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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/34424-8.txt b/34424-8.txt new file mode 100644 index 0000000..2323d8b --- /dev/null +++ b/34424-8.txt @@ -0,0 +1,9556 @@ +The Project Gutenberg eBook, Ludwig Fugeler, by Anna Schieber + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Ludwig Fugeler + Roman + + +Author: Anna Schieber + + + +Release Date: November 23, 2010 [eBook #34424] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUDWIG FUGELER*** + + +E-text prepared by Heiko Evermann, Wolfgang Menges, and the Online +Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) + + + +Anmerkungen zur Transkription + + Passagen, die im Original nicht in Fraktur gesetzt waren, sind + hier durch +Kreuze+ gekennzeichnet, gesperrt gedruckte Passagen + durch _Unterstriche_. + + Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes. + + + + + +LUDWIG FUGELER + +Roman + +von + +ANNA SCHIEBER + +Erste bis vierzehnte Auflage + + + + + + +[Illustration: Verlags-Signet] + +Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn +1918 + +Copyright by Eugen Salzer, Heilbronn +Den Einband zeichnete Karl Sigrist + + + + +Ich muß dir etwas erzählen, liebste Frau, was mir gestern begegnet ist, +und was ich dir gerne mündlich sagte, wenn du nicht in weiter Ferne am +Meeresstrande säßest, du Ausreißerin. + +Deine braunen Fensterläden sind geschlossen; der alte Nußbaum klopft mit +schwanken Zweigen daran und fragt, ob du bald kommest. + +Und auch ich frage so. Du weißt, warum. Ich darf heute nichts davon sagen, +ich habe es dir versprochen. Du sollst Ruhe haben zu allem. Ruhe? Wenn ich +dir diese Blätter schicke? + +Doch ich wollte dir ja etwas erzählen. + +Ich ging mit meinem Freund Haller, den du den Tolpatsch nennst, gegen die +Wilhelmsburg hinauf. Er hatte das kaffeebraune Sommerröckchen an, das du +ihm längst wegsprechen wolltest, und ging, die eine Hand in der Tasche, mit +der andern lebhaft seine Rede begleitend, neben mir her. Er ist ein Kind +und ein Weiser zugleich. Du hättest ihn sehen und hören sollen. Er fand +einen aus dem Nest gefallenen jungen Finken und trug ihn im Taschentuch mit +sich, solang er mir seine Lieblingsidee, die er von Fichte aufgenommen hat, +auseinandersetzte: es gibt nur eine Tugend, sich selber vergessen, und nur +eine Sünde, sich selber zu wichtig nehmen. Dabei erdrückte er im Eifer des +Gesprächs den Finken und sah, als er es merkte, bestürzt das Vogelleichlein +an. Ich wollte es nicht, versicherte er, ich wollte es gewiß nicht tun. +Plötzlich sah ich einen in der Sonne schimmernden Faden, der an seiner +Schulter aufglänzte, und dessen anderes Ende in der himmlischen Bläue +verfestigt zu sein schien. Er mochte sich drehen oder wenden wie er wollte, +der Faden ging mit ihm, so zart er war, denn die unsichtbaren Spinnfrauen +hatten ihn fest und zäh gesponnen. Und mich ergriff eine heitere Rührung, +als ich das große Kind so lieblich an das All gekettet sah. Geh' du nur +hin, dachte ich, und stolpere deinen Gang. Es fliegt doch ein zartes +Seelchen hinter dir drein und leitet dich an einem Silberfaden. + +Aber als ich nach Hause kam, fiel es mir ein: Kann nicht im Grunde auch ich +von einem solch festen und zarten Gespinst sagen, das mich, mir selbst zum +Trotz manchmal, auf Holper- und Stolperwegen begleitet hat, ohne zu +zerreißen? Ich achtete nicht darauf, denn ich war in mir selbst befangen +und haschte täppisch nach Scheindingen, die mir in der Hand zergingen, +indes ich das Beste am Wege stehen ließ. Ich machte weite Umwege und verlor +dabei Kostbares, das ich nicht mehr fand, und beinahe auch mich. + +Und doch zerriß der Faden nicht, der mich mit dem lebendigen Leben verband. +Als ich erwachte und mich einsam sah, wurde ich seiner gewahr. Da merkte +ich, daß er von guten Händen fest gesponnen sein mußte, denen man nicht so +leicht hinauskommt, um ins Abgründige und Wesenlose zu fallen. Mit dir +werden sie leichtere Mühe haben, als mit mir. + +Ich habe mich nun entschlossen, dir die Blätter zu schicken, die ich +eigentlich für mich selbst beschrieben habe. Es war vor deiner Zeit. Ich +wußte nicht, ob ich sie noch einmal in vertraute Hände legen würde, als +ich an vielen einsamen Abenden mein Leben vor mir ausbreitete, das zu +stocken schien. Bei manchem, das in der Erinnerung freudig und freundlich +zu mir trat, verweilte ich gern und ausführlich, manches aber +aufzuschreiben fiel mir schwer, wie es einem schwer wird, im Spiegel mit +Aufmerksamkeit sein Gesicht zu betrachten, wenn man inne wird, daß es von +vorzeitigen Runzeln durchfurcht oder von Flecken entstellt ist, und vor +manchem auch graute mir, daß es einmal gewesen sei. Da hieß ich meine Feder +eilen. Doch glaube ich, kann ich sagen, daß ich mich davor gehütet habe, +etwas an mir zu beschönigen, oder mich besser zu machen, als ich war, +wenngleich es mich manchesmal verlangte, daß ein lieber Mensch mir in die +Blätter sähe und zu mir sagte: Du seiest, wie du wollest, so bin ich +dennoch dein und liebe dich. + +Ein solcher, der es sagen würde, war einmal. + +Wird auch jetzt ein solcher zu mir kommen, wenn du sie gelesen hast? + +Ich soll ja nicht fragen. Aber warten, das darf ich doch? + + * * * * * + +Es war einmal ein Tag, da machte ich die Augen auf in einem hohen, weiten +Raum. Das ist das erste von allem, dessen ich mich entsinnen kann, es ist +mir, als sei ich damals in die Welt herein geboren worden. Ich lag auf +einer Bank, die eine hohe, geschnitzte Lehne hatte, und sah mit blinzelnden +Augen um mich und über mich. Es ging hoch hinauf, fast schwindelnd hoch, +und ich spürte auf einmal, daß ich ein klein -- kleinwinziges Büblein und +nicht daheim in meiner Stube sei. Da waren viele steinerne Säulen, die alle +so unmenschlich hoch und groß waren und oben irgendwie zusammenstrebten. +Und da waren Fenster, durch deren buntfarbiges Glas Ströme von farbigem +Licht in die hohe, dämmerige Halle flossen. Das Licht floß an den +Steinsäulen hin und auf dem Fußboden weiter und traf auch mich, und auf +einmal fing es an, zu klingen, zuerst hoch und hell, und dann leise und +zart, und dann so mächtig, immer stärker und mächtiger, daß ich nicht +wußte, wo ich hinfliehen sollte, so mächtig dröhnte und tönte das Licht, +das ich noch nie gesehen hatte. Es tat mir etwas wohl, aber noch viel weher +tat es daneben, und ich tat, was alle Kinder in der Not ihres erschrockenen +Herzleins tun mögen, ich rief der Mutter. + +Sie hörte es nicht, weil das Getöse so stark war, da rief ich lauter und +lauter und rutschte von der Bank herunter auf meine Füße und schrie: +Mutter, Mutter! + +Da hörte ich unter das starke Tönen hinein eine Weiberstimme, die gehörte +einer breiten, dicken Gestalt, die einen Besen führte, und sie rief nach +einer Ecke hin: »Fugelerin, Ihr Bub ist aufgewacht, er schreit.« + +Gleich darauf tauchte meine Mutter zwischen den Steinsäulen auf und kam +schnell auf mich zu. »Still, still, Ludwig,« sagte sie und wischte mir mit +einem trockenen Zipfel ihrer nassen Schürze die Tränen weg, die mir im +ersten Schreck über die Backen gesprungen waren. Und dann nahm sie mich an +der Hand und führte mich den langen Weg zwischen den Säulen hindurch bis an +einen großen steinernen Tisch, auf dem eine grüne Decke lag mit silbernen +Fransen, und hieß mich auf die Stufen niedersitzen, die zu dem Tisch +hinaufführten. + +Ein Teppich lag darauf, den streichelte ich mit der Hand. Er war so weich +und dick, wie das graue Fell unserer Katze daheim, und ich bekam einen +halben Wecken, den die Mutter aus der Tasche zog. Ich solle jetzt ruhig +hinsitzen und auf das schöne Orgelspiel horchen, sagte die Mutter, und als +ich fragte, was das sei, Orgelspiel, hob sie den Finger in die Höhe und +sagte: »Horch, Büble, da droben kommt's herunter, dort wo es so silberig +glitzert an der Wand. Dort sitzt ein Mann und spielt, und morgen ist +Sonntag, da sitzt alles voller Leut' in der Kirche, und da muß er wieder +spielen«; dann ging sie, und ich sah sie dort drüben mit Eimer und +Schrubber hantieren, da konnte mich das Große, Fremde nicht mehr anfechten, +weil ich ihre lebendige Nähe spürte. + +Aber das konnte ich noch nicht verstehen, daß das Tönen dort oben herunter +komme und das Scheinen zum Fenster herein. Es war beides da, der Raum war +voll davon, und mein Kinderherz war voll davon, und als ich mit der Mutter +heimkam, da rief ich den beiden Schwestern, die in dem schmalen Vorgärtlein +neben der Haustür saßen und strickten, entgegen: »Ihr müßt einmal mitgehen, +in dem großen Haus drin ist etwas ganz rot und blau und goldenes, das +schreit so arg.« + +Da lachten sie und staunten, daß ich solche Sprüche tue, und erzählten es +am Abend unserem Mietsmann, dem Heinrich Kilian, der mit seinen sechzig +Jahren noch Ausläufer in einer Buchhandlung war, und der immer alles wissen +mußte, was ich den Tag über gesagt und getan hatte. Er hatte mich stark in +sein altes Herz geschlossen, die Freundschaft war aber gegenseitig. + +Ich meine, mich zu entsinnen, daß ich an jenem Abend, als die Schwestern um +ihn herumstanden und ihm von meinem Ausflug in die Kirche, in der meine +Mutter zum Reinigen angestellt war, und von meinem Ausspruch erzählten, -- +daß ich auf seinen Knien saß und die rote Nelke hinter seinem Ohr +hervorholte und sie hinter mein eigenes steckte. Er aber ließ mich reiten, +»nach Sachsen, wo die schönen Mädchen auf Bäumen wachsen,« und sagte +wohlgefällig: »Ja, ja, du kriegst sie, Herzkäfer, gescheiter,« und lachte +in seinen Stoppelbart hinein. + +Wenn es nicht an diesem Abend war, so war es sicher an vielen andern so. + +Denn alles, was schön, erfreulich und begehrenswert war in dem kleinen +Bereich, in dem ich lebte, das war mein. Ich streckte die Hand darnach aus +und es neigte sich zu mir. Das war eine lange Zeit hindurch so. + +Die graue Katze gehörte mir, und die Mutter und die Schwestern und der alte +Heinrich Kilian samt allem, was er in seiner Kammer hatte, und Häuslein und +Garten und darüber hinaus. Das war die Zeit, da ich im Paradiese lebte, und +aß von allen Bäumen im Garten und wußte noch nichts vom verbotenen Baum der +Erkenntnis des Guten und Bösen. Es war nichts verboten, und so konnte ich +nicht sündigen. + +Mein Vater starb, als ich noch kein Jahr alt war. Er hatte mich in seiner +Krankheit bei sich im Bett, wenn er genug Atem hatte, um mich auf seiner +Decke sitzen zu lassen, und ich zupfte mit meinen kleinen Händen an seinem +dichten Bart herum. Damals soll ich, geht die Sage, ein sehr schönes Kind +gewesen sein mit einem braunen Lockenbusch und dunkelblauen Augen, und er, +der sich immer einen Sohn gewünscht hatte und ihn nun, da er in so +erwünschter Weise vorhanden war, verlassen mußte, sagte mit seinem letzten +Atemzug: »Lasset mir meinem Büble nichts geschehen.« + +Das war nun ein heiliges Vermächtnis für die Mutter und die beiden +Schwestern, die vier und sechs Jahre älter waren als ich, und denen die +Lust an einem hübschen, lebendigen Spielzeug noch ein stärkerer Antrieb +war, mich zu verwöhnen und zu hätscheln, als das letzte Wort des +verstorbenen Mannes, der an ihnen nie die große Besitzerfreude gehabt +hatte, wie an mir. + +Wir wohnten damals in einem der kleinen Häuslein »am Graben«, die der +Stadt gehörten und von dieser samt den winzigen Vorgärtchen um ein Billiges +an Taglöhner, Waschfrauen, Flickschuster, Näherinnen und dergleichen kleine +Leute vermietet wurden. + +Es ist mir, als habe dort immer die Sonne geschienen, und tatsächlich +blinkten auch die nach Südosten gelegenen kleinen Fenster der einstöckigen +Häuslein, die kein Gegenüber hatten, in jedem Morgenstrahl, der vom Himmel +kam; und in den schmalen Rabatten der Gärtchen hoben, vom ersten +Schneeglöckchen bis zur letzten Aster des Herbstes, den ganzen Sommer die +Blumen der armen Leute ihre Gesichter dem freundlichen Licht entgegen. + +Salat und Suppenkräuter baute meine Mutter in ihrem Gärtchen; sie hatte +keine Zeit und auch nicht so recht die Gemütsart, die man braucht, um +Blumen zu ziehen; die Blumen pflegte dafür Heinrich Kilian; der hatte ein +Stücklein des Gartens in Pacht, nicht viel größer, als meines Vaters +schmales Bett auf dem Kirchhof drüben, und doch groß genug für eine Fülle +der rötesten Nelken. Rote Nelken, das waren seine Lieblingsblumen, von +denen hatte er immer, so lang sie blühten, eine zwischen den Zähnen oder +hinter dem Ohr, mit ihnen trieb er einen Luxus und eine Verschwendung, wie +sonst mit gar nichts. + +»Kilian,« sagte meine Mutter manchmal, wenn sie ihm seine gewaschene und +geflickte Wäsche zurückgab, »Kilian, die Hemden halten nimmer. Ich setze +einen Fleck an den andern, aber was genug ist, ist genug.« + +»Ja, ja,« sagte der Kilian, »sie tun's schon noch. Gut geflickt gibt auch +warm. Ich kauf' dann schon einmal neue, jetzt grad langt das Geld nicht +dazu.« + +»Aber zu den teuren Nelkenstöcken, da langt's,« eiferte die praktische +Frau. Denn er hatte sich wieder einmal etwas ganz Wunderbares kommen +lassen, etwas ganz Märchenhaftes, nie Dagewesenes von roten Nelken, das in +der Zeitung ausgeschrieben gewesen war. Er fiel immer damit herein, es war +nie so etwas ganz Besonderes, es wurden eben immer gewöhnliche rote Nelken, +wie von jeher. Aber er hatte seine große Vorfreude daran, wenn sie Knospen +trieben und die Knospen sich rundeten. »Diesmal gibt's ganz dicke, ganz +große,« sagte er dann geheimnisvoll. + +Das sagte er auch jetzt, als ihn die Mutter wegen der Hemden plagte. + +»Ja, ja, und dann sind's wieder dünne, und das Geld ist draußen, und der +Winter kommt, und kein gutes Hemd ist im Kasten, und das Alter kommt auch.« + +Aber er lächelte bloß und ließ mich auf den Knien reiten. Und ich schlug +mich auf seine Seite und sagte: »Jawohl gibt es dicke, gelt, Heinrich, es +ist in der Zeitung gestanden?« + +Da seufzte die Mutter nur noch ein wenig und brummte: »Vier Kinder hab' +ich, nicht bloß drei.« Aber es hätte ihr eins gefehlt, wenn sie den +Heinrich Kilian nicht mehr zu bemuttern gehabt hätte. Sie war eine gute, +gute Frau. Sie gab alle ihre Kraft her für die, die sie liebte, sie wollte +nichts für sich. Sie schaffte im Taglohn in guten Bürgerhäusern, sie wusch +und putzte, sie hatte das Kirchenreinigen und das Schulhausfegen. Sie +gehörte einem Heer von Frauen an, die da mit Kübeln und Besen hantierten. +Sie brachte verschrumpelte Hände mit heim und in der Tasche das Geld, das +unser tägliches Brot kostete. Und sie saß bis in den späten Abend hinein +bei der Lampe, die einen grünen Blechschild hatte, und flickte alles, was +wir den Tag über zerrissen, und einmal brachte sie einen Samtrest mit heim, +der aus fünf bis sechs Stücken bestand, und machte mir ein Anzüglein +daraus. Das alles tat sie mit wenig Worten und mit einem ruhigen, ebenen +Gesicht. Ich glaube, wer nach ihren Augen gesehen hätte, der hätte viel +gefunden. Aber ich weiß jetzt nur noch von einem einzigenmal, daß ich ganz +weit hinein gesehen habe in diese Augen. Das war spät, das kommt jetzt noch +nicht. + +Als sie das Samtanzüglein genäht hatte, nahm sie mich den Sonntag drauf an +der Hand und ging mit mir in ein schönes, vornehmes Haus, das war mitten +drin in der Altstadt. Es hatte eine breite, schwere Tür, daran war ein +großer eiserner Kopf von irgend einem Ungetüm, der hatte einen dicken Ring +im Maul. + +Daneben hing ein Glockenzug, der hatte einen Griff von einer Schlange, die +eine lange Zunge herausstreckte. Und die Mutter hob mich auf und ließ mich +daran ziehen. Da ging die Tür von innen auf und wir traten in eine Halle, +darin war ein grünes Licht, das kam vom Garten herein, zu dem hin eine +Pforte offen stand, und wir stiegen eine breite, dunkle Treppe hinauf, die +ein geschnitztes Geländer hatte, und kamen in einen weiten Raum, an dem +viele Türen lagen, und von dessen Wänden gemalte Männer und Frauen auf uns +niedersahen. Ich hielt mich fest an der Hand der Mutter, denn unsere +Schritte hallten in dem hohen Raum, der mit einem buntfarbigen Steinmuster +gepflastert war, und es war kühl und groß und dämmerig da. Da ging eine +Tür auf, es fiel helles Sonnenlicht auf die Steine des Pflasters, und in +dem Sonnenlicht stand ein schöner alter Herr. Er hatte einen Sammetkittel +an, darauf fiel ein langer, silberiger Bart hinunter, und seine vollen +Locken schimmerten auch silberig, und er rief: »Aha, da haben wir ja das +Zaunköniglein! Grüß Sie Gott, Frau Fugeler. So, so, das ist recht, wollen +Sie nur gefälligst hereinspazieren!« Er hatte ein so lachendes, helles, +heiteres Gesicht, daß ich ihn immer ansehen mußte, auch als wir in dem Saal +waren, in den er uns führte, er war das Hellste von allem. Zwar die Sonne +fiel durch hohe Fenster herein, und auf dem Boden lag ein Teppich voll +glühender Blumen, und an den Wänden hingen Bilder: Äpfel und Birnen und +Trauben, die aussahen, als ob sie zum Essen wären, eine Wiese mit lauter +durchsonnten, roten und blauen Blumen, ein Blütenbaum mit weißschimmernden +Ästen. Aber der alte Herr war doch noch heller als das alles. + +Ich starrte ihn unverwandt an. Da sagte er lachend: »Was ist, kleiner +Zaunkönig, was guckst du so?« Und ich wurde dunkelrot und sagte aus der +Mutter Schürze heraus, in die ich meinen Kopf gesteckt hatte, vor +plötzlicher Verlegenheit: »Das da ist so glänzig.« Ich deutete auf seinen +Kopf. Da brach er in ein helles Lachen aus und ließ mich kleinen Buben in +seinen Armen durch die Luft fliegen, ganz hoch hinauf gegen die Decke hin, +auf der in hoher Arbeit ein Walfisch war, der den Propheten Jonas ans Land +warf. + +Und meine Mutter saß da und hatte noch nichts gesagt. + +»Ja also, Frau Fugeler,« sagte der alte Herr, »ich brauche so ein paar +kleine Buben für mein großes Altarbild. Der da gibt schon so einen +Engelsbuben mit seinen Locken und seinem Gesichtlein. Ziehen Sie ihn nur +einmal aus, ich möchte ihn einmal in seiner ganzen Herrlichkeit durch die +Stube springen lassen.« + +»Wieso denn ausziehen?« fragte meine Mutter. »Ich hab' ihm extra ein +besseres Gewändlein gemacht, daß er sich sehen lassen kann. Das Hemdlein, +das ist nicht mehr neu, ich muß ihm die alten anziehen, von den Mädchen +her.« + +»Ja, daß wir einander recht verstehen, Frau Fugeler, der Bub soll ja gar +nichts anhaben. Das muß sein wie im Paradies, wie in seligen Welten, wo +niemand sich verhüllen und vor dem andern verstecken muß. Das muß sein, wie +wir alle wären, wenn wir geblieben wären, wie in der Kindheit: schön, +wahrhaftig, lachend, fromm und gesund.« + +Die Mutter schüttelte den Kopf. »Ich bin ein einfaches Weib, Herr +Professor, es mag schon recht sein, wie Sie's meinen, aber ich versteh' das +nicht so. Mein Mann tät's nicht leiden, wenn er's wüßte, daß Sie den Buben +so nackend vor aller Welt hinstellen wollen, und ich leid's auch nicht.« + +Der alte Herr trommelte mit den Fingern auf die Fensterscheiben und sah +eine Weile in den Garten hinaus. Dann rief er hinunter: »Maidi, komm einmal +herauf.« Und gleich darauf wurde ein leichter Tritt draußen hörbar, und ein +kleines Mädchen kam herein. Es hatte ein weiß und rotes Gesichtlein und +hatte ein blaues Kleid an, auf das zwei hellglänzende Zöpfe niederhingen, +und alles an ihm wippte und lachte. »Maidi, nimm einmal das Büblein eine +Weile mit dir in den Garten,« sagte der alte Herr, »du kannst ihm Kirschen +geben und mit ihm spielen.« + +»Ja, Großpapa,« sagte Maidi, »er kann mein Bräutigam sein, wir spielen +Hochzeiterles.« + +»Wer ist das: wir?« + +»Ach,« sagte Maidi, »die andern, die hab' ich mir bloß so dazu gedacht, die +Brautfräulein und alle. Sie haben weiße Kleider mit Schleppen und tragen +Kränze und Lichter.« + +»So, so, ja, dann tut das nur,« sagte der Großvater und schob uns zwei zur +Türe hinaus. + +»So,« sagte Maidi, »jetzt mußt du der Bräutigam sein.« Wir waren in eine +grüne, blühende Welt eingetreten. Große, schattige Bäume wölbten sich über +unsern Häuptern, üppiges Buschwerk neigte sich über die Steige hin und +machte sie eng und schmal, Beete waren da voll dunkelblauer Iris und +flammender Feuerlilien, ein Rondell aus lauter Rosen; es schlug eine große, +schwere Welle von Duft und Farben und Schönheit über dem kleinen Buben +zusammen, der willenlos und wie im Traum tat, was das Mädchen ihn hieß. + +»Du mußt mich jetzt am Arm führen,« sagte Maidi, »und mußt sehr aufpassen, +daß du mir meinen Schleier nicht zerdrückst. Und da vornen, an der Laube, +das Bänkchen, das muß die Kirche sein, da brennen Lichter, viele,« sie +sprang voraus und pflückte von dem Schutthaufen hinten in der Ecke einige +von den Samenkugeln des Löwenzahns, die dort standen, und steckte sie in +die Bretterspalten des Bänkchens. »So, jetzt -- nein, jetzt mußt du der +Pfarrer sein, ich kann schon eine Weile denken, daß der Bräutigam da +steht.« + +Aber ich konnte nicht so spielen, ich war ein wenig steif und dumm und +stellte mich ungeschickt an, da schlug sie vor, daß wir nun essen müßten, +und dazu war ich vielleicht eher zu gebrauchen. Wir traten in die Laube +ein, da stand ein weißglänzendes, geflochtenes Körbchen voll großer brauner +Kirschen, und wir fingen an, zu schmausen. Aber Maidi hängte mir zuerst +noch Zwillingskirschen an die Ohren und steckte mir ein kleines Zweiglein +mit Laub und Kirschen dran in die schöne, steife Schleife, die mir meine +Mutter am Hals zugebunden hatte zum Schmuck des Samtanzügleins. Dann durfte +ich essen. Mir war so seltsam wohl, wie noch nie. Und in diesem Wohlsein, +in der grünen, farbigen Welt, die über uns beiden Kindern zusammenschlug, +kam mich das Reden an. Ich erzählte Maidi, daß wir auch einen Garten haben, +der gehöre mir, und er sei ganz voll roter Nelken, und daß ich eine Katze +habe, wenn man die vom Schwanz an aufwärts streichle, so schlage sie +Funken. Sie habe ganz grüne Augen, damit könne sie bei Nacht sehen, und im +Dunkeln seien sie wie glühende Kohlen. Da staunte Maidi und wollte brennend +gern das alles auch sehen. Und ich sagte, daß ich auch noch den Heinrich +Kilian habe, der gehöre mir ganz allein, und er könne wunderschön auf der +Mundharfe blasen, da kommen abends alle Leute vor ihre Türen und horchen, +und der Heinrich Kilian habe in der Stadt drinnen ein großes Haus ganz voll +mit Büchern. + +So tat ich dem kleinen Mädchen, in dessen wundersamer Welt ich einen kurzen +Augenblick zu Gaste war, meine eigene Welt auf, die ihr vom Hörensagen +vorkam, wie ein Königreich und sie mit einem Verlangen füllte, das nicht +gestillt werden konnte, weil es alles im Tageslicht draußen anders aussah, +als hier in der grüngoldenen Dämmerung des Gartens und des Kinderherzens. +Aber das wußte ich jetzt selber nicht. + +»Mama, Mama!« rief Maidi und flog auf eine Frau zu, die den gelben Sandweg +des Gartens herunterkam. Sie trug ein langes, dünnes, weißes Kleid und +hatte einen sonnigen Schein um den Kopf aus lauter krausen, blonden Haaren, +und trug auf den Armen ein kleines Kindlein. + +»Mama, es ist noch viel schöner bei ihm. Sie haben rings herum alles ganz +voll roter Blumen, und eine Katze geht herum und gibt Funken und hat Augen +wie glühende Kohlen, und ein Mann ist dabei, der macht immerfort Musik. Und +alle Leute stehen außen am Garten herum und horchen.« + +Die junge Frau lächelte gut und fein. Sie hatte den Auftrag, mich zu meiner +Mutter zu holen, die außen auf der Straße auf mich wartete. Sie kannte +unser armes Häuslein und Gärtchen und unsere kleine Welt wohl, aber sie +wollte nicht an unser beider Seligsein rühren. Sie sagte nur: »Das wirst du +alles einmal sehen, Maidi. Aber jetzt müssen wir bei dem kleinen Bruder +bleiben, das weißt du ja. Und der Ludwig muß jetzt zu seiner Mutter gehen, +komm, zeig' ihm den Weg durch das grüne Pförtchen. Er ist ihr Bub, und du +bist mein Maidi.« Da tat sich hinter mir die Pforte wieder zu. Auf der +Schwelle sah ich noch einmal den Weg hinunter und sah die schöne Frau mit +dem Kindlein im Grünen stehen, und sah Maidi wie einen Schmetterling auf +sie zufliegen und hörte ihren lachenden Ruf: »Mama, ich habe gesagt, wir +kommen dann einmal alle. Wenn der Bubi laufen kann, dann.« + +Da stand ich auf der Straße und sah nur noch die grünen Baumkronen oben +über die hohen Gartenmauern herausgrüßen, und sah meine Mutter, die ein +Stück weiter unten vor der Haustür auf mich wartete. Sie nahm mich fest und +ein wenig hart bei der Hand und machte fast zu große Schritte für mich +kleinen Buben, als wir wieder unsrem Hause zugingen. + +»Mutter, wer ist der schöne, alte Herr? Mutter, was hat er gesagt?« fing +ich an. Aber sie war nicht zum Reden aufgelegt. Der alte Herr war ärgerlich +geworden, als sie ihm ihren steifen, ungelenkigen Widerstand entgegenhielt. +Es waren Funken aus seinen gütevollen blauen Augen gefahren, und die junge +Frau war aus dem Nebenzimmer herein gekommen und hatte vermitteln müssen. +Er hatte geschimpft und gewettert, daß nirgends mehr Natur sei, +Einfachheit, Selbstverständlichkeit. So gottverlassen seien die Menschen, +daß sie sich der Glieder schämen, die ihre Kinder in ihrer unschuldigen +Pracht mit sich herumtragen. + +Dabei war die Mutter immer stummer geworden. Sie konnte nicht dafür, es war +ihre Art so. Sie konnte nicht mehr umlenken, wenn sie sich irgendwo +festgefahren hatte, auch wenn sie wollte nicht. Sie blieb dabei: »Nackend +lass' ich den Buben auf kein Bild, und gar in einer Kirche. Ich versteh's +nicht besser, so kommt mir's recht vor.« + +Damit ging sie, es half alles nichts. + +Sie tat mir das Samtkittelchen aus, als wir daheim waren und ließ mich in +Hemdsärmeln auf die Gasse springen. Und ich hörte noch, wie sie zum +Heinrich Kilian sagte: »Die Vornehmen sollen mir vom Leib bleiben. Alles +drehen sie um und um in einem. Ich versteh's nicht; er ist sonst ein guter +Herr, der Herr Professor, und nicht unrecht. Aber im Himmel die seligen +Leut' haben doch auch Kleider an, steht in der Bibel. Brav soll er werden +und recht, der Bub, sonst nichts. Ich kann nicht draus hinaus, wir haben's +bei uns immer so gehabt.« + +So ungefähr sagte die Mutter damals. Ich aber stand mitten auf der Gasse +und sah das Gärtchen an, das winzige, schmale, und das niedrige Häuslein, +dem das steile Dach so tief über den einzigen Wohnstock herunterhing, daß +es aussah, wie ein Mensch, dem der Hut in die Stirne gerutscht ist. Und +mich überkam ein kleines, dummes Leiden und ein Zorn, daß es alles nicht so +schön sei, wie ich es vorhin der Maidi beschrieben hatte, und wie es auch +in meinem kleinen Bubenherzen gewesen war. Da ging ich ins Haus zurück und +setzte mich auf die Schwelle, die von der Wohnstube in den Alkoven führte, +in dem ich mit der Mutter schlief, und fing an, laut hinauszubrüllen, denn +ich wußte mir nicht anders zu helfen. Und sie kamen alle zusammen, die +Schwestern, der Heinrich Kilian und die Mutter, und fragten, was mir sei. +Aber die Mutter sagte: »Lasset ihn nur, er hat's wie ich, er ist aus dem +Gleis gekommen.« Da fing sie sachte an, mich auszuziehen und wickelte mich +in den alten, grauen, wollenen Schal, der für alle Schäden gut war, und +legte mich in ihr großes Bett, und ich spürte ihre guten, hartgeschafften +Hände und roch den Duft von dem Strohblumenkranz, der um des Vaters Bild +gelegt war, gerade über meinem Kopf. Da hüllte mich das Heimatliche wieder +warm und gewohnt ein, und ich schlief in den andern Tag hinüber. Denn es +war noch ein Leiden, das man verschlafen konnte. + + * * * * * + +Aber nach dem alten Herrn hatte ich hie und da ein Verlangen. Nicht nach +Maidi und nicht nach ihrer feinen, weißen Mutter. Ja, ich hatte manchmal +eine plötzliche Angst, sie könnten kommen und sehen wollen, was ich Maidi +beschrieben hatte und was doch nicht so war, und ich müßte mich dann +verkriechen in hilfloser Scham. Dann vergaß ich sie nach und nach, und +eines Tages stand ich plötzlich vor dem alten Herrn. Es war in einer engen +Gasse zwischen hohen Häusern, die sich oben fast zusammenneigten. + +Da schritt er fest und rasch daher und war wieder das Hellste von allem. + +Ich trug ein neues Ränzlein auf dem Rücken, darin klapperte und rasselte es +von Tafel und Griffelrohr, die es bis jetzt noch allein bewohnten, und kam +in einem blauen Anzüglein, das mir die Mutter aus einer Arbeitsbluse vom +Vater gemacht hatte, gerade aus der Schule, in die ich erst seit Tagen +ging. Woher er gekommen war, wußte ich nicht. Vermutlich aus einem der +alten Häuser. Er trug den Hut in der Hand und sah beim Gehen links und +rechts an den Häusern hinauf, es war aber nichts zu sehen, als alte Giebel +und einige Blumenbretter und Taubenschläge und so altes Zeug; aber mich sah +er nicht und wollte grad an mir vorbeischreiten. Da griff ich, weil das +nicht sein durfte, schnell nach seinem Samtkittel und hielt ihn daran fest +und erschrak erst, als ich es getan hatte, über meine eigene Keckheit, denn +zuvor hatte ich nichts gedacht, nur gespürt, daß er mir nicht so +entschwinden durfte. + +»Oho, du Stumper,« sagte der alte Herr, der solchergestalt mit seinen +Gedanken auf die Straße heruntergezogen worden war, und sah mir in das +Gesicht, das in großer Verlegenheit erglühte, »was gibt's?« Und ich freches +Mücklein hätte mich gern verkrochen, aber ich konnte nicht. + +Da fiel ihm auf einmal ein, wo er mich schon gesehen hatte, und er sagte: +»Ja, ja, ja, das ist ja der Maidi ihr Bräutigam, den man nicht abmalen +durfte.« Und wie es ihm so gerade durch den Kopf ging, sagte er: »Weißt du +was? Willst du was sehen? Komm einmal mit mir. Sag einen schönen Gruß an +deine Mutter und ich hätte dir etwas gezeigt.« + +Damit nahm er mich an der Hand und machte lange Schritte, und ich kleiner +Schulbub rasselte mit meinem Ränzlein neben ihm her und konnte es fast +nicht erschreiten, bis wir an ein großes, kahles Haus kamen und etliche +Treppen erstiegen. Da traten wir in einen hellen Raum ein und waren beide +ganz still. Denn was da drinnen war, das redete mit uns. Da saß die blonde +junge Frau, Maidis Mutter, auf einem kleinen Grashügelchen, ganz im Grünen, +aber sie hatte andere Kleider an, als man bei uns hatte, etwas wie einen +großen Mantel, der sie und das Kindlein, das sie auf dem Schoß hatte, ganz +einhüllte. Und irgendwo kam Sonne her, die war im Haar und im Mantel und in +den Gesichtern, da wurden sie ganz glänzend und ganz fremd und froh. + +Aber von beiden Seiten her kamen kleine Buben mit lustigen kurzen Flügeln, +die ihnen am Rücken herauswuchsen, die trugen Blumensträuße und Kirschen, +und einer schleppte ein Vöglein herbei, das ihm davonfliegen wollte, und +einer ein schneeweißes Häschen. Das brachten sie alles der schönen, schönen +Frau und ihrem Kindlein. Sie hatten keine Kleider an, aber sie kamen mir +auch nicht vor, wie rechte Buben, solche, mit denen ich auf der Gasse +spielte, sie waren anders. Es war alles eine ganze Welt für sich auf einem +großen Bilde, das lebte und blühte und rührte sich doch nicht. + +Da streifte mich eine große, fremde Schönheit und strich mir über die +Augen, daß sie wie in ein Wunder hineinsahen. Und ich stand ganz still und +rührte mich nicht und atmete kaum. Das weiß ich alles noch, als ob es erst +geschehen wäre. Auf einmal mußte ich aufsehen, es zwang mich etwas dazu. Da +sah ich, wie der alte Herr seine Augen auf mir liegen hatte, voller Güte +und wie in einer großen Bewegung, die mochte ihm mein stummes Andächtigsein +geschaffen haben. Und er hob mich ganz sachte mit seinen Händen empor und +küßte mich auf den Mund. Dann stellte er mich wieder auf den Boden und +sagte: »So, jetzt gehst du heim zu deiner Mutter. Grüß' sie. Findest du den +Weg? Behüt dich Gott.« + +Ja, den Weg fand ich schon, meine Füße fanden ihn von selber, denn ich ging +wie in Träumen. + +Da sah die Schönheit in mein Kinderleben herein und sagte: »Ich bin. Suche +mich, kenne mich, liebe mich. Ich bin Wahrheit und Güte, Farbe, Licht und +Glanz. Ich bin in allem und auch in dir.« + +Aber ich konnte es nicht recht erzählen, als ich nach Hause kam. + +Doch war es der Mutter recht, daß der Herr Professor scheint's nicht mehr +böse sei. »Denn sonst hätt' er dich nicht mitgenommen, denk ich,« sagte +sie. + +Aber daß er mich geküßt hatte, das behielt ich für mich. + +Bei uns daheim küßte man einander nicht. Auch mich nicht, so gut ich es +sonst hatte. + + * * * * * + +Eines Tags wurde Lotte Wolf unsere Nachbarin; ich konnte froh sein, daß sie +es wurde. + +Sie war groß und dunkelhaarig; es dauerte nicht lange, bis sie auch zu +meinen Besitztümern gehörte. Als sie am ersten Abend nach ihrem Einzug eine +Weile unter der niedrigen Haustür stand und auf die grünen Bäume der Au +hinübersah, da wunderte ich mich, daß sie da drinnen in dem Häuschen Platz +haben sollte. Es schien mir niedriger zu sein als alle andern, weil sie so +groß und hoch war. Sie trug eine blaue Bluse und eine weiße Schürze und +hatte den Hals frei, daran hing ein dünnes Silberkettlein mit einem +Herzchen. Es zog mich mächtig zu ihr hin, aber ich wußte nicht, was ich +sagen sollte; ich beschrieb aber immer engere Kreise um sie her. Da sah sie +mich und lachte mich an und sagte: »Komm her, Kleiner, wie heißt du?« Ich +sagte, daß ich Ludwig Fugeler heiße, und daß das Haus da drüben mir gehöre, +und daß ich viele rote Nelken habe. Da sagte sie, ich solle ihr eine davon +holen, die wolle sie an ihre Bluse stecken und dafür wolle sie mir etwas +Schönes zeigen. Ich rannte hinüber und pflückte einen ganzen Strauß von den +Blumen, die mir seither nur zum Ansehen gehört hatten, und brachte sie +ihr, die mich zum Dank mit ihrer großen, festen Hand an meinem Lockenwald +packte und ein wenig zauste. Da wurde ich heiß und rot vor Glück und Stolz, +und sie nahm mich mit in ihr Häuslein hinein, daß, wie die andern alle, +eine Stube mit einem Alkoven und zwei Kammern hatte. + +Das Schöne, das sie mir zeigen wollte, stand auf der glänzend polierten +Kommode und war ein ausgestopftes Eichhorn, das blanke Äuglein und spitze +weiße Zähne hatte. Es saß auf einem bemoosten Baumast und hatte eine Nuß +zwischen den Vorderpfötchen, und Lotte sagte, sie wolle mir einmal die +ganze Geschichte des Eichhorns erzählen, das Mux geheißen habe und fast +gescheiter als ein Mensch gewesen sei. Sie sei aber sehr traurig und ob ich +gerne traurige Geschichten höre? Das wußte ich aber nicht, denn bis jetzt +hatte mir niemand Geschichten erzählt, und ich entdeckte auch in diesem +Augenblick noch etwas anderes, das mich stark interessierte. Das war eine +alte Frau, die neben dem Ofen in einem mächtig hohen Lehnstuhl saß und +immerfort mit dem Kopf zitterte. Sie hatte eine breite weiße Binde um die +Stirn gelegt, und unter der Binde sahen ein paar dunkle Augen hervor und zu +mir herüber, und ich bekam auf einmal Angst vor diesem Menschenwesen und +wollte mich aus der Stube machen. Da nahm mich Lotte bei der Hand und +führte mich zu ihrer Mutter hin. Denn das sei ihre Mutter, sagte sie, und +sie müsse immer im Lehnstuhl sitzen, sie könne gar nicht von selber +aufstehen. Ja, nun sah ich es, sie zitterte mit den Händen und den Füßen +ganz ebenso, wie mit dem Kopf, sie zitterte am ganzen Körper, das sah +unheimlich aus. Aber als sie anfing zu sprechen, da war es gleich anders. +Da hatte sie einen so freundlichen Mund und so freundliche Augen, daß meine +ganze Angst verging. Sie sagte, wenn wir nun Nachbarsleute seien, so müsse +ich fleißig zu ihr kommen, und sie habe auch ein Buch mit Bildern, das +wolle sie mir zeigen, und ob ich keine Geschwister habe? Da sagte ich +zuerst nein, denn die Schwestern waren immer wie etwas anderes, wie +Kindermädchen oder Pflegemütter, und sie hatten auch eine jede ein Haus, +für das sie Ausgänge zu machen hatten und spielten fast nie auf der Straße +oder ums Haus herum. Aber dann besann ich mich und sagte, daß ich doch +Geschwister habe, zwei, es seien aber bloß große Schwestern. Und Frau Wolf +sagte, das müsse ich nie vergessen, daß ich große Schwestern habe. Auch +später nicht, wenn ich ein Mann sei, denn es gebe sonst fast niemand, die +Mütter ausgenommen, der so getreulich für die Brüder sei, wie ältere +Schwestern, die gehen durch dick und dünn mit ihnen. + +»Mutter, das versteht er ja noch nicht,« sagte Lotte, und die alte Frau +wackelte mit dem Kopf und sah mich freundlich an, und schwieg. Und ich +erfuhr es erst später, daß sie einen einzigen Bruder habe, der ein großer +Herr geworden sei und nichts mehr von ihr wissen wolle. »Aber,« sagte +Lotte, als sie das meiner Mutter erzählte, »das mag er halten, wie er will. +Ich kann meine Mutter gut erhalten, und das tue ich auch.« Dabei streckte +sie den einen bloßen Arm mit dem heißen Bügelstahl, den sie in der Hand +hatte, wagrecht hinaus und ich dachte, sie sehe der Germania gleich, die +oben auf dem Kriegerdenkmal auf dem Friedhof stand, nur daß die Germania +einen Kranz ausstreckte und Lotte einen Bügelstahl. Aber für Lotte paßte +ein Bügelstahl besser, denn eben damit erhielt sie ihre Mutter. + +Sie stand den ganzen Tag am Bügelbrett, und um sie herum häufte sich die +weißeste Wäsche; sie hatte immer eine schneeweiße Schürze an und eine Bluse +mit kurzen Ärmeln und regierte das heiße Eisen, daß es blitzend hin und her +fuhr und alles sich glättete, was sie unter die Hand bekam. + +An schönen Sommertagen, wenn drinnen in der Küche der kleine Bügelofen +glühte und seine Hitze mit der zitternd warmen Sommerluft vermischte, stand +sie wohl draußen unter dem Vordach aus Sackleinwand, das sie sich selber +aufgespannt hatte. Dann hingen an den Latten des Zaunes gebügelte weiße +Unterröcke und rosenfarbige und blaue Kleider und führten, wenn ein +Lüftchen zwischen ihnen hinstrich, für sich selbst ein Tänzchen auf, als +wollten sie sich auf den Sonntag einüben, wo sie sich um junge, warme +Glieder schmiegen würden, drunten in der Au und wo ihre Falten und Spitzen +noch ganz anders hin und her geschwenkt werden würden als jetzt, nach den +Klängen einer guten Blechmusik und in den Armen der stattlichen Grenadiere +und Pioniere. Denn die schöne Lotte hatte zu ihrer Kundschaft nicht die +großen, feinen Häuser in der Stadt, die, wenn sie tanzgelüstig wurden, sich +selber aufspielen lassen konnten, sondern das hart verdienende, arbeitsame +Völkchen der Fabrikmädchen, der Verkäuferinnen in den Warenhäusern und was +so junges, lebenslustiges Geziefer mehr war. Es kamen auch ledige Herren zu +ihr, die ihre Wäschepäckchen selber unter dem Arm trugen und am +Samstagabend selber wieder abholten. Darunter waren solche, die ich leiden +konnte, und solche, die mir unausstehlich waren. Einige stellten sich zu +Lotte ans Bügelbrett und sahen zu, als ob sie demnächst ihre Hemden selber +bügeln wollten und ihnen nur noch die letzte Feile zu der Kunst fehlte, und +dann begannen sie allerlei Gespräche mit ihr. Aber manche machten dumme +Späße und versuchten Lotte in die bloßen Arme zu kneifen, da fuhr ich +wütend dazwischen, denn das durften sie nicht, da Lotte mir gehörte und ich +sie, wenn ich groß war, heiraten wollte. Lotte aber zupfte mich leise am +Haar, daß ich still sein sollte und sagte: »Laß nur, Ludwig, ich wehre mich +schon selber,« und holte sich einen frischen Bügelstahl, den schwenkte sie +ein paarmal hin und her, da sah sie wieder aus, wie die Germania, und ihr +Gesicht war ernst und schön, aber zu dem Kecken sagte sie gar nichts. Da +sah der meist ein bißchen dumm aus und machte, daß er fort kam. Das war mir +recht, denn es war mir am wohlsten, wenn wir drei allein waren. Bei mir +zuhause war oft den ganzen Nachmittag niemand daheim, da wurde das Häuschen +der beiden Frauen meine zweite Heimat, und ich dünkte mich König darin zu +sein. Aber eines Abends kam ich so gegen Dunkelwerden hinüber. Man hatte +mir heut bei Tag meine Locken abgeschnitten, weil ich nun doch zu groß +dafür wurde, und weil mich die Buben soviel damit neckten, und ich fühlte +mich erwachsener als je dadurch, aber es fror mich auch irgendwie, und ich +wollte mich bei meinen Freunden wärmen. Da sah ich, als ich in die Stube +trat, einen jungen Mann, den ich immer gern hatte leiden mögen, weil er so +still und bescheiden kam und ging und nie viel sagte. Der hatte seinen Arm +um die schöne Lotte geschlungen und sah sie leuchtend an, und sie wehrte +sich gar nicht, sondern stand ganz still und sah ihn auch so an, und das +Bügeleisen stand mitten auf einer Bluse, es roch auch schon verdächtig. Ich +blieb an der Türe stehen und wußte gar nicht, was beginnen, es ging ein +Schmerz und Zorn und ein Schrecken durch mich durch. Da sahen sie mich und +lächelten und winkten mir mit den Augen, daß ich näher treten solle, und +Lotte nahm das Bügeleisen und stellte es an seinen Platz. Aber ich rührte +mich nicht von der Stelle und wäre nur gern wieder draußen gewesen, weil +ich das nicht sehen konnte, daß sie der fremde Mensch umschlungen hielt. + +Da sahen sie meine Not und Lotte machte sich los und kam zu mir her und +sagte: »Siehst du, Ludwig, das ist mein Bräutigam. Jetzt gerade vorhin habe +ich mich ihm versprochen. Gib ihm eine Hand, er heißt Friedrich Meister, +ihr müsset nun auch Freunde sein.« Aber ich gab ihm keine Hand. Wie konnte +ich ihm die Hand geben, wenn er nur so da herein kam und alles störte, was +bisher war und wenn er Lotte um den Hals faßte? Da sagte die alte Mutter +aus ihrem Lehnstuhl heraus: »Gehet ihr beiden nur ein bißchen spazieren, +das wird euch gut tun. Der Ludwig bleibt bei mir, gelt, Ludwig?« + +Und ich setzte mich auf den niedrigen Schemel zu ihren Füßen und legte +meinen geschorenen Kopf an ihre Knie und spürte, wie sie fortwährend +zitterten. Das Brautpaar ging hinaus, und wir blieben allein, und die alte +Frau sagte, als ob sie mich durch und durch sehen könnte: »Ja, lieber Bub, +das kommt uns beiden sonderbar vor, daß uns der Friedrich unsere Lotte +nimmt, gelt? Aber weißt du, er nimmt sie nicht fort, er läßt sie da und +bleibt auch dabei, und so haben wir sie alle beide.« + +Aber ich schüttelte meinen Kopf in ihre Zudecke hinein und sagte da heraus: +»Er soll sie nicht in den Arm nehmen, sie gehört mir. Sie hat es gesagt, +daß sie mir gehört.« Und dann sah ich auf, ob sie keinen Rat wisse. + +Da lagen ihre alten Augen gut und warm auf mir, und sie sagte: »O Büblein, +wo will das hinaus mit deinem heißen Herzen? Sieh, wir können nicht alles +für uns allein haben, was gut ist und schön und was wir lieb haben. Du +verstehst es noch nicht, aber du mußt es noch lernen. Das kommt noch oft. +Komm, komm,« und sie streichelte mich mit ihren zittrigen Händen und sagte: +»Es wird schöner, als du denkst. Was meinst du, mir hat die Lotte auch +gehört, schon lang vor dir, schon als sie noch ganz klein war.« Da mußte +ich sie ansehen, wie sie so gut und so gelassen in ihrem Stuhl saß und ich +dachte, ich müsse sie lieb haben, weil sie so arm sei und packte sie +plötzlich mit beiden Händen an den Armen. Das tat weh, das durfte man +nicht. Sie zuckte zusammen und preßte die Lippen aufeinander, und ich +schämte mich, daß ich so ungestüm war. Aber sie lächelte mich an und sagte: +»Ich versteh's schon, Ludwig, du meinst es gut. Sei nur ruhig, sei nur +still. Komm, ich erzähl' dir was, weil wir grad so schön beisammen sind.« +Da erzählte sie mir die Geschichte von dem ausgestopften Eichhörnchen. Die +hieß etwa so: + +»Es ist einmal gewesen, schon lang, als die Lotte noch nicht viel größer +war als du, da haben wir, mein Mann und das Kind und ich, droben an der +steilen Steige gewohnt in dem Bahnwärterhaus, denn mein Mann ist ein +Bahnwärter gewesen. Da haben wir eine gute Zeit gehabt, sag' ich dir. Da +bin ich noch grad gewesen und aufrecht und stark. Ja ja, guck nur, ich bin +erst seit der bösen Krankheit so, so elend. Der Mann, so gut und immer +vergnügt, es sei ein Wetter gewesen, was es für eins wolle. Eine Stimme wie +eine Amsel hat er gehabt und immer die Mundharfe in der Tasche. Wenn er die +Strecke abgeschritten ist, hat er immer geharft dabei, und am Abend daheim +gesungen auf dem Bänklein vor der Tür, und unsern Garten geschafft, es hat +kein fürwitziges Gräslein drin sein dürfen. Solche rosa Pfingstnelken, +dünkt mich, habe es sonst nirgends gegeben. Einen Nußbaum haben wir gehabt, +der hat ein ganzes Dach über unser Häuslein gebreitet, und gleich dahinter +hat der Wald angefangen. + +Ja, lieber Bub. + +Da sitzen wir einmal an einem Sonntagabend um den Tisch. Alle drei. Das +Fenster steht offen und die Lotte sagt: >Vater, blas' eins. Blas': Brüder, +Brüder, wir ziehen in den Krieg<. Denn er ist ein alter Soldat gewesen und +hätt' gern einen Buben gehabt, der auch einmal Soldat würde, und hat der +Lotte immer vom Militär erzählt. Das ist ihr Leben gewesen. Da zieht er die +Mundharfe heraus und bläst eins ums andere, und auf einmal legt Lotte ihre +Hand auf meinen Arm und sagt leise: >Da sieh' hin<. Da sitzt auf dem +Fenstersims ein Eichhörnchen und guckt mit seinen schwarzen Äuglein zu uns +her und horcht auf die Musik. Denn darauf sind sie aus, das lieben sie. + +Wir sind ganz still gewesen, um es nicht zu verscheuchen, und es ist erst +wieder fortgesprungen, als mein Mann das Blasen einstellte und die +Mundharfe auf den Tisch legte. Von da an ist es oft gekommen, immer öfter. +Es ist noch ein ganz junges gewesen, und es ist nach und nach ganz zahm +geworden. Die Lotte hat ihm Haselnüsse auf den Sims gelegt und dann auf die +Bank am Fenster und auf den Tisch, und es ist bald aus- und eingegangen, +wie ein Eigenes. Dann, im Winter, ist es ganz dageblieben. Die Lotte hatte +ihm ein Bettchen gemacht in einem Korb, darin ist es gelegen, wie ein Kind. +Sie hat es immer selber hineingetan, es hat ihm sonst niemand etwas tun +dürfen. Wenn sie ganz leise gepfiffen hat, so ist es heraus und auf ihre +Achsel gesprungen und hat seinen schönen buschigen Schwanz um ihren Hals +gelegt. Die Lotte ist damals hergewachsen, wie ein junger Baum und hat zwei +lange dicke Zöpfe hinuntergehängt, aber mit dem Lernen, da ist's ihr nicht +so leicht gegangen. Sie hat sonst so vielerlei im Kopf gehabt. Jetzt hat +sie nur noch lernen können, wenn der Mux mit in das Buch hineingesehen hat. +Und dann hat sie ihn allemal gefragt: >Verstehst du das, Mux?< und hat ihm +ins Gesicht geblasen, da hat er sich geschüttelt und sie hat zu mir in die +Küche hinausgerufen: >Mutter, der Mux ist ein Gescheiter, der versteht's +auch nicht.< + +Das ist drei Jahre lang so gegangen. Im Sommer hat der Mux seine Freiheit +gehabt. Bei Tag auf dem Nußbaum und im Wald und bei Nacht in seinem Korb. +Im Winter, da hat er ganz bei uns gelebt. Da, in einem Frühjahr, die Lotte +ist zwölf Jahre alt gewesen und ein großes Mädchen, geht eines Tages ein +schweres Gewitter herunter. Es donnert und blitzt und der Regen fällt nur +so kübelweis, und ich denke: Das ist schon gar nicht mehr geregnet, und +richte trockne Sachen für meinen Mann, denn er ist ja richtig weit draußen +auf der Strecke. Da sind auf einmal Tritte vor der Tür, und etwas schüttelt +sich und pustet, und ein Herr kommt herein, den hatte ich noch nie gesehen. +Es war der neue Forstassessor, und er wollte dableiben, bis der ärgste Guß +vorbei sei. Es war ein schöner Mensch, groß und breit und mit einem +Weltsschnurrbart, aber es hat mir gleich etwas nicht gefallen an ihm, so um +die Augen herum. Die Lotte ist dagesessen und hat an ihrem Federhalter +genagt, denn sie hat sollen einen Aufsatz machen, und der Mux sitzt an +seinem gewöhnlichen Platz auf ihrer Achsel und klopft mit dem Schwanz, wie +wenn er sich auch besinnen müßte. Da packt der Assessor die Lotte am Zopf +und sagt: Ein schönes Kind! Das dürfen Sie auch hüten, wenn ein paar Jahre +noch herum sind. Und ich sagte: Wir wollen es so erziehen, daß es sich +selber hütet, das wird noch besser sein. + +Die Lotte funkelt ihn so an mit den Augen und zieht den Zopf wieder aus +seiner Hand, sagt aber nichts. Da bleibt ihm das Zopfband in der Hand und +er fragt: Schenkst du mir das? Und ich sage statt ihrer: sie ist noch ein +ganzes Kind, sie braucht ihre Zopfbänder selber, gelt, Lotte? Aber sie +macht nur ein trutziges Gesicht, und als der Assessor ihr auf die Achsel +klopfen will, rückt sie auf der Bank hinunter. Wie es aber geschah, weiß +ich nicht mehr zu sagen: Der Mux fährt blitzschnell nach seiner Hand und +schlägt ihm seine spitzen Zähne in den Zeigefinger. Er hatte vorher nie +jemand gebissen, es war das erstemal. + +>Verfluchte Wildkatz,< sagt der Assessor und pfeift zwischen den Zähnen, +und seine Augen sehen aus, wie nichts Gutes. Da geht auf den leisen Pfiff +plötzlich die Tür auf, die nicht ganz fest zu war, und ein brauner Jagdhund +kommt herein, der draußen unter dem Vordach gelegen war. Und da geht eine +Jagd an, das ist nicht zu sagen. Der Hund fährt auf das Eichhorn los, und +das rennt an der Wand hinauf in sinnloser Angst. Alles Locken von der Lotte +und mir hilft nichts, und es hilft auch nichts, daß ich das Fenster +aufmache, damit es sich flüchten soll. Vielleicht, wenn der Assessor seinem +Hund gleich gepfiffen hätte, wäre es noch Zeit gewesen. Aber der besah +seinen gebissenen Finger und war still, und als er endlich sagte: Feldmann, +daher! da steht er auf dem Tisch und bellt wütend an dem Bücherbrett +hinauf, auf das sich das Tierchen geflüchtet hatte. Ich weiß nicht, wie es +zuging, aber als der Assessor endlich seinen Hund am Halsband hatte und ihn +zur Stube hinausführte, da tat der Mux plötzlich einen klagenden Schrei und +war tot. Mein Mann, der bald nachher heimkam, sagte: es sei an einem +Herzschlag gestorben, den habe ihm die große Angst angetan. + +Die Lotte aber war nicht zu trösten. Sie hat vorher noch nie ein Herzeleid +erlebt gehabt, es war ihr erstes, und es war ein großes. Sie legte den Kopf +auf den Tisch und weinte, als ob sie nie mehr aufhören wolle, und der +Assessor stand daneben und sah erschrocken und bekümmert aus. Und ich +sagte, daß er lieber jetzt gehen solle, denn das Kind sei so außer sich, +ich könne es jetzt nicht vor einer Unart hüten. Da, wie er so dastand, tat +es mir auf einmal leid, denn das Spöttische, Ungute war aus seinem Gesicht +weg, und er sah aus, wie ein großer Bub, der etwas angestellt hat und gern +wieder gut sein möchte. Und ich dachte, ob er wohl auch eine Mutter habe, +denn das denken wir Frauen immer zuerst, und gab ihm die Hand und sagte: +>Behüt Sie Gott, und wir wollen einander nichts nachtragen.<« + +Soweit hatte die liebe Frau erzählt, und ich fühlte einen Grimm in mir +gegen den Hund und den Herrn, es war mir nicht recht, daß ihm die Mutter +die Hand gegeben hatte, und ich hätte der Lotte etwas Gutes antun mögen, +weil sie damals so ein Leid gehabt hatte. Da fiel es mir ein, daß ich ihr +ja nun den Friedrich Meister gönnen könne, und ich beschloß, es zu tun, und +als die beiden wieder herein kamen, da stand ich auf und gab ihm die Hand +und sagte: »Dann will ich!« Das sollte heißen, daß ich nun sein Freund sein +wolle und ihm die Lotte lassen. Er verstand es auch, er lachte so herzlich +erfreut über sein ganzes Gesicht und drückte meine kleine Bubenhand, daß +sie krachte, und versprach auch sogleich, daß er mir einen Drachen machen +wolle, so groß, daß die Spatzen davor erschrecken. + +»Ja, und mit einem langen Schwanz,« sagte ich. + +Da versprach er das auch noch, und ich merkte, daß auch die neue +Einrichtung ihr Gutes habe. + + * * * * * + +Einmal, als ich neun Jahre alt war, lag ich in meinem Gitterbett, das mir +schon fast zu klein wurde, im Alkoven neben der Stube. Es hing ein alter, +farbiger Zitzvorhang von der Decke herunter, der trennte die beiden +Gemächer voneinander und ließ nur einen gedämpften Schein der Lampe zu mir +herein. Draußen vor dem Haus jagte ein starker Wind vorüber. Er klapperte +mit Fensterläden und riß die paar Bäume in den Nachbargärten hin und her; +man konnte sie bis hier herein stöhnen hören, und es zog ein Gewitter +herauf. Ich kugelte mich unter meiner Decke zusammen vor Wohlbehagen, daß +ich hier so im Windstillen und Hellen lag und so beschützt und umgeben war. +Draußen in der Stube saßen sie noch alle um den Tisch her: meine Mutter und +meine beiden Schwestern und Heinrich Kilian. Ihre Stimmen gingen in ruhigem +Gespräch einher, ich horchte nicht besonders darnach hin. Ich hatte ihnen +vorhin, eh' ich ins Bett geschickt wurde, ein Gedicht hergesagt: »War einst +ein Riese Goliath, ein gar gewaltig' Mann.« Das ging mir nun noch im Kopf +herum; ich wäre wohl auch daran eingeschlafen, wenn ich nicht auf einmal +meinen Namen hätte nennen hören und dann eine Sache, die mich anging. Sie +wähnten mich wohl schlafend, weil ich so ganz stille lag. + +Als ich anfing aufzuhorchen, sagte meine Mutter: »Wenn es geschehen soll, +dann ist es an der Zeit. Ich bin heut bei seinem Lehrer gewesen -- ich habe +bei seiner Frau gewaschen -- und habe ihn gefragt. Da hat er gesagt: Ja, +ja, der Bub ist hell im Kopf und ist auch fleißig und hat gute Gedanken. +Ich glaube, man kann aus ihm machen, was man will. Aber es wird Ihnen sauer +geschehen, Frau Fugeler. Das Schulgeld ist teuer, und es dauert eine lange +Zeit, bis einer fertig ist, wenn er ein Studium ergreift. Da habe ich +gesagt, daß es mir nicht ums Hochhinauswollen sei mit meinem Buben, +sondern daß ich es dem Mann versprochen habe, daß ich alles an ihm tun +will, was ich kann, und daß ich auch zwei Töchter habe, die mir helfen +können.« + +Ich sah ein wenig durch ein kleines Loch im Vorhang, als die Mutter so +redete und sah, daß die Schwestern einverstanden mit dem Kopf nickten über +ihre Arbeit hin, und daß Heinrich Kilian beide Arme vor sich auf den Tisch +legte und den Kopf vorstreckte vor Eifer und hörte ihn sagen: »Und von mir, +hat sie von mir auch etwas gesagt, die Mutter? Hat sie nicht gesagt, daß +der Heinrich Kilian auch mittun will?« + +»Nein,« sagte die Mutter, »von Ihnen habe ich nichts gesagt, Kilian, das +wär' noch schöner.« + +Aber er tat es nicht anders, er wollte auch etwas an meinem Schulgeld +bezahlen, wenn ich ins Gymnasium käme. + +»Wen hab' ich denn sonst?« sagte er. »Ich habe niemand, als euch. Ich habe +dreihundert Mark in der Sparkasse, die vermache ich dem Buben sowieso. Ich +bin in der Sterbekasse, zu meinem Begräbnis brauch' ich nichts zu sparen. +Und wenn ich nicht mehr schaffen kann, krieg' ich meine Altersrente. Aber +ich kann noch lang schaffen.« + +Da legte ich mich wieder in meine Kissen zurück und schloß die Augen und +sah in meine herrliche Zukunft hinein. + +Also ich sollte auch zu denen gehören, die jetzt nächstens von der +Bürgerschule ins Gymnasium hinübergingen. Ich war der Zweite in meiner +Klasse. Der Erste war Fritz Meißner, der Sohn eines Kaufmanns am +Marktplatz, ein großer und gescheiter Kerl, der immer Rohrstiefel mit +Glanzlederstulpen anhatte und sehr breit in ihnen auftrat. Der Dritte war +Samuel Kern, ein Pfarrerssohn, fein und blond und von einer guten +Aussprache des Deutschen, weil seine Mutter eine Hannoveranerin war und es +von ihm verlangte. Aber manchmal, wenn er in die Hitze geriet, was selten +war, verfiel er in ein ebenso gutes Schwäbisch, wie wir andern es sprachen; +erst vorgestern hatte er, als wir miteinander rangen und ich ihn unten +liegen hatte, keuchend an mir emporgefaucht: Du Saukerl. Das war mir eine +große Ehre und ein rechtes Freundschaftsstück gewesen. Diese beiden standen +seit einiger Zeit mit ein paar andern, die weiter unten saßen, immer in den +Freistunden auf einem Häuflein beisammen und beredeten, wie es würde, wenn +sie drüben seien. Darüber gab es viel zu sagen, von neuen, farbigen Kappen +und von vielen andern Dingen, aber ich glaube nicht, daß sie viel von den +Wissenschaften sprachen, die waren ihnen noch nicht so wichtig. Ich aber +stand beiseite und biß an meinen Nägeln herum, denn nun sah ich, daß ich +nicht so kurzweg an allem teilhatte, was das Leben hergab. In der +Volksschule war es einerlei gewesen, daß meine Mutter eine arme Wittfrau +war, da kam es nur darauf an, daß ich in allem meinen Mann stellte. Aber +das wurde jetzt anders, denn aus ihr hinaus führte nur ein Weg für die, die +Geld hatten. Das war eine böse Sache. Aber nun war ihr auf einmal +gesteuert. Denn die Mutter und die Schwestern und der Heinrich Kilian +sorgten dafür, daß ich mit den Auserlesenen über die Straße gehen könne und +grüne oder rote Kappen tragen und alles tun, was die andern auch taten und +auch alles lernen. Aber an das Lernen dachte ich erst zuletzt, denn ich +lernte gern und leicht, aber ohne Leidenschaft, das hatte mich bisher noch +nicht besonders angefochten. Es erschien mir recht von den Meinigen, daß +sie so taten, aber sie konnten es wohl tun, denn sie verdienten ja alle +Geld. Meine Schwester Luise war jetzt fünfzehn Jahre alt und stand den +ganzen Tag am Bügelbrett drüben bei Lotte, die jetzt Frau Meister hieß, und +einen kleinen Buben in der Wiege hatte. Und Helene war fast dreizehn, aber +sie war fast so groß wie Luise, und war Ausläuferin für ein Modegeschäft +neben der Schule her und brachte auch schon Geld heim, und Heinrich Kilian +hatte dreihundert Mark in der Sparkasse, das war viel, da konnte ich +beruhigt sein. So schlief ich nun in guten Gedanken ein. Als ich schon +lange geschlafen hatte, war es mir auf einmal, die Mutter stehe vor mir mit +dem Lämpchen in der Hand und sehe über mich hin. Ich hörte sie sagen: »Mach +mir etwas Rechts aus meinem Buben. Tüchtig soll er werden und brav. Paß' +auf ihn auf, wenn ich nicht mehr da bin.« + +Aber ich wußte nicht, zu wem sie es sagte, denn es war sonst niemand da. +Ich konnte auch die Augen nicht recht aufmachen, sie waren mir voll +Schlafs. + +Als ich am andern Morgen meinen Kameraden verkündigte, daß ich auch ins +Gymnasium komme, drehte sich auf einmal mein Vordermann um und sah mich mit +merkwürdig erloschenen Augen an. Ich hatte ihn gern, denn er war ein +fröhlicher Kamerad, der einen Spaß verstand, und dabei ein tüchtiger +Schüler. Seine Mutter ging mit der meinigen zum Kirchenreinigen. Wir waren +schon oft dabei gewesen, alle beide, und hatten uns auf den Emporen und +hinter der Orgel umhergetrieben und untereinander ausgemacht, wem die +angemalten Posaunenengel in der Spitalkirche ähnlich sähen. Da hatten wir +immer viel Vergnügen dabei gehabt und auch ein paarmal die Bälge getreten, +wenn jemand kam zum Orgelspielen. Jetzt sah er mich erschrocken an und +sagte: »Du auch?« sonst nichts. Aber in der Freiviertelstunde wartete er, +bis ich die Treppe herunter kam und sagte, er müsse mich etwas fragen, und +wir gingen miteinander hinter die Holzbeige im Hof. Ich stand dumm und +bockig da, denn ich hatte etwas wie ein schlechtes Gewissen gegen ihn, aber +ich wußte nicht recht, warum. Da schlug er mir auf einmal mit aller Macht +eine hinter die Ohren und drehte sich dann an das Holz hin und fing an, in +die Scheiter hineinzuschluchzen. Wenn er nicht geweint hätte, dann hätte +ich ihm die Ohrfeige ohne Frage heimgegeben, aber so war ich ratlos und +wußte mir nicht zu helfen. Ich hätte jetzt bei den andern stehen können zum +erstenmal. Denn darauf hatte ich mich schon den ganzen Morgen gefreut. Und +nun hatte ich eine Ohrfeige auf mir sitzen, die brannte und mußte dazu noch +aus meinem Kameraden herausfragen, warum ich sie hatte, und es war mir +fast, ich wisse es schon. + +Da kam es denn nach und nach heraus, daß er sich schon eine ganze Weile +gefreut habe, bis die andern fort seien, und daß wir dann zusammenhalten +und alles herrlich regieren wollten. Er habe sich schon Sachen ausgedacht, +feine, aber er sage mir's jetzt nicht, was für, er suche sich jetzt einen +andern heraus, dem er sie sage. Ich solle nur machen daß ich fortkomme, +ihm sei es ganz recht, er möchte nicht geschenkt da hinüber. Dabei +trocknete er nach und nach seine Augen und sah mich zornig an, daß ich mir +noch einmal vorkam, wie geschlagen. Denn ich hatte ihn recht eigentlich +gern, das spürte ich nun deutlich, und ich stand in zwei Feuern, die +brannten mich von links und rechts. Da sagte ich in meiner Not, ich könne +doch nichts dafür, daß ich ins Gymnasium komme. Meine Mutter wolle es +haben, mir wäre es sonst gleich. Aber das war gelogen, denn es war mir gar +nicht gleich, und da in diesem Augenblick die andern nach mir riefen, lief +ich schnell davon und stellte mich zu ihnen, und es war mir übel zumute. +Aber es mußte ja nun dennoch alles seinen Gang gehen und ging ihn auch, und +als der Herbst kam, da war ich ein höherer Schüler geworden. + + * * * * * + +Drüben bei Meisters war ich nach wie vor oft und viel, und dort lernte ich +auch eigentlich meine Schwester Luise kennen. Ich trat sozusagen in ein +neues Verhältnis zu ihr, denn daheim war ich um sie herumgestrichen wie um +die alte Stockuhr in unserer Wohnstube oder um den Rosmarinstock, der auf +dem breiten Fenstersims stand. Sie war eben da wie alles andere und gehörte +zum Haus wie die graue Katze, nur daß die Katze immer im Fußende meines +Bettes schlief und eine persönliche Freundschaft mit mir hatte. Bei +Meisters aber sagten sie, daß Luise ein gescheites und geschicktes Mädchen +sei, und daß sie hübsch werde, eh' man sich's versehe. Groß sei sie schon, +einmal für ihr Alter, aber nun fange sie auch an, aufzublühen, und das +stehe ihr gut. Das alles sagten sie nicht vor ihren Ohren, sondern +vielleicht einmal, wenn sie in die Küche ging, um im Bügelofen +nachzuschüren oder, wenn sie draußen im Vorgärtchen die gebügelte Wäsche in +der Sonne ausbreitete. Denn sie war bei Lotte als Lehrmädchen eingetreten. +Aber mir kam ein solches Wort hie und da zu Ohren, und dann dachte ich: Ja, +gelt, die gefällt euch schon. Sie ist meine Schwester, aber ich lasse sie +euch einstweilen. Ich habe noch eine, die heißt Helene, an der ist bis +jetzt noch nicht so viel zu sehen. + +Solche Sachen sagte ich in Gedanken zu ihnen, aber ich mußte aufpassen, daß +es die alte Frau Wolf nicht merkte, denn sie sah mir immer alles an, was +ich im Herzen hatte, und dann sagte sie: »O Ludwig, dich sieht man doch +durch und durch. Du hast ein Gesicht wie ein Spiegel.« Das war mir nicht +recht, denn ich wollte nicht immer alles wissen lassen, was ich dachte. + +Aber daß mir meine Schwester Luise gut gefiel, das durften sie wohl wissen, +das mußte kein Geheimnis sein, bloß sollten sie nicht merken, daß es mir +etwas Neues sei und daß ich es von ihnen gelernt habe. Und sie gehörte mir +doch zuerst und vor allen. + +Sie hatte ganz hellblonde Haare, und sie waren lang und dick. Sie trug sie +glatt gekämmt mit einem Scheitel in der Mitte und zwei Zöpfe um den Kopf +gelegt, daß es war wie ein Kranz. Ich hatte gar nicht gewußt, daß sie so +gut lachen könne; wenn sie lachte, dann sah man, daß oben einer von ihren +vorderen Zähnen schief stand, aber das sah so drollig aus. Es war wie ein +Wegweiser, der in ihren Mund hinein führte: »Hier ist Luise Fugeler. Man +muß keine Angst vor ihr haben.« + +Das sagte ich auch niemand, daß ich das dachte. Denn es fielen mir hie und +da sonderbare Sachen ein, und wenn ich sie heraussagte, dann lachten sie +alle und erzählten es weiter. Und das war mir nicht recht. Aber meine +Schwester Luise lachte nie über mich, weil sie merkte, daß ich dann rot und +verlegen wurde; sonst lachte sie viel und gern. Es gab auch genug andere +Sachen dazu, da hatte sie ganz recht. Gegen mich war sie immer gut und +freundlich. So war sie früher nicht gewesen meiner Meinung nach. Es war +aber nur so, daß sie nun überhaupt mehr ins Heitere, Jugendliche hineinkam, +da zeigte sich alles, was gut und lieb an ihr war, mehr als vorher. Denn +sie hatte nie recht ein Kind sein dürfen; es waren immer Sorgen vorhanden +gewesen und Armut und Arbeit. Das erfuhr ich alles erst später recht, denn +ich selber hatte es viel zu gut. Bei Meisters da konnte sie schon in ein +freudiges Fahrwasser kommen, wenn sie gleich in ihrer jungen Jugend schon +stramm an den Wagen gespannt war. Daß man arbeiten müsse, das war ihr +nichts Neues, das verstand sich von selber. Was denn sonst? Aber sie waren +alle miteinander so herzlich und fröhlich und gut, und es war nicht wie ein +Dienst bei einer Herrschaft. Sondern man half einander mit der Arbeit und +mit dem Lohn und mit dem Zusammengehören und keins war höher und vornehmer, +als das andere. Friedrich Meister war Schreiber auf dem Rathaus. Er ging +immer anständig angezogen zum Haus hinaus; da sah ihm Lotte unter der Türe +nach und hatte den Buben auf dem Arm. Wenn er aber abends heimkam, oder +auch mittags schon, dann fuhr er flugs in einen Hauskittel und +wirtschaftete irgendwo herum mit Hammer und Nägeln und mit alten Brettern. +Zum Beispiel machte er einen Taubenschlag auf das Dach und setzte Tauben +hinein. Er mußte ihn aber bald wieder wegtun, weil die Tauben keinen +rechten Respekt vor der weißen Wäsche im Garten hatten. Sie machten sie +ohne alles Verständnis schmutzig, und da war nicht zu helfen, sie mußten +wieder fort. Da tröstete er sich und verfertigte ein Stockbrett für das +Küchenfenster, darauf setzte er ein Zigarrenkistchen mit Schnittlauch und +eins mit Monatrettichen. Das heißt, er steckte die Rettichkerne hinein und +wartete täglich darauf, daß sie treiben sollten. Sie trieben auch, aber bis +zu richtigen Knollen brachten sie es nicht. Es blieben kraftlose +Schwänzchen. Da mußte er sich viel gutmütigen Spott von seiner Frau +gefallen lassen, und um sich in Respekt zu setzen, machte er nun ein +Blumenbrettchen ans Wohnstubenfenster. Denn sie konnten in ihrem +Vorgärtchen nichts ziehen, sie brauchten den Platz für die Wäsche. + +Da konnte sie nun nichts mehr sagen, außer darüber, daß er sich mit der +grünen Farbe ganz eingeseift hatte an Rock und Hosen. Sie schluckte es aber +und nannte ihn zärtlich »Meister Hämmerlein«. Aber er wußte nicht sicher, +ob es nicht doch ein bißchen spöttisch gemeint sei. Denn sie verbarg ihre +Liebe zu ihm gern unter ihrer Neckerei, wenigstens vor den Leuten. Er war +fast einen Kopf kleiner als sie. »Aber darum muß ich doch an ihm +hinaufsehen,« sagte sie, »er ist gerade um einen Kopf klüger als ich.« Das +mußte ich ohne weiteres zugeben. Denn sie machte Schreibfehler, das hatte +ich schon gesehen, und sie wußte nicht einmal, wo der Neckar entspringt. +»Ich habe es natürlich einmal gewußt,« sagte sie, »aber ich habe es wieder +vergessen.« Es schien ihr nicht viel auszumachen. »Mein Bub kann es einmal +lernen. Ich habe sonst so viel um die Ohren, ich kann mich nicht auch noch +um die Geographie bekümmern.« + +Aber einmal nahm Friedrich Meister sie mit auf einen Ausflug an den +Bodensee. Er hatte dort droben einen Bruder verheiratet, der ein Landwirt +war und ein kleines, eigenes Gütchen hatte. + +Davon kam sie am Abend des dritten Tages ganz erregt zurück. + +Mir brachte sie einen großen gebackenen Hasen mit aus Kuchenteig und sagte: +das sei ein Seehas. Das sei eine ganz besondere Sorte, die gebe es bei uns +nicht. Und der See sei so groß, nicht zu sagen, und so tief, sie habe sagen +hören, man könne einen Kirchturm hineinstellen, ohne daß er oben +heraussehe. Wenn man mitten auf dem See sei, so kommen am anderen Ufer die +Schweizer Berge heraus, man möchte nur vollends hinüber, so verlange es +einen darnach, wie sie so dastehen und leuchten. So schön gebe es bei uns +nichts, das sei aus und vorbei. Ich mußte sie immer ansehen, wie sie im +währenden Erzählen geschäftig hin und her ging, die Reisekleider ausstäubte +und verschloß, ihr Bübchen besorgte und ihre langen, prachtvollen Zöpfe +losband, daß sie ihr über den Rücken hinunterhingen, und wie ihr Gesicht +dabei hell, klug und durchsonnt aussah, wie eine Landschaft, in die auf +einmal neues Leben gekommen ist, etwa durch einen Maienregen oder durch +einen unverhofften Sonnenblick. Ihr Mann saß neben mir auf der Bank am +Fenster, folgte ihr mit den Augen und sah glücklich drein. »Guck,« sagte +Lotte plötzlich zu mir, »das kann ich jetzt behalten. Von dem, was ich +gesehen habe, da vergesse ich nichts, das ist mir alles in den Kopf +hineingebrannt oder ins Herz meinetwegen. Das kann ich meinem Buben noch +erzählen, wenn er groß ist. Das andere, was nur so in den Büchern steht, +das ist nichts für mich. Zum Beispiel Schwenningen oder Tuttlingen, das ist +gar nichts. Da kann ich mir nichts Besonderes denken. Aber Friedrichshafen, +das hat ein Schloß mit zwei Türmen, die sehen zwischen grünen Bäumen heraus +und spiegeln sich im See, und auf der Bahnhofsterrasse haben wir einen +Schoppen Seewein getrunken und verschiedene Schiffe ankommen sehen. Das ist +etwas Lebendiges.« + +»So werde ich dir eben nach und nach das ganze Vaterländchen zeigen +müssen,« sagte Friedrich Meister behaglich lächelnd. »Ich habe eine +gescheite Frau, die will die Welt selber sehen, vom Hörensagen glaubt sie +nichts.« + +Damals stieg Lotte gewaltig im Respekt bei mir. + +Dumm war sie freilich nicht, wenn sie alles selber sehen wollte. »So könnte +jeder kommen,« dachte ich. Aber es gefiel mir, daß sie so anspruchsvoll war +und schien mir Beweis einer Besonderheit zu sein, die Lotte ja auch in +anderen Dingen an sich hatte. Die Reisen durch das Vaterländchen hin und +her wurden aber nicht getan. Sondern das Leben zeigte ihr seine Reichtümer +und Weisheiten auf andere Weise, und es gab vieles dabei in den Kopf und +ins Herz zu fassen, das man gleichfalls nicht aus Büchern und vom +Hörensagen kennen lernt. + +Als ihr Bübchen seine ersten Schritte machte, lag wieder eins in der Wiege, +und als das heraus war, folgte ihm ein Schwesterlein. Und die Mutter wurde +immer schöner, stattlicher, fleißiger und fröhlicher dabei. + +Aber als sie das Kleeblatt beisammen hatte, da kam eines Tages Friedrich +Meister mitten im Vormittag nach Hause und legte sich ins Bett mit einer +schweren Fieberkrankheit, und als er es verließ, da war es nur, um es mit +einem andern draußen auf dem Friedhof zu vertauschen. Da war sie eine Witwe +geworden und stand in einem schwarzen Kleid am Bügelbrett. Denn das Bügeln +durfte sie nicht versäumen, jetzt noch viel weniger als je. Wenn ihr hie +und da Tränen auf das weiße Zeug tropften, so fuhr der heiße Stahl darüber +und löschte sie aus, und das war noch gut. Denn die alte Mutter saß immer +noch in ihrem Lehnstuhl am Ofen und zitterte heftiger als früher und hatte +über dem Unglück, das in das Haus eintrat, alle ihre schöne Gelassenheit +und Seelenruhe verloren. Nun seufzte sie ohne Ende, daß es eine verkehrte +Einrichtung sei: sie, die alte, unnütze Frau, sei noch da als Last für die +andern, und der junge Mann, der fast nicht zu entbehren sei, der sei nun +weggenommen, es sei eine Jammererde, und es können einen nur die Kinder +dauern, die dahinein geboren werden. Da hatte nun Lotte statt eines +mütterlichen Trostes eine ewig fließende Jammerquelle um sich herum. Aber +das war vielleicht noch besser für sie als alle Teilnahme und alles +Mitleid hätte sein können. Denn nun mußte sie sich zusammenraffen, daß das +Licht im Hause nicht auslösche. Sie mußte für Brot sorgen und für ein wenig +Fröhlichkeit für die Kinder und mußte noch die alte Mutter aufzuhellen +suchen, wenn diese gar zu tief ins Jammern geriet. + +Weil sie aber eine so durchaus gesunde, wahre und unverstellte Natur war, +so geriet ihr dieses alles auch selber zum Heil, und sie erlebte trotz +ihrer aufrichtigen Liebe zu dem Toten eine neue Auffrischung und war als +Witwe wie als glückliche Frau ein Menschenbild, das einem verbissenen +Schwarzseher hätte zeigen können, es sei noch nicht alles verloren bei +unserem Geschlecht. Denn die Kinder von solchen Müttern müssen ja doch +etwas mitbekommen ins Leben hinein, das sie nicht so leicht unter die Räder +des Wagens kommen läßt. + + * * * * * + +In den Jahren, in denen dies alles geschah, wuchs ich zu einem großen, +kräftigen Buben heran. Es ging mir überall gut, ich kann nichts von einer +schweren Kindheit erzählen. Ich nahm es mit Seelenruhe und ohne viel +Gedanken hin, daß die Meinigen für mich sparten und schafften; es war mir +nichts Besonderes, daß meine Mutter und Heinrich Kilian allmählich ein paar +alte abgerackerte Leute wurden, die auch am Sonntag nichts anderes mehr +wollten, als nach der Kirche, die sie nie versäumten, auf dem Bänklein vor +der Haustür zu sitzen und sich von der Sonne anscheinen zu lassen. Die +Mutter war ja viel jünger, als Heinrich Kilian, der schon unermeßlich alt +war in meinen Augen. Aber dafür hatte sie mehr mit Sorgen und Lebensnöten +gekämpft und schwerere Lasten getragen als er, der nur die Bücherpakete +auf der Achsel, aber nichts Schweres auf dem Herzen hatte. Sie ging immer +noch zum Waschen und Putzen fort, aber ich besuchte sie nicht mehr in der +Kirche, um dort hinter der Orgel und auf den Emporen herumzustreichen und +mit meinem alten Freund August Volland seltsame Geschichten über die Bilder +der früheren Prälaten und Kirchenerbauer zu erfinden. Ich war ein Schüler, +bei dem es ohne allzugroße Mühe voranging, und der auch in den Freistunden +ein Wort reden durfte und seinen Mann stellte. Die grüne Mütze saß mir +kecklich auf dem vollen Haarbusch, und ich fühlte mich darunter als einer, +dem das Leben eine schöne Sache ist. + +Viel darüber nachzudenken, war nicht meine Art damals; ich lebte meine Tage +dahin, wie sie kamen, und fand es ganz in der Ordnung, daß ich immer +saubere Kleider und gute Stiefel hatte und daß auf dem täglichen Brot auch +die Butter nicht fehlte. Meine Schwester Helene war nun auch konfirmiert. +Sie trat sogleich nach dem Verlassen der Volksschule bei einer +Kleidermacherin in die Lehre. Diese gab ihr die Kost und ein weniges an +Geld, und sie mußte dafür im ersten Jahre alle untergeordnete Arbeit tun, +die Rocksäume mit Litzen einfassen und dergleichen, und außerdem die +fertige Arbeit zu den Kunden tragen. Dabei begegnete sie mir manchmal mit +einem großen, in ein grünes Tuch geschlagenen Bündel auf dem Arm, in ihrem +kurzen und unscheinbaren Kleidchen, und ich schlüffelte mit meinen +Kameraden an ihr vorbei, ohne sie mit mehr als einem halbverlegenen +Zunicken zu begrüßen. Sie nahm mir das weiter nicht übel, »weil Buben halt +so sind,« und stellte ihre Jugend ebenso fraglos in den Dienst der strengen +Pflicht, wie Luise es vor ihr getan hatte und immer noch tat. + +Sie war zufrieden, etwa am Sonntag ein paar Stunden in einem billigen +Fähnchen, mit einem hellen Band oder Spitzenkrägelchen geschmückt, mit der +Schwester oder einer Freundin in die Au hinunter zu wandern, der Musik +zuzuhören und die heiteren Bilder des Lebens an sich vorbeiziehen zu lassen +und vielleicht dabei den einen oder anderen Gedanken daran auszuspinnen, +daß auch ihr einmal irgendeine bescheidene Frucht und ein paar farbige +Blumen in dem reichen Garten des Daseins zuwachsen würden. Sie entwickelte +sich aber in den dürftigen Sonnenstrählchen, die ihre Jugend trafen, wie +ihre Schwester zu einem schlanken, hübschen, blühenden Geschöpf, dem auch +eine natürliche Fröhlichkeit nicht fehlte, und es tönten in diesen Jahren +oft aus der Giebelkammer, in der die beiden Schwestern schliefen, am frühen +Morgen oder am Abend, wenn sie ihre Ruhestätten aufsuchten oder verließen, +die schwermütigen Lieder, die das Volk singt, wenn es fröhlich ist, oder es +ging ein Geplauder und Lachen die steile Treppe hinunter, wenn ich an +dunklen Wintermorgen noch im Bett lag. Dann drehte sich der Schlüssel in +der Haustür, und die Schritte und das Lachen ertönten auf der Straße, der +Stadt und der Arbeit zu. + +Es war alles gut und schön. Aber eines Tages, als ich beim Dunkelwerden von +einer Streife durch den Frühlingswald nach Hause kam, einen großen Busch +hellblauer Scillablüten in den Händen, da fand ich die beiden Schwestern +und die Mutter miteinander um meinen guten alten Freund Heinrich Kilian +herumstehen, der auf dem harten Sofa mit dem blumigen Zitzüberzug lag mit +geschlossenen Augen und schwer atmete. + +Sie flüsterten miteinander, und als ich fragend von einem zum andern sah, +da legten sie die Finger an die Lippen: »Still, Ludwig, stör' ihn nicht,« +und sagten, daß der Doktor bald kommen werde. + +Ich legte meine Scillablüten auf den Tisch und fühlte eine dumpfe +Beklommenheit in mir. Wie konnte das sein, daß auf einmal etwas anderes +war, als sonst? Es war so fremd und merkwürdig, daß Heinrich Kilian da auf +dem Sofa lag und die Augen geschlossen hielt. Er war sonst immer irgendwo +herumgegangen oder auf der Bank am Fenster gesessen und hatte ein Späßchen +für mich gehabt oder eine Geschichte, die ihm in der Stadt über den Weg +gelaufen war. + +Die andern machten so ernste und bestürzte Gesichter; es roch in der Stube +nach Hoffmannstropfen und Kräuteressig, und Lotte Meister kam herüber und +wurde ganz still, als sie in die Stube trat, Sie hatte ihr Mariele auf dem +Arm und hielt ihm das Mäulchen zu, als es anfing, Heinrich zu rufen, und +sie schüttelte den Kopf, als ob sie nichts Gutes von der Sache denke. + +Der Doktor kam, und ich wurde hinausgeschickt und bekam das Nachbarskind +mit. Da standen wir im Vorgärtchen, das der Heinrich erst gestern +umgegraben hatte. Es roch nach frischer Erde, in der Rabatte guckten schon +da und dort grüne Spitzen heraus, und in der Ecke am Zaun war ein runder +Fleck ganz blau von Veilchen. Es strich ein frischer Wind an den Häusern +hin, und alles war so lebendig da draußen, aber drinnen im Haus war es +anders. Ich hatte vor zwei Jahren Friedrich Meister tot daliegen sehen, +still und bleich und mit wächsernen Händen; alles war mir noch gegenwärtig: +Glockengeläute, Gesang und Schluchzen bei seiner Beerdigung. Nun war es +mir, als trete der Tod durch unsere eigene Tür, und das war schauerlich +genug. Aber daß der Heinrich Kilian dann nicht mehr da sein könnte, das +konnte ich mir noch nicht denken, denn er war immer dagewesen, schon lang +vor mir. + +Der Doktor kam wieder aus dem Haus und ging rasch weiter, und ich dachte +hinter ihm drein, daß ich kein Doktor sein möchte, denn überall, wo er +hinkomme, sei etwas Arges im Haus, und helfen könne er doch nicht. Das +machte, daß bei uns armen Leuten da herum der Doktor meistens nur in ganz +schweren Fällen geholt wurde, wo dann freilich gegen den Tod kein Kraut +gewachsen war. Ich stand noch trübsinnig herum und sah ins Wetter, da kam +meine Mutter zu mir heraus und sagte: »Du sollst zum Kilian kommen, er will +dich.« + +»Stirbt er?« fragte ich, und sie nickte kummervoll mit dem Kopf: »Wird wohl +so sein,« sagte sie. Und dann erfuhr ich, daß er in der Stadt von einem +Lastwagen überfahren worden sei, grad über den Leib seien ihm die Räder +gegangen. Man sehe gar keine Verletzung, es sei alles innen, aber da sei es +auch bös. Sie wußte nicht, wie es hatte zugehen können, aber das wußte sie, +daß er noch heim verlangt hatte, nicht ins Spital. Das erzählte sie in den +nächsten Tagen mit traurigem Stolz noch oft, wenn die Nachbarn kamen, denn +das durfte man wohl wissen, daß der Kilian hier eine Heimat gehabt hatte. + +Ich schlich auf den Zehen in die Kammer, in der mein Freund jetzt im Bett +lag. Er sah zum Erschrecken elend aus. Der schwarze Bart, der ihm sonst +ganz fröhlich um sein heiteres Gesicht herumstand, sah düster und wild aus, +weil das Gesicht selber so fahl und eingesunken dazwischen lag. Er ließ +seine Augen mühsam nach mir hingehen, als ich zu ihm trat und regte die +Lippen, um etwas zu sagen, aber es kam nichts Deutliches heraus, und das +leise Flüstern, das er hervorbrachte, verlor sich in seinem Bart. Noch ein- +oder zweimal probierte er es, dann ließ er's sein und schickte noch einen +Blick zu mir herüber, der deutlich sagte: »Da ist nun eben nichts mehr zu +machen; ich habe dir noch etwas mitteilen wollen, aber das muß ich nun für +mich behalten.« + +Mich packte ein ängstliches Grauen, das war noch größer als das Leid, das +ich empfand über sein Hingehen, und kam davon, daß ein Mensch daliegen +mußte mit einem Gedanken in sich, den er gern aussprechen wollte, und für +den es keine Brücke mehr gab heraus zu den andern. Ich wollte der Mutter +rufen, aber ich brachte keinen Ton heraus, es war mir, als ob ich nun auch +stumm sein müsse, weil es das gab. Da sah ich auf einmal, wie sich die +Hände meines Freundes, die fest verschlungen ineinander auf der Bettdecke +lagen, auseinander taten. Das geschah nicht wie von einem Willen diktiert, +sondern es sah aus, als ob sich mit den Händen auf einmal alles Leben löse +und nun still und müde daliege, weil es nicht mehr weiter könne, und als +ob von jetzt an ein anderer zu dirigieren habe in allem, was den alten +Heinrich Kilian betreffe. Währenddiesem kam meine Mutter herein mit einem +geöffneten Champagnerfläschchen, mit dessen Inhalt sie den Sterbenden +erquicken wollte. Als sie aber einen Blick auf sein Gesicht geworfen hatte, +stellte sie es still zur Seite, denn sie sah, daß hier nichts mehr zu +stärken sei. + +Das Glas floß über von dem schäumenden Wein, und die Mutter, die das doch +nicht mitansehen konnte, tauchte ihre Hand in die kleine Lache, die sich +auf dem Tisch bildete, und bestrich Stirn und Hände ihres alten Pfleglings +mit dem Naß, vor dem sie um seiner Kostbarkeit und Seltenheit willen eine +große Ehrfurcht hatte, und unter ihren netzenden Händen verging er vollends +und atmete tief und leise aus. + +Ich aber durfte mich nicht dem reinen Gefühl des schmerzlichen Abschieds +hingeben, wie die Mutter und die beiden Schwestern, die in ein herzliches +Weinen aus der Tiefe ihrer guten Gemüter ausbrachen. Ich mußte mich damit +quälen, was es wohl gewesen sei, das er zu mir hatte sagen wollen, und ich +wußte nicht, sollte ich froh oder traurig sein, daß er es nicht mehr hatte +aussprechen können, denn ich hatte ein schlechtes Gewissen von seinetwegen, +das wachte nun mächtig auf. + +Der Tag, an den ich denken mußte, lag um vier Wochen zurück. Ich hatte dem +Kilian am Abend vorher abgebettelt, daß ich seine große silberne Uhr in der +Schule tragen dürfe, weil alle andern Buben auch Uhren hatten. »Am Sonntag +allemal, da kriegst du sie wieder, da gehört sie dir,« hatte ich gesagt; +denn am Sonntag trug er sie selber an einer dicken Nickelkette. Er war +nicht recht damit einig gewesen. »Du wirst mir doch nicht großartig werden, +Ludwig,« hatte er gesagt, »silberne Uhren am Werktag, behüte Gott, das ist +für Herrenleut', aber nicht für unkonfirmierte Buben von unserlei Leuten.« + +Aber ich hatte es dann doch durchgesetzt, er konnte mir nichts abschlagen. + +Und nun trug ich die Uhr recht sichtbar an der Kette und hatte den Kittel +offen, daß man sie deutlich sehen mußte und ging mit meinen Kameraden nach +der Schule in einen Laden, wo man Bleistifte und dergleichen kaufen konnte. +Zwei oder drei waren drin, ein paar andere, zu denen ich auch gehörte, +standen unter der Ladentür und warteten auf ihr Herauskommen. Es war einer +dabei, den ich schon lang gern zum Freund gehabt hätte, ein kleiner, +gewandter Kerl, blond und witzig und aus einem Künstlerhause stammend, der +tat allerlei Sprüche über die Vorübergehenden und brachte uns so zum +Lachen, daß unsere Kameraden im Laden drin neugierig die Hälse streckten, +um zu sehen, was da Lustiges vor sich gehe. + +Währenddem kam auf der andern Seite der Straße mein Heinrich Kilian daher, +schwer mit Bücherpaketen beladen, deren eines ihm unbequem auf der Achsel +saß, so daß er den Kopf stark auf die Seite legen und immer wieder drehen +mußte, um eine erträgliche Stellung zu gewinnen. Das fiel dem Spaßmacher +sogleich auf, er fing in seiner sprühenden Laune an, den Gang und die +Haltung des alten Mannes nachzumachen, und der Zufall kam ihm noch mit +weiterem Material zu dieser Vorstellung entgegen, indem dem Schwerbeladenen +ein anderes Paket, das er unter dem Arm getragen hatte, entglitt, und er +sich unter starken Verrenkungen bücken mußte, dasselbe aufzuheben. Bei +dieser mühsamen Bewegung nun geschah es, daß die alte, geflickte Hose, die +ihm meine Mutter längst hatte wegsprechen wollen, hinten nachgab und einen +großen, klaffenden Riß bekam. Er befühlte den Schaden verdutzt und +kopfschüttelnd und ging dann, überschüttet von dem Bubengelächter, das von +der anderen Straßenseite herüberscholl, weiter bis zu einem schmalen +Nebengäßchen, in dem er verschwand, wahrscheinlich um sich dort in +irgendeinem Hause notdürftig ausbessern zu lassen. Das war nun ein großes +Gaudium für den Witzbold und die ins Lachen geratene Bubenschaft. Mir aber +war übel zumute. Da stand ich, hatte Kilians Kette über meine Schülerbrust +gespannt und trug seine Uhr in der Tasche und lachte mit den andern über +ihn, denn ich konnte es nicht lassen, ich mußte lachen, so schändlich ich +mich auch empfand, und tat, als ob er mich nichts anginge. Als er +verschwunden war, machte ich mich unter irgendeinem Vorwand von den andern +los und schlich mich nach Hause, wo ich kaum den Kopf aus den Büchern +erhob, als Heinrich Kilian am Feierabend kam und gut und freundlich wie +immer war. Er hatte mich nicht gesehen, das merkte ich gleich, und ich +schüttelte, so gut es ging, mein übles Empfinden ab durch allerlei +Entschuldigungen, die ich in mir selbst vorbrachte. + +Aber nun lag er da und hatte die Augen für immer geschlossen, und vorher +hatte er sich noch gemüht, mir etwas zu sagen; wer konnte wissen, ob es +nicht doch _das_ gewesen war? + +Und es gab keine Gelegenheit mehr, miteinander ins Glatte zu kommen, keine; +ich mußte nun mein Leben lang so an ihn denken, und wer weiß, wie er an +mich dachte? Denn es war doch eine recht unsichere Sache mit dem Totsein, +es gab da so allerlei Möglichkeiten, und vielleicht war er nun auf einmal +irgendwo fein heraus, sah alles und verachtete mich. Das war eine schwere +Sache. + +Zwei Tage lang ging ich mit bösem Gewissen herum, stumm und bedrückt. Ich +muß bleich ausgesehen haben, denn meine Mutter fragte mich, ob ich krank +sei, und ich hörte sie zu Lotte Meister sagen: »Es geht ihm näher als er +zeigen mag; er hat auch viel verloren, es ist kein Wunder.« Und dann fügte +sie mit einiger Befriedigung bei, daß ich doch ein gutes Gemüt zu haben +scheine, und daß sie froh sei, es zu sehen, denn sie sei manchmal in Sorgen +meinetwegen, ob auch alles gut ablaufe mit mir und ich nicht an meiner +Seele Schaden leide durch die Standeserhöhung, in die sie mich selber +hineingestellt habe durch die höhere Schule. + +»Ich weiß nicht, wie lang ich noch da bin,« sagte sie, »und weiß oft nicht, +ob ich nicht etwas Dummes angerührt habe mit dem Buben; ich habe gemeint, +es müsse so sein, weil ich's dem Mann versprochen habe, daß ich alles tun +will für ihn. Jetzt geb's der liebe Gott, daß er recht wird, denn ich muß +ihn grad laufen lassen, er ist einen halben Kopf größer als ich, und ich +bin ein einfältiges Weib.« + +Was Lotte darauf sagte, hörte ich nicht mehr, denn beide Frauen gingen +miteinander zur Türe hinaus, und ich saß in dem Alkoven hinter dem alten +Vorhang auf einem Stuhl und wußte nicht recht, was mit mir anfangen. + +Die Mutter kam wieder herein und setzte sich auf die Bank, die am Fenster +hinlief; sie hatte die Hände im Schoß gefaltet und sah still vor sich hin +mit einem Ausdruck von Müdigkeit und Ergebung, wie ihn Menschen bekommen, +die sich ein ganzes, langes Leben hindurch immer in das, was ihnen auflag, +schicken mußten und denen dieses Sichschicken die einzige Waffe war im +Lebenskrieg. Mich aber überkam es, ihr zu sagen, daß ich recht werden wolle +und gut und daß sie meinetwegen ohne Sorge sein solle. Ja, es trieb mich +ein starkes Verlangen dazu, auf ihren Schoß zu sitzen, wie als kleines Kind +und ihre Hände um mich herum zu spüren, warm und gut. Dann hätte ich +vielleicht auch von mir getan, was mich Heinrich Kilians wegen beklemmte, +denn ich fand nicht recht den Weg daraus heraus. + +Aber ich war nicht gewöhnt, zärtlich zu sein und fand auch das Wort nicht, +das ich gern gesagt hätte. Ich schob mich langsam aus dem Alkoven heraus in +die Stube, und als mich die Mutter sah, sagte sie: »Bist du da drin gewesen +und hast alles gehört?« + +Das bejahte ich mit einem Kopfnicken, und als ich in ihr Gesicht sah, da +war es so voll von einer großen Liebe und Sorge und so himmelgut, wie ich +glaubte, es noch nie gesehen zu haben, und ich legte meinen Kopf auf den +Tisch und ließ meine Tränen, die ich bisher immer noch verschlossen gehabt +hatte, laufen, wie sie wollten. Aber es wurde mir so wohl dabei, wie schon +lange nicht mehr. Es war, als ob ein Bach aus meinem Innern breche und +alles mit sich fortnehme, was übel und schwer darin gelegen war, und als ob +meine Mutter alles wisse, was mich angehe, ohne daß ich ein Wort sage, bloß +weil sie meine Mutter sei. Und das wird ja wohl auch so gewesen sein. + + * * * * * + +Ich wollte, ich hätte sie länger gehabt, es hätte meiner Jugend gut getan. + +Ich weiß nicht. Vielleicht hätte ich alle meine Torheiten dennoch begangen, +auch wenn sie dagewesen wäre, denn sie hätte mich nicht davor behüten +können, wenn ich in der Welt draußen war. Und vielleicht hätte ich ihr weh +getan, wie den andern. Ich möchte so gerne denken, daß ich den Weg zu ihr +gefunden hätte, wenn ich mir verweht und verlaufen vorgekommen wäre, und +daß ich ihr zuliebe manches besser gemacht hätte, als ich es tat. Es ist +umsonst, daß ich mich darüber besinne. + +Es muß ja alles so recht sein, wie es ist. + +Als ich konfirmiert war und am Sonntag in einem neuen dunklen Anzug und mit +einer gestärkten Hemdbrust auftrat, machte ich zum ersten- und einzigenmal +in meinem Leben einen Ausflug mit ihr. Er geschah zu einem entfernten +Vetter auf der Alb, der mein Pate war, und der uns eingeladen hatte. Wir +zogen am frühen Maimorgen aus und sahen die Stadt und die Türme und den +Fluß im Nebel liegen und schritten selber durch den Nebel, der bald rosig +durchleuchtet wurde von der durchbrechenden Sonne. Da wurde uns ganz +reiselustig zumute, und meine Mutter machte Schritte neben mir her wie ein +junges Mädchen vor lauter Freude am Dasein und an der Reise mit mir. + +Dann saßen wir in der Bahn und fuhren nach Blaubeuren, und sie hatte +tausend Dinge zu bestaunen und wurde ganz redselig mit den Fahrtgenossen, +deren Reiseziel und Heimat sie unverzagt erfragte, und mit denen sie sich +ohne weiteres einig fühlte, als mit solchen, die einen seltenen, schönen +Sonntag in der Freiheit genießen. + +Es war auch ein altes Bauernweiblein im Wagen, das saß mit einer scheuen +Glückseligkeit im Schatten eines mächtigen, breitschultrigen Mannes von +exotischem Äußern, der an allen erdenklichen Stellen von goldenen Knöpfen, +Ketten und Ringen erglänzte. Er hatte ein gutes Gesicht und fing bereits +an, sein anglo-amerikanisches Deutsch, das er »drüben« angenommen hatte, +wieder mit schwäbischen Brocken zu vermischen. Sie war seine Mutter und war +ihm auf seinen Wunsch entgegengefahren, weil er jetzt auf Besuch heimkam, +und sie fühlte sich wie auf einer Himmelfahrt, da sie nun mit dem +stattlichen Sohn ihrem Dorf entgegenfuhr. Mit ihr kam meine Mutter bald ins +Gespräch und sagte mit hoffnungsvollem Stolz, daß sie ihren Ludwig auch +etwas Rechtes werden lasse, er müsse nur sagen, was er im Sinn habe, und +daß es freilich, wenn es auf sie ankomme, nicht grad Amerika sein müsse, +indessen, wie es Gottes Will' sei, wenn er nur brav werde und recht. Da sah +mich das alte Weiblein, das sein Schaf im Trocknen hatte, kopfnickend an +und dachte wohl, freilich, so einer, wie ihr Johann, wachse nicht an jedem +Hag, aber recht werden könne ich immerhin, schon der Mutter zulieb, und +der mächtige Amerikaner sagte: »+Well+« und strich sich den Bart, daß die +Ringe an seinen Fingern erglänzten. Ich war froh, als wir ausstiegen und +wieder für uns waren. + +Die Mutter freilich konnte noch nicht so schnell von den beiden abkommen. +Sie waren am Bahnhof von einem stattlichen Fuhrwerk mit zwei schweren +Gäulen abgeholt worden und verschwanden vor uns in einer weißen Staubwolke, +als wir sachte, Schritt vor Schritt die Steige hinanstiegen, die hinter dem +Blautopf auf die Höhe der Alb hinaufführt. + +»Das Gefährt ist nicht ihr eigen,« sagte meine Mutter. »Es gehört ihrem +Nachbar. Der hat es entgegengeschickt, weil er einen Respekt hat vor dem +Amerikaner. Sie hat es auch mühsam gehabt vorher, aber seit fünf Jahren hat +ihr der Sohn immer Geld geschickt, da hat sie sich eine Güte antun können.« + +Sie schwieg und sah an mir hinauf und hinunter und hätte gern noch mehr +gesagt. Aber sie wollte vielleicht meine Jugend nicht beladen, oder sie +traute sich selber nicht, so weit hinauszufahren mit ihren Gedanken, so +ging sie neben mir her, ohne es auszusprechen, wie sie es von mir auch +erhoffe, daß ich einst ihr Alter schmücke und erleichtere. + +Mich trieb es an, ihr große Dinge zu versprechen, denn ich konnte es nicht +leiden, daß mich der Amerikaner etwa ausstechen sollte. Aber ich wußte noch +nicht, wo bei mir der Glücksbaum wachsen würde, von dessen Zweigen ich +meiner Mutter die Taler herunterschütteln konnte, und um das Gespräch auf +etwas zu bringen, bei dem ich auch etwas galt, fing ich an, meiner Mutter +die Geschichte von der schönen Lau zu erzählen, die ich kürzlich gelesen +hatte. + +Sie horchte hoch auf und nahm es alles wahr und wichtig, so daß mir die +Sache selber im Erzählen noch viel lebendiger wurde als zuvor. + +Tief unter uns lag das Städtlein mit Kloster und Kirche friedlich hingelegt +bei dem tiefen, dunklen Wasserbecken, an dessen Ufer wir vorhin gestanden +waren mit einem leisen Grauen, weil es gar so unergründlich tief hinabging. + +Nun sahen wir nur noch die Bäume, deren grüne Wipfel sich über ihm zusammen +zu neigen schienen, und sahen die junge Blau, die hell und fröhlich durch +grüne Wiesen ging, als ob sie nicht erst vorhin aus ihrer wundersamen +Quellenheimat ausgeflossen wäre. Die nackten Felsen standen trutzig um das +Tal herum, aber die Sonne legte einen Glanz auf sie, daß sie zu scheinen +anfingen, und der Himmel stand hoch und heiter über dem Ganzen. + +Und die schöne Lau stieg aus ihrer blauen Tiefe herauf und trug ihr +schweres Herz zu den Menschen und lernte bei ihnen das Lachen, das ihr so +nötig war. Als alles gut ausgegangen war, atmete die Mutter tief auf. »Gott +Lob und Dank,« sagte sie, »wenn's auch bloß ein Märlein ist, mich hat die +arme Frau doch gedauert; ich weiß gut, wie es ist, wenn's einem nicht ums +Lachen ist. Als ich mit dir gegangen bin, Ludwig, ein paar Monate vor +deiner Geburt, da ist mir's immer so schwer gewesen, das ist nicht zum +Aussagen. Da hab' ich immer gedacht: Lieber Gott, laß nur mein Kind kein +schweres Gemüt kriegen. Gelt, du hast keins, Ludwig, ich meine einmal +nicht. Wenn ich dich habe lachen hören und gesehen, daß du lustig bist, +dann ist mir ein Stein vom Herzen gefallen.« + +Als die Mutter so redete, wurde es mir sonderbar ums Herz. Es war mir +auch, als ob ich in eine unterirdische Quellenstube hineinsehe, aus der +mein Leben herausgeflossen sei, und ich spürte eine dunkle Zärtlichkeit für +diese Frau, anders als je zuvor. Aber ich ließ nichts davon merken. + +Als wir höher stiegen, atmete sie mühsam und schwer und blieb immer wieder +stehen, um sich den Schweiß abzuwischen, dabei sah sie blässer aus, als ich +sonst an ihr gesehen hatte. + +»Ich weiß nicht, es ist mir nicht ganz recht,« sagte sie. »Mich deucht, ich +höre ein Fuhrwerk; wenn ich das erwarten könnte und ein Stück weit +aufsitzen, das wäre gut. Du könntest derweil weitergehen, dir tut das +Laufen gut, du hast junge Füße und ein junges Herz.« + +Das wollte ich meinen, daß ich das hatte. Ich ließ die Mutter auf einem +Steinhaufen am Wegrand sitzen und ging voran, singend und pfeifend. Unter +mir tat sich das Tal immer weiter auf, Dörfer lagen in der Sonne, und +Höhenzüge traten hervor und grüßten herüber. Im reinen Blau des Maihimmels +schwammen kleine, weiße Wölkchen dahin, und in den Ebereschen zu beiden +Seiten der Straße pfiffen Ammern und Meisen in ausgelassener Daseinslust. +Ich empfand mich jung, stark und froh, und es schien mir alles gut zu sein. +Nach der Mutter sah ich mich nicht um. Ich wollte, wenn die Höhe vollends +erstiegen wäre, auf das Fuhrwerk warten, aber meine Gedanken flogen ein +paarmal zu ihr, weil sie mir das Herz so sonderbar bewegt hatte. + +Doch sagte mir keine Ahnung, auch nicht die leiseste, daß meine Mutter +jetzt eben den Tod erlitt. Er war ihr lind und gut; er trat nur an sie +heran, als sie erschöpft auf dem Steinhaufen saß und legte ihr die Hand auf +das Herz, da hörte es auf, zu schlagen. Vielleicht sah sie ihn herankommen, +ich weiß es nicht. Wenn sie ihn gesehen hat, das glaube ich, dann hat sie +ihre hartgeschaffte Hand mit einem geduldigen Seufzer in seine knöcherne +gelegt und sich von ihm führen lassen. Denn es war nichts von Widerstreben +und darum auch nichts von Angst in ihr. + +Als der leere Müllerwagen kam, den sie gehört hatte, saß sie in sich +zusammengesunken da, die Hände müd im Schoß und den Kopf auf der Brust. Die +Sonne lag auf ihrem grauen Scheitel und der Müllerknecht meinte, sie +schlafe. + +Als er merkte, daß sie tot sei, packte ihn ein Grauen, und er hieb auf +seine Schimmel ein, daß sie die Steige hinaufrasselten, wie auf der Flucht. +»Da unten sitzt ein totes Weib,« rief er, als er mich sah, »weißt du, wer +sie ist?« + +Da löschte mir mit einem Male die fröhliche Fackel aus, die mir den ganzen +Morgen ins Leben hinein geleuchtet hatte, und es kam eine dunkle Wolke, die +überzog Land und Himmel und meine Jugend und mich. Ich lief in +verzweifelten Sprüngen die Steige wieder hinab, bis ich bei ihr war, und +blieb in Herzensnot und Grauen bei ihr sitzen, bis Leute von oben +herunterkamen, von dem Müllerknecht geschickt und sich unser annahmen. + +Sie wurde dort droben in dem Albdörflein begraben. Da war ein Platz frei in +dem ganz zusammengesunkenen Grab der Großmutter meiner Mutter, das einst +von der Familie gekauft worden war. + +»Da liegt sie gut,« sagte der Vetter, den wir hatten besuchen wollen. + +»Die Großmutter ist ein braves Weib gewesen, bei der hat sie ihren Frieden. +Und sie liegt im eigenen Grund und Boden, das hättet ihr in der Stadt +drunten nicht zahlen können.« + +Da kam in aller Trauer noch ein kleines, bescheidenes Stölzlein in uns auf, +auch in den Schwestern, die gekommen waren, daß wir hier an diesem Platz +sozusagen ansässig seien, und wir waren einig damit, die Mutter hier zu +lassen. + +Das liegt tiefer als es viele wissen, im Menschenherzen, daß es irgendwo +unvertrieben sein will, daß es ein Stücklein Land besitzen will und wäre es +noch so klein, teilhaben an der Erde, die unser aller Mutter ist. + +Im Leben hatte die Mutter immer im Hauszins wohnen müssen, nun ererbte sie +im Tode ein eigenes, enges Häuslein und war nur gehalten, die bleichen, +weißen Knöchelein der Urahne bei sich ruhen zu lassen, denn diese war +immerhin vorher dagewesen. + + * * * * * + +Ein halbes Jahr nach der Mutter Tod wurde uns das Häuschen gekündigt, weil +die Stadtverwaltung irgendeine Änderung in dieser Gegend vornehmen wollte. +Da gab es einen schweren Abschied zwischen Meisters und uns. Denn wir zogen +nun in zwei verschiedene Stadtteile. Auch Lotte hatte die Kündigung +getroffen, und es war nun zwischen ihr und meiner Schwester Luise ein +Abkommen wie zwischen Abraham und Lot: »Willst du zur Rechten, so geh' ich +zur Linken, willst du aber zur Linken, so geh' ich zur Rechten.« Luise +wollte nun ein eigenes Bügelgeschäft aufmachen mit Lehrmädchen und Pariser +Neubügelmethode, und dazu brauchte sie ein Feld für sich. Lotte aber zog +ihre bisherige Kundschaft nach sich in ein Haus, das in der Nähe des alten +lag. Sie waren beide wie Schwestern miteinander, es war nichts von Neid und +Streit in ihrem Auseinandergehen, sondern, weil das Leben mit seinen +Bedürfnissen es so verlangte, darum trennten sie ihre Wege und blieben sich +um so mehr in Freundschaft zugetan. + +Wir zogen an einem Tag nach verschiedenen Seiten hin. Unsere Möbel waren +aufgeladen und zeigten sich im Tageslicht und unter freiem Himmel als eine +ärmliche Habe. Einmal waren sie auch neu gewesen und aus vielen +Spargroschen mit Lust und Liebe nach und nach erworben worden, nun sah die +neue Generation darüber hin als über etwas Abgängiges, es war aber so der +Lauf der Welt. Wir gingen noch einmal durch die leeren Räume und sahen an +den dunklen Stellen auf den verschossenen Tapeten, wo die Bilder gehangen +waren: Hier des Vaters Bild und hier die Schlacht bei Leipzig, und dort der +Haussegen, der die heilige Dreieinigkeit zeigte, je nachdem man links oder +rechts oder in der Mitte stand, den Vater oder den Sohn, oder den heiligen +Geist als Taube. Über der Bank war eine fettige Fläche, da hatte der alte +Heinrich Kilian immer seinen Kopf angelehnt. Die Schwestern waren in +gerührter Stimmung, als sie sich noch einmal hier umsahen und lehnten sich +aneinander, wie um sich zu vergewissern, daß keine von ihnen allein in die +Fremde geht. Mir aber war es unbehaglich zumute. Es ging so allerlei durch +einen durch, wenn man hier seinen Gefühlen nachhing, es war wohl am besten, +vorwärts zu gehen und sich nicht mehr viel umzusehen, sonst tat es in der +Brust weh, und das Herz klopfte einem; das war aber eines bloßen Umzuges +wegen nicht nötig, meinte ich. + +Da kam soeben Lotte Meister zur Tür herein, um Luise noch etwas zu sagen. +Sie stand so groß und hoch und stattlich in der niederen Stube, aber sie +hatte ein Glänzen in den Augen, aus dem man schließen mußte, daß sie +geweint habe. Denn sie nahm ja freilich hundertfache Erinnerungen mit sich +fort. Es war bei ihr nicht wie bei uns das Geschehen zu tragen, das im Gang +des Menschenlebens von vornherein liegt, daß die Alten davongehen und zu +den Vätern versammelt werden, sondern sie hatte die Unnatur des Zerreißens +erlebt, der Trennung mitten auf der gemeinsamen Bahn. Die alte, leidende +Mutter aber ging mit ihr und freilich auch die Kinder, das kommende +Geschlecht, das hier seinen Ursprung genommen hatte. + +Man konnte aber mit keinem mitleidigen Gedanken an Lotte herankommen, +obgleich man ihre Tränenspuren noch sah. Denn sie beherrschte ihr Gesicht +und ihre Haltung vollständig und war dem Leben gewachsen, wie es auch +verfahren mochte, man konnte in allem nur Respekt vor ihr haben. Als sie +ihre Sache an Luise ausgerichtet hatte, sah sie mich lächelnd an, wie +früher, da ich noch als lockiges Bürschlein neben ihr am Bügelbrett +gestanden war und sagte: »Wie ist's, Ludwig, wird man dich auch noch hie +und da zu sehen bekommen, wenn man eine Viertelstunde Wegs zueinander hat, +oder müssen wir gleich ganz Abschied nehmen?« Sie streckte mir aber dabei +ihre schöne, kräftige Hand hin, und ihr Gesicht war so voll von einer +unwandelbaren Güte und Zuversicht, daß es mich heiß durchfuhr, und ich in +einem Augenblick die ganze Zukunft durchreiste, in der es immer eine Lotte +Meister geben mußte, sie war nicht wegzudenken. Ich spürte, daß ich +feuerrot wurde und daß mich ein ungestümes Verlangen packte, sie wieder für +mich zu haben, wie einst, aber ich tat nicht dergleichen, sondern sagte +nur, ich werde schon kommen, wenn ich Zeit habe und ich müsse jetzt so viel +lernen, weil der Professor so streng sei. Darauf sah sie mich einen +Augenblick prüfend an und erklärte dann, eigentlich habe sie fragen wollen, +ob eins von uns den Rollstuhl mit der Großmutter in die neue Wohnung führen +wolle. Die Kinder könnten es ja, aber die Großmutter vertraue sich ihnen +nicht an, weil sie ohnehin vor dem fremden, entlehnten Rollstuhl und vor +dem Fahren durch die Straßen eine entsetzliche Angst habe. Ich spürte, daß +ich dazu vermeint sei, aber ich konnte mich nicht schnell entschließen, +denn es konnte mir jemand begegnen, etwa der Stadtpfarrer, der dann sagen +würde, so sei es recht, oder meine Kameraden, die lachen würden, wenn die +alte Frau immer mit dem Kopf wackelte, und da war eines so schlimm, wie das +andere. Es gab eine Verlegenheitspause, und in die Stille hinein sagte +meine Schwester Helene ganz freundlich und bereitwillig, ja natürlich, das +tue sie gern, und Lotte empfahl sich, ohne noch einmal etwas zu mir zu +sagen. Sie mußte schleunigst hinter ihrem Möbelwagen, auf dem hoch oben +die drei Kinder saßen, eng in dem geblumten Sofa aneinandergeschmiegt, +lustig und lachend, weil ihnen das Fahren ein Fest war. Wir sahen ihnen +nach, und dann gingen wir gleichfalls davon und ließen die Türen hinter uns +offen, weil nichts mehr im Haus war, das man verschließen mußte. Aber nun +hatte ich auch mein Teil an Abschiedsschmerzen, und es war mir vielleicht +übler zumut als den andern allen, sie brauchten es aber nicht zu wissen. + +Die neue Wohnung, die wir bezogen, lag mitten in der Altstadt, in einer +engen Gasse, in der die Häuser nah beisammen standen, und in der es mit +Sonne, Mond und Sternen nicht besonders leuchtend zuging. Ich allein hatte +in meiner Kammer hoch oben unter dem Dach Licht genug, und die Nelken des +alten Heinrich Kilian, die meine Schwestern sorglich ausgegraben und in +Töpfe gepflanzt hatten, führten vor meinem Fenster ein blühendes Leben, so +lang die gute Jahreszeit währte. Unten im Haus, im Kellergeschoß, da war es +fast den ganzen Tag dämmerig; es mußte gut gehen, wenn einmal ein wenig +Sonne hereinkam. Aber es ging hell und heiter zu trotzdem. Da ging es mit +glühenden Bügelstählen um und mit Lachen und Schwatzen und oft mit Singen +daneben her. Sie schafften selbdritt oder viert, Luise und ihre +Lehrmädchen. Sie hatten Kundschaft genug, denn schön gebügelte Kragen und +Manschetten, das war etwas, das jedermann brauchte; auch der einfachste +Mann wollte wenigstens am Sonntag glänzen und gleißen mit sauberer Wäsche. + +Luise spielte so wenig wie Lotte Meister die hohe Vorgesetzte. Sondern sie +zeigte, wie die Sache gemacht werden mußte, und da hieß es parieren, denn +was aus dem Haus kam, das mußte tadellos sein; aber im übrigen war eine +schöne und freudige Arbeitsgemeinschaft, und es war hier nichts von +»Arbeitgeber und Arbeitnehmer« und von bitteren Standesunterschieden. Um +die Vesperzeit ging das jüngste Lehrmädchen, wie es ging und stand, mit +aufgekrempelten Ärmeln und in weißer Schürze, über die Gasse zum +Dreikönigswirt und holte so viel Gläser Bier, als Personen da waren, und +dann gab es eine vergnügliche Pause, in der man sich von den +Stadtneuigkeiten unterhielt und von den privaten Erlebnissen, etwa einem +neuen Kleid oder einem Sonntagsausflug, oder auch, wenn man gerade recht in +Stimmung war, von dem jeweiligen Schatz und den Zukunftsaussichten mit ihm. + +Das taten sie nicht gern vor mir, der ich mich oft um diese Stunde auch da +unten herumdrückte. »Was braucht so ein Bub davon zu wissen?«, sagten sie +und steckten wispernd die Köpfe zusammen. Aber gerade davon hätte ich gern +gewußt. Es schienen mir lauter hübsche Mädchen zu sein, fast eine wie die +andere. Sie hatten bloße Hälse und Arme und junge, frische Gesichter und +meistens ein hübsches Band im Haar oder so etwas, und es mußte eine schöne +Sache sein, mit solch einem Geschöpf einmal spazieren zu gehen oder gar zu +tanzen. Daß sie Du zu mir sagten, störte mich hier im Hause, wo es niemand +sonst sah und hörte, nicht, ich gab es ihnen heim und es war mir behaglich +dabei. Ich saß auf einem umgestülpten Waschkorb oder einer Stärkekiste, +trank gleichfalls mein Bier und machte billige Witze, bis Luise ihr leeres +Glas wegstellte und sich die Hände wusch, was ihr die andern nachtaten, und +was das Zeichen zum Wiederanfangen war. Dann ging ich mit meinem +Bücherpack, den ich unter dem Arm getragen hatte, in meine Kammer hinauf +und ließ den Eindruck zurück, als ob ich mich in meine Arbeit vergrabe. Das +tat mir wohl, daß die Mädchen das von mir dachten; aber ich stand oft genug +am Fenster und sah ins Wetter, denn es ging noch manches mit mir um, was +ich unten gesehen und gehört hatte. Da war ein hübsches, weißblondes +Mädchen namens Hermine, das ein so lustiges Gesicht und ein ganz schlankes, +feines Hälschen hatte, und das schon einen Bräutigam besaß. Er war +Feldwebel bei den Pionieren, und sie wollte um Geld bügeln, wenn sie +verheiratet war, darauf freute sie sich, als ob es in ein lustiges Leben +hinein ginge. »Den Tag über schaffen wir, und abends geht's zur Musik oder +sonstwohin,« sagte sie und zeigte alle ihre weißen Zähne. Da wäre ich auf +einmal gern Feldwebel gewesen, denn man konnte nicht wissen, ob es nicht +auf dem wissenschaftlichen Weg, den ich eingeschlagen hatte, viel +langweiliger zuging, und ich wußte manchmal nicht recht, warum ich gerade +studieren sollte. Da horchte ich hinunter in die enge Gasse, ob ich nicht +einen Zipfel von dem vergnügten Leben da unten wahrnehmen könne. Aber nach +einer Weile war die Anwandlung vorüber, und ich saß wieder an meinen +Büchern und hielt mich ordentlich zur Arbeit, ohne besondere Begeisterung +dafür, nur weil so eines aus dem andern folgte und ich nichts anderes +vorhatte. So kam ich voran, wie andere auch und bestand, als ich etwas über +das achtzehnte Jahr hinaus war, die Reifeprüfung für die Universität. Jetzt +galt es aber, sich endgültig für ein Fach zu entschließen, denn das hatte +ich bis jetzt immer noch hinausgeschoben, weil ich für keines eine +besondere Liebe hatte und an jedem etwas auszusetzen war. Da fragte mich +der Rektor, als ich mein Abgangszeugnis von ihm holte, ob ich nicht Lust +hätte, in eine vornehme Universitätsbuchhandlung einzutreten und das +Studium überhaupt zu unterlassen. Er sei von einem Freund, der der Inhaber +sei, gefragt worden, ob er nicht einen tüchtigen jungen Menschen wisse, der +eine gute Vorbildung habe und Lust zu den Büchern, aber auch zu einem +soliden und praktischen Geschäftswissen, und der es bei ihm zu etwas +Rechtem bringen könne. Er habe mich vorgeschlagen, weil er gemerkt zu haben +glaube, daß ich Freude an der Literatur habe und auch nicht unpraktisch +sei, und weil, -- setzte er väterlich hinzu, -- es vielleicht doch auch +ratsam sei für mich, daß ich es in absehbarer Zeit zu einer Selbständigkeit +bringe. + +Er kannte meine Schwestern und besonders Helene, die bei ihm im Hause nähte +und seiner Frau die Kleider machte, und hatte einen hohen Respekt vor ihrer +arbeitsamen Tüchtigkeit. Vielleicht ärgerte er sich auch im stillen, daß +ich den braven Mädchen so ganz auf der Tasche lag, aber davon sagte er +nichts, sondern fragte nur, ob ich vielleicht schon eine starke Vorliebe +für ein besonderes Fach habe, was dann freilich die Sache verändern würde. + +Aber das hatte ich nicht, sondern es war gut für mich, daß mir jemand +einen Schub gab von außen her, und ich sagte nach kurzem Zögern, daß ich +morgen kommen und mit dem Herrn reden wolle, der gerade in der Stadt zum +Besuch war, und daß es vielleicht ganz gut für mich passe, ein Buchhändler +zu werden, weil es mich immer nach Büchern gelüstet habe, schon seit ich +mir denken könne. + + * * * * * + +Daheim war ein großes Erstaunen, als ich mit meinem Plan daherkam, der +schon auf dem kurzen Weg nach Hause deutliche Gestalt in mir gewonnen +hatte. Die Buchhandlung, um die es sich handelte, war in einer Stadt, von +deren Schönheit ich schon viel gehört hatte, unfern des Rheins und des +Schwarzwaldes, also immerhin weit genug von meiner Heimat entfernt, um den +Zauber der Ferne und Fremde für mich zu haben. Die Schwestern waren ein +wenig enttäuscht, daß nun kein Student zu ihnen in die Ferien kommen würde +und kein studierter Herr einmal mit einem guten Titel etwa in der Zeitung +stehe, von dem sie dann sagen konnten, das sei ihr Bruder. Auch ging es +vielleicht tiefer bei ihnen, daß sie mir in Wahrheit alle Pforten des +Lebens wollten aufgetan wissen. Aber ich sagte mit schnell angenommener +Überlegenheit, daß ich es auf diesem Wege mindestens gerade so weit bringen +werde, als auf dem andern, und daß ich überhaupt trachten werde, so bald +als möglich selbständig zu werden. Das rührte die Schwestern tief, denn ich +hatte ihnen noch nicht oft gezeigt, daß ich an ihre Arbeit und Mühe für +mich denke, und so gern sie alles für mich taten, so tat es ihnen doch +wohl, daß ich nicht nur so ins Blaue hinein alles anzunehmen schien. Aber +sie wußten nicht, daß ich vor dem Besuch bei dem Rektor noch keinen +Augenblick daran gedacht hatte, und von mir aus brauchten sie es auch nicht +zu wissen. + +Am andern Tag ging ich wieder zu dem Rektor hin, und da war dann auch der +Buchhändler, der ein alter Junggeselle war und äußerlich nichts vorstellte. +Er trug sich in einem lederfarbigen Braun und hatte selber eine etwas +vergilbte, pergamentene Haut, und ich weiß nicht, wie mir so geschwind der +Gedanke kam, er sehe aus, wie ein antiquarisches Exemplar etwa des Horaz +oder sonst so eines alten Weisen, in Leder gebunden. Darüber ging mir, ehe +ich es verhindern konnte, ein Lachen über das Gesicht, und der Rektor, der +dabeistand, fragte mich: »Was haben Sie Heiteres, Fugeler?« Aber ich faßte +mich schnell und machte ein ernsthaftes Gesicht und sagte, es sei mir +draußen auf der Gasse ein Kameltreiber begegnet mit drei Äffchen, die seien +so possierlich gewesen. Das war schon wahr, aber gelacht hätte ich darum +nicht. + +»Sie sind noch sehr jung, mein Lieber,« sagte der alte Herr, der Hagenau +hieß, und meckerte ein wenig. Das war bei ihm gelacht. Ich sagte, daß ich +achtzehn sei und das Maturum gemacht habe, und das hatte er ja auch schon +gewußt und die Bemerkung nur meines unzeitigen Lachens halber gemacht. + +Wir kamen aber darauf gut ins Gespräch und einigten uns auch darauf, daß +ich am ersten Oktober bei ihm eintreten und drei Jahre lernen solle, ohne +Gehalt, aber mit freier Kost und Wohnung in seinem Hause. Später sehe man +wieder. Er habe es mit einem, der sich zur Sache anlasse, gut im Sinne, +wolle aber vorher sehen, was an mir sei. Darum, daß er ein Junggeselle sei, +brauche ich mich nicht um das leibliche Auskommen bei ihm abzukümmern. Er +habe eine Schwester bei sich, die mich so wohl versorgen werde, als eine +rechte Hausfrau, und sie sei auch sonst gut, ich komme bei ihr in gute +Hände. Zu lernen gebe es genug für einen, der strebsam sei, es müsse nicht +alles auf Universitäten erworben werden, es gebe auch sonst noch +Möglichkeiten. Das kam mir alles ganz richtig und vernünftig vor, und auf +dem Heimweg kaufte ich mir ein steifes Hütlein, weil ich das +Gymnasiastenwesen abgelegt hatte und in eine Bahn einlenken wollte, auf der +es frühzeitig dem Ernst des Lebens zuging. + +Als ich aber nur noch ein paar Schritte von unserem Haus entfernt war, sah +ich eine helle, schlanke Mädchengestalt in Luisens Bügelstube von der +Straße her eintreten, und als ich gleich nach ihr auch dort hineinging, war +es Maidi, mit er ich als kleiner Bube im Garten gespielt und Kirschen +gegessen hatte, und die ich noch gut genug kannte. Sie war eine Berühmtheit +unter den Gymnasiasten ihrer feinen Schönheit wegen, und es galt für eine +Ehre, wenn man sie grüßen konnte; da neigte sie leicht den Kopf, wie ein +Königskind, und war dabei doch keine stolze Jungfer, sondern eine freudige +Augenweide. + +Geredet hatte ich nie mehr mit ihr seit jenem Gartentag, nun stand sie hier +in der halbdunkeln Bügelstube, in der man schon das Gas anzünden mußte und +war wie eine Sonne darin. Da ärgerte mich auf einmal mein steifes Hütlein, +und ich tat es schnell in ein Fach hinein, in dem Stärkwäsche lag, weil es +gar nicht zu ihr paßte. Sie hatte ein hellblaues Kleid an und niedere +braune Schuhe, und ihren langen, blonden Zopf hatte sie hinten im Nacken +mit einer blauen Schleife hinaufgebunden, auf der kleine rote Punkte saßen, +wie lauter Herrgottskäfer. Um ihr Gesicht her aber drängten sich lustige +Löckchen unter dem breiten Hut hervor, und auf dem Hut lag ein Kranz von +Margeriten. Sie sah aus, als ob sie zu einem Fest ginge, aber das war bei +ihr immer so, und das Fest war ihr junges Leben, in das schritt sie hinein +in ihren hübschen braunen Schuhen. + +Ich konnte sie beobachten, ohne daß sie mich sah, denn ich war hinter den +Vorhang getreten, der den Eingang in ein Nebenkämmerchen verdeckte und sah +hinter demselben vor in ihr helles Gesicht. Sie hatte eine Bestellung zu +machen. Es sollte regelmäßig zu bestimmten Zeiten Wäsche abgeholt und +wieder hingebracht werden und sie nannte dazu das Haus ihres Großvaters, in +dem sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder wohnte. Der Vater, der zum Ganzen +gehörte, war nicht mehr vorhanden, und ich wußte, daß er irgendwie +nebenhinaus gegangen war auf der Welt und wohl noch lebte, aber nicht mehr +zu den Seinigen gehörte. Wie es zusammenhing, wußte ich nicht, aber es +hatten also doch auch schon dunkle Schatten das junge Leben gestreift, das +hier in aufblühender Pracht in unserer Stube stand und mit meiner Schwester +sprach. Als mir das einfiel, gewann ich auf einmal die Macht, hinter meinem +Vorhang hervorzutreten und sie anzureden, denn sonst wäre sie mir zu schön +dazu gewesen und zu hoch, so freundlich sie auch aussah. + +Ich überlegte mir auch, was ich zu ihr sagen wollte. Sie hatte einen +Vetter, der war mein Schulkamerad gewesen und war nun seit einem Jahr bei +der Marine, und er war es auch gewesen, der bei den Kameraden immer ihren +Preis verkündigt hatte. Nach dem wollte ich sie fragen. Aber ich war es +nicht gewohnt, junge Mädchen anzureden, so oft ich es auch in der Phantasie +tat, und so stand ich etwas verlegen herum, als ich sie gegrüßt hatte. + +Da sah ich an ihrem Gesicht, daß sie mich auch kannte, vielleicht noch von +damals her, und daß lustige Lichter darüberflogen wie Sonnenvögel und sie +ein Lachen unterdrücken wollte, das um jeden Preis gelacht sein mußte. + +Es war sicher, sie kannte mich noch und auf einmal sagte sie: »Da wohnen +Sie jetzt? Seit wann? Wissen Sie noch, damals? Sie erzählten mir von Ihrem +Garten, und --« da wurde sie doch ein bißchen rot und ich auch, denn es war +ein heikler Punkt. Und in der Verlegenheit fingen wir beide an zu lachen +und wurden dadurch ganz erlöst. Denn wenn man darüber lachen konnte, dann +war es nicht mehr schlimm. »Ja, ja« sagte ich, »ich habe damals, glaub' +ich, ein bißchen dazu erfunden, und nachher hatte ich immer Angst, Sie +könnten einmal kommen und ich stehe dann mit Schanden da.« + +Aber als ich das sagte, war es mir inwendig heiß vor Glück, daß sie mich so +gut kannte, und daß sie noch an damals dachte, und es kam mir auch +sonderbar vor, daß wir nun Sie zueinander sagten, denn ich hatte immer in +Gedanken Du zu ihr gesagt. + +»Ich bin auch einmal gekommen,« sagte sie, »das Verlangen war immer stärker +geworden in mir, und der Garten immer größer und die Nelken immer röter. +Wissen Sie noch, von der Katze, die da herumgehen und Funken sprühen sollte +und von der Musik, die der alte Mann machte? Da brachte ich es einmal mit +List heraus, wo Sie wohnten und suchte mir den Weg. Aber als ich die +Häuschen sah und die kleinen Gärtchen davor, da wurde ich böse und traurig +und hätte fast geweint vor Zorn und Enttäuschung. Und meine Mutter sagte +nachher, als ich es ihr erzählte: »Siehst du, man muß auch nicht alles +untersuchen wollen, das geht noch mit vielem so im Leben.« Und sie sagte, +daß das Bübchen damals nicht gelogen habe, es habe es alles so im Herzen +gehabt, wie es gesagt habe.« + +Als Maidi das alles erzählte, sah ich so unbegreiflich deutlich wieder das +kleine Mädchen von damals vor mir und die schöne junge Frau mit dem Kinde, +und es war mir, als gehöre ich irgendwie zu ihnen. Die Bügelmädchen sahen +mit Staunen zu und Luise auch, daß wir so ins Reden miteinander kamen, aber +ich machte mir gar nichts daraus, sondern als Maidi gehen wollte, fragte +ich ganz kecklich, ob ich ein Stückchen mit ihr gehen dürfe, ich müsse +sowieso noch einmal in die Stadt. Sie sagte auch freundlich: ja, das dürfe +ich gerne, und wir wollen dann über den Marktplatz gehen, weil Messe sei. + +Da ging ich denn nun neben dem allerschönsten Mädchen her, das ich kannte, +aber ich hatte meine Schülermütze aufgesetzt und das Hütlein daheim +gelassen, und nun pochte mir das Herz wie ein Schmiedehammer, weil solche +Dinge geschahen, nicht in Träumen, sondern im hellen Wachen. + +Maidi stieg so leicht und schlank und lieblich daher, und wir plauderten, +als ob vieles nachzuholen sei, aber es war mir immer darunter hinein +unbegreiflich, daß es ihr nicht zu wenig sei, mit mir zu gehen, und ich +hielt mich so aufrecht wie möglich. Inzwischen kamen wir auf den +Marktplatz, wo sich eine bunte Menge von Menschen hin und her schob, unter +die wir uns fröhlich mischten. Maidi fragte mich, wo ich eigentlich hin +wolle, weil ich von einer Besorgung gesagt hatte, die ich machen müsse, +aber ich lachte nur und sagte, das habe noch lange Zeit, und wir waren wie +rechte Kinder, die nicht viel an nachher denken, sondern sich an dem, was +gerade vor Augen ist, ganz vergessen. + +Es war ein selten schöner Tag, der dem Marktleben wohl bekam. + +An den Ständen der Schuster, der Hut- und Kappenmacher, der Messerschmiede +und Wollwarenhändler drängten sich die Albbauern und ihre Weiber, aber da +hatten wir nichts verloren, sondern wir gingen den Ausrufern nach, die vor +ihren Schaubuden standen und alle Seltenheiten der Welt anpriesen. Da war +ein ärmliches Leinwandzeltchen, in dem ein lebendiges Kalb mit zwei Köpfen +zu sehen war, und daneben wurde eine Riesendame gezeigt, deren Bildnis in +grellen Farben auf der Eingangsseite der Bude prangte und einem schlanken +Herrchen zulächelte, das ihr auf einem Brett Würste, Schinken und einen +angeschnittenen Brotlaib hinhielt und wie ängstlich schien, es möchte etwa +aus Versehen mitgeschluckt werden. Ein Wachsfigurenkabinett war da, und ein +schwindsüchtig aussehender Mensch in einem fadenscheinigen Frack lud die +Leute hustend ein, hereinzuspazieren. Es sei da zu sehen die Ermordung +Wallensteins, die Hamburger Kindsmörderin soundso, der Ritter Blaubart aus +dem Märchen und Schneewittchen mit der bösen Königin, alles beweglich und +in voller Arbeit. Er sah selber einer vergilbten Wachsfigur nicht unähnlich +und bewegte wie automatisch den Kopf hin und her, um nach rechts und links +hin die Leute einzuladen. Am Eingang der Bude saß ein prächtig gekleideter +und angemalter Türke, der aus einer langen Pfeife sehr natürlich zu rauchen +schien, und an seinen Knien lehnte eine wunderschöne Frau, die +todunglücklich aussah und deren rabenschwarzes Haar ihr am Rücken hinunter +und bis auf den Boden hinabfloß. Sie zwinkerte beständig mit den +Augenlidern und hob hie und da in abgemessenen Zwischenräumen die beringte +Hand, was alles ein wenig gespenstig aussah. Auch schien sie die Lippen zu +regen, wenn man länger hinsah, und der schwindsüchtige Ausrufer sagte, es +sei die Scheherazade, die beständig unter dem Henkersbeil lebe und sich nur +ihr Leben retten könne, indem sie dem Sultan tausend und eine Nacht lang +Geschichten erzähle. Es gingen ziemlich viele Leute hinein, Soldaten und +Mägde und Arbeiter, die gerade aus den Fabriken kamen, und auch +Schulkinder. Wir sahen einander fragend an, ob wir es auch wollten. Aber +Maidi schüttelte nach kurzem Besinnen den Kopf, denn innen waren sicher +grausige Dinge zu sehen, und sie ging lieber den fröhlichen nach, deren es +genug hatte auf dem Markt. Da war gleich in nächster Nähe das +Kasperletheater, das kam uns so recht gelegen. Wir stellten uns hinter den +Seilen, die den Zuschauerraum umgrenzten, auf, und sahen zu, wie der +Kasperle mit einem Prügel auf den armen Bauern einhieb, der ihm eine Katze +in einem Sack hatte verkaufen wollen. Das war nichts so Besonderes, aber +wir hatten schon selber die nötige Fröhlichkeit in uns und brauchten nicht +viel Anstoß dazu, um mitzulachen. Es stand ein kleines Kerlchen neben uns, +das sich vergebens auf die Zehen stellte, um etwas zu sehen. Das setzte ich +auf meine Achsel, und nun schrie und strampelte es vor Wonne und brachte +die ganze Umgebung ins Feuer mit seiner Begeisterung. Maidi aber lachte uns +beide gut und freundlich an, das Kind und mich, und mich dünkte, es sei bis +jetzt kein Tag in meinem Leben gewesen, der diesem gleichzustellen sei. Ich +kaufte ihr ein Rosensträußchen aus Zucker und sie mir einen roten Ballon, +den ich mit seinem Schnürchen in meinem Knopfloch befestigte, und das +geschah beides neben dem Kasperle her, denn es gingen hausierende Verkäufer +über den ganzen Markt hin und an uns vorbei. Da kam die Frau des Besitzers +mit einem Sammelteller in unsere Nähe, und ich wollte mich eben davon +drücken, wie wir Buben das in solchen Fällen sonst getan hatten, aber das +schöne und anständige Wesen neben mir legte mir in aller Stille eine +moralische Verpflichtung auf, so daß ich männlich in die Tasche griff und +ein paar Nickel in den Teller legte: »Für uns beide,« sagte ich wie +selbstverständlich, und die Frau dankte achtungsvoll. Da überkam es mich +wie eine heimliche Besitzerfreude, daß ich für Maidi bezahlt hatte und sie +in diesem Augenblick zu mir gehörte, und es flog mir durch den Sinn, daß +ich ungeheuer arbeiten wolle die nächsten Jahre, weil ich es bald zu etwas +Rechtem bringen müsse. Aber es war nur so ein Augenblicksgedanke, und der +nächste mußte wieder hier auf dem Platze sein, sonst verging etwas von +dieser Stunde, ohne daß ich es genoß. Sie war ohnehin vorbei, eh' man es +dachte. Vom hohen Kirchturm herunter schlug es sieben Uhr, und Maidi sagte +mir wie erwachend, daß sie nach Hause müsse, und gab mir die Hand, als ob +wir täglich beisammen wären. Aber als ich ihr mit plötzlichem Ernst sagen +wollte, daß ich sie nun wahrscheinlich nie mehr sehe, weil ich in die +Fremde gehe, sah sie drüben zwischen den Buden ihren Großvater gehen, der +den Hut in der Hand trug, und in der ganzen Pracht seiner silbernen Haare +und seines heiteren Gesichts einherschritt, und sie ging rasch davon, um +ihn noch einzufangen und winkte nur noch einmal mit Hand und Augen grüßend +zurück. Ich sah die beiden miteinander gehen und sah wohl, daß sie eines +Blutes und einer Art waren: königlich, heiter, vornehm und frei. Mich aber +hatte nur ein Sonnenstrahl getroffen, der gerade vorüberflog. Doch hatte er +mein junges Blut erfreut und erwärmt, und es malte mir nun zum Dank tausend +Bilder, die eine schöne, freudige Zukunft gaben. Ich hatte aber freilich +noch nie daran gezweifelt. + + * * * * * + +Wenn ich jetzt an meine Lehrjahre denke und sie an mir vorbeigehen lasse, +so wundert es mich immer aufs neue, wie zufällig und ohne Einmischung von +irgend einer väterlichen oder beratenden Stimme, ausgenommen meinen Rektor, +meine Berufswahl vor sich gegangen war. Ich hatte wohl einen Vormund, den +bäuerlichen Vetter, den ich damals mit der Mutter auf ihrem letzten Wege +besucht hatte, aber er war froh, wenn wir Geschwister uns selber rieten, +und sagte zu allem Ja und Amen. So sah ich mich auf einmal in der neuen +Umgebung auf eine Bahn gestellt, von der ich gar nicht wußte, ob ich für +sie und sie für mich tauge und von deren Möglichkeiten ich wenig genug +kannte. Es hätte aber schlimmer ausfallen können, als es geschah, denn ich +hatte tüchtige Lehrmeister, wenn auch meiner Meinung nach nicht die +angenehmsten, nämlich lauter ältere Männer, die einer um den andern so +vertrocknet waren, wie alte Wüstenheilige; wenigstens kamen sie mir so vor. +Sie waren alle, ein Buchhalter und ein paar Gehilfen, schon lang im Hause +Hagenau, dem sie mit großer Zähigkeit anhingen, und wußten, wie es mir +schien, nichts Besseres, als auch vollends darin abzusterben, was mich mit +Grauen und einem zornigen Widerstand erfüllte. Ich kam mir vor wie das +Entlein auf dem gefrierenden Teich im Märchen, das rudert und rudert, um +nicht mit einzufrieren, und das eines Morgens dennoch tot im Eise steckt, +so frostig dünkte meiner warmen Jugend das umgebende Alter, dem ich dennoch +nicht entfliehen konnte. Doch muß ich ja sagen, daß man in unreifen Jahren +die Altersgrenze bei andern, die einem um ein Stück voraus sind, niedrig +genug steckt, und sie erst sachte hinauszurücken anfängt, wenn man selber +dabei in Betracht kommt. Es war vielleicht nicht gar so weit damit bei den +Herren, von denen nur einer, der die Bücher führte, angegraute Haare hatte, +während ein anderer, der sein intimer Freund war, mit einer tüchtigen +Glatze herumlief, was mir alles für mich selbst in unendlichen Fernen zu +liegen schien. Heute denke ich schon etwas anders darüber. Der Buchhalter +war mir eigentlicher und nächster Vorgesetzter, da der lederbraune Herr +Hagenau stets in seinem kleinen Privatkontor steckte und nur zu besonderen +Gelegenheiten daraus hervorkam, wo er mich kaum beachtete; wenigstens kam +es mir so vor. Das war mir einesteils angenehm, da ich mich törichterweise +schämte, von ihm gesehen zu werden, wenn ich, der ich noch vor kurzem ein +Primaner gewesen war und ein Student hatte werden wollen, nun Dinge zu tun +hatte, die jeder frisch entlassene Volksschüler auch konnte, denn die +geschäftserfahrenen Herren schenkten mir nichts von allem, was einem +Lehrling gebührt. Ja, sie hielten mich wohl grundsätzlich ein wenig +drunten, als sie meine junge Überheblichkeit bemerkten, der dies und jenes +unnötig erschien, was durch Brauch und Herkommen geheiligt, sein und +geschehen mußte, und das mir tödlich langweilig war. Ich hatte nicht von +ferne gedacht, daß es solches auf der Welt gebe. Da waren Register zu +führen von solcher Umständlichkeit, und die so vielfach verästelt waren, +daß es mir vorkam, als ob ein findiger Kopf, dem es zugleich um eine +tüchtige Bosheit zu tun gewesen sei, ein System ausgeheckt habe, das +unzweifelhaft alle, die sich damit befaßten, in die Irre und im Kreis herum +führen müsse. + +Einmal getraute ich mir, einem der Gehilfen, der es mir auseinandersetzte, +einen Vorschlag zu machen, wie man irgend ein Ding meiner Ansicht nach +etwas einfacher angreifen könnte. Aber der sah mich von seinem Schreibbock +herunter an mit einer strafenden und doch milden Überlegenheit, daß mir das +Blut in den Kopf stieg vor Scham und ich mich über meine Zettel beugte, +ohne mehr ein Wort zu sagen. Ich sah wohl, ich mußte mich da durchbeißen, +es war nichts anderes zu machen, und nach und nach kam auch ein Sinn in das +Irrsal. Aber lieber war es mir doch, wenn die Bücher selbst durch meine +Hand gingen und ich einen Blick hinein tun konnte, gerade lang genug, um zu +sehen, daß es für mich noch unabsehbare Goldfelder umzupflügen, Meere zu +befahren, Bergwerke auszugraben gab in der Welt der Dichter und der Weisen. +Nach und nach fingen einzelne Namen an, aus den vielen anderen +herauszuglänzen, wie an dem unübersehbaren Sternenhimmel dem Liebhaber und +Beobachter, je fleißiger er hinaufschaut, einzelne herausleuchten in +besonderer Klarheit, um die sich dann wieder andere zu sammeln scheinen in +milderem Glanze. Wenn mein Prinzipal im Laden stand und etwa mit einem der +bekannteren Kunden verhandelte, so konnten sie miteinander in ein Feuer +geraten über dies oder jenes Buch, daß der trockene und etwas angestaubte +Mann wie verjüngt und verwandelt schien. Dann horchte ich auf meiner Leiter +oder wo ich gerade war, und beschloß, mir das Kleinod dem Inhalt nach auch +anzueignen, denn es stand mir ja die ganze Schatzkammer offen. Ich fing an, +in meinen Freistunden zu lesen, über Mittag und am Abend bis tief in die +Nacht hinein und es schien mir, als ob ich nicht aufhören könne, ehe ich +alle Schönheit und allen Reichtum in mich hineingetrunken hätte, und kam +mir ja freilich dazwischen hinein vor wie das Knäblein des heiligen +Augustin, das in seine kleine Schale das große Weltmeer fassen wollte. + +Aber ich hätte mich vielleicht doch verirrt in den weiten Gärten der +schönen Literatur, denn dahinein zog es mich zuerst und mit aller Macht, +wenn sich mir nicht ein besonderes Schloßgärtlein aufgetan hätte, in dem +das Schönste vom Schönen blühte. Es war ein kleiner, offener +Mahagonischrank, mit Büchern angefüllt, der in dem Zimmer des Fräulein +Brigitte Hagenau stand. Das war die Schwester des Prinzipals, und ich kann +kaum erwarten, von ihr zu reden. + +Ich habe bei ihr viel für meinen Beruf gewonnen, was mir sonst niemand +geben konnte; aber noch mehr fürs Leben. Die Werke der Dichter hatten eine +stille Heimat bei ihr; sie sprach von den besten unter ihnen als von ihren +Freunden und lehrte mich, den Edlen aufgeschlossen und ehrfürchtig entgegen +zu kommen, nur dadurch, daß sie selbst es tat. Was echt war und aus den +Tiefen des Lebens stammte, das nahm sie freudig auf, und lehnte alles +Halbe, Oberflächliche, oder was nach Gunst und Mode ging, ab; so war sie +mir ein Wegweiser, als ich dessen sehr bedurfte, und glücklicherweise ohne +einen solchen darstellen zu wollen. + +Ich hatte noch nie gesehen, daß man so las wie sie, die ein Buch genoß, +wie man edlen Wein aus kristallenen Kelchen langsam schlürft, zugleich den +Duft genießend mit dem kühlen Labsal; ich selbst hatte, von dem großen +Reichtum berauscht, angefangen, eins ums andere zu verschlingen, wie man +wohl an heißem Tage ein Glas Apfelmost nach dem anderen mit langen, +durstigen Zügen leert, ohne doch mehr davon zu haben, als den prickelnden +Reiz, mit dem er durch die Kehle fließt. + +Nun, ich war jung und fing erst an, in dieser Welt daheim zu werden; sie +aber lebte schon lang darin und verlangte nichts von mir, was meinen Jahren +nicht natürlich war, denn sie war keine vorsätzliche Einwirkerin, sondern +lebte, wie sie ihrem Wesen nach mußte, ohne damit Schule zu machen. + +Es war viel anderes, was ich von ihr hatte, und mehr, was ich hätte haben +können, wenn ich den Sinn dafür gehabt hätte. Sie ist einer der wenigen +Menschen aus meinen jungen Jahren, an die ich ohne Leid und Reue +zurückdenken kann, und wenn ich auch zuzeiten manches vergaß oder in den +Winkel stellte, was Lebendiges von ihr hätte mit mir gehen und mein Tun +bestimmen sollen, so habe ich doch sie selber verehrt und sie hochgehalten, +und sie ist mir gut gewesen wie eine Mutter oder eine Freundin. + +Davon will ich nichts vergessen. + +Als ich sie zum erstenmal sah, erschrak ich vor ihr, denn sie war klein und +stark verwachsen und hatte den Kopf tief zwischen den Schultern sitzen. Sie +saß mir am Tisch gegenüber, neben ihrem Bruder, und sprach unbefangen, frei +und heiter, fragte mich nach der Reise, von der ich gerade erst herkam, und +nach allerlei anderem und war in allem ein Mensch, der dem Schicksal +gewachsen oder sogar überlegen ist, da sie doch mit einem mißratenen Körper +hausen mußte und von Rechts wegen hätte bedrückt und kleinlaut sein sollen +meiner Meinung nach. Denn ich begriff nicht, wie man leben und dazu noch +heiter sein mochte, wenn man nicht aufrecht und gerade gewachsen war. + +Es sahen auch lauter stattliche Leute auf sie hernieder von den Wänden, +nämlich eine Anzahl von gemalten Vorfahren, die mit klugen und aufrecht +getragenen Köpfen unter feinen Hauben oder Perücken hervor zu fragen +schienen, wie eins aus der Familie so kümmerlich habe werden können, und +deren Gesichter sie aber nicht im mindesten zu scheuen schien. Im Gegenteil +blickte sie aus großen grauen Augen warm lebendig drein und hatte alle +Augenblicke ein solches Lächeln um den Mund, als ob sie über alles hinüber +inwendig etwas freue, und ich hielt mein Gesicht nicht im Zaum, das sie +erstaunt betrachtete. + +Es fiel mir auch auf einmal ein Spiel ein, das wir daheim gehabt hatten mit +zerschnittenen menschlichen Figuren, die man wechselsweise zusammensetzen +konnte nach Belieben; und es fuhr mir so durch den Sinn, daß hier aus +Versehen oder im Spiel ein feiner, wohlgebildeter Kopf auf ein Körperlein +gesetzt sei, das ihn nicht aufrecht zu tragen vermöge, während vielleicht +anderwärts ein grotesker Schädel auf schönen, schlanken Schultern ruhe und +man nun die Figuren wieder verwechseln müsse, daß sie in Richtigkeit seien. + +Darüber kam mich ein kleines dummes Lachen an, das ich mit aller Mühe nicht +schnell genug erwürgen konnte, und plötzlich sah ich die schönen Augen der +Hauswirtin groß und ein wenig verwundert auf mir liegen, so als ob sie +schon alles wüßten, und kam mir unter ihnen wie ein rechter Schulbub vor, +da ich doch hatte in allem Ernst mit der Männlichkeit anfangen wollen. + +Sie ließ es mich aber nicht entgelten, sondern lachte mich auch ein wenig +an ohne alle Empfindlichkeit, aus einer ganz jugendlichen Seele heraus, die +alles versteht, was junge Dummheiten sind, so daß ich mit einem Schlag für +sie gewonnen war und ihr am liebsten alle meine Gedanken gesagt hätte. + +So kann es zugehen, daß man einen achtzehnjährigen Jüngling gewinnt, habe +ich später oft gedacht, denn es wissen es nicht alle Leute so gut +anzugreifen. Aber es gibt freilich auch nicht viel Brigitten. + +An jenem Abend, den ich noch ein wenig vor mir ausbreiten will, weil es der +erste war, stand sie gleich nachher auf und ging ans Klavier, da spielte +sie ohne Noten eine Musik, welcher der Bruder, in einer Ecke sitzend, mit +in die Hände vergrabenem Kopf zuhörte und welche mich fremd und +geheimnisvoll berührte. Ich hatte bis jetzt noch nicht viel Musik gekannt, +und jedenfalls gar keine intime, wie diese hier, die eigentlich nur auf +einen Zuhörer berechnet war, denn ich, das fühlte ich wohl, saß nur dabei +und störte vielleicht sogar. Aber ich schaute doch aufmerksam nach dem +Klavier hin und mußte mich wundern, wie sicher und kräftig das Fräulein mit +schlanken, schönen Händen auf den Tasten herumregierte und das Instrument +nach einem inneren Wissen zum Erklingen brachte, so, daß es inwendig in mir +mitklang. + +Ich mußte an daheim denken, an meine Mutter und an Heinrich Kilian, die +beide schon lange vom Leben hinweggegangen waren, und die mir nur ganz +selten einfielen, und auch an meine Schwestern, wie sie morgens an der +Eisenbahn gestanden waren in ihren grauen Regenmänteln und mit ihren +freudlosen Gesichtern, die meinem Fortgehen galten. Es rührte sich allerlei +in mir, daß ich ihnen gern ein gutes Wort gesagt hätte, weil sie immer im +Geschirr stehen mußten und nie hinauskamen, und weil ihnen nie etwas zu +viel war für mich. Aber sie waren nun fern von mir, und am Ende hätte ich +doch nichts gesagt, wenn ich sie dagehabt hätte, denn es war nicht der +Brauch bei uns. Das machte alles nur die Musik, ich wußte nicht, wie es +zuging. + +Als sie zu Ende war, kam der Prinzipal wie erwachend aus seiner Ecke +hervor. »Das war schön, Brigitte,« sagte er, und sie nickte ihm zu, noch +den einen oder andern Ton leise anschlagend: »Das freut mich, Bruder, es +war aber auch Beethoven.