthum mit Schulden belasteten, ihre Juwelen verpfändeten und
+ihre silbernen Geräthe und Taufbecken zu Gelde machten, um ihm zu
+helfen; allein die Erfahrung hat vollständig bewiesen, daß die
+freiwillige Aufopferung Einzelner, selbst in
+<span class = "pagenum">I.74</span>
+<a name = "pageI_74" id = "pageI_74"> </a>
+den Zeiten der größten Aufregung, gegen eine strenge regelmäßige
+Besteuerung, die willige und zähe Zahler zugleich drückt, nur eine
+dürftige finanzielle Hilfsquelle ist.</p>
+
+<p>Karl besaß jedoch einen Vortheil, der nicht nur den Mangel an
+Vorräthen und Geld mehr als aufgewogen haben würde, wenn er ihn gut
+benützt hätte, sondern ihm auch, ungeachtet der schlechten Führung,
+einige Monate lang die Überlegenheit im Kriege gab. Seine Truppen
+kämpften anfangs viel besser, als die des Parlaments. Bestanden auch
+beide Armeen fast nur aus Leuten, die nie ein Schlachtfeld gesehen
+hatten, so war dennoch der Unterschied ein großer. In den Reihen der
+Parlamentstruppen standen eine Menge Miethlinge, die Mangel und
+Müßiggang bewogen hatten, sich anwerben zu lassen. Hampdens Regiment
+hielt man für eins der Besten; aber selbst dieses Regiment schildert
+Cromwell nur als eine zusammengelaufene Bande von unbeschäftigten
+Kellnern und Bedienten. Die Armee des Königs dagegen bestand
+größtentheils aus muthigen, begeisterten Gentlemen, gewohnt, den Tod der
+Schande vorzuziehen, im Fechten und im Gebrauche der Feuerwaffe geübt,
+als kecke Reiter vertraut mit der männlichen und gefahrvollen Lust der
+Jagd, die man passend ein Bild des Krieges genannt hat. Solche Männer,
+ihre Leibrosse unter sich und kleine Schaaren kommandirend, die aus
+ihren jüngern Brüdern, ihren Stallknechten, Wildhütern und Jägern
+zusammengestellt waren, zeigten sich schon am ersten Tage des Feldzugs
+befähigt, in einem Gefecht mit Ehren zu bestehen. Zwar brachten es diese
+tapfern Freiwilligen nie zu der Ausdauer, dem pünktlichen Gehorsam und
+der maschinenmäßigen Präzision in den Bewegungen, die den regulären
+Soldaten eigen sind; aber man stellte sie anfangs Feinden entgegen, die
+eben so undisziplinirt wie sie, und bei weitem nicht so unternehmend,
+stark und beherzt waren. Aus diesem Grunde fochten die Cavaliere eine
+Zeit lang fast immer mit Glück.</p>
+
+<p>Auch in der Wahl eines Generals war das Parlament unglücklich
+gewesen. Der Rang und Reichthum des Grafen Essex machten ihn zu einem
+der bedeutendsten Glieder der Parlamentspartei. Er hatte ruhmvoll auf
+dem Continente gefochten, und bei dem Beginne des Krieges ward er als
+Militair so hoch geachtet, wie nur irgend ein Mann im Lande; aber bald
+zeigte es sich, daß er dem Posten des Oberbefehlshabers nicht gewachsen
+war. Er hatte wenig Energie und durchaus keinen erfinderischen Geist, so
+daß ihn die im pfälzischen Kriege erlernte regelmäßige Taktik nicht vor
+dem Schimpfe bewahrte, sich von einem Anführer wie Ruprecht, der keinen
+höhern Ruhm als den eines kühnen Parteigängers beanspruchen konnte,
+überrumpeln und zersprengen zu lassen.</p>
+
+<p>Ebenso wenig waren die Offiziere, denen man unter Essex die
+Hauptposten anvertraut hatte, geeignet, das zu ersetzen, was ihm fehlte.
+Das Parlament kann man dafür nicht verantwortlich machen. In einem
+Reiche, in dem seit Menschengedenken kein großer Landkrieg geführt war,
+suchte man vergebens nach Generalen von erprobter Kunst und Tapferkeit,
+mußte daher anfangs unerprobten Männern vertrauen und gab natürlich von
+diesen denen den Vorzug, die sich entweder durch ihre Stellung, oder
+durch ihre im Parlamente entwickelten Fähigkeiten hervorgethan hatten.
+Aber auch nicht eine einzige Wahl war eine glückliche zu nennen; weder
+die großen <ins class = "correction" title = "Original hat »Herrrn«">Herren</ins> noch die großen Redner zeigten sich als gute
+Soldaten. Der Graf von Stamford, einer der bedeutendsten Männer des
+hohen Adels, ward bei Stratton von den Royalisten geschlagen; Nathaniel
+Fiennes<ins class = "correction" title = ", fehlt">, </ins>der
+<span class = "pagenum">I.75</span>
+<a name = "pageI_75" id = "pageI_75"> </a>
+an Fähigkeiten in bürgerlichen Angelegenheiten keinem seiner
+Zeitgenossen nachstand, bedeckte sich durch die kleinmüthige Übergabe
+von Bristol mit Schmach. Von allen Staats&shy;männern, die in jener Zeit
+hohe Militairposten empfingen, scheint Hampden allein auch im Felde die
+Fähigkeit und Energie gezeigt zu haben, durch die er sich in der Politik
+auszeichnete.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Erfolge der Royalisten.</span>
+<a name = "secI_52" id = "secI_52">Nach</a> Verlauf eines Jahres waren
+alle Kriegsvortheile entschieden auf Seiten der Royalisten. In den
+westlichen und nördlichen Grafschaften hatten sie gesiegt, sie hatten
+dem Parlamente Bristol, die zweite Stadt des Königreichs, entrissen, und
+mehrere Schlachten gewonnen, ohne eine einzige ernste oder schimpfliche
+Niederlage zu erleiden. Unter den Rundköpfen dagegen begann das
+Mißgeschick Uneinigkeit und Unzufriedenheit hervorzurufen; das Parlament
+ward bald durch Komplote, bald durch Tumulte in einer steten Aufregung
+erhalten, so daß man es für nöthig erachtete, London gegen die
+königliche Armee zu befestigen, und einige mißvergnügte Bürger an ihren
+eigenen Hausthüren aufzuhängen. Mehrere der bekanntesten Pairs, die bis
+dahin zu Westminster geblieben waren, flüchteten an den Hof, damals zu
+Oxford, und unbezweifelt würde Karl im Triumphe nach Whitehall marschirt
+sein, wenn zu dieser Zeit die Operationen der Cavaliere durch
+scharfsinnige und energische Köpfe geleitet worden wären.</p>
+
+<p>Aber der König ließ den günstigen Augenblick vorübergehen, und dieser
+Augenblick kam nie wieder. Im August 1643 belagerte er die Stadt
+Gloucester, die von den Einwohnern und der Garnison mit einer
+Hartnäckigkeit vertheidigt ward, wie sie die Anhänger des Parlamentes
+seit dem Beginn des Krieges nicht gezeigt hatten. Dieses Beispiel
+erweckte den Eifer Londons, und die Miliz der City erklärte sich bereit,
+nach allen Orten zu gehen, wo man ihrer Dienste bedürfe. Man sammelte
+schnell eine beträchtliche Streitmacht, und ließ sie nach dem Westen
+ausrücken. Man entsetzte Gloucester. In allen Theilen des Königreichs
+verloren die Royalisten den Muth, die Parlamentspartei ward von neuem
+begeistert, und die abtrünnigen Lords, welche jüngst von Westminster
+nach Oxford geflohen waren, kehrten eilig von Oxford nach Westminster
+zurück.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Erstehen der Independenten.</span>
+<a name = "secI_53" id = "secI_53">Neue</a> beunruhigende Symptome
+zeigten sich nun in dem kranken Staats&shy;körper. Von Anfang an hatte
+die Parlamentspartei Männer gehabt, die Pläne zu verwirklichen suchten,
+vor denen die Mehrzahl dieser Partei zurückgebebt wäre. Diese Männer
+waren Independenten in religiöser Beziehung. Sie waren der Ansicht, jede
+christliche Gemeinde sei nach Christus die höchste Gerichtsstelle in
+geistlichen Angelegenheiten, Berufungen an Provinzial- und
+National-Synoden seien der heiligen Schrift eben so sehr entgegen, als
+Berufungen an den erzbischöflichen Gerichtshof oder den Vatican, und
+Papstthum, Prälatur und Presbyterianismus seien nur drei Formen einer
+und derselben großen Apostasie. In der Politik waren die Independenten,
+um sie mit der Benennung ihrer Zeit zu bezeichnen, Wurzel- und
+Zweig-Männer, oder, um einen verwandten Ausdruck unserer Zeit
+anzuwenden, Radicale. Mit der Beschränkung der Macht des Monarchen nicht
+zufrieden, wollten sie auf den Trümmern des alten englischen Staats eine
+Republik errichten. An Zahl wie an Einfluß waren sie anfangs zwar
+unbedeutend gewesen, aber bevor noch der Krieg zwei Jahre gedauert,
+hatten sie sich, wenn auch nicht zu der größten, doch zu der mächtigsten
+Partei im Lande ausgebildet. Die alten parlamentarischen Führer hatte
+theils der Tod geraubt, theils hatten
+<span class = "pagenum">I.76</span>
+<a name = "pageI_76" id = "pageI_76"> </a>
+sie selbst das öffentliche Vertrauen verscherzt. Pym war mit fürstlichen
+Ehren neben den Plantagenets zur Gruft bestattet; Hampden war seiner
+würdig gefallen, indem er bei einem vergeblichen Versuche, den kühnen
+Reitern Ruprechts standzuhalten, seinen Leuten ein heldenmüthiges
+Beispiel geben wollte; Bedford war der Sache untreu geworden;
+Northumberland war als ein lauer Anhänger bekannt, und Essex sammt
+seinen Unterbefehlshabern hatte wenig Kraft und Befähigung zur Leitung
+der Kriegsoperationen bewiesen. Unter diesen Umständen begann die
+feurige, entschlossene und hartnäckige Independenten-Partei sowohl im
+Lager als im Hause der Gemeinen ihr Haupt zu erheben.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Oliver Cromwell.</span>
+<a name = "secI_54" id = "secI_54">Die</a> Seele dieser Partei war
+Oliver Cromwell. Er war zu friedlichen Beschäftigungen erzogen, hatte
+aber doch, schon über vierzig Jahre alt, eine Stelle in der
+Parlamentsarmee angenommen. Kaum Soldat geworden, erkannte er mit dem
+hellen Blicke des Genie’s, was Essex und Genossen, trotz aller ihrer
+Erfahrung, nicht erkannt hatten. Ihm ward sofort klar, worin die Stärke
+der Royalisten bestand, und welche Mittel zur Bewältigung derselben
+anzuwenden seien. Er erkannte, daß eine Reorganisation des
+Parlamentsheeres nothwendig, und daß zu diesem Zwecke reiches und
+vortreffliches Material vorhanden sei, wenn auch nicht so glänzendes,
+aber doch zuverlässigeres als das, aus dem die tapfern Schwadronen des
+Königs gebildet waren. Es mußten Rekruten beschafft werden, die nicht
+nur als Miethlinge dienten, sondern aus anständigen Lebensverhältnissen
+kamen, und einen ernsten Charakter, Gottesfurcht und Eifer für die
+öffentliche Freiheit besaßen. Solche Männer stellte er in die Reihen
+seines eigenen Regimentes, und indem er sie einer strengen, bis dahin in
+England unbekannten Disziplin unterwarf, wirkte er zugleich durch
+Reizmittel von außerordentlicher Kraft auf ihre geistige und sittliche
+Natur.</p>
+
+<p>Die Ereignisse des Jahres 1644 lieferten den vollständigen Beweis von
+der Überlegenheit seines Geistes. Im Süden, unter <ins class =
+"correction" title = "Original hat »Essex,«">Essex’</ins> Oberbefehl,
+erlitten die Truppen des Parlaments eine schimpfliche Niederlage nach
+der andern; im Norden aber ward durch den Sieg bei Marston Moor ein
+reicher Ersatz für alles Das geboten, was andernorts verloren ging. Den
+Royalisten war dieser Sieg kein härterer Schlag, als der Partei, die in
+Westminster bis dahin das Übergewicht gehabt, denn man wußte allgemein,
+daß die Energie Cromwells und der ausdauernde Muth der von ihm
+gebildeten Truppen die Schlacht, welche die Presbyterianer schimpflich
+verloren, wieder gewonnen hatten.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Selbst&shy;verleugnungs&shy;verordnung.</span>
+<a name = "secI_55" id = "secI_55">Die</a>
+Selbstverleugnungs&shy;verordnung und die neue Organisation der Armee
+waren Folgen dieser Begebenheiten. Essex und die meisten derjenigen
+Männer, die unter ihm hohe Posten eingenommen hatten, wurden unter
+schicklichen Vorwänden und mit allen Zeichen der Achtung entlassen; die
+Führung des Kriegs ward andern Händen übergeben. Fairfax, ein tapferer
+Soldat, aber ein Mann von mittelmäßigen Fähigkeiten und unentschlossenem
+Charakter, wurde dem Namen nach Generalissimus der Armee, Cromwell aber
+war das eigentliche Haupt derselben.</p>
+
+<p>Cromwell organisirte nun eilig die ganze Armee nach denselben
+Grundsätzen, nach denen er die Organisation seines eigenen Regimentes
+bewirkt hatte, und mit der Vollendung dieses Werkes war auch der Ausgang
+des Krieges entschieden. Die Cavaliere standen nun einem natürlichen
+<span class = "pagenum">I.77</span>
+<a name = "pageI_77" id = "pageI_77"> </a>
+Muthe gegenüber, der nicht geringer als ihr eigener war, einem höhern
+Enthusiasmus, als sie selbst besaßen, und einer Disziplin, die ihnen
+durchaus mangelte. Daß die Soldaten des Fairfax und Cromwell von anderer
+Zucht seien, als die des Essex, wurde bald sprichwörtlich.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Sieg des Parlaments.</span>
+<a name = "secI_56" id = "secI_56">Der</a> erste große Zusammenstoß der
+Royalisten und der neuorganisirten Armee der beiden Häuser hatte bei
+Naseby statt; der Sieg der Rundköpfe war vollständig und entscheidend,
+und andere Triumphe reiheten sich ihm in kurzer Zeit an. Wenig Monate
+genügten, und die Autorität des Parlaments war vollständig im ganzen
+Königreiche hergestellt. Karl flüchtete zu den Schotten, und diese
+lieferten ihn seinen englischen Unterthanen in einer Weise aus, die
+ihrem Nationalcharakter wenig Ehre machte.</p>
+
+<p>Noch war der Ausgang des Krieges zweifelhaft, und schon hatte das
+Parlament den Primas hinrichten, den Gebrauch der Liturgie, soweit sich
+seine Autorität erstreckte, verbieten lassen, und Jedermann
+aufgefordert, jene berühmte Urkunde zu unterschreiben, die unter dem
+Namen der feierlichen Ligue und des Covenants bekannt ist. Nach
+beendigtem Kampfe ward das Werk der Neuerung und Rache mit erhöhtem
+Eifer fortgesetzt. Man veränderte die Kirchenverfassung des Königreichs
+und verjagte die meisten Mitglieder des alten Klerus aus ihren Pfründen.
+Den Royalisten, die schon durch die dem Könige gewährten reichen
+Unterstützungen verarmt waren, wurden so hohe Geldbußen auferlegt, daß
+sie völlig zu Grunde gingen. Viele Güter wurden confiscirt und viele
+geächtete Cavaliere fanden es gerathen, den Schutz einflußreicher
+Mitglieder der siegenden Partei mit großen Kosten zu erkaufen.
+Ausgedehnte Besitzungen der Krone, der Bischöfe und Kapitel zog man ein
+und vergab sie entweder an Andere, oder verkaufte sie öffentlich, so daß
+in Folge dieser Beraubungen ein großer Theil des Bodens von England auf
+einmal feilgeboten wurde. Da nur wenig Geld vorhanden, der Markt
+überfüllt, der Besitztitel unsicher und die Furcht vor mächtigen
+Kauflustigen der freien Mitbewerbung hinderlich war, waren die Preise
+oft nur dem Namen nach vorhanden. Spurlos verschwanden auf diese Weise
+viele alte und ehrenwerthe Familien, und viele bis dahin unbekannte
+Leute wurden in kurzer Zeit reich.</p>
+
+<p>Während aber die Häuser in dieser Art ihre Autorität geltend machten,
+ward sie plötzlich ihren Händen entrissen. Das Parlament hatte diese
+Autorität dadurch erlangt, daß man eine Gewalt erschaffen, der keine
+Schranken gesetzt werden konnten. Im Sommer 1647, nachdem ungefähr zwölf
+Monate verflossen, seit der letzte feste Platz der Cavaliere sich dem
+Parlamente ergeben, mußte das Parlament sich seinen eigenen Soldaten
+unterwerfen.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Herrschaft und Charakter der Armee.</span>
+<a name = "secI_57" id = "secI_57">Nun</a> folgte ein Zeitraum von
+dreizehn Jahren, in dem England, wenn auch unter verschiedenen Namen und
+Formen, in der That durch das Schwert regiert ward. Weder vor noch nach
+dieser Zeit ist in unserm Vaterlande die bürgerliche Gewalt einer
+Militairdictatur unterworfen gewesen.</p>
+
+<p>Die Armee, die nun die Hauptmacht im Staate bildete, war von allen
+denen sehr verschieden, die wir seitdem kennen gelernt haben. Die
+Löhnung des gemeinen Soldaten ist jetzt der Art, daß sie nur die
+unterste Klasse der Arbeiter Englands reizen kann, ihren Stand
+aufzugeben. Der Gemeine ist von dem höhern Offizier durch eine fast
+unübersteigliche
+<span class = "pagenum">I.78</span>
+<a name = "pageI_78" id = "pageI_78"> </a>
+Schranke getrennt. Von allen denen, die im Militairdienste avancirt
+sind, hat die größere Mehrzahl die Stellen erkauft. Die entfernten
+Besitzungen Englands sind so zahlreich und ausgedehnt, daß jeder in den
+Kriegsdienst Eintretende fürchten muß, entweder viele Jahre im Exile,
+oder einige Jahre unter Himmelsstrichen zu verleben, die auf Gesundheit
+und Kraft eines Europäers nachtheilig einwirken. Die Armee des langen
+Parlaments war für den Dienst im Inlande bestimmt; die Löhnung des
+gemeinen Soldaten war bedeutend höher als der Lohn, den die große Masse
+des Volkes durch Arbeit verdiente, und jeder, der sich durch Einsicht
+und Tapferkeit auszeichnete, hatte Hoffnung auf höhere Stellungen. So
+kam es, daß in den Reihen des Heeres Leute standen, die an Stand und
+Bildung die große Masse überragten, nüchtern, sittlich, fleißig und zu
+denken gewöhnt waren, Leute, die weder aus Hang zur Veränderung und
+Zügellosigkeit, noch durch die Kniffe der Werbeoffiziere veranlaßt,
+sondern aus religiösem und politischem Eifer und mit dem Streben nach
+Auszeichnung und Beförderung die Waffen ergriffen hatten. Diese Soldaten
+sprachen in ihren feierlichen Beschlüssen mit Stolz aus, daß sie weder
+durch Zwang, noch aus Gewinnsucht Dienste genommen, daß sie nicht
+Janitscharen seien, sondern freigeborene Engländer, die aus eigenem
+Antriebe für die Freiheit und die Religion Englands ihr Leben
+einsetzten, und deren Recht und Pflicht es wäre, die Wohlfahrt der
+Nation, die sie gerettet hätten, zu bewachen.</p>
+
+<p>Einem aus solchen Elementen hervorgegangenen Heere konnte man ohne
+Nachtheil für die Wirksamkeit desselben einige Freiheiten nachsehen, die
+bei andern Truppen alle Disziplin aufgelöst haben würden. Gewöhnlich
+werfen Soldaten, die politische Klubs bilden, Abgeordnete erwählen und
+Beschlüsse über wichtige politische Fragen fassen, jeden Zwang ab, hören
+auf eine Armee zu sein und werden die schlechtesten und gefährlichsten
+Pöbelhaufen. In unserer Zeit würde es nicht gerathen sein, religiöse
+Zusammenkünfte in irgend einem Regimente zu gestatten, bei denen ein
+Korporal, der in der Bibel belesen, die Andachtsübungen seines weniger
+aufgeklärten Obersten leitete, oder <ins class = "correction" title =
+"Fehler für »einem«?">einen</ins> vom Glauben abgefallenen Major
+Zurechtweisungen ertheilte. Aber die Krieger, die Cromwell gebildet,
+waren so einsichtsvoll, so ernst und so mächtig ihrer selbst, daß,
+unbeschadet der militairischen Organisation, eine politische und
+religiöse in ihrem Lager bestehen konnte. Leute, die außer dem Dienste
+als Demagogen und als Prediger im freien Felde verrufen waren,
+zeichneten sich durch Beharrlichkeit, Liebe zur Ordnung und durch
+strengen Gehorsam sowohl auf der Wache und bei den Exercitien, als auf
+dem Kampfplatze aus.</p>
+
+<p>Im Kriege war dieser wunderbaren Armee nicht zu widerstehen. Das
+System Cromwells hatte den unbeugsamen Muth, der dem englischen Volke
+eigen ist, nicht nur geregelt, es feuerte ihn auch an. Andere Führer
+haben eine eben so strenge Ordnung eingeflößt und ihren Leuten nicht
+minder glühenden Eifer eingeflößt, aber nur in seinem Lager fand man
+strenge Disziplin und feurigen Enthusiasmus gepaart Mit der Genauigkeit
+von Maschinen, obgleich wie Kreuzfahrer fanatisirt, rückten seine
+Truppen zum Siege. Von der Reorganisation bis zu seiner Auflösung hat
+das Heer weder auf den britischen Inseln noch auf dem Festlande einen
+Feind gefunden, der seinem Angriffe widerstehen konnte. In England,
+Schottland, Irland und Flandern haben die puritanischen Soldaten, wenn
+<span class = "pagenum">I.79</span>
+<a name = "pageI_79" id = "pageI_79"> </a>
+auch oft mit Schwierigkeiten und nicht selten gegen eine dreifach
+überlegene Macht kämpfend, nicht nur stets den Sieg errungen, sie haben
+auch jedes ihnen entgegenstehende Heer völlig geschlagen und vernichtet,
+so daß sie zuletzt den Tag der Schlacht als einen Tag unfehlbaren Siegs
+betrachteten und mit stolzer Zuversicht den berühmtesten Bataillonen
+Europa’s entgegenrückten. Turenne staunte über das wilde Jubelgeschrei,
+mit dem seine englischen Verbündeten zum Kampfe gingen, und als er
+erfuhr, daß die Lanzenträger Cromwells stets mit hoher Freude dem Feinde
+in’s Angesicht sähen, sprach er die höchste Zufriedenheit des wahren
+Soldaten aus. Auch in den verbannten Cavalieren regte sich der
+Nationalstolz, als sie eine Brigade ihrer Landsleute, von den Feinden an
+Zahl überlegen und von ihren Verbündeten verlassen, die schönste
+spanische Infanterie in wirrer Flucht vor sich hinjagen und den Weg zu
+einer Schanze brechen sahen, die so eben erst die tüchtigsten Marschälle
+von Frankreich für unüberwindlich erklärt hatten.</p>
+
+<p>Aber die Hauptauszeichnung der Armee Cromwells vor andern Armeen
+waren die strenge Moralität und Gottesfurcht, die sich in allen Reihen
+zeigte. Selbst die eifrigsten Royalisten haben zugegeben, daß in diesem
+seltsamen Lager nie ein Schwur gehört, nie Trunkenheit und Spiel
+gesehen, und daß in der langen Zeit der Soldaten&shy;herrschaft das
+Eigenthum friedlicher Bürger und die Ehre der Frauen stets heilig
+gehalten worden sind. Die etwa vorkommenden Excesse waren von denen, die
+siegreiche Armeen gewöhnlich auszuüben pflegen, sehr verschieden. Es
+hatte sich keine Magd über rohe Galanterie der Rothröcke zu beklagen,
+und kein Goldschmied, daß aus seinem Laden eine Unze Silber genommen
+sei; aber eine pelagianische Predigt, oder ein Fenster, auf dem die
+Jungfrau mit dem Kinde abgebildet war, regten die puritanischen Reihen
+dergestalt auf, daß die Offiziere nur mit großer Anstrengung sie wieder
+beruhigen konnten. Die Musketiere und Dragoner von gewaltsamen Angriffen
+auf die Kanzeln der Geistlichen abzuhalten, deren Reden nicht, wie man
+sich zu jener Zeit ausdrückte, schmackhaft waren, bot für Cromwell eine
+der Haupt&shy;schwierig&shy;keiten dar, und viele unserer Kathedralen
+tragen jetzt noch die Zeichen des Hasses, mit dem jene strengen Geister
+auf jede Spur des Papstthums blickten.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Unterdrückung der Aufstände gegen die Soldaten&shy;herrschaft.</span>
+<a name = "secI_58" id = "secI_58">Es</a> war selbst für diese Armee
+keine leichte Aufgabe, das englische Volk im Zaume zu halten. Sobald die
+Nation, an eine solche Knechtung nicht gewöhnt, den ersten Druck der
+militairischen Tyrannei fühlte, begann sie einen heftigen Kampf dagegen.
+Selbst in den Grafschaften, die während des letzten Krieges dem
+Parlamente die unterwürfigsten gewesen waren, brachen Aufstände los. Das
+Parlament verabscheute in der That seine alten Vertheidiger mehr als
+seine alten Feinde, und mit Karl auf Unkosten der Truppen einen
+Vergleich zu schließen, war sein lebhaftester Wunsch. In Schottland
+erstand zu derselben Zeit eine Koalition zwischen den Royalisten und
+einer großen Zahl Presbyterianer, welche die Lehren der Independenten
+verabscheuten. Bald kam der Sturm zum Ausbruch. In Norfolk, Suffolk,
+Essex, Kent und Wales erfolgten Aufstände. Die Themseflotte zog
+plötzlich die königliche Flagge auf, stach in See und bedrohte die
+südliche Küste. Eine große schottische Heeresabtheilung überschritt die
+Grenze und rückte bis nach Lancashire vor. Daß alle diese Bewegungen von
+einem großen Theile
+<span class = "pagenum">I.80</span>
+<a name = "pageI_80" id = "pageI_80"> </a>
+der Lords und der Gemeinen mit stillem Wohlgefallen betrachtet wurden,
+läßt sich nicht mit Unrecht vermuthen.</p>
+
+<p>Aber so war das Joch der Armee nicht abzuwerfen. Während Fairfax die
+Erhebungen in der Umgebung der Hauptstadt niederdrückte, schlug Cromwell
+die Insurgenten von Wales, zerstörte ihre festen Plätze und rückte gegen
+die Schotten vor. Gegen die angreifenden Truppen waren die seinigen nur
+gering an Zahl, aber er war nicht gewohnt, seine Feinde zu zählen. Die
+schottische Armee ward völlig vernichtet. Nun erfolgte eine Veränderung
+in der schottischen Regierung; in Edinburg setzte man eine dem Könige
+feindliche Verwaltung ein, und Cromwell, mehr als je von seinen Soldaten
+geliebt, kehrte triumphirend nach London zurück.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Verfahren gegen den König.</span>
+<a name = "secI_59" id = "secI_59">Nun</a> bildete sich ein Plan zu
+einer festen Form aus, den Niemand bei dem Beginne des Bürgerkrieges
+auch nur anzudeuten gewagt haben würde und <ins class = "correction"
+title = "Wort »der« fehlt">der</ins> mit der feierlichen Ligue und dem
+Covenant eben so im Widerspruche stand, als mit den alten Gesetzen von
+England. Seit mehrern Monaten hatten die finstern Krieger, welche die
+Nation beherrschten, eine furchtbare Rache an dem gefangenen Könige
+ersonnen. Wann und wie dieser Plan zuerst entstanden, ob er von dem
+Generale in die Reihen der Soldaten, oder von diesen zu dem Generale
+seinen Weg gefunden, ob er der Politik beizumessen ist, welche den
+Fanatismus als ihr Werkzeug benutzte, oder dem Fanatismus, der die
+Politik jäh mit sich fortriß, sind Fragen, die sich selbst heute noch
+nicht mit voller Sicherheit beantworten lassen. Im Allgemeinen aber läßt
+sich annehmen, daß der, der zu leiten schien, in der Wirklichkeit folgen
+mußte, und daß er bei diesem, wie einige Jahre später bei einem andern
+Anlasse, sein eigenes Urtheil und seine eigenen Neigungen den Wünschen
+des Heeres zum Opfer brachte; denn die von ihm erschaffene Macht konnte
+er selbst nicht immer zügeln, und um nach der Regel befehlen zu können,
+mußte er mitunter auch gehorchen. Er gab öffentlich die Erklärung ab,
+daß er weder die Sache angeregt habe, noch um die ersten Schritte wisse,
+daß er dem Parlamente die Ausführung des Streichs nicht habe anrathen
+können, aber daß er seine eigenen Gefühle der Macht der Verhältnisse
+untergeordnet, von der er geglaubt, sie deute die Zwecke der Vorsehung
+an. Man hat gewöhnlich diese Bekenntnisse für Beweise der Heuchelei
+gehalten, die man ihm beizumessen pflegte; aber selbst die, die ihn für
+einen Heuchler halten, werden es gewiß nicht wagen, ihn einen Narren zu
+nennen, und deshalb werden sie darthun müssen, daß er zu irgend einem
+Zwecke das Heer heimlich reizte, den Weg zu betreten, den er offen zu
+empfehlen nicht wagte. Die Annahme wäre widersinnig, daß er, dem selbst
+die achtbarsten Feinde weder muthwillige Grausamkeit noch unversöhnliche
+Rachsucht beigemessen haben, den wichtigsten Schritt seines Lebens aus
+reiner Bosheit gethan haben solle. Er war viel zu klug, um nicht wissen
+zu können, daß er durch das Einwilligen, das geheiligte Blut zu
+vergießen, eine That verübe, die nichts sühnen konnte, und welche nicht
+nur die Royalisten, sondern auch neun Zehntheile der Parlamentspartei
+mit Schmerz und Abscheu erfüllen würde. Mögen Andere Phantomen
+nachgehangen haben, er dachte sicher weder an eine Republik nach antikem
+Muster, noch an das tausendjährige Reich der Heiligen. Wenn er selbst
+schon danach strebte, eine neue Dynastie zu gründen, so wäre
+Karl&nbsp;I. offenbar ein weniger zu fürchtender Mitbewerber gewesen,
+als Karl&nbsp;II. Von dem Augenblicke an, in dem Karl&nbsp;I. starb,
+würde jeder
+<span class = "pagenum">I.81</span>
+<a name = "pageI_81" id = "pageI_81"> </a>
+Cavalier seine Loyalität unverkürzt auf Karl&nbsp;II. übertragen haben.
+Karl&nbsp;I. war ein Gefangener, Karl&nbsp;II. lebte in der Freiheit.
+Karl&nbsp;I. war selbst bei denen ein Gegenstand des Mißtrauens und der
+Abneigung, die bei dem Gedanken an seine Ermordung zurückbebten;
+Karl&nbsp;II. würde alle die Theilnahme für sich gehabt haben, die
+unglückliche Jugend und Unschuld erregen. Es läßt sich unmöglich
+annehmen, daß dem scharfsinnigsten Politiker jener Zeit so naheliegende
+und inhaltschwere Betrachtungen entgangen sein sollten. Das Wahre ist,
+daß Cromwell eine Zeit lang die Absicht hegte, zwischen dem Throne und
+dem Parlamente zu vermitteln und unter der Sanktion des königlichen
+Namens den zerrütteten Staat durch die Macht des Schwertes wieder
+aufzubauen. An dieser Absicht hielt er so lange fest, bis er durch den
+widerstrebenden Geist seiner Soldaten und die unheilbare Treulosigkeit
+des Königs sie aufzugeben gezwungen ward. Eine Partei im Lager forderte
+den Kopf des Verräthers, der mit Agag zu unterhandeln vorschlug. Es
+wurden Verschwörungen angezettelt, mit Anklagen laut gedroht, und eine
+Meuterei brach aus, die Cromwell mit aller seiner Kraft und
+Entschlossenheit kaum zu unterdrücken vermochte. Stellte er auch durch
+eine kluge Vereinigung von Strenge und Milde die Ordnung wieder her, so
+entging es ihm doch nicht, daß es im höchsten Grade schwierig und
+gefährlich sei, die Wuth von Kriegern bezähmen zu wollen, die den
+gefallenen Tyrannen nicht nur als ihren eigenen Feind, sondern auch als
+den Feind Gottes betrachteten.</p>
+
+<p>Um diese Zeit stellte sich klarer als je heraus, daß man dem Könige
+nicht trauen dürfe. Die eigenen Laster hatten Karl völlig umstrickt,
+wobei allerdings auch Laster waren, die in schwierigen Lagen doppelt
+stark hervorzutreten pflegen. Die List ist dem Schwachen das
+natürlichste Vertheidigungs&shy;mittel, und ein Fürst, der auf dem
+Gipfel seiner Macht Täuschungen aus Gewohnheit ausübte, wird in
+schwierigen Lebenslagen und Bedrängnissen sich wahrlich der
+Aufrichtigkeit nicht befleißigen. So gewissenlos Karl in der Kunst zu
+heucheln war, eben so unglücklich war er auch darin, denn keinem
+Staatsmanne sind soviel Betrügereien und Unwahrheiten unwiderleglich
+nachgewiesen, als ihm. Er erklärte öffentlich die Häuser zu Westminster
+als ein gesetzliches Parlament, und gleichzeitig gab er im geheimen
+Rathe die Erklärung ab, daß diese Anerkennung nichtig sei. Er verwahrte
+sich öffentlich, daß er nie daran denke, fremde Hilfe gegen sein Volk in
+das Land zu rufen; heimlich suchte er Hilfe bei Frankreich, Dänemark und
+Lothringen. Er leugnete öffentlich, daß er Papisten in seine Dienste
+nähme; gleichzeitig sandte er seinen Generalen im Geheimen die Weisung,
+jeden Papisten, der dienen wolle, anzunehmen. Er nahm öffentlich zu
+Oxford das Sakrament darauf, daß er das Papstthum in England nie
+begünstigen wolle; im Geheimen gab er seiner Gattin die Versicherung,
+daß er das Papstthum in England dulden werde, und Lord Glamorgan
+ermächtigte er zu dem Versprechen, daß das Papstthum in Irland
+eingeführt werden solle; dann versuchte er, sich auf Kosten dieses
+Bevollmächtigten rein zu waschen: Glamorgan empfing von der Hand des
+Königs geschriebene Verweise, die zum Lesen für Andere bestimmt waren;
+aber auch lobende Anerkennungen, die nur er allein lesen solle. Und
+wahrlich, es beherrschte in der That die Falschheit den ganzen Charakter
+des Königs dergestalt, daß seine treuesten Freunde sich nicht enthalten
+konnten, sich gegenseitig mit bitterm Schmerze und tiefer Scham über
+seine unredliche Politik zu beklagen. Seine Niederlagen,
+<span class = "pagenum">I.82</span>
+<a name = "pageI_82" id = "pageI_82"> </a>
+äußerten sie, verursachten ihnen weniger Kummer als seine Intriguen.
+Seit dem Beginne seiner Gefangenschaft suchte er jeden Theil der
+siegreichen Partei durch Schmeicheleien und Umtriebe zu berücken, aber
+keiner seiner Versuche war je so unglücklich ausgefallen, als der,
+Cromwell durch Schmeicheleien zu täuschen und zu stürzen.</p>
+
+<p>Cromwell mußte indeß einen Entschluß fassen. Sollte er bei dem ohne
+Zweifel vergeblichen Versuche, einen König zu retten, der durch keinen
+Vertrag zu binden war, die Anhänglichkeit seiner Partei und Armee, seine
+eigene Größe, ja selbst sein Leben preisgeben? Nach vielem Kämpfen und
+Schwanken, vielleicht auch nach vielem Beten, ward der Entschluß
+festgestellt. Karl blieb seinem Schicksale überlassen. Die kriegerischen
+Heiligen beschlossen nun, daß der König, den alten Reichsgesetzen und
+der fast allgemeinen Gesinnung der Nation zum Trotz, sein Verbrechen mit
+dem Leben büßen solle. Eine Zeit lang glaubte er einen Tod sterben zu
+müssen, wie seine unglücklichen Vorgänger, Eduard&nbsp;II. und <ins
+class = "error" title = "Original hat »Richard III.«">Richard&nbsp;II.</ins>. Einen solchen Verrath hatte er indeß
+nicht zu fürchten, denn die, welche ihn unter ihren Händen hatten, waren
+keine nächtlichen Meuchelmörder; was sie thaten, sollte ein Schauspiel
+für Himmel und Erde sein und ein ewiges Andenken bleiben. Das Ärgerniß,
+das sie gaben, hatte für sie den höchsten Reiz. Daß die alte Verfassung
+und die öffentliche Meinung Englands mit dem Königsmorde im schroffsten
+Widerspruche standen, ließ einer Partei, die eine vollständige
+politische und sociale Revolution bewirken wollte, den Mord in einem
+verführerischen Lichte erscheinen. Die Erreichung dieses Zweckes machte
+das Zerbrechen jedes einzelnen Theils der Staats&shy;maschine nöthig,
+und diese Nothwendigkeit berührte sie mehr angenehm, als schmerzlich.
+Die Gemeinen stimmten für den Abschluß eines Vergleichs mit dem Könige;
+die Soldaten schlossen die Majorität gewaltsam aus. Die Lords verwarfen
+einstimmig den Vorschlag, den König vor Gericht zu stellen; ihr Haus
+ward sofort geschlossen. Kein ordentlicher Gerichtshof wollte die
+Verantwortung auf sich nehmen, den zu richten, der die Quelle der
+Gerechtigkeit repräsentirte.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Seine Hinrichtung<ins class = "correction" title = ". fehlt">.&nbsp;</ins></span>
+<a name = "secI_60" id = "secI_60">Da</a> ward ein revolutionaires
+Tribunal errichtet, und dieses Tribunal erklärte Karl für einen
+Tyrannen, für einen Verräther, einen Mörder und einen öffentlichen
+Feind. Vor Tausenden von Zuschauern, dem Banketsaale seines Palastes
+gegenüber ließ man seinen Kopf von dem Rumpfe trennen.</p>
+
+<p>Aber bald zeigte es sich, daß die politischen und religiösen Eiferer,
+denen diese That beizumessen ist, nicht nur ein Verbrechen, sondern auch
+ein Versehen begangen hatten. Dem Fürsten nämlich, der dem Volke bisher
+nur durch seine Fehler bekannt gewesen, hatten sie Gelegenheit geboten,
+auf einer großen Bühne, Angesichts aller Nationen und Zeiten,
+Eigenschaften zu zeigen, die unwiderstehlich Bewunderung und Zuneigung
+erwecken müssen: den hohen Muth eines Helden, und die Geduld und
+Sanftmuth eines reuigen Christen; sie hatten selbst ihre Rache in einer
+Weise ausgeübt, daß derselbe Mann, der sein ganzes Leben hindurch nur
+auf die Vernichtung der Freiheiten Englands gesonnen, als ein Märtyrer
+eben dieser Freiheiten zu sterben schien. Nie hat ein Demagog so auf den
+öffentlichen Geist gewirkt, als dieser gefangene König, der selbst auf
+dem höchsten Gipfel des Unglücks seine volle königliche Würde bewahrte,
+dem Tode furchtlos in’s Angesicht sah und den Gefühlen seines
+unterdrückten Volkes Ausdruck verlieh, indem er muthig seine
+Rechtfertigung vor einem
+<span class = "pagenum">I.83</span>
+<a name = "pageI_83" id = "pageI_83"> </a>
+dem Gesetze unbekannten Gerichtshofe verweigerte, von der
+Soldaten&shy;gewalt an die Grundsätze der Verfassung appellirte, nach
+dem Rechte fragte, mit dem das Haus der Gemeinen seiner achtbarsten
+Glieder und das der Lords seiner legislativen Funktionen beraubt sei,
+und den weinenden Zuhörern sagte, er vertheidige nicht nur seine,
+sondern auch ihre Sache. Seine lange schlechte Regierung, seine
+unzähligen Treulosigkeiten waren nun vergessen, und in den Gemüthern des
+größten Theils seiner Unterthanen lebte sein Andenken mit dem an die
+freien Institutionen fort, die er lange zu vernichten bemüht gewesen
+war, denn diese freien Institutionen waren mit ihm untergegangen, und
+seine Stimme allein hatte sie unter dem schmerzlichen Schweigen eines
+durch Waffengewalt unterdrückten Staates vertheidigt. Eine Reaktion, zu
+Gunsten der Monarchie und des vertriebenen Königs&shy;hauses, trat an
+diesem Tage ein und schritt so lange fort, bis der Thron in seiner
+vollen alten Würde wieder aufgebaut war.</p>
+
+<p>Anfangs schien es jedoch, als ob die Mörder des Königs in dem
+blutigen Sakramente, das sie eng mit einander verbunden und für immer
+von der großen Masse ihrer Landsleute getrennt hatte, neue Willenskraft
+fänden. England ward zu einer Republik umgeschaffen, und das Haus der
+Gemeinen, auf eine kleine Zahl von Gliedern beschränkt, ward dem Namen
+nach die höchste Staats&shy;gewalt; in der That aber regierten die Armee
+und ihre ersten Führer. Cromwells Wahl war getroffen, er hatte sich die
+Herzen seiner Soldaten bewahrt und fast alle übrigen Klassen seiner
+Mitbürger sich entfremdet. Man konnte nicht sagen, daß er außerhalb der
+Grenzen seiner Lager und festen Plätze Anhänger habe. Die Elemente jener
+Macht, die seit dem Beginne des Bürgerkriegs sich unter einander selbst
+bekämpft hatten, als sämmtliche Cavaliere, die große Mehrzahl der
+Rundköpfe, die anglikanische, presbyterianische und römisch-katholische
+Kirche, England, Schottland und Irland, alle hatten sich nun gegen ihn
+verbunden<ins class = "correction" title = ". fehlt">. </ins>Aber
+Cromwells Genie und Entschlossenheit waren so gewaltig, daß er Alles
+vernichtete, was ihm auf der Bahn entgegentrat, die er eingeschlagen
+hatte, um sich zu <ins class = "correction" title = "Fehler für »einem«?">einen</ins> unumschränktern Gebieter seines Vaterlandes zu
+machen, als irgend einer der gesetzlichen Könige desselben gewesen, und
+um es gefürchteter und geachteter hinzustellen, als es Generationen
+hindurch unter der Regierung legitimer Fürsten gestanden hatte.</p>
+
+<p>England kämpfte schon nicht mehr; aber die beiden andern Königreiche,
+die unter dem Scepter der Stuarts gestanden, hegten gegen die neue
+Republik eine feindliche Gesinnung. Die irischen Katholiken und die
+schottischen Presbyterianer sahen gleich gehässig auf die
+Independenten-Partei. Beide Länder, erst kürzlich noch aufständisch
+gegen Karl&nbsp;I., huldigten jetzt der Autorität Karls&nbsp;II.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Unterwerfung Irlands und Schottlands.</span>
+<a name = "secI_61" id = "secI_61">Aber</a> nichts konnte der Kraft und
+Geschicklichkeit Cromwells Widerstand leisten. Er besiegte in wenig
+Monaten Irland so vollständig, wie es in den fünfhundert Jahren, die
+seit der Landung der ersten normannischen Ansiedler verflossen, nie
+besiegt gewesen. Dem Kampfe der Volksstämme und Religionen, der so lange
+die Insel zerrüttet, wollte er dadurch ein Ziel setzen, daß er der
+englischen und protestantischen Bevölkerung die entschieden wichtigste
+Stellung anwies. Um diesen Zweck zu erreichen, zügelte er den wilden
+Fanatismus seiner Anhänger nicht mehr, führte einen Krieg, der dem
+Israels gegen die Kananiter glich, vernichtete die Götzendiener mit der
+Schärfe des Schwertes, daß große Städte fast keine Einwohner mehr
+<span class = "pagenum">I.84</span>
+<a name = "pageI_84" id = "pageI_84"> </a>
+hatten, trieb Tausende nach dem Festlande oder ließ sie nach Westindien
+führen, und füllte die dadurch entstandene Lücke mit Ansiedlern
+sächsischen Blutes und calvinistischen Glaubens aus. Daß das eroberte
+Land unter dieser eisernen Regierung sich eines zunehmenden Wohlstandes
+zu erfreuen schien, klingt seltsam, aber es ist wahr. Gegenden, die noch
+vor kurzer Zeit so unwirthbar gewesen, als jene, in denen die ersten
+weißen Ansiedler von Connecticut mit den rothen Männern kämpften,
+glichen nach wenig Jahren Kent und Norfolk. Überall erstanden neue
+Gebäude, Straßen und Pflanzungen; der Ertrag der Güter vermehrte sich
+schnell, und bald klagten die englischen Grundbesitzer über die
+Konkurrenz irischer Produkte auf den Märkten, und forderten
+Schutzgesetze.</p>
+
+<p>Der siegreiche Feldherr, der nun auch dem Namen nach war, was er
+schon längst in Wirklichkeit gewesen, Lord General der republikanischen
+Heere, wandte sich von Irland nach Schottland, wo der junge König war,
+der zur presbyterianischen Kirche übergetreten, den Covenant
+unterzeichnet, und als Lohn dafür von den strengen Puritanern, die zu
+Edinburg die Regierung leiteten, die Erlaubniß erhalten hatte, die Krone
+zu tragen, und unter ihrer Oberaufsicht still und ernst einen Hof zu
+halten. Diese Scheinloyalität dauerte nicht lange; Cromwell vernichtete
+in zwei großen Schlachten die ganze Kriegsmacht Schottlands. Karl
+rettete sich durch die Flucht vor dem Schicksale, das seinen Vater
+betroffen. Zum ersten Male war nun das alte Königreich der Stuarts
+völlig zur Unterwürfigkeit gebracht, und von der Unabhängigkeit, die
+einst gegen die tüchtigsten Plantagenets so tapfer vertheidigt worden,
+blieb keine Spur. Das englische Parlament gab Schottland Gesetze,
+englische Richter hielten dort Assisen, und selbst die hartnäckige
+Kirche, die ihre Selbstständigkeit gegen so viele Regierungen bewahrt,
+wagte nicht einmal leise zu murren.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Das lange Parlament wird vertrieben.</span>
+<a name = "secI_62" id = "secI_62">Zwischen</a> den Kriegern, die Irland
+und Schottland unterjocht, und den Politikern, die in Westminster
+beriethen, hatte bis zu dieser Frist wenigstens ein Schein von
+Übereinstimmung stattgefunden; aber den Bund, den die Gefahr
+geschlossen, löste der Sieg wieder auf. Das Parlament vergaß, daß es nur
+eine Kreatur der Armee war, und die Armee war jetzt weniger als sonst
+geneigt, sich den Verordnungen des Parlaments zu fügen. Es hatte auch in
+der That der geringe Mitgliederbestand, den man verächtlich den Rumpf
+des Hauses der Gemeinen nannte, nicht mehr Anspruch auf die Achtung, die
+Volksvertretern gebührt, als die Befehlshaber in der Armee. Der Streit
+ward bald zu einem entscheidenden Ende geführt. Cromwell füllte das Haus
+mit Bewaffneten, der Sprecher ward von seinem Stuhle geworfen, der Stab
+vom Tische genommen, der Saal geleert und die Thür verschlossen. Die
+Nation, die keiner der streitenden Parteien hold war, aber ohne es zu
+wollen, die Tüchtigkeit und Energie des Feldherrn achten mußte, sah
+geduldig, vielleicht auch mit Wohlgefallen&nbsp;zu.</p>
+
+<p>König, Lords und Gemeine waren nach und nach bewältigt und vernichtet
+und Cromwell erschien nun als der einzige Erbe der Machtbefugnisse die
+jene zusammen besessen hatten; aber die Armee selbst, der er seine
+ausgedehnte Autorität verdankte, legte ihm gewisse Beschränkungen auf.
+Dieser sonderbare Körper bestand größtentheils aus eifrigen
+Republikanern, die ihr Vaterland frei zu machen wähnten, indem sie es
+der Knechtschaft überlieferten. Das von ihnen allgemein verehrte Buch
+enthielt ein Beispiel, dessen sie häufig erwähnten. Es murrte die
+unwissende und
+<span class = "pagenum">I.85</span>
+<a name = "pageI_85" id = "pageI_85"> </a>
+undankbare Nation gegen ihre Befreier, wie einst ein anderes
+auserwähltes Volk gegen den Mann gemurrt, der es auf mühseligen und
+traurigen Pfaden aus der Knechtschaft in ein Land geführt, wo Milch und
+Honig floß; und dennoch hatte dieser Führer seine Brüder wider ihren
+Willen befreit, auch eben so wenig Anstand genommen, diejenigen zum
+abschreckenden Beispiele furchtbar zu züchtigen, welche die dargebotene
+Freiheit verachteten, und sich nach den Fleischtöpfen, den Frohnvögten
+und Götzenbildern Egyptens zurücksehnten. Das Ziel der kriegerischen
+Heiligen, die Cromwell umgaben, war die Gründung einer freien, frommen
+Republik. Zur Erreichung dieses Ziels waren sie bereit alle Mittel,
+selbst gewaltthätige und ungesetzliche, ohne Bedenken anzuwenden. Es lag
+daher die Möglichkeit vor, mit ihrer Hilfe eine dem Wesen nach absolute
+Monarchie zu errichten, aber eben so auch die Wahrscheinlichkeit, daß
+sie ihre Hilfe sofort einem Herrscher entziehen würden, der selbst unter
+streng constitutionellen Formen, den Namen und die Würde eines Königs
+anzunehmen wagte.</p>
+
+<p>Cromwell dachte anders; er war nicht mehr, was er gewesen, und die
+Veränderung in seinen Ansichten nur als eine Wirkung selbstsüchtigen
+Ehrgeizes ansehen zu wollen, würde ungerecht sein. Er brachte, als er zu
+dem langen Parlamente trat, wenig Bücherkenntniß aus seiner ländlichen
+Einsamkeit mit, und besaß weder Erfahrung in wichtigen Angelegenheiten,
+wohl aber eine durch lange Tyrannei der Regierung und der Hierarchie
+gereizte Stimmung. Während der folgenden dreizehn Jahre hatte er eine
+politische Schule nicht gewöhnlicher Art durchgemacht. In einer Reihe
+von Revolutionen hatte er bedeutende Rollen gespielt; er war lange die
+Seele und zuletzt das Haupt einer Partei gewesen; er hatte Heere
+befehligt, Schlachten gewonnen, Verträge abgeschlossen, und Königreiche
+unterjocht, beruhigt und geordnet. Es wäre in der That seltsam gewesen,
+wenn er stets dieselben Ansichten behalten, die er damals besessen
+hatte, als sein Geist sich nur mit den Feldern und der Religion
+beschäftigte, als ein Viehmarkt oder eine fromme Versammlung in
+Huntingdon die Hauptereignisse waren, die in den einförmigen Lauf seines
+Lebens Abwechselung brachten. Er sah ein, daß manche jener früheren
+Neuerungspläne, für die er eiferte, mochten sie nun an sich gut oder
+schlecht sein, der allgemeinen Stimmung des Landes nicht entsprachen,
+und daß er, wenn er auf diesen Plänen beharrte, stets mit Unruhen zu
+schaffen haben würde, die nur durch unausgesetzte Anwendung des
+Schwertes unterdrückt werden könnten. Deshalb beabsichtigte er, in allen
+wesentlichen Punkten jene alte Verfassung wieder herzustellen, welche
+der große Theil des Volks stets geliebt hatte, und nach der es sich
+jetzt sehnte. Das Verfahren, das später Monk anwendete, konnte Cromwell
+noch nicht beobachten. Der große Königs&shy;mörder ward durch die
+Erinnerung an einen furchtbaren Tag von dem Hause Stuart für immer
+getrennt; ihm blieb nichts, als den alten englischen Thron zu besteigen
+und im Sinne der alten englischen Staats&shy;verfassung zu regieren.
+Gelang ihm dies, so durfte er hoffen, daß die Wunden des zerfleischten
+Staats&shy;körpers bald wieder verharrschen würden; es hätten sich viele
+redliche und besonnene Männer um ihn gesammelt, und diejenigen
+Royalisten, die mehr an den Institutionen als den Personen, mehr an dem
+königlichen Amte als an König Karl&nbsp;I. oder Karl&nbsp;II. hingen,
+würden bald die Hand des Königs Oliver geküßt haben. Es würden die
+Peers, die still auf ihren Landgütern wohnten und mürrisch die
+Theilnahme an
+<span class = "pagenum">I.86</span>
+<a name = "pageI_86" id = "pageI_86"> </a>
+öffentlichen Angelegenheiten verweigerten, mit Freuden ihre alten
+Functionen wieder übernommen haben, wenn sie das Ausschreiben eines im
+Besitz des Thrones befindlichen Königs zu ihrem Hause gerufen hätte;
+Northumberland und Bedford, Manchester und Pembroke würden stolz gewesen
+sein, wenn sie dem Manne, der die Aristokratie wiederhergestellt, Krone
+und Sporen, Scepter und Reichsapfel hätten vorantragen können; das Volk
+würde nach und nach durch ein Gefühl der Loyalität mit der neuen
+Dynastie verbunden worden sein und bei dem Tode des Gründers dieser
+Dynastie wäre die königliche Würde unter allgemeiner Billigung auf seine
+Nachkommen übergegangen.</p>
+
+<p>Die scharfsinnigsten Royalisten hielten dafür, daß diese Ansichten
+richtig seien, und daß, wenn Cromwell nur nach seinem Urtheile hätte
+verfahren können, die vertriebene Dynastie nie wieder zur Regierung
+gelangt wäre; aber sein Plan widersprach völlig den Gefühlen jener
+Klasse, der einzigen, die er nicht zu reizen wagte. Den Soldaten war der
+Name des Königs verhaßt. Einige derselben haßten selbst eine Verwaltung,
+die sich in den Händen einer einzelnen Person befand; und war der große
+Theil auch geneigt, den General, als den gewählten ersten Beamten einer
+Republik, gegen alle Factionen zu schützen, die seine Autorität nicht
+anerkennen würden, so wollten sie doch nicht zugeben, daß er sich den
+Königstitel beilege, oder daß die Würde, die nur der gerechte Lohn für
+seine persönlichen Verdienste sei, für erblich in seiner Familie erklärt
+werde. Ihm blieb nun nichts weiter übrig, als der neuen Republik eine
+der alten Monarchie so ähnliche Verfassung zu geben, als es die Armee
+nur irgend gestattete. Damit nun seine Erhebung zur Macht nicht als ein
+Akt persönlichen Ehrgeizes erscheinen möchte, berief er einen Rath, der
+theils aus Personen zusammengesetzt war, auf deren Unterstützung er
+zählen, theils aus solchen, deren Opposition er ohne Gefahr Trotz bieten
+konnte. Nachdem diese, von ihm Parlament genannte Versammlung, von dem
+Volke aber nach einem seiner hervorragendsten Mitglieder „<ins class =
+"correction" title = "Original hat »Barebone’s«">Barebones</ins>
+Parlament“ getauft, sich eine Zeit lang der allgemeinen Verachtung
+ausgesetzt hatte, gab sie dem General die von demselben empfangenen
+Vollmachten zurück und überließ ihm allein, einen Verfassungsplan zu
+entwerfen.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Oliver Cromwell’s Protektorat.</span>
+<a name = "secI_63" id = "secI_63">Sein</a> Plan hatte Anfangs nur eine
+große Ähnlichkeit mit der alten Verfassung; nach Verlauf einiger Jahre
+aber glaubte er weiter gehen und fast alle Theile des alten Systems
+unter neuen Namen und Formen wiederherstellen zu dürfen. Der Königstitel
+ward nicht wieder verwendet, aber die Vorrechte des Königs wurden einem
+Lord Groß-Protektor bewilligt. Man nannte den Souverain nicht „Se.
+Majestät“, sondern „Se. Hoheit.“ Man krönte und salbte ihn nicht in der
+Westminsterabtei, aber man ließ ihn feierlich den Thron besteigen, mit
+einem Staats&shy;schwerte umgürtet und einem Purpurmantel angethan, und
+in der Westminsterabtei schenkte man ihm eine prachtvolle Bibel. Man
+hatte sein Amt nicht für erblich erklärt, aber ihm erlaubt, seinen
+Nachfolger zu ernennen, und Niemand zweifelte, daß er seinen Sohn wählen
+würde.</p>
+
+<p>Ein Haus der Gemeinen war ein nothwendiger Bestandtheil der neuen
+Verfassung. Bei der Gestaltung dieses Instituts zeigte der Protektor
+Weisheit und Gemeinsinn, die seine Zeitgenossen nicht gebührend
+gewürdigt haben. Waren die Fehler des alten Vertretungssystems auch
+nicht so bedeutend, als sie später wurden, so hatten sie scharfblickende
+Männer
+<span class = "pagenum">I.87</span>
+<a name = "pageI_87" id = "pageI_87"> </a>
+dennoch schon bemerkt. Cromwell reformirte dieses System nach denselben
+Grundsätzen, nach denen Pitt einhundert&shy;dreißig Jahre später es zu
+verbessern versuchte, und nach denen es endlich in unserer Zeit wirklich
+verbessert wurde. Den kleinen Flecken entzog man mit noch
+schonungsloserer Strenge als 1832 das Wahlrecht und die Zahl der
+Grafschafts&shy;mitglieder ward vergrößert. Nur wenig Städte, die nicht
+vertreten waren, hatten sich bis dahin zu einer Bedeutung erhoben; zu
+diesen wenigen gehörten Manchester, Leeds und Halifax, und diese
+erhielten Vertreter. Die Zahl der Mitglieder, die für die Hauptstadt
+wählten, wurde vermehrt. Das Wahlrecht ward dergestalt geordnet, daß
+jeder Besitzende, mochte sein Eigenthum in Freisassengütern bestehen
+oder nicht, eine Stimme in der Grafschaft hatte, in der er angesessen
+war. Nur wenig Schotten und wenige der englischen Colonisten von Irland
+wurden zu der Versammlung berufen, die in Westminster allen Theilen der
+britischen Inseln Gesetze geben sollte.</p>
+
+<p>Ein Haus der Lords zu errichten, war eine schwierigere Aufgabe. Die
+Demokratie kann die Stütze der Verjährung entbehren, die Monarchie hat
+oft ohne sie bestanden, aber ein Patrizierstand ist das Werk der Zeit.
