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+The Project Gutenberg EBook of Geschichte von England seit der
+Thronbesteigung Jakob's des Zweiten., by Thomas Babington Macaulay
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.
+ Erster Band enthaltend Kapitel 1 und 2
+
+Author: Thomas Babington Macaulay
+
+Translator: Wilhelm Hartwig Beseler
+
+Release Date: March 7, 2010 [EBook #31530]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND ***
+
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+
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+Produced by Louise Hope, Delphine Lettau, richyfourtytwo
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+https://www.pgdp.net
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+
+
+
+
+
+
+[Zeichen _wie so_ bedeuten Gesperrt; +wie so+ bedeuten Antiqua
+(nicht-Fraktur); =wie so= bedeuten Fettschrift.]
+
+
+
+
+ [Titelbild: T. B. Macaulay.]
+
+
+
+
+ Thomas Babington Macaulay's
+
+ Geschichte von England
+
+
+ seit der
+
+ Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.
+
+
+ Aus dem Englischen.
+
+
+ Vollständige und wohlfeilste
+
+ =Stereotyp-Ausgabe.=
+
+
+ Zweite Auflage
+
+ =Erster Band:=
+
+ enthaltend Kapitel 1 und 2.
+
+
+ _Mit Macaulay's Portrait_.
+
+
+ Leipzig, 1856.
+ G. H. Friedlein.
+
+
+ * * * * *
+ * * * *
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+ Geschichte Englands vor der Restauration.
+
+
+
+
+ =Inhalt.=
+
+ Seite
+ Einleitung 5
+ Britannien unter den Römern 6
+ Britannien unter den Sachsen 7
+ Bekehrung der Sachsen zum Christenthume 8
+ Dänische Invasionen 10
+ Die Normannen 10
+ Die normannische Eroberung 12
+ Trennung Englands von der Normandie 13
+ Die Vermischung der Volksstämme 14
+ Englische Eroberungen auf dem Festlande 15
+ Der Krieg der Rosen 17
+ Aufhören der Leibeigenschaft 17
+ Wohlthätiges Wirken der römisch-katholischen Religion 18
+ Die frühere englische Staatsverfassung als oft
+ falsch dargestellt 19
+ Natur der beschränkten Monarchien des Mittelalters 21
+ Hoheitsrechte der früheren englischen Könige 21
+ Beschränkungen der Hoheitsrechte 22
+ Widerstand, die gewöhnliche Schranke der Tyrannei 25
+ Eigenthümlicher Charakter der englischen Aristokratie 27
+ Regierung der Tudors 28
+ Die beschränkten Monarchien des Mittelalters sind allgemein
+ in absolute Monarchien verwandelt 30
+ Die englische Monarchie als besondere Ausnahme 31
+ Die Reformation und ihre Wirkungen 31
+ Ursprung der Kirche von England 35
+ Ihr eigenthümlicher Charakter 36
+ Das Verhältniß, in welchem sie zu der Krone stand 37
+ Die Puritaner 40
+ Ihr republikanischer Geist 41
+ Gegen die Regierung Elisabeths erhob sich keine
+ systematische parlamentarische Opposition 41
+ Monopolfrage 42
+ Schottland und Irland werden wieder mit England Theile ein
+ und desselben Reichs 43
+ Verminderung des Einflusses Englands nach der
+ Thronbesteigung Jakobs I. 46
+ Die Lehre vom göttlichen Rechte 47
+ Die Kluft zwischen der Kirche und den Puritanern
+ wird größer 49
+ Thronbesteigung und Charakter Karls I. 55
+ Taktik der Opposition im Hause der Gemeinen 55
+ Bitte um Recht 56
+ Die Bitte um Recht wird verletzt 57
+ Charakter und Ansichten Wentworths 57
+ Charakter Laud's 58
+ Sternkammer und Hohe Commission 58
+ Schiffsgeld 59
+ Widerstand gegen die Liturgie in Schottland 60
+ Ein Parlament wird berufen und aufgelöst 62
+ Das Lange Parlament 63
+ Erstes Auftreten der beiden großen englischen Parteien 64
+ Der irische Aufstand 68
+ Die Remonstration 69
+ Anklage der fünf Mitglieder 70
+ Karls Abreise von London 71
+ Anfang des Bürgerkrieges 73
+ Erfolge der Royalisten 75
+ Erstehen der Independenten 75
+ Oliver Cromwell 76
+ Selbstverläugnungsverordnung 76
+ Sieg des Parlaments 77
+ Herrschaft und Charakter der Armee 77
+ Unterdrückung der Aufstände gegen die Soldatenherrschaft 79
+ Verfahren gegen den König 80
+ Seine Hinrichtung 82
+ Unterwerfung Irlands und Schottlands 83
+ Das Lange Parlament wird vertrieben 84
+ Oliver Cromwells Protektorat 86
+ Richard, Cromwells Nachfolger 89
+ Sturz Richards und Wiedereinsetzung des Langen Parlaments 91
+ Zweite Vertreibung des Langen Parlaments 92
+ Die Armee von Schottland rückt in England ein 93
+ Monk erklärt sich für ein freies Parlament 94
+ Allgemeine Wahl von 1660 95
+ Die Restauration 96
+
+
+
+
+[_Einleitung._] Es ist meine Absicht, die Geschichte Englands von der
+Thronbesteigung König Jakobs II. bis auf eine Zeit herab zu schreiben,
+deren sich noch jetzt lebende Menschen erinnern. Ich will die Fehlgriffe
+berichten, durch die sich das Haus Stuart in wenig Monaten einen
+getreuen Adel und eine anhängliche Geistlichkeit entfremdete; die Bahn
+der Revolution verfolgen, die dem langen Kampfe zwischen unsern
+souverainen Herrschern und ihren Parlamenten ein Ziel setzte und nicht
+minder die Rechte des Volkes als die der regierenden Fürstenfamilie
+feststellte; ich will ferner von dem neu errichteten Throne erzählen,
+der viel unruhige Jahre hindurch erfolgreich gegen äußere und innere
+Feinde vertheidigt ward; erzählen, wie unter dem Schutze desselben die
+Ausübung der Gesetze und die Sicherheit des Eigenthums sich mit einer
+Freiheit der Discussion und des individuellen Handelns, wie sie früher
+nicht gekannt, als vereinbar erwies; wie aus der glücklichen
+Vereinbarung von Ordnung und Freiheit eine in den Jahrbüchern der
+Geschichte beispiellose bürgerliche Wohlfahrt erblühte, wie unser
+Vaterland sich rasch aus einem Zustande schmählicher Abhängigkeit
+zu der Autorität eines Schiedsrichters unter den europäischen Mächten
+emporschwang; wie mit seinem Reichthume sein kriegerischer Ruhm wuchs;
+wie es sich durch kluge und unerschütterliche Zuverlässigkeit nach und
+nach einen öffentlichen Credit schuf, der, Wunder bewirkend, den
+Staatsmännern früherer Zeiten unglaublich erschienen sein würde;
+wie aus einem riesigen Handel eine Seemacht hervorging, mit welcher
+verglichen jede andere Seemacht älterer und neuerer Zeit zu völliger
+Bedeutungslosigkeit herabsinkt; wie Schottland nach jahrhundertlanger
+Feindschaft mit England nicht nur durch die Bande der Gesetze, sondern
+durch die noch unauflöslicheren Bande der gemeinsamen Interessen und der
+Zuneigung vereinigt ward; wie die britischen Ansiedelungen in Amerika
+schnell reicher und mächtiger wurden, als jene Königreiche, welche
+Cortez und Pizarro den Ländern Karls V. gewannen; und wie endlich
+britische Abenteurer in Asien ein Reich gründeten, das dem Alexanders an
+Glanz und Festigkeit nicht nachstand.
+
+Nicht minder habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, große Unglücksfälle,
+aus denen Triumphe hervorgingen, zu berichten und große nationale
+Verbrechen und Thorheiten, die tiefer erniedrigen, als irgend ein
+Mißgeschick; ich werde darthun, daß die Güter, welche wir zu den
+höchsten Segnungen zählen, nicht rein wie Gold sind; daß das System,
+nach welchem man unsere Freiheiten gegen die Willkür der königlichen
+Macht schützte, eine neue Art Mißbräuche erschuf, die man in
+unbeschränkten Monarchien nicht kennt; man wird ersehen, daß theils
+durch unkluge Einmischung, theils durch thörichte Vernachlässigung,
+aus der Blüte des Wohlstandes und der Ausdehnung des Handels nicht nur
+unermeßlicher Segen, sondern auch Übel hervorgingen, welche armen und
+uncultivirten Gesellschaften fremd sind; wie in zwei bedeutenden
+Besitzthümern der Krone dem verübten Unrechte gerechte Vergeltung ward;
+wie Unklugheit und Eigensinn die Bande lös'ten, welche die
+nordamerikanischen Kolonien mit dem Mutterlande vereinten; wie das mit
+dem Fluche der Herrschaft eines Volksstammes über den andern und einer
+Konfession über die andere belastete Irland zwar ein Glied des
+Staatskörpers blieb, aber welk und ausgerenkt ihm keine Kraft verlieh,
+so daß Alle, welche die Größe Englands fürchten oder beneiden,
+vorwurfsvoll darauf hindeuten.
+
+Wenn mich nicht alles täuscht, wird trotzdem meine bunte Erzählung in
+den religiösen Gemüthern Dankbarkeit und in der Brust der
+Vaterlandsfreunde neue Hoffnung erwecken, denn die Geschichte unsers
+Vaterlandes, welche die letzten einhundertundsechzig Jahre umschließt,
+ist unbedingt die Geschichte der physischen, moralischen und geistigen
+Fortbildung. Alle die, welche ihr Zeitalter mit dem idealen, goldenen
+vergleichen, mögen von Entartung und Verfall reden; aber keiner, der die
+Vergangenheit genau kennt, wird sich geneigt fühlen, unmuthig und
+verzweifelnd auf die Gegenwart zu blicken.
+
+Ich würde die Aufgabe, die ich mir gestellt, nur unvollkommen lösen,
+wenn ich allein von Schlachten und Belagerungen, von dem Bilden und
+Auflösen der Ministerien und von Palastintriguen und Parlamentsdebatten
+reden wollte; es wird vielmehr mein Bestreben sein, eben so sorgfältig
+die Geschichte des Volks aufzuzeichnen, als die der Regierung; die
+Entwickelung der nützlichen und zierenden Künste, die Entstehung
+religiöser Sekten und die Veränderungen auf dem Gebiete der
+Wissenschaften zu schildern; ein Bild von den Sitten der verschiedenen
+Generationen zu liefern, ja selbst der Veränderungen zu erwähnen, die in
+Kleidung, häuslicher Einrichtung, bei Gastmählern und öffentlichen
+Vergnügungen stattgefunden haben. Den Vorwurf, die Würde der Geschichte
+verletzt zu haben, will ich gern ertragen, wenn es mir nur gelingt, den
+Engländern des neunzehnten Jahrhunderts ein treues Bild von dem Leben
+ihrer Vorfahren zu liefern.
+
+Die Begebenheiten, die ich zu berichten mir vorgenommen, bilden nur den
+einzelnen Act eines großen und ereignißreichen Drama's, das Jahrhunderte
+umfaßt, und er würde sehr unvollkommen verstanden werden, wenn die
+Verwickelung der vorhergehenden Acte nicht allgemein bekannt wäre.
+Ich werde deshalb meine Darstellung durch eine flüchtige Skizze der
+frühesten Geschichte unseres Vaterlandes einleiten, werde zwar schnell
+über manche Jahrhunderte hinweggehen, aber bei den Wechselfällen des
+Kampfes länger verweilen, der die Regierung König Jakobs II. auf den
+entscheidenden Wendepunkt brachte.[1]
+
+ [Anmerkung 1: In diesem und dem nächsten Kapitel habe ich nur
+ selten für nöthig erachtet, Quellen zu citiren, weil ich in diesen
+ Kapiteln weder die Ereignisse ausführlich behandelt, noch
+ unbekannte Materialien benutzt. Die Thatsachen, deren ich erwähne,
+ sind größtentheils solche, die Jeder, der nur einigermaßen in der
+ englischen Geschichte bewandert ist, entweder schon kennt, oder er
+ wird wenigstens wissen, wo er Belehrung darüber findet. In den
+ folgenden Kapiteln aber werde ich die Quellen, aus denen ich
+ geschöpft, sorgfältig angeben.]
+
+
+[_Britannien unter den Römern._] In den ersten Zuständen Britanniens
+deutet nichts auf die Größe hin, die es zu erreichen bestimmt war. Als
+die Bewohner desselben zuerst den tyrischen Schiffern bekannt wurden,
+standen sie wenig über den Eingeborenen der Sandwichinseln. Zwar
+unterjochten es die römischen Waffen, aber es erhielt nur eine schwache
+Färbung von römischen Künsten und Wissenschaften. Von den westlichen
+Provinzen, welche sich die Cäsaren unterwarfen, war es die letzte, aber
+auch die erste wieder, die ihnen verloren ging. Man findet in Britannien
+nichts von Überresten prächtiger Säulenhallen oder Wasserleitungen;
+unter den Meistern lateinischer Dichtkunst und Beredtsamkeit findet man
+keinen Schriftsteller britischer Geburt aufgezeichnet; es ist demnach
+nicht wahrscheinlich, daß die Inselbewohner je mit der Sprache ihrer
+italischen Zwingherren allgemein vertraut gewesen sind. Von dem
+atlantischen Meere bis zu den Rheinländern war Jahrhunderte hindurch die
+lateinische Sprache die vorherrschende; sie hat die celtische Sprache
+verdrängt, hat der deutschen widerstanden und ist noch jetzt die
+Grundlage der französischen, spanischen und portugiesischen. Das Latein
+scheint auf unserer Insel nie die alte galische Sprache bewältigt zu
+haben, auch hat es sich gegen das Germanische nicht behaupten können.
+
+Die unbedeutende und oberflächliche Bildung, welche die Briten von ihren
+südlichen Beherrschern empfangen, verlöschten die Drangsale des fünften
+Jahrhunderts. In den Königreichen des Festlandes, in die das römische
+Reich damals zerfallen war, lernten die Eroberer viel von dem
+unterjochten Stamme. In Britannien wurden die Unterjochten eben so
+barbarisch, als die Sieger.
+
+
+[_Britannien unter den Sachsen._] Alle Häuptlinge, Alarich, Theodorich,
+Chlodowig, Alboin, die in den festländischen Provinzen des römischen
+Reichs deutsche Dynastien gründeten, waren eifrige Christen; das Gefolge
+des Ida und des Cerdic aber brachte allen Aberglauben der Elbe nach
+ihren Ansiedelungen in Britannien. Während die deutschen Herrscher in
+Paris, Toledo, Arles und Ravenna ehrfurchtsvoll den Lehren der Bischöfe
+Gehör gaben, Reliquien von Märtyrern verehrten und sich eifrig an den
+theologischen Streitfragen von Nicäa betheiligten, übten die Herrscher
+von Wessex und Mercia ihre wilden Gebräuche in den Tempeln des Thor und
+Wodan.
+
+Die auf den Trümmern des Westreichs gegründeten festländischen
+Königreiche unterhielten noch ferner einigen Verkehr mit jenen östlichen
+Provinzen, in denen die alte Civilisation, wenn auch nach und nach unter
+dem Einflusse schlechter Regierung schwindend, immer noch die Barbaren
+in Erstaunen setzte und belehrte, in denen der Hof stets noch den Glanz
+des Diocletian und des Constantin entfaltete, die Bildwerke des Polyklet
+und die Gemälde des Apelles die öffentlichen Gebäude schmückten, und
+fleißige Pedanten, wenn auch ohne Geschmack, Verstand und Geist, die
+Meisterwerke des Sophokles, Demosthenes und Plato zu lesen und zu
+erklären im Stande waren. Von dieser Verbindung war Britannien völlig
+ausgeschlossen; seine Küsten wurden von den cultivirten Bewohnern der
+Länder am Bosporus mit jenem unheimlichen Grauen betrachtet, mit welchem
+die Meerenge der Scylla und die Stadt der lästrygonischen Kannibalen zu
+Homers Zeiten die Ionier erfüllten. Es gab auf unserer Insel eine
+Provinz, deren Boden, wie Prokopius erfahren, mit Schlangen bedeckt war
+und deren Luft kein Mensch einathmen und in ihr leben konnte. Zu dieser
+Einöde wurden die Seelen der Verstorbenen aus dem Frankenlande um
+Mitternacht übergeschifft; ein fremder Fischerstamm besorgte dies
+unheimliche Geschäft. Deutlich vernahm der Bootsmann die Sprache der
+Todten; die Last derselben senkte den Kiel tief in das Wasser, ihre
+Gestalten aber blieben dem sterblichen Auge unsichtbar. Wunderdinge
+dieser Art erzählt ein geschickter Geschichtsschreiber, der Zeitgenosse
+Belisars, Simplicius und Tribonian's, in vollem Ernste dem reichen und
+gebildeten Konstantinopel von einem Lande, in welchem der Gründer
+Konstantinopels sich den kaiserlichen Purpur angelegt hatte. Von allen
+andern Provinzen des westlichen Reichs haben wir eine zusammenhängende
+Kunde; nur in Britannien werden zwei Zeitalter der Wahrheit durch ein
+Zeitalter der Fabel völlig getrennt. Odoaker und Totila, Euric und
+Trasimund, Chlodwig, Fredegunde und Brunhild sind geschichtliche Männer
+und Frauen; aber Hengist und Horsa, Vortigern und Rowena, Arthur und
+Mordred sind mythische Personen, deren Existenz zu bezweifeln ist und
+deren Abenteuer in die Klasse der des Herkules und Romulus zu werfen
+sind.
+
+
+[_Bekehrung der Sachsen zum Christenthume._] Endlich beginnt das Dunkel
+sich zu lichten, und das Land, das als Britannien aus dem Gesichtskreise
+entschwunden, erscheint als England wieder. Mit der Bekehrung der
+sächsischen Ansiedler zum Christenthume begann eine lange Reihe
+heilsamer Umgestaltungen, obgleich die Kirche selbst durch den
+Aberglauben und die Philosophie, gegen die sie lange und endlich
+siegreich gekämpft, tief verderbt war, und den von den alten Schulen
+entnommenen Lehrsätzen, sowie den alten Tempeln entlehnten Gebräuchen zu
+willig Eingang gestattet hatte. Römische Politik und gothische
+Unwissenheit, griechische Spitzfindigkeit und syrische Asketik hatten
+vereint zu ihrer Verderbniß gewirkt; aber ihr war noch genug von der
+erhabenen Gotteslehre und milden Moral früherer Zeit geblieben, um
+manchen Geist zu erheben, manches Herz zu läutern. Ebenso gehörte
+Manches, was in späterer Zeit als ihr Hauptmakel betrachtet wurde, im
+siebenten Jahrhunderte und noch lange nach demselben zu ihren größten
+Verdiensten. So würden Übergriffe der Geistlichkeit in die
+Obliegenheiten der bürgerlichen Obrigkeit in unserer Zeit ein großes
+Übel sein; aber was unter einer guten Regierung ein Übel ist, kann unter
+einer durchaus schlechten zum Segen werden. Es ist besser, wenn die
+Menschen durch weise, gut ausgeübte Gesetze und durch eine aufgeklärte
+öffentliche Meinung, als durch listige Priester regiert werden; aber es
+ist wiederum besser, wenn Priesterlist statt roher Gewalt, wenn ein
+Prälat wie Dunstan, statt eines Kriegers wie Penda herrscht. Eine in
+Rohheit versunkene Gesellschaft, die nur durch physische Kraft regiert
+wird, hat vollen Grund sich zu freuen, wenn ein Stand, dessen Wirken
+geistiger und moralischer Natur ist, die Obergewalt erhält. Ohne Zweifel
+wird ein solcher Stand seine Macht mißbrauchen; aber selbst eine
+gemißbrauchte geistige Macht ist stets edler und besser, als jene, die
+sich nur auf die Kraft des Körpers stützt. Die sächsischen Chroniken
+erzählen von Tyrannen, die, auf dem Gipfel ihrer Macht angelangt, von
+Reue ergriffen, die durch Verbrechen erworbenen Genüsse und Würden
+verschmähten, ihre Kronen niederlegten und durch harte Büßungen und
+unausgesetzte Gebete die verübten Frevel sühnen wollten: diese
+Erzählungen haben einigen Schriftstellern Anlaß zu bitteren,
+verachtenden Äußerungen gegeben, Schriftstellern, die sich der
+Freisinnigkeit rühmten, im Grunde aber so engherzig waren, als es nur
+ein Mönch aus der finstern Zeit sein kann, und an alle Ereignisse in der
+Geschichte den Maßstab zu legen pflegten, den die Pariser Gesellschaft
+des achtzehnten Jahrhunderts verwendete. Ein System, sollte ich glauben,
+das, wenn auch immerhin durch Aberglauben entstellt, dennoch in die
+durch rohe Muskelkraft und Geisteskühnheit beherrschten Gesellschaften
+starke moralische Schranken einführte, die verwegensten und mächtigsten
+Herrscher lehrte, daß sie, gleich ihren niedrigsten Knechten,
+verantwortliche Wesen seien, ein solches System hätte verdient, von
+Philosophen und Menschenfreunden mit größerer Achtung erwähnt zu
+werden. --
+
+Dieselben Bemerkungen gelten auch in Bezug auf die Verachtung, mit der
+man im vorigen Jahrhunderte von den Pilgerfahrten, den heiligen
+Zufluchtsstätten, den Kreuzzügen und den mönchischen Institutionen des
+Mittelalters zu sprechen pflegte. In Zeiten, in denen die Menschen weder
+durch Lernbegierde noch durch Gewinn zu reisen veranlaßt wurden, war es
+besser, daß der rohe Nordländer Italien und den Osten als Pilger
+besuchte, als wenn er nie etwas Anderes als die schmutzigen Wohnungen
+und die wilden Wälder, in denen er geboren, gesehen hätte. In Zeiten,
+in denen das Leben und die weibliche Ehre täglich der Gefahr ausgesetzt
+waren, von Tyrannen und Räubern angegriffen zu werden, war es besser,
+daß die Grenzen eines Heiligenschreines mit einer unvernünftigen Scheu
+betrachtet wurden, als wenn es gar keine der Rohheit und Freiheit
+verschlossene Zufluchtsstätte gegeben hätte. In Zeiten, wo die
+Staatsmänner unfähig zur Aufstellung umfassender politischer
+Combinationen waren, war es besser, daß die christlichen Völker sich
+vereinigt zur Wiedergewinnung des heiligen Grabes erhoben, als wenn sie
+von der mahomedanischen Macht eins nach dem andern überwältigt worden
+wären. Wenn man auch mit Recht in späterer Zeit die Trägheit und
+Üppigkeit der religiösen Orden tadelte, so war es gewiß gut, daß es in
+dem Zeitalter der Rohheit und Gewalttätigkeit ruhige Klöster und Gärten
+gab, in denen die Künste des Friedens in Sicherheit gepflegt, edle und
+zum Nachdenken geneigte Gemüther eine Zufluchtsstätte finden konnten;
+wo ein Bruder sich mit dem Abschreiben von Virgil's Äneide, ein anderer
+sich mit dem Studium der Analysen des Aristoteles beschäftigte; wo es
+dem Kunstsinnigen gestattet war, eine Sammlung Märtyrerlegenden
+auszumalen, oder ein Crucifix zu schnitzeln, und denen, die Sinn für
+Naturwissenschaft hatten, Versuche über die Eigenschaften der Pflanzen
+und Mineralien anzustellen. Wären solche friedlichen Orte nicht hier und
+dort unter den Hütten eines elenden Landvolkes und unter den Burgen
+eines übermüthigen Adels verstreut gewesen, es würden die Bewohner
+Europa's nur Last- und Raub-Thiere gewesen sein. Die Theologen haben die
+Kirche oft mit der Arche verglichen, von der wir im Buche der Genesis
+lesen: Die Ähnlichkeit mit derselben war nie vollkommener als während
+jener bösen Zeit, wo sie allein in Finsterniß und Sturm sich auf den
+Wogen, die alle großen Werke antiker Macht und Weisheit begraben hatten,
+erhielt, und den schwachen Keim in sich trug, dem eine zweite und
+ruhmreichere Civilisation entsprießen sollte.
+
+Selbst die geistliche Obergewalt, die der Pabst sich anmaßte, hat in den
+finstern Zeitaltern mehr Gutes als Böses bewirkt. Die Vereinigung der
+Nationen des westlichen Europa's zu einem großen Gemeinwesen war ihr
+Werk. Was die olympischen Wagenkämpfe und das pythische Orakel den
+griechischen Städten, von Trapezunt bis Massalia, das waren Rom und sein
+Bischof den Christen der lateinischen Kirche von Calabrien bis zu den
+Hebriden. Es erwuchsen so Gefühle umfassenden Wohlwollens; Volksstämme,
+durch Meere und Berge von einander getrennt, erkannten ein brüderliches
+Band und ein gemeinsames Buch der öffentlichen Gesetze an, und selbst im
+Kriege ward die Grausamkeit des Siegers nicht selten durch den Gedanken
+gemildert, daß er und seine unterjochten Feinde alle Glieder eines
+großen Bundes seien.
+
+Diesem Bunde nun traten unsere sächsischen Vorfahren bei. Es entstand
+ein regelmäßiger Verkehr zwischen unsern Küsten und jenem Theile
+Europa's, in dem die Spuren der alten Macht und Staatskunst noch
+sichtbar waren. Viel edle Denkmäler, die während der Zeit zerstört oder
+verunstaltet worden, standen noch in ihrer alten Pracht, und Reisende,
+denen Livius und Sallust unverständlich waren, konnten sich aus den
+römischen Wasserleitungen und Tempeln einen schwachen Begriff von
+römischer Geschichte bilden. Der immer noch von Erz schimmernde Dom des
+Agrippa; das Grabmal des Hadrian, der Säulen und Statuen noch nicht
+beraubt; das flavische Amphitheater, noch nicht zu einem Steinbruche
+herabgesunken, erzählten den Pilgern von Mercia und Northumberland einen
+Theil der Geschichte jener großen aufgeklärten Welt, die untergegangen
+war. Mit tief eingeprägter Ehrfurcht in den kaum geöffneten Gemüthern
+kehrten die Inselbewohner zurück und erzählten den staunenden Bewohnern
+der Hütten von London und York, daß ein mächtiges, jetzt erloschenes
+Geschlecht bei dem Grabe des heiligen Petrus Gebäude aufgeführt habe,
+die vor dem jüngsten Tage nicht untergehen würden. Die Gelehrsamkeit
+folgte dem Christenthume; die Dichtkunst und Beredtsamkunst der Zeit des
+Augustus ward in den Klöstern von Mercia und Northumberland mit Eifer
+geübt, und die Namen des Beda, des Alcuin und des Johannes, auch Erigena
+genannt, wurden durch ganz Europa mit Recht gefeiert. In diesem Zustande
+befand sich unser Vaterland, als im neunten Jahrhundert die letzte große
+Einwanderung der Barbaren des Nordens begann.
+
+
+[_Dänische Invasionen._] Mehrere Menschenalter hindurch kamen aus
+Dänemark und Skandinavien zahllose Seeräuber, die sich durch Kraft,
+Muth, schonungslose Grausamkeit und Haß gegen den christlichen Namen
+auszeichneten. Kein Land litt durch diese Einfälle so viel, als England,
+dessen Küste den Häfen, aus denen sie ausfuhren, nahe lag, und kein
+Theil unserer Insel war weit genug vom Meere entfernt, um vor Angriffen
+sicher zu sein. Dieselben Grausamkeiten, die den Sieg der Sachsen über
+die Celten begleitet, erlitten nach Jahrhunderten die Sachsen von der
+Hand der Dänen. Die Gesittung, die sich neu zu heben begann, ward von
+dem Schlage getroffen und sank wiederum darnieder. Große Colonien
+Abenteurer von der Ostsee ließen sich an den östlichen Küsten nieder,
+dehnten sich nach und nach westwärts aus, und, unterstützt durch stete
+Verstärkungen von jenseits des Meeres, trachteten sie danach, sich der
+Herrschaft des ganzen Reichs zu bemächtigen. Der Kampf zwischen den
+beiden wilden germanischen Stämmen dauerte sechs Menschenalter hindurch.
+-- Jeder gewann abwechselnd den Sieg. Furchtbare Metzeleien, denen eine
+nicht minder furchtbare Rache folgte, verheerte Provinzen, geplünderte
+Klöster und zerstörte Städte bilden den größten Theil der Geschichte
+jener furchtbaren Zeit. Als endlich der Norden keine Verwüster mehr
+aussandte, erlosch nach und nach der gegenseitige Haß der Stämme,
+und wechselseitige Verheirathungen fanden häufiger statt. Die Dänen
+erlernten die Religion der Sachsen, und somit schwand eine Ursache
+tödtlicher Erbitterung. Die dänische und sächsische Sprache, Dialekte
+einer ausgebreiteten Mundart, verschmolzen ineinander; noch aber war die
+Verschiedenheit zwischen den beiden Völkern nicht völlig verschwunden,
+als ein Ereigniß beide in gemeinsamer Knechtschaft und Erniedrigung zu
+den Füßen eines dritten Volkes niederbeugte.
+
+
+[_Die Normannen._] Unter den Volksstämmen der Christenheit behaupteten
+um jene Zeit die Normannen den ersten Platz. Muth und Wildheit
+zeichneten sie unter den Seeräubern aus, die Skandinavien zur Verheerung
+des westlichen Europa's ausgesendet hatte. Ihre Segel bildeten lange den
+Schrecken beider Küsten des Kanals. Mehr als einmal drangen ihre Waffen
+tief in das Herz des Karolingischen Reiches; sie siegten unter den
+Mauern von Mastricht und Paris. Einer der schwachen Erben Karls des
+Großen trat endlich den Fremden eine fruchtbare Provinz ab, die ein
+mächtiger Strom durchzog, und von dem Meere, ihrem Lieblingselemente,
+bespült ward. In dieser Provinz gründeten sie nun einen mächtigen Staat,
+der nach und nach seinen Einfluß über die angrenzenden Fürstenthümer
+Bretagne und Maine ausdehnte. Die Normannen, ohne den unerschrockenen
+Muth abzulegen, der der Schrecken der Länder von der Elbe bis zu den
+Pyrenäen gewesen, eigneten sich bald alle, und mehr noch als alle
+Kenntniß und Gesittung an, die sie in dem Lande der neuen Ansiedelung
+fanden. Einfälle von Außen wehrte ihre Tapferkeit ab, und in dem Innern
+ihres Gebiets begründeten sie eine Ordnung, die dem fränkischen Reiche
+lange unbekannt gewesen war. Sie traten zu dem Christenthume über, und
+mit dem Christenthume lernten sie einen großen Theil von dem, was der
+Clerus lehrte. Ihre Muttersprache gaben sie auf, und nahmen die
+französische an, in welcher das Latein das vorherrschende Element
+bildete. Der neuen Sprache verliehen sie nun bald eine Würde und
+Bedeutung, die sie nie zuvor besessen hatte. Dem vorgefundenen
+Sprachgemenge gaben sie durch die Schrift eine feste Form, und bedienten
+sich ihrer in der Gesetzgebung, in der Poesie, und in dem Roman.
+Die thierische Unmäßigkeit, zu der alle andern Zweige der großen
+germanischen Familie nur zu sehr sich hinneigten, legten sie ab. Der
+verfeinerte Luxus der Normannen bildete einen scharfen Kontrast zu der
+rohen Gefräßigkeit und Trunksucht ihrer sächsischen und dänischen
+Nachbarn. -- Nicht in Massen von Speisen und in großen Gefäßen mit
+starken Getränken entfaltete sich dieser Luxus, sondern in großen und
+prächtigen Bauwerken, kostbaren Rüstungen, schönen Pferden, auserlesenen
+Falken, wohlgeordneten Turniren, mehr feinen als überladenen
+Gastmählern, und in Weinen, die sich mehr durch Wohlgeschmack als
+berauschende Kraft auszeichneten. Jener ritterliche Geist, der auf die
+Politik, die Moral und Gesittung aller europäischen Nationen einen so
+mächtigen Einfluß ausgeübt, stand bei den normannischen Edlen in hoher
+Blüthe; sie zeichneten sich durch anmuthige Haltung und einnehmende
+Manieren aus; nicht minder auch durch ihre Gewandtheit in
+Unterhandlungen, und eine natürliche Beredtsamkeit, die sie eifrig
+pflegten. Einer der normännischen Geschichtsschreiber sagt rühmend, daß
+die Edlen seines Stammes Redner von der Wiege an seien. Ihren größten
+Ruhm aber errangen sie durch ihre kriegerischen Thaten. Vom atlantischen
+Ocean bis zum todten Meere waren die Länder Zeugen von den Wundern ihrer
+Kriegszucht und Tapferkeit. Ein normännischer Ritter an der Spitze eines
+Häufleins Krieger versprengte die Celten von Connaught. Ein Anderer
+gründete die Monarchie beider Sicilien, und sah die Kaiser des Ost und
+West vor seinen Waffen fliehen. Ein Dritter, der Ulysses des ersten
+Kreuzzuges, ward von seinen Gefährten zum Beherrscher von Antiochien
+ernannt, und ein Vierter, jener Tankred, dessen Name in Tasso's
+erhabenem Gedichte fortlebt, wurde in der ganzen Christenheit als der
+tapferste und großmüthigste unter den Kämpfern des heiligen Grabes
+gepriesen. Die Nähe eines so bedeutenden Volkes begann schon früh seine
+Wirkung auf den Volksgeist in England zu äußern. Englische Prinzen
+erhielten, schon vor der Eroberung, ihre Erziehung in der Normandie.
+Englische Bisthümer und Landgüter wurden Normannen zu Lehen gegeben. Das
+Französisch der Normandie war die gewöhnliche Sprache im Palaste von
+Westminster. Der Hof von Rouen scheint dem Eduards des Bekenners
+dasselbe gewesen zu sein, was lange Zeit nachher der Hof von Versailles
+dem Karls II. war.
+
+
+[_Die normannische Eroberung._] Durch die Schlacht von Hastings und die
+ihr folgenden Ereignisse gelangte nicht nur ein Herzog der Normandie auf
+den englischen Thron, es ward auch die ganze Bevölkerung Englands der
+Tyrannei des normännischen Stammes preisgegeben. Selten ist die
+Unterjochung einer Nation durch die andere, selbst in Asien,
+vollständiger gewesen. Die Führer der Eroberer vertheilten das Land
+unter sich, starke militärische Einrichtungen, eng mit den Verhältnissen
+des Grundeigenthums verbunden, machten es den fremden Siegern möglich
+die Landeskinder zu unterdrücken. Ein grausames und rücksichtlos grausam
+angewendetes Strafgesetzbuch schützte nicht nur die Vorrechte, sondern
+auch die Lustbarkeiten der fremden Unterjocher. Aber dennoch ließ das
+unterworfene Volk, obgleich geknechtet und mit Füßen getreten, seinen
+Stachel fühlen. Einige kühne Männer, die Lieblingshelden unserer
+ältesten Balladen, flüchteten sich in die Wälder und unternahmen von
+dort aus, trotz der Feuerglocken- und Forstgesetze, einen Raubkrieg
+gegen ihre Unterdrücker. Täglich wurden Meuchelmorde verübt; mancher
+Normanne verschwand plötzlich und spurlos; viele der aufgefundenen
+Leichen trugen die Spuren der Gewaltthätigkeit. Man drohte den Mördern
+mit martervollen Todesstrafen und stellte die strengsten Nachforschungen
+an; diese waren aber gewöhnlich ohne Erfolg, denn die ganze Nation hatte
+sich zu ihrem Schutze verschworen. Endlich ward für nöthig erachtet,
+jedem Distrikte, in welchem eine Person von fränkischer Abkunft
+erschlagen aufgefunden wurde, eine schwere Buße aufzuerlegen, und dieser
+Bestimmung ließ man bald eine andere folgen, wonach jede ermordete
+Person für einen Franken gelten sollte, wenn nicht ihre sächsische
+Abkunft erwiesen würde.
+
+In den anderthalb Jahrhunderten nach der Eroberung giebt es eigentlich
+keine englische Geschichte. Die fränkischen Könige Englands schwangen
+sich zu einer Bedeutung empor, welche die benachbarten Völker mit
+Staunen und Schrecken erfüllte. Sie eroberten Irland, ließen sich von
+Schottland huldigen, und wurden durch ihre Tapferkeit, Politik und ihre
+glücklichen Heirathsbündnisse auf dem Festlande weit mächtiger, als ihre
+Lehnsherren, die Könige von Frankreich. Asien und Europa ließen sich
+durch die Macht und den Glanz unserer Tyrannen blenden; arabische
+Chronisten berichteten mit Widerstreben aber doch mit Bewunderung den
+Fall von Acre, die Vertheidigung Joppe's und den siegreichen Kriegszug
+nach Ascalon. Noch lange Zeit brachten arabische Mütter mit dem Namen
+des löwenherzigen Plantagenet ihre Kinder zum Schweigen. Es schien
+selbst einmal, als ob die Linie des Hugo Capet enden solle, wie die
+Merowingischen und Karolingischen Linien geendet hatten, und als ob sich
+eine einzige große Monarchie von den Orkaden bis zu den Pyrenäen
+ausdehnen würde. Nach den meisten Ansichten ist die Größe eines
+Herrschers mit der Größe des ihm untergebenen Volkes so eng verbunden,
+daß fast jeder englische Geschichtsschreiber die Macht und den Glanz der
+fremden Oberherrn mit triumphirender Freude berichtet und den Verfall
+dieser Macht und dieses Glanzes als ein Unglück für unser Vaterland
+beklagt. Dies ist wahrlich ebenso abgeschmackt, als wenn ein Neger von
+Haiti in unserer Zeit mit Nationalstolz die Größe Ludwigs XIV. preisen
+und von Blenheim und Ramilies mit patriotischer Trauer und Beschämung
+reden wollte.
+
+Der Eroberer und seine Nachkommen bis zur vierten Generation waren keine
+Engländer, und fast alle in Frankreich geboren; den größten Theil ihrer
+Lebenszeit brachten sie in Frankreich zu; das Französische war ihre
+gewöhnliche Sprache; fast jedes hohe Amt, das sie zu besetzen hatten,
+ward Franzosen übertragen, und jede auf dem Festlande gemachte neue
+Erwerbung entfremdete sie der Bevölkerung unserer Insel immer mehr.
+Einer der tüchtigsten von ihnen versuchte es zwar, indem er sich mit
+einer englischen Prinzessin vermählte, die Herzen seiner englischen
+Unterthanen zu gewinnen; allein der größte Theil seiner Barone
+betrachtete diese Verbindung aus demselben Gesichtspunkte, wie man heute
+in Virginien die Verbindung eines weißen Pflanzers mit einem
+Quadronen-Mädchen betrachten würde. In der Geschichte wird er mit dem
+ehrenvollen Beinamen Beauclerc genannt; aber zu seiner Zeit legten ihm
+die eigenen Landsleute mit verachtender Anspielung auf seine sächsische
+Verbindung einen sächsischen Spottnamen bei. Wäre es, wie es einmal den
+Anschein hatte, den Plantagenets gelungen, ganz Frankreich unter ihrer
+Herrschaft zu vereinigen, so würde England wahrscheinlich nie zu einer
+unabhängigen Existenz gelangt sein. Seine Fürsten, Lords und Prälaten
+wären nach Abstammung und Sprache von den Handwerkern und Bauern völlig
+verschieden gewesen; die Erträge seiner ausgebreiteten Grundstücke
+würden die Feste und Lustbarkeiten an den Ufern der Seine verschlungen
+haben, und die edle Sprache eines Milton und Burke würde ein bäuerischer
+Dialekt ohne Literatur, ohne festgeregelte Grammatik, ohne geordnete
+Orthographie geblieben und verächtlich dem Gebrauche der Bauern
+überlassen worden sein. Niemand von englischer Abkunft würde im Stande
+gewesen sein eine hohe Stellung zu erlangen, ohne in Sprache und Sitte
+ein Franzose zu werden. --
+
+
+[_Trennung Englands von der Normandie._] Daß England einem solchen
+Geschicke entging, hat es einem Ereigniß zu danken, das die
+Geschichtsschreiber allgemein als ein unheilvolles geschildert haben.
+Das Interesse des Landes stand dem seiner Herrscher so entschieden
+entgegen, daß nur die Mißgriffe und Unglücksfälle derselben bessere
+Aussichten gewähren konnten. Die Fähigkeiten, und selbst die guten
+Eigenschaften seiner sechs ersten fränkischen Könige waren ihm ein
+Fluch; die Thorheiten und Fehler des siebenten gereichten ihm zum Segen.
+Wenn Johann die großen Eigenschaften seines Vaters, Heinrich Beauclercs,
+oder des Eroberers geerbt, auch wenn er nur den kriegerischen Muth von
+Stephan oder Richard besessen hatte, und wäre der König von Frankreich
+zu gleicher Zeit so unfähig, wie alle anderen Nachfolger Hugo Capets,
+so würde das Haus Plantagenet zu der einflußreichsten Höhe in Europa
+gelangt sein. Aber gerade in jener Zeit ward Frankreich, zum ersten Male
+seit Karls des Großen Tode, von einem kräftigen, fähigen Fürsten
+regiert; England aber, seit der Schlacht von Hastings in der Regel von
+klugen Staatsmännern und stets von tapfern Kriegern geleitet, fiel der
+Botmäßigkeit eines Schwätzers und Feiglings anheim. Von diesem
+Augenblicke an ward seine Aussicht lichter. Johann wurde aus der
+Normandie verjagt, die normännischen Edelleute mußten zwischen der Insel
+und dem Festlande wählen und gemeinschaftlich mit dem Volke, das sie
+stets geknechtet und verachtet hatten, von dem Meere eingeschlossen,
+kamen sie nach und nach dahin, England als ihr Vaterland und die
+Engländer als ihre Landsleute zu betrachten. Beide Volksstämme, einander
+so lange feindlich gesinnt, erkannten nun bald, daß sie
+gemeinschaftliche Interessen und gemeinschaftliche Feinde hatten; sie
+litten beide zugleich unter der Tyrannei eines schlechten Königs, und
+beide waren gleich entrüstet über die Bevorzugung, die der Hof den
+Eingeborenen von Poitou und Aquitanien angedeihen ließ. Die Urenkel der
+Streiter Wilhelms begannen sich denen Harolds freundschaftlich zu
+nähern, und das erste Pfand ihrer Versöhnung ward der große
+Freiheitsbrief, den sie vereint errungen und zu ihrem gemeinsamen Wohle
+entworfen hatten.
+
+
+[_Die Vermischung der Volksstämme._] Hier beginnt die Geschichte des
+englischen Volkes. Die Geschichte der frühern Begebenheiten ist die
+Geschichte der von einzelnen Stämmen verübten und erlittenen Übel,
+von Volksstämmen, die zwar auf englischem Boden wohnten, aber sich
+gegenseitig mit einer Abneigung betrachteten, wie man sie selten bei
+Völkern findet, die durch natürliche Grenzen von einander geschieden
+sind, denn selbst die gegenseitige Erbitterung im Kriege begriffener
+Länder ist jener gegenüber nur schwach zu nennen, die moralisch
+getrennte, aber örtlich vermischte Nationen hegen. Dieser Stammeshaß ist
+in keinem Lande so arg gewesen, als in England; aber auch nirgends ist
+er gründlicher vertilgt. Die Stadien des Prozesses, der die feindlichen
+Elemente in eine gleiche Masse verschmolz, sind uns nicht näher bekannt;
+aber es ist gewiß, daß die Kluft zwischen Sachsen und Normannen noch
+sehr stark hervortrat, als Johann König wurde, daß sie jedoch vor dem
+Ende der Regierung seines Enkels fast völlig verschwunden war. Zur Zeit
+Richards I. war die gewöhnliche Verwünschung eines edeln Normanns: »ich
+will zum Engländer werden!« -- und die gebräuchliche Form einer
+unwilligen Weigerung: »haltet Ihr mich für einen Engländer?« Hundert
+Jahre später war der Nachkomme eines solchen Edelmanns stolz auf den
+Namen eines Engländers.
+
+Die Quellen der bedeutendsten Ströme, die ganzen Ländern Fruchtbarkeit
+bringen und reich beladene Flotten zum Meere tragen, müssen in wilden
+und unfruchtbaren Bergketten aufgesucht werden, die auf den Landkarten
+ungenau angegeben und von Reisenden nur selten erforscht sind. Mit einer
+solchen Bergkette läßt sich die Geschichte unseres Vaterlandes während
+des dreizehnten Jahrhunderts nicht unpassend vergleichen. Ob auch jener
+Abschnitt unserer Annalen unfruchtbar und dunkel ist, so können wir doch
+nur in ihm den Ursprung unserer Freiheit, unseres Glücks und unseres
+Ruhmes suchen. Damals entstand das große englische Volk, und es begann
+der Nationalcharakter desselben jene Eigenthümlichkeiten zu entfalten,
+die er seitdem stets bewahrt hat; damals wurden unsere Väter in der
+vollsten Bedeutung des Wortes Insulaner, aber nicht nur Insulaner der
+geographischen Lage nach, sondern auch in ihrer Politik, ihrer Denkart
+und ihren Sitten. Damals trat zuerst bestimmt und klar jene Verfassung
+hervor, die seitdem durch alle Wechselfälle ihre Identität bewahrte,
+jene Verfassung, von der alle freien Verfassungen der Welt nur
+Nachbildungen sind, und die, ungeachtet einiger Mängel, als die Erste
+von allen gehalten zu werden, würdig ist, unter der je eine große
+Gesellschaft Jahrhunderte hindurch bestanden hat. Damals geschah es,
+daß das Haus der Gemeinen, dieses Musterbild aller repräsentativen
+Versammlungen der alten und neuen Welt, zu den ersten Sitzungen
+zusammentrat, und daß das gemeine Recht zu der Würde einer Wissenschaft
+erhoben und ein nicht unwürdiger Rival der kaiserlichen
+Rechtsgelehrsamkeit wurde. Damals machte der Muth jener Seeleute, welche
+die Mannschaft der rohen Barken der fünf Häfen bildeten, zuerst die
+Flagge Englands auf dem Meere furchtbar; es wurden die ältesten
+Hochschulen gegründet, die noch jetzt in den beiden großen
+Nationalsitzen der Gelehrsamkeit bestehen; es bildete sich die Sprache,
+die zwar weniger wohlklingend als die des Südens, aber an Kraft,
+Reichthum und Tauglichkeit für die erhabensten Zwecke des Dichters,
+des Philosophen und des Redners nur von der Sprache Griechenlands
+übertroffen wird; und damals endlich dämmerte der erste schwache Schein
+jener edlen Literatur auf, die zu den glänzendsten und unvergänglichen
+Schätzen Englands gehört.
+
+Bereits zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts waren die Volksstämme
+fast völlig in einander verschmolzen und untrügliche Zeichen deuteten
+an, daß aus der Mischung dreier Zweige der großen teutonischen Familie
+mit den Urbewohnern Britanniens ein Volk hervorgegangen sei, das keinem
+andern der Welt nachstand. Und wahrlich, das England, nach dem Johann
+von Philipp August einst vertrieben worden, hatte mit dem England, aus
+welchem die Heere Eduards III. zur Eroberung Frankreichs auszogen, fast
+nichts gemein.
+
+
+[_Englische Eroberungen auf dem Festlande._] Es folgte nun ein Zeitraum
+von mehr als hundert Jahren, in welchem die Engländer vorzüglich danach
+strebten, durch die Gewalt der Waffen auf dem Festlande ein großes Reich
+zu gründen. Zwar schien es, daß für die Ansprüche Eduards auf die von
+dem Hause Valois in Besitz genommene Erbschaft seine Unterthanen sich
+wenig interessirten; aber die Eroberungssucht des Fürsten bemächtigte
+sich bald des Volkes. Der Krieg war von jenen Kriegen sehr verschieden,
+welche die Plantagenets des zwölften Jahrhunderts gegen die Nachkommen
+Hugo Capets unternommen hatten; denn hätte Heinrich II. oder Richard I.
+sein Ziel erreicht, so würde England eine französische Provinz geworden
+sein. Eduard's III. und Heinrichs V. Glück machte Frankreich für einige
+Zeit zu einer englischen Provinz. Mit derselben Geringschätzung, mit der
+im zwölften Jahrhunderte die Eroberer vom Festlande die Insulaner
+betrachtet, blickten diese nun auf das Volk des Festlandes. Jeder
+Freisasse von Kent bis Northumberland erachtete sich einem Stamme
+angehörig, der zum Siegen und zum Herrschen geboren, und mit Hohn
+blickte er auf das Volk, vor dem seine Ahnen einst gezittert hatten.
+Selbst die Ritter von Gascogne und Guienne, die tapfer unter dem
+schwarzen Prinzen gefochten hatten, betrachteten die Engländer als Leute
+geringerer Art und schlossen sie verächtlich von ehrenvollen und
+einträglichen Posten aus. Nach kurzer Zeit schon beachteten unsere
+Vorfahren den ursprünglichen Grund des Streites nicht mehr, sie begannen
+die französische Krone nur für einen Zubehör der englischen zu halten,
+und wenn sie, unter Verletzung des ordentlichen Erbfolgerechts, die
+Krone Englands auf das Haus Lancaster übertrugen, so scheinen sie der
+Ansicht gewesen zu sein, daß das Recht Richards II. auf die französische
+Krone natürlich auch auf dieses Haus übergehe. Sie bethätigten einen
+Eifer und eine Kraft, die einen merkwürdigen Contrast zu der Lauheit der
+Franzosen bildeten, für die der Ausgang des Kampfes weit wichtiger war.
+Die englischen Waffen erfochten in jener Zeit gegen an Zahl überlegene
+Heerhaufen Siege, die zu den größten gehören, von denen die Geschichte
+des Mittelalters berichtet, und es waren dies in der That Siege, denen
+sich eine Nation mit Stolz rühmen darf, weil man sie dem moralischen
+Übergewichte der Sieger beizumessen hat, das sich selbst in den
+niedrigsten Reihen deutlich zeigte. Die Ritter Englands fanden in denen
+Frankreichs würdige Nebenbuhler. Chandos kämpfte mit Du Guesclin als
+einem ebenbürtigen Feinde. Aber es fehlte Frankreich an Fußvolk, das den
+englischen Bogen und Streitäxten die Spitze zu bieten vermochte. Ein
+französischer König ward gefangen nach London gebracht; ein englischer
+König ward in Paris gekrönt. Weit über die Pyrenäen und Alpen hinaus
+wurde das Banner des heiligen Georg getragen. Im Süden vom Ebro gewannen
+die Engländer eine große Schlacht, die das Geschick von Leon und
+Castilien für einige Zeit entschied, und die englischen Compagnien
+gewannen ein furchtbares Ansehen bei den Kriegerbanden, die ihre Waffen
+an die Fürsten und Republiken Italiens verdungen hatten.
+
+In jener kriegerisch bewegten Zeit vernachlässigten jedoch unsere Väter
+die Künste des Friedens nicht. Während Frankreich vom Kriege verwüstet
+wurde, daß es zuletzt in seiner Zerstörung selbst einen beklagenswerthen
+Schutz gegen neue Einfälle fand, sammelten die Engländer ruhig ihren
+Erndtesegen ein, verschönerten ihre Städte, und pflegten in Sicherheit
+das Recht, den Handel und die Wissenschaften. -- Jener Zeit gehören
+viele unserer edelsten Baudenkmäler an. Es entstanden die schönen
+Kapellen des Neuen-Collegiums und von St. Georg; das Schiff der
+Kathedrale von Winchester und das Chor des Münsters von York; der
+Spitzthurm von Salisbury und die majestätischen Thürme von Lincoln. Eine
+reiche und kernige Sprache, hervorgegangen aus dem Zusammenflusse der
+französischen und deutschen, ward nun ein Gemeingut der Aristokratie und
+des Volks. Bald begann der Genius dieses bewundernswerthe Werkzeug zu
+würdigen Zwecken zu benutzen. Während englische Heerhaufen, die
+verwüsteten Provinzen Frankreichs hinter sich lassend, triumphirend in
+Valladolid einzogen und bis vor die Thore von Florenz Schrecken
+verbreiteten, schilderten englische Dichter in lebhaften Farben den
+mannigfaltigen Wechsel menschlicher Sitten und Schicksale; es strebten
+englische Denker nach Wissen oder wagten Zweifel zu hegen, wo die
+Bigotterie sich begnügte zu staunen und zu glauben. Dieselbe Zeit, aus
+welcher der schwarze Prinz und Derby, Chandos und Hawkwood hervorging,
+gebar auch Geoffroy Chaucer und John Wycliffe. --
+
+So glänzend und erhaben war der erste Auftritt des eigentlich so zu
+nennenden englischen Volks unter den Nationen der Welt. Aber während wir
+die hohen, achtunggebietenden Eigenschaften unserer Voreltern mit
+Wohlgefallen betrachten, dürfen wir uns nicht verhehlen, daß das von
+ihnen erstrebte Ziel vom Gesichtspunkte der Humanität und der
+aufgeklärten Politik ein durchaus verwerfliches ist und daß die
+Mißgeschicke, durch die sie nach einem langen und blutigen Kampfe die
+Hoffnung auf Gründung eines großen festländischen Reiches aufzugeben
+gezwungen wurden, wahrhafte Segnungen, und nur scheinbar Unglücksfälle
+waren. Der Geist der Franzosen erwachte endlich; sie begannen den
+fremden Eroberern einen kräftigen nationalen Widerstand zu leisten, und
+von dieser Zeit an waren die Geschicklichkeit der englischen Feldherren
+und der Muth ihrer Soldaten, zum Heile für die Menschheit, ohne Erfolg.
+Unsere Vorfahren gaben, nach vielen blutigen Kämpfen, mit schmerzlicher
+Reue den Streit auf. Seitdem hat nie mehr eine englische Regierung
+ernstlich und beharrlich den Plan verfolgt, große Eroberungen auf dem
+Festlande zu machen. Zwar fuhr das Volk fort, Crecy, Poitiers und
+Agincourt ein solches Andenken zu bewahren, und man konnte noch viel
+Jahre später durch das Versprechen eines Eroberungszuges nach Frankreich
+leicht sein Blut wallend machen und ihm Hilfsgelder ablocken; aber zum
+Glück hat die Thatkraft unsers Vaterlandes sich edlern Zielen
+zugewendet, und es nimmt jetzt in der Geschichte der Menschheit eine
+weit ehrenvollere Stellung ein, als wenn es, wie es einmal den Anschein
+hatte, durch Waffengewalt ein Übergewicht erlangt hätte, das dem der
+frühern römischen Republik ähnlich wäre.
+
+
+[_Der Krieg der Rosen._] In die Grenzen der Insel wiederum
+eingeschlossen, schwang nun das kriegslustige Volk die Waffen, die der
+Schrecken Europa's gewesen, im Bürgerkriege. Die englischen Barone
+hatten lange die Mittel zur Bestreitung ihres verschwenderischen
+Aufwandes aus den unterjochten Provinzen Frankreichs gezogen. Diese
+Hilfsquelle war nun versiegt; aber die vom Glücke erzeugte Gewohnheit
+der Prunksucht und Üppigkeit dauerte fort, und die großen Lords, die
+ihre Gelüste durch Plünderung der Franzosen nicht mehr befriedigen
+konnten, beraubten nun mit großem Eifer einer den andern. Das Gebiet,
+auf das sie jetzt beschränkt waren, reichte -- wie Comines, der
+schärfste Beobachter jener Zeit, sich ausdrückt -- für sie alle nicht
+aus. Zwei aristokratische Parteien, angeführt von zwei Zweigen der
+königlichen Familie, begannen nun einen langen und schrecklichen Kampf
+um die Oberherrschaft. Da die Erbitterung derselben nicht eigentlich aus
+dem Streite wegen der Erbfolge hervorgegangen, so dauerte sie noch lange
+fort, nachdem jeder Grund zu diesem Streite verschwunden war. Die Partei
+der rothen Rose überlebte den letzten Fürsten, der, gestützt auf das
+Recht Heinrichs IV., Anspruch auf die Krone machte. Die Partei der
+weißen Rose überlebte die Heirath Richmonds mit Elisabeth. Der Führer
+beraubt, die irgend einen annehmbaren Rechtstitel aufzuweisen hatten,
+schlossen sich die Anfänger Lancasters einer Bastardlinie an, und die
+Anhänger Yorks stellten eine Reihe von Betrügern auf. Nachdem viel
+ehrgeizige Edelleute auf dem Kampfplatze oder durch die Hand des Henkers
+gefallen, nachdem viel berühmte Häuser auf immer aus der Geschichte
+verschwunden und die noch übrig gebliebenen großen Familien durch
+schwere Unglücksfälle erschöpft und zu klarer Besinnung gekommen waren,
+erkannte man endlich von allen Seiten an, daß in dem Hause Tudor alle
+Ansprüche der streitenden Plantagenets sich vereinigten.
+
+
+[_Aufhören der Leibeigenschaft._] Inzwischen trat eine Veränderung ein,
+von unendlich größerer Wichtigkeit, als die Erwerbung oder der Verlust
+einer Provinz, als die Erhebung oder der Sturz einer Dynastie. Es
+verschwand nämlich die Sklaverei mit allen sie begleitenden Übeln. --
+
+Es ist bemerkenswerth, daß die beiden größten und heilsamsten socialen
+Umwälzungen, die in England stattgefunden, die nämlich, welche im
+dreizehnten Jahrhundert der Willkürherrschaft eines Volksstammes über
+den andern und die, welche einige Menschenalter später dem
+Eigenthumsrechte des Menschen am Menschen ein Ende machte, still und
+unmerklich erregt und vollbracht wurden. Die Beobachter jener Zeit
+wurden durch diese Umwälzungen nicht überrascht, und die
+Geschichtsschreiber haben ihnen nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Weder
+durch gesetzliche Anordnung, noch durch physische Kraft wurden sie
+bewirkt; es waren moralische Ursachen, die geräuschlos erst den Abstand
+zwischen dem Normann und dem Sachsen, und später zwischen Herrn und
+Sklaven verwischten. Den Augenblick genau zu bestimmen, wann diese
+Unterschiede aufhörten, könnte niemand wagen, denn es mögen wohl noch
+spät im vierzehnten Jahrhunderte einige schwache Spuren der alten
+normännischen Sinnesart gefunden werden; auch von den Forschern in der
+Zeit der Stuarts schwache Spuren der Leibeigenschaft entdeckt sein, und
+ist diese Einrichtung bis zur gegenwärtigen Stunde gesetzlich noch nicht
+abgeschafft.
+
+
+[_Wohlthätiges Wirken der römisch-katholischen Religion._] Es würde im
+hohen Grade ungerecht sein, nicht anzuerkennen, daß bei diesen beiden
+großen Befreiungswerken die Religion der gewaltigste Hebel gewesen,
+und ob ein reinerer Glaube sich wirksamer erwiesen hätte, ist wohl in
+Zweifel zu ziehen. Der wohlwollende Geist der christlichen Sittenlehre
+ist unbezweifelt den Kastenunterschieden abhold; aber der römischen
+Kirche sind sie ganz besonders verhaßt, weil sie mit andern ihrem
+Systeme wesentlichen Unterschieden nicht zu vereinbaren sind. So legt
+sie jedem Priester eine geheimnißvolle Würde bei, die ihn berechtigt,
+von jedem Laien Ehrfurcht zu fordern; auch schließt sie niemanden aus
+Gründen der Nationalität oder der Geburt vom Priesterstande aus. Ihre
+Lehrsätze, so irrig sie in Bezug auf den priesterlichen Charakter auch
+sein mögen, haben schon oft einige der größten Übel gemildert, von denen
+die Gesellschaft heimgesucht werden kann. Es darf ein Aberglaube nicht
+unbedingt für schädlich gehalten werden, der in Ländern, die unter dem
+Fluche der Tyrannei eines Volksstammes über den andern seufzen, eine von
+der nationalen Verschiedenheit völlig unabhängige Aristokratie schafft,
+das Verhältniß zwischen den Bedrückern und Bedrückten umkehrt und den
+erblichen Herrn zwingt, vor dem geistlichen Richterstuhle seines
+erblichen Untergebenen das Knie zu beugen. In Ländern, wo die Sklaverei
+fortbesteht, zeigt sich noch heutigen Tages das Pabstthum in einem
+vortheilhaften Contraste zu andern Formen des Christenthums. Es ist
+allgemein bekannt, daß die gegenseitige Abneigung zwischen den
+europäischen und afrikanischen Racen in Rio Janeiro bei weitem nicht so
+stark ist, als in Washington, und in unserm eigenen Vaterlande äußerte
+diese Eigenthümlichkeit des römisch-katholischen Systems zur Zeit des
+Mittelalters manche heilsame Wirkung. Es wurden zwar gleich nach der
+Schlacht bei Hastings sächsische Prälaten und Äbte gewaltsam von ihren
+Ämtern vertrieben und geistliche Abenteurer vom Festlande zu Hunderten
+in reiche Pfründen eingesetzt; aber auch damals erhoben fromme
+Geistliche normännischer Abkunft gegen eine derartige Verletzung der
+Kirchenverfassung ihre Stimmen, lehnten die Annahme der Bischofsmütze
+aus den Händen des Eroberers ab und ermahnten ihn, bei dem Heile seiner
+Seele, nicht zu vergessen, daß die unterjochten Insulaner seine
+Mitchristen seien. Der Erzbischof Anselm war der erste Beschützer,
+den die Engländer unter der herrschenden Kaste fanden. In jener Zeit,
+wo der englische Name als ein Vorwurf galt und alle bürgerlichen und
+militärischen Würden ausschließlich den Landsleuten des Eroberers
+gebührend betrachtet wurden, nahm der verachtete Volksstamm mit
+lebhafter Freude die Nachricht auf, daß einer der seinigen, Nikolaus
+Breakspear, auf den päbstlichen Stuhl erhoben sei und Gesandten, den
+edelsten Häusern der Normandie entsprossen, seinen Fuß zum Kusse
+gereicht habe. Es war nicht minder ein nationaler als ein religiöser
+Drang, der Massen von Menschen zu der Kapelle Becket's trieb, des ersten
+Engländers, der den fremden Tyrannen seit der Eroberung furchtbar
+geworden. Unter denen, welche jenen Freibrief errangen, der die
+Privilegien der normännischen Barone und der sächsischen Freisassen
+zugleich sicherte, stand ein Nachfolger Becket's in erster Reihe.
+Wieviel die katholische Geistlichkeit später bei der Abschaffung der
+Leibeigenschaft mitgewirkt hat, erfahren wir aus dem unverwerflichen
+Zeugnisse des Sir Thomas Smith, eines der befähigtesten protestantischen
+Räthe Elisabeths. Wenn der sterbende Sklavenbesitzer nach dem letzten
+Sacramente verlangte, so beschworen ihn stets seine geistlichen
+Beistände bei dem Heile seiner Seele, er möge seine Brüder freigeben,
+für die Christus gestorben sei. Die Kirche wendete ihr furchtbares
+Getriebe mit einem solchen Erfolge an, daß noch vor dem Eintritte der
+Reformation fast alle Leibeigenen im Königreiche frei geworden, mit
+Ausnahme der ihr selbst angehörigen, die, wie man ihr nachrühmen muß,
+einer sehr milden Behandlung genossen zu haben scheinen.
+
+Es unterliegt keinem Zweifel, daß nach diesen beiden großen Revolutionen
+unsere Vorfahren von allen Völkern in Europa die beste Regierung
+besaßen. Das gesellschaftliche System hatte sich drei Jahrhunderte
+hindurch ununterbrochen heilsam entwickelt. Es hat unter den ersten
+Plantagenets Barone gegeben, die ihrem souverainen Herrscher Trotz zu
+bieten vermochten, und Bauern, die mit den Schweinen und Ochsen, welche
+sie hüteten, auf eine gleiche Stufe heruntergebracht waren: die maßlose
+Gewalt der Barone war nach und nach geschwächt, der Zustand des Bauern
+gehoben worden, und zwischen dem Adel- und dem Arbeiterstande hatte sich
+eine landbau- und handeltreibende Mittelklasse gebildet. Es mögen nun
+immerhin noch mehr Ungleichheiten bestanden haben, als dem Glücke und
+der Tugend unseres Geschlechts ersprießlich gewesen; aber niemand konnte
+sich der Autorität der Gesetze entziehen, und niemand war völlig von dem
+Schutze desselben ausgeschlossen.
+
+Daß die staatlichen Einrichtungen Englands schon in dieser frühen Zeit
+von den Engländern mit Stolz und Liebe und von den aufgeklärtesten
+Männern der Nachbarvölker mit Bewunderung und Neid betrachtet wurden,
+läßt sich klar und deutlich beweisen; aber über die Beschaffenheit
+dieser Einrichtungen ist oft unredlich und bitter gestritten worden.
+
+
+[_Die frühere englische Staatsverfassung als oft falsch dargestellt._]
+Die geschichtliche Literatur Englands hat in der That unter einem
+Umstande hart gelitten, der nicht wenig zu dem Glücke desselben
+beigetragen. So groß die Umgestaltung seines Staatswesens in den letzten
+sechs Jahrhunderten auch gewesen ist, sie war doch nur eine Wirkung
+allmäligen Fortschreitens, und nicht des Zerstörens und Wiederaufbauens.
+Die jetzige Verfassung unseres Vaterlandes verhält sich zu jener, unter
+der es vor fünfhundert Jahren blühte, wie der Baum zu dem Sprößlinge,
+wie der Mann zu dem Knaben. Die Umwandlung war eine große; aber nie hat
+es eine Zeit gegeben, in der nicht der Haupttheil des Bestehenden alt
+gewesen wäre. Eine auf diese Weise entstandene Staatsverfassung muß
+natürlich viel Unregelmäßigkeiten enthalten; aber neben den Übeln,
+die nur aus Unregelmäßigkeiten hervorgehen, besitzen wir viel, was sie
+reichlich aufwiegt. Andere Staaten besitzen regelrechter aufgestellte
+Verfassungen; aber keinem andern ist es bis jetzt gelungen, Revolution
+und Gesetz, Fortschritt und Stehenbleiben, die rüstige Kraft der Jugend
+mit der Majestät kaum erdenklichen Alterthums zu vereinigen.
+
+Diese große Segnung hat aber auch ihre Schattenseiten, und eine
+derselben ist, daß die Quellen, in denen wir Aufklärung über unsere
+frühere Geschichte suchen, vom Parteigeiste vergiftet sind. Es giebt
+kein Land, in dem die Staatsmänner so unter dem Einflusse der
+Vergangenheit gestanden, und die Geschichtsschreiber sich so von der
+Gegenwart leiten ließen. Allerdings besteht zwischen beiden
+Erscheinungen ein natürlicher Zusammenhang; denn wenn die Geschichte nur
+als eine Schilderung des Lebens und der Sitten, oder als eine Sammlung
+von Versuchen betrachtet wird, aus der sich allgemeine Grundsätze der
+Staatsweisheit ableiten lassen, wird der Geschichtsschreiber sich eben
+nicht stark versucht fühlen, Begebenheiten aus alter Zeit falsch
+darzustellen. Wenn aber die Geschichte als ein Archiv mit Urkunden
+angesehen, von denen die Rechte der Regierungen und der Völker abhangen,
+so wird die Neigung zu fälschen fast unwiderstehlich. Für einen
+Franzosen giebt es jetzt kein Interesse, das ihn antriebe, die Macht der
+Könige aus dem Hause Valois zu hoch zu erheben oder zu klein
+darzustellen. Die Privilegien der allgemeinen Reichsstände, der Stände
+von Bretagne und von Burgund sind jetzt Dinge von eben so wenig
+praktischer Wichtigkeit, als die Verfassung des jüdischen Sansedrin oder
+des Amphiktyonengerichts. Das neue System wird von dem alten durch die
+Kluft einer großen Revolution völlig geschieden. Für die englische
+Nation giebt es keine solche Kluft, die ihre Existenz in zwei bestimmt
+geschiedene Theile trennt. Unsere Gesetze und Gewohnheiten sind nie in
+einem allgemeinen, nicht wieder auszugleichenden Umsturze untergegangen;
+die im Mittelalter stattgehabten Ereignisse sind für uns immer noch
+vollgültig, die größten Staatsmänner nehmen bei den wichtigsten
+Veranlassungen Bezug darauf. Als zum Beispiel König Georg III. so krank
+wurde, daß er den Verrichtungen seines königlichen Amtes nicht obliegen
+konnte, und die Mehrzahl der tüchtigsten Rechtsgelehrten und Politiker
+über das unter diesen Umständen einzuschlagende Verfahren sehr
+getheilter Meinung waren, erklärten die Häuser des Parlaments, nur dann
+zur Berathung irgend eines Regentschaftsplanes zu schreiten, wenn alle
+Beispiele, die von der frühesten Zeit an in unsern Annalen zu finden,
+zusammengestellt und geordnet seien. Es wurden Ausschüsse ernannt,
+welche die alten Urkunden des Reichs prüfen sollten. Der erste Vorgang,
+über den Bericht erstattet wurde, war der aus dem Jahre 1217; man legte
+den Vorgängen aus den Jahren 1326, 1377 und 1422 große Wichtigkeit bei,
+aber als den Fall, der hier mit Recht maßgebend sein könne, hielt man
+den von 1455. Und so wurden oft in unserm Vaterlande die theuersten
+Parteiinteressen von den Resultaten antiquarischer Forschungen abhängig
+gemacht. Die nicht zu vermindernde Folge davon war, daß unsere
+Alterthumsforscher ihre Untersuchungen als Parteimänner anstellten.
+
+Man kann sich daher nicht wundern, wenn Diejenigen, welche über die
+Grenzen des Hoheitsrechtes und der Freiheit in der alten englischen
+Staatsverfassung geschrieben haben, gewöhnlich nicht als Richter,
+sondern als eifrige, unredliche Advokaten aufgetreten sind; sie
+verhandelten ja nicht über einen spekulativen, sondern über einen
+solchen Stoff, der in einem unmittelbaren praktischen Zusammenhange mit
+den wichtigsten und aufregendsten Streitfragen ihrer Zeit stand. -- Von
+dem Beginne des langen Streites zwischen dem Parlamente und den Stuarts
+bis zu der Zeit, wo die Ansprüche der Letztern nicht mehr furchtbar
+waren, gab es wenig praktisch wichtigere Fragen als die, ob die
+Regierung dieser Familie mit der alten Verfassung des Königreichs in
+Übereinstimmung gestanden habe oder nicht. Diese Frage konnte nur
+dadurch entschieden werden, daß man die Geschichtsberichte über frühere
+Regierungen in Betracht zog. -- Bracton und Fleta, der »Spiegel der
+Gerechtigkeit« und die Parlamentsarchive wurden durchforscht, um
+Beschönigungen für die Übergriffe der Sternkammer sowohl, als für die
+des höchsten Gerichtshofes aufzufinden. Viele Jahre hindurch suchte
+jeder whiggistische Geschichtsschreiber eifrig den Beweis zu führen,
+daß die altenglische Regierungsform eine republikanische, und jeder
+toryistische, daß sie eine despotische gewesen sei.
+
+So gesinnt blickten beide Parteien in die Chroniken des Mittelalters.
+Beide fanden sehr leicht, was sie suchten; aber beide wollten hartnäckig
+auch nur das sehen, was sie suchten. Die Eiferer für die Stuarts konnten
+eben so leicht Beispiele von Bedrückungen der Unterthanen, als die
+Vertheidiger der Rundköpfe Beispiele davon auffinden, daß der Krone
+entschlossen und erfolgreich Widerstand geleistet worden sei. Die Tories
+führten aus alten Schriften fast eben so unterwürfige Ausdrücke an, als
+die waren, welche man von der Kanzel von Mainwaring herab hörte, und die
+Whigs entdeckten eben so kühne und strenge Worte, als je von Bradshaw's
+Richtersitze ertönten. Eine Partei von Schriftstellern stellte
+zahlreiche Beispiele von Gelderpressungen auf, die sich Könige ohne
+Bewilligung des Parlaments erlaubt hatten; andere führten Fälle an,
+in denen das Parlament sich die Macht angeeignet hatte, den König zu
+bestrafen. Wer nur die eine Hälfte der Beweise sah, hätte glauben mögen,
+die Plantagenets seien unumschränkt wie die türkischen Sultane gewesen;
+wer nur die andere sah, hätte schließen können, daß die Plantagenets
+eben so wenig wirkliche Macht gehabt, als die Dogen von Venedig, und
+beide Folgerungen wären gleich weit von der Wahrheit entfernt gewesen.
+
+
+[_Natur der beschränkten Monarchien des Mittelalters._] Die alte
+englische Verfassung gehörte jener Klasse beschränkter Monarchien an,
+die im Mittelalter in Westeuropa entstanden, und, mancher
+Verschiedenheiten ungeachtet, dennoch eine große Familienähnlichkeit
+unter einander hatten. Eine solche Ähnlichkeit kann nicht befremden. Die
+Länder, in denen diese Monarchien entstanden, waren Provinzen eines und
+desselben großen kultivirten Reichs gewesen, das fast gleichzeitig von
+Stämmen einer und derselben rohen und kriegerischen Nation überfallen
+und unterjocht worden war. Sie waren ferner Glieder eines und desselben
+großen Bundes gegen den Islam, und standen mit einer und derselben
+stolzen und ehrgeizigen Kirche in Gemeinschaft. Ihre Staatsverfassung
+nahm nun natürlich eine gleiche Form an. Die Institutionen derselben
+entstammten theils dem kaiserlichen, theils dem päbstlichen Rom, theils
+dem alten Germanien. Alle hatten Könige, und in allen war die
+Königswürde nach und nach streng erblich geworden; alle hatten einen
+Adel mit Vorrechten, die ursprünglich auf militärischen Rang basirt
+waren. Die Ritterwürde und die Wappenregeln besaßen alle
+gemeinschaftlich; ebenso hatten alle reich dotirte kirchliche
+Stiftungen, städtische Korporationen mit ausgedehnten Freiheiten,
+und Reichsversammlungen, deren Genehmigung zur Gültigkeit vieler
+öffentlicher Akte erforderlich war.
+
+
+[_Hoheitsrechte der frühern englischen Könige._] Von allen diesen
+einander ähnlichen Verfassungen ward die englische, schon von einer
+frühen Zeit an, mit Recht für die beste gehalten. Die Hoheitsrechte des
+Regenten erstreckten sich unzweifelhaft sehr weit. Der Geist der
+Religion und des Ritterthums wirkten vereint zur Erhöhung seiner Würde.
+Das heilige Öl war auf sein Haupt gegossen worden; den tapfersten und
+edelsten Rittern war es keine Erniedrigung, vor seinen Füßen zu knien.
+Seine Person war unverletzlich, er allein nur besaß das Recht, die
+Stände des Reichs zu berufen und nach Belieben zu entlassen, und alle
+legislativen Handlungen derselben bedurften seiner Zustimmung. Er stand
+an der Spitze der ausübenden Verwaltung, war das einzige Organ in den
+Verhandlungen mit auswärtigen Mächten, der Oberbefehlshaber der Land-
+und See-Macht des Staats, der Quell der Gerechtigkeit, der Gnade und der
+Ehre. Der Regent besaß weitgreifende Befugnisse zur Regelung des
+Handels: er hatte das Recht, Münzen schlagen zu lassen, Maaß und Gewicht
+festzustellen und Märkte und Häfen zu gründen. Seine Rechte als
+Schirmherr der Kirche waren unermeßlich; seine erblichen Einkünfte, wenn
+sie sparsam verwaltet wurden, reichten zur Deckung der gewöhnlichen
+Regierungskosten aus. Der ihm eigenthümliche Grundbesitz hatte eine
+weite Ausdehnung, und in der Eigenschaft als Oberlehnsherr des gesammten
+Grund und Bodens seines Königreichs besaß er manches einträgliche und
+furchtbare Recht, das ihn in den Stand setzte, seine Gegner zu
+beeinträchtigen und niederzudrücken, Diejenigen aber, die seine Gunst
+genossen, ohne eigene Kosten zu bereichern und zu erheben.
+
+
+[_Beschränkungen der Hoheitsrechte._] Aber seine Macht, wenn auch weit
+ausgedehnt, ward dennoch durch drei große verfassungsmäßige Bestimmungen
+beschränkt, die so alt waren, daß niemand den Beginn ihrer Existenz
+kennt, und so wirksam, daß ihre natürliche, viele Menschenalter hindurch
+fortgesetzte Entwickelung die Ordnung der Dinge hervorgebracht hat,
+unter der wir jetzt leben.
+
+Erstens konnte der König, ohne die Zustimmung seines Parlaments kein
+Gesetz erlassen; zweitens konnte er ohne die Zustimmung desselben keine
+Steuern ausschreiben, und drittens war er gehalten, die exekutive Gewalt
+nach den Landesgesetzen zu üben; verletzte er diese Gesetze, so waren
+seine Räthe und Beamten verantwortlich.
+
+Kein aufrichtiger Tory wird läugnen können, daß diese Prinzipien vor
+fünfhundert Jahren die Geltung von Grundgesetzen erlangt hatten;
+andererseits wird kein ehrlicher Whig behaupten, daß sie in derselben
+frühen Zeit frei von aller Zweideutigkeit gewesen und in allen ihren
+Konsequenzen streng durchgeführt seien. Eine Verfassung des Mittelalters
+ging nicht, wie im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, als
+selbstständiges Ganze aus einem einzigen Akte hervor, und ward eben so
+wenig in einer einzigen Urkunde vollständig niedergelegt; nur in dem
+verfeinerten und spekulativen Zeitalter wird das Staatswesen
+systematisch geordnet. Der Fortschritt des Staatswesens in ungebildeten
+Gesellschaften läßt sich mit dem der Sprache und der Verskunst
+vergleichen. Ungebildete Gesellschaften haben oft eine reiche und
+kräftige Sprache, aber es fehlt ihnen eine wissenschaftliche Grammatik,
+die Definition von Haupt- und Zeitwörtern, die Namen für Deklinationen,
+Modi, Tempora und Laute; sie haben eine Verskunst die oft viel Kraft und
+Anmuth besitzt; aber sie haben keine Regeln des Versmaßes, und der
+Minstrel, dessen nur durch das Ohr geregelte Verse die Hörer entzücken,
+würde selbst nicht angeben können, aus wieviel Dactylen und Trochäen
+jede seiner Zeilen besteht. Gleich der Beredtsamkeit, die älter als die
+Syntaxis, und dem Gesange, der älter als die Prosodie ist, kann ein
+Staat lange zuvor, ehe die Grenzen zwischen der gesetzgebenden,
+ausübenden und richterlichen Gewalt genau bestimmt sind, einen hohen
+Grad der Vortrefflichkeit erlangt haben.
+
+So war es in unserm Vaterlande. Zwar war die Grenzlinie der königlichen
+Gewalt im Allgemeinen ziemlich klar, aber nicht überall mit Genauigkeit
+und Bestimmtheit angegeben. Deshalb gab es nahe der Grenze einen
+streitigen Boden, auf dem stets Eingriffe und Zurückerpressungen
+stattfanden, bis endlich nach Jahrhunderten des Kampfes bestimmte und
+dauerhafte Grenzmarken errichtet wurden. Es dürfte lehrreich sein,
+anzugeben, auf welche Weise und bis zu welcher Ausdehnung unsere frühern
+Regenten die drei großen Grundsätze, welche die Freiheiten des Volks
+schützten, gewöhnlich zu verletzen pflegten.
+
+Kein englischer König hat je die gesetzgebende Gewalt in ihrem ganzen
+Umfange beansprucht. Der gewaltthätigste und herrschsüchtigste
+Plantagenet hat sich nie das Recht angemaßt, ohne die Zustimmung seines
+großen Rathes anzuordnen, daß eine Jury aus zehn, statt aus zwölf
+Personen bestehen, daß das Gedinge einer Witwe das Viertheil statt des
+Drittheils betragen, daß der Meineid als ein Todesverbrechen betrachtet,
+oder daß der Gebrauch der gleichmäßigen Erbtheilung unter Brüdern in
+Yorkshire eingeführt werden solle[2]. Aber dem Könige stand das Recht
+zu, Verbrecher zu begnadigen, und es giebt einen Punkt, wo das Recht der
+Begnadigung und das Recht der Gesetzgebung in einander zu fließen
+scheinen und leicht, wenigstens in einer nicht aufgeklärten Zeit,
+verwechselt werden können. Ein Strafgesetz ist thatsächlich aufgehoben,
+wenn die durch dasselbe auferlegten Strafen so oft erlassen werden,
+als sie verwirkt sind. Der Souverain besaß ohne Zweifel die Befugniß,
+unbeschränkt Strafen zu erlassen; demnach war er befugt, ein Strafgesetz
+thatsächlich aufzuheben. Es konnte scheinen, als ließe sich kein
+begründeter Einwand aufstellen, wenn er das, was ihm thatsächlich
+auszuführen zustand, auch formell ausführen wollte. So entstand an der
+zweifelhaften Grenze zwischen der vollziehenden und gesetzgebenden
+Gewalt mit Hilfe spitzfindiger und höfischer Rechtsgelehrten die große
+Anomalie, die unter dem Namen des Begnadigungsrechts bekannt ist.
+
+Seit undenklichen Zeiten ist es in England unbestritten ein
+Fundamentalgesetz gewesen, daß der König ohne Bewilligung des
+Parlamentes Steuern nicht auferlegen könne. Dieses Gesetz befand sich
+unter den Artikeln, zu deren Unterzeichnung Johann von den Baronen
+gezwungen wurde. Eduard I. wagte es, diese Bestimmung zu überschreiten;
+aber er stieß, obgleich er sehr geschickt, mächtig und bei dem Volke
+beliebt war, auf einen Widerstand, dem nachzugeben er für gut befand.
+Deshalb gelobte er ausdrücklich für sich und seine Erben, nie wieder
+ohne Zustimmung und Willfährigkeit der Stände irgend eine Steuer erheben
+zu wollen. Diesen feierlichen Vertrag versuchte sein mächtiger und
+siegreicher Enkel zu brechen, aber dem Versuche ward ein kräftiger
+Widerstand entgegengesetzt. Entmuthigt gaben die Plantagenets endlich
+diesen Punkt auf; aber wenn sie auch offen das Gesetz nicht mehr
+verletzten, so wußten sie dennoch durch Umgehung desselben sich
+vorkommenden Falls zu temporären Zwecken außerordentlich Beihilfe zu
+verschaffen. Das Eintreiben von Steuern war ihnen nicht erlaubt, aber
+sie nahmen das Recht in Anspruch, zu bitten und zu borgen; sie baten
+dann mitunter in einem Tone, der dem des Befehlens nicht unähnlich war,
+und borgten nicht selten, ohne viel an Rückzahlung zu denken. Aber schon
+in der Thatsache, daß man für nöthig hielt, diese Erpressungen mit den
+Namen freiwilliger Steuern und Darlehn zu bemänteln, liegt der genügende
+Beweis, daß die Gültigkeit der großen verfassungsmäßigen Bestimmung
+allgemein anerkannt war.
+
+Daß der Grundsatz, »der König von England ist verbunden, das Land den
+Gesetzen gemäß zu verwalten, und seine Räthe und Beamten sind
+verantwortlich, wenn er wider das Gesetz handelt,« schon in einer sehr
+frühen Zeit festgestellt worden, beweisen die strengen Urtheile, die oft
+gegen die Günstlinge des Königs erlassen und vollzogen sind; aber dessen
+ungeachtet ist es auch erwiesen, daß die Plantagenets oft die Rechte
+einzelner Personen verletzten, nur damit die beeinträchtigten Parteien
+oft keine Rechtshilfe erlangen konnten. Nach dem Gesetze konnte kein
+Engländer auf den alleinigen Befehl des Herrschers verhaftet oder
+gefangen gehalten werden; aber es ist thatsächlich, daß der Regierung
+mißliebige Personen ohne jede andere Autorität als den königlichen
+Befehl eingekerkert wurden. Nach dem Gesetze durfte die Folter, die
+Schmach der römischen Rechtspflege, unter allen Umständen bei keinem
+englischen Unterthanen angewendet werden; nichtsdestoweniger wurde bei
+den Wirren des fünfzehnten Jahrhunderts eine Folterbank in dem Tower
+aufgestellt, und gelegentlich unter dem Vorwande politischer
+Nothwendigkeit, angewendet. Aus solchen Gesetzwidrigkeiten den Schluß
+ziehen zu wollen, die englischen Monarchen seien in der Theorie oder
+Praxis unumschränkt gewesen, würde indeß ein großer Irrthum sein. Wir
+leben in einer höchst gebildeten bürgerlichen Gesellschaft, in der
+mittelst der Presse und der Post Nachrichten so reißend schnell
+verbreitet werden, daß jeder Act grober Rechtsverletzung, in welchem
+Theile unserer Insel er auch begangen sein mag, in wenig Stunden von
+Millionen besprochen wird. Wollte jetzt ein englischer Souverain, der
+Habeas Corpus Acte entgegen, einen Unterthanen einkerkern oder einen
+Verschwörer auf die Folterbank spannen lassen, die Nachricht davon würde
+augenblicklich die ganze Nation electrisiren. Im Mittelalter war der
+Zustand der Gesellschaft ein ganz anderer; selten und nur mit großer
+Schwierigkeit gelangten die Beeinträchtigungen Einzelner zur Kenntniß
+des Publikums. Monate lang konnte Jemand gesetzwidrig in dem Schlosse
+von Carlisle oder Norwich gefangen gehalten werden, ohne daß die
+leiseste Kunde davon nach London kam; und es ist sehr wahrscheinlich,
+daß die Folterbank manches Jahr gebraucht worden, ehe die Mehrzahl des
+Volks auch nur geahnt, daß sie je in Anwendung gebracht. Auch waren
+unsere Vorfahren durchaus nicht so fest von der Nothwendigkeit
+überzeugt, große allgemeine Regeln festzuhalten, als wir; denn wir haben
+aus langer Erfahrung gelernt, daß man irgend eine Verletzung der
+Verfassung nicht ohne Gefahr unbemerkt könne vorübergehen lassen. Man
+theilt jetzt allgemein die Ansicht, daß eine Regierung die strenge Rüge
+des Parlamentes verdiene, wenn sie Vollmachten unnöthigerweise
+überschreitet; daß sie aber, wenn sie im Drange der Nothwendigkeit und
+aus reiner Absicht ihre Vollmachten überschritten hat, ohne Verzug das
+Parlament um nachträgliche Genehmigung angehen müsse. Aber so dachten
+die Engländer des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts nicht; sie
+zeigten wenig Neigung, eines Grundsatzes wegen, und nur seiner selbst
+wegen, zu streiten, oder gegen eine Regelwidrigkeit, die nicht zugleich
+eine Belästigung war, Beschwerde zu führen. So lange im Allgemeinen die
+Verwaltung einen milden und volksthümlichen Charakter trug, gestatteten
+sie ihrem Regenten gern einigen Spielraum; ja sie verziehen ihm nicht
+nur bei allgemein als gut anerkannten Zwecken eine das Gesetz
+überschreitende Gewalt, sie zollten ihm auch noch Beifall, und waren,
+so lange sie unter seiner Regierung sich der Sicherheit und Wohlfahrt
+erfreuten, nur zu geneigt zu glauben, daß der, den seine Ungunst
+getroffen, sie auch verdient habe. Aber diese Nachsicht hatte eine
+Grenze, und der König, der zu viel auf die Langmuth des englischen
+Volkes baute, handelte nicht weise, denn es gestattete ihm wohl
+mitunter, die verfassungsmäßige Linie zu überschreiten, aber es
+beanspruchte dann auch für sich selbst das Recht, über diese Linie
+hinauszugehen, wenn seine Übergriffe so ernst waren, daß sie Besorgniß
+erweckten. Wagte er, nicht zufrieden mit der gelegentlichen Bedrückung
+Einzelner, große Massen zu bedrücken, so riefen seine Unterthanen
+schleunig die Gesetze an, und war diese Berufung ohne Erfolg, so wandten
+sie sich eben so schleunig an den Gott der Schlachten.
+
+ [Anmerkung 2: Dies hat Hallam im ersten Kapitel seiner
+ +constitutional History+ vortrefflich auseinandergesetzt.]
+
+
+[_Widerstand, die gewöhnliche Schranke der Tyrannei im Mittelalter._]
+Die Engländer durften aber auch ruhig dem Könige einige Übergriffe
+nachsehen, denn sie besaßen für den Fall der Noth einen Zügel, der den
+ungestümsten und stolzesten Herrscher bald zur Vernunft brachte,
+den Zügel der physischen Gewalt. Einem Engländer des neunzehnten
+Jahrhunderts wird es schwer fallen, sich einen Begriff davon zu machen,
+wie leicht und schnell vor vierhundert Jahren ein solches Mittel
+angewendet wurde. Das Volk versteht seit langer Zeit nicht mehr, die
+Waffen zu gebrauchen. Unsern Voreltern war die Stufe der Vollendung
+unbekannt, auf der jetzt die Kriegskunst steht, und nur eine besondere
+Klasse besitzt die Kenntniß derselben. Hunderttausend Mann gut
+disciplinirter und gut geleiteter Truppen halten Millionen von Bauern
+und Handwerkern nieder, und einige Regimenter Garden reichen aus, um
+allen unzufriedenen Geistern einer großen Hauptstadt Furcht einzuflößen.
