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Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + + Die erste Auflage dieses Buches ist + im Jahre 1913 erschienen. Alle + Rechte vorbehalten. Copyright by + Schuster & Loeffler, Berlin 1913 + + + + + Waldemar Bonsels + + Das Anjekind + + Eine Erzählung + + Elfte bis fünfundzwanzigste + Auflage + + Verlegt bei Schuster & Loeffler + Berlin und Leipzig + 1918 + + + + + Druck + der Spamerschen + Buchdruckerei in Leipzig + + + + +Erstes Kapitel + + +Es soll damit begonnen werden, die Geschichte von Anjes Vater zu +erzählen, deren grausames Ende den am Leben gebrochenen Mann veranlaßte, +das einsame Moorland aufzusuchen, das Anjes Heimat geworden ist. + +Nicht weit von der Stelle entfernt, wo der Gurdelbach aus der Einöde +tritt und sein ruhiges Wasser, das in den dunklen Moorgründen, die es +durchfließt, wie von Trauer und Schwermut erfüllt worden ist, liegt das +Dorf Gorching. Gegen Norden erstreckt sich weit jene Moorlandschaft, die +die Einöde genannt wird und die als unzugängig und verwildert gilt. In +Gorching war Anjes Vater, der Jakob Vinzenz Gerom hieß, trotz seiner +Jugend einer der angesehensten Bauern. Nicht allein sein Hof war einer +der einträglichsten, sondern seine alteingesessene Familie war geachtet +und reich. Er hatte das Anwesen früh und allein geerbt und gut +bewirtschaftet, so daß er als wohlbestellt und glücklich von manchem +beneidet worden wäre, wenn nicht ein schwermütiger Hang zum Grübeln sein +Leben verdunkelt hätte, wie auch eine Unduldsamkeit fast jeder +Menschengemeinschaft, die in furchtbaren Jähzorn ausarten konnte. Da die +Ausbrüche solcher Wesensart den schlichten Naturen seiner Umgebung +unvoraussehbar erschienen, wurde er mehr und mehr gemieden, und es +verbreiteten sich Meinungen über die Beschaffenheit seiner Seele, die +dazu angetan waren, ihm mehr und mehr das Vertrauen seiner Mitbewohner +zu entziehen. Das altbewährte Gesinde und die Tagelöhner seines Hofes, +worunter manche ihn schon als Kind gekannt hatten, teilten diese +Abneigung der Nachbarn nicht, wohl aber übertrug die Zurückhaltung der +Dorfbewohner sich langsam auch auf sie. + +Im Anwesen Vinzenz Geroms ging es ruhiger zu, als auf den anderen Höfen, +nicht nur, daß er ein umsichtiger und geschickter Mann war, auch seine +Gehilfen in den Scheunen und auf den Äckern dienten ihm in einer Art +andächtiger Scheu und viel ergebener, als es der Fall gewesen wäre, +wenn Gerom auch nur einige jener argen Charakterzüge gehabt hätte, die +ihm nachgesagt wurden, denn die Vorbedingung zu einer Ergebenheit, die +den Dienenden nicht entwürdigen soll, ist die Gerechtigkeit des Herrn. + +Gerom war fünfunddreißig Jahre alt, als die dänische Malerin Angelika +Lett nach Gorching kam. Ein städtischer Reisewagen hielt unter der +großen Linde, die vor dem einzigen Gasthaus des Dorfes stand, und die +ermüdeten Pferde tauchten ihre dunklen Mäuler bedächtig und gierig in +das klare Quellwasser des Steinbeckens im Lindenschatten. Man nahm die +Fremde befangen und zurückhaltend auf, sie mietete zwei helle Zimmer im +Gasthof, und der Kutscher und der Hausknecht schleppten ihr zahlreiches +und buntes Gepäck in die Hausdiele. Es war nicht ein einziger größerer +Koffer darunter, sondern es bestand aus lauter kleineren Päckchen und +Schachteln, die, vom Kreisrund bis zu unförmigen kleinen Ballen, alle +Formen aufzuweisen hatten, die irgend denkbar waren. Die junge Dame +stand auf den Steinstufen, überzählte alles sorgfältig und lachte den +Dorfkindern zu, die, die Morgensonne im hellen Haar und die erstaunten +Seelchen auf den offenen Lippen, einen schweigsamen Halbkreis unter der +Linde bildeten. + +Es hätte wohl niemand von dieser Fremden gesagt, daß sie schön sei, aber +ihre Erscheinung gehörte zu jenen seltsamen Frauenwundern, bei denen +diese so wichtige und entscheidende Frage durch ein unbestimmbares Etwas +aufgehoben wird. Man könnte es vielleicht einen so getreulichen Abglanz +ihrer Seele in allem Körperlichen ihres Wesens nennen, daß darüber jede +besondere Wertung einzelner Züge oder Bewegungen aufgehoben zu sein +schien. Man müßte es der Wärme des Lichts vergleichen oder der +heimlichen Wohltat des Windes, bei welchen niemand der äußeren +Wahrzeichen bedarf, um die himmlische Zugehörigkeit ihrer Wesen zu +verspüren. + +Angelika war klein von Figur und nach dem Urteil der meisten etwa +dreißig Jahre alt. Sie hob das Mißtrauen und die Besorgnisse der +Dorfbewohner, die den Besuch Fremder nicht gewohnt waren, durch große +Sicherheit ihres Auftretens und durch eine Selbständigkeit ihrer +Handlungsweise auf, die bei aller Zurückhaltung etwas Wohltuendes +hatte. Kaspar und Friedel Lindner, die beiden Knaben eines Tagelöhners, +wurden ihre Freunde und trugen ihr ihre Staffelei und den Farbenkasten +ins Moorgelände. Sie schleppten das leichte Gerüst zu zweien wie eine +kleine Trittleiter, und ihre braunen nackten Beinchen stießen +abwechselnd an das blanke Holz des schönen Kastens mit seinen blinkenden +Schlössern. Angelikas Sommerhut, groß wie ein Schirm, warf seinen runden +Schatten voraus, und lange Zeit waren Kaspar und Friedel durch dieses +Amt die berühmtesten Knaben in Gorching. + +Eines Morgens schickte das junge Mädchen die Knaben bei einem Hof +außerhalb des Dorfes mit dem Malgerät ins Gasthaus zurück und blieb vor +den Ringmauern und dem hohen Tor der Einfahrt stehen. War sie denn hier +noch niemals vorübergekommen, daß sie diese Schönheit nicht früher +gesehn hatte? Sie schaute die Birkenallee zurück, die schlecht gepflegte +Landstraße zog sich unruhig und doch friedlich über die kaum merklichen +Hügel des Geländes dahin, und an ihrem Ende sah man den Turm der +Gorchinger Kirche. Die Straße war bewachsen, und nur die beiden Furten, +die von den Rädern der Wagen stammten, gaben ihr ihr melancholisches +Gepräge, jenen seltenen Reiz des Berührbaren im Unberührten, und +zugleich jene Zeitlosigkeit, die nur solchen Menschenwerken anhaftet, +die ihr Wesen durch die Jahrhunderte nicht verändern. Der lichte +Birkenschatten verschleierte den stillen Zug der Furchen in diesem Bild. + +Angelika betrachtete nun die Einfahrt zu jenem Hof, bei dem sie +haltgemacht hatte, genauer. Die Jahre hatten das glorreiche Werk ihres +Ausgleichs nahezu vollendet und den Steinen der Ringmauern jene Farben +und jenes Schimmern verliehen, die nur sie geben können. Hin und wieder +brach aus der grünen Gartenwelt, die die Mauer verbarg, ein Rankennetz +von wildem Wein durch einen Spalt, oder über ihre Ziegelborde leuchteten +die weißen Teller des blühenden Holunders aus dunklen Kuppeln über das +Erdgrau dieser ehrwürdigen Wälle. Einzelne große Tannen wirkten beinahe +ganz schwarz; zur Rechten, wo die Mauer nach hinten einbog, lag unter +Weiden ein großer Teich. + +Angelika trat langsam durch den Torbogen in den inneren Hof ein, an +dessen Ende das große Bauernhaus lag, das den Eindruck eines alten +Herrenhauses machte; es war einstöckig und mit Ziegeln gedeckt, die +Terrasse war zur Rechten und zur Linken von Akazien umstanden, und auf +dem großen, wohlgepflegten Rasenplatz saßen weiße Tauben in der Sonne. +Die Wirtschaftsgebäude und Scheunen zur Linken waren schneeweiß getüncht +und mit Stroh gedeckt, sie zogen sich, wie es Angelika erschien, noch +weit zur Seite hin, wie es zur Rechten der dunkle Garten tat, der durch +einen Bretterzaun vom Hofplatz getrennt war. + +Das Wohnhaus fesselte die junge Malerin am meisten; es war von jener +schlichten Schönheit, die nur die edle Einfalt der Zweckmäßigkeit und +die Menschenerfahrung der Jahrhunderte geben können. Aus seinem Bereich +schien alle Willkür des vergänglichen Zeitgeschmacks verbannt, streng +und erhaben stand es in seiner freien Klarheit auf dem Erdgrund, und +eine unbestimmbare Traurigkeit ging von ihm aus. + +Aus einer der Scheunenausfahrten wurde ein Landwagen geschafft, der +nicht eben sonderlich vornehm, aber von großer Gediegenheit zu sein +schien, die Knechte wuschen mit Schwämmen die gelben Räder, und ein +Bursche führte die Pferde hinter dem Stall hervor. Ein wenig beiseit +stand ein großer, ernster Mann, der schweigsam ihrem Treiben zusah, sein +dunkles Haupt- und Barthaar wirkte beinahe ganz schwarz, seine +aufmerksamen Augen hatten bei ihrer verschonten Klarheit etwas +grüblerisch Benommenes, man war versucht, es träumerisch zu nennen, wenn +solch ein Wort nicht allem an der starken und trotzigen Erscheinung +widersprochen hätte. + +Es war Vinzenz Gerom, der dort auf seinem Hof stand, und an diesem +Morgen lernte Angelika ihn kennen. + +Er soll auf sie zugetreten sein, als er sie erblickt hatte, mit einer +ganz eigenen Bestimmtheit. Er ergriff ihre Hand zur Begrüßung, ohne zu +lächeln, mit einem harten, beinahe verstockten Griff, und hielt sie +fest. Die Leute, die ihn heimlich beobachteten, sollen den Eindruck +gehabt haben, als sei Angelika eine alte Bekannte von ihm, aber es ist +nicht der Fall gewesen, obgleich auch sein tiefes Aufatmen etwas von der +Befreitheit nach einer langen Erwartung der Trennung gehabt haben mag. +Sie lächelte neugierig und befangen, aber ohne Herablassung über diesen +jungen Landmann, dessen hilflose Gastfreundlichkeit sie fesselte, und so +war Gerom der erste in Gorching, der Angelika von einer neuen Seite +kennenlernte, denn sie begegnete ihm mit einem kindlichen Frohsinn, der +die Strenge ihres klugen Verhaltens in Arglosigkeit und Lieblichkeit +verkehrte. + +Es geschah dann, daß Angelika einige Tage nach dieser Begegnung in das +Landhaus Geroms einzog, der ihr die Zimmer des rechten Flügels +einräumte, drei hohe, altmodisch hergerichtete Räume, in deren erstem +ein dunkler Kamin aus blinkenden Kacheln stand. Die Fenster lagen tief +und teilweise verhüllt von grünen Ranken, die nun mit geheimnisvollem +Flüstern das Licht und die Stimmen des großen Sommers einließen. + +Es ging scheinbar eine entscheidende Wandlung im Wesen Vinzenz Geroms +vor sich, im Grunde entfalteten sich nur die verborgenen Kräfte seiner +Seele unter dem wehmütigen und kindhaften Lächeln des Mädchens, das in +seinem Hause und Herzen zu Gast gekommen war. Angelikas Lächeln, von dem +es erschien, als bräche es durch heiße Schleier einer verborgenen +Traurigkeit, hatte jene überwindende Forderung des Frauenwesens, der +das Gemüt des Mannes in Verlangen oder in Taten zu folgen gezwungen ist. +In solchem Frauenlächeln naht den Sinnen die Anklage der +Menschenunschuld, die um der Liebe willen zerstört zu werden scheint, +und die auch immer zerstört wird, wenn die Liebe nicht darüber wacht, +darum ist es, als ob dieses wehmütige Lächeln einer gefährdeten Unschuld +Liebe heraufbeschwöre, wie eine edle Handlung die Ergriffenheit der +Barmherzigen. + +Nach außen hin erschien Gerom beinahe finsterer und verschlossener als +zuvor, vielleicht weil er wußte, daß man ihm sein Handeln übel nachsah, +und weil er fühlte, daß er es vor anderen so wenig zu erklären oder zu +rechtfertigen in der Lage war, wie anfänglich vor sich selbst. Angelika +wurde seine Schutzbefohlene. Oft erschien es ihm kaum ausdenkbar, daß +sie den Ansturm des Lebens ohne seine Hilfe jemals hatte bestehn können. +Er sprach mit niemandem über sie und duldete kaum, daß in seiner +Gegenwart ein Wort über sie fiel. + +Die hilflose Art, in der der einsame und einfache Mann seine zärtliche +Neigung kundtat oder verbarg, nahm auch den Gleichmütigsten die Kraft +zum Spott. Es war, als hütete er an der Schwelle der Erdennacht ein +Licht, das ihm der Vater im Himmel zum Herzen seines Menschendaseins +gesandt hatte. Sein Handeln war von jener Scheu, wie nur die Regungen +einer großen Liebe sie kennen, und von der Zartheit, die dem Mann so +wohl ansteht, der seiner Kraft so gewiß ist, daß er sie nicht durch +Rauheit zu erweisen wünscht. Oft sah man die Beiden an ruhigen und +klaren Abenden nebeneinander durch die Felder gehn, deren Ähren hoch +standen und das braune Gold wiegten, das die herabgesunkene Sonne im +Westen über dem Land zurückgelassen hatte. Nein, es war kein Zweifel, er +hatte seinen Arm schützend um sie gelegt, und ihr blonder Kopf ruhte an +seiner Schulter. Sie erschien klein in ihrem einfachen weißen Kleid, +hilflos und traurig, bis plötzlich ihr Lachen weich und wie aus voller, +tiefer Freude kommend erscholl. So war es schwer zu wissen, was beiden +geschah, aber da die Menschen selten mehr in andere zu legen verstehn, +als ihr eigenes Gemüt enthält, so entstanden böse und häßliche Gerüchte +neben Erstaunen oder Rührung. + +Als schon der Sommer zur Neige ging, kamen Gerom eines Abends durch den +Großknecht Gerüchte zu Ohren, die ihn erbleichen ließen. Er ging vom +Hofe fort, ohne seinen Hut, so wie er stand, wortlos hinaus auf die +Landstraße, bis er den Pfarrhof von Gorching erreicht hatte, wo er +kundtat, daß er sich mit Angelika Lett zu vermählen gedächte, und darum +bat, daß dies den Ortsbewohnern bekanntgegeben würde. + +Dies hat sich so zugetragen, wie es berichtet wird, und es ist allen +unbegreiflich und geheimnisvoll erschienen, denn Vinzenz Gerom war ein +einfacher Mann, und obgleich sein Geschlecht alteingesessen war und +hohes Ansehen genoß, war doch der Unterschied der beiden Liebenden in +Stand und Lebensgewohnheiten sehr groß, und von der Fremden wußte +niemand mehr als ihren Namen. Nur eins ist sicher, und es wird vielen +eine vollgültige Erklärung sein, Vinzenz Gerom war ein eigenwilliger und +selbständiger Charakter und ein Mann von Gefühlskräften und natürlicher +Klugheit. Alles übrige bleibt zwischen zwei Menschen eine Frage der +Lebensbetrachtung und der äußeren Verhältnisse, Gebiete, auf welchen +Charaktere sich leicht einander fügen lernen, und es unterliegt keinem +Zweifel, daß Angelika mit der weisen Anmut ihres Anspruchs die heimliche +Erzieherin ihres Freundes gewesen ist. Es gelang ihr mühelos, dem +stolzen Mann ihre Wünsche und Hoffnungen als seinen eigenen Anspruch +hinzustellen und sein Herz ohne Falsch mit Behutsamkeit in die +Bewußtseinswelt seines Werts zu heben. + +Es war sicher, irgend etwas behielt Angelikas Wesen für sich, es war +eine verborgene Welt des Empfindens und der Gedanken, die sie nicht +teilen wollte oder konnte. Aber es erschien Gerom nicht als ein Recht, +das ihm vorenthalten wurde, weil Angelikas traurige Versunkenheit, mit +der sie seine schüchternen Fragen zuweilen abwehrte, ihm heilig war. Wie +leicht lassen sich die Geheimnisse einer klugen und verschwiegenen Frau +der Wesensart ihres Geschlechts als Tugend zurechnen, wenn das Vertrauen +einer großen Liebe alles kleine Forschen verhindert. + +So war es gewiß keine ernstliche Sorge, die zuweilen Geroms Stirn +umwölkte, sondern eine heimliche Angst, die aus dem Dunkel der +Vergangenheit Angelikas emporstieg. Er fühlte, daß niemals etwas +geschehn sein konnte, was den Wert des Mädchens herabgesetzt hatte, +aber ihm war oft, als seien jene Geschehnisse um so gefahrvoller und +furchterregender, je mehr sie den Wert dieser jungen Frau erhöht haben +mochten. Wie viele Untugenden, die ihr Freude bereitet hätten, wäre er +nicht willens gewesen, ihr zu vergeben; er fürchtete vielmehr, daß es +eine große Tugend sein könnte, die ihr Leid gebracht hatte. + +Zu den äußeren Anlässen solcher Besorgnisse gehörten die Briefe, die +Angelika absandte und empfing, allerdings selten erhielt und selten +abschickte. Oft vergingen Monate, und Gerom litt mit ihr unter der +aufreibenden Qual ihrer Erwartung, über die niemand sprach. Die +schmerzliche Erlösung, die endlich ein kurzer Brief brachte, zerteilte +Geroms dunkles Herzensreich in zwei Teile, er schritt umher wie ein +fröhlicher Kranker. Aber er fragte niemals, denn er konnte sich nicht so +tief entwürdigen, etwas in Angelikas Leben für schöner und größer zu +halten, als das, was sie ihm gab. + +An einem klaren Abend des Spätsommers wurde Angelika von einem +Dorfjungen in den Gorchinger Rasthof geholt, es sei ein Fremder +angekommen. Die junge Frau ging sogleich mit starren Augen und +hängendem Köpfchen in einem eigenartigen Schritt, der ganz neu an ihr +erschien, der etwas vom Traumwandeln hatte und zugleich etwas gewaltsam +Unbekümmertes. Sie verabschiedete sich von niemand, Gerom war zu Pferd +auf den Feldern. + +Was geschehn ist, weiß niemand, es blieb allen in Gorching verborgen. +Man hörte heftige und verhaltene Worte in dem Zimmer des fremden Mannes, +unterdrücktes Schluchzen und auch einmal ein leidenschaftliches Wimmern, +das die Magd für heimliches Lachen hielt. Angelika kam spät zurück, sie +war über die Landstraße gelaufen, klein und weiß, durch die +hereinbrechende Nacht, zwischen den beiden weißlichen Meeren dahin, die +der Abendnebel auf den Wiesen bildete. Der Großknecht ließ sie ein, +während die Hunde wie toll an ihren Ketten rissen und die Stille weit +umher mit ihrem wütenden Bellen erfüllten. + +Mit dem Kommen des fremden Mannes, der Angelika kein Fremder war, +erschien ihr die Sicherheit und Ordnung der Welt zerstört, wenn sie +nicht alles diesen Händen anvertraute, die sie einst erhoben und +erniedrigt hatten, geschlagen und geliebkost, entwürdigt und geheilt. +Sie schlief in der Nacht nicht, mit wehmütigem Lächeln gedachte sie der +Freiheit, die sie in diesen Sommermonaten zu erringen geglaubt hatte. Es +gibt einen Zustand erschöpfter Leidenskraft, der wie Gelassenheit und +Ruhe erscheinen kann, es ist der Zeitpunkt, an dem die Kräfte des Lebens +und die Kräfte des Todes einander die Wage halten, über den Trümmern des +eigenen Willens. + +Am Morgen sah Gerom sie in unruhvoller Besorgnis lange an. »Du bist +blaß, Angelika, du bist sehr blaß«, sagte er. Er ritt gleich darauf +schweigend fort. So weiß er es, dachte sie. Gegen Mittag kam der Bote +aus dem Gasthof. + +Ich will versuchen zu warten, dachte Angelika, vielleicht ist am Abend +der ganze Tag vergangen und ich bin nicht zu ihm hinübergegangen. Gerom +kam nicht. Sie saß im Schatten der Holunderbank am Teich und sah die +Sonne hinter die Pappeln sinken, von Ast zu Ast schien sie +niederzuklimmen, und als sie sich rötlich färbte, weinte die junge Frau +vor Schwäche und Angst und Liebesleid und lief nach Gorching hinüber, +quer über die gemähten Roggenfelder, wie ein verlassenes Kind. + +Unterwegs blieb sie einmal stehn, ballte ihre kleine, feste Hand und +schüttelte die Faust nach Geroms Hof hinüber. »Du kannst nicht helfen«, +schrie sie laut. »Du bist ein Schwächling bei all deiner Kraft, deiner +Güte ...« Sie ließ sich nieder und weinte. Bestaubt und todmüde, mit +entstelltem Angesicht, langte sie im Gasthof an. + +Nun paßten sie zueinander, der Fremde und Angelika, die nun, wie er, +verwildert und bleich zu den Ausgestoßenen der Irdischen zu gehören +schien. Es war unfaßlich, wie rasch die Nähe dieses Mannes ihr ganzes +Wesen verändert zu haben schien, im Grunde hatte er es nur gelöst, +soviel ist gewiß, denn es war sein Eigentum. Ihr Gesicht wirkte geradezu +häßlich für alle Augen, die sie früher gesehen hatten. Aber es war eine +eigenartige Häßlichkeit, eine Häßlichkeit von göttlichem Ursprung, der +schützende Erdenmantel über den himmlischen Geheimnissen des Lebendigen. + +Sie fand ihn nicht zornig und hart wie gestern, sondern traurig, +vielleicht kniete sie deshalb vor ihm, während sie sprach. Wenn er sich +zu ihr niederbeugte, wenn seine Lider sich senkten, sah man, wie schön +sein blasses Gesicht war, das im Unbelebten der Tagesstunden ermattet +und kränklich aussah. Ihre Haare vermischten sich, ihre feuchten Hände +und ihr Atem voll Glut und Unfrieden. + +»Ach,« antwortete er ihrem Geständnis mit seinem klugen und traurigen +Lächeln, »ein Kind trägst du von ihm, von ihm trägst du ein Kind, +Anje ...« + +»Wenn ich ein Kind von dir geboren hätte,« sagte sie fest, »so würde ich +um des Kindes willen die Kraft gehabt haben, bei Gerom zu bleiben. Ich +wäre nicht über die Felder gelaufen ...« + +Er sah sie an, vielleicht verstand er sie nicht gleich, aber dann +drückte er sie so an sich, daß sie leise aufschrie. + +Sie fragte aber doch: »Liebster, und daß es nun so ist, ich meine, daß +ich sein Kind trage, quält dich das nicht? Gerom würde dich töten, wenn +du nur deine Hand auf meine Haare legtest.« + +»Ihm gehören auch nicht einmal diese Haare«, sagte er liebevoll und +sicher, und strich sie ihr von den Schläfen, legte sie hart an das +ungeduldige Köpfchen, so daß er es ganz in seinen beiden Händen hielt, +und betrachtete so ihr Gesicht. + +»Ich komme niemals, niemals von dir frei, Anje.« + +»Ich hätte so gern gelebt«, sagte sie deutlich. + +Es mußte wohl der Gedanke an die Hoffnungen seines eigenen Lebens sein, +der ihm plötzlich die Stirn umwölkte. Er ließ sie los. Seine Augen +fragten sie etwas, es mußte eine Frage sein, deren Bedeutung oft +zwischen ihnen gebrannt hatte, denn sie verstand ihn und rief +schmerzvoll: + +»Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, wie es werden soll! Ich kann meinen +armen Leib von dir fortschleppen, aber ich kann meine Seele nicht von +deiner reißen.« Und darauf legte sie ihm plötzlich die Hände auf die +Schultern, sah ihn heiß und mit ihrem ganzen Blut und Wesen an und +fragte mit einem schrecklichen und süßen Lächeln: »Nicht wahr, ich töte +dich, nicht wahr? Sag', wodurch töte ich dich, sag' es mir doch ...« + +Und so sagte sie es ihm, indem sie ihn so fragte. + +Nach einer Weile wurde die Türklinke niedergedrückt und, da die Tür +verschlossen war, wurde es eine kleine Weile still. In diesem kurzen +Augenblick sah Anje ihren Geliebten an, es war ihr Abschied von ihm. Er +fühlte es, ohne es zu wissen. Dann erschütterte ein furchtbares Krachen +die abendliche Stille des Hauses, und Anje fing ganz heimlich und +kindlich zu lachen an. + +Erst als Gerom im Zimmer stand, erhob sich der Fremde langsam. + +»Ich hätte Ihnen auch geöffnet«, sagte er gelassen, aber so kalt, daß +die Herausforderung in seinen Worten deutlich seine tiefe Anteilnahme +verriet, die er nicht verbergen wollte. Gerom stand dicht an der Tür, +als ob er den Ausgang decken wollte, und der starke Mann zitterte, wie +ein Baum, dessen Wurzeln von eisernen Äxten zerschnitten werden. Jetzt, +da der Fremde sprach, wandte er sich ihm zu und von Angelika ab, die +ruhig, mit herabhängenden Armen, dastand. Sie war ihm unaussprechlich +hilflos erschienen, er empfand die große Stille ihrer Seele nicht, deren +Armut und Gerechtigkeit sich irdisch nicht mehr erweisen wollte noch +konnte. Als ihr Geliebter sich erhob und vor Gerom stand, zitterte sie +vor Freude in dem Bewußtsein, daß die Kraft seines Wesens bis an die +Pforten eines ewigen Reichs triumphieren würde. Und nun mochte kommen +was wollte. + +Gerom sprach nicht. In Angelikas Herzen wuchs eine Angst empor, die ihr +alles zu verdunkeln drohte. Der kleine niedrige Raum lag im Abendlicht, +Gerom schien nicht hineinzupassen, er sah wie ein Riese aus und erschien +ihr um so furchtbarer, als sie den Ausdruck seines Gesichts nicht +unterscheiden konnte. + +»Wenn Sie mit mir sprechen wollen ...« sagte der Fremde. Es erschien, +als dächte er an ganz andere Dinge. Angelika wußte, wer der Stärkere +war. + +Da sagte Gerom mit dunkler Stimme zu ihr: + +»Steh auf! Geh heim! Geh gleich heim!« + +Obgleich sie seine Stimme nicht erkannte, antwortete sie ihm beinahe in +gewohnter Weise: + +»So -- --, so Gerom, kann ich doch nicht gehn.« + +Er stöhnte dumpf auf. Wenn es nur hell gewesen wäre. Sie sah fragend zu +ihrem Geliebten hinüber. Er nickte: + +»Ja, geh heim.« Und dann sagte er zu Gerom: + +»Wir wollen hinausgehn, wir können ja draußen reden, wenn Sie wollen.