+Cromwell fand einen reichen, hoch geehrten und in allen untern
+Volksklassen so populären Adel vor, als nur je der Adel gewesen ist.
+Wenn er als König von England, gemäß dem alten Brauche des Königreichs,
+die Pairs zu dem Parlamente berufen hätte, es würden viele derselben
+ohne Zweifel dem Rufe gefolgt sein; dies durfte er nicht, und daß er den
+Häuptern erlauchter Familien in seinem neuen Senate Sitze anbot, blieb
+ohne Erfolg, denn sie sahen ein, daß sie einer neuerstandenen
+Versammlung nicht beitreten konnten, ohne auf ihr Geburtsrecht zu
+verzichten und ihren Stand zu verrathen. Der Protektor sah sich nun
+genöthigt, sein Oberhaus mit neuen Männern zu besetzen, die sich in der
+letzten Zeit der Aufregung hervorgethan hatten. Diese seiner
+Einrichtungen, die allen Parteien mißfiel, war die unglücklichste. Die
+nach allgemeiner Gleichheit strebende Partei &mdash; Levellers &mdash;
+zürnte ihm darüber, daß er eine bevorzugte Klasse schuf; die Menge,
+welche für die großen geschichtlichen Namen des Landes Achtung und Liebe
+hegte, verlachte sonder Scheu ein Haus der Lords, das glückliche Kärrner
+und Schuhmacher zu Gliedern zählte und wenige der alten Adeligen, die
+sich fast alle verächtlich davon abwandten, berufen hatte.</p>
+
+<p>Die Art und Weise der Einrichtung von Cromwells Parlamenten war
+praktisch von untergeordneter Bedeutung, da er die Mittel besaß, auch
+ohne die Unterstützung und ungeachtet der Opposition derselben die
+Verwaltung zu führen. Eine verfassungs&shy;mäßige Regierung, und an
+Stelle der Schwertherrschaft die der Gesetze zu stellen, scheint in
+seinem Wunsche gelegen zu haben. Aber ihm ward bald klar, daß er nur bei
+einer unumschränkten Verwaltung sicher sein konnte, da Royalisten und
+Presbyterianer ihn haßten. Das erste Haus der Gemeinen, auf seinen
+Befehl vom Volke gewählt, zog seine Autorität in Frage; es ward
+aufgelöst, ohne daß es auch nur eine Akte durchgebracht hatte. Sein
+zweites Haus der Gemeinen, das ihn zwar als Protektor anerkannte und ihn
+gern zum Könige gemacht haben würde, weigerte sich dessenungeachtet
+hartnäckig, seine neuen Lords anzuerkennen. Ihm blieb nichts übrig, als
+das Parlament aufzulösen. Als er schied, rief er aus: Gott sei Richter
+zwischen Euch und mir!</p>
+
+<span class = "pagenum">I.88</span>
+<a name = "pageI_88" id = "pageI_88"> </a>
+<p>Diese Zerwürfnisse hatten jedoch durchaus keinen Einfluß auf die
+energische Verwaltung des Protektors. Dieselben Soldaten, die ihm das
+Tragen des Königs&shy;titels nicht gestatten wollten, unterstützten ihn
+bei Ausführung solcher Gewaltmaßregeln, wie sie je ein englischer König
+nur versucht hat. So war die Regierung der Form nach republikanisch, in
+Wahrheit aber eine durch die Weisheit, Mäßigung und Großherzigkeit des
+Despoten gemilderte Despotie. Das Land war in Militairbezirke getheilt,
+die unter den Befehlen von Generalmajors standen. Jede aufständische
+Bewegung ward im Keime erstickt und bestraft. Die Macht des Schwertes in
+einer so starken, unbeugsamen und erfahrenen Hand dämpfte den Muth der
+Cavaliere und der Levellers. Die loyale Gentry erklärte, sie sei zwar
+immer noch bereit, für die alte Verfassung und Dynastie das Leben
+einzusetzen, wenn nur eine schwache Hoffnung auf Erfolg vorhanden wäre;
+aber an der Spitze von Dienern und Pächtern sich den Lanzen von Brigaden
+entgegenzustellen, die in hundert Schlachten und Belagerungen siegreich
+gewesen, sei eine unsinnige Verschwendung unschuldigen und
+schätzenswerthen Blutes. Da sich von offenem Widerstande nichts hoffen
+ließ, begannen Royalisten und Republikaner schwarze Mordpläne zu
+ersinnen; aber des Protektors Kundschafter waren gut, und seine
+Wachsamkeit ward nicht lästig; nur in der Mitte der blanken Schwerter
+und Harnische seiner getreuen Garden verließ er die Mauern seines
+Palastes.</p>
+
+<p>Wäre Cromwell ein grausamer, ausschweifender und raublustiger Regent
+gewesen, so hätte die Nation vielleicht in der Verzweiflung Muth
+gefunden und sich durch eine krampfhafte Anstrengung von der
+Militairherrschaft zu befreien gesucht; aber waren auch die
+Bedrückungen, unter denen das Land seufzte, stark genug, um ernstliche
+Unzufriedenheit zu erregen, so konnten sie doch die große Masse nicht
+bewegen, Leben, Vermögen und die Wohlfahrt der Familien einer
+furchtbaren Macht gegenüber auf das Spiel zu setzen. Die Last der
+Steuern war, wenn auch drückender als unter den Stuarts, mit den
+Nachbarstaaten verglichen und nach den Hilfsquellen Englands beurtheilt,
+eine leichte zu nennen. Das Eigenthum war sicher, und selbst der
+Cavalier, wenn er die neue Verfassung unangetastet ließ, genoß in
+Frieden, was ihm die bürgerlichen Unruhen gelassen hatten. Nur in
+Fällen, in denen es sich um die Sicherheit der Person und der Regierung
+des Protektors handelte, wurden die Gesetze überschritten; aber in
+Streitsachen zwischen Privaten ward die Justiz mit einer Strenge und
+Unparteilichkeit geübt, wie man sie zuvor nie gekannt. Seit der
+Reformation hatten unter keiner englischen Regierung so wenig religiöse
+Verfolgungen stattgefunden. Betrachtete man auch die unglücklichen
+Katholiken als dem Bereiche der christlichen Kirche nicht mehr
+angehörig, so gestattete man dennoch dem gestürzten anglikanischen
+Klerus, seinen Gottesdienst unter der Bedingung abzuhalten, daß seine
+Predigten alle Politik ausschlössen. Es durften selbst die Juden, denen
+seit dem dreizehnten Jahrhundert der öffentliche Gottesdienst untersagt
+gewesen, sich trotz der Opposition neidischer Kaufleute und fanatischer
+Theologen in London eine Synagoge bauen.</p>
+
+<p>Des Protektors auswärtige Politik zwang zugleich auch diejenigen, die
+ihn am meisten haßten, gegen ihren Willen ihm Anerkennung zu zollen. Die
+Cavaliere konnten kaum den Wunsch unterdrücken, daß der, der soviel zur
+Vermehrung des Nationalruhmes gethan, ein legitimer König gewesen
+<span class = "pagenum">I.89</span>
+<a name = "pageI_89" id = "pageI_89"> </a>
+sei, und die Republikaner waren zu dem Eingeständnisse gezwungen, daß
+der Tyrann nur für sich allein das Recht usurpire, mitunter dem
+Vaterlande Unrecht zu thun, und daß er ihm für die geraubte Freiheit
+Ruhm zurückgegeben habe. Nach einem halben Jahrhundert, während dessen
+England kaum ein bedeutenderes Gewicht in der Politik Europa’s gehabt,
+als Venedig und Sachsen, erhob es sich plötzlich zu der gefürchtetsten
+Macht der Welt, schrieb den Vereinigten Nieder&shy;landen
+Friedensbedingungen vor, rächte an den Seeräubern der Berberei die der
+ganzen Christenheit zugefügte Schmach, besiegte Spanien zu Land und zu
+Meer, bemächtigte sich einer der schönsten westindischen Inseln und
+gewann an der flämischen Küste einen festen Platz, der den Nationalstolz
+für den Verlust von Calais tröstete. Es war die erste Macht auf dem
+Weltmeere; es stand an der Spitze des <ins class = "correction" title =
+"Original hat »protestanischen«">protestantischen</ins> Interesses;
+Cromwell ward von allen in katholischen Königreichen zerstreuten
+reformirten Kirchen als Schirmherr anerkannt; die Hugenotten von
+Languedoc, die Hirten, die sich in ihren Alpendörfchen zu einem ältern
+Protestantismus als den von Augsburg bekannten, wurden durch den
+Schrecken allein vor Verfolgung gesichert, den sein großer Name
+verbreitete. Selbst der Papst mußte papistischen Fürsten Menschlichkeit
+und Mäßigung einschärfen, denn eine Stimme, die selten vergebens drohte,
+hatte erklärt, daß die englischen Kanonen in der Engelsburg gehört
+werden sollten, wenn man dem Volke Gottes nicht Duldung angedeihen
+lasse. Es gab in der That Nichts, was Cromwell wegen seiner und seiner
+Familie hätte mehr wünschen können, als einen allgemeinen europäischen
+Religionskrieg, denn in diesem Falle wäre er der Führer der
+protestantischen Armeen, und das Herz Englands wäre mit ihm gewesen; man
+hätte seine Siege mit einer allgemeinen Begeisterung begrüßt, wie sie
+das Land seit der Vernichtung der Armada nicht geäußert, und der
+Flecken, den eine durch die Stimme der ganzen Nation verdammte Handlung
+auf seinem strahlenden Ruhme zurückgelassen, würde durch sie verlöscht
+worden sein. Zu seinem Unglücke bot sich ihm keine Gelegenheit, außer
+gegen die britischen Inseln, sein bewundernswürdiges Feldherrntalent zu
+entwickeln.</p>
+
+<p>Seine Gewalt, den Unterthanen ein Gegenstand der Abneigung, der
+Bewunderung und der Furcht zugleich, stand, so lange er lebte, fest.
+Seine Regierung war nur bei Wenigen beliebt, aber die, denen sie am
+meisten verhaßt war, haßten sie nicht so sehr, als sie sie fürchteten.
+Wäre die Regierung eine schlechtere gewesen, ihre Stärke hätte sie
+wahrlich nicht vor dem Sturze sichern können. Aber sie enthielt Mäßigung
+genug, um Bedrückungen zu vermeiden, welche die Menschen zur Wuth
+treiben, und besaß eine Kraft und Energie, die zu bekämpfen nur Menschen
+wagen konnten, welche die Unterdrückung bereits zum Wahnsinn
+getrieben.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Richard, Cromwells Nachfolger.</span>
+<a name = "secI_64" id = "secI_64">Man</a> hat oft behauptet, und
+anscheinend nur aus wenigen Gründen, daß Cromwell zu einer seinem Ruhme
+günstigen Zeit gestorben sei, und daß er, bei längerer Lebenszeit,
+wahrscheinlich minder ehrenvoll und glücklich geendet haben würde.
+Soviel steht fest, daß ihn seine Soldaten bis zu dem letzten Momente
+ehrten, daß ihm die ganze Bevölkerung der britischen Inseln gehorchte,
+daß ihn alle auswärtigen Mächte fürchteten, daß er mit einem Gepränge,
+wie London es zuvor nie gesehen, neben den alten Souverainen Englands
+zur Gruft bestattet wurde, und daß ihm sein Sohn Richard so ruhig in der
+Regierung folgte, wie je ein Prinz von Wales einem Könige gefolgt
+ist.</p>
+
+<span class = "pagenum">I.90</span>
+<a name = "pageI_90" id = "pageI_90"> </a>
+<p>Die Verwaltung Richard Cromwells hatte fünf Monate lang einen so
+friedlichen und regelmäßigen Gang, daß ganz Europa der Meinung war,
+seine Stellung am Staatsruder sei eine durchaus feste. Seine Lage war
+wirklich in manchen Beziehungen vortheilhafter, als die seines Vaters;
+er war noch zu jung, um Feinde zu haben, und an seinen Händen klebte
+noch kein Bürgerblut. Die Cavaliere selbst gestanden ein, daß er ein
+braver, gutmüthiger Gentleman sei. Die presbyterianische Partei, gleich
+mächtig an Zahl wie an Reichthum, hatte mit dem nun verstorbenen
+Protektor in tödtlicher Feindschaft gestanden, dem gegenwärtigen aber
+zeigte sie eine geneigte Stimmung. Diese Partei hatte stets den Wunsch
+genährt, es möge die alte Reichsverfassung mit einigen genauern
+Bestimmungen und einigen stärkern Bürgschaften für die öffentliche
+Freiheit wieder hergestellt werden, aber sie hatte mancherlei Gründe,
+die Wiedereinsetzung der alten Herrscherfamilie zu fürchten. Für diese
+Politiker war Richard der rechte Mann, denn seine Humanität, seine
+Freimüthigkeit und Bescheidenheit, die Mittelmäßigkeit seiner Talente
+und die Fügsamkeit, mit der er sich der Leitung klügerer Leute, als er,
+überließ, machten ihn ganz vorzüglich geeignet, das Oberhaupt einer
+beschränkten Monarchie zu sein.</p>
+
+<p>Es schien wirklich eine Zeit lang, als ob er unter der Leitung
+fähiger Rathgeber das durchführen werde, was sein Vater umsonst begonnen
+hatte. Es ward ein Parlament berufen und die Ausschreiben dazu erließ
+man in der alten Form. Den kleinen Flecken gab man das ihnen vor Kurzem
+entzogene Wahlrecht zurück; Manchester, Leeds und Halifax schickten
+ferner nicht mehr Mitglieder ab, und die Grafschaft York ward wiederum
+auf zwei Abgeordnete beschränkt. Es muß einer Generation, welche durch
+die Fragen über Reform des Parlaments fast bis zum Wahnsinn aufgeregt
+ward, außergewöhnlich erscheinen, daß große Städte und Grafschaften sich
+dieser Änderung nicht nur geduldig, sondern auch gern fügten; aber wenn
+auch damals schon denkende Männer die Fehler des alten
+Repräsentativ-Systems und die daraus früher oder später entspringenden
+ernsten praktischen Übel erkannten, so waren doch diese praktischen Übel
+noch nicht empfindlich fühlbar gewesen. Hatte Oliver Cromwell sein
+Repräsentativ-System auch nach den richtigsten Grundsätzen gebildet, so
+war es doch nicht volksthümlich; sowohl die Begebenheiten, aus denen es
+hervorgegangen, als die Folgen, die es bewirkt, konnten die öffentliche
+Meinung nicht für dasselbe gewinnen. Es war der Militairgewalt
+entsprungen, und hatte nur Streit erregt. Der Regierung durch das
+Schwert überdrüssig, sehnte sich die ganze Nation nach der Regierung
+durch das Gesetz. Deshalb gewährte die Wiederherstellung selbst der
+Anomalien und Mißbräuche, die mit den Gesetzen streng übereinstimmten
+und durch das Schwert vernichtet gewesen waren, allgemeine
+Befriedigung.</p>
+
+<p>Im Hause der Gemeinen gab es eine starke, theils aus offenen
+Republikanern, theils aus geheimen Royalisten bestehende Opposition;
+aber eine große, fest entschlossene Majorität schien dem Plane geneigt,
+die alte Verfassung unter einer neuen Dynastie wieder herzustellen.
+Richard ward feierlich als die erste obrigkeitliche Person im Staate
+anerkannt. Die Gemeinen erklärten sich nicht nur bereit, mit den von
+Oliver Cromwell ernannten Lords gemein&shy;schaftlich die
+Staats&shy;geschäfte zu verhandeln, sondern nahmen auch den Beschluß an,
+daß diejenigen Adeligen, die zur Zeit der Unruhen der Sache der
+öffentlichen Freiheit angehangen, ohne neue Ernennung im Oberhause des
+Parlaments zu sitzen das Recht haben sollten.</p>
+
+<span class = "pagenum">I.91</span>
+<a name = "pageI_91" id = "pageI_91"> </a>
+<p>Bis hierher waren die Staats&shy;männer, deren Rath Richard befolgte,
+glücklich gewesen. Fast alle Theile der Staats&shy;verwaltung hatte man
+eben so eingerichtet, wie sie bei dem Beginne des Bürgerkrieges gewesen.
+Hätten der Protektor und das Parlament ungestört fortschreiten dürfen,
+so läßt sich kaum bezweifeln, daß unter dem Hause Cromwell schon eine
+ähnliche Ordnung der Dinge erstanden wäre, wie sie später unter dem
+Hause Hannover begründet ward. Aber es gab im Staate eine andere Macht,
+vollkommen fähig, gegen Protektor und Parlament aufzutreten. Richard
+besaß nämlich über die Armee keine andere Autorität als die, welche er
+aus dem großen ererbten Namen herleitete. Er hatte sie nie zum Siege
+geführt, hatte selbst nie die Waffen getragen, alle seine Neigungen und
+Gewohnheiten waren friedlicher Art, und seine religiösen Ansichten und
+Gesinnungen erfreuten sich des Beifalls der militairischen Heiligen
+nicht. Daß er ein guter Mensch war, hat er durch Demuth und
+Leutseligkeit, während er auf dem Gipfel menschlicher Größe stand, und
+durch freudige Ergebung bei Leiden und Unglücksfällen treffender
+dargethan, als durch tiefe Seufzer und lange Reden; aber das damals in
+jeder Wachtstube übliche fromme Geschwätz war ihm dergestalt zum Ekel,
+daß er seine Abneigung dagegen nicht immer verbergen konnte. Die
+Offiziere, welche den größten Einfluß auf die in der Nähe stationirten
+Truppen ausübten, gehörten nicht zu seinen Freunden; sie waren durch
+Muth und Tapferkeit auf dem Schlachtfelde ausgezeichnete Männer, aber es
+fehlte ihnen jene Klugheit, jener bürgerliche Muth, die Eigenschaften,
+die ihrem verstorbenen Führer in so hohem Grade eigen waren. Einige von
+ihnen waren achtungswerthe, aber fanatische Independenten und
+Republikaner. Das Haupt dieser Klasse war <ins class = "correction"
+title = "Original hat »Fleetword«">Fleetwood</ins>. Andere wieder
+strebten danach, das zu werden, was Oliver Cromwell gewesen; sein
+rasches Emporkommen, sein Glück und sein Ruhm, seine feierliche
+Inauguration in den Hallen von Westminster, und seine prachtvolle
+Bestattung in der Abtei hatten die Phantasie derselben entflammt; sie
+waren von eben so guter Herkunft, eben so gut erzogen, als er, und
+begriffen nun nicht, warum sie nicht eben so würdig wären, mit dem
+Purpur bekleidet zu werden und das Schwert des Staates zu tragen. Das
+Ziel ihres maßlosen Ehrgeizes verfolgten sie nicht, wie er, mit Geduld,
+Wachsamkeit, Scharfsinn und Entschlossenheit, sondern mit jener Ungeduld
+und Unentschiedenheit, welche die hochfliegende Mittelmäßigkeit
+charakterisiren. Unter diesen matten Copien eines großen Originals
+zeichnete sich Lambert am auffälligsten aus.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Sturz Richards, und Wiedereinsetzung des Langen Parlaments.</span>
+<a name = "secI_65" id = "secI_65">Denselben</a> Tag, an dem Richard den
+Thron bestiegen, traten die Offiziere zu einer Verschwörung gegen ihren
+neuen Gebieter zusammen. Das gute Einvernehmen zwischen ihm und seinem
+Parlamente beschleunigte das Herannahen der Krisis. In dem Lager
+entstanden Unruhe und Erbitterung, sowohl die religiösen Gefühle als die
+des Standes der Armee waren tief verletzt, und es schien, als sollten
+sich die Independenten den Presbyterianern, und die Männer des Schwerts
+den Männern der Robe unterwerfen. Zwischen den Unzufriedenen in der
+Armee und der republikanischen Minorität in dem Hause der Gemeinen
+bildete sich eine Koalition. Selbst wenn Richard das scharfe Urtheil und
+den eisernen Muth seines Vaters ererbt hätte, so bleibt es dennoch
+zweifelhaft, ob er diese Koalition besiegt haben würde; es ist vielmehr
+gewiß, daß seine Einfachheit und Sanftmuth den Erfordernissen der Zeit
+nicht entsprachen.
+<span class = "pagenum">I.92</span>
+<a name = "pageI_92" id = "pageI_92"> </a>
+Er fiel ohne Widerstand und ohne Ruhm; die Armee benutzte ihn als
+Werkzeug zur Auflösung des Parlamentes und schob ihn dann verächtlich
+bei Seite. Um ihre republikanischen Verbündeten zufrieden zu stellen,
+erklärten die Offiziere die Vertreibung des Rumpfparlamentes für
+ungesetzlich und luden diese Versammlung ein, ihre Amtsgeschäfte wieder
+zu beginnen. Der alte Sprecher und eine beschlußfähige Anzahl Mitglieder
+traten wieder zusammen, und unter schlecht verhehltem Hohne und
+Verwünschungen Seitens der Nation wurden sie zur ersten Macht des
+Staates ausgerufen. Auch ward ausdrücklich erklärt, daß es weder einen
+ersten Beamten, noch ein Haus der Lords ferner geben solle.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Zweite Vertreibung des Langen Parlaments.</span>
+<a name = "secI_66" id = "secI_66">Ein</a> solcher Zustand der Dinge
+konnte nicht von langer Dauer sein. An demselben Tage, an dem das Lange
+Parlament wieder in’s Leben trat, lebten auch die alten Zwistigkeiten
+mit der Armee wieder auf. Es vergaß der Rumpf abermals, daß er sein
+Dasein dem Belieben der Soldaten verdankte, und begann wieder, sie als
+Untergebene zu behandeln. Wiederum schloß man die Thüren des Hauses der
+Gemeinen durch militairische Gewalt, und eine von den Offizieren
+ernannte provisorische Regierung übernahm die Leitung der
+Staats&shy;geschäfte.</p>
+
+<p>Das Drückende dieser Lage und die Befürchtung, es könne noch
+schlimmer werden, bewirkte indeß eine Verbindung zwischen den Cavalieren
+und den Presbyterianern. Einige Presbyterianer hatten zwar schon vor dem
+Tode Karls&nbsp;I. zu einer ähnlichen Vereinbarung sich geneigt gezeigt,
+aber erst nach dem Falle Richard Cromwells eiferte die ganze Partei für
+die Wiederherstellung des Königs&shy;hauses. Für die Wiederherstellung
+der alten Verfassung unter einer Dynastie gab es keine begründete
+Hoffnung mehr; man mußte daher zwischen den Stuarts und der Armee
+wählen. Die vertriebene Königs&shy;familie hatte sich großer Vergehen
+schuldig gemacht, aber sie hatte diese Vergehen hart gebüßt, und man
+durfte hoffen, daß sie in der Schule des Unglücks heilsame Lehren
+erhalten habe; es ließ sich annehmen, daß das Schicksal Karls&nbsp;I.
+für Karl&nbsp;II. ein warnendes Beispiel sein würde. Aber es waren auch,
+ohne Rücksicht hierauf, die dem Lande drohenden Gefahren der Art, daß
+man zu ihrer Abwendung wohl einige Ansichten aufgeben und sich einigen
+Wagnissen aussetzen konnte. England schien der gehässigsten und
+erniedrigendsten aller Regierungs&shy;formen anheim zu fallen bestimmt
+zu sein, einer Form, die alle Übel des Despotismus mit allen Schrecken
+der Anarchie vereinigte. Alles Andere war dem Joche vorzuziehen, das
+eine Reihenfolge unfähiger und unrühmlicher Tyrannen auferlegte, welche
+nach Art der Dey’s der Berberei durch unausgesetzte
+Militair&shy;revolutionen endlich zur Regierung gelangten. Lambert
+konnte der erste dieser Despoten werden, aber nach Verlauf eines Jahres
+hätte er wahrscheinlich Desborough, und später Desborough dem <ins class
+= "correction" title = "Original hat »Harrisson«">Harrison</ins> weichen
+müssen. So oft der Kommandostab aus einer schwachen Hand in die andere
+übergegangen wäre, so oft würde die Nation den Erpressungen ausgesetzt
+gewesen sein, welche die Geschenke für die Truppen nöthig machten. Wenn
+die Presbyterianer hartnäckig auf ihrer Trennung von den Royalisten
+bestanden, wäre der Staat verloren gewesen, und ob es den vereinigten
+Anstrengungen Beider gelungen wäre, ihn zu retten, war sehr zweifelhaft,
+denn die Furcht vor der unbesiegbaren Armee hatte sich aller Bewohner
+der Insel bemächtigt, und die Cavaliere, durch hundert verlorene
+Schlachten belehrt, wie wenig die
+<span class = "pagenum">I.93</span>
+<a name = "pageI_93" id = "pageI_93"> </a>
+numerische Überlegenheit gegen die Disziplin vermag, waren selbst noch
+mehr eingeschüchtert, als die Rundköpfe.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Armee von Schottland rückt in England ein.</span>
+<a name = "secI_67" id = "secI_67">So</a> lange die Soldaten unter sich
+einig blieben, waren alle Complote und Aufstände der Mißvergnügten ohne
+Wirkung. Aber wenig Tage nach der zweiten Vertreibung des
+Rumpf-Parlaments liefen Nachrichten ein, welche die Herzen Aller, die
+entweder der Monarchie oder der Freiheit anhingen, mit Freude erfüllten.
+Jene ungeheure Streitmacht, welche Jahre lang wie ein einziger Mann
+gehandelt und dadurch so unüberwindlich geworden war, hatte sich endlich
+in Zwiespalt aufgelöst. Die schottische Armee, welche der Republik große
+Dienste geleistet, befand sich in dem Zustande voller Kraft; mit einem
+dem ähnlichen Unwillen, den die an der Donau und am Euphrat stehenden
+römischen Legionen bei der Nachricht empfanden, daß die prätorianischen
+Garden das Reich zum Verkauf feilgeboten, hatte sie sich von der
+Revolution fern gehalten und sie beobachtet. Sie fand es unerträglich,
+daß einige Regimenter, weil sie in der Nähe von Westminster
+cantonnirten, und nur deshalb sich anmaßten, im Laufe eines halben
+Jahres mehrere Regierungen zu ernennen und wieder abzusetzen. Wäre die
+Regelung der Staats&shy;angelegen&shy;heiten durch Soldaten am rechten
+Platze gewesen, so hätten diejenigen, welche im Norden des Tweed die
+englische Autorität aufrecht erhielten, dasselbe Recht abzustimmen
+gehabt, als die, welche den Tower von London besetzt hielten. Die in
+Schottland stehenden Truppen scheinen weniger vom Fanatismus ergriffen
+gewesen zu sein, als irgend ein anderer Theil der Armee, und Georg Monk
+selbst, ihr General, war der vollständige Gegensatz von einem Zeloten.
+Bei dem Beginne des Bürgerkriegs hatte er zu Gunsten des Königs die
+Waffen getragen, war von den Rundköpfen gefangen worden, hatte dann von
+dem Parlamente eine Offizierstelle angenommen und sich, ohne den
+geringsten Anspruch auf Heiligkeit, durch Muth und militairische
+Fähigkeiten zu hohen Kommandostellen emporgeschwungen. Beiden
+Protektoren hatte er nützliche Dienste geleistet, er war ruhig
+geblieben, als die Offiziere zu Westminster Richard stürzten und das
+Lange Parlament wieder einsetzten, und hätte ihm die provisorische
+Regierung nicht Grund zu Unwillen und Besorgniß gegeben, so würde er
+vielleicht eben so ruhig bei der zweiten Vertreibung des Langen
+Parlaments geblieben sein, denn er war von Natur vorsichtig, etwas
+langsam und durchaus nicht geneigt, sichere und mäßige Vortheile der
+Möglichkeit zu opfern, selbst einen glänzenden Erfolg zu bewirken. Die
+Furcht, durch die Unterwerfung unter die neuen Herrscher des Staats in
+seiner Sicherheit gefährdet zu werden, scheint ihn mehr zum Angriffe
+getrieben zu haben, als die Hoffnung, durch ihren Sturz zu einer Größe
+sich zu erheben. Was auch immerhin seine Gründe sein mochten &mdash; er
+trat als der Verfechter der unterdrückten bürgerlichen Gewalt auf,
+verweigerte die Anerkennung der angemaßten Autorität der provisorischen
+Regierung und rückte an der Spitze von siebentausend alten Soldaten
+gegen England vor.</p>
+
+<p>Dies war das Zeichen zu einem allgemeinen Ausbruche: überall weigerte
+sich das Volk, Steuern zu zahlen; zu Tausenden versammelten sich die
+Arbeiter der City und riefen laut nach einem freien Parlamente; die
+Flotte segelte in die Themse und erklärte sich gegen die Tyrannei der
+Soldaten; die Soldaten, frei von der Aufsicht eines überwiegenden
+Geistes, theilten sich in Parteien; aus Furcht allein zu stehen und so
+das
+<span class = "pagenum">I.94</span>
+<a name = "pageI_94" id = "pageI_94"> </a>
+Racheziel der unterdrückten Nation zu werden, beeilte sich jedes
+einzelne Regiment, einen Separatfrieden zu schließen. Lambert, der nach
+Norden der schottischen Armee entgegen geeilt war, gerieth, von seinen
+Truppen verlassen, in Gefangenschaft. Seit dreizehn Jahren hatte die
+bürgerliche Gewalt in jedem Streite der militairischen erliegen müssen;
+jetzt beugte sich die militairische vor der bürgerlichen Gewalt. Das
+allgemein gehaßte und verachtete Rumpfparlament, aber der einzige
+politische Körper im Lande, der noch einen Schein von gesetzlicher
+Autorität trug, kehrte in das Haus zurück, aus dem man es zweimal
+schimpflich vertrieben hatte.</p>
+
+<p>Monk rückte indeß London näher. Überall, wohin er kam, eilte ihm die
+Gentry entgegen und bat ihn flehentlich, er möge seine Macht zur
+Wiederherstellung des Friedens und der Freiheit der zerrütteten Nation
+verwenden. Der General, kaltblütig, schweigsam und ohne Eifer für irgend
+eine politische oder religiöse Verfassung, beobachtete eine
+unerschütterliche Zurückhaltung. Was damals seine Pläne waren, und ob er
+überhaupt Pläne hatte, läßt sich nicht bestimmen; aber es war
+ersichtlich sein Hauptziel, sich so lange als möglich die freie Wahl
+zwischen zwei Verfahrungsarten zu erhalten, die gewöhnliche Politik von
+Männern, die sich mehr durch Klugheit, als durch Scharfsinn auszeichnen.
+Es ist wahrscheinlich, daß er seinen Entschluß erst nach einigen Tagen
+Aufenthaltes in der Hauptstadt festgestellt hat. Das ganze Volk rief
+nach einem freien Parlamente, und es ist nicht zu bezweifeln, daß ein
+solches die verbannte Königs&shy;familie sofort zurückgerufen hätte. Der
+Rumpf und die Soldaten waren dem Hause Stuart noch immer feindlich
+gesinnt, und der Rumpf wiederum ward allgemein verachtet und gehaßt. Man
+hatte zwar die Macht der Soldaten immer noch zu fürchten, aber die
+herrschende Zwietracht hatte diese Macht bedeutend geschwächt, und dabei
+war sie ohne Führer. In vielen Theilen des Landes hatten sich die
+Soldaten einander feindlich gegenüber gestanden, und noch Tags zuvor,
+ehe Monk London erreichte, hatte auf dem Strande ein Kampf zwischen
+Reiterei und Fußvolk stattgefunden. Eine einige Armee hatte lange Zeit
+eine durch Zwiespalt zerrüttete Nation niedergedrückt; jetzt war die
+Nation einig und die Armee durch Zwiespalt zerrüttet.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Monk erklärt sich für ein freies Parlament.</span>
+<a name = "secI_68" id = "secI_68">Die</a> Verstellung oder
+Unschlüssigkeit Monks hielt eine Zeit lang alle Parteien in einer
+peinlichen Ungewißheit. Endlich brach er das Schweigen, indem er sich
+für ein freies Parlament erklärte.</p>
+
+<p>Diese Erklärung versetzte die Nation in einen wahren Freudentaumel;
+überall wo er sich zeigte, drängte sich die jubelnde Menge um ihn und
+segnete seinen Namen; alle Glocken Englands stimmten in diesen Jubel mit
+ein; in den Straßen floß das Bier, und mehrere Nächte hindurch erhellten
+unzählige Freudenfeuer London und die Umgegend von fünf Meilen.
+Diejenigen presbyterianischen Mitglieder des Hauses der Gemeinen, die
+man mehrere Jahre zuvor durch Waffengewalt vertrieben hatte, kehrten zu
+ihren Sitzen zurück und es empfingen sie die lauten Begrüßungen der
+Menge, die Westminsterhall und den Schloßhof anfüllte. Die Häupter der
+Independenten wagten kaum noch sich in den Straßen zu zeigen, sie waren
+selbst in ihren Wohnungen nicht mehr sicher. Man ergriff nun Maßregeln
+zur Gründung einer zeitweiligen Regierung; es wurden Befehle zu einer
+allgemeinen Wahl erlassen und das denkwürdige Parlament, das durch
+zwanzig bewegte Jahre alle Wechsel des Glücks erfahren, seinen
+<span class = "pagenum">I.95</span>
+<a name = "pageI_95" id = "pageI_95"> </a>
+Souverain besiegt, von seinen Dienern geknechtet und zweimal vertrieben,
+und zweimal wieder eingesetzt worden, sprach endlich feierlich seine
+eigene Auflösung aus.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Allgemeine Wahl von 1660.</span>
+<a name = "secI_69" id = "secI_69">Das</a> Ergebniß der Wahlen entsprach
+dem, was man von der Stimmung der Nation erwarten konnte. Das neue Haus
+der Gemeinen war, mit geringen Ausnahmen, aus Männern zusammengesetzt,
+die ergeben an der königlichen Familie hingen. Die Presbyterianer
+bildeten die Mehrheit.</p>
+
+<p>Es schien fast gewiß, daß nun eine Restauration stattfinden würde;
+aber es stand noch zu fürchten, daß sie keine friedliche sein würde. Die
+Stimmung der Soldaten war finster und wild, sie haßten den Königstitel,
+den Namen Stuart, verabscheuten den Presbyterianismus, aber mehr noch
+die Prälatur. Indem sie mit Bitterkeit das Ende ihrer langen Herrschaft
+und den Beginn eines Lebens voll Elend und ruhmlosen Mühens herannahen
+sahen, schrieben sie ihr Unglück der Schwäche und dem Verrathe einiger
+Generale zu. Eine Stunde ihres theuren Oliver Cromwell hätte selbst
+jetzt noch den erloschenen Ruhm neu anfachen können. Waren sie auch
+verrathen, uneinig und ohne einen Führer, der ihr Vertrauen besaß, so
+mußte man sie dennoch fürchten. Der Wuth und Verzweiflung von
+funfzigtausend Männern entgegenzutreten, die noch nie einem Feinde den
+Rücken gewendet hatten, war keine leichte Aufgabe. Monk und seine
+politischen Genossen sahen wohl ein, daß diese Krisis eine sehr
+gefährliche sein würde. Indem sie jede List anwendeten, die
+mißvergnügten Soldaten zu beruhigen und unter sich zu entzweien, trafen
+sie auch zugleich für den Fall eines Zusammenstoßes die kräftigsten
+Vorsichtsmaßregeln. Die in London garnisonirende schottische Armee
+erhielt man durch Belobungen, Versprechen und Geschenke in einer
+günstigen Stimmung. Die reichsten Bürger von London gewährten den
+Rothröcken alles, sie spendeten so freigebig ihre besten Weine, daß man
+ganze Haufen dieser frommen Krieger oft in einem Zustande fand, der
+weder ihrem religiösen, noch ihrem militairischen Charakter große Ehre
+machte. Monk wagte es, einige widerspenstige Regimenter aufzulösen,
+während die provisorische Regierung mit Hilfe der Gentry und der
+Behörden die größten Anstrengungen zur Organisirung der Miliz machte.
+Bald stand diese Streitmacht, die mindestens
+einhundert&shy;zwanzig&shy;tausend Mann stark war, in jeder Grafschaft
+marschfertig. Über zwanzigtausend gut bewaffnete und ausgerüstete Bürger
+ward in Hyde-Park Heerschau gehalten, wobei diese in einen Enthusiasmus
+ausbrachen, der zu der Hoffnung berechtigte, daß sie im Fall der Noth
+tapfer für ihre Läden und Häuser kämpfen würden. Die ganze Flotte hielt
+es mit der Nation. Es war eine Zeit der Aufregung und der Angst, aber
+auch eine Zeit der Hoffnung. Man war allgemein der Ansicht, daß England,
+wenn auch durch einen verzweifelten und blutigen Kampf, frei werden, und
+daß die, die so lange Zeit durch das Schwert geherrscht, jetzt durch das
+Schwert umkommen würden.</p>
+
+<p>Glücklicherweise wurden die Gefahren eines Zusammenstoßes abgewendet.
+Dadurch, daß Lambert aus dem Kerker entwich und seine Kameraden unter
+die Waffen rief, entstand zwar ein Augenblick ernster Gefahr, und die
+Flamme des Bürgerkrieges loderte sogleich empor, aber man erstickte sie
+durch schnelle und kräftige Maßregeln, so daß sie sich nicht verbreiten
+konnte, und nahm den unglücklichen Nachahmer Cromwells von
+<span class = "pagenum">I.96</span>
+<a name = "pageI_96" id = "pageI_96"> </a>
+Neuem gefangen. Das Mißglücken dieses Unternehmens entmuthigte die
+Soldaten, so daß sie sich traurig ihrem Schicksale unterwarfen.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Restauration.</span>
+<a name = "secI_70" id = "secI_70">Das</a> neue Parlament, oder
+richtiger gesagt der Convent, denn die Zusammenberufung hatte ohne
+königliche Ausschreiben stattgefunden, trat in Westminster zusammen, und
+die Lords kehrten wieder in den Saal zurück, von dem sie seit länger
+denn elf Jahren mit Gewalt fern gehalten worden waren. Beide Häuser
+luden sogleich den König ein, in sein Reich zurückzukehren. Mit einem
+nie gesehenen Gepränge ward er wiederum proklamirt. Eine glänzende
+Flotte holte ihn von Holland und schiffte ihn an der Küste von Kent aus.
+Die Felsen von Dover waren mit Tausenden von Zuschauern bedeckt, unter
+denen sich wohl nicht einer befand, der nicht vor Freude weinte. Seine
+Reise nach London war ein ununterbrochener Triumphzug. Von Rochester an
+war die ganze Straße mit Buden und Zelten bedeckt, daß sie einem
+endlosen Markte glich; überall flatterten Fahnen, überall ertönten
+Glocken und Musik, überall floß der Wein und das Bier auf das Wohl
+dessen, der Friede, Gesetz und Freiheit zurückbrachte. Aber inmitten der
+allgemeinen Freude gewährte ein düsterer Fleck einen drohenden Anblick.
+Zur Begrüßung des Herrschers hatte man die Armee auf Blackheath
+aufgestellt; ob er auch lächelte, sich verbeugte, den Obristen und
+Majoren seine Hand zum Kusse bot &mdash; sein freundliches
+Entgegenkommen war vergebens. Die Haltung der Soldaten blieb eine
+düstere und drohende, und hätten sie ihren Gefühlen freien Lauf
+gelassen, so würde das Freudenfest, bei dem auch sie wider Willen
+betheiligt waren, ein schreckliches und blutiges Ende genommen haben.
+Aber es herrschte keine Einigkeit mehr unter ihnen, das Vertrauen zu den
+Führern und zu einander selbst hatten Zwietracht und Abtrünnigkeit
+geraubt. Die ganze Macht der City von London stand unter den Waffen,
+zahlreiche Milizkompagnien, geführt von loyalen Edelleuten und
+Gentlemen, waren aus verschiedenen Theilen des Landes gekommen, um den
+König zu bewillkommnen. Dieser große Tag ging in Frieden zu Ende, und
+der zurückgerufene Wanderer konnte sicher ruhen in dem Palaste seiner
+Vorfahren.</p>
+
+
+<a name = "kap_II" id = "kap_II">&nbsp;</a>
+<div class = "chapterhead">
+
+<span class = "pagenum">II.1</span>
+<a name = "pageII_1" id = "pageII_1"> </a>
+
+<h5><b>Zweites Kapitel.</b></h5>
+
+<hr class = "tiny">
+
+<h4>Geschichte Englands unter Karl II.</h4>
+
+</div>
+
+
+<a name = "pageII_2" id = "pageII_2"> </a>
+
+<span class = "pagenum">II.3</span>
+<a name = "pageII_3" id = "pageII_3"> </a>
+
+<h4><a name = "inhalt_II" id = "inhalt_II">
+<b><span class = "extended">Inhalt</span>.</b></a></h4>
+
+<hr class = "micro">
+
+<table class = "toc" summary = "inhaltsverzeichniss">
+<tr>
+<td></td>
+<td class = "seite">Seite</td>
+</tr>
+<tr class = "bottomline">
+<td><a href = "#kap_I">[<i>1. Kapitel</i>]</a></td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr class = "toppad">
+<td><p><a href = "#secII_1">Das Verfahren zur Wiederherstellung des
+Hauses Stuart wird mit&nbsp;Unrecht getadelt</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_5">5</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_2">Beseitigung der Lehnspflichten der
+Ritterschaft</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_6">6</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_3">Auflösung des Heeres</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_7">7</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secII_4">Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen
+den Rundköpfen und Cavalieren</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_7">7</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_5">Religiöse Uneinigkeit</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_9">9</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_6">Unpopularität der Puritaner</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_11">11</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_7">Charakter Karls II.</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_15">15</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secII_8">Charakterschilderung des Herzogs von York
+und des Earl von Clarendon</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_18">18</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_9">Allgemeine Wahl von 1661</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_20">20</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secII_10">Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen
+Parlamente</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_21">21</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_11">Verfolgung der Puritaner</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_21">21</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secII_12">Eifer der Geistlichkeit für die erbliche
+Monarchie</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_22">22</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_13">Veränderung in den Sitten der
+Gesellschaft</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_23">23</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_14">Verworfenheit der Politiker</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_25">25</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_15">Zustand von Schottland</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_26">26</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_16">Zustand von Irland</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_28">28</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_17">Die Regierung in England wird
+unpopulär</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_29">29</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_18">Krieg mit den Holländern</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_31">31</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_19">Opposition in dem Hause der Gemeinen</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_32">32</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_20">Sturz Clarendons</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_33">33</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secII_21">Zustand der europäischen
+Staats&shy;angelegen&shy;heiten und Überlegenheit
+Frankreichs</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_35">35</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_22">Charakter Ludwigs XIV.</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_36">36</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_23">Die Tripleallianz</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_38">38</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_24">Die Vaterlandspartei</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_38">38</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_25">Verbindung zwischen Karl II. und
+Frankreich</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_39">39</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_26">Pläne Ludwigs in Bezug auf England</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_40">40</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_27">Vertrag von Dover</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_42">42</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_28">Natur des englischen Cabinets</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_43">43</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_29">Die Cabale</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_44">44</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_30">Zahlungseinstellung der Schatzkammer</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_46">46</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secII_31">Krieg mit den Vereinigten Provinzen und
+große Gefahr derselben</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_46">46</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_32">Wilhelm, Prinz von Oranien</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_47">47</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_33">Versammlung des Parlaments</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_48">48</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_34">Indulgenzerklärung</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_49">49</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_35">Cassirung der Indulgenzakte, Annahme der
+Testakte</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_50">50</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_36">Auflösung der Cabale</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_51">51</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>
+<span class = "pagenum">II.4</span>
+<a name = "pageII_4" id = "pageII_4"> </a>
+<a href = "#secII_37">Verwickelte Lage der Vaterlandspartei</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_53">53</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secII_38">Verkehr dieser Partei mit der französischen
+Gesandtschaft</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_53">53</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_39">Frieden von Nimwegen</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_54">54</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_40">Große Unzufriedenheit in England</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_54">54</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_41">Danby’s Sturz</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_56">56</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_42">Die papistische Verschwörung</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_56">56</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_43">Erste allgemeine Wahl von 1679</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_58">58</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_44">Heftigkeit des neuen Hauses der
+Gemeinen</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_60">60</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_45">Temple’s Regierungs&shy;system</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_60">60</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_46">Charakter des Halifax</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_63">63</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_47">Charakter Sunderlands</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_65">65</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_48">Prorogation des Parlaments</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_66">66</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_49">Habeas-Corpus-Akte</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_66">66</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_50">Zweite allgemeine Wahl von 1679</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_67">67</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_51">Popularität Monmouths</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_67">67</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_52">Lawrence Hyde</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_70">70</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_53">Sidney Godolphin</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_70">70</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secII_54">Heftigkeit der Parteien bei der Frage der
+Ausschließungsbill</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_71">71</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td><a href = "#secII_55"><ins class = "correction" title = "fehlt in Inhaltsverzeichniss"><i>Die Namen Whig und Tory</i></ins></a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_71"><i>71</i></a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td><p><a href = "#secII_56">Zusammentritt des Parlaments und Durchgang
+der Ausschließungsbill im Hause der Gemeinen</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_72">72</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_57">Die Lords verwerfen die
+Ausschließungsbill</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_73">73</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_58">Hinrichtung Staffords</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_73">73</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_59">Allgemeine Wahlen von 1681</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_74">74</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_60">Das Parlament zu Oxford gehalten und
+aufgelöst</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_74">74</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_61">Toryreaction</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_75">75</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_62">Verfolgung der Whigs</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_76">76</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_63">Der Freibrief der City wird
+zurückgenommen</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_77">77</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_64">Verschwörung der Whigs</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_77">77</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_65">Entdeckung der Whigverschwörung</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_79">79</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_66">Strenge der Regierung</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_79">79</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_67">Entziehung von Privilegien</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_79">79</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_68">Einfluß des Herzogs von York</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_80">80</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_69">Halifax opponirt ihm</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_81">81</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_70">Lord Guildford</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_82">82</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><a href = "#secII_71">Politik Ludwigs</a></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_84">84</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p><a href = "#secII_72">Stand der Parteien am Hofe Karls zur Zeit
+seines Todes</a></p></td>
+<td class = "number"><a href = "#pageII_85">85</a></td>
+</tr>
+</table>
+
+
+<span class = "pagenum">II.5</span>
+<a name = "pageII_5" id = "pageII_5"> </a>
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Das Verfahren zur Wiederherstellung des Hauses Stuart wird mit Unrecht
+getadelt.</span>
+<a name = "secII_1" id = "secII_1">Englands</a> Geschichte bietet
+während des siebzehnten Jahrhunderts das Bild der Umgestaltung einer,
+nach Art des Mittelalters geschaffenen beschränkten Monarchie in eine,
+der höheren geistigen Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft
+angemessenere beschränkte Monarchie, deren Schutz und Vertheidigung
+nicht blos in den Händen des Adels liegt, und deren finanzielle
+Bedürfnisse nicht ferner von dem Ertrage der Krongüter bestritten werden
+müssen. Die Staats&shy;männer welche im Jahre 1642 die Spitze des Langen
+Parlaments bildeten, suchten diese Umwandlung dadurch herbeizuführen,
+daß sie den Reichsständen die Wahl der Minister, die Oberaufsicht über
+die gesammte Administration sowie den Oberbefehl über das Heer
+übertrugen; so vortrefflich dieser Plan aber auch immer durchdacht war,
+der Gang des herrschenden Bürgerkrieges ließ ihn nicht zur gewünschten
+Ausführung kommen. Es ist Thatsache, daß die Häuser endlich
+triumphirten, sie hatten aber vorher einen Kampf bestehen müssen, durch
+den sie zur Bildung einer Gewalt gezwungen wurden, die zu überwachen sie
+nicht mächtig genug waren, und welche gar bald die Herrschaft über alle
+Parteien und Stände des Landes sich anzueignen begann. So lange der
+weise und hochherzige Cromwell den Oberbefehl führte, waren die von
+einer Militairherrschaft unzertrennlichen Übel weniger fühlbar; als aber
+das Heldenschwert, welches er mit Kraft und Muth geführt, seiner Hand
+entsank, als Führer an die Spitze des Heeres traten, welche weder seinen
+Verstand noch seine Humanität, weder seine Fähigkeiten noch seine
+Tugenden besaßen, da schien der Augenblick nicht fern zu sein, wo
+Freiheit und Ordnung zu ruhmlosem Untergange übereinander stürzen
+würden.</p>
+
+<p>Zu dieser Katastrophe sollte es jedoch nicht kommen. Oft haben der
+Freiheit huldigende Schriftsteller die Restauration ein unglückliches
+Ereigniß genannt, sie haben die Beschränktheit und
+Nieder&shy;trächtigkeit der Convention verdammt, welche die vertriebene
+Königs&shy;familie aus der Verbannung rief, ohne neue Garantien gegen
+schlechte Staats&shy;verwaltung in der Hand zu haben; aber Alle, welche
+dieser Ansicht sind, haben nicht die Eigenthüm&shy;lichkeit der Krisis
+durchschaut, welche nach Richard Cromwells Absetzung eintrat. England
+war von der Gefahr bedroht, unter den Despotismus von bedeutungslosen
+Menschen zu gerathen, welche die Willkür der Soldateska heute emporhob,
+und morgen wieder in das Nichts zurückwarf. Jeder einsichtsvolle
+Vaterlandsfreund erkannte die Nothwendigkeit, der
+Soldaten&shy;herrschaft ein Ende zu machen, doch war die Lösung dieser
+Aufgabe höchst schwierig, so lange die Soldaten unter sich einig
+blieben. Bald aber schimmerte ein Hoffnungsstrahl; es kam zu
+Mißverständnissen und Streitigkeiten unter den Generalen, ein Heerführer
+bekämpfte den andern, und die Armeen standen einander erbittert
+gegenüber. Jetzt galt es, den kritischen Moment rasch zu fassen und zu
+benutzen, die Zukunft unseres
+<span class = "pagenum">II.6</span>
+<a name = "pageII_6" id = "pageII_6"> </a>
+Vaterlandes hing davon ab, und wahrlich! es haben unsere Voreltern nicht
+gesäumt, im verhängnißvollen Augenblicke zur That zu schreiten. Alle
+Streitigkeiten über Reformen, welche unserer Verfassung nöthig waren,
+wurden bis zu geeigneterer Zeit vertagt, Cavalier und Rundkopf,
+Episcopale und Presbyterianer, sie alle standen fest und einig zur
+Unterdrückung der militärischen Tyrannei und Aufrechthaltung der alten
+Gesetze des Landes. Mit Recht konnte die Frage über Vertheilung der
+Gewalt zwischen Monarchen, Adel und Gemeinen bis zu der nothwendigen
+Entscheidung unbeantwortet bleiben, ob künftighin Englands Regierung in
+der Hand des Königs und des Volkes, oder in der bewaffneten Faust der
+Soldateska liegen solle. Es war ein Glück, daß die Staats&shy;männer der
+Convention nicht durch lange Reden über Regierungs&shy;prinzipien, durch
+Entwerfung einer neuen Constitution, oder durch Eröffnung von
+Conferenzen die Zeit verloren; oder daß man wochenlang zwischen
+Westminster und den Nieder&shy;landen Boten mit Plänen und Gegenplänen,
+Fragen von Hyde und Antworten von Prynne hin und her gesandt. Wäre es
+geschehen, so würde die Coalition, welche die Erhaltung der öffentlichen
+Sicherheit bezweckte, ihrer Auflösung entgegen gegangen sein; es wären
+Streitigkeiten zwischen den Königlich Gesinnten und den Presbyterianern
+ausgebrochen; die militairischen Factionen hätten sich wahrscheinlich
+geeinigt und die getäuschten Freunde der Freiheit würden unter einer
+Regierung, unvollkommener als die des unfähigsten Königs aus dem Stamme
+der Stuarts, schmerzlich empfunden haben, daß die günstige Gelegenheit
+zur Abhilfe vorübergegangen sei.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Beseitigung der Lehnspflichten der Ritterschaft.</span>
+<a name = "secII_2" id = "secII_2">So</a> wurde denn durch allgemeine
+Übereinkunft der beiden mächtigen Parteien die alte
+Staats&shy;verfassung in der Form wiederhergestellt, welche sie vor
+achtzehn Jahren, wo König Karl&nbsp;I. die Hauptstadt verließ, gehabt
+hatte, und alle Acte des Langen Parlaments, welche der König genehmigt
+hatte, behielten ihre volle Geltung. Ebenso wurde auch von dem wieder
+eingesetzten Könige eine neue Concession bewilligt, welche für die
+Cavaliere von größerer Wichtigkeit war als für die Rundköpfe. Vor
+Jahrhunderten schon hatte man als das geeignetste Mittel der
+National&shy;vertheidigung das militairische Lehnswesen eingeführt, das
+Nützliche aber was diese Einrichtung in sich trug, war im Laufe der Zeit
+verschwunden, und nichts als Beschwerden und leere Formen davon
+zurückgeblieben. Wer von der Krone ein Landgut gegen ritterliche
+Dienstleistung in Lehn trug &mdash; und in dieser Weise war der größte
+Theil des Grundeigenthums von England vergeben &mdash; hatte bei der
+Besitznahme eine bedeutende Geldsumme zu erlegen, konnte jedoch nicht
+den geringsten Theil des erworbenen Eigenthums ohne höhere Erlaubniß
+verkaufen. Starb er und der Erbe der Güter befand sich noch in den
+Jahren der Unmündigkeit, so übernahm der König die Vormundschaft, und
+erhielt für die Dauer derselben nicht allein einen bedeutenden Theil des
+Güterertrags, sondern der Unmündige war auch verpflichtet, bei
+Vermeidung schwerer Strafe, nach dem Willen des königlichen Vormunds und
+nur in angemessenen Rangverhältnissen Ehebündnisse zu schließen. Daher
+kam es, daß eine Menge mittelloser Abenteurer den Hof belagerten, in der
+Hoffnung, zum Lohne für Unterwürfigkeit und Schmeichelei ein solches
+reiches Mündel durch die Gnade des Königs zu erlangen. Mit der Monarchie
+endigten auch diese Mißbräuche, und alle Gutsherren des Landes wünschten
+natürlich dringend, daß mit der Wiedererstehung
+<span class = "pagenum">II.7</span>
+<a name = "pageII_7" id = "pageII_7"> </a>
+derselben sie nicht etwa wiederkehren möchten; deshalb wurden sie durch
+ein Statut feierlich beseitigt, und mit Ausnahme einiger
+ehrendienstlichen Handlungen, welche noch jetzt bei der Krönung von
+einigen Vasallen der Person des Königs geleistet werden müssen,
+entschwanden diese alten, ritterdienstlichen Lehen für immer.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Auflösung des Heeres.</span>
+<a name = "secII_3" id = "secII_3">Jetzt</a> sollte das Heer aufgelöst
+werden. Funfzigtausend alte, kriegstüchtige Soldaten wurden
+verabschiedet und gerechtfertigt schien die allgemeine Furcht, daß diese
+große Menge brodlos gewordener Menschen Verbrechen und Unglück in
+bedeutender Zahl hervorrufen, und der Mangel sie zu Mord und Plünderung
+treiben würde; aber man hatte sich getäuscht, denn schon nach wenigen
+Monaten war die furchtbare Armee friedlich im Volke verschwunden und
+selbst die königlich Gesinnten mußten zugestehen, daß die entlassenen
+Kriegsleute als brave und tüchtige Arbeiter sich allgemeiner Achtung zu
+erfreuen hatten, und daß sie das Volk, wie man gefürchtet, weder durch
+Raub und Plünderung noch durch Bettelei belästigten. Ja es ging die gute
+Meinung, welche man von diesen entlassenen Soldaten hegte, soweit, daß
+wenn z.&nbsp;B. ein Bäcker, Maurer oder Fuhrman sich durch Fleiß und
+Redlichkeit bemerkbar machte, man unverholen aussprach, er müsse einst
+zu Oliver Cromwells alten Soldaten gehört haben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Obgleich die militairische Despotie geschwunden war, hatte sie doch
+im Volke tiefe Erinnerungen zurückgelassen. Man sprach mit Abscheu und
+Verachtung von den stehenden Heeren, und merkwürdig ist es, daß diese
+Empfindungen unter den Cavalieren stärker waren als unter den
+Rundköpfen. Es war ein Glück, daß als England unter der blutigen
+Regierung des Schwertes stand, dasselbe nicht von dem angestammten
+Fürsten, sondern den Männern der Revolution geführt wurde, obschon diese
+weder das Leben des Königs noch die Kirche schonten. Die Freiheit
+unseres Vaterlandes wäre dahin gewesen, wenn König Karl mit seinem guten
+Rechte an der Spitze einer so höchst vortrefflichen Armee <ins class =
+"correction" title = "Fehler für »gestanden hätte«?">stand</ins>, wie
+die Cromwells war. Der monarchischen Partei war das einzige Mittel,
+wodurch die Monarchie in eine absolute umgeändert werden konnte, zum
+Glück ein Gegenstand der Furcht und des Schreckens, und nach der Ansicht
+der Königlichen und Prälatisten nicht zu trennen von Fürstenmord und
+Feldkanzelgeschrei. Die Tories eiferten noch ein Jahrhundert nach
+Cromwells Tode gegen die Vermehrung des stehenden Heeres, und rühmten
+die Vorzüge einer Nationalbewaffnung. War es doch noch im Jahre 1786
+einem Minister, der das Vertrauen der Tories in hohem Grade besaß,
+unmöglich, die Befestigung der Meeresküsten bei ihnen durchzusetzen,
+immer war ihnen das stehende Heer ein Gegenstand des Ärgernisses, bis
+endlich die französische Revolution ihren Ansichten einen Umschwung
+gab.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen den Rundköpfen und
+Cavalieren.</span>
+<a name = "secII_4" id = "secII_4">Die</a> Coalition, welche den König
+wieder auf den Thron erhoben, hörte mit der Gefahr auf, die sie in’s
+Leben gerufen; aber wiederum traten zwei feindliche Parteien auf den
+Kampfplatz. Ihre einzige übereinstimmende Handlung war die Bestrafung
+einiger Unglücklichen, auf denen zu jener Zeit der allgemeine Haß ruhte.