« Er nannte sie immer beim Taufnamen, dabei die +mittlere Silbe betonend, sie aber sagte nie anders als Bruder zu ihm. Das +sei, erfuhr ich später, darum der Fall, weil er Kasimir heiße und den Namen +nicht ausstehen könne, was ja auch wohl zu begreifen war. Ich nannte ihn +aber von da an im stillen und nenne ihn auch in diesen Aufzeichnungen so. + +Er hatte damals recht geredet, als er sagte, daß ich bei seiner Schwester +in rechten Händen sei. Ich hätte, grün und unreif, wie ich von daheim +fortkam, in keine besseren fallen können. + +Sie hatte nicht nur ein schönes Gesicht und schöne Hände, sondern es +brannte auch aus ihrem Wesen heraus eine stille und helle Flamme von +unüberwundener Liebe zu allem Schönen und Guten, und sie war nicht nur +nicht zu bemitleiden, sondern sie stand weit über unsereinem, der noch am +Leben herumtastete als ein Neuling. + +Es erging mir mit der Zeit sonderbar genug mit ihr. Nachts, wenn ich im +Bett lag und im Begriff war, ins Nichts hinüberzuträumen, dann kam es mir +hie und da vor, als ob ich in sie verliebt sei. Dann sahen mich ihre +großen, klaren Augen wundergütig an, und ihr feiner Mund lächelte unendlich +lieblich, und ich ahnte hinter beidem verborgene Schmerzen und Reichtümer. +Die Musik, die sie gemacht hatte, schien mir ihre eigene Sprache zu sein, +die mir jungem Knaben das Herz umdrehte und alles, was sie am Abend getan +und gesagt hatte, übte noch im Nachhall einen Zauber auf mich aus, so daß +ich etwa aufstand und nach dem nächtlichen bewaldeten Berg hinüber und auf +das in den Nachthimmel hinein dunkelnde Münster schaute, was beides von +meinem Zimmer aus zu sehen war, und dabei die Ströme meines warmen Blutes +ziehen hörte. Dann dachte ich mir aus, daß sie eine wunderschöne Prinzessin +sei, die ein böser Zauberer in einer Mißgestalt gefangen halte und die sich +selbst erlösen müsse in viel Mühsalen, bis ein Stück des Häßlichen ums +andere von ihr abfalle und sie in lauterer Schönheit dastehe. Es brannte +etwas in mir und riß mich mit sich fort, und ich entsinne mich noch einer +stürmischen Februarnacht, in der es mich dergestalt überwältigte, daß ich +in meine Kissen hineinschluchzte, wie ein unglücklicher Verliebter, bis ich +daran müde wurde und einschlief. Aber am Morgen war alles anders. Da konnte +ich froh sein, daß sie nichts von dem allem wußte. Denn sie regierte das +Haus so ruhig und sicher wie eine brave Bürgersfrau und ging auch selber +auf den Markt, von der Magd Salome begleitet, und sah kümmerlich genug +dabei aus. + +Man konnte auch sogleich sehen, wer einheimisch war und wer fremd. Denn die +Einheimischen grüßten, soweit sie honorige Leute waren, das Fräulein mit +viel Respekt, und sie dankte mit ruhiger Höflichkeit, aber wer fremd war, +sah sich, wenn sie vorbeigegangen war, kopfschüttelnd nach ihr um, und ich +war dumm genug, froh zu sein, daß ich nicht neben ihr gehen mußte. Sie aber +schien nichts von meinen heimlichen Gedanken zu merken. Sie versorgte mich +im Leiblichen so gut, daß ich kräftig aufschoß und auseinanderging, wie ein +junger Baum, und tat zu allem noch etwas hinzu von einer schönen, geistigen +Wärme und Bildung, die ich bisher nicht einmal vom Hörensagen gekannt +hatte, und die mich umgab wie eine heilsame Luft. Sie scheint mir, wenn ich +an sie zurückdenke, eine jener Frauen gewesen zu sein, denen das Schicksal +darum eigene Kinder versagt, damit sie um so ungeminderter allen, die in +ihren Weg kommen, etwas von der wahren, durchschauenden und alliebenden +Mütterlichkeit zu geben vermögen, die einem jeden not tut. Gott mag wissen, +woher sie ihre eigene Nahrung beziehen, aber sie scheinen nur leben zu +können, indem sie andern geben und für sie da sind, was dann ihr Glück +ausmacht und sie aufleuchten läßt in einem milden und warmen Glanz. + + * * * * * + +Unter den Herren im Geschäft war einer, der sich hie und da etwas mehr mit +mir zu schaffen machte, als unumgänglich nötig war. Er lockte mich zu +dieser und jener Arbeit heran, etwa zur Ausschmückung eines Schaufensters, +zum Zusammenstellen einer Auswahlsendung und dergleichen, wobei er mich um +meine Meinung fragte und mich etwas gelten ließ, was mir zwar wohl gefiel, +mich aber doch wunderte, da er diese Dinge sehr gut allein machen konnte +und jedenfalls besser als ich, wenigstens für jetzt noch. Es kam mir mehr +und mehr vor, als ob er etwas Besonderes von mir wolle, ich konnte mir aber +nicht denken, was es sei. Hie und da sah ich, daß er mich mit auf die Seite +geneigtem Kopf anschaute, als ob er über irgend etwas im Zweifel sei, und +ich war mehr als einmal nahe daran, ihn zu fragen, was er damit meine, ließ +es aber, weil es mich dann doch wieder nicht genug interessierte. Er war +ein Österreicher, der schon in seiner frühen Jugend zu uns verschlagen +worden war durch irgend ein Schicksal, wie ich gelegentlich erfuhr, und +hieß Frerichs. Von den andern Herren wurde er nicht besonders geschätzt, +wie ich merkte, trotzdem er ein stiller, friedlicher Mensch und ein überaus +fleißiger Arbeiter war. Sie machten sich gern über ihn lustig, und +besonders tat das der rotbärtige Giller, den ich im stillen den Kettenhund +hieß, denn er war wie ein solcher knurrig und bissig und hatte eine +Bewegung an sich, die aussah, als ob er zuschnappen wolle. Dieser sprach +von Frerichs als dem Dichter, aber in einer Weise, wie wenn ein anderer von +einem Dummkopf spricht, oder wie einer der Josephsbrüder auf der Weide bei +Sichem gesagt haben mag: Seht, da kommt der Träumer her. Das hörte ich aber +nur nebenbei, denn mit mir sprach er nur über geschäftliche Dinge. Da begab +es sich, daß ich eines Abends mit Frerichs zugleich das Kontor verließ, um +noch einen Gang zu tun vor dem Abendessen, das ich allein von allen +Angestellten im Hause einnahm, wie ich auch allein darin wohnte. Er sah +mich wieder so zweifelhaft an und sagte dann mit der kindlichen Stimme, die +mir immer an ihm auffiel, weil sie gar nicht zu seinem Äußeren paßte: »Ich +möchte Sie schon lang etwas fragen, Fugeler. Ich habe nämlich, -- ich mache +nämlich hie und da Gedichte, oder auch« -- er neigte den Kopf zu mir her +und sah sich um, ob niemand in der Nähe sei, und flüsterte: »ich verfasse +auch hie und da Novellen oder dergleichen, und würde Ihnen gern einmal +etwas zeigen. Das heißt, wenn Sie es gerne wollen.« + +Da war nun das Rätsel gelöst. Ich ging mit ihm in seine Stube, die hoch +gelegen war und eine schräge Wand hatte, wie sich das für einen Dichter +gehört, und er hatte auf einmal einen festlichen Glanz in den Augen und ein +aufgewachtes Wesen, und holte aus einem Wandschränklein ein Bündel Hefte +hervor, die alle mit einer kleinen, schnörkeligen Schrift beschrieben +waren, von denen sollte ich dies und das mitnehmen und lesen, wenn ich +nämlich so gut sein wolle. Ich fühlte mich nicht wenig geschmeichelt, daß +er mich ins Vertrauen zog, und las auch seine Sachen, die mir aber +teilweise irgendwie bekannt vorkamen, ohne daß mir beikommen wollte, woher. +Einmal erinnerte mich etwas an diesen Dichter, einmal an jenen; ich wurde +nicht recht klug daraus. Dann wieder auf einmal kam ein Gedicht, in dem +sonderbar traurige oder sehnliche Gedanken in eine ungefüge Form gefaßt und +so halblebendig geblieben waren, da man doch den Eindruck hatte, als ob +gerade diese ihm ganz eigen seien und er nur nicht die Kraft besessen habe, +sie herauszumeißeln. Frerichs wartete geduldig, bis ich etwas sagte, ich +sah ihm aber wohl an, wie gern er mich gefragt hätte, während es mir doch +schwer fiel, eine Kritik zu üben, die eigentlich kein Lob enthielt, da ich +doch ein junger Mensch war seinem reifen Alter gegenüber und auch gar keine +Übung darin hatte, was ich meinte, sachlich zu begründen. + +Einmal mußte es aber doch sein. Ich gab ihm die Hefte zurück und sagte +zögernd, manches habe mir gut gefallen; ob es aber nicht schwer sei, zu +vermeiden, daß einem fremdes dazwischen komme, wenn man unter so vielen +Büchern lebe? + +Da sah er mich erschrocken an und sagte: »Also das haben Sie auch gemerkt? +Und so hilft denn alles nichts!« Und er bekannte mir, daß er an einer Art +von Dichtkrankheit leide, die ihn zwinge, immer, wenn er etwas recht +Schönes gelesen habe, etwas dem Ähnliches zu verfassen, das ihm aber +während des Schreibens nach und nach so eigen werde, als ob es ganz allein +aus ihm heraus entstanden sei, so daß er die Dinge eigentlich geistig +wiederkäue oder vielmehr wiedergebäre und sie trotzdem dann liebe wie +eigene Kinder. Er habe deren auch, denn hie und da falle ihm, etwa Sonntag +morgens im Bett, etwas ein, das ihn dann nicht mehr loslasse, bis er +versuche, ihm eine Form zu geben, was aber meistens nur halb gelinge, so +daß die Lebewesen dann nicht ganz entstünden und etwa mit dem Kopf oder +Oberleib aus dem Stein herausschauten, mit den übrigen Teilen aber stecken +blieben, was ihn dann kläglich plage. + +Er sagte das alles so bekümmert und ehrlich, wie ein Patient dem Doktor, zu +dem er Zutrauen hat, die Symptome seines Leidens mitteilt, und mir blieb +das Gelächter, in das ich schon hatte ausbrechen wollen, im Hals stecken +und zuckte nur immerfort in den Kinnbacken, so daß ich das Gesicht +verziehen mußte, als ob mir etwas weh tue. Denn es war eine solche Mischung +von Torheit und von Ehrlichkeit und eigentlich rührendem Ernst in seinem +Gesicht, als er die Sache vorbrachte, daß ich mich gar nicht dabei zu +behaben wußte. + +Er fügte noch hinzu, wenn die Spiegelgebilde, wie er sie wohl nennen dürfe, +da sie im Spiegel der echten Werke entstanden seien, dann allemal ein +gewisses Alter erreicht hätten, und er sie wieder ansehe, so sei es ihm +oft, als ob sie ihren Urbildern doch nicht so ähnlich seien und er sie +eigentlich wohl für eigene ausgeben dürfe. Dann reize es ihn immerfort, sie +in die Welt hinauszugeben und ihnen so ein eigenes Leben zu verschaffen, +und er müsse sie vor sich selber verstecken, damit er es nicht tue, bis er +wieder etwas Neues mache und das Spiel von vorne anfange. + +Ich hatte mich inzwischen gefaßt und sagte einige weise Worte, die mir im +Gefühl meiner Wichtigkeit einfielen, wie, daß nicht jeder Mensch ein +Dichter sein könne und man freilich jedem das Seinige lassen müsse, da das +Nachahmen keine schöne Sache sei, und solcher Binsenwahrheiten mehr. + +Denn damals wußte ich noch nicht, was ich jetzt weiß, daß nicht alle, die +an dieser Krankheit leiden, sich damit hinter Schloß und Riegel setzen, +sondern manche der Patienten machen ein großes Geschrei und tun noch, als +ob die Bastarde die rechten Kinder wären. + +Der Nachdichter, wenn ich ihn so heißen soll, hatte in einer Anwandlung +von Schwäche erhofft, meine Jugend und Unerfahrenheit, die aber doch wieder +nicht gar zu groß sei, werde das Verfahren nicht merken, so daß ihm +vielleicht in mir einer entstehe, gleichsam als Vertreter einer Sorte von +Lesern, der sich unbefangen an seinen Schätzen erfreue und den zweiten +Aufguß für einen ersten nehme. Denn es verlangte ihn nach einem kleinen +Ruhm oder einer Wirkung bei aller Wahrhaftigkeit, die ihm immer wieder das +Gelüste totschlug, und er hatte sich mit den zwei Seelen, die er in der +Brust trug, tüchtig herumzuplagen. + +Für den Augenblick war er jetzt verlegen und enttäuscht und sah aber auch +an meiner Findigkeit hinauf, die mir selber erstaunlich war, und mich vor +mir erhob, so daß ich, ohne es zu wissen, für einige Zeit den raschen, +federnden Gang und die elegante Handbewegung des Herrn Hubli annahm, der +mir am meisten von den Gehilfen imponierte trotz seiner großen Glatze. Denn +ich war selber ein Nachahmer, wenn auch in andern Dingen, nur mir selber +unbewußt; ich merkte es immer erst nachträglich. + +Mit Herrn Frerichs kam ich in ein halb freundschaftliches Verhältnis, das +bei mir aber mit ein wenig Überheblichkeit vermischt war, so daß ich in +meiner Jugend väterlich über ihn lächelte, was dann wieder den Kettenhund +Giller reizte, da es nach seiner Meinung nicht dasselbe war, ob er oder ich +über den seltsamen Kauz urteilte. + +Wir gingen hie und da miteinander spazieren in fleißigen Gesprächen, und +ich merkte wohl, daß er freilich dennoch ein Dichter sei, da er selig +empfand, was tief und schön sei, und da er litt, wenn er nicht das Wort +fand für das, was in ihm lebte. + +So ging ich einige Zeit mit dem reiferen Alter um, ohne Verkehr mit +Jugendgenossen; es konnte aber nicht lange so bleiben. + +Eines Wintersonntags kamen wir beide von einem Waldspaziergang her auf die +breite, mäßig abfallende Steige, die von dem bewaldeten Berge nach der +Stadt hinunterführt. Es lag ein schöner Schnee, der in der blassen +Wintersonne frisch erglänzte. Im Wald war es traumhaft still gewesen, bis +wir uns dem Ausgang genähert hatten, wo dann die Ausläufer eines lustigen +Lärms hereingeschallt waren und mich ungeduldig getrieben hatten, an die +Quelle solcher Fröhlichkeit zu kommen. Denn es war Zeit bei mir, daß ich +wieder unter meinesgleichen kam, nachdem ich lange nur im Bücherlesen und +im Umgang mit den Alten gelebt hatte. Als wir nun an den Tag traten, +wimmelte der Berg von einer fröhlichen Jugend, die auf Schlitten die glatte +Bahn hinuntersauste mit Geschrei und Lachen, von dem die Luft widerhallte. +Es waren da viele rote und blaue Mützen und farbige Brustbänder der +Studenten zu sehen, und dazwischen mischten sich zierliche Pelzmützen, die +auf blonden oder braunen Locken oder Zöpfen saßen, ungerechnet das Gewimmel +der Schulkinder, das barhäuptig, in gestrickten Sturmhauben oder Kapuzen +erschien und den weitaus größten Lärm machte, denn es mußte die +überschüssige Kraft los werden. + +Das alles rührte mich heimatlich an und rief mich zu sich, daß ich +mitkommen möge, so daß ich es nicht erwarten konnte, bis ich den Frerichs +los hatte, der mir auf einmal in seinem langen Überzieher und mit dem +milden Gesicht vor aller Lustbarkeit zu stehen schien. Ich stand begierig +zusehend still, bis er kalte Füße bekam und entschuldigend sagte, wenn es +mir nichts ausmache, so wolle er vorausgehen, da er noch etwas zu tun habe; +denn er hatte wieder ein neues Buch gelesen, das ihm keine Ruhe ließ, +soviel ich schon unterwegs gemerkt hatte. + +Da stand ich denn nun in der Freiheit auf dem Berge und überlegte mir, wie +ich zu einem Schlitten kommen solle, denn ich mußte fahren, das war +ausgemacht. + +Als ich nun so sinnierte und nicht recht den Rang bekam, einen der +Schulbuben darum zu fragen, ertönte auf einmal neben mir ein helles +Gelächter und ich sah, mich umwendend, drei lustige junge Mädchen, die mich +vergnügt betrachteten. Sie hatten einen langen Schlitten, den sie +miteinander an einem Strick den Berg hinaufgezogen hatten, und waren jetzt +im Begriff, wieder abzufahren. Es waren offenbar Mädchen, die am Werktag in +irgend einer Brotarbeit standen, das konnte ich wohl sehen, so sauber sie +auch jetzt in einem billigen Sonntagsputz aussahen. Vielleicht waren es +Bügelmädchen, wie die, die daheim meiner Schwester Luise halfen. + +»Wollen Sie aufsitzen?« fragte die eine, die eine weiße wollene Mütze auf +den krausen Haaren trug und ein paar frische rote Backen hatte von der +Schneeluft. Aber als sie das gesagt hatte, lachten alle drei aufs neue, +denn sie waren in dem Alter, wo man keinen besonderen Grund zum Lachen +braucht, sondern nur in der passenden Stimmung sein muß, um unaufhörlich +fortzulachen. Da war ich nun in der Lage, die ich mir gewünscht hatte, ich +hätte nur ja sagen oder mit dem Kopf nicken müssen, so hätte ich ohne +weiteres den Strick in die Hand bekommen und auch etwa das eine oder andere +der jungen Geschöpfe hinter mich auf den Schlitten für eine oder ein paar +Fahrten den Berg hinab. Denn sie waren einfachen Wesens und nicht +zimpferlich, das war leicht zu sehen. Mir aber schoß auf einmal eine +hochmütige Regung durch den Sinn, so daß ich dachte: »Das denn doch nicht,« +obgleich ich soeben noch voller Verlangen nach der Jugendlust gewesen war. +Und weil ich nicht wußte, warum sie lachten, und dachte, ihre Fröhlichkeit +sei irgendwie auf mich gemünzt in spöttischer Weise, so stieg mir das Blut +in den Kopf wie einem gereizten Truthahn, und ich gab dem Schlitten einen +Stoß mit dem Fuß, damit immerhin und ohne meinen Willen zeigend, daß ich +kein vornehmer junger Herr sei, sondern eher in etwa ihresgleichen, aber es +doch nicht sein wollte. Sie waren ein wenig betreten wegen meines +unfreundlichen Wesens und sahen einander und mich einen Augenblick erstaunt +an. Aber der Schaden war nur auf meiner Seite, denn die kecke Blonde mit +der weißen Mütze sagte mit schnell wiedergewonnener Fassung: »So kommt und +lasset den Herrn. Er wird schon zu alt sein zu solchen Sachen, und es +könnte ihm auch sein Hütlein davonfliegen.« Und darauf stiegen sie alle +drei ohne viel Umstände wieder auf den Schlitten; aber als ich +unwillkürlich den Abfahrenden noch einen Blick nachsandte, da traf mich aus +einem Paar guten braunen Augen, die der Letzten auf dem Fahrzeug gehörten, +ein Strahl, der mir Herzklopfen machte, weil er freundlich und gut war und +zu sagen schien: Wir haben es nicht bös gemeint, du hättest immerhin +aufsitzen können. Da war es bei mir aus mit der Lust; ich ging mißmutig +nach Hause und vergrub mich in meine Kammer. Ich konnte es aber nicht +lassen, zum offenen Fenster hinauszuhorchen, ob ich von ferne den +Schlittenjubel vernehme, und wenn ein Jauchzen die dünne Luft zerschnitt, +so spürte ich, daß ich meiner Jugend etwas schuldig geblieben sei. + + * * * * * + +Bald darauf schmolz der Schnee, der nur noch ein Nachzügler gewesen war, +und der Frühling kam ins Land mit allen guten Dingen, die er hatte: mit +frischen Winden, die er den Leuten lachend ins Gesicht blies, mit +Starengeschwätz, mit singenden Bächen, die überall von den Bergen herunter +kamen, mit Palmkätzchen, die die Bauernweiber auf dem Münsterplatz feil +hielten, und dergleichen, so daß wieder einmal die Zeit war, in der man +nicht wußte, was noch werden mag. + +An einem sonnigen Nachmittag trat ich unter die Ladentür, die offen stand, +um etwas von dem leiernden Lied eines Orgelmanns, der draußen vorbeiging, +aufzunehmen. Er spielte und sang dazu mit mißtöniger Stimme Bertrands +Abschied, und hatte einen Schweif von Gassenkindern hinter sich drein. +Neben uns lag ein Blumenladen, dem eine sehr stattliche Dame vorstand, +deren Leibesfülle ich schon oft angestaunt hatte. Sie hatte ein kleines +Schnurrbärtchen auf der Oberlippe und gar nichts von einer Flora an sich. +Aber an diesem lichten Frühlingstag trat auf die Schwelle heraus ein +schlankes, braunhaariges Mädchen, das einen angefangenen Kranz in den +Händen hielt, und dessen Gesicht ich früher schon gesehen haben mußte, aber +ich wußte nicht gleich, wo. Das Mädchen ging, nachdem es einen Augenblick +gehorcht hatte, in den Laden zurück und kam gleich darauf mit einem +Nickelstück wieder heraus, das sie dem Orgelmann auf seinen Kasten legte. +Sie lächelte ihn gut und freundlich an, und in dem Augenblick wußte ich +auch, daß sie das Mädchen von dem Schlitten war, das mich so tröstlich +angeblickt hatte. Da besann ich mich nicht lange, sondern ging, weil es +Frühling und mein Blut in frischer Regung war, ohne Scheu über die Straße, +um ein gleiches Stück daneben zu legen und gleichfalls einen guten Blick +aus den braunen Augen zu erhaschen. Der Leiermann ließ sich nicht in seinem +Lied stören, er nickte uns beiden, dem Mädchen und mir, nur beifällig zu +und wir hielten uns auch nicht mit ihm auf, sondern lachten einander an wie +alte Bekannte, und das war der Eingang zu einer kleinen Unterhaltung. »So, +also da sind Sie?« sagte ich, denn es fiel mir nichts anderes ein; »was tun +Sie denn da?« + +Da lachte sie ohne allen ersichtlichen Grund noch mehr, vielleicht bloß, +weil es ihr gefiel, zu lachen. »Das hätten Sie schon lang sehen können, daß +ich da bin,« sagte sie, »aber wenn man immer so ernsthaft herumgeht und die +Augen nicht aufmacht, dann kann viel vorbeigehen, was man nicht sieht.« + +Und sie erzählte mir ohne aller Ziererei, daß sie schon damals, als die +Schlittengeschichte gewesen war, meine Nachbarin gewesen sei, und daß es +ihr immer leid getan habe, daß ich ihr nie einen Blick geschenkt habe. +»Lieber Gott, wenn man so jung ist,« sagte sie, »dann muß man doch auch +ansehen, was jung ist, und einander ein gutes Wort gönnen, alt wird man +bald genug, meinen Sie nicht auch?« + +Da hatte sie recht, das fühlte ich deutlich. Aber noch war es ja Zeit, und +es mußte jetzt anders kommen, sonst ging mir irgend etwas vorbei, das schön +sein konnte und es nicht war, weil ich die Augen nicht aufmachte. Sie mußte +wieder zu ihrem Kranz zurückkehren, der Eile habe, wie sie sagte. Er sei +ganz aus einem hellen Moos mit lauter Veilchensträußen rings herum, und er +sei für ein junges Mädchen, das an der Auszehrung gestorben sei. Als sie +das sagte, wurde ihr helles freundliches Gesicht wie beschattet, weil es so +unbegreiflich war, daß man vom Jungsein hinwegsterben konnte. »Ich trage +ihn nachher selber auf den Friedhof,« sagte sie, »denn ich will das Mädchen +sehen, das schon in der Leichenhalle liegt. Es ist fremd hier, ein Herr hat +den Kranz bestellt, ich glaube, es ist ihr Schatz gewesen, aber ein +vornehmer. Er hätte sie doch nicht genommen, wenn sie auch gelebt hätte.« + +Das sagte sie mit einem kleinen Seufzer, aber ich wußte nicht, ob er dem +toten Mädchen galt oder dem verlassenen, das es wahrscheinlich geworden +wäre, wenn es gelebt hätte, und ich mochte auch nicht fragen, weil mir zu +viel Neues auf einmal im Kopf herum ging. + +Das Mädchen sah mich einen Augenblick prüfend an, dann fügte es hinzu: +»Wenn Sie wollen, können Sie mitkommen. Oder sehen Sie nicht gern Tote? Ich +schon, ich lebe dann noch viel lieber, wenn ich gesehen habe, daß man auch +tot sein kann.« Es war mir nicht ganz so, ich hatte immer ein Grauen vor +dem Tode und allem, was damit zusammenhing. Aber ich mochte es jetzt nicht +gestehen, weil sie so ganz natürlich davon sprach, und ich mochte ihr das +Mitgehen auch nicht abschlagen, sonst saß ich wieder allein da. So sagte +ich zu ohne viel Besinnen und hatte nun also eine Verabredung mit einem +hübschen jungen Mädchen, das ich vor ein paar Minuten noch gar nicht +gekannt hatte. So ging es zu im Frühling. + +Die dicke Dame mit dem Schnurrbärtchen rief: »Hertha!« mit ihrer tiefen +Stimme, und das Mädchen enteilte, aber es nickte mir vorher noch gut und +freundlich zu, und ich ging nachdenklich und aufgeregt zu meinen Büchern +zurück, denn es ging allerlei in mir um. + +Ich war kaum fünf Minuten draußen gewesen. Auf dem Ladentisch lag ein Stoß +Landkarten, denen ich Etiketten aufzukleben hatte. Der Buchhalter hustete +und räusperte sich im Kontor, dessen Tür offen stand, und Herr Hagenau ging +drinnen auf und ab und hielt ihm einen Vortrag, den er schon vorher +angefangen hatte. Es war alles ganz wie zuvor. Aber ich hatte in der +Zwischenzeit etwas erlebt. Es hatte sich eine Tür aufgetan, die seither +verschlossen gewesen war, und ich stand unter ihr und sah allerlei schöne +Dinge. Sie durfte nicht wieder zufallen, denn draußen stand die Jugend und +das Leben und hatte lachende braune Augen und einen Kranz von braunen +Zöpfen. Und alles hing auch wieder mit dem Tod zusammen. Man konnte +davonkommen, eh' man es dachte, und dann blieb vieles ungeschehen, das erst +hätte kommen sollen. + +Das durfte aber um keinen Preis sein, dazu war man nicht Mensch geboren. +Aber andererseits: Wie konnte ich es möglich machen? Ich hatte nach +Ladenschluß beim Nachtessen zu erscheinen und da gediegen und ehrbar am +Tisch zu sitzen bei Fräulein Brigitte und Herrn Kasimir. Das waren alte +Leute, von meiner Jugend aus betrachtet, und sie konnten mir zum Umgang +keineswegs genügen. Bis aber das Essen vorbei war, wurde es dunkel, und der +Abend war hin. Da wurde mein Gemüt borstig und sträubte sich, denn es +wollte nicht an der Kette liegen, und es tat nichts zur Sache, daß es diese +bis heute nicht empfunden hatte. Ich schmiß die Karten mit einem zornigen +Wurf auf den Nebentisch, um doch etwas gegen die Ordnung zu tun, und +beschloß bei mir, der alten Salome zu sagen, daß ich in einen Vortrag gehe +und nicht beim Abendessen erscheinen könne. Das war frank und frei gelogen, +und es war eine Kunst, die ich bisher nicht geübt hatte. Aber es kam mir +nicht unmännlich vor, daß ich es tat, im Gegenteil. Denn man brauchte nicht +alles zu wissen, was ich vorhatte, da ich immerhin über neunzehn war. Da, +als ich grimmig ausdachte, wie ich mich benehmen wolle, kam zur Ladentür +herein ein junges Menschenpaar, Bruder und Schwester, wie man sogleich sah. +Sie waren beide hoch und schlank und von einem hellen, kühlen Blond, und +ich wußte, als sie nach Herrn Hagenau fragten, daß es erwartete Gäste +waren, Neffe und Nichte aus Holstein oder sonst da oben her. Man hatte bei +Tisch von ihnen gesprochen und sie wohl an einem andern Tag erwartet. Aber +nun sie da waren, gab es ein großes Grüßen und Händeschütteln. Herr Kasimir +verjüngte sein Faltengesicht in der Freude an der Familienjugend und ließ +es sich gefallen, daß er auf beide Backen geküßt wurde; das mochte dem +Weib- und Kinderlosen ein seltenes Streicheln sein. + +Ich hatte das Zusehen dabei, und es war mir einen Augenblick, als sähe ich +einen alten ledernen Geldbeutel auseinandertun, verwittert und +abgerutscht, aus dessen Innerem es plötzlich hervorgleißte von Gold und +Silber, was ihm äußerlich niemand zugetraut hätte, so zum Lebendigen +verändert schien es aus dem alten Herrn heraus, den ich noch nie so +durchsonnt gesehen hatte. + +Da konnte ich nun meine Pfeifen einziehen, was die Tischgesellschaft bei +uns betraf, denn Jugend gab es nun gleichfalls im Hause, es war nur die +Frage, ob sie etwas von mir wissen wollte. + +Die alte Salome ging eilig, um noch irgend etwas einzukaufen, an der +offenen Ladentür vorbei, und ich wäre vielleicht wohlfeil davongekommen, +wenn ich mich bei ihr abgemeldet hätte. Aber ich tat es nicht, es war keine +Rede mehr davon bei mir, sondern ich ging nach einer Zeit, als ich gerufen +wurde, mit einer neuen Krawatte geschmückt, zum Tisch und saß herzklopfend +neben dem jungen Mädchen, das Eleonore hieß, Eleonore Bitterolf nämlich, +und vielleicht zwischen siebzehn und achtzehn war. Es war aber, um es +gleich zu sagen, kein junges Mädchen, was man so heißen konnte, sondern +eine Dame, vor deren sicherem und gewandtem Wesen und Auftreten ich mich +verkriechen konnte. Der Bruder hieß Hermann, hatte ein freies und heiteres +Gesicht, erzählte frisch und munter, brachte alle und auch mich zum Lachen +und war ein junger Mensch wie ich. Dagegen das Fräulein brachte sogleich +die Überzeugung in mir auf, daß es auf mich herabsehe und mich gering +schätze, was mich tief kränkte, obgleich ich keinen Beweis dafür hatte. Sie +hatte einen kühl-erstaunten Blick zu versenden, wenn ich, von des Bruders +frohmütigem Wesen angesteckt, ins Lachen geriet und in die Unterhaltung +eingriff in meiner schwäbischen Mundart. Dann wurde ich verlegen und +zornig auf mich selbst, daß ich es wurde, sprach schriftdeutsch und +stolperte dabei und machte eine unglückliche Figur, vor mir selbst +vielleicht mehr als vor den andern, die mich gewiß nicht so wichtig nahmen. + +Fräulein Brigittens schöne Augen lagen des öftern aufmunternd auf meinem +Gesicht, und sie versuchte mein Schifflein zu steuern und brachte es auch +in ruhigeres Fahrwasser, nur durch ihr freundliches Dabeisein. Das Mädchen +war vielleicht so übel nicht, wenn man es recht überlegte, es war ihm alles +fremd hier unten im Süden, und es hatte von Natur eine andere Gemütsart und +Sprache als wir, nämlich eine norddeutsche, da konnte man nichts machen. +Dazu kamen die großen hellblauen Augen und die Last des ganz ährenblonden +Haares samt der weißesten Haut, was alles zusammen unerreichbar fein und +vornehm aussah, so daß man zwar vorläufig einen vorsichtigen Bogen um die +ganze Erscheinung herum machte, aber zum Haß keinen ausreichenden Grund +hatte. Es wurde auch alles leichter und besser, als der Abend vorrückte. +Nach dem Nachtessen gab es Bowle, und als ich aufstehen und mich entfernen +wollte, lud mich Herr Kasimir in aufgemachter Stimmung ein, ein Glas +mitzutrinken, und ich ließ mich ohne Mühe halten, trotzdem ich Hertha das +Mitkommen versprochen hatte. Es wurde musiziert, das Fräulein Eleonore +spielte die Geige, die sie mitgebracht hatte, und ich hing mit den Augen an +ihr, wie sie so schlank und hoch dastand in ihrem dunkelblauen Kleid und +mit sicherer Bewegung den Bogen führte, während dagegen Fräulein Brigitte +recht kümmerlich am Klavier saß, was mir heute auf einmal wieder auffiel +und mir ein peinliches Gefühl schuf. Aber das konnte bei ihr nie lange +dauern. Man brauchte bloß in ihr heiteres, warm beseeltes Gesicht zu +blicken, so konnte man sich mit seinem Mitleid verkriechen und sie für eine +verkleidete Göttin halten, und dafür sprach auch die Musik, die unter ihren +Fingern hervorquoll, wie ein kristallener Bach. + +Es war Mozart, was sie spielten, und es war eine so reine, leichte +Heiterkeit und ein so frühlingshafter Duft und Wohlklang darin, daß meine +törichte Wichtignehmerei davor in nichts verging und ich nur begierig war, +mich noch länger so dahintragen zu lassen ohne Gedanken und auch ohne +persönliche Ansprüche. + +Es war mir zumute wie einst beim Baden im heimatlichen Fluß, wo ich mich +gern auf den Rücken gelegt und von den lauen, durchsonnten Wellen hatte +tragen lassen. Aber das konnte nicht ewig fortgehen. Die Musik jubelte noch +einmal auf und schwieg dann, und es wurde einiges darüber geredet, von dem +ich nichts verstand. Ich saß auf einem Stuhl am Fenster, von dem ein Spalt +geöffnet war, und sah bald auf die schwach erhellte Straße hinaus, bald +nach dem blonden Fräulein hin, und es ging allerlei in mir um, von dem ich +am Morgen noch nichts gewußt hatte. Ich dachte, wer solche Musik spielen +könne, der sei freilich zu bewundern und habe allen Grund, viel auf sich zu +halten, denn er habe einen Schlüssel zu hohen und schönen Welten. Und ich +bat es dem Fräulein Bitterolf ab, daß ich sie im stillen ein steifes und +hochmütiges Ding genannt hatte, und schickte meine Augen unverhüllt nach +ihr hin. Da lächelte sie plötzlich und wurde ein wenig rot und sah auf +einmal aus wie ein siebzehnjähriges Mädchen, das sich gern in seiner +schönen Jugendpracht ein bißchen bewundern läßt. Und ich war froh und +befreit, denn lange hätte ich das verehrende Gefühl doch nicht ausgehalten, +ich hatte keine Übung darin. + +Der Bruder sang noch ein paar Lieder mit einer hübschen, warmen Stimme; ich +fühlte mich zu ihm hingezogen und wünschte ihn mir zum Freund zu haben, und +er war auch ganz harmlos herzlich und einfach mit mir, obgleich er älter +war als ich. + +Die Geschwister blieben etwa vierzehn Tage da, und es war in dieser Zeit +ein anderes Leben im Hause als sonst. Es ging allerlei Jugend aus und ein, +es wurde gespielt und musiziert, und ich nahm an allem Anteil, als verstehe +es sich von selbst. Da verging manches Unsichere, Ungelenke und es fiel +auch manches trotzige Wehren gegen bloß vermutete Geringschätzung von mir +ab, da mir niemand etwas zuleide tat und ich im allgemeinen ein fröhlicher +Bursch war, wo ich mich heimisch und im Recht fühlte. Es wurden +Nachenfahrten und Ausflüge gemacht, und ich bekam zum einen und andern ein +paarmal Urlaub, was mir freilich den zornigen Ingrimm der alten Garde +zuzog, wie ich die Herren bei mir hieß, die für sich selber nie eine freie +Stunde außer der Regel nahmen. Das focht mich aber wenig an, denn es ging +mir im allgemeinen viel zu gut, es sollte nur brummen, wer es nicht lassen +konnte, bei mir ging es mit vollen Segeln ins Jungsein hinein. + +Ich kaufte mir ein Fahrrad und mußte ja freilich meinen Schwestern die +Rechnung darüber schicken und einen Brief, in dem geschrieben stand, daß +ich es später einmal zahlen wolle, denn jetzt brauche ich es unbedingt. +Denn es war so, daß ein ganzer Trupp junger Leute von beiderlei Gattung +sich zum Radfahren zusammentat und am letzten Tag, den die Geschwister +Bitterolf unter uns waren, einem Sonntag, eine weite Fahrt in die +Rheinebene hinunter machen wollte. Dabei aber zurückzustehen, wäre mir +bitter gewesen, und ich sah keinen Grund ein, es zu tun. Gelernt hatte ich +die Kunst schon auf dem klapprigen Rad unseres Ausläufers, und als der +Sonntag kam, saß ich auf meinem Wanderer und fuhr leicht wie ein Vogel +dahin in einem fröhlichen Schwarm. + +Die Stadt lag in einem weiß- und rosafarbigen Blütenstrauß und spiegelte +sich im Fluß, wie ein junges Mädchen, das Freude an seinem hübschen Bilde +hat, und wir, als wir unter dem blauen Himmel in einer leichten Staubwolke +dahinflogen, die unsere Räder aufwirbelten, fühlten uns so recht im Besitz +der schönen Welt. Ich lenkte mein Rad neben das der Fräulein Eleonore, die +soeben ein wenig hinter den andern zurückgeblieben war. Denn ich hatte +einen ganzen Sack voll Lebensmut an diesem schönen Sonntagsmorgen, und ich +wollte ihn vor ihr auftun und spielen lassen, da sie morgen wieder fortging +und ich noch etwas bei ihr auszuwetzen hatte vom ersten Abend her. Es +peinigte mich, daß sie mich als einen ungeschickten Burschen in der +Erinnerung behalten sollte, was ich meiner Meinung nach gar nicht war. Denn +ich hatte doch viel gelesen und gelernt und war überhaupt nicht dumm, ich +konnte mich ganz gut unterhalten, wenn jemand auf mich einging. Auch fielen +mir oft die lustigsten Sachen ein, wenn ich nur jemanden gehabt hätte, dem +ich sie erzählen und der mit mir hätte lachen können. + +Also nahm ich einen Anlauf mit einem Strauß Maiblumen und einer höflichen +Anfrage, ob ich sie am Rad befestigen dürfe. Es fiel aber, um es gleich zu +sagen, nicht gut aus. Denn das Fräulein, das hoch und nobel auf seinem Rad +saß in seinem blauen Leinenkleid, blieb unlebendig und höchstens höflich +und ließ seine Augen nach unserem Vordermann, einem Mediziner, hingehen, +der sich soeben zu einer dicken und lustigen Studentin gesellt hatte und +ihr etwas Lachendes zurief, das man bei uns nicht verstehen konnte. Es war +meiner Dame nicht recht, daß der Mediziner nicht neben ihr fuhr, das mochte +ich ihr aber in meinem Innern gönnen, ja es erhob mich, daß sie auch nicht +alle Trümpfe in der Hand hatte, und ich bekam plötzlich Oberwasser und fing +an, vom schönen Wetter und der schönen Gegend zu reden und, als das nicht +recht verschlagen wollte, vom Geigenspiel und der Musik überhaupt. Ich +verstand zwar nichts davon, aber das schadete nichts, darum konnte ich doch +davon reden, und die Dame wurde auch dabei auf einmal lebendig und munter +und belehrte mich aufs beste. + +Da kamen wir schön in Zug miteinander. Ich bekam vor lauter Fröhlichkeit +eine Suada, als ob ich süßen Wein getrunken hätte, und brachte das Fräulein +einmal ums andere zum Lachen. Die Trauben wuchsen mir nur so zu, und sie +sah mich drunterhinein erstaunt an, was ich so auslegte, als ob sie mich +nun erst recht kennen lerne, und ich ihr imponiere, und ich dachte: Ja, +schau nur, du wirst dann später schon noch das Nähere von mir erfahren, +nämlich, daß Ludwig Fugeler es mit allerlei Leuten aufnimmt, ob sie nun aus +Preußen oder Schwaben seien. + +Da mußte aber gerade in diesem erhebenden Augenblick der Mediziner +dazwischenfahren, der mit einem schönen Gruß von der Gesellschaft kam und +uns meldete, daß man keine Zeit habe, aufeinander zu warten und auch nicht +zu dem Schneckentempo, das wir neuerdings eingeschlagen hätten. Er fuhr auf +die andere Seite des Fräuleins und sagte mit Lachen: »Oder haben Sie eine +dringende Unterhaltung? In diesem Fall bedaure ich, stören zu müssen.« Da +fuhr dem Fräulein Bitterolf eine kleine Röte und ein gehöriger Schuß +Hochmut in den Kopf, und sie sagte, kalt wie ein Eiszapfen: »Ich wüßte +nicht,« und gab ihrem Roß die Sporen, daß es flog. Wir beide danebenher im +Saus, eine Strecke geradeaus und dann um eine scharfe Wegbiegung. Vor uns +stob die weiße Wolke, in der die andern daherfuhren, aber dazwischen drin +war etwas lebendig, nämlich eine Gruppe junger Mädchen, die den Weg gerade +vor uns überquerten, als wir um die Ecke bogen. Sie waren in hübschen, +farbigen Sonntagskleidern und hatten Maiblumensträuße in den Händen, die +sie im Wald geholt hatten, nun flatterten sie auseinander im Schreck vor +dem Überfahrenwerden und schrien auf wie eine Herde Küchlein, in die der +Habicht stößt. Das Unglück wollte es, daß meine Nachbarin Hertha darunter +war, derentwegen ich schon seit jenem Abend, da ich sie hatte warten +lassen, ein schlechtes Gewissen in mir herumtrug. Sie erkannte mich und +ließ mir einen Blick zulaufen über die Schulter zurück, der war mit +allerlei beladen, was ich so schnell nicht auseinanderklauben konnte, und +in dem Augenblick fuhr das Fräulein mit dem Rad in ihre Blumen und ihr +blauweißes Sonntagskleid hinein. Es gab eine Erschütterung beider +Parteien, bei welcher die Blumen in den Straßenstaub fielen, das blauweiße +Kleid einen langen Riß bekam, und das Fräulein auf seinem Sitz schwankte. +»So machen Sie doch die Augen auf,« herrschte sie das Mädchen an, das +verwirrt, erschrocken und in Staub gehüllt dastand und seinen verdorbenen +Sonntagsputz ansah. Niemand, und auch ich nicht, gab ihm ein freundliches +und gutes Wort, wir fuhren weiter und sprachen davon, daß am Sonntag die +Landstraßen so voll seien von gewöhnlichem Volk. Daß man eigentlich besser +täte, werktags zu fahren, und daß es zum Glück noch gut abgelaufen sei. Das +heißt, die andern sprachen davon, aber ich war still dazu und hatte nur +immer das Mädchen vor Augen, wie es im Straßenstaub stand und seine Blumen +am Boden lagen. Es hatte mir vor dem Unglück einen Blick zugesandt, und ich +hätte etwas gegeben, wenn ich ihn hätte deuten können: ein bißchen traurig +und ein bißchen schelmisch und in allem lieb und schön. Den Augenwink hatte +es nun zahlen müssen mit einem zerrissenen Sonntagskleid und einem +herrischen Wort in sein sonntagsfrohes Gemüt hinein. Mir war nicht gut +zumute, aber ich ließ nichts davon verlauten, denn es brauchte niemand zu +wissen, daß ich das Mädchen gekannt hatte. Es war ein unfrohes Lustigsein +den Sonntagmorgen hindurch, bis ich, was mich bedrückte, pfeifend in den +Wind schlug, da ich es doch nicht ändern konnte. + + * * * * * + +In der Nacht, die darauf folgte, ging es mir sonderbar. Es war mir, als +gehe meine Tür auf und ein Mensch komme herein mit einem Licht in der +Hand. Es war eine alte Ölampel, wie wir zu Hause eine gehabt hatten, und zu +deren Öl ich die Buchelen selber im Stadtwald gesammelt hatte. Die Ampel +kannte ich sogleich wieder, sie war von Zinn und blank geputzt, und ihr +Licht schien durch eine vorgehaltene Hand, an der ein dünner silberner Ring +schwach erglänzte. Die Hand war rot durchleuchtet und als ich sie ansah +samt dem Ring, wußte ich, daß sie meiner Mutter gehöre. Da dachte ich: Das +ist ein Traum, denn deine Mutter lebt ja nicht mehr. Aber es ging mir durch +und durch ein wehes Wohlsein und ein lebendiges Gefühl von einer lieben +Nähe, und ich war begierig, wie es weiter komme. Die Mutter stellte die +Ampel auf den Nachttisch, und dann sah ich sie vor mir stehen, klein und +kümmerlich und mit einem angstvollen Ausdruck in ihrem schmalen +Runzelgesicht. Sie sah über mich hin, und ich erkannte durch die +geschlossenen Lider ihren Mund, der schmallippig und eingesunken war, wie +er sich leise flüsternd bewegte. Lieber Gott, laß mir meinen Buben recht +werden, sagte sie, ich bin ein einfältiges Weib. Es ging mir durch und +durch, ich hätte ihr gern gesagt, daß alles im besten Schick sei mit mir, +aber ich konnte mich nicht rühren. Da fühlte ich eine große Träne heiß und +schwer auf mein Gesicht niederfallen. Sie brannte mich und ich stöhnte und +wollte sie wegwischen, aber es ging nicht, es wurde mir angst und bang. Ich +versuchte, mein Kinderverslein zu beten, das ich abends beim Schlafengehen +mit der Mutter gesprochen hatte, aber ich konnte nur einen Satz daraus +finden: Alle Kindlein, bloß und arm, decke du sie weich und warm. Aber es +war nicht das, was ich sagen wollte, ich mühte mich vergebens, und als ich +es nicht zuwege brachte, ging die Mutter kopfschüttelnd wieder weg. Das +Licht nahm sie mit. Da, als sie die Tür hinter sich zumachte, trat mir das +Elend und das Verlassensein ans Herz. Ich hätte sie gern zurückgerufen und +ihr Liebes gesagt, aber es war zu spät, und auf einmal liefen mir die +Tränen stromweis übers Gesicht. + +Eine Uhr schlug von irgend einer Kirche her, vielleicht vom nahen Münster, +ein Luftzug wehte über mich hin. Da saß ich plötzlich aufrecht im Bett mit +offenen Augen und hatte in Wahrheit noch nasse Backen von den vergossenen +Tränen des Traumes. + +Der Mond sah neugierig ins Zimmer und legte eine lange, schmale Lichtbahn +auf den Fußboden. In dieser Lichtbahn war wohl vorhin die Mutter gestanden, +an die ich schon so lang nicht mehr gedacht hatte. Es plagte mich, wo sie +wohl auf einmal hergekommen sei, denn, Traum oder nicht Traum, sie war mir +auf einmal nah und lebendig und regte allerlei in mir auf; ich mochte mich +auf die rechte oder linke Seite legen, so blieb das helle, aufgestörte +Wachsein, das mir fremd und ungewohnt war, und das Denken an Dinge, die +weit von mir lagen am Tag und für gewöhnlich. + +Zum Beispiel sah ich hell und deutlich zum Greifen unsere Stube daheim an +einem Himmelfahrtsfestmorgen vor mir. Ich hatte einen Frühspaziergang in +den Wald gemacht und einen Hut voll von den rosasamtigen Blümlein +mitgebracht, die man bei uns Himmelfahrtsblümlein hieß. Sie wuchsen an +einer heimlichen Stelle, tief im Wald, und ich hatte den Kuckuck schreien +und eine Drossel singen gehört, hatte Eichhörnchen ihre Sprünge machen und +ihre stolzen Fahnen dennoch leicht und zierlich tragen sehen und hatte +etwas von Morgenfrische mit in die niedrige Stube gebracht. Die Mutter +machte ein Kränzlein aus den Blumen und hängte es um das kleine, verblaßte +Bildchen eines jungen Weibes, das einmal ihre Mutter gewesen war. »Sieh, +Ludwig,« sagte sie, »man muß die nicht vergessen, die fortgegangen sind. +Sie sind nicht tot, sie sehen uns und brauchen, daß wir sie lieb haben. +Wenn wir sie vergessen, so friert sie's und tut ihnen weh. Dann klopfen sie +an, oder sie kommen uns im Traum, oder es zerspringt ein Glas, das ihnen +gehört hat, oder ein Spiegel, und anders können sie nicht sagen, was sie +gern wollen: denkt an uns, vergesset uns nicht, denn ihr seid Fleisch von +unserem Fleisch, und es ist um eine Zeit, so kommet ihr auch zu uns. Jetzt +freut's vielleicht die Großmutter, daß du ihr das Kränzlein gebracht hast.« + +Das alles war mir damals nicht wichtig. Ich war von Kindesbeinen an ein +Bub, der vor sich hin und in den Tag hinein lebte ohne viel sinnige +Gedanken, und die Blümlein hatte ich nur geholt, weil es mich freute, in +der Morgenfrühe in den Wald zu gehen, die Großmutter war gar nichts für +mich, ich hatte sie nie gekannt. + +Aber mein Hirn hatte getreulich alles aufbewahrt mit allen Tönen und +Farben, was an jenem Morgen gewesen war, und noch vieles dazu, das +schüttete es aus, wie ein Säcklein voll Raritäten und breitete es um mich +herum aus, ein Stück ums andere. Ich sah die ganze Heimat. Die Mutter hatte +sie mir mitgebracht, aber es war etwas dabei, das mich nicht recht freuen +konnte. Denn sie hatte mich traurig angesehen, ich war ihr nicht recht +irgendwie. Und es war jetzt zu bedenken, daß sie vielleicht lebte auf +irgend eine Art, wenn man es auch nicht erklären konnte, wie, und daß sie +zur Tür hinausgegangen war, weil ich meinen Vers nicht konnte, und daß sie +mich mahnen wollte, ich solle sie nicht vergessen. Bei dem allem wurde es +mir eng und schwül zumute, wie ich es vordem kaum je so empfunden hatte, +und ich erhob mich aus dem Bett, um ans Fenster zu treten und die frische +Nachtluft über mich hinströmen zu lassen. Da geschah es, daß mir beim +Vorübergehen mein Bild aus dem Spiegel entgegensah, vom Mondlicht schwach +beleuchtet, und ich erschrak daran, stellte mich aber trotzdem aufmerksam +davor hin und sah mein Gesicht seine Augen auf mich richten, als ob es mich +prüfen und ergründen wollte. Es war mir, als sei es ein zweiter Mensch, +einer, der zu meinem Ich du sagen könne, und der mich durch und durch sehe, +und es war mir nicht im mindesten möglich, mich von ihm abzuwenden oder ihm +das Anstarren zu verbieten, ich war festgehalten, wie das Eisen vom +Magneten. Dergleichen hatte ich vordem nie erlebt. Was bist du für einer? +schien mir das Spiegelbild zu sagen. Dich sollte ich kennen, meine ich. +Schon von früher, von lang her. Du bist schon lang nicht mehr bei mir +gewesen, es ist eigentlich schade. Aber wie ich, mich dem Bilde +befreundend, es näher ansah, und der Mond mir dazu leuchtete, faßte mich +auf einmal ein Grauen vor mir selbst und dem Spiegelbild, das ich als mein +Selbst erkennen mußte; es war, als ob aus den glänzenden Punkten meiner +Pupillen ein Dritter heraussehe, der wieder ich war. Es konnte ins +Unendliche so fortgehen, man wußte nicht mehr, wer man selber war und wer +sich fremd in einem bewegte, und dazu tauchten Möglichkeiten und Fragen +auf, die einem nie kamen, wenn man unbesehen für sich hinlebte und vor +denen es einen ins Mark hinein fror. Da riß ich mich mit Gewalt von mir +selber los und flüchtete mich ans Fenster, meine aufgeregten Pulse im +Anschauen des stillen Nachtbildes beruhigend, das da draußen für sich +hinlebte, gleichgültig, ob einer es ansah oder nicht. Die herrliche +Pyramide war ganz vom Mondlicht durchflossen, es war, als bade sie alle +ihre Blumen, Rosetten, Knäufe und Spitzen darin und sei lebendig in +ruhevollem Atmen, und hinter ihr stieg der Berg auf mit seinen dunklen +Bäumen, deren Wipfel in den silberlichtbeglänzten Himmel tauchten, ohne +sich zu rühren. Die Häuser aber standen von innen heraus verdunkelt und +ganz im Schlaf, und nur ich junges Blut wachte und wäre gern gut, einig mit +mir und den ewigen Lebensgewalten und allem, zu dem ich im stillen du sagen +konnte, gewesen, denn ich war wunderlich aufgerührt. Und ich hätte auch +gern jemanden gehabt, zu dem ich nah gehörte, einen Freund oder so. Aber +das dauerte nicht lange, und es kam nicht viel darnach. Es schauerte mich +am offenen Fenster und im leichten Hemd, und ich kroch ins Bett zurück, den +Spiegel vermeidend. Da nahm mich der Schlaf in die Arme bis der Morgen kam. + + * * * * * + +Als die Geschwister Bitterolf abgereist waren, ging das Leben im Hause +wieder seine alten Gleise hin. Mir war es recht, daß sie dagewesen, und daß +sie wieder gegangen waren, beides hatte sein Gutes. Ich war in allerlei +Leben hineingekommen, das ich vordem nicht gekannt hatte. Zum Beispiel +konnte ich auf der Straße hie und da den Hut abziehen vor angesehenen +Leuten, deren Namen und Art ich kannte, die mich wieder grüßten mit +Höflichkeit und Achtung, und konnte jungen Mädchen unter den Hut schauen +mit Fug und Recht, weil ich schon mit ihnen gespielt und geredet und ihnen +etwa das Jäckchen oder den Schirm getragen hatte. Im Laden aber gab es +Gelegenheit, mit Studenten oder anderen jungen Leuten Gespräche zu führen. +Da war ich nicht mehr nur der junge Mensch mit dem braunen Haarbusch, als +der ich etwa schon bezeichnet worden war, sondern ich hieß Herr Fugeler +oder auch Fugeler kurzweg, je nach der Intimität. Und ich strengte mich an, +in meine Arbeit hineinzuwachsen, da ich gern etwas Rechtes darin vorstellen +wollte. + +Es war, wie man so sagt, ein Knopf gebrochen bei mir, das hing mit dem +Besuch insofern zusammen, als ich durch ihn unter die Menschen und mit +ihnen in eine Gleichartigkeit gekommen war. Aber es war auch wieder gut, +daß er vorüber war, denn ich war doch nicht ganz gleichartig mit den +Bitterolfschen, ich mochte mich strecken, wie ich wollte. Sie hatten etwas +mitbekommen von klein auf, und es war noch in ihnen großgezogen worden, das +ich kaum vom Hörensagen kannte. Das konnte man nicht mehr nachholen. Es war +vielleicht ein Erbteil von vielen Vorfahren her, die sich selbst und ihre +Kinder geschult und erzogen hatten, daß sie leicht und frei und ohne Mühe +sich im Leben bewegen konnten und nirgends anstießen durch Unbehilflichkeit +oder Nichtwissen. Auch hatten sie, wie sie sprechen und hören lernten, +gleich eine Luft um sich herum gehabt, in der es mit allerlei Geistigem +reichlich umging. Vielleicht waren schöne Bilder und Musik, und Frauen in +feinen Gewändern um sie her gewesen, und sie hatten kluge Männer von aller +Kunst und Weisheit reden hören; das war ihnen alles gewesen wie das +tägliche Brot. Mit dem allem war ihnen der Tisch gedeckt von Jugend an, da +wuchsen sie heran und wurden Auserwählte und hielten sich auch dafür. Und +es war so, daß man vieles erwerben und in manches hineinwachsen konnte, +wenn man sich darnach sehnte und alle Kraft anspannte, sie aber waren da +von jeher daheim und lebten hochgemut und auch hochmütig, wie es mir +schien, und es blieb immer ein Zaun, an dem man sich stoßen konnte, +zwischen ihnen und unsereinem. Dann, wenn man sich stieß, sahen sie +einander an und lächelten erstaunt oder verzeihend, und man sah, daß sie +hinter ihren klugen Stirnen dachten: ach du, du kennst ja unsere Sprache +nicht, du bist aus einem andern Land. + +Sonst, für dich selbst betrachtet, wärest du ganz recht, aber unsereiner +kannst du ja nicht sein. + +Solche Gedanken gingen viele mit mir um, als wir wieder wie sonst im Hause +Hagenau zusammen lebten. + +Aber halt, kam es mir dann: ist nicht Fräulein Brigitte auch eine von +derselben Art, klug, vornehm und von reicher Bildung, sicher in sich selber +und vor den andern? Ungescheut trägt sie ihre Last auf dem Rücken und hat +eine stolze Würde, als wäre sie die aufrechteste Frau. Sie aber zieht keine +Grenzen um sich, sondern ist gleich nah und gütig mit allen und auch mit +mir. Was also ist besonders an ihr -- und wie kommt es, daß man Vertrauen +und Verehrung zu gleicher Zeit bei ihr empfindet? + +Sie ist eine Persönlichkeit, entschied der Verstand, stolz über die Formel, +die er gefunden hatte; eine solche wird nicht geboren, sondern entwickelt +sich erst. + +Ja, aber wie? Einfach mit dem Alter? Oder durch Leiden, wie bei ihr? + +Das blieb immer noch die Frage, die indessen wieder in den Hintergrund +trat, weil die Gegenwart fortwährend Neues an den Tag brachte. + +Ich war wieder mit dem Blumenmädchen Hertha zusammengekommen, was sich bei +unserer nahen Nachbarschaft fast von selber machte und was ich auch +wünschte, denn so unbekümmerlich ich auch für gewöhnlich meines Weges ging, +so ertrug ich doch nicht leicht das Gefühl, daß irgend jemand mir böse oder +von mir beleidigt sei, ich wollte nirgends einen schlechten Eindruck +machen. Das hing freilich nicht mit irgendeiner Tugend in mir zusammen, +sondern nur mit der Gewöhnung daran, daß jedermann mir wohlgesinnt und +zugetan sei, die ich in nichts unterbrochen wissen wollte. + +Das gute und natürliche Mädchen machte es mir auch leicht, meine +Entschuldigung anzubringen; es genügte ihr, daß ich im Grunde der war, für +den sie mich gehalten hatte und mit dem man ein harmloses Wort sprechen +konnte, was sie so gern tat, und wozu sie den Tag über bei ihrer etwas +griesgrämlichen Frau wenig Gelegenheit hatte. + +Eines Abends begegnete sie mir in der Nähe des Kirchhofeingangs, an dem ich +zufällig auf einem Spaziergang vorbei kam. Wir waren schon wieder so gute +Freunde, daß ich auf ihre Einladung mit ihr hinein ging, da sie, wie sie +sagte, den Oberaufseher besuchen wollte, mit dem sie gut bekannt sei. Wir +gingen durch die Gräberreihen, zwischen denen wie schwarze Schatten hie und +da Trauernde wandelten, nach einer Gegend hin, wo alte Bäume zwischen +eingesunkenen Hügeln standen, und wo die Steine verwittert und die Namen +fast unleserlich und mit feinem Moos ausgefüllt waren. Es war eine längst +verklungene Gesellschaft hier beisammen, es mochte aber nicht mehr viel von +den stillen Bewohnern der unterirdischen Kammern übrig sein. Während dort +immer noch Trauer und Tränen umgingen, war hier längst Ruhe eingekehrt, und +die Vögel bauten ihre Nester an den Sträuchern, die aus den Gebeinen der +längst Gewesenen entsprossen waren. + +»Sehen Sie,« sagte Hertha vorstellend, als müsse sie mir die Bekanntschaft +der Ruhenden vermitteln, »hier liegt ein alter Junggeselle oder doch +wahrscheinlich ein Junggeselle. Es hat niemand um ihn geweint, als er +gestorben ist, das hat mich schon schwer erbarmt. Ich habe ihm schon einmal +einen Syringenstrauß gebracht, aber freilich, es hilft ihm nichts mehr. Man +sollte leben, so stark man kann, solange man da ist, denn nachher ist es zu +spät, und man läßt nichts hinter sich.« + +Ich sah sie verwundert an. Woher wußte sie die Lebensgeschichte dessen, der +unter dem ganz bemoosten Stein lag, und wie kam sie dazu, ihm Blumen zu +bringen, wenn er sie doch nichts anging? Und wie kam aus ihrem jungen und +blühenden Munde solche Erfahrungsweisheit? + +»Da, sehen Sie!« Sie schob ein paar Zweige des Efeus, der von der Mauer +hergekrochen war und das Grab umarmte, zurück. + +»Hier ruht ein Fremdling, Herr Vinzentius Burhagen, hier gestorben Anno +1799, dem Gott gnädig sei.« + +So hieß die Grabschrift. Die Buchstaben waren einmal ausgekratzt worden, +das sah man, damit sie wieder lesbar wurden. Aber als ich Hertha fragend +ansah, ob sie das getan habe, schüttelte sie den Kopf. + +»Das hat der Zeitler getan, der über den Ort hier gesetzt ist. Er kennt +alle Begrabenen hier und weiß von ihnen, woher, das weiß kein Mensch. Er +ist einmal in der Fremde gewesen und hat auf die Gelehrsamkeit studiert, +aber es ist ihm etwas dazwischen gekommen, und er ist heimgekommen und hat +angefangen, die Toten zu hüten. Sie seien so friedlich, sagt er, und hätten +alles hinter sich, Dummheit und Bosheit und Schmerzen, alles, es sei gut +mit ihnen auskommen. Da ist er,« unterbrach sie sich und strebte vorwärts +nach einer halbrunden Bank hin, die auf einem winzigen Hügel stand. Dort +saß ein älterer Mann in ausruhender Haltung. Er trug Kopf und Schultern +vorgeneigt und hatte die lässigen Hände zwischen die Knie gelegt; ein paar +rote Nelken hielt er lose darin. Als ich ihn sah, war es mir sogleich, als +ob ich ihn schon irgendwo einmal gesehen hätte, vielleicht vor langer Zeit, +ich wußte aber nicht wann und wo. Das erinnerte mich an meine Kindertage, +wo ich ein ähnliches Erlebnis hier und da gehabt hatte. Ich sah einen Ort +oder Menschen oder ein Ding zum erstenmal, und es war mir, als sähe ich +etwas Altbekanntes und ließ es mir auch nicht ausreden, daß es in Wahrheit +so sei. In solchen Fällen pflegte meine Mutter zu sagen: Du wirst es noch +von damals kennen, als du das erstemal auf der Welt gewesen bist, und ich +wußte nicht, ob sie das im Spaß oder im Ernst sagte und dachte auch nicht +tiefer darüber nach. + +Der alte Mann ließ ein paar ruhig betrachtende Augen auf mir liegen, und +ich gab es ihm in meiner Verwunderung über das vermeintliche Wiederkehren +von etwas längst Gewesenem heim, so sahen wir einander ins Gesicht, +vielleicht nur ein paar Sekunden, aber doch lang genug, um in der +Schnelligkeit irgendeine Verbindung zwischen uns herzustellen. + +Hertha sagte: »Ich bringe einen Besuch mit. Er ist mir unterwegs begegnet, +er ist mein Nachbar,« und wir ließen uns links und rechts von dem +Friedhofswächter auf der Bank nieder. Er reichte Hertha eine seiner Nelken, +die sie begierig riechend an die Nase führte. »O, die sind von der jungen +Frau Maibom,« sagte sie, den Duft erkennend, er aber schüttelte den Kopf: +»Falsch geraten, sie sind von der Familie Gutekunst,« und ich merkte, daß +sie von Gräbern sprachen. Da wurde es mir eigen zumute. Der Abend war noch +im Verlöschen mild und schön. Am Horizont waren Tücher ausgebreitet von +bunten, allmählich erblassenden Farben, eine Betzeitglocke läutete, im +Gebüsch fing eine Nachtigall an zu schlagen, neben mir saß der Mann mit dem +schmalen, bekannten Gesicht und drüben das junge, starklebendige Mädchen, +es hätte alles heimelig und warm sein können. Aber unfern von uns war ein +altes Grab aufgemacht, und es lag ein Häufchen gelber halbvermoderter +Knochen dabei, die der Totengräber herausgeschaufelt hatte, und es war ein +Gerüchlein von welkenden Kränzen vorhanden, die in der Nähe auf einem +Haufen lagen, das alles mahnte mich diesseitigen Menschen an die Gegenden +jenseits der Grenzen, und ich wunderte mich, wie ich hier hereingeraten +sei. Jedoch nicht lange, denn Hertha hatte keineswegs die Absicht, Geister +zu beschwören oder Vergänglichkeitsgedanken nachzuhängen, sondern sie stand +blühend und freudig im Leben und hatte nur ein freilich merkwürdiges +Mitleid mit den Toten, weil sie von dieser Welt fortgemußt hatten, auf der +es doch so schön war; es konnte um sie herum kein spukhaftes Grauen +aufkommen. + +Sie roch an ihrer Nelke und sagte: »Gebt doch dem Herrn auch eine. Er +steckt den ganzen Tag zwischen den Büchern, ich möchte nicht in seiner Haut +sein. Er hat ein so ernsthaftes Gesicht, das kommt davon. Es ist aber bloß +oben drauf, er kann auch lachen, ich hab's schon gesehen.« + +Der Friedhofswächter gab mir eine der würzhaft duftenden Blumen. Es waren +solche, wie sie der alte Heinrich Kilian gepflegt hatte und wie sie jetzt +noch daheim vor meinem Kammerfenster blühten, wahrscheinlich wenigstens. +War denn aber alles verhext heute abend und war etwa mein Kilian in den +Zeitler geschlüpft, um mit mir Versteckens zu spielen und zu fragen: Kennst +mich noch? Woher mir solche Gedanken kamen, weiß ich nicht, aber sie waren +um den Weg und ich mußte, wie damals in den Spiegel, so heute mit einer +halben Lust und einem halben Grausen in das Gesicht des Zeitlers sehen, ob +mir eine Erkenntnis komme, die mich ja freilich beim ersten Augenwink in +die Flucht gejagt hätte, da, was man etwa im Traum gelassen oder freudig +hinnimmt, das Dasein eines Hingegangenen, im Wachen jähes Entsetzen +bedeutete. So unverrücklich fest steht uns in uns selber Eingeschlossenen +die Ordnung der Dinge beider Welten. In mein Schweigen hinein und das des +Zeitlers schüttete Hertha ihr Geplauder, das in der werdenden Dämmerung +tönte wie ein spielendes Bächlein, und zu dem nach und nach meine Gedanken +zurückkehrten unverrichteter Sache. Denn es war ja, wenn ich mich nüchtern +besann, ohnehin ein Unsinn, was sie ausheckten. + +»Ich verstehe nichts von Büchern,« hörte ich Hertha sagen, »man müßte mir's +grad sagen, was darin steht, daß ich's nicht selber lesen muß.« + +Der Zeitler gab einen summenden Ton von sich, der allerlei bedeuten konnte, +ein Lachen oder einen Zweifel, und Hertha fuhr fort: + +»Ich bin nur froh, daß ich's mit den Blumen habe, es ist, wie wenn ich dazu +auf die Welt gekommen wäre, daß ich das Kranzbinden treibe. Das kann ich +nach der Regel, ich hab's gelernt und hab's auch in den Fingern. Meine Frau +paßt nicht dazu, sie hat erst in das Geschäft hineingeheiratet, das ist der +Unterschied. Sie dauert mich eigentlich, denn sie hat ein saures Gemüt. Sie +hat als Kind einmal in einen Essighafen gerochen, davon ist's ihr +geblieben. Mich hat sie aber gern, und sie ist auch froh an mir. Die Leute +kaufen gern bei mir, weil ich freundlich bin und gern lache. Es gibt auch +nichts Schöneres, als den ganzen Tag geschafft haben und abends fertig +sein. Oder ja, vielleicht gibt es auch etwas Schöneres, und man weiß es +bloß nicht. Heute habe ich eine Girlande machen müssen um ein +Kindersärglein aus lauter Monatröschen und mit Immergrün. Da habe ich +weinen müssen, weil es mich so gedauert hat, zu denken, ich könnte als Kind +gestorben sein und wäre dann nicht mehr da. Ich bin gern da, das muß ich +sagen; von mir aus könnte jeder Tag hundert Stunden haben, es wäre mir +keine zu viel.« + +»Du Närrlein,« sagte der Zeitler, »was wär's denn dann mit dem Feierabend +und dem Sonntag, wenn du so lange Tage haben willst?« + +»Jaso, ja,« gab das Mädchen zu, »es ist nur gut, daß ich's nicht machen +muß, es käme etwas Schönes dabei heraus. Versteht sich, der Sonntag müßte +geradeso lang sein und der Feierabend auch. Es ist mir auch ganz recht, wie +es ist, ich will es gar nicht anders haben. Gestern war das bucklige +Fräulein Hagenau bei mir im Laden und kaufte einen Rosenstock, und ich trug +ihn hinüber. Da saß sie in ihrem schönen Wohnzimmer in einem seidenen +Sessel, und ihr Bruder saß ihr gegenüber und las in der Zeitung, und die +alte Magd Salome trug den Kaffee herein. Die haben's schön, aber ich möchte +sie nicht sein, um kein Geld. Lieber Gott, wenn man jung ist und vergnügt +und gerade Glieder hat, dann freut's einen, und alles kann noch kommen, was +es Gutes gibt. Ich möchte doch nicht ledig bleiben, nicht um alles.« + +»So sei jetzt auch einen Augenblick still,« sagte der Zeitler, »man kann ja +mit keinem Steckelein dazwischenfahren, wenn du einmal anfängst, es läuft +wie aus einem Brunnenrohr. Was weißt denn du davon, wie es gehen kann auf +der Welt, und was weißt du von Glück und Unglück? Verheiratetsein kann ein +Glück oder ein Elend sein, und Ledigsein auch, es kommt drauf an, wie man +es erlebt.« Er sagte es ein bißchen scharf und streng, und Hertha dauerte +mich, denn ich dachte auch wie sie, einmal in diesem Augenblick sicher. +Aber sie machte sich augenscheinlich nichts daraus, denn sie lächelte vor +sich hin und dann zu mir herüber, als ob wir beide besser wüßten, wie es +wäre. + +Auch fuhr der Zeitler gleich darauf milder fort: »Die Brigitte tauschte mit +niemand, wenn man es ihr anbieten wollte. Heißt das, was sie in sich selbst +und aus sich heraus geworden ist, gäbe sie nicht hin, wenn sie noch einmal +ein Leben leben dürfte in einem schlanken Körper und mit allem, was man so +gemeinhin Glückseligkeiten heißt.« + +Wir sahen ihn beide fragend an, weil er das Fräulein beim Vornamen nannte +und weil er über ihr Inneres Bescheid zu wissen und sie überhaupt zu kennen +schien. + +»Er ist bei Hagenaus,« sagte Hertha und deutete mit dem Kopf nach mir hin. + +Der Zeitler hatte noch nicht nach meinen Verhältnissen gefragt, nun sah er +mich aufmerksam an und sagte: »Sie sind da in guten Händen«; er zögerte ein +wenig und fügte dann hinzu, »zum wenigsten, was die Schwester betrifft, +obgleich ich Herrn Kasimir nichts zuleide tun will. Ich kenne ihn weniger +als sie, die ein lebendiger Mensch ist, wie es nicht viele gibt.« + +Was er da sagte, erfüllte mich mit Begierde, mehr von den beiden und +besonders von Fräulein Brigitte zu hören. Ich mag wohl auch den Zeitler +bittend genug angesehen haben, denn er fing nach einigem Zögern wirklich +an, einiges aus ihrer Lebensgeschichte mitzuteilen. Woher er sie wußte, +verlautete nicht. Ich muß glauben, daß er selber irgendwie an ihr beteiligt +oder mindestens Zuschauer gewesen war; er vermied es aber, sich selbst zu +nennen. Das sei immer so, sagte Hertha, er rede nie von sich. + +Es ist mir aber, als habe er doch von sich geredet ohne Willen, denn er +verfiel im währenden Erzählen in eine seltsam reiche und blühende Sprache, +die deutlich genug sagte, daß er einmal in einer Welt gelebt habe und sie +noch in sich trage, die von seiner jetzigen unterschieden sei in mehr als +einer Hinsicht. + +Ich meine, ich höre ihn noch; es wird aber wohl bei mir anders +herauskommen. + +»Dort drüben,« sagte Zeitler, und deutete nach einem Marmorgrabmal, das +zwischen einer Baumgruppe heraussah, »liegt oder lag eine junge, feine +Frau, die der Tod an einem einzigen heißen Krankheitstag erwürgt hat. Sie +hatte die Augen noch offen, als der Sarg geschlossen wurde, oder vielmehr, +sie waren, schon zugedrückt, langsam wieder aufgegangen, und es sah +erschütternd aus, wie die erloschenen Sterne unbeweglich nach dem +Kinderhäuflein hinschauten, dem sie noch lange hätten scheinen sollen. Das +war die Mutter der Geschwister Hagenau. Sie war eine Waldbauerntochter +gewesen, gesund, schön, lebensfreudig und heißblütig und dabei reich und +von guter Bildung, und hatte dem etwas verbrauchten Hause mit Blut und Geld +aufhelfen sollen. Letzteres war geschehen, aber der Reichtum ihres +sprühenden Lebens schien ganz und gar der jüngsten Tochter Brigitte +aufbehalten gewesen zu sein, während die älteste und der um weniges jüngere +Sohn dem Vater nacharteten, der brav, gewissenhaft, gründlich belesen und +mit allgemeiner Bildung versehen, aber etwas trocken und unlebendig war. +Oder wenigstens so ungefähr wurde er geschildert. Doch soll er an der Frau +unendlich gehangen haben und durch ihren Tod ganz gebrochen, und also doch +nicht ohne Leidenschaft gewesen sein. Für die Kinder hatte er nach dem Tode +der Frau nicht mehr viel Aufmerken. Er veranlaßte ihre Schulbildung, wie es +recht und üblich war und nahm eine Hausdame, die für Nahrung und Kleider +und für das Hergebrachte an guten Sitten und was man so gemeinhin Erziehung +nennt, sorgte, und die er der Bequemlichkeit halber nach einiger Zeit +heiratete, ohne daß sie viel für ihn gewesen wäre. Die arme Frau und Mutter +hatte allen Grund gehabt, ihr Häuflein mit gebrochenen Augen noch traurig +anzusehen, wenn man so sagen darf, denn es war nicht mehr viel Freudigkeit +und Kinderglück im Hause. Einzig die jüngste Tochter, die auch im Äußeren +das Abbild der Mutter war, schien Sonne und Lebenslust in sich selbst zu +tragen und sich ihre Nahrung zu holen, wo man sie ihr nicht anbot. Sie war +von jedermann überzeugt, daß er sie liebe und Freude an ihr habe, und +dieses glückliche Wissen um sich selbst, ließ sie hinwiederum auch allen +Leuten strahlend und wie ein kleines Sönnchen entgegenkommen, dem sich in +Wahrheit niemand ganz entziehen konnte. Die beiden andern Kinder wuchsen +dagegen als Schattenpflanzen auf; das Mädchen als stille, brave, +pflichttreue Schülerin, die ihren Ehrgeiz darein setzte, alle +Unterrichtsstoffe gründlich und unvergeßlich in sich aufzunehmen, der +Knabe, der vielleicht am meisten von allen die Mutter entbehrte, aber ohne +sich dessen bewußt zu sein, als knurriger und verdrießlicher Sohn seines +unfrohen Vaters, ohne rechte Blüte lang ins Kraut schießend. Er ärgerte +sich selbst und andere bei jeder Gelegenheit, und besonders hatte er es auf +die lachende Brigitte abgesehen, deren Liebreiz er verspürte und genoß, +ohne es merken zu lassen. Vielmehr stritt und balgte er sich mit der +Schwester herum und hatte hunderterlei an ihr auszusetzen, vielleicht nur, +um sie in raschem Zorn entflammen zu sehen, worin sie ihm besonders gut +gefiel, oder auch, um ihr helles und unwiderstehliches Gelächter zu hören, +wenn ihr sein nörgelndes Wesen komisch erschien. + +Das ärgerte und entzückte ihn dann zu gleicher Zeit; er ließ aber weder das +eine noch das andere merken, sondern tat gleichgültig und als ob es ihm zu +wenig wäre, darauf zu horchen. In ihrem zwölften Jahr war Brigitte ein +schlank aufgeschossenes Mädchen mit prachtvollen Zöpfen, die sie lang +herabhängend trug, und mit einem Ausdruck in dem blühenden Gesichtchen, als +ob sie von weitem die vollen Ströme des Lebens rauschen höre und sich +anschicke, darauf zuzugehen, um sich darin zu baden. Statt dessen aber +wartete ein dunkles Meer der Leiden auf sie, und das Rauschen war ein +herannahendes Gewitter, das den vernichtenden Blitz auf sie niedersandte +und die Sonne auslöschte, ehe sie noch im Mittag stand.« + +Hier unterbrach sich der Zeitler, für einen Augenblick aus der +Vergangenheit auftauchend, und merkte selbst, daß er in einer Weise zu uns +redete, die wir nicht bei ihm gesucht hätten, und die auch bei ihm selbst +zurzeit nicht üblich war. Er nahm eine der Nelken zwischen die Lippen, und +es war mir plötzlich, als habe ich ihn nicht im Leben, sondern auf einem +Bild so gesehen und wisse nun, wer er sei, es falle mir nur der Name nicht +ein. + +»Kurzum,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, als habe er wie ein Maler +nach einem andern Pinsel gesucht oder als Musiker eine andere Saite +aufgezogen, »die Brigitte erlitt einen schweren Unfall, der sie zu dem +verwachsenen Geschöpf machte, das sie jetzt ist, und ihr ganzes Leben +umkehrte. Es ist schon lang her, und vielleicht sollte man es jetzt nicht +mehr sagen, aber der Kasimir war schuld daran. Es war in einem +Nachbargarten. Die Brigitte saß in einer Schaukel, die zwischen zwei Bäumen +angebracht war; sie schwang sich leicht spielend hin und her und plauderte +daneben mit den Nachbarsmädchen. Da trat der Kasimir hinzu und fing an, die +Schaukel zu stoßen, daß sie hoch und immer höher hinausflog. Vielleicht +gefiel es ihm, daß die schwarzen Zöpfe so lustig tanzten, vielleicht auch +hatte er sein unholdes Vergnügen daran, daß die Brigitte rief: >Laß sein, +ich will nicht so hoch!<, kurzum, er stieß mit aller Kraft, daß die +Schaukel mit dem schönen Vogel drin an die vollen Kronen der Bäume anstieß +und zwischen den Zweigen hindurchrauschte. Das Mädchen wurde blaß und bekam +Angst, was sonst nicht in seiner Art lag, und bat flehentlich ums Aufhören, +aber der fünfzehnjährige Flegel hatte seiner Lust noch nicht Genüge getan, +oder was es war; als die Brigitte außer sich herunterrief: >Laß los, oder +ich springe heraus!<, gab er, der es natürlich nicht glaubte, noch einen +letzten, wilden Stoß drein, um dann aufzuhören, und in dem Augenblick flog +das Mädchen durch die Luft und schlug schwer auf den Boden auf. Die +Schaukel aber kam ledig zurück und schwang sich, in den Ringen knarrend, +noch eine Weile hin und her, bis einer hinging und sie anhielt. + +Da war dann nun eine Zerstörung geschehen, die jedem weh tun mußte, der sie +sah. Es wäre fast leichter anzusehen gewesen, wenn das arme, totenblasse +Kind, das da im kurzen Grase lag, die Augen nicht mehr aufgemacht hätte. Es +wäre dann in aller seiner sonnigen Schönheit dahingegangen, und jedermann +hätte es als einen Liebling bei Gott und Menschen in der Erinnerung gehabt. +Aber freilich, der Kasimir wäre dann sein Mörder gewesen in aller tapsigen +Dummheit, und so konnte man es wieder nicht wünschen, auch wenn es etwas +geholfen hätte. Das Leben ging auch, ohne zu fragen, seine eigenen Wege, +legte das schöne, unglückliche Geschöpf auf ein jahrelanges schmerzhaftes +Siechbett, drohte zuweilen, es nachträglich noch hinweg zu nehmen und ließ +es dann zu einem schweren, unbegreiflichen Dasein wieder aufstehen. Die +Wirbelsäule war verkrümmt und wurde es immer mehr, und unaufhaltsam sank +der schöne, feine Kopf zwischen die Schultern und beugte sich der aufrechte +Wuchs, den das heranblühende Kind gehabt hatte. Da war die Brigitte kein +Sönnchen mehr, sondern eine arme, leidende Kreatur, von deren tieferen +Schmerzen gewiß kaum ein Mensch recht wußte, und die eine Mutter hätte +brauchen können, wenn sie, die draußen schlief, irgend zu erwecken gewesen +wäre. Denn als das lange Siechtum überstanden war, regten sich von neuem in +dem lebensvollen Mädchen die Kräfte des Blutes und der überschwängliche +Lebensdrang, den sie von der Mutter ererbt hatte, und der nun in einem +verwachsenen Leibe gefangen lag. Die Schwester heiratete in all ihrer +dünnblütigen Zahmheit einen Privatdozenten von der Universität, der in +früheren Jahren die kleine Brigitte sein Bräutchen geheißen hatte, und dem +auch jetzt unglücklicherweise ihr lebenverlangendes Herz mit harten Pulsen +entgegenklopfte. Er zog mit der Frau nach dem hohen Norden hin und wurde +eine Berühmtheit in seinem Fach, das junge, schmerzlich lebendige Geschöpf +aber blieb in dem unfrohen Vaterhause zurück. Die zweite Frau des Vaters +war auf einer Erholungsreise in ihre Heimat gestorben und auch dort +begraben worden, und es verstand sich von selbst, daß Brigitte die Führung +des Haushalts übernahm, der aus dem Vater und dem Unglückswurm Kasimir +bestand. Dieser war über den Unfall, den er herbeigeführt hatte, außer sich +gewesen, was sich darin zeigte, daß er, wie er ging und stand, von der für +sterbend gehaltenen Schwester weg in ein benachbartes wildes Tal lief und +sich dort verschiedene Tage und Nächte lang umhertrieb, bis ihn endlich das +Verlangen, etwas Näheres zu erfahren, wieder in die Stadt führte, und zwar +zuerst auf den Friedhof, wo er sehen wollte, ob sich das Muttergrab +geöffnet und über einer neuen Bewohnerin wieder geschlossen habe. Als er +nun sah, daß nichts dergleichen erfolgt war, setzte er sich, übermüdet von +Angst und Reue und dem ziellosen Umherirren, auf den mütterlichen Hügel +nieder und schlief ein, bis er spät am Abend verwirrt emporfuhr, weil +jemand seinen Namen gerufen hatte. Es war dies sein Vater, der, gleichfalls +aufgestört aus seiner gewöhnlichen Ruhe, heftige Angst um sein +Lieblingskind empfand, dem er freilich sein besonderes Wohlgefallen kaum je +gezeigt hatte, und der nun fast instinktmäßig den Ruheplatz seines Weibes +aufsuchte, um ihr als Mutter zu sagen, daß sie eigentlich jetzt am Platze +sein müßte. Als er nun an dieser Stelle den Sohn fand, dem er +begreiflicherweise heftig zürnte, und dem er eine gehörige Strafe, er wußte +nur noch nicht welche, zugedacht hatte, ging eine seltsame Wandlung mit ihm +vor, deren er sich nicht erwehren konnte. Der Missetäter hatte nämlich, +vielleicht um bequemer zu ruhen, vielleicht aber auch in einem +ausbrechenden Verlangen nach Schutz und Hilfe, mit beiden Armen den +aufrechtstehenden Marmorblock umfaßt und den Kopf auf den mütterlichen +Namen gelegt, und erschien dem Vater wie ein alttestamentlicher Flüchtling, +der zur Sicherung vor seinen Verfolgern in den Tempel eindrang und die +Hörner des Altars umklammerte. Auch zeigte sich im Schlaf eine so +unverstellte Herzensnot und Bekümmernis auf dem sonst gleichgültigen +Gesicht des Sohnes, daß sich der Vater des Erbarmens und der Rührung über +das Leiden, das noch größer war als seines, nicht enthalten konnte und den +Schlafenden aufweckte, nicht zum Gericht, wie dieser meinen mußte, sondern +um ihn ans Herz zu schließen. Das ist freilich nicht buchstäblich zu +verstehen, denn Liebkosungen waren in der Familie nicht Sitte und waren +bisher nur von dem jetzt verdunkelten Sönnchen ausgegangen, aber dennoch +ging von da an ein stilles Einverständnis zwischen Vater und Sohn einher. +Für diese beiden war überhaupt das Unglück der armen Brigitte ein freilich +noch tiefverschleiertes Glück. Denn die Reue, die der Kasimir, und das +Mitleid, das beide empfanden, zwang sie, ihrer kargen Natur einiges an +Zartheit, Güte und Fürsorge abzuringen, um der armen Kranken das Leben zu +erleichtern, was alles ihnen selber wieder zugute kam. Es geschah aber das +Wunderbare, daß das gequälte Geschöpf, die Brigitte, in aller ihrer Leibes- +und Seelennot dennoch wieder etwas von dem alten Lachen fand, zuerst nur +selten und fast widerwillig, aber später sich selbst unwiderstehlich. Das +war, als sie sah, wie die beiden Männer, der alte und der junge, ihre +ungeschickten Versuche machten, sie aufzuheitern und das düster gewordene +Haus zu erhellen. Es war ihr wie jemandem, der zusieht, wie unerfahrene +Hände sich mühen, verquollene Fensterladen aufzumachen, um Licht in einen +dunklen Raum zu lassen, und der endlich hingeht, um es selber zu tun, da +doch keine Aussicht ist, daß es anders hell werde. Denn die ursprüngliche +und gottbegnadete Heiterkeit hatte in der ganzen Familie doch nur Brigitte +allein, und es wurde ihr nach und nach klar, daß es alles nichts helfe, sie +müsse den verschütteten Quell wieder ausgraben, da sie ohne ihn nicht leben +könne, und auch die andern darnach dürsteten. Das ging freilich nicht ohne +blutende Hände ab und nicht ohne Verzweiflung am endlichen Gelingen. Es +wurde ihr nichts erspart an qualvollem Verlangen nach Glück und vollem +Menschenleben, besonders wenn sie andere in aller Ruhe und Gottergebenheit +erleben sah, was sie selber, wenn es ihr zuteil geworden wäre, mit +Seelenjauchzen und Wonnestürmen in sich ausgetragen hätte. + +Doch,« unterbrach sich Zeitler, »es hat schließlich niemand das Recht, +davon zu reden, da sie selber es nicht tat. Wenn sie aber,« fuhr er fort, +»von einem Anlauf nach der festen Burg der Herzensstille und des sich +Genügenlassens ermüdet zurücksank, so malte sich ein so ehrlicher und +ratloser Kummer in den Gesichtern der Männer, daß sie es nicht mitansehen +konnte und sich wieder aufraffte, und wieder, wenn sie ein heiteres Gesicht +und einen kleinen Scherz zuwege brachte, so erhellten sich die trockenen +und verlegenen Mienen so sehr, daß es ihr ein beständiger Reiz war, die +Verwandlung zu sehen und hervorzubringen. + +Was aber zuerst nur kraftlose und gequälte Versuche waren, das entwickelte +sich im Lauf der Jahre durch ehrliche und anhaltende Übung zu einem +lebendigen und ungestörten Besitz, um den sie die meisten Menschen, in +deren Dasein es immer glatt und eben zugegangen ist, beneiden könnten, wenn +sie dazu die Fähigkeit hätten, ja zu einer Quelle, nach der es verstäubte +und müde Wanderer hinzieht und niemals umsonst. Natürlich steckt da noch +allerlei darin und dahinter, zu dem, wie zu einer verschlossenen +Brunnenstube, sie allein den Schlüssel hat. Doch kann man immerhin an einem +frisch und unermüdlich sprudelnden Brunnen merken, wie die aus der Tiefe +steigende Quelle beschaffen sein muß. + +Der Kasimir hatte schon längst bei sich selber beschlossen, unverheiratet +zu bleiben, um der Schwester ein dauerndes Heim bieten zu können. Das hätte +unter Umständen ein schweres Opfer sein können, das wohl auch die klare und +natürlich empfindende Frau, die Brigitte ist, niemals angenommen hätte. +Aber sie sah bald, daß sie dem Bruder mehr geben könne, als er ihr, ja, daß +der etwas trocken und karg ausgestattete Mensch nicht so viel mitteilende +Lebenskraft habe, daß es um die Ehe, die er hätte führen können, schade +gewesen wäre. Sie ließ ihn ruhig gewähren, ohne es ihm auf die Nase zu +binden, wie sie die Sache auffaßte, so daß er das erwärmende Gefühl +behielt, ihr zur Sühne für einen ungezogenen Augenblick sein ganzes Leben +zum Opfer zu bringen, was ihm wohl tat und ihn, wenn er es hie und da +bedachte, erhebend anrührte. Oder vielleicht auch noch anrührt,« schloß der +Zeitler, dem es plötzlich einzufallen schien, daß die Personen, die er aus +der Vergangenheit heraufgeholt hatte, wo er ihnen irgendwie näher gestanden +sein mußte, noch da waren, ja, daß ich begierig Horchender jeden Tag um sie +war. + +Es war inzwischen fast ganz Nacht geworden, aber nicht eigentlich dunkel, +denn am wolkenlosen Himmel waren die Sterne sichtbar geworden und +flimmerten wie Fenster, auf denen der Widerschein eines Lichtes liegt; auf +dem weiten Gräberfeld webte und rührte sich allerlei, aber es waren nur die +Gebüsche, die der leise Nachtwind regte, oder die weichen, langen Zweige +der Trauerweiden, die sachte hin und her wogten; Düfte kamen in weichen +Wellen heran und umgaben uns, und ich dachte an meine Mutter und daß sie +gesagt hatte: Die Toten haben keine andere Sprache, um uns zu sagen: +Vergeßt uns nicht, denkt an uns. Aber es war nichts von Grausen dabei, denn +es hüllte mich ein großes Wohlsein ein. Ich fühlte eine quellende Liebe im +Herzen und wußte nicht, galt sie der siegreichen Brigitte oder dem kleinen +Sönnchen, das sie früher gewesen war, oder dem Zeitler, der mir so +wunderbar bekannt schien, und der sich selber ganz im Dunkel hielt, wenn er +von den andern erzählte. Wer war er denn, wenn man fragen durfte? Aber man +durfte nicht fragen, man mußte sich ganz still halten. + +Da sagte auf einmal Hertha mit einem kleinen Seufzer: »Ach, daß die arme +junge Frau die Augen offen gelassen hat! Aber ich ließe sie auch offen, +wenn ich sterben müßte, man dürfte sie mir nicht zudrücken. Ich möchte +wissen, ob meine Mutter auch noch nach mir hingesehen hat, wie sie tot +gewesen ist. Nein, sie hat es nicht getan, sie hat mich ja schon vorher +hergegeben gehabt, mich armes Kind. Wenn ich nicht so vergnügt wäre, so +wäre ich gewiß recht traurig; ich habe es aber in mir, daß mich das Leben +freut, ich kann nichts dafür.« + +Der Zeitler stand auf und führte uns zum Ausgang; es war mir, als sei ich +in einer andern Welt gewesen und kehre nun wieder in die vorige zurück. +Hertha sagte, als wir vor ihrer Haustür waren: »Ach, es ist schad, daß man +die Nächte verschläft, aber es wird so sein müssen, scheint mir. Ich möchte +einmal eine Nacht durch laufen und bis in den Morgen hinein, durch den Wald +und über einen Berg hinüber, aber nicht allein, es müßte zu zweit sein. Und +wenn es hell würde, ständen wir oben auf einem andern Berg und wären froh, +daß wir schon auf sind, eh' die Sonne kommt, weil es schad' ist um alles, +was schön ist, und man sieht's nicht.« + +Da hätte ich doch nicht übel Lust gehabt, sogleich mit ihr fortzuwandern +durch schlafende Wälder und an schwatzenden Bächen hin und in den Morgen +hinein. Aber sie schlüpfte ins Haus, und ich ging allein vollends in die +Stadt hinein, und nach einer Weile hatte ich das Gelüste schon vergessen, +denn es war so vieles lebendig in mir an diesem Abend, es war gut, daß ich +mit keinem Menschen reden mußte. + + * * * * * + +Einmal, nicht lang nach diesem, kam ein Brief von meiner Schwester Luise, +der mir viel zu schaffen machte. Er weckte mich, der ich ganz im Hier und +Heute lebte und genug damit zu tun hatte oder es doch meinte, für eine +Weile zum Gedenken an eine Welt auf, die mich nur ungern und nach ihrem +Dafürhalten nur leihweise hergegeben hatte, die mir aus ihren treuen und +stillen Kräften unermüdlich spendete, was ich bedurfte oder auch nur zu +bedürfen glaubte und die nichts zum Entgelt wollte, als etwas von mir +selbst, ein Zugehören, ein Heimdenken und freilich auch hie und da ein +Zeichen davon. + +In der Kürze: ich schrieb wenig genug nach Hause; es war mir alles entweder +zu groß oder zu klein, als daß ich es hätte mitteilen mögen. Auch war das +Schreiben langweilig und jede Stunde sonst besetzt, und so kam es, daß +meine Schwestern nur nichtssagende Zettel von mir bekamen. Ich brauchte +Wäsche oder Stiefel, oder mußte mir dies und das anschaffen; sie hatten mir +einen Kuchen geschickt nach altem Rezept, er war gut gewesen, aber ich +stand gut im Futter und sie brauchten mir in Zukunft nichts zum Essen zu +schicken; ich machte einen Ausflug und grüßte sie mit einer Ansichtskarte; +im übrigen ging es mir gut und ich hoffte es auch von ihnen. Ich dachte, +sie seien damit zufrieden, denn ich war es selber auch, und in ihren +Briefen stand auch nichts anderes. Nun aber hatte Luise den Plan gefaßt, +mich zu besuchen und sich zu dieser Reise, die ein großes Ereignis in ihrem +Leben werden konnte, nach und nach ein Sümmchen zurückgelegt. Sie wollte +sich ein besseres Kleid dazu anschaffen, ein Reiseköfferchen und +dergleichen, und sie gedachte auch, es sich unterwegs einige Tage wohl +sein zu lassen und auch mir die oder jene Güte anzutun. Dabei rechnete sie +meine Freude, mit der ich sie empfangen würde, mit der ihrigen, mich +wiederzusehen, zusammen, und es schien ihr eine Summe, die es wert war, das +Ersparte daran zu wenden, besonders wenn sie ihr Verlangen nach einer +kleinen Unterbrechung des arbeitsreichen und einfachen Lebens, das sie +führte, noch dazu tat. Denn ich hatte die Freude am Schönen und Freien, das +es auf der Welt gab, nicht allein gepachtet, es gab noch andere Leute, +denen es um ein offenes Fenster nach der Sonnenseite hin zu tun war. + +Aber es war ein Strich durch die hübsche Rechnung gemacht worden, denn es +war ein Posten für ein Fahrrad eingelaufen, und zwar für ein gutes, da die +billigen nichts aushielten. Dafür hätte man einige Reisen machen können, +aber es war jetzt nichts zu wollen, das Geld mußte zuerst abbezahlt werden +so nach und nach. Denn wer wollte sich einen hübschen Hut kaufen oder einen +Schirm, was beides man unterwegs brauchte, an die Reisekosten nicht zu +denken, solang eine unbezahlte Rechnung im Hause lag? Also das war nichts +gewesen für diesmal; man mußte es auf ein anderes Jahr sparen, es war aber +schade, denn es wäre doch an der Zeit gewesen, einander wieder zu sehen. +Nicht daß mir das Rad nicht gegönnt war, aber wenn es noch ein bißchen Zeit +damit gehabt hätte, so wäre es besser gewesen. + +Das alles war so ungefähr aus dem Brief zu lesen, einiges davon ergänzte +ich auch in meinen Gedanken, denn ich konnte mir ja deutlich vorstellen, +wie alles zu Hause zuging. Ich sah sogar das zinnerne Büchschen von der +Mutter her, das Luise in einer Schublade aufbewahrte, und das ihre +Extragelder barg. Sie hatte es gewiß oft herausgenommen und die Stücke +gezählt, die darin lagen, und hatte dann mit Helene ausgerechnet, was alles +zusammen kosten konnte. Nun aber war es leer, und es kam auch so schnell +nichts mehr hinein, und das hing mit mir zusammen. Ich ärgerte mich nicht +wenig, als ich den Brief las bis zu dieser Stelle, aber ich wußte nicht +recht über wen oder was am meisten. Freilich über mich mußte es eigentlich +sein, ich war der schuldige Teil, und es half mir nichts, daß Luise mir gar +keinen Vorhalt machte, nicht den mindesten. Hätte sie es getan, so hätte +sich mein Grimm einigermaßen gegen sie wenden können, denn sie hätte dann +unrecht gehabt auf irgend eine Weise. Ich mußte es aber selber tun. Aber +wie? Lebte ich etwa in etwas anspruchsvoller als andere junge Leute, die +ich kannte, nicht eher im Gegenteil? Und hätte ich nicht studieren können, +wenn ich gewollt hätte? Das aber hätte dann noch viel mehr gekostet. Und +hatte ich nicht die bestimmte Absicht, später das Rad zu bezahlen? Ich ging +um den wahren Kernpunkt der Sache herum, der darin bestand, daß die +tüchtigen, liebevollen und guten Schwestern umsonst darnach aussahen, ich +möge mein junges Sein und Wesen in etwas mit ihnen teilen, da sie es so +unermüdlich nährten und bereicherten mit ihrer Arbeit und Sorge. Vielmehr +glaubte ich eine Mahnung zur Dankbarkeit zu verspüren, die mir unleidlich +war. Obgleich ich keine Scheu trug, alle Opfer anzunehmen, wollte ich mich +doch nicht verpflichtet fühlen, sondern dachte, wenn man dankbar sein +müsse, so könne einem schon alles gestohlen werden, und war mir nicht +bewußt, daß der Stachel, wider den ich löckte, in meiner eigenen Brust +saß, da mich ja sonst niemand angriff. Ich wäre am liebsten auf ein paar +Tage heimgefahren, das wäre das einfachste gewesen; doch, begreiflich, +gerade das konnte ich nicht tun, denn umgekehrt kostete die Reise auch +Geld. Im stillen aber wußte ich: wenn ich gekommen wäre, sie hätten mich +dennoch mit Jubel und Jauchzen empfangen, es wäre etwas ganz anderes +gewesen. + +Als ich den Brief wieder zur Hand nahm, wurde ich inne, daß ich ihn erst +zur Hälfte gelesen hatte; es lag ein zweites Blatt dabei, in dem stand +geschrieben, daß meine Schwester Helene im Lauf des nächsten oder +übernächsten Jahres zu heiraten gedenke, nämlich wenn die Aussteuer +beieinander sei. Denn auf Abzahlung wolle sie kein Stück anschaffen. Sie +habe einen guten und tüchtigen Verlobten, der ein Schreiner sei und es wohl +einmal zum Meister bringen werde. Er sei überaus sparsam und fleißig und +fange schon an, in den Abendstunden das eine oder andere Stück für den +einstigen Haushalt zu schreinern. Helene bekomme es einmal nicht schlecht; +der Bräutigam habe schon gesagt, nach der Hochzeit dürfe sie nicht mehr um +Geld nähen, er könne selber eine Frau erhalten, sie müsse dann nur das Haus +imstand halten und vielleicht ein Stück Gemüseland, denn er esse gern +selbstgepflanzte Bohnen und Erbsen. Freilich, für jetzt nähe sie um so +eifriger, sie möchte vier Hände haben, um nur viel fertig zu bringen, denn +alles koste Geld, es sei nicht zum Sagen. + +Darum wolle auch Luise von jetzt an alles, was mich angehe, allein +bestreiten, sie sage es mir im Vertrauen, daß ich mich in allem an sie +wenden solle. Helene wolle es nicht, natürlich. Sie sage, es dürfe in +nichts anders werden, aber sie werde schon froh sein, wenn ihr Geldlein +sich schneller aufrunde, daß der Schatz nicht so gar lang warten müsse. Ich +solle mich nichts anfechten lassen, es werde alles recht und gut. Das +Bügelgeschäft gehe gut, es sei keine Not. Wenn sie nicht so altväterisch +erzogen wäre, so hätte sie die Reise trotz allem gemacht, aber ich wisse +ja, wie die Mutter gewesen sei: lieber um und um geflickt, als einen +Pfennig Schulden. Von der habe sie es auch, sie könne nichts dafür. Ich +solle nur freudig sein in meiner Jugend, es sei gut, daß ich aus dem Engen +hinausgekommen sei, sie wollte oft selber auch, sie wäre es. Wenn sie nur +wisse, daß es mir gut gehe und daß ich in das Hohe und Feine hineinkomme, +so sei es schon recht. Vielleicht wisse ich einmal ein gutes Buch für sie +zum Lesen, denn das sei ihre Liebhaberei schon von jeher gewesen, und +Sonntags habe sie Zeit dazu. Wenn man doch einen Bruder habe, der mitten in +den Büchern sitze, so sei es ja zu machen. + +Da war es mir nun leichter und schwerer in einem. Denn Luise war viel zu +gut und zu lieb, und man mußte ihr dankbar sein, ob man wollte oder nicht, +ja, an ihr hängen von Herzen, so oft sie einem einfiel, was freilich oft +lange anstand. Und Helene war Braut und steuerte auf das +Frau-Meisterin-sein hin. Aber daneben war da ein Schwager, der ein +Schreinergeselle war und von dem ich nichts wußte, als daß er sparsam sei +und fleißig. Das war noch lange nichts Besonderes, man konnte daneben +unausstehlich sein. Vielleicht hatte er schon einen Pik auf mich, weil ich +noch in den Kosten war, was ihn, rund herausgesagt, gar nichts anging. Es +war immer so schön gewesen, als die beiden Schwestern miteinander hingelebt +hatten und ihnen alles gemeinsam gewesen war. Es kam mich an wie Heimweh, +aber nach dem, was sich ändern wollte, nicht nach dem, was neu entstand. +Und heimfahren wollte ich jetzt gerade nicht, auch fiel der Brief, den ich +schrieb, steif und hölzern aus, weil ich eine Verlegenheit in mir trug. +Wenn aber Luise hätte in mir lesen können, was ich eigentlich gern gesagt +hätte, sie hätte sich nicht beklagen müssen. + + * * * * * + +Sie beklagte sich auch nicht, sondern im dritten Jahr meiner Lehrzeit, als +diese fast zu Ende war, kam sie dennoch angefahren und mit ihr Lotte +Meister. Man konnte alles nachholen, was das erstemal gewesen wäre, und +besser als damals. Denn ich war mittlerweile ein junger Mann im +zweiundzwanzigsten Jahr geworden, der ein sicheres Auftreten hatte und sich +in der Gegend auskannte; ich konnte sie herumführen, wo es schön war, und +ich konnte ihnen sagen, was sie wissen wollten. Denn sie kamen sich +himmelweit von zu Hause vor; es war ein anderes Wasser und andere Berge als +bei uns. Die Wälder sahen dunkel in die Stadt herein, aber die Stadt selber +war heiter und hell. Doch hatte sie im Innern alte Straßen und Tore, und +das Münster war ein Bruder von den unsrigen daheim. Die Leute hatten eine +andere Aussprache als bei uns; was vom Land hereinkam, trug eine schöne und +ehrenfeste Tracht, und die beiden hatten kein höheres Lob dafür, als daß +sie sagten, so habe man es auf der Alb auch, wenigstens nicht viel anders. +Sie schauten alles genau und ausführlich an, denn sie mußten nachher davon +zehren und daheim davon erzählen können; sie sahen in fünf Tagen mehr als +ich in drei Jahren; sie waren ruhigen und gesammelten Gemütes und machten +die Tore weit auf, um alles hereinzulassen. Da ging mir selber manches erst +auf, als ich es ihnen zeigte, ich wunderte mich, wo ich meine Augen gehabt +hatte, aber ich ließ es nicht merken, sondern tat mit allem vertraut. Es +waren zwei stattliche, tüchtige Frauenwesen; Lotte war immer noch schön, +obgleich das Leben nicht oben über sie hinwegging. Sie hatte ihr kluges und +heiteres Gesicht behalten, wenn auch kleine Fältchen dazwischen hinliefen; +ihre Zöpfe lagen groß und schwer am Hinterkopf, und daß die Gestalt etwas +an Fülle gewonnen hatte, paßte ganz gut zu ihr. Luise hatte ich eigentlich +größer in der Erinnerung gehabt, das machte, daß sie ein wenig in die +Breite ging, da sah sie kürzer aus. Auch gefiel mir an ihrem Anzug einiges +nicht so recht, ich meinte fast, sie sei in der losen, kurzärmeligen +Bügelbluse hübscher gewesen als in dem fest anliegenden und verzierten +Kleid, das gut und neu und auch modisch war, ich war es nur nicht an ihr +gewöhnt, und es schien ihr auch nicht ganz behaglich darin zu sein. Aber +wenn sie den Hut abnahm, sah man das glatte blonde Haar um ihr gutes, +großes Gesicht herum; sie trug es immer noch in einem Kranz aufgesteckt, +und ihre blauen Augen waren so treu; sie brauchte gar nichts zu reden, so +wußte man dennoch, wie endlos gut sie es meinte. Aber sie sagte es auch, +wenngleich mit andern Worten. + +»Sag mir alles, was dich angeht, Ludwig,« bat sie, »du bist mir doch +wichtiger als die ganze Stadt. Wir sind keine Briefschreiber, einmal du +nicht; ich verlang's auch nicht, der Mensch kann nicht aus seiner Haut +heraus. Aber das weißt du doch, daß wir daheim davon leben, wie dir's geht +und was aus dir wird. Und überhaupt. Du bist doch unser Einziges. Darum bin +ich doch gekommen, ich hätte ja auch sonstwohin reisen können.« + +Das hätte sie aber nicht sagen sollen, denn es drückte mich. Man mußte mir +nicht nachlaufen; es würgte mich im Hals, daß sie so liebreich mit mir +redete. Geschwister mußten es einander nicht sagen, wenn sie einander gern +hatten. Ich hatte sie auch gern, aber ich sagte es nicht, sonst spürte ich +das Gegenteil in mir. Alles, nur nicht an der Kette sein, und wäre sie noch +so zart und fein gesponnen. Ich schwieg und machte ein störrisches Gesicht. +Aber Lotte Meister brach meinen Bock; sie scheute sich nicht, sie hatte +noch immer ein Recht an mich gehabt, und sie durfte auch reden, denn sie +brachte mir keine Opfer das ganze Jahr hindurch, sie stand frei vor mir und +ich vor ihr. Sie nahm mich gehörig her, sie fand eine Gelegenheit unter +vier Augen. + +»Ludwig, Ludwig,« sagte sie, »lauf die Welt aus und ein, du findest keine +solche Treue mehr. Du hast Hörner aufgesetzt und mußt sie dir verstoßen, +denk' an mich; es kann einmal weh tun, wenn du zu dir kommst und merkst, +was du dir selber verhunzt hast. Ich seh' dich wie in einem Spiegel, du +brauchst gar nichts zu sagen. Du nimmst es den Mädchen übel, daß sie für +dich schaffen und daß sie arm und einfach sind; du willst hoch hinaus und +willst niemand etwas zu danken haben dabei, und bist dennoch ein Genießer, +der sich nichts versagen kann. Ich könnte dir noch vieles sagen, aber du +verstehst es nicht, du hast noch Scheuleder auf, die müssen dir zuerst +herunterfallen, vorher hilft das Reden nichts. Ich meine dir's gut: vergiß +nicht, woher du kommen bist, und daß du ein goldenes Kleinödlein daheim +hast.« + +Zuerst dachte ich patzig: Was habe ich denn getan? Was tu' ich denn +Unrechtes? Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre es bös ausgefallen. Aber +Lotte sah wieder einmal aus wie die Germania auf dem Kriegerdenkmal; ich +war ein kleiner Bub ihr gegenüber. Und doch brach dabei ein so heller und +wahrhaftiger Strahl aus ihrem Gesicht und Wesen, der klopfte bei mir an, +daß ich auftun mußte. Sie wartete auch zum Glück auf keine Antwort, sondern +fing an, kleine Dinge von daheim zu erzählen. Daß ihre alte Mutter das +Nervenzittern noch verloren habe, es sei wie ein Wunder, sie sei fast +wieder jung; daß das lustige Mädchen Hermine seinem Feldwebel angetraut +sei, und daß ihre, Lottens, Kinder wie die Tännlein heranwachsen, es sei +schade, wenn ich sie nicht sehe, sie seien im nettsten Alter. + +»Da sind sie, glaub' ich, schon lang drin,« sagte ich und lachte. Da lachte +sie auch, und als Luise zu uns trat, waren wir in einer Fröhlichkeit, an +der sie unverzüglich teilnahm, denn sie spürte freudig, daß ein Riegel +aufgegangen sei. + +Ich hatte denn auch, angestoßen wie ich war, vieles mitzuteilen, das mir +die beiden Getreuen begierig abnahmen; ich hätte noch mehr haben können, es +wäre ihnen nicht zu viel gewesen. + +Im vorigen Winter hatte ich Kolleg gehört bei einem Geschichtsprofessor. Es +war ein Prachtsmensch mit einem silbernen Bart. Man meinte, er sei +dabeigewesen, als Napoleon seinen Leuten unter den ägyptischen Pyramiden +sagte: »Jahrtausende schauen auf euch hernieder.« Manchmal schloß er die +Augen, wenn er redete, und manchmal griff er mit der gespreizten Hand in +die Luft, da holte er sein Wissen her, es stand in Fülle um ihn herum. Er +kannte mich; er hatte zu Herrn Hagenau gesagt, ich hätte Augen gemacht wie +ein hungriger Hund. Wenn er in den Laden kam, sagte er: »Mein lieber +Fugeler.« + +Literaturvorträge hörte ich auch. Und ich las viel, aber davon war nicht +anzufangen; es gehörte zum Beruf und zur allgemeinen Bildung. Man konnte +ein Buchhändler sein so oder so, ich hatte aber im Sinn, etwas Rechtes zu +erreichen. Ich sprach mit ernsthafter Wichtigkeit, und die beiden Frauen +hörten mir mit Andacht zu, Lotte aber mit einem leisen Zweifel, ob man der +Sache in allem richtig trauen könne; wenn ja, dann wollte sie mir gern mit +Achtung begegnen. Sie hatte mich abgekanzelt, aber sie war ja dennoch froh, +wenn etwas Rechtes mit mir los war, denn sie hatte mich gern, und sie +gönnte es den Schwestern, wenn sie mit mir zu Ehren kamen. + +Luise saß still und freudig dabei. Wenn ihr etwas das Herz regte, so nannte +sie den Mutternamen. »Das möchte die Mutter freuen,« sagte sie, als ich +preisgab, man lasse mich im Hause Hagenau etwas gelten und habe mich +ersichtlich gern. Auch sei die Kundschaft im Laden mir zugetan. Herr +Kasimir hatte vor kurzem gesagt, ich solle nach der Lehrzeit noch ein Jahr +im Hause bleiben und dann mich in der Welt umsehen, er wisse mir schon +Plätze. Nachher sehe man wieder. Das schwellte mich, ich sah einen +gesicherten Weg vor mir, und außerdem tat es meiner jungen +Selbstherrlichkeit gut, daß der schweigsame und zugeknöpfte Herr auf +einmal anfing, mit mir ins Benehmen zu treten. Er sprach über das und das +mit mir, gab mir Briefe zu schreiben und Bücher zu lesen, lobte oder +kritisierte, was ich tat und ließ hie und da unverhofft bei Tisch oder +sonstwo die Blicke auf mir liegen, als ob ich ihm zu denken gebe. + +Ich dachte zufrieden, es seien ihm die Augen über mich aufgegangen und er +fange an zu merken, daß er gut mit mir fahre. Auch sei er längst nicht so +trocken, wie man von weitem meine, sondern ein feiner und zurückhaltender +Mensch, der sich seine Leute zuerst ansehe, ehe er sich mit ihnen gemein +mache. + +Das alles ließ ich vor den beiden spielen, fing aber unversehens einen +Augenwink von Lotte Meister auf, der sagte: Ach du, ich seh' dich ja durch +und durch, mach' mir nichts weis. Es lag ein bißchen gutmütiger Spott darin +bei aller Freundschaft, das stach und streichelte mich zu gleicher Zeit. + +Luise aber sah in die Zukunft hinein wie in einen goldenen Becher, denn ich +kam immer mehr aus ihren Sorgen, und man sah, daß kein Grund vorhanden war, +über mich zu kümmern, denn ich wurde recht, man konnte mich ruhig laufen +lassen. Sie war es nicht gewöhnt, sorgenfrei zu sein, sie hatte seinerzeit +von der Mutter ein Bündel übernommen und es bis hieher getragen, nun lachte +etwas im Grund ihres Herzens: es ist dann nicht so, daß ich nicht auch +lustig sein kann, wenn die Zeiten darnach sind. Nur her mit den guten +Zeiten, ich habe schon lang auf sie gewartet. Sie fing an auszuladen, was +sie von daheim wußte. + +Helene wäre gern mitgekommen, aber es mußte ihr ums Geld sein. Der Schwager +Schreiner hatte große Rosinen im Sack; nämlich es war eine Schreinerei +feil, ein altes Lottergestell von einem Haus freilich, aber nicht teuer und +mit einer Kundschaft darauf, die nicht zu verachten war. Sie wollten noch +ein Jahr mit der Hochzeit warten und zusammenlegen, was jedes verdiente, +dann war dem schweren Anfang schon etwas abgebrochen. Vielleicht zog Luise +mit und mietete den unteren Stock für ihre Bügelei, es half den +Schreinersleuten auf, man konnte gemeinsame Haushaltung machen und +beisammen bleiben. Sie zog ein Bild des Brautpaars aus dem Ledertäschchen, +das sie am Arm trug. Helene war schmal und fein und hatte ein zartes +Gesicht mit einem lieben, aber etwas müden Ausdruck. Das sei immer so bei +den Bräuten, die lange warten müssen, erklärte Luise, es sei begreiflich +und habe gute Gründe. Sie sei aber gesund und munter, nur schaffe sie zu +viel; es sei gut, wenn das später anders komme. Im Haus herum schaffen sei +gesünder als das ewige Sitzen bis spät in die Nacht hinein. + +Der Schreiner stand hinter ihr mit gezwirbeltem Schnurrbart und mit +Besitzermiene. Ich konnte ihn nicht leiden, seit ich von seinem +Vorhandensein wußte, und als ich ihn sah, noch weniger. Es ging etwas +Feindliches von ihm aus, das aber mich allein anging, sonst mochte er ein +guter Kerl sein, und er war auch ansehnlich von Gestalt und stand stramm +und aufrecht da wie ein Feldwebel in Zivil. Ich durfte nicht sagen, was mir +durch den Kopf ging, es war aber oft so bei mir. + +Luise sagte noch zu seiner Empfehlung, daß er Zither spiele und nie ins +Wirtshaus gehe und auch nicht rauche. Da war mir eines so verhaßt wie das +andere, denn man sah an allem, daß er ein Leimsieder war und sich etwas +darauf einbildete, daß er sparsam und fleißig sei. Mit solchen Leuten maß +ich mich von vornherein nicht, denn es gab höhere Eigenschaften, man sprach +aber nicht davon. + +Es lauerte in der Zukunft eine unangenehme Begegnung mit ihm auf mich, das +spürte ich sogleich, aber ich ließ mir nichts gefallen und sah schon dem +Bild kalt in die Augen. Helene aber nahm ich aus; sie tat mir leid, weil +sie dazwischen stehen mußte, es war aber so der Lauf der Welt. + +Von dem allem wußte Luise nichts. Sie war voller Lobpreis über eine +Begegnung mit Fräulein Brigitte, die sie soeben gehabt hatte. »Sie wär's +allein schon wert, daß man hierher reiste, so gibt's nicht viele Leute. Du +hast nie geschrieben, wie sie ist, Ludwig. Wie eine Schwester mit +unsereinem, oder wie eine Mutter. Auf hundert Schritt sieht man, was das +für ein Mensch ist, lauter Güte bis auf den Grund. Man sagt sonst den +Krummen nichts Gutes nach. Je krümmer, desto schlimmer, heißt's im +Sprichwort. Aber die ist über ihren Berg hinübergestiegen, mag sie's +gemacht haben, wie sie will, es mag nicht leicht gewesen sein.« + +Da ließ ich meine Wissenschaft auffahren, die ich von dem Zeitler hatte; +denn es sollte niemand meinen, daß man mir erst den Star stechen müsse, was +Fräulein Brigitte betraf. Man konnte nicht alles heimschreiben, es war +besser, auch noch etwas zum Reden aufzuheben, und ich kannte sie genauer +als die meisten Menschen, ich hatte es aber seither für mich behalten. + +Lotte Meister saß dabei und dachte sich ihr Teil, man konnte es ihr +ansehen, sie hatte nichts zu verstecken in ihrem offenen Gesicht. Sie wußte +auch, wie es war, wenn man über Berge hinübersteigen muß, sie hatte es +erlebt. Und sie dachte, für mich könne es vielleicht noch kommen, bis jetzt +wisse ich alles nur vom Hörensagen. Aber sie hatte es doch anders als +Fräulein Brigitte. Denn diese mußte ihre Last lebenslänglich mit sich +herumtragen, aber Lotte war aus der Trübsal hervorgegangen wie aus einem +Bad: gesund an Leib und Seele, stark und aufrecht wie ein Baum, und war +eine Kindermutter, während die andere mit leeren Händen im Leben stand und +nur einen geheimnisvollen Schatz mit sich herumtrug, dessen Widerschein aus +ihren Augen glänzte. + + * * * * * + +Als ich meine beiden Besucherinnen nun an die Bahn geleitete, stand ich mit +zufriedenen Sinnen bei ihnen, weil sie einen so guten Eindruck von mir +hinwegnahmen. Ich sah sie schon heimkommen, ihre kleinen Geschenke +austeilen, die sie hier am Orte mit Bedacht ausgewählt hatten, die +Reisekleider versorgen und in die alltäglichen schlüpfen, und hörte sie +erzählen, wie schön die Gegend und die Stadt sei, in der ich lebe, wie ich +bei rechten und guten Leuten sei, die mich gern hätten und etwas auf mich +hielten, wie ich als einziger Junger unter lauter älteren Herren mich +munter und als einer, der sich zu regen wisse, bewege, und so mehr, was ich +mir alles in Gedanken zugute schrieb. Ja, jeden schönen Platz, den ich +ihnen gezeigt, die Aussicht, die wir vom Berge herab auf das Flußtal, auf +die Stadt mit ihren vielen Türmen und das von leichtem Dunst umwallte +Gebirge gehabt hatten, die Fröhlichkeit, in der wir beisammen gewesen +waren, sah ich als eine Art Gastgeschenk an, das sie von mir empfangen +hatten, und ich fühlte mich reich und froh, daß alles gut ausgefallen war, +so daß ich mit gehobenem Mut von einer zur andern schaute. Denn ich mochte +gern in gutem Andenken zurückbleiben, aber mitzufahren verlangte es mich +nicht, wir hatten doch verschiedene Arten, zu leben. Da, als wir so standen +und auf den Zug warteten, kam auf einmal der Zeitler gegangen, wie ich nach +Herthas Beispiel den Oberaufseher des Friedhofs nannte. Er ging mit einem +kurzen Gruß vorüber, kehrte aber noch einmal um, da ihm, wie er sagte, noch +rechtzeitig eingefallen sei, daß dies die Meinigen sein werden, von deren +baldiger Ankunft ich ihm schon erzählt hatte. Denn jener abendliche Besuch +mit Hertha war nicht der einzige geblieben, den ich ihm machte inmitten +seiner stillen Gesellschaft. Ich hatte ihn aber immer nur in der losen +Joppe mit Hirschhornknöpfen gesehen, die er im Dienst trug, und in der +Mütze mit dem Abzeichen seines Berufs, nun trug er, da er eine kleine Reise +vorhatte, einen dunklen Anzug nach feinem, aber älterem Zuschnitt und einen +weichen, breitrandigen Filzhut und sah sehr verändert aus, so daß ich ihn +erstaunt betrachtete. Zum Staunen war es mir aber auch, mit welch +ritterlicher und herzlicher Höflichkeit er die beiden Frauen begrüßte und +mit ihnen redete ein paar Minuten lang, so daß diese ganz erwärmt +zurückblieben und sich wunderten, was das für ein Freund von mir sei, denn +als einen solchen gab ich ihn in der Geschwindigkeit aus. + +Als der Zeitler weggegangen war, sagte Luise zu Lotte Meister: »Es ist +schade, daß der Ludwig es sich nicht mehr denken kann: der Mann sieht doch +ganz und gar dem alten Stadtpfarrer Möbius gleich.« Und sie erzählte eine +Geschichte davon, daß dieser heimatliche Geistliche, den man im Gegensatz +zu jüngeren Kollegen nur den alten Herrn genannt habe, als letzte +Amtshandlung meine Taufe und zwar am Bett meines kranken Vaters vorgenommen +habe. Als nun der geistliche Herr mit den netzenden Fingern meine kleine +Stirn berührt habe, sei es ihm aufgefallen, wie ich ihn mit großen, offenen +Augen betrachtet und plötzlich das Gesicht zu einem Lächeln verzogen habe. +Er sei, dies ansehend, leicht erblaßt, wie einer, der eine Erschütterung im +Innern verspürt und habe nach einer fast unmerklichen Pause seine +Amtshandlung fortgesetzt, aber nachher zu meiner Mutter gesagt, die mich im +Arm hielt, es sei ihm gewesen, wie wenn ich kleines Seelchen eine Botschaft +an ihn hätte aus dem Lande, von dem ich herkomme. Das habe ja aber freilich +jedes Kind, wenn man recht in die unschuldige Tiefe seiner Augen zu +versinken wisse, indessen sei es ihm heute besonders aufgefallen. Meine +Mutter habe zu diesem nicht recht etwas zu sagen gewußt; der alte Herr sei +aber am Abend desselben Tages an einem Schlaganfall gestorben und habe es +also wohl schon vorher in sich gehabt. Ich tat nicht viel dergleichen, als +ob mich die Geschichte aus meiner frühesten Kindheit interessiere, im +stillen aber war es mir, als habe ich noch eine Erinnerung an das alte +Gesicht, das sich über mich geneigt habe, und es fiel mir wieder ein, wie +es mir mit dem Zeitler beim ersten Sehen gegangen war. Doch konnte das ja +freilich nicht sein, wie ich mir sagte, da ja die menschliche Erinnerung so +weit nicht zurückreicht. Ich blieb aber doch in wunderlich aufgerührter +Stimmung stehen, und sah mich, als ich allein durch die Straßen ging, als +kleines Kindlein auf dem Arm meiner Mutter liegen und dem alten Herrn mit +großen Augen entgegenlächeln. Was für eine Botschaft konnte er aber +empfangen, und was konnte ich neugeborenes Wesen ihm zu sagen gehabt haben? +Aus welchem Lande war ich gekommen? Doch aus dem Leibe meiner Mutter, die +mich zärtlich und traulich bei sich gehabt hatte, bis ich groß genug war, +um ein eigenes Leben zu führen? + +Es überlief mich eine weiche und dunkle Woge, als ich so meines Ursprungs +gedachte, den der alte Herr mit ahnendem Sinn noch von weiter her geleitet +hatte. Vielleicht hatte er eine Stimme vernommen, die zu den Alten und +Jungen sprach: »Kommet wieder, Menschenkinder,« und die ihn nun beim Namen +rief. Ich wußte es nicht und besann mich auch nicht weiter darüber, da ich +ja, fern vom Anfang und vom Ende, mitten im Leben stand, aber ich spürte +den Zusammenhang mit beiden auf eine kurze Weile, wie wohl ein Wanderer, +der an einer Brunnenstube vorbeikommt, sein Ohr einen Augenblick an die Tür +legt und die unterirdischen Wasser brausen hört, dann aber wieder weiter +geht, weil genug fröhliche Bäche am Tageslicht springen. + + * * * * * + +Wenn ich gerade einen derartigen Vergleich brauchen will, so war das +Blumenmädchen Hertha ein solches Bächlein, das über allerlei Steine +hinrieselte seinem freudigen Lebensgesetz nach und mit klarem Wasser, +soviel auch Gelegenheit zur Trübung um den Weg gewesen wäre. Was mich +betrifft, so war ich nicht schuldig, daß das hübsche und gute Mädchen so +herzlich und traulich wie ein Nachbarskind mit mir verkehrte. Denn ich +hätte es wohl nicht schwer genommen, eine Liebelei mit ihr anzufangen, da +ja andere auch dergleichen taten und sie mir wohlgefiel in ihrer +unverstellten und heiteren Natürlichkeit. Ich machte ein paarmal +Abendspaziergänge mit ihr, wenn ich nichts anderes vorhatte und es mich +darnach gelüstete. Sie konnte tun, was sie wollte, denn sie stand allein in +der Stadt und hatte niemand, der auf sie achtete, wenn es nicht in gewissem +Sinn der Zeitler tat. Sie tat es aber selbst, und das war es, was mich +wunderlich an sie knüpfte. Es war an einem Frühlingsabend gewesen. Wir +hatten uns ausruhend auf eine Bank gesetzt, und das Mädchen hatte begonnen, +mit halber Stimme ein Volksliedchen zu singen. Da war es mich, als ich ihre +schlanke Gestalt und ihr helles, hübsches Gesicht so neben mir sah, +angekommen, ein wenig zärtlich mit ihr zu sein, und ich fing an, da ich +keine Übung darin hatte, halb zutäppisch und halb verlegen mit den Löckchen +an ihrem Nacken zu spielen. Sie litt es auch schweigend und wie in einem +kleinen Wohlsein, aber als ich dadurch ermutigt, den ganzen Kopf zu mir +herüberbiegen wollte, sah sie mir ernsthaft in die Augen und sagte: »Nein, +das mußt du nicht tun, Ludwig. Sieh', ich will dir etwas sagen, das habe +ich schon lang im Sinn. Ich könnte dein Schatz sein, das wäre leicht zu +machen, denn man kann etwas mit dir anfangen, du bist leicht zu bewegen. +Aber ich will es doch nicht sein. Ich habe mir vorgenommen, daß ich einen +Schatz haben will, der mich heiratet, und ein solcher bist du nicht. Du +nimmst eine Feine und Vornehme, ich weiß es für sicher, und wenn es eine +Rechte ist und die gut zu dir paßt, so ist es mir auch recht. Ich hab' dich +gern, ich muß es grad sagen, von allem Anfang an, seit ich dich gesehen +habe. Ich kenne dich auch gut, denn du bist leicht zu kennen, und ich bin +nicht dumm. Du kommst von einfachen Leuten her, das hast du noch an dir, du +mußt nicht meinen, du müssest es verstecken, ein mancher wär' froh, er wäre +her wo du bist. Gescheit bist du auch und hast viel gelernt und lernst +immer noch mehr dazu. Du wirst ein Herr und vergissest mich, und das muß +alles so sein. Aber wenn wir jetzt mit Küssen und Lieben eine schöne Zeit +hätten, so ließe ich dich nicht mehr leicht fahren. Ach Gott, so ist es +vielleicht meiner Mutter gegangen. Vielleicht hat sie einen schönen und +feinen Schatz gehabt und hat nicht mehr aufhören können. Ich habe oft dran +denken müssen. Ich muß oft die Leute ansehen, ob nicht vielleicht mein +Vater unter ihnen herumlaufe, der schönste und nobelste könnte es sein. Ich +bin ein armes Kind, es nimmt mich wunder, daß ich so recht geworden bin, es +dünkt mich, ich habe selber Respekt vor mir.« + +Aber als sie das gesagt hatte, liefen ihr auf einmal die Tränen übers +Gesicht. Sie wischte sie aber mit den Händen weg und schlenkerte die +Tropfen von sich, es kam gleich wieder ein Lachen hintendrein. + +Ich aber saß dabei und hätte sie gern in den Arm genommen und geküßt, sie +war mir noch viel lieber als vorher, denn da war es nur eine Spielerei +gewesen, jetzt aber dünkte sie mich auf einmal etwas Köstliches zu sein, +hold und zärtlich und wie vom Himmel gefallen. Aber ich durfte sie mit +keinem Finger anrühren, sie war um und um zu respektieren. Und einiges +stach mich aber auch an ihrer Rede, denn sie tat, als wisse sie in allem +von mir Bescheid und könne über mich hinweg beschließen, was mit mir sei, +ich konnte aber nichts darauf entgegnen, sie hatte das Oberwasser in unsrer +ganzen Sache. Da streckte sie mir auf einmal die Hand her und sagte: »Wir +wollen gut Kamerad miteinander sein, so lang wir können. Vielleicht heirate +ich einmal einen Gärtner; er führe gut mit mir, denn ich könnte ihm das +Geschäft in die Höhe bringen, ich verstehe meine Sache. Ich habe mir's +vorgenommen, ein rechter Mann soll es gut haben bei mir, ich wollte, ich +hätte ihn schon. Der Zeitler hat gut reden vom Ledigsein, für mich ist es +nichts. Ich muß Kinder haben und einen Mann. Dann, wenn ich eine +Gärtnersfrau bin, kaufst du einen Rosenstock bei mir für deine Frau +Liebste. Du kannst es ihr kecklich sagen, daß du mich schon ledig gekannt +habest; es ist keine Schande. Du kannst es aber auch bleiben lassen, kurz +und gut. Ich wollte, du wärest selber der Gärtner, das müßte ein Leben +sein. Aber du bist es nicht, das ist aus und vorbei; du solltest mein +Bruder sein, das wäre das beste.« + +Als sie das gesagt hatte, gab sie mir plötzlich einen Kuß und stand auf, +weil es anfing, dunkel zu werden. Ich hätte ihr gern auch einen oder +etliche gegeben, aber im währenden Reden war es mir klar geworden, daß sie +recht habe und daß ich es nicht dürfe. Sie durfte es wohl, es war ein- für +allemal gewesen, das spürte ich. + +Wir gingen schnell bis in die Stadt, da trennten wir uns. Dann gingen wir +vier Wochen lang nicht mehr spazieren. + +Aber das lag nun eine Zeitlang zurück, und jetzt waren wir im Zug +miteinander wie gute alte Bekannte. Manchmal sahen wir uns oft und manchmal +selten, aber wenn es geschah, dann war es immer so, daß mich eine Lust nach +der Traulichkeit und Einfachheit meiner Kinderheimat anwandelte, von der +ich auch bei dem guten Mädchen etwas fand, wenngleich sich in ihre lautere +Fröhlichkeit manchmal ein wenig Wehmut mischte, die ich hinnahm, ohne ihrem +Grund nachzufragen. + +Hertha sagte, als sie meine Schwester gesehen hatte: »Jetzt weiß ich erst, +was mir fehlt von klein auf. Ich möchte von deiner Mutter träumen heute +nacht. Sie müßte mich zum Kind annehmen und Luise müßte meine Schwester +sein. Wenn ich mir's nur getraut hätte, ich hätte ihr einen Kuß gegeben +oder einen Blumenstrauß. Ach Gott, es gibt Menschen, die wachsen in einem +Paradiesgärtlein auf und wissen's nicht; mich hat meine Mutter auf einen +Steinhaufen gesetzt: Da wachse daher, wenn du kannst.« + +Dabei sah sie mich zornig und zärtlich an, aber die Zärtlichkeit galt nicht +mir, sondern meiner Jugendheimat. Einmal erfuhr ich, daß Herthas Mutter vom +Lande gewesen und noch jung, nachdem sie das Kind irgendwo in Pflege +gegeben habe, in einer großen Stadt an einer Zehrkrankheit gestorben sei. +Da ging nun vielleicht in dem lieben Mädchen eine rechtschaffene bäuerliche +Urahne um, die pflanzen und schaffen und in Ehren sein wollte, und aber +auch ein Großvater, der Freude am Schönen und Ernsten gehabt hatte, eine +Mutter voller Lebensdrang und ein Vater von leichtsinnig spielerischer +Anmut. Sie hatte von allen das beste bekommen, und es blühte aus ihr +heraus zum Zeichen, daß die Natur Wunder genug hat, und wenn sie will, +einen Dornbusch in der Wildnis mit tausend Blüten bedecken, einen +Rosenstock im Garten aber kränkeln lassen kann. + + * * * * * + +Herr Kasimir hatte seit einiger Zeit etwas Munteres und Aufgewachtes an +sich, das ihn plötzlich viel jünger erscheinen ließ als sonst. Er schaffte +sich einen Hund an, mit dem er weite Spaziergänge machte und mit dem er +sich zuweilen eifrig unterhielt. Er gewöhnte das Tier durch Pfeifen und +Locken, Befehle und Zurufe an sich, brachte es aber nicht so weit, daß es +ihn unbedingt als Herrn respektierte, was ihm manchen Ärger bereitete. Es +war ein ungewöhnlich schöner Spätsommer, und jedermann suchte ihn zu +genießen, so gut er konnte, Herr Kasimir aber flog aus wie ein Falter, der +eine Ahnung hat, daß seine Zeit kurz ist. Er kam zu allerlei Zeiten durch +den Laden gegangen mit straffen Schritten, seinen hellen Panamahut auf dem +Kopf und den Hund hinter sich drein. Dann hörte man ihn eilig die Straße +hinuntergehen, irgendwohin ins Freie. Es gab ein Sommertheater, und es gab +Gartenkonzerte, und als die Trauben reiften, gab es Herbstfeste und +Suserfahrten an den Kaiserstuhl und ins Markgräfler Land. Und überall war +mein Herr Kasimir dabei, ich hatte ihn entweder noch nie gekannt, oder ich +kannte ihn jetzt nicht mehr. Mit mir war er in einer neuen Art vertraut, +nicht mehr so väterlich oder gönnerhaft wie die Zeit vorher, sondern fast +kameradschaftlich munter; er klopfte mir etwa auf die Achsel oder blinzelte +mir vergnügt und pfiffig zu, als ob er sagen wollte: »Ja, nicht wahr, wir +Jungen, wir schaffen es schon,« oder dergleichen. Ich wußte nicht recht, +was ich mit dieser seiner neuen Natur anfangen sollte; er führte vielleicht +etwas Besonderes mit mir im Schilde, oder er war im Schlaf gelegen seither +und hatte jetzt plötzlich die Augen aufgemacht, denn das schöne Wetter +allein konnte den Umschwung nicht vollbringen. + +Da hörte ich eines Tages einen der Gehilfen zum Buchhalter sagen: »Es hat +ihn wieder einmal,« und als ich die Ohren spitzte, erfuhr ich, daß der +trockene und scheinbar ausgemergelte Herr von einer Liebesflamme entzündet +sei, wie ihm das in längeren Zeiträumen regelmäßig widerfahre, und die +allemal so lange brenne, bis der mäßige Vorrat an Lebensöl in ihm erschöpft +sei. Dann sinke der angekohlte Docht in seine vorige Trockenheit zusammen, +und Herr Kasimir sei wieder der nüchterne und übrigens gescheite und +tüchtige Geschäftsmann, als den man ihn im allgemeinen kenne. + +Sie wußten nicht, daß ich, im Nebenraum auf einer hohen Leiter stehend, ihr +Gespräch mitanhörte, und setzten es fort, indem sie über sein Benehmen +gegen mich sich aufhielten. Man merke schon, wo es hinaus wolle, es sei +nicht das erstemal, daß er einen jungen Fant heranziehe, der dann entweder +mißrate oder ihm sonst durch die Latten gehe. Mit mir nun sei es ein Getue, +als ob er mich selbst erzeugt hätte, was freilich dem Alten passen könnte, +der es ja soweit nicht gebracht habe. Ausgeschlossen sei es nicht, daß ich +mich dauernd ins Haus schlachten lasse, denn ich sei eitel und ein Streber +und dazu arm, es könnte mir passen, mich eines Tages in eine Goldgrube, und +die dazu ein vornehmes Ansehen genieße, hineinzusetzen. Man sei aber dann +auch noch da, und so weiter. Ich hörte begierig zu mit wechselnden +Gefühlen, bis mir unversehens ein Buch aus der Hand fiel und sein Gepolter +die beiden schwatzenden Hausgeister erschreckt verstummen ließ, was ich +ihnen gönnen mochte. Ich ließ sie aber im Zweifel, ob ich etwas gehört +habe, und fuhr in meiner Arbeit des Einordnens einer Sendung fort, freilich +nur zum Schein, denn es ging mir genug Neues durch den Kopf, und ich hatte +nur zu tun, es alles an seinen Platz zu stellen. Es war aber bald +geschehen, denn ich hatte Übung in Zukunftsplänen, und als es Zeit zum +Essen war, stieg ich die Treppe zum oberen Stock empor als der zukünftige +Inhaber der Firma; es mußte mir aber einiges umgebaut und verschönert +werden an dem alten Hause, schon meiner Frau zulieb, die es prächtig +gewöhnt war. + +Herrn Kasimir sah ich mit neugierigen Augen an, wie ich ihm am Tisch +gegenübersaß. Man konnte ihm ein Vergnügen gönnen, das ohnehin kurz währte, +da der Gegenstand seines späten Feuers nur für einige Wochen in der Stadt +war und bald wieder in die Pfalz reiste, woher sie, eine lustige und +feurige Dame in mittleren Jahren, auf Besuch gekommen war. Dann mußte er +wieder bescheiden zurücktreten und anderen Platz machen, die jung und mit +allen Lebensrechten neben ihm daherwuchsen, und eigentlich konnte er einem +leid tun. Fräulein Brigitte saß in ihrer schönen, gelassenen Würde da und +war ihm weit über, er aber griff nach geschehener Sättigung nach dem Hut +und flog auf, und das setzte er noch eine Zeit hindurch fort. Ich sah ihn +an einem abendlichen Gartenfest, an dem ich auch teilnahm, mit der üppigen +und heiteren Pfälzerin tanzen und nachher mit ihr an dem Waldsee, an dessen +Ufer das Fest gefeiert wurde, sich ergehen. Da lachte er laut und sprach +lebhaft und mit überglänztem Gesicht, und mir fiel des Zeitlers Erzählung +von der jungverstorbenen Mutter Hagenau ein, und ich dachte, es sei doch +auch ein kleiner Spritzer von ihrem Lebenssaft in den Sohn gefahren, der +sich nur freilich zur Unzeit bemerklich mache und auch nicht lang vorhalte. + +Letzteres war bald zu erleben. Als der Herbst die bunten Farben, die er +angezündet hatte und das freudige Leben in der Natur wieder auslöschte, und +im Flußtal die Nebel geisterten, saß Herr Kasimir wieder am Abend in seiner +Ecke und hörte seine Schwester Klavier spielen, oder er las die Zeitung +oder pflog mit älteren Herren politische Gespräche und war in allem ein +Haupt, vor dem man aufstand. Was in ihm umging, sah man nicht, denn er +hatte sein Gesicht wieder zugeknöpft. Manchmal tat er einen kleinen Seufzer +und sagte: »Ach ja,« oder er lächelte in sich hinein und wiegte den Kopf +dazu. Der Hund lag am Ofen und schlief, und nur manchmal tat er einen +kurzen Blaff, oder er fuhr empor und warf mit leichtsinniger Gebärde das +linke Schlappohr zurück, und die alte Magd Salome, die um ihn herumsteigen +mußte, sagte: »Es träumt ihm.« Doch sagte sie nicht, ob sie den Herrn oder +den Hund meinte, es hätte je nachdem beiden gelten können, denn sie sahen +ein jeder seinen Sommerfreuden nach. Ich aber rüstete mich, in die Welt +hinauszugehen. + +Es war eine Stelle in einer großen Buchhandlung einer mitteldeutschen Stadt +für mich ausgemacht, zu der Herr Kasimir alte Beziehungen hatte. Alles war +geebnet und gebahnt für mich, wie es von jeher immer gewesen war, und ich +weiß nicht, soll ich das Leben darum anklagen oder soll ich ihm dafür +danken. Es wird wohl alles so gewesen sein, wie es mußte, und es war mein +Schicksal, das ich in mir selber trug, wie ein Nachtwandler meinem +unerhellten, selbstsüchtigen Ich nachzugehen, das mich auf breiten Straßen +zu Schuld und schweren Lasten gelangen ließ. Vielleicht hätte mich eine +arme, sehnliche Jugend früher aufgeweckt, dem Schläfer gleich, den unter +dünner Decke schaudert und der erwacht, weil der kalte Wind durch seine +Dachkammer streicht. Ich bin erst spät erwacht. + + * * * * * + +Fräulein Brigitte war in den letzten Wochen öfters krank gewesen, was neu +an ihr war oder mir wenigstens schien, denn sie war sonst immer dagewesen, +freundlich und voller Teilnahme an allem und auch an mir. Nun fehlte sie +hie und da am Tisch, und ich hörte, daß sie an einer Krankheit leide, die +ihre Kräfte unwiderruflich nach und nach verzehre. Herr Kasimir saß dann in +einer halb verlegenen Bekümmernis mir gegenüber, sprach nicht oder raffte +sich nur hie und da zu irgendeiner Bemerkung auf, an die er gleich nachher +nicht mehr dachte, und es war ein bedrücktes Beisammensein. Wenn aber +Fräulein Brigitte dann nach Tagen wieder im Wohnzimmer erschien, so fand +ich, sie sehe aus wie sonst und dachte, es werde nicht so schlimm sein, wie +die Leute meinten; es schien mir dann wieder alles in Ordnung zu sein, denn +sie gehörte ohne Frage in die altbekannten Räume, und wenn sie da war, +fehlte nichts. Doch häuften sich die Fälle, in denen sie zurückgezogen +leben mußte, und mein Reisetag kam heran, als eben wieder eine +schmerzenvolle Nacht auf einen üblen Tag gefolgt war. Ich saß am +Frühstückstisch und wartete auf Herrn Kasimir, als er hereinkam und sagte: +»Meine Schwester läßt Sie bitten, noch in ihr Schlafzimmer zu kommen; es +geht ihr nicht gut, und sie kann Ihnen auf keine andere Weise Lebewohl +sagen.« Ich ging mit einigem Herzklopfen hinüber und betrat einen lichten +Raum, in dem ich noch nie gewesen war, und der mir plötzlich alles Leben +des Hauses zu umfassen schien. Es war, als ob hier die Quelle sei, von der +aus die andern Räume irgendwie gespeist würden und ohne die alles öde und +leer wäre. Fräulein Brigitte saß, von vielen Kissen gestützt, im Bett. Ihr +Gesicht war blaß und trug die Spuren überstandener Schmerzen, und mehr noch +taten das die Hände, die schmal und weiß auf der Decke lagen und hie und da +leise zuckten. Aber etwas an ihr deuchte mich schöner als je zu sein, ich +mußte sie verstohlen betrachten, während ich ihr gegenüber saß. Das +Verwachsene ihrer Gestalt war nicht so sichtbar wie sonst, denn sie war um +und um eingehüllt in ein großes Tuch von weicher, mattweißer Seide, und der +Kopf ruhte in flaumigen Kissen wie eine müde Blume. Aber das war es nicht +allein, was mir auffiel; es war vielmehr ein triumphierendes Leuchten in +den großen glänzenden Augen und ein Lächeln um den feinen Mund, zu was +beidem sie nach meiner Meinung weniger als je Veranlassung gehabt hätte. + +»Wir sagen uns nun Lebewohl,« sagte die Kranke, »und es wird auf immer +sein. Sie kommen wieder, mein Bruder hofft es, aber dann bin ich nicht +mehr da.« Sie sagte es mit einer gelassenen und fast heiteren +Freundlichkeit, so etwa, als ob sie von einer Reise oder längeren +Ortsveränderung spräche, die sie vorhabe, und als ich eine erschreckte +Bewegung machte, hob sie eine der weißen Hände wie abwehrend und ließ sie +müde wieder fallen. Dabei lächelte sie mich gut und bekannt an. + +»Sie müssen nicht erschrecken,« sagte sie. »Ich weiß, daß meine Zeit +herankommt, das ist ja gut. Wenn Sie nicht fortgingen, würde ich es nicht +sagen. So darf ich es wohl.« Sie machte eine Pause, als sinne sie vor sich +hin, dann fuhr sie fort: »Es ist nicht so, daß ich lebensmüde wäre, das +müssen Sie nicht meinen. Ich habe das Leben lieb, es ist eine große und +köstliche Sache, und weil ich seine Schönheit habe hart erstreiten müssen, +drum liebe ich es um so mehr.« + +Ich fühlte, wie mir eine dunkle Röte bis unter die Haare stieg. Denn ich +glaubte mich von ihr durchschaut in meinem Herumspüren an ihrem Wesen und +Schicksal, und es durchfuhr mich heiß, daß sie so königlich vor mir war, +als eine Unüberwundene, die mich aus freiem Willen zu sich hineinsehen +ließ. Sie hatte niemals von sich geredet, nun tat sie es, und es war der +Abschied. + +»Ich habe einen langen und harten Krieg hinter mir,« sagte sie, »davon +könnten diese Wände reden; draußen brauchte es niemand zu sehen. Aber ich +gäbe keinen von allen meinen Schmerzen her; ich habe sie wohl alle +gebraucht, und nun sie weit dahinten liegen, bin ich froh und reich. Ich +bliebe gern noch hier. Ich habe immer versucht, ganz im Jetzt und im Tag +zu leben und nicht an dem herumzuspüren, was nachher käme. Das reut mich +nicht. Ich glaube, daß wir uns auf das nächste Stadium, das etwa unser +harrt, am besten vorbereiten, indem wir das jetzige ganz erleben. Wir +brauchen auch alle Kräfte dazu. Aber jetzt höre ich die fernen Ströme der +jenseitigen Welt brausen und weiß, daß sie mich davontragen werden auf +ihren Wellen. Da will ich es nun lieber freiwillig tun, ehe mich die Sinne +und Gedanken verlassen, nämlich mein Leben hingeben als etwas Kostbares, ja +das einzige, was ich besitze, und mit mir geschehen lassen, was da wolle.« + +Als sie das sagte, stand eine so große, ja heldenmütige Tapferkeit in ihrem +Gesicht geschrieben und ein so freier und harter Wille, sich in das Sterben +zu schicken, daß mich ein unsägliches Staunen überkam. Denn es war, als ob +eine Königin aus Glanz und Glück und im vollen Reichtum aller Kräfte +davongerufen werde und sich dazu hergebe, Kronen und Kleinodien auf den +Altar niederzulegen, da doch ein mühseliges und entbehrungsreiches Leben +sich dem Ende zuneigte. + +Ich hatte dergleichen noch nie gesehen und konnte kein Wort sagen; es war +ein Sturm von Verehrung und auch von Not und Schmerz in mir. Denn ich +merkte in diesem letzten Augenblick, wieviel ich hier zurücklasse, da ich +doch gemeint hatte, als ein Freier, und dem das Glück hold war, in die Welt +hinauszuziehen. Ich konnte wiederkommen, wenn ich wollte, ich konnte aber +auch draußen finden, was mich nach meinem eigenen Willen hielt und band. +Bis jetzt war mir der Himmel voller Geigen gehangen, und nun auf einmal +sauste es mir in den Ohren: Bleib da, geh' nicht, denn es geht hier Großes, +ja Unermeßliches vor, wie magst du dem entrinnen, und was ist draußen so +wichtiges wie das? + +Ich ließ, um meine Verlegenheit zu verbergen, meine Augen an den Wänden +hingehen und sah, obgleich sie von verhaltenen Tränen erfüllt waren, die +Umgebung an, in der die Pflanze aufgeblüht war, die vor dem Welken so +starken Glanz und Duft verbreitete. + +Es hing ein schöner Stich des Ecce-Homo von Carlo Dolce zu Häupten des +Bettes und an der Längsseite ein Holzschnitt nach Albrecht Dürers Ritter, +Tod und Teufel. Der Ritter zog seine Straße ohne Wanken und ließ einen, wie +mir schien, spöttischen Blick nach den Ungeheuern hinlaufen, die ihm den +Weg abschneiden wollten, aber unter ihm hing ein unsäglich liebliches +Bildchen in Wasserfarben: Eine schöne, junge Frau mit einem jährigen Kind +auf dem Schoß, das sie zärtlich umfaßt hielt und auf dessen weiches +Rundgesichtlein ihre Augen mit warmem Glanz niedersahen. Das mußte wohl die +Mutter sein, die nach des Zeitlers Erzählung noch im Tode die Augen nicht +hatte von ihren Kindern abwenden können, was ich auf einmal wohl begriff. + +Auf der weißen Decke lag ein schmales Lesezeichen, das wohl einem der +wenigen, vielgelesenen Bücher entfallen war, die bequem erreichbar auf +einem hängenden Ebenholzgestell lagen. Es trug in Lapidarschrift von +purpurroter Farbe die Inschrift: Ich, die aber von den liegenden Balken +eines schwerfälligen Kreuzes ausgestrichen war. Als Fräulein Brigitte sah, +daß meine Augen darauf lagen, machte sie eine Handbewegung, als wollte sie +es wegnehmen, denn es hatte wohl noch nie ein fremder Blick auf der kleinen +Malerei geruht, die vielleicht viel bedeutete in ihrem Leben, aber sie ließ +das Bildchen dann doch liegen, als verlohne es sich nicht mehr, etwas zu +verstecken. Mochte ich doch ruhig ihre Waffenkammer betrachten und die +Schilder und Schwerter, die ihr geholfen hatten, den Riesen zu erschlagen, +da ja nun der Sieg erfochten war. So kam es mir vor, und plötzlich sah ich +einen ihrer leuchtenden Blicke auf mir liegen und das geheimnisvoll +triumphierende Lächeln wieder um ihren Mund spielen. Sie suchte nach einem +Wort, das ihr auf die Lippen treten wollte, als der Arzt ins Zimmer trat +und ich, widerstrebend genug, gehen mußte nach einem kurzen Lebewohl, das, +wie ich wußte, eins für immer war. Es wäre noch so vieles auszusprechen +gewesen, sowohl von mir als auch von ihr, aber es war nun abgeschnitten und +konnte nie mehr nachgeholt werden. + +Ich trat ins Wohnzimmer, wo ich noch einige Kleinigkeiten hatte liegen +lassen. + +Da reizte es mich, einen Augenblick in den Stuhl an Fräulein Brigittens +Arbeitstisch zu sitzen, wo ich sie so oft gesehen hatte, und spielend den +einen oder andern Gegenstand, der ihr gehörte, in die Hand zu nehmen. + +Unter einem kleinen Notizblock lag ein mit Bleistift beschriebener Zettel +von ihrer Handschrift, und ich konnte keinen Augenblick der Versuchung +widerstehen, ihn für mich zu behalten, denn es war mir, als enthalte er das +Wort, das sie für mich auf den Lippen gehabt, aber nicht habe aussprechen +mögen, als ich ihn las. + +Er fing mitten in einem Satz an und lautete: »Doch nahm ich zu allem, was +mir begegnete, diese eine Stellung ein. Es sei Liebes oder Leides gewesen, +so sagte ich ihm: ich lasse dich nicht, du segnest mich denn, und so habe +ich schließlich, wenn auch mit verrenkter Hüfte den Sieg behalten, und ich +bin dennoch« -- da endete die Schrift auf dem Blättchen, dessen unendlichen +Lebensinhalt ich von ferne einen Augenblick ahnte, ohne einer Ergänzung zu +bedürfen. Ich barg den Zettel in meiner Brusttasche, wozu ich eben noch +Zeit hatte, da Herr Kasimir eintrat und ich auch von ihm Abschied nehmen +mußte. + +Er lächelte mich, als ich ihm die Hand reichte, hilflos traurig an, und +sagte, indem er seine Augen an mir herauf und hinunter gehen ließ, mit +bedrückter Stimme: »Ja, ja, die Jahre vergehen, es ist unglaublich, wie +schnell sie vergehen und wie sich alles ändert,« was ich freilich ebensogut +als Ausdruck der Trauer über mein Scheiden wie über die Vergänglichkeit der +Dinge überhaupt ansehen konnte und worauf ich nichts zu erwidern wußte. Wir +tauschten noch ein paar Worte ohne viel Inhalt, denn er horchte mit halbem +Gehör nach dem Gang hinaus, da er den Arzt sprechen wollte, ehe dieser das +Haus verließ; ich aber war in aufgerührten Gedanken und Gefühlen +beschäftigt, einige Sätze in mir zu formen, die ich gern der Fräulein +Brigitte noch gesagt hätte zum Abschied. Ja, es war mir in diesem +Augenblick, als könne ich nicht gehen, denn hier sei der Urquell des +Lebens, und er müsse auch mich gleichgültigen und unbewußten Burschen +segnen, da ich seither blind an ihm vorbei gestolpert sei. Aber die +Minuten gingen vorüber, und ich versäumte auch hier den Augenblick über +meiner Herzensunruhe. Es ging draußen die Tür, und ich hörte plötzlich +Herrn Kasimir sagen: »So leben Sie denn wohl, lassen Sie von sich hören und +vielleicht kehren Sie uns einst zurück«; ich fühlte seinen Händedruck und +sah ihn hinausgehen, um den Arzt noch zu erfassen, und ich blieb zurück, +ohne ihm, wie ich wollte, Dank und Anhänglichkeit ausgesprochen zu haben, +wozu ich immerhin Veranlassung gehabt hätte. Da legte sich noch ein +weiterer Stein auf mein Reisegemüt, und ich ging aus dem Hause, dem ich nun +ferner nicht mehr angehörte, mit bedrücktem Herzen, da ich doch hatte als +ein Liebling des Lebens und mit geschwellten Segeln ausfahren wollen. + + * * * * * + +Es dauerte aber nicht lange mit dem Trübsinn und mit der Herzbewegung bei +mir. Ich war nicht dazu angelegt, und ich war stets dem Gegenwärtigen, +Neuen und Täglichen aufgetan. Auch hörte meine Jugend andere Ströme +brausen, als die, von denen Fräulein Brigitte gesprochen hatte, und die sie +auch in Wahrheit von dannen trugen. Es war ein halbes Jahr später, als ich +die Nachricht von ihrem Tode erhielt. Ich fand sie eines späten Abends in +meinem Zimmer, als ich aus einer politischen Versammlung dahin +zurückkehrte, warm und angeregt vom genossenen Wein und mehr vom +Disputieren, an dem ich mich zwar nicht öffentlich, aber nach Schluß der +Versammlung an einem Tisch voller Bekannten und Gesinnungsgenossen +beteiligt hatte. + +Ich fing zu dieser Zeit an, aus allen Brunnen zu trinken, mehr im Gefühl +der Freiheit und daß mir jegliches offen stehe, als aus besonderem Gelüste +nach dem und jenem. Ich nahm am öffentlichen Leben teil, indem ich +Versammlungen von allerlei Art besuchte und meine Meinung über alles +unverzagt preisgab in den Wirtshaussitzungen, die sich daran knüpften, und +gab mir in bezug auf Bescheidenheit im Reden, Meinen und Auftreten weiter +nicht viel Mühe. Es war damals nichts um den Weg, was mich am seidenen oder +goldenen Faden gelenkt hätte zu irgendeiner ernsteren Besinnlichkeit, einer +Liebe oder Frömmigkeit hin, oder wenn etwas da war, so wußte ich es nicht +oder gedachte nicht seiner. Als ich an jenem Abend mein Zimmer betrat und +die Lampe anzündete, taumelte ein dunkler Falter, der auf dem Tisch +gesessen haben mochte, auf und tat summend schwerfällige Flügelschläge um +das Licht her, und ich sah ihm gedankenlos zu oder vielmehr in abwesenden, +selbständig sich tummelnden Gedanken, bis er sich einen Augenblick +niedersetzte und ich den Brief entdeckte, auf dem er saß. Er war von Herrn +Kasimirs steifer Handschrift, der nur an gewissen Stellen wohlerwogene, +würdige Schnörkel angehängt waren und freilich auch, ihm selbst unbewußt, +hie und da kleine, lächerliche Schwänzchen, die das Entzücken eines +graphologischen Seelenkündigers gewesen wären. Nun, ich verstand nichts +davon und dachte auch damals nicht an dergleichen, sondern es durchfuhr +mich beim Anblick des Briefes sogleich das Wissen um seinen Inhalt und +machte mich plötzlich ganz nüchtern, wach und ernsthaft. + +Der Brief war nicht so kurz, als ich hätte erwarten können, da es sich um +die Mitteilung eines Trauerfalls handelte. Und er war auch nicht gleich +nach dem Hingang der schönen Seele entstanden, sondern etwa vierzehn Tage +später, als dem Schreiber in seinem leeren Hause bereits zum vollen +Bewußtsein gekommen war, was er verloren hatte, und wie einsam er nun war. +Es ging eine rührende Klage durch das Blatt hindurch, daß er nicht genug +erkannt habe, was für einen Reichtum er besitze und ihn nicht in seinem +vollen Wert geschätzt habe, daß er die Verstorbene vielleicht habe Mangel +leiden lassen an brüderlicher Liebe und Aufmerksamkeit und es nun nicht +mehr nachholen könne. Ja, ja, es sei immer eine Mahnung da, die sage: »O +lieb', so lang du lieben kannst,« aber man beachte sie zu spät. + +Das alles kam mir unrichtig vor für seinen Fall, da ja die Geschwister +stets einträchtig zusammen gehaust hatten, fast wie Mann und Frau, und ich +nicht begriff, was Herr Kasimir verfehlt haben wollte. + +Ich war noch zu unerfahren, um zu wissen, wie beim Scheiden sich alles +Erlebte unter einem Brennpunkt zusammendrängt, und alles, Liebe, Leid, +erlittener und zugefügter Schmerz, Getanes und Unterlassenes, frisch und +neu da ist und noch einmal vor dem Herzen steht in unbestechlicher +Wahrhaftigkeit. Da ist wohl keiner, der sich sagen kann, daß er nichts +versäumt und nichts falsch gemacht habe und sich nicht noch einmal das +Vergangene zurückwünscht, auch nur auf einen Augenblick, um das Mangelhafte +zu verbessern. Selbst, wenn er lebendig gelebt hat und sich seiner selbst +und des andern stets bewußt war, geht es ihm so, wieviel mehr fällt den +die Wirklichkeit des Geschiedenseins mit scharfen Klauen an, der halb im +Traum dahin gegangen ist und auf einmal aufschreckend sieht, was für immer +hinter ihm liegt, unerreichbar für Liebe und Reue. + +So denke ich jetzt. Wie es in dieser Hinsicht mit Herrn Kasimir bestellt +war, weiß ich nicht. Es gab mir ein wichtiges Gefühl meiner selbst, daß er +mich erwählt hatte, als denjenigen, bei dem er sich aussprach, und ich +setzte mich noch in der Nacht hin, um ihm allerlei weise Trostgedanken, die +mir einfielen, zu schreiben; ich kam aber nicht weit damit, denn während +des Schreibens wurde mir erst recht die Tatsache bewußt, daß auch ich etwas +verloren hatte, und zwar etwas Kostbares, dessengleichen ich so leicht +nicht wieder fand. Ich starrte in die Lampe und ließ die Bilder der Jahre, +die nun schon Vergangenheit waren, an mir vorüberziehen, soweit Fräulein +Brigitte darin zu sehen war in all ihrer feinen Güte, Herzlichkeit und +siegreichen Freudigkeit. Das mangelhafte Körperliche, das sie mit so viel +Würde getragen hatte, war nun abgefallen, und sie war hoch, aufrecht, schön +und triumphierend irgendwie herausgestiegen, was man zwar nicht beweisen +konnte, mir aber unwiderleglich sicher schien, so wenig ich sonst über +derlei Dinge nachdachte. Und mich ergriff plötzlich eine heftige Sehnsucht +nach ihr, als ob ich eine Liebste verloren hätte; ich legte den Kopf auf +den Tisch und sagte leise ihren Namen, schreckte aber entsetzt auf, als +mich etwas Weiches, Feines wehend anrührte. Es war aber nur der +Fenstervorhang, der vom Nachtwind bewegt, um mich herumspielte. Doch wußte +ich in diesem Augenblick, daß das Beste in mir, was ich war und irgend +werden konnte, bei ihr eine Zuflucht gehabt hätte zu aller Zeit, und daß +sie mir entglitten war in die Unendlichkeit hinein; es fror mich im +Tiefsten, und etwas in mir erschrak, wie wenn ein Schläfer zwischen zwei +Träumen in die Höhe fährt und sich der Wirklichkeit bewußt wird. + + * * * * * + +Ich war in meiner jetzigen Stellung nicht im Verkehr mit dem Publikum, wie +zuvor, sondern hatte lediglich Korrespondenzen mit Unbekannten oder auch +nur dem Namen nach Bekannten zu führen und wie sich versteht, auch dies nur +in rein geschäftlicher Beziehung, was in mir einen Hunger nach menschlich +nahen Berührungen erzeugte, denn ich konnte nicht gut für mich allein sein. +Es war nun in dem großen Hause, dem ich als Angestellter angehörte, ein +junger Mann, nicht viel älter als ich, doch so etwa drei bis vier Jahre, +der mich stark anzog. Er hatte, wie ich erfuhr, Philologie studiert, war +aber wegen übermütiger Streiche, die er auf der Universität verübt haben +sollte, und durch die er die Professoren gegen sich aufgebracht hatte, aus +seiner Laufbahn geworfen worden. Doch machte er nichts weniger als den +Eindruck etwa eines verbummelten Studenten oder sonst einer verkrachten +Existenz. Im Gegenteil trat er mit großer Sicherheit und eher etwas +herrisch auf, leistete viel und das mit Leichtigkeit und ließ gelegentlich +durchblicken, daß er seinen jetzigen Beruf nur als Übergang zu einem andern +ansehe. Er wolle sich ganz der Politik widmen, auch etwa eine große Zeitung +redigieren oder dergleichen, das habe indessen alles noch Zeit. Es war, +als habe er alles in der Hand, was er sein oder erreichen wollte, und es +blitzte auch in seinem Gesicht von Geist und Temperament, daß einer nur +hinsehen und staunen und sich ihn zum Freunde wünschen mußte. Wir gingen +öfters miteinander aus, und eines Abends in warmer und aufgeschlossener +Stimmung ließ er sein Glas mit meinem zusammenklingen und bot mir das Du +an. Es wolle bei ihm etwas heißen, wenn er das tue, sagte er, er sei keiner +von denen, die mit der ganzen Welt auf Smollis seien, ich hätte indessen +etwas an mir, was ihn reize, mich zum Freund zu haben, obgleich ich ein +Unschuldslämmchen sei. Oder vielleicht gerade deswegen, setzte er lachend +hinzu. Er müsse mich seiner Mutter zeigen, die dann vielleicht neue +Hoffnung schöpfe, daß er auf ein bürgerlich ehrbares Leben hinsteuere, wenn +er mich vorweise. + +Das Unschuldslämmchen stach mich ein wenig, so sehr die neue Freundschaft +mich beglücken wollte. Es hätte mich mehr geehrt, für einen leichtsinnigen +Tausendsasa gehalten zu werden, denn für ein braves Kind, das man seiner +Mutter vorzeigt, um Lob zu ernten. Olbrich mochte mir das angesehen haben, +denn er sagte gutmütig: »Du mußt das nicht schwer nehmen, im Gegenteil. +Meine Mutter ist das allerfeinste, was ich kenne, es gibt keine Frau, die +ihr gleicht. Wenn ich einen Freund hätte, der ihr gefallen sollte, so müßte +er der auserlesenste Mensch sein, der du vermutlich gar nicht bist. Doch +sei nur ruhig, sie liebt mich, wie ich bin und nimmt an, was ich ihr +bringe, obgleich es schon hie und da harte Brocken waren, die ich ihr zu +beißen zugemutet habe.