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+Project Gutenberg's Weiberhaß und Weiberverachtung, by Grete Meisel-Hess
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Weiberhaß und Weiberverachtung
+ Eine Erwiderung auf die in Dr. Otto Weiningers Buche
+ »Geschlecht und Charakter« geäußerten Anschauungen über
+ »Die Frau und ihre Frage«
+
+Author: Grete Meisel-Hess
+
+Release Date: March 21, 2010 [EBook #31727]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WEIBERHAß UND WEIBERVERACHTUNG ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at Austrian Literature
+Online.)
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
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+
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+
+ GRETE MEISEL-HESS.
+
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+ Weiberhaß
+
+ und
+
+ Weiberverachtung.
+
+
+ ».... ein Teil von jener Kraft,
+ »die stets das Böse will und stets das Gute schafft«.
+
+
+ Eine Erwiderung auf die in =Dr. Otto Weiningers
+ Buche »Geschlecht und Charakter«= geäußerten
+ Anschauungen über »Die Frau und ihre Frage«
+
+
+ WIEN, 1904.
+
+ Verlag »DIE WAGE«, Wien, II., Floßgasse Nr. 12.
+ Für den Buchhandel: MORITZ PERLES, k. u. k. Hofbuchhandlung
+ Wien, I., Seilergasse Nr. 4.
+
+
+ Druck von Stern & Steiner.
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+
+VORWORT.
+
+
+Ein kurzes Vorwort sei an diejenigen gerichtet, denen vielleicht schon
+der Titel dieser Broschüre Zweifel erweckt an ihrer Berechtigung. Ich
+hörte vor kurzer Zeit jemanden dies Thema, sowie alles, was mit
+Feminismus im Zusammenhang steht, als »ausgesungen« bezeichnen.
+Ausgesungen -- abgedroschen. Was wäre darüber noch zu sagen? Diese
+Ansicht muß umso verblüffender erscheinen, als zur Zeit häufiger denn je
+dickleibige Werke herauskommen, die _ihr_ Thema, nämlich den
+Antifeminismus, der in seiner extremsten Form zum direkten Haß und zur
+Verachtung des weiblichen Geschlechtes führt, mit einer Gründlichkeit,
+Hartnäckigkeit, Unermüdlichkeit und Weitschweifigkeit behandeln, die
+besonders dadurch, daß sie meist auch bemüht ist, aus allen Disziplinen
+der Wissenschaft Beweise herbeizuholen und nicht selten die Resultate
+langwieriger Studien für ihren _vorbestimmten_ Zweck mit großem Fleiße
+zur Stelle schafft, viel Beachtung und Anhängerschaft finden. Und so
+lange dies der Fall ist, ist auch jede Gegenbewegung berechtigt,
+besonders wenn das aufgehäufte Material auf der anderen Seite durch
+gewalttätige Deduktion zu der gewünschten Tendenz zusammengeschmiedet
+wurde und beinahe Zeile für Zeile nach Widerlegung schreit. Es hieße
+gewaltsam ersticken, was zur Aussprache drängt, wollte man unter
+solchen Umständen ein Thema als »ausgesungen« betrachten, besonders wenn
+ein Werk in den weitesten Kreisen Beachtung gefunden hat, wie das Werk
+Weiningers. Obwohl der Selbstmord des jungen Philosophen diese Beachtung
+wesentlich erhöhte, wäre sie ihm jedenfalls auch ohne diesen tragischen
+Anlaß in hohem Maße zuteil geworden, schon durch seine ebenso
+frappierende, als für viele vielleicht verlockende Tendenz einer kaum
+jemals in solch maßloser Weise geäußerten Weiberverachtung, die auf
+einem Unterbau schwerwissenschaftlicher Theorien postiert ist. Für
+solche, die das Werk nicht kennen, möge als Anhaltspunkt nur so viel von
+seinem Kern im Vorworte erwähnt werden, daß eines seiner Hauptresultate
+in dem folgenden schönen Ausspruch gipfelt, der noch dazu durch
+doppelten Fettdruck hervorgehoben ist: »Der tiefststehende Mann steht
+noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weib!«
+
+Mit Wiener Literaturverhältnissen nicht Vertrauten sei hier zur Kenntnis
+gebracht, daß nach dem Tode des Verfassers das Werk an den
+hervorragendsten Stellen ausführlich und meist im Tone höchster
+Bewunderung besprochen wurde; daß seine Wissenschaftlichkeit und
+Gelehrsamkeit es wie ein Bollwerk umtürmte, so daß auf seinen
+erstaunlich unwissenschaftlich, sehr realistisch ausgesprochenen
+Kernpunkt das grelle Licht der Kritik offenbar gar nicht zu fallen
+wagte. Aber es wäre blind und ungerecht, die große Beachtung, die das
+Werk fand, nur auf seine Tendenz und auf das große Wissen, das sich in
+dem Werke ausspricht, zurückzuführen. Nicht zu verkennen vielmehr ist
+die wahrhaft geniale Veranlagung dieses unglücklichen jungen Mannes, die
+sich in der tiefen Innerlichkeit, mit der ihm alles und jedes zum
+Problem wird, offenbart. Aber gleichzeitig haftete diesem merkwürdigen
+und tiefsinnigen _Erleber_ aller begrifflichen Probleme die
+verhängnisvolle Schwäche an, daß er sofort jeden Boden verlor, sowie er
+aus dem Kreis seiner innerlichsten Spekulation heraustrat in die
+Wirklichkeit: krampfhaft an seinem rauschartigen geistigen Erlebnis
+festhaltend, geriet er da sofort in dröhnenden Konflikt mit der Realität
+der Tatsachen. Daher seine verschrobene Wertung lebendiger Fragen, daher
+die grotesken Resultate, zu denen er in seinem Hauptproblem »Weib« mit
+seinem Hauptwerk »Geschlecht und Charakter« gelangt ist. Und daher auch
+kann man ihn wohl nicht als Genie, sondern nur als einen Menschen von
+eminent genialischer Veranlagung bezeichnen. Denn das Genie bringt etwas
+hervor, das _an sich_ eine bleibende Wahrheit, einen neuen Wert für die
+Menschheit repräsentiert! -- Aber gerade die _Resultate_, zu denen
+Weininger gelangte, tragen den Todeskeim in sich, während nur die Art,
+_wie_ er zu ihnen gelangte, ein hochinteressantes, aufregendes,
+geistiges Schauspiel gewährt.
+
+Ein anderer Einwurf, der mir von einem seiner begeistertsten Anhänger
+gemacht wurde, lautet merkwürdigerweise dahin, es sei überhaupt
+kleinlich, gerade Weiningers Verkehrtheiten und Verrennungen in bezug
+auf das Problem »Weib«, die nicht ernster zu nehmen seien, als die
+Delirien eines Fieberkranken (!), zum Stoff einer Schrift zu machen.
+Wie? _Gerade diese_ Ausführungen sollen _nicht_ der Kritik unterzogen
+werden?! Ja, aber warum denn nicht? Daß sie »ohnehin kein Mensch ernst
+nehme«, ist sicherlich nicht anzunehmen bei einem Werk, das eine so
+weitgehende Beachtung fand, das jeden Denkenden verführerisch anzieht
+(wenn es ihn nachher auch wieder umso ehrlicher abstößt). Wären diese
+Anschauungen und Resultate nur mit _unterlaufen_ in einem Hauptwerk
+anderen Inhalts, anderer Tendenz, dann könnte man sie vielleicht
+ignorieren; da sie aber Selbstzweck des ganzen Werkes sind, der ganze
+Bau nur um ihretwillen aufgetürmt wurde, alles was darin ist, nur
+deshalb vorgeführt wird, um die Beweise zu erbringen für das, was der
+Autor über das »Weib« zu sagen hat -- so ist es doch wohl mehr als
+begreiflich, wenn man auch an dieses _Tatsächliche_, was da vorgebracht
+wird -- als Beleg der Verachtung alles Weiblichen -- kritisch
+herantritt. Steht natürlich jemand grundsätzlich auf anderem Boden und
+verschließt sich _grundsätzlich_ dieser Argumentation, so wird ihn auch
+berghoch aufgehäuftes Material nicht überzeugen; ob er jedoch den Autor
+_ehrt_, wenn er dessen Aussprüche, gerade soweit sie sich auf Tatsachen
+beziehen und seine Urteile und Resultate darstellen, von vorneherein zum
+Stoff einer Polemik so wenig geeignet hält, wie die Delirien eines
+Fieberkranken, bleibe dahingestellt.
+
+Genialische Veranlagung macht nicht sakrosankt gegen Kritik des
+Greifbaren, Positiven, das sie hervorbringt. Nur so vielmehr ist die
+Möglichkeit geboten, jenes sonderbare Phänomen zu begreifen, das in dem
+Auftreten und in der Erscheinung _solcher_ großer Intelligenzen liegt,
+die trotz ihres Reichtums und ihrer Größe unter dem Zeichen der
+Verheerung stehen. »Alles, was ich geschaffen habe, wird zugrunde gehen
+müssen, weil es mit bösem Willen geschaffen wurde.« Dieser Ausspruch
+Weiningers wird in seiner letzten Schrift mitgeteilt. Er mußte -- in
+seinem Sinne -- das »Böse wollen«, sowie er _sein_ Reich verließ: denn
+es liegt wie ein Fluch über manchen Menschen, daß sie aus dem ihnen
+zugewiesenen Element nicht heraus dürfen! Mancher, der stark und
+zielsicher auf festem Grunde wandelt, scheitert kläglich, so wie er sich
+darüber erheben will; dem Geiste Weiningers erging es umgekehrt; er war
+stark in Höhen und Tiefen: aber er verlor sich, sobald er die Erde
+berührte.
+
+
+
+
+In einer Zeit, da die Frauenbewegung, die Arne Gaborg den »größten
+Gedanken des XIX. Jahrhunderts« genannt hat, ihren Zielen, wenn auch nur
+schrittweise, immer näher und näher kommt, ist es begreiflich, daß ihr
+eine Gegenbewegung erwächst, die ihr in stürmischem Tempo an den Leib
+rückt. Aus den verschiedensten Lagern rekrutieren sich deren Ritter.
+Hedwig Dohm hat sie in vier Kategorien geteilt[1], die aber der
+Vielfältigkeit dieser Gruppe durchaus nicht genügen. Zuerst nennt sie
+die »Altgläubigen«, -- das sind die »Rückwärtsglaubenden«, eine Art
+Mumienanbeter, voll Pietät für den Moder, voll Schauer gegen alles
+Werdende. Der liebe Gott und »Naturgesetze« (von denen die Wissenschaft
+nichts weiß) gehören zu ihrem Inventar. Dann die »Herrenrechtler«, die
+weniger auf den lieben Gott und seine »Gesetze«, als auf ihre eigenen,
+sehr irdischen Rechte und Vorrechte sich berufen. Bei jeder Gelegenheit
+betonen sie ihre Superiorität der Frau gegenüber, ängstlich wollten sie
+an ihr festgehalten wissen -- sie ist die letzte Instanz des armen
+Schluckers, der von andern Männern über die Achsel angesehen wird --
+denn wäre die Frau nicht dümmer als er, wer wäre es denn?
+
+ [1] In ihrem Buche: »Die Antifeministen«.
+
+Als dritten Typus nennt Hedwig Dohm den praktischen Egoisten, den
+»Geschäfts-Antifeministen«, der die Konkurrentin fürchtet. Jedenfalls
+ist seine Furcht -- die Brotfurcht -- begreiflicher als alle anderen
+Bedenken. Den vierten im Bunde bezeichnet Frau Dohm als den »Ritter der
+Mater dolorosa«, der den Tempel bedroht sieht, einen imaginären Tempel,
+in dem das Weib, seiner Ansicht nach, nichts anderes zu tun hat, als
+durch rührende und anmutige lebende Bilder diese prosaische Welt zu
+verklären.
+
+Aber diese Ritter des Antifeminismus, die Frau Dohm in ihrem prächtigen,
+kraftvollen Buche aufzählt, gehören zu der Gruppe der _Ungefährlichen_;
+es sind meist Ritter von sehr trauriger Gestalt -- sie verführen und
+blenden kaum irgend jemanden, der nicht von vorneherein ihrer Gesinnung
+wäre. Gefährlich und verführerisch sind nur die anderen -- die
+_Ästhetiker_. Dem beängstigenden Problem »Nietzsche und die Frauen«
+weicht Frau Dohm nicht aus: scharf, ruhig und fest faßt sie den
+herrlichsten Feind ins Auge, und sie findet die Formel, die die
+Verirrung des einsamen Großen erklärt, die Begründung für seinen
+seltsamen Aberglauben, seine naive Fetischliebe zum Haremsystem, diesem
+Produkte der »ungeheuern Vernunft Asiens«. Woher kommt es, fragt sie
+sich, daß selbst vornehme, kühne und tiefe Denker sich oft aller Logik,
+Wissenschaftlichkeit und vor allem Gewissenhaftigkeit (den Tatsachen
+gegenüber) bar erweisen? Daß sie dann mit Gefühlen, Instinkten,
+Intuitionen und Wissenschaftlichkeit jonglieren? Nietzsche selbst gibt
+ihr die Antwort: »Auch große Geister haben nur ihre fünffingerbreite
+Erfahrung; gleich daneben hört ihr Nachdenken auf und es beginnt ihr
+unendlich leerer Raum und ihre Dummheit.«
+
+Aber noch verführerischer, noch blendender als der Dichter -- kommt der
+Philosoph. Mittels übersinnlicher Spekulation konstruiert er seine
+Waffen, und er, der Metaphysiker, wäre der einzig zu fürchtende Feind,
+weil er sich in Regionen bewegt, in denen sich nicht hart und
+wahrnehmbar »die Sachen stoßen«, -- und je weniger verfolgbar und
+kontrollierbar seine Hypothesen sind, um so mehr Gläubige finden sie. »A
+beau mentir qui vient de loin« sagt ein altes französisches Sprichwort.
+Aber auch er kann dem _Tatsächlichen_ nicht ausweichen, er muß von der
+abstrakten Theorie zur Wirklichkeit übergehen -- und paßt sie nicht in
+die vorbereiteten Formen und Formeln (die er schon deshalb nicht
+preisgibt, weil ihn ja ihre Konstruktion unendlich viel Mühe kostete) --
+so wird ihr einfach Gewalt angetan. Und das ist der Moment, wo er
+strauchelt, wo er fällt, wo er seinen Nimbus verliert. _Drückt_ da
+nämlich irgendwo der Schuh, so wird er nicht weggeworfen, bewahre,
+sondern wie im Aschenbrödelmärchen am lebenden Fuße das abgehackt, was
+nicht hineinpassen will. Aber die Sache stimmt nicht, sie verrät sich
+durch eine rote Spur, die selbst kindlichste Einfalt und gutmütigste
+Gläubigkeit nicht übersehen kann: Ruckediguck, Blut ist im Schuck!
+
+Dieser Fall war der des Dr. Weininger, der jüngst durch Selbstmord
+seinem Leben ein Ende gemacht hat. Sein Buch »Geschlecht und Charakter«
+ist eine wahre Encyklopädie der Weiberverachtung. Es ist schwer, gegen
+einen Toten zu sprechen. Stimmen von jenseits des Lebens gebieten
+Ehrfurcht und Schweigen. Dies Buch aber ist eine irdische Stimme, und
+daß sein Schöpfer in einer jener tiefen, entsetzlichen Depressionen, wie
+sie alle Begabteren, Strebenden und Ringenden kennen -- einer
+Depression, die der Selbstvernichtung unheimlich zutreibt und die zu
+überwinden ein gewisses Maß _physischer_ Kraft notwendig ist, die er
+vielleicht nicht hatte, -- seinem Leben ein Ende machte, das verringert
+die irdische Wirkung des Buches nicht, es erhöht sie vielmehr.
+
+Über das Problem des Selbstmordes selbst -- nicht des Weiningerschen,
+sondern des Selbstmordes im allgemeinen -- teilen sich die Meinungen von
+jeher in zwei Hauptlager: die einen umgeben die freiwillige Abkürzung
+des eigenen Lebens mit der Heldengloriole -- die anderen verdammen sie
+in Grund und Boden als Feigheit. Es wird mit diesem Probleme ähnlich
+verfahren wie mit dem der Sexualvorgänge: abwechselnd wird auch dieses
+in den Himmel gehoben, als göttliches Mysterium empfunden -- dann wieder
+als tierisch und niedrig verdammt und verflucht. Die Wahrheit wird wohl
+bei beiden Problemen -- wie bei so vielem -- in der Mitte liegen und
+sich von Fall zu Fall anders offenbaren.
+
+Jedenfalls wäre der Selbstmord Weiningers, wenn er wirklich seinem
+Prinzipe einer radikalen Abkehr vom Leben entsprungen sein sollte, wie
+einige seiner Freunde behaupten (andere sprechen von bösartiger
+Krankheit, unter der sein ohnedies zerrütteter Körper, der einem nahen
+Verfall entgegenging, zusammenbrach) -- in seiner Art eine heroische
+Besieglung seiner Anschauungen. _Aber solche Anschauungen, die vom Leben
+wegführen und der Vernichtung zuführen_, -- sind für das Leben selbst
+unbrauchbar. Sie mögen kostbar sein für einen mystisch-halluzinativen
+Jenseitsglauben, vielleicht wonnig wie Haschisch in ihrer berauschenden
+Wirkung, -- aber das Leben selbst kann nur auf _Tatsachen_ bauen, -- die
+wieder neues Leben, neue Wirklichkeit, positives Vorwärtsrücken ergeben.
+
+Nicht gegen den toten Mann soll sich diese Polemik kehren, -- sondern
+gegen das lebende Buch. Wie dieses Buch die Frage erledigt, die sein und
+unser eigentliches Thema ist, -- dies soll durch kein vorgegriffenes
+Urteil bezeichnet werden, sondern das Buch selbst möge in seinen
+markantesten Stellen zum Worte kommen, auf die sich dann die Antwort
+ergeben wird.