+Cromwell war nicht mehr, und diejenigen, welche einst zitternd vor ihm
+flohen, hatten die elende Genugthuung, den Leichnam des größten Mannes,
+der England je beherrschte, aus der Erde zu reißen, ihn zu verstümmeln,
+aufzuhängen und zu verbrennen. Auch von den republikanischen Häuptern
+<span class = "pagenum">II.8</span>
+<a name = "pageII_8" id = "pageII_8"> </a>
+fielen zwar wenige, aber immer noch zu viel der Rache anheim, bald aber,
+nachdem sie von dem Blute der Königs&shy;mörder gesättigt waren, wandten
+sich die Sieger gegen einander. Obschon die Rundköpfe nicht in Abrede
+stellten, daß der hingerichtete König viele Vorzüge besessen, und das
+Urtheil, welches ein gesetzwidriger Gerichtshof über ihn gesprochen, als
+ein ungerechtes verdammten, so behaupteten sie doch, daß er bei seiner
+Verwaltung sich Handlungen gegen die Verfassung erlaubt habe, und daß
+die Häuser in ihrem vollen Rechte gewesen seien, als sie die Waffen
+gegen ihn erhoben. Sie erklärten ferner, der gefährlichste Feind der
+Monarchie sei der Schmeichler, welcher das Gesetz den Prärogativen
+untergeordnet wissen wolle, der jede königliche Handlung gutheiße,
+selbst wenn sie Eingriffe in die Rechte Anderer enthalte, und nicht
+allein Cromwell und Harrison sondern auch Pym und Hampden mit den Namen
+Verräther belege. Wünsche der König eine friedliche und glückliche
+Regierung, so müsse er auch denen vertrauen, welche zwar die Waffen zur
+Vertheidigung der verletzten Privilegien des Parlaments ergriffen, sich
+aber doch der wüthenden Soldateska entgegen stellten, als es die Rettung
+seines Vaters galt, und deren Anstrengungen die königliche Familie ihre
+Zurückrufung hauptsächlich zu danken habe.</p>
+
+<p>Weit verschieden von dieser Ansicht war die des Adels. Bei allen
+Wechselfällen welche das Fürstenhaus betroffen, waren sie achtzehn Jahre
+hindurch diesem treuergeben geblieben. Sollten sie, da sie das
+Mißgeschick ihres Fürsten getheilt, nicht auch seinen Triumph theilen?
+War nicht ein Unterschied zwischen ihnen und dem unloyalen Unterthan,
+welcher das Schwert gegen die heiligen Rechte seines Fürsten gezogen,
+und sich als ein Anhänger Richard Cromwells nicht eher an der
+Restauration der Stuarts betheiligte, bis er erkannte, daß nur dadurch
+das Volk von der gefürchteten Militairherrschaft zu retten sei? Und wenn
+auch die Dienste, welche ein solcher Mann zuletzt geleistet, Verzeihung
+des Geschehenen erheischten, waren diese Dienste in die Wagschale zu
+legen gegen die Aufopferungen und Mühseligkeiten der wackeren Cavaliere,
+die in unerschütterlicher Treue bei der Dynastie verharrt? War es
+möglich, ihn in gleiche Linie zu stellen mit Männern, welche nicht
+nöthig hatten, die Gnade des Königs anzurufen, weil sie dieselbe in
+jedem Augenblicke einer vieljährigen Vergangenheit verdient hatten?
+Durfte er im Genuß eines Vermögens gelassen werden, welches aus dem
+Eigenthume der zu Grunde gerichteten Vertheidiger des Thrones bestand?
+Mußte er sich nicht glücklich schätzen, Leben und Eigenthum, welche so
+oft der Gerechtigkeit verfallen waren, gesichert zu sehen, und Theil zu
+haben an den Segnungen einer milden Regierung, der er so lange feindlich
+gegenübergestanden? War es billig, ihn für seine Verrätherei zum
+Nachtheile von Männern zu belohnen, deren einziger Vorwurf nur in der
+Treue liegen konnte, mit welcher sie fest an ihrem Huldigungseide
+gehalten hatten? Durfte der König seine alten Feinde mit Reichthümern
+überschütten, die man seinen alten Freunden geraubt? Konnte man zu
+Männern Vertrauen haben, welche gegen ihren König aufgestanden, und das
+Schwert gegen ihn erhoben, ja ihn eingekerkert hatten, und die jetzt,
+anstatt reuig und zerknirscht das Haupt zu beugen, mit keckem Trotz ihre
+Handlungen vertheidigten und als hohen Beweis ihrer Loyalität anführten,
+daß sie ihre Hand nicht zum Königsmorde bieten wollten? Allerdings
+hätten sie bei Wiederaufrichtung des Thrones thätige Hilfe geleistet;
+aber wer anders als sie habe ihn denn vorher
+<span class = "pagenum">II.9</span>
+<a name = "pageII_9" id = "pageII_9"> </a>
+umgestürzt? und noch jetzt huldigten sie ja Grundsätzen, welche gar
+leicht zur Wiederholung einer solchen That führen könnten. Daß die
+königliche Gnade einige von denen berühren möchte, welche sich bei
+Wiederherstellung des Thrones besonders nützlich gezeigt, fand man zwar
+angemessen, aber die Pflicht der Gerechtigkeit und Dankbarkeit sowie die
+Staats&shy;klugheit geböten, daß der König seine Gnade über die treuen
+Männer ausschütte, welche in den Tagen des Glücks wie der Gefahr zu ihm
+und seinem Hause gestanden. Aus diesen Gründen beanspruchte der Adel
+natürlich Entschädigung für seine Leiden und besondere Rücksicht bei
+Austheilung der königlichen Gnadenbeweise. Einige exaltirte Männer
+dieser Partei gingen sogar noch weiter und verlangten ausgedehnte
+Proskriptionslisten.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Religiöse Uneinigkeit.</span>
+<a name = "secII_5" id = "secII_5">Noch</a> erbitterter wurde der
+politische Kampf durch einen religiösen Streit. Der König fand die
+Kirche in einem eigenthümlichen Zustande. Kurze Zeit vor dem Beginn des
+Bürgerkrieges hatte Karl&nbsp;I., wenn auch mit Widerstreben, einer von
+Falkland unterstützten Bill seine Zustimmung gegeben, wodurch die
+Bischöfe ihres Sitzes im Hause der Lords beraubt worden; das Episcopat
+aber und die Liturgie waren niemals durch ein Gesetz aufgehoben worden.
+Das lange Parlament hatte jedoch Verordnungen erlassen, welche im
+Kirchenregiment und öffentlichen Gottesdienste eine förmliche Revolution
+hervorgerufen. Im Prinzip war das neue System kaum weniger erastianisch
+als das, welches es verdrängte. Die Kammern, namentlich durch die
+Rathschläge des äußerst klugen Selden veranlaßt, hatten den Entschluß
+gefaßt, die weltliche Gewalt vollständig über die geistliche zu stellen.
+Sie hatten sich geweigert die Erklärung zu geben, daß irgend eine Form
+der Kirchenverfassung göttlichen Ursprungs sei, und ebenso bestimmt, daß
+von allen geistlichen Gerichtshöfen eine Appellation in letzter Instanz
+an das Parlament gehen solle. Mit diesem höchst wichtigen Vorbehalt
+beschloß man in England ein Kirchenregiment einzuführen, welches dem
+bereits in Schottland vorhandenen vollständig glich. Die Autorität von
+Konzilien, die in regelmäßiger Stufenfolge sich eines über das andere
+erhoben, setzte man an die Stelle der Autorität der Bischöfe und
+Erzbischöfe, die Liturgie machte dem presbyterianischen Directorium
+Platz. Die neuen Regulative waren jedoch kaum abgefaßt, als die
+Independenten sich zu außerordentlichem Einflusse im Staate erhoben. Die
+Independenten waren nicht geneigt, Verordnungen, welche die Klassen-,
+Provinzial- und Nationalsynoden betrafen, durchzusetzen, und sie sind
+deshalb nie zu vollständiger Ausführung gebracht worden. Das
+presbyterianische System wurde ausnahmsweise nur in <ins class =
+"correction" title = "Original hat »Middlessex«">Middlesex</ins> und
+Lancashire im ganzen Umfange ausgeübt, in den übrigen fünfzig
+Grafschaften scheint fast jedes einzelne Kirchspiel ohne Verbindung mit
+den benachbarten geblieben zu sein. Die Geistlichen bildeten zwar in
+einigen Bezirken freiwillige Verbindungen unter sich, zu dem Zwecke
+gegenseitigen Beistands und Rathes; diese Vereine besaßen aber keine
+zwingende Kraft. Da jetzt weder Bischöfe noch Presbyterien die Patrone
+der geistlichen Pfründen zügelten, so würde es in deren Macht gestanden
+haben, die Seelsorge den verrufensten Menschen zu übergeben, wenn nicht
+das energische Einschreiten Cromwells diese Willkür unmöglich gemacht
+hätte. Er gründete auf seine eigene Autorität eine Behörde von
+Bevollmächtigten, welche den Namen „Prüfer“ (<span class =
+"antiqua">Triers</span>) führten und von denen die meisten
+Independenten-Geistliche waren. Außerdem hatten einige wenige
+presbyterianische Pfarrer sowie einige
+<span class = "pagenum">II.10</span>
+<a name = "pageII_10" id = "pageII_10"> </a>
+Laien in diesem Kollegium Sitz und Stimme. Das Zeugniß, welches diese
+Prüfer gaben, vertrat die Stelle sowohl der Einsetzung als der
+Einführung, und Niemand konnte eine geistliche Pfründe erhalten, wenn er
+nicht ein solches Zeugniß besaß. Ohne Zweifel war dies eine Handlung des
+Despotismus, wie sie wohl selten von einem Beherrscher Englands
+ausgegangen, aber bei der allgemeinen Überzeugung, daß ohne eine solche
+Maßregel das Land von liederlichen und unwissenden Menschen überschwemmt
+werden müsse, welche den Namen von Geistlichen trügen und deren
+Einkommen verzehrten, erhoben mehrere Männer, die in hoher Achtung
+standen, ihre Stimme, und, obgleich keine Freunde Cromwells, erklärten
+sie laut, daß er in diesem Falle als ein öffentlicher Wohlthäter
+gehandelt habe. Die Kandidaten, welche die Prüfer zur Bekleidung eines
+geistlichen Amtes fähig befunden, nahmen ihre Pfarreien in Besitz,
+bebauten ihre Ländereien, erhoben den Zehnten, beteten ohne Buch und
+Chorhemd und ertheilten das Abendmahl an Kommunikanten, welche an langen
+Tafeln saßen.</p>
+
+<p>In solch heilloser Verwirrung befand sich Englands Kirchenverfassung.
+Das Episcopat war die Regierungsform, welche die alten bis dahin noch
+nicht aufgehobenen Gesetze vorschrieben; eine Parlaments&shy;verordnung
+hatte die presbyterianische Form festgestellt, aber weder das alte
+Gesetz noch die parlamentarische Verordnung waren thatsächlich in Kraft.
+Die Kirche in ihrem wahren Zustande erschien als ein unregelmäßiger
+Körper, zusammengefügt aus einigen wenigen Presbyterien und einer Menge
+von Independenten-Gemeinden, welche sämmtlich durch die Autorität der
+Regierung nieder- und zusammengehalten wurden.</p>
+
+<p>Von denen, welche bei der Zurückführung des Königs hauptsächlich
+mitgewirkt hatten, wünschten Viele dringend Synoden und das Directorium.
+Andere eiferten dafür, durch einen Vergleich die religiösen
+Streitigkeiten, welche England so lange bewegt hatten, zu beendigen.
+Zwischen den bigotten Anhängern Lauds und Calvins konnte weder Friede
+noch Waffenstillstand bestehen; aber es war möglich, die gemäßigten
+Episcopalen von Ushers Schule und die gemäßigten Presbyterianer von der
+Schule Baxters zu einer Verständigung zu bewegen. Die gemäßigten
+Episcopalen würden zugestehen, daß ein Bischof gesetzmäßig durch ein
+Konzil unterstützt werden könne, und die gemäßigten Presbyterianer
+würden nicht in Abrede stellen, daß jede Provinzial&shy;versammlung
+gesetzmäßig einen beständigen Präsidenten haben und daß dieser
+gesetzmäßig „Bischof“ genannt werden könne. Man könne eine revidirte
+Liturgie annehmen, welche das extemporirte Gebet nicht ausschlösse,
+einen Taufdienst, bei welchem man das Zeichen des Kreuzes nach Ermessen
+in Anwendung bringen könne oder nicht; eine Austheilung des Abendmahls,
+bei welcher es den Gläubigen unbenommen bleiben sollte zu sitzen, wenn
+ihr Gewissen es ihnen nicht gestatte zu knieen. Dieser Plan aber stimmte
+nicht mit den Ansichten der Cavaliere überein. Die wirklich religiösen
+Mitglieder dieser Partei waren dem ganzen System ihrer Kirche auf das
+Gewissenhafteste zugethan. Diese war ihrem gemordeten König theuer
+gewesen und hatte sie selbst getröstet, als das Unglück hereinbrach. Ihr
+Gottesdienst, der während einer schweren Prüfungszeit in heimlicher
+Kammer so oft das gramerfüllte Herz gestärkt, er war ihnen so lieb
+geworden, daß sie sich nicht entschließen konnten, auch nur eine einzige
+Response aufzugeben. Andere königlich Gesinnte, welche weniger fromm
+waren, hielten es mit
+<span class = "pagenum">II.11</span>
+<a name = "pageII_11" id = "pageII_11"> </a>
+der Episcopalkirche, blos weil sie eine Feindin ihrer Feinde war. Gebete
+und Ceremonien beurtheilten sie nicht nach dem Troste, welcher ihnen
+daraus erwuchs, sondern nach dem Ärgerniß, welches den Rundköpfen
+dadurch verursacht wurde, und da es ihnen nicht einfiel, durch
+Nachgiebigkeit Einigung herbeiführen zu wollen, so war eine solche zur
+Unmöglichkeit geworden. Sie waren gegen die Nachgiebigkeit hauptsächlich
+deshalb eingenommen, weil sie keine Einigung wünschten.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Unpopularität der Puritaner.</span>
+<a name = "secII_6" id = "secII_6">So</a> tadelnswerth diese Gefühle
+auch immer sein mochten, so waren sie doch nicht nur natürlich, sondern
+auch wohl zu entschuldigen. Die Puritaner hatten unstreitig in den Tagen
+ihrer Macht Veranlassung zur Gereiztheit gegeben. Aus ihrer eigenen
+Unzufriedenheit, ihrem eigenen Siege und der Vernichtung jener stolzen
+Hierarchie, unter deren schwerem Joche sie geschmachtet, mußten sie
+gelernt haben, daß im siebzehnten Jahrhundert die Macht der bürgerlichen
+Obrigkeit in England nicht ausreiche, die Gemüther der Menschen zur
+Übereinstimmung mit ihrem theologischen Systeme abzurichten. In Alles
+sich einmischend, bewiesen sie sich dabei so unduldsam, als Laud es nur
+jemals gewesen war. Unter Androhung schwerer Strafen verboten sie nicht
+allein in den Kirchen, sondern selbst für Privathäuser den Gebrauch des
+allgemeinen Gebetbuches. Wenn ein frommes Kind am Krankenlager der
+Eltern eine der schönen Kollekten las, welche seit Jahrhunderten den
+Kummer christlicher Herzen gelindert hatten, so wurde diese Handlung der
+kindlichen Liebe für ein Verbrechen erklärt. Mit schwerer Ahndung wurden
+diejenigen bedroht, welche es wagen würden, die calvinistische Form des
+Gottesdienstes zu tadeln. Geachtete Geistliche wurden zu Tausenden nicht
+nur von ihren Pfründen vertrieben, sondern auch oft den Mißhandlungen
+eines fanatischen Pöbels preisgegeben; Gotteshäuser und Grabstätten,
+treffliche Kunstwerke und seltene Überbleibsel des Alterthums wurden mit
+roher Hand verunstaltet oder vernichtet. Eine Verordnung des Parlaments
+verfügte, daß sämmtliche Gemälde der königlichen Gallerie, welche Jesus
+oder die heilige Jungfrau mit dem Kinde darstellten, in’s Feuer geworfen
+werden sollten. Gleiches Schicksal erlitten die Werke der
+Bildhauerkunst. Nymphen und Grazien, welche unter ionischen Meißeln
+entstanden waren, wurden den Händen puritanischer Steinmetzen übergeben,
+welche sie anständig machen mußten. Gegen leichtsinnige Vergehen aber
+kämpfte die herrschende Partei mit einem Eifer, der ebenso wenig durch
+Humanität als durch gesundem Menschenverstand gemäßigt war. Man erließ
+strenge Gesetze gegen das Wetten und eine Verordnung verhängte die
+Todesstrafe über den Ehebruch. Der unerlaubte Umgang der Geschlechter,
+selbst wenn weder Verführung und Gewaltthätigkeit dabei vorkam, noch die
+Sittlichkeit beleidigt oder das eheliche Recht verletzt war, galt für
+ein schweres Verbrechen. Öffentliche Lustbarkeiten, von den
+Maskenspielen in den Häusern der Vornehmen bis zu den Ringstechen und
+ländlichen Jahrmarktspossen herab, wurden auf das Ernstlichste verfolgt.
+So bestimmte eine Verordnung, daß in England künftig alle Maibäume
+umgehauen werden sollten; eine andere untersagte theatralische
+Vorstellungen. Die Schauspielhäuser sollten niedergerissen und die
+Schauspieler gestäupt werden, die Zuschauer aber in eine Geldstrafe
+verfallen. Seiltanz, Puppenspiel, Kegeln und Pferderennen wurden ungern
+gesehen; der entsetzlichste Gräuel aber, welcher den Zorn der Sektirer
+auf den höchsten Punkt trieb, war die Bärenhetze, damals
+<span class = "pagenum">II.12</span>
+<a name = "pageII_12" id = "pageII_12"> </a>
+eine Lieblings&shy;unter&shy;haltung für Vornehme und Geringe. Es ist
+bemerkenswerth, daß die Abneigung gegen diese Lustbarkeit nicht aus dem
+Gefühle hervorging, welches in unserer Zeit die Gesetzgebung bewog, sich
+in’s Mittel zu legen, um die Thiere gegen die muthwillige Grausamkeit
+der Menschen in Schutz zu nehmen. Der Puritaner verabscheute die
+Bärenhetze nicht, weil dabei der Bär gemartert wurde, sondern weil die
+Zuschauer daran Vergnügen fanden. Er hatte sich die zwiefache Freude
+ersonnen, nicht nur den Bären, sondern auch den Zuschauer zu quälen.<a
+class = "tag" name = "tagII_1" id = "tagII_1" href =
+"#noteII_1">1</a></p>
+
+<p>Den deutlichsten Begriff von der Denkungsweise der Rigoristen giebt
+vielleicht ihr Verhalten in Bezug auf das Weihnachtsfest. Seit
+undenklichen Zeiten war Weihnachten die Zeit der Freude und häuslichen
+Liebe, in welcher die Familien sich vereinigten, die entfernt lebenden
+Kinder in’s Vaterhaus zurückkehrten, alle Streitigkeiten ausgeglichen,
+die Häuser mit Immergrün geschmückt und die Tische mit den besten
+Speisen besetzt wurden. Die Weihnachtszeit stimmt das Herz sanft und
+öffnet es fremden Leiden, wenn nicht alle Menschenliebe aus ihm gewichen
+ist. Zu dieser Zeit gestattete man den Armen, theilzunehmen an den
+Genüssen des Reichen, dessen Freigebigkeit in Betracht der kurzen Tage
+und der rauhen Witterung um so höheren Werth hatten. Der Unterschied
+zwischen den Herren und Pächtern, den Vorgesetzten und Untergebenen trat
+in dieser Zeit weniger hervor, als im übrigen Theile des Jahres. Doch
+der großen Freude ist auch stets der Muthwille nahe; im Ganzen genommen
+aber war der Geist, in dem der festliche Tag gefeiert wurde, eines
+christlichen Festes nicht unwürdig. Zwar gebot das Lange Parlament im
+Jahre 1644, daß man den 25. December streng als Fasttag behandeln, und
+daß Jedermann an diesem Tage um Vergebung der großen Nationalsünde
+bitten solle, welche das Volk seit Menschengedenken an demselben
+begangen, indem es sich unter dem Mistelzweige getummelt, wilden
+Schweinskopf verzehrt und Ale, mit gerösteten Äpfeln dazu, genossen.
+Keine öffentliche Maßregel jener Zeit rief in den niederen Klassen eine
+größere Entrüstung hervor, als diese, und beim nächsten Weihnachtsfeste
+brachen an
+<span class = "pagenum">II.13</span>
+<a name = "pageII_13" id = "pageII_13"> </a>
+verschiedenen Orten gefährliche Empörungen aus. Die Konstabler wurden
+mißhandelt, die Obrigkeiten verhöhnt, man stürmte die Häuser bekannter
+Zeloten und in allen Gotteshäusern wurde offen das verbotene Gebet des
+Tages abgehalten.</p>
+
+<p>So war der Geist der extremen Puritaner, sowohl der Presbyterianer
+wie der Independenten. Wenngleich Cromwell auch nicht geneigt war, sich
+in Alles, was geschah, einzumischen oder wohl gar Verfolgungen eintreten
+zu lassen, so stand er doch an der Spitze einer Partei und war folglich
+ein Sklave derselben, weshalb er auch nicht vollständig nach eigener
+Ansicht und Neigung regieren konnte. Viele Obrigkeiten machten sich
+selbst unter seiner Herrschaft in ihren Bezirken so verhaßt, wie Sir
+Hudibras. Sie störten alle Vergnügungen in der Nachbarschaft, trieben
+mit roher Gewalt festliche Versammlungen auseinander und warfen die
+Fiedler in das Gefängniß. Noch unsinniger und gefährlicher war der Eifer
+der Soldaten. Erschienen sie in einem Dorfe, so mußte alles Tanzen und
+Glockenläuten unterbleiben und jedes Fest hatte ein Ende. In London
+unterbrachen sie zu verschiedenen Malen theatralische Vorstellungen,
+welche durch kein Verbot des gutmüthigen und einsichtsvollen Protektors
+gestört worden waren.</p>
+
+<p>Eine solche Tyrannei mußte Furcht und Haß erzeugen, und mit ihnen
+mischte sich die tiefste Verachtung. Seit den Zeiten Elisabeths waren
+die Eigenthüm&shy;lichkeiten des Puritaners, sein Aussehen, seine
+Kleidung, seine Sprachweise, seine seltsamen Gewissensskrupel
+Gegenstände des Spottes gewesen, aber diese Sonderbarkeiten erschienen
+viel widerlicher bei einer Partei, welche die Regierung eines mächtigen
+Reiches führte, als bei einer machtlosen verfolgten Gemeinde. Wenn es
+schon lächerlich erschien, das geistliche Kauderwelsch auf der Bühne aus
+dem Munde von <span class = "antiqua">Tribulation Wholesome</span>
+(heilsame Trübsal) und <span class = "antiqua">Zeal-of-the-Land
+Busy</span> (geschäftiger Landeseifer) zu hören, so klang es noch viel
+lächerlicher, wenn sich Heerführer und hohe Staats&shy;beamte desselben
+bedienten. Hierbei ist noch zu erwähnen, daß während der Revolution
+einige Sekten in’s Leben getreten waren, deren Überspanntheit Alles, was
+man bis dahin in England gesehen, übertraf. Ludwig Muggleton, ein
+wahnsinniger Schneider, zog in den Bierhäusern herum, und Ale trinkend
+verkündete er ewige Qualen allen denjenigen, welche an seiner
+Versicherung zweifelten, daß das höchste Wesen nur sechs Fuß hoch sei
+und die Entfernung der Sonne von der Erde genau vier Meilen betrage.<a
+class = "tag" name = "tagII_2" id = "tagII_2" href = "#noteII_2">2</a>
+Die größte Heiterkeit erregte Georg Fox durch seine Behauptung, daß es
+eine Verletzung der christlichen Aufrichtigkeit sei, die einzelne Person
+in der Mehrheit anzureden, und eine heidnische Verehrung des Janus und
+Wodan, wenn man vom Januar und dem Tage Wodans (der Mittwoche) spreche.
+Wenige Jahre später nahmen einige angesehene Männer seine Lehre an und
+sie gelangte zu nicht unbedeutendem öffentlichen Ansehen. Für die
+verächtlichsten Fanatiker jedoch galten zur Zeit der Restauration in der
+Meinung des Volkes die Quäker. Die Puritaner Altenglands behandelten sie
+mit großer Strenge und in Neuengland wurden sie auf das Heftigste
+verfolgt. Das Volk aber, welches sich selten um genaue Unterscheidungen
+kümmert, verwechselte
+<span class = "pagenum">II.14</span>
+<a name = "pageII_14" id = "pageII_14"> </a>
+die Puritaner oft mit den Quäkern. Beide waren Schismatiker und haßten
+das Episcopat wie die Liturgie; beide hatten lächerliche Manieren
+hinsichtlich ihrer Kleidung, ihrer Gewohnheiten und Vergnügungen.
+Obgleich ihre Meinungen völlig von einander abwichen, so wurden sie doch
+von dem Volke als scheinheilige Schismatiker in eine Kategorie geworfen,
+und was sie Lächerliches oder Gehässiges an sich hatten, vermehrte die
+Verachtung und den Widerwillen, welche die Menge gegen beide fühlte.</p>
+
+<p>Vor dem Beginn der Bürgerkriege waren selbst diejenigen, denen die
+Ansichten und Gewohnheiten der Puritaner am meisten zuwider waren, zu
+der Anerkennung gezwungen, daß ihre Moralität im Wesentlichen tadellos
+sei; doch jetzt wurde dieses Lob nicht mehr gezollt, zum Unglück aber
+auch nicht mehr verdient. Immer war es das Schicksal der Sekten, so
+lange sie verfolgt und unterdrückt wurden, im Rufe der Heiligkeit zu
+stehen; sobald sie aber mächtig sich erhoben, verschwand auch die hohe
+Achtung, welche ihnen bis dahin geworden war. Die Erklärung liegt nicht
+fern. Nur selten wird Jemand einer geächteten, religiösen Gesellschaft
+beitreten, den nicht Gewissensgründe dahin führen, und deshalb besteht
+ein solcher Verein mit nur wenigen Ausnahmen aus Persönlichkeiten, die
+von der Wahrheit und Richtigkeit ihres Glaubens völlig durchdrungen
+sind. Die strengste Zucht, welche in einer solchen Gesellschaft
+gehandhabt werden kann, ist ein sehr schwaches Werkzeug der Läuterung im
+Vergleich mit etwas heftiger Verfolgung. Es ist bestimmt wahr, daß zur
+Zeit als Diokletian die Christen verfolgte, nur Wenige sich taufen
+ließen, welche nicht die ernste, religiöse Überzeugung dazu bewog, und
+daß aus gleichem Grunde Viele sich protestantischen Gemeinden
+anschlossen, auf die Gefahr hin von Bonner verbrannt zu werden. Aber
+wenn eine Sekte zu Ansehen und Macht gelangt, wenn ihre Gunst den Weg
+bahnt zu Ehrenstellen und Reichthümern, so werden sich immer habsüchtige
+und ehrgeizige Menschen herandrängen, ihre Sprache reden, ihre Gebräuche
+annehmen, ihre Eigenthüm&shy;lichkeiten nachahmen, überhaupt in allen
+äußeren Zeichen des Eifers ihre ehrenwerthen Mitglieder sehr bald
+übertreffen. Die strengste Wachsamkeit der kirchlichen Leiter und ihre
+schärfste Unterscheidungsgabe wird nicht hinreichen, das Eindringen
+solcher heuchelnden Gesellen zu verhindern. Es ist nicht möglich, das
+Unkraut vom Weizen zu sichten, aber bald fängt die Welt an einzusehen,
+daß die frommen Herren nicht besser sind als andere Leute und schließt
+dann nicht ganz unrichtig, daß, wenn sie nicht besser sind, sie wohl
+schlechter sein müssen. So dauert es gar nicht lange, daß die äußeren
+Zeichen, welche man früher als Eigenthüm&shy;lichkeiten der Heiligkeit
+betrachtete, als charakteristische Kennzeichen eines Schurken betrachtet
+werden.</p>
+
+<p>So erging es den englischen Nichtconformisten. Während sie
+unterdrückt waren, hatte sich ihre Gemeinschaft rein erhalten; als sie
+aber übermächtig wurden im Lande, da durfte Niemand der Hoffnung leben,
+ohne ihren Einfluß zu Ehren und Ansehen zu gelangen; ihre Gunst aber war
+nur dadurch zu gewinnen, daß man gewisse Zeichen und Losungsworte der
+geistlichen Brüderschaft mit ihnen wechselte. Einer der ersten
+Beschlüsse von <ins class = "correction" title = "Original hat »Barebone’s«">Barebones</ins> Parlament, welches von allen das am
+meisten puritanische war, bestand darin, daß Niemand in den Dienst des
+Staates treten sollte, bevor das Haus sich von seiner Frömmigkeit
+genügend überzeugt habe. Was damals für ein Zeichen wahrer Gottseligkeit
+galt,
+<span class = "pagenum">II.15</span>
+<a name = "pageII_15" id = "pageII_15"> </a>
+der dunkle Anzug, das saure Ansehen, das kurzgeschorne Haar, das
+näselnde Gewinsel, die mit Bibelstellen durchwebte Rede, der Abscheu vor
+Schauspielen, Karten und Falkenbeize, wurde sehr leicht von Männern
+nachgeahmt, denen jede Religion gleichgültig war. Die aufrichtigen
+Puritaner verschwanden bald in einer Masse von weltlichen Leuten, die
+zum Theil der schlechtesten Sorte angehörten. Denn der anerkannteste
+Wüstling, der unter dem königlichen Banner gefochten hatte, konnte mit
+Recht für tugendhaft gelten, denen gegenüber, welche, während sie von
+süßen Erfahrungen und trostgewährenden Traktätleins sprachen, in steter
+Ausübung von Betrug, Raub und geheimer Wollust lebten. Das Volk bildete
+sich leider ein zu rasches Urtheil über die ganze Körperschaft nach dem
+Betragen dieser elenden Heuchler; die Gottesverehrung, die Sitten, die
+Redeweise der Puritaner wurden nach der öffentlichen Meinung mit den
+abscheulichsten und niedrigsten Ausschweifungen in Verbindung gebracht.
+Als die Restauration begonnen hatte, und man ohne Gefahr seine
+Feindschaft gegen die Partei aussprechen durfte, welche so lange im
+Lande geherrscht, da tönte aus allen Gegenden des Königreichs
+<em>ein</em> Schrei des Hasses gegen den Puritanismus, welcher häufig
+durch die Stimmen jener Schurken verstärkt wurde, deren Lasterhaftigkeit
+den puritanischen Namen in Verruf gebracht hatte.</p>
+
+<p>So waren die beiden großen Parteien, welche nach langen
+Feindseligkeiten sich auf einen Augenblick zur Wiederherstellung der
+Monarchie die Hand gereicht, einander jetzt wiederum, sowohl in
+politischer wie religiöser Beziehung, gänzlich entfremdet. Die Masse des
+Volkes hielt zu den Royalisten. Vergessen waren die Verbrechen
+Straffords und Lauds, die Gräuelthaten der Sternkammer und der hohen
+Kommission, und Niemand gedachte mehr der großen Dienste, welche das
+Lange Parlament in dem ersten Jahre seines Bestehens dem Staate
+geleistet hatte. An die Ermordung Karls&nbsp;I., die finstere Tyrannei
+des Rumpfs und die Gewaltthätigkeiten des Heeres dachte man mit
+Entrüstung, und die Massen waren geneigt, Alle, welche dem vorigen
+Könige Widerstand entgegengesetzt, für dessen Tod und die daraus
+hervorgegangenen unglücklichen Folgen verantwortlich zu machen.</p>
+
+<p>Das Haus der Gemeinen war in einer Zeit gewählt worden, als noch die
+Presbyterianer herrschten, und so vertrat es in keiner Art die
+allgemeine Stimmung des Volks, zeigte aber eine starke Neigung, der
+unduldsamen <ins class = "correction" title = "Original hat »Loyaletät«">Loyalität</ins> der Edelleute ernsthaft entgegen zu treten.
+Als ein Mitglied öffentlich erklärte, daß Alle, welche gegen
+Karl&nbsp;I. die Waffen ergriffen, eben solche Verrätherei begangen wie
+diejenigen, welche ihn hingerichtet, wurde dasselbe zur Ordnung gerufen,
+und erhielt von dem Sprecher einen Verweis. Ohne Zweifel war es der
+allgemeine aufrichtige Wunsch des Hauses, die kirchlichen Streitigkeiten
+so zu ordnen, daß die gemäßigten Puritaner dadurch zufriedengestellt
+würden; eine solche Erledigung wünschte aber weder der Hof noch das
+Volk.</p>
+
+<div class = "footnote">
+<p><a name = "noteII_1" id = "noteII_1" href = "#tagII_1">1.</a>
+Wie wenig das Mitleid dabei im Spiele war, erkennt man zur Genüge aus
+einer Schrift, betitelt: <span class = "antiqua">A&nbsp;perfect Diurnal
+of some Passages of Parliament, and from other Parts of the Kingdom,
+from Monday July 24th to Monday July 31st,<ins class = "correction"
+title = "ohne Raum gedrückt">, </ins>1643</span>. „Als die Königin aus
+Holland zurückkehrte, brachte sie außer einem Haufen von schlechtem
+Gesindel, welches das Aussehen von Menschenfressern hatte, eine Anzahl
+wilder Bären mit. Ihr werdet aus dem Weiteren ersehen, zu welchem
+Zwecke. Man ließ diese Bären bei Newark zurück, um sie Sonntags in die
+Landstädte zu bringen und dort zu hetzen. Solcher Art ist die Religion,
+welche die, von denen hier die Rede ist, unter uns einführen wollen.
+Wagte es Jemand, ihre schändlichen Entheiligungen zu hindern oder sich
+nur Bemerkungen darüber zu erlauben, so wurde er unverzüglich als
+Rundkopf oder Puritaner bezeichnet und war in Gefahr geplündert zu
+werden. Einige von Oberst Cromwells Soldaten, welche zufällig am Sonntag
+nach der Stadt Uppingham in Rutland kamen, sahen die eben stattfindende
+Bärenhetze, und veranlaßten, daß das Spiel sofort unterbrochen und die
+Bären an einen Baum gebunden und erschossen wurden.“ Dieses war durchaus
+kein vereinzeltes Beispiel. Der Sheriff von Surrey, Oberst Pride,
+befahl, daß die Bären im Garten von Southwark getödtet werden sollten.
+Ein loyaler Satyriker läßt ihn diesen Befehl folgendermaßen
+vertheidigen: „Am meisten liegt mir die Tödtung dieser Bären am Herzen,
+wodurch ich mir den Haß des Volkes zugezogen, das mich mit allen
+Benennungen des Regenbogens beehrt. Aber erschlug nicht David einen
+Bären? Tödtete nicht der Lord Statthalter Ireton einen Bären? Tödtete
+nicht ein anderer Lord von den Unsrigen fünf Bären?“ <span class =
+"antiqua">Last Speech and dying Words of Thomas Pride.</span></p>
+
+<p><a name = "noteII_2" id = "noteII_2" href = "#tagII_2">2.</a>
+Man sehe Penns <span class = "antiqua">New Witnesses proved Old
+Heretics</span> und Muggletons Werke an mehreren Stellen.</p>
+</div>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Charakter Karls II.</span>
+<a name = "secII_7" id = "secII_7">Der</a> neueingesetzte König besaß um
+diese Zeit die Liebe des Volkes in höherem Maaße, als jemals einer
+seiner Vorgänger. Das Unglück, welches sein Haus betroffen, der
+heldenmüthige Tod seines Vaters, die vielen Leiden und romantischen
+Abenteuer, welche er erlebt, machten ihn zum Gegenstande allgemeiner
+Theilnahme. Durch seine Rückkehr wurde England von einer drückenden
+Knechtschaft erlöst. Herbeigerufen durch die Stimmen der beiden
+streitenden Parteien, war er
+<span class = "pagenum">II.16</span>
+<a name = "pageII_16" id = "pageII_16"> </a>
+der geeignete Mann, um als Schiedsrichter zwischen sie zu treten, und in
+gewisser Beziehung war er wohl befähigt, diese Aufgabe zu lösen. Die
+Natur hatte ihn mit vorzüglichen Anlagen und einem glücklichen
+Temperament ausgestattet, und von seiner Erziehung ließ sich erwarten,
+daß sie seinen Verstand entwickelt und ihn zur Ausübung jeder Tugend des
+öffentlichen und Privatlebens befähigt habe. Der Wechsel des Glücks war
+ihm nicht unbekannt, und beide Seiten der menschlichen Natur hatte er
+beobachten lernen. In früher Jugend hatte ihn das Schicksal aus dem
+Königs&shy;schlosse hinausgeworfen in ein Leben der Verbannung, der
+Gefahren und Entbehrungen; in einem Alter der geistigen und körperlichen
+Kraftfülle, in dem das erste Aufbrausen der jugendlichen Leidenschaften
+sich bereits gelegt, ward er zurückgerufen von seinen unstäten
+Wanderungen, um Englands mächtige Krone zu tragen. Bittere Erfahrungen
+hatten ihm bewiesen, wie oft die zur Schau getragene Ergebenheit der
+Hofleute Bosheit, Verrätherei und Undank verbirgt; dagegen waren ihm in
+der Hütte der Armuth die überzeugendsten Beweise von wahrem Seelenadel
+gegeben worden. Als hohe Belohnung jedem versprochen ward, der ihn
+seinen Feinden verrathen würde, und man denjenigen, welcher ihm
+hilfreich beistehen wollte, mit dem Tode bedrohte, da hatten arme
+Landleute und die niedrigsten seiner Diener mit rührender Aufopferung
+dem unglücklichen Fürsten zur Seite gestanden, und ihn mit derselben
+tiefen Ehrerbietung behandelt, als ob die Krone seiner Väter noch in
+vollem Glanze auf seinem Haupte strahlte. Es stand zu erwarten, daß ein
+junger Mann, dem es weder an Fähigkeiten noch an liebenswürdigen
+Eigenschaften gebrach, durch die gemachten Erfahrungen zu einem großen
+und ausgezeichneten König herangebildet worden sei. Karl besaß, neben
+gefälligen Formen für die Gesellschaft, feine und einnehmende Manieren
+und nicht wenig Talent für lebendige Unterhaltung; aber dabei war er dem
+Sinnengenusse im höchsten Grade ergeben, sowie ein Freund des Müßiggangs
+und der Leichtfertigkeit, ohne Kraft sich zu beherrschen, ohne hohen
+Begriff von menschlicher Tugend und Zuneigung, ohne Drang nach Ruhm, und
+unempfindlich gegen jeden Tadel. Nach seiner Ansicht war jeder käuflich,
+nur daß er sich oft in höheren Preis stellte, als ein anderer, und wenn
+der Handel recht hartnäckig und geschickt betrieben ward, so gab es für
+denselben verschiedene und wohlklingende Namen. Die höchste
+Geschicklichkeit, mit welcher kluge Männer den Preis ihrer Fähigkeiten
+zu steigern wußten, ward Rechtschaffenheit, die raffinirteste
+Gewandtheit, mit der liebenswürdige Frauen den Preis ihrer Reize zu
+erhöhen verstanden, Sittsamkeit genannt. Vaterlandsliebe, Familienliebe,
+Freundesliebe, Liebe zu Gott, dies Alles waren leere Phrasen, zarte und
+schickliche Benennungen für die Selbstliebe. Bei einer solchen Ansicht
+von den Menschen war es Karl natürlich sehr gleichgültig, wie diese über
+ihn dachten. Ehre und Schande waren ihm dasselbe, was dem Blinden Licht
+und Dunkelheit sein mag. Man hat seine Verachtung der Schmeichelei hoch
+gerühmt, aber sie erscheint des Lobes nicht würdig, wenn man sie in
+Zusammenhang mit den übrigen Eigenschaften seines Charakters bringt. Man
+kann sowohl über der Schmeichelei stehen, wie unter ihr, wer dem
+Schmeichler nicht traut, wird auch keinem Andern trauen; wer keinen
+Begriff von <em>wahrem</em> Ruhme hat, wird auch den
+<em>scheinbaren</em> verachten.</p>
+
+<p>Bei Karls Gemüthsart ist es rühmlich zu erwähnen, daß er trotz
+<span class = "pagenum">II.17</span>
+<a name = "pageII_17" id = "pageII_17"> </a>
+der schlechten Meinung, welche er von den Menschen hatte, doch nie ein
+Menschenfeind wurde. Er fand in den Menschen wenig was ihm nicht
+hassenswerth dünkte, und doch haßte er sie nicht, er war sogar
+menschenfreundlich genug, daß es ihm Kummer verursachte, wenn er ihre
+Leiden sah, oder ihre Klagen hören mußte. Diese Art von
+Menschen&shy;freund&shy;lichkeit aber, welche bei einem Privatmann recht
+schön und lobenswerth sein mag, indem dessen Macht, Nutzen oder Schaden
+zu bringen, auf einen engen Kreis beschränkt wird, ist bei Herrschern
+häufiger ein Laster gewesen als eine Tugend. Mehr als ein wohlgesinnter
+Fürst hat ganze Provinzen dem Raube und der Unterdrückung preisgegeben,
+blos weil es ihn unangenehm berührte, andere als glückliche Gesichter
+auf seinen Spaziergängen und an seiner Tafel zu sehen. Keiner ist
+geeignet, das Scepter eines großen Staats zu führen, welcher Bedenken
+trägt, zum Besten der Massen mit denen er niemals in Berührung kommt,
+die Wenigen, welche Zutritt bei ihm haben, zu kränken. Die leichtsinnige
+Schwäche, welche Karl besaß, war so groß, wie sie vielleicht noch nie
+bei einem Manne von seinem Verstande gefunden wurde; obgleich nichts
+weniger als ein Schwachkopf, war er doch ein Sklave. Nichtswürdige
+Männer und feile Frauen, deren Erbärmlichkeit er völlig durchschaute,
+von denen er wußte, daß er ebensowenig ihre Liebe wie sie sein Vertrauen
+besaßen, konnten mit Leichtigkeit ihm Alles abschmeicheln was sie
+wünschten: Titel, Ehrenstellen, Güter, Staats&shy;geheimnisse und
+Begnadigungen. Obgleich er viel austheilte, genoß er doch niemals das
+Vergnügen, welches die Freigebigkeit verursacht, und ebensowenig erntete
+er den Ruhm derselben. Er gab nie aus freiem Antriebe, aber es war ihm
+unangenehm das Erbetene zu versagen. Eine natürliche Folge davon war,
+daß im Allgemeinen nicht diejenigen, welche sie verdienten, oder die in
+seiner Gunst standen, Empfänger dieser Gnadenbeweise waren, sondern daß
+sie den unverschämtesten und zudringlichsten Bewerbern zu Theil wurden,
+denen es gelungen war, sich eine Audienz zu verschaffen.</p>
+
+<p>Die Beweggründe, welche das politische Verhalten Carls II. leiteten,
+waren ganz anderer Natur als diejenigen, welche die Handlungen seines
+Vorgängers wie seines Nachfolgers auf dem Throne bestimmten. Er war
+nicht der Mann, den eine patriarchalische Regierungs&shy;theorie oder
+die Lehre vom göttlichen Recht anziehen konnte. Durchaus frei von
+Ehrgeiz, verabscheute er alle Geschäfte, und ehe er sich der Mühe
+unterzogen hätte, die Zügel der Regierung selbst in die Hand zu nehmen,
+würde er lieber auf die Krone Verzicht geleistet haben. Seine
+Arbeitsscheu sowie seine Unkenntniß der Staats&shy;geschäfte waren so
+groß, daß selbst die Schreiber, welche Gelegenheit hatten ihn im
+Geheimen Rathe zu beobachten, über seine kindische Ungeduld und seine
+läppischen Bemerkungen oft nur mit Mühe das Lachen unterdrücken konnten.
+Seine Schritte wurden weder von der Dankbarkeit noch von der Rache
+geleitet, denn auf sein Gemüth konnten empfangene Beleidigungen
+ebensowenig wie geleistete Dienste einen anderen als einen schwachen und
+rasch vorübergehenden Eindruck machen. Es war nur sein Wunsch, ein König
+zu sein wie es später Ludwig XV. von Frankreich war, ein Herrscher, der
+zur Befriedigung seiner Privatneigungen rücksichtslos den
+Staats&shy;schatz benutzen und durch Ehrenstellen und Geld Personen an
+sich fesseln konnte, die geeignet waren seinen Müßiggang zu theilen, und
+welcher, wenn auch die schlechteste Verwaltung den Staat an den Rand des
+Verderbens gebracht, immer noch die mißliebige
+<span class = "pagenum">II.18</span>
+<a name = "pageII_18" id = "pageII_18"> </a>
+Wahrheit aus dem Bereiche seines Serails fern halten und nichts sehen
+und hören wollte, was ihn in seiner üppigen Trägheit hätte stören
+können. Zu diesen Zwecken, aber auch <em>nur</em> zu diesen Zwecken,
+wünschte er eine willkürliche Gewalt, vorausgesetzt daß sie ohne
+Anstrengung und Gefahr erlangt werden konnte. Bei den religiösen
+Streitfragen, welche Zwiespalt unter den Protestanten hervorriefen,
+blieb sein Gewissen vollkommen unberührt, denn seine Ansichten
+schwankten fortwährend zwischen Unglauben und Pabstthum. Wenn aber auch
+sein Gewissen bei dem Kampfe der Episcopalen und Presbyterianer
+unberührt blieb, so war es doch anders mit seinen Neigungen. Gerade
+diejenigen Laster, gegen welche der Puritanismus die wenigste Nachsicht
+zeigte, übte er am fleißigsten, und als Mann von guter Erziehung, der
+mit großem Scharfblick die lächerlichen Seiten einer Sache erkannte,
+ließ er es nicht an verächtlichen Scherzen über die puritanischen
+Abgeschmacktheiten fehlen. Es ist indessen nicht zu leugnen, daß er
+einige Ursache hatte mit dieser Secte unzufrieden zu sein. In einem
+Alter wo die Leidenschaften am ungestümsten herrschen, und der
+Leichtsinn am ehesten zu entschuldigen ist, hatte Karl einige Monate in
+Schottland gelebt, dem Namen nach als König, in der That aber ein
+Staats&shy;gefangener unter der Obhut der schroffen Presbyterianer.
+Nicht genug, daß sie ihm zumutheten ihren Gottesdienst zu üben und ihr
+Covenant zu unterschreiben, bewachten sie jeden seiner Schritte, und
+überhäuften ihn mit Strafpredigten, wenn er sich eine jugendliche
+Thorheit zu Schulden kommen ließ. Er wurde gezwungen endlose Gebete und
+Predigten anzuhören, und konnte sich noch glücklich schätzen, wenn er
+nicht von einem fanatischen Kanzelredner, auf seine eigenen Schwächen
+rücksichtslos sowie auf das tyrannische Regiment seines unglücklichen
+Vaters und den papistischen Götzendienst der Mutter aufmerksam gemacht
+wurde. Er hatte diese Zeit seines Lebens in so traurigen Verhältnissen
+zugebracht, daß das Unglück, welches ihn zu neuer Wanderung hinaustrieb,
+ihm eher eine Befreiung als ein Mißgeschick dünken mußte. Beherrscht von
+diesen Gefühlen, war es Karls eifrigster Wunsch, die Partei zu
+vernichten, welche seinem Vater so heftigen Widerstand entgegengestellt
+hatte.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Charakter&shy;schilderung des Herzogs von York und des Earl von
+Clarendon.</span>
+<a name = "secII_8" id = "secII_8">Nach</a> demselben Ziele strebte des
+Königs Bruder, Jacob, Herzog von York. Obgleich in hohem Grade der
+Sinnenlust ergeben, war Jacob fleißig, methodisch, und liebte Autorität
+und Beschäftigung. Sein Verstand war höchst einfach und beschränkt, sein
+Charakter starr, hartnäckig und unversöhnlich. Daß dieser Fürst kein
+Wohlgefallen an den freien Institutionen Englands und an der Partei
+finden konnte, welche für diese Institutionen die wärmste Theilnahme
+hegte, leuchtet ein. Obgleich ein Mitglied der anglikanischen Kirche
+hatte der Herzog doch schon gewisse Neigungen gezeigt, welche die guten
+Protestanten ernstlich beunruhigten.</p>
+
+<p>Der Mann, dessen Schultern in jener Zeit den größten Theil der
+Regierungslast zu tragen hatten, war Eduard Hyde, Kanzler des Reichs,
+welcher bald zum Earl von Clarendon erhoben ward. Wenn auch Clarendon
+als Schriftsteller unsere Achtung mit Recht verdient, so müssen wir doch
+auch die großen Fehler erwähnen, welche er sich als Staatsmann zu
+Schulden kommen ließ. Diese Fehler werden allerdings zum Theil
+entschuldigt und erklärt durch die ungünstige Lage, in der er sich
+befand. Im ersten Jahre des Langen Parlaments zeichnete er sich höchst
+ehrenvoll unter den Senatoren
+<span class = "pagenum">II.19</span>
+<a name = "pageII_19" id = "pageII_19"> </a>
+aus, welche ernstlich bemüht waren, den Beschwerden der Nation
+abzuhelfen. Eine der schlimmsten von diesen Beschwerden, welche das
+Concil von York betraf, wurde hauptsächlich durch seine Bemühungen
+beseitigt. Beim Eintritt der großen Spaltung, als die Reformpartei und
+die Partei der Conservativen sich gegen einander schaarten, trat er mit
+vielen weisen und braven Männern auf die Seite der Conservativen. Von
+jetzt an theilte er die Schicksale des Hofs, genoß König Carls&nbsp;I.
+volles Vertrauen, soweit der zurückhaltende Charakter und die gewundene
+Politik dieses Monarchen solches einem Minister überhaupt gewähren
+konnten, und ging später mit Carl&nbsp;II. in die Verbannung, wo er
+dessen politisches Verhalten leitete.</p>
+
+<p>Nachdem die Restauration durchgeführt war, gelangte Hyde zur Stellung
+eines Premierministers, und einige Monate nachher wurde allgemein
+bekannt, daß er zu dem regierenden Hause in ein
+engverwandt&shy;schaft&shy;liches Verhältniß getreten, indem durch eine
+bisher geheimgehaltene Vermählung seine Tochter Herzogin von York und
+deren Nachkommenschaft dadurch zur Thronfolge berechtigt worden sei. In
+Folge dieser hohen Verbindung gewann Hyde eine Bedeutung, welche ihn
+über die ältesten und angesehensten Geschlechter des Adels erhob, und in
+mancher Hinsicht war er auch dieser hervorragenden Stellung vollkommen
+gewachsen, indem nicht nur in Abfassung wichtiger Staats&shy;schriften,
+sondern auch in Rath und <ins class = "correction" title = "Original hat »Parlement«">Parlament</ins> er sehr anerkennungswerthe diplomatische
+Befähigung zeigte. Genau bekannt mit den allgemeinen Grundsätzen der
+Staatskunst, verstand es Niemand besser wie er, die Verschiedenheiten
+der Charaktere mit geübtem Auge zu erkennen, und dabei besaß er nicht
+nur ein starkes Gefühl für sittliche und religiöse Verpflichtungen,
+sondern auch eine tiefe Ehrfurcht gegen die Gesetze des Vaterlandes und
+aufrichtige Achtung für die Ehre und das Ansehen der Krone. Dabei war er
+stolz und anmaßend; jeder Widerstand reizte ihn. Es ist kaum möglich,
+daß ein Diplomat, den die bürgerlichen Wirren in die Verbannung
+getrieben, und der eine Reihe von Jahren in derselben zugebracht, in dem
+Augenblicke, wo ein Umschwung der politischen Verhältnisse ihn wieder an
+die Spitze der Regierung zurückruft, die Zügel derselben mit sicherer
+und gewandter Hand zu führen vermag. Auch mit Clarendon war dies der
+Fall. Als er, dem Zwange der Nothwendigkeit weichend, England verlassen
+hatte, erbittert durch den heftigen Kampf, welcher dem Sturze seiner
+Partei und seines Glücks voranging, betrachtete er Alles, was sich in
+dem Zeitraume von 1646 bis zum Jahre 1660 in seinem Vaterlande
+ereignete, vom fernen Continente aus in falschem Lichte. Seine Ansichten
+von dem Stande der Dinge regelte er nach den Mittheilungen aufgeregter
+Parteimänner, deren zerrüttete Vermögens&shy;verhältnisse ihren Geist
+mit Wuth und Verzweiflung erfüllten. Den günstigen Stand der Ereignisse
+beurtheilte er nicht nach dem Maaße, in welchem sie die Wohlfahrt und
+den Ruhm seines Volkes vermehrten, sondern nur nach der Aussicht, die
+sie ihm zur Rückkehr boten, und sein Wunsch, den er durchaus nicht
+verhehlte, war, daß niemals Ruhe und Friede in England einziehen möge,
+bis die alte Königs&shy;familie den Thron ihrer Väter wieder in Besitz
+genommen habe. Als er endlich zurückkehrte, wurde ihm, ohne daß er Zeit
+gehabt hatte, sich von dem Stande der Dinge durch eigne Anschauung zu
+unterrichten, und zu ermitteln welche Veränderungen vierzehn
+ereignißvolle Jahre in dem Charakter und den Gesinnungen des englischen
+Volks herbeigeführt, sofort die Leitung des Staates übergeben. In
+solchem Falle würde wohl selbst ein Minister von größter Umsicht und bei
+aller
+<span class = "pagenum">II.20</span>
+<a name = "pageII_20" id = "pageII_20"> </a>
+Geneigtheit gute Lehre anzunehmen, in ernste Irrthümer verfallen sein;
+Takt aber, und Gelehrigkeit lagen nicht in Clarendons Charakter. Er sah
+in England noch das England, wie es zur Zeit seiner Jugend war, und sein
+Antlitz verfinsterte sich bei Wahrnehmung aller der Veränderungen,
+welche die Ereignisse der letzten Jahre hervorgerufen. Obgleich er nicht
+daran dachte, gegen die alte, unbezweifelte Macht des Hauses der
+Gemeinen aufzutreten, so blickte er doch mit dem höchsten Mißfallen auf
+die zunehmende Gewalt desselben. Die königlichen Rechte, um die er so
+Manches erlitten, und durch welche er endlich zu Glück und hohen Ehren
+gekommen war, sie galten ihm heilig; gegen die Rundköpfe aber fühlte er
+eine sowohl persönliche wie politische Abneigung. Als treuer Anhänger
+der anglikanischen Kirche hatte er wiederholt in Fällen, wo die
+Interessen dieser Kirche es erheischten, sich von den besten Freunden
+getrennt, und sein Eifer für das Episcopat und das
+gemein&shy;schaftliche Gebetbuch vereinigte sich mit einem
+racheglühenden Hasse gegen die Puritaner, der weder dem Staatsmanne noch
+dem Christen zur Ehre gereichte.</p>
+
+<p>Während der Zeit als das Haus der Gemeinen, welches die
+Königs&shy;familie zurückrief, versammelt war, war eine
+Wiederherstellung des alten kirchlichen Systems unausführbar. Nicht
+allein, daß der Hof seine Pläne völlig geheim hielt, der König hatte
+auch in feierlichster Weise Zusicherungen ertheilt, durch welche die
+Gemüther der gemäßigten Presbyterianer vollkommen beruhigt wurden. Er
+hatte vor seiner Wiedererhebung das Versprechen gegeben, allen
+Unterthanen völlige Gewissensfreiheit zu gestatten, und indem er dieses
+Versprechen jetzt erneute, fügte er die Versicherung hinzu, daß er mit
+allen Kräften dahin wirken würde, zwischen den streitenden Parteien eine
+Vereinigung herbeizuführen. Er erklärte, es sei sein Wunsch, daß
+Bischöfe und Synoden die geistliche Gerichtsbarkeit unter sich theilen,
+und daß eine Anzahl gelehrter Theologen, zur Hälfte aus Presbyterianern
+bestehend, eine Revision der Liturgie vornehmen sollten. Die Fragen in
+Betreff des Chorhemds, des Knieens beim Abendmahle, des Bekreuzigens bei
+der Taufe, sollte selbst für ängstliche Gewissen in befriedigender Weise
+gelöst werden. Auf diese Art hatte der König die Wachsamkeit derjenigen,
+welche er hauptsächlich fürchtete, eingeschläfert, und als dieses
+geschehen war, hob er das Parlament auf. Zu einer Acte, durch welche mit
+wenigen Ausnahmen alle Diejenigen, die in den letzten Unruhen
+politischer Vergehen schuldig geworden waren, begnadigt werden sollten,
+hatte er bereits seine Zustimmung gegeben. Von den Gemeinen war ihm eine
+lebenslängliche Bewilligung von Steuern zugesprochen worden, deren
+jährlicher Betrag auf eine Million zweimal&shy;hundert&shy;tausend Pfund
+geschätzt ward. Diese Summe, nebst den erblichen Einkünften der Krone,
+reichte damals vollkommen hin, um in Friedenszeiten die Bedürfnisse der
+Regierung zu bestreiten. Für ein stehendes Heer wurde nichts bewilligt,
+die Nation erschrak schon bei Erwähnung desselben, und die geringste
+Hinweisung darauf würde die Gemüther aller Parteien auf’s heftigste
+erbittert und beunruhigt haben.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Allgemeine Wahl von 1661.</span>
+<a name = "secII_9" id = "secII_9">Zu</a> Anfang des Jahres 1661 fand
+eine allgemeine Wahl statt. Das Volk war in hohem Grade von loyaler
+Begeisterung erfüllt, und die ganze Hauptstadt war in der lebendigsten
+Thätigkeit wegen der Vorbereitungen zur prachtvollsten Krönung, von der
+man jemals gehört. Das Resultat bestand darin, daß man Abgeordnete in’s
+Parlament sandte, wie sie England bisher noch nie gesehen hatte. Ein
+großer Theil der glücklichen Bewerber waren Männer, welche für
+<span class = "pagenum">II.21</span>
+<a name = "pageII_21" id = "pageII_21"> </a>
+Krone und Kirche gekämpft, und die schweren Beschimpfungen und
+Demüthigungen noch nicht vergessen hatten, die ihnen die Rundköpfe
+angethan. Als die Mitglieder zusammenkamen, traten die Leidenschaften,
+unter deren Einflusse jeder Einzelne stand, heftiger hervor. Mehrere
+Jahre hindurch war das Haus der Gemeinen eifriger für das Königthum
+eingenommen als der König selbst, und günstiger gestimmt für das
+Episcopat als die Bischöfe. Carl und Clarendon waren über die
+Vollständigkeit ihres Erfolgs fast bestürzt, ihre Lage hatte Ähnlichkeit
+mit der Ludwigs XVIII. und des Herzogs von Richelieu, als im Jahre 1815
+die Kammer versammelt war. Hätte der König auch wirklich die Absicht
+gehabt, die Versprechungen, welche er den Presbyterianern gemacht, zu
+erfüllen, es würde jetzt gar nicht mehr in seiner Macht gestanden haben.