+Zugleich läßt aber auch die stete Vermehrung des Wohlstandes dem
+denkenden Menschen einen Aufstand weit furchtbarer erscheinen, als eine
+schlechte Regierung. Es sind ja unermeßliche Summen auf Werke verwendet,
+die bei dem Ausbruche einer Revolution in wenig Stunden zu Grunde gehen
+würden. Schon die Masse von beweglichen Gütern, die allein in den Läden
+und Magazinen von London aufgespeichert liegt, übersteigt diejenige
+fünfhundertmal, welche die ganze Insel zur Zeit der Plantagenets
+enthielt; stürzte man nun die Regierung durch physische Gewalt,
+so würden alle diese beweglichen Güter einer drohenden Gefahr der
+Plünderung und Zerstörung ausgesetzt sein. Aber noch größer wäre die
+Gefahr für den öffentlichen Credit, mit dem die Existenz Tausender von
+Familien unmittelbar zusammenhängt, und mit dem der Credit der ganzen
+Handelswelt unzertrennlich verbunden ist. Man kann ohne Übertreibung
+behaupten, daß ein Bürgerkrieg, nur eine Woche auf englischem Boden
+geführt, jetzt ein Unheil erzeugen würde, das vom Hoangho bis zum
+Missouri sich fühlbar macht und Spuren zurückläßt, die nach einem
+Jahrhunderte noch sichtbar sind. In einem solchen Zustande der
+Gesellschaft muß der Widerstand als ein Heilmittel betrachtet werden,
+das bei weitem verzweifelter ist, als jede Krankheit, die den Staat
+heimsuchen kann. Zur Zeit des Mittelalters dagegen wandte man den
+Widerstand als ein gewöhnliches Heilmittel gegen politische Übel an,
+denn es war ein Mittel, das man stets bei der Hand hatte und, wenn auch
+für den Augenblick von starker Wirkung, dennoch ohne empfindliche und
+dauernde Folgen blieb. Wenn ein bei dem Volke angesehener Führer sein
+Banner für eine volksthümliche Sache erhob, so konnte in einem Tage eine
+unregelmäßige Armee versammelt sein. Regelmäßige Truppen gab es damals
+nicht. Jeder war ein wenig Soldat, aber keiner mehr als das. Der
+Nationalreichthum bestand vorzüglich in Viehherden, in der jährlichen
+Erndte und in den einfachen, vom Volke bewohnten Gebäuden. Sämmtliche
+Hausgeräthe, die Vorräthe in den Kaufläden, und die Maschinen des ganzen
+Reichs waren nicht so viel werth, als das Eigenthum einzelner
+Kirchspiele unserer Zeit. Das Fabrikwesen war roh, der Credit fast
+unbekannt. Die Gesellschaft erholte sich daher von der Erschütterung,
+sobald der sie bewirkende Stoß vorüber war. Das Gemetzel auf dem
+Schlachtfelde, einige nachfolgende Hinrichtungen und Güterconfiscationen
+waren sämmtliche Drangsale eines Bürgerkriegs. Eine Woche später trieb
+der Bauer wieder sein Gespann, und der Edelmann ließ wieder seine Falken
+über das Feld von Towton oder Bosworth fliegen, als ob kein
+ungewöhnliches Ereigniß den gewöhnlichen Lauf des menschlichen Lebens
+unterbrochen hätte.
+
+Es sind nun hundertundsechzig Jahre verflossen, seit das englische Volk
+gewaltsam eine Regierung gestürzt hat. Während der einhundertundsechzig
+Jahre vor der Vereinigung der Rosen regierten neun Könige in England.
+Sechs von diesen neun Königen wurden abgesetzt, und fünf verloren mit
+der Krone auch das Leben. Hieraus geht klar hervor, daß jeder Vergleich
+zwischen unserer alten und neuen Staatsform zu völlig unrichtigen
+Schlüssen führen muß, wenn man die Wirkung des den Plantagenets durch
+den Widerstand und durch die stete Furcht vor demselben auferlegten
+Zwanges nicht streng berücksichtigt. Unsere Vorfahren besaßen ein sehr
+kräftiges Schutzmittel gegen die Tyrannei, das uns fehlt, und deshalb
+konnten sie ohne Bedenken auf andere Garantien verzichten, denen wir mit
+Recht die höchste Wichtigkeit beilegen. Da wir aber die Schranke der
+physischen Gewalt einer schlechten Regierung nicht entgegenstellen
+können, ohne uns der Gefahr von Übeln auszusetzen, vor denen der Gedanke
+allein schon zurückbebt, so handeln wir offenbar sehr klug, wenn wir
+alle verfassungsmäßigen Hinderungsmittel einer solchen Regierung
+gegenüber stets im Stande der Wirksamkeit erhalten, die Anfänge von
+Übergriffen eifersüchtig bewachen, und Abweichungen von der Regel, auch
+wenn sie an und für sich unbedenklich erscheinen, nicht ungerügt
+hingehen lassen, damit sie nicht die Bedeutung von Präcedenzfällen
+erhalten. Eine so scharfe Wachsamkeit war vor vierhundert Jahren
+unnöthig. Ein Volk kühner Bogenschützen und Lanzenträger konnte, ohne
+große Gefahr für seine Freiheiten, dem Fürsten einige Ungesetzlichkeiten
+nachsehen, dessen Regierung im Allgemeinen gut und dessen Thron durch
+keine Compagnie geübter Soldaten beschützt war.
+
+Mag immerhin dieses System in Vergleich mit jenen sorgfältig
+ausgearbeiteten Verfassungen, an denen die letzten siebzig Jahre so
+fruchtbar gewesen, roh erscheinen, so erfreuten sich die Engländer
+dennoch unter demselben eines hohen Maßes von Freiheit und Glück.
+Obgleich der Staat unter der schwachen Regierung Heinrichs VI. in erster
+Zeit durch Parteiungen und zuletzt durch den Bürgerkrieg zerrissen
+wurde; obgleich Eduard IV. ein ausschweifender und herrschsüchtiger
+Fürst war; obgleich Richard III. als ein Ungeheuer von Schlechtigkeiten
+geschildert worden ist, und obgleich die Bedrückungen Heinrichs VII.
+großen Mißmuth erregten: so steht es dennoch fest, daß unsere Vorfahren
+unter diesen Königen weit besser regiert wurden, als die Belgier unter
+Philipp, dem man den Beinamen des Guten gegeben, oder als die Franzosen
+unter jenem Ludwig, den man den Vater seines Volkes nannte. Es scheint
+selbst, daß unser Vaterland, während die Kriege der Rosen am ärgsten
+wütheten, sich in einer glücklichern Lage befunden habe, als die
+benachbarten Reiche in den Jahren tiefen Friedens. Comines war einer der
+aufgeklärtesten Staatsmänner seiner Zeit; er hatte die reichsten und die
+gebildeten Theile des Festlandes besucht, hatte in den reichen Städten
+von Flandern, den Manchesters und Liverpools des fünfzehnten
+Jahrhunderts, sich aufgehalten, das eben erst durch die Prachtliebe
+Lorenzo's neu geschmückte Florenz gesehen, und ebenso Venedig, bevor es
+durch die Verbündeten von Cambray gedemüthigt war: dieser ausgezeichnete
+Staatsmann erklärte nach reiflicher Erwägung, daß England von allen
+Ländern, die er kenne, am besten regiert werde. Die Verfassung desselben
+bezeichnete er ausdrücklich als ein gerechtes und heiliges Werk, das
+zugleich dem Volke Schutz, und der Hand des Fürsten, der es achte, wahre
+Stärke verleihe. Es seien die Unterthanen, sagte er, in keinem andern
+Lande so sicher vor Unrecht geschützt. Die aus unsern inneren Kriegen
+hervorgegangenen Drangsale erstreckten sich, nach seiner Ansicht, nur
+auf den Adel und die kampffähigen Männer; sie hinterließen keine Spuren,
+als zerstörte Wohnplätze und entvölkerte Städte, wie er sie an andern
+Orten zu sehen gewohnt war.
+
+
+[_Eigenthümlicher Charakter der englischen Aristokratie._] Es war jedoch
+die Wirksamkeit der die königlichen Hoheitsrechte beschränkenden
+Bestimmungen nicht allein, wodurch sich England vor den meisten
+Nachbarländern vortheilhaft unterschied; das Verhältniß des hohen Adels
+zu den übrigen Volksklassen war eine gleich wichtige, wenn auch weniger
+beachtete Eigenthümlichkeit. Es gab zwar eine starke erbliche
+Aristokratie, aber sie war von allen dergleichen Aristokratien die am
+wenigsten anmaßende und ausschließende, denn sie besaß nichts von dem
+gehässigen Charakter einer Kaste, sie nahm fortwährend Glieder aus dem
+Volke in sich auf, und gab aus ihrer Mitte dem Volke Glieder, die sich
+mit ihm mischten. Jeder Gentleman konnte ein Peer werden. Der jüngere
+Sohn eines Peers war nur ein Gentleman, und die Enkel von Peers standen
+im Range neuernannten Rittern nach. Die Würde des Ritters war Keinem
+unerreichbar, der durch Fleiß und Sparsamkeit ein ansehnliches
+Grundstück erworben, oder durch Tapferkeit in einer Schlacht oder
+Belagerung sich hervorzuthun vermochte. Es gereichte der Tochter eines
+Herzogs, selbst eines solchen von königlichem Geblüte, nicht zur Unehre,
+wenn sie einen ausgezeichneten Bürgersmann heirathete. Sir John Howard
+zum Beispiel heirathete die Tochter des Thomas Mowbray, Herzogs von
+Norfolk; Sir Richard Pole heirathete die Gräfin von Salisbury, die
+Tochter des Herzogs Georg von Clarence. Eine edle Abkunft stand zwar in
+großem Ansehen, aber es gab, zum Glück für unser Vaterland, keinen
+nothwendigen Zusammenhang zwischen einer edeln Abkunft und den
+Vorrechten der Peerswürde. Nicht nur das Haus der Lords hatte lange
+Stammbäume und alte Wappen aufzuweisen, man fand sie auch außer
+demselben. Es gab Emporkömmlinge mit den höchsten Titeln, aber es gab
+auch Männer ohne Titel, Nachkommen von Rittern, welche die Reihen der
+Sachsen bei Hastings durchbrochen oder die Mauern von Jerusalem
+erstiegen hatten. Es gab Bohun's, Mowbray's, de Veres, selbst Verwandte
+des Hauses Plantagenet, die keinen andern Titel als den des Esquire's
+und keine andern bürgerlichen Vorrechte hatten, als die, deren sich
+jeder Pächter und Krämer erfreute. Eine Grenzlinie welche, wie in andern
+Ländern, den Patrizier vom Plebejer scheidet, gab es bei uns nicht.
+Der Freisasse fühlte sich nicht geneigt, unzufrieden auf die Würden zu
+blicken, die seinen eigenen Kindern erreichbar waren, und der Edelmann
+von hohem Range fühlte sich nicht versucht, einen Stand mit Verachtung
+zu behandeln, zu dem seine Kinder hinabsteigen mußten.
+
+Nach den Kriegen der Häuser York und Lancaster wurden die Bande, welche
+den Adel und das Volk umschlangen, inniger und zahlreicher, als je. Wie
+groß die durch diese Kriege unter der alten Aristokratie angerichtete
+Verwüstung war, läßt sich aus einem einzigen Umstande folgern. Im Jahre
+1451 berief Heinrich IV. dreiundfünfzig weltliche Lords zum Parlamente;
+die Zahl der von Heinrich VII. im Jahre 1485 berufenen weltlichen Lords
+betrug nur neunundzwanzig, und von diesen waren mehrere erst kurz vor
+der Berufung zur Peerswürde erhoben worden. Im Laufe des folgenden
+Jahrhunderts wurden die Reihen des hohen Adels stark aus der Gentry
+ergänzt. Zu dieser heilsamen Vermischung der Stände trug besonders die
+Verfassung des Hauses der Gemeinen bei. Der abgeordnete Ritter der
+Grafschaft war das verbindende Glied zwischen dem Baron und dem Krämer.
+Auf denselben Bänken zwischen Goldschmieden, Tuchhändlern und
+Gewürzkrämern, welche die Handelsstädte in das Parlament gesandt hatten,
+saßen auch Mitglieder, die man in jedem andern Lande für Edelleute und
+Erbgutsherrn erachten würde, denn sie waren berechtigt, Gericht zu
+halten und Wappen zu führen, und konnten durch viele Generationen zurück
+ihre ehrenvolle Abstammung verfolgen. Einige von ihnen waren jüngere
+Söhne und Brüder hoher Lords, andere konnten sich sogar von königlicher
+Abkunft rühmen. Endlich trat der älteste Sohn eines Earl von Bedford,
+dem man als Courtoisie den Titel seines Vaters beigelegt, als Bewerber
+um einen Platz im Hause der Gemeinen auf, und seinem Beispiele folgten
+andere. Waren die Erben der Großen des Reichs einmal Glieder dieses
+Hauses, so nahmen sie sich der Privilegien desselben ebenso eifrig an,
+als irgend einer der Bürger, mit denen sie gemischt waren. So ward schon
+von frühen Zeiten an unsere Demokratie die am meisten aristokratische,
+und unsere Aristokratie die am meisten demokratische von der Welt, eine
+Eigenthümlichkeit, die sich bis zu unsern Tagen erhalten, und manche
+wichtige moralische und politische Wirkung geäußert hat.
+
+
+[_Regierung der Tudors._] Die Regierung Heinrichs VII., seines Sohnes
+und seiner Enkel war im Allgemeinen willkürlicher, als die der
+Plantagenets. Dieser Unterschied läßt sich, bis zu einer gewissen
+Grenze, aus dem persönlichen Charakter erklären, denn Muth und
+Willenskraft waren Männern und Frauen des Hauses Tudor gemein. Während
+eines Zeitraums von einhundertzwanzig Jahren übten sie ihre Macht stets
+mit Energie, oft mit Gewaltthätigkeit, mitunter selbst mit Grausamkeit
+aus. Nach dem Beispiele der ihnen vorangegangenen Herrscherfamilie
+verletzten sie nicht selten die Rechte einzelner Unterthanen, erhoben
+zuweilen Steuern unter dem Namen von Anleihen und Geschenken, befreieten
+sich von Straferlassen, und wenn sie auch nie aus eigener
+Machtvollkommenheit ein bleibendes Gesetz zu geben wagten, so erlaubten
+sie sich dennoch bei vorkommenden Fällen, wenn das Parlament nicht
+versammelt war, vorübergehenden Bedürfnissen durch vorübergehende
+Verfügungen abzuhelfen. Die Bedrückung über einen gewissen Punkt
+hinauszutreiben, war indeß den Tudors nicht möglich, da sie keine
+bewaffnete Macht besaßen und von einem bewaffneten Volke umgeben waren.
+Die Wache des Palastes bestand nur aus wenigen Dienern, welche das
+Aufgebot einer einzigen Grafschaft oder eines einzigen Distrikts von
+London leicht hätte überwältigen können. Auf solche Weise wurden diese
+stolzen Fürsten in stärkere Schranken gehalten, als auferlegte Gesetze
+zu ziehen vermögen, in Schranken, die sie zwar nicht hinderten, mitunter
+gegen einen Einzelnen willkürlich und selbst grausam zu verfahren, die
+aber doch das Volk im Allgemeinen vor dauernden Bedrückungen sicher
+stellten.
+
+In dem Bereiche ihres Hofes konnten sie zwar gefahrlos als Tyrannen
+auftreten, aber sie mußten doch stets mit Besorgniß auf die Stimmung
+des Landes achten. Heinrich VIII. z.B. fand keinen Widerstand, als er
+Buckingham und Surrey, Anna Boleyn und Lady Salisbury auf das Schaffot
+bringen wollte; als er aber ohne Bewilligung des Parlamentes den
+sechsten Theil des Vermögens seiner Unterthanen als Steuer forderte,
+fand er sich bald genöthigt, davon abzustehen. Hunderte und Tausende
+riefen, daß sie Engländer und nicht Franzosen, freie Männer und nicht
+Knechte seien. In Kent mußten die königlichen Kommissäre ihr Leben durch
+die Flucht retten; in Suffolk griffen viertausend Männer zu den Waffen,
+während die königlichen Statthalter in dieser Grafschaft vergebens ein
+Heer zusammenzubringen suchten. Wer sich auch nicht an dem Aufstande
+betheiligte, erklärte dennoch, daß er in einem solchen Kampfe nicht
+gegen seine Brüder fechten wolle. So stolz und eigensinnig Heinrich auch
+war, er mied nicht ohne Grund den Kampf mit dem aufgeregten Geiste der
+Nation, denn ihm schwebte das Schicksal seiner Vorgänger, die zu
+Berkeley und Pomfret umgekommen waren, vor Augen. Er widerrief nicht nur
+seine ungesetzlichen Erlasse, er verzieh nicht nur allen Mißvergnügten;
+er entschuldigte sich selbst öffentlich und feierlich deswegen, daß er
+die Gesetze verletzt habe.
+
+Sein Benehmen bei diesem Anlasse bezeichnet die ganze Politik seines
+Hauses. Die Fürsten dieser Linie besaßen ein hitziges Temperament und
+einen hochfliegenden Geist, aber sie kannten den Charakter des Volks,
+das sie regierten, und nie trieben sie, wie manche ihrer Vorgänger und
+Nachfolger, die Hartnäckigkeit bis zu einem gefährlichen Punkte. Die
+Tudors handelten stets so besonnen, daß ihre Macht zwar oft Widerstand
+fand, aber nie gestürzt wurde. Die Herrschaft eines Jeden derselben ward
+durch starke Ausbrüche der Unzufriedenheit gestört, aber stets gelang es
+der Regierung, die Aufständischen entweder zu beruhigen, oder sie zu
+besiegen und zu bestrafen. Durch rechtzeitige Zugeständnisse wußte sie
+auch mitunter Bürger-Unruhen abzuwenden; in der Regel aber blieb sie
+fest, und rief die Nation um Hilfe an. Die Nation folgte dem Rufe,
+sammelte sich um den Herrscher, und machte ihm die Unterwerfung der
+kleinen Anzahl Mißvergnügter möglich.
+
+Auf diese Weise entwickelte sich die Größe und Blüthe Englands von
+Heinrichs III. bis zu Elisabeths Zeit unter einer Verfassung, die den
+Keim zu unsern gegenwärtigen Institutionen in sich trug, und, wenn sie
+auch nicht genau bestimmt war und streng beobachtet wurde, dennoch durch
+die Furcht der Regierenden vor dem Geiste und der Kraft der Regierten
+gegen das Ausarten in Despotismus nachdrücklich geschützt ward.
+
+Eine solche Staatsverfassung paßt indeß nur für ein eigenes Stadium in
+der Ausbildung der Gesellschaft. Dieselben Ursachen, die in den
+friedlichen Künsten eine Theilung der Arbeit bewirken, müssen endlich
+auch den Krieg zu einer besondern Wissenschaft und einem besondern
+Gewerbe machen. Es kommt eine Zeit, in welcher der Gebrauch der Waffen
+die volle Aufmerksamkeit eines besondern Standes zu beanspruchen
+beginnt; es zeigt sich bald, daß noch so tapfere Bauern und Bürger
+geübten Soldaten gegenüber nicht Stand halten können, Männern, deren
+ganzes Leben eine Vorbereitung auf den Tag der Schlacht ist, deren
+Nerven durch das stete Vertrautsein mit der Gefahr abgehärtet sind, und
+deren Bewegungen die völlige Genauigkeit eines Uhrwerks eigen ist. Man
+begreift, daß der Schutz von ganzen Nationen nicht länger mehr sicher
+solchen Streitern anvertraut werden könne, die zu einem vierzigtägigen
+Feldzuge dem Pfluge oder Webstuhle entnommen sind. Bildet irgend ein
+Staat ein großes, stehendes Heer, so müssen die Nachbarstaaten dem
+Beispiele nachahmen, wenn sie sich einem fremden Joche nicht unterwerfen
+wollen. Wo aber ein großes stehendes Heer vorhanden ist, kann die
+beschränkte Monarchie nach Art des Mittelalters nicht länger
+fortbestehen; der Regent ist mit einem Male von der Hauptfessel seiner
+Macht befreit und wird unvermeidlich absolut, wenn ihm nicht Schranken
+angewiesen werden, die einer Gesellschaft als überflüssig erscheinen
+würden, in der Jeder vorkommenden Falls, aber Keiner stets Soldat ist.
+
+
+[_Die beschränkten Monarchien des Mittelalters sind allgemein in
+absolute Monarchien verwandelt._] Mit der Gefahr kamen auch die Mittel,
+sich vor ihr zu schützen. In den Monarchien des Mittelalters besaßen die
+Fürsten die Macht des Schwertes, die Nation aber die Macht des
+Geldbeutels, und in demselben Maße, wie die fortschreitende Civilisation
+das Schwert des Fürsten der Nation stets furchtbarer ward, so ward der
+Geldbeutel der Nation dem Fürsten stets nothwendiger. Die erblichen
+Einkünfte des Letztern reichten nicht länger für die Kosten der
+Civilverwaltung aus, und es war völlig unmöglich, daß er ohne ein
+geregeltes und umfassendes Steuersystem eine große Masse disciplinirter
+Truppen in steter Thätigkeit erhalten konnte. Die Politik, welche die
+parlamentarischen Versammlungen Europa's hätten befolgen müssen, wäre
+gewesen: fest auf ihr verfassungsmäßiges Recht zu bestehen, wonach ihnen
+die Bewilligung und das Ablehnen des Geldes zustand, und entschlossen,
+so lange die Summen für den Unterhalt der Armeen zu verweigern, bis sie
+hinreichende Bürgschaft gegen Despotismus erlangt hätten.
+
+Nach dieser weisen Politik handelte man nur in unserm Vaterlande; in den
+benachbarten Königreichen traf man große militärische Einrichtungen,
+aber man dachte nicht daran, der öffentlichen Freiheit Schutzwehren zu
+errichten, und hieraus folgte, daß überall die alten parlamentarischen
+Verfassungen aufhörten. In Frankreich, wo sie stets schwach gewesen,
+siechten sie hin, bis sie endlich an völliger Schwäche erstarben. In
+Spanien, wo sie so stark gewesen wie nur irgend in Europa, vertheidigten
+sie tapfer ihr Leben, aber zu spät. Die Handwerker von Toledo und
+Valladolid vertheidigten ohne Erfolg die Privilegien der Castilischen
+Cortes gegen die alten geübten Kriegerhaufen Karls V., und ebenso
+erfolglos kämpften eine Generation später die Bürger von Saragossa gegen
+Philipp II. für die alte Verfassung von Aragonien. So sanken die großen
+Nationalversammlungen der festländischen Monarchien eine nach der andern
+zu völliger Nichtigkeit herab, Versammlungen, die einst minder stolz und
+mächtig gewesen, als jene in Westminster. Wenn sie zusammentraten,
+geschah es nur, um einige ehrwürdige Förmlichkeiten zu beobachten,
+ungefähr wie jetzt unsere Kirchenversammlungen.
+
+
+[_Die englische Monarchie als besondere Ausnahme._] In England
+gestalteten sich die Dinge anders. Dieses besondere Glück hat es
+vorzüglich seiner insularischen Lage zu danken. Für die Würde und selbst
+für die Sicherheit der französischen und spanischen Monarchien wurden
+schon vor dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts große militärische
+Einrichtungen unentbehrlich. Hätte eine dieser beiden Mächte eine
+Entwaffnung vorgenommen, so würde sie bald dem Übergewichte der andern
+unterworfen gewesen sein. England aber, durch das Meer vor Angriffen von
+Außen geschützt und selten in Kriegsunternehmungen auf dem Festlande
+begriffen, befand sich noch nicht in der Nothwendigkeit, regelmäßige
+Truppen zu halten. Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert fanden es
+noch ohne stehende Heere. Zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts hatte
+die Staatswissenschaft schon beträchtliche Fortschritte gemacht; das
+Schicksal der spanischen Cortes und der französischen allgemeinen
+Reichsstände war unsern Parlamenten eine ernste Mahnung gewesen,
+und noch zu rechter Zeit, die Natur und Größe der Gefahr vollkommen
+erkennend, ergriffen sie ein System der Taktik, das nach einem drei
+Generationen hindurch dauernden Kampfe endlich dennoch den Sieg errang.
+
+Fast jeder Schriftsteller, der von diesem Kampfe geschrieben, ist
+darzuthun bemüht gewesen, daß die Parthei, der er angehörte, es war, die
+für die unveränderte Beibehaltung der alten Verfassung kämpfte; aber das
+Wahre ist, daß die alte Verfassung nicht unverändert beibehalten werden
+konnte. Ein Gesetz, erhaben über alle Berechnungen menschlicher
+Weisheit, hat geboten, daß Verfassungen jener besondern Art, wie sie im
+vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderte in Europa allgemein gewesen,
+nicht länger mehr bestehen sollten. Die Frage war also nicht, ob unsere
+Regierungsform eine Veränderung erleiden, sondern welcher Art diese
+Veränderung sein müsse. Durch das Erstehen einer neuen und mächtigen
+Kraft war das alte Gleichgewicht gestört und alle beschränkten
+Monarchien hatten sich eine nach der andern in unbeschränkte verwandelt.
+Was an andern Orten geschehen, würde sicher auch bei uns geschehen sein,
+wenn das Gleichgewicht nicht dadurch hergestellt worden wäre, daß man
+einen großen Theil der Macht von der Krone auf das Parlament übertrug.
+Es fehlte nicht viel, so hätten unsern Fürsten Zwangsmittel zu Gebote
+gestanden, wie kein Plantagenet oder Tudor sie je besessen, und sie
+wären unvermeidlich Despoten geworden, hätte man ihnen nicht zu gleicher
+Zeit Beschränkungen auferlegt, denen kein Plantagenet oder Tudor je
+unterworfen gewesen.
+
+
+[_Die Reformation und ihre Wirkungen._] Es scheint demnach gewiß zu
+sein, daß das siebzehnte Jahrhundert auch dann nicht ohne heftige Kämpfe
+zwischen unsern Königen und ihren Parlamenten vorübergegangen wäre, wenn
+nur politische Gründe sie angefacht hätten; aber andere Ursachen,
+vielleicht noch gewichtiger, brachten sie hervor. Während die Regierung
+der Tudors auf dem Gipfelpunkte ihrer Kraft stand, trat ein Ereigniß
+ein, das den Geschicken aller christlichen Völker, und namentlich dem
+des englischen Volks, eine neue Richtung gab. Zweimal im Laufe des
+Mittelalters hatte sich der Geist Europa's gegen die Herrschaft des
+Pabstes erhoben. Die erste Erhebung fand im südlichen Frankreich statt.
+Das kräftige Einschreiten Innocenz' III., der Eifer der damals erst
+gestifteten Franziskaner- und Dominikaner-Orden und die Rohheit der
+Kreuzfahrer, von der Geistlichkeit auf eine unkriegerische Bevölkerung
+gehetzt, vernichteten die albigensische Kirche. Die zweite Erhebung
+begann in England, und verbreitete sich bis nach Böhmen; aber auch
+diesmal gelang es dem Konzil von Kostnitz, indem es einige kirchliche
+Mißbräuche, an denen die Christenheit Anstoß nahm, beseitigte, und den
+europäischen Fürsten, indem sie schonungslos mit Feuer und Schwert gegen
+die Ketzer einschritten, der Bewegung Einhalt zu thun. Auch dies haben
+wir nicht sehr zu bedauern. Die Sympathien eines Protestanten werden
+sich natürlich zu den Albigensern und Lollards hinneigen; aber ein
+gemäßigter und aufgeklärter Protestant wird nach genauer Prüfung doch
+wohl in Zweifel ziehen, daß der glückliche Erfolg dieser Sekten
+überhaupt Glück und Tugend der Menschen befördert haben würde.
+Wie verdorben die römische Kirche damals auch war, so ist es doch
+wahrscheinlich, daß eine noch viel verdorbenere an ihre Stelle getreten
+sein würde, wenn sie im zwölften, und selbst im vierzehnten Jahrhunderte
+noch, gestürzt wäre. Der größte Theil Europa's besaß in jener Zeit nur
+wenig Kenntnisse, und die vorhandenen waren Eigenthum der Geistlichkeit.
+Von fünfhundert Menschen konnte nicht einer die Psalmen lesen; Bücher
+waren selten und theuer; die Buchdruckerkunst kannte man nicht, und
+Abschriften der Bibel, bei weitem nicht so schön und deutlich als die,
+welche der ärmste Landmann sich jetzt gedruckt verschaffen kann, wurden
+zu Preisen verkauft, die selbst der größte Theil der Geistlichen nicht
+zu zahlen vermochte. Dem Laienstande war es daher völlig unmöglich,
+durch eigene Anschauung die heilige Schrift kennen zu lernen. Wäre nun
+das eine geistige Joch abgeworfen gewesen, so hätte man aller
+Wahrscheinlichkeit nach ein anderes auferlegt, und die bisher von der
+römischen Geistlichkeit ausgeübte Gewalt würde auf eine weit schlimmere
+Klasse von Lehrern übergegangen sein. Mit den übrigen Jahrhunderten
+verglichen, war das sechzehnte Jahrhundert ein sehr aufgeklärtes; und
+dennoch folgte in diesem Zeitalter eine große Anzahl derer, welche sich
+von der alten Religion losgesagt, dem ersten besten verlockenden und
+scheinheiligen Führer, der sich ihnen darbot, und verfielen bald in noch
+gefährlichere Irrthümer als die waren, denen sie entsagt hatten. So war
+es dem Matthias und Knipperdolling, den Aposteln der Unzucht, des Raubes
+und des Mordes, möglich, eine Zeitlang große Städte zu beherrschen. In
+einem noch ungebildeten Zeitalter hätten solche falsche Propheten Reiche
+gründen können, und das Christenthum wäre in einen grausamen und
+sittenlosen Aberglauben verkehrt worden, schädlicher, nicht nur als das
+Pabstthum, sondern auch als der Islam.
+
+Jene große religiöse Umwälzung, die man besonders die Reformation nennt,
+begann ungefähr hundert Jahre nach dem Kostnitzer Konzile. Die Zeit war
+nun zu Reformationen reif, denn der geistliche Stand besaß nicht mehr
+allein und hauptsächlich den Schatz menschlichen Wissens. Die Erfindung
+der Buchdruckerkunst hatte den Gegnern der römischen Kirche eine
+mächtige Waffe gegeben, die den Vorgängern derselben gefehlt; das
+Studium der alten Schriftsteller, die rasche Entwickelung der neuen
+Sprachen, die plötzlich in jedem Zweige der Literatur entfaltete
+Thätigkeit, der politische Zustand Europas, die Lasterhaftigkeit des
+römischen Hofes, die Erpressungen der römischen Kanzlei, die Eifersucht,
+welche die Reichthümer und Privilegien der Geistlichkeit in den Laien
+erweckten, der Neid, den das Übergewicht Italiens in den diesseits der
+Alpen Geborenen erregte, -- dies Alles gab den Predigern der neuen
+Gotteslehre einen Vortheil, den sie zweckmäßig zu verwenden wußten.
+
+Man kann ohne Inconsequenz, selbst in Anbetracht des wohlthätigen
+Einflusses, den die römische Kirche auf die Menschheit ausübte, die
+Reformation als ein unschätzbares Glück betrachten. Das Gängelband,
+welches das Kind sichert und aufrecht erhält, ist dem Manne ein
+Hinderniß. So können dieselben Hilfsmittel, die auf der einen
+Bildungsstufe den menschlichen Geist stützen und entwickeln, auf einer
+andern ihm hemmende Bande sein. In der Existenz des Einzelnen wie der
+Gesellschaften giebt es einen Punkt, wo die Unterwerfung und der Glaube,
+die man in späteren Zeiten mit Recht Knechtssinn und Leichtgläubigkeit
+nennen würde, nützliche Eigenschaften sind. Das Kind, das gelehrig und
+vertrauensvoll auf die Unterweisungen Älterer hört, wird ohne Zweifel
+rasche Fortschritte machen; der Mann aber, der unbedenklich und mit
+kindlicher Gelehrigkeit jede Behauptung und jede Glaubensansicht eines
+andern und nicht klügern Mannes als er, annimmt, würde verächtlich
+erscheinen. Ebenso ist es mit ganzen Gesellschaften. Die Kindheit der
+europäischen Nationen verfloß unter der Vormundschaft der Geistlichkeit.
+Der Einfluß der geistlichen Orden war lange Zeit so überwiegend, wie es
+naturgemäß und mit Recht jede geistige Autorität sein muß. Die Priester,
+mit allen ihren Fehlern, bildeten den aufgeklärtesten Theil der
+Gesellschaft; es war daher im Ganzen genommen ein Glück, daß man ihnen
+gehorchte und sie achtete. Die Übergriffe der kirchlichen Macht in das
+Gebiet der weltlichen war so lange mehr segenbringend als schädlich,
+als sich die geistliche Gewalt in den Händen der einzigen Klasse befand,
+die Geschichte, Philosophie und öffentliches Recht studirt hatte, die
+weltliche Gewalt aber in den Händen roher Häuptlinge, die ihre eigenen
+Verleihungen und Erlasse nicht lesen konnten. Dies änderte sich jedoch;
+die Kenntnisse verbreiteten sich nach und nach unter den Laien, von
+denen schon im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts viele in geistiger
+Beziehung den aufgeklärtesten ihrer Seelenhirten gleich kamen. Von nun
+an wurde jene Autorität, welche ungeachtet mancher Mißbräuche in den
+Jahrhunderten der Finsterniß eine gesetzliche und heilsame Vormundschaft
+gewesen, eine ungerechte und verderbliche Tyrannei.
+
+Von der Zeit an, wo die Barbaren das weströmische Reich stürzten, bis zu
+der Zeit des Wiederemporblühens der Wissenschaften übte die römische
+Kirche im Allgemeinen auf Wissenschaft, Civilisation und eine gute
+Staatsverfassung einen heilsamen Einfluß aus; aber während der letzten
+drei Jahrhunderte ist es ihr Hauptbestreben gewesen, die Entwickelung
+des menschlichen Geistes zu hindern. Alle Fortschritte in der
+Christenheit, in Wissen, Freiheit, Wohlstand und in den Künsten des
+Lebens, sind ungeachtet ihres Entgegenwirkens gemacht worden und haben
+stets zu ihrer Macht im entgegengesetzten Verhältnisse gestanden.
+Die schönsten und fruchtbarsten Provinzen Europa's sind unter ihrer
+Herrschaft in Armuth, politische Knechtschaft und geistige Erstarrung
+versunken, während protestantische Länder, die einst als unfruchtbar und
+barbarisch sprichwörtlich waren, durch Geschicklichkeit und Fleiß in
+Gärten verwandelt wurden, und sich einer langen Reihe von Helden,
+Staatsmännern, Philosophen und Dichtern rühmen. Man kann sich ein
+Urtheil über die Tendenzen der päpstlichen Herrschaft bilden, wenn man
+weiß, was Italien und Schottland von Natur sind und vor vierhundert
+Jahren wirklich waren, und wenn man jetzt die Gegend um Rom mit der um
+Edinburg vergleicht. Das Herabsinken Spaniens, einst die erste unter den
+Monarchien, zu der untersten Stufe der Erniedrigung, und das
+Emporsteigen Hollands, ungeachtet mancher natürlichen Hindernisse,
+zu einer Höhe, wie sie kein Gemeinwesen von so geringer Ausdehnung je
+erreicht hat, beweisen dasselbe. Wer in Deutschland aus einem
+katholischen Lande in ein protestantisches, in der Schweiz aus einem
+katholischen in einen protestantischen Kanton, und in Irland aus einer
+katholischen in eine protestantische Grafschaft kommt, gewahrt, daß er
+von einem niedern Grade der Civilisation bei einem höhern Grade
+angelangt ist. Dieselben Resultate findet man jenseits des atlantischen
+Meeres. Die Protestanten der Vereinigten Staaten haben die Katholiken in
+Mexico, Peru und Brasilien weit hinter sich gelassen. Die Katholiken von
+Unter-Canada verharren in ihrer Trägheit; die Protestanten aber
+erfüllen den ganzen Kontinent um sich her durch Thätigkeit und
+Unternehmungsgeist. Die Franzosen haben ohne Zweifel Energie und
+Intelligenz an den Tag gelegt, die ihnen, selbst wenn sie in unrechte
+Bahnen geleitet wurden, gerechten Anspruch auf den Namen einer großen
+Nation geben; aber bei näherer Untersuchung wird sich diese scheinbare
+Ausnahme dennoch als eine Bestätigung der Regel bewähren, denn in keinem
+Lande, das für römisch-katholisch galt, hat die römisch-katholische
+Kirche mehrere Generationen hindurch so wenig in Ansehen gestanden,
+als in Frankreich.
+
+Ob England mehr der römisch-katholischen Religion oder der Reformation
+verdankt, ist schwer zu bestimmen. Die Vermischung der Volksstämme und
+die Abschaffung der Leibeigenschaft ist vorzüglich ein Ergebniß des
+Einflusses, den der Clerus des Mittelalters auf den Laienstand ausübte;
+die politische und geistige Freiheit hingegen, sammt allen mit ihnen
+verbreiteten Segnungen, dankt England hauptsächlich der großen Erhebung
+des Laienstandes gegen die Geistlichkeit.
+
+Der Kampf zwischen der alten und neuen Glaubenslehre in unserm
+Vaterlande war ein langer, und der Ausgang desselben schien mitunter
+zweifelhaft. Es gab zwei extreme Parteien, gleich bereit, mit Gewalt zu
+handeln, oder mit unbeugsamer Festigkeit zu dulden. Zwischen diesen
+beiden Parteien befand sich eine Zeitlang eine dritte, welche zwar sehr
+unlogisch, aber dennoch sehr natürlich die in der Kindheit erhaltenen
+Lehren mit den Predigten der neuern Evangelisten vermischt und, obgleich
+mit Vorliebe an den alten Observanzen hangend, dennoch die mit diesen
+Observanzen verknüpften Mißbräuche verabscheute. Leute von solcher
+Denkart folgten willig, fast dankbar, den Anleitungen eines tüchtigen
+Führers, der ihnen die Mühe ersparte, selbst zu urtheilen und, mit
+starker, fester Stimme das Lärmen des Streitens übertönend, ihnen sagte,
+wie sie Gott verehren und was sie glauben müßten. Es kann uns daher
+nicht befremden, daß die Tudors einen so großen Einfluß auf die
+kirchlichen Angelegenheiten auszuüben vermochten, und daß sie diesen
+Einfluß meistens nur in ihrem eigenen Interesse geltend machten.
+
+Heinrich VIII. versuchte eine anglikanische Kirche zu gründen, die sich
+von der römisch-katholischen in dem Punkte des Supremats, und nur in
+diesem Punkte allein unterschied; der Erfolg war ein außerordentlicher.
+Seine Energie des Charakters, seine besonders günstige Stellung zu
+fremden Mächten, die ungeheuren Reichthümer, welche durch die Beraubung
+der Klöster ihm zufielen, und vorzüglich der Beistand aller Derer, die
+zwischen beiden Meinungen schwankten, machten es ihm möglich, beiden
+Extremen zu trotzen, die Anhänger der Lehren Luthers als Ketzer
+verbrennen und die als Verräther hängen zu lassen, welche die Autorität
+des Papstes anerkannten. Aber Heinrichs System starb mit ihm. Wenn er
+länger gelebt hätte, würde es ihm schwer geworden sein, eine Stellung zu
+behaupten, die von den Anhängern der neuen und der alten Meinungen mit
+gleicher Wuth angegriffen wurde. Die Minister, denen die Bewahrung der
+königlichen Hoheitsrechte während der Minderjährigkeit seines Sohnes
+anvertraut war, konnten es nicht wagen, in einer so kühnen Politik zu
+verharren, und eben so wenig unternahm es Elisabeth, zu ihr
+zurückzukehren. Es mußte nothwendig eine Wahl getroffen werden: Die
+Regierung hatte sich entweder Rom zu unterwerfen, oder die Hilfe der
+Protestanten zu erwirken, mit denen sie nur das Eine, den Haß gegen die
+päpstliche Gewalt, gemein hatte. Die englischen Reformatoren waren
+eifrig bemüht, eben so weit zu gehen, als ihre Brüder auf dem
+Continente; einmüthig verdammten sie mehrere Glaubenssätze und Gebräuche
+als unchristlich, an denen Heinrich hartnäckig gehalten, und die
+Elisabeth nur mit Widerstreben aufgab. Selbst gegen gleichgültige Dinge,
+die einen Theil der Verfassung oder des Rituals des mystischen Babylon
+gebildet hatten, hegten viele von ihnen einen lebhaften Widerwillen.
+Bischof Hooper, der in Gloucester muthig für seinen Glauben starb,
+weigerte sich lange Zeit, die bischöflichen Gewänder anzulegen. Bischof
+Ridley, ein noch berühmterer Märtyrer, ließ die alten Altäre seiner
+Diöcese niederreißen und an Tafeln, die in der Mitte der Kirche
+aufgestellt und von den Papisten sehr unehrerbietig Austernbänke genannt
+wurden, das heilige Abendmahl austheilen. Bischof Jewel nannte die
+geistliche Tracht ein Theaterkleid, einen Narrenanzug, ein Überbleibsel
+von den Amonitern, und versprach, Alles aufzubieten, um solche
+schmähliche Absurditäten auszurotten. Erzbischof Grindal zögerte lange,
+die Mitra anzunehmen, weil er Widerwillen gegen die Weihe hegte, die er
+als eine Mummerei betrachtete. Bischof Parkhurst sprach in einem
+inbrünstigen Gebet aus, die Kirche von England möge sich die von Zürich
+als absolutes Vorbild einer christlichen Verbrüderung nehmen. Bischof
+Ponet wollte, daß man die Benennung »Bischof« den Papisten überlassen
+und die höchsten Beamten der geläuterten Kirche Superintendenten nennen
+sollte. Erwägt man nun, daß alle diese Prälaten nicht der äußersten
+Richtung der protestantischen Partei huldigten, so kann man unbezweifelt
+annehmen, daß das Werk der Reformation in England ebenso schonungslos
+würde betrieben worden sein als in Schottland, wenn man allgemein der
+Richtung dieser Partei gefolgt wäre.
+
+
+[_Ursprung der Kirche von England._] In demselben Maße aber, wie die
+Regierung des Beistandes der Protestanten bedurfte, so bedurften die
+Protestanten des Schutzes der Regierung. Man gab deshalb viel von beiden
+Seiten auf, es kam eine Vereinigung zu Stande, und die Frucht dieser
+Vereinigung war die Kirche von England. Viele der wichtigsten
+Begebenheiten, die sich seit der Reformation in unserm Vaterlande
+zugetragen haben, sind den Eigenthümlichkeiten dieser großen Institution
+und den heftigen Leidenschaften zuzuschreiben, die sie in den Gemüthern
+von Freunden und Feinden erweckt. Die weltliche Geschichte Englands wird
+uns völlig unklar bleiben, wenn wir sie nicht im steten Zusammenhange
+mit der Geschichte seiner Kirchenverfassungen studiren.
+
+Der Mann, der am thätigsten bei der Feststellung der Bedingungen jenes
+Bündnisses wirkte, aus dem die anglikanische Kirche entstand, war Thomas
+Cranmer. Er war der Repräsentant beider Parteien, die damals des
+gegenseitigen Beistandes bedurften; er war Theolog und Staatsmann
+zugleich. Als Theolog zeigte er sich völlig bereit, die Bahn der
+Änderung eben so weit zu verfolgen, als irgend ein schweizerischer oder
+schottischer Reformator; als Staatsmann aber strebte er danach, die
+Organisation zu bewahren, die Jahrhunderte lang den Zwecken der
+römischen Bischöfe so treffliche Dienste geleistet hatte, und von der zu
+erwarten stand, daß sie jetzt den Zwecken der englischen Könige und der
+Minister derselben eben so ersprießlich sein würde. Sein Charakter und
+sein Verstand befähigten ihn vollkommen zu dem Amte des Vermittlers.
+Fromm in seinen Worten, ohne Scrupel in seinen Handlungen, im Grunde für
+nichts begeistert, kühn in der Theorie, ein Feigling und Mantelträger
+bei der Ausführung, ein versöhnlicher Feind und ein lauer Freund, besaß
+er alle Eigenschaften, welche zur Aufstellung der Vertragsbedingungen
+zwischen den religiösen und weltlichen Feinden des Papismus erforderlich
+waren.
+
+
+[_Ihr eigenthümlicher Charakter._] Noch heute zeigt die Kirche in
+Verfassung, Lehren und gottesdienstlichen Gebräuchen die sichtbaren
+Spuren des Vergleichs, aus dem sie hervorging; sie ist ein Mittelding
+zwischen den Kirchen von Rom und Genf. Ihre von Protestanten verfaßten
+Bekenntnisse und Abhandlungen stützen sich auf theologische Grundsätze,
+an denen Calvin und Knox kaum ein Wort zu tadeln gehabt hätten. Ihre aus
+den alten Brevieren entnommenen Gebete und Danksagungen sind fast alle
+der Art, daß Bischof Fisher oder der Cardinal Pole sie aus Herzensgrunde
+hätten mitbeten können. Ein Polemiker, der ihre Artikel und Homilien im
+arminianischen Sinne auslegt, wird bei billigdenkenden Männern eben so
+wenig Recht erhalten, als der, der läugnen wollte, daß in ihrer Liturgie
+die Lehre von der Wiedergeburt durch die Taufe zu finden sei.
+
+Die römische Kirche hielt immer noch fest, daß die Bischofswürde eine
+göttliche Einsetzung, und gewisse übernatürliche hohe Gaben fünfzig
+Generationen hindurch von den elf, die auf dem galiläischen Berge ihre
+Ämter empfangen, durch Handauflegen auf die Bischöfe übergegangen seien,
+die in Trient sich versammelten. Eine große Anzahl Protestanten aber
+hielt die Prälatur geradezu für ungesetzlich, und glaubte in der
+heiligen Schrift eine ganz andere Form des kirchlichen Regimentes
+ausgesprochen zu finden. Die Gründer der anglikanischen Kirche schlugen
+einen Mittelweg ein, indem sie das Episkopat zwar beibehielten, aber den
+Einfluß desselben auf das Gedeihen einer christlichen Gesellschaft oder
+die Wirksamkeit der Sakramente für unwesentlich erklärten. Cranmer
+selbst sprach bei einer wichtigen Gelegenheit als seine Überzeugung aus,
+daß es in den ersten christlichen Zeiten keinen Unterschied zwischen
+Bischöfen und Priestern gegeben habe, und daß das Händeauflegen völlig
+unnütz sei.
+
+In der presbyterianischen Kirche ist die Leitung des öffentlichen
+Gottesdienstes größtentheils den Geistlichen überlassen. Ihre Gebete
+sind deshalb in zwei Versammlungen an einem Tage oder in einer
+Versammlung an verschiedenen Tagen nicht dieselben. In dieser Gemeinde
+sind sie inbrünstig, beredt und sinnreich; in jener vielleicht matt
+und absurd. Die Priester der römisch-katholischen Kirche hingegen
+haben schon seit Jahrhunderten tagtäglich dieselben alten
+Glaubensbekenntnisse, Bitten und Danksagungen, in Indien wie in
+Lithauen, in Irland wie in Peru, abgesungen. Der in einer todten Sprache
+abgehaltene Gottesdienst ist nur den Gelehrten verständlich, und von der
+großen Mehrzahl der versammelten Gemeinde kann man sagen, daß sie
+demselben mehr als Zuschauer, denn als Zuhörer beiwohnen. Aber auch hier
+schlug die englische Kirche wieder den Mittelweg ein, indem sie die
+römisch-katholischen Gebetsformen beibehielt, sie in die Volkssprache
+übersetzte und die ungelehrte Menge aufforderte, ihre Stimme mit der des
+Priesters zu vereinigen.
+
+Dieselbe Politik läßt sich durch alle ihre Systeme verfolgen. Sie
+verwarf zwar die Lehre von der Transsubstantiation, und verdammte jede
+Anbetung des Brodes und Weines beim Abendmahle als einen Götzendienst;
+aber sie verlangte dennoch, zum Ärgerniß der Puritaner, daß ihre Kinder
+das Erinnerungszeichen göttlicher Liebe demüthig kniend empfangen
+sollten. Sie beseitigte zwar die reichen Bekleidungen, welche die Altäre
+des alten Glaubens umgaben; aber das einfache weißleinene Gewand, das
+Sinnbild der Reinheit, die ihr als der mystischen Braut Christi zukomme,
+behielt sie, zum Schrecken schwacher Gemüther, bei. Sie schaffte
+zwar eine Menge pantomimischer Bewegungen ab, die bei dem
+römisch-katholischen Gottesdienste verständliche Worte vertreten, aber
+sie gab doch manchem strengen Protestanten dadurch Anstoß, daß sie das
+eben aus dem Taufsteine besprengte Kind mit dem Zeichen des Kreuzes
+segnete. Der römische Katholik betete zu einer Menge Heiliger, unter
+denen sich Männer von zweifelhaftem, sogar einige von gehässigem
+Charakter befanden; der Puritaner weigert sich, selbst den Apostel der
+Heiden, den Jünger, den Jesus liebte, »heilig« zu benennen. Obgleich die
+Kirche von England kein geschaffenes Wesen um Schutz anflehte, so setzte
+sie doch besondere Tage zur Gedächtnißfeier an die fest, die für den
+Glauben Großes gewirkt und gelitten hatten. Die Confirmation und die
+Ordination behielt sie als erbauliche Gebräuche bei, aber sie zählte sie
+nicht zu den Sakramenten. Die Ohrenbeichte gehörte nicht in ihr System;
+aber sie forderte den sterbenden Sünder freundlich auf, seine Vergehen
+einem Geistlichen zu bekennen, und ermächtigte ihre Diener, die
+scheidende Seele durch eine Absolution zu erleichtern, welche ganz den
+Geist des alten Glaubens athmet. -- Man kann im Allgemeinen sagen,
+sie wendet sich mehr an den Verstand und weniger an die Sinne und die
+Phantasie, als die römische Kirche; aber sie nimmt weniger den Verstand
+und mehr die Sinne und die Phantasie in Anspruch, als die
+protestantischen Kirchen von Schottland, Frankreich und der Schweiz.
+
+
+[_Das Verhältniß, in welchem sie zu der Krone stand._] Nichts jedoch
+unterschied die englische Kirche so sehr von andern Kirchen, als ihr
+Verhältniß zur Monarchie. Der König war ihr Haupt. Die Grenzen der
+Macht, die er als ein solches besaß, waren nicht genau angegeben, und
+sind auch nie genau angegeben worden. Die Gesetze, durch die er zum
+Oberherrn der Kirche ernannt, waren unbestimmt und zu allgemeinen
+Ausdrücken abgefaßt. Prüfen wir, um den Sinn dieser Gesetze genau zu
+deuten, die Schriften und das Leben der Gründer der englischen Kirche,
+so werden wir in noch größere Verlegenheit gerathen, denn diese
+schrieben und wirkten in einer Zeit großer geistigen Gährung, in einer
+Zeit steten Strebens und Gegenstrebens. Sie standen daher nicht nur
+untereinander, sondern oft auch mit sich selbst im Widerspruch. Der
+Lehrsatz, daß der König nächst Christus das alleinige Haupt der Kirche
+sei, wurde von Allen einmüthig anerkannt; aber diesen Worten wurde von
+Verschiedenen, selbst von Einem und Demselben unter verschiedenen
+Umständen, eine sehr verschiedene Bedeutung beigelegt. Man schrieb dem
+Souverain nicht selten eine Gewalt zu, mit der sich ein Hildebrand
+zufrieden erklärt haben würde; dann wieder ward sie dergestalt
+eingeschränkt, daß sie nicht viel größer war als jene, welche alte
+englische Fürsten beanspruchten, die stete Gemeinschaft mit der
+römischen Kirche gepflogen hatten. Das, was Heinrich und seine
+vertrauten Räthe unter Suprematie verstanden, war nichts Geringeres, als
+die ganze Macht des Papstes; der König sollte der Papst seines Reiches,
+der Stellvertreter Gottes, der Ausleger der katholischen Wahrheit, der
+Ausfluß der sakramentlichen Gnaden sein. Er maßte sich die rechtsgültige
+Entscheidung über wahre Lehre und Ketzerei an, das Entwerfen und
+Anordnen von Glaubensbekenntnissen, und religiöse Unterweisungen für das
+Volk. Er erklärte, daß alle geistliche und weltliche Gerichtsbarkeit ihm
+allein zustehe, und daß er die Macht besitze, die bischöfliche Würde zu
+verleihen und zurückzunehmen; er ging selbst so weit, daß er den
+Bestallungsdekreten der Bischöfe, wonach diesen ihre Amtsverrichtungen
+nur auf so lange übertragen wurden, als er es für gut befinden würde,
+sein Siegel beifügte. Nach diesem, von Cranmer aufgestellten Systeme,
+war der König nicht nur das geistliche, sondern auch das weltliche
+Oberhaupt der Nation, und in dieser doppelten Eigenschaft mußte er seine
+Stellvertreter haben. Wie er bürgerliche Beamte zur Bewahrung seiner
+Siegel, zur Erhebung seiner Einkünfte und zur Ausübung des Rechts in
+seinem Namen bestellte, so ernannte er auch Geistliche verschiedenen
+Ranges, um das Evangelium zu predigen und die Sakramente zu ertheilen;
+das Auflegen der Hände war dabei nicht nöthig. Nach Cranmer's klar und
+deutlich ausgesprochener Meinung konnte der König, kraft seiner ihm von
+Gott verliehenen Gewalt, einen Priester bestellen, und der so bestellte
+Priester bedurfte keiner weitern Ordination. Trotz der Opposition
+einiger eben nicht höfisch ggesinnten Geistlichen, verfuhr Cranmer nach
+diesen Ansichten in allen ihren gesetzlichen Consequenzen; er hielt
+seine eigenen geistlichen Funktionen für beendet, wie die des Kanzlers
+und des Schatzmeisters, sobald die Krone auf ein anderes Haupt übergehe.
+-- Demnach holten, bei Heinrichs Tode, der Erzbischof und seine
+Suffragane neue Bestallungen ein, die sie ermächtigten, so lange zu
+ordiniren und geistliche Verrichtungen vorzunehmen, bis der neue Monarch
+anders verfügen würde. Als man den Einwand machte, die Gewalt zu lösen
+und zu binden, die der Herr seinen Aposteln verliehen, sei von der
+weltlichen Gewalt ganz verschieden, so antworteten die Theologen dieser
+Schule, daß die Macht zu lösen und zu binden nicht auf die Geistlichkeit
+allein, sondern auf die Gesammtheit der Christen übergegangen sei und
+von der höchsten Obrigkeit, als der Repräsentantin der Gesellschaft,
+geübt werden müsse. Dem Einwande, der heilige Paulus habe nur von
+bestimmten Personen gesprochen, die der heilige Geist zu Aufsehern und
+Hirten der Gläubigen erwählt, ward mit der Antwort begegnet: König
+Heinrich sei eben der Aufseher und Hirt, den der heilige Geist erwählt
+habe, und auf den sich die Worte des heiligen Paulus bezögen.[3]
+
+Diese ausgedehnten Ansprüche erregten bei Protestanten und Katholiken
+gleiches Ärgerniß, und dies ward ein noch größeres, als das Supremat,
+das Maria dem Papste zurückgegeben, bei der Thronbesteigung Elisabeths
+mit der Krone wieder verbunden wurde. Man hielt es für unerhört, daß
+eine Frau der erste Bischof der Kirche sein solle, in der, nach dem
+Verbote des Apostels, sie nicht einmal ihre Stimme hören lassen dürfe.
+Die Königin sah sich daher genöthigt, auf den priesterlichen Charakter,
+den ihr Vater sich beigelegt, und der nach Cranmer's Ansicht durch
+göttliche Verordnung mit der königlichen Würde unzertrennlich verbunden
+sei, ausdrücklich Verzicht zu leisten. Bei der unter ihrer Regierung
+stattgefundenen Revision des anglikanischen Glaubensbekenntnisses
+erklärte man das Supremat in einer ganz andern Weise, als es an
+Heinrich's Hofe zu geschehen pflegte. Cranmer hatte in bestimmten
+Ausdrücken erklärt, Gott habe den christlichen Fürsten die ganze Sorge
+für das Heil aller Unterthanen, also ebensowohl in Bezug auf die
+Ausübung des göttlichen Wortes in der Seelsorge, als in Bezug auf die
+Ausübung der staatlichen Gewalt, unmittelbar übertragen.[4] Der
+siebenunddreißigste Religionsartikel, der unter Elisabeths Regierung
+entworfen ward, erklärt in eben so bestimmten Ausdrücken, daß den
+Fürsten die Aufsicht über die Ausübung des göttlichen Wortes nicht
+gebühre. Aber dessen ungeachtet besaß die Königin immer noch ein
+ausgedehntes und unbestimmt begrenztes Aufsichtsrecht über die Kirche.
+Das Parlament hatte ihr das Amt übertragen, Ketzereien und jede Art
+kirchlicher Mißbräuche zu verhindern und zu bestrafen, und ihr zugleich
+gestattet, diese Gewalt wiederum auf Bevollmächtigte übergehen zu
+lassen. Die Bischöfe waren nicht mehr, als ihre Minister. Im elften
+Jahrhundert würde die römische Kirche eher ganz Europa in Brand gesetzt
+haben, als daß sie der bürgerlichen Macht die unumschränkte Befugniß zur
+Ernennung geistlicher Hirten zugestanden hätte. In unserer Zeit würden
+die Diener der schottischen Kirche ihre Pfründen bei Hunderten aufgeben,
+ehe sie der bürgerlichen Obrigkeit die Gewalt einräumten, Kirchendiener
+zu ernennen. Solche Scrupel hegte die englische Kirche nicht. Die
+königliche Autorität allein genügte, die Kirchenversammlungen
+einzuberufen, zu ordnen, zu vertagen und aufzulösen. Ihre Beschlüsse
+hatten ohne die königliche Sanction keine Kraft. Selbst einer ihrer
+Glaubensartikel bestimmte, daß ein kirchliches Koncilium ohne königliche
+Genehmigung gesetzlich nicht zusammentreten könne. Von allen ihren
+Gerichtsstellen konnte man in letzter Instanz an die königliche
+Autorität appelliren, selbst wenn es sich um die Feststellung
+ketzerischer Ansichten, oder um die Gültigkeit eines ausgetheilten
+Sakramentes handelte. Eben so wenig mißgönnte die Kirche unsern Fürsten
+diese ausgedehnte Gewalt, die von ihnen in's Leben gerufen, in ihrer
+schwachen Kindheit gepflegt, hier vor den Papisten und dort vor den
+Puritanern bewahrt, gegen ihr abgeneigte Parlamente geschützt, und an
+gelehrten Gegnern, denen zu antworten ihr schwer gefallen wäre, gerächt
+worden war. So ward sie durch Dankbarkeit, Hoffnung, Furcht und
+gemeinsame Neigung und Abneigung an den Thron gefesselt; alle ihre
+Traditionen und Gefühle waren monarchisch. Loyalität wurde unter ihrer
+Geistlichkeit zu einem Punkte der Standesehre, zu einem Zeichen, das sie
+von Calvinisten und Papisten zugleich unterschied. Calvinisten und
+Papisten, obgleich in andern Beziehungen uneinig, betrachteten alle
+Eingriffe der weltlichen Macht in das Gebiet der geistlichen mit großer
+Eifersucht. Calvinisten wie Papisten behaupteten, daß die Unterthanen
+berechtigt seien, gegen gottvergessene Regenten das Schwert zu ziehen.
+In Frankreich trotzten Calvinisten Karl IX., Papisten Heinrich IV., und
+beide Parteien zusammen Heinrich III. In Schottland nahmen Calvinisten
+Maria gefangen; im Norden vom Trent schwangen Papisten die Waffen gegen
+Elisabeth. Die Kirche von England aber verdammte Calvinisten und
+Papisten, und rühmte sich offen, daß sie keine Pflicht beharrlicher und
+dringender einschärfe, als die des Gehorsams gegen die Fürsten.
+
+Die Vortheile, welche der Krone aus dieser innigen Vereinbarung mit der
+Staatskirche erwuchsen, waren zwar groß, aber nicht ohne starke
+Schattenseiten. Eine große Zahl Protestanten hatte den durch Cranmer
+vermittelten Vergleich schon anfangs für eine Erfindung gehalten, um
+zweien Herren zu dienen, und für einen Versuch, den Dienst des Herrn mit
+dem des Baal zu vereinigen. Unter Eduard VI. hatten die Scrupel dieser
+Partei dem regelmäßigen Gange der Regierung mehreremal große Hindernisse
+bereitet, und bei der Thronbesteigung Elisabeths mehrten sich diese
+Hindernisse. Gewalt gebiert natürlich Gewalt.
+
+ [Anmerkung 3: Siehe eine merkwürdige Schrift, die Stryve als von
+ Gardiners eigener Hand verfaßt hält: +Ecclesiastical Memorials+,
+ Buch I. Kap. 17.]
+
+ [Anmerkung 4: Dies sind Cranmer's eigene Worte. Siehe den Anhang
+ zu Burnets +History of the Reformation, Part I. Book III. No. 21.
+ Question 9.+]
+
+
+[_Die Puritaner._] Nach den von Maria verübten Grausamkeiten war der
+Geist des Protestantismus viel heftiger und unduldsamer, als zuvor.
+Viele eifrige Anhänger der neuen Glaubensmeinungen waren in jener
+schlimmen Zeit nach der Schweiz und nach Deutschland geflüchtet, hatten
+dort bei ihren Glaubensbrüdern gastliche Aufnahme gefunden, zu den Füßen
+der großen Doctoren von Straßburg, Zürich und Genf gesessen, und waren
+einige Jahre hindurch an einen einfachen Gottesdienst und eine
+demokratischere Form der Kirchenverwaltung gewöhnt, als in England bis
+dahin existirt hatte. Diese Leute kehrten mit der Überzeugung in ihr
+Vaterland zurück, daß die unter König Eduard stattgehabte Reform nicht
+so gründlich und umfassend gewesen sei, als es die Interessen einer
+reinen Religion erforderten. Ihre Bemühungen, von Elisabeth irgend ein
+Zugeständniß zu erlangen, blieben ohne Erfolg. Es schien ihnen, daß das
+System der Letztern in allem, worin es sich von dem ihres Bruders
+unterschied, schlechter sei, als jenes; sie waren wenig geneigt, sich in
+Glaubensangelegenheiten irgend einer menschlichen Autorität zu
+unterwerfen. Auf ihre eigene Auslegung der Schrift bauend, hatten sie
+sich erst kürzlich gegen eine Kirche erhoben, deren Stärke in großem
+Alter und in der allgemeinen Anerkennung beruhte; nur durch einen
+ungewöhnlichen Aufwand geistiger Kraft war es ihnen gelungen, das Joch
+dieses glänzenden und imponirenden Aberglaubens abzuwerfen, und es stand
+daher nicht zu erwarten, daß sie unmittelbar nach einer solchen
+Emanzipation sich geduldig einer neuen geistigen Tyrannei fügen würden.
+Lange gewöhnt, die Angesichter wie vor einem gegenwärtigen Gotte zur
+Erde zu neigen, wenn der Priester die Hostie erhob, hatten sie die Messe
+als ein götzendienerisches Possenspiel betrachten gelernt; lange
+gewöhnt, den Papst als den Nachfolger des ersten der Apostel, als den
+Bewahrer der Schlüssel von Erde und Himmel zu betrachten, hatten sie
+gelernt, in ihm das Thier, den Antichrist und den Mann der Sünde zu
+sehen. Daß sie nun die Huldigung, die sie dem Vatican entzogen,
+unmittelbar auf eine neu geschaffene Autorität übertragen, daß sie ihr
+eigenes Urtheil der Autorität einer Kirche unterordnen, die sich
+ebenfalls nur auf individuelles Urtheil gründete, und daß sie sich
+scheuen würden, von Lehren abzuweichen, die selbst von dem, was noch
+kürzlich der allgemeine Glaube der westlichen Christenheit gewesen,
+abwich, ließ sich nicht erwarten. Es ist leicht zu begreifen, daß kühne
+und forschende Geister, triumphirend über die neu errungene Freiheit,
+höchst entrüstet sein mußten, wenn eine um manches Jahr jüngere
+Institution als sie selbst, eine Institution, die unter ihren eigenen
+Augen nach und nach ihre Form von den Leidenschaften und den Interessen
+des Hofes erhalten, das hochmüthige Wesen Rom's nachzuahmen begann.
+
+
+[_Ihr republikanischer Geist._] Da man diese Leute nicht überzeugen
+konnte, beschloß man, sie zu verfolgen, und die Verfolgung äußerte ihre
+natürlichen Wirkungen: sie fand in ihnen eine Sekte, und machte daraus
+eine Partei. Mit ihrem Hasse gegen die Kirche verband sich nun auch der
+Haß gegen die Krone. Diese beiden Gefühle vermischten sich, indem eines
+die Bitterkeit des andern vermehrte. Die Meinungen der Puritaner über
+das gegenseitige Verhältniß zwischen Herrscher und Beherrschten waren
+von denen weit verschieden, die in den Homilien eingeschärft wurden.
+Die beliebtesten Theologen derselben hatten durch Wort und Beispiel zum
+Widerstande gegen Tyrannen und Verfolger ermuthigt; die calvinistischen
+Genossen in Frankreich, Holland und Schottland hatten die Waffen gegen
+götzendienerische und grausame Regenten ergriffen, und die Ansichten
+derselben über Staatsregierung nahmen die Färbung der Ansichten von der
+Kirchenregierung an. Einige von den Sarkasmen, die das Volk im gemeinen
+Leben gegen die Geistlichkeit richtete, konnten leicht auf das Königthum
+gerichtet werden, und manche der Gründe, durch die man bewies, daß die
+geistliche Gewalt am besten durch eine Synode ausgeübt werde, führten
+anscheinend auch zu dem Schlusse, daß die weltliche Gewalt am besten in
+einem Parlamente bewahrt sei.
+
+Wie nun der Priester der Staatskirche aus Interesse, Grundsatz und
+Leidenschaft den königlichen Vorrechten ein eifriger Verfechter war,
+so stand der Puritaner aus Interesse, Grundsatz und Leidenschaft ihnen
+feindlich entgegen. Die mißvergnügten Sektirer hatten eine ausgedehnte
+Macht, in jedem Stande fanden sie Anhänger, und unter den
+handeltreibenden Klassen der Städte sowie unter den kleinen
+Grundbesitzern auf dem Lande die meisten.
+
+
+[_Gegen die Regierung Elisabeths erhob sich keine systematische
+parlamentarische Opposition._] Schon in den ersten Regierungsjahren
+Elisabeths bildeten diese Sektirer die Majorität in dem Hause der
+Gemeinen, und wenn unsere Vorfahren damals ihre ganze Aufmerksamkeit auf
+die innern Angelegenheiten hätten richten können, so unterliegt es
+keinem Zweifel, daß der Streit zwischen der Krone und dem Parlamente
+sofort begonnen haben würde. Damals aber war keine Zeit für innere
+Zwistigkeiten. Es steht überhaupt in Frage, ob selbst die festeste
+Vereinigung aller Klassen im Staate die gemeinsame Gefahr, die ihnen
+drohte, hätte abwenden können. Das römisch-katholische und das
+reformirte Europa führten einen Kampf auf Leben und Tod. Frankreich,
+mit sich selbst im Kriege begriffen, konnte für einige Zeit in der
+Christenheit nicht in Betracht gezogen werden. Die englische Regierung
+stand an der Spitze des protestantischen Interesses, und während sie im
+Lande die Presbyterianer verfolgte, ließ sie den presbyterianischen
+Kirchen im Auslande einen kräftigen Schutz angedeihen. An der Spitze der
+Gegenpartei stand der mächtigste Fürst jener Zeit, ein Fürst, der
+Spanien, Portugal, Italien, die Niederlande und Ost- und West-Indien
+beherrschte, dessen Armeen mehr als einmal Paris bedrohten, und dessen
+Flotten die Küsten von Devonshire und Sussex in Furcht hielten. Lange
+hatte es den Anschein, daß die Engländer auf eignem Boden einen
+verzweifelten Kampf um Religion und Unabhängigkeit zu bestehen haben
+würden, und von der Befürchtung eines argen Verrathes im eignen Lande
+waren sie keinen Augenblick frei, denn damals war es auch für viele edle
+Charaktere ein Gewissens- und Ehrenpunkt geworden, das Vaterland der
+Religion zu opfern. Eine Reihe schwarzer Pläne, von Römisch-Katholischen
+gegen das Leben der Königin und die Existenz der Nation ausgebrütet,
+hielt die Gesellschaft in steter Besorgniß. Mag immerhin Elisabeth ihre
+Fehler gehabt haben, es ist dennoch klar, daß, nach menschlichem
+Ermessen, das Schicksal des Reichs und aller reformirten Kirchen von der
+Sicherheit ihrer Person und von dem Glücke ihrer Regierung abhing.
+Es war daher die erste Pflicht eines Patrioten und Protestanten, die
+Autorität derselben zu kräftigen, und diese Pflicht ward treulich
+erfüllt. Selbst in der Nacht der Kerker, wohin Elisabeth sie gesendet
+hatte, beteten die Puritaner mit ungeheuchelter Inbrunst, daß die
+Königin vor dem Dolche des Meuchelmörders geschützt bleiben, daß der
+Aufruhr zu ihren Füßen niedergeworfen werden, und ihre Waffen zu Wasser
+und zu Lande siegreich sein mögen. Einer der hartnäckigsten Anhänger
+jener hartnäckigen Sekte, dem der Scharfrichter eine Hand abhauen mußte,
+weil er sich durch seinen maßlosen Eifer zu einem Vergehen hatte
+hinreißen lassen, schwenkte unmittelbar nach der Exekution mit der ihm
+gebliebenen Hand seinen Hut und rief: Gott erhalte die Königin! Das
+Gefühl, das diese Leute bei ihrem Anblicke beseelte, ist auf die
+Nachkommen übergegangen, und die Nonconformisten, obgleich sie von ihr
+sehr streng behandelt wurden, haben in der Gesammtheit stets ihr
+Andenken ehrend bewahrt.[5]
+
+Zeigten sich, während des größern Theils ihrer Regierung, die Puritaner
+im Hause der Gemeinen mitunter auch widersetzlich, so versuchten sie
+doch nie, in einer systematischen Opposition ihr entgegenzutreten. Als
+aber durch die Niederlage der Armada, den glücklichen Widerstand der
+Vereinigten Niederlande gegen die spanische Macht, die Befestigung des
+Thrones Heinrichs IV. von Frankreich und durch den Tod Philipps II.
+Staat und Kirche gegen alle Gefahr von Außen gesichert war, begann
+sofort im Innern ein hartnäckiger Kampf, der mehrere Generationen
+hindurch dauern sollte.
+
+ [Anmerkung 5: Der puritanische Geschichtsschreiber Neal, nachdem
+ er ihre Härte gegen die Sekte getadelt, der auch er angehörte,
+ sagt schließlich: Die Königin Elisabeth wird trotz dieser Makel in
+ der Geschichte eine weise und staatskluge Fürstin bleiben, denn
+ sie befreite ihr Königreich von den Bedrängnissen, in denen es
+ sich bei ihrem Regierungsantritte befand, und schützte die
+ protestantische Reformation, nach außen hin, gegen die mächtigen
+ Angriffe des Papstes, des Kaisers und des Königs von Spanien, im
+ Innern gegen die der Königin von Schottland und ihrer papistischen
+ Unterthanen. Sie war der Ruhm des Zeitalters, in dem sie lebte,
+ und wird die Bewunderung der Nachwelt sein. -- +History of the
+ Puritans, Part I. Chap. VIII.+]
+
+
+[_Monopolfrage._] In dem Parlamente von 1601 lieferte die Opposition,
+die seit vierzig Jahren im Stillen Kräfte gesammelt und gespart hatte,
+ihre erste große Schlacht, und gewann ihren ersten Sieg. -- Der Boden
+war gut gewählt. Die englischen Souveraine sind stets mit der obersten
+Leitung der Handelspolizei betraut gewesen; sie besaßen das unantastbare
+Recht der Münz-, Gewicht- und Maß-Regulirung, der Bestimmung der
+Messen, Märkte und Häfen. Die Grenzlinie ihrer Autorität in
+Handelsangelegenheiten war, wie gewöhnlich, sehr undeutlich gezeichnet;
+wie gewöhnlich machte sie daher Übergriffe in das Gebiet, das
+verfassungsmäßig der Gesetzgebung angehörte. Diese Übergriffe wurden,
+wie gewöhnlich, so lange geduldig ertragen, bis sie einen ernsten
+Charakter annahmen. Als endlich die Königin sich anmaßte, dutzendweis
+Patente zu Monopolen zu ertheilen, daß es kaum noch eine Familie im
+Reiche gab, die sich nicht über Bedrückungen und Erpressungen, die
+natürlich aus diesem Mißbrauche entstehen mußten, zu beklagen hatte; als
+Eisen, Öl, Essig, Kohlen, Salpeter, Blei, Stärke, Garn, Felle, Leder und
+Glas mit übermäßig hohen Preisen bezahlt werden mußten -- da versammelte
+sich das Haus der Gemeinen in einer sehr zornigen und entschlossenen
+Stimmung, und umsonst tadelte eine höfisch gestimmte Minderzahl den
+Sprecher, daß er die Handlungen der königlichen Hoheit in Frage stellen
+lasse. Die starke und drohende Sprache der mißvergnügten Partei fand in
+der Stimme der ganzen Nation ihren Wiederhall. -- Ein wüthender
+Volkshaufen umtobte den Wagen des ersten Ministers der Krone,
+verwünschte die Monopole, und rief aus, es dürfte nicht geduldet werden,
+daß die königlichen Hoheitsrechte die alten Freiheiten Englands
+antasteten. Einen Augenblick schien es, als ob die lange und ruhmreiche
+Regierung Elisabeths ein schmähliches, unglückliches Ende nehmen solle.
+Mit bewunderungswürdiger Klugheit und Fassung lehnte die Königin aber
+den Streit ab, stellte sich an die Spitze der reformirten Partei,
+entsprach den erhobenen Beschwerden, dankte den Gemeinen in einer
+ergreifenden und würdigen Ansprache für die eifrige Sorge um das
+öffentliche Wohl, gewann sich die Herzen des Volks wieder, und
+hinterließ ihren Nachfolgern ein denkwürdiges Beispiel von dem Verhalten
+eines Herrschers öffentlichen Bewegungen gegenüber, denen Widerstand zu
+leisten nicht möglich ist.
+
+
+[_Schottland und Irland werden wieder mit England Theile ein und
+desselben Reichs._] Im Jahre 1603 starb die große Königin. In vielen
+Beziehungen ist dieses Jahr eine der wichtigsten Epochen unserer
+Geschichte. Schottland und Irland wurden damals wieder mit England
+vereinigt. Beide Länder waren zwar von den Plantagenets zur Unterwerfung
+gebracht, aber keines derselben hatte sich geduldig dem Joche gefügt.
+Schottland hatte mit heldenmüthiger Ausdauer seine Unabhängigkeit wieder
+erkämpft, war seit der Zeit des Robert Bruce ein besonderes Königreich
+gewesen, und ward nun mit dem südlichen Theile der Insel dergestalt
+vereinigt, daß sein Nationalstolz mehr befriedigt, als verletzt wurde.
+Irland hatte seit der Zeit Heinrichs II. nie die fremden Eroberer
+vertreiben können, obgleich es lange und heftig gegen sie gekämpft.
+Während des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts war die englische
+Macht auf dieser Insel stets gesunken, und in den Tagen Heinrichs VII.
+war sie bis zu dem niedrigsten Punkte gelangt. Die irischen Besitzungen
+dieses Fürsten bestanden nur aus den Grafschaften Dublin und Louth,
+einigen Theilen von Meath und Kildare, und aus einigen an der Küste
+zerstreut liegenden Seehäfen. Der größte Theil von Leinster selbst war
+noch nicht in Grafschaften eingetheilt. Munster, Ulster und Connaught
+standen unter kleinen souverainen Fürsten, die theils Celten, theils
+ausgeartete Normannen waren, ihren Ursprung vergessen, und celtische
+Sprache und Sitten angenommen hatten. Während des sechzehnten
+Jahrhunderts aber war die englische Macht wieder bedeutend gewachsen.
+Die halbwilden Häuptlinge, die jenseits der Grenzpfähle regierten,
+hatten sich einer nach dem andern den Statthaltern der Tudors
+unterworfen. Wenig Wochen vor Elisabeths Tode ward endlich durch
+Mountjoy die Eroberung vollendet, die Strongbow vor mehr als vierhundert
+Jahren begonnen hatte. Jakob I. hatte kaum den Thron bestiegen, als die
+letzten O'Donnell und O'Neill, die bisher in dem Range unabhängiger
+Fürsten gestanden, zu Whitehall seine Hand küßten. Von da an gewannen
+seine Erlasse in Irland Geltung, seine Richter hielten dort überall ihre
+Assisen, und das englische Gesetz trat an die Stelle der Gebräuche, die
+unter den eingeborenen Stämmen geherrscht hatten.
+
+Schottland und Irland waren an Umfang einander fast gleich, und beide
+zusammen ziemlich so groß wie England; aber sie hatten eine weit
+geringere Bevölkerung und standen ihm an Wohlstand und Civilisation
+nach. Schottland war durch die Unfruchtbarkeit seines Bodens
+zurückgeblieben, und auf Irland ruhete noch immer, obgleich rings von
+Licht umgeben, die starre Finsterniß des Mittelalters.
+
+Mit Ausnahme der celtischen Stämme, die dünn zerstreut die Hebriden und
+die gebirgigen Theile der nördlichen Grafschaften bewohnten, war die
+Bevölkerung Schottlands von demselben Blute wie die Englands, sie redete
+dieselbe Sprache, die sich von dem reinsten Englisch nicht mehr
+unterschied, als sich die Dialekte von Somersetshire und Lancashire von
+einander unterschieden. Die Bevölkerung Irlands dagegen war, mit
+Ausnahme der kleinen englischen Kolonie unfern der Küste, celtisch,
+und bewahrte noch immer celtische Sprache und Sitte.
+
+Zu der Zeit ihrer Verbindung mit England zeichneten sich beide Nationen
+durch angeborenen Muth und durch Intelligenz aus. In Ausdauer,
+Selbstbeherrschung, Vorsicht, kurz in allen Eigenschaften, die im Leben
+Erfolge sichern, sind die Schotten nie übertroffen worden. Die Iren
+hingegen zeichneten sich durch Eigenschaften aus, die mehr interessant
+als glücklich machen. Ein feuriges und ungestümes Volk, waren sie leicht
+zum Weinen und zum Lachen, zur Wuth und zur Liebe zu bewegen. Von den
+Nationen des nördlichen Europa's besaßen sie allein die Empfänglichkeit,
+die Lebhaftigkeit und die natürlichen Anlagen zur Pantomime und
+Redekunst, die man unter Küstenbewohnern des mittelländischen Meeres
+heimisch findet. In geistiger Bildung stand Schottland unbestreitbar
+höher. War es auch damals das ärmste Königreich in der Christenheit,
+so wetteiferte es dennoch in jedem Zweige des Wissens mit den
+begünstigtesten Ländern. Schotten, deren Wohnung und Nahrung so elend
+waren, wie die der Isländer zu unserer Zeit, schrieben eben so schöne
+lateinische Verse als Vida, und machten wissenschaftliche Entdeckungen,
+die einem Galilei zum Ruhme gereicht haben würden. Irland hatte sich
+keines Buchanan oder Napier zu rühmen; das Genie, mit dem die Urbewohner
+desselben reich begabt waren, gab sich nur in Balladen kund, die
+obgleich roh und rauh, dem Kennerauge Spenser's dennoch eine schöne,
+reine Poesie zu enthalten schienen.
+
+Schottland bewahrte seine ganze Würde, als es zu einem Theile der
+britischen Monarchie umgeschaffen wurde. Nachdem es den englischen
+Waffen Generationen hindurch muthigen Widerstand geleistet hatte, ward
+es mit seinem überlegenen Nachbar unter den ehrenvollsten Bedingungen
+vereinigt.
+
+Es _gab_ einen König, anstatt einen zu _empfangen_; es behielt seine
+eigene Verfassung und seine eigenen Gesetze, und seine Gerichtshöfe und
+Parlamente blieben von denen zu Westminster völlig unabhängig. Die
+Verwaltung Schottland's lag in schottischen Händen, denn es fühlte sich
+kein Engländer geneigt, nach dem Norden auszuwandern, um mit dem
+schlauesten und beharrlichsten aller Stämme um das zu ringen, was sich
+in der ärmsten Schatzkammer zusammenraffen ließ. Dagegen strömten
+schottische Abenteurer nach dem Süden, wo sie auf allen Lebensbahnen zu
+einem Glücke gelangten, das zwar großen Neid erregte, im Allgemeinen
+aber nur der gerechte Lohn der Klugheit und des emsigen Fleißes war.
+Dessen ungeachtet erlag Schottland dem Geschicke, dem ein jedes Land,
+das mit einem andern an Hilfsquellen reichern zwar verbunden, ihm aber
+nicht einverleibt wird, unterworfen ist. War es auch dem Namen nach ein
+unabhängiges Königreich, so ward es doch länger als ein Jahrhundert in
+vielen Beziehungen nur wie eine unterjochte Provinz behandelt.
+
+Irland ward offen als ein durch das Schwert erkämpftes Besitzthum
+regiert. Die rohen National-Institutionen existirten nicht mehr;
+die englischen Kolonisten unterwarfen sich den Bestimmungen des
+Mutterlandes, ohne dessen Schutz sie nicht bestehen konnten, und suchten
+Ersatz darin, daß sie das Volk, unter dem sie sich niedergelassen, mit
+Füßen traten. -- Das Parlament, das in Dublin zusammentrat, konnte ohne
+vorhergegangene Genehmigung des englischen Geheimen-Raths kein Gesetz
+erlassen; die Autorität der englischen Legislatur erstreckte sich über
+Irland. Die ausführende Verwaltung war Männern anvertraut, die entweder
+England selbst oder dem englischen Bezirke entnommen worden, und in
+beiden Fällen wurden diese von der celtischen Bevölkerung als Fremde,
+selbst als Feinde betrachtet.
+
+Aber noch ist des Umstandes zu erwähnen, der die Verschiedenheit Irlands
+und Schottlands tiefer als ein anderer begründete: Schottland war
+protestantisch. Die Erregung des Volksgeistes gegen die
+römisch-katholische Kirche hatte sich in keinem andern Theile Europa's
+so rasch und heftig gezeigt. Die Reformatoren hatten ihre
+götzendienerische Herrscherin besiegt, abgesetzt und eingekerkert; nicht
+einmal auf einen Vergleich, wie er in England abgeschlossen, wollten sie
+eingehen. Sie hatten die Lehre, die Kirchenzucht und den Gottesdienst
+der Calvinisten eingeführt, und machten zwischen Papstthum und Prälatur,
+zwischen der Messe und dem allgemeinen Gebetbuche wenig Unterschied. Zu
+Schottlands Unglück war der Fürst, den es zur Regierung eines schönern
+Erblandes aussandte, durch die Hartnäckigkeit, mit der die schottischen
+Theologen die Privilegien der Synode und der Kanzel gegen ihn behauptet,
+der von den Schotten geliebten Kirchenverfassung so abhold geworden,
+als es seine weibische Natur nur irgend zuließ; und kaum hatte er den
+englischen Thron bestiegen, so begann er einen unduldsamen Eifer für das
+Regiment und Ritual der englischen Kirche an den Tag zu legen.
+
+Die Iren waren das einzige Volk in dem nördlichen Europa, das der alten
+Religion treu geblieben. Dies ist zum Theil dem Umstande beizumessen,
+daß sie ihren Nachbarn an Kenntnissen um einige Jahrhunderte
+nachstanden. Aber auch andere Ursachen hatten mitgewirkt. Die
+Reformation war nicht minder eine rationelle, als eine moralische
+Erhebung, nicht nur ein Aufstand der Laien gegen die Geistlichkeit,
+sondern auch aller Zweige des großen germanischen Stammes gegen
+Fremdherrschaft gewesen. Es ist eine höchst merkwürdige Erscheinung, daß
+keine große Gesellschaft, deren Sprache nicht deutschen Ursprungs, je
+zum Protestantismus übergetreten ist, und daß überall, wo man eine
+Sprache redet, die von der des alten Rom abstammt, die Religion des
+neuern Rom bis auf diesen Tag die vorherrschende geblieben. Der
+Patriotismus der Iren hatte eine eigene Richtung genommen; -- sie waren
+nicht auf Rom, sondern auf England erbittert, und hatten besondere
+Gründe die englischen Fürsten zu hassen, welche die Häupter des großen
+Schisma gewesen: Heinrich VIII. und Elisabeth. Religiöse und nationale
+Begeisterung waren während des fruchtlosen Kampfes, den zwei
+Generationen milesischer Fürsten gegen die Tudors unterhalten hatten, in
+den Gemüthern des besiegten Volksstammes auf das Innigste verschmolzen.
+Der neue Hader zwischen Protestanten und Papisten fachte den alten
+zwischen Sachsen und Celten an. Die englischen Eroberer vernachlässigten
+dabei alle gesetzlichen Bekehrungsmittel; man sorgte weder für Lehrer,
+die der besiegten Nation sich verständlich machen konnten, noch für eine
+Übersetzung der Bibel in die ersische Sprache. Die Regierung begnügte
+sich mit der Einsetzung einer ausgedehnten Hierarchie protestantischer
+Erzbischöfe, Bischöfe und Rectoren, die nichts thaten, und für ihr
+Nichtsthun mit dem Raube bezahlt wurden, den man an einer von der großen
+Masse des Volks geliebten und verehrten Kirche verübte.
+
+Sowohl in den Zuständen Schottlands als auch Irlands gab es Manches, das
+in einem scharfblickenden Staatsmann peinliche Besorgnisse zu erregen
+geeignet war. Einstweilen jedoch war ein Anschein von Ruhe da, denn alle
+britischen Inseln waren zum ersten Male friedlich unter einem Scepter
+vereinigt.
+
+Man würde glauben können, der Einfluß Englands auf die europäischen
+Nationen hätte von dieser Epoche an bedeutend zunehmen müssen. Das
+Gebiet, das sein neuer König beherrschte, hatte fast den doppelten
+Umfang von dem, welches Elisabeth geerbt, und kein Reich der Welt war so
+in sich abgeschlossen, so vor Angriffen gesichert, als das seinige.
+Die Plantagenets und Tudors hatten sich wiederholt gegen Schottland
+vertheidigen müssen, während sie auf dem Festlande in Kriege verwickelt
+waren, und der lange Kampf in Irland hatte ihren Hilfsquellen einen
+empfindlichen und andauernden Abzug bewirkt; doch selbst unter so
+ungünstigen Verhältnissen hatten sich diese Fürsten einer hohen Achtung
+in der ganzen Christenheit zu erfreuen gehabt. Deshalb war nicht
+grundlos zu erwarten, daß England, Schottland und Irland vereint hätten
+einen Staat bilden müssen, der keinem andern seiner Zeit nachstände.
+
+
+[_Verminderung des Einflusses Englands nach der Thronbesteigung
+Jakobs I._] In allen diesen Erwartungen wurde man jedoch arg getäuscht.
+Von dem Tage der Thronbesteigung Jakobs I. an sank unser Vaterland von
+der Höhe herab, in der es sich bis dahin gehalten, und man begann es als
+eine Macht kaum zweiten Ranges zu betrachten. Unter vier auf einander
+folgenden Fürsten aus dem Hause Stuart war die große britische Monarchie
+viele Jahre hindurch kaum ein wichtigeres Glied in dem europäischen
+Staatensysteme, als das kleine Königreich Schottland zuvor gewesen. Dies
+ist jedoch nicht zu bedauern. Man kann von Jakob I. wie von Johann
+sagen, daß seine Regierung, wäre sie tüchtig und glänzend gewesen, ohne
+Zweifel unserm Vaterlande Unheil gebracht hätte, und daß wir seinen
+Schwächen und Jämmerlichkeiten mehr verdanken, als der Weisheit und
+Kraft viel besserer Regenten. Er kam in einem kritischen Augenblicke zur
+Regierung. Der Zeitpunkt, wo entweder der König absolut werden, oder das
+Parlament die ganze ausführende Gewalt unter seine Autorität stellen
+mußte, rückte schnell heran. Wäre Jakob I. ein tapferer, thätiger und
+staatskluger Regent gewesen wie Heinrich IV., Moritz von Nassau oder wie
+Gustav Adolph, hätte er sich an die Spitze der Protestanten Europa's
+gestellt, hätte er große Siege über Tilly und Spinola erfochten,
+Westminster mit der Beute aus baierischen Klöstern und flamländischen
+Kathedralen geschmückt, hätte er österreichische und castilianische
+Fahnen in der St. Paulskirche aufgehängt und sich, nachdem er große
+Thaten ausgeführt, an der Spitze von fünfzigtausend tapfern,
+disciplinirten Truppen, die seiner Person treu anhingen, befunden -- das
+englische Parlament wäre bald nichts mehr als ein Name gewesen. Zum
+Glück war er nicht der Mann, der eine solche Rolle spielen konnte. Er
+begann seine Regierung damit, daß er dem Kriege, der viele Jahre lang
+zwischen England und Spanien gewüthet hatte, ein Ende machte, und von da
+an vermied er Feindseligkeiten mit einer Vorsicht, welche der Hohn
+seiner Nachbarn und das Geschrei seiner Unterthanen nicht zu erschüttern
+vermochten. Selbst der vereinigte Einfluß seines Sohnes, seines
+Günstlings, seines Parlaments und seines Volkes konnte ihm bis zu seinem
+letzten Lebensjahre nicht bewegen, den geringsten Schritt zur
+Vertheidigung seiner Familie und seiner Religion zu thun. Für die,
+welche er regierte, war es gut, daß er in dieser Beziehung ihren
+Wünschen kein Gehör gab. Seine friedliche Politik brachte die Wirkung
+hervor, daß die Vertheidigung unserer Insel immer noch der Miliz
+anvertraut blieb, während Frankreich, Spanien, Italien, Belgien und
+Deutschland von gemietheten Soldaten wimmelten.
+
+
+[_Die Lehre vom göttlichen Rechte._] Da der König kein stehendes Heer
+besaß und nicht einmal versuchte, ein solches zu bilden, so hätte er
+klug gethan, jeden Konflikt mit dem Volke zu vermeiden. Aber seine
+Unbedachtsamkeit war so groß, daß er nicht nur die Mittel, die ihn
+allein wahrhaft unumschränkt machen konnten, versäumte, sondern daß er
+auch stets in der verletzendsten Weise Ansprüche machte, an die keiner
+seiner Vorgänger auch nur im Traume gedacht hatte. Damals tauchten jene
+seltsamen Theorien auf, welche Filmer später in ein System brachte und
+der heftigsten Klasse von Tories und Hochkirchenmännern zur Loosung
+wurden. Man behauptete in vollem Ernste, daß das höchste Wesen die
+erbliche Monarchie, im Gegensatze zu andern Regierungsformen, besonders
+wohlgefällig betrachte; daß das Gesetz der Erbfolge nach der Ordnung der
+Erstgeburt eine göttliche Einrichtung, und älter als die christliche
+Religion, selbst als die mosaische Gesetzgebung sei; daß keine
+menschliche Macht, selbst die der ganzen gesetzgebenden Gewalt, keine
+Dauer unrechtmäßigen Besitzes, und wenn sie zehn Jahrhunderte ausmache,
+dem gesetzlichen Fürsten seine Rechte rauben könne; daß seine Gewalt
+nothwendig stets despotisch sei; daß die das Hoheitsrecht beschränkenden
+Gesetze, sowohl in England wie in andern Ländern, nur eine vom Souverain
+freiwillig ertheilte Concession sei, die er nach Belieben zurückziehen
+könne; und daß endlich jeder Vertrag, den der König mit seinem Volke
+abschließt, nur eine Erklärung seiner augenblicklichen Absichten und
+nicht eine Verbindlichkeit sei, deren Erfüllung gefordert werden könne.