+
+
+
+
+Wesen und Wert der beiden Geschlechter und ihre Beziehungen zu einander
+bilden das Hauptthema des Buches. Eingeleitet wird dieses Thema durch
+die Verkündigung eines »neuentdeckten Gesetzes« über die Affinität der
+Geschlechter. Dieses Gesetz, nach welchem jene Individuen einander
+anziehen, die gegenseitig die ihnen fehlenden Bruchteile an Männlichkeit
+und Weiblichkeit komplettieren, hat zur Voraussetzung die Tatsache, daß
+kein Mensch ganz M (Mann) oder ganz W (Weib) ist, sondern stets auch
+Anlagen vom andern Geschlechte in sich hat. Daß niemand aus einem Gusse
+ist und es ganz einheitliche Exemplare irgend einer Art -- reine Typen
+»an sich« -- kaum irgendwo gibt, ist eine altbekannte Tatsache, und es
+liegt kein Grund vor, sie mit tiefgründiger Beredsamkeit auseinander zu
+setzen, als wäre sie eben erst entdeckt; deswegen aber kann man doch
+nicht -- wie Weininger es tut -- die Gesamtheit der Menschen als
+»sexuelle Zwischenstufen« bezeichnen, da die Geschlechtsmerkmale bei
+jedem normalen Individuum genügend überwiegen, um diese Bezeichnung
+auszuschließen. In fetten Lettern wird auch die uralte Wahrheit
+vorgebracht, daß es nicht jedem Individuum gleichgültig sei, mit welchem
+Individuum des anderen Geschlechtes es eine sexuelle Vereinigung
+eingeht, daß nicht jeder Mann für einen anderen Mann, nicht jedes Weib
+für ein anderes Weib seinem sexuellen Komplement gegenüber eintreten
+kann. Ganz gewiß kann nicht irgend ein geschlechtlich begehrtes
+Individuum durch _jedes_ beliebige andere ersetzt werden. Aber daß diese
+Anziehung gerade darauf beruht, daß das eine Individuum in dem andern
+die ihm fehlenden Bruchteile an Männlichkeit oder Weiblichkeit sucht --
+eine Formel, die Weininger etwa so darstellt, daß ein Individuum mit ¾ M
++ ¼ W sich von einem andern mit ¾ W + ¼ M angezogen fühlen muß, -- ist
+wohl eine etwas naive Deduktion, denn Menschen decken einander nicht wie
+Zahlen. Grüblerisch und im Entdeckerton wird diese Formel lang und breit
+demonstriert. Als Prämisse setzt sie die angeblich »von niemand zu
+bestreitende« Tatsache eines »ganz bestimmten sexuellen Geschmackes«
+voraus, »der jedes Individuum beherrscht« -- und der eben auf dieses
+»Gesetz« zurückzuführen sei. Diese Tatsache ist aber durchaus zu
+bestreiten. Nicht jedes Individuum hat nur einen einzigen Typus des
+anderen Geschlechtes zum Korrelate. Es gibt wohl Leute, die ein
+bestimmtes sexuelles »Ideal« haben, aber sie sind weitaus in der
+Minderheit; während hingegen den meisten Menschen, soferne sie gesund
+und unraffiniert sind, oft die verschiedensten Typen nacheinander recht
+gut gefallen. Auf den alten Gemeinplatz, daß Gegensätze einander
+anziehen, scheint die fulminante Entdeckung hinauszulaufen; diese
+Tatsache stimmt aber nicht öfter als etwa das Gegenteil, so daß zur
+Annahme eines sie bedingenden Gesetzes die Berechtigung fehlt. Eine fast
+krankhafte Ablehnung jeder Bezweiflung der eigenen Ausführungen und der
+durch selbstkonstruierte Prämissen erzielten Resultate macht sich in dem
+Buche ganz auffällig bemerkbar. So heißt es eben in Bezug auf das
+besprochene »Gesetz« -- mit ängstlicher Beflissenheit schon im vorhinein
+jeden Widerspruch abwehrend: »... es hat nicht das geringste
+Unwahrscheinliche an sich; es steht ihm weder in der gewöhnlichen noch
+in der wissenschaftlich gereiften Erfahrung _das geringste_
+entgegen.« (!) Des weiteren wird von dieser gesetzmäßig zu begründen
+gesuchten sexuellen Anziehung ausgesagt, daß sie fast »ausnahmslos eine
+gegenseitige ist«. Und das stimmt erst recht nicht! Ein jeder fast
+strebt nach einem andern als dem, der nach ihm strebt! »Ein Jüngling
+liebte ein Mädchen -- die hat einen anderen erwählt -- der andere liebt
+eine andere -- und hat sich mit dieser vermählt.« Eine uralte
+Geschichte, die ewig neu und wahr bleibt. Und eine Vereinigung ist fast
+immer auf der einen Seite ein Kompromiss -- eine Art Resignation -- und
+glückliche Ausnahmen bestätigen nur diese Regel.
+
+Hochinteressant ist das vielseitige Wissen, welches besonders aus den
+Disziplinen der Botanik und Mathematik zur Unterstützung der eigenen
+Thesen herbeigeholt wird und sich auf einem mit sicherer Hand
+konstruierten Geleise den Zielen und Zwecken, denen es zu dienen
+bestimmt ist, zubewegt: Ergebnisse einer eminenten, aber nichts weniger
+als »voraussetzungslosen« Forschung. Solange sich _Weininger_ in
+konstatierender Weise an das rein Wissenschaftliche hält -- sei es auch
+hypothetisch -- imponiert der tiefgründige Scharfsinn, mit dem besonders
+Analogien aus Tier- und Pflanzenreich herbeigezogen werden, um irgend
+eine Formel, wie eben das interessant, ja künstlerisch gedachte, aber
+phantastische und unhaltbare Gesetz von der Affinität der Geschlechter
+zwecks wechselseitigen Ausgleiches von Potentialdifferenzen (nirgends
+ist die Natur zweckloser, wüstlingshaft verschwenderischer als gerade in
+der Liebe!) -- zu illustrieren. Es fesselt und interessiert die
+dialektische Gewandtheit, die Agilität des Geistes, die sofort in Zahlen
+und Ziffern herauszubekommen sucht, -- was sie schon als vorgezeugtes
+Resultat bereithält und auf die der von Weininger selbst zitierte
+Kantsche Ausspruch von der »Eitelkeit auf das mathematische Gepränge«
+recht gut zu passen scheint.
+
+Unter das »Gesetz« wird dann auch das Phänomen der Homosexualität
+subsumiert. Nichts weniger als originell ist die Enthüllung, daß
+Homosexuelle Merkmale des anderen Geschlechtes im Wesen und auch im
+äußeren Habitus manchmal aufweisen. Aber es ist geradezu terroristisch,
+gewisse Züge, Eigenschaften und Anlagen als nur »männliche« oder nur
+»weibliche« zu bezeichnen, die oftmals weder das eine noch das andere,
+sondern nur _menschliche_ sind. Wer zum Beispiel unerotische
+Kollegialität zwischen beiden Geschlechtern befürworte und durchführen
+könne, habe schon einen starken Einschlag des anderen Geschlechtes in
+sich -- und ist, nach Weininger, gar kein »richtiger« Mann, respektive
+kein richtiges Weib!
+
+Mit den Worten »richtig«, »echt«, »absolut«, »an sich« wird in Weiningers
+sämtlichen Ausführungen ein haarsträubender Mißbrauch getrieben. Sie
+dienen geradezu als Verklausulierungen der »verwirrenden _Wirklichkeit_«
+gegenüber dort, wo sich diese -- subordinationswidrigerweise -- durchaus
+nicht in das Prokrustesbett seiner Formeln und Gesetze hineinpressen
+lassen will. Dann war es eben kein »echter« Typus, kein »echter« Jude,
+kein »echtes« Weib -- sondern eine der vielen »Zwischenstufen«!
+
+Er selbst bezeichnet den »Juden an sich« oder das »Weib an sich« als
+_metaphysische Begriffe_, weil sie so echt (d. h. mit erstaunlichen
+Defekten und Monstrositäten behaftet), nach seiner eigenen Aussage --
+gar nicht existieren. -- Umso verwerflicher muß dann die Irreführung
+erscheinen -- durch Besprechung der Juden oder der Weiber -- während das
+Ur-Jüdische und das Ur-Weibliche »an sich« gemeint sind, -- wobei auch
+noch fraglich bleibt, ob diese gedachten, konstruierten Typen wirklich
+die von ihnen ausgesagten Merkmale aufweisen würden, wenn sie
+existierten. Es ist dies eine »Echtheit«, der das Leben und alle
+Tendenzen einer natürlichen Vorwärtsbewegung unausgesetzt
+entgegenarbeiten, denn jedes Individuum, das da vorwärts und aufwärts
+strebt, wird aus der Beschränkung seiner bloßen nationalen und
+Gattungs-»Art« herauszutreten suchen, um dafür immer _menschlicher_,
+immer kultur-»echter« zu werden. Schildert daher jemand, wie Weininger,
+das _Weibliche_ und denkt sich diesen Typus in seiner äußersten
+Undifferenziertheit (die in einer wilden Urzeit liegt), behaftet mit
+allen Lastern und Schwächen seiner speziellen Art -- so hätte er ihm
+billigerweise das _Männliche_ ebenfalls im kulturfremden Urzustand als
+den Typus alles Rohen, Gewalttätigen, Mörderischen entgegenstellen
+müssen.[2]
+
+ [2] Man lese, wie sich das Männliche »an sich« im Kopfe einer
+ Schriftstellerin spiegelt, in Hans von Kahlenbergs (Helene von
+ Montbarts) phantastisch-groteskem »apokalyptischem« Roman: »Der letzte
+ Mann«.
+
+Um aber auf jene »unechten« Männer oder Weiber -- solche z. B., die sich
+unerotische Kollegialität mit dem anderen Geschlechte vorstellen können
+-- zurückzukommen, sei hier eine auf sie bezügliche »Forderung«
+mitgeteilt, die Weininger als neu und zuerst von ihm ausgehend bezeichnet:
+-- und das ist sie in der Tat, -- ebenso wie sie an Monstrosität kaum zu
+übertreffen ist. Er verurteilt nämlich den Brauch, daß die Menschen bei
+ihrer Geburt nach ihren äußerlichen, primären Geschlechtsmerkmalen in
+das Geschlecht, auf welches jene hinweisen, eingereiht werden, anstatt
+daß man auf ihre sekundären Geschlechtsmerkmale (wie Beschaffenheit
+_anderer_ Körperteile als der Zeugungsorgane, Anlagen, Neigungen etc.)
+in Betracht ziehe, bevor man die schicksalsschwere Einreihung vornehme!!!
+Das ist das Hexeneinmaleins, und wer es ersonnen hat, dem wird eins zu
+drei und drei zu vier, der verwechselt in geradezu blinder Konfusion
+alle Beziehungen der Dinge zu einander. Daß die Verschiedenheit zwischen
+Männlichem und Weiblichem an jedem Körperteile zum Ausdrucke kommt[3],
+daß z. B. auch ein Mann weibliche Hände oder eine Frau knabenhafte
+Hüften haben kann, ist eine bekannte Tatsache; daß aber das Geschlecht
+in den Zeugungsorganen, diesen »Brennpunkten des Willens«, wie sie
+Schopenhauer genannt hat, _kulminiert_, ist doch wohl eine so
+einleuchtende Tatsache, daß die Berechtigung, nach ihr das Geschlecht zu
+bestimmen, wohl nur einem krankhaft verstrickten Geiste zweifelhaft
+erscheinen kann. Man stelle sich diese neue »Forderung«, die einen
+köstlichen Stoff für Lustspieldichter darbietet, in _Wirklichkeit_
+durchgeführt vor: vor allem wird die Geschlechtsbestimmung, die jetzt
+die Hebamme mit echt weiblicher Oberflächlichkeit auf den ersten Blick
+am Neugeborenen vornimmt, aufgeschoben werden müssen, bis sich die
+»sekundären« Geschlechtsmerkmale sichtbar entwickelt haben. Also:
+»Geschlecht unbekannt« wird es fürderhin heißen müssen. Wächst dann
+das Kind heran und zeigt solche Merkmale, vermag es z. B. als
+(wahrscheinlicher) Jüngling oder als (wahrscheinliches) Weib
+kollegialen, unerotischen Umgang mit Altersgenossen des (mutmaßlich)
+anderen Geschlechtes zu pflegen, so ist es klar, daß es kein »richtiger«
+Mann, respektive kein »richtiges« Weib ist, und eine Einreihung in das
+andere Geschlecht, mit dem sich so verdächtig ungefährlich verkehren
+läßt, scheint geboten. Bei den modernen pädagogischen Tendenzen, die
+sogar auf Ko-Edukation (gemeinsame Erziehung beider Geschlechter)
+hinzielen und wahrscheinlich die Möglichkeit einer unerotischen
+Massenkollegialität, eines von Scheu und Komödie befreiten
+kameradschaftlichen Verkehres der jungen Menschen untereinander mit sich
+bringen dürften, -- müßte die Umstellung in das andere Geschlecht gleich
+in Massen erfolgen und die Vertauschung von Höschen und Röckchen am
+besten wechselseitig vorgenommen werden. Man muß solche Menschen (die
+unerotische Kollegialität mit dem anderen Geschlechte zu halten
+vermögen) kennen und sich die »Anregung«, daß sie auf Grund dessen
+nicht die »schicksalsschwere Einreihung« in ihr Geschlecht erfahren
+hätten, sondern ins andere übergehen sollten, ausgeführt denken, um die
+Ulkigkeit eines solchen Effektes voll zu begreifen!
+
+ [3] Wohl erst nach der Pubertät.
+
+Man würde es nicht für möglich halten, daß in einem Buche, das sich
+ernsthaft gibt und ernsthaft in den weitesten Kreisen aufgenommen wurde,
+solche Vorschläge entwickelt werden, man traut seiner Auffassung nicht
+recht, bis man es mehrfach und unzweideutig wiederholt findet! Der Autor
+spricht auch -- in fetten Lettern -- von Individuen, die »zur Hälfte
+Mann und zur Hälfte Weib sind« (?!), -- und nicht in der Pathologie
+bekannte Spezialfälle meint er damit, nicht bei Barnum & Bailey
+ausgestellte Mißgeburten, sondern Individuen mit menschlichen
+Weichheiten (das sind die verweiblichten) oder menschlichen Härten (die
+vermännlichten), die angeblich auf ihr Geschlecht nicht »passen« und sie
+daher in das andere verweisen! Das _Neue_ der eigenen Darlegung wird
+dabei mit besonderer Deutlichkeit betont, gewöhnlich um irgend etwas
+besonders Monströses zu verkünden. So sei z. B. die Homosexualität nicht
+als Anomalie zu betrachten, sondern als die normale Geschlechtlichkeit
+der sexuellen »Zwischenstufen« (?), indeß »die Extreme nur Idealfälle
+sind!« (!) Jeder Satz beinahe -- Zeile für Zeile -- windet neue
+Irrschlüsse ineinander. Daß bei eingesperrten Stieren oder abgesperrten
+Menschen (Matrosen, Gefangenen, Mönchen) die Homosexualität gebräuchlich
+ist, beweist ihm -- nicht etwa, daß ein gezwungenes Vorliebnehmenmüssen
+mangels andersgeschlechtlicher Komplemente sie dazu treibt, sondern --
+er erblickt darin »eine der stärksten Bestätigungen des aufgestellten
+Gesetzes der sexuellen Anziehung«. (!)
+
+Der Schlußresolution dieses Kapitels, die dafür eintritt, daß
+Homosexuelle weder durch das Irrenhaus noch durch das Strafrecht zur
+Verantwortung zu ziehen sind, sondern man sie einfach Befriedigung
+suchen lassen soll, wo und wie sie sie finden, ist vollständig
+beizustimmen, -- natürlich nur soferne es sich um _Erwachsene_ handelt
+und nicht um die Verführung minderjähriger Kinder. Weininger selbst
+glaubt nicht an Homosexualität durch Verführung oder Gewohnheit, sondern
+nur durch angeborene Anlage wie er überhaupt überall _wurzelhafte_
+Anlagen sieht, wo es sich oft um sichtlich Erworbenes, Erzogenes
+handelt. Er begründet diesen Unglauben an »Verführung« mit einem
+wahrhaft unglaublichen Argument -- nämlich: »Was wäre es dann mit dem
+_ersten_ Verführer? Würde dieser vom Gotte Hermaphroditos unterwiesen?«
+
+Nachdem uns endlich noch enthüllt wird, daß dem gewöhnlichen, sozusagen
+dem »normalen« Homosexuellen das typische Bild des Weibes _seiner ganzen
+Natur nach ein Greuel ist_, eine Enthüllung, die umso interessanter ist,
+als sie den Schlüssel für so manche »wissenschaftlich fundierte«
+Weiberverachtung enthalten dürfte -- wird abschließend von der ganzen
+eigenen Theorie ausgesagt -- »daß sie _völlig widerspruchslos_ und in
+sich geschlossen erscheint und eine _völlig befriedigende_ Erklärung
+aller Phänomene ermögliche«. Von der Bescheidenheit, ja Demut, die dem
+Autor dieses Buches im persönlichen Verkehr eigen gewesen sein soll, ist
+jedenfalls in dem Buche selbst nichts zu merken. In vielen Fällen ist
+ein unsicheres, verschüchtertes Auftreten -- eben diese Bescheidenheit
+-- auf Mangel an _physischem_ Selbstbewußtsein zurückzuführen -- und ein
+umso eifrigerer Grimm gegen eine bestimmte Vorstellung stammt meist aus
+derselben Quelle.
+
+Recht auffällig macht sich das Bedürfnis bemerkbar, an jeder
+Erscheinung, sei sie auch noch so einfach und sinnfällig, solange
+herumzudeuteln bis sie kompliziert und verwickelt erscheint -- um dann
+eine umständliche Lösung dieses selbstgewundenen Knotens vorzunehmen.
+Das Selbstverständliche -- durch sich selbst Verständliche -- durch
+seinen Tatbestand sich Erklärende -- scheint ihm weitschweifiger
+Erklärungen bedürftig -- so z. B. die Tatsache, daß kein Mensch ganz so
+ist wie der andere. Die psychologische Verschiedenheit der Menschen
+erklärt er damit, -- daß jeder Mensch zwischen Mann und Weib
+»oszilliere«, und der Grad dieser »Oszillation« ergebe ihre
+Verschiedenheit. Darauf sei auch das wechselnde körperliche Aussehen
+zurückzuführen!!! So fühlen z. B. »manche Menschen am Abend `männlicher´
+als am Morgen«; -- recht begreiflich ... Die Vergewaltigung aller
+Erscheinungen durch Formeln, gegen die sich diese meist ihrer ganzen
+Natur nach _sträuben_, ruft nach und nach den Eindruck einer
+beherrschenden maniakalischen Vorstellung hervor. Erstaunlich ist die
+Oberflächlichkeit, mit der die Merkmale der »Männlichkeit« und
+»Weiblichkeit« aufgezählt werden. So heißt es z. B. als das Merkmal
+»männlicher« Weiber, daß sie -- studieren, Sport treiben _und_ -- kein
+Mieder tragen!!! Sollen dies wirklich die Anzeichen »männlicher Anlagen«
+sein -- nicht vielleicht eher _die Resultate einer vernünftigen
+Propaganda_?!
+
+Freilich -- Nietzsche hat ja schon in dem _Zeitungslesen_ der Weiber
+ihre Vermännlichung und damit die »Verhäßlichung Europas« befürchtet!
+Übrigens tritt Weininger nicht etwa _gegen_ diese Vermännlichung auf;
+nur nennt er Vermännlichung schlechtweg alles, was von rechtswegen
+_Vermenschlichung_ heißen soll und dem Manne zumindest ebenso nottut wie
+der Frau. Alle Kultur geht ja dahin, das _Urtümliche_ zu differenzieren,
+das Individuum über die bloße Gattungssphäre emporzuheben und in diesem
+Sinne soll jede Nur-Weiblichkeit, _aber auch jede Nur-Männlichkeit_
+einer verfeinerten und vertieften Menschlichkeit Raum geben; ohne aber
+das Eigentümliche, _Unersetzliche_, zum Fortbestand der Gattung
+Notwendige der eigenen Art und Gattung preiszugeben -- wie es Weininger
+in seinem Haß gegen _weibliche_ Art im besonderen und gegen den
+Fortbestand der Gattung _im weiteren_ -- verlangt. Daß aber seine blinde
+_Verneinung_ des Weiblichen ihn in letzter Konsequenz dahinführt, eine
+allgemeine Vermenschlichung zu befürworten -- nennt er sie auch
+fälschlich »Vermännlichung«, -- gibt die Berechtigung, ihn und sein Werk
+als einen Teil »von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das
+Gute schafft«, zu betrachten.
+
+Nach diesen weitschweifigen Präliminarien kommt der Verfasser endlich zu
+jener Frage, deren »theoretischer und _praktischer_ (!) Lösung dieses
+Buch gewidmet ist« -- nämlich zur Frauenfrage -- »_soferne sie nicht_«
+-- man höre und staune über die merkwürdige Klausel -- »theoretisch eine
+Frage der Ethnologie und Nationalökonomie, also der Sozialwissenschaft
+im weitesten Sinne, praktisch eine Frage der Rechts- und
+Wirtschaftsordnung, der sozialen Politik ist«. Das _ist_ sie aber doch
+in eminentester Weise! Von ihrem wirtschaftlichen Hintergrunde
+_absehen_, heißt, einen metaphysischen Begriff, der erst in letzter
+Linie in Betracht kommt, an Stelle des wahrhaft treibenden, ehernen
+Motives der Frauenbewegung setzen -- der gebieterischen,
+wirtschaftlichen Gründe, -- die sich gegenüber dem tragischen
+Mißverhältnis zwischen blühender, brauchbarer, unbenützter Kraft und
+materieller Not oder Abhängigkeit nicht mehr länger zurückweisen ließen.
+Aber nicht die wirtschaftlichen, die gesellschaftlichen, die moralischen
+Bestrebungen der Frauenbewegung will Weininger als Emanzipation
+bezeichnet wissen -- sondern -- (man rate erstaunt, was sonst noch
+bleibt) -- »das Phänomen des Willens der Frau -- dem Manne `innerlich
+gleich´ zu werden«. Aber den hat sie ja gar nicht!