« Er sah eine Weile vor sich hin, als ob er erst +nachträglich merke, daß wirklich gute Zähne dazu gehört hätten, alles zu +beißen, was er seiner Mutter auf den Tisch gelegt habe, und als ob er +bedenke, daß es vielleicht auch einmal genug damit sein könnte, da man im +Alter sonst gern weicheres Brot und leichtere Speise genieße. + +Wie aus einem solchen Gedankengang heraus, sagte er, mich anblickend: »Du +hast es eigentlich gut in deiner Haut, die dich ordentlich auf dem einmal +gebahnten Weg weitergehen läßt, während in mir ein Feuer ist, das noch +allerlei anstellen kann, und das über mich befiehlt. Wenn ich allein wäre, +käme es mir nicht darauf an, tüchtig in der Welt herumgeworfen zu werden, +denn umzubringen bin ich nicht, aber die alte Frau tut mir leid; sie hätte +es verdient, daß ich ihr Enkelchen ins Haus brächte und sie selbst Sonntags +am Arm spazieren führte als ein braver Sohn und Bürger. Aber ehe das +geschieht, kann noch viel Wasser ins Meer fließen, und kurz und gut, sie +sollte dich zum Sohn haben anstatt meiner, wenigstens so viel ich von dir +kenne.« + +Das sagte Olbrich aber nur, weil er einen Mangel von mir für eine Tugend +hielt und weil er der starken Kräfte, die ihn selber umtrieben, nicht ganz +froh werden konnte. Ich war unberaten und zufällig in meinen Beruf hinein +gegangen, es hätte ebensogut irgendein anderer sein können, und ich hätte +dann das Meinige darin getan, wie ich es in diesem tat, denn ich hatte gute +Gaben und viel Anpassungsvermögen, und es rief mich keine starke Neigung +nach einer andern Seite. Auch hatte ich ein lebhaftes Verlangen nach +äußerem Vorwärtskommen und ein anererbtes Respektgefühl vor dem jeweilig +als Pflicht Übernommenen, das mich zuverlässig und arbeitsam sein ließ. Das +war aber auch alles. Obwohl ich meinen Beruf leidlich ausfüllte, so füllte +er doch mich nicht aus; ich suchte meine Weide und die Stillung meines +Glücks- und Lebensverlangens auf andern Wegen, deren mir ja viele offen +standen, nicht in dem, was ein Mann über alles lieben sollte, im Zentrum +meiner Lebensarbeit. + +Das alles sagte ich meinem neuen Freund nicht und wußte es auch damals noch +nicht wie heute, wo mir der rosige Nebel, der über allen Dingen lag, +vergangen ist und der nüchterne Tag vieles klar gemacht hat, Liebes sowohl +als Leides. Nur meiner Mutter gedachte ich einen Augenblick, als er von der +seinigen sprach, und daß ich ihr auch hätte gönnen mögen, mich so +wohlgeraten zu sehen. Es kamen aber Bekannte an unsern Tisch, und das +Gespräch ging auf allgemeine Dinge über. + +Olbrich zögerte nicht lange, mich in allerlei Kreise einzuführen, in denen +er bereits etwas galt und auch in einen Singverein, der hauptsächlich +klassische Musik zur Aufführung brachte. Ich war in keiner Weise +musikalisch gebildet, aber ich pflegte auf Spaziergängen, oder wenn ich in +meinem Zimmer umherkramte, vor mich hin zu singen, was ich etwa gehört +hatte und was mir im Gedächtnis hängen geblieben war. Darüber wurde ich von +Olbrich betroffen, der mir auf den Kopf zusagte, daß ich eine Stimme habe +und musikalisch sei, und der nicht nachließ, bis ich in den Sängerchor +eingeordnet war, in dem er selbst eine ziemliche Rolle spielte. Meine +Einwendungen in dem Sinne, daß ich ja gar nichts gelernt habe, kaum nach +Noten singen könne und so weiter, verlachte er, da es nicht darauf ankam, +ob man bereits gedrillt sei, sondern ob man die Gaben habe, alles +nachzuholen, was bei mir der Fall sei. Es ging auch richtig ziemlich gut, +und ich war mit Ernst bei der Sache, da es mich selber wunderte, welch +starke und freudige Töne meine Kehle hervorbrachte, und wie sie in dem +Brausen des Männergesangs kräftig mitschwangen. Aber noch erfreulicher war +die Entdeckung, daß all unser Singen doch erst eine Vollendung, ja einen +eigentlichen Zweck bekam, wenn das Heer der weiblichen Stimmen sich darein +mischte und zur Kraft die Süße, zu dem festen Untergrund der Bässe und +Tenöre das hohe, silberne Klingen des Soprans und das warme, +herzandringende des Alts fügte. Ich fühlte mich recht als Glied eines +Ganzen und tat wacker und ehrlich mit, was mir bald einigen gutmütigen +Spott von Olbrich und ein paar andern eintrug, die es darauf abgesehen +hatten, mich als Musterknaben auszuspielen. Sie hatten fast alle unter den +singenden Damen Bekannte, die sie nach Schluß der Proben heimbegleiteten, +und mit denen es unterwegs noch viel Scherz und Gelächter gab, und es +schien, als ob manchen dieser Teil der Sache der wichtigere wäre. Dabei +konnte ich nun schon aus Mangel an Bekanntschaften nicht mittun, aber es +war auch noch etwas anderes bei mir, das nämlich, daß mir auf einmal in ein +ziemlich inhaltloses Leben hinein die Musik wie eine Geliebte getreten war, +der ich mein Herz auftat, und die mich mit Feuer und Andacht erfüllte. Es +wurde mir jetzt nachträglich klar, welch herzliche und innige Schönheit +mich oft angerührt hatte, wenn ich Brigitte Hagenau hatte Klavier spielen +hören und jetzt, nach ihrem Tode, war es mir, als habe sie damals über alle +Kraft und Klarheit ihres Wesens, ja über die geistige Welt, in der sie +lebte, mit mir geredet, ich habe es aber an mir vorübergehen lassen. + +Da war ich denn nun an den Musikabenden meistens verschlossener gegen die +scherzhaften Gespräche, die in den Pausen und nach dem Schluß hin und her +flogen, als es sonst meine Art war, und Olbrich sagte, man müsse mir zu +einem Damenverkehr helfen, denn es sei die Sehnsucht da mitzutun, die mich +so schweigsam mache. Es müsse aber ein feines Mutterkind sein, das man mir +heimzugeleiten gebe, denn ich sei selber noch ein solches und gleich und +gleich geselle sich gern. + +Er hatte mich ehrlich gern und zeigte mir das auch auf jede Weise, nur daß +er es nicht unterlassen konnte, mich mit dem zu necken, was ich meiner +Meinung und meinen Wünschen nach gerade gar nicht war. Ich war nur ohne +Übung im freieren Flug, und ich meinte, mich weltmännisch genug zu betragen +und war auch bereit, noch mehreres darin zu tun, wenn es die Gelegenheit +ergab. Er aber sah den Anlauf, den ich zu diesem allem nehmen mußte, und +hatte etwas wie eine Rührung darüber, die er unter leichtem Spott und +Necken verbarg. Im Grunde war er selber eine durchaus gesunde und +unverdorbene Natur, die sich ruhig ein Stück weit die Zügel schießen lassen +konnte, auf die Dauer aber ihr Gesetz in sich selber nicht überhörte und +nach allerlei Seitensprüngen immer wieder in ihre richtige Lage +zurückkehrte. Ich dagegen horchte viel nach allen Seiten und bemühte mich, +zu tun, was etwa andere, die mir imponierten, für geschmackvoll und richtig +hielten, und es ist nur ein Wunder, daß ich bei alledem doch so ungefähr +auf dem Wege blieb. + +Es begegneten mir freilich immer wieder Menschen von der echten und +lebendigen Sorte, die dem unbewußt Guten, das ich doch auch in mir hatte, +entgegen kamen und es einstweilen für eigen und für bare Münze nahmen, ja +mich liebten, ohne daß ich mir gerade um sie besondere Mühe gab. Ich war es +aber so gewöhnt von jung auf und wunderte mich nicht einmal besonders +darüber. Es mußte alles so sein, wie es war. + + * * * * * + +Olbrich nahm mich eines Sonntags mit zu seiner Mutter, die in einem Vorort +ein kleines Landhaus allein bewohnte, während er selbst ein Zimmer in der +Stadt hatte, schon der Geschäftsnähe wegen, aber auch, um sich ganz +ungehindert bewegen zu können, worin seine Mutter ganz einig mit ihm war. +Sie war schon seit vielen Jahren Witwe und hatte nur diesen einzigen Sohn, +den sie an ihrem Herzen mit einem starken Band angebunden hielt, aber lang +genug, um nichts von Unfreiheit spüren zu lassen. Sie war seine Freundin +und ging mit großem Interesse auf alles ein, was er ihr brachte, ja sie +hatte einen so guten und glücklichen Humor, daß er sich eines spaßhaften +Erlebnisses oder einer lustigen Geschichte erst recht freute, wenn sie mit +ihm darüber gelacht hatte. Diesmal nun erzählte er, er habe diese Woche +einmal bei einem Umtrunk auf die Frage: Bruder, deine Liebste heißt? +geantwortet: Friederike, was alle aufs höchste verwundert habe, denn man +sei gewöhnlich mit dem Gegenstand seiner Neigung auf dem Laufenden und habe +in der ganzen Stadt keine Friederike gekannt, um die es sich habe handeln +können. Er habe ihnen aber nicht entdeckt, daß es sich bei dem +geheimnisvollen Kleinod um seine Mutter handle und lasse sie nun alle +zappeln. Darüber lachten sie beide herzlich, und ich entdeckte, daß sie +einander im Lachen, ich möchte sagen, lächerlich ähnlich sahen, aber ich +sah auch den vollen Glücksblick, den die Mutter während des Lachens auf den +Sohn warf, und der mich wunderlich aufrührte. Ich hätte etwas darum +gegeben, auch einen solchen Blick auf mir ruhen zu sehen, und dachte eines +Anlasses, der um einige Zeit zurücklag. + +Ich war nämlich auf der Reise zwischen beiden Orten ein paar Tage zu Haus +gewesen, um die Hochzeit meiner Schwester Helene mitzufeiern, die eigens um +meinetwillen auf diese Zeit gelegt worden war. Die guten Schwestern hatten +alles getan, um mich behaglich, oder, wie sie meinten, würdig aufzunehmen, +es hatte an keinem Guten gefehlt. Sie waren nun schon in das Haus +umgezogen, das der Schreiner gekauft und nach Möglichkeit hergerichtet +hatte. Luise wohnte im Unterstock, und dort war auch für mich eine Kammer +bereit, die Luise so wohnlich als möglich gemacht und geschmückt hatte. Es +hingen Vorhänge an den Fenstern und Bilder, von denen sie gedacht hatte, +daß sie mir gefallen würden, an den Wänden, und Luise hoffte auf mein +freudiges Erstaunen und auf die Äußerungen eines befriedigten +Heimatsgefühls. Aber ich fand sowohl die Liebespaare an den Wänden, als die +blaue Tapete scheußlich, und sagte das zwar nicht, aber auch nichts Gutes, +und litt selber unter einer schlechten, enttäuschten und widerwärtigen +Stimmung, die ich nicht ganz verdecken konnte. Es war weder die alte, +einfache, fast ärmliche Heimat mehr, die mich schon um der Erinnerung +willen an sich gezogen hätte, noch als Ersatz dafür ein Ort, an dem es +meinem jetzigen Selbst entsprechend zuging und aussah. Sondern es waren +Kraftanstrengungen gemacht worden, um ein bißchen Schönheit oder Eleganz in +die Räume zu bringen, und ich sah nicht den guten Willen und das Verlangen +nach einem freundlichen Aufstieg, sondern nur das mißratene (nach meinem +Dafürhalten) in der Ausführung. + +Dazu kam, daß ich mich mit dem Schwager nicht verstand, was ich ja +vorausgesehen hatte, und daß sich Helene darüber betrübte. Nachträglich +spürte ich wohl, daß es an mir selber gelegen war, aber das machte die +Sache nicht besser. Ich hatte dem jungen Paar als Hochzeitsgeschenk ein +Büchergestell mit einigen Klassikerbänden mitgebracht, worüber sich Helene +kindlich freute. Sie hängte das hübsch gearbeitete Brett auch sogleich im +sogenannten guten Zimmer auf und stellte zu meinem Grauen ein paar kleine +lackierte Gipsbüsten oben darauf, die Schiller und Goethe vorstellen +sollten, und die ihr der Bräutigam gekauft hatte. Letzteres wußte ich +nicht, sonst hätte ich mich wohl zurückgehalten, zu sagen: »Laß' doch die +Scheusale weg, die ich am liebsten durchs Fenster werfen möchte; viel +besser nichts, als solche Greuel.« Ich sagte es etwas heftig, denn es +entlud sich allerlei angesammelter Unmut in den paar Worten, Helene aber +bekam eine dunkle Röte ins Gesicht und schaute mich verwundert an oder +vielmehr verwundet. Der Schwager aber sah von seiner Zeitung auf, in der +er eben las, und sagte scharf: »Es haben nicht alle Leute die Mittel, teure +Sachen zu kaufen und aufzustellen,« worauf er wieder weiter las oder doch +dergleichen tat. Dieser Satz nun traf das, was ich gesagt hatte, nicht, +indem es sich nicht ums Geld, sondern um den Geschmack handelte, und war +vielleicht auch nicht tiefer zu nehmen, aber ich sah darin den längst +erwarteten Vorwurf über meinen Geldverbrauch auf Kosten der Schwestern, und +ging stumm, aber innerlich rasend, aus dem Zimmer. Das war am Vorabend der +Hochzeit; ich wäre aber am liebsten sogleich abgefahren und hätte es +vielleicht auch getan, wenn es mir nicht um das Aufsehen gewesen wäre, das +es erregt hätte, und schließlich doch auch um die Schwestern, denen ich das +Leid nicht antun mochte. So blieb ich denn und faßte mich auch +einigermaßen, was mir die Schwestern nicht genug danken konnten. Ich war +auch ein leidlich liebenswürdiger Brautführer, Festordner und Tänzer am +andern Tag, stieß sogar mit dem Schwager an, der gar nicht wußte, was er +angerichtet hatte, weil er meinte, ich lebe schon lang von eigenem Gelde, +und küßte Helene, ehe sie mit ihrem Mann auf drei Tage zu seinen Verwandten +reiste. Unter diesem Kuß fing das liebe Mädchen, oder die junge Frau, die +sie nun war, so heftig und innig an zu weinen, daß ich es nicht unterlassen +konnte, sie noch ein paarmal tröstend weiterzuküssen, worauf sie unter +Tränen lachend sagte: »Ach, du bist doch ein guter Kerl,« und sich nach +einem Taschentuch umsah, das sie gerade nicht zur Hand hatte, um sich die +Augen abzutrocknen. Luise hatte die ihrigen selber voll Wasser, es reichte +aber ihr festliches Spitzentüchlein für beide Schwesterngesichter, die sich +noch einmal fest aneinanderschmiegten vor der großen Trennung, die freilich +so gar einschneidend nicht war, weil sie nachher fast gleich miteinander +fortlebten wie bisher. Der Mann war nichts so Neues für sie, da er schon +lange dabei gewesen war. Ich muß auch bekennen, daß er meine beiden +Schwestern hoch und wert hielt und ihnen auf seine Weise zulieb tat, was er +konnte, viel mehr als ich in bösen Zeiten. + +Doch fällt in jene Tage noch ein freundlicher Strahl, an dem ich mir unter +den glücklich lachenden Augen von Mutter und Sohn ein wenig gütlich tat. + +Als nämlich das junge Ehepaar abgefahren war in dem Kütschchen eines +Vetters, überkam mich, vielleicht in dem Wohlgefühl über den zärtlichen +Abschied mit Helene, eine plötzliche Lustigkeit. Ich faßte Luise, die +gerade ein bißchen traurig sein wollte, um den Leib und zwang sie, sich mit +mir in der engen Stube zu drehen, wozu ich ein Liedchen pfiff; darüber +mußte sie wider Willen lachen, und wir beide kamen in eine höchst +behagliche Stimmung, in der wir beschlossen, noch einen schönen Abend +miteinander zu haben und Lotte Meister abzuholen in einen aussichtsreichen +Wirtsgarten. Es wurde ein gutes Beisammensein, an das ich gerne denke. Wir +saßen beim sinkenden Abend und noch späterhin in einem kleinen, erhöht +gelegenen Tempelchen, abseits von den übrigen Gartengästen und genossen ein +gutes Nachtessen, bei dem ich zum erstenmal in meinem Leben meine +Schwester frei hielt. Um uns her standen hohe Bäume, deren volle Kronen +leise rauschten, unter uns zog der breite Fluß vorbei mit eiligen Wellen, +und wir saßen in einem freudigen Wohlsein und auch einer kleinen Wehmut, +weil alles so schnell vorüberging, beisammen und plauderten von allerlei +Dingen. Unter anderem sagte Luise: »Du, hör' einmal, Ludwig, der Herr +Professor, der dich einmal hat malen sollen, ist vorigen Herbst gestorben, +und seine Tochter, die mit den Kindern bei ihm gelebt hat, ist wieder bei +ihrem Mann, aber in Amerika. Es geht oft sonderbar zu. Die hätten doch +ihrer Lebtag beisammen sein können. Es heißt, er habe es mit einer andern +gehabt und sei jetzt krank und elend. Da ist sie jetzt der Gutgenug. Aber, +was rechte Frauen sind, die sind wie die Mütter, die Liebe ist nicht zum +Umbringen in ihnen. Ich glaube, sie hat immer gewartet, daß er sie wieder +zu sich ruft.« + +»Wo ist denn ihre Tochter, die Maidi?« fragte ich. »Ist die auch mit nach +Amerika gegangen?« + +»Ach nein, die studiert irgendwo auf die Malerei; sie habe es vom Großvater +geerbt, daß sie malen müsse. Es ist schade, sie gäbe eine liebe Frau, ich +habe schon gedacht, so eine wie sie, möchte ich dir wünschen, sie ist so +fein und doch nicht stolz. Wie einem halt so Gedanken kommen. Es wird ihrer +noch mehr solche geben.« + +Das meinte ich auch, es gab massenhaft feine Mädchen, das war gut +eingerichtet; ich konnte aber nicht unterlassen, die Frauen zu belehren, +daß die Maidi darum doch heiraten könne, wenn sie auch Malerin sei, das +komme oft vor. Sie könne ja dann das Malen aufgeben, oder man könne ihr +eine gute Köchin halten. Darüber nickten sie einverstanden, und wir lachten +alle drei, daß wir so schön einig waren, während doch keines von uns wußte, +wo sich das Malweibchen umhertrieb und es uns auch gleichgültig war. + +An diesen Abend und den darauffolgenden Tag dachte ich jetzt und hätte gern +das freudige und stolze Gesicht meiner Schwester Luise wieder einmal +aufleuchten gesehen, mit dem sie mich von sich gelassen hatte. In der +Zwischenzeit hatte ich es so ziemlich vergessen gehabt. + +Damals, als ich ging, stand sie am Bügeltisch unter ihren Gehilfinnen; sie +konnte mich nicht begleiten, denn es war über die Hochzeit viel versäumt +worden. Aber sie sah mich voller Liebe an und sagte: »Gelt, komm' auch +wieder, daß man warm bleibt miteinander,« und in diesem Augenblick dachte +ich auch, daß ich es tun wolle, ja, ich hätte sie gern geküßt, wenn es +wegen der Bügelmädchen angegangen wäre. Und alles in mir war voller +Zugehörigkeit, Respekt und Wohlgefallen; denn sie stand da so tüchtig und +wacker an ihrem Platz, als eine ganze Person, aber mich liebte sie über +alles, und in mir wallte es zu ihr hin, wie zu einer Heimat. Man konnte es +nur freilich nicht aussprechen, denn so etwas sagte man nicht, auch saß mir +etwas Ungewohntes im Halse, und ich drückte ihr nur die Hand, das mußte für +alles gelten und galt auch. + +Diese Erinnerungen gingen in einem Augenblick an mir vorüber, im nächsten +war ich wieder hier am Platze, doch blieb noch etwas in mir zurück, was +mich heute noch wundert. Ich dachte nämlich: wenn ich nun gefragt worden +wäre, wie meine Liebste heiße, was hätte ich dann gesagt? Und es antwortete +in mir zu meiner Überraschung: Maidi. Das erschien mir als ein Unsinn, denn +ich hatte ja das Mädchen nur als halbes Kind und dann nie mehr gesehen, und +es war jetzt irgendwo in der Fremde, Gott mochte wissen, wo, es war mir +auch gleich. Aber das vorwitzige Stimmlein in mir sagte immer noch Maidi +und erinnerte mich daran, daß ich schon einmal ihr Bräutigam gewesen sei, +da mußte ich in Gedanken daran ein bißchen vor mich hinlachen. Das fiel +aber nicht auf, da es ohnehin heiter und traulich zuging, und ich dachte +weiter: Nun, ein Unding wäre es nicht, sie war hübsch und fein und lieb +genug, und ich spielte ein wenig mit ihrem Bilde. Wir stießen auch gleich +darauf an mit hohen, feinen Stengelgläsern, in denen blaßroter +Stachelbeerwein war, und da es einen hellen Doppelklang gab, läutete das +Stimmchen in mir mit: Maidi, was mich zugleich belustigte und erwärmte. +Denn es schien mir plötzlich, als hätte ich einen heimlichen Schatz. + +Frau Olbrich war so einfach mütterlich und natürlich mit mir, als habe sie +mich längst gekannt und füllte mir beim Gehen die Taschen mit Birnen aus +ihrem Garten, wie einem großen Buben, und ihr Sohn stand befriedigt dabei. +»Siehst du,« sagte er auf dem Heimweg, »siehst du, meine alte Herzensdame +hat schon auf dich angebissen, ich habe es wohl gewußt. Du hast so etwas an +dir, was alten Frauen gefällt, sie möchten dann die Hände über dich +breiten, daß du ein braves Kind bleibst; so etwas tun sie gern. Meine +Mutter hat gesagt, du seiest weiches Wachs, man sehe alle Eindrücke an +dir, es könne noch alles aus dir werden. Du müssest nur die richtige Frau +haben, das sei der entscheidende Punkt.« + +Ich knurrte ein wenig, und er lachte: »Das ist ihr bei mir auch das +Wichtigste; sie weiß aber wohl, daß ich keine nehme, die nicht zu mir paßt +und vielleicht auch gar keine. Denn noch eine solche, wie sie, finde ich +doch nicht.« Das alles brachte er in leichtsinnig sein sollendem Tone vor, +man merkte aber gut, wie stark er am Herzbändel seiner Mutter angebunden +und wie wohl es ihm dabei war, alles andere ungeachtet. Ich konnte ihn fast +beneiden, es ging aber noch etwas Frohes in mir um von meinem Gedankenspiel +mit dem Kinderbräutchen her, es war mir, als gehe Maidi irgend woher auf +mich zu, so, wie ich sie das letztemal gesehen hatte, in ihren hübschen +Schuhen und unter dem Margeritenkranz. + +Solcherlei Gedankenspiele hatte ich oft, ich dachte mir dann etwas aus bis +ins einzelne und war verwundert, wenn ich um mich schaute, und alles anders +war. Doch diesmal war es in Wahrheit, als sei von ihr, die so stark in mein +Leben treten sollte, und die mir näher war, als ich wußte, schon eine +Vorahnung in der Luft gelegen. Es begegnete uns ein junges Mädchen, das +ihr, wie ich meinte, so sehr glich, daß ich erschrak und sie anstarrte, und +es rief eine weibliche Stimme in einem dunklen Garten mit langgezogenem Ton +den klingenden Namen, den ich sonst nie gehört hatte. Aber das alles traf +und berührte mich nur, weil sie in mir selbst aus dem Dunkel der +Vergangenheit emporgetaucht war. + +Ich habe oft in meinem Leben den Frühling vorausgespürt und voll +herzklopfender Ahnung sein Kommen ersehnt, wenn er Tauwinde, blühenden +Seidelbast und frühe Vogelstimmen vorausschickte, aber von dem kurzen und +holden Frühling meines Lebens konnte ich nichts voraus wissen, und ich kann +nicht sagen, wie es kam, daß ich ihn dennoch vernahm, wie ein liebliches +Geläute, von dem man nicht weiß, woher es tönt und was es bedeutet. + + * * * * * + +Es waren zu dieser Zeit die Vorbereitungen für ein großes Musikfest im +Gang, an dem sich alle besseren Musikvereine der Stadt, ja des Landes, +beteiligen sollten. Ein berühmter Dirigent, bei dessen bloßer Namennennung +alle Herzen der Sänger und der Hörer höher schlugen, war angeworben, um +unter seinem Stab alle Bäche und Flüsse der Musik, die sonst für sich +allein dahinplätscherten oder strömten, in ein einziges großes Meer von +Tönen zu versammeln. Inzwischen aber übten die einzelnen Vereine mit mehr +Nachdruck als sonst ihre Melodien ein, nicht um nachher mit Glanz +hervorzutreten, sondern um die Fähigkeit zu erwerben, völlig im ganzen +untergehend, es dennoch in ihrem Teil mit Kraft und Schönheit zu erfüllen. + +Auch gleichgültige und zerstreutere Liebhaber der Liederkunst rafften sich +zusammen, weil es galt, und ließen die Allotria, die sie sonst wohl +danebenher getrieben hatten, beiseite, um ernstlich und wacker im Takt +mitzumarschieren, und ihre Stimmen nahmen zu an Reinheit und Kraft, je mehr +die Besitzer des inneren Schwunges teilhaftig wurden. Es traten auch +einzelne Persönlichkeiten, die sich sonst abseits gehalten hatten, um +daheim in ihren Häusern eine vornehme Musik zu pflegen, aus ihrer +Verborgenheit hervor und stellten sich in die Reihen, wie im Krieg die +Freiwilligen unter die Fahnen eilen und nichts mehr für sich selber sein +wollen um der Sache willen. Da war nun auch ich mit Leib und Seele dabei; +es war wohl kaum vorher und nachher eine Zeit in meinem Leben, wo mir so +das Ich versank um eines Höheren willen, in dem es aufgehen konnte, wie +damals. Die Zeichen mehrten sich, daß die Zeit erfüllet werde. Schon nahm +ein verdienter Tonmeister der Stadt die Zügel in die Hand, um einzelne +Chöre mit verschiedenen Vereinen zusammen zu probieren, und das geschah in +einer großen Halle, die eigens für das Fest aus leichten Balken und +Brettern gezimmert worden war, und Tausende von Menschen fassen konnte. +Noch ermangelte der riesige Raum des festlichen Schmuckes der Tücher, +Fahnen und Laubgewinde, der ihm zugedacht war, aber machtvoll und freudig +erklangen darin die Chöre und versprachen schön zu werden, wenn sie, von +aller Schwere und Unreinheit befreit, auf breiten Wogen am Tage des Festes +durch die Halle fluten würden, vereint mit anderen gereinigten Strömen. + +Noch war es freilich nicht so weit; das Taktstöcklein des Dirigenten fiel +oft genug und mit wachsender Ungeduld hart klopfend auf das Pult, die +Sänger belehrend, daß ihrer Emporläuterung zum Vollkommenen hin noch lange +nicht genug getan sei. Es ging scharf zu, und das bei den Männern wie bei +den Frauen, ja es dünkte mich, als seien die letzteren noch härter +mitgenommen als wir. Als nun einmal der Sopran für sich allein eine Stelle +vier- oder fünfmal wiederholen mußte und ich müßig zusah, wie die +angespannten Sängerinnen sich mühten, das Höchste zu leisten, fiel mein +Auge auf ein Mädchengesicht, das ganz versunken weder auf den Dirigenten +noch in die Noten sah, sondern in sich selbst hinein zu horchen schien, +woher ihm ohne Mühe die Melodien zuflössen, die es leicht hervorbrachte und +mit einem weichen, taktmäßigen Wiegen des Oberkörpers begleitete. + +»Warum zum Kuckuck sieht sie denn nicht auf den Dirigenten, wenn es gilt +wie jetzt?« dachte ich mit polizeidienerhaftem Ärger, als in dem Augenblick +sich das Gesicht dem befohlenen Punkt zuwandte und einen oder ein paar +Takte lang darauf verweilte, bis sich ein unwiderstehlich belustigtes +Lächeln über die ganze Fläche verbreitete und die Augen wieder in ihre +Versunkenheit zurückgingen. Sogleich aber wußte ich, daß das Mädchen nur +deshalb in sich selbst hineinsah, weil ihm der Anblick des heftig +fuchtelnden Mannes einen unbesieglichen Lachreiz erweckte und es in seiner +andächtigen Hingabe an die Musik störte. Aber während in mir der brennende +Wunsch entstand, sie möchte das hübsche Schauspiel noch einmal aufführen +und ich sie erwartungsvoll ansah, kam mir die Sängerin immer bekannter vor. +Sie trug ein loses Kleid von grüner Farbe, das mit einer schmalen Goldborte +unter der Brust zusammengehalten war, und hatte ein leichtes +Schleiertüchlein am Halsausschnitt, aus dem heraus lieblich und jetzt +wieder ganz ernsthaft das Singewesen stieg. Wo aber hatte ich schon einen +Kopf so frei und freudig tragen sehen, und wo nahm das Mädchen die Züge +her, die mir mit jedem Augenblick vertrauter wurden? Sie sollte jetzt +einmal einen Augenblick aufhören, zu singen, daß man sie in Ruhe betrachten +konnte, das feste Kinn und den blühenden Mund und die Augen, die vorhin so +heiter aufgeleuchtet hatten. Aber das dauerte nicht so lang als die +Beschreibung, so sagte das schon einmal angeführte Stimmlein in mir halb +zweifelhaft und halb triumphierend: Maidi? Der Verstand wandte ein, die +Sängerin sei größer, schmaler und von dunklerem Blond als die Maidi aus der +Vaterstadt und trage die Haare tief gescheitelt und aufgesteckt, was jene +auch nicht gehabt habe; worauf es sagte, natürlich, begreiflich, denn es +sei fünf Jahre her seit damals, und ich müsse nicht etwa meinen, daß ich +mich in dieser Zeit nicht auch verändert habe. Ich erwiderte hierauf, falls +es je die betreffende junge Dame sein sollte, die aber für mich noch nie +Maidi geheißen habe (jene Stunde in dem grünen Garten ausgenommen), so habe +das weiter für mich nichts zu sagen. Oder ob ich vielleicht hingehen solle +und fragen, ob sie sich erinnere, einmal mit mir auf dem Markt +herumgestrichen und beim Kasperle gestanden zu sein? Außerdem handle es +sich sicher um eine zufällige Ähnlichkeit. Das aber glaubte mein Herz, das +sich auf einmal in die Sache zu mischen anfing, keineswegs, und es entstand +ein heftiger Disput in mir mit Für und Wider, der nur obenhin geschweiget +wurde, als auch wir Männer wieder mitzusingen hatten. Ich kam nun mit mir +überein, die Sängerin, sie sei, wer sie wolle, in eine nähere Beziehung zu +mir zu denken. Sie sang gewissermaßen ein Duett mit mir, zu dem die andern +den Chorus bildeten. Wenn ihre Stimme empor frohlockte, so hielt ihr die +meinige die Leiter dazu, und wenn ich ihr ein neues Thema angab, so ging +sie lieblich und bereitwillig darauf ein und machte etwas so Schönes +daraus, daß mir die Brust vor Wonne schwoll. Daß sie mich dabei nicht +ansah, war weiter nicht zu verwundern, es war genug, daß ihre Stimme mit +der meinigen zusammenklang, es war eine schönere Gemeinschaft, als ich sie +je besessen hatte. Als die Probe aus war, verschwand sie sogleich, und ich +spürte ihr auch nicht nach, denn auf der Straße wäre sie nicht mehr +dieselbe gewesen, aber ich wartete mit brennendem Verlangen auf die nächste +Singgelegenheit, die auch bald erschien und die heimliche Wonne fortsetzte. +Es war mir jetzt, als sei die Musik, meine unbesprochene Geliebte, aus +ihrer Verborgenheit hervorgetreten in einem grünen Kleide und einem +Heiligenschein von blondem Kraushaar, das sich aus den Scheiteln +herausdrängte, und alles sei voller Wohlklang, solange sie im Saal regiere. +Aber auf einmal sah ich, daß die Göttin mich aufmerksam und prüfend ansah +in einer Pause, und daß sich über ihr Gesicht ein ungläubiges Staunen und +dann ein kleines Lächeln verbreitete, und sie wurde mit einem Schlag zum +Menschenkind, das mich zögernd und fragweise, ob ich es auch sei, mit einem +Augenwink grüßte. Da war es Maidi, ich hatte es aber schon lang gewußt. + +Doch fand ich noch nicht so schnell den Weg zu ihr, denn ich war seltsam +befangen, was ich sonst nicht an mir kannte, und mochte mich nicht durch +die Menge drängen, oder sie am Tor erwarten. Ich sah sie aber einmal in +einer Gruppe junger Leute beiderlei Geschlechts die Halle verlassen und +dachte, sie habe ja wohl schon ihren Umgang und habe nicht auf mich +gewartet, was ja auch begreiflich genug sei: Da suchte ich wieder in die +schöne und heilsame Ichlosigkeit der ersten Wochen unterzutauchen, in der +es mir so wohl gewesen war, sie ließ sich aber nicht erjagen und war +vorbei, doch aus dem Meer von klingenden Wogen und Wellen war eine Gestalt +aufgetaucht, nach der ich hinsehen mußte, wie nach einem anderen Ich. + +Inzwischen kam das Fest heran. Ich hatte etwas so Großes und nach meinen +Begriffen unirdisch Schönes noch nicht erlebt und ging nach dem ersten +Abend, der nicht von Menschenstimmen, sondern von einem Riesenorchester +erlesener Streichinstrumente gespeist worden war, in einem halben Rausch +und einer ganzen Begeisterung in den Anlagen umher, in denen die Festhalle +stand, und in denen viel Volks lustwandelte, festlich geschmückt und in +guter Stimmung, denn sie waren, wie einst die Juden und die Griechen zu +ihren Festen, aus vielen Orten zusammengekommen zu dem einen schönen Zweck +und hatten jetzt bereits Nektar und Ambrosia gegessen und getrunken, morgen +aber gab es mehr davon. + +Es waren da und dort leichte Zelte zur Bewirtung der Gäste aufgestellt, die +nicht von der Götterspeise allein leben mochten oder konnten, und auch in +ihnen ging es zwar lebhaft und freudig, aber doch nicht ausgelassen zu, +denn noch hingen, wie Weihrauchwolken von Opferaltären, die eben +verklungenen Harmonien von zwei Beethovensymphonien in den Wipfeln der +Bäume und stiegen, langsam einen Ausweg suchend, zum gestirnten Himmel +auf. Ich suchte Olbrich und einige andere Gesellen, die sich nach +Verabredung zusammen getan hatten, um noch eine Flasche Wein miteinander zu +trinken und die ich hatte vorausgehen lassen, weil ich noch zu erregt war, +um ihre unausbleiblichen Scherze, Kritiken und Neckereien, an denen ich +mich sonst gern beteiligte, mitanzuhören. Ich summte leise die und jene +Takte der Musik vor mich hin, und alle Nerven waren in mir aufgespannte +Saiten, die mitspielten und mich den vollen Strom noch einmal hören ließen, +und in allen Adern kreisten eingeschlossene Quellen des Lebens, die an ihre +Pforten klopften, weil sie aufgerufen worden waren; es war eine Qual voller +Glück. Jenseits des Rondells, das ich eben umging, trat in den Lichtkreis +einer Bogenlampe, die in dem grünen Geäst eines Ahorns hing, eine +Gesellschaft junger Mädchen in hellen Kleidern; sie plauderten und lachten, +und als ich näher zusah, war Maidi unter ihnen. Sie war still und es schien +mir, als sehe sie suchend umher, da brannte mich etwas im Innersten, denn +wen suchte sie wohl, und warum mußte ich hier allein sein? Sie trug immer +noch den Kopf in einer so festlichen und freudigen Haltung wie einst, ich +hatte das noch bei keinem Menschen so gesehen, aber ihr Gesicht war +zugeschlossen und ernst. Ich hatte stürmisches Herzklopfen und wußte nicht +warum. Als der hellgefiederte Schwarm auf mich zukam, trat ich in einen +Seitenweg ein und ging ihn auch zu Ende bis an eine kleine Wirtslaube, die +von einer einzigen Flamme matt erhellt war. Es saßen ein paar stille Zecher +darin, jeder für sich vor seinem Wein, und auch ich setzte mich an ein +Ende des Tisches und bekam einen gefüllten Römer vor mich hingesetzt. Ich +betrachtete einen graubärtigen Mann mit langem und schlecht gepflegtem +Künstlerhaar. Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und hielt +den Kopf tief gesenkt. + +»Dem geht's wie mir,« dachte ich. »Auch er ist allein und muß alles in sich +selbst verarbeiten.« Und es war mir, als müßte ich mit allem Drang in der +Brust mein Leben lang für mich bleiben und einsam alt werden; ich trank +ziemlich viel von dem guten und tröstlichen Wein und hörte auf einmal den +Alten sagen: »Liebeskummer?« Aber als ich ihn zornig ansah, lächelte er in +sich hinein, als wisse er gar nichts von mir. + +Da stand ich auf, zahlte und ging. Mir war sehnsüchtig und heimwehig +zumute. + +Aber am andern Tag war es vorbei. Olbrich fragte mich, wo ich gewesen sei; +sie hätten lang auf mich gewartet und seien darum endlos sitzen geblieben, +was ich nun zu verantworten habe, und ich verteidigte mich lachend, da sie +auch früher ohne mich lange Sitzungen gehalten hätten; ich hätte noch +frische Luft gebraucht nach der Hitze in der Halle. + +Er sah mich aufmerksam an, denn ich ging auf einmal eigene Wege und hatte +etwas Entschlossenes an mir. Ich hatte mir beim Aufstehen vorgenommen, daß +heute ein Knopf an die Sache mit der Maidi gemacht werde, so oder so. +Entweder ich ging hin und sagte: Guten Tag, kennen Sie mich noch?, oder ich +ging meiner Wege und ließ sie laufen. Eins oder das andere. + +In dieser Entschlossenheit ging ich den ganzen Tag umher und duldete nicht, +daß der kleinste Zweifel darein kam, es war aber Gefahr vorhanden, daß mir +das ganze Fest zuschanden kam, denn bald war ich auf dem einen Punkt, bald +auf dem andern, wie konnte ich da an etwas anderes denken? + +Aber es ging viel einfacher zu, als ich meinte. Denn als ich am Abend in +die Halle trat, ging Maidi mit mir zu der schmalen Hintertür herein, die +für die Sänger bestimmt war. Sie sah mich freimütig erkennend an und sagte: +»So sind Sie es also doch gewesen. Ich habe Sie in der Probe gesehen und +von weitem gegrüßt, aber Sie waren so fremd und finster, daß ich dachte, +ich hätte mich geirrt, oder Sie wollten mich nicht mehr kennen. Aber jetzt +ist weder das eine noch das andere wahr.« + +So konnte sie wohl sagen, da sie mein erfreutes Gesicht sah, das ich ihr +nicht verbarg, und den festen Druck spürte, mit dem ich in der +Erleichterung meines Herzens ihre Hand hielt und schüttelte. + +War sie es denn aber noch bei näherer Betrachtung? Oder wie war das Wesen, +in welches das zutrauliche, lustige Mädchen von damals sich verwandelt +hatte, beschaffen? Gott sei Dank, nicht viel anders, als ich sie noch im +Sinn hatte, das heißt: aufrecht und mit erwartungsvoll schreitendem Gang, +sicher, freudig und einfachen Wesens, ohne alle Ziererei, aber dabei +königlich in der Haltung, wie sie es von ihrem silberglänzenden Großvater +ererbt hatte. Es war aber noch viel hinzugekommen, was ich nicht aufs +erstemal erfassen konnte, und worin sie mir weit über war. Denn sie hatte +in ihrer blühenden Jugend dem furchtbaren Ernst des Lebens ins Gesicht +gesehen und eine Reife dabei empfangen, die man mit Schmerzen zahlt und +mit dem Zauber der hinträumenden Unbewußtheit. Schicksale waren vor ihr +aufgestanden, die ihre nächsten Menschen betrafen; es war nicht so einfach, +gut zu sein und friedlich beisammen zu wohnen. Man konnte mit +Leidenschaften beladen in der Welt umher irren und daran zugrunde gehen, +und es konnte dann dennoch das Wunder über einen geschehen, daß im tiefsten +Elend noch die Liebe sich aufmachte und erlösend zu einem trat; so war es +bei ihrem Vater. Und es konnte sein, daß die liebste Liebe verraten und +zertreten wurde und litt und doch nicht unterging, sondern wie ein +bedecktes Feuer unter der Asche weiter glühte und wartete. Aber wenn dann +ihre Zeit noch einmal kam und ein Sturmwind sie neu anblies, dann mußte sie +andern nehmen, was sie dem einen gab, und es war eine Not ohnegleichen. So +war es bei ihrer Mutter, die sich von den Kindern gelöst hatte und von dem +alten Vater, um zu dem Mann zu gehen, der ihr Glück und ihr Unglück gewesen +war. Und es konnte kommen, daß man sich zwischen zwei liebste Menschen +stellen mußte und den, der einem am wehsten tat, decken vor dem, dem man im +stillen recht gab, der Sache nach. So war es Maidi gegangen, als der +Großvater gegen die Mutter tobte und fluchte, daß sie gehe. Sie hätte sie +gern gehalten, denn war nicht hier ihre Aufgabe und ihre Heimat? Wie konnte +sie dorthin gehen, wo ein unnennbares Grauen wohnte? Und doch küßte sie die +bleichen Lippen, die immer sagten: ich muß doch, begreift es denn niemand?, +und hieß sie gehen, obgleich es ein dunkles Rätsel war. Voller Rätsel war +das Leben und auch voller Stürme. Der heitere Greis mit seiner +prachtvollen Lust am Leben wurde dennoch vom Tod hingemäht, und auch sein +Glanz war nicht ohne Trübung. Denn er hatte nie für die Zukunft gesorgt, +weder für sich, noch für die Seinen. Sparen und vorsorgen schien ihm eine +geringe und hausbackene Tugend zu sein für Krämer und enge Bürger recht, +aber nicht für Könige, Lieblinge des Lebens und der Kunst. Er war bewundert +gewesen, geliebt von Frauen und Männern, heiter, freigebig und voll gütiger +Launen, aber es blieb nichts übrig für die geliebten Kinder seiner Tochter, +die in Fülle und mit dem leuchtenden Sinn für das Schöne herangewachsen +waren. Das alte Haus und der grüne Garten waren verkauft, es war nicht +leicht, daran zu denken und nicht leicht, das geliebte Bild des alten Herrn +ganz strahlend hell im Herzen zu haben. + +Schwer und unbegreiflich war vieles im Leben; es meißelte weiche, +jugendliche Züge und gab ihnen feste, bestimmte Linien, und es ließ +lachende Augen, die überall den Sonnenschein auffingen, wach und wissend in +den Tag sehen. + +Das alles erfuhr ich erst nach und nach, aber etwas davon ging mir beim +ersten Sehen auf, ein Ernst und eine reife Überlegenheit, vor der ich fast +erschrak, denn ich hatte das nicht erwartet. Aber Gott sei Dank, es hatte +das Jungsein doch noch daneben Platz oder vielmehr, es brach daraus hervor, +wie eine verschüttete Pflanze aus wüstem Geröll oder wie der Saft aus einem +zurückgeschnittenen Baum, der übermächtig treibt und die Wunden zudeckt mit +neuen grünen Trieben. Es mußte ja nicht immer so düster kommen, man hatte +ja sein eigenes Leben zu leben, das erst vor einem lag und in dem es gut +und hell zugehen mußte, allem Dunklen zum Trotz. + +Das alles gab mir Maidi nach und nach zu sehen und zu kosten, den Ernst und +den Stolz und das Lachen, ich habe es aber gleich auf einmal heraufgeholt, +weil ich meine, keinen Zug ihres geliebten Bildes verschweigen zu können, +wenn ich von ihr rede, auch keinen Augenblick. + +Sie war nicht auf der Malerakademie, wie meine Schwester Luise gemeint +hatte, sondern in einer Kunstgewerbeschule, wo sie in absehbarer Zeit zu +Beruf und eigenem Verdienst kommen konnte. Ihr Bruder, den sie sehr liebte, +war irgendwo auf einer Hochschule, wozu ihm Stipendien verhalfen aus +reichen alten Stiftungen eigener Vorfahren. Er war begabt, und sie war +stolz auf ihn, sie war nicht im Zweifel, daß es einmal wieder gut kam im +Leben. + +Von dem allem erfuhr ich bei der ersten Begrüßung nur das Äußerlichste, so +viel ungefähr, daß ich wußte, ich habe es nicht mit einem Wesen zu tun, das +nach eigener Wahl und aus innerem Müssen den schönen Künsten nachfolge, +sondern mit einem solchen, das genötigt sei, auf eigenen Füßen zu stehen +und selbstverdientes Brot zu essen. Aber freilich mußte das Brot auf einem +Acker gewachsen sein, dem es zwischen den Ähren nicht an rotem Mohn und +blauen Kornblumen fehlte, denn ohne Schönheit wäre sie geistig oder +seelisch Hungers gestorben. + +Wir waren ein paarmal miteinander vor der Halle auf und ab gegangen, da +noch etwas Zeit übrig war vor dem Beginn des Konzerts, und hatten das +Nötigste vom Woher, Wohin und Wieso miteinander geredet, aber unversehens +doch als solche, die einander etwas angehen. »Ist es nun nicht wunderbar,« +sagte Maidi, »daß wir Landsleute und Stadtkinder hier in der Fremde +zusammentreffen? Hätte es nicht jedes von uns ebensoviele Stunden weit nach +einer andern Richtung hinwehen und absetzen können, wo dann keines etwas +vom andern gewußt hätte?« Das sagte sie so drollig und mit sichtlicher +Freude an dem Geschehen, daß ich erleichtert anfing zu lachen, denn ich +mußte mir bildhaft vorstellen, wie uns der Wind nach verschiedenen +Richtungen getragen und niedergelassen hätte, und Maidi fiel so herzlich in +mein Lachen ein, als ob sie schon lang nicht mehr recht gelacht hätte und +nun die erste Gelegenheit dazu ergreife. Dabei hatte sie auf einmal wieder +die Züge, die ich gut an ihr kannte, es fiel mir ein, daß ich sie auch in +der Konzerthalle zuerst lachend erblickt hatte, und ich teilte ihr das mit. + +»Ja,« sagte sie wieder ernsthaft und wie in einer kleinen Bekümmernis, »es +hat vieles Platz nebeneinander in einem Menschen. Es wundert mich oft +selber. Ich habe es an mir, daß mich das Komische, besonders wo es wichtig +auftritt und sich breit macht, überwältigt und ich dann alle Kraft brauche, +um die Lachlust zu unterdrücken. Das kann mir in der Kirche geschehen oder +bei einem an sich traurigen Anlaß; ich bin schon bös damit hereingefallen. +Es darf nur jemand ein großes Pathos entfalten oder eine strenge Amtsmiene +aufsetzen bei einer unwichtigen Sache, oder schwänzelnd hinter einem +Leichenwagen einherschreiten, gleich steigt es mir auf mit aller Macht. Es +ist dann nur gut, wenn mein Bruder nicht in der Nähe ist, der es auch so +hat. Allein werde ich eher damit fertig, es dauert dann nur einen +Augenblick. Wenn ich ihn aber nur von hinten sehe, wie er mit den Achseln +zuckt, so weiß ich schon Bescheid, nämlich daß er lautlos in sich +hineinlacht, und dann bin ich verloren.« + +Das alles sagte sie ernsthaft und als ob es ihr Not bereite, und es war +vielleicht auch der Fall, aber es saß doch ein Schelm in ihren +Augenwinkeln, und ich hätte uns jetzt gleich einen der beschriebenen +Anlässe hergewünscht, um den Bruder zu vertreten, denn das war so recht +eine Sache für mich. Das Zeichen erscholl, das die Sänger an ihren Platz +rief, und Maidi enteilte mir, ich aber begab mich in der besten Laune zu +meinen Sangesbrüdern, hochgestimmt und aufgeheitert zu gleicher Zeit. + +Wenn -- weil ich schon einmal das Meer zum Vergleich angeführt habe, für +das Zusammenfließen so vieler und starker Tonmassen -- im großen Weltmeer +hie und da zwei aufblitzende Wellchen mit lustigen Schaumkrönlein einander +von weitem erblicken und grüßen und darnach wieder untersinken in die +weitausgereckten Arme des Meeres, so haben sie es, wie wir beide, Maidi und +ich, an diesem Tage es hatten. Wir waren eins mit dem Ganzen und hingegeben +an dasselbe, andächtig und voller Lust und doch auch wieder selber etwas, +das mit Zunicken und freudigem Grüßen das andere suchte. Ich weiß, daß es +nicht nur bei mir so war, es war auch in Maidi eine Freude, hier in der +Fremde und in der Gegenwart, die so ganz anders war als die Heimat und die +Vergangenheit, einen zu finden, der bis ins Kinderland zurückreichte; und +so, erwärmt und heimatlich angerührt, sang sie sich, untertauchend und +wieder emporgehoben, in eine still-beseeligte Wonne hinein, wie sie mir +später einmal mit aufleuchtenden Blicken erzählte. Als nun der Schlußchor +einer Kantate und zugleich der des Abends kam und ein sieghaftes Getöne +anhob, in dem immer eine Stimme der andern zurief: Frohlocket -- und +singet -- und die andere es aufgriff und weitergab, bis zuletzt ein großes +allgemeines Frohlocken entstand, das die Wände zu eng machte und in die +Nacht hinausschallte, da war es uns eben recht, wir frohlockten und +sangen -- und sangen und frohlockten, so viel wir konnten, und hatten den +starken Widerhall in der Brust. Es war mir aber, wie wenn ein helles, +lustiges Glöcklein neben einem vollen Domgeläute für sich bimmelt, als ich +auf einmal sah, wie über Maidis Gesicht mitten drin ein Lachen lief, das +ich begierig war, noch oft zu sehen. Denn es gingen ihr neben allem Großen +her kleine lustige Geisterchen, die stiegen auf und saßen rittlings auf den +hohen Wogen, wie rosige Engelsbübchen; dann war sie köstlich anzusehen. + + * * * * * + +Es begab sich wie von selbst, daß ich von jetzt an öfter mit Maidi zusammen +kam, die mich mit einer großen Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit an +ihrem Leben teilnehmen ließ, soviel sich davon ereignen wollte. Sie stand +in festen Schuhen, in viel festeren als ich. Als ihr Herkommen in seinen +Grundlagen erschüttert worden war, da hatte sie sich auf sich selbst +besonnen. Es war da noch etwas Eigenes, das nicht hinwegstarb und nicht +verkauft werden konnte, ein köstlicher Besitz, mit dem es sich leben ließ. +Ich muß etwas aus mir selber machen, wußte sie, und muß auf eigenen Füßen +stehen. Sie sah klar in ihre Zukunft hinein und wußte, was sie wollte und +was sie erreichen konnte, was mir stark imponierte, da es bei mir damit +nicht zum Besten bestellt war. Zwar was ich wollte, wußte ich auch, wenn +man das Wollen heißen kann, daß einer überzeugt ist, es müsse ihm alles +Gute in den Schoß fallen oder vielmehr alles Angenehme. Ich war damit +aufgewachsen, daß ich haben konnte, was ich begehrte, und gerade der +Umstand, daß ein neues Verlangen immer auf der Schulter eines erfüllten +Wunsches gestanden war, hatte mich daran gewöhnt, auch höher gehängte Dinge +für erreichbar zu halten. Das war ja an sich nichts Unrichtiges, ich konnte +ebensogut wie ein anderer gescheiter Kerl vorwärts kommen, es fragte sich +nur, ob ich alle Kraft zusammennehmen und arbeiten wollte. Aber so war es +nicht gemeint bei mir, denn das, was man so am ebenen Weg erreichen konnte, +war nicht genug. + +Es ist nicht angenehm, es mir zu unterbreiten, aber es hilft alles nichts: +ich wollte eine Lebensstellung haben, in der ich geehrt und angesehen war +in den Kreisen, die einen Zaun um sich zogen von Geld und von Bildung, und +in einem schönen Hause wohnen mit einer eleganten, schönen und vornehmen +Frau und was mehr zu dem allem gehörte. + +Ich konnte es verlangen, daß es so kam, denn, war nicht seither auch eins +aus dem andern gekommen bei mir, seit ich ein kleines Bübchen gewesen war? +Also mußte es auch weiter gehen in aufsteigender Linie. Wie? Das wußte ich +freilich nicht. Denn obgleich ich ja eigentlich ziemlich viel Selbstgefühl +hatte, dachte ich doch nicht daran, die günstigen Wendungen in meinem Leben +durch eigene Kraft herbeizuführen, sondern ich erwartete sie von +glücklichen Zufällen oder Schickungen, die ja rechtzeitig eintreffen +mußten. Ich hatte mir eine Art von Lebensanschauung zurecht gemacht, die +der Bescheidenheit den Tod schwor und große Männer dabei zum Zeugen +aufrief, freilich in ganz falschem Sinne, nämlich so, daß, wer mit einem +niederen Los zufrieden sei, auch kein höheres verdiene, wer es aber in sich +habe, den treibe es hinauf. Das wäre alles schon recht gewesen, wenn es mir +um die Sache selbst und nicht um die Nebendinge zu tun gewesen wäre, und +wenn mich ein inneres Feuer gedrängt hätte, als Meister und Schmied meines +Schicksals aufzutreten und es so zu hämmern, wie ich es zu brauchen meinte, +und wie es ins Einzelne auszuspinnen meine geschäftige Phantasie nicht müde +wurde. + +Ich habe, nachdem ich meine Lehrgelder bezahlt und meine Umwege gemacht +habe, wohl gelernt, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Damals hieß ich +Schönheitssinn, was bereits ins Kraut geschossen und Begehrlichkeit +geworden war, und Aufwärtsstreben, was erst recht am Boden klebte. + +Nun, es ist mir nichts geschenkt worden. + +Ich hütete mich wohl, meine Weisheiten vor Olbrich auszubreiten, der ja +gerade ein Beispiel dafür gewesen wäre, wie innewohnende starke Kräfte +Schicksalsleiter sind, und trug sie dagegen zu Maidi, zu der ich alles +Zutrauen hatte, und die mich auch mit allem aufnahm, was ich vorbrachte, +ohne mir aber blindlings recht zu geben, so daß sie sowohl meine Zuflucht +als auch mein Gewissen war, obgleich ich ihm freilich nicht folgte. Es zog +mich zu ihr und vielleicht nicht am wenigsten darum, weil ich etwas von +ihrer freudigen und ernsten Kraft spürte, die sie nicht nur das Ziel, +sondern auch den Weg wollen ließ, und die mir Respekt einflößte. + + * * * * * + +Ich hatte oft das Gefühl, als ob ich Maidi bedauern müßte und mich +glücklich preisen, da sich das Blatt so gewendet hatte, seit unsern +Kindertagen. Denn hatte sie nicht alles gehabt und alles verloren, was mir +wie ein fernes Paradies noch im Gedächtnis war? Und mußte sie nicht ihr +schönes junges Leben nun in den Zeichensälen versitzen und auf ein +Pflichtendasein ausgehen? + +Und war ich nicht, der ich einstmals geweint hatte vor Scham über unser +ärmliches Häuschen, auf dem besten Wege zu einer allerschönsten Villa +(wenigstens in meinen Tagträumen)? + +Ach, ich wußte nicht, um wie vieles sie mir voraus war, der ich noch so gar +nicht geschult war im Lebenskampf, dem es an Erschütterungen äußerer und +innerer Art bisher gänzlich gefehlt hatte, um zu irgendeiner Tiefe zu +gelangen. Wie wenig kannte ich von den ernsteren Seiten des Lebens; wie +wenig riß mich ein starkes Müssen auch nur in mir selbst zum Guten oder +Bösen nach irgendeiner Seite. Ich war eine der sogenannten glücklichen +Naturen, die von vielen so gern gesehen werden, weil es sich mit ihnen +behaglich und ohne viel Reibung leben läßt, und denen das eigentliche +Glück, das errungen sein will, so leicht entgeht, da sie es nicht zu +rechter Zeit erkennen und dafür irgendeinem Scheingebilde nachgehen. Doch, +was ich versäumt und gesündigt habe, habe ich bezahlen müssen. Und -- wie +ich auch gewesen sein mag, es war eine Zeit in meinem Leben, da Maidi mich +liebte. + +Ich habe oft versucht, mich mit diesem Wort wie mit einem Schilde zu decken +und bin gewiß, daß Maidi, wenn sie könnte, trotz allem, was ich ihr angetan +habe, sagen würde: »Tue es nur, denn es ist wahr, und ich wußte wohl, was +ich tat, als ich dich liebte.« + +Aber der Schild kann mich nicht vor mir selber schützen, und Maidi kann ihn +nicht über mich halten. Wenn ich in grauen Stunden über das lieblichste und +traurigste Kapitel meines Lebens nachsinne, so höhnt etwas in mir: Kann +auch einer, der im Angesicht der Sonne schlimme Taten verübte, ja die Sonne +selber gering achtete, sich trösten, daß er doch von ihr beschienen worden +sei und es also wert gewesen sein müsse? + +Dann aber sagt eine liebe Stimme: »Gräme dich nicht länger. Wir tragen alle +unser Schicksal in uns selber und müssen es vollenden. Das war das Liebste +an meiner Liebe, daß ich dich vor dir selber schützen wollte; nun tue du es +selbst.« + +Ich mußte das vorausschicken, um mir Mut zu machen für das, was ich nun +aufschreiben will, und was ich gern verschieben möchte, wie Kinder tun, +wenn sie eine Dummheit oder Bosheit bekennen sollen und tausend Umschweife +machen, ehe sie mit der Sprache herausrücken. Ein unverschuldetes Unglück +verhehlen sie nicht, sondern verkündigen es mit lautem Geschrei des guten +Gewissens. + +Maidi hatte, als sie die Kunstgewerbeschule bezog, etwas mitgebracht, was +ihr ebenso nützlich war, wie der kleine Vermögensrest, von dem sie die paar +Jahre leben und ihre Studiengelder bestreiten konnte. Es konnte nicht +verborgen bleiben, daß sie in einer Umgebung aufgewachsen war, in der die +Kunst oberste Regentin war, und zwar die frei schaffende Kunst, die ohne +Nebenzweck und nur vom Genius befruchtet, Schönstes und Lebendigstes +schafft, die aber doch, eben wenn ein wirklicher Künstler sie besitzt, das +Technische, Handwerksmäßige ebenso wichtig nimmt und beherrscht wie das +geistige. + +Es mußte auffallen, mit welch raschem Verständnis Maidi den Anweisungen der +Lehrer in den praktischen Fächern entgegenkam und wie sie sich, zwar +bescheiden, aber auf Grund einsichtigen Nachdenkens, hie und da erlaubte, +eine kleine Änderung in einer Sache vorzuschlagen, die man ihrer Meinung +nach auch anders angreifen konnte. Auch mochte es ungewöhnlich zu sehen +sein, wie sie bei Anhörung der theoretischen Vorträge, die ihr Studium +betrafen, entweder mit dem lebhaften Interesse dessen, der schon die +nötigen Grundlagen hat und darum leicht folgen kann, oder mit dem +einverstandenen Lächeln und Kopfnicken dessen, der Bekanntes neu vortragen +hört, dasaß. So dauerte es nur kurze Zeit, bis sie vom Direktor der Anstalt +nach ihrem Herkommen befragt wurde, und, als sie den Namen ihres Großvaters +nannte, von ihm in einer gewissen Art und Sprache, wie sie eine Kaste +untereinander hat, angeredet und behandelt wurde. Er lud sie auch bei +Gelegenheit in seine Familie ein, und seine Frau war es, die Maidi +ihrerseits in den Singverein eingeführt hatte. Diesem trat sie aber nicht +als ordentliches Mitglied bei, sondern beteiligte sich nur bei besonderen +Anlässen an den Chorgesängen. Auch benützte sie ganz selten die +Gelegenheit, in der Familie des Direktors einer größeren Geselligkeit +beizuwohnen, obgleich ihr diese offen gestanden wäre. Beidem aber entzog +sie sich mit einer ruhigen Bestimmtheit, die mich aufs neue in Erstaunen +setzte, und die wohl zeigte, wie gut sie wußte, was sie wollte und auch was +sie nicht wollte. Denn als ich sie einmal fragte, ob sie das alles ihrer +Arbeit zulieb unterlasse, auf die sie auch ihre Abendstunden vielfach +verwendete, sagte sie lachend: »Es ist gut, daß ich sie vorschieben kann, +aber wenn mich etwas so recht von Herzen locken würde, so würde ich +ebensogut bummeln und Nebendinge treiben, wie Sie.« Das traf mich +einigermaßen, denn ich glaubte meinem Beruf auch die nötige Pflege +angedeihen zu lassen, und ich sagte es auch. Maidi aber fuhr fort, ein +Muster, das sie heut entworfen hatte, in Kerbschnitt auszuführen, und +sagte, nicht von der Arbeit aufblickend: »Es ist verschieden, was man unter +nötig versteht. Mancher hält nur für nötig, daß er seine Schuldigkeit tut, +und mancher ist unzufrieden mit allem, was er außer dem einen tun muß, es +kommt darauf an, wie stark man mit einer Sache verheiratet ist.« »Und Sie +also glauben, stärker mit Ihren Kerbschneidereien verheiratet zu sein, als +ich es mit meinen Büchern bin?« sagte ich zänkisch, denn ich wollte auf +keine Weise unten durch sein. »Dann lassen Sie sich nur sagen, daß ich mir +an die andere Hand mit der Zeit noch eine Frau antrauen lassen werde und +vergnügt mit beiden zu leben gedenke; Sie aber, werden Ihre Künste +verlassen, sobald der Rechte kommt, der Sie heiraten wird.« + +Ich war selbst betroffen, als mir das törichte und flegelhafte Gerede +entfahren war und hätte es gern ungeschehen gemacht; denn ich dachte im +Herzen gar nicht so, im Gegenteil reizte es mich, daß Maidi ihrer Sache so +sicher war. + +Sie schien mir oft viel mehr als ein guter Kamerad, denn als eine junge +Dame, und das um ihrer eifrigen Berufsarbeit willen; sonst war sie ja schön +und lieb und bewunderungswürdig genug. + +Jetzt aber sah ich, wie Gesicht und Nacken der gebückt Dasitzenden langsam +von einem lichten Rot bedeckt wurde, das sich tiefer färbte und ebenso +langsam wieder zurückging. Maidi rührte sich nicht, aber ihre Hände +zitterten ganz leise, fast unmerklich. + +Da kam es mir mit einer leichten und warmen Wallung herauf: »Sie ist doch +auch eine Frau und hat alles in sich, was zu einer solchen gehört, ich aber +bin ein Esel von der besseren Sorte,« und das letztere sprach ich auch +reumütig aus. + +Da blickte Maidi auf und sah mich an, zuerst mit zornig zusammengezogenen +Brauen, dann mit einer kleinen, bösen aber lustigen Grimasse und sagte: +»Stimmt,« worauf wir beide anfingen, zu lachen, ich in einer unsäglichen +Erleichterung. Darauf besprachen wir einen Sonntagsausflug, an dem sich +diesmal Olbrich beteiligen wollte, den ich mit Maidi bekannt gemacht hatte, +und plötzlich sagte Maidi nachdenklich: »Eigentlich, wenn ich's recht +überlege, bummle ich doch auch ziemlich viel und zwar mit Ihnen, ich weiß +nicht, was Sie wollen,« und dann lachten wir aufs neue, denn es kam nicht +darauf an, ob es klug oder dumm geredet war, wir mußten nur gute Freunde +sein. + + * * * * * + +Olbrich machte sich sehr gut als Wandergenosse. Wir waren mit der Bahn, wie +wir öfters taten, bis an einen Punkt gefahren, von dem aus wir das Gebirge +leicht erreichen konnten, und stiegen nun frisch bergan, denn wir hatten +uns einen ziemlich weiten Weg vorgenommen. Da war es nun Olbrich, der +meinen allzuweit ausgreifenden Schritt durch seinen gemäßigteren hemmte. +Ich hatte nie daran gedacht, daß es für Maidi vielleicht beschwerlich sein +könnte, so ohne Schonung der Kräfte drauf los zu steigen, wie ich ja +überhaupt nicht die Anlage hatte, nach anderer Leute Möglichkeiten zu +fragen, solange sie sich nicht beschwerten. Olbrich aber zeigte sich von +einer aufmerksamen Ritterlichkeit, die mir auffiel, weil ich sie selber +nicht besaß, und zwang mich nur durch sein Wesen, nun auch die Augen +aufzumachen. Da sah ich denn freilich, daß Maidi eine helle Röte im Gesicht +hatte und viel kürzer und schneller atmete als wir, und ich stellte auch +diese meine Bemerkung fest. Sie lachte mich aber aus, da es, wie sie sagte, +damit an andern Tagen viel schlimmer gewesen sei, und das heutige Tempo ihr +sehr zusage, und fügte, wie etwas Nebensächliches, hinzu, sie habe einen +kleinen Herzfehler, der aber nicht viel ausmache, da schon verschiedene +Personen in ihrer Familie mit einem solchen alt geworden seien. »Und ich +denke auch alt damit zu werden,« sagte sie triumphierend, »denn ich habe +eine solche Lebenslust in mir, daß alles Krankhafte davor ducken muß. Ich +glaube, man kann es überwinden durch den Willen zum Gesundsein und durch +die Übung aller Kräfte,« und dabei reckte sie sich hoch auf und warf den +Kopf in der ihr eigenen sieghaften Weise zurück, daß ich tatsächlich +dachte, sie sei jedem Feind in sich gewachsen und habe es in der Hand, zu +leben, so lange sie wollte, obgleich ich ein kleines Unbehagen über ihren +Herzfehler nicht zu unterdrücken vermochte. Oder vielmehr war es ein halb +ärgerliches Staunen darüber, daß das blühende und vollwertige Wesen da +neben mir eine Beschädigung mit sich herumtrage; es war, wie wenn man beim +Anstoßen an einem schönen Kristallglas ein ganz feines Klirren hört, das +von einem noch verborgenen Riß zeugt. Er ist noch nicht mit den Augen +wahrnehmbar, aber man weiß, daß er da ist, und das Glas kann eines Tages in +Stücke gehen. Doch kam ich schnell über das dunkle Unlustgefühl hinüber, da +ja Maidi selber nichts aus der Sache machte, und auch auf dem jetzt +erreichten Höhenweg leicht und mühelos neben uns herging. + +Olbrich aber sagte trocken und fast väterlich: »Sie müssen dann nur Ihr +Herz vor großen Strapazen bewahren, die mag es nicht leiden,« und meinte +damit das körperliche Herz, das sie ein wenig schonhaft halten sollte; aber +es fiel doch uns allen dreien ein, daß die Ausführung dieses Rates bedeuten +würde, das ganze stark lebendige Menschenkind von den Gluten und Stürmen +des Schicksals abzuschließen unter einer Glasglocke zahmer Vorsicht und +Selbstbewachung, wozu sich Maidi gar nicht eignete. Sie schüttelte auch den +Kopf und sagte: »Schonen, würde ich nicht leben heißen,« und brachte das +Gespräch absichtlich auf andere Dinge. Unter anderem beschrieb sie Olbrich +und mir, der ich nicht viel mehr davon wußte, als er, ihr großväterliches +Haus von außen und innen, die breiten Treppen mit dem geschnitzten +Geländer, den großen Vorplatz mit den Stuckdecken und den Flügeltüren, was +alles deutlich von den alten Geschlechtern sprach, die sich das Haus erbaut +und ausgeschmückt und die es bewohnt hatten. »Wir selbst waren andere, als +sie, und nun wohnen wieder andere darin,« sagte Maidi, und obgleich ihre +ganze Beschreibung lebhaft und farbig gewesen war, merkte man jetzt +plötzlich an ihrem Ton und Gesichtsausdruck, daß sie von Heimweh und Trauer +nach dem Gewesenen ergriffen war. Sie schwieg eine Weile, und ich sah +Olbrichs Augen mit bewundernder und bewegter Zärtlichkeit auf ihr liegen; +Maidi konnte das aber nicht gewahr werden. Sie ging wohl in Gedanken die +Treppe hinunter und durch das schmale Seitentürchen in den grünen Garten +hinaus, der mir immer noch als Bild des Paradieses vor Augen schwebte. Aber +lange konnte das nicht dauern; es kehrte ein heller Schein in ihre Augen +zurück, und sie sagte: »Auf dem oberen Boden ist noch eine große +Rumpelkammer voll schöner Sachen, die uns gehören, meinem Bruder und mir: +Bilder und Geräte, Zinn-und Silbersachen, die wir besonders lieben, ein +paar geschnitzte Lehnstühle und eine eichene Truhe voller Teppiche und +Kissen; das alles wartet auf uns und steht jetzt im Dunkeln, denn die +Fensterladen sind geschlossen. Am leidesten tun mir die schönen Bilder, die +mit dem Gesicht an der Wand lehnen und die wohl gar nicht begreifen +können, wo die Leute hingekommen sind, die immer so fröhlich unter ihnen +herumgingen.« Sie lächelte uns an, wie entschuldigend, daß sie von solchen +Dingen redete, die uns vielleicht fern und fremd sein konnten, und ich +wunderte mich heut zum zweitenmal über Maidi, da sie weich und fein und +verletzlich war, von sehnlichem Gemüt, und nicht nur Kraft, Willen und +freudige Sicherheit besaß. Aber sie war mir so um so lieber; ich konnte +mich gar nicht ersättigen, sie reden zu hören und sie anzusehen, und ich +wunderte mich nicht über Olbrich, dem es auch so ging, ja der sie von Zeit +zu Zeit verstohlen ansah, wie ein seltenes Wunder. + +Ich erinnere mich eines schönen Platzes, an dem wir einige Zeit rasteten +und ein mitgenommenes Vesperbrot aßen. Maidi teilte es aus und war so +heiter wie nur je, was dann uns wieder zu allerlei Scherzen und Neckereien +anfeuerte, in denen die ungewohnte Rührung und Herzbewegung bald unterging. +Wir saßen unter einer Gruppe von hohen, schlanken Kiefern, die eine kleine, +steil abfallende Waldlichtung bekrönten. Über diese Lichtung hin ging der +Blick in ein jenseitiges Flußtal, aus dem sich wieder Berge erhoben, mit +dunklen Wäldern bedeckt und hinter ihnen neue Höhenzüge, blau verschleiert; +es sah aus, als sollte es so in die Unendlichkeit hinein fortgehen. Der +Fluß, der hier ein geringes Gefälle hatte, schien ganz still in seinem +Bette zu liegen, an das sich junger Wald nahe herzudrängte; auf einer der +ferneren Höhen lag ein Dorf oder ein kleines Städtchen mit Resten einer +alten Befestigung, deren zerbrochene Mauern von dunklen Bäumen beschattet +waren, und zwischen denen ein trotziger Kirchturm schwer und ungefüge +heraussah. Das Ganze aber lag unter dem blauen Septemberhimmel in der +goldensten Sonne und winkte von seiner Ferne her, seltsam verlockend zu uns +herüber, so daß wir erwogen, ob wir es nicht einmal aufsuchen wollten, denn +damals waren unsere Wanderfüße gelüstig nach allen Höhen und Fernen. + +»Ach, ich weiß nicht,« sagte Maidi, »von nahem ist es vielleicht nicht mehr +so schön, wir können uns aber von weitem alles Schönste hinter den alten +Mauern denken.« Sie hatte sich im blühenden Heidekraut ausgestreckt und +sah, die Arme unter dem Kopf verschränkt, zwischen den Bäumen durch zum +blauen Himmel auf, fing aber bald an, zu blinzeln und schloß mit einem +wohlig tiefen Seufzer die Augen. + +Da legten auch wir uns nieder und wenigstens ich war bald eingeschlafen. + +Es war mir aber nach einiger Zeit, als ob ich im Traum einen lieblichen +Gesang vernehme, der verhallen müßte, wenn ich mich rühre, und ich hielt +mich auch noch auf der Schwelle des Erwachens ganz still; es war mir +unsäglich wohl zumute dabei. Als ich aber dann dennoch die Augen aufschlug, +sah ich Maidi ein Stückchen entfernt von uns am äußersten Rande des Abhangs +stehen mit in die Ferne gerichteten Augen und hörte sie ein Lied singen in +einer Melodie, die ich noch nie gehört hatte, und von der mir jetzt noch +hie und da verwehte Bruchstücke in der Erinnerung anläuten, lieblich und +voller Heimweh. Im Tale geisteten schon die frühen Abendnebel um den Fluß +und das junge Erlengebüsch an den Ufern, die Häuser und Türme auf dem Berge +aber waren von der sinkenden Sonne in rote Glut getaucht, und Maidi sang: +»Du bist Orplid, mein Land, das ferne leuchtet.« Aber ob sie in Wahrheit +eine unsichtbare Ferne suchte und wo diese lag, wußte ich nicht, und nun +kann ich sie auch nicht mehr fragen. Sie kehrte sich zu uns her und wir +stiegen unsern Weg nieder, der sich bald ins Tal senkte, in die +Abendschatten. + + * * * * * + +Solcher Gänge zu allen Jahreszeiten könnte ich noch viele beschreiben; es +sähe dann aus, als ob die Zeit stillgestanden wäre, um uns eine Weile jung +und heiter und schicksalslos sein zu lassen. Aber das tat sie nicht, +sondern sie ging ihren gemessenen Schritt und nahm uns alle mit, jeden in +sein Verhängnis hinein. + +Olbrich war eine Zeitlang als der fröhlichste Kamerad bei allem +dabeigewesen, und ich dachte oft mit Befriedigung, so müßte es immer +fortgehen. Denn ich lebte wie ein Schlaraffe in den Tag hinein zwischen den +liebsten und erfreulichsten Menschen hin und hatte dabei immer noch das +Land der unbegrenzten Möglichkeiten vor mir, was mir vor allem zusagte. +Maidi und Olbrich hatten diesen Ausdruck, den ich hie und da genießerisch +gebrauchte, wie man einen besonderen Leckerbissen auf der Zunge zergehen +läßt, von mir aufgefangen und neckten mich damit, was ich mir gerne +gefallen ließ; doch hatten sie ja immerhin so viel Freiheit des Handelns +wie ich, und ich sagte ihnen das auch. Maidi konnte aber bei einem solchen +Gespräch aus aller glücklichen Heiterkeit heraus ernst werden und leise +den Kopf schütteln, denn sie wußte gut genug, was es mit den unbegrenzten +Lebensmöglichkeiten und der Freiheit auf sich hat. Das Furchtbarste konnte +plötzlich wahr werden und auf dem Wege stehen unausweichlich; einzig tätig +zu sein und unablässig den Schatz in sich selbst zu vermehren durch Lernen +und Arbeiten, gab etwas wie eine Sicherheit. + + * * * * * + +Wir waren eine Zeitlang wegen anhaltend regnerischen Wetters nicht mehr +ausgeflogen; jetzt hatten kräftige Winde den Boden wieder aufgetrocknet, +und ich sehnte mich darnach, einen tüchtigen Marsch zu machen und zugleich +einen jungen Buchenwald, den ich besonders liebte, wieder zu sehen. Denn er +mußte, da es Frühling war, während des Regenwetters grün geworden sein, und +ihn so im ersten Schmuck zu sehen, wollte ich mir nicht entgehen lassen. +Ich kam mit Olbrich aus einer Singstunde, und wir lenkten fast von selber +unsere Schritte an dem Haus vorbei, in dem Maidi wohnte. »Vielleicht ist +sie noch auf, und wir können sie fragen,« sagte ich; denn es war +selbstverständlich, daß sie an dem Gang teilnehmen mußte. Aber ihre Fenster +in der Mansarde des kleinen Hauses waren schon dunkel, nur unten schien +noch Licht durch geschlossene Fensterladen, und als wir näher kamen, hörten +wir ein Kinderweinen. Da kamen auch gerade eilige Schritte hinter uns her, +und als sie uns einholten, war es Rosa, das Dienstmädchen der jungen +Pfarrerswitwe, der das Häuschen gehörte, und bei der Maidi in Kost und +Wohnung war. Sie kannte uns gut, denn sie hatte uns schon manchesmal die +Treppe zum Oberstock hinaufgeleuchtet; besonders mir, von dem sie wußte, +daß ich Maidis Landsmann und Kindheitsbekannter war, galt ihr halb +vertraulicher Gruß. + +Sie sagte unaufgefordert und etwas erregt, das Fräulein sei unten in der +Kinderschlafstube. Es sei eines der Kinder erkrankt, und die Mutter sei auf +zwei Tage verreist; nun habe sie, Rosa, in die Apotheke gehen müssen, um +ein Mittel, das die Frau gewöhnlich anwende, zu holen, da es gerade nicht +im Hause gewesen sei; das Fräulein aber sei einstweilen bei den Kindern +geblieben, die ohnehin an ihr hängen, fast wie an der Mutter, oder doch +wenigstens wie an ihr, der Rosa. + +Ich hörte nur halb nach dem Bericht hin, da mich nur das eine daran +interessierte, daß Maidi noch auf und also zu sprechen sei und sagte der +Rosa, wir hätten etwas Dringendes zu fragen, worüber sie sich trotz der +späten Stunde nicht besonders zu wundern schien. Sie ließ uns ins Haus und +ins Wohnzimmer eintreten, und bei dem Geräusch unserer Schritte und Stimmen +kam Maidi aus dem anstoßenden Schlafzimmer, um zu sehen, was es gebe. Sie +hatte das kranke Kind auf dem Arm; es war in eine leichte Steppdecke +eingewickelt und hatte das Köpfchen auf Maidis Schulter liegen, hob es aber +auf, um uns neugierig anzublinzeln und hielt mit dem kläglichen Weinen, das +wir eben noch gehört hatten, eine Weile ein, da es über dem neuen Anblick +sein Übelbefinden auf kurze Zeit vergaß. Erst an Maidis erstaunten und +etwas erschreckten Augen, die zu fragen schienen, was es denn so spät noch +gebe, fiel es mir ein, daß der Besuch zu dieser Stunde nicht üblich sei, +und ich brachte unser Anliegen schleunigst vor, um wenigstens einen +triftigen Grund dafür angeben zu können. Da brach Maidi in ein herzliches +Lachen aus, das mich aus der kleinen Verlegenheit erlöste, wie schon oft in +ähnlichen Fällen, und sagte: »Gott sei Dank! Ich habe schon an irgendein +Unglück gedacht, das ich heute nacht noch erfahren sollte; es geschehe +nichts Schlimmeres als das. Wohin soll's denn gehen? Natürlich gehe ich +mit, ich habe lang genug keinen frischen Wind mehr gespürt.« + +Das Kind hatte offenbar aufmerksam zugehört, aber nur das eine aus Maidis +Rede entnommen, daß sie irgendwohin mitgehen wolle; nun brach es aufs neue +in einen hilflosen Jammer aus, umklammerte mit beiden Armen ihren Hals und +schluchzte: »Nein, du sollst nicht mitgehen, du sollst dableiben,« welche +Worte es nun unaufhörlich wiederholte in immer kläglicheren Tönen. Maidi +setzte sich mit dem Bübchen aufs Sofa, bettete es bequem auf ihren Schoß +und sagte tröstlich: »Nein, nein, ich gehe ja nicht fort, ich bleibe bei +dir,« und trocknete das tränennasse Kindergesicht mit ihrem Tüchlein, +fortwährend sanfte, liebkosende Worte oder Laute halb singend und halb +sprechend dabei hervorbringend, was alles miteinander unbeschreiblich +lieblich anzusehen und anzuhören war. Sie hatte ein weiches, hellblaues +Morgenkleid an, in dessen Falten das Bübchen lag wie in dem Mantel einer +Muttergottes auf einem Altarbild, und ich hätte mich am liebsten behaglich +niedergelassen, um das holde Schauspiel recht ausführlich zu genießen; es +kam aber unversehens auf bloßen Füßen der Bruder des Schoßkindes aus dem +Schlafzimmer gepatscht und rief zornentbrannt: »Geht doch fort, geht doch +heim,« denn er meinte, eben aus dem Schlaf erwacht, wir hätten den ganzen +Jammer veranstaltet. Maidi zog auch den andern Hemdenmatz mit der freien +Hand an sich und redete ihm zu, ins Bett zurückzukehren, es seien lauter +gute Leute hier, wir fühlten uns aber dann doch überflüssig und nahmen +Abschied. Das heißt, das Ganze, sowohl das Kommen, als das Bleiben und +Gehen ging von mir aus, denn Olbrich hatte sich bei allem ganz als +Zuschauer betragen, was sonst seine Art nicht war. Ich sah ihn, als ich ihm +zum Aufbrechen winkte, am Fenster stehen, die Augen ganz versunken auf der +kleinen Gruppe liegend, und ebenso versunken, wie ein Nachtwandler, gab er +Maidi die Hand zum Abschied; die ganze Abmachung hatte er mir überlassen. + +Auf der Straße ging er eine Weile stumm neben mir her, dann sagte er wie +beiläufig: »Ich habe noch vergessen, dir zu sagen, daß der Chef mir die +erledigte Stelle in der philologischen Abteilung des Verlags angeboten hat. +Sie ist auf Dauer; ich müßte mich auf eine Reihe von Jahren verpflichten.« +»Und?« fragte ich gespannt; es war mir aber kaum zweifelhaft, daß sich der +Vogel, der schon lange die Schwingen zum Weiterfliegen hob, nicht würde +anbinden lassen, so verlockend manchem andern das Anerbieten gewesen wäre. + +»Ach, ich weiß noch nicht,« sagte er, und es war, als unterdrücke er eine +heftige Bewegung, irgendeine Ungeduld oder dergleichen. »Frage mich nicht. +Wenn ich es dann selber weiß, sage ich's dir. Es hängt noch von einer +Sache ab, die zuerst entschieden sein muß.« + +Ich hätte dennoch gern gefragt, welche Sache das sei, denn es schien mir +seit einiger Zeit, als trage er etwas mit sich herum, das ich wissen müsse. +Er war wechselnd in seinem Wesen geworden, oft zerstreut und wie +gedankenabwesend, lässig und weich im Gegensatz zu seiner sonst straffen, +herrischen Art und in Gesellschaft schweigsam, was er denn mit Willen +wieder alles von sich warf, um lustig und übermütig zu sein, so daß ich +mich nicht recht mit ihm auskannte. + +Er fing aber plötzlich an, lange Schritte zu machen und verabschiedete sich +bald von mir, so daß ich nicht mehr zum Wort kam und meinen Weg +nachdenklich allein fortsetzte, denn der richtige Grund für sein +verändertes Wesen war mir noch nicht eingefallen. + +Es hat mich nachher oft gewundert, daß ich so blind gewesen sei, nicht zu +merken, wie er ganz in Liebe für Maidi erglüht war, und ich konnte es mir +dann nur dadurch erklären, daß ich ihn bei früheren Liebessachen so ganz +anders gesehen hatte: spielerisch, übermütig und in strahlender Laune, die +nur freilich bald in Unlust oder Langeweile überging, da ihn noch nichts +recht auf die Dauer gefesselt hatte. Aber es war auch allerdings noch keine +Maidi dabei gewesen. + + * * * * * + +Am andern Tag sagte Olbrich über das Pult herüber, an dem wir beide +arbeiteten: »Wartet morgen früh nicht auf mich, ich habe anders über den +Sonntag verfügt und kann nicht mitkommen.« Ich sah enttäuscht und etwas +geärgert auf und hatte eine scharfe Entgegnung über seine schwankenden +Launen auf der Zunge, unterdrückte sie aber, als ich sein bleiches, +überwachtes Gesicht sah, aus dem die Augen in einer fremden Glut heraus +brannten. »Bist du krank?« fragte ich unwillkürlich, aber er schüttelte den +Kopf und lächelte mich an, wie er ganz selten tat, und wie es jedesmal mein +ganzes Herz gewann. + +»Armer Kerl, ich plage dich,« sagte er gedämpft, daß die Herren im nächsten +Zimmer es nicht hören sollten, »doch auch mich selber. Warte noch ein +Weilchen, es wird dann schon wieder recht.« Und ich war zufrieden und +dachte, er sei ja doch mein Herzensfreund, es solle mich nichts an ihm +stören; es tat mir aber leid, daß wir morgen nicht zu dreien ausflogen, +denn man konnte nicht wissen, wie lang wir einander noch in der Nähe +hatten. + + * * * * * + +Ich nahm mir vor, mit Maidi von Olbrichs verändertem Wesen zu reden; ich +wollte wissen, ob sie es auch bemerkt habe; es mußte ja der Fall sein, sie +konnten es für gewöhnlich gut miteinander, ja so gut, daß ich schon +manchmal mit einer kleinen Eifersucht neben ihnen hergegangen war, wenn +sich ihr lebhaftes Gespräch um Dinge drehte, die mir im Leben verschlossen +geblieben waren. Es hatte aber nie lang gedauert, denn Maidi spürte es +immer gleich, wenn ich nicht ganz mit im Takte ging und wechselte den +Schritt mir zuliebe, auch in der Unterhaltung. + +Es kam aber ganz anders an diesem schönen Morgen, als ich gedacht hatte. +Ich traf Maidi zwar sonntäglich angetan, aber noch nicht wandermäßig +gerüstet und sagte scherzend, es sei gut, daß Olbrich nicht dabei sei, der +das Warten nicht gut ertragen könne. Er gehe nämlich nicht mit. + +»Ja, ich weiß,« sagte Maidi, »er hat es mir mitgeteilt. Sie müssen aber +heute den schönen Wald auch von mir grüßen, denn ich kann leider auch nicht +ausfliegen. Ich hatte mich schon so gefreut, aber es ist nichts. Die Frau +Pfarrer ist unterwegs aufgehalten worden und kommt erst morgen zurück. Und +das Kind ist immer noch nicht wohl; es hat eine schlechte Nacht gehabt, und +ich bin nicht ruhig, wenn ich gehe.« Sie sah mich dabei lieb und klar an, +aber sie war blaß und hatte dunkle Ringe unter den Augen, die freilich vom +ungewohnten Schlafbrechen kommen konnten, die mich aber plötzlich an +Olbrichs gleichfalls schlechtes Aussehen mahnten und einen Zusammenhang +damit zu haben schienen. Wenigstens schoß mir in der großen Enttäuschung, +die mir Maidis Absage schuf, und dem Ärger, den ich darüber empfand, ein +ungewohntes Mißtrauen durchs Herz und eine Lust, ihr weh zu tun. Ich sagte +bissig, es scheine sich ihr nicht mehr zu lohnen, mit mir allein zu gehen. +Das Kind werde so gefährlich krank nicht sein, und je nachdem Leute +mitgegangen wären, hätte sie es auch wohl verlassen, sie sei ja nicht seine +Kinderfrau. Maidi zuckte zusammen wie unter einem Schlag, und ehe sie es +verhindern konnte, schossen ihr Tränen in die Augen, was ihr wohl nicht +geschehen wäre, wenn sie nicht durch Sorge und Nachtwachen übermüdet +gewesen wäre. Sie fand in ihrem schmerzlichen Schreck bei meinem Überfall +nicht gleich ein Wort der Entgegnung und sah mich blaß und hilflos an; aber +ich spürte plötzlich eine brennende Eifersucht in mir, die mich blind +machte gegen ihr rührendes Bild, denn es dünkte mich, da sie nichts +erwiderte, als ob ich recht hätte und sie Olbrichs wegen zu Hause bliebe, +ja es dämmerte mir, die beiden hätten sich verabredet hinter meinem Rücken, +heute ohne mich beisammen zu sein, was alles mich aus blauer Luft anfiel +und mich peinigte wie ein Hornissenschwarm, so daß ich alles vergaß, +Respekt und schuldige Ehrerbietung sowohl als Freundschaft, Liebe und +Zutrauen. Ich wußte mich gar nicht zu wehren, denn es war mir selber alles +neu, und ich hätte vielleicht ungeheure Beschuldigungen, die ich innerlich +erhob und zu denen ich gar kein Recht hatte, hervorgestoßen, wenn mir nicht +Maidi die Hand auf den Arm gelegt und mich flehentlich angesehen hätte. + +»O still,« sagte sie leise und mit zitternder Stimme, »so dürfen Sie nicht +reden. Es ist nicht, wie Sie meinen, es ist alles ganz anders.« + +Auf ihrem Gesicht kam und ging eine schnelle Röte, und es liefen ihr ein +paar Tränen herunter, die sie nicht aufhalten konnte; ich sah an allem, daß +sie litt, und das tat mir sonderbar wohl, denn ich litt ja auch. + +Es kehrte sich aber nun mit einemmal der Stachel gegen mich selbst, denn +ich mußte ihr aufs Wort glauben und war also ein Unhold gewesen, und sie +konnte nun tief beleidigt sein. Da faßte ich ihre Hand, die eiskalt war, +und sagte bestürzt: »Was soll ich tun? Ich habe von dem allem vorher nichts +gewußt, es ist auf einmal gekommen.« Denn ich meinte, sie habe alle meine +Gedanken gelesen, und es wird wohl auch so gewesen sein. + +Maidi zog leise ihre Hand zurück. Sie lehnte an der Wand und wartete eine +kleine Weile, dann sagte sie: »Gehen Sie jetzt. Sie müssen gut von mir +denken. Machen Sie einen schönen, weiten Weg.« Ich sah sie verlangend an, +denn es mußte noch etwas kommen, aber im Nebenzimmer rief das Bübchen: +»Maidi!«, und sie nickte mir noch einmal zu, ohne Kränkung jetzt, wie mir +schien, gut und ernst, und ging zu dem Kinde. Das hatte es gut, denn es +durfte unwillig sein und maßleidig bei Tag und Nacht, und sie blieb doch +bei ihm, ja sang ihm Lieder und trug es herum, ich aber mußte gehen und +meiner selbst Herr werden, es half mir niemand. + +Da hatte ich nun meine Arbeit auf unterwegs. Am liebsten wäre ich +heimgegangen in meine Stube, aber dort war es nicht anders als draußen, ich +mußte den Tumult in mir anhören und damit aufräumen, und das war nicht +leicht, vielleicht ging es im Freien doch besser damit. Es läutete auch in +die Kirche, als ich durch die Straßen ging. An einer kam ich vorbei, dort +hatte schon das Orgelspiel eingesetzt, und viele Menschen gingen in +Sonntagskleidern durch die offenen Türen; es gelüstete mich einen +Augenblick, ihnen zu folgen, denn das Orgelbrausen lockte mich an, und +vielleicht konnte ich das üble Gefühl, das ich von mir selber hatte, dort +drinnen los werden. Aber ich ging dann doch vorbei und kam ins Freie und in +langem Ausschreiten durch ein Wiesental und über einen Bach, dessen Ränder +ganz gelb von Dotterblumen waren, an den Berg und auch hinauf und in den +Wald, der richtig im festlichen lichten Grün prangte und mit den +grausilbernen Stämmen dastand wie eine wartende Hochzeitsgesellschaft. Es +standen Blumen genug dazwischen, Knabenkraut und Leberblümchen und die +lieben blauen Sterne der Szilla, die hatte ich heute wieder begrüßen wollen +nach dem langen Winter und mit den Freunden den Frühling feiern. Der war +auch da und war so schön wie je. Buchfinken saßen auf schwanken Ästen und +riefen mir zu: »Jetzt, jetzt bin i wieder kreuzfidel,« wie wir bei uns +daheim ihren Schlag deuteten; und Ammern pfiffen: »d' Zit isch do, d' Zit +isch do.« + +Aber es war alles ganz anders, als ich gemeint hatte und auch als ich sonst +je erfahren hatte. Wie konnte das sein, daß man morgens aus dem Haus ging +mit ruhigem und freudigem Gemüte und einen schönen Tag vor sich zu haben +glaubte mit dem liebsten und feinsten Mädchen, das es gab, und daß auf +einmal Brunnen in einem aufbrachen, die ein dunkles und bitteres Wasser +ausströmten, und Mißtrauen das Haupt erhob, wo man einig und voller +Freundschaft gewesen war? Und wo kam es her, daß man einem Menschen, dem +man alles Liebe hätte antun mögen, weh tat, fast mit Lust? + +Nun ging ich hier durch die lichten Hallen des Frühlingswaldes und war +unglücklich genug und hätte gern jemanden gehabt, dem ich die Schuld daran +hätte geben können. Aber es gab niemanden als mich selbst, und doch war mir +alles fremd. Da suchte ich in mir selber, ob ich es fände, und es fielen +mir ein paar Gelegenheiten ein aus meiner Kindheit, wo ich in plötzlichem +Zorn einmal meine Schwester Helene geschlagen und einmal meiner Mutter ein +abscheuliches Wort gesagt hatte und auch nachher unglücklich gewesen war. +Meine Mutter hatte damals gesagt, ich soll mich vor dem Zornteufelchen in +acht nehmen, das nur leise in mir schlafe, und hatte mich ein Verslein +oder Gebetlein gelehrt, das dahin lautete, Gott solle mich zu einem frommen +Kind machen oder sonst lieber gar nicht aufwachsen lassen. + +Aber ich war jetzt doch da und konnte nicht wissen, was für dunkle Ungetüme +noch im Untergrund meines Wesens auf ihren Augenblick warteten. Vielleicht +mußte ich einmal einen Menschen totschlagen oder einen Meineid schwören, +obgleich ich weder das eine noch das andere wollte, es konnte mich aber +ebenso dunkel überfallen. Das Schicksal konnte es wollen, und nachher mußte +ich bezahlen. Da kam ich mir schuldig und unschuldig in einem vor, es +verlangte mich aber nach einer Freisprechung, und zwar durch Maidi selber, +die doch den dunklen Brunnen in mir entriegelt hatte, wenn auch ohne ihr +Wissen. Sie mußte mir wieder gut sein, das war die Hauptsache. Denn das +fühlte ich durch alles hindurch, sie gehörte zu mir und meinem Leben; ich +mußte Teil an ihr haben und durfte ihr nicht fremd werden. Es war ja schon +das Ende ihres Aufenthalts in der Stadt abzusehen; dann ging sie vielleicht +fort, irgendwo hin, wo ich ihr nicht folgen konnte, und gewann neue Freunde +und gab sich vielleicht auch einem Mann zu eigen für ganz. Es fiel mir ein, +daß sie mir von ihrer Mutter erzählt hatte, die aus Amerika glückliche +Briefe schrieb, trotzdem sie den Mann unheilbar siech angetroffen hatte. Es +war alles ausgelöscht, was jemals Dunkles zwischen ihnen gestanden hatte, +und die Frau trug nun ihre Liebe wie eine Dornenkrone, die ausgeschlagen +hat und rote Blüten trägt, so sehr war alles Geistige, Unvergängliche daran +aufgeblüht. + +Maidi hatte dieser Erzählung hinzugefügt, sie bitte der Mutter nun alles +ab, was sie je bitteres über sie gedacht habe, denn sie sei ja einfach +ihrem Schicksal gefolgt oder ihrem Herzen, was dasselbe sei, und jeder +rechte Mensch müsse das tun. »Obgleich ich hoffe,« hatte sie hinzugesetzt, +»daß es mir einmal nicht so schwer gemacht wird.« + +»Ja,« dachte ich nun im Weitergehen, »dir wird es wohl leichter gemacht +werden, denn wer einmal etwas so Köstliches zu eigen hat, wie dich, der +läuft nicht mehr davon.« + +Aber daß ich sie selber gewinnen wolle mit allen Kräften und aller Einheit +meiner Sinne und Gedanken und sie mein Herrlichstes sein lassen, für das +ich arbeiten und mich höher spannen wolle, und das mir auch mehr sei als +alles Äußerliche sonst, das war noch nicht in mir geboren. Ich schaute an +ihr hinauf, weil sie so tüchtig und freudig und sicher war und so frei und +vornehm ihres Weges ging, und es war mir wohl, wenn ich bei ihr sein und +ihr alle meine Gedanken ausbreiten konnte. + +Es nahm auch mehr und mehr die schöne Frau, die später in meinem Haus und +Garten umhergehen sollte, ihre Gestalt und ihre Züge an und trug den +schmalen Gürtel aus alter Silberschmiedearbeit, der fast immer Maidis +Kleider zusammenhielt und ein altes Familienerbstück war. Das konnte ich +mir alles ausdenken, aber wenn ich mit ihr einen Tag verwanderte oder einen +Abend in ihrem hübschen Wohnzimmerchen war und ihren fleißigen Händen +zusah, die fast immer noch etwas zu tun hatten, dann dachte ich nicht an +die Zukunft, und es war alles gut und recht, wie es war. + +Meistens war ja auch Olbrich dabei, und wir waren ein feines Kleeblatt, +das man am besten noch lange so ließe. Aber der war von irgend etwas +verscheucht und verstört, und ich hatte Maidi gekränkt und beiden mißtraut; +da überfiel es mich von neuem, daß ich mich hätte ohrfeigen können und daß +ich mich gern hätte trösten lassen, beides in einem. Ich schritt weit aus +mit langen Schritten, als ob ich so schneller zu ihr käme, und brach ein +paar hellgrüne Zweige von Buchen und Birken, die wollte ich ihr mitbringen. + +Aber als ich mit sinkender Nacht müde und verlangend und doch auch +gesänftigt und mit frischen Bildern gefüllt in die Stadt zurückkam und das +Haus aufsuchte, in das es mich zog, sah ich unten in dem Wohnzimmer der +Pfarrerswitwe Olbrich am Fenster stehen, wie am vorletzten Abend. Er kehrte +den Rücken nach der Straße und sprach ins Zimmer hinein. Ich hörte +gedämpfte Laute seiner Stimme und auch irgend ein Gemurmel, das ihm +antwortete. Oben war es dunkel. + +Da überfiel mich von neuem das grimmige und wütende Mißtrauen, als ob sich +die beiden über mich hinüber zusammengeschlossen und mich ausgetan und +belogen hätten. Es flammte ein roter Zorn in mir auf, durch den hindurch +nur undeutlich Maidis lautere und klare Augen leuchteten, die nicht lügen +konnten, und Olbrichs aufrechte und stolze Art, die sich nicht versteckte, +wenn sie etwas wollte. + +Ich machte ein paar Schritte auf das Haus zu. Die Tür war verschlossen, und +als ich den großen Messinggriff in der Hand hatte, kam eine kalte und +schmerzhafte Stimmung über mich. Ich wollte nicht hineingehen, sondern +meinen Strauß an die Tür stecken zum Zeichen, daß ich dagewesen sei und +alles wisse. Aber als ich das getan hatte, kehrte ich wieder um und holte +ihn, und unterwegs warf ich die zarten und lichten Zweige, die schon ein +wenig in sich zusammengesunken waren, auf die Straße. Ich ging auch nicht +heim in meine Wohnung, sondern in ein Wirtshaus. Da saß ich allein an einem +Tisch, trank Bier und nachher noch Wein, war grob gegen die Kellnerin, die +ein wenig zutraulich sein wollte, und gab mich unguten Gedanken und +Gefühlen kampflos hin. Zum Beispiel fiel mir wieder ein, daß beide, Maidi +und Olbrich, aus einer andern Kaste stammten als ich, und daß sie von +Kindheit an große Vorsprünge vor mir hätten, die ich nie einholen konnte. +Sie kannten die Geheimsprache, wie ich es nannte, wenn jemand im Besitz +einer guten Erziehung alle Umgangs- und Lebensformen leicht und spielend +beherrschte, was ich freilich auch gelernt hatte, was mir aber nicht +angewachsen war. Sie aber hatten alles mit der Muttermilch und mit jedem +jungen Atemzug eingesogen. Und sie hatten eine sogenannte Familie, von der +man reden und die man aufzählen konnte mit guten Namen und Titeln. +Vielleicht wollten sie einander heiraten, das konnte ihnen ja kein Mensch +verbieten, und sie würden es mir morgen mitteilen und sagen, daß ich der +Nächste dazu sein solle. Dann durfte ich dabei stehen und zusehen; das war +übel und nicht auszuhalten. + +Es meldete sich leise durch den Dunst und Nebel meiner Gedanken, daß Maidi +oft und gern mit mir von meinen Schwestern redete, die sie gut kannte und +hie und da aufgesucht hatte, und daß sie mich antrieb, ihnen oft zu +schreiben und sie sogar grüßen ließ. Aber ich warf ein, daß das ein Almosen +sei, welches ich nicht begehre, und daß sie immer nur, wenn wir allein +gewesen seien, mit mir von meiner Heimat gesprochen habe. Das war mir sonst +besonders traulich und lieb gewesen und wie ein Geheimbesitz zwischen uns +beiden, aber ich war in der Stimmung, aus allem Gift zu saugen, und kam +immer tiefer in einen dumpfen und bitteren Jammer hinein, in dem mir +zuletzt die weggeworfenen Zweige das Jämmerlichste und Quälendste waren, da +sie lebendig und ganz schuldlos im Straßenstaub lagen und zertreten wurden. +Ich schrak auf, als die Kellnerin fragte, ob ich noch etwas trinken wolle. +Das Lokal war leer bis auf mich, und die Kellnerin sah verschlafen aus und +hoffte, ich würde gehen. Da tat ich ihr den Gefallen und zahlte, ging durch +die menschenarmen Straßen nach Hause und ins Bett, schlief und hatte +unruhige Träume, und kam am andern Morgen bedrückt und armselig ins +Geschäft. Da dachte ich Olbrich in Glanz und Sieghaftigkeit zu finden, +wovor ich mich am meisten fürchtete. Er war aber gar nicht da, und als er +den Tag über nicht kam, fragte ich die Kollegen, ob sie nichts von ihm +wüßten, und einer sagte, er sei frühmorgens dagewesen und habe den Chef um +ein paar Tage Urlaub gebeten und sie auch erhalten. + +Es handle sich um eine auswärtige Stelle als Privatsekretär bei einem +politisch großen Tier, für die er vorgeschlagen sei und die er zu erlangen +trachte, setzte der Wissende geheimnisvoll hinzu; er hatte es zufällig +aufgeschnappt. Für die Stelle am philologischen Verlag sei bereits ein +anderer Herr vorgemerkt, Olbrich nehme sie nicht an. Da mischte sich ein +anderer ins Gespräch und sagte, das alles müsse ich doch eigentlich wissen, +da ich ja der intimste Freund von Olbrich sei, und ich schwieg dazu, da +konnten sie denken, was sie wollten. Am Abend lag ein Briefchen von Maidi +auf meinem Tisch. Ich konnte es kaum öffnen vor Herzklopfen und wartete auf +irgend ein Beil, das nun auf mich niedersausen würde. Sie schrieb aber nur, +ich möchte sie diese Woche nicht besuchen, da sie nicht ganz wohl und etwas +überanstrengt sei und dabei eine besonders vollbesetzte Woche in der Schule +habe, und fügte dann hinzu: »Ich freue mich, bis wir wieder einmal +miteinander wandern, in den Frühling hinein. Es ist mir, als liege noch der +ganze Winter auf mir. Maidi.« + +Da wußte ich mir gar keinen Vers mehr zu machen, denn es lautete nicht nach +Glückseligkeit und triumphierendem Kräfteüberschwang, wie ihn die Liebe +gibt, und aber auch nicht nach Gleichgültigkeit oder unvergebener Kränkung. +Sondern es lag etwas auf Maidi, das sie selber tragen mußte, und vielleicht +war es nur Müdigkeit, vielleicht aber auch etwas anderes. Aber sie freute +sich, bis wir wieder miteinander wanderten und war lauter und klar gegen +mich. Olbrich aber ging fort, und wahrscheinlich hatte ich ihm auch unrecht +getan, und er hatte auch eine Last auf sich und hatte mich vielleicht bei +Maidi zu finden geglaubt. Ich wußte nicht, wie ich in die ganze Wirrnis +hineingeraten war und wartete sehnlich, bis mein Freund wieder komme. + +Aber als er da war, schien er mir gar nicht mehr derselbe zu sein wie +vorher, und ich wünschte fast, er möchte mich wieder mit wechselnden Launen +quälen, zwischen denen dann doch immer wieder sonnige und goldene +Augenblicke herausgeschienen hatten. + +Jetzt ging er straff und stählern einher, geschlossen und gepanzert, +arbeitete rastlos und wie für drei und betrieb daneben die Vorbereitungen +für seine Abreise, denn er hatte die Stelle erhalten, um die er sich +beworben hatte, und mußte sie bald antreten. Im Geschäft ließ man ihn +ungern gehen, und doch mit der kurzen Kündigungsfrist, die er brauchte, +denn er war kein Mensch, den man halten konnte. Ich aber fand mich nicht +mit ihm zurecht; es schien, als ob unsere Freundschaft irgendwo begraben +oder in weiter Ferne läge; ich hatte aber keine Macht, sie aufzuwecken oder +herbeizuholen. + +Manchmal fing ich einen Blick auf, den Olbrich zu mir hersandte, und wußte +mir auch den nicht zu deuten; denn er war spöttisch oder bitter und ein +wenig von oben herab. Aber ich fand nicht das Wort, ihn zu fragen: Warum +siehst du mich so an, und was ist mit dir? Denn es kam mir alles verhext +und verzaubert vor, und ich litt es eine traurige Woche lang. Abends war +ich immer allein. Da nahm ich das eine oder andere Buch in die Hand, las +eine Weile darin und stellte es wieder zurück und schrieb einmal an meine +Schwestern. Helene hatte voriges Jahr ein Kind bekommen und erwartete das +zweite. Und Luise bügelte, wie immer. Ich schrieb, daß ich im Sinn habe, an +Weihnachten heimzukommen, und es lief mir allerlei Anhängliches, Warmes in +die Feder, was sonst kaum geschah. Dann ging ich wohl noch aus und kehrte +bald wieder zurück und kam mir wie auf einem fremden Stern vor. Denn so +wenig ich es schwer nahm, einmal rücksichtslos und gleichgültig gegen die +zu sein, die mich liebten, und die auch ich zu lieben meinte, so wenig +ertrug ich es, wenn es mir von andern widerfuhr. Am Sonntag hoffte ich, zu +Maidi zu gehen und ihr alles zu sagen. Aber es kam ein Briefchen von ihr +mit wenigen Worten. Sie fuhr mit der Pfarrerswitwe und den Kindern zu deren +Verwandten aufs Land und kam erst Montags wieder. »Es ist ein +Genesungsausflug,« schrieb sie, »nun bin ich bald wieder die Alte.« Ich +hatte mir aber jetzt ernstlich vorgenommen, mit Olbrich zu reden; es war +unwürdig und ging nicht länger, wie es war. + +Da pfiff er am Samstag Abend unter meinem Fenster, ganz wie sonst. »Machst +du einen Lauf mit mir?« fragte er. »Es ist so schön stürmisch.« Das war es. +Der Wind trieb die Wolken vor sich her und sang sein Lied in den Bäumen des +Gartens, auf den jenseits der Straße der Blick aus meinen Fenstern ging. Es +war eine laue und lebendige Nacht. Der Wind kam aus Südwesten, und +vielleicht regnete es morgen oder auch heute noch. Ich war in einer Minute +unten, und wir machten lange Schritte nebeneinander her; geredet hatten wir +noch nichts; es hatte ja Zeit. »Ich denke, wir gehen aufs Schwalbennest,« +sagte Olbrich, als wir in einer Vorstadtstraße waren. »Das ist ein gutes +Stück zu gehen und nachher ein gemütlicher Sitz in der Wirtsstube. Ich will +der Friedel noch ein Andenken geben, sie hat sich immer gut zu mir +gestellt.« + +Dann gingen wir wieder schweigend nebeneinander her, lange. Es ging zuerst +auf der Landstraße hin zwischen Pappeln, die sich im Winde bogen und ihre +langen Haare schüttelten, dann durch ein Dorf und dahinter eine Anhöhe +empor. Ganz oben sah uns ein Licht entgegen; es hielt jemand eine Laterne +in der Hand und ging damit um ein Haus herum, das schwach erhellt zwischen +Bäumen lag. Da sagte Olbrich: »Du hast mich nicht gefragt, und es ist gut +gewesen, daß du es nicht getan hast. Wir feiern aber heute meinen Abschied, +und es ist mir lieb, wenn du gut an mich denkst, denn ich habe dich gern, +trotz -- hm, trotz manchem. Ich muß dir etwas sagen, so lang es noch dunkel +ist. Ich habe Gehen oder Bleiben auf eine Karte gesetzt, und sie hat auf +Gehen entschieden. Es ist aber sonst noch allerlei drum und dran, und, +kurzum, es hat mich ein Mädel ablaufen lassen, das ich gern geheiratet +hätte. Das hätte mir nicht passieren sollen. Es hat einmal jemand zu mir +gesagt, ein rechter Mann frage da nicht an, wo er nicht sicher sei, kein +Nein zu bekommen. Der hat recht gehabt. Es ist ein verdammtes Gefühl. Aber +was will man machen, wenn man eine Entscheidung braucht und wenn man spürt: +Die will ich, oder keine? Ich habe gemeint, es könne mir nicht fehlen. Sie +will aber noch nichts vom Heiraten wissen, wie sie sagt und vielleicht auch +meint. Es sei ihr noch lang wohl so. Es ist aber anders, so viel ich +gemerkt habe, und es liegt ihr ein anderer im Sinn. Einer, den sie +vielleicht nicht einmal bekommt, wenn ihm nicht jemand beizeiten den Star +sticht. Denn er ist sonnenblind, und es muß gut gehen, wenn es gut geht mit +ihm. Sie kann mir eigentlich leid tun, denn sie ist vom Kopf bis zu den +Füßen ein rares Mädchen und gäbe eine feine Frau. Aber die Mädchen sind +manchmal so, gerade die feinsten; sie fallen auf den Buben herein, wenn sie +den König haben könnten. Na, sie müssen's ja wissen. -- Da ist die Friedel +mit der Laterne. Grüß Gott, Friedel! -- Du, höre, drinnen reden wir dann +nicht mehr davon, gelt? Es verträgt noch nicht viel bei mir.« + +Da gingen wir in die Wirtsstube und setzten uns an den großen Tisch in der +Ecke beim Ofen, wo wir schon manchmal gesessen waren; es war da aber noch +anders zwischen uns gewesen. Die schwarzhaarige Friedel trug Wein auf, wie +sie es gewöhnt war, und Olbrich machte ein paar Späße mit ihr, es war aber +nicht viel damit los, und er ließ es bald wieder sein. Und ich saß stumm +und geschlagen daneben, denn es war ein Blitz durch eine dunkle Landschaft +gefahren und hatte sie auf einen Augenblick erhellt, und ich wußte und sah +alles. Ich hätte so gerne gesagt: Gelt, es ist Maidi! Aber ich durfte +nicht, und es war ja auch nicht nötig, ich wußte es ohnehin. Und der Bube +war ich, der König aber Olbrich. Denn er war voll hohen Selbstgefühls und +von rasendem Stolz, aber er durfte es auch sein, denn er hatte Kraft und +Willen und Feuer genug in sich. Und doch hatte Maidi ihn weggeschickt, +und -- es quoll etwas Süßes und Holdes in mir auf -- meinetwegen? +meinetwegen? Vielleicht täuschte er sich; sie hatte es ja nicht gesagt. + +Da hob Olbrich das Glas und stieß mit mir an. »Laß das Nachdenken,« sagte +er. »Es kommt nichts dabei heraus. Wir wollen heute noch einmal beisammen +sein, wie früher, und dann sehen, was wir aus uns machen. Vielleicht +begegnen wir uns wieder, und dann sieht jeder, was aus dem andern geworden +ist. Vielleicht auch nicht, denn es gibt so viele Straßen auf der Welt, und +man kann immer nur eine gehen. Hör' du, da habe ich, glaub' ich, +versehentlich etwas gesagt, was für dich ins Stammbuch paßt. Man kann +immer nur eine Straße gehen und muß wissen, welche man will. Du denkst +immer noch, es stehen einem alle offen, aber es ist nichts damit. Sondern +man hat es in sich, welche recht ist und passend, und wenn man eine andere +einschlägt, so muß man umkehren, falls man noch kann. Es ist meistens eine +teure Sache. Ich habe anfangs gemeint, du seiest so einer, der unentwegt +vor sich hin geht in der Zucht und Furcht. Aber ich denke jetzt ein bißchen +anders. Denn du hast die Augen überall und willst rechts und links zu +gleicher Zeit, und vielleicht machst du noch die dümmsten Streiche, wer +weiß? Na, -- du mußt es dann selber zahlen. Du hast auch kein rechtes +Augenmaß für groß und klein, und vielleicht kommt dir bei einer Gelegenheit +das Beste hinaus, wenn dein Schutzengel nicht aufpaßt.« + +Er sprach in einem halb ironischen Ton, den ich gut an ihm kannte, aber +heute tat er mir weh. Denn wir waren nicht beisammen, wie früher, obgleich +er es verheißen hatte; es stand etwas zwischen uns, das auf keine Weise zu +entfernen war; es stiegen bittere Blasen in ihm auf und zerplatzten ihm auf +der Zunge, und das war nun unser Abschied. Aber ich sah, daß er litt, und +vielleicht hatte er auch in etwas recht gegen mich, und ich legte ihm die +Hand auf den Arm und sagte: »Vielleicht wird es nicht so schlimm mit mir. +Warum sollen wir uns nicht wiedersehen und voneinander wissen? Warum sollen +wir uns künstlich meiden, da wir einander doch nichts getan haben? Es wird +ein jeder seine Schwierigkeiten mit sich selber haben und auch seine +Wegweiser. Du hast doch auch nicht aus dir selber gewußt, was du mußt, +sondern hast ein Mädchen gefragt.« Als ich das gesagt hatte, erschrak ich, +denn er konnte nun auffahren und es sich verbitten; aber er lächelte trübe +und sagte: »Ja, ja, die Liebe. Von der verstehst du noch nichts. Wir wollen +einander aber nicht anpredigen, du hast recht, und auch nicht verlieren. +Wer weiß, ob wir einmal froh aneinander sind, wenn jeder noch ein paar +Dummheiten gemacht hat und es ihm windig zumute ist.« + +Wir saßen noch lange und redeten noch allerlei, aber nichts mehr von der +Liebe. Er kam in eine größere Stadt in Bayern und hatte wahrscheinlich +ziemlich viel Reisen zu machen; es tat ihm leid um die alte Dame, wie er +seine Mutter nannte in der Art, wie die Studenten von ihrem Vater als dem +alten Herrn sprechen (sie war nämlich noch nicht alt, sondern hatte etwas +mädchenhaft Zierliches im Wuchs und reiches blondes Haar). Sie vermißte ihn +natürlich, und ich sollte sie besuchen; aber sie war keineswegs ängstlich, +ihn von sich zu lassen, sondern machte nur den Herzbändel etwas länger, der +nie zerreißen konnte. Ich war froh, ihn von dem allem reden zu hören und +sagte selber nicht viel. Denn wovon hätte ich reden sollen? Ich hatte genug +zu denken. Ich hätte eine ganze Nacht hindurch gehen können und hätte noch +nicht alles bedacht, was in mir stürmte durcheinanderhin. Wir waren kein +Kleeblatt mehr, und Olbrich ging verwundet in die Welt hinaus. Vor mir +selber aber tat sich eine neue Landschaft auf, die mich entzückte und +schreckte zu gleicher Zeit, weil mein Freund neben mir saß und daraus +verwiesen war. + +Die junge Friedel, die Nichte der Wirtin, ging mit Tränen in den Augen hin +und her und setzte sich auch eine Weile zu uns, denn sie war immer gut +Freund mit Olbrich gewesen, und er küßte sie zum Abschied und hängte ihr +einen Achatstein an einem Silberkettlein um den Hals, damit sie hie und da +an ihn denke. Da lehnte sie den Kopf an den Türrahmen und weinte leise und +herzlich; wir aber gingen durch die brausende Frühlingsnacht den Berg +hinunter und in die Stadt. Dort trennten wir uns; ich sah meinem Freund +nach, so lang ich konnte und hörte dann noch im Dunkeln seinen Schritt +hallen; es wäre mir beinahe auch so gegangen wie der Friedel. Er war in +allem anders als ich und war oft schroff und launisch gegen mich gewesen; +ich konnte niemals mit ihm gleichen Schritt halten, und es lag in unserer +Natur und war unser Schicksal, daß unsere Wege sich trennen mußten. Aber +mein Herz hing doch an ihm, und es ging ein Stück Leben und Jugend von mir +fort; es blies irgendwo ein kalter Wind herein, der kam durch die Lücke, +die er gemacht hatte. + +Als ich in mein Zimmer kam, lag eine Karte auf dem Tisch, die war von Herrn +Kasimir Hagenau, meinem alten Chef. Er war zur Messe in die Stadt gekommen +und war nun dagewesen und lud mich auf morgen in sein Gasthaus zum +Mittagessen ein. Da trat nun das Alte wieder in mein Leben, an das ich +meiner Art nach nicht mehr sehr viel gedacht hatte. Doch hatten wir +immerhin manchmal Briefe gewechselt, und ich wußte, daß Herr Kasimir eine +Vorliebe für mich bewahrt hatte, die mir angenehm, aber nicht weiter +verwunderlich war. Jetzt, da er wieder auftrat, freute es mich, mit ihm +zusammen zu kommen, denn ich war im Augenblick etwas anerkennungs- und +anschlußbedürftig, und es war doch ein gutes Zeichen für mich, daß er mich +noch aufsuchte und einlud. Auch fiel es mir vor dem Einschlafen ein, daß +er mich ja eigentlich seinerzeit zum Wiederkommen aufgefordert hatte, und +ich war neugierig, ob er darauf zurückkommen würde. Aber das letzte, was +mir in den Schlaf hinein nachging, war Maidi. Sie hatte ein grünes Kleid an +und ein weißes Schleiertüchlein am Ausschnitt und lächelte mich an. Sie war +ein Königskind, aber ohne Schloß und Land. + + * * * * * + +Herr Kasimir saß im Lesezimmer des Gasthauses hinter einer Zeitung, als ich +ihn aufsuchte. Er sah noch aus wie bei meinem Abschied, nur vielleicht +etwas grauer im Haar und Bart und hatte auch einen kleinen Bauch angesetzt. +Als er mich erblickte, ging sein Gesicht so hell und freudig auseinander, +daß es mich an den Abend erinnerte, an dem die Bitterolfschen Geschwister +angekommen waren; er stand auf und schüttelte mir beide Hände, so daß ich +fast in Verlegenheit geriet, was ich mit all der Wärme anfangen solle, denn +ganz so herzlich hatte ich mir das Wiedersehen nicht vorgestellt. Es fand +sich aber, daß es bei Herrn Kasimir mit dem Andenken an seine Schwester +zusammenhing, die er sehr vermißte, und die mir doch gut gesinnt gewesen +war, und als die Rede auf sie kam, wurde auch ich warm und ein wenig weich, +denn es stieg ein liebes und wertvolles Bild vor mir auf, wenn ihr Name +genannt wurde, und es war etwas von Heimat für mich um sie her gewesen. + +Herr Kasimir wischte sich ein paarmal die Augen, als er mir während der +Mahlzeit ungefragt noch dies und jenes aus Fräulein Brigittens letzter Zeit +erzählte, er hielt sich aber daneben doch wacker ans Essen und Trinken, so +daß es mir fast komisch vorkam, ihn so die Rührung mit hinunterschlingen zu +sehen. Vielleicht fing er einen unbewachten Blick von mir auf; denn ich +konnte ja meine Gedanken nie verstecken, und er sagte wehmütig: »Ja, was +wollen Sie, man lebt ja eben weiter, so gut man kann. Ich muß ja sagen, es +kommt Ihnen vielleicht sonderbar vor: es schmeckte mir trotz alledem, wenn +ich so allein am Tische saß in meinem leeren Hause, ja vielleicht mehr als +früher, weil ich nicht viel anderes hatte, was mich freute oder anregte bei +den Mahlzeiten. Ich bin ja auch dabei gediehen, wie Sie sehen, und stelle +vielleicht das Bild eines gleichgültigen Selbstlings vor, was aber nicht +ganz stimmt.« + +Es erheiterte mich inwendig immer mehr, mir den einsamen Mann, dem es aber +dennoch trefflich schmeckte, unter den Bildern der Vorfahren mit den +Perücken und Spitzenmanschetten vorzustellen, wie sie ihm alle teils +mißbilligend, teils wohlwollend zusahen, bis er sich den Mund wischte und +gesegnete Mahlzeit sagte. Aber nein, er hatte ja niemanden, zu dem er es +sagen konnte, und nun tat er mir wieder leid, so daß Lachen und Mitleid in +mir kämpften. Ich sagte irgend etwas davon, daß ich mir wohl denken könne, +wie still es nun in seinen Zimmern sei, worauf Herr Kasimir halb verlegen +und halb triumphierend sagte: Ja, eigentlich sei das zwar bis vor kurzem so +gewesen, aber nun nicht mehr, denn seit wenigen Wochen sei seine Nichte +Eleonore, die ich ja auch kenne, bei ihm eingezogen und stelle nun alles +auf den Kopf, denn sie wolle ein Haus machen, was sie auch ausgezeichnet +verstehe. + +Das letztere sagte er mit einem halbanerkennenden Schmunzeln, wie etwa ein +Vater von seinem Sohn, dem Studenten, sagt: der Tausendsasa verstehe Geld +auszugeben wie ein Alter, wobei man aber doch merkt, daß das Wohlgefallen +daran seine Grenzen hat. + +Ich war sehr überrascht, die kühle Blonde aus dem Norden als Dame des +Hauses Hagenau vorgestellt zu bekommen und fragte, ob sie auf längere Zeit +dableiben werde, worauf Herr Kasimir sagte: »Ja, wohl für immer.« Sie sei +Waise geworden, schon voriges Jahr, und da ihr einziger Bruder als junger +Jurist, der kaum mit dem Studium fertig sei, nun auch die Vaterstadt +verlassen habe, um das übliche Wanderleben der ersten Dienstjahre +anzutreten, so sei sie zu ihm übergesiedelt, was für beide Teile das +Natürliche sei. Es kam mir aber nicht vor, als ob er ganz behaglich von der +Sache rede, doch forschte ich nicht weiter darnach. Es fiel mir wieder ein, +wie mühsam ich einst nach der Gunst oder vielmehr Anerkennung der jungen +Dame gestrebt hatte, und es schwellte mich ein stolzes Gefühl, zu denken, +daß es damit nun vorbei sei, denn ich war ein gewandter und vielseitiger +Mann geworden, soviel ich von mir wußte. Ja, es reizte mich in diesem +Augenblick, ihr unter die Augen zu treten und eine hübsche Unterhaltung +leicht und spielend mit ihr zu führen. + +Wie wenn er meinen Gedanken gefolgt wäre, sagte da Herr Kasimir: »Erinnern +Sie sich eigentlich noch daran, daß wir seinerzeit so halb und halb +ausgemacht haben, Sie müßten zu uns zurückkehren? Und ist es Ihnen noch so, +daß Sie es gerne täten? Es würde mich freuen, wenn Sie wieder in mein +Geschäft eintreten wollten. Es ist ja viel kleiner als das, in dem Sie +jetzt sind, natürlich. Aber Sie wissen ja, das hat seine Vorzüge. Man ist +nicht auf eine bestimmte Arbeit beschränkt, sondern übersieht das Ganze und +hat es in der Hand; es ist anregender und vielseitiger, und außerdem -- ich +hätte eigentlich einen Plan mit Ihnen. Ich möchte es mir allmählich +leichter machen und einen Nachfolger einarbeiten. Dazu hätte ich Sie im +Sinn. Es hängt da so allerlei drum und dran, was sich vielleicht nach und +nach einrichten ließe. Ich möchte nicht gern verkaufen und drausgehen; ich +hätte lieber die Hände noch darin. Auch habe ich ungern immer wieder neue +Leute. Und so weiter. Kurzum, Sie würden mir passen. Überlegen Sie es +einmal. Es ließe sich vielleicht einrichten, daß Sie gar kein Kapital +brauchten, sondern vorläufig bei mir angestellt wären. Später sähe man dann +wieder.« + +Mir hing der Himmel voller Geigen. Am liebsten wäre ich aufgestanden und zu +Maidi gelaufen. Denn war hier nicht wieder einmal das Zufällige oder +Gefügte mein Freund? Und hatte ich nicht immer gewußt, daß es bei mir so +gehe? Einfach, es lag so in meiner Lebenslinie. Daneben mußte ich natürlich +dennoch ein tüchtiger Kerl sein und war es auch. Maidi hätte nur zuhören +sollen: »Und kurzum, Sie passen mir.« Und so weiter. + +Aber sie hatte nie darauf eingehen wollen, daß etwas Glückliches +irgendwoher kommen konnte, es mußte immer alles erworben sein. Was mich +betraf, ich ließ mir gern etwas in den Schoß werfen. Das Haus Hagenau war +vornehm, alt, angesehen und das Geschäft ein Goldgrüblein, wie ich es schon +hatte nennen hören. Ich reiste mit Extrapost in meinen Gedanken. Daneben +sprach Herr Kasimir weiter. »Wohnung und Tisch im Hause könnte ich Ihnen +freilich vorläufig nicht anbieten; die Umstände sind nicht so gelegen +dafür. Dagegen sind Sie selbstverständlich stets willkommen als Abendgast +und etwa Sonntags. Ich würde mich immer freuen.« Jetzt fuhr wieder er mir +zu schnell. Ich hatte ja noch gar nicht gesagt, ob ich wollte. Ich war hier +auch nicht schlecht angeschrieben. Auch stand mir noch die Welt offen. Ich +machte ein weises und undurchdringliches Gesicht und sagte, es müsse +überlegt sein. Es sei sehr freundlich von ihm und habe viel Verlockendes, +indessen könne ich nicht nur so handumkehr mein Leben darauf einstellen. Im +Geschäft gebe es ohnehin auch zur Zeit Veränderungen, und ich habe alle +Aussicht, vorzurücken. Doch wolle ich es mir merken. Es müsse doch nicht +heute entschieden sein? Nein, das müßte es nicht, doch sollte es auch nicht +mehr lang hinausgeschoben werden. Und, wenn er das sagen dürfe, +Selbständigkeit sei doch auch eine schöne Sache. Ja, ja, das war es; wenn +er nur schon abgereist wäre, daß ich hätte zu Maidi gehen können. Es +brannte mich; ich dachte in diesem Augenblick nicht an die trübseligen +Tage, die hinter mir lagen, und an alles Halbdunkle, das zwischen dem +letzten Beisammensein und heute schwebte, und an meinen Freund, der mit +trauriger Bitterkeit und einer Herzenswunde in die Welt hinausfuhr, sondern +nur an Maidis staunendes Gesicht und an meinen Triumph, und daß wir alles +miteinander besprechen würden. + +Aber ich mußte mich noch eine Nacht und einen Tag lang gedulden, und als +ich am Montag abend zu ihr kam, war sie selber voll von einer großen +Neuigkeit, die sie mir erzählen mußte. Einer der Lehrer an der +Kunstgewerbeschule hatte den Auftrag übernommen, den neuen und prächtigen +Landsitz eines Großindustriellen, der an einem herrlichen Platz im Gebirge +lag, künstlerisch auszuschmücken, und er hatte Maidi mit noch ein paar +andern Schülern und Schülerinnen der obersten Klasse den Vorschlag gemacht, +ihm dabei zu helfen. Er wollte schon während des Semesters mit ihnen dahin +ausrücken, da er ein paarmal in der Woche die nicht ganz kleine Fahrt in +die Stadt machen konnte, um seine Stunden zu geben, und da sie ihre Arbeit +als praktische Vorbereitung auf die Prüfung ansehen konnten. Maidi war voll +brennenden Eifers, mir die Vorzüge dieser Abmachung auseinanderzusetzen. +Sie hatte schöne Entwürfe für Vorhänge und Wandbekleidungen im Kopf, und +auf dem Tisch lagen geöffnete Mappen mit Zeichnungen, die sie sich einmal +für ein Kinderspielzimmer ausgedacht hatte: ein Fries mit allerlei Tieren: +Schnecken, Fröschen, Käfern und Schmetterlingen, und eine Tapete mit Bienen +und Hummeln, die auf Blumen saßen. + +Wenn Maidi etwas Schweres durchgemacht hatte, wie ich ja annehmen mußte, so +kam ihr freilich die neue Aufgabe mit allen Veränderungen und +Kraftanstrengungen, die sie mit sich brachte, sehr zustatten. Sie sah auch +freudig angeregt aus und kam mir höchstens etwas schmäler vor, und als ob +sie in der Zwischenzeit noch gewachsen sei, was ja freilich nicht sein +konnte. Ich hielt mich auch nicht mit Betrachtungen auf, sondern eilte, +meine Sache auch anzubringen, und nun sangen wir wieder einmal ein Duett, +in dem jedes die erste Stimme haben wollte, denn es war alles neu und +wichtig, und jedes mußte dem andern zugeben, daß es vorwärts ging im Leben, +und daß freilich beides am Werk sei, Glück und Verstand, aber welches am +meisten, das konnte man nicht ausmessen. Der Professor hatte auch bei +Gelegenheit der Abmachung gesagt, daß er für Maidi bereits eine schöne +Arbeit in Aussicht habe, die sie, wenn sie wolle, sofort nach der Prüfung, +die im Herbst stattfand, antreten könne. Es war die Stelle einer Lehrerin +an derselben Anstalt, für die sie sich nach der Ansicht des Professors +besonders gut eignen würde, und die ihr auch einen festen, wenngleich +bescheidenen Grund unter die Füße gab. Das war es ja, was Maidi gewollt +hatte, und ich fragte sie, ob sie dazu entschlossen sei, die Stelle +anzunehmen oder sich etwa schon verpflichtet habe. Es war aber bis jetzt +weder das eine noch das andere der Fall. Maidi sagte, träumerisch vor sich +hinblickend, sie wolle jetzt auch einmal eine Weile das Land unbegrenzter +Möglichkeiten vor sich haben, oder ob ich es vielleicht allein gepachtet +habe? Bei dieser Frage sandte sie mir unversehens einen Blick zu, der mich +an die alte Neckerei erinnerte, die von Olbrich und ihr mit diesem Wort +getrieben worden war, und ich sagte, eifrig darauf eingehend: »Sehen Sie +jetzt, wie schön es ist, wenn man alles vor sich hat, was einen freuen +kann, aber immer noch frei ist, zu tun, was man will? Es ist ein so +behaglicher Zustand, daß man ihn ausdehnen sollte, solang es irgend geht.« + +Aber es war nicht ganz das Rechte gewesen, wie ich merkte, denn Maidi sagte +leise und fing an, die Mappen wieder einzupacken: »Ich habe es ein bißchen +anders gemeint,« und dabei wurde sie wieder einmal rot, was ich wohl sah, +obgleich sie sich im Hintergrund des Zimmers an einem Schrank zu schaffen +machte. Sie hatte dieses Kommen und Gehen der Farbe von jeher an sich, wie +sie mir schon erzählt hatte, und ärgerte sich oft darüber, weil es das +geheime Leben ihres Herzens allzu offenkundig zeigte; es war aber immer +lieblich anzusehen, und ich hätte es gern häufig hervorgerufen, um sie dann +betrachten zu können. Diesmal aber fiel mir mit Gewalt ein, was Olbrich mir +erzählt hatte und was über all den Neuigkeiten eine Weile im Hintergrund +gestanden war. + +Ich sah auf einmal Maidi vor mir stehen wie ein Paradiesgärtlein, in das +durchaus nicht jeder eintreten durfte, aber das in aller Stille für mich +erblühte, so unbegreiflich es eigentlich war. Es wurde mir heiß dabei, aber +auch seelenwohl, und ich machte unwillkürlich einen Schritt vorwärts, auf +Maidi zu, denn da war kein Überlegen, ich wußte plötzlich alles von ihr und +von mir; es war wie vom Himmel gefallen. Sie sah aber meine Augen, in denen +das neu erwachte Leben freudig und stürmisch loderte, und beugte sich, noch +tiefer erglühend, über eine offene Truhe, in die sie die Mappen legte. Das +dauerte eine ziemliche Weile, dann sagte sie, ohne sich umzusehen und +eifrig beschäftigt dem Anschein nach: »Jetzt wird einmal vor allen Dingen +das Examen gemacht, dann sieht man weiter. Man muß sich in der Hand +behalten und wissen, was man will; dann ist es immer noch Zeit, ja zu +sagen.« Das sollte freilich dem Professor gelten mit seiner Stelle, aber +mir machte sie nichts mehr weis. Es mußte heißen: »Warte noch ein +Weilchen, frage mich jetzt nichts, denn im Augenblick ist nicht Zeit dazu.« +Sie wollte selber etwas sein, wenn sie sich hingab, etwas Ganzes und +Fertiges, denn sie hatte ihren Stolz und ihre Arbeit darangesetzt, und wer +sie bekam, der mußte froh sein an ihrer Liebe und ihrem blühenden Leben und +selber auch Liebe und Leben hergeben; um anderes ging es nicht bei ihr. Es +war begreiflich, und man mußte ihren Willen ehren, aber so sehr ich vorhin +die Freiheit gepriesen hatte, so fiel es mir doch sauer, daß Maidi sich +ihrer jetzt bediente. Ich hätte sie gerne leise in den Arm genommen und +geküßt und mußte mich doch still halten. Es sang und musizierte aber in +mir, wie noch nie zuvor. + +Darauf brachten wir noch einmal ein erträgliches Gespräch zustande. Maidi +mußte schon in acht Tagen abreisen und hatte vorher noch alle Hände voll zu +tun mit Vorbereitungen. Sie freute sich auf die Arbeit; es wurde ein +Gartensaal ausgemalt, dessen Schmuck, vom Professor entworfen, von den +Schülern ausgeführt werden sollte. Und es gab eine heitere Gesellschaft von +jungen Leuten, die zusammen arbeiteten den Sommer lang. Aber ich hatte +keinen Teil daran, sondern mußte allein in der Stadt zurückbleiben, die mir +öd und ausgestorben vorkam, wenn ich nur daran dachte. + +Ich sagte bedrückt, am liebsten möchte ich auch gleich abreisen und meine +neue Stelle antreten, es sei dann ohnehin nichts mehr hier. Da lachte Maidi +und fragte mich, ob ich denn schon entschieden sei und ob ich denn nicht +vielmehr noch eine Zeitlang in der schönen Entschlußfreiheit leben wolle? +Und wie es dann im Herbst wäre, wenn sie zurückkäme? Da würde dann wohl +die Stadt auch ausgestorben sein. Ich sagte, wie es im Herbst werde, das +komme noch auf sie selber an; es müsse ja nun vor allem, wie ich habe sagen +hören, das Examen gemacht werden, und sie könne dann auch immer noch +hingehen, wo sie wolle. Das alles brachten wir im heiteren Ton der Neckerei +vor, wie sie manchmal zwischen uns hin und her ging, aber wir waren nicht +frei dabei, denn auf einmal stand Trennung und Abschied zwischen uns, und +wir waren noch gar nicht beisammen gewesen. Ich machte bald, daß ich fort +kam, denn ich war es nicht gewöhnt, mich zu beherrschen, und es ging zu +vieles zu stark in mir um. + +In der Nacht fiel es mir noch ein, daß ich Maidi am nächsten Sonntag ein +gutes Stück weit begleiten konnte über einen Gebirgskamm hinüber und bis an +eine kleine Station, von der sie dann an die Hauptbahnlinie gelangen und zu +ihren Gefährten stoßen konnte. Ich stand auf und suchte auf der Karte und +mit dem Wanderbuch den Weg und wäre am liebsten noch einmal ausgegangen, um +es Maidi durchs Fenster zuzurufen. Aber es schlug zwölf Uhr, und sie war +nicht Olbrich, sondern ein feines und köstliches und vornehmes Frauenwesen, +das jetzt hinter zugezogenen Vorhängen schlief und nicht auf Pfeifen ans +Fenster kam. + +Also behielt ich meinen Vorsatz bei mir und schlief auch mit ihm ein, so +daß es weiter nicht verwunderlich war, daß auch meine Traumgebilde auf +Wanderfüßen gingen. Sie führten mich aber nicht in die dortige Gegend, +sondern auf einen Berg bei uns daheim und auf einen grasigen Platz, wo ich +folgendes Schauspiel hatte: Es stand eine hohe und dunkle Tannenfront da, +die den Weg begrenzte. Die Bäume waren aufrecht und in Reih' und Glied +gestellt, sie konnten sich nicht mucksen. Aber an ihnen vorbei trippelten +mit zierlichen Schritten schlanke junge Birken in weißen Kleidern und mit +grünen Seidentüchern, die leicht um sie herumwehten, und lachten mit ganz +hellen und hohen Stimmen, so daß es mehr gesungen als gelacht war. So +gingen sie an den dunklen Bäumen vorbei, die sich nicht rühren konnten. Es +waren aber eigentlich Männer, die ums Leben gern die feinen Mädchen, die +die Birken eigentlich waren, zum Tanzen aufgefordert hätten. Sie zwirbelten +ihre Bärte mit düsteren Gesichtern und ließen die Augen herumlaufen, als +wollten sie sagen: Wartet nur, bis wir dann nachher aufgewacht sind. Da +wollen wir euch schon kriegen. Aber die Birken schwänzelten weiter, nur die +größte und schönste blieb ruhig stehen und ließ ihre Schleier wehen. Da war +es auf einmal Maidi und winkte mir mit der Hand zum Mitkommen. Aber ich +konnte nicht zu ihr und sie nicht zu mir, und sie nickte mit dem Kopf. »Ich +bin gewiß nicht schuldig,« sagte sie zärtlich und traurig und hatte die +leuchtenden Augen voller Tränen. + + * * * * * + +Wenn ich nun den letzten Tag beschreiben will, den ich mit Maidi erlebte, +so zittert mir aufs neue das Herz, und ich weiß nicht, ist es mehr die +Wonne, ihn erlebt, oder die Trauer, ihn nicht genützt zu haben, was mich im +tiefsten bewegt. Doch kann man beides nicht auseinander halten; es ist +ineinander verflossen und läßt sich nicht trennen. Auch habe ich mir +vorgenommen, mir in diesen Blättern das Wort der Selbstbespiegelung und der +Klage abzuschneiden, so oft es sich auch hervordrängen will. Denn was mache +ich anders damit? Und liegt es nicht an mir, vergangene Lieblichkeiten und +Schmerzen, die sich stets erneuern, zu nützen, so daß noch eine späte Ernte +daraus hervorgeht? + +Maidi war auf dem Weg, den sie mit leichten Schritten und wie beschwingt +neben mir beging, von der goldensten Laune und glich so recht dem +Frühlingstag, der über uns blaute, und der alles sprossen und blühen ließ, +was nur im Lichte webte und sich drängte. Sie schwang ihren Wanderstab wie +eine glückspendende Göttin oder Fee ihr Zauberstäbchen, und überall, wo er +seine Kreise zog, lagen Sonnenlichter auf dem Boden, wehte ein leichtes, +frisches Lüftchen um uns her und rauschten klare Brunnen oder blühende +Bäume uns entgegen. Sie war so voll freudigen Überschwangs, daß sie jedem +Begegnenden ins Gesicht sah mit sonnigem Lachen und ihn grüßte, Mann, Weib +oder Kind, und jeder, ob es auch der griesgrämlichste Gesell gewesen wäre, +dankte ihr, freilich mehr oder minder freundlich, und sah ihr mit +zurückgebogenem Kopfe nach, was ich alles aufs genaueste beobachtete und +einheimste wie einen Zoll, dessen Ertrag nun für eine Zeitlang meinen +Lebensunterhalt bilden mußte. Ich war ein wenig schwermütig aufgestanden an +diesem Morgen, weil mir die nächste Zeit in gähnender Leere zu liegen +schien, und vielleicht hätte ich auf dem Weg meine sentimentale Stimmung +weiter gepflegt, aber das war nicht möglich neben dem freudigen Leben, das +erwartungsvoll in den Tag hinein schritt und doch auch ganz hier zur +Stelle war, um nichts zu versäumen. Wir gerieten, als wir an verschiedenen +Bauernhöfen vorbei, die übereinander an einem Bergabhang lagen, die Höhe +erklommen hatten, und nun auf einem leicht gewellten Gebirgskamm +dahinschritten, in ein trauliches und ausgiebiges Geplauder, wie wir es +unter den mancherlei Stürmen der letzten Zeit schon lang nicht mehr geübt +hatten, und besonders Maidi brachte alles Mögliche hervor, das sie gedacht, +erlebt und geträumt hatte. Wenn ich heute noch einmal denselben Weg gehen +sollte, wozu ich mich bis jetzt nicht aufgeschwungen habe, und was ich auch +nicht so leicht tun werde, so könnte ich sicher noch aus der Erinnerung +sagen: Das haben wir an der alten hohlen Eiche geredet, und das bei dem +Wegkreuz mit der seltsamen Inschrift, dies an der Aussichtsstelle in das +wildromantische Felsental, und dies, als wir an der halbzerfallenen +Holzknechtshütte vorübergingen. Es wären alle diese Orte wie Blätter eines +Buches, dessen Lettern im Dunkeln frisch und neu geblieben sind; aber ich +brauche nicht darin zu lesen, denn ich kenne die Geschichten, die darin +stehen, aus- und inwendig. + +Maidi hatte auf dem Ausflug, den sie mit der Pfarrerswitwe gemacht hatte, +in deren früherer Heimat einen Bauersmann kennen gelernt, einen entfernten +Verwandten der Pfarrfamilie, die auch aus bäuerlichen Verhältnissen +stammte. Sie mußte es dem ernsten und schweigsamen Mann, der ein Witwer war +und allein mit einer alten Magd lebte, durch den Liebreiz und die offene +Zutraulichkeit ihres Wesens angetan haben, so daß er ihr ein leidvolles +Stück seiner Lebensgeschichte erzählte, die sie mir nun wiedergab. Wenn +ich sie jetzt aufschreibe, so geschieht es, daß ein Menschenleben, das +sonst wohl schon vergessen wäre oder es doch bald sein würde, noch einmal +eine kleine Wellenbewegung macht auf der Oberfläche des Stromes, der uns +alle mitnimmt, was vielleicht mir einmal nicht geschieht, wenn ich +vergangen sein werde. Wer weiß? + +Der Bauer war der ältere Sohn seines Vaters gewesen, oder vielmehr längere +Zeit der einzige, und hatte sich als solcher schon im Besitz des Hofs +gesehen, an dem er mit allen Eigentumsgedanken und Gefühlen hing, als nach +einer Reihe von Jahren noch ein Nachzügler erschien und das ganze +Zukunftsbild durch sein bloßes Erscheinen auslöschte, da in jener Gegend +die Erbschaftsgebräuche dem Jüngsten den Besitz zusprachen, während die +älteren Kinder anderweitig abgefunden wurden. Diese feststehende Regel +umzustoßen, konnte niemandem einfallen, sie war durch das Herkommen +geheiligt und wurde so wenig angetastet wie das Erbfolgerecht eines +regierenden Hauses. So sah der Älteste bereits den Tag vor sich, an dem er +den geliebten Hof verlassen mußte, um irgendwo anders unterzukommen, sei es +durch Einheirat oder durch das Erlernen eines anderen Berufes, falls er +nicht als Knecht dem Bruder dienen wollte, was ihm alles gleich schrecklich +war. Er warf im stillen einen Haß auf den Bruder, den er aber so gut als +möglich zu verbergen und auch zu überwinden trachtete, wovon ihm aber nur +das erstere gelang, und auch das nicht immer. Der Kleine, der ein schönes +und zutrauliches Kind war, hing an dem großen Bruder und ging ihm auf +Schritt und Tritt nach, obgleich dieser ihn kalt und oft abstoßend +behandelte; das schien ihn nur noch mehr zu reizen, sich seine Liebe zu +erringen. Der Ältere wurde auch manchmal gerührt, wenn der kleine +Lockenkopf sich an ihn drängte und ihn liebkoste, aber mitten drin kam +wieder der Groll über ihn, daß dieser Blondkopf ihm durch sein bloßes +Dasein die Heimat nehme, und er wurde von dunklen Gewalten umhergerissen, +die ihn allmählich so in die Hand bekamen, daß er den Tod des Bruders +wünschte. + +Es begab sich nun das Unglück, daß dieser Wunsch erfüllt wurde, und zwar +durch seine eigene schuldig-unschuldige Hand, indem ein Gewehr, mit dem die +beiden Buben spielten, und das sie für entladen hielten, losging und den +Kleinen niederstreckte, ohne daß dieser noch einen Laut von sich gab. Der +Große war durch diesen erschütternden Vorfall plötzlich im Tiefsten wach +geworden und sah sich als den Mörder seines Bruders an, der er ja freilich +auch war, wenngleich nicht mit Willen im Augenblick des Geschehens, aber +hundertfältig in Gedanken und Wünschen. Er verfiel in eine schwere +Gemütskrankheit, von der er nur langsam genas, und von der ihm immer ein +Rest dunkler Melancholie zurückblieb, auch als er dann in den Besitz des +gewünschten Erbes kam, das ihm nun ein Reichtum und eine Armut zugleich +war. Er heiratete eine Bauerntochter, die ihm sein Vater aussuchte, und +neben der er gleichgültig hinlebte, ohne zu sehen, daß sie ihm mit aller +Frauenliebe anhing. Wenn er etwas wünschte, so war es ein Erbe, und auch +diesen begehrte er nur um des Hofes willen, der nicht in fremde Hände +kommen durfte. Als er nun nach einer Reihe von Jahren erschien, starb die +Mutter, die mit dem Sohn die Liebe ihres Mannes zu erwerben gehofft hatte, +hinweg, und auch hier war es so, daß diesem erst die Augen aufgingen, als +sie ihm sterbend sagte, wie sehr sie ihn geliebt habe. Er wollte nun aber +nichts mehr versäumen in seinem Leben und nahm sich vor, dem Sohn ein so +guter Vater zu sein, als irgend möglich, und auch nicht mehr zu heiraten, +um nicht von neuem den schweren Konflikt in ein Gemüt zu werfen, das von +sich aus schuldlos ins Leben hineinging, und das hier vor ihm in der Wiege +friedlich schlummerte. Aber als das Bübchen die Augen aufheben sollte, fand +es sich, daß sie blind waren, und so schloß nun auch dieser teuer bezahlte +Reichtum eine Armut ein. Doch blieb der Vater dennoch seinem Vorsatz getreu +und lebte für den Sohn, der ein feines, zartes und reich veranlagtes Kind +und trotz des großen Mangels in seinem Dasein von einer sonnigen Heiterkeit +war, wovon der Vater manche Züge zu erzählen wußte. Die Sonne habe der +Blinde, der sie nur vom Hörensagen kannte, innig geliebt und Gesicht und +Hände ihren Strahlen ausgesetzt, auch die Arme ausgebreitet, um sie zu +umfangen, und wenn sie nicht gekommen sei, so habe er sehnlich auf sie +gewartet. Wie die meisten Blinden war er musikalisch und spielte mit seinen +feinen, beweglichen Händen leise, träumerische Melodien auf dem Harmonium, +das der Vater ihm kaufte, so daß es rührend und erbaulich anzusehen und zu +hören gewesen sei. Er habe auch eine sonderbar wohlklingende, weiche und +doch volle Stimme gehabt, die schon beim Sprechen wie eine Melodie gewesen +sei. Mit dieser Stimme habe er Menschen und Tiere gewonnen, so daß er aller +Liebling gewesen sei. Gerade diese Stimme sei aber auch sein Verhängnis +gewesen, wie denn (wie der nachdenkliche Bauer sagte) jeder sein Schicksal +und auch seine Todesart in sich trage, er brauche nicht viel hinzuzutun. + +Es war nämlich auf dem Hof ein wilder, störrischer und gefährlicher +Zuchtfarren, den zu bändigen, wenn er in der Hitze war, niemandem gelingen +wollte, so daß man schon verschiedene Male seinen Tod beschlossen hatte und +ihn nur immer wieder behielt, weil er von vorzüglicher Rasse und zur Zucht +besonders geeignet war. Wunderbarerweise ereignete es sich, daß, als der +kleine Blinde einmal in die Nähe kam und vor den Augen des entsetzten +Vaters auf das um sich stoßende Tier zuging, ehe dieser es hindern konnte, +der Bulle durch die sanfte und helle Kinderstimme beruhigt wurde und sich +sogar von den kleinen Händen streicheln und führen ließ. Das alles war noch +nie erhört und ging von Mund zu Munde, so daß das blinde Bübchen eine Art +Sehenswürdigkeit wurde und zum Wundertun ausersehen von vielen, denen das, +was da und wirklich war, noch nicht genügte, sondern nur ein Angeld und +eine Verpflichtung auf Ferneres schien. + +Diese kamen aber nicht auf ihre Kosten, sondern als man das blinde Kind +nach öfterem Gelingen des seltsamen Versuchs allmählich mit dem Stier +umgehen ließ wie mit einem gänzlich unterjochten Feind, ohne genaueste +Aufsicht, wurde es zur bösen Stunde von ihm totgedrückt. Es habe noch einen +hellen Aufschrei getan und sei tot umgefallen. Der Stier aber sei darauf in +solche Raserei geraten, daß man ihn schleunigst habe erschießen müssen; er +sei mit einem dumpfen Brüllen in sich zusammengestürzt und habe also leben +müssen, bis er sein Werk getan habe. + +Das alles habe der Bauer als etwas jetzt Fernliegendes und doch stets +Gegenwärtiges ruhig und mit tiefer Stimme erzählt und dabei mit seinen +stahlblauen Augen unter weißen, buschigen Brauen wie in eine große Weite +gesehen. Maidi habe ihn teilnehmend gefragt, ob er sich vielleicht damals +wieder habe Vorwürfe machen müssen, daß er den Stier nicht früher +erschossen, das Kind nicht ängstlicher behütet habe. Darauf habe er +erwidert, nein, sondern es sei ihm auf einmal aufgegangen, daß alles +geschehe, wie es sein müsse, doch aber so, daß der Mensch trachten müsse, +aus aller seiner Schuld und dem Bösen, das in ihm sei, und aus dem Unglück, +das ihm widerfahre, wenn auch durch eigene Mängel, das Beste zu machen und +noch etwas zu tun oder zu werden, was ohne das nicht geschehen wäre. Man +dürfe sich natürlich den Schmerzen, die das alles mache, nicht entziehen +wollen, denn dann geschähe erst das eigentliche Unglück, ja das Verderben, +nämlich das Versinken in Stumpfheit und Gleichgültigkeit, worin dann die +Seele ersticke. Ihn habe das schwere Leid seines Lebens aus dem Niederen +erlöst, und er beklage sich nicht. Vielmehr habe er Gott von Angesicht +gesehen und seine Seele sei genesen. + +Das alles erzählte Maidi mit der staunenden Verwunderung, mit der sie es +das erstemal mochte vernommen haben, und setzte leise erschauernd hinzu: +»Ach, wenn es doch anginge, daß man, ohne schuldig zu werden und ohne +solche Abgründe in sich und im Leben zu entdecken, dennoch ein guter und +gottgefälliger Mensch werden könnte! Denn das möchte ich, aber vor +Schmerzen und besonders vor solchen, die aus eigener Schuld kommen, fürchte +ich mich entsetzlich.« Sie sah mich fragend und von plötzlicher Kümmernis +befallen an und sah dabei so unendlich unschuldig und lieblich beseelt aus, +daß ich, obgleich mir ähnliches durch den Sinn gegangen war, doch eifrig +und hingerissen versicherte, es gebe auch Menschen, die ganz lauter und +schuldlos durchs Dasein gehen, und die man gerade wie sie seien lassen +müsse als Beweise des Guten an sich und als Herz-und Augenweide für die +andern. Das alles wußte ich zwar nicht aus Erfahrung, aber es fiel mir ein, +es zu sagen, und ich mag Maidi dabei entzückt und belehrend zugleich +angesehen haben, so daß sie, die ein so starkes Gefühl für das Komische +hatte, plötzlich anfing, zu lachen und, aber mit einem kleinen Seufzer +dazwischen hinein, sagte: »Ach, ich glaube, wir müssen es abwarten. Sagen +Sie aber noch mehr solche weisen und angenehmen Sachen; sie freuen mich +inzwischen, bis ich dann sehen werde, wie es weiter geht.« + +Wir kamen aber beide noch nicht so schnell von der Geschichte weg und +hielten uns besonders damit auf, uns das Unglück des Blindgeborenseins so +recht innig vorzustellen, um dann desto wonnevoller unsere hellen Augen in +der lichten Welt herumzuschicken, deren Höhen und Weiten vor uns +ausgebreitet lagen. »Ich will es einmal versuchen,« sagte Maidi +träumerisch, »mir vorzustellen, ich sei blind. Nur eine kleine Weile, fünf +Minuten lang. Freilich hätte ich dann immer noch viel vor dem blinden +Bübchen voraus, das die schöne Welt nie gesehen hat, während ich mir +dreiundzwanzig Jahre lang Vorrat gesammelt hätte für dunkle Tage.« + +Sie schloß die Augen und ging mit tastend ausgestreckten Händen, deren +eine ich als Führer erfaßte, auf dem moosigen Pfad weiter, während sie +offenbar alle Qualen eines, der das Licht nie mehr sehen kann, sich +vorzutäuschen suchte, denn ihr Gesicht wurde merklich blässer, und ihre +blühenden Lippen zitterten. Sie atmete hörbar und fragte nach einer kleinen +Weile: »Sind denn die fünf Minuten noch nicht um?« Es waren aber erst zwei, +und ich riet ihr, doch die Augen aufzumachen, da es schad um jeden +Augenblick sei, den man sich trübe. Aber sie schüttelte den Kopf und wollte +ihren Vorsatz durchführen, und dabei faßte sie meine Hand fester, um einen +sicheren Halt zu haben. Ich aber sah ihr voll in das liebe und schöne +Gesicht, und es zog mich unsäglich, es zu küssen, jetzt, da die Augen nicht +darüber wachten. Aber ich durfte es nicht tun, und aus Rache und um mein +Vergnügen bei der Sache zu haben, schlug ich mit der vorsätzlich Blinden +einen düsteren Seitenweg ein, der schmal und dunkel zwischen hohen Tannen +hinging, so daß sie, als ich nun den Ablauf der fünf Minuten ausrief, +entsetzt die aufgeschlagenen Augen im Halbdunkel umhergehen ließ und +vielleicht in den ersten Sekunden fürchtete, zur Strafe für das Spiel mit +der Blindheit nun an den Augen gelitten zu haben. Es ging zwar diese Angst +gleich vorüber, aber Maidi sagte, als sie wieder im vollen Lichte stand, +tief atmend: »Ich tue es nicht mehr. Es ist zu schrecklich. Ich habe es +alles durchgelebt in den paar Minuten und dabei das Gefühl gehabt, ich sei +selber schuldig, so daß ich nun schon ein bißchen weiß, wie es ist, wenn +man ein schlechtes Gewissen hat im Unglück.« Sie breitete wie zur +Entsühnung ihre Arme aus und hob die beiden und auch das Gesicht der +vollen Sonne entgegen, wie um sich dem Licht wieder in die Arme zu werfen, +das sie einen Augenblick verleugnet hatte. Da sah ich erst, wie gesund, +unverstellt und lauter sie von Grund aus war, und spürte mit einer zornigen +Verlegenheit, wie wenig ich selber neben ihrer klaren Einfachheit bestehen +könne. Ich hatte freilich auch schon oft genug ein schlechtes Gewissen +gehabt, aber die Ursachen dazu hatten anders ausgesehen. + +Wie nun Maidi ihre Hände ausreckte und eine kleine Weile in der sonnigen +Helle badete, kam ein schöner Zitronenfalter durch die Luft dahergetaumelt +und setzte sich auf das ausgebreitete, rötlich durchleuchtete Stück Leben, +das er für eine schöne Blume halten mochte. Er blieb auch ruhig sitzen, als +Maidi entzückt und vorsichtig ihre Hand zurückzog, und ließ sich ein Stück +weitertragen, flog dann auf, um zwischen den Bäumen umherzuwirbeln, und kam +noch einmal an seinen wandelnden Ruheort zurück, bis er an einer blühenden +Waldwiese seine rechte Heimat und Atzung fand. Dieses kleine Erlebnis +gehört zum letzten, dessen ich mich von dem sonnigen Tag entsinne. Unser +Weg neigte sich abwärts, und wir sahen schon von weitem die Schienen der +Eisenbahn in der Sonne blitzen und hörten das Fauchen der +Schnellzugslokomotive, die an der kleinen Station vorüberjagte. Wir stiegen +den schmalen, trockenen Fußweg hinunter, neben dem schon der Ginster zu +blühen anhob, hörten Lerchen singen und sahen weiße Wolken im Blauen +dahinziehen und erschraken plötzlich vor der Nähe des Abschieds, denn es +war auf Monate, wie wir meinten, und schon das schien uns lang genug. Ich +beklagte mich plötzlich wieder über den leeren Sommer, den ich vor mir +hatte; und Maidi sagte: »Aber wir haben ja doch beide unsere Arbeit.