+Nur seinen eifrigen Bemühungen ist es zuzuschreiben, daß der siegreiche
+Adel verhindert wurde, die Indemnitätsacte zu vernichten und
+erbarmungslose Rache auszuüben für die erduldeten Leiden.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen Parlamente.</span>
+<a name = "secII_10" id = "secII_10">Die</a> Gemeinen eröffneten ihre
+Thätigkeit mit den Beschlüssen, daß jedes Mitglied bei Strafe der
+Ausstoßung das Abendmahl nach der Form genießen müsse, welche die alte
+Liturgie vorschrieb, und daß der Covenant durch Henkershand im Hofe des
+Palastes verbrannt werden sollte. Es wurde eine Acte durchgesetzt,
+welche die Macht des Schwertes nicht nur einzig und allein dem König
+zusprach, sondern auch bestimmte, daß in keinem auch noch so extremen
+Falle die beiden Häuser berechtigt sein sollten, dem König gewaltsamen
+Widerstand entgegen zu setzen. Eine zweite Acte, welche ebenfalls
+durchging, forderte von jedem öffentlichen Beamten einen Eid, daß er
+Widerstand gegen das Ansehen des Königs unter allen Umständen für
+ungesetzlich halte. Einige exaltirte Männer bemühten sich, eine Bill zur
+Geltung zu bringen, welche alle Gesetze, die das Lange Parlament
+geschaffen, mit einem Male aufheben und die Sternkammer nebst der Hohen
+Commission wieder herstellen sollte; bei aller Heftigkeit der Reaction
+aber gelang es ihr doch nicht, dies durchzusetzen. Das Gesetz, daß nach
+Verlauf von drei Jahren ein Parlament gehalten werden mußte, blieb in
+Kraft, die strengen Klauseln aber welche die Wahlbeamten anwiesen, zur
+bestimmten Zeit, auch ohne königliches Ausschreiben, die Wahl
+vorzunehmen, wurden aufgehoben. Die Bischöfe kehrten auf ihre Sitze im
+Oberhause zurück; die alte Kirchenverfassung und die alte Liturgie
+wurden ohne jede Beschränkung, welche auch nur die vernünftigsten
+Presbyterianer zu versöhnen geeignet gewesen wäre, wieder hergestellt.
+Zum ersten Male wurde jetzt die bischöfliche Ordination unerläßliche
+Bedingung für diejenigen, welche ein geistliches Amt bekleiden wollten.
+Fast zweitausend Prediger, denen ihr Gewissen nicht gestattete sich zu
+fügen, wurden an einem Tage abgesetzt, und frohlockend erinnerte die
+herrschende Partei die Dulder daran, daß das Lange Parlament, als es auf
+dem Gipfel seiner Macht gestanden, eine noch viel größere Anzahl von
+königlich gesinnten Geistlichen vertrieben habe. Dieser Vorwurf war
+allerdings nicht ungegründet, aber das Lange Parlament hatte den
+Vertriebenen wenigstens eine Unterstützung zukommen lassen, welche sie
+vor bitterem Mangel schützte; die Gerechtigkeit und Humanität des Adels
+aber, welcher von Haß bethört war, reichten nicht aus, um dieses
+Beispiel nachzuahmen.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Verfolgung der Puritaner.</span>
+<a name = "secII_11" id = "secII_11">Bald</a> erschienen Strafgesetze
+gegen die Nichtconformisten, die in der puritanischen Gesetzgebung
+vergebens
+<span class = "pagenum">II.22</span>
+<a name = "pageII_22" id = "pageII_22"> </a>
+ihres Gleichen suchten, welche der König aber unmöglich genehmigen
+konnte, ohne Zusagen zu brechen, die er bei dem wichtigen Wendepunkte
+seines Schicksals denjenigen gegeben, in deren Händen dasselbe damals
+lag. Erschreckt und tief bekümmert eilten die Presbyterianer an die
+Stufen des Thrones, rühmten ihre jüngst geleisteten Dienste und beriefen
+sich auf das wiederholt verpfändete königliche Wort. Der König
+schwankte, seine eigne Handschrift, sein eignes Siegel, sie konnte er
+nicht abläugnen, und er fühlte nur zu wohl, welchen großen Dank er den
+Bittstellern schuldig war. Dringenden Bitten zu widerstehen war er nicht
+gewöhnt, ebensowenig war er verfolgungssüchtig, und wenn auch gegen die
+Puritaner eingenommen, so konnte diese Abneigung doch nur ein schwaches
+Gefühl genannt werden neben dem bitteren Hasse, von welchem Laud
+durchdrungen war. Er war überdies der römisch-katholischen Kirche
+gewogen, und sah wohl ein, daß es nicht möglich sein würde, den
+Bekennern derselben Freiheit des Gottesdienstes zu gewähren, ohne
+dieselbe Begünstigung auch auf die protestantischen Dissenters zu
+übertragen. Zwar versuchte er <ins class = "correction" title =
+"ungeändert">es</ins> den unduldsamen Glaubenseifer des Hauses der
+Gemeinen zu beschränken, aber dieses stand unter dem Einflusse tieferer
+Überzeugungen und heftigerer Leidenschaften, als der König. Nach einigem
+scheinbaren Sträuben gab er nach, und genehmigte mit einem Anschein von
+Bereitwilligkeit eine Reihe gehässiger Maßregeln gegen die Separatisten.
+Es galt für ein Verbrechen, dem Gottesdienste der Dissenters
+beizuwohnen, ein gewöhnlicher Friedensrichter konnte ohne Jury
+verurtheilen, und über denjenigen, welcher zum dritten Male das Verbot
+übertrat, die Deportation auf sieben Jahre verhängen. Mit überlegter
+Grausamkeit ward festgesetzt, daß der Übertreter des Gesetzes nicht nach
+Neu-England transportirt werden sollte, wo er die Aussicht hatte,
+gleichgesinnte Freunde anzutreffen, und kehrte er vor Ablauf der
+festgesetzten Verbannungszeit in sein Vaterland zurück, so sollte er der
+Todesstrafe verfallen sein. Ein neuer, unsinniger Eid wurde von den
+Geistlichen verlangt, welche man ihrer Pfründen beraubt hatte, weil sie
+sich nicht conformiren wollten, und Alle die sich weigerten diesen Eid
+zu leisten, durften nicht auf fünf Meilen in die Nähe einer Stadt
+kommen, welche von einer Gemeindecorporation verwaltet wurde, oder im
+Parlamente vertreten war, oder auch einer Stadt, wo sie als Geistliche
+ihren Wohnsitz gehabt. Die Magistratspersonen, welche diese strengen
+Bestimmungen in Ausführung zu bringen hatten, waren fast durchgängig von
+Parteigeist erfüllte Männer, entflammt durch die Erinnerung an Leiden,
+welche sie während der Republick erduldet hatten. Die Kerker waren daher
+sehr bald mit Dissenters überfüllt, und unter diesen Unglücklichen
+befanden sich nicht wenige, deren Genie und Tugend eine Zierde jeder
+christlichen Gesellschaft gewesen sein würden.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Eifer der Geistlichkeit für die erbliche Monarchie.</span>
+<a name = "secII_12" id = "secII_12">Die</a> englische Kirche erkannte
+den Schutz, dessen sie sich von Seiten der Regierung erfreute, dankbar
+an. Sie hatte seit dem Anfange ihres Bestehens Anhänglichkeit an die
+Monarchie gezeigt, aber während des Vierteljahrhunderts, welches der
+Restauration folgte, überstieg ihr Eifer für königliches Ansehen und
+erbliches Recht jede Grenze. Sie hatte mit dem Hause der Stuarts
+gelitten, und war mit ihm wieder zu Geltung gekommen; sie war mit ihm
+durch gemein&shy;schaftliche Interessen, Freundschaften und
+Feindschaften eng verknüpft. Es schien unmöglich, daß jemals eine Zeit
+eintreten könnte, wo die Bande, welche sie mit den Nachkommen des
+erlauchten Märtyrers
+<span class = "pagenum">II.23</span>
+<a name = "pageII_23" id = "pageII_23"> </a>
+vereinte, zerrissen, wo die Loyalität, deren sie sich rühmte, aufhören
+würde, ihr eine angenehme und vortheilhafte Pflicht zu sein. Sie pries
+deshalb in den widerlichsten Phrasen jenes Vorrecht, welches stets
+bemüht war sie zu vergrößern und zu vertheidigen, und verdammte auf das
+Behaglichste die Ruchlosigkeit derjenigen, welche durch Bedrückung, die
+sie selbst nicht zu erwarten hatte, zum Aufruhr verleitet wurden. Die
+Verwerfung des Widerstandes war ihr Lieblingsthema, und diese Lehre trug
+sie ohne jede Einschränkung vor und entwickelte sie bis zu den äußersten
+Consequenzen. Ihre Anhänger wiederholten unaufhörlich, daß selbst wenn
+England das Unglück haben sollte von einem König wie Busiris oder
+Phalaris heimgesucht zu werden, welcher zum Hohne der Gesetze ohne alle
+rechtlichen Gründe täglich hunderte von unschuldigen Opfern zu
+Folterqualen und Tod verdammte, überhaupt kein Fall denkbar sei, wo alle
+Stände des Königreichs insgesammt berechtigt sein würden, dem Tyrannen
+physische Gewalt entgegenzustellen. Glücklicherweise gewährt der
+menschliche Charakter hinreichende Bürgschaft, daß derartige Theorien
+eben nur Theorien bleiben werden. Als der Tag der Prüfung kam, da
+standen die Männer, welche laut und aufrichtig diese grenzenlose
+Loyalität zur Schau getragen hatten, fast in allen Grafschaften Englands
+dem Throne mit den Waffen in der Hand gegenüber.</p>
+
+<p>Im ganzen Königreiche wechselte jetzt das Grundeigenthum seine
+Besitzer. Die Verkäufe der Nationalgüter, welche das Parlament nicht
+bestätigt hatte, erklärten die Gerichtshöfe für ungültig. Der König, die
+Bischöfe, die Dechanten, die Capitel, der hohe und niedere royalistische
+Adel: sie alle traten wieder in den Besitz ihrer eingezogenen Güter, und
+verdrängten selbst diejenigen Käufer, welche die angemessensten Preise
+dafür bezahlt hatten. Die Verluste, welche dem Adel während des
+Übergewichtes seiner Gegner erwachsen waren, wurden theilweise ersetzt,
+aber eben nur theilweise. Die allgemeine Amnestie schloß alle Klagen
+über entzogene Nutzungen aus, und eine Menge von Royalisten, welche zur
+Abzahlung von auferlegten Geldstrafen an das Parlament, oder um sich die
+Gunst mächtiger Rundköpfe zu erkaufen, Grundeigenthum unter dem
+wirklichen Werthe veräußert hatten, mußten die gesetzlichen Folgen ihrer
+Handlungsweise tragen.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Veränderung in den Sitten der Gesellschaft.</span>
+<a name = "secII_13" id = "secII_13">Während</a> die erwähnten
+Veränderungen stattfanden, trat ein anderer noch bedeutungsvollerer
+Wechsel in den Sitten und Gebräuchen der Gesellschaft ein.
+Leidenschaften und Neigungen, welche die strenge Herrschaft der
+Puritaner gezügelt hatte, so daß dieselben, wenn es überhaupt geschah,
+nur mit großer Vorsicht befriedigt werden konnten, brachen jetzt, wo das
+Hemmniß beseitigt war, mit maßloser Gewalt hervor. Man suchte
+unsittliche Vergnügungen und strafbare Genüsse mit einer Begierde,
+welche nach den Gesetzen der Natur nur in Folge langer und erzwungener
+Enthaltsamkeit entstehen kann. Durch die öffentliche Meinung wurde
+dieses Treiben nicht beschränkt. Die Nation, voll Widerwillen gegen die
+gottseligen Reden, <ins class = "correction" title = "Original hat »arwöhnisch«">argwöhnisch</ins> gegen alle Ansprüche auf Heiligkeit, und
+dabei immer noch leidend unter den Nachwehen der erlittenen Tyrannei von
+Gebietern, welche sauer waren im Leben und heiß im Gebet, blickte eine
+Zeit lang wohlgefällig auf die angenehmeren und freundlicheren Laster.
+Noch weniger Beschränkungen erlaubte sich die Regierung. Es gab in der
+That keine Ausschweifung, welche nicht durch die unverhohlene
+Lasterhaftigkeit des Königs und seiner
+<span class = "pagenum">II.24</span>
+<a name = "pageII_24" id = "pageII_24"> </a>
+Günstlinge sanktionirt worden wäre. Nur einige bejahrte Räthe
+Carls&nbsp;I. bewahrten noch den sittlichen Ernst, welcher dreißig Jahre
+früher in Whitehall geherrscht hatte. Zu ihnen gehörten Clarendon
+selbst, sowie seine Freunde Thomas <ins class = "correction" title =
+"Original hat »Whriotesley«">Wriothesley</ins>, Earl von Southampton,
+Lord-Schatzmeister, sowie Jacob Butler, Herzog von Ormond, der, nachdem
+er unter wechselnden Verhältnissen ritterlich für seines Königs Sache in
+Irland gekämpft hatte, dieses Königreich jetzt als Statthalter regierte.
+Aber weder das Andenken an die Verdienste dieser Männer noch ihre hohe
+Stellung im Staate schützte sie vor den Sarkasmen, welche neumodische
+Laster so gern auf veraltete Tugend schleudern. Der Ruf feiner Bildung
+und angenehmer Manieren war kaum zu erlangen, wenn man sich nicht zur
+Verletzung der Schicklichkeit entschloß. Bedeutende und vielseitige
+Talente unterstützten die Verbreitung dieses moralischen Übels nach
+Kräften. Die Moralphilosophie hatte in neuerer Zeit eine Gestalt
+angenommen, welche ganz geeignet war, einer Generation zu gefallen,
+welche der Monarchie wie dem Laster mit gleichem Eifer ergeben war.
+Thomas Hobbes hatte in einer bestimmteren und glänzenderen Sprache, als
+je ein anderer metaphysischer Schriftsteller sie gebraucht, die
+Behauptung aufgestellt, der Wille des Fürsten sei der Maßstab für Recht
+und Unrecht, und jeder gute Unterthan müsse bereit sein, auf Befehl des
+Königs zum Papstthum, Mahomedanismus oder Heidenthume überzutreten.
+Tausende, welche das wirklich Gediegene in seinen Ansichten nicht zu
+würdigen verstanden, begrüßten freudig eine Theorie, welche zu gleicher
+Zeit das königliche Ansehen erhöhte, die Bande der Moralität lockerte,
+und die Religion zu einer bloßen Staats&shy;angelegenheit herabwürdigte.
+Der Hobbismus wurde bald ein wesentlicher Bestandtheil des Charakters
+eines vollendeten Gentleman. Die leichteren Zweige der Literatur
+erhielten einen starken Anstrich von der herrschenden Sittenlosigkeit;
+die Dichtkunst wurde eine Kupplerin der gemeinsten Begierden; der Witz,
+anstatt Schuld und Irrthum zu züchtigen, wandte seine verletzenden
+Pfeile gegen Unschuld und Wahrheit. Die wiederhergestellte Kirche machte
+zwar einen Versuch gegen die herrschende Sittenlosigkeit anzukämpfen,
+aber es geschah ohne alle Energie und mit getheiltem Herzen. Obgleich
+die Würde ihres Charakters es erheischte, die irrenden Kinder zu
+ermahnen, so geschahen diese Ermahnungen doch auf höchst lässige Weise.
+Ihre Aufmerksamkeit war nach einer anderen Seite hin beschäftigt, ihre
+ganzen Kräfte concentrirten sich in der Absicht, die Puritaner zu
+vernichten, und ihre Jünger zu zwingen, dem Kaiser zu geben was des
+Kaisers sei. Sie war beraubt und niedergehalten worden durch die Partei,
+welche strenge Sittlichkeit predigte; Wüstlinge hatten sie wieder zu
+Ehren und Ansehen gebracht. Ob auch die Männer der Lust und Mode nicht
+geneigt waren, ihre Lebensweise nach den Vorschriften der Kirche
+einzurichten, so ließen sie sich doch jeden Augenblick willig finden,
+für ihre Kathedralen und Paläste, für jeden Buchstaben ihrer Gesetze und
+jeden Faden ihrer Gewänder bis an die Knie im Blute zu kämpfen. Der
+ausschweifende Edelmann besuchte zwar Bordelle und Spielhäuser, aber er
+mied wenigstens die Conventikel; wenn auch sein Mund nur
+gotteslästerliche und unzüchtige Reden führte, so machte er das
+einigermaßen durch seinen Eifer wieder gut, Baxter und Howe in den
+Kerker zu werfen, weil sie Predigten und Gebete abgehalten hatten. So
+bekämpfte der Klerus längere Zeit die Schismatiker mit einem Eifer, der
+ihm wenig Muße ließ dem Laster entgegen zu treten. Die Zweideutigkeiten
+Ethereges und Wycherley’s wurden
+<span class = "pagenum">II.25</span>
+<a name = "pageII_25" id = "pageII_25"> </a>
+in Anwesenheit und mit besonderer Genehmigung des Kirchenoberhauptes in
+weiblichen Versammlungen von Frauen öffentlich vorgetragen, während der
+Verfasser von des „Pilgers Reise“ für das Verbrechen, den Armen das
+Evangelium verkündet zu haben, im Kerker schmachtete. Es ist eine
+feststehende und lehrreiche Thatsache, daß zu der Zeit, als die
+politische Macht der anglikanischen Kirche ihren Höhepunkt erreicht
+hatte, die Moral der Nation sich auf der niedrigsten Stufe befand.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Verworfenheit der Politiker.</span>
+<a name = "secII_14" id = "secII_14">Kaum</a> ein Rang und Beruf entging
+der Ansteckung durch die allgemeine Unsittlichkeit, diejenigen aber,
+welche sich hauptsächlich mit Politik beschäftigten, bildeten vielleicht
+den schlechtesten Theil der verderbten Gesellschaft, indem sie nicht
+blos unter den schädlichen Einflüssen standen, welche die Nation im
+Allgemeinen berührten, sondern noch einer besonderen Verderbniß der
+schlimmsten Art ausgesetzt waren. Ihr Charakter hatte sich mitten unter
+häufigen Revolutionen und Contrerevolutionen herangebildet; im Laufe
+weniger Jahre hatten sie den wiederholten Wechsel der kirchlichen und
+bürgerlichen Verfassung ihres Vaterlandes beobachtet. Sie hatten
+gesehen, wie die bischöfliche Kirche die Puritaner verfolgte, wie die
+puritanische Kirche die Bischöflichen verfolgte, und wie die
+bischöfliche Kirche dann wieder die Puritaner verfolgte. Sie hatten die
+Vernichtung und Wiedererstehung der erblichen Monarchie gesehen, hatten
+beobachtet, wie das Lange Parlament dreimal die Oberherrschaft im Staate
+errang, und dreimal unter Verwünschungen und Hohngelächter von Millionen
+wieder zusammenstürzte. Sie hatten erlebt, wie eine neue Dynastie sich
+rasch auf den Gipfel der Macht und des Ruhmes erhob, um bald darauf ohne
+allen Kampf wieder vom Thronsessel herabgeschleudert zu werden. Sie
+hatten gesehen, wie ein neues System der Volksvertretung entworfen,
+versucht und wieder aufgegeben worden war. Sie hatten ein neues Haus der
+Lords eben so schnell entstehen wie vergehen sehen. Sie hatten gesehen,
+wie Massen von Eigenthum auf gewaltsame Weise bald den Edelleuten, bald
+den Rundköpfen zur Beute wurden. Unter solchen Umständen konnte Niemand
+als Staatsmann sich bewegen und gedeihen, der sich nicht willig finden
+ließ, je nach den Verhältnissen die Farbe zu wechseln. Nur in stiller
+Zurückgezogenheit war es möglich, für die Dauer den Charakter eines
+guten Royalisten oder eines starren Republikaners zu behaupten. Wer
+unter solchen Zeitverhältnissen bürgerliche Größe zu erlangen wünscht,
+muß jeden Gedanken an konsequentes Festhalten aufgeben. Anstatt inmitten
+unaufhörlicher Veränderungen nach Unveränderlichkeit zu streben, muß er
+beständig umherspähen, um die ersten Kennzeichen einer nahenden Reaktion
+zu entdecken und muß den richtigen Augenblick erfassen, um eine verlorne
+Sache aufzugeben. Nachdem er fest zu einer Partei gehalten, so lange sie
+die Oberhand hatte, muß er sie plötzlich verlassen, wenn sie in
+schwierige Lagen kommt, muß sich gegen sie waffnen, sie verfolgen, und
+mit den neuen Bundesgenossen eine neue Bahn einschlagen, auf der ihm
+Macht und Glück entgegenleuchten. Seine Lage bildet in ihm nothwendig
+eine besondere Klasse von Fähigkeiten, wie eine besondere Klasse von
+Lastern bis zur höchsten Vollkommenheit aus. Schnelligkeit im Beobachten
+verbindet sich mit Fruchtbarkeit an Hilfsmitteln. Ohne Mühe eignet er
+sich den Ton jeder Sekte oder Faktion an, mit der ihn der Zufall
+zusammenführt. Er erkennt die Zeichen der Zeit mit einem Scharfblick,
+den die Menge wunderbar findet, mit einem Scharfblick, ähnlich dem eines
+alten Polizeimannes,
+<span class = "pagenum">II.26</span>
+<a name = "pageII_26" id = "pageII_26"> </a>
+welcher die schwächsten Anzeichen eines Verbrechen aufzufinden versteht,
+oder eines Mohawk-Kriegers, der in den Wäldern eine Spur verfolgt.</p>
+
+<p>Bei Staats&shy;männern von derartiger Bildung wird man aber freilich
+nur selten Redlichkeit und Ausdauer, oder eine von denjenigen Tugenden
+antreffen, welche dem edlen Stamme der Wahrheit entsprossen sind. Er
+besitzt weder Glauben an eine Lehre, noch Eifer für eine Angelegenheit.
+Vor seinen Augen sind so viele alte Institutionen untergegangen, daß er
+keine Achtung vor langem Bestehen kennt. Er hat so viele neue
+Einrichtungen, welche zu großen Erwartungen berechtigten, entstehen und
+Enttäuschung hervorbringen sehen, daß er keine Hoffnung auf den
+Fortschritt setzt; und diejenigen, welche ängstlich bemüht sind <em>zu
+erhalten</em>, verlacht er nicht minder wie die, welche es sich
+angelegen sein lassen <em>zu verbessern</em>. Es giebt im Staate nichts,
+zu dessen Erhaltung oder Vernichtung er nicht ohne alle Gewissensbisse
+und ohne Erröthen mitwirken könnte; treu zu bleiben seinen Überzeugungen
+und seinen Freunden, ist in seinen Augen Beschränktheit und
+Verkehrtheit; die Politik ist für ihn nicht eine Wissenschaft, die sich
+mit dem Wohle der Völker beschäftigt, sondern ein aufregendes Spiel des
+Zufalls und der Geschicklichkeit, in welchem der begünstigte Spieler ein
+Landgut, eine Adelskrone oder wohl gar eine Königskrone gewinnen, aber
+auch durch eine unüberlegte Bewegung Gut und Leben verlieren kann. Der
+Ehrgeiz, welcher in friedlichen Tagen bei guten Menschen eine halbe
+Tugend ist, wird jetzt, jedem edleren und <ins class = "correction"
+title = "Original hat »menschenfreundlicherem«">menschen&shy;freund&shy;licheren</ins> Gefühle
+entfremdet, eine selbstsüchtige Begierde, fast so unedel, als die
+Habsucht. Unter den Staats&shy;männern, welche von der Restauration bis
+zum Regierungs&shy;antritt des Hauses Hannover sich an der Spitze der
+großen Parteien des Vaterlandes befunden haben, lassen sich nur sehr
+Wenige auffinden, deren Ruf nicht durch Eigenschaften befleckt ist,
+denen man in unserem Zeitalter die Namen von grober Untreue und
+Verdorbenheit geben würde. Es ist schwerlich eine Übertreibung, wenn man
+sagt, daß öffentliche Männer ohne alle Grundsätze, welche in neuerer
+Zeit an den Staats&shy;geschäften Theil genommen haben, als
+uneigennützig und gewissenhaft betrachtet zu werden verdienten, wollte
+man sie nach dem Maaßstabe beurtheilen, der in der zweiten Hälfte des
+siebzehnten Jahrhunderts geltend war.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Zustand von Schottland.</span>
+<a name = "secII_15" id = "secII_15">Während</a> diese Veränderungen der
+Politik, Religion und Sittlichkeit in England stattfanden, war die
+königliche Autorität ohne Schwierigkeit in allen übrigen Theilen der
+britischen Inseln wieder hergestellt worden. Schottland hatte die
+Restauration der Stuarts mit Freuden begrüßt, da man durch sie die
+Wiederherstellung der nationalen Unabhängigkeit erwartete. Und wirklich
+wurde das von Cromwell aufgelegte Joch dem Anscheine nach beseitigt; die
+Stände versammelten sich wiederum in dem alten Saale zu Edinburg, und
+die Senatoren des Justizkollegiums verwalteten wieder das schottische
+Recht in der früheren Form; aber die Unabhängigkeit des kleinen
+Königreichs bestand mehr dem Namen nach, als in der Wirklichkeit, indem
+der König, so lange er England auf seiner Seite hatte, eine
+Unzufriedenheit in den anderen Gebietstheilen nicht zu fürchten
+brauchte. Er befand sich jetzt in solcher Lage, daß er den Versuch, der
+seinen Vater in’s Verderben stürzte, wiederholen konnte, ohne dessen
+Schicksal fürchten zu müssen. Karl&nbsp;I. hatte es versucht, seine
+eigene Religion durch königliche Gewalt den Schotten
+<span class = "pagenum">II.27</span>
+<a name = "pageII_27" id = "pageII_27"> </a>
+zu einem Zeitpunkte aufzudringen, da sowohl diese Religion, als auch die
+königliche Macht in England unpopulär waren, und nicht genug, daß ihm
+diese Absicht völlig mißglückte, kosteten die Unruhen, welche daraus
+entstanden, ihm zuletzt sogar noch Krone und Leben. Die Zeiten hatten
+sich geändert; England schwärmte für Monarchie und Prälatenthum, und
+deshalb konnte der Plan, dessen Anwendung vor einem Menschenalter höchst
+unklug gewesen sein würde, ohne erhebliche Gefahr für den Thron wieder
+aufgenommen werden. Die Regierung beschloß, in Schottland eine
+bischöfliche Kirche zu errichten; dieser Plan wurde aber von jedem
+vernünftigen Schotten gemißbilligt. Einige, mit Eifer für die
+Prärogative des Königs eingenommene schottische Staats&shy;männer waren
+als Presbyterianer erzogen, und wenn sie auch nicht durch
+Gewissensfragen beunruhigt wurden, so hatten sie doch eine Vorliebe für
+die Religion ihrer Kindheit, und wußten wohl, wie tief dieselbe in den
+Herzen ihrer Landsleute wurzelte. Mit Entschiedenheit erklärten sie sich
+gegen den Plan, als sie aber einsahen, daß es nichts fruchtete, fehlte
+es ihnen an der nöthigen Energie, um bei einer Opposition zu verharren,
+die ihren Landesherrn beleidigen mußte, und Mehre waren sogar ruchlos
+und niederträchtig genug, das Christenthum in einer Form zu
+<em>verfolgen</em>, welche sie in ihrem Gewissen für die reinste
+hielten. Die Einrichtung des schottischen Parlaments war der Art, daß es
+schwerlich selbst schwächeren Königen, als dem damals ziemlich
+machtlosen Karl, einen ernstlichen Widerstand entgegen gestellt haben
+würde. Das Episkopat ward daher durch Gesetze eingeführt, und was die
+Form des Gottesdienstes anlangte, so wurde dem Gutdünken des Klerus ein
+weiter Spielraum bewilligt. In einigen Kirchen wendete man die englische
+Liturgie an; in anderen wählten die Geistlichen aus dieser Liturgie
+diejenigen Gebete und Danksagungen aus, die aller Wahrscheinlichkeit
+nach dem Volke am wenigsten anstößig sein würden. Im Allgemeinen aber
+wurde am Schlusse des öffentlichen Gottesdienstes der Lobgesang
+angestimmt und bei der Taufe das apostolische Glaubensbekenntniß
+gesprochen. Der größte Theil des schottischen Volkes haßte die neue
+Kirche als eine abergläubische und ausländische, besudelt mit den
+Verderbnissen Roms, und als ein Zeichen der englischen Oberherrschaft.
+Trotzdem kam es zu keinem allgemeinen Aufstande; es war das Land nicht
+mehr, das es vor zweiundzwanzig Jahren gewesen. Unglücklicher Krieg und
+Fremdherrschaft hatten den Muth des Volkes gebrochen. Die Aristokratie,
+welche bei den mittleren und niederen Schichten des Volkes in hohem
+Ansehen stand, hatte die Bewegung gegen Karl&nbsp;I. geleitet, gegen
+Karl&nbsp;II. zeigte sie sich unterwürfig. Auf die Hilfe der englischen
+Puritaner konnte man nicht rechnen, sie waren eine schwache Partei,
+geächtet durch Gesetz und öffentliche Meinung. Nur mit Unmuth fügte sich
+daher die Masse des schottischen Volkes; bestürmt von bösen Ahnungen des
+Gewissens, wohnten sie dem Gottesdienste des bischöflichen Klerus oder
+derjenigen presbyterianischen Geistlichen bei, die sich hatten bereit
+finden lassen, von der Regierung eine halbe Duldung anzunehmen, die man
+Indulgenz nannte. Es gab aber besonders in dem westlichen Unterlande
+entschlossene und kühne Männer, welche der Meinung waren, die Pflicht,
+den Covenant zu halten, stehe höher, als die Pflicht, der Obrigkeit zu
+gehorchen. Dem Gesetz trotzend, ließen diese Leute sich nicht abhalten,
+Versammlungen zu veranstalten, um Gott nach ihrer Weise zu verehren. In
+der Indulgenz erblickten sie keineswegs eine Art Entschädigung für die
+Unbilden, welche
+<span class = "pagenum">II.28</span>
+<a name = "pageII_28" id = "pageII_28"> </a>
+die Kirche von der Obrigkeit erlitten, sondern ein neues und um so
+hassenswürdiges Unrecht, da man ihm das Ansehen einer Wohlthat geben
+wollte. Verfolgung, meinten sie, könne nur den Körper tödten, die
+schmachvolle Indulgenz aber vernichte die Seele. Als man sie aus den
+Städten vertrieb, sammelten sie sich in den Wäldern und Gebirgen; wurden
+sie von der bürgerlichen Macht angegriffen, so setzten sie der Gewalt
+unbedenklich Gewalt entgegen. Bei jedem Konventikel erschienen sie
+bewaffnet, und mehrmals erregten sie offenen Aufruhr. Sie wurden zwar
+ohne große Mühe besiegt, aber durch Niederlagen und Strafen stählte sich
+nur ihr Muth. Gehetzt wie wilde Thiere, gefoltert bis ihre Gebeine
+zermalmt waren, hundertweise in den Kerker geworfen, zu Zwanzigen
+aufgeknüpft, heute der Rohheit englischer Soldaten preisgegeben, morgen
+der Willkür hochländischer Räuberbanden überlassen, vertheidigten sie
+sich immer noch mit so entsetzlicher Wuth, daß der kühnste und
+mächtigste Unterdrücker Ursache hatte, ihren durch die Verzweiflung
+angefachten Muth zu fürchten.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Zustand von Irland.</span>
+<a name = "secII_16" id = "secII_16">So</a> war unter der Regierung
+Karls&nbsp;II. der Zustand von Schottland; aber Irland war nicht minder
+zerrüttet. Auf dieser Insel bestanden Fehden, welche sich mit den
+heftigsten Feindschaften der englischen Politiker nicht vergleichen
+ließen. Die Feindseligkeiten zwischen den irischen Cavalieren und den
+irischen Rundköpfen waren fast vergessen über der grimmigeren
+Feindschaft, welche zwischen der englischen und der celtischen Race
+wüthete. Die Kluft zwischen den Episkopalen und Presbyterianern
+verschwand, wenn man sie mit der verglich, welche Beide von den Papisten
+trennte. In den letzten bürgerlichen Unruhen war ein großer Theil des
+irischen Grundeigenthums von dem unterjochten Volke auf die Sieger
+übergegangen. Auf die Gunst der Krone konnten sowohl von den alten wie
+von den neuen Besitzern nur wenige Anspruch machen, denn die Plünderer
+wie die Geplünderten waren in der Mehrzahl Rebellen. Die Regierung wurde
+des Streites der beiden ergrimmten Parteien über entgegengesetzte
+Ansprüche und gegenseitige Beschuldigungen bald müde und überdrüssig.
+Diejenigen Kolonisten, unter welche Cromwell das eroberte Land vertheilt
+hatte, und deren Abkömmlinge man noch immer Cromwellianer nannte, gaben
+zu bedenken, daß die englische Nation unter jeder Dynastie, und die
+protestantische Religion in jeder Form, von den Ureinwohnern auf das
+Heftigste angefeindet würde. Sie schilderten mit Übertreibung die
+Gräuel, welche den Aufstand von Ulster geschändet hatten, sie beschworen
+den König, die Politik des Protektors mit Entschiedenheit zu verfolgen,
+und schämten sich nicht es auszusprechen, daß der Frieden in Irland nur
+dann bestehen könne, wenn der alte Volksstamm der Iren völlig vertilgt
+sein werde. Die Katholiken stellten ihr Vergehen möglichst gering dar
+und jammerten kläglich über die Härte ihrer Strafe, die auch in der That
+eben nicht gelind gewesen war. Sie baten Karl, die Unschuldigen nicht
+mit den Schuldigen zu verwechseln und erinnerten ihn, daß ein großer
+Theil der Schuldigen ihren Fehler dadurch gut gemacht, daß sie zu ihrer
+Pflicht zurückgekehrt waren und seine Rechte gegen die Henker seines
+Vaters in Schutz nahmen. Um die zwei zudringlichen Parteien, von denen
+keine auf seine Liebe Anspruch hatte, los zu werden, diktirte der Hof
+einen Vergleich, und befreite sich dadurch von der Plage. Das grausame,
+aber höchst praktische und energische System, durch welches Cromwell
+Irland durchweg englisch machen
+<span class = "pagenum">II.29</span>
+<a name = "pageII_29" id = "pageII_29"> </a>
+wollte, wurde aufgegeben, und die Cromwellianer veranlaßt, ein Drittel
+ihrer Erwerbungen herauszugeben. Das übergebene Land wurde willkürlich
+unter diejenigen Bewerber vertheilt, welche die Regierung begünstigen
+wollte. Eine Masse von Leuten aber, welche versicherten, daß sie sich
+keiner Illoyalität schuldig gemacht, und einzelne Personen, die sich
+rühmten, ihre Loyalität auf das Glänzendste bewiesen zu haben, erhielten
+weder Zurückerstattung noch Entschädigung, und erfüllten Frankreich und
+Spanien mit lauten Klagen über die Ungerechtigkeit und Undankbarkeit der
+Stuarts.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Regierung in England wird unpopulär.</span>
+<a name = "secII_17" id = "secII_17">Selbst</a> in England hatte um
+diese Zeit die Regierung aufgehört populär zu sein. Unter den
+Royalisten, und zwischen ihnen und dem Hofe, waren Zwistigkeiten
+entstanden; die besiegte und niedergetretene Partei aber, von der man
+glaubte, daß sie vernichtet sei, die jedoch eine zähe Lebenskraft besaß,
+erhob von Neuem das Haupt, und trat wiederum gerüstet hervor. Wenn auch
+die Verwaltung ohne Tadel gewesen wäre, so konnte doch die Begeisterung,
+mit der die Rückkehr des Königs und das Ende der Militärherrschaft
+begrüßt wurde, nicht von Dauer sein, denn es ist in der menschlichen
+Natur begründet, daß auf übermäßige Erregung immer Abspannung folgt. Die
+Art aber wie der Hof seinen Sieg mißbrauchte, führte eine rasche und
+vollständige Abkühlung herbei. Jeder Gemäßigte erschrak vor der
+Anmaßung, Hartherzigkeit und Treulosigkeit, mit der man die
+Nichtconformisten behandelte. Durch die Strafgesetze war die
+unterdrückte Partei vollständig von den heuchlerischen Mitgliedern
+gereinigt worden, welche sie in Mißcredit gebracht hatten; jetzt stand
+sie wieder als würdige und fromme Gemeinschaft da. Der Puritaner als
+Sieger, Gebieter, Verfolger und Sequestrator war ein Gegenstand des
+Hasses gewesen, aber der verrathene und gemißhandelte Puritaner,
+verlassen von allen falschen Freunden, die im Glücke ihn umgaben,
+vertrieben von seinem Hause, mit schweren Strafen bedroht, wenn er es
+wagte, seinem Gewissen gemäß zu beten und das Abendmahl zu empfangen,
+aber immer noch unerschütterlich in seinem Entschlusse, nur Gott, und
+nicht den Menschen zu gehorchen, war, trotz einiger unangenehmen
+Erinnerungen, jedem redlichen Gemüth ein Gegenstand des Mitgefühls und
+der Hochachtung. Diese Gefühle steigerten sich, als das Gerücht umlief,
+daß der Hof nicht gesonnen sei, die Katholiken ebenso streng zu
+behandeln, wie es den Presbyterianern widerfahren war. Es tauchte ein
+unbestimmter Verdacht auf, daß der König und der Herzog nicht aufrichtig
+protestantisch gesinnt seien. Viele, denen die Verschlossenheit und
+Heuchelei der Pharisäer der Republik widerlich gewesen war, empfanden
+jetzt noch größeren Abscheu vor der schamlosen Üppigkeit des Hofes und
+der Cavaliere, und neigten sich zu dem Zweifel hin, ob nicht die
+finstere Grübelei von „Preise Gott, Barebone“ der abscheulichen
+Gottlosigkeit und den Ausschweifungen der Buckinghams und <ins class =
+"correction" title = "Original hat »Seydley’s«">Sedley’s</ins>
+vorzuziehen sei. Selbst sittenlose Menschen, denen es nicht gänzlich an
+Einsicht und Sinn für das Gemeinwohl fehlte, beklagten, daß die
+Regierung Dinge von höchster Wichtigkeit als Kleinigkeiten betrachte,
+dagegen Angelegenheiten ohne Bedeutung zu ernsten Geschäften mache. Man
+könne es einem Könige vergeben, wenn er seine <ins class = "correction"
+title = "Original hat »Musestunden«">Mußestunden</ins> durch Wein, Witz
+und Schönheit erheitere; aber unerträglich sei es, wenn er zu einem
+bloßen Tagediebe und Wollüstlinge sich erniedrige, wodurch das Interesse
+des Staates vernachlässigt sowie der Staats&shy;dienst und die Finanzen
+in
+<span class = "pagenum">II.30</span>
+<a name = "pageII_30" id = "pageII_30"> </a>
+Noth und Unordnung gebracht würden, während liederliche Weiber und
+Schmarotzer sich bereicherten.</p>
+
+<p>Eine große Menge von Royalisten stimmten in diese Klagen ein, und
+setzten manche heftige Bemerkung über die Undankbarkeit des Königs
+hinzu. Freilich würde das ganze Einkommen desselben nicht hingereicht
+haben, sie alle nach Maaßgabe ihres Verdientes, wie sie es
+veranschlagten, zu belohnen, denn jedem Gentleman mit zerrüttetem
+Vermögen, der unter Ruprecht oder Derby gefochten hatte, erschienen
+seine Dienste ungemein wichtig und seine ertragenen Leiden
+außerordentlich hart. Ein Jeder hatte sich geschmeichelt, daß, wie es
+auch immer den Übrigen ergehen möchte &mdash; wenigstens <em>er</em> für
+Alles, was die bürgerlichen Unruhen ihm geraubt, eine reichliche
+Entschädigung erhalten, und der Herstellung der Monarchie die
+Verbesserung seiner eigenen zerrütteten Glücksumstände folgen würde.
+Keiner von diesen Erwartungsvollen vermochte seinen Unmuth
+zurückzuhalten, als er sah, daß er unter der Herrschaft des Königs eben
+so arm war, wie zur Zeit des Rumpfs, oder unter dem Protektor. Die
+Rücksichtslosigkeit und Üppigkeit des Hofes erregte den heftigsten
+Unwillen dieser loyalen Veteranen. Sie behaupteten nicht mit Unrecht,
+daß die Hälfte der Summen, welche der König an Concubinen und Hofnarren
+verschwende, die Herzen von vielen hundert alten Cavalieren erfreuen
+würde, welche, nachdem sie ihre Wälder gelichtet, und ihr Silbergeschirr
+eingeschmolzen, um seinem Vater zu unterstützen, jetzt in ärmlichen
+Kleidern herumgingen, und nicht wüßten, wie sie ihren Hunger stillen
+sollten.</p>
+
+<p>Um dieselbe Zeit fielen plötzlich die Renten. Das Einkommen jedes
+Grundeigenthümers verminderte sich um fünf Schillinge auf das Pfund. Der
+Nothruf der Landleute ließ sich aus jeder Grafschaft des Königreichs
+vernehmen, und, wie immer, ward die Regierung für diese Noth
+verantwortlich gemacht. Der niedere Adel, gezwungen seine Ausgaben auf
+einige Zeit zu beschränken, blickte mit Entrüstung auf den Glanz und die
+zunehmende Verschwendung in Whitehall, und war fest überzeugt, das Geld,
+welches zur Aufrechthaltung seines Wohlstandes bestimmt gewesen, sei
+durch einen unbegreiflichen Proceß in die Taschen der königlichen
+Günstlinge gewandert.</p>
+
+<p>Die Menschen waren jetzt in einer Stimmung, in der jeder öffentliche
+Akt Unzufriedenheit erregte. Karl hatte sich mit der Prinzessin
+Katharina von Portugal vermählt; diese Verbindung mißfiel aber
+allgemein, und das Murren ward noch hörbarer, als es sich herausstellte,
+daß der König muthmaßlich keine legitimen Nachkommen erhalten werde.
+Dünkirchen, das Cromwell Spanien entrissen, wurde an Ludwig XIV.,
+Frankreichs König, verkauft, was allgemeinen Unwillen erregte. Die
+Engländer beobachteten bereits nicht ohne Besorgniß die Zunahme der
+französischen Macht, und betrachteten das Haus der Bourbons mit
+denselben Empfindungen, welche ihre Großväter gegen das Haus Österreich
+gehegt hatten. War es wohlgethan, fragte man, der Macht einer schon so
+gewaltigen Monarchie einen Zuwachs zu geben? &mdash; Außerdem ward
+Dünkirchen von dem Volke nicht nur als Waffenplatz und als ein Schlüssel
+zu den Nieder&shy;landen, sondern auch als eine Trophäe englischer
+Tapferkeit geschätzt. Dünkirchen war für die Zeiten Karls, was Calais
+einer früheren Generation gewesen, und was der Felsen von Gibraltar,
+&mdash; so ritterlich unheilvolle Jahre hindurch gegen die Flotten und
+Heere einer
+<span class = "pagenum">II.31</span>
+<a name = "pageII_31" id = "pageII_31"> </a>
+mächtigen Allianz vertheidigt, &mdash; für uns ist. Die Rücksicht auf
+finanzielle Ursachen wäre ein Entschuldigungs&shy;grund gewesen, wenn
+ihn eine sparsame Regierung geltend gemacht hätte; es war aber kein
+Geheimniß, daß die Kosten, welche Dünkirchen veranlaßte, ohne Bedeutung
+erschienen gegenüber den Summen, welche am Hofe in Ausschweifungen und
+Thorheiten vergeudet wurden. Es schien unerhört, daß ein Souverain, der
+in allen seinen Vergnügungen einer beispiellosen Verschwendung huldigte,
+den Knauser spielen wollte, wenn es die Wohlfahrt und Ehre des
+Vaterlandes galt.</p>
+
+<p>Die allgemeine Unzufriedenheit nahm zu, als es sich zeigte daß,
+während man Dünkirchen unter dem Vorwande der Sparsamkeit aufgab, die
+Festung Tanger, welche zur Mitgift der Königin Katharina gehörte, mit
+ungeheuren Kosten hergestellt und unterhalten wurde. An diesen Platz
+knüpften sich keine Erinnerungen des Nationalstolzes, und derselbe
+konnte in keiner Art das National-Interesse fördern. Durch ihn wurde
+England in einen ruhmlosen, nachtheiligen und unabsehbaren Krieg mit
+halbwilden arabischen Stämmen verwickelt, und er lag in einem für die
+Gesundheit und Kraft des englischen Volks höchst <ins class =
+"correction" title = "Original hat »nachtheiligem«">nachtheiligen</ins>
+Klima.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Krieg mit den Holländern.</span>
+<a name = "secII_18" id = "secII_18">Das</a> Murren aber, welches diese
+Fehlgriffe hervorriefen, war nicht zu vergleichen mit dem lauten
+Geschrei, das bald darauf sich erhob. Die Regierung begann einen Krieg
+mit den Vereinigten Provinzen. Das Haus der Gemeinen bewilligte mit
+größter Bereitwilligkeit unerhörte Summen, größer als die, welche die
+Flotten und Heere Cromwells zu einer Zeit kosteten, da seine Macht in
+aller Welt gefürchtet war. Die Verschwendung, Unredlichkeit und
+Unfähigkeit seiner Nachfolger waren so groß, daß diese Freigebigkeit
+sich schlimmer als nutzlos erwies. Die feigen Höflinge, ohne alle
+Befähigung den großen Männern entgegenzutreten, welche damals die
+holländischen Waffen befehligten, &mdash; einem Staatsmann, wie de
+Witte, und einem General wie de Ruyter &mdash; suchten sich schnell zu
+bereichern, während die halbverhungerten Matrosen in Empörung
+ausbrachen, die Werfte unbeschützt, und die Schiffe leck und ohne
+Takelwerk waren. Jetzt beschloß man, die Offensive aufzugeben; aber sehr
+bald kam die Überzeugung, daß bei einer solchen Verwaltung selbst ein
+Vertheidigungskrieg nicht durchzuführen sei. Die holländische Flotte
+lief in die Themse ein, und vernichtete bei Chatham sämmtliche
+Kriegsschiffe. Es wurde erzählt, daß gerade an dem Tage dieser harten
+Demüthigung der König mit den Damen seines Serails bei Tafel gesessen,
+und sich damit amüsirt habe, eine Motte im Speisesaale herumzujagen. Das
+Andenken an Cromwell fand jetzt seine gerechte Anerkennung. Überall
+rühmte man seine Tapferkeit, seine Umsicht und seinen Patriotismus. Man
+erinnerte sich, wie unter seiner Herrschaft alle auswärtigen Mächte vor
+Englands Namen gezittert hatten, wie die jetzt so kecken Generalstaaten
+<ins class = "correction" title = "Fehler für »ihr« oder »das«?">sein</ins> Haupt vor ihm gebeugt, wie bei der Nachricht von
+seinem Tode Amsterdam illuminirt worden, wie bei einer Errettung aus
+großer Gefahr, und daß die Kinder an den Kanälen umherliefen, vor Freude
+jauchzend, daß der Teufel gestorben sei. Selbst Royalisten erklärten
+unverholen, die Rettung des Staates sei nur dadurch zu bewerkstelligen,
+daß man die alten Krieger der Republik zu den Waffen rufe. Bald fühlte
+die Hauptstadt alle Drangsale einer Blokade. Feuerungsmaterial war kaum
+zu erlangen. Tilbury Fort, wo einst Elisabeth mit männlichem Muthe gegen
+Spanien und Parma schnöden Spott geschleudert,
+<span class = "pagenum">II.32</span>
+<a name = "pageII_32" id = "pageII_32"> </a>
+wurde von den Holländern insultirt. Es war das erste, aber auch das
+letzte Mal, wo Londons Bürger den Donner fremder Geschütze vernahmen. Im
+Staatsrathe wurde der ernstliche Vorschlag gemacht, beim Anrücken des
+Feindes den Tower preiszugeben. Das Volk durchzog in Masse die Straßen,
+und rief, daß England verrathen und verkauft sei. Die Paläste und
+Equipagen der Minister wurden vom Pöbel angegriffen, und es erhielt ganz
+den Anschein, daß die Regierung zugleich mit der Invasion auch einen
+Volksaufstand zu fürchten haben werde. Die größte Gefahr zog allerdings
+bald vorüber; es wurde ein Vertrag abgeschlossen, ganz abweichend von
+denen, welche Cromwell zu unterzeichnen pflegte, und noch einmal kehrte
+der Frieden einer Nation zurück, die sich in einer ebenso gereizten und
+niedergedrückten Stimmung befand, wie in den Tagen des
+Schiffsgeldes.</p>
+
+<p>Die Unzufriedenheit, welche die schlechte Verwaltung hervorrief, ward
+noch durch Unfälle vermehrt, die auch die beste Verwaltung nicht hätte
+beseitigen können. Während der schimpfliche Krieg mit Holland geführt
+wurde, erfuhr London zwei Unglücksfälle, von denen in so kurzem
+Zeitraume noch nie eine Stadt betroffen worden war. Eine Seuche, an
+Furchtbarkeit alle überbietend, welche im Laufe von drei Jahrhunderten
+die Insel heimgesucht hatten, kostete binnen sechs Monaten mehr als
+hundert&shy;tausend Menschen das Leben, und kaum hatte der Leichenwagen
+seine Thätigkeit beendet, als eine Feuersbrunst, wie sie seit dem Brande
+Roms unter Nero Europa nicht erlebt, die ganze City, vom Tower bis zum
+Tempel, und von dem Flusse bis zu den Bezirken von Smithfield in einen
+Aschenhaufen verwandelte.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Opposition in dem Hause der Gemeinen.</span>
+<a name = "secII_19" id = "secII_19">Hätte</a> man, während die Nation
+unter so viel Schande und Drangsal fast erlag, eine allgemeine Wahl
+vorgenommen, so würden nach aller Wahrscheinlichkeit die Rundköpfe
+wieder zur Herrschaft im Staate gelangt sein; das Parlament war aber
+noch immer das Cavalierparlament, welches in dem ersten Loyalitätstaumel
+gewählt worden, der auf die Restauration folgte. Es ward jedoch bald
+offenbar, daß keine gesetzgebende Versammlung in England, wäre sie auch
+noch so loyal, sich begnügen würde, blos das zu sein, was dergleichen
+Versammlungen zur Zeit der Tudors gewesen waren. Vom Tode Elisabeths bis
+zum Beginn des Bürgerkrieges hatten die Puritaner, welche in dem
+volksvertretenden Körper überwiegend waren, durch eine geschickte
+Anwendung der Macht des Geldes Übergriffe in das Gebiet der exekutiven
+Regierung gethan. Die Herren, welche nach Ausführung der Restauration
+das Unterhaus einnahmen, haßten zwar die Puritaner, waren aber gar nicht
+böse, die Früchte der puritanischen Staatskunst zu erben. Allerdings
+hatten sie den besten Willen, die Gewalt, welche ihnen im Staate
+geworden, zu dem Zwecke zu verwenden, ihrem König sowohl daheim, wie im
+Auslande, Macht und Ansehen zu verschaffen; sie waren aber auch
+entschlossen, ihre eigene Macht nicht aufzugeben. Die große englische
+Revolution des siebzehnten Jahrhunderts, nämlich die Übertragung der
+Oberleitung der ausführenden Verwaltung von der Krone auf das Haus der
+Gemeinen, war während des ganzen langen Bestehens dieses Parlaments in
+ruhigem, aber schnellem und entschlossenem Fortschreiten. Karl gerieth
+durch seine Thorheiten und Laster beständig in Geldverlegenheit. Nur
+durch die Gemeinen konnte er auf gesetzlichem Wege Geld erlangen, und es
+ließ sich nicht verhindern, daß sie
+<span class = "pagenum">II.33</span>
+<a name = "pageII_33" id = "pageII_33"> </a>
+selbst einen Preis für ihre Bewilligung festsetzten. Dieser bestand
+darin, daß es ihnen erlaubt sei, sich in alle Prärogativen des Königs zu
+mischen, ihm die Zustimmung zu Gesetzen, welche er mißbilligte,
+abzuzwingen, Cabinete aufzulösen, den Gang der auswärtigen Politik
+vorzuschreiben und selbst die Kriegsführung zu leiten. Der königlichen
+Würde und der Person des Souverains versprachen sie laut und offenherzig
+die treueste Anhänglichkeit. Clarendon aber waren sie keine
+Unterthanentreue schuldig, und so griffen sie ihn mit einer so heftigen
+Entrüstung an, wie ihre Vorgänger einst Strafford.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Sturz Clarendons.</span>
+<a name = "secII_20" id = "secII_20">Die</a> guten Eigenschaften, wie
+die Fehler dieses Staats&shy;mannes beförderten gleichmäßig seinen
+Sturz. Er war das Haupt der Verwaltung, und wurde deshalb selbst für
+solche Handlungen verantwortlich gemacht, denen er in der
+Rathsversammlung lebhaften, wenn auch nutzlosen Widerstand
+entgegengestellt hatte. Die Puritaner und Alle, welche diese
+bemitleideten, hielten ihn für einen unverbesserlichen Zeloten, für
+einen zweiten Laud, nur mit mehr Verstand begabt als dieser. Er hatte
+stets behauptet, daß man die Amnestieakte streng handhaben müsse, und
+obgleich dieser Theil seines Verhaltens höchst ehrenwerth für ihn
+erschien, so verfeindete derselbe ihn doch mit allen Royalisten, welche
+ihren zerrütteten Verhältnissen durch Klagen gegen die Rundköpfe wegen
+erlittener Verluste und entzogener Nutzungen wieder aufzuhelfen
+wünschten. Die Presbyterianer Schottlands beschuldigten ihn des Sturzes
+ihrer Kirche, die irländischen Papisten warfen ihm den Verlust ihrer
+Güter vor. Als Vater der Herzogin von York hatte er gegründete Ursachen,
+eine unfruchtbare Königin zu wünschen, und kam daher in den Verdacht,
+absichtlich eine solche empfohlen zu haben. Den Verkauf Dünkirchens
+machte man ihm mit Recht zum Vorwurf; die Schuld an dem holländischen
+Kriege aber ward ihm mit weniger Grund zur Last gelegt. Sein reizbares
+Temperament, sein stolzes Benehmen, die maßlose Sucht, Reichthümer zu
+erwerben, die prahlerische Art mit der er dieselben wieder
+verschwendete, seine mit den Meisterstücken van Dyks gefüllte
+Gemäldegallerie &mdash; dem früheren Eigenthume verarmter Cavaliere,
+&mdash; sein Palast, dessen lange stattliche Fronte sich der
+bescheidenen Wohnung des Königs gegenüber erhob, unterwarfen ihn vielem
+wohlverdienten, jedoch auch manchem ungerechten Tadel. Als die
+holländische Flotte in der Themse ankerte, richtete sich die Wuth des
+Pöbels hauptsächlich gegen den Kanzler. Man warf ihm die Fenster ein,
+vernichtete die Bäume seines Gartens, und errichtete vor dem Eingange
+seines Palastes einen Galgen. Am verhaßtesten war er dem Hause der
+Gemeinen. Er war nicht fähig, zu erkennen, daß die Zeit schnell
+heranrückte, wo dieses Haus, wenn es überhaupt fortbestand, die
+Oberherrschaft im Staate erlangen, daß die Leitung desselben ein
+wichtiger Zweig der Staats&shy;geschäfte werden, und daß es unmöglich
+sein würde, ohne den Beistand von Männern, welche das Vertrauen des
+Hauses besaßen, das Ruder des Staats&shy;schiffs zu führen. Er ließ sich
+nicht davon abbringen, das Parlament als eine Corporation zu betrachten,
+die in keiner Hinsicht von jenem Parlamente abweiche, welches vor
+vierzig Jahren existirte, als er im Temple dem Studium der
+Rechtswissenschaft oblag. Zwar beabsichtigte er nicht, die gesetzgebende
+Versammlung der Vorrechte zu berauben, welche die alte Verfassung
+Englands ihr bewilligt; aber die neue Ausdehnung derselben, wenn auch
+natürlich und unvermeidlich, und nur durch ihre völlige Vernichtung
+abzuwenden,
+<span class = "pagenum">II.34</span>
+<a name = "pageII_34" id = "pageII_34"> </a>
+erfüllte ihn mit Widerwillen und Unruhe. Nie würde er sich entschlossen
+haben, das große Siegel unter eine Verordnung zur Erhebung von
+Schiffsgeld zu drücken, oder im Rathe seine Zustimmung dazu zu geben,
+daß ein Mitglied des Parlaments auf Grund von Äußerungen während der
+Debatte in den Tower geschickt werden könne; als aber die Gemeinen zu
+wissen verlangten, wozu das Geld, welches sie für den Krieg bewilligt,
+verwendet worden sei, als sie anfingen die schlechte Verwaltung der
+Flotte zu untersuchen, da gerieth er vor Unwillen außer sich. Er war der
+Ansicht, daß dergleichen Nachforschungen außerhalb ihrer Berechtigung
+lägen und gab zwar zu, daß das Haus eine sehr loyale Versammlung sei,
+die der Krone recht ersprießliche Dienste geleistet, und daß seine
+Absichten ganz vortrefflich sein könnten, aber in weiteren und engeren
+Kreisen sprach er unverholen sein Bedauern aus, daß der Monarchie
+aufrichtig ergebene Gentlemen mit solcher Unbedachtsamkeit die Vorrechte
+des Souverains antasteten. Wenn auch anderer Gesinnung als die
+Mitglieder des Langen Parlaments, handelten sie doch &mdash; sagte er
+&mdash; wie dieses Parlament, indem sie Angelegenheiten zu den ihrigen
+machten, welche, außerhalb des Wirkungskreises der Reichsstände, nur
+lediglich der Autorität der Krone unterlägen. Er versicherte, der Staat
+werde sich nie einer guten Regierung erfreuen, bis die Abgeordneten der
+Grafschaften sich damit begnügten, nicht mehr zu sein, als ihre
+Vorgänger zur Zeit Elisabeths. Alle Vorschläge, welche von Männern, die
+ihre Zeit besser erkannt hatten als er, zu dem Zwecke gemacht wurden,
+ein Einverständniß zwischen dem Hofe und den Gemeinen herbeizuführen,
+wies er als unreife Projecte, die mit den alten englischen
+Staats&shy;verhältnissen nicht harmonirten, verächtlich zurück. Junge
+Sprecher, welche im Unterhause zu Ansehen und Auszeichnung gelangten,
+behandelte er abstoßend, und machte sich dieselben fast ohne Ausnahme
+dadurch zu unversöhnlichen Feinden. Ohne Zweifel war einer seiner
+größten Fehler die maßlose Verachtung der Jugend, und es war dieselbe um
+so weniger zu rechtfertigen, da seine eigene diplomatische Erfahrung in
+englischen Regierungs&shy;angelegen&shy;heiten, durchaus in keinem
+Verhältnisse zu seinen Jahren stand, indem er einen großen Theil seines
+Lebens im Auslande zugebracht und von der Welt, in der er sich nach
+seiner Rückkehr bewegte, nicht so viel wußte, als Leute, welche dem
+Alter nach seine Söhne sein konnten.</p>
+
+<p>Aus diesen Gründen war er den Gemeinen verhaßt, und aus anderen
+Gründen auch bei Hofe nicht beliebt. Seine Moral wie seine Politik
+erinnerten an eine frühere Generation. Selbst als junger Student der
+Rechte, wo er mit so vielen witzigen und vergnügungslustigen Menschen
+umging, hatten ihn sein natürlicher Ernst und seine frommen Grundsätze
+fast ganz vor der Ansteckung der Modethorheiten bewahrt; um so weniger
+war er geeignet, im höheren Alter und bei schwankender Gesundheit noch
+ein Wüstling zu werden. Mit bitterem und verächtlichem Widerwillen
+betrachtete er die Lasterhaftigkeit der ausgelassenen Jugend, sowie er
+nicht minder die tiefste Abneigung gegen die theologischen Irrthümer der
+Sectirer hegte. Er benutzte jede Gelegenheit, um seinen Haß gegen
+Possenreißer, Schwelger und Buhlerinnen auszusprechen, welche den Palast
+erfüllten, und die Warnungen, die er gegen den König aussprach, waren
+nicht nur sehr scharf, sondern auch, was Karl noch ärgerlicher war, sehr
+lang. Es fand sich Niemand, der einem Minister beistand, dem man den
+doppelten Vorwurf machte, Fehler zu besitzen, welche die Wuth des Volkes
+erweckten, und Tugenden, welche dem Monarchen beschwerlich und
+unangenehm waren.