+
+Man komme nicht immer wieder mit der abgeschmackten Phrase, die man der
+Frauenbewegung (und der Sozialdemokratie) _fälschlich_ in den Mund legt
+und die in der plumpen Formel gipfelt: alle sollen »gleich« sein! Auf
+Aufhebung aller individuellen Variation, die allein das Leben reizvoll
+und beziehungsreich gestaltet, zielt weder die Frauenbewegung noch die
+Sozialdemokratie ab, indem sie gleiche _oder einander analoge_
+wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten für
+jedes Individuum verlangen. Nach Weininger hat aber das »echte« Weib gar
+nicht die Fähigkeit zu diesem Emanzipationsziel (das glücklicherweise
+gar nicht existiert, ihn aber das wahre und rechte dünkt) zu gelangen.
+Das »echte« Weib ist das, welches kein oder nicht genug »M« in sich hat,
+während hingegen alle Frauen, die irgendwie geistig oder künstlerisch
+hervorragen, dies lediglich dem starken Einschlag an »M« danken, der in
+ihnen steckt! Eine für den, der sie handhabt, ebenso bequeme, als für
+den, dem sie zugemutet wird, kuriose Logik!
+
+Es scheint wahrlich ein ebenso billiger als terroristischer Spaß --
+alles das, was klug, tüchtig, hervorragend an Frauen ist (da es nun
+einmal doch nicht wegzuleugnen und wegzudisputieren geht), dem in ihnen
+wirksamen Anteil an »M« zuzuschreiben -- und alles Kleine, Feige,
+Schwache der männlichen Menschheit einfach ihren Prozentsatz an »W« zu
+nennen! Eine Debatte über solch eine These wäre mehr als lächerlich, da
+das leere Aufeinanderdröhnen selbstkonstruierter Fiktionen sie selbst
+und ihren Wertgehalt genügend charakterisiert. Wo sich diese Fiktionen
+gar in der Wirklichkeit nach Beweisen umsehen, werden sie immer
+erfinderischer und immer humoristischer. So seien z. B. hervorragende,
+bedeutende Frauen auch durch »ein körperlich dem Manne angenähertes
+Aussehen« erkennbar! Ein Lachen allein kann die Antwort auf diese
+Behauptung bilden, der ein einziger Blick in die Wirklichkeit
+widerspricht.
+
+Diese tiefsinnig vorgebrachte Beobachtung scheint aus »Meggendorfers
+Illustrierten« geschöpft; jede Bewegung bringt ja gewiß neue Karikaturen
+mit sich, die in weit übers Ziel hinausschießenden Äußerlichkeiten ihre
+Gesinnung dokumentieren wollen. So mag es auch kleine Frauenzimmer
+geben, die einen männlichen Habitus sich anzuzüchten bemüht sind, -- um
+beachtet zu werden. Daß die Bedeutenderen sich unter ihnen befinden, ist
+rundweg zu verneinen -- ebenso die Behauptung, daß körperlich-maskuline
+Anlagen einer bedeutenden Frau eigen sein müssen und sie als solche
+»erkennbar« machen. Vielmehr kenne ich hochbedeutende Frauen, die
+gleichzeitig einen reizenden, berückenden weiblichen Typus
+repräsentieren. Die deutsche Dichterin, die im vorigen Jahre hier zu
+Gaste war und die das stärkste deutsche Romantalent der Gegenwart
+repräsentiert, ein Talent, das an Kraft, Wucht und erschütternder Tiefe
+seinesgleichen derzeit in Deutschland nicht hat, ist ein entzückendes
+»molliges Weiberl« (ich wähle absichtlich, um des Kontrastes willen,
+diesen Ausdruck), eine sieghafte, blonde, rheinische Schönheit, die
+nichts »Männliches« in ihrem äußeren Habitus aufweist, man müßte denn
+(wie Weininger dies tatsächlich auch tut) eine gut entwickelte Stirn,
+ein prächtiges Schädelgehäuse und vielleicht zwei in Klugheit strahlende
+schöne Augen a priori als »männlich« bezeichnen.
+
+Zahllose andere schweben mir vor -- jene großen Frauen der Bühne -- bei
+denen gerade der Zauber ihres Geschlechtes kulminiert, große, »einsame
+Seelen« mit echt weiblichen Schicksalen; an eine Bildhauerin muß ich
+denken, an ihre Werke, an diese gewaltigen Steine, denen eine
+imponierende Geistigkeit und eine imponierende Kraft _Seele_ gegeben, so
+daß sie zu leben, zu rufen, zu ringen und zu leiden scheinen wie das
+Leben selbst; und die Person dieser (noch nicht allgemein bekannten)
+Künstlerin: ein zartes Mädchen von vielleicht allzu zartbesaiteter
+Weiblichkeit, das fast scheu unter seinen Werken wandelt.
+
+Die »Männlichkeit« im Weibe ist nach Weininger die »Bedingung ihres
+Höherstehens«, daher auch -- man höre! -- »homosexuelle Liebe gerade das
+Weib mehr ehrt als das heterosexuelle Verhältnis«! Denn was das Weib zum
+Weibe zieht, wäre die ihm innewohnende Männlichkeit (wie steht's dann
+aber mit der Partnerin?), während es »das Weibliche ist, das das Weib
+zum Manne treibt«; gewiß: Weiblichkeit ist nun aber einmal ein »Greuel«,
+daher »ehrt« sie die homosexuelle Liebe! Jedenfalls recht interessante
+Resultate einer pathologischen Aversion, die nur aus dem einen Grund
+verdient ernstlich diskutiert zu werden, weil sie mit ungeheuerlicher
+Anmaßung konsequent das Krankhafte für das Gesunde einsetzt und
+dementsprechend ihre »Gesetze« konstruiert. Ein weiteres Merkmal,
+wodurch bedeutende Frauen »ihren Gehalt an Männlichkeit« offenbaren, sei
+der Umstand, daß ihr männliches sexuelles Komplement fast nie ein
+»echter« Mann ist. Ja, aber warum ist er es meistens nicht? Weil es
+deren, wie mir scheint, überhaupt nicht allzu viele gibt. _Finden_ sich
+bedeutende Menschen, werden sie einander wohl zu würdigen wissen, was
+gerade die Beispiele beweisen, die Weininger zur Unterstützung _seiner_
+Anschauung anführt: die Schriftstellerin Daniel Stern war die Geliebte
+von Franz Liszt, der nach Weininger »etwas Weibliches an sich hatte«,
+ebenso wie -- nun kommt in der Tat eine sensationelle Enthüllung -- wie
+-- Wagner! Wagner der Gigant -- verweiblicht! Nun, jedenfalls wäre es
+selbst bei den bedeutendsten Frauen nicht zu verwundern, wenn _solcher
+Unmännlichkeit_ ihr ganzes Herz zufliegt. Auch daß Mysia, die berühmte
+pythagoräische Philosophin, dem stärksten Athleten ihres Landes ihre
+Hand versprach, zeigt nicht gerade von der Abneigung der bedeutenden
+Frau gegen das »echt Männliche«. Daß Vittoria Colonna, die Dichterin,
+die Liebe eines Michel Angelo genoß, beweist wohl, daß sie gewaltiger
+Männlichkeit nicht abhold war; -- ebenso die selten erhabene Liebes- und
+Ehegeschichte der englischen Dichterin Elisabeth Barret, an deren
+Krankenlager der gefeierte Browning trat -- schön und strahlend wie ein
+junger Gott, gefeiert, berühmt, stark und liebreich -- um sich nie
+wieder von der von ihm angebeteten Frau zu trennen; und diese beiden
+Menschen, die beide zu den bedeutendsten ihrer Epoche gehörten, die in
+ihrem dichterischen Schaffen beide nicht erlahmten, führten das
+innigste, verständnistiefste, zärtlichste und glücklichste Eheleben!
+
+Auch daß Schriftstellerinnen »so oft« (?) einen Männernamen annehmen,
+hat nach Weininger einen »tieferen« Grund, als man glaubt: »das Motiv
+zur Wahl eines männlichen Pseudonyms muß in dem Gefühle liegen, daß nur
+ein solches der eigenen Natur korrespondiert«. So? Nicht viel eher in
+dem Vorurteil, welches lange Zeit gegen die literarische Betätigung der
+Frauen herrschte, und das selbst noch in der Zeit der Sonja Kowalewska
+so stark war, daß ihr Vater deren Schwester aus dem Hause jagen wollte,
+als er erfuhr, diese habe dem Dostojewsky für seine Zeitschrift eine
+Novelle »verkauft«, -- indem er seinen Zorn damit begründete, -- eine
+Frau, die heute ihre Novelle »verkaufe«, -- verkaufe morgen ihren Leib!
+-- Heute noch ist es Frauen sehr schwer, redaktionelle Stellungen zu
+erlangen, welche Männer, die ihnen an literarischer Befähigung und an
+Namen gleichstehen, mühelos erlangen; ein weiblicher Theaterreferent --
+fix angestellt und besoldet -- scheint noch immer eine ungeheuerliche
+Vorstellung, die, um sich durchzusetzen, mit tausend Schwierigkeiten zu
+kämpfen hat, so daß es nicht verwunderlich wäre, wenn ein männliches
+Pseudonym für dieses Amt benützt würde -- lebten wir nicht in einer
+Zeit, wo es schon aus Prinzip geboten erscheint, auch in den
+angefochtensten literarischen Situationen die weibliche Autorenschaft zu
+bekennen ....
+
+In dieser zum Kampfe drängenden farbebekennenden Zeit der neueren
+Literaturperiode sind denn auch die männlichen Pseudonyme weiblicher
+Autoren immer seltener geworden, so daß der Grund für ihr ehemaliges
+Überwiegen wohl kaum in maskulinen Anlagen, sondern in äußeren
+Verhältnissen zu suchen ist.
+
+Die »wahre« (innerliche) Emanzipation des Weibes wird von Weininger
+nicht verworfen (wohl aber für unmöglich erklärt), -- _aber_ -- »der
+_Unsinn_ der Emanzipationsbestrebungen liegt in der _Bewegung_, in der
+_Agitation_«.
+
+»Unsinn« -- der entsetzliche Kampf nach Brot, »_Unsinn_« der endlich
+erfolgte Zusammenschluß der als einzelne Hilflosen, »Unsinn« die
+planmäßige Organisation der nur durch ihr Geschlecht von zahllosen
+wichtigsten Erwerbszweigen Ausgeschlossenen, die auf die immer seltener
+gewordene »Versorgung durch den Mann« -- oder aber auf Hunger,
+Prostitution oder erdrückende Familienabhängigkeit angewiesen waren!
+»Unsinn« die mächtige Propaganda, die die Ringenden kampfesfähig machen,
+die ihnen die Mittel erkämpfen soll, sich vor _widerstandslosem_,
+sicherem Untergang zu retten, »Unsinn« das Sichaufraffen aller jener
+weiblichen Existenzen, die _nicht_ »als Leichen auf dem Wege liegen
+bleiben« wollen, wie dies nach der Ansicht eines mir bekannten, sonst
+bedeutenden Philosophen »nun einmal sein muß«.
+
+Und warum ist diese Bewegung, diese Agitation nach Weininger »Unsinn«?
+Weil »nur durch diese« (und außerdem »aus Motiven der Eitelkeit -- des
+Männerfanges!« -- Herrjemine!) viele Frauen jetzt Bildungs- und
+Berufsbestrebungen entwickeln, deren bloße »psychische Bedürfnisse« sie
+_nicht_ dazu getrieben hätten!
+
+Daß es noch andere als »psychische Bedürfnisse« gibt, nämlich zwingende
+ökonomische Bedürfnisse, wird bei Weininger mit keiner Silbe in betracht
+gezogen. Angenommen selbst, es wären wirklich nicht immer echte und
+tiefe psychische Bedürfnisse, die jemanden zur Ausübung eines ernsten
+Berufes und zu ernstem Bildungsstreben führen, so wird doch wohl
+jedermann, der die Mühen, Lasten, Verantwortungen und Schwierigkeiten
+eines Studiums oder eines Berufes auf sich nimmt und zu erringen sucht,
+ernste und zwingende Gründe hiefür haben -- und kaum einer bloßen Mode
+folgen!
+
+Natürlich folgt die »Resolution« -- in fetten Lettern -- auf dem Fuße:
+freien Zulaß zu allem -- aber _nur_ denjenigen Frauen, deren »wahre
+psychische Bedürfnisse« sie zu »männlicher Beschäftigung« treiben!
+»_Fort_ mit der `unwahren´ Revolutionierung -- weg mit der ganzen
+Frauenbewegung!«
+
+Solches wird großartig und pompös in Doppelfettdruck verkündet! -- Ganz
+abgesehen von der bereits erörterten Verlogenheit -- oder Verblendung --
+welche in den Berufsbestrebungen der Frauen andere als ernste und
+zwingende Gründe zu sehen vermag, -- möchte ich doch gerne wissen, wie
+man bei der Zulassung zu den Universitäten, zum Studium und zum Erwerb
+die »wahren psychischen Bedürfnisse« denn erkennen soll, um die, die von
+ihnen getrieben werden, von den anderen -- fernzuhaltenden -- solchen,
+die vielleicht »nur« von ökonomischen Bedürfnissen getrieben sind, zu
+sondern? Vielleicht an dem »männlichen Habitus« -- den sie gewöhnlich
+gar nicht haben?
+
+Des weiteren wird vorgeschlagen -- zwecks Konstatierung weiblicher
+Minderwertigkeit -- ein Verzeichnis bedeutender Männer mit dem
+bedeutender Frauen zu vergleichen und die erdrückende Überfülle auf dem
+ersteren zu ersehen. Ganz gewiß hat es unvergleichlich mehr und
+stärkere männliche Genies gegeben als weibliche. Aber sie gingen auch
+anders gerüstet, von anderen Voraussetzungen und Anforderungen der
+Mitwelt geleitet, in den Kampf! Was beim Manne als seine
+selbstverständliche Aufgabe _gefordert_ wurde, daß er sich Stellung und
+Bedeutung in der Welt erringe, tauchte bei der weiblichen Erziehung
+vergangener Jahrhunderte nicht einmal als Erwägung auf, und weibliche
+Ausnahmswesen mußten einen entsetzlichen, erbitterten Kampf gegen
+Familie, Herkommen, Sitte, Gesellschaft -- ganze Berge wegverrammelnder
+Traditionen -- bestehen, um nur überhaupt auf den Platz zu kommen, _auf
+dem sie beginnen konnten_, um nur überhaupt jenen Boden unter die Füße
+zu bekommen, der für den Mann, als ihm gebührend, selbstverständlich da
+war. Daß nur wenige diesen gewaltsamen Sprung aus den tausend Fesseln,
+mit denen man ihr Geschlecht umschloß, vollführen konnten -- nur die
+Überragendsten -- daß auch diese Wenigen nicht die Höhe der größten
+Männer erreichten, erklärt sich ersichtlich genug daraus, daß sie eben
+schon mit erschöpften Kräften am Kampfplatz anlangten, daß eine Unmenge
+Energie für die _Vorarbeiten verbraucht_ werden mußte. Und daß das
+Anwachsen des weiblichen Genies auf jenen Gebieten, die ihm wahrhaft
+freigemacht wurden, mit jenem der Männer gleichen Schritt hält, beweisen
+die großen weiblichen Dichternamen, welche in den letzten kaum fünfzig
+Jahren, da dies Gebiet für die Frauen durch Zulaß zu Bildungsstätten
+_gangbarer_ gemacht wurde, auftauchten, beweisen die Namen der genialen
+Schauspielerinnen, welche von denen der männlichen Kollegen nicht
+überstrahlt werden, obzwar man auch _für diesen Beruf die Frau für
+unbefähigt hielt_, Weiberrollen von Männern spielen ließ und sie ihn
+erst seit kaum drei Jahrhunderten ausübt, in welcher Zeit sie seine
+höchsten bisher erreichten Gipfel, vollwertig und gleichwertig mit dem
+Manne, erklommen hat.
+
+Zur Zeit der Renaissance soll es diese Fesseln nicht gegeben haben,
+weibliche Bildungsbestrebungen im Gegenteil gerne gesehen worden sein,
+und die Frau hätte (nach Weininger) damals Gelegenheit gehabt, »zur
+ungestörten Entfaltung ihrer geistigen Entwicklungsmöglichkeiten«. Die
+hat sie denn auch entfaltet _zu ästhetischen Zwecken und Zielen, denn
+nur solche waren ihr frei gegeben_, und die kamen natürlich nur für die
+Frauen der begünstigten, vornehmen Kreise in Frage, wo sich denn auch
+eine Blüte weiblicher »Schöngeistigkeit« entwickelte, auf die damals
+wahre Hymnen gesungen wurden: daß aber den Frauen der Renaissance -- in
+ihrer Gesamtheit, nicht als Ausnahmschance -- auch soziale Ämter
+eröffnet und damit die einzig ernsthafte Anregung ihnen gegeben worden
+wäre, ist _nicht_ bekannt, vielmehr saß trotz Renaissance und Humanismus
+diese Gesamtheit in den Frauengemächern und spann.
+
+Das Hauptmoment aller sozialen Erscheinungen, nämlich das
+wirtschaftlich-materiell-soziale Moment existiert für Weininger nicht,
+wird entweder überhaupt nicht erwähnt oder rundweg geleugnet. So wagt er
+es denn auch, die unerhörte Behauptung aufzustellen, der Zusammenhang
+der ökonomischen Verhältnisse mit der Frauenfrage sei ein viel
+lockererer als er gewöhnlich hingestellt wird!!! Nur bei den Frauen aus
+dem Proletariat, die sich in die Fabrik oder zur Bauarbeit drängen,
+anerkenne er diesen Zusammenhang! Der Kampf um das materielle Auskommen
+habe mit dem Kampfe um einen geistigen Lebensinhalt (»wenn« ein solcher
+vorhanden sei!!!) nichts zu tun und sei scharf von ihm zu trennen!
+
+Ja, sollen sich denn die Frauen, die ein materielles Auskommen suchen
+und brauchen, _alle_ zum Ziegelschupfen drängen und _nur_ zum
+Ziegelschupfen? Sollen sie nicht ein Anrecht haben, von einer höher
+qualifizierten und besser bezahlten Beschäftigung, eben jener, die
+vielleicht gerade ihrem geistigen Lebensinhalt entspricht, auch eine
+materielle Existenzmöglichkeit zu erzielen? Verzichten denn Männer in
+akademischen Berufen (oder anderen, die eine gewisse Bildung
+voraussetzen) auf ein Einkommen aus diesen Berufen (denen sie sich doch
+voll und ganz widmen müssen, um in ihnen etwas zu leisten), leben sie
+samt und sonders von ihren Renten und begnügen sie sich mit dem
+»geistigen Lebensinhalt«, den ihnen diese Berufe vielleicht geben?!
+
+Daß die Frauen es endlich satt haben, sich entweder zu prostituieren
+oder zu versklaven (oder nur zum Ziegelschupfen »freien Zutritt« zu
+erhalten), daß sie endlich auch ihre geistigen Fähigkeiten nutzbar
+gemacht und bewertet wissen wollen, ist die Grundlage jener »Bewegung«,
+die für Weininger ein »Unsinn« ist. Und daß dieser Kampf um Brot mit dem
+Kampf nach Daseinsinhalt endlich Hand in Hand gehen _könne_, ist das
+vornehmste Ziel der Emanzipation. Und dieses Ziel kann mit nichten das
+»einzelne Individuum für sich allein erkämpfen«, wie Weininger dies
+fordert, dem die Massenbewegung der Frauen wie ein »großes, wildes Heer«
+erscheint, das die »wahre« Befreiung nicht erringen könne. Es gibt keine
+»wahre« Befreiung ohne wirtschaftliche Befreiung! Und in dem Kampfe
+danach wäre das »einzelne Individuum für sich allein« _hilflos
+verloren_, -- wehr- und waffenlos würde es von der kompakten Masse der
+Gegner -- auch ein »großes, wildes Heer« -- in Grund und Boden getreten!
+Um neue soziale Tendenzen durchzusetzen, um dem _Trust auf allen Linien_
+gerüstet zu begegnen, bedarf es des Zusammenschlusses aller
+_einheitlichen Willen_, -- des »Unsinns« der Organisation.