« Sie +meinte etwas Tröstliches damit zu sagen, und zwar, wie ich wohl sah, so gut +für sich als für mich. Aber sie forderte meinen Widerspruch dadurch heraus, +denn es konnte kein Vergleich sein zwischen uns, da sie ihre Arbeit liebte +und die meinige mich gleichgültig ließ, und da sie außerdem Maidi bei sich +hatte, die ich entbehren mußte. Das brachte ich ein wenig störrisch heraus, +denn es war mir in der Tat nicht freudig zumute, aber Maidi fing über die +letztere Begründung so hell und sonnig an zu lachen, daß ich wider Willen, +wenn auch etwas knurrig, mitlachte, und in diesem Augenblick kam der Zug, +der an der kleinen Station ganz kurz anhielt, so daß Maidi noch lachend +einstieg, so wenig es ihr vor ein paar Minuten drum gewesen war. Ich +brauche manchmal eine Weile, bis ich den Grund einer Fröhlichkeit erfasse, +die ich an andern sehe und höre; es ist dies bei mir, was man eine lange +Leitung nennt, und so merkte ich erst, als Maidis helles Gesicht und +flatterndes Tüchlein undeutlich zu werden und zu verschwinden begann, daß +ihr Lachen vom hohen Glück selber eingegeben war; denn ich hatte ihr in +meiner augenblicklichen Verdrießlichkeit deutlicher als es sonst meine Art +war, gezeigt, wie köstlich es mich dünkte, bei ihr sein zu dürfen. + + * * * * * + +Ich kehrte nun allein in die Stadt zurück; es dünkte mich aber, als hätte +ich nicht mehr viel darin verloren, und ich fing ernstlich an, mich zu +besinnen, ob ich im gleichen Trab weitermachen oder Herrn Kasimirs +Vorschlag nun ehestens annehmen solle. Es sprach eigentlich fast alles +dafür; nur war es mir, als sei ich, wenn ich in das alte Haus zurückgehe, +dann für alle Zeit dort angebunden, und der rosenrote Nebel, in dem mir +stets die Zukunft gestanden war, verflüchtigte sich dabei, um einem +nüchternen Tageslicht Platz zu machen. Es gab keine Fernen und Weiten mehr, +wenn mich eine scharf umrissene Wirklichkeit umgab, und vielleicht war die +Erfüllung lange nicht so schön, als die Träume von allen Möglichkeiten. Ich +dachte hin und her, überlegte, beschloß und verwarf wieder und kehrte immer +wieder in meinen Gedanken zu einem lieblichen Spielzeug zurück: zu unserer +Gemeinschaft, Maidis und meiner. + +Ich war nun sicher, daß sie mich liebte, und es war unsäglich schön, +rückwärts blickend einen Beweis um den andern zu finden. Ein gutes Wort, +einen überraschten Blick, ein helles Erröten; ich hatte nicht so darauf +geachtet, so lange ich immer neue, schöne Dinge bei ihr fand. Nun, da ich +vom Vergangenen zehren mußte, wurde mir eins ums andere klar und +beweiskräftig. Es war, wie wenn beim Einnachten ein Stern um den andern aus +dem Dunkel taucht, bis allmählich die ganze lichte Schar zu Häupten steht, +so daß man nicht mehr an sie zu glauben braucht, sondern von ihrem Glanz +beschienen wird. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es in Maidi aussähe. +Vielleicht hatte sie mit Staunen und zuerst mit Unwillen einen Riß in dem +festen Gefüge ihrer Pläne und Vorsätze entdeckt und ihn auszubessern oder +zu verkleben gesucht durch vermehrten Eifer und größere Hingabe an ihre +Arbeit. Und doch immer wieder aufs neue schien der goldene Tag zu neuen +Fugen und Spalten herein, so daß sie sich nicht mehr anders zu helfen +wußte, als daß sie ihn einließ. Ich dachte mir aus, wie es bei Olbrichs +Werbung zugegangen sei, und wie sie da nur mühsam verborgen habe, daß sich +ihr Herz mir zuwende, so daß es ihm, dessen Blicke durch die Leidenschaft +geschärft gewesen waren, unausgesprochen klar geworden sei. Alles das +machte, daß mir nicht nur Maidi immer lieber wurde, sondern auch, daß ich +vor mir selber gewann, da solch ein feines Wesen sich mir zuneigte und mich +andern vorzog. + +Ich zögerte noch, wie gesagt, mich über die Zukunft zu entscheiden, denn +ich war nicht mehr frei und unbeladen wie früher. Ging ich, so fand mich +Maidi im Herbst nicht mehr, wenn sie zurückkam; blieb ich aber, so ließ ich +die erwünschte Gelegenheit zum schnellen Vorwärtskommen hinaus, und um +nicht das eine oder andere erwählen zu müssen, flüchtete ich mich immer +wieder in meine leichten Wonnen und Schmerzen hinein, da ich ja morgen oder +übermorgen immer noch tun konnte, was ich wollte. + +In dieses Schwanken hinein kam ein Brief von Herrn Kasimir, der auf einmal +dem Zünglein der Wage einen Stoß gab, so daß es sich zum Gehen neigte. Er +fragte mich dringlich nach meinen Entschlüssen und bat, ich möchte mich +rasch entscheiden, wenn ich auf seinen Vorschlag einzugehen gedenke; er +habe geschäftliche und andere Gründe, die Veränderungen, die er im Sinn +habe, in möglichster Bälde vorzunehmen. Die Energie, mit der er auftrat, +steckte mich an; ich ließ plötzlich alles Hin- und Herdenken fahren und +schrieb ihm, daß ich komme, da ich eigentlich keinen schwerwiegenden Grund +dagegen hatte. Es war mir aber, als ich den Brief mit meiner Zusage in den +Kasten gesteckt hatte, nicht ganz wohl bei der Sache aus irgend einem +dunklen Gefühl heraus. Ich besann mich, was es wohl sein könnte und hatte, +wie ich damit einschlief, in der Nacht einen wunderlichen Traum. + +Es ging nämlich meine Tür auf, und ein Unbekannter kam auf mich zu und +setzte sich auf meinen Bettrand, mich unverwandt ansehend. Unter seinen +Blicken wurde es mir sehr unbehaglich zumute, und ich fing an, damit er +etwas von seiner Starrheit verlieren möge, ihm, obwohl ungern, von mir zu +erzählen. Ich sagte aber lauter furchtbare Dinge, die ich getan hätte oder +zu tun im Begriff sei, und konnte kaum atmen vor Angst und Grauen. Er sah +mich immerfort ernst und aufmerksam an und sagte dann kopfnickend: »Da will +ich dich lieber gleich totschlagen,« und er tat es auch. + +Dieser Traum lag schwer und bedrückend auf mir, als ich zu mir kam. Ich +schüttelte ihn aber ab und hatte auch in dem erlangten Wachsein ein, wie +ich meinte, scharfes und klares Denkvermögen, in dem ich beschloß, nun +einmal ohne nutzlose Quälerei einen Schritt um den andern zu tun. Maidi, +mit der mir der dumpfe Druck zusammenzuhängen schien, den ich immer noch +nicht ganz los war, -- Maidi hatte sich ja selber alle Freiheit vorbehalten +und sie auch mir gelassen. + +Ich wußte mich liebend und geliebt und dennoch frei, und wenn ich eines +Tages zu ihr kam, um sie an mich zu binden, so würde sie, daran zweifelte +ich nun nicht mehr, sich mir nicht versagen. Inzwischen baute ich an der +Zukunft und ging guten Verhältnissen entgegen, die ich schon ausnützen und +immer besser ausgestalten wollte; es war nicht einzusehen, was Beklemmendes +um den Weg sein sollte. + +Auf einmal fiel mir auch noch das Fräulein Bitterolf ein, der gehörig zu +imponieren ich mir schon jetzt vornahm, und deren erstaunte Augen, wenn ich +einmal mit Maidi vor ihr erscheinen würde, mir heute schon Freude +bereiteten. Aber, wie war denn das? Sie wohnte ja in dem alten Hause, das +ich selber beziehen wollte? Zog sie denn mit Herrn Kasimir aus und ließ uns +hinein? Aber es gehörte ja nicht mir, und ich konnte es auch nicht kaufen. +Und es fiel ihnen auch nicht ein, auszuziehen. Da waren schon wieder neue +Fragezeichen, und es eilte mir auf einmal, sie aufgelöst und beantwortet zu +sehen. Ich traf meine Vorbereitungen zum Weggang, zu dessen Beschleunigung +Herr Kasimir alles beitrug, was in seinen Kräften stand, so daß er ziemlich +rasch geschehen konnte. Ich feierte allerlei Abschiede mit allerlei +Genossen und schied von ihnen als einer, der auszog, sein Glück zu machen. + +Und nichts und niemand sagte mir, daß ich von meiner besten und +glücklichsten Zeit Abschied nehme, und daß ich einmal in sie wie in ein +verlorenes Paradies zurückschauen werde von vergeblicher Reue gepeinigt. + +Als ein Mannhafter und Freier glaubte ich in alte Stätten zurückzukehren, +um mir dort ein Leben zu bauen, das meiner würdig und voller Reichtum von +außen und innen sei, und wußte nicht, daß ich in mir selber gefangen sei, +unfrei zu sein und zu handeln, den Gesetzen nach, die sich mein +selbstisches Ich geschaffen hatte eine ganze Jugend hindurch. + + * * * * * + +Als ich wieder in das alte Haus eintrat, schien mir zuerst alles eng, +niedrig und kleinlich zu sein. Ich hatte ein Gefühl wie ein Primaner, der +probeweise wieder einmal seine langen Glieder in das winzige Bänkchen der +Vorschule klemmt und nicht glauben kann, daß er jemals darin sich habe +rühren können. Doch dehnte sich vor meinen Augen, was nur scheinbar so eng +gewesen war. Ich sah, daß in den beschränkten Räumen, in denen nur wenige +Menschen sich regten, dennoch alle Fäden zusammenliefen, die der +menschliche Geist gesponnen hat, und von ihnen wieder hinausgingen in +menschliche Herzen und Gehirne, so daß wir eine Art von geistiger +Speisekammer oder Apotheke für die Stadt waren, die noch dazu Rat und +Anweisung von uns empfing, während das groß angelegte Unternehmen, in dem +ich bis jetzt tätig gewesen war, nichts von persönlichem Verkehr mit den +Menschen gestattete, sondern wie ein Meer in Flut und Ebbe die Ströme der +geistigen Produktion anzog und wieder ausstieß, ohne sich darum zu kümmern, +wo der Segen schließlich landete. + +Es kam mir aber noch eine andere Seite des beschränkten Arbeitskreises bald +zu paß, als ich mit steigendem Behagen bemerkte, wie gut es mir tauge, +Lenker und Leiter eines, wenn auch mäßigen Reiches zu sein, nachdem ich +dort nur ein Rad in dem großen Getriebe gewesen war. Es ging mir wie Cäsar, +der lieber auf jenem Dorfe der erste, als in Rom der zweite sein wollte. +Die alte Garde war in den Jahren meines Fernseins stark +zusammengeschmolzen, da der Buchhalter gestorben und seinem Freund, dem +ältesten Gehilfen, ein kleines Erbe zugefallen war, das er stracks benützt +hatte, sich ein freikommendes Buchlädchen in einer naheliegenden Kleinstadt +zu erwerben. Nur Herr Frerichs und der rotbärtige Giller, der jetzt die +Bücher führte, waren noch alte Bekannte, denen ich mit einer leichten +Verlegenheit gegenübertrat, da sie doch geholfen hatten, mich zu meinem +Beruf vorzubilden, und ich ihnen jetzt vorgesetzt war. Frerichs begrüßte +mich mit der kindlichen Freundlichkeit, die sein trockenes Gesicht je und +je durchsonnen konnte, und schien nichts gegen den Wechsel der Dinge zu +haben. Ich fragte ihn, ob er wieder etwas geschrieben habe, da lächelte er +freudig und verschämt und sagte flüsternd: »Ja; und diesmal ist es etwas +nach dem Leben,« worauf er mich erwartungsvoll ansah, bis ich sagte, ich +wolle es einmal lesen. Damit war die Freundschaft wieder geschlossen, und +ich hatte bei ihm die Bahn frei, während mir von Giller etwas Feindseliges +zu kommen schien, nach dem ich aber nun gerade nichts zu fragen, sondern +ganz als Herr aufzutreten beschloß, da ich es ja nun einmal zu werden im +Begriff sei. Freilich hätte es mir noch viel mehr getaugt, Besitzer, als +nur angehender Geschäftsführer zu sein, und ich zerbrach mir vergebens den +Kopf, wie das zu machen sei, fand aber keinen Rat dazu. + +Auch wartete ich täglich darauf, daß Herr Kasimir mir mitteile, was für +dringende und eilige Gründe ihn bewogen hatten, mich schnellstens +herbeizurufen. Ich legte mich mit allen Kräften ins Zeug, um ihm zu +zeigen, daß ich etwas von den Sachen verstehe, und nahm ihm mit +ungeduldigem Eifer eine Funktion nach der andern aus der Hand. Das ließ er +auch eine Zeitlang stillschweigend geschehen, mich, wie es mir vorkam, +wohlgefällig betrachtend, bis er eines Tages seine endlichen Absichten vor +mir ausbreitete. + +Oder vielmehr geschah es eines Abends, als wir miteinander von dem schönen +Garten in halber Bergeshöhe herabstiegen, den er sich vor kurzem gekauft +hatte, um, wie er sagte, als halbalter Privatmann noch etwas zu tun zu +haben, wenn ihm nun die Jugend über den Kopf wachse. + +Es stand ein hübsches steinernes Gartenhaus an der höchsten Stelle des +Gartens, groß genug, um einem nicht zu anspruchsvollen Einsiedler als +Wohnung zu dienen, wenn er sich zurückziehen wollte, und mit herrlichem +Ausblick auf Stadt und Flußtal mit Bergen und Wäldern. + +Aus einem kleinen, heiter ausgemalten Gartensälchen im Erdgeschoß gelangte +man auf eine große Terrasse, deren Geländer mit Reben bewachsen war und die +aussah, als ob schon manche fröhliche Gesellschaft sich auf ihr versammelt +hätte. Sie war auch jetzt schon wieder zu demselben Zweck eingerichtet, und +auch heute war ziemlich viel Jugend droben versammelt gewesen und teilweise +noch versammelt, als schon die ersten Sterne aus dem dunkel werdenden +Himmel auftauchten. + +Fräulein Bitterolf -- von der ich nun anfangen muß, zu reden, da sie sich +nicht mehr verschieben läßt -- verstand es in der Tat gut, ein Haus zu +machen, wie mir Herr Kasimir schon im voraus erzählt hatte. Sie hatte sich +nicht sehr verändert, seit ich sie das erstemal gesehen hatte, wenigstens +kam es mir so vor. Sie war damals älter gewesen, als ihre Jugend es wollte, +und hatte einst dargestellt, was sie heute war: eine gewandte, sicher +auftretende Dame von klarem, kühlem Wesen und von ziemlich großen +Ansprüchen an das Leben und die Menschen, dabei aber anziehend (wenigstens +für mich, aber wie ich sah, auch für andere) durch die vornehm-überlegene +Gelassenheit, mit der sie alles handhabte und allem gegenübertrat, und die +zu beobachten es mich immerfort reizte. Ich hätte sie einmal mögen aus der +Fassung kommen sehen, hilflos oder zornig erregt, oder auch von einem +warmen Gefühl durchglüht, so sehr, daß sie es nicht gleich in einem +geordneten Register untergebracht hätte. Sie hätte dann überaus anziehend +aussehen müssen, denn das Material dazu war vorhanden in gut geschnittenen +Zügen, schönen Farben und Formen, dem allem nur eine stärkere Belebung +fehlte. Ich mißtraute aber, ob sie diese vielleicht nicht in sich habe und +nur verberge, und strich daher fleißig um sie herum, um den Augenblick +nicht zu verpassen. Von der verlegenen Scheu meiner halben Knabenjahre war +nichts mehr übrig geblieben, das hatte ich mir richtig prophezeit, dagegen +merkte ich nicht, was ich jetzt weiß, daß an ihre Stelle eine andere +Schwäche getreten war, die ihren Ursprung in derselben Wurzel meines +Herkommens hatte, nämlich die Sucht, ihr mein gesellschaftliches +Fertiggewordensein unter die Augen zu rücken und sie zur Anerkennung +desselben zu nötigen. Sie war auch in ihrer Weise freundlich und sogar ein +wenig vertraulich gegen mich, nahm mich hie und da zu kleinen Diensten in +Anspruch und unterstützte Herrn Kasimirs Aufforderung, daß ich viel im +Hause verkehren möge, auch ohne daß Gesellschaft da sei, so daß ich mir als +Günstling vorkam und mir nicht wenig darauf zugute tat. Wenn wir dann in +dem großen Wohnzimmer unter den Familienbildern beisammen waren, und +Fräulein Bitterolf den Platz einnahm, den sonst Brigitte Hagenau innegehabt +hatte, so schien sie mir etwas von der feinen Fraulichkeit, die die +Verstorbene ausgestrahlt hatte, an sich zu haben, nur daß sie bei ihr +verschlossener und gehaltener war, aber nicht weniger anziehend. Ich +dachte, sie werde die Anlagen dazu in sich haben, und es komme nur auf die +richtigen Umstände an, daß sie sich entwickeln könnten, was alles mit Maidi +zu bereden es mich immer aufs neue antrieb. Doch kam es mir nicht in den +Sinn, ihr darüber zu schreiben, sondern es war mir, wenn ich im Geiste +lange Reden bei ihr vorbrachte, als wisse sie nun alles und es fehle mir +nur der Widerhall. + +Auch kam es immer bald wieder anders, und das hätte ich ihr ohnehin nicht +geschrieben. Nämlich in Gesellschaft war das stolze Fräulein unversehens +wieder kühl und unnahbar gegen mich, ließ sich in feiner und +selbstverständlicher Weise von andern den Hof machen, ohne übrigens +gefallsüchtig zu wirken, unterhielt sich leicht und gewandt über alle +erdenklichen Dinge, und das mit Professoren, Studenten oder älteren Damen, +wie es sich begab, und handhabte die Geheimsprache, wie ich es nannte, in +einer Weise, die mich zugleich entzückte und zornig eifersüchtig erregte. +Ich hatte nun die Gesellschaft, die ich mir immer gewünscht hatte, in +ausgiebiger Weise und war in sie eingereiht durch Herrn Kasimirs ganz +selbstverständliche und unauffällige Vermittlung. Es ebnete sich alles für +mich, ohne daß ich einen Finger dazu zu rühren brauchte, und doch stand +mein unersättliches Verlangen immer nach mehr. + +Ich dachte viel an Maidi und sehnte mich oft nach ihr, die mir hie und da +mitten aus aller freudigen und gedeihlichen Arbeit heraus Grüße schickte, +aber daneben nahm die Gegenwart mich mehr und mehr gefangen, so daß ich oft +Mühe hatte, mir ihr Bild vor Augen zu stellen und manchmal ihre Gestalt, +ihr Kleid oder sonst etwas sah, aber nicht das Gesicht oder im Gesicht +nicht die Augen, was mich wunderlich quälte. + +An diesem Abend hätte ich sie gern dabei gehabt oder vielmehr sie als von +weitem zusehend und hörend gewußt, weil es sich traf, daß ich eine gute +Figur machte, wie noch kaum einmal, und ich ihr das hätte triumphierend +vorweisen mögen. + +Es war ein junger Arzt in der Gesellschaft, der in einer der Kliniken der +Stadt als Assistent angestellt war. Ich kannte ihn von früher her aus der +Zeit, da die Geschwister Bitterolf zum erstenmal in der Stadt gewesen +waren, und wo er an der dortigen Universität studiert hatte. Er hatte sich +damals eifrig um die Gunst des Fräuleins Eleonore beworben und es gut mit +ihr gekonnt. Seither hatte er sie auch in ihrer Heimat aufgesucht, wie ich +erfuhr, und setzte nun, da sie beide wieder in derselben Stadt lebten, den +Verkehr mit ihr fort in einem Ton, der mir von Maidi und mir her geläufig +war, halb kameradschaftlich, aber mit einem kleinen Anklang von +Zärtlichkeit, wenigstens von seiner Seite. Das Fräulein hatte sich gut in +der Gewalt, falls sie je etwas Wärmeres für den Mediziner empfand, was mich +mehr interessierte und eigentlich auch plagte, als mir zustand, da es mich +ja, wie ich mir selber sagte, gar nichts anging. + +Er brachte hie und da eine Laute mit und begleitete sich selbst zum Singen +kleiner Lieder, die er ohne Kunst und auch ohne viel Stimme, aber mit +Lebendigkeit und Wärme vorzutragen verstand und mit denen er ziemlich viel +Beifall erntete. Heute war er etwas heiser gewesen und hatte die Bitte der +Gesellschaft, etwas vorzutragen, ablehnen müssen, was allgemein beklagt +wurde. Da hatte ich mit bescheidener Miene, aber innerlichem Frohlocken, +gesagt, vielleicht könne ich in die Lücke treten, da ich auch etwas singe, +und allerdings die Laute so meisterhaft zu spielen nicht verstehe, aber +doch einige Akkorde dazu greifen könne. Denn das letztere hatte ich kurze +Zeit zuvor bei einem Bekannten meines vorigen Wohnorts einige Male geübt +aus Lust an dieser Art von Musik. + +Es entstand nun ein Staunen, das vielleicht mit etwas Mißtrauen gemischt +war, ob ich auch etwas könne, und währenddem nahm ich die Laute und begann +ein Lied, von dem soeben die Rede gewesen war, zu singen, ohne Scheu, denn +ich wußte, daß ich es konnte und daß ich überhaupt mit dem Gesang auf +sicherem Boden mich befinde. Ein erhobenes Gefühl in mir machte, daß meine +Stimme gut und ausgiebig klang; ich bekam selber Lust, fortzufahren und +wurde darin durch den Beifall der Anwesenden ermutigt, so daß ich auf eine +Stunde der Mittelpunkt des Kreises war, was mir außerordentlich wohlgefiel. +Besonders das Fräulein Bitterolf sah mich aus großen, erstaunten Augen an +und sagte: »Sie verstehen ja Ihre Talente vorzüglich zu verbergen. Haben +Sie etwa noch mehr geheime Künste im Hintergrund? Und werden Sie uns diese +nach und nach erst zu genießen geben?« Und Herrn Kasimir hörte ich zu +seinem Nachbar, einem älteren Gelehrten, der sich hie und da dem mehr +jugendlichen Kreise im Garten anschloß, etwas von großen Vorzügen sagen, +die an der rechten Stelle sich noch ungeahnt entfalten würden, was ich ohne +weiteres auf mich bezog und freudig einheimste, so daß ich selber +überrascht war, welch vielversprechender Charakter ich sei. Ich erhob mich +auch gleich nachher, von so viel Vorzüglichkeit geschwellt, und sagte, ich +bedaure, mich nun entfernen zu müssen, da ich noch im Geschäft die späte +Post nachsehen wolle, mit der ich wichtige Nachrichten erwarte, und hatte +nun sowohl das Bedauern über mein Gehen, als auch die stumme Hochachtung +meiner Tüchtigkeit auf mich zu nehmen, so daß ich förmlich gespreizt den +Berg hinunterstieg. Kaum aber war ich einige Schritte vom Gartentor +entfernt, als ich Herrn Kasimir hinter mir herkommen hörte, der sich mir +anschloß, weil er, wie er sagte, etwas mit mir zu besprechen habe, das er +nun nicht mehr hinausschieben wolle. + +Er sei von einer doppelten Sorge umgetrieben, der um sein Geschäft und Haus +und der um seine Nichte. Oder eigentlich wünsche er eine einzige daraus zu +machen, sie wolle sich aber nicht ohne weiteres vereinigen lassen, und er +hoffe, ich helfe ihm dabei, was dann wieder zu meinen eigenen Gunsten +geschehe. + +Er habe, sagte er, sein Vermögen fast ganz im Haus und Betrieb stecken und +wünsche es auch darin zu erhalten, da das Geschäft schon so lange in der +Familie sei und er es nicht in ganz fremde Hände kommen lassen wolle. Wenn +er einen Sohn hätte, läge die Sache einfach, er hätte dann einen +natürlichen Nachfolger und wäre aller Sorgen ledig. Da er aber ohne +Leibeserben sei, so wolle er wenigstens trachten, die Sache so +einzurichten, daß dennoch ein Glied der Familie in dem alten Anwesen sitze. +Der Sohn Bitterolf, der Jura studiert habe und durch nichts zu bewegen +gewesen sei, in das Geschäft einzutreten, scheide aus, und es sei nur noch +die Tochter Eleonore da, auf die er es nun abgesehen habe. Diese sei, wie +ich ja sehe, ein etwas verwöhntes Mädchen, das es nicht billig tue mit +seinen Ansprüchen, sie dürfe es aber auch sein, da das Leben sie mit +allerlei Vorzügen ausgestattet habe, die nur in einer entsprechenden, das +heißt reichen und behaglichen Umgebung zur Geltung kämen. Sie habe auch +noch andere, mehr innerliche, die sich zu ihrer Zeit gewiß auch entwickeln +würden, und sei nicht kalt, sondern nur ihrer niederdeutschen Art nach +gehalten und karg mit Gefühlsäußerungen, und es werde sich einer, den sie +wirklich liebe, einmal nicht über sie zu beklagen haben. Das alles hätte er +mir nicht gesagt, wenn nicht besondere Gründe ihn jetzt dazu getrieben +hätten, sondern hätte mir überlassen, es nach und nach herauszufinden. Ich +sei ihm lieb wie ein Sohn, und er wünsche, daß ich die Nichte für mich +gewinne, wodurch ja dann auch mein eigenes Glück gemacht wäre. + +Es sei nun aber eine Störung seines Planes in Gestalt des jungen Mediziners +aufgetreten, der Eleonore für sich zu haben wünsche und auch redlich in sie +verliebt zu sein scheine. Ob das Mädchen ihn wolle, wisse er noch nicht +sicher, doch scheine es ihm so. Er habe an sich nichts gegen den Doktor, +möchte aber womöglich die Nichte anders beeinflussen und sage mir das, +damit ich das Meinige tue, um den Liebhaber auszustechen, da es ihm +vorkomme, als ob ich auch nicht taub gegen ihre Anziehungskraft sei, und da +ich neuerdings angefangen habe, mich auch bei ihr ins Ansehen zu setzen, +wie er mit Vergnügen sehe. Am besten wäre es, wenn alles schnell geschähe, +wozu er, wenn es dann zum Klappen komme, auch das Seinige beitragen werde, +und kurzum, er habe nun geredet. + +Ich hatte das alles stumm mit angehört und war froh, daß es dunkel war, so +daß Herr Kasimir mein Gesicht nicht sehen konnte, denn wir hatten den +weiteren Heimweg durch eine lange Platanenallee eingeschlagen, in deren +Schatten wir nun hingingen. + +Doch hörte er mich, als er aufgehört hatte, ein paar schwerere Atemzüge tun +als sonst und fragte mich, da ich nicht antwortete: »Oder sind Sie am Ende +schon anderweitig gebunden? Das wäre freilich schade, denn es würde alles +ändern von Grund aus.« + +Ich sagte beklommen, nein, ich sei nicht gebunden, es sei mir nur alles +überraschend und neu, und Herr Kasimir redete mir wohlwollend zu, mir die +Sache zu überlegen. + +Er mochte den Eindruck haben, daß ich von dem Glücksfall, den das +Anerbieten für mich bedeute, ein wenig überwältigt sei, und daß es besser +sei, wenn er mich nun vorläufig in Ruhe lasse, damit ich mit mir selbst ins +reine komme; so verließ er mich, und ich setzte meinen Weg allein fort. Das +Geschäft aber und die späte Post kam mir für heute nicht mehr in den Sinn. + + * * * * * + +Ich will nun nichts beschönigen von dem, was an diesem Abend und in den +Tagen, Abenden und Nächten der folgenden Zeit in mir geschah. Wie könnte +ich es auch, da doch das Liebste, Holdeste und Echteste, was in mir war, +dabei unterlag, obgleich es sich wehrte, wie ich meinte. In Wahrheit hatte +ich es ja schon verraten, als ich auf Herrn Kasimirs Frage, ob ich schon +gebunden sei, mit nein antwortete, wenn ich es auch nicht tatsächlich war. +Nicht gegen ihn, sondern gegen mich selbst hatte ich Maidi verleugnet, und +als ich unter den dunklen Bäumen hinging, klopfte mir das Herz hart und +stark, als ob ich mich schon entschieden hätte ohne alles Nachdenken, dem +Schicksal oder dem, was sich dazu aufwarf, zu folgen, und als ob ich nun +nicht mehr zurück könnte, obgleich mich eine zärtliche und lebensvolle +Stimme riefe. + +Wenn ich den Zustand jener Tage schildern wollte, so müßte ich bekennen, +daß es nicht ein Auf und Ab oder einen Kampf zwischen hohen und niedrigen +Geistern in mir gab, sondern nur etwa einen Streit von frohen und traurigen +Gefühlen. Es schmerzte mich wohl heftig, daß ich nicht beides beisammen +haben konnte, was mir begehrenswert und wichtig war, doch glaube ich nicht, +daß ich jemals schwankte, was ich wählen würde, wenn ich es mir auch +zuweilen vortäuschte. Im Grunde wußte ich wohl, daß ich mir die sichere +Aussicht auf eine stattliche, mit Behagen, Schönheit und Ansehen verknüpfte +Lebenslage nicht würde entgehen lassen, ja es schien mir sogar männlich und +zielbewußt, daß ich es nicht tat. Ich könnte vieles nennen, was ich mir an +guten Gründen für meine Handlungsweise vorredete, unter anderem auch das, +daß ich Herrn Kasimir gegenüber Verpflichtungen hätte, da er mir so +sorglich und väterlich gesinnt sei, doch will ich es mir nicht antun, noch +einmal alle Geister der längst vergangenen Zeit, die immer noch zuweilen +Macht haben, mich zu überfallen, heraufzubeschwören. Es ist genug, daß ich +nichts von allem ungeschehen machen kann, was ich tat und in was ich jetzt +hineinging. + +Als ich Eleonore, wie ich sie jetzt kurzweg nennen will, zum erstenmal +wiedersah, ein paar Tage nach der Unterredung mit Herrn Kasimir, hatte ich +bereits so viel über das neue Verhältnis nachgedacht, in das ich zu ihr zu +treten bestimmt schien, daß es mir nicht mehr ganz überwältigend war, mir +vorzustellen, ich könnte sie einmal mit du anreden, könnte sie am Arm durch +die Straßen führen, ihr am Tisch als Hausherr gegenübersitzen und +dergleichen, was mir alles, als ich es zum erstenmal in Gedanken übte, so +unwahrscheinlich vorgekommen war, wie daß die steinerne Justitia am Rathaus +von ihrem Sockel herabstiege und sich zu mir auf das Sofa setzte. Ich mußte +freilich sagen, daß sich meine Gedanken noch mehr als mit ihr selbst mit +der allgemeinen Lebensveränderung befaßt hatten, die mir die Verbindung mit +ihr bringen würde, da ich nicht in sie verliebt war und nur nicht hatte +leiden wollen, daß sie hochmütig über mich hinweg sähe. + +An diesem Abend, dem ich immerhin mit einigem Herzklopfen entgegengesehen +hatte, schien sie mir aber in etwas verändert zu sein gegen sonst, so daß +ich den Vorsatz, ihr kühn und selbstbewußt entgegenzutreten, den ich mir im +stillen zurechtgelegt hatte, nicht recht ausführen konnte. Sie hatte etwas +Müdes in Gesicht und Haltung, das ich noch nie an ihr gesehen hatte, und +das aussah, als ob sie von ihrer Damenhaftigkeit ein wenig ausruhe im +Familienschoß. Es konnte aber auch sein, daß sie irgend ein Leiden hatte, +das sie innerlich quälte, ja es schien mir sogar wahrscheinlich, wenn ich +nach ihren Augen sah, die vielleicht im Verborgenen geweint haben konnten, +dem feuchten Glanze nach, den sie ausstrahlten. Das alles zusammen machte, +daß ich keinerlei Minen springen ließ, sondern mich einfach und bescheiden +benahm mit rücksichtsvoller Höflichkeit, was dann wieder sie an mir nicht +gewöhnt war, so daß wir einander gegenseitig neugierig und erstaunt +betrachteten und dachten: Aha, so kannst du also auch sein? Ich muß sagen, +es gefällt mir an dir, und vielleicht hast du noch mehr dergleichen im +Hintergrund. Oder wenigstens ich dachte so. + +Wir waren nur zu dreien. Herr Kasimir saß zufrieden lächelnd in seinem +Sessel und ließ sich von der Nichte töchterlich bedienen, so daß wir schon +wie eine kleine Familie aussehen konnten. Ich wurde auch gebeten, zu +singen, und als ich mich wehrte, da ich ja keine ausgebildete Stimme habe +und neulich nur mit kleinen Volksliedchen in die Lücke getreten sei, sagte +Eleonore lächelnd: »Das sagen Sie zu spät, denn es ist nun schon am Tage, +daß Sie singen können, es wird Ihnen nicht mehr geschenkt,« und Herr +Kasimir ermahnte mich, nicht über das erlaubte Maß bescheiden zu sein, +sondern mein Licht auf den Leuchter zu stellen, so daß es mir wind und weh +wurde vor lauter Wohlsein. Das Fräulein schlug vor, mich auf dem Klavier zu +begleiten und belehrte mich in so wenig schulmeisterlicher Weise, ja in +einer fast demütigen Liebenswürdigkeit über gewisse Schwierigkeiten an den +Liedern, die sie mir zu singen vorschlug, daß ich dachte, sie werde +bereits zahm, was mir aber nicht erstaunlicher war als der ganze Zustand, +der mich umgab, und der einer gebratenen Taube glich, die mir in den Mund +geflogen kam. + +Ich will es nun kurz machen. Ich gewann, durch leicht errungene Erfolge +geschwellt und ermutigt, stets wieder neue, und zwar sowohl in der +Gesellschaft, in der ich mich so leicht bewegte wie ein Seiltänzer, aber +mit der Miene und Haltung des gediegenen Geschäftsmannes, als auch, eben +dadurch unterstützt, bei der Dame. Sie wechselte zwar in jener Zeit oft die +Stimmung und schien sich nicht leicht zu ergeben, kam aber doch immer +wieder mit liebenswürdigen und angenehmen Zügen zwischen der Kühle und +Unnahbarkeit ihres Wesens heraus, so daß ich dachte wie einst bei Maidi: +Mir machst du nichts mehr weis. Ich glaubte allmählich den Mediziner in +Wahrheit auszustechen und war nicht wenig eitel darauf. Eines Tages +verschwand er auch von der Bildfläche, um, wie ich hörte, einen Urlaub +anzutreten, und ich machte mich darauf gefaßt, nun den großen Schritt wagen +zu können. + +Es war auch nötig, daß es geschah, denn es hatte sich meiner eine Unruhe +bemächtigt, die ich mir selber nicht gestand, die mich aber besonders bei +Nacht überfiel, so daß ich anfing, schlecht zu schlafen, was mir noch nie +geschehen war, so lange ich denken konnte. Um dem zu entgehen, gewöhnte ich +mir an, sehr spät nach Hause und ins Bett zu gehen. Ich blieb bis tief in +die Nacht im Geschäft, wo ich aber nicht etwa angestrengt arbeitete, +sondern irgend etwas zu lesen oder zu studieren versuchte, was mir oft +gelang, oft auch nicht, so daß ich bleich auszusehen und für einen +spekulativen Kopf zu gelten anfing, ohne daß ich etwas Besonderes +geleistet hätte. + +Herr Kasimir nahm mich eines Tages auf die Seite und ermahnte mich, es mir +nicht zu schwer zu machen, da es nicht nötig sei, ich werde, so viel er +merke, keinen Fehlantrag stellen. Denn er meinte, ich plage mich als ein +unglücklicher Verliebter mit mir herum, dem es an Selbstvertrauen und Mut +gebreche, hervorzutreten. Es war aber ein wenig anders. Doch hatte sein +Anstoß, wie schon ein paarmal in meinem Leben, Erfolg bei mir. Ich dachte, +es würde alles anders und besser, wenn die Sache einmal im reinen wäre, und +wenn ich mich vor mir selber mit meinen geteilten Gefühlen und Gedanken in +die kühle und klare Ruhe Eleonorens flüchten könne. + +Es kam aber noch etwas anderes dazu, daß ich es tat, etwas, das mich +ebensogut hätte von der begonnenen Bahn zurücktreiben können, wenn ich +nicht schon das weitaus größere Übergewicht meines Begehrens und Wollens +auf diese Seite gelegt gehabt hätte. Es war ein Brief von meiner Schwester +Luise, die mich mit herzlichen und freundlichen Worten schalt, daß ich so +lange nichts von mir hören lasse, da sie doch zu Hause mit Stolz und Freude +meine Schritte in Gedanken begleiteten. Sie nannte, wie immer, wenn sie +etwas so recht innig bewegte, den Namen meiner Mutter und schrieb, es sei +doch ihr Segen über mir; sie habe sich so viel darum gekümmert, daß es gut +mit mir komme, wie würde sie sich nun freuen, daß ich in eine gute und +sichere Bahn gerate, auf der ich als ein rechter Mann bestehen und gedeihen +könne. Dann fuhr sie fort, sie wisse nämlich mehr von mir, als ich denke. +Es sei lieber Besuch dagewesen, den ich wohl kaum errate, oder doch? + +Der Besuch war Maidi, die ihre Arbeit auf einige Tage unterbrochen hatte, +um eine Zusammenkunft mit ihrem Bruder zu haben, das neu errichtete +Familiengrab mit dem Grabmal des Großvaters anzusehen und sich einiges aus +der verschlossenen Schatzkammer, von der ich ja auch wußte, zu holen. Dies +konnten freilich alles Gründe sein, aber nicht der Hauptgrund, der Maidi +hergetrieben hatte, und der wohl darin bestand, daß sie meine Schwestern +hatte besuchen wollen, um von mir mit ihnen reden zu können. In dem Briefe +stand das freilich nicht ausdrücklich, aber es ging für mich aus dem +Folgenden hervor. Luise erzählte wie beiläufig, daß sie viel von mir +gesprochen hätten, und fragte, ob mir nicht etwa die Ohren geläutet hätten? +Maidi sei begierig gewesen, durch sie von mir zu erfahren, da sie seit +längerem nichts von mir wisse, und habe lächelnd hinzugefügt, sie sei +nämlich verwöhnt durch das häufige persönliche Zusammensein mit mir, so daß +es dann um so leerer sei, wenn die Post ausbleibe. Sie, Luise, habe ihr +aber gesagt, daß es meine Art nicht sei, viele Briefe zu schreiben, das +müsse man bei mir in den Kauf nehmen, wobei das feine und liebherzige Wesen +nachdenklich und wie mit einem Blick ins Weite dann mit dem Kopf genickt +habe. + +Sie habe Maidi auch zu Helene geführt, die eben ihr zweites Kindchen an der +Brust gehabt und daher habe auf sich warten lassen. Da habe Maidi aber +gebeten, doch dabei sein zu dürfen, und habe die liebe Gruppe mit +entzückten und zärtlichen Augen angesehen, so daß man wohl gemerkt habe, +wie sie sich auch dergleichen wünsche. Kurzum, der ganze Brief war voller +Maidi und so gehalten, als ob mir die Schreiberin eine rechte Herzensfreude +damit machen wollte, da sie keine Brille brauchte, um zu sehen, wie es +stand. Sie schloß mit dem Versprechen, mir, falls ich es wissen wolle, dann +einmal alles zu erzählen, was sie geredet hätten -- hoffentlich an +Weihnachten, wenn es da das Geschäft erlaube, heimzukommen, was ja +natürlich Vorbedingung sei, wie sie wohl einsähe. + +Ich konnte kaum zu Ende lesen, so sehr überfiel mich aus dem Brief heraus +alles Holde und Liebliche, das in der Ferne treumeinend auf mich wartete, +und dem das Herz schwer und unruhig klopfte, weil ich so lange stumm blieb. +Es war in der Mitte des Nachmittags an einem schönen, sommerheißen Tage. +Ich nahm meinen Hut und ging aus dem Kontor und Hause und wäre gern +gelaufen, so weit mich meine Füße trugen, denn es war alles vorbei und +umsonst, ich kam nicht mehr zu Maidi zurück, ich war hier angeschmiedet mit +ganz andern Fesseln, als sie wußte, und so, daß ich nicht mehr heraus +konnte, aber mein unterjochtes und zum Schweigen verdammtes Herz rief nach +ihr wie ein verlorenes Kind. + +Und so, in dieser Erregung, mit klopfenden Pulsen und vor schmerzlicher +Leidenschaft flimmernden Augen kam ich, ohne mich besonnen zu haben, wohin +ich gehe, auf dem Berg an, wo Eleonore war, um die Vorbereitungen für eine +Gesellschaft zu treffen, die sich am Abend da versammeln wollte. Sie hatte +soeben das Mädchen, das bei ihr war, noch einmal ins Haus hinunter +geschickt, um einiges zu holen, und war allein. Ich sah sie an dem +steinernen Tisch auf der Terrasse sitzen mit einem Haufen abgeschnittener +Blumen vor sich, die sie in Vasen ordnen wollte, aber ihre feinen, weißen +Hände lagen unbeschäftigt mitten in den Blüten; sie sah aus, als erleide +sie Schmerzen oder sinne etwas Schwerem und Traurigem nach, und von ihrer +verschlossenen Kühle war nichts zu sehen. Als sie mich erblickte, kam eine +jagende Röte in ihr Gesicht; sie stand auf, ohne ein Wort zu sagen, und sah +mir erschreckt in die Augen, denn sie hatte mich noch nie so gesehen wie +jetzt. Ich besann mich aber keinen Augenblick, ihr zu sagen, warum ich hier +sei. So oft ich mir vorher in kühler Überlegung ausgedacht hatte, wie ich +es angreifen wolle, so unbedacht flossen mir nun die Worte von verhaltener +Leidenschaft für eine andere erfüllt, von den Lippen. Was ich gesagt habe, +weiß ich jetzt nicht mehr, da es in einem Rausch geschah, doch mußte sie +aus der drängenden Glut meines Wesens ja schließen, daß ich in glühender +Liebe, die sich nicht mehr zurückhalten lasse und nicht mehr auf Antwort +warten könne, für sie entbrannt sei. Es dröhnte mir dabei ein Wasserfall in +den Ohren, dessen stürzende Wellen zu schreien schienen: du lügst, und den +ich übertäuben mußte, da er mich sonst vernichtete. Ich weiß noch, daß +Eleonore tief erblaßt und hoch aufgerichtet vor mir stand und mir wie +gebannt in die Augen sah, und daß ein schluchzender Laut aus ihr +hervorbrach, als ich schwieg. Ihre Lippen zuckten, und es kam etwas von +Feuer in ihre Augen. Sie stützte sich mit einer Hand auf den Tisch, mitten +in die Blumen hineingreifend, als suche sie einen Halt, und sagte mit einer +Stimme, die mir fremd klang vor der starken Bewegung, die darin zitterte, +und die sie unterdrückte: »Sie sind anders, als ich meinte. Ich wußte, daß +Sie kommen würden, aber ich glaubte, es würde anders sein.« + +Und dabei sah sie mich immer noch staunend an, schloß aber plötzlich die +Augen mit einem tiefen Seufzer und litt es, daß ich sie heftig an mich zog, +wobei ich spürte, daß sie am ganzen Leibe zitterte. Der Wasserfall meines +Blutes und wohl auch meines Gewissens brauste stärker. »Willst du mein +sein?« fragte ich in sein Dröhnen hinein, und sie nickte geisterhaft mit +geschlossenen Augen, so daß es mir fast unheimlich war. + +Es dauerte aber vielleicht nur Sekunden, so richtete sie sich auf und löste +sich aus meinen Armen. »Man muß mich nehmen, wie ich bin,« sagte sie, und +zwang sich zu einem Lächeln, »ich kann keine Zärtlichkeit geben; sie liegt +mir nicht, oder wenn doch, dann tief unten.« Da bezwang ich mich, aber ich +dachte, ich wolle sie heraufholen, denn wie sollte ich sonst leben können +mit der neuerwachten und ungebändigten Glut meines Innern? + +Sie las aber wohl meine Gedanken, was nicht schwer gewesen sein mag bei +meinem Zustand, und sagte mit Angst in der Stimme, wie ich deutlich hörte, +aber doch in der Haltung einer Herrin: »Ich brauche Zeit zu dem allem; es +kam so plötzlich.« Auf ihrem weißen Gesicht kam und ging die Farbe, sonst +hatte sie sich wieder ganz in der Gewalt und nun auch mich. Sie setzte sich +an den Steintisch nieder, so daß der Tisch zwischen uns war, und bedeutete +mich, es auch zu tun, und mich überkam nach der heftigen Bewegung etwas wie +Mattigkeit, so daß es mir recht war, wie es geschah. + +Wir fingen an, dies und das von der Zukunft zu reden, indes Eleonore +fortfuhr, ihre Blumen zu ordnen; das schien sie zu beruhigen, obgleich ihre +Hände, beseelter und erregter als ihr Gesicht, hier und da noch leise +zuckten, was ich mit einer gewissen Neugierde sah. + +Das ist nun deine Braut, dachte ich; es war mir aber, als gehe die Tatsache +einen andern Menschen an, und ich hatte Mühe, sie mir vorzuhalten; denn die +steil aufschießende Flamme war wie ein bengalisches Licht in sich +zusammengesunken, und ich wunderte mich, wie ich vorhin hatte Mut und Worte +zu meiner Tat finden können. + + * * * * * + +Es ist mir, wenn ich an die Zeit zurückdenke, in der wir beide ein +Brautpaar vorstellten, als sei immer ein steinerner Tisch zwischen uns +gewesen, an dem wir beide eine leidlich gute Figur bildeten. Wir hatten +viele Glückwünsche, Blumen, Geschenke, Einladungen und dergleichen über uns +ergehen zu lassen. Ich sah in manchem Gesicht das wohlwollend +sachverständige Lächeln, das man den Brautpaaren entgegenbringt, um ihnen +zu zeigen, man wisse aus eigener Erfahrung, wie selig eine solche Zeit sei, +und es sei einem jede Art von Torheit oder Zerstreutheit im voraus +verziehen um des eigenartigen Zustandes willen, in dem man sich befinde. +Ich dachte dann, ich möchte wohl wissen, ob die Betreffenden zu ihrer Zeit +seliger gewesen seien als ich, und ob sie mehr liebende Torheiten begangen +hätten. Uns beiden hatte man wohl in dieser Hinsicht nichts zu verzeihen. +Wir erfüllten alle geselligen Pflichten mit Hingabe und Anstand und man +nannte uns ein schönes Paar, das sich gut zu benehmen wisse, weil uns +keine heimliche Sehnsucht nach dem Alleinsein zu zweien erfüllte, wenn wir +unter Menschen waren, keine zärtliche Unruhe uns von der Gegenwart +ablenkte. Wenn ich mit Eleonore im offenen Wagen durch die Straßen fuhr, um +Besuche zu machen, so dachte ich wohl, es werden mich die Menschen, die uns +nachsahen, für einen glücklichen Mann halten, dem alles gelinge, was er +wolle, und ich sagte mir mit Verwunderung, daß mir ja nun alle meine +Wünsche erfüllt seien und fragte mich, ob denn jetzt noch etwas nachkomme, +da es nicht alles sein konnte und ich zuzeiten eine trostlose Leere in mir +fühlte. Doch suchte ich mich damit zu beschwichtigen, daß ich ja immer noch +in einem Zwischenzustand mich befinde, und daß gerade bei solchen Leuten, +wie wir, das Leben im eigenen Heim und Haus und im Ehestand das bessere +Teil sei. Da würde dann auch, hoffte ich, Eleonore allmählich ihre +Zurückhaltung, die mir künstlich vorkam, ablegen und das Warme, Lebendige +und Reiche, das ihre Natur doch auch hatte, zu seinem Recht kommen lassen. +Sie erschien mir oft, als litte sie unter sich selbst, und das zog mich zu +ihr, denn ich meinte, es falle ihr schwer, etwas Hartes, Sprödes an sich zu +zerbrechen, und es fiel mir sonderbarerweise nicht ein, daß etwas anderes +zwischen uns stehen könnte, wozu ich doch alle Ursache gehabt hätte. Ich +traute ihrer stolzen und hochfahrenden Natur ganz, daß sie das wähle und +tue, was ihr innerlich gemäß sei und stellte sie viel zu hoch, als daß ich +hätte denken dürfen, sie habe mir ohne Liebe die Hand gegeben, ohne dabei +zu erwägen, wie sehr ich mich selber damit richte. Herr Kasimir war wohl +der Glücklichste von uns dreien. Er war rastlos beschäftigt, uns die Wege +zu ebnen, Verschönerungen in der Wohnung anbringen zu lassen und mit uns +Möbel, Teppiche und allerlei Hausrat auszusuchen, wobei er an nichts +sparte. Wir sollten in dem alten Hause wohnen, in dem er sich auch ein oder +zwei Zimmer vorbehielt, während er sich im übrigen in das Gartenhaus auf +dem Berge zurückzog, in dem er noch allerlei ausbauen und verbessern ließ, +um es auch im Winter bewohnen zu können, wenn er Lust hätte. Doch +verkündigte er im voraus, daß er nicht allzuviel in der Stadt sein werde, +da er endlich einmal seinen alten Wunsch, in Muße auf Reisen zu gehen und +bald da bald dort sich aufzuhalten, wo es schön sei, in Erfüllung bringen +wolle. Das genoß er alles im voraus und kam so jetzt schon auf einen Teil +seiner Kosten, was ihn ungemein straffte und belebte. + +Wir waren alle drei einig, daß die Hochzeit in aller Bälde stattfinden +solle, vielleicht jeder aus einem andern Grunde, aber die Sache war darum +doch dieselbe. Eleonore zeigte ihr Talent, anzuordnen, Leute in Schwung zu +bringen, so daß sie ihr alle zu Willen waren, mit wenigen Worten und in +ruhiger, fast nachlässiger Weise zu bestimmen, wie dies und das gehalten +werden sollte. So und so wünsche ich das, sagte sie, und die Geschäftsleute +sahen sie dann bewundernd an und fügten sich, auch wenn sie es ganz anders +gemeint hatten. Sie wurde angeregt und frisch während der Besprechungen +über Einrichtung und dergleichen, fragte mich um Rat und tat, als gehe sie +darauf ein, machte es aber dann doch so, wie sie zuerst gemeint hatte, und +es war auch immer besser auf ihre Weise, denn sie hatte Geschmack und +Erfindungsgabe zugleich. + +»Eigentlich hätte ich gern ein neues Haus draußen in den Gärten,« sagte +sie, »das müßte dann von Grund aus harmonisch gebaut und eingerichtet sein; +aber Onkel Kasimir will, daß wir in dem alten Hause wohnen, und es ist ja +auch vornehmer als mancher neue Kasten, man muß nur nach und nach +herausholen, was drin steckt, ich habe da noch allerlei Möglichkeiten im +Sinn.« Sie sah nachdenklich aus, als ob sie über etwas Tiefes nachsinne, +und ich lachte, denn ich hatte gern, wenn ihr unser Haus so wichtig war; +sie freute sich doch, darin zu wohnen und es war uns ja gemeinsam. Es mußte +ja doch gut kommen. So konnte ich es nicht lange mehr aushalten, wie es +jetzt war. Ich war nervös geworden und schlief nicht, oder wenn ich +schlief, hatte ich unruhige Träume, von denen ich dann schreckhaft und mit +schwerem Druck erwachte. Eigentlich hätte ich mich besinnen müssen, was +immer auf mir liege, aber gerade das wollte ich nicht wissen. Nachher kommt +es anders, wenn dann einmal alles in Ordnung ist, dachte ich, und das war +mein Beruhigungsmittel. Ich hatte lange daran herumgedrückt, bis ich meinen +Schwestern die Anzeige von meiner Verlobung schickte. Denn da war der +letzte Brief von Luise, der allzu durchsichtig ihre Hoffnung auf eine +andere Verbindung für mich zeigte, ja sie als bestimmt vorgesehen +voraussetzte. Wie sollte ich ihr begreiflich und faßbar machen, was nun +inzwischen geschehen war und was sie mit ihrem schlichten Empfinden, das +immer in seinem Kreise geblieben war, doch nicht fassen konnte? Ich konnte +es ja selber nur, wenn ich von allem wegsah, was ich nun außerhalb meiner +Bahn gestellt hatte und was für mich nicht mehr in Betracht kommen durfte. +Denn ich wollte ein Ehrenmann sein, und ein solcher mußte Opfer bringen +können, wie ich mir vorsagte. Zuletzt entschloß ich mich, eine gedruckte +Anzeige abzuschicken, auf die ich einige nichtssagende Worte kritzelte, die +von Arbeitshäufung und Zeitmangel redeten und für die nächste Zeit einen +ausführlichen Brief verhießen. An Maidi schickte ich keine Anzeige und +schrieb auch nicht. Darüber will ich kein Wort verlieren. Ich konnte nicht. +Sie war irgendwo in einer Welt, in der ich auch einmal gelebt hatte, und +von der ich nun geschieden war. + +Eines Abends, als ich noch nach einem Buch suchte, in dem ich lesen wollte, +bis ich schläfrig werde, fiel mir das Volkmann-Leandersche Märchenbüchlein +in die Hände und darin das Märchen von dem reichen Mann, der sich, in der +Ewigkeit angekommen, die Lebensweise aussuchen darf, die er führen will, +und der sich, als er alles hat, was er wollte, nun im Himmel wähnt. Aber +eines Tages merkt er, daß er in der Hölle ist, und zwar recht tief drin, +denn was er hat an Gütern, sättigt ihn nicht, und er sehnt sich, der Arme +zu sein, der auf einem Schemelchen zu Gottes Füßen sitzt, wie er sich +gewünscht hat, aber es ist zu spät. + +Da fing mein übelberatenes Herz an, sich aufzubäumen, denn es wollte leben +und nicht zusammengedrückt sein, und rief: Das bist du! Aber ich gebot ihm +Schweigen und malte ihm alles Gute aus, was es jetzt auch hätte. Das tat +ich manche Nacht. + +Bei Tage war ich rastlos tätig, so sehr, daß der rotbärtige Giller knurrend +sagte, man habe zu der Zeit, da ich nicht dagewesen sei, auch schon +gearbeitet, es sei aber anders zugegangen, und an einer Hetzjagd wolle er +sich nicht beteiligen. Er sah dabei mit seinen etwas vorstehenden Augen, +die er böse rollen konnte, der stumpfen Nase und dem breiten Munde, aus dem +er die gelben Schaufelzähne drohend hervorblöckte, mehr als je aus wie ein +grimmiger Kettenhund, vor dem ich mich auch fürchtete, ohne eigentlich zu +wissen, warum, nur aus meiner inneren Unsicherheit heraus. Man sagt ja +auch, daß die Hunde spüren, wenn ein Vorübergehender oder ins Haus +Eintretender ein tadelhaftes Gewissen habe und ihn daher schärfer anfallen +als einen ruhig und in unschuldiger Harmlosigkeit Auftretenden, so daß hier +das Bild einigermaßen passen mag, indem der im Dienst des Hauses gealterte +Mensch mir wohl anspürte, daß etwas mit mir nicht in Ordnung sei und mich +daher mißtrauisch anknurrte. Denn als den Herrn der Firma konnte er mich +bis jetzt noch nicht ansehen, er wandte sich vielmehr, so viel er konnte, +in allen Dingen an Herrn Kasimir, was diesem wohlzutun schien, obgleich er +ihn meistens von sich ab und an mich verwies. Mir konnte es gleich sein, +denn ich übernahm ja doch bald das Geschäft, und wem es dann nicht gefiel, +der war ja nicht ans Bleiben gebunden. + +Frerichs sah mich hie und da scheu an. Er hatte ein Gedicht zu unserer +Verlobung gemacht, voller Süße und voller Weissagung des Schönsten und +hatte begierig auf mein Lob gewartet, das aber ausblieb. Nun dachte er, daß +er es nicht recht gemacht habe; er kannte sich nicht aus bei mir und hätte +mich gern gefragt, aber ich half ihm nicht dazu. Für Eleonore hatte er eine +stumme Verehrung; manchmal traute er sich, ein Wort von ihr zu sagen, ob +mir das vielleicht die Zunge löse gegen ihn. Er hatte schon eine +Hochzeitsdichtung angefangen, wie er durchblicken ließ; am liebsten hätte +er den Plan dazu mit mir besprochen. Aber ich war nicht mehr der Alte ihm +gegenüber. Es tat mir weh, denn ich wußte, er hing an mir, aber es kam nun +auf einen, den ich kränkte, nicht mehr an, es waren deren noch mehr auf der +Welt. + + * * * * * + +So kam die Hochzeit näher. Es wurde jetzt beraten, wie sie gefeiert werden +sollte. Eleonore wollte eine große Gesellschaft dabei haben, denn sie +gedachte, als verheiratete Frau viel und ansehnlichen Umgang zu pflegen, +wie sie das ja auch jetzt schon getan hatte, und mit einer strahlenden +Hochzeitsfeier gewissermaßen die Türen unseres Hauses zu öffnen. Bei dieser +Beratung kam es zwischen uns zum ersten Streit; wir waren einander seither +in allem so gut als möglich entgegengekommen und hatten darum friedlich +gelebt. Oder eigentlich muß ich wohl sagen, daß ich selber in vielen Dingen +meiner Braut freie Hand gelassen hatte, weil sie mir nicht so wichtig +waren, und weil ich sie gern gut gestimmt sah. Als wir nun die Personen +aufzählten, die zur Hochzeit geladen werden sollten, und ich die Liste +überlas, fehlten auf derselben meine Schwestern, und ich fühlte, daß es +Absicht sei, sagte aber so ruhig als möglich, daß hier zwei wichtige Namen +ausgelassen seien, die an einem guten Platz eingeschoben werden müßten. Ich +hatte mit Eleonore schon öfters von den Meinigen zu reden versucht; sie +wußte aber immer das Gespräch auf etwas anderes zu bringen, und ich ließ +mich auch dazu bewegen; doch spürte ich, daß es eine Auseinandersetzung +geben müsse, die sich nicht mehr lang verschieben lasse. Sie wollte nichts +von meiner Herkunft und meiner Familie wissen, das sah ich wohl, und wenn +ich nicht blind und taub gewesen wäre, so wäre es mir wohl ein sicheres +Zeichen gewesen, daß sie auch mich nicht liebe. Denn Liebe hätte den +Hochmut überwunden, der in ihr groß und mächtig war. + +Heute nun merkte sie, daß es nicht mit Ablenken getan sei und sagte +gleichmütig: »Ach, ich dachte, du würdest sie nicht einladen wollen, was +sollen sie denn dabei? Sie würden sich ja doch nicht wohl fühlen.« Dabei +sah sie mir lächelnd ins Gesicht und blies ein Stäubchen von meinem Rock, +weil wir gleich nachher ausgehen wollten. Ich fühlte dunkel, daß es jetzt +gelte, und nahm mich zusammen, mit männlicher Betonung zu sagen, was mir +ganz selbstverständlich und mühelos hätte vom Herzen kommen sollen: »Wie +kann ich denn daran denken, meine Schwestern nicht einzuladen? Es sind +meine einzigen Verwandten, und ich bin ihnen viel Dank schuldig. Sie müssen +kommen, es geht gar nicht anders.« Vielleicht polterte ich das, weil es mit +einem Anlauf geschah, ein wenig gröblich heraus, was ich mir sonst Eleonore +gegenüber noch nie gestattet hatte. Sie sah mich unwillig errötend an und +sagte kühl verwundert: »Was ist das für ein Ton? Laß mich dir sagen, daß +ich sie nicht bei meiner Hochzeit wünsche. Sie passen nicht zu der übrigen +Gesellschaft, und ich fühle mich ihnen nicht verpflichtet. Wenn du ihnen +etwas dankst, so ist das deine Sache.« + +Sie sah dabei unendlich hochfahrend aus, und mich überkam ein Trotz und ein +Elend zugleich; ich fühlte mich selber geschmäht und heruntergesetzt in +meinen Schwestern, denen in diesem Augenblick mein Herz sehnlich +entgegenwallte; ich hätte meine Braut am liebsten in ihr weißes Gesicht +geschlagen und ihr den Trauring auf den Tisch geworfen. Aber ich wußte, daß +ich es nicht tun und daß ich ihr nachgeben würde, obgleich ich dachte: »Du +Affe, du bist sie ja gar nicht wert.« Da änderte sie auf einmal den Ton und +das Gesicht, faßte mich am Arm und schmiegte sich an mich. »Sei doch lieb,« +sagte sie, »verstehe mich doch. Ich will nur dich, die Deinen kenne ich +nicht. Du lebst doch nun in meiner Welt und mußt Rücksicht darauf nehmen. +Wir können sie ja auf der Hochzeitsreise besuchen, das ist für alle Teile +besser, du siehst es später selber ein.« + +Und ich gab ihr in allem Elend recht, denn vielleicht war es tatsächlich +besser, so wie die Dinge jetzt lagen, und hoffte, als sie mich neben sich +aufs Sofa zog und mit meiner Hand spielte, ich werde sie nach und nach zu +allem gewinnen, was sein mußte und recht war. + +Wir machten Besuche und nachher noch Besorgungen und standen auf einmal in +einem Blumenladen in der Nähe des Friedhofs meiner alten Freundin Hertha +gegenüber. Sie hatte, wie ich schon erfahren hatte, einen Gärtner +geheiratet und also ihren Vorsatz ausgeführt, was ja auch bei ihr nicht zu +bezweifeln gewesen war. Aufgesucht hatte ich bis jetzt weder sie noch den +alten Zeitler, so oft ich auch daran gedacht hatte, es zu tun. Anfangs +hatte ich den festen Vorsatz und auch das Verlangen darnach gehabt und es +nur immer wieder verschoben, und nun, da ich keine Lust und auch keinen Mut +mehr dazu hatte, kam ich von ungefähr dazu. + +Sie stand in einer blühenden Fraulichkeit unter ihren Blumen und hatte +eine anständige Würde in ihrer Erscheinung. Ich hätte sie wohl +freundschaftlich begrüßen und meiner Braut von ihr sagen können, und sie +schien es auch zu erwarten, daß ich es tue, denn sie sah mich mit +herzlichem Freudenblick des Wiedersehens an, merkte aber dann bald, daß +nichts von mir ausgehen würde und wandte sich bedienend an die Dame. Es +wurde ausgemacht, daß bei unserer Trauung die Kirche geschmückt werden +solle, und es wurden Sträuße für die Brautjungfern bestellt; ich wurde bei +dem und jenem um Rat gefragt und gab ihn blindlings, und es war mir übel +zumute. Es ging aber heute in einem hin. Ich dachte, so lange Eleonore in +ihrer kurzen und sachlichen Weise Anweisungen gab, wählte und verwarf, an +einen Tag, da Hertha gesagt hatte, daß sie einmal meiner Braut den +Hochzeitskranz machen wolle, wenn es eine sei, die gut zu mir passe, und +ich besann mich, ob sie ihr wohl so erscheine, und warf einen heimlichen +Blick nach den ungleichen Frauen hinüber. Da fing ich einen von Hertha auf, +der schien mir spöttisch und traurig zugleich zu sein, auch glitt er nur an +mir vorüber und endigte in einem Kopfnicken, als gebe sich die Gärtnersfrau +selber Antwort auf eine Frage, da ich ihr keine gab. Da war es mir wie +heute schon einmal, als gleite mein Nachen stetig und unaufhaltsam an allen +blühenden Ufern vorbei, die ich jung und schuldlos betreten hatte, und ich +selber sitze darinnen wie im Zwang eines argen Traumes und sehe Menschen +und Ufer hinter mir verschwinden. So ging es mir in der Zeit, die meine +hohe sein sollte. + +Es war meine niedrigste. + +Ich sah Hertha noch einmal und auch den Zeitler. Ich kaufte einen Kranz +mit roten Rosen und trug ihn mit Herrn Kasimir auf das Grab von Brigitte +Hagenau am Abend vor ihrem Geburtstag. Eleonore war da nicht dabei; sie +ging nicht gern auf den Friedhof, das sagte sie offen. Hertha war nicht im +Blumenladen, ein kleines Dienstmädchen gab mir den Kranz. Ich traf sie aber +mit einem Bübchen auf dem Arm im Friedhof; sie stand neben einem starken, +kräftigen Mann in einer grünen Schürze, der ein paar Gärtnerburschen +anwies; sie waren beide große, stattliche Leute und sahen fest und freudig +aus, so als ob sie auf sicherem, gutem Boden ständen. Es brannte in mir, +daß ich nicht mit Hertha reden konnte, wie ich wollte. Ich wäre gern noch +einmal eine Stunde mit ihr allein gewesen, oder ein paar Minuten. Aber das +war drüben am andern Ufer. Doch faßte ich den Mut, sie zu fragen, wie es +gehe, obgleich ich sah, daß es gut sei, und sie gab mir ruhigen und +freundlichen Bescheid; vielleicht sah sie, daß ich nicht glücklich sei, und +es tat ihr leid. Der Zeitler kam auch herbei; er gab mir die Hand und +sagte, daß er gehört habe, ich sei wieder in der Stadt, und daß er gedacht +habe, ich komme dann einmal. Die Hertha habe auch darauf gewartet. Ich +stammelte etwas von viel Arbeit und Abhaltung, und er sah mich ruhig an und +sagte: »Ja, Sie sind ja auch verlobt und machen bald Hochzeit. Da wünsche +ich Glück.« Er hatte für mich keine Ähnlichkeit mehr mit alten Gesichtern +aus meiner Kindheit; er war auch im Nebel und stand auch am Ufer, an dem +ich vorüberfuhr. Vielleicht hatte er mir viel zu sagen, früher hatte ich +das immer gemeint; jetzt durfte ich nichts hören, denn wie sollte ich +sonst vollenden, was ich angefangen hatte? Ich redete einige nichtssagende +Worte und stand an Brigittens Grab. Sie war über allem draußen und hatte es +gut; ich wollte, sie wäre noch dagewesen in ihrer schönen und klaren +Freudigkeit. Herr Kasimir saß auf dem Bänkchen unter der Linde, die neben +dem Grab stand; ich hörte, daß er den Zeitler mit du anredete, und daß sie +irgendwie von alten Zeiten sprachen. Das wunderte mich, aber es fiel mir +ein, daß der Zeitler so gut Bescheid mit der Jugend der Hagenausgeschwister +wußte, und ich dachte, daß gewiß alle Menschen irgendwie miteinander +zusammenhingen, nur ich trennte mich von meiner Welt und wurde ganz einsam. +Der Zeitler sagte lind und freundlich zu mir, ich solle einmal abends +kommen, vielleicht morgen? Da sagte ich, ja, ich komme bald, aber ich hatte +nicht im Sinn, es zu tun, und wir gingen. Auf dem Heimweg erzählte mir Herr +Kasimir, daß der Zeitler sei, was man eine verkrachte Existenz nenne. Er +hätte es weiter bringen können, da er von guten Gaben und guter Bildung +sei. Es sei aber einmal ein Bruch in sein Leben gekommen durch eine +leidenschaftliche Liebe, um derentwillen er einen Menschen beinahe +umgebracht und dafür eine Strafe verbüßt habe, während deren ihm dann die +Geliebte untreu geworden sei. Brigitte habe ihn aber immer hoch geschätzt. +Sie habe gesagt, daß, wer aus Liebe sündige, lebendiger sei, als wer aus +kalter Tugend gerecht bleibe, und daß Zeitler einer von denen sei, die +wissend geworden seien durch heißes Verschulden. Wissend und verstehend. + +Als Herr Kasimir mir das erzählte, da war es mir, als ob ich doch morgen zu +dem Zeitler gehen wolle, denn vielleicht verstand er auch mich. Aber +gleich darauf wußte ich, daß es nicht sein konnte; denn ich sündigte weder +aus Liebe, noch blieb ich aus Tugend gerecht. Ich mußte meines Weges gehen +und durfte niemand fragen. + + * * * * * + +Ich habe den Brief, den ich in dieser Zeit an Luise schrieb, später wieder +gelesen, als ich ihn in ihrem Nachlaß fand, und tat mir selber leid darin, +so sehr ich mich hätte verdammen müssen. Denn es war kein freies und +trotziges Sündigen eines einfachen Selbstlings, der sich in dem, was er +tut, im Rechte meint, und über das, was ihn hemmen will, hinwegschreitet +ohne Reue, sondern ich litt, während ich tat, was ich verurteilte, und tat +es dennoch, weil ich das Geschlinge um meine Füße nicht zerreißen und den +Preis, den mich das vorschwebende Bessere gekostet hätte, nicht bezahlen +konnte meiner Meinung nach. So tat ich denen, die ich liebte, weh, ohne mir +selber wohlzutun, und stand unfrei vor mir und vor ihnen, und es ging mir +beides verloren, das gute Gewissen dessen, der vor sich selber richtig +handelt, und die Lust des Unrechts, das ich tat. Doch habe ich eine +Erlösung erlebt, nicht unähnlich der, die die Frommen Bekehrung nennen, die +mich mit Gewalt umkehrte, indem sie mir das selbstgebaute Haus zerbrach, +mir unter freiem Himmel mich selbst zeigte, wie ich war, und mich mir, arm +und zerschlagen, in die Hand gab. + +Es war über allem dem Herbst geworden. Eines Morgens erwachte ich an dem +Klang einer Stimme, die laut und deutlich sagte: »Heute kehrt Maidi in die +Stadt zurück.« Ich schlug verwundert die Augen auf, aber es war niemand +bei mir im Zimmer, und ich hatte wohl selbst die Worte ausgesprochen. Ich +erinnerte mich auch noch eines soeben entschwindenden Traumes, dessen +Gestalten vor dem Tageslicht erblaßten, in dem es mir aber seltsam wohl +gewesen war, so daß es mir leid tat, erwacht zu sein. Denn auch das +Wohlsein schwand, je wacher ich wurde. + +Ich stand auf und trat ans Fenster, und immer noch hatte ich das +gesprochene Wort in den Ohren. Als ich Maidi hinausgeleitet hatte, war der +Wald jung belaubt gewesen; jetzt lag er hier und wohl auch dort in +herbstlichen Farben. Die Schwalben sammelten sich zur Reise und saßen +dichtgedrängt auf den Telephondrähten. In wenigen Tagen würde auch ich mit +Eleonore dem Süden entgegenfahren. Wir waren dann Mann und Frau und mußten +uns miteinander ein Leben bauen. Das, was ich früher gelebt hatte, lag dann +noch weiter dahinten als jetzt; es mußte so sein, ich wußte es. Würde es +mir dann auch noch hie und da ans Herz treten, so wie im Traum des heutigen +Morgens? Und würde es mir lieb oder leid sein, wenn es geschähe? Es war so +lieb und so leidvoll zugleich. Draußen war eine warme, föhnige Luft; die +Höhen und Wälder lagen nahe zusammengerückt in Glanz und Klarheit; ich +fühlte mich sonderbar laß und müde und hätte am liebsten meinen Gedanken +freien Lauf gelassen. Den hatten sie schon lang nicht mehr; ich hatte mir +das Tagträumen abgewöhnt. Sie wollten unruhig flattern wie die Schwalben, +denen die Reisesehnsucht keine Ruhe mehr ließ; sie wollten fragen, wie es +nun dort sei? Ob Maidi traurig sei oder ob sie mich verachte? Ob sie gehört +hatte, daß ich verlobt sei und daß das Land der unbegrenzten Möglichkeiten +nun erst ganz und auf immer hinter mir liege? Wenn sie es wußte, dann wußte +sie auch, warum ich ihr nicht geschrieben hatte. Es war mir, als wisse und +verstehe sie alles und als liebe sie mich immer noch, und das legte sich +wie eine abgrundtiefe Traurigkeit auf mich, denn es war fern, fern, und es +führte keine Brücke und kein Steg mehr dorthin. Plötzlich wurde ich gewahr, +daß die Pyramide des Münsters mich ansehe. Sie lag in einem merkwürdig +grellen Licht; ihre Steine glänzten, und sie war ganz durchschienen von +einer heißen Sonne, was so früh am Morgen und um diese Jahreszeit +ungewöhnlich war. Es fiel mir ein, wie oft ich sie von meiner Mansarde aus +gegrüßt hatte, als ich zum erstenmal in der Stadt und ein Lehrling war, und +es schien mir, als frage sie mich, was ich nun inzwischen aus mir gemacht +habe? Ich trat vom Fenster zurück, aber nun war es mir, als warte sie +draußen, daß ich ihr Antwort gebe. Die Rosette hatte ein Gesicht, und alle +die Luken, durch die das Licht fiel, waren Augen, die mich ansahen. Sie +hatte ihre stille, hehre Schönheit verloren und war unerbittlich und +furchtbar. Ich versuchte zu lachen, denn das war ja doch wieder das +Tagträumen, was ich jetzt hatte. Aber es gelang mir nicht so recht. Da +sagte ich mir, daß es der Föhn sei, der mich so sonderbar errege. Ich wusch +mich mit kaltem Wasser und brachte meine Gedanken in Ordnung. Sie hatten +hier am Platze genug zu tun. Es wollte noch viel in die Tage hinein. Herr +Kasimir wollte mir das Geschäft übergeben und allerlei niet- und nagelfest +machen. Er blieb noch da, so lange wir reisten, dann wollte er sein Bündel +schnüren und ebenfalls reisen. Ich war dann Inhaber von Haus und Geschäft +und hatte eine Frau und war ein Mann, der hier am Platze zu sein hatte mit +aller Kraft und allen Sinnen. Darüber hinaus gab es nichts. Wenn es doch +etwas gab, so war es nicht für mich. Ich bemühte mich, an Eleonore zu +denken; nicht an das Steinbild, das sie hie und da sein konnte, herb und +hochmütig, sondern an die Stunden, in denen sie unter ihrer eigenen +zurückhaltenden Art zu leiden schien. Sie hatte dann brennende Augen und +sah blaß und schmal aus, es war, als ob ein verstecktes Feuer in ihr +lodere. So hatte ich sie noch lieber, als wenn sie, wie es auch geschah, +kleine bräutliche Zärtlichkeiten für mich hatte. Denn ich dachte gern, daß +sie ein heißes Herz in sich trage, das für mich glühe und das im Kampf mit +ihrer kargen Natur sich verwunde und abmühe, um leben zu können. Es schien +mir an der Zeit, daß es zu seinem Recht komme, das ich ihm ja gegeben +hatte. Gestern abend war sie so gewesen, müde und unruhig zugleich. Sie +hatte mir beim Gutenachtsagen eine heiße Hand und kalte Lippen gegeben und +gesagt: »Ich wollte, wir wären schon weit fort, und es wäre alles vorüber.« +Das hatte mich gewundert, denn sie selbst hatte doch die glänzende +Hochzeitsfeier angeordnet und sich nicht genug tun können, alles bis ins +kleinste festlich auszugestalten. Es war wohl so, wie ich dachte, daß sie +sich sehnte, bei mir zu sein, und ich nahm mir vor, es solle sie nicht +gereuen. Es gab wohl viele Männer, die eine Jugendliebe in sich begruben, +wenn es das Leben erforderte, und auch ich wollte das tun; da brachte ich, +der ich so gewandt im Zudecken, Flicken und Übermalen meines Innern +geworden war, es denn auch an diesem Morgen so weit, daß ich als ein +Tüchtiger und ein Ehrenmann das Zimmer und das Haus verließ mit straffen +Schritten. Sie waren beide froh, daß sie mich hatten, Eleonore und Herr +Kasimir, und das konnten sie auch wohl sein, denn alles lag bei mir in +guten Händen, und daß es mich viel gekostet hatte, das gab mir Ernst und +Tiefe, wie ich mir selbst, vor diesem bedeutenden Einfall leicht +erschauernd, sagte. + +Am Vormittag dieses Tages hörte ich, nach langer Zeit wieder zum erstenmal, +Eleonores Geigenspiel gedämpft aus dem Zimmer über mir her erklingen. Sie +hatte nie gespielt, seit wir verlobt waren, und wenn ich in sie gedrungen +war, so hatte sie mich auf später vertröstet, wo sie wieder Ruhe und +Stimmung dazu haben werde. Jetzt schien es mir, als ob sie mich zu sich +riefe mit feurigen und verheißenden Tönen und mit hinströmender Klage über +ihre eigene eingeschlossene Seele, so daß ich es kaum erwartete, bis ich +von den Geschäften loskommen und hinaufgehen konnte, denn ich war begierig, +ihr zu zeigen, daß ich für sie da sei und sie verstanden habe. Sie hatte +aber, als ich kam, die Geige schon wieder in ihr Futteral geschlossen und +verwahrt und schien sich zu wundern, daß ich mitten im Vormittag +heraufkomme. Die Geige hing stumm an der Wand, als ob sie nie geklagt und +gerufen hätte, und als ich sagte, daß ich sie gehört habe, zog Eleonore die +Brauen leicht zusammen, wie unwillig. »Ich habe etwas geübt,« sagte sie, +»was ich lange nicht gespielt habe und was ich heute abend zu spielen +versprochen habe.« Wir waren beide zu einer Geburtstagsfeier in eine +bekannte Familie eingeladen, deren Wohnhaus über den sonnigen Rebbergen +der Stadt in Waldeshöhe stand. Ich wußte, daß der Hausherr, der ein alter +Freund des Hauses war, Eleonore schon manchesmal umsonst gebeten hatte, zu +spielen, freute mich, daß sie es heute tun wollte, und bat sie nur, es spät +genug zu tun, daß ich das Stück auch hören könne, das mich so angezogen +hatte. Denn ich konnte des Geschäfts und vieler Arbeit wegen erst am Abend +nachkommen. Sie versprach es auch, und ich dachte, sie sei doch eine +rätselhafte Natur, anziehend und abstoßend zugleich, ich wolle aber alle +Rätsel in ihr auflösen, da sie ja eine Seele habe, die darnach verlange, +wie ich sicher zu wissen glaubte. + +Der Nachmittag war noch schwüler, als es der Morgen gewesen war. Die Luft +lag still und stickig über der unteren Stadt, und um ihr zu entgehen, +machte ich früher Schluß, als ich eigentlich im Sinn gehabt hatte, und ging +den Rebbergen zu. Ich hatte ein lähmendes Kopfweh, das ich auf die Föhnluft +schob und das mich veranlaßte, einen kleinen Umweg im Freien und in der +Einsamkeit zu machen, um nachher vor den Leuten besser bestehen zu können. +Daher ging ich nicht durch die Weinberge auf den steilen Staffeln in die +Höhe, sondern blieb auf der Straße bis da, wo der Wald in einer schmalen +Zunge zu ihr herunterreichte und wo ich nun ohne Weg, durch goldbraunes, +raschelndes Buchenlaub, das hier und da den Boden bedeckte, anfing +hinaufzusteigen. Das Rauschen unter meinen Füßen weckte irgend eine +Erinnerung in mir, der ich nachspürte, bis es mir einfiel, wie ich als +kleiner Bube im heimischen Stadtwald an der Hand meiner Mutter gegangen war +und glückselig mit den Stiefeln das Laub vor mir her aufgehäuft hatte, was +genug war, mich mit Lust und Wonne zu erfüllen. Es schien mir aber um +hundert Jahre zurück zu liegen, oder vielmehr in einem vorigen Dasein +geschehen zu sein, und ich konnte auch nicht lange bei der lieben +Erinnerung bleiben, denn es ging auf einmal ein heftiger Windstoß von der +Höhe herunter mir entgegen, der die schlaffe Schwüle zerriß und sich als +Vorbote eines Unwetters ankündigte. Ich beschleunigte daher meine Schritte, +um nicht draußen zu sein, falls es schnell hereinbreche. Es wurde zusehends +dunkler unter den Bäumen, was noch nicht vom Einnachten kommen konnte, +sondern von heraufziehendem Gewölk, das der Wind vor sich herjagte. Ich war +auf der Höhe angelangt, wo der Garten des bekannten Hauses sich in den Wald +verlor, von demselben nur durch ein dichtbewachsenes, hohes Drahtgitter +getrennt, und wollte gerade auf die schmale Tür zugehen, als ich hinter der +grünen Wand, aber dicht an derselben, sprechen hörte. Und zwar war es die +Stimme meiner Braut, die, als ich ganz nahe war, in hörbarer Erregung +sagte: »Du hättest nicht mehr kommen sollen. Wir hätten uns nicht sehen +dürfen. Es ist genug, daß ich jetzt mit jedem Atemzug durch mein ganzes +Sein hindurch lüge, ich, die ich immer wahr gewesen bin, solang ich denken +kann. Ich will es nicht noch durch die Tat tun. Es muß das letztemal sein.« + +Ich fühlte, wie mein Herz heftig zu schlagen anhob, als ich diese Worte +hörte. Ich konnte mich nicht von der Stelle bewegen und mußte nun weiter +mitanhören, was mich und den Bau, den ich mir errichtet hatte, in Scherben +schlug. + +Es ist mir, als sei ich eine Ewigkeit dort droben gestanden, im heftig +wehenden Wind, der die Kronen der Bäume herumriß und mir die gesprochenen +Worte zutrug wie auf Flügeln, und unter den jagenden Wolken, die stets +tiefer zu hängen kamen. Doch wird es wohl nicht lange gedauert haben, nach +menschlicher Zeitrechnung, da ja Minuten so voll sein können, daß sie von +Leben oder Tod überfließen. Ich will es mir sagen, wenn ich meines +Gerichtstags gedenke, daß es dennoch nicht Tod, sondern Leben war und Güte, +was dort unter den Bäumen auf mich wartete. Wo nähme ich sonst den Mut her, +es noch einmal heraufzuholen? Da es ja lange her ist seitdem und ich es +könnte ruhen lassen. + +Obgleich mir, auf immer unvergeßlich, jedes Wort und jeder Ton und jeder +Zug der Gesichter, die ich durch etliche Lücken in der grünen Wand wohl +sehen konnte, ins Gedächtnis gebannt ist, will ich doch unterlassen, alles +Schmerzliche und Beschämende noch einmal zu sagen und es einfach +aufzeichnen in meiner eigenen Rede. So sehr erregt und verwundet ich auch +war, so ruhig bin ich jetzt, ja dankbar bin ich, daß der Zufall, der mich +wunderbarerweise zu dieser Stunde an diesen Ort führte, mein Leben aus den +falschen Bahnen warf, so lange es Zeit war. Es hätte auch anders gehen +können, und ich weiß nicht, was dann aus mir geworden wäre. + + * * * * * + +Der Mensch, an den meine Braut ihre beschwörenden und selbstanklagenden +Worte gerichtet hatte, war, wie ich bald aus der Antwort merkte, der +Mediziner, den ich in irgend einer Ferne glaubte. Er war aber +zurückgekommen und hatte Eleonore auch schon ein paarmal getroffen mit +ihrem Willen und auch gegen ihn, da er, wie er sagte, sie wohl entbehren +wolle, wenn es sein müsse, sie aber nicht an mich verloren geben könne, der +ich in keiner Weise an sie hinanreiche, ja, den sie doch nur mit in den +Kauf genommen habe mit Haus, Geschäft, Geld und so weiter. Er nannte sie +du, und sie waren ein Liebespaar, das sich getrennt hatte, ohne daß die +Liebe vergangen war. Vielmehr hatten sie in einem merkwürdigen Grad von +gegenseitiger Offenheit miteinander ausgemacht, daß sie sich lassen müßten, +weil sie das nötige Geld nicht hätten, um einen Haushalt zu führen, der +ihren Bedürfnissen entspreche, da sie beide verwöhnte Kinder mit +anspruchsvollen Gewohnheiten waren und diesen nicht glaubten entsagen zu +können, ohne daß die Liebe darunter litte und sie dann einander quälten. +Einst, als sie einander näher traten, hatte jedes vom andern geglaubt, daß +es wohlhabend oder vielmehr reich sei, wenigstens der Mediziner hatte es +von Eleonore geglaubt, in deren Elternhaus es auf eine feine und +geschmackvolle Weise üppig zuging, wie es nur bei Leuten sein kann, bei +denen das Geld keine Rolle spielt, ja, denen es zum einfachen Anstand zu +gehören scheint, daß man sich nicht darum kümmere und es möglichst wenig +nenne. Als aber die Eltern gestorben waren, hatte sich's gefunden, daß wohl +eine Menge kostbarer Dinge vorhanden seien, die geistige Werte darstellten, +aber kein Geld mehr, und daß die Kinder arm seien wie Kirchenmäuse. Der +Bruder hatte sogleich seine berufliche Laufbahn antreten können, da er mit +den Studien fertig war und der Onkel ihm unter die Arme griff mit einigen +Zuschüssen. Eleonore aber, die nun auch mit Zuversicht heraustrat und ihre +Wünsche bekannte (denn das Hagenausche Geld war trotz der lässigen +Vornehmheit in der Bitterolfschen Familie als sicheres Erbe, eigentlich nur +als einstweilige Reserve angesehen), hatte sich bitterlich enttäuscht +gesehen, wenn sie auf reichliche Mittel hoffte, um mit dem Geliebten einen +noblen Haushalt zu eröffnen. Denn ein anderer kam nicht in Betracht bei dem +beiderseits so hochentwickelten Schönheitssinn. + +Der Onkel hatte ihr eröffnet, daß er keineswegs ein bloßer Geldsack sei, +den man nach Belieben auf- und zuschnüren könne, sondern daß er auch seine +Liebe und seinen Stolz habe, nämlich das alte Haus und Geschäft, dem er +freilich leider keinen Erben seines Namens hinterlassen könne, da er das +Heiraten versäumt habe, das er aber doch, solang er es wenigstens +verhindern könne, nicht wolle in fremde Hände kommen lassen, und das er +darum nicht zu verkaufen gesonnen sei. Da aber das beträchtliche Vermögen +fast ganz darin stecke, so wolle man es vorläufig auch beisammen lassen, +denn so halte es sich am besten und so weiter. + +Und kurz, er habe andere Pläne mit der Nichte. + +Das alles besprachen die zwei im heraufziehenden Unwetter freilich nicht so +genau, wie ich es hier tue, denn sie wußten alles gut genug voneinander, um +nur das eine und andere Wort darüber verlieren zu müssen, das mich aber +genugsam über ihre Vorgeschichte belehrte, soweit sie mir nicht schon +vorher bekannt war. Sie hatten sich auch nicht von der Gesellschaft +entfernt, die soeben vor dem Wetter ins Haus geflüchtet war, um das Alte zu +wiederholen, sondern um sich ein letztesmal vor der Hochzeit miteinander +auszusprechen und sich bewußt zu werden, wie sie es ins Künftige halten +wollten. Denn sie waren in der Zeit ihrer Trennung und besonders jetzt beim +Wiedersehen inne geworden, daß sie fester aneinander hingen, als sie gewußt +hatten. Das drängte den Liebhaber, Eleonore zu beschwören, sie möge jetzt +noch von mir ablassen, da sie sonst verderben müsse. Er sprach mit großer +Geringschätzung von mir, als von einem ganz gewöhnlichen Streber, +Glücksjäger und Emporkömmling und reizte sie, sich vorzustellen, wie es +sei, wenn sie mich als ihren Herrn und Gemahl ansehen müsse, wobei er sie, +offenbar einer alten Liebessitte nach, Herrin, Prinzessin und hohe Frau +nannte, aber mit spöttischer Betonung, um sie aufzustacheln. Ich sah, daß +er sie glühend liebte und nur darum so gering von mir sprach, um sie noch +in letzter Stunde von mir abzuwenden, denn dann konnte immer noch die Zeit +für ihn arbeiten und einen Glücksfall herbeiführen, da das Glück in der +Hütte nicht in Betracht kam. Oder vielmehr sehe ich es jetzt bei ruhiger +Betrachtung so an; damals sauste mir das Blut in den Augen und Ohren bei +meinem Lauschen, das ich doch nicht abkürzen konnte, denn jetzt mußte ja +der Augenblick kommen, wo Eleonore für mich eintrat. Ich konnte immer noch +nicht davon ablassen, zu glauben, sie liebe jetzt mich und mich allein, und +das geschah nicht nur aus Selbstgefühl und aus Not, sondern auch aus dem +hohen Respekt vor ihrer stolzen Art, die sich nie dazu bequemt hätte, einen +Mann zu nehmen, den sie nicht liebe, wie ich mir das schon oft vorgesagt +hatte. + +Sie richtete sich auch zornig erglühend auf, als der Doktor mich +geringschätzig vor ihr herabsetzte; aber es war nur ihr Hochmut, nicht ihre +Liebe, die er getroffen hatte. + +»O still,« sagte sie, »so darfst du nicht reden. Mein Herr wird er niemals, +das weißt du wohl, und er weiß es auch. Er läßt mich in allem gewähren, was +ich will und tue, und das ist es, was ich brauche, wenn es nun Liebe nicht +sein kann. Das heißt gegenseitige, denn er liebt mich aus allen Kräften.« + +Der Mediziner pfiff durch die Zähne und sagte spöttisch: »Wir wollen +einander nichts weis machen, denn wir wissen wohl beide, was er liebt, wenn +er dich bekommt, wenigstens zuerst und vor allem, er, der sich von deinem +Onkel dazu anwerben ließ.« + +Das mochte dem stolzen Mädchen ein allzu scharfer Hieb sein, denn es griff +mit der Hand heftig in die grüne Wand, wie um einen Halt zu haben, und war +mir in diesem Augenblick ganz nahe, räumlich geredet, da sich ja der +innerliche Abgrund zwischen uns von Minute zu Minute erweiterte. + +»So will ich dir denn sagen, wie alles war und ist,« sagte sie mit herbem +Entschluß, »denn es muß sowieso das letztemal sein, daß wir von diesen +Dingen reden, da ich nicht zurück kann noch will.« Sie sah jetzt blaß aus +und atmete tief mit geschlossenen Lippen und ihre feinen Nasenflügel +bebten. Dann, als sie sich etwas gefaßt hatte, fing sie an, von mir und +sich zu reden. Das höre ich heute noch wie Drommeten des Gerichts. + +Sie habe, sagte sie, damals, als er von ihr gegangen sei, geglaubt, mit ihm +und ihrer Liebe fertig werden zu können, da das andere, das Bedürfnis nach +Reichtum, Ansehen und etwas zum Regieren stärker als alles in ihr gewesen +sei. Das aber habe sie im Hause Hagenau gefunden, denn ihr Onkel, dankbar +dafür, daß sie wenigstens seinen Wünschen nicht zuwider handle, habe ihr in +allem freie Hand gelassen. Doch sei dann gleich darauf das Verhängnis +erschienen, wie sie mich im stillen genannt habe, als sie mich als Bewerber +um ihre Hand habe ansehen müssen. Ich sei ja freilich nicht mehr der +tapsige Junge von einst gewesen, über den sie damals beide so viel gelacht +hätten, sondern habe mich gemausert und zu einem gewandten, tüchtigen +Geschäftsmann entwickelt, dem es auch an geselligen Tugenden nicht mangle +bis zu einem gewissen Grad. Sie habe auch bald gesehen, wie der Onkel +besonders viel Wert darauf lege, daß ich der Gemahl und zugleich (oder +vielmehr zuvörderst) der Geschäftsinhaber werde. Er habe es ihr nicht so +gesagt, aber sie habe es selber gewußt, daß seine Vorliebe für mich +hauptsächlich daher komme, daß ich, arm und ohne Anhang, wenigstens ohne +solchen, der in Betracht komme, in allem gefügig und abhängig bleiben +werde, trotz meiner Tüchtigkeit, so daß ich dann so eine Art von +Prinzregenten darstellen könne, was ihm alles in den Kram gepaßt habe. + +Sie habe sich innerlich freilich gekränkt, denn ich habe ihr nicht genügen +können nach dem Geliebten, obgleich das ja nicht so leicht einer gekonnt +hätte, sie habe sich aber offen gesagt, daß es nun auch darauf nicht +ankomme, denn sie wisse ja, was sie wolle. + +Trotzdem habe es ihr oft vor dem Tage gegraut, an dem ich kommen und um sie +anhalten würde, denn Heirat sei immerhin Heirat, auch wenn es ohne +gegenseitige Liebe abgehe. Man gebe sich einem Manne doch in die Hand, das +habe sie sich nicht verborgen. + +Es sei aber dann ganz anders gekommen. + +Sie habe immer wieder aufs neue unter der Trennung von ihm gelitten, und +zwar je länger je mehr, denn es gehe doch nicht so, wie man meine mit der +Liebe, die Wurzel sitze tief. Sie habe ihn oft gerufen, wo er auch sei in +der Welt, und so sei sie auch eines Tages im Weinberg gesessen und habe +sehnlich an ihn gedacht, den sie doch nicht habe zurückholen können, da es +ja nachher das gleiche gewesen wäre wie zuvor. + +Da sei das Verhängnis erschienen, urplötzlich, und zwar ganz verwandelt +gegen sonst, nicht mehr der hübsche, freundliche Junge mit dem weichen +Kindergesicht und den heiteren blauen Augen, sondern ganz glühend und +bebend vor Leidenschaft, die sie gar nicht hinter mir gesucht hätte. Er +habe sie mit Liebesworten überschüttet, aber noch viel mehr mit dem +Gluthauch seines Wesens, und habe augenblickliche Antwort von ihr verlangt, +ob sie die Seine sein wolle, so daß sie vor unsäglichem Staunen nicht habe +die Augen abwenden können. Es sei aber dann über sie gekommen, daß er mit +den heißen Wogen seiner Leidenschaft die Sehnsucht, unter der sie so sehr +gelitten habe, zugedeckt oder auf eine Weile weggespült habe, und sie habe +sich mit geschlossenen Augen wie in einen Abgrund gleiten lassen auf der +Flucht vor ihm, dem Geliebten. + +Das habe freilich nicht lang dauern können, denn sie habe ja sogleich +wieder gespürt, daß sie nichts für mich fühle, was auch nie anders +geworden sei. + +Nur eine gewisse Bewegung habe sie hie und da empfunden, wenn ich sie mit +so unentwegten Hoffnungsblicken angesehen habe, denn bei mir sei es echt, +und sie wisse, daß ich leide unter ihrer Kargheit. Dann sei sie gut und +freundlich mit mir gewesen. Manchmal aber reize es sie auch zu zorniger +Ungeduld, daß ich mit selbstsicherem Wartenkönnen Liebe von ihr erwarte, so +als ob ich dächte: Ich bekomme dich ja doch noch. Es wäre vielleicht +besser, wenn ich sie nicht so sehr liebte, da dann jedes von uns auf seine +Kosten käme, denn es werde ja nicht, wie ich meine; sie werde mich schon im +Schach zu halten wissen, soweit sie wolle. Sie richte sich ihr Leben ein, +wie sie es nötig habe, das sehe er daran, daß sie die große Hochzeit halten +werde, denn so sei sie einmal, daß sie Luxus und Gesellschaft brauche; sie +wolle das große Opfer nicht umsonst gebracht haben. + +Sie sprach schnell, mit erregtem Atem, wie um alles los zu werden. + +Dann wieder habe sie Respekt davor, daß ich so an ihr hange, so ernst und +ehrlich. Sie denke oft, es wäre gut, wenn wir einmal Mann und Frau wären, +denn dieser Brautstand sei eine Komödie, und es werde nachher alles besser +sein. + +»Oder wenigstens,« setzte sie zögernd hinzu, »war es so, bis du wieder +kamest und alles neu aufwecktest. Es wäre wohl alles recht geworden ohne +das. Ich hatte die besten Vorsätze.« + +Er sah sie immerfort an. Sie verwirrte sich unter seinem standhaften Blick. + +Es war, als ob er sie zu sich heranzöge. »Und nun?« fragte er. »Nun hast +du die große Hochzeit eingerichtet und wirst sie halten, nicht?« + +»Nun wirst du mir zu mächtig. Ich weiß nicht mehr, was ich kann und soll, +du wendest alles in mir um. Du hättest nicht mehr kommen sollen. Ich gehe +umher und verachte mich, weil ich wie eine gemeine Dirne eine Liebschaft +habe hinter dem Mann, der mir vertraut und ein Ehrenmann ist, ich, Eleonore +Bitterolf, die einst so stolz war. Ich muß es wieder sein können, ich halte +das nicht aus. Nein, schüttle nicht den Kopf. Ich habe ihn freilich nicht +belogen; ich habe nie getan, als ob ich ihn liebte. Und ich habe dir nichts +gegeben, keinen armen Kuß mehr. Nichts als meine Gedanken, nichts als mein +Herzklopfen bei Tag und Nacht, und mein Geigenspiel, das ihm nie geklungen +hat, und --« + +»Komm,« sagte er und breitete die Arme aus. »Und dein Herz? Ist es nicht +so?« + +Sie tat einen zögernden Schritt nach ihm hin. Wenn ich mir einmal gewünscht +hatte, sie erregt zu sehen, von einem starken Gefühl übermannt, so konnte +ich das nun haben. Sie sah prachtvoll aus, ganz durchglüht von innerem +Feuer und doch zerrissen, stolz und unterjocht zugleich. + +Ich konnte es nicht hindern, daß ich einen stöhnenden Laut ausstieß. Sie +hörten mich aber nicht. Sie sahen nur einander an. Es fielen jetzt große, +schwere Tropfen. »Geh'!« hörte ich Eleonore auf einmal sagen. Es klang hart +und hochmütig. Das Feuer in ihrem Gesicht erlosch. Sie wurde wieder das +Steinbild, das ich kannte. + +»Nein, mein Herz nicht. Ich muß es für mich behalten. Ich hätte dich nicht +mehr sehen sollen. Geh' jetzt, folge mir nicht ins Haus. Ich will +wenigstens ich sein, so viel ich auch dafür bezahlen muß. Es wird wohl von +uns dreien keiner glücklich sein, aber es kommt schließlich auch nicht +darauf an.« + +Sie ging dem Hause zu, langsam. Er folgte ihr nicht. Er ging die schmalen +Staffeln hinunter, die nach der Stadt führten, im Regen, der nun +herniederströmte. + + * * * * * + +Ich hörte ein Lachen, laut und hart. Wer hatte das ausgestoßen? Ich sah +mich um. Es war niemand in der Nähe. So mußte ich es wohl selber gewesen +sein. Es kam noch einmal, aber diesmal war es der Wind. Er lachte, daß es +dröhnte. Also dies ist nun der Schluß, dachte ich, dies ist nun der Schluß. +Ich mußte irgendwo hingehen, um mich zusammenzulesen, denn es war mir, als +sei ich in Fetzen gerissen. Es brauste immer stärker, ich wußte aber nicht, +ob es in mir sei, oder in der Natur. Es konnte der Sturm sein, ich fragte +aber nicht darnach. Ich ging, von dem Hause abgewendet, auf dem Bergkamm +hin. Der Regen fiel jetzt in dichten Güssen hernieder. Die Schwüle war +vergangen, aber nun war die ganze Welt in nasses Grau eingewickelt, das war +ganz plötzlich gekommen. Man sah kaum vor sich hin, es war aber gleich, ich +brauchte nicht mehr zu sehen. Es gab da einen grellen Punkt, einen +einzigen, und ich mühte mich, ihn ins Auge zu fassen. Aber wenn ich es +wollte, dann kam das Lachen wieder, vor dem mir graute. Ich blieb stehen +und versuchte, einen Satz auszusprechen. Er war aber schwer +zusammenzubringen, ich mußte scharf denken. Endlich hatte ich ihn und sagte +mit schwerer Zunge: »Also diese Hochzeit kommt nun nicht zustande.« Ich +sah mich um, ob mir nicht jemand widerspreche. Aber die Bäume standen +schweigend, der Regen floß an ihren Stämmen herunter und rieselte auf dem +Boden weiter. Da sagte ich es noch einmal. »Also diese Hochzeit kommt nun +nicht zustande.« Ich ging mit eiligen Schritten weiter und hörte mich +einmal sagen: »Ich bitte höflichst, mir den Kaufpreis zurückzuzahlen.« Dann +dachte ich, ich sei ja wohl verrückt geworden, und verbot mir das Denken, +es konnte ebensogut später noch geschehen. Es wurde allmählich dunkel. Ich +fand mich auf einer breiten Fahrstraße, die durch den Wald führte. Der +Sturm hatte aufgehört, es regnete aber weiter. Es handelte sich für mich +darum, irgendwohin zu kommen, wo ich sitzen und nachdenken konnte, denn im +Marschieren ging es nicht, wie ich merkte. Also schritt ich schärfer aus. +Die Kleider klatschten um mich herum, und in den Stiefeln schwappte es beim +Gehen vor Nässe. Plötzlich blieb ich stehen und dachte: »Muß ich mir nun +das Leben nehmen?« Aber auch diese Entscheidung mußte ich verschieben, bis +ich irgendwo in Ruhe saß. Es wartete irgendwo ein Platz auf mich, da wollte +ich mit mir reden. Einmal kam ich an einem Hof vorbei. Ein Hund schlug an, +Licht schien aus den Fenstern unter dem weit vorspringenden Dach, aber ich +ging schnell weiter, denn im Hellen durfte es nicht sein. Es ging zwischen +Äckern hindurch, dann wieder durch den Wald, es löste sich eine unbändige +Kraft in mir; es war mir, als könnte ich die ganze Welt durchwandern bis zu +dem Platz hin, wo ich mit mir abrechnen mußte. Es wurde schlimm, ich wußte +es. Es ging etwas Furchtbares hinter mir her. Wie lang ich so gegangen +war, wußte ich nicht. Es war auf einer Waldblöße. Der Mond kam einen +Augenblick zwischen zerrissenen Wolken heraus, als wollte er sagen: Da ist +es. Es stand eine offene Blockhütte da, wie sie die Holzknechte zum +Unterstand benützen. Da ging ich hinein und legte mich auf die Holzbank, +die der Wand entlang lief. + +Ich weiß nicht, ob es möglich ist, daß ich geschlafen habe mit dem Aufruhr +in meinem Innern, aber ich fuhr plötzlich empor mit klaren, wachen Sinnen. +Es schüttelte mich, ich wußte nicht, war es vor Nässe oder Kälte, oder vor +Entsetzen, vielleicht war es alles zusammen. Das ist nun also das Ende, +dachte ich noch einmal. Denn es stand alles vor mir, wie ein Bild oder wie +eine Landschaft, durch die, nachdem sie im Dunkel lag, ein heller Blitz +hindurchfährt, so daß sie auf einen Augenblick bis in die hintersten Gründe +erhellt ist. Ich hatte keine Veranlassung, irgend jemanden zu verachten +oder zu befehden; mein Unglück lag in mir selber und war meine Schuld. +Eleonore war viel klarer und viel wahrer als ich, der ich mir die ganze +Zeit mein Wesen und Handeln mit einem bunten Mäntelchen aus Scheingründen, +guten Vorsätzen und gewollten Tugenden behängt hatte. »Ich habe ihn nicht +belogen, nie habe ich ihm Liebe geheuchelt,« hatte sie gesagt. Und ich? O +still, wohin war ich geraten? Es war nicht daran hinauszusehen und nicht +gut zu machen. Ich konnte nicht zurück und auch nicht vorwärts, und wenn +mich die Reue anfiel wie ein Geier, so half das doch nichts. Es reichte +alles weit zurück, weiter als man sagen konnte, und auch das Nachdenken +half nichts. Es war auch gar nicht nötig, ich wußte alles ohnehin gut +genug. Heiraten konnte ich jetzt nicht und auch nicht im Hause bleiben. Und +überall hatte ich mir die Wege verschüttet, zu allen Menschen hin, die +einst mein gewesen waren, und auch zu mir selbst, wie ich vordem gewesen +war. Es graute mir vor dem Leben und auch vor dem Tod. Es war nicht so +einfach, zu sterben, denn man konnte nicht wissen, ob es etwas half. Ich +hatte da noch nie recht getraut, schon bei andern Menschen nicht, und nun, +da es mich selbst betraf, war es mir ganz unsicher, ob ich dann wirklich +tot sein würde, und was etwa nachkäme. Doch lag ein kleiner, ferner Trost +in dem Gedanken, daß ich das Mittel ja immer noch versuchen könne, wenn es +gar kein anderes gebe, da ja der Tod eine offene Tür sei, durch die man +jederzeit eingehen könne. + +Es ging schon gegen den Morgen hin. Irgendwo her erscholl ein Hahnenschrei, +dem ein anderer antwortete. Es regnete sachte weiter, und es war kühl. Ich +war auf einer Hochebene; es strich ein Wind darüber hin. Als ich aus der +Hütte trat, hörte ich, wie die nassen Bäume erschauerten und ihre Tropfen +versprühten. Ich besann mich, wo ich sei und was ich tun wolle, und +beschloß, dem Hahnenschrei nachzugehen bis in ein Dorf, wo ich dann den Weg +erfragen könne. Es war alles so entsetzlich wüst und leer in mir; ich hätte +gern geschlafen, wenn ich nicht gewußt hätte, daß ich dann wieder aufwachen +müsse, und wenn mich nicht das starke Gefühl der Kälte und Nässe getrieben +hätte, eine Abhilfe zu suchen. So ging ich denn weiter, aber nicht mehr mit +der Kraft der Erregung von vorher, sondern mit schweren Füßen, die sich +widerwillig einer vor den andern setzten. Als es Tag war, fand ich mich in +einem Dorf, das an einer kleinen Seitenbahn lag. Ich ging in ein Wirtshaus +und trank Kaffee. Die Wirtin sah mich verwundert an und sagte teilnehmend: +»Sind Sie krank?« und ich schüttelte den Kopf, dachte aber, ich sei es doch +und fürchtete nun plötzlich, nicht mehr weiter zu können, da sich ein +dumpfer Druck über mir auszubreiten begann. Ich mag wohl stundenlang an dem +Wirtstisch gesessen sein, und die Wirtin begann besorgt zu werden. Sie +sagte, der Doktor fahre nachher durch, sie wolle ihn hereinrufen, und sie +wolle meine Kleider trocknen. Aber ich raffte mich auf und ging, und als +ich an dem kleinen Bahnhof war, sah ich von fernher ein kleines Lichtlein +durch den überhand nehmenden Nebel meiner Gedanken scheinen: Ich wollte +heimfahren. Es war mir, als warte der Alkoven noch auf mich, in dem ich als +Kind geschlafen hatte, unter dem Strohblumenkranz mit dem Bild des Vaters. +Das war nicht der Fall, aber irgendwie war ich doch daheim dort in der +Stadt. Die Mutter war nicht mehr da. Aber die Schwestern. Es stach und +brannte, als ich das dachte, aber das Verlangen war größer als alles. Ich +saß in der Bahn und dachte das eine Wort: Heimgehen. Dort kam alles Übrige, +ich mußte nur einmal in meiner Kammer geschlafen haben. Das Klingelbähnchen +fuhr so langsam, es war mir, als komme ich nicht mehr an. Ich wartete +wieder auf einem Bahnhöfchen und saß endlich im Zug, der nach meiner +Vaterstadt fuhr. Wie ich von der Bahn nach Hause gekommen bin, weiß ich +nicht mehr. Es war schon Licht in der Schreinerwerkstatt. Ein kleines +Bübchen spielte unter der Tür mit Holzklötzen. Drinnen bei dem Mann sah +ich Helene stehen, sie hatte das Kleinste auf dem Arm. Ich ging leise durch +die offene Haustür und machte die Flurtür auf. Eine kleine Schelle +klingelte atemlos an der Tür; da kam Luise aus der Bügelstube und sah mich. +Sie machte die Tür hinter sich zu und ergriff mich stumm an der Hand. »Bist +du da?« sagte sie und umfaßte alles, was an mir war mit einem einzigen +Blick, ohne nach irgend etwas zu fragen. + + * * * * * + +Ich lag in ihrer Stube und in ihrem Bett, das vordem das unserer Mutter +gewesen war, aber ich wußte es nicht. Ich ging in schweren Träumen durch +unterirdische Gänge, um jemanden zu suchen, den ich um Lebens und Sterbens +willen finden mußte. Manchmal war es meine Mutter und manchmal Maidi, +manchmal auch der Zeitler. Aber wenn ich eins von ihnen von weitem sah, so +war es doch nur von hinten, und es ging durch eine Tür, die sich in der +Mauer auftat und wieder hinter ihm schloß. Ich wollte rufen und konnte +nicht, ich stemmte mich gegen die Tür, um sie zu öffnen, und mußte machtlos +davon ablassen. Oder sie öffnete sich, und irgend ein anderer Mensch trat +mir entgegen, der mich aufhielt, indes das Gesuchte schon wieder in halber +Dunkelheit lautlos verschwand. Einmal war es Rosa, das Dienstmädchen der +Pfarrerswitwe, bei der Maidi wohnte. Sie grüßte mich mit vertraulichem +Lächeln und hatte Maidis blaugepunktetes Sommerkleid an, und auch das +Samtbändchen war wie einst durch die Spitze am Halsausschnitt gezogen. +»Wissen Sie es nicht?« sagte sie. »Das Fräulein ist lebendig begraben +worden. Es ist ja aber gleich, es gibt noch andere.« Sie drängte sich an +mich, und ich spürte ihre volle Brust an meiner und ihre Arme um meinen +Hals. Ich wollte mich wehren, da ich soeben von weitem Maidi gehen sah mit +geschlossenen Augen und schlicht herabhängendem Haar, und ich sie zu +errufen hoffte; aber knöcherne Finger drückten mir die Gurgel zu, so daß +mir die Luft ausgehen wollte, und ich sah ein Gesicht über mir, das mich +aus starren Augen schrecklich anblickte, und hörte von weitem Eleonore +sagen: »Die Tischkarten müssen zuerst geschrieben sein,« was mir klang wie +ein Todesurteil. + +Inmitten der jagenden und sich überstürzenden Bilder und Gedanken, die aus +einem unerschöpflichen unterirdischen Brunnen zu strömen und sich über mich +zu ergießen schienen, spürte ich manchmal eine kühle und sanfte Decke, die +sich über alles breitete und die Bilder auslöschte, so daß eine wohltätige +Dunkelheit mich umfing und ich sachte und tief hinuntersank in ein +Nichtwissen, das ich nur wie von ferne als etwas Gutes empfand. Ich mühte +mich hie und da, die Augen aufzumachen, um die Decke zu sehen, die mir von +purpurroter Farbe zu sein schien und sich leicht und weich anfühlte, aber +ich konnte die Lider nicht heben. Doch hörte ich dann halblaut gesprochene +Worte, die mich seltsam beruhigten, obgleich ich sie nicht verstand, und +schlief unter ihnen ein, wenn ich so sagen soll, da ich ja nie wach war, +bis mich neue Traumbilder, die mein kochendes Blut auf dunklen Bahnen +herzutrug, zu neuen Mühsalen aufschreckten. Dann war es einmal lange +schwarz und kühl. In einer Nacht schlug ich die Augen auf. Ich glaubte +soeben unzählige Staffeln aus unendlicher Erdtiefe emporgestiegen und aufs +höchste ermüdet auf die oberste niedergesunken zu sein, und war nun +verwundert, mich im Bett zu finden in einer Umgebung, die mir bekannt +vorkam, die ich mir aber nicht mit mir selbst zusammenreimen konnte. Auf +dem Tisch an der nächsten Wand stand brennend eine kleine Lampe mit grüner +Glasglocke, und neben ihr lag ein schlafender Kopf mit schweren Zöpfen, auf +ausgebreitete Arme hingelagert. Ich hatte die schwierige Aufgabe, +herauszubringen, wem er gehöre, aber in diesem Augenblick hob er sich und +sah zu mir herüber. Es war meine Schwester Luise. Sie stand auf und kam zu +mir her. »Ach, da bist du,« sagte sie mit glückseligem Ausdruck, und auf +einmal rannen ihr die Tränen stromweis über die Wangen. Davon verstand ich +nichts. Ich betrachtete sie aufmerksam, bis mir die Augen wieder zufielen +und ich tief einschlief. + +So kehrte ich nun wieder in die Wirklichkeit zurück, die sich nach und nach +bei mir anmeldete mit Geräuschen und Lichtern des Tages, die ich wahrnahm, +ohne ganz wach zu sein, bis sich die Nebel, die mein Denken und Fühlen noch +umgaben, auf einmal lichteten und ich mit jähem Erschrecken meiner selbst +und der jüngsten Vergangenheit bewußt wurde. + +Sie war aber nicht mehr ganz so jung, wie ich meinte, denn ich war +wochenlang krank gewesen, ohne es zu wissen. Luise erzählte mir, daß ich +viel gesprochen und auch gegessen und getrunken habe, aber ohne jemals mit +klarem Blick um mich zu sehen, so daß sie fast noch mehr für meinen +Verstand als für mein Leben gefürchtet habe und darum so erschüttert +gewesen sei, als ich zum erstenmal mit sichtlichem Bewußtsein die Augen +auf sie gerichtet habe. Sie hatte bei mir gewacht und mich gepflegt, und +die kühle Decke, die meine wirren Träume gebannt und zugedeckt hatte, war +ihre Hand gewesen, die auf meiner Stirn geruht und mich stets beschwichtigt +hatte, wie sie mir einmal gestand, fast beschämt über die starke Wirkung, +die sie auf mich ausübte, da sie ihr selber neu und verwunderlich war. Sie +fragte mich nichts, sondern brachte Helene herüber, die mit dem kleinen +Mädchen auf dem Arm erschien und wortlos meine Hände streichelte, bis ich, +da mir alles nacheinander einfiel, was mich beschweren mußte, mich nach der +Wand drehte und stöhnte. + +Mit dem Wachsein wuchs nun die Angst, wie es um mich stehe, und ich mußte +nun anfangen, zu reden, obgleich ich lieber wieder ins Unbewußte +hinübergedämmert wäre. Da fand es sich, daß Luise genug von mir wußte, +vielleicht mehr als ich selbst, weil ich ohne die Hemmungen der wachen +Scham fortwährend geredet hatte, zwar oft unzusammenhängend, aber +verständlich genug, um sehen zu lassen, daß mir der Garten verhagelt und +ich selber mit verwüstet sei. Das alles hatte sie im Tiefsten erbarmt und +ihr bei aller Erschütterung und Enttäuschung aber auch ein warmes +Glücksgefühl gegeben, weil ich mich von meinem Scherbenhaufen weg zu ihr +geflüchtet und mich, wie ich war, in ihre Hut und Pflege gegeben hatte. + +Nun konnte sie mir mit allerlei Berichten entgegenkommen. Ich hatte mich +nicht zu Bett bringen lassen wollen, eh' ich einen gewissen Brief +geschrieben hätte, der vor allem sein müsse, hatte aber einen Bogen um den +andern mit vergeblichen Anfängen bedeckt und war schließlich fiebernd +darüber eingeschlafen, worauf dann die eigentliche Krankheit, die sich wohl +schon lange in mir vorbereitet hatte, ausgebrochen war. + +Luise, die sogleich sah, daß es sich bei mir um eine große Erschütterung +handle, schrieb nun an Herrn Kasimir, daß ich krank heimgekommen und ohne +Bewußtsein sei, was sie mir, da ich ja jetzt der Genesung entgegenging, mit +einer kleinen Beimischung von Genugtuung erzählte, weil sie +begreiflicherweise keine Sympathien für Eleonore hatte und nun den +traurigen Triumph erlebte, mich, wo es galt, am nächsten bei sich zu haben. + +Darauf war Herr Kasimir hergereist gekommen, ohne meine Braut, wie Luise +nicht zu sagen vergaß, war lange an meinem Bett gesessen und hatte mich +allerlei gefragt, was ich auch beantwortet hatte, alles ohne nachher noch +davon zu wissen. Herr Kasimir war, was Luise gleichfalls freute, sehr +bedrückt und bekümmert gewesen; besonders als er aus meinen Reden erfuhr, +was mich fortgetrieben hatte. + +Eleonore hatte ihm in der Bestürzung über mein rätselhaftes Verschwinden +und über die Nachricht von meiner Erkrankung mitgeteilt, daß sie sich mit +ihrem früheren Liebhaber getroffen und ausgesprochen habe, daß sie sich +aber nicht denken könne, auf welche Weise ich das habe erfahren können, +obgleich sie annehmen müsse, daß es so sei, was er ja nun bestätigt fand, +ohne zu wissen, wie sehr ich selber gerichtet und in mir zerschlagen sei. +Im Gegenteil glaubte nun er und auch Eleonore, ich sei in meiner großen +Liebe zu dem Mädchen so tief verwundet worden, daß ich in Verzweiflung +geraten sei, was sie mir zugute schrieben als einem tiefen und warmen +Gemüte, und was sie den Weg, den es genommen hatte, beklagen ließ. Sie +sahen aber wohl ein, daß aus der Hochzeit nun nichts werden könne, und es +war bereits die Nachricht eingelaufen, daß Eleonore für längere Zeit +verreise, um dem Gerede in der Stadt aus dem Wege zu gehen, während Herr +Kasimir nun aufs neue angebunden sei, bis sich für ihn eine Lösung finde. +Er habe, sagte Luise mit Stolz, gejammert, daß er mich nun wohl auch +verlieren müsse, wobei ihr die Augen darüber aufgegangen seien, daß meine +Berufung in das Haus Hagenau, über die sie sich so gefreut hatte, einem +doppelten Zweck gedient habe. + +»Man hat dich,« sagte sie, »eingefangen für die stolze Jungfer, und du bist +ahnungslos ins Garn gegangen, weil du ein guter und harmloser Mensch bist; +jetzt, wo nichts aus der Heirat werden kann, fällt auch die Notwendigkeit, +dich im Geschäft zu haben, dahin. Du wirst aber, wenn du doch so tüchtig +bist, schon etwas anderes finden.« + +Ich hörte das alles an, ohne etwas darauf zu sagen, es senkte sich aber +immer schwerer und tiefer eine abgründige Traurigkeit auf mich herab, die +noch dadurch vermehrt wurde, daß Luise es vermied, mir auch nur den +kleinsten Vorhalt über meine Handlungsweise gegen sie zu machen, oder die +Rede auf Maidi zu bringen, sondern nur mit großer Zartheit und Güte um mich +war und alles sagte, was mich beruhigen und trösten konnte ihrer Meinung +nach. Vielleicht hielt sie mich für sehr schwach und schonungsbedürftig +oder auch für genug gestraft, wo ich etwa tadelhaft gehandelt habe. Sie +hatte, wie ich wohl merkte, eine wenig gute Meinung von Eleonore, mit der +sie sich nach und nach hervorwagte, so lang ich nicht widersprach, und war +geneigt, sie für herzlos, kalt und falsch, und mich für umgarnt und +betrogen zu halten, was ich endlich nicht mehr aushielt. Es war an einem +späten Abend. Luise hatte mich für die Nacht besorgt und wollte sich +zurückziehen, da es nicht mehr nötig war, bei mir zu wachen, als ich ihre +Hand ergriff und sagte: »Ich bin selber an allem schuld; es trifft keinen +Menschen ein Vorwurf, als mich,« was auszusprechen mich aber einen solchen +Kampf und Krampf kostete, daß ich das bißchen Kraft, das mir noch blieb, +zusammenraffen mußte, um nicht fassungslos hinauszuweinen. + +Ich kehrte mich nach der Wand und verbarg mein Gesicht. Luise aber stellte +die Lampe, die sie schon in der Hand hatte, auf den Tisch und setzte sich +auf meinem Bettrand, um still zu warten, bis sich die hohen Wellen in mir +gelegt hätten oder wenigstens mich ihres Dabeiseins zu versichern. + +Es wurde mir aber, nachdem ich jetzt angefangen hatte, nicht mehr so +schwer, ja, es schien mir eine Erlösung, mir vom Herzen herunterzureden, +was da angesammelt war. Ich schonte mich nicht und beschönigte auch nichts +von allem, was mein blindes und selbstsüchtiges Wesen an mir selbst und +andern angerichtet hatte, und mein lang beschwichtigtes und unterdrücktes +Herz kam wieder einmal zu Worte, ohne daß ich ihm das Reden verbot, was ihm +zu gleicher Zeit wohl und weh tat. Das will ich nun nicht mehr alles +heraufholen. So wenig ich wollte, daß ich diese Stunde nicht erlebt hätte, +so wenig könnte ich noch einmal ausbreiten, was mir unter Schauern und +Schrecken als mein Ich gezeigt worden war wie im Spiegel. Es waren oft +genug Boten des lebendigen Lebens an meinem Weg gestanden, und es hatte +mich auch etwas zu ihnen gezogen, aber ich war dennoch dem Äußerlichen und +Niedrigen in mir nachgegangen, dem ich noch wackere und tüchtige Namen +gegeben hatte, um es vor mir aufzuputzen. Die falsche Richtung der Wünsche +und Begierden hatte ich schon lange eingeschlagen, und was ich diesen +Sommer getan hatte, das war alles nur als reife Frucht vom Baum gefallen. +Dabei konnte ich nicht sagen: »Da und da hat es angefangen und von da an +mußt du bereuen,« sondern es war eines aus dem andern gekommen wie aus +einer Wurzel in aller heimtückischen Ehrbarkeit und Strebsamkeit. Ich hatte +Maidi verlassen und Eleonore belogen und die Schwestern verleugnet und in +allem noch recht gehabt wie ein Tugendmensch und braver Bürger, weil ich ja +doch kein Wort gebrochen und keinen falschen Eid geschworen hatte. Es war +nicht auf den Grund zu kommen mit dem trüben Wasser, und ich schwieg +endlich, mutlos und erschöpft, aber mit einem Frageblick in Luisens gutes +und aufrichtiges Gesicht hinein, ob sie vielleicht weiter wisse. + +Sie sah schon lange, daß es da mit Beschwichtigen und Rechtgeben nicht +gemacht sei; sie nickte, solang ich sprach, hie und da nachdrücklich und +ernsthaft mit dem Kopf, als ob sie danebenher ihre eigene Gedankenfäden +spinne. Das war auch so, wie ich gleich sah. + +»Ach, lieber Ludwig,« sagte sie, »da muß ich jetzt auch anfangen mit +Bekennen und Bereuen, wenn ich so sagen soll. Ich habe mir schon viel +Gedanken und Herzbrechen gemacht deinetwegen, mit Helene und auch allein. +Vielleicht sind wir an dem, was du da sagst, alle miteinander schuldig. Du +bist uns von klein auf gewesen wie ein goldener Becher, in den wir alle +hineingesehen haben mit Stolz und Hoffnung und auch mit Liebe. Aber die +Liebe hat es vielleicht nicht recht gemacht bei uns. Wir haben dir alles zu +leicht gemacht und alles entgegengetragen, nach was es dich verlangt hat. +Wenn wir gedacht haben, daß du es weit bringen sollest auf der Welt, so +haben wir nicht an deine Seele gedacht, sondern an Ehre und Fortkommen und +gutes Bestehen vor den Menschen. Und auch an uns haben wir gedacht, daß +einer aus unserem Haus hervorgehe, der mehr sei und höher stehe als wir, +und es ist ein Ehrgeiz in uns gewesen, dich dahin zu bringen. Das andere +freilich, das hat sich für uns von selber verstanden, daß wir an dir Teil +haben und du zu uns gehörst, und daß du ein Mensch werdest, an dem man +seine Freude haben könne. Die Mutter hat sich oft gesorgt um dich und +gekümmert, ob alles recht werde. Da haben wir deine Partei genommen und +gesagt, es sei ein Unrecht, daran zu zweifeln. Man müsse dir nur immer +zeigen mit der Tat, daß du einem wichtig seiest und wert, so kommest du nie +von uns los. Dann, wie wir dich allein gehabt haben, ist es auf und ab +gegangen, das weißt du ja. Ich mache dir keinen Vorwurf, lieber Ludwig, du +machst ihn dir ja selber. Das erbarmt mich und erfreut mich auch, wenn ich +ehrlich sein soll, denn ich hätte es nicht tun können, ich habe es nie +gelernt, dir so etwas zu sagen. Sieh, es haben dich immer alle Leute gern +gehabt, wo du auch hingekommen bist, weil du so die Anlagen gehabt hast, +daß du heiter und gesellig und auch gescheit gewesen bist. Das ist dir +alles ganz natürlich gewesen, als ob es so sein müßte. Ich sehe alles, wie +es gekommen ist, eins aus dem andern. Es ist wie bei kleinen Kindern: man +muß ihnen hartes Brot zu beißen geben, daß sie feste und gesunde Zähne +bekommen. Es ist nichts, wenn man es einem Menschen zu gut macht, er muß es +mit der Not zu tun haben und mit Mühe und Sorge, damit er sieht, was es für +eine ernste Sache ist um das Leben. Sonst geht ihm alles obenhin, und er +meint, es sei sein Recht, daß es so fortgehe.« + +Ich hatte Luise noch nie so viel auf einmal reden hören, da sie sonst eher +still war als gesprächig, und ich merkte, daß es ihr eine Wohltat und eine +Vereinigung mit mir bedeutete, sich einmal über all das auszusprechen. + +Sie löschte die Lampe, die anfing zu rauchen und zu spucken und fuhr beim +Scheine des kleinen Nachtlichts, das sie mir angezündet hatte, fort: + +»Als dann Maidi zu uns kam in der Zeit, da du eine so erwünschte +Lebensstellung gefunden hattest und ein gemachter Mann zu sein schienest, +da waren wir voller Freude. Es deuchte uns ein besonderer Segen auf dir zu +liegen, der dich durch alle Gefahren und Versuchungen hindurch dennoch zu +einem guten Ziele führe, und wir sagten zueinander, es sei gewiß die +Mutter, die von drüben herüber über dir wache, obgleich Helene dann +hinzufügte, du habest ja jetzt den besten, sichtbaren Schutzengel um dich +und brauchest keinen andern mehr. Denn wir meinten nicht anders, als es sei +zwischen euch ein Einverständnis, was allerdings nur davon herkam, daß uns +das liebe Mädchen gar so gut gefiel und daß wir ihm anmerkten, es sorge +sich um dich und sehne sich nach deinen Nachrichten.« + +Als Luise das erzählte, konnte ich nicht verhindern, daß mir ein tiefer +Seufzer entstieg, und sie meinte aufhören und mich der Nachtruhe überlassen +zu müssen, sah aber dann selber ein, daß ich, überwach und erregt, doch +nicht schlafen könne, ehe wir unser Gespräch zu Ende geführt hätten, und +sagte: »In der unglücklichen Zeit, die dich und uns so viele Schmerzen +gekostet hat, träumte mir einmal, daß die Mutter vor dem alten Häuschen am +Graben auf dem Bänklein sitze und zu mir sagte: >Es wird ihm nichts +geschenkt, er muß alles teuer zahlen. Man hätte ihn sollen als klein härter +halten, denn es kommt jetzt doch alles auf ihn heraus.< Da wußte ich, daß +etwas Schweres auf dich wartet, und als du krank und elend heimkamst, war +ich nur froh, daß ich dich da habe, denn es war mir, als sei das Ärgste +schon vorbei, und es komme nun wieder besser. Und du wirst sehen, es kommt +auch.« + +Dabei sah sie mir mit einem Anflug von Hoffnungsfreude und fast Schelmerei +in die Augen, und ich wußte, daß sie nun denke, es könne vielleicht, da ich +nun frei sei, wieder ein Weg von mir zu Maidi hin gefunden werden, was ihr +nicht nur ein Glück an sich, sondern auch ein Beweis gewesen wäre, daß nun +das züchtigende Schicksal seinen Grimm über mir erschöpft hätte und mich +fortan durch Güte auf freundlichen Pfaden zum vollen Leben hin zu führen +gedenke. So ließ sie mich, obgleich erregt und aufgewühlt, doch nicht ohne +ein kleines Flämmchen zurück, das, wie das winzige Nachtlicht an die +dunklen Wände meiner Schlafkammer, blasse und sich tröstlich vermehrende +Lichtringe in die Nacht meines Innern warf. Das hatte schon sehnlich darauf +gewartet, daß es noch einmal hoffen dürfe, und fing begierig an, wenn auch +noch zaghaft und scheu, sich der Entfernten, in der Zeit der Untreue am +meisten Geliebten zu nähern. + +Ich war noch fiebrig und schwach und zu nichts fähig, als vor mich hin zu +träumen, meistens mit geschlossenen Augen. Manchmal überfielen mich dabei +die dunklen Geister der Vergangenheit. Es reute mich die Zeit, die mir +verloren gegangen war, die Umwege, die ich gemacht hatte. Mein Stolz bäumte +sich auf, wenn ich daran dachte, wie Eleonore und der Doktor über mich +gesprochen hatten. Olbrich fiel mir ein, und Hertha, und der Zeitler. Ich +war überall unten durch; sie hatten alle recht, wenn sie auf mich +heruntersahen, und ich wünschte, nie mehr aufzustehen. Aber öfter und öfter +gewann meine genesende Seele die Macht, sich vor dem Dunkeln zu flüchten. +Ich konnte noch nicht an Maidi schreiben, und es war mir, als könne ich es +überhaupt nicht, als müsse ich zu ihr gehen und ihr alles sagen, und sie +würde mich nicht von sich weisen, denn sie liebte mich, wie ich war. Ich +ließ mir von Luise erzählen, was sie von mir gesagt hatte, als sie +dagewesen war. Luise sagte lächelnd: »Sie meinte, du seiest dir selber +gefährlich und eigentlich gar kein Kraftmensch, aber sie machte ein so +liebes Gesicht dazu, als ob ihr gerade das das liebste an dir sei. Das kann +auch sein, denn ich glaube, sie hat das Sichere und Bestimmte, das dir +manchmal fehlt, und das will sich gern mit dir vermischen. Überhaupt ist +sie ein Mensch, der lieben kann und sich nicht besinnt, welche +Eigenschaften ihr Geliebter haben soll; sondern sie liebt, weil sie liebt, +und aus keinem andern Grunde.« + +»Hat sie dir denn das gesagt?« fragte ich verwundert. + +»Nein,« sagte Luise, »so etwas brauchen wir Frauen einander nicht zu sagen, +das merken wir auch so.« + +Dieses Gespräch war mehr als Arznei für mich. Ich fühlte neuen Saft in mir +aufsteigen und sah den Baum meines Lebens wieder Knospen treiben. Draußen +ging der Oktober zu Ende mit sonnigen, warmen Tagen, hinter denen der +Winter kommen mußte, ich aber rief mir den Frühling herauf, der gewesen +war, und schöpfte aus ihm die Hoffnung auf einen neuen. + +Ich dachte daran, wie Maidi von ihrer Mutter geredet hatte und von ihrer +harrenden Liebe, die durch nichts ertötet werden konnte, und wie die +Tochter sich einer gleichen fähig gefühlt hatte. Freilich hatte ich damals +gedacht, Maidi würde nie solche Schmerzen erleiden, denn etwas so +Köstliches wie sie würde niemand verlassen, der es besitzen könne, und nun +war ich selber es gewesen, der an ihr gesündigt hatte. Aber darum konnte +ich doch zu ihr zurückkehren, denn sie war treu, daran konnte ich nicht +zweifeln. Alles andere aber mußte sich finden und fand sich auch, wenn ich +nur wieder mit ihr einig war. + +Manchmal kam mir der unsinnige Gedanke, sie könne auf einmal zur Tür +hereinkommen und an meinem Lager stehen. Ich schloß die Augen und sah sie +vor mir, und mein Herz klopfte ihr entgegen und gab ihr tausend liebe +Namen. So gingen einige Tage vorbei, in denen ich kräftiger wurde und nach +dem Aufstehen verlangte, denn es eilte mir auf einmal mit dem Gesundwerden. +Luise war jetzt wieder viel in ihrer Bügelstube, und eines Tages fiel es +mir auf, daß sie blaß und übernächtig aussehe und rotgeränderte Augen habe. +Ich schalt mich, daß ich nicht mehr an sie gedacht hatte, die mich mit so +großer Treue gepflegt und mir zurechtgeholfen hatte, denn ich dachte, sie +sei übermüdet vom Nachtwachen, aber als ich sie darauf anredete, lächelte +sie traurig und sagte, ich solle mich nicht um sie kümmern, sondern nur +trachten, gesund zu werden, daß ich dem Leben wieder gewachsen sei, denn +das verlange viele Kräfte, mehr als man ahne. Das fiel mir auf, da sie +sonst so zuversichtlich und wacker dastand, und ich dachte, sie mache sich +Sorgen um mich und mein Fortkommen, mehr als sie zeigen wolle, und nahm mir +vor, sie so recht an allem Guten, das ich doch noch zu erreichen hoffte, +teilhaben zu lassen, so daß sie wieder freudig aufatmen könne. In diesen +Tagen kam Helene viel mit den Kindern zu mir, die ich ja noch gar nicht +kannte, und die man mir seither, um mich zu schonen, ferngehalten hatte. +Das kleine Mädchen auf ihrem Arm, das Maria hieß, sah mich ernst und +aufmerksam an, bis auf einmal ein Lächeln das ganze runde Gesichtchen +überzog und es wie in Sonnenschein tauchte, während das Bübchen sich zuerst +in die Rockfalten der Mutter verkroch und mich aus ihnen heraus musterte, +und dann mit Geschrei fortgebracht zu werden begehrte, weil ich ihm in +meiner Blässe und Hilflosigkeit unheimlich war. Wir befreundeten uns aber +doch nach und nach, und bald kam der Kleine, der meinen Namen trug, auch +allein zu mir. Ich setzte ihn auf meine Bettdecke und sagte ihm Liedchen +vor, die mir aus meiner Kindheit her wieder einfielen, von denen er aber +einige schon kannte und mich berichtigte, daß ich sie nicht recht wisse, +die Mutter habe sie ihm anders gesagt, und so müssen sie heißen. Es war ein +frühgewecktes und gelehriges Kind mit dunklem Lockenbusch und blauen Augen. +Man sagte mir, er sei eine zweite Auflage von mir, wie ich in seinem Alter +gewesen sei, und ich dachte daran, daß mich mein Vater, der Erzählung nach, +auch so vor sich auf der Bettdecke sitzen gehabt und mich Liedchen gelehrt +habe. Es drängte mich eine warme und dunkle Lust, ein eigenes Kind aus +meinem Blute zu umfassen, und reiche Quellen, die neu aufsprangen, strömten +von mir zu Maidi hin, deren Namen ich im Geheimen den kleinen Ludwig sagen +lehrte. + +Ich versuchte das Aufstehen und saß zum erstenmal in einem Korbstuhl am +Fenster, als Lotte Meister mich besuchte. Ich dachte, ich müsse mich wohl +sehr verändert haben, da sie mich ernst und bewegt ansah und eine meiner +zart gewordenen Krankenhände behutsam zwischen ihre beiden festen und +gesunden nahm. »Du mußt jetzt ein fester und starker Mann werden,« sagte +sie; »wir warten alle darauf.« Es schien, als wolle sie mir noch etwas +mitteilen, was ihr aber nicht über die Lippen wollte, und als ich sie +fragte, ob sie etwas Besonderes habe, sagte sie hastig, sie komme morgen +wieder, und kürzte ihren Besuch ab. Sie trug ein schwarzes Kleid und schien +zu einer Beerdigung zu gehen, und es läuteten auch gleich nachher die +Glocken einer entfernten Kirche zusammen, dumpf und schwer. Im Hause war es +still; nur von der Werkstatt herüber hörte ich das Kreisen und Schwirren +der Bandsäge, das mit scharfem Ton die Luft zerriß. Die Glocken dröhnten; +es lag ein Nebel über der Gasse, der zusehends dichter wurde; mir war +schwer und angst zumute. Ich versuchte im Zimmer auf und ab zu gehen, um +meine Kraft zu üben, denn ich mußte machen, daß ich bald auf die Reise kam, +um Maidi zu finden. Sie mußte mich lossprechen und mit mir eins sein, sonst +konnte ich nicht neu anfangen zu leben. + +Als nach einiger Zeit Luise zu mir kam, sagte ich erregt, ich müsse mit ihr +reden, ich könne es nicht mehr verschieben. Ich hätte die ganze Zeit +darüber geschwiegen, aber nun halte ich es nicht mehr aus, ich müsse Maidi +wieder gewinnen. Wenn sie wirklich zu lieben verstehe, so müsse sie auch +über alles hinüberkommen, was uns getrennt habe. Ich dachte nicht daran, +daß wir uns ja noch gar nie ausgesprochen hatten, noch nie in Wirklichkeit +geeint gewesen waren; es war mir, als hätten unsere Seelen schon lange im +innigsten Verein gelebt und wären nur für eine kurze und dunkle Zeit +auseinandergerissen gewesen durch meine Schuld. Ich sah betroffen, daß sich +Luise über den Tisch warf und, den Kopf auf die Arme gelegt, lautlos +schluchzte, so daß ihre Schultern zuckten vor heftigem Weinen. In meiner +starken Erregung faßte ich es so auf, als halte sie es für unmöglich, daß +Maidi mir verzeihen könne, oder als wisse sie mit Sicherheit das Gegenteil. +Ich rührte sie an der Schulter und sagte: »So gib doch Antwort,« worauf sie +den Kopf hob und, mich mit großen Augen schmerzlich ansehend, tonlos sagte: +»Es hilft nichts mehr. Maidi ist nicht mehr am Leben. Sie ist vor einer +Stunde begraben worden, hier in ihrem Familiengrab!« + + * * * * * + +Wenn ich an jene Stunde und an die Tage denke, die darauf folgten, so +wundert es mich, daß sie vorbeigingen und daß ich sie überstehen konnte. Es +rinnen ja Zeit und Stunde auch durch den rauhsten Tag, aber wer, mit +schwerer Last beladen, jede Minute schmerzvoll auskostet, dem ist ein Tag +eine Ewigkeit, und er sieht ihn herniedersinken in den Schoß der Nacht, als +ob das Gestern unaussprechlich lange her wäre, und als ob es zu viel +verlangt wäre, daß er auch noch das Morgen tragen solle. + +Dennoch fassen sich auch in solcher Zeit die Stunden an den Händen, nicht +zu leichtbeschwingtem Tanze, sondern zu langsam schleichendem Gange, der +aber auch sein Ziel erreicht, wie die träge dahinrollende Welle eines +Stromes, der in der Niederung angelangt ist. + +Die Meinigen hatten befürchtet, daß ich aufs neue erkranken würde, wenn ich +die Nachricht von Maidis Tod vernähme, die sie aus der Zeitung schon einige +Tage zuvor erfahren und mir noch vorenthalten hatten, bis ich mehr +gekräftigt sein würde. Sie hatte mit ihrem Bruder eine größere Wanderung +gemacht, nachdem sie die Schlußprüfung an der Schule hinter sich hatte, und +war beim Baden in dem herbstlich durchsonnten, aber doch eiskalten Wasser +eines Gebirgssees vom Herzschlag getroffen worden und lautlos +untergesunken. Der Bruder, der näher am Ufer war als sie, sah sie, die weit +hinausgeschwommen war, plötzlich verschwinden, schwamm mit starken Stößen +auf die Stelle zu, wo das Wasser noch weite, unruhige Kreise zog, und +konnte mit Hilfe eines Schiffmanns, der am Ufer an seinem Nachen bastelte, +den geliebten Leichnam bergen, was alles, mit vielen Zutaten versehen und +ausgeschmückt, in der Stadt, wo die Geschwister noch viele Freunde und +Bekannte hatten, erzählt wurde und von Mund zu Mund ging. + +Der beraubte Bruder hatte dann die Schwester in das Familiengrab zu dem +silberglänzenden Großvater gebettet, dessen Liebling sie gewesen war, und +mit dem man sie so oft hatte durch die Straßen gehen sehen, aufrecht, mit +freier und freudiger Haltung und mit erwartungsvoll schreitendem Gange, wie +sich jedermann, der sie gekannt hatte, wohl erinnerte. + +Ich wurde nicht kränker, so wohl es mir getan hätte, aufs neue ins +Nichtwissen und noch besser Nichtfühlen unterzusinken. Meine gesunde +Lebenskraft hatte für jetzt einmal den Kampf mit der Krankheit bestanden, +die ihr ohnehin fremd genug gewesen war. Sie ließ sich jetzt nicht mehr in +ihrer Erneuerung aufhalten, so schwer und gramvoll es auch dem Bewohner des +jungen und frisch sich aufbauenden Leibes zumute war. Sondern alles, was +sich auf mich stürzte: Gram, Sehnsucht, Liebe und Reue und das Heer von +fragenden und vergeblich suchenden Gedanken zwang und trieb mich, aus der +Enge des stillen Krankenstübchens hinauszukommen, wo die Wände mich zu +erdrücken drohten, um im Freien und in der Bewegung meiner selbst und der +erbarmungslosen Wirklichkeit Herr zu werden. + +Es gab Tage, wo sich alles in mir dagegen auflehnte, daß es mir so +furchtbar ergehen und ich, als ich dem holden Glück eine Weile den Rücken +gewandt hatte, um eines Irrtums oder eines falschen Triebes willen, seiner +nun auf immer verlustig gehen sollte. Ich zürnte mit Gott, den ich nun auf +einmal anzureden und vorzufordern begann, nachdem ich sonst wenig genug +Verkehr mit ihm gepflegt hatte. Wie ein Kind, das sich allzuhart bestraft +vorkommt um eines Vergehens willen, das ihm eben der herben Züchtigung +wegen klein zu werden beginnt, trotzte ich und bäumte mich auf, denn es war +mir, als sei Maidi einzig von mir hinweggestorben, eben jetzt, als ich den +Rückweg zu ihr suchte. Ich hätte durch alle Welt hinstürmen und sie zwingen +wollen, mich noch einmal anzuhören. Aber sie war nirgends mehr aufzufinden, +und wenn ich auch Flügel der Morgenröte genommen hätte. Einzig jenseits des +Todestores wäre sie vielleicht gewandelt, und ich hätte ihr begegnen +können, wenn ich auch da hindurchgegangen wäre. Aber es graute mir vor dem +Gedanken, mit dem ich doch eine Zeitlang gespielt hatte, denn ich dachte +der angstvollen Träume in den Fiebertagen, wo sie fremd und lautlos vor mir +hergegangen und mir immer entschwunden war, wenn ich sie hatte fassen +wollen. Wer bürgte mir, daß sie auch jetzt sich nicht von mir abwandte oder +mich aus toten, leeren Augen fremd ansah, wenn ich sie traf? Stumm, ohne +ein Wort oder ein Zeichen, daß sie meiner noch gedenke, war sie aus der +Welt gegangen, und wenn ich auch in die kalte und furchtbare Einsamkeit +hineinrief, die mich, selbst wenn ich mitten unter den Menschen war, +umfing: »Maidi, wo bist du? Gib mir ein Zeichen, nur einmal, daß wir uns +berühren und du noch zu mir gehörst,« so kam doch nicht der leiseste Laut, +nicht der fernste Traum zu mir. Ich blieb in der Schuld gegen sie und im +Unrecht. Ich mußte weiterleben und mich selber tragen; niemand entsühnte, +niemand entlastete mich, und die Wirklichkeit sah mich aus unerbittlichen +Augen streng und grausam an. + +Bei dem allem war ich begierig zu hören, was sich die Leute, die mehr +wußten als ich, von Maidis Tod erzählten. Es kam nicht viel Neues hinzu, +aber es war mir jedes Wort kostbar, das von ihr noch in der Luft umging. +Luise, die durch ihr Bügelgeschäft mit allerlei Menschen zusammenkam, +heimste es für mich ein und gab es mir weiter, obgleich ihr weiches und +liebreiches Herz sah, wie ich dabei litt, und lieber geschwiegen hätte. + +Zum Beispiel sollte der Bruder gesagt haben, das Studieren sei Maidi nicht +gut bekommen; sie sei über ihre Jahre und ganz gegen ihre Natur ernst und +still geworden. Sie habe auf jener Wanderung ein paarmal von ihrem Herzen +gesprochen, das nicht mehr so leicht und fröhlich schlage wie einst und +habe dann aber hinzugefügt, es mache nichts, denn ein leichtes Leben sei +ein leeres Leben, nach dem es sie nicht verlange. Der Bruder habe den +Eindruck gehabt, als sei ihr etwas Schweres widerfahren, und habe sie +gefragt, ob ihr jemand ein Leid zugefügt hätte, da habe sie mit lieblichem +und traurigem Lächeln gesagt: »Liebes und Leides; es ist aber noch nicht zu +Ende. Es geht mir wie der Mutter, ich muß warten.« + +Dabei habe sie so fest und geradeaus wie in eine Ferne gesehen, aus der das +Erwartete herkommen solle, daß der Bruder gedacht habe, sie könne +herbeizwingen, was sie wolle, nur durch unentwegtes Warten. + +Es sei ein sonniger Tag gewesen am letzten Oktober. Die Geschwister seien +an dem Gebirgssee angekommen, der wie ein großes, klares Auge oder wie eine +Opferschale voll geweihten Wassers still und glänzend in der Sonne lag, und +Maidi habe sogleich gesagt, hier wolle sie schwimmen, und zwar bis ans +jenseitige Ufer, an dem der Erzählung der Leute nach eine Wiese voll +blühender Herbstenziane liege. Der Bruder habe anfangs keine rechte Lust +bezeugt und sei am Ufer geblieben, indes Maidi, wohlig auf dem Rücken +liegend, von dem durchsonnten Wasser sich habe tragen lassen, bis sie auf +einmal gesagt habe: »Jetzt schwimme ich hinüber, komm doch nach,« und +angefangen habe, sich rasch von ihm zu entfernen. Da habe es ihn auch +darnach verlangt, und er habe die Kleider abgeworfen, sei aber noch nicht +weit gewesen, als sie plötzlich gesunken sei und also von ihm weg an einem +Ufer gelandet, wohin er ihr nicht habe folgen können. + +Sie habe dann im Sarg einen vollen Kranz der dunkelblauen späten Blüten im +Haar gehabt, unter denen sie feierlich und geheimnisvoll aussehend mit +geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Munde gelegen sei, so daß man sie +nur hätte fragen mögen, welches Wissen ihr noch im letzten Augenblick, eh' +ihr Herz stillstand, gekommen sei. + +Alle diese Dinge mußte ich wie einer, den sie nichts angingen, von fremden +Leuten erfahren, die heute davon und morgen von etwas anderem redeten, +indes ich sie ins Herz sammelte, um davon zu zehren, wenn ich verschmachten +wollte. + +Ich suchte, so bald ich irgend konnte, das Grab auf, das mir aber kein +liebes Gefühl der Nähe der Geliebten gab, sondern nur eine strenge und +starre Bestätigung davon, daß sie sich verborgen habe vor mir und aller +Welt. Sie, die sich nicht hatte ersättigen können an allen Höhen und Weiten +und die ihre Arme dem Licht entgegengebreitet hatte, daß es sie ganz +umfange, hatte nun ein so enges und schmales Bett und Erde auf ihrem lieben +Gesicht. Sie wanderte nie mehr mit mir durch die rauschenden Wälder, +sondern lag still an den alten, königlichen Herrn angeschmiegt, der ihres +Blutes und ihrer Art war, was mich in aller Betrübnis noch mit einer Art +von Eifersucht erfüllte, so lächerlich das im Grunde war. + +Als ich durch die Stadt zurückging, kam ich zufällig an dem alten +Patrizierhaus vorbei, das Maidis Heimat gewesen war, und sah einen Wagen +vor demselben stehen, auf den allerlei Hausrat, Kisten, Teppichrollen und +dergleichen aufgeladen wurde. Wie fremd und verwundert vor der taghellen +und nüchternen Umgebung stand eine große, uralte geschnitzte Truhe aus +schwerem Eichenholz zwischen dem andern Geräte, die ich sogleich als die +von Maidi auf jener Wanderung mit Olbrich geschilderte erkannte, und die +also ihr kleines Erbe enthielt, das irgendwohin wanderte, Gott mochte +wissen, wo. Ein Mann brachte unter jedem Arm ein Gemälde in Goldrahmen +hergeschleppt. Sie wurden auf dem Wagen in grüne Tücher eingeschlagen, und +ich sah, eh' sie verschwanden, leuchtende, sonnige Landschaften unter +blauem Frühlingshimmel. Eine Flut glänzte auf, Blütenbäume schimmerten, +dann lagen die lichten und freudigen Gebilde wieder auf ihrem Angesicht, +wie sie es lange in der dunkeln Kammer hatten tun müssen. Vorüber, +vorüber, dachte ich. Es war ein Leuchten in meinem Leben, aber es ist +ausgelöscht. + + * * * * * + +Eines Tages ging ich in schweren Gedanken am Ufer des breiten und mächtigen +Flusses hin, der an meiner Vaterstadt vorbeiströmt. Er war voll vom vielen +Regen der letzten Tage, und seine Wellen eilten rauschend und unaufhaltsam +in ihrem Bette dahin. Die Ufer lagen im Nebel, der die Bäume auf der andern +Seite einhüllte, so daß ihre Stämme und Kronen aus dichten Schleiern +sonderbar fremd und schweigend herübersahen. Stumm und schattenhaft flog +ein Schwarm von Krähen über mir hin, in den Nebel hinein; kaum daß man ihre +Flügel rauschen hörte. Eine alte, zerklüftete Weide hängte nackte Zweige in +das Wasser, das sie hob und senkte im raschen Vorübereilen. Ich war allein +und fremd, denn ich fand den Weg nicht mehr ins Leben zurück. Hier hatte +ich in glücklichen Kindertagen Kiesel auf dem Wasser tanzen lassen, hatte +den Schiffern, die ihre Flöße stromabwärts steuerten, zugerufen und mit +fröhlichen Kameraden Weidengerten geschnitten. Es war noch der Fluß meiner +Kindheit, der einst blau und plätschernd geflossen war, der mich als +kräftigen Schwimmer auf dem Rücken getragen und an kiesige, durchsonnte +Ufer lachend ausgesetzt hatte. Jetzt strömte er mit schweren Wellen eilig +und gleichgültig an mir vorüber, als ob er mich nicht mehr kenne, und seine +Ufer lagen im Nebel, wie mein Leben. Ich dachte, ob es nicht besser wäre, +wenn ich mich in das trübe Wasser gleiten ließe und von ihm unaufhaltsam +fortgetragen würde, da dann alles auslösche, was drückend auf mir liege, +und ich mit. Da tauchte aus dem Nebel ein Pfahl auf, an dem eine +Bildertafel befestigt war, die ich aus meinen Kindertagen her wohl kannte. +Sie stellte in ungeschickter Malerei, die auch schon ziemlich verblaßt und +verwaschen war, eben dieses Ufer dar, von einem Hochwasser des Flusses +überschwemmt. In hohen Wellen und weißem Gischt war ein versinkendes +Fuhrwerk zu sehen, dessen Lenker samt den Gäulen noch halben Leibes aus der +Flut herausragte, ihr aber nicht mehr zu widerstehen vermochte. Wir hatten +als Buben unser Vergnügen an der Schilderei gehabt, da in einer +mangelhaften Schreibweise mit vielen orthographischen Fehlern den +Vorübergehenden empfohlen wurde, für die Seele des Ertrunkenen, der ein +Müller gewesen war, zu beten, und der Maler gleich zur Unterstützung seiner +Ermahnung einige weiß gekleidete Müllerskinder in engen Kamisölchen und mit +andächtig aufgehobenen Händen auf dem Bilde angebracht hatte. Sie hatten, +da es lauter Buben waren, sonderbar starrende weiße Zipfelmützen auf und +sahen nicht viel anders aus als aufrecht stehende Kaninchen mit gespitzten +Ohren, was alles zusammen uns vielen Spaß machte. Heute las ich zum +erstenmal mit leidvoller Aufmerksamkeit den Text, da ich auch am Ertrinken +war, wie der Müller, wenngleich durch andere Fluten. Es hieß: + + »Glück und Unglück, beide trag' in Ruh', + Alles geht vorüber, und auch du. + +Hier ist mit Roß und Wagen in den Grund gefahren und vertrunken der Müller +Daniel Jungbluth, dessen Seele Gott gnädig sein wolle. Wanderer, der du +vorüber gehst, versäume nicht, fürzubitten, denn du weißest nicht, ob auch +du der Frommen Gebete brauchest, wenn du von hinnen gefahren bist.« + +Da weiß ich nun nicht zu erklären, woher mir auf einmal beim Lesen etwas +wie gelinder Trost durch die Seele floß, als ob mich eine sanfte Hand leise +berühre und den grauen Wolkenvorhang meines Innern lüfte. Alles geht +vorüber, und auch du, sprach es in mir, und was mir vorher schrecklich und +trostlos gewesen war, nämlich das Vergehen, barg auf einmal Trost und +Hoffnung in sich, da nicht nur das Liebe und Schöne verging, sondern auch +das Schwere und Traurige. Ich mußte es tragen. Aber nicht für immer, es +hatte alles ein Ende und ein Ziel, und auch ich hatte es, ohne daß ich es +mir vorzeitig setzte. Irgendwann strömten alle Wasser ins Meer, die klaren +und die trüben, und vereinigten sich am Herzen der Mutter, nach der sie in +Sehnsucht hingewallt waren. + +Wie es aber geht, wenn die Nebel anfangen, sich zu heben und ein Stück Fluß +und Tal ums andere im lieben Lichte liegt, so folgte dem Lichtblick ein +anderer, da mir auch Maidis Tod nicht mehr als eine Flucht vor mir +erschien, sondern als die Erfüllung ihres eigenen Schicksals. Auch sie war +vorübergegangen in all ihrer Lieblichkeit. Sie hatte das Leben zu erfassen +gemeint, dem ihr Herz zärtlich und sehnlich entgegenklopfte und war in +ihrer goldenen Jugend an das jenseitige Ufer hingerufen worden, um +vielleicht dort neue Aufträge entgegenzunehmen, ein anderes Leben zu +führen, zu dem ich keinen Zutritt hatte. Ich mußte es aufgeben, sie +ängstlich und leidenschaftlich zu suchen und ihr nachzurufen, und hatte +nichts zu tun, als mein Leben zu leben und daraus zu machen, was irgend +möglich war. Das zu denken und mir vorzusetzen, schuf mir eine freie, +einsame Kühle, in der die tobenden Schmerzen, aber auch die Selbstvorwürfe +und die mutlose Schwäche vergehen mußten und aus der heraus es einen Weg +gab, zur einfachen Pflicht zurückzukehren, in der so viele Menschen leben +mußten ohne hohes Glück und überschwengliches Hoffen. + +Doch erreichte ich diese Lebensmöglichkeit freilich nicht auf einmal und +nicht ohne viel Übung im Fahrenlassenkönnen, im Stillen und Geschweigen der +begehrlichen Sinne, im Wegblicken von der Vergangenheit, der lieben und der +schlimmen, und nicht ohne williges Eingehen auf einen neuen Weg, der sich +vor mir auftat, ohne daß ich ihn gesucht hatte. + + * * * * * + +Ich hatte einige Male gesehen, daß Luise mitten am Werktag ausging, was sie +für gewöhnlich nicht tat, in gutem, sorgfältigem Anzug und mit Handschuhen +versehen und mit einer gewissen feierlichen Wichtigkeit. Da sie mir aber +nicht von selber sagte, was es bedeutete, fragte ich auch nicht, obgleich +mir ihr Gesicht und Wesen beim Heimkommen irgend etwas ausdrückte, als ob +die Gänge mit mir zusammenhingen. Das war auch der Fall, wie ich bald +erfuhr. + +Mitten in der Stadt lag in einer schmalen Straße des Geschäftsviertels ein +Buchladen, dem seit vielen Jahren ein Männchen vorstand, das ich schon seit +Knabengedenken als alt und engbrüstig in Erinnerung hatte. Man sah es +häufig, wenn die Sonne über die hohen Dächer stieg, vor der Tür stehen und +sich händereibend an dem bescheidenen Strählchen wärmen, das die Straße +erreichte, dann sein Schaufenster betrachten und hüstelnd wie ein rechter +Asthmatiker wieder in den Laden zurückkehren. Diesen hatte ich in meiner +Schülerzeit nie besonders angesehen, da im Schaufenster allerlei altes, +verstaubtes Zeug lag, das mich nicht im mindesten interessierte. Es war ein +Antiquariat, das der Alte neben dem Wichtigsten an neuer Literatur, das er +auch führte, mit Liebe und Sorgfalt betrieb. Gott mochte wissen, wo er in +seiner Gebrechlichkeit die seltenen Exemplare, die alten Ausgaben rar +gewordener Werke, geschmückt mit Kupferstichen oder ausgezeichnet durch +wertvolle Handschriften, auftrieb, die er den Kennern hüstelnd und +händereibend vorzeigte. Man sagte von ihm, er sei arm geblieben, weil er +sein Herz so an die Schätze gehängt habe, die er in den staubigen Regalen +seines Ladens angehäuft habe, daß es ihn jedesmal einen Kampf und schweren +Abschied koste, wenn er etwas davon verkaufen solle, so daß die Kunden, die +ihn näher kannten, alle Listen anzuwenden genötigt seien, um überhaupt das +Beste und Seltenste gezeigt zu bekommen, wovon die ergötzlichsten +Geschichten im Umlauf waren. Dieses Männchen nun war allmählich so +asthmatisch geworden, daß es seiner Sache nicht mehr vorstehen konnte, und +mußte sich zu dem bittern Geschäft des Verkaufens oder Verpachtens +entschließen, welch letzteres ihm das Leichtere schien, da es seiner +Meinung nach immerhin sein konnte, daß ihm eine Kur, die es anzuwenden +gedachte, noch einmal freien Atem und Leichtfüßigkeit verschaffte, und es +dann von neuem anfangen konnte, zwischen den Büchern herumzustöbern. So +wenigstens hatte Luise gehört und hatte den Büchermann aufgesucht, weil +sie erfahren wollte, ob da vielleicht etwas für mich herausspringe. Der +Alte, der mißtrauisch und zurückhaltend war, hatte an der treuherzigen +Einfachheit und aber auch ehrenhaften und klugen Biederkeit meiner +Schwester Wohlgefallen gefunden und sie hatte ihm, so viel er es hatte +leiden mögen, von mir erzählt. Darauf hatte er, wie ich später erfuhr, +schmunzelnd gesagt: »So, so, also er ist auf die Nase gefallen zu guter +Zeit noch? Das tut ihm nichts, das tut ihm gar nichts, im Gegenteil, wen +die Götter lieben, den lassen sie beizeiten einen Knacks bekommen,« wobei +er so lachen mußte, daß ihm der Atem knapp wurde und er blaurot im Gesicht +wurde. Das alles erschreckte Luise so sehr, besonders auch die heidnische +Göttermehrheit, die er als schicksalswaltend anführte, daß sie schon +anfing, zu bereuen, sich in mein Geschick gemengt zu haben, als der Alte +sich erholte und ernst werdend sagte: »Man kann es natürlich auch anders +ausdrücken, +item+, es ist nicht immer gut, wenn einem alles glatt +hinausgeht.