+Obwohl diese Theorie die Grundlagen der Regierung befestigen sollte, so
+ist es doch augenscheinlich, daß sie nur dazu beitrug, sie völlig wanken
+zu machen. Ließ das göttliche und unabänderliche Gesetz der Erstgeburt
+Frauen zu, oder schloß es dieselben aus? In der einen wie in der andern
+Voraussetzung wären die Hälfte der europäischen Regenten Usurpatoren,
+die trotz der Befehle des Himmels regierten und von den rechtmäßigen
+Erben außer Besitz gebracht werden könnten. Diese widersinnigen Theorien
+fanden keine Begründung in dem alten Testamente, denn wir lesen darin,
+daß das auserwählte Volk getadelt und bestraft ward, weil es einen König
+haben wollte, und daß es später den Befehl erhielt, ihm den Gehorsam zu
+verweigern. Die ganze Geschichte jenes Volks unterstützt nicht nur die
+Ansicht von der göttlichen Einsetzung des Erstgeburtsrechts nicht, sie
+scheint vielmehr anzudeuten, daß der Himmel die jüngern Brüder unter
+seinen besondern Schutz genommen habe. Isaak war nicht der älteste Sohn
+Abrahams, Jakob nicht der Isaaks, Juda nicht der Jakobs, David nicht der
+Isais, Salomon nicht der Davids. In den Ländern, wo die Vielweiberei
+herrscht, wird die Altersordnung unter den Kindern selten streng
+beobachtet. Durch die Stellen des neuen Testamentes, welche die
+Regierung als eine Anordnung Gottes bezeichnen, ward Filmers System eben
+so wenig unterstützt, denn die Regierung, unter der die Autoren des
+neuen Testaments lebten, war keine erbliche Monarchie. Die römischen
+Kaiser waren vom Senate ernannte Magistratspersonen, und keiner
+derselben behauptete, kraft des Rechtes der Geburt zu regieren; weder
+Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch Nero, dem zu gehorchen
+Paulus den Römern befahl, waren der patriarchalischen Regierungstheorie
+nach faktisch Usurpatoren. Im Mittelalter würde man die Lehre vom
+unveräußerlichen Erbrechte für ketzerisch gehalten haben, denn sie war
+mit den großen Ansprüchen der römischen Kirche völlig unvereinbar. Auch
+den Gründern der englischen Kirche war sie unbekannt. Die Homilie über
+die vorsätzliche Empörung hatte den Gehorsam gegen die eingesetzte
+Obrigkeit kräftig, und wahrlich zu kräftig, eingeprägt; aber sie machte
+weder zwischen erblichen und Wahlmonarchien, noch zwischen Monarchien
+und Republiken einen Unterschied. Die meisten Vorgänger Jakobs würden
+gewißlich aus persönlichen Beweggründen der patriarchalischen
+Regierungstheorie abgeneigt gewesen sein. Wilhelm der Rothe,
+Heinrich I., Stephan, Johann, Heinrich IV., Heinrich V., Heinrich VI.,
+Richard III. und Heinrich VII., alle hatten regiert, ohne sich an die
+strenge Ordnung der Erbfolge zu kehren. Über die Legitimität Maria's und
+Elisabeths schwebte ein ernster Zweifel ob. Daß Katharina von Aragonien
+und Anna Boleyn beide rechtmäßige Frauen Heinrichs VIII. gewesen, war
+unmöglich, und die höchste Autorität des Reichs hatte beide Fälle
+geleugnet. Die Tudors betrachteten das Erbfolgegesetz so wenig als eine
+göttliche unantastbare Einsetzung, daß sie stets daran zu ändern
+suchten. Heinrich VIII. erlangte einen Parlamentsbeschluß, wonach er
+ermächtigt war, testamentarisch über die Krone zu verfügen, und wirklich
+machte er auch zum Nachtheile der königlichen Familie von Schottland ein
+Testament. Eduard VI. nahm sich, ohne Ermächtigung vom Parlamente,
+ein ähnliches Recht, und die bedeutendsten Reformatoren billigten es.
+Elisabeth, überzeugt, daß ihr eigener Rechtsanspruch ernsten
+Anfechtungen ausgesetzt war, und nicht geneigt, ihrer Nebenbuhlerin und
+Feindin, der Königin von Schottland, auch nur das Recht der Anwartschaft
+zu belassen, wußte das Parlament zur Beschließung eines Gesetzes zu
+bewegen, wonach Jeder, der die Befugniß des regierenden Herrschers, mit
+Genehmigung der Reichsstände die Thronfolge zu ändern, anfechten würde,
+den Tod des Verräthers erleiden solle. Aber die Lage Jakobs war eine
+ganz andere, als die Elisabeths. Wenn auch an Fähigkeiten ihr
+nachstehend, und weniger bei dem Volke beliebt, wenn auch von den
+Engländern als ein Fremder betrachtet und durch das Testament Heinrichs
+VIII. vom Throne ausgeschlossen, war der König von Schottland dennoch
+der unzweifelhafte Erbe Wilhelms des Eroberers und Egberts. Deshalb
+hatte er ein naheliegendes Interesse, wenn er die abergläubische Ansicht
+einschärfte, die Geburt verleihe Rechte, die über dem Gesetze ständen,
+und das Gesetz könne diese Rechte nicht ändern. Diese Ansicht war
+übrigens seinem Verstande und seinem Charakter entsprechend, auch fand
+sie nicht nur bald viel Vertheidiger unter denen, die um seine Gunst
+buhlten, sondern machte auch schnelle Fortschritte unter den Geistlichen
+der Staatskirche.
+
+So wurden die Ansprüche des Monarchen gerade in der Zeit, wo sich im
+Parlamente und im Lande der republikanische Geist stark zu regen begann,
+so ausgedehnt, daß sie selbst dem hochfahrendsten und eigenmächtigsten
+seiner Vorgänger auf dem Throne mißfallen haben würden.
+
+Jakob rühmte sich stets seiner Fertigkeit in dem, was er
+Königskunstgriff nannte; und doch läßt sich kaum ein Verfahren denken,
+das allen Regeln der Kunst eines Herrschers so zuwider wäre, als das
+seine. Weise Regenten haben stets die Politik befolgt, Handlungen der
+Gewalt unter populären Formen zu verbergen. Augustus und Napoleon
+schufen auf diese Weise absolute Monarchien, indeß die Volksmenge sie
+nur für hervorragende Bürger hielt, denen man zeitweilig die höchste
+Gewalt übertragen. Die Politik Jakobs stand zu der dieser beiden Männer
+im schroffsten Gegensatze. Er reizte und beunruhigte seine Parlamente
+durch die wiederholte Erklärung, daß sie ihre Privilegien nur so lange
+als es ihm beliebe besäßen, und daß sie eben so wenig die Rechtmäßigkeit
+seiner eigenen Handlungen als die der Gottheit zu beurtheilen befugt
+seien. Und dennoch beugte er sich ihnen, gab einen Minister nach dem
+andern ihrer Rache preis, und ließ sich durch sie zu Handlungen bewegen,
+die seinen Lieblingswünschen durchaus nicht entsprachen. Der Unwille
+über seine Ansprüche wuchs gleichzeitig mit der Verachtung, die seine
+Zugeständnisse erregten. Seine Vorliebe für unwürdige Günstlinge und die
+Nachsicht mit der Tyrannei und Raubsucht derselben erhielten die
+Unzufriedenheit beständig wach; seine Feigheit, sein kindisches Wesen,
+seine Pedanterie, das Widrige in Person und Manieren und seine
+provinzielle Sprache machten ihn zum Gegenstande des Gespötts. Selbst in
+seinen Vorzügen und Talenten zeigte sich stets das Unkönigliche. In dem
+Verlaufe seiner Regierung verloren alle jene ehrwürdigen
+Ideenverbindungen, die so lange die Stütze des Thrones gewesen, nach und
+nach ihre Kraft. Seit zweihundert Jahren waren alle Herrscher Englands,
+mit Ausnahme des unglücklichen Heinrich VI., charakterfeste, stolze,
+muthige und wirklich fürstliche Männer gewesen, und fast alle hatten
+mehr als gewöhnliche Fähigkeiten besessen; es war daher kein
+bedeutungsloser Umstand, daß gerade am Vorabend des entscheidenden
+Kampfes zwischen unsern Regenten und ihren Parlamenten das Königthum
+stammelnd, geifernd, unmännlich weinend, vor einem gezogenen Degen
+bebend und bald im Tone des Narren, bald in dem eines Schulmeisters
+redend, der Welt sich zeigen sollte.
+
+
+[_Die Kluft zwischen der Kirche und den Puritanern wird größer._]
+Inzwischen waren die religiösen Zwistigkeiten, die seit der Zeit
+Eduard VI. die Protestanten bewegt hatten, furchtbarer als je geworden.
+Die Kluft zwischen der ersten Generation der Puritaner einerseits und
+Cranmer und Jewel andererseits, war in Vergleich zu der, welche die
+dritte Generation der Puritaner von Laud und Hammond trennte, eine
+kleine. So lange Maria's Grausamkeiten noch in frischer Erinnerung
+standen, die Macht der katholischen Partei noch Besorgnisse erweckte,
+und so lange Spanien ein Übergewicht hatte und nach der
+Universalherrschaft trachtete, waren sich alle reformirten Sekten eines
+starken, gemeinsamen Interesses und eines gemeinsamen Todfeindes bewußt.
+Ihre Erbitterung untereinander war im Vergleich zu der, die sie gegen
+Rom hegten, nur schwach zu nennen. Conformisten und Nichtconformisten
+hatten einen aufrichtigen Bund zur Erwirkung äußerst strenger Gesetze
+gegen die Papisten geschlossen. Als aber mehr denn ein halbes
+Jahrhundert ungestörten Besitzes der Staatskirche Zuversicht eingeflößt,
+als neun Zehntheile des Volks aufrichtig dem Protestantismus anhingen,
+als England mit aller Welt in Frieden stand, als eine Gefahr, den
+Papismus der Nation durch fremde Waffen aufgedrängt zu sehen, nicht mehr
+zu fürchten war, und als die letzten Bekenner, die vor Bonner gestanden,
+dahin waren, änderte sich die Stimmung der anglikanischen Geistlichkeit.
+Ihre Abneigung gegen die römisch-katholische Lehre und Kirchendisziplin
+war bedeutend schwächer geworden; ihre Abneigung gegen die Puritaner
+aber wuchs mit jedem Tage. Die Streitigkeiten, die von Beginn an die
+protestantische Partei zerrissen hatten, gestalteten sich der Art, daß
+keine Hoffnung auf Aussöhnung blieb, und zu den alten Streitfragen
+gesellten sich neue von noch größerer Wichtigkeit.
+
+Zwar hatten die Gründer der anglikanischen Kirche das Episkopat als eine
+alte, gute und passende kirchliche Einrichtung beibehalten, aber sie
+hatten nicht erklärt, daß diese Form der Kirchenverwaltung eine von Gott
+eingesetzte sei. Wie gering Cranmer das Amt eines Bischofs hielt, haben
+wir bereits gesehen. Jewel, Cooper, Whitgift und andere hervorragende
+Religionslehrer unter der Regierung Elisabeths vertheidigten die
+Prälatur als etwas Unschädliches und Nützliches, das der Staat
+einzuführen befugt sei, und wenn es einmal eingeführt, auf die Achtung
+jedes Bürgers Anspruch habe, aber nie läugneten sie, daß eine
+christliche Gemeinde ohne Bischof eine reine Kirche sein könne, sie
+betrachteten vielmehr die Protestanten auf dem Festlande als Glieder
+einer Glaubensfamilie, der sie selbst angehörten. Wohl waren die
+Engländer in England gehalten, die Autorität des Bischofs ebenso
+anzuerkennen, wie ihnen die Autorität des Sheriffs und des Coroners
+anzuerkennen oblag, aber diese Verpflichtung war nur eine örtliche. Ging
+ein Mitglied der englischen Kirche, ja selbst ein englischer Prälat,
+nach Holland, so fügte er sich ohne Bedenken der holländischen
+Staatskirche. Die Botschafter Elisabeths und Jakobs gingen im Auslande
+mit vollem Gepränge zu demselben Gottesdienste, den Elisabeth und Jakob
+in der Heimath übten, und mieden es sorgfältig, um den schwächern
+Brüdern kein Ärgerniß zu geben, ihre Privatkapellen nach anglikanischer
+Art auszuschmücken. Im Jahre 1603 erkannte die Kirchenversammlung der
+Provinz Canterbury die Kirche von Schottland, welche damals bischöfliche
+Beaufsichtigung und Ordination noch nicht kannte, feierlich als einen
+Theil der heiligen, allgemeinen Kirche Christi an.[6] Man hielt selbst
+presbyterianische Geistliche zu Sitz und Stimme in ökumenischen
+Konzilien als berechtigt. Als die Generalstaaten der Vereinigten
+Niederlande eine Synode von nicht bischöflich ordinirten Lehrern in
+Dortrecht versammelten, betheiligten sich ein englischer Bischof und ein
+englischer Dechant im Auftrag des Oberhauptes der englischen Kirche an
+den Sitzungen dieser Gottesgelehrten, predigten und stimmten mit ihnen
+über die wichtigsten theologischen Fragen ab.[7] Es befanden sich auch
+viel englische Pfründen in den Händen von Geistlichen, die früher in der
+auf dem Festlande üblichen Weise der Calvinisten zu ihrem Amte geweiht
+waren, und man hatte die Reordination durch einen Bischof in solchen
+Fällen nicht für nöthig, selbst für ungesetzlich gehalten.
+
+Aber eine neue Art von Theologen begann in der englischen Kirche bereits
+aufzutauchen. Nach der Ansicht derselben war das Amt des Bischofs zur
+Wohlfahrt einer christlichen Gemeinschaft und zur Förderung der
+Wirksamkeit der feierlichsten Religionsgebräuche wesentlich. Es gehören
+zu jenem Amte gewisse hohe und heilige Vorrechte, die menschliche Macht
+weder verleihen noch entziehen könne. Eine Kirche, sagten sie, welche
+die apostolische Nachfolge abschaffte, könne eben so gut auch die Lehre
+von der Dreieinigkeit oder der Menschwerdung abschaffen, und die
+römische Kirche, welche bei allen ihren Verderbnissen die apostolische
+Nachfolge beibehalten, sei der ursprünglichen Reinheit näher, als jene
+reformirten Gemeinden, welche vorschnell, dem göttlichen Muster geradezu
+entgegen, ein von Menschen ersonnenes System aufgestellt hätten.
+
+Zur Zeit Eduards VI. und Elisabeths hatten die Vertheidiger des
+anglikanischen Rituals, sich gewöhnlich mit dem Ausspruche begnügt,
+daß das Ritual ohne Sünde angewendet werden könne, und jeder, der sich
+weigere, es auf Verordnung der Obrigkeit anzuwenden, sei ein
+störrischer, ungehorsamer Unterthan. Die neu erstehende Partei aber, die
+für die Institutionen der Kirche einen himmlischen Ursprung bezeichnete,
+begann ihren religiösen Handlungen eine Würde und Bedeutung beizulegen.
+Man deutete an, daß der Fehler des eingeführten Gottesdienstes, wenn er
+überhaupt einen habe, in seiner zu großen Einfachheit bestehe, und daß
+die Reformatoren in dem Eifer des Streites mit Rom viel alte Ceremonien
+abgeschafft, die man füglich hätte beibehalten können. Man zollte
+gewissen Tagen und Orten wiederum eine mystische Verehrung; Gebräuche,
+die man lange außer Anwendung gesetzt und als abergläubische Spielereien
+betrachtet, wurden wieder hervorgerufen; Gemälden und Schnitzwerken,
+welche der Zerstörungswuth der ersten Generation der Protestanten
+entkommen waren, ließ man nun wieder eine Verehrung angedeihen, die
+Viele für götzendienerisch hielten.
+
+Die Reformatoren verabscheuten keinen Theil des alten Kirchensystems
+mehr, als die dem Cölibate gezollte Hochachtung. Sie waren der Ansicht,
+daß schon der Apostel Paulus die römische Lehre über diesen Punkt als
+die des Teufels prophetisch verdammt habe, und sprachen gern und viel
+über die Verbrechen und Ärgernisse, welche diese schreckliche Anklage zu
+begründen den Anschein hatten. Luther hatte seine Ansicht, indem er eine
+Nonne heirathete, sehr klar an den Tag gelegt. Einige der
+ausgezeichnetsten Bischöfe und Priester, die unter der Regierung Maria's
+den Feuertod erlitten, hatten Frauen und Kinder hinterlassen. Jetzt aber
+tauchte das Gerücht auf, der alte Mönchsgeist lasse sich in der
+englischen Kirche wieder verspüren, höhern Orts hege man Abneigung gegen
+verheirathete Priester, Laien, die Protestanten seien, hätten in Bezug
+auf das Cölibat Entschlüsse gefaßt, die fast Gelübden glichen, und
+selbst ein Diener der Staatskirche habe ein Nonnenkloster gegründet,
+in welchem ein Verein gottgeweihter Jungfrauen um Mitternacht Psalmen
+sängen.[8]
+
+Dies war jedoch nicht Alles. Eine Klasse von Fragen, über welche bei den
+Gründern der anglikanischen Kirche und der ersten Generation der
+Puritaner wenig oder gar keine Meinungsverschiedenheit herrschte, rief
+nach und nach einen heftigen Streit hervor. Die Controversen, welche die
+protestantische Partei in ihrer Kindheit schon entzweit, hatten sich
+fast ausschließlich auf Kirchenregiment und Kirchengebräuche bezogen,
+und über Punkte der metaphysischen Theologie war es zwischen den
+streitenden Parteien zu einem ernsten Kampfe nicht gekommen. Die Lehren
+von Erbsünde, Glauben, Gnade, Prädestination und Gnadenwahl, an denen
+die Häupter der Hierarchie festhielten, waren die, welche man gewöhnlich
+calvinisch nannte. Der Erzbischof Whitgift, ihr Lieblingsprälat, entwarf
+im Verein mit dem Bischof von London und andern Theologen gegen das Ende
+der Regierung Elisabeths die berühmte Schrift, die unter dem Namen der
+»Lambeth-Artikel« bekannt ist. Es werden darin die stärksten
+calvinistischen Lehren mit einer Bestimmtheit behauptet, die vielen
+Calvinisten unserer Zeit anstößig sein würde. Ein Geistlicher, der
+entgegengesetzter Ansicht war und sich hart über Calvin äußerte, wurde
+von der Universität Cambridge dieser Vermessenheit wegen angeklagt, und
+entging der Strafe nur dadurch, daß er sich öffentlich zu den Lehren von
+der Verdammniß und dem endlichen Beharren bekannte, und seine Reue über
+die Beleidigung aussprach, die er frommen Männern durch seine Angriffe
+auf den großen französischen Reformator zugefügt habe. Zwischen
+Cranmer's und Lauds Schulen steht jene theologische, deren Haupt Hooker
+war, in der Mitte, und die Arminianer haben Letztern in der neueren Zeit
+als ihren Genossen betrachtet; aber dennoch erklärte Hooker Calvin für
+einen Mann, der allen andern Theologen, die Frankreich je
+hervorgebracht, an Weisheit überlegen sei, für einen Mann, dem Tausende
+ihre Kenntniß der göttlichen Wahrheit verdankten, er selbst aber,
+Calvin, sei nur Gott zu Danke verpflichtet. Als in Holland der
+arminianische Streit begann, standen die englische Regierung und die
+englische Kirche der calvinistischen Partei kräftig bei, und jene
+Flecken, welche durch die Einkerkerung des Grotius und den Justizmord
+des Barneveldt auf dieser Partei haften, trägt auch zum Theil der
+englische Name.
+
+Vor dem Zusammentritt der holländischen Synode hatte indeß jene Partei
+der anglikanischen Geistlichkeit, die dem calvinistischen
+Kirchenregimente und dem calvinistischen Gottesdienste besonders abhold
+war, angefangen, die calvinistische Metaphysik mißfällig zu betrachten,
+und dieses Mißfallen ward natürlich durch die auffallende
+Ungerechtigkeit, Anmaßung und Grausamkeit der in Dortrecht
+vorherrschenden Partei noch vermehrt. Die arminianische Lehre, nicht so
+streng logisch als die der früheren Reformatoren, aber den
+Volksbegriffen von der göttlichen Gerechtigkeit und Güte entsprechender,
+fand eine rasche und weite Verbreitung. Auch der Hof ward bald davon
+ergriffen. Ansichten, die zur Zeit der Thronbesteigung Jakobs kein
+Geistlicher aussprechen durfte, ohne den Verlust seines Priesterrockes
+befürchten zu müssen, gaben jetzt den besten Anspruch auf Beförderung.
+Ein Geistlicher jener Zeit, der von einem schlichten Landedelmann
+befragt ward, was die Arminianer denn eigentlich behaupteten, gab die
+eben so wahre als witzige Antwort: sie behaupten die besten Bisthümer
+und Dekaneien Englands.
+
+Zu gleicher Zeit, als ein Theil des anglikanischen Clerus die
+ursprünglich eingenommene Stellung nach einer Richtung hin verließ, wich
+ein Theil der Puritaner gerade in entgegengesetzter Richtung von den
+Grundsätzen und Gewohnheiten seiner Väter ab. Die von den Separatisten
+erlittene Verfolgung war zwar hart genug gewesen, um zu erbittern, aber
+zu gelind, um zu vernichten; man hatte sie nicht bis zur Unterwürfigkeit
+gezähmt, sondern bis zur Wildheit und Unbeugsamkeit emporgestachelt. Wie
+alle unterdrückten Sekten, hielten auch sie ihre eigenen Rachegefühle
+für fromme Regungen, erhöhten durch Lesen und Nachdenken den Hang, über
+ihre Leiden zu brüten, und bildeten sich ein, wenn sie sich bis zum
+Hasse gegen ihre Feinde aufgeregt, daß sie die Feinde des Himmels
+haßten. Wenn sich auch im neuen Testamente nur wenig fand, was selbst
+bei unredlich verfälschter Auslegung dem Ergeben gehässiger
+Leidenschaften scheinbar Nachsicht gewährte, so enthielt doch das alte
+Testament die Geschichte eines Volks, das von Gott zum Zeugen seiner
+Einheit und zum Diener seiner Rache auserwählt worden, und dem er
+besonders mancherlei Dinge zu thun befohlen, die, ohne sein
+ausdrückliches Geheiß verübt, die gräßlichsten Verbrechen gewesen wären.
+In einer solchen Geschichte Vieles zu finden, was sich durch Verdrehung
+den betreffenden Wünschen entsprechend machen ließ, konnte erbitterten
+und düstern Gemüthern nicht schwer fallen. Bei den extremen Puritanern
+begann sich nun eine Vorliebe für das alte Testament zu bilden, die sich
+in ihrer ganzen Denkart und in allen ihren Gebräuchen zeigte, wenn sie
+es auch sich selbst nicht offen eingestehen mochten. Der hebräischen
+Sprache zollten sie eine Verehrung, die sie der Sprache versagten, in
+welcher uns die Unterredungen Jesu und die Briefe des Paulus überliefert
+worden; ihren Kindern gaben sie in der Taufe nicht die Namen
+christlicher Heiligen, sondern die hebräischer Patriarchen und Krieger;
+den wöchentlichen Festtag, den die Kirche von den ältesten Zeiten an zum
+Andenken an die Auferstehung des Herrn begeht, verwandelten sie,
+ungeachtet der ausdrücklichen und wiederholten Erklärungen Luthers und
+Calvins, in einen jüdischen Sabbath; Rechtsgrundsätze suchten sie in den
+mosaischen Bestimmungen, und Vorgänge, die ihrem gewöhnlichen Verhalten
+als Muster dienen sollten, in den Büchern der Richter und Könige; ihre
+Gedanken und Gespräche dreheten sich meistens um Handlungen, die man
+sicherlich nicht als nachahmungswürdige Beispiele für uns
+niedergeschrieben hat. Der Prophet, der einen gefangenen König in Stücke
+hieb, der ungehorsame Feldherr, der das Blut einer Königin den Hunden
+gab, das Weib, das ungeachtet eines gegebenen Versprechens und der
+morgenländischen Gastfreundschaft zum Trotz, mit einem Nagel das Gehirn
+des flüchtigen Bundesgenossen durchbohrte, der an ihrem Tische gesessen
+und unter ihrem Zelte schlief, diese alle wurden den unter der Tyrannei
+von Fürsten und Prälaten leidenden Christen als Muster aufgestellt.
+Moral und Sitten wurden von einem Codex abhängig gemacht, der dem der
+Synagoge in ihrem schlechtesten Zustande glich. Kleidung, Haltung,
+Sprache, Studien und Vergnügungen dieser strengen Sekte waren nach
+Grundsätzen geregelt, ähnlich denen der Pharisäer, die im Stolze auf
+ihre rein gewaschenen Hände und breiten Gedenkzettel den Erlöser als
+einen Sabbathschänder und Säufer schmähten. Einen Maibaum mit Kränzen zu
+schmücken, die Gesundheit eines Freundes zu trinken, einen Falken fangen
+zu lassen, einen Hirsch zu jagen, Schmachtlocken zu tragen, die
+Halskrause zu stärken, das Spinett zu schlagen oder die Königin der Feen
+zu lesen, war eine Sünde. Vorschriften dieser Art, die dem freien und
+fröhlichen Geiste Luthers unerträglich, und dem hellen philosophischen
+Verstande Zwingli's verächtlich erschienen sein würden, breiteten ein
+mehr als mönchisches Duster über das ganze Leben. Die Gelehrsamkeit und
+Redekunst, durch die sich die großen Reformatoren so hoch auszeichneten,
+und denen sie größtentheils ihre Erfolge verdankten, betrachtete die
+neue Schule der Protestanten mit Argwohn, wenn nicht selbst mit
+Abneigung. -- Einige der Rigorösesten trugen sogar Bedenken, aus der
+lateinischen Grammatik Unterricht ertheilen zu lassen, weil die Namen
+Mars, Bacchus und Apollo darin vorkamen. Die schönen Künste waren so gut
+wie verpönt; der feierliche Klang der Orgel erschien abergläubisch; die
+leichte Musik von Ben Jonson's Maskenspielen galt für unsittlich; die
+eine Hälfte der schönen Gemälde in England war götzendienerisch, die
+andere unanständig. Den extremen Puritaner konnte man sofort an seinem
+Gange, seiner Kleidung, seinem glatten Haare, der kalten Feierlichkeit
+seines Gesichts, dem emporgekehrten Weißen der Augen, der näselnden
+Sprache und vor Allem an seiner eigenthümlichen Ausdrucksweise erkennen.
+Bei jeder Gelegenheit wendete er Bilder und Styl der heiligen Schrift
+an. Hebräismen, gewaltsam in die englische Sprache verflochten, und
+Metaphern, der kühnsten lyrischen Poesie eines fernen Zeitalters und
+Landes entlehnt, und auf die gewöhnlichsten Angelegenheiten des
+englischen Lebens angewendet, waren die hervorragendsten
+Eigenthümlichkeiten dieses Sprachgemisches, das mit vollem Rechte den
+Spott der Prälatisten sowohl als der Freigeister nach sich zog.
+
+Das politische und religiöse Schisma, das im sechzehnten Jahrhunderte
+sich gebildet hatte, ward im ersten Viertheile des siebzehnten
+Jahrhunderts stets größer. In Whitehall waren Theorien Mode, die sich
+dem türkischen Despotismus näherten; der größte Theil des Unterhauses
+huldigte Theorien, die sich dem Republikanismus zuneigten. Die eifrigen
+Prälatisten, die bis auf den letzten Mann für das Hoheitsrecht kämpften,
+und die eifrigen Puritaner, welche eben so heftig für die Privilegien
+des Parlaments stritten, standen sich mit einer viel größern Erbitterung
+gegenüber, als in der vorangegangenen Generation je zwischen Katholiken
+und Protestanten geherrscht hat.
+
+Bei dieser Gemüthsstimmung der Menschen ward das Land nach einem
+langjährigen Frieden in einen Krieg verwickelt, der große Anstrengungen
+nöthig machte. Durch diesen Krieg ward die große constitutionelle Krisis
+beschleunigt. Der König brauchte eine starke Militär-Macht, diese konnte
+er ohne Geld nicht erlangen, und Geld war ohne Zustimmung des Parlaments
+auf gesetzlichem Wege nicht zu erheben. Hieraus ging hervor, daß er
+entweder im Sinne des Hauses der Gemeinen regieren, oder eine Verletzung
+der Grundgesetze des Landes wagen mußte, die man seit mehreren Hundert
+Jahren nicht mehr kannte. Die Plantagenets und Tudors hatten zwar bei
+vorkommenden Gelegenheiten einen Ausfall in ihren Einkünften durch
+freiwillige oder gezwungene Anleihen gedeckt, aber diese Aushilfsmittel
+waren immer nur vorübergehend. Die regelmäßigen Bedürfnisse eines langen
+Kriegs durch regelmäßige Steuern, ohne Einwilligung der Stände des
+Reichs ausgeschrieben, zu decken, war ein Verfahren, dessen Ausführung
+selbst Heinrich VIII. nicht gewagt haben würde. So schien die
+entscheidende Stunde zu nahen, in der entweder das englische Parlament
+das Schicksal der festländischen Senate theilen, oder das höchste
+Übergewicht im Staate erlangen müsse.
+
+ [Anmerkung 6: +Canon 55. of 1603.+]
+
+ [Anmerkung 7: Joseph Hall, damals Dechant von Worcester und später
+ Bischof von Norwich, war einer jener Abgeordneten. In seiner
+ Selbstbiographie sagt er: »Meine Unwürdigkeit wurde zu einem
+ Theilnehmer an dieser ehrenwerthen, wichtigen und
+ verehrungswürdigen Versammlung ernannt.« Diese Demuth wird
+ Hochkirchenmännern nicht recht am Platze erscheinen.]
+
+ [Anmerkung 8: +Peckard's Life of Ferrar.+ Das arminianische
+ Nonnenkloster, oder eine kurze Beschreibung der vor Kurzem
+ gestifteten klösterlichen Anstalt, das arminianische Nonnenkloster
+ genannt, zu Little Gidding in Huntingdonshire, 1641.]
+
+
+[_Thronbesteigung und Charakter Karls I._] In dieser verhängnißvollen
+Zeit starb Jakob, und Karl I. bestieg nach ihm den Thron. Die Natur
+hatte ihn mit einem größern Verstande, mit einem stärkern Willen und
+einem strengern, festern Charakter begabt, als seinen Vater. Die
+politischen Theorien desselben hatte er nicht nur geerbt, er war auch
+weit mehr als jener geneigt, sie praktisch auszuführen. Er war wie jener
+ein eifriger Anhänger der bischöflichen Kirche, außerdem, was der Vater
+nie gewesen, ein eifriger Arminianer, und sah, obgleich kein Papist,
+dennoch einen Papisten lieber, als einen Puritaner. Man würde ungerecht
+sein, wollte man läugnen, daß Karl einige der Eigenschaften eines guten,
+ja selbst eines großen Fürsten besaß. Er schrieb und sprach nicht mit
+der Genauigkeit eines Professors, wie sein Vater, sondern wie ein
+intelligenter, wohlunterrichteter Edelmann. Sein Geschmack in Literatur
+und Kunst war vortrefflich, seine Manieren waren würdevoll, wenn auch
+nicht gewinnend, und sein häusliches Leben tadellos. Treulosigkeit war
+der Hauptgrund zu seinem Mißgeschick, und bildet den schwärzesten Fleck
+auf seinem Andenken, denn er besaß wirklich einen unheilbaren Hang,
+dunkle und krumme Wege zu gehen. Es erscheint seltsam, daß sein Gewissen
+ihn dieses großen Lasters wegen nie plagte, während es bei unbedeutenden
+Gelegenheiten sich ziemlich empfindsam zeigte; man muß indeß mit gutem
+Grunde annehmen, daß er nicht nur aus Neigung und Gewohnheit, sondern
+aus Grundsatz treulos war. Man möchte glauben, er habe von den
+Theologen, die er hoch schätzte, gelernt, daß zwischen ihm und seinen
+Unterthanen kein gegenseitiger Vertrag bestehe, daß er sich seiner
+despotischen Autorität, auch wenn er wollte, nicht entäußern dürfe, und
+daß in jedem seiner Versprechen der stillschweigende Vorbehalt liege, es
+im Falle der Nothwendigkeit wieder brechen zu können, und daß ihm allein
+die Entscheidung zustehe, ob dieser Nothfall eingetreten sei.
+
+
+[_Taktik der Opposition im Hause der Gemeinen._] Und nun begann das
+gewagte Spiel, das über das Geschick des englischen Volks entschied.
+Auf Seite des Hauses der Gemeinen ward mit Eifer, aber auch mit
+bewunderungswürdiger Geschicklichkeit, Ruhe und Ausdauer, gespielt. An
+der Spitze der Versammlung standen große Staatsmänner, die weit zurück
+und weit hinaus zu blicken vermochten, und diese waren entschlossen, den
+König in eine Lage zu versetzen, daß er entweder nach den Wünschen des
+Parlamentes regieren, oder die heiligsten Grundsätze der Verfassung
+gewaltsam antasten müsse. Aus diesem Grunde bewilligten sie ihm nur
+kärgliche Geldunterstützungen. Der König erkannte, daß er entweder im
+Einverständnisse mit dem Hause der Gemeinen, oder mit allen Gesetzen im
+Widerspruche regieren müßte, und sein Entschluß stand bald fest: er
+löste sein erstes Parlament auf und erhob aus eigner Machtvollkommenheit
+Steuern. Nun berief er ein zweites Parlament, und fand es noch
+unbeugsamer als das erste. Wiederum nahm er zu dem Mittel der Auflösung
+seine Zuflucht, erhob, ohne den leisesten Anschein eines gesetzlichen
+Rechts, neue Steuern, und ließ die Führer der Opposition einkerkern.
+Eine neue Beschwerde, welche die eigenthümlichen Gefühle und
+Gewohnheiten des englischen Volks zu einer kaum erträglichen Last
+machten und die allen scharfblickenden Männern als eine furchtbare
+Vorbedeutung erschien, erregte zu derselben Zeit allgemeine
+Unzufriedenheit und Unruhe: es wurden Compagnien Soldaten bei dem Volke
+einquartiert und das Kriegsrecht verdrängte an einigen Orten die alten
+Rechte des Reichs.
+
+
+[_Bitte um Recht._] Der König berief ein drittes Parlament, und bald
+ward er gewahr, daß ihm die Opposition stärker und heftiger
+entgegentrat, als je. Nun entschloß er sich, die Taktik zu ändern. Statt
+den Forderungen der Gemeinen hartnäckig entgegen zu sein, ging er nach
+manchem Streite und manchen Ausflüchten auf einen Vergleich ein, der,
+wenn er ihm treulich nachgekommen wäre, ein dauerndes Ungemach
+abgewendet haben würde. Das Parlament bewilligte eine namhafte
+Geldunterstützung; der König bestätigte feierlich das berühmte Gesetz,
+das unter dem Namen der Bitte des Rechts bekannt ist, und die zweite
+große Urkunde der Freiheiten Englands bildet. Durch die Bestätigung
+dieses Gesetzes legte er sich zugleich die Verpflichtung auf, nie wieder
+ohne Bewilligung der Häuser Geld zu erheben, nie wieder eine Person,
+wenn nicht der Rechtsgang dabei beobachtet, einzukerkern, und nie wieder
+das Volk den Kriegsgerichten zu unterwerfen.
+
+Der Tag, an welchem nach langem Zögern dieses wichtige Aktenstück
+feierlich die königliche Sanktion erhielt, war ein Tag der Freude und
+der Hoffnung. Die an den Schranken des Hauses der Lords versammelten
+Gemeinen erhoben ein lautes Jubelgeschrei, als der Sekretär die Worte
+der Formel ausgesprochen, durch welche seit Jahrhunderten unsere Fürsten
+den Wünschen der Reichsstände ihre Zustimmung zu ertheilen pflegten.
+-- Die Stimme der Hauptstadt und der Nation war der Wiederhall dieses
+Jubels; aber schon nach drei Wochen zeigte es sich, daß Karl nicht die
+Absicht hatte, den geschlossenen Vertrag zu halten. Das von den
+Volksvertretern bewilligte Geld ward erhoben; das Versprechen, durch
+welches die Bewilligung erlangt, ward gebrochen. Es entspann sich ein
+heftiger Kampf. Das Parlament ward in einer Weise aufgelös't, die
+deutlich das Mißfallen des Königs bekundete. Einige der hervorragendsten
+Mitglieder wurden eingekerkert, und eins derselben, Sir Johann Elliot,
+starb im Gefängnisse nach jahrelangen Leiden.
+
+Karl wagte indeß nicht, die zur Fortführung des Kriegs erforderlichen
+Steuern aus eigener Machtvollkommenheit ferner zu erheben; er beeilte
+sich demnach, Frieden mit seinen Nachbarn zu schließen, und befaßte sich
+von da an nur mit Britanniens politischen Angelegenheiten.
+
+Eine neue Ära begann. Viele englische Könige hatten nur bei gewissen
+Gelegenheiten verfassungswidriger Handlungen sich schuldig gemacht, aber
+keiner hatte es noch unternommen, sich systematisch zu einem Despoten zu
+machen, und das Parlament bis zu einem Nichts herabzubringen. Und dies
+war das Ziel, nach welchem Karl unverkennbar strebte. Die Häuser wurden
+vom März 1629 bis zum April 1640 nicht wieder zusammenberufen. Unsere
+Geschichte wies keinen Zeitraum von elf Jahren nach, der zwischen einem
+und dem nächsten Parlamente gelegen; nur ein Mal hat es einen halb so
+langen Zwischenraum gegeben. Diese Thatsache allein widerlegt die
+Behauptung, daß Karl nur in die Fußtapfen der Plantagenets und Tudors
+getreten sei.
+
+
+[_Die Bitte um Recht wird verletzt._] Durch Zeugnisse der eifrigsten
+Anhänger des Königs ist bewiesen, daß er die Bestimmungen in der Bitte
+um Recht in diesem Abschnitte seiner Regierung nicht nur bei einzelnen
+Gelegenheiten, sondern fortwährend und systematisch verletzte; daß er
+die Einkünfte größtentheils ohne gesetzliche Ermächtigung erhoben, und
+daß er der Regierung mißliebige Personen, ohne gerichtliche Vorladung
+und Verhör, Jahre lang im Kerker hat schmachten lassen.
+
+Für solche Handlungen muß die Geschichte den König als persönlich
+verantwortlich erachten. Seit der Zeit seines dritten Parlaments war er
+selbst sein erster Premierminister; nur einige Personen, deren Charakter
+und Fähigkeiten seinen Plänen entsprachen, standen an der Spitze
+verschiedener Verwaltungszweige.
+
+
+[_Charakter und Absichten Wentworths._] Thomas Wentworth, erst zum Lord
+Wentworth und dann zum Earl von Strafford ernannt, ein äußerst fähiger,
+beredter und muthiger Mann, aber grausamen und herrschsüchtigen
+Charakters, war in politischen und militärischen Angelegenheiten der
+vertrauteste Rath des Königs. Früher eins der bedeutendsten Glieder der
+Oppositionspartei, hegte er gegen die, deren Sache er verlassen, jene
+eigenthümliche Abneigung, die in allen Zeiten die Apostaten
+charakterisirt hat. Da die Gefühle, die Hilfsquellen und die Politik der
+Partei, der er noch vor Kurzem angehört, ihm genau bekannt waren, hatte
+er einen umfassenden, tief durchdachten Plan entworfen, der die kluge
+Taktik der leitenden Staatsmänner im Hause der Gemeinen fast vereitelt
+hätte. Dieses Plans erwähnte er in seiner vertraulichen Correspondenz
+unter der bezeichnenden Benennung: »Durch.« Er beabsichtigte, in England
+Alles, und mehr noch als das, zu thun, was Richelieu in Frankreich
+gethan; Karl zu einem so unumschränkten Monarchen zu machen, wie nur
+irgend einer auf dem Festlande existirte; das Vermögen und die
+persönliche Freiheit des ganzen Volks unter die Verfügung der Krone zu
+stellen; die Gerichtshöfe aller selbstständigen Macht selbst in
+gewöhnlichen civilrechtlichen Angelegenheiten zwischen Privatleuten zu
+berauben, und mit schonungsloser Härte alle die zu bestrafen, die bei
+Handlungen der Regierung sich unzufrieden zeigten, oder bei irgend einem
+Gerichtshofe um Abstellung derselben einkamen.[9]
+
+Dies war sein Ziel, und den einzigen Weg, der zu diesem Ziele führte,
+kannte er genau. Hätte er bei seiner wirklich klaren, zusammenhängenden
+und bestimmten Anschauungsweise nicht ein seinem Vaterlande und seinen
+Mitmenschen so verderbliches Ziel verfolgt, er würde die gerechtesten
+Ansprüche auf hohe Bewunderung gehabt haben. Daß es nur ein einziges
+Werkzeug gab, seine großen und kühnen Pläne auszuführen, und daß dieses
+Werkzeug ein stehendes Heer sei, sah er klar ein. Mit der ganzen Energie
+seines kräftigen Geistes strebte er nun nach der Errichtung eines
+solchen Heeres. In Irland, wo er Vicekönig war, gelang ihm wirklich die
+Einführung eines militärischen Despotismus, nicht nur über die
+eingeborene Bevölkerung, sondern auch über die englischen Colonisten,
+und er konnte sich mit Recht rühmen, daß der König auf dieser Insel so
+unumschränkt sei, als nur irgend ein Fürst der Welt.[10]
+
+ [Anmerkung 9: Die Correspondenz Wentworths scheint mir das im Text
+ Gesagte völlig zu bestätigen. Alle Stellen abzuschreiben, die mich
+ zu dem erlangten Schlusse geführt, würde eben so unmöglich sein,
+ als es nicht leicht ist, eine bessere Auswahl zu treffen, als Mr.
+ Hallam bereits getroffen hat. Aber ich mache den Leser besonders
+ auf die vortreffliche Schrift aufmerksam, die Wentworth über die
+ Angelegenheiten der Pfalz verfaßte. Sie ist vom 31. März 1637
+ datirt.]
+
+ [Anmerkung 10: Dies sind Wentworths eigene Worte. Siehe seinen
+ Brief an Laud vom 16. Decbr. 1634.]
+
+
+[_Charakter Laud's._] Die Verwaltung der Kirche leitete indeß
+hauptsächlich Wilhelm Laud, der Erzbischof von Canterbury. Mehr als alle
+Prälaten der anglikanischen Kirche ist Laud von den Grundsätzen der
+Reformation abgewichen, und Rom nahegetreten. Seine theologischen
+Ansichten entfernten sich von denen der Calvinisten mehr, als selbst die
+der holländischen Arminianer. Seine maßlose Vorliebe für Ceremonien,
+seine Verehrung der Festtage, Vigilien und geheiligten Orte, seine übel
+verhehlte Abneigung gegen die Ehe der Priester, sein glühender und von
+Eigennutz nicht völlig freier Eifer, mit dem er den Anspruch des Clerus
+auf das ehrerbietige Benehmen der Laien vertrat, würden ihm den Haß der
+Puritaner zugezogen haben, auch wenn er nur gesetzliche und milde Mittel
+zur Erreichung seiner Pläne verwendet hätte. Aber sein Verstand war ein
+beschränkter, und mit der Welt hatte er nur in geringem Verkehre
+gestanden. Er war heftig und reizbar von Natur, lebhaft empfindlich,
+wenn es seine eigene Würde galt, kalt für die Leiden Anderer, und zu dem
+bei abergläubischen Menschen gewöhnlichen Irrthume geneigt, die eigenen
+mürrischen und gehässigen Launen für die Regungen eines gottesfürchtigen
+Eifers zu halten. Jeder Winkel des Reichs ward unter seiner Leitung
+einer unausgesetzten und scharfen Beaufsichtigung unterworfen; jeder
+kleine Separatisten-Verein ward ausgespürt und aufgelöst, selbst die
+Privatandachtsübungen der Familien entgingen den Späherblicken seiner
+Kundschafter nicht. Die Furcht vor seiner Härte war so groß, daß der
+tödtliche Haß gegen die allgemeine Kirche, der sich unzähliger Herzen
+bemächtigt, unter dem äußern Scheine voller Übereinstimmung mit
+derselben allgemein verborgen ward. Selbst an dem Vorabende der für ihn
+und seinen Stand so verhängnißvollen Unruhen konnten ihm die Bischöfe
+mehrerer umfangreichen Diöcesen noch berichten, daß in ihren Sprengeln
+auch nicht ein Dissidenter mehr zu finden sei.
+
+
+[_Sternkammer und Hohe Commission._] Die Gerichtshöfe gewährten den
+Unterthanen gegen die bürgerliche und geistliche Tyrannei jener Periode
+keinen Schutz. Die Richter des gemeinen Rechts, die ihre Stellen nur so
+lange bekleideten, als es dem Könige beliebte, zeigten sich in
+empörender Weise willfährig; aber ungeachtet ihrer Willfährigkeit waren
+sie dennoch nicht so bereitwillige und wirksame Werkzeuge der
+Willkür-Gewalt, als eine Klasse von Gerichtshöfen, die noch jetzt, nach
+mehr als zweihundert Jahren, in dem Andenken des Volks tief verabscheut
+wird. An der Spitze dieser Gerichtshöfe, durch Macht und Ehrlosigkeit
+gleich ausgezeichnet, standen die Sternkammer und die Hohe Commission;
+die Erstere war ein politisches, die Letztere ein religiöses
+Inquisitionsgericht, und keins von Beiden war aus der alten Verfassung
+Englands hervorgegangen. Die Sternkammer war von den Tudors umgestaltet,
+und die Hohe Commission hatten sie erschaffen. War die Gewalt dieser
+Höfe schon vor der Thronbesteigung Karls ausgedehnt und furchtbar
+gewesen, so zeigte sie sich jetzt in einer Gestalt, daß jene nur gering
+erscheint. Von dem gewaltigen Geiste des Primas hauptsächlich geleitet,
+und von der parlamentarischen Aufsicht befreit, bethätigten sie eine
+Raubgier, eine Grausamkeit und eine boshafte Energie, die man in frühern
+Zeiten nie gekannt hatte. Mit Hilfe derselben war es der Regierung
+möglich, nach Willkür Geldstrafen aufzuerlegen, einzukerkern, an den
+Pranger zu stellen und zu verstümmeln. Zu York hatte ein besonderer Rath
+unter dem Präsidium Wentworths seinen Sitz, der, im Widerspruch mit dem
+Gesetz und nur durch die eigene Machtvollkommenheit des Königs ernannt,
+eine fast maßlose Gewalt über die nördlichen Grafschaften ausübte. Alle
+diese Gerichtshöfe, der Autorität von Westminsterhall Hohn und Trotz
+bietend, verübten täglich Excesse, welche selbst von den
+hervorragendsten Royalisten hart getadelt wurden. Nach Clarendons
+Bericht gab es kaum einen bedeutenden Mann im Königreiche, der die Härte
+und Gier der Sternkammer nicht aus eigener Erfahrung kennen gelernt; die
+Hohe Commission verfuhr in einer Weise, daß ihr kaum noch ein Anhänger
+im Lande geblieben, und durch die Tyrannei des Raths von York war
+nördlich vom Trent die Magna Charta zu einem todten Buchstaben geworden.
+
+Bis auf einen Punkt war nun die englische Regierung eben so despotisch,
+als die französische; aber dieser eine Punkt enthielt eine hohe
+Bedeutung: es gab noch kein stehendes Heer, und folglich auch keine
+Sicherheit dafür, daß nicht das ganze Gebäude der Tyrannei an einem Tage
+zertrümmert werden könne. Wollte aber der König aus eigener
+Machtvollkommenheit Steuern zum Unterhalte eines Heeres auferlegen, so
+hatte man, aller Wahrscheinlichkeit nach, sofort den heftigen Ausbruch
+eines Aufstandes zu fürchten. Durch diese Schwierigkeit ward Wentworth
+mehr als durch jede andere in Verlegenheit gesetzt. Man griff nun
+begierig zu einem Auskunftsmittel, das Finch, der Lord Siegelbewahrer,
+in Übereinstimmung mit andern der Regierung dienenden Rechtsgelehrten,
+empfohlen hatte.
+
+
+[_Schiffsgeld._] Es hatten nämlich die alten englischen Könige die
+Bewohner nicht nur der in der Nähe Schottlands liegenden Grafschaften
+zur Vertheidigung der Grenze unter die Waffen gerufen, sondern auch die
+Grafschaften an dem Meere aufgeboten, Schiffe zur Vertheidigung der
+Küste auszurüsten; statt der Schiffe hatte man mitunter Geld genommen.
+Diesen alten Gebrauch beschloß man jetzt, nach einem langen Zeitraume,
+nicht nur wieder einzuführen, sondern auch auszudehnen. Früher hatten
+die Fürsten nur zur Zeit des Krieges Schiffsgeld erhoben -- jetzt
+forderte man es in einer Zeit tiefen Friedens ein. Wenn früher die
+Fürsten, selbst in den gefährlichsten Kriegen, das Schiffsgeld nur in
+den Küstengegenden erhoben hatten, so nahm man es jetzt von den
+Grafschaften des Binnenlandes. Früher hatte man das Schiffsgeld
+eingefordert, um eine Vertheidigung des Landes zur See zu bewirken;
+jetzt trieb man es ein, wie die Royalisten selbst zugestehen, nicht um
+eine Flotte zu unterhalten, sondern um dem Könige Gelder zu verschaffen,
+deren Betrag er nicht nur nach Belieben ausdehnen, sondern auch zu jedem
+beliebigen Zwecke verwenden konnte.
+
+Die ganze Nation gerieth in Aufregung und Entrüstung. John Hampden, ein
+reicher Gentleman aus guter Familie in Buckinghamshire, der in seiner
+nähern Umgebung hoch geachtet, aber in weitern Kreisen des Königreichs
+noch wenig bekannt war, hatte zuerst den Muth, der ganzen Gewalt der
+Regierung entgegenzutreten und auf eigene Kosten und Gefahr die
+Hoheitsrechte zu bestreiten, die der König in Anspruch nahm. Der Fall
+ward den Richtern der Schatzkammer zur Entscheidung vorgelegt; wie
+abhängig und knechtisch auch die Richter waren, es lagen so starke
+Gründe gegen die Ansprüche der Krone vor, daß die Majorität gegen
+Hampden so klein als nur möglich ausfiel -- aber es war immer eine
+Majorität. Die Ausleger der Gesetze hatten erklärt, daß der königliche
+Machtspruch eine große, ergiebige Steuer auferlegen könne, und Wentworth
+bemerkte sehr richtig, ihr Urtheil sei nur durch Gründe zu
+rechtfertigen, die direct zu einem Schlusse führten, den zu ziehen sie
+nicht gewagt haben würden. -- War es gesetzmäßig, daß zur Unterhaltung
+einer Flotte ohne Zustimmung des Parlamentes Geld erhoben werden konnte,
+so ließ sich schwer in Abrede stellen, daß auch Geld zum Unterhalte
+einer Armee ohne Zustimmung des Parlaments erhoben werden dürfe.
+
+Dieser Richterspruch vermehrte die Erbitterung des Volks. Ein
+Jahrhundert früher würde eine minder große Erbitterung einen allgemeinen
+Aufstand bewirkt haben; aber die Unzufriedenheit äußerte sich jetzt
+nicht so rasch als in früherer Zeit durch Empörung, denn Reichthum und
+Gesittung der Nation waren seit lange in stetem Wachsen gewesen, und
+seit siebzig Jahren, seit der Zeit nämlich, als die großen nordischen
+Grafen die Waffen gegen Elisabeth ergriffen, hatte kein Bürgerkrieg
+stattgefunden. So lange die englische Nation existirte, war nie eine so
+lange Zeit ohne innern Zwist verflossen. Das Volk hatte sich an den
+Betrieb friedlicher Gewerbe gewöhnt, und so erbittert es auch war, so
+zögerte es doch lange, ehe es zum Schwerte griff.
+
+Unter diesen Umständen schwebten die Freiheiten unsers Vaterlandes in
+der größten Gefahr. Die Gegner der Regierung begannen an dem Schicksale
+ihres Vaterlandes zu verzweifeln, und mancher von ihnen hielt die
+Wildnisse Amerika's für die einzige Zufluchtsstätte bürgerlicher und
+geistiger Freiheit. Einige entschlossene Puritaner, welche für ihre
+Religion weder das Toben des Oceans, die Beschwerden des uncivilisirten
+Lebens, die Klauen wilder Thiere, noch die Tomahawks wilder Menschen
+fürchteten, hatten dort inmitten der Urwälder Dörfer angebaut, die jetzt
+große, reiche Städte sind, und durch alle Schicksalswechsel Spuren des
+ihren Gründern angestammten Charakters bewahrt haben. Die Regierung sah
+mit gehässigen Blicken auf diese jungen Colonien und suchte gewaltsam
+dem Strome der Auswanderung nach denselben zu steuern; sie konnte aber
+nicht verhindern, daß die Einwohnerschaft Neu-Englands aus allen Theilen
+des alten Englands durch unerschrockene und gottesfürchtige Männer
+ansehnlich vermehrt wurde. Jetzt jubelte Wentworth ob des nahen
+Gelingens seines »Durch«. Wahrscheinlich hätten nur wenig Jahre zur
+Ausführung seines großen Planes genügt, und wäre strenge Sparsamkeit
+beobachtet, jeder Krieg mit auswärtigen Mächten vermieden, so hätte man
+nicht nur die Schulden der Krone bezahlen, sondern auch Fonds zum
+Unterhalte einer großen Militärmacht beschaffen können, und diese Macht
+konnte bald den widerspenstigen Geist der Nation zügeln.
+
+
+[_Widerstand gegen die Liturgie in Schottland._] In dieser Krisis ward
+die ganze Gestalt der öffentlichen Angelegenheiten durch einen Akt
+wahnsinniger Bigotterie plötzlich verändert. Wäre der König weise
+gewesen, so hätte er so lange eine vorsichtige und milde Politik gegen
+Schottland verfolgt, bis er der Herr des Südens geworden; denn von allen
+seinen Reichen war in Schottland die größte Gefahr vorhanden, daß ein
+Funke zur Flamme, und eine Flamme zu einer Feuersbrunst werden konnte.
+Eine constitutionelle Opposition, wie man sie ihm in Westminster
+entgegenstellte, hatte er allerdings in Edinburg nicht zu fürchten, da
+das Parlament seines nördlichen Königreichs ein ganz anderer Körper als
+der war, der in England denselben Namen führte. Es war schlecht
+zusammengesetzt, ward wenig geachtet und hatte nie einem seiner
+Vorgänger ernste Schranken gezogen. Die drei Stände beriethen in einem
+Hause; die Bevollmächtigten der Flecken betrachtete man nur als von den
+großen Edelleuten abhängige Personen, und kein Gesetz konnte eingebracht
+werden, bevor nicht die Lords der Artikel, -- ein Ausschuß, den die
+Krone in der That, wenn auch nicht der Form nach ernannte -- ihre
+Billigung ausgesprochen hatten. War nun auch das schottische Parlament
+ein fügsames, so hatte sich doch das schottische Volk stets als ein
+unruhiges und unlenksames gezeigt. Es hatte seinen ersten Jakob in dem
+Schlafzimmer niedergemetzelt, mehr als einmal die Waffen gegen Jakob II.
+erhoben, Jakob III. auf dem Schlachtfelde erschlagen, durch Ungehorsam
+Jakob V. das Herz gebrochen, Maria entthront und eingekerkert, hatte den
+Sohn derselben gefangen gehalten, und war noch eben so unbändig als
+sonst. Alle seine Gewohnheiten waren roh und kriegerisch. An der ganzen
+südlichen Grenze, sowie auf der ganzen Landstrecke zwischen den Hoch-
+und Niederlanden wüthete beständig ein Raubkrieg; in jedem Landestheile
+war man gewohnt, den Beschwerden über erlittenes Unrecht mit kräftiger
+Faust abzuhelfen, und wie groß auch die frühere Anhänglichkeit der
+Nation an die Stuarts gewesen sein mochte, sie war während der langen
+Abwesenheit derselben erkaltet. Der mächtigste Einfluß auf die
+öffentliche Stimmung theilte sich unter zwei Klassen von Mißvergnügten:
+unter die der Grundherren und die der Prediger -- Grundherren, von
+demselben Geiste beseelt, der so oft die alten Douglas zum Widerstande
+gegen das königliche Haus angetrieben, und Prediger, welche Knox's
+repulikanische Ansichten und den Starrsinn desselben geerbt hatten.
+Sowohl die nationalen als die religiösen Gefühle der Bevölkerung waren
+gleich tief verletzt worden; alle Stände klagten, daß ihr Vaterland,
+einst so ruhmvoll um seine Unabhängigkeit gegen die fähigsten und
+muthigsten Plantagenets kämpfend, jetzt durch seine eigenen Fürsten eine
+englische Provinz, wenn auch nicht dem Namen nach, doch in der That
+geworden sei. Die calvinistische Lehre und Kirchenordnung hatte in
+keinem andern Theile Europa's einen so starken Haltpunkt in der
+öffentlichen Meinung gewonnen; die große Masse des Volks sah auf die
+römische Kirche mit einem Hasse, der mit vollem Rechte ein grimmiger zu
+nennen war, und die Kirche von England, die täglich der von Rom
+ähnlicher zu werden schien, war der Gegenstand einer nicht minder großen
+Abneigung.
+
+Das anglikanische System über die ganze Insel auszudehnen, war schon
+lange der Wunsch der Regierung gewesen, und in dieser Absicht hatte sie
+bereits verschiedene, jedem Presbyterianer höchst ärgerliche Änderungen
+vorgenommen. Eine Neuerung aber, die kühnste von allen, weil sie von dem
+Volke unmittelbar aufgefaßt werden mußte, hatte man noch nicht versucht.
+Es war nämlich der öffentliche Gottesdienst in der bei dem Volke gern
+gesehenen Weise bisher abgehalten; Karl und Laud beschlossen aber jetzt,
+den Schotten die englische Liturgie oder vielmehr eine Liturgie
+aufzudringen, die nach dem Urtheile aller strengen Protestanten nicht
+nur von der englischen abwich, sondern auch in den abweichenden Punkten
+schlechter war, als jene.
+
+Diesem rein aus tyrannischem Übermuthe und in sträflicher Unkenntniß
+oder noch strafwürdigerer Verachtung der Volksgefühle unternommenen
+Schritte verdankt unser Vaterland seine Freiheit. Der erste Gottesdienst
+mit den neuen Ceremonien hatte einen Aufruhr zur Folge, und der Aufruhr
+ward schnell zu einer Revolution. Ehrgeiz, Vaterlandsliebe und
+Fanatismus brausten auf in einem gewaltig reißenden Strome; die ganze
+Nation stand unter den Waffen. Zwar war die Macht Englands, wie sich
+einige Jahre später auswies, stark genug, um Schottland im Zügel zu
+halten; aber ein großer Theil des englischen Volks theilte die
+religiösen Gefühle der Aufständischen, und viele Engländer, denen
+Wechselgesänge, Kniebeugen, Altäre und Chorhemden keine Scrupel
+erregten, sahen mit Freuden auf die Fortschritte einer Empörung,
+die Aussicht auf Vereitelung der Willkürpläne des Hofes und auf die
+Einberufung eines Parlaments bot.
+
+Für diesen unklugen Einfall, der solche Wirkungen hervorbrachte, ist
+Wentworth nicht verantwortlich zu machen,[11] denn er verwirrte in der
+That alle seine Pläne. Eine Nachgiebigkeit anzurathen, lag jedoch nicht
+in seiner Natur. Es ward versucht, den Aufstand durch das Schwert zu
+dämpfen; aber die militärischen Kräfte und Talente des Königs waren dem
+Unternehmen nicht gewachsen. Unter diesen Umständen und im Widerspruche
+mit den Gesetzen neue Steuern aufzuerlegen, wäre Wahnsinn gewesen; es
+blieb keine andere Aussicht als ein Parlament, und im Frühjahr 1640 ward
+ein solches einberufen.
+
+ [Anmerkung 11: Siehe seinen Brief an den Grafen von
+ Northumberland, d. d. 30. Juli 1638.]
+
+
+[_Ein Parlament wird berufen und aufgelös't._] Bei der Aussicht auf
+Wiederherstellung einer verfassungsmäßigen Regierung und auf Abhilfe der
+Beschwerden war die Stimmung der Nation eine bessere geworden. Das neue
+Haus der Gemeinen zeigte sich gemäßigter und ehrerbietiger gegen den
+Thron, als alle, die sich seit dem Tode Elisabeths versammelt hatten.
+Die ausgezeichnetsten Royalisten haben die Mäßigung dieser Versammlung
+hoch gepriesen, aber den Häuptern der Opposition scheint sie nicht wenig
+Sorge und eine große Enttäuschung bereitet zu haben. Karl blieb indeß
+seiner eben so unpolitischen als unedeln Gewohnheit treu, den Wünschen
+seines Volks so lange sich abhold zu zeigen, bis diese Wünsche drohend
+ausgesprochen wurden. Kaum legten die Gemeinen die Neigung an den Tag,
+die Beschwerden, unter denen das Land elf Jahre lang gelitten, in
+Betracht zu ziehen, als der König das Parlament mit allen Zeichen des
+Mißfallens auflös'te.
+
+Zwischen der Auflösung dieser auf so kurze Zeit einberufenen Versammlung
+und der Constituirung jenes ewig merkwürdigen Körpers, der unter dem
+Namen des Langen Parlaments bekannt ist, lagen wenig Monate, in denen
+das Joch der Nation sich herber als je gestaltete, der Volksgeist aber
+sich zorniger als je dagegen erhob. Der Geheime Rath ließ Mitglieder des
+Hauses der Gemeinen wegen ihres parlamentarischen Verhaltens zur
+Rechenschaft ziehen, und als sie sich weigerten Rede zu stehen, in's
+Gefängniß werfen. Das Schiffsgeld ward mit größerer Strenge
+eingetrieben; man bedrohte den Lord Mayor und die Sheriffs von London
+mit Gefängniß, weil sie nicht streng genug die Gelder eingezogen hatten;
+es fanden gewaltsame Aushebungen von Soldaten statt, deren Unterhalt
+ihre Grafschaften bestreiten mußten. Die stets ungesetzlich gewesene
+Folter, und erst kürzlich noch von den servilsten Richtern jener Zeit
+für ungesetzlich erklärt, ward in England im Monat Mai 1640 zum letzten
+Male angewendet.
+
+Von dem Ausgange der Kriegsoperationen des Königs gegen die Schotten
+hing nun Alles ab. Jener Geist, der den eigentlichen Soldaten von dem
+Volke trennt und ihn an seine Führer bindet, zeigte sich äußerst
+spärlich in seinen Truppen. Das Heer, größtentheils aus Rekruten
+zusammengesetzt, die sich nach dem Pfluge zurücksehnten, von dem man sie
+gewaltsam fortgerissen, und die im ganzen Lande vorherrschenden
+religiösen und politischen Ansichten theilend, war dem Könige
+gefährlicher als dem Feinde. Die von den Führern der englischen
+Opposition ermuthigten Schotten fanden bei den englischen Truppen nur
+schwachen Widerstand, sie gingen über den Tweed und den Tyne, und
+lagerten sich an den Grenzen von Yorkshire. Und nun artete das Murren
+der Unzufriedenheit in einen Tumult aus, der alle Gemüther, eines
+ausgenommen, mit Schrecken erfüllte. Strafford beharrte noch immer bei
+dem »Durch«, und selbst in diesem verhängnißvollen Augenblicke zeigte er
+sich so grausam und despotisch, daß nicht viel fehlte, und seine eigenen
+Lanzknechte hätten ihn in Stücke zerrissen.
+
+Noch gab es indessen ein Auskunftsmittel, das dem Könige, wie er sich
+schmeichelte, die Schmach ersparen könnte, einem andern Hause der
+Gemeinen gegenüberzutreten. Dem Hause der Lords war er weniger
+abgeneigt. Die Bischöfe hingen an ihm und die weltlichen Lords, wenn
+auch im Allgemeinen mit seiner Verwaltung nicht einverstanden, mußten
+sich doch als Stand so sehr bei der Aufrechterhaltung der Ordnung und
+dem Verbleiben der alten Einrichtungen interessiren, daß ein Drängen
+nach ausgedehnten Reformen ihrerseits nicht zu fürchten war. Wider die
+Gewohnheit, die seit Jahrhunderten ununterbrochen bestanden, rief er nur
+die Lords zu einem großen Rathe zusammen; die Lords aber waren zu klug,
+als daß sie die verfassungswidrigen Funktionen übernahmen, die er ihnen
+zugedacht hatte. Ohne Geld, ohne Credit und ohne Autorität, selbst in
+seinem eigenen Lager, fügte er sich dem Drange der Nothwendigkeit. Die
+Häuser wurden zusammenberufen und die Wahlen bewiesen, daß Mißtrauen und
+Haß gegen die Regierung seit dem Frühjahre gefährliche Fortschritte
+gemacht hatten.
+
+
+[_Das lange Parlament._] Im November 1640 trat jenes berühmte Parlament
+zusammen, das, ungeachtet mancher Irrthümer und Mißgeschicke, gerechten
+Anspruch auf die Hochachtung und Dankbarkeit aller derer hat, die in
+irgend einem Theile der Welt sich der Segnungen einer constitutionellen
+Regierung erfreuen.
+
+Im Laufe des folgenden Jahres stellte sich in den Häusern keine
+Meinungsverschiedenheit von großer Wichtigkeit heraus. Die bürgerliche
+und geistliche Verwaltung war zwölf Jahre hindurch so bedrückend und so
+verfassungswidrig ausgeübt worden, daß selbst diejenigen Klassen,
+die gewöhnlich auf Ordnung und Autorität halten, mit großem Eifer
+volksthümliche Reformen zu fördern und die Werkzeuge der Tyrannei vor
+Gericht zu stellen bemüht waren. Eine Verordnung ward erlassen, wonach
+zwischen einem und dem nächsten Parlamente nicht mehr als drei Jahre
+liegen durften und erfolgte das Ausschreiben unter dem großen Siegel
+nicht zur gehörigen Zeit, so waren die Wahlbeamten befugt, auch ohne ein
+solches Ausschreiben die Wahlkörper behufs Wahl der Vertreter
+einzuberufen. Die Sternkammer, die Hohe Kommission und der Rath von York
+wurden aufgehoben. Männer, die grausam verstümmelt in tiefen Kerkern
+schmachteten, wurden freigelassen. An den ersten Dienern der Krone nahm
+das Volk schonungslose Rache; der Lord Siegelbewahrer, der Primas, der
+Lord Statthalter wurden in Anklagestand versetzt; Finch rettete sich
+durch die Flucht, Laud ward in den Tower geworfen und Strafford ward vor
+Gericht gestellt und laut eines Parlamentsbeschlusses zum Tode
+verurtheilt. An demselben Tage, an dem dieser Beschluß durchging,
+stimmte der König einem Gesetze bei, durch das er sich verpflichtete,
+das bestehende Parlament weder zu vertagen, noch zu prorogiren oder
+aufzulösen, wenn es nicht selbst seine Zustimmung dazu gäbe.
+
+Im September 1641, nach einer zehnmonatlichen angestrengten Arbeit,
+vertagten sich die Häuser auf kurze Zeit und der König besuchte
+Schottland, das er nur mit Mühe durch die Verzichtleistung auf alle
+seine kirchlichen Reformpläne und durch die mit großer Überwindung
+ertheilte Bestätigung einer Akte, die das Episcopat in Widerspruch mit
+Gottes Wort erklärte, beruhigte.
+
+
+[_Erstes Auftreten der beiden großen englischen Parteien._] Die Ferien
+des englischen Parlamentes dauerten sechs Wochen. Der Tag des
+Wiederzusammentritts der Häuser bildet eine der merkwürdigsten Epochen
+unserer Geschichte. Von diesen Tage an existiren die beiden großen
+corporativen Parteien, die seitdem stets das Land abwechselnd regiert
+haben, obgleich der Unterschied, der damals augenscheinlich hervortrat,
+in einem gewissen Sinne immer bestanden hat und auch immer bestehen muß,
+denn er entspringt den Verschiedenheiten des Temperaments, der
+Intelligenz und des Interesses, die man in allen Gesellschaften findet
+und so lange finden wird, bis der menschliche Geist aufhört, sich durch
+den Reiz der Gewohnheit und Neuheit in entgegengesetzte Richtungen
+leiten zu lassen. Wir finden diesen Unterschied nicht nur in der
+Politik, sondern auch in der Literatur, in Kunst und Wissenschaft, in
+Chirurgie, Mechanik, dem Seewesen, der Landwirthschaft, und selbst in
+der Mathematik. Überall begegnen wir einer Menschenklasse, die mit
+Vorliebe an allem Alten hängt, und selbst dann noch mit banger Besorgniß
+und bösen Ahnungen in die Neuerung willigt, wenn überwiegende Gründe für
+deren Wohlthätigkeit vorliegen. Ebenso finden wir überall eine zweite
+Menschenklasse, die sanguinischer Hoffnung und kühner Pläne voll die
+Unvollkommenheiten des Bestehenden rasch erfaßt, über die Gefahren und
+Widerwärtigkeiten der Neuerungen leicht hinweggeht, und nur zu geneigt
+ist, jede Veränderung für eine Verbesserung zu halten. In den Neigungen
+beider Klassen liegt etwas, das man billigen muß; aber die Höhepunkte
+Beider findet man in der Nähe der gemeinschaftlichen Grenze, der extreme
+Theil der einen besteht aus abergläubischen, einfältigen Narren; der
+extreme Theil der andern aus seichten und unbesonnenen Empirikern.
+
+Daß sich schon in unsern ersten Parlamenten ängstlich auf Erhaltung des
+Bestehenden bedachte Mitglieder von andern, eifrig nach Reformen
+strebenden unterscheiden ließen, ist nicht zu bezweifeln; so lange aber
+die Sitzungen des gesetzgebenden Körpers nur von kurzer Dauer waren,
+konnten diese Gruppen keine bestimmte und bleibende Form annehmen, sich
+anerkannten Führern nicht unterordnen, und sich weder durch Namen und
+Zeichen noch durch Losungsworte unterscheiden. Der Unwille über die seit
+vielen Jahren erlittene widergesetzliche Unterdrückung war während der
+ersten Monate des langen Parlaments so groß und allgemein, daß das Haus
+der Gemeinen wie ein Mann handelte. Ohne Streit verschwand Mißbrauch auf
+Mißbrauch. Eine geringe Minorität des repräsentativen Körpers wünschte
+die Sternkammer und die Hohe Commission beizubehalten; aber
+eingeschüchtert durch die Begeisterung und das numerische Übergewicht
+der Reformer begnügte sie sich, im Stillen den Verlust von Institutionen
+zu beklagen, die mit irgend einer Aussicht auf Erfolg sich offen nicht
+vertheidigen ließen. Die Royalisten fanden es in einer spätern Zeit für
+zweckmäßig, den Ursprung der zwischen ihnen und ihren Gegnern
+eingetretenen Spaltung weiter hinauszuverlegen, und die Akte, die dem
+Könige das Auflösen oder Vertagen des Parlamentes verbietet, die Akte
+über die dreijährige Frist zwischen zwei Parlamenten, sowie die Anklage
+der Minister und den Antrag auf Straffords Verurtheilung, jener Faktion
+beizumessen, die später gegen den König Krieg führte. Ein unredlicherer
+Kunstgriff läßt sich nicht denken. Die eifrigste Förderung dieser
+strengen Maßregel war von Männern ausgegangen, die später unter den
+Cavalieren in erster Reihe standen. Kein Republikaner hätte härter über
+Karls so lange schlecht verwaltete Regierung gesprochen, als Colepepper,
+und die merkwürdigste Rede zu Gunsten der Dreijährigkeits-Akte hatte
+Digby gehalten. Die Anklage des Lord Siegelbewahrers hatte Falkland
+beantragt, und die Forderung, den Lord Statthalter in engem Gewahrsam zu
+halten, war an den Schranken des Lords von Hyde gestellt. Erst dann, als
+das Gesetz in Betreff der Verurtheilung Strafford's vorgeschlagen wurde,
+ließen sich die Zeichen einer ernsten Uneinigkeit erkennen und selbst
+gegen dieses Gesetz, das nichts als die äußerste Nothwendigkeit
+rechtfertigen konnte, stimmten etwa sechzig Mitglieder des Hauses der
+Gemeinen. Es ist gewiß, daß Hyde nicht bei der Minorität war, und daß
+Falkland nicht nur mit der Majorität stimmte, sondern auch kräftig zu
+Gunsten der Bill sprach. Selbst die kleine Anzahl, die Zweifel darüber
+hegte, ob eine die Todesstrafe aussprechende Verfügung rückwirkend sein
+könne, hielten es für nöthig gegen Straffords Charakter und Verwaltung
+den größten Abscheu auszudrücken.
+
+Unter dieser scheinbaren Einmüthigkeit verbarg sich indeß ein großes
+Schisma, und als im October 1641 das Parlament nach kurzen Ferien wieder
+zusammentrat, standen zwei Parteien einander feindlich gegenüber, dem
+Wesen nach dieselben, die unter verschiedenen Namen seitdem stets um die
+Leitung der öffentlichen Angelegenheiten gestritten haben und noch
+streiten. Man bezeichnete sie einige Jahre hindurch mit den Namen:
+Cavaliere und Rundköpfe; später nannte man sie Tories und Whigs, und wie
+es scheint, werden diese letztern Namen sobald nicht veralten.
+
+Auf jede dieser berühmten Faktionen eine Schmähschrift oder eine Lobrede
+zu verfassen, würde nicht schwer sein, denn Jeder, der noch einigermaßen
+urtheilsfähig und redlich ist, muß eingestehen, daß dem Rufe der Partei,
+der er angehört, nicht zu vertilgende Flecken ankleben und daß seine
+Gegenpartei sich vieler ausgezeichneten Namen, vieler heroischen Thaten
+und vieler großen, dem Staate geleisteten Dienste rühmen kann. Die
+Wahrheit ist, daß England beider Parteien, obgleich sie sich oft
+bedeutend geirrt, nicht hätte entbehren können. Wenn wir in den
+Institutionen desselben Freiheit und Ordnung mit den aus Neuerung und
+Verjährung entspringenden Vortheilen bis zu einem Umfange vereinigt
+finden, der andernorts unbekannt ist, so können wir diese glückliche
+Eigenthümlichkeit den heftigen Kämpfen und den abwechselnden Siegen
+zweier wetteifernden Verbindungen von Staatsmännern zuschreiben: der
+einen, die für Autorität und Alterthum, der andern, die für Freiheit und
+Fortschritt eiferte.
+
+Man darf den Umstand nicht übersehen, daß der Unterschied zwischen den
+beiden Hauptabtheilungen englischer Politiker stets mehr ein Unterschied
+des Grades als des Grundsatzes gewesen ist. Gewisse Grenzen, zur Rechten
+wie zur Linken, wurden sehr selten überschritten. Eine kleine Anzahl
+Enthusiasten auf der einen Seite hätte bereitwillig alle unsere Rechte
+und Freiheiten dem Könige zu Füßen gelegt; auf der andern Seite gab es
+ebenfalls einzelne Enthusiasten, die gern ihr Lieblingsphantom, das
+einer Republik, durch endlose Bürgerkriege verfolgt hätten. Aber die
+große Mehrzahl der Anhänger der Krone war dem Despotismus nicht
+zugethan, und die große Mehrzahl der Kämpfer für die Volksrechte wollte
+die Anarchie nicht. Im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts stellten beide
+Parteien zweimal den gegenseitigen Kampf ein, um ihre Kräfte zur
+Durchführung einer gemeinschaftlichen Sache zu vereinigen. Ihre erste
+Vereinigung stellte die erbliche Monarchie wieder her; ihre zweite
+rettete die verfassungsmäßige Freiheit.
+
+Ferner muß bemerkt werden, daß diese Parteien nie die ganze Nation
+umfaßt, und daß selbst beide zusammen nie eine Mehrzahl von der Nation
+gebildet haben; stets befand sich zwischen ihnen eine große Masse,
+die nicht beständig einer oder der andern anhing, und bald in träger
+Neutralität verharrte, bald hin und her schwankte. Diese Masse ist in
+wenigen Jahren mehr als einmal von einem Extreme zu dem andern, und dann
+wieder zurück gegangen. Mitunter wechselte sie ihre Parteistellung nur
+deshalb, weil sie stets dieselben Männer zu unterstützen müde war;
+mitunter, weil sie vor ihrem eigenen Zuweitgehen erschrak, und nicht
+selten auch, weil sie Unmöglichkeiten erwartet hatte und sich getäuscht
+sah. Neigte sie sich aber mit ihrem ganzen Gewicht nach der einen oder
+andern Richtung hin, war ein Widerstand für diese Zeit unmöglich.
+
+Bei dem ersten Auftreten der rivalisirenden Parteien in bestimmter
+Gestalt schienen ihre Kräfte ziemlich gleich vertheilt zu sein. Auf der
+Seite der Regierung stand eine große Mehrzahl des Adels und jener
+reichen Gentlemen aus guter Familie, denen, um adelig zu sein, nichts
+fehlte als der Name; diese bildeten mit ihren Anhängern, über deren
+Beistand sie bestimmen konnten, eine nicht unbedeutende Macht im Staate.
+Auf derselben Seite standen der ganze Clerus, beide Universitäten und
+jene Laien alle, die fest der bischöflichen Regierung und dem
+anglikanischen Ritual anhingen. Diesen achtbaren Klassen hatten sich
+einige Bundesgenossen von minderer Bedeutung angeschlossen. Alle,
+die aus dem Vergnügen ein Geschäft machten, oder durch Galanterie,
+Kleiderprunk und Geschmack an den leichten Künsten sich hervorthun
+wollten, veranlaßte die puritanische Strenge, zu der Partei des Königs
+zu treten. Mit diesen gingen nun wiederum alle diejenigen, die davon
+lebten, Andern Zeitvertreib zu schaffen; der Maler, der komische
+Dichter, der Seiltänzer und der Possenreißer (lustige Andreas). Diese
+Künstler wußten recht gut, daß sie nur unter einem stolzen und üppigen
+Despotismus gedeihen konnten, unter der strengen Herrschaft der
+Rigoristen aber Hunger leiden mußten. Dasselbe Interesse leitete alle
+Katholiken. Die Königin, eine Tochter Frankreichs, bekannte sich zu
+ihrem Glauben; von dem Gemahle derselben wußte man, daß er seine Gattin
+eben so sehr liebte, als er sie fürchtete, und daß er, obgleich
+unbezweifelt Protestant aus Überzeugung, dennoch die Bekenner der alten
+Religion nicht mit Abneigung betrachtete, sondern ihnen gern eine
+größere Duldung gewährte, als er den Presbyterianern zu bewilligen
+bereit war. Wenn die Opposition den Sieg davon trug, so wären
+wahrscheinlich die unter der Regierung Elisabeths erlassenen Blutgesetze
+streng geübt worden; die Römisch-Katholischen hatten daher die
+triftigsten Gründe, sich der Sache des Hofes zuzuwenden. Verfuhren sie
+im Allgemeinen auch mit einer Vorsicht, durch die sie den Vorwurf der
+Feigheit und Lauheit auf sich zogen, so ist es dennoch wahrscheinlich,
+daß sie bei dieser großen Zurückhaltung nicht minder das Interesse des
+Königs als ihr eigenes im Auge hatten, und es wäre wahrlich nicht
+heilbringend für ihn gewesen, wenn sie sich unter seinen Freunden
+besonders bemerkbar gemacht hätten.
+
+Die Opposition fand ihre Hauptstärke in den kleinen Freisassen auf dem
+Lande und den Krämern der Städte; aber diese wurden von einer zu
+fürchtenden Minorität der Aristokratie geleitet, zu der die reichen und
+mächtigen Grafen von Northumberland, Bedford, Warwick, Stamford und
+Essex gehörten. In denselben Reihen befanden sich sämmtliche
+protestantischen Nonconformisten und die mehrsten derjenigen Mitglieder
+der Staatskirche, die noch immer an den calvinistischen Meinungen
+hingen, welche die Prälaten und die niedere Geistlichkeit vor vierzig
+Jahren allgemein getheilt hatten. Auch die städtischen Corporationen
+standen, mit geringen Ausnahmen, auf Seite derselben Partei. In dem
+Hause der Gemeinen hatte die Opposition das Übergewicht, jedoch ein
+nicht entschiedenes.
+
+Keiner der beiden Parteien fehlte es für die Maßregeln, die sie
+ergriffen zu sehen wünschten, an triftigen Gründen. Das Raisonnemenent
+der aufgeklärtesten Royalisten kann in Folgendem zusammengefaßt werden:
+»Es ist wahr, daß große Mißbräuche stattgefunden haben, aber sie sind
+beseitigt. Es ist wahr, daß theure Rechte verletzt worden sind, aber man
+hat ihnen wieder volle Geltung und neue Bürgschaften dafür gegeben. Man
+hat zwar die Versammlungen der Reichsstände gegen alle frühern Gebräuche
+und gegen den Geist der Verfassung elf Jahre lang ausgesetzt, jetzt aber
+steht fest, daß in Zukunft nie drei Jahre ohne ein Parlament
+verstreichen sollen. Die Sternkammer, die Hohe Commission und der Rath
+von York haben uns gedrückt und ausgeplündert; diese verhaßten
+Gerichtshöfe existiren nicht mehr. Der Lord Statthalter gedachte einen
+Militairdespotismus einzuführen; er hat diesen Verrath mit seinem Kopfe
+gebüßt. Der Primas befleckte unsern Gottesdienst mit papistischen
+Gebräuchen und strafte die Zweifel unsers Gewissens mit papistischer
+Grausamkeit; er erwartet im Tower das Urtheil seiner Pairs. Der Lord
+Siegelbewahrer bestätigte einen Plan, nach dem das Eigenthum aller
+Engländer der Gnade der Krone unterworfen werden sollte; er ist
+beschimpft, zu Grunde gerichtet und gezwungen worden, Zuflucht in einem
+fremden Lande zu suchen. Die Diener der Tyrannei haben ihre Verbrechen
+gebüßt -- die Opfer der Tyrannei haben für ihre Leiden Entschädigung
+erhalten. Es würde nicht weise sein, wollten wir unter diesen Umständen
+ferner noch auf einem Verfahren beharren, das damals gerechtfertigt und
+nothwendig war, als wir nach einem langen Zwischenraume wieder
+zusammentraten und die ganze Verwaltung nur aus Mißbräuchen bestehend
+vorfanden; jetzt müssen wir uns hüten, unsern Sieg über den Despotismus
+nicht so weit zu verfolgen, daß wir der Anarchie anheimfallen. Die
+schlechten Einrichtungen, unter denen das Vaterland noch vor Kurzem
+seufzte, ohne gewaltige, die Grundlagen der Regierung erschütternde
+Maßregeln zu beseitigen, stand nicht in unserer Macht; jetzt aber, da
+diese Einrichtungen gestürzt sind, dürfen wir nicht zögern, dasselbe
+Gebäude zu stützen, das zu zertrümmern noch vor kurzer Frist unsere
+Pflicht war. Unsere Weisheit muß künftig darin bestehen, daß wir
+mißtrauisch die Neuerungspläne in's Auge fassen und alle jene
+Hoheitsrechte, die das Gesetz im Interesse des allgemeinen Besten dem
+Souverain verliehen, vor Beeinträchtigung wahren.«
+
+Dies waren die Ansichten der Männer, als deren Führer der vortreffliche
+Falkland zu betrachten ist. Auf der andern Seite behaupteten nicht
+geringer befähigte und redliche Männer mit nicht minder ernstem
+Nachdrucke, daß die Bürgschaften für die Freiheiten des englischen
+Volkes mehr scheinbare als wirkliche seien, und daß der Hof seine
+Willkürpläne sofort wieder aufnehmen würde, wenn die Wachsamkeit der
+Gemeinen nachließe. Es sei wahr, sagten Pym, Hollis und Hampden, daß
+viele gute Gesetze erlassen wären, aber hätten diese Gesetze genügt, den
+König zu beschränken, so würden seine Unterthanen nur wenig Ursache zu
+Klagen über seine Verwaltung gehabt haben, und die neuen Gesetze,
+meinten sie, hätten sicherlich keine geringere Autorität, als die Magna
+Charta und die Bitte um Recht; aber weder die Magna Charta, wenn auch
+durch die Verehrung geheiligt, die man ihr vier Jahrhunderte lang
+gezollt, noch die Bitte um Recht, die Karl selbst nach reiflicher
+Erwägung und aus wichtigen Gründen genehmigt, sei für den Schutz des
+Volkes wirksam genug befunden worden. Erschlaffte nur einmal der Zügel
+der Furcht, ließe man den Geist der Opposition nur einmal einschlummern,
+so würden sich alle Bürgschaften für die englischen Freiheiten in eine
+einzige auflösen, in das königliche Wort, und daß man diesem nicht viel
+trauen dürfe, sei durch eine lange und bittere Erfahrung bewiesen.
+
+
+[_Der irische Aufstand._] Noch beharrten beide Parteien in einer
+feindseligen Vorsicht, noch hatten sie ihre Kraft nicht gemessen, als
+eine Kunde anlangte, welche Beider Leidenschaften entflammte und Beide
+in ihren Ansichten bestärkte. Es hatten nämlich die großen Häuptlinge
+von Ulster, die sich bei Jakobs Regierungsantritte der königlichen
+Autorität nach langem Kampfe gebeugt, der erniedrigenden Abhängigkeit
+müde, sich gegen die englische Regierung verschworen, und waren des
+Hochverraths für schuldig erklärt worden. Ihre unermeßlichen Besitzungen
+fielen nun der Krone anheim und wurden bald von Tausenden englischer und
+schottischer Auswanderer bevölkert. Die neuen Ansiedler überragten an
+Civilisation und geistiger Bildung die Eingeborenen, und mißbrauchten
+nicht selten diese Überlegenheit. Der Haß, den die Verschiedenheit des
+Stammes erzeugt, ward durch die Verschiedenheit der Religion noch
+vermehrt. Unter Wentworth's eiserner Herrschaft hatte sich zwar kaum ein
+leises Murren vernehmen lassen; als aber dieser starke Druck aufgehoben,
+als Schottland das Beispiel eines erfolgreichen Widerstandes geliefert,
+und als England mit eigenen Zwistigkeiten zu thun hatte, da brach die
+verhaltene Wuth der Iren in schrecklichen Gewaltthätigkeiten aus.
+Die Eingeborenen erhoben sich gegen die Colonisten. Ein Krieg, dem
+nationaler und religiöser Haß einen besonders furchtbaren Charakter
+verliehen, verwüstete Ulster und breitete sich über die benachbarten
+Provinzen aus. Das Schloß von Dublin hielt man kaum noch für sicher.
+Jede Post brachte Gräuelberichte nach London, die, wenn sie auch nicht
+übertrieben gewesen wären, dennoch Mitleid und Schrecken erregen mußten.
+Diese bösen Botschaften nun entzündeten bis zum höchsten Grade den Eifer
+der beiden großen Parteien, die in Westminster zum Kampfe gerüstet
+einander gegenüber standen. Die Anhänger des Königs behaupteten, es sei
+die Pflicht eines jeden guten Engländers und Protestanten, in einer
+solchen Krise die Macht des Souveräns zu stärken; die Opposition dagegen
+war der Ansicht, es lägen jetzt mehr als je triftige Gründe vor, ihm
+Hindernisse und Schranken entgegenzusetzen. Die Gefahr des Gemeinwesens
+war allerdings Grund genug, einem des Vertrauens würdigen Oberhaupte
+ausgedehnte Gewalt zu verleihen; aber der Umstand, daß dieses Oberhaupt
+dem Lande feindlich gesinnt war, gab einen eben so triftigen Grund
+dafür, ihm die Macht zu entziehen. Eine große Armee aufzustellen, war
+von jeher des Königs Hauptbestreben gewesen, und jetzt mußte ein solches
+Heer gesammelt werden. War man nun nicht auf neue Bürgschaften bedacht,
+so stand zu befürchten, daß die zur Bezwingung Irlands aufgestellten
+Streitkräfte gegen die Freiheit Englands verwendet werden würden. Aber
+auch dies war noch nicht Alles. Es hatte sich ein gräßlicher Verdacht,
+wenn auch ungerecht, doch nicht ganz unnatürlich, vieler Gemüther
+bemächtigt. Die Königin nämlich war eine erklärte Anhängerin der
+römisch-katholischen Kirche; den König hielten die Puritaner, weil er
+sie stets schonungslos verfolgt hatte, nicht für einen aufrichtigen
+Protestanten, und seine Zweideutigkeit war so allgemein bekannt, daß es
+keine Verrätherei mehr gab, deren seine Unterthanen, nur bei einigem
+Anscheine von Grund, ihn nicht für fähig gehalten hätten. Leise tauchte
+das Gerücht auf, der Aufstand der Römisch-Katholischen von Ulster sei
+nichts als ein Theil eines großen Werkes der Finsterniß, daß man in
+Whitehall vorbereitet habe.
+
+
+[_Die Remonstration._] Am 22. November 1641 fand nach einem Vorspiele
+von einigen Wochen der erste große parlamentarische Kampf zwischen den
+Parteien statt, die seitdem stets um die Regierung der Nation gestritten
+haben und noch darum streiten. Die Opposition stellte den Antrag, das
+Haus der Gemeinen möge dem Könige eine Vorstellung übergeben, in der die
+Fehler, die er seit seiner Thronbesteigung in der Verwaltung begangen,
+aufgezählt würden, und die zugleich das Mißtrauen ausdrücke, mit dem das
+Volk seine Politik betrachte. Dieselbe Versammlung, die noch vor wenig
+Monaten einstimmig die Abschaffung der Mißbräuche gefordert hatte, war
+jetzt in zwei heftig erbitterte Parteien von fast gleicher Stärke
+getheilt. Nach einer mehrstündigen heißen Debatte ward die beantragte
+Remonstration mit nur elf Stimmen angenommen.
+
+Der conservativen Partei war das Ergebniß dieses Kampfes ungemein
+günstig. Daß sie binnen kurzer Zeit das Übergewicht im Unterhause
+erlangen würde, war unzweifelhaft, wenn nicht eine große Unbesonnenheit
+es verhinderte. Des Oberhauses hatte sie sich schon bemächtigt; es
+fehlte nichts zur völligen Sicherung ihres Erfolgs, als daß der König in
+seinem ganzen Verhalten Achtung vor den Gesetzen und gewissenhafte Treue
+gegen seine Unterthanen an den Tag legte.