+
+
+
+
+Wenn »M« über die Psychologie von »W« »Enthüllungen« zu machen im
+Begriffe ist, pflegt er manchmal von einer Art Gewissensbissen befallen
+zu werden, leisen Zweifeln an der Richtigkeit der abgegebenen lapidaren
+Urteile. Woher und wieso »M« überhaupt imstande sein soll, die
+geheimsten psychischen Vorgänge im Weibe zu »enthüllen«, darauf hat
+Weininger natürlich seine Antworten.
+
+Das _Recht_ dazu gebe ihm nämlich erstlich die Frau selbst, da sie
+entweder Falsches von sich aussage oder überhaupt nichts zu sagen wisse;
+so habe z. B. noch keine Frau ihre Empfindungen und Gefühle während der
+Schwangerschaft zum Ausdruck gebracht; _Scham_ hätte sie gewiß nicht
+daran gehindert, fährt er fort, denn nichts läge einer schwangeren Frau
+ferner als Scham über ihren Zustand. _Wie schamlos es von Seite des
+Mannes wäre, diese Scham zu erwarten, scheint er aber gar nicht zu
+ahnen!_
+
+Daß sich in früheren, unfernen Zeiten ein wahrer Sturm gegen eine Frau
+erhoben hätte, die es gewagt hätte, ohne Pseudonym literarische
+Bekenntnisse über den Zustand ihrer Schwangerschaft zu geben, ignoriert
+er vollständig; auch daß sich in der kurzen Epoche, da überhaupt
+realistische Darstellungen der Lebensvorgänge, wie sie sich bar aller
+verlogenen Illusionen wirklich abspielen, in der Literatur sich Raum
+verschafft haben, auch die Frauen -- oft mit wenig Talent, oft aber auch
+mit geradezu elementarem Talent und wahrhaft unerschrockenem Mut -- sich
+daran beteiligt haben, daß gerade über diesen Gegenstand von Seite von
+Ärztinnen, Dichterinnen, Sozialreformerinnen und Nationalökonominnen
+bereits eine kleine Literatur vorliegt, scheint er gar nicht zu wissen.
+
+Ebenso fest fundiert ist auch die andere Antwort, die auf die Frage,
+woher die _Möglichkeit_ solcher Enthüllungen dem Manne kommen solle,
+gegeben wird: aus dem, was in den Männern selbst an »W« ist!
+
+Nun, gerade über das Phänomen der Schwangerschaft dürfte sich von
+_diesem_ »W« (im »M«) kaum Verläßliches aussagen lassen!
+
+Und auf Grund dieses erbrachten »Befähigungsnachweises« wird nun in der
+Tat »ausgesagt«.
+
+Vor allem wird der »psychologische Unterschied zwischen M und W« nach
+weitschweifigen Auseinandersetzungen über deren physiologische
+»Unterschiede« -- kurz und bündig, ohne Beweise, wohl aber mit einer
+Fülle falscher Behauptungen -- damit erklärt, W gehe vollständig im
+Geschlechtsleben, »in der Sphäre der Begattung« auf, während M noch für
+eine Menge anderer Dinge Interesse habe: »für Kampf und Spiel,
+Geselligkeit und Gelage, Diskussion und Wissenschaft, Geschäft und
+Politik, Religion und Kunst.«
+
+So?! Nur »M« hat für diese Dinge Interesse?! Und wenn ich als Frau (mit
+tausenden anderen Frauen) auf diese kühne Behauptung, die allein die
+Trägerin der These sein soll, W sei ganz und gar Sexualität und sonst
+nichts, -- wenn ich nun daherkomme -- und aussage und beweise, daß ich
+ebenfalls »ausgefüllt und eingenommen bin« von all diesen Dingen, ja
+_gerade_ von _diesen_ Dingen, von Kampf und Spiel, von Geselligkeit und
+Gelage, -- jawohl! -- von Diskussion und Wissenschaft, von Geschäft und
+Politik, von Religion und Kunst, -- jawohl! -- und nicht eine dieser
+Interessen aus meinem Leben scheiden könnte, -- was dann?
+
+Dann -- ja dann ist nicht etwa die These falsch und flach und hohl --
+sondern ich und die Tausende von andern Frauen, die mit mir daherkamen,
+sind eben keine »echten« Frauen, sondern nur zu zwei Dritteln oder gar
+nur zur Hälfte Frauen! -- Einen bequemeren und platteren Schild hat kaum
+irgend jemand sich jemals geschmiedet! -- Daß man von einer »Echtheit«,
+das heißt hier Kulturfremdheit und Verwilderung, die von Tag zu Tag
+seltener wird und deren vollständiges Verschwinden eben nur von der
+Eroberung größerer Bildungsmöglichkeiten abhängt, -- _nicht_ ausgehen
+darf, um ein »Gesetz« aus ihr zu konstruieren, das für Millionen
+Exemplare, die dieser »Echtheit« längst entsprungen sind, Gültigkeit
+haben soll, -- das ist so flach auf der Hand liegend, daß es beinahe
+eine Schande ist, es erst zu explizieren. Überhaupt wird Weiningers
+Polemik in dem Moment, wo sie aus den Grenzen der reinen Spekulation
+heraustritt in den Kreis der Erfahrungen, der Tatsachen, des
+sichtbarlich Wahrnehmbaren erstaunlich platt. So heißt es gleich nach
+der so fest fundierten Behauptung, W gehe ganz und gar in der
+Sexualsphäre auf, -- an Entwicklung möge glauben wer da wolle, nur
+darauf komme es an, wie sie (die Frauen, an anderer Stelle die Juden)
+_heute_ sind. So? Nur darauf kommt es an, wie sie heute sind? Nicht etwa
+auch darauf, wie sie _wurden_ und wie sie sichtlich _werden_? -- In
+rasender Rotation bewegen sich die Gestirne, Glühendes erstarrt, Starres
+wird flüssig, Flüssiges verdampft, Äonen türmen Gebirge auf und waschen
+sie wieder fort, Meere werden zu Land und Länder zu Meer, tausende
+Formen durchläuft das Leben, ehe die primitive Zelle in komplizierter
+Vielfältigkeit triumphiert, alles wandelt sich ruhlos, alles wird,
+wächst, schwindet, kehrt wieder, -- nirgends Stillestehen und Ende, --
+»alles fließt« -- und im Buche eines Gelehrten des XX. Jahrhunderts wird
+Wandlung durch Entwicklung -- bezweifelt!
+
+Weininger verläßt nun vollständig das Gebiet der Theorie und begibt sich
+auf den Boden der Tatsachen. Aussage folgt auf Aussage, -- und was da
+kurz und eilig, in rascher Folge nacheinander behauptet wird, ohne durch
+die geringste reale Beweisführung gestützt zu sein, mutet wie ein
+einziges Wirrsal an, -- ein Labyrinth, in dem sich der, der es
+konstruierte, selbst nicht mehr zurechtfindet. Mit einer so dezidierten
+Bestimmtheit werden da fixe Vorstellungen als unanzweifelbare Tatsachen
+hingestellt, -- daß sie der Polemik förmlich entheben, da ihre monströse
+Verkehrtheit schon durch ihre Zitierung erhellt:
+
+»W befaßt sich mit außergeschlechtlichen Dingen nur für den Mann, den
+sie liebt, oder um des Mannes willen, von dem sie geliebt sein möchte.«
+Lüge! Mehr läßt sich auf eine solche Behauptung nicht erwidern. »Ein
+Interesse für diese Dinge an sich fehlt ihr vollständig.« Abermals Lüge,
+einfach schlechtweg Lüge!
+
+Wenn eine »echte« Frau z. B. Latein lerne, so tue sie das nur, um etwa
+ihren Sohn darin zu überhören! -- Bedarf die -- Albernheit (man kann es
+beim besten Willen nicht anders nennen) dieser Behauptung und ihrer
+Benützung als Faktor zur Beweisführung weiblicher Minderwertigkeit --
+einer Debatte?
+
+Daß W »nichts ist als Sexualität« -- M »noch etwas darüber« -- das zeige
+sich besonders deutlich in der Art, wie M und W ihren Eintritt in die
+Periode der Geschlechtsreife erleben. M empfinde die Zeit der Pubertät
+krisenhaft und beunruhigend, was auch begründet sei durch -- hier wird
+ein physiologisches Phänomen genannt -- »über das der Wille keine Gewalt
+hat«. Das Weib aber finde sich ganz leicht in die Pubertät. -- So? Ist
+es dem Autor gänzlich unbekannt, wie eminent krisenhaft, beunruhigend,
+aufregend und gefährlich _gerade_ beim Weibe diese Epoche sich
+ankündigt, -- da ja auch sie von einem Phänomen begleitet ist, -- »über
+das der Wille keine Gewalt hat«?! Unbekannt auch, daß hysterische
+Schwärmereien, die gewöhnlich blinde Aufopferung und entsetztes
+_Abwenden_ von aller bewußten Sexualität (die mit geheimen Schauern wie
+eine fremde, feindliche Macht geahnt wird) zum Substrate haben, gerade
+in dieser Zeit emporschießen, daß eine übersinnliche Hingabe zur
+treibenden Kraft des ganzen Wesens wird, -- wie sie Ibsen in Kaja Fosli
+und in der Hedwig der »Wildente«, Hauptmann in Ottegebe im »Armen
+Heinrich« verkörperten?!
+
+»Besonders deutlich« beweisen daher Behauptungen solcher Art nur das
+Eine: daß alles, was ist und wie immer es ist, herbeigeholt, und alles,
+was nicht ist, konstruiert wird, um vorgefaßte Fiktionen zu stützen.
+
+Ein blindes Vorbeisausen am wahrhaft Ursächlichen, an wirtschaftlichen
+und sozialen Verhältnissen, in denen die Gründe so mancher Erscheinungen
+wurzeln, ist ganz auffällig ersichtlich und kulminiert in verwirrender
+Verwechslung natürlicher Anlagen mit bloßen Zeiterscheinungen von rein
+sozialer Natur. Warum -- so wird gefragt -- denken Knaben nicht ans
+Heiraten, während selbst die kleinsten Mädchen schon darauf »erpicht zu
+sein scheinen«? Sehr einfach: weil die Mädchen von einem Erziehungsplan,
+der eine _andere_ selbständige Existenz als die Heirat nicht in Betracht
+ziehen konnte, darauf gedrillt wurden. Darum denken sie schon bei der
+Puppe ans Heiraten, geradeso wie Buben, denen man den Säbel als
+Spielzeug in die Hand gibt, sich gewöhnlich eine kriegerische Karriere
+in lockenden Farben ausmalen, womit doch sicher nicht bewiesen ist, daß
+sie ihrer »Anlage« nach Menschenschlächter sind und in ihrem späteren
+Leben begeisterte Anhänger des Militarismus »bleiben« werden.
+
+Nur wahrhafte Blindheit für alle sozialen Zusammenhänge konnte auch die
+unglaublich naive Frage stellen, warum denn beim Weibe die Brautnacht
+eine so viel größere Rolle spiele als beim Manne der erste
+geschlechtliche Akt. Dio mio! Es soll ein Beweis der absoluten, alles
+andere ausschließenden Sexualität von »W« sein, daß die Brautnacht der
+Frau -- ihre Defloration durch den Einzigen, dem sie voraussichtlich
+angehören wird, mit dem sich ihr ganzes Schicksal eng verbindet, -- daß
+diese Nacht, die ein aufwühlendes physisches und psychisches Erlebnis
+bringt, nachdem schon der vorangegangene Tag ihr eine ganz neue soziale
+Stellung, eine Umwälzung ihrer wirtschaftlichen Existenz bezeichnete, --
+der Frau mehr bedeutet, als dem Manne der Fall in die Arme der ersten
+Dirne, mit der ihn eine Stunde später keine noch so flüchtige Beziehung
+mehr verbindet! Und trotzdem wird auch dieses Erlebnis von
+feinfühligeren Männern als aufwühlendes, aufregendes und lange
+nachwirkendes Geschehnis empfunden, -- weil eben physiologische
+Veränderungen jeden Organismus auch psychisch erschüttern.
+
+Unsinn auf Unsinn wird mit Tiefsinn vorgetragen: _nur_ beim Weibe sei
+die Sexualität »diffus« ausgebreitet über den ganzen Körper, jede
+Berührung an welcher Stelle immer errege sie sexuell. Ist das nicht
+gerade umgekehrt _beim Manne_ der Fall -- und die Möglichkeit, sexuell
+erregt zu werden, bei »M« nichts weniger als »streng lokalisiert?!«
+
+Da das Weib durch und durch Sexualität ist, kenne es natürlich überhaupt
+keine andern Begriffe; ja es könne überhaupt keinen Begriff bewußt
+erfassen, _es fehle ihm die Bewußtheit_, es könne nur in verschwommenen
+Vorstellungen, »in Heniden« denken -- daher sei ihm selbst ein
+»intellegibles Ich« abzusprechen, -- eine Seele! »Darum« könnte es auch
+niemals ein weibliches Genie geben, -- »denn« -- wie könnte ein
+seelenloses Wesen Genie haben?
+
+Gewiß eine klappende, -- klappernde Logik, eine Logik mit gebrochenen
+Gelenken und durcheinander geschüttelten Gliedern!
+
+»Das« Weib lebt weniger bewußt als »der« Mann! Ja, vielleicht, -- unter
+ganz bestimmten Verhältnissen. In vollkommen geschützten
+Bourgeoiskreisen vielleicht, wo die Tätigkeit der Frau sich
+ausschließlich auf ihr häusliches Milieu beschränkt, während der Mann
+durch seinen Beruf im Kontakt mit dem Leben steht und daher --
+vielleicht -- eine »bewußtere« Existenz führt als sie. Aber wie steht's
+zum Beispiel beim Arbeiter, wo der Mann nicht Handel, Industrie,
+Wissenschaft oder Kunst, sondern aufreibende, schwere Taglöhnerarbeit
+betreibt? Führt er auch ein »bewußteres« Leben als »das Weib«, oder
+leben sie nicht etwa beide (soferne noch kein frischer Windzug
+politischer Stellungnahme zu ihnen gedrungen ist) ein dumpfes, stumpfes,
+erkenntnisloses und qualenreiches Frohndasein?! Der Bäckergeselle z. B.,
+der, wie jüngst durch eine Enquête eruiert wurde, in manchen Fällen von
+Abends 8 Uhr bis Mittags 12 Uhr beim Teigtrog steht, dann von 12 bis 8
+Uhr den notwendigsten Schlaf nachholt und um 8 Uhr wieder in die
+Backstube geht, lebt er etwa ein »bewußteres« Dasein als »das« Weib?!
+
+Alle diese Einzelheiten zeigen aber deutlich, daß es sich überall darum
+handelt, gerade den frischen Luftzug einer maßvollen Betätigung, eines
+Berufes, der nicht den ganzen Menschen frißt, der ihm Zeit läßt zur
+Selbstbestimmung und zum Kontakt mit der Welt und ihn dabei
+menschenwürdig ernährt, den Menschen erringen zu helfen, _um ihnen eine
+Seele zu geben_. Weder im abgesperrten Heim, noch im Ghetto, noch am
+Teigtrog läßt sich »Seele« erwerben, kann sich Intellegiblität
+entwickeln.
+
+
+
+
+Ausgehend von der falschen Voraussetzung, der ganze theoretische Streit
+in der Frauenfrage drehe sich darum, »wer geistig höher veranlagt sei,
+die Männer oder die Frauen«, eine Voraussetzung, die umso naiver und
+lächerlicher ist, als es ja _darauf gar nicht ankommt_, um den Wert
+einer Gattung zu bestimmen und eine von _solchen_ Gesichtspunkten
+ausgehende Bewertung einen erbärmlich kleinlichen Standpunkt verraten
+würde, gelangt Weininger zum Problem der Begabung und Genialität
+überhaupt. Dieser Abschnitt seines Buches scheint mir die anderen
+Kapitel wie eine Warte zu überragen, trotzdem auch hier unvermutete,
+vehemente Sprünge in die unsinnigsten Schlußfolgerungen die sinnigsten
+Auseinandersetzungen abreißen und verzerren und den Eindruck wilder
+Purzelbäume hervorrufen, die ein ruhiges, schönes Wandeln plötzlich
+unterbrechen. Glänzend und plastisch, von unzweideutiger Prägnanz ist
+der Stil, eine wunderbare Klarheit herrscht vor, solange die fixe Idee
+nicht mitspricht. Abgesehen von einigen Ausfällen von peinlicher
+Banalität, die eine interessant ansetzende Gedankenreihe manchmal grob
+unterbrechen, -- wie z. B. die nicht sehr originelle Mitteilung, daß
+»ganz große« Männer nicht dem jungen Fuchse auf der Mensur »gleichen«,
+noch dem jungen Mädchen, das sich über die neue Toilette nur freut, weil
+ihre Freundinnen sich darüber ärgern, -- finden sich da feine und zum
+Teile auch eigenartige Beobachtungen über das Wesen des genialen
+Menschen, bis wieder ein mehr als gewagtes Salto mortale die ganze
+Betrachtung zerreißt.
+
+Schon die Behauptung, daß das geniale Bewußtsein das vom
+»Henidenstadium« (vom Stadium der verschwommenen, mehr instinktiven als
+intellektuellen Vorstellungen) am weitesten entfernte sei, ist sehr zu
+bezweifeln: ist doch das Phänomen der halluzinativen, visionären
+Genialität und Produktionsfähigkeit zahllose Male beobachtet worden, ja
+es ist fast als typisch zu betrachten, da bei den meisten und
+bedeutendsten unter den »Schaffenden« der Zustand der Produktion fast
+immer von einer Art visionärer Entzücktheit getragen ist, die weitab
+liegt von »grellster Klarheit und Helle« mit der derselbe Schaffende
+sich vielleicht als Kritiker betätigen kann. Wenn nur gar aus dieser
+Behauptung, die sich durchaus nicht als stichhältig erweist, gefolgert
+wird, Genialität offenbare sich als eine Art höherer Männlichkeit und
+»darum« könne W nicht genial sein, so ist dies gewiß eine fast kindische
+Dialektik zu nennen, die sich der abstrakten Spekulation entrückt, und
+ins Licht der realen Wirklichkeit gestellt, an ihren gewaltsam
+aneinandergeschraubten Zusammenhängen erkenntlich macht. Die auf das
+Weib sich beziehende Schlußresumierung der aus der ganzen Theorie
+gewonnenen Resultate zeigt den traurigen Mut einer kaum glaublichen
+Unverfrorenheit: die Frau bringe der Genialität kein anderes Verständnis
+entgegen, als eines, das sich eventuell an die Persönlichkeit eines noch
+lebenden Trägers knüpft!
+
+Aus solchen Aussprüchen, aus denen sich der auf Tatsachen sich
+beziehende und berufende Teil dieses Buches zusammensetzt und die
+deswegen in Debatte gezogen werden müssen, erhellt ein klägliches
+Abgleiten und Danebengreifen, sowie das nachgiebige Gebiet der
+Spekulation verlassen und das harte der Tatsachen und der praktischen
+Folgerung betreten wird: kein noch so »wissenschaftlich« angelegtes und
+mit innerlicher Tiefe entworfenes Fundament kann für einen Bau von
+Bedeutung sein und ihm zu Werte verhelfen, wenn der Bau selbst aus
+morschem Material gezimmert ist, das die Verwesung schon in sich trägt.
+
+Neben sehr treffenden Kriterien der genialen Veranlagung werden solche
+von erstaunlicher Einfalt aufgestellt, die den Autor schließlich zu der
+Behauptung führen, _kein_ männliches Wesen sei ganz ungenial! So
+mancher, der von seiner Genialität bisher keine Ahnung gehabt hat, wird
+dies schmunzelnd zur Kenntnis nehmen! Die »absolute Bedeutungslosigkeit«
+der Frauen wird durch Aufzählung verschiedener Berufe erhärtet, in denen
+die Frauen nichts geleistet hätten, ohne daß mit einer Silbe daran
+gerührt wird, ob sie wohl die _historische Möglichkeit_ dazu hatten oder
+nicht. Daß sie in der Musikgeschichte, in der Architektur, in der
+Plastik und Philosophie nicht das Geringste geleistet hätten, wird ihnen
+vorgehalten, in einem Atem wird aber gleich darauf eingestanden, der
+weibliche Baumeister sei »eine fast nur Mitleid weckende Vorstellung«.