« +Er schritt ruhig voran, und der andere folgte ihm wie ein breiter, +bedrohlicher Schatten. + +Angelika langte in Geroms Hof an, als es längst Nacht war. Eine alte +Magd war vor dem Kamin eingeschlafen, in dem in diesen Spätsommernächten +schon Holzscheite glommen. Sie hockte als ein lebloses Kleiderbündel im +Winkel, die welke Wange unter dem grauen Haar, an einen Holzpfosten des +Geländers gelehnt und notdürftig auf ihren Arm gestützt. + +Angelika stand vor ihr und sah die kleinen lebhaften Flämmchen an, die +über die verglimmenden Scheite huschten. Sie sprangen unversehens auf +und erloschen wieder, waren von bläulicher Färbung und von einer +kränklichen Hast. Ihr Widerschein spiegelte sich in den Kacheln und gab +dem Raum sein dürftiges, unruhiges Licht. Die sinkende Mondsichel stand +draußen über den Moorgründen der Haide, über der Einöde mit ihrem +verschwiegenen Gurdelbach. Man sah sein fahles Licht durch die +bewegungslosen Vorhänge der Fenster scheinen, an denen die traurige +Nacht vorüberzog. So war das Licht im Zimmer unbestimmbar und voller +Ungewißheit, die stummen Gegenstände wirkten bedeutungsvoll und +lebendig. + +Die junge Frau erkannte den Rahmen des Bildes, das Geroms Vater +darstellte; sie glaubte die heimliche Qual der Augen zu erkennen, +diesen düsteren und trotzigen Drang nach dem Licht der Erkenntnis, der +auch Geroms Blicke bezeichnete. Die Standuhr tickte nicht, es mußte +vergessen worden sein, sie aufzuziehen. + +Der Mond draußen verlor langsam seinen Schein, der Morgen kündigte sich +an, das Feuer im Kamin war nun völlig erloschen, und die Alte war auf +den Teppich niedergesunken, auf dem sie ruhig schlief. Man hörte ihre +Atemzüge nicht, und draußen und drinnen war es totenstill, da die +Geschöpfe der Nacht zur Ruhe gegangen waren und die Vögel noch +schliefen. Dann kam ein unhörbarer Wind auf, der das herannahende Licht +ankündigte. Die Stimmen der Wasservögel aus dem Moor wurden laut, und +die Blätter bewegten sich neben dem Fenster. Es rieselte hoch oben in +der Spitze einer Pappel, als ob es regnete, und das Zimmer wurde grau. + +Dies ist Angelikas Lebensnacht und ihr Daseinsmorgen gewesen, der ihr +den Geschmack des Abschieds von irdischem Sein und Gut in die Seele +trug, sie verharrte in tiefem Schweigen, dachte keine Gedanken und +empfand keine Gefühle. Sie empfand nur ihr armes, abgekehrtes +Menschenwesen und den gewaltigen Gang des lebendigen Lebens, das an ihr +dahinzog wie lautloser Wind an einem Stein. + +Dann kamen Schritte heran, sie klangen erst gedämpft und fern und dann +immer eindringlicher in der blauen Luft der Dämmerung draußen; nun +tönten sie schwer unter ihren Fenstern, und ein gebeugter Schatten +schleppte sich vorüber, glitt auch über sie hin und wurde ihr zur großen +dunklen Gestalt, als nun die Tür sich öffnete. Sie wußte noch, daß ein +Hund draußen vor seiner Hütte sich erhoben haben mußte, denn sie entsann +sich deutlich beim Beginn des Kommenden des Klirrens einer Kette. + +Es war Gerom. Eigentlich wußte sie alles, schon ehe sie ihn recht sah, +denn seine Tat begleitete ihn wie eine drückende Finsternis. Er sprach +nicht, er ging schwer und scheinbar sehr ermattet auf und nieder, wobei +er schaukelte und bald den Kopf hängen ließ, bald nickte, oder die Arme +schwenkte, aber nicht im Takt seiner Schritte. + +Endlich blieb er dicht vor Angelika stehn, so dicht, daß sie +zurückgetreten wäre, wenn sie es gekonnt hätte. Da nun das blasse +Morgenlicht in sein Gesicht fiel, sah sie, wie entstellt es war, und +empfand nichts mehr als eine furchtbare Angst. + +»Gerom!,« schrie sie auf und sank nieder, »erbarme dich, tu mir kein +Leid, um des Heilands willen, Gerom, tu mir kein Leid!« + +Und während sie schrie und flehte, und während ihre Hände krampfhaft am +groben Tuch seines Rocks tasteten und griffen, war ihr, als verhöhnte +irgend etwas im Grund ihrer Seele sie selbst und ihr armseliges Tun. +Dabei kam ihr deutlich zum Bewußtsein, wie naß sein Gewand war. + +Es schien, als ob Geroms Gedanken erst durch ihren Jammer zu dem geführt +wurden, was sie befürchtete. Ich werde sie schlagen, dachte er, ich +werde sie so schlagen, als wollte ich mit der Faust bis ans Herz +dringen. + +»O, höre mich an, sieh mich an, Gerom, ich habe nicht gewußt, was ich +getan hab'.« + +Gott weiß es, warum sie es getan hat, dachte er. Sie ist ein Weib, Gott +weiß es ... + +Und dann atmete er tief auf und sagte mit schweren Lippen: +»Draußen ...«, stockte wieder und faltete dann seine großen Hände. + +»Was willst du tun,« schrie die junge Frau mit lautem Weinen auf, »was +soll ich tun?!« + +»Du,« sagte er rasch, »du -- bist ja ein Kind ... geh hinaus, glätte +sein Haar, wasch ihm das Blut aus seinen Augen und leg seine Hände +zusammen ...« + +Nun war es, als habe er jenen Faustschlag, der bis an ihr Herz dringen +sollte, mit seiner ganzen Kraft geführt, Angelika sank ohne ein Wort zu +Boden und blieb still liegen. Eine ihrer kleinen weißen Hände lag +gekrümmt mit dem Rücken nach unten an seinem Stiefel. + +Gerom sah auf sie nieder und hob sie nach einer Weile behutsam und +vorsichtig auf. Er ging so zart dabei zu Werke, als stünde ihm die ganze +Fülle seiner Liebe zu Gebote, und sein Gesicht war voller Rührung. Als +er sie hinaustrug, sagte er zu ihr, als verstünde sie ihn: »Ja, er ist +tot. Er hat mich, grade so wie du, um sein Leben angefleht. -- Ich +werde dir kein Leid antun, du Kleine. Ach Ihr ... könnt nicht leben und +könnt nicht sterben.« + + + + +Zweites Kapitel + + +Ungefähr sechs Jahre nach diesen Ereignissen wurde Vinzenz Gerom aus +seiner Kerkerhaft entlassen. Angelika war gestorben, irgendwo in einer +jener kleinen Provinzstädte, wie sie in solcher Verlassenheit und Stille +nur Dänemark aufzuweisen hat. Sie hatte ein Mädchen geboren, das auf den +Namen Angelika Gerom getauft worden war. + +Vinzenz Gerom kam eines Tages, es war an einem Sonntag und die Glocken +läuteten, zu Fuß nach Gorching zurück. Er würde wohl von niemandem +erkannt worden sein, wenn man ihn nicht auf seinem Hof erblickt hätte. +Sein Haar war ergraut, und er trug einen langen blauen Mantel, der seine +Gestalt, die gebeugt einherschritt, seltsam entstellte und ihm den +Anschein eines weltabgekehrten Sonderlings verlieh. Nur sein Schritt +hatte an Festigkeit nicht verloren, und seine Augen, in ihrer +versonnenen Glut, waren ungebrochen und ungetrübt. + +Er bekümmerte sich wenig um die Wirtschaftsberichte, die ihm von seinen +Verwandten vorgelegt wurden; der Hof war schlecht bestellt worden, +soviel war gewiß. Er hatte Angelikas Tod im dritten Jahre seiner +Einkerkerung erfahren, aber keine Erlaubnis erhalten, die Tote noch +einmal zu sehn. Nun gab man ihm auf dem Amt in Gorching einen Brief von +seiner verstorbenen Frau, den er stumm nahm und lange nicht aufbrach. Es +schien, als gewänne sein Wunsch Gewalt in ihm, diese Zeilen zu +vernichten, ohne daß er seinem Herzen die letzten irdischen Grüße der +Frau vergönnte, die er geliebt und getötet hatte. Der Gedanke an sein +Kind, von dessen Dasein er wußte, veranlaßte ihn endlich, das Schreiben +zu lesen. + +Es mußte in den letzten Lebensstunden der jungen Frau verfaßt worden +sein, denn die Schriftzüge waren unsicher, und sie hatte keinen Wert auf +Sorgfalt gelegt. Sie hatte einen beliebigen kleinen Zettel für diese +Worte genommen; einen Augenblick überkam Gerom eine Regung von Erbarmen, +und zugleich wurde ihm schmerzlich klar, daß dies der erste und +zugleich der letzte Brief war, den er von seinem Weibe erhalten hatte. +Der Brief enthielt folgende Worte: + + An Vinzenz Gerom. + + Ich muß sterben. Ich kann nicht mehr darüber sprechen, was du + mir in meinem Leben gewesen bist, vielleicht würde ich auch nicht + das Richtige sagen können, es sollen meine Hoffnungen und meine + ungewisse Angst mit mir in der Nacht vergehen, die über mich + hereinbricht. Ich danke dir für die Lebensbarmherzigkeit, die ich + für kurze Zeit in deiner geduldigen Liebe gefunden habe, ich danke + dir für Anje, mein Kind, oh ich möchte dir danken ohne Ende. Ich + will, daß du sie nach meinem Tode und nach deiner Gefangenschaft zu + dir nimmst, höre mich an, ich will es. Ich fürchte nicht um sie, und + weder dein Zorn noch deine Bitterkeit schrecken mich ab, mein Kind + in deine Hände zu befehlen, denn ich weiß, daß du einmal in deinem + Leben Verlangen nach einem Menschen tragen wirst, dem du verzeihen + kannst, was die Menschen dir zugefügt haben. + Angelika. + +Nachdem der verlassene Mann diese Worte gelesen hatte, sank ihm das +Haupt auf die Brust, und der Zettel fiel ihm aus der herabhängenden +Hand, ihm ward langsam in aufdämmernden Gewißheiten mehr und mehr zu +Sinn, als sei Angelika niemals sein Eigentum gewesen. Seine von +Bitternis gehüteten Träume hatten sich in der Hoffnung gewiegt, daß +jener verhängnisvolle Vorfall, der ihn um sein irdisches Glück gebracht +hatte, eine Irrung des Herzens dieser seltsamen Frau gewesen war. Er +hatte sich wieder und wieder klar gemacht, daß im Grunde ihre Liebe ihm +gehören müsse, denn er konnte nicht glauben, daß die zärtlichen Gebärden +einer so stürmischen Hingabe, wie sie Angelika in seinen Armen geschehn +war, der Erinnerung und der Trauer um Vergangenes angehören sollten. +Aber nun fühlte er, daß aus diesen Zeilen weder Liebe noch Leidenschaft +sprachen, denn beide fassen ihr Wesen nicht in solche Worte des Danks, +hinter denen sich das eigne Leid verbirgt; und wie konnte eine Mutter +ihrem Manne für ein Kind danken, da es doch sein Kind war? So schloß sie +ihn mit diesen Abschiedsworten zuletzt noch aus jener Gemeinschaft aus, +die ihn allein hätte versöhnen können, und sie verwandelte sein +Zugehörigkeitsgefühl der Bitterkeit in das Entsetzen der Verlassenheit. + +Ich bin in Wahrheit ein Mörder, dachte er. Bisher habe ich geglaubt, ein +gewalttätiger Hüter meines Rechts gewesen zu sein, aber nun hat diese +Tote mir durch ihr Vermächtnis den Frieden meines Daseins zertrümmert. +Was soll ich ihrem Kinde verzeihn? Nur den Unedlen ist es eine +Genugtuung, vergeben zu können. + +So beschloß Gerom, den Wunsch der Toten nicht zu erfüllen, und sein Kind +in der Fremde heranwachsen zu lassen; aber seine Liebe war stärker als +sein Entschluß. Er empfand in der Qual seines Zwiespalts dunkel, daß +irgendwo eine Gerechtigkeit in jener Vergebung leuchten müsse, die +Angelika gemeint hatte, der einfältige Ausgleich zum Bestand, der in den +großen Absichten der Natur verborgen ist. Als er endlich den Brief +verfaßte, der sein Kind zu ihm rufen sollte, zitterten seine Hände und +seine Lippen, und die neue Demütigung, die seine Liebe ihm auferlegte, +überwältigte ihn zu Tränen, die über sein unbewegliches Gesicht in den +ergrauten Bart tropften. + + * * * * * + +Als die kleine Anje anlangte, nahm Gerom sie zwischen seine großen Hände +und hielt sie von sich ab, um sie zu betrachten. Er war nicht froh und +nicht traurig, sein Gemüt schien kaum bewegt. Vergrämt forschte er in +dem blassen Kindergesicht und strich endlich zögernd über das helle +Haar. Da legte das von der weiten Reise ermüdete und geängstigte Kind +hilfesuchend seinen Arm um den rauhen Hals des Vaters und schmiegte die +Wange an seine Schulter. -- + +Gerom verkaufte seinen Hof und sein Land und erwarb an Stelle seines +reichen und erträglichen Besitzes einen großen Landstrich der Einöde, +den die Gemeinde ihm ohne Bedenken abtrat. Dort ließ er in den dichten +Niederungen des Sumpflands auf einer Hebung des Lands, die der Wald +getrocknet hatte, ein grobes Blockhaus errichten, versah sich mit allem, +was ein Einsiedlerleben möglich machte, nahm eines Tages sein Kind an +die Hand und schritt langsam und feierlich durch das Frühlingsland +seiner neuen Heimat entgegen. Nur Hirte begleitete die beiden, das war +ein großer, häßlicher Hund mit gelbem Zottelhaar und einer schwarzen +Schnauze, zu dessen Pflege niemals etwas unternommen worden war. Sein +Kopf hatte eine überraschende Ähnlichkeit mit dem eines Affen, und seine +hellbraunen Augen, die einen warmen Goldglanz ausstrahlten, lagen tief +unter den Stirnfalten und waren das Gutmütigste der Welt. + +Wie Anje in der Einöde heranwuchs, wußte sich niemand recht zu erklären, +hätte die alte Onne, die am Waldrand des Moors lebte, sich nicht +zuweilen des Kindes angenommen, so wäre die kleine Menschenblüte +vielleicht in der rauhen Traurigkeit verkümmert, in die Gerom sein +düsteres Dasein hüllte. Er mied die Menschen in einem Haß, den Jahr um +Jahr seine Einsamkeit in ihm befestigte, man ließ ihn in Furcht und +Mitleid gewähren und vergaß ihn langsam. Als einmal um des Kindes willen +zu ihm gesandt wurde, kam der alte Lehrer am Abend, vor Schrecken +zitternd, aus dem Moor zurück, es seien dort draußen Wunder geschehen, +das Land blühte, aber Gerom sei ein Tier geworden. Anje habe er nicht zu +Gesicht bekommen, aber der Alte habe gedroht, Gorching in Brand zu +stecken, wenn man ihm sein Kind nähme. + +Die alte Onne wohnte am Moorrand in einer Torfhütte. In vergangenen +Zeiten hatte sie den Fuhrleuten, die von der Dachenau hinüber ins +Gorchinger Land wollten, das Mittagessen bereitet. Sie bewahrte +Speisevorräte und Getränke in ihrem Keller, es gab Unterkunft bei ihr, +wenn es sein mußte, und jedenfalls immer Rast. Ihr kleines Haus lag zwei +Stunden von Gorching entfernt am Rand der Einöde und war so von Weiden, +Birken und Kiefern verborgen im Dickicht, daß es im Sommer niemand fand, +der nicht darum wußte, nur der blaue Rauch, der vom Holzdach aufstieg, +verriet es zuweilen. + +Wie alt Onne war, wußte niemand, sie hatte längst die Jahre erreicht, +nach denen man nicht mehr fragt. In solch hohem Alter tritt bisweilen +ein Zustand ein, der vom Tod nicht mehr erreichbar erscheint, es gibt +Menschen, die der Tod vergißt. Die Urenkel sehen solch ein Väterchen +oder Mütterlein laufen und wissen, daß schon ihre Eltern sie nicht +anders gekannt haben. Sie können nicht sterben, gut, so leben sie denn, +und bisweilen mit unverständlicher Geistesfrische und wie in einer neuen +Jugend der Seele. + +Wenn man Onne auf einem Moorpfad begegnete, ohne sie zu kennen, konnte +man lange darüber in Zweifel sein, was man vor sich hatte, etwas +Unförmiges in grauer und brauner Tönung, in Farben, die sich der +Umgebung angepaßt hatten, nahte sich in holperigen Sprüngen, übereifrig +und doch langsam. Endlich erkannte man mühsam einen weißen Scheitel, +unter dem eine lange braune Nase herabhing, die Schultern und die +Krümmung des Rückens überragten ihn, und die Knie der Schreitenden +schienen ihn bald rechts, bald links beinahe zu berühren. + +Die Alte ging einmal in der Woche nach Gorching, wo sie Waldbeeren oder +Pilze verkaufte, Holz oder Torf. Sie bediente sich eines kleinen Wagens, +der ursprünglich ein Kinderwagen gewesen sein mochte, und dessen vier +Räder alle von verschiedener Größe waren, es schien so, als habe sich +der Wagen im Lauf der Jahre den Bewegungen seiner Besitzerin angepaßt. + +Die Landleute nannten Onne »die Sackziege«. Wenn im Abendrot gegen den +Horizont die merkwürdig ruhlos bewegte Masse der Alten und ihres Wagens +sich aus dem Dorf bewegte, um langsam im Dunst der feuchten Niederungen +zu entschwinden, so wußte man, daß es ein Freitag gewesen war. + +Onne war es übrigens, die Gerom mit allem versah, dessen er an +Lebensmitteln aus Gorching bedurfte, und so kam es, daß sie Anje kennen +lernte. Die alte Frau war keineswegs lächerlich oder einfältig, wie +diejenigen sie schelten mochten, die sie nur vom Schauen her kannten +oder nach den Lästerungen ihrer Gegner. Denn Onne hatte in der Tat +Freunde und Feinde, deren Regungen für und gegen sie, sich bis zur Liebe +oder bis zum Haß gesteigert hatten; danach ist die Bedeutsamkeit eines +Menschen sicherer einzuschätzen, als nach kleinen Einzelzügen oder aus +guten oder schlechten Eigenschaften. So gehörte sie auch durchaus nicht +zu jener Sorte alter Waldweiblein, die sich durch Hexensprüche oder +Wahrsagen beim Gesindel der Menschen in Respekt halten, sondern wenn +einmal ein Mensch zu ihr kam, um ihre Hilfe zu erbitten, so war es eher +dann, wenn er sein Schicksal verwinden, als wenn er es erfahren wollte. +So war die Scheu, die man vor ihr empfand, und die Achtung, die sie bei +manchen auslöste, nicht eine Folge der Urteilslosigkeit ihrer Umgebung, +sondern sie kamen, wie alle wahrhaft geheimnisvollen Einwirkungen, aus +dem Wert ihres Herzens. + +Obgleich man sie selten mit einem andern Menschen zusammen sah, als mit +Gerom, und obgleich sie schweigsam und spöttisch war, ging ihr Einfluß +weit, und es galt als ein Zeichen besonderer Bekräftigung, wenn einer +Meinung hinzugefügt wurde: Onne hat es gesagt. So hieß es, der letzte +Pfarrer von Gorching habe ihretwegen sein Amt niederlegen müssen, +niemand wußte recht, weshalb eigentlich, aber jeder glaubte es. Er war +ein junger lebensfroher Mann gewesen, der diesen Schicksalsschlag nicht +allzu hart genommen und der Einsamkeit des Landes ohne Schmerz entsagt +hatte. Es war ihm ein böser Zufall mit einer Bauerntochter geschehn, der +ihm nicht verziehen wurde, obgleich sein Weib fast immer krank war. Aber +manche wunderten sich sehr, als er am Tage seiner Abreise mit +bittersüßem Lächeln dem Ortsvorsteher zum Abschied sagte: »Unter Euch +Gerechten gibt es nur drei Weltbürger, die hausen im Moor.« Da der +Ortsvorsteher zwar ein reicher Bauer war, aber sonst alle Eigenschaften +hatte, die die Obrigkeit der Dörfer zuweilen auszeichnet, so dachte er +für die Zukunft nicht sonderlich achtungsvoll über solche Leute, wie +etwa der Pfarrer sie unter »Weltbürgern« verstanden haben mochte. + +Onne sagte zu Gerom: »Der Pfarrer hätte bleiben sollen, er war ein guter +Mensch, aber wie soll man einen Fuchs festhalten, wenn er mit dem +Schwanz voranläuft?« + +Es war übrigens ungemein schwer, Onne zu verstehen, man brauchte sehr +lange dazu, bis man es gelernt hatte, und da dann noch die Schwierigkeit +hinzukam, das Verstandene auch begreifen zu müssen, so gehörten nur sehr +wenige in Gorching oder im Dachenauischen zu diesen Erwählten. Sie +sprudelte ihre Worte zunächst heraus, schien sie dann wieder einzufangen +und begann eine Weile mit ihren Kiefern darauf zu kauen, dann zischte +sie sie durch eine große Zahnlücke nach links, dort mußte man aufpassen, +denn nun waren sie am verständlichsten. + +Niemand hatte es besser gelernt, als Anje, das Kind. Onne hatte ihr +wunderbarerweise vom ersten Augenblick an Vertrauen eingeflößt, und die +Zuneigung war im Laufe der Jahre zu einer großen Liebe geworden. Onne +verstand das einsame und scheinbar verwilderte Kind, dem niemand Liebe +erwies, denn Gerom verbarg sein Herz bis zur Schwermut. Onne wußte, daß +Menschen von selbständigen Kräften der Empfindung sich in ihrer Jugend +nicht durch Beständigkeit oder Gleichmaß der Herzensregungen +auszeichnen. Sie verstand Anjes Wildheit und die an Trauer grenzende +Weichheit, mit der sie abwechselte, und liebte an dem kleinen Mädchen +den hilflosen Unbestand der Empfänglichen. + +Sie hatte zuweilen den Versuch gemacht, Anje mit unter Menschen zu +nehmen, aber Gerom wollte es nicht, und als sie das Kind einmal heimlich +zu überreden trachtete, stieß sie auf Widerstand. Da ergab sich die +kluge alte Frau und überließ Anje dem Walten der großen Wälder, dem +beständigen Wechsel der Jahreszeiten, dem geduldigen Land und den +himmlischen Botschaften des Windes. + + + + +Drittes Kapitel + + +Wenn Hirte, der große gelbe Hund, durch die veränderten +Lebensbedingungen auch gezwungen war, einen guten Teil seiner +Erfahrungen als überflüssig zu betrachten, so gab er deshalb seinen +Eifer nicht auf, den Ansprüchen gerecht zu werden, die man an ihn +stellte. Er hatte bald herausgebracht, daß es im Grunde Anje war, die +seiner bedurfte, und da dieser Hinweis auf seine Verpflichtungen mit +seiner Neigung zusammenfiel, ergab er sich Anje mit der ganzen +Ausschließlichkeit seines Wesens. Er schlief an ihrem Lager, wo immer +das Kind sich zur Ruhe niederlegte, erwachte mit jedem Seufzer, der der +kleinen von Träumen bedrängten Brust entwich, und horchte auf das Ticken +des Regens, oder das Rascheln der nächtlichen Tiere im Laub. Schon ein +Nachtfalter, der sich am Glas der Scheiben stieß, weckte ihn auf. Wenn +Anje sich im Schlaf bewegte oder sich auf die andere Seite bettete, +benutzte er die Gelegenheit, sich selbst ein wenig zu regen oder zu +gähnen, was bisweilen notwendig war, aber er würde es nicht gewagt +haben, wenn seine kleine Herrin ruhig schlief. + +Des Morgens begegneten Anjes erwachende Augen dem braunen Goldglanz der +seinen, er saß in respektvoller Entfernung auf dem Boden, hatte sein +Maul etwas geöffnet, und seine Brauen bewegten sich erwartungsvoll und +freundlich. Überhaupt war Hirtes Heiterkeit von großer Beständigkeit, +immer lag sein Frohsinn im glücklichen Streit mit der Schwermut seiner +tierhaften Befangenheit. + +Die kleine Anje nahm, wie alles, was ihr begegnete, so auch Hirtes +ergebene Liebe wie ein selbstverständliches Gut entgegen. Die Sonne über +dem Bach und über den vielerlei Pflanzen des Waldes und des Moors, die +Lieder der Vögel und der Schimmer des Mondes hinter dem Laubdach der +Bäume, waren so schlicht und wahr ihr Eigentum, wie das Leben ihrer +kleinen braunen Hände und das göttliche Geschick ihrer Augen. Sie nahm +die Güter der Erde an, wie nur Kinder sie nehmen können, und ihr +irdischer und himmlischer Gott, der Herr über alles, was sie umgab, war +ihr Vater. Sie kannte keinen Zweifel an seiner Macht und an seiner Güte +und liebte ihn in der schrankenlosen Hingabe, wie sie entstehn kann, +wenn ein junges Gemüt Stunde für Stunde eine Liebe empfindet, in deren +herbe Verschlossenheit kein Schrecknis des Alltags fällt, die +unberührbar und unerwiesen bleibt, die keine Beweise zu liefern scheint, +als einzig den verschwiegenen Gram ihrer irdischen Gebundenheit, in +einem heiligen Abstand. + +Denn Geroms Herz war wahrhaft gebrochen, und er hatte die Kraft zur +Hingabe für seine Erdenzeit verloren. So entströmte ihm scheinbar die +Fülle seiner Liebeskraft in heimatloser Allmacht, denn so wenig er in +der Lage war, ein zweites Mal zu vertraun, so wenig konnte er seine +Kraft zu jener Gemeinschaft verleugnen, die die Liebe in die Welt +bringt. + +Es war wunderbar genug, daß Anje ihn nicht fürchtete, denn sein Gesicht +verfinstere sich um so mehr, je mehr sie ihm ihre Liebe zeigte oder +darbot. Aber der Eifer der kleinen Anje ermüdete darüber nicht, ihre +Zärtlichkeit wuchs, und ihr kindliches Tun nahm überhand an demütiger +Weisheit der Liebe. Einmal legte er Anje seine Hand aufs Haar, in einer +Müdigkeit ohne Gedanken, aber er erschrak darüber, wie furchtbar die +Wirkung war. Das kleine Mädchen erschauerte und sank mit Zittern an +seinen Knien nieder, die blasse Wange gegen seinen groben Stiefel +gepreßt, wagte nicht sich zu rühren und sagte kein Wort. Es war, als +verginge sie in einer Ohnmacht, ihr Glück ertragen zu können. Gerom +erbebte und brüllte fast: + +»Steh auf! Was ist geschehen?! Steh auf!« + +Sie erhob sich und lächelte, ihre Lippen waren beinahe weiß. Sie +verstand den Zorn ihres Vaters und begriff, daß es erschüttern mußte, so +viel gegeben zu haben, wie er es getan hatte. Gerom ging mit großen +Schritten hinaus. + +Er würde wohl auf seine finstre und überlegene Art gelächelt haben, wenn +Onne ihm erzählt hätte, Anje sei das eigenwilligste und trotzigste Kind, +daß sich denken ließe. Aber die Alte hütete sich wohl, auch wollte Gerom +von niemandem etwas über sein Kind hören. Sie begriff das Verlangen nach +Liebe, das in dem kleinen Herzen Anjes brannte, und schirmte es heimlich +auf ihre Art. + +Einmal hatte Anje die Nacht in Onnes Hütte zugebracht, wie es oft +geschah, aber diesmal mußte Gerom es ein erstes Mal gewahr geworden +sein. Da Onne es mit dem Schlafen wie ihre Hühner hielt, sich mit der +Sonne niederlegte und sich im ersten Morgengrauen erhob, so ließ sie das +Kind noch ruhen, als das Licht sie aufweckte. Da sah sie nach etwa einer +Stunde beim Beerensuchen Gerom durch den Wald kommen, er brach im Lauf +durch das Unterholz in der Richtung auf ihre Hütte zu, wie ein Bär +stürmte er dahin, er schnitt die Wege ab und achtete nicht darauf, daß +das Buschwerk sein graues Haar verwüstete, und seine Blicke waren vor +Angst erstarrt. Als er Onne entdeckte, hielt er plötzlich inne, ging +langsam, strich über seine Schläfen, und die Alte sah ihn in seinen Bart +lächeln, als er bei ihr war, wie sie ihn nie hatte lächeln sehn. + +»Was ist geschehn?