+
+Seine ersten Maßregeln versprachen Gutes. Wie es schien, hatte er die
+Nothwendigkeit eines vollständigen Wechsels des Systems erkannt und sich
+klüglich dem zugewendet, was nicht länger vermieden werden konnte. Offen
+erklärte er seinen Entschluß, daß er in Übereinstimmung mit den Gemeinen
+regieren und deshalb nur Männer zu seinen Räthen wählen wolle, in deren
+Fähigkeiten und Charakter sie volles Vertrauen setzten. Und diese Wahl
+fiel auch wirklich nicht übel aus. Falkland, Hyde und Colepepper, drei
+Männer, die sich durch den Eifer für Abstellung von Mißbräuchen und
+Bestrafung schlechter Minister hervorgethan, wurden eingeladen, die
+Stellung als vertraute Räthe der Krone einzunehmen, und sie erhielten
+auch von Karl die feierliche Versicherung, daß er ohne ihr Mitwissen
+keinen Schritt unternehmen wolle, der in irgend einer Weise das
+Unterhaus verletze.
+
+Hätte er dieses Versprechen gehalten, so würde ohne allen Zweifel die
+Reaktion, die bereits im Fortschreiten begriffen, bald so stark geworden
+sein, als es die besten Royalisten nur immer wünschen konnten. Die
+heftigen Mitglieder der Opposition begannen schon an dem glücklichen
+Erfolge ihrer Partei zu verzweifeln, für ihre eigene Sicherheit zu
+fürchten und von dem Verkaufen ihrer Güter und der Übersiedelung nach
+Amerika zu sprechen. Daß die helle Aussicht, die sich dem Könige bereits
+eröffnet, sich plötzlich verdunkelte, daß sein Leben durch
+Widerwärtigkeit getrübt und endlich gewaltsam verkürzt wurde, ist nur
+seiner eigenen Treulosigkeit und Verhöhnung der Gesetze beizumessen.
+
+Daß er beide Parteien, in die das Haus der Gemeinen sich theilte, haßte,
+ist wahrscheinlich, und man kann sich darüber nicht wundern, denn in
+beiden Parteien waren Freiheits- und Ordnungsliebe, wenn auch in
+verschiedenen Verhältnissen, stets gemischt vorhanden. Die Rathgeber,
+die zu berufen ihn die Nothwendigkeit gezwungen, waren durchaus nicht
+Männer nach seinem Herzen; sie hatten an der Verurtheilung seiner
+Tyrannei, an der Schmälerung seiner Macht und der Bestrafung seiner
+Werkzeuge Theil genommen. Nun waren sie allerdings bereit, durch streng
+gesetzliche Mittel seine streng gesetzlichen Rechte zu vertheidigen,
+aber sie würden vor dem Gedanken zurückgeschaudert sein, Wentworths
+Pläne des »Durch« wieder in Angriff zu nehmen. Aus diesem Grunde hielt
+sie der König für Verräther, die sich nur durch den Grad ihrer
+aufrührerischen Bosheit von Pym und Hampden unterschieden.
+
+
+[_Anklage der fünf Mitglieder._] Einige Tage nach dem den Häuptern der
+constitutionellen Royalisten geleisteten Versprechen, daß kein wichtiger
+Schritt ohne ihr Mitwissen gethan werden solle, faßte er die
+verhängnißvollste Entschließung seines ganzen Lebens, verbarg sie ihnen
+sorgfältig und brachte sie in einer Weise zur Ausführung, die sie mit
+Scham und Schrecken erfüllte. Er gab dem Kronanwalt Auftrag, Pym,
+Hollis, Hampden und andere Mitglieder des Hauses der Gemeinen vor den
+Schranken des Hauses der Lords als Hochverräther anzuklagen. Noch nicht
+zufrieden mit dieser schweren Verletzung der Magna Charta und des
+ununterbrochenen Gebrauchs von Jahrhunderten, erschien er in
+Person, unter Begleitung von Bewaffneten, um in den Mauern des
+Parlamentsgebäudes selbst die Führer der Opposition zu verhaften.
+
+Der Versuch mißlang, denn die angeklagten Mitglieder hatten kurz vor
+Karls Erscheinen das Haus verlassen. Sowohl im Parlamente als im Lande
+folgte nun ein plötzlicher und heftiger Umschwung der Stimmung. Die
+gelindeste Ansicht, welche die parteilichsten Verfechter des Königs über
+sein Verhalten bei dieser Gelegenheit je gehegt haben, ist die, daß er
+schwach genug gewesen sei, sich von den schlechten Rathschlägen seiner
+Frau und seiner Höflinge zu einer unerhörten Unbesonnenheit hinreißen zu
+lassen. Die allgemeine Stimme aber klagte ihn laut eines weit schwerern
+Vergehens an. In demselben Augenblicke, in dem seine Unterthanen, lange
+durch seine schlechte Verwaltung ihm entfremdet, mit Gefühlen des
+Vertrauens und der Liebe zu ihm zurückkehren wollten, führte er einen
+tödtlichen Streich auf ihre theuersten Rechte, auf die Vorrechte des
+Parlaments, überhaupt auf das ganze Prinzip der Geschwornengerichte, und
+zeigte, daß er eine Opposition gegen seine Willkürpläne für eine nur
+durch Blut zu sühnende Schuld betrachte. Er war nicht nur seinem großen
+Rathe und seinem Volke, sondern auch seinen eigenen Anhängern untreu
+geworden, und hatte einen Schritt zu thun gewagt, der wahrscheinlich
+einen blutigen Kampf an dem Stuhle des Sprechers hervorgerufen haben
+würde, wenn ihn ein unvorhergesehener Zufall nicht verhindert hätte. Es
+fühlten jetzt die einflußreichsten Männer im Unterhause, daß nicht nur
+ihre Macht und Popularität, sondern auch ihre Güter und Köpfe von dem
+Ausgange des Kampfes, in den sie verwickelt waren, abhingen. Der
+gesunkene Eifer der dem Hofe entgegenstehenden Partei erhob sich
+plötzlich wieder zu neuem Leben. Die ganze Nacht, die auf den Frevel
+folgte, stand die City von London unter Waffen. Die der Hauptstadt
+zuführenden Straßen waren nach wenig Stunden schon mit Schaaren von
+Freisassen bedeckt, welche mit den Zeichen der Parlamentssache an den
+Hüten nach Westminster eilten. Die Opposition im Hause der
+Gemeinen wurde plötzlich unwiderstehlich und setzte, bei einem
+Stimmenverhältnisse von mehr als zwei gegen eine, Beschlüsse von
+beispielloser Heftigkeit durch. Die Wache in Westminsterhall wurde von
+starken Abtheilungen der Landmiliz besetzt und regelmäßig abgelös't.
+Eine wüthende Menge belagerte täglich die Thüren des königlichen
+Palastes, ihre Schmähungen und Flüche drangen bis in das Audienzgemach,
+und die Hofdiener konnten den Andrang kaum von den königlichen Zimmern
+abhalten. Wäre Karl noch länger in der stürmisch aufgeregten Hauptstadt
+geblieben, die Gemeinen würden wahrscheinlich einen neuen Vorwand
+gefunden haben, um ihn, unter Beobachtung äußerer Formen der
+Ehrerbietung, zum Staatsgefangenen zu machen.
+
+
+[_Karls Abreise von London._] Er verließ London, um nicht eher dorthin
+zurückzukehren, bis der Tag einer furchtbaren und denkwürdigen
+Abrechnung gekommen war. Es begann eine Unterhandlung, die mehrere
+Monate dauerte. Anklagen und Gegenanklagen wechselten zwischen den
+streitenden Parteien; jede friedliche Schlichtung war unmöglich
+geworden. Auch den König ereilte endlich die sichere Strafe, die den
+steten Verrath treffen muß. Umsonst verpfändete er jetzt sein
+königliches Wort, umsonst rief er den Himmel zum Zeugen der
+Aufrichtigkeit seiner Versicherungen an; das Mißtrauen seiner Gegner war
+weder durch Schwüre noch durch Verträge zu verbannen, denn sie hegten
+die Überzeugung, daß ihre Sicherheit von seiner völligen Hilflosigkeit
+abhinge, und aus diesem Grunde bestanden sie darauf, er solle nicht nur
+auf die Vorrechte verzichten, die er sich durch die Verletzung alter
+Gesetze und seiner eigenen noch kürzlich geleisteten Versprechen
+angemaßt hatte, sondern auch auf andere, in deren Besitz die englischen
+Könige seit undenklichen Zeiten waren und noch bis auf den heutigen Tag
+sind. Es sollte ohne Zustimmung der Häuser kein Minister ernannt, kein
+Pair gewählt werden, und vor Allem sollte der Souverain sich der
+höchsten Militairgewalt entäußern, die seit einer Zeit, deren sich
+niemand mehr erinnert, der königlichen Würde angehört hatte.
+
+Daß Karl auf solche Forderungen eingehen würde, so lange er noch irgend
+ein Widerstandsmittel besaß, ließ sich nicht erwarten; aber es würde
+auch schwer sein, den Nachweis zu liefern, daß die Häuser mit Sicherheit
+weniger hätten fordern können. Die große Mehrzahl der Nation hielt fest
+an der erblichen Monarchie; der republikanisch Gesinnten waren nur noch
+wenige, und diese wagten nicht, ihre Meinung laut auszusprechen. Die
+Abschaffung des Königthums war daher eine Unmöglichkeit; aber zugleich
+war es klar, daß man in den König kein Vertrauen setzen durfte. Es
+hätten Diejenigen, die sein Streben nach ihrer Vernichtung aus jüngster
+Erfahrung kannten, widersinnig gehandelt, wenn sie sich damit begnügt
+hätten, ihm eine andere Bitte um Recht einzureichen, und von ihm neue,
+denen ähnliche Versprechungen anzunehmen, die er wiederholt gegeben und
+nicht gehalten hatte. Nur der Mangel einer Armee hatte ihn verhindert,
+die alte Reichsverfassung völlig umzustürzen. Die Wiedereroberung
+Irlands hatte die Aufstellung einer großen regelmäßigen Armee nöthig
+gemacht, es wäre daher reiner Wahnsinn gewesen, hätte man die volle
+Militairgewalt, wie sie seine Vorfahren besaßen, in seinen Händen lassen
+wollen.
+
+Befindet sich ein Land in der Lage, in der sich damals England befand,
+wird das königliche Amt mit Liebe und Verehrung, aber die dasselbe
+verwaltende Person mit Haß und Mißtrauen betrachtet, so sollte man
+meinen, daß der einzuschlagende Ausweg nicht fern läge: die Würde des
+Amtes aufrecht zu halten, und die Person zu beseitigen. Diesen Weg
+wählten unsere Vorfahren 1399 und 1689. Hätte im Jahre 1642 ein Mann
+gelebt, der eine Stellung wie Heinrich von Lancaster zur Zeit der
+Entthronung Richards II., oder wie der Prinz von Oranien zur Zeit der
+Thronentsetzung Jakobs II. einnahm, so ließe sich annehmen, daß die
+Häuser die Dynastie gewechselt, aber keine förmliche Veränderung der
+Verfassung ausgeführt haben würden, und der neue König, durch ihre Wahl
+zu dem Throne berufen und abhängig von ihrer Unterstützung, hätte
+nothwendig in Übereinstimmung mit ihren Wünschen und Ansichten regieren
+müssen. Aber die Partei des Parlaments zählte keinen Prinzen von
+königlichem Geblüte zu ihren Anhängern, und wenn sie auch Männer von
+hohem Range und ausgezeichneten Fähigkeiten besaß, so war doch keiner
+unter ihnen, der die übrigen dergestalt überragte, daß man ihn als
+Throncandidaten aufstellen konnte. Da es einen König geben mußte, und
+ein neuer nicht zu finden war, so stellte sich die Nothwendigkeit
+heraus, Karl den königlichen Titel zu belassen, und es blieb nur der
+eine Ausweg übrig, den Titel von den Hoheitsrechten zu trennen.
+
+Schien auch die Änderung, welche die Häuser an unsern Institutionen
+vorzunehmen beschlossen, eine weitumfassende, als man sie genau in
+Vertragsartikel geordnet hatte; so ging sie doch in der That um nicht
+viel weiter als jene Änderung, welche in der nächsten Generation die
+Revolution hervorbrachte. Der Souverain ward in der Revolution
+allerdings nicht durch ein Gesetz der Macht beraubt, seine Minister zu
+wählen; aber es steht auch fest, daß es seit der Revolution keinem
+Minister möglich war, länger als sechs Monate im Amte zu bleiben, wenn
+das Haus der Gemeinen widersprach. Der Souverain hat zwar noch immer die
+Gewalt Pairs zu ernennen, und die noch viel wichtigere des Schwertes;
+aber er ist seit der Revolution bei Ausübung dieser Gewalten stets von
+Räthen umgeben gewesen, die das Vertrauen der Volksvertreter besaßen.
+Die Führer der Rundköpfe vom Jahre 1642 und die Staatsmänner, die
+vielleicht ein halbes Jahrhundert später die Revolution hervorriefen,
+verfolgten in der That genau dasselbe Ziel, und dieses Ziel war, den
+Streit zwischen der Krone und dem Parlamente dadurch zu Ende zu bringen,
+daß man dem Letztern die Oberaufsicht über die executive Verwaltung
+zuertheilte. Die Staatsmänner der Revolution bewirkten dies indirekt
+durch einen Dynastie-Wechsel. Die Rundköpfe von 1642 mußten einen
+direkten Weg zum Ziele einschlagen, da sie den Dynastie-Wechsel nicht
+bewirken konnten.
+
+Es darf uns jedoch nicht befremden, wenn die Forderungen der Opposition,
+die eine vollständige und förmliche Übertragung aller der Krone bisher
+angehörigen Befugnisse auf das Parlament umfaßten, jene große Partei
+abschreckten, deren charakteristische Merkmale Achtung vor gesetzlicher
+Autorität und Furcht vor gewaltsamen Neuerungen waren. Diese Partei
+hatte noch kürzlich die Hoffnung gehegt, die Erlangung des Übergewichts
+in dem Hause der Gemeinen durch friedliche Mittel zu bewirken; in dieser
+Hoffnung aber war sie getäuscht. Karl hatte durch seine Treulosigkeit
+die alten Feinde unversöhnlich gemacht, eine Anzahl gemäßigter und im
+Übertritte zu ihm begriffener Männer in die Reihen der Mißvergnügten
+zurückgetrieben, und seine besten Freunde so tief gekränkt, daß sie sich
+eine Zeit lang beschämt und entrüstet zurückzogen. Jetzt aber mußten die
+constitutionellen Royalisten unter zwei Gefahren wählen, und sie hielten
+es für Pflicht, eher zu einem Fürsten zu stehen, dessen bisheriges
+Verfahren sie verabscheuten und dessen Worten sie wenig Vertrauen
+schenkten, als eine Entwürdigung des königlichen Amtes und eine völlige
+Umgestaltung der Reichsverfassung zu dulden. Mit diesen Gefühlen traten
+viele Männer, deren Tugenden und Fähigkeiten einer jeden Sache zur Ehre
+gereicht haben würden, auf die Seite des Königs.
+
+
+[_Anfang des Bürgerkriegs._] Im August 1642 griff man endlich zum
+Schwerte, und fast in jeder Grafschaft des Königreichs standen zwei
+bewaffnete Parteien einander feindlich gegenüber. Welche von den
+streitenden Parteien anfangs die furchtbarste war, läßt sich schwer
+bestimmen. Die Häuser geboten über London und die umliegenden
+Grafschaften, über die Flotte, die Themseschifffahrt und die meisten
+großen Städte und Seehäfen; fast alle Kriegsvorräthe im Königreiche
+standen zu ihrer Verfügung, so daß sie Zölle sowohl von Waaren, aus
+fremden Ländern eingeführt, als auch von einigen wichtigen Erzeugnissen
+inländischer Industrie erheben konnten. Der König war mit Artillerie und
+Munition schlecht versehen. Die Steuern, welche er aus den von seinen
+Truppen besetzten Landbezirken zog, lieferten einen weit geringern
+Ertrag, als der, den das Parlament allein aus der City von London erhob.
+Zwar ist es nicht zu läugnen, daß die Freigebigkeit seiner reichen
+Anhänger ihn mit Geldmitteln unterstützte, daß viele von ihnen ihr
+Grundeigenthum mit Schulden belasteten, ihre Juwelen verpfändeten und
+ihre silbernen Geräthe und Taufbecken zu Gelde machten, um ihm zu
+helfen; allein die Erfahrung hat vollständig bewiesen, daß die
+freiwillige Aufopferung Einzelner, selbst in den Zeiten der größten
+Aufregung, gegen eine strenge regelmäßige Besteuerung, die willige und
+zähe Zahler zugleich drückt, nur eine dürftige finanzielle Hilfsquelle
+ist.
+
+Karl besaß jedoch einen Vortheil, der nicht nur den Mangel an Vorräthen
+und Geld mehr als aufgewogen haben würde, wenn er ihn gut benützt hätte,
+sondern ihm auch, ungeachtet der schlechten Führung, einige Monate lang
+die Überlegenheit im Kriege gab. Seine Truppen kämpften anfangs viel
+besser, als die des Parlaments. Bestanden auch beide Armeen fast nur aus
+Leuten, die nie ein Schlachtfeld gesehen hatten, so war dennoch der
+Unterschied ein großer. In den Reihen der Parlamentstruppen standen eine
+Menge Miethlinge, die Mangel und Müßiggang bewogen hatten, sich anwerben
+zu lassen. Hampdens Regiment hielt man für eins der Besten; aber selbst
+dieses Regiment schildert Cromwell nur als eine zusammengelaufene Bande
+von unbeschäftigten Kellnern und Bedienten. Die Armee des Königs dagegen
+bestand größtentheils aus muthigen, begeisterten Gentlemen, gewohnt, den
+Tod der Schande vorzuziehen, im Fechten und im Gebrauche der Feuerwaffe
+geübt, als kecke Reiter vertraut mit der männlichen und gefahrvollen
+Lust der Jagd, die man passend ein Bild des Krieges genannt hat. Solche
+Männer, ihre Leibrosse unter sich und kleine Schaaren kommandirend, die
+aus ihren jüngern Brüdern, ihren Stallknechten, Wildhütern und Jägern
+zusammengestellt waren, zeigten sich schon am ersten Tage des Feldzugs
+befähigt, in einem Gefecht mit Ehren zu bestehen. Zwar brachten es diese
+tapfern Freiwilligen nie zu der Ausdauer, dem pünktlichen Gehorsam und
+der maschinenmäßigen Präzision in den Bewegungen, die den regulären
+Soldaten eigen sind; aber man stellte sie anfangs Feinden entgegen, die
+eben so undisziplinirt wie sie, und bei weitem nicht so unternehmend,
+stark und beherzt waren. Aus diesem Grunde fochten die Cavaliere eine
+Zeit lang fast immer mit Glück.
+
+Auch in der Wahl eines Generals war das Parlament unglücklich gewesen.
+Der Rang und Reichthum des Grafen Essex machten ihn zu einem der
+bedeutendsten Glieder der Parlamentspartei. Er hatte ruhmvoll auf dem
+Continente gefochten, und bei dem Beginne des Krieges ward er als
+Militair so hoch geachtet, wie nur irgend ein Mann im Lande; aber bald
+zeigte es sich, daß er dem Posten des Oberbefehlshabers nicht gewachsen
+war. Er hatte wenig Energie und durchaus keinen erfinderischen Geist, so
+daß ihn die im pfälzischen Kriege erlernte regelmäßige Taktik nicht vor
+dem Schimpfe bewahrte, sich von einem Anführer wie Ruprecht, der keinen
+höhern Ruhm als den eines kühnen Parteigängers beanspruchen konnte,
+überrumpeln und zersprengen zu lassen.
+
+Ebenso wenig waren die Offiziere, denen man unter Essex die Hauptposten
+anvertraut hatte, geeignet, das zu ersetzen, was ihm fehlte. Das
+Parlament kann man dafür nicht verantwortlich machen. In einem Reiche,
+in dem seit Menschengedenken kein großer Landkrieg geführt war, suchte
+man vergebens nach Generalen von erprobter Kunst und Tapferkeit, mußte
+daher anfangs unerprobten Männern vertrauen und gab natürlich von diesen
+denen den Vorzug, die sich entweder durch ihre Stellung, oder durch ihre
+im Parlamente entwickelten Fähigkeiten hervorgethan hatten. Aber auch
+nicht eine einzige Wahl war eine glückliche zu nennen; weder die großen
+Herren noch die großen Redner zeigten sich als gute Soldaten. Der Graf
+von Stamford, einer der bedeutendsten Männer des hohen Adels, ward bei
+Stratton von den Royalisten geschlagen; Nathaniel Fiennes, der an
+Fähigkeiten in bürgerlichen Angelegenheiten keinem seiner Zeitgenossen
+nachstand, bedeckte sich durch die kleinmüthige Übergabe von Bristol mit
+Schmach. Von allen Staatsmännern, die in jener Zeit hohe Militairposten
+empfingen, scheint Hampden allein auch im Felde die Fähigkeit und
+Energie gezeigt zu haben, durch die er sich in der Politik auszeichnete.
+
+
+[_Erfolge der Royalisten._] Nach Verlauf eines Jahres waren alle
+Kriegsvortheile entschieden auf Seiten der Royalisten. In den westlichen
+und nördlichen Grafschaften hatten sie gesiegt, sie hatten dem
+Parlamente Bristol, die zweite Stadt des Königreichs, entrissen, und
+mehrere Schlachten gewonnen, ohne eine einzige ernste oder schimpfliche
+Niederlage zu erleiden. Unter den Rundköpfen dagegen begann das
+Mißgeschick Uneinigkeit und Unzufriedenheit hervorzurufen; das Parlament
+ward bald durch Komplote, bald durch Tumulte in einer steten Aufregung
+erhalten, so daß man es für nöthig erachtete, London gegen die
+königliche Armee zu befestigen, und einige mißvergnügte Bürger an ihren
+eigenen Hausthüren aufzuhängen. Mehrere der bekanntesten Pairs, die bis
+dahin zu Westminster geblieben waren, flüchteten an den Hof, damals zu
+Oxford, und unbezweifelt würde Karl im Triumphe nach Whitehall marschirt
+sein, wenn zu dieser Zeit die Operationen der Cavaliere durch
+scharfsinnige und energische Köpfe geleitet worden wären.
+
+Aber der König ließ den günstigen Augenblick vorübergehen, und dieser
+Augenblick kam nie wieder. Im August 1643 belagerte er die Stadt
+Gloucester, die von den Einwohnern und der Garnison mit einer
+Hartnäckigkeit vertheidigt ward, wie sie die Anhänger des Parlamentes
+seit dem Beginn des Krieges nicht gezeigt hatten. Dieses Beispiel
+erweckte den Eifer Londons, und die Miliz der City erklärte sich bereit,
+nach allen Orten zu gehen, wo man ihrer Dienste bedürfe. Man sammelte
+schnell eine beträchtliche Streitmacht, und ließ sie nach dem Westen
+ausrücken. Man entsetzte Gloucester. In allen Theilen des Königreichs
+verloren die Royalisten den Muth, die Parlamentspartei ward von neuem
+begeistert, und die abtrünnigen Lords, welche jüngst von Westminster
+nach Oxford geflohen waren, kehrten eilig von Oxford nach Westminster
+zurück.
+
+
+[_Erstehen der Independenten._] Neue beunruhigende Symptome zeigten
+sich nun in dem kranken Staatskörper. Von Anfang an hatte die
+Parlamentspartei Männer gehabt, die Pläne zu verwirklichen suchten, vor
+denen die Mehrzahl dieser Partei zurückgebebt wäre. Diese Männer waren
+Independenten in religiöser Beziehung. Sie waren der Ansicht, jede
+christliche Gemeinde sei nach Christus die höchste Gerichtsstelle in
+geistlichen Angelegenheiten, Berufungen an Provinzial- und
+National-Synoden seien der heiligen Schrift eben so sehr entgegen, als
+Berufungen an den erzbischöflichen Gerichtshof oder den Vatican, und
+Papstthum, Prälatur und Presbyterianismus seien nur drei Formen einer
+und derselben großen Apostasie. In der Politik waren die Independenten,
+um sie mit der Benennung ihrer Zeit zu bezeichnen, Wurzel- und
+Zweig-Männer, oder, um einen verwandten Ausdruck unserer Zeit
+anzuwenden, Radicale. Mit der Beschränkung der Macht des Monarchen nicht
+zufrieden, wollten sie auf den Trümmern des alten englischen Staats eine
+Republik errichten. An Zahl wie an Einfluß waren sie anfangs zwar
+unbedeutend gewesen, aber bevor noch der Krieg zwei Jahre gedauert,
+hatten sie sich, wenn auch nicht zu der größten, doch zu der mächtigsten
+Partei im Lande ausgebildet. Die alten parlamentarischen Führer hatte
+theils der Tod geraubt, theils hatten sie selbst das öffentliche
+Vertrauen verscherzt. Pym war mit fürstlichen Ehren neben den
+Plantagenets zur Gruft bestattet; Hampden war seiner würdig gefallen,
+indem er bei einem vergeblichen Versuche, den kühnen Reitern Ruprechts
+standzuhalten, seinen Leuten ein heldenmüthiges Beispiel geben wollte;
+Bedford war der Sache untreu geworden; Northumberland war als ein lauer
+Anhänger bekannt, und Essex sammt seinen Unterbefehlshabern hatte wenig
+Kraft und Befähigung zur Leitung der Kriegsoperationen bewiesen. Unter
+diesen Umständen begann die feurige, entschlossene und hartnäckige
+Independenten-Partei sowohl im Lager als im Hause der Gemeinen ihr Haupt
+zu erheben.
+
+
+[_Oliver Cromwell._] Die Seele dieser Partei war Oliver Cromwell. Er war
+zu friedlichen Beschäftigungen erzogen, hatte aber doch, schon über
+vierzig Jahre alt, eine Stelle in der Parlamentsarmee angenommen. Kaum
+Soldat geworden, erkannte er mit dem hellen Blicke des Genie's, was
+Essex und Genossen, trotz aller ihrer Erfahrung, nicht erkannt hatten.
+Ihm ward sofort klar, worin die Stärke der Royalisten bestand, und
+welche Mittel zur Bewältigung derselben anzuwenden seien. Er erkannte,
+daß eine Reorganisation des Parlamentsheeres nothwendig, und daß zu
+diesem Zwecke reiches und vortreffliches Material vorhanden sei, wenn
+auch nicht so glänzendes, aber doch zuverlässigeres als das, aus dem die
+tapfern Schwadronen des Königs gebildet waren. Es mußten Rekruten
+beschafft werden, die nicht nur als Miethlinge dienten, sondern aus
+anständigen Lebensverhältnissen kamen, und einen ernsten Charakter,
+Gottesfurcht und Eifer für die öffentliche Freiheit besaßen. Solche
+Männer stellte er in die Reihen seines eigenen Regimentes, und indem er
+sie einer strengen, bis dahin in England unbekannten Disziplin
+unterwarf, wirkte er zugleich durch Reizmittel von außerordentlicher
+Kraft auf ihre geistige und sittliche Natur.
+
+Die Ereignisse des Jahres 1644 lieferten den vollständigen Beweis von
+der Überlegenheit seines Geistes. Im Süden, unter Essex' Oberbefehl,
+erlitten die Truppen des Parlaments eine schimpfliche Niederlage nach
+der andern; im Norden aber ward durch den Sieg bei Marston Moor ein
+reicher Ersatz für alles Das geboten, was andernorts verloren ging. Den
+Royalisten war dieser Sieg kein härterer Schlag, als der Partei, die in
+Westminster bis dahin das Übergewicht gehabt, denn man wußte allgemein,
+daß die Energie Cromwells und der ausdauernde Muth der von ihm
+gebildeten Truppen die Schlacht, welche die Presbyterianer schimpflich
+verloren, wieder gewonnen hatten.
+
+
+[_Selbstverleugnungsverordnung._] Die Selbstverleugnungsverordnung und
+die neue Organisation der Armee waren Folgen dieser Begebenheiten. Essex
+und die meisten derjenigen Männer, die unter ihm hohe Posten eingenommen
+hatten, wurden unter schicklichen Vorwänden und mit allen Zeichen der
+Achtung entlassen; die Führung des Kriegs ward andern Händen übergeben.
+Fairfax, ein tapferer Soldat, aber ein Mann von mittelmäßigen
+Fähigkeiten und unentschlossenem Charakter, wurde dem Namen nach
+Generalissimus der Armee, Cromwell aber war das eigentliche Haupt
+derselben.
+
+Cromwell organisirte nun eilig die ganze Armee nach denselben
+Grundsätzen, nach denen er die Organisation seines eigenen Regimentes
+bewirkt hatte, und mit der Vollendung dieses Werkes war auch der Ausgang
+des Krieges entschieden. Die Cavaliere standen nun einem natürlichen
+Muthe gegenüber, der nicht geringer als ihr eigener war, einem höhern
+Enthusiasmus, als sie selbst besaßen, und einer Disziplin, die ihnen
+durchaus mangelte. Daß die Soldaten des Fairfax und Cromwell von anderer
+Zucht seien, als die des Essex, wurde bald sprichwörtlich.
+
+
+[_Sieg des Parlaments._] Der erste große Zusammenstoß der Royalisten und
+der neuorganisirten Armee der beiden Häuser hatte bei Naseby statt; der
+Sieg der Rundköpfe war vollständig und entscheidend, und andere Triumphe
+reiheten sich ihm in kurzer Zeit an. Wenig Monate genügten, und die
+Autorität des Parlaments war vollständig im ganzen Königreiche
+hergestellt. Karl flüchtete zu den Schotten, und diese lieferten ihn
+seinen englischen Unterthanen in einer Weise aus, die ihrem
+Nationalcharakter wenig Ehre machte.
+
+Noch war der Ausgang des Krieges zweifelhaft, und schon hatte das
+Parlament den Primas hinrichten, den Gebrauch der Liturgie, soweit sich
+seine Autorität erstreckte, verbieten lassen, und Jedermann
+aufgefordert, jene berühmte Urkunde zu unterschreiben, die unter dem
+Namen der feierlichen Ligue und des Covenants bekannt ist. Nach
+beendigtem Kampfe ward das Werk der Neuerung und Rache mit erhöhtem
+Eifer fortgesetzt. Man veränderte die Kirchenverfassung des Königreichs
+und verjagte die meisten Mitglieder des alten Klerus aus ihren Pfründen.
+Den Royalisten, die schon durch die dem Könige gewährten reichen
+Unterstützungen verarmt waren, wurden so hohe Geldbußen auferlegt, daß
+sie völlig zu Grunde gingen. Viele Güter wurden confiscirt und viele
+geächtete Cavaliere fanden es gerathen, den Schutz einflußreicher
+Mitglieder der siegenden Partei mit großen Kosten zu erkaufen.
+Ausgedehnte Besitzungen der Krone, der Bischöfe und Kapitel zog man ein
+und vergab sie entweder an Andere, oder verkaufte sie öffentlich, so daß
+in Folge dieser Beraubungen ein großer Theil des Bodens von England auf
+einmal feilgeboten wurde. Da nur wenig Geld vorhanden, der Markt
+überfüllt, der Besitztitel unsicher und die Furcht vor mächtigen
+Kauflustigen der freien Mitbewerbung hinderlich war, waren die Preise
+oft nur dem Namen nach vorhanden. Spurlos verschwanden auf diese Weise
+viele alte und ehrenwerthe Familien, und viele bis dahin unbekannte
+Leute wurden in kurzer Zeit reich.
+
+Während aber die Häuser in dieser Art ihre Autorität geltend machten,
+ward sie plötzlich ihren Händen entrissen. Das Parlament hatte diese
+Autorität dadurch erlangt, daß man eine Gewalt erschaffen, der keine
+Schranken gesetzt werden konnten. Im Sommer 1647, nachdem ungefähr zwölf
+Monate verflossen, seit der letzte feste Platz der Cavaliere sich dem
+Parlamente ergeben, mußte das Parlament sich seinen eigenen Soldaten
+unterwerfen.
+
+
+[_Herrschaft und Charakter der Armee._] Nun folgte ein Zeitraum von
+dreizehn Jahren, in dem England, wenn auch unter verschiedenen Namen und
+Formen, in der That durch das Schwert regiert ward. Weder vor noch nach
+dieser Zeit ist in unserm Vaterlande die bürgerliche Gewalt einer
+Militairdictatur unterworfen gewesen.
+
+Die Armee, die nun die Hauptmacht im Staate bildete, war von allen denen
+sehr verschieden, die wir seitdem kennen gelernt haben. Die Löhnung des
+gemeinen Soldaten ist jetzt der Art, daß sie nur die unterste Klasse der
+Arbeiter Englands reizen kann, ihren Stand aufzugeben. Der Gemeine ist
+von dem höhern Offizier durch eine fast unübersteigliche Schranke
+getrennt. Von allen denen, die im Militairdienste avancirt sind, hat die
+größere Mehrzahl die Stellen erkauft. Die entfernten Besitzungen
+Englands sind so zahlreich und ausgedehnt, daß jeder in den Kriegsdienst
+Eintretende fürchten muß, entweder viele Jahre im Exile, oder einige
+Jahre unter Himmelsstrichen zu verleben, die auf Gesundheit und Kraft
+eines Europäers nachtheilig einwirken. Die Armee des langen Parlaments
+war für den Dienst im Inlande bestimmt; die Löhnung des gemeinen
+Soldaten war bedeutend höher als der Lohn, den die große Masse des
+Volkes durch Arbeit verdiente, und jeder, der sich durch Einsicht und
+Tapferkeit auszeichnete, hatte Hoffnung auf höhere Stellungen. So kam
+es, daß in den Reihen des Heeres Leute standen, die an Stand und Bildung
+die große Masse überragten, nüchtern, sittlich, fleißig und zu denken
+gewöhnt waren, Leute, die weder aus Hang zur Veränderung und
+Zügellosigkeit, noch durch die Kniffe der Werbeoffiziere veranlaßt,
+sondern aus religiösem und politischem Eifer und mit dem Streben nach
+Auszeichnung und Beförderung die Waffen ergriffen hatten. Diese Soldaten
+sprachen in ihren feierlichen Beschlüssen mit Stolz aus, daß sie weder
+durch Zwang, noch aus Gewinnsucht Dienste genommen, daß sie nicht
+Janitscharen seien, sondern freigeborene Engländer, die aus eigenem
+Antriebe für die Freiheit und die Religion Englands ihr Leben
+einsetzten, und deren Recht und Pflicht es wäre, die Wohlfahrt der
+Nation, die sie gerettet hätten, zu bewachen.
+
+Einem aus solchen Elementen hervorgegangenen Heere konnte man ohne
+Nachtheil für die Wirksamkeit desselben einige Freiheiten nachsehen, die
+bei andern Truppen alle Disziplin aufgelöst haben würden. Gewöhnlich
+werfen Soldaten, die politische Klubs bilden, Abgeordnete erwählen und
+Beschlüsse über wichtige politische Fragen fassen, jeden Zwang ab, hören
+auf eine Armee zu sein und werden die schlechtesten und gefährlichsten
+Pöbelhaufen. In unserer Zeit würde es nicht gerathen sein, religiöse
+Zusammenkünfte in irgend einem Regimente zu gestatten, bei denen ein
+Korporal, der in der Bibel belesen, die Andachtsübungen seines weniger
+aufgeklärten Obersten leitete, oder einen vom Glauben abgefallenen Major
+Zurechtweisungen ertheilte. Aber die Krieger, die Cromwell gebildet,
+waren so einsichtsvoll, so ernst und so mächtig ihrer selbst, daß,
+unbeschadet der militairischen Organisation, eine politische und
+religiöse in ihrem Lager bestehen konnte. Leute, die außer dem Dienste
+als Demagogen und als Prediger im freien Felde verrufen waren,
+zeichneten sich durch Beharrlichkeit, Liebe zur Ordnung und durch
+strengen Gehorsam sowohl auf der Wache und bei den Exercitien, als auf
+dem Kampfplatze aus.
+
+Im Kriege war dieser wunderbaren Armee nicht zu widerstehen. Das System
+Cromwells hatte den unbeugsamen Muth, der dem englischen Volke eigen
+ist, nicht nur geregelt, es feuerte ihn auch an. Andere Führer haben
+eine eben so strenge Ordnung eingeflößt und ihren Leuten nicht minder
+glühenden Eifer eingeflößt, aber nur in seinem Lager fand man strenge
+Disziplin und feurigen Enthusiasmus gepaart Mit der Genauigkeit von
+Maschinen, obgleich wie Kreuzfahrer fanatisirt, rückten seine Truppen
+zum Siege. Von der Reorganisation bis zu seiner Auflösung hat das Heer
+weder auf den britischen Inseln noch auf dem Festlande einen Feind
+gefunden, der seinem Angriffe widerstehen konnte. In England,
+Schottland, Irland und Flandern haben die puritanischen Soldaten, wenn
+auch oft mit Schwierigkeiten und nicht selten gegen eine dreifach
+überlegene Macht kämpfend, nicht nur stets den Sieg errungen, sie haben
+auch jedes ihnen entgegenstehende Heer völlig geschlagen und vernichtet,
+so daß sie zuletzt den Tag der Schlacht als einen Tag unfehlbaren Siegs
+betrachteten und mit stolzer Zuversicht den berühmtesten Bataillonen
+Europa's entgegenrückten. Turenne staunte über das wilde Jubelgeschrei,
+mit dem seine englischen Verbündeten zum Kampfe gingen, und als er
+erfuhr, daß die Lanzenträger Cromwells stets mit hoher Freude dem Feinde
+in's Angesicht sähen, sprach er die höchste Zufriedenheit des wahren
+Soldaten aus. Auch in den verbannten Cavalieren regte sich der
+Nationalstolz, als sie eine Brigade ihrer Landsleute, von den Feinden an
+Zahl überlegen und von ihren Verbündeten verlassen, die schönste
+spanische Infanterie in wirrer Flucht vor sich hinjagen und den Weg zu
+einer Schanze brechen sahen, die so eben erst die tüchtigsten Marschälle
+von Frankreich für unüberwindlich erklärt hatten.
+
+Aber die Hauptauszeichnung der Armee Cromwells vor andern Armeen waren
+die strenge Moralität und Gottesfurcht, die sich in allen Reihen zeigte.
+Selbst die eifrigsten Royalisten haben zugegeben, daß in diesem
+seltsamen Lager nie ein Schwur gehört, nie Trunkenheit und Spiel
+gesehen, und daß in der langen Zeit der Soldatenherrschaft das Eigenthum
+friedlicher Bürger und die Ehre der Frauen stets heilig gehalten worden
+sind. Die etwa vorkommenden Excesse waren von denen, die siegreiche
+Armeen gewöhnlich auszuüben pflegen, sehr verschieden. Es hatte sich
+keine Magd über rohe Galanterie der Rothröcke zu beklagen, und kein
+Goldschmied, daß aus seinem Laden eine Unze Silber genommen sei; aber
+eine pelagianische Predigt, oder ein Fenster, auf dem die Jungfrau mit
+dem Kinde abgebildet war, regten die puritanischen Reihen dergestalt
+auf, daß die Offiziere nur mit großer Anstrengung sie wieder beruhigen
+konnten. Die Musketiere und Dragoner von gewaltsamen Angriffen auf die
+Kanzeln der Geistlichen abzuhalten, deren Reden nicht, wie man sich zu
+jener Zeit ausdrückte, schmackhaft waren, bot für Cromwell eine der
+Hauptschwierigkeiten dar, und viele unserer Kathedralen tragen jetzt
+noch die Zeichen des Hasses, mit dem jene strengen Geister auf jede Spur
+des Papstthums blickten.
+
+
+[_Unterdrückung der Aufstände gegen die Soldatenherrschaft._] Es war
+selbst für diese Armee keine leichte Aufgabe, das englische Volk im
+Zaume zu halten. Sobald die Nation, an eine solche Knechtung nicht
+gewöhnt, den ersten Druck der militairischen Tyrannei fühlte, begann sie
+einen heftigen Kampf dagegen. Selbst in den Grafschaften, die während
+des letzten Krieges dem Parlamente die unterwürfigsten gewesen waren,
+brachen Aufstände los. Das Parlament verabscheute in der That seine
+alten Vertheidiger mehr als seine alten Feinde, und mit Karl auf
+Unkosten der Truppen einen Vergleich zu schließen, war sein lebhaftester
+Wunsch. In Schottland erstand zu derselben Zeit eine Koalition zwischen
+den Royalisten und einer großen Zahl Presbyterianer, welche die Lehren
+der Independenten verabscheuten. Bald kam der Sturm zum Ausbruch. In
+Norfolk, Suffolk, Essex, Kent und Wales erfolgten Aufstände. Die
+Themseflotte zog plötzlich die königliche Flagge auf, stach in See und
+bedrohte die südliche Küste. Eine große schottische Heeresabtheilung
+überschritt die Grenze und rückte bis nach Lancashire vor. Daß alle
+diese Bewegungen von einem großen Theile der Lords und der Gemeinen mit
+stillem Wohlgefallen betrachtet wurden, läßt sich nicht mit Unrecht
+vermuthen.
+
+Aber so war das Joch der Armee nicht abzuwerfen. Während Fairfax die
+Erhebungen in der Umgebung der Hauptstadt niederdrückte, schlug Cromwell
+die Insurgenten von Wales, zerstörte ihre festen Plätze und rückte gegen
+die Schotten vor. Gegen die angreifenden Truppen waren die seinigen nur
+gering an Zahl, aber er war nicht gewohnt, seine Feinde zu zählen. Die
+schottische Armee ward völlig vernichtet. Nun erfolgte eine Veränderung
+in der schottischen Regierung; in Edinburg setzte man eine dem Könige
+feindliche Verwaltung ein, und Cromwell, mehr als je von seinen Soldaten
+geliebt, kehrte triumphirend nach London zurück.
+
+
+[_Verfahren gegen den König._] Nun bildete sich ein Plan zu einer festen
+Form aus, den Niemand bei dem Beginne des Bürgerkrieges auch nur
+anzudeuten gewagt haben würde und der mit der feierlichen Ligue und dem
+Covenant eben so im Widerspruche stand, als mit den alten Gesetzen von
+England. Seit mehrern Monaten hatten die finstern Krieger, welche die
+Nation beherrschten, eine furchtbare Rache an dem gefangenen Könige
+ersonnen. Wann und wie dieser Plan zuerst entstanden, ob er von dem
+Generale in die Reihen der Soldaten, oder von diesen zu dem Generale
+seinen Weg gefunden, ob er der Politik beizumessen ist, welche den
+Fanatismus als ihr Werkzeug benutzte, oder dem Fanatismus, der die
+Politik jäh mit sich fortriß, sind Fragen, die sich selbst heute noch
+nicht mit voller Sicherheit beantworten lassen. Im Allgemeinen aber läßt
+sich annehmen, daß der, der zu leiten schien, in der Wirklichkeit folgen
+mußte, und daß er bei diesem, wie einige Jahre später bei einem andern
+Anlasse, sein eigenes Urtheil und seine eigenen Neigungen den Wünschen
+des Heeres zum Opfer brachte; denn die von ihm erschaffene Macht konnte
+er selbst nicht immer zügeln, und um nach der Regel befehlen zu können,
+mußte er mitunter auch gehorchen. Er gab öffentlich die Erklärung ab,
+daß er weder die Sache angeregt habe, noch um die ersten Schritte wisse,
+daß er dem Parlamente die Ausführung des Streichs nicht habe anrathen
+können, aber daß er seine eigenen Gefühle der Macht der Verhältnisse
+untergeordnet, von der er geglaubt, sie deute die Zwecke der Vorsehung
+an. Man hat gewöhnlich diese Bekenntnisse für Beweise der Heuchelei
+gehalten, die man ihm beizumessen pflegte; aber selbst die, die ihn für
+einen Heuchler halten, werden es gewiß nicht wagen, ihn einen Narren zu
+nennen, und deshalb werden sie darthun müssen, daß er zu irgend einem
+Zwecke das Heer heimlich reizte, den Weg zu betreten, den er offen zu
+empfehlen nicht wagte. Die Annahme wäre widersinnig, daß er, dem selbst
+die achtbarsten Feinde weder muthwillige Grausamkeit noch unversöhnliche
+Rachsucht beigemessen haben, den wichtigsten Schritt seines Lebens aus
+reiner Bosheit gethan haben solle. Er war viel zu klug, um nicht wissen
+zu können, daß er durch das Einwilligen, das geheiligte Blut zu
+vergießen, eine That verübe, die nichts sühnen konnte, und welche nicht
+nur die Royalisten, sondern auch neun Zehntheile der Parlamentspartei
+mit Schmerz und Abscheu erfüllen würde. Mögen Andere Phantomen
+nachgehangen haben, er dachte sicher weder an eine Republik nach antikem
+Muster, noch an das tausendjährige Reich der Heiligen. Wenn er selbst
+schon danach strebte, eine neue Dynastie zu gründen, so wäre Karl I.
+offenbar ein weniger zu fürchtender Mitbewerber gewesen, als Karl II.
+Von dem Augenblicke an, in dem Karl I. starb, würde jeder Cavalier seine
+Loyalität unverkürzt auf Karl II. übertragen haben. Karl I. war ein
+Gefangener, Karl II. lebte in der Freiheit. Karl I. war selbst bei denen
+ein Gegenstand des Mißtrauens und der Abneigung, die bei dem Gedanken an
+seine Ermordung zurückbebten; Karl II. würde alle die Theilnahme für
+sich gehabt haben, die unglückliche Jugend und Unschuld erregen. Es läßt
+sich unmöglich annehmen, daß dem scharfsinnigsten Politiker jener Zeit
+so naheliegende und inhaltschwere Betrachtungen entgangen sein sollten.
+Das Wahre ist, daß Cromwell eine Zeit lang die Absicht hegte, zwischen
+dem Throne und dem Parlamente zu vermitteln und unter der Sanktion des
+königlichen Namens den zerrütteten Staat durch die Macht des Schwertes
+wieder aufzubauen. An dieser Absicht hielt er so lange fest, bis er
+durch den widerstrebenden Geist seiner Soldaten und die unheilbare
+Treulosigkeit des Königs sie aufzugeben gezwungen ward. Eine Partei im
+Lager forderte den Kopf des Verräthers, der mit Agag zu unterhandeln
+vorschlug. Es wurden Verschwörungen angezettelt, mit Anklagen laut
+gedroht, und eine Meuterei brach aus, die Cromwell mit aller seiner
+Kraft und Entschlossenheit kaum zu unterdrücken vermochte. Stellte er
+auch durch eine kluge Vereinigung von Strenge und Milde die Ordnung
+wieder her, so entging es ihm doch nicht, daß es im höchsten Grade
+schwierig und gefährlich sei, die Wuth von Kriegern bezähmen zu wollen,
+die den gefallenen Tyrannen nicht nur als ihren eigenen Feind, sondern
+auch als den Feind Gottes betrachteten.
+
+Um diese Zeit stellte sich klarer als je heraus, daß man dem Könige
+nicht trauen dürfe. Die eigenen Laster hatten Karl völlig umstrickt,
+wobei allerdings auch Laster waren, die in schwierigen Lagen doppelt
+stark hervorzutreten pflegen. Die List ist dem Schwachen das
+natürlichste Vertheidigungsmittel, und ein Fürst, der auf dem Gipfel
+seiner Macht Täuschungen aus Gewohnheit ausübte, wird in schwierigen
+Lebenslagen und Bedrängnissen sich wahrlich der Aufrichtigkeit nicht
+befleißigen. So gewissenlos Karl in der Kunst zu heucheln war, eben so
+unglücklich war er auch darin, denn keinem Staatsmanne sind soviel
+Betrügereien und Unwahrheiten unwiderleglich nachgewiesen, als ihm.
+Er erklärte öffentlich die Häuser zu Westminster als ein gesetzliches
+Parlament, und gleichzeitig gab er im geheimen Rathe die Erklärung ab,
+daß diese Anerkennung nichtig sei. Er verwahrte sich öffentlich, daß er
+nie daran denke, fremde Hilfe gegen sein Volk in das Land zu rufen;
+heimlich suchte er Hilfe bei Frankreich, Dänemark und Lothringen.
+Er leugnete öffentlich, daß er Papisten in seine Dienste nähme;
+gleichzeitig sandte er seinen Generalen im Geheimen die Weisung, jeden
+Papisten, der dienen wolle, anzunehmen. Er nahm öffentlich zu Oxford das
+Sakrament darauf, daß er das Papstthum in England nie begünstigen wolle;
+im Geheimen gab er seiner Gattin die Versicherung, daß er das Papstthum
+in England dulden werde, und Lord Glamorgan ermächtigte er zu dem
+Versprechen, daß das Papstthum in Irland eingeführt werden solle; dann
+versuchte er, sich auf Kosten dieses Bevollmächtigten rein zu waschen:
+Glamorgan empfing von der Hand des Königs geschriebene Verweise, die zum
+Lesen für Andere bestimmt waren; aber auch lobende Anerkennungen, die
+nur er allein lesen solle. Und wahrlich, es beherrschte in der That die
+Falschheit den ganzen Charakter des Königs dergestalt, daß seine
+treuesten Freunde sich nicht enthalten konnten, sich gegenseitig mit
+bitterm Schmerze und tiefer Scham über seine unredliche Politik zu
+beklagen. Seine Niederlagen, äußerten sie, verursachten ihnen weniger
+Kummer als seine Intriguen. Seit dem Beginne seiner Gefangenschaft
+suchte er jeden Theil der siegreichen Partei durch Schmeicheleien und
+Umtriebe zu berücken, aber keiner seiner Versuche war je so unglücklich
+ausgefallen, als der, Cromwell durch Schmeicheleien zu täuschen und zu
+stürzen.
+
+Cromwell mußte indeß einen Entschluß fassen. Sollte er bei dem ohne
+Zweifel vergeblichen Versuche, einen König zu retten, der durch keinen
+Vertrag zu binden war, die Anhänglichkeit seiner Partei und Armee, seine
+eigene Größe, ja selbst sein Leben preisgeben? Nach vielem Kämpfen und
+Schwanken, vielleicht auch nach vielem Beten, ward der Entschluß
+festgestellt. Karl blieb seinem Schicksale überlassen. Die kriegerischen
+Heiligen beschlossen nun, daß der König, den alten Reichsgesetzen und
+der fast allgemeinen Gesinnung der Nation zum Trotz, sein Verbrechen mit
+dem Leben büßen solle. Eine Zeit lang glaubte er einen Tod sterben zu
+müssen, wie seine unglücklichen Vorgänger, Eduard II. und Richard II.
+Einen solchen Verrath hatte er indeß nicht zu fürchten, denn die, welche
+ihn unter ihren Händen hatten, waren keine nächtlichen Meuchelmörder;
+was sie thaten, sollte ein Schauspiel für Himmel und Erde sein und ein
+ewiges Andenken bleiben. Das Ärgerniß, das sie gaben, hatte für sie den
+höchsten Reiz. Daß die alte Verfassung und die öffentliche Meinung
+Englands mit dem Königsmorde im schroffsten Widerspruche standen, ließ
+einer Partei, die eine vollständige politische und sociale Revolution
+bewirken wollte, den Mord in einem verführerischen Lichte erscheinen.
+Die Erreichung dieses Zweckes machte das Zerbrechen jedes einzelnen
+Theils der Staatsmaschine nöthig, und diese Nothwendigkeit berührte sie
+mehr angenehm, als schmerzlich. Die Gemeinen stimmten für den Abschluß
+eines Vergleichs mit dem Könige; die Soldaten schlossen die Majorität
+gewaltsam aus. Die Lords verwarfen einstimmig den Vorschlag, den König
+vor Gericht zu stellen; ihr Haus ward sofort geschlossen. Kein
+ordentlicher Gerichtshof wollte die Verantwortung auf sich nehmen,
+den zu richten, der die Quelle der Gerechtigkeit repräsentirte.
+
+
+[_Seine Hinrichtung._] Da ward ein revolutionaires Tribunal errichtet,
+und dieses Tribunal erklärte Karl für einen Tyrannen, für einen
+Verräther, einen Mörder und einen öffentlichen Feind. Vor Tausenden von
+Zuschauern, dem Banketsaale seines Palastes gegenüber ließ man seinen
+Kopf von dem Rumpfe trennen.
+
+Aber bald zeigte es sich, daß die politischen und religiösen Eiferer,
+denen diese That beizumessen ist, nicht nur ein Verbrechen, sondern auch
+ein Versehen begangen hatten. Dem Fürsten nämlich, der dem Volke bisher
+nur durch seine Fehler bekannt gewesen, hatten sie Gelegenheit geboten,
+auf einer großen Bühne, Angesichts aller Nationen und Zeiten,
+Eigenschaften zu zeigen, die unwiderstehlich Bewunderung und Zuneigung
+erwecken müssen: den hohen Muth eines Helden, und die Geduld und
+Sanftmuth eines reuigen Christen; sie hatten selbst ihre Rache in einer
+Weise ausgeübt, daß derselbe Mann, der sein ganzes Leben hindurch nur
+auf die Vernichtung der Freiheiten Englands gesonnen, als ein Märtyrer
+eben dieser Freiheiten zu sterben schien. Nie hat ein Demagog so auf den
+öffentlichen Geist gewirkt, als dieser gefangene König, der selbst auf
+dem höchsten Gipfel des Unglücks seine volle königliche Würde bewahrte,
+dem Tode furchtlos in's Angesicht sah und den Gefühlen seines
+unterdrückten Volkes Ausdruck verlieh, indem er muthig seine
+Rechtfertigung vor einem dem Gesetze unbekannten Gerichtshofe
+verweigerte, von der Soldatengewalt an die Grundsätze der Verfassung
+appellirte, nach dem Rechte fragte, mit dem das Haus der Gemeinen seiner
+achtbarsten Glieder und das der Lords seiner legislativen Funktionen
+beraubt sei, und den weinenden Zuhörern sagte, er vertheidige nicht nur
+seine, sondern auch ihre Sache. Seine lange schlechte Regierung, seine
+unzähligen Treulosigkeiten waren nun vergessen, und in den Gemüthern des
+größten Theils seiner Unterthanen lebte sein Andenken mit dem an die
+freien Institutionen fort, die er lange zu vernichten bemüht gewesen
+war, denn diese freien Institutionen waren mit ihm untergegangen, und
+seine Stimme allein hatte sie unter dem schmerzlichen Schweigen eines
+durch Waffengewalt unterdrückten Staates vertheidigt. Eine Reaktion, zu
+Gunsten der Monarchie und des vertriebenen Königshauses, trat an diesem
+Tage ein und schritt so lange fort, bis der Thron in seiner vollen alten
+Würde wieder aufgebaut war.
+
+Anfangs schien es jedoch, als ob die Mörder des Königs in dem blutigen
+Sakramente, das sie eng mit einander verbunden und für immer von der
+großen Masse ihrer Landsleute getrennt hatte, neue Willenskraft fänden.
+England ward zu einer Republik umgeschaffen, und das Haus der Gemeinen,
+auf eine kleine Zahl von Gliedern beschränkt, ward dem Namen nach die
+höchste Staatsgewalt; in der That aber regierten die Armee und ihre
+ersten Führer. Cromwells Wahl war getroffen, er hatte sich die Herzen
+seiner Soldaten bewahrt und fast alle übrigen Klassen seiner Mitbürger
+sich entfremdet. Man konnte nicht sagen, daß er außerhalb der Grenzen
+seiner Lager und festen Plätze Anhänger habe. Die Elemente jener Macht,
+die seit dem Beginne des Bürgerkriegs sich unter einander selbst
+bekämpft hatten, als sämmtliche Cavaliere, die große Mehrzahl der
+Rundköpfe, die anglikanische, presbyterianische und römisch-katholische
+Kirche, England, Schottland und Irland, alle hatten sich nun gegen ihn
+verbunden. Aber Cromwells Genie und Entschlossenheit waren so gewaltig,
+daß er Alles vernichtete, was ihm auf der Bahn entgegentrat, die er
+eingeschlagen hatte, um sich zu einen unumschränktern Gebieter seines
+Vaterlandes zu machen, als irgend einer der gesetzlichen Könige
+desselben gewesen, und um es gefürchteter und geachteter hinzustellen,
+als es Generationen hindurch unter der Regierung legitimer Fürsten
+gestanden hatte.
+
+England kämpfte schon nicht mehr; aber die beiden andern Königreiche,
+die unter dem Scepter der Stuarts gestanden, hegten gegen die neue
+Republik eine feindliche Gesinnung. Die irischen Katholiken und die
+schottischen Presbyterianer sahen gleich gehässig auf die
+Independenten-Partei. Beide Länder, erst kürzlich noch aufständisch
+gegen Karl I., huldigten jetzt der Autorität Karls II.
+
+
+[_Unterwerfung Irlands und Schottlands._] Aber nichts konnte der Kraft
+und Geschicklichkeit Cromwells Widerstand leisten. Er besiegte in wenig
+Monaten Irland so vollständig, wie es in den fünfhundert Jahren, die
+seit der Landung der ersten normannischen Ansiedler verflossen, nie
+besiegt gewesen. Dem Kampfe der Volksstämme und Religionen, der so lange
+die Insel zerrüttet, wollte er dadurch ein Ziel setzen, daß er der
+englischen und protestantischen Bevölkerung die entschieden wichtigste
+Stellung anwies. Um diesen Zweck zu erreichen, zügelte er den wilden
+Fanatismus seiner Anhänger nicht mehr, führte einen Krieg, der dem
+Israels gegen die Kananiter glich, vernichtete die Götzendiener mit der
+Schärfe des Schwertes, daß große Städte fast keine Einwohner mehr
+hatten, trieb Tausende nach dem Festlande oder ließ sie nach Westindien
+führen, und füllte die dadurch entstandene Lücke mit Ansiedlern
+sächsischen Blutes und calvinistischen Glaubens aus. Daß das eroberte
+Land unter dieser eisernen Regierung sich eines zunehmenden Wohlstandes
+zu erfreuen schien, klingt seltsam, aber es ist wahr. Gegenden, die noch
+vor kurzer Zeit so unwirthbar gewesen, als jene, in denen die ersten
+weißen Ansiedler von Connecticut mit den rothen Männern kämpften,
+glichen nach wenig Jahren Kent und Norfolk. Überall erstanden neue
+Gebäude, Straßen und Pflanzungen; der Ertrag der Güter vermehrte sich
+schnell, und bald klagten die englischen Grundbesitzer über die
+Konkurrenz irischer Produkte auf den Märkten, und forderten
+Schutzgesetze.
+
+Der siegreiche Feldherr, der nun auch dem Namen nach war, was er schon
+längst in Wirklichkeit gewesen, Lord General der republikanischen Heere,
+wandte sich von Irland nach Schottland, wo der junge König war, der zur
+presbyterianischen Kirche übergetreten, den Covenant unterzeichnet,
+und als Lohn dafür von den strengen Puritanern, die zu Edinburg die
+Regierung leiteten, die Erlaubniß erhalten hatte, die Krone zu tragen,
+und unter ihrer Oberaufsicht still und ernst einen Hof zu halten. Diese
+Scheinloyalität dauerte nicht lange; Cromwell vernichtete in zwei großen
+Schlachten die ganze Kriegsmacht Schottlands. Karl rettete sich durch
+die Flucht vor dem Schicksale, das seinen Vater betroffen. Zum ersten
+Male war nun das alte Königreich der Stuarts völlig zur Unterwürfigkeit
+gebracht, und von der Unabhängigkeit, die einst gegen die tüchtigsten
+Plantagenets so tapfer vertheidigt worden, blieb keine Spur. Das
+englische Parlament gab Schottland Gesetze, englische Richter hielten
+dort Assisen, und selbst die hartnäckige Kirche, die ihre
+Selbstständigkeit gegen so viele Regierungen bewahrt, wagte nicht einmal
+leise zu murren.
+
+
+[_Das lange Parlament wird vertrieben._] Zwischen den Kriegern, die
+Irland und Schottland unterjocht, und den Politikern, die in Westminster
+beriethen, hatte bis zu dieser Frist wenigstens ein Schein von
+Übereinstimmung stattgefunden; aber den Bund, den die Gefahr
+geschlossen, löste der Sieg wieder auf. Das Parlament vergaß, daß es nur
+eine Kreatur der Armee war, und die Armee war jetzt weniger als sonst
+geneigt, sich den Verordnungen des Parlaments zu fügen. Es hatte auch in
+der That der geringe Mitgliederbestand, den man verächtlich den Rumpf
+des Hauses der Gemeinen nannte, nicht mehr Anspruch auf die Achtung, die
+Volksvertretern gebührt, als die Befehlshaber in der Armee. Der Streit
+ward bald zu einem entscheidenden Ende geführt. Cromwell füllte das Haus
+mit Bewaffneten, der Sprecher ward von seinem Stuhle geworfen, der Stab
+vom Tische genommen, der Saal geleert und die Thür verschlossen. Die
+Nation, die keiner der streitenden Parteien hold war, aber ohne es zu
+wollen, die Tüchtigkeit und Energie des Feldherrn achten mußte, sah
+geduldig, vielleicht auch mit Wohlgefallen zu.
+
+König, Lords und Gemeine waren nach und nach bewältigt und vernichtet
+und Cromwell erschien nun als der einzige Erbe der Machtbefugnisse die
+jene zusammen besessen hatten; aber die Armee selbst, der er seine
+ausgedehnte Autorität verdankte, legte ihm gewisse Beschränkungen auf.
+Dieser sonderbare Körper bestand größtentheils aus eifrigen
+Republikanern, die ihr Vaterland frei zu machen wähnten, indem sie es
+der Knechtschaft überlieferten. Das von ihnen allgemein verehrte Buch
+enthielt ein Beispiel, dessen sie häufig erwähnten. Es murrte die
+unwissende und undankbare Nation gegen ihre Befreier, wie einst ein
+anderes auserwähltes Volk gegen den Mann gemurrt, der es auf mühseligen
+und traurigen Pfaden aus der Knechtschaft in ein Land geführt, wo Milch
+und Honig floß; und dennoch hatte dieser Führer seine Brüder wider ihren
+Willen befreit, auch eben so wenig Anstand genommen, diejenigen zum
+abschreckenden Beispiele furchtbar zu züchtigen, welche die dargebotene
+Freiheit verachteten, und sich nach den Fleischtöpfen, den Frohnvögten
+und Götzenbildern Egyptens zurücksehnten. Das Ziel der kriegerischen
+Heiligen, die Cromwell umgaben, war die Gründung einer freien, frommen
+Republik. Zur Erreichung dieses Ziels waren sie bereit alle Mittel,
+selbst gewaltthätige und ungesetzliche, ohne Bedenken anzuwenden. Es lag
+daher die Möglichkeit vor, mit ihrer Hilfe eine dem Wesen nach absolute
+Monarchie zu errichten, aber eben so auch die Wahrscheinlichkeit, daß
+sie ihre Hilfe sofort einem Herrscher entziehen würden, der selbst unter
+streng constitutionellen Formen, den Namen und die Würde eines Königs
+anzunehmen wagte.
+
+Cromwell dachte anders; er war nicht mehr, was er gewesen, und die
+Veränderung in seinen Ansichten nur als eine Wirkung selbstsüchtigen
+Ehrgeizes ansehen zu wollen, würde ungerecht sein. Er brachte, als er zu
+dem langen Parlamente trat, wenig Bücherkenntniß aus seiner ländlichen
+Einsamkeit mit, und besaß weder Erfahrung in wichtigen Angelegenheiten,
+wohl aber eine durch lange Tyrannei der Regierung und der Hierarchie
+gereizte Stimmung. Während der folgenden dreizehn Jahre hatte er eine
+politische Schule nicht gewöhnlicher Art durchgemacht. In einer Reihe
+von Revolutionen hatte er bedeutende Rollen gespielt; er war lange die
+Seele und zuletzt das Haupt einer Partei gewesen; er hatte Heere
+befehligt, Schlachten gewonnen, Verträge abgeschlossen, und Königreiche
+unterjocht, beruhigt und geordnet. Es wäre in der That seltsam gewesen,
+wenn er stets dieselben Ansichten behalten, die er damals besessen
+hatte, als sein Geist sich nur mit den Feldern und der Religion
+beschäftigte, als ein Viehmarkt oder eine fromme Versammlung in
+Huntingdon die Hauptereignisse waren, die in den einförmigen Lauf seines
+Lebens Abwechselung brachten. Er sah ein, daß manche jener früheren
+Neuerungspläne, für die er eiferte, mochten sie nun an sich gut oder
+schlecht sein, der allgemeinen Stimmung des Landes nicht entsprachen,
+und daß er, wenn er auf diesen Plänen beharrte, stets mit Unruhen zu
+schaffen haben würde, die nur durch unausgesetzte Anwendung des
+Schwertes unterdrückt werden könnten. Deshalb beabsichtigte er, in allen
+wesentlichen Punkten jene alte Verfassung wieder herzustellen, welche
+der große Theil des Volks stets geliebt hatte, und nach der es sich
+jetzt sehnte. Das Verfahren, das später Monk anwendete, konnte Cromwell
+noch nicht beobachten. Der große Königsmörder ward durch die Erinnerung
+an einen furchtbaren Tag von dem Hause Stuart für immer getrennt; ihm
+blieb nichts, als den alten englischen Thron zu besteigen und im Sinne
+der alten englischen Staatsverfassung zu regieren. Gelang ihm dies, so
+durfte er hoffen, daß die Wunden des zerfleischten Staatskörpers bald
+wieder verharrschen würden; es hätten sich viele redliche und besonnene
+Männer um ihn gesammelt, und diejenigen Royalisten, die mehr an den
+Institutionen als den Personen, mehr an dem königlichen Amte als an
+König Karl I. oder Karl II. hingen, würden bald die Hand des Königs
+Oliver geküßt haben. Es würden die Peers, die still auf ihren Landgütern
+wohnten und mürrisch die Theilnahme an öffentlichen Angelegenheiten
+verweigerten, mit Freuden ihre alten Functionen wieder übernommen haben,
+wenn sie das Ausschreiben eines im Besitz des Thrones befindlichen
+Königs zu ihrem Hause gerufen hätte; Northumberland und Bedford,
+Manchester und Pembroke würden stolz gewesen sein, wenn sie dem Manne,
+der die Aristokratie wiederhergestellt, Krone und Sporen, Scepter und
+Reichsapfel hätten vorantragen können; das Volk würde nach und nach
+durch ein Gefühl der Loyalität mit der neuen Dynastie verbunden worden
+sein und bei dem Tode des Gründers dieser Dynastie wäre die königliche
+Würde unter allgemeiner Billigung auf seine Nachkommen übergegangen.
+
+Die scharfsinnigsten Royalisten hielten dafür, daß diese Ansichten
+richtig seien, und daß, wenn Cromwell nur nach seinem Urtheile hätte
+verfahren können, die vertriebene Dynastie nie wieder zur Regierung
+gelangt wäre; aber sein Plan widersprach völlig den Gefühlen jener
+Klasse, der einzigen, die er nicht zu reizen wagte. Den Soldaten war der
+Name des Königs verhaßt. Einige derselben haßten selbst eine Verwaltung,
+die sich in den Händen einer einzelnen Person befand; und war der große
+Theil auch geneigt, den General, als den gewählten ersten Beamten einer
+Republik, gegen alle Factionen zu schützen, die seine Autorität nicht
+anerkennen würden, so wollten sie doch nicht zugeben, daß er sich den
+Königstitel beilege, oder daß die Würde, die nur der gerechte Lohn für
+seine persönlichen Verdienste sei, für erblich in seiner Familie erklärt
+werde. Ihm blieb nun nichts weiter übrig, als der neuen Republik eine
+der alten Monarchie so ähnliche Verfassung zu geben, als es die Armee
+nur irgend gestattete. Damit nun seine Erhebung zur Macht nicht als ein
+Akt persönlichen Ehrgeizes erscheinen möchte, berief er einen Rath, der
+theils aus Personen zusammengesetzt war, auf deren Unterstützung er
+zählen, theils aus solchen, deren Opposition er ohne Gefahr Trotz bieten
+konnte. Nachdem diese, von ihm Parlament genannte Versammlung, von dem
+Volke aber nach einem seiner hervorragendsten Mitglieder »Barebones
+Parlament« getauft, sich eine Zeit lang der allgemeinen Verachtung
+ausgesetzt hatte, gab sie dem General die von demselben empfangenen
+Vollmachten zurück und überließ ihm allein, einen Verfassungsplan zu
+entwerfen.
+
+
+[_Oliver Cromwell's Protektorat._] Sein Plan hatte Anfangs nur eine
+große Ähnlichkeit mit der alten Verfassung; nach Verlauf einiger Jahre
+aber glaubte er weiter gehen und fast alle Theile des alten Systems
+unter neuen Namen und Formen wiederherstellen zu dürfen. Der Königstitel
+ward nicht wieder verwendet, aber die Vorrechte des Königs wurden einem
+Lord Groß-Protektor bewilligt. Man nannte den Souverain nicht »Se.
+Majestät«, sondern »Se. Hoheit.« Man krönte und salbte ihn nicht in der
+Westminsterabtei, aber man ließ ihn feierlich den Thron besteigen, mit
+einem Staatsschwerte umgürtet und einem Purpurmantel angethan, und in
+der Westminsterabtei schenkte man ihm eine prachtvolle Bibel. Man hatte
+sein Amt nicht für erblich erklärt, aber ihm erlaubt, seinen Nachfolger
+zu ernennen, und Niemand zweifelte, daß er seinen Sohn wählen würde.
+
+Ein Haus der Gemeinen war ein nothwendiger Bestandtheil der neuen
+Verfassung. Bei der Gestaltung dieses Instituts zeigte der Protektor
+Weisheit und Gemeinsinn, die seine Zeitgenossen nicht gebührend
+gewürdigt haben. Waren die Fehler des alten Vertretungssystems auch
+nicht so bedeutend, als sie später wurden, so hatten sie scharfblickende
+Männer dennoch schon bemerkt. Cromwell reformirte dieses System nach
+denselben Grundsätzen, nach denen Pitt einhundertdreißig Jahre später es
+zu verbessern versuchte, und nach denen es endlich in unserer Zeit
+wirklich verbessert wurde. Den kleinen Flecken entzog man mit noch
+schonungsloserer Strenge als 1832 das Wahlrecht und die Zahl der
+Grafschaftsmitglieder ward vergrößert. Nur wenig Städte, die nicht
+vertreten waren, hatten sich bis dahin zu einer Bedeutung erhoben;
+zu diesen wenigen gehörten Manchester, Leeds und Halifax, und diese
+erhielten Vertreter. Die Zahl der Mitglieder, die für die Hauptstadt
+wählten, wurde vermehrt. Das Wahlrecht ward dergestalt geordnet, daß
+jeder Besitzende, mochte sein Eigenthum in Freisassengütern bestehen
+oder nicht, eine Stimme in der Grafschaft hatte, in der er angesessen
+war. Nur wenig Schotten und wenige der englischen Colonisten von Irland
+wurden zu der Versammlung berufen, die in Westminster allen Theilen der
+britischen Inseln Gesetze geben sollte.
+
+Ein Haus der Lords zu errichten, war eine schwierigere Aufgabe. Die
+Demokratie kann die Stütze der Verjährung entbehren, die Monarchie hat
+oft ohne sie bestanden, aber ein Patrizierstand ist das Werk der Zeit.
+Cromwell fand einen reichen, hoch geehrten und in allen untern
+Volksklassen so populären Adel vor, als nur je der Adel gewesen ist.
+Wenn er als König von England, gemäß dem alten Brauche des Königreichs,
+die Pairs zu dem Parlamente berufen hätte, es würden viele derselben
+ohne Zweifel dem Rufe gefolgt sein; dies durfte er nicht, und daß er den
+Häuptern erlauchter Familien in seinem neuen Senate Sitze anbot, blieb
+ohne Erfolg, denn sie sahen ein, daß sie einer neuerstandenen
+Versammlung nicht beitreten konnten, ohne auf ihr Geburtsrecht zu
+verzichten und ihren Stand zu verrathen. Der Protektor sah sich nun
+genöthigt, sein Oberhaus mit neuen Männern zu besetzen, die sich in der
+letzten Zeit der Aufregung hervorgethan hatten. Diese seiner
+Einrichtungen, die allen Parteien mißfiel, war die unglücklichste. Die
+nach allgemeiner Gleichheit strebende Partei -- Levellers -- zürnte ihm
+darüber, daß er eine bevorzugte Klasse schuf; die Menge, welche für die
+großen geschichtlichen Namen des Landes Achtung und Liebe hegte,
+verlachte sonder Scheu ein Haus der Lords, das glückliche Kärrner und
+Schuhmacher zu Gliedern zählte und wenige der alten Adeligen, die sich
+fast alle verächtlich davon abwandten, berufen hatte.
+
+Die Art und Weise der Einrichtung von Cromwells Parlamenten war
+praktisch von untergeordneter Bedeutung, da er die Mittel besaß, auch
+ohne die Unterstützung und ungeachtet der Opposition derselben die
+Verwaltung zu führen. Eine verfassungsmäßige Regierung, und an Stelle
+der Schwertherrschaft die der Gesetze zu stellen, scheint in seinem
+Wunsche gelegen zu haben. Aber ihm ward bald klar, daß er nur bei einer
+unumschränkten Verwaltung sicher sein konnte, da Royalisten und
+Presbyterianer ihn haßten. Das erste Haus der Gemeinen, auf seinen
+Befehl vom Volke gewählt, zog seine Autorität in Frage; es ward
+aufgelöst, ohne daß es auch nur eine Akte durchgebracht hatte. Sein
+zweites Haus der Gemeinen, das ihn zwar als Protektor anerkannte und ihn
+gern zum Könige gemacht haben würde, weigerte sich dessenungeachtet
+hartnäckig, seine neuen Lords anzuerkennen. Ihm blieb nichts übrig, als
+das Parlament aufzulösen. Als er schied, rief er aus: Gott sei Richter
+zwischen Euch und mir!
+
+Diese Zerwürfnisse hatten jedoch durchaus keinen Einfluß auf die
+energische Verwaltung des Protektors. Dieselben Soldaten, die ihm das
+Tragen des Königstitels nicht gestatten wollten, unterstützten ihn bei
+Ausführung solcher Gewaltmaßregeln, wie sie je ein englischer König nur
+versucht hat. So war die Regierung der Form nach republikanisch, in
+Wahrheit aber eine durch die Weisheit, Mäßigung und Großherzigkeit des
+Despoten gemilderte Despotie. Das Land war in Militairbezirke getheilt,
+die unter den Befehlen von Generalmajors standen. Jede aufständische
+Bewegung ward im Keime erstickt und bestraft. Die Macht des Schwertes in
+einer so starken, unbeugsamen und erfahrenen Hand dämpfte den Muth der
+Cavaliere und der Levellers. Die loyale Gentry erklärte, sie sei zwar
+immer noch bereit, für die alte Verfassung und Dynastie das Leben
+einzusetzen, wenn nur eine schwache Hoffnung auf Erfolg vorhanden wäre;
+aber an der Spitze von Dienern und Pächtern sich den Lanzen von Brigaden
+entgegenzustellen, die in hundert Schlachten und Belagerungen siegreich
+gewesen, sei eine unsinnige Verschwendung unschuldigen und
+schätzenswerthen Blutes. Da sich von offenem Widerstande nichts hoffen
+ließ, begannen Royalisten und Republikaner schwarze Mordpläne zu
+ersinnen; aber des Protektors Kundschafter waren gut, und seine
+Wachsamkeit ward nicht lästig; nur in der Mitte der blanken Schwerter
+und Harnische seiner getreuen Garden verließ er die Mauern seines
+Palastes.
+
+Wäre Cromwell ein grausamer, ausschweifender und raublustiger Regent
+gewesen, so hätte die Nation vielleicht in der Verzweiflung Muth
+gefunden und sich durch eine krampfhafte Anstrengung von der
+Militairherrschaft zu befreien gesucht; aber waren auch die
+Bedrückungen, unter denen das Land seufzte, stark genug, um ernstliche
+Unzufriedenheit zu erregen, so konnten sie doch die große Masse nicht
+bewegen, Leben, Vermögen und die Wohlfahrt der Familien einer
+furchtbaren Macht gegenüber auf das Spiel zu setzen. Die Last der
+Steuern war, wenn auch drückender als unter den Stuarts, mit den
+Nachbarstaaten verglichen und nach den Hilfsquellen Englands beurtheilt,
+eine leichte zu nennen. Das Eigenthum war sicher, und selbst der
+Cavalier, wenn er die neue Verfassung unangetastet ließ, genoß in
+Frieden, was ihm die bürgerlichen Unruhen gelassen hatten. Nur in
+Fällen, in denen es sich um die Sicherheit der Person und der Regierung
+des Protektors handelte, wurden die Gesetze überschritten; aber in
+Streitsachen zwischen Privaten ward die Justiz mit einer Strenge und
+Unparteilichkeit geübt, wie man sie zuvor nie gekannt. Seit der
+Reformation hatten unter keiner englischen Regierung so wenig religiöse
+Verfolgungen stattgefunden. Betrachtete man auch die unglücklichen
+Katholiken als dem Bereiche der christlichen Kirche nicht mehr
+angehörig, so gestattete man dennoch dem gestürzten anglikanischen
+Klerus, seinen Gottesdienst unter der Bedingung abzuhalten, daß seine
+Predigten alle Politik ausschlössen. Es durften selbst die Juden, denen
+seit dem dreizehnten Jahrhundert der öffentliche Gottesdienst untersagt
+gewesen, sich trotz der Opposition neidischer Kaufleute und fanatischer
+Theologen in London eine Synagoge bauen.
+
+Des Protektors auswärtige Politik zwang zugleich auch diejenigen, die
+ihn am meisten haßten, gegen ihren Willen ihm Anerkennung zu zollen. Die
+Cavaliere konnten kaum den Wunsch unterdrücken, daß der, der soviel zur
+Vermehrung des Nationalruhmes gethan, ein legitimer König gewesen sei,
+und die Republikaner waren zu dem Eingeständnisse gezwungen, daß der
+Tyrann nur für sich allein das Recht usurpire, mitunter dem Vaterlande
+Unrecht zu thun, und daß er ihm für die geraubte Freiheit Ruhm
+zurückgegeben habe. Nach einem halben Jahrhundert, während dessen
+England kaum ein bedeutenderes Gewicht in der Politik Europa's gehabt,
+als Venedig und Sachsen, erhob es sich plötzlich zu der gefürchtetsten
+Macht der Welt, schrieb den Vereinigten Niederlanden Friedensbedingungen
+vor, rächte an den Seeräubern der Berberei die der ganzen Christenheit
+zugefügte Schmach, besiegte Spanien zu Land und zu Meer, bemächtigte
+sich einer der schönsten westindischen Inseln und gewann an der
+flämischen Küste einen festen Platz, der den Nationalstolz für den
+Verlust von Calais tröstete. Es war die erste Macht auf dem Weltmeere;
+es stand an der Spitze des protestantischen Interesses; Cromwell ward
+von allen in katholischen Königreichen zerstreuten reformirten Kirchen
+als Schirmherr anerkannt; die Hugenotten von Languedoc, die Hirten, die
+sich in ihren Alpendörfchen zu einem ältern Protestantismus als den von
+Augsburg bekannten, wurden durch den Schrecken allein vor Verfolgung
+gesichert, den sein großer Name verbreitete. Selbst der Papst mußte
+papistischen Fürsten Menschlichkeit und Mäßigung einschärfen, denn eine
+Stimme, die selten vergebens drohte, hatte erklärt, daß die englischen
+Kanonen in der Engelsburg gehört werden sollten, wenn man dem Volke
+Gottes nicht Duldung angedeihen lasse. Es gab in der That Nichts, was
+Cromwell wegen seiner und seiner Familie hätte mehr wünschen können, als
+einen allgemeinen europäischen Religionskrieg, denn in diesem Falle wäre
+er der Führer der protestantischen Armeen, und das Herz Englands wäre
+mit ihm gewesen; man hätte seine Siege mit einer allgemeinen
+Begeisterung begrüßt, wie sie das Land seit der Vernichtung der Armada
+nicht geäußert, und der Flecken, den eine durch die Stimme der ganzen
+Nation verdammte Handlung auf seinem strahlenden Ruhme zurückgelassen,
+würde durch sie verlöscht worden sein. Zu seinem Unglücke bot sich ihm
+keine Gelegenheit, außer gegen die britischen Inseln, sein
+bewundernswürdiges Feldherrntalent zu entwickeln.
+
+Seine Gewalt, den Unterthanen ein Gegenstand der Abneigung, der
+Bewunderung und der Furcht zugleich, stand, so lange er lebte, fest.
+Seine Regierung war nur bei Wenigen beliebt, aber die, denen sie am
+meisten verhaßt war, haßten sie nicht so sehr, als sie sie fürchteten.
+Wäre die Regierung eine schlechtere gewesen, ihre Stärke hätte sie
+wahrlich nicht vor dem Sturze sichern können. Aber sie enthielt Mäßigung
+genug, um Bedrückungen zu vermeiden, welche die Menschen zur Wuth
+treiben, und besaß eine Kraft und Energie, die zu bekämpfen nur Menschen
+wagen konnten, welche die Unterdrückung bereits zum Wahnsinn getrieben.
+
+
+[_Richard, Cromwells Nachfolger._] Man hat oft behauptet, und
+anscheinend nur aus wenigen Gründen, daß Cromwell zu einer seinem Ruhme
+günstigen Zeit gestorben sei, und daß er, bei längerer Lebenszeit,
+wahrscheinlich minder ehrenvoll und glücklich geendet haben würde.
+Soviel steht fest, daß ihn seine Soldaten bis zu dem letzten Momente
+ehrten, daß ihm die ganze Bevölkerung der britischen Inseln gehorchte,
+daß ihn alle auswärtigen Mächte fürchteten, daß er mit einem Gepränge,
+wie London es zuvor nie gesehen, neben den alten Souverainen Englands
+zur Gruft bestattet wurde, und daß ihm sein Sohn Richard so ruhig in der
+Regierung folgte, wie je ein Prinz von Wales einem Könige gefolgt ist.
+
+Die Verwaltung Richard Cromwells hatte fünf Monate lang einen so
+friedlichen und regelmäßigen Gang, daß ganz Europa der Meinung war,
+seine Stellung am Staatsruder sei eine durchaus feste. Seine Lage war
+wirklich in manchen Beziehungen vortheilhafter, als die seines Vaters;
+er war noch zu jung, um Feinde zu haben, und an seinen Händen klebte
+noch kein Bürgerblut. Die Cavaliere selbst gestanden ein, daß er ein
+braver, gutmüthiger Gentleman sei. Die presbyterianische Partei, gleich
+mächtig an Zahl wie an Reichthum, hatte mit dem nun verstorbenen
+Protektor in tödtlicher Feindschaft gestanden, dem gegenwärtigen aber
+zeigte sie eine geneigte Stimmung. Diese Partei hatte stets den Wunsch
+genährt, es möge die alte Reichsverfassung mit einigen genauern
+Bestimmungen und einigen stärkern Bürgschaften für die öffentliche
+Freiheit wieder hergestellt werden, aber sie hatte mancherlei Gründe,
+die Wiedereinsetzung der alten Herrscherfamilie zu fürchten. Für diese
+Politiker war Richard der rechte Mann, denn seine Humanität, seine
+Freimüthigkeit und Bescheidenheit, die Mittelmäßigkeit seiner Talente
+und die Fügsamkeit, mit der er sich der Leitung klügerer Leute, als er,
+überließ, machten ihn ganz vorzüglich geeignet, das Oberhaupt einer
+beschränkten Monarchie zu sein.
+
+Es schien wirklich eine Zeit lang, als ob er unter der Leitung fähiger
+Rathgeber das durchführen werde, was sein Vater umsonst begonnen hatte.
+Es ward ein Parlament berufen und die Ausschreiben dazu erließ man in
+der alten Form. Den kleinen Flecken gab man das ihnen vor Kurzem
+entzogene Wahlrecht zurück; Manchester, Leeds und Halifax schickten
+ferner nicht mehr Mitglieder ab, und die Grafschaft York ward wiederum
+auf zwei Abgeordnete beschränkt. Es muß einer Generation, welche durch
+die Fragen über Reform des Parlaments fast bis zum Wahnsinn aufgeregt
+ward, außergewöhnlich erscheinen, daß große Städte und Grafschaften sich
+dieser Änderung nicht nur geduldig, sondern auch gern fügten; aber
+wenn auch damals schon denkende Männer die Fehler des alten
+Repräsentativ-Systems und die daraus früher oder später entspringenden
+ernsten praktischen Übel erkannten, so waren doch diese praktischen Übel
+noch nicht empfindlich fühlbar gewesen. Hatte Oliver Cromwell sein
+Repräsentativ-System auch nach den richtigsten Grundsätzen gebildet, so
+war es doch nicht volksthümlich; sowohl die Begebenheiten, aus denen es
+hervorgegangen, als die Folgen, die es bewirkt, konnten die öffentliche
+Meinung nicht für dasselbe gewinnen. Es war der Militairgewalt
+entsprungen, und hatte nur Streit erregt. Der Regierung durch das
+Schwert überdrüssig, sehnte sich die ganze Nation nach der Regierung
+durch das Gesetz. Deshalb gewährte die Wiederherstellung selbst der
+Anomalien und Mißbräuche, die mit den Gesetzen streng übereinstimmten
+und durch das Schwert vernichtet gewesen waren, allgemeine Befriedigung.
+
+Im Hause der Gemeinen gab es eine starke, theils aus offenen
+Republikanern, theils aus geheimen Royalisten bestehende Opposition;
+aber eine große, fest entschlossene Majorität schien dem Plane geneigt,
+die alte Verfassung unter einer neuen Dynastie wieder herzustellen.
+Richard ward feierlich als die erste obrigkeitliche Person im Staate
+anerkannt. Die Gemeinen erklärten sich nicht nur bereit, mit den von
+Oliver Cromwell ernannten Lords gemeinschaftlich die Staatsgeschäfte zu
+verhandeln, sondern nahmen auch den Beschluß an, daß diejenigen
+Adeligen, die zur Zeit der Unruhen der Sache der öffentlichen Freiheit
+angehangen, ohne neue Ernennung im Oberhause des Parlaments zu sitzen
+das Recht haben sollten.
+
+Bis hierher waren die Staatsmänner, deren Rath Richard befolgte,
+glücklich gewesen. Fast alle Theile der Staatsverwaltung hatte man eben
+so eingerichtet, wie sie bei dem Beginne des Bürgerkrieges gewesen.
+Hätten der Protektor und das Parlament ungestört fortschreiten dürfen,
+so läßt sich kaum bezweifeln, daß unter dem Hause Cromwell schon eine
+ähnliche Ordnung der Dinge erstanden wäre, wie sie später unter dem
+Hause Hannover begründet ward. Aber es gab im Staate eine andere Macht,
+vollkommen fähig, gegen Protektor und Parlament aufzutreten. Richard
+besaß nämlich über die Armee keine andere Autorität als die, welche er
+aus dem großen ererbten Namen herleitete. Er hatte sie nie zum Siege
+geführt, hatte selbst nie die Waffen getragen, alle seine Neigungen und
+Gewohnheiten waren friedlicher Art, und seine religiösen Ansichten und
+Gesinnungen erfreuten sich des Beifalls der militairischen Heiligen
+nicht. Daß er ein guter Mensch war, hat er durch Demuth und
+Leutseligkeit, während er auf dem Gipfel menschlicher Größe stand,
+und durch freudige Ergebung bei Leiden und Unglücksfällen treffender
+dargethan, als durch tiefe Seufzer und lange Reden; aber das damals in
+jeder Wachtstube übliche fromme Geschwätz war ihm dergestalt zum Ekel,
+daß er seine Abneigung dagegen nicht immer verbergen konnte. Die
+Offiziere, welche den größten Einfluß auf die in der Nähe stationirten
+Truppen ausübten, gehörten nicht zu seinen Freunden; sie waren durch
+Muth und Tapferkeit auf dem Schlachtfelde ausgezeichnete Männer, aber es
+fehlte ihnen jene Klugheit, jener bürgerliche Muth, die Eigenschaften,
+die ihrem verstorbenen Führer in so hohem Grade eigen waren. Einige von
+ihnen waren achtungswerthe, aber fanatische Independenten und
+Republikaner. Das Haupt dieser Klasse war Fleetwood. Andere wieder
+strebten danach, das zu werden, was Oliver Cromwell gewesen; sein
+rasches Emporkommen, sein Glück und sein Ruhm, seine feierliche
+Inauguration in den Hallen von Westminster, und seine prachtvolle
+Bestattung in der Abtei hatten die Phantasie derselben entflammt; sie
+waren von eben so guter Herkunft, eben so gut erzogen, als er, und
+begriffen nun nicht, warum sie nicht eben so würdig wären, mit dem
+Purpur bekleidet zu werden und das Schwert des Staates zu tragen. Das
+Ziel ihres maßlosen Ehrgeizes verfolgten sie nicht, wie er, mit Geduld,
+Wachsamkeit, Scharfsinn und Entschlossenheit, sondern mit jener Ungeduld
+und Unentschiedenheit, welche die hochfliegende Mittelmäßigkeit
+charakterisiren. Unter diesen matten Copien eines großen Originals
+zeichnete sich Lambert am auffälligsten aus.
+
+
+[_Sturz Richards, und Wiedereinsetzung des Langen Parlaments._]
+Denselben Tag, an dem Richard den Thron bestiegen, traten die Offiziere
+zu einer Verschwörung gegen ihren neuen Gebieter zusammen. Das gute
+Einvernehmen zwischen ihm und seinem Parlamente beschleunigte das
+Herannahen der Krisis. In dem Lager entstanden Unruhe und Erbitterung,
+sowohl die religiösen Gefühle als die des Standes der Armee waren tief
+verletzt, und es schien, als sollten sich die Independenten den
+Presbyterianern, und die Männer des Schwerts den Männern der Robe
+unterwerfen. Zwischen den Unzufriedenen in der Armee und der
+republikanischen Minorität in dem Hause der Gemeinen bildete sich eine
+Koalition. Selbst wenn Richard das scharfe Urtheil und den eisernen Muth
+seines Vaters ererbt hätte, so bleibt es dennoch zweifelhaft, ob er
+diese Koalition besiegt haben würde; es ist vielmehr gewiß, daß seine
+Einfachheit und Sanftmuth den Erfordernissen der Zeit nicht entsprachen.
+Er fiel ohne Widerstand und ohne Ruhm; die Armee benutzte ihn als
+Werkzeug zur Auflösung des Parlamentes und schob ihn dann verächtlich
+bei Seite. Um ihre republikanischen Verbündeten zufrieden zu stellen,
+erklärten die Offiziere die Vertreibung des Rumpfparlamentes für
+ungesetzlich und luden diese Versammlung ein, ihre Amtsgeschäfte wieder
+zu beginnen. Der alte Sprecher und eine beschlußfähige Anzahl Mitglieder
+traten wieder zusammen, und unter schlecht verhehltem Hohne und
+Verwünschungen Seitens der Nation wurden sie zur ersten Macht des
+Staates ausgerufen. Auch ward ausdrücklich erklärt, daß es weder einen
+ersten Beamten, noch ein Haus der Lords ferner geben solle.