+<span class = "pagenum">II.35</span>
+<a name = "pageII_35" id = "pageII_35"> </a>
+Southampton war gestorben; Ormond stand dem Freunde mannhaft und treu,
+aber fruchtlos zur Seite. Der Kanzler fiel in die tiefste Ungnade. Der
+König nahm ihm das Siegel ab, die Gemeinen versetzten ihn in
+Anklagestand, sein Kopf war nicht mehr sicher, er entfloh aus England
+und wurde durch eine Akte zu ewiger Verbannung verurtheilt; die aber,
+welche seinen Fall herbeigeführt, begannen sich um die Trümmer seiner
+Gewalt zu streiten.</p>
+
+<p>Durch Clarendon’s Hinopferung war der öffentliche Rachedurst etwas
+abgekühlt; doch war die Entrüstung über die Verschwendung und
+Nachlässigkeit der Regierung, so wie über den schlechten Ausgang des
+letzten Krieges noch keineswegs beschwichtigt. Die Räthe des Königs,
+denen das Schicksal des Kanzlers vorschwebte, fürchteten für ihre eigene
+Sicherheit. Sie beschworen deshalb den Herrscher, die Aufregung, welche
+im Parlamente wie im ganzen <ins class = "correction" title = "Original hat »Lande,«">Lande</ins> herrschte, zu besänftigen und einen Schritt zu
+thun, der in der Geschichte des Hauses Stuart ohne Beispiel ist und der
+Klugheit und Hochherzigkeit eines Cromwell würdig gewesen wäre.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Zustand der europäischen Staats&shy;angelegen&shy;heiten und
+Überlegenheit Frankreichs.</span>
+<a name = "secII_21" id = "secII_21">Wir</a> sind jetzt bei dem Punkte
+angekommen, wo die Geschichte der großen, englischen Revolution anfängt,
+sich mit der Geschichte der auswärtigen Staats&shy;angelegen&shy;heiten
+zu verflechten. Die spanische Macht war seit vielen Jahren im Abnehmen
+begriffen. Spanien besaß zwar in Europa noch Mailand, die beiden
+Sicilien, Belgien und die Franche Comté, und in Amerika lagen seine
+Besitzungen zu beiden Seiten des Äquators noch weit über die beiden
+Grenzen der heißen Zone hinaus; allein dieser große Körper war gelähmt,
+und nicht nur ohne Macht, andere Staaten zu belästigen, sondern auch
+außer Stande, ohne Unterstützung einen Angriff auszuhalten. Frankreich
+war jetzt ohne Zweifel die bedeutendste Macht Europa’s. Seit jener Zeit
+haben seine Hilfsquellen unbedingt zugenommen, aber nicht so schnell wie
+die Hilfsquellen Englands. Auch darf man nicht vergessen, daß vor
+einhundert&shy;achtzig Jahren das russische Kaiserreich &mdash; jetzt
+eine Monarchie ersten Ranges &mdash; ebensoweit außer dem Bereich der
+europäischen Politik lag, wie Abyssinien oder Siam, daß das
+brandenburgische Haus damals kaum bedeutender war, als jetzt das Haus
+Sachsen, und daß die Republik der Vereinigten Staaten von Amerika zu
+jener Zeit noch nicht existirte. Die Bedeutung Frankreichs hat sich
+demnach, obgleich sie noch immer sehr groß ist, relativ vermindert. Zu
+den Zeiten Ludwigs XIV. war Frankreichs Gebiet noch nicht ganz so
+ausgebreitet wie gegenwärtig, aber es war ein großes, abgeschlossenes,
+fruchtbares Land, zum Angriff wie zur Vertheidigung trefflich geeignet,
+in einem glücklichen Klima gelegen, und bewohnt von einem tapferen,
+gewerbfleißigen und geistreichen Volke. Der Staat gehorchte völlig der
+Leitung eines einzigen Geistes. Die großen Lehen, welche in Allem
+&mdash; den Namen ausgenommen &mdash; souveraine Fürstenthümer gewesen,
+waren Eigenthum der Krone geworden. Nur wenige hochbetagte Leute
+erinnerten sich noch der letzten Versammlung der Generalstaaten. Den
+Widerstand, den die Hugenotten, der Adel und die Parlamente der
+königlichen Macht entgegengestellt, war durch die beiden großen
+Cardinäle vernichtet, welche vierzig Jahre lang die Nation beherrscht
+hatten. Die Regierung war jetzt despotisch, aber wenigstens im Verkehr
+mit den höheren Ständen war dieser Despotismus ebenso mild als
+großmüthig, und gemäßigt durch ritterliche Gesinnungen und feine Sitte.
+Die Mittel, über welche der Souverain gebieten konnte, waren für jene
+Zeit von ungeheurer
+<span class = "pagenum">II.36</span>
+<a name = "pageII_36" id = "pageII_36"> </a>
+Bedeutung. Sein Einkommen, erhöht durch eine allerdings etwas harte und
+ungeregelte Besteuerung, welche drückend auf dem Landmann lastete,
+überstieg bei weitem das jedes anderen Herrschers; seine vorzüglich
+disciplinirte und von den größten damals lebenden Generälen befehligte
+Armee zählte bereits mehr als hundert&shy;zwanzig&shy;tausend Mann. Eine
+solche regulaire Truppenmacht war seit dem Untergange des römischen
+Kaiserreiches in Europa nicht gesehen worden. Unter den Seemächten nahm
+Frankreich zwar nicht den ersten Rang ein; aber wenn es auch Rivalen auf
+dem Meere hatte, so wurde es doch von keinem übertroffen. Seine Macht
+während der letzten vierzig Jahre des siebzehnten Jahrhunderts war so
+bedeutend, daß ein einzelner Feind ihm unmöglich widerstehen konnte und
+daß zwei mächtige Coalitionen, zu denen sich die halbe christliche Welt
+gegen Frankreich verbunden hatte, nichts auszurichten vermochten.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Charakter Ludwigs XIV.</span>
+<a name = "secII_22" id = "secII_22">Die</a> Achtung, welche Frankreichs
+Macht und Bedeutung einflößten, wurden noch durch die persönlichen
+Eigenschaften seines Königs erhöht. Kein Souverain hat jemals die
+Majestät eines großen Staates mit mehr Würde und Anstand vertreten, als
+er. Er war sein eigener Premierminister, und besorgte die Obliegenheiten
+dieser schwierigen Stellung mit einer Gewandtheit und einem Fleiße, die
+man in der That kaum von einem Manne hätte erwarten sollen, der schon in
+den Jahren der Kindheit Frankreichs Krone trug und von Schmeichlern
+umgeben war, ehe er noch sprechen konnte. Er besaß in ausgezeichnetem
+Grade zwei für einen Fürsten unschätzbare Talente, nämlich seine Diener
+passend zu wählen, und sich selbst den größeren Theil des Ruhmes ihrer
+Thätigkeit anzueignen. In seinem Verkehr mit auswärtigen Mächten zeigte
+er <ins class = "correction" title = "Original hat »einige«">einigen</ins> Großmuth, aber keine Gerechtigkeit. Unglückliche
+Bundesgenossen, welche mit der einzigen Hoffnung auf sein Mitleid sich
+ihm zu Füßen warfen, beschützte er mit einer chevaleresken
+Uneigennützigkeit, die sich besser für einen irrenden Ritter schickte,
+als für einen Staatsmann; die heiligsten Bande der Treue aber galten ihm
+nichts, und er zerriß sie ohne Scham und Scheu, sobald sie seinem
+Interesse, oder dem was er Ruhm nannte, widerstritten. Doch diese
+Treulosigkeit und Gewaltthätigkeit waren weniger verletzend als der
+Übermuth, mit dem er seine Nachbarn unaufhörlich an seine eigene
+Erhabenheit und ihre Bedeutungslosigkeit erinnerte. Damals zeigte er
+noch nicht die finstre Frömmigkeit, welche in späterer Zeit dem
+französischen Hofe das Aussehen eines Klosters gab; er war im Gegentheil
+ebenso ausschweifend, wenn auch nicht so kindisch und träge wie sein
+Bruder von England. Doch war er ein aufrichtiger Katholik, und nicht nur
+sein Gewissen, sondern auch seine Eitelkeit veranlaßten ihn, seine
+Gewalt nach Art seiner berühmten Vorgänger, Chlodwig, Karl der Große und
+Ludwig der Heilige, zur Verherrlichung und Ausbreitung des wahren
+Glaubens zu verwenden.</p>
+
+<p>Unsere Väter blickten freilich mit ernster Besorgniß auf Frankreichs
+wachsende Macht. Aber diese an sich völlig gerechtfertigte Empfindung
+war nicht frei von anderen, weniger lobenswerthen Gefühlen. Frankreich
+war unser Erbfeind. Gegen Frankreich hatten wir die ruhmvollsten
+Schlachten geschlagen, von denen unsere Geschichte erzählte. Zweimal war
+Frankreich von den Plantagenets erobert worden, und den Verlust
+Frankreichs hatte man lange als ein großes Nationalunglück betrachtet.
+Noch trugen unsere Souveraine den Titel eines Königs von Frankreich,
+noch prangten die französischen Lilien, verbunden mit unseren eigenen
+Löwen,
+<span class = "pagenum">II.37</span>
+<a name = "pageII_37" id = "pageII_37"> </a>
+im Wappenschilde des Hauses Stuart. Die Furcht vor Spanien hatte im
+sechzehnten Jahrhundert das feindselige Verhältniß unterbrochen, das von
+Alters her zwischen uns und Frankreich bestand. Die Furcht aber, welche
+Spanien einflößte, machte bald einem verächtlichen Mitleide Platz, und
+Frankreich trat wieder als alter Nationalfeind hervor. Der Verkauf
+Dünkirchens war die am allgemeinsten verschrieene Maßregel des wieder
+eingesetzten Königs gewesen, und Anhänglichkeit an Frankreich stand an
+der Spitze aller Verbrechen, deren die Gemeinen Clarendon beschuldigten.
+Selbst in Geringfügigkeiten zeigte sich die allgemeine Stimmung. Wenn in
+den Straßen von Westminster eine Rauferei zwischen den Dienern der
+französischen und spanischen Gesandtschaften stattfand, so gab das Volk,
+obgleich an jeder thätlichen Theilnahme kräftigst gehindert, doch die
+unzweideutigsten Zeichen, daß der alte Haß noch nicht erloschen war.</p>
+
+<p>Frankreich und Spanien lagen eben in ernstem Streite mit einander.
+Eine der Hauptabsichten der Politik Ludwigs war sein ganzes Leben
+hindurch die Ausdehnung seiner Besitzungen bis an den Rhein. Aus diesem
+Grunde hatte er Spanien den Krieg erklärt und befand sich jetzt auf dem
+Wege der Eroberung. Die Vereinigten Provinzen gewahrten mit Besorgniß
+die Fortschritte seiner Waffen. Diese berühmte Föderation hatte den
+Gipfel der Macht, der Wohlfahrt und des Glückes erreicht. Das batavische
+Gebiet, den Wogen entrissen und durch menschliche Kunst gegen sie
+vertheidigt, war an Ausdehnung dem Fürstenthum Wales ziemlich gleich;
+aber dieser enge Raum glich einem geschäftigen und dicht bevölkerten
+Bienenstock, in welchem unaufhörlich neuer Reichthum geschaffen wurde
+und eine Masse alter Schätze aufgehäuft waren. Der Anblick von Holland,
+die vortreffliche Bodenkultur, die zahllosen Kanäle, die immer thätigen
+Mühlen, die endlosen Flotten von Barken, das rasche Aufblühen großer
+Städte, die beständig mit zahllosen Masten bespickten Häfen, die
+geräumigen stattlichen Häuser, die prachtvollen Villas, die
+reichgeschmückten Zimmer, die Gemäldesammlungen, die Landhäuser, die
+Tulpenbeete: dies Alles übte auf die englischen Reisenden einen Zauber
+aus, wie ihn der erste Anblick Englands auf einen Norweger oder Canadier
+hervorbringen mag. Cromwell hatte die Generalstaaten gezwungen sich vor
+ihm zu beugen; nach der Restauration aber hatten sie sich gerächt, mit
+Erfolg gegen Karl Krieg geführt, und einen ehrenvollen Frieden
+geschlossen. In so hohem Ansehen jedoch die reiche Republik in Europa
+stand, Ludwigs Macht war ihr überlegen. Nicht ohne guten Grund fürchtete
+sie, daß er sein Gebiet bald bis an ihre Grenzen ausdehnen werde, und
+sie hatte wohl Ursache, die unmittelbare Nachbarschaft eines ebenso
+mächtigen und ehrgeizigen, als gewissenlosen Monarchen zu scheuen. Es
+war jedoch schwer ein Mittel aufzufinden, welches die Gefahr beseitigen
+konnte. Die Holländer allein konnten Frankreich nicht die Wage halten,
+und von der Rheinseite her war keine Hilfe zu erwarten. Ludwig hatte
+verschiedene deutsche Fürsten für sich gewonnen, und der Kaiser selbst
+war durch die Unzufriedenheit der Ungarn beschäftigt. England hatte sich
+durch die Erinnerung an neuerdings erfahrene und erduldete schwere
+Beleidigungen von den Vereinigten Provinzen getrennt, und seine Politik
+war seit der Restauration so arm an Weisheit und Muth gewesen, daß man
+kaum auf eine wirksame Unterstützung von seiner Seite hoffen konnte.</p>
+
+<p>Das Schicksal Clarendons und die überhandnehmende üble Stimmung des
+<span class = "pagenum">II.38</span>
+<a name = "pageII_38" id = "pageII_38"> </a>
+Parlaments bestimmten die Räthe Karls, plötzlich eine Politik zu
+ergreifen, welche die Nation in das freudigste Erstaunen versetzte.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Tripleallianz.</span>
+<a name = "secII_23" id = "secII_23">Der</a> englische Resident zu
+Brüssel, Sir William Temple, einer der erfahrensten Diplomaten und
+beliebtesten Schriftsteller jener Zeit, hatte seinem Hofe bereits
+vorgeschlagen, daß es eben so vortheilhaft als erwünscht sei, mit den
+Generalstaaten in Vernehmen zu treten, um der anwachsenden Macht
+Frankreichs einen Damm entgegen zu setzen. Längere Zeit hatte man seine
+Winke unberücksichtigt gelassen, jetzt aber hielt man es für angemessen,
+ihnen Folge zu leisten, und er bekam den Auftrag, mit den Generalstaaten
+deshalb zu unterhandeln. Er begab sich nach dem Haag, und kam bald zu
+einem Verständniß mit Johann de Witt, dem damaligen Premierminister
+Hollands. Schweden war, trotz seiner unbedeutenden Hilfsquellen, vierzig
+Jahre vorher durch das Genie Gustav Adolfs zu einem hohen Ansehen unter
+den europäischen Mächten gelangt, und hatte diese Stellung bis jetzt
+behauptet. Es wurde veranlaßt, sich bei dieser Gelegenheit mit England
+und den Nieder&shy;landen zu verbinden. So ward jene Koalition gebildet,
+die unter dem Namen der Tripleallianz bekannt ist. Ludwig ließ wohl
+Verdruß und Gereiztheit merken, wagte es aber nicht, sich neben der
+Feindschaft Spaniens auch noch die der Verbündeten zuzuziehen. Er gab
+daher willig einen bedeutenden Theil des Gebietes auf, das seine Heere
+bereits erobert hatten, der Friede ward in Europa hergestellt, und die
+englische Regierung, noch kürzlich ein Gegenstand allgemeiner
+Verachtung, wurde einige Monate lang von den auswärtigen Mächten mit
+fast eben so hoher Achtung angesehen, als man früher dem Protektor
+gezollt hatte.</p>
+
+<p>In England war die Tripleallianz höchst populär. Sie befriedigte
+sowohl den Nationalhaß wie den Nationalstolz, setzte dem Übermuthe eines
+mächtigen und ehrgeizigen Nachbars ein Ziel, und verband auf das
+Innigste die wichtigsten protestantischen Staaten. Cavaliere und
+Rundköpfe waren vollkommen zufrieden, aber die Freude der Rundköpfe war
+noch größer als die der Cavaliere, denn England hatte sich jetzt mit
+einem Lande von republikanischer Verfassung und presbyterianischer
+Religion gegen einen Staat verbündet, der von einem absoluten Fürsten
+regiert ward, welcher der römisch-katholischen Kirche ergeben war. Das
+Haus der Gemeinen zollte dem Vertrage lauten Beifall, und einige
+rücksichtslose Unzufriedene nannten ihn die einzige gute Maßregel,
+welche seit der Rückkehr des Königs ausgeführt worden sei.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Vaterlandspartei.</span>
+<a name = "secII_24" id = "secII_24">Dem</a> Könige aber war diese
+Billigung des Parlaments und Volks höchst gleichgültig. In der
+Tripleallianz sah er blos ein vorübergehendes Mittel zur Beschwichtigung
+der herrschenden Unzufriedenheit, welche einen ernsten Charakter
+anzunehmen schien. Er bekümmerte sich weder um die Selbstständigkeit und
+Sicherheit, noch um die Würde der Nation, über die er herrschte, und
+hatte angefangen, die verfassungs&shy;mäßigen Beschränkungen lästig zu
+finden. Schon hatte sich im Parlamente eine fest zusammenhaltende Partei
+gebildet, welche man die Vaterlandspartei nannte. Diese bestand aus
+allen öffentlichen Männern, welche sich zum Puritanismus und
+Republikanismus hinneigten, und von denen Viele zwar der englischen
+Kirche und erblichen Monarchie zugethan, aber aus Furcht vor dem
+Papstthum und Entrüstung über die Verschwendung, Üppigkeit und
+Treulosigkeit des Hofes zur Opposition genöthigt waren. Die Macht dieses
+Vereins von Staats&shy;männern war in stetem
+<span class = "pagenum">II.39</span>
+<a name = "pageII_39" id = "pageII_39"> </a>
+Wachsthum; alljährlich kamen einige von den Mitgliedern, welche durch
+die loyale Aufregung des Jahres 1661 in das Parlament gekommen waren, in
+Wegfall, und die erledigten Plätze wurden durch weniger fügsame Personen
+besetzt. Karl betrachtete sich nicht als König, so lange noch eine
+Versammlung von Unterthanen, ehe sie seine Schulden bezahlte, seine
+Rechnungen verlangen und darauf bestehen konnte, daß er erklärte, wer
+von seinen Maitressen oder lustigen Gesellschaftern das Geld weggefischt
+habe, welches zur Ausrüstung und Bemannung der Flotte bestimmt gewesen
+war. Wenn er auch nicht gerade nach Ruhm geizte, so verdrossen ihn doch
+die Spöttereien, welche bisweilen in den Verhandlungen der Gemeinen
+vorkamen, und bei einer Gelegenheit versuchte er durch ein sehr schlecht
+gewähltes Mittel diese Redefreiheit zu beschränken. Sir John Coventry,
+ein Landedelmann, hatte in der Debatte auf die Liederlichkeit des Hofes
+angespielt. Jede frühere Regierung würde ihn vor den Geheimen Rath
+gefordert und in den Tower geschickt haben; jetzt aber wählte man einen
+anderen Weg. Man sandte heimlich eine Rotte von Raufbolden ab, welche
+dem Beleidiger die Nase aufschlitzen mußten. Diese gemeine Rache
+verursachte, anstatt dem Geiste der Opposition zu schaden, eine solche
+Aufregung, daß der König sich zu der harten Demüthigung genöthigt sah,
+die Werkzeuge seiner Rache durch eine Akte zu verurtheilen, welche ihm
+das Begnadigungsrecht entzog.</p>
+
+<p>Wie sehr er aber auch gegen die verfassungs&shy;mäßigen Schranken
+eingenommen war, was sollte er thun, um sich von ihnen zu befreien? Er
+konnte sich nur vermittelst einer großen stehenden Armee zum Despoten
+machen, aber eine solche existirte nicht. Seine Einkünfte erlaubten ihm
+zwar einige reguläre Truppen zu halten, aber diese, wenn auch stark
+genug, um Mißtrauen und Besorgniß im Hause der Gemeinen wie im Volke
+hervorzurufen, waren kaum hinreichend, um Whitehall und den Tower gegen
+einen Aufstand des Londoner Pöbels zu vertheidigen. Solche Aufstände
+waren allerdings bedenklicher Art, denn es wurde berechnet, daß in der
+Hauptstadt und ihren Vorstädten nicht weniger als zwanzigtausend alte
+Cromwellsche Soldaten lebten.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Verbindung zwischen Karl II. und Frankreich.</span>
+<a name = "secII_25" id = "secII_25">Da</a> der König die Absicht hatte,
+sich von der Aufsicht des Parlaments zu befreien, und er zu diesem
+Unternehmen keine angemessene Hilfe im Innern zu finden hoffen konnte,
+so war es natürlich, daß er den Blick zu diesem Behufe nach dem Auslande
+richtete. Die Macht und der Reichthum des französischen Königs konnten
+der schwierigen Aufgabe gewachsen sein, die unbeschränkte Monarchie in
+England einzuführen. Ein solcher Bundesgenosse verlangte aber jedenfalls
+starke Beweise der Dankbarkeit für einen derartigen Dienst, Karl hätte
+zu der Bedeutung eines großen Vasallen herabsteigen, und Krieg und
+Frieden nach Vorschrift der Regierung beschließen müssen, welche ihm
+ihren Schutz gewährte. Seine Stellung zu Ludwig würde große Ähnlichkeit
+mit der gehabt haben, in der sich jetzt der Rajah von Nagpore und der
+König von Oude zur britischen Regierung befinden. Diese Fürsten sind
+verpflichtet, die Ostindische Kompagnie in allen Angriffs- und
+Vertheidigungs&shy;kriegen zu unterstützen, und nur solche diplomatische
+Verbindungen zu unterhalten, welche die Ostindische Kompagnie erlaubt.
+Dafür sichert sie die Kompagnie gegen Empörung. So lange sie ihren
+Verpflichtungen gegen die überlegene Macht treulich nachkommen, läßt man
+sie über große Einkünfte verfügen, erlaubt ihnen,
+<span class = "pagenum">II.40</span>
+<a name = "pageII_40" id = "pageII_40"> </a>
+ihre Paläste mit schönen Frauen anzufüllen, sich in der Gesellschaft
+ihrer Lieblinge dumm zu schwelgen, und jeden Unterthanen, der ihnen
+mißfällt, ungestraft zu unterdrücken. Ein solches Leben mußte einem
+Manne von Hochherzigkeit und gewaltigem Geiste unerträglich sein; aber
+für den üppigen, trägen, abgespannten, jeder Vaterlandsliebe und alles
+Bewußtseins persönlicher Würde ermangelnden Karl hatte eine solche
+Aussicht durchaus nichts Mißfälliges. Daß der Herzog von York zu dem
+Plane, die Würde der Krone, welche er vermutlich einst selbst tragen
+würde, zu erniedrigen, die Hand geboten haben sollte, mag auffallend
+erscheinen, denn seine Gemüthsart war hochfahrend und herrschsüchtig,
+und er zeigte in der That ohne Unterbrechung durch Aufwallungen und
+gelegentliche Weigerungen seinen Haß gegen das französische Joch; er war
+jedoch durch Aberglauben fast ebenso verdorben, wie sein Bruder durch
+Nichtsthun und Üppigkeit. Jacob war damals schon Katholik. Frömmelei war
+die vorherrschende Richtung seines beschränkten halsstarrigen Geistes
+geworden und so mit seiner Herrschsucht verwachsen, daß diese beiden
+Leidenschaften kaum mehr zu unterscheiden waren. Es war sehr
+unwahrscheinlich, daß er ohne fremde Hilfe im Stande sein würde, das
+Übergewicht, oder auch nur Duldung für seinen Glauben zu erlangen, und
+bei seiner Gemüthsverfassung sah er in keinem Schritte etwas
+Erniedrigendes, wenn dadurch das Wohl der wahren Kirche befördert werden
+konnte.</p>
+
+<p>Die Unterhandlung, welche eröffnet wurde, dauerte mehrere Monate. Die
+Hauptagentin zwischen den Höfen von England und Frankreich war die
+schöne, anmuthige und geistreiche Henriette, Herzogin von Orleans, Karls
+Schwester, Ludwigs Schwägerin, und der Liebling Beider. Der König von
+England erbot sich, den katholischen Glauben anzunehmen, die
+Tripleallianz aufzulösen und sich mit Frankreich gegen Holland zu
+verbinden, wenn Frankreich sich verpflichten wolle, ihm die nöthige
+militärische und pekuniäre Hilfe zu leisten, welche nöthig sei, um sich
+vom Parlamente unabhängig zu machen. Ludwig bemühte sich anfangs, diese
+Vorschläge mit scheinbarer Kälte anzuhören, und ging endlich in einer
+Weise darauf ein, als ob er eine große Gunst gewährte; der Weg aber, den
+er einzuschlagen gesonnen war, konnte ihm nur Gewinn bringen.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Pläne Ludwigs in Bezug auf England.</span>
+<a name = "secII_26" id = "secII_26">Es</a> scheint gewiß, daß es nie
+seine ernstliche Absicht war, mit bewaffneter Hand in England
+Despotismus und Papstthum einzuführen. Er mußte leicht einsehen, daß ein
+derartiges Unternehmen höchst schwierig und gewagt war, indem es auf
+Jahre hinaus alle Kräfte Frankreichs in Anspruch nehmen, und den
+vortheilhafteren Vergrößerungsplänen, die er im Sinne hatte, hinderlich
+sein würde. Zwar hätte er gern das Verdienst und den Ruhm erwerben
+mögen, gegen angemessene Bedingungen seiner Kirche einen bedeutenden
+Dienst zu leisten, er hatte aber keine Lust, seinen Vorfahren
+nachzuahmen, welche im zwölften und dreizehnten Jahrhundert den Kern des
+französischen Adels in Syrien und Egypten dem Tode entgegengeführt, und
+es war ihm wohlbekannt, daß ein Kreuzzug gegen den Protestantismus in
+England mit denselben Gefahren verbunden sein würde, wie die
+Unternehmungen, welche die Heere Ludwigs VII. und Ludwigs IX.
+verschlungen hatten. Es war für ihn keine Ursache vorhanden, den Stuarts
+Absolutismus zu wünschen, und die englische Verfassung betrachtete er
+durchaus nicht mit ähnlichen Gefühlen, durch welche späterhin Fürsten
+veranlaßt wurden, gegen die freien Institutionen benachbarter Völker
+Krieg zu führen.
+<span class = "pagenum">II.41</span>
+<a name = "pageII_41" id = "pageII_41"> </a>
+Dermalen hat jede große Partei, welche volksthümliche Regierung wünscht,
+ihre Verbindungen in jedem civilisirten Staate. Jeder wichtige Vortheil,
+den diese Partei erringt, giebt das Signal zu einer allgemeinen
+Bewegung. Es ist nicht auffällig, wenn Regierungen, denen eine
+gemein&shy;schaftliche Gefahr droht, sich zu gegenseitiger Sicherung
+verbinden; aber im siebzehnten Jahrhundert gab es keine derartige
+Gefahr. Zwischen der öffentlichen Meinung in England und der von
+Frankreich lag eine große Kluft. Unsere Einrichtungen wie unsere
+Parteien verstand man in Paris ebenso wenig wie in Konstantinopel. Es
+ist zu bezweifeln, ob eins von den vierzig Mitgliedern der französischen
+Akademie ein englisches Werk in seiner Bibliothek hatte und Shakespeare,
+Johnson oder Butler auch nur dem Namen nach kannte. Einige Hugenotten,
+auf welche der Empörungsgeist ihrer Vorfahren übergegangen war, mochten
+vielleicht Sympathien für ihre Glaubensbrüder, die englischen Rundköpfe,
+hegen, aber die Hugenotten waren nicht mehr gefürchtet. Die Franzosen,
+der Mehrzahl nach Katholiken, und stolz auf die Erhabenheit ihres
+Monarchen wie auf ihre eigene <ins class = "correction" title =
+"Original hat »Loyaletät«">Loyalität</ins>, betrachteten unsere
+Anstrengungen gegen Papstthum und Willkürherrschaft nicht blos ohne
+Bewunderung und Theilnahme, sondern mit entschiedener Mißbilligung und
+Abneigung. Man würde sich deshalb irren, wollte man das Verfahren
+Ludwigs Befürchtungen beimessen, welche nur entfernt denjenigen
+ähnelten, die in unserem Jahrhundert die heilige Allianz bestimmten,
+sich in die inneren Unruhen Spaniens und Neapels zu mischen.</p>
+
+<p>Nichtsdestoweniger waren ihm die Vorschläge des Hofes von Whitehall
+äußerst willkommen. Er sann bereits auf großartige Pläne, welche Europa
+über vierzig Jahre lang in Gährung erhalten sollten. Es war sein Wunsch,
+die Vereinigten Provinzen zu demüthigen, und Belgien, die Franche Comté
+und Lothringen an Frankreich zu bringen. Dies war aber noch nicht Alles.
+Der König von Spanien, ein schwacher, kränklicher Knabe, starb aller
+Wahrscheinlichkeit nach ohne Leibeserben. Seine älteste Schwester war
+die Königin von Frankreich. Somit lag die Vermuthung sehr nahe, daß die
+Zeit nicht mehr fern sei, wo das Haus der Bourbons seine Rechte an das
+große Reich erheben werde, in welchem die Sonne nie unterging. Der
+Vereinigung zweier so mächtigen Kronen auf einem Haupte würde sich ohne
+Zweifel eine kontinentale Koalition widersetzt haben; aber jeder solchen
+Koalition war Frankreich allein hinreichend gewachsen. England konnte
+den Stand der Dinge ändern, von der Stellung, welche es in einer solchen
+Krisis einnahm, hing das Schicksal der Welt ab, und es war zur Genüge
+bekannt, daß Parlament und Volk von England eifrig der Politik anhingen,
+deren Werk die Tripleallianz war. Es konnte daher für Ludwig nichts
+erfreulicher sein, als in Erfahrung zu bringen, daß die Fürsten des
+Hauses Stuart seine Hilfe wünschten und dieselbe durch unbegrenzte
+Ergebenheit zu erkaufen geneigt wären. Er entschloß sich, die günstige
+Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen, und bildete sich selbst einen
+Plan, den er ohne Abweichung verfolgt hat, bis die Revolution von 1688
+alle seine politischen Pläne über den Haufen warf. Er erklärte sich
+bereit, die Absichten des englischen Hofes zu befördern, und versprach
+kräftigen Beistand, spendete auch bisweilen so viel Unterstützung, als
+zur Aufrechterhaltung der Hoffnung nothwendig war, und er ohne Gefahr
+und Unbequemlichkeit missen konnte. Auf diese Art wurde es ihm möglich,
+mit viel geringeren Kosten als der Bau und
+<span class = "pagenum">II.42</span>
+<a name = "pageII_42" id = "pageII_42"> </a>
+die Einrichtung von Versailles oder Marly erforderten, England fast
+zwanzig Jahre hindurch zu einem eben so unbedeutenden Gliede des
+europäischen Staatenkörpers zu machen, wie die Republik San
+Marino.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Seine Absicht war nicht etwa, unsere Verfassung umzustürzen, sondern
+nur die verschiedenen Elemente, aus denen sie bestand, in einem
+bleibenden Zustande von Aufregung zu erhalten, und zwischen den
+Börsenmännern und den Männern des Schwertes eine tödtliche Feindschaft
+hervorzurufen. Zu diesem Zwecke bestach und stachelte er beide Parteien
+abwechselnd, verlieh gleichzeitig den Ministern der Krone und den
+Häuptern der Opposition Pensionen, ermuthigte den Hof, den rebellischen
+Übergriffen des Parlaments entgegen zu treten, und verrieth dem
+Parlament die Willkürpläne des Hofes.</p>
+
+<p>Einer von den Kunstgriffen, welche er anwandte, um sich Einfluß auf
+die englischen Rathbeschlüsse zu verschaffen, verdient besonders erwähnt
+zu werden. Obgleich Karl der Liebe, im höheren Sinne dieses Wortes,
+unfähig war, so beherrschte ihn doch jedes Weib, dessen Reize seine
+Begierden erregten, und dessen Manieren und Beredtsamkeit ihm die Zeit
+verkürzten. Man würde mit Recht einen Ehemann verspotten, der sich von
+einer Frau von Stand und gutem Rufe halb soviel gefallen ließe, als
+Englands König von den lockeren Dirnen ertrug, die, während sie seiner
+Freigebigkeit Alles verdankten, mit den Höflingen fast unter seinen
+Augen buhlten. Geduldig ließ er sich die Zanksüchtigkeit Barbara
+Palmers, und die naseweise Lustigkeit der Eleonore <ins class =
+"correction" title = "Original hat »Gwyne«">Gwynn</ins> gefallen. Ludwig
+war der höchst richtigen Meinung, der beste Gesandte, den er nach London
+schicken könne, sei eine schöne, lebenslustige und listige Französin,
+und eine solche war Louise von Querouaille, von unsern derben Vorfahren
+Madame Carwell genannt. Sie verdrängte bald alle Nebenbuhlerinnen, ward
+zur Herzogin von Portsmouth erhoben, mit Reichthümern überschüttet, und
+behauptete eine Herrschaft, die erst mit dem Tode Karls zu Ende
+ging.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Vertrag von Dover.</span>
+<a name = "secII_27" id = "secII_27">Die</a> wichtigsten Bedingungen des
+Bündnisses zwischen den beiden Kronen waren in einem geheimen Vertrage
+enthalten, welcher im Mai 1670 zu Dover ratificirt wurde, zehn Jahre
+nach dem Tage, an welchem Karl in demselben Hafen unter dem Jubel und
+den Freudenthränen seines zu vertrauensvollen Volkes gelandet war.</p>
+
+<p>In diesem Vertrage erklärte Karl, sich öffentlich zur katholischen
+Religion zu bekennen, seine Waffen mit denen Ludwigs zur Unterdrückung
+der Vereinigten Provinzen zu verbinden und die ganze Land- und Seemacht
+Englands aufbieten zu wollen, um die Rechte der Bourbons auf die große
+spanische Monarchie zu unterstützen. Ludwig dagegen verpflichtete sich,
+bedeutende Subsidien zu zahlen, und gab das Versprechen, bei etwaigem
+Ausbruch einer Empörung in England auf eigene Kosten eine Armee zum
+Beistande seines Bundesgenossen zu stellen.</p>
+
+<p>Dieser Vertrag ward unter düsteren Auspicien abgeschlossen. Sechs
+Wochen nach seiner Unterzeichnung und Besiegelung war die liebenswürdige
+Prinzessin nicht mehr, deren Einfluß auf Bruder und Schwager so
+verderblich für ihr Vaterland gewesen. Durch ihren Tod entstand ein
+entsetzlicher Argwohn, welcher die neugestiftete Freundschaft zwischen
+den Stuarts und den Bourbons zu lösen drohte; nach kurzer Zeit aber
+wiederholten die Verbündeten ihre Versicherungen unverminderter
+Willfährigkeit.</p>
+
+<p>Der Herzog von York, zu bornirt, um die Gefahr zu erkennen, oder
+<span class = "pagenum">II.43</span>
+<a name = "pageII_43" id = "pageII_43"> </a>
+zu fanatisch, sich deshalb Sorgen zu machen, verlangte mit Ungestüm, daß
+der Artikel, welcher die katholische Religion betraf, unverzüglich in
+Ausführung gebracht werde, aber Ludwig war scharfsinnig genug,
+einzusehen, daß diese Handlung eine Explosion in England verursachen
+werde, stark genug, um diejenigen Theile seines Planes zu zerstören,
+welche ihn am meisten interessirten. Es wurde daher der Beschluß gefaßt,
+daß Karl noch ferner für einen Protestanten gelten, und an hohen Festen
+das Abendmahl nach dem Ritual der englischen Kirche empfangen solle;
+sein gewissenhafterer Bruder besuchte seitdem die königliche Kapelle
+nicht mehr.</p>
+
+<p>Um diese Zeit verschied die Herzogin von York, die Tochter des
+verbannten Earl von Clarendon. Sie war vor einigen Jahren im Geheimen
+zur katholischen Kirche übergetreten, und hinterließ zwei Töchter, Maria
+und Anna, welche später nach einander Königinnen von England geworden
+sind. Dieselben wurden auf besonderen Befehl des Königs protestantisch
+erzogen, denn der König erkannte sehr wohl, daß es eine vergebliche Mühe
+sein würde, sich für ein Mitglied der anglikanischen Kirche auszugeben,
+wenn Kinder, die aller Wahrscheinlichkeit nach Erben des Thrones werden
+mußten, mit seiner Bewilligung eine katholische Erziehung genossen.</p>
+
+<p>Die vornehmsten Beamten der Krone waren damals Männer, deren Namen
+mit Recht eine nicht beneidenswerthe Berühmtheit erlangt haben; jedoch
+müssen wir auch vorsichtig sein, und ihr Andenken nicht mit einer
+Schmach beladen, die mit Recht ihrem Gebieter gebührt. Der Vertrag von
+Dover war hauptsächlich ein Werk des Königs. Er conferirte darüber mit
+französischen Geschäftsträgern, schrieb in Betreff desselben viele
+eigenhändige Briefe, brachte selbst die entehrendsten Punkte, welche er
+enthielt, in Vorschlag, und verheimlichte sorgfältig mehrere dieser
+Artikel der Mehrzahl seiner Cabinetsräthe.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Natur des englischen Cabinets.</span>
+<a name = "secII_28" id = "secII_28">Wenige</a> Vorfälle in der
+Geschichte Englands sind merkwürdiger, als der Ursprung und das
+Wachsthum der Macht, welche das Cabinet jetzt besitzt. Seit frühester
+Zeit unterstützte die Beherrscher Englands ein Geheimer Rath, welchem
+das Gesetz viele bedeutende Befugnisse und Pflichten übertrug.
+Jahrhunderte hindurch berathschlagte dieses Collegium über die
+bedeutungsvollsten und kitzlichsten Staats&shy;angelegen&shy;heiten;
+doch änderte sich allmälig sein Charakter. Es wurde zu ausgedehnt für
+rasche That und Geheimhaltung. Die Stellung eines Geheimen Rathes wurde
+oft als ehrende Auszeichnung an Leute vergeben, denen man nichts
+anvertraute, und um deren Meinung man sich nicht kümmerte. Der Souverain
+beschränkte sich bei wichtigen Angelegenheiten auf den Rath eines
+kleinen Kreises leitender Minister. Die Vortheile und Nachtheile dieses
+Verfahrens sind von Bacon schon frühzeitig mit seiner bekannten,
+treffenden und scharfsinnigen Urtheilsgabe geschildert worden, aber erst
+nach Beendigung der Restauration zog der innere Rath die öffentliche
+Aufmerksamkeit auf sich. Die Politiker der alten Schule betrachteten das
+Cabinet als eine nicht verfassungs&shy;mäßige und gefährliche Behörde.
+Gleichwohl gewann es an Bedeutung, zog endlich die höchste ausübende
+Gewalt an sich, und wird jetzt seit mehreren Menschenaltern für einen
+wesentlichen Bestandtheil unserer Staats&shy;verfassung angesehen.
+Seltsamer Weise ist das Cabinet dem Gesetze aber noch immer unbekannt,
+die Namen der Personen des hohen und niedern Adels, aus denen es
+besteht, werden dem Publikum nie amtlich bekannt gemacht,
+<span class = "pagenum">II.44</span>
+<a name = "pageII_44" id = "pageII_44"> </a>
+es führt keine Protokolle über seine Versammlungen und Beschlüsse, und
+keine Parlamentsakte hat seine Existenz anerkannt.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Cabale.</span>
+<a name = "secII_29" id = "secII_29">Einige</a> Jahre hindurch
+gebrauchte man im Volke das Wort Cabal gleichbedeutend mit Cabinet.
+Durch ein sonderbares Zusammentreffen bestand nämlich das Cabinet im
+Jahre 1671 aus fünf Personen, von deren Namen die Anfangsbuchstaben das
+Wort Cabal bildeten, es waren Clifford, Arlington, Buckingham, Ashley
+und Lauderdale. Durch diese Anwendung erhielt das Wort eine so üble
+Bedeutung, daß es seitdem nur als ein Vorwurf gebraucht wird.</p>
+
+<p>Sir Thomas Clifford war Schatzkommissarius, und hatte sich im Hause
+der Gemeinen sehr bemerkbar gemacht. Er war von den Mitgliedern der
+Cabale das Ehrenwertheste, denn bei einem lebhaften und herrschsüchtigen
+Charakter besaß er ein starkes, wenngleich auf beklagenswerthe Weise
+irregeleitetes Gefühl für Ehre und Pflicht.</p>
+
+<p>Heinrich Bennet, Lord Arlington, zu jener Zeit Staats&shy;sekretair,
+hatte seit angetretenem Mannesalter auf dem Continent gelebt, und sich
+jene kosmopolitische Gleichgültigkeit gegen Verfassungen und Religionen
+zu eigen gemacht, welche man oft bei Leuten findet, deren Leben in
+unregelmäßiger diplomatischer Thätigkeit verflossen ist. Die
+Verfassungsform, welche ihm am meisten zusagte, war die französische;
+gab es eine Kirche, für welche er einige Vorliebe hegte, so war es die
+katholische. Bei einigem Unter&shy;haltungs&shy;talente, sowie
+ziemlicher Befähigung zu den gewöhnlichen Geschäften seines Amtes, hatte
+Arlington im Laufe seines an Reisen und Unterhandlungen reichen Lebens
+die Kunst erlernt, seine Rede und sein Benehmen der Gesellschaft
+anzupassen, in der er sich eben bewegte. Seine Lebhaftigkeit im
+Unterhaltungszimmer amüsirte den König, seine Würde bei Verhandlungen
+und Zusammenkünften imponirte dem Publikum, und es war ihm geglückt,
+sowohl durch geleistete Dienste, wie auch durch erregte Hoffnungen, sich
+einen bedeutenden Anhang zu verschaffen.</p>
+
+<p>Buckingham, Ashley und Lauderdale waren Männer, welche die
+Unsittlichkeit, die unter den Staats&shy;männern jener Zeit epidemisch
+war, in der schlimmsten Form, und durch große Verschiedenheit des
+Temperaments und der geistigen Anlagen modifizirt, besaßen. Buckingham
+war vom Vergnügen übersättigt, und hatte sich zum Zeitvertreib den
+Ehrgeiz erwählt. Wie er mit Architektur und Musik, mit
+Lustspielschreiben und mit Forschen nach dem Steine der Weisen sich zu
+unterhalten versucht hatte, so wollte er sich jetzt durch geheime
+Unterhandlungen und durch einen holländischen Krieg amüsiren. Er war
+bereits, mehr aus Unbeständigkeit und Lust zur Veränderung, als aus
+einem ernsteren Grunde, allen Parteien treulos geworden. Einmal stand er
+auf der Seite der Cavaliere, ein andermal war ein Verhaftsbefehl gegen
+ihn erlassen, weil er einen verrätherischen Verkehr mit dem Überreste
+der republikanischen Armee in der City unterhielt. Jetzt war er wieder
+Höfling, und bemüht, die Gnade des Königs durch Dienstleistungen zu
+erwerben, vor denen die Ausgezeichnetsten unter denen, welche für das
+königliche Haus gekämpft und gelitten hatten, sich mit tiefem Abscheu
+abgewandt haben würden.</p>
+
+<p>Ashley, mit einem entschiedeneren Charakter und ungestümeren
+Ehrgeize, hatte gleiche Unzuverlässigkeit gezeigt, aber es war dieselbe
+nicht Folge des Leichtsinns, sondern der berechneten Selbstsucht. Er
+hatte einer Reihe von Regierungen gedient, und sie verrathen, aber für
+seine Verräthereien immer den glücklichen Zeitpunkt so gut gewählt, daß
+alle Revolutionen
+<span class = "pagenum">II.45</span>
+<a name = "pageII_45" id = "pageII_45"> </a>
+sein Glück beförderten. Das Volk, voller Bewunderung über ein Glück,
+welches, sonst in fortwährendem Wechsel begriffen, hier so dauernd
+anhielt, schrieb ihm eine fast wunderbare Sehergabe zu, und verglich ihn
+mit dem israelitischen Staatsmanne von dem wir lesen, daß sein Rath
+gewesen sei, als wenn ein Mann das Orakel Gottes befragt hätte.</p>
+
+<p>Lauderdale, laut und plump, in der Freude wie im Zorn, war unter dem
+Scheine von polternder Freimüthigkeit vielleicht der unehrlichste in der
+ganzen Cabal. In dem schottischen Aufruhr von 1638 war er ein
+hervorragender, eifriger Anhänger des Covenants gewesen. Man
+beschuldigte ihn, bei dem Verkaufe Karls&nbsp;I. an das englische
+Parlament schwer betheiligt gewesen zu sein, und er wurde daher von den
+guten Cavalieren für einen noch verächtlicheren Verräther gehalten als
+diejenigen, welche im hohen Gerichtshofe gesessen hatten. Oft sprach er
+mit lauter Heiterkeit von den Tagen, da er ein Sectirer und Rebell
+gewesen war. Der Hof benutzte ihn jetzt als Hauptwerkzeug bei dem
+Vorhaben, dem widerstrebenden Volke das Episkopat aufzudringen, und er
+schämte sich nicht, in dieser Angelegenheit Schwert, Strick und Folter
+mit schonungslosem Eifer anzuwenden. Wer ihn aber genauer kannte, wußte
+auch, daß die letzten dreißig Jahre seine Gesinnungen unverändert
+gelassen hatten, daß er noch jetzt das Andenken Karls&nbsp;I. verachtete
+und noch immer die presbyterianische Kirchenform jeder andern
+vorzog.</p>
+
+<p>Bei aller Gewissenlosigkeit Buckinghams, Ashley’s und Lauderdale’s
+wagte man es doch nicht, ihnen das Vorhaben des Königs, zur katholischen
+Kirche überzutreten, anzuvertrauen. Man zeigte ihnen einen falschen
+Vertrag, in welchem der die Religion betreffende Artikel fehlte; im
+echten Vertrage befinden sich blos die Namen und Siegel von Clifford und
+Arlington. Diese beiden Staats&shy;männer nahmen Partei für die alte
+Kirche, welche Parteilichkeit der brave, heftige Clifford auch bald
+darauf ehrlich aussprach, die aber der überlegendere, weniger edle
+Arlington verhehlte, bis die Furcht vor dem nahen Tode ihm Offenheit
+abzwang. Die drei andern Cabinetsminister waren jedoch nicht leicht zu
+täuschen, und vermutheten wahrscheinlich mehr, als man ihnen mitgetheilt
+hatte. Übrigens waren sie bei allen politischen Übereinkünften mit
+Frankreich in’s Geheimniß gezogen, und schämten sich nicht, kostbare
+Gnadengeschenke von Ludwig anzunehmen.</p>
+
+<p>Karls nächste Absicht war jetzt von den Gemeinen Zugeständnisse zu
+erhalten, die zur Realisirung des geheimen Vertrags dienen sollten. Die
+Cabale, welche sich im Besitze der Gewalt befand, als die Regierung in
+einem Zustande des Übergangs war, vereinigte in sich zwei verschiedene
+Gattungen von Lastern, welche zwei verschiedenen Zeitaltern und zwei
+verschiedenen Systemen angehörten. Wie diese fünf bösen Räthe zu den
+letzten englischen Staats&shy;männern gehörten, welche die ernstliche
+Absicht hatten, das Parlament zu vernichten, so waren sie auch die
+ersten englischen Staats&shy;männer, welche dasselbe zu bestechen
+versuchten, und ihre Politik zeigt zugleich die letzte Spur von
+Straffords „Durch“ und die erste Spur von jener systematischen
+Bestechung, welche nach der Zeit Walpole’s ausgeübt wurde. Sehr bald
+erkannten sie aber, daß, obgleich das Haus der Gemeinen fast durchgängig
+aus Cavalieren bestand, und französisches Gold und Stellen an die
+Mitglieder verschwendet wurden, doch keine Aussicht war, auch nur die am
+wenigsten gehässigen Punkte des Vertrags von Dover durch die Majorität
+unterstützt zu sehen; man mußte also nothwendig zum Betrug greifen. Der
+König heuchelte daher großen Eifer für die
+<span class = "pagenum">II.46</span>
+<a name = "pageII_46" id = "pageII_46"> </a>
+Grundsätze der Tripleallianz und erklärte, daß um den französischen
+Ehrgeiz zu zügeln, eine Vermehrung der Flotte nöthig sei. Die Gemeinen
+ließen sich fangen, und bewilligten achthundert&shy;tausend Pfund.