+Daß diese Vorstellung und andere ähnliche jahrhundertelang überhaupt
+einen Wall bildeten, der alles weibliche Streben von solchen Richtungen
+ablenkte, wird natürlich nicht gesagt; auch nicht, daß, seit in diesen
+Wall durch den Ansturm der Frauenbewegung einige Breschen geschlagen
+wurden, sehr tüchtige und bemerkenswerte weibliche Leistungen sowohl in
+der Architektur (man denke an die nach dem Leben gezeichnete Figur der
+Ursine in Reickes berühmtem Roman: »Das grüne Huhn«) als besonders in
+der Plastik zu verzeichnen sind: Sondererscheinungen natürlich, aber die
+geringe Zahl erklärt sich doch klar genug daraus, daß es ja eine
+selbstverständliche Erziehung jedes Mädchens zu einem Berufe noch nicht
+gibt, daher der Prozentsatz, der sich trotz des Mangels an Förderung
+und Antreibung aus eigener Kraft zu einem Berufe schwieriger
+wissenschaftlicher oder künstlerischer Natur durchringt, doch naturgemäß
+ein weit geringerer sein muß, als die Anzahl der Männer, die _alle_ zur
+Berufswahl verhalten werden.
+
+Daß die Frauen in der Philosophie nichts geleistet hätten, ist
+unrichtig, nur gestatteten ihnen die Zeitverhältnisse meistens nicht,
+dozierend oder publizierend vor die Öffentlichkeit zu treten; im
+Mittelalter entwickelte sich ein hohes geistiges Kulturleben der Frauen
+-- hinter den Mauern der Klöster. In den lichten Zeiten blühenden
+Hellenentums waren die Philosophinnen Griechenlands, zu denen die früher
+erwähnte Mysia, Theana und andere gehörten, bekannt und berühmt. Gerade
+für die Philosophie ist die Begabung der Frauen unzweifelhaft, denn die
+weibliche Natur neigt viel eher zu kontemplativer, nach innen gekehrter
+Betrachtung, als zu irgend welcher äußeren Agitation, obzwar sie unter
+dem Ansporn der Notwendigkeit auch diesen Mangel -- eine Art seelischer
+Schwerfälligkeit -- aufzuheben vermag, wie die rührigen Betätigungen der
+Frauenvereine beweisen.
+
+Daß die Frauen in der Musikgeschichte nichts leisteten, dürfte wohl mit
+ihrem Mangel an entsprechender beruflicher Betätigung (in der
+Orchestermusik, als Kapellmeister etc.) herrühren, die sie in
+fortwährenden Kontakt mit musikalischer Theorie und musikalischer Praxis
+brächte; vielleicht ist auch wirklich eine geringere Begabung dazu
+vorhanden, denn es soll ja durchaus nicht geleugnet werden, daß für
+manches Schaffensgebiet das weibliche Geschlecht weniger befähigt ist
+als das männliche, z. B. dürfte das in der Chirurgie ganz sicher der
+Fall sein. Weil aber irgend eine Spezies nicht ganz »gleiche« Talente
+hat wie eine andere, ist sie doch gewiß nicht minderwertig, soferne sie
+auf einem andern Gebiete brauchbar ist. Die gegenseitige
+Unentbehrlichkeit, Unersetzlichkeit der beiden Geschlechter für
+einander bedingt schon ihre Gleichwertigkeit! Eine geistige Rangordnung
+ist überhaupt -- so will es mir scheinen -- nur von Individuum zu
+Individuum anwendbar; nicht einmal unter Völkern und Stämmen darf das
+vergleichende Urteil eine Abfertigung en masse sein, geschweige denn
+dort, wo es sich um die eine Riesenhälfte der Menschheit handelt, die
+mit ein paar mühsam herbeigeschleppten Grenzpfählen in eine eigene
+Wertabteilung sperren zu wollen, eine lächerliche Torheit ist, weil in
+jedem Augenblick Millionen Individuen aus der bloßen Gattungssphäre
+heraus- und über diese Grenzen hinüberspringen.
+
+Eine »echt weibliche Anlage« darin zu sehen, daß viele Frauen ihre
+Männer belügen und betrügen und nur kleinliche Wirtschaftsinteressen
+kennen, scheint eine Verblendung, die nur in dem überraschenden
+Bekenntnis des Autors, daß »jeder hervorragende Mensch zeitweise an
+fixen Ideen leide«, ihren Schlüssel haben dürfte. Ist es ein
+»Naturgesetz«, daß viele Frauen lügen und trügen oder tun sie dies nicht
+vielleicht deshalb, weil sie abhängig und wirtschaftlich ewig
+bevormundet sind?! Und wenn sie sich nur für Kleinlichkeiten
+interessieren, dürfte das nicht darin seinen Grund haben, daß größere
+Interessen in ihrem armseligen Hausdasein überhaupt nicht an sie
+herantreten? Und haben Männer in ähnlich eingeengtem sozialen
+Wirkungskreis etwa einen größeren Horizont? Und muß dies so bleiben,
+unabänderlich -- ein »Naturgesetz«?!
+
+Die Anwürfe gegen das weibliche Geschlecht, die den Hauptteil und
+Kernpunkt dieses vielbesprochenen Werkes bilden, zerschmelzen bei der
+geringsten kritischen Beleuchtung wie dünner Schnee in der Wärme. Man
+staunt, daß die Tendenz des Werkes überhaupt ernst genommen werden
+konnte, da deren Argumente ihre Hohlheit und Plattheit so sichtlich zur
+Schau tragen, soferne nicht geradezu _ohne jedes_ Argument Aussprüche
+von gehässiger Unwahrheit als »Tatsachen« vorgetragen werden; zum
+Beispiel der, W verfüge überhaupt nur über _eine_ Klasse von
+Erinnerungen: solche, die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung
+zusammenhängen!! Andere Erinnerungen als an den Geliebten, Bewerber,
+Hochzeitsnacht, Kind und Puppen, »Zahl, Größe und Preis der Bukette, die
+sie auf dem Balle erhielt, und an _jedes Kompliment ohne Ausnahme_, das
+ihr je gemacht wurde«, habe das »echte« Weib aus seinem Leben überhaupt
+nicht!! Das »echte« Weib! Ja, wo steckt es denn, das Urtier?!
+
+Es existieren gewiß weibliche Gehirnchen, in denen Erinnerungen solcher
+Art vorherrschend sind: aber das beweist doch nur, daß kein anderes
+Material für die Erinnerung vorhanden ist, daß keine wichtigeren
+Erlebnisse in solch ein Dasein getreten sind, daß dieses also um seinen
+besten und wertvollsten Inhalt betrogen wurde. Man gebe ihnen Beruf und
+Beschäftigung, und die Kotilloneindrücke dürften merklich verblassen.
+Daß es dem psychischen Leben der Frauen aber nicht nur an Gedächtnis,
+sondern auch an »Kontinuität« gebricht, wird daraus abgeleitet, daß sie
+sich eher und leichter in äußerlich veränderte Verhältnisse hineinfinden
+als Männer. Während zum Beispiel Männer, die plötzlich reich geworden
+sind, noch lange den Parvenü verraten, finden sich die Frauen viel
+schneller in die veränderte Stellung; nun, das scheint mir eher eine
+ganz gute Qualität zu sein als eine schlechte, nämlich die, daß sie eben
+in Äußerlichkeiten nicht verwurzeln.
+
+Einen merkwürdig frömmelnden Beigeschmack hat die Lobpreisung der
+_Pietät_. So sehr _Ehrfurcht_ vor allen echten Werten geboten ist und
+den, der ihrer fähig ist, selbst ehrt, umso weniger erscheint die bloße
+_Pietät_ als ein wirklich wertverratendes Phänomen. Unantastbare
+Verehrung zu fordern für Vergangenes und Gewesenes, oft aus gar keinem
+anderen Grunde als eben weil es tot und vergangen ist, scheint mir ein
+gewaltsames Einengen aller Kritik und daher auch der Möglichkeit einer
+Weiterentwicklung und führt zweifelsohne zu blinder Glorifizierung des
+Vergangenen und prinzipieller Verdammung alles Werdenden und Künftigen,
+wie sich dies auch tatsächlich in Weiningers Buch ganz auffällig zeigt:
+seit 150 Jahren, -- so behauptet er, -- sei Deutschland ohne großen
+Künstler und ohne großen Denker. Eine sehr kühne Behauptung! Und wie
+verträgt sie sich mit seiner Stellung zu Wagner, den er den größten
+Genius aller Zeiten nennt?!
+
+Wenn er diese kühne Behauptung zu unterstützen meint, indem er ausführt,
+man müsse immer wieder nach den Werken der Klassiker greifen, man müsse
+zum Beispiel _Klopstock_ immer wieder aufschlagen, um ungeduldige
+Erwartung bei der Lektüre zu empfinden (?!), so dürfte er das Beispiel
+nicht allzu überzeugend gewählt haben! Seit 150 Jahren kein Dichter in
+Deutschland, der so bedeutend fesselnd und anregend wäre wie --
+Klopstock?!
+
+Pietät für das Vergangene bedingt aber, nach Weininger, vor allem Pietät
+gegen sich selbst, gegen die eigene Vergangenheit. Ja, warum soll sie
+denn aber durchaus mit Pietät verehrt werden, diese wie immer geartete
+Vergangenheit?! Und ist es wirklich ein »Merkmal des hervorragenden
+Menschen«, daß er mit »weihevoller Sorgfalt« den scheinbar
+geringfügigsten Dingen aus seinem Leben einen Wert beilegt?! So sehr
+instruktiv es ist, in Nebensächlichem, »scheinbar Geringfügigem«
+treibende Momente der Entwicklung zu erkennen, vielleicht kleine Anstöße
+größerer Konsequenzen, -- so sehr übertrieben muß es erscheinen, einen
+»weihevollen« Selbstkult mit solchen Erinnerungen zu treiben, denn dann
+wäre ja die vorerwähnte allzu getreue Erinnerung des »echten« Weibes an
+Ball- und Liebesabenteuer und die weihevolle Sorgfalt, mit der diese
+Erinnerung angeblich gepflegt wird, auch »ein Merkmal des
+hervorragenden Menschen«.
+
+Aber nein: denn dem Weibe geht die Pietät ab, was schon aus dem Beispiel
+der -- Witwen zu ersehen sei, mit deren Pietät für den heimgegangenen
+Gatten es so schlecht steht, daß die Frevlerinnen manchmal sogar einen
+zweiten nehmen.
+
+Daß sich die indischen Witwen pietätvoll verbrennen ließen, um an Stelle
+des im Tode vorausgegangenen Gatten rücksichtsvoll die dunkle, schwere
+Pforte, die sich nach indischer Vorstellung dröhnend hinter dem vom
+Leben Geschiedenen schließt, aufzufangen, beweist also wohl ihre
+»Vermännlichung« (denn das ist identisch mit Höherstehung) gegenüber den
+vom Geiste frecher Aufklärung erfüllten Europäerinnen?! Warum eine
+besondere Pietät der Witwen für ihren verstorbenen Gatten zu verlangen
+sein sollte, wenn nicht auch bei seinen Lebzeiten ein inniges Verhältnis
+zwischen den Eheleuten herrschte, ist nicht recht ersichtlich. War dies
+aber der Fall, so bleibt auch eine treue, warme, schmerzliche
+Erinnerung, ja nicht selten ein nie wieder zu bannendes Leid und oft
+eine fanatische Hingabe an den Toten zurück, wofür Sage und Geschichte
+genügende Beispiele liefern. Von »edlen Frauen«, die die Witwenhaube nie
+wieder ablegten, wird uns schon im Lesebuche erzählt, aber vom
+trostlosen Witwer ist noch nichts vermeldet worden. Wie steht's denn mit
+seiner Pietät?
+
+Aus Pietät für das Vergangene, Vergehende erkläre sich auch das
+Unsterblichkeitsbedürfnis, welches angeblich den Frauen »völlig abgeht«.
+Im Gegenteil, die meisten haben es. Aber das Unsterblichkeits_bedürfnis_,
+ja selbst die Erklärung des (leicht begreiflichen) Wunsches nach
+psychischer Unsterblichkeit, die Weininger zutreffend in Gefühlsgründen
+findet, können noch nicht den _Glauben_ an ein individuelles Fortleben
+nach dem Tode demjenigen geben, der ihn nicht hat, wenn er auch noch so
+stark das Bedürfnis danach empfindet: denn Gefühlsgründe ändern kein
+Titelchen an der Auffassung der Vernunft.
+
+Natürlich hat das Weib auch keine Logik. Es kennt weder logisches
+»Gesetz« noch moralische »Pflicht«. »Also« hat es überhaupt _kein Ich_.
+»Das absolute (?) Weib hat kein Ich.« Dies ist nach Aussage des
+Verfassers »ein letztes, wozu alle Analyse des Weibes führt«. Als
+historische Stützen seiner Anschauung beruft er sich auf -- die
+Chinesen! Seit ältester Zeit sprechen sie dem Weibe eine eigene Seele
+ab. Sie zählen nur die Knaben, haben sie nur Töchter, so betrachten sie
+sich als kinderlos, -- die Chinesen! Nun wissen wir, wie wir es zu
+machen haben!
+
+Übrigens geht's auch bei uns diesbezüglich noch recht chinesisch zu: Las
+man doch jüngst in einer Tageszeitung in einem Bericht über das
+italienische Königspaar, der es den Lesern offenbar »menschlich
+näherbringen« sollte, die Königin Elena habe bei ihrer ersten Entbindung
+den König und ihre Schwiegermutter »mit Tränen in den Augen« »um
+_Verzeihung_ gebeten«, daß das Kind ein Mädchen sei! Chinesenfreunde
+können also zufrieden sein.
+
+Daß unter den Kirchenvätern Augustinus eine höhere Meinung vom Weibe
+gehabt habe als Tertullian und Origenes wird dem innigen Verhältnis des
+ersteren zu seiner Mutter zugeschrieben. Es scheint also die Bewertung
+des Weibes von Privaterlebnissen abzuhängen, weshalb wir uns auch über
+die Seelenlosigkeit, Ichlosigkeit etc. beruhigen können; ebenso über die
+»Verhältnislosigkeit« des Weibes. W hat nämlich »kein Verhältnis zu --«
+nun folgt irgend ein Phänomen (Wahrheit, Ethik, Scham, Mitleid etc.) --
+eine ständig wiederkehrende Phrase.
+
+Die Seele des Menschen -- des Mannmenschen natürlich -- sei ein
+Mikrokosmus: er habe »alles« in sich und könne daher alles werden, je
+nachdem, was er »in sich begünstige«: Höchst- oder Tiefststehender,
+Tier, Pflanze, ja sogar Weib! (Ja, aber -- in Parenthese bemerkt -- wie
+erfährt man denn nur, da er doch nur das eine oder das andere wirklich
+wird, was »alles« in ihm steckt?) »Die Frau aber kann nie zum Manne
+werden!« Wehe, wehe über sie! Überhaupt ist sie eigentlich nichts
+anderes als ein »rudimentärer Mann«! Die »Vollendung« zum Ganz-Mann
+bleibt ihr natürlich versagt. So _Strindberg_ in seiner Apotheose des
+Weiningerschen Werkes, die man als die Meinung einer Autorität immer
+wieder anführen hört: eine beinahe lachhafte Vorstellung, jemanden als
+Autorität in einer Sache nennen zu hören, die eine Verherrlichung seiner
+_eigenen_, weltbekannten fixen Idee, seiner _eigenen_ manischen
+Vorstellung, ohne deren Erwähnung sein Name gar nicht genannt werden
+kann, bedeutet. Strindberg, der seit mehr als dreißig Jahren vor der
+breitesten Öffentlichkeit »am Weibe leidet« (um das bekannte
+Nietzsche-Wort »am Leben leiden« passend zu variieren), -- als kritische
+Autorität für ein Buch des Weiberhasses! Jawohl, er, Strindberg, hat die
+Tendenz des Buches und die auf sie bezüglichen Ausführungen ernst
+genommen! Aber Strindberg, der einst ein großer Dichter war, nimmt nun
+auch Legenden für konkrete Ereignisse, sieht Halluzinationen für
+Wirklichkeit an, glaubt sich überall von Gespenstern umgeben und hält
+sich selbst, seines ehemaligen Atheismus halber, für einen Höllenbraten,
+nach dem Satan selbst (in leibhaftiger Gestalt!) die Krallen ausstreckt
+und dem er nur entrinnen zu können glaubte durch bußfertige Rückkehr in
+den Schoß der -- Kirche! Ist er also wirklich Autorität, und gar da, wo
+seine eigene schmerzensreiche Wahnidee in Frage kommt?!
+
+Die Tiefe und Breite der ganzen Anlage des Buches, die Versenkung in
+alle Disziplinen der Wissenschaft erscheint wie eine tragische
+Versprengung der besten Kräfte, wenn man die greifbaren Resultate, --
+die Aussprüche, die dieses Hinabtauchen zum Urquell aller Weisheit
+zeitigte, vernimmt: »Das Denken des Weibes ist eine Art Schmecken«,
+oder: »selbst die Phantasie des Weibes ist Irrtum und Lüge, die des
+Mannes hingegen erst höhere Wahrheit«! Jeder Mann kann zum Genie werden,
+wenn auch mancher erst in seiner Todesstunde! (Es verliere also keiner
+die Hoffnung!) Ja, die Frau ist nicht einmal antimoralisch, denn das
+würde »ein Verhältnis zur« Moral voraussetzen, -- sondern »sie ist nur
+amoralisch, _gemein_«. Auch das Mitleid und die Schamhaftigkeit der Frau
+hänge nur mit ihrer Sexualität zusammen. »Im alten Weib ist nie ein
+Funken jener angeblichen Güte mehr.« Wirklich? Ich kenne alte Frauen,
+die wie Priesterinnen -- so gut, so klug, so hehr -- erscheinen! Man
+lese den Artikel »Die alte Frau«, der in Hedwig Dohms Buche »Die
+Mütter«[4] enthalten ist! Verstattet man aber der Frau nur jenen
+Interessen- und Pflichtenkreis, der mit ihrer Sexualität in Verbindung
+steht, dann freilich schwindet mit dieser ihr ganzer Inhalt! Ist es dann
+aber ihre »Anlage« oder ihre Erziehung, die Schuld trägt an dieser
+barbarischen Beengung?! -- Der Verfasser scheint seine Anschauungen über
+»das Weib«, soferne sie sich nicht auf die Dirne beziehen, aus
+Kaffeekränzchen geholt zu haben: »Eine Frau konversiert oder schnattert,
+aber sie redet nicht.« Frauenversammlungen, Frauenvorträge und die
+Parteitage der über die ganze zivilisierte Welt verbreiteten
+Frauenvereine, die in ihrer Propaganda wohl nicht um einen Zoll weiter
+kämen, würden sie sich nicht strengster Sachlichkeit befleißen, geben
+beredtes Zeugnis für die Haltbarkeit dieses Ausspruches. Die
+Tauglichkeit der Frauen zur Krankenpflege -- ein Beweis ihres Mitleids?
+Im Gegenteil. Der Mann allein hat Mitleid, denn »er könnte die Schmerzen
+der Kranken nicht mitansehen, .. Qualen und Tod nicht mitmachen«. Und
+der Arzt? Ist er eine Art verweiblichter Bestie, weil er die Schmerzen
+der Kranken mitansehen kann?
+
+ [4] Verlag S. Fischer, Berlin.
+
+Auch »schamhaft« ist nur der Mann! Er wisse es! Als Beweis werden
+Behauptungen aufgestellt, die vielleicht auf Dirnen passen, die ich aber
+bei anständigen Frauen noch nie beobachtet habe .. Auch daß der einzelne
+Mann kein Interesse für die Nacktheit des anderen Mannes hat, ist
+falsch, besonders seit sportliche Betätigung bei allen gesunden jungen
+Leuten überhand genommen hat und sie schon deswegen Interesse an der
+körperlichen Bildung der andern haben. Dieses Interesse, respektive die
+Freude am eigenen Körper als Schamlosigkeit zu verdammen, ist eine
+Anschauung, die der fanatischen Mystik des Mittelalters entspricht, die
+nur den »Geist« anerkannte, ohne zu bedenken, daß derselbe _in einem
+elenden Körper_ ebenfalls entarten muß.