+
+
+[_Zweite Vertreibung des Langen Parlaments._] Ein solcher Zustand der
+Dinge konnte nicht von langer Dauer sein. An demselben Tage, an dem das
+Lange Parlament wieder in's Leben trat, lebten auch die alten
+Zwistigkeiten mit der Armee wieder auf. Es vergaß der Rumpf abermals,
+daß er sein Dasein dem Belieben der Soldaten verdankte, und begann
+wieder, sie als Untergebene zu behandeln. Wiederum schloß man die Thüren
+des Hauses der Gemeinen durch militairische Gewalt, und eine von den
+Offizieren ernannte provisorische Regierung übernahm die Leitung der
+Staatsgeschäfte.
+
+Das Drückende dieser Lage und die Befürchtung, es könne noch schlimmer
+werden, bewirkte indeß eine Verbindung zwischen den Cavalieren und den
+Presbyterianern. Einige Presbyterianer hatten zwar schon vor dem Tode
+Karls I. zu einer ähnlichen Vereinbarung sich geneigt gezeigt, aber erst
+nach dem Falle Richard Cromwells eiferte die ganze Partei für die
+Wiederherstellung des Königshauses. Für die Wiederherstellung der alten
+Verfassung unter einer Dynastie gab es keine begründete Hoffnung mehr;
+man mußte daher zwischen den Stuarts und der Armee wählen. Die
+vertriebene Königsfamilie hatte sich großer Vergehen schuldig gemacht,
+aber sie hatte diese Vergehen hart gebüßt, und man durfte hoffen, daß
+sie in der Schule des Unglücks heilsame Lehren erhalten habe; es ließ
+sich annehmen, daß das Schicksal Karls I. für Karl II. ein warnendes
+Beispiel sein würde. Aber es waren auch, ohne Rücksicht hierauf, die dem
+Lande drohenden Gefahren der Art, daß man zu ihrer Abwendung wohl einige
+Ansichten aufgeben und sich einigen Wagnissen aussetzen konnte. England
+schien der gehässigsten und erniedrigendsten aller Regierungsformen
+anheim zu fallen bestimmt zu sein, einer Form, die alle Übel des
+Despotismus mit allen Schrecken der Anarchie vereinigte. Alles Andere
+war dem Joche vorzuziehen, das eine Reihenfolge unfähiger und
+unrühmlicher Tyrannen auferlegte, welche nach Art der Dey's der Berberei
+durch unausgesetzte Militairrevolutionen endlich zur Regierung
+gelangten. Lambert konnte der erste dieser Despoten werden, aber nach
+Verlauf eines Jahres hätte er wahrscheinlich Desborough, und später
+Desborough dem Harrison weichen müssen. So oft der Kommandostab aus
+einer schwachen Hand in die andere übergegangen wäre, so oft würde die
+Nation den Erpressungen ausgesetzt gewesen sein, welche die Geschenke
+für die Truppen nöthig machten. Wenn die Presbyterianer hartnäckig auf
+ihrer Trennung von den Royalisten bestanden, wäre der Staat verloren
+gewesen, und ob es den vereinigten Anstrengungen Beider gelungen wäre,
+ihn zu retten, war sehr zweifelhaft, denn die Furcht vor der
+unbesiegbaren Armee hatte sich aller Bewohner der Insel bemächtigt, und
+die Cavaliere, durch hundert verlorene Schlachten belehrt, wie wenig die
+numerische Überlegenheit gegen die Disziplin vermag, waren selbst noch
+mehr eingeschüchtert, als die Rundköpfe.
+
+
+[_Die Armee von Schottland rückt in England ein._] So lange die Soldaten
+unter sich einig blieben, waren alle Complote und Aufstände der
+Mißvergnügten ohne Wirkung. Aber wenig Tage nach der zweiten Vertreibung
+des Rumpf-Parlaments liefen Nachrichten ein, welche die Herzen Aller,
+die entweder der Monarchie oder der Freiheit anhingen, mit Freude
+erfüllten. Jene ungeheure Streitmacht, welche Jahre lang wie ein
+einziger Mann gehandelt und dadurch so unüberwindlich geworden war,
+hatte sich endlich in Zwiespalt aufgelöst. Die schottische Armee, welche
+der Republik große Dienste geleistet, befand sich in dem Zustande voller
+Kraft; mit einem dem ähnlichen Unwillen, den die an der Donau und am
+Euphrat stehenden römischen Legionen bei der Nachricht empfanden, daß
+die prätorianischen Garden das Reich zum Verkauf feilgeboten, hatte sie
+sich von der Revolution fern gehalten und sie beobachtet. Sie fand es
+unerträglich, daß einige Regimenter, weil sie in der Nähe von
+Westminster cantonnirten, und nur deshalb sich anmaßten, im Laufe eines
+halben Jahres mehrere Regierungen zu ernennen und wieder abzusetzen.
+Wäre die Regelung der Staatsangelegenheiten durch Soldaten am rechten
+Platze gewesen, so hätten diejenigen, welche im Norden des Tweed die
+englische Autorität aufrecht erhielten, dasselbe Recht abzustimmen
+gehabt, als die, welche den Tower von London besetzt hielten. Die in
+Schottland stehenden Truppen scheinen weniger vom Fanatismus ergriffen
+gewesen zu sein, als irgend ein anderer Theil der Armee, und Georg Monk
+selbst, ihr General, war der vollständige Gegensatz von einem Zeloten.
+Bei dem Beginne des Bürgerkriegs hatte er zu Gunsten des Königs die
+Waffen getragen, war von den Rundköpfen gefangen worden, hatte dann von
+dem Parlamente eine Offizierstelle angenommen und sich, ohne den
+geringsten Anspruch auf Heiligkeit, durch Muth und militairische
+Fähigkeiten zu hohen Kommandostellen emporgeschwungen. Beiden
+Protektoren hatte er nützliche Dienste geleistet, er war ruhig
+geblieben, als die Offiziere zu Westminster Richard stürzten und das
+Lange Parlament wieder einsetzten, und hätte ihm die provisorische
+Regierung nicht Grund zu Unwillen und Besorgniß gegeben, so würde er
+vielleicht eben so ruhig bei der zweiten Vertreibung des Langen
+Parlaments geblieben sein, denn er war von Natur vorsichtig, etwas
+langsam und durchaus nicht geneigt, sichere und mäßige Vortheile der
+Möglichkeit zu opfern, selbst einen glänzenden Erfolg zu bewirken. Die
+Furcht, durch die Unterwerfung unter die neuen Herrscher des Staats in
+seiner Sicherheit gefährdet zu werden, scheint ihn mehr zum Angriffe
+getrieben zu haben, als die Hoffnung, durch ihren Sturz zu einer Größe
+sich zu erheben. Was auch immerhin seine Gründe sein mochten -- er trat
+als der Verfechter der unterdrückten bürgerlichen Gewalt auf,
+verweigerte die Anerkennung der angemaßten Autorität der provisorischen
+Regierung und rückte an der Spitze von siebentausend alten Soldaten
+gegen England vor.
+
+Dies war das Zeichen zu einem allgemeinen Ausbruche: überall weigerte
+sich das Volk, Steuern zu zahlen; zu Tausenden versammelten sich die
+Arbeiter der City und riefen laut nach einem freien Parlamente; die
+Flotte segelte in die Themse und erklärte sich gegen die Tyrannei der
+Soldaten; die Soldaten, frei von der Aufsicht eines überwiegenden
+Geistes, theilten sich in Parteien; aus Furcht allein zu stehen und so
+das Racheziel der unterdrückten Nation zu werden, beeilte sich jedes
+einzelne Regiment, einen Separatfrieden zu schließen. Lambert, der nach
+Norden der schottischen Armee entgegen geeilt war, gerieth, von seinen
+Truppen verlassen, in Gefangenschaft. Seit dreizehn Jahren hatte die
+bürgerliche Gewalt in jedem Streite der militairischen erliegen müssen;
+jetzt beugte sich die militairische vor der bürgerlichen Gewalt. Das
+allgemein gehaßte und verachtete Rumpfparlament, aber der einzige
+politische Körper im Lande, der noch einen Schein von gesetzlicher
+Autorität trug, kehrte in das Haus zurück, aus dem man es zweimal
+schimpflich vertrieben hatte.
+
+Monk rückte indeß London näher. Überall, wohin er kam, eilte ihm die
+Gentry entgegen und bat ihn flehentlich, er möge seine Macht zur
+Wiederherstellung des Friedens und der Freiheit der zerrütteten Nation
+verwenden. Der General, kaltblütig, schweigsam und ohne Eifer für irgend
+eine politische oder religiöse Verfassung, beobachtete eine
+unerschütterliche Zurückhaltung. Was damals seine Pläne waren, und ob er
+überhaupt Pläne hatte, läßt sich nicht bestimmen; aber es war
+ersichtlich sein Hauptziel, sich so lange als möglich die freie Wahl
+zwischen zwei Verfahrungsarten zu erhalten, die gewöhnliche Politik von
+Männern, die sich mehr durch Klugheit, als durch Scharfsinn auszeichnen.
+Es ist wahrscheinlich, daß er seinen Entschluß erst nach einigen Tagen
+Aufenthaltes in der Hauptstadt festgestellt hat. Das ganze Volk rief
+nach einem freien Parlamente, und es ist nicht zu bezweifeln, daß ein
+solches die verbannte Königsfamilie sofort zurückgerufen hätte. Der
+Rumpf und die Soldaten waren dem Hause Stuart noch immer feindlich
+gesinnt, und der Rumpf wiederum ward allgemein verachtet und gehaßt.
+Man hatte zwar die Macht der Soldaten immer noch zu fürchten, aber die
+herrschende Zwietracht hatte diese Macht bedeutend geschwächt, und dabei
+war sie ohne Führer. In vielen Theilen des Landes hatten sich die
+Soldaten einander feindlich gegenüber gestanden, und noch Tags zuvor,
+ehe Monk London erreichte, hatte auf dem Strande ein Kampf zwischen
+Reiterei und Fußvolk stattgefunden. Eine einige Armee hatte lange Zeit
+eine durch Zwiespalt zerrüttete Nation niedergedrückt; jetzt war die
+Nation einig und die Armee durch Zwiespalt zerrüttet.
+
+
+[_Monk erklärt sich für ein freies Parlament._] Die Verstellung oder
+Unschlüssigkeit Monks hielt eine Zeit lang alle Parteien in einer
+peinlichen Ungewißheit. Endlich brach er das Schweigen, indem er sich
+für ein freies Parlament erklärte.
+
+Diese Erklärung versetzte die Nation in einen wahren Freudentaumel;
+überall wo er sich zeigte, drängte sich die jubelnde Menge um ihn und
+segnete seinen Namen; alle Glocken Englands stimmten in diesen Jubel mit
+ein; in den Straßen floß das Bier, und mehrere Nächte hindurch erhellten
+unzählige Freudenfeuer London und die Umgegend von fünf Meilen.
+Diejenigen presbyterianischen Mitglieder des Hauses der Gemeinen, die
+man mehrere Jahre zuvor durch Waffengewalt vertrieben hatte, kehrten zu
+ihren Sitzen zurück und es empfingen sie die lauten Begrüßungen der
+Menge, die Westminsterhall und den Schloßhof anfüllte. Die Häupter der
+Independenten wagten kaum noch sich in den Straßen zu zeigen, sie waren
+selbst in ihren Wohnungen nicht mehr sicher. Man ergriff nun Maßregeln
+zur Gründung einer zeitweiligen Regierung; es wurden Befehle zu einer
+allgemeinen Wahl erlassen und das denkwürdige Parlament, das durch
+zwanzig bewegte Jahre alle Wechsel des Glücks erfahren, seinen Souverain
+besiegt, von seinen Dienern geknechtet und zweimal vertrieben, und
+zweimal wieder eingesetzt worden, sprach endlich feierlich seine eigene
+Auflösung aus.
+
+
+[_Allgemeine Wahl von 1660._] Das Ergebniß der Wahlen entsprach dem,
+was man von der Stimmung der Nation erwarten konnte. Das neue Haus der
+Gemeinen war, mit geringen Ausnahmen, aus Männern zusammengesetzt, die
+ergeben an der königlichen Familie hingen. Die Presbyterianer bildeten
+die Mehrheit.
+
+Es schien fast gewiß, daß nun eine Restauration stattfinden würde; aber
+es stand noch zu fürchten, daß sie keine friedliche sein würde. Die
+Stimmung der Soldaten war finster und wild, sie haßten den Königstitel,
+den Namen Stuart, verabscheuten den Presbyterianismus, aber mehr noch
+die Prälatur. Indem sie mit Bitterkeit das Ende ihrer langen Herrschaft
+und den Beginn eines Lebens voll Elend und ruhmlosen Mühens herannahen
+sahen, schrieben sie ihr Unglück der Schwäche und dem Verrathe einiger
+Generale zu. Eine Stunde ihres theuren Oliver Cromwell hätte selbst
+jetzt noch den erloschenen Ruhm neu anfachen können. Waren sie auch
+verrathen, uneinig und ohne einen Führer, der ihr Vertrauen besaß,
+so mußte man sie dennoch fürchten. Der Wuth und Verzweiflung von
+funfzigtausend Männern entgegenzutreten, die noch nie einem Feinde den
+Rücken gewendet hatten, war keine leichte Aufgabe. Monk und seine
+politischen Genossen sahen wohl ein, daß diese Krisis eine sehr
+gefährliche sein würde. Indem sie jede List anwendeten, die
+mißvergnügten Soldaten zu beruhigen und unter sich zu entzweien, trafen
+sie auch zugleich für den Fall eines Zusammenstoßes die kräftigsten
+Vorsichtsmaßregeln. Die in London garnisonirende schottische Armee
+erhielt man durch Belobungen, Versprechen und Geschenke in einer
+günstigen Stimmung. Die reichsten Bürger von London gewährten den
+Rothröcken alles, sie spendeten so freigebig ihre besten Weine, daß man
+ganze Haufen dieser frommen Krieger oft in einem Zustande fand, der
+weder ihrem religiösen, noch ihrem militairischen Charakter große Ehre
+machte. Monk wagte es, einige widerspenstige Regimenter aufzulösen,
+während die provisorische Regierung mit Hilfe der Gentry und der
+Behörden die größten Anstrengungen zur Organisirung der Miliz machte.
+Bald stand diese Streitmacht, die mindestens einhundertzwanzigtausend
+Mann stark war, in jeder Grafschaft marschfertig. Über zwanzigtausend
+gut bewaffnete und ausgerüstete Bürger ward in Hyde-Park Heerschau
+gehalten, wobei diese in einen Enthusiasmus ausbrachen, der zu der
+Hoffnung berechtigte, daß sie im Fall der Noth tapfer für ihre Läden und
+Häuser kämpfen würden. Die ganze Flotte hielt es mit der Nation. Es war
+eine Zeit der Aufregung und der Angst, aber auch eine Zeit der Hoffnung.
+Man war allgemein der Ansicht, daß England, wenn auch durch einen
+verzweifelten und blutigen Kampf, frei werden, und daß die, die so lange
+Zeit durch das Schwert geherrscht, jetzt durch das Schwert umkommen
+würden.
+
+Glücklicherweise wurden die Gefahren eines Zusammenstoßes abgewendet.
+Dadurch, daß Lambert aus dem Kerker entwich und seine Kameraden unter
+die Waffen rief, entstand zwar ein Augenblick ernster Gefahr, und die
+Flamme des Bürgerkrieges loderte sogleich empor, aber man erstickte sie
+durch schnelle und kräftige Maßregeln, so daß sie sich nicht verbreiten
+konnte, und nahm den unglücklichen Nachahmer Cromwells von Neuem
+gefangen. Das Mißglücken dieses Unternehmens entmuthigte die Soldaten,
+so daß sie sich traurig ihrem Schicksale unterwarfen.
+
+
+[_Die Restauration._] Das neue Parlament, oder richtiger gesagt der
+Convent, denn die Zusammenberufung hatte ohne königliche Ausschreiben
+stattgefunden, trat in Westminster zusammen, und die Lords kehrten
+wieder in den Saal zurück, von dem sie seit länger denn elf Jahren mit
+Gewalt fern gehalten worden waren. Beide Häuser luden sogleich den König
+ein, in sein Reich zurückzukehren. Mit einem nie gesehenen Gepränge ward
+er wiederum proklamirt. Eine glänzende Flotte holte ihn von Holland und
+schiffte ihn an der Küste von Kent aus. Die Felsen von Dover waren mit
+Tausenden von Zuschauern bedeckt, unter denen sich wohl nicht einer
+befand, der nicht vor Freude weinte. Seine Reise nach London war ein
+ununterbrochener Triumphzug. Von Rochester an war die ganze Straße mit
+Buden und Zelten bedeckt, daß sie einem endlosen Markte glich; überall
+flatterten Fahnen, überall ertönten Glocken und Musik, überall floß der
+Wein und das Bier auf das Wohl dessen, der Friede, Gesetz und Freiheit
+zurückbrachte. Aber inmitten der allgemeinen Freude gewährte ein
+düsterer Fleck einen drohenden Anblick. Zur Begrüßung des Herrschers
+hatte man die Armee auf Blackheath aufgestellt; ob er auch lächelte,
+sich verbeugte, den Obristen und Majoren seine Hand zum Kusse bot --
+sein freundliches Entgegenkommen war vergebens. Die Haltung der Soldaten
+blieb eine düstere und drohende, und hätten sie ihren Gefühlen freien
+Lauf gelassen, so würde das Freudenfest, bei dem auch sie wider Willen
+betheiligt waren, ein schreckliches und blutiges Ende genommen haben.
+Aber es herrschte keine Einigkeit mehr unter ihnen, das Vertrauen zu den
+Führern und zu einander selbst hatten Zwietracht und Abtrünnigkeit
+geraubt. Die ganze Macht der City von London stand unter den Waffen,
+zahlreiche Milizkompagnien, geführt von loyalen Edelleuten und
+Gentlemen, waren aus verschiedenen Theilen des Landes gekommen, um den
+König zu bewillkommnen. Dieser große Tag ging in Frieden zu Ende, und
+der zurückgerufene Wanderer konnte sicher ruhen in dem Palaste seiner
+Vorfahren.
+
+
+ * * * * *
+ * * * *
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+ Geschichte Englands unter Karl II.
+
+
+
+
+ =Inhalt.=
+
+ Seite
+ Das Verfahren zur Wiederherstellung des Hauses Stuart
+ wird mit Unrecht getadelt 5
+ Beseitigung der Lehnspflichten der Ritterschaft 6
+ Auflösung des Heeres 7
+ Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen den Rundköpfen
+ und Cavalieren 7
+ Religiöse Uneinigkeit 9
+ Unpopularität der Puritaner 11
+ Charakter Karls II. 15
+ Charakterschilderung des Herzogs von York und des Earl
+ von Clarendon 18
+ Allgemeine Wahl von 1661 20
+ Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen Parlamente 21
+ Verfolgung der Puritaner 21
+ Eifer der Geistlichkeit für die erbliche Monarchie 22
+ Veränderung in den Sitten der Gesellschaft 23
+ Verworfenheit der Politiker 25
+ Zustand von Schottland 26
+ Zustand von Irland 28
+ Die Regierung in England wird unpopulär 29
+ Krieg mit den Holländern 31
+ Opposition in dem Hause der Gemeinen 32
+ Sturz Clarendons 33
+ Zustand der europäischen Staatsangelegenheiten und
+ Überlegenheit Frankreichs 35
+ Charakter Ludwigs XIV. 36
+ Die Tripleallianz 38
+ Die Vaterlandspartei 38
+ Verbindung zwischen Karl II. und Frankreich 39
+ Pläne Ludwigs in Bezug auf England 40
+ Vertrag von Dover 42
+ Natur des englischen Cabinets 43
+ Die Cabale 44
+ Zahlungseinstellung der Schatzkammer 46
+ Krieg mit den Vereinigten Provinzen und große Gefahr
+ derselben 46
+ Wilhelm, Prinz von Oranien 47
+ Versammlung des Parlaments 48
+ Indulgenzerklärung 49
+ Cassirung der Indulgenzakte, Annahme der Testakte 50
+ Auflösung der Cabale 51
+ Verwickelte Lage der Vaterlandspartei 53
+ Verkehr dieser Partei mit der französischen Gesandtschaft 53
+ Frieden von Nimwegen 54
+ Große Unzufriedenheit in England 54
+ Danby's Sturz 56
+ Die papistische Verschwörung 56
+ Erste allgemeine Wahl von 1679 58
+ Heftigkeit des neuen Hauses der Gemeinen 60
+ Temple's Regierungssystem 60
+ Charakter des Halifax 63
+ Charakter Sunderlands 65
+ Prorogation des Parlaments 66
+ Habeas-Corpus-Akte 66
+ Zweite allgemeine Wahl von 1679 67
+ Popularität Monmouths 67
+ Lawrence Hyde 70
+ Sidney Godolphin 70
+ Heftigkeit der Parteien bei der Frage der Ausschließungsbill 71
+ Die Namen Whig und Tory 71
+ Zusammentritt des Parlaments und Durchgang der
+ Ausschließungsbill im Hause der Gemeinen 72
+ Die Lords verwerfen die Ausschließungsbill 73
+ Hinrichtung Staffords 73
+ Allgemeine Wahlen von 1681 74
+ Das Parlament zu Oxford gehalten und aufgelöst 74
+ Toryreaction 75
+ Verfolgung der Whigs 76
+ Der Freibrief der City wird zurückgenommen 77
+ Verschwörung der Whigs 77
+ Entdeckung der Whigverschwörung 79
+ Strenge der Regierung 79
+ Entziehung von Privilegien 79
+ Einfluß des Herzogs von York 80
+ Halifax opponirt ihm 81
+ Lord Guildford 82
+ Politik Ludwigs 84
+ Stand der Parteien am Hofe Karls zur Zeit seines Todes 85
+
+
+
+
+[_Das Verfahren zur Wiederherstellung des Hauses Stuart wird mit Unrecht
+getadelt._] Englands Geschichte bietet während des siebzehnten
+Jahrhunderts das Bild der Umgestaltung einer, nach Art des Mittelalters
+geschaffenen beschränkten Monarchie in eine, der höheren geistigen
+Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft angemessenere beschränkte
+Monarchie, deren Schutz und Vertheidigung nicht blos in den Händen des
+Adels liegt, und deren finanzielle Bedürfnisse nicht ferner von dem
+Ertrage der Krongüter bestritten werden müssen. Die Staatsmänner welche
+im Jahre 1642 die Spitze des Langen Parlaments bildeten, suchten diese
+Umwandlung dadurch herbeizuführen, daß sie den Reichsständen die Wahl
+der Minister, die Oberaufsicht über die gesammte Administration sowie
+den Oberbefehl über das Heer übertrugen; so vortrefflich dieser Plan
+aber auch immer durchdacht war, der Gang des herrschenden Bürgerkrieges
+ließ ihn nicht zur gewünschten Ausführung kommen. Es ist Thatsache,
+daß die Häuser endlich triumphirten, sie hatten aber vorher einen Kampf
+bestehen müssen, durch den sie zur Bildung einer Gewalt gezwungen
+wurden, die zu überwachen sie nicht mächtig genug waren, und welche gar
+bald die Herrschaft über alle Parteien und Stände des Landes sich
+anzueignen begann. So lange der weise und hochherzige Cromwell den
+Oberbefehl führte, waren die von einer Militairherrschaft
+unzertrennlichen Übel weniger fühlbar; als aber das Heldenschwert,
+welches er mit Kraft und Muth geführt, seiner Hand entsank, als Führer
+an die Spitze des Heeres traten, welche weder seinen Verstand noch seine
+Humanität, weder seine Fähigkeiten noch seine Tugenden besaßen, da
+schien der Augenblick nicht fern zu sein, wo Freiheit und Ordnung zu
+ruhmlosem Untergange übereinander stürzen würden.
+
+Zu dieser Katastrophe sollte es jedoch nicht kommen. Oft haben der
+Freiheit huldigende Schriftsteller die Restauration ein unglückliches
+Ereigniß genannt, sie haben die Beschränktheit und Niederträchtigkeit
+der Convention verdammt, welche die vertriebene Königsfamilie aus der
+Verbannung rief, ohne neue Garantien gegen schlechte Staatsverwaltung in
+der Hand zu haben; aber Alle, welche dieser Ansicht sind, haben nicht
+die Eigenthümlichkeit der Krisis durchschaut, welche nach Richard
+Cromwells Absetzung eintrat. England war von der Gefahr bedroht, unter
+den Despotismus von bedeutungslosen Menschen zu gerathen, welche die
+Willkür der Soldateska heute emporhob, und morgen wieder in das Nichts
+zurückwarf. Jeder einsichtsvolle Vaterlandsfreund erkannte die
+Nothwendigkeit, der Soldatenherrschaft ein Ende zu machen, doch war die
+Lösung dieser Aufgabe höchst schwierig, so lange die Soldaten unter sich
+einig blieben. Bald aber schimmerte ein Hoffnungsstrahl; es kam zu
+Mißverständnissen und Streitigkeiten unter den Generalen, ein Heerführer
+bekämpfte den andern, und die Armeen standen einander erbittert
+gegenüber. Jetzt galt es, den kritischen Moment rasch zu fassen und zu
+benutzen, die Zukunft unseres Vaterlandes hing davon ab, und wahrlich!
+es haben unsere Voreltern nicht gesäumt, im verhängnißvollen Augenblicke
+zur That zu schreiten. Alle Streitigkeiten über Reformen, welche unserer
+Verfassung nöthig waren, wurden bis zu geeigneterer Zeit vertagt,
+Cavalier und Rundkopf, Episcopale und Presbyterianer, sie alle standen
+fest und einig zur Unterdrückung der militärischen Tyrannei und
+Aufrechthaltung der alten Gesetze des Landes. Mit Recht konnte die Frage
+über Vertheilung der Gewalt zwischen Monarchen, Adel und Gemeinen bis zu
+der nothwendigen Entscheidung unbeantwortet bleiben, ob künftighin
+Englands Regierung in der Hand des Königs und des Volkes, oder in der
+bewaffneten Faust der Soldateska liegen solle. Es war ein Glück, daß die
+Staatsmänner der Convention nicht durch lange Reden über
+Regierungsprinzipien, durch Entwerfung einer neuen Constitution, oder
+durch Eröffnung von Conferenzen die Zeit verloren; oder daß man
+wochenlang zwischen Westminster und den Niederlanden Boten mit Plänen
+und Gegenplänen, Fragen von Hyde und Antworten von Prynne hin und her
+gesandt. Wäre es geschehen, so würde die Coalition, welche die Erhaltung
+der öffentlichen Sicherheit bezweckte, ihrer Auflösung entgegen gegangen
+sein; es wären Streitigkeiten zwischen den Königlich Gesinnten und den
+Presbyterianern ausgebrochen; die militairischen Factionen hätten sich
+wahrscheinlich geeinigt und die getäuschten Freunde der Freiheit würden
+unter einer Regierung, unvollkommener als die des unfähigsten Königs aus
+dem Stamme der Stuarts, schmerzlich empfunden haben, daß die günstige
+Gelegenheit zur Abhilfe vorübergegangen sei.
+
+
+[_Beseitigung der Lehnspflichten der Ritterschaft._] So wurde denn durch
+allgemeine Übereinkunft der beiden mächtigen Parteien die alte
+Staatsverfassung in der Form wiederhergestellt, welche sie vor achtzehn
+Jahren, wo König Karl I. die Hauptstadt verließ, gehabt hatte, und alle
+Acte des Langen Parlaments, welche der König genehmigt hatte, behielten
+ihre volle Geltung. Ebenso wurde auch von dem wieder eingesetzten Könige
+eine neue Concession bewilligt, welche für die Cavaliere von größerer
+Wichtigkeit war als für die Rundköpfe. Vor Jahrhunderten schon hatte man
+als das geeignetste Mittel der Nationalvertheidigung das militairische
+Lehnswesen eingeführt, das Nützliche aber was diese Einrichtung in sich
+trug, war im Laufe der Zeit verschwunden, und nichts als Beschwerden und
+leere Formen davon zurückgeblieben. Wer von der Krone ein Landgut gegen
+ritterliche Dienstleistung in Lehn trug -- und in dieser Weise war der
+größte Theil des Grundeigenthums von England vergeben -- hatte bei der
+Besitznahme eine bedeutende Geldsumme zu erlegen, konnte jedoch nicht
+den geringsten Theil des erworbenen Eigenthums ohne höhere Erlaubniß
+verkaufen. Starb er und der Erbe der Güter befand sich noch in den
+Jahren der Unmündigkeit, so übernahm der König die Vormundschaft, und
+erhielt für die Dauer derselben nicht allein einen bedeutenden Theil des
+Güterertrags, sondern der Unmündige war auch verpflichtet, bei
+Vermeidung schwerer Strafe, nach dem Willen des königlichen Vormunds und
+nur in angemessenen Rangverhältnissen Ehebündnisse zu schließen. Daher
+kam es, daß eine Menge mittelloser Abenteurer den Hof belagerten, in der
+Hoffnung, zum Lohne für Unterwürfigkeit und Schmeichelei ein solches
+reiches Mündel durch die Gnade des Königs zu erlangen. Mit der Monarchie
+endigten auch diese Mißbräuche, und alle Gutsherren des Landes wünschten
+natürlich dringend, daß mit der Wiedererstehung derselben sie nicht etwa
+wiederkehren möchten; deshalb wurden sie durch ein Statut feierlich
+beseitigt, und mit Ausnahme einiger ehrendienstlichen Handlungen, welche
+noch jetzt bei der Krönung von einigen Vasallen der Person des Königs
+geleistet werden müssen, entschwanden diese alten, ritterdienstlichen
+Lehen für immer.
+
+
+[_Auflösung des Heeres._] Jetzt sollte das Heer aufgelöst werden.
+Funfzigtausend alte, kriegstüchtige Soldaten wurden verabschiedet und
+gerechtfertigt schien die allgemeine Furcht, daß diese große Menge
+brodlos gewordener Menschen Verbrechen und Unglück in bedeutender Zahl
+hervorrufen, und der Mangel sie zu Mord und Plünderung treiben würde;
+aber man hatte sich getäuscht, denn schon nach wenigen Monaten war die
+furchtbare Armee friedlich im Volke verschwunden und selbst die
+königlich Gesinnten mußten zugestehen, daß die entlassenen Kriegsleute
+als brave und tüchtige Arbeiter sich allgemeiner Achtung zu erfreuen
+hatten, und daß sie das Volk, wie man gefürchtet, weder durch Raub und
+Plünderung noch durch Bettelei belästigten. Ja es ging die gute Meinung,
+welche man von diesen entlassenen Soldaten hegte, soweit, daß wenn z.B.
+ein Bäcker, Maurer oder Fuhrman sich durch Fleiß und Redlichkeit
+bemerkbar machte, man unverholen aussprach, er müsse einst zu Oliver
+Cromwells alten Soldaten gehört haben. --
+
+Obgleich die militairische Despotie geschwunden war, hatte sie doch im
+Volke tiefe Erinnerungen zurückgelassen. Man sprach mit Abscheu und
+Verachtung von den stehenden Heeren, und merkwürdig ist es, daß diese
+Empfindungen unter den Cavalieren stärker waren als unter den
+Rundköpfen. Es war ein Glück, daß als England unter der blutigen
+Regierung des Schwertes stand, dasselbe nicht von dem angestammten
+Fürsten, sondern den Männern der Revolution geführt wurde, obschon diese
+weder das Leben des Königs noch die Kirche schonten. Die Freiheit
+unseres Vaterlandes wäre dahin gewesen, wenn König Karl mit seinem guten
+Rechte an der Spitze einer so höchst vortrefflichen Armee stand, wie die
+Cromwells war. Der monarchischen Partei war das einzige Mittel, wodurch
+die Monarchie in eine absolute umgeändert werden konnte, zum Glück ein
+Gegenstand der Furcht und des Schreckens, und nach der Ansicht der
+Königlichen und Prälatisten nicht zu trennen von Fürstenmord und
+Feldkanzelgeschrei. Die Tories eiferten noch ein Jahrhundert nach
+Cromwells Tode gegen die Vermehrung des stehenden Heeres, und rühmten
+die Vorzüge einer Nationalbewaffnung. War es doch noch im Jahre 1786
+einem Minister, der das Vertrauen der Tories in hohem Grade besaß,
+unmöglich, die Befestigung der Meeresküsten bei ihnen durchzusetzen,
+immer war ihnen das stehende Heer ein Gegenstand des Ärgernisses, bis
+endlich die französische Revolution ihren Ansichten einen Umschwung gab.
+
+
+[_Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen den Rundköpfen und
+Cavalieren._] Die Coalition, welche den König wieder auf den Thron
+erhoben, hörte mit der Gefahr auf, die sie in's Leben gerufen; aber
+wiederum traten zwei feindliche Parteien auf den Kampfplatz. Ihre
+einzige übereinstimmende Handlung war die Bestrafung einiger
+Unglücklichen, auf denen zu jener Zeit der allgemeine Haß ruhte.
+Cromwell war nicht mehr, und diejenigen, welche einst zitternd vor ihm
+flohen, hatten die elende Genugthuung, den Leichnam des größten Mannes,
+der England je beherrschte, aus der Erde zu reißen, ihn zu verstümmeln,
+aufzuhängen und zu verbrennen. Auch von den republikanischen Häuptern
+fielen zwar wenige, aber immer noch zu viel der Rache anheim, bald aber,
+nachdem sie von dem Blute der Königsmörder gesättigt waren, wandten sich
+die Sieger gegen einander. Obschon die Rundköpfe nicht in Abrede
+stellten, daß der hingerichtete König viele Vorzüge besessen, und das
+Urtheil, welches ein gesetzwidriger Gerichtshof über ihn gesprochen, als
+ein ungerechtes verdammten, so behaupteten sie doch, daß er bei seiner
+Verwaltung sich Handlungen gegen die Verfassung erlaubt habe, und daß
+die Häuser in ihrem vollen Rechte gewesen seien, als sie die Waffen
+gegen ihn erhoben. Sie erklärten ferner, der gefährlichste Feind der
+Monarchie sei der Schmeichler, welcher das Gesetz den Prärogativen
+untergeordnet wissen wolle, der jede königliche Handlung gutheiße,
+selbst wenn sie Eingriffe in die Rechte Anderer enthalte, und nicht
+allein Cromwell und Harrison sondern auch Pym und Hampden mit den Namen
+Verräther belege. Wünsche der König eine friedliche und glückliche
+Regierung, so müsse er auch denen vertrauen, welche zwar die Waffen zur
+Vertheidigung der verletzten Privilegien des Parlaments ergriffen, sich
+aber doch der wüthenden Soldateska entgegen stellten, als es die Rettung
+seines Vaters galt, und deren Anstrengungen die königliche Familie ihre
+Zurückrufung hauptsächlich zu danken habe.
+
+Weit verschieden von dieser Ansicht war die des Adels. Bei allen
+Wechselfällen welche das Fürstenhaus betroffen, waren sie achtzehn Jahre
+hindurch diesem treuergeben geblieben. Sollten sie, da sie das
+Mißgeschick ihres Fürsten getheilt, nicht auch seinen Triumph theilen?
+War nicht ein Unterschied zwischen ihnen und dem unloyalen Unterthan,
+welcher das Schwert gegen die heiligen Rechte seines Fürsten gezogen,
+und sich als ein Anhänger Richard Cromwells nicht eher an der
+Restauration der Stuarts betheiligte, bis er erkannte, daß nur dadurch
+das Volk von der gefürchteten Militairherrschaft zu retten sei? Und wenn
+auch die Dienste, welche ein solcher Mann zuletzt geleistet, Verzeihung
+des Geschehenen erheischten, waren diese Dienste in die Wagschale zu
+legen gegen die Aufopferungen und Mühseligkeiten der wackeren Cavaliere,
+die in unerschütterlicher Treue bei der Dynastie verharrt? War es
+möglich, ihn in gleiche Linie zu stellen mit Männern, welche nicht
+nöthig hatten, die Gnade des Königs anzurufen, weil sie dieselbe in
+jedem Augenblicke einer vieljährigen Vergangenheit verdient hatten?
+Durfte er im Genuß eines Vermögens gelassen werden, welches aus dem
+Eigenthume der zu Grunde gerichteten Vertheidiger des Thrones bestand?
+Mußte er sich nicht glücklich schätzen, Leben und Eigenthum, welche so
+oft der Gerechtigkeit verfallen waren, gesichert zu sehen, und Theil zu
+haben an den Segnungen einer milden Regierung, der er so lange feindlich
+gegenübergestanden? War es billig, ihn für seine Verrätherei zum
+Nachtheile von Männern zu belohnen, deren einziger Vorwurf nur in der
+Treue liegen konnte, mit welcher sie fest an ihrem Huldigungseide
+gehalten hatten? Durfte der König seine alten Feinde mit Reichthümern
+überschütten, die man seinen alten Freunden geraubt? Konnte man zu
+Männern Vertrauen haben, welche gegen ihren König aufgestanden, und das
+Schwert gegen ihn erhoben, ja ihn eingekerkert hatten, und die jetzt,
+anstatt reuig und zerknirscht das Haupt zu beugen, mit keckem Trotz ihre
+Handlungen vertheidigten und als hohen Beweis ihrer Loyalität anführten,
+daß sie ihre Hand nicht zum Königsmorde bieten wollten? Allerdings
+hätten sie bei Wiederaufrichtung des Thrones thätige Hilfe geleistet;
+aber wer anders als sie habe ihn denn vorher umgestürzt? und noch jetzt
+huldigten sie ja Grundsätzen, welche gar leicht zur Wiederholung einer
+solchen That führen könnten. Daß die königliche Gnade einige von denen
+berühren möchte, welche sich bei Wiederherstellung des Thrones besonders
+nützlich gezeigt, fand man zwar angemessen, aber die Pflicht der
+Gerechtigkeit und Dankbarkeit sowie die Staatsklugheit geböten, daß der
+König seine Gnade über die treuen Männer ausschütte, welche in den Tagen
+des Glücks wie der Gefahr zu ihm und seinem Hause gestanden. Aus diesen
+Gründen beanspruchte der Adel natürlich Entschädigung für seine Leiden
+und besondere Rücksicht bei Austheilung der königlichen Gnadenbeweise.
+Einige exaltirte Männer dieser Partei gingen sogar noch weiter und
+verlangten ausgedehnte Proskriptionslisten.
+
+
+[_Religiöse Uneinigkeit._] Noch erbitterter wurde der politische Kampf
+durch einen religiösen Streit. Der König fand die Kirche in einem
+eigenthümlichen Zustande. Kurze Zeit vor dem Beginn des Bürgerkrieges
+hatte Karl I., wenn auch mit Widerstreben, einer von Falkland
+unterstützten Bill seine Zustimmung gegeben, wodurch die Bischöfe ihres
+Sitzes im Hause der Lords beraubt worden; das Episcopat aber und die
+Liturgie waren niemals durch ein Gesetz aufgehoben worden. Das lange
+Parlament hatte jedoch Verordnungen erlassen, welche im Kirchenregiment
+und öffentlichen Gottesdienste eine förmliche Revolution hervorgerufen.
+Im Prinzip war das neue System kaum weniger erastianisch als das,
+welches es verdrängte. Die Kammern, namentlich durch die Rathschläge des
+äußerst klugen Selden veranlaßt, hatten den Entschluß gefaßt, die
+weltliche Gewalt vollständig über die geistliche zu stellen. Sie hatten
+sich geweigert die Erklärung zu geben, daß irgend eine Form der
+Kirchenverfassung göttlichen Ursprungs sei, und ebenso bestimmt, daß von
+allen geistlichen Gerichtshöfen eine Appellation in letzter Instanz an
+das Parlament gehen solle. Mit diesem höchst wichtigen Vorbehalt
+beschloß man in England ein Kirchenregiment einzuführen, welches dem
+bereits in Schottland vorhandenen vollständig glich. Die Autorität von
+Konzilien, die in regelmäßiger Stufenfolge sich eines über das andere
+erhoben, setzte man an die Stelle der Autorität der Bischöfe und
+Erzbischöfe, die Liturgie machte dem presbyterianischen Directorium
+Platz. Die neuen Regulative waren jedoch kaum abgefaßt, als die
+Independenten sich zu außerordentlichem Einflusse im Staate erhoben. Die
+Independenten waren nicht geneigt, Verordnungen, welche die Klassen-,
+Provinzial- und Nationalsynoden betrafen, durchzusetzen, und sie sind
+deshalb nie zu vollständiger Ausführung gebracht worden. Das
+presbyterianische System wurde ausnahmsweise nur in Middlesex und
+Lancashire im ganzen Umfange ausgeübt, in den übrigen fünfzig
+Grafschaften scheint fast jedes einzelne Kirchspiel ohne Verbindung mit
+den benachbarten geblieben zu sein. Die Geistlichen bildeten zwar in
+einigen Bezirken freiwillige Verbindungen unter sich, zu dem Zwecke
+gegenseitigen Beistands und Rathes; diese Vereine besaßen aber keine
+zwingende Kraft. Da jetzt weder Bischöfe noch Presbyterien die Patrone
+der geistlichen Pfründen zügelten, so würde es in deren Macht gestanden
+haben, die Seelsorge den verrufensten Menschen zu übergeben, wenn nicht
+das energische Einschreiten Cromwells diese Willkür unmöglich gemacht
+hätte. Er gründete auf seine eigene Autorität eine Behörde von
+Bevollmächtigten, welche den Namen »Prüfer« (+Triers+) führten und von
+denen die meisten Independenten-Geistliche waren. Außerdem hatten einige
+wenige presbyterianische Pfarrer sowie einige Laien in diesem Kollegium
+Sitz und Stimme. Das Zeugniß, welches diese Prüfer gaben, vertrat die
+Stelle sowohl der Einsetzung als der Einführung, und Niemand konnte eine
+geistliche Pfründe erhalten, wenn er nicht ein solches Zeugniß besaß.
+Ohne Zweifel war dies eine Handlung des Despotismus, wie sie wohl selten
+von einem Beherrscher Englands ausgegangen, aber bei der allgemeinen
+Überzeugung, daß ohne eine solche Maßregel das Land von liederlichen und
+unwissenden Menschen überschwemmt werden müsse, welche den Namen von
+Geistlichen trügen und deren Einkommen verzehrten, erhoben mehrere
+Männer, die in hoher Achtung standen, ihre Stimme, und, obgleich keine
+Freunde Cromwells, erklärten sie laut, daß er in diesem Falle als ein
+öffentlicher Wohlthäter gehandelt habe. Die Kandidaten, welche die
+Prüfer zur Bekleidung eines geistlichen Amtes fähig befunden, nahmen
+ihre Pfarreien in Besitz, bebauten ihre Ländereien, erhoben den Zehnten,
+beteten ohne Buch und Chorhemd und ertheilten das Abendmahl an
+Kommunikanten, welche an langen Tafeln saßen.
+
+In solch heilloser Verwirrung befand sich Englands Kirchenverfassung.
+Das Episcopat war die Regierungsform, welche die alten bis dahin noch
+nicht aufgehobenen Gesetze vorschrieben; eine Parlamentsverordnung hatte
+die presbyterianische Form festgestellt, aber weder das alte Gesetz noch
+die parlamentarische Verordnung waren thatsächlich in Kraft. Die Kirche
+in ihrem wahren Zustande erschien als ein unregelmäßiger Körper,
+zusammengefügt aus einigen wenigen Presbyterien und einer Menge von
+Independenten-Gemeinden, welche sämmtlich durch die Autorität der
+Regierung nieder- und zusammengehalten wurden.
+
+Von denen, welche bei der Zurückführung des Königs hauptsächlich
+mitgewirkt hatten, wünschten Viele dringend Synoden und das Directorium.
+Andere eiferten dafür, durch einen Vergleich die religiösen
+Streitigkeiten, welche England so lange bewegt hatten, zu beendigen.
+Zwischen den bigotten Anhängern Lauds und Calvins konnte weder Friede
+noch Waffenstillstand bestehen; aber es war möglich, die gemäßigten
+Episcopalen von Ushers Schule und die gemäßigten Presbyterianer von der
+Schule Baxters zu einer Verständigung zu bewegen. Die gemäßigten
+Episcopalen würden zugestehen, daß ein Bischof gesetzmäßig durch ein
+Konzil unterstützt werden könne, und die gemäßigten Presbyterianer
+würden nicht in Abrede stellen, daß jede Provinzialversammlung
+gesetzmäßig einen beständigen Präsidenten haben und daß dieser
+gesetzmäßig »Bischof« genannt werden könne. Man könne eine revidirte
+Liturgie annehmen, welche das extemporirte Gebet nicht ausschlösse,
+einen Taufdienst, bei welchem man das Zeichen des Kreuzes nach Ermessen
+in Anwendung bringen könne oder nicht; eine Austheilung des Abendmahls,
+bei welcher es den Gläubigen unbenommen bleiben sollte zu sitzen, wenn
+ihr Gewissen es ihnen nicht gestatte zu knieen. Dieser Plan aber stimmte
+nicht mit den Ansichten der Cavaliere überein. Die wirklich religiösen
+Mitglieder dieser Partei waren dem ganzen System ihrer Kirche auf das
+Gewissenhafteste zugethan. Diese war ihrem gemordeten König theuer
+gewesen und hatte sie selbst getröstet, als das Unglück hereinbrach.
+Ihr Gottesdienst, der während einer schweren Prüfungszeit in heimlicher
+Kammer so oft das gramerfüllte Herz gestärkt, er war ihnen so lieb
+geworden, daß sie sich nicht entschließen konnten, auch nur eine einzige
+Response aufzugeben. Andere königlich Gesinnte, welche weniger fromm
+waren, hielten es mit der Episcopalkirche, blos weil sie eine Feindin
+ihrer Feinde war. Gebete und Ceremonien beurtheilten sie nicht nach dem
+Troste, welcher ihnen daraus erwuchs, sondern nach dem Ärgerniß, welches
+den Rundköpfen dadurch verursacht wurde, und da es ihnen nicht einfiel,
+durch Nachgiebigkeit Einigung herbeiführen zu wollen, so war eine solche
+zur Unmöglichkeit geworden. Sie waren gegen die Nachgiebigkeit
+hauptsächlich deshalb eingenommen, weil sie keine Einigung wünschten.
+
+
+[_Unpopularität der Puritaner._] So tadelnswerth diese Gefühle auch
+immer sein mochten, so waren sie doch nicht nur natürlich, sondern auch
+wohl zu entschuldigen. Die Puritaner hatten unstreitig in den Tagen
+ihrer Macht Veranlassung zur Gereiztheit gegeben. Aus ihrer eigenen
+Unzufriedenheit, ihrem eigenen Siege und der Vernichtung jener stolzen
+Hierarchie, unter deren schwerem Joche sie geschmachtet, mußten sie
+gelernt haben, daß im siebzehnten Jahrhundert die Macht der bürgerlichen
+Obrigkeit in England nicht ausreiche, die Gemüther der Menschen zur
+Übereinstimmung mit ihrem theologischen Systeme abzurichten. In Alles
+sich einmischend, bewiesen sie sich dabei so unduldsam, als Laud es nur
+jemals gewesen war. Unter Androhung schwerer Strafen verboten sie nicht
+allein in den Kirchen, sondern selbst für Privathäuser den Gebrauch des
+allgemeinen Gebetbuches. Wenn ein frommes Kind am Krankenlager der
+Eltern eine der schönen Kollekten las, welche seit Jahrhunderten den
+Kummer christlicher Herzen gelindert hatten, so wurde diese Handlung der
+kindlichen Liebe für ein Verbrechen erklärt. Mit schwerer Ahndung wurden
+diejenigen bedroht, welche es wagen würden, die calvinistische Form des
+Gottesdienstes zu tadeln. Geachtete Geistliche wurden zu Tausenden nicht
+nur von ihren Pfründen vertrieben, sondern auch oft den Mißhandlungen
+eines fanatischen Pöbels preisgegeben; Gotteshäuser und Grabstätten,
+treffliche Kunstwerke und seltene Überbleibsel des Alterthums wurden mit
+roher Hand verunstaltet oder vernichtet. Eine Verordnung des Parlaments
+verfügte, daß sämmtliche Gemälde der königlichen Gallerie, welche Jesus
+oder die heilige Jungfrau mit dem Kinde darstellten, in's Feuer geworfen
+werden sollten. Gleiches Schicksal erlitten die Werke der
+Bildhauerkunst. Nymphen und Grazien, welche unter ionischen Meißeln
+entstanden waren, wurden den Händen puritanischer Steinmetzen übergeben,
+welche sie anständig machen mußten. Gegen leichtsinnige Vergehen aber
+kämpfte die herrschende Partei mit einem Eifer, der ebenso wenig durch
+Humanität als durch gesundem Menschenverstand gemäßigt war. Man erließ
+strenge Gesetze gegen das Wetten und eine Verordnung verhängte die
+Todesstrafe über den Ehebruch. Der unerlaubte Umgang der Geschlechter,
+selbst wenn weder Verführung und Gewaltthätigkeit dabei vorkam, noch die
+Sittlichkeit beleidigt oder das eheliche Recht verletzt war, galt für
+ein schweres Verbrechen. Öffentliche Lustbarkeiten, von den
+Maskenspielen in den Häusern der Vornehmen bis zu den Ringstechen und
+ländlichen Jahrmarktspossen herab, wurden auf das Ernstlichste verfolgt.
+So bestimmte eine Verordnung, daß in England künftig alle Maibäume
+umgehauen werden sollten; eine andere untersagte theatralische
+Vorstellungen. Die Schauspielhäuser sollten niedergerissen und die
+Schauspieler gestäupt werden, die Zuschauer aber in eine Geldstrafe
+verfallen. Seiltanz, Puppenspiel, Kegeln und Pferderennen wurden ungern
+gesehen; der entsetzlichste Gräuel aber, welcher den Zorn der Sektirer
+auf den höchsten Punkt trieb, war die Bärenhetze, damals eine
+Lieblingsunterhaltung für Vornehme und Geringe. Es ist bemerkenswerth,
+daß die Abneigung gegen diese Lustbarkeit nicht aus dem Gefühle
+hervorging, welches in unserer Zeit die Gesetzgebung bewog, sich in's
+Mittel zu legen, um die Thiere gegen die muthwillige Grausamkeit der
+Menschen in Schutz zu nehmen. Der Puritaner verabscheute die Bärenhetze
+nicht, weil dabei der Bär gemartert wurde, sondern weil die Zuschauer
+daran Vergnügen fanden. Er hatte sich die zwiefache Freude ersonnen,
+nicht nur den Bären, sondern auch den Zuschauer zu quälen.[1]
+
+Den deutlichsten Begriff von der Denkungsweise der Rigoristen giebt
+vielleicht ihr Verhalten in Bezug auf das Weihnachtsfest. Seit
+undenklichen Zeiten war Weihnachten die Zeit der Freude und häuslichen
+Liebe, in welcher die Familien sich vereinigten, die entfernt lebenden
+Kinder in's Vaterhaus zurückkehrten, alle Streitigkeiten ausgeglichen,
+die Häuser mit Immergrün geschmückt und die Tische mit den besten
+Speisen besetzt wurden. Die Weihnachtszeit stimmt das Herz sanft und
+öffnet es fremden Leiden, wenn nicht alle Menschenliebe aus ihm gewichen
+ist. Zu dieser Zeit gestattete man den Armen, theilzunehmen an den
+Genüssen des Reichen, dessen Freigebigkeit in Betracht der kurzen Tage
+und der rauhen Witterung um so höheren Werth hatten. Der Unterschied
+zwischen den Herren und Pächtern, den Vorgesetzten und Untergebenen trat
+in dieser Zeit weniger hervor, als im übrigen Theile des Jahres. Doch
+der großen Freude ist auch stets der Muthwille nahe; im Ganzen genommen
+aber war der Geist, in dem der festliche Tag gefeiert wurde, eines
+christlichen Festes nicht unwürdig. Zwar gebot das Lange Parlament im
+Jahre 1644, daß man den 25. December streng als Fasttag behandeln,
+und daß Jedermann an diesem Tage um Vergebung der großen Nationalsünde
+bitten solle, welche das Volk seit Menschengedenken an demselben
+begangen, indem es sich unter dem Mistelzweige getummelt, wilden
+Schweinskopf verzehrt und Ale, mit gerösteten Äpfeln dazu, genossen.
+Keine öffentliche Maßregel jener Zeit rief in den niederen Klassen eine
+größere Entrüstung hervor, als diese, und beim nächsten Weihnachtsfeste
+brachen an verschiedenen Orten gefährliche Empörungen aus. Die
+Konstabler wurden mißhandelt, die Obrigkeiten verhöhnt, man stürmte die
+Häuser bekannter Zeloten und in allen Gotteshäusern wurde offen das
+verbotene Gebet des Tages abgehalten.
+
+So war der Geist der extremen Puritaner, sowohl der Presbyterianer wie
+der Independenten. Wenngleich Cromwell auch nicht geneigt war, sich in
+Alles, was geschah, einzumischen oder wohl gar Verfolgungen eintreten zu
+lassen, so stand er doch an der Spitze einer Partei und war folglich ein
+Sklave derselben, weshalb er auch nicht vollständig nach eigener Ansicht
+und Neigung regieren konnte. Viele Obrigkeiten machten sich selbst unter
+seiner Herrschaft in ihren Bezirken so verhaßt, wie Sir Hudibras. Sie
+störten alle Vergnügungen in der Nachbarschaft, trieben mit roher Gewalt
+festliche Versammlungen auseinander und warfen die Fiedler in das
+Gefängniß. Noch unsinniger und gefährlicher war der Eifer der Soldaten.
+Erschienen sie in einem Dorfe, so mußte alles Tanzen und Glockenläuten
+unterbleiben und jedes Fest hatte ein Ende. In London unterbrachen sie
+zu verschiedenen Malen theatralische Vorstellungen, welche durch kein
+Verbot des gutmüthigen und einsichtsvollen Protektors gestört worden
+waren.
+
+Eine solche Tyrannei mußte Furcht und Haß erzeugen, und mit ihnen
+mischte sich die tiefste Verachtung. Seit den Zeiten Elisabeths waren
+die Eigenthümlichkeiten des Puritaners, sein Aussehen, seine Kleidung,
+seine Sprachweise, seine seltsamen Gewissensskrupel Gegenstände des
+Spottes gewesen, aber diese Sonderbarkeiten erschienen viel widerlicher
+bei einer Partei, welche die Regierung eines mächtigen Reiches führte,
+als bei einer machtlosen verfolgten Gemeinde. Wenn es schon lächerlich
+erschien, das geistliche Kauderwelsch auf der Bühne aus dem Munde von
++Tribulation Wholesome+ (heilsame Trübsal) und +Zeal-of-the-Land Busy+
+(geschäftiger Landeseifer) zu hören, so klang es noch viel lächerlicher,
+wenn sich Heerführer und hohe Staatsbeamte desselben bedienten. Hierbei
+ist noch zu erwähnen, daß während der Revolution einige Sekten in's
+Leben getreten waren, deren Überspanntheit Alles, was man bis dahin in
+England gesehen, übertraf. Ludwig Muggleton, ein wahnsinniger Schneider,
+zog in den Bierhäusern herum, und Ale trinkend verkündete er ewige
+Qualen allen denjenigen, welche an seiner Versicherung zweifelten, daß
+das höchste Wesen nur sechs Fuß hoch sei und die Entfernung der Sonne
+von der Erde genau vier Meilen betrage.[2] Die größte Heiterkeit
+erregte Georg Fox durch seine Behauptung, daß es eine Verletzung der
+christlichen Aufrichtigkeit sei, die einzelne Person in der Mehrheit
+anzureden, und eine heidnische Verehrung des Janus und Wodan, wenn man
+vom Januar und dem Tage Wodans (der Mittwoche) spreche. Wenige Jahre
+später nahmen einige angesehene Männer seine Lehre an und sie gelangte
+zu nicht unbedeutendem öffentlichen Ansehen. Für die verächtlichsten
+Fanatiker jedoch galten zur Zeit der Restauration in der Meinung des
+Volkes die Quäker. Die Puritaner Altenglands behandelten sie mit großer
+Strenge und in Neuengland wurden sie auf das Heftigste verfolgt. Das
+Volk aber, welches sich selten um genaue Unterscheidungen kümmert,
+verwechselte die Puritaner oft mit den Quäkern. Beide waren Schismatiker
+und haßten das Episcopat wie die Liturgie; beide hatten lächerliche
+Manieren hinsichtlich ihrer Kleidung, ihrer Gewohnheiten und
+Vergnügungen. Obgleich ihre Meinungen völlig von einander abwichen, so
+wurden sie doch von dem Volke als scheinheilige Schismatiker in eine
+Kategorie geworfen, und was sie Lächerliches oder Gehässiges an sich
+hatten, vermehrte die Verachtung und den Widerwillen, welche die Menge
+gegen beide fühlte.
+
+Vor dem Beginn der Bürgerkriege waren selbst diejenigen, denen die
+Ansichten und Gewohnheiten der Puritaner am meisten zuwider waren, zu
+der Anerkennung gezwungen, daß ihre Moralität im Wesentlichen tadellos
+sei; doch jetzt wurde dieses Lob nicht mehr gezollt, zum Unglück aber
+auch nicht mehr verdient. Immer war es das Schicksal der Sekten, so
+lange sie verfolgt und unterdrückt wurden, im Rufe der Heiligkeit zu
+stehen; sobald sie aber mächtig sich erhoben, verschwand auch die hohe
+Achtung, welche ihnen bis dahin geworden war. Die Erklärung liegt nicht
+fern. Nur selten wird Jemand einer geächteten, religiösen Gesellschaft
+beitreten, den nicht Gewissensgründe dahin führen, und deshalb besteht
+ein solcher Verein mit nur wenigen Ausnahmen aus Persönlichkeiten, die
+von der Wahrheit und Richtigkeit ihres Glaubens völlig durchdrungen
+sind. Die strengste Zucht, welche in einer solchen Gesellschaft
+gehandhabt werden kann, ist ein sehr schwaches Werkzeug der Läuterung im
+Vergleich mit etwas heftiger Verfolgung. Es ist bestimmt wahr, daß zur
+Zeit als Diokletian die Christen verfolgte, nur Wenige sich taufen
+ließen, welche nicht die ernste, religiöse Überzeugung dazu bewog,
+und daß aus gleichem Grunde Viele sich protestantischen Gemeinden
+anschlossen, auf die Gefahr hin von Bonner verbrannt zu werden. Aber
+wenn eine Sekte zu Ansehen und Macht gelangt, wenn ihre Gunst den Weg
+bahnt zu Ehrenstellen und Reichthümern, so werden sich immer habsüchtige
+und ehrgeizige Menschen herandrängen, ihre Sprache reden, ihre Gebräuche
+annehmen, ihre Eigenthümlichkeiten nachahmen, überhaupt in allen äußeren
+Zeichen des Eifers ihre ehrenwerthen Mitglieder sehr bald übertreffen.
+Die strengste Wachsamkeit der kirchlichen Leiter und ihre schärfste
+Unterscheidungsgabe wird nicht hinreichen, das Eindringen solcher
+heuchelnden Gesellen zu verhindern. Es ist nicht möglich, das Unkraut
+vom Weizen zu sichten, aber bald fängt die Welt an einzusehen, daß die
+frommen Herren nicht besser sind als andere Leute und schließt dann
+nicht ganz unrichtig, daß, wenn sie nicht besser sind, sie wohl
+schlechter sein müssen. So dauert es gar nicht lange, daß die äußeren
+Zeichen, welche man früher als Eigenthümlichkeiten der Heiligkeit
+betrachtete, als charakteristische Kennzeichen eines Schurken betrachtet
+werden.
+
+So erging es den englischen Nichtconformisten. Während sie unterdrückt
+waren, hatte sich ihre Gemeinschaft rein erhalten; als sie aber
+übermächtig wurden im Lande, da durfte Niemand der Hoffnung leben, ohne
+ihren Einfluß zu Ehren und Ansehen zu gelangen; ihre Gunst aber war nur
+dadurch zu gewinnen, daß man gewisse Zeichen und Losungsworte der
+geistlichen Brüderschaft mit ihnen wechselte. Einer der ersten
+Beschlüsse von Barebones Parlament, welches von allen das am meisten
+puritanische war, bestand darin, daß Niemand in den Dienst des Staates
+treten sollte, bevor das Haus sich von seiner Frömmigkeit genügend
+überzeugt habe. Was damals für ein Zeichen wahrer Gottseligkeit galt,
+der dunkle Anzug, das saure Ansehen, das kurzgeschorne Haar, das
+näselnde Gewinsel, die mit Bibelstellen durchwebte Rede, der Abscheu vor
+Schauspielen, Karten und Falkenbeize, wurde sehr leicht von Männern
+nachgeahmt, denen jede Religion gleichgültig war. Die aufrichtigen
+Puritaner verschwanden bald in einer Masse von weltlichen Leuten, die
+zum Theil der schlechtesten Sorte angehörten. Denn der anerkannteste
+Wüstling, der unter dem königlichen Banner gefochten hatte, konnte mit
+Recht für tugendhaft gelten, denen gegenüber, welche, während sie von
+süßen Erfahrungen und trostgewährenden Traktätleins sprachen, in steter
+Ausübung von Betrug, Raub und geheimer Wollust lebten. Das Volk bildete
+sich leider ein zu rasches Urtheil über die ganze Körperschaft nach dem
+Betragen dieser elenden Heuchler; die Gottesverehrung, die Sitten, die
+Redeweise der Puritaner wurden nach der öffentlichen Meinung mit den
+abscheulichsten und niedrigsten Ausschweifungen in Verbindung gebracht.
+Als die Restauration begonnen hatte, und man ohne Gefahr seine
+Feindschaft gegen die Partei aussprechen durfte, welche so lange im
+Lande geherrscht, da tönte aus allen Gegenden des Königreichs _ein_
+Schrei des Hasses gegen den Puritanismus, welcher häufig durch die
+Stimmen jener Schurken verstärkt wurde, deren Lasterhaftigkeit den
+puritanischen Namen in Verruf gebracht hatte.
+
+So waren die beiden großen Parteien, welche nach langen Feindseligkeiten
+sich auf einen Augenblick zur Wiederherstellung der Monarchie die Hand
+gereicht, einander jetzt wiederum, sowohl in politischer wie religiöser
+Beziehung, gänzlich entfremdet. Die Masse des Volkes hielt zu den
+Royalisten. Vergessen waren die Verbrechen Straffords und Lauds, die
+Gräuelthaten der Sternkammer und der hohen Kommission, und Niemand
+gedachte mehr der großen Dienste, welche das Lange Parlament in dem
+ersten Jahre seines Bestehens dem Staate geleistet hatte. An die
+Ermordung Karls I., die finstere Tyrannei des Rumpfs und die
+Gewaltthätigkeiten des Heeres dachte man mit Entrüstung, und die Massen
+waren geneigt, Alle, welche dem vorigen Könige Widerstand
+entgegengesetzt, für dessen Tod und die daraus hervorgegangenen
+unglücklichen Folgen verantwortlich zu machen.
+
+Das Haus der Gemeinen war in einer Zeit gewählt worden, als noch die
+Presbyterianer herrschten, und so vertrat es in keiner Art die
+allgemeine Stimmung des Volks, zeigte aber eine starke Neigung, der
+unduldsamen Loyalität der Edelleute ernsthaft entgegen zu treten. Als
+ein Mitglied öffentlich erklärte, daß Alle, welche gegen Karl I. die
+Waffen ergriffen, eben solche Verrätherei begangen wie diejenigen,
+welche ihn hingerichtet, wurde dasselbe zur Ordnung gerufen, und erhielt
+von dem Sprecher einen Verweis. Ohne Zweifel war es der allgemeine
+aufrichtige Wunsch des Hauses, die kirchlichen Streitigkeiten so zu
+ordnen, daß die gemäßigten Puritaner dadurch zufriedengestellt würden;
+eine solche Erledigung wünschte aber weder der Hof noch das Volk.
+
+ [Anmerkung 1: Wie wenig das Mitleid dabei im Spiele war, erkennt
+ man zur Genüge aus einer Schrift, betitelt: +A perfect Diurnal of
+ some Passages of Parliament, and from other Parts of the Kingdom,
+ from Monday July 24th, to Monday July 31st, 1643+. »Als die
+ Königin aus Holland zurückkehrte, brachte sie außer einem Haufen
+ von schlechtem Gesindel, welches das Aussehen von Menschenfressern
+ hatte, eine Anzahl wilder Bären mit. Ihr werdet aus dem Weiteren
+ ersehen, zu welchem Zwecke. Man ließ diese Bären bei Newark
+ zurück, um sie Sonntags in die Landstädte zu bringen und dort zu
+ hetzen. Solcher Art ist die Religion, welche die, von denen hier
+ die Rede ist, unter uns einführen wollen. Wagte es Jemand, ihre
+ schändlichen Entheiligungen zu hindern oder sich nur Bemerkungen
+ darüber zu erlauben, so wurde er unverzüglich als Rundkopf oder
+ Puritaner bezeichnet und war in Gefahr geplündert zu werden.
+ Einige von Oberst Cromwells Soldaten, welche zufällig am Sonntag
+ nach der Stadt Uppingham in Rutland kamen, sahen die eben
+ stattfindende Bärenhetze, und veranlaßten, daß das Spiel sofort
+ unterbrochen und die Bären an einen Baum gebunden und erschossen
+ wurden.« Dieses war durchaus kein vereinzeltes Beispiel. Der
+ Sheriff von Surrey, Oberst Pride, befahl, daß die Bären im Garten
+ von Southwark getödtet werden sollten. Ein loyaler Satyriker läßt
+ ihn diesen Befehl folgendermaßen vertheidigen: »Am meisten liegt
+ mir die Tödtung dieser Bären am Herzen, wodurch ich mir den Haß
+ des Volkes zugezogen, das mich mit allen Benennungen des
+ Regenbogens beehrt. Aber erschlug nicht David einen Bären? Tödtete
+ nicht der Lord Statthalter Ireton einen Bären? Tödtete nicht ein
+ anderer Lord von den Unsrigen fünf Bären?« +Last Speech and dying
+ Words of Thomas Pride.+]
+
+ [Anmerkung 2: Man sehe Penns +New Witnesses proved Old Heretics+
+ und Muggletons Werke an mehreren Stellen.]
+
+
+[_Charakter Karls II._] Der neueingesetzte König besaß um diese Zeit die
+Liebe des Volkes in höherem Maaße, als jemals einer seiner Vorgänger.
+Das Unglück, welches sein Haus betroffen, der heldenmüthige Tod seines
+Vaters, die vielen Leiden und romantischen Abenteuer, welche er erlebt,
+machten ihn zum Gegenstande allgemeiner Theilnahme. Durch seine Rückkehr
+wurde England von einer drückenden Knechtschaft erlöst. Herbeigerufen
+durch die Stimmen der beiden streitenden Parteien, war er der geeignete
+Mann, um als Schiedsrichter zwischen sie zu treten, und in gewisser
+Beziehung war er wohl befähigt, diese Aufgabe zu lösen. Die Natur hatte
+ihn mit vorzüglichen Anlagen und einem glücklichen Temperament
+ausgestattet, und von seiner Erziehung ließ sich erwarten, daß sie
+seinen Verstand entwickelt und ihn zur Ausübung jeder Tugend des
+öffentlichen und Privatlebens befähigt habe. Der Wechsel des Glücks war
+ihm nicht unbekannt, und beide Seiten der menschlichen Natur hatte er
+beobachten lernen. In früher Jugend hatte ihn das Schicksal aus dem
+Königsschlosse hinausgeworfen in ein Leben der Verbannung, der Gefahren
+und Entbehrungen; in einem Alter der geistigen und körperlichen
+Kraftfülle, in dem das erste Aufbrausen der jugendlichen Leidenschaften
+sich bereits gelegt, ward er zurückgerufen von seinen unstäten
+Wanderungen, um Englands mächtige Krone zu tragen. Bittere Erfahrungen
+hatten ihm bewiesen, wie oft die zur Schau getragene Ergebenheit der
+Hofleute Bosheit, Verrätherei und Undank verbirgt; dagegen waren ihm in
+der Hütte der Armuth die überzeugendsten Beweise von wahrem Seelenadel
+gegeben worden. Als hohe Belohnung jedem versprochen ward, der ihn
+seinen Feinden verrathen würde, und man denjenigen, welcher ihm
+hilfreich beistehen wollte, mit dem Tode bedrohte, da hatten arme
+Landleute und die niedrigsten seiner Diener mit rührender Aufopferung
+dem unglücklichen Fürsten zur Seite gestanden, und ihn mit derselben
+tiefen Ehrerbietung behandelt, als ob die Krone seiner Väter noch in
+vollem Glanze auf seinem Haupte strahlte. Es stand zu erwarten, daß ein
+junger Mann, dem es weder an Fähigkeiten noch an liebenswürdigen
+Eigenschaften gebrach, durch die gemachten Erfahrungen zu einem großen
+und ausgezeichneten König herangebildet worden sei. Karl besaß, neben
+gefälligen Formen für die Gesellschaft, feine und einnehmende Manieren
+und nicht wenig Talent für lebendige Unterhaltung; aber dabei war er dem
+Sinnengenusse im höchsten Grade ergeben, sowie ein Freund des Müßiggangs
+und der Leichtfertigkeit, ohne Kraft sich zu beherrschen, ohne hohen
+Begriff von menschlicher Tugend und Zuneigung, ohne Drang nach Ruhm, und
+unempfindlich gegen jeden Tadel. Nach seiner Ansicht war jeder käuflich,
+nur daß er sich oft in höheren Preis stellte, als ein anderer, und wenn
+der Handel recht hartnäckig und geschickt betrieben ward, so gab es für
+denselben verschiedene und wohlklingende Namen. Die höchste
+Geschicklichkeit, mit welcher kluge Männer den Preis ihrer Fähigkeiten
+zu steigern wußten, ward Rechtschaffenheit, die raffinirteste
+Gewandtheit, mit der liebenswürdige Frauen den Preis ihrer Reize zu
+erhöhen verstanden, Sittsamkeit genannt. Vaterlandsliebe, Familienliebe,
+Freundesliebe, Liebe zu Gott, dies Alles waren leere Phrasen, zarte und
+schickliche Benennungen für die Selbstliebe. Bei einer solchen Ansicht
+von den Menschen war es Karl natürlich sehr gleichgültig, wie diese über
+ihn dachten. Ehre und Schande waren ihm dasselbe, was dem Blinden Licht
+und Dunkelheit sein mag. Man hat seine Verachtung der Schmeichelei hoch
+gerühmt, aber sie erscheint des Lobes nicht würdig, wenn man sie in
+Zusammenhang mit den übrigen Eigenschaften seines Charakters bringt.
+Man kann sowohl über der Schmeichelei stehen, wie unter ihr, wer dem
+Schmeichler nicht traut, wird auch keinem Andern trauen; wer keinen
+Begriff von _wahrem_ Ruhme hat, wird auch den _scheinbaren_ verachten.
+
+Bei Karls Gemüthsart ist es rühmlich zu erwähnen, daß er trotz der
+schlechten Meinung, welche er von den Menschen hatte, doch nie ein
+Menschenfeind wurde. Er fand in den Menschen wenig was ihm nicht
+hassenswerth dünkte, und doch haßte er sie nicht, er war sogar
+menschenfreundlich genug, daß es ihm Kummer verursachte, wenn er ihre
+Leiden sah, oder ihre Klagen hören mußte. Diese Art von
+Menschenfreundlichkeit aber, welche bei einem Privatmann recht schön und
+lobenswerth sein mag, indem dessen Macht, Nutzen oder Schaden zu
+bringen, auf einen engen Kreis beschränkt wird, ist bei Herrschern
+häufiger ein Laster gewesen als eine Tugend. Mehr als ein wohlgesinnter
+Fürst hat ganze Provinzen dem Raube und der Unterdrückung preisgegeben,
+blos weil es ihn unangenehm berührte, andere als glückliche Gesichter
+auf seinen Spaziergängen und an seiner Tafel zu sehen. Keiner ist
+geeignet, das Scepter eines großen Staats zu führen, welcher Bedenken
+trägt, zum Besten der Massen mit denen er niemals in Berührung kommt,
+die Wenigen, welche Zutritt bei ihm haben, zu kränken. Die leichtsinnige
+Schwäche, welche Karl besaß, war so groß, wie sie vielleicht noch nie
+bei einem Manne von seinem Verstande gefunden wurde; obgleich nichts
+weniger als ein Schwachkopf, war er doch ein Sklave. Nichtswürdige
+Männer und feile Frauen, deren Erbärmlichkeit er völlig durchschaute,
+von denen er wußte, daß er ebensowenig ihre Liebe wie sie sein Vertrauen
+besaßen, konnten mit Leichtigkeit ihm Alles abschmeicheln was sie
+wünschten: Titel, Ehrenstellen, Güter, Staatsgeheimnisse und
+Begnadigungen. Obgleich er viel austheilte, genoß er doch niemals das
+Vergnügen, welches die Freigebigkeit verursacht, und ebensowenig erntete
+er den Ruhm derselben. Er gab nie aus freiem Antriebe, aber es war ihm
+unangenehm das Erbetene zu versagen. Eine natürliche Folge davon war,
+daß im Allgemeinen nicht diejenigen, welche sie verdienten, oder die in
+seiner Gunst standen, Empfänger dieser Gnadenbeweise waren, sondern daß
+sie den unverschämtesten und zudringlichsten Bewerbern zu Theil wurden,
+denen es gelungen war, sich eine Audienz zu verschaffen.
+
+Die Beweggründe, welche das politische Verhalten Carls II. leiteten,
+waren ganz anderer Natur als diejenigen, welche die Handlungen seines
+Vorgängers wie seines Nachfolgers auf dem Throne bestimmten. Er war
+nicht der Mann, den eine patriarchalische Regierungstheorie oder die
+Lehre vom göttlichen Recht anziehen konnte. Durchaus frei von Ehrgeiz,
+verabscheute er alle Geschäfte, und ehe er sich der Mühe unterzogen
+hätte, die Zügel der Regierung selbst in die Hand zu nehmen, würde er
+lieber auf die Krone Verzicht geleistet haben. Seine Arbeitsscheu sowie
+seine Unkenntniß der Staatsgeschäfte waren so groß, daß selbst die
+Schreiber, welche Gelegenheit hatten ihn im Geheimen Rathe zu
+beobachten, über seine kindische Ungeduld und seine läppischen
+Bemerkungen oft nur mit Mühe das Lachen unterdrücken konnten. Seine
+Schritte wurden weder von der Dankbarkeit noch von der Rache geleitet,
+denn auf sein Gemüth konnten empfangene Beleidigungen ebensowenig wie
+geleistete Dienste einen anderen als einen schwachen und rasch
+vorübergehenden Eindruck machen. Es war nur sein Wunsch, ein König zu
+sein wie es später Ludwig XV. von Frankreich war, ein Herrscher, der zur
+Befriedigung seiner Privatneigungen rücksichtslos den Staatsschatz
+benutzen und durch Ehrenstellen und Geld Personen an sich fesseln
+konnte, die geeignet waren seinen Müßiggang zu theilen, und welcher,
+wenn auch die schlechteste Verwaltung den Staat an den Rand des
+Verderbens gebracht, immer noch die mißliebige Wahrheit aus dem Bereiche
+seines Serails fern halten und nichts sehen und hören wollte, was ihn in
+seiner üppigen Trägheit hätte stören können. Zu diesen Zwecken, aber
+auch _nur_ zu diesen Zwecken, wünschte er eine willkürliche Gewalt,
+vorausgesetzt daß sie ohne Anstrengung und Gefahr erlangt werden konnte.
+Bei den religiösen Streitfragen, welche Zwiespalt unter den Protestanten
+hervorriefen, blieb sein Gewissen vollkommen unberührt, denn seine
+Ansichten schwankten fortwährend zwischen Unglauben und Pabstthum. Wenn
+aber auch sein Gewissen bei dem Kampfe der Episcopalen und
+Presbyterianer unberührt blieb, so war es doch anders mit seinen
+Neigungen. Gerade diejenigen Laster, gegen welche der Puritanismus die
+wenigste Nachsicht zeigte, übte er am fleißigsten, und als Mann von
+guter Erziehung, der mit großem Scharfblick die lächerlichen Seiten
+einer Sache erkannte, ließ er es nicht an verächtlichen Scherzen über
+die puritanischen Abgeschmacktheiten fehlen. Es ist indessen nicht zu
+leugnen, daß er einige Ursache hatte mit dieser Secte unzufrieden zu
+sein. In einem Alter wo die Leidenschaften am ungestümsten herrschen,
+und der Leichtsinn am ehesten zu entschuldigen ist, hatte Karl einige
+Monate in Schottland gelebt, dem Namen nach als König, in der That aber
+ein Staatsgefangener unter der Obhut der schroffen Presbyterianer. Nicht
+genug, daß sie ihm zumutheten ihren Gottesdienst zu üben und ihr
+Covenant zu unterschreiben, bewachten sie jeden seiner Schritte, und
+überhäuften ihn mit Strafpredigten, wenn er sich eine jugendliche
+Thorheit zu Schulden kommen ließ. Er wurde gezwungen endlose Gebete und
+Predigten anzuhören, und konnte sich noch glücklich schätzen, wenn er
+nicht von einem fanatischen Kanzelredner, auf seine eigenen Schwächen
+rücksichtslos sowie auf das tyrannische Regiment seines unglücklichen
+Vaters und den papistischen Götzendienst der Mutter aufmerksam gemacht
+wurde. Er hatte diese Zeit seines Lebens in so traurigen Verhältnissen
+zugebracht, daß das Unglück, welches ihn zu neuer Wanderung hinaustrieb,
+ihm eher eine Befreiung als ein Mißgeschick dünken mußte. Beherrscht von
+diesen Gefühlen, war es Karls eifrigster Wunsch, die Partei zu
+vernichten, welche seinem Vater so heftigen Widerstand entgegengestellt
+hatte.
+
+
+[_Charakterschilderung des Herzogs von York und des Earl von
+Clarendon._] Nach demselben Ziele strebte des Königs Bruder, Jacob,
+Herzog von York. Obgleich in hohem Grade der Sinnenlust ergeben, war
+Jacob fleißig, methodisch, und liebte Autorität und Beschäftigung. Sein
+Verstand war höchst einfach und beschränkt, sein Charakter starr,
+hartnäckig und unversöhnlich. Daß dieser Fürst kein Wohlgefallen an den
+freien Institutionen Englands und an der Partei finden konnte, welche
+für diese Institutionen die wärmste Theilnahme hegte, leuchtet ein.
+Obgleich ein Mitglied der anglikanischen Kirche hatte der Herzog doch
+schon gewisse Neigungen gezeigt, welche die guten Protestanten ernstlich
+beunruhigten.
+
+Der Mann, dessen Schultern in jener Zeit den größten Theil der
+Regierungslast zu tragen hatten, war Eduard Hyde, Kanzler des Reichs,
+welcher bald zum Earl von Clarendon erhoben ward. Wenn auch Clarendon
+als Schriftsteller unsere Achtung mit Recht verdient, so müssen wir doch
+auch die großen Fehler erwähnen, welche er sich als Staatsmann zu
+Schulden kommen ließ. Diese Fehler werden allerdings zum Theil
+entschuldigt und erklärt durch die ungünstige Lage, in der er sich
+befand. Im ersten Jahre des Langen Parlaments zeichnete er sich höchst
+ehrenvoll unter den Senatoren aus, welche ernstlich bemüht waren, den
+Beschwerden der Nation abzuhelfen. Eine der schlimmsten von diesen
+Beschwerden, welche das Concil von York betraf, wurde hauptsächlich
+durch seine Bemühungen beseitigt. Beim Eintritt der großen Spaltung, als
+die Reformpartei und die Partei der Conservativen sich gegen einander
+schaarten, trat er mit vielen weisen und braven Männern auf die Seite
+der Conservativen. Von jetzt an theilte er die Schicksale des Hofs,
+genoß König Carls I. volles Vertrauen, soweit der zurückhaltende
+Charakter und die gewundene Politik dieses Monarchen solches einem
+Minister überhaupt gewähren konnten, und ging später mit Carl II. in die
+Verbannung, wo er dessen politisches Verhalten leitete.
+
+Nachdem die Restauration durchgeführt war, gelangte Hyde zur Stellung
+eines Premierministers, und einige Monate nachher wurde allgemein
+bekannt, daß er zu dem regierenden Hause in ein engverwandtschaftliches
+Verhältniß getreten, indem durch eine bisher geheimgehaltene Vermählung
+seine Tochter Herzogin von York und deren Nachkommenschaft dadurch zur
+Thronfolge berechtigt worden sei. In Folge dieser hohen Verbindung
+gewann Hyde eine Bedeutung, welche ihn über die ältesten und
+angesehensten Geschlechter des Adels erhob, und in mancher Hinsicht war
+er auch dieser hervorragenden Stellung vollkommen gewachsen, indem nicht
+nur in Abfassung wichtiger Staatsschriften, sondern auch in Rath und
+Parlament er sehr anerkennungswerthe diplomatische Befähigung zeigte.
+Genau bekannt mit den allgemeinen Grundsätzen der Staatskunst, verstand
+es Niemand besser wie er, die Verschiedenheiten der Charaktere mit
+geübtem Auge zu erkennen, und dabei besaß er nicht nur ein starkes
+Gefühl für sittliche und religiöse Verpflichtungen, sondern auch eine
+tiefe Ehrfurcht gegen die Gesetze des Vaterlandes und aufrichtige
+Achtung für die Ehre und das Ansehen der Krone. Dabei war er stolz und
+anmaßend; jeder Widerstand reizte ihn. Es ist kaum möglich, daß ein
+Diplomat, den die bürgerlichen Wirren in die Verbannung getrieben, und
+der eine Reihe von Jahren in derselben zugebracht, in dem Augenblicke,
+wo ein Umschwung der politischen Verhältnisse ihn wieder an die Spitze
+der Regierung zurückruft, die Zügel derselben mit sicherer und gewandter
+Hand zu führen vermag. Auch mit Clarendon war dies der Fall. Als er, dem
+Zwange der Nothwendigkeit weichend, England verlassen hatte, erbittert
+durch den heftigen Kampf, welcher dem Sturze seiner Partei und seines
+Glücks voranging, betrachtete er Alles, was sich in dem Zeitraume von
+1646 bis zum Jahre 1660 in seinem Vaterlande ereignete, vom fernen
+Continente aus in falschem Lichte. Seine Ansichten von dem Stande der
+Dinge regelte er nach den Mittheilungen aufgeregter Parteimänner, deren
+zerrüttete Vermögensverhältnisse ihren Geist mit Wuth und Verzweiflung
+erfüllten. Den günstigen Stand der Ereignisse beurtheilte er nicht nach
+dem Maaße, in welchem sie die Wohlfahrt und den Ruhm seines Volkes
+vermehrten, sondern nur nach der Aussicht, die sie ihm zur Rückkehr
+boten, und sein Wunsch, den er durchaus nicht verhehlte, war, daß
+niemals Ruhe und Friede in England einziehen möge, bis die alte
+Königsfamilie den Thron ihrer Väter wieder in Besitz genommen habe. Als
+er endlich zurückkehrte, wurde ihm, ohne daß er Zeit gehabt hatte, sich
+von dem Stande der Dinge durch eigne Anschauung zu unterrichten, und zu
+ermitteln welche Veränderungen vierzehn ereignißvolle Jahre in dem
+Charakter und den Gesinnungen des englischen Volks herbeigeführt, sofort
+die Leitung des Staates übergeben. In solchem Falle würde wohl selbst
+ein Minister von größter Umsicht und bei aller Geneigtheit gute Lehre
+anzunehmen, in ernste Irrthümer verfallen sein; Takt aber, und
+Gelehrigkeit lagen nicht in Clarendons Charakter. Er sah in England noch
+das England, wie es zur Zeit seiner Jugend war, und sein Antlitz
+verfinsterte sich bei Wahrnehmung aller der Veränderungen, welche die
+Ereignisse der letzten Jahre hervorgerufen. Obgleich er nicht daran
+dachte, gegen die alte, unbezweifelte Macht des Hauses der Gemeinen
+aufzutreten, so blickte er doch mit dem höchsten Mißfallen auf die
+zunehmende Gewalt desselben. Die königlichen Rechte, um die er so
+Manches erlitten, und durch welche er endlich zu Glück und hohen Ehren
+gekommen war, sie galten ihm heilig; gegen die Rundköpfe aber fühlte er
+eine sowohl persönliche wie politische Abneigung. Als treuer Anhänger
+der anglikanischen Kirche hatte er wiederholt in Fällen, wo die
+Interessen dieser Kirche es erheischten, sich von den besten Freunden
+getrennt, und sein Eifer für das Episcopat und das gemeinschaftliche
+Gebetbuch vereinigte sich mit einem racheglühenden Hasse gegen die
+Puritaner, der weder dem Staatsmanne noch dem Christen zur Ehre
+gereichte.
+
+Während der Zeit als das Haus der Gemeinen, welches die Königsfamilie
+zurückrief, versammelt war, war eine Wiederherstellung des alten
+kirchlichen Systems unausführbar. Nicht allein, daß der Hof seine Pläne
+völlig geheim hielt, der König hatte auch in feierlichster Weise
+Zusicherungen ertheilt, durch welche die Gemüther der gemäßigten
+Presbyterianer vollkommen beruhigt wurden. Er hatte vor seiner
+Wiedererhebung das Versprechen gegeben, allen Unterthanen völlige
+Gewissensfreiheit zu gestatten, und indem er dieses Versprechen jetzt
+erneute, fügte er die Versicherung hinzu, daß er mit allen Kräften dahin
+wirken würde, zwischen den streitenden Parteien eine Vereinigung
+herbeizuführen. Er erklärte, es sei sein Wunsch, daß Bischöfe und
+Synoden die geistliche Gerichtsbarkeit unter sich theilen, und daß eine
+Anzahl gelehrter Theologen, zur Hälfte aus Presbyterianern bestehend,
+eine Revision der Liturgie vornehmen sollten. Die Fragen in Betreff des
+Chorhemds, des Knieens beim Abendmahle, des Bekreuzigens bei der Taufe,
+sollte selbst für ängstliche Gewissen in befriedigender Weise gelöst
+werden. Auf diese Art hatte der König die Wachsamkeit derjenigen, welche
+er hauptsächlich fürchtete, eingeschläfert, und als dieses geschehen
+war, hob er das Parlament auf. Zu einer Acte, durch welche mit wenigen
+Ausnahmen alle Diejenigen, die in den letzten Unruhen politischer
+Vergehen schuldig geworden waren, begnadigt werden sollten, hatte er
+bereits seine Zustimmung gegeben. Von den Gemeinen war ihm eine
+lebenslängliche Bewilligung von Steuern zugesprochen worden, deren
+jährlicher Betrag auf eine Million zweimalhunderttausend Pfund geschätzt
+ward. Diese Summe, nebst den erblichen Einkünften der Krone, reichte
+damals vollkommen hin, um in Friedenszeiten die Bedürfnisse der
+Regierung zu bestreiten. Für ein stehendes Heer wurde nichts bewilligt,
+die Nation erschrak schon bei Erwähnung desselben, und die geringste
+Hinweisung darauf würde die Gemüther aller Parteien auf's heftigste
+erbittert und beunruhigt haben.
+
+
+[_Allgemeine Wahl von 1661._] Zu Anfang des Jahres 1661 fand eine
+allgemeine Wahl statt. Das Volk war in hohem Grade von loyaler
+Begeisterung erfüllt, und die ganze Hauptstadt war in der lebendigsten
+Thätigkeit wegen der Vorbereitungen zur prachtvollsten Krönung, von der
+man jemals gehört. Das Resultat bestand darin, daß man Abgeordnete in's
+Parlament sandte, wie sie England bisher noch nie gesehen hatte. Ein
+großer Theil der glücklichen Bewerber waren Männer, welche für Krone und
+Kirche gekämpft, und die schweren Beschimpfungen und Demüthigungen noch
+nicht vergessen hatten, die ihnen die Rundköpfe angethan. Als die
+Mitglieder zusammenkamen, traten die Leidenschaften, unter deren
+Einflusse jeder Einzelne stand, heftiger hervor. Mehrere Jahre hindurch
+war das Haus der Gemeinen eifriger für das Königthum eingenommen als der
+König selbst, und günstiger gestimmt für das Episcopat als die Bischöfe.
+Carl und Clarendon waren über die Vollständigkeit ihres Erfolgs fast
+bestürzt, ihre Lage hatte Ähnlichkeit mit der Ludwigs XVIII. und des
+Herzogs von Richelieu, als im Jahre 1815 die Kammer versammelt war.
+Hätte der König auch wirklich die Absicht gehabt, die Versprechungen,
+welche er den Presbyterianern gemacht, zu erfüllen, es würde jetzt gar
+nicht mehr in seiner Macht gestanden haben. Nur seinen eifrigen
+Bemühungen ist es zuzuschreiben, daß der siegreiche Adel verhindert
+wurde, die Indemnitätsacte zu vernichten und erbarmungslose Rache
+auszuüben für die erduldeten Leiden.
+
+
+[_Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen Parlamente._] Die Gemeinen
+eröffneten ihre Thätigkeit mit den Beschlüssen, daß jedes Mitglied bei
+Strafe der Ausstoßung das Abendmahl nach der Form genießen müsse, welche
+die alte Liturgie vorschrieb, und daß der Covenant durch Henkershand im
+Hofe des Palastes verbrannt werden sollte. Es wurde eine Acte
+durchgesetzt, welche die Macht des Schwertes nicht nur einzig und allein
+dem König zusprach, sondern auch bestimmte, daß in keinem auch noch so
+extremen Falle die beiden Häuser berechtigt sein sollten, dem König
+gewaltsamen Widerstand entgegen zu setzen. Eine zweite Acte, welche
+ebenfalls durchging, forderte von jedem öffentlichen Beamten einen Eid,
+daß er Widerstand gegen das Ansehen des Königs unter allen Umständen für
+ungesetzlich halte. Einige exaltirte Männer bemühten sich, eine Bill zur
+Geltung zu bringen, welche alle Gesetze, die das Lange Parlament
+geschaffen, mit einem Male aufheben und die Sternkammer nebst der Hohen
+Commission wieder herstellen sollte; bei aller Heftigkeit der Reaction
+aber gelang es ihr doch nicht, dies durchzusetzen. Das Gesetz, daß nach
+Verlauf von drei Jahren ein Parlament gehalten werden mußte, blieb in
+Kraft, die strengen Klauseln aber welche die Wahlbeamten anwiesen,
+zur bestimmten Zeit, auch ohne königliches Ausschreiben, die Wahl
+vorzunehmen, wurden aufgehoben. Die Bischöfe kehrten auf ihre Sitze im
+Oberhause zurück; die alte Kirchenverfassung und die alte Liturgie
+wurden ohne jede Beschränkung, welche auch nur die vernünftigsten
+Presbyterianer zu versöhnen geeignet gewesen wäre, wieder hergestellt.