« Darauf fing er an, sich mit ihr auf das Geschäftliche +einzulassen, wegen dessen sie allein zu ihm gekommen war; denn sie hatte +wissen wollen, ob die Ersparnisse, die sie in den letzten Jahren gemacht +hatte, wohl hinreichend wären, mich in das Geschäft hineinzusetzen, falls +ich Lust dazu hätte. + +Das wäre nun nicht der Fall gewesen, wenn der Alte nicht eine besondere +Freude an Luise gehabt und ein Vertrauen zu ihr gefaßt hätte, so daß er die +Bedingungen leicht und möglich machte. + +Das alles erfuhr ich erst viel später; es wäre mir sonst noch schwerer +gefallen, als es ohnehin geschah, auf den Plan, den sie mir zögernd und +halb verlegen eines Abends unterbreitete, einzugehen. Ich hatte mir jetzt +vorgenommen, meine Zukunft und alles, was ich noch erreichen wollte, nur +von meiner Arbeit und streng zusammengerafften Kraft abhängig zu machen und +sollte nun ein neues Opfer von Luise annehmen und wieder gewissermaßen +etwas Zufälliges über mich entscheiden lassen. Doch sah ich, mit welcher +Begierde Luise auf meine Entscheidung wartete und wie lieb und wertvoll es +ihr war, mich in ihrer Nähe zu behalten, und dachte, da doch sonst nirgends +auf Erden ein Mensch nach meiner Gegenwart verlange, so könne ich wohl hier +bleiben, und es kam auch gleich etwas wie ein Heimatsgefühl über mich, als +ich in Gedanken so weit war. Auch verstand ich mich mit dem alten +Buchhändler besser, als ich für möglich gehalten hätte, da ich mich nun +selber mit ihm ins Benehmen setzte. Er war ein gründlich gebildeter Mensch, +der aber nach irgendwelchen schweren Schicksalen und nachdem ihm die +nächsten Menschen gestorben waren, sich in sich selbst und seine Bücherwelt +zurückgezogen und äußerlich etwas Ungepflegtes, Uhuartiges bekommen hatte. +Wenn man aber die dicke Staubschicht, die auf ihm saß, hinwegblies, um ihn +jetzt mit einem seiner alten Folianten zu vergleichen, so kam allerlei +Lesenswertes zum Vorschein, schnörkelig und grillig zwar, und in einer +seltsamen Sprache, aber nicht ohne einen trockenen Humor und nicht ohne +Geist, was mancher seiner Kunden wohl wußte, der gern ein längeres Gespräch +mit ihm führte außer dem Geschäftlichen, und der auch in Letzterem sich +gern von ihm beraten ließ, so belesen er selber sein mochte. Kurzum, ich +sah, daß es nicht das Erbe eines alten Trödelmannes zu übernehmen galt, +sondern eher die sorglich gefüllte Schatzkammer eines Sammlers, der mit +leuchtenden Augen unter verwilderten Brauen hervor seine Lieblinge +betrachtete und sie am liebsten alle mitgenommen hätte. Ich gewann +Interesse dafür und vergaß zum erstenmal wieder etwas von meinen eigenen +Kümmernissen im Durchstöbern der Bücherreihen, die sich in einem langen, +schmalen Gemach hinter dem kleinen Laden hinzogen, und die ich an ein paar +Abenden mit dem Alten nach Ladenschluß betrachtete. So ein Einsiedler und +Sonderling wirst du nun auch nach und nach werden, dachte ich freilich +dabei, aber es machte mir im Augenblick keine Beschwerden, denn es fiel mir +leichter, mich hier zu bergen in die Abgeschlossenheit des kleinen Ladens, +als irgendwo draußen auf der Welt, die mich gar nicht lockte, wieder neue +Fahrten zu tun und mit vielen Leuten meines Alters zusammen zu sein. Auch +machte sich, als wir wirklich übereingekommen waren, daß ich das Geschäft +auf eigene Rechnung führen solle und der alte Uhu mit scheuem Flügelschlag +hinausgeflattert war, doch bald geltend, daß ich etwas gelernt hatte und +jung war, so daß ich in manchen Zweig des Betriebs einen frischen Zug +brachte, ohne dabei das Eigenartige zu verlieren, das der Alte gepflegt +hatte. + +Ich lebte zurückgezogen, ohne Gesellschaft zu suchen, denn es war alles +noch zu frisch, was ich erlebt hatte, und es ging mir zu viel nach, als daß +ich hätte unter Menschen gehen mögen. Ich hoffte, meine Schwester Luise +werde zu mir ziehen und mir das Hauswesen führen, so daß wir dann +beieinander eine Heimat gehabt hätten. Aber sie wollte nicht. »Komm zu +mir, so viel du willst,« sagte sie, »je öfter je lieber, und ich will auch +nach dir sehen, so viel es dir recht ist, doch soll jedes in seinem +Eigentum und Lebenskreise bleiben, so daß es frei und natürlich leben kann, +wie es ihm paßt.« Ich merkte wohl, daß sie dachte, sie würde mir ein +Hindernis sein, falls ich mich einmal zu verheiraten gedächte, oder ich +würde, behaglich bei ihr eingesponnen, die Lust dazu verlieren, und stritt +nicht mit ihr, obgleich ich zu wissen meinte, daß der Gedanke an Liebe und +Heirat hinter mir liege für alle Zeit. Sie brachte aber viele Abende bei +mir in der kleinen Wohnstube hinter dem Laden zu, die sie behaglich für +mich eingerichtet hatte und in der sie immer wieder einen kleinen Schmuck +oder eine neue Bequemlichkeit anbrachte, und hatte den dienstbaren Geist, +der mir das Hauswesen in Ordnung hielt, gut im Zug, so daß mir nichts +abging im Äußeren. Wenn sie sah, daß ich trübsinnig war und mich quälte, so +lockte sie mich, daß ich Helene aufsuchte und mich an ihren Kindern +erfreute, und hatte immer neue hübsche und liebliche Züge von ihnen zu +erzählen. Manchmal kam auch Lotte Meister mit ihr, und wir saßen behaglich +zusammen und plauderten, oder wir machten an schönen Abenden noch einen +Gang und kehrten irgendwo ein, wo es uns gefiel. Da lernte ich nun im +häufigen und anspruchslosen Verkehr mit den beiden eigentlich zum erstenmal +recht die gesunde Kraft ihres klugen, einfachen Wesens kennen, den +unverbildeten Verstand, die Schlagfertigkeit ihrer Rede, mit der sie so +recht den Nagel auf den Kopf zu treffen wußten, und den Mutterwitz, der +sich nach und nach herauswagte, als sich mein trübseliger Ernst erhellte. +Lotte Meister war die Lebhaftere von beiden; sie wußte mich aus aller +Schweigsamkeit herauszulocken und immer neue Dinge aufs Tapet zu bringen, +über die ich Bescheid geben, mich verantworten, die ich erklären oder +verteidigen sollte. Dabei stellte sie ihre Unwissenheit in allen Sachen, +die man durch Lesen oder Studieren erwirbt, gar nicht in Abrede, zeigte +aber keinerlei Verlegenheit darüber, sondern eher eine Art von fröhlicher +Unbekümmerlichkeit. Sie war sich darin und in allem Wesentlichen gleich +geblieben, wie sie von jeher gewesen war. Es war aber nicht so weit her mit +ihrem Nichtwissen, sondern sie kannte sich besser aus auf der Welt als +mancher, der die Nase kaum aus den Büchern erheben mag; nur ließ sie sich +die Sachen gern mündlich vortragen gleich einem Regenten, der sich von +seinem Kanzler oder Minister Vortrag halten läßt, um das Wichtigste nahe +beisammen zu haben, und übte auch, kaum daß sie aufmerksam zugehört hatte, +ihre Kritik daran, an der gut zu merken war, wie hell es in ihrem Kopfe +zuging. Meine Schwester Luise sah und hörte mit innigem Vergnügen zu, wenn +wir uns zuweilen stritten und einander sogar freundschaftliche Grobheiten +an den Kopf warfen; denn es war ihr alles ein Zeichen meiner +Wiederherstellung und meines Heimischwerdens in dem neuen Leben, an dem sie +sich durch ihren Eingriff in mein Schicksal mitverantwortlich fühlte. Sie +war auch froh, schon um Helenens willen, daß ich mich mit dem Schwager gut +vertrug, soweit das bei unseren verschiedenen Naturen möglich war. Er war +ja ein tüchtiger Arbeiter, der sich und die Seinen vorwärts brachte, und +auch ein sorglicher Familienvater, aber eng begrenzt im Denken, und ich +traute auch immer noch nicht, ob nicht die Sparsamkeit seine Haupttugend +sei, auf die er sich am meisten zugute tue. Doch hatte ich keinen Grund, +mit höheren Tugenden zu prahlen, und war überhaupt mehr gewillt als früher, +die Menschen zu nehmen wie sie waren, da man ja bei mir auch so manches in +den Kauf genommen hatte. Daß die Schwestern glücklich waren über die gute +Neuordnung der Dinge, und daß Lotte Meister, die ich immer noch in einem +leisen Verdacht gehabt hatte, als sehe sie ein bißchen auf mich herunter, +sich von mir belehren ließ und mich ersichtlich zu respektieren anfing, tat +meinem Herzen wohl; es wäre aber auf die Dauer doch nicht genug gewesen. Es +gab sich aber nach und nach von selbst, daß ich auch wieder anderen Umgang +gewann. + + * * * * * + +Mein Vorgänger hatte mir unter vielen gleichgültigen, die es wie überall +gab, einen Stamm von Kunden hinterlassen, die das Bücherkaufen mit Liebe +und mit feiner Witterung für das Bleibende und Wertvolle betrieben. Manche +unter ihnen hatten nur schmale Geldbeutel, aber sie hatten eine durstige +Liebe zum Schönen und Geistigen und hatten Verständnis für das Echte. Sie +ließen sich alles zeigen und hätten am liebsten das Feinste und Beste +gekauft, wenn sie gekonnt hätten. An solchen Kunden war nicht viel +verdient, und doch gewann ich mehr von ihnen als Geld, denn es spannen sich +durch den einen oder andern von ihnen wieder neue Fäden herüber und hinüber +zwischen mir und der Menschheit. Darüber könnte ich manches sagen. Was ich +früher in unreifem Lebensverlangen gewünscht hatte, nahen Verkehr mit den +Besten und ein Dazugehören mit Fug und Recht, das wurde mir jetzt, als ich +es nicht mehr von den Bäumen zu schütteln begehrte, nach und nach ganz von +selbst zuteil. Ich trat aus meinem engen Lebenskreise, in den ich mich wie +in ein Schneckenhaus verkrochen hatte, wieder mehr heraus, nicht um zu +sehen, was es etwa für mich selbst zu erobern gebe, sondern um mich +irgendwie ans Ganze und Lebendige anzuschließen, das draußen vorbeiflutete, +und ohne das ich so wenig wie ein anderer Mann auf die Dauer bestehen +konnte. Da fand sich's nun, daß ich bisher mich selber viel zu wichtig +genommen hatte, da es in der öffentlichen Gemeinschaft so viele Dinge gab, +für die zu denken und zu sorgen und um die sich zu ereifern es der Mühe +viel mehr wert war und über die man sich selbst zurückstellen, ja vergessen +konnte. Wenigstens schien es mir damals so. Es wird aber beides seine Zeit +und seinen Wechsel brauchen, das Eigene und das Allgemeine, und ein Aus- +und Einatmen sein, und das eine kann nicht ohne das andere bestehen. Wenn +die Welle im Meer hin und her geworfen worden ist, so kehrt sie doch wieder +in die stille Bucht am Ufer zurück, wo grüne Baumwipfel sich flüsternd über +sie hinneigen und wo Heimat zu sein scheint; aber dann zieht das große und +allgemeine Strömen sie wieder hinaus in rastloser Bewegung. Was mich +betrifft, so hatte ich mich für einmal genug mit mir selbst herumgeschlagen +und begehrte nichts, als mitzuerleben, was es Allgemeines gab, was freilich +wieder zu meiner eigenen Beruhigung und meinem Nutzen diente und so den +Kreislauf bestätigte, in den wir alle eingeschaltet sind. + +Denn je mehr ich am öffentlichen Leben teilnahm und es mir wichtig sein +ließ, je näher traten mir auch diejenigen unter den Menschen, die etwa +ähnlich dachten und fühlten wie ich, so daß ich Freunde und +Gesinnungsgenossen und auch ein geachtetes Ansehen gewann und ich wohl +sagen kann, ich habe gefunden, als ich nicht mehr gesucht habe, und +freilich auch zu einer Zeit, in der ich es nicht so stark begehrte. + +Es ging mir aber auch noch mit etwas anderem so, das wieder mich allein +anging. Als ich nämlich aufgehört hatte, der liebsten Seele durch +unendliche Räume nachzujagen und ich sie ganz und für immer hergegeben +hatte, fand sich's, daß Maidi mir näher und unverlierbarer schien, als +zuvor. Ich sah sie nicht mehr, und sie konnte mich nicht mehr lossprechen, +nicht neben mir hergehen auf allen Wegen, aber ich konnte so leben, wie es +ihrer lauteren, aufs wesentliche gerichteten Art gefallen hätte und mich +mit ihr einiger finden als manchesmal, wo ihre hellen Augen erstaunt und +vielleicht traurig auf mir gelegen waren. Es fielen mir viele Dinge ein, +die wir einst miteinander erlebt und gesprochen hatten; sie lagen mir jetzt +klarer am Tage als damals, wo mich die Lust, zu scheinen und mich +hervorzutun, oberflächlich und unaufmerksam gemacht hatte. Und ich wurde +durch die Sehnsucht meines beraubten Herzens in die Welt des Innerlichen +und Unvergänglichen hineingeführt, nicht um Maidis, sondern um meiner +selbst willen, doch war sie auch darin, unverloren, liebend und geliebt. +Sie hatte sich gewünscht, ohne Schuld und ohne die Schmerzen der Reue +hinzugehen; das war ihr zuteil geworden, mir nicht. Ich war von anderem +Stoffe, und das Leben brauchte andere Mittel, um etwas aus mir zu machen, +und braucht sie noch. Denn ich kann ja, wie man zu sagen pflegt, nicht aus +meiner Haut heraus und habe mit den Mängeln meiner Natur immer Krieg zu +führen. Doch habe ich sie wenigstens erkannt und gehe ihnen zu Leibe, wo es +sein kann. Oft habe ich den alten Adam, wie die Theologen das nennen, was +uns Anererbtes im Blute liegt, am Kragen, bald er mich, und wir raufen uns +miteinander herum. Ich habe aber einmal, als ich die Taschen eines alten +Rockes aussuchte, eh' ich ihn verschenkte, einen kleinen, gänzlich +zerknitterten Zettel gefunden, dessen blasse Schriftzüge dennoch wohl noch +zu lesen waren, und der mir jetzt wie ein neubelebtes Vermächtnis einer +längst Gestorbenen erschien, nachdem ich ihn einst nur in einer flüchtigen +Abschiedsstimmung mit leiser Ahnung des Inhalts gelesen und vom Nähtisch +der Brigitte Hagenau an mich genommen hatte. Er hieß: »-- -- doch nahm ich +zu allem, was mir begegnete, diese eine Stellung ein. Es sei Liebes oder +Leides gewesen, so sagte ich ihm: >Ich lasse dich nicht, du segnest mich +denn.< Und so habe ich schließlich, wenn auch mit verrenkter Hüfte, den +Sieg behalten und bin nun dennoch -- --« + +Ich las die Worte an dem kleinen Fenster der Kammer, in der mein +Kleiderschrank stand, solang noch der Ausläufer, dem ich den Rock schenken +wollte, draußen auf mich wartete, und es war mir, als ob ich sie nun wohl +auch nachsprechen dürfe, wie man bei einem Dichter oder Weisen unversehens +in Form gefaßt findet, was unbewußt und doch lebendig in einem lag und nun +auf einmal ist, als habe man es selber gesagt. + +Denn es dünkte mich, als ob auch ich zu meinem Schicksal, in mir selbst +und außer mir, sage, indem ich mit ihm kämpfe und ihm das Beste +abzugewinnen versuche: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn,« wie es +einst das verwachsene und dennoch hochragende Frauenbild, das den Zettel +schrieb, zu dem seinen gesagt hatte, und vor ihm viele bis zu dem Erzvater +hin, der an der Furt Jabok mit dem Gotte seines Lebens rang. Es sollte +nichts umsonst gewesen sein, und nicht hinter mir in nichts zerfließen, was +einst mein Leben erschüttert hatte. Schmerzen, die ich erlitten und die ich +andern zugefügt, Torheiten, die ich begangen und die sich schwer bestraft +hatten, standen wohl hin und wieder auf und fielen mich an, aber ich +wollte, daß sie zu Kräften würden in mir, die mir zu einer neuen und +lebendigeren Einheit hülfen. Das hatten sie auch schon begonnen. Aber was +hieß es denn bei mir, wenn ich auch sagte: »Und bin nun dennoch ...?« Was +war ich denn nun dennoch oder wenigstens, was wollte ich dennoch sein? + +Da meldete sich ein Stimmlein, zaghaft und trotzig in einem, das in hellem +Silberton aus der wohlverschlossenen Kammer meines Herzens hervorrief, es +wisse wohl, was damit gemeint sei. Nämlich ich wolle noch was Rechtes mit +mir anfangen, die getrübten und verschütteten Brunnen meines Daseins wieder +in klaren Fluß bringen und kein Einsiedler oder säuerlicher Junggesell +werden. + +Sondern weil es noch an der Zeit sei, wolle ich trachten, hereinzuholen, +was möglich sei, und mich nicht mutlos ausschließen vom vollen Leben, denn +ich spüre ja selber den aufsteigenden Saft in mir, wie in einem +zurückgeschnittenen Baum, der wieder ans Ausschlagen denke. + +Da ging dann freilich der Krieg in mir von neuem an, denn die grauen +Geister der Niedergeschlagenheit waren stets bereit, den freudigen Kräften +den Mund zu verbieten, die mich wieder bergan führen wollten. Sie stellten +sich fromm und tugendhaft und wollten mir weismachen, daß es für mich nicht +so gemeint sei, da ich bereits genug auf dem Kerbholz habe. Es sei besser, +schweigend und aber freundlich und ergeben beiseite zu stehen, meinen Beruf +auszuüben, woran sich mancher rechte Mensch genügen lasse, und, der +Vergangenheit gedenkend, von der Zukunft nichts für mich zu verlangen. Das +trotzige Engelsbübchen aber, das zuerst gesprochen hatte, erhob einen +großen Lärm, strampelte mit Händen und Füßen und rief, rittlings auf der +Herzkammertür sitzend: »Nichts da, sondern es wird aus allen Kräften +gelebt, damit es dann, wenn einmal gestorben sein muß, etwas Rechtes +aufzugeben, niederzulegen und zu hinterlassen gibt.« Das kam mir auf einmal +frömmer vor als die graue Weisheit, und weil es mir auch sonst wohlgefiel, +so fing ich an, auf das helle Stimmlein zu hören, das mir täglich Neues zu +sagen wußte und noch weiß, und das seinen Willen durchzusetzen strebt. + +Es kam ihm freilich allerlei zu Hilfe, was ich nicht verschweigen will. +Eines Tages stand unter der Tür meines Ladens, den ich auszuräumen soeben +beschäftigt war, um seinen Inhalt in einem größeren und besseren Lokal +unterzubringen, Herr Kasimir Hagenau, den ich seit meiner Flucht nicht mehr +gesehen hatte. Er begrüßte mich mit einiger Verlegenheit, die sich aber +bald verlor, als er mich, wie er sah, in guten Umständen und einer nicht +unfreudigen Sicherheit des Auftretens fand, und sagte aufatmend, es gehe +ihm schon lange nach, daß wir uns so ganz fremd geworden seien. Er habe +immer noch eine Vorliebe für mich behalten, und es sei ihm leid genug +gewesen, daß es damals so gegangen sei. Indessen müsse man es nehmen, wie +es komme. Er redete ein wenig um den heißen Brei herum, wie man sagt, da er +nicht wußte, ob er bei mir die vergangenen Dinge kecklich berühren dürfe, +und noch in der Meinung lebte, ich sei, in großer Liebe zu seiner Nichte +stehend, grausam enttäuscht und geschlagen gewesen, was ja auch, freilich +in einer andern Richtung, der Fall war. Da er nun sah, daß ich +unverheiratet war, mußte er meinen, ich habe noch an der unverwundenen +Liebe zu Eleonore zu tragen, und war froh, als ich möglichst gleichgültig +sagte, er solle sich nicht kümmern, es sei für mich ganz gut ausgefallen. +(Denn meine eigensten Kümmernisse rieb ich ihm nicht unter die Nase.) + +Ich erzählte ihm, um doch irgendwie zu zeigen, daß ich auch ohne das Haus +Hagenau fortbestehe, von einer großen Bücherauktion im Hause eines +bekannten Gelehrten und Sammlers, aus der ich seltene und fast verschollene +Werke in Menge erstanden habe, um die sich nun wiederum die Liebhaber +stritten, und ließ ihn überhaupt merken, daß ich bei den Guten und +Verständigen etwas gelte und ein Geschäft wohl zu führen wisse, auch wenn +es Ansprüche an nicht ganz gewöhnliche Tüchtigkeit mache. + +Dabei hatte nun mein alter Adam wieder einmal sein Vergnügen, das ich ihm +aber diesmal nicht untersagte, weil mir immerhin das Herz etwas unruhig +klopfte in Erinnerung an die schlechte Figur, die ich zum Schlusse im Hause +Hagenau gemacht hatte und ich eine kleine Aufmunterung mir schon gönnen +mochte. Der alte Herr taute ganz auf, als er mich so wohlbestallt vorfand, +und erzählte nun auch von seinen heimischen Verhältnissen. Er hatte sich +jetzt doch entschlossen, das alte Vätererbe zu verkaufen, da ihm sein so +wohlausgedachter Plan zwischen den Fingern zerronnen war, und erlebte nun +die langersehnten Freiheits- und Reisejahre mit immerhin noch einigem +Jugendmut, wie ich an der Beschreibung der und jener Genüsse merkte, die er +sich unterwegs gönnte. Die Nichte, auf die er nun doch auch zu sprechen +kam, hatte vor einem halben Jahr ihren Doktor geheiratet, der sich umgetan +habe, selber etwas Rechtes zu leisten, und aber freilich dennoch nichts +dagegen hatte, daß ihm die Frau einen ordentlichen Batzen zubrachte, wie +Herr Kasimir pfiffig lächelnd sagte, durchblicken lassend, daß er als Onkel +das Seinige getan habe, da die Leutchen es nicht so einfach gewöhnt seien, +was ich ja gut genug wußte. Ich war froh genug, daß die Rechnung, an der +ich doch immerhin auch beteiligt gewesen war, noch so glatt aufgegangen +war, und nahm den Dämpfer, den mir der alte Herr ganz naiv und gedankenlos +aufsetzte, mit in den Kauf. Er machte nämlich, ohne es besonders +auszusprechen, gar kein Hehl daraus, daß er mich nur als einen Faktor in +eben dieser Rechnung zum zweitenmal in sein Haus gerufen habe, und daß, als +sie nicht stimmte, auch ferner mein Dabeisein nicht mehr in Betracht +gekommen sei. Es stach und reizte mich noch eine Weile, als er wieder +gegangen war, denn ich mußte mir schwere Gedanken darüber machen, was mich +der Versuch gekostet habe. Aber ich war doch schon so weit genesen, daß +ich den Brigittenspruch, den ich als meinen eigenen Wahlspruch ansehen +gelernt hatte, auch jetzt anzuwenden die Kraft hatte, und so eine der +vielen Gelegenheiten, aufs neue in Trübsinn zu verfallen, vorübergehen +ließ. Vielmehr lösten sich in mir die alten Reste der Beklemmung, die ich +in Ansehung des Hauses Hagenau noch herumgetragen hatte, wie alte +Schneereste, die immer noch an schattigen Plätzen liegen geblieben sind, +wenn es ringsum längst grünt, und die nun endlich auch von linden +Frühjahrslüften aufgetrunken werden. + +Bald darauf tat mir meine Schwester Luise den Schmerz an, daß sie sich +hinlegte und starb. Sie war mir in der Zeit meines Tiefstandes und meines +sachten Aufstiegs so sehr zur Freundin und zur Genossin meiner Gedanken, +Wünsche und Hoffnungen geworden, daß ich zuerst wie betäubt war, als sich +ihre Krankheit, die am Anfang harmlos ausgesehen hatte, plötzlich zum +Schlimmen wendete. Ich glaubte verlangen zu können, daß sie mir bleibe, da +ich ja sonst nichts hatte, was ganz nah zu mir gehörte. Denn bei Helene kam +begreiflicherweise zuerst der eigene Familienkreis, der stetig am Wachsen +war, so treulich sie auch ihren Geschwistern anhing. + +Luise aber hatte nichts Eigenes; ich war ihr das Wichtigste in ihrem Leben, +und sie war nur glücklich, daß ich in ihrer Nähe sei und sie zusehen könne, +wie ich allmählich das erreiche, was sie für mich wünsche. Sie heimste +alles, was ich etwa an guten Beziehungen, bürgerlichem Ansehen und an +gedeihlichem Fortkommen gewann, emsig ein und baute in Gedanken Häuser für +mich darauf, da sie merkwürdigerweise gar nichts für sich verlangte außer +ihrer fleißigen Arbeit und vielleicht der Aussicht auf einen ruhigen +Lebensabend, umgeben von einer aufsprossenden Jugend aus dem Blute ihrer +Geschwister, die sie dann in Ehren halten würde, und der sie mit schönen +Sparpfennigen zum Fortkommen hülfe, falls sie dessen überhaupt bedürfe. +Aber nun lag sie krank im Spital und sah ihr Ende herankommen. Man hatte +sie operiert, um einem innerlichen Feind, der in ihrem stattlichen, +blühenden Leibe sein Unwesen trieb, das Handwerk zu legen, aber er trieb es +fort, und sie wußte wohl, daß er sich nicht aus dem Feld schlagen lasse, da +sie etliche Fälle aus der ferneren Familie anzuführen wußte, in denen auch +das Leben auf solche Weise unterlegen war. + +Es ging ihr nahe, daß sie mitten aus der Bahn weg sollte, denn sie hing, +wie alle gesunden und natürlichen Menschen, am Dasein, das für sie, nach +dem Rezept des alten Sängers, köstlich gewesen war, indem es Mühe und +Arbeit war. Als sie aber sah, daß ich ohne Fassung mich gegen ihr Scheiden +auflehnte und Gott beschwor, sie mir noch zu lassen, da ich viel an ihr +hereinzubringen habe, was Zeit brauche und nicht in kurzem abzumachen sei, +nahm sie wieder die Führung an sich und sagte, glücklich lächelnd, weil ihr +mein unverhehlter Schmerz dennoch wohl tat, aber fest: »Nein, nein, Ludwig, +so machen wir's nicht, sonst sind wir erst recht unten durch. Sondern wer +sich schicken kann, gewinnt das Spiel und stellt sich auf die stärkere +Seite, und so wollen wir auch tun.« Damit war sie mir nun wieder einen +Schritt voraus und weit überlegen, und ich konnte nichts tun, als mein +ungebärdiges Wehren beiseite lassen, da es hier nicht am Platze war. + +In dieser Zeit mußte ich einmal eine dringende Geschäftsreise nach der +Hauptstadt unseres Landes machen. Ich ging ungern genug, denn ich konnte +nicht am selben Tage wiederkommen, und als es Abend wurde, befiel mich eine +Unruhe, die ich mir dahin erklärte, es sei daheim etwas Übles vorgefallen, +so daß ich rasch an den Bahnhof ging, um zu sehen, ob ich nicht doch den +letzten Zug erreichen könne, so stark lebte ich damals mit meinen Gedanken +in dem engen Krankenstüblein. Der Zug war aber schon fort, und weil ich +nicht den ganzen Abend im Wirtshaus versitzen mochte, betrat ich eine +Konzerthalle, an der ich gerade vorbeikam, ohne zu wissen, was für Musik es +gebe. Da fand sich's nun, daß von einem kleinen Orchester jene Symphonie +aufgeführt wurde, die ich am ersten Abend des Musikfestes gehört hatte, an +dem ich Maidi wiedersah, und die mir seitdem nicht wieder begegnet war. Sie +erregte mich aber nicht, wie damals, zu starken Wonnen und Schmerzen, +sondern ich saß mit geneigtem Kopf still horchend da und fühlte, wie meine +Unruhe in ein stilles Gleiten kam und wie mein Herz, das traurig in mir +lag, von eiligen Wellen aufgehoben und getragen wurde, die sangen: »Alles +geht vorüber, und auch du.« + +Ich gedachte alles Fernen und Verlorenen in meinem Leben, und auch meines +Freundes Olbrich, den ich nie wieder gesehen und mit dem ich auch keine +Briefe gewechselt hatte. Ich hatte seinen Namen hie und da in der Zeitung +gelesen, denn er nahm starken Anteil am politischen Leben des Landes und +ergriff in Reden und gedruckten Artikeln oft das Wort, wenn es eine +wichtige Sache zu verfechten gab. Aber ob er noch an mich denke, und wie, +das wußte ich nicht, und ich hatte sowohl das Verlangen, ihn wieder zu +sehen, als auch eine Scheu davor. + +Doch wußte ich, daß es einmal geschehen mußte, da die Erde nicht groß genug +ist, um sich zwei Menschen nicht wieder begegnen zu lassen, unversehens, +die eigentlich nahe zusammen gehören. + +Ich war spät gekommen, als schon der Saal verdunkelt war und die Musik +angefangen hatte, und hatte nur gerade meinen Platz gefunden, ohne nach +rechts oder links zu sehen. Da schrak ich denn aus meinen Gedanken auf, die +zwischen der Musik hergingen, als sich auf einmal eine Hand auf meinen Arm +legte und es der Freund war, der neben mir saß und mir zunickte. Ich mochte +mich nicht rühren, denn ich spürte in einem ruhigen Wohlsein, daß wir uns +nahe waren und daß ich ihn lieb hatte, wie je. + +Man sollte nicht reden müssen, dachte ich. Man sollte alles so +stillschweigend voneinander wissen und einer in den andern hinüberfließen +lassen, was er ihm sagen möchte. Vielleicht ist es so, wenn man sich auf +einem andern Stern wieder findet. Vielleicht spürt man nur: Du bist da, und +begrüßt und durchdringt einander mit der Seele, und alles, was auf der Erde +geschah, löst sich auf in einem großen und weiten Verstehen und Liebhaben. + +Da bot ich meinem Freund leise die Hand und er nahm und drückte sie +kräftig, und ich wußte: Er ist doch auch noch der meine. Wie sehr ich ihn +vermißt und wie seinetwegen ein Druck auf mir gelegen hatte, das spürte ich +erst jetzt recht, als ich ihn wieder hatte. Denn wir ließen es dann doch +nicht bei der stummen Begrüßung bewenden, die wir gar nicht geübt hätten, +wenn nicht die Musik das Wort gehabt hätte, sondern hielten nachher eine +lange Nachtsitzung, und zwar, da es eine schöne Sommernacht war, in einem +Garten unter einer alten Platane, in deren Ästen eine Lampe hing. + +Dort ließen wir so viel von der alten Zeit und auch dem, was dazwischen +lag, zwischen uns auferstehen und hinwandeln, als dazu gehörte, wieder +zusammen zu kommen, nicht mehr und nicht weniger. Denn es handelte sich +jetzt nicht ums Rechthaben und Abbitten, wie wir beide wohl spürten, +sondern darum, daß einer des andern Freund sei, wie der alte Claudius sagt, +wobei freilich ich am besten wegkam. + +Es schwirrte allerlei Nachtgeziefer um uns her, und einmal kam auch ein +großer Falter und stieß mit seinen Flügeldecken an mein Glas, daß es einen +feinen Klang gab. Da hob mir Olbrich das seinige entgegen und sah mir mit +dem schönen Lächeln in die Augen, das er selten hatte und an dem ich ihn +überall erkannt hätte. Denn es war uns, als hätte eine feine Seele, die +einmal mit uns zu dritt gewesen war, mit zartem Finger angeklopft und wolle +einen Augenblick mit uns sein. Das kam und ging so in mir. + +Dann zog Olbrich ein Bild aus der Brusttasche und zeigte es mir mit +glücklichem Gesicht: eine junge, mütterlich blickende Frau, die ein Bübchen +auf dem Arm trug. Beide sahen den Beschauer voll an und hatten ein gut Teil +Schelmerei in allerlei Grübchen sitzen. »Das sind die Meinen,« sagte +Olbrich. »Du siehst, es geht mir gut.« + +Er brachte, wie man so sagt, den Mund nicht zusammen vor Behagen an dem +Bildchen oder vielmehr vor dem freudigen Wissen um die lebendigen +Urbilder; er wollte es aber nicht wahr haben vor mir und sagte +achselzuckend: »Ich habe es der alten Frau zulieb getan, denn ich bin ihr +doch Enkelchen schuldig gewesen. Daheim liegt mir schon der zweite Bub in +der Wiege.« + +Dabei überglänzte es ihn aber doch, so daß ich schon wußte, was es +geschlagen habe, und daß er sein gutes Teil erworben habe; da fiel mir doch +noch irgend ein Band von meinem Herzen. + +»Und du?« fragte Olbrich fast zart. + +Aber ich wußte im Augenblick nichts zu sagen, denn ich hatte wohl schon +einen Schimmer, er hatte aber noch keinen Namen, und ich hob nur mein Glas +und sagte halb verlegen: »Ich komme nach.« + +Das alles erzählte ich am andern Abend meiner Schwester Luise, zu der ich +von der Bahn her ging mit raschen Schritten und mit dem Verlangen, sie in +allem zu mir hineinsehen zu lassen, so lang ihre guten Augen noch offen +standen über meinem Leben. Es war nicht mehr lang, das sah ich wohl, und es +war mir, als habe sie seit vorgestern wieder abgenommen, so daß es mich +reuen wollte, fort gewesen zu sein, was mich doch um Olbrichs willen freuen +mußte und auch freute. Sie streichelte mich aber mit ihrer feinen, weißen +Krankenhand und sagte glücklich, es sei ihr ein Stein vom Herzen, weil wir +Freunde uns nun wieder hätten. So sehr hatte sie meine Sachen zu den +ihrigen gemacht, denn ihre eigenen waren bald beschickt. + +Ich mußte die Tage über im Geschäft sein, wenigstens die meiste Zeit; aber +die Abende und oft bis tief in die Nacht war ich bei ihr und begleitete sie +näher und näher gegen die Grenze hin, an der es für die Zurückbleibenden +umkehren heißt. + +Auf diesem dunklen und bitteren Weg habe ich dennoch viel gesehen und auch +viel gelernt, das man nicht aus Büchern und nicht aus dem Umgang mit den +Klugen dieser Welt lernen kann, und das ich nicht vergessen werde. + +Ich habe gesehen, daß es Liebe gibt, die bis zum Ende nicht an sich selber +denkt und noch aus der letzten Not hilfreich dem andern zunickt, tröstlich +und verheißungsvoll, weil das Allerlebendigste eben sie selber ist, die +nicht stirbt. Und ich habe gesehen, wie stark und mächtig die Willigen +sind, die keine Bedingungen stellen, sondern ja sagen, und mit Vertrauen +dem dunklen Gott in die Augen sehen, wenn er ihnen zum Mitkommen winkt, so +daß sie den schweren Feind überwinden mit einem demütigen Neigen ihres +Hauptes und ihn sich zum Freunde machen. Ich sah, wie, wer von Herzen +gelebt hat, auch von Herzen sterben kann, und wie Glauben und Frommsein +freudige, starke Dinge sind, anders als viele meinen, und als auch ich +zuzeiten gemeint habe. + +Das alles ist mir nicht nur ein ernstes und wertes Andenken und ein reiches +Blatt in dem Buche meiner Erinnerung, das so manche töricht verkritzelte +Seite hat, sondern es schwingt ein Ton davon je und je in meine jetzigen +Tage herein, voll und dunkel und auch weich und süß, und wenn ich ihn höre, +so sänftigt er mir das Herz und läßt es aufmerken auf das, was hinter den +Tagesdingen liegt, in denen ich ja freilich mitten drin stehe. Denn mein +Lebenstag liegt noch weit vor mir, nach Menschenrechnung, und ich will ihn +leben als ein Mensch und Mann. + + * * * * * + +Ich habe, liebste Frau, in später Nachtstunde das Buch noch einmal +durchgelesen, dessen Blätter zu beschreiben ich aufgehört habe, als du in +mein Leben tratest. Du wußtest nicht, daß ich dich sah. Du kamest die +Straße herab, die Hände voll Blumen, und dein Gesicht sah aus, als ob du im +stillen ein Liedchen summest, das nur du selber hörest. Da dachte ich, wer +dir wohl die Blumen gegeben habe und wem du sie bringest? Am andern Tag +hingen Kinder an deinen beiden Seiten und drängten sich an dich, und ihre +Gesichter sahen eifrig in das deine; ich hätte hören mögen, was du zu ihnen +sagtest, aber ihr ginget vorüber. Von da an kamst du jeden Tag und hattest +immer Blumen und Kinder mit dir und immer ungesungene Lieder auf den +Lippen. Das war in der Zeit, als meine Schwester Luise sich zum Sterben +anschickte und zu mir sagte: »Gelt, du machst aber die Augen auf und holst +dir ein Stück Leben ins Haus, es geht immer draußen vorbei.« Sie wußte +nichts von dir. Das Stimmlein aber, von dem ich schrieb, daß es so +vorwitzig und ungebärdig geredet habe, rief in die Trauer meines Herzens +hinein: »O, wie wahr ist doch das! Und wie freudig sieht es aus!« so daß es +mich in aller Betrübnis ein bißchen lächerte, worauf Luise der Spur nach +mitlachte, wenn auch bläßlich, da es sich bei ihr nicht mehr gut tun lassen +wollte. Und so hast du noch in ihren Abschied hinein geblinkert, du +Sonnenvöglein, denn es dauerte da nicht mehr lange bei ihr. + +Ich muß mir noch ein wenig Mut machen, weil du nicht selber da bist. Ich +will daran denken, wie ich dich draußen am Badeplatz traf mit deiner Schar. +Sie stob aus dem Wasser, als du riefest, und es sprühte ein Tropfenregen +um sie her von den nassen Mähnen und den blanken Leibern, das glitzerte +alles in der Sonne, und ein jedes wollte zuerst bei dir sein. Ich sah eine +Weile zu, eh' ich vorbei ging und grüßte. Sie wühlten sich in den warmen +Sand ein, und du sollest dich mitten hineinsetzen, aber du konntest noch +nicht, denn es stand ein Kind neben draußen, das riß mit finsterem und +trotzigem Gesicht Blätter und Zweige von einem Weidenbusch und stampfte +dazu mit den braunen Füßen den Boden. Da gingest du hin und hattest ein +solches Lachen in deinem Gesicht, daß das Zornteufelchen davor ausfuhr, +wenngleich mit erbärmlichem Wehren, und das Kind sich an dich hin verkroch. +Ich hätte hören mögen, was du sagtest, aber auch vom Sehen wußte ich, daß +du Schatten aufhellen kannst. + +Das weiß ich nun noch besser als damals, denn ich habe die Sonnenkraft +deines Wesens verspürt. Du sagst, du habest sie nicht immer gehabt, und +dein Lachen sei ein wieder erworbenes, denn auch du seiest durch tiefe +Schatten gegangen. + +Daran habe ich den Mut gefaßt, dich auch in die meinigen hineinsehen zu +lassen, dich allein von allen Menschen. Du siehst, sie herrschen auch über +mich nicht mehr. + +Wie hast du wohl den Weg zum Hellen hin gefunden? + +Aus was für Quellen hast du getrunken? + +Ich meine, ich wisse sie. Wenn es so kommt, wie ich hoffen muß, daß du die +Neunundneunzig verlässest und mein Leben teilst, so trinken wir miteinander +daraus. + + + + * * * * * + + + +Anmerkungen zur Transkription + + Seite 40: »eh, man sich's versehe« wurde geändert in + »eh' man sich's versehe« + Seite 83: »und sie ist erst sachte« wurde geändert in + »und sie erst sachte« + Seite 120: »mir wohlgesinnt und zugetan sein« wurde geändert in + »mir wohlgesinnt und zugetan sei« + Seite 155: »mit großen Augen entgegenlächelten« wurde geändert in + »mit großen Augen entgegenlächeln« + Seite 162: »ich nur zu tun« wurde geändert in »ich hatte nur zu tun« + Seite 192: »Sängerinnnen« wurde geändert in »Sängerinnen« + Seite 198: »So sind sie es also doch gewesen« wurde geändert in + »So sind Sie es also doch gewesen« + Seite 211: »werden ihre Künste verlassen« wurde geändert in + »werden Ihre Künste verlassen« + Seite 245: »nicht so gelegen dasür« wurde geändert in + »nicht so gelegen dafür« + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUDWIG FUGELER*** + + +******* This file should be named 34424-8.txt or 34424-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/3/4/4/2/34424 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre> +<p>Title: Ludwig Fugeler</p> +<p> Roman</p> +<p>Author: Anna Schieber</p> +<p>Release Date: November 23, 2010 [eBook #34424]</p> +<p>Language: German</p> +<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> +<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUDWIG FUGELER***</p> +<p> </p> +<h3 class="center">E-text prepared by Heiko Evermann, Wolfgang Menges,<br /> + and the Online Distributed Proofreading Team<br /> + (http://www.pgdp.net)</h3> +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p> </p> + +<h1>Ludwig Fugeler</h1> + +<p class="title"><span class="big spaced">Roman</span><br /> +<span class="small">von</span><br /> +<span class="big">Anna Schieber</span></p> + +<hr style="width: 20%; margin-top: 3em; margin-bottom: 0em" /> + +<p class="title small" style="margin-top: 0em; margin-bottom: 0em">Erste bis vierzehnte Auflage</p> + +<hr style="width: 20%; margin-top: 0em; margin-bottom: 8em" /> + +<div class="figcenter" style="width: 200px;"> +<img src="images/signet.png" width="200" height="209" alt="Verlags-Signet" title="" /> +</div> + +<hr style="width: 33%; height: 3px; color: black; background-color: black; margin-top: 3em; margin-bottom: 0em" /> + +<p class="title" style="margin-top: 0em; margin-bottom: 2em">Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn<br /> +1918</p> + +<p class="title small" style="margin-top: 2em; margin-bottom: 8em"><span class="antiqua">Copyright by</span> Eugen Salzer, Heilbronn<br /> +Den Einband zeichnete Karl Sigrist</p> + + +<p><span class="initial">I</span>ch muß dir etwas erzählen, liebste Frau, was mir +gestern begegnet ist, und was ich dir gerne mündlich +sagte, wenn du nicht in weiter Ferne am Meeresstrande +säßest, du Ausreißerin.</p> + +<p>Deine braunen Fensterläden sind geschlossen; der +alte Nußbaum klopft mit schwanken Zweigen daran +und fragt, ob du bald kommest.</p> + +<p>Und auch ich frage so. Du weißt, warum. Ich +darf heute nichts davon sagen, ich habe es dir versprochen. +Du sollst Ruhe haben zu allem. Ruhe? +Wenn ich dir diese Blätter schicke?</p> + +<p>Doch ich wollte dir ja etwas erzählen.</p> + +<p>Ich ging mit meinem Freund Haller, den du den +Tolpatsch nennst, gegen die Wilhelmsburg hinauf. +Er hatte das kaffeebraune Sommerröckchen an, das +du ihm längst wegsprechen wolltest, und ging, die eine +Hand in der Tasche, mit der andern lebhaft seine Rede +begleitend, neben mir her. Er ist ein Kind und ein +Weiser zugleich. Du hättest ihn sehen und hören +sollen. Er fand einen aus dem Nest gefallenen +jungen Finken und trug ihn im Taschentuch mit sich, +solang er mir seine Lieblingsidee, die er von Fichte +aufgenommen hat, auseinandersetzte: es gibt nur eine +Tugend, sich selber vergessen, und nur eine Sünde, +sich selber zu wichtig nehmen. Dabei erdrückte er im +Eifer des Gesprächs den Finken und sah, als er es +merkte, bestürzt das Vogelleichlein an. Ich wollte es +<span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">4</a></span>nicht, versicherte er, ich wollte es gewiß nicht tun. +Plötzlich sah ich einen in der Sonne schimmernden +Faden, der an seiner Schulter aufglänzte, und dessen +anderes Ende in der himmlischen Bläue verfestigt zu +sein schien. Er mochte sich drehen oder wenden wie +er wollte, der Faden ging mit ihm, so zart er war, +denn die unsichtbaren Spinnfrauen hatten ihn fest und +zäh gesponnen. Und mich ergriff eine heitere Rührung, +als ich das große Kind so lieblich an das All +gekettet sah. Geh' du nur hin, dachte ich, und stolpere +deinen Gang. Es fliegt doch ein zartes Seelchen +hinter dir drein und leitet dich an einem Silberfaden.</p> + +<p>Aber als ich nach Hause kam, fiel es mir ein: +Kann nicht im Grunde auch ich von einem solch festen +und zarten Gespinst sagen, das mich, mir selbst zum +Trotz manchmal, auf Holper- und Stolperwegen begleitet +hat, ohne zu zerreißen? Ich achtete nicht darauf, +denn ich war in mir selbst befangen und haschte +täppisch nach Scheindingen, die mir in der Hand zergingen, +indes ich das Beste am Wege stehen ließ. +Ich machte weite Umwege und verlor dabei Kostbares, +das ich nicht mehr fand, und beinahe auch mich.</p> + +<p>Und doch zerriß der Faden nicht, der mich mit dem +lebendigen Leben verband. Als ich erwachte und mich +einsam sah, wurde ich seiner gewahr. Da merkte ich, +daß er von guten Händen fest gesponnen sein mußte, +denen man nicht so leicht hinauskommt, um ins Abgründige +und Wesenlose zu fallen. Mit dir werden +sie leichtere Mühe haben, als mit mir.</p> + +<p>Ich habe mich nun entschlossen, dir die Blätter +zu schicken, die ich eigentlich für mich selbst beschrieben +habe. Es war vor deiner Zeit. Ich wußte nicht, ob +<span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">5</a></span>ich sie noch einmal in vertraute Hände legen würde, +als ich an vielen einsamen Abenden mein Leben vor +mir ausbreitete, das zu stocken schien. Bei manchem, +das in der Erinnerung freudig und freundlich zu +mir trat, verweilte ich gern und ausführlich, manches +aber aufzuschreiben fiel mir schwer, wie es einem +schwer wird, im Spiegel mit Aufmerksamkeit sein Gesicht +zu betrachten, wenn man inne wird, daß es von +vorzeitigen Runzeln durchfurcht oder von Flecken +entstellt ist, und vor manchem auch graute mir, daß +es einmal gewesen sei. Da hieß ich meine Feder eilen. +Doch glaube ich, kann ich sagen, daß ich mich davor +gehütet habe, etwas an mir zu beschönigen, oder mich +besser zu machen, als ich war, wenngleich es mich +manchesmal verlangte, daß ein lieber Mensch mir +in die Blätter sähe und zu mir sagte: Du seiest, wie +du wollest, so bin ich dennoch dein und liebe dich.</p> + +<p>Ein solcher, der es sagen würde, war einmal.</p> + +<p>Wird auch jetzt ein solcher zu mir kommen, wenn +du sie gelesen hast?</p> + +<p class="absatz">Ich soll ja nicht fragen. Aber warten, das darf +ich doch?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">6</a></span></p> + +<p><span class="initial">E</span>s war einmal ein Tag, da machte ich die Augen auf +in einem hohen, weiten Raum. Das ist das erste +von allem, dessen ich mich entsinnen kann, es ist mir, +als sei ich damals in die Welt herein geboren worden. +Ich lag auf einer Bank, die eine hohe, geschnitzte +Lehne hatte, und sah mit blinzelnden Augen um mich +und über mich. Es ging hoch hinauf, fast schwindelnd +hoch, und ich spürte auf einmal, daß ich ein klein – +kleinwinziges Büblein und nicht daheim in meiner +Stube sei. Da waren viele steinerne Säulen, die alle +so unmenschlich hoch und groß waren und oben +irgendwie zusammenstrebten. Und da waren Fenster, +durch deren buntfarbiges Glas Ströme von farbigem +Licht in die hohe, dämmerige Halle flossen. Das Licht +floß an den Steinsäulen hin und auf dem Fußboden +weiter und traf auch mich, und auf einmal fing es an, +zu klingen, zuerst hoch und hell, und dann leise und +zart, und dann so mächtig, immer stärker und mächtiger, +daß ich nicht wußte, wo ich hinfliehen sollte, +so mächtig dröhnte und tönte das Licht, das ich noch +nie gesehen hatte. Es tat mir etwas wohl, aber noch +viel weher tat es daneben, und ich tat, was alle Kinder +in der Not ihres erschrockenen Herzleins tun +mögen, ich rief der Mutter.</p> + +<p>Sie hörte es nicht, weil das Getöse so stark war, +da rief ich lauter und lauter und rutschte von der +<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">7</a></span>Bank herunter auf meine Füße und schrie: Mutter, +Mutter!</p> + +<p>Da hörte ich unter das starke Tönen hinein eine +Weiberstimme, die gehörte einer breiten, dicken Gestalt, +die einen Besen führte, und sie rief nach einer +Ecke hin: „Fugelerin, Ihr Bub ist aufgewacht, er +schreit.“</p> + +<p>Gleich darauf tauchte meine Mutter zwischen den +Steinsäulen auf und kam schnell auf mich zu. „Still, +still, Ludwig,“ sagte sie und wischte mir mit einem +trockenen Zipfel ihrer nassen Schürze die Tränen +weg, die mir im ersten Schreck über die Backen gesprungen +waren. Und dann nahm sie mich an der +Hand und führte mich den langen Weg zwischen den +Säulen hindurch bis an einen großen steinernen +Tisch, auf dem eine grüne Decke lag mit silbernen +Fransen, und hieß mich auf die Stufen niedersitzen, +die zu dem Tisch hinaufführten.</p> + +<p>Ein Teppich lag darauf, den streichelte ich mit der +Hand. Er war so weich und dick, wie das graue Fell +unserer Katze daheim, und ich bekam einen halben +Wecken, den die Mutter aus der Tasche zog. Ich +solle jetzt ruhig hinsitzen und auf das schöne Orgelspiel +horchen, sagte die Mutter, und als ich fragte, was +das sei, Orgelspiel, hob sie den Finger in die Höhe +und sagte: „Horch, Büble, da droben kommt's herunter, +dort wo es so silberig glitzert an der Wand. +Dort sitzt ein Mann und spielt, und morgen ist Sonntag, +da sitzt alles voller Leut' in der Kirche, und da +muß er wieder spielen“; dann ging sie, und ich sah sie +dort drüben mit Eimer und Schrubber hantieren, +da konnte mich das Große, Fremde nicht mehr anfechten, +weil ich ihre lebendige Nähe spürte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">8</a></span></p><p>Aber das konnte ich noch nicht verstehen, daß +das Tönen dort oben herunter komme und das Scheinen +zum Fenster herein. Es war beides da, der +Raum war voll davon, und mein Kinderherz war +voll davon, und als ich mit der Mutter heimkam, +da rief ich den beiden Schwestern, die in dem schmalen +Vorgärtlein neben der Haustür saßen und strickten, +entgegen: „Ihr müßt einmal mitgehen, in dem großen +Haus drin ist etwas ganz rot und blau und goldenes, +das schreit so arg.“</p> + +<p>Da lachten sie und staunten, daß ich solche Sprüche +tue, und erzählten es am Abend unserem Mietsmann, +dem Heinrich Kilian, der mit seinen sechzig +Jahren noch Ausläufer in einer Buchhandlung war, +und der immer alles wissen mußte, was ich den Tag +über gesagt und getan hatte. Er hatte mich stark in +sein altes Herz geschlossen, die Freundschaft war aber +gegenseitig.</p> + +<p>Ich meine, mich zu entsinnen, daß ich an jenem +Abend, als die Schwestern um ihn herumstanden +und ihm von meinem Ausflug in die Kirche, in der +meine Mutter zum Reinigen angestellt war, und von +meinem Ausspruch erzählten, – daß ich auf seinen +Knien saß und die rote Nelke hinter seinem Ohr hervorholte +und sie hinter mein eigenes steckte. Er aber +ließ mich reiten, „nach Sachsen, wo die schönen Mädchen +auf Bäumen wachsen,“ und sagte wohlgefällig: +„Ja, ja, du kriegst sie, Herzkäfer, gescheiter,“ und lachte +in seinen Stoppelbart hinein.</p> + +<p>Wenn es nicht an diesem Abend war, so war es +sicher an vielen andern so.</p> + +<p>Denn alles, was schön, erfreulich und begehrenswert +war in dem kleinen Bereich, in dem ich lebte, +<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">9</a></span>das war mein. Ich streckte die Hand darnach aus +und es neigte sich zu mir. Das war eine lange Zeit +hindurch so.</p> + +<p>Die graue Katze gehörte mir, und die Mutter und +die Schwestern und der alte Heinrich Kilian samt +allem, was er in seiner Kammer hatte, und Häuslein +und Garten und darüber hinaus. Das war die +Zeit, da ich im Paradiese lebte, und aß von allen +Bäumen im Garten und wußte noch nichts vom verbotenen +Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. +Es war nichts verboten, und so konnte ich nicht +sündigen.</p> + +<p>Mein Vater starb, als ich noch kein Jahr alt war. +Er hatte mich in seiner Krankheit bei sich im Bett, +wenn er genug Atem hatte, um mich auf seiner Decke +sitzen zu lassen, und ich zupfte mit meinen kleinen +Händen an seinem dichten Bart herum. Damals soll +ich, geht die Sage, ein sehr schönes Kind gewesen +sein mit einem braunen Lockenbusch und dunkelblauen +Augen, und er, der sich immer einen Sohn gewünscht +hatte und ihn nun, da er in so erwünschter Weise +vorhanden war, verlassen mußte, sagte mit seinem +letzten Atemzug: „Lasset mir meinem Büble nichts +geschehen.“</p> + +<p>Das war nun ein heiliges Vermächtnis für die +Mutter und die beiden Schwestern, die vier und sechs +Jahre älter waren als ich, und denen die Lust an +einem hübschen, lebendigen Spielzeug noch ein stärkerer +Antrieb war, mich zu verwöhnen und zu hätscheln, +als das letzte Wort des verstorbenen Mannes, +der an ihnen nie die große Besitzerfreude gehabt +hatte, wie an mir.</p> + +<p>Wir wohnten damals in einem der kleinen Häuslein +<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">10</a></span>„am Graben“, die der Stadt gehörten und von +dieser samt den winzigen Vorgärtchen um ein Billiges +an Taglöhner, Waschfrauen, Flickschuster, Näherinnen +und dergleichen kleine Leute vermietet wurden.</p> + +<p>Es ist mir, als habe dort immer die Sonne geschienen, +und tatsächlich blinkten auch die nach Südosten +gelegenen kleinen Fenster der einstöckigen Häuslein, +die kein Gegenüber hatten, in jedem Morgenstrahl, +der vom Himmel kam; und in den schmalen +Rabatten der Gärtchen hoben, vom ersten Schneeglöckchen +bis zur letzten Aster des Herbstes, den ganzen +Sommer die Blumen der armen Leute ihre Gesichter +dem freundlichen Licht entgegen.</p> + +<p>Salat und Suppenkräuter baute meine Mutter in +ihrem Gärtchen; sie hatte keine Zeit und auch nicht so +recht die Gemütsart, die man braucht, um Blumen +zu ziehen; die Blumen pflegte dafür Heinrich Kilian; +der hatte ein Stücklein des Gartens in Pacht, nicht +viel größer, als meines Vaters schmales Bett auf +dem Kirchhof drüben, und doch groß genug für eine +Fülle der rötesten Nelken. Rote Nelken, das waren +seine Lieblingsblumen, von denen hatte er immer, so +lang sie blühten, eine zwischen den Zähnen oder +hinter dem Ohr, mit ihnen trieb er einen Luxus und +eine Verschwendung, wie sonst mit gar nichts.</p> + +<p>„Kilian,“ sagte meine Mutter manchmal, wenn +sie ihm seine gewaschene und geflickte Wäsche zurückgab, +„Kilian, die Hemden halten nimmer. Ich setze +einen Fleck an den andern, aber was genug ist, ist +genug.“</p> + +<p>„Ja, ja,“ sagte der Kilian, „sie tun's schon noch. +Gut geflickt gibt auch warm. Ich kauf' dann schon +einmal neue, jetzt grad langt das Geld nicht dazu.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">11</a></span></p><p>„Aber zu den teuren Nelkenstöcken, da langt's,“ +eiferte die praktische Frau. Denn er hatte sich wieder +einmal etwas ganz Wunderbares kommen lassen, +etwas ganz Märchenhaftes, nie Dagewesenes von +roten Nelken, das in der Zeitung ausgeschrieben gewesen +war. Er fiel immer damit herein, es war nie +so etwas ganz Besonderes, es wurden eben immer +gewöhnliche rote Nelken, wie von jeher. Aber er +hatte seine große Vorfreude daran, wenn sie Knospen +trieben und die Knospen sich rundeten. „Diesmal +gibt's ganz dicke, ganz große,“ sagte er dann geheimnisvoll.</p> + +<p>Das sagte er auch jetzt, als ihn die Mutter +wegen der Hemden plagte.</p> + +<p>„Ja, ja, und dann sind's wieder dünne, und das +Geld ist draußen, und der Winter kommt, und kein +gutes Hemd ist im Kasten, und das Alter kommt auch.“</p> + +<p>Aber er lächelte bloß und ließ mich auf den +Knien reiten. Und ich schlug mich auf seine Seite +und sagte: „Jawohl gibt es dicke, gelt, Heinrich, es +ist in der Zeitung gestanden?“</p> + +<p>Da seufzte die Mutter nur noch ein wenig und +brummte: „Vier Kinder hab' ich, nicht bloß drei.“ +Aber es hätte ihr eins gefehlt, wenn sie den Heinrich +Kilian nicht mehr zu bemuttern gehabt hätte. Sie +war eine gute, gute Frau. Sie gab alle ihre Kraft +her für die, die sie liebte, sie wollte nichts für sich. +Sie schaffte im Taglohn in guten Bürgerhäusern, +sie wusch und putzte, sie hatte das Kirchenreinigen +und das Schulhausfegen. Sie gehörte einem Heer +von Frauen an, die da mit Kübeln und Besen hantierten. +Sie brachte verschrumpelte Hände mit heim +und in der Tasche das Geld, das unser tägliches Brot +<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">12</a></span>kostete. Und sie saß bis in den späten Abend hinein +bei der Lampe, die einen grünen Blechschild hatte, +und flickte alles, was wir den Tag über zerrissen, +und einmal brachte sie einen Samtrest mit heim, +der aus fünf bis sechs Stücken bestand, und machte +mir ein Anzüglein daraus. Das alles tat sie mit +wenig Worten und mit einem ruhigen, ebenen Gesicht. +Ich glaube, wer nach ihren Augen gesehen +hätte, der hätte viel gefunden. Aber ich weiß jetzt +nur noch von einem einzigenmal, daß ich ganz weit +hinein gesehen habe in diese Augen. Das war spät, +das kommt jetzt noch nicht.</p> + +<p>Als sie das Samtanzüglein genäht hatte, nahm +sie mich den Sonntag drauf an der Hand und ging +mit mir in ein schönes, vornehmes Haus, das war +mitten drin in der Altstadt. Es hatte eine breite, +schwere Tür, daran war ein großer eiserner Kopf +von irgend einem Ungetüm, der hatte einen dicken +Ring im Maul.</p> + +<p>Daneben hing ein Glockenzug, der hatte einen +Griff von einer Schlange, die eine lange Zunge +herausstreckte. Und die Mutter hob mich auf und +ließ mich daran ziehen. Da ging die Tür von +innen auf und wir traten in eine Halle, darin war +ein grünes Licht, das kam vom Garten herein, zu +dem hin eine Pforte offen stand, und wir stiegen +eine breite, dunkle Treppe hinauf, die ein geschnitztes +Geländer hatte, und kamen in einen weiten Raum, +an dem viele Türen lagen, und von dessen Wänden +gemalte Männer und Frauen auf uns niedersahen. +Ich hielt mich fest an der Hand der Mutter, denn +unsere Schritte hallten in dem hohen Raum, der mit +einem buntfarbigen Steinmuster gepflastert war, und +<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">13</a></span>es war kühl und groß und dämmerig da. Da ging eine +Tür auf, es fiel helles Sonnenlicht auf die Steine +des Pflasters, und in dem Sonnenlicht stand ein +schöner alter Herr. Er hatte einen Sammetkittel an, +darauf fiel ein langer, silberiger Bart hinunter, +und seine vollen Locken schimmerten auch silberig, und +er rief: „Aha, da haben wir ja das Zaunköniglein! +Grüß Sie Gott, Frau Fugeler. So, so, das ist recht, +wollen Sie nur gefälligst hereinspazieren!“ Er hatte +ein so lachendes, helles, heiteres Gesicht, daß ich ihn +immer ansehen mußte, auch als wir in dem Saal +waren, in den er uns führte, er war das Hellste von +allem. Zwar die Sonne fiel durch hohe Fenster +herein, und auf dem Boden lag ein Teppich voll +glühender Blumen, und an den Wänden hingen Bilder: +Äpfel und Birnen und Trauben, die aussahen, +als ob sie zum Essen wären, eine Wiese mit lauter +durchsonnten, roten und blauen Blumen, ein Blütenbaum +mit weißschimmernden Ästen. Aber der alte +Herr war doch noch heller als das alles.</p> + +<p>Ich starrte ihn unverwandt an. Da sagte er +lachend: „Was ist, kleiner Zaunkönig, was guckst du +so?“ Und ich wurde dunkelrot und sagte aus der +Mutter Schürze heraus, in die ich meinen Kopf +gesteckt hatte, vor plötzlicher Verlegenheit: „Das da +ist so glänzig.“ Ich deutete auf seinen Kopf. Da +brach er in ein helles Lachen aus und ließ mich +kleinen Buben in seinen Armen durch die Luft fliegen, +ganz hoch hinauf gegen die Decke hin, auf der in +hoher Arbeit ein Walfisch war, der den Propheten +Jonas ans Land warf.</p> + +<p>Und meine Mutter saß da und hatte noch nichts +gesagt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">14</a></span></p><p>„Ja also, Frau Fugeler,“ sagte der alte Herr, +„ich brauche so ein paar kleine Buben für mein +großes Altarbild. Der da gibt schon so einen Engelsbuben +mit seinen Locken und seinem Gesichtlein. +Ziehen Sie ihn nur einmal aus, ich möchte ihn einmal +in seiner ganzen Herrlichkeit durch die Stube +springen lassen.“</p> + +<p>„Wieso denn ausziehen?“ fragte meine Mutter. +„Ich hab' ihm extra ein besseres Gewändlein gemacht, +daß er sich sehen lassen kann. Das Hemdlein, +das ist nicht mehr neu, ich muß ihm die alten anziehen, +von den Mädchen her.“</p> + +<p>„Ja, daß wir einander recht verstehen, Frau +Fugeler, der Bub soll ja gar nichts anhaben. Das +muß sein wie im Paradies, wie in seligen Welten, +wo niemand sich verhüllen und vor dem andern verstecken +muß. Das muß sein, wie wir alle wären, +wenn wir geblieben wären, wie in der Kindheit: +schön, wahrhaftig, lachend, fromm und gesund.“</p> + +<p>Die Mutter schüttelte den Kopf. „Ich bin ein einfaches +Weib, Herr Professor, es mag schon recht sein, +wie Sie's meinen, aber ich versteh' das nicht so. Mein +Mann tät's nicht leiden, wenn er's wüßte, daß Sie +den Buben so nackend vor aller Welt hinstellen +wollen, und ich leid's auch nicht.“</p> + +<p>Der alte Herr trommelte mit den Fingern auf +die Fensterscheiben und sah eine Weile in den Garten +hinaus. Dann rief er hinunter: „Maidi, komm +einmal herauf.“ Und gleich darauf wurde ein leichter +Tritt draußen hörbar, und ein kleines Mädchen kam +herein. Es hatte ein weiß und rotes Gesichtlein +und hatte ein blaues Kleid an, auf das zwei hellglänzende +Zöpfe niederhingen, und alles an ihm +<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">15</a></span>wippte und lachte. „Maidi, nimm einmal das Büblein +eine Weile mit dir in den Garten,“ sagte der alte +Herr, „du kannst ihm Kirschen geben und mit ihm +spielen.“</p> + +<p>„Ja, Großpapa,“ sagte Maidi, „er kann mein +Bräutigam sein, wir spielen Hochzeiterles.“</p> + +<p>„Wer ist das: wir?“</p> + +<p>„Ach,“ sagte Maidi, „die andern, die hab' ich mir +bloß so dazu gedacht, die Brautfräulein und alle. +Sie haben weiße Kleider mit Schleppen und tragen +Kränze und Lichter.“</p> + +<p>„So, so, ja, dann tut das nur,“ sagte der Großvater +und schob uns zwei zur Türe hinaus.</p> + +<p>„So,“ sagte Maidi, „jetzt mußt du der Bräutigam +sein.“ Wir waren in eine grüne, blühende Welt +eingetreten. Große, schattige Bäume wölbten sich +über unsern Häuptern, üppiges Buschwerk neigte sich +über die Steige hin und machte sie eng und schmal, +Beete waren da voll dunkelblauer Iris und flammender +Feuerlilien, ein Rondell aus lauter Rosen; +es schlug eine große, schwere Welle von Duft und +Farben und Schönheit über dem kleinen Buben zusammen, +der willenlos und wie im Traum tat, was +das Mädchen ihn hieß.</p> + +<p>„Du mußt mich jetzt am Arm führen,“ sagte +Maidi, „und mußt sehr aufpassen, daß du mir meinen +Schleier nicht zerdrückst. Und da vornen, an der +Laube, das Bänkchen, das muß die Kirche sein, da +brennen Lichter, viele,“ sie sprang voraus und pflückte +von dem Schutthaufen hinten in der Ecke einige +von den Samenkugeln des Löwenzahns, die dort +standen, und steckte sie in die Bretterspalten des +Bänkchens. „So, jetzt – nein, jetzt mußt du der +<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">16</a></span>Pfarrer sein, ich kann schon eine Weile denken, daß +der Bräutigam da steht.“</p> + +<p>Aber ich konnte nicht so spielen, ich war ein +wenig steif und dumm und stellte mich ungeschickt +an, da schlug sie vor, daß wir nun essen müßten, +und dazu war ich vielleicht eher zu gebrauchen. Wir +traten in die Laube ein, da stand ein weißglänzendes, +geflochtenes Körbchen voll großer brauner Kirschen, +und wir fingen an, zu schmausen. Aber Maidi hängte +mir zuerst noch Zwillingskirschen an die Ohren und +steckte mir ein kleines Zweiglein mit Laub und Kirschen +dran in die schöne, steife Schleife, die mir meine +Mutter am Hals zugebunden hatte zum Schmuck des +Samtanzügleins. Dann durfte ich essen. Mir war +so seltsam wohl, wie noch nie. Und in diesem +Wohlsein, in der grünen, farbigen Welt, die über +uns beiden Kindern zusammenschlug, kam mich das +Reden an. Ich erzählte Maidi, daß wir auch einen +Garten haben, der gehöre mir, und er sei ganz voll +roter Nelken, und daß ich eine Katze habe, wenn man +die vom Schwanz an aufwärts streichle, so schlage sie +Funken. Sie habe ganz grüne Augen, damit könne +sie bei Nacht sehen, und im Dunkeln seien sie wie +glühende Kohlen. Da staunte Maidi und wollte +brennend gern das alles auch sehen. Und ich sagte, +daß ich auch noch den Heinrich Kilian habe, der gehöre +mir ganz allein, und er könne wunderschön +auf der Mundharfe blasen, da kommen abends alle +Leute vor ihre Türen und horchen, und der Heinrich +Kilian habe in der Stadt drinnen ein großes Haus +ganz voll mit Büchern.</p> + +<p>So tat ich dem kleinen Mädchen, in dessen wundersamer +Welt ich einen kurzen Augenblick zu Gaste +<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">17</a></span>war, meine eigene Welt auf, die ihr vom Hörensagen +vorkam, wie ein Königreich und sie mit einem Verlangen +füllte, das nicht gestillt werden konnte, weil +es alles im Tageslicht draußen anders aussah, als +hier in der grüngoldenen Dämmerung des Gartens +und des Kinderherzens. Aber das wußte ich jetzt +selber nicht.</p> + +<p>„Mama, Mama!“ rief Maidi und flog auf eine +Frau zu, die den gelben Sandweg des Gartens +herunterkam. Sie trug ein langes, dünnes, weißes +Kleid und hatte einen sonnigen Schein um den Kopf +aus lauter krausen, blonden Haaren, und trug auf den +Armen ein kleines Kindlein.</p> + +<p>„Mama, es ist noch viel schöner bei ihm. Sie +haben rings herum alles ganz voll roter Blumen, und +eine Katze geht herum und gibt Funken und hat +Augen wie glühende Kohlen, und ein Mann ist dabei, +der macht immerfort Musik. Und alle Leute stehen +außen am Garten herum und horchen.“</p> + +<p>Die junge Frau lächelte gut und fein. Sie hatte +den Auftrag, mich zu meiner Mutter zu holen, die +außen auf der Straße auf mich wartete. Sie kannte +unser armes Häuslein und Gärtchen und unsere +kleine Welt wohl, aber sie wollte nicht an unser beider +Seligsein rühren. Sie sagte nur: „Das wirst du alles +einmal sehen, Maidi. Aber jetzt müssen wir bei dem +kleinen Bruder bleiben, das weißt du ja. Und der +Ludwig muß jetzt zu seiner Mutter gehen, komm, zeig' +ihm den Weg durch das grüne Pförtchen. Er ist +ihr Bub, und du bist mein Maidi.“ Da tat sich +hinter mir die Pforte wieder zu. Auf der Schwelle +sah ich noch einmal den Weg hinunter und sah die +schöne Frau mit dem Kindlein im Grünen stehen, +<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">18</a></span>und sah Maidi wie einen Schmetterling auf sie zufliegen +und hörte ihren lachenden Ruf: „Mama, ich +habe gesagt, wir kommen dann einmal alle. Wenn +der Bubi laufen kann, dann.“</p> + +<p>Da stand ich auf der Straße und sah nur noch die +grünen Baumkronen oben über die hohen Gartenmauern +herausgrüßen, und sah meine Mutter, die +ein Stück weiter unten vor der Haustür auf mich +wartete. Sie nahm mich fest und ein wenig hart bei +der Hand und machte fast zu große Schritte für mich +kleinen Buben, als wir wieder unsrem Hause zugingen.</p> + +<p>„Mutter, wer ist der schöne, alte Herr? Mutter, +was hat er gesagt?“ fing ich an. Aber sie war nicht +zum Reden aufgelegt. Der alte Herr war ärgerlich +geworden, als sie ihm ihren steifen, ungelenkigen +Widerstand entgegenhielt. Es waren Funken aus +seinen gütevollen blauen Augen gefahren, und die +junge Frau war aus dem Nebenzimmer herein +gekommen und hatte vermitteln müssen. Er hatte +geschimpft und gewettert, daß nirgends mehr Natur +sei, Einfachheit, Selbstverständlichkeit. So gottverlassen +seien die Menschen, daß sie sich der Glieder +schämen, die ihre Kinder in ihrer unschuldigen +Pracht mit sich herumtragen.</p> + +<p>Dabei war die Mutter immer stummer geworden. +Sie konnte nicht dafür, es war ihre Art so. +Sie konnte nicht mehr umlenken, wenn sie sich irgendwo +festgefahren hatte, auch wenn sie wollte nicht. Sie +blieb dabei: „Nackend lass' ich den Buben auf kein +Bild, und gar in einer Kirche. Ich versteh's nicht +besser, so kommt mir's recht vor.“</p> + +<p>Damit ging sie, es half alles nichts.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">19</a></span></p><p>Sie tat mir das Samtkittelchen aus, als wir +daheim waren und ließ mich in Hemdsärmeln auf +die Gasse springen. Und ich hörte noch, wie sie zum +Heinrich Kilian sagte: „Die Vornehmen sollen mir +vom Leib bleiben. Alles drehen sie um und um in +einem. Ich versteh's nicht; er ist sonst ein guter Herr, +der Herr Professor, und nicht unrecht. Aber im +Himmel die seligen Leut' haben doch auch Kleider an, +steht in der Bibel. Brav soll er werden und recht, +der Bub, sonst nichts. Ich kann nicht draus hinaus, +wir haben's bei uns immer so gehabt.“</p> + +<p>So ungefähr sagte die Mutter damals. Ich aber +stand mitten auf der Gasse und sah das Gärtchen +an, das winzige, schmale, und das niedrige Häuslein, +dem das steile Dach so tief über den einzigen Wohnstock +herunterhing, daß es aussah, wie ein Mensch, +dem der Hut in die Stirne gerutscht ist. Und mich +überkam ein kleines, dummes Leiden und ein Zorn, +daß es alles nicht so schön sei, wie ich es vorhin der +Maidi beschrieben hatte, und wie es auch in meinem +kleinen Bubenherzen gewesen war. Da ging ich ins +Haus zurück und setzte mich auf die Schwelle, die von +der Wohnstube in den Alkoven führte, in dem ich mit +der Mutter schlief, und fing an, laut hinauszubrüllen, +denn ich wußte mir nicht anders zu helfen. Und sie +kamen alle zusammen, die Schwestern, der Heinrich +Kilian und die Mutter, und fragten, was mir sei. +Aber die Mutter sagte: „Lasset ihn nur, er hat's wie +ich, er ist aus dem Gleis gekommen.“ Da fing sie +sachte an, mich auszuziehen und wickelte mich in den +alten, grauen, wollenen Schal, der für alle Schäden +gut war, und legte mich in ihr großes Bett, und ich +spürte ihre guten, hartgeschafften Hände und roch den +<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">20</a></span>Duft von dem Strohblumenkranz, der um des Vaters +Bild gelegt war, gerade über meinem Kopf. Da hüllte +mich das Heimatliche wieder warm und gewohnt ein, +und ich schlief in den andern Tag hinüber. Denn es +war noch ein Leiden, das man verschlafen konnte.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Aber nach dem alten Herrn hatte ich hie und da +ein Verlangen. Nicht nach Maidi und nicht nach +ihrer feinen, weißen Mutter. Ja, ich hatte manchmal +eine plötzliche Angst, sie könnten kommen und +sehen wollen, was ich Maidi beschrieben hatte und +was doch nicht so war, und ich müßte mich dann +verkriechen in hilfloser Scham. Dann vergaß ich sie +nach und nach, und eines Tages stand ich plötzlich +vor dem alten Herrn. Es war in einer engen Gasse +zwischen hohen Häusern, die sich oben fast zusammenneigten.</p> + +<p>Da schritt er fest und rasch daher und war +wieder das Hellste von allem.</p> + +<p>Ich trug ein neues Ränzlein auf dem Rücken, +darin klapperte und rasselte es von Tafel und Griffelrohr, +die es bis jetzt noch allein bewohnten, und +kam in einem blauen Anzüglein, das mir die Mutter +aus einer Arbeitsbluse vom Vater gemacht hatte, +gerade aus der Schule, in die ich erst seit Tagen +ging. Woher er gekommen war, wußte ich nicht. +Vermutlich aus einem der alten Häuser. Er trug +den Hut in der Hand und sah beim Gehen links +und rechts an den Häusern hinauf, es war aber +nichts zu sehen, als alte Giebel und einige Blumenbretter +und Taubenschläge und so altes Zeug; aber +mich sah er nicht und wollte grad an mir vorbeischreiten. +Da griff ich, weil das nicht sein durfte, +<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">21</a></span>schnell nach seinem Samtkittel und hielt ihn daran +fest und erschrak erst, als ich es getan hatte, über +meine eigene Keckheit, denn zuvor hatte ich nichts +gedacht, nur gespürt, daß er mir nicht so entschwinden +durfte.</p> + +<p>„Oho, du Stumper,“ sagte der alte Herr, der +solchergestalt mit seinen Gedanken auf die Straße +heruntergezogen worden war, und sah mir in das +Gesicht, das in großer Verlegenheit erglühte, „was +gibt's?“ Und ich freches Mücklein hätte mich gern +verkrochen, aber ich konnte nicht.</p> + +<p>Da fiel ihm auf einmal ein, wo er mich schon +gesehen hatte, und er sagte: „Ja, ja, ja, das ist ja der +Maidi ihr Bräutigam, den man nicht abmalen +durfte.“ Und wie es ihm so gerade durch den Kopf +ging, sagte er: „Weißt du was? Willst du was sehen? +Komm einmal mit mir. Sag einen schönen Gruß an +deine Mutter und ich hätte dir etwas gezeigt.“</p> + +<p>Damit nahm er mich an der Hand und machte +lange Schritte, und ich kleiner Schulbub rasselte +mit meinem Ränzlein neben ihm her und konnte es +fast nicht erschreiten, bis wir an ein großes, kahles +Haus kamen und etliche Treppen erstiegen. Da traten +wir in einen hellen Raum ein und waren beide ganz +still. Denn was da drinnen war, das redete mit uns. +Da saß die blonde junge Frau, Maidis Mutter, auf +einem kleinen Grashügelchen, ganz im Grünen, aber +sie hatte andere Kleider an, als man bei uns hatte, +etwas wie einen großen Mantel, der sie und das +Kindlein, das sie auf dem Schoß hatte, ganz einhüllte. +Und irgendwo kam Sonne her, die war im +Haar und im Mantel und in den Gesichtern, da wurden +sie ganz glänzend und ganz fremd und froh.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">22</a></span></p><p>Aber von beiden Seiten her kamen kleine Buben +mit lustigen kurzen Flügeln, die ihnen am Rücken +herauswuchsen, die trugen Blumensträuße und Kirschen, +und einer schleppte ein Vöglein herbei, das +ihm davonfliegen wollte, und einer ein schneeweißes +Häschen. Das brachten sie alles der schönen, schönen +Frau und ihrem Kindlein. Sie hatten keine Kleider +an, aber sie kamen mir auch nicht vor, wie rechte +Buben, solche, mit denen ich auf der Gasse spielte, +sie waren anders. Es war alles eine ganze Welt +für sich auf einem großen Bilde, das lebte und blühte +und rührte sich doch nicht.</p> + +<p>Da streifte mich eine große, fremde Schönheit +und strich mir über die Augen, daß sie wie in ein +Wunder hineinsahen. Und ich stand ganz still und +rührte mich nicht und atmete kaum. Das weiß ich alles +noch, als ob es erst geschehen wäre. Auf einmal +mußte ich aufsehen, es zwang mich etwas dazu. +Da sah ich, wie der alte Herr seine Augen auf mir +liegen hatte, voller Güte und wie in einer großen +Bewegung, die mochte ihm mein stummes Andächtigsein +geschaffen haben. Und er hob mich ganz +sachte mit seinen Händen empor und küßte mich auf +den Mund. Dann stellte er mich wieder auf den Boden +und sagte: „So, jetzt gehst du heim zu deiner +Mutter. Grüß' sie. Findest du den Weg? Behüt +dich Gott.“</p> + +<p>Ja, den Weg fand ich schon, meine Füße fanden +ihn von selber, denn ich ging wie in Träumen.</p> + +<p>Da sah die Schönheit in mein Kinderleben herein +und sagte: „Ich bin. Suche mich, kenne mich, liebe +mich. Ich bin Wahrheit und Güte, Farbe, Licht und +Glanz. Ich bin in allem und auch in dir.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">23</a></span></p><p>Aber ich konnte es nicht recht erzählen, als ich +nach Hause kam.</p> + +<p>Doch war es der Mutter recht, daß der Herr +Professor scheint's nicht mehr böse sei. „Denn sonst +hätt' er dich nicht mitgenommen, denk ich,“ sagte sie.</p> + +<p>Aber daß er mich geküßt hatte, das behielt ich +für mich.</p> + +<p>Bei uns daheim küßte man einander nicht. Auch +mich nicht, so gut ich es sonst hatte.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Eines Tags wurde Lotte Wolf unsere Nachbarin; +ich konnte froh sein, daß sie es wurde.</p> + +<p>Sie war groß und dunkelhaarig; es dauerte nicht +lange, bis sie auch zu meinen Besitztümern gehörte. +Als sie am ersten Abend nach ihrem Einzug eine Weile +unter der niedrigen Haustür stand und auf die grünen +Bäume der Au hinübersah, da wunderte ich mich, daß +sie da drinnen in dem Häuschen Platz haben sollte. Es +schien mir niedriger zu sein als alle andern, weil +sie so groß und hoch war. Sie trug eine blaue +Bluse und eine weiße Schürze und hatte den Hals +frei, daran hing ein dünnes Silberkettlein mit einem +Herzchen. Es zog mich mächtig zu ihr hin, aber ich +wußte nicht, was ich sagen sollte; ich beschrieb aber +immer engere Kreise um sie her. Da sah sie mich +und lachte mich an und sagte: „Komm her, Kleiner, +wie heißt du?“ Ich sagte, daß ich Ludwig Fugeler +heiße, und daß das Haus da drüben mir gehöre, und +daß ich viele rote Nelken habe. Da sagte sie, ich solle +ihr eine davon holen, die wolle sie an ihre Bluse +stecken und dafür wolle sie mir etwas Schönes zeigen. +Ich rannte hinüber und pflückte einen ganzen Strauß +von den Blumen, die mir seither nur zum Ansehen +<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">24</a></span>gehört hatten, und brachte sie ihr, die mich zum Dank +mit ihrer großen, festen Hand an meinem Lockenwald +packte und ein wenig zauste. Da wurde ich heiß und +rot vor Glück und Stolz, und sie nahm mich mit in +ihr Häuslein hinein, daß, wie die andern alle, eine +Stube mit einem Alkoven und zwei Kammern hatte.</p> + +<p>Das Schöne, das sie mir zeigen wollte, stand +auf der glänzend polierten Kommode und war ein +ausgestopftes Eichhorn, das blanke Äuglein und spitze +weiße Zähne hatte. Es saß auf einem bemoosten +Baumast und hatte eine Nuß zwischen den Vorderpfötchen, +und Lotte sagte, sie wolle mir einmal die +ganze Geschichte des Eichhorns erzählen, das Mux +geheißen habe und fast gescheiter als ein Mensch +gewesen sei. Sie sei aber sehr traurig und ob +ich gerne traurige Geschichten höre? Das wußte ich +aber nicht, denn bis jetzt hatte mir niemand Geschichten +erzählt, und ich entdeckte auch in diesem +Augenblick noch etwas anderes, das mich stark interessierte. +Das war eine alte Frau, die neben dem Ofen +in einem mächtig hohen Lehnstuhl saß und immerfort +mit dem Kopf zitterte. Sie hatte eine breite weiße +Binde um die Stirn gelegt, und unter der Binde +sahen ein paar dunkle Augen hervor und zu mir +herüber, und ich bekam auf einmal Angst vor diesem +Menschenwesen und wollte mich aus der Stube machen. +Da nahm mich Lotte bei der Hand und führte +mich zu ihrer Mutter hin. Denn das sei ihre Mutter, +sagte sie, und sie müsse immer im Lehnstuhl sitzen, +sie könne gar nicht von selber aufstehen. Ja, nun +sah ich es, sie zitterte mit den Händen und den +Füßen ganz ebenso, wie mit dem Kopf, sie zitterte +am ganzen Körper, das sah unheimlich aus. Aber +<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">25</a></span>als sie anfing zu sprechen, da war es gleich anders. +Da hatte sie einen so freundlichen Mund und so +freundliche Augen, daß meine ganze Angst verging. +Sie sagte, wenn wir nun Nachbarsleute seien, so +müsse ich fleißig zu ihr kommen, und sie habe auch +ein Buch mit Bildern, das wolle sie mir zeigen, und +ob ich keine Geschwister habe? Da sagte ich zuerst +nein, denn die Schwestern waren immer wie etwas +anderes, wie Kindermädchen oder Pflegemütter, und +sie hatten auch eine jede ein Haus, für das sie Ausgänge +zu machen hatten und spielten fast nie auf der +Straße oder ums Haus herum. Aber dann besann +ich mich und sagte, daß ich doch Geschwister habe, +zwei, es seien aber bloß große Schwestern. Und +Frau Wolf sagte, das müsse ich nie vergessen, daß +ich große Schwestern habe. Auch später nicht, wenn +ich ein Mann sei, denn es gebe sonst fast niemand, +die Mütter ausgenommen, der so getreulich für die +Brüder sei, wie ältere Schwestern, die gehen durch +dick und dünn mit ihnen.</p> + +<p>„Mutter, das versteht er ja noch nicht,“ sagte +Lotte, und die alte Frau wackelte mit dem Kopf und +sah mich freundlich an, und schwieg. Und ich erfuhr +es erst später, daß sie einen einzigen Bruder habe, +der ein großer Herr geworden sei und nichts mehr +von ihr wissen wolle. „Aber,“ sagte Lotte, als sie +das meiner Mutter erzählte, „das mag er halten, +wie er will. Ich kann meine Mutter gut erhalten, +und das tue ich auch.“ Dabei streckte sie den einen +bloßen Arm mit dem heißen Bügelstahl, den sie in der +Hand hatte, wagrecht hinaus und ich dachte, sie sehe +der Germania gleich, die oben auf dem Kriegerdenkmal +auf dem Friedhof stand, nur daß die Germania +<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">26</a></span>einen Kranz ausstreckte und Lotte einen Bügelstahl. +Aber für Lotte paßte ein Bügelstahl besser, denn +eben damit erhielt sie ihre Mutter.</p> + +<p>Sie stand den ganzen Tag am Bügelbrett, und +um sie herum häufte sich die weißeste Wäsche; sie +hatte immer eine schneeweiße Schürze an und eine +Bluse mit kurzen Ärmeln und regierte das heiße +Eisen, daß es blitzend hin und her fuhr und alles +sich glättete, was sie unter die Hand bekam.</p> + +<p>An schönen Sommertagen, wenn drinnen in +der Küche der kleine Bügelofen glühte und seine +Hitze mit der zitternd warmen Sommerluft vermischte, +stand sie wohl draußen unter dem Vordach aus +Sackleinwand, das sie sich selber aufgespannt hatte. +Dann hingen an den Latten des Zaunes gebügelte +weiße Unterröcke und rosenfarbige und blaue Kleider +und führten, wenn ein Lüftchen zwischen ihnen hinstrich, +für sich selbst ein Tänzchen auf, als wollten +sie sich auf den Sonntag einüben, wo sie sich um +junge, warme Glieder schmiegen würden, drunten +in der Au und wo ihre Falten und Spitzen noch +ganz anders hin und her geschwenkt werden würden +als jetzt, nach den Klängen einer guten Blechmusik +und in den Armen der stattlichen Grenadiere und +Pioniere. Denn die schöne Lotte hatte zu ihrer Kundschaft +nicht die großen, feinen Häuser in der Stadt, die, +wenn sie tanzgelüstig wurden, sich selber aufspielen +lassen konnten, sondern das hart verdienende, arbeitsame +Völkchen der Fabrikmädchen, der Verkäuferinnen +in den Warenhäusern und was so junges, lebenslustiges +Geziefer mehr war. Es kamen auch ledige +Herren zu ihr, die ihre Wäschepäckchen selber unter +dem Arm trugen und am Samstagabend selber +<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">27</a></span>wieder abholten. Darunter waren solche, die ich leiden +konnte, und solche, die mir unausstehlich waren. +Einige stellten sich zu Lotte ans Bügelbrett und +sahen zu, als ob sie demnächst ihre Hemden selber +bügeln wollten und ihnen nur noch die letzte Feile +zu der Kunst fehlte, und dann begannen sie allerlei +Gespräche mit ihr. Aber manche machten dumme +Späße und versuchten Lotte in die bloßen Arme +zu kneifen, da fuhr ich wütend dazwischen, denn das +durften sie nicht, da Lotte mir gehörte und ich sie, +wenn ich groß war, heiraten wollte. Lotte aber +zupfte mich leise am Haar, daß ich still sein sollte +und sagte: „Laß nur, Ludwig, ich wehre mich schon +selber,“ und holte sich einen frischen Bügelstahl, den +schwenkte sie ein paarmal hin und her, da sah sie +wieder aus, wie die Germania, und ihr Gesicht war +ernst und schön, aber zu dem Kecken sagte sie gar +nichts. Da sah der meist ein bißchen dumm aus und +machte, daß er fort kam. Das war mir recht, denn +es war mir am wohlsten, wenn wir drei allein waren. +Bei mir zuhause war oft den ganzen Nachmittag niemand +daheim, da wurde das Häuschen der beiden +Frauen meine zweite Heimat, und ich dünkte mich +König darin zu sein. Aber eines Abends kam ich so +gegen Dunkelwerden hinüber. Man hatte mir heut +bei Tag meine Locken abgeschnitten, weil ich nun doch +zu groß dafür wurde, und weil mich die Buben +soviel damit neckten, und ich fühlte mich erwachsener +als je dadurch, aber es fror mich auch irgendwie, +und ich wollte mich bei meinen Freunden wärmen. +Da sah ich, als ich in die Stube trat, einen jungen +Mann, den ich immer gern hatte leiden mögen, weil +er so still und bescheiden kam und ging und nie viel +<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">28</a></span>sagte. Der hatte seinen Arm um die schöne Lotte geschlungen +und sah sie leuchtend an, und sie wehrte +sich gar nicht, sondern stand ganz still und sah ihn +auch so an, und das Bügeleisen stand mitten auf +einer Bluse, es roch auch schon verdächtig. Ich +blieb an der Türe stehen und wußte gar nicht, was +beginnen, es ging ein Schmerz und Zorn und ein +Schrecken durch mich durch. Da sahen sie mich und +lächelten und winkten mir mit den Augen, daß ich +näher treten solle, und Lotte nahm das Bügeleisen +und stellte es an seinen Platz. Aber ich rührte +mich nicht von der Stelle und wäre nur gern wieder +draußen gewesen, weil ich das nicht sehen konnte, +daß sie der fremde Mensch umschlungen hielt.</p> + +<p>Da sahen sie meine Not und Lotte machte sich +los und kam zu mir her und sagte: „Siehst du, Ludwig, +das ist mein Bräutigam. Jetzt gerade vorhin +habe ich mich ihm versprochen. Gib ihm eine Hand, +er heißt Friedrich Meister, ihr müsset nun auch +Freunde sein.“ Aber ich gab ihm keine Hand. Wie +konnte ich ihm die Hand geben, wenn er nur so +da herein kam und alles störte, was bisher war +und wenn er Lotte um den Hals faßte? Da sagte die +alte Mutter aus ihrem Lehnstuhl heraus: „Gehet +ihr beiden nur ein bißchen spazieren, das wird euch +gut tun. Der Ludwig bleibt bei mir, gelt, Ludwig?“</p> + +<p>Und ich setzte mich auf den niedrigen Schemel zu +ihren Füßen und legte meinen geschorenen Kopf an +ihre Knie und spürte, wie sie fortwährend zitterten. +Das Brautpaar ging hinaus, und wir blieben +allein, und die alte Frau sagte, als ob sie mich durch +und durch sehen könnte: „Ja, lieber Bub, das kommt +uns beiden sonderbar vor, daß uns der Friedrich +<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">29</a></span>unsere Lotte nimmt, gelt? Aber weißt du, er nimmt +sie nicht fort, er läßt sie da und bleibt auch dabei, +und so haben wir sie alle beide.“</p> + +<p>Aber ich schüttelte meinen Kopf in ihre Zudecke +hinein und sagte da heraus: „Er soll sie nicht in den +Arm nehmen, sie gehört mir. Sie hat es gesagt, daß +sie mir gehört.“ Und dann sah ich auf, ob sie keinen +Rat wisse.</p> + +<p>Da lagen ihre alten Augen gut und warm +auf mir, und sie sagte: „O Büblein, wo will das hinaus +mit deinem heißen Herzen? Sieh, wir können +nicht alles für uns allein haben, was gut ist und +schön und was wir lieb haben. Du verstehst es noch +nicht, aber du mußt es noch lernen. Das kommt +noch oft. Komm, komm,“ und sie streichelte mich mit +ihren zittrigen Händen und sagte: „Es wird schöner, +als du denkst. Was meinst du, mir hat die Lotte +auch gehört, schon lang vor dir, schon als sie noch +ganz klein war.“ Da mußte ich sie ansehen, wie sie +so gut und so gelassen in ihrem Stuhl saß und ich +dachte, ich müsse sie lieb haben, weil sie so arm sei +und packte sie plötzlich mit beiden Händen an den +Armen. Das tat weh, das durfte man nicht. Sie +zuckte zusammen und preßte die Lippen aufeinander, +und ich schämte mich, daß ich so ungestüm war. Aber +sie lächelte mich an und sagte: „Ich versteh's schon, +Ludwig, du meinst es gut. Sei nur ruhig, sei +nur still. Komm, ich erzähl' dir was, weil wir grad +so schön beisammen sind.“ Da erzählte sie mir die +Geschichte von dem ausgestopften Eichhörnchen. Die +hieß etwa so:</p> + +<p>„Es ist einmal gewesen, schon lang, als die +Lotte noch nicht viel größer war als du, da haben +<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">30</a></span>wir, mein Mann und das Kind und ich, droben an +der steilen Steige gewohnt in dem Bahnwärterhaus, +denn mein Mann ist ein Bahnwärter gewesen. +Da haben wir eine gute Zeit gehabt, sag' ich dir. +Da bin ich noch grad gewesen und aufrecht und stark. +Ja ja, guck nur, ich bin erst seit der bösen Krankheit +so, so elend. Der Mann, so gut und immer vergnügt, +es sei ein Wetter gewesen, was es für eins wolle. +Eine Stimme wie eine Amsel hat er gehabt und immer +die Mundharfe in der Tasche. Wenn er die +Strecke abgeschritten ist, hat er immer geharft dabei, +und am Abend daheim gesungen auf dem Bänklein +vor der Tür, und unsern Garten geschafft, es hat +kein fürwitziges Gräslein drin sein dürfen. Solche +rosa Pfingstnelken, dünkt mich, habe es sonst nirgends +gegeben. Einen Nußbaum haben wir gehabt, der +hat ein ganzes Dach über unser Häuslein gebreitet, +und gleich dahinter hat der Wald angefangen.</p> + +<p>Ja, lieber Bub.</p> + +<p>Da sitzen wir einmal an einem Sonntagabend +um den Tisch. Alle drei. Das Fenster steht offen +und die Lotte sagt: ‚Vater, blas' eins. Blas': Brüder, +Brüder, wir ziehen in den Krieg‘. Denn +er ist ein alter Soldat gewesen und hätt' gern einen +Buben gehabt, der auch einmal Soldat würde, und +hat der Lotte immer vom Militär erzählt. Das ist ihr +Leben gewesen. Da zieht er die Mundharfe heraus +und bläst eins ums andere, und auf einmal legt +Lotte ihre Hand auf meinen Arm und sagt leise: ‚Da +sieh' hin‘. Da sitzt auf dem Fenstersims ein Eichhörnchen +und guckt mit seinen schwarzen Äuglein +zu uns her und horcht auf die Musik. Denn darauf +sind sie aus, das lieben sie.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">31</a></span></p><p>Wir sind ganz still gewesen, um es nicht zu verscheuchen, +und es ist erst wieder fortgesprungen, als +mein Mann das Blasen einstellte und die Mundharfe +auf den Tisch legte. Von da an ist es oft gekommen, +immer öfter. Es ist noch ein ganz junges gewesen, +und es ist nach und nach ganz zahm geworden. +Die Lotte hat ihm Haselnüsse auf den Sims gelegt +und dann auf die Bank am Fenster und auf den +Tisch, und es ist bald aus- und eingegangen, wie ein +Eigenes. Dann, im Winter, ist es ganz dageblieben. +Die Lotte hatte ihm ein Bettchen gemacht in einem +Korb, darin ist es gelegen, wie ein Kind. Sie hat +es immer selber hineingetan, es hat ihm sonst niemand +etwas tun dürfen. Wenn sie ganz leise gepfiffen +hat, so ist es heraus und auf ihre Achsel gesprungen +und hat seinen schönen buschigen Schwanz um +ihren Hals gelegt. Die Lotte ist damals hergewachsen, +wie ein junger Baum und hat zwei lange dicke Zöpfe +hinuntergehängt, aber mit dem Lernen, da ist's ihr +nicht so leicht gegangen. Sie hat sonst so vielerlei im +Kopf gehabt. Jetzt hat sie nur noch lernen können, +wenn der Mux mit in das Buch hineingesehen +hat. Und dann hat sie ihn allemal gefragt: ‚Verstehst +du das, Mux?‘ und hat ihm ins Gesicht geblasen, +da hat er sich geschüttelt und sie hat zu mir in die +Küche hinausgerufen: ‚Mutter, der Mux ist ein +Gescheiter, der versteht's auch nicht.‘</p> + +<p>Das ist drei Jahre lang so gegangen. Im Sommer +hat der Mux seine Freiheit gehabt. Bei Tag +auf dem Nußbaum und im Wald und bei Nacht +in seinem Korb. Im Winter, da hat er ganz bei +uns gelebt. Da, in einem Frühjahr, die Lotte ist +zwölf Jahre alt gewesen und ein großes Mädchen, +<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">32</a></span>geht eines Tages ein schweres Gewitter herunter. +Es donnert und blitzt und der Regen fällt nur +so kübelweis, und ich denke: Das ist schon gar nicht +mehr geregnet, und richte trockne Sachen für meinen +Mann, denn er ist ja richtig weit draußen auf der +Strecke. Da sind auf einmal Tritte vor der Tür, +und etwas schüttelt sich und pustet, und ein Herr +kommt herein, den hatte ich noch nie gesehen. Es +war der neue Forstassessor, und er wollte dableiben, +bis der ärgste Guß vorbei sei. Es war ein schöner +Mensch, groß und breit und mit einem Weltsschnurrbart, +aber es hat mir gleich etwas nicht +gefallen an ihm, so um die Augen herum. Die Lotte +ist dagesessen und hat an ihrem Federhalter genagt, +denn sie hat sollen einen Aufsatz machen, und der +Mux sitzt an seinem gewöhnlichen Platz auf ihrer +Achsel und klopft mit dem Schwanz, wie wenn er sich +auch besinnen müßte. Da packt der Assessor die Lotte +am Zopf und sagt: Ein schönes Kind! Das dürfen +Sie auch hüten, wenn ein paar Jahre noch herum sind. +Und ich sagte: Wir wollen es so erziehen, daß es sich +selber hütet, das wird noch besser sein.</p> + +<p>Die Lotte funkelt ihn so an mit den Augen und +zieht den Zopf wieder aus seiner Hand, sagt aber +nichts. Da bleibt ihm das Zopfband in der Hand +und er fragt: Schenkst du mir das? Und ich sage +statt ihrer: sie ist noch ein ganzes Kind, sie braucht +ihre Zopfbänder selber, gelt, Lotte? Aber sie macht +nur ein trutziges Gesicht, und als der Assessor ihr auf +die Achsel klopfen will, rückt sie auf der Bank hinunter. +Wie es aber geschah, weiß ich nicht mehr zu +sagen: Der Mux fährt blitzschnell nach seiner Hand +und schlägt ihm seine spitzen Zähne in den Zeigefinger. +<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">33</a></span>Er hatte vorher nie jemand gebissen, es +war das erstemal.</p> + +<p>‚Verfluchte Wildkatz,‘ sagt der Assessor und pfeift +zwischen den Zähnen, und seine Augen sehen aus, +wie nichts Gutes. Da geht auf den leisen Pfiff +plötzlich die Tür auf, die nicht ganz fest zu war, und +ein brauner Jagdhund kommt herein, der draußen +unter dem Vordach gelegen war. Und da geht eine +Jagd an, das ist nicht zu sagen. Der Hund fährt auf +das Eichhorn los, und das rennt an der Wand hinauf +in sinnloser Angst. Alles Locken von der Lotte und +mir hilft nichts, und es hilft auch nichts, daß ich das +Fenster aufmache, damit es sich flüchten soll. Vielleicht, +wenn der Assessor seinem Hund gleich gepfiffen +hätte, wäre es noch Zeit gewesen. Aber der besah +seinen gebissenen Finger und war still, und als er +endlich sagte: Feldmann, daher! da steht er auf dem +Tisch und bellt wütend an dem Bücherbrett hinauf, +auf das sich das Tierchen geflüchtet hatte. Ich weiß +nicht, wie es zuging, aber als der Assessor endlich +seinen Hund am Halsband hatte und ihn zur Stube +hinausführte, da tat der Mux plötzlich einen klagenden +Schrei und war tot. Mein Mann, der bald +nachher heimkam, sagte: es sei an einem Herzschlag +gestorben, den habe ihm die große Angst angetan.</p> + +<p>Die Lotte aber war nicht zu trösten. Sie hat vorher +noch nie ein Herzeleid erlebt gehabt, es war ihr +erstes, und es war ein großes. Sie legte den Kopf auf +den Tisch und weinte, als ob sie nie mehr aufhören +wolle, und der Assessor stand daneben und sah erschrocken +und bekümmert aus. Und ich sagte, daß +er lieber jetzt gehen solle, denn das Kind sei so außer +sich, ich könne es jetzt nicht vor einer Unart hüten. +<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">34</a></span>Da, wie er so dastand, tat es mir auf einmal leid, +denn das Spöttische, Ungute war aus seinem Gesicht +weg, und er sah aus, wie ein großer Bub, der etwas +angestellt hat und gern wieder gut sein möchte. Und +ich dachte, ob er wohl auch eine Mutter habe, denn +das denken wir Frauen immer zuerst, und gab ihm +die Hand und sagte: ‚Behüt Sie Gott, und wir wollen +einander nichts nachtragen.‘“</p> + +<p>Soweit hatte die liebe Frau erzählt, und ich +fühlte einen Grimm in mir gegen den Hund und +den Herrn, es war mir nicht recht, daß ihm die Mutter +die Hand gegeben hatte, und ich hätte der Lotte etwas +Gutes antun mögen, weil sie damals so ein Leid +gehabt hatte. Da fiel es mir ein, daß ich ihr ja +nun den Friedrich Meister gönnen könne, und ich +beschloß, es zu tun, und als die beiden wieder herein +kamen, da stand ich auf und gab ihm die Hand +und sagte: „Dann will ich!“ Das sollte heißen, daß +ich nun sein Freund sein wolle und ihm die Lotte +lassen. Er verstand es auch, er lachte so herzlich +erfreut über sein ganzes Gesicht und drückte meine +kleine Bubenhand, daß sie krachte, und versprach +auch sogleich, daß er mir einen Drachen machen wolle, +so groß, daß die Spatzen davor erschrecken.</p> + +<p>„Ja, und mit einem langen Schwanz,“ sagte ich.</p> + +<p>Da versprach er das auch noch, und ich merkte, daß +auch die neue Einrichtung ihr Gutes habe.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Einmal, als ich neun Jahre alt war, lag ich +in meinem Gitterbett, das mir schon fast zu klein +wurde, im Alkoven neben der Stube. Es hing +ein alter, farbiger Zitzvorhang von der Decke herunter, +<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">35</a></span>der trennte die beiden Gemächer voneinander +und ließ nur einen gedämpften Schein der Lampe +zu mir herein. Draußen vor dem Haus jagte ein +starker Wind vorüber. Er klapperte mit Fensterläden +und riß die paar Bäume in den Nachbargärten +hin und her; man konnte sie bis hier herein stöhnen +hören, und es zog ein Gewitter herauf. Ich kugelte +mich unter meiner Decke zusammen vor Wohlbehagen, +daß ich hier so im Windstillen und Hellen +lag und so beschützt und umgeben war. Draußen in +der Stube saßen sie noch alle um den Tisch her: meine +Mutter und meine beiden Schwestern und Heinrich +Kilian. Ihre Stimmen gingen in ruhigem Gespräch +einher, ich horchte nicht besonders darnach hin. Ich +hatte ihnen vorhin, eh' ich ins Bett geschickt wurde, +ein Gedicht hergesagt: „War einst ein Riese Goliath, +ein gar gewaltig' Mann.“ Das ging mir nun noch im +Kopf herum; ich wäre wohl auch daran eingeschlafen, +wenn ich nicht auf einmal meinen Namen hätte +nennen hören und dann eine Sache, die mich anging. +Sie wähnten mich wohl schlafend, weil ich so +ganz stille lag.</p> + +<p>Als ich anfing aufzuhorchen, sagte meine Mutter: +„Wenn es geschehen soll, dann ist es an der Zeit. +Ich bin heut bei seinem Lehrer gewesen – ich +habe bei seiner Frau gewaschen – und habe ihn +gefragt. Da hat er gesagt: Ja, ja, der Bub ist hell +im Kopf und ist auch fleißig und hat gute Gedanken. +Ich glaube, man kann aus ihm machen, was man will. +Aber es wird Ihnen sauer geschehen, Frau Fugeler. +Das Schulgeld ist teuer, und es dauert eine lange +Zeit, bis einer fertig ist, wenn er ein Studium ergreift. +Da habe ich gesagt, daß es mir nicht ums +<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">36</a></span>Hochhinauswollen sei mit meinem Buben, sondern +daß ich es dem Mann versprochen habe, daß ich alles +an ihm tun will, was ich kann, und daß ich auch +zwei Töchter habe, die mir helfen können.“</p> + +<p>Ich sah ein wenig durch ein kleines Loch im +Vorhang, als die Mutter so redete und sah, daß die +Schwestern einverstanden mit dem Kopf nickten über +ihre Arbeit hin, und daß Heinrich Kilian beide +Arme vor sich auf den Tisch legte und den Kopf +vorstreckte vor Eifer und hörte ihn sagen: „Und von +mir, hat sie von mir auch etwas gesagt, die Mutter? +Hat sie nicht gesagt, daß der Heinrich Kilian auch +mittun will?“</p> + +<p>„Nein,“ sagte die Mutter, „von Ihnen habe ich +nichts gesagt, Kilian, das wär' noch schöner.“</p> + +<p>Aber er tat es nicht anders, er wollte auch +etwas an meinem Schulgeld bezahlen, wenn ich +ins Gymnasium käme.</p> + +<p>„Wen hab' ich denn sonst?“ sagte er. „Ich +habe niemand, als euch. Ich habe dreihundert Mark +in der Sparkasse, die vermache ich dem Buben sowieso. +Ich bin in der Sterbekasse, zu meinem Begräbnis +brauch' ich nichts zu sparen. Und wenn ich nicht +mehr schaffen kann, krieg' ich meine Altersrente. +Aber ich kann noch lang schaffen.“</p> + +<p>Da legte ich mich wieder in meine Kissen zurück +und schloß die Augen und sah in meine herrliche +Zukunft hinein.</p> + +<p>Also ich sollte auch zu denen gehören, die jetzt +nächstens von der Bürgerschule ins Gymnasium hinübergingen. +Ich war der Zweite in meiner Klasse. +Der Erste war Fritz Meißner, der Sohn eines Kaufmanns +am Marktplatz, ein großer und gescheiter Kerl, +<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">37</a></span>der immer Rohrstiefel mit Glanzlederstulpen anhatte +und sehr breit in ihnen auftrat. Der Dritte war Samuel Kern, +ein Pfarrerssohn, fein und blond und +von einer guten Aussprache des Deutschen, weil seine +Mutter eine Hannoveranerin war und es von ihm +verlangte. Aber manchmal, wenn er in die Hitze +geriet, was selten war, verfiel er in ein ebenso +gutes Schwäbisch, wie wir andern es sprachen; erst +vorgestern hatte er, als wir miteinander rangen und +ich ihn unten liegen hatte, keuchend an mir emporgefaucht: +Du Saukerl. Das war mir eine große +Ehre und ein rechtes Freundschaftsstück gewesen. +Diese beiden standen seit einiger Zeit mit ein paar +andern, die weiter unten saßen, immer in den Freistunden +auf einem Häuflein beisammen und beredeten, +wie es würde, wenn sie drüben seien. Darüber +gab es viel zu sagen, von neuen, farbigen Kappen +und von vielen andern Dingen, aber ich glaube +nicht, daß sie viel von den Wissenschaften sprachen, +die waren ihnen noch nicht so wichtig. Ich aber +stand beiseite und biß an meinen Nägeln herum, +denn nun sah ich, daß ich nicht so kurzweg an allem +teilhatte, was das Leben hergab. In der Volksschule +war es einerlei gewesen, daß meine Mutter +eine arme Wittfrau war, da kam es nur darauf an, +daß ich in allem meinen Mann stellte. Aber das +wurde jetzt anders, denn aus ihr hinaus führte +nur ein Weg für die, die Geld hatten. Das war +eine böse Sache. Aber nun war ihr auf einmal +gesteuert. Denn die Mutter und die Schwestern und +der Heinrich Kilian sorgten dafür, daß ich mit den +Auserlesenen über die Straße gehen könne und +grüne oder rote Kappen tragen und alles tun, was +<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">38</a></span>die andern auch taten und auch alles lernen. Aber +an das Lernen dachte ich erst zuletzt, denn ich lernte +gern und leicht, aber ohne Leidenschaft, das hatte +mich bisher noch nicht besonders angefochten. Es +erschien mir recht von den Meinigen, daß sie so +taten, aber sie konnten es wohl tun, denn sie verdienten +ja alle Geld. Meine Schwester Luise war +jetzt fünfzehn Jahre alt und stand den ganzen Tag +am Bügelbrett drüben bei Lotte, die jetzt Frau +Meister hieß, und einen kleinen Buben in der Wiege +hatte. Und Helene war fast dreizehn, aber sie war fast +so groß wie Luise, und war Ausläuferin für ein +Modegeschäft neben der Schule her und brachte auch +schon Geld heim, und Heinrich Kilian hatte dreihundert +Mark in der Sparkasse, das war viel, da +konnte ich beruhigt sein. So schlief ich nun in +guten Gedanken ein. Als ich schon lange geschlafen +hatte, war es mir auf einmal, die Mutter stehe +vor mir mit dem Lämpchen in der Hand und sehe +über mich hin. Ich hörte sie sagen: „Mach mir etwas +Rechts aus meinem Buben. Tüchtig soll er werden +und brav. Paß' auf ihn auf, wenn ich nicht mehr +da bin.“</p> + +<p>Aber ich wußte nicht, zu wem sie es sagte, denn +es war sonst niemand da. Ich konnte auch die Augen +nicht recht aufmachen, sie waren mir voll Schlafs.</p> + +<p>Als ich am andern Morgen meinen Kameraden +verkündigte, daß ich auch ins Gymnasium komme, +drehte sich auf einmal mein Vordermann um und +sah mich mit merkwürdig erloschenen Augen an. +Ich hatte ihn gern, denn er war ein fröhlicher Kamerad, +der einen Spaß verstand, und dabei ein tüchtiger +Schüler. Seine Mutter ging mit der meinigen +<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">39</a></span>zum Kirchenreinigen. Wir waren schon oft dabei +gewesen, alle beide, und hatten uns auf den Emporen +und hinter der Orgel umhergetrieben und +untereinander ausgemacht, wem die angemalten Posaunenengel +in der Spitalkirche ähnlich sähen. Da +hatten wir immer viel Vergnügen dabei gehabt und +auch ein paarmal die Bälge getreten, wenn jemand +kam zum Orgelspielen. Jetzt sah er mich erschrocken +an und sagte: „Du auch?“ sonst nichts. Aber in der +Freiviertelstunde wartete er, bis ich die Treppe herunter +kam und sagte, er müsse mich etwas fragen, +und wir gingen miteinander hinter die Holzbeige +im Hof. Ich stand dumm und bockig da, denn ich +hatte etwas wie ein schlechtes Gewissen gegen ihn, +aber ich wußte nicht recht, warum. Da schlug er +mir auf einmal mit aller Macht eine hinter die +Ohren und drehte sich dann an das Holz hin und +fing an, in die Scheiter hineinzuschluchzen. Wenn +er nicht geweint hätte, dann hätte ich ihm die Ohrfeige +ohne Frage heimgegeben, aber so war ich +ratlos und wußte mir nicht zu helfen. Ich hätte +jetzt bei den andern stehen können zum erstenmal. +Denn darauf hatte ich mich schon den ganzen Morgen +gefreut. Und nun hatte ich eine Ohrfeige auf +mir sitzen, die brannte und mußte dazu noch aus +meinem Kameraden herausfragen, warum ich sie +hatte, und es war mir fast, ich wisse es schon.</p> + +<p>Da kam es denn nach und nach heraus, daß +er sich schon eine ganze Weile gefreut habe, bis die +andern fort seien, und daß wir dann zusammenhalten +und alles herrlich regieren wollten. Er habe sich schon +Sachen ausgedacht, feine, aber er sage mir's jetzt +nicht, was für, er suche sich jetzt einen andern heraus, +<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">40</a></span>dem er sie sage. Ich solle nur machen daß ich fortkomme, +ihm sei es ganz recht, er möchte nicht geschenkt +da hinüber. Dabei trocknete er nach und nach +seine Augen und sah mich zornig an, daß ich mir +noch einmal vorkam, wie geschlagen. Denn ich hatte +ihn recht eigentlich gern, das spürte ich nun deutlich, +und ich stand in zwei Feuern, die brannten mich +von links und rechts. Da sagte ich in meiner Not, ich +könne doch nichts dafür, daß ich ins Gymnasium +komme. Meine Mutter wolle es haben, mir wäre +es sonst gleich. Aber das war gelogen, denn es +war mir gar nicht gleich, und da in diesem Augenblick +die andern nach mir riefen, lief ich schnell +davon und stellte mich zu ihnen, und es war mir +übel zumute. Aber es mußte ja nun dennoch alles +seinen Gang gehen und ging ihn auch, und als +der Herbst kam, da war ich ein höherer Schüler geworden.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Drüben bei Meisters war ich nach wie vor oft +und viel, und dort lernte ich auch eigentlich meine +Schwester Luise kennen. Ich trat sozusagen in ein +neues Verhältnis zu ihr, denn daheim war ich +um sie herumgestrichen wie um die alte Stockuhr in +unserer Wohnstube oder um den Rosmarinstock, der +auf dem breiten Fenstersims stand. Sie war eben +da wie alles andere und gehörte zum Haus wie die +graue Katze, nur daß die Katze immer im Fußende +meines Bettes schlief und eine persönliche Freundschaft +mit mir hatte. Bei Meisters aber sagten +sie, daß Luise ein gescheites und geschicktes Mädchen +sei, und daß sie hübsch werde, eh' man sich's +versehe. Groß sei sie schon, einmal für ihr Alter, +<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">41</a></span>aber nun fange sie auch an, aufzublühen, und das +stehe ihr gut. Das alles sagten sie nicht vor ihren +Ohren, sondern vielleicht einmal, wenn sie in die +Küche ging, um im Bügelofen nachzuschüren oder, +wenn sie draußen im Vorgärtchen die gebügelte +Wäsche in der Sonne ausbreitete. Denn sie war bei +Lotte als Lehrmädchen eingetreten. Aber mir kam +ein solches Wort hie und da zu Ohren, und dann +dachte ich: Ja, gelt, die gefällt euch schon. Sie +ist meine Schwester, aber ich lasse sie euch einstweilen. +Ich habe noch eine, die heißt Helene, an +der ist bis jetzt noch nicht so viel zu sehen.</p> + +<p>Solche Sachen sagte ich in Gedanken zu ihnen, +aber ich mußte aufpassen, daß es die alte Frau Wolf +nicht merkte, denn sie sah mir immer alles an, was +ich im Herzen hatte, und dann sagte sie: „O Ludwig, +dich sieht man doch durch und durch. Du +hast ein Gesicht wie ein Spiegel.“ Das war mir nicht +recht, denn ich wollte nicht immer alles wissen lassen, +was ich dachte.</p> + +<p>Aber daß mir meine Schwester Luise gut gefiel, +das durften sie wohl wissen, das mußte kein Geheimnis +sein, bloß sollten sie nicht merken, daß es mir +etwas Neues sei und daß ich es von ihnen gelernt +habe. Und sie gehörte mir doch zuerst und vor allen.</p> + +<p>Sie hatte ganz hellblonde Haare, und sie waren +lang und dick. Sie trug sie glatt gekämmt mit einem +Scheitel in der Mitte und zwei Zöpfe um den +Kopf gelegt, daß es war wie ein Kranz. Ich hatte +gar nicht gewußt, daß sie so gut lachen könne; wenn +sie lachte, dann sah man, daß oben einer von ihren +vorderen Zähnen schief stand, aber das sah so drollig +aus. Es war wie ein Wegweiser, der in ihren +<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">42</a></span>Mund hinein führte: „Hier ist Luise Fugeler. Man +muß keine Angst vor ihr haben.“</p> + +<p>Das sagte ich auch niemand, daß ich das dachte. +Denn es fielen mir hie und da sonderbare Sachen +ein, und wenn ich sie heraussagte, dann lachten +sie alle und erzählten es weiter. Und das war mir +nicht recht. Aber meine Schwester Luise lachte nie +über mich, weil sie merkte, daß ich dann rot und verlegen +wurde; sonst lachte sie viel und gern. Es +gab auch genug andere Sachen dazu, da hatte sie +ganz recht. Gegen mich war sie immer gut und +freundlich. So war sie früher nicht gewesen meiner +Meinung nach. Es war aber nur so, daß sie nun +überhaupt mehr ins Heitere, Jugendliche hineinkam, +da zeigte sich alles, was gut und lieb an ihr war, +mehr als vorher. Denn sie hatte nie recht ein +Kind sein dürfen; es waren immer Sorgen vorhanden +gewesen und Armut und Arbeit. Das erfuhr ich alles +erst später recht, denn ich selber hatte es viel zu gut. +Bei Meisters da konnte sie schon in ein freudiges +Fahrwasser kommen, wenn sie gleich in ihrer jungen +Jugend schon stramm an den Wagen gespannt war. +Daß man arbeiten müsse, das war ihr nichts Neues, +das verstand sich von selber. Was denn sonst? Aber +sie waren alle miteinander so herzlich und fröhlich +und gut, und es war nicht wie ein Dienst bei einer +Herrschaft. Sondern man half einander mit der +Arbeit und mit dem Lohn und mit dem Zusammengehören +und keins war höher und vornehmer, als das +andere. Friedrich Meister war Schreiber auf dem +Rathaus. Er ging immer anständig angezogen zum +Haus hinaus; da sah ihm Lotte unter der Türe nach +und hatte den Buben auf dem Arm. Wenn er aber +<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">43</a></span>abends heimkam, oder auch mittags schon, dann +fuhr er flugs in einen Hauskittel und wirtschaftete +irgendwo herum mit Hammer und Nägeln und mit +alten Brettern. Zum Beispiel machte er einen Taubenschlag +auf das Dach und setzte Tauben hinein. +Er mußte ihn aber bald wieder wegtun, weil die +Tauben keinen rechten Respekt vor der weißen Wäsche +im Garten hatten. Sie machten sie ohne alles Verständnis +schmutzig, und da war nicht zu helfen, sie +mußten wieder fort. Da tröstete er sich und verfertigte +ein Stockbrett für das Küchenfenster, darauf +setzte er ein Zigarrenkistchen mit Schnittlauch und +eins mit Monatrettichen. Das heißt, er steckte die +Rettichkerne hinein und wartete täglich darauf, daß +sie treiben sollten. Sie trieben auch, aber bis zu richtigen +Knollen brachten sie es nicht. Es blieben +kraftlose Schwänzchen. Da mußte er sich viel gutmütigen +Spott von seiner Frau gefallen lassen, +und um sich in Respekt zu setzen, machte er nun ein +Blumenbrettchen ans Wohnstubenfenster. Denn sie +konnten in ihrem Vorgärtchen nichts ziehen, sie +brauchten den Platz für die Wäsche.</p> + +<p>Da konnte sie nun nichts mehr sagen, außer +darüber, daß er sich mit der grünen Farbe ganz +eingeseift hatte an Rock und Hosen. Sie schluckte +es aber und nannte ihn zärtlich „Meister Hämmerlein“. +Aber er wußte nicht sicher, ob es nicht doch +ein bißchen spöttisch gemeint sei. Denn sie verbarg +ihre Liebe zu ihm gern unter ihrer Neckerei, wenigstens +vor den Leuten. Er war fast einen Kopf kleiner +als sie. „Aber darum muß ich doch an ihm hinaufsehen,“ +sagte sie, „er ist gerade um einen Kopf +klüger als ich.“ Das mußte ich ohne weiteres zugeben. +<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">44</a></span>Denn sie machte Schreibfehler, das hatte +ich schon gesehen, und sie wußte nicht einmal, wo +der Neckar entspringt. „Ich habe es natürlich einmal +gewußt,“ sagte sie, „aber ich habe es wieder +vergessen.“ Es schien ihr nicht viel auszumachen. +„Mein Bub kann es einmal lernen. Ich habe +sonst so viel um die Ohren, ich kann mich nicht auch +noch um die Geographie bekümmern.“</p> + +<p>Aber einmal nahm Friedrich Meister sie mit +auf einen Ausflug an den Bodensee. Er hatte +dort droben einen Bruder verheiratet, der ein Landwirt +war und ein kleines, eigenes Gütchen hatte.</p> + +<p>Davon kam sie am Abend des dritten Tages ganz +erregt zurück.</p> + +<p>Mir brachte sie einen großen gebackenen Hasen +mit aus Kuchenteig und sagte: das sei ein Seehas. +Das sei eine ganz besondere Sorte, die gebe es bei +uns nicht. Und der See sei so groß, nicht zu sagen, +und so tief, sie habe sagen hören, man könne einen +Kirchturm hineinstellen, ohne daß er oben heraussehe. +Wenn man mitten auf dem See sei, so kommen +am anderen Ufer die Schweizer Berge heraus, man +möchte nur vollends hinüber, so verlange es einen +darnach, wie sie so dastehen und leuchten. So schön +gebe es bei uns nichts, das sei aus und vorbei. +Ich mußte sie immer ansehen, wie sie im währenden +Erzählen geschäftig hin und her ging, die Reisekleider +ausstäubte und verschloß, ihr Bübchen besorgte +und ihre langen, prachtvollen Zöpfe losband, +daß sie ihr über den Rücken hinunterhingen, und wie +ihr Gesicht dabei hell, klug und durchsonnt aussah, +wie eine Landschaft, in die auf einmal neues Leben gekommen +ist, etwa durch einen Maienregen oder durch +<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">45</a></span>einen unverhofften Sonnenblick. Ihr Mann saß +neben mir auf der Bank am Fenster, folgte ihr mit +den Augen und sah glücklich drein. „Guck,“ sagte +Lotte plötzlich zu mir, „das kann ich jetzt behalten. +Von dem, was ich gesehen habe, da vergesse ich +nichts, das ist mir alles in den Kopf hineingebrannt +oder ins Herz meinetwegen. Das kann ich meinem +Buben noch erzählen, wenn er groß ist. Das andere, +was nur so in den Büchern steht, das ist nichts für +mich. Zum Beispiel Schwenningen oder Tuttlingen, +das ist gar nichts. Da kann ich mir nichts Besonderes +denken. Aber Friedrichshafen, das hat ein Schloß +mit zwei Türmen, die sehen zwischen grünen Bäumen +heraus und spiegeln sich im See, und auf der Bahnhofsterrasse +haben wir einen Schoppen Seewein getrunken +und verschiedene Schiffe ankommen sehen. +Das ist etwas Lebendiges.“</p> + +<p>„So werde ich dir eben nach und nach das ganze +Vaterländchen zeigen müssen,“ sagte Friedrich Meister +behaglich lächelnd. „Ich habe eine gescheite Frau, +die will die Welt selber sehen, vom Hörensagen +glaubt sie nichts.“</p> + +<p>Damals stieg Lotte gewaltig im Respekt bei mir.</p> + +<p>Dumm war sie freilich nicht, wenn sie alles selber +sehen wollte. „So könnte jeder kommen,“ dachte +ich. Aber es gefiel mir, daß sie so anspruchsvoll +war und schien mir Beweis einer Besonderheit zu +sein, die Lotte ja auch in anderen Dingen an sich +hatte. Die Reisen durch das Vaterländchen hin und +her wurden aber nicht getan. Sondern das Leben +zeigte ihr seine Reichtümer und Weisheiten auf +andere Weise, und es gab vieles dabei in den Kopf +<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">46</a></span>und ins Herz zu fassen, das man gleichfalls nicht +aus Büchern und vom Hörensagen kennen lernt.</p> + +<p>Als ihr Bübchen seine ersten Schritte machte, +lag wieder eins in der Wiege, und als das heraus +war, folgte ihm ein Schwesterlein. Und die Mutter +wurde immer schöner, stattlicher, fleißiger und fröhlicher +dabei.</p> + +<p>Aber als sie das Kleeblatt beisammen hatte, da +kam eines Tages Friedrich Meister mitten im Vormittag +nach Hause und legte sich ins Bett mit einer +schweren Fieberkrankheit, und als er es verließ, +da war es nur, um es mit einem andern draußen +auf dem Friedhof zu vertauschen. Da war sie eine +Witwe geworden und stand in einem schwarzen +Kleid am Bügelbrett. Denn das Bügeln durfte sie +nicht versäumen, jetzt noch viel weniger als je. +Wenn ihr hie und da Tränen auf das weiße Zeug +tropften, so fuhr der heiße Stahl darüber und löschte +sie aus, und das war noch gut. Denn die alte +Mutter saß immer noch in ihrem Lehnstuhl am Ofen +und zitterte heftiger als früher und hatte über +dem Unglück, das in das Haus eintrat, alle ihre +schöne Gelassenheit und Seelenruhe verloren. Nun +seufzte sie ohne Ende, daß es eine verkehrte Einrichtung +sei: sie, die alte, unnütze Frau, sei noch +da als Last für die andern, und der junge Mann, +der fast nicht zu entbehren sei, der sei nun weggenommen, +es sei eine Jammererde, und es können +einen nur die Kinder dauern, die dahinein +geboren werden. Da hatte nun Lotte statt eines +mütterlichen Trostes eine ewig fließende Jammerquelle +um sich herum. Aber das war vielleicht +noch besser für sie als alle Teilnahme und alles +<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">47</a></span>Mitleid hätte sein können. Denn nun mußte sie sich +zusammenraffen, daß das Licht im Hause nicht auslösche. +Sie mußte für Brot sorgen und für ein +wenig Fröhlichkeit für die Kinder und mußte noch +die alte Mutter aufzuhellen suchen, wenn diese gar +zu tief ins Jammern geriet.</p> + +<p>Weil sie aber eine so durchaus gesunde, wahre +und unverstellte Natur war, so geriet ihr dieses alles +auch selber zum Heil, und sie erlebte trotz ihrer +aufrichtigen Liebe zu dem Toten eine neue Auffrischung +und war als Witwe wie als glückliche +Frau ein Menschenbild, das einem verbissenen +Schwarzseher hätte zeigen können, es sei noch nicht +alles verloren bei unserem Geschlecht. Denn die +Kinder von solchen Müttern müssen ja doch etwas +mitbekommen ins Leben hinein, das sie nicht so +leicht unter die Räder des Wagens kommen läßt.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>In den Jahren, in denen dies alles geschah, +wuchs ich zu einem großen, kräftigen Buben heran. +Es ging mir überall gut, ich kann nichts von einer +schweren Kindheit erzählen. Ich nahm es mit Seelenruhe +und ohne viel Gedanken hin, daß die Meinigen +für mich sparten und schafften; es war mir +nichts Besonderes, daß meine Mutter und Heinrich +Kilian allmählich ein paar alte abgerackerte Leute +wurden, die auch am Sonntag nichts anderes mehr +wollten, als nach der Kirche, die sie nie versäumten, +auf dem Bänklein vor der Haustür zu sitzen und sich +von der Sonne anscheinen zu lassen. Die Mutter +war ja viel jünger, als Heinrich Kilian, der schon unermeßlich +alt war in meinen Augen. Aber dafür +hatte sie mehr mit Sorgen und Lebensnöten gekämpft +<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">48</a></span>und schwerere Lasten getragen als er, der +nur die Bücherpakete auf der Achsel, aber nichts +Schweres auf dem Herzen hatte. Sie ging immer +noch zum Waschen und Putzen fort, aber ich besuchte +sie nicht mehr in der Kirche, um dort hinter der +Orgel und auf den Emporen herumzustreichen und +mit meinem alten Freund August Volland seltsame +Geschichten über die Bilder der früheren Prälaten +und Kirchenerbauer zu erfinden. Ich war ein Schüler, +bei dem es ohne allzugroße Mühe voranging, und +der auch in den Freistunden ein Wort reden durfte +und seinen Mann stellte. Die grüne Mütze saß mir +kecklich auf dem vollen Haarbusch, und ich fühlte +mich darunter als einer, dem das Leben eine schöne +Sache ist.</p> + +<p>Viel darüber nachzudenken, war nicht meine Art +damals; ich lebte meine Tage dahin, wie sie kamen, +und fand es ganz in der Ordnung, daß ich immer +saubere Kleider und gute Stiefel hatte und daß +auf dem täglichen Brot auch die Butter nicht fehlte. +Meine Schwester Helene war nun auch konfirmiert. +Sie trat sogleich nach dem Verlassen der Volksschule +bei einer Kleidermacherin in die Lehre. Diese +gab ihr die Kost und ein weniges an Geld, und sie +mußte dafür im ersten Jahre alle untergeordnete +Arbeit tun, die Rocksäume mit Litzen einfassen und +dergleichen, und außerdem die fertige Arbeit zu den +Kunden tragen. Dabei begegnete sie mir manchmal +mit einem großen, in ein grünes Tuch geschlagenen +Bündel auf dem Arm, in ihrem kurzen und unscheinbaren +Kleidchen, und ich schlüffelte mit meinen +Kameraden an ihr vorbei, ohne sie mit mehr als +einem halbverlegenen Zunicken zu begrüßen. Sie +<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">49</a></span>nahm mir das weiter nicht übel, „weil Buben halt +so sind,“ und stellte ihre Jugend ebenso fraglos +in den Dienst der strengen Pflicht, wie Luise es +vor ihr getan hatte und immer noch tat.</p> + +<p>Sie war zufrieden, etwa am Sonntag ein paar +Stunden in einem billigen Fähnchen, mit einem +hellen Band oder Spitzenkrägelchen geschmückt, mit +der Schwester oder einer Freundin in die Au hinunter +zu wandern, der Musik zuzuhören und die +heiteren Bilder des Lebens an sich vorbeiziehen zu +lassen und vielleicht dabei den einen oder anderen +Gedanken daran auszuspinnen, daß auch ihr einmal +irgendeine bescheidene Frucht und ein paar farbige +Blumen in dem reichen Garten des Daseins zuwachsen +würden. Sie entwickelte sich aber in den +dürftigen Sonnenstrählchen, die ihre Jugend trafen, +wie ihre Schwester zu einem schlanken, hübschen, +blühenden Geschöpf, dem auch eine natürliche Fröhlichkeit +nicht fehlte, und es tönten in diesen Jahren +oft aus der Giebelkammer, in der die beiden Schwestern +schliefen, am frühen Morgen oder am Abend, +wenn sie ihre Ruhestätten aufsuchten oder verließen, +die schwermütigen Lieder, die das Volk singt, wenn es +fröhlich ist, oder es ging ein Geplauder und Lachen +die steile Treppe hinunter, wenn ich an dunklen +Wintermorgen noch im Bett lag. Dann drehte sich +der Schlüssel in der Haustür, und die Schritte und +das Lachen ertönten auf der Straße, der Stadt +und der Arbeit zu.</p> + +<p>Es war alles gut und schön. Aber eines Tages, +als ich beim Dunkelwerden von einer Streife durch +den Frühlingswald nach Hause kam, einen großen +Busch hellblauer Scillablüten in den Händen, da +<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">50</a></span>fand ich die beiden Schwestern und die Mutter +miteinander um meinen guten alten Freund Heinrich +Kilian herumstehen, der auf dem harten Sofa +mit dem blumigen Zitzüberzug lag mit geschlossenen +Augen und schwer atmete.</p> + +<p>Sie flüsterten miteinander, und als ich fragend +von einem zum andern sah, da legten sie die Finger +an die Lippen: „Still, Ludwig, stör' ihn nicht,“ +und sagten, daß der Doktor bald kommen werde.</p> + +<p>Ich legte meine Scillablüten auf den Tisch und +fühlte eine dumpfe Beklommenheit in mir. Wie +konnte das sein, daß auf einmal etwas anderes war, +als sonst? Es war so fremd und merkwürdig, daß +Heinrich Kilian da auf dem Sofa lag und die Augen +geschlossen hielt. Er war sonst immer irgendwo +herumgegangen oder auf der Bank am Fenster gesessen +und hatte ein Späßchen für mich gehabt oder +eine Geschichte, die ihm in der Stadt über den +Weg gelaufen war.</p> + +<p>Die andern machten so ernste und bestürzte Gesichter; +es roch in der Stube nach Hoffmannstropfen +und Kräuteressig, und Lotte Meister kam herüber +und wurde ganz still, als sie in die Stube trat, +Sie hatte ihr Mariele auf dem Arm und hielt ihm +das Mäulchen zu, als es anfing, Heinrich zu rufen, +und sie schüttelte den Kopf, als ob sie nichts Gutes +von der Sache denke.</p> + +<p>Der Doktor kam, und ich wurde hinausgeschickt +und bekam das Nachbarskind mit. Da standen wir +im Vorgärtchen, das der Heinrich erst gestern umgegraben +hatte. Es roch nach frischer Erde, in der +Rabatte guckten schon da und dort grüne Spitzen +heraus, und in der Ecke am Zaun war ein runder +<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">51</a></span>Fleck ganz blau von Veilchen. Es strich ein frischer +Wind an den Häusern hin, und alles war so lebendig +da draußen, aber drinnen im Haus war es anders. +Ich hatte vor zwei Jahren Friedrich Meister tot +daliegen sehen, still und bleich und mit wächsernen +Händen; alles war mir noch gegenwärtig: Glockengeläute, +Gesang und Schluchzen bei seiner Beerdigung. +Nun war es mir, als trete der Tod durch +unsere eigene Tür, und das war schauerlich genug. +Aber daß der Heinrich Kilian dann nicht mehr da +sein könnte, das konnte ich mir noch nicht denken, +denn er war immer dagewesen, schon lang vor mir.</p> + +<p>Der Doktor kam wieder aus dem Haus und ging +rasch weiter, und ich dachte hinter ihm drein, daß +ich kein Doktor sein möchte, denn überall, wo er +hinkomme, sei etwas Arges im Haus, und helfen +könne er doch nicht. Das machte, daß bei uns armen +Leuten da herum der Doktor meistens nur in ganz +schweren Fällen geholt wurde, wo dann freilich gegen +den Tod kein Kraut gewachsen war. Ich stand noch +trübsinnig herum und sah ins Wetter, da kam meine +Mutter zu mir heraus und sagte: „Du sollst zum +Kilian kommen, er will dich.“</p> + +<p>„Stirbt er?“ fragte ich, und sie nickte kummervoll +mit dem Kopf: „Wird wohl so sein,“ sagte sie. +Und dann erfuhr ich, daß er in der Stadt von einem +Lastwagen überfahren worden sei, grad über den Leib +seien ihm die Räder gegangen. Man sehe gar keine +Verletzung, es sei alles innen, aber da sei es auch +bös. Sie wußte nicht, wie es hatte zugehen können, +aber das wußte sie, daß er noch heim verlangt +hatte, nicht ins Spital. Das erzählte sie in den +nächsten Tagen mit traurigem Stolz noch oft, wenn +<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">52</a></span>die Nachbarn kamen, denn das durfte man wohl +wissen, daß der Kilian hier eine Heimat gehabt +hatte.</p> + +<p>Ich schlich auf den Zehen in die Kammer, in +der mein Freund jetzt im Bett lag. Er sah zum +Erschrecken elend aus. Der schwarze Bart, der ihm +sonst ganz fröhlich um sein heiteres Gesicht herumstand, +sah düster und wild aus, weil das Gesicht +selber so fahl und eingesunken dazwischen lag. Er +ließ seine Augen mühsam nach mir hingehen, als +ich zu ihm trat und regte die Lippen, um etwas zu +sagen, aber es kam nichts Deutliches heraus, und +das leise Flüstern, das er hervorbrachte, verlor sich +in seinem Bart. Noch ein- oder zweimal probierte +er es, dann ließ er's sein und schickte noch einen +Blick zu mir herüber, der deutlich sagte: „Da ist +nun eben nichts mehr zu machen; ich habe dir noch +etwas mitteilen wollen, aber das muß ich nun für +mich behalten.“</p> + +<p>Mich packte ein ängstliches Grauen, das war +noch größer als das Leid, das ich empfand über +sein Hingehen, und kam davon, daß ein Mensch +daliegen mußte mit einem Gedanken in sich, den er +gern aussprechen wollte, und für den es keine Brücke +mehr gab heraus zu den andern. Ich wollte der +Mutter rufen, aber ich brachte keinen Ton heraus, +es war mir, als ob ich nun auch stumm sein müsse, +weil es das gab. Da sah ich auf einmal, wie sich +die Hände meines Freundes, die fest verschlungen +ineinander auf der Bettdecke lagen, auseinander +taten. Das geschah nicht wie von einem Willen +diktiert, sondern es sah aus, als ob sich mit den +Händen auf einmal alles Leben löse und nun still +<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">53</a></span>und müde daliege, weil es nicht mehr weiter könne, +und als ob von jetzt an ein anderer zu dirigieren +habe in allem, was den alten Heinrich Kilian betreffe. +Währenddiesem kam meine Mutter herein mit +einem geöffneten Champagnerfläschchen, mit dessen +Inhalt sie den Sterbenden erquicken wollte. Als +sie aber einen Blick auf sein Gesicht geworfen hatte, +stellte sie es still zur Seite, denn sie sah, daß hier +nichts mehr zu stärken sei.</p> + +<p>Das Glas floß über von dem schäumenden Wein, +und die Mutter, die das doch nicht mitansehen konnte, +tauchte ihre Hand in die kleine Lache, die sich auf +dem Tisch bildete, und bestrich Stirn und Hände +ihres alten Pfleglings mit dem Naß, vor dem sie +um seiner Kostbarkeit und Seltenheit willen eine +große Ehrfurcht hatte, und unter ihren netzenden +Händen verging er vollends und atmete tief und +leise aus.</p> + +<p>Ich aber durfte mich nicht dem reinen Gefühl +des schmerzlichen Abschieds hingeben, wie die Mutter +und die beiden Schwestern, die in ein herzliches +Weinen aus der Tiefe ihrer guten Gemüter ausbrachen. +Ich mußte mich damit quälen, was es +wohl gewesen sei, das er zu mir hatte sagen wollen, +und ich wußte nicht, sollte ich froh oder traurig sein, +daß er es nicht mehr hatte aussprechen können, +denn ich hatte ein schlechtes Gewissen von seinetwegen, +das wachte nun mächtig auf.</p> + +<p>Der Tag, an den ich denken mußte, lag um +vier Wochen zurück. Ich hatte dem Kilian am Abend +vorher abgebettelt, daß ich seine große silberne Uhr +in der Schule tragen dürfe, weil alle andern Buben +auch Uhren hatten. „Am Sonntag allemal, da kriegst +<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">54</a></span>du sie wieder, da gehört sie dir,“ hatte ich gesagt; +denn am Sonntag trug er sie selber an einer dicken +Nickelkette. Er war nicht recht damit einig gewesen. +„Du wirst mir doch nicht großartig werden, Ludwig,“ +hatte er gesagt, „silberne Uhren am Werktag, +behüte Gott, das ist für Herrenleut', aber nicht +für unkonfirmierte Buben von unserlei Leuten.“</p> + +<p>Aber ich hatte es dann doch durchgesetzt, er +konnte mir nichts abschlagen.</p> + +<p>Und nun trug ich die Uhr recht sichtbar an der +Kette und hatte den Kittel offen, daß man sie deutlich +sehen mußte und ging mit meinen Kameraden nach +der Schule in einen Laden, wo man Bleistifte und +dergleichen kaufen konnte. Zwei oder drei waren +drin, ein paar andere, zu denen ich auch gehörte, +standen unter der Ladentür und warteten auf ihr +Herauskommen. Es war einer dabei, den ich schon +lang gern zum Freund gehabt hätte, ein kleiner, +gewandter Kerl, blond und witzig und aus einem +Künstlerhause stammend, der tat allerlei Sprüche +über die Vorübergehenden und brachte uns so zum +Lachen, daß unsere Kameraden im Laden drin neugierig +die Hälse streckten, um zu sehen, was da +Lustiges vor sich gehe.</p> + +<p>Währenddem kam auf der andern Seite der +Straße mein Heinrich Kilian daher, schwer mit +Bücherpaketen beladen, deren eines ihm unbequem +auf der Achsel saß, so daß er den Kopf stark auf die +Seite legen und immer wieder drehen mußte, um +eine erträgliche Stellung zu gewinnen. Das fiel dem +Spaßmacher sogleich auf, er fing in seiner sprühenden +Laune an, den Gang und die Haltung des alten +Mannes nachzumachen, und der Zufall kam ihm +<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">55</a></span>noch mit weiterem Material zu dieser Vorstellung +entgegen, indem dem Schwerbeladenen ein anderes +Paket, das er unter dem Arm getragen hatte, entglitt, +und er sich unter starken Verrenkungen bücken +mußte, dasselbe aufzuheben. Bei dieser mühsamen +Bewegung nun geschah es, daß die alte, geflickte +Hose, die ihm meine Mutter längst hatte wegsprechen +wollen, hinten nachgab und einen großen, +klaffenden Riß bekam. Er befühlte den Schaden +verdutzt und kopfschüttelnd und ging dann, überschüttet +von dem Bubengelächter, das von der anderen +Straßenseite herüberscholl, weiter bis zu einem +schmalen Nebengäßchen, in dem er verschwand, wahrscheinlich +um sich dort in irgendeinem Hause notdürftig +ausbessern zu lassen. Das war nun ein +großes Gaudium für den Witzbold und die ins +Lachen geratene Bubenschaft. Mir aber war übel +zumute. Da stand ich, hatte Kilians Kette über +meine Schülerbrust gespannt und trug seine Uhr +in der Tasche und lachte mit den andern über ihn, +denn ich konnte es nicht lassen, ich mußte lachen, +so schändlich ich mich auch empfand, und tat, als ob er +mich nichts anginge. Als er verschwunden war, machte +ich mich unter irgendeinem Vorwand von den andern +los und schlich mich nach Hause, wo ich kaum den +Kopf aus den Büchern erhob, als Heinrich Kilian +am Feierabend kam und gut und freundlich wie immer +war. Er hatte mich nicht gesehen, das merkte ich +gleich, und ich schüttelte, so gut es ging, mein übles +Empfinden ab durch allerlei Entschuldigungen, die +ich in mir selbst vorbrachte.</p> + +<p>Aber nun lag er da und hatte die Augen für +immer geschlossen, und vorher hatte er sich noch gemüht, +<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">56</a></span>mir etwas zu sagen; wer konnte wissen, ob +es nicht doch <span class="spaced">das</span> gewesen war?</p> + +<p>Und es gab keine Gelegenheit mehr, miteinander +ins Glatte zu kommen, keine; ich mußte nun mein +Leben lang so an ihn denken, und wer weiß, wie +er an mich dachte? Denn es war doch eine recht unsichere +Sache mit dem Totsein, es gab da so allerlei +Möglichkeiten, und vielleicht war er nun auf einmal +irgendwo fein heraus, sah alles und verachtete +mich. Das war eine schwere Sache.</p> + +<p>Zwei Tage lang ging ich mit bösem Gewissen +herum, stumm und bedrückt. Ich muß bleich ausgesehen +haben, denn meine Mutter fragte mich, ob +ich krank sei, und ich hörte sie zu Lotte Meister +sagen: „Es geht ihm näher als er zeigen mag; er +hat auch viel verloren, es ist kein Wunder.“ Und +dann fügte sie mit einiger Befriedigung bei, daß +ich doch ein gutes Gemüt zu haben scheine, und daß +sie froh sei, es zu sehen, denn sie sei manchmal in +Sorgen meinetwegen, ob auch alles gut ablaufe +mit mir und ich nicht an meiner Seele Schaden +leide durch die Standeserhöhung, in die sie mich +selber hineingestellt habe durch die höhere Schule.</p> + +<p>„Ich weiß nicht, wie lang ich noch da bin,“ sagte +sie, „und weiß oft nicht, ob ich nicht etwas Dummes +angerührt habe mit dem Buben; ich habe gemeint, +es müsse so sein, weil ich's dem Mann versprochen +habe, daß ich alles tun will für ihn. Jetzt +geb's der liebe Gott, daß er recht wird, denn ich +muß ihn grad laufen lassen, er ist einen halben +Kopf größer als ich, und ich bin ein einfältiges Weib.“</p> + +<p>Was Lotte darauf sagte, hörte ich nicht mehr, +denn beide Frauen gingen miteinander zur Türe +<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">57</a></span>hinaus, und ich saß in dem Alkoven hinter dem +alten Vorhang auf einem Stuhl und wußte nicht +recht, was mit mir anfangen.</p> + +<p>Die Mutter kam wieder herein und setzte sich +auf die Bank, die am Fenster hinlief; sie hatte die +Hände im Schoß gefaltet und sah still vor sich hin +mit einem Ausdruck von Müdigkeit und Ergebung, +wie ihn Menschen bekommen, die sich ein ganzes, +langes Leben hindurch immer in das, was ihnen +auflag, schicken mußten und denen dieses Sichschicken +die einzige Waffe war im Lebenskrieg. Mich aber +überkam es, ihr zu sagen, daß ich recht werden wolle +und gut und daß sie meinetwegen ohne Sorge sein +solle. Ja, es trieb mich ein starkes Verlangen dazu, auf +ihren Schoß zu sitzen, wie als kleines Kind und ihre +Hände um mich herum zu spüren, warm und gut. +Dann hätte ich vielleicht auch von mir getan, was +mich Heinrich Kilians wegen beklemmte, denn ich +fand nicht recht den Weg daraus heraus.</p> + +<p>Aber ich war nicht gewöhnt, zärtlich zu sein +und fand auch das Wort nicht, das ich gern gesagt +hätte. Ich schob mich langsam aus dem Alkoven +heraus in die Stube, und als mich die Mutter sah, +sagte sie: „Bist du da drin gewesen und hast alles +gehört?“</p> + +<p>Das bejahte ich mit einem Kopfnicken, und als ich +in ihr Gesicht sah, da war es so voll von einer +großen Liebe und Sorge und so himmelgut, wie ich +glaubte, es noch nie gesehen zu haben, und ich legte +meinen Kopf auf den Tisch und ließ meine Tränen, +die ich bisher immer noch verschlossen gehabt hatte, +laufen, wie sie wollten. Aber es wurde mir so +wohl dabei, wie schon lange nicht mehr. Es war, +<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">58</a></span>als ob ein Bach aus meinem Innern breche und +alles mit sich fortnehme, was übel und schwer darin +gelegen war, und als ob meine Mutter alles wisse, +was mich angehe, ohne daß ich ein Wort sage, bloß +weil sie meine Mutter sei. Und das wird ja wohl +auch so gewesen sein.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Ich wollte, ich hätte sie länger gehabt, es hätte +meiner Jugend gut getan.</p> + +<p>Ich weiß nicht. Vielleicht hätte ich alle meine +Torheiten dennoch begangen, auch wenn sie dagewesen +wäre, denn sie hätte mich nicht davor behüten +können, wenn ich in der Welt draußen war. Und +vielleicht hätte ich ihr weh getan, wie den andern. +Ich möchte so gerne denken, daß ich den Weg zu +ihr gefunden hätte, wenn ich mir verweht und verlaufen +vorgekommen wäre, und daß ich ihr zuliebe +manches besser gemacht hätte, als ich es tat. +Es ist umsonst, daß ich mich darüber besinne.</p> + +<p>Es muß ja alles so recht sein, wie es ist.</p> + +<p>Als ich konfirmiert war und am Sonntag in +einem neuen dunklen Anzug und mit einer gestärkten +Hemdbrust auftrat, machte ich zum ersten- und +einzigenmal in meinem Leben einen Ausflug +mit ihr. Er geschah zu einem entfernten Vetter +auf der Alb, der mein Pate war, und der uns eingeladen +hatte. Wir zogen am frühen Maimorgen +aus und sahen die Stadt und die Türme und den +Fluß im Nebel liegen und schritten selber durch den +Nebel, der bald rosig durchleuchtet wurde von der +durchbrechenden Sonne. Da wurde uns ganz reiselustig +zumute, und meine Mutter machte Schritte +<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">59</a></span>neben mir her wie ein junges Mädchen vor lauter +Freude am Dasein und an der Reise mit mir.</p> + +<p>Dann saßen wir in der Bahn und fuhren nach +Blaubeuren, und sie hatte tausend Dinge zu bestaunen +und wurde ganz redselig mit den Fahrtgenossen, +deren Reiseziel und Heimat sie unverzagt +erfragte, und mit denen sie sich ohne weiteres +einig fühlte, als mit solchen, die einen seltenen, +schönen Sonntag in der Freiheit genießen.</p> + +<p>Es war auch ein altes Bauernweiblein im Wagen, +das saß mit einer scheuen Glückseligkeit im +Schatten eines mächtigen, breitschultrigen Mannes +von exotischem Äußern, der an allen erdenklichen +Stellen von goldenen Knöpfen, Ketten und Ringen +erglänzte. Er hatte ein gutes Gesicht und fing +bereits an, sein anglo-amerikanisches Deutsch, das +er „drüben“ angenommen hatte, wieder mit schwäbischen +Brocken zu vermischen. Sie war seine +Mutter und war ihm auf seinen Wunsch entgegengefahren, +weil er jetzt auf Besuch heimkam, +und sie fühlte sich wie auf einer Himmelfahrt, +da sie nun mit dem stattlichen Sohn ihrem Dorf +entgegenfuhr. Mit ihr kam meine Mutter bald ins +Gespräch und sagte mit hoffnungsvollem Stolz, daß +sie ihren Ludwig auch etwas Rechtes werden lasse, +er müsse nur sagen, was er im Sinn habe, und daß +es freilich, wenn es auf sie ankomme, nicht grad +Amerika sein müsse, indessen, wie es Gottes Will' +sei, wenn er nur brav werde und recht. Da sah mich +das alte Weiblein, das sein Schaf im Trocknen hatte, +kopfnickend an und dachte wohl, freilich, so einer, +wie ihr Johann, wachse nicht an jedem Hag, aber +recht werden könne ich immerhin, schon der Mutter +<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">60</a></span>zulieb, und der mächtige Amerikaner sagte: „<span class="antiqua">Well</span>“ +und strich sich den Bart, daß die Ringe an seinen +Fingern erglänzten. Ich war froh, als wir ausstiegen +und wieder für uns waren.</p> + +<p>Die Mutter freilich konnte noch nicht so schnell +von den beiden abkommen. Sie waren am Bahnhof +von einem stattlichen Fuhrwerk mit zwei schweren +Gäulen abgeholt worden und verschwanden vor uns +in einer weißen Staubwolke, als wir sachte, Schritt +vor Schritt die Steige hinanstiegen, die hinter dem +Blautopf auf die Höhe der Alb hinaufführt.</p> + +<p>„Das Gefährt ist nicht ihr eigen,“ sagte meine +Mutter. „Es gehört ihrem Nachbar. Der hat es +entgegengeschickt, weil er einen Respekt hat vor dem +Amerikaner. Sie hat es auch mühsam gehabt vorher, +aber seit fünf Jahren hat ihr der Sohn immer Geld +geschickt, da hat sie sich eine Güte antun können.“</p> + +<p>Sie schwieg und sah an mir hinauf und hinunter +und hätte gern noch mehr gesagt. Aber sie +wollte vielleicht meine Jugend nicht beladen, oder +sie traute sich selber nicht, so weit hinauszufahren +mit ihren Gedanken, so ging sie neben mir her, ohne +es auszusprechen, wie sie es von mir auch erhoffe, +daß ich einst ihr Alter schmücke und erleichtere.</p> + +<p>Mich trieb es an, ihr große Dinge zu versprechen, +denn ich konnte es nicht leiden, daß mich der Amerikaner +etwa ausstechen sollte. Aber ich wußte noch +nicht, wo bei mir der Glücksbaum wachsen würde, +von dessen Zweigen ich meiner Mutter die Taler +herunterschütteln konnte, und um das Gespräch auf +etwas zu bringen, bei dem ich auch etwas galt, +fing ich an, meiner Mutter die Geschichte von der +schönen Lau zu erzählen, die ich kürzlich gelesen hatte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">61</a></span></p><p>Sie horchte hoch auf und nahm es alles wahr und +wichtig, so daß mir die Sache selber im Erzählen +noch viel lebendiger wurde als zuvor.</p> + +<p>Tief unter uns lag das Städtlein mit Kloster +und Kirche friedlich hingelegt bei dem tiefen, dunklen +Wasserbecken, an dessen Ufer wir vorhin gestanden +waren mit einem leisen Grauen, weil es gar +so unergründlich tief hinabging.</p> + +<p>Nun sahen wir nur noch die Bäume, deren +grüne Wipfel sich über ihm zusammen zu neigen +schienen, und sahen die junge Blau, die hell und +fröhlich durch grüne Wiesen ging, als ob sie nicht erst +vorhin aus ihrer wundersamen Quellenheimat ausgeflossen +wäre. Die nackten Felsen standen trutzig +um das Tal herum, aber die Sonne legte einen +Glanz auf sie, daß sie zu scheinen anfingen, und der +Himmel stand hoch und heiter über dem Ganzen.</p> + +<p>Und die schöne Lau stieg aus ihrer blauen +Tiefe herauf und trug ihr schweres Herz zu den +Menschen und lernte bei ihnen das Lachen, das +ihr so nötig war. Als alles gut ausgegangen war, +atmete die Mutter tief auf. „Gott Lob und Dank,“ +sagte sie, „wenn's auch bloß ein Märlein ist, mich +hat die arme Frau doch gedauert; ich weiß gut, +wie es ist, wenn's einem nicht ums Lachen ist. Als +ich mit dir gegangen bin, Ludwig, ein paar Monate +vor deiner Geburt, da ist mir's immer so schwer +gewesen, das ist nicht zum Aussagen. Da hab' +ich immer gedacht: Lieber Gott, laß nur mein Kind +kein schweres Gemüt kriegen. Gelt, du hast keins, +Ludwig, ich meine einmal nicht. Wenn ich dich +habe lachen hören und gesehen, daß du lustig bist, +dann ist mir ein Stein vom Herzen gefallen.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">62</a></span></p><p>Als die Mutter so redete, wurde es mir sonderbar +ums Herz. Es war mir auch, als ob ich in eine +unterirdische Quellenstube hineinsehe, aus der mein +Leben herausgeflossen sei, und ich spürte eine dunkle +Zärtlichkeit für diese Frau, anders als je zuvor. +Aber ich ließ nichts davon merken.</p> + +<p>Als wir höher stiegen, atmete sie mühsam und +schwer und blieb immer wieder stehen, um sich den +Schweiß abzuwischen, dabei sah sie blässer aus, als +ich sonst an ihr gesehen hatte.</p> + +<p>„Ich weiß nicht, es ist mir nicht ganz recht,“ +sagte sie. „Mich deucht, ich höre ein Fuhrwerk; +wenn ich das erwarten könnte und ein Stück weit +aufsitzen, das wäre gut. Du könntest derweil weitergehen, +dir tut das Laufen gut, du hast junge Füße +und ein junges Herz.“</p> + +<p>Das wollte ich meinen, daß ich das hatte. Ich +ließ die Mutter auf einem Steinhaufen am Wegrand +sitzen und ging voran, singend und pfeifend. +Unter mir tat sich das Tal immer weiter auf, Dörfer +lagen in der Sonne, und Höhenzüge traten hervor und +grüßten herüber. Im reinen Blau des Maihimmels +schwammen kleine, weiße Wölkchen dahin, und in den +Ebereschen zu beiden Seiten der Straße pfiffen +Ammern und Meisen in ausgelassener Daseinslust. +Ich empfand mich jung, stark und froh, und es schien +mir alles gut zu sein. Nach der Mutter sah ich +mich nicht um. Ich wollte, wenn die Höhe vollends +erstiegen wäre, auf das Fuhrwerk warten, aber meine +Gedanken flogen ein paarmal zu ihr, weil sie mir +das Herz so sonderbar bewegt hatte.</p> + +<p>Doch sagte mir keine Ahnung, auch nicht die +leiseste, daß meine Mutter jetzt eben den Tod erlitt. +<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">63</a></span>Er war ihr lind und gut; er trat nur an sie heran, +als sie erschöpft auf dem Steinhaufen saß und legte +ihr die Hand auf das Herz, da hörte es auf, zu schlagen. +Vielleicht sah sie ihn herankommen, ich weiß +es nicht. Wenn sie ihn gesehen hat, das glaube ich, +dann hat sie ihre hartgeschaffte Hand mit einem +geduldigen Seufzer in seine knöcherne gelegt und +sich von ihm führen lassen. Denn es war nichts von +Widerstreben und darum auch nichts von Angst +in ihr.</p> + +<p>Als der leere Müllerwagen kam, den sie gehört +hatte, saß sie in sich zusammengesunken da, die +Hände müd im Schoß und den Kopf auf der Brust. +Die Sonne lag auf ihrem grauen Scheitel und der +Müllerknecht meinte, sie schlafe.</p> + +<p>Als er merkte, daß sie tot sei, packte ihn ein +Grauen, und er hieb auf seine Schimmel ein, daß +sie die Steige hinaufrasselten, wie auf der Flucht. +„Da unten sitzt ein totes Weib,“ rief er, als er +mich sah, „weißt du, wer sie ist?“</p> + +<p>Da löschte mir mit einem Male die fröhliche +Fackel aus, die mir den ganzen Morgen ins Leben +hinein geleuchtet hatte, und es kam eine dunkle +Wolke, die überzog Land und Himmel und meine +Jugend und mich. Ich lief in verzweifelten Sprüngen +die Steige wieder hinab, bis ich bei ihr war, und +blieb in Herzensnot und Grauen bei ihr sitzen, +bis Leute von oben herunterkamen, von dem Müllerknecht +geschickt und sich unser annahmen.</p> + +<p>Sie wurde dort droben in dem Albdörflein begraben. +Da war ein Platz frei in dem ganz zusammengesunkenen +Grab der Großmutter meiner +<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">64</a></span>Mutter, das einst von der Familie gekauft worden +war.</p> + +<p>„Da liegt sie gut,“ sagte der Vetter, den wir +hatten besuchen wollen.</p> + +<p>„Die Großmutter ist ein braves Weib gewesen, +bei der hat sie ihren Frieden. Und sie liegt im eigenen +Grund und Boden, das hättet ihr in der Stadt +drunten nicht zahlen können.