+Sofort wurde das Parlament vertagt, und der jeder Controle entledigte
+Hof begann unverzüglich mit der Ausführung seines großen Planes.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Zahlungseinstellung der Schatzkammer.</span>
+<a name = "secII_30" id = "secII_30">Die</a> finanziellen Verlegenheiten
+waren sehr ernster Natur. Ein Krieg mit Holland mußte ungeheure Kosten
+erfordern, und die gewöhnlichen Einkünfte reichten eben nur hin, um die
+Bedürfnisse der Regierung im Frieden zu bestreiten. Die
+achthundert&shy;tausend Pfund, welche man den Gemeinen abgeschwindelt
+hatte, waren nicht genügend, die Kosten der Flotte und des Heeres auch
+nur auf ein einziges Kriegsjahr zu decken, und nach der traurigen Lehre,
+die das Lange Parlament gegeben, wagte es selbst die Cabale nicht,
+wieder ein Boden- oder Schiffsgeld einzuführen. In dieser Verlegenheit
+empfahlen Ashley und Clifford einen niederträchtigen Verrath an dem
+öffentlichen Vertrauen. Die Goldschmiede Londons trieben damals nicht
+blos Handel mit edlen Metallen, sondern auch Geldwechsel, und waren
+daran gewöhnt, der Staatskasse große Summen vorzustrecken, für welche
+Darlehen sie Anweisungen auf das Einkommen erhielten, welche nach der
+Steuererhebung mit den Zinsen bezahlt wurden. In dieser Art waren eine
+Million und dreihundert&shy;tausend Pfund der Ehre des Staates
+anvertraut worden. Da erschien plötzlich die Bekanntmachung, daß es
+nicht möglich sei, das Capital zu zahlen, und daß die Creditoren sich
+mit den Zinsen begnügen müßten. In Folge dessen konnten dieselben ihren
+eigenen Verpflichtungen nicht nachkommen, die Börse gerieth in Aufruhr,
+mehrere große Handelshäuser machten Bankerott, Schreck und Jammer kamen
+über die ganze Gesellschaft. Inzwischen ging man rasch dem Despotismus
+entgegen. Proklamationen, welche von Parlamentsakten dispensirten oder
+Vorschriften machten, die nur dem Parlamente zustanden, erschienen in
+rascher Aufeinanderfolge. Das bedeutendste dieser Edicte war die
+Indulgenzerklärung. In diesem Aktenstücke wurden die Strafgesetze gegen
+die Katholiken durch königlichen Machtspruch noch einmal beseitigt, und
+um die wahre Absicht der Maßregel zu verschleiern, hob man gleichzeitig
+auch die Gesetze gegen die protestantischen Nichtconformisten auf.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Krieg mit den Vereinigten Provinzen und große Gefahr derselben.</span>
+<a name = "secII_31" id = "secII_31">Wenige</a> Tage nach dem
+Bekanntwerden der Indulgenzerklärung wurde den Vereinigten Provinzen der
+Krieg erklärt. Zur See fochten die Holländer mit Ehren, zu Lande aber
+wurden sie anfänglich durch unwiderstehliche Gewalt bezwungen. Ein
+großes französisches Heer ging über den Rhein, eine Festung nach der
+andern ergab sich. Die Sieger besetzten drei von den sieben Provinzen
+des Bundes. Man sah die Lagerfeuer des Feindes von dem Dache des
+Rathhauses zu Amsterdam. Zu gleicher Zeit wurde die von außen so hart
+bedrängte Republick auch von inneren Zwistigkeiten heimgesucht. Die
+Regierung befand sich in den Händen einer geschlossenen Oligarchie
+mächtiger Bürger. Es gab eine große Menge selbstgewählter Stadträthe,
+welche innerhalb ihrer Bezirke viele Souverainetäts&shy;rechte ausübten;
+diese Räthe schickten Abgeordnete an die Provinzialstaaten, und die
+Provinzialstaaten wieder Beauftragte an die Generalstaaten. Eine
+erbliche, höchste Obrigkeit war kein wesentlicher Theil dieser
+Staats&shy;einrichtung. Doch hatte eine, an berühmten Männern auffallend
+fruchtbare Familie allmälig eine bedeutende und zugleich ziemlich
+unbestimmte
+<span class = "pagenum">II.47</span>
+<a name = "pageII_47" id = "pageII_47"> </a>
+Gewalt erlangt. Wilhelm, dieses Namens der Erste, Prinz von
+Nassau-Oranien und Statthalter von Holland, hatte an der Spitze des
+denkwürdigen Aufstandes gegen Spanien gestanden, sein Sohn Moritz war
+Generalkapitain und oberster Minister der Staaten gewesen, hatte sich
+durch ausgezeichnete Befähigung und vortreffliche Dienste, sowie durch
+einige verrätherische und unmenschliche Handlungen zu königlicher Macht
+emporgeschwungen, und diese Macht zum Theil seiner Familie hinterlassen.
+Der Einfluß der Statthalter war ein Gegenstand höchster Eifersucht für
+die städtische Oligarchie, aber die Armee, sowie die große Menge von
+Bürgern, denen jede Theilnahme an der Regierung entzogen war,
+betrachteten die Bürgermeister und Deputirten mit einer Abneigung,
+ähnlich der, welche die Legionen und der große Haufe in Rom gegen den
+Senat fühlten, und zollten dem Hause Oranien eine so treue Ergebenheit
+wie die Legionen und die Massen dem Hause Cäsars. Der Statthalter stand
+an der Spitze des Heeres der Republik, verfügte über alle militärischen
+Commandos, hatte bedeutenden Einfluß auf die Civilgewalt, und umgab sich
+mit einem fast königlichen Glanze.</p>
+
+<p>Prinz Wilhelm II. hatte bei der oligarchischen Partei auf heftigen
+Widerstand gestoßen, er starb 1650, während großer <ins class =
+"correction" title = "Original hat »bürgerlichen«">bürgerlicher</ins>
+Unruhen, ohne Kinder zu hinterlassen. Die Mitglieder seiner Familie
+befanden sich einige Zeit ohne Haupt, und die von ihm ausgeübte Gewalt
+wurde unter die Stadträthe, Provinzialstaaten und Generalstaaten
+vertheilt.</p>
+
+<p>Wenige Tage nach Wilhelms Tode gebar seine Witwe, Marie, Tochter
+Karls&nbsp;I. von England, einen Sohn, welcher bestimmt war, den Ruhm
+und die Macht des Hauses Nassau auf den höchsten Gipfel zu treiben, die
+Vereinigten Provinzen vor Unterdrückung zu bewahren, die Macht
+Frankreichs zu brechen und der englischen Verfassung eine solide
+Grundlage zu geben.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Wilhelm Prinz von Oranien.</span>
+<a name = "secII_32" id = "secII_32">Dieser</a> Prinz mit dem Namen
+Wilhelm Heinrich, war von seiner Geburt an ein Gegenstand ernster Sorge
+für die zur Zeit in Holland herrschende Partei, und loyaler Ergebenheit
+für die Anhänger seines Hauses. Als der Besitzer eines großen Vermögens,
+als das Haupt eines der erlauchtesten Häuser Europa’s, als ein
+souverainer Fürst des deutschen Reiches, als ein Prinz von königlichem
+Geblüte Englands, vor Allem aber als ein Sprößling der Schöpfer der
+batavischen Freiheit, genoß er der höchsten Achtung. Aber das mächtige
+Amt, welches seine Familie einst als erblich betrachtete, wurde nicht
+wieder besetzt, und nach dem Willen der aristokratischen Partei sollte
+nie wieder ein Statthalter gewählt werden. Die Stelle der ersten
+Magistratsperson vertrat zum großen Theile der Großpensionair der
+Provinz Holland, Johann de Witt, dessen Klugheit, Festigkeit und
+Redlichkeit ihn zu einem hohen Ansehen im Rathe der municipalen
+Oligarchie erhoben hatten.</p>
+
+<p>Die französische Invasion brachte eine vollständige Umwandlung
+hervor. Das leidende, und von Schrecken erfüllte Volk wüthete furchtbar
+gegen die Regierung, und fiel in seiner Tollheit über die tapfersten
+Heerführer und die geschicktesten Staats&shy;männer der Regierung her.
+De Ruyter wurde von dem Pöbel insultirt, und de Witt vor dem Thore des
+Palastes der Generalstaaten im Haag in Stücke zerrissen. Der Prinz von
+<ins class = "correction" title = "Original hat »Oranien,«">Oranien</ins> war an dem Morde unschuldig, aber bei dieser
+Gelegenheit, sowie zwanzig Jahre später bei einer anderen
+beklagenswerthen Veranlassung, beurtheilte er die Verbrechen, welche in
+seinem Interesse verübt wurden, so nachsichtig, daß dadurch sein Ruhm
+befleckt wurde. Er trat ohne Nebenbuhler an die
+<span class = "pagenum">II.48</span>
+<a name = "pageII_48" id = "pageII_48"> </a>
+Spitze der Regierung. Wenn auch noch jung, hob sein feuriger unbeugsamer
+Geist, obgleich unter einer kalten, düsteren Außenseite verborgen, gar
+bald den Muth seiner zagenden Landsleute. Jeder Versuch seines Oheims,
+sowie des französischen Königs, ihn durch die glänzendsten
+Versprechungen der Sache der Republik abwendig zu machen, war
+vergeblich. Gegen die Generalstaaten führte er eine schwungreiche,
+begeisternde Sprache. Er wagte sogar ihnen einen Vorschlag zu machen,
+der einen Anstrich von antikem Heroismus hatte, und der, wenn er zur
+Ausführung gekommen wäre, der edelste Stoff für ein Epos sein würde, der
+im Bereiche der neueren Geschichte existirte. Er erklärte den
+Abgeordneten, daß, selbst wenn ihr <ins class = "correction" title =
+"Fehler für »Heimathland«?">Heimathsland</ins> und die Wunder, mit denen
+menschlicher Kunstfleiß es bedeckt, von dem Ocean verschlungen wären,
+noch nicht Alles verloren sei. Die Holländer könnten Holland überleben;
+Freiheit und reine Gottesverehrung, würden sie auch von Tyrannen und
+Fanatikern aus Europa verbannt, könnten in Asiens entferntesten Inseln
+eine Freistätte finden. Die Schiffe, welche in den Häfen der Republik
+ankerten, würden ausreichen, um zweihundert&shy;tausend Auswanderer nach
+dem indischen Archipel zu bringen, dort könne die holländische Republik
+ein neues, glorreiches Dasein beginnen, und unter dem Kreuze des Südens,
+umgeben von Zuckerrohr und Muscatbäumen, die Börse eines reicheren
+Amsterdam und den Lehrstuhl eines gelehrteren Leyden errichten. Der
+Nationalgeist erhob sich gewaltig. Die Bedingungen, welche die
+Verbündeten anboten, wurden kurz zurückgewiesen, die Dämme wurden
+durchstochen, und das ganze Land in einen ungeheuren See verwandelt, aus
+dem die Städte mit ihren Mauern und Thürmen wie Inseln hervorragten. Die
+Feinde retteten sich nur durch den eiligsten Rückzug vor Vernichtung;
+Ludwig aber, welcher es zuweilen für vortheilhaft hielt, sich an der
+Spitze des Heeres zu zeigen, jedoch einen Palast bequemer fand als ein
+Kriegslager, war bereits heimgekehrt, um in den neuangelegten Alleen von
+Versailles sich der Schmeicheleien der Dichter und des Lächelns seiner
+Damen zu erfreuen.</p>
+
+<p>Bald folgte der Ebbe die Fluth. Der Erfolg des Seekrieges war
+zweifelhaft geblieben; zu Lande hatten die Vereinigten Provinzen
+Aufschub erlangt, und ein Aufschub, wenn auch noch so kurz, war von
+unübersehbarer Wichtigkeit. Beunruhigt durch die weitaussehenden Pläne
+Ludwigs, griffen beide Linien des mächtigen österreichischen Hauses zu
+den Waffen. Spanien und Holland vergaßen die alten gegenseitigen
+Beschwerden und Demüthigungen, und söhnten sich angesichts der
+gemein&shy;schaftlichen Gefahr wieder aus. Aus allen Gegenden
+Deutschlands marschirten Truppen nach dem Rheine. Die Fonds der
+englischen Regierung, welche man durch Beraubung der
+Staats&shy;gläubiger zusammen gebracht, waren erschöpft, von der City
+ließ sich kein Darlehn erwarten, und der Versuch durch königlichen
+Machtspruch Steuern zu erheben, würde unverzüglich eine Revolution
+hervorgerufen haben. Ludwig aber, der jetzt mit dem halben Europa in
+Krieg verwickelt war, befand sich nicht in der Verfassung, die Mittel
+zur Bezwingung des englischen Volkes herbeizuschaffen. So war es
+nothwendig, das Parlament einzuberufen.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Versammlung des Parlaments.</span>
+<a name = "secII_33" id = "secII_33">Im</a> Frühlinge des Jahres 1673
+versammelten sich also die Häuser nach einer Unterbrechung von beinahe
+zwei Jahren. Clifford, jetzt Pair und Lord Schatzmeister, und Ashley,
+jetzt Lord Kanzler und Earl von Shaftesbury, waren die Männer, auf
+welche der König hinsichtlich der Leitung des Parlaments sich verließ.
+<span class = "pagenum">II.49</span>
+<a name = "pageII_49" id = "pageII_49"> </a>
+Die Vaterlandspartei zögerte nicht, sofort die Politik der Cabale
+anzugreifen, dieser Angriff geschah aber nicht stürmisch, sondern durch
+langsames und wohlberechnetes Vorrücken. Die Gemeinen gaben zuerst
+Hoffnung, daß sie die auswärtige Politik des Königs unterstützen
+wollten, verlangten aber, daß er diese Hilfe dadurch erkaufen sollte,
+daß er das ganze System seiner innern Politik fallen lasse. Vor Allem
+verlangten sie die Zurücknahme der Indulgenzerklärung.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Indulgenzerklärung.</span>
+<a name = "secII_34" id = "secII_34">Der</a> unpopulärste Schritt, den
+die Regierung jemals gethan hatte, war unbedingt die Bekanntmachung
+dieser Erklärung. Die verschieden&shy;artigsten Gefühle waren verletzt
+durch eine an sich zwar freisinnige, aber in höchst despotischer Weise
+ausgeführte Maßregel. Die Feinde religiöser, und die Freunde
+bürgerlicher Freiheit waren eng verbunden, und aus diesen beiden Klassen
+bestanden neunzehn Zwanzigtheile der Nation. Der eifrige Anhänger der
+Staats&shy;kirche beschwerte sich über die Bevorzugung, welche dem
+Papisten wie dem Puritaner zu Theil geworden sei. Der Puritaner freute
+sich zwar über das Aufhören der Verfolgung, die ihn gedrückt hatte, war
+aber eben nicht besonders dankbar für eine Duldung, welche er mit dem
+Antichrist theilen sollte. Alle Engländer jedoch, welche Freiheit und
+Gerechtigkeit achteten, erkannten mit Besorgniß den tiefen Eingriff, den
+die Prärogative in das Gebiet der Gesetzgebung gethan hatte.</p>
+
+<p>Der Wahrheit die Ehre zu geben, darf nicht geleugnet werden, daß die
+constitutionelle Frage nicht ganz frei von Dunkelheit war. Unsere alten
+Könige besaßen das unbestrittene Recht, die Wirkung von Strafgesetzen zu
+suspendiren, die Gerichtshöfe hatten dieses Recht anerkannt und die
+Parlamente es nicht angefochten. Daß ein derartiges Recht der Krone
+zustehe, wagten, selbst von der Landpartei, in Betracht der Ereignisse
+und Autoritäten nur Wenige in Abrede zu stellen. Gleichwohl war es klar
+daß, wenn diese Prärogative keine Grenze hatte, die englische Regierung
+von reinem Despotismus fast gar nicht unterschieden werden konnte. Daß
+es eine Grenze gebe, gestand der König sammt seinen Ministern ein, die
+Frage war nur, ob die Indulgenzerklärung innerhalb oder außerhalb
+derselben liege, und keine Partei vermochte eine Grenzlinie zu
+bestimmen, welche die Prüfung bestand. Einige Gegner der Regierung
+beschwerten sich, daß durch die Erklärung nicht weniger als vierzig
+Gesetze suspendirt würden; warum aber nicht vierzig sogut wie eins? Ein
+Redner sprach unverhohlen aus, daß der König verfassungsmäßig zwar von
+schlechten Gesetzen dispensiren könne, nicht aber von guten. Das
+Ungereimte einer solchen Unterscheidung liegt auf der Hand. Die Ansicht,
+welche im Hause der Gemeinen angenommen schien, war wohl im Allgemeinen
+die, daß das Dispensationsrecht sich blos auf weltliche Punkte
+erstrecke, und nicht auf Gesetze, die man zur Sicherheit der
+Landeskirche erlassen. Da aber der König das Oberhaupt der Kirche war,
+so schien es, daß wenn er überhaupt die dispensirende Gewalt besitze, er
+sie wohl auch da haben konnte, wo die Kirche in’s Spiel kam. Die
+Versuche der Hofleute, die Grenzen dieser Prärogative zu bezeichnen,
+mißlangen eben so vollständig wie früher die der Opposition.<a class =
+"tag" name = "tagII_3" id = "tagII_3" href = "#noteII_3">3</a></p>
+
+<span class = "pagenum">II.50</span>
+<a name = "pageII_50" id = "pageII_50"> </a>
+<p>Die Wahrheit ist, daß die Dispensations&shy;befugniß eine große
+Anomalie in Staats&shy;sachen war. In der Theorie war sie mit den
+Grundsätzen gemischter Verfassung nicht zu vereinigen, aber sie war in
+einer Zeit entstanden, wo das Volk sich wenig um Theorien kümmerte. In
+der Praxis hatte man diese Befugniß niemals auf gröbliche Art
+gemißbraucht, sie war deshalb geduldet worden, und endlich allmälig zu
+einer Art Verjährung gekommen. Nach einem langen Zwischenraume wurde sie
+endlich in einem fortgeschrittenen Zeitalter bei einer wichtigen
+Veranlassung und zwar in früher nicht gekannter Ausdehnung, zu einem
+allgemein verabscheuten Zwecke in Anwendung gebracht. Sie wurde einer
+strengen Untersuchung unterworfen, und wenn man auch nicht gleich wagte
+sie geradezu für verfassungs&shy;widrig zu erklären, so kam man doch zu
+der Erkenntniß, daß sie in directem Widerspruche mit der Verfassung
+stehe, und wenn sie willkürlich blieb, die englische Regierung aus einer
+beschränkten Regierung in eine absolute verwandeln würde.</p>
+
+<p class = "footnote">
+<a name = "noteII_3" id = "noteII_3" href = "#tagII_3">3.</a>
+Das Vernünftigste was über diesen Gegenstand im Hause der Gemeinen
+gesprochen wurde, rührte von Sir William Coventry her. „Unsere Voreltern
+haben niemals eine Linie gezogen, um die Souverainetäts&shy;rechte und
+die Freiheit zu begrenzen.“</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Cassirung der Indulgenzakte. Annahme der Testakte.</span>
+<a name = "secII_35" id = "secII_35">Durch</a> solche Befürchtungen
+veranlaßt, stellten die Gemeinen in Abrede, daß es ein
+Dispensationsrecht des Königs gebe, zwar nicht rücksichtlich aller
+Strafgesetze, sondern blos soweit diese die kirchlichen Angelegenheiten
+beträfen, und sie gaben dem König nicht undeutlich zu verstehen, daß sie
+nur bei Aufgabe dieses Rechtes ihm Bewilligungen für den holländischen
+Krieg machen würden. Für den Augenblick schien er geneigt, Alles zu
+wagen, bis ihm Ludwig dringend rieth, sich der Nothwendigkeit zu fügen
+und einen günstigeren Zeitpunkt abzuwarten, wo die französischen Heere,
+jetzt zu schwerem Kriege auf dem Festlande verwendet, benutzt werden
+könnten, um die Unzufriedenheit in England zu unterdrücken. In der
+Cabale selbst wurden Zeichen von Uneinigkeit und Verrätherei sichtbar.
+Shaftesbury erkannte mit seinem zum Sprichwort gewordenen Scharfblick,
+daß eine heftige Reaction bevorstehe, und Alles einer Krisis gleich der
+von 1640 zuschreite. Er beschloß, daß diese ihn nicht in Straffords Lage
+finden sollte, machte deshalb eine plötzliche Wendung und erkannte im
+Hause der Lords an, daß die Erklärung gesetzwidrig sei. Der König, von
+seinen Verbündeten sowie von seinem Kanzler verlassen, fügte sich, nahm
+die Indulgenzerklärung zurück und versprach feierlich, daß sie niemals
+in Anwendung gebracht werden solle.</p>
+
+<p>Selbst diese Concession war ungenügend. Die Gemeinen waren noch nicht
+damit zufrieden, ihren Souverain zur Vernichtung der Indulgenz gezwungen
+zu haben, sie nöthigten ihm auch seine ungern ertheilte Zustimmung ab zu
+einem wichtigen Gesetze, welches bis zur Regierung Georgs&nbsp;IV.
+geltend geblieben ist. Dieses Gesetz unter der Benennung „Testakte“
+bekannt, bestimmte, daß alle mit militairischen oder bürgerlichen Ämtern
+bekleideten Personen den Suprematseid leisten, eine Erklärung gegen die
+Transsubstantiation unterschreiben und öffentlich das Abendmahl nach den
+Gesetzen der englischen Kirche empfangen sollten. Die Einleitung des
+Gesetzes spricht nur in feindseligen Ausdrücken gegen die Papisten, die
+folgenden Paragraphen aber waren den Papisten kaum weniger ungünstig als
+der strengsten Klasse von Puritanern. Diese jedoch, durch die offenbare
+Hinneigung des Hofes zum Papstthum erschreckt, und von einigen Anhängern
+der Hochkirche zu der Hoffnung beredet, daß nach der wirksamen
+Entwaffnung der Katholischen den protestantischen <ins class =
+"correction" title = "Original hat »Nichtconfirmisten«">Nichtconformisten</ins> Hilfe werden solle, erhoben
+nur geringen Widerspruch, und auch der König,
+<span class = "pagenum">II.51</span>
+<a name = "pageII_51" id = "pageII_51"> </a>
+der sich in größter Geldverlegenheit befand, konnte nicht wagen seine
+Genehmigung vorzuenthalten. Die Akte wurde vollzogen und in Folge davon
+der Herzog von York genöthigt, den hohen Posten eines Lord Großadmirals
+aufzugeben.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Auflösung der Cabale.</span>
+<a name = "secII_36" id = "secII_36">Noch</a> hatten die Gemeinen sich
+nicht gegen den holländischen Krieg erklärt. Nachdem aber der König aus
+Dankbarkeit für die <ins class = "correction" title = "Fehler für »ihm«?">ihn</ins> sehr vorsichtig gespendeten Summen den ganzen Plan
+seiner inneren Politik fallen gelassen, traten sie heftig gegen seine
+auswärtige Politik auf. Sie verlangten, daß Buckingham und Lauderdale
+für immer aus dem Rathe entfernt würden, und bildeten einen Ausschuß,
+welcher ermitteln sollte, ob es angemessen sei, Arlington unter Anklage
+zu stellen. Nach kurzer Zeit existirte die Cabale nicht mehr. Clifford,
+der Einzige von den Fünfen, der mit einigem Grund für einen rechtlichen
+Mann gelten konnte, verweigerte den neuen Religionseid, legte seinen
+weißen Stab nieder und zog sich auf seine Güter zurück. Arlington
+vertauschte den Posten eines Staats&shy;secretairs mit einer ruhigen,
+ehrenvollen Anstellung im königlichen Hause. Shaftesbury und Buckingham
+versöhnten sich mit der Opposition und erschienen an der Spitze der
+stürmischen Demokratie der City. Lauderdale hingegen blieb Minister der
+schottischen Angelegenheiten, mit denen das englische Parlament nichts
+zu schaffen hatte.</p>
+
+<p>Jetzt drängten die Gemeinen den König, mit Holland Frieden zu
+schließen und erklärten ohne Hehl, daß sie durchaus keine Mittel zu
+diesem Kriege bewilligen würden, wenn der Feind sich nicht hartnäckig
+weigere, auf annehmbare Bedingungen einzugehen. Karl begriff, daß er nun
+jeden Gedanken an die Ausführung des Vertrags von Dover bis auf einen
+geeigneteren Zeitpunkt fallen lassen müsse, und schmeichelte der Nation
+durch den Anschein, als wolle er zur Politik der Tripleallianz
+zurückkehren. Temple, welcher seit der Macht der Cabale in
+Zurückgezogenheit unter seinen Büchern und Blumen lebte, wurde aus der
+Einsamkeit hervorgeholt, und durch seine Vermittlung ein Separatfrieden
+mit den Vereinigten Provinzen geschlossen. Er wurde darauf Gesandter im
+Haag, und seine Anwesenheit galt dort als ein sicheres Pfand der
+Aufrichtigkeit seines Hofes.</p>
+
+<p>Die oberste Leitung der Geschäfte war jetzt in den Händen Sir Thomas
+Osborns, eines Baronets aus Yorkshire, der im Hause der Gemeinen ein
+seltenes Talent für Geschäft und Debatte gezeigt hatte. Osborn wurde
+Lord Schatzmeister und bald darauf Earl von Danby. Er war kein Mann von
+achtungswerthem Charakter, insofern man ihn nach dem Maßstabe der
+Sittlichkeit beurtheilen wollte. Begierig nach Reichthümern und
+Auszeichnungen, war er, selbst verdorben, auch noch ein Verführer
+Anderer. Die Cabale hatte ihm die Kunst hinterlassen, Parlamente zu
+bestechen, eine damals noch unausgebildete Kunst, der man die hohe
+Vollendung noch nicht ansah, zu der sie sich in dem folgenden
+Jahrhundert emporschwang. Er verbesserte den Entwurf der ersten Erfinder
+bedeutend. Dieselben hatten blos Sprecher erkauft, Danby aber bezahlte
+Jeden, der eine Stimme hatte. Doch darf dieser neue Minister nicht mit
+den Unterhändlern von Dover in eine Reihe gestellt werden. Er besaß die
+Empfindungen eines Engländers und Protestanten, und niemals vergaß er
+über die eigenen Interessen ganz die seines Vaterlandes und seiner
+Religion. Er war allerdings eifrig bemüht, die königliche Prärogative zu
+erhöhen, doch benutzte er dazu Mittel, welche von denen sehr verschieden
+waren, die Arlington und Clifford im Sinne gehabt hatten. Nie dachte
+<span class = "pagenum">II.52</span>
+<a name = "pageII_52" id = "pageII_52"> </a>
+er daran, durch Hilfe fremder Truppen und Erniedrigung des Königreichs
+dasselbe zu dem Range eines abhängigen Fürstenthums herabsinken zu
+lassen. Sein Plan war, um die Monarchie wieder diejenigen Klassen zu
+schaaren, welche während der Unruhen des letzten Menschenalters ihre
+treuen Bundesgenossen gewesen, durch die neuerlichen Laster und
+Irrthümer des Hofes aber mit Unwillen zurückgetreten waren. Mit Hilfe
+des alten Cavalier-Interesses, des hohen und niedern Adels, des Klerus
+und der Universitäten konnte es nach seiner Meinung möglich sein, Karl
+zwar nicht zu einem unbeschränkten, aber doch zu einem kaum weniger
+mächtigen Souverain als Elisabeth war, zu machen.</p>
+
+<p>Von diesen Ansichten durchdrungen beschloß Danby der Partei der
+Cavaliere den ausschließlichen Besitz aller politischen Macht sowohl der
+executiven wie der gesetzgebenden, zu sichern. Es wurde daher im Jahre
+1675 im Hause der Lords eine Bill vorgelegt, welche bestimmte, daß
+Niemand ein Amt versehen oder in einem Hause des Parlaments sitzen
+solle, der nicht vorher die eidliche Erklärung gegeben, daß er
+Widerstand gegen die königliche Macht unbedingt für strafbar halte, und
+nie den Versuch machen werde, sich an der Verfassung des Staates oder
+der Kirche zu vergreifen. Mehrere Wochen hindurch erhielten die durch
+diesen Antrag hervorgerufenen Verhandlungen, Abstimmungen und Proteste
+das Land in großer Aufregung. Die Opposition im Hause der Lords, an
+deren Spitze zwei Mitglieder der Cabale standen, welche Frieden mit dem
+Volke zu machten wünschten, Buckingham und Shaftesbury, war
+außerordentlich heftig und hartnäckig, und hatte guten Erfolg. Die Bill
+wurde nicht verworfen, aber verzögert, verstümmelt und endlich bei Seite
+gelegt.</p>
+
+<p>Auf solche Willkür und Abgeschlossenheit gründete sich Danby’s innere
+Politik; seine Ansichten über äußere Politik machten ihm mehr Ehre, sie
+waren das Gegentheil von denen der Cabale, und glichen fast ganz denen
+der Vaterlandspartei. Er klagte bitter über die Erniedrigung, in welche
+man England versetzt, und erklärte in größter Aufregung, daß es sein
+sehnlichster Wunsch sei, den Franzosen durch Prügel die nöthige Achtung
+einzuflößen. Er war so wenig Herr seiner Gefühle, daß er bei einem
+großen Gastmahle, wo die höchsten Würdenträger des Staats und der Kirche
+anwesend waren, sein Glas auf das Verderben Aller leerte, die nicht für
+einen Krieg gegen Frankreich gestimmt wären. Es wäre ihm sehr erwünscht
+gewesen, hätte sich sein Vaterland mit den Mächten vereinigt, welche
+sich damals gegen Ludwig verbunden hatten, und zu dem Zwecke war er
+geneigt, Temple, den Stifter der Tripleallianz, an die Spitze des
+Departements der auswärtigen Angelegenheiten zu stellen. Aber die Macht
+des Premierministers hatte ihre Grenzen. In seinen vertraulichsten
+Briefen beklagt er sich, daß die Verblendung seines Herrn England
+hindere den ihm gebührenden Platz unter den Nationen Europa’s
+einzunehmen. Karl besaß eine unersättliche Gier nach französischem
+Golde, und hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben eines Tages
+mit Hilfe der französischen Waffen eine absolute Monarchie zu errichten
+&mdash; diese beiden Gründe waren für ihn hinreichend, um ein gutes
+Vernehmen mit dem Hofe von Versailles zu unterhalten.</p>
+
+<p>So verfolgte der Souverain ein System auswärtiger Politik, dem des
+Ministers diametral entgegen. Allerdings besaßen weder der Souverain
+noch der Minister den Charakter danach, irgend einen Plan stätig zu
+verfolgen, jeder gab bei Gelegenheit dem Drängen des Andern nach, und
+<span class = "pagenum">II.53</span>
+<a name = "pageII_53" id = "pageII_53"> </a>
+ihre abweichenden Neigungen und gegenseitigen Zugeständnisse verliehen
+der ganzen Verwaltung einen sonderbaren Anstrich. Aus Leichtsinn und
+Indolenz erlaubte der König zuweilen, daß Danby Maßregeln traf, welche
+Ludwig bitter beleidigen mußten; ebenso fügte sich Danby ehe er seinen
+hohen Posten aufgegeben hätte, bisweilen lieber in Gefälligkeiten, die
+ihm schwere Sorge und Schande verursachten. Der König wurde dahin
+gebracht, seine Erlaubniß zu einer Vermählung zwischen Maria, der
+ältesten Tochter und muthmaßlichen Erbin des Herzogs von York, und
+Wilhelm von Oranien, dem Todfeinde Frankreichs und erblichen Kämpfer der
+Reformation, zu geben; ja der tapfre Earl von Ossory, Ormonds Sohn,
+eilte den Holländern zum Beistande mit einigen britischen Truppen
+herbei, welche an dem blutigsten Tage des ganzen Krieges den Ruf des
+kühnsten Muthes trefflich bewährten. Auf der anderen Seite mußte der
+Schatzmeister bei einigen schimpflichen Geldgeschäften, die zwischen
+seinem Gebieter und dem Hofe von Versailles abgemacht wurden, nicht nur
+die Augen zudrücken, sondern auch &mdash; obgleich mit Verdruß und
+Widerstreben &mdash; dabei mitwirken.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Verwickelte Lage der Vaterlandspartei.</span>
+<a name = "secII_37" id = "secII_37">Mittlerweile</a> wurde die
+Vaterlandspartei durch zwei gewaltige Gefühle nach zwei verschiedenen
+Richtungen hin getrieben. Die Leiter des Volks hatten Furcht vor der
+Größe Ludwigs, der nicht nur der ganzen Stärke der continentalen Allianz
+Widerstand leistete, sondern sogar Boden gewann; ebenso wagten sie es
+aber auch nicht, ihrem eigenen Könige die Mittel zur Demüthigung
+Frankreichs anzuvertrauen, damit dieselben nicht zur Vernichtung der
+Freiheit Englands verwendet würden. Der Widerstreit zwischen diesen
+beiden Befürchtungen, welche vollkommen gerechtfertigt waren, ließ die
+Opposition eben so haltlos und wankelmüthig erscheinen, wie die des
+Hofes. Die Gemeinen forderten Krieg mit Frankreich, bis der König, von
+Danby zur Nachgiebigkeit vermocht, sich zu fügen schien, und eine Armee
+auszuheben begann. Als sie aber sahen, daß man mit den Werbungen
+fortschritt, wurde ihre Furcht vor Ludwig durch eine noch näher liegende
+Furcht verdrängt. Sie glaubten nämlich, daß diese neuen Truppen in einem
+Dienste verwendet werden möchten, für den Karl größere Theilnahme hegte
+als für die Vertheidigung Flanderns, verweigerten deshalb alle
+Geldbewilligungen, und verlangten jetzt ebenso laut die Entlassung der
+Truppen, als sie kurz vorher die Bildung einer Armee gefordert hatten.
+Diejenigen Geschichts&shy;chreiber, welche sich über diese
+Unbeständigkeit mit strengem Tadel ausgesprochen, scheinen nicht die
+gehörige Rücksicht auf die verzweifelte Lage von Leuten genommen zu
+haben, welche von dem Glauben durchdrungen waren, ihr Fürst vereinige
+sich mit einer auswärtigen feindlichen Macht zur Unterdrückung ihrer
+Freiheiten. Ihm militairische Hilfsmittel verweigern hieß den Staat
+wehrlos machen; gab man ihm dieselben, so benutzte er sie vielleicht
+gegen den Staat. Bei solcher Bewandtniß kann die Unentschlossenheit
+nicht als Beweis von Mangel an Ehrgefühl oder gar von Schwäche
+betrachtet werden.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Verkehr dieser Partei mit der französischen Gesandtschaft.</span>
+<a name = "secII_38" id = "secII_38">Dieser</a> Argwohn wurde von dem
+französischen König eifrig genährt. Er hatte England geraume Zeit in
+Unthätigkeit erhalten, indem er den Thron gegen das Parlament zu
+unterstützen versprach, aber jetzt gewann er die beunruhigende
+Überzeugung, daß die patriotischen Rathschläge Danby’s im Cabinet
+Anklang fanden, und nun begann er das Parlament gegen den Thron zu
+hetzen. Ludwig und die Vaterlandspartei trafen in
+<span class = "pagenum">II.54</span>
+<a name = "pageII_54" id = "pageII_54"> </a>
+einem, aber auch nur in diesem einen Punkte zusammen, nämlich in dem
+tiefen Mißtrauen gegen Karl. Hätte die Vaterlandspartei die Überzeugung
+erhalten können, daß ihr Souverain wirklich einen Krieg gegen Frankreich
+im Sinne hatte, so würde sie ihn auf’s Eifrigste unterstützt haben.
+Hätte Ludwig die Gewißheit gehabt, daß die neuen Rüstungen nur der
+Verfassung von England galten, so würde er sie nicht zu verhindern
+gesucht haben. Die Charakterlosigkeit Karls aber und seine Treulosigkeit
+waren so groß, daß die französische Regierung und die englische
+Opposition &mdash; sonst in allen Ansichten von einander abweichend
+&mdash; wenigstens darin übereinstimmten, daß seinen Worten nicht zu
+trauen sei, und beide den Wunsch theilten, ihn ohne Geld und Heer zu
+lassen. Es fanden Verhandlungen statt zwischen Barillon, dem
+französischen Gesandten, und solchen englischen Staats&shy;männern,
+welche stets Abneigung und Furcht vor dem französischen Übergewicht
+gezeigt und in der That auch aufrichtig empfunden hatten. Das redlichste
+Mitglied der Vaterlandspartei, Lord Wilhelm Russel, Sohn des Earl von
+Bedford, besprach sich unbedenklich mit einem fremden Gesandten zu dem
+Zweck, seinem eigenen Souveraine Verlegenheiten zu bereiten. Soweit ging
+Russels Fehltritt. Seine Grundsätze sowohl wie sein großes Vermögen
+erheben ihn über den Verdacht schmutziger Absichten; allein man hat nur
+zu viel Grund anzunehmen, daß mehrere seiner Verbündeten weniger
+Bedenklichkeit zeigten. Man würde ihnen Unrecht thun, wollte man sie der
+Nieder&shy;trächtigkeit beschuldigen, Geld angenommen zu haben, um ihrem
+Vaterlande zu schaden, sie meinten ihm im Gegentheil nützlich zu sein;
+es ist aber nicht in Abrede zu stellen, daß sie unehrenhaft und unzart
+genug waren, von einem fremden Fürsten dafür Bezahlung anzunehmen, daß
+sie dem eigenen Lande dienten. Einer von denen, welche diese
+erniedrigende Anklage mit Recht trifft, war ein Mann, der nach der
+Meinung des Volkes der personifizirte Gemeinsinn war, und welcher trotz
+einiger großen moralischen und geistigen Schwächen mit Recht ein Held,
+ein Philosoph und ein Patriot genannt zu werden verdient. Es erregt
+schmerzliche Empfindungen, einen derartigen Namen auf der Liste der
+Pensionaire Frankreichs zu finden, und doch liegt einiger Trost in dem
+Gedanken, daß in unserer Zeit ein öffentlicher Charakter der nicht einer
+Versuchung widerstände, welcher die Tugend und der Stolz Algernon
+Sidney’s unterlagen, als alles Pflicht- und Schamgefühls bar betrachtet
+werden würde.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Frieden von Nimwegen.</span>
+<a name = "secII_39" id = "secII_39">Die</a> Folge dieser Intriguen war,
+daß England, wenn es gleich bei Gelegenheit eine drohende Haltung
+zeigte, unthätig blieb, bis der continentale Krieg nach fast
+siebenjähriger Dauer 1678 durch den Frieden von Nimwegen sein Ende fand.
+Die Vereinigten Provinzen, 1672 am äußersten Rande des Verderbens
+stehend, erlangten ehrenvolle und vortheilhafte Bedingungen. Daß sie mit
+genauer Noth dem Untergange entrannen, wurde allgemein der
+Geschicklichkeit und Tapferkeit des jungen Statthalters zugeschrieben.
+Er besaß in Europa einen bedeutenden Ruf, und insbesondere bei den
+Engländern, welche ihn als einen ihrer eigenen Prinzen betrachteten, und
+denen es Freude machte, in ihm den Gemahl ihrer zukünftigen Königin zu
+sehen. Frankreich erwarb mehrere wichtige Städte in Belgien und die
+bedeutende Provinz Franche Comté; die sinkende spanische Monarchie aber
+hatte fast den ganzen Verlust zu tragen.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Große Unzufriedenheit in England.</span>
+<a name = "secII_40" id = "secII_40">Kaum</a> waren die Feindseligkeiten
+auf dem Festlande einige Monate vorüber, so trat eine
+<span class = "pagenum">II.55</span>
+<a name = "pageII_55" id = "pageII_55"> </a>
+große Krisis in der englischen Politik ein, welche durch den Gang der
+Verhältnisse seit bereits achtzehn Jahren vorbereitet worden war. Das
+ganze Capital von Popularität, welches der König beim Antritt seiner
+Regierung besaß, war verschwendet, und dem loyalen Enthusiasmus tiefe
+Abneigung gefolgt. Die öffentliche Meinung war die Strecke
+zurückgegangen, die sie zwischen 1640 und 1660 durchlaufen hatte, und
+befand sich noch einmal auf demselben Standpunkte, den sie einnahm, als
+das Lange Parlament zusammentrat.</p>
+
+<p>Die herrschende Unzufriedenheit bestand aus einem Gemisch der
+verschieden&shy;artigsten Empfindungen. Eins dieser Gefühle war
+verletzter Nationalstolz. Die damalige Generation kannte England, wie
+es, auf gleiche Bedingungen mit Frankreich verbündet, Siegerin über
+Holland und Spanien, Beherrscherin des Meeres, der Schrecken Roms, der
+Schutzgeist des protestantischen Europa’s war. Seine Hilfsquellen waren
+nicht schwächer geworden, und es stand zu erwarten, daß unter dem
+Scepter eines legitimen Königs, der die Liebe und den völligen Gehorsam
+seiner Unterthanen besaß, es in Europa zum Wenigsten eben so
+hervorragend dastehen müsse, wie unter der Herrschaft eines Usurpators,
+der mit größter Wachsamkeit und Energie ein rebellisches Volk
+niederzuhalten hatte. Und doch war es durch die Schwäche und
+Erbärmlichkeit seines Oberhauptes so tief gesunken, daß jedes deutsche
+oder italienische Ländchen, welches fünftausend Soldaten in’s Feld
+schicken konnte, ein wichtigeres Glied unter den Nationen Europa’s
+bildete.</p>
+
+<p>Mit der bitteren Empfindung nationaler Demüthigung verband sich die
+Besorgniß um die bürgerliche Freiheit. Unbestimmte Gerüchte, um so
+beunruhigender weil sie unbestimmt waren, schrieben dem Hofe einen
+überdachten Plan gegen alle constitutionellen Rechte der Engländer zu;
+man raunte sich sogar in’s Ohr, daß die Ausführung dieses Planes mit
+Hilfe fremder Waffen geschehen solle. Selbst den Cavalieren kochte bei
+dem Gedanken an solche Einmischung das Blut in den Adern, und einige,
+die stets die Lehre von der Unzulässigkeit des Widerstandes im Munde
+hatten, murrten jetzt, daß diese Lehre auch eine Grenze habe! Wollte man
+eine fremde Macht herüberführen, um der Nation Zwang anzuthun, so
+möchten sie nicht für die eigene Geduld einstehen!</p>
+
+<p>Weder Nationalstolz noch Besorgniß um die öffentliche Freiheit aber
+hatten auf die Stimmung des Volkes einen solchen Einfluß, wie der Haß
+gegen die römisch-katholische Kirche. Dieser Haß war eine herrschende
+Leidenschaft des Volkes geworden und bei Unwissenden und Profanen eben
+so gewaltig wie bei den Protestanten von Überzeugung. Die
+Unmenschlichkeiten während der Regierung Maria’s, Unmenschlichkeiten,
+die selbst bei der unbefangensten, klarsten Darstellung Grauen erregen
+und in den volksthümlichen Erzählungen von Märtyrern weder genau, noch
+vorurtheilslos berichtet wurden, die Verschwörung gegen Elisabeth, und
+namentlich die Pulververschwörung hatten in der Erinnerung des Volkes
+ein nicht zu löschendes, bitteres Gefühl hinterlassen, das durch
+jährliche Erinnerungsfeste, Gebete, Freudenfeuer und Prozessionen immer
+wieder neue Nahrung erhielt.</p>
+
+<p>Es ist hierbei nicht zu vergessen, daß diejenigen Klassen, welche dem
+Throne insbesondere anhingen, der Klerus und der grundbesitzende Adel,
+hauptsächlich Ursache hatten, die katholische Kirche zu hassen. Der
+Klerus zitterte für seine Pfründen, der Adel mit Grundbesitz für seine
+Abteien und hohen Zehnten. So lange die Regierung der Heiligen noch in
+frischem
+<span class = "pagenum">II.56</span>
+<a name = "pageII_56" id = "pageII_56"> </a>
+Andenken war, hatte der Haß gegen das Papstthum in etwas dem Hasse gegen
+den Puritanismus Platz gemacht; aber während der achtzehn Jahre, welche
+seit der Restauration verflossen waren, hatte die Feindseligkeit gegen
+den Puritanismus abgenommen, wogegen die Abneigung gegen das Papstthum
+gewachsen war. Zwar waren die Bedingungen des Vertrags von Dover nur
+Wenigen genauer bekannt, aber einige Andeutungen doch laut genug
+geworden. Der allgemeine Glaube war, daß ein großer, vernichtender
+Schlag gegen den Protestantismus geführt werden solle. Viele hatten den
+König in Verdacht, daß er sich Rom zuwende, sein Bruder und
+muthmaßlicher Thronerbe war als ein bigotter Katholik bekannt. Die erste
+Herzogin von York war als Katholikin gestorben, und Jacob hatte darauf,
+trotz der Gegenvorstellungen des Hauses der Gemeinen, die Prinzessin
+Maria von Modena, auch eine Katholikin, geheirathet; wenn aus dieser Ehe
+Söhne hervorgingen, so stand zu fürchten, daß dieselben als Katholiken
+erzogen werden möchten, und dann eine lange Reihe von Fürsten auf dem
+Throne sitzen würden, welche Feindschaft gegen die herrschende
+Staats&shy;kirche im Herzen trügen; man hatte neuerdings die Verfassung
+verletzt, um die Katholiken gegen das Strafgesetz in Schutz zu nehmen;
+der Bundesgenosse, dessen Politik England seit Jahren beherrscht hatte,
+war nicht blos ein Katholik, sondern auch ein Verfolger des
+Protestantismus. Unter allen diesen Umständen war es zu rechtfertigen,
+wenn der gemeine Mann eine Wiederkehr der Zeiten jener Fürstin
+fürchtete, welche er die blutige Maria nannte.</p>
+
+<p>Die Nation war demgemäß in einer Stimmung, bei der jeder Funke zur
+Flamme werden konnte. Da wurde mit einem Male an zwei Stellen Feuer an
+die ungeheure Masse des Zündstoffes gelegt, und augenblicklich stand
+Alles in Flammen.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Danby’s Sturz.</span>
+<a name = "secII_41" id = "secII_41">Der</a> französische Hof, welcher
+Danby als seinen bittersten Feind kannte, ersann den listigen Plan, ihn
+dadurch zu stürzen, daß er ihn für seinen Freund gelten ließ. Ludwig
+bewies dem Hause der Gemeinen mit Hilfe Ralphs von <ins class =
+"correction" title = "Original hat »Mantague«">Montague</ins>, eines
+unredlichen, schamlosen Menschen, der als Gesandter in Frankreich
+gewesen war, daß der Schatzmeister bei einem Geldgesuche sich
+betheiligt, welches der Hof von Whitehall an den von Versailles
+gerichtet. Diese Entdeckung hatte ihre berechneten Folgen, indem der
+Schatzmeister, nicht seiner Verbrechen sondern seiner Verdienste wegen,
+nicht als Theilhaber an einer strafbaren Verhandlung, sondern als
+entschiedener Gegner derselben, der Verfolgung des Parlaments anheim
+fiel. Seine Zeitgenossen kannten die Umstände nicht, welche in den Augen
+der Nachwelt die ihm zur Last gelegte Schuld so sehr verringert
+erscheinen lassen, sie sahen in ihm einen Mäkler, welcher England an
+Frankreich verkauft hatte. Seine Größe war offenbar vorüber, und sein
+Kopf in nicht geringer Gefahr.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die papistische Verschwörung.</span>
+<a name = "secII_42" id = "secII_42">Die</a> Aufregung, welche die
+erwähnte Entdeckung verursachte, war jedoch unbedeutend im Vergleich zu
+der heftigen Bewegung, die das Gerücht hervorrief, es sei ein großes
+papistisches Complot <ins class = "correction" title = "Original hat »endeckt«">entdeckt</ins> worden. Ein gewisser Titus Oates, Geistlicher
+der englischen Kirche, war von seinen kirchlichen Vorgesetzten gezwungen
+worden, wegen unordentlichen Lebenswandels und heterodoxer Lehre seine
+Pfründe zu verlassen, und führte seitdem ein lasterhaftes und unstätes
+Leben. Er hatte sich einmal als Katholiken bekannt und auf dem Kontinent
+einige Zeit in englischen Kollegien des Jesuitenordens zugebracht. In
+<span class = "pagenum">II.57</span>
+<a name = "pageII_57" id = "pageII_57"> </a>
+diesen Seminarien hatte er viel wirres Geschrei vernommen über die
+geeignetsten Mittel, England wieder in den Schooß der wahren Kirche
+zurückzuführen. Aus den Andeutungen, welche ihm hier geworden, setzte er
+nun einen schauderhaften Roman zusammen, der mehr den Phantasieen eines
+Fieberkranken als Ereignissen glich, die sich jemals in der Wirklichkeit
+zugetragen. Der Papst, versicherte er, hätte die Regierung Englands den
+Jesuiten in die Hände gegeben. Diese hätten durch Bestallungen,
+ausgefertigt unter dem Siegel ihrer Gesellschaft, katholische Priester
+sowie Personen des hohen und niederen Adels zu den höchsten Posten in
+Kirche und Staat bestimmt. Schon einmal hätten die Papisten London
+niedergebrannt, sie hätten bereits einen zweiten Versuch dazu gemacht,
+und gingen jetzt mit dem Plane um, alle Schiffe auf der Themse
+anzuzünden. Auf ein gegebenes Zeichen würden sie über die Protestanten
+herfallen und sie niedermachen, zu gleicher Zeit würde eine französische
+Armee an der Küste von Irland erscheinen. Alle leitenden
+Staats&shy;männer und Geistlichen Englands sollten umgebracht werden,
+und zur Ermordung des Königs habe man drei oder vier Pläne entworfen; er
+sollte erdolcht, oder durch Medizin vergiftet oder mit silbernen Kugeln
+erschossen werden. Die öffentliche Meinung war so empfindlich und
+reizbar, daß diese Lügen bei dem gemeinen Manne leicht Eingang fanden,
+und zwei einander rasch folgende Vorgänge erregten selbst bei besonnenen
+Männern einen Argwohn, daß die Erzählung, wenn auch entstellt und
+übertrieben, doch nicht ganz ohne Grund sein möge.</p>
+
+<p>Eduard Coleman, ein sehr thätiger, aber nicht eben achtungswerther
+katholischer Intriguant, befand sich unter den angeklagten Personen. Man
+forschte nach seinen Papieren, und es zeigte sich, daß er so eben den
+größten Theil derselben vernichtet hatte, einige aber, die gerettet
+worden waren, enthielten Stellen, welche befangenen Gemüthern die
+Anschuldigung Oates’ zu rechtfertigen schien. Ruhig und vorurtheilsfrei
+betrachtet, sprachen diese Stellen freilich blos die Hoffnung aus,
+welche der Stand der Dinge, die Neigungen Karls, die noch stärkeren
+Neigungen Jacobs und die, zwischen dem französischen und englischen Hofe
+bestehenden Verbindungen sehr natürlich in der Brust eines Katholiken
+erwecken mußten, der den Interessen seiner Kirche eifrig ergeben war.
+Unser Vaterland aber hatte damals keine Lust, Schreiben von Papisten
+unbefangen zu deuten, und es wurde nicht ganz ohne rechtlichen Anschein
+geschlossen, daß, wenn die als unwichtig übersehenen Papiere so
+bedenklichen Inhalts wären, diejenigen Documente, welche man in das
+Feuer geworfen, vermuthlich das Geheimniß eines großen Verbrechens
+enthalten haben müßten.</p>
+
+<p>Nach einigen Tagen wurde bekannt, daß Sir Edmondsbury Godfrey, ein
+vorzüglicher Friedensrichter, welcher die Aussagen des Oates gegen
+Coleman niedergeschrieben, verschwunden sei. Durch die angestellten
+Nachforschungen entdeckte man Godfrey’s Leichnam auf einem Felde in der
+Nähe Londons, und es unterlag keinem Zweifel, daß er zwar gewaltsam
+getödtet, nicht aber von Räubern angegriffen worden sei. Sein Schicksal
+ist bis auf diesen Tag ein Geheimniß geblieben. Manche glauben, er habe
+sich selbst entleibt, Andere sagen, er sei durch einen Privatfeind
+ermordet worden; am unwahr&shy;schein&shy;lichsten aber ist die Annahme,
+die dem Hofe feindliche Partei habe ihn getödtet, um der
+Verschwörungs&shy;geschichte einen Anhalt zu geben. Im Ganzen genommen
+scheint die Annahme am richtigsten zu sein, daß einige erhitzte
+Katholiken durch die lügenhaften
+<span class = "pagenum">II.58</span>
+<a name = "pageII_58" id = "pageII_58"> </a>
+Beschuldigungen Oates’ und die Beleidigungen der Menge zur höchsten Wuth
+gereizt, zwischen dem meineidigen Ankläger und der schuldlosen
+Gerichtsperson nicht genau unterschieden, und eine Rache ausübten, von
+der die Geschichte verfolgter Sekten nur zu viele Beispiele darbietet.
+Ist es so gewesen, dann muß der Mörder in einer späteren Zeit seine
+Schlechtigkeit und Thorheit bitter bereut haben. Die Hauptstadt und die
+ganze Nation waren von Haß und Furcht erfüllt. Die Strafgesetze, welche
+in ihrer Strenge etwas gemäßigt worden waren, wurden von Neuem
+verschärft, überall waren Richter in Thätigkeit, Häuser zu durchsuchen
+und Papiere in Beschlag zu nehmen; die Gefängnisse waren mit Katholiken
+angefüllt. London gewährte das Bild einer Stadt im
+Belagerungs&shy;zustande. Die Miliz war jede Nacht unter den Waffen;
+Vorkehrungen wurden getroffen, die großen Durchgänge zu verbarrikadiren,
+Patrouillen durchzogen die Straßen nach allen Richtungen. Rings um
+Whitehall waren Kanonen aufgefahren, und kein Bürger glaubte sich
+sicher, wenn er nicht unter dem Mantel einen mit Blei gefüllten kleinen
+Dreschflegel trug, um den katholischen Meuchelmördern den Kopf
+einzuschlagen. Die Leiche des ermordeten Friedensrichters war mehrere
+Tage der Neugierde der Masse ausgestellt, und wurde dann mit unsinnigen
+und seltsamen Ceremonien, welche mehr Haß und Rachedurst, als Schmerz
+und religiöse Hoffnung andeuteten, zu Grabe gebracht. Die Häuser
+verlangten, daß man in den Gewölben, über denen sie saßen, eine Wache
+legen sollte, damit sie keine zweite Pulververschwörung zu fürchten
+hätten. Alle ihre Maßregeln stimmten mit diesem Verlangen überein. Seit
+der Regierung Elisabeths hatten die Mitglieder des Hauses der Gemeinen
+immer den Suprematseid leisten müssen, einige Katholiken aber hatten es
+verstanden, diesem Eide eine solche Auslegung zu geben, daß sie ihn ohne
+Bedenken leisten konnten. Es wurde jetzt ein noch strengerer Eid
+hinzugefügt, und die katholischen Lords sahen sich zum ersten Male von
+ihren Sitzen im Parlament ausgeschlossen. Strenge Maßregeln gegen die
+Königin wurden beschlossen. Einen Staats&shy;secretair ließen die
+Gemeinen in’s Gefängniß bringen, weil er Bestallungen für gewisse
+Personen, welche keine guten Protestanten waren, contrasignirt hatte,
+den Lord Schatzmeister beschuldigten sie des Hochverraths; ja sie
+vergaßen die während und nach dem Bürgerkriege offen bekannte Lehre
+soweit, daß sie einen Versuch machten, den Oberbefehl der Miliz den
+Händen des Königs zu entreißen. In <ins class = "correction" title =
+"Fehler für »solchen«?">solchem</ins> Zustand hatte eine achtzehnjährige
+schlechte Regierung das loyalste Parlament gebracht, das je in England
+bestanden hatte.</p>
+
+<p>Auffallend ist es, daß der König selbst in dieser höchsten Noth es
+wagte, Berufung an sein Volk einzulegen, denn das Volk war noch
+erhitzter als seine Repräsentanten. Das Unterhaus, so unzufrieden es
+auch war, enthielt eine größere Zahl von Cavalieren, als nach aller
+Wahrscheinlichkeit jemals wieder darin sitzen würden, aber man gedachte
+durch eine Auflösung die Anklage gegen den Lord Schatzmeister zu
+sistiren, durch welche alle strafwürdigen Geheimnisse der französischen
+Allianz an’s Licht kommen, und dem König persönliche Verlegenheit und
+Widerwärtigkeit bereiten mußten. Das Parlament wurde daher im Januar des
+Jahres 1679 aufgelöst. &mdash; Es hatte seit Anfang des Jahres 1661
+bestanden, &mdash; und eine allgemeine Wahl wurde angeordnet.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Erste allgemeine Wahl von 1679.</span>
+<a name = "secII_43" id = "secII_43">Während</a> mehrerer Wochen wurde
+der Wahlkampf im ganzen Lande mit beispielloser Heftigkeit und
+<span class = "pagenum">II.59</span>
+<a name = "pageII_59" id = "pageII_59"> </a>
+Hartnäckigkeit geführt, bedeutendere Summen als je zuvor wurden auf
+denselben verwandt, und ganz neue Kunstgriffe in Anwendung gebracht. Die
+Verfasser von Flugschriften aus damaliger Zeit erwähnen als etwas ganz
+Außergewöhnliches, daß mit großen Kosten Pferde zur Beförderung der
+Wähler gemiethet wurden. Der Kunstgriff, Freisassengüter zu zerstückeln,
+um die Wahlstimmen zu vervielfältigen, verdankt jenem merkwürdigen
+Kampfe seine Entstehung. Dissenterprediger, welche sich vor der
+Verfolgung in stille, entlegene Winkel geflüchtet hatten, kamen jetzt
+aus ihren Schlupfwinkeln hervor und wanderten auf den Dörfern umher, um
+den Eifer des zerstreuten Volkes Gottes wieder anzufachen. Die Fluth
+stieg hoch gegen die Regierung. Die meisten der neugewählten Mitglieder
+kamen in einer Stimmung nach Westminster, welche nicht sehr von der
+ihrer Vorgänger abwich, welche Strafford und Laud in den Tower gesperrt
+hatten.</p>
+
+<p>Mittlerweile wurden die Gerichtshöfe, welche auch während der
+politischen Unruhen Zufluchtsstätten für die Schuldlosen aller Parteien
+sein sollen, durch niedrigere Leidenschaften und gemeinere Bestechungen
+entehrt, als selbst bei den Wahlumtrieben vorkamen. Die Erzählung des
+Oates, hätte sie auch vermocht das ganze Lande in wilde Aufregung zu
+bringen, würde ohne ein anderes Zeugniß nicht hingereicht haben, den
+unbedeutendsten der Angeklagten zu verderben, indem nach dem alten
+englischen Rechte zwei Zeugen erforderlich sind, um eine Anklage auf ein
+schweres Verbrechen zu begründen. Indeß der günstige Erfolg des ersten
+Schurken blieb nicht ohne seine natürlichen Folgen. Binnen wenigen
+Wochen hatte sich derselbe aus Armuth und Dunkelheit zu Reichthum und
+Macht emporgeschwungen, welche ihn Prinzen und Edelleuten gefährlich
+machten, und eine Berühmtheit erlangt, die für gemeine Seelen den ganzen
+Reiz des wahren Ruhmes hat. Er blieb nicht lange ohne Beihilfe und
+Genossenschaft. Ein schlechter Mensch, mit Namen Carstairs, der in
+Schottland sein Leben dadurch fristete, daß er verkleidet Conventikel
+besuchte, und dann die Prediger denuncirte, ging voran. Bedloe, ein
+bekannter Schwindler, folgte, und bald drangen aus allen Bordellen,
+Spielhöllen und Bierhäusern Londons käufliche Zeugen hervor, um
+Katholiken durch ihre erlogenen Aussagen um’s Leben zu bringen. Einer
+wußte eine Geschichte von einer Armee zu erzählen, die aus
+dreißigtausend Mann als Pilger verkleideten Soldaten bestehend sich in
+Corunna versammeln, und von da nach Wales segeln sollte; einem Anderen
+hatte man die Heiligsprechung und fünfhundert Pfund geboten, wenn er den
+König ermorden wollte; ein Dritter hatte beim Besuche eines Speisehauses
+in Coventgarden gehört, wie ein angesehener, katholischer Banquier in
+Gegenwart aller Gäste und Kellner gelobte, den ketzerischen Tyrannen
+um’s Leben zu bringen. Oates, um von seinen Nachfolgern nicht
+übertroffen zu werden, fügte seiner ursprünglichen Geschichte einen
+bedeutenden Nachtrag hinzu. Er besaß die beispiellose Unverschämtheit,
+unter Anderem zu versichern, er habe einst, als er hinter einer offenen
+Thür gestanden, die Königin sagen hören, sie sei entschlossen in die
+Ermordung ihres Gemahls zu willigen. Selbst solche Erfindungen glaubte
+das Volk, und der Richterstand des Landes that als glaube er sie auch.