+Zum ersten Male wurde jetzt die bischöfliche Ordination unerläßliche
+Bedingung für diejenigen, welche ein geistliches Amt bekleiden wollten.
+Fast zweitausend Prediger, denen ihr Gewissen nicht gestattete sich zu
+fügen, wurden an einem Tage abgesetzt, und frohlockend erinnerte die
+herrschende Partei die Dulder daran, daß das Lange Parlament, als es auf
+dem Gipfel seiner Macht gestanden, eine noch viel größere Anzahl von
+königlich gesinnten Geistlichen vertrieben habe. Dieser Vorwurf war
+allerdings nicht ungegründet, aber das Lange Parlament hatte den
+Vertriebenen wenigstens eine Unterstützung zukommen lassen, welche sie
+vor bitterem Mangel schützte; die Gerechtigkeit und Humanität des Adels
+aber, welcher von Haß bethört war, reichten nicht aus, um dieses
+Beispiel nachzuahmen.
+
+
+[_Verfolgung der Puritaner._] Bald erschienen Strafgesetze gegen die
+Nichtconformisten, die in der puritanischen Gesetzgebung vergebens ihres
+Gleichen suchten, welche der König aber unmöglich genehmigen konnte,
+ohne Zusagen zu brechen, die er bei dem wichtigen Wendepunkte seines
+Schicksals denjenigen gegeben, in deren Händen dasselbe damals lag.
+Erschreckt und tief bekümmert eilten die Presbyterianer an die Stufen
+des Thrones, rühmten ihre jüngst geleisteten Dienste und beriefen sich
+auf das wiederholt verpfändete königliche Wort. Der König schwankte,
+seine eigne Handschrift, sein eignes Siegel, sie konnte er nicht
+abläugnen, und er fühlte nur zu wohl, welchen großen Dank er den
+Bittstellern schuldig war. Dringenden Bitten zu widerstehen war er nicht
+gewöhnt, ebensowenig war er verfolgungssüchtig, und wenn auch gegen die
+Puritaner eingenommen, so konnte diese Abneigung doch nur ein schwaches
+Gefühl genannt werden neben dem bitteren Hasse, von welchem Laud
+durchdrungen war. Er war überdies der römisch-katholischen Kirche
+gewogen, und sah wohl ein, daß es nicht möglich sein würde, den
+Bekennern derselben Freiheit des Gottesdienstes zu gewähren, ohne
+dieselbe Begünstigung auch auf die protestantischen Dissenters zu
+übertragen. Zwar versuchte er es den unduldsamen Glaubenseifer des
+Hauses der Gemeinen zu beschränken, aber dieses stand unter dem
+Einflusse tieferer Überzeugungen und heftigerer Leidenschaften, als der
+König. Nach einigem scheinbaren Sträuben gab er nach, und genehmigte mit
+einem Anschein von Bereitwilligkeit eine Reihe gehässiger Maßregeln
+gegen die Separatisten. Es galt für ein Verbrechen, dem Gottesdienste
+der Dissenters beizuwohnen, ein gewöhnlicher Friedensrichter konnte ohne
+Jury verurtheilen, und über denjenigen, welcher zum dritten Male das
+Verbot übertrat, die Deportation auf sieben Jahre verhängen. Mit
+überlegter Grausamkeit ward festgesetzt, daß der Übertreter des Gesetzes
+nicht nach Neu-England transportirt werden sollte, wo er die Aussicht
+hatte, gleichgesinnte Freunde anzutreffen, und kehrte er vor Ablauf der
+festgesetzten Verbannungszeit in sein Vaterland zurück, so sollte er der
+Todesstrafe verfallen sein. Ein neuer, unsinniger Eid wurde von den
+Geistlichen verlangt, welche man ihrer Pfründen beraubt hatte, weil sie
+sich nicht conformiren wollten, und Alle die sich weigerten diesen Eid
+zu leisten, durften nicht auf fünf Meilen in die Nähe einer Stadt
+kommen, welche von einer Gemeindecorporation verwaltet wurde, oder im
+Parlamente vertreten war, oder auch einer Stadt, wo sie als Geistliche
+ihren Wohnsitz gehabt. Die Magistratspersonen, welche diese strengen
+Bestimmungen in Ausführung zu bringen hatten, waren fast durchgängig von
+Parteigeist erfüllte Männer, entflammt durch die Erinnerung an Leiden,
+welche sie während der Republick erduldet hatten. Die Kerker waren daher
+sehr bald mit Dissenters überfüllt, und unter diesen Unglücklichen
+befanden sich nicht wenige, deren Genie und Tugend eine Zierde jeder
+christlichen Gesellschaft gewesen sein würden.
+
+
+[_Eifer der Geistlichkeit für die erbliche Monarchie._] Die englische
+Kirche erkannte den Schutz, dessen sie sich von Seiten der Regierung
+erfreute, dankbar an. Sie hatte seit dem Anfange ihres Bestehens
+Anhänglichkeit an die Monarchie gezeigt, aber während des
+Vierteljahrhunderts, welches der Restauration folgte, überstieg ihr
+Eifer für königliches Ansehen und erbliches Recht jede Grenze. Sie hatte
+mit dem Hause der Stuarts gelitten, und war mit ihm wieder zu Geltung
+gekommen; sie war mit ihm durch gemeinschaftliche Interessen,
+Freundschaften und Feindschaften eng verknüpft. Es schien unmöglich,
+daß jemals eine Zeit eintreten könnte, wo die Bande, welche sie mit den
+Nachkommen des erlauchten Märtyrers vereinte, zerrissen, wo die
+Loyalität, deren sie sich rühmte, aufhören würde, ihr eine angenehme und
+vortheilhafte Pflicht zu sein. Sie pries deshalb in den widerlichsten
+Phrasen jenes Vorrecht, welches stets bemüht war sie zu vergrößern und
+zu vertheidigen, und verdammte auf das Behaglichste die Ruchlosigkeit
+derjenigen, welche durch Bedrückung, die sie selbst nicht zu erwarten
+hatte, zum Aufruhr verleitet wurden. Die Verwerfung des Widerstandes war
+ihr Lieblingsthema, und diese Lehre trug sie ohne jede Einschränkung vor
+und entwickelte sie bis zu den äußersten Consequenzen. Ihre Anhänger
+wiederholten unaufhörlich, daß selbst wenn England das Unglück haben
+sollte von einem König wie Busiris oder Phalaris heimgesucht zu werden,
+welcher zum Hohne der Gesetze ohne alle rechtlichen Gründe täglich
+hunderte von unschuldigen Opfern zu Folterqualen und Tod verdammte,
+überhaupt kein Fall denkbar sei, wo alle Stände des Königreichs
+insgesammt berechtigt sein würden, dem Tyrannen physische Gewalt
+entgegenzustellen. Glücklicherweise gewährt der menschliche Charakter
+hinreichende Bürgschaft, daß derartige Theorien eben nur Theorien
+bleiben werden. Als der Tag der Prüfung kam, da standen die Männer,
+welche laut und aufrichtig diese grenzenlose Loyalität zur Schau
+getragen hatten, fast in allen Grafschaften Englands dem Throne mit den
+Waffen in der Hand gegenüber.
+
+Im ganzen Königreiche wechselte jetzt das Grundeigenthum seine Besitzer.
+Die Verkäufe der Nationalgüter, welche das Parlament nicht bestätigt
+hatte, erklärten die Gerichtshöfe für ungültig. Der König, die Bischöfe,
+die Dechanten, die Capitel, der hohe und niedere royalistische Adel:
+sie alle traten wieder in den Besitz ihrer eingezogenen Güter, und
+verdrängten selbst diejenigen Käufer, welche die angemessensten Preise
+dafür bezahlt hatten. Die Verluste, welche dem Adel während des
+Übergewichtes seiner Gegner erwachsen waren, wurden theilweise ersetzt,
+aber eben nur theilweise. Die allgemeine Amnestie schloß alle Klagen
+über entzogene Nutzungen aus, und eine Menge von Royalisten, welche zur
+Abzahlung von auferlegten Geldstrafen an das Parlament, oder um sich die
+Gunst mächtiger Rundköpfe zu erkaufen, Grundeigenthum unter dem
+wirklichen Werthe veräußert hatten, mußten die gesetzlichen Folgen ihrer
+Handlungsweise tragen.
+
+
+[_Veränderung in den Sitten der Gesellschaft._] Während die erwähnten
+Veränderungen stattfanden, trat ein anderer noch bedeutungsvollerer
+Wechsel in den Sitten und Gebräuchen der Gesellschaft ein.
+Leidenschaften und Neigungen, welche die strenge Herrschaft der
+Puritaner gezügelt hatte, so daß dieselben, wenn es überhaupt geschah,
+nur mit großer Vorsicht befriedigt werden konnten, brachen jetzt, wo das
+Hemmniß beseitigt war, mit maßloser Gewalt hervor. Man suchte
+unsittliche Vergnügungen und strafbare Genüsse mit einer Begierde,
+welche nach den Gesetzen der Natur nur in Folge langer und erzwungener
+Enthaltsamkeit entstehen kann. Durch die öffentliche Meinung wurde
+dieses Treiben nicht beschränkt. Die Nation, voll Widerwillen gegen die
+gottseligen Reden, argwöhnisch gegen alle Ansprüche auf Heiligkeit, und
+dabei immer noch leidend unter den Nachwehen der erlittenen Tyrannei von
+Gebietern, welche sauer waren im Leben und heiß im Gebet, blickte eine
+Zeit lang wohlgefällig auf die angenehmeren und freundlicheren Laster.
+Noch weniger Beschränkungen erlaubte sich die Regierung. Es gab in der
+That keine Ausschweifung, welche nicht durch die unverhohlene
+Lasterhaftigkeit des Königs und seiner Günstlinge sanktionirt worden
+wäre. Nur einige bejahrte Räthe Carls I. bewahrten noch den sittlichen
+Ernst, welcher dreißig Jahre früher in Whitehall geherrscht hatte. Zu
+ihnen gehörten Clarendon selbst, sowie seine Freunde Thomas Wriothesley,
+Earl von Southampton, Lord-Schatzmeister, sowie Jacob Butler, Herzog von
+Ormond, der, nachdem er unter wechselnden Verhältnissen ritterlich für
+seines Königs Sache in Irland gekämpft hatte, dieses Königreich jetzt
+als Statthalter regierte. Aber weder das Andenken an die Verdienste
+dieser Männer noch ihre hohe Stellung im Staate schützte sie vor den
+Sarkasmen, welche neumodische Laster so gern auf veraltete Tugend
+schleudern. Der Ruf feiner Bildung und angenehmer Manieren war kaum zu
+erlangen, wenn man sich nicht zur Verletzung der Schicklichkeit
+entschloß. Bedeutende und vielseitige Talente unterstützten die
+Verbreitung dieses moralischen Übels nach Kräften. Die Moralphilosophie
+hatte in neuerer Zeit eine Gestalt angenommen, welche ganz geeignet war,
+einer Generation zu gefallen, welche der Monarchie wie dem Laster mit
+gleichem Eifer ergeben war. Thomas Hobbes hatte in einer bestimmteren
+und glänzenderen Sprache, als je ein anderer metaphysischer
+Schriftsteller sie gebraucht, die Behauptung aufgestellt, der Wille des
+Fürsten sei der Maßstab für Recht und Unrecht, und jeder gute Unterthan
+müsse bereit sein, auf Befehl des Königs zum Papstthum, Mahomedanismus
+oder Heidenthume überzutreten. Tausende, welche das wirklich Gediegene
+in seinen Ansichten nicht zu würdigen verstanden, begrüßten freudig eine
+Theorie, welche zu gleicher Zeit das königliche Ansehen erhöhte, die
+Bande der Moralität lockerte, und die Religion zu einer bloßen
+Staatsangelegenheit herabwürdigte. Der Hobbismus wurde bald ein
+wesentlicher Bestandtheil des Charakters eines vollendeten Gentleman.
+Die leichteren Zweige der Literatur erhielten einen starken Anstrich von
+der herrschenden Sittenlosigkeit; die Dichtkunst wurde eine Kupplerin
+der gemeinsten Begierden; der Witz, anstatt Schuld und Irrthum zu
+züchtigen, wandte seine verletzenden Pfeile gegen Unschuld und Wahrheit.
+Die wiederhergestellte Kirche machte zwar einen Versuch gegen die
+herrschende Sittenlosigkeit anzukämpfen, aber es geschah ohne alle
+Energie und mit getheiltem Herzen. Obgleich die Würde ihres Charakters
+es erheischte, die irrenden Kinder zu ermahnen, so geschahen diese
+Ermahnungen doch auf höchst lässige Weise. Ihre Aufmerksamkeit war nach
+einer anderen Seite hin beschäftigt, ihre ganzen Kräfte concentrirten
+sich in der Absicht, die Puritaner zu vernichten, und ihre Jünger zu
+zwingen, dem Kaiser zu geben was des Kaisers sei. Sie war beraubt und
+niedergehalten worden durch die Partei, welche strenge Sittlichkeit
+predigte; Wüstlinge hatten sie wieder zu Ehren und Ansehen gebracht. Ob
+auch die Männer der Lust und Mode nicht geneigt waren, ihre Lebensweise
+nach den Vorschriften der Kirche einzurichten, so ließen sie sich doch
+jeden Augenblick willig finden, für ihre Kathedralen und Paläste, für
+jeden Buchstaben ihrer Gesetze und jeden Faden ihrer Gewänder bis an die
+Knie im Blute zu kämpfen. Der ausschweifende Edelmann besuchte zwar
+Bordelle und Spielhäuser, aber er mied wenigstens die Conventikel; wenn
+auch sein Mund nur gotteslästerliche und unzüchtige Reden führte, so
+machte er das einigermaßen durch seinen Eifer wieder gut, Baxter und
+Howe in den Kerker zu werfen, weil sie Predigten und Gebete abgehalten
+hatten. So bekämpfte der Klerus längere Zeit die Schismatiker mit einem
+Eifer, der ihm wenig Muße ließ dem Laster entgegen zu treten. Die
+Zweideutigkeiten Ethereges und Wycherley's wurden in Anwesenheit und mit
+besonderer Genehmigung des Kirchenoberhauptes in weiblichen
+Versammlungen von Frauen öffentlich vorgetragen, während der Verfasser
+von des »Pilgers Reise« für das Verbrechen, den Armen das Evangelium
+verkündet zu haben, im Kerker schmachtete. Es ist eine feststehende und
+lehrreiche Thatsache, daß zu der Zeit, als die politische Macht der
+anglikanischen Kirche ihren Höhepunkt erreicht hatte, die Moral der
+Nation sich auf der niedrigsten Stufe befand.
+
+
+[_Verworfenheit der Politiker._] Kaum ein Rang und Beruf entging der
+Ansteckung durch die allgemeine Unsittlichkeit, diejenigen aber, welche
+sich hauptsächlich mit Politik beschäftigten, bildeten vielleicht den
+schlechtesten Theil der verderbten Gesellschaft, indem sie nicht blos
+unter den schädlichen Einflüssen standen, welche die Nation im
+Allgemeinen berührten, sondern noch einer besonderen Verderbniß der
+schlimmsten Art ausgesetzt waren. Ihr Charakter hatte sich mitten unter
+häufigen Revolutionen und Contrerevolutionen herangebildet; im Laufe
+weniger Jahre hatten sie den wiederholten Wechsel der kirchlichen und
+bürgerlichen Verfassung ihres Vaterlandes beobachtet. Sie hatten
+gesehen, wie die bischöfliche Kirche die Puritaner verfolgte, wie die
+puritanische Kirche die Bischöflichen verfolgte, und wie die
+bischöfliche Kirche dann wieder die Puritaner verfolgte. Sie hatten die
+Vernichtung und Wiedererstehung der erblichen Monarchie gesehen, hatten
+beobachtet, wie das Lange Parlament dreimal die Oberherrschaft im Staate
+errang, und dreimal unter Verwünschungen und Hohngelächter von Millionen
+wieder zusammenstürzte. Sie hatten erlebt, wie eine neue Dynastie sich
+rasch auf den Gipfel der Macht und des Ruhmes erhob, um bald darauf ohne
+allen Kampf wieder vom Thronsessel herabgeschleudert zu werden. Sie
+hatten gesehen, wie ein neues System der Volksvertretung entworfen,
+versucht und wieder aufgegeben worden war. Sie hatten ein neues Haus der
+Lords eben so schnell entstehen wie vergehen sehen. Sie hatten gesehen,
+wie Massen von Eigenthum auf gewaltsame Weise bald den Edelleuten, bald
+den Rundköpfen zur Beute wurden. Unter solchen Umständen konnte Niemand
+als Staatsmann sich bewegen und gedeihen, der sich nicht willig finden
+ließ, je nach den Verhältnissen die Farbe zu wechseln. Nur in stiller
+Zurückgezogenheit war es möglich, für die Dauer den Charakter eines
+guten Royalisten oder eines starren Republikaners zu behaupten. Wer
+unter solchen Zeitverhältnissen bürgerliche Größe zu erlangen wünscht,
+muß jeden Gedanken an konsequentes Festhalten aufgeben. Anstatt inmitten
+unaufhörlicher Veränderungen nach Unveränderlichkeit zu streben, muß er
+beständig umherspähen, um die ersten Kennzeichen einer nahenden Reaktion
+zu entdecken und muß den richtigen Augenblick erfassen, um eine verlorne
+Sache aufzugeben. Nachdem er fest zu einer Partei gehalten, so lange sie
+die Oberhand hatte, muß er sie plötzlich verlassen, wenn sie in
+schwierige Lagen kommt, muß sich gegen sie waffnen, sie verfolgen, und
+mit den neuen Bundesgenossen eine neue Bahn einschlagen, auf der ihm
+Macht und Glück entgegenleuchten. Seine Lage bildet in ihm nothwendig
+eine besondere Klasse von Fähigkeiten, wie eine besondere Klasse von
+Lastern bis zur höchsten Vollkommenheit aus. Schnelligkeit im Beobachten
+verbindet sich mit Fruchtbarkeit an Hilfsmitteln. Ohne Mühe eignet er
+sich den Ton jeder Sekte oder Faktion an, mit der ihn der Zufall
+zusammenführt. Er erkennt die Zeichen der Zeit mit einem Scharfblick,
+den die Menge wunderbar findet, mit einem Scharfblick, ähnlich dem eines
+alten Polizeimannes, welcher die schwächsten Anzeichen eines Verbrechen
+aufzufinden versteht, oder eines Mohawk-Kriegers, der in den Wäldern
+eine Spur verfolgt.
+
+Bei Staatsmännern von derartiger Bildung wird man aber freilich nur
+selten Redlichkeit und Ausdauer, oder eine von denjenigen Tugenden
+antreffen, welche dem edlen Stamme der Wahrheit entsprossen sind. Er
+besitzt weder Glauben an eine Lehre, noch Eifer für eine Angelegenheit.
+Vor seinen Augen sind so viele alte Institutionen untergegangen, daß er
+keine Achtung vor langem Bestehen kennt. Er hat so viele neue
+Einrichtungen, welche zu großen Erwartungen berechtigten, entstehen und
+Enttäuschung hervorbringen sehen, daß er keine Hoffnung auf den
+Fortschritt setzt; und diejenigen, welche ängstlich bemüht sind _zu
+erhalten_, verlacht er nicht minder wie die, welche es sich angelegen
+sein lassen _zu verbessern_. Es giebt im Staate nichts, zu dessen
+Erhaltung oder Vernichtung er nicht ohne alle Gewissensbisse und ohne
+Erröthen mitwirken könnte; treu zu bleiben seinen Überzeugungen und
+seinen Freunden, ist in seinen Augen Beschränktheit und Verkehrtheit;
+die Politik ist für ihn nicht eine Wissenschaft, die sich mit dem Wohle
+der Völker beschäftigt, sondern ein aufregendes Spiel des Zufalls und
+der Geschicklichkeit, in welchem der begünstigte Spieler ein Landgut,
+eine Adelskrone oder wohl gar eine Königskrone gewinnen, aber auch durch
+eine unüberlegte Bewegung Gut und Leben verlieren kann. Der Ehrgeiz,
+welcher in friedlichen Tagen bei guten Menschen eine halbe Tugend ist,
+wird jetzt, jedem edleren und menschenfreundlicheren Gefühle entfremdet,
+eine selbstsüchtige Begierde, fast so unedel, als die Habsucht. Unter
+den Staatsmännern, welche von der Restauration bis zum Regierungsantritt
+des Hauses Hannover sich an der Spitze der großen Parteien des
+Vaterlandes befunden haben, lassen sich nur sehr Wenige auffinden, deren
+Ruf nicht durch Eigenschaften befleckt ist, denen man in unserem
+Zeitalter die Namen von grober Untreue und Verdorbenheit geben würde. Es
+ist schwerlich eine Übertreibung, wenn man sagt, daß öffentliche Männer
+ohne alle Grundsätze, welche in neuerer Zeit an den Staatsgeschäften
+Theil genommen haben, als uneigennützig und gewissenhaft betrachtet zu
+werden verdienten, wollte man sie nach dem Maaßstabe beurtheilen, der in
+der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts geltend war.
+
+
+[_Zustand von Schottland._] Während diese Veränderungen der Politik,
+Religion und Sittlichkeit in England stattfanden, war die königliche
+Autorität ohne Schwierigkeit in allen übrigen Theilen der britischen
+Inseln wieder hergestellt worden. Schottland hatte die Restauration der
+Stuarts mit Freuden begrüßt, da man durch sie die Wiederherstellung der
+nationalen Unabhängigkeit erwartete. Und wirklich wurde das von Cromwell
+aufgelegte Joch dem Anscheine nach beseitigt; die Stände versammelten
+sich wiederum in dem alten Saale zu Edinburg, und die Senatoren des
+Justizkollegiums verwalteten wieder das schottische Recht in der
+früheren Form; aber die Unabhängigkeit des kleinen Königreichs bestand
+mehr dem Namen nach, als in der Wirklichkeit, indem der König, so lange
+er England auf seiner Seite hatte, eine Unzufriedenheit in den anderen
+Gebietstheilen nicht zu fürchten brauchte. Er befand sich jetzt in
+solcher Lage, daß er den Versuch, der seinen Vater in's Verderben
+stürzte, wiederholen konnte, ohne dessen Schicksal fürchten zu müssen.
+Karl I. hatte es versucht, seine eigene Religion durch königliche Gewalt
+den Schotten zu einem Zeitpunkte aufzudringen, da sowohl diese Religion,
+als auch die königliche Macht in England unpopulär waren, und nicht
+genug, daß ihm diese Absicht völlig mißglückte, kosteten die Unruhen,
+welche daraus entstanden, ihm zuletzt sogar noch Krone und Leben.
+Die Zeiten hatten sich geändert; England schwärmte für Monarchie und
+Prälatenthum, und deshalb konnte der Plan, dessen Anwendung vor einem
+Menschenalter höchst unklug gewesen sein würde, ohne erhebliche Gefahr
+für den Thron wieder aufgenommen werden. Die Regierung beschloß, in
+Schottland eine bischöfliche Kirche zu errichten; dieser Plan wurde aber
+von jedem vernünftigen Schotten gemißbilligt. Einige, mit Eifer für die
+Prärogative des Königs eingenommene schottische Staatsmänner waren als
+Presbyterianer erzogen, und wenn sie auch nicht durch Gewissensfragen
+beunruhigt wurden, so hatten sie doch eine Vorliebe für die Religion
+ihrer Kindheit, und wußten wohl, wie tief dieselbe in den Herzen ihrer
+Landsleute wurzelte. Mit Entschiedenheit erklärten sie sich gegen den
+Plan, als sie aber einsahen, daß es nichts fruchtete, fehlte es ihnen an
+der nöthigen Energie, um bei einer Opposition zu verharren, die ihren
+Landesherrn beleidigen mußte, und Mehre waren sogar ruchlos und
+niederträchtig genug, das Christenthum in einer Form zu _verfolgen_,
+welche sie in ihrem Gewissen für die reinste hielten. Die Einrichtung
+des schottischen Parlaments war der Art, daß es schwerlich selbst
+schwächeren Königen, als dem damals ziemlich machtlosen Karl, einen
+ernstlichen Widerstand entgegen gestellt haben würde. Das Episkopat ward
+daher durch Gesetze eingeführt, und was die Form des Gottesdienstes
+anlangte, so wurde dem Gutdünken des Klerus ein weiter Spielraum
+bewilligt. In einigen Kirchen wendete man die englische Liturgie an; in
+anderen wählten die Geistlichen aus dieser Liturgie diejenigen Gebete
+und Danksagungen aus, die aller Wahrscheinlichkeit nach dem Volke am
+wenigsten anstößig sein würden. Im Allgemeinen aber wurde am Schlusse
+des öffentlichen Gottesdienstes der Lobgesang angestimmt und bei der
+Taufe das apostolische Glaubensbekenntniß gesprochen. Der größte Theil
+des schottischen Volkes haßte die neue Kirche als eine abergläubische
+und ausländische, besudelt mit den Verderbnissen Roms, und als ein
+Zeichen der englischen Oberherrschaft. Trotzdem kam es zu keinem
+allgemeinen Aufstande; es war das Land nicht mehr, das es vor
+zweiundzwanzig Jahren gewesen. Unglücklicher Krieg und Fremdherrschaft
+hatten den Muth des Volkes gebrochen. Die Aristokratie, welche bei den
+mittleren und niederen Schichten des Volkes in hohem Ansehen stand,
+hatte die Bewegung gegen Karl I. geleitet, gegen Karl II. zeigte sie
+sich unterwürfig. Auf die Hilfe der englischen Puritaner konnte man
+nicht rechnen, sie waren eine schwache Partei, geächtet durch Gesetz und
+öffentliche Meinung. Nur mit Unmuth fügte sich daher die Masse des
+schottischen Volkes; bestürmt von bösen Ahnungen des Gewissens, wohnten
+sie dem Gottesdienste des bischöflichen Klerus oder derjenigen
+presbyterianischen Geistlichen bei, die sich hatten bereit finden
+lassen, von der Regierung eine halbe Duldung anzunehmen, die man
+Indulgenz nannte. Es gab aber besonders in dem westlichen Unterlande
+entschlossene und kühne Männer, welche der Meinung waren, die Pflicht,
+den Covenant zu halten, stehe höher, als die Pflicht, der Obrigkeit zu
+gehorchen. Dem Gesetz trotzend, ließen diese Leute sich nicht abhalten,
+Versammlungen zu veranstalten, um Gott nach ihrer Weise zu verehren. In
+der Indulgenz erblickten sie keineswegs eine Art Entschädigung für die
+Unbilden, welche die Kirche von der Obrigkeit erlitten, sondern ein
+neues und um so hassenswürdiges Unrecht, da man ihm das Ansehen einer
+Wohlthat geben wollte. Verfolgung, meinten sie, könne nur den Körper
+tödten, die schmachvolle Indulgenz aber vernichte die Seele. Als man sie
+aus den Städten vertrieb, sammelten sie sich in den Wäldern und
+Gebirgen; wurden sie von der bürgerlichen Macht angegriffen, so setzten
+sie der Gewalt unbedenklich Gewalt entgegen. Bei jedem Konventikel
+erschienen sie bewaffnet, und mehrmals erregten sie offenen Aufruhr. Sie
+wurden zwar ohne große Mühe besiegt, aber durch Niederlagen und Strafen
+stählte sich nur ihr Muth. Gehetzt wie wilde Thiere, gefoltert bis ihre
+Gebeine zermalmt waren, hundertweise in den Kerker geworfen, zu
+Zwanzigen aufgeknüpft, heute der Rohheit englischer Soldaten
+preisgegeben, morgen der Willkür hochländischer Räuberbanden überlassen,
+vertheidigten sie sich immer noch mit so entsetzlicher Wuth, daß der
+kühnste und mächtigste Unterdrücker Ursache hatte, ihren durch die
+Verzweiflung angefachten Muth zu fürchten.
+
+
+[_Zustand von Irland._] So war unter der Regierung Karls II. der Zustand
+von Schottland; aber Irland war nicht minder zerrüttet. Auf dieser Insel
+bestanden Fehden, welche sich mit den heftigsten Feindschaften der
+englischen Politiker nicht vergleichen ließen. Die Feindseligkeiten
+zwischen den irischen Cavalieren und den irischen Rundköpfen waren fast
+vergessen über der grimmigeren Feindschaft, welche zwischen der
+englischen und der celtischen Race wüthete. Die Kluft zwischen den
+Episkopalen und Presbyterianern verschwand, wenn man sie mit der
+verglich, welche Beide von den Papisten trennte. In den letzten
+bürgerlichen Unruhen war ein großer Theil des irischen Grundeigenthums
+von dem unterjochten Volke auf die Sieger übergegangen. Auf die Gunst
+der Krone konnten sowohl von den alten wie von den neuen Besitzern nur
+wenige Anspruch machen, denn die Plünderer wie die Geplünderten waren in
+der Mehrzahl Rebellen. Die Regierung wurde des Streites der beiden
+ergrimmten Parteien über entgegengesetzte Ansprüche und gegenseitige
+Beschuldigungen bald müde und überdrüssig. Diejenigen Kolonisten, unter
+welche Cromwell das eroberte Land vertheilt hatte, und deren Abkömmlinge
+man noch immer Cromwellianer nannte, gaben zu bedenken, daß die
+englische Nation unter jeder Dynastie, und die protestantische Religion
+in jeder Form, von den Ureinwohnern auf das Heftigste angefeindet würde.
+Sie schilderten mit Übertreibung die Gräuel, welche den Aufstand von
+Ulster geschändet hatten, sie beschworen den König, die Politik des
+Protektors mit Entschiedenheit zu verfolgen, und schämten sich nicht es
+auszusprechen, daß der Frieden in Irland nur dann bestehen könne, wenn
+der alte Volksstamm der Iren völlig vertilgt sein werde. Die Katholiken
+stellten ihr Vergehen möglichst gering dar und jammerten kläglich über
+die Härte ihrer Strafe, die auch in der That eben nicht gelind gewesen
+war. Sie baten Karl, die Unschuldigen nicht mit den Schuldigen zu
+verwechseln und erinnerten ihn, daß ein großer Theil der Schuldigen
+ihren Fehler dadurch gut gemacht, daß sie zu ihrer Pflicht zurückgekehrt
+waren und seine Rechte gegen die Henker seines Vaters in Schutz nahmen.
+Um die zwei zudringlichen Parteien, von denen keine auf seine Liebe
+Anspruch hatte, los zu werden, diktirte der Hof einen Vergleich,
+und befreite sich dadurch von der Plage. Das grausame, aber höchst
+praktische und energische System, durch welches Cromwell Irland durchweg
+englisch machen wollte, wurde aufgegeben, und die Cromwellianer
+veranlaßt, ein Drittel ihrer Erwerbungen herauszugeben. Das übergebene
+Land wurde willkürlich unter diejenigen Bewerber vertheilt, welche die
+Regierung begünstigen wollte. Eine Masse von Leuten aber, welche
+versicherten, daß sie sich keiner Illoyalität schuldig gemacht, und
+einzelne Personen, die sich rühmten, ihre Loyalität auf das Glänzendste
+bewiesen zu haben, erhielten weder Zurückerstattung noch Entschädigung,
+und erfüllten Frankreich und Spanien mit lauten Klagen über die
+Ungerechtigkeit und Undankbarkeit der Stuarts.
+
+
+[_Die Regierung in England wird unpopulär._] Selbst in England hatte um
+diese Zeit die Regierung aufgehört populär zu sein. Unter den
+Royalisten, und zwischen ihnen und dem Hofe, waren Zwistigkeiten
+entstanden; die besiegte und niedergetretene Partei aber, von der man
+glaubte, daß sie vernichtet sei, die jedoch eine zähe Lebenskraft besaß,
+erhob von Neuem das Haupt, und trat wiederum gerüstet hervor. Wenn auch
+die Verwaltung ohne Tadel gewesen wäre, so konnte doch die Begeisterung,
+mit der die Rückkehr des Königs und das Ende der Militärherrschaft
+begrüßt wurde, nicht von Dauer sein, denn es ist in der menschlichen
+Natur begründet, daß auf übermäßige Erregung immer Abspannung folgt.
+Die Art aber wie der Hof seinen Sieg mißbrauchte, führte eine rasche und
+vollständige Abkühlung herbei. Jeder Gemäßigte erschrak vor der
+Anmaßung, Hartherzigkeit und Treulosigkeit, mit der man die
+Nichtconformisten behandelte. Durch die Strafgesetze war die
+unterdrückte Partei vollständig von den heuchlerischen Mitgliedern
+gereinigt worden, welche sie in Mißcredit gebracht hatten; jetzt stand
+sie wieder als würdige und fromme Gemeinschaft da. Der Puritaner als
+Sieger, Gebieter, Verfolger und Sequestrator war ein Gegenstand des
+Hasses gewesen, aber der verrathene und gemißhandelte Puritaner,
+verlassen von allen falschen Freunden, die im Glücke ihn umgaben,
+vertrieben von seinem Hause, mit schweren Strafen bedroht, wenn er es
+wagte, seinem Gewissen gemäß zu beten und das Abendmahl zu empfangen,
+aber immer noch unerschütterlich in seinem Entschlusse, nur Gott,
+und nicht den Menschen zu gehorchen, war, trotz einiger unangenehmen
+Erinnerungen, jedem redlichen Gemüth ein Gegenstand des Mitgefühls und
+der Hochachtung. Diese Gefühle steigerten sich, als das Gerücht umlief,
+daß der Hof nicht gesonnen sei, die Katholiken ebenso streng zu
+behandeln, wie es den Presbyterianern widerfahren war. Es tauchte ein
+unbestimmter Verdacht auf, daß der König und der Herzog nicht aufrichtig
+protestantisch gesinnt seien. Viele, denen die Verschlossenheit und
+Heuchelei der Pharisäer der Republik widerlich gewesen war, empfanden
+jetzt noch größeren Abscheu vor der schamlosen Üppigkeit des Hofes und
+der Cavaliere, und neigten sich zu dem Zweifel hin, ob nicht die
+finstere Grübelei von »Preise Gott, Barebone« der abscheulichen
+Gottlosigkeit und den Ausschweifungen der Buckinghams und Sedley's
+vorzuziehen sei. Selbst sittenlose Menschen, denen es nicht gänzlich an
+Einsicht und Sinn für das Gemeinwohl fehlte, beklagten, daß die
+Regierung Dinge von höchster Wichtigkeit als Kleinigkeiten betrachte,
+dagegen Angelegenheiten ohne Bedeutung zu ernsten Geschäften mache. Man
+könne es einem Könige vergeben, wenn er seine Mußestunden durch Wein,
+Witz und Schönheit erheitere; aber unerträglich sei es, wenn er zu einem
+bloßen Tagediebe und Wollüstlinge sich erniedrige, wodurch das Interesse
+des Staates vernachlässigt sowie der Staatsdienst und die Finanzen in
+Noth und Unordnung gebracht würden, während liederliche Weiber und
+Schmarotzer sich bereicherten.
+
+Eine große Menge von Royalisten stimmten in diese Klagen ein, und
+setzten manche heftige Bemerkung über die Undankbarkeit des Königs
+hinzu. Freilich würde das ganze Einkommen desselben nicht hingereicht
+haben, sie alle nach Maaßgabe ihres Verdientes, wie sie es
+veranschlagten, zu belohnen, denn jedem Gentleman mit zerrüttetem
+Vermögen, der unter Ruprecht oder Derby gefochten hatte, erschienen
+seine Dienste ungemein wichtig und seine ertragenen Leiden
+außerordentlich hart. Ein Jeder hatte sich geschmeichelt, daß, wie es
+auch immer den Übrigen ergehen möchte -- wenigstens _er_ für Alles,
+was die bürgerlichen Unruhen ihm geraubt, eine reichliche Entschädigung
+erhalten, und der Herstellung der Monarchie die Verbesserung seiner
+eigenen zerrütteten Glücksumstände folgen würde. Keiner von diesen
+Erwartungsvollen vermochte seinen Unmuth zurückzuhalten, als er sah,
+daß er unter der Herrschaft des Königs eben so arm war, wie zur Zeit des
+Rumpfs, oder unter dem Protektor. Die Rücksichtslosigkeit und Üppigkeit
+des Hofes erregte den heftigsten Unwillen dieser loyalen Veteranen. Sie
+behaupteten nicht mit Unrecht, daß die Hälfte der Summen, welche der
+König an Concubinen und Hofnarren verschwende, die Herzen von vielen
+hundert alten Cavalieren erfreuen würde, welche, nachdem sie ihre Wälder
+gelichtet, und ihr Silbergeschirr eingeschmolzen, um seinem Vater zu
+unterstützen, jetzt in ärmlichen Kleidern herumgingen, und nicht wüßten,
+wie sie ihren Hunger stillen sollten.
+
+Um dieselbe Zeit fielen plötzlich die Renten. Das Einkommen jedes
+Grundeigenthümers verminderte sich um fünf Schillinge auf das Pfund.
+Der Nothruf der Landleute ließ sich aus jeder Grafschaft des Königreichs
+vernehmen, und, wie immer, ward die Regierung für diese Noth
+verantwortlich gemacht. Der niedere Adel, gezwungen seine Ausgaben auf
+einige Zeit zu beschränken, blickte mit Entrüstung auf den Glanz und die
+zunehmende Verschwendung in Whitehall, und war fest überzeugt, das Geld,
+welches zur Aufrechthaltung seines Wohlstandes bestimmt gewesen, sei
+durch einen unbegreiflichen Proceß in die Taschen der königlichen
+Günstlinge gewandert.
+
+Die Menschen waren jetzt in einer Stimmung, in der jeder öffentliche Akt
+Unzufriedenheit erregte. Karl hatte sich mit der Prinzessin Katharina
+von Portugal vermählt; diese Verbindung mißfiel aber allgemein, und das
+Murren ward noch hörbarer, als es sich herausstellte, daß der König
+muthmaßlich keine legitimen Nachkommen erhalten werde. Dünkirchen, das
+Cromwell Spanien entrissen, wurde an Ludwig XIV., Frankreichs König,
+verkauft, was allgemeinen Unwillen erregte. Die Engländer beobachteten
+bereits nicht ohne Besorgniß die Zunahme der französischen Macht, und
+betrachteten das Haus der Bourbons mit denselben Empfindungen, welche
+ihre Großväter gegen das Haus Österreich gehegt hatten. War es
+wohlgethan, fragte man, der Macht einer schon so gewaltigen Monarchie
+einen Zuwachs zu geben? -- Außerdem ward Dünkirchen von dem Volke nicht
+nur als Waffenplatz und als ein Schlüssel zu den Niederlanden, sondern
+auch als eine Trophäe englischer Tapferkeit geschätzt. Dünkirchen war
+für die Zeiten Karls, was Calais einer früheren Generation gewesen,
+und was der Felsen von Gibraltar, -- so ritterlich unheilvolle Jahre
+hindurch gegen die Flotten und Heere einer mächtigen Allianz
+vertheidigt, -- für uns ist. Die Rücksicht auf finanzielle Ursachen wäre
+ein Entschuldigungsgrund gewesen, wenn ihn eine sparsame Regierung
+geltend gemacht hätte; es war aber kein Geheimniß, daß die Kosten,
+welche Dünkirchen veranlaßte, ohne Bedeutung erschienen gegenüber den
+Summen, welche am Hofe in Ausschweifungen und Thorheiten vergeudet
+wurden. Es schien unerhört, daß ein Souverain, der in allen seinen
+Vergnügungen einer beispiellosen Verschwendung huldigte, den Knauser
+spielen wollte, wenn es die Wohlfahrt und Ehre des Vaterlandes galt.
+
+Die allgemeine Unzufriedenheit nahm zu, als es sich zeigte daß, während
+man Dünkirchen unter dem Vorwande der Sparsamkeit aufgab, die Festung
+Tanger, welche zur Mitgift der Königin Katharina gehörte, mit ungeheuren
+Kosten hergestellt und unterhalten wurde. An diesen Platz knüpften sich
+keine Erinnerungen des Nationalstolzes, und derselbe konnte in keiner
+Art das National-Interesse fördern. Durch ihn wurde England in einen
+ruhmlosen, nachtheiligen und unabsehbaren Krieg mit halbwilden
+arabischen Stämmen verwickelt, und er lag in einem für die Gesundheit
+und Kraft des englischen Volks höchst nachtheiligen Klima.
+
+
+[_Krieg mit den Holländern._] Das Murren aber, welches diese Fehlgriffe
+hervorriefen, war nicht zu vergleichen mit dem lauten Geschrei, das bald
+darauf sich erhob. Die Regierung begann einen Krieg mit den Vereinigten
+Provinzen. Das Haus der Gemeinen bewilligte mit größter Bereitwilligkeit
+unerhörte Summen, größer als die, welche die Flotten und Heere Cromwells
+zu einer Zeit kosteten, da seine Macht in aller Welt gefürchtet war. Die
+Verschwendung, Unredlichkeit und Unfähigkeit seiner Nachfolger waren so
+groß, daß diese Freigebigkeit sich schlimmer als nutzlos erwies. Die
+feigen Höflinge, ohne alle Befähigung den großen Männern
+entgegenzutreten, welche damals die holländischen Waffen befehligten,
+-- einem Staatsmann, wie de Witte, und einem General wie de Ruyter --
+suchten sich schnell zu bereichern, während die halbverhungerten
+Matrosen in Empörung ausbrachen, die Werfte unbeschützt, und die Schiffe
+leck und ohne Takelwerk waren. Jetzt beschloß man, die Offensive
+aufzugeben; aber sehr bald kam die Überzeugung, daß bei einer solchen
+Verwaltung selbst ein Vertheidigungskrieg nicht durchzuführen sei. Die
+holländische Flotte lief in die Themse ein, und vernichtete bei Chatham
+sämmtliche Kriegsschiffe. Es wurde erzählt, daß gerade an dem Tage
+dieser harten Demüthigung der König mit den Damen seines Serails bei
+Tafel gesessen, und sich damit amüsirt habe, eine Motte im Speisesaale
+herumzujagen. Das Andenken an Cromwell fand jetzt seine gerechte
+Anerkennung. Überall rühmte man seine Tapferkeit, seine Umsicht und
+seinen Patriotismus. Man erinnerte sich, wie unter seiner Herrschaft
+alle auswärtigen Mächte vor Englands Namen gezittert hatten, wie die
+jetzt so kecken Generalstaaten sein Haupt vor ihm gebeugt, wie bei der
+Nachricht von seinem Tode Amsterdam illuminirt worden, wie bei einer
+Errettung aus großer Gefahr, und daß die Kinder an den Kanälen
+umherliefen, vor Freude jauchzend, daß der Teufel gestorben sei. Selbst
+Royalisten erklärten unverholen, die Rettung des Staates sei nur dadurch
+zu bewerkstelligen, daß man die alten Krieger der Republik zu den Waffen
+rufe. Bald fühlte die Hauptstadt alle Drangsale einer Blokade.
+Feuerungsmaterial war kaum zu erlangen. Tilbury Fort, wo einst Elisabeth
+mit männlichem Muthe gegen Spanien und Parma schnöden Spott
+geschleudert, wurde von den Holländern insultirt. Es war das erste, aber
+auch das letzte Mal, wo Londons Bürger den Donner fremder Geschütze
+vernahmen. Im Staatsrathe wurde der ernstliche Vorschlag gemacht, beim
+Anrücken des Feindes den Tower preiszugeben. Das Volk durchzog in Masse
+die Straßen, und rief, daß England verrathen und verkauft sei. Die
+Paläste und Equipagen der Minister wurden vom Pöbel angegriffen, und es
+erhielt ganz den Anschein, daß die Regierung zugleich mit der Invasion
+auch einen Volksaufstand zu fürchten haben werde. Die größte Gefahr zog
+allerdings bald vorüber; es wurde ein Vertrag abgeschlossen, ganz
+abweichend von denen, welche Cromwell zu unterzeichnen pflegte, und noch
+einmal kehrte der Frieden einer Nation zurück, die sich in einer ebenso
+gereizten und niedergedrückten Stimmung befand, wie in den Tagen des
+Schiffsgeldes.
+
+Die Unzufriedenheit, welche die schlechte Verwaltung hervorrief, ward
+noch durch Unfälle vermehrt, die auch die beste Verwaltung nicht hätte
+beseitigen können. Während der schimpfliche Krieg mit Holland geführt
+wurde, erfuhr London zwei Unglücksfälle, von denen in so kurzem
+Zeitraume noch nie eine Stadt betroffen worden war. Eine Seuche, an
+Furchtbarkeit alle überbietend, welche im Laufe von drei Jahrhunderten
+die Insel heimgesucht hatten, kostete binnen sechs Monaten mehr als
+hunderttausend Menschen das Leben, und kaum hatte der Leichenwagen seine
+Thätigkeit beendet, als eine Feuersbrunst, wie sie seit dem Brande Roms
+unter Nero Europa nicht erlebt, die ganze City, vom Tower bis zum
+Tempel, und von dem Flusse bis zu den Bezirken von Smithfield in einen
+Aschenhaufen verwandelte.
+
+
+[_Opposition in dem Hause der Gemeinen._] Hätte man, während die Nation
+unter so viel Schande und Drangsal fast erlag, eine allgemeine Wahl
+vorgenommen, so würden nach aller Wahrscheinlichkeit die Rundköpfe
+wieder zur Herrschaft im Staate gelangt sein; das Parlament war aber
+noch immer das Cavalierparlament, welches in dem ersten Loyalitätstaumel
+gewählt worden, der auf die Restauration folgte. Es ward jedoch bald
+offenbar, daß keine gesetzgebende Versammlung in England, wäre sie auch
+noch so loyal, sich begnügen würde, blos das zu sein, was dergleichen
+Versammlungen zur Zeit der Tudors gewesen waren. Vom Tode Elisabeths bis
+zum Beginn des Bürgerkrieges hatten die Puritaner, welche in dem
+volksvertretenden Körper überwiegend waren, durch eine geschickte
+Anwendung der Macht des Geldes Übergriffe in das Gebiet der exekutiven
+Regierung gethan. Die Herren, welche nach Ausführung der Restauration
+das Unterhaus einnahmen, haßten zwar die Puritaner, waren aber gar nicht
+böse, die Früchte der puritanischen Staatskunst zu erben. Allerdings
+hatten sie den besten Willen, die Gewalt, welche ihnen im Staate
+geworden, zu dem Zwecke zu verwenden, ihrem König sowohl daheim, wie im
+Auslande, Macht und Ansehen zu verschaffen; sie waren aber auch
+entschlossen, ihre eigene Macht nicht aufzugeben. Die große englische
+Revolution des siebzehnten Jahrhunderts, nämlich die Übertragung der
+Oberleitung der ausführenden Verwaltung von der Krone auf das Haus der
+Gemeinen, war während des ganzen langen Bestehens dieses Parlaments in
+ruhigem, aber schnellem und entschlossenem Fortschreiten. Karl gerieth
+durch seine Thorheiten und Laster beständig in Geldverlegenheit. Nur
+durch die Gemeinen konnte er auf gesetzlichem Wege Geld erlangen, und es
+ließ sich nicht verhindern, daß sie selbst einen Preis für ihre
+Bewilligung festsetzten. Dieser bestand darin, daß es ihnen erlaubt sei,
+sich in alle Prärogativen des Königs zu mischen, ihm die Zustimmung zu
+Gesetzen, welche er mißbilligte, abzuzwingen, Cabinete aufzulösen, den
+Gang der auswärtigen Politik vorzuschreiben und selbst die Kriegsführung
+zu leiten. Der königlichen Würde und der Person des Souverains
+versprachen sie laut und offenherzig die treueste Anhänglichkeit.
+Clarendon aber waren sie keine Unterthanentreue schuldig, und so griffen
+sie ihn mit einer so heftigen Entrüstung an, wie ihre Vorgänger einst
+Strafford.
+
+
+[_Sturz Clarendons._] Die guten Eigenschaften, wie die Fehler dieses
+Staatsmannes beförderten gleichmäßig seinen Sturz. Er war das Haupt der
+Verwaltung, und wurde deshalb selbst für solche Handlungen
+verantwortlich gemacht, denen er in der Rathsversammlung lebhaften, wenn
+auch nutzlosen Widerstand entgegengestellt hatte. Die Puritaner und
+Alle, welche diese bemitleideten, hielten ihn für einen
+unverbesserlichen Zeloten, für einen zweiten Laud, nur mit mehr Verstand
+begabt als dieser. Er hatte stets behauptet, daß man die Amnestieakte
+streng handhaben müsse, und obgleich dieser Theil seines Verhaltens
+höchst ehrenwerth für ihn erschien, so verfeindete derselbe ihn doch mit
+allen Royalisten, welche ihren zerrütteten Verhältnissen durch Klagen
+gegen die Rundköpfe wegen erlittener Verluste und entzogener Nutzungen
+wieder aufzuhelfen wünschten. Die Presbyterianer Schottlands
+beschuldigten ihn des Sturzes ihrer Kirche, die irländischen Papisten
+warfen ihm den Verlust ihrer Güter vor. Als Vater der Herzogin von York
+hatte er gegründete Ursachen, eine unfruchtbare Königin zu wünschen, und
+kam daher in den Verdacht, absichtlich eine solche empfohlen zu haben.
+Den Verkauf Dünkirchens machte man ihm mit Recht zum Vorwurf; die Schuld
+an dem holländischen Kriege aber ward ihm mit weniger Grund zur Last
+gelegt. Sein reizbares Temperament, sein stolzes Benehmen, die maßlose
+Sucht, Reichthümer zu erwerben, die prahlerische Art mit der er
+dieselben wieder verschwendete, seine mit den Meisterstücken van Dyks
+gefüllte Gemäldegallerie -- dem früheren Eigenthume verarmter Cavaliere,
+-- sein Palast, dessen lange stattliche Fronte sich der bescheidenen
+Wohnung des Königs gegenüber erhob, unterwarfen ihn vielem
+wohlverdienten, jedoch auch manchem ungerechten Tadel. Als die
+holländische Flotte in der Themse ankerte, richtete sich die Wuth des
+Pöbels hauptsächlich gegen den Kanzler. Man warf ihm die Fenster ein,
+vernichtete die Bäume seines Gartens, und errichtete vor dem Eingange
+seines Palastes einen Galgen. Am verhaßtesten war er dem Hause der
+Gemeinen. Er war nicht fähig, zu erkennen, daß die Zeit schnell
+heranrückte, wo dieses Haus, wenn es überhaupt fortbestand, die
+Oberherrschaft im Staate erlangen, daß die Leitung desselben ein
+wichtiger Zweig der Staatsgeschäfte werden, und daß es unmöglich sein
+würde, ohne den Beistand von Männern, welche das Vertrauen des Hauses
+besaßen, das Ruder des Staatsschiffs zu führen. Er ließ sich nicht davon
+abbringen, das Parlament als eine Corporation zu betrachten, die in
+keiner Hinsicht von jenem Parlamente abweiche, welches vor vierzig
+Jahren existirte, als er im Temple dem Studium der Rechtswissenschaft
+oblag. Zwar beabsichtigte er nicht, die gesetzgebende Versammlung der
+Vorrechte zu berauben, welche die alte Verfassung Englands ihr
+bewilligt; aber die neue Ausdehnung derselben, wenn auch natürlich und
+unvermeidlich, und nur durch ihre völlige Vernichtung abzuwenden,
+erfüllte ihn mit Widerwillen und Unruhe. Nie würde er sich entschlossen
+haben, das große Siegel unter eine Verordnung zur Erhebung von
+Schiffsgeld zu drücken, oder im Rathe seine Zustimmung dazu zu geben,
+daß ein Mitglied des Parlaments auf Grund von Äußerungen während der
+Debatte in den Tower geschickt werden könne; als aber die Gemeinen zu
+wissen verlangten, wozu das Geld, welches sie für den Krieg bewilligt,
+verwendet worden sei, als sie anfingen die schlechte Verwaltung der
+Flotte zu untersuchen, da gerieth er vor Unwillen außer sich. Er war der
+Ansicht, daß dergleichen Nachforschungen außerhalb ihrer Berechtigung
+lägen und gab zwar zu, daß das Haus eine sehr loyale Versammlung sei,
+die der Krone recht ersprießliche Dienste geleistet, und daß seine
+Absichten ganz vortrefflich sein könnten, aber in weiteren und engeren
+Kreisen sprach er unverholen sein Bedauern aus, daß der Monarchie
+aufrichtig ergebene Gentlemen mit solcher Unbedachtsamkeit die Vorrechte
+des Souverains antasteten. Wenn auch anderer Gesinnung als die
+Mitglieder des Langen Parlaments, handelten sie doch -- sagte er -- wie
+dieses Parlament, indem sie Angelegenheiten zu den ihrigen machten,
+welche, außerhalb des Wirkungskreises der Reichsstände, nur lediglich
+der Autorität der Krone unterlägen. Er versicherte, der Staat werde sich
+nie einer guten Regierung erfreuen, bis die Abgeordneten der
+Grafschaften sich damit begnügten, nicht mehr zu sein, als ihre
+Vorgänger zur Zeit Elisabeths. Alle Vorschläge, welche von Männern, die
+ihre Zeit besser erkannt hatten als er, zu dem Zwecke gemacht wurden,
+ein Einverständniß zwischen dem Hofe und den Gemeinen herbeizuführen,
+wies er als unreife Projecte, die mit den alten englischen
+Staatsverhältnissen nicht harmonirten, verächtlich zurück. Junge
+Sprecher, welche im Unterhause zu Ansehen und Auszeichnung gelangten,
+behandelte er abstoßend, und machte sich dieselben fast ohne Ausnahme
+dadurch zu unversöhnlichen Feinden. Ohne Zweifel war einer seiner
+größten Fehler die maßlose Verachtung der Jugend, und es war dieselbe um
+so weniger zu rechtfertigen, da seine eigene diplomatische Erfahrung in
+englischen Regierungsangelegenheiten, durchaus in keinem Verhältnisse zu
+seinen Jahren stand, indem er einen großen Theil seines Lebens im
+Auslande zugebracht und von der Welt, in der er sich nach seiner
+Rückkehr bewegte, nicht so viel wußte, als Leute, welche dem Alter nach
+seine Söhne sein konnten.
+
+Aus diesen Gründen war er den Gemeinen verhaßt, und aus anderen Gründen
+auch bei Hofe nicht beliebt. Seine Moral wie seine Politik erinnerten an
+eine frühere Generation. Selbst als junger Student der Rechte, wo er mit
+so vielen witzigen und vergnügungslustigen Menschen umging, hatten ihn
+sein natürlicher Ernst und seine frommen Grundsätze fast ganz vor der
+Ansteckung der Modethorheiten bewahrt; um so weniger war er geeignet,
+im höheren Alter und bei schwankender Gesundheit noch ein Wüstling zu
+werden. Mit bitterem und verächtlichem Widerwillen betrachtete er die
+Lasterhaftigkeit der ausgelassenen Jugend, sowie er nicht minder die
+tiefste Abneigung gegen die theologischen Irrthümer der Sectirer hegte.
+Er benutzte jede Gelegenheit, um seinen Haß gegen Possenreißer,
+Schwelger und Buhlerinnen auszusprechen, welche den Palast erfüllten,
+und die Warnungen, die er gegen den König aussprach, waren nicht nur
+sehr scharf, sondern auch, was Karl noch ärgerlicher war, sehr lang. Es
+fand sich Niemand, der einem Minister beistand, dem man den doppelten
+Vorwurf machte, Fehler zu besitzen, welche die Wuth des Volkes
+erweckten, und Tugenden, welche dem Monarchen beschwerlich und
+unangenehm waren. Southampton war gestorben; Ormond stand dem Freunde
+mannhaft und treu, aber fruchtlos zur Seite. Der Kanzler fiel in die
+tiefste Ungnade. Der König nahm ihm das Siegel ab, die Gemeinen
+versetzten ihn in Anklagestand, sein Kopf war nicht mehr sicher, er
+entfloh aus England und wurde durch eine Akte zu ewiger Verbannung
+verurtheilt; die aber, welche seinen Fall herbeigeführt, begannen sich
+um die Trümmer seiner Gewalt zu streiten.
+
+Durch Clarendon's Hinopferung war der öffentliche Rachedurst etwas
+abgekühlt; doch war die Entrüstung über die Verschwendung und
+Nachlässigkeit der Regierung, so wie über den schlechten Ausgang des
+letzten Krieges noch keineswegs beschwichtigt. Die Räthe des Königs,
+denen das Schicksal des Kanzlers vorschwebte, fürchteten für ihre eigene
+Sicherheit. Sie beschworen deshalb den Herrscher, die Aufregung, welche
+im Parlamente wie im ganzen Lande herrschte, zu besänftigen und einen
+Schritt zu thun, der in der Geschichte des Hauses Stuart ohne Beispiel
+ist und der Klugheit und Hochherzigkeit eines Cromwell würdig gewesen
+wäre.
+
+
+[_Zustand der europäischen Staatsangelegenheiten und Überlegenheit
+Frankreichs._] Wir sind jetzt bei dem Punkte angekommen, wo die
+Geschichte der großen, englischen Revolution anfängt, sich mit der
+Geschichte der auswärtigen Staatsangelegenheiten zu verflechten. Die
+spanische Macht war seit vielen Jahren im Abnehmen begriffen. Spanien
+besaß zwar in Europa noch Mailand, die beiden Sicilien, Belgien und die
+Franche Comté, und in Amerika lagen seine Besitzungen zu beiden Seiten
+des Äquators noch weit über die beiden Grenzen der heißen Zone hinaus;
+allein dieser große Körper war gelähmt, und nicht nur ohne Macht, andere
+Staaten zu belästigen, sondern auch außer Stande, ohne Unterstützung
+einen Angriff auszuhalten. Frankreich war jetzt ohne Zweifel die
+bedeutendste Macht Europa's. Seit jener Zeit haben seine Hilfsquellen
+unbedingt zugenommen, aber nicht so schnell wie die Hilfsquellen
+Englands. Auch darf man nicht vergessen, daß vor einhundertachtzig
+Jahren das russische Kaiserreich -- jetzt eine Monarchie ersten Ranges
+-- ebensoweit außer dem Bereich der europäischen Politik lag, wie
+Abyssinien oder Siam, daß das brandenburgische Haus damals kaum
+bedeutender war, als jetzt das Haus Sachsen, und daß die Republik der
+Vereinigten Staaten von Amerika zu jener Zeit noch nicht existirte. Die
+Bedeutung Frankreichs hat sich demnach, obgleich sie noch immer sehr
+groß ist, relativ vermindert. Zu den Zeiten Ludwigs XIV. war Frankreichs
+Gebiet noch nicht ganz so ausgebreitet wie gegenwärtig, aber es war ein
+großes, abgeschlossenes, fruchtbares Land, zum Angriff wie zur
+Vertheidigung trefflich geeignet, in einem glücklichen Klima gelegen,
+und bewohnt von einem tapferen, gewerbfleißigen und geistreichen Volke.
+Der Staat gehorchte völlig der Leitung eines einzigen Geistes. Die
+großen Lehen, welche in Allem -- den Namen ausgenommen -- souveraine
+Fürstenthümer gewesen, waren Eigenthum der Krone geworden. Nur wenige
+hochbetagte Leute erinnerten sich noch der letzten Versammlung der
+Generalstaaten. Den Widerstand, den die Hugenotten, der Adel und die
+Parlamente der königlichen Macht entgegengestellt, war durch die beiden
+großen Cardinäle vernichtet, welche vierzig Jahre lang die Nation
+beherrscht hatten. Die Regierung war jetzt despotisch, aber wenigstens
+im Verkehr mit den höheren Ständen war dieser Despotismus ebenso mild
+als großmüthig, und gemäßigt durch ritterliche Gesinnungen und feine
+Sitte. Die Mittel, über welche der Souverain gebieten konnte, waren für
+jene Zeit von ungeheurer Bedeutung. Sein Einkommen, erhöht durch eine
+allerdings etwas harte und ungeregelte Besteuerung, welche drückend auf
+dem Landmann lastete, überstieg bei weitem das jedes anderen Herrschers;
+seine vorzüglich disciplinirte und von den größten damals lebenden
+Generälen befehligte Armee zählte bereits mehr als hundertzwanzigtausend
+Mann. Eine solche regulaire Truppenmacht war seit dem Untergange des
+römischen Kaiserreiches in Europa nicht gesehen worden. Unter den
+Seemächten nahm Frankreich zwar nicht den ersten Rang ein; aber wenn es
+auch Rivalen auf dem Meere hatte, so wurde es doch von keinem
+übertroffen. Seine Macht während der letzten vierzig Jahre des
+siebzehnten Jahrhunderts war so bedeutend, daß ein einzelner Feind ihm
+unmöglich widerstehen konnte und daß zwei mächtige Coalitionen, zu denen
+sich die halbe christliche Welt gegen Frankreich verbunden hatte, nichts
+auszurichten vermochten.
+
+
+[_Charakter Ludwigs XIV._] Die Achtung, welche Frankreichs Macht und
+Bedeutung einflößten, wurden noch durch die persönlichen Eigenschaften
+seines Königs erhöht. Kein Souverain hat jemals die Majestät eines
+großen Staates mit mehr Würde und Anstand vertreten, als er. Er war sein
+eigener Premierminister, und besorgte die Obliegenheiten dieser
+schwierigen Stellung mit einer Gewandtheit und einem Fleiße, die man in
+der That kaum von einem Manne hätte erwarten sollen, der schon in den
+Jahren der Kindheit Frankreichs Krone trug und von Schmeichlern umgeben
+war, ehe er noch sprechen konnte. Er besaß in ausgezeichnetem Grade zwei
+für einen Fürsten unschätzbare Talente, nämlich seine Diener passend zu
+wählen, und sich selbst den größeren Theil des Ruhmes ihrer Thätigkeit
+anzueignen. In seinem Verkehr mit auswärtigen Mächten zeigte er einigen
+Großmuth, aber keine Gerechtigkeit. Unglückliche Bundesgenossen, welche
+mit der einzigen Hoffnung auf sein Mitleid sich ihm zu Füßen warfen,
+beschützte er mit einer chevaleresken Uneigennützigkeit, die sich besser
+für einen irrenden Ritter schickte, als für einen Staatsmann; die
+heiligsten Bande der Treue aber galten ihm nichts, und er zerriß sie
+ohne Scham und Scheu, sobald sie seinem Interesse, oder dem was er Ruhm
+nannte, widerstritten. Doch diese Treulosigkeit und Gewaltthätigkeit
+waren weniger verletzend als der Übermuth, mit dem er seine Nachbarn
+unaufhörlich an seine eigene Erhabenheit und ihre Bedeutungslosigkeit
+erinnerte. Damals zeigte er noch nicht die finstre Frömmigkeit, welche
+in späterer Zeit dem französischen Hofe das Aussehen eines Klosters gab;
+er war im Gegentheil ebenso ausschweifend, wenn auch nicht so kindisch
+und träge wie sein Bruder von England. Doch war er ein aufrichtiger
+Katholik, und nicht nur sein Gewissen, sondern auch seine Eitelkeit
+veranlaßten ihn, seine Gewalt nach Art seiner berühmten Vorgänger,
+Chlodwig, Karl der Große und Ludwig der Heilige, zur Verherrlichung und
+Ausbreitung des wahren Glaubens zu verwenden.
+
+Unsere Väter blickten freilich mit ernster Besorgniß auf Frankreichs
+wachsende Macht. Aber diese an sich völlig gerechtfertigte Empfindung
+war nicht frei von anderen, weniger lobenswerthen Gefühlen. Frankreich
+war unser Erbfeind. Gegen Frankreich hatten wir die ruhmvollsten
+Schlachten geschlagen, von denen unsere Geschichte erzählte. Zweimal war
+Frankreich von den Plantagenets erobert worden, und den Verlust
+Frankreichs hatte man lange als ein großes Nationalunglück betrachtet.
+Noch trugen unsere Souveraine den Titel eines Königs von Frankreich,
+noch prangten die französischen Lilien, verbunden mit unseren eigenen
+Löwen, im Wappenschilde des Hauses Stuart. Die Furcht vor Spanien hatte
+im sechzehnten Jahrhundert das feindselige Verhältniß unterbrochen, das
+von Alters her zwischen uns und Frankreich bestand. Die Furcht aber,
+welche Spanien einflößte, machte bald einem verächtlichen Mitleide
+Platz, und Frankreich trat wieder als alter Nationalfeind hervor. Der
+Verkauf Dünkirchens war die am allgemeinsten verschrieene Maßregel des
+wieder eingesetzten Königs gewesen, und Anhänglichkeit an Frankreich
+stand an der Spitze aller Verbrechen, deren die Gemeinen Clarendon
+beschuldigten. Selbst in Geringfügigkeiten zeigte sich die allgemeine
+Stimmung. Wenn in den Straßen von Westminster eine Rauferei zwischen den
+Dienern der französischen und spanischen Gesandtschaften stattfand,
+so gab das Volk, obgleich an jeder thätlichen Theilnahme kräftigst
+gehindert, doch die unzweideutigsten Zeichen, daß der alte Haß noch
+nicht erloschen war.
+
+Frankreich und Spanien lagen eben in ernstem Streite mit einander. Eine
+der Hauptabsichten der Politik Ludwigs war sein ganzes Leben hindurch
+die Ausdehnung seiner Besitzungen bis an den Rhein. Aus diesem Grunde
+hatte er Spanien den Krieg erklärt und befand sich jetzt auf dem Wege
+der Eroberung. Die Vereinigten Provinzen gewahrten mit Besorgniß die
+Fortschritte seiner Waffen. Diese berühmte Föderation hatte den Gipfel
+der Macht, der Wohlfahrt und des Glückes erreicht. Das batavische
+Gebiet, den Wogen entrissen und durch menschliche Kunst gegen sie
+vertheidigt, war an Ausdehnung dem Fürstenthum Wales ziemlich gleich;
+aber dieser enge Raum glich einem geschäftigen und dicht bevölkerten
+Bienenstock, in welchem unaufhörlich neuer Reichthum geschaffen wurde
+und eine Masse alter Schätze aufgehäuft waren. Der Anblick von Holland,
+die vortreffliche Bodenkultur, die zahllosen Kanäle, die immer thätigen
+Mühlen, die endlosen Flotten von Barken, das rasche Aufblühen großer
+Städte, die beständig mit zahllosen Masten bespickten Häfen, die
+geräumigen stattlichen Häuser, die prachtvollen Villas, die
+reichgeschmückten Zimmer, die Gemäldesammlungen, die Landhäuser, die
+Tulpenbeete: dies Alles übte auf die englischen Reisenden einen Zauber
+aus, wie ihn der erste Anblick Englands auf einen Norweger oder Canadier
+hervorbringen mag. Cromwell hatte die Generalstaaten gezwungen sich vor
+ihm zu beugen; nach der Restauration aber hatten sie sich gerächt, mit
+Erfolg gegen Karl Krieg geführt, und einen ehrenvollen Frieden
+geschlossen. In so hohem Ansehen jedoch die reiche Republik in Europa
+stand, Ludwigs Macht war ihr überlegen. Nicht ohne guten Grund fürchtete
+sie, daß er sein Gebiet bald bis an ihre Grenzen ausdehnen werde, und
+sie hatte wohl Ursache, die unmittelbare Nachbarschaft eines ebenso
+mächtigen und ehrgeizigen, als gewissenlosen Monarchen zu scheuen. Es
+war jedoch schwer ein Mittel aufzufinden, welches die Gefahr beseitigen
+konnte. Die Holländer allein konnten Frankreich nicht die Wage halten,
+und von der Rheinseite her war keine Hilfe zu erwarten. Ludwig hatte
+verschiedene deutsche Fürsten für sich gewonnen, und der Kaiser selbst
+war durch die Unzufriedenheit der Ungarn beschäftigt. England hatte sich
+durch die Erinnerung an neuerdings erfahrene und erduldete schwere
+Beleidigungen von den Vereinigten Provinzen getrennt, und seine Politik
+war seit der Restauration so arm an Weisheit und Muth gewesen, daß man
+kaum auf eine wirksame Unterstützung von seiner Seite hoffen konnte.
+
+Das Schicksal Clarendons und die überhandnehmende üble Stimmung des
+Parlaments bestimmten die Räthe Karls, plötzlich eine Politik zu
+ergreifen, welche die Nation in das freudigste Erstaunen versetzte.
+
+
+[_Die Tripleallianz._] Der englische Resident zu Brüssel, Sir William
+Temple, einer der erfahrensten Diplomaten und beliebtesten
+Schriftsteller jener Zeit, hatte seinem Hofe bereits vorgeschlagen, daß
+es eben so vortheilhaft als erwünscht sei, mit den Generalstaaten in
+Vernehmen zu treten, um der anwachsenden Macht Frankreichs einen Damm
+entgegen zu setzen. Längere Zeit hatte man seine Winke unberücksichtigt
+gelassen, jetzt aber hielt man es für angemessen, ihnen Folge zu
+leisten, und er bekam den Auftrag, mit den Generalstaaten deshalb zu
+unterhandeln. Er begab sich nach dem Haag, und kam bald zu einem
+Verständniß mit Johann de Witt, dem damaligen Premierminister Hollands.
+Schweden war, trotz seiner unbedeutenden Hilfsquellen, vierzig Jahre
+vorher durch das Genie Gustav Adolfs zu einem hohen Ansehen unter den
+europäischen Mächten gelangt, und hatte diese Stellung bis jetzt
+behauptet. Es wurde veranlaßt, sich bei dieser Gelegenheit mit England
+und den Niederlanden zu verbinden. So ward jene Koalition gebildet, die
+unter dem Namen der Tripleallianz bekannt ist. Ludwig ließ wohl Verdruß
+und Gereiztheit merken, wagte es aber nicht, sich neben der Feindschaft
+Spaniens auch noch die der Verbündeten zuzuziehen. Er gab daher willig
+einen bedeutenden Theil des Gebietes auf, das seine Heere bereits
+erobert hatten, der Friede ward in Europa hergestellt, und die englische
+Regierung, noch kürzlich ein Gegenstand allgemeiner Verachtung, wurde
+einige Monate lang von den auswärtigen Mächten mit fast eben so hoher
+Achtung angesehen, als man früher dem Protektor gezollt hatte.
+
+In England war die Tripleallianz höchst populär. Sie befriedigte sowohl
+den Nationalhaß wie den Nationalstolz, setzte dem Übermuthe eines
+mächtigen und ehrgeizigen Nachbars ein Ziel, und verband auf das
+Innigste die wichtigsten protestantischen Staaten. Cavaliere und
+Rundköpfe waren vollkommen zufrieden, aber die Freude der Rundköpfe war
+noch größer als die der Cavaliere, denn England hatte sich jetzt mit
+einem Lande von republikanischer Verfassung und presbyterianischer
+Religion gegen einen Staat verbündet, der von einem absoluten Fürsten
+regiert ward, welcher der römisch-katholischen Kirche ergeben war.
+Das Haus der Gemeinen zollte dem Vertrage lauten Beifall, und einige
+rücksichtslose Unzufriedene nannten ihn die einzige gute Maßregel,
+welche seit der Rückkehr des Königs ausgeführt worden sei.
+
+
+[_Die Vaterlandspartei._] Dem Könige aber war diese Billigung des
+Parlaments und Volks höchst gleichgültig. In der Tripleallianz sah er
+blos ein vorübergehendes Mittel zur Beschwichtigung der herrschenden
+Unzufriedenheit, welche einen ernsten Charakter anzunehmen schien. Er
+bekümmerte sich weder um die Selbstständigkeit und Sicherheit, noch um
+die Würde der Nation, über die er herrschte, und hatte angefangen, die
+verfassungsmäßigen Beschränkungen lästig zu finden. Schon hatte sich im
+Parlamente eine fest zusammenhaltende Partei gebildet, welche man die
+Vaterlandspartei nannte. Diese bestand aus allen öffentlichen Männern,
+welche sich zum Puritanismus und Republikanismus hinneigten, und von
+denen Viele zwar der englischen Kirche und erblichen Monarchie zugethan,
+aber aus Furcht vor dem Papstthum und Entrüstung über die Verschwendung,
+Üppigkeit und Treulosigkeit des Hofes zur Opposition genöthigt waren.
+Die Macht dieses Vereins von Staatsmännern war in stetem Wachsthum;
+alljährlich kamen einige von den Mitgliedern, welche durch die loyale
+Aufregung des Jahres 1661 in das Parlament gekommen waren, in Wegfall,
+und die erledigten Plätze wurden durch weniger fügsame Personen besetzt.
+Karl betrachtete sich nicht als König, so lange noch eine Versammlung
+von Unterthanen, ehe sie seine Schulden bezahlte, seine Rechnungen
+verlangen und darauf bestehen konnte, daß er erklärte, wer von seinen
+Maitressen oder lustigen Gesellschaftern das Geld weggefischt habe,
+welches zur Ausrüstung und Bemannung der Flotte bestimmt gewesen war.
+Wenn er auch nicht gerade nach Ruhm geizte, so verdrossen ihn doch die
+Spöttereien, welche bisweilen in den Verhandlungen der Gemeinen
+vorkamen, und bei einer Gelegenheit versuchte er durch ein sehr schlecht
+gewähltes Mittel diese Redefreiheit zu beschränken. Sir John Coventry,
+ein Landedelmann, hatte in der Debatte auf die Liederlichkeit des Hofes
+angespielt. Jede frühere Regierung würde ihn vor den Geheimen Rath
+gefordert und in den Tower geschickt haben; jetzt aber wählte man einen
+anderen Weg. Man sandte heimlich eine Rotte von Raufbolden ab, welche
+dem Beleidiger die Nase aufschlitzen mußten. Diese gemeine Rache
+verursachte, anstatt dem Geiste der Opposition zu schaden, eine solche
+Aufregung, daß der König sich zu der harten Demüthigung genöthigt sah,
+die Werkzeuge seiner Rache durch eine Akte zu verurtheilen, welche ihm
+das Begnadigungsrecht entzog.
+
+Wie sehr er aber auch gegen die verfassungsmäßigen Schranken eingenommen
+war, was sollte er thun, um sich von ihnen zu befreien? Er konnte sich
+nur vermittelst einer großen stehenden Armee zum Despoten machen, aber
+eine solche existirte nicht. Seine Einkünfte erlaubten ihm zwar einige
+reguläre Truppen zu halten, aber diese, wenn auch stark genug,
+um Mißtrauen und Besorgniß im Hause der Gemeinen wie im Volke
+hervorzurufen, waren kaum hinreichend, um Whitehall und den Tower gegen
+einen Aufstand des Londoner Pöbels zu vertheidigen. Solche Aufstände
+waren allerdings bedenklicher Art, denn es wurde berechnet, daß in der
+Hauptstadt und ihren Vorstädten nicht weniger als zwanzigtausend alte
+Cromwellsche Soldaten lebten.
+
+
+[_Verbindung zwischen Karl II. und Frankreich._] Da der König die
+Absicht hatte, sich von der Aufsicht des Parlaments zu befreien, und er
+zu diesem Unternehmen keine angemessene Hilfe im Innern zu finden hoffen
+konnte, so war es natürlich, daß er den Blick zu diesem Behufe nach dem
+Auslande richtete. Die Macht und der Reichthum des französischen Königs
+konnten der schwierigen Aufgabe gewachsen sein, die unbeschränkte
+Monarchie in England einzuführen. Ein solcher Bundesgenosse verlangte
+aber jedenfalls starke Beweise der Dankbarkeit für einen derartigen
+Dienst, Karl hätte zu der Bedeutung eines großen Vasallen herabsteigen,
+und Krieg und Frieden nach Vorschrift der Regierung beschließen müssen,
+welche ihm ihren Schutz gewährte. Seine Stellung zu Ludwig würde große
+Ähnlichkeit mit der gehabt haben, in der sich jetzt der Rajah von
+Nagpore und der König von Oude zur britischen Regierung befinden. Diese
+Fürsten sind verpflichtet, die Ostindische Kompagnie in allen Angriffs-
+und Vertheidigungskriegen zu unterstützen, und nur solche diplomatische
+Verbindungen zu unterhalten, welche die Ostindische Kompagnie erlaubt.
+Dafür sichert sie die Kompagnie gegen Empörung. So lange sie ihren
+Verpflichtungen gegen die überlegene Macht treulich nachkommen, läßt man
+sie über große Einkünfte verfügen, erlaubt ihnen, ihre Paläste mit
+schönen Frauen anzufüllen, sich in der Gesellschaft ihrer Lieblinge dumm
+zu schwelgen, und jeden Unterthanen, der ihnen mißfällt, ungestraft zu
+unterdrücken. Ein solches Leben mußte einem Manne von Hochherzigkeit und
+gewaltigem Geiste unerträglich sein; aber für den üppigen, trägen,
+abgespannten, jeder Vaterlandsliebe und alles Bewußtseins persönlicher
+Würde ermangelnden Karl hatte eine solche Aussicht durchaus nichts
+Mißfälliges. Daß der Herzog von York zu dem Plane, die Würde der Krone,
+welche er vermutlich einst selbst tragen würde, zu erniedrigen, die Hand
+geboten haben sollte, mag auffallend erscheinen, denn seine Gemüthsart
+war hochfahrend und herrschsüchtig, und er zeigte in der That ohne
+Unterbrechung durch Aufwallungen und gelegentliche Weigerungen seinen
+Haß gegen das französische Joch; er war jedoch durch Aberglauben fast
+ebenso verdorben, wie sein Bruder durch Nichtsthun und Üppigkeit. Jacob
+war damals schon Katholik. Frömmelei war die vorherrschende Richtung
+seines beschränkten halsstarrigen Geistes geworden und so mit seiner
+Herrschsucht verwachsen, daß diese beiden Leidenschaften kaum mehr zu
+unterscheiden waren. Es war sehr unwahrscheinlich, daß er ohne fremde
+Hilfe im Stande sein würde, das Übergewicht, oder auch nur Duldung für
+seinen Glauben zu erlangen, und bei seiner Gemüthsverfassung sah er in
+keinem Schritte etwas Erniedrigendes, wenn dadurch das Wohl der wahren
+Kirche befördert werden konnte.
+
+Die Unterhandlung, welche eröffnet wurde, dauerte mehrere Monate. Die
+Hauptagentin zwischen den Höfen von England und Frankreich war die
+schöne, anmuthige und geistreiche Henriette, Herzogin von Orleans, Karls
+Schwester, Ludwigs Schwägerin, und der Liebling Beider. Der König von
+England erbot sich, den katholischen Glauben anzunehmen, die
+Tripleallianz aufzulösen und sich mit Frankreich gegen Holland zu
+verbinden, wenn Frankreich sich verpflichten wolle, ihm die nöthige
+militärische und pekuniäre Hilfe zu leisten, welche nöthig sei, um sich
+vom Parlamente unabhängig zu machen. Ludwig bemühte sich anfangs, diese
+Vorschläge mit scheinbarer Kälte anzuhören, und ging endlich in einer
+Weise darauf ein, als ob er eine große Gunst gewährte; der Weg aber, den
+er einzuschlagen gesonnen war, konnte ihm nur Gewinn bringen.
+
+
+[_Pläne Ludwigs in Bezug auf England._] Es scheint gewiß, daß es nie
+seine ernstliche Absicht war, mit bewaffneter Hand in England
+Despotismus und Papstthum einzuführen. Er mußte leicht einsehen, daß ein
+derartiges Unternehmen höchst schwierig und gewagt war, indem es auf
+Jahre hinaus alle Kräfte Frankreichs in Anspruch nehmen, und den
+vortheilhafteren Vergrößerungsplänen, die er im Sinne hatte, hinderlich
+sein würde. Zwar hätte er gern das Verdienst und den Ruhm erwerben
+mögen, gegen angemessene Bedingungen seiner Kirche einen bedeutenden
+Dienst zu leisten, er hatte aber keine Lust, seinen Vorfahren
+nachzuahmen, welche im zwölften und dreizehnten Jahrhundert den Kern des
+französischen Adels in Syrien und Egypten dem Tode entgegengeführt, und
+es war ihm wohlbekannt, daß ein Kreuzzug gegen den Protestantismus in
+England mit denselben Gefahren verbunden sein würde, wie die
+Unternehmungen, welche die Heere Ludwigs VII. und Ludwigs IX.
+verschlungen hatten. Es war für ihn keine Ursache vorhanden, den Stuarts
+Absolutismus zu wünschen, und die englische Verfassung betrachtete er
+durchaus nicht mit ähnlichen Gefühlen, durch welche späterhin Fürsten
+veranlaßt wurden, gegen die freien Institutionen benachbarter Völker
+Krieg zu führen. Dermalen hat jede große Partei, welche volksthümliche
+Regierung wünscht, ihre Verbindungen in jedem civilisirten Staate. Jeder
+wichtige Vortheil, den diese Partei erringt, giebt das Signal zu einer
+allgemeinen Bewegung. Es ist nicht auffällig, wenn Regierungen, denen
+eine gemeinschaftliche Gefahr droht, sich zu gegenseitiger Sicherung
+verbinden; aber im siebzehnten Jahrhundert gab es keine derartige
+Gefahr. Zwischen der öffentlichen Meinung in England und der von
+Frankreich lag eine große Kluft. Unsere Einrichtungen wie unsere
+Parteien verstand man in Paris ebenso wenig wie in Konstantinopel. Es
+ist zu bezweifeln, ob eins von den vierzig Mitgliedern der französischen
+Akademie ein englisches Werk in seiner Bibliothek hatte und Shakespeare,
+Johnson oder Butler auch nur dem Namen nach kannte. Einige Hugenotten,
+auf welche der Empörungsgeist ihrer Vorfahren übergegangen war, mochten
+vielleicht Sympathien für ihre Glaubensbrüder, die englischen Rundköpfe,
+hegen, aber die Hugenotten waren nicht mehr gefürchtet. Die Franzosen,
+der Mehrzahl nach Katholiken, und stolz auf die Erhabenheit ihres
+Monarchen wie auf ihre eigene Loyalität, betrachteten unsere
+Anstrengungen gegen Papstthum und Willkürherrschaft nicht blos ohne
+Bewunderung und Theilnahme, sondern mit entschiedener Mißbilligung und
+Abneigung. Man würde sich deshalb irren, wollte man das Verfahren
+Ludwigs Befürchtungen beimessen, welche nur entfernt denjenigen
+ähnelten, die in unserem Jahrhundert die heilige Allianz bestimmten,
+sich in die inneren Unruhen Spaniens und Neapels zu mischen.
+
+Nichtsdestoweniger waren ihm die Vorschläge des Hofes von Whitehall
+äußerst willkommen. Er sann bereits auf großartige Pläne, welche Europa
+über vierzig Jahre lang in Gährung erhalten sollten. Es war sein Wunsch,
+die Vereinigten Provinzen zu demüthigen, und Belgien, die Franche Comté
+und Lothringen an Frankreich zu bringen. Dies war aber noch nicht Alles.
+Der König von Spanien, ein schwacher, kränklicher Knabe, starb aller
+Wahrscheinlichkeit nach ohne Leibeserben. Seine älteste Schwester war
+die Königin von Frankreich. Somit lag die Vermuthung sehr nahe, daß die
+Zeit nicht mehr fern sei, wo das Haus der Bourbons seine Rechte an das
+große Reich erheben werde, in welchem die Sonne nie unterging. Der
+Vereinigung zweier so mächtigen Kronen auf einem Haupte würde sich ohne
+Zweifel eine kontinentale Koalition widersetzt haben; aber jeder solchen
+Koalition war Frankreich allein hinreichend gewachsen. England konnte
+den Stand der Dinge ändern, von der Stellung, welche es in einer solchen
+Krisis einnahm, hing das Schicksal der Welt ab, und es war zur Genüge
+bekannt, daß Parlament und Volk von England eifrig der Politik anhingen,
+deren Werk die Tripleallianz war. Es konnte daher für Ludwig nichts
+erfreulicher sein, als in Erfahrung zu bringen, daß die Fürsten des
+Hauses Stuart seine Hilfe wünschten und dieselbe durch unbegrenzte
+Ergebenheit zu erkaufen geneigt wären. Er entschloß sich, die günstige
+Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen, und bildete sich selbst einen
+Plan, den er ohne Abweichung verfolgt hat, bis die Revolution von 1688
+alle seine politischen Pläne über den Haufen warf. Er erklärte sich
+bereit, die Absichten des englischen Hofes zu befördern, und versprach
+kräftigen Beistand, spendete auch bisweilen so viel Unterstützung, als
+zur Aufrechterhaltung der Hoffnung nothwendig war, und er ohne Gefahr
+und Unbequemlichkeit missen konnte. Auf diese Art wurde es ihm möglich,
+mit viel geringeren Kosten als der Bau und die Einrichtung von
+Versailles oder Marly erforderten, England fast zwanzig Jahre hindurch
+zu einem eben so unbedeutenden Gliede des europäischen Staatenkörpers zu
+machen, wie die Republik San Marino. --
+
+Seine Absicht war nicht etwa, unsere Verfassung umzustürzen, sondern nur
+die verschiedenen Elemente, aus denen sie bestand, in einem bleibenden
+Zustande von Aufregung zu erhalten, und zwischen den Börsenmännern und
+den Männern des Schwertes eine tödtliche Feindschaft hervorzurufen.
+Zu diesem Zwecke bestach und stachelte er beide Parteien abwechselnd,
+verlieh gleichzeitig den Ministern der Krone und den Häuptern der
+Opposition Pensionen, ermuthigte den Hof, den rebellischen Übergriffen
+des Parlaments entgegen zu treten, und verrieth dem Parlament die
+Willkürpläne des Hofes.
+
+Einer von den Kunstgriffen, welche er anwandte, um sich Einfluß auf die
+englischen Rathbeschlüsse zu verschaffen, verdient besonders erwähnt zu
+werden. Obgleich Karl der Liebe, im höheren Sinne dieses Wortes, unfähig
+war, so beherrschte ihn doch jedes Weib, dessen Reize seine Begierden
+erregten, und dessen Manieren und Beredtsamkeit ihm die Zeit verkürzten.
+Man würde mit Recht einen Ehemann verspotten, der sich von einer Frau
+von Stand und gutem Rufe halb soviel gefallen ließe, als Englands König
+von den lockeren Dirnen ertrug, die, während sie seiner Freigebigkeit
+Alles verdankten, mit den Höflingen fast unter seinen Augen buhlten.
+Geduldig ließ er sich die Zanksüchtigkeit Barbara Palmers, und die
+naseweise Lustigkeit der Eleonore Gwynn gefallen. Ludwig war der höchst
+richtigen Meinung, der beste Gesandte, den er nach London schicken
+könne, sei eine schöne, lebenslustige und listige Französin, und eine
+solche war Louise von Querouaille, von unsern derben Vorfahren Madame
+Carwell genannt. Sie verdrängte bald alle Nebenbuhlerinnen, ward zur
+Herzogin von Portsmouth erhoben, mit Reichthümern überschüttet, und
+behauptete eine Herrschaft, die erst mit dem Tode Karls zu Ende ging.
+
+
+[_Vertrag von Dover._] Die wichtigsten Bedingungen des Bündnisses
+zwischen den beiden Kronen waren in einem geheimen Vertrage enthalten,
+welcher im Mai 1670 zu Dover ratificirt wurde, zehn Jahre nach dem Tage,
+an welchem Karl in demselben Hafen unter dem Jubel und den
+Freudenthränen seines zu vertrauensvollen Volkes gelandet war.
+
+In diesem Vertrage erklärte Karl, sich öffentlich zur katholischen
+Religion zu bekennen, seine Waffen mit denen Ludwigs zur Unterdrückung
+der Vereinigten Provinzen zu verbinden und die ganze Land- und Seemacht
+Englands aufbieten zu wollen, um die Rechte der Bourbons auf die große
+spanische Monarchie zu unterstützen. Ludwig dagegen verpflichtete sich,
+bedeutende Subsidien zu zahlen, und gab das Versprechen, bei etwaigem
+Ausbruch einer Empörung in England auf eigene Kosten eine Armee zum
+Beistande seines Bundesgenossen zu stellen.
+
+Dieser Vertrag ward unter düsteren Auspicien abgeschlossen. Sechs Wochen
+nach seiner Unterzeichnung und Besiegelung war die liebenswürdige
+Prinzessin nicht mehr, deren Einfluß auf Bruder und Schwager so
+verderblich für ihr Vaterland gewesen. Durch ihren Tod entstand ein
+entsetzlicher Argwohn, welcher die neugestiftete Freundschaft zwischen
+den Stuarts und den Bourbons zu lösen drohte; nach kurzer Zeit aber
+wiederholten die Verbündeten ihre Versicherungen unverminderter
+Willfährigkeit.
+
+Der Herzog von York, zu bornirt, um die Gefahr zu erkennen, oder zu
+fanatisch, sich deshalb Sorgen zu machen, verlangte mit Ungestüm, daß
+der Artikel, welcher die katholische Religion betraf, unverzüglich in
+Ausführung gebracht werde, aber Ludwig war scharfsinnig genug,
+einzusehen, daß diese Handlung eine Explosion in England verursachen
+werde, stark genug, um diejenigen Theile seines Planes zu zerstören,
+welche ihn am meisten interessirten. Es wurde daher der Beschluß gefaßt,
+daß Karl noch ferner für einen Protestanten gelten, und an hohen Festen
+das Abendmahl nach dem Ritual der englischen Kirche empfangen solle;
+sein gewissenhafterer Bruder besuchte seitdem die königliche Kapelle
+nicht mehr.
+
+Um diese Zeit verschied die Herzogin von York, die Tochter des
+verbannten Earl von Clarendon. Sie war vor einigen Jahren im Geheimen
+zur katholischen Kirche übergetreten, und hinterließ zwei Töchter, Maria
+und Anna, welche später nach einander Königinnen von England geworden
+sind. Dieselben wurden auf besonderen Befehl des Königs protestantisch
+erzogen, denn der König erkannte sehr wohl, daß es eine vergebliche Mühe
+sein würde, sich für ein Mitglied der anglikanischen Kirche auszugeben,
+wenn Kinder, die aller Wahrscheinlichkeit nach Erben des Thrones werden
+mußten, mit seiner Bewilligung eine katholische Erziehung genossen.
+
+Die vornehmsten Beamten der Krone waren damals Männer, deren Namen mit
+Recht eine nicht beneidenswerthe Berühmtheit erlangt haben; jedoch
+müssen wir auch vorsichtig sein, und ihr Andenken nicht mit einer
+Schmach beladen, die mit Recht ihrem Gebieter gebührt. Der Vertrag von
+Dover war hauptsächlich ein Werk des Königs. Er conferirte darüber mit
+französischen Geschäftsträgern, schrieb in Betreff desselben viele
+eigenhändige Briefe, brachte selbst die entehrendsten Punkte, welche er
+enthielt, in Vorschlag, und verheimlichte sorgfältig mehrere dieser
+Artikel der Mehrzahl seiner Cabinetsräthe.