“</p> + +<p>Da kam in aller Trauer noch ein kleines, bescheidenes +Stölzlein in uns auf, auch in den Schwestern, +die gekommen waren, daß wir hier an diesem +Platz sozusagen ansässig seien, und wir waren einig +damit, die Mutter hier zu lassen.</p> + +<p>Das liegt tiefer als es viele wissen, im Menschenherzen, +daß es irgendwo unvertrieben sein will, +daß es ein Stücklein Land besitzen will und wäre +es noch so klein, teilhaben an der Erde, die unser +aller Mutter ist.</p> + +<p>Im Leben hatte die Mutter immer im Hauszins +wohnen müssen, nun ererbte sie im Tode ein eigenes, +enges Häuslein und war nur gehalten, die bleichen, +weißen Knöchelein der Urahne bei sich ruhen zu +lassen, denn diese war immerhin vorher dagewesen.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Ein halbes Jahr nach der Mutter Tod wurde +uns das Häuschen gekündigt, weil die Stadtverwaltung +irgendeine Änderung in dieser Gegend vornehmen +wollte. Da gab es einen schweren Abschied +zwischen Meisters und uns. Denn wir zogen nun in +zwei verschiedene Stadtteile. Auch Lotte hatte die +Kündigung getroffen, und es war nun zwischen ihr +und meiner Schwester Luise ein Abkommen wie zwischen +<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">65</a></span>Abraham und Lot: „Willst du zur Rechten, +so geh' ich zur Linken, willst du aber zur Linken, so +geh' ich zur Rechten.“ Luise wollte nun ein eigenes +Bügelgeschäft aufmachen mit Lehrmädchen und Pariser +Neubügelmethode, und dazu brauchte sie ein +Feld für sich. Lotte aber zog ihre bisherige Kundschaft +nach sich in ein Haus, das in der Nähe des +alten lag. Sie waren beide wie Schwestern miteinander, +es war nichts von Neid und Streit in ihrem +Auseinandergehen, sondern, weil das Leben mit seinen +Bedürfnissen es so verlangte, darum trennten sie +ihre Wege und blieben sich um so mehr in Freundschaft +zugetan.</p> + +<p>Wir zogen an einem Tag nach verschiedenen +Seiten hin. Unsere Möbel waren aufgeladen und +zeigten sich im Tageslicht und unter freiem Himmel +als eine ärmliche Habe. Einmal waren sie auch +neu gewesen und aus vielen Spargroschen mit Lust +und Liebe nach und nach erworben worden, nun +sah die neue Generation darüber hin als über +etwas Abgängiges, es war aber so der Lauf der +Welt. Wir gingen noch einmal durch die leeren +Räume und sahen an den dunklen Stellen auf den +verschossenen Tapeten, wo die Bilder gehangen +waren: Hier des Vaters Bild und hier die Schlacht +bei Leipzig, und dort der Haussegen, der die heilige +Dreieinigkeit zeigte, je nachdem man links oder rechts +oder in der Mitte stand, den Vater oder den Sohn, +oder den heiligen Geist als Taube. Über der Bank +war eine fettige Fläche, da hatte der alte Heinrich +Kilian immer seinen Kopf angelehnt. Die Schwestern +waren in gerührter Stimmung, als sie sich +noch einmal hier umsahen und lehnten sich aneinander, +<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">66</a></span>wie um sich zu vergewissern, daß keine von +ihnen allein in die Fremde geht. Mir aber war +es unbehaglich zumute. Es ging so allerlei durch +einen durch, wenn man hier seinen Gefühlen nachhing, +es war wohl am besten, vorwärts zu gehen und +sich nicht mehr viel umzusehen, sonst tat es in der +Brust weh, und das Herz klopfte einem; das war aber +eines bloßen Umzuges wegen nicht nötig, meinte ich.</p> + +<p>Da kam soeben Lotte Meister zur Tür herein, +um Luise noch etwas zu sagen. Sie stand so groß +und hoch und stattlich in der niederen Stube, aber +sie hatte ein Glänzen in den Augen, aus dem +man schließen mußte, daß sie geweint habe. Denn +sie nahm ja freilich hundertfache Erinnerungen mit +sich fort. Es war bei ihr nicht wie bei uns das +Geschehen zu tragen, das im Gang des Menschenlebens +von vornherein liegt, daß die Alten davongehen +und zu den Vätern versammelt werden, sondern +sie hatte die Unnatur des Zerreißens erlebt, +der Trennung mitten auf der gemeinsamen Bahn. +Die alte, leidende Mutter aber ging mit ihr und +freilich auch die Kinder, das kommende Geschlecht, +das hier seinen Ursprung genommen hatte.</p> + +<p>Man konnte aber mit keinem mitleidigen Gedanken +an Lotte herankommen, obgleich man ihre +Tränenspuren noch sah. Denn sie beherrschte ihr Gesicht +und ihre Haltung vollständig und war dem Leben +gewachsen, wie es auch verfahren mochte, man konnte +in allem nur Respekt vor ihr haben. Als sie ihre +Sache an Luise ausgerichtet hatte, sah sie mich +lächelnd an, wie früher, da ich noch als lockiges +Bürschlein neben ihr am Bügelbrett gestanden war +und sagte: „Wie ist's, Ludwig, wird man dich auch +<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">67</a></span>noch hie und da zu sehen bekommen, wenn man eine +Viertelstunde Wegs zueinander hat, oder müssen wir +gleich ganz Abschied nehmen?“ Sie streckte mir aber +dabei ihre schöne, kräftige Hand hin, und ihr Gesicht +war so voll von einer unwandelbaren Güte und +Zuversicht, daß es mich heiß durchfuhr, und ich in +einem Augenblick die ganze Zukunft durchreiste, in +der es immer eine Lotte Meister geben mußte, sie +war nicht wegzudenken. Ich spürte, daß ich feuerrot +wurde und daß mich ein ungestümes Verlangen +packte, sie wieder für mich zu haben, wie einst, +aber ich tat nicht dergleichen, sondern sagte nur, +ich werde schon kommen, wenn ich Zeit habe und +ich müsse jetzt so viel lernen, weil der Professor +so streng sei. Darauf sah sie mich einen Augenblick +prüfend an und erklärte dann, eigentlich habe +sie fragen wollen, ob eins von uns den Rollstuhl +mit der Großmutter in die neue Wohnung +führen wolle. Die Kinder könnten es ja, aber die +Großmutter vertraue sich ihnen nicht an, weil sie +ohnehin vor dem fremden, entlehnten Rollstuhl und +vor dem Fahren durch die Straßen eine entsetzliche +Angst habe. Ich spürte, daß ich dazu vermeint +sei, aber ich konnte mich nicht schnell entschließen, +denn es konnte mir jemand begegnen, etwa +der Stadtpfarrer, der dann sagen würde, so sei +es recht, oder meine Kameraden, die lachen würden, +wenn die alte Frau immer mit dem Kopf wackelte, +und da war eines so schlimm, wie das andere. +Es gab eine Verlegenheitspause, und in die Stille +hinein sagte meine Schwester Helene ganz freundlich +und bereitwillig, ja natürlich, das tue sie gern, und +Lotte empfahl sich, ohne noch einmal etwas zu mir zu +<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">68</a></span>sagen. Sie mußte schleunigst hinter ihrem Möbelwagen, +auf dem hoch oben die drei Kinder saßen, +eng in dem geblumten Sofa aneinandergeschmiegt, +lustig und lachend, weil ihnen das Fahren ein +Fest war. Wir sahen ihnen nach, und dann gingen +wir gleichfalls davon und ließen die Türen hinter +uns offen, weil nichts mehr im Haus war, das +man verschließen mußte. Aber nun hatte ich auch +mein Teil an Abschiedsschmerzen, und es war mir +vielleicht übler zumut als den andern allen, sie +brauchten es aber nicht zu wissen.</p> + +<p>Die neue Wohnung, die wir bezogen, lag mitten +in der Altstadt, in einer engen Gasse, in der die +Häuser nah beisammen standen, und in der es mit +Sonne, Mond und Sternen nicht besonders leuchtend +zuging. Ich allein hatte in meiner Kammer +hoch oben unter dem Dach Licht genug, und die Nelken +des alten Heinrich Kilian, die meine Schwestern +sorglich ausgegraben und in Töpfe gepflanzt hatten, +führten vor meinem Fenster ein blühendes Leben, +so lang die gute Jahreszeit währte. Unten im +Haus, im Kellergeschoß, da war es fast den ganzen +Tag dämmerig; es mußte gut gehen, wenn einmal +ein wenig Sonne hereinkam. Aber es ging hell +und heiter zu trotzdem. Da ging es mit glühenden +Bügelstählen um und mit Lachen und Schwatzen und +oft mit Singen daneben her. Sie schafften selbdritt +oder viert, Luise und ihre Lehrmädchen. Sie hatten +Kundschaft genug, denn schön gebügelte Kragen und +Manschetten, das war etwas, das jedermann +brauchte; auch der einfachste Mann wollte wenigstens +am Sonntag glänzen und gleißen mit sauberer +Wäsche.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">69</a></span></p><p>Luise spielte so wenig wie Lotte Meister die +hohe Vorgesetzte. Sondern sie zeigte, wie die Sache +gemacht werden mußte, und da hieß es parieren, +denn was aus dem Haus kam, das mußte tadellos +sein; aber im übrigen war eine schöne und freudige +Arbeitsgemeinschaft, und es war hier nichts von +„Arbeitgeber und Arbeitnehmer“ und von bitteren +Standesunterschieden. Um die Vesperzeit ging das +jüngste Lehrmädchen, wie es ging und stand, mit +aufgekrempelten Ärmeln und in weißer Schürze, über +die Gasse zum Dreikönigswirt und holte so viel Gläser +Bier, als Personen da waren, und dann gab es eine +vergnügliche Pause, in der man sich von den Stadtneuigkeiten +unterhielt und von den privaten Erlebnissen, +etwa einem neuen Kleid oder einem Sonntagsausflug, +oder auch, wenn man gerade recht in +Stimmung war, von dem jeweiligen Schatz und +den Zukunftsaussichten mit ihm.</p> + +<p>Das taten sie nicht gern vor mir, der ich mich +oft um diese Stunde auch da unten herumdrückte. +„Was braucht so ein Bub davon zu wissen?“, sagten +sie und steckten wispernd die Köpfe zusammen. +Aber gerade davon hätte ich gern gewußt. Es schienen +mir lauter hübsche Mädchen zu sein, fast eine wie +die andere. Sie hatten bloße Hälse und Arme +und junge, frische Gesichter und meistens ein hübsches +Band im Haar oder so etwas, und es mußte +eine schöne Sache sein, mit solch einem Geschöpf einmal +spazieren zu gehen oder gar zu tanzen. Daß +sie Du zu mir sagten, störte mich hier im Hause, wo +es niemand sonst sah und hörte, nicht, ich gab es +ihnen heim und es war mir behaglich dabei. Ich +saß auf einem umgestülpten Waschkorb oder einer +<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">70</a></span>Stärkekiste, trank gleichfalls mein Bier und machte +billige Witze, bis Luise ihr leeres Glas wegstellte +und sich die Hände wusch, was ihr die andern +nachtaten, und was das Zeichen zum Wiederanfangen +war. Dann ging ich mit meinem Bücherpack, +den ich unter dem Arm getragen hatte, in +meine Kammer hinauf und ließ den Eindruck zurück, +als ob ich mich in meine Arbeit vergrabe. +Das tat mir wohl, daß die Mädchen das von mir +dachten; aber ich stand oft genug am Fenster und sah +ins Wetter, denn es ging noch manches mit mir um, +was ich unten gesehen und gehört hatte. Da war ein +hübsches, weißblondes Mädchen namens Hermine, +das ein so lustiges Gesicht und ein ganz schlankes, +feines Hälschen hatte, und das schon einen Bräutigam +besaß. Er war Feldwebel bei den Pionieren, +und sie wollte um Geld bügeln, wenn sie verheiratet +war, darauf freute sie sich, als ob es in +ein lustiges Leben hinein ginge. „Den Tag über +schaffen wir, und abends geht's zur Musik oder +sonstwohin,“ sagte sie und zeigte alle ihre weißen +Zähne. Da wäre ich auf einmal gern Feldwebel gewesen, +denn man konnte nicht wissen, ob es nicht +auf dem wissenschaftlichen Weg, den ich eingeschlagen +hatte, viel langweiliger zuging, und ich wußte +manchmal nicht recht, warum ich gerade studieren +sollte. Da horchte ich hinunter in die enge Gasse, +ob ich nicht einen Zipfel von dem vergnügten Leben +da unten wahrnehmen könne. Aber nach einer Weile +war die Anwandlung vorüber, und ich saß wieder +an meinen Büchern und hielt mich ordentlich +zur Arbeit, ohne besondere Begeisterung dafür, nur +weil so eines aus dem andern folgte und ich nichts +<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">71</a></span>anderes vorhatte. So kam ich voran, wie andere +auch und bestand, als ich etwas über das achtzehnte +Jahr hinaus war, die Reifeprüfung für die Universität. +Jetzt galt es aber, sich endgültig für ein +Fach zu entschließen, denn das hatte ich bis jetzt +immer noch hinausgeschoben, weil ich für keines +eine besondere Liebe hatte und an jedem etwas +auszusetzen war. Da fragte mich der Rektor, als +ich mein Abgangszeugnis von ihm holte, ob ich nicht +Lust hätte, in eine vornehme Universitätsbuchhandlung +einzutreten und das Studium überhaupt zu +unterlassen. Er sei von einem Freund, der der +Inhaber sei, gefragt worden, ob er nicht einen tüchtigen +jungen Menschen wisse, der eine gute Vorbildung +habe und Lust zu den Büchern, aber auch +zu einem soliden und praktischen Geschäftswissen, +und der es bei ihm zu etwas Rechtem bringen +könne. Er habe mich vorgeschlagen, weil er gemerkt +zu haben glaube, daß ich Freude an der Literatur +habe und auch nicht unpraktisch sei, und weil, – +setzte er väterlich hinzu, – es vielleicht doch auch +ratsam sei für mich, daß ich es in absehbarer Zeit zu +einer Selbständigkeit bringe.</p> + +<p>Er kannte meine Schwestern und besonders Helene, +die bei ihm im Hause nähte und seiner Frau +die Kleider machte, und hatte einen hohen Respekt vor +ihrer arbeitsamen Tüchtigkeit. Vielleicht ärgerte er +sich auch im stillen, daß ich den braven Mädchen +so ganz auf der Tasche lag, aber davon sagte er +nichts, sondern fragte nur, ob ich vielleicht schon eine +starke Vorliebe für ein besonderes Fach habe, was +dann freilich die Sache verändern würde.</p> + +<p>Aber das hatte ich nicht, sondern es war gut für +<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">72</a></span>mich, daß mir jemand einen Schub gab von außen +her, und ich sagte nach kurzem Zögern, daß ich +morgen kommen und mit dem Herrn reden wolle, +der gerade in der Stadt zum Besuch war, und daß +es vielleicht ganz gut für mich passe, ein Buchhändler +zu werden, weil es mich immer nach Büchern gelüstet +habe, schon seit ich mir denken könne.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Daheim war ein großes Erstaunen, als ich mit +meinem Plan daherkam, der schon auf dem kurzen +Weg nach Hause deutliche Gestalt in mir gewonnen +hatte. Die Buchhandlung, um die es sich handelte, +war in einer Stadt, von deren Schönheit ich schon +viel gehört hatte, unfern des Rheins und des Schwarzwaldes, +also immerhin weit genug von meiner Heimat +entfernt, um den Zauber der Ferne und Fremde für +mich zu haben. Die Schwestern waren ein wenig enttäuscht, +daß nun kein Student zu ihnen in die Ferien +kommen würde und kein studierter Herr einmal mit +einem guten Titel etwa in der Zeitung stehe, von dem +sie dann sagen konnten, das sei ihr Bruder. Auch +ging es vielleicht tiefer bei ihnen, daß sie mir in +Wahrheit alle Pforten des Lebens wollten aufgetan +wissen. Aber ich sagte mit schnell angenommener +Überlegenheit, daß ich es auf diesem Wege +mindestens gerade so weit bringen werde, als auf dem +andern, und daß ich überhaupt trachten werde, so bald +als möglich selbständig zu werden. Das rührte die +Schwestern tief, denn ich hatte ihnen noch nicht oft +gezeigt, daß ich an ihre Arbeit und Mühe für mich +denke, und so gern sie alles für mich taten, so tat +es ihnen doch wohl, daß ich nicht nur so ins Blaue +hinein alles anzunehmen schien. Aber sie wußten +<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">73</a></span>nicht, daß ich vor dem Besuch bei dem Rektor noch +keinen Augenblick daran gedacht hatte, und von mir +aus brauchten sie es auch nicht zu wissen.</p> + +<p>Am andern Tag ging ich wieder zu dem Rektor +hin, und da war dann auch der Buchhändler, der +ein alter Junggeselle war und äußerlich nichts vorstellte. +Er trug sich in einem lederfarbigen Braun +und hatte selber eine etwas vergilbte, pergamentene +Haut, und ich weiß nicht, wie mir so geschwind der +Gedanke kam, er sehe aus, wie ein antiquarisches +Exemplar etwa des Horaz oder sonst so eines alten +Weisen, in Leder gebunden. Darüber ging mir, +ehe ich es verhindern konnte, ein Lachen über das +Gesicht, und der Rektor, der dabeistand, fragte mich: +„Was haben Sie Heiteres, Fugeler?“ Aber ich +faßte mich schnell und machte ein ernsthaftes Gesicht +und sagte, es sei mir draußen auf der Gasse +ein Kameltreiber begegnet mit drei Äffchen, die seien +so possierlich gewesen. Das war schon wahr, aber +gelacht hätte ich darum nicht.</p> + +<p>„Sie sind noch sehr jung, mein Lieber,“ sagte +der alte Herr, der Hagenau hieß, und meckerte ein +wenig. Das war bei ihm gelacht. Ich sagte, daß +ich achtzehn sei und das Maturum gemacht habe, +und das hatte er ja auch schon gewußt und die Bemerkung +nur meines unzeitigen Lachens halber gemacht.</p> + +<p>Wir kamen aber darauf gut ins Gespräch und +einigten uns auch darauf, daß ich am ersten Oktober +bei ihm eintreten und drei Jahre lernen solle, +ohne Gehalt, aber mit freier Kost und Wohnung in +seinem Hause. Später sehe man wieder. Er habe +es mit einem, der sich zur Sache anlasse, gut im +<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">74</a></span>Sinne, wolle aber vorher sehen, was an mir sei. +Darum, daß er ein Junggeselle sei, brauche ich +mich nicht um das leibliche Auskommen bei ihm +abzukümmern. Er habe eine Schwester bei sich, die +mich so wohl versorgen werde, als eine rechte Hausfrau, +und sie sei auch sonst gut, ich komme bei +ihr in gute Hände. Zu lernen gebe es genug für +einen, der strebsam sei, es müsse nicht alles auf +Universitäten erworben werden, es gebe auch sonst +noch Möglichkeiten. Das kam mir alles ganz richtig +und vernünftig vor, und auf dem Heimweg kaufte +ich mir ein steifes Hütlein, weil ich das Gymnasiastenwesen +abgelegt hatte und in eine Bahn einlenken +wollte, auf der es frühzeitig dem Ernst des +Lebens zuging.</p> + +<p>Als ich aber nur noch ein paar Schritte von +unserem Haus entfernt war, sah ich eine helle, schlanke +Mädchengestalt in Luisens Bügelstube von der Straße +her eintreten, und als ich gleich nach ihr auch dort +hineinging, war es Maidi, mit er ich als kleiner +Bube im Garten gespielt und Kirschen gegessen hatte, +und die ich noch gut genug kannte. Sie war eine Berühmtheit +unter den Gymnasiasten ihrer feinen Schönheit +wegen, und es galt für eine Ehre, wenn man +sie grüßen konnte; da neigte sie leicht den Kopf, wie +ein Königskind, und war dabei doch keine stolze Jungfer, +sondern eine freudige Augenweide.</p> + +<p>Geredet hatte ich nie mehr mit ihr seit jenem +Gartentag, nun stand sie hier in der halbdunkeln +Bügelstube, in der man schon das Gas anzünden +mußte und war wie eine Sonne darin. Da ärgerte +mich auf einmal mein steifes Hütlein, und ich tat +es schnell in ein Fach hinein, in dem Stärkwäsche +<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">75</a></span>lag, weil es gar nicht zu ihr paßte. Sie hatte ein +hellblaues Kleid an und niedere braune Schuhe, +und ihren langen, blonden Zopf hatte sie hinten +im Nacken mit einer blauen Schleife hinaufgebunden, +auf der kleine rote Punkte saßen, wie lauter +Herrgottskäfer. Um ihr Gesicht her aber drängten +sich lustige Löckchen unter dem breiten Hut hervor, +und auf dem Hut lag ein Kranz von Margeriten. +Sie sah aus, als ob sie zu einem Fest ginge, +aber das war bei ihr immer so, und das Fest war +ihr junges Leben, in das schritt sie hinein in ihren +hübschen braunen Schuhen.</p> + +<p>Ich konnte sie beobachten, ohne daß sie mich +sah, denn ich war hinter den Vorhang getreten, der +den Eingang in ein Nebenkämmerchen verdeckte und +sah hinter demselben vor in ihr helles Gesicht. Sie +hatte eine Bestellung zu machen. Es sollte regelmäßig +zu bestimmten Zeiten Wäsche abgeholt und wieder +hingebracht werden und sie nannte dazu das Haus +ihres Großvaters, in dem sie mit ihrer Mutter und +ihrem Bruder wohnte. Der Vater, der zum Ganzen +gehörte, war nicht mehr vorhanden, und ich wußte, +daß er irgendwie nebenhinaus gegangen war auf +der Welt und wohl noch lebte, aber nicht mehr zu den +Seinigen gehörte. Wie es zusammenhing, wußte +ich nicht, aber es hatten also doch auch schon dunkle +Schatten das junge Leben gestreift, das hier in aufblühender +Pracht in unserer Stube stand und mit +meiner Schwester sprach. Als mir das einfiel, gewann +ich auf einmal die Macht, hinter meinem +Vorhang hervorzutreten und sie anzureden, denn +sonst wäre sie mir zu schön dazu gewesen und zu +hoch, so freundlich sie auch aussah.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">76</a></span></p><p>Ich überlegte mir auch, was ich zu ihr sagen +wollte. Sie hatte einen Vetter, der war mein Schulkamerad +gewesen und war nun seit einem Jahr bei +der Marine, und er war es auch gewesen, der bei +den Kameraden immer ihren Preis verkündigt hatte. +Nach dem wollte ich sie fragen. Aber ich war es nicht +gewohnt, junge Mädchen anzureden, so oft ich es auch +in der Phantasie tat, und so stand ich etwas verlegen +herum, als ich sie gegrüßt hatte.</p> + +<p>Da sah ich an ihrem Gesicht, daß sie mich auch +kannte, vielleicht noch von damals her, und daß +lustige Lichter darüberflogen wie Sonnenvögel und +sie ein Lachen unterdrücken wollte, das um jeden +Preis gelacht sein mußte.</p> + +<p>Es war sicher, sie kannte mich noch und auf +einmal sagte sie: „Da wohnen Sie jetzt? Seit +wann? Wissen Sie noch, damals? Sie erzählten +mir von Ihrem Garten, und –“ da wurde sie doch +ein bißchen rot und ich auch, denn es war ein heikler +Punkt. Und in der Verlegenheit fingen wir beide +an zu lachen und wurden dadurch ganz erlöst. Denn +wenn man darüber lachen konnte, dann war es nicht +mehr schlimm. „Ja, ja“ sagte ich, „ich habe damals, +glaub' ich, ein bißchen dazu erfunden, und nachher +hatte ich immer Angst, Sie könnten einmal kommen +und ich stehe dann mit Schanden da.“</p> + +<p>Aber als ich das sagte, war es mir inwendig +heiß vor Glück, daß sie mich so gut kannte, und daß +sie noch an damals dachte, und es kam mir auch +sonderbar vor, daß wir nun Sie zueinander sagten, +denn ich hatte immer in Gedanken Du zu ihr gesagt.</p> + +<p>„Ich bin auch einmal gekommen,“ sagte sie, „das +Verlangen war immer stärker geworden in mir, und +<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">77</a></span>der Garten immer größer und die Nelken immer +röter. Wissen Sie noch, von der Katze, die da herumgehen +und Funken sprühen sollte und von der +Musik, die der alte Mann machte? Da brachte ich es +einmal mit List heraus, wo Sie wohnten und suchte +mir den Weg. Aber als ich die Häuschen sah und +die kleinen Gärtchen davor, da wurde ich böse und +traurig und hätte fast geweint vor Zorn und Enttäuschung. +Und meine Mutter sagte nachher, als ich +es ihr erzählte: „Siehst du, man muß auch nicht +alles untersuchen wollen, das geht noch mit vielem +so im Leben.“ Und sie sagte, daß das Bübchen +damals nicht gelogen habe, es habe es alles so im +Herzen gehabt, wie es gesagt habe.“</p> + +<p>Als Maidi das alles erzählte, sah ich so unbegreiflich +deutlich wieder das kleine Mädchen von +damals vor mir und die schöne junge Frau mit dem +Kinde, und es war mir, als gehöre ich irgendwie zu +ihnen. Die Bügelmädchen sahen mit Staunen zu und +Luise auch, daß wir so ins Reden miteinander kamen, +aber ich machte mir gar nichts daraus, sondern als +Maidi gehen wollte, fragte ich ganz kecklich, ob ich ein +Stückchen mit ihr gehen dürfe, ich müsse sowieso noch +einmal in die Stadt. Sie sagte auch freundlich: ja, +das dürfe ich gerne, und wir wollen dann über den +Marktplatz gehen, weil Messe sei.</p> + +<p>Da ging ich denn nun neben dem allerschönsten +Mädchen her, das ich kannte, aber ich hatte meine +Schülermütze aufgesetzt und das Hütlein daheim gelassen, +und nun pochte mir das Herz wie ein +Schmiedehammer, weil solche Dinge geschahen, nicht +in Träumen, sondern im hellen Wachen.</p> + +<p>Maidi stieg so leicht und schlank und lieblich +<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">78</a></span>daher, und wir plauderten, als ob vieles nachzuholen +sei, aber es war mir immer darunter hinein +unbegreiflich, daß es ihr nicht zu wenig sei, mit mir +zu gehen, und ich hielt mich so aufrecht wie möglich. +Inzwischen kamen wir auf den Marktplatz, wo sich +eine bunte Menge von Menschen hin und her schob, +unter die wir uns fröhlich mischten. Maidi fragte +mich, wo ich eigentlich hin wolle, weil ich von einer +Besorgung gesagt hatte, die ich machen müsse, aber +ich lachte nur und sagte, das habe noch lange Zeit, +und wir waren wie rechte Kinder, die nicht viel an +nachher denken, sondern sich an dem, was gerade vor +Augen ist, ganz vergessen.</p> + +<p>Es war ein selten schöner Tag, der dem Marktleben +wohl bekam.</p> + +<p class="absatz">An den Ständen der Schuster, der Hut- und +Kappenmacher, der Messerschmiede und Wollwarenhändler +drängten sich die Albbauern und ihre Weiber, +aber da hatten wir nichts verloren, sondern wir +gingen den Ausrufern nach, die vor ihren Schaubuden +standen und alle Seltenheiten der Welt anpriesen. +Da war ein ärmliches Leinwandzeltchen, +in dem ein lebendiges Kalb mit zwei Köpfen zu sehen +war, und daneben wurde eine Riesendame gezeigt, +deren Bildnis in grellen Farben auf der Eingangsseite +der Bude prangte und einem schlanken Herrchen +zulächelte, das ihr auf einem Brett Würste, Schinken +und einen angeschnittenen Brotlaib hinhielt und +wie ängstlich schien, es möchte etwa aus Versehen +mitgeschluckt werden. Ein Wachsfigurenkabinett war +da, und ein schwindsüchtig aussehender Mensch in +einem fadenscheinigen Frack lud die Leute hustend +ein, hereinzuspazieren. Es sei da zu sehen die Ermordung +<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">79</a></span>Wallensteins, die Hamburger Kindsmörderin +soundso, der Ritter Blaubart aus dem Märchen +und Schneewittchen mit der bösen Königin, +alles beweglich und in voller Arbeit. Er sah selber +einer vergilbten Wachsfigur nicht unähnlich und +bewegte wie automatisch den Kopf hin und her, um +nach rechts und links hin die Leute einzuladen. +Am Eingang der Bude saß ein prächtig gekleideter +und angemalter Türke, der aus einer langen Pfeife +sehr natürlich zu rauchen schien, und an seinen Knien +lehnte eine wunderschöne Frau, die todunglücklich +aussah und deren rabenschwarzes Haar ihr am Rücken +hinunter und bis auf den Boden hinabfloß. Sie +zwinkerte beständig mit den Augenlidern und hob hie +und da in abgemessenen Zwischenräumen die beringte +Hand, was alles ein wenig gespenstig aussah. Auch +schien sie die Lippen zu regen, wenn man länger hinsah, +und der schwindsüchtige Ausrufer sagte, es sei +die Scheherazade, die beständig unter dem Henkersbeil +lebe und sich nur ihr Leben retten könne, indem +sie dem Sultan tausend und eine Nacht lang Geschichten +erzähle. Es gingen ziemlich viele Leute +hinein, Soldaten und Mägde und Arbeiter, die gerade +aus den Fabriken kamen, und auch Schulkinder. +Wir sahen einander fragend an, ob wir es auch +wollten. Aber Maidi schüttelte nach kurzem Besinnen +den Kopf, denn innen waren sicher grausige Dinge +zu sehen, und sie ging lieber den fröhlichen nach, +deren es genug hatte auf dem Markt. Da war gleich +in nächster Nähe das Kasperletheater, das kam uns +so recht gelegen. Wir stellten uns hinter den Seilen, +die den Zuschauerraum umgrenzten, auf, und sahen +zu, wie der Kasperle mit einem Prügel auf den +<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">80</a></span>armen Bauern einhieb, der ihm eine Katze in einem +Sack hatte verkaufen wollen. Das war nichts so +Besonderes, aber wir hatten schon selber die nötige +Fröhlichkeit in uns und brauchten nicht viel Anstoß +dazu, um mitzulachen. Es stand ein kleines Kerlchen +neben uns, das sich vergebens auf die Zehen stellte, +um etwas zu sehen. Das setzte ich auf meine Achsel, +und nun schrie und strampelte es vor Wonne und +brachte die ganze Umgebung ins Feuer mit seiner +Begeisterung. Maidi aber lachte uns beide gut und +freundlich an, das Kind und mich, und mich dünkte, +es sei bis jetzt kein Tag in meinem Leben gewesen, +der diesem gleichzustellen sei. Ich kaufte ihr ein +Rosensträußchen aus Zucker und sie mir einen roten +Ballon, den ich mit seinem Schnürchen in meinem +Knopfloch befestigte, und das geschah beides neben +dem Kasperle her, denn es gingen hausierende Verkäufer +über den ganzen Markt hin und an uns vorbei. +Da kam die Frau des Besitzers mit einem +Sammelteller in unsere Nähe, und ich wollte mich +eben davon drücken, wie wir Buben das in solchen +Fällen sonst getan hatten, aber das schöne und anständige +Wesen neben mir legte mir in aller Stille +eine moralische Verpflichtung auf, so daß ich männlich +in die Tasche griff und ein paar Nickel in den +Teller legte: „Für uns beide,“ sagte ich wie selbstverständlich, +und die Frau dankte achtungsvoll. Da +überkam es mich wie eine heimliche Besitzerfreude, +daß ich für Maidi bezahlt hatte und sie in diesem +Augenblick zu mir gehörte, und es flog mir durch +den Sinn, daß ich ungeheuer arbeiten wolle die +nächsten Jahre, weil ich es bald zu etwas Rechtem +bringen müsse. Aber es war nur so ein Augenblicksgedanke, +<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">81</a></span>und der nächste mußte wieder hier auf +dem Platze sein, sonst verging etwas von dieser +Stunde, ohne daß ich es genoß. Sie war ohnehin +vorbei, eh' man es dachte. Vom hohen Kirchturm +herunter schlug es sieben Uhr, und Maidi sagte mir +wie erwachend, daß sie nach Hause müsse, und gab +mir die Hand, als ob wir täglich beisammen wären. +Aber als ich ihr mit plötzlichem Ernst sagen wollte, +daß ich sie nun wahrscheinlich nie mehr sehe, weil +ich in die Fremde gehe, sah sie drüben zwischen den +Buden ihren Großvater gehen, der den Hut in der +Hand trug, und in der ganzen Pracht seiner silbernen +Haare und seines heiteren Gesichts einherschritt, und +sie ging rasch davon, um ihn noch einzufangen und +winkte nur noch einmal mit Hand und Augen grüßend +zurück. Ich sah die beiden miteinander gehen +und sah wohl, daß sie eines Blutes und einer Art +waren: königlich, heiter, vornehm und frei. Mich +aber hatte nur ein Sonnenstrahl getroffen, der gerade +vorüberflog. Doch hatte er mein junges Blut +erfreut und erwärmt, und es malte mir nun zum +Dank tausend Bilder, die eine schöne, freudige Zukunft +gaben. Ich hatte aber freilich noch nie daran +gezweifelt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">82</a></span></p><p>Wenn ich jetzt an meine Lehrjahre denke und sie +an mir vorbeigehen lasse, so wundert es mich immer +aufs neue, wie zufällig und ohne Einmischung von +irgend einer väterlichen oder beratenden Stimme, +ausgenommen meinen Rektor, meine Berufswahl vor +sich gegangen war. Ich hatte wohl einen Vormund, +den bäuerlichen Vetter, den ich damals mit der Mutter +auf ihrem letzten Wege besucht hatte, aber er war +froh, wenn wir Geschwister uns selber rieten, und +sagte zu allem Ja und Amen. So sah ich mich auf +einmal in der neuen Umgebung auf eine Bahn gestellt, +von der ich gar nicht wußte, ob ich für sie und +sie für mich tauge und von deren Möglichkeiten ich +wenig genug kannte. Es hätte aber schlimmer ausfallen +können, als es geschah, denn ich hatte tüchtige +Lehrmeister, wenn auch meiner Meinung nach nicht +die angenehmsten, nämlich lauter ältere Männer, +die einer um den andern so vertrocknet waren, wie +alte Wüstenheilige; wenigstens kamen sie mir so vor. +Sie waren alle, ein Buchhalter und ein paar Gehilfen, +schon lang im Hause Hagenau, dem sie mit großer +Zähigkeit anhingen, und wußten, wie es mir schien, +nichts Besseres, als auch vollends darin abzusterben, +was mich mit Grauen und einem zornigen Widerstand +erfüllte. Ich kam mir vor wie das Entlein auf +dem gefrierenden Teich im Märchen, das rudert und +rudert, um nicht mit einzufrieren, und das eines Morgens +<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">83</a></span>dennoch tot im Eise steckt, so frostig dünkte meiner +warmen Jugend das umgebende Alter, dem ich dennoch +nicht entfliehen konnte. Doch muß ich ja sagen, +daß man in unreifen Jahren die Altersgrenze bei andern, +die einem um ein Stück voraus sind, niedrig +genug steckt, und sie erst sachte hinauszurücken anfängt, +wenn man selber dabei in Betracht kommt. Es +war vielleicht nicht gar so weit damit bei den Herren, +von denen nur einer, der die Bücher führte, angegraute +Haare hatte, während ein anderer, der sein intimer +Freund war, mit einer tüchtigen Glatze herumlief, +was mir alles für mich selbst in unendlichen Fernen +zu liegen schien. Heute denke ich schon etwas anders +darüber. Der Buchhalter war mir eigentlicher und +nächster Vorgesetzter, da der lederbraune Herr Hagenau +stets in seinem kleinen Privatkontor steckte +und nur zu besonderen Gelegenheiten daraus hervorkam, +wo er mich kaum beachtete; wenigstens kam es +mir so vor. Das war mir einesteils angenehm, da ich +mich törichterweise schämte, von ihm gesehen zu werden, +wenn ich, der ich noch vor kurzem ein Primaner +gewesen war und ein Student hatte werden wollen, +nun Dinge zu tun hatte, die jeder frisch entlassene +Volksschüler auch konnte, denn die geschäftserfahrenen +Herren schenkten mir nichts von allem, was einem Lehrling +gebührt. Ja, sie hielten mich wohl grundsätzlich +ein wenig drunten, als sie meine junge Überheblichkeit +bemerkten, der dies und jenes unnötig erschien, +was durch Brauch und Herkommen geheiligt, sein +und geschehen mußte, und das mir tödlich langweilig +war. Ich hatte nicht von ferne gedacht, daß es solches +auf der Welt gebe. Da waren Register zu führen +von solcher Umständlichkeit, und die so vielfach verästelt +<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">84</a></span>waren, daß es mir vorkam, als ob ein findiger +Kopf, dem es zugleich um eine tüchtige Bosheit zu +tun gewesen sei, ein System ausgeheckt habe, das unzweifelhaft +alle, die sich damit befaßten, in die Irre +und im Kreis herum führen müsse.</p> + +<p>Einmal getraute ich mir, einem der Gehilfen, der +es mir auseinandersetzte, einen Vorschlag zu machen, +wie man irgend ein Ding meiner Ansicht nach etwas +einfacher angreifen könnte. Aber der sah mich von +seinem Schreibbock herunter an mit einer strafenden +und doch milden Überlegenheit, daß mir das Blut in +den Kopf stieg vor Scham und ich mich über meine +Zettel beugte, ohne mehr ein Wort zu sagen. Ich sah +wohl, ich mußte mich da durchbeißen, es war nichts +anderes zu machen, und nach und nach kam auch ein +Sinn in das Irrsal. Aber lieber war es mir doch, +wenn die Bücher selbst durch meine Hand gingen und +ich einen Blick hinein tun konnte, gerade lang genug, +um zu sehen, daß es für mich noch unabsehbare +Goldfelder umzupflügen, Meere zu befahren, Bergwerke +auszugraben gab in der Welt der Dichter und +der Weisen. Nach und nach fingen einzelne Namen +an, aus den vielen anderen herauszuglänzen, wie an +dem unübersehbaren Sternenhimmel dem Liebhaber +und Beobachter, je fleißiger er hinaufschaut, einzelne +herausleuchten in besonderer Klarheit, um die sich +dann wieder andere zu sammeln scheinen in milderem +Glanze. Wenn mein Prinzipal im Laden stand und +etwa mit einem der bekannteren Kunden verhandelte, +so konnten sie miteinander in ein Feuer geraten über +dies oder jenes Buch, daß der trockene und etwas angestaubte +Mann wie verjüngt und verwandelt schien. +Dann horchte ich auf meiner Leiter oder wo ich gerade +<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">85</a></span>war, und beschloß, mir das Kleinod dem Inhalt nach +auch anzueignen, denn es stand mir ja die ganze +Schatzkammer offen. Ich fing an, in meinen Freistunden +zu lesen, über Mittag und am Abend bis tief +in die Nacht hinein und es schien mir, als ob ich nicht +aufhören könne, ehe ich alle Schönheit und allen +Reichtum in mich hineingetrunken hätte, und kam mir +ja freilich dazwischen hinein vor wie das Knäblein +des heiligen Augustin, das in seine kleine Schale das +große Weltmeer fassen wollte.</p> + +<p>Aber ich hätte mich vielleicht doch verirrt in den +weiten Gärten der schönen Literatur, denn dahinein +zog es mich zuerst und mit aller Macht, wenn sich mir +nicht ein besonderes Schloßgärtlein aufgetan hätte, in +dem das Schönste vom Schönen blühte. Es war ein +kleiner, offener Mahagonischrank, mit Büchern angefüllt, +der in dem Zimmer des Fräulein Brigitte +Hagenau stand. Das war die Schwester des Prinzipals, +und ich kann kaum erwarten, von ihr zu reden.</p> + +<p>Ich habe bei ihr viel für meinen Beruf gewonnen, +was mir sonst niemand geben konnte; aber noch mehr +fürs Leben. Die Werke der Dichter hatten eine stille +Heimat bei ihr; sie sprach von den besten unter +ihnen als von ihren Freunden und lehrte mich, den +Edlen aufgeschlossen und ehrfürchtig entgegen zu kommen, +nur dadurch, daß sie selbst es tat. Was echt war +und aus den Tiefen des Lebens stammte, das nahm +sie freudig auf, und lehnte alles Halbe, Oberflächliche, +oder was nach Gunst und Mode ging, ab; +so war sie mir ein Wegweiser, als ich dessen sehr bedurfte, +und glücklicherweise ohne einen solchen darstellen +zu wollen.</p> + +<p>Ich hatte noch nie gesehen, daß man so las wie sie, +<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">86</a></span>die ein Buch genoß, wie man edlen Wein aus kristallenen +Kelchen langsam schlürft, zugleich den Duft genießend +mit dem kühlen Labsal; ich selbst hatte, von +dem großen Reichtum berauscht, angefangen, eins +ums andere zu verschlingen, wie man wohl an heißem +Tage ein Glas Apfelmost nach dem anderen mit langen, +durstigen Zügen leert, ohne doch mehr davon zu +haben, als den prickelnden Reiz, mit dem er durch +die Kehle fließt.</p> + +<p>Nun, ich war jung und fing erst an, in dieser +Welt daheim zu werden; sie aber lebte schon lang +darin und verlangte nichts von mir, was meinen +Jahren nicht natürlich war, denn sie war keine vorsätzliche +Einwirkerin, sondern lebte, wie sie ihrem +Wesen nach mußte, ohne damit Schule zu machen.</p> + +<p>Es war viel anderes, was ich von ihr hatte, und +mehr, was ich hätte haben können, wenn ich den Sinn +dafür gehabt hätte. Sie ist einer der wenigen Menschen +aus meinen jungen Jahren, an die ich ohne Leid +und Reue zurückdenken kann, und wenn ich auch zuzeiten +manches vergaß oder in den Winkel stellte, was +Lebendiges von ihr hätte mit mir gehen und mein Tun +bestimmen sollen, so habe ich doch sie selber verehrt +und sie hochgehalten, und sie ist mir gut gewesen +wie eine Mutter oder eine Freundin.</p> + +<p>Davon will ich nichts vergessen.</p> + +<p>Als ich sie zum erstenmal sah, erschrak ich vor ihr, +denn sie war klein und stark verwachsen und hatte den +Kopf tief zwischen den Schultern sitzen. Sie saß mir +am Tisch gegenüber, neben ihrem Bruder, und sprach +unbefangen, frei und heiter, fragte mich nach der +Reise, von der ich gerade erst herkam, und nach allerlei +anderem und war in allem ein Mensch, der dem +<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">87</a></span>Schicksal gewachsen oder sogar überlegen ist, da sie +doch mit einem mißratenen Körper hausen mußte und +von Rechts wegen hätte bedrückt und kleinlaut sein +sollen meiner Meinung nach. Denn ich begriff nicht, +wie man leben und dazu noch heiter sein mochte, +wenn man nicht aufrecht und gerade gewachsen war.</p> + +<p>Es sahen auch lauter stattliche Leute auf sie hernieder +von den Wänden, nämlich eine Anzahl von +gemalten Vorfahren, die mit klugen und aufrecht getragenen +Köpfen unter feinen Hauben oder Perücken +hervor zu fragen schienen, wie eins aus der Familie +so kümmerlich habe werden können, und deren Gesichter +sie aber nicht im mindesten zu scheuen schien. +Im Gegenteil blickte sie aus großen grauen Augen +warm lebendig drein und hatte alle Augenblicke ein +solches Lächeln um den Mund, als ob sie über alles +hinüber inwendig etwas freue, und ich hielt mein +Gesicht nicht im Zaum, das sie erstaunt betrachtete.</p> + +<p>Es fiel mir auch auf einmal ein Spiel ein, das +wir daheim gehabt hatten mit zerschnittenen menschlichen +Figuren, die man wechselsweise zusammensetzen +konnte nach Belieben; und es fuhr mir so durch +den Sinn, daß hier aus Versehen oder im Spiel ein +feiner, wohlgebildeter Kopf auf ein Körperlein gesetzt +sei, das ihn nicht aufrecht zu tragen vermöge, +während vielleicht anderwärts ein grotesker Schädel +auf schönen, schlanken Schultern ruhe und man nun +die Figuren wieder verwechseln müsse, daß sie in +Richtigkeit seien.</p> + +<p>Darüber kam mich ein kleines dummes Lachen +an, das ich mit aller Mühe nicht schnell genug erwürgen +konnte, und plötzlich sah ich die schönen +Augen der Hauswirtin groß und ein wenig verwundert +<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">88</a></span>auf mir liegen, so als ob sie schon alles wüßten, +und kam mir unter ihnen wie ein rechter Schulbub +vor, da ich doch hatte in allem Ernst mit der Männlichkeit +anfangen wollen.</p> + +<p>Sie ließ es mich aber nicht entgelten, sondern +lachte mich auch ein wenig an ohne alle Empfindlichkeit, +aus einer ganz jugendlichen Seele heraus, die +alles versteht, was junge Dummheiten sind, so daß ich +mit einem Schlag für sie gewonnen war und ihr am +liebsten alle meine Gedanken gesagt hätte.</p> + +<p>So kann es zugehen, daß man einen achtzehnjährigen +Jüngling gewinnt, habe ich später oft gedacht, +denn es wissen es nicht alle Leute so gut anzugreifen. +Aber es gibt freilich auch nicht viel Brigitten.</p> + +<p>An jenem Abend, den ich noch ein wenig vor mir +ausbreiten will, weil es der erste war, stand sie gleich +nachher auf und ging ans Klavier, da spielte sie ohne +Noten eine Musik, welcher der Bruder, in einer Ecke +sitzend, mit in die Hände vergrabenem Kopf zuhörte +und welche mich fremd und geheimnisvoll berührte. +Ich hatte bis jetzt noch nicht viel Musik gekannt, und +jedenfalls gar keine intime, wie diese hier, die eigentlich +nur auf einen Zuhörer berechnet war, denn ich, +das fühlte ich wohl, saß nur dabei und störte vielleicht +sogar. Aber ich schaute doch aufmerksam nach dem +Klavier hin und mußte mich wundern, wie sicher und +kräftig das Fräulein mit schlanken, schönen Händen +auf den Tasten herumregierte und das Instrument +nach einem inneren Wissen zum Erklingen brachte, +so, daß es inwendig in mir mitklang.</p> + +<p>Ich mußte an daheim denken, an meine Mutter +und an Heinrich Kilian, die beide schon lange vom +<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">89</a></span>Leben hinweggegangen waren, und die mir nur ganz +selten einfielen, und auch an meine Schwestern, wie +sie morgens an der Eisenbahn gestanden waren in +ihren grauen Regenmänteln und mit ihren freudlosen +Gesichtern, die meinem Fortgehen galten. Es rührte +sich allerlei in mir, daß ich ihnen gern ein gutes Wort +gesagt hätte, weil sie immer im Geschirr stehen mußten +und nie hinauskamen, und weil ihnen nie etwas +zu viel war für mich. Aber sie waren nun fern von +mir, und am Ende hätte ich doch nichts gesagt, wenn +ich sie dagehabt hätte, denn es war nicht der Brauch +bei uns. Das machte alles nur die Musik, ich wußte +nicht, wie es zuging.</p> + +<p>Als sie zu Ende war, kam der Prinzipal wie erwachend +aus seiner Ecke hervor. „Das war schön, +Brigitte,“ sagte er, und sie nickte ihm zu, noch den +einen oder andern Ton leise anschlagend: „Das freut +mich, Bruder, es war aber auch Beethoven.“ Er +nannte sie immer beim Taufnamen, dabei die mittlere +Silbe betonend, sie aber sagte nie anders als +Bruder zu ihm. Das sei, erfuhr ich später, darum +der Fall, weil er Kasimir heiße und den Namen +nicht ausstehen könne, was ja auch wohl zu begreifen +war. Ich nannte ihn aber von da an im stillen und +nenne ihn auch in diesen Aufzeichnungen so.</p> + +<p>Er hatte damals recht geredet, als er sagte, daß +ich bei seiner Schwester in rechten Händen sei. Ich +hätte, grün und unreif, wie ich von daheim fortkam, +in keine besseren fallen können.</p> + +<p>Sie hatte nicht nur ein schönes Gesicht und schöne +Hände, sondern es brannte auch aus ihrem Wesen +heraus eine stille und helle Flamme von unüberwundener +Liebe zu allem Schönen und Guten, und sie +<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">90</a></span>war nicht nur nicht zu bemitleiden, sondern sie stand +weit über unsereinem, der noch am Leben herumtastete +als ein Neuling.</p> + +<p>Es erging mir mit der Zeit sonderbar genug mit +ihr. Nachts, wenn ich im Bett lag und im Begriff +war, ins Nichts hinüberzuträumen, dann kam es mir +hie und da vor, als ob ich in sie verliebt sei. Dann +sahen mich ihre großen, klaren Augen wundergütig +an, und ihr feiner Mund lächelte unendlich lieblich, +und ich ahnte hinter beidem verborgene Schmerzen +und Reichtümer. Die Musik, die sie gemacht hatte, +schien mir ihre eigene Sprache zu sein, die mir +jungem Knaben das Herz umdrehte und alles, was +sie am Abend getan und gesagt hatte, übte noch im +Nachhall einen Zauber auf mich aus, so daß ich etwa +aufstand und nach dem nächtlichen bewaldeten Berg +hinüber und auf das in den Nachthimmel hinein +dunkelnde Münster schaute, was beides von meinem +Zimmer aus zu sehen war, und dabei die Ströme +meines warmen Blutes ziehen hörte. Dann dachte +ich mir aus, daß sie eine wunderschöne Prinzessin +sei, die ein böser Zauberer in einer Mißgestalt gefangen +halte und die sich selbst erlösen müsse in viel Mühsalen, +bis ein Stück des Häßlichen ums andere von +ihr abfalle und sie in lauterer Schönheit dastehe. +Es brannte etwas in mir und riß mich mit sich +fort, und ich entsinne mich noch einer stürmischen +Februarnacht, in der es mich dergestalt überwältigte, +daß ich in meine Kissen hineinschluchzte, wie ein unglücklicher +Verliebter, bis ich daran müde wurde und +einschlief. Aber am Morgen war alles anders. Da +konnte ich froh sein, daß sie nichts von dem allem +wußte. Denn sie regierte das Haus so ruhig und +<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">91</a></span>sicher wie eine brave Bürgersfrau und ging auch +selber auf den Markt, von der Magd Salome begleitet, +und sah kümmerlich genug dabei aus.</p> + +<p>Man konnte auch sogleich sehen, wer einheimisch +war und wer fremd. Denn die Einheimischen grüßten, +soweit sie honorige Leute waren, das Fräulein +mit viel Respekt, und sie dankte mit ruhiger Höflichkeit, +aber wer fremd war, sah sich, wenn sie vorbeigegangen +war, kopfschüttelnd nach ihr um, und ich +war dumm genug, froh zu sein, daß ich nicht neben ihr +gehen mußte. Sie aber schien nichts von meinen +heimlichen Gedanken zu merken. Sie versorgte mich +im Leiblichen so gut, daß ich kräftig aufschoß und auseinanderging, +wie ein junger Baum, und tat zu allem +noch etwas hinzu von einer schönen, geistigen Wärme +und Bildung, die ich bisher nicht einmal vom Hörensagen +gekannt hatte, und die mich umgab wie eine +heilsame Luft. Sie scheint mir, wenn ich an sie zurückdenke, +eine jener Frauen gewesen zu sein, denen +das Schicksal darum eigene Kinder versagt, damit sie +um so ungeminderter allen, die in ihren Weg kommen, +etwas von der wahren, durchschauenden und +alliebenden Mütterlichkeit zu geben vermögen, die +einem jeden not tut. Gott mag wissen, woher sie ihre +eigene Nahrung beziehen, aber sie scheinen nur leben +zu können, indem sie andern geben und für sie da +sind, was dann ihr Glück ausmacht und sie aufleuchten +läßt in einem milden und warmen Glanz.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Unter den Herren im Geschäft war einer, der sich +hie und da etwas mehr mit mir zu schaffen machte, +als unumgänglich nötig war. Er lockte mich zu dieser +<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">92</a></span>und jener Arbeit heran, etwa zur Ausschmückung +eines Schaufensters, zum Zusammenstellen einer Auswahlsendung +und dergleichen, wobei er mich um meine +Meinung fragte und mich etwas gelten ließ, was mir +zwar wohl gefiel, mich aber doch wunderte, da er diese +Dinge sehr gut allein machen konnte und jedenfalls +besser als ich, wenigstens für jetzt noch. Es kam mir +mehr und mehr vor, als ob er etwas Besonderes von +mir wolle, ich konnte mir aber nicht denken, was es sei. +Hie und da sah ich, daß er mich mit auf die Seite +geneigtem Kopf anschaute, als ob er über irgend etwas +im Zweifel sei, und ich war mehr als einmal nahe +daran, ihn zu fragen, was er damit meine, ließ es +aber, weil es mich dann doch wieder nicht genug interessierte. +Er war ein Österreicher, der schon in seiner +frühen Jugend zu uns verschlagen worden war durch +irgend ein Schicksal, wie ich gelegentlich erfuhr, und +hieß Frerichs. Von den andern Herren wurde er nicht +besonders geschätzt, wie ich merkte, trotzdem er ein +stiller, friedlicher Mensch und ein überaus fleißiger +Arbeiter war. Sie machten sich gern über ihn lustig, +und besonders tat das der rotbärtige Giller, den ich +im stillen den Kettenhund hieß, denn er war wie ein +solcher knurrig und bissig und hatte eine Bewegung +an sich, die aussah, als ob er zuschnappen wolle. +Dieser sprach von Frerichs als dem Dichter, aber in +einer Weise, wie wenn ein anderer von einem Dummkopf +spricht, oder wie einer der Josephsbrüder auf der +Weide bei Sichem gesagt haben mag: Seht, da kommt +der Träumer her. Das hörte ich aber nur nebenbei, +denn mit mir sprach er nur über geschäftliche Dinge. +Da begab es sich, daß ich eines Abends mit Frerichs +zugleich das Kontor verließ, um noch einen Gang zu +<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">93</a></span>tun vor dem Abendessen, das ich allein von allen +Angestellten im Hause einnahm, wie ich auch allein +darin wohnte. Er sah mich wieder so zweifelhaft an +und sagte dann mit der kindlichen Stimme, die mir +immer an ihm auffiel, weil sie gar nicht zu seinem +Äußeren paßte: „Ich möchte Sie schon lang etwas +fragen, Fugeler. Ich habe nämlich, – ich mache nämlich +hie und da Gedichte, oder auch“ – er neigte den +Kopf zu mir her und sah sich um, ob niemand in der +Nähe sei, und flüsterte: „ich verfasse auch hie und da +Novellen oder dergleichen, und würde Ihnen gern +einmal etwas zeigen. Das heißt, wenn Sie es gerne +wollen.“</p> + +<p>Da war nun das Rätsel gelöst. Ich ging mit ihm +in seine Stube, die hoch gelegen war und eine schräge +Wand hatte, wie sich das für einen Dichter gehört, +und er hatte auf einmal einen festlichen Glanz in den +Augen und ein aufgewachtes Wesen, und holte aus +einem Wandschränklein ein Bündel Hefte hervor, die +alle mit einer kleinen, schnörkeligen Schrift beschrieben +waren, von denen sollte ich dies und das mitnehmen +und lesen, wenn ich nämlich so gut sein wolle. +Ich fühlte mich nicht wenig geschmeichelt, daß er mich +ins Vertrauen zog, und las auch seine Sachen, die +mir aber teilweise irgendwie bekannt vorkamen, ohne +daß mir beikommen wollte, woher. Einmal erinnerte +mich etwas an diesen Dichter, einmal an jenen; ich +wurde nicht recht klug daraus. Dann wieder auf einmal +kam ein Gedicht, in dem sonderbar traurige oder +sehnliche Gedanken in eine ungefüge Form gefaßt +und so halblebendig geblieben waren, da man doch +den Eindruck hatte, als ob gerade diese ihm ganz +eigen seien und er nur nicht die Kraft besessen habe, +<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">94</a></span>sie herauszumeißeln. Frerichs wartete geduldig, bis +ich etwas sagte, ich sah ihm aber wohl an, wie gern er +mich gefragt hätte, während es mir doch schwer fiel, +eine Kritik zu üben, die eigentlich kein Lob enthielt, +da ich doch ein junger Mensch war seinem reifen Alter +gegenüber und auch gar keine Übung darin hatte, +was ich meinte, sachlich zu begründen.</p> + +<p>Einmal mußte es aber doch sein. Ich gab ihm die +Hefte zurück und sagte zögernd, manches habe mir gut +gefallen; ob es aber nicht schwer sei, zu vermeiden, daß +einem fremdes dazwischen komme, wenn man unter so +vielen Büchern lebe?</p> + +<p>Da sah er mich erschrocken an und sagte: „Also +das haben Sie auch gemerkt? Und so hilft denn alles +nichts!“ Und er bekannte mir, daß er an einer Art +von Dichtkrankheit leide, die ihn zwinge, immer, +wenn er etwas recht Schönes gelesen habe, etwas +dem Ähnliches zu verfassen, das ihm aber während +des Schreibens nach und nach so eigen werde, als ob +es ganz allein aus ihm heraus entstanden sei, so daß +er die Dinge eigentlich geistig wiederkäue oder vielmehr +wiedergebäre und sie trotzdem dann liebe wie +eigene Kinder. Er habe deren auch, denn hie und da +falle ihm, etwa Sonntag morgens im Bett, etwas ein, +das ihn dann nicht mehr loslasse, bis er versuche, ihm +eine Form zu geben, was aber meistens nur halb gelinge, +so daß die Lebewesen dann nicht ganz entstünden +und etwa mit dem Kopf oder Oberleib aus dem +Stein herausschauten, mit den übrigen Teilen aber +stecken blieben, was ihn dann kläglich plage.</p> + +<p>Er sagte das alles so bekümmert und ehrlich, wie +ein Patient dem Doktor, zu dem er Zutrauen hat, die +Symptome seines Leidens mitteilt, und mir blieb das +<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">95</a></span>Gelächter, in das ich schon hatte ausbrechen wollen, +im Hals stecken und zuckte nur immerfort in den Kinnbacken, +so daß ich das Gesicht verziehen mußte, als +ob mir etwas weh tue. Denn es war eine solche +Mischung von Torheit und von Ehrlichkeit und eigentlich +rührendem Ernst in seinem Gesicht, als er die +Sache vorbrachte, daß ich mich gar nicht dabei zu behaben +wußte.</p> + +<p>Er fügte noch hinzu, wenn die Spiegelgebilde, +wie er sie wohl nennen dürfe, da sie im Spiegel +der echten Werke entstanden seien, dann allemal +ein gewisses Alter erreicht hätten, und er sie wieder +ansehe, so sei es ihm oft, als ob sie ihren Urbildern +doch nicht so ähnlich seien und er sie eigentlich +wohl für eigene ausgeben dürfe. Dann reize es +ihn immerfort, sie in die Welt hinauszugeben und +ihnen so ein eigenes Leben zu verschaffen, und er +müsse sie vor sich selber verstecken, damit er es nicht +tue, bis er wieder etwas Neues mache und das Spiel +von vorne anfange.</p> + +<p>Ich hatte mich inzwischen gefaßt und sagte einige +weise Worte, die mir im Gefühl meiner Wichtigkeit +einfielen, wie, daß nicht jeder Mensch ein Dichter sein +könne und man freilich jedem das Seinige lassen +müsse, da das Nachahmen keine schöne Sache sei, +und solcher Binsenwahrheiten mehr.</p> + +<p>Denn damals wußte ich noch nicht, was ich jetzt +weiß, daß nicht alle, die an dieser Krankheit leiden, +sich damit hinter Schloß und Riegel setzen, sondern +manche der Patienten machen ein großes Geschrei und +tun noch, als ob die Bastarde die rechten Kinder +wären.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">96</a></span></p><p>Der Nachdichter, wenn ich ihn so heißen soll, +hatte in einer Anwandlung von Schwäche erhofft, +meine Jugend und Unerfahrenheit, die aber +doch wieder nicht gar zu groß sei, werde das Verfahren +nicht merken, so daß ihm vielleicht in mir einer +entstehe, gleichsam als Vertreter einer Sorte von +Lesern, der sich unbefangen an seinen Schätzen erfreue +und den zweiten Aufguß für einen ersten nehme. +Denn es verlangte ihn nach einem kleinen Ruhm +oder einer Wirkung bei aller Wahrhaftigkeit, die ihm +immer wieder das Gelüste totschlug, und er hatte sich +mit den zwei Seelen, die er in der Brust trug, tüchtig +herumzuplagen.</p> + +<p>Für den Augenblick war er jetzt verlegen und enttäuscht +und sah aber auch an meiner Findigkeit hinauf, +die mir selber erstaunlich war, und mich vor mir +erhob, so daß ich, ohne es zu wissen, für einige Zeit +den raschen, federnden Gang und die elegante Handbewegung +des Herrn Hubli annahm, der mir am +meisten von den Gehilfen imponierte trotz seiner großen +Glatze. Denn ich war selber ein Nachahmer, wenn +auch in andern Dingen, nur mir selber unbewußt; +ich merkte es immer erst nachträglich.</p> + +<p>Mit Herrn Frerichs kam ich in ein halb freundschaftliches +Verhältnis, das bei mir aber mit ein wenig +Überheblichkeit vermischt war, so daß ich in meiner +Jugend väterlich über ihn lächelte, was dann wieder +den Kettenhund Giller reizte, da es nach seiner Meinung +nicht dasselbe war, ob er oder ich über den seltsamen +Kauz urteilte.</p> + +<p>Wir gingen hie und da miteinander spazieren +in fleißigen Gesprächen, und ich merkte wohl, daß er +freilich dennoch ein Dichter sei, da er selig empfand, +<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">97</a></span>was tief und schön sei, und da er litt, wenn er nicht +das Wort fand für das, was in ihm lebte.</p> + +<p>So ging ich einige Zeit mit dem reiferen Alter +um, ohne Verkehr mit Jugendgenossen; es konnte aber +nicht lange so bleiben.</p> + +<p>Eines Wintersonntags kamen wir beide von einem +Waldspaziergang her auf die breite, mäßig abfallende +Steige, die von dem bewaldeten Berge nach der Stadt +hinunterführt. Es lag ein schöner Schnee, der in +der blassen Wintersonne frisch erglänzte. Im Wald +war es traumhaft still gewesen, bis wir uns dem Ausgang +genähert hatten, wo dann die Ausläufer eines +lustigen Lärms hereingeschallt waren und mich ungeduldig +getrieben hatten, an die Quelle solcher Fröhlichkeit +zu kommen. Denn es war Zeit bei mir, daß +ich wieder unter meinesgleichen kam, nachdem ich +lange nur im Bücherlesen und im Umgang mit den +Alten gelebt hatte. Als wir nun an den Tag traten, +wimmelte der Berg von einer fröhlichen Jugend, die +auf Schlitten die glatte Bahn hinuntersauste mit Geschrei +und Lachen, von dem die Luft widerhallte. Es +waren da viele rote und blaue Mützen und farbige +Brustbänder der Studenten zu sehen, und dazwischen +mischten sich zierliche Pelzmützen, die auf blonden +oder braunen Locken oder Zöpfen saßen, ungerechnet +das Gewimmel der Schulkinder, das barhäuptig, in +gestrickten Sturmhauben oder Kapuzen erschien und +den weitaus größten Lärm machte, denn es mußte die +überschüssige Kraft los werden.</p> + +<p>Das alles rührte mich heimatlich an und rief mich +zu sich, daß ich mitkommen möge, so daß ich es nicht +erwarten konnte, bis ich den Frerichs los hatte, der +mir auf einmal in seinem langen Überzieher und mit +<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">98</a></span>dem milden Gesicht vor aller Lustbarkeit zu stehen +schien. Ich stand begierig zusehend still, bis er kalte +Füße bekam und entschuldigend sagte, wenn es mir +nichts ausmache, so wolle er vorausgehen, da er noch +etwas zu tun habe; denn er hatte wieder ein neues +Buch gelesen, das ihm keine Ruhe ließ, soviel ich schon +unterwegs gemerkt hatte.</p> + +<p>Da stand ich denn nun in der Freiheit auf dem +Berge und überlegte mir, wie ich zu einem Schlitten +kommen solle, denn ich mußte fahren, das war ausgemacht.</p> + +<p>Als ich nun so sinnierte und nicht recht den Rang +bekam, einen der Schulbuben darum zu fragen, ertönte +auf einmal neben mir ein helles Gelächter und +ich sah, mich umwendend, drei lustige junge Mädchen, +die mich vergnügt betrachteten. Sie hatten einen +langen Schlitten, den sie miteinander an einem Strick +den Berg hinaufgezogen hatten, und waren jetzt im +Begriff, wieder abzufahren. Es waren offenbar Mädchen, +die am Werktag in irgend einer Brotarbeit standen, +das konnte ich wohl sehen, so sauber sie auch jetzt +in einem billigen Sonntagsputz aussahen. Vielleicht +waren es Bügelmädchen, wie die, die daheim meiner +Schwester Luise halfen.</p> + +<p>„Wollen Sie aufsitzen?“ fragte die eine, die eine +weiße wollene Mütze auf den krausen Haaren trug +und ein paar frische rote Backen hatte von der Schneeluft. +Aber als sie das gesagt hatte, lachten alle drei +aufs neue, denn sie waren in dem Alter, wo man keinen +besonderen Grund zum Lachen braucht, sondern nur in +der passenden Stimmung sein muß, um unaufhörlich +fortzulachen. Da war ich nun in der Lage, die ich mir +gewünscht hatte, ich hätte nur ja sagen oder mit dem +<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">99</a></span>Kopf nicken müssen, so hätte ich ohne weiteres den +Strick in die Hand bekommen und auch etwa das eine +oder andere der jungen Geschöpfe hinter mich auf den +Schlitten für eine oder ein paar Fahrten den Berg +hinab. Denn sie waren einfachen Wesens und nicht +zimpferlich, das war leicht zu sehen. Mir aber schoß +auf einmal eine hochmütige Regung durch den Sinn, +so daß ich dachte: „Das denn doch nicht,“ obgleich ich +soeben noch voller Verlangen nach der Jugendlust +gewesen war. Und weil ich nicht wußte, warum +sie lachten, und dachte, ihre Fröhlichkeit sei irgendwie +auf mich gemünzt in spöttischer Weise, so stieg +mir das Blut in den Kopf wie einem gereizten +Truthahn, und ich gab dem Schlitten einen Stoß +mit dem Fuß, damit immerhin und ohne meinen +Willen zeigend, daß ich kein vornehmer junger Herr +sei, sondern eher in etwa ihresgleichen, aber es +doch nicht sein wollte. Sie waren ein wenig betreten +wegen meines unfreundlichen Wesens und sahen einander +und mich einen Augenblick erstaunt an. Aber +der Schaden war nur auf meiner Seite, denn die +kecke Blonde mit der weißen Mütze sagte mit schnell +wiedergewonnener Fassung: „So kommt und lasset +den Herrn. Er wird schon zu alt sein zu solchen +Sachen, und es könnte ihm auch sein Hütlein davonfliegen.“ +Und darauf stiegen sie alle drei ohne +viel Umstände wieder auf den Schlitten; aber als ich +unwillkürlich den Abfahrenden noch einen Blick nachsandte, +da traf mich aus einem Paar guten braunen +Augen, die der Letzten auf dem Fahrzeug gehörten, +ein Strahl, der mir Herzklopfen machte, weil er freundlich +und gut war und zu sagen schien: Wir haben es +nicht bös gemeint, du hättest immerhin aufsitzen können. +<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">100</a></span>Da war es bei mir aus mit der Lust; ich ging +mißmutig nach Hause und vergrub mich in meine +Kammer. Ich konnte es aber nicht lassen, zum offenen +Fenster hinauszuhorchen, ob ich von ferne den Schlittenjubel +vernehme, und wenn ein Jauchzen die dünne +Luft zerschnitt, so spürte ich, daß ich meiner Jugend +etwas schuldig geblieben sei.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Bald darauf schmolz der Schnee, der nur noch ein +Nachzügler gewesen war, und der Frühling kam ins +Land mit allen guten Dingen, die er hatte: mit frischen +Winden, die er den Leuten lachend ins Gesicht +blies, mit Starengeschwätz, mit singenden Bächen, die +überall von den Bergen herunter kamen, mit Palmkätzchen, +die die Bauernweiber auf dem Münsterplatz +feil hielten, und dergleichen, so daß wieder einmal die +Zeit war, in der man nicht wußte, was noch werden +mag.</p> + +<p>An einem sonnigen Nachmittag trat ich unter die +Ladentür, die offen stand, um etwas von dem leiernden +Lied eines Orgelmanns, der draußen vorbeiging, +aufzunehmen. Er spielte und sang dazu mit mißtöniger +Stimme Bertrands Abschied, und hatte einen +Schweif von Gassenkindern hinter sich drein. Neben +uns lag ein Blumenladen, dem eine sehr stattliche +Dame vorstand, deren Leibesfülle ich schon oft angestaunt +hatte. Sie hatte ein kleines Schnurrbärtchen +auf der Oberlippe und gar nichts von einer Flora an +sich. Aber an diesem lichten Frühlingstag trat auf +die Schwelle heraus ein schlankes, braunhaariges +Mädchen, das einen angefangenen Kranz in den +Händen hielt, und dessen Gesicht ich früher schon gesehen +haben mußte, aber ich wußte nicht gleich, wo. +<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">101</a></span>Das Mädchen ging, nachdem es einen Augenblick gehorcht +hatte, in den Laden zurück und kam gleich darauf +mit einem Nickelstück wieder heraus, das sie dem +Orgelmann auf seinen Kasten legte. Sie lächelte ihn +gut und freundlich an, und in dem Augenblick wußte +ich auch, daß sie das Mädchen von dem Schlitten war, +das mich so tröstlich angeblickt hatte. Da besann ich +mich nicht lange, sondern ging, weil es Frühling und +mein Blut in frischer Regung war, ohne Scheu über +die Straße, um ein gleiches Stück daneben zu legen +und gleichfalls einen guten Blick aus den braunen +Augen zu erhaschen. Der Leiermann ließ sich nicht in +seinem Lied stören, er nickte uns beiden, dem Mädchen +und mir, nur beifällig zu und wir hielten uns auch +nicht mit ihm auf, sondern lachten einander an wie +alte Bekannte, und das war der Eingang zu einer +kleinen Unterhaltung. „So, also da sind Sie?“ sagte +ich, denn es fiel mir nichts anderes ein; „was tun Sie +denn da?“</p> + +<p>Da lachte sie ohne allen ersichtlichen Grund noch +mehr, vielleicht bloß, weil es ihr gefiel, zu lachen. +„Das hätten Sie schon lang sehen können, daß ich da +bin,“ sagte sie, „aber wenn man immer so ernsthaft +herumgeht und die Augen nicht aufmacht, dann kann +viel vorbeigehen, was man nicht sieht.“</p> + +<p>Und sie erzählte mir ohne aller Ziererei, daß sie +schon damals, als die Schlittengeschichte gewesen war, +meine Nachbarin gewesen sei, und daß es ihr immer +leid getan habe, daß ich ihr nie einen Blick geschenkt +habe. „Lieber Gott, wenn man so jung ist,“ sagte sie, +„dann muß man doch auch ansehen, was jung ist, und +einander ein gutes Wort gönnen, alt wird man bald +genug, meinen Sie nicht auch?“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">102</a></span></p><p>Da hatte sie recht, das fühlte ich deutlich. Aber +noch war es ja Zeit, und es mußte jetzt anders kommen, +sonst ging mir irgend etwas vorbei, das schön +sein konnte und es nicht war, weil ich die Augen nicht +aufmachte. Sie mußte wieder zu ihrem Kranz zurückkehren, +der Eile habe, wie sie sagte. Er sei ganz aus +einem hellen Moos mit lauter Veilchensträußen rings +herum, und er sei für ein junges Mädchen, das an der +Auszehrung gestorben sei. Als sie das sagte, wurde +ihr helles freundliches Gesicht wie beschattet, weil es +so unbegreiflich war, daß man vom Jungsein hinwegsterben +konnte. „Ich trage ihn nachher selber auf +den Friedhof,“ sagte sie, „denn ich will das Mädchen +sehen, das schon in der Leichenhalle liegt. Es ist fremd +hier, ein Herr hat den Kranz bestellt, ich glaube, es ist +ihr Schatz gewesen, aber ein vornehmer. Er hätte sie +doch nicht genommen, wenn sie auch gelebt hätte.“</p> + +<p>Das sagte sie mit einem kleinen Seufzer, aber ich +wußte nicht, ob er dem toten Mädchen galt oder dem +verlassenen, das es wahrscheinlich geworden wäre, +wenn es gelebt hätte, und ich mochte auch nicht fragen, +weil mir zu viel Neues auf einmal im Kopf herum +ging.</p> + +<p>Das Mädchen sah mich einen Augenblick prüfend +an, dann fügte es hinzu: „Wenn Sie wollen, können +Sie mitkommen. Oder sehen Sie nicht gern Tote? +Ich schon, ich lebe dann noch viel lieber, wenn ich gesehen +habe, daß man auch tot sein kann.“ Es war mir +nicht ganz so, ich hatte immer ein Grauen vor dem +Tode und allem, was damit zusammenhing. Aber ich +mochte es jetzt nicht gestehen, weil sie so ganz natürlich +davon sprach, und ich mochte ihr das Mitgehen +auch nicht abschlagen, sonst saß ich wieder allein da. +<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">103</a></span>So sagte ich zu ohne viel Besinnen und hatte nun also +eine Verabredung mit einem hübschen jungen Mädchen, +das ich vor ein paar Minuten noch gar nicht gekannt +hatte. So ging es zu im Frühling.</p> + +<p>Die dicke Dame mit dem Schnurrbärtchen rief: +„Hertha!“ mit ihrer tiefen Stimme, und das Mädchen +enteilte, aber es nickte mir vorher noch gut und +freundlich zu, und ich ging nachdenklich und aufgeregt +zu meinen Büchern zurück, denn es ging allerlei in +mir um.</p> + +<p>Ich war kaum fünf Minuten draußen gewesen. +Auf dem Ladentisch lag ein Stoß Landkarten, denen +ich Etiketten aufzukleben hatte. Der Buchhalter hustete +und räusperte sich im Kontor, dessen Tür offen stand, +und Herr Hagenau ging drinnen auf und ab und +hielt ihm einen Vortrag, den er schon vorher angefangen +hatte. Es war alles ganz wie zuvor. Aber ich +hatte in der Zwischenzeit etwas erlebt. Es hatte sich +eine Tür aufgetan, die seither verschlossen gewesen +war, und ich stand unter ihr und sah allerlei schöne +Dinge. Sie durfte nicht wieder zufallen, denn draußen +stand die Jugend und das Leben und hatte +lachende braune Augen und einen Kranz von braunen +Zöpfen. Und alles hing auch wieder mit dem Tod +zusammen. Man konnte davonkommen, eh' man es +dachte, und dann blieb vieles ungeschehen, das erst +hätte kommen sollen.</p> + +<p>Das durfte aber um keinen Preis sein, dazu war +man nicht Mensch geboren. Aber andererseits: Wie +konnte ich es möglich machen? Ich hatte nach Ladenschluß +beim Nachtessen zu erscheinen und da gediegen +und ehrbar am Tisch zu sitzen bei Fräulein Brigitte +und Herrn Kasimir. Das waren alte Leute, von +<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">104</a></span>meiner Jugend aus betrachtet, und sie konnten mir +zum Umgang keineswegs genügen. Bis aber das +Essen vorbei war, wurde es dunkel, und der Abend +war hin. Da wurde mein Gemüt borstig und sträubte +sich, denn es wollte nicht an der Kette liegen, und es +tat nichts zur Sache, daß es diese bis heute nicht empfunden +hatte. Ich schmiß die Karten mit einem zornigen +Wurf auf den Nebentisch, um doch etwas gegen +die Ordnung zu tun, und beschloß bei mir, der alten +Salome zu sagen, daß ich in einen Vortrag gehe und +nicht beim Abendessen erscheinen könne. Das war +frank und frei gelogen, und es war eine Kunst, die ich +bisher nicht geübt hatte. Aber es kam mir nicht unmännlich +vor, daß ich es tat, im Gegenteil. Denn +man brauchte nicht alles zu wissen, was ich vorhatte, +da ich immerhin über neunzehn war. Da, als +ich grimmig ausdachte, wie ich mich benehmen wolle, +kam zur Ladentür herein ein junges Menschenpaar, +Bruder und Schwester, wie man sogleich sah. Sie +waren beide hoch und schlank und von einem hellen, +kühlen Blond, und ich wußte, als sie nach Herrn +Hagenau fragten, daß es erwartete Gäste waren, +Neffe und Nichte aus Holstein oder sonst da oben her. +Man hatte bei Tisch von ihnen gesprochen und sie +wohl an einem andern Tag erwartet. Aber nun sie +da waren, gab es ein großes Grüßen und Händeschütteln. +Herr Kasimir verjüngte sein Faltengesicht +in der Freude an der Familienjugend und ließ es +sich gefallen, daß er auf beide Backen geküßt wurde; +das mochte dem Weib- und Kinderlosen ein seltenes +Streicheln sein.</p> + +<p>Ich hatte das Zusehen dabei, und es war mir +einen Augenblick, als sähe ich einen alten ledernen +<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">105</a></span>Geldbeutel auseinandertun, verwittert und abgerutscht, +aus dessen Innerem es plötzlich hervorgleißte +von Gold und Silber, was ihm äußerlich niemand zugetraut +hätte, so zum Lebendigen verändert schien es +aus dem alten Herrn heraus, den ich noch nie so +durchsonnt gesehen hatte.</p> + +<p>Da konnte ich nun meine Pfeifen einziehen, was +die Tischgesellschaft bei uns betraf, denn Jugend gab +es nun gleichfalls im Hause, es war nur die Frage, +ob sie etwas von mir wissen wollte.</p> + +<p>Die alte Salome ging eilig, um noch irgend etwas +einzukaufen, an der offenen Ladentür vorbei, und ich +wäre vielleicht wohlfeil davongekommen, wenn ich +mich bei ihr abgemeldet hätte. Aber ich tat es nicht, +es war keine Rede mehr davon bei mir, sondern ich +ging nach einer Zeit, als ich gerufen wurde, mit einer +neuen Krawatte geschmückt, zum Tisch und saß herzklopfend +neben dem jungen Mädchen, das Eleonore +hieß, Eleonore Bitterolf nämlich, und vielleicht zwischen +siebzehn und achtzehn war. Es war aber, um +es gleich zu sagen, kein junges Mädchen, was man so +heißen konnte, sondern eine Dame, vor deren sicherem +und gewandtem Wesen und Auftreten ich mich verkriechen +konnte. Der Bruder hieß Hermann, hatte +ein freies und heiteres Gesicht, erzählte frisch und +munter, brachte alle und auch mich zum Lachen +und war ein junger Mensch wie ich. Dagegen das +Fräulein brachte sogleich die Überzeugung in mir auf, +daß es auf mich herabsehe und mich gering schätze, +was mich tief kränkte, obgleich ich keinen Beweis +dafür hatte. Sie hatte einen kühl-erstaunten Blick zu +versenden, wenn ich, von des Bruders frohmütigem +Wesen angesteckt, ins Lachen geriet und in die Unterhaltung +<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">106</a></span>eingriff in meiner schwäbischen Mundart. +Dann wurde ich verlegen und zornig auf mich selbst, +daß ich es wurde, sprach schriftdeutsch und stolperte +dabei und machte eine unglückliche Figur, vor mir +selbst vielleicht mehr als vor den andern, die mich +gewiß nicht so wichtig nahmen.</p> + +<p>Fräulein Brigittens schöne Augen lagen des +öftern aufmunternd auf meinem Gesicht, und sie versuchte +mein Schifflein zu steuern und brachte es auch +in ruhigeres Fahrwasser, nur durch ihr freundliches +Dabeisein. Das Mädchen war vielleicht so übel +nicht, wenn man es recht überlegte, es war ihm alles +fremd hier unten im Süden, und es hatte von Natur +eine andere Gemütsart und Sprache als wir, nämlich +eine norddeutsche, da konnte man nichts machen. +Dazu kamen die großen hellblauen Augen und die +Last des ganz ährenblonden Haares samt der weißesten +Haut, was alles zusammen unerreichbar fein und +vornehm aussah, so daß man zwar vorläufig einen +vorsichtigen Bogen um die ganze Erscheinung herum +machte, aber zum Haß keinen ausreichenden Grund +hatte. Es wurde auch alles leichter und besser, als +der Abend vorrückte. Nach dem Nachtessen gab es +Bowle, und als ich aufstehen und mich entfernen +wollte, lud mich Herr Kasimir in aufgemachter Stimmung +ein, ein Glas mitzutrinken, und ich ließ mich +ohne Mühe halten, trotzdem ich Hertha das Mitkommen +versprochen hatte. Es wurde musiziert, das +Fräulein Eleonore spielte die Geige, die sie mitgebracht +hatte, und ich hing mit den Augen an ihr, +wie sie so schlank und hoch dastand in ihrem dunkelblauen +Kleid und mit sicherer Bewegung den Bogen +führte, während dagegen Fräulein Brigitte recht kümmerlich +<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">107</a></span>am Klavier saß, was mir heute auf einmal +wieder auffiel und mir ein peinliches Gefühl schuf. +Aber das konnte bei ihr nie lange dauern. Man +brauchte bloß in ihr heiteres, warm beseeltes Gesicht +zu blicken, so konnte man sich mit seinem Mitleid verkriechen +und sie für eine verkleidete Göttin halten, +und dafür sprach auch die Musik, die unter ihren +Fingern hervorquoll, wie ein kristallener Bach.</p> + +<p>Es war Mozart, was sie spielten, und es war eine +so reine, leichte Heiterkeit und ein so frühlingshafter +Duft und Wohlklang darin, daß meine törichte Wichtignehmerei +davor in nichts verging und ich nur begierig +war, mich noch länger so dahintragen zu lassen +ohne Gedanken und auch ohne persönliche Ansprüche.</p> + +<p>Es war mir zumute wie einst beim Baden im heimatlichen +Fluß, wo ich mich gern auf den Rücken gelegt +und von den lauen, durchsonnten Wellen hatte tragen +lassen. Aber das konnte nicht ewig fortgehen. Die +Musik jubelte noch einmal auf und schwieg dann, und +es wurde einiges darüber geredet, von dem ich nichts +verstand. Ich saß auf einem Stuhl am Fenster, von +dem ein Spalt geöffnet war, und sah bald auf die +schwach erhellte Straße hinaus, bald nach dem blonden +Fräulein hin, und es ging allerlei in mir um, +von dem ich am Morgen noch nichts gewußt hatte. +Ich dachte, wer solche Musik spielen könne, der sei +freilich zu bewundern und habe allen Grund, viel auf +sich zu halten, denn er habe einen Schlüssel zu hohen +und schönen Welten. Und ich bat es dem Fräulein +Bitterolf ab, daß ich sie im stillen ein steifes und hochmütiges +Ding genannt hatte, und schickte meine Augen +unverhüllt nach ihr hin. Da lächelte sie plötzlich und +wurde ein wenig rot und sah auf einmal aus wie ein +<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">108</a></span>siebzehnjähriges Mädchen, das sich gern in seiner +schönen Jugendpracht ein bißchen bewundern läßt. +Und ich war froh und befreit, denn lange hätte ich das +verehrende Gefühl doch nicht ausgehalten, ich hatte +keine Übung darin.</p> + +<p>Der Bruder sang noch ein paar Lieder mit einer +hübschen, warmen Stimme; ich fühlte mich zu ihm +hingezogen und wünschte ihn mir zum Freund zu +haben, und er war auch ganz harmlos herzlich und +einfach mit mir, obgleich er älter war als ich.</p> + +<p>Die Geschwister blieben etwa vierzehn Tage da, +und es war in dieser Zeit ein anderes Leben im Hause +als sonst. Es ging allerlei Jugend aus und ein, +es wurde gespielt und musiziert, und ich nahm +an allem Anteil, als verstehe es sich von selbst. Da +verging manches Unsichere, Ungelenke und es fiel auch +manches trotzige Wehren gegen bloß vermutete Geringschätzung +von mir ab, da mir niemand etwas zuleide +tat und ich im allgemeinen ein fröhlicher Bursch +war, wo ich mich heimisch und im Recht fühlte. Es +wurden Nachenfahrten und Ausflüge gemacht, und +ich bekam zum einen und andern ein paarmal Urlaub, +was mir freilich den zornigen Ingrimm der alten +Garde zuzog, wie ich die Herren bei mir hieß, die für +sich selber nie eine freie Stunde außer der Regel +nahmen. Das focht mich aber wenig an, denn es ging +mir im allgemeinen viel zu gut, es sollte nur brummen, +wer es nicht lassen konnte, bei mir ging es mit +vollen Segeln ins Jungsein hinein.</p> + +<p>Ich kaufte mir ein Fahrrad und mußte ja freilich +meinen Schwestern die Rechnung darüber schicken +und einen Brief, in dem geschrieben stand, daß ich es +später einmal zahlen wolle, denn jetzt brauche ich es +<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">109</a></span>unbedingt. Denn es war so, daß ein ganzer Trupp +junger Leute von beiderlei Gattung sich zum Radfahren +zusammentat und am letzten Tag, den die Geschwister +Bitterolf unter uns waren, einem Sonntag, +eine weite Fahrt in die Rheinebene hinunter machen +wollte. Dabei aber zurückzustehen, wäre mir bitter gewesen, +und ich sah keinen Grund ein, es zu tun. Gelernt +hatte ich die Kunst schon auf dem klapprigen Rad unseres +Ausläufers, und als der Sonntag kam, saß ich +auf meinem Wanderer und fuhr leicht wie ein Vogel +dahin in einem fröhlichen Schwarm.</p> + +<p>Die Stadt lag in einem weiß- und rosafarbigen +Blütenstrauß und spiegelte sich im Fluß, wie ein +junges Mädchen, das Freude an seinem hübschen +Bilde hat, und wir, als wir unter dem blauen Himmel +in einer leichten Staubwolke dahinflogen, die unsere +Räder aufwirbelten, fühlten uns so recht im Besitz der +schönen Welt. Ich lenkte mein Rad neben das der +Fräulein Eleonore, die soeben ein wenig hinter den +andern zurückgeblieben war. Denn ich hatte einen +ganzen Sack voll Lebensmut an diesem schönen Sonntagsmorgen, +und ich wollte ihn vor ihr auftun und +spielen lassen, da sie morgen wieder fortging und +ich noch etwas bei ihr auszuwetzen hatte vom ersten +Abend her. Es peinigte mich, daß sie mich als +einen ungeschickten Burschen in der Erinnerung +behalten sollte, was ich meiner Meinung nach gar +nicht war. Denn ich hatte doch viel gelesen und gelernt +und war überhaupt nicht dumm, ich konnte mich +ganz gut unterhalten, wenn jemand auf mich einging. +Auch fielen mir oft die lustigsten Sachen ein, wenn ich +nur jemanden gehabt hätte, dem ich sie erzählen und +der mit mir hätte lachen können.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">110</a></span></p><p>Also nahm ich einen Anlauf mit einem Strauß +Maiblumen und einer höflichen Anfrage, ob ich sie +am Rad befestigen dürfe. Es fiel aber, um es gleich +zu sagen, nicht gut aus. Denn das Fräulein, das +hoch und nobel auf seinem Rad saß in seinem blauen +Leinenkleid, blieb unlebendig und höchstens höflich +und ließ seine Augen nach unserem Vordermann, +einem Mediziner, hingehen, der sich soeben zu einer +dicken und lustigen Studentin gesellt hatte und ihr +etwas Lachendes zurief, das man bei uns nicht verstehen +konnte. Es war meiner Dame nicht recht, daß +der Mediziner nicht neben ihr fuhr, das mochte ich +ihr aber in meinem Innern gönnen, ja es erhob mich, +daß sie auch nicht alle Trümpfe in der Hand hatte, +und ich bekam plötzlich Oberwasser und fing an, vom +schönen Wetter und der schönen Gegend zu reden +und, als das nicht recht verschlagen wollte, vom +Geigenspiel und der Musik überhaupt. Ich verstand +zwar nichts davon, aber das schadete nichts, darum +konnte ich doch davon reden, und die Dame wurde auch +dabei auf einmal lebendig und munter und belehrte +mich aufs beste.</p> + +<p>Da kamen wir schön in Zug miteinander. Ich +bekam vor lauter Fröhlichkeit eine Suada, als ob ich +süßen Wein getrunken hätte, und brachte das Fräulein +einmal ums andere zum Lachen. Die Trauben +wuchsen mir nur so zu, und sie sah mich drunterhinein +erstaunt an, was ich so auslegte, als ob sie +mich nun erst recht kennen lerne, und ich ihr imponiere, +und ich dachte: Ja, schau nur, du wirst dann +später schon noch das Nähere von mir erfahren, nämlich, +daß Ludwig Fugeler es mit allerlei Leuten aufnimmt, +ob sie nun aus Preußen oder Schwaben seien.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">111</a></span></p><p>Da mußte aber gerade in diesem erhebenden +Augenblick der Mediziner dazwischenfahren, der mit +einem schönen Gruß von der Gesellschaft kam und uns +meldete, daß man keine Zeit habe, aufeinander zu +warten und auch nicht zu dem Schneckentempo, das +wir neuerdings eingeschlagen hätten. Er fuhr auf +die andere Seite des Fräuleins und sagte mit Lachen: +„Oder haben Sie eine dringende Unterhaltung? In +diesem Fall bedaure ich, stören zu müssen.“ Da fuhr +dem Fräulein Bitterolf eine kleine Röte und ein gehöriger +Schuß Hochmut in den Kopf, und sie sagte, +kalt wie ein Eiszapfen: „Ich wüßte nicht,“ und gab +ihrem Roß die Sporen, daß es flog. Wir beide danebenher +im Saus, eine Strecke geradeaus und +dann um eine scharfe Wegbiegung. Vor uns stob die +weiße Wolke, in der die andern daherfuhren, aber +dazwischen drin war etwas lebendig, nämlich eine +Gruppe junger Mädchen, die den Weg gerade vor +uns überquerten, als wir um die Ecke bogen. Sie +waren in hübschen, farbigen Sonntagskleidern und +hatten Maiblumensträuße in den Händen, die sie +im Wald geholt hatten, nun flatterten sie auseinander +im Schreck vor dem Überfahrenwerden und schrien +auf wie eine Herde Küchlein, in die der Habicht stößt. +Das Unglück wollte es, daß meine Nachbarin Hertha +darunter war, derentwegen ich schon seit jenem Abend, +da ich sie hatte warten lassen, ein schlechtes Gewissen +in mir herumtrug. Sie erkannte mich und ließ mir +einen Blick zulaufen über die Schulter zurück, der war +mit allerlei beladen, was ich so schnell nicht auseinanderklauben +konnte, und in dem Augenblick fuhr +das Fräulein mit dem Rad in ihre Blumen und ihr +blauweißes Sonntagskleid hinein. Es gab eine Erschütterung +<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">112</a></span>beider Parteien, bei welcher die Blumen +in den Straßenstaub fielen, das blauweiße Kleid +einen langen Riß bekam, und das Fräulein auf seinem +Sitz schwankte. „So machen Sie doch die Augen +auf,“ herrschte sie das Mädchen an, das verwirrt, erschrocken +und in Staub gehüllt dastand und seinen +verdorbenen Sonntagsputz ansah. Niemand, und +auch ich nicht, gab ihm ein freundliches und gutes +Wort, wir fuhren weiter und sprachen davon, daß am +Sonntag die Landstraßen so voll seien von gewöhnlichem +Volk. Daß man eigentlich besser täte, werktags +zu fahren, und daß es zum Glück noch gut abgelaufen +sei. Das heißt, die andern sprachen davon, +aber ich war still dazu und hatte nur immer das Mädchen +vor Augen, wie es im Straßenstaub stand und +seine Blumen am Boden lagen. Es hatte mir vor +dem Unglück einen Blick zugesandt, und ich hätte +etwas gegeben, wenn ich ihn hätte deuten können: +ein bißchen traurig und ein bißchen schelmisch und +in allem lieb und schön. Den Augenwink hatte es +nun zahlen müssen mit einem zerrissenen Sonntagskleid +und einem herrischen Wort in sein sonntagsfrohes +Gemüt hinein. Mir war nicht gut zumute, +aber ich ließ nichts davon verlauten, denn es brauchte +niemand zu wissen, daß ich das Mädchen gekannt +hatte. Es war ein unfrohes Lustigsein den Sonntagmorgen +hindurch, bis ich, was mich bedrückte, +pfeifend in den Wind schlug, da ich es doch nicht +ändern konnte.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>In der Nacht, die darauf folgte, ging es mir +sonderbar. Es war mir, als gehe meine Tür auf +und ein Mensch komme herein mit einem Licht in +<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">113</a></span>der Hand. Es war eine alte Ölampel, wie wir zu +Hause eine gehabt hatten, und zu deren Öl ich die +Buchelen selber im Stadtwald gesammelt hatte. Die +Ampel kannte ich sogleich wieder, sie war von Zinn +und blank geputzt, und ihr Licht schien durch eine +vorgehaltene Hand, an der ein dünner silberner Ring +schwach erglänzte. Die Hand war rot durchleuchtet +und als ich sie ansah samt dem Ring, wußte ich, daß +sie meiner Mutter gehöre. Da dachte ich: Das ist +ein Traum, denn deine Mutter lebt ja nicht mehr. +Aber es ging mir durch und durch ein wehes Wohlsein +und ein lebendiges Gefühl von einer lieben +Nähe, und ich war begierig, wie es weiter komme. +Die Mutter stellte die Ampel auf den Nachttisch, +und dann sah ich sie vor mir stehen, klein und kümmerlich +und mit einem angstvollen Ausdruck in ihrem +schmalen Runzelgesicht. Sie sah über mich hin, und +ich erkannte durch die geschlossenen Lider ihren Mund, +der schmallippig und eingesunken war, wie er sich +leise flüsternd bewegte. Lieber Gott, laß mir meinen +Buben recht werden, sagte sie, ich bin ein einfältiges +Weib. Es ging mir durch und durch, ich hätte ihr +gern gesagt, daß alles im besten Schick sei mit mir, +aber ich konnte mich nicht rühren. Da fühlte ich eine +große Träne heiß und schwer auf mein Gesicht niederfallen. +Sie brannte mich und ich stöhnte und +wollte sie wegwischen, aber es ging nicht, es wurde +mir angst und bang. Ich versuchte, mein Kinderverslein +zu beten, das ich abends beim Schlafengehen +mit der Mutter gesprochen hatte, aber ich +konnte nur einen Satz daraus finden: Alle Kindlein, +bloß und arm, decke du sie weich und warm. Aber +es war nicht das, was ich sagen wollte, ich mühte +<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">114</a></span>mich vergebens, und als ich es nicht zuwege brachte, +ging die Mutter kopfschüttelnd wieder weg. Das +Licht nahm sie mit. Da, als sie die Tür hinter sich +zumachte, trat mir das Elend und das Verlassensein +ans Herz. Ich hätte sie gern zurückgerufen und +ihr Liebes gesagt, aber es war zu spät, und auf einmal +liefen mir die Tränen stromweis übers Gesicht.</p> + +<p>Eine Uhr schlug von irgend einer Kirche her, vielleicht +vom nahen Münster, ein Luftzug wehte über +mich hin. Da saß ich plötzlich aufrecht im Bett mit +offenen Augen und hatte in Wahrheit noch nasse +Backen von den vergossenen Tränen des Traumes.</p> + +<p>Der Mond sah neugierig ins Zimmer und legte +eine lange, schmale Lichtbahn auf den Fußboden. In +dieser Lichtbahn war wohl vorhin die Mutter gestanden, +an die ich schon so lang nicht mehr gedacht hatte. +Es plagte mich, wo sie wohl auf einmal hergekommen +sei, denn, Traum oder nicht Traum, sie war mir auf +einmal nah und lebendig und regte allerlei in mir +auf; ich mochte mich auf die rechte oder linke Seite +legen, so blieb das helle, aufgestörte Wachsein, das mir +fremd und ungewohnt war, und das Denken an Dinge, +die weit von mir lagen am Tag und für gewöhnlich.</p> + +<p>Zum Beispiel sah ich hell und deutlich zum Greifen +unsere Stube daheim an einem Himmelfahrtsfestmorgen +vor mir. Ich hatte einen Frühspaziergang +in den Wald gemacht und einen Hut voll von den +rosasamtigen Blümlein mitgebracht, die man bei uns +Himmelfahrtsblümlein hieß. Sie wuchsen an einer +heimlichen Stelle, tief im Wald, und ich hatte den +Kuckuck schreien und eine Drossel singen gehört, hatte +Eichhörnchen ihre Sprünge machen und ihre stolzen +Fahnen dennoch leicht und zierlich tragen sehen und +<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">115</a></span>hatte etwas von Morgenfrische mit in die niedrige +Stube gebracht. Die Mutter machte ein Kränzlein +aus den Blumen und hängte es um das kleine, verblaßte +Bildchen eines jungen Weibes, das einmal ihre +Mutter gewesen war. „Sieh, Ludwig,“ sagte sie, +„man muß die nicht vergessen, die fortgegangen sind. +Sie sind nicht tot, sie sehen uns und brauchen, daß +wir sie lieb haben. Wenn wir sie vergessen, so friert +sie's und tut ihnen weh. Dann klopfen sie an, oder +sie kommen uns im Traum, oder es zerspringt ein +Glas, das ihnen gehört hat, oder ein Spiegel, und +anders können sie nicht sagen, was sie gern wollen: +denkt an uns, vergesset uns nicht, denn ihr seid +Fleisch von unserem Fleisch, und es ist um eine Zeit, +so kommet ihr auch zu uns. Jetzt freut's vielleicht die +Großmutter, daß du ihr das Kränzlein gebracht hast.“</p> + +<p>Das alles war mir damals nicht wichtig. Ich war +von Kindesbeinen an ein Bub, der vor sich hin und +in den Tag hinein lebte ohne viel sinnige Gedanken, +und die Blümlein hatte ich nur geholt, weil es mich +freute, in der Morgenfrühe in den Wald zu gehen, +die Großmutter war gar nichts für mich, ich hatte +sie nie gekannt.</p> + +<p>Aber mein Hirn hatte getreulich alles aufbewahrt +mit allen Tönen und Farben, was an jenem Morgen +gewesen war, und noch vieles dazu, das schüttete es +aus, wie ein Säcklein voll Raritäten und breitete es +um mich herum aus, ein Stück ums andere. Ich sah +die ganze Heimat. Die Mutter hatte sie mir mitgebracht, +aber es war etwas dabei, das mich nicht recht +freuen konnte. Denn sie hatte mich traurig angesehen, +ich war ihr nicht recht irgendwie. Und es war +jetzt zu bedenken, daß sie vielleicht lebte auf irgend +<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">116</a></span>eine Art, wenn man es auch nicht erklären konnte, +wie, und daß sie zur Tür hinausgegangen war, weil +ich meinen Vers nicht konnte, und daß sie mich mahnen +wollte, ich solle sie nicht vergessen. Bei dem +allem wurde es mir eng und schwül zumute, wie ich +es vordem kaum je so empfunden hatte, und ich erhob +mich aus dem Bett, um ans Fenster zu treten und +die frische Nachtluft über mich hinströmen zu lassen. +Da geschah es, daß mir beim Vorübergehen mein Bild +aus dem Spiegel entgegensah, vom Mondlicht schwach +beleuchtet, und ich erschrak daran, stellte mich aber +trotzdem aufmerksam davor hin und sah mein Gesicht +seine Augen auf mich richten, als ob es mich +prüfen und ergründen wollte. Es war mir, als sei es +ein zweiter Mensch, einer, der zu meinem Ich du +sagen könne, und der mich durch und durch sehe, und +es war mir nicht im mindesten möglich, mich von +ihm abzuwenden oder ihm das Anstarren zu verbieten, +ich war festgehalten, wie das Eisen vom +Magneten. Dergleichen hatte ich vordem nie erlebt. +Was bist du für einer? schien mir das Spiegelbild +zu sagen. Dich sollte ich kennen, meine ich. Schon +von früher, von lang her. Du bist schon lang nicht +mehr bei mir gewesen, es ist eigentlich schade. Aber +wie ich, mich dem Bilde befreundend, es näher ansah, +und der Mond mir dazu leuchtete, faßte mich auf +einmal ein Grauen vor mir selbst und dem Spiegelbild, +das ich als mein Selbst erkennen mußte; es war, +als ob aus den glänzenden Punkten meiner Pupillen +ein Dritter heraussehe, der wieder ich war. +Es konnte ins Unendliche so fortgehen, man wußte +nicht mehr, wer man selber war und wer sich fremd +in einem bewegte, und dazu tauchten Möglichkeiten +<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">117</a></span>und Fragen auf, die einem nie kamen, wenn +man unbesehen für sich hinlebte und vor denen es +einen ins Mark hinein fror. Da riß ich mich mit +Gewalt von mir selber los und flüchtete mich ans +Fenster, meine aufgeregten Pulse im Anschauen des +stillen Nachtbildes beruhigend, das da draußen für +sich hinlebte, gleichgültig, ob einer es ansah oder nicht. +Die herrliche Pyramide war ganz vom Mondlicht +durchflossen, es war, als bade sie alle ihre Blumen, +Rosetten, Knäufe und Spitzen darin und sei lebendig +in ruhevollem Atmen, und hinter ihr stieg der Berg +auf mit seinen dunklen Bäumen, deren Wipfel in den +silberlichtbeglänzten Himmel tauchten, ohne sich zu +rühren. Die Häuser aber standen von innen heraus +verdunkelt und ganz im Schlaf, und nur ich junges +Blut wachte und wäre gern gut, einig mit mir und +den ewigen Lebensgewalten und allem, zu dem ich im +stillen du sagen konnte, gewesen, denn ich war wunderlich +aufgerührt. Und ich hätte auch gern jemanden +gehabt, zu dem ich nah gehörte, einen Freund +oder so. Aber das dauerte nicht lange, und es kam +nicht viel darnach. Es schauerte mich am offenen +Fenster und im leichten Hemd, und ich kroch ins Bett +zurück, den Spiegel vermeidend. Da nahm mich der +Schlaf in die Arme bis der Morgen kam.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Als die Geschwister Bitterolf abgereist waren, +ging das Leben im Hause wieder seine alten Gleise +hin. Mir war es recht, daß sie dagewesen, und daß +sie wieder gegangen waren, beides hatte sein Gutes. +Ich war in allerlei Leben hineingekommen, das ich +vordem nicht gekannt hatte. Zum Beispiel konnte ich +<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">118</a></span>auf der Straße hie und da den Hut abziehen vor +angesehenen Leuten, deren Namen und Art ich +kannte, die mich wieder grüßten mit Höflichkeit +und Achtung, und konnte jungen Mädchen unter +den Hut schauen mit Fug und Recht, weil ich schon +mit ihnen gespielt und geredet und ihnen etwa das +Jäckchen oder den Schirm getragen hatte. Im Laden +aber gab es Gelegenheit, mit Studenten oder anderen +jungen Leuten Gespräche zu führen. Da war +ich nicht mehr nur der junge Mensch mit dem braunen +Haarbusch, als der ich etwa schon bezeichnet +worden war, sondern ich hieß Herr Fugeler oder +auch Fugeler kurzweg, je nach der Intimität. Und ich +strengte mich an, in meine Arbeit hineinzuwachsen, +da ich gern etwas Rechtes darin vorstellen wollte.</p> + +<p>Es war, wie man so sagt, ein Knopf gebrochen +bei mir, das hing mit dem Besuch insofern zusammen, +als ich durch ihn unter die Menschen und mit +ihnen in eine Gleichartigkeit gekommen war. Aber +es war auch wieder gut, daß er vorüber war, denn +ich war doch nicht ganz gleichartig mit den Bitterolfschen, +ich mochte mich strecken, wie ich wollte. Sie +hatten etwas mitbekommen von klein auf, und es +war noch in ihnen großgezogen worden, das ich kaum +vom Hörensagen kannte. Das konnte man nicht +mehr nachholen. Es war vielleicht ein Erbteil von +vielen Vorfahren her, die sich selbst und ihre Kinder +geschult und erzogen hatten, daß sie leicht und frei +und ohne Mühe sich im Leben bewegen konnten und +nirgends anstießen durch Unbehilflichkeit oder Nichtwissen. +Auch hatten sie, wie sie sprechen und hören +lernten, gleich eine Luft um sich herum gehabt, in +der es mit allerlei Geistigem reichlich umging. Vielleicht +<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">119</a></span>waren schöne Bilder und Musik, und Frauen +in feinen Gewändern um sie her gewesen, und sie +hatten kluge Männer von aller Kunst und Weisheit +reden hören; das war ihnen alles gewesen wie +das tägliche Brot. Mit dem allem war ihnen der +Tisch gedeckt von Jugend an, da wuchsen sie heran +und wurden Auserwählte und hielten sich auch dafür. +Und es war so, daß man vieles erwerben und in +manches hineinwachsen konnte, wenn man sich darnach +sehnte und alle Kraft anspannte, sie aber waren +da von jeher daheim und lebten hochgemut und auch +hochmütig, wie es mir schien, und es blieb immer +ein Zaun, an dem man sich stoßen konnte, zwischen +ihnen und unsereinem. Dann, wenn man sich stieß, +sahen sie einander an und lächelten erstaunt oder +verzeihend, und man sah, daß sie hinter ihren klugen +Stirnen dachten: ach du, du kennst ja unsere Sprache +nicht, du bist aus einem andern Land.</p> + +<p>Sonst, für dich selbst betrachtet, wärest du ganz +recht, aber unsereiner kannst du ja nicht sein.</p> + +<p>Solche Gedanken gingen viele mit mir um, als +wir wieder wie sonst im Hause Hagenau zusammen +lebten.</p> + +<p>Aber halt, kam es mir dann: ist nicht Fräulein +Brigitte auch eine von derselben Art, klug, vornehm +und von reicher Bildung, sicher in sich selber und +vor den andern? Ungescheut trägt sie ihre Last +auf dem Rücken und hat eine stolze Würde, als +wäre sie die aufrechteste Frau. Sie aber zieht keine +Grenzen um sich, sondern ist gleich nah und gütig +mit allen und auch mit mir. Was also ist besonders +an ihr – und wie kommt es, daß man Vertrauen +<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">120</a></span>und Verehrung zu gleicher Zeit bei ihr empfindet?</p> + +<p>Sie ist eine Persönlichkeit, entschied der Verstand, +stolz über die Formel, die er gefunden hatte; +eine solche wird nicht geboren, sondern entwickelt +sich erst.</p> + +<p>Ja, aber wie? Einfach mit dem Alter? Oder +durch Leiden, wie bei ihr?</p> + +<p>Das blieb immer noch die Frage, die indessen +wieder in den Hintergrund trat, weil die Gegenwart +fortwährend Neues an den Tag brachte.</p> + +<p>Ich war wieder mit dem Blumenmädchen Hertha +zusammengekommen, was sich bei unserer nahen +Nachbarschaft fast von selber machte und was ich +auch wünschte, denn so unbekümmerlich ich auch für +gewöhnlich meines Weges ging, so ertrug ich doch +nicht leicht das Gefühl, daß irgend jemand mir +böse oder von mir beleidigt sei, ich wollte nirgends +einen schlechten Eindruck machen. Das hing freilich +nicht mit irgendeiner Tugend in mir zusammen, +sondern nur mit der Gewöhnung daran, daß jedermann +mir wohlgesinnt und zugetan sei, die ich in +nichts unterbrochen wissen wollte.</p> + +<p>Das gute und natürliche Mädchen machte es +mir auch leicht, meine Entschuldigung anzubringen; +es genügte ihr, daß ich im Grunde der war, für +den sie mich gehalten hatte und mit dem man ein +harmloses Wort sprechen konnte, was sie so gern tat, +und wozu sie den Tag über bei ihrer etwas griesgrämlichen +Frau wenig Gelegenheit hatte.</p> + +<p>Eines Abends begegnete sie mir in der Nähe +des Kirchhofeingangs, an dem ich zufällig auf einem +Spaziergang vorbei kam. Wir waren schon wieder +<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">121</a></span>so gute Freunde, daß ich auf ihre Einladung +mit ihr hinein ging, da sie, wie sie sagte, den Oberaufseher +besuchen wollte, mit dem sie gut bekannt sei. +Wir gingen durch die Gräberreihen, zwischen denen +wie schwarze Schatten hie und da Trauernde wandelten, +nach einer Gegend hin, wo alte Bäume zwischen +eingesunkenen Hügeln standen, und wo die Steine +verwittert und die Namen fast unleserlich und mit +feinem Moos ausgefüllt waren. Es war eine längst +verklungene Gesellschaft hier beisammen, es mochte +aber nicht mehr viel von den stillen Bewohnern +der unterirdischen Kammern übrig sein. Während +dort immer noch Trauer und Tränen umgingen, +war hier längst Ruhe eingekehrt, und die Vögel +bauten ihre Nester an den Sträuchern, die aus den +Gebeinen der längst Gewesenen entsprossen waren.</p> + +<p>„Sehen Sie,“ sagte Hertha vorstellend, als müsse +sie mir die Bekanntschaft der Ruhenden vermitteln, +„hier liegt ein alter Junggeselle oder doch wahrscheinlich +ein Junggeselle. Es hat niemand um ihn geweint, +als er gestorben ist, das hat mich schon schwer erbarmt. +Ich habe ihm schon einmal einen Syringenstrauß +gebracht, aber freilich, es hilft ihm nichts mehr. +Man sollte leben, so stark man kann, solange man +da ist, denn nachher ist es zu spät, und man läßt nichts +hinter sich.“</p> + +<p>Ich sah sie verwundert an. Woher wußte sie die +Lebensgeschichte dessen, der unter dem ganz bemoosten +Stein lag, und wie kam sie dazu, ihm Blumen zu +bringen, wenn er sie doch nichts anging? Und wie +kam aus ihrem jungen und blühenden Munde solche +Erfahrungsweisheit?</p> + +<p>„Da, sehen Sie!“ Sie schob ein paar Zweige des +<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">122</a></span>Efeus, der von der Mauer hergekrochen war und +das Grab umarmte, zurück.</p> + +<p>„Hier ruht ein Fremdling, Herr Vinzentius Burhagen, +hier gestorben Anno 1799, dem Gott gnädig sei.“</p> + +<p>So hieß die Grabschrift. Die Buchstaben waren +einmal ausgekratzt worden, das sah man, damit sie +wieder lesbar wurden. Aber als ich Hertha fragend +ansah, ob sie das getan habe, schüttelte sie den Kopf.</p> + +<p>„Das hat der Zeitler getan, der über den Ort +hier gesetzt ist. Er kennt alle Begrabenen hier und +weiß von ihnen, woher, das weiß kein Mensch. Er +ist einmal in der Fremde gewesen und hat auf die +Gelehrsamkeit studiert, aber es ist ihm etwas dazwischen +gekommen, und er ist heimgekommen und +hat angefangen, die Toten zu hüten. Sie seien so +friedlich, sagt er, und hätten alles hinter sich, Dummheit +und Bosheit und Schmerzen, alles, es sei gut +mit ihnen auskommen. Da ist er,“ unterbrach sie +sich und strebte vorwärts nach einer halbrunden Bank +hin, die auf einem winzigen Hügel stand. Dort +saß ein älterer Mann in ausruhender Haltung. Er +trug Kopf und Schultern vorgeneigt und hatte die +lässigen Hände zwischen die Knie gelegt; ein paar +rote Nelken hielt er lose darin. Als ich ihn sah, war +es mir sogleich, als ob ich ihn schon irgendwo einmal +gesehen hätte, vielleicht vor langer Zeit, ich +wußte aber nicht wann und wo. Das erinnerte +mich an meine Kindertage, wo ich ein ähnliches Erlebnis +hier und da gehabt hatte. Ich sah einen Ort +oder Menschen oder ein Ding zum erstenmal, und +es war mir, als sähe ich etwas Altbekanntes und +ließ es mir auch nicht ausreden, daß es in Wahrheit +so sei. In solchen Fällen pflegte meine Mutter zu +<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">123</a></span>sagen: Du wirst es noch von damals kennen, als du +das erstemal auf der Welt gewesen bist, und ich wußte +nicht, ob sie das im Spaß oder im Ernst sagte und +dachte auch nicht tiefer darüber nach.</p> + +<p>Der alte Mann ließ ein paar ruhig betrachtende +Augen auf mir liegen, und ich gab es ihm +in meiner Verwunderung über das vermeintliche +Wiederkehren von etwas längst Gewesenem heim, +so sahen wir einander ins Gesicht, vielleicht nur +ein paar Sekunden, aber doch lang genug, um in +der Schnelligkeit irgendeine Verbindung zwischen uns +herzustellen.</p> + +<p>Hertha sagte: „Ich bringe einen Besuch mit. Er +ist mir unterwegs begegnet, er ist mein Nachbar,“ +und wir ließen uns links und rechts von dem Friedhofswächter +auf der Bank nieder. Er reichte Hertha +eine seiner Nelken, die sie begierig riechend an die +Nase führte. „O, die sind von der jungen Frau +Maibom,“ sagte sie, den Duft erkennend, er aber +schüttelte den Kopf: „Falsch geraten, sie sind von +der Familie Gutekunst,“ und ich merkte, daß sie von +Gräbern sprachen. Da wurde es mir eigen zumute. +Der Abend war noch im Verlöschen mild und schön. +Am Horizont waren Tücher ausgebreitet von bunten, +allmählich erblassenden Farben, eine Betzeitglocke +läutete, im Gebüsch fing eine Nachtigall an zu +schlagen, neben mir saß der Mann mit dem schmalen, +bekannten Gesicht und drüben das junge, starklebendige +Mädchen, es hätte alles heimelig und warm +sein können. Aber unfern von uns war ein altes +Grab aufgemacht, und es lag ein Häufchen gelber +halbvermoderter Knochen dabei, die der Totengräber +herausgeschaufelt hatte, und es war ein Gerüchlein +<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">124</a></span>von welkenden Kränzen vorhanden, die in der Nähe +auf einem Haufen lagen, das alles mahnte mich +diesseitigen Menschen an die Gegenden jenseits der +Grenzen, und ich wunderte mich, wie ich hier hereingeraten +sei. Jedoch nicht lange, denn Hertha hatte +keineswegs die Absicht, Geister zu beschwören oder +Vergänglichkeitsgedanken nachzuhängen, sondern sie +stand blühend und freudig im Leben und hatte nur +ein freilich merkwürdiges Mitleid mit den Toten, +weil sie von dieser Welt fortgemußt hatten, auf der +es doch so schön war; es konnte um sie herum kein +spukhaftes Grauen aufkommen.</p> + +<p>Sie roch an ihrer Nelke und sagte: „Gebt doch +dem Herrn auch eine. Er steckt den ganzen Tag +zwischen den Büchern, ich möchte nicht in seiner Haut +sein. Er hat ein so ernsthaftes Gesicht, das kommt +davon. Es ist aber bloß oben drauf, er kann auch +lachen, ich hab's schon gesehen.“</p> + +<p>Der Friedhofswächter gab mir eine der würzhaft +duftenden Blumen. Es waren solche, wie +sie der alte Heinrich Kilian gepflegt hatte und wie +sie jetzt noch daheim vor meinem Kammerfenster +blühten, wahrscheinlich wenigstens. War denn aber +alles verhext heute abend und war etwa mein +Kilian in den Zeitler geschlüpft, um mit mir Versteckens +zu spielen und zu fragen: Kennst mich noch? +Woher mir solche Gedanken kamen, weiß ich nicht, +aber sie waren um den Weg und ich mußte, wie +damals in den Spiegel, so heute mit einer halben +Lust und einem halben Grausen in das Gesicht des +Zeitlers sehen, ob mir eine Erkenntnis komme, die +mich ja freilich beim ersten Augenwink in die Flucht +gejagt hätte, da, was man etwa im Traum gelassen +<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">125</a></span>oder freudig hinnimmt, das Dasein eines Hingegangenen, +im Wachen jähes Entsetzen bedeutete. So +unverrücklich fest steht uns in uns selber Eingeschlossenen +die Ordnung der Dinge beider Welten. +In mein Schweigen hinein und das des Zeitlers +schüttete Hertha ihr Geplauder, das in der werdenden +Dämmerung tönte wie ein spielendes Bächlein, +und zu dem nach und nach meine Gedanken zurückkehrten +unverrichteter Sache. Denn es war ja, wenn +ich mich nüchtern besann, ohnehin ein Unsinn, was +sie ausheckten.</p> + +<p>„Ich verstehe nichts von Büchern,“ hörte ich Hertha +sagen, „man müßte mir's grad sagen, was darin steht, +daß ich's nicht selber lesen muß.“</p> + +<p>Der Zeitler gab einen summenden Ton von sich, +der allerlei bedeuten konnte, ein Lachen oder einen +Zweifel, und Hertha fuhr fort:</p> + +<p>„Ich bin nur froh, daß ich's mit den Blumen +habe, es ist, wie wenn ich dazu auf die Welt gekommen +wäre, daß ich das Kranzbinden treibe. Das +kann ich nach der Regel, ich hab's gelernt und hab's +auch in den Fingern. Meine Frau paßt nicht dazu, +sie hat erst in das Geschäft hineingeheiratet, das ist +der Unterschied. Sie dauert mich eigentlich, denn +sie hat ein saures Gemüt. Sie hat als Kind einmal +in einen Essighafen gerochen, davon ist's ihr geblieben. +Mich hat sie aber gern, und sie ist auch froh an mir. +Die Leute kaufen gern bei mir, weil ich freundlich bin +und gern lache. Es gibt auch nichts Schöneres, als +den ganzen Tag geschafft haben und abends fertig +sein. Oder ja, vielleicht gibt es auch etwas Schöneres, +und man weiß es bloß nicht. Heute habe ich +eine Girlande machen müssen um ein Kindersärglein +<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">126</a></span>aus lauter Monatröschen und mit Immergrün. Da +habe ich weinen müssen, weil es mich so gedauert hat, +zu denken, ich könnte als Kind gestorben sein und +wäre dann nicht mehr da. Ich bin gern da, das muß +ich sagen; von mir aus könnte jeder Tag hundert +Stunden haben, es wäre mir keine zu viel.“</p> + +<p>„Du Närrlein,“ sagte der Zeitler, „was wär's +denn dann mit dem Feierabend und dem Sonntag, +wenn du so lange Tage haben willst?“</p> + +<p>„Jaso, ja,“ gab das Mädchen zu, „es ist nur +gut, daß ich's nicht machen muß, es käme etwas Schönes +dabei heraus. Versteht sich, der Sonntag müßte +geradeso lang sein und der Feierabend auch. Es ist +mir auch ganz recht, wie es ist, ich will es gar nicht +anders haben. Gestern war das bucklige Fräulein +Hagenau bei mir im Laden und kaufte einen Rosenstock, +und ich trug ihn hinüber. Da saß sie in ihrem +schönen Wohnzimmer in einem seidenen Sessel, und +ihr Bruder saß ihr gegenüber und las in der Zeitung, +und die alte Magd Salome trug den Kaffee herein. +Die haben's schön, aber ich möchte sie nicht sein, um +kein Geld. Lieber Gott, wenn man jung ist und vergnügt +und gerade Glieder hat, dann freut's einen, +und alles kann noch kommen, was es Gutes gibt. Ich +möchte doch nicht ledig bleiben, nicht um alles.“</p> + +<p>„So sei jetzt auch einen Augenblick still,“ sagte +der Zeitler, „man kann ja mit keinem Steckelein dazwischenfahren, +wenn du einmal anfängst, es läuft wie +aus einem Brunnenrohr. Was weißt denn du davon, +wie es gehen kann auf der Welt, und was weißt du +von Glück und Unglück? Verheiratetsein kann ein Glück +oder ein Elend sein, und Ledigsein auch, es kommt +drauf an, wie man es erlebt.“ Er sagte es ein bißchen +<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">127</a></span>scharf und streng, und Hertha dauerte mich, denn ich +dachte auch wie sie, einmal in diesem Augenblick sicher. +Aber sie machte sich augenscheinlich nichts daraus, +denn sie lächelte vor sich hin und dann zu mir herüber, +als ob wir beide besser wüßten, wie es wäre.</p> + +<p>Auch fuhr der Zeitler gleich darauf milder fort: +„Die Brigitte tauschte mit niemand, wenn man es +ihr anbieten wollte. Heißt das, was sie in sich selbst +und aus sich heraus geworden ist, gäbe sie nicht hin, +wenn sie noch einmal ein Leben leben dürfte in einem +schlanken Körper und mit allem, was man so gemeinhin +Glückseligkeiten heißt.“</p> + +<p>Wir sahen ihn beide fragend an, weil er das +Fräulein beim Vornamen nannte und weil er über +ihr Inneres Bescheid zu wissen und sie überhaupt +zu kennen schien.</p> + +<p>„Er ist bei Hagenaus,“ sagte Hertha und deutete +mit dem Kopf nach mir hin.</p> + +<p>Der Zeitler hatte noch nicht nach meinen Verhältnissen +gefragt, nun sah er mich aufmerksam an und +sagte: „Sie sind da in guten Händen“; er zögerte ein +wenig und fügte dann hinzu, „zum wenigsten, was die +Schwester betrifft, obgleich ich Herrn Kasimir nichts +zuleide tun will. Ich kenne ihn weniger als sie, die +ein lebendiger Mensch ist, wie es nicht viele gibt.“</p> + +<p>Was er da sagte, erfüllte mich mit Begierde, mehr +von den beiden und besonders von Fräulein Brigitte +zu hören. Ich mag wohl auch den Zeitler bittend genug +angesehen haben, denn er fing nach einigem +Zögern wirklich an, einiges aus ihrer Lebensgeschichte +mitzuteilen. Woher er sie wußte, verlautete nicht. +Ich muß glauben, daß er selber irgendwie an ihr beteiligt +oder mindestens Zuschauer gewesen war; er +<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">128</a></span>vermied es aber, sich selbst zu nennen. Das sei immer +so, sagte Hertha, er rede nie von sich.</p> + +<p>Es ist mir aber, als habe er doch von sich geredet +ohne Willen, denn er verfiel im währenden Erzählen +in eine seltsam reiche und blühende Sprache, +die deutlich genug sagte, daß er einmal in einer +Welt gelebt habe und sie noch in sich trage, die von +seiner jetzigen unterschieden sei in mehr als einer +Hinsicht.</p> + +<p>Ich meine, ich höre ihn noch; es wird aber wohl +bei mir anders herauskommen.</p> + +<p>„Dort drüben,“ sagte Zeitler, und deutete nach +einem Marmorgrabmal, das zwischen einer Baumgruppe +heraussah, „liegt oder lag eine junge, feine +Frau, die der Tod an einem einzigen heißen Krankheitstag +erwürgt hat. Sie hatte die Augen noch offen, +als der Sarg geschlossen wurde, oder vielmehr, sie +waren, schon zugedrückt, langsam wieder aufgegangen, +und es sah erschütternd aus, wie die erloschenen +Sterne unbeweglich nach dem Kinderhäuflein hinschauten, +dem sie noch lange hätten scheinen sollen. +Das war die Mutter der Geschwister Hagenau. +Sie war eine Waldbauerntochter gewesen, gesund, +schön, lebensfreudig und heißblütig und dabei reich +und von guter Bildung, und hatte dem etwas verbrauchten +Hause mit Blut und Geld aufhelfen sollen. +Letzteres war geschehen, aber der Reichtum ihres +sprühenden Lebens schien ganz und gar der jüngsten +Tochter Brigitte aufbehalten gewesen zu sein, während +die älteste und der um weniges jüngere Sohn dem +Vater nacharteten, der brav, gewissenhaft, gründlich +belesen und mit allgemeiner Bildung versehen, aber +<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">129</a></span>etwas trocken und unlebendig war. Oder wenigstens +so ungefähr wurde er geschildert. Doch soll er an der +Frau unendlich gehangen haben und durch ihren +Tod ganz gebrochen, und also doch nicht ohne Leidenschaft +gewesen sein. Für die Kinder hatte er nach dem +Tode der Frau nicht mehr viel Aufmerken. Er veranlaßte +ihre Schulbildung, wie es recht und üblich +war und nahm eine Hausdame, die für Nahrung +und Kleider und für das Hergebrachte an guten +Sitten und was man so gemeinhin Erziehung nennt, +sorgte, und die er der Bequemlichkeit halber nach +einiger Zeit heiratete, ohne daß sie viel für ihn gewesen +wäre. Die arme Frau und Mutter hatte allen +Grund gehabt, ihr Häuflein mit gebrochenen Augen +noch traurig anzusehen, wenn man so sagen darf, denn +es war nicht mehr viel Freudigkeit und Kinderglück +im Hause. Einzig die jüngste Tochter, die auch im +Äußeren das Abbild der Mutter war, schien Sonne +und Lebenslust in sich selbst zu tragen und sich ihre +Nahrung zu holen, wo man sie ihr nicht anbot. Sie +war von jedermann überzeugt, daß er sie liebe und +Freude an ihr habe, und dieses glückliche Wissen +um sich selbst, ließ sie hinwiederum auch allen Leuten +strahlend und wie ein kleines Sönnchen entgegenkommen, +dem sich in Wahrheit niemand ganz entziehen +konnte. Die beiden andern Kinder wuchsen +dagegen als Schattenpflanzen auf; das Mädchen +als stille, brave, pflichttreue Schülerin, die ihren +Ehrgeiz darein setzte, alle Unterrichtsstoffe gründlich +und unvergeßlich in sich aufzunehmen, der Knabe, +der vielleicht am meisten von allen die Mutter entbehrte, +aber ohne sich dessen bewußt zu sein, als +knurriger und verdrießlicher Sohn seines unfrohen +<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">130</a></span>Vaters, ohne rechte Blüte lang ins Kraut schießend. +Er ärgerte sich selbst und andere bei jeder Gelegenheit, +und besonders hatte er es auf die lachende +Brigitte abgesehen, deren Liebreiz er verspürte und +genoß, ohne es merken zu lassen. Vielmehr stritt und +balgte er sich mit der Schwester herum und hatte +hunderterlei an ihr auszusetzen, vielleicht nur, um sie +in raschem Zorn entflammen zu sehen, worin sie ihm +besonders gut gefiel, oder auch, um ihr helles +und unwiderstehliches Gelächter zu hören, wenn ihr +sein nörgelndes Wesen komisch erschien.</p> + +<p>Das ärgerte und entzückte ihn dann zu gleicher +Zeit; er ließ aber weder das eine noch das andere +merken, sondern tat gleichgültig und als ob es ihm +zu wenig wäre, darauf zu horchen. In ihrem zwölften +Jahr war Brigitte ein schlank aufgeschossenes +Mädchen mit prachtvollen Zöpfen, die sie lang herabhängend +trug, und mit einem Ausdruck in dem blühenden +Gesichtchen, als ob sie von weitem die vollen +Ströme des Lebens rauschen höre und sich anschicke, +darauf zuzugehen, um sich darin zu baden. Statt +dessen aber wartete ein dunkles Meer der Leiden auf +sie, und das Rauschen war ein herannahendes Gewitter, +das den vernichtenden Blitz auf sie niedersandte +und die Sonne auslöschte, ehe sie noch im +Mittag stand.“</p> + +<p>Hier unterbrach sich der Zeitler, für einen Augenblick +aus der Vergangenheit auftauchend, und merkte +selbst, daß er in einer Weise zu uns redete, die wir +nicht bei ihm gesucht hätten, und die auch bei ihm +selbst zurzeit nicht üblich war. Er nahm eine der Nelken +zwischen die Lippen, und es war mir plötzlich, als +habe ich ihn nicht im Leben, sondern auf einem Bild +<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">131</a></span>so gesehen und wisse nun, wer er sei, es falle mir +nur der Name nicht ein.</p> + +<p>„Kurzum,“ fuhr er nach einer kleinen Pause fort, +als habe er wie ein Maler nach einem andern Pinsel +gesucht oder als Musiker eine andere Saite aufgezogen, +„die Brigitte erlitt einen schweren Unfall, der +sie zu dem verwachsenen Geschöpf machte, das sie jetzt +ist, und ihr ganzes Leben umkehrte. Es ist schon lang +her, und vielleicht sollte man es jetzt nicht mehr sagen, +aber der Kasimir war schuld daran. Es war in einem +Nachbargarten. Die Brigitte saß in einer Schaukel, +die zwischen zwei Bäumen angebracht war; sie schwang +sich leicht spielend hin und her und plauderte daneben +mit den Nachbarsmädchen. Da trat der Kasimir +hinzu und fing an, die Schaukel zu stoßen, daß sie +hoch und immer höher hinausflog. Vielleicht gefiel +es ihm, daß die schwarzen Zöpfe so lustig tanzten, +vielleicht auch hatte er sein unholdes Vergnügen +daran, daß die Brigitte rief: ‚Laß sein, ich will nicht +so hoch!‘, kurzum, er stieß mit aller Kraft, daß die +Schaukel mit dem schönen Vogel drin an die vollen +Kronen der Bäume anstieß und zwischen den Zweigen +hindurchrauschte. Das Mädchen wurde blaß +und bekam Angst, was sonst nicht in seiner Art +lag, und bat flehentlich ums Aufhören, aber der +fünfzehnjährige Flegel hatte seiner Lust noch nicht +Genüge getan, oder was es war; als die Brigitte +außer sich herunterrief: ‚Laß los, oder ich +springe heraus!‘, gab er, der es natürlich nicht glaubte, +noch einen letzten, wilden Stoß drein, um dann aufzuhören, +und in dem Augenblick flog das Mädchen +durch die Luft und schlug schwer auf den Boden auf. +Die Schaukel aber kam ledig zurück und schwang sich, +<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">132</a></span>in den Ringen knarrend, noch eine Weile hin und +her, bis einer hinging und sie anhielt.</p> + +<p>Da war dann nun eine Zerstörung geschehen, +die jedem weh tun mußte, der sie sah. Es wäre fast +leichter anzusehen gewesen, wenn das arme, totenblasse +Kind, das da im kurzen Grase lag, die Augen +nicht mehr aufgemacht hätte. Es wäre dann in aller +seiner sonnigen Schönheit dahingegangen, und jedermann +hätte es als einen Liebling bei Gott und Menschen +in der Erinnerung gehabt. Aber freilich, der +Kasimir wäre dann sein Mörder gewesen in aller tapsigen +Dummheit, und so konnte man es wieder nicht +wünschen, auch wenn es etwas geholfen hätte. Das +Leben ging auch, ohne zu fragen, seine eigenen Wege, +legte das schöne, unglückliche Geschöpf auf ein jahrelanges +schmerzhaftes Siechbett, drohte zuweilen, es +nachträglich noch hinweg zu nehmen und ließ es dann +zu einem schweren, unbegreiflichen Dasein wieder aufstehen. +Die Wirbelsäule war verkrümmt und wurde +es immer mehr, und unaufhaltsam sank der schöne, +feine Kopf zwischen die Schultern und beugte sich der +aufrechte Wuchs, den das heranblühende Kind gehabt +hatte. Da war die Brigitte kein Sönnchen mehr, sondern +eine arme, leidende Kreatur, von deren tieferen +Schmerzen gewiß kaum ein Mensch recht wußte, und +die eine Mutter hätte brauchen können, wenn sie, +die draußen schlief, irgend zu erwecken gewesen wäre. +Denn als das lange Siechtum überstanden war, regten +sich von neuem in dem lebensvollen Mädchen die +Kräfte des Blutes und der überschwängliche Lebensdrang, +den sie von der Mutter ererbt hatte, und der +nun in einem verwachsenen Leibe gefangen lag. Die +Schwester heiratete in all ihrer dünnblütigen Zahmheit +<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">133</a></span>einen Privatdozenten von der Universität, der +in früheren Jahren die kleine Brigitte sein Bräutchen +geheißen hatte, und dem auch jetzt unglücklicherweise +ihr lebenverlangendes Herz mit harten Pulsen +entgegenklopfte. Er zog mit der Frau nach dem hohen +Norden hin und wurde eine Berühmtheit in seinem +Fach, das junge, schmerzlich lebendige Geschöpf aber +blieb in dem unfrohen Vaterhause zurück. Die zweite +Frau des Vaters war auf einer Erholungsreise in +ihre Heimat gestorben und auch dort begraben worden, +und es verstand sich von selbst, daß Brigitte die +Führung des Haushalts übernahm, der aus dem +Vater und dem Unglückswurm Kasimir bestand. Dieser +war über den Unfall, den er herbeigeführt hatte, +außer sich gewesen, was sich darin zeigte, daß er, +wie er ging und stand, von der für sterbend gehaltenen +Schwester weg in ein benachbartes wildes Tal +lief und sich dort verschiedene Tage und Nächte lang +umhertrieb, bis ihn endlich das Verlangen, etwas +Näheres zu erfahren, wieder in die Stadt führte, und +zwar zuerst auf den Friedhof, wo er sehen wollte, ob +sich das Muttergrab geöffnet und über einer neuen +Bewohnerin wieder geschlossen habe. Als er nun sah, +daß nichts dergleichen erfolgt war, setzte er sich, übermüdet +von Angst und Reue und dem ziellosen Umherirren, +auf den mütterlichen Hügel nieder und +schlief ein, bis er spät am Abend verwirrt emporfuhr, +weil jemand seinen Namen gerufen hatte. Es war +dies sein Vater, der, gleichfalls aufgestört aus seiner +gewöhnlichen Ruhe, heftige Angst um sein Lieblingskind +empfand, dem er freilich sein besonderes Wohlgefallen +kaum je gezeigt hatte, und der nun fast instinktmäßig +den Ruheplatz seines Weibes aufsuchte, +<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">134</a></span>um ihr als Mutter zu sagen, daß sie eigentlich jetzt +am Platze sein müßte. Als er nun an dieser Stelle +den Sohn fand, dem er begreiflicherweise heftig zürnte, +und dem er eine gehörige Strafe, er wußte nur noch +nicht welche, zugedacht hatte, ging eine seltsame Wandlung +mit ihm vor, deren er sich nicht erwehren konnte. +Der Missetäter hatte nämlich, vielleicht um bequemer +zu ruhen, vielleicht aber auch in einem ausbrechenden +Verlangen nach Schutz und Hilfe, mit beiden Armen +den aufrechtstehenden Marmorblock umfaßt und den +Kopf auf den mütterlichen Namen gelegt, und erschien +dem Vater wie ein alttestamentlicher Flüchtling, +der zur Sicherung vor seinen Verfolgern in den +Tempel eindrang und die Hörner des Altars umklammerte. +Auch zeigte sich im Schlaf eine so unverstellte +Herzensnot und Bekümmernis auf dem sonst +gleichgültigen Gesicht des Sohnes, daß sich der Vater +des Erbarmens und der Rührung über das Leiden, +das noch größer war als seines, nicht enthalten konnte +und den Schlafenden aufweckte, nicht zum Gericht, +wie dieser meinen mußte, sondern um ihn ans Herz +zu schließen. Das ist freilich nicht buchstäblich zu verstehen, +denn Liebkosungen waren in der Familie nicht +Sitte und waren bisher nur von dem jetzt verdunkelten +Sönnchen ausgegangen, aber dennoch ging von +da an ein stilles Einverständnis zwischen Vater und +Sohn einher. Für diese beiden war überhaupt das +Unglück der armen Brigitte ein freilich noch tiefverschleiertes +Glück. Denn die Reue, die der Kasimir, +und das Mitleid, das beide empfanden, zwang sie, +ihrer kargen Natur einiges an Zartheit, Güte und +Fürsorge abzuringen, um der armen Kranken das +Leben zu erleichtern, was alles ihnen selber wieder +<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">135</a></span>zugute kam. Es geschah aber das Wunderbare, daß +das gequälte Geschöpf, die Brigitte, in aller ihrer +Leibes- und Seelennot dennoch wieder etwas von dem +alten Lachen fand, zuerst nur selten und fast widerwillig, +aber später sich selbst unwiderstehlich. Das +war, als sie sah, wie die beiden Männer, der alte und +der junge, ihre ungeschickten Versuche machten, sie +aufzuheitern und das düster gewordene Haus zu erhellen. +Es war ihr wie jemandem, der zusieht, wie +unerfahrene Hände sich mühen, verquollene Fensterladen +aufzumachen, um Licht in einen dunklen Raum +zu lassen, und der endlich hingeht, um es selber zu +tun, da doch keine Aussicht ist, daß es anders hell +werde. Denn die ursprüngliche und gottbegnadete +Heiterkeit hatte in der ganzen Familie doch nur Brigitte +allein, und es wurde ihr nach und nach klar, +daß es alles nichts helfe, sie müsse den verschütteten +Quell wieder ausgraben, da sie ohne ihn nicht leben +könne, und auch die andern darnach dürsteten. Das +ging freilich nicht ohne blutende Hände ab und nicht +ohne Verzweiflung am endlichen Gelingen. Es wurde +ihr nichts erspart an qualvollem Verlangen nach Glück +und vollem Menschenleben, besonders wenn sie andere +in aller Ruhe und Gottergebenheit erleben sah, +was sie selber, wenn es ihr zuteil geworden wäre, +mit Seelenjauchzen und Wonnestürmen in sich ausgetragen +hätte.</p> + +<p>Doch,“ unterbrach sich Zeitler, „es hat schließlich +niemand das Recht, davon zu reden, da sie selber es +nicht tat. Wenn sie aber,“ fuhr er fort, „von einem +Anlauf nach der festen Burg der Herzensstille und +des sich Genügenlassens ermüdet zurücksank, so malte +sich ein so ehrlicher und ratloser Kummer in den Gesichtern +<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">136</a></span>der Männer, daß sie es nicht mitansehen +konnte und sich wieder aufraffte, und wieder, wenn +sie ein heiteres Gesicht und einen kleinen Scherz +zuwege brachte, so erhellten sich die trockenen und +verlegenen Mienen so sehr, daß es ihr ein beständiger +Reiz war, die Verwandlung zu sehen und +hervorzubringen.</p> + +<p>Was aber zuerst nur kraftlose und gequälte Versuche +waren, das entwickelte sich im Lauf der Jahre +durch ehrliche und anhaltende Übung zu einem lebendigen +und ungestörten Besitz, um den sie die meisten +Menschen, in deren Dasein es immer glatt und eben +zugegangen ist, beneiden könnten, wenn sie dazu die +Fähigkeit hätten, ja zu einer Quelle, nach der es +verstäubte und müde Wanderer hinzieht und niemals +umsonst. Natürlich steckt da noch allerlei darin und +dahinter, zu dem, wie zu einer verschlossenen Brunnenstube, +sie allein den Schlüssel hat. Doch kann +man immerhin an einem frisch und unermüdlich +sprudelnden Brunnen merken, wie die aus der Tiefe +steigende Quelle beschaffen sein muß.</p> + +<p>Der Kasimir hatte schon längst bei sich selber +beschlossen, unverheiratet zu bleiben, um der +Schwester ein dauerndes Heim bieten zu können. +Das hätte unter Umständen ein schweres Opfer sein +können, das wohl auch die klare und natürlich empfindende +Frau, die Brigitte ist, niemals angenommen +hätte. Aber sie sah bald, daß sie dem Bruder +mehr geben könne, als er ihr, ja, daß der etwas +trocken und karg ausgestattete Mensch nicht so viel +mitteilende Lebenskraft habe, daß es um die Ehe, +die er hätte führen können, schade gewesen wäre. Sie +ließ ihn ruhig gewähren, ohne es ihm auf die Nase +<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">137</a></span>zu binden, wie sie die Sache auffaßte, so daß er das +erwärmende Gefühl behielt, ihr zur Sühne für einen +ungezogenen Augenblick sein ganzes Leben zum Opfer +zu bringen, was ihm wohl tat und ihn, wenn er es +hie und da bedachte, erhebend anrührte. Oder vielleicht +auch noch anrührt,“ schloß der Zeitler, dem es +plötzlich einzufallen schien, daß die Personen, die er +aus der Vergangenheit heraufgeholt hatte, wo er +ihnen irgendwie näher gestanden sein mußte, noch da +waren, ja, daß ich begierig Horchender jeden Tag um +sie war.</p> + +<p>Es war inzwischen fast ganz Nacht geworden, +aber nicht eigentlich dunkel, denn am wolkenlosen +Himmel waren die Sterne sichtbar geworden und +flimmerten wie Fenster, auf denen der Widerschein +eines Lichtes liegt; auf dem weiten Gräberfeld webte +und rührte sich allerlei, aber es waren nur die Gebüsche, +die der leise Nachtwind regte, oder die weichen, +langen Zweige der Trauerweiden, die sachte +hin und her wogten; Düfte kamen in weichen Wellen +heran und umgaben uns, und ich dachte an meine +Mutter und daß sie gesagt hatte: Die Toten haben +keine andere Sprache, um uns zu sagen: Vergeßt +uns nicht, denkt an uns. Aber es war nichts von +Grausen dabei, denn es hüllte mich ein großes +Wohlsein ein. Ich fühlte eine quellende Liebe im +Herzen und wußte nicht, galt sie der siegreichen Brigitte +oder dem kleinen Sönnchen, das sie früher gewesen +war, oder dem Zeitler, der mir so wunderbar +bekannt schien, und der sich selber ganz im Dunkel +hielt, wenn er von den andern erzählte. Wer war +er denn, wenn man fragen durfte? Aber man durfte +nicht fragen, man mußte sich ganz still halten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">138</a></span></p><p>Da sagte auf einmal Hertha mit einem kleinen +Seufzer: „Ach, daß die arme junge Frau die Augen +offen gelassen hat! Aber ich ließe sie auch offen, +wenn ich sterben müßte, man dürfte sie mir nicht zudrücken. +Ich möchte wissen, ob meine Mutter auch +noch nach mir hingesehen hat, wie sie tot gewesen +ist. Nein, sie hat es nicht getan, sie hat mich ja schon +vorher hergegeben gehabt, mich armes Kind. Wenn +ich nicht so vergnügt wäre, so wäre ich gewiß recht +traurig; ich habe es aber in mir, daß mich das Leben +freut, ich kann nichts dafür.“</p> + +<p>Der Zeitler stand auf und führte uns zum Ausgang; +es war mir, als sei ich in einer andern Welt +gewesen und kehre nun wieder in die vorige zurück. +Hertha sagte, als wir vor ihrer Haustür waren: „Ach, +es ist schad, daß man die Nächte verschläft, aber es +wird so sein müssen, scheint mir. Ich möchte einmal +eine Nacht durch laufen und bis in den Morgen +hinein, durch den Wald und über einen Berg hinüber, +aber nicht allein, es müßte zu zweit sein. Und wenn +es hell würde, ständen wir oben auf einem andern +Berg und wären froh, daß wir schon auf sind, eh' die +Sonne kommt, weil es schad' ist um alles, was schön +ist, und man sieht's nicht.“</p> + +<p>Da hätte ich doch nicht übel Lust gehabt, sogleich +mit ihr fortzuwandern durch schlafende Wälder und +an schwatzenden Bächen hin und in den Morgen hinein. +Aber sie schlüpfte ins Haus, und ich ging allein +vollends in die Stadt hinein, und nach einer Weile +hatte ich das Gelüste schon vergessen, denn es war +so vieles lebendig in mir an diesem Abend, es war +gut, daß ich mit keinem Menschen reden mußte.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">139</a></span></p><p>Einmal, nicht lang nach diesem, kam ein Brief von +meiner Schwester Luise, der mir viel zu schaffen machte. +Er weckte mich, der ich ganz im Hier und Heute lebte +und genug damit zu tun hatte oder es doch meinte, +für eine Weile zum Gedenken an eine Welt auf, die +mich nur ungern und nach ihrem Dafürhalten nur +leihweise hergegeben hatte, die mir aus ihren treuen +und stillen Kräften unermüdlich spendete, was ich bedurfte +oder auch nur zu bedürfen glaubte und die +nichts zum Entgelt wollte, als etwas von mir selbst, +ein Zugehören, ein Heimdenken und freilich auch +hie und da ein Zeichen davon.</p> + +<p>In der Kürze: ich schrieb wenig genug nach Hause; +es war mir alles entweder zu groß oder zu klein, als +daß ich es hätte mitteilen mögen. Auch war das +Schreiben langweilig und jede Stunde sonst besetzt, +und so kam es, daß meine Schwestern nur nichtssagende +Zettel von mir bekamen. Ich brauchte Wäsche +oder Stiefel, oder mußte mir dies und das anschaffen; +sie hatten mir einen Kuchen geschickt nach altem Rezept, +er war gut gewesen, aber ich stand gut im Futter +und sie brauchten mir in Zukunft nichts zum Essen +zu schicken; ich machte einen Ausflug und grüßte sie +mit einer Ansichtskarte; im übrigen ging es mir gut +und ich hoffte es auch von ihnen. Ich dachte, sie seien +damit zufrieden, denn ich war es selber auch, und in +ihren Briefen stand auch nichts anderes. Nun aber +hatte Luise den Plan gefaßt, mich zu besuchen und +sich zu dieser Reise, die ein großes Ereignis in ihrem +Leben werden konnte, nach und nach ein Sümmchen +zurückgelegt. Sie wollte sich ein besseres Kleid dazu +anschaffen, ein Reiseköfferchen und dergleichen, und +sie gedachte auch, es sich unterwegs einige Tage wohl +<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">140</a></span>sein zu lassen und auch mir die oder jene Güte anzutun. +Dabei rechnete sie meine Freude, mit der ich sie +empfangen würde, mit der ihrigen, mich wiederzusehen, +zusammen, und es schien ihr eine Summe, die +es wert war, das Ersparte daran zu wenden, besonders +wenn sie ihr Verlangen nach einer kleinen Unterbrechung +des arbeitsreichen und einfachen Lebens, +das sie führte, noch dazu tat. Denn ich hatte die +Freude am Schönen und Freien, das es auf der Welt +gab, nicht allein gepachtet, es gab noch andere Leute, +denen es um ein offenes Fenster nach der Sonnenseite +hin zu tun war.</p> + +<p>Aber es war ein Strich durch die hübsche Rechnung +gemacht worden, denn es war ein Posten für +ein Fahrrad eingelaufen, und zwar für ein gutes, da +die billigen nichts aushielten. Dafür hätte man +einige Reisen machen können, aber es war jetzt nichts +zu wollen, das Geld mußte zuerst abbezahlt werden +so nach und nach. Denn wer wollte sich einen hübschen +Hut kaufen oder einen Schirm, was beides man +unterwegs brauchte, an die Reisekosten nicht zu denken, +solang eine unbezahlte Rechnung im Hause lag? +Also das war nichts gewesen für diesmal; man mußte +es auf ein anderes Jahr sparen, es war aber schade, +denn es wäre doch an der Zeit gewesen, einander +wieder zu sehen. Nicht daß mir das Rad nicht gegönnt +war, aber wenn es noch ein bißchen Zeit damit +gehabt hätte, so wäre es besser gewesen.</p> + +<p>Das alles war so ungefähr aus dem Brief zu +lesen, einiges davon ergänzte ich auch in meinen Gedanken, +denn ich konnte mir ja deutlich vorstellen, +wie alles zu Hause zuging. Ich sah sogar das zinnerne +Büchschen von der Mutter her, das Luise in +<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">141</a></span>einer Schublade aufbewahrte, und das ihre Extragelder +barg. Sie hatte es gewiß oft herausgenommen +und die Stücke gezählt, die darin lagen, und hatte +dann mit Helene ausgerechnet, was alles zusammen +kosten konnte. Nun aber war es leer, und es kam +auch so schnell nichts mehr hinein, und das hing mit +mir zusammen. Ich ärgerte mich nicht wenig, als +ich den Brief las bis zu dieser Stelle, aber ich wußte +nicht recht über wen oder was am meisten. Freilich +über mich mußte es eigentlich sein, ich war der schuldige +Teil, und es half mir nichts, daß Luise mir gar +keinen Vorhalt machte, nicht den mindesten. Hätte sie +es getan, so hätte sich mein Grimm einigermaßen +gegen sie wenden können, denn sie hätte dann unrecht +gehabt auf irgend eine Weise. Ich mußte es aber +selber tun. Aber wie? Lebte ich etwa in etwas anspruchsvoller +als andere junge Leute, die ich kannte, +nicht eher im Gegenteil? Und hätte ich nicht studieren +können, wenn ich gewollt hätte? Das aber hätte +dann noch viel mehr gekostet. Und hatte ich nicht die +bestimmte Absicht, später das Rad zu bezahlen? +Ich ging um den wahren Kernpunkt der Sache +herum, der darin bestand, daß die tüchtigen, liebevollen +und guten Schwestern umsonst darnach aussahen, +ich möge mein junges Sein und Wesen in +etwas mit ihnen teilen, da sie es so unermüdlich +nährten und bereicherten mit ihrer Arbeit und Sorge. +Vielmehr glaubte ich eine Mahnung zur Dankbarkeit +zu verspüren, die mir unleidlich war. Obgleich ich +keine Scheu trug, alle Opfer anzunehmen, wollte ich +mich doch nicht verpflichtet fühlen, sondern dachte, +wenn man dankbar sein müsse, so könne einem schon +alles gestohlen werden, und war mir nicht bewußt, +<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">142</a></span>daß der Stachel, wider den ich löckte, in meiner +eigenen Brust saß, da mich ja sonst niemand angriff. +Ich wäre am liebsten auf ein paar Tage heimgefahren, +das wäre das einfachste gewesen; doch, begreiflich, +gerade das konnte ich nicht tun, denn umgekehrt +kostete die Reise auch Geld. Im stillen aber +wußte ich: wenn ich gekommen wäre, sie hätten mich +dennoch mit Jubel und Jauchzen empfangen, es wäre +etwas ganz anderes gewesen.</p> + +<p>Als ich den Brief wieder zur Hand nahm, wurde +ich inne, daß ich ihn erst zur Hälfte gelesen hatte; es +lag ein zweites Blatt dabei, in dem stand geschrieben, +daß meine Schwester Helene im Lauf des nächsten oder +übernächsten Jahres zu heiraten gedenke, nämlich +wenn die Aussteuer beieinander sei. Denn auf Abzahlung +wolle sie kein Stück anschaffen. Sie habe +einen guten und tüchtigen Verlobten, der ein Schreiner +sei und es wohl einmal zum Meister bringen +werde. Er sei überaus sparsam und fleißig und fange +schon an, in den Abendstunden das eine oder andere +Stück für den einstigen Haushalt zu schreinern. Helene +bekomme es einmal nicht schlecht; der Bräutigam +habe schon gesagt, nach der Hochzeit dürfe sie nicht +mehr um Geld nähen, er könne selber eine Frau erhalten, +sie müsse dann nur das Haus imstand halten +und vielleicht ein Stück Gemüseland, denn er esse +gern selbstgepflanzte Bohnen und Erbsen. Freilich, +für jetzt nähe sie um so eifriger, sie möchte vier Hände +haben, um nur viel fertig zu bringen, denn alles koste +Geld, es sei nicht zum Sagen.</p> + +<p>Darum wolle auch Luise von jetzt an alles, was +mich angehe, allein bestreiten, sie sage es mir im Vertrauen, +daß ich mich in allem an sie wenden solle. +<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">143</a></span>Helene wolle es nicht, natürlich. Sie sage, es dürfe +in nichts anders werden, aber sie werde schon froh +sein, wenn ihr Geldlein sich schneller aufrunde, daß +der Schatz nicht so gar lang warten müsse. Ich solle +mich nichts anfechten lassen, es werde alles recht und +gut. Das Bügelgeschäft gehe gut, es sei keine Not. +Wenn sie nicht so altväterisch erzogen wäre, so hätte +sie die Reise trotz allem gemacht, aber ich wisse ja, +wie die Mutter gewesen sei: lieber um und um geflickt, +als einen Pfennig Schulden. Von der habe sie +es auch, sie könne nichts dafür. Ich solle nur freudig +sein in meiner Jugend, es sei gut, daß ich aus dem +Engen hinausgekommen sei, sie wollte oft selber auch, +sie wäre es. Wenn sie nur wisse, daß es mir gut +gehe und daß ich in das Hohe und Feine hineinkomme, +so sei es schon recht. Vielleicht wisse ich einmal +ein gutes Buch für sie zum Lesen, denn das sei +ihre Liebhaberei schon von jeher gewesen, und Sonntags +habe sie Zeit dazu. Wenn man doch einen Bruder +habe, der mitten in den Büchern sitze, so sei es +ja zu machen.</p> + +<p>Da war es mir nun leichter und schwerer in einem. +Denn Luise war viel zu gut und zu lieb, und man +mußte ihr dankbar sein, ob man wollte oder nicht, +ja, an ihr hängen von Herzen, so oft sie einem einfiel, +was freilich oft lange anstand. Und Helene war Braut +und steuerte auf das Frau-Meisterin-sein hin. Aber +daneben war da ein Schwager, der ein Schreinergeselle +war und von dem ich nichts wußte, als daß +er sparsam sei und fleißig. Das war noch lange nichts +Besonderes, man konnte daneben unausstehlich sein. +Vielleicht hatte er schon einen Pik auf mich, weil ich +noch in den Kosten war, was ihn, rund herausgesagt, +<span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">144</a></span>gar nichts anging. Es war immer so schön gewesen, +als die beiden Schwestern miteinander hingelebt hatten +und ihnen alles gemeinsam gewesen war. Es kam +mich an wie Heimweh, aber nach dem, was sich ändern +wollte, nicht nach dem, was neu entstand. Und heimfahren +wollte ich jetzt gerade nicht, auch fiel der Brief, +den ich schrieb, steif und hölzern aus, weil ich eine +Verlegenheit in mir trug. Wenn aber Luise hätte in +mir lesen können, was ich eigentlich gern gesagt hätte, +sie hätte sich nicht beklagen müssen.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Sie beklagte sich auch nicht, sondern im dritten +Jahr meiner Lehrzeit, als diese fast zu Ende war, +kam sie dennoch angefahren und mit ihr Lotte Meister. +Man konnte alles nachholen, was das erstemal gewesen +wäre, und besser als damals. Denn ich war +mittlerweile ein junger Mann im zweiundzwanzigsten +Jahr geworden, der ein sicheres Auftreten hatte +und sich in der Gegend auskannte; ich konnte sie herumführen, +wo es schön war, und ich konnte ihnen sagen, +was sie wissen wollten. Denn sie kamen sich himmelweit +von zu Hause vor; es war ein anderes Wasser und andere +Berge als bei uns. Die Wälder sahen dunkel in +die Stadt herein, aber die Stadt selber war heiter und +hell. Doch hatte sie im Innern alte Straßen und +Tore, und das Münster war ein Bruder von den +unsrigen daheim. Die Leute hatten eine andere Aussprache +als bei uns; was vom Land hereinkam, trug +eine schöne und ehrenfeste Tracht, und die beiden +hatten kein höheres Lob dafür, als daß sie sagten, so +habe man es auf der Alb auch, wenigstens nicht viel +anders. Sie schauten alles genau und ausführlich an, +<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">145</a></span>denn sie mußten nachher davon zehren und daheim +davon erzählen können; sie sahen in fünf Tagen mehr +als ich in drei Jahren; sie waren ruhigen und +gesammelten Gemütes und machten die Tore weit auf, +um alles hereinzulassen. Da ging mir selber manches +erst auf, als ich es ihnen zeigte, ich wunderte mich, +wo ich meine Augen gehabt hatte, aber ich ließ es +nicht merken, sondern tat mit allem vertraut. Es +waren zwei stattliche, tüchtige Frauenwesen; Lotte +war immer noch schön, obgleich das Leben nicht oben +über sie hinwegging. Sie hatte ihr kluges und heiteres +Gesicht behalten, wenn auch kleine Fältchen dazwischen +hinliefen; ihre Zöpfe lagen groß und schwer +am Hinterkopf, und daß die Gestalt etwas an +Fülle gewonnen hatte, paßte ganz gut zu ihr. Luise +hatte ich eigentlich größer in der Erinnerung gehabt, +das machte, daß sie ein wenig in die Breite ging, da +sah sie kürzer aus. Auch gefiel mir an ihrem Anzug +einiges nicht so recht, ich meinte fast, sie sei in der +losen, kurzärmeligen Bügelbluse hübscher gewesen als +in dem fest anliegenden und verzierten Kleid, das gut +und neu und auch modisch war, ich war es nur nicht +an ihr gewöhnt, und es schien ihr auch nicht ganz behaglich +darin zu sein. Aber wenn sie den Hut abnahm, +sah man das glatte blonde Haar um ihr gutes, +großes Gesicht herum; sie trug es immer noch in einem +Kranz aufgesteckt, und ihre blauen Augen waren so +treu; sie brauchte gar nichts zu reden, so wußte +man dennoch, wie endlos gut sie es meinte. Aber sie +sagte es auch, wenngleich mit andern Worten.