«, fragte sie. Die rote Morgensonne schien durch die +betauten Büsche in den Wald, und es tropfte von den Blättern. + +»Was soll geschehn sein?«, fragte Gerom düster und schaute auf das +dichte Moos des Waldbodens, er atmete schwer, aber er stellte die Frage +nicht, die sein Gemüt zerdrückte. Onnes welkes, altes Herz wärmte sich +in der Glut dieser Liebe, denn obgleich sie längst begriffen hatte, was +Gerom in den Wald trieb, sagte sie ihm noch nicht, wo sein Kind war. Als +er es erfuhr, brummte er wie nebenhin: »Anje ... mag sie schlafen, wo +sie will.« Aber von dieser Stunde an war Onne niemals wieder in +Besorgnis, die Liebe des kleinen Mädchens zu ihrem Vater möchte sich +jemals in Bitterkeit verkehren. + +Aber so sicherlich für gewöhnlich die Neigung eines jungen Gemüts in +Zärtlichkeit aufblüht, so eigenartig war es, daß Anjes Verlangen danach +sich nicht auf Hirte übertrug. Eigentlich hatte Hirte es beinahe +schlecht bei ihr, wenn er auch unter keiner Bosheit oder Willkür zu +leiden hatte, aber sein deutlich zur Schau getragenes Begehr nach +sinnfälligen Beweisen von Gunst fand keine Beachtung. Anje streichelte +ihn sehr selten, und nur dann, wenn er sich irgendwie verdient gemacht +hatte, oder wenn sie an alles andere und nur nicht an ihn dachte. Das +mußte ertragen werden, aber daß er schwer daran trug, sah man seinen +Augen an, wenn sie sich von untenher zu Anje emporrichteten, den Wulst +der Brauen ein wenig mithoben und sich in ihrer schweigsamen Sprache um +den Willen der gebannten Seele mühten. Nur wenn sie miteinander einen +schmalen Waldpfad beschritten, rieb er zuweilen seinen Kopf an Anjes +braunem Knie, das wurde aber in der Hauptsache nur deshalb geduldet, +weil es verständlich war, daß gern beide den Pfad benutzen, und weil +Hirte nicht voranlaufen sollte und nicht hinterhertrotten mochte. + +Eine Aufgabe, die Hirte sehr wichtig einschätzte und der er mit großer +Gewissenhaftigkeit oblag, war das Bewachen der Kleider beim Baden im +Gurdelbach. In solchen Augenblicken erschien ihm der Sinn seines Daseins +erfüllt, er wurde vor Ernst beinahe traurig und fast hochmütig vor +Stolz. Um Hirtes Wesensart ganz würdigen zu können, mußte man ihn an +diesem Posten gesehen haben, dessen Bedeutung ihm in keiner Weise +dadurch geschmälert wurde, daß Anjes ganze Kleidung aus einem grauen +Leinenkittel und einem Gürtel bestand und daß niemals jemand den Wald +betrat. Aber in solchen Augenblicken war das Kittelchen in Hirtes Augen +so gut wie ein Purpurmantel, und hinter jedem Busch vermutete er +Landstreicher oder Straßenräuber. + +Wenn alles still blieb, blinzelte er durch das Schilf nach Anjes gelbem +Haar und horchte auf das heitere Plätschern des Wassers. Man mußte beim +Lauschen den Kopf schräg halten und wenn möglich für kurz die Blicke in +eine andere Richtung schicken, damit einem nichts entging. Der Kittel +war noch da. + +Dann, wenn Anje ihr Bad beendet hatte und im Gras in der Sonne lag, +durfte Hirte baden. Er ging ein wenig abseits ins Wasser, weil dort die +Frösche noch nicht aufgestört waren, und man beobachten konnte, wie sie +mit einem langen Satz flüchteten. Dies tat Hirte wohl, weil es seine +Autorität erwies und ihn belustigte. Es erschien ihm außerordentlich +erstaunlich, daß man diese Tiere immer erst dann erblickte, wenn es zu +spät war, sie zu erwischen, und daß man sie niemals im Wasser +wiederfand. Allerdings machte Hirte nur noch scheinbar den Versuch, sie +zu schnappen, es hatte seinen Grund darin, daß es ihm vor Jahren einmal +gelungen war. + +Dann kam die Stunde im Ufergrün, wo sie nebeneinander in der Sonne +trocknen mußten. Es war herrlich, mit müden und glücklichen Blicken das +Schilf im sanften Wind bewegt zu sehn und das Blinken der Sonne vom +Wasser her mit in seine Träume zu nehmen. Alles verwandelte sich in ein +warmes Glück, das in goldgrünem Schimmer über die Erde zog. Der Himmel +kam herab, und der Boden wurde leicht, wie auch der Körper und die +Gedanken. Alle Gestalten verwandelten sich zu lichten Dingen und kehrten +frei in die Geheimnisse des Bluts ein, dessen Pochen zu verstummen +schien. Die Regungen der Luft wurden vernehmlich, wie ein Brausen aus +der Höhe, die Stimmen der Insekten und das Flüstern der Blätter ließen +sich verstehn, und das Licht schien zu erklingen. -- + +Je mehr Anje heranwuchs, um so weiter dehnte sie langsam ihre Streifzüge +in die Wildnis der Einöde aus. Ein Weg scheint kleiner zu werden, je +länger man ihn kennt, und Anjes Mut wuchs mit ihrer Selbständigkeit und +ihrer Kraft, auch war Verlaß auf Hirte, der immer dabei sein wollte, +wenn eine Entdeckungsfahrt unternommen wurde. Anje kannte nun die fahlen +Birkenbestände im Sumpfland, unter denen die Farne zwischen gestürzten +Stämmen im Modergrund wuchsen, sie kannte die schwarzen Seen im +Moorland, die in der leblosen Ebene lagen, und an deren toten Ufern +nichts grünte als ein scharfes Gras und im Hochsommer gelbe oder +violette Blumen, deren gedrängte Blüten an einem saftigen Stengel saßen, +und die vereinzelt, wie Wahrzeichen der Gefahr, im Sumpfboden hockten. +Gegen Osten zogen sich mit Weiden bestandene Gründe hin, deren Ende +niemand zu kennen schien, und gegen Süden der schwarze Tannenwald, +dessen Bäume so dicht standen, daß kein Sonnenstrahl bis auf den braunen +Nadelteppich fand. Nur die Abendsonne schien spät durch die hängenden +Zweige hinein, zwischen die Stämme am Boden und trug himmlische Wunder +voll dunkler Glut in seine Totenstille. -- + +Einmal war Anje mit Hirte in diesem Wald so weit vorgedrungen, daß sie +an der Landstraße anlangte, die ihn durchschnitt. Es war die alte +Heerstraße, die von der Dachenau hinüber ins Gorchinger Land führte. Ein +schmaler Graben trennte ihre Wagenspuren vom Tannenwald, an dessen Rand +sich im Schutz der tiefen Zweige Anje und Hirte ein Versteck bereitet +hatten, von dem aus sie den Gang der Welt und den Verlauf des großen +Lebens beobachteten und Erfahrungen von Bedeutung sammelten. + +Die Landstraße war vernachlässigt und wurde fast niemals mehr benutzt, +sie war bewachsen, und nur ihre zwei Furchen von den Rädern der Wagen +kennzeichneten ihre fast vergessene Bestimmung. Es kamen sehr selten +Gefährte vorüber und nur hier und da ein Landmann oder ein +Wanderbursche, vielleicht der Flurschütze oder sein Gehilfe oder ein +Tagelöhner, der sein Kalb auf den Gorchinger Markt trieb, aber diese +Ereignisse waren für Anje von großer Bedeutung. Mit Herzklopfen sah sie +schon von fern, im Dämmerlicht der Straßenbirken, ein bewegliches +Pünktchen nahn und in den Tannenwald kommen, und ihr Herz schlug hart +und langsam, wenn endlich ein Mensch daherkam und vorüberzog. Sie +verdankte ihrem geduldigen Eifer eine wichtige Errungenschaft ihrer +Kindertage, es war die Kunst des Singens. Eines Morgens war ein Wagen +dahergekommen, den sie schon von weitem knarren hörten, und sie hatten +laufen müssen, Hirte und sie, um rechtzeitig bei ihrem Versteck mit ihm +zusammenzutreffen. Es war ein schwerer Wagen, der von zwei gefleckten +Pferden gezogen wurde und mit grauem Tuch überspannt war. Der Fuhrmann +schritt nebenher, er hatte seine gelbe Peitsche geschultert und sang. +Die kleine Anje sah mit großen Augen durch die Tannennadeln und zitterte +vor Glück. Die mächtige Männerstimme scholl laut und traurig durch den +Morgen, es war Anje, als wäre alles Vertraute umher plötzlich verändert, +der Himmel, die grünen Tannenwipfel darin, ihre eigenen Hände und Hirtes +freundlicher Blick. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, und gab sich +hilflos den Segnungen der feierlichen Kraft hin, die ihr Herz bestürmte. +Sie versuchte zu verstehn, was der fremde Mann sang, eine beklemmend +traurige Erinnerung an ihre frühste Kindheit stieg dunkel, mit lichten +Gestalten, aus ihrer Seele empor. + +»Hirte,« sagte sie, »hörst du?« + +Hirte veränderte die Stellung seiner Ohren und sah Anje an. + +Sie schüttelte den Kopf und schob ihn fort, da er die Befangenheit +seiner Herrin zu benutzen suchte, um seine schwarze Schnauze in ihre +Hand zu bohren. Da verstand er, daß Großes vor sich ging, und saß still +und aufrecht. + +Der Gesang verhallte in der Ferne, und als der Morgen wieder still war +und nur die Häher riefen und aus der Birkenniederung der Kuckuck, +versuchte Anje zu singen. + +Hirte sprang auf und geriet in Verlegenheit, aber er mußte sich nun im +Laufe der kommenden Zeit bemühn, eine Stellung zu diesen seltsamen, +langgezogenen Tönen zu finden, die ohne Sinn der Worte und von +bedeutungsvollen Bewegungen der Hände begleitet, aus der Schattenwildnis +der Einöde zum Himmel emporklangen. Anje sang mit tiefer Kinderstimme, +wie das Wasser durch den Moorgrund zog und wie die Pflanzen sich gegen +das Licht drängten, sie erlöste die Klage der Stummen um sich her, +lernte vom Wind und vom Regen und legte in die wortlose Klage ihres +Liedes den Sinn der geduldigen Natur auf ihre Art. Sie bildete die Worte +für ihre Lieder selbst, und es klang aus der feuchten Kühle in den +Sonnenschein hinaus, ausklingend auf »öh« und »euh« in unbegreiflich +inbrünstiger Schwermut. Sie rief den Abend herbei und begrüßte die +dahinziehenden Wolken, sie beantwortete die verschleierten Stimmen aus +den Nebelgründen und dankte dem Mond. + +Bald gab es in Gorching ein neues Wunder des Moors, das man +abergläubisch mit den Geheimnissen der schaffenden Natur verband, und +das als das Wahrzeichen für die Erfüllung von Hoffnungen oder für das +Eintreffen von Befürchtungen galt: »Das Anjekind singt im Moor.« + + + + +Viertes Kapitel + + +Anjes Leben war glücklich. Sie bewegte sich unter den vielerlei +Lebewesen der Moorebene und des Waldes wie unter wohlwollenden +Gefährten, sie kannte die Pflanzen und wußte, wann ihre Knospen +aufbrachen, ob sie des Nachts ihre Kelche schlossen und welcherlei +Insekten sie besuchten. Sie fühlte den Regen kommen, bevor noch die +Kühle oder der Schatten ihn verrieten, und sah am Zug der Wolken, ob der +Wind wechseln und woher er kommen würde. Die Tiere und die Wolkenbilder +am Horizont verrieten ihr die Ereignisse der Natur, von den Bienen +erfuhr sie die Stunde, in der ein Unwetter hereinbrechen würde, und die +Vögel warnten sie im Walddunkel, wenn sie schlief. Sie wußte, ob der +Laut, den ein Tier gab, Freude, Schmerz oder Angst verriet, ob die +Geschöpfe der Fluren einander warnten oder lockten, ihre Gewohnheiten +verkündeten ihr die Anzeichen der Tagesstunden, bis spät in die Nacht +hinein. + +Anje hörte an den Regungen der Kreaturen, wann die Sonne unterging. Sie +lag mit geschlossenen Augen am Wasserrand des Moorsees, das Gesicht in +den Händen und die Hände im Gras. Sie wußte, daß die Sonne im Westen +schon tief stand, und lauschte. Dann fühlte sie die unhörbaren +Bewegungen, in denen das Wasser, Tiere, Pflanzen und Wind wie mit leisem +Aufseufzen sich der Nacht ergaben, wenn der Rand des glühenden +Sonnenballs versank. + +Da ihre Sinne Gemeinschaft mit den Sinnen der Lebendigen der Natur +hatten, so wertete sie die Wohltaten ihres freien Tags nach den +Ansprüchen ihrer stummen Lebensgefährten. Hirte hörte sie seltsame Dinge +sagen, und es wurde ihm mancherlei erklärt, von dem er, bei all seiner +Bescheidenheit, eine überlegene Meinung bewahrte. Anje erzählte ihm vom +klugen Licht, das alle Wege fand, und vom Wasser, das niemand verändern +könnte, die Luft ängstigte sich vor den Wetterwolken und sprang in den +Wald, und der Himmel war bald nah, bald fern. + +Anje hatte große Furcht vor allen Geräuschen, die nicht dem +selbsttätigen Leben der Geschöpfe entsprangen, die Stille der Natur war +das Element ihres Friedens, in ihr atmete und ruhte ihre kleine Seele. +Als sie einst zum erstenmal hörte, wie ihr Vater einen Ast zersägte, +weinte sie mit dem schreienden Baum. Erst viel später begriff sie die +scheinbaren Grausamkeiten, die sich mit der Erhaltung des Lebens +verbinden. Sie hatte lange den Marder gehaßt, der die Nester der Vögel +zerstörte und ihre Brut vertilgte, bis sie einst im Hochwald eine vom +Sturm gefällte Buche fand, in deren Stamm ein Marderpaar sein Heim in +einem verlassenen Eichhornbau errichtet hatte. Dort beobachtete sie, wie +der Marder seinen Jungen, die vor Furcht und Hunger jämmerlich klagten, +Nahrung brachte, und sie sah, daß es ein nackter Vogel war, den er ihnen +zutrug. Da begriff Anje zum erstenmal, daß die Natur des Mitleids und +der Hilfe des Menschen nicht bedurfte, was man ihr hinzuzufügen glaubte, +nahm man ihr gewiß an anderer Stelle. Anje empfand sich als zu klein, um +zu wissen, was zu tun notwendig war, dessen war nur ihr Vater mächtig. + +Aber sie herrschte im Wald und war ihrer Kräfte froh, die mit ihrer +Andacht wuchsen. Sie beobachtete die Ranken der Schlinggewächse, wie sie +sich geduldig drehten und im Wachsen nach einem Halt tasteten. Darüber +erkannte sie, daß ihre eigenen Augen wohlgeschickter waren, aber sie +half den Pflanzen nicht, sondern ließ ihnen ihr Wesen. Die Bäume, die +großen und kleinen, blieben ihr Leben lang an dem Ort stehen, der sie +hervorgebracht hatte, immer traf der Westwind die gleichen Blätter +zuerst, und immer dieselben Äste empfingen im Wipfel die Morgenglut. +Anje aber konnte schreiten, wohin sie wollte, sie konnte den Schein der +Sonne empfangen oder sich im Schatten bergen. Im heimlichen Glück ihrer +Kräfte versank ihr Blick oft im Gedanken an die Geduld der Bäume, die +schön und erhaben waren und denen nichts mangelte. Sie versuchte wohl +eine Weile wie ein Baum zu leben, stellte sich klein und feierlich +zwischen die großen Freunde und bildete mit ihnen den Wald. Aber sie +vergaß ihre ernsten Pflichten schon bei einem Schmetterling oder bei +irgendeinem Gedanken, der herangaukelte, wie jener. + +Zu ihrer größten Freude gehörte es, auf den Moorwiesen der Arbeit der +Insekten zuzuschaun, dem Eifer der Bienen, dem Spiel der Schmetterlinge +oder den Beschäftigungen der Käfer. Sie machte mit ihnen den sonnigen +Weg von einer Blume zur anderen und bebte vor Glück, wenn sie mit einer +Biene ein rotes oder blaues Blumenhaus betrat. Das farbige Licht der +duftenden Halle schlug auch über ihr zusammen, sie begriff die +Seligkeit, so licht zu hausen. Die kleineren Blumen neigten sich an +ihren Stielen, wenn ein geflügeltes Tier ankam, und so verband sich oft +ein gelindes Schaukeln mit ihrem sorglosen Tun. Trafen sich zwei in der +gleichen Blüte, so ließen sie einander vorüber, ohne sich zu stören, das +kam, weil der Reichtum an Blumen unermeßlich war. + +Die kleine Anje liebte den Ausblick in das ebene Land. In der Weite +erhoben sich die Kuppeln der Bäume vereinzelt oder in Gruppen, die das +Blau der Ferne geheimnisvoll zusammenschloß und verkleinerte. Das bunte +Bild des Landes unter dem Himmelsblau weitete ihr Herz in unsagbaren +Ahnungen von zukünftigem Geschehn. Gegen Süden verschloß das schwarze +Band des Föhrenwaldes die Welt. Dorthin zogen am Abend die Krähen, +deren Flug man am längsten mit den Blicken folgen konnte. + +Am meisten aber liebte Anje den Wind, der vom kaum vernehmbaren Flüstern +bis zur brausenden Musik anwachsen konnte, und der ihr das Leben der +Natur verherrlichte. Sie kannte seine Stimme in der Ebene und eilte über +das Feld seinem freien Singen entgegen, das ihre Arme in sinnloser +Freude emporriß. Er beherrschte den Himmel und lenkte den Gang der +Wolkenzüge, die er in grauen Massen über die Erde dahintrieb oder der +Sonne entgegen, in deren Wärme die weißen im Blau zergingen. Er bediente +sich der Baumkronen, um sein Brausen, das bis zum donnernden Getöse +anschwellen konnte, vernehmen zu lassen, und diesem Anschwellen lauschte +ihr Blut mit jauchzendem Erbeben. Wenn er sich zu seiner Gewalt erhob, +so befreite er die Sinne von den Gedanken und beflügelte die Seele, die +sich ihm vertraute, wie das Laub des Erdbodens oder wie der Staub der +Wege. Der Wind rief die Ahnung von einer Vollendung wach, die in keiner +Stille zu finden war. + +Er drang wie das Licht überall hin, und niemand entging seinen +Berührungen, die Leben weckten. Er konnte klagen und Trauer verbreiten, +bald schmeichelte er, bald drohte er, es war um so seltsamer, als man +seine Kraft kannte, und man verstand ihn nur, wenn man bedachte, daß er +ein Kind war. Oft kam er im Dunkeln der Sommernacht ins Zimmer, man +fühlte ihn auf der warmen Stirn, und er brachte den Schlaf, wenn er die +Augenlider berührte, weil darüber das Blut kühl und glücklich wurde. + +Oft zog Anje im Traum mit ihm hinaus, sie kühlten das Wasser für den +Morgen, schaukelten die Zweige der Büsche und kamen aus dem Wald in die +Ebene. Dort zogen sie unter den Sternen hin über die Moorseen, im +Dunkeln. Nach solcher Fahrt blieb ihr die Erinnerung zurück, als ob sie +den Wind erblickt hätte, den noch niemand gesehen hatte, aber sie wurde +sich keiner Einsamkeit bewußt. + + + + +Fünftes Kapitel + + +Als Anje so groß geworden war, daß Hirtes Schnauze bis an ihre Schulter +reichte, wenn sie nebeneinander im Ginster saßen, nahm die alte Onne +sich ihrer auf etwas veränderte Art an, denn Gerom ließ sein Kind tun, +was es wollte, er beschäftigte es niemals und lehnte, wo immer es war, +ihre Hilfe mit einer barschen Herablassung ab: was denn solch ein zartes +Ding rechtes tun könne, und ob man glaube, er würde nicht selbst mit +seiner Arbeit fertig. Diese Nichtachtung war nur ein Mantel, unter dem +er seinen Wunsch verbarg, Anje ungehindert von Tageslasten und +Menschenpflicht heranwachsen zu sehen. Sie war keineswegs schwach und +hilflos, wie er sie nannte, sondern, obgleich von zarten Gliedern, ein +gesundes Kind von blühender Kraft, aber Gerom verachtete die Menschen +und ihr Handeln, das er betört und armselig nannte, und gönnte ihnen in +ihrem Tun nicht die kleinste Gemeinsamkeit mit seinem Kind. Zwar +hinderte er Anje nicht daran, wenn sie Neigung zeigte, sich hier oder +dort zu beschäftigen, aber sie tat es selten und nur dann, wenn sie +dadurch in der Nähe ihres Vaters verweilen konnte. + +Gerom lebte der Vorstellung, daß alles Bewußtsein des Bösen und jede +Macht der Finsternis erst durch Menschengeselligkeit in die Welt +getragen würde. Als Onne ihm einmal die Zuneigung ihres alten Herzens in +Bewunderung für sein ernstes Leben darbrachte, antwortete er ihr ruhig: +»Es ist leicht gut zu sein, wenn man allein ist, die Natur nimmt uns an, +so wie wir sind.« + +Onne schaute vor sich hin, ihre grauweißen Haarsträhnen zogen sich arm +an den faltigen Schläfen hin und an den hohlen Wangen nieder, die die +Farbe welken Laubs hatten und unzählige Fältchen und Risse. + +»Gerom,« sagte sie, »das ist wohl wahr, aber wer die Kraft hat, die +Natur zu ertragen, dem kommt keine Gefahr mehr von den Menschen.« + +Gerom sah sie an. »Mütterchen ...« sagte er langsam, aber dann erschrak +er über den weichen Klang seiner Stimme und schwieg, und da Onne sich +darauf verstand, woher ein Wort kam und wieviel es bedeutete, begnügte +sie sich mit dieser Antwort und dachte in ihrem Sinn: Mit Gerom läßt +sich leben. + +In diesem Herbst kam Anje häufiger zu Onne als sonst, und eines Abends, +als sie schon die Holzläden der Fenster geschlossen hatten und ein +Scheitfeuer auf dem Herd angezündet worden war, ging Onne an ihre Truhe. + +Die kleine Anje wußte, daß dieser Kasten mit seinem groben Schnitzwerk +und seinem Schlüssel, dessen Bart fast so groß war wie ihre Hand, die +unerhörtesten Schätze enthielt, und ihre Augen wurden still und groß in +der Erwartung, was Onne tun wollte. Die Alte hob mit Mühe den schweren +Deckel und lehnte ihn an die Wand. Nun hielt das plumpe Holzungeheuer +seinen Rachen geöffnet, und Anje kam ein Zittern an, vor Scheu und +Begierde sah sie nichts als ein buntes Durcheinander, das vor ihren +Augen flimmerte. + +Draußen rüttelte der Herbstwind in den Bäumen, die Tannen sausten und +das Laubwerk rauschte; hin und wieder schlug der Laden mit leisem +Klappern an, und Hirte, der am Feuer saß, bewegte unablässig die Ohren, +und seine Augen waren voll Besorgnis. Der Raum war nur durch das +Herdfeuer erhellt, und im Spiel der Flammen erschien es zuweilen so, als +bewegte sich alles in ihm. + +»Onne,« flüsterte die kleine Anje; ihr war, als müßte sie Einhalt +gebieten, was konnte nicht geschehn, wenn man sich so tief in die Truhe +wagte, als es die Alte tat, die ihre beiden Hände bis auf den Grund der +Schätze hinabgewühlt hatte. Da bog sich Onnes braunes Gesicht über den +Truhenrand nach ihr zurück, und sie sah, daß es unter den grauen +Strähnen lächelte. + +Das Kind atmete auf. Den vergangenen Morgen über hatte sie der Alten +beim Ausbessern der Hüttenwand geholfen, so gut sie konnte, es mußten +Risse verstopft werden, und hier und da sollte ein Nagel eingeschlagen +werden, der ein morsches Brett halten mußte. Am Mittag hatte sie es +ihrem Vater erzählt, der dann schweigend ein paar Bretter auf seine +Schulter geladen, die große Säge über den Arm gehängt und den Hammer in +die Tasche geschoben hatte. So machten sie sich auf den Weg zu Onne. + +»Gib her,« sagte er, als er sah, daß Anje die Nägel trug, und nahm sie +ihr ab. + +Dann war ein gewichtigtes Hämmern und Sägen angegangen, Anje saß vor +Stolz glühend neben der Alten am Grabenhang und fühlte, wie groß und +stark ihr Vater war. Onne blinzelte in den Abendschein hinaus, und ihre +winzigen Äuglein leuchteten vor Zuversicht, nun mochte der Winter +kommen. Anje war später bei ihr geblieben, weil man nicht so rasch, und +vor allem schwer allein, mit dieser Freude fertig werden konnte. Es +mußte alles im einzelnen nachgeprüft und bewundert werden, wie die +Bretter paßten und schlossen und wie sorgfältig die langen Nägel +umgeschlagen waren. Als Gerom am Abend heimschritt, wandte er sich, +einen Augenblick zögernd, nach seinem Kind um, aber als er zwei eifrige +Angesichter, ein welkes und ein blühendes, in frohem Staunen vor einer +kleinen Falltür am Hühnerstall sah, die er dort angebracht hatte, +begriff er und ging fort. -- + +Und nun, bei diesem verheißungsvollen Lächeln der Alten über den +Truhenschätzen, war es Anje plötzlich, als ob etwas geschehen sollte, +das in einem Zusammenhang mit der Freude dieses Tages stand. Onne holte +aus dem Grund der Truhe ein Buch hervor, verstaute und verschloß alles +wieder sorgfältig und reichte das rötliche Ding von verblaßtem Glanz dem +Kinde zum Geschenk. + +»Hier steht es,« sagte Onne, nahm es zurück, blätterte und versuchte +dabei, ihrer Hornbrille Halt zu verschaffen, »hör zu, wie ich es lese: +>Um das weiße Schloß flogen in der Abendsonne die Schwalben, es lag auf +ebenem Gefilde, frei im weiten Land ...<« Sie stockte und gab ihren +Gläsern Schuld. »Ich kann es nicht mehr recht herausbringen, aber du +sollst sehn, du wirst es lernen.