+
+
+[_Natur des englischen Cabinets._] Wenige Vorfälle in der Geschichte
+Englands sind merkwürdiger, als der Ursprung und das Wachsthum der
+Macht, welche das Cabinet jetzt besitzt. Seit frühester Zeit
+unterstützte die Beherrscher Englands ein Geheimer Rath, welchem das
+Gesetz viele bedeutende Befugnisse und Pflichten übertrug. Jahrhunderte
+hindurch berathschlagte dieses Collegium über die bedeutungsvollsten und
+kitzlichsten Staatsangelegenheiten; doch änderte sich allmälig sein
+Charakter. Es wurde zu ausgedehnt für rasche That und Geheimhaltung. Die
+Stellung eines Geheimen Rathes wurde oft als ehrende Auszeichnung an
+Leute vergeben, denen man nichts anvertraute, und um deren Meinung man
+sich nicht kümmerte. Der Souverain beschränkte sich bei wichtigen
+Angelegenheiten auf den Rath eines kleinen Kreises leitender Minister.
+Die Vortheile und Nachtheile dieses Verfahrens sind von Bacon schon
+frühzeitig mit seiner bekannten, treffenden und scharfsinnigen
+Urtheilsgabe geschildert worden, aber erst nach Beendigung der
+Restauration zog der innere Rath die öffentliche Aufmerksamkeit auf
+sich. Die Politiker der alten Schule betrachteten das Cabinet als eine
+nicht verfassungsmäßige und gefährliche Behörde. Gleichwohl gewann es an
+Bedeutung, zog endlich die höchste ausübende Gewalt an sich, und wird
+jetzt seit mehreren Menschenaltern für einen wesentlichen Bestandtheil
+unserer Staatsverfassung angesehen. Seltsamer Weise ist das Cabinet dem
+Gesetze aber noch immer unbekannt, die Namen der Personen des hohen und
+niedern Adels, aus denen es besteht, werden dem Publikum nie amtlich
+bekannt gemacht, es führt keine Protokolle über seine Versammlungen und
+Beschlüsse, und keine Parlamentsakte hat seine Existenz anerkannt.
+
+
+[_Die Cabale._] Einige Jahre hindurch gebrauchte man im Volke das Wort
+Cabal gleichbedeutend mit Cabinet. Durch ein sonderbares Zusammentreffen
+bestand nämlich das Cabinet im Jahre 1671 aus fünf Personen, von deren
+Namen die Anfangsbuchstaben das Wort Cabal bildeten, es waren Clifford,
+Arlington, Buckingham, Ashley und Lauderdale. Durch diese Anwendung
+erhielt das Wort eine so üble Bedeutung, daß es seitdem nur als ein
+Vorwurf gebraucht wird.
+
+Sir Thomas Clifford war Schatzkommissarius, und hatte sich im Hause der
+Gemeinen sehr bemerkbar gemacht. Er war von den Mitgliedern der Cabale
+das Ehrenwertheste, denn bei einem lebhaften und herrschsüchtigen
+Charakter besaß er ein starkes, wenngleich auf beklagenswerthe Weise
+irregeleitetes Gefühl für Ehre und Pflicht.
+
+Heinrich Bennet, Lord Arlington, zu jener Zeit Staatssekretair, hatte
+seit angetretenem Mannesalter auf dem Continent gelebt, und sich jene
+kosmopolitische Gleichgültigkeit gegen Verfassungen und Religionen zu
+eigen gemacht, welche man oft bei Leuten findet, deren Leben in
+unregelmäßiger diplomatischer Thätigkeit verflossen ist. Die
+Verfassungsform, welche ihm am meisten zusagte, war die französische;
+gab es eine Kirche, für welche er einige Vorliebe hegte, so war es die
+katholische. Bei einigem Unterhaltungstalente, sowie ziemlicher
+Befähigung zu den gewöhnlichen Geschäften seines Amtes, hatte Arlington
+im Laufe seines an Reisen und Unterhandlungen reichen Lebens die Kunst
+erlernt, seine Rede und sein Benehmen der Gesellschaft anzupassen, in
+der er sich eben bewegte. Seine Lebhaftigkeit im Unterhaltungszimmer
+amüsirte den König, seine Würde bei Verhandlungen und Zusammenkünften
+imponirte dem Publikum, und es war ihm geglückt, sowohl durch geleistete
+Dienste, wie auch durch erregte Hoffnungen, sich einen bedeutenden
+Anhang zu verschaffen.
+
+Buckingham, Ashley und Lauderdale waren Männer, welche die
+Unsittlichkeit, die unter den Staatsmännern jener Zeit epidemisch war,
+in der schlimmsten Form, und durch große Verschiedenheit des
+Temperaments und der geistigen Anlagen modifizirt, besaßen. Buckingham
+war vom Vergnügen übersättigt, und hatte sich zum Zeitvertreib
+den Ehrgeiz erwählt. Wie er mit Architektur und Musik, mit
+Lustspielschreiben und mit Forschen nach dem Steine der Weisen sich zu
+unterhalten versucht hatte, so wollte er sich jetzt durch geheime
+Unterhandlungen und durch einen holländischen Krieg amüsiren. Er war
+bereits, mehr aus Unbeständigkeit und Lust zur Veränderung, als aus
+einem ernsteren Grunde, allen Parteien treulos geworden. Einmal stand er
+auf der Seite der Cavaliere, ein andermal war ein Verhaftsbefehl gegen
+ihn erlassen, weil er einen verrätherischen Verkehr mit dem Überreste
+der republikanischen Armee in der City unterhielt. Jetzt war er wieder
+Höfling, und bemüht, die Gnade des Königs durch Dienstleistungen zu
+erwerben, vor denen die Ausgezeichnetsten unter denen, welche für das
+königliche Haus gekämpft und gelitten hatten, sich mit tiefem Abscheu
+abgewandt haben würden.
+
+Ashley, mit einem entschiedeneren Charakter und ungestümeren Ehrgeize,
+hatte gleiche Unzuverlässigkeit gezeigt, aber es war dieselbe nicht
+Folge des Leichtsinns, sondern der berechneten Selbstsucht. Er hatte
+einer Reihe von Regierungen gedient, und sie verrathen, aber für seine
+Verräthereien immer den glücklichen Zeitpunkt so gut gewählt, daß alle
+Revolutionen sein Glück beförderten. Das Volk, voller Bewunderung über
+ein Glück, welches, sonst in fortwährendem Wechsel begriffen, hier so
+dauernd anhielt, schrieb ihm eine fast wunderbare Sehergabe zu, und
+verglich ihn mit dem israelitischen Staatsmanne von dem wir lesen, daß
+sein Rath gewesen sei, als wenn ein Mann das Orakel Gottes befragt
+hätte.
+
+Lauderdale, laut und plump, in der Freude wie im Zorn, war unter dem
+Scheine von polternder Freimüthigkeit vielleicht der unehrlichste in der
+ganzen Cabal. In dem schottischen Aufruhr von 1638 war er ein
+hervorragender, eifriger Anhänger des Covenants gewesen. Man
+beschuldigte ihn, bei dem Verkaufe Karls I. an das englische Parlament
+schwer betheiligt gewesen zu sein, und er wurde daher von den guten
+Cavalieren für einen noch verächtlicheren Verräther gehalten als
+diejenigen, welche im hohen Gerichtshofe gesessen hatten. Oft sprach er
+mit lauter Heiterkeit von den Tagen, da er ein Sectirer und Rebell
+gewesen war. Der Hof benutzte ihn jetzt als Hauptwerkzeug bei dem
+Vorhaben, dem widerstrebenden Volke das Episkopat aufzudringen, und er
+schämte sich nicht, in dieser Angelegenheit Schwert, Strick und Folter
+mit schonungslosem Eifer anzuwenden. Wer ihn aber genauer kannte, wußte
+auch, daß die letzten dreißig Jahre seine Gesinnungen unverändert
+gelassen hatten, daß er noch jetzt das Andenken Karls I. verachtete und
+noch immer die presbyterianische Kirchenform jeder andern vorzog.
+
+Bei aller Gewissenlosigkeit Buckinghams, Ashley's und Lauderdale's wagte
+man es doch nicht, ihnen das Vorhaben des Königs, zur katholischen
+Kirche überzutreten, anzuvertrauen. Man zeigte ihnen einen falschen
+Vertrag, in welchem der die Religion betreffende Artikel fehlte; im
+echten Vertrage befinden sich blos die Namen und Siegel von Clifford und
+Arlington. Diese beiden Staatsmänner nahmen Partei für die alte Kirche,
+welche Parteilichkeit der brave, heftige Clifford auch bald darauf
+ehrlich aussprach, die aber der überlegendere, weniger edle Arlington
+verhehlte, bis die Furcht vor dem nahen Tode ihm Offenheit abzwang.
+Die drei andern Cabinetsminister waren jedoch nicht leicht zu täuschen,
+und vermutheten wahrscheinlich mehr, als man ihnen mitgetheilt hatte.
+Übrigens waren sie bei allen politischen Übereinkünften mit Frankreich
+in's Geheimniß gezogen, und schämten sich nicht, kostbare
+Gnadengeschenke von Ludwig anzunehmen.
+
+Karls nächste Absicht war jetzt von den Gemeinen Zugeständnisse zu
+erhalten, die zur Realisirung des geheimen Vertrags dienen sollten. Die
+Cabale, welche sich im Besitze der Gewalt befand, als die Regierung in
+einem Zustande des Übergangs war, vereinigte in sich zwei verschiedene
+Gattungen von Lastern, welche zwei verschiedenen Zeitaltern und zwei
+verschiedenen Systemen angehörten. Wie diese fünf bösen Räthe zu den
+letzten englischen Staatsmännern gehörten, welche die ernstliche Absicht
+hatten, das Parlament zu vernichten, so waren sie auch die ersten
+englischen Staatsmänner, welche dasselbe zu bestechen versuchten, und
+ihre Politik zeigt zugleich die letzte Spur von Straffords »Durch« und
+die erste Spur von jener systematischen Bestechung, welche nach der Zeit
+Walpole's ausgeübt wurde. Sehr bald erkannten sie aber, daß, obgleich
+das Haus der Gemeinen fast durchgängig aus Cavalieren bestand, und
+französisches Gold und Stellen an die Mitglieder verschwendet wurden,
+doch keine Aussicht war, auch nur die am wenigsten gehässigen Punkte des
+Vertrags von Dover durch die Majorität unterstützt zu sehen; man mußte
+also nothwendig zum Betrug greifen. Der König heuchelte daher großen
+Eifer für die Grundsätze der Tripleallianz und erklärte, daß um den
+französischen Ehrgeiz zu zügeln, eine Vermehrung der Flotte nöthig sei.
+Die Gemeinen ließen sich fangen, und bewilligten achthunderttausend
+Pfund. Sofort wurde das Parlament vertagt, und der jeder Controle
+entledigte Hof begann unverzüglich mit der Ausführung seines großen
+Planes.
+
+
+[_Zahlungseinstellung der Schatzkammer._] Die finanziellen
+Verlegenheiten waren sehr ernster Natur. Ein Krieg mit Holland mußte
+ungeheure Kosten erfordern, und die gewöhnlichen Einkünfte reichten eben
+nur hin, um die Bedürfnisse der Regierung im Frieden zu bestreiten. Die
+achthunderttausend Pfund, welche man den Gemeinen abgeschwindelt hatte,
+waren nicht genügend, die Kosten der Flotte und des Heeres auch nur auf
+ein einziges Kriegsjahr zu decken, und nach der traurigen Lehre, die das
+Lange Parlament gegeben, wagte es selbst die Cabale nicht, wieder ein
+Boden- oder Schiffsgeld einzuführen. In dieser Verlegenheit empfahlen
+Ashley und Clifford einen niederträchtigen Verrath an dem öffentlichen
+Vertrauen. Die Goldschmiede Londons trieben damals nicht blos Handel mit
+edlen Metallen, sondern auch Geldwechsel, und waren daran gewöhnt,
+der Staatskasse große Summen vorzustrecken, für welche Darlehen sie
+Anweisungen auf das Einkommen erhielten, welche nach der Steuererhebung
+mit den Zinsen bezahlt wurden. In dieser Art waren eine Million und
+dreihunderttausend Pfund der Ehre des Staates anvertraut worden. Da
+erschien plötzlich die Bekanntmachung, daß es nicht möglich sei, das
+Capital zu zahlen, und daß die Creditoren sich mit den Zinsen begnügen
+müßten. In Folge dessen konnten dieselben ihren eigenen Verpflichtungen
+nicht nachkommen, die Börse gerieth in Aufruhr, mehrere große
+Handelshäuser machten Bankerott, Schreck und Jammer kamen über die ganze
+Gesellschaft. Inzwischen ging man rasch dem Despotismus entgegen.
+Proklamationen, welche von Parlamentsakten dispensirten oder
+Vorschriften machten, die nur dem Parlamente zustanden, erschienen in
+rascher Aufeinanderfolge. Das bedeutendste dieser Edicte war die
+Indulgenzerklärung. In diesem Aktenstücke wurden die Strafgesetze gegen
+die Katholiken durch königlichen Machtspruch noch einmal beseitigt, und
+um die wahre Absicht der Maßregel zu verschleiern, hob man gleichzeitig
+auch die Gesetze gegen die protestantischen Nichtconformisten auf.
+
+
+[_Krieg mit den Vereinigten Provinzen und große Gefahr derselben._]
+Wenige Tage nach dem Bekanntwerden der Indulgenzerklärung wurde den
+Vereinigten Provinzen der Krieg erklärt. Zur See fochten die Holländer
+mit Ehren, zu Lande aber wurden sie anfänglich durch unwiderstehliche
+Gewalt bezwungen. Ein großes französisches Heer ging über den Rhein,
+eine Festung nach der andern ergab sich. Die Sieger besetzten drei von
+den sieben Provinzen des Bundes. Man sah die Lagerfeuer des Feindes von
+dem Dache des Rathhauses zu Amsterdam. Zu gleicher Zeit wurde die von
+außen so hart bedrängte Republick auch von inneren Zwistigkeiten
+heimgesucht. Die Regierung befand sich in den Händen einer geschlossenen
+Oligarchie mächtiger Bürger. Es gab eine große Menge selbstgewählter
+Stadträthe, welche innerhalb ihrer Bezirke viele Souverainetätsrechte
+ausübten; diese Räthe schickten Abgeordnete an die Provinzialstaaten,
+und die Provinzialstaaten wieder Beauftragte an die Generalstaaten. Eine
+erbliche, höchste Obrigkeit war kein wesentlicher Theil dieser
+Staatseinrichtung. Doch hatte eine, an berühmten Männern auffallend
+fruchtbare Familie allmälig eine bedeutende und zugleich ziemlich
+unbestimmte Gewalt erlangt. Wilhelm, dieses Namens der Erste, Prinz von
+Nassau-Oranien und Statthalter von Holland, hatte an der Spitze des
+denkwürdigen Aufstandes gegen Spanien gestanden, sein Sohn Moritz war
+Generalkapitain und oberster Minister der Staaten gewesen, hatte sich
+durch ausgezeichnete Befähigung und vortreffliche Dienste, sowie durch
+einige verrätherische und unmenschliche Handlungen zu königlicher Macht
+emporgeschwungen, und diese Macht zum Theil seiner Familie hinterlassen.
+Der Einfluß der Statthalter war ein Gegenstand höchster Eifersucht für
+die städtische Oligarchie, aber die Armee, sowie die große Menge von
+Bürgern, denen jede Theilnahme an der Regierung entzogen war,
+betrachteten die Bürgermeister und Deputirten mit einer Abneigung,
+ähnlich der, welche die Legionen und der große Haufe in Rom gegen den
+Senat fühlten, und zollten dem Hause Oranien eine so treue Ergebenheit
+wie die Legionen und die Massen dem Hause Cäsars. Der Statthalter stand
+an der Spitze des Heeres der Republik, verfügte über alle militärischen
+Commandos, hatte bedeutenden Einfluß auf die Civilgewalt, und umgab sich
+mit einem fast königlichen Glanze.
+
+Prinz Wilhelm II. hatte bei der oligarchischen Partei auf heftigen
+Widerstand gestoßen, er starb 1650, während großer bürgerlicher Unruhen,
+ohne Kinder zu hinterlassen. Die Mitglieder seiner Familie befanden sich
+einige Zeit ohne Haupt, und die von ihm ausgeübte Gewalt wurde unter die
+Stadträthe, Provinzialstaaten und Generalstaaten vertheilt.
+
+Wenige Tage nach Wilhelms Tode gebar seine Witwe, Marie, Tochter
+Karls I. von England, einen Sohn, welcher bestimmt war, den Ruhm und die
+Macht des Hauses Nassau auf den höchsten Gipfel zu treiben, die
+Vereinigten Provinzen vor Unterdrückung zu bewahren, die Macht
+Frankreichs zu brechen und der englischen Verfassung eine solide
+Grundlage zu geben.
+
+
+[_Wilhelm Prinz von Oranien._] Dieser Prinz mit dem Namen Wilhelm
+Heinrich, war von seiner Geburt an ein Gegenstand ernster Sorge für die
+zur Zeit in Holland herrschende Partei, und loyaler Ergebenheit für die
+Anhänger seines Hauses. Als der Besitzer eines großen Vermögens, als das
+Haupt eines der erlauchtesten Häuser Europa's, als ein souverainer Fürst
+des deutschen Reiches, als ein Prinz von königlichem Geblüte Englands,
+vor Allem aber als ein Sprößling der Schöpfer der batavischen Freiheit,
+genoß er der höchsten Achtung. Aber das mächtige Amt, welches seine
+Familie einst als erblich betrachtete, wurde nicht wieder besetzt,
+und nach dem Willen der aristokratischen Partei sollte nie wieder ein
+Statthalter gewählt werden. Die Stelle der ersten Magistratsperson
+vertrat zum großen Theile der Großpensionair der Provinz Holland, Johann
+de Witt, dessen Klugheit, Festigkeit und Redlichkeit ihn zu einem hohen
+Ansehen im Rathe der municipalen Oligarchie erhoben hatten.
+
+Die französische Invasion brachte eine vollständige Umwandlung hervor.
+Das leidende, und von Schrecken erfüllte Volk wüthete furchtbar gegen
+die Regierung, und fiel in seiner Tollheit über die tapfersten
+Heerführer und die geschicktesten Staatsmänner der Regierung her. De
+Ruyter wurde von dem Pöbel insultirt, und de Witt vor dem Thore des
+Palastes der Generalstaaten im Haag in Stücke zerrissen. Der Prinz von
+Oranien war an dem Morde unschuldig, aber bei dieser Gelegenheit, sowie
+zwanzig Jahre später bei einer anderen beklagenswerthen Veranlassung,
+beurtheilte er die Verbrechen, welche in seinem Interesse verübt wurden,
+so nachsichtig, daß dadurch sein Ruhm befleckt wurde. Er trat ohne
+Nebenbuhler an die Spitze der Regierung. Wenn auch noch jung, hob sein
+feuriger unbeugsamer Geist, obgleich unter einer kalten, düsteren
+Außenseite verborgen, gar bald den Muth seiner zagenden Landsleute.
+Jeder Versuch seines Oheims, sowie des französischen Königs, ihn durch
+die glänzendsten Versprechungen der Sache der Republik abwendig zu
+machen, war vergeblich. Gegen die Generalstaaten führte er eine
+schwungreiche, begeisternde Sprache. Er wagte sogar ihnen einen
+Vorschlag zu machen, der einen Anstrich von antikem Heroismus hatte,
+und der, wenn er zur Ausführung gekommen wäre, der edelste Stoff für ein
+Epos sein würde, der im Bereiche der neueren Geschichte existirte. Er
+erklärte den Abgeordneten, daß, selbst wenn ihr Heimathsland und die
+Wunder, mit denen menschlicher Kunstfleiß es bedeckt, von dem Ocean
+verschlungen wären, noch nicht Alles verloren sei. Die Holländer könnten
+Holland überleben; Freiheit und reine Gottesverehrung, würden sie auch
+von Tyrannen und Fanatikern aus Europa verbannt, könnten in Asiens
+entferntesten Inseln eine Freistätte finden. Die Schiffe, welche in den
+Häfen der Republik ankerten, würden ausreichen, um zweihunderttausend
+Auswanderer nach dem indischen Archipel zu bringen, dort könne die
+holländische Republik ein neues, glorreiches Dasein beginnen, und unter
+dem Kreuze des Südens, umgeben von Zuckerrohr und Muscatbäumen, die
+Börse eines reicheren Amsterdam und den Lehrstuhl eines gelehrteren
+Leyden errichten. Der Nationalgeist erhob sich gewaltig. Die
+Bedingungen, welche die Verbündeten anboten, wurden kurz zurückgewiesen,
+die Dämme wurden durchstochen, und das ganze Land in einen ungeheuren
+See verwandelt, aus dem die Städte mit ihren Mauern und Thürmen wie
+Inseln hervorragten. Die Feinde retteten sich nur durch den eiligsten
+Rückzug vor Vernichtung; Ludwig aber, welcher es zuweilen für
+vortheilhaft hielt, sich an der Spitze des Heeres zu zeigen, jedoch
+einen Palast bequemer fand als ein Kriegslager, war bereits heimgekehrt,
+um in den neuangelegten Alleen von Versailles sich der Schmeicheleien
+der Dichter und des Lächelns seiner Damen zu erfreuen.
+
+Bald folgte der Ebbe die Fluth. Der Erfolg des Seekrieges war
+zweifelhaft geblieben; zu Lande hatten die Vereinigten Provinzen
+Aufschub erlangt, und ein Aufschub, wenn auch noch so kurz, war von
+unübersehbarer Wichtigkeit. Beunruhigt durch die weitaussehenden Pläne
+Ludwigs, griffen beide Linien des mächtigen österreichischen Hauses zu
+den Waffen. Spanien und Holland vergaßen die alten gegenseitigen
+Beschwerden und Demüthigungen, und söhnten sich angesichts der
+gemeinschaftlichen Gefahr wieder aus. Aus allen Gegenden Deutschlands
+marschirten Truppen nach dem Rheine. Die Fonds der englischen Regierung,
+welche man durch Beraubung der Staatsgläubiger zusammen gebracht, waren
+erschöpft, von der City ließ sich kein Darlehn erwarten, und der Versuch
+durch königlichen Machtspruch Steuern zu erheben, würde unverzüglich
+eine Revolution hervorgerufen haben. Ludwig aber, der jetzt mit dem
+halben Europa in Krieg verwickelt war, befand sich nicht in der
+Verfassung, die Mittel zur Bezwingung des englischen Volkes
+herbeizuschaffen. So war es nothwendig, das Parlament einzuberufen.
+
+
+[_Versammlung des Parlaments._] Im Frühlinge des Jahres 1673
+versammelten sich also die Häuser nach einer Unterbrechung von beinahe
+zwei Jahren. Clifford, jetzt Pair und Lord Schatzmeister, und Ashley,
+jetzt Lord Kanzler und Earl von Shaftesbury, waren die Männer, auf
+welche der König hinsichtlich der Leitung des Parlaments sich verließ.
+Die Vaterlandspartei zögerte nicht, sofort die Politik der Cabale
+anzugreifen, dieser Angriff geschah aber nicht stürmisch, sondern durch
+langsames und wohlberechnetes Vorrücken. Die Gemeinen gaben zuerst
+Hoffnung, daß sie die auswärtige Politik des Königs unterstützen
+wollten, verlangten aber, daß er diese Hilfe dadurch erkaufen sollte,
+daß er das ganze System seiner innern Politik fallen lasse. Vor Allem
+verlangten sie die Zurücknahme der Indulgenzerklärung.
+
+
+[_Indulgenzerklärung._] Der unpopulärste Schritt, den die Regierung
+jemals gethan hatte, war unbedingt die Bekanntmachung dieser Erklärung.
+Die verschiedenartigsten Gefühle waren verletzt durch eine an sich zwar
+freisinnige, aber in höchst despotischer Weise ausgeführte Maßregel.
+Die Feinde religiöser, und die Freunde bürgerlicher Freiheit waren eng
+verbunden, und aus diesen beiden Klassen bestanden neunzehn
+Zwanzigtheile der Nation. Der eifrige Anhänger der Staatskirche
+beschwerte sich über die Bevorzugung, welche dem Papisten wie dem
+Puritaner zu Theil geworden sei. Der Puritaner freute sich zwar über das
+Aufhören der Verfolgung, die ihn gedrückt hatte, war aber eben nicht
+besonders dankbar für eine Duldung, welche er mit dem Antichrist theilen
+sollte. Alle Engländer jedoch, welche Freiheit und Gerechtigkeit
+achteten, erkannten mit Besorgniß den tiefen Eingriff, den die
+Prärogative in das Gebiet der Gesetzgebung gethan hatte.
+
+Der Wahrheit die Ehre zu geben, darf nicht geleugnet werden, daß die
+constitutionelle Frage nicht ganz frei von Dunkelheit war. Unsere alten
+Könige besaßen das unbestrittene Recht, die Wirkung von Strafgesetzen zu
+suspendiren, die Gerichtshöfe hatten dieses Recht anerkannt und die
+Parlamente es nicht angefochten. Daß ein derartiges Recht der Krone
+zustehe, wagten, selbst von der Landpartei, in Betracht der Ereignisse
+und Autoritäten nur Wenige in Abrede zu stellen. Gleichwohl war es klar
+daß, wenn diese Prärogative keine Grenze hatte, die englische Regierung
+von reinem Despotismus fast gar nicht unterschieden werden konnte.
+Daß es eine Grenze gebe, gestand der König sammt seinen Ministern ein,
+die Frage war nur, ob die Indulgenzerklärung innerhalb oder außerhalb
+derselben liege, und keine Partei vermochte eine Grenzlinie zu
+bestimmen, welche die Prüfung bestand. Einige Gegner der Regierung
+beschwerten sich, daß durch die Erklärung nicht weniger als vierzig
+Gesetze suspendirt würden; warum aber nicht vierzig sogut wie eins? Ein
+Redner sprach unverhohlen aus, daß der König verfassungsmäßig zwar von
+schlechten Gesetzen dispensiren könne, nicht aber von guten. Das
+Ungereimte einer solchen Unterscheidung liegt auf der Hand. Die Ansicht,
+welche im Hause der Gemeinen angenommen schien, war wohl im Allgemeinen
+die, daß das Dispensationsrecht sich blos auf weltliche Punkte
+erstrecke, und nicht auf Gesetze, die man zur Sicherheit der
+Landeskirche erlassen. Da aber der König das Oberhaupt der Kirche war,
+so schien es, daß wenn er überhaupt die dispensirende Gewalt besitze,
+er sie wohl auch da haben konnte, wo die Kirche in's Spiel kam. Die
+Versuche der Hofleute, die Grenzen dieser Prärogative zu bezeichnen,
+mißlangen eben so vollständig wie früher die der Opposition.[3]
+
+Die Wahrheit ist, daß die Dispensationsbefugniß eine große Anomalie in
+Staatssachen war. In der Theorie war sie mit den Grundsätzen gemischter
+Verfassung nicht zu vereinigen, aber sie war in einer Zeit entstanden,
+wo das Volk sich wenig um Theorien kümmerte. In der Praxis hatte man
+diese Befugniß niemals auf gröbliche Art gemißbraucht, sie war deshalb
+geduldet worden, und endlich allmälig zu einer Art Verjährung gekommen.
+Nach einem langen Zwischenraume wurde sie endlich in einem
+fortgeschrittenen Zeitalter bei einer wichtigen Veranlassung und zwar in
+früher nicht gekannter Ausdehnung, zu einem allgemein verabscheuten
+Zwecke in Anwendung gebracht. Sie wurde einer strengen Untersuchung
+unterworfen, und wenn man auch nicht gleich wagte sie geradezu für
+verfassungswidrig zu erklären, so kam man doch zu der Erkenntniß, daß
+sie in directem Widerspruche mit der Verfassung stehe, und wenn sie
+willkürlich blieb, die englische Regierung aus einer beschränkten
+Regierung in eine absolute verwandeln würde.
+
+ [Anmerkung 3: Das Vernünftigste was über diesen Gegenstand im
+ Hause der Gemeinen gesprochen wurde, rührte von Sir William
+ Coventry her. »Unsere Voreltern haben niemals eine Linie gezogen,
+ um die Souverainetätsrechte und die Freiheit zu begrenzen.«]
+
+
+[_Cassirung der Indulgenzakte. Annahme der Testakte._] Durch solche
+Befürchtungen veranlaßt, stellten die Gemeinen in Abrede, daß es ein
+Dispensationsrecht des Königs gebe, zwar nicht rücksichtlich aller
+Strafgesetze, sondern blos soweit diese die kirchlichen Angelegenheiten
+beträfen, und sie gaben dem König nicht undeutlich zu verstehen, daß sie
+nur bei Aufgabe dieses Rechtes ihm Bewilligungen für den holländischen
+Krieg machen würden. Für den Augenblick schien er geneigt, Alles zu
+wagen, bis ihm Ludwig dringend rieth, sich der Nothwendigkeit zu fügen
+und einen günstigeren Zeitpunkt abzuwarten, wo die französischen Heere,
+jetzt zu schwerem Kriege auf dem Festlande verwendet, benutzt werden
+könnten, um die Unzufriedenheit in England zu unterdrücken. In der
+Cabale selbst wurden Zeichen von Uneinigkeit und Verrätherei sichtbar.
+Shaftesbury erkannte mit seinem zum Sprichwort gewordenen Scharfblick,
+daß eine heftige Reaction bevorstehe, und Alles einer Krisis gleich der
+von 1640 zuschreite. Er beschloß, daß diese ihn nicht in Straffords Lage
+finden sollte, machte deshalb eine plötzliche Wendung und erkannte im
+Hause der Lords an, daß die Erklärung gesetzwidrig sei. Der König, von
+seinen Verbündeten sowie von seinem Kanzler verlassen, fügte sich, nahm
+die Indulgenzerklärung zurück und versprach feierlich, daß sie niemals
+in Anwendung gebracht werden solle.
+
+Selbst diese Concession war ungenügend. Die Gemeinen waren noch nicht
+damit zufrieden, ihren Souverain zur Vernichtung der Indulgenz gezwungen
+zu haben, sie nöthigten ihm auch seine ungern ertheilte Zustimmung ab zu
+einem wichtigen Gesetze, welches bis zur Regierung Georgs IV. geltend
+geblieben ist. Dieses Gesetz unter der Benennung »Testakte« bekannt,
+bestimmte, daß alle mit militairischen oder bürgerlichen Ämtern
+bekleideten Personen den Suprematseid leisten, eine Erklärung gegen die
+Transsubstantiation unterschreiben und öffentlich das Abendmahl nach den
+Gesetzen der englischen Kirche empfangen sollten. Die Einleitung des
+Gesetzes spricht nur in feindseligen Ausdrücken gegen die Papisten, die
+folgenden Paragraphen aber waren den Papisten kaum weniger ungünstig als
+der strengsten Klasse von Puritanern. Diese jedoch, durch die offenbare
+Hinneigung des Hofes zum Papstthum erschreckt, und von einigen Anhängern
+der Hochkirche zu der Hoffnung beredet, daß nach der wirksamen
+Entwaffnung der Katholischen den protestantischen Nichtconformisten
+Hilfe werden solle, erhoben nur geringen Widerspruch, und auch der
+König, der sich in größter Geldverlegenheit befand, konnte nicht wagen
+seine Genehmigung vorzuenthalten. Die Akte wurde vollzogen und in Folge
+davon der Herzog von York genöthigt, den hohen Posten eines Lord
+Großadmirals aufzugeben.
+
+
+[_Auflösung der Cabale._] Noch hatten die Gemeinen sich nicht gegen den
+holländischen Krieg erklärt. Nachdem aber der König aus Dankbarkeit für
+die ihn sehr vorsichtig gespendeten Summen den ganzen Plan seiner
+inneren Politik fallen gelassen, traten sie heftig gegen seine
+auswärtige Politik auf. Sie verlangten, daß Buckingham und Lauderdale
+für immer aus dem Rathe entfernt würden, und bildeten einen Ausschuß,
+welcher ermitteln sollte, ob es angemessen sei, Arlington unter Anklage
+zu stellen. Nach kurzer Zeit existirte die Cabale nicht mehr. Clifford,
+der Einzige von den Fünfen, der mit einigem Grund für einen rechtlichen
+Mann gelten konnte, verweigerte den neuen Religionseid, legte seinen
+weißen Stab nieder und zog sich auf seine Güter zurück. Arlington
+vertauschte den Posten eines Staatssecretairs mit einer ruhigen,
+ehrenvollen Anstellung im königlichen Hause. Shaftesbury und Buckingham
+versöhnten sich mit der Opposition und erschienen an der Spitze der
+stürmischen Demokratie der City. Lauderdale hingegen blieb Minister der
+schottischen Angelegenheiten, mit denen das englische Parlament nichts
+zu schaffen hatte.
+
+Jetzt drängten die Gemeinen den König, mit Holland Frieden zu schließen
+und erklärten ohne Hehl, daß sie durchaus keine Mittel zu diesem Kriege
+bewilligen würden, wenn der Feind sich nicht hartnäckig weigere, auf
+annehmbare Bedingungen einzugehen. Karl begriff, daß er nun jeden
+Gedanken an die Ausführung des Vertrags von Dover bis auf einen
+geeigneteren Zeitpunkt fallen lassen müsse, und schmeichelte der Nation
+durch den Anschein, als wolle er zur Politik der Tripleallianz
+zurückkehren. Temple, welcher seit der Macht der Cabale in
+Zurückgezogenheit unter seinen Büchern und Blumen lebte, wurde aus der
+Einsamkeit hervorgeholt, und durch seine Vermittlung ein Separatfrieden
+mit den Vereinigten Provinzen geschlossen. Er wurde darauf Gesandter im
+Haag, und seine Anwesenheit galt dort als ein sicheres Pfand der
+Aufrichtigkeit seines Hofes.
+
+Die oberste Leitung der Geschäfte war jetzt in den Händen Sir Thomas
+Osborns, eines Baronets aus Yorkshire, der im Hause der Gemeinen ein
+seltenes Talent für Geschäft und Debatte gezeigt hatte. Osborn wurde
+Lord Schatzmeister und bald darauf Earl von Danby. Er war kein Mann von
+achtungswerthem Charakter, insofern man ihn nach dem Maßstabe der
+Sittlichkeit beurtheilen wollte. Begierig nach Reichthümern und
+Auszeichnungen, war er, selbst verdorben, auch noch ein Verführer
+Anderer. Die Cabale hatte ihm die Kunst hinterlassen, Parlamente zu
+bestechen, eine damals noch unausgebildete Kunst, der man die hohe
+Vollendung noch nicht ansah, zu der sie sich in dem folgenden
+Jahrhundert emporschwang. Er verbesserte den Entwurf der ersten Erfinder
+bedeutend. Dieselben hatten blos Sprecher erkauft, Danby aber bezahlte
+Jeden, der eine Stimme hatte. Doch darf dieser neue Minister nicht mit
+den Unterhändlern von Dover in eine Reihe gestellt werden. Er besaß die
+Empfindungen eines Engländers und Protestanten, und niemals vergaß er
+über die eigenen Interessen ganz die seines Vaterlandes und seiner
+Religion. Er war allerdings eifrig bemüht, die königliche Prärogative zu
+erhöhen, doch benutzte er dazu Mittel, welche von denen sehr verschieden
+waren, die Arlington und Clifford im Sinne gehabt hatten. Nie dachte er
+daran, durch Hilfe fremder Truppen und Erniedrigung des Königreichs
+dasselbe zu dem Range eines abhängigen Fürstenthums herabsinken zu
+lassen. Sein Plan war, um die Monarchie wieder diejenigen Klassen zu
+schaaren, welche während der Unruhen des letzten Menschenalters ihre
+treuen Bundesgenossen gewesen, durch die neuerlichen Laster und
+Irrthümer des Hofes aber mit Unwillen zurückgetreten waren. Mit Hilfe
+des alten Cavalier-Interesses, des hohen und niedern Adels, des Klerus
+und der Universitäten konnte es nach seiner Meinung möglich sein, Karl
+zwar nicht zu einem unbeschränkten, aber doch zu einem kaum weniger
+mächtigen Souverain als Elisabeth war, zu machen.
+
+Von diesen Ansichten durchdrungen beschloß Danby der Partei der
+Cavaliere den ausschließlichen Besitz aller politischen Macht sowohl der
+executiven wie der gesetzgebenden, zu sichern. Es wurde daher im Jahre
+1675 im Hause der Lords eine Bill vorgelegt, welche bestimmte, daß
+Niemand ein Amt versehen oder in einem Hause des Parlaments sitzen
+solle, der nicht vorher die eidliche Erklärung gegeben, daß er
+Widerstand gegen die königliche Macht unbedingt für strafbar halte, und
+nie den Versuch machen werde, sich an der Verfassung des Staates oder
+der Kirche zu vergreifen. Mehrere Wochen hindurch erhielten die durch
+diesen Antrag hervorgerufenen Verhandlungen, Abstimmungen und Proteste
+das Land in großer Aufregung. Die Opposition im Hause der Lords, an
+deren Spitze zwei Mitglieder der Cabale standen, welche Frieden mit dem
+Volke zu machten wünschten, Buckingham und Shaftesbury, war
+außerordentlich heftig und hartnäckig, und hatte guten Erfolg. Die Bill
+wurde nicht verworfen, aber verzögert, verstümmelt und endlich bei Seite
+gelegt.
+
+Auf solche Willkür und Abgeschlossenheit gründete sich Danby's innere
+Politik; seine Ansichten über äußere Politik machten ihm mehr Ehre, sie
+waren das Gegentheil von denen der Cabale, und glichen fast ganz denen
+der Vaterlandspartei. Er klagte bitter über die Erniedrigung, in welche
+man England versetzt, und erklärte in größter Aufregung, daß es sein
+sehnlichster Wunsch sei, den Franzosen durch Prügel die nöthige Achtung
+einzuflößen. Er war so wenig Herr seiner Gefühle, daß er bei einem
+großen Gastmahle, wo die höchsten Würdenträger des Staats und der Kirche
+anwesend waren, sein Glas auf das Verderben Aller leerte, die nicht für
+einen Krieg gegen Frankreich gestimmt wären. Es wäre ihm sehr erwünscht
+gewesen, hätte sich sein Vaterland mit den Mächten vereinigt, welche
+sich damals gegen Ludwig verbunden hatten, und zu dem Zwecke war er
+geneigt, Temple, den Stifter der Tripleallianz, an die Spitze des
+Departements der auswärtigen Angelegenheiten zu stellen. Aber die Macht
+des Premierministers hatte ihre Grenzen. In seinen vertraulichsten
+Briefen beklagt er sich, daß die Verblendung seines Herrn England
+hindere den ihm gebührenden Platz unter den Nationen Europa's
+einzunehmen. Karl besaß eine unersättliche Gier nach französischem
+Golde, und hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben eines Tages
+mit Hilfe der französischen Waffen eine absolute Monarchie zu errichten
+-- diese beiden Gründe waren für ihn hinreichend, um ein gutes Vernehmen
+mit dem Hofe von Versailles zu unterhalten.
+
+So verfolgte der Souverain ein System auswärtiger Politik, dem des
+Ministers diametral entgegen. Allerdings besaßen weder der Souverain
+noch der Minister den Charakter danach, irgend einen Plan stätig zu
+verfolgen, jeder gab bei Gelegenheit dem Drängen des Andern nach, und
+ihre abweichenden Neigungen und gegenseitigen Zugeständnisse verliehen
+der ganzen Verwaltung einen sonderbaren Anstrich. Aus Leichtsinn und
+Indolenz erlaubte der König zuweilen, daß Danby Maßregeln traf, welche
+Ludwig bitter beleidigen mußten; ebenso fügte sich Danby ehe er seinen
+hohen Posten aufgegeben hätte, bisweilen lieber in Gefälligkeiten, die
+ihm schwere Sorge und Schande verursachten. Der König wurde dahin
+gebracht, seine Erlaubniß zu einer Vermählung zwischen Maria, der
+ältesten Tochter und muthmaßlichen Erbin des Herzogs von York, und
+Wilhelm von Oranien, dem Todfeinde Frankreichs und erblichen Kämpfer der
+Reformation, zu geben; ja der tapfre Earl von Ossory, Ormonds Sohn,
+eilte den Holländern zum Beistande mit einigen britischen Truppen
+herbei, welche an dem blutigsten Tage des ganzen Krieges den Ruf des
+kühnsten Muthes trefflich bewährten. Auf der anderen Seite mußte der
+Schatzmeister bei einigen schimpflichen Geldgeschäften, die zwischen
+seinem Gebieter und dem Hofe von Versailles abgemacht wurden, nicht nur
+die Augen zudrücken, sondern auch -- obgleich mit Verdruß und
+Widerstreben -- dabei mitwirken.
+
+
+[_Verwickelte Lage der Vaterlandspartei._] Mittlerweile wurde die
+Vaterlandspartei durch zwei gewaltige Gefühle nach zwei verschiedenen
+Richtungen hin getrieben. Die Leiter des Volks hatten Furcht vor der
+Größe Ludwigs, der nicht nur der ganzen Stärke der continentalen Allianz
+Widerstand leistete, sondern sogar Boden gewann; ebenso wagten sie es
+aber auch nicht, ihrem eigenen Könige die Mittel zur Demüthigung
+Frankreichs anzuvertrauen, damit dieselben nicht zur Vernichtung der
+Freiheit Englands verwendet würden. Der Widerstreit zwischen diesen
+beiden Befürchtungen, welche vollkommen gerechtfertigt waren, ließ die
+Opposition eben so haltlos und wankelmüthig erscheinen, wie die des
+Hofes. Die Gemeinen forderten Krieg mit Frankreich, bis der König, von
+Danby zur Nachgiebigkeit vermocht, sich zu fügen schien, und eine Armee
+auszuheben begann. Als sie aber sahen, daß man mit den Werbungen
+fortschritt, wurde ihre Furcht vor Ludwig durch eine noch näher liegende
+Furcht verdrängt. Sie glaubten nämlich, daß diese neuen Truppen in einem
+Dienste verwendet werden möchten, für den Karl größere Theilnahme hegte
+als für die Vertheidigung Flanderns, verweigerten deshalb alle
+Geldbewilligungen, und verlangten jetzt ebenso laut die Entlassung der
+Truppen, als sie kurz vorher die Bildung einer Armee gefordert hatten.
+Diejenigen Geschichtschreiber, welche sich über diese Unbeständigkeit
+mit strengem Tadel ausgesprochen, scheinen nicht die gehörige Rücksicht
+auf die verzweifelte Lage von Leuten genommen zu haben, welche von dem
+Glauben durchdrungen waren, ihr Fürst vereinige sich mit einer
+auswärtigen feindlichen Macht zur Unterdrückung ihrer Freiheiten. Ihm
+militairische Hilfsmittel verweigern hieß den Staat wehrlos machen; gab
+man ihm dieselben, so benutzte er sie vielleicht gegen den Staat. Bei
+solcher Bewandtniß kann die Unentschlossenheit nicht als Beweis von
+Mangel an Ehrgefühl oder gar von Schwäche betrachtet werden.
+
+
+[_Verkehr dieser Partei mit der französischen Gesandtschaft._] Dieser
+Argwohn wurde von dem französischen König eifrig genährt. Er hatte
+England geraume Zeit in Unthätigkeit erhalten, indem er den Thron gegen
+das Parlament zu unterstützen versprach, aber jetzt gewann er die
+beunruhigende Überzeugung, daß die patriotischen Rathschläge Danby's im
+Cabinet Anklang fanden, und nun begann er das Parlament gegen den Thron
+zu hetzen. Ludwig und die Vaterlandspartei trafen in einem, aber auch
+nur in diesem einen Punkte zusammen, nämlich in dem tiefen Mißtrauen
+gegen Karl. Hätte die Vaterlandspartei die Überzeugung erhalten können,
+daß ihr Souverain wirklich einen Krieg gegen Frankreich im Sinne hatte,
+so würde sie ihn auf's Eifrigste unterstützt haben. Hätte Ludwig die
+Gewißheit gehabt, daß die neuen Rüstungen nur der Verfassung von England
+galten, so würde er sie nicht zu verhindern gesucht haben. Die
+Charakterlosigkeit Karls aber und seine Treulosigkeit waren so groß,
+daß die französische Regierung und die englische Opposition -- sonst in
+allen Ansichten von einander abweichend -- wenigstens darin
+übereinstimmten, daß seinen Worten nicht zu trauen sei, und beide den
+Wunsch theilten, ihn ohne Geld und Heer zu lassen. Es fanden
+Verhandlungen statt zwischen Barillon, dem französischen Gesandten, und
+solchen englischen Staatsmännern, welche stets Abneigung und Furcht vor
+dem französischen Übergewicht gezeigt und in der That auch aufrichtig
+empfunden hatten. Das redlichste Mitglied der Vaterlandspartei, Lord
+Wilhelm Russel, Sohn des Earl von Bedford, besprach sich unbedenklich
+mit einem fremden Gesandten zu dem Zweck, seinem eigenen Souveraine
+Verlegenheiten zu bereiten. Soweit ging Russels Fehltritt. Seine
+Grundsätze sowohl wie sein großes Vermögen erheben ihn über den Verdacht
+schmutziger Absichten; allein man hat nur zu viel Grund anzunehmen, daß
+mehrere seiner Verbündeten weniger Bedenklichkeit zeigten. Man würde
+ihnen Unrecht thun, wollte man sie der Niederträchtigkeit beschuldigen,
+Geld angenommen zu haben, um ihrem Vaterlande zu schaden, sie meinten
+ihm im Gegentheil nützlich zu sein; es ist aber nicht in Abrede zu
+stellen, daß sie unehrenhaft und unzart genug waren, von einem fremden
+Fürsten dafür Bezahlung anzunehmen, daß sie dem eigenen Lande dienten.
+Einer von denen, welche diese erniedrigende Anklage mit Recht trifft,
+war ein Mann, der nach der Meinung des Volkes der personifizirte
+Gemeinsinn war, und welcher trotz einiger großen moralischen und
+geistigen Schwächen mit Recht ein Held, ein Philosoph und ein Patriot
+genannt zu werden verdient. Es erregt schmerzliche Empfindungen, einen
+derartigen Namen auf der Liste der Pensionaire Frankreichs zu finden,
+und doch liegt einiger Trost in dem Gedanken, daß in unserer Zeit ein
+öffentlicher Charakter der nicht einer Versuchung widerstände, welcher
+die Tugend und der Stolz Algernon Sidney's unterlagen, als alles
+Pflicht- und Schamgefühls bar betrachtet werden würde.
+
+
+[_Frieden von Nimwegen._] Die Folge dieser Intriguen war, daß England,
+wenn es gleich bei Gelegenheit eine drohende Haltung zeigte, unthätig
+blieb, bis der continentale Krieg nach fast siebenjähriger Dauer 1678
+durch den Frieden von Nimwegen sein Ende fand. Die Vereinigten
+Provinzen, 1672 am äußersten Rande des Verderbens stehend, erlangten
+ehrenvolle und vortheilhafte Bedingungen. Daß sie mit genauer Noth dem
+Untergange entrannen, wurde allgemein der Geschicklichkeit und
+Tapferkeit des jungen Statthalters zugeschrieben. Er besaß in Europa
+einen bedeutenden Ruf, und insbesondere bei den Engländern, welche ihn
+als einen ihrer eigenen Prinzen betrachteten, und denen es Freude
+machte, in ihm den Gemahl ihrer zukünftigen Königin zu sehen. Frankreich
+erwarb mehrere wichtige Städte in Belgien und die bedeutende Provinz
+Franche Comté; die sinkende spanische Monarchie aber hatte fast den
+ganzen Verlust zu tragen.
+
+
+[_Große Unzufriedenheit in England._] Kaum waren die Feindseligkeiten
+auf dem Festlande einige Monate vorüber, so trat eine große Krisis in
+der englischen Politik ein, welche durch den Gang der Verhältnisse seit
+bereits achtzehn Jahren vorbereitet worden war. Das ganze Capital von
+Popularität, welches der König beim Antritt seiner Regierung besaß, war
+verschwendet, und dem loyalen Enthusiasmus tiefe Abneigung gefolgt. Die
+öffentliche Meinung war die Strecke zurückgegangen, die sie zwischen
+1640 und 1660 durchlaufen hatte, und befand sich noch einmal auf
+demselben Standpunkte, den sie einnahm, als das Lange Parlament
+zusammentrat.
+
+Die herrschende Unzufriedenheit bestand aus einem Gemisch der
+verschiedenartigsten Empfindungen. Eins dieser Gefühle war verletzter
+Nationalstolz. Die damalige Generation kannte England, wie es, auf
+gleiche Bedingungen mit Frankreich verbündet, Siegerin über Holland und
+Spanien, Beherrscherin des Meeres, der Schrecken Roms, der Schutzgeist
+des protestantischen Europa's war. Seine Hilfsquellen waren nicht
+schwächer geworden, und es stand zu erwarten, daß unter dem Scepter
+eines legitimen Königs, der die Liebe und den völligen Gehorsam seiner
+Unterthanen besaß, es in Europa zum Wenigsten eben so hervorragend
+dastehen müsse, wie unter der Herrschaft eines Usurpators, der mit
+größter Wachsamkeit und Energie ein rebellisches Volk niederzuhalten
+hatte. Und doch war es durch die Schwäche und Erbärmlichkeit seines
+Oberhauptes so tief gesunken, daß jedes deutsche oder italienische
+Ländchen, welches fünftausend Soldaten in's Feld schicken konnte,
+ein wichtigeres Glied unter den Nationen Europa's bildete.
+
+Mit der bitteren Empfindung nationaler Demüthigung verband sich die
+Besorgniß um die bürgerliche Freiheit. Unbestimmte Gerüchte, um so
+beunruhigender weil sie unbestimmt waren, schrieben dem Hofe einen
+überdachten Plan gegen alle constitutionellen Rechte der Engländer zu;
+man raunte sich sogar in's Ohr, daß die Ausführung dieses Planes mit
+Hilfe fremder Waffen geschehen solle. Selbst den Cavalieren kochte bei
+dem Gedanken an solche Einmischung das Blut in den Adern, und einige,
+die stets die Lehre von der Unzulässigkeit des Widerstandes im Munde
+hatten, murrten jetzt, daß diese Lehre auch eine Grenze habe! Wollte man
+eine fremde Macht herüberführen, um der Nation Zwang anzuthun, so
+möchten sie nicht für die eigene Geduld einstehen!
+
+Weder Nationalstolz noch Besorgniß um die öffentliche Freiheit aber
+hatten auf die Stimmung des Volkes einen solchen Einfluß, wie der Haß
+gegen die römisch-katholische Kirche. Dieser Haß war eine herrschende
+Leidenschaft des Volkes geworden und bei Unwissenden und Profanen eben
+so gewaltig wie bei den Protestanten von Überzeugung. Die
+Unmenschlichkeiten während der Regierung Maria's, Unmenschlichkeiten,
+die selbst bei der unbefangensten, klarsten Darstellung Grauen erregen
+und in den volksthümlichen Erzählungen von Märtyrern weder genau, noch
+vorurtheilslos berichtet wurden, die Verschwörung gegen Elisabeth, und
+namentlich die Pulververschwörung hatten in der Erinnerung des Volkes
+ein nicht zu löschendes, bitteres Gefühl hinterlassen, das durch
+jährliche Erinnerungsfeste, Gebete, Freudenfeuer und Prozessionen immer
+wieder neue Nahrung erhielt.
+
+Es ist hierbei nicht zu vergessen, daß diejenigen Klassen, welche dem
+Throne insbesondere anhingen, der Klerus und der grundbesitzende Adel,
+hauptsächlich Ursache hatten, die katholische Kirche zu hassen. Der
+Klerus zitterte für seine Pfründen, der Adel mit Grundbesitz für seine
+Abteien und hohen Zehnten. So lange die Regierung der Heiligen noch in
+frischem Andenken war, hatte der Haß gegen das Papstthum in etwas dem
+Hasse gegen den Puritanismus Platz gemacht; aber während der achtzehn
+Jahre, welche seit der Restauration verflossen waren, hatte die
+Feindseligkeit gegen den Puritanismus abgenommen, wogegen die Abneigung
+gegen das Papstthum gewachsen war. Zwar waren die Bedingungen des
+Vertrags von Dover nur Wenigen genauer bekannt, aber einige Andeutungen
+doch laut genug geworden. Der allgemeine Glaube war, daß ein großer,
+vernichtender Schlag gegen den Protestantismus geführt werden solle.
+Viele hatten den König in Verdacht, daß er sich Rom zuwende, sein Bruder
+und muthmaßlicher Thronerbe war als ein bigotter Katholik bekannt. Die
+erste Herzogin von York war als Katholikin gestorben, und Jacob hatte
+darauf, trotz der Gegenvorstellungen des Hauses der Gemeinen, die
+Prinzessin Maria von Modena, auch eine Katholikin, geheirathet; wenn aus
+dieser Ehe Söhne hervorgingen, so stand zu fürchten, daß dieselben als
+Katholiken erzogen werden möchten, und dann eine lange Reihe von Fürsten
+auf dem Throne sitzen würden, welche Feindschaft gegen die herrschende
+Staatskirche im Herzen trügen; man hatte neuerdings die Verfassung
+verletzt, um die Katholiken gegen das Strafgesetz in Schutz zu nehmen;
+der Bundesgenosse, dessen Politik England seit Jahren beherrscht hatte,
+war nicht blos ein Katholik, sondern auch ein Verfolger des
+Protestantismus. Unter allen diesen Umständen war es zu rechtfertigen,
+wenn der gemeine Mann eine Wiederkehr der Zeiten jener Fürstin
+fürchtete, welche er die blutige Maria nannte.
+
+Die Nation war demgemäß in einer Stimmung, bei der jeder Funke zur
+Flamme werden konnte. Da wurde mit einem Male an zwei Stellen Feuer an
+die ungeheure Masse des Zündstoffes gelegt, und augenblicklich stand
+Alles in Flammen.
+
+
+[_Danby's Sturz._] Der französische Hof, welcher Danby als seinen
+bittersten Feind kannte, ersann den listigen Plan, ihn dadurch zu
+stürzen, daß er ihn für seinen Freund gelten ließ. Ludwig bewies dem
+Hause der Gemeinen mit Hilfe Ralphs von Montague, eines unredlichen,
+schamlosen Menschen, der als Gesandter in Frankreich gewesen war, daß
+der Schatzmeister bei einem Geldgesuche sich betheiligt, welches der Hof
+von Whitehall an den von Versailles gerichtet. Diese Entdeckung hatte
+ihre berechneten Folgen, indem der Schatzmeister, nicht seiner
+Verbrechen sondern seiner Verdienste wegen, nicht als Theilhaber an
+einer strafbaren Verhandlung, sondern als entschiedener Gegner
+derselben, der Verfolgung des Parlaments anheim fiel. Seine Zeitgenossen
+kannten die Umstände nicht, welche in den Augen der Nachwelt die ihm zur
+Last gelegte Schuld so sehr verringert erscheinen lassen, sie sahen in
+ihm einen Mäkler, welcher England an Frankreich verkauft hatte. Seine
+Größe war offenbar vorüber, und sein Kopf in nicht geringer Gefahr.
+
+
+[_Die papistische Verschwörung._] Die Aufregung, welche die erwähnte
+Entdeckung verursachte, war jedoch unbedeutend im Vergleich zu der
+heftigen Bewegung, die das Gerücht hervorrief, es sei ein großes
+papistisches Complot entdeckt worden. Ein gewisser Titus Oates,
+Geistlicher der englischen Kirche, war von seinen kirchlichen
+Vorgesetzten gezwungen worden, wegen unordentlichen Lebenswandels und
+heterodoxer Lehre seine Pfründe zu verlassen, und führte seitdem ein
+lasterhaftes und unstätes Leben. Er hatte sich einmal als Katholiken
+bekannt und auf dem Kontinent einige Zeit in englischen Kollegien des
+Jesuitenordens zugebracht. In diesen Seminarien hatte er viel wirres
+Geschrei vernommen über die geeignetsten Mittel, England wieder in den
+Schooß der wahren Kirche zurückzuführen. Aus den Andeutungen, welche ihm
+hier geworden, setzte er nun einen schauderhaften Roman zusammen, der
+mehr den Phantasieen eines Fieberkranken als Ereignissen glich, die sich
+jemals in der Wirklichkeit zugetragen. Der Papst, versicherte er, hätte
+die Regierung Englands den Jesuiten in die Hände gegeben. Diese hätten
+durch Bestallungen, ausgefertigt unter dem Siegel ihrer Gesellschaft,
+katholische Priester sowie Personen des hohen und niederen Adels zu den
+höchsten Posten in Kirche und Staat bestimmt. Schon einmal hätten die
+Papisten London niedergebrannt, sie hätten bereits einen zweiten Versuch
+dazu gemacht, und gingen jetzt mit dem Plane um, alle Schiffe auf der
+Themse anzuzünden. Auf ein gegebenes Zeichen würden sie über die
+Protestanten herfallen und sie niedermachen, zu gleicher Zeit würde eine
+französische Armee an der Küste von Irland erscheinen. Alle leitenden
+Staatsmänner und Geistlichen Englands sollten umgebracht werden, und zur
+Ermordung des Königs habe man drei oder vier Pläne entworfen; er sollte
+erdolcht, oder durch Medizin vergiftet oder mit silbernen Kugeln
+erschossen werden. Die öffentliche Meinung war so empfindlich und
+reizbar, daß diese Lügen bei dem gemeinen Manne leicht Eingang fanden,
+und zwei einander rasch folgende Vorgänge erregten selbst bei besonnenen
+Männern einen Argwohn, daß die Erzählung, wenn auch entstellt und
+übertrieben, doch nicht ganz ohne Grund sein möge.
+
+Eduard Coleman, ein sehr thätiger, aber nicht eben achtungswerther
+katholischer Intriguant, befand sich unter den angeklagten Personen. Man
+forschte nach seinen Papieren, und es zeigte sich, daß er so eben den
+größten Theil derselben vernichtet hatte, einige aber, die gerettet
+worden waren, enthielten Stellen, welche befangenen Gemüthern die
+Anschuldigung Oates' zu rechtfertigen schien. Ruhig und vorurtheilsfrei
+betrachtet, sprachen diese Stellen freilich blos die Hoffnung aus,
+welche der Stand der Dinge, die Neigungen Karls, die noch stärkeren
+Neigungen Jacobs und die, zwischen dem französischen und englischen Hofe
+bestehenden Verbindungen sehr natürlich in der Brust eines Katholiken
+erwecken mußten, der den Interessen seiner Kirche eifrig ergeben war.
+Unser Vaterland aber hatte damals keine Lust, Schreiben von Papisten
+unbefangen zu deuten, und es wurde nicht ganz ohne rechtlichen Anschein
+geschlossen, daß, wenn die als unwichtig übersehenen Papiere so
+bedenklichen Inhalts wären, diejenigen Documente, welche man in das
+Feuer geworfen, vermuthlich das Geheimniß eines großen Verbrechens
+enthalten haben müßten.
+
+Nach einigen Tagen wurde bekannt, daß Sir Edmondsbury Godfrey, ein
+vorzüglicher Friedensrichter, welcher die Aussagen des Oates gegen
+Coleman niedergeschrieben, verschwunden sei. Durch die angestellten
+Nachforschungen entdeckte man Godfrey's Leichnam auf einem Felde in der
+Nähe Londons, und es unterlag keinem Zweifel, daß er zwar gewaltsam
+getödtet, nicht aber von Räubern angegriffen worden sei. Sein Schicksal
+ist bis auf diesen Tag ein Geheimniß geblieben. Manche glauben, er habe
+sich selbst entleibt, Andere sagen, er sei durch einen Privatfeind
+ermordet worden; am unwahrscheinlichsten aber ist die Annahme, die dem
+Hofe feindliche Partei habe ihn getödtet, um der Verschwörungsgeschichte
+einen Anhalt zu geben. Im Ganzen genommen scheint die Annahme am
+richtigsten zu sein, daß einige erhitzte Katholiken durch die
+lügenhaften Beschuldigungen Oates' und die Beleidigungen der Menge zur
+höchsten Wuth gereizt, zwischen dem meineidigen Ankläger und der
+schuldlosen Gerichtsperson nicht genau unterschieden, und eine Rache
+ausübten, von der die Geschichte verfolgter Sekten nur zu viele
+Beispiele darbietet. Ist es so gewesen, dann muß der Mörder in einer
+späteren Zeit seine Schlechtigkeit und Thorheit bitter bereut haben. Die
+Hauptstadt und die ganze Nation waren von Haß und Furcht erfüllt. Die
+Strafgesetze, welche in ihrer Strenge etwas gemäßigt worden waren,
+wurden von Neuem verschärft, überall waren Richter in Thätigkeit, Häuser
+zu durchsuchen und Papiere in Beschlag zu nehmen; die Gefängnisse waren
+mit Katholiken angefüllt. London gewährte das Bild einer Stadt im
+Belagerungszustande. Die Miliz war jede Nacht unter den Waffen;
+Vorkehrungen wurden getroffen, die großen Durchgänge zu verbarrikadiren,
+Patrouillen durchzogen die Straßen nach allen Richtungen. Rings um
+Whitehall waren Kanonen aufgefahren, und kein Bürger glaubte sich
+sicher, wenn er nicht unter dem Mantel einen mit Blei gefüllten kleinen
+Dreschflegel trug, um den katholischen Meuchelmördern den Kopf
+einzuschlagen. Die Leiche des ermordeten Friedensrichters war mehrere
+Tage der Neugierde der Masse ausgestellt, und wurde dann mit unsinnigen
+und seltsamen Ceremonien, welche mehr Haß und Rachedurst, als Schmerz
+und religiöse Hoffnung andeuteten, zu Grabe gebracht. Die Häuser
+verlangten, daß man in den Gewölben, über denen sie saßen, eine Wache
+legen sollte, damit sie keine zweite Pulververschwörung zu fürchten
+hätten. Alle ihre Maßregeln stimmten mit diesem Verlangen überein. Seit
+der Regierung Elisabeths hatten die Mitglieder des Hauses der Gemeinen
+immer den Suprematseid leisten müssen, einige Katholiken aber hatten es
+verstanden, diesem Eide eine solche Auslegung zu geben, daß sie ihn ohne
+Bedenken leisten konnten. Es wurde jetzt ein noch strengerer Eid
+hinzugefügt, und die katholischen Lords sahen sich zum ersten Male von
+ihren Sitzen im Parlament ausgeschlossen. Strenge Maßregeln gegen die
+Königin wurden beschlossen. Einen Staatssecretair ließen die Gemeinen
+in's Gefängniß bringen, weil er Bestallungen für gewisse Personen,
+welche keine guten Protestanten waren, contrasignirt hatte, den Lord
+Schatzmeister beschuldigten sie des Hochverraths; ja sie vergaßen die
+während und nach dem Bürgerkriege offen bekannte Lehre soweit, daß sie
+einen Versuch machten, den Oberbefehl der Miliz den Händen des Königs zu
+entreißen. In solchem Zustand hatte eine achtzehnjährige schlechte
+Regierung das loyalste Parlament gebracht, das je in England bestanden
+hatte.
+
+Auffallend ist es, daß der König selbst in dieser höchsten Noth es
+wagte, Berufung an sein Volk einzulegen, denn das Volk war noch
+erhitzter als seine Repräsentanten. Das Unterhaus, so unzufrieden es
+auch war, enthielt eine größere Zahl von Cavalieren, als nach aller
+Wahrscheinlichkeit jemals wieder darin sitzen würden, aber man gedachte
+durch eine Auflösung die Anklage gegen den Lord Schatzmeister zu
+sistiren, durch welche alle strafwürdigen Geheimnisse der französischen
+Allianz an's Licht kommen, und dem König persönliche Verlegenheit und
+Widerwärtigkeit bereiten mußten. Das Parlament wurde daher im Januar des
+Jahres 1679 aufgelöst. -- Es hatte seit Anfang des Jahres 1661
+bestanden, -- und eine allgemeine Wahl wurde angeordnet.
+
+
+[_Erste allgemeine Wahl von 1679._] Während mehrerer Wochen wurde der
+Wahlkampf im ganzen Lande mit beispielloser Heftigkeit und
+Hartnäckigkeit geführt, bedeutendere Summen als je zuvor wurden auf
+denselben verwandt, und ganz neue Kunstgriffe in Anwendung gebracht. Die
+Verfasser von Flugschriften aus damaliger Zeit erwähnen als etwas ganz
+Außergewöhnliches, daß mit großen Kosten Pferde zur Beförderung der
+Wähler gemiethet wurden. Der Kunstgriff, Freisassengüter zu zerstückeln,
+um die Wahlstimmen zu vervielfältigen, verdankt jenem merkwürdigen
+Kampfe seine Entstehung. Dissenterprediger, welche sich vor der
+Verfolgung in stille, entlegene Winkel geflüchtet hatten, kamen jetzt
+aus ihren Schlupfwinkeln hervor und wanderten auf den Dörfern umher,
+um den Eifer des zerstreuten Volkes Gottes wieder anzufachen. Die Fluth
+stieg hoch gegen die Regierung. Die meisten der neugewählten Mitglieder
+kamen in einer Stimmung nach Westminster, welche nicht sehr von der
+ihrer Vorgänger abwich, welche Strafford und Laud in den Tower gesperrt
+hatten.
+
+Mittlerweile wurden die Gerichtshöfe, welche auch während der
+politischen Unruhen Zufluchtsstätten für die Schuldlosen aller Parteien
+sein sollen, durch niedrigere Leidenschaften und gemeinere Bestechungen
+entehrt, als selbst bei den Wahlumtrieben vorkamen. Die Erzählung des
+Oates, hätte sie auch vermocht das ganze Lande in wilde Aufregung zu
+bringen, würde ohne ein anderes Zeugniß nicht hingereicht haben, den
+unbedeutendsten der Angeklagten zu verderben, indem nach dem alten
+englischen Rechte zwei Zeugen erforderlich sind, um eine Anklage auf ein
+schweres Verbrechen zu begründen. Indeß der günstige Erfolg des ersten
+Schurken blieb nicht ohne seine natürlichen Folgen. Binnen wenigen
+Wochen hatte sich derselbe aus Armuth und Dunkelheit zu Reichthum und
+Macht emporgeschwungen, welche ihn Prinzen und Edelleuten gefährlich
+machten, und eine Berühmtheit erlangt, die für gemeine Seelen den ganzen
+Reiz des wahren Ruhmes hat. Er blieb nicht lange ohne Beihilfe und
+Genossenschaft. Ein schlechter Mensch, mit Namen Carstairs, der in
+Schottland sein Leben dadurch fristete, daß er verkleidet Conventikel
+besuchte, und dann die Prediger denuncirte, ging voran. Bedloe, ein
+bekannter Schwindler, folgte, und bald drangen aus allen Bordellen,
+Spielhöllen und Bierhäusern Londons käufliche Zeugen hervor, um
+Katholiken durch ihre erlogenen Aussagen um's Leben zu bringen. Einer
+wußte eine Geschichte von einer Armee zu erzählen, die aus
+dreißigtausend Mann als Pilger verkleideten Soldaten bestehend sich in
+Corunna versammeln, und von da nach Wales segeln sollte; einem Anderen
+hatte man die Heiligsprechung und fünfhundert Pfund geboten, wenn er den
+König ermorden wollte; ein Dritter hatte beim Besuche eines Speisehauses
+in Coventgarden gehört, wie ein angesehener, katholischer Banquier in
+Gegenwart aller Gäste und Kellner gelobte, den ketzerischen Tyrannen
+um's Leben zu bringen. Oates, um von seinen Nachfolgern nicht
+übertroffen zu werden, fügte seiner ursprünglichen Geschichte einen
+bedeutenden Nachtrag hinzu. Er besaß die beispiellose Unverschämtheit,
+unter Anderem zu versichern, er habe einst, als er hinter einer offenen
+Thür gestanden, die Königin sagen hören, sie sei entschlossen in die
+Ermordung ihres Gemahls zu willigen. Selbst solche Erfindungen glaubte
+das Volk, und der Richterstand des Landes that als glaube er sie auch.
+Die höchsten Justizpersonen des Reichs waren bestochen, unmenschlich und
+furchtsam, und die Leiter der Vaterlandspartei unterstützten nach
+Kräften die herrschende Verblendung. Die achtbarsten Mitglieder
+derselben waren in der That selbst so befangen, daß sie den größeren
+Theil der Beweise für die Verschwörung nicht bezweifelten. Männer wie
+Shaftesbury und Buckingham wußten natürlich, daß die ganze Sache ein
+Roman sei, aber ein Roman, der ihnen zusagte, denn ihrem verhärteten
+Gewissen war der Tod eines unschuldigen Menschen eben so gleichgültig,
+als der Tod eines Feldhuhns. Die Geschwornen standen unter dem Einflusse
+der Gefühle, welche damals die ganze Nation beherrschten, und wurden von
+der Richterbank ermuthigt, diesen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Das
+Volk überschüttete Oates und sein Gelichter mit Beifall, schrie und
+lärmte gegen die Zeugen, welche zu Gunsten der Angeklagten auftraten und
+jubelte vor Freude, wenn eine Verurtheilung ausgesprochen ward.
+Vergeblich wiesen die Dulder auf die Unbescholtenheit ihres früheren
+Lebens hin, denn die öffentliche Meinung war von dem Vorurtheile
+befangen, daß ein Katholik, je gewissenhafter er sei, um so eher gegen
+die protestantische Regierung complottiren werde. Vergebens behaupteten
+sie noch in dem Augenblicke, wo der Karren unter ihren Füßen weggezogen
+ward, ihre völlige Unschuld, denn es galt die Meinung, daß ein guter
+Katholik alle Unwahrheiten, durch die er seiner Kirche diente, nicht nur
+als verzeihlich sondern sogar als verdienstlich ansehe.
+
+
+[_Heftigkeit des neuen Hauses der Gemeinen._] Während unter der Form der
+Gerechtigkeit unschuldiges Blut in Strömen vergossen wurde, trat das
+neue Parlament zusammen, und die Heftigkeit der überwiegenden Partei war
+so groß, daß selbst Männer, deren Jugend unter Revolutionen verstrichen
+war, Männer, die sich der Verurtheilung Straffords, des Attentats auf
+die fünf Mitglieder, der Beseitigung des Hauses der Lords und der
+Hinrichtung des Königs erinnerten, mit größter Besorgniß auf den Zustand
+der Dinge blickten. Die Anklage Danby's wurde wieder aufgenommen. Er bat
+um die königliche Gnade, aber die Gemeinen wiesen dieses Gesuch mit
+Verachtung zurück und verlangten die Fortsetzung des Processes. Um Danby
+war es ihnen übrigens eigentlich gar nicht zu thun; sie waren überzeugt,
+daß das einzige wirksame Mittel, die Freiheit und Religion Englands zu
+retten, darin bestehe, daß man den Herzog von York vom Throne
+ausschließe.
+
+Der König befand sich in großer Verlegenheit. Er hatte seinen Bruder,
+dessen Anblick allein schon das Volk zu wahnsinniger Wuth entflammte,
+veranlaßt, auf einige Zeit nach Brüssel zu gehen, aber dieses
+Zugeständniß schien keinen besonders günstigen Eindruck gemacht zu
+haben. Die Partei der Rundköpfe hatte offenbar das Übergewicht. Zu
+dieser Partei gehörten Millionen, welche zur Zeit der Revolution auf
+Seiten der Prärogative gestanden. Unter den alten Cavalieren fürchteten
+Viele das Papstthum; und Andere, die sich noch immer mit Bitterkeit der
+Undankbarkeit des Fürsten erinnerten, dem sie so viel geopfert, blickten
+auf sein Unglück eben so gleichgültig hin, wie er einst auf das ihrige.
+Selbst die anglikanische Geistlichkeit, durch den Abfall des Herzogs von
+York gekränkt und beunruhigt, unterstützte die Opposition insoweit, daß
+sie in das allgemeine Geschrei gegen die Römisch-Katholischen von Herzen
+einstimmte.
+
+
+[_Temple's Regierungssystem._] In dieser höchsten Bedrängniß nahm der
+König seine Zuflucht zu Sir William Temple. Von allen Staatsmännern
+jener Zeit hatte Temple sich den Ruf eines redlichen Mannes erhalten.
+Die Tripleallianz war sein Werk, er hatte sich geweigert, an der Politik
+der Cabale Theil zu nehmen, und so lange dieses Cabinet die
+Angelegenheiten des Staates leitete, war er in stiller Zurückgezogenheit
+geblieben. Auf den Ruf Danby's war er aus seiner Einsamkeit
+hervorgetreten, hatte den Frieden zwischen Holland und England
+vermittelt, und große Thätigkeit bei dem Zustandebringen der Vermählung
+der Prinzessin Maria mit ihrem Vetter, dem Prinzen von Oranien,
+entwickelt. So sah Jedermann in ihm den Schöpfer des wenigen Guten,
+das die Regierung seit der Restauration vollbracht, und von den vielen
+Verbrechen und Irrthümern der letzten achtzehn Jahre konnte ihm keines
+zur Last gelegt werden. Sein Privatleben, wenngleich nicht streng, war
+anständig, seine Manieren waren volksthümlich, und es war nicht möglich
+ihn durch Titel oder Geld zu bestechen. Etwas fehlte allerdings an dem
+Charakter dieses vortrefflichen Staatsmannes: seine Vaterlandsliebe
+besaß keinen hohen Wärmegrad. Seine persönliche Ruhe und Würde ging ihm
+über Alles, und er schrak mit kleinmüthiger Furcht vor jeder
+Verantwortlichkeit zurück. Seine Gewohnheiten waren nicht geeignet,
+ihn in den Parteikämpfen Englands eine Rolle spielen zu lassen. Er war
+fünfzig Jahre alt geworden, ohne jemals im Parlamente gesessen zu haben,
+und seine Geschäftserfahrungen hatte er fast ausschließlich fremden
+Höfen gesammelt. Man hielt ihn mit Grund für einen der ersten Diplomaten
+Europa's, aber die Talente und Fertigkeiten eines Diplomaten sind
+himmelweit verschieden von denjenigen, welche einen Staatsmann
+befähigen, in aufgeregter Zeit das Haus der Gemeinen zu leiten.
+
+Der Plan, den er in Anregung brachte, verrieth viel Geist. Wenn auch
+kein tiefer Denker, so hatte er doch mehr als die meisten
+Geschäftsmänner über die allgemeinen Regierungsgrundsätze nachgedacht,
+und sein geistiger Blick war durch Geschichtsstudien und Aufenthalt im
+Auslande sehr umfassend geworden. Er scheint klarer als die meisten
+seiner Zeitgenossen den Grund der Schwierigkeiten erkannt zu haben,
+welche die Regierung bedrängten. Der Charakter der englischen
+Staatsverfassung fing an, sich zu verändern, das Parlament erhob, wenn
+auch langsam, doch unaufhörlich, seine Macht über die der Prärogative.
+Die Grenze zwischen der gesetzgebenden und der executiven Gewalt war in
+der Theorie so genau abgemessen wie jemals, aber in der Praxis schwand
+sie mehr und mehr. Nach der Theorie der Verfassung hatte der König
+selbst seine Minister zu wählen; das Haus der Gemeinen aber hatte nach
+einander Clarendon, die Cabale und Danby von der Leitung der
+Staatsgeschäfte entfernt. Nach der Theorie der Verfassung hatte der
+König allein das Recht, über Krieg und Frieden zu entscheiden; er war
+durch das Haus der Gemeinen gezwungen worden, Frieden mit Holland zu
+schließen, und es hätte ihn fast dazu getrieben, Krieg mit Frankreich zu
+beginnen. Nach der Theorie der Verfassung stand dem Könige allein die
+Entscheidung in Fällen zu, wo es sich um Begnadigungen handelte; er
+hatte aber eine solche Furcht vor dem Hause der Gemeinen, daß er es
+nicht wagen durfte, Männer vom Galgen zu retten, von denen er gar wohl
+wußte, daß sie als unschuldige Opfer des Meineids fielen. Es scheint,
+daß Temple die Absicht hatte, der Gesetzgebung ihre unzweifelhaft
+verfassungsmäßigen Gewalten zu belassen, und sie zugleich, wenn möglich,
+zu verhindern, Übergriffe in das Gebiet der ausübenden Verwaltung zu
+thun. Zu diesen Zwecke beschloß er, zwischen den Landesherrn und das
+Parlament einen Körper zu stellen, welcher im Stande wäre, die
+Heftigkeit ihres Zusammenstoßes zu mildern. Es existirte ein altes,
+ehrenwerthes, von dem Gesetze sanctionirtes Institut, das nach seiner
+Meinung zu diesem Zwecke umgestaltet werden konnte. Er beschloß, dem
+Geheimen Rathe einen neuen Charakter und eine neue Bestimmung in der
+Verfassung zu verleihen. Die Zahl der Räthe wurde auf dreißig bestimmt,
+funfzehn davon sollten die ersten Beamten des Staates, der Rechtspflege
+und der Kirche sein, die anderen funfzehn sollten aus Adeligen und
+Herren bestehen, die sich in keinem Amte befanden, aber ein großes
+Vermögen besaßen und eines hohen Ansehens genossen. Ein engeres
+Kabinet sollte nicht bestehen. Diese dreißig sollten mit allen
+Staatsgeheimnissen betraut und zu jeder Versammlung berufen werden, der
+König aber sich verpflichten, bei allen Gelegenheiten ihrem Rathe Folge
+zu leisten.
+
+Temple scheint von der Ansicht ausgegangen zu sein, durch diese
+Einrichtung sei die Nation gegen die Tyrannei der Krone, und diese gegen
+die Übergriffe des Parlaments geschützt. Einmal war es nicht
+wahrscheinlich, daß Pläne, wie sie die Cabale gefaßt hatte, in einer
+Versammlung von dreißig Männern, die zur Hälfte durch keine Bande des
+Interesses an den Hof geknüpft waren, auch nur in Vorschlag gebracht
+werden könnten, und dann ließ sich hoffen, daß ein solcher Rath den
+Gemeinen eine Bürgschaft gegen schlechte Regierung sein, und sie sich
+mehr als bisher geschehen auf ihre streng gesetzgebenden Functionen
+beschränken und es für weniger nöthig erachten würden, ihren Blick auf
+alle Theile der executiven Verwaltung zu richten.
+
+Dieser Plan, obschon in verschiedener Hinsicht der Fähigkeiten seines
+Schöpfers nicht unwürdig, war im Princip mangelhaft. Die neue Behörde
+war halb Kabinet, halb Parlament, und wie jede Entdeckung in der
+Mechanik oder Politik, welche zu zwei von einander abweichenden Zwecken
+benutzt werden soll, konnte sie keinen erreichen. Für eine gute Behörde
+war sie zu groß und zu getheilt, sie war zu eng mit der Krone verknüpft,
+um dieselbe überwachen zu können, und enthielt genug populäre Elemente,
+sie zu einem nicht eben guten Staatsrathe zu machen, unfähig Geheimnisse
+zu bewahren, difficile Verhandlungen zu leiten, und Krieg zu führen.
+Und doch war das populäre Element nicht hinreichend, um das Volk gegen
+fehlerhafte Verwaltung zu schützen. Der Plan konnte deshalb, selbst wenn
+man die Absicht gehabt hätte, ihn die Probe bestehen zu lassen, sich
+nicht vortheilhaft bewähren, ihn aber die Probe bestehen zu lassen, dazu
+fehlte der gute Wille. Der König war unzuverlässig und treulos, das
+Parlament ohne Besonnenheit und Billigkeit, und die Personen, aus denen
+man den neuen Rath bilden wollte, obschon vielleicht die besten, welche
+in jener Zeit zu haben waren, trotzdem noch immer unbrauchbar genug.
+
+Der Beginn des neuen Systems erregte allgemeine Freude, denn das Volk
+war der Meinung, jede Veränderung müsse auch eine Verbesserung sein;
+auch war es mit einigen neuen Ernennungen zufrieden gestellt.
+Shaftesbury, zur Zeit sein Liebling, wurde Lord Präsident, und Russel
+nebst einigen anderen hervorragenden Mitgliedern der Vaterlandspartei
+für den Geheimen Rath vereidet. Aber nach Verlauf von wenig Tagen war
+Alles wieder in Verwirrung. Das Unpraktische des aus so vielen
+Mitgliedern bestehenden Kabinets war so hervortretend, daß Temple selbst
+einwilligte eine der von ihm festgestellten Grundregeln zu verletzen und
+ein kleines Kollegium zu bilden, welches die wirkliche Leitung aller
+Geschäfte besorgte. Dasselbe bestand neben ihm aus drei anderen
+Ministern, Arthur Capel, Earl von Essex, Georg Savile, Viscount Halifax,
+und Robert Spencer, Earl von Sunderland.
+
+Über den Earl von Essex, damaligen ersten Schatzcommissar, genügt es zu
+sagen, daß er ein Mann von soliden, wenn auch nicht hervorragenden
+Gaben, und ernster, melancholischer Gemüthsart war. Er hatte der
+Vaterlandspartei angehört und wünschte damals aufrichtig, eine
+Versöhnung zwischen dieser Partei und dem Throne zu vermitteln, welche
+auch für den Staat günstig wäre.
+
+
+[_Charakter des Halifax._] Halifax war unter den Staatsmännern jener
+Zeit an Genie der vorzüglichste. Er war fruchtbaren, hellen und
+umfassenden Geistes. Seine feine, verständliche und lebendige
+Beredtsamkeit, getragen von dem Silbertone seines Sprachorgans, war der
+Stolz des Hauses der Lords. Seine Conversation war reich an Gedanken,
+Phantasie und Witz, und seine politischen Abhandlungen sind es werth,
+wegen ihres wissenschaftlichen Verdienstes studirt zu werden, und
+berechtigen ihn in vollem Maße, unter den Klassikern Englands genannt zu
+werden. Mit der Bedeutung, zu der so große und vielseitige Talente ihn
+erhoben, vereinigte er den ganzen Einfluß, den Rang und Reichthum
+verliehen. Doch hatte er in seinem politischen Wirken weniger glückliche
+Erfolge als Andere, welche sich nicht so bedeutender Vorzüge rühmen
+konnten. Und in der That hinderten ihn die genialen Eigenthümlichkeiten,
+welche seinen Schriften so hohen Werth verleihen, sehr oft in den
+Streitigkeiten des praktischen Lebens. Er betrachtete die Ereignisse des
+Tages nicht immer aus dem Gesichtspunkte, wie sie sich Jemandem
+darstellen, der an ihnen lebhaften Antheil nimmt, sondern aus dem, in
+welchem sie nach Jahren dem philosophischen Schriftsteller erscheinen.
+Bei dieser Richtung des Geistes konnte er unmöglich lange mit irgend
+einem Vereine von Männern im Einverständniß bleiben. Alle Vorurtheile,
+alle Übertreibungen der beiden großen Parteien erregten seinen Spott;
+er verabscheute die elenden Kunstgriffe und das widerliche Geschrei der
+Demagogen; aber er verachtete noch mehr die Lehre vom göttlichen Recht
+und dem passiven Gehorsam. Ohne Rücksicht auf die Parteien spottete er
+über die Bigotterie des Puritaners wie über die des Anhängers der
+Hofkirche. Es war ihm unerklärlich, wie Jemand gegen Verehrung der
+Heiligen und Chorhemden Bedenken tragen, oder einen Andern verfolgen
+könne, weil er solche Bedenken trug. Seiner Gesinnung nach war er das,
+was man in neuerer Zeit conservativ nennt, in der Theorie war er
+Republikaner. Selbst wenn seine Furcht vor Anarchie und seine Verachtung
+des verblendeten großen Haufens ihn veranlaßten, eine Zeitlang den
+Vertheidigern der willkürlichen Gewalt beizustehen, so hielt doch sein
+Verstand immer zu Locke und Milton. Freilich waren seine Witze über
+erbliche Monarchie bisweilen der Art, daß sie sich besser für den
+Theilnehmer eines Kalbskopf-Clubs als für ein Mitglied des Geheimen
+Rathes der Stuarts geschickt hätten. In der Religion war er nichts
+weniger als ein Eiferer, so daß er von lieblosen Leuten Atheist genannt
+wurde; doch diesen Vorwurf wies er mit Abscheu zurück, und er scheint in
+der That trotz des Ärgernisses, das er bisweilen durch Anwendung seiner
+seltenen Gaben auf witzige Erörterungen ernster Gegenstände gab,
+durchaus nicht ohne Empfänglichkeit für religiöse Eindrücke gewesen zu
+sein.
+
+Er war das Haupt derjenigen Staatsmänner, welche die beiden großen
+Parteien verächtlich »Trimmer« nannten; anstatt aber über diesen
+Spottnamen entrüstet zu sein, betrachtete er ihn als einen Ehrentitel,
+und vertheidigte mit großem Eifer die Würde desselben. »Das Gute hält
+zwischen den Extremen die Mitte«, pflegte er zu sagen. »Die gemäßigte
+Zone befindet sich zwischen dem Klima, wo die Menschen geröstet werden,
+und dem, in welchem sie erfrieren. Die englische Kirche hält die Mitte
+zwischen der anabaptistischen Überspanntheit und der papistischen
+Trägheit. Die englische Verfassung hält die Mitte zwischen türkischem
+Despotismus und polnischer Anarchie. Tugend ist blos das rechte Maß
+zwischen den Neigungen, von denen jede, wenn man ihr zu sehr nachhängt,
+ein Laster wird; ja die Vollkommenheit des höchsten Wesens sogar besteht
+in dem genauesten Gleichgewicht von Eigenschaften, deren keine
+überwiegen dürfte, ohne die ganze moralische und physische Weltordnung
+zu stören.«[4] So war Halifax ein Trimmer aus Grundsatz; er war es aber
+auch nach der Verfassung von Kopf und Herzen. Sein Geist war scharf,
+skeptisch, unerschöpflich fruchtbar an Unterscheidungen und
+Einwendungen, sein Geschmack fein, sein Sinn für das Komische bedeutend,
+sein Charakter friedlich und zur Versöhnung geneigt, aber dabei stolz
+und ebensowenig zur Feindschaft als zur enthusiastischen Bewunderung
+fähig. Ein solcher Mann konnte ebenfalls unmöglich auf die Dauer bei
+irgend einem Vereine politischer Bundesgenossen ausharren; doch darf man
+ihn nicht nach dem großen Haufen der Renegaten beurtheilen. Denn ob er
+gleich, wie diese, von einer Seite auf die andere trat, so fand dieser
+Übertritt doch stets nach entgegengesetzter Richtung wie die ihrige
+statt. Er hatte nichts mit denen gemein, welche von einem Extrem zum
+andern überspringen und die von ihnen verlassene Partei mit einem Hasse
+betrachten, welcher den gegen beständige Feinde weit übertrifft, er
+hielt die Mitte zwischen den feindlichen Parteien, und hütete sich, die
+Grenze zu überschreiten, welche dieselben trennte. Die Partei, der er
+sich eine Zeitlang anschloß, war diejenige, welche ihm eben am wenigsten
+zusagte, weil es die Partei war, von der er die nächste Kenntniß hatte.
+Er zeigte daher stets Strenge gegen seine heftigen Genossen, und stand
+jederzeit in freundlichem Vernehmen mit seinen gemäßigten Gegnern. Jede
+Partei konnte am Tage ihres übermüthigen und rachsüchtigen Triumphes
+seines Tadels sich versichert halten, und jeder besiegten und verfolgten
+Partei war er ein Beistand. Es darf zu seiner steten Ehre nicht
+unerwähnt bleiben, daß er bemüht war, die Opfer zu retten, deren
+Schicksal einen unverlöschlichen Flecken auf den Namen der Whigs sowohl
+wie der Tories geworfen hat.
+
+Er hatte sich durch seine Opposition so bemerkbar gemacht, und dadurch
+das königliche Mißfallen in so hohem Grade auf sich gezogen, daß er
+nicht ohne viele Umständlichkeiten und Streitigkeiten in den Rath der
+Dreißig gelangte, kaum hatte er aber am Hofe Fuß gefaßt, so machten ihn
+die Liebenswürdigkeit seines Auftretens und seiner Unterhaltung zum
+Günstling. Die heftige Mißstimmung des Volkes beunruhigte ihn ernstlich,
+er glaubte, daß wohl die Freiheit vorläufig gesichert sei, die
+öffentliche Ordnung und gesetzliche Gewalt aber in Gefahr wären. Aus
+diesem Grunde stellte er sich, nach seiner gewöhnlichen Art, auf die
+Seite der Schwächeren. Möglicherweise war seine Bekehrung nicht ganz
+frei von Eigennutz, denn obgleich Studium und Nachdenken ihn von manchen
+gewöhnlichen Vorurtheilen zurückgebracht hatten, so war er doch ein
+Sklave niederer Gelüste geblieben. An Geld litt er keinen Mangel,
+und man kann ihn nicht beschuldigen, daß er es jemals auf Wegen sich
+verschafft hätte, welche auch von dem strengsten Richter jener Zeit für
+verwerflich erklärt worden wären, aber Rang und Macht hatten für ihn
+viel Lockendes. Er versicherte zwar, daß Titel und hohe Ämter nur Köder
+für Thoren seien, daß er Geschäfte, Pracht und Pomp verachte und es sein
+innigster Wunsch sei, aus dem lauten Treiben und Glanze von Whitehall in
+die stillen Wälder sich zurückzuziehen, welche seinen alten Sitz von
+Rufford umgaben, aber sein Benehmen stand zu diesen Erklärungen in
+vollem Widerspruch. In Wahrheit wünschte er von Hofleuten und
+Philosophen bewundert zu werden, weil er zu hohen Würden sich
+emporgeschwungen hatte und er dieselben doch zugleich verachtete.
+
+ [Anmerkung 4: Man wird erkennen, daß ich Halifax für den
+ Verfasser, oder wenigstens für einen der Verfasser der Schrift:
+ +»Character of a Trimmer«+ halte, welche eine Zeitlang seinem
+ Vetter Sir William Coventry zugeschrieben wurde.]
+
+
+[_Charakter Sunderlands._] Sunderland war Staatssekretair. Dieser Mann
+war ein verkörpertes Bild der politischen Sittenlosigkeit seiner Zeit.