</p> + +<p>„Sag mir alles, was dich angeht, Ludwig,“ bat +sie, „du bist mir doch wichtiger als die ganze Stadt. +Wir sind keine Briefschreiber, einmal du nicht; ich +<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">146</a></span>verlang's auch nicht, der Mensch kann nicht aus seiner +Haut heraus. Aber das weißt du doch, daß wir daheim +davon leben, wie dir's geht und was aus dir +wird. Und überhaupt. Du bist doch unser Einziges. +Darum bin ich doch gekommen, ich hätte ja auch sonstwohin +reisen können.“</p> + +<p>Das hätte sie aber nicht sagen sollen, denn es +drückte mich. Man mußte mir nicht nachlaufen; es +würgte mich im Hals, daß sie so liebreich mit mir +redete. Geschwister mußten es einander nicht sagen, +wenn sie einander gern hatten. Ich hatte sie auch +gern, aber ich sagte es nicht, sonst spürte ich das Gegenteil +in mir. Alles, nur nicht an der Kette sein, +und wäre sie noch so zart und fein gesponnen. Ich +schwieg und machte ein störrisches Gesicht. Aber +Lotte Meister brach meinen Bock; sie scheute sich nicht, +sie hatte noch immer ein Recht an mich gehabt, und sie +durfte auch reden, denn sie brachte mir keine Opfer +das ganze Jahr hindurch, sie stand frei vor mir und +ich vor ihr. Sie nahm mich gehörig her, sie fand eine +Gelegenheit unter vier Augen.</p> + +<p>„Ludwig, Ludwig,“ sagte sie, „lauf die Welt aus +und ein, du findest keine solche Treue mehr. Du hast +Hörner aufgesetzt und mußt sie dir verstoßen, denk' an +mich; es kann einmal weh tun, wenn du zu dir kommst +und merkst, was du dir selber verhunzt hast. Ich +seh' dich wie in einem Spiegel, du brauchst gar nichts +zu sagen. Du nimmst es den Mädchen übel, daß sie +für dich schaffen und daß sie arm und einfach sind; +du willst hoch hinaus und willst niemand etwas zu +danken haben dabei, und bist dennoch ein Genießer, +der sich nichts versagen kann. Ich könnte dir noch +vieles sagen, aber du verstehst es nicht, du hast noch +<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">147</a></span>Scheuleder auf, die müssen dir zuerst herunterfallen, +vorher hilft das Reden nichts. Ich meine dir's gut: +vergiß nicht, woher du kommen bist, und daß du ein +goldenes Kleinödlein daheim hast.“</p> + +<p>Zuerst dachte ich patzig: Was habe ich denn getan? +Was tu' ich denn Unrechtes? Es hätte nicht +viel gefehlt, so wäre es bös ausgefallen. Aber Lotte +sah wieder einmal aus wie die Germania auf dem +Kriegerdenkmal; ich war ein kleiner Bub ihr gegenüber. +Und doch brach dabei ein so heller und wahrhaftiger +Strahl aus ihrem Gesicht und Wesen, der +klopfte bei mir an, daß ich auftun mußte. Sie wartete +auch zum Glück auf keine Antwort, sondern fing +an, kleine Dinge von daheim zu erzählen. Daß ihre +alte Mutter das Nervenzittern noch verloren habe, es +sei wie ein Wunder, sie sei fast wieder jung; daß +das lustige Mädchen Hermine seinem Feldwebel angetraut +sei, und daß ihre, Lottens, Kinder wie die +Tännlein heranwachsen, es sei schade, wenn ich sie +nicht sehe, sie seien im nettsten Alter.</p> + +<p>„Da sind sie, glaub' ich, schon lang drin,“ sagte +ich und lachte. Da lachte sie auch, und als Luise zu +uns trat, waren wir in einer Fröhlichkeit, an der sie +unverzüglich teilnahm, denn sie spürte freudig, daß +ein Riegel aufgegangen sei.</p> + +<p>Ich hatte denn auch, angestoßen wie ich war, +vieles mitzuteilen, das mir die beiden Getreuen begierig +abnahmen; ich hätte noch mehr haben können, +es wäre ihnen nicht zu viel gewesen.</p> + +<p>Im vorigen Winter hatte ich Kolleg gehört bei +einem Geschichtsprofessor. Es war ein Prachtsmensch +mit einem silbernen Bart. Man meinte, er sei dabeigewesen, +als Napoleon seinen Leuten unter den ägyptischen +<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">148</a></span>Pyramiden sagte: „Jahrtausende schauen auf +euch hernieder.“ Manchmal schloß er die Augen, wenn +er redete, und manchmal griff er mit der gespreizten +Hand in die Luft, da holte er sein Wissen her, es stand +in Fülle um ihn herum. Er kannte mich; er hatte zu +Herrn Hagenau gesagt, ich hätte Augen gemacht +wie ein hungriger Hund. Wenn er in den Laden kam, +sagte er: „Mein lieber Fugeler.“</p> + +<p>Literaturvorträge hörte ich auch. Und ich las +viel, aber davon war nicht anzufangen; es gehörte +zum Beruf und zur allgemeinen Bildung. Man +konnte ein Buchhändler sein so oder so, ich hatte aber +im Sinn, etwas Rechtes zu erreichen. Ich sprach mit +ernsthafter Wichtigkeit, und die beiden Frauen hörten +mir mit Andacht zu, Lotte aber mit einem leisen +Zweifel, ob man der Sache in allem richtig trauen +könne; wenn ja, dann wollte sie mir gern mit Achtung +begegnen. Sie hatte mich abgekanzelt, aber sie war +ja dennoch froh, wenn etwas Rechtes mit mir los war, +denn sie hatte mich gern, und sie gönnte es den +Schwestern, wenn sie mit mir zu Ehren kamen.</p> + +<p>Luise saß still und freudig dabei. Wenn ihr etwas +das Herz regte, so nannte sie den Mutternamen. „Das +möchte die Mutter freuen,“ sagte sie, als ich preisgab, +man lasse mich im Hause Hagenau etwas gelten +und habe mich ersichtlich gern. Auch sei die Kundschaft +im Laden mir zugetan. Herr Kasimir hatte vor +kurzem gesagt, ich solle nach der Lehrzeit noch ein +Jahr im Hause bleiben und dann mich in der Welt +umsehen, er wisse mir schon Plätze. Nachher sehe +man wieder. Das schwellte mich, ich sah einen gesicherten +Weg vor mir, und außerdem tat es meiner +jungen Selbstherrlichkeit gut, daß der schweigsame und +<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">149</a></span>zugeknöpfte Herr auf einmal anfing, mit mir ins Benehmen +zu treten. Er sprach über das und das mit +mir, gab mir Briefe zu schreiben und Bücher zu lesen, +lobte oder kritisierte, was ich tat und ließ hie +und da unverhofft bei Tisch oder sonstwo die Blicke +auf mir liegen, als ob ich ihm zu denken gebe.</p> + +<p>Ich dachte zufrieden, es seien ihm die Augen über +mich aufgegangen und er fange an zu merken, daß er +gut mit mir fahre. Auch sei er längst nicht so trocken, +wie man von weitem meine, sondern ein feiner und +zurückhaltender Mensch, der sich seine Leute zuerst +ansehe, ehe er sich mit ihnen gemein mache.</p> + +<p>Das alles ließ ich vor den beiden spielen, fing +aber unversehens einen Augenwink von Lotte Meister +auf, der sagte: Ach du, ich seh' dich ja durch und durch, +mach' mir nichts weis. Es lag ein bißchen gutmütiger +Spott darin bei aller Freundschaft, das stach und streichelte +mich zu gleicher Zeit.</p> + +<p>Luise aber sah in die Zukunft hinein wie in einen +goldenen Becher, denn ich kam immer mehr aus ihren +Sorgen, und man sah, daß kein Grund vorhanden +war, über mich zu kümmern, denn ich wurde recht, +man konnte mich ruhig laufen lassen. Sie war es +nicht gewöhnt, sorgenfrei zu sein, sie hatte seinerzeit +von der Mutter ein Bündel übernommen und es bis +hieher getragen, nun lachte etwas im Grund ihres +Herzens: es ist dann nicht so, daß ich nicht auch lustig +sein kann, wenn die Zeiten darnach sind. Nur her +mit den guten Zeiten, ich habe schon lang auf sie gewartet. +Sie fing an auszuladen, was sie von daheim +wußte.</p> + +<p>Helene wäre gern mitgekommen, aber es mußte +ihr ums Geld sein. Der Schwager Schreiner hatte +<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">150</a></span>große Rosinen im Sack; nämlich es war eine Schreinerei +feil, ein altes Lottergestell von einem Haus freilich, +aber nicht teuer und mit einer Kundschaft darauf, +die nicht zu verachten war. Sie wollten noch ein Jahr +mit der Hochzeit warten und zusammenlegen, was +jedes verdiente, dann war dem schweren Anfang schon +etwas abgebrochen. Vielleicht zog Luise mit und mietete +den unteren Stock für ihre Bügelei, es half den +Schreinersleuten auf, man konnte gemeinsame Haushaltung +machen und beisammen bleiben. Sie zog ein +Bild des Brautpaars aus dem Ledertäschchen, das sie +am Arm trug. Helene war schmal und fein und hatte +ein zartes Gesicht mit einem lieben, aber etwas +müden Ausdruck. Das sei immer so bei den Bräuten, +die lange warten müssen, erklärte Luise, es sei begreiflich +und habe gute Gründe. Sie sei aber gesund +und munter, nur schaffe sie zu viel; es sei gut, wenn +das später anders komme. Im Haus herum schaffen +sei gesünder als das ewige Sitzen bis spät in die +Nacht hinein.</p> + +<p>Der Schreiner stand hinter ihr mit gezwirbeltem +Schnurrbart und mit Besitzermiene. Ich konnte ihn +nicht leiden, seit ich von seinem Vorhandensein wußte, +und als ich ihn sah, noch weniger. Es ging etwas +Feindliches von ihm aus, das aber mich allein anging, +sonst mochte er ein guter Kerl sein, und er war +auch ansehnlich von Gestalt und stand stramm und +aufrecht da wie ein Feldwebel in Zivil. Ich durfte +nicht sagen, was mir durch den Kopf ging, es war +aber oft so bei mir.</p> + +<p>Luise sagte noch zu seiner Empfehlung, daß er +Zither spiele und nie ins Wirtshaus gehe und auch +nicht rauche. Da war mir eines so verhaßt wie das +<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">151</a></span>andere, denn man sah an allem, daß er ein Leimsieder +war und sich etwas darauf einbildete, daß er sparsam +und fleißig sei. Mit solchen Leuten maß ich mich von +vornherein nicht, denn es gab höhere Eigenschaften, +man sprach aber nicht davon.</p> + +<p>Es lauerte in der Zukunft eine unangenehme Begegnung +mit ihm auf mich, das spürte ich sogleich, +aber ich ließ mir nichts gefallen und sah schon dem +Bild kalt in die Augen. Helene aber nahm ich aus; +sie tat mir leid, weil sie dazwischen stehen mußte, es +war aber so der Lauf der Welt.</p> + +<p>Von dem allem wußte Luise nichts. Sie war +voller Lobpreis über eine Begegnung mit Fräulein +Brigitte, die sie soeben gehabt hatte. „Sie wär's +allein schon wert, daß man hierher reiste, so gibt's +nicht viele Leute. Du hast nie geschrieben, wie sie +ist, Ludwig. Wie eine Schwester mit unsereinem, oder +wie eine Mutter. Auf hundert Schritt sieht man, +was das für ein Mensch ist, lauter Güte bis auf den +Grund. Man sagt sonst den Krummen nichts Gutes +nach. Je krümmer, desto schlimmer, heißt's im Sprichwort. +Aber die ist über ihren Berg hinübergestiegen, +mag sie's gemacht haben, wie sie will, es mag nicht +leicht gewesen sein.“</p> + +<p>Da ließ ich meine Wissenschaft auffahren, die ich +von dem Zeitler hatte; denn es sollte niemand meinen, +daß man mir erst den Star stechen müsse, was +Fräulein Brigitte betraf. Man konnte nicht alles +heimschreiben, es war besser, auch noch etwas zum +Reden aufzuheben, und ich kannte sie genauer als +die meisten Menschen, ich hatte es aber seither für +mich behalten.</p> + +<p>Lotte Meister saß dabei und dachte sich ihr Teil, +<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">152</a></span>man konnte es ihr ansehen, sie hatte nichts zu verstecken +in ihrem offenen Gesicht. Sie wußte auch, wie es war, +wenn man über Berge hinübersteigen muß, sie hatte +es erlebt. Und sie dachte, für mich könne es vielleicht +noch kommen, bis jetzt wisse ich alles nur vom Hörensagen. +Aber sie hatte es doch anders als Fräulein +Brigitte. Denn diese mußte ihre Last lebenslänglich +mit sich herumtragen, aber Lotte war aus der Trübsal +hervorgegangen wie aus einem Bad: gesund an Leib +und Seele, stark und aufrecht wie ein Baum, und war +eine Kindermutter, während die andere mit leeren +Händen im Leben stand und nur einen geheimnisvollen +Schatz mit sich herumtrug, dessen Widerschein +aus ihren Augen glänzte.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Als ich meine beiden Besucherinnen nun an die +Bahn geleitete, stand ich mit zufriedenen Sinnen bei +ihnen, weil sie einen so guten Eindruck von mir hinwegnahmen. +Ich sah sie schon heimkommen, ihre kleinen +Geschenke austeilen, die sie hier am Orte mit +Bedacht ausgewählt hatten, die Reisekleider versorgen +und in die alltäglichen schlüpfen, und hörte sie erzählen, +wie schön die Gegend und die Stadt sei, in +der ich lebe, wie ich bei rechten und guten Leuten +sei, die mich gern hätten und etwas auf mich hielten, +wie ich als einziger Junger unter lauter älteren +Herren mich munter und als einer, der sich zu regen +wisse, bewege, und so mehr, was ich mir alles in +Gedanken zugute schrieb. Ja, jeden schönen Platz, den +ich ihnen gezeigt, die Aussicht, die wir vom Berge +herab auf das Flußtal, auf die Stadt mit ihren vielen +Türmen und das von leichtem Dunst umwallte Gebirge +gehabt hatten, die Fröhlichkeit, in der wir beisammen +<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">153</a></span>gewesen waren, sah ich als eine Art Gastgeschenk +an, das sie von mir empfangen hatten, und +ich fühlte mich reich und froh, daß alles gut ausgefallen +war, so daß ich mit gehobenem Mut von einer +zur andern schaute. Denn ich mochte gern in gutem +Andenken zurückbleiben, aber mitzufahren verlangte +es mich nicht, wir hatten doch verschiedene Arten, zu +leben. Da, als wir so standen und auf den Zug warteten, +kam auf einmal der Zeitler gegangen, wie ich +nach Herthas Beispiel den Oberaufseher des Friedhofs +nannte. Er ging mit einem kurzen Gruß vorüber, +kehrte aber noch einmal um, da ihm, wie er sagte, +noch rechtzeitig eingefallen sei, daß dies die Meinigen +sein werden, von deren baldiger Ankunft ich ihm schon +erzählt hatte. Denn jener abendliche Besuch mit +Hertha war nicht der einzige geblieben, den ich ihm +machte inmitten seiner stillen Gesellschaft. Ich hatte +ihn aber immer nur in der losen Joppe mit Hirschhornknöpfen +gesehen, die er im Dienst trug, und in +der Mütze mit dem Abzeichen seines Berufs, nun +trug er, da er eine kleine Reise vorhatte, einen dunklen +Anzug nach feinem, aber älterem Zuschnitt und +einen weichen, breitrandigen Filzhut und sah sehr verändert +aus, so daß ich ihn erstaunt betrachtete. Zum +Staunen war es mir aber auch, mit welch ritterlicher +und herzlicher Höflichkeit er die beiden Frauen begrüßte +und mit ihnen redete ein paar Minuten lang, +so daß diese ganz erwärmt zurückblieben und sich +wunderten, was das für ein Freund von mir sei, +denn als einen solchen gab ich ihn in der Geschwindigkeit +aus.</p> + +<p>Als der Zeitler weggegangen war, sagte Luise +zu Lotte Meister: „Es ist schade, daß der Ludwig +<span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">154</a></span>es sich nicht mehr denken kann: der Mann sieht doch +ganz und gar dem alten Stadtpfarrer Möbius gleich.“ +Und sie erzählte eine Geschichte davon, daß dieser heimatliche +Geistliche, den man im Gegensatz zu jüngeren +Kollegen nur den alten Herrn genannt habe, als +letzte Amtshandlung meine Taufe und zwar am +Bett meines kranken Vaters vorgenommen habe. Als +nun der geistliche Herr mit den netzenden Fingern +meine kleine Stirn berührt habe, sei es ihm aufgefallen, +wie ich ihn mit großen, offenen Augen betrachtet +und plötzlich das Gesicht zu einem Lächeln +verzogen habe. Er sei, dies ansehend, leicht erblaßt, +wie einer, der eine Erschütterung im Innern verspürt +und habe nach einer fast unmerklichen Pause seine +Amtshandlung fortgesetzt, aber nachher zu meiner +Mutter gesagt, die mich im Arm hielt, es sei ihm +gewesen, wie wenn ich kleines Seelchen eine Botschaft +an ihn hätte aus dem Lande, von dem ich herkomme. +Das habe ja aber freilich jedes Kind, wenn man recht +in die unschuldige Tiefe seiner Augen zu versinken +wisse, indessen sei es ihm heute besonders aufgefallen. +Meine Mutter habe zu diesem nicht recht etwas zu +sagen gewußt; der alte Herr sei aber am Abend +desselben Tages an einem Schlaganfall gestorben +und habe es also wohl schon vorher in sich gehabt. +Ich tat nicht viel dergleichen, als ob mich die Geschichte +aus meiner frühesten Kindheit interessiere, im stillen +aber war es mir, als habe ich noch eine Erinnerung +an das alte Gesicht, das sich über mich geneigt habe, +und es fiel mir wieder ein, wie es mir mit dem Zeitler +beim ersten Sehen gegangen war. Doch konnte das ja +freilich nicht sein, wie ich mir sagte, da ja die +menschliche Erinnerung so weit nicht zurückreicht. Ich +<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">155</a></span>blieb aber doch in wunderlich aufgerührter Stimmung +stehen, und sah mich, als ich allein durch die Straßen +ging, als kleines Kindlein auf dem Arm meiner +Mutter liegen und dem alten Herrn mit großen +Augen entgegenlächeln. Was für eine Botschaft +konnte er aber empfangen, und was konnte ich neugeborenes +Wesen ihm zu sagen gehabt haben? Aus +welchem Lande war ich gekommen? Doch aus dem +Leibe meiner Mutter, die mich zärtlich und traulich +bei sich gehabt hatte, bis ich groß genug war, um +ein eigenes Leben zu führen?</p> + +<p>Es überlief mich eine weiche und dunkle Woge, +als ich so meines Ursprungs gedachte, den der alte +Herr mit ahnendem Sinn noch von weiter her geleitet +hatte. Vielleicht hatte er eine Stimme vernommen, +die zu den Alten und Jungen sprach: „Kommet +wieder, Menschenkinder,“ und die ihn nun beim Namen +rief. Ich wußte es nicht und besann mich auch nicht +weiter darüber, da ich ja, fern vom Anfang und vom +Ende, mitten im Leben stand, aber ich spürte den Zusammenhang +mit beiden auf eine kurze Weile, wie +wohl ein Wanderer, der an einer Brunnenstube vorbeikommt, +sein Ohr einen Augenblick an die Tür legt +und die unterirdischen Wasser brausen hört, dann +aber wieder weiter geht, weil genug fröhliche Bäche +am Tageslicht springen.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Wenn ich gerade einen derartigen Vergleich brauchen +will, so war das Blumenmädchen Hertha ein +solches Bächlein, das über allerlei Steine hinrieselte +seinem freudigen Lebensgesetz nach und mit klarem +Wasser, soviel auch Gelegenheit zur Trübung um den +<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">156</a></span>Weg gewesen wäre. Was mich betrifft, so war ich +nicht schuldig, daß das hübsche und gute Mädchen so +herzlich und traulich wie ein Nachbarskind mit mir +verkehrte. Denn ich hätte es wohl nicht schwer genommen, +eine Liebelei mit ihr anzufangen, da ja +andere auch dergleichen taten und sie mir wohlgefiel +in ihrer unverstellten und heiteren Natürlichkeit. +Ich machte ein paarmal Abendspaziergänge mit ihr, +wenn ich nichts anderes vorhatte und es mich darnach +gelüstete. Sie konnte tun, was sie wollte, denn sie +stand allein in der Stadt und hatte niemand, der auf +sie achtete, wenn es nicht in gewissem Sinn der Zeitler +tat. Sie tat es aber selbst, und das war es, was +mich wunderlich an sie knüpfte. Es war an einem +Frühlingsabend gewesen. Wir hatten uns ausruhend +auf eine Bank gesetzt, und das Mädchen hatte begonnen, +mit halber Stimme ein Volksliedchen zu +singen. Da war es mich, als ich ihre schlanke Gestalt +und ihr helles, hübsches Gesicht so neben mir sah, +angekommen, ein wenig zärtlich mit ihr zu sein, und +ich fing an, da ich keine Übung darin hatte, halb +zutäppisch und halb verlegen mit den Löckchen an +ihrem Nacken zu spielen. Sie litt es auch schweigend +und wie in einem kleinen Wohlsein, aber als ich dadurch +ermutigt, den ganzen Kopf zu mir herüberbiegen +wollte, sah sie mir ernsthaft in die Augen und sagte: +„Nein, das mußt du nicht tun, Ludwig. Sieh', ich +will dir etwas sagen, das habe ich schon lang im +Sinn. Ich könnte dein Schatz sein, das wäre leicht +zu machen, denn man kann etwas mit dir anfangen, +du bist leicht zu bewegen. Aber ich will es doch nicht +sein. Ich habe mir vorgenommen, daß ich einen +Schatz haben will, der mich heiratet, und ein solcher +<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">157</a></span>bist du nicht. Du nimmst eine Feine und Vornehme, +ich weiß es für sicher, und wenn es eine Rechte ist und +die gut zu dir paßt, so ist es mir auch recht. Ich hab' +dich gern, ich muß es grad sagen, von allem Anfang +an, seit ich dich gesehen habe. Ich kenne dich auch gut, +denn du bist leicht zu kennen, und ich bin nicht dumm. +Du kommst von einfachen Leuten her, das hast du noch +an dir, du mußt nicht meinen, du müssest es verstecken, +ein mancher wär' froh, er wäre her wo du bist. Gescheit +bist du auch und hast viel gelernt und lernst immer +noch mehr dazu. Du wirst ein Herr und vergissest mich, +und das muß alles so sein. Aber wenn wir jetzt mit +Küssen und Lieben eine schöne Zeit hätten, so ließe ich +dich nicht mehr leicht fahren. Ach Gott, so ist es vielleicht +meiner Mutter gegangen. Vielleicht hat sie +einen schönen und feinen Schatz gehabt und hat nicht +mehr aufhören können. Ich habe oft dran denken +müssen. Ich muß oft die Leute ansehen, ob nicht +vielleicht mein Vater unter ihnen herumlaufe, der +schönste und nobelste könnte es sein. Ich bin ein +armes Kind, es nimmt mich wunder, daß ich so recht +geworden bin, es dünkt mich, ich habe selber Respekt +vor mir.“</p> + +<p>Aber als sie das gesagt hatte, liefen ihr auf einmal +die Tränen übers Gesicht. Sie wischte sie aber +mit den Händen weg und schlenkerte die Tropfen von +sich, es kam gleich wieder ein Lachen hintendrein.</p> + +<p>Ich aber saß dabei und hätte sie gern in den Arm +genommen und geküßt, sie war mir noch viel lieber +als vorher, denn da war es nur eine Spielerei gewesen, +jetzt aber dünkte sie mich auf einmal etwas +Köstliches zu sein, hold und zärtlich und wie vom +Himmel gefallen. Aber ich durfte sie mit keinem +<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">158</a></span>Finger anrühren, sie war um und um zu respektieren. +Und einiges stach mich aber auch an ihrer Rede, denn +sie tat, als wisse sie in allem von mir Bescheid und +könne über mich hinweg beschließen, was mit mir sei, +ich konnte aber nichts darauf entgegnen, sie hatte das +Oberwasser in unsrer ganzen Sache. Da streckte sie +mir auf einmal die Hand her und sagte: „Wir wollen +gut Kamerad miteinander sein, so lang wir können. +Vielleicht heirate ich einmal einen Gärtner; er führe +gut mit mir, denn ich könnte ihm das Geschäft in die +Höhe bringen, ich verstehe meine Sache. Ich habe +mir's vorgenommen, ein rechter Mann soll es gut +haben bei mir, ich wollte, ich hätte ihn schon. Der +Zeitler hat gut reden vom Ledigsein, für mich ist es +nichts. Ich muß Kinder haben und einen Mann. +Dann, wenn ich eine Gärtnersfrau bin, kaufst du +einen Rosenstock bei mir für deine Frau Liebste. Du +kannst es ihr kecklich sagen, daß du mich schon ledig +gekannt habest; es ist keine Schande. Du kannst es +aber auch bleiben lassen, kurz und gut. Ich wollte, +du wärest selber der Gärtner, das müßte ein Leben +sein. Aber du bist es nicht, das ist aus und vorbei; +du solltest mein Bruder sein, das wäre das beste.“</p> + +<p>Als sie das gesagt hatte, gab sie mir plötzlich +einen Kuß und stand auf, weil es anfing, dunkel zu +werden. Ich hätte ihr gern auch einen oder etliche +gegeben, aber im währenden Reden war es mir klar +geworden, daß sie recht habe und daß ich es nicht +dürfe. Sie durfte es wohl, es war ein- für allemal +gewesen, das spürte ich.</p> + +<p>Wir gingen schnell bis in die Stadt, da trennten +wir uns. Dann gingen wir vier Wochen lang nicht +mehr spazieren.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">159</a></span></p><p>Aber das lag nun eine Zeitlang zurück, und jetzt +waren wir im Zug miteinander wie gute alte Bekannte. +Manchmal sahen wir uns oft und manchmal +selten, aber wenn es geschah, dann war es immer so, +daß mich eine Lust nach der Traulichkeit und Einfachheit +meiner Kinderheimat anwandelte, von der +ich auch bei dem guten Mädchen etwas fand, wenngleich +sich in ihre lautere Fröhlichkeit manchmal ein +wenig Wehmut mischte, die ich hinnahm, ohne ihrem +Grund nachzufragen.</p> + +<p>Hertha sagte, als sie meine Schwester gesehen +hatte: „Jetzt weiß ich erst, was mir fehlt von klein +auf. Ich möchte von deiner Mutter träumen heute +nacht. Sie müßte mich zum Kind annehmen und +Luise müßte meine Schwester sein. Wenn ich mir's +nur getraut hätte, ich hätte ihr einen Kuß gegeben +oder einen Blumenstrauß. Ach Gott, es gibt Menschen, +die wachsen in einem Paradiesgärtlein auf und +wissen's nicht; mich hat meine Mutter auf einen +Steinhaufen gesetzt: Da wachse daher, wenn du kannst.“</p> + +<p>Dabei sah sie mich zornig und zärtlich an, aber +die Zärtlichkeit galt nicht mir, sondern meiner Jugendheimat. +Einmal erfuhr ich, daß Herthas Mutter vom +Lande gewesen und noch jung, nachdem sie das Kind +irgendwo in Pflege gegeben habe, in einer großen +Stadt an einer Zehrkrankheit gestorben sei. Da +ging nun vielleicht in dem lieben Mädchen eine rechtschaffene +bäuerliche Urahne um, die pflanzen und +schaffen und in Ehren sein wollte, und aber auch ein +Großvater, der Freude am Schönen und Ernsten gehabt +hatte, eine Mutter voller Lebensdrang und ein +Vater von leichtsinnig spielerischer Anmut. Sie hatte +von allen das beste bekommen, und es blühte aus +<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">160</a></span>ihr heraus zum Zeichen, daß die Natur Wunder genug +hat, und wenn sie will, einen Dornbusch in der +Wildnis mit tausend Blüten bedecken, einen Rosenstock +im Garten aber kränkeln lassen kann.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Herr Kasimir hatte seit einiger Zeit etwas Munteres +und Aufgewachtes an sich, das ihn plötzlich viel +jünger erscheinen ließ als sonst. Er schaffte sich einen +Hund an, mit dem er weite Spaziergänge machte und +mit dem er sich zuweilen eifrig unterhielt. Er gewöhnte +das Tier durch Pfeifen und Locken, Befehle +und Zurufe an sich, brachte es aber nicht so weit, daß +es ihn unbedingt als Herrn respektierte, was ihm +manchen Ärger bereitete. Es war ein ungewöhnlich +schöner Spätsommer, und jedermann suchte ihn zu genießen, +so gut er konnte, Herr Kasimir aber flog aus +wie ein Falter, der eine Ahnung hat, daß seine Zeit +kurz ist. Er kam zu allerlei Zeiten durch den Laden +gegangen mit straffen Schritten, seinen hellen Panamahut +auf dem Kopf und den Hund hinter sich +drein. Dann hörte man ihn eilig die Straße hinuntergehen, +irgendwohin ins Freie. Es gab ein +Sommertheater, und es gab Gartenkonzerte, und als +die Trauben reiften, gab es Herbstfeste und Suserfahrten +an den Kaiserstuhl und ins Markgräfler +Land. Und überall war mein Herr Kasimir dabei, +ich hatte ihn entweder noch nie gekannt, oder +ich kannte ihn jetzt nicht mehr. Mit mir war er in +einer neuen Art vertraut, nicht mehr so väterlich oder +gönnerhaft wie die Zeit vorher, sondern fast kameradschaftlich +munter; er klopfte mir etwa auf die Achsel +oder blinzelte mir vergnügt und pfiffig zu, als ob er +sagen wollte: „Ja, nicht wahr, wir Jungen, wir +<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">161</a></span>schaffen es schon,“ oder dergleichen. Ich wußte nicht +recht, was ich mit dieser seiner neuen Natur anfangen +sollte; er führte vielleicht etwas Besonderes mit mir +im Schilde, oder er war im Schlaf gelegen seither und +hatte jetzt plötzlich die Augen aufgemacht, denn das +schöne Wetter allein konnte den Umschwung nicht +vollbringen.</p> + +<p>Da hörte ich eines Tages einen der Gehilfen zum +Buchhalter sagen: „Es hat ihn wieder einmal,“ und +als ich die Ohren spitzte, erfuhr ich, daß der trockene +und scheinbar ausgemergelte Herr von einer Liebesflamme +entzündet sei, wie ihm das in längeren Zeiträumen +regelmäßig widerfahre, und die allemal so +lange brenne, bis der mäßige Vorrat an Lebensöl in +ihm erschöpft sei. Dann sinke der angekohlte Docht +in seine vorige Trockenheit zusammen, und Herr Kasimir +sei wieder der nüchterne und übrigens gescheite +und tüchtige Geschäftsmann, als den man ihn im allgemeinen +kenne.</p> + +<p>Sie wußten nicht, daß ich, im Nebenraum auf +einer hohen Leiter stehend, ihr Gespräch mitanhörte, +und setzten es fort, indem sie über sein Benehmen +gegen mich sich aufhielten. Man merke schon, wo es +hinaus wolle, es sei nicht das erstemal, daß er einen +jungen Fant heranziehe, der dann entweder mißrate +oder ihm sonst durch die Latten gehe. Mit mir nun +sei es ein Getue, als ob er mich selbst erzeugt hätte, +was freilich dem Alten passen könnte, der es ja soweit +nicht gebracht habe. Ausgeschlossen sei es nicht, daß +ich mich dauernd ins Haus schlachten lasse, denn ich +sei eitel und ein Streber und dazu arm, es könnte +mir passen, mich eines Tages in eine Goldgrube, und +die dazu ein vornehmes Ansehen genieße, hineinzusetzen. +<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">162</a></span>Man sei aber dann auch noch da, und so +weiter. Ich hörte begierig zu mit wechselnden Gefühlen, +bis mir unversehens ein Buch aus der Hand +fiel und sein Gepolter die beiden schwatzenden Hausgeister +erschreckt verstummen ließ, was ich ihnen gönnen +mochte. Ich ließ sie aber im Zweifel, ob ich etwas +gehört habe, und fuhr in meiner Arbeit des Einordnens +einer Sendung fort, freilich nur zum Schein, +denn es ging mir genug Neues durch den Kopf, und +ich hatte nur zu tun, es alles an seinen Platz zu +stellen. Es war aber bald geschehen, denn ich hatte +Übung in Zukunftsplänen, und als es Zeit zum +Essen war, stieg ich die Treppe zum oberen Stock +empor als der zukünftige Inhaber der Firma; es +mußte mir aber einiges umgebaut und verschönert +werden an dem alten Hause, schon meiner Frau zulieb, +die es prächtig gewöhnt war.</p> + +<p>Herrn Kasimir sah ich mit neugierigen Augen +an, wie ich ihm am Tisch gegenübersaß. Man konnte +ihm ein Vergnügen gönnen, das ohnehin kurz währte, +da der Gegenstand seines späten Feuers nur für einige +Wochen in der Stadt war und bald wieder in die +Pfalz reiste, woher sie, eine lustige und feurige Dame +in mittleren Jahren, auf Besuch gekommen war. +Dann mußte er wieder bescheiden zurücktreten und +anderen Platz machen, die jung und mit allen Lebensrechten +neben ihm daherwuchsen, und eigentlich +konnte er einem leid tun. Fräulein Brigitte saß in +ihrer schönen, gelassenen Würde da und war ihm +weit über, er aber griff nach geschehener Sättigung +nach dem Hut und flog auf, und das setzte er noch +eine Zeit hindurch fort. Ich sah ihn an einem abendlichen +Gartenfest, an dem ich auch teilnahm, mit der +<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">163</a></span>üppigen und heiteren Pfälzerin tanzen und nachher +mit ihr an dem Waldsee, an dessen Ufer das Fest gefeiert +wurde, sich ergehen. Da lachte er laut und +sprach lebhaft und mit überglänztem Gesicht, und mir +fiel des Zeitlers Erzählung von der jungverstorbenen +Mutter Hagenau ein, und ich dachte, es sei doch +auch ein kleiner Spritzer von ihrem Lebenssaft in den +Sohn gefahren, der sich nur freilich zur Unzeit bemerklich +mache und auch nicht lang vorhalte.</p> + +<p>Letzteres war bald zu erleben. Als der Herbst die +bunten Farben, die er angezündet hatte und das +freudige Leben in der Natur wieder auslöschte, und +im Flußtal die Nebel geisterten, saß Herr Kasimir +wieder am Abend in seiner Ecke und hörte seine +Schwester Klavier spielen, oder er las die Zeitung +oder pflog mit älteren Herren politische Gespräche +und war in allem ein Haupt, vor dem man aufstand. +Was in ihm umging, sah man nicht, denn er hatte +sein Gesicht wieder zugeknöpft. Manchmal tat er +einen kleinen Seufzer und sagte: „Ach ja,“ oder er +lächelte in sich hinein und wiegte den Kopf dazu. +Der Hund lag am Ofen und schlief, und nur +manchmal tat er einen kurzen Blaff, oder er fuhr +empor und warf mit leichtsinniger Gebärde das linke +Schlappohr zurück, und die alte Magd Salome, die +um ihn herumsteigen mußte, sagte: „Es träumt ihm.“ +Doch sagte sie nicht, ob sie den Herrn oder den Hund +meinte, es hätte je nachdem beiden gelten können, +denn sie sahen ein jeder seinen Sommerfreuden nach. +Ich aber rüstete mich, in die Welt hinauszugehen.</p> + +<p>Es war eine Stelle in einer großen Buchhandlung +einer mitteldeutschen Stadt für mich ausgemacht, zu +der Herr Kasimir alte Beziehungen hatte. Alles war +<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">164</a></span>geebnet und gebahnt für mich, wie es von jeher immer +gewesen war, und ich weiß nicht, soll ich das Leben +darum anklagen oder soll ich ihm dafür danken. Es +wird wohl alles so gewesen sein, wie es mußte, und es +war mein Schicksal, das ich in mir selber trug, wie +ein Nachtwandler meinem unerhellten, selbstsüchtigen +Ich nachzugehen, das mich auf breiten Straßen zu +Schuld und schweren Lasten gelangen ließ. Vielleicht +hätte mich eine arme, sehnliche Jugend früher aufgeweckt, +dem Schläfer gleich, den unter dünner Decke +schaudert und der erwacht, weil der kalte Wind durch +seine Dachkammer streicht. Ich bin erst spät erwacht.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Fräulein Brigitte war in den letzten Wochen +öfters krank gewesen, was neu an ihr war oder +mir wenigstens schien, denn sie war sonst immer +dagewesen, freundlich und voller Teilnahme an allem +und auch an mir. Nun fehlte sie hie und da am +Tisch, und ich hörte, daß sie an einer Krankheit +leide, die ihre Kräfte unwiderruflich nach und nach +verzehre. Herr Kasimir saß dann in einer halb verlegenen +Bekümmernis mir gegenüber, sprach nicht +oder raffte sich nur hie und da zu irgendeiner +Bemerkung auf, an die er gleich nachher nicht mehr +dachte, und es war ein bedrücktes Beisammensein. +Wenn aber Fräulein Brigitte dann nach Tagen +wieder im Wohnzimmer erschien, so fand ich, sie sehe +aus wie sonst und dachte, es werde nicht so schlimm +sein, wie die Leute meinten; es schien mir dann wieder +alles in Ordnung zu sein, denn sie gehörte ohne +Frage in die altbekannten Räume, und wenn sie +da war, fehlte nichts. Doch häuften sich die Fälle, +<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">165</a></span>in denen sie zurückgezogen leben mußte, und mein +Reisetag kam heran, als eben wieder eine schmerzenvolle +Nacht auf einen üblen Tag gefolgt war. Ich +saß am Frühstückstisch und wartete auf Herrn Kasimir, +als er hereinkam und sagte: „Meine Schwester +läßt Sie bitten, noch in ihr Schlafzimmer zu +kommen; es geht ihr nicht gut, und sie kann Ihnen +auf keine andere Weise Lebewohl sagen.“ Ich ging +mit einigem Herzklopfen hinüber und betrat einen +lichten Raum, in dem ich noch nie gewesen war, +und der mir plötzlich alles Leben des Hauses zu +umfassen schien. Es war, als ob hier die Quelle sei, +von der aus die andern Räume irgendwie gespeist +würden und ohne die alles öde und leer wäre. +Fräulein Brigitte saß, von vielen Kissen gestützt, +im Bett. Ihr Gesicht war blaß und trug die Spuren +überstandener Schmerzen, und mehr noch taten das +die Hände, die schmal und weiß auf der Decke lagen +und hie und da leise zuckten. Aber etwas an ihr +deuchte mich schöner als je zu sein, ich mußte sie verstohlen +betrachten, während ich ihr gegenüber saß. +Das Verwachsene ihrer Gestalt war nicht so sichtbar +wie sonst, denn sie war um und um eingehüllt in +ein großes Tuch von weicher, mattweißer Seide, und +der Kopf ruhte in flaumigen Kissen wie eine müde +Blume. Aber das war es nicht allein, was mir +auffiel; es war vielmehr ein triumphierendes Leuchten +in den großen glänzenden Augen und ein +Lächeln um den feinen Mund, zu was beidem sie +nach meiner Meinung weniger als je Veranlassung +gehabt hätte.</p> + +<p>„Wir sagen uns nun Lebewohl,“ sagte die Kranke, +„und es wird auf immer sein. Sie kommen wieder, +<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">166</a></span>mein Bruder hofft es, aber dann bin ich nicht mehr +da.“ Sie sagte es mit einer gelassenen und fast +heiteren Freundlichkeit, so etwa, als ob sie von +einer Reise oder längeren Ortsveränderung spräche, +die sie vorhabe, und als ich eine erschreckte Bewegung +machte, hob sie eine der weißen Hände wie +abwehrend und ließ sie müde wieder fallen. Dabei +lächelte sie mich gut und bekannt an.</p> + +<p>„Sie müssen nicht erschrecken,“ sagte sie. „Ich +weiß, daß meine Zeit herankommt, das ist ja gut. +Wenn Sie nicht fortgingen, würde ich es nicht +sagen. So darf ich es wohl.“ Sie machte eine +Pause, als sinne sie vor sich hin, dann fuhr sie +fort: „Es ist nicht so, daß ich lebensmüde wäre, das +müssen Sie nicht meinen. Ich habe das Leben lieb, +es ist eine große und köstliche Sache, und weil ich +seine Schönheit habe hart erstreiten müssen, drum +liebe ich es um so mehr.“</p> + +<p>Ich fühlte, wie mir eine dunkle Röte bis unter +die Haare stieg. Denn ich glaubte mich von ihr +durchschaut in meinem Herumspüren an ihrem Wesen +und Schicksal, und es durchfuhr mich heiß, daß sie +so königlich vor mir war, als eine Unüberwundene, +die mich aus freiem Willen zu sich hineinsehen +ließ. Sie hatte niemals von sich geredet, nun tat sie +es, und es war der Abschied.</p> + +<p>„Ich habe einen langen und harten Krieg hinter +mir,“ sagte sie, „davon könnten diese Wände reden; +draußen brauchte es niemand zu sehen. Aber ich +gäbe keinen von allen meinen Schmerzen her; +ich habe sie wohl alle gebraucht, und nun sie weit +dahinten liegen, bin ich froh und reich. Ich bliebe +<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">167</a></span>gern noch hier. Ich habe immer versucht, ganz im +Jetzt und im Tag zu leben und nicht an dem herumzuspüren, +was nachher käme. Das reut mich nicht. +Ich glaube, daß wir uns auf das nächste Stadium, +das etwa unser harrt, am besten vorbereiten, indem +wir das jetzige ganz erleben. Wir brauchen auch alle +Kräfte dazu. Aber jetzt höre ich die fernen Ströme +der jenseitigen Welt brausen und weiß, daß sie mich +davontragen werden auf ihren Wellen. Da will ich +es nun lieber freiwillig tun, ehe mich die Sinne und +Gedanken verlassen, nämlich mein Leben hingeben +als etwas Kostbares, ja das einzige, was ich besitze, +und mit mir geschehen lassen, was da wolle.“</p> + +<p>Als sie das sagte, stand eine so große, ja heldenmütige +Tapferkeit in ihrem Gesicht geschrieben und +ein so freier und harter Wille, sich in das Sterben +zu schicken, daß mich ein unsägliches Staunen überkam. +Denn es war, als ob eine Königin aus Glanz +und Glück und im vollen Reichtum aller Kräfte +davongerufen werde und sich dazu hergebe, Kronen +und Kleinodien auf den Altar niederzulegen, da +doch ein mühseliges und entbehrungsreiches Leben +sich dem Ende zuneigte.</p> + +<p>Ich hatte dergleichen noch nie gesehen und konnte +kein Wort sagen; es war ein Sturm von Verehrung +und auch von Not und Schmerz in mir. +Denn ich merkte in diesem letzten Augenblick, wieviel +ich hier zurücklasse, da ich doch gemeint hatte, als +ein Freier, und dem das Glück hold war, in die Welt +hinauszuziehen. Ich konnte wiederkommen, wenn ich +wollte, ich konnte aber auch draußen finden, was +mich nach meinem eigenen Willen hielt und band. +Bis jetzt war mir der Himmel voller Geigen gehangen, +<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">168</a></span>und nun auf einmal sauste es mir in den +Ohren: Bleib da, geh' nicht, denn es geht hier +Großes, ja Unermeßliches vor, wie magst du dem entrinnen, +und was ist draußen so wichtiges wie das?</p> + +<p>Ich ließ, um meine Verlegenheit zu verbergen, +meine Augen an den Wänden hingehen und sah, +obgleich sie von verhaltenen Tränen erfüllt waren, die +Umgebung an, in der die Pflanze aufgeblüht war, +die vor dem Welken so starken Glanz und Duft +verbreitete.</p> + +<p>Es hing ein schöner Stich des Ecce-Homo von +Carlo Dolce zu Häupten des Bettes und an der +Längsseite ein Holzschnitt nach Albrecht Dürers Ritter, +Tod und Teufel. Der Ritter zog seine Straße +ohne Wanken und ließ einen, wie mir schien, spöttischen +Blick nach den Ungeheuern hinlaufen, die +ihm den Weg abschneiden wollten, aber unter ihm +hing ein unsäglich liebliches Bildchen in Wasserfarben: +Eine schöne, junge Frau mit einem jährigen +Kind auf dem Schoß, das sie zärtlich umfaßt +hielt und auf dessen weiches Rundgesichtlein +ihre Augen mit warmem Glanz niedersahen. Das +mußte wohl die Mutter sein, die nach des Zeitlers +Erzählung noch im Tode die Augen nicht hatte von +ihren Kindern abwenden können, was ich auf einmal +wohl begriff.</p> + +<p>Auf der weißen Decke lag ein schmales Lesezeichen, +das wohl einem der wenigen, vielgelesenen Bücher +entfallen war, die bequem erreichbar auf einem hängenden +Ebenholzgestell lagen. Es trug in Lapidarschrift +von purpurroter Farbe die Inschrift: Ich, die +aber von den liegenden Balken eines schwerfälligen +Kreuzes ausgestrichen war. Als Fräulein Brigitte sah, +<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">169</a></span>daß meine Augen darauf lagen, machte sie eine Handbewegung, +als wollte sie es wegnehmen, denn es hatte +wohl noch nie ein fremder Blick auf der kleinen Malerei +geruht, die vielleicht viel bedeutete in ihrem Leben, +aber sie ließ das Bildchen dann doch liegen, als verlohne +es sich nicht mehr, etwas zu verstecken. Mochte +ich doch ruhig ihre Waffenkammer betrachten und +die Schilder und Schwerter, die ihr geholfen hatten, +den Riesen zu erschlagen, da ja nun der Sieg erfochten +war. So kam es mir vor, und plötzlich sah ich +einen ihrer leuchtenden Blicke auf mir liegen und +das geheimnisvoll triumphierende Lächeln wieder um +ihren Mund spielen. Sie suchte nach einem Wort, +das ihr auf die Lippen treten wollte, als der Arzt +ins Zimmer trat und ich, widerstrebend genug, gehen +mußte nach einem kurzen Lebewohl, das, wie ich +wußte, eins für immer war. Es wäre noch so vieles +auszusprechen gewesen, sowohl von mir als auch von +ihr, aber es war nun abgeschnitten und konnte nie +mehr nachgeholt werden.</p> + +<p>Ich trat ins Wohnzimmer, wo ich noch einige +Kleinigkeiten hatte liegen lassen.</p> + +<p>Da reizte es mich, einen Augenblick in den +Stuhl an Fräulein Brigittens Arbeitstisch zu sitzen, +wo ich sie so oft gesehen hatte, und spielend den einen +oder andern Gegenstand, der ihr gehörte, in die +Hand zu nehmen.</p> + +<p>Unter einem kleinen Notizblock lag ein mit Bleistift +beschriebener Zettel von ihrer Handschrift, und +ich konnte keinen Augenblick der Versuchung widerstehen, +ihn für mich zu behalten, denn es war mir, +als enthalte er das Wort, das sie für mich auf den +<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">170</a></span>Lippen gehabt, aber nicht habe aussprechen mögen, +als ich ihn las.</p> + +<p>Er fing mitten in einem Satz an und lautete: +„Doch nahm ich zu allem, was mir begegnete, diese +eine Stellung ein. Es sei Liebes oder Leides gewesen, +so sagte ich ihm: ich lasse dich nicht, du segnest +mich denn, und so habe ich schließlich, wenn auch mit +verrenkter Hüfte den Sieg behalten, und ich bin dennoch“ – +da endete die Schrift auf dem Blättchen, +dessen unendlichen Lebensinhalt ich von ferne einen +Augenblick ahnte, ohne einer Ergänzung zu bedürfen. +Ich barg den Zettel in meiner Brusttasche, +wozu ich eben noch Zeit hatte, da Herr Kasimir eintrat +und ich auch von ihm Abschied nehmen mußte.</p> + +<p>Er lächelte mich, als ich ihm die Hand reichte, +hilflos traurig an, und sagte, indem er seine Augen +an mir herauf und hinunter gehen ließ, mit bedrückter +Stimme: „Ja, ja, die Jahre vergehen, es ist +unglaublich, wie schnell sie vergehen und wie sich alles +ändert,“ was ich freilich ebensogut als Ausdruck der +Trauer über mein Scheiden wie über die Vergänglichkeit +der Dinge überhaupt ansehen konnte und +worauf ich nichts zu erwidern wußte. Wir tauschten +noch ein paar Worte ohne viel Inhalt, denn er +horchte mit halbem Gehör nach dem Gang hinaus, +da er den Arzt sprechen wollte, ehe dieser das Haus +verließ; ich aber war in aufgerührten Gedanken +und Gefühlen beschäftigt, einige Sätze in mir zu +formen, die ich gern der Fräulein Brigitte noch +gesagt hätte zum Abschied. Ja, es war mir in diesem +Augenblick, als könne ich nicht gehen, denn hier sei +der Urquell des Lebens, und er müsse auch mich +gleichgültigen und unbewußten Burschen segnen, da +<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">171</a></span>ich seither blind an ihm vorbei gestolpert sei. Aber +die Minuten gingen vorüber, und ich versäumte auch +hier den Augenblick über meiner Herzensunruhe. Es +ging draußen die Tür, und ich hörte plötzlich Herrn +Kasimir sagen: „So leben Sie denn wohl, lassen Sie +von sich hören und vielleicht kehren Sie uns einst zurück“; +ich fühlte seinen Händedruck und sah ihn hinausgehen, +um den Arzt noch zu erfassen, und ich blieb +zurück, ohne ihm, wie ich wollte, Dank und Anhänglichkeit +ausgesprochen zu haben, wozu ich immerhin +Veranlassung gehabt hätte. Da legte sich noch ein +weiterer Stein auf mein Reisegemüt, und ich ging +aus dem Hause, dem ich nun ferner nicht mehr angehörte, +mit bedrücktem Herzen, da ich doch hatte +als ein Liebling des Lebens und mit geschwellten +Segeln ausfahren wollen.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Es dauerte aber nicht lange mit dem Trübsinn +und mit der Herzbewegung bei mir. Ich war nicht +dazu angelegt, und ich war stets dem Gegenwärtigen, +Neuen und Täglichen aufgetan. Auch hörte +meine Jugend andere Ströme brausen, als die, +von denen Fräulein Brigitte gesprochen hatte, und +die sie auch in Wahrheit von dannen trugen. Es +war ein halbes Jahr später, als ich die Nachricht von +ihrem Tode erhielt. Ich fand sie eines späten Abends +in meinem Zimmer, als ich aus einer politischen +Versammlung dahin zurückkehrte, warm und angeregt +vom genossenen Wein und mehr vom Disputieren, an +dem ich mich zwar nicht öffentlich, aber nach Schluß +der Versammlung an einem Tisch voller Bekannten +und Gesinnungsgenossen beteiligt hatte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">172</a></span></p><p>Ich fing zu dieser Zeit an, aus allen Brunnen +zu trinken, mehr im Gefühl der Freiheit und +daß mir jegliches offen stehe, als aus besonderem +Gelüste nach dem und jenem. Ich nahm am öffentlichen +Leben teil, indem ich Versammlungen von +allerlei Art besuchte und meine Meinung über alles +unverzagt preisgab in den Wirtshaussitzungen, die +sich daran knüpften, und gab mir in bezug auf +Bescheidenheit im Reden, Meinen und Auftreten +weiter nicht viel Mühe. Es war damals nichts um +den Weg, was mich am seidenen oder goldenen +Faden gelenkt hätte zu irgendeiner ernsteren Besinnlichkeit, +einer Liebe oder Frömmigkeit hin, oder +wenn etwas da war, so wußte ich es nicht oder +gedachte nicht seiner. Als ich an jenem Abend +mein Zimmer betrat und die Lampe anzündete, +taumelte ein dunkler Falter, der auf dem Tisch +gesessen haben mochte, auf und tat summend schwerfällige +Flügelschläge um das Licht her, und ich sah +ihm gedankenlos zu oder vielmehr in abwesenden, +selbständig sich tummelnden Gedanken, bis er sich +einen Augenblick niedersetzte und ich den Brief entdeckte, +auf dem er saß. Er war von Herrn Kasimirs +steifer Handschrift, der nur an gewissen Stellen wohlerwogene, +würdige Schnörkel angehängt waren und +freilich auch, ihm selbst unbewußt, hie und da kleine, +lächerliche Schwänzchen, die das Entzücken eines graphologischen +Seelenkündigers gewesen wären. Nun, +ich verstand nichts davon und dachte auch damals +nicht an dergleichen, sondern es durchfuhr mich beim +Anblick des Briefes sogleich das Wissen um seinen +Inhalt und machte mich plötzlich ganz nüchtern, wach +und ernsthaft.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">173</a></span></p><p>Der Brief war nicht so kurz, als ich hätte erwarten +können, da es sich um die Mitteilung eines +Trauerfalls handelte. Und er war auch nicht gleich +nach dem Hingang der schönen Seele entstanden, +sondern etwa vierzehn Tage später, als dem Schreiber +in seinem leeren Hause bereits zum vollen Bewußtsein +gekommen war, was er verloren hatte, +und wie einsam er nun war. Es ging eine rührende +Klage durch das Blatt hindurch, daß er nicht genug +erkannt habe, was für einen Reichtum er besitze +und ihn nicht in seinem vollen Wert geschätzt habe, +daß er die Verstorbene vielleicht habe Mangel leiden +lassen an brüderlicher Liebe und Aufmerksamkeit +und es nun nicht mehr nachholen könne. Ja, ja, es +sei immer eine Mahnung da, die sage: „O lieb', +so lang du lieben kannst,“ aber man beachte sie zu +spät.</p> + +<p>Das alles kam mir unrichtig vor für seinen +Fall, da ja die Geschwister stets einträchtig zusammen +gehaust hatten, fast wie Mann und Frau, und ich +nicht begriff, was Herr Kasimir verfehlt haben wollte.</p> + +<p>Ich war noch zu unerfahren, um zu wissen, wie +beim Scheiden sich alles Erlebte unter einem +Brennpunkt zusammendrängt, und alles, Liebe, Leid, +erlittener und zugefügter Schmerz, Getanes und Unterlassenes, +frisch und neu da ist und noch einmal +vor dem Herzen steht in unbestechlicher Wahrhaftigkeit. +Da ist wohl keiner, der sich sagen kann, daß +er nichts versäumt und nichts falsch gemacht habe +und sich nicht noch einmal das Vergangene zurückwünscht, +auch nur auf einen Augenblick, um das +Mangelhafte zu verbessern. Selbst, wenn er lebendig +gelebt hat und sich seiner selbst und des andern stets +<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">174</a></span>bewußt war, geht es ihm so, wieviel mehr fällt den +die Wirklichkeit des Geschiedenseins mit scharfen +Klauen an, der halb im Traum dahin gegangen ist +und auf einmal aufschreckend sieht, was für immer +hinter ihm liegt, unerreichbar für Liebe und Reue.</p> + +<p>So denke ich jetzt. Wie es in dieser Hinsicht +mit Herrn Kasimir bestellt war, weiß ich nicht. Es +gab mir ein wichtiges Gefühl meiner selbst, daß er +mich erwählt hatte, als denjenigen, bei dem er sich +aussprach, und ich setzte mich noch in der Nacht hin, +um ihm allerlei weise Trostgedanken, die mir +einfielen, zu schreiben; ich kam aber nicht weit damit, +denn während des Schreibens wurde mir +erst recht die Tatsache bewußt, daß auch ich +etwas verloren hatte, und zwar etwas Kostbares, +dessengleichen ich so leicht nicht wieder fand. Ich +starrte in die Lampe und ließ die Bilder der Jahre, +die nun schon Vergangenheit waren, an mir vorüberziehen, +soweit Fräulein Brigitte darin zu sehen war +in all ihrer feinen Güte, Herzlichkeit und siegreichen +Freudigkeit. Das mangelhafte Körperliche, das sie +mit so viel Würde getragen hatte, war nun abgefallen, +und sie war hoch, aufrecht, schön und triumphierend +irgendwie herausgestiegen, was man zwar +nicht beweisen konnte, mir aber unwiderleglich sicher +schien, so wenig ich sonst über derlei Dinge nachdachte. +Und mich ergriff plötzlich eine heftige Sehnsucht +nach ihr, als ob ich eine Liebste verloren hätte; +ich legte den Kopf auf den Tisch und sagte leise +ihren Namen, schreckte aber entsetzt auf, als mich +etwas Weiches, Feines wehend anrührte. Es war +aber nur der Fenstervorhang, der vom Nachtwind +bewegt, um mich herumspielte. Doch wußte ich in +<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">175</a></span>diesem Augenblick, daß das Beste in mir, was ich +war und irgend werden konnte, bei ihr eine Zuflucht +gehabt hätte zu aller Zeit, und daß sie mir entglitten +war in die Unendlichkeit hinein; es fror mich im +Tiefsten, und etwas in mir erschrak, wie wenn ein +Schläfer zwischen zwei Träumen in die Höhe fährt +und sich der Wirklichkeit bewußt wird.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Ich war in meiner jetzigen Stellung nicht im +Verkehr mit dem Publikum, wie zuvor, sondern hatte +lediglich Korrespondenzen mit Unbekannten oder auch +nur dem Namen nach Bekannten zu führen und wie +sich versteht, auch dies nur in rein geschäftlicher +Beziehung, was in mir einen Hunger nach menschlich +nahen Berührungen erzeugte, denn ich konnte +nicht gut für mich allein sein. Es war nun in dem +großen Hause, dem ich als Angestellter angehörte, +ein junger Mann, nicht viel älter als ich, doch so etwa +drei bis vier Jahre, der mich stark anzog. Er hatte, +wie ich erfuhr, Philologie studiert, war aber wegen +übermütiger Streiche, die er auf der Universität +verübt haben sollte, und durch die er die Professoren +gegen sich aufgebracht hatte, aus seiner Laufbahn +geworfen worden. Doch machte er nichts weniger +als den Eindruck etwa eines verbummelten +Studenten oder sonst einer verkrachten Existenz. Im +Gegenteil trat er mit großer Sicherheit und eher +etwas herrisch auf, leistete viel und das mit Leichtigkeit +und ließ gelegentlich durchblicken, daß er seinen +jetzigen Beruf nur als Übergang zu einem andern +ansehe. Er wolle sich ganz der Politik widmen, +auch etwa eine große Zeitung redigieren oder +<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">176</a></span>dergleichen, das habe indessen alles noch Zeit. Es +war, als habe er alles in der Hand, was er sein oder +erreichen wollte, und es blitzte auch in seinem Gesicht +von Geist und Temperament, daß einer nur +hinsehen und staunen und sich ihn zum Freunde +wünschen mußte. Wir gingen öfters miteinander +aus, und eines Abends in warmer und aufgeschlossener +Stimmung ließ er sein Glas mit meinem +zusammenklingen und bot mir das Du an. Es +wolle bei ihm etwas heißen, wenn er das tue, sagte er, +er sei keiner von denen, die mit der ganzen Welt +auf Smollis seien, ich hätte indessen etwas an mir, +was ihn reize, mich zum Freund zu haben, obgleich +ich ein Unschuldslämmchen sei. Oder vielleicht gerade +deswegen, setzte er lachend hinzu. Er müsse +mich seiner Mutter zeigen, die dann vielleicht neue +Hoffnung schöpfe, daß er auf ein bürgerlich ehrbares +Leben hinsteuere, wenn er mich vorweise.</p> + +<p>Das Unschuldslämmchen stach mich ein wenig, +so sehr die neue Freundschaft mich beglücken wollte. +Es hätte mich mehr geehrt, für einen leichtsinnigen +Tausendsasa gehalten zu werden, denn für ein braves +Kind, das man seiner Mutter vorzeigt, um Lob +zu ernten. Olbrich mochte mir das angesehen haben, +denn er sagte gutmütig: „Du mußt das nicht schwer +nehmen, im Gegenteil. Meine Mutter ist das allerfeinste, +was ich kenne, es gibt keine Frau, die ihr +gleicht. Wenn ich einen Freund hätte, der ihr gefallen +sollte, so müßte er der auserlesenste Mensch +sein, der du vermutlich gar nicht bist. Doch sei nur +ruhig, sie liebt mich, wie ich bin und nimmt an, +was ich ihr bringe, obgleich es schon hie und da +harte Brocken waren, die ich ihr zu beißen zugemutet +<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">177</a></span>habe.“ Er sah eine Weile vor sich hin, als +ob er erst nachträglich merke, daß wirklich gute Zähne +dazu gehört hätten, alles zu beißen, was er seiner +Mutter auf den Tisch gelegt habe, und als ob er +bedenke, daß es vielleicht auch einmal genug damit +sein könnte, da man im Alter sonst gern weicheres +Brot und leichtere Speise genieße.</p> + +<p>Wie aus einem solchen Gedankengang heraus, +sagte er, mich anblickend: „Du hast es eigentlich +gut in deiner Haut, die dich ordentlich auf dem +einmal gebahnten Weg weitergehen läßt, während +in mir ein Feuer ist, das noch allerlei anstellen +kann, und das über mich befiehlt. Wenn ich allein +wäre, käme es mir nicht darauf an, tüchtig in der +Welt herumgeworfen zu werden, denn umzubringen +bin ich nicht, aber die alte Frau tut mir leid; sie +hätte es verdient, daß ich ihr Enkelchen ins Haus +brächte und sie selbst Sonntags am Arm spazieren +führte als ein braver Sohn und Bürger. Aber +ehe das geschieht, kann noch viel Wasser ins Meer +fließen, und kurz und gut, sie sollte dich zum Sohn +haben anstatt meiner, wenigstens so viel ich von dir +kenne.“</p> + +<p>Das sagte Olbrich aber nur, weil er einen Mangel +von mir für eine Tugend hielt und weil er der +starken Kräfte, die ihn selber umtrieben, nicht ganz +froh werden konnte. Ich war unberaten und zufällig +in meinen Beruf hinein gegangen, es hätte ebensogut +irgendein anderer sein können, und ich hätte +dann das Meinige darin getan, wie ich es in +diesem tat, denn ich hatte gute Gaben und viel +Anpassungsvermögen, und es rief mich keine starke +Neigung nach einer andern Seite. Auch hatte ich +<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">178</a></span>ein lebhaftes Verlangen nach äußerem Vorwärtskommen +und ein anererbtes Respektgefühl vor dem +jeweilig als Pflicht Übernommenen, das mich zuverlässig +und arbeitsam sein ließ. Das war aber auch +alles. Obwohl ich meinen Beruf leidlich ausfüllte, so +füllte er doch mich nicht aus; ich suchte meine Weide +und die Stillung meines Glücks- und Lebensverlangens +auf andern Wegen, deren mir ja viele offen +standen, nicht in dem, was ein Mann über alles lieben +sollte, im Zentrum meiner Lebensarbeit.</p> + +<p>Das alles sagte ich meinem neuen Freund nicht +und wußte es auch damals noch nicht wie heute, +wo mir der rosige Nebel, der über allen Dingen +lag, vergangen ist und der nüchterne Tag vieles +klar gemacht hat, Liebes sowohl als Leides. Nur +meiner Mutter gedachte ich einen Augenblick, als +er von der seinigen sprach, und daß ich ihr auch +hätte gönnen mögen, mich so wohlgeraten zu sehen. +Es kamen aber Bekannte an unsern Tisch, und das +Gespräch ging auf allgemeine Dinge über.</p> + +<p>Olbrich zögerte nicht lange, mich in allerlei Kreise +einzuführen, in denen er bereits etwas galt und +auch in einen Singverein, der hauptsächlich klassische +Musik zur Aufführung brachte. Ich war in keiner +Weise musikalisch gebildet, aber ich pflegte auf Spaziergängen, +oder wenn ich in meinem Zimmer umherkramte, +vor mich hin zu singen, was ich etwa +gehört hatte und was mir im Gedächtnis hängen geblieben +war. Darüber wurde ich von Olbrich betroffen, +der mir auf den Kopf zusagte, daß ich eine +Stimme habe und musikalisch sei, und der nicht nachließ, +bis ich in den Sängerchor eingeordnet war, in +dem er selbst eine ziemliche Rolle spielte. Meine +<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">179</a></span>Einwendungen in dem Sinne, daß ich ja gar nichts +gelernt habe, kaum nach Noten singen könne und +so weiter, verlachte er, da es nicht darauf ankam, ob +man bereits gedrillt sei, sondern ob man die Gaben +habe, alles nachzuholen, was bei mir der Fall sei. +Es ging auch richtig ziemlich gut, und ich war mit +Ernst bei der Sache, da es mich selber wunderte, welch +starke und freudige Töne meine Kehle hervorbrachte, +und wie sie in dem Brausen des Männergesangs +kräftig mitschwangen. Aber noch erfreulicher war die +Entdeckung, daß all unser Singen doch erst eine +Vollendung, ja einen eigentlichen Zweck bekam, wenn +das Heer der weiblichen Stimmen sich darein mischte +und zur Kraft die Süße, zu dem festen Untergrund +der Bässe und Tenöre das hohe, silberne Klingen +des Soprans und das warme, herzandringende des +Alts fügte. Ich fühlte mich recht als Glied eines +Ganzen und tat wacker und ehrlich mit, was mir bald +einigen gutmütigen Spott von Olbrich und ein paar +andern eintrug, die es darauf abgesehen hatten, mich +als Musterknaben auszuspielen. Sie hatten fast alle +unter den singenden Damen Bekannte, die sie nach +Schluß der Proben heimbegleiteten, und mit denen +es unterwegs noch viel Scherz und Gelächter gab, +und es schien, als ob manchen dieser Teil der Sache +der wichtigere wäre. Dabei konnte ich nun schon +aus Mangel an Bekanntschaften nicht mittun, aber +es war auch noch etwas anderes bei mir, das nämlich, +daß mir auf einmal in ein ziemlich inhaltloses +Leben hinein die Musik wie eine Geliebte +getreten war, der ich mein Herz auftat, und die mich +mit Feuer und Andacht erfüllte. Es wurde mir jetzt +nachträglich klar, welch herzliche und innige Schönheit +<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">180</a></span>mich oft angerührt hatte, wenn ich Brigitte +Hagenau hatte Klavier spielen hören und jetzt, nach +ihrem Tode, war es mir, als habe sie damals über +alle Kraft und Klarheit ihres Wesens, ja über die +geistige Welt, in der sie lebte, mit mir geredet, ich +habe es aber an mir vorübergehen lassen.</p> + +<p>Da war ich denn nun an den Musikabenden +meistens verschlossener gegen die scherzhaften Gespräche, +die in den Pausen und nach dem Schluß +hin und her flogen, als es sonst meine Art war, +und Olbrich sagte, man müsse mir zu einem Damenverkehr +helfen, denn es sei die Sehnsucht da mitzutun, +die mich so schweigsam mache. Es müsse aber ein feines +Mutterkind sein, das man mir heimzugeleiten +gebe, denn ich sei selber noch ein solches und gleich +und gleich geselle sich gern.</p> + +<p>Er hatte mich ehrlich gern und zeigte mir das +auch auf jede Weise, nur daß er es nicht unterlassen +konnte, mich mit dem zu necken, was ich meiner Meinung +und meinen Wünschen nach gerade gar nicht +war. Ich war nur ohne Übung im freieren Flug, +und ich meinte, mich weltmännisch genug zu betragen +und war auch bereit, noch mehreres darin zu tun, +wenn es die Gelegenheit ergab. Er aber sah den +Anlauf, den ich zu diesem allem nehmen mußte, +und hatte etwas wie eine Rührung darüber, die er +unter leichtem Spott und Necken verbarg. Im +Grunde war er selber eine durchaus gesunde und +unverdorbene Natur, die sich ruhig ein Stück weit +die Zügel schießen lassen konnte, auf die Dauer +aber ihr Gesetz in sich selber nicht überhörte und +nach allerlei Seitensprüngen immer wieder in ihre +richtige Lage zurückkehrte. Ich dagegen horchte viel +<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">181</a></span>nach allen Seiten und bemühte mich, zu tun, was +etwa andere, die mir imponierten, für geschmackvoll +und richtig hielten, und es ist nur ein Wunder, daß +ich bei alledem doch so ungefähr auf dem Wege blieb.</p> + +<p>Es begegneten mir freilich immer wieder Menschen +von der echten und lebendigen Sorte, die +dem unbewußt Guten, das ich doch auch in mir +hatte, entgegen kamen und es einstweilen für eigen +und für bare Münze nahmen, ja mich liebten, ohne +daß ich mir gerade um sie besondere Mühe gab. +Ich war es aber so gewöhnt von jung auf und +wunderte mich nicht einmal besonders darüber. Es +mußte alles so sein, wie es war.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Olbrich nahm mich eines Sonntags mit zu seiner +Mutter, die in einem Vorort ein kleines Landhaus +allein bewohnte, während er selbst ein Zimmer +in der Stadt hatte, schon der Geschäftsnähe wegen, +aber auch, um sich ganz ungehindert bewegen zu +können, worin seine Mutter ganz einig mit ihm +war. Sie war schon seit vielen Jahren Witwe und +hatte nur diesen einzigen Sohn, den sie an ihrem +Herzen mit einem starken Band angebunden hielt, +aber lang genug, um nichts von Unfreiheit spüren +zu lassen. Sie war seine Freundin und ging mit +großem Interesse auf alles ein, was er ihr brachte, +ja sie hatte einen so guten und glücklichen Humor, +daß er sich eines spaßhaften Erlebnisses oder einer +lustigen Geschichte erst recht freute, wenn sie mit ihm +darüber gelacht hatte. Diesmal nun erzählte er, er +habe diese Woche einmal bei einem Umtrunk auf +die Frage: Bruder, deine Liebste heißt? geantwortet: +Friederike, was alle aufs höchste verwundert habe, +<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">182</a></span>denn man sei gewöhnlich mit dem Gegenstand seiner +Neigung auf dem Laufenden und habe in der +ganzen Stadt keine Friederike gekannt, um die es +sich habe handeln können. Er habe ihnen aber +nicht entdeckt, daß es sich bei dem geheimnisvollen +Kleinod um seine Mutter handle und lasse sie nun +alle zappeln. Darüber lachten sie beide herzlich, und +ich entdeckte, daß sie einander im Lachen, ich möchte +sagen, lächerlich ähnlich sahen, aber ich sah auch +den vollen Glücksblick, den die Mutter während +des Lachens auf den Sohn warf, und der mich wunderlich +aufrührte. Ich hätte etwas darum gegeben, +auch einen solchen Blick auf mir ruhen zu sehen, und +dachte eines Anlasses, der um einige Zeit zurücklag.</p> + +<p>Ich war nämlich auf der Reise zwischen beiden +Orten ein paar Tage zu Haus gewesen, um die Hochzeit +meiner Schwester Helene mitzufeiern, die eigens um +meinetwillen auf diese Zeit gelegt worden war. Die +guten Schwestern hatten alles getan, um mich behaglich, +oder, wie sie meinten, würdig aufzunehmen, +es hatte an keinem Guten gefehlt. Sie waren +nun schon in das Haus umgezogen, das der Schreiner +gekauft und nach Möglichkeit hergerichtet hatte. +Luise wohnte im Unterstock, und dort war auch +für mich eine Kammer bereit, die Luise so wohnlich +als möglich gemacht und geschmückt hatte. Es hingen +Vorhänge an den Fenstern und Bilder, von denen +sie gedacht hatte, daß sie mir gefallen würden, an +den Wänden, und Luise hoffte auf mein freudiges +Erstaunen und auf die Äußerungen eines befriedigten +Heimatsgefühls. Aber ich fand sowohl die Liebespaare +an den Wänden, als die blaue Tapete +scheußlich, und sagte das zwar nicht, aber auch nichts +<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">183</a></span>Gutes, und litt selber unter einer schlechten, enttäuschten +und widerwärtigen Stimmung, die ich nicht +ganz verdecken konnte. Es war weder die alte, +einfache, fast ärmliche Heimat mehr, die mich schon +um der Erinnerung willen an sich gezogen hätte, +noch als Ersatz dafür ein Ort, an dem es meinem +jetzigen Selbst entsprechend zuging und aussah. Sondern +es waren Kraftanstrengungen gemacht worden, +um ein bißchen Schönheit oder Eleganz in die Räume +zu bringen, und ich sah nicht den guten Willen +und das Verlangen nach einem freundlichen Aufstieg, +sondern nur das mißratene (nach meinem Dafürhalten) +in der Ausführung.</p> + +<p>Dazu kam, daß ich mich mit dem Schwager nicht +verstand, was ich ja vorausgesehen hatte, und daß +sich Helene darüber betrübte. Nachträglich spürte +ich wohl, daß es an mir selber gelegen war, aber das +machte die Sache nicht besser. Ich hatte dem jungen +Paar als Hochzeitsgeschenk ein Büchergestell mit einigen +Klassikerbänden mitgebracht, worüber sich Helene +kindlich freute. Sie hängte das hübsch gearbeitete +Brett auch sogleich im sogenannten guten Zimmer +auf und stellte zu meinem Grauen ein paar kleine +lackierte Gipsbüsten oben darauf, die Schiller und +Goethe vorstellen sollten, und die ihr der Bräutigam +gekauft hatte. Letzteres wußte ich nicht, sonst hätte +ich mich wohl zurückgehalten, zu sagen: „Laß' doch +die Scheusale weg, die ich am liebsten durchs Fenster +werfen möchte; viel besser nichts, als solche +Greuel.“ Ich sagte es etwas heftig, denn es entlud +sich allerlei angesammelter Unmut in den paar +Worten, Helene aber bekam eine dunkle Röte +ins Gesicht und schaute mich verwundert an oder +<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">184</a></span>vielmehr verwundet. Der Schwager aber sah von +seiner Zeitung auf, in der er eben las, und sagte +scharf: „Es haben nicht alle Leute die Mittel, teure +Sachen zu kaufen und aufzustellen,“ worauf er wieder +weiter las oder doch dergleichen tat. Dieser +Satz nun traf das, was ich gesagt hatte, nicht, +indem es sich nicht ums Geld, sondern um den Geschmack +handelte, und war vielleicht auch nicht tiefer +zu nehmen, aber ich sah darin den längst erwarteten +Vorwurf über meinen Geldverbrauch auf Kosten +der Schwestern, und ging stumm, aber innerlich +rasend, aus dem Zimmer. Das war am Vorabend +der Hochzeit; ich wäre aber am liebsten sogleich abgefahren +und hätte es vielleicht auch getan, wenn +es mir nicht um das Aufsehen gewesen wäre, das +es erregt hätte, und schließlich doch auch um die +Schwestern, denen ich das Leid nicht antun mochte. +So blieb ich denn und faßte mich auch einigermaßen, +was mir die Schwestern nicht genug danken konnten. +Ich war auch ein leidlich liebenswürdiger Brautführer, +Festordner und Tänzer am andern Tag, +stieß sogar mit dem Schwager an, der gar nicht +wußte, was er angerichtet hatte, weil er meinte, +ich lebe schon lang von eigenem Gelde, und küßte +Helene, ehe sie mit ihrem Mann auf drei Tage zu +seinen Verwandten reiste. Unter diesem Kuß fing +das liebe Mädchen, oder die junge Frau, die sie +nun war, so heftig und innig an zu weinen, daß +ich es nicht unterlassen konnte, sie noch ein paarmal +tröstend weiterzuküssen, worauf sie unter Tränen +lachend sagte: „Ach, du bist doch ein guter Kerl,“ +und sich nach einem Taschentuch umsah, das sie +gerade nicht zur Hand hatte, um sich die Augen +<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">185</a></span>abzutrocknen. Luise hatte die ihrigen selber voll +Wasser, es reichte aber ihr festliches Spitzentüchlein +für beide Schwesterngesichter, die sich noch einmal +fest aneinanderschmiegten vor der großen Trennung, +die freilich so gar einschneidend nicht war, +weil sie nachher fast gleich miteinander fortlebten +wie bisher. Der Mann war nichts so Neues für sie, +da er schon lange dabei gewesen war. Ich muß +auch bekennen, daß er meine beiden Schwestern +hoch und wert hielt und ihnen auf seine Weise +zulieb tat, was er konnte, viel mehr als ich in +bösen Zeiten.</p> + +<p>Doch fällt in jene Tage noch ein freundlicher +Strahl, an dem ich mir unter den glücklich lachenden +Augen von Mutter und Sohn ein wenig gütlich +tat.</p> + +<p>Als nämlich das junge Ehepaar abgefahren war +in dem Kütschchen eines Vetters, überkam mich, vielleicht +in dem Wohlgefühl über den zärtlichen Abschied +mit Helene, eine plötzliche Lustigkeit. Ich faßte +Luise, die gerade ein bißchen traurig sein wollte, +um den Leib und zwang sie, sich mit mir in der +engen Stube zu drehen, wozu ich ein Liedchen pfiff; +darüber mußte sie wider Willen lachen, und wir +beide kamen in eine höchst behagliche Stimmung, in +der wir beschlossen, noch einen schönen Abend miteinander +zu haben und Lotte Meister abzuholen +in einen aussichtsreichen Wirtsgarten. Es wurde +ein gutes Beisammensein, an das ich gerne denke. +Wir saßen beim sinkenden Abend und noch späterhin +in einem kleinen, erhöht gelegenen Tempelchen, +abseits von den übrigen Gartengästen und +genossen ein gutes Nachtessen, bei dem ich zum erstenmal +<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">186</a></span>in meinem Leben meine Schwester frei hielt. +Um uns her standen hohe Bäume, deren volle Kronen +leise rauschten, unter uns zog der breite Fluß vorbei +mit eiligen Wellen, und wir saßen in einem +freudigen Wohlsein und auch einer kleinen Wehmut, +weil alles so schnell vorüberging, beisammen +und plauderten von allerlei Dingen. Unter anderem +sagte Luise: „Du, hör' einmal, Ludwig, der Herr +Professor, der dich einmal hat malen sollen, ist +vorigen Herbst gestorben, und seine Tochter, die mit +den Kindern bei ihm gelebt hat, ist wieder bei ihrem +Mann, aber in Amerika. Es geht oft sonderbar +zu. Die hätten doch ihrer Lebtag beisammen sein +können. Es heißt, er habe es mit einer andern +gehabt und sei jetzt krank und elend. Da ist sie +jetzt der Gutgenug. Aber, was rechte Frauen sind, +die sind wie die Mütter, die Liebe ist nicht zum +Umbringen in ihnen. Ich glaube, sie hat immer +gewartet, daß er sie wieder zu sich ruft.“</p> + +<p>„Wo ist denn ihre Tochter, die Maidi?“ fragte +ich. „Ist die auch mit nach Amerika gegangen?“</p> + +<p>„Ach nein, die studiert irgendwo auf die Malerei; +sie habe es vom Großvater geerbt, daß sie +malen müsse. Es ist schade, sie gäbe eine liebe Frau, +ich habe schon gedacht, so eine wie sie, möchte ich +dir wünschen, sie ist so fein und doch nicht stolz. +Wie einem halt so Gedanken kommen. Es wird +ihrer noch mehr solche geben.“</p> + +<p>Das meinte ich auch, es gab massenhaft feine +Mädchen, das war gut eingerichtet; ich konnte aber +nicht unterlassen, die Frauen zu belehren, daß die +Maidi darum doch heiraten könne, wenn sie auch +Malerin sei, das komme oft vor. Sie könne ja dann +<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">187</a></span>das Malen aufgeben, oder man könne ihr eine +gute Köchin halten. Darüber nickten sie einverstanden, +und wir lachten alle drei, daß wir so schön +einig waren, während doch keines von uns wußte, +wo sich das Malweibchen umhertrieb und es uns auch +gleichgültig war.</p> + +<p>An diesen Abend und den darauffolgenden Tag +dachte ich jetzt und hätte gern das freudige und stolze +Gesicht meiner Schwester Luise wieder einmal aufleuchten +gesehen, mit dem sie mich von sich gelassen +hatte. In der Zwischenzeit hatte ich es so ziemlich +vergessen gehabt.</p> + +<p>Damals, als ich ging, stand sie am Bügeltisch +unter ihren Gehilfinnen; sie konnte mich nicht begleiten, +denn es war über die Hochzeit viel versäumt +worden. Aber sie sah mich voller Liebe an und sagte: +„Gelt, komm' auch wieder, daß man warm bleibt +miteinander,“ und in diesem Augenblick dachte ich +auch, daß ich es tun wolle, ja, ich hätte sie gern +geküßt, wenn es wegen der Bügelmädchen angegangen +wäre. Und alles in mir war voller Zugehörigkeit, +Respekt und Wohlgefallen; denn sie stand da +so tüchtig und wacker an ihrem Platz, als eine ganze +Person, aber mich liebte sie über alles, und in mir +wallte es zu ihr hin, wie zu einer Heimat. Man +konnte es nur freilich nicht aussprechen, denn so +etwas sagte man nicht, auch saß mir etwas Ungewohntes +im Halse, und ich drückte ihr nur die Hand, +das mußte für alles gelten und galt auch.</p> + +<p>Diese Erinnerungen gingen in einem Augenblick +an mir vorüber, im nächsten war ich wieder hier am +Platze, doch blieb noch etwas in mir zurück, was +mich heute noch wundert. Ich dachte nämlich: wenn +<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">188</a></span>ich nun gefragt worden wäre, wie meine Liebste +heiße, was hätte ich dann gesagt? Und es antwortete +in mir zu meiner Überraschung: Maidi. +Das erschien mir als ein Unsinn, denn ich hatte +ja das Mädchen nur als halbes Kind und dann nie +mehr gesehen, und es war jetzt irgendwo in der +Fremde, Gott mochte wissen, wo, es war mir auch +gleich. Aber das vorwitzige Stimmlein in mir sagte +immer noch Maidi und erinnerte mich daran, daß +ich schon einmal ihr Bräutigam gewesen sei, da +mußte ich in Gedanken daran ein bißchen vor mich +hinlachen. Das fiel aber nicht auf, da es ohnehin +heiter und traulich zuging, und ich dachte weiter: +Nun, ein Unding wäre es nicht, sie war hübsch und +fein und lieb genug, und ich spielte ein wenig mit +ihrem Bilde. Wir stießen auch gleich darauf an +mit hohen, feinen Stengelgläsern, in denen blaßroter +Stachelbeerwein war, und da es einen hellen +Doppelklang gab, läutete das Stimmchen in mir +mit: Maidi, was mich zugleich belustigte und erwärmte. +Denn es schien mir plötzlich, als hätte ich +einen heimlichen Schatz.</p> + +<p>Frau Olbrich war so einfach mütterlich und natürlich +mit mir, als habe sie mich längst gekannt und +füllte mir beim Gehen die Taschen mit Birnen +aus ihrem Garten, wie einem großen Buben, und +ihr Sohn stand befriedigt dabei. „Siehst du,“ sagte +er auf dem Heimweg, „siehst du, meine alte Herzensdame +hat schon auf dich angebissen, ich habe es +wohl gewußt. Du hast so etwas an dir, was alten +Frauen gefällt, sie möchten dann die Hände über +dich breiten, daß du ein braves Kind bleibst; so +etwas tun sie gern. Meine Mutter hat gesagt, du +<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">189</a></span>seiest weiches Wachs, man sehe alle Eindrücke an +dir, es könne noch alles aus dir werden. Du müssest +nur die richtige Frau haben, das sei der entscheidende +Punkt.“</p> + +<p>Ich knurrte ein wenig, und er lachte: „Das ist +ihr bei mir auch das Wichtigste; sie weiß aber wohl, +daß ich keine nehme, die nicht zu mir paßt und vielleicht +auch gar keine. Denn noch eine solche, wie sie, +finde ich doch nicht.“ Das alles brachte er in leichtsinnig +sein sollendem Tone vor, man merkte aber +gut, wie stark er am Herzbändel seiner Mutter angebunden +und wie wohl es ihm dabei war, alles +andere ungeachtet. Ich konnte ihn fast beneiden, +es ging aber noch etwas Frohes in mir um von +meinem Gedankenspiel mit dem Kinderbräutchen her, +es war mir, als gehe Maidi irgend woher auf mich +zu, so, wie ich sie das letztemal gesehen hatte, in +ihren hübschen Schuhen und unter dem Margeritenkranz.</p> + +<p>Solcherlei Gedankenspiele hatte ich oft, ich dachte +mir dann etwas aus bis ins einzelne und war verwundert, +wenn ich um mich schaute, und alles anders +war. Doch diesmal war es in Wahrheit, als sei +von ihr, die so stark in mein Leben treten sollte, +und die mir näher war, als ich wußte, schon eine +Vorahnung in der Luft gelegen. Es begegnete uns +ein junges Mädchen, das ihr, wie ich meinte, so sehr +glich, daß ich erschrak und sie anstarrte, und es rief +eine weibliche Stimme in einem dunklen Garten mit +langgezogenem Ton den klingenden Namen, den ich +sonst nie gehört hatte. Aber das alles traf und berührte +mich nur, weil sie in mir selbst aus dem +Dunkel der Vergangenheit emporgetaucht war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">190</a></span></p><p>Ich habe oft in meinem Leben den Frühling vorausgespürt +und voll herzklopfender Ahnung sein +Kommen ersehnt, wenn er Tauwinde, blühenden +Seidelbast und frühe Vogelstimmen vorausschickte, +aber von dem kurzen und holden Frühling meines +Lebens konnte ich nichts voraus wissen, und ich kann +nicht sagen, wie es kam, daß ich ihn dennoch vernahm, +wie ein liebliches Geläute, von dem man +nicht weiß, woher es tönt und was es bedeutet.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Es waren zu dieser Zeit die Vorbereitungen +für ein großes Musikfest im Gang, an dem sich alle +besseren Musikvereine der Stadt, ja des Landes, +beteiligen sollten. Ein berühmter Dirigent, bei dessen +bloßer Namennennung alle Herzen der Sänger +und der Hörer höher schlugen, war angeworben, +um unter seinem Stab alle Bäche und Flüsse der +Musik, die sonst für sich allein dahinplätscherten +oder strömten, in ein einziges großes Meer von +Tönen zu versammeln. Inzwischen aber übten die +einzelnen Vereine mit mehr Nachdruck als sonst +ihre Melodien ein, nicht um nachher mit Glanz hervorzutreten, +sondern um die Fähigkeit zu erwerben, +völlig im ganzen untergehend, es dennoch in ihrem +Teil mit Kraft und Schönheit zu erfüllen.</p> + +<p>Auch gleichgültige und zerstreutere Liebhaber der +Liederkunst rafften sich zusammen, weil es galt, und +ließen die Allotria, die sie sonst wohl danebenher +getrieben hatten, beiseite, um ernstlich und wacker +im Takt mitzumarschieren, und ihre Stimmen nahmen +zu an Reinheit und Kraft, je mehr die Besitzer +des inneren Schwunges teilhaftig wurden. Es traten +<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">191</a></span>auch einzelne Persönlichkeiten, die sich sonst +abseits gehalten hatten, um daheim in ihren Häusern +eine vornehme Musik zu pflegen, aus ihrer Verborgenheit +hervor und stellten sich in die Reihen, wie im +Krieg die Freiwilligen unter die Fahnen eilen und +nichts mehr für sich selber sein wollen um der Sache +willen. Da war nun auch ich mit Leib und Seele +dabei; es war wohl kaum vorher und nachher eine +Zeit in meinem Leben, wo mir so das Ich versank +um eines Höheren willen, in dem es aufgehen +konnte, wie damals. Die Zeichen mehrten sich, daß +die Zeit erfüllet werde. Schon nahm ein verdienter +Tonmeister der Stadt die Zügel in die Hand, um +einzelne Chöre mit verschiedenen Vereinen zusammen +zu probieren, und das geschah in einer großen Halle, +die eigens für das Fest aus leichten Balken und +Brettern gezimmert worden war, und Tausende von +Menschen fassen konnte. Noch ermangelte der riesige +Raum des festlichen Schmuckes der Tücher, Fahnen +und Laubgewinde, der ihm zugedacht war, aber +machtvoll und freudig erklangen darin die Chöre +und versprachen schön zu werden, wenn sie, von +aller Schwere und Unreinheit befreit, auf breiten +Wogen am Tage des Festes durch die Halle fluten +würden, vereint mit anderen gereinigten Strömen.</p> + +<p>Noch war es freilich nicht so weit; das Taktstöcklein +des Dirigenten fiel oft genug und mit +wachsender Ungeduld hart klopfend auf das Pult, +die Sänger belehrend, daß ihrer Emporläuterung +zum Vollkommenen hin noch lange nicht genug getan +sei. Es ging scharf zu, und das bei den Männern +wie bei den Frauen, ja es dünkte mich, als +seien die letzteren noch härter mitgenommen als +<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">192</a></span>wir. Als nun einmal der Sopran für sich allein +eine Stelle vier- oder fünfmal wiederholen mußte +und ich müßig zusah, wie die angespannten Sängerinnen +sich mühten, das Höchste zu leisten, fiel mein +Auge auf ein Mädchengesicht, das ganz versunken +weder auf den Dirigenten noch in die Noten sah, +sondern in sich selbst hinein zu horchen schien, woher +ihm ohne Mühe die Melodien zuflössen, die es leicht +hervorbrachte und mit einem weichen, taktmäßigen +Wiegen des Oberkörpers begleitete.</p> + +<p>„Warum zum Kuckuck sieht sie denn nicht auf +den Dirigenten, wenn es gilt wie jetzt?“ dachte ich +mit polizeidienerhaftem Ärger, als in dem Augenblick +sich das Gesicht dem befohlenen Punkt zuwandte +und einen oder ein paar Takte lang darauf +verweilte, bis sich ein unwiderstehlich belustigtes +Lächeln über die ganze Fläche verbreitete und die +Augen wieder in ihre Versunkenheit zurückgingen. +Sogleich aber wußte ich, daß das Mädchen nur deshalb +in sich selbst hineinsah, weil ihm der Anblick +des heftig fuchtelnden Mannes einen unbesieglichen +Lachreiz erweckte und es in seiner andächtigen Hingabe +an die Musik störte. Aber während in mir der +brennende Wunsch entstand, sie möchte das hübsche +Schauspiel noch einmal aufführen und ich sie erwartungsvoll +ansah, kam mir die Sängerin immer +bekannter vor. Sie trug ein loses Kleid von grüner +Farbe, das mit einer schmalen Goldborte unter der +Brust zusammengehalten war, und hatte ein leichtes +Schleiertüchlein am Halsausschnitt, aus dem heraus +lieblich und jetzt wieder ganz ernsthaft das Singewesen +stieg. Wo aber hatte ich schon einen Kopf so +frei und freudig tragen sehen, und wo nahm das +<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">193</a></span>Mädchen die Züge her, die mir mit jedem Augenblick +vertrauter wurden? Sie sollte jetzt einmal +einen Augenblick aufhören, zu singen, daß man sie +in Ruhe betrachten konnte, das feste Kinn und den +blühenden Mund und die Augen, die vorhin so +heiter aufgeleuchtet hatten. Aber das dauerte nicht +so lang als die Beschreibung, so sagte das schon einmal +angeführte Stimmlein in mir halb zweifelhaft +und halb triumphierend: Maidi? Der Verstand +wandte ein, die Sängerin sei größer, schmaler und +von dunklerem Blond als die Maidi aus der Vaterstadt +und trage die Haare tief gescheitelt und aufgesteckt, +was jene auch nicht gehabt habe; worauf es +sagte, natürlich, begreiflich, denn es sei fünf Jahre +her seit damals, und ich müsse nicht etwa meinen, +daß ich mich in dieser Zeit nicht auch verändert +habe. Ich erwiderte hierauf, falls es je die betreffende +junge Dame sein sollte, die aber für mich +noch nie Maidi geheißen habe (jene Stunde in dem +grünen Garten ausgenommen), so habe das weiter +für mich nichts zu sagen. Oder ob ich vielleicht hingehen +solle und fragen, ob sie sich erinnere, einmal +mit mir auf dem Markt herumgestrichen und beim +Kasperle gestanden zu sein? Außerdem handle es +sich sicher um eine zufällige Ähnlichkeit. Das aber +glaubte mein Herz, das sich auf einmal in die Sache +zu mischen anfing, keineswegs, und es entstand ein +heftiger Disput in mir mit Für und Wider, der nur +obenhin geschweiget wurde, als auch wir Männer +wieder mitzusingen hatten. Ich kam nun mit mir +überein, die Sängerin, sie sei, wer sie wolle, in +eine nähere Beziehung zu mir zu denken. Sie sang +gewissermaßen ein Duett mit mir, zu dem die andern +<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">194</a></span>den Chorus bildeten. Wenn ihre Stimme empor +frohlockte, so hielt ihr die meinige die Leiter dazu, +und wenn ich ihr ein neues Thema angab, so ging +sie lieblich und bereitwillig darauf ein und machte +etwas so Schönes daraus, daß mir die Brust vor +Wonne schwoll. Daß sie mich dabei nicht ansah, war +weiter nicht zu verwundern, es war genug, daß ihre +Stimme mit der meinigen zusammenklang, es war +eine schönere Gemeinschaft, als ich sie je besessen hatte. +Als die Probe aus war, verschwand sie sogleich, +und ich spürte ihr auch nicht nach, denn auf der +Straße wäre sie nicht mehr dieselbe gewesen, aber +ich wartete mit brennendem Verlangen auf die nächste +Singgelegenheit, die auch bald erschien und die +heimliche Wonne fortsetzte. Es war mir jetzt, als sei +die Musik, meine unbesprochene Geliebte, aus ihrer +Verborgenheit hervorgetreten in einem grünen Kleide +und einem Heiligenschein von blondem Kraushaar, +das sich aus den Scheiteln herausdrängte, und alles +sei voller Wohlklang, solange sie im Saal regiere. +Aber auf einmal sah ich, daß die Göttin mich +aufmerksam und prüfend ansah in einer Pause, +und daß sich über ihr Gesicht ein ungläubiges +Staunen und dann ein kleines Lächeln verbreitete, +und sie wurde mit einem Schlag zum Menschenkind, +das mich zögernd und fragweise, ob ich es +auch sei, mit einem Augenwink grüßte. Da war +es Maidi, ich hatte es aber schon lang gewußt.</p> + +<p>Doch fand ich noch nicht so schnell den Weg zu +ihr, denn ich war seltsam befangen, was ich sonst +nicht an mir kannte, und mochte mich nicht durch +die Menge drängen, oder sie am Tor erwarten. +Ich sah sie aber einmal in einer Gruppe junger +<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">195</a></span>Leute beiderlei Geschlechts die Halle verlassen und +dachte, sie habe ja wohl schon ihren Umgang und +habe nicht auf mich gewartet, was ja auch begreiflich +genug sei: Da suchte ich wieder in die schöne und +heilsame Ichlosigkeit der ersten Wochen unterzutauchen, +in der es mir so wohl gewesen war, sie +ließ sich aber nicht erjagen und war vorbei, doch +aus dem Meer von klingenden Wogen und Wellen +war eine Gestalt aufgetaucht, nach der ich hinsehen +mußte, wie nach einem anderen Ich.</p> + +<p>Inzwischen kam das Fest heran. Ich hatte etwas +so Großes und nach meinen Begriffen unirdisch +Schönes noch nicht erlebt und ging nach dem ersten +Abend, der nicht von Menschenstimmen, sondern +von einem Riesenorchester erlesener Streichinstrumente +gespeist worden war, in einem halben Rausch +und einer ganzen Begeisterung in den Anlagen +umher, in denen die Festhalle stand, und in denen +viel Volks lustwandelte, festlich geschmückt und in +guter Stimmung, denn sie waren, wie einst die +Juden und die Griechen zu ihren Festen, aus vielen +Orten zusammengekommen zu dem einen schönen +Zweck und hatten jetzt bereits Nektar und Ambrosia +gegessen und getrunken, morgen aber gab es mehr +davon.</p> + +<p>Es waren da und dort leichte Zelte zur Bewirtung +der Gäste aufgestellt, die nicht von der +Götterspeise allein leben mochten oder konnten, und +auch in ihnen ging es zwar lebhaft und freudig, +aber doch nicht ausgelassen zu, denn noch hingen, wie +Weihrauchwolken von Opferaltären, die eben verklungenen +Harmonien von zwei Beethovensymphonien +in den Wipfeln der Bäume und stiegen, langsam +<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">196</a></span>einen Ausweg suchend, zum gestirnten Himmel auf. +Ich suchte Olbrich und einige andere Gesellen, die +sich nach Verabredung zusammen getan hatten, um +noch eine Flasche Wein miteinander zu trinken und +die ich hatte vorausgehen lassen, weil ich noch zu +erregt war, um ihre unausbleiblichen Scherze, Kritiken +und Neckereien, an denen ich mich sonst gern beteiligte, +mitanzuhören. Ich summte leise die und jene Takte +der Musik vor mich hin, und alle Nerven waren +in mir aufgespannte Saiten, die mitspielten und +mich den vollen Strom noch einmal hören ließen, +und in allen Adern kreisten eingeschlossene Quellen +des Lebens, die an ihre Pforten klopften, weil sie +aufgerufen worden waren; es war eine Qual voller +Glück. Jenseits des Rondells, das ich eben umging, +trat in den Lichtkreis einer Bogenlampe, die in dem +grünen Geäst eines Ahorns hing, eine Gesellschaft +junger Mädchen in hellen Kleidern; sie plauderten +und lachten, und als ich näher zusah, war Maidi +unter ihnen. Sie war still und es schien mir, als +sehe sie suchend umher, da brannte mich etwas im +Innersten, denn wen suchte sie wohl, und warum +mußte ich hier allein sein? Sie trug immer noch +den Kopf in einer so festlichen und freudigen Haltung +wie einst, ich hatte das noch bei keinem Menschen +so gesehen, aber ihr Gesicht war zugeschlossen und +ernst. Ich hatte stürmisches Herzklopfen und wußte +nicht warum. Als der hellgefiederte Schwarm auf +mich zukam, trat ich in einen Seitenweg ein und +ging ihn auch zu Ende bis an eine kleine Wirtslaube, +die von einer einzigen Flamme matt erhellt war. +Es saßen ein paar stille Zecher darin, jeder für +sich vor seinem Wein, und auch ich setzte mich an +<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">197</a></span>ein Ende des Tisches und bekam einen gefüllten +Römer vor mich hingesetzt. Ich betrachtete einen +graubärtigen Mann mit langem und schlecht gepflegtem +Künstlerhaar. Er trommelte mit den Fingern +auf der Tischplatte und hielt den Kopf tief gesenkt.</p> + +<p>„Dem geht's wie mir,“ dachte ich. „Auch er ist +allein und muß alles in sich selbst verarbeiten.“ Und +es war mir, als müßte ich mit allem Drang in der +Brust mein Leben lang für mich bleiben und einsam +alt werden; ich trank ziemlich viel von dem guten +und tröstlichen Wein und hörte auf einmal den +Alten sagen: „Liebeskummer?“ Aber als ich ihn +zornig ansah, lächelte er in sich hinein, als wisse +er gar nichts von mir.</p> + +<p>Da stand ich auf, zahlte und ging. Mir war +sehnsüchtig und heimwehig zumute.</p> + +<p>Aber am andern Tag war es vorbei. Olbrich +fragte mich, wo ich gewesen sei; sie hätten lang +auf mich gewartet und seien darum endlos sitzen +geblieben, was ich nun zu verantworten habe, und +ich verteidigte mich lachend, da sie auch früher ohne +mich lange Sitzungen gehalten hätten; ich hätte +noch frische Luft gebraucht nach der Hitze in der Halle.</p> + +<p>Er sah mich aufmerksam an, denn ich ging +auf einmal eigene Wege und hatte etwas Entschlossenes +an mir. Ich hatte mir beim Aufstehen vorgenommen, +daß heute ein Knopf an die Sache mit +der Maidi gemacht werde, so oder so. Entweder ich +ging hin und sagte: Guten Tag, kennen Sie mich +noch?, oder ich ging meiner Wege und ließ sie laufen. +Eins oder das andere.</p> + +<p>In dieser Entschlossenheit ging ich den ganzen +Tag umher und duldete nicht, daß der kleinste Zweifel +<span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">198</a></span>darein kam, es war aber Gefahr vorhanden, daß +mir das ganze Fest zuschanden kam, denn bald war +ich auf dem einen Punkt, bald auf dem andern, +wie konnte ich da an etwas anderes denken?</p> + +<p>Aber es ging viel einfacher zu, als ich meinte. +Denn als ich am Abend in die Halle trat, ging Maidi +mit mir zu der schmalen Hintertür herein, die für +die Sänger bestimmt war. Sie sah mich freimütig +erkennend an und sagte: „So sind Sie es also doch +gewesen. Ich habe Sie in der Probe gesehen und +von weitem gegrüßt, aber Sie waren so fremd und +finster, daß ich dachte, ich hätte mich geirrt, oder Sie +wollten mich nicht mehr kennen. Aber jetzt ist weder +das eine noch das andere wahr.“</p> + +<p>So konnte sie wohl sagen, da sie mein erfreutes +Gesicht sah, das ich ihr nicht verbarg, und den festen +Druck spürte, mit dem ich in der Erleichterung +meines Herzens ihre Hand hielt und schüttelte.</p> + +<p>War sie es denn aber noch bei näherer Betrachtung? +Oder wie war das Wesen, in welches +das zutrauliche, lustige Mädchen von damals sich +verwandelt hatte, beschaffen? Gott sei Dank, nicht +viel anders, als ich sie noch im Sinn hatte, das +heißt: aufrecht und mit erwartungsvoll schreitendem +Gang, sicher, freudig und einfachen Wesens, +ohne alle Ziererei, aber dabei königlich in der Haltung, +wie sie es von ihrem silberglänzenden Großvater +ererbt hatte. Es war aber noch viel hinzugekommen, +was ich nicht aufs erstemal erfassen +konnte, und worin sie mir weit über war. Denn sie +hatte in ihrer blühenden Jugend dem furchtbaren +Ernst des Lebens ins Gesicht gesehen und eine Reife +dabei empfangen, die man mit Schmerzen zahlt +<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">199</a></span>und mit dem Zauber der hinträumenden Unbewußtheit. +Schicksale waren vor ihr aufgestanden, die +ihre nächsten Menschen betrafen; es war nicht so +einfach, gut zu sein und friedlich beisammen zu +wohnen. Man konnte mit Leidenschaften beladen +in der Welt umher irren und daran zugrunde gehen, +und es konnte dann dennoch das Wunder über +einen geschehen, daß im tiefsten Elend noch die Liebe +sich aufmachte und erlösend zu einem trat; so war +es bei ihrem Vater. Und es konnte sein, daß die +liebste Liebe verraten und zertreten wurde und litt +und doch nicht unterging, sondern wie ein bedecktes +Feuer unter der Asche weiter glühte und wartete. +Aber wenn dann ihre Zeit noch einmal kam und +ein Sturmwind sie neu anblies, dann mußte sie +andern nehmen, was sie dem einen gab, und es war +eine Not ohnegleichen. So war es bei ihrer Mutter, +die sich von den Kindern gelöst hatte und von dem +alten Vater, um zu dem Mann zu gehen, der ihr +Glück und ihr Unglück gewesen war. Und es konnte +kommen, daß man sich zwischen zwei liebste Menschen +stellen mußte und den, der einem am wehsten tat, +decken vor dem, dem man im stillen recht gab, der +Sache nach. So war es Maidi gegangen, als der +Großvater gegen die Mutter tobte und fluchte, daß +sie gehe. Sie hätte sie gern gehalten, denn war nicht +hier ihre Aufgabe und ihre Heimat? Wie konnte +sie dorthin gehen, wo ein unnennbares Grauen +wohnte? Und doch küßte sie die bleichen Lippen, +die immer sagten: ich muß doch, begreift es denn +niemand?, und hieß sie gehen, obgleich es ein dunkles +Rätsel war. Voller Rätsel war das Leben und +auch voller Stürme. Der heitere Greis mit seiner +<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">200</a></span>prachtvollen Lust am Leben wurde dennoch vom +Tod hingemäht, und auch sein Glanz war nicht +ohne Trübung. Denn er hatte nie für die Zukunft +gesorgt, weder für sich, noch für die Seinen. Sparen +und vorsorgen schien ihm eine geringe und hausbackene +Tugend zu sein für Krämer und enge Bürger +recht, aber nicht für Könige, Lieblinge des Lebens +und der Kunst. Er war bewundert gewesen, geliebt +von Frauen und Männern, heiter, freigebig und +voll gütiger Launen, aber es blieb nichts übrig für +die geliebten Kinder seiner Tochter, die in Fülle +und mit dem leuchtenden Sinn für das Schöne herangewachsen +waren. Das alte Haus und der grüne +Garten waren verkauft, es war nicht leicht, daran +zu denken und nicht leicht, das geliebte Bild des +alten Herrn ganz strahlend hell im Herzen zu haben.</p> + +<p>Schwer und unbegreiflich war vieles im Leben; +es meißelte weiche, jugendliche Züge und gab ihnen +feste, bestimmte Linien, und es ließ lachende Augen, +die überall den Sonnenschein auffingen, wach und +wissend in den Tag sehen.</p> + +<p>Das alles erfuhr ich erst nach und nach, aber +etwas davon ging mir beim ersten Sehen auf, ein +Ernst und eine reife Überlegenheit, vor der ich fast +erschrak, denn ich hatte das nicht erwartet. Aber +Gott sei Dank, es hatte das Jungsein doch noch +daneben Platz oder vielmehr, es brach daraus hervor, +wie eine verschüttete Pflanze aus wüstem Geröll +oder wie der Saft aus einem zurückgeschnittenen +Baum, der übermächtig treibt und die Wunden +zudeckt mit neuen grünen Trieben. Es mußte ja +nicht immer so düster kommen, man hatte ja sein +eigenes Leben zu leben, das erst vor einem lag +<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">201</a></span>und in dem es gut und hell zugehen mußte, allem +Dunklen zum Trotz.</p> + +<p>Das alles gab mir Maidi nach und nach zu +sehen und zu kosten, den Ernst und den Stolz +und das Lachen, ich habe es aber gleich auf einmal +heraufgeholt, weil ich meine, keinen Zug ihres geliebten +Bildes verschweigen zu können, wenn ich von +ihr rede, auch keinen Augenblick.</p> + +<p>Sie war nicht auf der Malerakademie, wie meine +Schwester Luise gemeint hatte, sondern in einer Kunstgewerbeschule, +wo sie in absehbarer Zeit zu Beruf +und eigenem Verdienst kommen konnte. Ihr Bruder, +den sie sehr liebte, war irgendwo auf einer Hochschule, +wozu ihm Stipendien verhalfen aus reichen alten +Stiftungen eigener Vorfahren. Er war begabt, und +sie war stolz auf ihn, sie war nicht im Zweifel, +daß es einmal wieder gut kam im Leben.</p> + +<p>Von dem allem erfuhr ich bei der ersten Begrüßung +nur das Äußerlichste, so viel ungefähr, +daß ich wußte, ich habe es nicht mit einem Wesen +zu tun, das nach eigener Wahl und aus innerem +Müssen den schönen Künsten nachfolge, sondern mit +einem solchen, das genötigt sei, auf eigenen Füßen zu +stehen und selbstverdientes Brot zu essen. Aber freilich +mußte das Brot auf einem Acker gewachsen sein, +dem es zwischen den Ähren nicht an rotem Mohn +und blauen Kornblumen fehlte, denn ohne Schönheit +wäre sie geistig oder seelisch Hungers gestorben.</p> + +<p>Wir waren ein paarmal miteinander vor der +Halle auf und ab gegangen, da noch etwas Zeit +übrig war vor dem Beginn des Konzerts, und hatten +das Nötigste vom Woher, Wohin und Wieso miteinander +geredet, aber unversehens doch als solche, +<span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">202</a></span>die einander etwas angehen. „Ist es nun nicht +wunderbar,“ sagte Maidi, „daß wir Landsleute und +Stadtkinder hier in der Fremde zusammentreffen? +Hätte es nicht jedes von uns ebensoviele Stunden +weit nach einer andern Richtung hinwehen und absetzen +können, wo dann keines etwas vom andern +gewußt hätte?“ Das sagte sie so drollig und mit sichtlicher +Freude an dem Geschehen, daß ich erleichtert +anfing zu lachen, denn ich mußte mir bildhaft vorstellen, +wie uns der Wind nach verschiedenen Richtungen +getragen und niedergelassen hätte, und Maidi +fiel so herzlich in mein Lachen ein, als ob sie schon +lang nicht mehr recht gelacht hätte und nun die +erste Gelegenheit dazu ergreife. Dabei hatte sie auf +einmal wieder die Züge, die ich gut an ihr kannte, +es fiel mir ein, daß ich sie auch in der Konzerthalle +zuerst lachend erblickt hatte, und ich teilte ihr das mit.</p> + +<p>„Ja,“ sagte sie wieder ernsthaft und wie in einer +kleinen Bekümmernis, „es hat vieles Platz nebeneinander +in einem Menschen. Es wundert mich oft +selber. Ich habe es an mir, daß mich das Komische, +besonders wo es wichtig auftritt und sich breit macht, +überwältigt und ich dann alle Kraft brauche, um +die Lachlust zu unterdrücken. Das kann mir in +der Kirche geschehen oder bei einem an sich traurigen +Anlaß; ich bin schon bös damit hereingefallen. Es +darf nur jemand ein großes Pathos entfalten oder +eine strenge Amtsmiene aufsetzen bei einer unwichtigen +Sache, oder schwänzelnd hinter einem Leichenwagen +einherschreiten, gleich steigt es mir auf mit +aller Macht. Es ist dann nur gut, wenn mein +Bruder nicht in der Nähe ist, der es auch so hat. +Allein werde ich eher damit fertig, es dauert dann +<span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">203</a></span>nur einen Augenblick. Wenn ich ihn aber nur +von hinten sehe, wie er mit den Achseln zuckt, so +weiß ich schon Bescheid, nämlich daß er lautlos +in sich hineinlacht, und dann bin ich verloren.“</p> + +<p>Das alles sagte sie ernsthaft und als ob es +ihr Not bereite, und es war vielleicht auch der Fall, +aber es saß doch ein Schelm in ihren Augenwinkeln, +und ich hätte uns jetzt gleich einen der beschriebenen +Anlässe hergewünscht, um den Bruder zu vertreten, +denn das war so recht eine Sache für mich. Das +Zeichen erscholl, das die Sänger an ihren Platz +rief, und Maidi enteilte mir, ich aber begab mich +in der besten Laune zu meinen Sangesbrüdern, hochgestimmt +und aufgeheitert zu gleicher Zeit.</p> + +<p>Wenn – weil ich schon einmal das Meer zum +Vergleich angeführt habe, für das Zusammenfließen +so vieler und starker Tonmassen – im großen Weltmeer +hie und da zwei aufblitzende Wellchen mit +lustigen Schaumkrönlein einander von weitem erblicken +und grüßen und darnach wieder untersinken +in die weitausgereckten Arme des Meeres, so haben +sie es, wie wir beide, Maidi und ich, an diesem Tage +es hatten. Wir waren eins mit dem Ganzen und +hingegeben an dasselbe, andächtig und voller Lust +und doch auch wieder selber etwas, das mit Zunicken +und freudigem Grüßen das andere suchte. Ich weiß, +daß es nicht nur bei mir so war, es war auch in +Maidi eine Freude, hier in der Fremde und in der +Gegenwart, die so ganz anders war als die Heimat +und die Vergangenheit, einen zu finden, der bis +ins Kinderland zurückreichte; und so, erwärmt und +heimatlich angerührt, sang sie sich, untertauchend +und wieder emporgehoben, in eine still-beseeligte +<span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">204</a></span>Wonne hinein, wie sie mir später einmal mit aufleuchtenden +Blicken erzählte. Als nun der Schlußchor +einer Kantate und zugleich der des Abends kam +und ein sieghaftes Getöne anhob, in dem immer eine +Stimme der andern zurief: Frohlocket – und +singet – und die andere es aufgriff und weitergab, +bis zuletzt ein großes allgemeines Frohlocken +entstand, das die Wände zu eng machte und in die +Nacht hinausschallte, da war es uns eben recht, +wir frohlockten und sangen – und sangen und frohlockten, +so viel wir konnten, und hatten den starken +Widerhall in der Brust. Es war mir aber, wie wenn +ein helles, lustiges Glöcklein neben einem vollen +Domgeläute für sich bimmelt, als ich auf einmal +sah, wie über Maidis Gesicht mitten drin ein Lachen +lief, das ich begierig war, noch oft zu sehen. Denn +es gingen ihr neben allem Großen her kleine lustige +Geisterchen, die stiegen auf und saßen rittlings auf +den hohen Wogen, wie rosige Engelsbübchen; dann +war sie köstlich anzusehen.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Es begab sich wie von selbst, daß ich von jetzt +an öfter mit Maidi zusammen kam, die mich mit +einer großen Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit +an ihrem Leben teilnehmen ließ, soviel sich +davon ereignen wollte. Sie stand in festen Schuhen, +in viel festeren als ich. Als ihr Herkommen in +seinen Grundlagen erschüttert worden war, da hatte +sie sich auf sich selbst besonnen. Es war da noch +etwas Eigenes, das nicht hinwegstarb und nicht +verkauft werden konnte, ein köstlicher Besitz, mit +dem es sich leben ließ. Ich muß etwas aus mir +<span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">205</a></span>selber machen, wußte sie, und muß auf eigenen +Füßen stehen. Sie sah klar in ihre Zukunft hinein +und wußte, was sie wollte und was sie erreichen +konnte, was mir stark imponierte, da es bei mir +damit nicht zum Besten bestellt war. Zwar was ich +wollte, wußte ich auch, wenn man das Wollen heißen +kann, daß einer überzeugt ist, es müsse ihm alles +Gute in den Schoß fallen oder vielmehr alles Angenehme. +Ich war damit aufgewachsen, daß ich +haben konnte, was ich begehrte, und gerade der +Umstand, daß ein neues Verlangen immer auf der +Schulter eines erfüllten Wunsches gestanden war, +hatte mich daran gewöhnt, auch höher gehängte +Dinge für erreichbar zu halten. Das war ja an +sich nichts Unrichtiges, ich konnte ebensogut wie ein +anderer gescheiter Kerl vorwärts kommen, es fragte +sich nur, ob ich alle Kraft zusammennehmen und +arbeiten wollte. Aber so war es nicht gemeint bei +mir, denn das, was man so am ebenen Weg erreichen +konnte, war nicht genug.</p> + +<p>Es ist nicht angenehm, es mir zu unterbreiten, +aber es hilft alles nichts: ich wollte eine Lebensstellung +haben, in der ich geehrt und angesehen war +in den Kreisen, die einen Zaun um sich zogen von +Geld und von Bildung, und in einem schönen Hause +wohnen mit einer eleganten, schönen und vornehmen +Frau und was mehr zu dem allem gehörte.</p> + +<p>Ich konnte es verlangen, daß es so kam, denn, +war nicht seither auch eins aus dem andern gekommen +bei mir, seit ich ein kleines Bübchen gewesen +war? Also mußte es auch weiter gehen +in aufsteigender Linie. Wie? Das wußte ich +freilich nicht. Denn obgleich ich ja eigentlich ziemlich +<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">206</a></span>viel Selbstgefühl hatte, dachte ich doch nicht +daran, die günstigen Wendungen in meinem Leben +durch eigene Kraft herbeizuführen, sondern ich erwartete +sie von glücklichen Zufällen oder Schickungen, +die ja rechtzeitig eintreffen mußten. Ich hatte mir +eine Art von Lebensanschauung zurecht gemacht, +die der Bescheidenheit den Tod schwor und große +Männer dabei zum Zeugen aufrief, freilich in ganz +falschem Sinne, nämlich so, daß, wer mit einem +niederen Los zufrieden sei, auch kein höheres verdiene, +wer es aber in sich habe, den treibe es hinauf. +Das wäre alles schon recht gewesen, wenn es mir +um die Sache selbst und nicht um die Nebendinge +zu tun gewesen wäre, und wenn mich ein inneres +Feuer gedrängt hätte, als Meister und Schmied meines +Schicksals aufzutreten und es so zu hämmern, wie +ich es zu brauchen meinte, und wie es ins Einzelne +auszuspinnen meine geschäftige Phantasie nicht +müde wurde.</p> + +<p>Ich habe, nachdem ich meine Lehrgelder bezahlt +und meine Umwege gemacht habe, wohl gelernt, die +Dinge beim rechten Namen zu nennen. Damals +hieß ich Schönheitssinn, was bereits ins Kraut geschossen +und Begehrlichkeit geworden war, und Aufwärtsstreben, +was erst recht am Boden klebte.</p> + +<p>Nun, es ist mir nichts geschenkt worden.</p> + +<p>Ich hütete mich wohl, meine Weisheiten vor +Olbrich auszubreiten, der ja gerade ein Beispiel +dafür gewesen wäre, wie innewohnende starke Kräfte +Schicksalsleiter sind, und trug sie dagegen zu Maidi, +zu der ich alles Zutrauen hatte, und die mich auch +mit allem aufnahm, was ich vorbrachte, ohne mir +aber blindlings recht zu geben, so daß sie sowohl +<span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">207</a></span>meine Zuflucht als auch mein Gewissen war, obgleich +ich ihm freilich nicht folgte. Es zog mich zu ihr und +vielleicht nicht am wenigsten darum, weil ich etwas +von ihrer freudigen und ernsten Kraft spürte, die sie +nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg wollen +ließ, und die mir Respekt einflößte.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Ich hatte oft das Gefühl, als ob ich Maidi bedauern +müßte und mich glücklich preisen, da sich +das Blatt so gewendet hatte, seit unsern Kindertagen. +Denn hatte sie nicht alles gehabt und alles verloren, +was mir wie ein fernes Paradies noch im Gedächtnis +war? Und mußte sie nicht ihr schönes junges +Leben nun in den Zeichensälen versitzen und auf +ein Pflichtendasein ausgehen?</p> + +<p>Und war ich nicht, der ich einstmals geweint hatte +vor Scham über unser ärmliches Häuschen, auf dem +besten Wege zu einer allerschönsten Villa (wenigstens +in meinen Tagträumen)?</p> + +<p>Ach, ich wußte nicht, um wie vieles sie mir voraus +war, der ich noch so gar nicht geschult war im Lebenskampf, +dem es an Erschütterungen äußerer und +innerer Art bisher gänzlich gefehlt hatte, um zu +irgendeiner Tiefe zu gelangen. Wie wenig kannte +ich von den ernsteren Seiten des Lebens; wie wenig +riß mich ein starkes Müssen auch nur in mir selbst +zum Guten oder Bösen nach irgendeiner Seite. Ich +war eine der sogenannten glücklichen Naturen, die +von vielen so gern gesehen werden, weil es sich mit +ihnen behaglich und ohne viel Reibung leben läßt, +und denen das eigentliche Glück, das errungen sein +will, so leicht entgeht, da sie es nicht zu rechter Zeit +<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">208</a></span>erkennen und dafür irgendeinem Scheingebilde nachgehen. +Doch, was ich versäumt und gesündigt habe, +habe ich bezahlen müssen. Und – wie ich auch +gewesen sein mag, es war eine Zeit in meinem +Leben, da Maidi mich liebte.</p> + +<p>Ich habe oft versucht, mich mit diesem Wort +wie mit einem Schilde zu decken und bin gewiß, daß +Maidi, wenn sie könnte, trotz allem, was ich ihr angetan +habe, sagen würde: „Tue es nur, denn es ist +wahr, und ich wußte wohl, was ich tat, als ich dich +liebte.“</p> + +<p>Aber der Schild kann mich nicht vor mir selber +schützen, und Maidi kann ihn nicht über mich halten. +Wenn ich in grauen Stunden über das lieblichste +und traurigste Kapitel meines Lebens nachsinne, so +höhnt etwas in mir: Kann auch einer, der im +Angesicht der Sonne schlimme Taten verübte, ja die +Sonne selber gering achtete, sich trösten, daß er +doch von ihr beschienen worden sei und es also wert +gewesen sein müsse?</p> + +<p>Dann aber sagt eine liebe Stimme: „Gräme +dich nicht länger. Wir tragen alle unser Schicksal +in uns selber und müssen es vollenden. Das war +das Liebste an meiner Liebe, daß ich dich vor dir +selber schützen wollte; nun tue du es selbst.“</p> + +<p>Ich mußte das vorausschicken, um mir Mut zu +machen für das, was ich nun aufschreiben will, und +was ich gern verschieben möchte, wie Kinder tun, wenn +sie eine Dummheit oder Bosheit bekennen sollen +und tausend Umschweife machen, ehe sie mit der +Sprache herausrücken. Ein unverschuldetes Unglück +verhehlen sie nicht, sondern verkündigen es mit lautem +Geschrei des guten Gewissens.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">209</a></span></p><p>Maidi hatte, als sie die Kunstgewerbeschule bezog, +etwas mitgebracht, was ihr ebenso nützlich war, +wie der kleine Vermögensrest, von dem sie die paar +Jahre leben und ihre Studiengelder bestreiten +konnte. Es konnte nicht verborgen bleiben, daß sie +in einer Umgebung aufgewachsen war, in der die +Kunst oberste Regentin war, und zwar die frei schaffende +Kunst, die ohne Nebenzweck und nur vom +Genius befruchtet, Schönstes und Lebendigstes schafft, +die aber doch, eben wenn ein wirklicher Künstler sie +besitzt, das Technische, Handwerksmäßige ebenso wichtig +nimmt und beherrscht wie das geistige.</p> + +<p>Es mußte auffallen, mit welch raschem Verständnis +Maidi den Anweisungen der Lehrer in +den praktischen Fächern entgegenkam und wie sie +sich, zwar bescheiden, aber auf Grund einsichtigen +Nachdenkens, hie und da erlaubte, eine kleine Änderung +in einer Sache vorzuschlagen, die man ihrer +Meinung nach auch anders angreifen konnte. Auch +mochte es ungewöhnlich zu sehen sein, wie sie bei +Anhörung der theoretischen Vorträge, die ihr Studium +betrafen, entweder mit dem lebhaften Interesse +dessen, der schon die nötigen Grundlagen hat und +darum leicht folgen kann, oder mit dem einverstandenen +Lächeln und Kopfnicken dessen, der Bekanntes +neu vortragen hört, dasaß. So dauerte es nur +kurze Zeit, bis sie vom Direktor der Anstalt nach +ihrem Herkommen befragt wurde, und, als sie den +Namen ihres Großvaters nannte, von ihm in einer +gewissen Art und Sprache, wie sie eine Kaste untereinander +hat, angeredet und behandelt wurde. Er +lud sie auch bei Gelegenheit in seine Familie ein, +und seine Frau war es, die Maidi ihrerseits in den +<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">210</a></span>Singverein eingeführt hatte. Diesem trat sie aber +nicht als ordentliches Mitglied bei, sondern beteiligte +sich nur bei besonderen Anlässen an den Chorgesängen. +Auch benützte sie ganz selten die Gelegenheit, +in der Familie des Direktors einer größeren +Geselligkeit beizuwohnen, obgleich ihr diese offen gestanden +wäre. Beidem aber entzog sie sich mit +einer ruhigen Bestimmtheit, die mich aufs neue +in Erstaunen setzte, und die wohl zeigte, wie gut +sie wußte, was sie wollte und auch was sie nicht +wollte. Denn als ich sie einmal fragte, ob sie das +alles ihrer Arbeit zulieb unterlasse, auf die sie +auch ihre Abendstunden vielfach verwendete, sagte sie +lachend: „Es ist gut, daß ich sie vorschieben kann, aber +wenn mich etwas so recht von Herzen locken würde, +so würde ich ebensogut bummeln und Nebendinge +treiben, wie Sie.“ Das traf mich einigermaßen, +denn ich glaubte meinem Beruf auch die nötige +Pflege angedeihen zu lassen, und ich sagte es auch. +Maidi aber fuhr fort, ein Muster, das sie heut +entworfen hatte, in Kerbschnitt auszuführen, und +sagte, nicht von der Arbeit aufblickend: „Es ist verschieden, +was man unter nötig versteht. Mancher +hält nur für nötig, daß er seine Schuldigkeit tut, +und mancher ist unzufrieden mit allem, was er außer +dem einen tun muß, es kommt darauf an, wie stark +man mit einer Sache verheiratet ist.“ „Und Sie +also glauben, stärker mit Ihren Kerbschneidereien +verheiratet zu sein, als ich es mit meinen Büchern +bin?“ sagte ich zänkisch, denn ich wollte auf +keine Weise unten durch sein. „Dann lassen Sie +sich nur sagen, daß ich mir an die andere Hand mit +der Zeit noch eine Frau antrauen lassen werde +<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">211</a></span>und vergnügt mit beiden zu leben gedenke; Sie +aber, werden Ihre Künste verlassen, sobald der Rechte +kommt, der Sie heiraten wird.“</p> + +<p>Ich war selbst betroffen, als mir das törichte und +flegelhafte Gerede entfahren war und hätte es gern +ungeschehen gemacht; denn ich dachte im Herzen gar +nicht so, im Gegenteil reizte es mich, daß Maidi +ihrer Sache so sicher war.</p> + +<p>Sie schien mir oft viel mehr als ein guter Kamerad, +denn als eine junge Dame, und das um ihrer +eifrigen Berufsarbeit willen; sonst war sie ja schön +und lieb und bewunderungswürdig genug.</p> + +<p>Jetzt aber sah ich, wie Gesicht und Nacken der +gebückt Dasitzenden langsam von einem lichten Rot +bedeckt wurde, das sich tiefer färbte und ebenso langsam +wieder zurückging. Maidi rührte sich nicht, aber +ihre Hände zitterten ganz leise, fast unmerklich.</p> + +<p>Da kam es mir mit einer leichten und warmen +Wallung herauf: „Sie ist doch auch eine Frau und +hat alles in sich, was zu einer solchen gehört, ich aber +bin ein Esel von der besseren Sorte,“ und das letztere +sprach ich auch reumütig aus.</p> + +<p>Da blickte Maidi auf und sah mich an, zuerst +mit zornig zusammengezogenen Brauen, dann mit +einer kleinen, bösen aber lustigen Grimasse und +sagte: „Stimmt,“ worauf wir beide anfingen, zu +lachen, ich in einer unsäglichen Erleichterung. Darauf +besprachen wir einen Sonntagsausflug, an dem +sich diesmal Olbrich beteiligen wollte, den ich mit +Maidi bekannt gemacht hatte, und plötzlich sagte +Maidi nachdenklich: „Eigentlich, wenn ich's recht +überlege, bummle ich doch auch ziemlich viel und +zwar mit Ihnen, ich weiß nicht, was Sie wollen,“ +<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">212</a></span>und dann lachten wir aufs neue, denn es kam nicht +darauf an, ob es klug oder dumm geredet war, +wir mußten nur gute Freunde sein.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Olbrich machte sich sehr gut als Wandergenosse. +Wir waren mit der Bahn, wie wir öfters taten, bis +an einen Punkt gefahren, von dem aus wir das +Gebirge leicht erreichen konnten, und stiegen nun +frisch bergan, denn wir hatten uns einen ziemlich +weiten Weg vorgenommen. Da war es nun Olbrich, +der meinen allzuweit ausgreifenden Schritt +durch seinen gemäßigteren hemmte. Ich hatte nie +daran gedacht, daß es für Maidi vielleicht beschwerlich +sein könnte, so ohne Schonung der Kräfte drauf +los zu steigen, wie ich ja überhaupt nicht die Anlage +hatte, nach anderer Leute Möglichkeiten zu fragen, +solange sie sich nicht beschwerten. Olbrich aber zeigte +sich von einer aufmerksamen Ritterlichkeit, die mir +auffiel, weil ich sie selber nicht besaß, und zwang +mich nur durch sein Wesen, nun auch die Augen +aufzumachen. Da sah ich denn freilich, daß Maidi +eine helle Röte im Gesicht hatte und viel kürzer +und schneller atmete als wir, und ich stellte auch +diese meine Bemerkung fest. Sie lachte mich aber aus, +da es, wie sie sagte, damit an andern Tagen viel +schlimmer gewesen sei, und das heutige Tempo ihr +sehr zusage, und fügte, wie etwas Nebensächliches, +hinzu, sie habe einen kleinen Herzfehler, der aber +nicht viel ausmache, da schon verschiedene Personen +in ihrer Familie mit einem solchen alt geworden +seien. „Und ich denke auch alt damit zu werden,“ +sagte sie triumphierend, „denn ich habe eine solche +<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">213</a></span>Lebenslust in mir, daß alles Krankhafte davor ducken +muß. Ich glaube, man kann es überwinden durch +den Willen zum Gesundsein und durch die Übung +aller Kräfte,“ und dabei reckte sie sich hoch auf und +warf den Kopf in der ihr eigenen sieghaften Weise +zurück, daß ich tatsächlich dachte, sie sei jedem Feind +in sich gewachsen und habe es in der Hand, zu leben, +so lange sie wollte, obgleich ich ein kleines Unbehagen +über ihren Herzfehler nicht zu unterdrücken +vermochte. Oder vielmehr war es ein halb ärgerliches +Staunen darüber, daß das blühende und vollwertige +Wesen da neben mir eine Beschädigung mit sich +herumtrage; es war, wie wenn man beim Anstoßen +an einem schönen Kristallglas ein ganz feines Klirren +hört, das von einem noch verborgenen Riß zeugt. +Er ist noch nicht mit den Augen wahrnehmbar, aber +man weiß, daß er da ist, und das Glas kann eines +Tages in Stücke gehen. Doch kam ich schnell über +das dunkle Unlustgefühl hinüber, da ja Maidi selber +nichts aus der Sache machte, und auch auf dem jetzt +erreichten Höhenweg leicht und mühelos neben uns +herging.</p> + +<p>Olbrich aber sagte trocken und fast väterlich: +„Sie müssen dann nur Ihr Herz vor großen Strapazen +bewahren, die mag es nicht leiden,“ und meinte +damit das körperliche Herz, das sie ein wenig schonhaft +halten sollte; aber es fiel doch uns allen dreien +ein, daß die Ausführung dieses Rates bedeuten +würde, das ganze stark lebendige Menschenkind +von den Gluten und Stürmen des Schicksals abzuschließen +unter einer Glasglocke zahmer Vorsicht +und Selbstbewachung, wozu sich Maidi gar nicht eignete. +Sie schüttelte auch den Kopf und sagte: „Schonen, +<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">214</a></span>würde ich nicht leben heißen,“ und brachte das +Gespräch absichtlich auf andere Dinge. Unter anderem +beschrieb sie Olbrich und mir, der ich nicht viel +mehr davon wußte, als er, ihr großväterliches Haus +von außen und innen, die breiten Treppen mit dem +geschnitzten Geländer, den großen Vorplatz mit den +Stuckdecken und den Flügeltüren, was alles deutlich +von den alten Geschlechtern sprach, die sich das +Haus erbaut und ausgeschmückt und die es bewohnt +hatten. „Wir selbst waren andere, als sie, und +nun wohnen wieder andere darin,“ sagte Maidi, +und obgleich ihre ganze Beschreibung lebhaft und +farbig gewesen war, merkte man jetzt plötzlich an +ihrem Ton und Gesichtsausdruck, daß sie von Heimweh +und Trauer nach dem Gewesenen ergriffen +war. Sie schwieg eine Weile, und ich sah Olbrichs +Augen mit bewundernder und bewegter Zärtlichkeit +auf ihr liegen; Maidi konnte das aber nicht gewahr +werden. Sie ging wohl in Gedanken die Treppe +hinunter und durch das schmale Seitentürchen in den +grünen Garten hinaus, der mir immer noch als +Bild des Paradieses vor Augen schwebte. Aber +lange konnte das nicht dauern; es kehrte ein heller +Schein in ihre Augen zurück, und sie sagte: „Auf +dem oberen Boden ist noch eine große Rumpelkammer +voll schöner Sachen, die uns gehören, meinem +Bruder und mir: Bilder und Geräte, Zinn- +und Silbersachen, die wir besonders lieben, ein +paar geschnitzte Lehnstühle und eine eichene Truhe +voller Teppiche und Kissen; das alles wartet auf +uns und steht jetzt im Dunkeln, denn die Fensterladen +sind geschlossen. Am leidesten tun mir die +schönen Bilder, die mit dem Gesicht an der Wand +<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">215</a></span>lehnen und die wohl gar nicht begreifen können, +wo die Leute hingekommen sind, die immer so fröhlich +unter ihnen herumgingen.“ Sie lächelte uns an, +wie entschuldigend, daß sie von solchen Dingen redete, +die uns vielleicht fern und fremd sein konnten, und +ich wunderte mich heut zum zweitenmal über Maidi, +da sie weich und fein und verletzlich war, von sehnlichem +Gemüt, und nicht nur Kraft, Willen und +freudige Sicherheit besaß. Aber sie war mir so um so +lieber; ich konnte mich gar nicht ersättigen, sie reden +zu hören und sie anzusehen, und ich wunderte mich +nicht über Olbrich, dem es auch so ging, ja der sie +von Zeit zu Zeit verstohlen ansah, wie ein seltenes +Wunder.</p> + +<p>Ich erinnere mich eines schönen Platzes, an dem +wir einige Zeit rasteten und ein mitgenommenes +Vesperbrot aßen. Maidi teilte es aus und war so +heiter wie nur je, was dann uns wieder zu allerlei +Scherzen und Neckereien anfeuerte, in denen die +ungewohnte Rührung und Herzbewegung bald unterging. +Wir saßen unter einer Gruppe von hohen, +schlanken Kiefern, die eine kleine, steil abfallende +Waldlichtung bekrönten. Über diese Lichtung hin +ging der Blick in ein jenseitiges Flußtal, aus dem +sich wieder Berge erhoben, mit dunklen Wäldern +bedeckt und hinter ihnen neue Höhenzüge, blau verschleiert; +es sah aus, als sollte es so in die Unendlichkeit +hinein fortgehen. Der Fluß, der hier ein geringes +Gefälle hatte, schien ganz still in seinem +Bette zu liegen, an das sich junger Wald nahe +herzudrängte; auf einer der ferneren Höhen lag +ein Dorf oder ein kleines Städtchen mit Resten +einer alten Befestigung, deren zerbrochene Mauern +<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">216</a></span>von dunklen Bäumen beschattet waren, und zwischen +denen ein trotziger Kirchturm schwer und ungefüge +heraussah. Das Ganze aber lag unter dem +blauen Septemberhimmel in der goldensten Sonne +und winkte von seiner Ferne her, seltsam verlockend +zu uns herüber, so daß wir erwogen, ob wir es nicht +einmal aufsuchen wollten, denn damals waren unsere +Wanderfüße gelüstig nach allen Höhen und +Fernen.</p> + +<p>„Ach, ich weiß nicht,“ sagte Maidi, „von nahem +ist es vielleicht nicht mehr so schön, wir können uns +aber von weitem alles Schönste hinter den alten +Mauern denken.“ Sie hatte sich im blühenden Heidekraut +ausgestreckt und sah, die Arme unter dem +Kopf verschränkt, zwischen den Bäumen durch zum +blauen Himmel auf, fing aber bald an, zu blinzeln +und schloß mit einem wohlig tiefen Seufzer die +Augen.</p> + +<p>Da legten auch wir uns nieder und wenigstens +ich war bald eingeschlafen.</p> + +<p>Es war mir aber nach einiger Zeit, als ob ich +im Traum einen lieblichen Gesang vernehme, der +verhallen müßte, wenn ich mich rühre, und ich hielt +mich auch noch auf der Schwelle des Erwachens ganz +still; es war mir unsäglich wohl zumute dabei. Als +ich aber dann dennoch die Augen aufschlug, sah ich +Maidi ein Stückchen entfernt von uns am äußersten +Rande des Abhangs stehen mit in die Ferne gerichteten +Augen und hörte sie ein Lied singen in +einer Melodie, die ich noch nie gehört hatte, und +von der mir jetzt noch hie und da verwehte Bruchstücke +in der Erinnerung anläuten, lieblich und voller +Heimweh. Im Tale geisteten schon die frühen +<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">217</a></span>Abendnebel um den Fluß und das junge Erlengebüsch +an den Ufern, die Häuser und Türme auf +dem Berge aber waren von der sinkenden Sonne +in rote Glut getaucht, und Maidi sang: „Du bist +Orplid, mein Land, das ferne leuchtet.“ Aber ob sie +in Wahrheit eine unsichtbare Ferne suchte und wo +diese lag, wußte ich nicht, und nun kann ich sie auch +nicht mehr fragen. Sie kehrte sich zu uns her und +wir stiegen unsern Weg nieder, der sich bald ins Tal +senkte, in die Abendschatten.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Solcher Gänge zu allen Jahreszeiten könnte ich +noch viele beschreiben; es sähe dann aus, als ob +die Zeit stillgestanden wäre, um uns eine Weile +jung und heiter und schicksalslos sein zu lassen. Aber +das tat sie nicht, sondern sie ging ihren gemessenen +Schritt und nahm uns alle mit, jeden in sein Verhängnis +hinein.</p> + +<p>Olbrich war eine Zeitlang als der fröhlichste +Kamerad bei allem dabeigewesen, und ich dachte oft +mit Befriedigung, so müßte es immer fortgehen. +Denn ich lebte wie ein Schlaraffe in den Tag hinein +zwischen den liebsten und erfreulichsten Menschen hin +und hatte dabei immer noch das Land der unbegrenzten +Möglichkeiten vor mir, was mir vor allem zusagte. +Maidi und Olbrich hatten diesen Ausdruck, den ich hie +und da genießerisch gebrauchte, wie man einen besonderen +Leckerbissen auf der Zunge zergehen läßt, von +mir aufgefangen und neckten mich damit, was ich mir +gerne gefallen ließ; doch hatten sie ja immerhin so +viel Freiheit des Handelns wie ich, und ich sagte ihnen +das auch. Maidi konnte aber bei einem solchen Gespräch +<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">218</a></span>aus aller glücklichen Heiterkeit heraus ernst +werden und leise den Kopf schütteln, denn sie wußte +gut genug, was es mit den unbegrenzten Lebensmöglichkeiten +und der Freiheit auf sich hat. Das +Furchtbarste konnte plötzlich wahr werden und auf +dem Wege stehen unausweichlich; einzig tätig zu sein +und unablässig den Schatz in sich selbst zu vermehren +durch Lernen und Arbeiten, gab etwas wie eine +Sicherheit.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Wir waren eine Zeitlang wegen anhaltend regnerischen +Wetters nicht mehr ausgeflogen; jetzt hatten +kräftige Winde den Boden wieder aufgetrocknet, +und ich sehnte mich darnach, einen tüchtigen Marsch +zu machen und zugleich einen jungen Buchenwald, +den ich besonders liebte, wieder zu sehen. Denn er +mußte, da es Frühling war, während des Regenwetters +grün geworden sein, und ihn so im ersten +Schmuck zu sehen, wollte ich mir nicht entgehen +lassen. Ich kam mit Olbrich aus einer Singstunde, +und wir lenkten fast von selber unsere Schritte +an dem Haus vorbei, in dem Maidi wohnte. „Vielleicht +ist sie noch auf, und wir können sie fragen,“ +sagte ich; denn es war selbstverständlich, daß sie an +dem Gang teilnehmen mußte. Aber ihre Fenster +in der Mansarde des kleinen Hauses waren schon +dunkel, nur unten schien noch Licht durch geschlossene +Fensterladen, und als wir näher kamen, hörten wir +ein Kinderweinen. Da kamen auch gerade eilige +Schritte hinter uns her, und als sie uns einholten, +war es Rosa, das Dienstmädchen der jungen Pfarrerswitwe, +der das Häuschen gehörte, und bei der +Maidi in Kost und Wohnung war. Sie kannte +<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">219</a></span>uns gut, denn sie hatte uns schon manchesmal die +Treppe zum Oberstock hinaufgeleuchtet; besonders +mir, von dem sie wußte, daß ich Maidis Landsmann +und Kindheitsbekannter war, galt ihr halb vertraulicher +Gruß.</p> + +<p>Sie sagte unaufgefordert und etwas erregt, das +Fräulein sei unten in der Kinderschlafstube. Es sei +eines der Kinder erkrankt, und die Mutter sei auf +zwei Tage verreist; nun habe sie, Rosa, in die +Apotheke gehen müssen, um ein Mittel, das die Frau +gewöhnlich anwende, zu holen, da es gerade nicht +im Hause gewesen sei; das Fräulein aber sei einstweilen +bei den Kindern geblieben, die ohnehin an +ihr hängen, fast wie an der Mutter, oder doch +wenigstens wie an ihr, der Rosa.</p> + +<p>Ich hörte nur halb nach dem Bericht hin, da mich +nur das eine daran interessierte, daß Maidi noch +auf und also zu sprechen sei und sagte der Rosa, +wir hätten etwas Dringendes zu fragen, worüber +sie sich trotz der späten Stunde nicht besonders +zu wundern schien. Sie ließ uns ins Haus und ins +Wohnzimmer eintreten, und bei dem Geräusch unserer +Schritte und Stimmen kam Maidi aus dem +anstoßenden Schlafzimmer, um zu sehen, was es +gebe. Sie hatte das kranke Kind auf dem Arm; es +war in eine leichte Steppdecke eingewickelt und hatte +das Köpfchen auf Maidis Schulter liegen, hob es +aber auf, um uns neugierig anzublinzeln und hielt +mit dem kläglichen Weinen, das wir eben noch gehört +hatten, eine Weile ein, da es über dem neuen Anblick +sein Übelbefinden auf kurze Zeit vergaß. Erst +an Maidis erstaunten und etwas erschreckten Augen, +die zu fragen schienen, was es denn so spät noch +<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">220</a></span>gebe, fiel es mir ein, daß der Besuch zu dieser +Stunde nicht üblich sei, und ich brachte unser Anliegen +schleunigst vor, um wenigstens einen triftigen +Grund dafür angeben zu können. Da brach +Maidi in ein herzliches Lachen aus, das mich +aus der kleinen Verlegenheit erlöste, wie schon oft +in ähnlichen Fällen, und sagte: „Gott sei Dank! +Ich habe schon an irgendein Unglück gedacht, das +ich heute nacht noch erfahren sollte; es geschehe nichts +Schlimmeres als das. Wohin soll's denn gehen? +Natürlich gehe ich mit, ich habe lang genug keinen +frischen Wind mehr gespürt.“</p> + +<p>Das Kind hatte offenbar aufmerksam zugehört, +aber nur das eine aus Maidis Rede entnommen, +daß sie irgendwohin mitgehen wolle; nun brach es +aufs neue in einen hilflosen Jammer aus, umklammerte +mit beiden Armen ihren Hals und schluchzte: +„Nein, du sollst nicht mitgehen, du sollst dableiben,“ +welche Worte es nun unaufhörlich wiederholte in +immer kläglicheren Tönen. Maidi setzte sich mit +dem Bübchen aufs Sofa, bettete es bequem auf +ihren Schoß und sagte tröstlich: „Nein, nein, ich +gehe ja nicht fort, ich bleibe bei dir,“ und trocknete +das tränennasse Kindergesicht mit ihrem Tüchlein, +fortwährend sanfte, liebkosende Worte oder Laute +halb singend und halb sprechend dabei hervorbringend, +was alles miteinander unbeschreiblich lieblich +anzusehen und anzuhören war. Sie hatte ein weiches, +hellblaues Morgenkleid an, in dessen Falten +das Bübchen lag wie in dem Mantel einer Muttergottes +auf einem Altarbild, und ich hätte mich am +liebsten behaglich niedergelassen, um das holde +Schauspiel recht ausführlich zu genießen; es kam +<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">221</a></span>aber unversehens auf bloßen Füßen der Bruder +des Schoßkindes aus dem Schlafzimmer gepatscht +und rief zornentbrannt: „Geht doch fort, geht doch +heim,“ denn er meinte, eben aus dem Schlaf erwacht, +wir hätten den ganzen Jammer veranstaltet. Maidi +zog auch den andern Hemdenmatz mit der freien Hand +an sich und redete ihm zu, ins Bett zurückzukehren, +es seien lauter gute Leute hier, wir fühlten uns +aber dann doch überflüssig und nahmen Abschied. +Das heißt, das Ganze, sowohl das Kommen, als +das Bleiben und Gehen ging von mir aus, denn +Olbrich hatte sich bei allem ganz als Zuschauer betragen, +was sonst seine Art nicht war. Ich sah ihn, +als ich ihm zum Aufbrechen winkte, am Fenster +stehen, die Augen ganz versunken auf der kleinen +Gruppe liegend, und ebenso versunken, wie ein Nachtwandler, +gab er Maidi die Hand zum Abschied; +die ganze Abmachung hatte er mir überlassen.</p> + +<p>Auf der Straße ging er eine Weile stumm neben +mir her, dann sagte er wie beiläufig: „Ich habe noch +vergessen, dir zu sagen, daß der Chef mir die erledigte +Stelle in der philologischen Abteilung des Verlags +angeboten hat. Sie ist auf Dauer; ich müßte mich +auf eine Reihe von Jahren verpflichten.“ „Und?“ +fragte ich gespannt; es war mir aber kaum zweifelhaft, +daß sich der Vogel, der schon lange die Schwingen +zum Weiterfliegen hob, nicht würde anbinden +lassen, so verlockend manchem andern das Anerbieten +gewesen wäre.</p> + +<p>„Ach, ich weiß noch nicht,“ sagte er, und es +war, als unterdrücke er eine heftige Bewegung, +irgendeine Ungeduld oder dergleichen. „Frage mich +nicht. Wenn ich es dann selber weiß, sage ich's +<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">222</a></span>dir. Es hängt noch von einer Sache ab, die zuerst +entschieden sein muß.“</p> + +<p>Ich hätte dennoch gern gefragt, welche Sache +das sei, denn es schien mir seit einiger Zeit, als +trage er etwas mit sich herum, das ich wissen müsse. +Er war wechselnd in seinem Wesen geworden, oft +zerstreut und wie gedankenabwesend, lässig und weich +im Gegensatz zu seiner sonst straffen, herrischen Art +und in Gesellschaft schweigsam, was er denn mit +Willen wieder alles von sich warf, um lustig und +übermütig zu sein, so daß ich mich nicht recht mit +ihm auskannte.</p> + +<p>Er fing aber plötzlich an, lange Schritte zu machen +und verabschiedete sich bald von mir, so daß ich nicht +mehr zum Wort kam und meinen Weg nachdenklich +allein fortsetzte, denn der richtige Grund für sein verändertes +Wesen war mir noch nicht eingefallen.</p> + +<p>Es hat mich nachher oft gewundert, daß ich +so blind gewesen sei, nicht zu merken, wie er ganz +in Liebe für Maidi erglüht war, und ich konnte +es mir dann nur dadurch erklären, daß ich ihn bei +früheren Liebessachen so ganz anders gesehen hatte: +spielerisch, übermütig und in strahlender Laune, die +nur freilich bald in Unlust oder Langeweile überging, +da ihn noch nichts recht auf die Dauer gefesselt hatte. +Aber es war auch allerdings noch keine Maidi dabei +gewesen.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Am andern Tag sagte Olbrich über das Pult +herüber, an dem wir beide arbeiteten: „Wartet morgen +früh nicht auf mich, ich habe anders über den +Sonntag verfügt und kann nicht mitkommen.“ Ich +sah enttäuscht und etwas geärgert auf und hatte eine +<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">223</a></span>scharfe Entgegnung über seine schwankenden Launen +auf der Zunge, unterdrückte sie aber, als ich sein +bleiches, überwachtes Gesicht sah, aus dem die Augen +in einer fremden Glut heraus brannten. „Bist du +krank?“ fragte ich unwillkürlich, aber er schüttelte +den Kopf und lächelte mich an, wie er ganz selten tat, +und wie es jedesmal mein ganzes Herz gewann.</p> + +<p>„Armer Kerl, ich plage dich,“ sagte er gedämpft, +daß die Herren im nächsten Zimmer es nicht hören +sollten, „doch auch mich selber. Warte noch ein +Weilchen, es wird dann schon wieder recht.“ Und ich +war zufrieden und dachte, er sei ja doch mein Herzensfreund, +es solle mich nichts an ihm stören; es tat +mir aber leid, daß wir morgen nicht zu dreien ausflogen, +denn man konnte nicht wissen, wie lang +wir einander noch in der Nähe hatten.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Ich nahm mir vor, mit Maidi von Olbrichs +verändertem Wesen zu reden; ich wollte wissen, ob +sie es auch bemerkt habe; es mußte ja der Fall sein, +sie konnten es für gewöhnlich gut miteinander, ja +so gut, daß ich schon manchmal mit einer kleinen +Eifersucht neben ihnen hergegangen war, wenn sich +ihr lebhaftes Gespräch um Dinge drehte, die mir +im Leben verschlossen geblieben waren. Es hatte +aber nie lang gedauert, denn Maidi spürte es immer +gleich, wenn ich nicht ganz mit im Takte ging und +wechselte den Schritt mir zuliebe, auch in der Unterhaltung.</p> + +<p>Es kam aber ganz anders an diesem schönen +Morgen, als ich gedacht hatte. Ich traf Maidi zwar +sonntäglich angetan, aber noch nicht wandermäßig +<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">224</a></span>gerüstet und sagte scherzend, es sei gut, daß Olbrich +nicht dabei sei, der das Warten nicht gut ertragen +könne. Er gehe nämlich nicht mit.</p> + +<p>„Ja, ich weiß,“ sagte Maidi, „er hat es mir +mitgeteilt. Sie müssen aber heute den schönen Wald +auch von mir grüßen, denn ich kann leider auch +nicht ausfliegen. Ich hatte mich schon so gefreut, +aber es ist nichts. Die Frau Pfarrer ist unterwegs +aufgehalten worden und kommt erst morgen zurück. +Und das Kind ist immer noch nicht wohl; es hat +eine schlechte Nacht gehabt, und ich bin nicht ruhig, +wenn ich gehe.“ Sie sah mich dabei lieb und klar +an, aber sie war blaß und hatte dunkle Ringe unter +den Augen, die freilich vom ungewohnten Schlafbrechen +kommen konnten, die mich aber plötzlich an +Olbrichs gleichfalls schlechtes Aussehen mahnten und +einen Zusammenhang damit zu haben schienen. +Wenigstens schoß mir in der großen Enttäuschung, +die mir Maidis Absage schuf, und dem Ärger, den +ich darüber empfand, ein ungewohntes Mißtrauen +durchs Herz und eine Lust, ihr weh zu tun. Ich +sagte bissig, es scheine sich ihr nicht mehr zu lohnen, +mit mir allein zu gehen. Das Kind werde so gefährlich +krank nicht sein, und je nachdem Leute mitgegangen +wären, hätte sie es auch wohl verlassen, sie +sei ja nicht seine Kinderfrau. Maidi zuckte zusammen +wie unter einem Schlag, und ehe sie es verhindern +konnte, schossen ihr Tränen in die Augen, was ihr +wohl nicht geschehen wäre, wenn sie nicht durch Sorge +und Nachtwachen übermüdet gewesen wäre. Sie fand +in ihrem schmerzlichen Schreck bei meinem Überfall +nicht gleich ein Wort der Entgegnung und sah mich +blaß und hilflos an; aber ich spürte plötzlich eine +<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">225</a></span>brennende Eifersucht in mir, die mich blind machte +gegen ihr rührendes Bild, denn es dünkte mich, da +sie nichts erwiderte, als ob ich recht hätte und sie +Olbrichs wegen zu Hause bliebe, ja es dämmerte mir, +die beiden hätten sich verabredet hinter meinem +Rücken, heute ohne mich beisammen zu sein, was +alles mich aus blauer Luft anfiel und mich peinigte +wie ein Hornissenschwarm, so daß ich alles vergaß, +Respekt und schuldige Ehrerbietung sowohl als +Freundschaft, Liebe und Zutrauen. Ich wußte mich +gar nicht zu wehren, denn es war mir selber alles +neu, und ich hätte vielleicht ungeheure Beschuldigungen, +die ich innerlich erhob und zu denen ich gar kein +Recht hatte, hervorgestoßen, wenn mir nicht Maidi +die Hand auf den Arm gelegt und mich flehentlich +angesehen hätte.</p> + +<p>„O still,“ sagte sie leise und mit zitternder +Stimme, „so dürfen Sie nicht reden. Es ist nicht, wie +Sie meinen, es ist alles ganz anders.“</p> + +<p>Auf ihrem Gesicht kam und ging eine schnelle +Röte, und es liefen ihr ein paar Tränen herunter, +die sie nicht aufhalten konnte; ich sah an allem, daß +sie litt, und das tat mir sonderbar wohl, denn ich +litt ja auch.</p> + +<p>Es kehrte sich aber nun mit einemmal der Stachel +gegen mich selbst, denn ich mußte ihr aufs Wort +glauben und war also ein Unhold gewesen, und sie +konnte nun tief beleidigt sein. Da faßte ich ihre +Hand, die eiskalt war, und sagte bestürzt: „Was +soll ich tun? Ich habe von dem allem vorher nichts +gewußt, es ist auf einmal gekommen.“ Denn ich +meinte, sie habe alle meine Gedanken gelesen, und +es wird wohl auch so gewesen sein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">226</a></span></p><p>Maidi zog leise ihre Hand zurück. Sie lehnte +an der Wand und wartete eine kleine Weile, dann +sagte sie: „Gehen Sie jetzt. Sie müssen gut von mir +denken. Machen Sie einen schönen, weiten Weg.“ +Ich sah sie verlangend an, denn es mußte noch etwas +kommen, aber im Nebenzimmer rief das Bübchen: +„Maidi!“, und sie nickte mir noch einmal zu, ohne +Kränkung jetzt, wie mir schien, gut und ernst, und +ging zu dem Kinde. Das hatte es gut, denn es durfte +unwillig sein und maßleidig bei Tag und Nacht, und +sie blieb doch bei ihm, ja sang ihm Lieder und trug +es herum, ich aber mußte gehen und meiner selbst +Herr werden, es half mir niemand.</p> + +<p>Da hatte ich nun meine Arbeit auf unterwegs. +Am liebsten wäre ich heimgegangen in meine Stube, +aber dort war es nicht anders als draußen, ich +mußte den Tumult in mir anhören und damit aufräumen, +und das war nicht leicht, vielleicht ging es +im Freien doch besser damit. Es läutete auch in die +Kirche, als ich durch die Straßen ging. An einer kam +ich vorbei, dort hatte schon das Orgelspiel eingesetzt, +und viele Menschen gingen in Sonntagskleidern +durch die offenen Türen; es gelüstete mich einen +Augenblick, ihnen zu folgen, denn das Orgelbrausen +lockte mich an, und vielleicht konnte ich das üble Gefühl, +das ich von mir selber hatte, dort drinnen los +werden. Aber ich ging dann doch vorbei und kam ins +Freie und in langem Ausschreiten durch ein Wiesental +und über einen Bach, dessen Ränder ganz gelb von +Dotterblumen waren, an den Berg und auch hinauf +und in den Wald, der richtig im festlichen lichten Grün +prangte und mit den grausilbernen Stämmen dastand +wie eine wartende Hochzeitsgesellschaft. Es standen +<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">227</a></span>Blumen genug dazwischen, Knabenkraut und Leberblümchen +und die lieben blauen Sterne der Szilla, +die hatte ich heute wieder begrüßen wollen nach dem +langen Winter und mit den Freunden den Frühling +feiern. Der war auch da und war so schön wie je. +Buchfinken saßen auf schwanken Ästen und riefen +mir zu: „Jetzt, jetzt bin i wieder kreuzfidel,“ wie wir +bei uns daheim ihren Schlag deuteten; und Ammern +pfiffen: „d' Zit isch do, d' Zit isch do.