« + +Und zum nächtlichen Erbrausen des rauhen Waldes, der den Wind von der +Ebene her mit Gesang in seine Fittiche nahm, erblühte der kleinen Anje +an ihrem geschützten Platz am alten Feuer das Wunder, daß das Licht der +Menschengedanken in gebrechlichen Hüllen bewahrt werden konnte. + +Aber Anje hat niemals lesen gelernt. Sie hütete das kleine rötliche Buch +wie einen heiligen Schrein, der Reichtümer enthielt, aber sie trug kein +Verlangen danach, diese Schätze zu heben. Nur die Anfangszeilen des +Buchs, die ihr Onne gesagt hatte, blieben in ihrer Erinnerung bewahrt, +und ihr einfacher Inhalt beflügelte ihre Träume über die Herrlichkeiten +der fremden Welt. + +Es war zu Anfang des Buchs ein Bild eingefügt, auf dem unter einem +grünen Eichbaum mit braunem Stamm ein verwundeter Mann am Wege lag. Er +war nach den Gewohnheiten einer vergangenen Zeit gekleidet, mit einer +schmalen gelblichen Hose, die seine Beine seltsam lang erscheinen ließ, +und die sehr hoch hinaufreichte, bis an ein kurzes Jäckchen von grellem +Blau. Seine weißen Hände waren sehr schlank, und sein Gesicht war zur +Rechten und Linken von einem Streifen Bart eingerahmt, der von den +Schläfen ein wenig an der Wange entlang niederwuchs. Aus seiner Brust +rieselte in einer sorgfältigen Zickzacklinie ein Bächlein +himbeerfarbenen Bluts, färbte das Gras und verrann auf dem Fußweg, an +dessen Ende, am Horizont, klein, mit erhobenen Armen und weit +gespreizten Beinen zwei Männer davonliefen. + +Dieses Bild beschäftigte das Gemüt des Kindes ohne Unterlaß. Sie begriff +nicht, was die Menschen veranlaßt haben konnte, jenem Fremden die Brust +zu verletzen, so daß ihm sein Blut verrann und daß seine großen Augen +sich schließen mußten vor Schmerz oder Schwäche. Auch war niemand zu +sehn, der ihm hätte helfen können, und der große Eichbaum stand ruhig da +im Tageslicht. + +Sie zerdrückte eine späte Beere auf ihrer Hand, um den roten Saft auf +der Haut fließen zu sehn, aber er lief in einer graden Linie nieder und +tropfte ins Gras, es mußte wohl nur das Blut aus dem Herzen sein, das +solch gezackte Wege beschrieb. Da verletzte sie ihren Arm mit einem +Dorn, aber das Wunder des Bildes erfüllte sich nicht an ihr. Die +steigenden warmen Tropfen und ihr schmaler Weg zur Erde nieder, +versenkten sie in tiefe Nachdenklichkeit. + +Hirte hatte herausgebracht, daß Anje ein Buch besaß, und er betrachtete +von der Seite her das bunte Bild darin. Er unternahm den Versuch, mit +Hilfe seiner schwarzen Nase zu begreifen, was seinen Augen verschlossen +blieb; aber Anje hielt das Buch hoch. -- + +Langsam lichtete sich nun der Wald, und von Nacht zu Nacht schienen die +Sternbilder heller ins Moorland nieder. Anje lag am Waldrand und +schickte ihre Gedanken zu ihnen hinauf, es gab keine Hingabe von +größerem Frieden als die an die Sterne. Im Bereich ihres erhabenen +Lichts erschien es Anje, als würden die lebendigen Wesen der +Erdoberfläche einander gleich, und ihre Schicksale unterschieden sich +nicht mehr voneinander. Langsam glitt ihr Empfinden in ein Himmelsland +von grenzenloser Ausdehnung hinüber, und sie mußte singen. In der +Ergriffenheit ihrer Sinne war ihr dann oft, als müßte in der +Menschenbrust verborgen ein Heil von unnennbarer Art wohnen. + +Sie trat still aus ihrer Tannenfinsternis in die weite Nacht hinaus, +beschritt das Moor bis an einen der schwarzen Tümpel und sah die Nacht +im Wasser an. Andächtig reckte sie sich vor, bis sie neben den Sternen +am Rand des Wasserspiegels ihr Angesicht sah. + + * * * * * + +Im Winter schlief ihr Herz. Wenn der Schnee das Land bedeckte und die +Bäume und Pflanzen in seine reine Kühle bettete, sah sie im +wohlbestellten Haus ihres Vaters das Feuer im Kamin an, das ihr den +Sommer in ihre Erinnerung rief. Wohl kannte sie die Freude, in die +frische Klarheit eines Wintertags hinauszuschreiten, die Spuren der +Tiere im Schnee zu suchen, und die Ruhe des schlafenden Waldes als Glück +zu empfinden, aber ihr Lebensteil war nur der Sommer. Sie fühlte sich im +Winter verlassen und wünschte sich, schlafen zu können, wie es Tiere und +Pflanzen taten. Die Traulichkeit des gesicherten Wohnraums ängstigte +sie, und oft, wenn sie des Abends von Onnes Haus heimkehrte und den +rötlichen Lichtschein des Fensters durch den bläulichen Schnee schimmern +sah, war ihr zumut, als müßte sie umkehren, um den Tieren der +verlassenen Wildnis nah zu sein, und doch tat sie nichts zu deren Schutz +oder Ernährung. Gerom wunderte sich zuweilen im stillen darüber, wenn er +von seiner harten Holzarbeit im Winterwald ein erfrorenes oder +hungerndes Tier mitbrachte und Anje sah es nicht an. + +Aber mit dem Föhn erwachte Anjes Blut in einem seligen Fieber, die +Stimme des Wassers gewann Gewalt über sie, und sie lauschte ruhlos auf +den Wind. Mit den ersten Weidenkätzchen war sie von Geroms Hof +verschwunden, oft fand er im Wald sein Kind wie ein fremdes Wesen. Sie +weckt die Blumen, dachte er, weckt die Vögel. + +»Was tust du, Anje?«, fragte er sie einmal, als er sie im Weidengebüsch +am Moorrand traf. + +»Was ich tue?«, fragte sie langsam, hob ihre strahlenden Augen zu den +seinen empor und sah ihn an. Ihr Gesicht war ernst, und sie lächelte +kaum, aber es war Gerom ums Herz, als ergriffe sie mit ihren beiden +Armen den großen Frühling und schüttete ihn über sein Haupt. + +Rasch schritt er hinweg, und sein Fuß stampfte schwer im feuchten Grund. +Er riß ein paar blühende Weidenzweige ab und nahm sie mit. Was frag ich +auch -- im Frühling, dachte er, von uneingestandener Beglückung bis auf +den Grund seines Herzens bewegt. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Wenn im Sommerwind der Wald erbrauste, erhob sich Hirte, rückte den +plumpen Kopf vor und knurrte. Seine Augen suchten im Unsicheren der +bewegten Gründe, und oft drängte er sich an Anje und verriet Furcht. Das +Mädchen wußte, daß der Wald von unsichtbaren Gestalten bevölkert war und +verstand Hirtes Angst. Wie viele Menschen, die unter der Willkür +erzittern, die in den Unbilden der Witterung lauert, und die zugleich in +ihrem Unterhalt von der Gnade der Natur abhängen, glaubte auch Anje +daran, daß die geheimnisvollen Mächte der Natur in unsichtbaren +Gestalten einhergingen. Im ruhigen Sonnenschein hielten sie sich +verborgen, aber sie erwachten und erhoben sich mit dem Sturm, mit der +Dämmerung und mit dem Nebel. Sie waren je nach ihrer Art und Berufung +dem Menschen freundlich oder feindlich gesinnt, und man tat gut daran, +sie nicht zu erzürnen. Sie rächten ihren Unwillen an allen Wesen, die in +ihre Gewalt gerieten, oder sie befreiten die Bedrängten, nach ihrem +Willen. Es gab Orte, die deutlich von ihrem Aufenthalt Zeugnis ablegten, +und wer klug war, vermied es sorgsam, sie zu betreten. Sie hetzten das +Wild, das ihre Heimstätten entweiht hatte, in die Schlingen der +Wilderer, scheuchten die Sumpfvögel in verhängnisvollen Augenblicken aus +ihren Schlupfwinkeln auf, so daß sie sich durch ihr Geschrei den Jägern +verrieten, oder sie lockten Fremde durch ihre Nachtlichter vom Wege ab +in die Wirrnis des Dickichts oder ins Moor. + +Anjes Augen hatten sich an das geheimnisvolle Wesen dieser Lichter +gewöhnt, die von den Nachtgeistern plötzlich in ein Stückchen moderndes +Holz oder in ein Glühwürmchen verwandelt werden konnten. Sie wußte, daß +dieser tote Glanz ungewohnte Augen über seine Nähe oder Entfernung +täuschen konnte, sie hatte erfahren, daß solch ein Lichtlein den Blicken +oft als Schein in weiter Ferne am Waldsaum oder im Sumpfgrund erscheinen +konnte, während es doch in Wahrheit dicht vor den getäuschten Blicken +totenstill in einem Busch hing. + +Aber sie selbst fürchtete die Geister der unberührten Natur nicht, da +sie ihr Reich kannte und nach ihrem Willen lebte, sie hatte ihre +heimlichen Mittel gegen ihre Willkür und erkennbare Wahrzeichen ihres +Schutzes, zu denen das Feuer gehörte. Oft blieb sie nachts am Rand des +Tannenwalds, im weißlichen Birkenhain oder in den Weiden der +Niederungen. An solchen Orten hatte sie kleine Feuerplätze errichtet, +dürres Holz angesammelt, oder im Dickicht eine Laubwand gegen den +Nachtwind oder gegen den Mondschein geflochten, denn der Mond durfte +Schlafenden nicht auf ihre Lider scheinen, weil sie sonst am kommenden +Tage Träumen nachhingen und die Welt ihrer Vorstellungen sich mit der +Wirklichkeit vermischte. + +Wenn sie dort in der hereinbrechenden Nacht ihr Feuer hütete, hörte sie +die Stimmen der Tiere, die des Nachts leben, sie wechselten mit dem Gang +der Stunden und verstummten gegen Mitternacht. Dann kam die ruhigste +Stunde und endlich langsam das Licht. Dieser Wechsel der Nacht zum +Morgen hatte die größte Gewalt über Anjes Seele, es gab nichts für sie +in der Welt, was sie andächtiger stimmte, und er erfüllte ihr Wesen mit +einer feierlichen Traurigkeit. Ihr war zu Mut, als müßte ihr Herz in +zwei Teile zerbrechen, als hinge es dem Scheidenden nach und verlangte +zugleich mit derselben Stärke des Bluts nach dem Kommenden. Sie wurde +sich in solcher Stunde dessen bewußt, daß sie als Mensch allein ihr +irdisches Leben verbrachte, und hätte darüber in Tränen ausbrechen +können, wie erfüllt von Herrlichkeit dieses Leben war. Nur in dieser +Ergriffenheit überkam sie zuweilen auch der Gedanke an den Tod ihres +Leibes. Sie legte ihre harte kleine Hand, die vom Tau kalt war, auf die +Stelle ihrer Brust, unter der ihr Herz klopfte, und versuchte zu +begreifen, daß der Augenblick kommen sollte, an dem dies Pochen endete, +und an dem nur andere noch diese Glieder, die Hand und Füße, die ihr +gehörten, bewegen und betasten konnten. Der Gedanke, daß ihr Leib dann +dem Willen anderer überliefert sein sollte, füllte sie mit Schrecken, +sie beschloß, im Wald zu sterben, in unauffindbaren Gründen des +Dickichts unter Ranken und braunem Laub. + +Nach solchen Gedanken konnte sie den Tau von ihren Augenlidern +streifen, so still hatte sie dagesessen und so erstarrt hatten ihre +Blicke auf einem einzigen Punkt am Boden geruht. Oft war es ein +Tannenzapfen gewesen oder ein Farrenbüschel, und wenn sie am Tag, mitten +im Sonnenschein, ihre Augen schloß, erschien ihr dieser Gegenstand so +deutlich, daß sie glaubte ihn greifen zu können. Er trug noch die Spuren +ihrer Gedanken wie ein dämmriges Kleid und legte seine Schleier über das +tiefe Grau ihrer Augen. -- + +Es war noch früh, als Anje an einem Sommermorgen durch die nassen +Waldfarren den Niederungen des Gurdelbachs zuschritt, um zu baden. Als +sie in das Bereich des Schilfes trat, mußte sie vorsichtiger gehen, von +den grünen Halmen erhoben sich träge große Libellen mit schwarzblauen +Flügeln, es war so still in der Sonne, daß man das Rascheln ihrer Flügel +hören konnte. Wo der Birkenhain bis an das Ufer trat, machte der Fluß +eine scharfe Wendung, die Böschung war unterspült und der helle +Kiesgrund leuchtete durch das klare Wasser. Anje schlug einen losen +Knoten in ihr gelbes Haar, warf ihren grauen Kittel ab, der nur bis an +die Knie reichte, und trat langsam, Schritt für Schritt in die kühle +Flut. Eine Schlange wurde durch Anjes Kommen im Moordunkel der Böschung +aufgeschreckt, anfangs versuchte sie den überhängenden Uferrand zu +erreichen, kehrte dann aber um und schwamm über den Fluß. Die Strömung +trieb sie ein wenig ab, ihre gelassenen Bewegungen im Wasser zogen die +Blicke an, Anje betrachtete das Tier aufmerksam und ohne Furcht, bis es +ihren Augen entschwunden war. Dann ließ sie sich langsam rücklings +niedersinken, als vertraute sie sich den Armen Gottes an. Das Wasser +schlug für einen Augenblick über ihr zusammen, und als sie wieder +emportauchte und es aus ihren Haaren schüttelte, erschien ihr die Welt +zu einer neuen Klarheit wiedergeboren, der blaue Himmel strahlte bis an +den Grund ihres eilenden Herzens, der Wald schimmerte in Sonnenruhe, und +jede neue Welle trug eine Fülle von Frische und Licht. Die Berührungen +des Windes erweckten im Blut die fröhlichen Gewißheiten einer +Geborgenheit im lebendigen Erdengut. + +Als das Mädchen sich nach einer Weile erhob und ins flachere Wasser +trat, um ihr Haar zum Trocknen der Sonne hinzuhalten, sah sie einen +Menschen zwischen den Birken stehn. Er war noch etwa zwanzig Schritte +vom Ufer entfernt, die Farrenkräuter und das Schilf verdeckten ihn ihren +Blicken bis an seine Knie. Seine Hände waren etwas erhoben, er schien +wie erstarrt, der Ausdruck seines jungen Gesichts war von qualvoller +Spannung, von der sich schüchtern der Glanz eines großen Entzückens +abhob. + +Nun, da er sich von Anje entdeckt sah, verwandelte sich der Ausdruck +seines Gesichts in Unsicherheit und Befangenheit, er hob den Arm und +rief etwas. Es klang wie eine Bitte um Verzeihung, Anje verstand ihn +nicht, sie empfand auch nicht, daß alles am Gebaren dieses Fremden davon +sprach, daß er nicht zu glauben wagte, was sich seinen Blicken darbot. +Er starrte das Mädchen immer noch voll Angst und Hoffnung an und begriff +diese Ruhe ohne Scheu nicht, in der sie ihn mit unverwandtem Blick +beobachtete. Es erschien ihm, als habe er ein Tier des Waldes +aufgestört, das zwischen Schreck und Furcht verharrte, um im nächsten +Augenblick in blinder Flucht durch die Büsche zu brechen. + +Aber es geschah etwas ganz anderes, als er sich einen Schritt näher +wagte, gewahrte er, wie das Mädchen sich ohne ein Wort der Abwehr und +ohne eine Gebärde der Furcht langsam niederbückte. Dann sah er ihren +Körper in einer Bewegung von herrlicher Freiheit jählings erhoben, +gestrafft und vorgebeugt, und ein großer Kieselstein prallte dicht neben +ihm mit lautem Schall an den Stamm einer Birke. Und ehe er sich recht +besann und die Gesinnung ermaß, die hinter dieser Haltung sein möchte, +traf ein zweiter, faustgroßer Stein seine Schulter. Es war ihm, als wäre +der furchtbare Schmerz, der ihn fast niederwarf, aus einem blitzenden +Sprühn, aus goldenem Licht eines beschützten Hauptes und aus silbernem +Glitzern eines gepanzerten Körpers zu ihm gesandt worden, er schrie laut +auf und taumelte ein paar Schritte voran. Er verstand seine eigenen +Worte nicht, die Wut und Begierde und tödlichen Schreck verrieten. »Wer +macht so grobe Scherze, die das Leben gefährden«, schrie er. Er begriff +nicht, daß die festen Züge vor ihm weder Scham noch Furcht verrieten und +auch nicht einen Schein jener Besorgnis, die er erwartete und die ihn +ermutigt hätte. Im Gesichte des Mädchens las er einzig den Wunsch, mit +dem Stein zu treffen, den sie gelassen, beinahe behaglich, in ihrer +braunen Hand wog. + +Dieser Stein traf ihn im Winkel seines Auges, zwischen der Schläfe und +dem Backenknochen. Er sank lautlos, ohne noch eine Bewegung zu machen, +mit dem Gesicht in die Farrenkräuter. + +Anje ging langsam, aber ohne Zögern, durch das Schilf auf den Gefallenen +zu. An ihrem Körper rann das Wasser glitzernd nieder und blinkte auf in +dieser Halbsonne, wie sie unter dem Laub der Birken herrscht. Die +Schattenschleier gaben dem Licht einen unwirklichen Schein, Anjes nasses +Haar lag wie Gold auf ihrer Schulter. Diese Goldlichter huschten über +ihren ganzen Körper hin und hüllten ihn ein. + +Der Fremde lag totenstill im Farren. Eine kleine Spinne kroch hastig +über seine Schulter, und die Hand lag breit gespreizt auf einem +Moospolster. Anje sah nun, daß er ein Gewehr trug und einen Hirschfänger +am Gürtel. Um das Gesicht zu sehn, mußte sie seinen Kopf wenden, und sie +tat es vorsichtig und neugierig. Die Wunde entstellte sein Gesicht, das +ihr ebenmäßig, aber wesenlos erschien, sie ließ seine Haare beinahe +verächtlich los, als der erloschene Blick aus den halbgeschlossenen +Augen ihr begegnete. Da sie Blut von der Schläfe rinnen sah, +durchsuchte sie seine Taschen nach einem Tuch, und als sie es gefunden +hatte, verband sie den Besinnungslosen mit Sorgfalt, wie sie es bei +ihrem Vater gesehn, wenn seine rauhe Arbeit ihm Schaden getan hatte. +Dann holte sie ihren Kittel, bekleidete sich und trat gelassen den +Heimweg an. + + * * * * * + +So kam Anje in Fridlins Leben. Er drängte sich ihr mit dem gedankenlosen +Eigensinn seiner Jugend seit diesem Tage auf und vergaß sie um so +weniger, als er nicht begriff, wie leicht er ihr verzeihen konnte. In +der Försterei, in der er bedienstet war, erhielt er damals bald +Auskunft, der Förster selbst lachte belustigt, aber ein wenig +verächtlich, und nahm sich später den jungen Menschen für ein besonderes +Gespräch beiseite, und die Mitteilungen, die dabei gemacht worden sind, +mußten sehr ernster Natur gewesen sein, denn sie stimmten Fridlin für +lange Zeit nachdenklich. + +In der Küche wußten die Mägde später weit besser Bescheid, der junge +Mann hörte mißmutig zu, aber er konnte sich nichts entgehen lassen, +obgleich er die Torheiten verachtete, die über Gerom und sein Kind im +Lande in Umlauf waren. + +»Was wollt ihr denn,« sagte er mürrisch, »sie wird ein Mädchen sein, wie +alle anderen.« + +Fridlin lehnte im Türrahmen, im grünen Lindenlicht, das durch den Hof +auf die sauberen Geräte der Küche sank und auf die nackten Arme der +hantierenden Frauen. + +»Du mußt es ja erfahren haben,« gab die junge Magd zur Antwort und sah +Fridlin besorgt und aufmerksam an, »geh nicht mehr hin, so viel sag' +ich.« Und sie lachte und sah auf die Beule in seinem Gesicht, die ihn +entstellte. + +Was er beim Förster, seinem Dienstherrn, gehört hatte, war ihm +bedeutungsvoller. Gerom wilderte. Er stand schon seit lange im Verdacht, +und wenn Fridlin bisher nicht darüber unterrichtet worden war, so war es +mit Vorbedacht unterblieben, da der Alte den unbesonnenen Eifer des +Burschen mißachtete. Er kannte Gerom und wußte, daß mit ihm nicht zu +scherzen war, daß er niemand fürchtete und daß ihm sein eigenes Leben +gering galt. Er selbst hatte bisher kaum mehr getan, als dieses Gelüste +des verwilderten Mannes, wie Gerom ihm erschien, nach Möglichkeit in +Grenzen zu halten, denn er wußte wohl, daß Gerom kein Gewerbe aus seinem +Raube machte, sondern daß er um der Gefahr und Freiheit willen jagte, +die die Jagd, wie sonst kaum etwas, mit sich bringt. + +Es kam hinzu, daß Gerom den Wildbestand nicht unvernünftig gefährdete, +sondern sinnvoll und mit dem Anstand des gerechten Weidmanns vorging; so +viel ließ sich leicht feststellen. Und deshalb liebte der Förster, der +ein guter Jäger war, Gerom mit Bewunderung und Neid verbunden. Gerom war +ihm an Geduld überlegen und nicht weniger in seinen Kenntnissen der +Waldwelt, und da alle Gewerbe, deren ursprüngliche Ausübung sich mit den +Darbietungen der Natur verbindet, Edelmut und Großzügigkeit bewahren, so +duldete der Förster Geroms Treiben, beinahe ohne daß dieser Schritt +gegen sein Pflichtbewußtsein ihn im Gewissen bedrängte. Es kam jenes +Gefühl hinzu, das alle Herzen im Lande bewegte, soweit Gerom und sein +Schicksal bekannt waren, daß dem Manne vom Leben bitteres Unrecht +geschehen sei und daß er freiwillig eine Strafe, über die menschliche +Gerechtigkeit hinaus, zu verbüßen schien. + + + + +Siebentes Kapitel + + +Es war an einem Herbstmorgen, als der Pfarrer von Gorching ins Moorland +hinabschritt, um die Leute dort zu besuchen, die zu seiner Gemeinde +gehörten. »Meine drei Heiden«, sagte er. Er kannte Geroms Geschichte, +und ihm war viel Widerspruchsvolles über Anje zu Ohren gekommen. Es ging +ihm, wie es Leuten seiner Art und seines Berufs leicht zu ergehen +pflegt, er vermutete hinter unverständlichen Dingen das Wirken des +Bösen, und seine Meinung war, daß das Gute und das klar Verständliche +immer das gleiche sein müßten und Hand in Hand gingen. Er selber schien +einen Teil dieser einfachen Erkenntnis darzustellen, denn seinem +schlichten Sinn ordnete sich die Welt nur in solchen Begriffen, die er +mit seinen Handlungen in Einklang zu bringen vermochte. Dabei war er ein +Mann von Klugheit und Nachdenklichkeit und glücklich genug, für die +erste dieser Eigenschaften nicht zu viele Gedanken und für die zweite +nicht zuviel Verstand zu besitzen. Das mochte ein Grund dafür gewesen +sein, daß er sich geduldig in das vergessene Dorf Gorching senden ließ. +Man hatte ihn auf seinem städtischen Posten nicht brauchen können, weil +er nicht in der Lage gewesen war, den Menschen gegenüber jene Strenge +aufzubringen, die als heilsam gilt. + +Auf seinem einsamen Weg in die Einöde gestand er sich ein, daß es eine +heimliche Scheu gewesen war, die ihn bisher davon abgehalten hatte, +Gerom zu besuchen, aber je länger er in Gorching weilte, um so mehr +empfand er, daß eine bedeutungsvolle Einwirkung aus dem Moorland her auf +den Gemütern lastete. Ihm war es oft erschienen, als erhöbe sich mit dem +Dunst der Abende aus dem Sumpf der Einöde auf grauen Schwingen das +Gespenst des Aberglaubens und schliche in die Hütten und Herzen seiner +Menschen. Je mehr man es ihm zu verbergen trachtete, um so mehr +beschäftigte es ihn. Was hatte mit dem Seufzer eines Verscheidenden, an +dessen Schmerzensbett er gesessen, das Anjekind zu tun? Und was hatte +Elsbetha bei der alten Onne zu schaffen, als ihr Mißgeschick widerfuhr +und sich in Gorching niemand ihrer annahm? Seinen Fragen wich man aus, +und seine Ermahnungen stießen auf einen Trotz, aus dessen Grund die +verschwiegene Überlegenheit der Verstocktheit sah. + +Da es ein Freitag war, an dem er sich auf den Weg gemacht hatte, so kam +es, daß er nach einer guten Weile der alten Onne begegnete, die hinter +ihrem Wagen her nach Gorching humpelte. Er redete sie an, und ihm wurde +über ihrem Anblick heiter zumut, aber er verstand ihre kargen Antworten +kaum. Als er nach Gerom fragte, lachte sie ihn an, drückte sich noch +mehr zusammen, als die Jahre sie ohnehin eingepreßt hatten, und öffnete +ihren Mund, so daß ihr einer schöner Zahn, auf den sie sehr stolz war, +aus den dunklen Landschaften ihrer Kiefern funkelte. Er solle nicht +gehn, so viel ließ sich verstehn. Da der junge Pfarrer merkte, daß sie +wohl begriff, was er selbst sagte, begleitete er sie ein Stückchen Wegs +zurück, wobei er hilfsbereit ihren Wagen ergriff, um ihn zu schieben; +aber Onne brauchte den Wagen als Stütze, und er mußte ihn ihr +zurückgeben. Dabei dachte er, nicht eben gesicherter in seinen +Absichten: So kann es uns bei den Wohltaten ergehen, die wir zu erweisen +glauben. + +Aber dann sprach er liebevoll und mit großem Ernst zu ihr; die heimliche +Beschämung, die er empfand, wenn er ihr eingeschrumpftes Gesicht sah, +das kaum noch einem Menschenantlitz glich, ließ sich durch den +beglückenden Eifer seiner Überzeugung verdrängen. Dann wieder mußte er +sich sagen: Ist sie dem Vater im Himmel nicht näher als du? + +Nun blieb sie stehn und antwortete ihm etwas, der Pfarrer beugte sich zu +ihr nieder, denn es verlangte ihn sehr danach zu wissen, welchen +Widerhall seine wohlmeinenden Worte in ihr weckten. Es war ihr wichtig, +sich verständlich zu machen, so viel war sicher. Nach langer Mühe hatte +er sie verstanden. Ob er Pilze brauchen könnte ... + +Die Birken warfen schon ihr empfindsames Laub ab, es sank durch den +Sonnenschein in die Gräben nieder, die sich nach dem letzten Regen zu +beiden Seiten der Straße gebildet hatten, spiegelte sich im Fallen und +ruhte im unbewegten Schwarz des Wassers vom Sommerwind aus. Das Moorland +wurde immer öder, als nun der Pfarrer weiterschritt, die Steppen hatten +sich gelbbraun gefärbt, von einem warmen Kupferton untermischt, gegen +den die weißen Birkenstämme schimmerten. Mit niedrigem Gebüsch, das im +Dunst lag, begann in der Ferne das verwilderte Waldland der Einöde. Die +Welt erschien unermeßlich groß und verlassen. + +Es begegnete ihm niemand mehr. Ratlos stand er endlich vor der +Sumpfwildnis der Einöde, nirgends war ein Pfad zu sehen, das Buschwerk, +die Erlen und Birken standen im seichten Wasser, das Schilf sirrte leise +im Wind, und mit jedem Schritt wurde das Dickicht undurchdringlicher. Er +erblickte Schlingpflanzen, die er niemals gesehn hatte, und im +Moorwasser blühten immer noch kleine weiße Blumen mit zarten Stielen. +Umgesunkene Stämme vermoderten zu warmem Schutt, der glomm und duftete, +und nichts rührte sich als der Luftzug über dem Wasser. Wild und traurig +hauchte es ihm entgegen und wies ihn ab; er atmete auf, als er nach +einer Weile wieder auf dem gesicherten Boden der Landstraße in der Sonne +stand. + +Um seiner Erleichterung willen befiel ihn ein Gefühl von Beschämung, er +begriff nicht, daß die Atemzüge der unberührten Natur ihm Entsetzen +einzuflößen vermochten. Als er wohl eine halbe Stunde lang am Moorrande +der Einöde dahingeschritten war, erspähte er eine Lichtung jenseits des +kleinen Bachs, der träge am Rand seiner Straße floß, und er sah in einem +Weidengebüsch drei behauene Fichtenbalken, die eine Brücke bildeten. +Jenseits lief eine schmale Wagenspur durch das Gras, und ein wenig +weiter war deutlich ein Waldpfad erkenntlich. Der Pfarrer erinnerte sich +Onnes Gefährts, diesen Weg mußte sie gekommen sein, und er beschloß ihm +nachzugehn. + +Die Sonne, die nun verhangen war, hatte ihren Höhepunkt am Himmel +erreicht, so daß es gegen Mittag sein mochte. Geroms Ansiedlung lag eine +Stunde vom Weg entfernt, und der Pfarrer hoffte, sie in diesem Zeitraum +erreichen zu können. Der Waldpfad wand sich durch Dickicht und über +Sümpfe dahin, zuweilen hart am Rand eines Flusses durchs Schilf, dies +mußte der Gurdelbach sein. Onnes Behausung lag schon hinter ihm, sie war +ihm entgangen, wie den meisten, die das Moor betraten, ehe der Herbst es +gelichtet hatte. + +Dem Schreitenden war zumut, als dränge er mehr und mehr in die Bereiche +einer ganz neuen Welt vor. So mag es von Ursprung her auf der Erde +gewesen sein, dachte er. Es bedrängte ihn eine Scheu, die ihm zuweilen +den freien Atem benahm, und er fürchtete sich vor dem Geräusch seiner +Schritte. Der Weg führte über eine morsche Holzbrücke, die ohne Geländer +und grob gefügt war, jenseits in einen Tannenwald. Im roten Dämmerlicht +zwischen den alten Stämmen, die sehr dicht standen, vernahm er auf dem +Nadelteppich den Klang seines Fußes nicht mehr. Es war totenstill umher, +auf dem Boden wuchs kein Hälmchen, alles schien in der Grabesruhe +erstorben zu sein, die herrschte. Hier und dort hatte ein scharlachrot +leuchtender Pilz sich aus dem Nadelteppich erhoben. Es kam ein +Birkenwald, dessen weißliches Moderlicht unwirklich glomm nach der +dunklen Versunkenheit der Tannennacht. Ihm kam dieser Schein wie jenes +tote Leuchten vor, das er aus seiner Knabenzeit kannte, wenn er, lange +im Sonnenschein liegend, die Augen geschlossen hatte und sie dann +öffnete. Der Boden war hügelig und voller Sumpflöcher, weiße Stämme, die +umgesunken waren, faulten im Grund, der fahle Silberhauch dieser +Waldferne betörte das Auge, er wirkte bald nah, bald unerreichbar fern. + +Da lauschte er beklommen auf, die Einöde erklang. Er begriff nicht, was +ihm zu Ohren drang, und ein jähes Entsetzen ließ sein Blut stocken; er +griff an sein Herz, und ein Zittern kam ihn an. Es tönte melancholisch +und in wortlosen, beinahe tierhaften Klagelauten auf und schloß weich +und trauervoll in einem langgezogenen, unaussprechlich holden Versinken +der Klänge in Wind und Weite und Dämmergrün. + +»Was ist das, was ich höre?