+Die höchsten Justizpersonen des Reichs waren bestochen, unmenschlich und
+furchtsam, und die Leiter der Vaterlandspartei unterstützten nach
+Kräften die herrschende Verblendung. Die achtbarsten Mitglieder
+derselben waren in der That selbst so befangen, daß sie den
+<span class = "pagenum">II.60</span>
+<a name = "pageII_60" id = "pageII_60"> </a>
+größeren Theil der Beweise für die Verschwörung nicht bezweifelten.
+Männer wie Shaftesbury und Buckingham wußten natürlich, daß die ganze
+Sache ein Roman sei, aber ein Roman, der ihnen zusagte, denn ihrem
+verhärteten Gewissen war der Tod eines unschuldigen Menschen eben so
+gleichgültig, als der Tod eines Feldhuhns. Die Geschwornen standen unter
+dem Einflusse der Gefühle, welche damals die ganze Nation beherrschten,
+und wurden von der Richterbank ermuthigt, diesen Gefühlen freien Lauf zu
+lassen. Das Volk überschüttete Oates und sein Gelichter mit Beifall,
+schrie und lärmte gegen die Zeugen, welche zu Gunsten der Angeklagten
+auftraten und jubelte vor Freude, wenn eine Verurtheilung ausgesprochen
+ward. Vergeblich wiesen die Dulder auf die Unbescholtenheit ihres
+früheren Lebens hin, denn die öffentliche Meinung war von dem
+Vorurtheile befangen, daß ein Katholik, je gewissenhafter er sei, um so
+eher gegen die protestantische Regierung complottiren werde. Vergebens
+behaupteten sie noch in dem Augenblicke, wo der Karren unter ihren Füßen
+weggezogen ward, ihre völlige Unschuld, denn es galt die Meinung, daß
+ein guter Katholik alle Unwahrheiten, durch die er seiner Kirche diente,
+nicht nur als verzeihlich sondern sogar als verdienstlich ansehe.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Heftigkeit des neuen Hauses der Gemeinen.</span>
+<a name = "secII_44" id = "secII_44">Während</a> unter der Form der
+Gerechtigkeit unschuldiges Blut in Strömen vergossen wurde, trat das
+neue Parlament zusammen, und die Heftigkeit der überwiegenden Partei war
+so groß, daß selbst Männer, deren Jugend unter Revolutionen verstrichen
+war, Männer, die sich der Verurtheilung Straffords, des Attentats auf
+die fünf Mitglieder, der Beseitigung des Hauses der Lords und der
+Hinrichtung des Königs erinnerten, mit größter Besorgniß auf den Zustand
+der Dinge blickten. Die Anklage Danby’s wurde wieder aufgenommen. Er bat
+um die königliche Gnade, aber die Gemeinen wiesen dieses Gesuch mit
+Verachtung zurück und verlangten die Fortsetzung des Processes. Um Danby
+war es ihnen übrigens eigentlich gar nicht zu thun; sie waren überzeugt,
+daß das einzige wirksame Mittel, die Freiheit und Religion Englands zu
+retten, darin bestehe, daß man den Herzog von York vom Throne
+ausschließe.</p>
+
+<p>Der König befand sich in großer Verlegenheit. Er hatte seinen Bruder,
+dessen Anblick allein schon das Volk zu wahnsinniger Wuth entflammte,
+veranlaßt, auf einige Zeit nach Brüssel zu gehen, aber dieses
+Zugeständniß schien keinen besonders günstigen Eindruck gemacht zu
+haben. Die Partei der Rundköpfe hatte offenbar das Übergewicht. Zu
+dieser Partei gehörten Millionen, welche zur Zeit der Revolution auf
+Seiten der Prärogative gestanden. Unter den alten Cavalieren fürchteten
+Viele das Papstthum; und Andere, die sich noch immer mit Bitterkeit der
+Undankbarkeit des Fürsten erinnerten, dem sie so viel geopfert, blickten
+auf sein Unglück eben so gleichgültig hin, wie er einst auf das ihrige.
+Selbst die anglikanische Geistlichkeit, durch den Abfall des Herzogs von
+York gekränkt und beunruhigt, unterstützte die Opposition insoweit, daß
+sie in das allgemeine Geschrei gegen die Römisch-Katholischen von Herzen
+einstimmte.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Temple’s Regierungs&shy;system.</span>
+<a name = "secII_45" id = "secII_45">In</a> dieser höchsten Bedrängniß
+nahm der König seine Zuflucht zu Sir William Temple. Von allen
+Staats&shy;männern jener Zeit hatte Temple sich den Ruf eines redlichen
+Mannes erhalten. Die Tripleallianz war sein Werk, er hatte sich
+geweigert,
+<span class = "pagenum">II.61</span>
+<a name = "pageII_61" id = "pageII_61"> </a>
+an der Politik der Cabale Theil zu nehmen, und so lange dieses Cabinet
+die Angelegenheiten des Staates leitete, war er in stiller
+Zurückgezogenheit geblieben. Auf den Ruf Danby’s war er aus seiner
+Einsamkeit hervorgetreten, hatte den Frieden zwischen Holland und
+England vermittelt, und große Thätigkeit bei dem Zustandebringen der
+Vermählung der Prinzessin Maria mit ihrem Vetter, dem Prinzen von
+Oranien, entwickelt. So sah Jedermann in ihm den Schöpfer des wenigen
+Guten, das die Regierung seit der Restauration vollbracht, und von den
+vielen Verbrechen und Irrthümern der letzten achtzehn Jahre konnte ihm
+keines zur Last gelegt werden. Sein Privatleben, wenngleich nicht
+streng, war anständig, seine Manieren waren volksthümlich, und es war
+nicht möglich ihn durch Titel oder Geld zu bestechen. Etwas fehlte
+allerdings an dem Charakter dieses vortrefflichen Staats&shy;mannes:
+seine Vaterlandsliebe besaß keinen hohen Wärmegrad. Seine persönliche
+Ruhe und Würde ging ihm über Alles, und er schrak mit kleinmüthiger
+Furcht vor jeder Verantwortlichkeit zurück. Seine Gewohnheiten waren
+nicht geeignet, ihn in den Parteikämpfen Englands eine Rolle spielen zu
+lassen. Er war fünfzig Jahre alt geworden, ohne jemals im Parlamente
+gesessen zu haben, und seine Geschäfts&shy;erfahrungen hatte er fast
+ausschließlich fremden Höfen gesammelt. Man hielt ihn mit Grund für
+einen der ersten Diplomaten Europa’s, aber die Talente und Fertigkeiten
+eines Diplomaten sind himmelweit verschieden von denjenigen, welche
+einen Staatsmann befähigen, in aufgeregter Zeit das Haus der Gemeinen zu
+leiten.</p>
+
+<p>Der Plan, den er in Anregung brachte, verrieth viel Geist. Wenn auch
+kein tiefer Denker, so hatte er doch mehr als die meisten
+Geschäftsmänner über die allgemeinen Regierungs&shy;grundsätze
+nachgedacht, und sein geistiger Blick war durch Geschichts&shy;studien
+und Aufenthalt im Auslande sehr umfassend geworden. Er scheint klarer
+als die meisten seiner Zeitgenossen den Grund der Schwierigkeiten
+erkannt zu haben, welche die Regierung bedrängten. Der Charakter der
+englischen Staats&shy;verfassung fing an, sich zu verändern, das
+Parlament erhob, wenn auch langsam, doch unaufhörlich, seine Macht über
+die der Prärogative. Die Grenze zwischen der gesetzgebenden und der
+executiven Gewalt war in der Theorie so genau abgemessen wie jemals,
+aber in der Praxis schwand sie mehr und mehr. Nach der Theorie der
+Verfassung hatte der König selbst seine Minister zu wählen; das Haus der
+Gemeinen aber hatte nach einander Clarendon, die Cabale und Danby von
+der Leitung der Staats&shy;geschäfte entfernt. Nach der Theorie der
+Verfassung hatte der König allein das Recht, über Krieg und Frieden zu
+entscheiden; er war durch das Haus der Gemeinen gezwungen worden,
+Frieden mit Holland zu schließen, und es hätte ihn fast dazu getrieben,
+Krieg mit Frankreich zu beginnen. Nach der Theorie der Verfassung stand
+dem Könige allein die Entscheidung in Fällen zu, wo es sich um
+Begnadigungen handelte; er hatte aber eine solche Furcht vor dem Hause
+der Gemeinen, daß er es nicht wagen durfte, Männer vom Galgen zu retten,
+von denen er gar wohl wußte, daß sie als unschuldige Opfer des Meineids
+fielen. Es scheint, daß Temple die Absicht hatte, der Gesetzgebung ihre
+unzweifelhaft verfassungs&shy;mäßigen Gewalten zu belassen, und sie
+zugleich, wenn möglich, zu verhindern, Übergriffe in das Gebiet der
+ausübenden Verwaltung zu thun. Zu diesen Zwecke beschloß er, zwischen
+den Landesherrn und das Parlament einen Körper zu stellen, welcher im
+Stande wäre, die Heftigkeit ihres Zusammenstoßes
+<span class = "pagenum">II.62</span>
+<a name = "pageII_62" id = "pageII_62"> </a>
+zu mildern. Es existirte ein altes, ehrenwerthes, von dem Gesetze
+sanctionirtes Institut, das nach seiner Meinung zu diesem Zwecke
+umgestaltet werden konnte. Er beschloß, dem Geheimen Rathe einen neuen
+Charakter und eine neue Bestimmung in der Verfassung zu verleihen. Die
+Zahl der Räthe wurde auf dreißig bestimmt, funfzehn davon sollten die
+ersten Beamten des Staates, der Rechtspflege und der Kirche sein, die
+anderen funfzehn sollten aus Adeligen und Herren bestehen, die sich in
+keinem Amte befanden, aber ein großes Vermögen besaßen und eines hohen
+Ansehens genossen. Ein engeres Kabinet sollte nicht bestehen. Diese
+dreißig sollten mit allen Staats&shy;geheimnissen betraut und zu jeder
+Versammlung berufen werden, der König aber sich verpflichten, bei allen
+Gelegenheiten ihrem Rathe Folge zu leisten.</p>
+
+<p>Temple scheint von der Ansicht ausgegangen zu sein, durch diese
+Einrichtung sei die Nation gegen die Tyrannei der Krone, und diese gegen
+die Übergriffe des Parlaments geschützt. Einmal war es nicht
+wahrscheinlich, daß Pläne, wie sie die Cabale gefaßt hatte, in einer
+Versammlung von dreißig Männern, die zur Hälfte durch keine Bande des
+Interesses an den Hof geknüpft waren, auch nur in Vorschlag gebracht
+werden könnten, und dann ließ sich hoffen, daß ein solcher Rath den
+Gemeinen eine Bürgschaft gegen schlechte Regierung sein, und sie sich
+mehr als bisher geschehen auf ihre streng gesetzgebenden Functionen
+beschränken und es für weniger nöthig erachten würden, ihren Blick auf
+alle Theile der executiven Verwaltung zu richten.</p>
+
+<p>Dieser Plan, obschon in verschiedener Hinsicht der Fähigkeiten seines
+Schöpfers nicht unwürdig, war im Princip mangelhaft. Die neue Behörde
+war halb Kabinet, halb Parlament, und wie jede Entdeckung in der
+Mechanik oder Politik, welche zu zwei von einander abweichenden Zwecken
+benutzt werden soll, konnte sie keinen erreichen. Für eine gute Behörde
+war sie zu groß und zu getheilt, sie war zu eng mit der Krone verknüpft,
+um dieselbe überwachen zu können, und enthielt genug populäre Elemente,
+sie zu einem nicht eben guten Staatsrathe zu machen, unfähig Geheimnisse
+zu bewahren, difficile Verhandlungen zu leiten, und Krieg zu führen. Und
+doch war das populäre Element nicht hinreichend, um das Volk gegen
+fehlerhafte Verwaltung zu schützen. Der Plan konnte deshalb, selbst wenn
+man die Absicht gehabt hätte, ihn die Probe bestehen zu lassen, sich
+nicht vortheilhaft bewähren, ihn aber die Probe bestehen zu lassen, dazu
+fehlte der gute Wille. Der König war unzuverlässig und treulos, das
+Parlament ohne Besonnenheit und Billigkeit, und die Personen, aus denen
+man den neuen Rath bilden wollte, obschon vielleicht die besten, welche
+in jener Zeit zu haben waren, trotzdem noch immer unbrauchbar genug.</p>
+
+<p>Der Beginn des neuen Systems erregte allgemeine Freude, denn das Volk
+war der Meinung, jede Veränderung müsse auch eine Verbesserung sein;
+auch war es mit einigen neuen Ernennungen zufrieden gestellt.
+Shaftesbury, zur Zeit sein Liebling, wurde Lord Präsident, und Russel
+nebst einigen anderen hervorragenden Mitgliedern der Vaterlandspartei
+für den Geheimen Rath vereidet. Aber nach Verlauf von wenig Tagen war
+Alles wieder in Verwirrung. Das Unpraktische des aus so vielen
+Mitgliedern bestehenden Kabinets war so hervortretend, daß Temple selbst
+einwilligte eine der von ihm festgestellten Grundregeln zu verletzen und
+ein kleines Kollegium zu bilden, welches die wirkliche Leitung aller
+<span class = "pagenum">II.63</span>
+<a name = "pageII_63" id = "pageII_63"> </a>
+Geschäfte besorgte. Dasselbe bestand neben ihm aus drei anderen
+Ministern, Arthur Capel, Earl von Essex, Georg Savile, Viscount Halifax,
+und Robert Spencer, Earl von Sunderland.</p>
+
+<p>Über den Earl von Essex, damaligen ersten Schatzcommissar, genügt es
+zu sagen, daß er ein Mann von soliden, wenn auch nicht hervorragenden
+Gaben, und ernster, melancholischer Gemüthsart war. Er hatte der
+Vaterlandspartei angehört und wünschte damals aufrichtig, eine
+Versöhnung zwischen dieser Partei und dem Throne zu vermitteln, welche
+auch für den Staat günstig wäre.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Charakter des Halifax.</span>
+<a name = "secII_46" id = "secII_46">Halifax</a> war unter den
+Staats&shy;männern jener Zeit an Genie der vorzüglichste. Er war
+fruchtbaren, hellen und umfassenden Geistes. Seine feine, verständliche
+und lebendige Beredtsamkeit, getragen von dem Silbertone seines
+Sprachorgans, war der Stolz des Hauses der Lords. Seine Conversation war
+reich an Gedanken, Phantasie und Witz, und seine politischen
+Abhandlungen sind es werth, wegen ihres wissenschaftlichen Verdienstes
+studirt zu werden, und berechtigen ihn in vollem Maße, unter den
+Klassikern Englands genannt zu werden. Mit der Bedeutung, zu der so
+große und vielseitige Talente ihn erhoben, vereinigte er den ganzen
+Einfluß, den Rang und Reichthum verliehen. Doch hatte er in seinem
+politischen Wirken weniger glückliche Erfolge als Andere, welche sich
+nicht so bedeutender Vorzüge rühmen konnten. Und in der That hinderten
+ihn die genialen Eigenthüm&shy;lichkeiten, welche seinen Schriften so
+hohen Werth verleihen, sehr oft in den Streitigkeiten des praktischen
+Lebens. Er betrachtete die Ereignisse des Tages nicht immer aus dem
+Gesichtspunkte, wie sie sich Jemandem darstellen, der an ihnen lebhaften
+Antheil nimmt, sondern aus dem, in welchem sie nach Jahren dem
+philosophischen Schriftsteller erscheinen. Bei dieser Richtung des
+Geistes konnte er unmöglich lange mit irgend einem Vereine von Männern
+im Einverständniß bleiben. Alle Vorurtheile, alle Übertreibungen der
+beiden großen Parteien erregten seinen Spott; er verabscheute die
+elenden Kunstgriffe und das widerliche Geschrei der Demagogen; aber er
+verachtete noch mehr die Lehre vom göttlichen Recht und dem passiven
+Gehorsam. Ohne Rücksicht auf die Parteien spottete er über die
+Bigotterie des Puritaners wie über die des Anhängers der Hofkirche. Es
+war ihm unerklärlich, wie Jemand gegen Verehrung der Heiligen und
+Chorhemden Bedenken tragen, oder einen Andern verfolgen könne, weil er
+solche Bedenken trug. Seiner Gesinnung nach war er das, was man in
+neuerer Zeit conservativ nennt, in der Theorie war er Republikaner.
+Selbst wenn seine Furcht vor Anarchie und seine Verachtung des
+verblendeten großen Haufens ihn veranlaßten, eine Zeitlang den
+Vertheidigern der willkürlichen Gewalt beizustehen, so hielt doch sein
+Verstand immer zu Locke und Milton. Freilich waren seine Witze über
+erbliche Monarchie bisweilen der Art, daß sie sich besser für den
+Theilnehmer eines Kalbskopf-Clubs als für ein Mitglied des Geheimen
+Rathes der Stuarts geschickt hätten. In der Religion war er nichts
+weniger als ein Eiferer, so daß er von lieblosen Leuten Atheist genannt
+wurde; doch diesen Vorwurf wies er mit Abscheu zurück, und er scheint in
+der That trotz des Ärgernisses, das er bisweilen durch Anwendung seiner
+seltenen Gaben auf witzige Erörterungen ernster Gegenstände gab,
+durchaus nicht ohne Empfänglichkeit für religiöse Eindrücke gewesen zu
+sein.</p>
+
+<p>Er war das Haupt derjenigen Staats&shy;männer, welche die beiden
+großen
+<span class = "pagenum">II.64</span>
+<a name = "pageII_64" id = "pageII_64"> </a>
+Parteien verächtlich „Trimmer“ nannten; anstatt aber über diesen
+Spottnamen entrüstet zu sein, betrachtete er ihn als einen Ehrentitel,
+und vertheidigte mit großem Eifer die Würde desselben. „Das Gute hält
+zwischen den Extremen die Mitte“, pflegte er zu sagen. „Die gemäßigte
+Zone befindet sich zwischen dem Klima, wo die Menschen geröstet werden,
+und dem, in welchem sie erfrieren. Die englische Kirche hält die Mitte
+zwischen der anabaptistischen Überspanntheit und der papistischen
+Trägheit. Die englische Verfassung hält die Mitte zwischen türkischem
+Despotismus und polnischer Anarchie. Tugend ist blos das rechte Maß
+zwischen den Neigungen, von denen jede, wenn man ihr zu sehr nachhängt,
+ein Laster wird; ja die Vollkommenheit des höchsten Wesens sogar besteht
+in dem genauesten Gleichgewicht von Eigenschaften, deren keine
+überwiegen dürfte, ohne die ganze moralische und physische Weltordnung
+zu stören.“<a class = "tag" name = "tagII_4" id = "tagII_4" href =
+"#noteII_4">4</a> So war Halifax ein Trimmer aus Grundsatz; er war es
+aber auch nach der Verfassung von Kopf und Herzen. Sein Geist war
+scharf, skeptisch, unerschöpflich fruchtbar an Unterscheidungen und
+Einwendungen, sein Geschmack fein, sein Sinn für das Komische bedeutend,
+sein Charakter friedlich und zur Versöhnung geneigt, aber dabei stolz
+und ebensowenig zur Feindschaft als zur enthusiastischen Bewunderung
+fähig. Ein solcher Mann konnte ebenfalls unmöglich auf die Dauer bei
+irgend einem Vereine politischer Bundesgenossen ausharren; doch darf man
+ihn nicht nach dem großen Haufen der Renegaten beurtheilen. Denn ob er
+gleich, wie diese, von einer Seite auf die andere trat, so fand dieser
+Übertritt doch stets nach entgegengesetzter Richtung wie die ihrige
+statt. Er hatte nichts mit denen gemein, welche von einem Extrem zum
+andern überspringen und die von ihnen verlassene Partei mit einem Hasse
+betrachten, welcher den gegen beständige Feinde weit übertrifft, er
+hielt die Mitte zwischen den feindlichen Parteien, und hütete sich, die
+Grenze zu überschreiten, welche dieselben trennte. Die Partei, der er
+sich eine Zeitlang anschloß, war diejenige, welche ihm eben am wenigsten
+zusagte, weil es die Partei war, von der er die nächste Kenntniß hatte.
+Er zeigte daher stets Strenge gegen seine heftigen Genossen, und stand
+jederzeit in freundlichem Vernehmen mit seinen gemäßigten Gegnern. Jede
+Partei konnte am Tage ihres übermüthigen und rachsüchtigen Triumphes
+seines Tadels sich versichert halten, und jeder besiegten und verfolgten
+Partei war er ein Beistand. Es darf zu seiner steten Ehre nicht
+unerwähnt bleiben, daß er bemüht war, die Opfer zu retten, deren
+Schicksal einen unverlöschlichen Flecken auf den Namen der Whigs sowohl
+wie der Tories geworfen hat.</p>
+
+<p>Er hatte sich durch seine Opposition so bemerkbar gemacht, und
+dadurch das königliche Mißfallen in so hohem Grade auf sich gezogen, daß
+er nicht ohne viele Umständlichkeiten und Streitigkeiten in den Rath der
+Dreißig gelangte, kaum hatte er aber am Hofe Fuß gefaßt, so machten ihn
+die Liebenswürdigkeit seines Auftretens und seiner Unterhaltung zum
+Günstling. Die heftige Mißstimmung des Volkes beunruhigte ihn ernstlich,
+er glaubte, daß wohl die Freiheit vorläufig gesichert sei, die
+öffentliche Ordnung und gesetzliche Gewalt aber in Gefahr wären. Aus
+diesem
+<span class = "pagenum">II.65</span>
+<a name = "pageII_65" id = "pageII_65"> </a>
+Grunde stellte er sich, nach seiner gewöhnlichen Art, auf die Seite der
+Schwächeren. Möglicherweise war seine Bekehrung nicht ganz frei von
+Eigennutz, denn obgleich Studium und Nachdenken ihn von manchen
+gewöhnlichen Vorurtheilen zurückgebracht hatten, so war er doch ein
+Sklave niederer Gelüste geblieben. An Geld litt er keinen Mangel, und
+man kann ihn nicht beschuldigen, daß er es jemals auf Wegen sich
+verschafft hätte, welche auch von dem strengsten Richter jener Zeit für
+verwerflich erklärt worden wären, aber Rang und Macht hatten für ihn
+viel Lockendes. Er versicherte zwar, daß Titel und hohe Ämter nur Köder
+für Thoren seien, daß er Geschäfte, Pracht und Pomp verachte und es sein
+innigster Wunsch sei, aus dem lauten Treiben und Glanze von Whitehall in
+die stillen Wälder sich zurückzuziehen, welche seinen alten Sitz von
+Rufford umgaben, aber sein Benehmen stand zu diesen Erklärungen in
+vollem Widerspruch. In Wahrheit wünschte er von Hofleuten und
+Philosophen bewundert zu werden, weil er zu hohen Würden sich
+emporgeschwungen hatte und er dieselben doch zugleich verachtete.</p>
+
+<p class = "footnote">
+<a name = "noteII_4" id = "noteII_4" href = "#tagII_4">4.</a>
+Man wird erkennen, daß ich Halifax für den Verfasser, oder wenigstens
+für einen der Verfasser der Schrift: <span class = "antiqua">„Character
+of a Trimmer“</span> halte, welche eine Zeitlang seinem Vetter Sir
+William Coventry zugeschrieben wurde.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Charakter Sunderlands.</span>
+<a name = "secII_47" id = "secII_47">Sunderland</a> war
+Staats&shy;sekretair. Dieser Mann war ein verkörpertes Bild der
+politischen Sittenlosigkeit seiner Zeit. Er besaß einen durchdringenden
+Verstand, ein geschäftiges, boshaftes Temperament, ein fühlloses Herz
+und einen gemeinen Sinn. Sein Charakter hatte eine Schule von Lastern
+durchgemacht, welche darin zur üppigsten Reife gediehen waren. Bei
+seinem Eintritt in das öffentliche Leben hatte er verschiedene Jahre auf
+auswärtigen diplomatischen Stationen zugebracht, und einige Jahre als
+Gesandter in Frankreich gelebt. Jeder Beruf ist seinen besonderen
+Versuchungen unterworfen, und es wird Niemand in seinem Rechte verletzt,
+wenn man behauptet, daß die Diplomaten, als Klasse betrachtet, sich von
+jeher durch ihre Geschmeidigkeit, durch die Geschicklichkeit, mit der
+sie sich des Vertrauens derjenigen bemächtigen, mit denen sie zu thun
+haben, und durch die Leichtigkeit mit der sie den Ton jeder
+Gesellschaft, in der sie sich bewegen, zu treffen wissen, mehr
+ausgezeichnet haben, als durch edlen Enthusiasmus oder strenge
+Rechtschaffenheit, und die Beziehungen zwischen Karl und Ludwig waren
+von der Art, daß kein englischer Cavalier lange als Gesandter in
+Frankreich sein konnte, ohne alle patriotischen und redlichen
+Gesinnungen zu verlieren. Sunderland ging aus dieser bösen Schule, in
+der er gebildet worden, listig, geschmeidig, schamlos, frei von jedem
+Vorurtheile und aller Grundsätze bar hervor. Seine erbliche Verbindung
+machte ihn zum Cavalier, sonst aber hatte er nichts mit den Cavalieren
+gemein. Sie waren mit vollem Herzen monarchisch gesinnt und verdammten
+in der Theorie jeden Widerstand, aber in ihrer Brust schlugen trotzige
+englische Herzen, welche wirklichen Despotismus nicht geduldet hätten.
+Er hingegen fand ein schwaches, berechnetes Gefallen an republikanischen
+Staats&shy;einrichtungen, das sich mit der vollkommenen Bereitwilligkeit
+vertrug, im praktischen Leben das ergebenste Werkzeug willkürlicher
+Macht zu sein. Gleich anderen vollendeten Schmeichlern und Unterhändlern
+war er weit geschickter in der Kunst, Charaktere zu durchschauen und auf
+ihre Schwächen Pläne zu gründen, als er vermochte, die Gefühle der
+Massen zu erkennen, und den Heranzug großer Umwälzungen vorauszusehen.
+Äußerst gewandt in der Intrigue, war es selbst für kluge und
+erfahrungsreiche Männer, welche seine Treulosigkeit im Voraus kannten,
+keine leichte Aufgabe, dem Zauber seiner Manieren zu widerstehen und
+seinen Versicherungen
+<span class = "pagenum">II.66</span>
+<a name = "pageII_66" id = "pageII_66"> </a>
+der Ergebenheit zu mißtrauen. Aber bei seiner Anstrengung, Einzelne zu
+studiren und für sich einzunehmen, vergaß er die Stimmung des Volkes zu
+beobachten, weshalb er sich in Bezug auf die wichtigsten Ereignisse
+seiner Zeit sehr oft täuschte. Jede wichtige Bewegung und jeder Umschlag
+der öffentlichen Meinung überraschte ihn, und die Welt, der es
+unbegreiflich war, wie ein so ausgezeichneter Mann oft Dinge nicht
+erkannte, die der Kaffeehauspolitik klar waren, hielt seine Maßregeln
+bisweilen für tief durchdachte Pläne, während es in der That nur
+gewaltige Fehler waren.</p>
+
+<p>Seine vorzüglichsten Fähigkeiten zeigten sich bei
+Privat&shy;unter&shy;handlungen. Im königlichen Kabinet, sowie in
+kleineren Kreisen besaß er einen außerordentlichen Einfluß, in der
+Rathsversammlung aber war er schweigsam und im Hause der Lords kam kein
+Laut über seine Lippen.</p>
+
+<p>Die vier vertrauten Räthe der Krone erkannten sehr bald, daß sie eine
+verantwortliche und gehässige Stellung einnahmen. Die übrigen
+Rathsmitglieder murrten über eine Bevorzugung, die sich mit den
+Versprechungen des Königs nicht vereinigen ließ, und einige derselben,
+mit Shaftesbury an der Spitze, machten im Parlamente wieder die
+eifrigste Opposition. Die Aufregung, welche die letzten Veränderungen
+beseitigt hatten, trat heftiger als jemals hervor. Der bestürzte Karl
+versprach den Gemeinen umsonst jede Sicherstellung der protestantischen
+Religion, die sie nur immer verlangten, unter der einzigen Bedingung,
+daß sie sich nicht an der Thronfolgeordnung vergriffen; sie wollten von
+keinem Vergleiche hören, Ausschließungsbill war ihr Ruf, nichts als
+Ausschließungsbill! Der König verfügte sich daher, einige Wochen nach
+seiner öffentlichen Versicherung, keinen Schritt ohne Wissen seines
+Geheimen Raths zu thun, in das Haus der Lords, ohne dem Rathe das
+Geringste davon mitgetheilt zu haben, und vertagte das Parlament.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Prorogation des Parlaments.</span>
+<a name = "secII_48" id = "secII_48">Der</a> Tag dieser Prorogation, der
+26. Mai 1679, bildet einen wichtigen Abschnitt in unserer Geschichte,
+indem an demselben die Habeas-Corpus-Akte die königliche Zustimmung
+empfing. Seit der Magna Charta war das Recht in Betreff der persönlichen
+Freiheit der Engländer in seinen materiellen Bestandtheilen fast
+dasselbe, was es zu unserer Zeit ist, aber in Ermangelung eines
+thatkräftigen Systems, und einer geschickten Handhabung desselben hatte
+es sich bis jetzt ohne Wirkung gezeigt. Man brauchte kein neues Recht,
+sondern nur ein gutes gründliches Schutzmittel, und solches war die
+Habeas-Corpus-Akte.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Habeas-Corpus-Akte.</span>
+<a name = "secII_49" id = "secII_49">Der</a> König würde ohne Zweifel
+die Genehmigung dieses Gesetzes mit Freuden versagt haben, aber er
+beabsichtigte über die Successionsfrage vom Parlamente an das Volk zu
+appelliren, und durfte es in diesem äußerst wichtigen Moment nicht
+wagen, eine Bill zurückzuweisen, welche so außerordentlich populär
+war.</p>
+
+<p>An diesem Tage wurde die englische Presse auf eine kurze Zeit frei.
+In früheren Zeiten standen die Drucker unter strenger Beaufsichtigung
+des Gerichtshofes der Sternkammer. Das Lange Parlament hatte dieselbe
+zwar aufgelöst, aber trotz der philosophischen und dringenden Einwürfe
+Miltons die Censur eingeführt und aufrecht erhalten. Kurz nach der
+Restauration ging eine Akte durch, welche den Druck nicht genehmigter
+Bücher untersagte, und man hatte beschlossen, daß diese Akte bis zum
+Schluß der ersten Session des nächsten Parlaments in Kraft bleiben
+<span class = "pagenum">II.67</span>
+<a name = "pageII_67" id = "pageII_67"> </a>
+solle. Dieser Zeitpunkt war jetzt da, und die Presse wurde in dem
+Augenblicke frei, als der König die Häuser vertagte.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Zweite Allgemeine Wahl von 1679.</span>
+<a name = "secII_50" id = "secII_50">Kurz</a> nach der Prorogation fand
+die Auflösung und eine allgemeine Neuwahl statt. Der Eifer und die Macht
+der Opposition waren außerordentlich, und das Geschrei nach der
+Ausschließungsbill ertönte lauter wie früher; auch vereinigte sich mit
+diesem Geschrei ein anderes, welches das Blut der Menge in Aufregung
+versetzte, aber von allen vernünftigen Freunden der Freiheit mit Schmerz
+und Besorgniß vernommen wurde. Es wurden nicht blos die Rechte des
+Herzogs von York, eines ausgemachten Katholiken, sondern auch die seiner
+beiden Töchter, aufrichtiger und eifriger Protestantinnen, angegriffen,
+und mit Bestimmtheit behauptet, der älteste natürliche Sohn des Königs
+sei von ehelicher Geburt und der gesetzmäßige Erbe der Krone.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Popularetät Monmouths.</span>
+<a name = "secII_51" id = "secII_51">Als</a> Karl noch auf dem Continent
+als Wanderer lebte, lernte er im Haag Lucie Walters, ein wallisisches
+Mädchen kennen, welche zwar außerordentlich schön, aber dabei
+beschränkten Geistes und sittenlos war. Sie wurde seine Maitresse, und
+bald darauf Mutter eines Sohnes, gegen dessen Echtheit ein
+eifersüchtiger Liebhaber wohl Bedenken erhoben haben würde, denn die
+Dame hatte verschiedene Anbeter, und es wurde behauptet, daß sie gegen
+keinen derselben unerbittlich sei. Karl glaubte jedoch ihren Worten, und
+äußerte gegen den kleinen Jakob Crofts, wie das Kind genannt wurde, eine
+ungemeine Zärtlichkeit, welche bei diesem kalten, sorglosen Charakter
+höchst überraschend erscheint. Bald nach der Restauration kam der junge
+Liebling, welcher in Frankreich die Erziehung eines vollkommenen
+Gentleman genossen, nach Whitehall. Er bezog eine Wohnung im Palaste,
+erhielt Pagen zur Bedienung, und genoß verschiedene Bevorzugungen,
+welche bisher nur Prinzen von Geblüt zu Theil geworden waren. Noch in
+zarter Jugend vermählte man ihn mit Anna Scott, der Erbin des edlen
+Hauses der Buccleuch. Er nahm den Namen seiner Gemahlin an, und trat
+durch diese Verbindung in den Besitz sehr bedeutender Güter, so daß man
+das Vermögen, welches er besaß, auf nicht weniger als zehntausend Pfund
+jährlicher Einkünfte schätzte. Er wurde mit Titeln und Gunstbezeugungen,
+von einträglicherer Art als Titel, förmlich überschüttet. Man ernannte
+ihn zum Herzog von Monmouth in England, zum Herzog von Buccleuch in
+Schottland, zum Ritter des Hosenbandordens, Stallmeister, Befehlshaber
+der ersten Abtheilung der Leibgarde, Oberrichter von Eyre, südlich vom
+Trent, und Kanzler der Universität Cambridge. Im Volke gönnte man ihm
+dieses Glück. Er besaß ein höchst einnehmendes Äußeres, dabei war er von
+sanftem Gemüth und liebenswürdigem leutseligen Wesen. Obgleich ein
+Wüstling, gewann er doch die Herzen der Puritaner und wenn es auch
+allgemein bekannt war, daß er um den abscheulichen Angriff auf Sir John
+Coventry gewußt, wurde es ihm doch nicht schwer, die Vergebung der
+Vaterlandspartei zu erhalten. Selbst strenge Sittenrichter räumten ein,
+daß an einem derartigen Hofe von einem Kinde, das mit einem Kinde
+vermählt worden sei, strenge eheliche Treue sich nicht erwarten lasse,
+und selbst Vaterlandsfreunde entschuldigten den heftigen Knaben, der
+eine Beleidigung gegen seinen Vater mit übertriebener Rache vergalt.
+Bald aber wurde der Schatten, den Liebschaften und nächtliche Streiche
+auf seinen Charakter geworfen, durch ehrenvolle Handlungen verwischt.
+Als Karl und Ludwig sich gegen Holland waffneten,
+<span class = "pagenum">II.68</span>
+<a name = "pageII_68" id = "pageII_68"> </a>
+befehligte Monmouth die englischen Hilfstruppen, welche nach dem
+Continent geschickt wurden, und zeigte sich als tapferer Soldat und als
+tüchtiger Offizier. Bei seiner Zurückkunft war er der populärste Mann im
+Königreiche. Man gewährte ihm Alles, mit Ausnahme der Krone, und selbst
+diese schien für ihn nicht völlig unerreichbar zu sein. Die
+Unterscheidung, welche man höchst unkluger Weise zwischen ihm und
+Männern des höchsten Adels machte, war von üblen Folgen gewesen. Man
+hatte ihn als Knaben aufgefordert, im Audienzzimmer bedeckt zu bleiben,
+während Howards und Seymours mit entblößtem Haupte neben ihm standen.
+Starb ein fremder Fürst, so trug Monmouth als Trauerkleid den langen
+Purpurmantel, den kein anderer Unterthan als der Herzog von York und
+Prinz Ruprecht anlegen durften. Natürlich mußten diese Dinge ihn
+bestimmen, sich als einen legitimen Prinzen des Hauses Stuart zu
+betrachten. Karl war noch in reiferem Alter seinen leichtsinnigen
+Vergnügungen ergeben, ohne dabei auf seine Würde Rücksicht zu nehmen. Es
+ließ sich wohl annehmen, daß er als Jüngling von zwanzig Jahren eine
+förmliche Ehe mit einer Dame eingegangen, deren Schönheit ihn bezaubert
+und die auf leichtere Bedingungen nicht zu gewinnen war. Als <ins class
+= "correction" title = "Original hat »Monmuth«">Monmouth</ins> noch ein
+Kind war, und der Herzog von York noch für einen Protestanten gehalten
+wurde, ging schon das Gerücht, nicht blos im Volke, sondern auch in
+Kreisen, welche wohl unterrichtet sein konnten, daß der König mit Lucie
+Walters vermählt, und wenn Jedem sein Recht würde, ihr Sohn Prinz von
+Wales sei. Man sprach viel von einem schwarzen Kästchen, in welchem nach
+dem Glauben des Volks der Ehevertrag enthalten sein sollte. Als Monmouth
+aus den Nieder&shy;landen heimkehrte, von wo er einen hohen Ruf
+rücksichtlich seiner Tapferkeit und Führung mitbrachte, und als es
+bekannt wurde, daß der Herzog von York Mitglied einer von der Menge
+gehaßten Kirche sei, gewann diese müßige Geschichte Bedeutung, obgleich
+nicht der geringste Beweis dafür vorhanden war. Gegen sie sprach die
+feierliche Erklärung des Königs, welche er vor seinem Rathe abgegeben
+und die auf seinen Befehl zur Kenntniß des Volkes gebracht worden war.
+Aber die Menge, stets eingenommen für romantische Abenteuer, lieh der
+Geschichte von der heimlichen Ehe und dem schwarzen Kästchen ein
+geneigtes Ohr. Einige Häupter der Oppositionspartei wiederholten ihr
+Verfahren, welches sie bei der gehässigeren Fabel des Oates beobachtet:
+sie unterstützten eine Geschichte, die sie im Herzen verachten mußten.
+Den Antheil, den die niederen Volksklassen an dem Manne nahmen, in
+welchem sie den Vertheidiger der wahren Religion und legitimen Erben des
+englischen Thrones erblickten, wußte man durch alle möglichen
+Kunstgriffe aufrecht zu erhalten. Als Monmouth um Mitternacht in London
+ankam, erhielten die Wächter von den Behörden Befehl, das frohe Ereigniß
+in den Straßen der City auszurufen. Das Volk verließ seine Lagerstätten,
+Freudenfeuer flammten, die Fenster wurden erleuchtet, die Kirchen
+geöffnet und festliches Glockengeläute ertönte von allen Thürmen. Wenn
+er sich auf der Reise befand, kam man ihm mit nicht geringerer Pracht
+und Begeisterung entgegen, als sie bei Umzügen der Herrscher durch ihr
+Reich zur Schau getragen werden. Von einem Schlosse zum anderen gaben
+ihm lange berittene Züge bewaffneter Gentlemen und Freisassen das
+Ehrengeleite, und aus den Städten strömte die ganze Bevölkerung zu
+seinem Empfange herbei. Die Wähler drängten sich an seine Seite, mit der
+lauten Versicherung, daß er über ihre Stimmen
+<span class = "pagenum">II.69</span>
+<a name = "pageII_69" id = "pageII_69"> </a>
+zu verfügen habe. Sein Stolz war zu einer solchen Höhe gestiegen, daß er
+nicht nur in seinem Wappen die Löwen von England und die französischen
+Lilien, jedoch <em>ohne</em> den linken Querbalken &mdash; nach der
+Heraldik ein Zeichen illegitimer Geburt &mdash; führte, sondern es sogar
+wagte, des „Königs Krankheit“ (Scropheln, Kröpfe) durch Berührung zu
+heilen. Zu gleicher Zeit verabsäumte er keinen Kunstgriff der
+Herablassung, der ihm die Liebe der Massen erwerben konnte. Er stand bei
+den Kindern der Landleute Gevatter, machte ländliche Lustbarkeiten mit,
+versuchte sich im Ringkampf oder mit dem Kampfstock und erreichte beim
+Wettlauf das Ziel eher in seinen Stiefeln, als flinke Läufer dasselbe in
+Schuhen.</p>
+
+<p>Es ist eine seltsame Erscheinung, daß an zwei großen Wendepunkten
+unserer Geschichte die Häupter der protestantischen Partei in gleichen
+Irrthum verfielen und durch denselben ihr Vaterland und ihre Religion in
+große Gefahr brachten. Als Eduard&nbsp;VI. gestorben war, erklärten sie
+sich für die Lady Johanna, welche keinen Schein eines Geburtsrechts
+besaß, und stellten sie nicht allein ihrer Feindin Maria entgegen,
+sondern auch der Elisabeth, der wahren Hoffnung Englands und der
+protestantischen Kirche. Hierdurch wurden die geachtetsten Protestanten
+mit Elisabeth an der Spitze gezwungen, sich mit den Katholiken zu
+vereinigen. In derselben Art griff hundert&shy;dreißig Jahre später ein
+Theil der Opposition, indem er Monmouth als Thronfolger aufstellte,
+nicht nur die Rechte Jakobs an, den sie als einen Feind ihres Glaubens
+und ihrer Freiheiten kannten, sondern auch die des Prinzen und der
+Prinzessin von Oranien, welche sowohl durch ihre Stellung, wie durch
+persönliche Vorzüge zu Vertheidigern aller freien Verfassungen und
+reformirten Kirchen ausersehen waren.</p>
+
+<p>Nach wenigen Jahren zeigte sich die Thorheit dieses Verfahrens. Vor
+der Hand beruhte auf der Popularetät Monmouths größtentheils die Stärke
+der Opposition. Die Wahlen fielen gegen den Hof aus, der Tag, an welchem
+die Häuser zusammentreten sollten, rückte heran, und es wurde nöthig,
+daß sich der König über den einzuschlagenden Weg entschied. Seine Räthe
+vermeinten die ersten, leisen Symptome eines Umschwungs der öffentlichen
+Stimmung zu erkennen, und lebten der Hoffnung, daß eine bloße
+Verzögerung des Anpralls den Sieg herbeiführen würde. Daher faßte er den
+Entschluß, ohne die Dreißig um Rath zu fragen, das neue Parlament noch
+vor Beginn seiner Thätigkeit zu prorogiren. Dem Herzog von York, der von
+Brüssel zurückgekehrt war, wurde Befehl gegeben, nach Schottland zu
+gehen, und die Verwaltung dieses Königreichs zu übernehmen.</p>
+
+<p>Temple’s Verfassungsplan war jetzt natürlich aufgegeben und bald
+vergessen. Der Geheime Rath wurde wieder was er früher war, Shaftesbury
+und seine politischen Glaubensgenossen verließen ihre Sitze. Temple
+selbst kehrte, nach seiner Gewohnheit bei unruhigen Zeiten, zu seinem
+Garten und seinen Büchern zurück. Essex verließ das Schatzamt und schloß
+sich der Opposition an; Halifax aber, ärgerlich und voller Besorgniß
+über die Voreiligkeit seiner alten Bundesgenossen, und Sunderland, der
+niemals einen Posten aufgab so lange er ihn behalten konnte, verblieben
+im königlichen Dienste.</p>
+
+<p>In Folge der Entlassungen, welche in dieser Conjunctur stattfanden,
+war wiederum einer Reihe von Bewerbern der Weg zur Größe gebahnt. Zwei
+Staats&shy;männer, welche sich nachmals auf den höchsten Gipfel der
+<span class = "pagenum">II.70</span>
+<a name = "pageII_70" id = "pageII_70"> </a>
+Macht, den ein britischer Unterthan erreichen kann, emporschwangen,
+zogen bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Es waren dies
+Lawrence Hyde und Sidney Godolphin.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Lawrence Hyde.</span>
+<a name = "secII_52" id = "secII_52">Lawrence</a> Hyde war der zweite
+Sohn des Kanzlers Clarendon und Bruder der verstorbenen Herzogin von
+York. Er besaß vorzügliche Eigenschaften, welche durch parlamentarische
+und diplomatische Erfahrungen ausgebildet waren, aber seine
+Charakterlosigkeit verringerte die Kraft seiner Fähigkeiten. Obgleich
+Diplomat und Höfling, hatte er nie seine Gemüthsbewegungen in der
+Gewalt. Stolz und unverschämt im Glück, war er nicht im Stande, seine
+tiefe Nieder&shy;geschlagenheit zu verbergen, wenn ihn ein Unfall traf,
+wodurch seinen Feinden der Triumph verdoppelt wurde. Unbedeutende
+Angriffe genügten, seinen Zorn rege zu machen, und dann ließ er sich zu
+den bittersten Bemerkungen hinreißen, welche er allerdings mit der
+Abkühlung auch wieder vergaß, die aber nicht so bald aus dem
+Gedächtnisse Anderer entwichen. Sein scharfer, Alles schnell
+durchschauender Verstand würde ihn zu einem vollendeten Staatsmann
+gemacht haben, wäre er nicht so dünkelhaft und reizbar gewesen. Seine
+Schriften verrathen eine tüchtige Rednergabe, aber seine Empfindlichkeit
+machte es ihm unmöglich, seine Talente in der Debatte zur Geltung zu
+bringen, denn nichts war leichter als ihn aufzubringen, und von dem
+Augenblick an, wo die Leiden&shy;schaft&shy;lichkeit in ihm die Oberhand
+gewann, war er der Gnade von Gegnern preisgegeben, deren Fähigkeiten
+tief unter den seinigen standen.</p>
+
+<p>Wie die meisten leitenden Staats&shy;männer jener Zeit, war er ein
+consequenter heftiger und erbitterter Parteimann, ein Cavalier der alten
+Schule, ein eifriger Vertheidiger des Thrones und der Kirche und dabei
+von Feindschaft gegen Republikaner und Nichtconformisten erfüllt. Er
+besaß deshalb einen bedeutenden Kreis von persönlichen Anhängern;
+namentlich der Clerus erblickte in ihm einen Mann, auf den man fest
+rechnen konnte, und gewährte seinen Schwächen eine Nachsicht, deren er
+auch in der That bedurfte, denn er war ein starker Trinker, und wenn er
+wüthend wurde, was sehr oft geschah, fluchte er wie ein Lastträger.</p>
+
+<p>Er war Essex’ Nachfolger im Schatzamte. Es darf nicht vergessen
+werden, daß die Stelle eines ersten Lords der Schatzkammer damals noch
+nicht die Bedeutung und das Ansehen hatte, wie in der Jetztzeit. Wenn es
+einen Lord Schatzmeister gab, so war dieser hohe Beamte in der Regel
+Premierminister; wurde aber der weiße Stab einer Commission verliehen,
+so stand der erste Commissar noch unter dem Range eines
+Staats&shy;sekretairs. Erst seit Walpole’s Zeit betrachtete man den
+ersten Lord des Schatzes als das Haupt der ausführenden Verwaltung.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Sidney Godolphin.</span>
+<a name = "secII_53" id = "secII_53">Godolphin</a> war als Page in
+Whitehall erzogen worden, und hatte schon zeitig die Gewandtheit und
+Selbstbeherrschung eines alten Hofmanns sich zu eigen gemacht. Er war
+fleißig, besaß einen hellen Verstand, und bedeutende Kenntniß des
+Finanzwesens, daher war er für jede Regierung ein höchst brauchbarer
+Mann, in dessen Ansichten und Charakter sich nichts befand, was ihn
+hätte hindern können, irgend einer Regierung gute Dienste zu leisten.
+Karl pflegte von ihm zu sagen: „Sidney Godolphin ist niemals im Wege und
+niemals vom Wege.“ Diese treffende Bemerkung erklärt die großen Erfolge
+in Godolphins Leben.</p>
+
+<p>Er schloß sich zu verschiedenen Zeiten den beiden großen Parteien an,
+<span class = "pagenum">II.71</span>
+<a name = "pageII_71" id = "pageII_71"> </a>
+ohne jedoch jemals die Leidenschaft einer derselben zu theilen. Gleich
+den meisten Leuten, welche vorsichtigen Charakters und im Besitze
+bedeutender Glücksgüter sind, hatte er eine entschiedene Neigung alles
+Bestehende zu unterstützen. Er war kein Freund von Revolutionen, und aus
+derselben Ursache, welche ihm die Revolutionen verhaßt machte, liebte er
+auch die Contrerevolutionen nicht. Er besaß eine ernste und gemessene
+Haltung, aber seine persönlichen Neigungen waren niedrig und
+leichtfertig. Die meiste Zeit, die ihm die Staats&shy;geschäfte übrig
+ließen, verbrachte er bei Wettrennen, Hahnkämpfen und Kartenspiel. Er
+saß jetzt unter Rochester im Schatzamte, und machte sich durch Fleiß und
+Kenntnisse sehr bemerkbar.</p>
+
+<p>Ehe das neue Parlament zu neuer Thätigkeit zusammentreten konnte,
+verging ein volles Jahr, ein ereignißvolles Jahr, welches in unserer
+Sprache und unseren Sitten unverlöschliche Spuren zurückgelassen hat.
+Niemals waren früher politische Streitigkeiten mit soviel Freimuth
+geführt worden, nie hatten politische Klubs von so ausgebildeter
+Organisation und so gewaltigem Einflusse existirt. Die eine Frage der
+Ausschließung beschäftigte alle Gemüther, und sämmtliche Pressen und
+Kanzeln des Reiches betheiligten sich an dem Streite. Von den Einen
+wurde erklärt, daß die Verfassung und Religion des Staates unter einem
+der katholischen Kirche ergebenen Herrscher gefährdet seien, die Anderen
+behaupteten, daß wenn die Reihe an Jakob komme, die Krone zu tragen,
+dieses Recht von Gott stamme, und selbst dann nicht vertilgt werden
+könne, wenn alle Zweige der gesetzgebenden Gewalt sich dagegen
+vereinigten.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Heftigkeit der Parteien bei der Frage der Ausschließungsbill.</span>
+<a name = "secII_54" id = "secII_54">Jede</a> Grafschaft wie jede Stadt
+und jede Familie war in gewaltiger Aufregung. Nachbarliche Artigkeit und
+Gastfreundschaft wurden gestört, die engsten Bande der Geselligkeit und
+Verwandtschaft lösten sich auf. Selbst Schulknaben bildeten wüthende
+Parteien, und der Herzog von York wie der Earl von Shaftesbury besaßen
+eifrige Anhänger in den Schulstuben von Westminster und Eton. Die
+Theater dröhnten von dem Geschrei der streitenden Parteien. Aufgeregte
+Protestanten brachten die Päpstin Johanna auf die Bühne, und
+wohlbezahlte Poeten würzten ihre Prologe und Epiloge mit Lobeserhebungen
+des Königs und des Herzogs. Die Mißvergnügten bestürmten den Thron mit
+Bitten um sofortige Einberufung des Parlaments. Die Loyalen sandten
+Addressen, voller Ausdrücke der tiefsten Verachtung gegen diejenigen,
+welche es wagten dem Souverain Vorschriften zu machen. Die Bürger
+Londons liefen zu Tausenden zusammen, um den Papst im Bilde zu
+verbrennen. Die Regierung stellte Cavallerie bei <ins class =
+"correction" title = "ungeändert">Templebar</ins> und schweres Geschütz
+um Whitehall auf. In diesem Jahre vermehrte sich unsere Sprache um zwei
+Worten: <span class = "antiqua">mob</span> (Pöbel) und <span class =
+"antiqua">sham</span> (Lüge, Betrug), bemerkenswerthe Erinnerungszeichen
+einer Zeit des Aufruhrs und Betrugs. Die Gegner des Hofes nannte man:
+Birminghams, Petitionäre und Ausschließungs&shy;männer (<span class =
+"antiqua">exclusionists</span>) die auf des Königs Seite standen:
+Anti-Birminghams, Verabscheuer (<span class =
+"antiqua">abhorrers</span>) und Rennthiere (<span class =
+"antiqua">tantivies</span>).</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Namen Whig und Tory.</span>
+<a name = "secII_55" id = "secII_55">Diese</a> Bezeichnungen kamen bald
+aus der Mode, aber zu jener Zeit entstanden zwei Spottnamen, welche zwar
+anfänglich zur Verhöhnung benutzt, bald aber mit Stolz angenommen
+wurden, noch jetzt täglich in Anwendung sind, soweit die englische Zunge
+verbreitet ist, und die so lange unvertilgbar bleiben werden, als die
+englische Literatur besteht. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß
+einer dieser Spottnamen
+<span class = "pagenum">II.72</span>
+<a name = "pageII_72" id = "pageII_72"> </a>
+schottischen, der andere irländischen Ursprungs ist. In Schottland wie
+in Irland hatten sich in Folge der schlechten Regierung Banden von
+verzweifelten Menschen gebildet, deren Wildheit noch durch Fanatismus
+erhöht wurde. Einige der verfolgten Anhänger des Covenants, durch den
+härtesten Druck zur Verzweiflung getrieben, mordeten den Primas von
+Schottland, ergriffen gegen die Regierung die Waffen und fochten mit
+einigem Erfolg gegen die Truppen des Königs. Sie wurden erst besiegt,
+nachdem Monmouth mit einigen englischen Streitkräften sie an der
+Bothwellbrücke auseinander gesprengt hatte. Diese Zeloten bestanden zum
+größten Theile aus Landleuten des westlichen Unterlands, welche
+gewöhnlich Whigs hießen. So verband sich die Benennung Whig mit dem
+Begriffe eines presbyterianischen Eiferers in Schottland, und wurde auf
+diejenigen englischen Politiker übertragen, welche geneigt waren, dem
+Hofe zu opponiren, und protestantische Nichtconformisten mit Rücksicht
+zu behandeln. Die Moorgegenden Irlands boten zu gleicher Zeit
+papistischen Flüchtlingen, welche Ähnlichkeit mit denen hatten, welche
+man später Weißburschen (<span class = "antiqua">white-boys</span>)
+nannte, einen Zufluchtsort. Diese Leute hießen damals Tories. Mit dem
+Namen Tory bezeichnete man daher diejenigen Engländer, welche sich
+sträubten zur Ausschließung eines katholischen Prinzen vom Throne
+beizutragen.</p>
+
+<p>Die Wuth der feindlichen Parteien würde schon stark genug gewesen
+sein, wenn man dieselbe sich selbst überlassen hätte, so aber wurde sie
+von dem gemein&shy;schaftlichen Feinde beider absichtlich noch mehr
+aufgestachelt. Ludwig unterließ noch immer nicht, sowohl den Hof wie die
+Opposition zu bestechen, und beiden zu schmeicheln. Er rieth Karl, fest
+zu bleiben, Jakob, eine Revolution in Schottland zu erregen, und
+ermuthigte die Whigs, nicht zu wanken, sondern mit Zuverlässigkeit auf
+Frankreichs Schutz zu rechnen.</p>
+
+<p>Bei allem diesen bewegten Treiben konnte es einem scharfblickenden
+Auge nicht verborgen bleiben, daß die öffentliche Meinung allmälig sich
+einer Umwandlung näherte. Die Verfolgung der Katholiken hatte noch nicht
+aufgehört, aber die Verurtheilungen verstanden sich nicht mehr &mdash;
+wie früher &mdash; von selbst. Eine neue Rotte falscher Zeugen, unter
+ihnen ein Schuft Namens Dangerfield, der sich am meisten hervorthat,
+peinigte die Gerichtshöfe; aber obgleich die Lügen dieser Menschen
+besseren Klang hatten als die des Oates, so fanden sie doch weniger
+Glauben. Die Geschwornen waren nicht mehr so befangen, wie zur Zeit des
+allgemeinen Entsetzens, welches der Ermordung <ins class = "correction"
+title = "Original hat »Godefrey’s«">Godfrey’s</ins> folgte, und die
+Richter, während der Wahnsinnsperiode gefügige Werkzeuge des Volkes,
+hatten jetzt den Muth, zum Theil das auszusprechen, was sie von Anfang
+für wahr gehalten.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Zusammentritt des Parlaments, und Durchgang der Ausschließungsbill im
+Hause der Gemeinen.</span>
+<a name = "secII_56" id = "secII_56">Endlich</a>, im Oktober des Jahres
+1680, trat das Parlament zusammen. Die Whigs bildeten bei den Gemeinen
+eine so große Majorität, daß die Ausschließungsbill alle ihre Stadien
+ohne Beschwerde durchlief. Der König wußte kaum, auf welche Mitglieder
+seines eigenen Kabinets er zählen dürfe; Hyde hatte seine Toryansichten
+treulich festgehalten, und im Interesse der erblichen Monarchie eine
+beharrliche Thätigkeit entwickelt; Godolphin jedoch, in dem ängstlichen
+Bestreben nach Ruhe, und der Ansicht, daß diese nur durch Zugeständnisse
+herbeizuführen sei, wünschte, daß die Bill durchgehen möchte.