+
+W ist herzlos, nur M besitzt Gemüt. Beweis: »Nichts macht M so
+glücklich, als wenn ihn ein Mädchen liebt; selbst wenn sie ihn nicht von
+Anbeginn gefesselt hat, ist dann doch die Gefahr, Feuer zu fangen, für
+ihn sehr groß.« Rührend! Rührend! Daher die Millionen verlassener
+liebender Mädchen und Frauen! -- Es gibt eine Fülle von »Symptomen
+echter Gemeinheit« an der Frau: z. B. der Neid der Mütter, wenn die
+Töchter anderer eher heiraten als die eigenen. Nicht die bange,
+entsetzliche Angst, daß die einzige Karte, auf die törichterweise die
+ganze Zukunft gesetzt wurde, verliert, spricht aus diesen Müttern --
+sondern »echte Gemeinheit«.
+
+Ins Unendliche ließen sich diese Aussprüche einer kaum glaublichen
+Verblendung anführen. Aber es drängt uns, zur Hauptsache zu kommen,
+nämlich der famosen Einteilung der Frauen in _Mütter_ und _Dirnen_.
+Beide Gattungen werden von Weininger gleich bewertet, ja die
+verächtlichere scheint nach seiner Darstellung noch die »Mutter«. Den
+Nachweis, daß jede Frau in eine seiner Kategorien gehört, macht er
+sich, wie alle seine auf _reale_ Tatsachen bezüglichen »Beweise«, recht
+leicht. Da er aber schon »die Bereitwilligkeit, sich flüchtig berühren
+oder streifen zu lassen«, -- »Dirneninstinkte« nennt, ja, was ist dann
+um Himmelswillen der Mann, der meist noch ganz andere »Bereitwilligkeiten«
+hat?!
+
+Was die Prostitution betrifft, so meint Weininger, eine solche
+Erscheinung müsse »in der Natur des menschlichen Weibes liegen«, ein
+solcher Hang müsse »in einem Weibe organisch, von Geburt an liegen!« Nun
+verläßt mich beinahe die Langmut ruhiger Kritik. Wie?! Nicht in dem
+unerbittlich abwärts treibenden Elend, in der Brotlosigkeit, in der
+erbärmlichen Entlohnung weiblicher Arbeit, der Stellenlosigkeit, der
+Ehelosigkeit, mit einem Wort: nicht in den Grundzügen unserer
+herrlichen, vom Manne für den Mann gemachten gesellschaftlichen
+»Ordnung« liegt die Ursache der Prostitution, sondern in der Vorliebe
+für diesen beglückenden Beruf?!
+
+Muß nicht, im Gegenteil, in der Natur solcher _Männer_ eine Vorliebe für
+die Prostitution liegen, die ohne Zwang, ohne damit nach Brot zu
+streben, sondern aus freier Wahl die Nächte ihrer besten Jahre mit
+geschlechtlichen Ausschweifungen verbringen?!
+
+Mit kindlicher Einfalt wird gefragt, warum denn der verarmte _Mann_
+nicht die Prostitution zum Broterwerb wähle! Warum??
+
+Erstens: weil er mehr Stellen findet als das Weib.
+
+Zweitens: weil er damit schlechte Geschäfte machen würde, da die Zahl
+der Weiber, die männliche Prostituierte auszuhalten das Bedürfnis haben,
+immerhin (trotzdem es ihrer gibt) eine geringe ist.
+
+Drittens: weil er von »unehrlichen« Berufen für den des Schwindlers,
+Betrügers, Hochstaplers mehr Gelegenheit hat als das Weib.
+
+Viertens endlich: weil er es physisch nicht leisten könnte.
+
+Das ist brutal ausgedrückt, aber die empörende Fragestellung zwingt zu
+unzweideutiger Antwort!
+
+Übrigens hat jede »alleinstehende« Dirne ihren Zuhälter, und der steht
+gewiß nicht höher als die Dirne selbst. Im Gegenteil: noch unendlich
+tief unter ihr!
+
+Die Polemik wird aber geradezu -- schändend, wenn behauptet wird, um den
+Dirneninstinkt, der zum Teil in _jedem_ Weibe stecke, zu beweisen, »daß
+ein letzter Rest sexueller Wirkung von _jedem Sohn_ auf seine Mutter
+ausgeht!«
+
+Ein Ausspruch von geradezu scheußlicher Entartung!
+
+Die »Mutter« stehe übrigens intellektuell sehr tief. Sie sei
+verächtlich, weil ihre Liebe wahllos und zudringlich ist, weil sie
+blinde Zärtlichkeit besitze für »alles, was je mit ihr durch eine
+Nabelschnur verbunden war«. »Bedeutende Menschen können deshalb stets
+nur Prostituierte lieben!« Merkwürdige und recht nette Eigenheiten haben
+diese »bedeutenden Menschen«. Natürlich »stützt« sich das alles wieder
+auf die blinde Verschanzung in die eigene lächerliche Einteilung. Daß es
+Menschen -- weibliche Menschen -- gibt, die außer »Mutter oder Dirne«
+noch Künstler oder Kaufleute, Sportgeschöpfe oder Botanikerinnen,
+Stickkünstlerinnen oder Mathematikerinnen und hunderterlei anderes ihrer
+innersten Veranlagung nach sind, weiß der Verfasser offenbar nicht.
+
+Dafür berichtet er feine Unterschiede zwischen Dirne und Mutter; der
+Dirne liege nur am Manne, der Mutter am Kind. Falsch! Der Dirne liegt
+gewöhnlich gar nichts am Mann, sondern nur am Geld, und der Mutter liegt
+gewiß nicht nur am Kind, sondern auch am Vater des Kindes, soferne der
+nur ein rechter Vater ist.
+
+In endloser, ermüdender Länge wird ein einmal aufgestellter »Satz«
+variiert, wiederholt, verknäult und wieder gelöst. Manch interessante
+Parallele blitzt dabei auf, zum Beispiel die, zwischen Eroberer und
+großer Dirne, die beide als Gottesgeißeln empfunden werden. Köstlich ist
+die Verwicklung in die eigenen gewundenen Fäden zum Beispiel dort, wo
+über die _Treue_ gesprochen wird:
+
+Ist nämlich die _Frau_ untreu, so ist sie es, weil sie überhaupt »kein
+der Zeitlichkeit entrücktes Ich hat«, daher »ganz gedankenlos« ist und
+ohne »Verständnis für die bindende Kraft eines Vertrages«.
+
+Ist aber der _Mann_ untreu, so ist er es nur, weil er sein intellegibles
+Ich nicht hat zu Worte kommen lassen! (Und wo bleibt sein »Verständnis
+für die bindende Kraft eines Vertrages«? Es schlief wohl gerade?)
+
+Ist _er_ treu, so ist er es eben seines intellegiblen Wesens halber.
+
+Ist _sie_ aber treu, so ist sie es aus »Hörigkeitsinstinkt« -- »hündisch
+nachlaufend ... voll instinktiver, zäher Anhänglichkeit«!
+
+Preisfrage: Wie soll sie also sein, treu oder untreu, um weniger
+verächtlich zu erscheinen?
+
+Eine erstaunlich _tief verwurzelte_ Konfusion im Kopfe eines
+Dreiundzwanzigjährigen, ein wahres Phänomen von einem Rattenkönig! So
+selbstsicher wird oft das genaue Gegenteil von der Wahrheit vorgetragen,
+daß man erst durch die ins Auge springende Absurdheit zur Widerlegung
+veranlaßt wird. Der Mythos von Leda wird als Beweis angeführt, daß die
+Frau zur Sodomie mehr Neigung habe als der Mann! Was beweist aber der
+Mythos gegenüber der Wirklichkeit? Wer benützt heute noch -- im Orient
+ist dies an der Tagesordnung -- Ziegen, Stuten, Hennen zu
+geschlechtlichem Mißbrauch, -- _Mann_ oder _Weib_?!
+
+Nach der Einleitung einer Beweiskette wird diese gewöhnlich mitten drin
+abgebrochen und unbewiesen wird der »Schluß« angehängt, während man
+die entscheidende Wendung noch erwartet. So wird zum Beispiel
+auseinandergesetzt, daß die Frau meist Scheu empfinde vor männlicher
+Nacktheit, und dies wird -- man staune! -- als Beweis betrachtet dafür,
+»daß die Frauen von der Liebe nicht die Schönheit wollen, sondern --
+etwas anderes!« Von der Liebe werden sie wohl die Liebe wollen, und »die«
+Schönheit in ihr zu finden hoffen. Die vorangehenden Ausführungen über
+männliche und weibliche Nacktheit sind von beinahe obszöner Brutalität
+und von einem fast wilden Hasse gegen alles Natürlich-Geschlechtliche
+erfüllt. Schon die Debatte überhaupt, ob diese Vorgänge und ihre Organe
+»schön« oder »nicht schön« sind, verrät einen falschen Standpunkt, da es
+sich um Naturnotwendiges handelt, das schon durch seinen eminenten Zweck
+für eine solche Bewertung gar nicht geeignet ist. Es ist ihm ein
+»Rätsel«, warum gerade die Frau vom Mann geliebt wird! _Warum gerade die
+Frau??_ Ja, soll denn der Mann _nur_ Hennen, Ziegen, Stuten oder Knaben
+lieben?! Und warum wird denn »gerade der Mann« von der Frau geliebt?
+Vermutlich weil es nur diese zwei Arten Menschen gibt. Weininger weiß
+übrigens für dieses »Rätsel«, warum die Frau geliebt wird, eine
+hochpoetische Erklärung: bei der Menschwerdung habe nämlich der Mann
+durch einen »metaphysischen Akt« (?) die _Seele_ für sich allein
+behalten! Aus welchem Motive vermöge man freilich »noch nicht«
+abzusehen! (Wirklich nicht? Vielleicht läßt sich's durch Algebra
+herausbringen?) Dieses sein Unrecht büßt er nun in der Liebe, durch die
+er ihr »die geraubte Seele zurückzugeben sucht«! Er bittet ihr also
+seine Schuld durch die Leiden der Liebe ab! Aber halt! Wie ist's denn,
+wenn _sie ihn_ liebt? Was bittet _sie ihm_ durch die Leiden ihrer Liebe
+ab?
+
+Will sie ihm auch eine »geraubte Seele« schenken? Aber richtig, sie hat
+ja keine!
+
+
+
+
+Was das Weib _nicht_ ist, _nicht_ kann und _nicht_ will, wurde bislang
+erörtert. Wozu es also überhaupt da ist, welchen Zweck es hat, wird nun
+auseinandergesetzt. Und nun folgt sorgfältig vorbereitet die herrliche
+Entdeckung, auf die der Verfasser nicht wenig stolz ist. Nicht etwa
+selbst den niedrigsten, den Gattungszweck spricht er der Frau zu,
+sondern sie ist nur um der »Kuppelei« willen da! Was er da vorbringt in
+endloser Wiederholung und Ausspinnung (das Buch könne schlechthin auch
+tausend Seiten haben anstatt fünfhundert) ist so verworren, verfilzt,
+mit Ekelhaftem und Unwahrem vollgestopft, daß man es kaum entwirren
+kann. Der Gedanke an die sexuelle Vereinigung irgend eines Paares sei
+der dominierende im weiblichen Dasein! Er versteigt sich zu folgender
+Behauptung, die ich hier _wörtlich_ zitiere: »Die Erregung der Mutter am
+Hochzeitstage der Tochter ist keine andere als die der Leserin von
+Prévost oder von Sudermanns `Katzensteg´.« Keine andere?! In der Tat,
+ein tiefer Menschenkenner!
+
+Das Weib sei überhaupt vollständig _unfrei_, denn es stehe immer unter
+dem »Bedürfnis (!), vergewaltigt zu werden« (!), es sei ganz und gar im
+Banne männlicher Sexualität. (Es wird dort noch anders ausgedrückt.) Ist
+nicht, ohne einen Anwurf daraus machen zu wollen, gerade umgekehrt, eher
+der Mann weit abhängiger von der sexuellen Befriedigung und ihrer -- in
+den meisten Fällen -- sicher bedürftiger als das Weib, schon um des
+Detumeszenztriebes willen, den ja das Weib nicht hat?! Der simple Beweis
+dafür ist die Tatsache, daß kaum ein Mann, der nicht durch
+Krankhaftigkeit irgend welcher Art daran gehindert ist, stirbt, ohne je
+ein Weib besessen zu haben (war es nur _eines_, so ist er auch schon ein
+Unikum), während tatsächlich tausende von Frauen virgines intactae
+bleiben, gänzlich geschlechtslos leben.
+
+Es soll durchaus keine Tugend aus wahrscheinlicher Not gemacht werden,
+wir wissen ganz gut, daß sie nur selten aus freier Wahl, sondern meist
+aus wirtschaftlichen oder moralischen Bedenken Jungfrauen bleiben; wäre
+aber der Geschlechtstrieb in ihnen dominierend und sie ganz und gar
+Sexualgeschöpfe, so würden wohl auch sie Mittel und Wege finden, ihre
+Virginität los zu werden.
+
+Aussprüche, die in ihrer Verrennung und Verblendung gerade das Verkehrte
+treffen, dürfen uns bei einem Manne nicht wundern, dessen Sucht, alle
+Erscheinungen in einmal aufgestellte, an Zahl und Charakteristik mehr
+als dürftige »Klassen« einzupferchen, sei es auch mit blinder Gewalt,
+sich zu den lächerlichsten Etikettierungen versteigt. Da das Weib _nur_
+»Mutter« oder nur »Dirne« sein kann, wird das weibliche Geschlecht
+folgendermaßen »beschrieben«: Die _Dirne_ ist es, die die gute Tänzerin
+ist, nach Unterhaltung, Geselligkeit, nach dem Spaziergang (!! welch ein
+Dirneninstinkt) und dem Vergnügungslokal, nach Seebad und Kurort,
+Theater und Konzert verlangt, während die »Mutter« eine stets
+geschäftige, stets _geschmacklos gekleidete_ Frau ist (wörtlich!), die
+sich auch daran erkenntlich macht, daß sie -- Speisereste aufhebt. Eine
+recht erschöpfende Einteilung! Nun wollen wir mal etwas ähnliches
+aufstellen: Die Männer -- sagen wir -- bestehen aus »Vätern« und
+»Strizzis«. Die Väter sind geschmacklos gekleidet, lassen bei
+schlechten Schneidern arbeiten, rauchen die Pfeife etc. Die »Strizzis«
+gehen zum Ronacher, in Seebäder, Theater und in die Schwimmschule: Eine
+würdige Analogie!
+
+Etwas »anderes« kann das Weib nicht sein; ja selbst »die Existenz eines
+_verbrecherischen_ Weibes kann nicht zugegeben werden: die Frauen stehen
+nicht _so hoch_!« Ist sie große Verbrecherin, so ist sie eben
+»vermännlicht« -- gerade so wie der Zuhälter, Kuppler etc. »eigentlich
+kein Mann« sei, sondern zu den »sexuellen Zwischenstufen« gehöre.
+
+Ich greife mir an den Kopf: Ausführungen, die mit solchen Mitteln
+arbeiten, die fast durchwegs aus Konstruktionen solcher Art ihre Beweise
+und Argumentationen zusammensetzen, wurden genial genannt! Der König hat
+neue Kleider! Er hat prachtvolle Kleider! Alles schreit, er hat sie,
+denn die Parole ist ausgegeben, er _muß_ sie nun haben, trotzdem seine
+Blößen sichtbar sind: ein Märchen mit tiefem Sinn, das sich bei uns
+öfters abspielt, als man glauben sollte.
+
+
+
+
+Gibt es Verkehrtheiten und Verlästerungen in dem Buche, die eines
+humoristischen Beigeschmackes nicht entbehren, so daß man sie mitunter
+recht heiter finden kann, so gibt es hingegen auch Ausführungen darin,
+wo aller Humor schweigt, wo einem eine starre Entrüstung das Blut
+stocken macht. Ein wilder Haß gegen alles Natürliche, eine bösartige
+Verdächtigung und Verfolgung jeder sinnlichen Daseinsfreude, eine auf
+Kosten alles Körperlich-Fröhlichen entartete Geistigkeit, die den Leib
+und seine Pflege verachtet, eine schier bankerotte Phantasie, die sich
+in Verleumdung und Verleugnung alles Irdisch-Sinnlichen ergeht und sich
+gleichzeitig im Übersinnlichen zu den willkürlichsten Hypothesen
+versteigt, zeitigen ihre Blüten in den Anschauungen, die sie verkünden:
+So hätte zum Beispiel für den höherstehenden Mann das Mädchen, das er
+begehren, und das Mädchen, das er »lieben, aber nie begehren könnte« (?)
+eine ganz verschiedene Gestalt! Ein schmachvoller Dualismus, will mir
+scheinen! Ferner: Es gibt _überhaupt nur_ platonische Liebe! »Was sonst
+noch Liebe genannt wird, gehört in das Reich der Säue!«
+
+Nur wer nie ein Weib in Liebe gewonnen, sondern es nur unter den
+Schauern der Prostitution besessen hat, wer überhaupt nie ein Weib
+gekannt hat, sondern nur sein Zerrbild, -- die Dirne, -- nur wer sich
+eines krankhaften Defektes noch mit Überhebung brüstet, konnte diesen
+Ausspruch tun -- und die anderen ähnlichen Aussprüche und fulminanten
+Offenbarungen über »das« Weib! Nur der kann auch behaupten, daß der
+Mann, sofort nachdem er das Weib _besessen_ hat, es _verachtet_, -- der
+es in Wahrheit nie besessen hat!
+
+In einer Fußnote wird ganz unumwunden erklärt, daß es keinen bedeutenden
+Menschen geben könne, der in -- der geschlechtlichen Vereinigung (es
+wird dort kürzer und brutaler ausgedrückt) -- »mehr sähe als einen
+tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt, oder gar das tiefste,
+heiligste Mysterium«.
+
+Alle bedeutenden Menschen -- so wird weiter gefolgert -- müßten daher
+sicherlich ihre Sexualität durch die (sogenannten) geschlechtlichen
+Perversionen befriedigen, da sie unbedingt am gewöhnlichen
+geschlechtlichen Akte »vorbei wollen«!!!
+
+Gewiß wäre es unrichtig, in diesem Akte »an sich« etwas
+Heilig-Mystisches zu sehen, da er unter Umständen gewiß eine
+Erniedrigung bedeuten kann; immerhin aber ist es doch etwas, was jeden
+gesunden, lebensmutigen, menschlicher Empfindungen fähigen Menschen mit
+Entrüstung und schier verächtlichem Mitleid erfüllen muß, den
+natürlichsten Lebensvorgang verunglimpft und gebrandmarkt, die Flamme,
+von der die ganze Welt glüht, als höllisches Feuer verdächtigt zu sehen!
+
+Als Kriterium des bedeutenden Menschen abnorme Sexualtriebe fordern und
+Verachtung, »Vorbeiwollen« am normalen Liebesakt voraussetzen, heißt
+einen Goethe z. B. mit jämmerlichen Füßen treten, und ein solcher
+Ausspruch eines Menschen macht alle seine andern befremdlichen
+Aussprüche -- begreiflich!
+
+Während die Frau durch den Gedanken an die Vereinigung irgend eines
+Paares angeblich in »fieberhafte Erregung« gerate, gewinne ein solcher
+Gedanke über einen Mann keine Gewalt, er stehe »außer und über einem
+solchen Erlebnis!« Wirklich?! Die Welt wird einfach auf den Kopf
+gestellt. In Wahrheit bedarf es gar nicht erst einer deutlichen
+Vorstellung jener Vereinigung, um bei M Erregung hervorzurufen,
+bekanntlich genügt dazu schon das Rauschen eines seidenen Kleides.
+
+»Als der Mann sexuell ward, da schuf er das Weib.« Aus diesem tiefen
+Grunde ist »das Weib die Schuld des Mannes«; die Kuppelei sei da, »weil
+alle Schuld von selbst sich zu vermehren trachtet«. Überall sieht er
+Zweck und Absicht, Schuld und Grund: überall ein »damit«, nirgends ein
+»daher« -- außer ein solches, hinter dem wieder eine »Bestimmung« steht.