« stammelte er und fühlte, daß seine Lippen +kalt und leblos wurden. Er verstand nicht, was ihn an diesen gesungenen +Tönen so mächtig ergriff, diese Klage kam fremdartig heran, menschlich +und doch wie aus Bereichen des Unbewußten, aus dunkler Ferne und doch +vertraut. + +Da sah er am Ufer des Gurdelbachs ein Mädchen sitzen, sie war es, die +gesungen hatte, ein unscheinbares Geschöpf, beinahe noch ein Kind, mit +hellem Haar und in einem grauen Kittel. Als er auf sie zutrat, sah sie +ihn an, ohne mehr zu rühren als den Kopf, den sie ihm langsam zuwandte. + +Anje Gerom konnte es nicht sein. Er stand noch im Bann des seltsamen +Singsangs, den er eben gehört hatte, und sein Blut gaukelte ihm törichte +Bilder vor. Anje Gerom ist ein großes Mädchen im weißen Gewand, mit +langem Blondhaar und einem feierlichen Schritt, dachte er. Sie ist +schlank und würdig, die Rehe flüchten nicht, wenn sie einherschreitet, +und ihre milden Augen streun Frieden aus, wie der Mai Blumen. Jedoch +dies dort ist eine kleine Wildkatze, sie schaut mich an, als dächte sie +an ihre Krallen, und sie ist häßlich, weiß Gott, recht häßlich ist sie. +Ihre tiefe Stimme klang ihm im Blut nach. Es ist das Kind eines +Torfstechers, dachte er unsicher, und plötzlich zog es ihm durch den +Sinn: die Sonne scheint, sei gepriesen, Vater im Himmel. + +Er trat auf das Kind zu. + +»Ich möchte das Haus Vinzenz Geroms finden, wer bist du, Kind? Sieh mich +an.« + +Das Gesicht des Mädchens, das nun nah vor ihm am Hang kauerte, blieb +ruhig und unberührt. Was konnte dem Pfarrer daran gelegen sein, es zu +würdigen? Menschen, deren Einfluß wahrhaft bedeutungsvoll werden kann, +fallen uns für gewöhnlich nicht sonderlich auf, weil die Gebärde der +ruhenden Kraft in den meisten Fällen arglos ist. + +»Ich möchte Geroms Haus finden,« begann er etwas unsicher von neuem, +»kannst du mich führen?« + +Das Mädchen betrachtete ihn eine Weile stumm und sagte dann einfach: +»Ja.« + +Er setzte sich ihr gegenüber, kaum daß er es gewollt hatte, nun war es +geschehn und mochte so bleiben. Das Wasser zog mit leisem Rauschen +dahin, es flimmerte durch das Schilf, das sich nicht bewegte, die Bäume +standen auf stillem Grund, ließen den Duft des Waldes aus und den +gedämpften Sonnenschein ein. Das Mädchen ließ sein Handeln zu und +betrachtete ihn ohne Neugierde, wie es ihm schien, und ohne Scheu; aber +alles umher, wie auch sie selbst, ließ ihn eigenartig allein. Er sah +sich um, als suchte er nach irgendeinem Beistand, endlich fragte er sie, +wer sie sei, und sie antwortete ihm: + +»Ich bin Anje, Geroms Kind.« + +Ihr gelbes Haar war heller als der feine Ton ihres Gesichts, es wirkte +fast grell und schien ein wenig rauh, obgleich es im Licht glänzte, man +hätte mit der Hand darüber hinfahren müssen, um es zu prüfen. Ihre +Stirn war niedrig und die Augen lagen etwas schräg, als hätten die +zarten Backenknochen, die deutlich sichtbar waren, sie in den äußeren +Winkeln um ein kleines emporgedrängt. Was machte ihr Gesicht so rührend +hilflos? Sicher nicht der breite Mund oder die kindliche Nase, die +beinahe etwas frech wirkte, nein, es waren die Linien ihrer Wangen und +das kleine Kinn. + +Eigentlich ist sie häßlich, sagte sich der Pfarrer finster, aber man muß +trachten, ihr Liebes zu erweisen, sie wird dankbar dafür sein. Der +zierliche Körper ... + +Er hielt in seiner Betrachtung jählings inne, verwirrte sich und +stammelte in großem Ungeschick, es wäre Zeit, es sei gut, gleich +aufzubrechen, denn der Weg wäre recht lang. Dabei verfiel er in einen +derben und väterlichen Ton, dessen er sich zugleich schämte. + +Es blieb feierlich still im Wald, Anje hatte ihre Haltung geändert, er +sah ihre bloßen Füße im Moos. Er selbst war aufgestanden und hatte sich +an den Stamm einer Birke gelehnt. Mit gerunzelter Stirn, und scheinbar +ernst mit sich selbst beschäftigt, sah er forschend in die Waldferne, +aber seine große Hand verwirrte sich an seiner Halsbinde und an seiner +Stirn. + +»So komm denn nun ...«, sagte er streng. + +Ein kleiner Ast fiel aus dem Baum nieder, unter dem die beiden warteten, +er sank auf eine bemooste Stelle des Waldbodens, um dort für immer +liegenzubleiben, geduldig zog das Wasser seinen Weg und die Sonne sah es +an. + +Es war dem jungen Pfarrer von nun an, als führte ein fremder Wille ihn +geheimnisvoll durch ein unbekanntes Reich. Er entsann sich später der +Ereignisse, die nun eintraten, wie man an die unbegreifliche Klarheit +eines Traumbilds zurückdenkt, und doch ist alles einfach und +verständlich gewesen; sein Gang durch die Schwüle des Walddickichts, der +Ruf der Sumpfvögel und Anjes weicher Tritt. Er hatte sich über ihren +Eifer gefreut und über die besonnene Sicherheit ihres Tuns. Sie ging +immer vor ihm her und sprach nicht, bald sah er ihre Gestalt in den +gelbgrünen Rutennetzen der Weidenbüsche, dann glitt sie zwischen dunklen +Stämmen dahin, unverständlich hell in der Schattendämmerung des großen +Walddoms, den Glanz des gedämpften Sonnenscheins in ihren Haaren. Aber +mehr und mehr war ihm, als gelte es, Unnennbares zu verstehen und dem +Herzen zuzuführen, ein quälendes Unbehagen in seiner Brust nahm +überhand, und ihm erschien es, als kämpfte sein Herz in ziellosem +Drängen vor unsichtbaren Hindernissen um verlorene Rechte. + +»Führst du mich zu deinem Vater?«, fragte er einmal beinahe bescheiden, +sie gingen nun schon viel länger als eine Stunde. Sie sah sich um, blieb +stehn und ließ ihre Augen in seinen ruhn, ein lebendiges Rätsel tat sich +ihm stumm in unschuldigem Glanz auf. + +»Nun?«, fragte er überfreundlich und griff fast täppisch zu, »wollen wir +Hand in Hand gehen?« Sie war ihm schon wieder um vieles voraus. »An +diesem schönen Tag ...«, fügte er noch hinzu, und fast wäre er über eine +der Baumwurzeln gestolpert, die wie Schlangenleiber aus dem weichen +Boden quollen und in die Farne krochen. Nein, dazu war sie schon viel zu +groß. Als er nach einer Weile auf besserem Boden ein wenig aufatmete, +ging er ernstlich mit sich zu Rate, auf welche Art für die Erziehung +dieses Mädchens etwas getan werden könnte. + +Aber als im Sumpfgelände, nach einer langen, vielfach verschlungenen +Bahn, sein Fuß in den feuchten Boden einsank und er, mit beiden Armen +die Zweige der Lärchen und das Buschwerk zerteilend, mühsam durch das +schilfartige Gras dahintappte, war Anje plötzlich verschwunden. Er rief +laut ihren Namen, aber er erhielt keine Antwort und fand sich nicht mehr +zurecht. + +Erst am Mittag des kommenden Tages gelang es ihm, sich mit großer Mühe +und zu Tode erschöpft nach Gorching zurückzufinden; die Nacht, die er in +Angst und Unfrieden allein in der Wildnis verbringen mußte, ließ einen +Schatten ihrer Finsternis in seinem Gemüt zurück. Erst viel später in +seinem Leben, als längst das Anjekind nicht mehr sang, lernte er ein +karges Lächeln bei der Erinnerung an diese Begegnung, aber dieses +Lächeln war von jener Wehmut, mit der die Natur die Menschen trösten +kann, deren Gemüt sie den Ausweg zu Klarheit und Vollendung +verschließt. + + + + +Achtes Kapitel + + +Eines Nachts erwachte Anje und sah im Mondlicht ihren Vater aus der +Haustüre treten und den Himmel mustern. Er trug eine Jagdbüchse in der +hängenden Hand und ein Gewand, das ihn verjüngte und zugleich +entstellte. Hirte versuchte sich anzuschließen, aber er wurde +gleichgültig zurückgewiesen. Gerom schritt durch die Tannenbestände, am +Holzschuppen vorüber, den Niederungen des Gurdelbachs zu. Nur Anje +kannte, außer ihm, diesen Pfad, der für andere unzugänglich war, denn er +führte durch Sümpfe am Ufer eines Altwassers hin, man mußte über +gesunkene Baumstämme klettern und genau wissen über welche, da manche +von ihnen nachgaben und sanken. + +Anje kannte keine Furcht um ihren Vater, aber sie schaute nachdenklich +in das Mondlicht hinaus, das ruhig, wie Schnee, auf dem niedrigen +Teerdach des Holzschuppens lag. Im Wald schimmerte es zwischen den +hohen Stämmen und wandelte ihre Größe in machtvolle Bedeutung um. In +blaugrauen Kuppeln schimmerte die feuchte Ferne, und ein Geruch von Teer +und Fäulnis schaukelte bald wärmer, bald kühler durch die Monddämmerung +heran. Ab und zu fiel ein Tropfen in das welke Bodenlaub. + +Anje dachte an die große Welt, die außerhalb ihrer Stille im Wald, in +den Fernen war. »Um das weiße Schloß flogen in der Abendsonne die +Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten Land ...« Ihre +Gedanken beschäftigten sich ohne Verlangen mit den Dingen, die es außer +ihrer Waldheimat geben mußte, sie fühlte sich glücklich in der +Gewißheit, daß der Wandel der Menschen auf Erden reich und mannigfach +war. Sie holte ihr Buch herbei und ließ den Mond in seine Seiten +scheinen, ihre Augen ruhten ernst auf den Zeilen, die die unbekannten +Güter bargen und bewahrten; geheimnisvoll schwieg das Buch, wie draußen +der Wald. + +Am Tage war Fridlin bei ihrem Vater gewesen. Sie hatte in den +vergangenen Wochen den jungen Mann oft im Walde getroffen, aber niemals +mit ihm gesprochen, obgleich sie fühlte, daß er es wollte. Er störte +sie und raubte ihr ihre Ruhe, aber sie verriet ihn nicht an ihren Vater. +Nun war er gekommen. Anfänglich klang nur seine Stimme, aufgeregt und +abgerissen, als müßte er um jedes Wort kämpfen, dann sprach ihr Vater, +und Fridlin schwieg, eingeschüchtert durch die derbe, harte Antwort. Sie +sah ihn hinausstürmen durch den Wald und wußte, daß er nicht wieder zu +ihrem Vater kommen würde. + +Am Abend sah ihr Vater sie an. Alle Freude umnachtete sich ihr in der +Traurigkeit, die ihr in einem raschen Blick begegnete. In diesem Blick, +den Gerom nicht hatte sehen lassen wollen, kam die erste Ahnung des +Abschieds zu ihr in einer Bedrängnis von unendlicher Hoffnungslosigkeit. +Ihr war zum erstenmal in ihrem Leben, als ob es Gewalten auf der Erde +gäbe, denen keine Menschenkraft gewachsen ist, und sie mußte an den Tod +denken. Und doch lag im Gesicht ihres Vaters der Schein einer heimlichen +Gewißheit. Er sprach nicht mit ihr, obgleich sie es erwartet hatte, aber +da ihr gleichgültig war, was Fridlin gewollt haben konnte, wenn er nur +ihrem Vater kein Leid zugetragen hatte, fragte sie nicht und gab sich +zufrieden. Sie empfand, daß jene Traurigkeit, die aus seinen Augen ihr +Herz überströmt hatte, nicht durch Geschehnisse über ihn gekommen war, +die Menschen ändern können, sondern daß sie ein Teil des Lebens war und +auch ihrer wartete. Dem Ereignis des Tages aber galt das heimliche +Lächeln. + +Da hörte sie aus der Nachtferne vom Weidensumpf her einen Schuß fallen +und gleich darauf einen zweiten. Es wehte sacht unter den Sternen her, +als atmete der Wald im Schlaf, dann vernahm sie Tritte im Laub, die der +Schreitende zu dämpfen suchte. Anje maß gelassen die Entfernung und die +Richtung und trat langsam aus dem Mondlicht ins Zimmer zurück. Sie +kannte die Schritte und Bewegungen des Herannahenden nicht, der noch +verborgen war. + +Nach einer Weile trat Fridlin aus dem Wald in den Mondschein hinaus. + +»Anje,« rief er, »Anje Gerom, hör mich an!« + +Hirte schlug an und arbeitete aufgeregt an der Tür. Mit einem trotzigen +Ruck griff Fridlin an den Hirschfänger. + +»Anje,« rief er, »hör mich! Bist du im Haus, Anje?« + +Er sprach mit heißer Stimme, die voller Verzweiflung erklang, es blieb +ganz ruhig umher und im Haus, bis sich draußen die rauhe Stimme wieder +erhob, bald verwundert, bald böse und wild. Es kam keine Antwort, denn +Anje war an die Tür hinuntergeschlichen, um Hirte zu beruhigen, sie saß +neben ihm im dunklen Haus auf der Schwelle zu Geroms Wohnraum und +streichelte den gelben Kopf des Hundes. + +»Du mußt still sein, Hirte, der Mann vor dem Haus wird uns nichts Böses +zufügen, er geht bald wieder fort.« + +Sie hielt ihre Hand in einen schmalen Streifen Mondlicht, der durch ein +kleines Fenster über der Tür in die Hausdiele sank. Hirte knurrte und +sah Anje nicht an, es war seine Meinung, daß sie von diesen Dingen nicht +soviel verstand wie er, und gegen Wachsamkeit sollte man besser nicht +einschreiten. + +Da die Fenster ihres Schlafraums und auch ihre Tür offen standen, hörte +sie immer noch die Stimme vor dem Haus. Wenn es eine Weile still +geblieben war, so glaubte sie, der Fremde sei fort, aber immer begann +sein Rufen von neuem, langsam stieg in Anjes Herzen Angst um ihn empor, +denn ihr Vater konnte zurückkommen. Da entschloß sie sich endlich, es +ihm zu sagen, öffnete die Tür und zog sie vorsichtig hinter sich zu, +damit Hirte im Haus blieb. + +Fridlin trat vor ihr zurück, wie vor einer Erscheinung, Schritt für +Schritt und mit entsetzten Augen. Es war, als ertrüge er nach so langem +Harren die Erfüllung seines Verlangens nicht mehr, er hielt seine Hand +ausgestreckt von sich ab und wankte. + +»Geh fort, eh mein Vater zurückkommt«, sagte Anje. + +Er war auf seine Knie niedergesunken in das Gras, im Schatten, und +bewegte sich, als ob er mit jemandem kämpfte, aber nun sprang er +plötzlich auf und stürmte auf Anje zu, wie ein Geblendeter gegen einen +Lichtschein. + +»Bist du es -- oh, du bist es wirklich? Hörst du, daß du mit mir kommen +sollst!? Du hast mich mit dem Stein verwundet ...« + +»Nein«, sagte Anje, »ich bleibe hier.« + +»Ach mein Herz!« rief er. Seine Stimme überschlug sich, so wild +bedrängte sein Schmerz ihn, er schlug mit der Faust an seine Brust, daß +es dröhnte. Er war voll Ungeschick und konnte seine Sinne nicht +meistern, denn die Ruhlosigkeit der vergangenen Wochen hatte ihn +verwirrt und entkräftet. »Weißt du denn nicht,« keuchte er und +schüttelte seine Fäuste, »weißt du nicht, was hier brennt? Wie ich dich +gesucht habe! Wo ist dein Herz!? Ich rufe im Wald und das Echo klingt, +aber du ...« + +Er vermochte nicht weiterzusprechen, eine große Mutlosigkeit dämpfte den +Zorn seiner Verzweiflung nieder, hilflos hob er den Blick und sah empor, +gegen ihren ruhigen Sinn fand er keine Waffen. Sie stand da in ihrem +grauen Kittel gegen die dunkle Wand der Nacht, und der Mond glänzte in +ihrem Haar. Ein kindliches Bedauern war der einzige Ausdruck, der +verriet, daß sie ihn hörte, aber er gab keine Gewißheit ihrer Teilnahme. +Ein Schwindel seiner Ohnmacht überwältigte Fridlin, und er schlug die +Hände vor sein Gesicht. + +»So ist es Gerom, dein Vater ...«, schrie er plötzlich heiser und reckte +sich auf, mit schwerem Atem, aber Anje war fort, und das Haus lag ruhig +im Mondschein. + +Sie saß wieder im Dunkeln der Hausdiele neben Hirte, lehnte sich gegen +ihre Gewohnheit an ihn, und hörte ihr Herz pochen. Eine feindliche +Unruhe peinigte ihr Gemüt, in ratlosem Unfrieden sah sie das Licht vom +Mond, und ihre Gedanken vermochten nicht mehr, als mit dem Klopfen +ihres Herzens immer den gleichen Weg der dumpfen Angst zu machen, den +das Herz eilte. + +Fridlin hatte sich draußen abgekehrt, einen Augenblick starrte er +vorgebeugt in jene Richtung hinüber, in der die Schüsse gefallen waren, +er kämpfte mit sich um einen Entschluß, aber es schien ihm keine +Befreiung aus der Tat zu kommen, die er plante. Düster wandte er sich um +und schritt fort, durch die Hoffnungslosigkeit niedergebeugt, die die +Stürme des Verlangens so schnell in eine öde Ruhe verwandeln kann. + +Er begriff nicht, daß sein Leben nun mit dem herannahenden Tag beginnen +sollte, wie es mit dieser Nacht geendet hatte. »Das Anjekind hat ihm +gesungen«, sagten sie. Er lächelte und schöpfte mit der Hand die Tropfen +von den Blättern, um seine Stirn zu kühlen, sein Büchsenlauf streifte +das Laub und verfing sich im Geäst. Der Mond verschleierte sich, und die +dunkle Waldstille füllte sich mit drohenden Gestalten. + +In seiner Ratlosigkeit war Fridlin zum Pfarrer gegangen, dort hoffte er +sicher zu sein, daß das angstvolle und mitleidige Lächeln ihn nicht +peinigen würde, dem sein Gesicht begegnete, wo immer er sich zeigte, +aber er war ohne Trost fortgeeilt, und die Unsicherheit des Pfarrers +kränkte seinen Stolz. Er entsann sich kaum noch, was ihn dorthin +getrieben hatte, vielleicht nur sein Wunsch, einen Menschen zu finden, +der unbefangen mit ihm besprach, ob Gerom ihm sein Kind geben würde, und +wie man es anstellen sollte, sich beiden auf rechtliche Art zu nähern. +Aber der Pfarrer wich ihm aus, er lenkte das Gespräch ab, als +befürchtete er, daß es galt, ihn selbst zu erforschen, denn er gedachte +seines eigenen Mißgeschicks in der Einöde. Endlich riet er Fridlin, sich +Gedanken aus dem Kopf zu schlagen, die nicht von Vernunft geleitet und +nicht redlich seien. + +Der Morgen nahte über der Ebene. Fridlin hatte den Waldrand erreicht und +sah den Nebel gegen Osten in einem Lichtschein schwimmen, der nicht mehr +vom Mond kam. Dies war die dritte Nacht, die er nicht schlief; was +Wunder, daß der Förster ihn mißbilligend ansah und kein freundliches +Wort mehr fand. Zu Anfang hatte er ihn grob gewarnt: »Laß gehn, was +nicht dein ist. Glaub mir, Bursche, der Wald läßt sich das Herz nicht +verwunden, er gibt zögernd her, was sein ist, und niemand beraubt ihn +ungestraft. Unsereins muß wissen, was recht ist, sonst taugt er nicht +zum Weidwerk.« Das war noch wohlgemeint gewesen und hatte fast Trost +gespendet, man fühlte den Ernst hindurch, an dem man teilhaben sollte, +aber seit kurzem lächelte der Alte höhnisch unter seinem Bart, kaum +merklich, und wandte sich verächtlich ab, statt zu sprechen. Nur einmal +hatte er zur Abendstunde noch gleichmütig gemeint: »Fridlin, es gibt +Wälder mit mehr Sonne, als sie der Einödwald hat; tu dich um, euch +Jungen ist die Welt nach außen hin weit und nach innen eng. Geh, rat ich +dir.« + +Fridlin hatte sich am Waldrand auf einen gesunkenen Föhrenstamm gesetzt. +»Das geht nicht mehr,« antwortete er laut der Stimme seiner Erinnerung, +»wohin ich mich schlage, Förster, ich muß durch die Einöde gehn, um Anje +zu Gesicht zu bekommen. Soll ich hier zugrunde gehn, so mag es geschehn, +draußen sterb' ich gewißlich dahin.« -- + +Er erschrak furchtbar, als sich neben ihm eine Gestalt erhob, sie stand +feierlich im Grund und reckte den Arm aus. Es war eine entlaubte Weide, +die in der Nebeldämmerung stand. Es erschien Fridlin, als käme das Licht +sprungweise und heimtückisch. Ihn fror, aber er verharrte in seiner +hockenden Stellung im Morgendunst und fühlte seine Augenlider naß und +kalt werden. Nach einer Weile ertrug er es nicht mehr, dem Walddunkel +seinen Rücken zuzukehren, es beschlich und belauerte ihn in der +Dämmerung. + +»Ich werde krank«, sagte er, lächelte bescheiden und atmete tief auf. + +Ein Wasserhuhn schnarrte bekümmert im Schilf, die Sonne hob sich langsam +und rot in den Schleiern der Nebel, und ringsumher begann ein eifriges +Tropfenticken. Da erhob sich Fridlin und sah sich um, er wußte nur +ungewiß, wo er sich befand, die ebene Landschaft hatte nur geringe +Merkmale, nach denen man sich richten konnte. + +Nach einer Weile stieß er auf die alte Dachenauische Fahrstraße nach +Gorching und traf Onne unter den Tannen; sie musterte ihn aufmerksam, +gedankenlos blieb er neben ihr stehn. + +Ja, es sei wahr, antwortete er auf ihre Frage, der Dienst ließe ihm +wenig Ruhe. Onne sagte: + +»In den Dachenauer Wäldern gibt es genug zu beachten, was tust du nachts +in der Einöde? Drüben gibt es Nacht genug, verstehst du?« + +Fridlin verstand. Er wurde zornig und sagte erbost: + +»Gesindel gibt es überall.« + +Onne nickte vor sich hin, als ob diese Tatsache ihr zu denken gäbe, dann +meinte sie freundlich: + +»O der Grünschnabel, wie er das Herz versteckt, und es bricht ihm doch +so jammervoll aus den Augen. Du«, fuhr sie plötzlich in verändertem Tone +fort, »hör auf mich, und bleib mir in der Dachenau. Aus deinem Gesicht +spricht nichts Gutes mehr ...« Sie kam ihm ganz nah und sah ihm, +gebückt, unter seine Augen; aus ihrem roten Kopftuch schaute das winzige +braune Gesicht in tausend Fältchen hervor, und das Lebenslicht ihrer +Augen schien alt und still. + +Fridlin war zu unglücklich, um zornig bleiben zu können. Erstaunt +blickte er auf die Alte nieder, die ihn einschüchterte, er hatte immer +nur gleichgültige Worte mit ihr gewechselt, was wußte sie denn, und was +wollte sie von ihm? Aber als der Ausdruck ihres Gesichts sich langsam in +ein Lächeln verkehrte, das nicht spöttisch oder boshaft war, packte es +ihn plötzlich angesichts dieser alten befreiten Frau, die den +Bedrängnissen des Lebens für immer enthoben war. + +»Du solltest nicht schelten«, sagte er hilflos und lehnte sich an einen +Baumstamm. Seine Übermüdung und seine Verzweiflung überwältigten ihn, +und er fing an zu weinen, ohne daß sein Gesicht sich bewegte, seine +Hände hingen herab. + +»Setz dich nieder ins Gras, Fridlin«, sagte Onne, als merkte sie nichts. +Wer keine Tränen weinen kann, der fühlt sie oft bei anderen kommen, ehe +sie das Auge benetzen. Sie sprach nicht über das, was Fridlin bewegte, +sondern hockte sich neben den jungen Menschen auf den Waldboden und +sprach von den Wäldern und von den Wanderburschen, die durchs Land +zogen. + +Onne wußte längst, um was es sich handelte, aber sie wußte auch, daß man +seine Tränen zuweilen bei einem Menschen weinen muß, der sie nicht +sieht. Fridlin war ihr lieb. Zu Anfang hatte sie geglaubt, er spüre +Gerom nach, aber dann hatte sie bald herausgebracht, daß das Anjekind +schuld an diesem Unfrieden war. Da Anje nicht mit ihr über solche Dinge +sprach, mußte sie selbst sehn, was sich anspann und wie es auslief. Das +Mißgeschick des Pfarrers hatte sie erst in Gorching erfahren, in dem +Aberglauben, dem er hatte begegnen wollen, war seine Gemeinde durch sein +Erlebnis aufs neue bestärkt worden. Nun sagte sie unvermittelt zu +Fridlin: + +»Schlag dir das Anjekind aus dem Sinn.« + +Fridlin fuhr erschrocken auf, denn die Stimme knarrte fast böse, und ihm +war eben noch zu Sinn gewesen, als ob sie ihn tröstete. Sein Trotz +erstickte ihm, als er Onne ansah, er fragte sie nur schüchtern, ob Anje +mit ihr über ihn gesprochen hätte. Onnes welke Hand mit den dünnen +braunen Fingern wischte seine Worte aus der Morgenluft, sie blinzelte in +die rote Sonne hinein. + +»Söhnchen,« sagte sie, »mein Söhnchen, heb dir dein Leben auf. Was soll +denn das Anjekind gesagt haben? Was uns keine Antwort gibt, wird darüber +nicht häßlich, sieh um dich, wer antwortet dir? Was ich sagen kann, +verstehst du nicht, was du verstehst, willst du nicht hören. Ihr +Menschen wandert auf Wegen, wohin die Stimme des Anjekinds nicht kommt.