+<span class = "pagenum">II.73</span>
+<a name = "pageII_73" id = "pageII_73"> </a>
+Sunderland, stets <ins class = "correction" title = "Original hat »alsch«">falsch</ins> und verblendet, unfähig die Symptome der nahenden
+Reaction zu erkennen und voller Eifer die Partei, welche nach seiner
+Meinung unwiderstehlich war, zu versöhnen, beschloß gegen den Hof zu
+stimmen. Die Herzogin von Portsmouth beschwor ihren königlichen
+Geliebten, sich nicht mit Gewalt dem Verderben preiszugeben. Wenn es
+wirklich einen Punkt gab, bei welchem derselbe Regungen des Gewissens
+oder der Ehre in sich fühlte, so war es die Successionsfrage; es schien
+jedoch einige Tage, als ob er nachgeben würde. Er schwankte, fragte nach
+der Höhe der Summe, welche ihm die Gemeinen für seine Einwilligung
+zahlen würden, und gestattete, daß eine Unterhandlung mit den leitenden
+Whigs begann. Ein schweres gegenseitiges Mißtrauen aber, Jahre lang im
+Wachsthum begriffen, und durch die Kunstgriffe Frankreichs sorgfältig
+unterhalten, ließ keinen Vergleich zu Stande kommen, auf beiden Seiten
+fehlte das gegenseitige Vertrauen. Das ganze Volk blickte jetzt voll
+banger Erwartung auf das Haus der Lords. Die Pairs waren zahlreich
+versammelt, der König selbst anwesend, die Debatte lang, ernsthaft und
+bisweilen stürmisch. Mehrere erfaßten den Griff des Degens auf eine Art,
+welche an die aufgeregten Parlamente Heinrichs III. und
+Richards&nbsp;II. erinnerte.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Die Lords verwerfen die Ausschließungsbill.</span>
+<a name = "secII_57" id = "secII_57">Der</a> falsche Sunderland schloß
+sich an Shaftesbury und Essex an; der geistreiche Halifax aber warf alle
+Opposition darnieder. Verlassen von seinen wichtigsten Collegen und
+einer Menge gewandter Gegner preisgegeben, führte er die Sache des
+Herzogs von York in einer Folge von Reden, welche noch nach vielen
+Jahren als Meisterwerke der Logik, Genialität und Beredtsamkeit galten.
+Es ist ein seltener Fall, daß die Macht der Rede einen Umschwung in der
+Abstimmung hervorbringt, aber das Zeugniß der Zeitgenossen beweist zur
+Evidenz, daß bei dieser Gelegenheit durch die außerordentliche Redekunst
+des Halifax die Stimmen geändert wurden. Die Bischöfe, treu ihrer Lehre,
+unterstützten das Prinzip des Erblichkeitsrechts, und die Bill wurde mit
+großer Majorität verworfen.<a class = "tag" name = "tagII_5" id =
+"tagII_5" href = "#noteII_5">5</a></p>
+
+<div class = "footnote">
+<p><a name = "noteII_5" id = "noteII_5" href = "#tagII_5">5.</a>
+Ein anwesender Pair hat den Erfolg von <ins class = "correction" title =
+"’ fehlt">Halifax’</ins> Redekunst in Worten beschrieben, welche ich
+mittheilen will, weil sie, obgleich schon längst gedruckt, vermuthlich
+nur wenigen selbst der aufmerksamsten und wißbegierigsten Leser der
+Geschichte bekannt sind:</p>
+
+<p class = "continue">
+„Von außerordentlicher Beredtsamkeit und großen Mitteln waren die Feinde
+des Herzogs, welche die Bill vertheidigten, aber ein edler Lord trat
+auf, der an diesem Tage mit aller Macht der Rede in Beweisführung, in
+Gründen aus dem öffentlichen wie aus dem Privatinteresse der Menschen,
+in Ehre, Gewissen und Anstand sich selbst und jeden Andern übertraf.
+Zuletzt siegte er durch sein Verfahren und seine Talente, und wurden
+durch ihn Witz und Bosheit der anderen Partei zu nichte gemacht.“</p>
+
+<p class = "continue">
+Diese Stelle ist einer Denkschrift Heinrichs, Earls von Peterborough
+entlehnt, die sich in einem Buche unter dem Titel: <span class =
+"antiqua">„Succinct Genealogies, by Robert Halstead“ Fol. 1685</span>,
+findet. Der Name Halstead ist fingirt. Die wahren Verfasser sind der
+Earl von Peterborough selbst und sein Kaplan. Das Buch ist höchst
+selten, da bloß vierundzwanzig Exemplare davon gedruckt wurden, von
+denen zwei das britische Museum besitzt. Von diesen beiden gehörte eines
+Georg&nbsp;IV. und das andere Mr. Grenville.</p>
+</div>
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Hinrichtung Staffords.</span>
+<a name = "secII_58" id = "secII_58">Die</a> im Hause der Gemeinen
+vorherrschende Partei erlitt durch diese Niederlage eine bittere
+Kränkung, doch fand sie darin einigen Trost, daß Blut von Katholiken
+fließen mußte. William Howard, Viscount Stafford, einer der
+Unglücklichen, welche bei dem Complot betheiligt sein sollten, wurde vor
+die Schranken seiner Pairs gestellt, auf die Beschuldigung Oates’ und
+zweier andern falschen Zeugen Dugdale und Turberville wegen Hochverraths
+verurtheilt und hingerichtet.
+<span class = "pagenum">II.74</span>
+<a name = "pageII_74" id = "pageII_74"> </a>
+Aber die näheren Umstände seines Prozesses und seiner Hinrichtung
+konnten den Führern der Whigpartei zu einer warnenden Lehre dienen. Eine
+große und ehrenwerthe Minorität des Hauses der Lords erklärte den
+Gefangenen für unschuldig. Die Volksmasse, welche noch vor wenigen
+Monaten die letzten, vor der Hinrichtung gegebenen Versicherungen der
+Opfer des Oates mit Spott und Hohngeschrei aufgenommen hatte, sprach nun
+laut seine Überzeugung aus, daß an Stafford ein Mord begangen worden
+sei. Als er in den letzten Augenblicken seine Unschuld betheuerte, rief
+man ihm zu: „Gott segne Euch, Mylord. Wir glauben Euch, Mylord!“ Ein
+scharfsichtiger Beobachter konnte leicht voraussehen, daß für das damals
+vergossene Blut bald anderes nachfließen werde.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Allgemeine Wahlen von 1681.</span>
+<a name = "secII_59" id = "secII_59">Der</a> König wollte das Mittel
+einer Auflösung nochmals versuchen. Er berief ein Parlament für den März
+des Jahres 1681 nach Oxford. Seit den Zeiten der Plantagenets waren die
+Häuser stets zu Westminster versammelt gewesen, außer wenn Seuchen in
+London herrschten, aber so ungewöhnliche Zeitumstände erheischten auch
+außerordentliche Vorsichtsmaßregeln. Wurde das Parlament an seinem
+gewöhnlichen Versammlungsorte gehalten, so konnte das Haus der Gemeinen
+sich für permanent erklären und Londons Magistrat und Bürgerschaft zu
+Hilfe rufen. Die Miliz konnte zum Schutze Shaftesbury’s herbeieilen, wie
+sie vor vierzig Jahren zur Vertheidigung Pyms und Hampdens aufgestanden
+war, die Wachen konnten entwaffnet, der Palast erobert und der König von
+den Rebellen zum Gefangenen gemacht werden; solche Gefahren waren in
+Oxford nicht möglich. Die Universität hielt es mit der Krone und der
+Adel der Umgegend gehörte fast durchgängig den Tories an, die Opposition
+hatte demnach hier mehr zu fürchten, als der König.</p>
+
+<p>Der Wahlkampf war heftig. Im Hause der Gemeinen bildeten die Whigs
+noch immer eine Majorität, es war aber nicht zu verkennen, daß der
+Tory-Geist allenthalben im Lande rasch um sich griff. Man sollte
+glauben, der scharfblickende, gewandte Shaftesbury hätte den
+eintretenden Wechsel bemerken und zu dem, vom Hofe gebotenen Vergleiche
+seine Einwilligung geben müssen, aber er schien seine frühere Taktik
+nicht mehr verfolgen zu wollen. Anstatt Vorsichtsmaßregeln zu treffen,
+um bei schlimmem Erfolge sich den Rückzug zu sichern, nahm er eine
+Position, in welcher er siegen oder seinen Untergang finden mußte.
+Vielleicht war ihm der Kopf, so vortrefflich er auch war, durch die
+Gunst des Volkes, durch das Glück und durch die Aufregung des Kampfes
+schwindelnd geworden, vielleicht hatte er auch seine Partei so
+aufgestachelt, daß er sie nicht mehr beherrschen konnte und in wildem
+Laufe von denen mit fortgerissen wurde, die er zu leiten glaubte.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Das Parlament zu Oxford gehalten und aufgelöst.</span>
+<a name = "secII_60" id = "secII_60">So</a> kam der ereignißvolle Tag
+heran. Die Versammlung zu Oxford hatte mehr Ähnlichkeit mit einem
+polnischen Reichstage als einem englischen Parlament. Die Mitglieder der
+Whigpartei kamen in Begleitung einer großen Anzahl wohl bewaffneter und
+berittener Pächter und Dienstleute, welche trotzige Blicke mit den
+königlichen Garden wechselten. Die kleinste Veranlagung konnte bei
+dieser Gährung eine Revolution hervorrufen, nur wagte es keine Partei,
+den ersten Schlag zu führen. Noch einmal versprach der König, mit
+Ausnahmen der Ausschließungsbill in Alles zu willigen, die Gemeinen aber
+wollten nichts annehmen als eben die Ausschließungsbill. Nach Verlauf
+von wenigen Tagen war das Parlament wieder aufgelöst.</p>
+
+
+<span class = "pagenum">II.75</span>
+<a name = "pageII_75" id = "pageII_75"> </a>
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Toryreaction.</span>
+<a name = "secII_61" id = "secII_61">Der</a> König hatte gesiegt, und
+die Reaction, welche einige Monate vor dem Zusammentreten der Häuser zu
+Oxford ihren Anfang nahm, machte rasche Fortschritte. Die Nation war dem
+Papstthum allerdings noch immer feindlich gesinnt, aber wenn die Leute
+auf die Complotgeschichte zurückblickten, so erkannten sie doch, daß ihr
+protestantischer Eifer sie zu Thorheiten und Verbrechen veranlaßt hatte,
+und es schien ihnen unbegreiflich, daß sie sich durch alberne Mährchen
+verleiten ließen, das Blut ihrer Mitbürger und Mitchristen zu verlangen.
+Freilich mußten die loyalsten Männer zugestehen, daß Karls Verwaltung
+oft heilloser Art gewesen sei, aber Leute, die von seinem Verkehr mit
+Frankreich nicht so genau unterrichtet waren, als wir es jetzt sind, und
+auf welche die Heftigkeit der Whigs einen widerwärtigen Eindruck machte,
+rechneten die großen Zugeständnisse her, welche in den letzten Jahren
+das Parlament von ihm erlangt, und die noch bedeutenderen
+Zugeständnisse, zu denen er sich bereit gezeigt. Er hatte die Gesetze
+sanktionirt, welche die Katholischen von dem Hause der Lords, dem
+Geheimen Rathe und jedem bürgerlichen und militairischen Amte
+ausgeschlossen, und ebenso die Habeas-Corpus-Akte genehmigt. Waren keine
+größeren Bürgschaften da gegen die Gefahren, welche der Verfassung und
+der Kirche von einem katholischen Souverän drohten, so trug nicht Karl
+die Schuld, denn er hatte das Parlament aufgefordert, dergleichen
+Bürgschaften in Vorschlag zu bringen, sondern jene Whigs, welche von
+keinem Ersatzmittel für die Ausschließungsbill hören wollten. &mdash;
+Eins nur hatte der König seinem Volke abgeschlagen: er hatte sich
+geweigert, seinen Bruder des Geburtsrechtes zu berauben, aber ließ sich
+nicht annehmen, daß diese Weigerung aus ehrenwerthen Gründen
+stattgefunden? welche egoistischen Motive konnte selbst der Parteigeist
+dem Herzen des Königs zu Grunde legen? die Ausschließungsbill
+beeinträchtigte durch nichts die Hohheitsrechte des regierenden Königs
+und verminderte ebensowenig seine Revenüen, ja, er hätte sogar durch
+ihre Genehmigung eine bedeutende Vermehrung seines Einkommens erzielen
+können. Und konnte es ihm nicht gleichgültig sein, wer nach ihm die
+Krone trug? Ja, wenn bei ihm persönliche Vorliebe in’s Spiel kam, so
+wußte man, daß dieselbe mehr für den Herzog von Monmouth als für den
+Herzog von York vorhanden war. Das Verfahren des Königs ließ sich daher
+auf das Natürlichste dadurch erklären, daß trotz seines unstäten
+Charakters und seiner leichtfertigen Moral, er doch in diesem Falle von
+Pflicht und Ehre sich habe leiten lassen. Und war es so, konnte ihn die
+Nation dann zu einer Handlung zwingen, die er für verbrecherisch und
+ehrlos hielt? Auf sein Gewissen einen Zwang auszuüben, geschähe es auch
+durch streng verfassungs&shy;mäßige Mittel, hielten eifrige Royalisten
+für unedel und pflichtwidrig, aber <em>solche</em> Mittel waren nicht
+die einzigen, welche die Whigs anzuwenden gedachten. Bereits zeigten
+sich Vorboten eines herannahenden Bürgerkriegs, und Männer, welche zu
+den Zeiten der bürgerlichen Unruhen und der Republik sich allgemein
+verhaßt gemacht hatten, traten jetzt aus der Verborgenheit hervor, in
+die sie sich nach der Restauration vor dem allgemeinen Unwillen
+geflüchtet hatten, gingen überall mit zuversichtlichen und geschäftigen
+Mienen herum und schienen einen zweiten Sieg der Heiligen schon im
+Voraus zu feiern. Ein zweites Naseby, ein zweiter hoher Gerichtshof,
+eine zweite Republik, ein nochmaliger Usurpator auf dem Throne, ein
+abermaliges Hinauswerfen der Lords aus ihrem Saale, eine zweite
+Säuberung der Universitäten, eine wiederholte
+<span class = "pagenum">II.76</span>
+<a name = "pageII_76" id = "pageII_76"> </a>
+Beraubung und Verfolgung der Kirche, eine neue Herrschaft der Puritaner
+&mdash; auf solche Resultate schien die verzweifelte Politik der
+Opposition hinzuarbeiten.</p>
+
+<p>Solche Gefühle belebten die höheren und mittleren Klassen, welche
+sich in großer Zahl um den Thron schaarten. Der König befand sich in
+ähnlicher Lage wie sein Vater kurz nach dem Erlasse der großen
+Remonstration. Die Reaction von 1641 hatte man in ihrem Fortschritte
+gehemmt. Als sein ihm lange entfremdetes Volk mit versöhnlichen Herzen
+im Begriff war, zu ihm zurückzukehren, hatte Karl&nbsp;I. durch treulose
+Verletzung der Grundgesetze des Reiches das öffentliche Vertrauen auf
+immer verscherzt. Hätte Karl&nbsp;II. ebenso gehandelt, hätte er die
+Führer der Whigpartei gesetzwidrig verhaften und vor einem Tribunale,
+das keine legale Gerichtsbarkeit über sie besaß, des Hochverraths
+beschuldigen lassen, so würden sie ohne Zweifel das verlorne Übergewicht
+bald wieder erlangt haben. Es war ein Glück für ihn, daß er bei dieser
+Krisis sich rathen ließ, eine Politik zu verfolgen, die seinen Absichten
+ganz entsprechend war. Er entschloß sich, dem Gesetze Folge zu leisten,
+zugleich aber auch den kräftigsten und schonungslosesten Gebrauch von
+demselben gegen seine Widersacher zu machen. Er war nicht verpflichtet,
+vor Ablauf der nächsten drei Jahre ein Parlament einzuberufen, und
+befand sich eben in keiner Geldverlegenheit, denn der Betrag der
+Steuern, welche ihm auf Lebenszeit bewilligt waren, überstieg das
+angenommene Bedürfniß. Er lebte mit aller Welt in Frieden, konnte seine
+Ausgaben beschränken, indem er den kostspieligen und nutzlosen Posten zu
+Tanger aufgab, und wußte, daß er auf Geldhilfe von Seiten Frankreichs
+rechnen durfte. Es blieb ihm daher die nöthige Zeit, und fehlte ihm
+nicht an Mitteln, die Opposition in aller gesetzlichen Form systematisch
+zu bekämpfen. Die Richter konnte er willkürlich entlassen, die
+Geschwornen wurden von den Sheriffs ernannt, und in fast allen
+Districten Englands erwählte er die Sheriffs. Zeugen desselben
+Gelichters, welchem diejenigen angehört hatten, auf deren Aussagen die
+Katholiken das Schaffot besteigen mußten, waren bereit, auch die Whigs
+auf die Richtstätte zu liefern.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Verfolgung der Whigs.</span>
+<a name = "secII_62" id = "secII_62">Als</a> erstes Opfer fiel College,
+ein lauter, wilder Demagog von niedrigem Herkommen und schlechter
+Erziehung. Er war seines Handwerks ein Tischler, und hatte den Ruhm, der
+Erfinder des protestantischen Dreschflegels zu sein.<a class = "tag"
+name = "tagII_6" id = "tagII_6" href = "#noteII_6">6</a> Als das
+Parlament in Oxford gewesen, sollte er dort den Plan gehabt haben, einen
+Angriff auf die Garde des Königs zu machen. Gegen ihn zeugten Dugdale
+und Turberville, dieselben Schurken, welche wenige Monate früher
+falsches Zeugniß gegen Stafford abgelegt. Einer Jury von Landedelleuten
+gegenüber konnte kein Exclusionist auf Gnade rechnen; er wurde für
+schuldig erklärt. Der Ausspruch der Geschwornen wurde von den Massen,
+welche das Gerichtshaus von Oxford füllten, mit enthusiastischem Gebrüll
+begrüßt, so unmenschlich wie das, welches er mit seinen Genossen
+ausgestoßen, wenn man unschuldige Katholiken zum Henkerstode
+verurtheilte. Seine Hinrichtung gab das Zeichen zu einer neuen
+Justiz-Schlächterei, nicht weniger schändlich als die, an der er früher
+selbst betheiligt gewesen war.</p>
+
+<span class = "pagenum">II.77</span>
+<a name = "pageII_77" id = "pageII_77"> </a>
+<p>Die Regierung war durch diesen ersten Triumph so kühn geworden, daß
+sie jetzt ihr Absehen auf einen Feind von ganz anderer Art richtete. Man
+beschloß Shaftesbury auf Leben und Tod anzuklagen, und es wurden Beweise
+gesammelt, um gegen ihn einen Prozeß auf Hochverrath einzuleiten. Aber
+die Thatsachen, welche es zu beweisen galt, mußten in London geschehen
+sein. Die Sheriffs von London, von den Bürgern gewählt, waren eifrige
+Whigs. Sie ernannten eine große, aus Whigs bestehende Jury, welche den
+Antrag auf Anklage zurückwies; allein diese Niederlage entmuthigte die
+Rathgeber des Königs keineswegs, sondern bestimmte sie vielmehr, auf
+einen neuen, kühnen Plan zu sinnen.</p>
+
+<p class = "footnote">
+<a name = "noteII_6" id = "noteII_6" href = "#tagII_6">6.</a>
+Dies erwähnt das interessante Werk, unter dem Titel: <span class =
+"antiqua">„Ragguaglio della solenne Comparsa fatta in Roma gli otto di
+Gennaio, 1687, dall’ illustrissimo et excellentissimo signor Conte di
+Castelmaine.“</span></p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Der Freibrief der City wird zurückgenommen.</span>
+<a name = "secII_63" id = "secII_63">Der</a> Freibrief der Hauptstadt
+stand ihnen im Wege, und dieser Freibrief mußte vernichtet werden. Es
+wurde erklärt, daß die City von London durch einige Ungesetzlichkeiten
+ihre munizipalen Privilegien verwirkt habe und die ganze Corporation
+einer Untersuchung vor dem Gerichtshofe der Kings-Bench zu übergeben
+sei. Zugleich handhabte man die Gesetze, welche bald nach der
+Restauration gegen Nichtconformisten entstanden waren und während der
+Herrschaft der Whigs geruht hatten, mit außerordentlicher Strenge.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Verschwörungen der Whigs.</span>
+<a name = "secII_64" id = "secII_64">Die</a> Whigs aber hatten den Muth
+noch nicht verloren. Befanden sie sich auch in schlimmer Lage, so
+bildeten sie doch noch immer eine zahlreiche und mächtige Partei, und da
+ihre Anhänger größtentheils in bedeutenderen Städten, und namentlich in
+der Hauptstadt lebten, so erregten sie mehr Lärm und Aufsehen, als ihre
+wirkliche Stärke rechtfertigte. Aufgeregt durch das Andenken an
+vergangene Triumphe und das Gefühl der jetzigen Unterdrückung,
+überschätzten sie sowohl ihre Macht wie ihre Leiden. Sie vermochten
+nicht, die Existenz jener klaren und Alles bewältigenden Nothwendigkeit
+nachzuweisen, welche allein das gewaltsame Mittel der Auflehnung gegen
+eine gesetzmäßig bestehende Regierung zu rechtfertigen vermag. Welchen
+Argwohn sie auch immer in sich trugen, sie konnten keinen Beweis dafür
+liefern, daß ihr Souverain mit Frankreich ein Bündniß gegen die Religion
+und die Freiheiten Englands geschlossen habe. Was davon bekannt war,
+reichte nicht aus, um die Anwendung des Schwertes zu rechtfertigen.
+Wurde die Ausschließungsbill verworfen, so hatten es die Lords in der
+Ausübung eines Rechts gethan, das so lange bestand wie die Verfassung;
+hatte der König das Parlament von Oxford aufgelöst, so geschah es
+vermittelst eines Hohheitsrechtes, das nicht in Abrede gestellt werden
+konnte. Wenn der Hof nach der Auflösung zu einigen strengen Maßregeln
+griff, so verstießen dieselben doch nicht gegen die Bestimmungen der
+Gesetze und gegen die Praxis, welche von den Unzufriedenen noch kürzlich
+selbst ausgeübt worden war. Verfolgte der König seine Widersacher, so
+geschah es nach aller Form und vor den ordentlichen Gerichtshöfen. Die
+Zeugnisse, welche für die Krone sprachen, waren wenigstens ebenso
+geltend als diejenigen, auf welche hin die Opposition noch vor kurzem
+Englands edelstes Blut vergossen hatte. Ein angeklagter Whig hatte jetzt
+von Richtern, Advokaten, Sheriffs, Geschwornen und Zuschauern keine
+üblere Behandlung zu erwarten, als diejenige war, welche die Whigs noch
+jüngst als angemessen für einen angeklagten Papisten hielten. Man hatte
+die Privilegien der City Londons angegriffen, doch war es nicht mit
+bewaffneter Hand, oder durch Ausübung einer nicht zu rechtfertigenden
+Prärogative geschehen, sondern in Übereinstimmung mit dem ordentlichen
+Gerichtsgebrauch
+<span class = "pagenum">II.78</span>
+<a name = "pageII_78" id = "pageII_78"> </a>
+von Westminsterhall. Auf den Befehl des Königs waren weder neue Steuern
+erhoben, noch ein Gesetz außer Kraft gesetzt worden; die
+Habeas-Corpus-Akte wurde geachtet und selbst die Testakte in Ausführung
+gebracht. Es war daher der Opposition unmöglich, den König einer so
+schlechten Regierung zu beschuldigen, daß ein Aufstand sich hätte
+rechtfertigen lassen. Und gesetzt seine Regierung wäre noch mangelhafter
+gewesen, ein Aufstand würde immer verbrecherisch geblieben sein, da
+keine Aussicht vorhanden war ihn mit Erfolg durchzuführen. Die Lage der
+Whigs im Jahre 1682 war eine andere als die der Rundköpfe vierzig Jahre
+früher. Diejenigen, welche gegen Karl&nbsp;I. zu den Waffen griffen,
+thaten es unter der Autorität eines Parlaments, welches das Gesetz
+versammelt hatte und ohne seine eigene Zustimmung nicht aufgelöst werden
+konnte. Die Widersacher Karls&nbsp;II. bestanden aus Privatleuten. Fast
+alle Hilfsmittel des Königreichs in Militair und Flotte befanden sich in
+den Händen derjenigen, welche Karl&nbsp;I. entgegenstanden, jetzt besaß
+Karl&nbsp;II. diese Hilfsmittel. Die Hälfte der Nation hatte das Haus
+der Gemeinen gegen Karl&nbsp;I. unterstützt; die Zahl der Kriegslustigen
+gegen Karl&nbsp;II. war in großer Minorität. Es unterlag daher keinem
+Zweifel, daß sie nicht im Stande sein würden, eine Erhebung
+durchzuführen, und ebenso wahrscheinlich mußte ein Scheitern derselben
+die Übel, über welche sie klagten, nur vergrößern. Die wahre Politik der
+Whigs wäre gewesen, sich mit Ergebung in das Mißgeschick zu fügen,
+welches eine natürliche Folge und wohlverdiente Strafe ihrer Verirrungen
+war, geduldig auf eine Änderung der Volksstimmung zu warten, die nicht
+ausbleiben konnte, dem Gesetze sich zu fügen, und den, wenn auch
+unvollkommenen doch keineswegs nichtigen Schutz zu beanspruchen, den das
+Gesetz der Unschuld gewähren muß. Zu ihrem Unglück schlugen sie einen
+anderen Weg ein. Gewissenlose heißblütige Führer der Partei bildeten und
+verarbeiteten Widerstandspläne, und wurden zwar nicht mit Beifall, doch
+mit dem Scheine des Einverständnisses von bessern Männern angehört, als
+sie selbst waren. Man beschloß zu gleicher Zeit in London, in Cheshire,
+zu Bristol und zu Newcastle Aufstände ausbrechen zu lassen, und hatte
+mit den mißvergnügten schottischen Presbyterianern Verbindungen
+angeknüpft, welche unter einer Tyrannei schmachteten, wie sie England in
+den trübsten Zeiten nicht erduldet. Indem so die Führer der Opposition
+Pläne wegen offener Rebellion besprachen, aber immer noch durch Furcht
+und Gewissen sich von der entscheidenden That abhalten ließen, verfielen
+einige ihrer Genossen auf einen ganz besonderen Plan. Für wilde,
+charakterlose Menschen, welche der Fanatismus dem Wahnsinn nahe
+gebracht, schien es der einfachste und sicherste Weg, die Freiheiten
+Englands und den Protestantismus dadurch zu retten, daß man den König
+und seinem Bruder einen Hinterhalt legte, und Beide ermordete. Bereits
+waren Ort und Zeit bestimmt und die Einzelheiten der Ermordung häufig
+besprochen worden, wenn auch noch nicht bis zur Ausführung geordnet. Nur
+Wenige waren in diesen Plan eingeweiht, und namentlich wurde er vor dem
+rechtschaffenen, menschen&shy;freundlichen Russell und vor Monmouth
+geheim gehalten, der zwar nicht eben ein zartes Gewissen hatte, aber
+doch mit Entsetzen vor dem Verbrechen des Vatermords zurückgebebt sein
+würde. So existirten zwei Verschwörungen, eine in der andern. Das
+größere Complot der Whigs ging dahin, das Volk zum Aufruhr gegen die
+Regierung zu verleiten, das kleinere Complot aber, das Ryehousecomplot
+(Roggenhauscomplot) genannt, welches nur aus wenigen Personen bestand,
+<span class = "pagenum">II.79</span>
+<a name = "pageII_79" id = "pageII_79"> </a>
+beabsichtigte den Meuchelmord des Königs und seines muthmaßlichen
+Thronfolgers.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Entdeckung der Whigverschwörung.</span>
+<a name = "secII_65" id = "secII_65">Beide</a> Complots wurden
+verrathen. Feige Verräther eilten sich selbst zu retten, indem sie Alles
+und noch mehr als das, anzeigten was in den Berathungen der Partei
+erwähnt worden war. Es ist Thatsache, daß nur eine sehr kleine Zahl der
+Mißvergnügten daran dachte, zum Mittel des Meuchelmordes zu schreiten,
+da aber zwei Verschwörungen sich vereinigten, so war es der Regierung
+leicht, sie zu vermischen.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Strenge der Regierung.</span>
+<a name = "secII_66" id = "secII_66">Die</a> zu rechtfertigende
+Entrüstung, welche das Ryehousecomplot hervorrief, traf längere Zeit die
+gesammte Whigpartei. Der Konig hatte jetzt völlige Freiheit, für Jahre
+des Zwanges und der Demüthigung sich zu rächen. Shaftesbury war
+allerdings dem, durch seine vielfache Treulosigkeit wohlverdienten
+Schicksale entgangen. Er hatte den Untergang seiner Partei herannahen
+sehen, hatte einen vergeblichen Versuch gemacht, sich mit den
+königlichen Brüdern zu versöhnen, und war nach Holland geflüchtet, wo er
+bald darauf unter dem großmüthigen Schutze einer Regierung starb, der er
+manch bitteres Leid zugefügt. Monmouth warf sich seinem Vater zu Füßen
+und erhielt Gnade, compromittirte sich aber sehr bald wieder, und hielt
+es für klug, in ein freiwilliges Exil zu gehen. Essex tödtete sich im
+Tower mit eigener Hand. Russel, der keines hochverrätherischen
+Verbrechens schuldig gewesen zu sein scheint, und Sidney, dessen Schuld
+gesetzlich nicht bewiesen werden konnte, <ins class = "correction" title
+= "Original hat »wurde«">wurden</ins> trotz Recht und Gerechtigkeit
+enthauptet. Russel starb mit christlicher Ergebung, Sidney mit stoischem
+Muthe. Einige betheiligte Politiker von niederem Range wurden zum Galgen
+verurtheilt. Viele flüchteten aus dem Lande. Eine Menge Prozesse
+entstanden wegen unterlassener Anzeige von Verrath, wegen
+Schmähschriften oder Verschwörungen. Verurtheilungen wurden ohne Mühe
+von den torystischen Geschwornen erlangt und strenge Strafen von den
+höfischen Richtern verhängt. Mit diesen Criminalprozessen vereinigten
+sich nicht minder furchtbare Civilprozesse. Es wurden Personen verklagt,
+die den Herzog von York beschimpft hatten, und Entschädigungen, welche
+einer lebenslänglichen Kerkerhaft gleichkamen, wurden von dem Kläger
+gefordert, und ohne Bedenken zuerkannt. Der Gerichtshof der Kings-Bench
+erklärte, daß die Freiheiten der City Londons der Krone verfallen seien.
+Dieser bedeutende Sieg machte die Regierung so übermüthig, daß sie die
+Institutionen anderer Corporationen angriff, an deren Spitze Whigbeamten
+standen, oder welche whigistische Mitglieder in das Parlament gewählt
+hatten.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Entziehung von Privilegien.</span>
+<a name = "secII_67" id = "secII_67">Stadt</a> für Stadt wurde
+gezwungen, ihre Privilegien aufzugeben, und die neuen Freibriefe, welche
+an Stelle derselben verliehen wurden, gaben den Tories überall die
+Herrschaft.</p>
+
+<p>Wie wenig auch diese Maßregeln zu entschuldigen waren, so hatten sie
+doch den Schein der Gesetzlichkeit, und wurden zugleich von einer
+Handlung begleitet, welche die Befürchtungen zu nichte machen sollten,
+mit denen viele loyale Leute der Thronbesteigung eines katholischen
+Souverains entgegen sahen. Lady Anna, jüngere Tochter des Herzogs von
+York aus erster Ehe, wurde mit Georg, einem Prinzen aus dem
+rechtgläubigen Hause Dänemark, vermählt. Der torystische Adel sammt dem
+Klerus hatten jetzt Ursache zu der Hoffnung, daß die englische Kirche,
+ohne Verletzung der Thronfolgeordnung, vollständig gesichert sei. Der
+König und sein Erbe
+<span class = "pagenum">II.80</span>
+<a name = "pageII_80" id = "pageII_80"> </a>
+standen in ziemlich gleichem Alter, beide näherten sich dem Abend des
+Lebens. Der König erfreute sich einer vortrefflichen Gesundheit, und
+aller Wahrscheinlichkeit nach konnte Jakob, wenn er überhaupt auf den
+Thron gelangte, nur kurze Zeit regieren. Über diese Zeit hinaus bot sich
+die zufriedenstellende Aussicht auf eine lange Reihe protestantischer
+Souveraine.</p>
+
+<p>Die Freiheit, ohne Censur zu drucken, gereichte der überwundenen
+Partei zu wenig oder keinem Vortheil, denn die Stimmung der Richter und
+Geschwornen war der Art, daß kein Schriftsteller, den die Regierung
+wegen eines Libells verfolgte, die geringste Hoffnung hatte,
+freigesprochen zu werden. Die Furcht vor Bestrafung brachte daher
+dieselbe Wirkung hervor, welche die Censur selbst erzielt haben würde.
+Indessen erdröhnten die Kanzeln von Reden gegen die Sünde der Rebellion.
+Die Abhandlungen, in denen Filmer die Behauptung aufstellte, erbliche
+Despotie sei die von Gott verordnete Regierungsform, beschränkte
+Monarchie hingegen ein verderblicher Unsinn, waren kürzlich erschienen
+und von der Mehrzahl der Tories wohl aufgenommen worden. An demselben
+Tage, an welchem Russel auf dem Schaffot starb, erklärte sich die
+Universität von Oxford für diese wunderlichen Lehren in einem
+feierlichen öffentlichen Akte und ließ die politischen Schriften von
+Buchanan, Milton und Baxter mitten auf dem Schulhofe verbrennen.</p>
+
+<p>Hierdurch wurde der König ermuthigt die Grenzen zu überschreiten,
+welche er einige Jahre lang respectirt hatte, und den klaren Buchstaben
+des Gesetzes zu verletzen. Das Gesetz verordnete, daß zwischen der
+Auflösung eines Parlaments und der Zusammenberufung eines anderen nicht
+mehr als drei Jahre verstreichen dürften, aber drei Jahre waren nach
+Auflösung des Parlaments von Oxford vorüber, und es erfolgten keine
+Neuwahlen. Dieser Verfassungsbruch war um so weniger zu entschuldigen,
+da der König keinen Grund hatte, sich vor einem neuen Hause der Gemeinen
+zu fürchten. Die Grafschaften waren größtentheils auf seiner Seite, und
+die Landstädte, welche früher unter der Herrschaft der Whigs standen,
+waren so umgestaltet, daß man überzeugt sein konnte, sie würden nur dem
+Hofe ergebene Leute wählen.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Einfluß des Herzogs von York.</span>
+<a name = "secII_68" id = "secII_68">Bald</a> darauf kam abermals eine
+Verletzung des Gesetzes vor, und zwar zu Gunsten des Herzogs von York.
+Dieser Prinz war seiner Religion sowie seines harten, rauhen Charakters
+wegen nichts weniger als populär, so daß man es als Nothwendigkeit
+betrachtete ihn so lange aus den Augen des Volks zu bringen, als die
+Ausschließungsbill im Parlamente verhandelt wurde, damit sein
+öffentliches Erscheinen der Partei, die ihm sein Geburtsrecht entziehen
+wollte, nicht zum Nutzen gereichen könne. Man hatte ihn deshalb
+entsendet, Schottlands Regierung zu übernehmen, wo der alte, ungestüme
+Tyrann Lauderdale im Begriff war zu sterben. Jetzt wurde selbst
+Lauderdale übertroffen. Die Regierung Jakobs charakterisirte sich durch
+gehässige Gesetze, unmenschliche Strafen und Urtheile, deren
+Ungerechtigkeit selbst in jenem Zeitalter beispiellos war. Der
+schottische Geheime Rath hatte die Macht, Staats&shy;verbrecher der
+Folter zu unterwerfen, dieser Anblick aber war so haarsträubend, daß
+wenn die spanischen Stiefeln gebracht wurden, selbst die ergebensten und
+herzlosesten Hofleute das Zimmer verließen. Der Sessionstisch war in
+Folge dessen zuweilen ganz unbesetzt, und man erachtete es später für
+nothwendig, besonders zu verordnen, daß die Räthe bei solchen
+Gelegenheiten ihre Plätze nicht verlassen dürften.
+<span class = "pagenum">II.81</span>
+<a name = "pageII_81" id = "pageII_81"> </a>
+Was den Herzog von York betraf, so schien ihm das entsetzliche
+Schauspiel, welche die verworfensten Menschen jener Zeit nicht ohne
+Mitleid und Grausen ansehen konnten, zu amüsiren. Er besuchte nicht nur
+die Rathssitzungen, wenn gefoltert wurde, sondern betrachtete auch die
+Qualen der unglücklichen Opfer mit einer Aufmerksamkeit und einem
+Behagen, mit denen man ein interessantes, wissenschaftliches Experiment
+zu verfolgen pflegt. So verlebte er seine Zeit in Edinburg, bis das
+Resultat des Kampfes zwischen dem Hofe und den Whigs nicht mehr zu
+bezweifeln war; dann kehrte er nach England zurück, obgleich noch immer
+durch die Testakte von aller öffentlichen Thätigkeit ausgeschlossen.
+Anfänglich wagte der König zwar nicht, gegen ein Gesetz zu handeln, in
+welchem die große Mehrzahl seiner loyalsten Unterthanen eine
+hauptsächliche Bürgschaft für ihre Religion und ihre bürgerlichen Rechte
+sah; als aber eine Reihenfolge von Versuchen bewies, daß die Nation
+geduldig genug war, fast Alles über sich ergehen zu lassen was der
+Regierung zu thun beliebte, so erlaubte sich Karl im Interesse seines
+Bruders eine Ausnahme vom Gesetz zu machen. Der Herzog kehrte auf seinen
+Sitz im Rathe zurück, und übernahm die Leitung des Seewesens.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Halifax opponirt ihm.</span>
+<a name = "secII_69" id = "secII_69">Diese</a> verfassungs&shy;widrige
+Handlung veranlaßte freilich einige Unzufriedenheit unter den gemäßigten
+Tories, und fand sogar bei den Ministern des Königs keinen einstimmigen
+Beifall. Halifax besonders, zur Zeit Marquis und Lord des Geheimsiegels,
+zeigte von dem Tage an, wo die Tories mit seiner Beihilfe das
+Übergewicht erlangten, eine Hinneigung zur Partei der Whigs. Nachdem man
+die Ausschließungsbill verworfen hatte, verlangte er von dem Hause der
+Lords vorbeugende Schritte gegen die Gefahr, welche die Freiheiten sowie
+die Religion des englischen Volkes unter der kommenden Regierung treffen
+könnte; mit Besorgniß erkannte er erst jetzt die Heftigkeit einer
+Reaktion, welche zum Theil von ihm selbst ausgegangen war. Er machte
+kein Hehl aus der Verachtung, welche die erbärmlichen Lehren der
+Universität Oxford in ihm hervorgerufen. Das Bündniß mit Frankreich war
+ihm ein Greuel, und er mißbilligte ernstlich die lange Aussetzung des
+Parlaments, so wie er auch den Barbarismus tadelte, mit dem man die
+gestürzte Partei behandelte. Er, der unter der siegreichen Herrschaft
+der Whigs sich nicht gescheut hatte, Stafford für unschuldig zu
+erklären, wagte es, als diese Partei niedergeworfen und hilflos war,
+Russel in Schutz zu nehmen. In einer der letzten Rathssitzungen, bei
+welchen Karl gegenwärtig war, ereignete sich eine merkwürdige Scene. Der
+Freibrief für Massachusetts war verwirkt, und es entstand die Frage, wie
+diese Colonie künftig verwaltet werden sollte. Die übereinstimmende
+Meinung des Collegiums war, daß die vollständige Gewalt, die
+gesetzgebende wie die executive, von der Krone ausgeübt werden solle.
+Halifax war anderer Meinung, und sprach mit großem Eifer gegen
+unumschränkte Monarchie und zu Gunsten repräsentativer Verfassung. Es
+sei ein Irrthum, versicherte er, wenn man sich dem Glauben hingäbe, daß
+eine dem englischen Volksstamme entsprungene und von englischen Gefühlen
+durchdrungene Nation es längere Zeit ertragen würde, englische
+Institutionen zu entbehren. Das Leben, sagte er, würde werthlos sein in
+einem Lande, wo Freiheit und Eigenthum der Willkür eines despotischen
+Herrschers preisgegeben wären. Der Herzog von York war über diese
+Sprache höchst erbittert, und machte seinen Bruder auf das Wagniß
+aufmerksam, einen Mann im Amte zu lassen, der die gefährlichen Ansichten
+Marvells und Sidney’s vollkommen zu theilen scheine.</p>
+
+<span class = "pagenum">II.82</span>
+<a name = "pageII_82" id = "pageII_82"> </a>
+<p>In neuerer Zeit ist Halifax von einigen Schriftstellern der Vorwurf
+gemacht worden, daß er im Ministerium geblieben, während er das System,
+nach welchem die inneren wie die äußeren Angelegenheiten behandelt
+wurden, mißbilligte; doch ist dieser Tadel nicht gerechtfertigt. Man
+darf nicht vergessen, daß der Begriff „Ministerium“ in dem Sinne wie er
+jetzt genommen wird, zu damaliger Zeit unbekannt war<a class = "tag"
+name = "tagII_7" id = "tagII_7" href = "#noteII_7">7</a>. Die Sache
+selbst existirte gar nicht, denn sie ist das Produkt eines Zeitalters,
+in welchem sich die parlamentarische Regierung vollständig entwickelt
+hatte. Jetzt bilden die ersten Diener der Krone einen geschlossenen
+Körper und man nimmt an, daß unter ihnen ein freundschaftliches
+Vertrauen besteht und sie über die Hauptgrundsätze einig sind, nach
+denen die executive Verwaltung geleitet werden soll. Findet eine leichte
+Meinungs&shy;verschiedenheit zwischen ihnen statt, so wird sie bald
+ausgeglichen; wenn aber Einer in einer Lebensfrage mit den Anderen nicht
+übereinstimmt, so ist es seine Pflicht abzutreten. So lange er sein Amt
+verwaltet, trifft auch ihn die Verantwortlichkeit für die Maßregeln, von
+denen er seinen Collegen abzurathen sich bemüht hat. Im siebzehnten
+Jahrhundert bestand unter den Leitern der verschiedenen
+Verwaltungszweige, kein collegialisches Verhältniß dieser Art. Jeder
+hätte für seine eigenen Handlungen einzustehen, für die Anwendung,
+welche er von dem anvertrauten Amtssiegel gemacht, für Dokumente, die er
+unterzeichnet, für die Rathschläge, welche er dem König ertheilt. Ein
+Staatsmann hatte blos zu verantworten was er selbst gethan, oder wozu
+Andere durch ihn veranlaßt worden waren. Wenn er sich bemühte, nicht den
+Unterhändler bei unredlichen Angelegenheiten abzugeben, und als
+Rathgeber immer nur das Rechte empfahl, so hatte er keinen Tadel zu
+fürchten. Man würde es für eine unbegreifliche Bedenklichkeit erklärt
+haben, wenn er sein Amt deshalb niedergelegt hätte, weil seine
+Rathschläge in Dingen, die nicht in sein Departement gehörten, von
+seinem Souverain unberücksichtigt geblieben wären, wenn er zum Beispiel
+aus dem Admiralitätsrathe geschieden wäre, weil die Finanzen sich in
+Unordnung, oder aus dem Schatzamte, weil die auswärtigen Angelegenheiten
+sich in keinem befriedigenden Zustande befanden. Es war daher durchaus
+nicht selten, zu gleicher Zeit Männer in hohen Ämtern zu sehen, welche
+offenbar eben so weit von einander abwichen, wie Pulteney von Walpole,
+oder Fox von Pitt.</p>
+
+<p class = "footnote">
+<a name = "noteII_7" id = "noteII_7" href = "#tagII_7">7.</a>
+<span class = "antiqua">North’s Examen</span>, 69.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Lord Guildford.</span>
+<a name = "secII_70" id = "secII_70">Die</a> besonnenen und
+verfassungs&shy;mäßigen Rathschläge Halifax’ wurden, &mdash; aber ohne
+Kraft und Entschlossenheit, &mdash; von Franz North, Lord Guildford
+unterstützt, welchem kürzlich das Amt eines Großsiegelbewahrers
+anvertraut worden war. Guildfords Charakter ist mit großer
+Ausführlichkeit von seinem Bruder, Roger North, geschildert worden,
+einem höchst intoleranten Lord und sehr gezierten und pedantischen
+Schriftsteller, aber aufmerksamen Beobachter aller kleinen Umstände,
+welche den Menschen bezeichnen. Auffallend ist es, daß der Biograph,
+trotzdem daß er unter dem Einflusse der stärksten, brüderlichen
+Parteilichkeit stand, und obgleich er sich offenbar anstrengte, ein
+vortheilhaftes Bild zu liefern, doch nicht im Stande war, den Lord
+Siegelbewahrer anders als einen unedlen Menschen hinzustellen. Doch
+besaß Guildford einen klaren Verstand, sein Fleiß war groß, und seine
+Kenntnisse in Literatur und Wissenschaft nicht unerheblich, sowie seine
+rechts&shy;wissen&shy;schaftliche Bildung mehr als gewöhnlich. Seine
+Fehler bestanden in Egoismus, Feigheit und Gemeinheit. Er war nicht
+unempfänglich
+<span class = "pagenum">II.83</span>
+<a name = "pageII_83" id = "pageII_83"> </a>
+für weibliche Schönheit und liebte den starken Genuß des Weines, aber
+weder Schönheit noch Wein konnten den vorsichtigen und geizigen Wüstling
+jemals, selbst nicht in frühen Jugendjahren, zu einer Anwandlung von
+Hochherzigkeit verlocken. Obgleich von edler Abstammung erhob er sich
+aus seiner Stellung nur durch niederträchtiges Kriechen vor Allen, die
+in den Gerichtshöfen einigen Einfluß hatten. Er wurde Oberrichter im
+Gerichtshofe der Common Pleas, und als solcher Theilnehmer an einigen
+der schändlichsten Justizmorde, welche die Geschichte kennt. Er besaß
+Einsicht genug, um zu wissen, daß Oates und Bedloe Lügner waren, aber
+das Parlament und das Land befanden sich in Aufregung, die Regierung
+hatte sich dem Drange gefügt, und North war nicht der Mann, der um der
+Gerechtigkeit und Menschlichkeit willen einen guten Posten aufgab.
+Während er also heimlich eine Widerlegung des ganzen Romans von dem
+papistischen Complot niederschrieb, behauptete er öffentlich, daß die
+Wahrheit dieser Geschichte sonnenklar sei, und schämte sich nicht, vom
+Richterstuhle herab den unglücklichen Katholiken, die auf Leben und Tod
+angeklagt vor ihm standen, wüthende Blicke zuzuschleudern. Er hatte
+zuletzt die höchste richterliche Stellung erreicht, aber ein Jurist, der
+nach jahrelanger Ausübung seines Berufs in vorgerücktem Alter zur
+Politik übergeht, wird selten als Staatsmann zu hoher Auszeichnung
+gelangen, und Guildford bestätigte diese allgemeine Regel. Er kannte
+seine Schwächen so genau, daß er niemals anwesend war, wenn seine
+Collegen über auswärtige Angelegenheiten beriethen. Selbst bei Fragen,
+welche seinem Berufe galten, hatte seine Meinung im Geheimen Rathe
+weniger Bedeutung als die irgend eines früheren Großsiegelbewahrers.
+Übrigens benutzte er den geringen Einfluß, den er besaß, so weit er den
+Muth dazu hatte, wenigstens im Interesse der Gesetze.</p>
+
+<p>Der vorzüglichste Widersacher des Halifax war Lawrence Hyde, der vor
+kurzem zum Earl von Rochester erhoben worden war. Von allen Tories besaß
+Rochester die größte Intoleranz, und war nicht leicht zu einem
+Vergleiche zu bringen. Die gemäßigten Mitglieder seiner Partei beklagten
+sich, daß das Schatzamt, so lange er als erster Commissar darin
+fungirte, alle Stellen an laute Schreier vergebe, deren alleiniger
+Anspruch auf Beförderung darin bestand, daß sie unaufhörlich auf den
+Untergang des Whiggismus tranken und Freudenfeuer anzündeten, um die
+Ausschließungsbill zu verbrennen; der Herzog von York aber, welchem ein
+Charakter gefiel, der soviel Ähnlichkeit mir dem seinigen hatte,
+unterstützte seinen Schwager auf das leidenschaftlichste und
+beharrlichste.</p>
+
+<p>Die Anstrengungen der rivalisirenden Minister, einander zu schlagen
+und zu verdrängen, erhielten den Hof in beständiger Unruhe. Halifax lag
+den König an, ein Parlament zu berufen, eine vollständige Amnestie zu
+bewilligen, den Herzog von York jeder Theilnahme an der Regierung zu
+entheben, Monmouth aus dem Exil zurückzurufen, jede Verbindung mit
+Ludwig abzubrechen und eine enge Allianz mit Holland &mdash; nach Art
+der Tripleallianz &mdash; zu schließen. Der Herzog von York dagegen
+scheute das Zusammenkommen eines Parlaments, sah auf die gestürzte
+Partei der Whigs noch immer mit dem alten Hasse herab, bildete sich noch
+immer ein, daß der vor beinahe funfzehn Jahren zu Dover entworfene Plan
+ausführbar sei, warnte fast täglich seinen Bruder, einen Mann, der im
+Herzen Republikaner war, in dem Besitze des Geheimsiegels zu lassen, und
+empfahl mit allem Eifer Rochester zu der hohen Stelle eines Lord
+Schatzmeisters.</p>
+
+<span class = "pagenum">II.84</span>
+<a name = "pageII_84" id = "pageII_84"> </a>
+<p>Während die beiden Parteien in der Weise kämpften, behauptete
+Godolphin, vorsichtig, schweigsam und fleißig, Neutralität zwischen
+ihnen. Sunderland intriguirte mit seiner bekannten nie ruhenden
+Falschheit gegen beide. Mit Ungnade seiner Stelle enthoben, weil er für
+die Ausschließungsbill gestimmt, war er zu Kreuze gekrochen, indem er
+sich der Fürsprache der Herzogin von Portsmouth bediente und dem Herzog
+von York demüthigst sich näherte. Jetzt war er wieder
+Staats&shy;secretair.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Politik Ludwigs.</span>
+<a name = "secII_71" id = "secII_71">Auch</a> Ludwig war weder
+nachlässig noch müßig. Zu dieser Zeit begünstigte Alles seine Pläne. Er
+war vor dem deutschen Reiche sicher, welches damals an der Donau mit den
+Türken kämpfte, und Holland konnte ohne Bundesgenossen nicht daran
+denken, ihm entgegenzutreten; er hatte deshalb freien Willen, seinem
+Ehrgeiz und seiner Anmaßung den Zügel schießen zu lassen. Er eroberte
+Dixmuyden und Courtray, bombardirte Luxemburg und beanspruchte von der
+Republik Genua die schmählichsten Demütigungen. Die französische Macht
+erhob sich zu jener Zeit auf die bedeutendste Höhe, die sie in dem
+Jahrtausend zwischen den Regierungen Karls des Großen und Napoleons
+jemals erreichte. Es war nicht abzusehen, wo ihre Eroberungen aufhören
+würden, wenn es England in einem Zustande von Abhängigkeit erhalten
+konnte, und es war daher eine wichtige Angelegenheit für den Versailler
+Hof, die Einberufung eines Parlaments sowie die Versöhnung der
+englischen Parteien zu verhindern. Zu diesem Zwecke wurden
+Versprechungen, Drohungen und Bestechungen nach Kräften angewendet. Karl
+wurde bisweilen durch die Hoffnung auf Subsidien angelockt, und dann
+wieder durch die Mittheilung erschreckt, daß, wenn er die Häuser
+versammle, man die geheimen Artikel des Vertrags von Dover zur
+öffentlichen Kenntniß bringen werde. Mehrere Geheime Räthe wurden durch
+Bestechung gewonnen, und als ein ähnlicher Versuch bei Halifax
+mißglückte, wandte die französische Gesandtschaft ihren ganzen Einfluß
+und alle Kräfte an, um den unbestechlichen Mann von seinem Posten zu
+verdrängen; aber geistreicher Witz und die vielseitigsten Talente hatten
+ihn seinem Gebieter so unentbehrlich gemacht, daß dieser Versuch
+fruchtlos vorüberging.<a class = "tag" name = "tagII_8" id = "tagII_8"
+href = "#noteII_8">8</a></p>
+
+<p>Halifax war nicht zufrieden bei der Defensive stehen zu bleiben,
+sondern beschuldigte Rochester öffentlich der untreuen Verwaltung. Es
+fand eine Untersuchung statt, bei der es sich zeigte, daß dem
+öffentlichen Schatze durch schlechte Verwaltung des ersten Lords des
+Schatzes vierzigtausend Pfund verloren gegangen waren. Durch diesen
+Vorfall wurde er gezwungen, nicht nur seine Hoffnungen auf den weißen
+Stab fahren zu lassen, sondern auch von der Leitung des Finanzwesens auf
+den, allerdings im Range höheren, aber weniger bedeutenden und
+einträglichen Posten des
+<span class = "pagenum">II.85</span>
+<a name = "pageII_85" id = "pageII_85"> </a>
+Lord Präsidenten überzugehen. „Ich habe schon Leute die Treppe
+hinunterwerfen sehen &mdash; meinte Halifax &mdash; aber Mylord
+Rochester ist der Erste, den ich jemals die Treppe hinaufwerfen sah.“
+Godolphin, jetzt Pair, wurde erster Schatzcommissair.</p>
+
+<p class = "footnote">
+<a name = "noteII_8" id = "noteII_8" href = "#tagII_8">8.</a>
+Lord Preston, damals Gesandter in Paris, schrieb von dort an Halifax
+folgendes: „Ich finde, daß Ew. Herrlichkeit noch immer so unglücklich
+sind, von diesem Hofe nicht mit günstigen Augen angesehen zu werden, und
+Herr Barillon darf Ihnen nicht freundlich zulächeln, da sein Hof die
+Stirn in Falten zieht. Sehr wohl bekannt sind Ew. Herrlichkeit
+Eigenschaften, welche zu Furcht und dadurch zu Haß gegen Sie
+Veranlassung geben und Sie können glauben, Mylord, wenn alle ihre Gewalt
+im Stande ist Sie nach Rufford zu bringen, so wird man dieselbe zu
+diesem Zweck in Anwendung bringen. Zwei Punkte heben sie, wie ich
+vernehme, besonders gegen Sie hervor: Ihre Verschwiegenheit nämlich, und
+den Umstand, daß Sie der Bestechung nicht zugänglich sind. Es ist mir
+bekannt, daß sie gegen diese zwei Dinge sich ausgesprochen haben.“ Das
+Datum des Briefes ist vom 5. October N.&nbsp;St. 1683.</p>
+
+
+<p class = "section">
+<span class = "heading">
+Stand der Parteien am Hofe Karls zur Zeit seines Todes.</span>
+<a name = "secII_72" id = "secII_72">Der</a> Kampf war noch immer nicht
+zu Ende, der Ausgang war von dem Willen Karls abhängig, und Karl konnte
+zu keinem Entschlusse kommen. In seiner Verlegenheit versprach er Jedem
+was ihm einfiel. Einmal wollte er mit Frankreich zusammenhalten, dann
+wollte er wieder jede Verbindung mit Ludwig auflösen; jetzt wollte er
+nichts wieder von einem Parlamente hören und gleich darauf wollte er
+befehlen, daß ein Ausschreiben für ein solches ergehen solle; dem Herzog
+von York versprach er Halifax zu entlassen. Öffentlich zeigte er die
+heftigste Erbitterung gegen Monmouth, und im Geheimen versicherte er ihn
+seiner unwandelbaren Zuneigung. Wie lange, im Fall er länger gelebt,
+diese Unentschiedenheit gewährt haben und zu welchem Entschluß er
+endlich gekommen sein würde, darüber lassen sich nur Vermuthungen hegen.
+Früh im Jahre 1685, als die feindlichen Parteien mit ängstlicher Sorge
+seiner Entschließung harrten, starb er, und es öffnete sich eine neue
+Scene. In einigen Monaten verwischten die Übergriffe der Regierung den
+Eindruck, den die Übergriffe der Opposition auf die öffentliche Stimmung
+hervorgebracht hatten. Der heftigen Reaktion, welche die Partei der
+Whigs niederwarf, folgte eine noch stärkere Reaktion in umgekehrter
+Richtung, und deutliche Symptome ließen erwarten, daß der große Kampf
+zwischen den Prärogativen der Krone und den Gerechtsamen des Parlaments
+nahe daran sei, zu einem definitiven Resultat zu
+gelangen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Geschichte von England seit der
+Thronbesteigung Jakob's des Zwe, by Thomas Babington Macaulay
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND ***
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
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+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
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