+Alle seine Argumentationen bezeichnet er kurz und bündig als
+»unwiderleglich«, alle Gegenmeinung als »völlig unannehmbar«, jeden, der
+widerspricht, als »frechen Schwätzer«. Basta!
+
+Wohin eine krankhafte Sucht, Willen und Zweck hinter alle Erscheinungen
+zu verpflanzen, führen kann, möge ein Satz wie der folgende
+illustrieren: »Wir erschrecken vor dem Gedanken an den Tod, wehren uns
+gegen ihn, klammern uns an das irdische Dasein und beweisen dadurch (!),
+daß wir geboren zu werden _wünschten_ als wir geboren wurden, indem wir
+noch immer in dieser Welt geboren zu werden verlangen.« (!!!) Ein
+spekulatives _Zurückgreifen_, das mit den abenteuerlich phantastischen
+Schlüssen mittelalterlicher Scholastik viel Ähnlichkeit besitzt, tiefe
+Verstricktheit in buddhistische Vorstellungen und die vollständige
+Umneblung eines ursprünglich kritischen Geistes durch religiös-mystischen
+Wahn, erhellt aus solchen Aussprüchen. Gewisse Experimente der
+Wissenschaft, z. B. die Geschlechtsbildung, erklären zu wollen,
+bezeichnet er, aus derselben mystisch-theosophischen Befangenheit, als
+»ein unkeusches Anpacken mysteriöser Vorgänge«. Ein kurioser Standpunkt
+in der »Wissenschaft«! Die »unkeuscheste« Wissenschaft ist demnach die
+Chemie, der sich »daher« auch so viele Juden zuwenden. Mit den Juden
+verfährt er genau so wie mit den Weibern. Er sagt von ihnen die
+scheußlichsten, niedrigsten Qualitäten aus. Stimmt es aber nicht, dann
+war es eben kein »echter« Jude. Dem Juden räumt er auch die Möglichkeit
+ein, sich vollständig über das Jüdische zu erheben, während er der Frau
+die Möglichkeit dieser Erhebung ins Reinmenschliche abspricht; da er
+selbst Jude war, schien diese vorsichtige Klausel geboten. Daß nicht nur
+»das _Jüdische_«, sondern auch jedes andere »nur Nationale« abstoßend
+ist, weil es immer eine enge Begrenzung des Menschlichen bedeutet,
+bleibt natürlich ungesagt. Das Kapitel über das Judentum enthält
+übrigens viel des Geistreichen und Tiefen -- soweit es analytisch
+vorgeht, -- und überschnappt sofort ins Groteske, sowie die eigenen
+»Folgerungen« einsetzen.
+
+Dieselben Merkmale weisen viele der früheren Kapitel auf, und aus diesem
+Grunde werden auch solche Leser, die mit dem Autor sympathisieren, den
+Eindruck haben, daß die einzelnen Kapitel immer groß angelegt und
+vielversprechend erscheinen, Tiefen und Höhen verheißend einsetzen, um
+dann abzufallen und zu enttäuschen; dort nämlich, wo die eigenmächtige
+Synthese beginnt, das eigene »Aufbauen« nach der oft sehr scharfsinnigen
+Analyse: da wird alles merkwürdig flach und oberflächlich und vor allem
+unrichtig, blind neben den wirklichen Tatsachen vorbeisausend, auf ein
+»gedachtes«, vorherkonstruiertes, popanzartiges »Ziel«. Immer wieder
+verschlingt sich oft Gesagtes ineinander, bis wieder neue Glieder
+zappelnd daraus hervorschießen, um sich wieder zu verschlingen und zu
+verknäueln.
+
+Überall sieht er »Ideen«, »Prinzipe«, wurzelhafte Anlagen, wo es sich
+meist um historisch Er-Wachsenes handelt; überall ist die Blindheit für
+das geschichtliche und wirtschaftliche Element, welches formenbildend
+und artenändernd wirksam ist, ersichtlich, die große Rolle, die ihm bei
+allen Vorgängen und Erscheinungen zufällt, wird geleugnet und alles auf
+eine Art metaphysischer Bestimmung zurückgeführt.
+
+Die Behauptung, »der echte Jude wie das echte Weib leben beide nur in
+der Gattung, nicht als Individualitäten«, wird durch das Wörtchen
+»echt«, mit dem sie sich vorsichtig verklausuliert, als das empfunden,
+was gewöhnlich als »jüdische Dreherei« bezeichnet wird, besonders, da
+schon auf der nächsten Seite die Bemerkung folgt, »es gibt einen
+absoluten Juden so wenig als einen absoluten Christen« (und ein
+»absolutes« Weib). »Nur seichteste Oberflächlichkeit« könne glauben,
+»daß der Mensch durch seine Umgebung gebildet werde«. Nur seichteste
+Oberflächlichkeit kann _leugnen_, daß der Mensch durch seine Umgebung
+zumindest beeinflußt wird, und daß diese Beeinflussung oftmals zu
+Bildungen, Neubildungen, Herausbildungen führt! Wer dies leugnet,
+_leugnet alle Entwicklungsmöglichkeit_. Warum gibt es denn eben keinen
+»absoluten« Juden oder Christen, keinen »echten« Mann oder kein »echtes«
+Weib? Weil eben äußere Eindrücke beständig erziehlich wirksam sind. Aus
+eben diesem Grunde konnte auch der Jude kein »Monadologe« werden (wie
+ihm Weininger vorhält), so lange er im Ghetto lebte; darum ward er --
+was richtig ist -- ein »Grenzverwischer«, darum seine »Gemeinsamkeit«,
+sein »Zusammenhalten« auch in der Familie: es erklärt sich all dies
+historisch dadurch, daß gleichgestellte Existenzen, die unter
+Ausnahmsgesetzen in fremdem Land leben, auf engen Anschluß untereinander
+angewiesen sind. Warum das jüdische Volk keine Aristokratie besitzt,
+daher keinen grenzenfixierenden Sinn beweist?! Erstlich besaß es sie, so
+lange es im eigenen Lande als freies Volk lebte. Zweitens kann man nicht
+mehr von einem »Volk« reden, wenn es sich um Angehörige einer Nation
+handelt, die durch Zersprengung über die ganze Welt längst aufgehört
+haben, ein »Volk« zu sein. Endlich erscheint mir der Mangel an
+Kastengeist nur günstig und wertvoll und »Grenzverwischung« in diesem
+Sinne nur ersprießlich.
+
+Von gänzlicher, schier unbegreiflicher Verblendung zeugt aber der
+Vorwurf, daß der Jude »gleich dem Weibe« (die Analogien werden
+krampfhaft herbeigeholt) im Fremden »keinen Halt« hat, in ihm »keine
+Wurzeln schlägt«. Symbolisch erscheine daher »sein Mangel an irgend
+welcher Bodenständigkeit in seinem so tiefen Unverständnis für allen
+Grundbesitz und seiner Vorliebe für das mobile Kapital«.
+
+Herr des Himmels! Soll man sich vielleicht ankaufen auf einem beständig
+zitternden, unterwühlten, bedrohten Boden?! Ist es gar so »symbolisch«,
+daß die Juden, die in riesigen Scharen aus Rußland oder Rumänien
+hinausgetrieben, die in Kischenew abgeschlachtet und geplündert wurden,
+in solchem Boden keine »Wurzeln schlugen«, und daß auch die Juden
+anderer Länder ihre ewig unterwühlte Situation erfassen und lieber nach
+mobilem, _in Bewegung zu setzendem_ Kapital trachten, als nach
+»Bodenständigkeit«?!
+
+Die großen Persönlichkeiten des Judentums werden natürlich vom Verfasser
+als solche angezweifelt. Als »fast jeder Größe entbehrend« bezeichnet er
+Heine -- Heine, der der Menschheit einen so beseligenden Schatz
+hinterlassen hat, einen schier unerschöpflichen Brunnen, in den
+hineinzutauchen immer wieder Mut, Trost, Befreiung und Erhebung gewährt
+-- nicht etwa durch seinen Witz und Sarkasmus, sondern durch seine nie
+wieder erreichte, tiefinnige, tief vergeistigte Lyrik. Als ebenso
+»überschätzt« betrachtet wird auch Spinoza. Diese Wertung -- besser
+Entwertung -- zu beurteilen, habe ich zu wenig Wissen. Doch auch da
+scheint mir ein terroristisches Aufpflanzen von dem, was gerade er,
+Weininger, Größe nennt, als willkürliches Kriterium zu dominieren. Daß
+man auf hundertfache Art groß und genial sein kann, auch wenn man nicht
+genau in der Richtung, die abzustecken ihm gerade beliebt, sich bewegt,
+scheint er nicht in Betracht zu ziehen. Er hält Spinoza vor, daß ihm
+alles weniger »Problem« denn »mathematische Methode« war, die alles
+_selbstverständlich_ erscheinen lasse. Es scheint aber nichts weniger
+als ein Nachteil einer Methode, wenn sie dies vermag; umgekehrt jedoch
+kann einen nachgerade ein Grausen erfassen, wenn das Einfachste und
+Selbstverständlichste in so viele Formeln verstrickt wird, bis es wirr
+und kompliziert erscheint, so daß die umständliche »Lösung« dieses
+»Problems« sich dann als »Tat« gebärdet, auch wenn sie sich mit dem
+Resultate deckt, das man mühelos auf den ersten Blick gewinnt. Menschen
+aber, denen selbst das Einfachste erst begreiflich wird, wenn sie sich
+durch ein Gewirr von Umwegen dazu durchgewunden haben, die in _jedem_
+Fall durch ein Gestrüpp von Philosophie durch müssen, die sogar imstande
+sind, auch dann noch an der offen zutage liegenden Wahrheit
+vorbeizutappen, bloß weil sie irgend ein Irrlichterchen der Spekulation
+weglockt, beweisen einen Mangel _gesunder Instinkte_, sind daher zum
+_Urteil_ »an sich« sozusagen physiologisch unfähig. Den Gesamteindruck
+einer Erscheinung _wahrnehmen_ kann nur, wer über seine physiologischen
+Sinneswerkzeuge vollzählig verfügt: da darf auch der Instinkt nicht
+fehlen, denn er ist das, was man als das Geruchsorgan der Seele
+bezeichnen könnte.
+
+Von den Juden kommt der Verfasser wieder zu den Weibern. Es drängt ihn
+offenbar, sich noch einmal zusammenfassend über sie zu äußern: So wenig
+wie der Jude, ist das Weib eine »Monade«. Aber wie alles und jedes in
+der Welt, repräsentiert auch »es« eine »Idee«: »W repräsentiert die Idee
+des _Nichts_.« Er kommt nun zum köstlichsten aller Resultate: »Da« die
+Frau =a=moralisch und =a=logisch ist, alles Seiende aber ein moralisches
+und logisches Sein ist, so -- _ist sie überhaupt nicht_. Ganz abgesehen
+von dem witzigen Resultat: man beachte nur die wirre Verkehrung der
+einzelnen logischen Glieder! Anstatt zu folgern: alle Logik und Moral
+muß sich im Sein, im Wesenhaften dokumentieren, heißt es in monströser
+Verkehrung: In allem Sein ist Moral und Logik. Da die Frau aber nach
+seiner Aussage keine hat, muß natürlich »herauskommen«, daß sie
+überhaupt »nicht ist«. Wahrscheinlich ist sie also nur eine Art Spuk,
+ein Massenaberglauben!
+
+Überraschend wie alle seine Resümierungen sind auch seine letzten. Trotz
+allem, was er von der Frau ausgesagt hat, verlangt er für sie die
+»gleichen Rechte« wie für den Mann. Er tritt für ihre Emanzipation ein,
+nur muß sie vollkommene Entgeschlechtlichung bedeuten!! Auch den letzten
+Schluß, der sich aus dieser Forderung ergibt, zieht er in Betracht,
+nämlich den Aussterbe-Etat, auf den logischerweise die Menschheit
+geraten müßte: Die Ausrottung der menschlichen Gattung scheint ihm aber
+sogar ein erstrebenswertes Ziel! »Alle Fécondité ist ekelhaft.« Dieser
+Satz charakterisiert eine das Leben hassende Natur, die notwendigerweise
+nur Vernichtungstendenzen produzieren kann. Bedarf der Ausdruck dieser
+Endtendenzen überhaupt einer Antwort, so wäre es die, daß nicht
+einzusehen ist, warum wir bedacht sein sollten, diesen Planeten zu
+räumen -- für irgend ein zweifelhaftes anderes Geschlecht, das sich dann
+auf ihm zum Leben entwickeln könnte ...
+
+Übrigens weiß auch er die »Rechte«, die er angeblich für die Frau
+verlangt, »weise« zu beschränken. Von der Gesetzgebung, von der Leitung
+eines Gemeinwesens sei »vorderhand« die Frau fernzuhalten gleich --
+»Kindern, Schwachsinnigen und Verbrechern«. Denn -- »Recht und Unrecht
+der Frau kann ganz genau ermittelt werden, ohne daß die Frauen selbst
+mitbeschließen«.
+
+Dieser Satz ist -- es läßt sich anders nicht bezeichnen -- eine
+Schamlosigkeit. (Trotzdem in diesem Buch so viel von »Schamhaftigkeit«
+die Rede ist.) _Wie_ schön »Recht und Unrecht« für die Frau »ermittelt«
+wurde, muß selbst Blinden und Tauben klar werden aus einer Gesetzgebung,
+die das Weib in seiner katastrophalsten, hilflosesten Lage recht-,
+schutz- und hilflos läßt. Von all dem andern, was zu ihrer Beschränkung
+und Einengung für sie »ermittelt« wurde, will ich jetzt ganz absehen,
+nur das Krasseste soll berührt werden, die Tatsache, daß die
+arbeitsunfähige Schwangere, die sich also, falls sie subsistenzlos ist,
+im Zustand absolutester _Hilflosigkeit_ befindet, keine Ansprüche an den
+Vater des Kindes hat, er sei, wer er sei, er habe, was er habe; die
+Tatsache, daß sie auch für die Kosten der Entbindung keinen rechtlichen
+Anspruch weder an den Vater noch an die Gesellschaft besitzt, daß sie --
+die Gebärende!! -- keinen Anspruch auf Unterschlupf und Pflege für sich
+und das Kind hat (im Findelhaus finden nur die wenigsten Aufnahme und
+unter Umständen, denen ein abschreckendes Odium anhaftet), und daß sie
+erst nach der schwersten Stunde Alimente für das Kind beanspruchen kann,
+die aber niemals ausreichen, die Kosten seiner Erhaltung auch nur
+annähernd zu decken. So schön kann Recht und Unrecht für die Frauen
+ermittelt werden, »ohne daß sie selbst mitbeschließen«.
+
+Zum Schlusse schlägt in dem Buche Weiningers ein beinahe irrsinniger Ton
+durch: es wird nämlich festgestellt, »daß dieses Buch die größte Ehre
+ist, welche den Frauen je erwiesen wurde«. Aber können uns die tollsten
+Sprünge wundern in einem Buche, das noch auf derselben Seite den
+einzigen wahrhaftigen, richtigen Ausspruch tut, der allein dem ganzen
+Buch ins Gesicht schlägt, der allein genügt, um es zu richten und zu
+werten, da es ihn als eine (verspätete) Vorschrift für andere gibt,
+während es ihn selbst mit Füßen trat, nämlich den Ausspruch:
+
+»Man hat die Frau als Einzelwesen und nach der Idee der Freiheit, nicht
+als Gattungswesen (!), nicht nach einem aus der Empirie (?!) oder aus
+den Liebesbedürfnissen des Mannes hergeleiteten Maßstabe zu beurteilen.«
+
+Und so richten diese letzten spärlichen Worte die eigene Tat und das
+eigene Werk.
+
+
+
+
+Die Berechtigung des Weiberhasses und der Weiberverachtung erkennt man
+aus den Argumenten, auf denen sie steht und mit denen sie fällt.
+
+Aus jenen Weiningers, die sich offensichtlich als Verkehrung, Verleugnung
+oder Verblendung gegenüber den Tatsachen darstellen, erhellt am
+schärfsten, daß sie immer identisch sein müssen und nur identisch sein
+können mit _Vernichtungstendenzen_, die das Leben zielsicher _ausstoßt_.
+Vom Wahne geboren, gleichen sie spukhaften Gespenster-Erscheinungen, die
+nur für den existieren, dessen fieberndes Hirn sie beschwor, und die
+trotz der Hartnäckigkeit seiner Halluzination auch nicht um einen
+Schatten wirklicher werden.
+
+Es gibt eine Tatsächlichkeit, eine harte Wirklichkeit der Dinge (immer
+in dem relativen Bereich unserer Sinnesorgane natürlich), die von
+hypothetischen Konklusionen, die mit ihr selbst durch keine wirkliche
+Beziehung verbunden sind, nicht im geringsten verändert oder gar
+umgestoßen werden kann. Eine Methode, die sich darin ergeht, in der Luft
+hängende metaphysische, höchst subjektive Voraussetzungen solange mit
+einander zu multiplizieren, auf jede Art zu verkreuzen und zu
+verschlingen, bis ein vorgewolltes Resultat herauskommt, in welches dann
+das wirkliche Leben hineingepreßt wird, mag es nun mit dem »Luft-Schluß«
+übereinstimmen oder nicht, enthält nicht die Möglichkeit, beachtenswerte
+Resultate zutage zu fördern. Das hieße, dem wildesten geistigen
+Abenteurer- und Don Quixotetum Tür und Tor öffnen, hieße jenen
+grotesken Versuchen und »Berechnungen« wissenschaftliche
+Existenzberechtigung geben, mit denen die Scholastiker zum Beispiele
+»ausrechneten«, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können,
+hieße von neuem den absurden Terrorismus der Spekulation aufpflanzen,
+der mehrmals in der Geschichte der Philosophie dieselbe zum Gegenstand
+des Widerwillens und der Lächerlichkeit für alle gesunden Geister
+machte, aus welcher Entwertung sie sich in der neueren Zeit erst durch
+Kant und Schopenhauer wieder erhob -- um unter deren Nachfolgern wieder
+in Mißkredit zu sinken -- bis sie von Herbert Spencer auf den festen
+Boden der Tatsachen gestellt und dadurch aus der Sphäre leerer
+Gaukeleien in die einer unanzweifelbaren Disziplin verpflanzt wurde.
+
+Daß ein Mensch wie Weininger, begabt mit feinster Sensitivität und
+Reaktionsfähigkeit, stumpf und blind sein konnte gegen die einfachste
+Logik der Tatsachen, erklärt sich vielleicht aus der Gefahr, die gerade
+diese Fähigkeit des innerlichen Erlebens für solche Geister birgt, denen
+das harte, reinigende, alles Falsche ab- und ausstoßende Element der
+gesunden Instinkte, die Grundbedingung der Urteilsfähigkeit, fehlt, so
+daß sie den Eindruck hervorrufen, als fräße ein Wurm an ihrem besten
+Mark, als müßten sie mit schier physischer Notwendigkeit, sowie sie die
+Hand ausstrecken, unbedingt -- unter dem Zwange ihrer _Art_ -- immer das
+Falsche, das Dunkle, die Verwesung ergreifen. Charakteristisch für ihn,
+dem scheinbar »alles« zum Problem wird, ist die Tatsache, daß ihm in
+Wahrheit nur das Gedankliche, nur das Begriffliche zum Probleme ward,
+während er an die großen Tatsachenprobleme, deren Lösung für die
+Menschheit Wohl oder Wehe, hinauf oder hinunter, Zermalmung oder
+Erhebung, unsäglichen Jammer oder unendliche Glücksmöglichkeit bedeuten,
+nicht einmal mit einer Ahnung anstreift. So hat er in seinem Werk lange
+Betrachtungen, die oft weitab von seinem Thema lagen und die er sich
+nach der Art übervoller junger Menschen scheinbar vom Herzen schreiben
+wollte, angehäuft: über Zeit, Wert, Genie, Unsterblichkeit, Gedächtnis,
+Logik, Ethik, Philosophie, Psychologie etc. Dagegen kommt er nicht ein
+einziges Mal zum Beispiel auf das Problem des _Krieges_ zu sprechen,
+auch das Problem des Sozialismus streift er nur flüchtig und
+oberflächlich, trotzdem beide seinem Thema naheliegen. Fast denkt man
+ein wenig an Ibsens Professor Begriffenfeld (Peer Gynt), der nur zum
+Metaphysikum in Beziehungen steht, für den nichts anderes eine »Frage«
+ist.