« + +Aus ihrem zerfallenen Antlitz brach ein Glanz von Genügen, so daß es +war, als müsse die Natur umher erschüttert aufhorchen, um zu erforschen, +was diese Augen in ihr gesehn hatten. Fridlin starrte mit bitterem Mund +auf seine Hände. + +Nach einer Weile musterte Onne, sich nähernd, sein mageres Gesicht, das +unter ermüdeten Zügen eine entschlossene Wildheit hatte. Sie kannte +diesen beinahe verschlafenen Zug um die Augen herum und das leicht +getrübte Blau der Augen selbst, deren Blicke solange anteillos +erscheinen konnten, bis jählings die aufflammende Leidenschaft sie +weckte. Onne wußte wohl, wie leer das Herz und wie taub das Blut hinter +den klaren wohlbestellten Augen sein kann, deren sauberen Blick die +meisten Menschen lieben. + +»Alle geben denselben Ratschlag«, sagte Fridlin dumpf. »Meint ihr denn, +ich sei ohne Vernunft? Aber was hilft mir eure Einsicht.« + +Onne blinzelte hinüber, es schien, als wünschte sich Fridlin nicht +einmal, daß man ihm Glauben schenken möchte, er sprach seine Worte +leblos in den ungewissen Wind. Da verstand sie, daß es zu spät für +Ratschläge war. + +»Anjekind ...«, sagte sie, legte ihre welken Hände ineinander und sah in +die lautlose Natur, als habe sie sich an ihre Herrlichkeit gewandt. + +Fridlin litt nach einer Weile unter Onnes Schweigen; als er forschend +auf sie hinblickte, von der Stille geängstigt, erschien sie ihm +greisenhafter als zuvor und abgekehrt von allem, was sie zusammengeführt +hatte. + +»Wie meintest du deine Worte, Mütterchen?«, fragte er unruhig. »Hat es +mit Geroms Kind eine Bewandtnis, die unselig macht?« + +Aber Onne antwortete ihm nicht mehr, ihr Gesicht war nicht zu +erforschen, erloschen neigte es sich zu Boden, und der Morgenwind und +das Licht, die ihr Spiel in den Büschen trieben, lockten sein Herz, um +es aufs neue seinem Ungemach zu überlassen. + + + + +Neuntes Kapitel + + +Am neuen Tag weckten die rötlichen Strahlen der Sonne Anje, sie schlug +ihre Augen auf, ohne sich zu regen, sie war in einem einzigen Augenblick +wach und sich ihres Daseins ohne Benommenheit bewußt, aber sie rührte +sich nicht, sondern blieb still so liegen, wie sie erwacht war, die eine +Hand auf ihrem Herzen und die andere unter dem Kopf. Der Morgen zog in +ihre Augen ein, mit dem kühlen Wind von den beschienenen Waldwipfeln und +der Frische der Wiesen. Das rote Licht an der Wand rührte sich still, +wie es draußen die Zweige der Bäume vor ihrem geöffneten Fenster taten, +und Hirte schlief an der Türschwelle. + +Anje dachte an das traurige Gesicht Fridlins. Nicht an ihn selbst, und +kaum an das, was ihn um ihretwillen bewegen mochte, noch was seine +Ansprüche vor ihr sein könnten, sondern sie sah nur das bleiche, +abgemagerte Angesicht eines Menschen vor sich und dachte tief betroffen +und bekümmert darüber nach, daß in der Welt Kräfte herrschen müßten, die +solche Entstellung in die Züge der Menschen bringen konnten. + +Es drängte sie, bald hinauszukommen in ihr vertrautes Land, fast empfand +sie eine Befürchtung, dort möchte sich mancherlei verändert haben. Hirte +erwachte durch ihre rasche Bewegung, erhob sich vorsichtig und reckte +sich, wobei er Anje ansah. + +»Hirte, bleib hier«, sagte sie und schritt eilig die Treppe nieder. +Unten stand die Stubentür weit geöffnet, und die Sonne schien ins Haus. +Gerom war fort, er mußte nur ganz kurze Zeit geschlafen haben, denn er +kam von seinen nächtlichen Streifzügen für gewöhnlich erst in der +Morgendämmerung heim. Er hatte Anje Milch neben das große Brot auf den +Küchentisch gestellt und einige rotwangige Sommeräpfel, die noch naß vom +Tau waren. Anje trank nur die Milch, ihre Augen trennten sich nicht vom +Sonnenglanz, die Äpfel nahm sie nicht, aber sie legte sie beiseite, +damit ihr Vater nicht glauben möchte, sie habe seine Gabe verschmäht, +wenn er am Mittag vor ihr zurückkehrte. + +Die Frische des Sommermorgens legte sich kühl auf Anjes Augen und Hände, +sie belebte das Blut, das vom gesunden Schlaf noch müde war und vertrieb +die bösen Gedanken. Im Gebüsch sang mit feiner Stimme eine Meise ihr +helles Lied, Anje blieb stehn, sah empor zu dem kleinen Tier und atmete +mit ihm die herrliche Luft und die unendliche Fülle des Lichts ein. + +Als sie wieder dahinschritt, legten die Tropfen von den Gräsern sich auf +ihre nackten Füße und der Tau der Sträucher badete ihre Stirn, die +Pflanzen gaben ihr von der Überfülle ihrer Frische, stumm und freigebig, +aus ihrem lebendigen Glück. Als das Buschwerk sich lichtete und die +großen Stämme sich vom stillen Grund erhoben, breitete Anje ihre Arme +aus und rief die Bäume. Es kam sie im Dahinschreiten ein Taumeln an, +ihre junge Kraft wiegte und trug sie, so daß sie dahinzog wie die Vögel +durch die Luft oder wie die Fische durch ihr klares Wasser. Sie preßte +ihre Hände auf die Stelle ihrer Brust, unter der ihr Herz schlug, und +neigte sich, wie durch die Fülle des Lichts trunken gemacht, gegen die +strahlende Morgensonne, wie sie es von den Zweigen und Blumen im ersten +Wind gesehen hatte, der sich erhob, wenn die Sonne aufging. Das Lächeln, +das ihr kindliches Angesicht verklärte, war von unaussprechlicher +Traurigkeit, wie das Übermaß der Freude sie der Seele gibt. + +Hier wuchs im Walde dichtes Moos, auf dessen dunkelgrünem Teppich die +Füße lautlos schritten und sanft gebettet wurden, und über ihr regten +sich die Wipfel unvernehmbar, die Blätter berührten einander oben in +ihrer freien Höhe, von der sie das Land überschauten. + +Als Anje an die Moortümpel der Altwasser kam, sah sie im Sumpf eine +Giftschlange, die sich behaglich aus ihrem feuchten Versteck zu einem +beschienenen Erdflecken wand, der schon von der Sonne erwärmt worden +war. Das Mädchen verharrte lautlos auf ihrem Stand, in ihre hellen Augen +kam ein kaltes Licht, und ihr Gesicht zeichnete sich nun durch +entschlossene Härte aus. Dabei beobachtete sie die gelassenen Windungen +des gefährlichen Tiers mit gespannter Aufmerksamkeit. Es war seltsam +ergreifend zu betrachten, wie der nachgeschobene Teil des biegsamen +Körpers genau den Weg des vorangeglittenen Teils einhielt, so daß er wie +auf seiner eigenen Spur verschwand und so, daß seine Bewegungen in der +reglosen Umgebung kaum auffielen. Als das schön gezeichnete Tier den Ort +gewählt hatte, der ihm willkommen war, rollte es sich gemächlich langsam +zusammen. Der böse Kopf mit der spielenden Zunge hob sich blinzelnd +gegen das warme Licht, als prüfe es seine goldene Wohltat in feinem +Genuß, und dann ruhte ein rundes, zackig geschmücktes Ornament am Boden, +kaum von der Erdfarbe unterschieden und im Spiel des Sonnenlichts +geschützt. + +Mit dem Ausdruck einer koboldhaften Bosheit im Gesicht zog Anje sich +langsam in den Schatten zurück, umschlich einen Schlehnbusch, um zur +Böschung des Wassers zu gelangen, und löste vorsichtig zwei Steine aus +dem Ufergrund. Dann warf sie ihren Kittel ab und wickelte ihn plump und +fest um ihre linke Hand, preßte damit den einen Stein an ihre Brust und +hob den anderen mit der rechten. So schlich sie langsam wieder hinzu und +faßte ihre Gegnerin fest ins Auge, es funkelte böse aus den grauen +Lichtgründen unter den feinen Brauen. Als sie so dicht herangelangt war, +daß nur noch drei Schritte sie von der Schlange trennten, wandte das +Tier mit einer kaum merkbaren Bewegung das platte Köpfchen und sah Anje +an. Die winzigen Äuglein waren von überraschender Wachheit, aufmerksam +und wild, wie auch die Augen ihrer Gegnerin. Es war ein Augenblick voll +mächtiger Anspannung und Anje wußte, daß sie nun keine Bewegung mehr +machen durfte. Aber sie fürchtete sich nicht, sondern ihre Sorge war +nur, die Feindin möchte ihr entgehen, so empfand sie auch ihren +ungeschützten Körper nur als von jeder Hemmung befreit und glühte vor +Gier, den tödlichen Wurf zu tun. Leise wog sie den Stein, aber ohne zu +zielen, denn sie wußte gut, daß die Augen ihrem Arm nur Dienste +leisteten und daß die geschwungene Hand ihr eigenes Geschick hatte. + +Ihr Stein traf das gedämpfte, zackige Bunt in der Mitte, und nach dem +dumpfen Aufschlag begann ein lautloses Wälzen in einem rasch und +schmerzhaft gewundenen Knäuel. Das tödlich verwundete Tier bewegte sich +nicht mehr vom Fleck, es erschien, als suchte es in Todeswindungen einen +Weg zu sich selbst, als trachtete es sterbensgierig danach sich in den +Abgrund seiner eigenen Schmerzen zu wühlen. + +Anje war einen Schritt näher getreten, hatte ihren Kittel fortgeworfen +und sich auf die Zehen erhoben. Unter den gewölbten Brauen senkten sich +ihre hellen Augenlider und ließen den Blick durch einen winzigen Spalt +zu der sterbenden Gegnerin nieder. Dabei hielt sie die Arme starr an den +Körper gepreßt, nur die bewegten Finger schienen, weit abgespreizt, +entfliehen zu wollen, und verrieten ihre innere Erregtheit. Sie drückte +ihre Knie dabei fest aneinander und ihre Lippen spielten im grausigen +und süßen Takt einer Sinnenfreude, die an der Grenze der Bewußtlosigkeit +flackerte. + +Der Morgensonnenschein, bewegt durch die Blätter der Zweige, in denen er +einen Teil seines goldenen Glanzes hängen ließ, spielte in fühllosem +Frohsinn auf Anjes schimmernden Schultern und über den letzten Regungen +der sterbenden Schlange. Da rief ein Häher im nahen Busch und schoß mit +wenig Flügelschlägen über das Wasser des Gurdelbachs in die Birken. Anje +fuhr empor, wie aus dem Bann eines heißen Traums erwacht und ihre +erschrockenen Augen folgten dem Vogel. Sie atmete tief auf und lächelte +hilflos. + +Da sah sie drüben am Ufer, dicht vor einer Krümmung des Bachs, Onne +unter den Bäumen, ihr rotes Kopftuch bewegte sich nahe über dem Boden +langsam voran. Anjes Angesicht hellte sich auf, sie schlüpfte rasch in +ihren Kittel, hob die Hände an den Mund und mit ihrer seltsam tiefen +Kinderstimme begann sie ihr Lied an den Morgenwind: + + Du kommst über die Wiesen + zu mir in mein Haar, + Der Tau fällt nieder; + nun kommt die Sonne! + +Drüben richtete Onne sich mühsam auf, sie suchte mit einer Hand Halt an +einem Baum und schützte mit der anderen ihre alten Augen. Ihr welkes +Gesicht erstrahlte, aber ehe sie noch eine Antwort geben konnte, +rauschte das Bachwasser sprühend auf, so daß der Sonnenschein über der +Flut, wie in hellem Schrecken, glitzernd emporsprang, und Anje stand vor +ihr und lachte glücklich. + + + + +Zehntes Kapitel + + +Der Herbst kam langsam über die Landschaften der Einöde wie ein +schwermütiger Entschluß Gottes, aber es gab noch sommerlich durchwärmte +Tage von großer Klarheit und in den Gründen des Einödmoors zögerte der +Sommer mit seinem Abschied. + +Die alte Onne saß eines Tages in der Morgensonne am Ufer des Gurdelbachs +gegen einen Birkenstamm gestützt im Todesschatten ihrer versunkenen +Zeit, den Bedrängnissen des irdischen Lebens entrückt. Sie lächelte vor +sich hin und die unbekümmerte Natur nahm die neue Ruhe geduldig an. +Onnes Gesicht war nun ganz zusammengesunken, es sah über dem an die +Brust gezogenen Arm den Erdboden an, dem es glich, und die andere +herabhängende Hand berührte das Waldlaub. An diesem Platz am Bach, nahe +der Landstraße, hatte ihr Leben sich beschlossen, das vor langer Zeit +in anderen Gegenden begonnen hatte, und das sie unter Menschenangst und +-hoffnung in die Verlassenheit der Alternden geleitet hatte, bis in den +Frieden des Alters. Wie ein Wunder leuchtete über der verbrauchten Hülle +ihres Geistes ein zufriedenes Lächeln, als sei ihr mit ihrer Trennung +vom irdischen Gut die Erfüllung einer großen Pflicht gelungen. + +Anje schlief an diesem Morgen noch in Onnes Hütte im Laub am Herd, und +Hirte ging durch die Büsche vor dem Haus und betrachtete die Beeren der +Ebereschen, die wie ein roter Schatten rings um die Stämme herum auf dem +Boden lagen. Hirte war sichtlich gealtert, sein Gang hatte bisweilen +etwas Schleppendes, und er schlief in den Morgenstunden nicht mehr +recht, wie es alten Leuten oft geht, die des Morgens immer zuerst auf +den Plätzen umhergehen oder vor den Häusern in der Frühsonne sitzen. + +Der Blätterfall beschäftigte ihn, die welken Sommergäste kamen +unauffällig von ihren hohen Sitzen herab, schaukelten rötlich oder gelb +durch die stille Luft, aber am Boden ließen sich keine Bewegungen mehr +feststellen, so aufmerksam man ihren letzten Weg auch bis zu Ende +verfolgte. Hirte konnte sich nicht mehr entschließen, sie auf ihrem Weg +zu fangen, wie er es in seiner Jugend getan hatte, er sah ihnen zu und +dachte darüber nach, daß es in jedem Jahr das gleiche Schauspiel gab. Er +sah in den Wald hinein, soweit er es noch konnte, aber im Nebel ließ +sich wenig erkennen, man mußte abwarten, bis das Licht an Kraft +zugenommen hatte. + +Er wußte, daß Onne am Abend nicht nach Hause gekommen war, aber irgend +etwas beunruhigte ihn mehr und mehr; hätte Anje nicht so fest +geschlafen, würde er seinem Gelüste nachgekommen sein, seiner seltsamen +Traurigkeit in leisem Heulen Ausdruck zu geben. + +Er ging an die Tür der Hütte und sah vorsichtig von der Schwelle aus +hinein. Etwas Sonnenrot drang in den Raum und legte sich feierlich auf +die verräucherten Gesimse, so daß die beiden Kupferkessel ein stilles +Glühn begannen. Anje schlief immer noch. Ihr Haar lag hell im braunen +Laub und die eine Hand ruhte auf ihrem Herzen, die andere lag unter +ihrer heißen Wange, und das Gesicht sah ernst und beschäftigt aus. Hirte +begriff, wie wichtig der Schlaf war, hielt den Kopf schräg und dachte an +Anje. Schließlich war sie alles, was er hatte. Andere Hunde lebten in +Dörfern, begleiteten Reiter oder bewachten Fuhrwerke, zwischen den +Rädern oder vom Bock aus. Nicht daß Hirte den Wunsch nach Anschluß an +seinesgleichen gehabt hätte, aber man sah doch allerlei und verglich die +Pflichten. Je länger er Anje betrachtete, um so freundlicher erschien +ihm sein Geschick, das Überfluß an Glücksgütern hatte, und er wedelte in +Gedanken und ging wieder hinaus, es mußte abgewartet werden, ob Anje +bald erwachte. + +Draußen befiel ihn wieder diese seltsame Beunruhigung, es drängte ihn in +den Wald, er wußte nicht wohin. Er ließ den Morgenwind um seine schwarze +Nase streifen und atmete die Luft stoßweise ein. Ohne es recht zu +wollen, brach er in langgezogenes Heulen aus, in dem er seine eigene +Stimme kaum wiedererkannte. Als er sich umwandte, stand Anje in der Tür, +in der Morgensonne, rieb sich die Augen und griff dann mit beiden Händen +in ihr Haar, ihr Körper atmete Kraft und Frische aus, und ihre grauen +Augen leuchteten wie aus eigenen Lichtgründen. + +Sie schritt rasch zum Brunnen und der Klang des hölzernen +Pumpenschwengels vermischte sich mit dem Sprudeln des fallenden Wassers. +Hirte war es gewohnt, daß er nicht beachtet wurde, und schaute andächtig +zu, wie Anje sich wusch, aber die heimliche Besorgnis quälte ihn und er +ging mit sich zu Rate, ob er nicht Anje aufmerksam machen müsse, daß ein +Geheimnis den Wald erfüllte. + +Da Anje gewohnt war, beim Erwachen Onne nicht mehr vorzufinden, bemerkte +sie erst am Herd, daß die Alte die Nacht nicht in der Hütte zugebracht +hatte, sie sah nachdenklich hinaus und dann haftete ihr Blick am Boden. +Die Nächte waren kühl und lang. Besorgt betrachtete sie den Hund und +entsann sich seiner Stimme, die sie geweckt hatte. Sie legte ihr blondes +Haar rasch zusammen, teilte ihr Brot mit Hirte, und gleich darauf gingen +beide miteinander durch das nasse Gras, bis die Waldschatten sie +aufnahmen. Das leere Haus blieb still zurück, und die Morgenluft drang +durch die offene Tür in den Raum, in dem das vergessene Feuer langsam +erlosch. -- + +Als Anje die alte Onne in ihrer eingesunkenen Lage am Bach fand, wagte +sie nicht, sich ihr zu nähern, ihr war, als ob ein kühler Windzug ihre +Stirn streifte, und aus dieser Ruhe sah es sie wie mit dunklen Augen an. +Sie umschlang einen Baumstamm mit dem Arm und beugte sich in einem +Zustand von unbeschreiblicher Angst vor. Sie wollte rufen, aber ihre +Stimme war lautlos geworden. Hirte stand zitternd neben ihr und sog die +Luft mit kläglichem Winseln ein. Aber ihre Liebe trieb sie hinzu, sie +schlich bebend heran, langsam und Schritt für Schritt; ihre Bedrängnis +war so groß, daß es ihr erschien, als klänge die Luft in einem +schmerzenden Sausen. Endlich war sie ganz nah bei der Ruhenden angelangt +und legte atemlos die Spitzen ihrer Finger auf Onnes Hand. Die welken +Finger im Laub rückten ein wenig beiseit und waren so kalt wie das +Tauwasser der Pflanzen, die geöffneten Augen hatten kein Licht mehr. + +Da löste sich Anjes Stimme zu einem Klagegeschrei, das den ganzen Wald +erfüllte. Hirte sprang auf und verkroch sich winselnd im Gebüsch. Anje +wurde von einem Entsetzen gerüttelt, das nicht seinesgleichen unter den +Gefühlen der Menschen hat, sie entäußerte sich ihres ganzen Selbst in +dieser Klage, die kaum etwas Menschliches hatte und die Hilflosigkeit +der Verdammten zum Himmel emportrug. Die leere Finsternis des Todes +überströmte und begrub ihre Sinne und das Bewußtsein jener furchtbaren +Menschenohnmacht, die die Glaubenden befällt, wenn Gottes Angesicht sich +abwendet, und die nur starke Naturen in ihrer höllischen Bedrohung +kennen. + +Endlich richtete sie sich wie aus einer Betäubung auf, und der ganze +Wald war tot. Ein furchtbares Schweigen umfing sie, und ihr war, als +hätten alle Lebendigen des Waldes ihre Sinne verloren, die den ihren +geglichen hatten. Mit herabhängenden Armen stand Anje verlassen da und +weinte laut. Sie sah durch den Flor ihrer Tränen auf Onne herab, und die +entwürdigende Qual einer tiefen Schuld zerriß ihr Gemüt immer aufs neue. + +So fand ihr Vater sie endlich, eingeschlafen, den Kopf in den Schoß der +toten Onne gebettet und den Arm um ihren Hals geschlungen, er hob sie +wortlos auf und trug sie heim, als gäbe es keine andere Heilung. + + * * * * * + +Nun war es nacht, als Anje auf ihrem Bett erwachte, und der Mond schien +ins Zimmer, sie erhob sich und ging durch das stille Haus. Ihr Vater +war fort, in seiner Stube lag auf dem Bett Onne aufgebahrt und hielt in +den zusammengelegten Händen kleine Blumen, die emporstanden, als ob sie +eingepflanzt seien. Die Fenster waren weit geöffnet und draußen zog die +Nacht vorüber. + +Anje setzte sich auf einen Stuhl neben das Totenbett. Der Mond schien +auf Onnes geschlossene Lider, die sehr tief in das Gesicht eingesunken +waren. Jetzt war es wieder Nacht, und nachts gab es für Anje keine +fremden Menschen. Sie ahnte, wie die Erde sich unaufhörlich bewegte, +entgegen dem Stern Merkur, den Onne ihr gezeigt hatte, und dachte: + +Du, andere, ich, mit euch allen mache ich die herrliche Reise, Tag und +Nacht, Nacht und Tag. + + + + +Elftes Kapitel + + +Am Tage darauf ging Gerom morgens nach Gorching. Dieser schwere Weg, den +er seit vielen Jahren nicht mehr gemacht hatte, war seine letzte +Darbietung an Onne, er machte ihn ihr zulieb, und deshalb brachte er es +über sich. Aber je weiter er in der leblosen Morgensonne dahinschritt, +die rötlich und ohne Glanz im Himmelsdunst hing, um so mehr erkannte er, +daß Onne ihr letzter Weg leichter gewesen sein mochte, als ihm der seine +war. + +Das kahle Land beängstigte sein Gemüt, es gab ihn preis, er vermißte das +Dach der Bäume über seinem Haupt, das er eine vergessene Zahl von Jahren +als Schutz über sich gewußt hatte, und die Windstimmen der Büsche und +Pflanzen. Mit derben Schritten ging er, wie zu einem Angriff gerüstet, +dahin, den Ansiedlungen der Menschen entgegen. Seine Lippen verzog ein +höhnisches Lächeln, und sein versunkener Blick war scheu und zornig. Er +schritt immer hart an den Straßenbirken dahin und berührte die eine oder +andere mit seiner Hand, als ob er sie befragte. Einmal fand er Onnes +Wagenspuren im feuchten Erdreich am Grabenhang und lächelte spärlich. Es +begegnete ihm niemand, bis er vor seinem Hof anlangte. Für einen +Augenblick erschien ihm sein Leben, von jenem Tag an, an welchem er +Angelika vor seinem Hause angetroffen hatte, bis zu dieser Stunde, wie +ein eilender Traum, so flüchtig dahingegangen, daß nur weniges sich dem +Gedächtnis eingeprägt hatte, aber alsdann begannen die Dinge, die er +erblickte, zu ihm zu reden. + +Die graue Mauer war hier und da ausgebessert worden, und es war eine +Scheune hinzugekommen, auch sie war weiß getüncht, wie die übrigen +Wirtschaftsgebäude, und mit Stroh gedeckt. Das Wohnhaus erschien ihm +kleiner, als er es in der Erinnerung bewahrt hatte, die Akazien der +Einfahrt, die Treppe und die bewachsene Hauswand nötigten ihm ein +fragendes Lächeln ab, sie erschienen ihm sinnlos geziert, aufgeputzt für +vergängliche Menschlein. Nur die schwarzen Tannen aus dem Garten, die +gealterten Wahrzeichen der Ansiedlung, sahen ihn ehrfurchtgebietend an, +und in der Spitze der Pappel bewegten sich die Blätter, in ihnen erhob +sich der Morgenwind vor Tagesgraun. + +Gerom sah das Fenster an, aus dem sich einst Angelika gebeugt hatte, um +ihn zu begrüßen, wenn er von den Feldern heimkehrte. Auf dem Gesimse +standen Blumentöpfe mit leuchtenden Blüten, und die Vorhänge hinter +ihnen zeigten einen knappen, lächerlichen Schwung. Ein junger Bauer in +wohlbestelltem Gewand trat nach einer Weile aus einem der +Wirtschaftsgebäude, er pfiff und sah zum Dach hinauf. Als er den +merkwürdig gekleideten Fremden am Tor der Einfahrt erblickte, musterte +er ihn erstaunt und schien zu schwanken, ob er ihn nach seinem Begehr +fragen sollte, aber er schritt weiter, deutlich erfreut über die +Beachtung, die seine Habe bei anderen fand. Als er um die Hausecke +verschwunden war, ließ ein Schwarm weißer Tauben sich auf dem Rasenrund +der Einfahrt nieder. + +Im Weiterschreiten wurde Gerom weicher ums Herz, denn es gesellte sich +seinen Empfindungen die Erhobenheit hinzu, die Menschen bewegt, die +sich auf der Reise befinden. Angelika begleitete ihn. Ich wünsche, daß +Gott dich möchte in Frieden halten nach der Unruhe deines Lebens, dachte +er. Die weiten Felder wechselten, zumeist waren sie schon gemäht, nur +die Wiesen erschienen noch lebensvoll in ihrem satten Grün. Es begann +sich mehr und mehr zu trüben, bis ein milder Regen niederging. Das +Erdland, das den letzten Sommer, seine Erinnerungen und seine Toten +trug, rauschte geheimnisvoll unter den Berührungen der Wolken. Gerom +betrachtete den genäßten Staub der Straße, und der Gedanke überwältigte +ihn, daß Angelikas Füße diesen Weg einst betreten hatten. Einmal war sie +ihn gegangen, um in sein Leben zu finden, ein anderes Mal, um großen +Schmerz hineinzutragen. + +Als Gerom die breite gepflasterte Straße mitten durch Gorching ging, zur +Rechten und Linken die Häuser und vor sich den spitzen Turm der Kirche, +wußte er unter den Menschen plötzlich wieder, daß er ein Mörder war. Er +schritt düster dahin bis zum Pfarrhof und begrüßte niemanden, seine +Fäuste zitterten unter seinem Zorn und er machte ungelenke Schritte, +aber da erschien ihm, wie vor seinen Augen, der Frühlingswald am +Gurdelbach, und die Weiden blühten. Mitten darin stand sein Kind und bog +die Zweige zur Seite, um in sein Gesicht sehn zu können. Er fühlte ihr +Lächeln wie wärmendes Licht nahen, und ein inniger Glaube verwandelte +sein Herz bis zur Glückseligkeit, er erhob sein Haupt und seine Augen +befreiten Sinns, und aller Groll wich von ihm. + + * * * * * + +Onne wurde nun in die Erde des Gorchinger Friedhofs gebettet. Ein Kreuz +auf ihrem Grabhügel, dessen Balken in der Mitte durch ein hölzernes +Kreisrund verbunden waren, trug nach Geroms Willen die Worte eines +Liedes, das er aus seiner Jugend in der Erinnerung hatte: + + Von dem Baum, der sich entlaubt, + tropft ein Blatt auch auf dein Haupt. + Laß die Hand und halte still, + laß es liegen, wie es will. + +Gerom und sein Kind waren nicht zur Bestattung nach Gorching gekommen. +Das Wunderspiel von Furcht und Hoffnung verwob die Ausgeschiedenen aufs +neue in seine Dämmerwelt. Es erschien den meisten der Anwesenden, als +könnte diese Bestattung nicht verlaufen wie jede andere; mit der alten +Frau wurde ihnen viel mehr zu Grabe getragen als die irdischen Überreste +einer Verschiedenen, diese späte Tat des Todes verwirrte ihre Gemüter, +als sei ein Teil des Waldes dahingesunken, oder eine Kluft in ihre +Weltbetrachtung gerissen worden. Als nach einer Weile Fridlin erschien +und in den Gruppen umhersuchte, als handelte es sich nicht um ein +feierliches Begebnis, sondern um ein ratloses Verhandeln über ein +verlorenes Gut, war der Rest der unsicheren Andacht zerstört. + +Das ausgezehrte Gesicht Fridlins war von Schmerzen entstellt, er warf +sich endlich nieder und rief Onne am offenen Grab mit verwirrten Worten +an. + +»Wie hast du es gemeint,« rief er unter Schluchzen, »was hast du im Wald +von Anje gehört?