+Er besaß einen durchdringenden Verstand, ein geschäftiges, boshaftes
+Temperament, ein fühlloses Herz und einen gemeinen Sinn. Sein Charakter
+hatte eine Schule von Lastern durchgemacht, welche darin zur üppigsten
+Reife gediehen waren. Bei seinem Eintritt in das öffentliche Leben hatte
+er verschiedene Jahre auf auswärtigen diplomatischen Stationen
+zugebracht, und einige Jahre als Gesandter in Frankreich gelebt. Jeder
+Beruf ist seinen besonderen Versuchungen unterworfen, und es wird
+Niemand in seinem Rechte verletzt, wenn man behauptet, daß die
+Diplomaten, als Klasse betrachtet, sich von jeher durch ihre
+Geschmeidigkeit, durch die Geschicklichkeit, mit der sie sich des
+Vertrauens derjenigen bemächtigen, mit denen sie zu thun haben, und
+durch die Leichtigkeit mit der sie den Ton jeder Gesellschaft, in der
+sie sich bewegen, zu treffen wissen, mehr ausgezeichnet haben, als durch
+edlen Enthusiasmus oder strenge Rechtschaffenheit, und die Beziehungen
+zwischen Karl und Ludwig waren von der Art, daß kein englischer Cavalier
+lange als Gesandter in Frankreich sein konnte, ohne alle patriotischen
+und redlichen Gesinnungen zu verlieren. Sunderland ging aus dieser bösen
+Schule, in der er gebildet worden, listig, geschmeidig, schamlos, frei
+von jedem Vorurtheile und aller Grundsätze bar hervor. Seine erbliche
+Verbindung machte ihn zum Cavalier, sonst aber hatte er nichts mit den
+Cavalieren gemein. Sie waren mit vollem Herzen monarchisch gesinnt und
+verdammten in der Theorie jeden Widerstand, aber in ihrer Brust schlugen
+trotzige englische Herzen, welche wirklichen Despotismus nicht geduldet
+hätten. Er hingegen fand ein schwaches, berechnetes Gefallen an
+republikanischen Staatseinrichtungen, das sich mit der vollkommenen
+Bereitwilligkeit vertrug, im praktischen Leben das ergebenste Werkzeug
+willkürlicher Macht zu sein. Gleich anderen vollendeten Schmeichlern und
+Unterhändlern war er weit geschickter in der Kunst, Charaktere zu
+durchschauen und auf ihre Schwächen Pläne zu gründen, als er vermochte,
+die Gefühle der Massen zu erkennen, und den Heranzug großer Umwälzungen
+vorauszusehen. Äußerst gewandt in der Intrigue, war es selbst für kluge
+und erfahrungsreiche Männer, welche seine Treulosigkeit im Voraus
+kannten, keine leichte Aufgabe, dem Zauber seiner Manieren zu
+widerstehen und seinen Versicherungen der Ergebenheit zu mißtrauen. Aber
+bei seiner Anstrengung, Einzelne zu studiren und für sich einzunehmen,
+vergaß er die Stimmung des Volkes zu beobachten, weshalb er sich in
+Bezug auf die wichtigsten Ereignisse seiner Zeit sehr oft täuschte. Jede
+wichtige Bewegung und jeder Umschlag der öffentlichen Meinung
+überraschte ihn, und die Welt, der es unbegreiflich war, wie ein so
+ausgezeichneter Mann oft Dinge nicht erkannte, die der Kaffeehauspolitik
+klar waren, hielt seine Maßregeln bisweilen für tief durchdachte Pläne,
+während es in der That nur gewaltige Fehler waren.
+
+Seine vorzüglichsten Fähigkeiten zeigten sich bei Privatunterhandlungen.
+Im königlichen Kabinet, sowie in kleineren Kreisen besaß er einen
+außerordentlichen Einfluß, in der Rathsversammlung aber war er
+schweigsam und im Hause der Lords kam kein Laut über seine Lippen.
+
+Die vier vertrauten Räthe der Krone erkannten sehr bald, daß sie eine
+verantwortliche und gehässige Stellung einnahmen. Die übrigen
+Rathsmitglieder murrten über eine Bevorzugung, die sich mit den
+Versprechungen des Königs nicht vereinigen ließ, und einige derselben,
+mit Shaftesbury an der Spitze, machten im Parlamente wieder die
+eifrigste Opposition. Die Aufregung, welche die letzten Veränderungen
+beseitigt hatten, trat heftiger als jemals hervor. Der bestürzte Karl
+versprach den Gemeinen umsonst jede Sicherstellung der protestantischen
+Religion, die sie nur immer verlangten, unter der einzigen Bedingung,
+daß sie sich nicht an der Thronfolgeordnung vergriffen; sie wollten von
+keinem Vergleiche hören, Ausschließungsbill war ihr Ruf, nichts als
+Ausschließungsbill! Der König verfügte sich daher, einige Wochen nach
+seiner öffentlichen Versicherung, keinen Schritt ohne Wissen seines
+Geheimen Raths zu thun, in das Haus der Lords, ohne dem Rathe das
+Geringste davon mitgetheilt zu haben, und vertagte das Parlament.
+
+
+[_Prorogation des Parlaments._] Der Tag dieser Prorogation, der 26. Mai
+1679, bildet einen wichtigen Abschnitt in unserer Geschichte, indem an
+demselben die Habeas-Corpus-Akte die königliche Zustimmung empfing. Seit
+der Magna Charta war das Recht in Betreff der persönlichen Freiheit der
+Engländer in seinen materiellen Bestandtheilen fast dasselbe, was es zu
+unserer Zeit ist, aber in Ermangelung eines thatkräftigen Systems, und
+einer geschickten Handhabung desselben hatte es sich bis jetzt ohne
+Wirkung gezeigt. Man brauchte kein neues Recht, sondern nur ein gutes
+gründliches Schutzmittel, und solches war die Habeas-Corpus-Akte.
+
+
+[_Habeas-Corpus-Akte._] Der König würde ohne Zweifel die Genehmigung
+dieses Gesetzes mit Freuden versagt haben, aber er beabsichtigte über
+die Successionsfrage vom Parlamente an das Volk zu appelliren, und
+durfte es in diesem äußerst wichtigen Moment nicht wagen, eine Bill
+zurückzuweisen, welche so außerordentlich populär war.
+
+An diesem Tage wurde die englische Presse auf eine kurze Zeit frei. In
+früheren Zeiten standen die Drucker unter strenger Beaufsichtigung des
+Gerichtshofes der Sternkammer. Das Lange Parlament hatte dieselbe zwar
+aufgelöst, aber trotz der philosophischen und dringenden Einwürfe
+Miltons die Censur eingeführt und aufrecht erhalten. Kurz nach der
+Restauration ging eine Akte durch, welche den Druck nicht genehmigter
+Bücher untersagte, und man hatte beschlossen, daß diese Akte bis zum
+Schluß der ersten Session des nächsten Parlaments in Kraft bleiben
+solle. Dieser Zeitpunkt war jetzt da, und die Presse wurde in dem
+Augenblicke frei, als der König die Häuser vertagte.
+
+
+[_Zweite Allgemeine Wahl von 1679._] Kurz nach der Prorogation fand die
+Auflösung und eine allgemeine Neuwahl statt. Der Eifer und die Macht der
+Opposition waren außerordentlich, und das Geschrei nach der
+Ausschließungsbill ertönte lauter wie früher; auch vereinigte sich mit
+diesem Geschrei ein anderes, welches das Blut der Menge in Aufregung
+versetzte, aber von allen vernünftigen Freunden der Freiheit mit Schmerz
+und Besorgniß vernommen wurde. Es wurden nicht blos die Rechte des
+Herzogs von York, eines ausgemachten Katholiken, sondern auch die seiner
+beiden Töchter, aufrichtiger und eifriger Protestantinnen, angegriffen,
+und mit Bestimmtheit behauptet, der älteste natürliche Sohn des Königs
+sei von ehelicher Geburt und der gesetzmäßige Erbe der Krone.
+
+
+[_Popularetät Monmouths._] Als Karl noch auf dem Continent als Wanderer
+lebte, lernte er im Haag Lucie Walters, ein wallisisches Mädchen kennen,
+welche zwar außerordentlich schön, aber dabei beschränkten Geistes und
+sittenlos war. Sie wurde seine Maitresse, und bald darauf Mutter eines
+Sohnes, gegen dessen Echtheit ein eifersüchtiger Liebhaber wohl Bedenken
+erhoben haben würde, denn die Dame hatte verschiedene Anbeter, und es
+wurde behauptet, daß sie gegen keinen derselben unerbittlich sei. Karl
+glaubte jedoch ihren Worten, und äußerte gegen den kleinen Jakob Crofts,
+wie das Kind genannt wurde, eine ungemeine Zärtlichkeit, welche bei
+diesem kalten, sorglosen Charakter höchst überraschend erscheint. Bald
+nach der Restauration kam der junge Liebling, welcher in Frankreich die
+Erziehung eines vollkommenen Gentleman genossen, nach Whitehall. Er
+bezog eine Wohnung im Palaste, erhielt Pagen zur Bedienung, und genoß
+verschiedene Bevorzugungen, welche bisher nur Prinzen von Geblüt zu
+Theil geworden waren. Noch in zarter Jugend vermählte man ihn mit Anna
+Scott, der Erbin des edlen Hauses der Buccleuch. Er nahm den Namen
+seiner Gemahlin an, und trat durch diese Verbindung in den Besitz sehr
+bedeutender Güter, so daß man das Vermögen, welches er besaß, auf nicht
+weniger als zehntausend Pfund jährlicher Einkünfte schätzte. Er wurde
+mit Titeln und Gunstbezeugungen, von einträglicherer Art als Titel,
+förmlich überschüttet. Man ernannte ihn zum Herzog von Monmouth in
+England, zum Herzog von Buccleuch in Schottland, zum Ritter des
+Hosenbandordens, Stallmeister, Befehlshaber der ersten Abtheilung der
+Leibgarde, Oberrichter von Eyre, südlich vom Trent, und Kanzler der
+Universität Cambridge. Im Volke gönnte man ihm dieses Glück. Er besaß
+ein höchst einnehmendes Äußeres, dabei war er von sanftem Gemüth und
+liebenswürdigem leutseligen Wesen. Obgleich ein Wüstling, gewann er doch
+die Herzen der Puritaner und wenn es auch allgemein bekannt war, daß er
+um den abscheulichen Angriff auf Sir John Coventry gewußt, wurde es ihm
+doch nicht schwer, die Vergebung der Vaterlandspartei zu erhalten.
+Selbst strenge Sittenrichter räumten ein, daß an einem derartigen Hofe
+von einem Kinde, das mit einem Kinde vermählt worden sei, strenge
+eheliche Treue sich nicht erwarten lasse, und selbst Vaterlandsfreunde
+entschuldigten den heftigen Knaben, der eine Beleidigung gegen seinen
+Vater mit übertriebener Rache vergalt. Bald aber wurde der Schatten,
+den Liebschaften und nächtliche Streiche auf seinen Charakter geworfen,
+durch ehrenvolle Handlungen verwischt. Als Karl und Ludwig sich gegen
+Holland waffneten, befehligte Monmouth die englischen Hilfstruppen,
+welche nach dem Continent geschickt wurden, und zeigte sich als tapferer
+Soldat und als tüchtiger Offizier. Bei seiner Zurückkunft war er der
+populärste Mann im Königreiche. Man gewährte ihm Alles, mit Ausnahme der
+Krone, und selbst diese schien für ihn nicht völlig unerreichbar zu
+sein. Die Unterscheidung, welche man höchst unkluger Weise zwischen ihm
+und Männern des höchsten Adels machte, war von üblen Folgen gewesen. Man
+hatte ihn als Knaben aufgefordert, im Audienzzimmer bedeckt zu bleiben,
+während Howards und Seymours mit entblößtem Haupte neben ihm standen.
+Starb ein fremder Fürst, so trug Monmouth als Trauerkleid den langen
+Purpurmantel, den kein anderer Unterthan als der Herzog von York und
+Prinz Ruprecht anlegen durften. Natürlich mußten diese Dinge ihn
+bestimmen, sich als einen legitimen Prinzen des Hauses Stuart zu
+betrachten. Karl war noch in reiferem Alter seinen leichtsinnigen
+Vergnügungen ergeben, ohne dabei auf seine Würde Rücksicht zu nehmen.
+Es ließ sich wohl annehmen, daß er als Jüngling von zwanzig Jahren eine
+förmliche Ehe mit einer Dame eingegangen, deren Schönheit ihn bezaubert
+und die auf leichtere Bedingungen nicht zu gewinnen war. Als Monmouth
+noch ein Kind war, und der Herzog von York noch für einen Protestanten
+gehalten wurde, ging schon das Gerücht, nicht blos im Volke, sondern
+auch in Kreisen, welche wohl unterrichtet sein konnten, daß der König
+mit Lucie Walters vermählt, und wenn Jedem sein Recht würde, ihr Sohn
+Prinz von Wales sei. Man sprach viel von einem schwarzen Kästchen, in
+welchem nach dem Glauben des Volks der Ehevertrag enthalten sein sollte.
+Als Monmouth aus den Niederlanden heimkehrte, von wo er einen hohen Ruf
+rücksichtlich seiner Tapferkeit und Führung mitbrachte, und als es
+bekannt wurde, daß der Herzog von York Mitglied einer von der Menge
+gehaßten Kirche sei, gewann diese müßige Geschichte Bedeutung, obgleich
+nicht der geringste Beweis dafür vorhanden war. Gegen sie sprach die
+feierliche Erklärung des Königs, welche er vor seinem Rathe abgegeben
+und die auf seinen Befehl zur Kenntniß des Volkes gebracht worden war.
+Aber die Menge, stets eingenommen für romantische Abenteuer, lieh der
+Geschichte von der heimlichen Ehe und dem schwarzen Kästchen ein
+geneigtes Ohr. Einige Häupter der Oppositionspartei wiederholten ihr
+Verfahren, welches sie bei der gehässigeren Fabel des Oates beobachtet:
+sie unterstützten eine Geschichte, die sie im Herzen verachten mußten.
+Den Antheil, den die niederen Volksklassen an dem Manne nahmen, in
+welchem sie den Vertheidiger der wahren Religion und legitimen Erben des
+englischen Thrones erblickten, wußte man durch alle möglichen
+Kunstgriffe aufrecht zu erhalten. Als Monmouth um Mitternacht in London
+ankam, erhielten die Wächter von den Behörden Befehl, das frohe Ereigniß
+in den Straßen der City auszurufen. Das Volk verließ seine Lagerstätten,
+Freudenfeuer flammten, die Fenster wurden erleuchtet, die Kirchen
+geöffnet und festliches Glockengeläute ertönte von allen Thürmen. Wenn
+er sich auf der Reise befand, kam man ihm mit nicht geringerer Pracht
+und Begeisterung entgegen, als sie bei Umzügen der Herrscher durch ihr
+Reich zur Schau getragen werden. Von einem Schlosse zum anderen gaben
+ihm lange berittene Züge bewaffneter Gentlemen und Freisassen das
+Ehrengeleite, und aus den Städten strömte die ganze Bevölkerung zu
+seinem Empfange herbei. Die Wähler drängten sich an seine Seite, mit der
+lauten Versicherung, daß er über ihre Stimmen zu verfügen habe. Sein
+Stolz war zu einer solchen Höhe gestiegen, daß er nicht nur in seinem
+Wappen die Löwen von England und die französischen Lilien, jedoch _ohne_
+den linken Querbalken -- nach der Heraldik ein Zeichen illegitimer
+Geburt -- führte, sondern es sogar wagte, des »Königs Krankheit«
+(Scropheln, Kröpfe) durch Berührung zu heilen. Zu gleicher Zeit
+verabsäumte er keinen Kunstgriff der Herablassung, der ihm die Liebe der
+Massen erwerben konnte. Er stand bei den Kindern der Landleute Gevatter,
+machte ländliche Lustbarkeiten mit, versuchte sich im Ringkampf oder mit
+dem Kampfstock und erreichte beim Wettlauf das Ziel eher in seinen
+Stiefeln, als flinke Läufer dasselbe in Schuhen.
+
+Es ist eine seltsame Erscheinung, daß an zwei großen Wendepunkten
+unserer Geschichte die Häupter der protestantischen Partei in gleichen
+Irrthum verfielen und durch denselben ihr Vaterland und ihre Religion in
+große Gefahr brachten. Als Eduard VI. gestorben war, erklärten sie sich
+für die Lady Johanna, welche keinen Schein eines Geburtsrechts besaß,
+und stellten sie nicht allein ihrer Feindin Maria entgegen, sondern auch
+der Elisabeth, der wahren Hoffnung Englands und der protestantischen
+Kirche. Hierdurch wurden die geachtetsten Protestanten mit Elisabeth an
+der Spitze gezwungen, sich mit den Katholiken zu vereinigen. In
+derselben Art griff hundertdreißig Jahre später ein Theil der
+Opposition, indem er Monmouth als Thronfolger aufstellte, nicht nur die
+Rechte Jakobs an, den sie als einen Feind ihres Glaubens und ihrer
+Freiheiten kannten, sondern auch die des Prinzen und der Prinzessin von
+Oranien, welche sowohl durch ihre Stellung, wie durch persönliche
+Vorzüge zu Vertheidigern aller freien Verfassungen und reformirten
+Kirchen ausersehen waren.
+
+Nach wenigen Jahren zeigte sich die Thorheit dieses Verfahrens. Vor der
+Hand beruhte auf der Popularetät Monmouths größtentheils die Stärke der
+Opposition. Die Wahlen fielen gegen den Hof aus, der Tag, an welchem die
+Häuser zusammentreten sollten, rückte heran, und es wurde nöthig, daß
+sich der König über den einzuschlagenden Weg entschied. Seine Räthe
+vermeinten die ersten, leisen Symptome eines Umschwungs der öffentlichen
+Stimmung zu erkennen, und lebten der Hoffnung, daß eine bloße
+Verzögerung des Anpralls den Sieg herbeiführen würde. Daher faßte er den
+Entschluß, ohne die Dreißig um Rath zu fragen, das neue Parlament noch
+vor Beginn seiner Thätigkeit zu prorogiren. Dem Herzog von York, der von
+Brüssel zurückgekehrt war, wurde Befehl gegeben, nach Schottland zu
+gehen, und die Verwaltung dieses Königreichs zu übernehmen.
+
+Temple's Verfassungsplan war jetzt natürlich aufgegeben und bald
+vergessen. Der Geheime Rath wurde wieder was er früher war, Shaftesbury
+und seine politischen Glaubensgenossen verließen ihre Sitze. Temple
+selbst kehrte, nach seiner Gewohnheit bei unruhigen Zeiten, zu seinem
+Garten und seinen Büchern zurück. Essex verließ das Schatzamt und schloß
+sich der Opposition an; Halifax aber, ärgerlich und voller Besorgniß
+über die Voreiligkeit seiner alten Bundesgenossen, und Sunderland, der
+niemals einen Posten aufgab so lange er ihn behalten konnte, verblieben
+im königlichen Dienste.
+
+In Folge der Entlassungen, welche in dieser Conjunctur stattfanden,
+war wiederum einer Reihe von Bewerbern der Weg zur Größe gebahnt. Zwei
+Staatsmänner, welche sich nachmals auf den höchsten Gipfel der Macht,
+den ein britischer Unterthan erreichen kann, emporschwangen, zogen bald
+die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Es waren dies Lawrence Hyde und
+Sidney Godolphin.
+
+
+[_Lawrence Hyde._] Lawrence Hyde war der zweite Sohn des Kanzlers
+Clarendon und Bruder der verstorbenen Herzogin von York. Er besaß
+vorzügliche Eigenschaften, welche durch parlamentarische und
+diplomatische Erfahrungen ausgebildet waren, aber seine
+Charakterlosigkeit verringerte die Kraft seiner Fähigkeiten. Obgleich
+Diplomat und Höfling, hatte er nie seine Gemüthsbewegungen in der
+Gewalt. Stolz und unverschämt im Glück, war er nicht im Stande, seine
+tiefe Niedergeschlagenheit zu verbergen, wenn ihn ein Unfall traf,
+wodurch seinen Feinden der Triumph verdoppelt wurde. Unbedeutende
+Angriffe genügten, seinen Zorn rege zu machen, und dann ließ er sich zu
+den bittersten Bemerkungen hinreißen, welche er allerdings mit der
+Abkühlung auch wieder vergaß, die aber nicht so bald aus dem
+Gedächtnisse Anderer entwichen. Sein scharfer, Alles schnell
+durchschauender Verstand würde ihn zu einem vollendeten Staatsmann
+gemacht haben, wäre er nicht so dünkelhaft und reizbar gewesen. Seine
+Schriften verrathen eine tüchtige Rednergabe, aber seine Empfindlichkeit
+machte es ihm unmöglich, seine Talente in der Debatte zur Geltung zu
+bringen, denn nichts war leichter als ihn aufzubringen, und von dem
+Augenblick an, wo die Leidenschaftlichkeit in ihm die Oberhand gewann,
+war er der Gnade von Gegnern preisgegeben, deren Fähigkeiten tief unter
+den seinigen standen.
+
+Wie die meisten leitenden Staatsmänner jener Zeit, war er ein
+consequenter heftiger und erbitterter Parteimann, ein Cavalier der alten
+Schule, ein eifriger Vertheidiger des Thrones und der Kirche und dabei
+von Feindschaft gegen Republikaner und Nichtconformisten erfüllt.
+Er besaß deshalb einen bedeutenden Kreis von persönlichen Anhängern;
+namentlich der Clerus erblickte in ihm einen Mann, auf den man fest
+rechnen konnte, und gewährte seinen Schwächen eine Nachsicht, deren er
+auch in der That bedurfte, denn er war ein starker Trinker, und wenn er
+wüthend wurde, was sehr oft geschah, fluchte er wie ein Lastträger.
+
+Er war Essex' Nachfolger im Schatzamte. Es darf nicht vergessen werden,
+daß die Stelle eines ersten Lords der Schatzkammer damals noch nicht die
+Bedeutung und das Ansehen hatte, wie in der Jetztzeit. Wenn es einen
+Lord Schatzmeister gab, so war dieser hohe Beamte in der Regel
+Premierminister; wurde aber der weiße Stab einer Commission verliehen,
+so stand der erste Commissar noch unter dem Range eines
+Staatssekretairs. Erst seit Walpole's Zeit betrachtete man den ersten
+Lord des Schatzes als das Haupt der ausführenden Verwaltung.
+
+
+[_Sidney Godolphin._] Godolphin war als Page in Whitehall erzogen
+worden, und hatte schon zeitig die Gewandtheit und Selbstbeherrschung
+eines alten Hofmanns sich zu eigen gemacht. Er war fleißig, besaß einen
+hellen Verstand, und bedeutende Kenntniß des Finanzwesens, daher war er
+für jede Regierung ein höchst brauchbarer Mann, in dessen Ansichten und
+Charakter sich nichts befand, was ihn hätte hindern können, irgend einer
+Regierung gute Dienste zu leisten. Karl pflegte von ihm zu sagen:
+»Sidney Godolphin ist niemals im Wege und niemals vom Wege.« Diese
+treffende Bemerkung erklärt die großen Erfolge in Godolphins Leben.
+
+Er schloß sich zu verschiedenen Zeiten den beiden großen Parteien an,
+ohne jedoch jemals die Leidenschaft einer derselben zu theilen. Gleich
+den meisten Leuten, welche vorsichtigen Charakters und im Besitze
+bedeutender Glücksgüter sind, hatte er eine entschiedene Neigung alles
+Bestehende zu unterstützen. Er war kein Freund von Revolutionen, und aus
+derselben Ursache, welche ihm die Revolutionen verhaßt machte, liebte er
+auch die Contrerevolutionen nicht. Er besaß eine ernste und gemessene
+Haltung, aber seine persönlichen Neigungen waren niedrig und
+leichtfertig. Die meiste Zeit, die ihm die Staatsgeschäfte übrig ließen,
+verbrachte er bei Wettrennen, Hahnkämpfen und Kartenspiel. Er saß jetzt
+unter Rochester im Schatzamte, und machte sich durch Fleiß und
+Kenntnisse sehr bemerkbar.
+
+Ehe das neue Parlament zu neuer Thätigkeit zusammentreten konnte,
+verging ein volles Jahr, ein ereignißvolles Jahr, welches in unserer
+Sprache und unseren Sitten unverlöschliche Spuren zurückgelassen hat.
+Niemals waren früher politische Streitigkeiten mit soviel Freimuth
+geführt worden, nie hatten politische Klubs von so ausgebildeter
+Organisation und so gewaltigem Einflusse existirt. Die eine Frage der
+Ausschließung beschäftigte alle Gemüther, und sämmtliche Pressen und
+Kanzeln des Reiches betheiligten sich an dem Streite. Von den Einen
+wurde erklärt, daß die Verfassung und Religion des Staates unter einem
+der katholischen Kirche ergebenen Herrscher gefährdet seien, die Anderen
+behaupteten, daß wenn die Reihe an Jakob komme, die Krone zu tragen,
+dieses Recht von Gott stamme, und selbst dann nicht vertilgt werden
+könne, wenn alle Zweige der gesetzgebenden Gewalt sich dagegen
+vereinigten.
+
+
+[_Heftigkeit der Parteien bei der Frage der Ausschließungsbill._] Jede
+Grafschaft wie jede Stadt und jede Familie war in gewaltiger Aufregung.
+Nachbarliche Artigkeit und Gastfreundschaft wurden gestört, die engsten
+Bande der Geselligkeit und Verwandtschaft lösten sich auf. Selbst
+Schulknaben bildeten wüthende Parteien, und der Herzog von York wie der
+Earl von Shaftesbury besaßen eifrige Anhänger in den Schulstuben von
+Westminster und Eton. Die Theater dröhnten von dem Geschrei der
+streitenden Parteien. Aufgeregte Protestanten brachten die Päpstin
+Johanna auf die Bühne, und wohlbezahlte Poeten würzten ihre Prologe und
+Epiloge mit Lobeserhebungen des Königs und des Herzogs. Die
+Mißvergnügten bestürmten den Thron mit Bitten um sofortige Einberufung
+des Parlaments. Die Loyalen sandten Addressen, voller Ausdrücke der
+tiefsten Verachtung gegen diejenigen, welche es wagten dem Souverain
+Vorschriften zu machen. Die Bürger Londons liefen zu Tausenden zusammen,
+um den Papst im Bilde zu verbrennen. Die Regierung stellte Cavallerie
+bei Templebar und schweres Geschütz um Whitehall auf. In diesem Jahre
+vermehrte sich unsere Sprache um zwei Worten: +mob+ (Pöbel) und +sham+
+(Lüge, Betrug), bemerkenswerthe Erinnerungszeichen einer Zeit des
+Aufruhrs und Betrugs. Die Gegner des Hofes nannte man: Birminghams,
+Petitionäre und Ausschließungsmänner (+exclusionists+) die auf des
+Königs Seite standen: Anti-Birminghams, Verabscheuer (+abhorrers+) und
+Rennthiere (+tantivies+).
+
+
+[_Die Namen Whig und Tory._] Diese Bezeichnungen kamen bald aus der
+Mode, aber zu jener Zeit entstanden zwei Spottnamen, welche zwar
+anfänglich zur Verhöhnung benutzt, bald aber mit Stolz angenommen
+wurden, noch jetzt täglich in Anwendung sind, soweit die englische Zunge
+verbreitet ist, und die so lange unvertilgbar bleiben werden, als die
+englische Literatur besteht. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß
+einer dieser Spottnamen schottischen, der andere irländischen Ursprungs
+ist. In Schottland wie in Irland hatten sich in Folge der schlechten
+Regierung Banden von verzweifelten Menschen gebildet, deren Wildheit
+noch durch Fanatismus erhöht wurde. Einige der verfolgten Anhänger des
+Covenants, durch den härtesten Druck zur Verzweiflung getrieben,
+mordeten den Primas von Schottland, ergriffen gegen die Regierung die
+Waffen und fochten mit einigem Erfolg gegen die Truppen des Königs.
+Sie wurden erst besiegt, nachdem Monmouth mit einigen englischen
+Streitkräften sie an der Bothwellbrücke auseinander gesprengt hatte.
+Diese Zeloten bestanden zum größten Theile aus Landleuten des westlichen
+Unterlands, welche gewöhnlich Whigs hießen. So verband sich die
+Benennung Whig mit dem Begriffe eines presbyterianischen Eiferers in
+Schottland, und wurde auf diejenigen englischen Politiker übertragen,
+welche geneigt waren, dem Hofe zu opponiren, und protestantische
+Nichtconformisten mit Rücksicht zu behandeln. Die Moorgegenden Irlands
+boten zu gleicher Zeit papistischen Flüchtlingen, welche Ähnlichkeit mit
+denen hatten, welche man später Weißburschen (+white-boys+) nannte,
+einen Zufluchtsort. Diese Leute hießen damals Tories. Mit dem Namen Tory
+bezeichnete man daher diejenigen Engländer, welche sich sträubten zur
+Ausschließung eines katholischen Prinzen vom Throne beizutragen.
+
+Die Wuth der feindlichen Parteien würde schon stark genug gewesen sein,
+wenn man dieselbe sich selbst überlassen hätte, so aber wurde sie von
+dem gemeinschaftlichen Feinde beider absichtlich noch mehr
+aufgestachelt. Ludwig unterließ noch immer nicht, sowohl den Hof wie die
+Opposition zu bestechen, und beiden zu schmeicheln. Er rieth Karl, fest
+zu bleiben, Jakob, eine Revolution in Schottland zu erregen, und
+ermuthigte die Whigs, nicht zu wanken, sondern mit Zuverlässigkeit auf
+Frankreichs Schutz zu rechnen.
+
+Bei allem diesen bewegten Treiben konnte es einem scharfblickenden Auge
+nicht verborgen bleiben, daß die öffentliche Meinung allmälig sich einer
+Umwandlung näherte. Die Verfolgung der Katholiken hatte noch nicht
+aufgehört, aber die Verurtheilungen verstanden sich nicht mehr -- wie
+früher -- von selbst. Eine neue Rotte falscher Zeugen, unter ihnen ein
+Schuft Namens Dangerfield, der sich am meisten hervorthat, peinigte die
+Gerichtshöfe; aber obgleich die Lügen dieser Menschen besseren Klang
+hatten als die des Oates, so fanden sie doch weniger Glauben. Die
+Geschwornen waren nicht mehr so befangen, wie zur Zeit des allgemeinen
+Entsetzens, welches der Ermordung Godfrey's folgte, und die Richter,
+während der Wahnsinnsperiode gefügige Werkzeuge des Volkes, hatten jetzt
+den Muth, zum Theil das auszusprechen, was sie von Anfang für wahr
+gehalten.
+
+
+[_Zusammentritt des Parlaments, und Durchgang der Ausschließungsbill im
+Hause der Gemeinen._] Endlich, im Oktober des Jahres 1680, trat das
+Parlament zusammen. Die Whigs bildeten bei den Gemeinen eine so große
+Majorität, daß die Ausschließungsbill alle ihre Stadien ohne Beschwerde
+durchlief. Der König wußte kaum, auf welche Mitglieder seines eigenen
+Kabinets er zählen dürfe; Hyde hatte seine Toryansichten treulich
+festgehalten, und im Interesse der erblichen Monarchie eine beharrliche
+Thätigkeit entwickelt; Godolphin jedoch, in dem ängstlichen Bestreben
+nach Ruhe, und der Ansicht, daß diese nur durch Zugeständnisse
+herbeizuführen sei, wünschte, daß die Bill durchgehen möchte.
+Sunderland, stets falsch und verblendet, unfähig die Symptome der
+nahenden Reaction zu erkennen und voller Eifer die Partei, welche nach
+seiner Meinung unwiderstehlich war, zu versöhnen, beschloß gegen den Hof
+zu stimmen. Die Herzogin von Portsmouth beschwor ihren königlichen
+Geliebten, sich nicht mit Gewalt dem Verderben preiszugeben. Wenn es
+wirklich einen Punkt gab, bei welchem derselbe Regungen des Gewissens
+oder der Ehre in sich fühlte, so war es die Successionsfrage; es schien
+jedoch einige Tage, als ob er nachgeben würde. Er schwankte, fragte nach
+der Höhe der Summe, welche ihm die Gemeinen für seine Einwilligung
+zahlen würden, und gestattete, daß eine Unterhandlung mit den leitenden
+Whigs begann. Ein schweres gegenseitiges Mißtrauen aber, Jahre lang im
+Wachsthum begriffen, und durch die Kunstgriffe Frankreichs sorgfältig
+unterhalten, ließ keinen Vergleich zu Stande kommen, auf beiden Seiten
+fehlte das gegenseitige Vertrauen. Das ganze Volk blickte jetzt voll
+banger Erwartung auf das Haus der Lords. Die Pairs waren zahlreich
+versammelt, der König selbst anwesend, die Debatte lang, ernsthaft und
+bisweilen stürmisch. Mehrere erfaßten den Griff des Degens auf eine Art,
+welche an die aufgeregten Parlamente Heinrichs III. und Richards II.
+erinnerte.
+
+
+[_Die Lords verwerfen die Ausschließungsbill._] Der falsche Sunderland
+schloß sich an Shaftesbury und Essex an; der geistreiche Halifax aber
+warf alle Opposition darnieder. Verlassen von seinen wichtigsten
+Collegen und einer Menge gewandter Gegner preisgegeben, führte er die
+Sache des Herzogs von York in einer Folge von Reden, welche noch nach
+vielen Jahren als Meisterwerke der Logik, Genialität und Beredtsamkeit
+galten. Es ist ein seltener Fall, daß die Macht der Rede einen Umschwung
+in der Abstimmung hervorbringt, aber das Zeugniß der Zeitgenossen
+beweist zur Evidenz, daß bei dieser Gelegenheit durch die
+außerordentliche Redekunst des Halifax die Stimmen geändert wurden.
+Die Bischöfe, treu ihrer Lehre, unterstützten das Prinzip des
+Erblichkeitsrechts, und die Bill wurde mit großer Majorität
+verworfen.[5]
+
+ [Anmerkung 5: Ein anwesender Pair hat den Erfolg von Halifax'
+ Redekunst in Worten beschrieben, welche ich mittheilen will, weil
+ sie, obgleich schon längst gedruckt, vermuthlich nur wenigen
+ selbst der aufmerksamsten und wißbegierigsten Leser der Geschichte
+ bekannt sind:
+
+ »Von außerordentlicher Beredtsamkeit und großen Mitteln waren die
+ Feinde des Herzogs, welche die Bill vertheidigten, aber ein edler
+ Lord trat auf, der an diesem Tage mit aller Macht der Rede in
+ Beweisführung, in Gründen aus dem öffentlichen wie aus dem
+ Privatinteresse der Menschen, in Ehre, Gewissen und Anstand sich
+ selbst und jeden Andern übertraf. Zuletzt siegte er durch sein
+ Verfahren und seine Talente, und wurden durch ihn Witz und Bosheit
+ der anderen Partei zu nichte gemacht.«
+
+ Diese Stelle ist einer Denkschrift Heinrichs, Earls von
+ Peterborough entlehnt, die sich in einem Buche unter dem Titel:
+ +»Succinct Genealogies, by Robert Halstead« Fol. 1685+, findet.
+ Der Name Halstead ist fingirt. Die wahren Verfasser sind der Earl
+ von Peterborough selbst und sein Kaplan. Das Buch ist höchst
+ selten, da bloß vierundzwanzig Exemplare davon gedruckt wurden,
+ von denen zwei das britische Museum besitzt. Von diesen beiden
+ gehörte eines Georg IV. und das andere Mr. Grenville.]
+
+
+[_Hinrichtung Staffords._] Die im Hause der Gemeinen vorherrschende
+Partei erlitt durch diese Niederlage eine bittere Kränkung, doch fand
+sie darin einigen Trost, daß Blut von Katholiken fließen mußte. William
+Howard, Viscount Stafford, einer der Unglücklichen, welche bei dem
+Complot betheiligt sein sollten, wurde vor die Schranken seiner Pairs
+gestellt, auf die Beschuldigung Oates' und zweier andern falschen Zeugen
+Dugdale und Turberville wegen Hochverraths verurtheilt und hingerichtet.
+Aber die näheren Umstände seines Prozesses und seiner Hinrichtung
+konnten den Führern der Whigpartei zu einer warnenden Lehre dienen. Eine
+große und ehrenwerthe Minorität des Hauses der Lords erklärte den
+Gefangenen für unschuldig. Die Volksmasse, welche noch vor wenigen
+Monaten die letzten, vor der Hinrichtung gegebenen Versicherungen der
+Opfer des Oates mit Spott und Hohngeschrei aufgenommen hatte, sprach nun
+laut seine Überzeugung aus, daß an Stafford ein Mord begangen worden
+sei. Als er in den letzten Augenblicken seine Unschuld betheuerte, rief
+man ihm zu: »Gott segne Euch, Mylord. Wir glauben Euch, Mylord!« Ein
+scharfsichtiger Beobachter konnte leicht voraussehen, daß für das damals
+vergossene Blut bald anderes nachfließen werde.
+
+
+[_Allgemeine Wahlen von 1681._] Der König wollte das Mittel einer
+Auflösung nochmals versuchen. Er berief ein Parlament für den März des
+Jahres 1681 nach Oxford. Seit den Zeiten der Plantagenets waren die
+Häuser stets zu Westminster versammelt gewesen, außer wenn Seuchen in
+London herrschten, aber so ungewöhnliche Zeitumstände erheischten auch
+außerordentliche Vorsichtsmaßregeln. Wurde das Parlament an seinem
+gewöhnlichen Versammlungsorte gehalten, so konnte das Haus der Gemeinen
+sich für permanent erklären und Londons Magistrat und Bürgerschaft zu
+Hilfe rufen. Die Miliz konnte zum Schutze Shaftesbury's herbeieilen, wie
+sie vor vierzig Jahren zur Vertheidigung Pyms und Hampdens aufgestanden
+war, die Wachen konnten entwaffnet, der Palast erobert und der König von
+den Rebellen zum Gefangenen gemacht werden; solche Gefahren waren in
+Oxford nicht möglich. Die Universität hielt es mit der Krone und der
+Adel der Umgegend gehörte fast durchgängig den Tories an, die Opposition
+hatte demnach hier mehr zu fürchten, als der König.
+
+Der Wahlkampf war heftig. Im Hause der Gemeinen bildeten die Whigs noch
+immer eine Majorität, es war aber nicht zu verkennen, daß der Tory-Geist
+allenthalben im Lande rasch um sich griff. Man sollte glauben, der
+scharfblickende, gewandte Shaftesbury hätte den eintretenden Wechsel
+bemerken und zu dem, vom Hofe gebotenen Vergleiche seine Einwilligung
+geben müssen, aber er schien seine frühere Taktik nicht mehr verfolgen
+zu wollen. Anstatt Vorsichtsmaßregeln zu treffen, um bei schlimmem
+Erfolge sich den Rückzug zu sichern, nahm er eine Position, in welcher
+er siegen oder seinen Untergang finden mußte. Vielleicht war ihm der
+Kopf, so vortrefflich er auch war, durch die Gunst des Volkes, durch das
+Glück und durch die Aufregung des Kampfes schwindelnd geworden,
+vielleicht hatte er auch seine Partei so aufgestachelt, daß er sie nicht
+mehr beherrschen konnte und in wildem Laufe von denen mit fortgerissen
+wurde, die er zu leiten glaubte.
+
+
+[_Das Parlament zu Oxford gehalten und aufgelöst._] So kam der
+ereignißvolle Tag heran. Die Versammlung zu Oxford hatte mehr
+Ähnlichkeit mit einem polnischen Reichstage als einem englischen
+Parlament. Die Mitglieder der Whigpartei kamen in Begleitung einer
+großen Anzahl wohl bewaffneter und berittener Pächter und Dienstleute,
+welche trotzige Blicke mit den königlichen Garden wechselten. Die
+kleinste Veranlagung konnte bei dieser Gährung eine Revolution
+hervorrufen, nur wagte es keine Partei, den ersten Schlag zu führen.
+Noch einmal versprach der König, mit Ausnahmen der Ausschließungsbill in
+Alles zu willigen, die Gemeinen aber wollten nichts annehmen als eben
+die Ausschließungsbill. Nach Verlauf von wenigen Tagen war das Parlament
+wieder aufgelöst.
+
+
+[_Toryreaction._] Der König hatte gesiegt, und die Reaction, welche
+einige Monate vor dem Zusammentreten der Häuser zu Oxford ihren Anfang
+nahm, machte rasche Fortschritte. Die Nation war dem Papstthum
+allerdings noch immer feindlich gesinnt, aber wenn die Leute auf die
+Complotgeschichte zurückblickten, so erkannten sie doch, daß ihr
+protestantischer Eifer sie zu Thorheiten und Verbrechen veranlaßt hatte,
+und es schien ihnen unbegreiflich, daß sie sich durch alberne Mährchen
+verleiten ließen, das Blut ihrer Mitbürger und Mitchristen zu verlangen.
+Freilich mußten die loyalsten Männer zugestehen, daß Karls Verwaltung
+oft heilloser Art gewesen sei, aber Leute, die von seinem Verkehr mit
+Frankreich nicht so genau unterrichtet waren, als wir es jetzt sind, und
+auf welche die Heftigkeit der Whigs einen widerwärtigen Eindruck machte,
+rechneten die großen Zugeständnisse her, welche in den letzten Jahren
+das Parlament von ihm erlangt, und die noch bedeutenderen
+Zugeständnisse, zu denen er sich bereit gezeigt. Er hatte die Gesetze
+sanktionirt, welche die Katholischen von dem Hause der Lords, dem
+Geheimen Rathe und jedem bürgerlichen und militairischen Amte
+ausgeschlossen, und ebenso die Habeas-Corpus-Akte genehmigt. Waren keine
+größeren Bürgschaften da gegen die Gefahren, welche der Verfassung und
+der Kirche von einem katholischen Souverän drohten, so trug nicht Karl
+die Schuld, denn er hatte das Parlament aufgefordert, dergleichen
+Bürgschaften in Vorschlag zu bringen, sondern jene Whigs, welche von
+keinem Ersatzmittel für die Ausschließungsbill hören wollten. -- Eins
+nur hatte der König seinem Volke abgeschlagen: er hatte sich geweigert,
+seinen Bruder des Geburtsrechtes zu berauben, aber ließ sich nicht
+annehmen, daß diese Weigerung aus ehrenwerthen Gründen stattgefunden?
+welche egoistischen Motive konnte selbst der Parteigeist dem Herzen des
+Königs zu Grunde legen? die Ausschließungsbill beeinträchtigte durch
+nichts die Hohheitsrechte des regierenden Königs und verminderte
+ebensowenig seine Revenüen, ja, er hätte sogar durch ihre Genehmigung
+eine bedeutende Vermehrung seines Einkommens erzielen können. Und konnte
+es ihm nicht gleichgültig sein, wer nach ihm die Krone trug? Ja, wenn
+bei ihm persönliche Vorliebe in's Spiel kam, so wußte man, daß dieselbe
+mehr für den Herzog von Monmouth als für den Herzog von York vorhanden
+war. Das Verfahren des Königs ließ sich daher auf das Natürlichste
+dadurch erklären, daß trotz seines unstäten Charakters und seiner
+leichtfertigen Moral, er doch in diesem Falle von Pflicht und Ehre sich
+habe leiten lassen. Und war es so, konnte ihn die Nation dann zu einer
+Handlung zwingen, die er für verbrecherisch und ehrlos hielt? Auf sein
+Gewissen einen Zwang auszuüben, geschähe es auch durch streng
+verfassungsmäßige Mittel, hielten eifrige Royalisten für unedel und
+pflichtwidrig, aber _solche_ Mittel waren nicht die einzigen, welche die
+Whigs anzuwenden gedachten. Bereits zeigten sich Vorboten eines
+herannahenden Bürgerkriegs, und Männer, welche zu den Zeiten der
+bürgerlichen Unruhen und der Republik sich allgemein verhaßt gemacht
+hatten, traten jetzt aus der Verborgenheit hervor, in die sie sich nach
+der Restauration vor dem allgemeinen Unwillen geflüchtet hatten, gingen
+überall mit zuversichtlichen und geschäftigen Mienen herum und schienen
+einen zweiten Sieg der Heiligen schon im Voraus zu feiern. Ein zweites
+Naseby, ein zweiter hoher Gerichtshof, eine zweite Republik, ein
+nochmaliger Usurpator auf dem Throne, ein abermaliges Hinauswerfen der
+Lords aus ihrem Saale, eine zweite Säuberung der Universitäten, eine
+wiederholte Beraubung und Verfolgung der Kirche, eine neue Herrschaft
+der Puritaner -- auf solche Resultate schien die verzweifelte Politik
+der Opposition hinzuarbeiten.
+
+Solche Gefühle belebten die höheren und mittleren Klassen, welche sich
+in großer Zahl um den Thron schaarten. Der König befand sich in
+ähnlicher Lage wie sein Vater kurz nach dem Erlasse der großen
+Remonstration. Die Reaction von 1641 hatte man in ihrem Fortschritte
+gehemmt. Als sein ihm lange entfremdetes Volk mit versöhnlichen Herzen
+im Begriff war, zu ihm zurückzukehren, hatte Karl I. durch treulose
+Verletzung der Grundgesetze des Reiches das öffentliche Vertrauen auf
+immer verscherzt. Hätte Karl II. ebenso gehandelt, hätte er die Führer
+der Whigpartei gesetzwidrig verhaften und vor einem Tribunale, das keine
+legale Gerichtsbarkeit über sie besaß, des Hochverraths beschuldigen
+lassen, so würden sie ohne Zweifel das verlorne Übergewicht bald wieder
+erlangt haben. Es war ein Glück für ihn, daß er bei dieser Krisis sich
+rathen ließ, eine Politik zu verfolgen, die seinen Absichten ganz
+entsprechend war. Er entschloß sich, dem Gesetze Folge zu leisten,
+zugleich aber auch den kräftigsten und schonungslosesten Gebrauch von
+demselben gegen seine Widersacher zu machen. Er war nicht verpflichtet,
+vor Ablauf der nächsten drei Jahre ein Parlament einzuberufen, und
+befand sich eben in keiner Geldverlegenheit, denn der Betrag der
+Steuern, welche ihm auf Lebenszeit bewilligt waren, überstieg das
+angenommene Bedürfniß. Er lebte mit aller Welt in Frieden, konnte seine
+Ausgaben beschränken, indem er den kostspieligen und nutzlosen Posten zu
+Tanger aufgab, und wußte, daß er auf Geldhilfe von Seiten Frankreichs
+rechnen durfte. Es blieb ihm daher die nöthige Zeit, und fehlte ihm
+nicht an Mitteln, die Opposition in aller gesetzlichen Form systematisch
+zu bekämpfen. Die Richter konnte er willkürlich entlassen, die
+Geschwornen wurden von den Sheriffs ernannt, und in fast allen
+Districten Englands erwählte er die Sheriffs. Zeugen desselben
+Gelichters, welchem diejenigen angehört hatten, auf deren Aussagen die
+Katholiken das Schaffot besteigen mußten, waren bereit, auch die Whigs
+auf die Richtstätte zu liefern.
+
+
+[_Verfolgung der Whigs._] Als erstes Opfer fiel College, ein lauter,
+wilder Demagog von niedrigem Herkommen und schlechter Erziehung. Er war
+seines Handwerks ein Tischler, und hatte den Ruhm, der Erfinder des
+protestantischen Dreschflegels zu sein.[6] Als das Parlament in Oxford
+gewesen, sollte er dort den Plan gehabt haben, einen Angriff auf die
+Garde des Königs zu machen. Gegen ihn zeugten Dugdale und Turberville,
+dieselben Schurken, welche wenige Monate früher falsches Zeugniß gegen
+Stafford abgelegt. Einer Jury von Landedelleuten gegenüber konnte kein
+Exclusionist auf Gnade rechnen; er wurde für schuldig erklärt. Der
+Ausspruch der Geschwornen wurde von den Massen, welche das Gerichtshaus
+von Oxford füllten, mit enthusiastischem Gebrüll begrüßt, so
+unmenschlich wie das, welches er mit seinen Genossen ausgestoßen, wenn
+man unschuldige Katholiken zum Henkerstode verurtheilte. Seine
+Hinrichtung gab das Zeichen zu einer neuen Justiz-Schlächterei, nicht
+weniger schändlich als die, an der er früher selbst betheiligt gewesen
+war.
+
+Die Regierung war durch diesen ersten Triumph so kühn geworden, daß sie
+jetzt ihr Absehen auf einen Feind von ganz anderer Art richtete. Man
+beschloß Shaftesbury auf Leben und Tod anzuklagen, und es wurden Beweise
+gesammelt, um gegen ihn einen Prozeß auf Hochverrath einzuleiten. Aber
+die Thatsachen, welche es zu beweisen galt, mußten in London geschehen
+sein. Die Sheriffs von London, von den Bürgern gewählt, waren eifrige
+Whigs. Sie ernannten eine große, aus Whigs bestehende Jury, welche den
+Antrag auf Anklage zurückwies; allein diese Niederlage entmuthigte die
+Rathgeber des Königs keineswegs, sondern bestimmte sie vielmehr, auf
+einen neuen, kühnen Plan zu sinnen.
+
+ [Anmerkung 6: Dies erwähnt das interessante Werk, unter dem Titel:
+ +»Ragguaglio della solenne Comparsa fatta in Roma gli otto di
+ Gennaio, 1687, dall' illustrissimo et excellentissimo signor Conte
+ di Castelmaine.«+]
+
+
+[_Der Freibrief der City wird zurückgenommen._] Der Freibrief der
+Hauptstadt stand ihnen im Wege, und dieser Freibrief mußte vernichtet
+werden. Es wurde erklärt, daß die City von London durch einige
+Ungesetzlichkeiten ihre munizipalen Privilegien verwirkt habe und die
+ganze Corporation einer Untersuchung vor dem Gerichtshofe der
+Kings-Bench zu übergeben sei. Zugleich handhabte man die Gesetze, welche
+bald nach der Restauration gegen Nichtconformisten entstanden waren und
+während der Herrschaft der Whigs geruht hatten, mit außerordentlicher
+Strenge.
+
+
+[_Verschwörungen der Whigs._] Die Whigs aber hatten den Muth noch nicht
+verloren. Befanden sie sich auch in schlimmer Lage, so bildeten sie doch
+noch immer eine zahlreiche und mächtige Partei, und da ihre Anhänger
+größtentheils in bedeutenderen Städten, und namentlich in der Hauptstadt
+lebten, so erregten sie mehr Lärm und Aufsehen, als ihre wirkliche
+Stärke rechtfertigte. Aufgeregt durch das Andenken an vergangene
+Triumphe und das Gefühl der jetzigen Unterdrückung, überschätzten sie
+sowohl ihre Macht wie ihre Leiden. Sie vermochten nicht, die Existenz
+jener klaren und Alles bewältigenden Nothwendigkeit nachzuweisen, welche
+allein das gewaltsame Mittel der Auflehnung gegen eine gesetzmäßig
+bestehende Regierung zu rechtfertigen vermag. Welchen Argwohn sie auch
+immer in sich trugen, sie konnten keinen Beweis dafür liefern, daß ihr
+Souverain mit Frankreich ein Bündniß gegen die Religion und die
+Freiheiten Englands geschlossen habe. Was davon bekannt war, reichte
+nicht aus, um die Anwendung des Schwertes zu rechtfertigen. Wurde die
+Ausschließungsbill verworfen, so hatten es die Lords in der Ausübung
+eines Rechts gethan, das so lange bestand wie die Verfassung; hatte der
+König das Parlament von Oxford aufgelöst, so geschah es vermittelst
+eines Hohheitsrechtes, das nicht in Abrede gestellt werden konnte. Wenn
+der Hof nach der Auflösung zu einigen strengen Maßregeln griff, so
+verstießen dieselben doch nicht gegen die Bestimmungen der Gesetze und
+gegen die Praxis, welche von den Unzufriedenen noch kürzlich selbst
+ausgeübt worden war. Verfolgte der König seine Widersacher, so geschah
+es nach aller Form und vor den ordentlichen Gerichtshöfen. Die
+Zeugnisse, welche für die Krone sprachen, waren wenigstens ebenso
+geltend als diejenigen, auf welche hin die Opposition noch vor kurzem
+Englands edelstes Blut vergossen hatte. Ein angeklagter Whig hatte jetzt
+von Richtern, Advokaten, Sheriffs, Geschwornen und Zuschauern keine
+üblere Behandlung zu erwarten, als diejenige war, welche die Whigs noch
+jüngst als angemessen für einen angeklagten Papisten hielten. Man hatte
+die Privilegien der City Londons angegriffen, doch war es nicht mit
+bewaffneter Hand, oder durch Ausübung einer nicht zu rechtfertigenden
+Prärogative geschehen, sondern in Übereinstimmung mit dem ordentlichen
+Gerichtsgebrauch von Westminsterhall. Auf den Befehl des Königs waren
+weder neue Steuern erhoben, noch ein Gesetz außer Kraft gesetzt worden;
+die Habeas-Corpus-Akte wurde geachtet und selbst die Testakte in
+Ausführung gebracht. Es war daher der Opposition unmöglich, den König
+einer so schlechten Regierung zu beschuldigen, daß ein Aufstand sich
+hätte rechtfertigen lassen. Und gesetzt seine Regierung wäre noch
+mangelhafter gewesen, ein Aufstand würde immer verbrecherisch geblieben
+sein, da keine Aussicht vorhanden war ihn mit Erfolg durchzuführen.
+Die Lage der Whigs im Jahre 1682 war eine andere als die der Rundköpfe
+vierzig Jahre früher. Diejenigen, welche gegen Karl I. zu den Waffen
+griffen, thaten es unter der Autorität eines Parlaments, welches das
+Gesetz versammelt hatte und ohne seine eigene Zustimmung nicht aufgelöst
+werden konnte. Die Widersacher Karls II. bestanden aus Privatleuten.
+Fast alle Hilfsmittel des Königreichs in Militair und Flotte befanden
+sich in den Händen derjenigen, welche Karl I. entgegenstanden, jetzt
+besaß Karl II. diese Hilfsmittel. Die Hälfte der Nation hatte das Haus
+der Gemeinen gegen Karl I. unterstützt; die Zahl der Kriegslustigen
+gegen Karl II. war in großer Minorität. Es unterlag daher keinem
+Zweifel, daß sie nicht im Stande sein würden, eine Erhebung
+durchzuführen, und ebenso wahrscheinlich mußte ein Scheitern derselben
+die Übel, über welche sie klagten, nur vergrößern. Die wahre Politik der
+Whigs wäre gewesen, sich mit Ergebung in das Mißgeschick zu fügen,
+welches eine natürliche Folge und wohlverdiente Strafe ihrer Verirrungen
+war, geduldig auf eine Änderung der Volksstimmung zu warten, die nicht
+ausbleiben konnte, dem Gesetze sich zu fügen, und den, wenn auch
+unvollkommenen doch keineswegs nichtigen Schutz zu beanspruchen, den das
+Gesetz der Unschuld gewähren muß. Zu ihrem Unglück schlugen sie einen
+anderen Weg ein. Gewissenlose heißblütige Führer der Partei bildeten und
+verarbeiteten Widerstandspläne, und wurden zwar nicht mit Beifall, doch
+mit dem Scheine des Einverständnisses von bessern Männern angehört, als
+sie selbst waren. Man beschloß zu gleicher Zeit in London, in Cheshire,
+zu Bristol und zu Newcastle Aufstände ausbrechen zu lassen, und hatte
+mit den mißvergnügten schottischen Presbyterianern Verbindungen
+angeknüpft, welche unter einer Tyrannei schmachteten, wie sie England in
+den trübsten Zeiten nicht erduldet. Indem so die Führer der Opposition
+Pläne wegen offener Rebellion besprachen, aber immer noch durch Furcht
+und Gewissen sich von der entscheidenden That abhalten ließen, verfielen
+einige ihrer Genossen auf einen ganz besonderen Plan. Für wilde,
+charakterlose Menschen, welche der Fanatismus dem Wahnsinn nahe
+gebracht, schien es der einfachste und sicherste Weg, die Freiheiten
+Englands und den Protestantismus dadurch zu retten, daß man den König
+und seinem Bruder einen Hinterhalt legte, und Beide ermordete. Bereits
+waren Ort und Zeit bestimmt und die Einzelheiten der Ermordung häufig
+besprochen worden, wenn auch noch nicht bis zur Ausführung geordnet. Nur
+Wenige waren in diesen Plan eingeweiht, und namentlich wurde er vor dem
+rechtschaffenen, menschenfreundlichen Russell und vor Monmouth geheim
+gehalten, der zwar nicht eben ein zartes Gewissen hatte, aber doch mit
+Entsetzen vor dem Verbrechen des Vatermords zurückgebebt sein würde. So
+existirten zwei Verschwörungen, eine in der andern. Das größere Complot
+der Whigs ging dahin, das Volk zum Aufruhr gegen die Regierung zu
+verleiten, das kleinere Complot aber, das Ryehousecomplot
+(Roggenhauscomplot) genannt, welches nur aus wenigen Personen bestand,
+beabsichtigte den Meuchelmord des Königs und seines muthmaßlichen
+Thronfolgers.
+
+
+[_Entdeckung der Whigverschwörung._] Beide Complots wurden verrathen.
+Feige Verräther eilten sich selbst zu retten, indem sie Alles und noch
+mehr als das, anzeigten was in den Berathungen der Partei erwähnt worden
+war. Es ist Thatsache, daß nur eine sehr kleine Zahl der Mißvergnügten
+daran dachte, zum Mittel des Meuchelmordes zu schreiten, da aber zwei
+Verschwörungen sich vereinigten, so war es der Regierung leicht, sie zu
+vermischen.
+
+
+[_Strenge der Regierung._] Die zu rechtfertigende Entrüstung, welche das
+Ryehousecomplot hervorrief, traf längere Zeit die gesammte Whigpartei.
+Der Konig hatte jetzt völlige Freiheit, für Jahre des Zwanges und der
+Demüthigung sich zu rächen. Shaftesbury war allerdings dem, durch seine
+vielfache Treulosigkeit wohlverdienten Schicksale entgangen. Er hatte
+den Untergang seiner Partei herannahen sehen, hatte einen vergeblichen
+Versuch gemacht, sich mit den königlichen Brüdern zu versöhnen, und war
+nach Holland geflüchtet, wo er bald darauf unter dem großmüthigen
+Schutze einer Regierung starb, der er manch bitteres Leid zugefügt.
+Monmouth warf sich seinem Vater zu Füßen und erhielt Gnade,
+compromittirte sich aber sehr bald wieder, und hielt es für klug, in ein
+freiwilliges Exil zu gehen. Essex tödtete sich im Tower mit eigener
+Hand. Russel, der keines hochverrätherischen Verbrechens schuldig
+gewesen zu sein scheint, und Sidney, dessen Schuld gesetzlich nicht
+bewiesen werden konnte, wurden trotz Recht und Gerechtigkeit enthauptet.
+Russel starb mit christlicher Ergebung, Sidney mit stoischem Muthe.
+Einige betheiligte Politiker von niederem Range wurden zum Galgen
+verurtheilt. Viele flüchteten aus dem Lande. Eine Menge Prozesse
+entstanden wegen unterlassener Anzeige von Verrath, wegen
+Schmähschriften oder Verschwörungen. Verurtheilungen wurden ohne Mühe
+von den torystischen Geschwornen erlangt und strenge Strafen von den
+höfischen Richtern verhängt. Mit diesen Criminalprozessen vereinigten
+sich nicht minder furchtbare Civilprozesse. Es wurden Personen verklagt,
+die den Herzog von York beschimpft hatten, und Entschädigungen, welche
+einer lebenslänglichen Kerkerhaft gleichkamen, wurden von dem Kläger
+gefordert, und ohne Bedenken zuerkannt. Der Gerichtshof der Kings-Bench
+erklärte, daß die Freiheiten der City Londons der Krone verfallen seien.
+Dieser bedeutende Sieg machte die Regierung so übermüthig, daß sie die
+Institutionen anderer Corporationen angriff, an deren Spitze Whigbeamten
+standen, oder welche whigistische Mitglieder in das Parlament gewählt
+hatten.
+
+
+[_Entziehung von Privilegien._] Stadt für Stadt wurde gezwungen, ihre
+Privilegien aufzugeben, und die neuen Freibriefe, welche an Stelle
+derselben verliehen wurden, gaben den Tories überall die Herrschaft.
+
+Wie wenig auch diese Maßregeln zu entschuldigen waren, so hatten sie
+doch den Schein der Gesetzlichkeit, und wurden zugleich von einer
+Handlung begleitet, welche die Befürchtungen zu nichte machen sollten,
+mit denen viele loyale Leute der Thronbesteigung eines katholischen
+Souverains entgegen sahen. Lady Anna, jüngere Tochter des Herzogs von
+York aus erster Ehe, wurde mit Georg, einem Prinzen aus dem
+rechtgläubigen Hause Dänemark, vermählt. Der torystische Adel sammt dem
+Klerus hatten jetzt Ursache zu der Hoffnung, daß die englische Kirche,
+ohne Verletzung der Thronfolgeordnung, vollständig gesichert sei. Der
+König und sein Erbe standen in ziemlich gleichem Alter, beide näherten
+sich dem Abend des Lebens. Der König erfreute sich einer vortrefflichen
+Gesundheit, und aller Wahrscheinlichkeit nach konnte Jakob, wenn er
+überhaupt auf den Thron gelangte, nur kurze Zeit regieren. Über diese
+Zeit hinaus bot sich die zufriedenstellende Aussicht auf eine lange
+Reihe protestantischer Souveraine.
+
+Die Freiheit, ohne Censur zu drucken, gereichte der überwundenen Partei
+zu wenig oder keinem Vortheil, denn die Stimmung der Richter und
+Geschwornen war der Art, daß kein Schriftsteller, den die Regierung
+wegen eines Libells verfolgte, die geringste Hoffnung hatte,
+freigesprochen zu werden. Die Furcht vor Bestrafung brachte daher
+dieselbe Wirkung hervor, welche die Censur selbst erzielt haben würde.
+Indessen erdröhnten die Kanzeln von Reden gegen die Sünde der Rebellion.
+Die Abhandlungen, in denen Filmer die Behauptung aufstellte, erbliche
+Despotie sei die von Gott verordnete Regierungsform, beschränkte
+Monarchie hingegen ein verderblicher Unsinn, waren kürzlich erschienen
+und von der Mehrzahl der Tories wohl aufgenommen worden. An demselben
+Tage, an welchem Russel auf dem Schaffot starb, erklärte sich die
+Universität von Oxford für diese wunderlichen Lehren in einem
+feierlichen öffentlichen Akte und ließ die politischen Schriften von
+Buchanan, Milton und Baxter mitten auf dem Schulhofe verbrennen.
+
+Hierdurch wurde der König ermuthigt die Grenzen zu überschreiten, welche
+er einige Jahre lang respectirt hatte, und den klaren Buchstaben des
+Gesetzes zu verletzen. Das Gesetz verordnete, daß zwischen der Auflösung
+eines Parlaments und der Zusammenberufung eines anderen nicht mehr als
+drei Jahre verstreichen dürften, aber drei Jahre waren nach Auflösung
+des Parlaments von Oxford vorüber, und es erfolgten keine Neuwahlen.
+Dieser Verfassungsbruch war um so weniger zu entschuldigen, da der König
+keinen Grund hatte, sich vor einem neuen Hause der Gemeinen zu fürchten.
+Die Grafschaften waren größtentheils auf seiner Seite, und die
+Landstädte, welche früher unter der Herrschaft der Whigs standen, waren
+so umgestaltet, daß man überzeugt sein konnte, sie würden nur dem Hofe
+ergebene Leute wählen.
+
+
+[_Einfluß des Herzogs von York._] Bald darauf kam abermals eine
+Verletzung des Gesetzes vor, und zwar zu Gunsten des Herzogs von York.
+Dieser Prinz war seiner Religion sowie seines harten, rauhen Charakters
+wegen nichts weniger als populär, so daß man es als Nothwendigkeit
+betrachtete ihn so lange aus den Augen des Volks zu bringen, als die
+Ausschließungsbill im Parlamente verhandelt wurde, damit sein
+öffentliches Erscheinen der Partei, die ihm sein Geburtsrecht entziehen
+wollte, nicht zum Nutzen gereichen könne. Man hatte ihn deshalb
+entsendet, Schottlands Regierung zu übernehmen, wo der alte, ungestüme
+Tyrann Lauderdale im Begriff war zu sterben. Jetzt wurde selbst
+Lauderdale übertroffen. Die Regierung Jakobs charakterisirte sich durch
+gehässige Gesetze, unmenschliche Strafen und Urtheile, deren
+Ungerechtigkeit selbst in jenem Zeitalter beispiellos war. Der
+schottische Geheime Rath hatte die Macht, Staatsverbrecher der Folter zu
+unterwerfen, dieser Anblick aber war so haarsträubend, daß wenn die
+spanischen Stiefeln gebracht wurden, selbst die ergebensten und
+herzlosesten Hofleute das Zimmer verließen. Der Sessionstisch war in
+Folge dessen zuweilen ganz unbesetzt, und man erachtete es später für
+nothwendig, besonders zu verordnen, daß die Räthe bei solchen
+Gelegenheiten ihre Plätze nicht verlassen dürften. Was den Herzog von
+York betraf, so schien ihm das entsetzliche Schauspiel, welche die
+verworfensten Menschen jener Zeit nicht ohne Mitleid und Grausen ansehen
+konnten, zu amüsiren. Er besuchte nicht nur die Rathssitzungen, wenn
+gefoltert wurde, sondern betrachtete auch die Qualen der unglücklichen
+Opfer mit einer Aufmerksamkeit und einem Behagen, mit denen man ein
+interessantes, wissenschaftliches Experiment zu verfolgen pflegt.
+So verlebte er seine Zeit in Edinburg, bis das Resultat des Kampfes
+zwischen dem Hofe und den Whigs nicht mehr zu bezweifeln war; dann
+kehrte er nach England zurück, obgleich noch immer durch die Testakte
+von aller öffentlichen Thätigkeit ausgeschlossen. Anfänglich wagte der
+König zwar nicht, gegen ein Gesetz zu handeln, in welchem die große
+Mehrzahl seiner loyalsten Unterthanen eine hauptsächliche Bürgschaft für
+ihre Religion und ihre bürgerlichen Rechte sah; als aber eine
+Reihenfolge von Versuchen bewies, daß die Nation geduldig genug war,
+fast Alles über sich ergehen zu lassen was der Regierung zu thun
+beliebte, so erlaubte sich Karl im Interesse seines Bruders eine
+Ausnahme vom Gesetz zu machen. Der Herzog kehrte auf seinen Sitz im
+Rathe zurück, und übernahm die Leitung des Seewesens.
+
+
+[_Halifax opponirt ihm._] Diese verfassungswidrige Handlung veranlaßte
+freilich einige Unzufriedenheit unter den gemäßigten Tories, und fand
+sogar bei den Ministern des Königs keinen einstimmigen Beifall. Halifax
+besonders, zur Zeit Marquis und Lord des Geheimsiegels, zeigte von dem
+Tage an, wo die Tories mit seiner Beihilfe das Übergewicht erlangten,
+eine Hinneigung zur Partei der Whigs. Nachdem man die Ausschließungsbill
+verworfen hatte, verlangte er von dem Hause der Lords vorbeugende
+Schritte gegen die Gefahr, welche die Freiheiten sowie die Religion des
+englischen Volkes unter der kommenden Regierung treffen könnte; mit
+Besorgniß erkannte er erst jetzt die Heftigkeit einer Reaktion, welche
+zum Theil von ihm selbst ausgegangen war. Er machte kein Hehl aus der
+Verachtung, welche die erbärmlichen Lehren der Universität Oxford in ihm
+hervorgerufen. Das Bündniß mit Frankreich war ihm ein Greuel, und er
+mißbilligte ernstlich die lange Aussetzung des Parlaments, so wie er
+auch den Barbarismus tadelte, mit dem man die gestürzte Partei
+behandelte. Er, der unter der siegreichen Herrschaft der Whigs sich
+nicht gescheut hatte, Stafford für unschuldig zu erklären, wagte es, als
+diese Partei niedergeworfen und hilflos war, Russel in Schutz zu nehmen.
+In einer der letzten Rathssitzungen, bei welchen Karl gegenwärtig war,
+ereignete sich eine merkwürdige Scene. Der Freibrief für Massachusetts
+war verwirkt, und es entstand die Frage, wie diese Colonie künftig
+verwaltet werden sollte. Die übereinstimmende Meinung des Collegiums
+war, daß die vollständige Gewalt, die gesetzgebende wie die executive,
+von der Krone ausgeübt werden solle. Halifax war anderer Meinung, und
+sprach mit großem Eifer gegen unumschränkte Monarchie und zu Gunsten
+repräsentativer Verfassung. Es sei ein Irrthum, versicherte er, wenn man
+sich dem Glauben hingäbe, daß eine dem englischen Volksstamme
+entsprungene und von englischen Gefühlen durchdrungene Nation es längere
+Zeit ertragen würde, englische Institutionen zu entbehren. Das Leben,
+sagte er, würde werthlos sein in einem Lande, wo Freiheit und Eigenthum
+der Willkür eines despotischen Herrschers preisgegeben wären. Der Herzog
+von York war über diese Sprache höchst erbittert, und machte seinen
+Bruder auf das Wagniß aufmerksam, einen Mann im Amte zu lassen, der die
+gefährlichen Ansichten Marvells und Sidney's vollkommen zu theilen
+scheine.
+
+In neuerer Zeit ist Halifax von einigen Schriftstellern der Vorwurf
+gemacht worden, daß er im Ministerium geblieben, während er das System,
+nach welchem die inneren wie die äußeren Angelegenheiten behandelt
+wurden, mißbilligte; doch ist dieser Tadel nicht gerechtfertigt. Man
+darf nicht vergessen, daß der Begriff »Ministerium« in dem Sinne wie er
+jetzt genommen wird, zu damaliger Zeit unbekannt war[7]. Die Sache
+selbst existirte gar nicht, denn sie ist das Produkt eines Zeitalters,
+in welchem sich die parlamentarische Regierung vollständig entwickelt
+hatte. Jetzt bilden die ersten Diener der Krone einen geschlossenen
+Körper und man nimmt an, daß unter ihnen ein freundschaftliches
+Vertrauen besteht und sie über die Hauptgrundsätze einig sind, nach
+denen die executive Verwaltung geleitet werden soll. Findet eine leichte
+Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen statt, so wird sie bald
+ausgeglichen; wenn aber Einer in einer Lebensfrage mit den Anderen nicht
+übereinstimmt, so ist es seine Pflicht abzutreten. So lange er sein Amt
+verwaltet, trifft auch ihn die Verantwortlichkeit für die Maßregeln, von
+denen er seinen Collegen abzurathen sich bemüht hat. Im siebzehnten
+Jahrhundert bestand unter den Leitern der verschiedenen
+Verwaltungszweige, kein collegialisches Verhältniß dieser Art. Jeder
+hätte für seine eigenen Handlungen einzustehen, für die Anwendung,
+welche er von dem anvertrauten Amtssiegel gemacht, für Dokumente, die er
+unterzeichnet, für die Rathschläge, welche er dem König ertheilt. Ein
+Staatsmann hatte blos zu verantworten was er selbst gethan, oder wozu
+Andere durch ihn veranlaßt worden waren. Wenn er sich bemühte, nicht den
+Unterhändler bei unredlichen Angelegenheiten abzugeben, und als
+Rathgeber immer nur das Rechte empfahl, so hatte er keinen Tadel zu
+fürchten. Man würde es für eine unbegreifliche Bedenklichkeit erklärt
+haben, wenn er sein Amt deshalb niedergelegt hätte, weil seine
+Rathschläge in Dingen, die nicht in sein Departement gehörten, von
+seinem Souverain unberücksichtigt geblieben wären, wenn er zum Beispiel
+aus dem Admiralitätsrathe geschieden wäre, weil die Finanzen sich in
+Unordnung, oder aus dem Schatzamte, weil die auswärtigen Angelegenheiten
+sich in keinem befriedigenden Zustande befanden. Es war daher durchaus
+nicht selten, zu gleicher Zeit Männer in hohen Ämtern zu sehen, welche
+offenbar eben so weit von einander abwichen, wie Pulteney von Walpole,
+oder Fox von Pitt.
+
+ [Anmerkung 7: +North's Examen+, 69.]
+
+
+[_Lord Guildford._] Die besonnenen und verfassungsmäßigen Rathschläge
+Halifax' wurden, -- aber ohne Kraft und Entschlossenheit, -- von Franz
+North, Lord Guildford unterstützt, welchem kürzlich das Amt eines
+Großsiegelbewahrers anvertraut worden war. Guildfords Charakter ist mit
+großer Ausführlichkeit von seinem Bruder, Roger North, geschildert
+worden, einem höchst intoleranten Lord und sehr gezierten und
+pedantischen Schriftsteller, aber aufmerksamen Beobachter aller kleinen
+Umstände, welche den Menschen bezeichnen. Auffallend ist es, daß der
+Biograph, trotzdem daß er unter dem Einflusse der stärksten,
+brüderlichen Parteilichkeit stand, und obgleich er sich offenbar
+anstrengte, ein vortheilhaftes Bild zu liefern, doch nicht im Stande
+war, den Lord Siegelbewahrer anders als einen unedlen Menschen
+hinzustellen. Doch besaß Guildford einen klaren Verstand, sein Fleiß war
+groß, und seine Kenntnisse in Literatur und Wissenschaft nicht
+unerheblich, sowie seine rechtswissenschaftliche Bildung mehr als
+gewöhnlich. Seine Fehler bestanden in Egoismus, Feigheit und Gemeinheit.
+Er war nicht unempfänglich für weibliche Schönheit und liebte den
+starken Genuß des Weines, aber weder Schönheit noch Wein konnten den
+vorsichtigen und geizigen Wüstling jemals, selbst nicht in frühen
+Jugendjahren, zu einer Anwandlung von Hochherzigkeit verlocken. Obgleich
+von edler Abstammung erhob er sich aus seiner Stellung nur durch
+niederträchtiges Kriechen vor Allen, die in den Gerichtshöfen einigen
+Einfluß hatten. Er wurde Oberrichter im Gerichtshofe der Common Pleas,
+und als solcher Theilnehmer an einigen der schändlichsten Justizmorde,
+welche die Geschichte kennt. Er besaß Einsicht genug, um zu wissen, daß
+Oates und Bedloe Lügner waren, aber das Parlament und das Land befanden
+sich in Aufregung, die Regierung hatte sich dem Drange gefügt, und North
+war nicht der Mann, der um der Gerechtigkeit und Menschlichkeit willen
+einen guten Posten aufgab. Während er also heimlich eine Widerlegung des
+ganzen Romans von dem papistischen Complot niederschrieb, behauptete er
+öffentlich, daß die Wahrheit dieser Geschichte sonnenklar sei,
+und schämte sich nicht, vom Richterstuhle herab den unglücklichen
+Katholiken, die auf Leben und Tod angeklagt vor ihm standen, wüthende
+Blicke zuzuschleudern. Er hatte zuletzt die höchste richterliche
+Stellung erreicht, aber ein Jurist, der nach jahrelanger Ausübung seines
+Berufs in vorgerücktem Alter zur Politik übergeht, wird selten als
+Staatsmann zu hoher Auszeichnung gelangen, und Guildford bestätigte
+diese allgemeine Regel. Er kannte seine Schwächen so genau, daß er
+niemals anwesend war, wenn seine Collegen über auswärtige
+Angelegenheiten beriethen. Selbst bei Fragen, welche seinem Berufe
+galten, hatte seine Meinung im Geheimen Rathe weniger Bedeutung als die
+irgend eines früheren Großsiegelbewahrers. Übrigens benutzte er den
+geringen Einfluß, den er besaß, so weit er den Muth dazu hatte,
+wenigstens im Interesse der Gesetze.
+
+Der vorzüglichste Widersacher des Halifax war Lawrence Hyde, der vor
+kurzem zum Earl von Rochester erhoben worden war. Von allen Tories besaß
+Rochester die größte Intoleranz, und war nicht leicht zu einem
+Vergleiche zu bringen. Die gemäßigten Mitglieder seiner Partei beklagten
+sich, daß das Schatzamt, so lange er als erster Commissar darin
+fungirte, alle Stellen an laute Schreier vergebe, deren alleiniger
+Anspruch auf Beförderung darin bestand, daß sie unaufhörlich auf den
+Untergang des Whiggismus tranken und Freudenfeuer anzündeten, um die
+Ausschließungsbill zu verbrennen; der Herzog von York aber, welchem ein
+Charakter gefiel, der soviel Ähnlichkeit mir dem seinigen hatte,
+unterstützte seinen Schwager auf das leidenschaftlichste und
+beharrlichste.
+
+Die Anstrengungen der rivalisirenden Minister, einander zu schlagen und
+zu verdrängen, erhielten den Hof in beständiger Unruhe. Halifax lag den
+König an, ein Parlament zu berufen, eine vollständige Amnestie zu
+bewilligen, den Herzog von York jeder Theilnahme an der Regierung zu
+entheben, Monmouth aus dem Exil zurückzurufen, jede Verbindung mit
+Ludwig abzubrechen und eine enge Allianz mit Holland -- nach Art der
+Tripleallianz -- zu schließen. Der Herzog von York dagegen scheute das
+Zusammenkommen eines Parlaments, sah auf die gestürzte Partei der Whigs
+noch immer mit dem alten Hasse herab, bildete sich noch immer ein, daß
+der vor beinahe funfzehn Jahren zu Dover entworfene Plan ausführbar sei,
+warnte fast täglich seinen Bruder, einen Mann, der im Herzen
+Republikaner war, in dem Besitze des Geheimsiegels zu lassen, und
+empfahl mit allem Eifer Rochester zu der hohen Stelle eines Lord
+Schatzmeisters.
+
+Während die beiden Parteien in der Weise kämpften, behauptete Godolphin,
+vorsichtig, schweigsam und fleißig, Neutralität zwischen ihnen.
+Sunderland intriguirte mit seiner bekannten nie ruhenden Falschheit
+gegen beide. Mit Ungnade seiner Stelle enthoben, weil er für die
+Ausschließungsbill gestimmt, war er zu Kreuze gekrochen, indem er sich
+der Fürsprache der Herzogin von Portsmouth bediente und dem Herzog von
+York demüthigst sich näherte. Jetzt war er wieder Staatssecretair.
+
+
+[_Politik Ludwigs._] Auch Ludwig war weder nachlässig noch müßig. Zu
+dieser Zeit begünstigte Alles seine Pläne. Er war vor dem deutschen
+Reiche sicher, welches damals an der Donau mit den Türken kämpfte,
+und Holland konnte ohne Bundesgenossen nicht daran denken, ihm
+entgegenzutreten; er hatte deshalb freien Willen, seinem Ehrgeiz und
+seiner Anmaßung den Zügel schießen zu lassen. Er eroberte Dixmuyden und
+Courtray, bombardirte Luxemburg und beanspruchte von der Republik Genua
+die schmählichsten Demütigungen. Die französische Macht erhob sich zu
+jener Zeit auf die bedeutendste Höhe, die sie in dem Jahrtausend
+zwischen den Regierungen Karls des Großen und Napoleons jemals
+erreichte. Es war nicht abzusehen, wo ihre Eroberungen aufhören würden,
+wenn es England in einem Zustande von Abhängigkeit erhalten konnte, und
+es war daher eine wichtige Angelegenheit für den Versailler Hof, die
+Einberufung eines Parlaments sowie die Versöhnung der englischen
+Parteien zu verhindern. Zu diesem Zwecke wurden Versprechungen,
+Drohungen und Bestechungen nach Kräften angewendet. Karl wurde bisweilen
+durch die Hoffnung auf Subsidien angelockt, und dann wieder durch die
+Mittheilung erschreckt, daß, wenn er die Häuser versammle, man die
+geheimen Artikel des Vertrags von Dover zur öffentlichen Kenntniß
+bringen werde. Mehrere Geheime Räthe wurden durch Bestechung gewonnen,
+und als ein ähnlicher Versuch bei Halifax mißglückte, wandte die
+französische Gesandtschaft ihren ganzen Einfluß und alle Kräfte an,
+um den unbestechlichen Mann von seinem Posten zu verdrängen; aber
+geistreicher Witz und die vielseitigsten Talente hatten ihn seinem
+Gebieter so unentbehrlich gemacht, daß dieser Versuch fruchtlos
+vorüberging.[8]
+
+Halifax war nicht zufrieden bei der Defensive stehen zu bleiben, sondern
+beschuldigte Rochester öffentlich der untreuen Verwaltung. Es fand eine
+Untersuchung statt, bei der es sich zeigte, daß dem öffentlichen Schatze
+durch schlechte Verwaltung des ersten Lords des Schatzes vierzigtausend
+Pfund verloren gegangen waren. Durch diesen Vorfall wurde er gezwungen,
+nicht nur seine Hoffnungen auf den weißen Stab fahren zu lassen, sondern
+auch von der Leitung des Finanzwesens auf den, allerdings im Range
+höheren, aber weniger bedeutenden und einträglichen Posten des Lord
+Präsidenten überzugehen. »Ich habe schon Leute die Treppe hinunterwerfen
+sehen -- meinte Halifax -- aber Mylord Rochester ist der Erste, den ich
+jemals die Treppe hinaufwerfen sah.« Godolphin, jetzt Pair, wurde erster
+Schatzcommissair.
+
+ [Anmerkung 8: Lord Preston, damals Gesandter in Paris, schrieb von
+ dort an Halifax folgendes: »Ich finde, daß Ew. Herrlichkeit noch
+ immer so unglücklich sind, von diesem Hofe nicht mit günstigen
+ Augen angesehen zu werden, und Herr Barillon darf Ihnen nicht
+ freundlich zulächeln, da sein Hof die Stirn in Falten zieht. Sehr
+ wohl bekannt sind Ew. Herrlichkeit Eigenschaften, welche zu Furcht
+ und dadurch zu Haß gegen Sie Veranlassung geben und Sie können
+ glauben, Mylord, wenn alle ihre Gewalt im Stande ist Sie nach
+ Rufford zu bringen, so wird man dieselbe zu diesem Zweck in
+ Anwendung bringen. Zwei Punkte heben sie, wie ich vernehme,
+ besonders gegen Sie hervor: Ihre Verschwiegenheit nämlich, und den
+ Umstand, daß Sie der Bestechung nicht zugänglich sind. Es ist mir
+ bekannt, daß sie gegen diese zwei Dinge sich ausgesprochen haben.«
+ Das Datum des Briefes ist vom 5. October N. St. 1683.]
+
+
+[_Stand der Parteien am Hofe Karls zur Zeit seines Todes._] Der Kampf
+war noch immer nicht zu Ende, der Ausgang war von dem Willen Karls
+abhängig, und Karl konnte zu keinem Entschlusse kommen. In seiner
+Verlegenheit versprach er Jedem was ihm einfiel. Einmal wollte er mit
+Frankreich zusammenhalten, dann wollte er wieder jede Verbindung mit
+Ludwig auflösen; jetzt wollte er nichts wieder von einem Parlamente
+hören und gleich darauf wollte er befehlen, daß ein Ausschreiben für ein
+solches ergehen solle; dem Herzog von York versprach er Halifax zu
+entlassen. Öffentlich zeigte er die heftigste Erbitterung gegen
+Monmouth, und im Geheimen versicherte er ihn seiner unwandelbaren
+Zuneigung. Wie lange, im Fall er länger gelebt, diese Unentschiedenheit
+gewährt haben und zu welchem Entschluß er endlich gekommen sein würde,
+darüber lassen sich nur Vermuthungen hegen. Früh im Jahre 1685, als die
+feindlichen Parteien mit ängstlicher Sorge seiner Entschließung harrten,
+starb er, und es öffnete sich eine neue Scene. In einigen Monaten
+verwischten die Übergriffe der Regierung den Eindruck, den die
+Übergriffe der Opposition auf die öffentliche Stimmung hervorgebracht
+hatten. Der heftigen Reaktion, welche die Partei der Whigs niederwarf,
+folgte eine noch stärkere Reaktion in umgekehrter Richtung, und
+deutliche Symptome ließen erwarten, daß der große Kampf zwischen den
+Prärogativen der Krone und den Gerechtsamen des Parlaments nahe daran
+sei, zu einem definitiven Resultat zu gelangen. --
+
+
+ * * * * *
+ * * * *
+ * * * * *
+
+
+Druckfehler und Unregelmässigkeiten
+
+Rechtschreibungsformen wie »funfzig« : »fünfzig«, »Urtel« : »Urtheil«
+und »Partein« : »Parteien« sind ungeändert, sowie Wörter in »-löst« :
+»-lös't«. Die Namen »Jacob« : »Jakob«, »Carl« : »Karl«, und »Russell« :
+»Russel« sind ebenso ungeändert (auch wenn es um die selbe Person
+handelt).
+
+
+_Besondere Fehler_
+
+ von Heinrichs III. bis zu Elisabeths Zeit
+ [_ungeändert: fehler für_ Heinrichs VII. ?]
+ Unter Eduard VI. hatten die Scrupel dieser Partei [Eduard IV.]
+ weder Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch Nero, dem
+ zu gehorchen Paulus den Römern befahl, waren der patriarchalischen
+ Regierungstheorie nach faktisch Usurpatoren.
+ [_ungeändert: übersetzungsfehler für_
+ sowohl Tiberius ... als auch Nero ...
+ (both Tiberius ... and Nero ... were ... usurpers)]
+ seine unglücklichen Vorgänger, Eduard II. und Richard II.
+ [Richard III.]
+
+I. Kapitel
+
+ In den ersten Zuständen Britanniens [Britaniens]
+ Endlich beginnt das Dunkel sich zu lichten [beginnnt]
+ die Pariser Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts [Jahrhunders]
+ Ein grausames und rücksichtlos grausam angewendetes Strafgesetzbuch
+ [_fehler für_ rücksichtslos?]
+ Dieselbe Zeit, aus welcher der schwarze Prinz [Zeit, welcher]
+ völlig unabhängige Aristokratie schafft [Aristokartie]
+ vor dem geistlichen Richterstuhle [Richterstule]
+ Erbtheilung unter Brüdern in Yorkshire eingeführt werden [Yorkshier]
+ ohne Verzug das Parlament um nachträgliche Genehmigung [Parlement]
+ [Anm. I.2: ... seiner +constitutional History+ [_ungeändert_]
+ zerstörte Wohnplätze und entvölkerte Städte [zestörte]
+ deren sich jeder Pächter und Krämer erfreute [Pachter]
+ trat ein Ereigniß ein, das den Geschicken [daß]
+ Der größte Theil Europa's besaß in jener Zeit
+ [Euro-/ropa's _am Linienende_]
+ dieselben alten Glaubensbekenntnisse, Bitten und Danksagungen
+ [Glaubensbekenntnisse Bitten]
+ Sie standen daher nicht nur untereinander, sondern oft auch
+ [nicht untereinander]
+ konnte ihm bis zu seinem letzten Lebensjahre nicht bewegen
+ [_fehler für_ ihn?]
+ seine Rechte rauben könne [könnne]
+ Lehre und Kirchendisziplin war bedeutend schwächer geworden [georden]
+ daß eine christliche Gemeinde ohne Bischof [Gemeine]
+ einen Mann, der allen andern Theologen [alle]
+ das ungeachtet eines gegebenen Versprechens
+ [ge-/gegebenen _am Linienende_]
+ die Namen Mars, Bacchus und Apollo [Bachus]
+ jeder kleine Separatisten-Verein ward ausgespürt
+ [_fehler für_ aufgespürt?]
+ wie man sie ihm in Westminster entgegenstellte [entgegenstellt]
+ von dem man sie gewaltsam fortgerissen [gewalsam]
+ Die Anklage des Lord Siegelbewahrers [der]
+ weder die großen Herren noch die großen Redner [Herrrn]
+ Nathaniel Fiennes, der an Fähigkeiten [Fiennes der]
+ Im Süden, unter Essex' Oberbefehl [Essex, Oberbefehl]
+ einen vom Glauben abgefallenen Major Zurechtweisungen ertheilte
+ [_fehler für_ einem?]
+ und der mit der feierlichen Ligue und dem Covenant [und mit der]
+ [_Seine Hinrichtung._] [_. fehlt_]
+ alle hatten sich nun gegen ihn verbunden. [_. fehlt_]
+ um sich zu einen unumschränktern Gebieter [_fehler für_ einem?]
+ »Barebones Parlament« getauft [Barebone's]
+ an der Spitze des protestantischen Interesses [protestanischen]
+ Das Haupt dieser Klasse war Fleetwood. [Fleetword]
+ und später Desborough dem Harrison weichen müssen [Harrisson]
+
+II. Kapitel
+
+ [Inhalt]
+ Die Namen Whig und Tory ... 71 [_fehlt in Inhaltsverzeichniss_]
+
+ an der Spitze einer so höchst vortrefflichen Armee stand
+ [_ungeändert: fehler für_ gestanden hätte ?]
+ nur in Middlesex und Lancashire [Middlessex]
+ Einer der ersten Beschlüsse von Barebones Parlament [Barebone's]
+ der unduldsamen Loyalität der Edelleute [Loyaletät]
+ [Anm. II.1] to Monday July 31st, 1643 [31st,1643]
+ sondern auch in Rath und Parlament [Parlement]
+ Zwar versuchte er es den unduldsamen Glaubenseifer [_ungeändert_]
+ argwöhnisch gegen alle Ansprüche [arwöhnisch]
+ sowie seine Freunde Thomas Wriothesley [Whriotesley]
+ jedem edleren und menschenfreundlicheren Gefühle entfremdet
+ [menschenfreundlicherem]
+ den Ausschweifungen der Buckinghams und Sedley's [Seydley's]
+ wenn er seine Mußestunden [Musestunden]
+ höchst nachtheiligen Klima [nachtheiligem]
+ sein Haupt vor ihm gebeugt
+ [_ungeändert: fehler für »ihr Haupt« oder »das Haupt«?_]
+ im Parlamente wie im ganzen Lande herrschte [Lande, herrschte]
+ zeigte er einigen Großmuth [einige]
+ wie auf ihre eigene Loyalität [Loyaletät]
+ die naseweise Lustigkeit der Eleonore Gwynn [Gwyne]
+ während großer bürgerlicher Unruhen [bürgerlichen]
+ Der Prinz von Oranien war an dem Morde unschuldig [Oranien, war]
+ selbst wenn ihr Heimathsland und die Wunder
+ [_fehler für_ Heimathland?]
+ den protestantischen Nichtconformisten [Nichtconfirmisten]
+ Dankbarkeit für die ihn sehr vorsichtig gespendeten Summen
+ [_fehler für_ ihm?]
+ mit Hilfe Ralphs von Montague [Mantague]
+ es sei ein großes papistisches Complot entdeckt worden [endeckt]
+ In solchem Zustand [_fehler für_ solchen?]
+ Als Monmouth noch ein Kind war [Monmuth]
+ Die Regierung stellte Cavallerie bei Templebar [_ungeändert_]
+ der Ermordung Godfrey's [Godefrey's]
+ stets falsch und verblendet [alsch]
+ [Anm. II.5] den Erfolg von Halifax' Redekunst [Halifax Redekunst]
+ wurden trotz Recht und Gerechtigkeit enthauptet [wurde]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Geschichte von England seit der
+Thronbesteigung Jakob's des Zweiten., by Thomas Babington Macaulay
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND ***
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+works. See paragraph 1.E below.
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+ gbnewby@pglaf.org
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+spread public support and donations to carry out its mission of
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+approach us with offers to donate.
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+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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