+
+Gerade die Innerlichkeit, mit der er alles, was überhaupt für ihn zum
+Problem wird, erlebt, birgt für ihn, den ungesunden Geist, die Gefahr,
+daß sie ihn zu den subjektivsten Schlüssen verleitet, die nur durch und
+für seinen Wunsch und Willen vorhanden sind und die wie nächtliche
+Visionen vor dem Lichte des Tages -- der objektiven Wirklichkeit --
+zergehen. In der Deutung der platonischen Ideen, die in den Dingen
+liegen, ist für ihn die Gefahr enthalten, Dinge in Beziehung zu einander
+zu bringen, die sie in Wahrheit nicht haben, Beziehungen, die jedes
+einzelne Individuum anders verknüpfen würde, ins Gegenteil umkehren
+könnte, und die daher zum Verluste jedes gemeinsamen Bodens führen, zur
+Einbuße aller Wahrscheinlichkeit. Was wir schlechthin Wirklichkeit
+nennen, ist ja natürlich nicht das wahre Wesen der Dinge, aber es ist
+zumindest die durch die gleiche Beschaffenheit der Sinnesorgane
+konstruierte allgemeine Wahrnehmbarkeit, die einen Boden der
+Verständigung bietet und als _allgemein gültiger Ersatz_ der ewig
+unerforschlichen »wahren« Wesenheit des Seins einzig annehmbar.
+
+Wohin das Hineintragen subjektivster Vorstellungen, das willkürliche
+Herstellen von Beziehungen, die gewalttätige Einpressung in
+selbstgeschaffene Kategorien, die Deduktion alles Bestehenden in
+vorgegossene Formen den verirrten Weininger schließlich führten, geht
+nicht nur aus seiner Behandlung der Probleme »Weib« oder »Juden« hervor,
+sondern auch aus der in seinem Nachlaßwerk enthaltenen »Tierpsychologie«.
+Da wird der Hund »erkannt« als die Idee des Verbrechers, das Pferd als
+die des Irrsinns, Floh und Wanze als »Symbole für etwas, wovon Gott sich
+abgekehrt hat« u. s. f. Aus denselben »inneren Gründen« betrachtet er
+jede Krankheit als »Schuld« und findet die Auffassung, welche die
+Kranken und Aussätzigen fragen läßt, »was sie _verbrochen_ hätten, daß
+Gott sie züchtige«, sehr tief. Die absonderliche »Zurück-Dreh-Tendenz«
+all seiner Auffassungen offenbart sich in der Annahme, der Mord sei eine
+»Selbstrechtfertigung« des Verbrechers, »er sucht sich durch ihn zu
+beweisen, daß nichts ist«!!
+
+Mit einer schier organischen Verkehrtheit legt er allen Erscheinungen
+die verdrehtesten Ursachen unter und muß ihnen daher auch natürlich die
+entgegengesetztesten Absichten zuschreiben und die konfusesten
+Folgerungen aus ihnen ziehen: »Man liebt seine physischen Eltern; darin
+liegt wohl ein Hinweis darauf, daß man sie _erwählt_ hat.«!!! Oder: »Die
+Fixsterne `bedeuten´ (?) den Engel im Menschen. Darum orientiert sich
+der Mensch nach ihnen; und darum! besitzen die Frauen keinen Sinn für
+den gestirnten Himmel: _weil ihnen der Sinn für den Engel im Mann
+abgeht_.«!!!
+
+Diese Proben aus Weiningers Nachlaßwerk werden manchen vielleicht als
+nicht unter den Titel dieser Schrift gehörig erscheinen. Dennoch sind
+sie es, da sie unzweideutigen Aufschluß geben über die Stellung, die
+eine urteilende Intelligenz, welche sich in der Art Weiningers zum
+Problem der »Frau und ihrer Frage« verhalten hat, charakteristischerweise
+anderen Problemen gegenüber einnimmt. Die Annahme liegt daher nicht
+fern, daß bei allem, was Weiningers große Intelligenz und geistige
+Elastizität erfaßte und berührte, die Sensitivität des Epileptikers das
+Verzerrende war, diese Sensitivität, die alles aus den natürlichen
+Dimensionen heraustreibt, die die Umrisse aller Dinge entstellt und
+verkehrt, bis ihr alles in Nacht, Wirrnis und wütender Ekstase versinkt.
+Sein Biograph teilt uns mit, daß Weininger Epileptiker und gleichzeitig
+ein mit Verbrecheranlagen belasteter Mensch war.[5] Da aber die
+_Sehnsucht_ nach dem Guten und Sittlichen ohne Zweifel in ihm
+_überwiegend_ war, erklärt sich auch seine innige Verherrlichung der
+Kantschen Ethik, die er hoch über die selbstverständliche Sittlichkeit
+der schönen Seele stellt. Wenn aber auch jene Sittlichkeit die gegen
+ihre triebhaften, bösen Anlagen den Kampf führt, eben dieses Kampfes
+halber vielleicht die ergreifendere ist, so ändert das doch nichts an
+der Tatsache, daß die von der Welt wie eine strahlende Gabe empfundene
+Individuation der selbstverständlichen Sittlichkeit die _gottähnlichere_
+ist und daher als die vollkommenere empfunden wird.
+
+ [5] Ersteres wurde von Weiningers Vater in einem öffentlichen Briefe
+ in Abrede gestellt, der Biograph berief sich aber in seiner Antwort
+ auf die wiederholte eigene Aussage des Verstorbenen.
+
+Ein krankhafter Geist kann und wird niemals die Meinung der Welt
+revolutionieren. Bedeutungslos bleibt daher seine manische Verfolgung
+irgend eines Gegenstandes einer seiner -- gewöhnlich physischen --
+»Aversionen«.
+
+Weiningers Werk, das mit ungeheuerer Mühe ein großes, begriffliches
+Material nach einer vorgezeichneten Tendenz zusammenschmiedete, um seine
+abnorme, lebensfeindliche Aversion als normal und einzig sittlich
+darzustellen, ist mit allen Merkzeichen manischer Verblendung an den
+Tatsachen vorübergesaust, und seine Argumente zerschellten beim ersten
+Zusammenstoß mit der Wirklichkeit. So hat es denn mit der »Frau und
+ihrer Frage« in Wahrheit nichts zu schaffen.
+
+
+
+
+Was diese Frage selbst betrifft, so ist eine Erörterung derselben unter
+dem Gesichtspunkt, ob die Frauen »höher« oder »tiefer« stehen als die
+Männer, von vorneherein verfehlt. Darum habe ich mich nirgends für die
+weibliche Genialität ins Zeug gelegt, habe auch nicht berühmte weibliche
+Namen aufmarschieren lassen, denn darauf kommt es wahrhaftig beim
+heutigen Stande dieser Frage gar nicht an. Erstlich könnte ein Vergleich
+der positiven Fähigkeiten nur in einer Epoche vollständiger sozialer
+Gleichberechtigung der beiden Geschlechter ein vernünftiges,
+unverfälschtes Resultat ergeben, zweitens lautet die zwingende Parole
+heute nicht nur, die Frau _will_ leisten, sondern sie _muß_ leisten:
+gebieterisch verweisen sie die wirtschaftlichen Verhältnisse auf eine
+eigene Berufswahl, da die »Versorgung durch die Ehe«, durch den immer
+schwierigeren Existenzkampf, den heute auch der Mann infolge des immer
+mächtiger werdenden Großkapitals und der immer unheimlicher anwachsenden
+Belastung der Staatseinkünfte durch den Militarismus zu führen hat, mehr
+als illusorisch geworden ist. Ein Mädchen für diese einzige Chance zu
+erziehen und es mit Blumengießen, Staubabwischen und Klavierklimpern
+seine besten und tüchtigsten Jahre verlieren lassen, hieße heute ein
+verbrecherisches Spiel mit menschlichen Kräften und menschlichen
+Schicksalen treiben. Überdies müßte ein auf solch _einziger_ Chance sich
+aufbauendes Schicksal auf _alle_ Fälle ein _entehrendes_ werden, durch
+die absolute _Wahllosigkeit_, mit der dann danach gegriffen werden
+müßte.
+
+Die Frau muß also für die Möglichkeit einer Berufswahl vorbereitet und
+erzogen werden. _Selbstverständlich_ muß daher auch ihr Bemühen
+erscheinen, diese Möglichkeit auf die weitesten Gebiete auszudehnen, sie
+aus engherzigen Beschränkungen frei zu machen und auf größere und
+befriedigendere Wirkungskreise zu übertragen. Ist sie dazu »weniger
+begabt«, so lasse man das nur ihre Sorge sein. Sie wird dann eben mehr
+Mühe aufwenden müssen, um den vorgeschriebenen Bedingungen zu
+entsprechen. Praktisch hat sich indes eine solche mindere Begabung der
+Frau noch nirgends dokumentiert, es ist nirgends beobachtet worden, daß
+eine Frau von einem neu erschlossenen Posten hätte entlassen werden
+müssen, weil sie den üblichen Anforderungen nicht entsprach. Es ist auch
+wahrscheinlich, daß man sich nicht gegen alle Anlage und Fähigkeit zu
+irgend etwas drängt, sondern immer das der eigenen Natur Passende zu
+erringen trachtet.
+
+»Minderbegabt« und durchaus ungeeignet scheint mir die Frau nur für
+einen einzigen Beruf, und das ist gerade der, zu dem man ihr seit
+altersher unbeschränkten »freien Zutritt« gelassen hat: der Beruf der
+schweren Taglöhner- und Fabriksarbeit.
+
+Von der Hungergeißel hineingetrieben, büßt die Unselige mit schweren
+Schädigungen an ihrem Geschlechte und an ihrer Nachkommenschaft,
+Schädigungen, die die _Rasse_ treffen, -- die Schuld des Kapitalismus,
+der dem Arbeiter für Einsetzung seiner ganzen Kraft nicht soviel
+Einkommen gewährt, daß er Weib und Kind erhalten kann. Und während
+dieses Weib selbst hinaus muß in einen unnatürlichen Frondienst, bleibt
+das Heim unversorgt, die Kinder ohne Aufsicht und Pflege, denn soviel,
+um eine helfende Hand zu bezahlen, kann auch die Arbeit beider nicht
+erschwingen: darum ihr Herren, wendet euch mit eurem Ruf: »Die Frau
+gehört ins Haus«, vor allem an die Proletarierin, die tatsächlich
+hineingehört, da es ohne sie verfällt, wendet euch mit diesem Ruf an das
+Unternehmertum, damit es ihr diese Möglichkeit gewähre!
+
+Was die bürgerlichen Berufe, um deren uneingeschränkte Zulassung heute
+gekämpft werden muß, selbst betrifft, so glaube man ja nicht, daß ich
+die Berufstätigkeit der Frau als ein Glück betrachte. Glück und
+Befriedigung gewährt wohl nur künstlerische oder wissenschaftliche
+Betätigung -- die sogenannten freien Berufe -- im Gegensatz zu den
+sicheren Brotberufen. (Die Verfasserin dieser Zeilen gehört selbst zu
+den Menschen, die nur mit großer Überwindung auch nur zwei Tage
+hintereinander ganz das gleiche tun können.) An dem grauen, trostlosen
+Einerlei der meisten Brotberufe leiden aber auch die Männer. Daß die
+Frauen um Zulaß zu diesen Berufen kämpfen, beweist am besten, daß nicht
+Abenteurerlust, sondern zwingende soziale Gründe sie aus dem »Hause«
+heraustreiben. Aus innerer Vorliebe strebt man wahrhaftig nicht ins Amt
+oder ins Bureau: aber wenn man die Wahl hat, zu verhungern oder sich bei
+Verwandten herumzudrücken, oder aber sich zu prostituieren -- mit oder
+ohne Ehe -- so geht man eben doch noch lieber ins Bureau; ja, selbst
+dann schon, wenn man ganz ohne jede ernste Beschäftigung in tödlicher
+Langeweile und Inhaltslosigkeit und in beständiger Abhängigkeit »im
+Hause« herumstreift.
+
+Führt man als störendes Hindernis weiblicher Berufstätigkeit die
+Geschlechtsfunktionen, vor allem die Mutterschaft an, -- denn
+selbstverständlich muß die Erwerbsmöglichkeit auch für die verheiratete
+Frau beansprucht werden, -- so ist gegen diesen Einwurf einzuwenden, daß
+die _schuldige Rücksicht_, die man der berufstätigen Frau zur Zeit, da
+sie der Schonung bedarf, _ganz gewiß zu erweisen hat_ (nicht, daß sie
+ihrer überhaupt nicht bedürfte, wie viele Feministinnen meinen),
+einfach als eine soziale Pflicht zum Wohle der Rasse zu betrachten ist,
+deren Erfüllung aber nicht mehr Zeit beansprucht als etwa das
+Militärjahr des Mannes, welches doch noch nie als Grund für die
+Unfähigkeit, einen Beruf auszuüben, angeführt wurde.
+
+In der Tat, selbst wenn wir annehmen, daß die Mutterwerdung der Frau
+zwei Monate Urlaub beansprucht, einen vor, einen nach der Entbindung,
+mehr bedarf es bei vernünftiger Lebensweise ganz gewiß nicht, so müßte
+die sehr stattliche Ziffer sechsmaligen Kindersegens angenommen werden,
+um dem Militärjahr gleichzukommen. Was endlich die verflixten drei Tage
+im Monat betrifft, so verursachen sie vielen Frauen überhaupt kein
+wesentliches Unbehagen und bedürften daher kaum besonderer
+Berücksichtigung; angenommen aber selbst, es würde einer derartigen
+Indisposition Rechnung getragen, so könnte und dürfte dies einen
+wohlgeordneten Betrieb so wenig aus dem Geleise bringen, als etwa die
+Waffenübungen, die gleich auf Wochen hinaus den jungen Mann abberufen.
+
+Der dritte Grund, warum eine Wertung von vorneherein auf falschem Boden
+steht, die davon ausgeht, ob der Mann oder das Weib »geistig
+höherstehend« oder für diesen oder jenen Beruf »begabter« sei, liegt in
+der einfachen Tatsache, daß solche Vergleiche, die gewiß von Individuum
+zu Individuum jedesmal andere Resultate ergeben, überhaupt nicht
+geeignet sind, den _Wert_ einer Persönlichkeit oder gar einer Gattung zu
+bestimmen. Ob eine Frau als Bahninspektor, Zahnärztin, Agentin,
+Telephonistin, Mathematikerin oder Malerin tüchtiger oder untüchtiger
+ist als ein männlicher Kollege, ist höchst gleichgültig für ihren
+_Wert_. Es kann höchstens ihren (eng an ihre Person geknüpften) Wert als
+Malerin, Zahnärztin etc. bestimmen und wird sie allein die Konsequenzen
+ihrer eventuellen Untüchtigkeit wirtschaftlich zu tragen haben, kommt
+aber bei der Bewertung des ganzen Geschlechtes gegenüber dem anderen
+Geschlechte überhaupt nicht in Frage. Es gibt Frauen genug, die
+überhaupt keinen Beruf ausüben, die vielleicht gar keine besonderen
+Talente haben, und die durch ihr bloßes Dasein ihre ganze Umgebung
+erheben und beglücken. (_Sein_ und _Wesen_ entstammen nicht umsonst
+sprachlich derselben Wurzel.) Kein Geschlecht kann »wertvoller«, keines
+»minderwertiger« sein als das andere, denn schon durch ihre
+unersetzliche unentbehrliche Funktion der gegenseitigen Ergänzung sind
+beide Geschlechter für einander gleichwertig.
+
+Eine vergleichende Wertung gibt es nur von Mensch zu Mensch, von Fall zu
+Fall, aber nicht zwischen den Typen Mann und Weib.
+
+Die _Schnecke_, die hermaphroditisch ist, repräsentiert schon als
+einzelnes, ungepaartes Individuum den Typus _Schnecke_. Aber erst Mann
+und Weib zusammen ergeben den Genus »Mensch«. Männerhaß oder
+Weiberverachtung sind abnorme Erscheinungen, die ihre Hinfälligkeit im
+eigensten Wesen tragen. Der Haß eines Geschlechtes gegen das andere und
+seine Herabsetzung und Herabwertung war immer das Zeichen des Verfalls,
+der Entartung, der Verwesung -- des einzelnen, wenn vom einzelnen geübt,
+ganzer Völker, wenn in Massen um sich greifend. Die sexuellen
+Perversitäten, die diese Erscheinungen in unmittelbarem Gefolge hatten,
+waren stets der Ruin noch so gesunder Kräfte; Griechen und Römer waren
+im Stadium des Verfalls und Niederganges, da die Knabenliebe bei ihnen
+Überhand nahm, und der Orient, der das Weib am tiefsten drückt, ist auch
+politisch ein lendenlahmer »kranker Mann«.
+
+Hinter uns aber stehen nicht die ersatzbereiten Kräfte unverbrauchter
+Völkerstämme, wie die Germanen hinter dem zugrunde gehenden Altertum. An
+Spannkraft und Nerven werden von einem auf die Spitze getriebenen
+Daseinskampf so hohe Anforderungen gestellt, daß es Wahnsinn wäre, die
+Glücksmöglichkeiten, die in herzlichen, achtungsvollen Beziehungen
+zwischen den beiden Geschlechtern liegen, auch noch gewaltsam zu
+verwüsten. Es bedarf keiner »Vermännlichung« des Weibes, um es zu
+erheben, wohl aber wird eine stete, unaufhaltsame _Vermenschlichung_ des
+Mannes und des Weibes beide einander nur inniger zuführen, ihre
+Beziehungen vertiefen und adeln und durch natürliche Züchtung eines
+immer vollendeteren Typus die Gesamtheit heben und der Vervollkommnung
+näher bringen.
+
+
+
+
+Von =GRETE MEISEL-HESS= sind im Verlag von Hermann Seemann Nachfolger
+erschienen:
+
+ »=In der modernen Weltanschauung.=« Broschiert M. 2.50
+
+ »=Fanny Roth.=« Eine Jung-Frauengeschichte. 2. Auflage.
+ Broschiert M. 2.50
+
+ »=Suchende Seelen.=« Drei Erzählungen. Broschiert M. 2.--
+
+ »=Annie-Bianka.=« Eine Reisegeschichte. 2. Auflage.
+ Broschiert M. 1.--
+
+
+ In Vorbereitung:
+
+ »=Eine sonderbare Hochzeitsreise.=«
+
+ Neue Novellen.
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ die Verkündigung eines »neuentdekten Gesetzes« über die Affinität der
+ die Verkündigung eines »neuentdeckten Gesetzes« über die Affinität der
+
+ bekannte Spezialfälle meint er damit, nicht bei Barnum & Bailay
+ bekannte Spezialfälle meint er damit, nicht bei Barnum & Bailey
+
+ Autoren immer seltener gegeworden, so daß der Grund für ihr ehemaliges
+ Autoren immer seltener geworden, so daß der Grund für ihr ehemaliges
+
+ Jahren, da dies Gebiet für die Frauen durch Zulaß zu Bildungstätten
+ Jahren, da dies Gebiet für die Frauen durch Zulaß zu Bildungsstätten
+
+ ungestörten Entfaltung ihrer geistigen Entwicklungsmöglickeiten«. Die
+ ungestörten Entfaltung ihrer geistigen Entwicklungsmöglichkeiten«. Die
+
+ betreibt? Führt er auch ein »bebewußteres« Leben als »das Weib«, oder
+ betreibt? Führt er auch ein »bewußteres« Leben als »das Weib«, oder
+
+ Aurorität in einer Sache nennen zu hören, die eine Verherrlichung seiner
+ Autorität in einer Sache nennen zu hören, die eine Verherrlichung seiner
+
+ ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Weiberhaß und Weiberverachtung, by
+Grete Meisel-Hess
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WEIBERHAß UND WEIBERVERACHTUNG ***
+
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+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/1/7/2/31727/
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at Austrian Literature
+Online.)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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+your equipment.
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+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ https://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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