« + +Er sprach noch mancherlei Dinge, die trotz ihrer Unverständlichkeit +einschüchternd wirkten, weil man sie mit seinem Leidenseindruck in +Zusammenhang brachte, und weil sie durch seine Verzweiflung einen +schaurigen Sinn bekamen, den keine Klarheit ihnen hätte verleihen +können. Niemand begriff, daß der junge Mann sich in Hoffnungslosigkeit +und Herzensangst in ihre Mitte gedrängt hatte, weil er unbewußt Hilfe +von den Menschen erhoffte. Vielleicht mochte hierin der Grund zu finden +sein, daß er sich plötzlich in maßlosem Zorn gegen die Nächststehenden +wandte und in Schmähungen ausbrach. Als man ihn ergriff und fortführte, +wurde er still und ließ mit sich geschehn, was man wollte. -- + +Als Gerom am Abend zur Ruhe gehn wollte, trat Anje vor ihn hin und +fragte ihn schüchtern: + +»Gehst du heute nacht in den Wald?« + +Gerom sah erstaunt auf und bejahte ihre Frage zögernd. + +»Warum willst du es wissen?« antwortete er ihr. + +Anje strich sich ihr Haar gelassen über die Schulter, vom Herd her fiel +ein milder Feuerschein über ihre Gestalt, ihr ruhiges Gesicht glühte im +dämmrigen Rot. Geroms Stirn verfinsterte sich, er stand schwer und alt +im Schatten an der Tür, und sein grauer, verwilderter Bart bedeckte +seine Brust bis zur Hälfte. Er forschte in diesen Zügen, deren reines +Licht von so großer Unschuld erstrahlte, daß ihn eine glückhafte +Schwäche befiel, die das Herz eigensinnig zu unerreichbaren Gütern +überredete. Er fühlte sich schuldig, weil er ihr kein Trostwort gesagt +hatte wegen Onnes Tod, aber er brachte dererlei nicht über sich; war es +nicht Tröstung genug, daß sie beide den gleichen Schmerz ertragen +mußten? Aber vielleicht verlangte es sie nach einem Beweis seiner +Teilnahme. + +Deshalb sagte er nun: + +»Onne ist gestorben ...«, er stockte und fuhr fort: »so sollte es +geschehn.« + +Anje sah auf. + +»Fürchte dich im Wald,« sagte sie, ohne auf seine Worte einzugehn, »ich +habe Angst, weil niemand gegen den Tod einen Schutz hat.« + +Überrascht tat Gerom einen Schritt auf sie zu, dann besann er sich und +sagte ruhig: + +»Anje, der Tod ist eine Pflicht des Menschen, wer ihn fürchtet, versteht +das Leben nicht.« + +»In das Leben kommt die Angst«, sagte Anje und legte die Hände unter +ihrem Gesicht zusammen, wobei sie die Arme an die Brust drückte, und mit +zitternder Stimme fügte sie in ihrer kindlichen Weisheit hinzu: »Du +bist der Vater, was soll ich ohne dich tun? Ich kann auch die Pflicht +ohne dich nicht tun.« + +Gerom wandte sich ab und stieß mit dem Fuß an die Holzscheite am Herd, +um sie zusammenzuschichten. Es verlangte ihn inbrünstig danach, Anje +einen Beweis seiner Liebe zu geben, aber schon sein Wunsch beschämte +ihn. Am späten Abend, als die Nacht herabsank, dachte er an ihre Worte +und den einfachen Sinn. Es kam ihm darüber zum Bewußtsein, daß Anje auf +diese Art noch niemals zu ihm gesprochen hatte, und darüber erkannte er, +wie reich Onne gewesen war. Wie oft mochte ihr sein Kind vieles +dargebracht haben, was das Herz bewegte. Nun kam Anje zu ihm, weil die +alte Frau gestorben war. Außer den Darbietungen der Seele gab es für ihn +keine Gaben, deren Wert er achtete, und er segnete die Tote. Im farbigen +Licht des Herbstwalds sah er wieder Anje und Onne vor der Holzwand ihrer +Hütte stehn, nachdem er Ausbesserungen daran vorgenommen hatte, auch +erschienen sie ihm beim Beerensuchen unter den Tannen, Onnes rotes +Kopftuch leuchtete neben dem hellen Haar des Kindes, beide schritten +gebückt durch das braune und grünliche Dämmerlicht der großen Bäume. + +Seine Gedanken raubten ihm den Schlaf. Über dem einsamen Haus und seinen +Menschen herrschte die traurige Ratlosigkeit in allen Räumen, die der +Tod nach seinen unbeschreiblichen Besuchen zurückläßt. So erhob sich +Gerom unruhig in der Nacht und erstieg die Treppe zu Anjes Schlafkammer. +Auf halbem Wege glaubte er Schritte zu hören, die zu verstummen +schienen, sobald die seinen erklangen. Es war ganz dunkel im Haus, nur +durch das kleine bläuliche Rechteck eines Fensters sah er zwei Sterne, +einen größeren, der lebhaft flimmerte, und einen kleinen neben ihm, der +friedsam glühte. Er begegnete Anje auf der Treppe. + +»Ich kann nicht einschlafen«, sagte sie. + +»Wohin willst du denn gehn?«, fragte Gerom befangen, denn es beschämte +ihn, daß er seinem Wunsch nachgegeben hatte, in das schlafende Gesicht +seines Kindes schaun zu wollen, aber es hatte ihn übermächtig gepackt, +als wälzte sich die Last seiner langen Einsamkeit zur Stunde wie in +Bergen auf seine Brust. Er hatte an Anjes Angesicht gedacht, an die +warme Stille ihrer Schläfen, an die gesenkten Augenlider, die am +hellsten waren, und an das unschuldige Glück ihres schlafenden Mundes. +Heiß und bitter ward er sich bewußt: Ich hab sonst nichts. + +Nun hörte er aus der Dunkelheit über sich die Stimme antworten: + +»Ich wollte zu dir.« + +Da schritt er hinauf und umarmte Anje. Sie legte ihre Arme um seinen +Hals und hängte sich daran. Keiner von ihnen sprach im dunklen Haus. +Dann nahm Gerom ihre Hände: + +»Du sollst des Todes wegen nicht traurig sein«, sagte er mit bebender +Stimme. + +Er fühlte, wie Anje eifrig den Kopf schüttelte, und er empfand ihr +Lächeln, obgleich er es nicht sah, aber er war dieses Lächelns so gewiß, +daß er später in seiner Erinnerung den Eindruck hatte, als sei es in +diesen Augenblicken hell gewesen. -- + +So war nun Onne im Tode gelungen, was sie in ihrem Leben nicht zuwege +gebracht hatte. Vielleicht war auch Angelikas Wunsch durch Geroms Gang +in ihr Bereich mächtig geworden, denn das Glühn der Liebeswünsche, die +Tote mitnehmen, vereint sich im Unvergänglichen zu Licht, das wieder auf +die Erde sinkt und niemals seinen Platz verfehlen wird. + + + + +Zwölftes Kapitel + + +Ein Herbstmorgen dämmerte herauf, Gerom kniete auf dem schmalen Pfad +einer Waldlichtung zwischen Himbeersträuchern, mit einem erlegten +Rehbock beschäftigt. Das Tier blutete aus dem Maul, und der leblose Kopf +mit den gebrochenen Augen schlenkerte hin und her unter den Hantierungen +des Jägers und verstreute die Blutstropfen. Die vom Nebel dämmrige +Morgenluft befeuchtete die Büsche und das Gras, Geroms grauer Bart war +so naß wie seine Hände und das Fell des Rehs. Eine feine Wolke dampfte +an der Stelle empor, wo die beiden in der kühlen Morgenluft weilten, und +Geroms Gesicht hatte einen düsteren Ausdruck von Entschlossenheit, der +es stark und schön erscheinen ließ. Im Gebüsch kam ein Vogel an; er ließ +sich nieder, flog aber sogleich wieder davon, als habe das tote Waldtier +ihn erschreckt, das Reis der Himbeere schwankte leicht von seiner +Berührung, und ins Gras fielen Tropfen. + +Als Gerom von seiner Hantierung einen Augenblick aufschaute, sah er auf +dem Pfad im Morgennebel Fridlin stehn. + +So ungewiß die Umrisse dieser Gestalt sich aus dem grauen Dunst hoben, +so wenig ließ seine Haltung einen Zweifel über die Absichten zu, die ihn +an seinem Platz hielten. Gerom drehte sich langsam herum, ohne sich von +den Knien zu erheben, und wandte sich Fridlin voll zu, wobei er die +blutige Hand an die Stirn hob, um den Blick zu sichern. Seine Ruhe und +die Vorsicht seiner Bewegung erinnerte an ein Raubtier, das über seiner +Beute den Feind prüft, und das im Bewußtsein seines Rechtes oder seiner +Kraft handelt, nur seine Augen sahen besorgt und zornig drein, wie wohl +einer dreinschaun mag, der gefahrbringende Befugnisse in der Verwaltung +eines Unmündigen vermutet. + +So geschah es, daß es eine Weile totenstill in der Waldlichtung blieb, +die nach Osten geöffnet war, so daß man den herannahenden Morgen im +weißen Licht über der Ebene im Nebel schimmern sah. Gerom machte eine +unwirsche Bewegung mit der Hand: »Geh deiner Wege«, sagte er barsch, +aber noch ehe er Fridlins Antwort recht verstanden hatte, empfand er aus +dem Ton seiner Stimme, daß ihm Gefahr drohte, und er reckte sich +ingrimmig auf, zog den Nacken ein, und seine Hände ballten sich zu +Fäusten, deren eine das blutige Messer hielt, er blieb aber noch auf den +Knien am Boden. Fridlin sagte beinahe leise, aber böse und entschieden: + +»Laß den Bock und die Büchse, wo sie liegen, und geh du.« + +Gerom verstand nur so viel, daß dieser Bursche, der Anje nachstellte und +dem er sein Haus verwiesen hatte, ihm kraft seines Amtes zu drohn wagte. +Ein geduldetes Unrecht verwandelt sich im Bewußtsein bald in ein Recht, +so daß Gerom um so heißer in Zorn geriet, als er sich in einem längst +erwiesenen Anspruch beeinträchtigt sah und kein Schuldbewußtsein +empfand. Fridlin war um einige große Schritte näher getreten, nun +erkannte Gerom den Haß, der das Gesicht seines Gegners entstellte. Ach, +du bist es, dachte er, als sähe er einen ganz neuen Menschen vor sich. + +Darüber schwand seine Sorge, da es galt sich zu bewähren, er lachte aber +nur herausfordernd auf, wandte sich ab und beugte sich wieder über das +erbeutete Tier. Da erklang Fridlins Stimme in tödlicher Gereiztheit und +fast geschluchzt: + +»Du kannst von deiner Gewohnheit zu morden nicht lassen, Alter, aber +jetzt ist es genug. Deine Waffe und das Wild sind mein, dafür behalt +deine Schande und dein Kind, das aus ihr gekommen ist, und dein Leben, +wenn du magst.« + +»Leg dein Spielzeug fort, Bursche«, antwortete Gerom langsam, aber mit +ruhiger Stimme, die die dunkle Ahnung von einer nahenden Wandlung +bewegte. Aber diese Betroffenheit war nur von kurzer Dauer, es befiel +ihn darüber ein Grimm, der wie mit roten Nebeln seine Blicke +verschleierte. + +»Glaubst du, junger Hund, ich fürchtete dich?« fragte er und erhob sich +wie ein Bär vom Grund; im Gesträuch, dicht neben ihm, lehnte seine +Jagdbüchse. Er machte den Schritt dorthin in einem ungelenken Satz und +in halb gebückter Haltung, in scheinbarer Unsicherheit, und sein rasch +und plump bewegter Körper bot auf diese Art ein schwer zu sicherndes +Ziel für den Gegner. Mit grimmigem Aufschrei ergriff er wie mit einem +Schlag seine Büchse, als ob er sie mit der Hand zerschmettern wollte. +Die mit großer Gewandtheit gepaarte Wildheit dieser Bewegung schüchterte +selbst Fridlin ein, obgleich es in seinem Willen lag, daß Gerom sich +seiner Waffe bemächtigen sollte. + +Als jener nun in gebückter Haltung herumschnellte, feuerte Fridlin von +seinem ruhigen und aufrechten Stand aus seine Waffe ab, die mit einer +Kugel geladen war, und durchschoß Geroms Brust. Der alte Mann sank mit +einer täppischen Bewegung zu Boden, wobei er das Gewehr fahren lassen +mußte, um seinen Körper zu stützen, und der Ausdruck seines Gesichts war +darüber einen Augenblick voll Verlegenheit, als schämte er sich und als +unterdrückte er ein eiliges Wort der Erklärung. Aber dann riß ihn ein +wütender Lebenswille zusammen, und er raffte sich steil auf die Knie +empor, ließ sein Blut aus dem Mund rinnen, wie es wollte, und hob die +Jagdbüchse gegen Fridlin. + +Der junge Mensch war mit zwei raschen Schritten hinzugesprungen und +stand nun dicht vor dem tödlich verwundeten Mann. Zwei weitaufgerissene +blaue Augen, aus denen eine unwirkliche Lebenshelligkeit flackerte, +bemächtigten sich seiner in furchtbarer Anklage. Das Blut, das aus den +Mundwinkeln troff, entfärbte sich in dem grauen Bart, zog dunkle +Rinnsale herein und klebte die Haare an das Tuch des Rocks, dabei sank +der große Kopf herab und arbeitete sich, nach rechts und links wankend, +mühselig wieder empor, wobei Gerom das Blut zu schlucken sich bemühte. +Als er nach einer krampfhaften Bemühung Halt gewann, richtete er die +Büchse ohne Schwanken auf Fridlin, ließ sie aber plötzlich mit einem +schweren Lächeln sinken und schüttelte den Kopf. Er hatte neben dem +jungen Menschen, der bewegungslos dastand und sein Teil zu erwarten +schien, die Waldferne im Nebel gesehn, die sich unter den Bäumen im +Morgenwind gelichtet hatte. Es strahlte ihm friedsam auf diesem Wege +entgegen, ein freundlicher Schein von Genügen und geduldigem Glück, und +was den Rest seines Lebens hindurch seine Stillung gewesen war, überwand +ihn in diesem furchtbaren Augenblick zu einem guten Beschluß. + +»Armer Hund«, sagte er mit einem Gurgeln in der ersterbenden Stimme zu +Fridlin, ließ die Jagdbüchse ins Gras fallen und ergab sich seinem +Schicksal, indem er sich sinken ließ und sich beinahe demütig an den +Erdboden drückte. Er legte die große Hand, die einst Angelika geschirmt +und getragen hatte, die später ihren Geliebten erwürgt und die viel +später auf Anjes Haar geruht hatte, auf die Wunde seiner lebendigen +Brust und ließ den Tod herannahn, wie er wollte. + +Fridlin beugte sich in fassungslosem Entsetzen vor. Nun, da Gerom dem +Tod sein Recht ließ, begriff er, daß er ihn heraufbeschworen hatte und +daß er selbst lebte. Seinem zerstörten Gemüt drängte sich ungewollt der +Wunsch auf, von seiner Verpflichtung zu reden, es klang närrisch und +armselig, als er zu stammeln begann: »Du hättest das Wild lassen sollen, +Alter ...« Er verstummte und schluchzte trocken auf. Mit seiner +Erkenntnis, daß nun in dieser Waldlichtung ein anderer seine Herrschaft +angetreten hatte, überflutete das würgende Graun vor diesem Allmächtigen +seinen Geist; mit einem Aufschrei aus dem Grund seiner armen gequälten +Seele sprang er auf und lief davon, ohne zu erkennen, daß er es tat, +ohne zu wissen, wohin es ihn trieb. Unter den Bäumen, an die er stieß, +schrie er: »Das Anjekind ist an dem Unheil schuld, das Anjekind ...« + +Gerom vernahm nichts von diesen Worten, er wurde sich nach einer Weile, +bevor seine Sinne sich ganz umdunkelten, dessen bewußt, daß er nun +allein war, und daß er nicht mehr die Kräfte hatte, um sich +heimschleppen zu können. Seine Brust war durchschossen, ihm war, als +drängte die Morgenluft bis in die Kammern seines Herzens, erkühlend, +ausleerend. Seine Gedanken reihten sich um das Letzte, was er erblickte, +das war ein merkwürdig großer Zweig, der sich über seinen Augen im +weißlichen All gemächlich hin und her bewegte. In diesem weißlichen +Licht des Alls schwebte auch er selber, und sein Körper wurde ihm +leicht, als ob nun die Erde, die er im verschlossenen Gemüt auf seine +Art ertragen hatte, begänne ihn zu tragen. Seine erleichterten Gedanken +zogen ruhig durch sein Leben, dessen große Ereignisse sie zu verschmähn +schienen, wie auch das Durchlittene, das sein Dasein reich gemacht +hatte, so daß es war, als ob ein guter Geist ihm den Abschied vom +irdischen Dasein leicht machen wollte, dessen Inhalt die Schmerzen sind +und nicht das Genossene. Wie dunkle Felsen liegen sie im durchmessenen +Tal. Aber der befreiende Strom, der dem Sterbenden durch die Sinne zog, +setzte sich aus lichten Gestalten zusammen, die mit wunschlosem Lächeln +herangaukelten. Er erblickte den Fluß mit seinem Holzsteg, an dem er als +Knabe gefischt hatte, und die grüne Schilfwand des Ufers wurde vom +Wasser bestrichen, das die langen Gräser am Grund ins Schwanken brachte, +so daß es aussah, als schwämmen sie wehmütig gegen die Strömung. Er sah +ein Bildnis in nüchternen Farben, eine Mutter Gottes mit einem Kinde +darstellend, das an der Wand seines Kerkers gehangen hatte, und an +dessen Holzrahmen von unbekannter Hand Buchstaben in ein kleines Herz +eingezeichnet waren. Angelika ordnete Blumen in ein gläsernes Gefäß ein, +für dessen Gebrauch als Blumenbehälter man die Stiele kurz schneiden +mußte, sie lächelte auf ihre geheimnisvolle Art, die ins Unerreichbare +hinüberführte. Er sah dabei ununterbrochen, wie sich das dunkle Grau des +Zweiges über ihm im weißlichen All bewegte, und unterschied die Blätter +und verfolgte ihre geduldigen und langsamen Bewegungen in der nebligen +Morgenluft. + +Plötzlich dachte er an Anje, das Kind, und begann sich auf dem Boden hin +und her zu werfen, so daß das Blut aus seiner Brust das niedergedrückte +Gras seines kalten Betts färbte. Seine Bewegungen waren nur noch schwach +und langsam, nur ihre weit ausholende Geste, wie er die Arme warf und +wie ihm die Stirn an den Boden schlug, verrieten seine innere Bewegung +und die Größe seiner Angst. Zuletzt tauchte aus den finsteren Wolken, +die sich über ihn dahinwälzten, wie eine beleuchtete Insel aus schwarzer +Meerfläche, das Bewußtsein auf, daß er Anje auf der Treppe begegnet war +und daß sie an seinem Hals gehangen hatte. + +Nun war ihm, als käme Anje aus dem dämmrigen Braun und Grün der +Waldferne dahergeschritten, und sie legte ihre Hände auf seine Stirn. Es +war der Morgenwind, der es tat. Anje beugte sich über ihn und lächelte +froh, dies war die Sonne, die den Nebel aus der Lichtung vertrieben +hatte und strahlend in den frischen Wald schien. Anje legte Geroms Haupt +zurecht, daß es Ruhe haben sollte, und preßte dann ihre Hand fest auf +sein Herz, damit es nun stillstehen sollte. Es war der Tod, der es tat. + + + + +Dreizehntes Kapitel + + +Anje schritt in der Frische des Herbstmorgens, an jenem Tage, dessen +Beginn Geroms Augen noch empfunden hatten, durch den Wald. Sie wählte +den Weg, der im Schilf des Gurdelbachs entlang in die Weiden führte, +bald an Tannen vorüber, bald am Altwasser dahin. + +Ein Zweig mit roten Beeren hing in der Morgensonne über dem Wasser, das +Leuchten der herrlichen Farbe im Sonnenschein zog Anjes Blick an, sie +blieb stehn und betrachtete die begrünten Ufer, über deren Pflanzen die +unschuldige Müdigkeit des Herbstes lag. Hier, im Frischen, schien der +Sommer noch nicht verdrängt, und doch kündigte der Wandel der Zeit sich +an, man fühlte ihn an der Art des Lichts, am Geruch der Luft und an +dieser glückvollen Müdigkeit, in der die Pflanzen, die ihr Wachstum +längst beendet hatten, sich neigten über das dahinziehende Wasser. Die +Bäume und Büsche bildeten hier eine natürliche Laube, die über dem Bach +gegen die Sonne geöffnet war, so daß Anje in der Walddämmerung stand und +dies strahlende bunte Blätterhaus mit seinem glitzernden Boden +bewunderte. Ihr Glück war so groß, als sähe sie dies alles zum ersten +Mal, vielleicht war es das herrliche Rot der kleinen Beeren über der +Flut, das ihr das Bild der Natur so wunderbar erneuerte. Es schien, als +läge über den Pflanzen am Ufer die Erinnerung an das leidenschaftliche +Blühn des Frühlings, an die Gestilltheit und Fülle des warmen Sommers, +und ein Abglanz des Friedens, der ihrer im nahenden Winter harrte, und +die kleine Anje begriff über ihrer Freude an beidem, am Sein und Ruhn, +daß das Leben und der Tod nur Zeichen einer beständigen Herrlichkeit +sein mußten, die höher als ihr Erkennen war. Sie hatte einst durch Onne +vom Dasein Gottes erfahren, als vom Schöpfer der Welt und als vom +Herzschlag der lebendigen Natur. + +Sein Dasein war ihr selbstverständlich erschienen, wie das Dasein ihres +leiblichen Vaters, ihr Herz kannte noch keinen Zweifel, weil es keine +Schuld kannte, und weil sie der Schöpferkraft Gottes auch ihr Dasein +verdankte, so wie es war. Ihr Vertrauen zu Gott zeigte sich in der +Dankbarkeit, in der sie seine Welt bewohnte, und ihr Glaube erwies sich +in ihrer Freude daran. + +Als die alte Onne, bekümmert durch ihre Lebensmüdigkeit, Anje einmal von +der Schuld der Menschheit gegen Gott gesprochen hatte, war aus Anjes +Kindermund die seltsame Antwort gekommen: + +»So wird Gott die Schuld gutmachen.« + +Aus den Augen der alten Frau brach ein Leuchten, dem plötzlich Tränen +folgten, die es verlöschten, aber unverwandt blieben die Augen auf Anjes +Angesicht haften, wie im Bann einer wunderbaren Erscheinung, und mit +bebender Stimme rief Onne: + +»Er ist gekommen und hat es getan!« + +»Warum weinst du?« fragte Anje. + +Da sagte Onne: »Oh, du gesegnetes Kind.« + +Mit der Erinnerung an diese Worte der alten Frau kam Anje der Gedanke an +die Nacht, die für Onne unaufhörlich herrschte. Sie schritt langsam +weiter durch das Schilf, das flüsterte, wenn sie es berührte, und oft +glänzte ein Sonnenblick durch das bunte Laub nieder, in ihren blonden +Haaren auf. Anje gab ihrer plötzlichen Traurigkeit nach und weinte, ohne +ihr Gesicht zu verhüllen, sie schämte sich ihrer Tränen nicht vor der +Erde, die die Wiege des Todes und des Lebens zugleich ist. Dem Mädchen +war zumut, als wäre es mit einem heimlichen, wohltuenden Stolz +verbunden, zu wissen, wie schwer die Erde oft zu ertragen ist. + + * * * * * + +Fridlin verbrachte diesen Tag ruhlos im Wald. Ohne Nahrung und zu Tode +ermüdet, schweifte er in der Einöde umher, bald dieser, bald jener +seiner planlosen Eingebungen gehorchend, aber ohne zu einem vernünftigen +Entschluß kommen zu können, bis ihn im Dickicht ein Schlaf überwältigte, +der einer Ohnmacht gleichkam. Im Traum führte er seine Absichten aus, +bald die eine, bald die andere, er stand vor dem Förster und beichtete +ihm das Geschehene, sorgsam bemüht, Gerom ins Unrecht zu setzen und den +Zwang von Pflicht und Selbsterhaltung darzustellen, der ihn getrieben +hatte zu töten. Gegen dieses Lächeln des Försters, das ihn als Antwort +traf, mußte es doch einen Einwand geben; woher wollte jener wissen oder +erweisen, was zu dieser Tat geführt hatte? Dann wieder suchte er im Wald +Anje, die er nun vom Zwang des väterlichen Willens befreit glaubte, und +fand sie im Grund jener aus Grün und Braun gewebten Tiefe der Waldferne +allein. Er eilte auf sie zu, und seine frohe Gewißheit, ihr nicht nur +alles erklären zu können, sondern auch ihre verzeihende und tröstende +Liebe zu finden, beflügelte seine Schritte. Aber die unhaltbare Ferne +entrückte ihm und mit ihr Anje, wie einst in Wirklichkeit, wenn er +hoffte, sie erreicht zu haben. Ihre Spur blieb im Licht und in der +Stille auf wunderbare Art zurück, zugleich ungreifbar und klar +geschieden, überall dem Vertrauten zugehörig und doch fremd, wie eine +Spur im Schnee. + +Im Verlauf seines tiefen und doch ruhlosen Schlafs nahm es an finstern +Mächten zu, die ihn mehr und mehr zu bedrängen begannen. Sie waren ohne +greifbare Gestalt und nahten in gewaltigen Ballen heran, die sich +geräuschlos in furchtbarer Allmacht über ihn dahinwälzten. Es gab kein +Entrinnen, da die herannahenden Nächte, die kreisenden schwarzen Wolken +vergleichbar waren und das ganze All umfaßten, doch Raum auf seiner +Brust fanden, der sie zu entwachsen schienen und die sie zugleich +begruben. Als er von seinem eigenen Stöhnen erwachte, war es Nacht, er +riß die Augen auf und starrte um sich, ohne sich zurechtfinden zu +können. Seinen verfinsterten Sinnen war anfänglich nicht mehr erkennbar, +als daß jene düsteren Ballen, die ihn begruben, sich über ihm, in einem +merkwürdig weißen Licht verschwimmend, still angesammelt hatten. Es +waren die Baumkronen, unter denen er geschlafen hatte, im schrägen Licht +des Mondes, der aufgegangen war. + +Er sprang jählings empor und stürmte mit vorgereckten Armen zwischen den +schwarzen Stämmen dahin, als gälte es, der Gefangenschaft der Bäume zu +entrinnen, einem unsicheren Lichtschein entgegen, der schwach in der +Ferne glomm. Dort flimmerte das ungewisse Himmelslicht an den Erlbüschen +und Weiden, an deren Wurzeln es sich in Wasserlachen spiegelte, im +Schwarzen und totenstill. Diese Ruhe lockte Fridlins fieberndes Blut, +sie versprach ihm Kühle und das Ende seiner Qual, die er kaum noch +erkannte, deren Wesen er in den Zerrüttungen seiner Sinne ahnte, wie +Schlafende eine herannahende Gefahr im Traum. Scheinbar schüchtern und +zweifelnd trat er bedächtig hinzu und sah das schwarze Wasser an. Sein +Spiegelbild bewegte sich darin, er fuhr voll Entsetzen zurück und reckte +die Hände nach unten hin gegen den morastigen Hauch aus, der dem +Moorwasser entströmte und dem tausendjährigen Schlamm. + +In der kahlen Gabelung eines Weidenstumpfs über dem feuchten Grund +hockte ein graues Tier mit dem Gesicht eines kleinen alten Menschen. Es +war weich und farblos, mit breiten Schultern, in denen der Kopf +sanftmütig schaukelte. Das Gesicht lächelte mit matten Augen und +freundlich, und die Hände hingen schwächlich an den halb erhobenen Armen +nieder. Fridlin kannte dies Fabelwesen, das er zu erblicken glaubte, aus +seiner Kinderzeit her und wußte, daß es beim Herannahen bedrängter +Menschen für gewöhnlich flüchtete, um sich abwartend in die Gabelung +einer anderen Weide zu setzen. Es drückte die Köpfe ertrinkender +Menschen nieder, die in den Sumpf geraten waren. + +Im Grunde zog es den Verlorenen in seiner Schreckensnacht zu einer +anderen Stätte hin, es war eine schmerzvolle Sucht, die als drängendes +Unterbewußtsein von Augenblick zu Augenblick an Macht über ihn gewann. +Als er diesem Drang endlich nachgab, lichteten sich die Verfinsterungen +seines Gemüts ein wenig, als ob sich mit seinem Gehorsam gegen dieses +Verlangen eine Erleichterung seiner Sinne verbände. Er fand die +Waldlichtung in kurzer Zeit, in der Geroms Leiche im Mondschein lag. +Dort erkannte er beim zögernden Hinzuschleichen zuerst nur eine dunkle, +unförmige Masse am Boden zwischen den Himbeersträuchern und versuchte +auf den Zehenspitzen und mit stockendem Atem, hinter den Büschen +stehend, die Formen des Körpers zu unterscheiden. Seine Vorsicht hatte +etwas sonderbar Kleinliches, er vermied die nassen Zweige und achtete +sorgsam darauf, kein Geräusch hervorzurufen. + +Neben dem Toten, mitten im vollen Mond, saß das Anjekind mit gefalteten +Händen. + +So hell das sinkende Gestirn immer noch schien, gab das nächtliche Licht +ihrer Gestalt doch etwas Unwirkliches, sie erschien in ihrer geraden +stillen Haltung wie eine zur Hälfte versunkene Statue, besonders weil +der Mond von hinten her auf ihren Körper schien und das eintönige dunkle +Grau ihrer Erscheinung in hellere Umrisse legte. Da ihr Haar gelöst war, +sah ihr Haupt in dieser Beleuchtung ungewöhnlich groß aus, es ruhte fast +unförmig, wie ein Tierkopf, auf den schmalen, lieblichen Schultern. Von +ihnen abwärts sanken die Linien der hängenden Arme gerade nieder, von +bleichem Licht eingerahmt, regungslos und doch von eindringlicher +Lebendigkeit. Fridlin erkannte lange nicht, worauf ihre Blicke gerichtet +waren, bis er, erstarrend vor Entsetzen, gewahr wurde, daß sie ihn +ansah. + +Ihn befiel der Zweifel, ob er jemals von diesem Wesen etwas gewollt +hatte, das dort hockte und ihn mit seinen Blicken beherrschte. Was war +von ihr seiner armen Menschenhoffnung verbunden gewesen? Im Fieber +durchmaß sein Geist die Wegstrecke seines Lebens, die von der ersten +Begegnung im Sommergrün am Gurdelbach bis zu diesem nächtlichen +Waldplatz führte. Seine Sinne trieben ihn durch ein Chaos von unklaren +Vorstellungen dahin, wie aufgescheuchte Vögel durch staubigen Wind +getrieben werden, der ein herannahendes Ungewitter verkündet. Mit einer +übergroßen Ermüdung zugleich befiel ihn eine Kindertraurigkeit, so daß +er hätte still und in Rührung über sich selbst vor sich hinweinen +können. Er sagte laut: + +»Ich bin unschuldig.« + +Da erhob Anje sich rasch, es erschien deutlich so, als ob sie es in +einem fröhlichen Eifer täte; jetzt war sie es wieder selbst, wie ehedem, +Fridlin erkannte sie besser, als sie nun auf ihn zukam und mit der Hand +die Zweige der Sträucher zur Seite bog. Sie legte ihm den Arm um den +Nacken, so daß er im höchsten Erstaunen seinen Kopf etwas zurückbiegen +mußte, um sie ansehen zu können. Sein Mund öffnete sich etwas, und seine +aufgerissenen Augen starrten in Anjes bleiches Gesicht. Sie schmiegte +ihren Körper leicht an den seinen, so daß ihn ein rätselhafter Schauer +für einen Augenblick aus seinem Erstaunen zog, er empfand die weiche +Schmiegsamkeit dieses Körpers und einen Hauch, dem Geruch welkender +Blumen vergleichbar, der aus ihrem offenen Haar stieg. Dann sah er +ihren Mund, der mit geöffneten Lippen in einer wehmütigen Verzerrung +lächelte, und begriff, wie durch einen lauten Zuruf gewarnt, seinen Tod. + +In der jähen abwehrenden Bewegung, die er mit einem leidenschaftlichen +Ruck machte, traf es ihn. Er sah noch, daß Anjes Kopf durch sein +Aufschrecken zurückgeworfen wurde und hatte die Empfindung, als hätte +ihre kleine Faust fest und aufgeregt in der Nähe des Herzens gegen seine +Brust geschlagen. Erst beim nächsten Atemzug begriff er, was ihm +geschehen war und sah hinab: merkwürdig plump und unwirklich hockte der +Griff des Jagdmessers ihm aufrecht am Rock, und nun ergriff es eisig das +Herz seines Lebens, zog ihn in einen süßlichen Taumel von Ohnmacht +hinein und schmerzvoll zu Boden nieder. Er starb rasch, weil sein Herz +durchstochen war, und unter Anjes Augen, einen betroffenen Widerspruch +und eine Frage in seinem übermüdeten Gesicht, ohne die Qual des Todes im +Bewußtsein gekostet zu haben. -- + +Der Mond sank tiefer herab, und die Waldungen der Einöde umdunkelten +sich mehr und mehr. Der Wind trieb nasse Nebelschwaden aus den Gründen +der Sümpfe in die Lichtung, jene Dünste, die den beklemmenden Geruch +wie von Teer und alter Erdnässe mit sich bringen, wie sie dem späten +Herbstland entsteigen. Nur die schweren Umrisse der Baumgruppen, die den +Augen am nächsten waren, blieben noch eine Weile kenntlich, während +schon nach einer kleinen Entfernung die fahlen Nachtschleier alles in +der einförmigen Ebene in eine unerforschliche Ausgeglichenheit betteten. +Die kreisende Erde setzte unermüdlich ihre Reise fort, mit den toten, +den lebendigen und den heraufdrängenden Wesen der Natur. + + + + +Vierzehntes Kapitel + + +Zwei Tage nach diesen Ereignissen erhielt das Forsthaus der Dachenau +einen ungewöhnlichen Besuch; es war Hirte, der in einem traurigen +Zustand vor der Gartentür anlangte und hineinzukommen versuchte. Die +Jagdhunde des Försters erschwerten ihm sein Vorhaben nach Kräften und im +besten Glauben, ihren Verpflichtungen nachzukommen, so daß Hirte +gezwungen war, sich bis zur Ankunft eines Menschen im Gebüsch zu +verbergen, wo er sich in das welke Laub legte und wartete. Er leckte den +weißen Reif von den braunen, gekrümmten Blättern, weil er durstig war, +und zitterte vor Hunger und Kälte, denn in dieser Nacht waren die ersten +Fröste niedergegangen, und schon den ganzen Morgen über rauschte, wie +ein bunter Regen, überall das Laubwerk zu Boden. + +Als der Förster erschien, wagte Hirte sich aus seinem Versteck hervor, +und wie er es erhofft hatte, wurden die beiden Jagdhunde sogleich +zurückgerufen, als sie ihn durch ihren Zorn verrieten. Der Förster trat +hinzu und zog die Brauen hoch, als seine Blicke über den armen Hirte +hinglitten, dessen Zustand bejammernswert war. Er schien sich kaum auf +den Beinen halten zu können, und sein nasses ruppiges Fell sah aus, als +ob es zerfetzt und durchlöchert wäre. Aber Hirte schämte sich seines +Zustands nicht, er nahm auch keine Nahrung an, obgleich er so von +Kräften war, daß ihm das Laufen Mühe machte. Er war glücklich, einen +Menschen gefunden zu haben, und mit seinen nachdenklichen Augen, die nie +anders als traurig dreinschauen konnten, lief er ein Stückchen in den +Wald, kehrte um, suchte die Blicke des Försters und verschwand wieder im +Wald. + +Da nahm der alte Mann mit ernstem Gesicht seine Jagdbüchse über die +Schulter, schloß seine eigenen Hunde im Hofe an und folgte Hirte. Auf +dem langen Weg, der bald durch unsicheres Gelände, bald durch Wald und +Erlendickicht führte, überkam den Förster eine immer größere Besorgnis, +die sich langsam zur Angst steigerte, je unermüdlicher Hirte zur Eile +anzutreiben schien. Das häßliche Tier, dessen Eifer mit seiner letzten +Körperkraft rang, rührte ihn so tief, daß er mit einer ganz ungewohnten +Bewegung kämpfte. Als der Hund wieder bei ihm anlangte, beugte er sich +nieder und klopfte liebevoll den mageren Rücken und streichelte den +unschönen Kopf, der seine Gedanken nicht verraten konnte und unter dem +ein Herz aus verborgenen Gründen her ein unerforschbares Liebeslicht in +die matten Augen schickte. Sie hatten nun die alte Landstraße längst +überschritten. + +»Hirte,« sagte er, »Hirte, was ist denn geschehen?« + +Das Tier entzog sich seiner Liebkosung ohne Erkenntlichkeit und eilte +wieder voraus. Oft, wenn ein Hindernis dem Alten den Weg erschwerte, +stand Hirte drüben und sah aufmerksam zu. Er bändigte seine Ungeduld, +und es erschien fast, als riete er zur Vorsicht. + +Der Förster wußte, daß Fridlin nun schon die zweite Nacht nicht in die +Dachenau zurückgekehrt war, und wenn er nicht erbittert auf den jungen +Menschen gewesen wäre, so hätte er sicher Nachforschungen anstellen +lassen. Vor ihm verschwand Hirte in einer Lichtung zwischen +Himbeerbüschen und kam nicht mehr zurück. Der Alte schüttelte den Kopf +und stolperte eilig über den unebenen Grund voran, dieser Ort lag wohl +eine Stunde von Geroms Blockhaus entfernt. Da sah er die großen, dunklen +Flecke durch das Gezweig, zwei, drei, und zwischen ihnen bewegte sich +der braune Hirte, um sich dann niederzulegen. + +Der alte Mann reckte die Arme gegen das Bild aus, das sich ihm darbot. +»In meinen alten Tagen soll ich es sehen ...«, stammelte er und stand +still da, als wäre die unbeschreibliche Erstarrung auch über ihn +gekommen, die über den stillen Menschen vor ihm lag. Aus einem Busch, +dicht zu seiner Seite, sahen ihn trüb und hell die gebrochenen Augen +seines jungen Gehilfen aus einem weißen Gesicht an. Der Kopf war +zurückgeworfen und hatte keinen Halt, er hing leblos nieder, mit Reif +auf der Stirn, und diese ihres Lebens beraubten Augen spiegelten den +großen leeren Himmel, der sich grau und kalt, wie eine letzte Hoffnung, +über der verlassenen Erde ausspannte. Aus der Brust des Toten starrte +der Knauf eines Jagdmessers, der aus Hirschhorn geschnitzt war, und +rätselhaft zärtlich ruhte die erkaltete Hand daneben, wie die blutlosen +Hände der Märtyrer in Verzücktheit das erleuchtete Herz der Brust zu +schützen scheinen. + +Dem Toten gegenüber erkannte er die derbe Gestalt des Einsiedlers Gerom +an dem großen grauen Bart, der die halbe Brust verdeckte. Auch Gerom war +tot, seine Augen waren geschlossen, und der Reif der Nacht glitzerte auf +den Lidern, wie er auf den Halmen und Steinen umher und auf den welken +Blättern glitzerte. An seine Seite geschmiegt lag sein Kind. Anjes Arm +war von unten her um den Hals ihres Vaters geschlungen, so daß sein +Haupt an ihrer Schulter ruhte, und sie hatte ihre Wange an seine +gepreßt. In einer Gebärde von Frömmigkeit, die hilflos und +unaussprechlich liebreich war, war ihr nur dürftig bekleideter Körper an +den seinen angedrückt, sie deckte ihn spärlich mit ihren zarten +Gliedern, und der Ausdruck ihres Gesichts war von abweisender +Bitterkeit. + +Da sah der Förster, der sich bisher nicht zu rühren gewagt hatte, daß +ein kaum spürbarer, feiner Hauch aus ihrem Mund in die kalte Morgenluft +emporstieg, und von wilder Freude und Angst emporgerissen, stieß er +einen rauhen Schrei aus, der so unbeherrscht war wie sein jäher Sprung +zu den Beiden hinüber. + +»Kleine!« rief er. »Anje! Anjekind!« + +Sie rührte sich nicht. Es erschien ihm nur, als ob ihr Arm, der den +Vater hielt, eine schwache Regung zeigte, in der er sich fester um den +erstarrten Hals legte. Da warf der Zitternde seinen groben Rock ab, riß +sein Tuch vom Hals und hob das Mädchen behutsam vom nassen Boden auf. Er +schien alles andere um sich her vergessen zu haben, und das Grauen, das +von den Toten ausging, berührte ihn nicht mehr, vor Freude bebend hüllte +er Anje in das derbe Tuch seines Rocks. Wie kühl und leicht ihr +schlanker Körper war. Seine Augen gingen ihm vor Erbarmen über, als er +die erstarrten Glieder des Kindes an ihren leblosen Körper legte. So hob +er sie auf seine Arme und eilte mit großen Schritten davon, seine Last +so fest an sich pressend, wie ihre zarte Gestalt es ihm zu erlauben +schien, und den warmen Hauch seines Mundes auf dem nassen bleichen +Angesicht an seiner Brust. + +So sah er im Davoneilen nicht, daß Hirte sich erhob und Miene machte, +ihm zu folgen, aber er hatte nicht die Kraft dazu. Er machte ein paar +Schritte, zögerte und sah den Beiden nach, die bald zwischen den +Baumstämmen verschwunden waren. Die braunen Augen unter den Stirnfalten +sahen Anje nach, solange er noch eine Bewegung in der Ferne wahrnahm, +dann kehrte er um, legte sich neben Gerom auf den Boden, den großen Kopf +auf den Vorderfüßen, und schloß die Augen. + + * * * * * + +Anje hatte von aller Fürsorge der erschütterten Menschen, die sie in ihr +Haus aufnahmen, nichts empfunden. Die beiden kalten Nächte und ein +langer, grauer Tag, die sie wie in einem Zustand der Betäubung mit ihren +Schmerzen zugebracht hatte, waren stärker gewesen als der ohnmächtige +Widerstand ihrer Seele, die keine andere menschliche Zuflucht kannte als +das Herz ihres Vaters. -- + +Nun erwachte sie in der ruhigen Nacht und schlug ihre Augen auf. Sie +erblickte ein großes, fremdes Zimmer, das in sanftem Licht erglänzte, +aber sie erkannte nicht, daß es Licht vom Mond war. Sie lag in einem +breiten Bett, dessen Leinen duftete, und man hatte ihr ein weißes Kleid +angezogen, das ihr kühl und schwer erschien, aber so rein wie Schnee. +Alles umher, wie auch der Atem ihrer Brust, war unendlich leicht und +frei, sie glaubte zu träumen und versuchte sich zu besinnen. Aber durch +ihr Gemüt zog nur der geheimnisvolle Beginn ihres kleinen Buchs, als +erinnerte ihre Hoffnung sich. »Um das weiße Schloß flogen in der +Abendsonne die Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten +Land ...« + +Durch das unverhangene Fenster sank der Mondschein so hell in den +stillen Raum, daß Anje an der Wand zwei Bilder erkannte, die Begebnisse +auf der Jagd darstellten, eilende Menschen, gefleckte Hunde und einen +sinkenden Hirsch, der am Rande des Wassers in die Knie gebrochen war. +Dazwischen hing das Bildwerk eines Mannes, der mit ausgebreiteten Armen +an zwei Balken schwebte, die ein Kreuz bildeten, sein Kopf hing zwischen +den Schultern herab und trug einen rauhen Kranz, der seine Stirn +verwundet hatte. Anje versuchte sich aufzurichten, aber auch so erkannte +sie mit Erschrecken, daß die Hände und Füße des Mannes mit Nägeln an das +Holz geschlagen waren. Das Blut troff dunkel daran nieder, und sein +gemarterter Leib wand sich, wie in großen Schmerzen, zur Seite. + +Anje begriff nicht, was dies Bildnis großer Menschengrausamkeit in +diesem Raum bedeuten sollte, ein kaltes Entsetzen schüttelte sie +barmherzig in ihr Fieber zurück, aus dem sie kaum erwacht war, und die +aus einem finsteren Reich auftauchende Ahnung an eine große Traurigkeit, +die sie nicht hatte ertragen können. Ihre Sinne versanken aufs neue in +die Dämmerung des Schlafs, und lautlos brach die gnädige Nacht über sie +herein. + +Aber es träumte sie, daß die Tür sich öffnete und Onne über die Schwelle +trat, um sie zu fragen, ob sie in den Wald zurückwollte. Sie sprang +jubelnd auf, und der Sonnenschein begegnete ihnen, das Glitzern des +Morgens an den Pflanzen und das Rauschen der Bäume im Wind. Mit seligem +Eifer eilte sie voran, der blaue Himmel erstrahlte im grünen +Waldfrieden, und das Wasser des Gurdelbachs zog, bald feierlich, bald +leise plätschernd, über dunklen Grund. Am Ufer schaukelte das Schilf, +von dessen geneigten Blättern die Libellen sich in die durchschienene +Luft erhoben, und der Kuckuck rief aus den Birkengründen. Sie trug +wieder ihren grauen Kittel, und die warme Herrlichkeit ihrer +Kinderfreiheit umfing sie. + +Aber da sank, wie eine uralte Erinnerung der Erde, die Liebesangst in +ihr Herz, sie wandte sich an Onne und fragte schüchtern: + +»Führst du mich zum Vater?« + +Onne erhob ihren Stock und neigte sich ein wenig vor, und auch Anje +senkte den Kopf und lauschte, denn sie fühlte, daß etwas geschehen +sollte. Da vernahm sie aus der Ferne die Axtschläge ihres Vaters im +Wald, und warf jauchzend ihre Arme empor. Sie stürmte ihrem Vater durch +die grüne Sonnenherrlichkeit entgegen. + +Als die besorgten Menschen mit dem hereinbrechenden Tag in das Zimmer +kamen, in welchem Anje schlief, war das Kind gestorben. Auf seinem +Angesicht lag ein Lächeln von solcher Glückseligkeit, daß alle, die es +sahen, hinausgingen und weinten. + + _Ende_ + + + + + Im Verlag von Schuster & Loeffler in Berlin erschien von + + Waldemar Bonsels: + + _Die Biene Maja_ + _und ihre Abenteuer_ + + + Ein Roman für Kinder + Neunzigste Auflage + Preis M. 3.-- brosch., M. 4.50 geb. + + + _Urteil der Presse:_ + +Wir haben seit den Meistern deutscher Märchenkunst kaum wieder ein Buch +empfangen, das die große Aufgabe eines Kinderbuchs bewältigt, den Alten +eine Quelle des Humors zu sein und den Kindern eine Welt tiefen Ernstes +und unschuldiger Freude. Aus diesem Buch strahlt das Herz eines +Dichters, der sich in seiner Beschränkung als Meister erweist, dem sein +Los in diesem Werk wahrhaft aufs Liebliche gefallen ist. Gebt dieses +Buch euren Kindern, es ist ein herrliches Buch. + + _Die deutsche Frau, Berlin._ + + * * * * * + + Waldemar Bonsels: + + _Himmelsvolk_ + + + Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott + Siebzigste Auflage + Preis M. 3.50 brosch., M. 5.-- geb. + + + _Urteil der Presse:_ + +Wie Waldemar Bonsels erzählt, das muß man selbst genießen, selbst mit +durchleben, muß bewundern, wie dieses Dichterauge Erde und Gestirne, +Wolken und Wasser, Pflanze, Tier und Mensch mit einem Blick durchdringt, +der den Grund aller Dinge, allen Erlebens, aller Seelen sieht, muß +dieses völlige Einssein mit Gott, diese Helligkeit, Güte und Liebe +miterleben, die das Buch füllt, und die den durchziehen wird, der das +Buch liest. -- Am Ende dieses Buches stehen die Worte eines Sehers: »Wir +müssen alle das Lächeln wieder lernen, das unseren kurzen Lebenstagen +und ihrem vergänglichen Werk und Schmerz gilt. Wir sind alle aus der +Freude geboren und kehren zu ihr zurück.« + + _Frankfurter Zeitung, Frankfurt a. M._ + + * * * * * + + Im gleichen Verlag erschien ferner von + + Waldemar Bonsels: + + _Wartalun_ + + + Eine Schloßgeschichte -- Siebzehnte Auflage + Preis M. 5.-- brosch., M. 6.50 geb. + + + _Urteil der Presse:_ + +Unter Waldemar Bonsels' immer kunstreichen Romanen ist »Wartalun« ein +herrlich großes Lebensgemälde voll hinreißender Schönheit und voll +tiefster, formzeugender Anschauung des Ewig-Menschlichen. + + _Hessische Landeszeitung, Darmstadt._ + + * * * * * + + Waldemar Bonsels: + + _Der tiefste Traum_ + + + Eine Erzählung -- Siebzehnte Auflage + Preis M. 3.-- brosch., M. 4.50 geb. + + + _Urteil der Presse:_ + +Ein Stimmungszauber geht von dem Buche aus, der die Sinne mit lockender +Gewalt zur innigsten Anteilnahme zwingt. Der eigenartige Zauber liegt +auf der rein menschlichen Seite des tiefen Problems, und die ganze +Entwicklung der beiden Charaktere ist einzig darauf gerichtet, alles in +eine ungemein vertiefte und goldgeklärte Harmonie ausklingen zu lassen. + + _Generalanzeiger für Elberfeld._ + + * * * * * + + Waldemar Bonsels: + + _Die Heimat des Todes_ + + + Empfindsame Kriegsberichte + Neunte Auflage + Preis M. 3.-- brosch., M. 4.50 geb. + + + _Urteil der Presse:_ + +Das Buch schrieb ein Dichter, der damit unseren betrübten Tagen ein so +schönes Licht entzündete, daß man an Gleichnisse und Seligpreisungen der +Heiligen Schrift gemahnt wird. »Die Heimat des Todes« könnte wohl zu den +wenigen Schriften zählen, die in späteren Zeiten eine Spur von dem +tieferen Wesen unserer Kämpfe und Leiden zu tragen bestimmt sind. Denn +das Buch schrieb ein Dichter, dem die Gabe verliehen ist, in das +Zwielicht unserer persönlichen Anteilnahme mit einem Strahl ewigen +Lichts zu leuchten. + + _Die Rheinlande, Düsseldorf._ + + * * * * * + + Im Verlag von Rütten & Loening, Frankfurt a. M., erschien + ferner von + + Waldemar Bonsels: + + _Indienfahrt_ + + + Dreißigstes Tausend + Preis M. 5.-- brosch., M. 7.-- geb. + + + _Urteile der Presse:_ + +Ich gestehe offen, daß mir noch niemals ein so formvollendetes, +künstlerisch durchdachtes und von Schönheit überquellendes Buch unter +die Augen gekommen ist. + + _Der Bund, Bern._ + +Waldemar Bonsels' Buch ist nicht nur das schönste, das ich je über +Indien gelesen habe, auch ohne Rücksicht auf den Gegenstand muß ich es +zu den wenigen großen Kunstwerken der Literatur der Gegenwart zählen, +die an sich vollkommen sind. In meiner tiefen Ergriffenheit möchte ich +auf dieses Buch alle die Lobsprüche häufen, wie sie schlagwortartig bei +Anerkennungen wiederkehren. Nach Jahren erst hat Bonsels seine reichen, +in der Zeit kaum bemessenen Eindrücke gestaltet, ein großes Kunstwerk +entstand, von wundervollem Aufbau der sich entschleiernden Wunder +Indiens. Ich kannte diesen großen Dichter kaum, auf den das deutsche +Volk gerade inmitten seiner heldenhaften Not stolz sein darf und von dem +es Außerordentliches für die Befreiung seiner seelischen Zukunft +erwartet. + + _Die Hilfe, Berlin._ + + * * * * * + + Waldemar Bonsels: + + _Menschenwege_ + + + Aus den Notizen eines Vagabunden + Achtzehntes Tausend + Preis M. 5.-- brosch., M. 7.-- geb. + + + _Urteil der Presse:_ + +Der Dichter stellt in diesem Buch die natürliche Freiheit eines von +jedem Stand und jedem gesellschaftlichen Zwang befreiten Menschen gegen +die ganze Befangenheit der Gesellschaft. Der Vagabund ist ein +Landstreicher aus freiem Willen, er will durch nichts gelten als durch +die Kraft eines echten Gemütes, und er sucht Gott im Menschen. Dieser +Vagabund ist die Verkörperung der Sehnsucht der neuen Jugend. Wie alle +Werke von Waldemar Bonsels ist auch dieses neueste ein Meisterwerk +künstlerischer Form, in einer Sprache geschrieben, deren kraftvolle +Schönheit jeder Regung der Seele folgt, und die durch den +unerschöpflichen Reichtum der Bilder die Landschaften seiner Gedanken +mit der Anmut und Lieblichkeit, mit dem Ernst und der Macht einer +wahrhaft sittlichen Forderung erfüllt. + + _Hannoverscher Courier._ + + + + + * * * * * + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte + Zeile steht. + + stand Hirte drüben und sah aufmerksam zu Er bändigte seine Ungeduld, + stand Hirte drüben und sah aufmerksam zu. Er bändigte seine Ungeduld, + + »Steh auf! Geh heim! Geh gleich heim« + »Steh auf! Geh heim! Geh gleich heim!« + + er es erfuhr, brummte er wie nebenhin: »Anje .. mag sie schlafen, wo + er es erfuhr, brummte er wie nebenhin: »Anje ... mag sie schlafen, wo + + Natur verherrlichte. Sie kannte seine Stimme in der Ebene und ilte über + Natur verherrlichte. Sie kannte seine Stimme in der Ebene und eilte über + + das Feld seinem freien Singen entgegen, dase eihre Arme in sinnloser + das Feld seinem freien Singen entgegen, das ihre Arme in sinnloser + + Freude emporriß. Er beherrscht den Himmel und lenkte den Gang der + Freude emporriß. Er beherrschte den Himmel und lenkte den Gang der + + Friedlin lehnte im Türrahmen, im grünen Lindenlicht, das durch den Hof + Fridlin lehnte im Türrahmen, im grünen Lindenlicht, das durch den Hof + + Ein Schwindel seiner Ohnmacht überwältigte Friedlin, und er schlug die + Ein Schwindel seiner Ohnmacht überwältigte Fridlin, und er schlug die + + Anje war einen Schrit näher getreten, hatte ihren Kittel fortgeworfen + Anje war einen Schritt näher getreten, hatte ihren Kittel fortgeworfen + + der verdammten zum Himmel emportrug. Die leere Finsternis des Todes + der Verdammten zum Himmel emportrug. Die leere Finsternis des Todes + + Da sagte Onne: »Oh, du gesegenetes Kind.« + Da sagte Onne: »Oh, du gesegnetes Kind.« + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das Anjekind, by Waldemar Bonsels + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ANJEKIND *** + +***** This file should be named 34265-8.txt or 34265-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/4/2/6/34265/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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