“</p> + +<p>Aber es war alles ganz anders, als ich gemeint +hatte und auch als ich sonst je erfahren hatte. +Wie konnte das sein, daß man morgens aus dem +Haus ging mit ruhigem und freudigem Gemüte +und einen schönen Tag vor sich zu haben glaubte +mit dem liebsten und feinsten Mädchen, das es +gab, und daß auf einmal Brunnen in einem aufbrachen, +die ein dunkles und bitteres Wasser ausströmten, +und Mißtrauen das Haupt erhob, wo man +einig und voller Freundschaft gewesen war? Und +wo kam es her, daß man einem Menschen, dem man +alles Liebe hätte antun mögen, weh tat, fast mit Lust?</p> + +<p>Nun ging ich hier durch die lichten Hallen des +Frühlingswaldes und war unglücklich genug und hätte +gern jemanden gehabt, dem ich die Schuld daran hätte +geben können. Aber es gab niemanden als mich +selbst, und doch war mir alles fremd. Da suchte ich in +mir selber, ob ich es fände, und es fielen mir ein +paar Gelegenheiten ein aus meiner Kindheit, wo +ich in plötzlichem Zorn einmal meine Schwester Helene +geschlagen und einmal meiner Mutter ein abscheuliches +Wort gesagt hatte und auch nachher unglücklich +gewesen war. Meine Mutter hatte damals gesagt, +ich soll mich vor dem Zornteufelchen in acht nehmen, +<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">228</a></span>das nur leise in mir schlafe, und hatte mich ein +Verslein oder Gebetlein gelehrt, das dahin lautete, +Gott solle mich zu einem frommen Kind machen +oder sonst lieber gar nicht aufwachsen lassen.</p> + +<p>Aber ich war jetzt doch da und konnte nicht wissen, +was für dunkle Ungetüme noch im Untergrund meines +Wesens auf ihren Augenblick warteten. Vielleicht +mußte ich einmal einen Menschen totschlagen +oder einen Meineid schwören, obgleich ich weder das +eine noch das andere wollte, es konnte mich aber +ebenso dunkel überfallen. Das Schicksal konnte es +wollen, und nachher mußte ich bezahlen. Da kam ich +mir schuldig und unschuldig in einem vor, es verlangte +mich aber nach einer Freisprechung, und zwar +durch Maidi selber, die doch den dunklen Brunnen +in mir entriegelt hatte, wenn auch ohne ihr Wissen. +Sie mußte mir wieder gut sein, das war die Hauptsache. +Denn das fühlte ich durch alles hindurch, sie +gehörte zu mir und meinem Leben; ich mußte Teil +an ihr haben und durfte ihr nicht fremd werden. +Es war ja schon das Ende ihres Aufenthalts in der +Stadt abzusehen; dann ging sie vielleicht fort, irgendwo +hin, wo ich ihr nicht folgen konnte, und gewann +neue Freunde und gab sich vielleicht auch einem +Mann zu eigen für ganz. Es fiel mir ein, daß sie +mir von ihrer Mutter erzählt hatte, die aus Amerika +glückliche Briefe schrieb, trotzdem sie den Mann +unheilbar siech angetroffen hatte. Es war alles +ausgelöscht, was jemals Dunkles zwischen ihnen gestanden +hatte, und die Frau trug nun ihre Liebe wie +eine Dornenkrone, die ausgeschlagen hat und rote +Blüten trägt, so sehr war alles Geistige, Unvergängliche +daran aufgeblüht.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">229</a></span></p><p>Maidi hatte dieser Erzählung hinzugefügt, sie +bitte der Mutter nun alles ab, was sie je bitteres +über sie gedacht habe, denn sie sei ja einfach ihrem +Schicksal gefolgt oder ihrem Herzen, was dasselbe +sei, und jeder rechte Mensch müsse das tun. „Obgleich +ich hoffe,“ hatte sie hinzugesetzt, „daß es mir +einmal nicht so schwer gemacht wird.“</p> + +<p>„Ja,“ dachte ich nun im Weitergehen, „dir wird es +wohl leichter gemacht werden, denn wer einmal etwas +so Köstliches zu eigen hat, wie dich, der läuft nicht +mehr davon.“</p> + +<p>Aber daß ich sie selber gewinnen wolle mit allen +Kräften und aller Einheit meiner Sinne und Gedanken +und sie mein Herrlichstes sein lassen, für das +ich arbeiten und mich höher spannen wolle, und das +mir auch mehr sei als alles Äußerliche sonst, das +war noch nicht in mir geboren. Ich schaute an ihr +hinauf, weil sie so tüchtig und freudig und sicher +war und so frei und vornehm ihres Weges ging, +und es war mir wohl, wenn ich bei ihr sein und ihr +alle meine Gedanken ausbreiten konnte.</p> + +<p>Es nahm auch mehr und mehr die schöne Frau, +die später in meinem Haus und Garten umhergehen +sollte, ihre Gestalt und ihre Züge an und trug den +schmalen Gürtel aus alter Silberschmiedearbeit, der +fast immer Maidis Kleider zusammenhielt und ein +altes Familienerbstück war. Das konnte ich mir +alles ausdenken, aber wenn ich mit ihr einen Tag +verwanderte oder einen Abend in ihrem hübschen +Wohnzimmerchen war und ihren fleißigen Händen +zusah, die fast immer noch etwas zu tun hatten, dann +dachte ich nicht an die Zukunft, und es war alles gut +und recht, wie es war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">230</a></span></p><p>Meistens war ja auch Olbrich dabei, und wir +waren ein feines Kleeblatt, das man am besten noch +lange so ließe. Aber der war von irgend etwas verscheucht +und verstört, und ich hatte Maidi gekränkt +und beiden mißtraut; da überfiel es mich von neuem, +daß ich mich hätte ohrfeigen können und daß ich mich +gern hätte trösten lassen, beides in einem. Ich +schritt weit aus mit langen Schritten, als ob ich so +schneller zu ihr käme, und brach ein paar hellgrüne +Zweige von Buchen und Birken, die wollte ich ihr +mitbringen.</p> + +<p>Aber als ich mit sinkender Nacht müde und verlangend +und doch auch gesänftigt und mit frischen +Bildern gefüllt in die Stadt zurückkam und das Haus +aufsuchte, in das es mich zog, sah ich unten in dem +Wohnzimmer der Pfarrerswitwe Olbrich am Fenster +stehen, wie am vorletzten Abend. Er kehrte den +Rücken nach der Straße und sprach ins Zimmer +hinein. Ich hörte gedämpfte Laute seiner Stimme +und auch irgend ein Gemurmel, das ihm antwortete. +Oben war es dunkel.</p> + +<p>Da überfiel mich von neuem das grimmige und +wütende Mißtrauen, als ob sich die beiden über mich +hinüber zusammengeschlossen und mich ausgetan und +belogen hätten. Es flammte ein roter Zorn in mir +auf, durch den hindurch nur undeutlich Maidis lautere +und klare Augen leuchteten, die nicht lügen +konnten, und Olbrichs aufrechte und stolze Art, die +sich nicht versteckte, wenn sie etwas wollte.</p> + +<p>Ich machte ein paar Schritte auf das Haus zu. +Die Tür war verschlossen, und als ich den großen +Messinggriff in der Hand hatte, kam eine kalte und +schmerzhafte Stimmung über mich. Ich wollte nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">231</a></span>hineingehen, sondern meinen Strauß an die Tür +stecken zum Zeichen, daß ich dagewesen sei und alles +wisse. Aber als ich das getan hatte, kehrte ich wieder +um und holte ihn, und unterwegs warf ich die zarten +und lichten Zweige, die schon ein wenig in sich zusammengesunken +waren, auf die Straße. Ich ging +auch nicht heim in meine Wohnung, sondern in ein +Wirtshaus. Da saß ich allein an einem Tisch, trank +Bier und nachher noch Wein, war grob gegen die +Kellnerin, die ein wenig zutraulich sein wollte, und +gab mich unguten Gedanken und Gefühlen kampflos +hin. Zum Beispiel fiel mir wieder ein, daß beide, +Maidi und Olbrich, aus einer andern Kaste stammten +als ich, und daß sie von Kindheit an große Vorsprünge +vor mir hätten, die ich nie einholen konnte. +Sie kannten die Geheimsprache, wie ich es nannte, +wenn jemand im Besitz einer guten Erziehung alle +Umgangs- und Lebensformen leicht und spielend +beherrschte, was ich freilich auch gelernt hatte, was +mir aber nicht angewachsen war. Sie aber hatten alles +mit der Muttermilch und mit jedem jungen Atemzug +eingesogen. Und sie hatten eine sogenannte Familie, +von der man reden und die man aufzählen +konnte mit guten Namen und Titeln. Vielleicht +wollten sie einander heiraten, das konnte ihnen ja +kein Mensch verbieten, und sie würden es mir morgen +mitteilen und sagen, daß ich der Nächste dazu sein +solle. Dann durfte ich dabei stehen und zusehen; +das war übel und nicht auszuhalten.</p> + +<p>Es meldete sich leise durch den Dunst und Nebel +meiner Gedanken, daß Maidi oft und gern mit mir +von meinen Schwestern redete, die sie gut kannte +und hie und da aufgesucht hatte, und daß sie mich +<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">232</a></span>antrieb, ihnen oft zu schreiben und sie sogar grüßen +ließ. Aber ich warf ein, daß das ein Almosen sei, +welches ich nicht begehre, und daß sie immer nur, +wenn wir allein gewesen seien, mit mir von meiner +Heimat gesprochen habe. Das war mir sonst besonders +traulich und lieb gewesen und wie ein Geheimbesitz +zwischen uns beiden, aber ich war in der Stimmung, +aus allem Gift zu saugen, und kam immer +tiefer in einen dumpfen und bitteren Jammer hinein, +in dem mir zuletzt die weggeworfenen Zweige +das Jämmerlichste und Quälendste waren, da sie +lebendig und ganz schuldlos im Straßenstaub lagen +und zertreten wurden. Ich schrak auf, als die Kellnerin +fragte, ob ich noch etwas trinken wolle. Das +Lokal war leer bis auf mich, und die Kellnerin sah +verschlafen aus und hoffte, ich würde gehen. Da tat +ich ihr den Gefallen und zahlte, ging durch die +menschenarmen Straßen nach Hause und ins Bett, +schlief und hatte unruhige Träume, und kam am andern +Morgen bedrückt und armselig ins Geschäft. +Da dachte ich Olbrich in Glanz und Sieghaftigkeit zu +finden, wovor ich mich am meisten fürchtete. Er war +aber gar nicht da, und als er den Tag über nicht kam, +fragte ich die Kollegen, ob sie nichts von ihm wüßten, +und einer sagte, er sei frühmorgens dagewesen und +habe den Chef um ein paar Tage Urlaub gebeten und +sie auch erhalten.</p> + +<p>Es handle sich um eine auswärtige Stelle als +Privatsekretär bei einem politisch großen Tier, für +die er vorgeschlagen sei und die er zu erlangen trachte, +setzte der Wissende geheimnisvoll hinzu; er hatte es +zufällig aufgeschnappt. Für die Stelle am philologischen +Verlag sei bereits ein anderer Herr vorgemerkt, +<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">233</a></span>Olbrich nehme sie nicht an. Da mischte sich ein anderer +ins Gespräch und sagte, das alles müsse ich doch +eigentlich wissen, da ich ja der intimste Freund von +Olbrich sei, und ich schwieg dazu, da konnten sie +denken, was sie wollten. Am Abend lag ein Briefchen +von Maidi auf meinem Tisch. Ich konnte es +kaum öffnen vor Herzklopfen und wartete auf irgend +ein Beil, das nun auf mich niedersausen würde. Sie +schrieb aber nur, ich möchte sie diese Woche nicht besuchen, +da sie nicht ganz wohl und etwas überanstrengt +sei und dabei eine besonders vollbesetzte Woche +in der Schule habe, und fügte dann hinzu: „Ich +freue mich, bis wir wieder einmal miteinander wandern, +in den Frühling hinein. Es ist mir, als liege +noch der ganze Winter auf mir. Maidi.“</p> + +<p>Da wußte ich mir gar keinen Vers mehr zu +machen, denn es lautete nicht nach Glückseligkeit und +triumphierendem Kräfteüberschwang, wie ihn die Liebe +gibt, und aber auch nicht nach Gleichgültigkeit oder +unvergebener Kränkung. Sondern es lag etwas auf +Maidi, das sie selber tragen mußte, und vielleicht +war es nur Müdigkeit, vielleicht aber auch etwas +anderes. Aber sie freute sich, bis wir wieder miteinander +wanderten und war lauter und klar gegen +mich. Olbrich aber ging fort, und wahrscheinlich hatte +ich ihm auch unrecht getan, und er hatte auch eine +Last auf sich und hatte mich vielleicht bei Maidi zu +finden geglaubt. Ich wußte nicht, wie ich in die ganze +Wirrnis hineingeraten war und wartete sehnlich, +bis mein Freund wieder komme.</p> + +<p>Aber als er da war, schien er mir gar nicht mehr +derselbe zu sein wie vorher, und ich wünschte fast, er +möchte mich wieder mit wechselnden Launen quälen, +<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">234</a></span>zwischen denen dann doch immer wieder sonnige und +goldene Augenblicke herausgeschienen hatten.</p> + +<p>Jetzt ging er straff und stählern einher, geschlossen +und gepanzert, arbeitete rastlos und wie für drei +und betrieb daneben die Vorbereitungen für seine +Abreise, denn er hatte die Stelle erhalten, um die er +sich beworben hatte, und mußte sie bald antreten. +Im Geschäft ließ man ihn ungern gehen, und doch +mit der kurzen Kündigungsfrist, die er brauchte, denn +er war kein Mensch, den man halten konnte. Ich +aber fand mich nicht mit ihm zurecht; es schien, als ob +unsere Freundschaft irgendwo begraben oder in weiter +Ferne läge; ich hatte aber keine Macht, sie aufzuwecken +oder herbeizuholen.</p> + +<p>Manchmal fing ich einen Blick auf, den Olbrich +zu mir hersandte, und wußte mir auch den nicht zu +deuten; denn er war spöttisch oder bitter und ein +wenig von oben herab. Aber ich fand nicht das Wort, +ihn zu fragen: Warum siehst du mich so an, und was +ist mit dir? Denn es kam mir alles verhext und +verzaubert vor, und ich litt es eine traurige Woche +lang. Abends war ich immer allein. Da nahm ich +das eine oder andere Buch in die Hand, las eine +Weile darin und stellte es wieder zurück und schrieb +einmal an meine Schwestern. Helene hatte voriges +Jahr ein Kind bekommen und erwartete das zweite. +Und Luise bügelte, wie immer. Ich schrieb, daß ich +im Sinn habe, an Weihnachten heimzukommen, und +es lief mir allerlei Anhängliches, Warmes in die +Feder, was sonst kaum geschah. Dann ging ich wohl +noch aus und kehrte bald wieder zurück und kam mir +wie auf einem fremden Stern vor. Denn so wenig +ich es schwer nahm, einmal rücksichtslos und gleichgültig +<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">235</a></span>gegen die zu sein, die mich liebten, und die auch +ich zu lieben meinte, so wenig ertrug ich es, wenn es +mir von andern widerfuhr. Am Sonntag hoffte ich, zu +Maidi zu gehen und ihr alles zu sagen. Aber es +kam ein Briefchen von ihr mit wenigen Worten. +Sie fuhr mit der Pfarrerswitwe und den Kindern +zu deren Verwandten aufs Land und kam erst Montags +wieder. „Es ist ein Genesungsausflug,“ schrieb +sie, „nun bin ich bald wieder die Alte.“ Ich hatte mir +aber jetzt ernstlich vorgenommen, mit Olbrich zu reden; +es war unwürdig und ging nicht länger, wie es war.</p> + +<p>Da pfiff er am Samstag Abend unter meinem +Fenster, ganz wie sonst. „Machst du einen Lauf mit +mir?“ fragte er. „Es ist so schön stürmisch.“ Das +war es. Der Wind trieb die Wolken vor sich her und +sang sein Lied in den Bäumen des Gartens, auf den +jenseits der Straße der Blick aus meinen Fenstern +ging. Es war eine laue und lebendige Nacht. Der +Wind kam aus Südwesten, und vielleicht regnete es +morgen oder auch heute noch. Ich war in einer +Minute unten, und wir machten lange Schritte nebeneinander +her; geredet hatten wir noch nichts; es hatte +ja Zeit. „Ich denke, wir gehen aufs Schwalbennest,“ +sagte Olbrich, als wir in einer Vorstadtstraße waren. +„Das ist ein gutes Stück zu gehen und nachher ein +gemütlicher Sitz in der Wirtsstube. Ich will der +Friedel noch ein Andenken geben, sie hat sich immer +gut zu mir gestellt.“</p> + +<p>Dann gingen wir wieder schweigend nebeneinander +her, lange. Es ging zuerst auf der Landstraße hin +zwischen Pappeln, die sich im Winde bogen und ihre +langen Haare schüttelten, dann durch ein Dorf und +dahinter eine Anhöhe empor. Ganz oben sah uns +<span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">236</a></span>ein Licht entgegen; es hielt jemand eine Laterne in +der Hand und ging damit um ein Haus herum, das +schwach erhellt zwischen Bäumen lag. Da sagte Olbrich: +„Du hast mich nicht gefragt, und es ist gut gewesen, +daß du es nicht getan hast. Wir feiern aber +heute meinen Abschied, und es ist mir lieb, wenn du +gut an mich denkst, denn ich habe dich gern, trotz – +hm, trotz manchem. Ich muß dir etwas sagen, so lang +es noch dunkel ist. Ich habe Gehen oder Bleiben auf +eine Karte gesetzt, und sie hat auf Gehen entschieden. +Es ist aber sonst noch allerlei drum und dran, und, +kurzum, es hat mich ein Mädel ablaufen lassen, das +ich gern geheiratet hätte. Das hätte mir nicht +passieren sollen. Es hat einmal jemand zu mir gesagt, +ein rechter Mann frage da nicht an, wo er nicht +sicher sei, kein Nein zu bekommen. Der hat recht gehabt. +Es ist ein verdammtes Gefühl. Aber was will +man machen, wenn man eine Entscheidung braucht +und wenn man spürt: Die will ich, oder keine? Ich +habe gemeint, es könne mir nicht fehlen. Sie will +aber noch nichts vom Heiraten wissen, wie sie sagt +und vielleicht auch meint. Es sei ihr noch lang wohl +so. Es ist aber anders, so viel ich gemerkt habe, und +es liegt ihr ein anderer im Sinn. Einer, den sie +vielleicht nicht einmal bekommt, wenn ihm nicht jemand +beizeiten den Star sticht. Denn er ist sonnenblind, +und es muß gut gehen, wenn es gut geht mit +ihm. Sie kann mir eigentlich leid tun, denn sie ist +vom Kopf bis zu den Füßen ein rares Mädchen und +gäbe eine feine Frau. Aber die Mädchen sind manchmal +so, gerade die feinsten; sie fallen auf den Buben +herein, wenn sie den König haben könnten. Na, sie +müssen's ja wissen. – Da ist die Friedel mit der +<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">237</a></span>Laterne. Grüß Gott, Friedel! – Du, höre, drinnen +reden wir dann nicht mehr davon, gelt? Es verträgt +noch nicht viel bei mir.“</p> + +<p>Da gingen wir in die Wirtsstube und setzten uns +an den großen Tisch in der Ecke beim Ofen, wo wir +schon manchmal gesessen waren; es war da aber noch +anders zwischen uns gewesen. Die schwarzhaarige +Friedel trug Wein auf, wie sie es gewöhnt war, und +Olbrich machte ein paar Späße mit ihr, es war aber +nicht viel damit los, und er ließ es bald wieder sein. +Und ich saß stumm und geschlagen daneben, denn es +war ein Blitz durch eine dunkle Landschaft gefahren +und hatte sie auf einen Augenblick erhellt, und ich +wußte und sah alles. Ich hätte so gerne gesagt: Gelt, +es ist Maidi! Aber ich durfte nicht, und es war ja auch +nicht nötig, ich wußte es ohnehin. Und der Bube war +ich, der König aber Olbrich. Denn er war voll hohen +Selbstgefühls und von rasendem Stolz, aber er durfte +es auch sein, denn er hatte Kraft und Willen und +Feuer genug in sich. Und doch hatte Maidi ihn weggeschickt, +und – es quoll etwas Süßes und Holdes +in mir auf – meinetwegen? meinetwegen? Vielleicht +täuschte er sich; sie hatte es ja nicht gesagt.</p> + +<p>Da hob Olbrich das Glas und stieß mit mir an. +„Laß das Nachdenken,“ sagte er. „Es kommt nichts +dabei heraus. Wir wollen heute noch einmal beisammen +sein, wie früher, und dann sehen, was wir +aus uns machen. Vielleicht begegnen wir uns wieder, +und dann sieht jeder, was aus dem andern geworden +ist. Vielleicht auch nicht, denn es gibt so viele Straßen +auf der Welt, und man kann immer nur eine +gehen. Hör' du, da habe ich, glaub' ich, versehentlich +etwas gesagt, was für dich ins Stammbuch paßt. Man +<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">238</a></span>kann immer nur eine Straße gehen und muß wissen, +welche man will. Du denkst immer noch, es stehen einem +alle offen, aber es ist nichts damit. Sondern man +hat es in sich, welche recht ist und passend, und wenn +man eine andere einschlägt, so muß man umkehren, +falls man noch kann. Es ist meistens eine teure Sache. +Ich habe anfangs gemeint, du seiest so einer, der unentwegt +vor sich hin geht in der Zucht und Furcht. +Aber ich denke jetzt ein bißchen anders. Denn du hast +die Augen überall und willst rechts und links zu +gleicher Zeit, und vielleicht machst du noch die dümmsten +Streiche, wer weiß? Na, – du mußt es dann +selber zahlen. Du hast auch kein rechtes Augenmaß +für groß und klein, und vielleicht kommt dir bei einer +Gelegenheit das Beste hinaus, wenn dein Schutzengel +nicht aufpaßt.“</p> + +<p>Er sprach in einem halb ironischen Ton, den ich +gut an ihm kannte, aber heute tat er mir weh. Denn +wir waren nicht beisammen, wie früher, obgleich er es +verheißen hatte; es stand etwas zwischen uns, das +auf keine Weise zu entfernen war; es stiegen bittere +Blasen in ihm auf und zerplatzten ihm auf der Zunge, +und das war nun unser Abschied. Aber ich sah, daß +er litt, und vielleicht hatte er auch in etwas recht +gegen mich, und ich legte ihm die Hand auf den Arm +und sagte: „Vielleicht wird es nicht so schlimm mit +mir. Warum sollen wir uns nicht wiedersehen und +voneinander wissen? Warum sollen wir uns künstlich +meiden, da wir einander doch nichts getan haben? +Es wird ein jeder seine Schwierigkeiten mit sich selber +haben und auch seine Wegweiser. Du hast doch auch +nicht aus dir selber gewußt, was du mußt, sondern +hast ein Mädchen gefragt.“ Als ich das gesagt hatte, +<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">239</a></span>erschrak ich, denn er konnte nun auffahren und es sich +verbitten; aber er lächelte trübe und sagte: „Ja, ja, +die Liebe. Von der verstehst du noch nichts. Wir +wollen einander aber nicht anpredigen, du hast recht, +und auch nicht verlieren. Wer weiß, ob wir einmal +froh aneinander sind, wenn jeder noch ein paar +Dummheiten gemacht hat und es ihm windig zumute +ist.“</p> + +<p>Wir saßen noch lange und redeten noch allerlei, +aber nichts mehr von der Liebe. Er kam in eine größere +Stadt in Bayern und hatte wahrscheinlich ziemlich +viel Reisen zu machen; es tat ihm leid um die alte +Dame, wie er seine Mutter nannte in der Art, wie +die Studenten von ihrem Vater als dem alten Herrn +sprechen (sie war nämlich noch nicht alt, sondern hatte +etwas mädchenhaft Zierliches im Wuchs und reiches +blondes Haar). Sie vermißte ihn natürlich, und ich +sollte sie besuchen; aber sie war keineswegs ängstlich, +ihn von sich zu lassen, sondern machte nur den Herzbändel +etwas länger, der nie zerreißen konnte. Ich +war froh, ihn von dem allem reden zu hören und +sagte selber nicht viel. Denn wovon hätte ich reden +sollen? Ich hatte genug zu denken. Ich hätte eine +ganze Nacht hindurch gehen können und hätte noch +nicht alles bedacht, was in mir stürmte durcheinanderhin. +Wir waren kein Kleeblatt mehr, und Olbrich +ging verwundet in die Welt hinaus. Vor mir selber +aber tat sich eine neue Landschaft auf, die mich entzückte +und schreckte zu gleicher Zeit, weil mein Freund +neben mir saß und daraus verwiesen war.</p> + +<p>Die junge Friedel, die Nichte der Wirtin, ging +mit Tränen in den Augen hin und her und setzte +sich auch eine Weile zu uns, denn sie war immer +<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">240</a></span>gut Freund mit Olbrich gewesen, und er küßte sie zum +Abschied und hängte ihr einen Achatstein an einem +Silberkettlein um den Hals, damit sie hie und da +an ihn denke. Da lehnte sie den Kopf an den Türrahmen +und weinte leise und herzlich; wir aber +gingen durch die brausende Frühlingsnacht den Berg +hinunter und in die Stadt. Dort trennten wir uns; +ich sah meinem Freund nach, so lang ich konnte und +hörte dann noch im Dunkeln seinen Schritt hallen; +es wäre mir beinahe auch so gegangen wie der Friedel. +Er war in allem anders als ich und war oft +schroff und launisch gegen mich gewesen; ich konnte +niemals mit ihm gleichen Schritt halten, und es lag +in unserer Natur und war unser Schicksal, daß unsere +Wege sich trennen mußten. Aber mein Herz hing doch +an ihm, und es ging ein Stück Leben und Jugend +von mir fort; es blies irgendwo ein kalter Wind herein, +der kam durch die Lücke, die er gemacht hatte.</p> + +<p>Als ich in mein Zimmer kam, lag eine Karte auf +dem Tisch, die war von Herrn Kasimir Hagenau, +meinem alten Chef. Er war zur Messe in die Stadt +gekommen und war nun dagewesen und lud mich auf +morgen in sein Gasthaus zum Mittagessen ein. Da +trat nun das Alte wieder in mein Leben, an das ich +meiner Art nach nicht mehr sehr viel gedacht hatte. +Doch hatten wir immerhin manchmal Briefe gewechselt, +und ich wußte, daß Herr Kasimir eine Vorliebe +für mich bewahrt hatte, die mir angenehm, aber +nicht weiter verwunderlich war. Jetzt, da er wieder +auftrat, freute es mich, mit ihm zusammen zu kommen, +denn ich war im Augenblick etwas anerkennungs- und +anschlußbedürftig, und es war doch ein gutes Zeichen +für mich, daß er mich noch aufsuchte und einlud. +<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">241</a></span>Auch fiel es mir vor dem Einschlafen ein, daß er mich +ja eigentlich seinerzeit zum Wiederkommen aufgefordert +hatte, und ich war neugierig, ob er darauf +zurückkommen würde. Aber das letzte, was mir in den +Schlaf hinein nachging, war Maidi. Sie hatte ein +grünes Kleid an und ein weißes Schleiertüchlein +am Ausschnitt und lächelte mich an. Sie war ein +Königskind, aber ohne Schloß und Land.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Herr Kasimir saß im Lesezimmer des Gasthauses +hinter einer Zeitung, als ich ihn aufsuchte. Er sah +noch aus wie bei meinem Abschied, nur vielleicht +etwas grauer im Haar und Bart und hatte auch +einen kleinen Bauch angesetzt. Als er mich erblickte, +ging sein Gesicht so hell und freudig auseinander, +daß es mich an den Abend erinnerte, an dem die +Bitterolfschen Geschwister angekommen waren; er +stand auf und schüttelte mir beide Hände, so daß ich +fast in Verlegenheit geriet, was ich mit all der Wärme +anfangen solle, denn ganz so herzlich hatte ich mir das +Wiedersehen nicht vorgestellt. Es fand sich aber, +daß es bei Herrn Kasimir mit dem Andenken an seine +Schwester zusammenhing, die er sehr vermißte, und +die mir doch gut gesinnt gewesen war, und als die +Rede auf sie kam, wurde auch ich warm und ein +wenig weich, denn es stieg ein liebes und wertvolles +Bild vor mir auf, wenn ihr Name genannt wurde, +und es war etwas von Heimat für mich um sie her +gewesen.</p> + +<p>Herr Kasimir wischte sich ein paarmal die Augen, +als er mir während der Mahlzeit ungefragt noch +dies und jenes aus Fräulein Brigittens letzter Zeit +<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">242</a></span>erzählte, er hielt sich aber daneben doch wacker ans +Essen und Trinken, so daß es mir fast komisch vorkam, +ihn so die Rührung mit hinunterschlingen zu sehen. +Vielleicht fing er einen unbewachten Blick von mir +auf; denn ich konnte ja meine Gedanken nie verstecken, +und er sagte wehmütig: „Ja, was wollen Sie, +man lebt ja eben weiter, so gut man kann. Ich muß +ja sagen, es kommt Ihnen vielleicht sonderbar vor: +es schmeckte mir trotz alledem, wenn ich so allein am +Tische saß in meinem leeren Hause, ja vielleicht mehr +als früher, weil ich nicht viel anderes hatte, was +mich freute oder anregte bei den Mahlzeiten. Ich +bin ja auch dabei gediehen, wie Sie sehen, und stelle +vielleicht das Bild eines gleichgültigen Selbstlings +vor, was aber nicht ganz stimmt.“</p> + +<p>Es erheiterte mich inwendig immer mehr, mir +den einsamen Mann, dem es aber dennoch trefflich +schmeckte, unter den Bildern der Vorfahren mit den +Perücken und Spitzenmanschetten vorzustellen, wie +sie ihm alle teils mißbilligend, teils wohlwollend zusahen, +bis er sich den Mund wischte und gesegnete +Mahlzeit sagte. Aber nein, er hatte ja niemanden, +zu dem er es sagen konnte, und nun tat er mir wieder +leid, so daß Lachen und Mitleid in mir kämpften. +Ich sagte irgend etwas davon, daß ich mir wohl +denken könne, wie still es nun in seinen Zimmern +sei, worauf Herr Kasimir halb verlegen und halb +triumphierend sagte: Ja, eigentlich sei das zwar +bis vor kurzem so gewesen, aber nun nicht mehr, +denn seit wenigen Wochen sei seine Nichte Eleonore, +die ich ja auch kenne, bei ihm eingezogen und stelle +nun alles auf den Kopf, denn sie wolle ein Haus +machen, was sie auch ausgezeichnet verstehe.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">243</a></span></p><p>Das letztere sagte er mit einem halbanerkennenden +Schmunzeln, wie etwa ein Vater von seinem +Sohn, dem Studenten, sagt: der Tausendsasa verstehe +Geld auszugeben wie ein Alter, wobei man aber +doch merkt, daß das Wohlgefallen daran seine Grenzen +hat.</p> + +<p>Ich war sehr überrascht, die kühle Blonde aus dem +Norden als Dame des Hauses Hagenau vorgestellt +zu bekommen und fragte, ob sie auf längere Zeit dableiben +werde, worauf Herr Kasimir sagte: „Ja, wohl +für immer.“ Sie sei Waise geworden, schon voriges +Jahr, und da ihr einziger Bruder als junger Jurist, +der kaum mit dem Studium fertig sei, nun auch die +Vaterstadt verlassen habe, um das übliche Wanderleben +der ersten Dienstjahre anzutreten, so sei sie zu +ihm übergesiedelt, was für beide Teile das Natürliche +sei. Es kam mir aber nicht vor, als ob er ganz behaglich +von der Sache rede, doch forschte ich nicht +weiter darnach. Es fiel mir wieder ein, wie mühsam +ich einst nach der Gunst oder vielmehr Anerkennung +der jungen Dame gestrebt hatte, und es +schwellte mich ein stolzes Gefühl, zu denken, daß es +damit nun vorbei sei, denn ich war ein gewandter +und vielseitiger Mann geworden, soviel ich von mir +wußte. Ja, es reizte mich in diesem Augenblick, ihr +unter die Augen zu treten und eine hübsche Unterhaltung +leicht und spielend mit ihr zu führen.</p> + +<p>Wie wenn er meinen Gedanken gefolgt wäre, +sagte da Herr Kasimir: „Erinnern Sie sich eigentlich +noch daran, daß wir seinerzeit so halb und halb ausgemacht +haben, Sie müßten zu uns zurückkehren? +Und ist es Ihnen noch so, daß Sie es gerne täten? +Es würde mich freuen, wenn Sie wieder in mein Geschäft +<span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">244</a></span>eintreten wollten. Es ist ja viel kleiner als das, +in dem Sie jetzt sind, natürlich. Aber Sie wissen ja, +das hat seine Vorzüge. Man ist nicht auf eine bestimmte +Arbeit beschränkt, sondern übersieht das +Ganze und hat es in der Hand; es ist anregender und +vielseitiger, und außerdem – ich hätte eigentlich +einen Plan mit Ihnen. Ich möchte es mir allmählich +leichter machen und einen Nachfolger einarbeiten. +Dazu hätte ich Sie im Sinn. Es hängt da so allerlei +drum und dran, was sich vielleicht nach und nach einrichten +ließe. Ich möchte nicht gern verkaufen und +drausgehen; ich hätte lieber die Hände noch darin. +Auch habe ich ungern immer wieder neue Leute. +Und so weiter. Kurzum, Sie würden mir passen. +Überlegen Sie es einmal. Es ließe sich vielleicht einrichten, +daß Sie gar kein Kapital brauchten, sondern +vorläufig bei mir angestellt wären. Später sähe +man dann wieder.“</p> + +<p>Mir hing der Himmel voller Geigen. Am liebsten +wäre ich aufgestanden und zu Maidi gelaufen. Denn +war hier nicht wieder einmal das Zufällige oder Gefügte +mein Freund? Und hatte ich nicht immer gewußt, +daß es bei mir so gehe? Einfach, es lag so in meiner +Lebenslinie. Daneben mußte ich natürlich dennoch +ein tüchtiger Kerl sein und war es auch. Maidi +hätte nur zuhören sollen: „Und kurzum, Sie passen +mir.“ Und so weiter.</p> + +<p>Aber sie hatte nie darauf eingehen wollen, daß +etwas Glückliches irgendwoher kommen konnte, es +mußte immer alles erworben sein. Was mich betraf, +ich ließ mir gern etwas in den Schoß werfen. Das +Haus Hagenau war vornehm, alt, angesehen und +das Geschäft ein Goldgrüblein, wie ich es schon +<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">245</a></span>hatte nennen hören. Ich reiste mit Extrapost in +meinen Gedanken. Daneben sprach Herr Kasimir +weiter. „Wohnung und Tisch im Hause könnte ich +Ihnen freilich vorläufig nicht anbieten; die Umstände +sind nicht so gelegen dafür. Dagegen sind Sie selbstverständlich +stets willkommen als Abendgast und etwa +Sonntags. Ich würde mich immer freuen.“ Jetzt +fuhr wieder er mir zu schnell. Ich hatte ja noch gar +nicht gesagt, ob ich wollte. Ich war hier auch nicht +schlecht angeschrieben. Auch stand mir noch die Welt +offen. Ich machte ein weises und undurchdringliches +Gesicht und sagte, es müsse überlegt sein. Es sei sehr +freundlich von ihm und habe viel Verlockendes, indessen +könne ich nicht nur so handumkehr mein Leben +darauf einstellen. Im Geschäft gebe es ohnehin auch +zur Zeit Veränderungen, und ich habe alle Aussicht, +vorzurücken. Doch wolle ich es mir merken. Es müsse +doch nicht heute entschieden sein? Nein, das müßte +es nicht, doch sollte es auch nicht mehr lang hinausgeschoben +werden. Und, wenn er das sagen dürfe, +Selbständigkeit sei doch auch eine schöne Sache. Ja, +ja, das war es; wenn er nur schon abgereist wäre, +daß ich hätte zu Maidi gehen können. Es brannte +mich; ich dachte in diesem Augenblick nicht an die +trübseligen Tage, die hinter mir lagen, und an alles +Halbdunkle, das zwischen dem letzten Beisammensein +und heute schwebte, und an meinen Freund, der +mit trauriger Bitterkeit und einer Herzenswunde in +die Welt hinausfuhr, sondern nur an Maidis staunendes +Gesicht und an meinen Triumph, und daß wir +alles miteinander besprechen würden.</p> + +<p>Aber ich mußte mich noch eine Nacht und einen +Tag lang gedulden, und als ich am Montag abend zu +<span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">246</a></span>ihr kam, war sie selber voll von einer großen Neuigkeit, +die sie mir erzählen mußte. Einer der Lehrer +an der Kunstgewerbeschule hatte den Auftrag übernommen, +den neuen und prächtigen Landsitz eines +Großindustriellen, der an einem herrlichen Platz im +Gebirge lag, künstlerisch auszuschmücken, und er hatte +Maidi mit noch ein paar andern Schülern und Schülerinnen +der obersten Klasse den Vorschlag gemacht, ihm +dabei zu helfen. Er wollte schon während des Semesters +mit ihnen dahin ausrücken, da er ein paarmal +in der Woche die nicht ganz kleine Fahrt in die +Stadt machen konnte, um seine Stunden zu geben, +und da sie ihre Arbeit als praktische Vorbereitung +auf die Prüfung ansehen konnten. Maidi war voll +brennenden Eifers, mir die Vorzüge dieser Abmachung +auseinanderzusetzen. Sie hatte schöne Entwürfe +für Vorhänge und Wandbekleidungen im +Kopf, und auf dem Tisch lagen geöffnete Mappen +mit Zeichnungen, die sie sich einmal für ein Kinderspielzimmer +ausgedacht hatte: ein Fries mit allerlei +Tieren: Schnecken, Fröschen, Käfern und Schmetterlingen, +und eine Tapete mit Bienen und Hummeln, +die auf Blumen saßen.</p> + +<p>Wenn Maidi etwas Schweres durchgemacht hatte, +wie ich ja annehmen mußte, so kam ihr freilich die +neue Aufgabe mit allen Veränderungen und Kraftanstrengungen, +die sie mit sich brachte, sehr zustatten. +Sie sah auch freudig angeregt aus und kam mir höchstens +etwas schmäler vor, und als ob sie in der +Zwischenzeit noch gewachsen sei, was ja freilich nicht +sein konnte. Ich hielt mich auch nicht mit Betrachtungen +auf, sondern eilte, meine Sache auch anzubringen, +und nun sangen wir wieder einmal ein +<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">247</a></span>Duett, in dem jedes die erste Stimme haben wollte, +denn es war alles neu und wichtig, und jedes mußte +dem andern zugeben, daß es vorwärts ging im Leben, +und daß freilich beides am Werk sei, Glück und Verstand, +aber welches am meisten, das konnte man nicht +ausmessen. Der Professor hatte auch bei Gelegenheit +der Abmachung gesagt, daß er für Maidi bereits +eine schöne Arbeit in Aussicht habe, die sie, wenn +sie wolle, sofort nach der Prüfung, die im Herbst +stattfand, antreten könne. Es war die Stelle einer +Lehrerin an derselben Anstalt, für die sie sich nach +der Ansicht des Professors besonders gut eignen +würde, und die ihr auch einen festen, wenngleich bescheidenen +Grund unter die Füße gab. Das war es +ja, was Maidi gewollt hatte, und ich fragte sie, ob +sie dazu entschlossen sei, die Stelle anzunehmen oder +sich etwa schon verpflichtet habe. Es war aber bis +jetzt weder das eine noch das andere der Fall. Maidi +sagte, träumerisch vor sich hinblickend, sie wolle jetzt +auch einmal eine Weile das Land unbegrenzter +Möglichkeiten vor sich haben, oder ob ich es vielleicht +allein gepachtet habe? Bei dieser Frage sandte sie +mir unversehens einen Blick zu, der mich an die alte +Neckerei erinnerte, die von Olbrich und ihr mit +diesem Wort getrieben worden war, und ich sagte, +eifrig darauf eingehend: „Sehen Sie jetzt, wie schön +es ist, wenn man alles vor sich hat, was einen freuen +kann, aber immer noch frei ist, zu tun, was man will? +Es ist ein so behaglicher Zustand, daß man ihn ausdehnen +sollte, solang es irgend geht.“</p> + +<p>Aber es war nicht ganz das Rechte gewesen, +wie ich merkte, denn Maidi sagte leise und fing an, +die Mappen wieder einzupacken: „Ich habe es ein +<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">248</a></span>bißchen anders gemeint,“ und dabei wurde sie wieder +einmal rot, was ich wohl sah, obgleich sie sich im +Hintergrund des Zimmers an einem Schrank zu +schaffen machte. Sie hatte dieses Kommen und Gehen +der Farbe von jeher an sich, wie sie mir schon erzählt +hatte, und ärgerte sich oft darüber, weil es das geheime +Leben ihres Herzens allzu offenkundig zeigte; +es war aber immer lieblich anzusehen, und ich hätte +es gern häufig hervorgerufen, um sie dann betrachten +zu können. Diesmal aber fiel mir mit Gewalt ein, +was Olbrich mir erzählt hatte und was über all den +Neuigkeiten eine Weile im Hintergrund gestanden +war.</p> + +<p>Ich sah auf einmal Maidi vor mir stehen wie ein +Paradiesgärtlein, in das durchaus nicht jeder eintreten +durfte, aber das in aller Stille für mich erblühte, +so unbegreiflich es eigentlich war. Es wurde +mir heiß dabei, aber auch seelenwohl, und ich machte +unwillkürlich einen Schritt vorwärts, auf Maidi zu, +denn da war kein Überlegen, ich wußte plötzlich alles +von ihr und von mir; es war wie vom Himmel gefallen. +Sie sah aber meine Augen, in denen das +neu erwachte Leben freudig und stürmisch loderte, +und beugte sich, noch tiefer erglühend, über eine offene +Truhe, in die sie die Mappen legte. Das dauerte +eine ziemliche Weile, dann sagte sie, ohne sich umzusehen +und eifrig beschäftigt dem Anschein nach: „Jetzt +wird einmal vor allen Dingen das Examen gemacht, +dann sieht man weiter. Man muß sich in der Hand +behalten und wissen, was man will; dann ist es immer +noch Zeit, ja zu sagen.“ Das sollte freilich dem Professor +gelten mit seiner Stelle, aber mir machte sie +nichts mehr weis. Es mußte heißen: „Warte noch +<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">249</a></span>ein Weilchen, frage mich jetzt nichts, denn im Augenblick +ist nicht Zeit dazu.“ Sie wollte selber etwas +sein, wenn sie sich hingab, etwas Ganzes und Fertiges, +denn sie hatte ihren Stolz und ihre Arbeit +darangesetzt, und wer sie bekam, der mußte froh sein +an ihrer Liebe und ihrem blühenden Leben und selber +auch Liebe und Leben hergeben; um anderes ging es +nicht bei ihr. Es war begreiflich, und man mußte +ihren Willen ehren, aber so sehr ich vorhin die Freiheit +gepriesen hatte, so fiel es mir doch sauer, daß +Maidi sich ihrer jetzt bediente. Ich hätte sie gerne +leise in den Arm genommen und geküßt und mußte +mich doch still halten. Es sang und musizierte aber +in mir, wie noch nie zuvor.</p> + +<p>Darauf brachten wir noch einmal ein erträgliches +Gespräch zustande. Maidi mußte schon in acht Tagen +abreisen und hatte vorher noch alle Hände voll zu +tun mit Vorbereitungen. Sie freute sich auf die Arbeit; +es wurde ein Gartensaal ausgemalt, dessen +Schmuck, vom Professor entworfen, von den Schülern +ausgeführt werden sollte. Und es gab eine heitere +Gesellschaft von jungen Leuten, die zusammen +arbeiteten den Sommer lang. Aber ich hatte keinen +Teil daran, sondern mußte allein in der Stadt zurückbleiben, +die mir öd und ausgestorben vorkam, +wenn ich nur daran dachte.</p> + +<p>Ich sagte bedrückt, am liebsten möchte ich auch +gleich abreisen und meine neue Stelle antreten, es +sei dann ohnehin nichts mehr hier. Da lachte Maidi +und fragte mich, ob ich denn schon entschieden sei und +ob ich denn nicht vielmehr noch eine Zeitlang in der +schönen Entschlußfreiheit leben wolle? Und wie es +dann im Herbst wäre, wenn sie zurückkäme? Da +<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">250</a></span>würde dann wohl die Stadt auch ausgestorben sein. +Ich sagte, wie es im Herbst werde, das komme noch +auf sie selber an; es müsse ja nun vor allem, wie ich +habe sagen hören, das Examen gemacht werden, +und sie könne dann auch immer noch hingehen, wo +sie wolle. Das alles brachten wir im heiteren Ton +der Neckerei vor, wie sie manchmal zwischen uns hin +und her ging, aber wir waren nicht frei dabei, denn +auf einmal stand Trennung und Abschied zwischen +uns, und wir waren noch gar nicht beisammen gewesen. +Ich machte bald, daß ich fort kam, denn ich +war es nicht gewöhnt, mich zu beherrschen, und es +ging zu vieles zu stark in mir um.</p> + +<p>In der Nacht fiel es mir noch ein, daß ich Maidi +am nächsten Sonntag ein gutes Stück weit begleiten +konnte über einen Gebirgskamm hinüber und bis +an eine kleine Station, von der sie dann an die +Hauptbahnlinie gelangen und zu ihren Gefährten +stoßen konnte. Ich stand auf und suchte auf der Karte +und mit dem Wanderbuch den Weg und wäre am +liebsten noch einmal ausgegangen, um es Maidi +durchs Fenster zuzurufen. Aber es schlug zwölf Uhr, +und sie war nicht Olbrich, sondern ein feines und +köstliches und vornehmes Frauenwesen, das jetzt +hinter zugezogenen Vorhängen schlief und nicht auf +Pfeifen ans Fenster kam.</p> + +<p class="absatz">Also behielt ich meinen Vorsatz bei mir und +schlief auch mit ihm ein, so daß es weiter nicht verwunderlich +war, daß auch meine Traumgebilde auf +Wanderfüßen gingen. Sie führten mich aber nicht in +die dortige Gegend, sondern auf einen Berg bei uns +daheim und auf einen grasigen Platz, wo ich folgendes +Schauspiel hatte: Es stand eine hohe und dunkle +<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">251</a></span>Tannenfront da, die den Weg begrenzte. Die Bäume +waren aufrecht und in Reih' und Glied gestellt, sie +konnten sich nicht mucksen. Aber an ihnen vorbei +trippelten mit zierlichen Schritten schlanke junge Birken +in weißen Kleidern und mit grünen Seidentüchern, +die leicht um sie herumwehten, und lachten +mit ganz hellen und hohen Stimmen, so daß es +mehr gesungen als gelacht war. So gingen sie +an den dunklen Bäumen vorbei, die sich nicht rühren +konnten. Es waren aber eigentlich Männer, +die ums Leben gern die feinen Mädchen, die die +Birken eigentlich waren, zum Tanzen aufgefordert +hätten. Sie zwirbelten ihre Bärte mit düsteren Gesichtern +und ließen die Augen herumlaufen, als +wollten sie sagen: Wartet nur, bis wir dann nachher +aufgewacht sind. Da wollen wir euch schon kriegen. +Aber die Birken schwänzelten weiter, nur die größte +und schönste blieb ruhig stehen und ließ ihre Schleier +wehen. Da war es auf einmal Maidi und winkte +mir mit der Hand zum Mitkommen. Aber ich konnte +nicht zu ihr und sie nicht zu mir, und sie nickte mit +dem Kopf. „Ich bin gewiß nicht schuldig,“ sagte sie +zärtlich und traurig und hatte die leuchtenden Augen +voller Tränen.</p> + +<p>Wenn ich nun den letzten Tag beschreiben will, +den ich mit Maidi erlebte, so zittert mir aufs neue +das Herz, und ich weiß nicht, ist es mehr die Wonne, +ihn erlebt, oder die Trauer, ihn nicht genützt zu +haben, was mich im tiefsten bewegt. Doch kann man +beides nicht auseinander halten; es ist ineinander +verflossen und läßt sich nicht trennen. Auch habe ich +<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">252</a></span>mir vorgenommen, mir in diesen Blättern das Wort +der Selbstbespiegelung und der Klage abzuschneiden, +so oft es sich auch hervordrängen will. Denn was +mache ich anders damit? Und liegt es nicht an mir, +vergangene Lieblichkeiten und Schmerzen, die sich stets +erneuern, zu nützen, so daß noch eine späte Ernte +daraus hervorgeht?</p> + +<p>Maidi war auf dem Weg, den sie mit leichten +Schritten und wie beschwingt neben mir beging, von +der goldensten Laune und glich so recht dem Frühlingstag, +der über uns blaute, und der alles sprossen +und blühen ließ, was nur im Lichte webte und sich +drängte. Sie schwang ihren Wanderstab wie eine +glückspendende Göttin oder Fee ihr Zauberstäbchen, +und überall, wo er seine Kreise zog, lagen Sonnenlichter +auf dem Boden, wehte ein leichtes, frisches +Lüftchen um uns her und rauschten klare Brunnen +oder blühende Bäume uns entgegen. Sie war so +voll freudigen Überschwangs, daß sie jedem Begegnenden +ins Gesicht sah mit sonnigem Lachen und ihn +grüßte, Mann, Weib oder Kind, und jeder, ob es +auch der griesgrämlichste Gesell gewesen wäre, dankte +ihr, freilich mehr oder minder freundlich, und sah ihr +mit zurückgebogenem Kopfe nach, was ich alles aufs +genaueste beobachtete und einheimste wie einen Zoll, +dessen Ertrag nun für eine Zeitlang meinen Lebensunterhalt +bilden mußte. Ich war ein wenig schwermütig +aufgestanden an diesem Morgen, weil mir die +nächste Zeit in gähnender Leere zu liegen schien, und +vielleicht hätte ich auf dem Weg meine sentimentale +Stimmung weiter gepflegt, aber das war nicht möglich +neben dem freudigen Leben, das erwartungsvoll +in den Tag hinein schritt und doch auch ganz hier zur +<span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">253</a></span>Stelle war, um nichts zu versäumen. Wir gerieten, +als wir an verschiedenen Bauernhöfen vorbei, die +übereinander an einem Bergabhang lagen, die Höhe +erklommen hatten, und nun auf einem leicht gewellten +Gebirgskamm dahinschritten, in ein trauliches +und ausgiebiges Geplauder, wie wir es unter den +mancherlei Stürmen der letzten Zeit schon lang nicht +mehr geübt hatten, und besonders Maidi brachte +alles Mögliche hervor, das sie gedacht, erlebt und +geträumt hatte. Wenn ich heute noch einmal denselben +Weg gehen sollte, wozu ich mich bis jetzt nicht +aufgeschwungen habe, und was ich auch nicht so leicht +tun werde, so könnte ich sicher noch aus der Erinnerung +sagen: Das haben wir an der alten hohlen Eiche +geredet, und das bei dem Wegkreuz mit der seltsamen +Inschrift, dies an der Aussichtsstelle in das +wildromantische Felsental, und dies, als wir an der +halbzerfallenen Holzknechtshütte vorübergingen. Es +wären alle diese Orte wie Blätter eines Buches, +dessen Lettern im Dunkeln frisch und neu geblieben +sind; aber ich brauche nicht darin zu lesen, denn +ich kenne die Geschichten, die darin stehen, aus- und +inwendig.</p> + +<p>Maidi hatte auf dem Ausflug, den sie mit der +Pfarrerswitwe gemacht hatte, in deren früherer Heimat +einen Bauersmann kennen gelernt, einen entfernten +Verwandten der Pfarrfamilie, die auch aus +bäuerlichen Verhältnissen stammte. Sie mußte es +dem ernsten und schweigsamen Mann, der ein Witwer +war und allein mit einer alten Magd lebte, durch +den Liebreiz und die offene Zutraulichkeit ihres +Wesens angetan haben, so daß er ihr ein leidvolles +Stück seiner Lebensgeschichte erzählte, die sie mir +<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">254</a></span>nun wiedergab. Wenn ich sie jetzt aufschreibe, so +geschieht es, daß ein Menschenleben, das sonst wohl +schon vergessen wäre oder es doch bald sein würde, +noch einmal eine kleine Wellenbewegung macht auf +der Oberfläche des Stromes, der uns alle mitnimmt, +was vielleicht mir einmal nicht geschieht, wenn ich +vergangen sein werde. Wer weiß?</p> + +<p>Der Bauer war der ältere Sohn seines Vaters +gewesen, oder vielmehr längere Zeit der einzige, +und hatte sich als solcher schon im Besitz des Hofs +gesehen, an dem er mit allen Eigentumsgedanken +und Gefühlen hing, als nach einer Reihe von Jahren +noch ein Nachzügler erschien und das ganze Zukunftsbild +durch sein bloßes Erscheinen auslöschte, +da in jener Gegend die Erbschaftsgebräuche dem +Jüngsten den Besitz zusprachen, während die älteren +Kinder anderweitig abgefunden wurden. Diese feststehende +Regel umzustoßen, konnte niemandem einfallen, +sie war durch das Herkommen geheiligt und +wurde so wenig angetastet wie das Erbfolgerecht eines +regierenden Hauses. So sah der Älteste bereits den +Tag vor sich, an dem er den geliebten Hof verlassen +mußte, um irgendwo anders unterzukommen, sei es +durch Einheirat oder durch das Erlernen eines anderen +Berufes, falls er nicht als Knecht dem Bruder +dienen wollte, was ihm alles gleich schrecklich war. +Er warf im stillen einen Haß auf den Bruder, den er +aber so gut als möglich zu verbergen und auch zu +überwinden trachtete, wovon ihm aber nur das erstere +gelang, und auch das nicht immer. Der Kleine, +der ein schönes und zutrauliches Kind war, hing an +dem großen Bruder und ging ihm auf Schritt und +Tritt nach, obgleich dieser ihn kalt und oft abstoßend +<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">255</a></span>behandelte; das schien ihn nur noch mehr zu reizen, +sich seine Liebe zu erringen. Der Ältere wurde auch +manchmal gerührt, wenn der kleine Lockenkopf sich an +ihn drängte und ihn liebkoste, aber mitten drin kam +wieder der Groll über ihn, daß dieser Blondkopf +ihm durch sein bloßes Dasein die Heimat nehme, +und er wurde von dunklen Gewalten umhergerissen, +die ihn allmählich so in die Hand bekamen, daß er +den Tod des Bruders wünschte.</p> + +<p>Es begab sich nun das Unglück, daß dieser Wunsch +erfüllt wurde, und zwar durch seine eigene schuldig-unschuldige +Hand, indem ein Gewehr, mit dem die +beiden Buben spielten, und das sie für entladen +hielten, losging und den Kleinen niederstreckte, ohne +daß dieser noch einen Laut von sich gab. Der Große +war durch diesen erschütternden Vorfall plötzlich im +Tiefsten wach geworden und sah sich als den Mörder +seines Bruders an, der er ja freilich auch war, wenngleich +nicht mit Willen im Augenblick des Geschehens, +aber hundertfältig in Gedanken und Wünschen. Er +verfiel in eine schwere Gemütskrankheit, von der er +nur langsam genas, und von der ihm immer ein Rest +dunkler Melancholie zurückblieb, auch als er dann +in den Besitz des gewünschten Erbes kam, das ihm +nun ein Reichtum und eine Armut zugleich war. +Er heiratete eine Bauerntochter, die ihm sein Vater +aussuchte, und neben der er gleichgültig hinlebte, +ohne zu sehen, daß sie ihm mit aller Frauenliebe +anhing. Wenn er etwas wünschte, so war es ein +Erbe, und auch diesen begehrte er nur um des Hofes +willen, der nicht in fremde Hände kommen durfte. +Als er nun nach einer Reihe von Jahren erschien, +starb die Mutter, die mit dem Sohn die Liebe ihres +<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">256</a></span>Mannes zu erwerben gehofft hatte, hinweg, und +auch hier war es so, daß diesem erst die Augen aufgingen, +als sie ihm sterbend sagte, wie sehr sie ihn +geliebt habe. Er wollte nun aber nichts mehr versäumen +in seinem Leben und nahm sich vor, dem +Sohn ein so guter Vater zu sein, als irgend möglich, +und auch nicht mehr zu heiraten, um nicht von neuem +den schweren Konflikt in ein Gemüt zu werfen, das +von sich aus schuldlos ins Leben hineinging, und +das hier vor ihm in der Wiege friedlich schlummerte. +Aber als das Bübchen die Augen aufheben sollte, +fand es sich, daß sie blind waren, und so schloß nun +auch dieser teuer bezahlte Reichtum eine Armut ein. +Doch blieb der Vater dennoch seinem Vorsatz getreu +und lebte für den Sohn, der ein feines, zartes und +reich veranlagtes Kind und trotz des großen Mangels +in seinem Dasein von einer sonnigen Heiterkeit war, +wovon der Vater manche Züge zu erzählen wußte. +Die Sonne habe der Blinde, der sie nur vom Hörensagen +kannte, innig geliebt und Gesicht und Hände +ihren Strahlen ausgesetzt, auch die Arme ausgebreitet, +um sie zu umfangen, und wenn sie nicht gekommen +sei, so habe er sehnlich auf sie gewartet. Wie +die meisten Blinden war er musikalisch und spielte +mit seinen feinen, beweglichen Händen leise, träumerische +Melodien auf dem Harmonium, das der Vater +ihm kaufte, so daß es rührend und erbaulich anzusehen +und zu hören gewesen sei. Er habe auch eine +sonderbar wohlklingende, weiche und doch volle +Stimme gehabt, die schon beim Sprechen wie eine +Melodie gewesen sei. Mit dieser Stimme habe er +Menschen und Tiere gewonnen, so daß er aller +Liebling gewesen sei. Gerade diese Stimme sei aber +<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">257</a></span>auch sein Verhängnis gewesen, wie denn (wie der +nachdenkliche Bauer sagte) jeder sein Schicksal und +auch seine Todesart in sich trage, er brauche nicht +viel hinzuzutun.</p> + +<p>Es war nämlich auf dem Hof ein wilder, störrischer +und gefährlicher Zuchtfarren, den zu bändigen, +wenn er in der Hitze war, niemandem gelingen +wollte, so daß man schon verschiedene Male seinen +Tod beschlossen hatte und ihn nur immer wieder behielt, +weil er von vorzüglicher Rasse und zur Zucht +besonders geeignet war. Wunderbarerweise ereignete +es sich, daß, als der kleine Blinde einmal in die +Nähe kam und vor den Augen des entsetzten Vaters +auf das um sich stoßende Tier zuging, ehe dieser es +hindern konnte, der Bulle durch die sanfte und helle +Kinderstimme beruhigt wurde und sich sogar von den +kleinen Händen streicheln und führen ließ. Das alles +war noch nie erhört und ging von Mund zu Munde, +so daß das blinde Bübchen eine Art Sehenswürdigkeit +wurde und zum Wundertun ausersehen +von vielen, denen das, was da und wirklich war, noch +nicht genügte, sondern nur ein Angeld und eine Verpflichtung +auf Ferneres schien.</p> + +<p>Diese kamen aber nicht auf ihre Kosten, sondern +als man das blinde Kind nach öfterem Gelingen +des seltsamen Versuchs allmählich mit dem Stier umgehen +ließ wie mit einem gänzlich unterjochten Feind, +ohne genaueste Aufsicht, wurde es zur bösen Stunde +von ihm totgedrückt. Es habe noch einen hellen +Aufschrei getan und sei tot umgefallen. Der Stier +aber sei darauf in solche Raserei geraten, daß man +ihn schleunigst habe erschießen müssen; er sei mit +einem dumpfen Brüllen in sich zusammengestürzt +<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">258</a></span>und habe also leben müssen, bis er sein Werk getan +habe.</p> + +<p>Das alles habe der Bauer als etwas jetzt Fernliegendes +und doch stets Gegenwärtiges ruhig und +mit tiefer Stimme erzählt und dabei mit seinen stahlblauen +Augen unter weißen, buschigen Brauen wie +in eine große Weite gesehen. Maidi habe ihn teilnehmend +gefragt, ob er sich vielleicht damals wieder +habe Vorwürfe machen müssen, daß er den Stier nicht +früher erschossen, das Kind nicht ängstlicher behütet +habe. Darauf habe er erwidert, nein, sondern es sei +ihm auf einmal aufgegangen, daß alles geschehe, wie +es sein müsse, doch aber so, daß der Mensch trachten +müsse, aus aller seiner Schuld und dem Bösen, das +in ihm sei, und aus dem Unglück, das ihm widerfahre, +wenn auch durch eigene Mängel, das Beste zu +machen und noch etwas zu tun oder zu werden, was +ohne das nicht geschehen wäre. Man dürfe sich +natürlich den Schmerzen, die das alles mache, nicht +entziehen wollen, denn dann geschähe erst das eigentliche +Unglück, ja das Verderben, nämlich das Versinken +in Stumpfheit und Gleichgültigkeit, worin +dann die Seele ersticke. Ihn habe das schwere Leid +seines Lebens aus dem Niederen erlöst, und er beklage +sich nicht. Vielmehr habe er Gott von Angesicht +gesehen und seine Seele sei genesen.</p> + +<p>Das alles erzählte Maidi mit der staunenden +Verwunderung, mit der sie es das erstemal mochte +vernommen haben, und setzte leise erschauernd hinzu: +„Ach, wenn es doch anginge, daß man, ohne schuldig +zu werden und ohne solche Abgründe in sich und im +Leben zu entdecken, dennoch ein guter und gottgefälliger +Mensch werden könnte! Denn das möchte +<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">259</a></span>ich, aber vor Schmerzen und besonders vor solchen, +die aus eigener Schuld kommen, fürchte ich mich entsetzlich.“ +Sie sah mich fragend und von plötzlicher +Kümmernis befallen an und sah dabei so unendlich +unschuldig und lieblich beseelt aus, daß ich, obgleich +mir ähnliches durch den Sinn gegangen war, doch +eifrig und hingerissen versicherte, es gebe auch Menschen, +die ganz lauter und schuldlos durchs Dasein +gehen, und die man gerade wie sie seien lassen +müsse als Beweise des Guten an sich und als Herz- +und Augenweide für die andern. Das alles wußte +ich zwar nicht aus Erfahrung, aber es fiel mir ein, +es zu sagen, und ich mag Maidi dabei entzückt und +belehrend zugleich angesehen haben, so daß sie, die +ein so starkes Gefühl für das Komische hatte, plötzlich +anfing, zu lachen und, aber mit einem kleinen Seufzer +dazwischen hinein, sagte: „Ach, ich glaube, wir müssen +es abwarten. Sagen Sie aber noch mehr solche weisen +und angenehmen Sachen; sie freuen mich inzwischen, +bis ich dann sehen werde, wie es weiter geht.“</p> + +<p>Wir kamen aber beide noch nicht so schnell von +der Geschichte weg und hielten uns besonders damit +auf, uns das Unglück des Blindgeborenseins so recht +innig vorzustellen, um dann desto wonnevoller unsere +hellen Augen in der lichten Welt herumzuschicken, +deren Höhen und Weiten vor uns ausgebreitet lagen. +„Ich will es einmal versuchen,“ sagte Maidi träumerisch, +„mir vorzustellen, ich sei blind. Nur eine kleine +Weile, fünf Minuten lang. Freilich hätte ich dann +immer noch viel vor dem blinden Bübchen voraus, +das die schöne Welt nie gesehen hat, während ich +mir dreiundzwanzig Jahre lang Vorrat gesammelt +hätte für dunkle Tage.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">260</a></span></p><p>Sie schloß die Augen und ging mit tastend ausgestreckten +Händen, deren eine ich als Führer erfaßte, +auf dem moosigen Pfad weiter, während sie offenbar +alle Qualen eines, der das Licht nie mehr sehen kann, +sich vorzutäuschen suchte, denn ihr Gesicht wurde +merklich blässer, und ihre blühenden Lippen zitterten. +Sie atmete hörbar und fragte nach einer kleinen Weile: +„Sind denn die fünf Minuten noch nicht um?“ Es +waren aber erst zwei, und ich riet ihr, doch die Augen +aufzumachen, da es schad um jeden Augenblick sei, +den man sich trübe. Aber sie schüttelte den Kopf +und wollte ihren Vorsatz durchführen, und dabei +faßte sie meine Hand fester, um einen sicheren Halt +zu haben. Ich aber sah ihr voll in das liebe und +schöne Gesicht, und es zog mich unsäglich, es zu +küssen, jetzt, da die Augen nicht darüber wachten. +Aber ich durfte es nicht tun, und aus Rache und +um mein Vergnügen bei der Sache zu haben, schlug +ich mit der vorsätzlich Blinden einen düsteren Seitenweg +ein, der schmal und dunkel zwischen hohen Tannen +hinging, so daß sie, als ich nun den Ablauf der +fünf Minuten ausrief, entsetzt die aufgeschlagenen +Augen im Halbdunkel umhergehen ließ und vielleicht +in den ersten Sekunden fürchtete, zur Strafe +für das Spiel mit der Blindheit nun an den Augen +gelitten zu haben. Es ging zwar diese Angst gleich +vorüber, aber Maidi sagte, als sie wieder im vollen +Lichte stand, tief atmend: „Ich tue es nicht mehr. Es +ist zu schrecklich. Ich habe es alles durchgelebt in den +paar Minuten und dabei das Gefühl gehabt, ich sei +selber schuldig, so daß ich nun schon ein bißchen weiß, +wie es ist, wenn man ein schlechtes Gewissen hat im +Unglück.“ Sie breitete wie zur Entsühnung ihre +<span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">261</a></span>Arme aus und hob die beiden und auch das Gesicht +der vollen Sonne entgegen, wie um sich dem Licht +wieder in die Arme zu werfen, das sie einen Augenblick +verleugnet hatte. Da sah ich erst, wie gesund, unverstellt +und lauter sie von Grund aus war, und +spürte mit einer zornigen Verlegenheit, wie wenig +ich selber neben ihrer klaren Einfachheit bestehen +könne. Ich hatte freilich auch schon oft genug ein +schlechtes Gewissen gehabt, aber die Ursachen dazu +hatten anders ausgesehen.</p> + +<p>Wie nun Maidi ihre Hände ausreckte und eine +kleine Weile in der sonnigen Helle badete, kam ein +schöner Zitronenfalter durch die Luft dahergetaumelt +und setzte sich auf das ausgebreitete, rötlich durchleuchtete +Stück Leben, das er für eine schöne Blume +halten mochte. Er blieb auch ruhig sitzen, als Maidi +entzückt und vorsichtig ihre Hand zurückzog, und +ließ sich ein Stück weitertragen, flog dann auf, um +zwischen den Bäumen umherzuwirbeln, und kam +noch einmal an seinen wandelnden Ruheort zurück, +bis er an einer blühenden Waldwiese seine rechte +Heimat und Atzung fand. Dieses kleine Erlebnis +gehört zum letzten, dessen ich mich von dem sonnigen +Tag entsinne. Unser Weg neigte sich abwärts, und +wir sahen schon von weitem die Schienen der Eisenbahn +in der Sonne blitzen und hörten das Fauchen +der Schnellzugslokomotive, die an der kleinen Station +vorüberjagte. Wir stiegen den schmalen, trockenen +Fußweg hinunter, neben dem schon der Ginster +zu blühen anhob, hörten Lerchen singen und sahen +weiße Wolken im Blauen dahinziehen und erschraken +plötzlich vor der Nähe des Abschieds, denn es war +auf Monate, wie wir meinten, und schon das schien +<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">262</a></span>uns lang genug. Ich beklagte mich plötzlich wieder +über den leeren Sommer, den ich vor mir hatte; und +Maidi sagte: „Aber wir haben ja doch beide unsere +Arbeit.“ Sie meinte etwas Tröstliches damit zu +sagen, und zwar, wie ich wohl sah, so gut für sich +als für mich. Aber sie forderte meinen Widerspruch +dadurch heraus, denn es konnte kein Vergleich sein +zwischen uns, da sie ihre Arbeit liebte und die +meinige mich gleichgültig ließ, und da sie außerdem +Maidi bei sich hatte, die ich entbehren mußte. Das +brachte ich ein wenig störrisch heraus, denn es war +mir in der Tat nicht freudig zumute, aber Maidi +fing über die letztere Begründung so hell und sonnig +an zu lachen, daß ich wider Willen, wenn auch etwas +knurrig, mitlachte, und in diesem Augenblick kam der +Zug, der an der kleinen Station ganz kurz anhielt, +so daß Maidi noch lachend einstieg, so wenig es +ihr vor ein paar Minuten drum gewesen war. Ich +brauche manchmal eine Weile, bis ich den Grund +einer Fröhlichkeit erfasse, die ich an andern sehe und +höre; es ist dies bei mir, was man eine lange Leitung +nennt, und so merkte ich erst, als Maidis helles +Gesicht und flatterndes Tüchlein undeutlich zu werden +und zu verschwinden begann, daß ihr Lachen vom +hohen Glück selber eingegeben war; denn ich hatte ihr +in meiner augenblicklichen Verdrießlichkeit deutlicher +als es sonst meine Art war, gezeigt, wie köstlich es +mich dünkte, bei ihr sein zu dürfen.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Ich kehrte nun allein in die Stadt zurück; es +dünkte mich aber, als hätte ich nicht mehr viel darin +verloren, und ich fing ernstlich an, mich zu besinnen, +<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">263</a></span>ob ich im gleichen Trab weitermachen oder Herrn +Kasimirs Vorschlag nun ehestens annehmen solle. +Es sprach eigentlich fast alles dafür; nur war es mir, +als sei ich, wenn ich in das alte Haus zurückgehe, +dann für alle Zeit dort angebunden, und der rosenrote +Nebel, in dem mir stets die Zukunft gestanden +war, verflüchtigte sich dabei, um einem nüchternen +Tageslicht Platz zu machen. Es gab keine Fernen +und Weiten mehr, wenn mich eine scharf umrissene +Wirklichkeit umgab, und vielleicht war die Erfüllung +lange nicht so schön, als die Träume von allen Möglichkeiten. +Ich dachte hin und her, überlegte, beschloß +und verwarf wieder und kehrte immer wieder +in meinen Gedanken zu einem lieblichen Spielzeug +zurück: zu unserer Gemeinschaft, Maidis und meiner.</p> + +<p>Ich war nun sicher, daß sie mich liebte, und es +war unsäglich schön, rückwärts blickend einen Beweis +um den andern zu finden. Ein gutes Wort, einen +überraschten Blick, ein helles Erröten; ich hatte nicht +so darauf geachtet, so lange ich immer neue, schöne +Dinge bei ihr fand. Nun, da ich vom Vergangenen +zehren mußte, wurde mir eins ums andere klar und +beweiskräftig. Es war, wie wenn beim Einnachten +ein Stern um den andern aus dem Dunkel taucht, +bis allmählich die ganze lichte Schar zu Häupten steht, +so daß man nicht mehr an sie zu glauben braucht, +sondern von ihrem Glanz beschienen wird. Ich versuchte, +mir vorzustellen, wie es in Maidi aussähe. +Vielleicht hatte sie mit Staunen und zuerst mit Unwillen +einen Riß in dem festen Gefüge ihrer Pläne +und Vorsätze entdeckt und ihn auszubessern oder zu +verkleben gesucht durch vermehrten Eifer und größere +Hingabe an ihre Arbeit. Und doch immer +<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">264</a></span>wieder aufs neue schien der goldene Tag zu neuen +Fugen und Spalten herein, so daß sie sich nicht +mehr anders zu helfen wußte, als daß sie ihn +einließ. Ich dachte mir aus, wie es bei Olbrichs +Werbung zugegangen sei, und wie sie da nur mühsam +verborgen habe, daß sich ihr Herz mir zuwende, +so daß es ihm, dessen Blicke durch die Leidenschaft +geschärft gewesen waren, unausgesprochen klar geworden +sei. Alles das machte, daß mir nicht nur +Maidi immer lieber wurde, sondern auch, daß ich +vor mir selber gewann, da solch ein feines Wesen +sich mir zuneigte und mich andern vorzog.</p> + +<p>Ich zögerte noch, wie gesagt, mich über die Zukunft +zu entscheiden, denn ich war nicht mehr frei und +unbeladen wie früher. Ging ich, so fand mich Maidi +im Herbst nicht mehr, wenn sie zurückkam; blieb ich +aber, so ließ ich die erwünschte Gelegenheit zum +schnellen Vorwärtskommen hinaus, und um nicht das +eine oder andere erwählen zu müssen, flüchtete ich +mich immer wieder in meine leichten Wonnen und +Schmerzen hinein, da ich ja morgen oder übermorgen +immer noch tun konnte, was ich wollte.</p> + +<p>In dieses Schwanken hinein kam ein Brief von +Herrn Kasimir, der auf einmal dem Zünglein der +Wage einen Stoß gab, so daß es sich zum Gehen +neigte. Er fragte mich dringlich nach meinen Entschlüssen +und bat, ich möchte mich rasch entscheiden, +wenn ich auf seinen Vorschlag einzugehen gedenke; +er habe geschäftliche und andere Gründe, die Veränderungen, +die er im Sinn habe, in möglichster +Bälde vorzunehmen. Die Energie, mit der er auftrat, +steckte mich an; ich ließ plötzlich alles Hin- und +Herdenken fahren und schrieb ihm, daß ich komme, +<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">265</a></span>da ich eigentlich keinen schwerwiegenden Grund dagegen +hatte. Es war mir aber, als ich den Brief +mit meiner Zusage in den Kasten gesteckt hatte, nicht +ganz wohl bei der Sache aus irgend einem dunklen +Gefühl heraus. Ich besann mich, was es wohl sein +könnte und hatte, wie ich damit einschlief, in der Nacht +einen wunderlichen Traum.</p> + +<p>Es ging nämlich meine Tür auf, und ein Unbekannter +kam auf mich zu und setzte sich auf meinen +Bettrand, mich unverwandt ansehend. Unter seinen +Blicken wurde es mir sehr unbehaglich zumute, und +ich fing an, damit er etwas von seiner Starrheit verlieren +möge, ihm, obwohl ungern, von mir zu erzählen. +Ich sagte aber lauter furchtbare Dinge, die +ich getan hätte oder zu tun im Begriff sei, und konnte +kaum atmen vor Angst und Grauen. Er sah mich immerfort +ernst und aufmerksam an und sagte dann +kopfnickend: „Da will ich dich lieber gleich totschlagen,“ +und er tat es auch.</p> + +<p>Dieser Traum lag schwer und bedrückend auf mir, +als ich zu mir kam. Ich schüttelte ihn aber ab und +hatte auch in dem erlangten Wachsein ein, wie ich +meinte, scharfes und klares Denkvermögen, in dem +ich beschloß, nun einmal ohne nutzlose Quälerei einen +Schritt um den andern zu tun. Maidi, mit der mir +der dumpfe Druck zusammenzuhängen schien, den +ich immer noch nicht ganz los war, – Maidi hatte +sich ja selber alle Freiheit vorbehalten und sie auch +mir gelassen.</p> + +<p>Ich wußte mich liebend und geliebt und dennoch +frei, und wenn ich eines Tages zu ihr kam, um +sie an mich zu binden, so würde sie, daran zweifelte ich +<span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">266</a></span>nun nicht mehr, sich mir nicht versagen. Inzwischen +baute ich an der Zukunft und ging guten Verhältnissen +entgegen, die ich schon ausnützen und immer +besser ausgestalten wollte; es war nicht einzusehen, +was Beklemmendes um den Weg sein sollte.</p> + +<p>Auf einmal fiel mir auch noch das Fräulein Bitterolf +ein, der gehörig zu imponieren ich mir schon +jetzt vornahm, und deren erstaunte Augen, wenn +ich einmal mit Maidi vor ihr erscheinen würde, mir +heute schon Freude bereiteten. Aber, wie war denn +das? Sie wohnte ja in dem alten Hause, das ich +selber beziehen wollte? Zog sie denn mit Herrn +Kasimir aus und ließ uns hinein? Aber es gehörte +ja nicht mir, und ich konnte es auch nicht kaufen. +Und es fiel ihnen auch nicht ein, auszuziehen. Da +waren schon wieder neue Fragezeichen, und es eilte +mir auf einmal, sie aufgelöst und beantwortet zu +sehen. Ich traf meine Vorbereitungen zum Weggang, +zu dessen Beschleunigung Herr Kasimir alles +beitrug, was in seinen Kräften stand, so daß er ziemlich +rasch geschehen konnte. Ich feierte allerlei Abschiede +mit allerlei Genossen und schied von ihnen +als einer, der auszog, sein Glück zu machen.</p> + +<p>Und nichts und niemand sagte mir, daß ich +von meiner besten und glücklichsten Zeit Abschied +nehme, und daß ich einmal in sie wie in ein verlorenes +Paradies zurückschauen werde von vergeblicher +Reue gepeinigt.</p> + +<p>Als ein Mannhafter und Freier glaubte ich in +alte Stätten zurückzukehren, um mir dort ein Leben +zu bauen, das meiner würdig und voller Reichtum +von außen und innen sei, und wußte nicht, daß ich +<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">267</a></span>in mir selber gefangen sei, unfrei zu sein und zu +handeln, den Gesetzen nach, die sich mein selbstisches +Ich geschaffen hatte eine ganze Jugend hindurch.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Als ich wieder in das alte Haus eintrat, schien +mir zuerst alles eng, niedrig und kleinlich zu sein. +Ich hatte ein Gefühl wie ein Primaner, der probeweise +wieder einmal seine langen Glieder in das +winzige Bänkchen der Vorschule klemmt und nicht +glauben kann, daß er jemals darin sich habe rühren +können. Doch dehnte sich vor meinen Augen, was +nur scheinbar so eng gewesen war. Ich sah, daß +in den beschränkten Räumen, in denen nur wenige +Menschen sich regten, dennoch alle Fäden zusammenliefen, +die der menschliche Geist gesponnen hat, und +von ihnen wieder hinausgingen in menschliche Herzen +und Gehirne, so daß wir eine Art von geistiger +Speisekammer oder Apotheke für die Stadt waren, +die noch dazu Rat und Anweisung von uns empfing, +während das groß angelegte Unternehmen, in dem ich +bis jetzt tätig gewesen war, nichts von persönlichem +Verkehr mit den Menschen gestattete, sondern wie +ein Meer in Flut und Ebbe die Ströme der geistigen +Produktion anzog und wieder ausstieß, ohne sich +darum zu kümmern, wo der Segen schließlich landete.</p> + +<p>Es kam mir aber noch eine andere Seite des beschränkten +Arbeitskreises bald zu paß, als ich mit +steigendem Behagen bemerkte, wie gut es mir tauge, +Lenker und Leiter eines, wenn auch mäßigen Reiches +zu sein, nachdem ich dort nur ein Rad in dem +großen Getriebe gewesen war. Es ging mir wie +Cäsar, der lieber auf jenem Dorfe der erste, als in +<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">268</a></span>Rom der zweite sein wollte. Die alte Garde +war in den Jahren meines Fernseins stark zusammengeschmolzen, +da der Buchhalter gestorben und +seinem Freund, dem ältesten Gehilfen, ein kleines +Erbe zugefallen war, das er stracks benützt hatte, sich +ein freikommendes Buchlädchen in einer naheliegenden +Kleinstadt zu erwerben. Nur Herr Frerichs und +der rotbärtige Giller, der jetzt die Bücher führte, +waren noch alte Bekannte, denen ich mit einer leichten +Verlegenheit gegenübertrat, da sie doch geholfen +hatten, mich zu meinem Beruf vorzubilden, und ich +ihnen jetzt vorgesetzt war. Frerichs begrüßte mich mit +der kindlichen Freundlichkeit, die sein trockenes Gesicht +je und je durchsonnen konnte, und schien nichts gegen +den Wechsel der Dinge zu haben. Ich fragte ihn, ob er +wieder etwas geschrieben habe, da lächelte er freudig +und verschämt und sagte flüsternd: „Ja; und diesmal +ist es etwas nach dem Leben,“ worauf er mich erwartungsvoll +ansah, bis ich sagte, ich wolle es einmal +lesen. Damit war die Freundschaft wieder geschlossen, +und ich hatte bei ihm die Bahn frei, während +mir von Giller etwas Feindseliges zu kommen +schien, nach dem ich aber nun gerade nichts zu fragen, +sondern ganz als Herr aufzutreten beschloß, da ich +es ja nun einmal zu werden im Begriff sei. Freilich +hätte es mir noch viel mehr getaugt, Besitzer, +als nur angehender Geschäftsführer zu sein, und ich +zerbrach mir vergebens den Kopf, wie das zu machen +sei, fand aber keinen Rat dazu.</p> + +<p>Auch wartete ich täglich darauf, daß Herr Kasimir +mir mitteile, was für dringende und eilige Gründe +ihn bewogen hatten, mich schnellstens herbeizurufen. +Ich legte mich mit allen Kräften ins Zeug, um ihm zu +<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">269</a></span>zeigen, daß ich etwas von den Sachen verstehe, und +nahm ihm mit ungeduldigem Eifer eine Funktion +nach der andern aus der Hand. Das ließ er auch eine +Zeitlang stillschweigend geschehen, mich, wie es mir +vorkam, wohlgefällig betrachtend, bis er eines Tages +seine endlichen Absichten vor mir ausbreitete.</p> + +<p>Oder vielmehr geschah es eines Abends, als wir +miteinander von dem schönen Garten in halber Bergeshöhe +herabstiegen, den er sich vor kurzem gekauft +hatte, um, wie er sagte, als halbalter Privatmann +noch etwas zu tun zu haben, wenn ihm nun die +Jugend über den Kopf wachse.</p> + +<p>Es stand ein hübsches steinernes Gartenhaus an +der höchsten Stelle des Gartens, groß genug, um +einem nicht zu anspruchsvollen Einsiedler als Wohnung +zu dienen, wenn er sich zurückziehen wollte, und +mit herrlichem Ausblick auf Stadt und Flußtal mit +Bergen und Wäldern.</p> + +<p>Aus einem kleinen, heiter ausgemalten Gartensälchen +im Erdgeschoß gelangte man auf eine große +Terrasse, deren Geländer mit Reben bewachsen war +und die aussah, als ob schon manche fröhliche Gesellschaft +sich auf ihr versammelt hätte. Sie war auch +jetzt schon wieder zu demselben Zweck eingerichtet, +und auch heute war ziemlich viel Jugend droben versammelt +gewesen und teilweise noch versammelt, als +schon die ersten Sterne aus dem dunkel werdenden +Himmel auftauchten.</p> + +<p>Fräulein Bitterolf – von der ich nun anfangen +muß, zu reden, da sie sich nicht mehr verschieben läßt – +verstand es in der Tat gut, ein Haus zu machen, +wie mir Herr Kasimir schon im voraus erzählt hatte. +Sie hatte sich nicht sehr verändert, seit ich sie das erstemal +<span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">270</a></span>gesehen hatte, wenigstens kam es mir so vor. Sie +war damals älter gewesen, als ihre Jugend es wollte, +und hatte einst dargestellt, was sie heute war: eine +gewandte, sicher auftretende Dame von klarem, kühlem +Wesen und von ziemlich großen Ansprüchen an +das Leben und die Menschen, dabei aber anziehend +(wenigstens für mich, aber wie ich sah, auch für andere) +durch die vornehm-überlegene Gelassenheit, mit +der sie alles handhabte und allem gegenübertrat, und +die zu beobachten es mich immerfort reizte. Ich hätte +sie einmal mögen aus der Fassung kommen sehen, +hilflos oder zornig erregt, oder auch von einem warmen +Gefühl durchglüht, so sehr, daß sie es nicht gleich +in einem geordneten Register untergebracht hätte. +Sie hätte dann überaus anziehend aussehen müssen, +denn das Material dazu war vorhanden in gut geschnittenen +Zügen, schönen Farben und Formen, dem +allem nur eine stärkere Belebung fehlte. Ich mißtraute +aber, ob sie diese vielleicht nicht in sich habe +und nur verberge, und strich daher fleißig um sie +herum, um den Augenblick nicht zu verpassen. Von +der verlegenen Scheu meiner halben Knabenjahre war +nichts mehr übrig geblieben, das hatte ich mir richtig +prophezeit, dagegen merkte ich nicht, was ich jetzt +weiß, daß an ihre Stelle eine andere Schwäche getreten +war, die ihren Ursprung in derselben Wurzel +meines Herkommens hatte, nämlich die Sucht, ihr +mein gesellschaftliches Fertiggewordensein unter die +Augen zu rücken und sie zur Anerkennung desselben +zu nötigen. Sie war auch in ihrer Weise freundlich +und sogar ein wenig vertraulich gegen mich, nahm +mich hie und da zu kleinen Diensten in Anspruch und +unterstützte Herrn Kasimirs Aufforderung, daß ich +<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">271</a></span>viel im Hause verkehren möge, auch ohne daß Gesellschaft +da sei, so daß ich mir als Günstling vorkam und +mir nicht wenig darauf zugute tat. Wenn wir dann +in dem großen Wohnzimmer unter den Familienbildern +beisammen waren, und Fräulein Bitterolf +den Platz einnahm, den sonst Brigitte Hagenau innegehabt +hatte, so schien sie mir etwas von der feinen +Fraulichkeit, die die Verstorbene ausgestrahlt hatte, +an sich zu haben, nur daß sie bei ihr verschlossener +und gehaltener war, aber nicht weniger anziehend. +Ich dachte, sie werde die Anlagen dazu in sich haben, +und es komme nur auf die richtigen Umstände an, +daß sie sich entwickeln könnten, was alles mit Maidi +zu bereden es mich immer aufs neue antrieb. Doch +kam es mir nicht in den Sinn, ihr darüber zu schreiben, +sondern es war mir, wenn ich im Geiste lange +Reden bei ihr vorbrachte, als wisse sie nun alles und +es fehle mir nur der Widerhall.</p> + +<p>Auch kam es immer bald wieder anders, und das +hätte ich ihr ohnehin nicht geschrieben. Nämlich in +Gesellschaft war das stolze Fräulein unversehens wieder +kühl und unnahbar gegen mich, ließ sich in feiner +und selbstverständlicher Weise von andern den Hof +machen, ohne übrigens gefallsüchtig zu wirken, unterhielt +sich leicht und gewandt über alle erdenklichen +Dinge, und das mit Professoren, Studenten oder +älteren Damen, wie es sich begab, und handhabte die +Geheimsprache, wie ich es nannte, in einer Weise, +die mich zugleich entzückte und zornig eifersüchtig +erregte. Ich hatte nun die Gesellschaft, die ich mir +immer gewünscht hatte, in ausgiebiger Weise und war +in sie eingereiht durch Herrn Kasimirs ganz selbstverständliche +und unauffällige Vermittlung. Es ebnete +<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">272</a></span>sich alles für mich, ohne daß ich einen Finger dazu +zu rühren brauchte, und doch stand mein unersättliches +Verlangen immer nach mehr.</p> + +<p>Ich dachte viel an Maidi und sehnte mich oft nach +ihr, die mir hie und da mitten aus aller freudigen +und gedeihlichen Arbeit heraus Grüße schickte, aber +daneben nahm die Gegenwart mich mehr und mehr +gefangen, so daß ich oft Mühe hatte, mir ihr Bild vor +Augen zu stellen und manchmal ihre Gestalt, ihr +Kleid oder sonst etwas sah, aber nicht das Gesicht +oder im Gesicht nicht die Augen, was mich wunderlich +quälte.</p> + +<p>An diesem Abend hätte ich sie gern dabei gehabt +oder vielmehr sie als von weitem zusehend und +hörend gewußt, weil es sich traf, daß ich eine gute +Figur machte, wie noch kaum einmal, und ich ihr das +hätte triumphierend vorweisen mögen.</p> + +<p>Es war ein junger Arzt in der Gesellschaft, der +in einer der Kliniken der Stadt als Assistent angestellt +war. Ich kannte ihn von früher her aus der Zeit, +da die Geschwister Bitterolf zum erstenmal in der +Stadt gewesen waren, und wo er an der dortigen +Universität studiert hatte. Er hatte sich damals eifrig +um die Gunst des Fräuleins Eleonore beworben und +es gut mit ihr gekonnt. Seither hatte er sie auch in +ihrer Heimat aufgesucht, wie ich erfuhr, und setzte +nun, da sie beide wieder in derselben Stadt lebten, +den Verkehr mit ihr fort in einem Ton, der mir +von Maidi und mir her geläufig war, halb kameradschaftlich, +aber mit einem kleinen Anklang von Zärtlichkeit, +wenigstens von seiner Seite. Das Fräulein +hatte sich gut in der Gewalt, falls sie je etwas Wärmeres +für den Mediziner empfand, was mich mehr +<span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">273</a></span>interessierte und eigentlich auch plagte, als mir zustand, +da es mich ja, wie ich mir selber sagte, gar +nichts anging.</p> + +<p>Er brachte hie und da eine Laute mit und begleitete +sich selbst zum Singen kleiner Lieder, die er ohne +Kunst und auch ohne viel Stimme, aber mit Lebendigkeit +und Wärme vorzutragen verstand und mit denen +er ziemlich viel Beifall erntete. Heute war er etwas +heiser gewesen und hatte die Bitte der Gesellschaft, +etwas vorzutragen, ablehnen müssen, was allgemein +beklagt wurde. Da hatte ich mit bescheidener Miene, +aber innerlichem Frohlocken, gesagt, vielleicht könne +ich in die Lücke treten, da ich auch etwas singe, und +allerdings die Laute so meisterhaft zu spielen nicht +verstehe, aber doch einige Akkorde dazu greifen könne. +Denn das letztere hatte ich kurze Zeit zuvor bei einem +Bekannten meines vorigen Wohnorts einige Male +geübt aus Lust an dieser Art von Musik.</p> + +<p>Es entstand nun ein Staunen, das vielleicht mit +etwas Mißtrauen gemischt war, ob ich auch etwas +könne, und währenddem nahm ich die Laute und begann +ein Lied, von dem soeben die Rede gewesen +war, zu singen, ohne Scheu, denn ich wußte, daß ich +es konnte und daß ich überhaupt mit dem Gesang +auf sicherem Boden mich befinde. Ein erhobenes Gefühl +in mir machte, daß meine Stimme gut und ausgiebig +klang; ich bekam selber Lust, fortzufahren +und wurde darin durch den Beifall der Anwesenden +ermutigt, so daß ich auf eine Stunde der Mittelpunkt +des Kreises war, was mir außerordentlich wohlgefiel. +Besonders das Fräulein Bitterolf sah mich aus großen, +erstaunten Augen an und sagte: „Sie verstehen +ja Ihre Talente vorzüglich zu verbergen. Haben Sie +<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">274</a></span>etwa noch mehr geheime Künste im Hintergrund? +Und werden Sie uns diese nach und nach erst zu genießen +geben?“ Und Herrn Kasimir hörte ich zu seinem +Nachbar, einem älteren Gelehrten, der sich hie +und da dem mehr jugendlichen Kreise im Garten anschloß, +etwas von großen Vorzügen sagen, die an der +rechten Stelle sich noch ungeahnt entfalten würden, +was ich ohne weiteres auf mich bezog und freudig +einheimste, so daß ich selber überrascht war, welch +vielversprechender Charakter ich sei. Ich erhob mich +auch gleich nachher, von so viel Vorzüglichkeit geschwellt, +und sagte, ich bedaure, mich nun entfernen +zu müssen, da ich noch im Geschäft die späte Post +nachsehen wolle, mit der ich wichtige Nachrichten erwarte, +und hatte nun sowohl das Bedauern über +mein Gehen, als auch die stumme Hochachtung meiner +Tüchtigkeit auf mich zu nehmen, so daß ich förmlich +gespreizt den Berg hinunterstieg. Kaum aber war +ich einige Schritte vom Gartentor entfernt, als ich +Herrn Kasimir hinter mir herkommen hörte, der sich +mir anschloß, weil er, wie er sagte, etwas mit mir +zu besprechen habe, das er nun nicht mehr hinausschieben +wolle.</p> + +<p>Er sei von einer doppelten Sorge umgetrieben, +der um sein Geschäft und Haus und der um seine +Nichte. Oder eigentlich wünsche er eine einzige daraus +zu machen, sie wolle sich aber nicht ohne weiteres +vereinigen lassen, und er hoffe, ich helfe ihm dabei, +was dann wieder zu meinen eigenen Gunsten geschehe.</p> + +<p>Er habe, sagte er, sein Vermögen fast ganz im +Haus und Betrieb stecken und wünsche es auch darin +zu erhalten, da das Geschäft schon so lange in der +Familie sei und er es nicht in ganz fremde Hände +<span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">275</a></span>kommen lassen wolle. Wenn er einen Sohn hätte, läge +die Sache einfach, er hätte dann einen natürlichen +Nachfolger und wäre aller Sorgen ledig. Da er aber +ohne Leibeserben sei, so wolle er wenigstens trachten, +die Sache so einzurichten, daß dennoch ein Glied +der Familie in dem alten Anwesen sitze. Der Sohn +Bitterolf, der Jura studiert habe und durch nichts zu +bewegen gewesen sei, in das Geschäft einzutreten, +scheide aus, und es sei nur noch die Tochter Eleonore +da, auf die er es nun abgesehen habe. Diese +sei, wie ich ja sehe, ein etwas verwöhntes Mädchen, +das es nicht billig tue mit seinen Ansprüchen, sie +dürfe es aber auch sein, da das Leben sie mit allerlei +Vorzügen ausgestattet habe, die nur in einer entsprechenden, +das heißt reichen und behaglichen Umgebung +zur Geltung kämen. Sie habe auch noch andere, +mehr innerliche, die sich zu ihrer Zeit gewiß auch +entwickeln würden, und sei nicht kalt, sondern nur +ihrer niederdeutschen Art nach gehalten und karg mit +Gefühlsäußerungen, und es werde sich einer, den sie +wirklich liebe, einmal nicht über sie zu beklagen haben. +Das alles hätte er mir nicht gesagt, wenn nicht besondere +Gründe ihn jetzt dazu getrieben hätten, sondern +hätte mir überlassen, es nach und nach herauszufinden. +Ich sei ihm lieb wie ein Sohn, und er wünsche, +daß ich die Nichte für mich gewinne, wodurch ja dann +auch mein eigenes Glück gemacht wäre.</p> + +<p>Es sei nun aber eine Störung seines Planes in +Gestalt des jungen Mediziners aufgetreten, der Eleonore +für sich zu haben wünsche und auch redlich in +sie verliebt zu sein scheine. Ob das Mädchen ihn wolle, +wisse er noch nicht sicher, doch scheine es ihm so. Er +habe an sich nichts gegen den Doktor, möchte aber +<span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">276</a></span>womöglich die Nichte anders beeinflussen und sage +mir das, damit ich das Meinige tue, um den Liebhaber +auszustechen, da es ihm vorkomme, als ob ich +auch nicht taub gegen ihre Anziehungskraft sei, und +da ich neuerdings angefangen habe, mich auch bei ihr +ins Ansehen zu setzen, wie er mit Vergnügen sehe. +Am besten wäre es, wenn alles schnell geschähe, +wozu er, wenn es dann zum Klappen komme, auch das +Seinige beitragen werde, und kurzum, er habe nun +geredet.</p> + +<p>Ich hatte das alles stumm mit angehört und war +froh, daß es dunkel war, so daß Herr Kasimir mein +Gesicht nicht sehen konnte, denn wir hatten den weiteren +Heimweg durch eine lange Platanenallee eingeschlagen, +in deren Schatten wir nun hingingen.</p> + +<p>Doch hörte er mich, als er aufgehört hatte, ein +paar schwerere Atemzüge tun als sonst und fragte +mich, da ich nicht antwortete: „Oder sind Sie am +Ende schon anderweitig gebunden? Das wäre freilich +schade, denn es würde alles ändern von Grund +aus.“</p> + +<p>Ich sagte beklommen, nein, ich sei nicht gebunden, +es sei mir nur alles überraschend und neu, und +Herr Kasimir redete mir wohlwollend zu, mir die +Sache zu überlegen.</p> + +<p>Er mochte den Eindruck haben, daß ich von dem +Glücksfall, den das Anerbieten für mich bedeute, ein +wenig überwältigt sei, und daß es besser sei, wenn er +mich nun vorläufig in Ruhe lasse, damit ich mit mir +selbst ins reine komme; so verließ er mich, und ich setzte +meinen Weg allein fort. Das Geschäft aber und die +späte Post kam mir für heute nicht mehr in den Sinn.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">277</a></span></p><p>Ich will nun nichts beschönigen von dem, was an +diesem Abend und in den Tagen, Abenden und +Nächten der folgenden Zeit in mir geschah. Wie +könnte ich es auch, da doch das Liebste, Holdeste und +Echteste, was in mir war, dabei unterlag, obgleich es +sich wehrte, wie ich meinte. In Wahrheit hatte ich es +ja schon verraten, als ich auf Herrn Kasimirs Frage, +ob ich schon gebunden sei, mit nein antwortete, wenn +ich es auch nicht tatsächlich war. Nicht gegen ihn, +sondern gegen mich selbst hatte ich Maidi verleugnet, +und als ich unter den dunklen Bäumen hinging, +klopfte mir das Herz hart und stark, als ob ich mich +schon entschieden hätte ohne alles Nachdenken, dem +Schicksal oder dem, was sich dazu aufwarf, zu folgen, +und als ob ich nun nicht mehr zurück könnte, obgleich +mich eine zärtliche und lebensvolle Stimme riefe.</p> + +<p>Wenn ich den Zustand jener Tage schildern wollte, +so müßte ich bekennen, daß es nicht ein Auf und Ab +oder einen Kampf zwischen hohen und niedrigen Geistern +in mir gab, sondern nur etwa einen Streit von +frohen und traurigen Gefühlen. Es schmerzte mich +wohl heftig, daß ich nicht beides beisammen haben +konnte, was mir begehrenswert und wichtig war, doch +glaube ich nicht, daß ich jemals schwankte, was ich +wählen würde, wenn ich es mir auch zuweilen vortäuschte. +Im Grunde wußte ich wohl, daß ich mir die +sichere Aussicht auf eine stattliche, mit Behagen, +Schönheit und Ansehen verknüpfte Lebenslage nicht +würde entgehen lassen, ja es schien mir sogar männlich +und zielbewußt, daß ich es nicht tat. Ich könnte +vieles nennen, was ich mir an guten Gründen +für meine Handlungsweise vorredete, unter anderem +auch das, daß ich Herrn Kasimir gegenüber Verpflichtungen +<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">278</a></span>hätte, da er mir so sorglich und väterlich gesinnt +sei, doch will ich es mir nicht antun, noch einmal +alle Geister der längst vergangenen Zeit, die immer +noch zuweilen Macht haben, mich zu überfallen, heraufzubeschwören. +Es ist genug, daß ich nichts von +allem ungeschehen machen kann, was ich tat und in +was ich jetzt hineinging.</p> + +<p>Als ich Eleonore, wie ich sie jetzt kurzweg nennen +will, zum erstenmal wiedersah, ein paar Tage nach der +Unterredung mit Herrn Kasimir, hatte ich bereits so +viel über das neue Verhältnis nachgedacht, in das ich +zu ihr zu treten bestimmt schien, daß es mir nicht mehr +ganz überwältigend war, mir vorzustellen, ich könnte +sie einmal mit du anreden, könnte sie am Arm durch +die Straßen führen, ihr am Tisch als Hausherr gegenübersitzen +und dergleichen, was mir alles, als ich es +zum erstenmal in Gedanken übte, so unwahrscheinlich +vorgekommen war, wie daß die steinerne Justitia am +Rathaus von ihrem Sockel herabstiege und sich zu +mir auf das Sofa setzte. Ich mußte freilich sagen, +daß sich meine Gedanken noch mehr als mit ihr selbst +mit der allgemeinen Lebensveränderung befaßt hatten, +die mir die Verbindung mit ihr bringen würde, da +ich nicht in sie verliebt war und nur nicht hatte leiden +wollen, daß sie hochmütig über mich hinweg sähe.</p> + +<p>An diesem Abend, dem ich immerhin mit einigem +Herzklopfen entgegengesehen hatte, schien sie mir aber +in etwas verändert zu sein gegen sonst, so daß ich den +Vorsatz, ihr kühn und selbstbewußt entgegenzutreten, +den ich mir im stillen zurechtgelegt hatte, nicht recht +ausführen konnte. Sie hatte etwas Müdes in Gesicht +und Haltung, das ich noch nie an ihr gesehen +hatte, und das aussah, als ob sie von ihrer Damenhaftigkeit +<span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">279</a></span>ein wenig ausruhe im Familienschoß. Es +konnte aber auch sein, daß sie irgend ein Leiden hatte, +das sie innerlich quälte, ja es schien mir sogar wahrscheinlich, +wenn ich nach ihren Augen sah, die vielleicht +im Verborgenen geweint haben konnten, dem +feuchten Glanze nach, den sie ausstrahlten. Das alles +zusammen machte, daß ich keinerlei Minen springen +ließ, sondern mich einfach und bescheiden benahm mit +rücksichtsvoller Höflichkeit, was dann wieder sie an +mir nicht gewöhnt war, so daß wir einander gegenseitig +neugierig und erstaunt betrachteten und dachten: +Aha, so kannst du also auch sein? Ich muß sagen, +es gefällt mir an dir, und vielleicht hast du noch mehr +dergleichen im Hintergrund. Oder wenigstens ich +dachte so.</p> + +<p>Wir waren nur zu dreien. Herr Kasimir saß zufrieden +lächelnd in seinem Sessel und ließ sich von +der Nichte töchterlich bedienen, so daß wir schon wie +eine kleine Familie aussehen konnten. Ich wurde +auch gebeten, zu singen, und als ich mich wehrte, da +ich ja keine ausgebildete Stimme habe und neulich nur +mit kleinen Volksliedchen in die Lücke getreten sei, +sagte Eleonore lächelnd: „Das sagen Sie zu spät, +denn es ist nun schon am Tage, daß Sie singen können, +es wird Ihnen nicht mehr geschenkt,“ und Herr +Kasimir ermahnte mich, nicht über das erlaubte Maß +bescheiden zu sein, sondern mein Licht auf den Leuchter +zu stellen, so daß es mir wind und weh wurde vor +lauter Wohlsein. Das Fräulein schlug vor, mich auf +dem Klavier zu begleiten und belehrte mich in so +wenig schulmeisterlicher Weise, ja in einer fast demütigen +Liebenswürdigkeit über gewisse Schwierigkeiten +an den Liedern, die sie mir zu singen vorschlug, daß ich +<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">280</a></span>dachte, sie werde bereits zahm, was mir aber nicht +erstaunlicher war als der ganze Zustand, der mich +umgab, und der einer gebratenen Taube glich, die +mir in den Mund geflogen kam.</p> + +<p>Ich will es nun kurz machen. Ich gewann, durch +leicht errungene Erfolge geschwellt und ermutigt, stets +wieder neue, und zwar sowohl in der Gesellschaft, in +der ich mich so leicht bewegte wie ein Seiltänzer, +aber mit der Miene und Haltung des gediegenen Geschäftsmannes, +als auch, eben dadurch unterstützt, +bei der Dame. Sie wechselte zwar in jener Zeit oft +die Stimmung und schien sich nicht leicht zu ergeben, +kam aber doch immer wieder mit liebenswürdigen und +angenehmen Zügen zwischen der Kühle und Unnahbarkeit +ihres Wesens heraus, so daß ich dachte wie +einst bei Maidi: Mir machst du nichts mehr weis. +Ich glaubte allmählich den Mediziner in Wahrheit +auszustechen und war nicht wenig eitel darauf. Eines +Tages verschwand er auch von der Bildfläche, um, wie +ich hörte, einen Urlaub anzutreten, und ich machte +mich darauf gefaßt, nun den großen Schritt wagen +zu können.</p> + +<p>Es war auch nötig, daß es geschah, denn es hatte +sich meiner eine Unruhe bemächtigt, die ich mir selber +nicht gestand, die mich aber besonders bei Nacht überfiel, +so daß ich anfing, schlecht zu schlafen, was mir +noch nie geschehen war, so lange ich denken konnte. +Um dem zu entgehen, gewöhnte ich mir an, sehr spät +nach Hause und ins Bett zu gehen. Ich blieb bis tief +in die Nacht im Geschäft, wo ich aber nicht etwa +angestrengt arbeitete, sondern irgend etwas zu lesen +oder zu studieren versuchte, was mir oft gelang, oft +auch nicht, so daß ich bleich auszusehen und für einen +<span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">281</a></span>spekulativen Kopf zu gelten anfing, ohne daß ich etwas +Besonderes geleistet hätte.</p> + +<p>Herr Kasimir nahm mich eines Tages auf die +Seite und ermahnte mich, es mir nicht zu schwer zu +machen, da es nicht nötig sei, ich werde, so viel er +merke, keinen Fehlantrag stellen. Denn er meinte, +ich plage mich als ein unglücklicher Verliebter mit +mir herum, dem es an Selbstvertrauen und Mut gebreche, +hervorzutreten. Es war aber ein wenig anders. +Doch hatte sein Anstoß, wie schon ein paarmal +in meinem Leben, Erfolg bei mir. Ich dachte, +es würde alles anders und besser, wenn die Sache einmal +im reinen wäre, und wenn ich mich vor mir +selber mit meinen geteilten Gefühlen und Gedanken +in die kühle und klare Ruhe Eleonorens flüchten +könne.</p> + +<p>Es kam aber noch etwas anderes dazu, daß ich es +tat, etwas, das mich ebensogut hätte von der begonnenen +Bahn zurücktreiben können, wenn ich nicht schon +das weitaus größere Übergewicht meines Begehrens +und Wollens auf diese Seite gelegt gehabt hätte. +Es war ein Brief von meiner Schwester Luise, die +mich mit herzlichen und freundlichen Worten schalt, +daß ich so lange nichts von mir hören lasse, da sie doch +zu Hause mit Stolz und Freude meine Schritte in +Gedanken begleiteten. Sie nannte, wie immer, wenn +sie etwas so recht innig bewegte, den Namen meiner +Mutter und schrieb, es sei doch ihr Segen über mir; +sie habe sich so viel darum gekümmert, daß es gut mit +mir komme, wie würde sie sich nun freuen, daß ich in +eine gute und sichere Bahn gerate, auf der ich als ein +rechter Mann bestehen und gedeihen könne. Dann +fuhr sie fort, sie wisse nämlich mehr von mir, als ich +<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">282</a></span>denke. Es sei lieber Besuch dagewesen, den ich wohl +kaum errate, oder doch?</p> + +<p>Der Besuch war Maidi, die ihre Arbeit auf einige +Tage unterbrochen hatte, um eine Zusammenkunft +mit ihrem Bruder zu haben, das neu errichtete Familiengrab +mit dem Grabmal des Großvaters anzusehen +und sich einiges aus der verschlossenen Schatzkammer, +von der ich ja auch wußte, zu holen. Dies konnten +freilich alles Gründe sein, aber nicht der Hauptgrund, +der Maidi hergetrieben hatte, und der wohl darin +bestand, daß sie meine Schwestern hatte besuchen +wollen, um von mir mit ihnen reden zu können. +In dem Briefe stand das freilich nicht ausdrücklich, +aber es ging für mich aus dem Folgenden hervor. +Luise erzählte wie beiläufig, daß sie viel von mir gesprochen +hätten, und fragte, ob mir nicht etwa die +Ohren geläutet hätten? Maidi sei begierig gewesen, +durch sie von mir zu erfahren, da sie seit längerem +nichts von mir wisse, und habe lächelnd hinzugefügt, +sie sei nämlich verwöhnt durch das häufige persönliche +Zusammensein mit mir, so daß es dann um so leerer +sei, wenn die Post ausbleibe. Sie, Luise, habe ihr +aber gesagt, daß es meine Art nicht sei, viele Briefe +zu schreiben, das müsse man bei mir in den Kauf +nehmen, wobei das feine und liebherzige Wesen nachdenklich +und wie mit einem Blick ins Weite dann +mit dem Kopf genickt habe.</p> + +<p>Sie habe Maidi auch zu Helene geführt, die eben +ihr zweites Kindchen an der Brust gehabt und daher +habe auf sich warten lassen. Da habe Maidi aber +gebeten, doch dabei sein zu dürfen, und habe die liebe +Gruppe mit entzückten und zärtlichen Augen angesehen, +so daß man wohl gemerkt habe, wie sie sich +<span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">283</a></span>auch dergleichen wünsche. Kurzum, der ganze Brief +war voller Maidi und so gehalten, als ob mir die +Schreiberin eine rechte Herzensfreude damit machen +wollte, da sie keine Brille brauchte, um zu sehen, +wie es stand. Sie schloß mit dem Versprechen, mir, +falls ich es wissen wolle, dann einmal alles zu erzählen, +was sie geredet hätten – hoffentlich an Weihnachten, +wenn es da das Geschäft erlaube, heimzukommen, +was ja natürlich Vorbedingung sei, wie sie wohl +einsähe.</p> + +<p>Ich konnte kaum zu Ende lesen, so sehr überfiel +mich aus dem Brief heraus alles Holde und Liebliche, +das in der Ferne treumeinend auf mich wartete, und +dem das Herz schwer und unruhig klopfte, weil ich so +lange stumm blieb. Es war in der Mitte des Nachmittags +an einem schönen, sommerheißen Tage. Ich +nahm meinen Hut und ging aus dem Kontor und +Hause und wäre gern gelaufen, so weit mich meine +Füße trugen, denn es war alles vorbei und umsonst, +ich kam nicht mehr zu Maidi zurück, ich war hier angeschmiedet +mit ganz andern Fesseln, als sie wußte, +und so, daß ich nicht mehr heraus konnte, aber mein +unterjochtes und zum Schweigen verdammtes Herz +rief nach ihr wie ein verlorenes Kind.</p> + +<p>Und so, in dieser Erregung, mit klopfenden Pulsen +und vor schmerzlicher Leidenschaft flimmernden Augen +kam ich, ohne mich besonnen zu haben, wohin ich gehe, +auf dem Berg an, wo Eleonore war, um die Vorbereitungen +für eine Gesellschaft zu treffen, die sich am +Abend da versammeln wollte. Sie hatte soeben das +Mädchen, das bei ihr war, noch einmal ins Haus hinunter +geschickt, um einiges zu holen, und war allein. +Ich sah sie an dem steinernen Tisch auf der Terrasse +<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">284</a></span>sitzen mit einem Haufen abgeschnittener Blumen vor +sich, die sie in Vasen ordnen wollte, aber ihre feinen, +weißen Hände lagen unbeschäftigt mitten in den +Blüten; sie sah aus, als erleide sie Schmerzen oder +sinne etwas Schwerem und Traurigem nach, und von +ihrer verschlossenen Kühle war nichts zu sehen. Als sie +mich erblickte, kam eine jagende Röte in ihr Gesicht; +sie stand auf, ohne ein Wort zu sagen, und sah mir +erschreckt in die Augen, denn sie hatte mich noch nie +so gesehen wie jetzt. Ich besann mich aber keinen +Augenblick, ihr zu sagen, warum ich hier sei. So oft +ich mir vorher in kühler Überlegung ausgedacht +hatte, wie ich es angreifen wolle, so unbedacht flossen +mir nun die Worte von verhaltener Leidenschaft für +eine andere erfüllt, von den Lippen. Was ich gesagt +habe, weiß ich jetzt nicht mehr, da es in einem Rausch +geschah, doch mußte sie aus der drängenden Glut +meines Wesens ja schließen, daß ich in glühender +Liebe, die sich nicht mehr zurückhalten lasse und nicht +mehr auf Antwort warten könne, für sie entbrannt +sei. Es dröhnte mir dabei ein Wasserfall in den +Ohren, dessen stürzende Wellen zu schreien schienen: +du lügst, und den ich übertäuben mußte, da er mich +sonst vernichtete. Ich weiß noch, daß Eleonore tief +erblaßt und hoch aufgerichtet vor mir stand und +mir wie gebannt in die Augen sah, und daß ein +schluchzender Laut aus ihr hervorbrach, als ich schwieg. +Ihre Lippen zuckten, und es kam etwas von Feuer +in ihre Augen. Sie stützte sich mit einer Hand auf +den Tisch, mitten in die Blumen hineingreifend, als +suche sie einen Halt, und sagte mit einer Stimme, +die mir fremd klang vor der starken Bewegung, die +darin zitterte, und die sie unterdrückte: „Sie sind +<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">285</a></span>anders, als ich meinte. Ich wußte, daß Sie kommen +würden, aber ich glaubte, es würde anders sein.“</p> + +<p>Und dabei sah sie mich immer noch staunend an, +schloß aber plötzlich die Augen mit einem tiefen +Seufzer und litt es, daß ich sie heftig an mich zog, +wobei ich spürte, daß sie am ganzen Leibe zitterte. +Der Wasserfall meines Blutes und wohl auch meines +Gewissens brauste stärker. „Willst du mein sein?“ +fragte ich in sein Dröhnen hinein, und sie nickte +geisterhaft mit geschlossenen Augen, so daß es mir +fast unheimlich war.</p> + +<p>Es dauerte aber vielleicht nur Sekunden, so richtete +sie sich auf und löste sich aus meinen Armen. +„Man muß mich nehmen, wie ich bin,“ sagte sie, und +zwang sich zu einem Lächeln, „ich kann keine Zärtlichkeit +geben; sie liegt mir nicht, oder wenn doch, dann +tief unten.“ Da bezwang ich mich, aber ich dachte, ich +wolle sie heraufholen, denn wie sollte ich sonst leben +können mit der neuerwachten und ungebändigten +Glut meines Innern?</p> + +<p>Sie las aber wohl meine Gedanken, was nicht +schwer gewesen sein mag bei meinem Zustand, und +sagte mit Angst in der Stimme, wie ich deutlich hörte, +aber doch in der Haltung einer Herrin: „Ich brauche +Zeit zu dem allem; es kam so plötzlich.“ Auf ihrem +weißen Gesicht kam und ging die Farbe, sonst hatte +sie sich wieder ganz in der Gewalt und nun auch mich. +Sie setzte sich an den Steintisch nieder, so daß der +Tisch zwischen uns war, und bedeutete mich, es auch +zu tun, und mich überkam nach der heftigen Bewegung +etwas wie Mattigkeit, so daß es mir recht war, +wie es geschah.</p> + +<p>Wir fingen an, dies und das von der Zukunft +<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">286</a></span>zu reden, indes Eleonore fortfuhr, ihre Blumen +zu ordnen; das schien sie zu beruhigen, obgleich ihre +Hände, beseelter und erregter als ihr Gesicht, hier und +da noch leise zuckten, was ich mit einer gewissen +Neugierde sah.</p> + +<p>Das ist nun deine Braut, dachte ich; es war mir +aber, als gehe die Tatsache einen andern Menschen +an, und ich hatte Mühe, sie mir vorzuhalten; denn +die steil aufschießende Flamme war wie ein bengalisches +Licht in sich zusammengesunken, und ich wunderte +mich, wie ich vorhin hatte Mut und Worte zu +meiner Tat finden können.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Es ist mir, wenn ich an die Zeit zurückdenke, +in der wir beide ein Brautpaar vorstellten, als sei +immer ein steinerner Tisch zwischen uns gewesen, an +dem wir beide eine leidlich gute Figur bildeten. Wir +hatten viele Glückwünsche, Blumen, Geschenke, Einladungen +und dergleichen über uns ergehen zu lassen. +Ich sah in manchem Gesicht das wohlwollend sachverständige +Lächeln, das man den Brautpaaren entgegenbringt, +um ihnen zu zeigen, man wisse aus eigener Erfahrung, +wie selig eine solche Zeit sei, und es sei einem +jede Art von Torheit oder Zerstreutheit im voraus +verziehen um des eigenartigen Zustandes willen, in +dem man sich befinde. Ich dachte dann, ich möchte wohl +wissen, ob die Betreffenden zu ihrer Zeit seliger gewesen +seien als ich, und ob sie mehr liebende Torheiten begangen +hätten. Uns beiden hatte man wohl in dieser Hinsicht +nichts zu verzeihen. Wir erfüllten alle geselligen +Pflichten mit Hingabe und Anstand und man nannte +uns ein schönes Paar, das sich gut zu benehmen +<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">287</a></span>wisse, weil uns keine heimliche Sehnsucht nach dem +Alleinsein zu zweien erfüllte, wenn wir unter Menschen +waren, keine zärtliche Unruhe uns von der +Gegenwart ablenkte. Wenn ich mit Eleonore im +offenen Wagen durch die Straßen fuhr, um Besuche +zu machen, so dachte ich wohl, es werden mich die +Menschen, die uns nachsahen, für einen glücklichen +Mann halten, dem alles gelinge, was er wolle, und +ich sagte mir mit Verwunderung, daß mir ja nun +alle meine Wünsche erfüllt seien und fragte mich, ob +denn jetzt noch etwas nachkomme, da es nicht alles +sein konnte und ich zuzeiten eine trostlose Leere in +mir fühlte. Doch suchte ich mich damit zu beschwichtigen, +daß ich ja immer noch in einem Zwischenzustand +mich befinde, und daß gerade bei solchen Leuten, wie +wir, das Leben im eigenen Heim und Haus und im +Ehestand das bessere Teil sei. Da würde dann auch, +hoffte ich, Eleonore allmählich ihre Zurückhaltung, die +mir künstlich vorkam, ablegen und das Warme, Lebendige +und Reiche, das ihre Natur doch auch hatte, zu +seinem Recht kommen lassen. Sie erschien mir oft, als +litte sie unter sich selbst, und das zog mich zu ihr, denn +ich meinte, es falle ihr schwer, etwas Hartes, Sprödes +an sich zu zerbrechen, und es fiel mir sonderbarerweise +nicht ein, daß etwas anderes zwischen uns +stehen könnte, wozu ich doch alle Ursache gehabt hätte. +Ich traute ihrer stolzen und hochfahrenden Natur +ganz, daß sie das wähle und tue, was ihr innerlich +gemäß sei und stellte sie viel zu hoch, als daß ich +hätte denken dürfen, sie habe mir ohne Liebe die +Hand gegeben, ohne dabei zu erwägen, wie sehr ich +mich selber damit richte. Herr Kasimir war wohl der +Glücklichste von uns dreien. Er war rastlos beschäftigt, +<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">288</a></span>uns die Wege zu ebnen, Verschönerungen in der +Wohnung anbringen zu lassen und mit uns Möbel, +Teppiche und allerlei Hausrat auszusuchen, wobei er +an nichts sparte. Wir sollten in dem alten Hause +wohnen, in dem er sich auch ein oder zwei Zimmer +vorbehielt, während er sich im übrigen in das Gartenhaus +auf dem Berge zurückzog, in dem er noch allerlei +ausbauen und verbessern ließ, um es auch im Winter +bewohnen zu können, wenn er Lust hätte. Doch +verkündigte er im voraus, daß er nicht allzuviel in +der Stadt sein werde, da er endlich einmal seinen +alten Wunsch, in Muße auf Reisen zu gehen und bald +da bald dort sich aufzuhalten, wo es schön sei, in +Erfüllung bringen wolle. Das genoß er alles im +voraus und kam so jetzt schon auf einen Teil seiner +Kosten, was ihn ungemein straffte und belebte.</p> + +<p>Wir waren alle drei einig, daß die Hochzeit in +aller Bälde stattfinden solle, vielleicht jeder aus einem +andern Grunde, aber die Sache war darum doch dieselbe. +Eleonore zeigte ihr Talent, anzuordnen, Leute +in Schwung zu bringen, so daß sie ihr alle zu Willen +waren, mit wenigen Worten und in ruhiger, fast +nachlässiger Weise zu bestimmen, wie dies und das +gehalten werden sollte. So und so wünsche ich das, +sagte sie, und die Geschäftsleute sahen sie dann bewundernd +an und fügten sich, auch wenn sie es ganz +anders gemeint hatten. Sie wurde angeregt und +frisch während der Besprechungen über Einrichtung +und dergleichen, fragte mich um Rat und tat, als +gehe sie darauf ein, machte es aber dann doch so, +wie sie zuerst gemeint hatte, und es war auch immer +besser auf ihre Weise, denn sie hatte Geschmack und +Erfindungsgabe zugleich.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">289</a></span></p><p>„Eigentlich hätte ich gern ein neues Haus +draußen in den Gärten,“ sagte sie, „das müßte dann +von Grund aus harmonisch gebaut und eingerichtet +sein; aber Onkel Kasimir will, daß wir in dem alten +Hause wohnen, und es ist ja auch vornehmer als +mancher neue Kasten, man muß nur nach und nach +herausholen, was drin steckt, ich habe da noch allerlei +Möglichkeiten im Sinn.“ Sie sah nachdenklich aus, +als ob sie über etwas Tiefes nachsinne, und ich lachte, +denn ich hatte gern, wenn ihr unser Haus so wichtig +war; sie freute sich doch, darin zu wohnen und es +war uns ja gemeinsam. Es mußte ja doch gut kommen. +So konnte ich es nicht lange mehr aushalten, +wie es jetzt war. Ich war nervös geworden und schlief +nicht, oder wenn ich schlief, hatte ich unruhige Träume, +von denen ich dann schreckhaft und mit schwerem +Druck erwachte. Eigentlich hätte ich mich besinnen +müssen, was immer auf mir liege, aber gerade das +wollte ich nicht wissen. Nachher kommt es anders, +wenn dann einmal alles in Ordnung ist, dachte ich, +und das war mein Beruhigungsmittel. Ich hatte +lange daran herumgedrückt, bis ich meinen Schwestern +die Anzeige von meiner Verlobung schickte. +Denn da war der letzte Brief von Luise, der allzu durchsichtig +ihre Hoffnung auf eine andere Verbindung +für mich zeigte, ja sie als bestimmt vorgesehen voraussetzte. +Wie sollte ich ihr begreiflich und faßbar +machen, was nun inzwischen geschehen war und was +sie mit ihrem schlichten Empfinden, das immer in +seinem Kreise geblieben war, doch nicht fassen konnte? +Ich konnte es ja selber nur, wenn ich von allem +wegsah, was ich nun außerhalb meiner Bahn gestellt +hatte und was für mich nicht mehr in Betracht +<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">290</a></span>kommen durfte. Denn ich wollte ein Ehrenmann sein, +und ein solcher mußte Opfer bringen können, wie ich +mir vorsagte. Zuletzt entschloß ich mich, eine gedruckte +Anzeige abzuschicken, auf die ich einige nichtssagende +Worte kritzelte, die von Arbeitshäufung und Zeitmangel +redeten und für die nächste Zeit einen ausführlichen +Brief verhießen. An Maidi schickte ich +keine Anzeige und schrieb auch nicht. Darüber will ich +kein Wort verlieren. Ich konnte nicht. Sie war +irgendwo in einer Welt, in der ich auch einmal gelebt +hatte, und von der ich nun geschieden war.</p> + +<p>Eines Abends, als ich noch nach einem Buch +suchte, in dem ich lesen wollte, bis ich schläfrig werde, +fiel mir das Volkmann-Leandersche Märchenbüchlein +in die Hände und darin das Märchen von dem reichen +Mann, der sich, in der Ewigkeit angekommen, die +Lebensweise aussuchen darf, die er führen will, und +der sich, als er alles hat, was er wollte, nun im +Himmel wähnt. Aber eines Tages merkt er, daß er +in der Hölle ist, und zwar recht tief drin, denn was +er hat an Gütern, sättigt ihn nicht, und er sehnt sich, +der Arme zu sein, der auf einem Schemelchen zu +Gottes Füßen sitzt, wie er sich gewünscht hat, aber +es ist zu spät.</p> + +<p>Da fing mein übelberatenes Herz an, sich aufzubäumen, +denn es wollte leben und nicht zusammengedrückt +sein, und rief: Das bist du! Aber ich gebot +ihm Schweigen und malte ihm alles Gute aus, was +es jetzt auch hätte. Das tat ich manche Nacht.</p> + +<p>Bei Tage war ich rastlos tätig, so sehr, daß der +rotbärtige Giller knurrend sagte, man habe zu der +Zeit, da ich nicht dagewesen sei, auch schon gearbeitet, +es sei aber anders zugegangen, und an einer Hetzjagd +<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">291</a></span>wolle er sich nicht beteiligen. Er sah dabei mit seinen +etwas vorstehenden Augen, die er böse rollen konnte, +der stumpfen Nase und dem breiten Munde, aus dem +er die gelben Schaufelzähne drohend hervorblöckte, +mehr als je aus wie ein grimmiger Kettenhund, vor +dem ich mich auch fürchtete, ohne eigentlich zu wissen, +warum, nur aus meiner inneren Unsicherheit heraus. +Man sagt ja auch, daß die Hunde spüren, wenn ein +Vorübergehender oder ins Haus Eintretender ein +tadelhaftes Gewissen habe und ihn daher schärfer anfallen +als einen ruhig und in unschuldiger Harmlosigkeit +Auftretenden, so daß hier das Bild einigermaßen +passen mag, indem der im Dienst des Hauses gealterte +Mensch mir wohl anspürte, daß etwas mit mir nicht in +Ordnung sei und mich daher mißtrauisch anknurrte. +Denn als den Herrn der Firma konnte er mich bis +jetzt noch nicht ansehen, er wandte sich vielmehr, so +viel er konnte, in allen Dingen an Herrn Kasimir, +was diesem wohlzutun schien, obgleich er ihn meistens +von sich ab und an mich verwies. Mir konnte es +gleich sein, denn ich übernahm ja doch bald das Geschäft, +und wem es dann nicht gefiel, der war ja nicht +ans Bleiben gebunden.</p> + +<p>Frerichs sah mich hie und da scheu an. Er hatte +ein Gedicht zu unserer Verlobung gemacht, voller +Süße und voller Weissagung des Schönsten und +hatte begierig auf mein Lob gewartet, das aber ausblieb. +Nun dachte er, daß er es nicht recht gemacht +habe; er kannte sich nicht aus bei mir und hätte mich +gern gefragt, aber ich half ihm nicht dazu. Für Eleonore +hatte er eine stumme Verehrung; manchmal +traute er sich, ein Wort von ihr zu sagen, ob mir +das vielleicht die Zunge löse gegen ihn. Er hatte +<span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">292</a></span>schon eine Hochzeitsdichtung angefangen, wie er durchblicken +ließ; am liebsten hätte er den Plan dazu mit +mir besprochen. Aber ich war nicht mehr der Alte +ihm gegenüber. Es tat mir weh, denn ich wußte, er +hing an mir, aber es kam nun auf einen, den ich +kränkte, nicht mehr an, es waren deren noch mehr +auf der Welt.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>So kam die Hochzeit näher. Es wurde jetzt beraten, +wie sie gefeiert werden sollte. Eleonore wollte +eine große Gesellschaft dabei haben, denn sie gedachte, +als verheiratete Frau viel und ansehnlichen Umgang +zu pflegen, wie sie das ja auch jetzt schon getan hatte, +und mit einer strahlenden Hochzeitsfeier gewissermaßen +die Türen unseres Hauses zu öffnen. Bei +dieser Beratung kam es zwischen uns zum ersten +Streit; wir waren einander seither in allem so gut +als möglich entgegengekommen und hatten darum +friedlich gelebt. Oder eigentlich muß ich wohl sagen, +daß ich selber in vielen Dingen meiner Braut freie +Hand gelassen hatte, weil sie mir nicht so wichtig +waren, und weil ich sie gern gut gestimmt sah. Als +wir nun die Personen aufzählten, die zur Hochzeit geladen +werden sollten, und ich die Liste überlas, fehlten +auf derselben meine Schwestern, und ich fühlte, daß +es Absicht sei, sagte aber so ruhig als möglich, daß +hier zwei wichtige Namen ausgelassen seien, die an +einem guten Platz eingeschoben werden müßten. Ich +hatte mit Eleonore schon öfters von den Meinigen zu +reden versucht; sie wußte aber immer das Gespräch +auf etwas anderes zu bringen, und ich ließ mich auch +dazu bewegen; doch spürte ich, daß es eine Auseinandersetzung +<span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">293</a></span>geben müsse, die sich nicht mehr lang +verschieben lasse. Sie wollte nichts von meiner Herkunft +und meiner Familie wissen, das sah ich wohl, +und wenn ich nicht blind und taub gewesen wäre, so +wäre es mir wohl ein sicheres Zeichen gewesen, daß +sie auch mich nicht liebe. Denn Liebe hätte den Hochmut +überwunden, der in ihr groß und mächtig war.</p> + +<p>Heute nun merkte sie, daß es nicht mit Ablenken +getan sei und sagte gleichmütig: „Ach, ich dachte, du +würdest sie nicht einladen wollen, was sollen sie denn +dabei? Sie würden sich ja doch nicht wohl fühlen.“ +Dabei sah sie mir lächelnd ins Gesicht und blies ein +Stäubchen von meinem Rock, weil wir gleich nachher +ausgehen wollten. Ich fühlte dunkel, daß es jetzt +gelte, und nahm mich zusammen, mit männlicher Betonung +zu sagen, was mir ganz selbstverständlich und +mühelos hätte vom Herzen kommen sollen: „Wie +kann ich denn daran denken, meine Schwestern nicht +einzuladen? Es sind meine einzigen Verwandten, +und ich bin ihnen viel Dank schuldig. Sie müssen +kommen, es geht gar nicht anders.“ Vielleicht polterte +ich das, weil es mit einem Anlauf geschah, ein wenig +gröblich heraus, was ich mir sonst Eleonore gegenüber +noch nie gestattet hatte. Sie sah mich unwillig +errötend an und sagte kühl verwundert: „Was ist das +für ein Ton? Laß mich dir sagen, daß ich sie nicht +bei meiner Hochzeit wünsche. Sie passen nicht zu +der übrigen Gesellschaft, und ich fühle mich ihnen +nicht verpflichtet. Wenn du ihnen etwas dankst, so +ist das deine Sache.“</p> + +<p>Sie sah dabei unendlich hochfahrend aus, und +mich überkam ein Trotz und ein Elend zugleich; ich +fühlte mich selber geschmäht und heruntergesetzt in +<span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">294</a></span>meinen Schwestern, denen in diesem Augenblick mein +Herz sehnlich entgegenwallte; ich hätte meine Braut +am liebsten in ihr weißes Gesicht geschlagen und ihr +den Trauring auf den Tisch geworfen. Aber ich +wußte, daß ich es nicht tun und daß ich ihr nachgeben +würde, obgleich ich dachte: „Du Affe, du bist sie ja +gar nicht wert.“ Da änderte sie auf einmal den Ton +und das Gesicht, faßte mich am Arm und schmiegte +sich an mich. „Sei doch lieb,“ sagte sie, „verstehe mich +doch. Ich will nur dich, die Deinen kenne ich +nicht. Du lebst doch nun in meiner Welt und mußt +Rücksicht darauf nehmen. Wir können sie ja auf der +Hochzeitsreise besuchen, das ist für alle Teile besser, +du siehst es später selber ein.“</p> + +<p>Und ich gab ihr in allem Elend recht, denn vielleicht +war es tatsächlich besser, so wie die Dinge jetzt +lagen, und hoffte, als sie mich neben sich aufs Sofa +zog und mit meiner Hand spielte, ich werde sie nach +und nach zu allem gewinnen, was sein mußte und +recht war.</p> + +<p>Wir machten Besuche und nachher noch Besorgungen +und standen auf einmal in einem Blumenladen +in der Nähe des Friedhofs meiner alten Freundin +Hertha gegenüber. Sie hatte, wie ich schon erfahren +hatte, einen Gärtner geheiratet und also ihren +Vorsatz ausgeführt, was ja auch bei ihr nicht zu bezweifeln +gewesen war. Aufgesucht hatte ich bis jetzt +weder sie noch den alten Zeitler, so oft ich auch daran +gedacht hatte, es zu tun. Anfangs hatte ich den festen +Vorsatz und auch das Verlangen darnach gehabt und +es nur immer wieder verschoben, und nun, da ich keine +Lust und auch keinen Mut mehr dazu hatte, kam ich +von ungefähr dazu.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">295</a></span></p><p>Sie stand in einer blühenden Fraulichkeit unter +ihren Blumen und hatte eine anständige Würde in +ihrer Erscheinung. Ich hätte sie wohl freundschaftlich +begrüßen und meiner Braut von ihr sagen können, +und sie schien es auch zu erwarten, daß ich es tue, +denn sie sah mich mit herzlichem Freudenblick des +Wiedersehens an, merkte aber dann bald, daß nichts +von mir ausgehen würde und wandte sich bedienend +an die Dame. Es wurde ausgemacht, daß bei unserer +Trauung die Kirche geschmückt werden solle, und +es wurden Sträuße für die Brautjungfern bestellt; +ich wurde bei dem und jenem um Rat gefragt und gab +ihn blindlings, und es war mir übel zumute. Es +ging aber heute in einem hin. Ich dachte, so lange +Eleonore in ihrer kurzen und sachlichen Weise Anweisungen +gab, wählte und verwarf, an einen Tag, +da Hertha gesagt hatte, daß sie einmal meiner Braut +den Hochzeitskranz machen wolle, wenn es eine sei, +die gut zu mir passe, und ich besann mich, ob sie ihr +wohl so erscheine, und warf einen heimlichen Blick +nach den ungleichen Frauen hinüber. Da fing ich +einen von Hertha auf, der schien mir spöttisch und +traurig zugleich zu sein, auch glitt er nur an mir +vorüber und endigte in einem Kopfnicken, als gebe +sich die Gärtnersfrau selber Antwort auf eine Frage, +da ich ihr keine gab. Da war es mir wie heute schon +einmal, als gleite mein Nachen stetig und unaufhaltsam +an allen blühenden Ufern vorbei, die ich jung und +schuldlos betreten hatte, und ich selber sitze darinnen +wie im Zwang eines argen Traumes und sehe Menschen +und Ufer hinter mir verschwinden. So ging es +mir in der Zeit, die meine hohe sein sollte.</p> + +<p>Es war meine niedrigste.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">296</a></span></p><p>Ich sah Hertha noch einmal und auch den Zeitler. +Ich kaufte einen Kranz mit roten Rosen und trug +ihn mit Herrn Kasimir auf das Grab von Brigitte +Hagenau am Abend vor ihrem Geburtstag. Eleonore +war da nicht dabei; sie ging nicht gern auf den +Friedhof, das sagte sie offen. Hertha war nicht im +Blumenladen, ein kleines Dienstmädchen gab mir +den Kranz. Ich traf sie aber mit einem Bübchen auf +dem Arm im Friedhof; sie stand neben einem starken, +kräftigen Mann in einer grünen Schürze, der ein +paar Gärtnerburschen anwies; sie waren beide große, +stattliche Leute und sahen fest und freudig aus, +so als ob sie auf sicherem, gutem Boden ständen. +Es brannte in mir, daß ich nicht mit Hertha reden +konnte, wie ich wollte. Ich wäre gern noch einmal +eine Stunde mit ihr allein gewesen, oder ein paar +Minuten. Aber das war drüben am andern Ufer. +Doch faßte ich den Mut, sie zu fragen, wie es gehe, +obgleich ich sah, daß es gut sei, und sie gab mir ruhigen +und freundlichen Bescheid; vielleicht sah sie, daß +ich nicht glücklich sei, und es tat ihr leid. Der Zeitler +kam auch herbei; er gab mir die Hand und sagte, daß +er gehört habe, ich sei wieder in der Stadt, und daß er +gedacht habe, ich komme dann einmal. Die Hertha +habe auch darauf gewartet. Ich stammelte etwas von +viel Arbeit und Abhaltung, und er sah mich ruhig an +und sagte: „Ja, Sie sind ja auch verlobt und machen +bald Hochzeit. Da wünsche ich Glück.“ Er hatte für +mich keine Ähnlichkeit mehr mit alten Gesichtern aus +meiner Kindheit; er war auch im Nebel und stand +auch am Ufer, an dem ich vorüberfuhr. Vielleicht hatte +er mir viel zu sagen, früher hatte ich das immer gemeint; +jetzt durfte ich nichts hören, denn wie sollte +<span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">297</a></span>ich sonst vollenden, was ich angefangen hatte? Ich +redete einige nichtssagende Worte und stand an +Brigittens Grab. Sie war über allem draußen +und hatte es gut; ich wollte, sie wäre noch dagewesen +in ihrer schönen und klaren Freudigkeit. Herr Kasimir +saß auf dem Bänkchen unter der Linde, die neben dem +Grab stand; ich hörte, daß er den Zeitler mit du anredete, +und daß sie irgendwie von alten Zeiten sprachen. +Das wunderte mich, aber es fiel mir ein, daß +der Zeitler so gut Bescheid mit der Jugend der Hagenausgeschwister +wußte, und ich dachte, daß gewiß +alle Menschen irgendwie miteinander zusammenhingen, +nur ich trennte mich von meiner Welt und +wurde ganz einsam. Der Zeitler sagte lind und +freundlich zu mir, ich solle einmal abends kommen, +vielleicht morgen? Da sagte ich, ja, ich komme bald, +aber ich hatte nicht im Sinn, es zu tun, und wir +gingen. Auf dem Heimweg erzählte mir Herr Kasimir, +daß der Zeitler sei, was man eine verkrachte Existenz +nenne. Er hätte es weiter bringen können, da er von +guten Gaben und guter Bildung sei. Es sei aber +einmal ein Bruch in sein Leben gekommen durch eine +leidenschaftliche Liebe, um derentwillen er einen Menschen +beinahe umgebracht und dafür eine Strafe verbüßt +habe, während deren ihm dann die Geliebte untreu +geworden sei. Brigitte habe ihn aber immer +hoch geschätzt. Sie habe gesagt, daß, wer aus Liebe +sündige, lebendiger sei, als wer aus kalter Tugend +gerecht bleibe, und daß Zeitler einer von denen sei, +die wissend geworden seien durch heißes Verschulden. +Wissend und verstehend.</p> + +<p>Als Herr Kasimir mir das erzählte, da war es +mir, als ob ich doch morgen zu dem Zeitler gehen +<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">298</a></span>wolle, denn vielleicht verstand er auch mich. Aber +gleich darauf wußte ich, daß es nicht sein konnte; +denn ich sündigte weder aus Liebe, noch blieb ich aus +Tugend gerecht. Ich mußte meines Weges gehen +und durfte niemand fragen.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Ich habe den Brief, den ich in dieser Zeit an +Luise schrieb, später wieder gelesen, als ich ihn in +ihrem Nachlaß fand, und tat mir selber leid darin, +so sehr ich mich hätte verdammen müssen. Denn es +war kein freies und trotziges Sündigen eines einfachen +Selbstlings, der sich in dem, was er tut, im +Rechte meint, und über das, was ihn hemmen will, +hinwegschreitet ohne Reue, sondern ich litt, während +ich tat, was ich verurteilte, und tat es dennoch, weil +ich das Geschlinge um meine Füße nicht zerreißen und +den Preis, den mich das vorschwebende Bessere gekostet +hätte, nicht bezahlen konnte meiner Meinung +nach. So tat ich denen, die ich liebte, weh, ohne mir +selber wohlzutun, und stand unfrei vor mir und vor +ihnen, und es ging mir beides verloren, das gute Gewissen +dessen, der vor sich selber richtig handelt, und +die Lust des Unrechts, das ich tat. Doch habe ich eine +Erlösung erlebt, nicht unähnlich der, die die Frommen +Bekehrung nennen, die mich mit Gewalt umkehrte, +indem sie mir das selbstgebaute Haus zerbrach, +mir unter freiem Himmel mich selbst zeigte, +wie ich war, und mich mir, arm und zerschlagen, in +die Hand gab.</p> + +<p>Es war über allem dem Herbst geworden. Eines +Morgens erwachte ich an dem Klang einer Stimme, +die laut und deutlich sagte: „Heute kehrt Maidi in die +<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">299</a></span>Stadt zurück.“ Ich schlug verwundert die Augen auf, +aber es war niemand bei mir im Zimmer, und ich +hatte wohl selbst die Worte ausgesprochen. Ich erinnerte +mich auch noch eines soeben entschwindenden +Traumes, dessen Gestalten vor dem Tageslicht erblaßten, +in dem es mir aber seltsam wohl gewesen +war, so daß es mir leid tat, erwacht zu sein. Denn +auch das Wohlsein schwand, je wacher ich wurde.</p> + +<p>Ich stand auf und trat ans Fenster, und immer +noch hatte ich das gesprochene Wort in den Ohren. +Als ich Maidi hinausgeleitet hatte, war der Wald +jung belaubt gewesen; jetzt lag er hier und wohl auch +dort in herbstlichen Farben. Die Schwalben sammelten +sich zur Reise und saßen dichtgedrängt auf den Telephondrähten. +In wenigen Tagen würde auch ich mit +Eleonore dem Süden entgegenfahren. Wir waren dann +Mann und Frau und mußten uns miteinander ein +Leben bauen. Das, was ich früher gelebt hatte, lag +dann noch weiter dahinten als jetzt; es mußte so sein, +ich wußte es. Würde es mir dann auch noch hie und +da ans Herz treten, so wie im Traum des heutigen +Morgens? Und würde es mir lieb oder leid sein, wenn +es geschähe? Es war so lieb und so leidvoll zugleich. +Draußen war eine warme, föhnige Luft; die Höhen +und Wälder lagen nahe zusammengerückt in Glanz +und Klarheit; ich fühlte mich sonderbar laß und müde +und hätte am liebsten meinen Gedanken freien Lauf +gelassen. Den hatten sie schon lang nicht mehr; ich +hatte mir das Tagträumen abgewöhnt. Sie wollten +unruhig flattern wie die Schwalben, denen die Reisesehnsucht +keine Ruhe mehr ließ; sie wollten fragen, wie +es nun dort sei? Ob Maidi traurig sei oder ob sie +mich verachte? Ob sie gehört hatte, daß ich verlobt +<span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">300</a></span>sei und daß das Land der unbegrenzten Möglichkeiten +nun erst ganz und auf immer hinter mir liege? +Wenn sie es wußte, dann wußte sie auch, warum ich +ihr nicht geschrieben hatte. Es war mir, als wisse und +verstehe sie alles und als liebe sie mich immer noch, +und das legte sich wie eine abgrundtiefe Traurigkeit +auf mich, denn es war fern, fern, und es führte keine +Brücke und kein Steg mehr dorthin. Plötzlich wurde +ich gewahr, daß die Pyramide des Münsters mich ansehe. +Sie lag in einem merkwürdig grellen Licht; ihre +Steine glänzten, und sie war ganz durchschienen von +einer heißen Sonne, was so früh am Morgen und +um diese Jahreszeit ungewöhnlich war. Es fiel mir +ein, wie oft ich sie von meiner Mansarde aus gegrüßt +hatte, als ich zum erstenmal in der Stadt und +ein Lehrling war, und es schien mir, als frage sie +mich, was ich nun inzwischen aus mir gemacht habe? +Ich trat vom Fenster zurück, aber nun war es mir, als +warte sie draußen, daß ich ihr Antwort gebe. Die +Rosette hatte ein Gesicht, und alle die Luken, durch +die das Licht fiel, waren Augen, die mich ansahen. +Sie hatte ihre stille, hehre Schönheit verloren und +war unerbittlich und furchtbar. Ich versuchte zu +lachen, denn das war ja doch wieder das Tagträumen, +was ich jetzt hatte. Aber es gelang mir nicht +so recht. Da sagte ich mir, daß es der Föhn sei, der +mich so sonderbar errege. Ich wusch mich mit kaltem +Wasser und brachte meine Gedanken in Ordnung. +Sie hatten hier am Platze genug zu tun. Es wollte +noch viel in die Tage hinein. Herr Kasimir wollte +mir das Geschäft übergeben und allerlei niet- und +nagelfest machen. Er blieb noch da, so lange wir +reisten, dann wollte er sein Bündel schnüren und +<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">301</a></span>ebenfalls reisen. Ich war dann Inhaber von Haus +und Geschäft und hatte eine Frau und war ein Mann, +der hier am Platze zu sein hatte mit aller Kraft und +allen Sinnen. Darüber hinaus gab es nichts. Wenn +es doch etwas gab, so war es nicht für mich. Ich bemühte +mich, an Eleonore zu denken; nicht an das +Steinbild, das sie hie und da sein konnte, herb und +hochmütig, sondern an die Stunden, in denen sie +unter ihrer eigenen zurückhaltenden Art zu leiden +schien. Sie hatte dann brennende Augen und sah +blaß und schmal aus, es war, als ob ein verstecktes +Feuer in ihr lodere. So hatte ich sie noch lieber, als +wenn sie, wie es auch geschah, kleine bräutliche Zärtlichkeiten +für mich hatte. Denn ich dachte gern, daß +sie ein heißes Herz in sich trage, das für mich glühe +und das im Kampf mit ihrer kargen Natur sich verwunde +und abmühe, um leben zu können. Es schien +mir an der Zeit, daß es zu seinem Recht komme, +das ich ihm ja gegeben hatte. Gestern abend war sie +so gewesen, müde und unruhig zugleich. Sie hatte +mir beim Gutenachtsagen eine heiße Hand und kalte +Lippen gegeben und gesagt: „Ich wollte, wir wären +schon weit fort, und es wäre alles vorüber.“ Das +hatte mich gewundert, denn sie selbst hatte doch die +glänzende Hochzeitsfeier angeordnet und sich nicht +genug tun können, alles bis ins kleinste festlich auszugestalten. +Es war wohl so, wie ich dachte, daß sie +sich sehnte, bei mir zu sein, und ich nahm mir vor, +es solle sie nicht gereuen. Es gab wohl viele Männer, +die eine Jugendliebe in sich begruben, wenn es +das Leben erforderte, und auch ich wollte das tun; +da brachte ich, der ich so gewandt im Zudecken, +Flicken und Übermalen meines Innern geworden +<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">302</a></span>war, es denn auch an diesem Morgen so weit, daß +ich als ein Tüchtiger und ein Ehrenmann das Zimmer +und das Haus verließ mit straffen Schritten. Sie +waren beide froh, daß sie mich hatten, Eleonore und +Herr Kasimir, und das konnten sie auch wohl sein, +denn alles lag bei mir in guten Händen, und daß es +mich viel gekostet hatte, das gab mir Ernst und +Tiefe, wie ich mir selbst, vor diesem bedeutenden Einfall +leicht erschauernd, sagte.</p> + +<p>Am Vormittag dieses Tages hörte ich, nach +langer Zeit wieder zum erstenmal, Eleonores Geigenspiel +gedämpft aus dem Zimmer über mir her erklingen. +Sie hatte nie gespielt, seit wir verlobt waren, +und wenn ich in sie gedrungen war, so hatte sie mich +auf später vertröstet, wo sie wieder Ruhe und Stimmung +dazu haben werde. Jetzt schien es mir, als ob +sie mich zu sich riefe mit feurigen und verheißenden +Tönen und mit hinströmender Klage über ihre eigene +eingeschlossene Seele, so daß ich es kaum erwartete, +bis ich von den Geschäften loskommen und hinaufgehen +konnte, denn ich war begierig, ihr zu zeigen, +daß ich für sie da sei und sie verstanden habe. Sie +hatte aber, als ich kam, die Geige schon wieder in ihr +Futteral geschlossen und verwahrt und schien sich zu +wundern, daß ich mitten im Vormittag heraufkomme. +Die Geige hing stumm an der Wand, als ob sie nie +geklagt und gerufen hätte, und als ich sagte, daß ich +sie gehört habe, zog Eleonore die Brauen leicht zusammen, +wie unwillig. „Ich habe etwas geübt,“ +sagte sie, „was ich lange nicht gespielt habe und was +ich heute abend zu spielen versprochen habe.“ Wir +waren beide zu einer Geburtstagsfeier in eine bekannte +Familie eingeladen, deren Wohnhaus über den +<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">303</a></span>sonnigen Rebbergen der Stadt in Waldeshöhe stand. +Ich wußte, daß der Hausherr, der ein alter Freund +des Hauses war, Eleonore schon manchesmal umsonst +gebeten hatte, zu spielen, freute mich, daß sie es +heute tun wollte, und bat sie nur, es spät genug +zu tun, daß ich das Stück auch hören könne, das +mich so angezogen hatte. Denn ich konnte des Geschäfts +und vieler Arbeit wegen erst am Abend +nachkommen. Sie versprach es auch, und ich dachte, +sie sei doch eine rätselhafte Natur, anziehend und abstoßend +zugleich, ich wolle aber alle Rätsel in ihr +auflösen, da sie ja eine Seele habe, die darnach +verlange, wie ich sicher zu wissen glaubte.</p> + +<p>Der Nachmittag war noch schwüler, als es der +Morgen gewesen war. Die Luft lag still und stickig +über der unteren Stadt, und um ihr zu entgehen, +machte ich früher Schluß, als ich eigentlich im Sinn +gehabt hatte, und ging den Rebbergen zu. Ich hatte +ein lähmendes Kopfweh, das ich auf die Föhnluft +schob und das mich veranlaßte, einen kleinen Umweg +im Freien und in der Einsamkeit zu machen, um nachher +vor den Leuten besser bestehen zu können. Daher +ging ich nicht durch die Weinberge auf den steilen +Staffeln in die Höhe, sondern blieb auf der Straße +bis da, wo der Wald in einer schmalen Zunge zu ihr +herunterreichte und wo ich nun ohne Weg, durch +goldbraunes, raschelndes Buchenlaub, das hier und +da den Boden bedeckte, anfing hinaufzusteigen. Das +Rauschen unter meinen Füßen weckte irgend eine +Erinnerung in mir, der ich nachspürte, bis es mir +einfiel, wie ich als kleiner Bube im heimischen Stadtwald +an der Hand meiner Mutter gegangen war und +glückselig mit den Stiefeln das Laub vor mir her +<span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">304</a></span>aufgehäuft hatte, was genug war, mich mit Lust +und Wonne zu erfüllen. Es schien mir aber +um hundert Jahre zurück zu liegen, oder vielmehr +in einem vorigen Dasein geschehen zu sein, und ich +konnte auch nicht lange bei der lieben Erinnerung +bleiben, denn es ging auf einmal ein heftiger Windstoß +von der Höhe herunter mir entgegen, der die +schlaffe Schwüle zerriß und sich als Vorbote eines +Unwetters ankündigte. Ich beschleunigte daher meine +Schritte, um nicht draußen zu sein, falls es schnell +hereinbreche. Es wurde zusehends dunkler unter den +Bäumen, was noch nicht vom Einnachten kommen +konnte, sondern von heraufziehendem Gewölk, das der +Wind vor sich herjagte. Ich war auf der Höhe angelangt, +wo der Garten des bekannten Hauses sich +in den Wald verlor, von demselben nur durch ein +dichtbewachsenes, hohes Drahtgitter getrennt, und +wollte gerade auf die schmale Tür zugehen, als ich +hinter der grünen Wand, aber dicht an derselben, +sprechen hörte. Und zwar war es die Stimme meiner +Braut, die, als ich ganz nahe war, in hörbarer Erregung +sagte: „Du hättest nicht mehr kommen sollen. +Wir hätten uns nicht sehen dürfen. Es ist genug, daß +ich jetzt mit jedem Atemzug durch mein ganzes Sein +hindurch lüge, ich, die ich immer wahr gewesen bin, +solang ich denken kann. Ich will es nicht noch durch +die Tat tun. Es muß das letztemal sein.“</p> + +<p>Ich fühlte, wie mein Herz heftig zu schlagen anhob, +als ich diese Worte hörte. Ich konnte mich nicht +von der Stelle bewegen und mußte nun weiter mitanhören, +was mich und den Bau, den ich mir errichtet +hatte, in Scherben schlug.</p> + +<p>Es ist mir, als sei ich eine Ewigkeit dort droben +<span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">305</a></span>gestanden, im heftig wehenden Wind, der die Kronen +der Bäume herumriß und mir die gesprochenen Worte +zutrug wie auf Flügeln, und unter den jagenden +Wolken, die stets tiefer zu hängen kamen. Doch wird +es wohl nicht lange gedauert haben, nach menschlicher +Zeitrechnung, da ja Minuten so voll sein können, daß +sie von Leben oder Tod überfließen. Ich will es mir +sagen, wenn ich meines Gerichtstags gedenke, daß +es dennoch nicht Tod, sondern Leben war und Güte, +was dort unter den Bäumen auf mich wartete. Wo +nähme ich sonst den Mut her, es noch einmal heraufzuholen? +Da es ja lange her ist seitdem und ich es +könnte ruhen lassen.</p> + +<p>Obgleich mir, auf immer unvergeßlich, jedes Wort +und jeder Ton und jeder Zug der Gesichter, die ich +durch etliche Lücken in der grünen Wand wohl sehen +konnte, ins Gedächtnis gebannt ist, will ich doch unterlassen, +alles Schmerzliche und Beschämende noch einmal +zu sagen und es einfach aufzeichnen in meiner +eigenen Rede. So sehr erregt und verwundet ich auch +war, so ruhig bin ich jetzt, ja dankbar bin ich, daß der +Zufall, der mich wunderbarerweise zu dieser Stunde +an diesen Ort führte, mein Leben aus den falschen +Bahnen warf, so lange es Zeit war. Es hätte auch +anders gehen können, und ich weiß nicht, was dann +aus mir geworden wäre.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Der Mensch, an den meine Braut ihre beschwörenden +und selbstanklagenden Worte gerichtet hatte, +war, wie ich bald aus der Antwort merkte, der Mediziner, +den ich in irgend einer Ferne glaubte. Er war +aber zurückgekommen und hatte Eleonore auch schon +<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">306</a></span>ein paarmal getroffen mit ihrem Willen und auch +gegen ihn, da er, wie er sagte, sie wohl entbehren +wolle, wenn es sein müsse, sie aber nicht an mich verloren +geben könne, der ich in keiner Weise an sie +hinanreiche, ja, den sie doch nur mit in den Kauf +genommen habe mit Haus, Geschäft, Geld und so +weiter. Er nannte sie du, und sie waren ein +Liebespaar, das sich getrennt hatte, ohne daß +die Liebe vergangen war. Vielmehr hatten sie +in einem merkwürdigen Grad von gegenseitiger +Offenheit miteinander ausgemacht, daß sie sich +lassen müßten, weil sie das nötige Geld nicht hätten, +um einen Haushalt zu führen, der ihren Bedürfnissen +entspreche, da sie beide verwöhnte Kinder mit anspruchsvollen +Gewohnheiten waren und diesen nicht +glaubten entsagen zu können, ohne daß die Liebe +darunter litte und sie dann einander quälten. +Einst, als sie einander näher traten, hatte jedes vom +andern geglaubt, daß es wohlhabend oder vielmehr +reich sei, wenigstens der Mediziner hatte es von Eleonore +geglaubt, in deren Elternhaus es auf eine feine +und geschmackvolle Weise üppig zuging, wie es nur +bei Leuten sein kann, bei denen das Geld keine Rolle +spielt, ja, denen es zum einfachen Anstand zu gehören +scheint, daß man sich nicht darum kümmere und es +möglichst wenig nenne. Als aber die Eltern gestorben +waren, hatte sich's gefunden, daß wohl eine Menge +kostbarer Dinge vorhanden seien, die geistige Werte +darstellten, aber kein Geld mehr, und daß die Kinder +arm seien wie Kirchenmäuse. Der Bruder hatte sogleich +seine berufliche Laufbahn antreten können, da +er mit den Studien fertig war und der Onkel ihm +unter die Arme griff mit einigen Zuschüssen. Eleonore +<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">307</a></span>aber, die nun auch mit Zuversicht heraustrat +und ihre Wünsche bekannte (denn das Hagenausche +Geld war trotz der lässigen Vornehmheit in der +Bitterolfschen Familie als sicheres Erbe, eigentlich +nur als einstweilige Reserve angesehen), hatte sich +bitterlich enttäuscht gesehen, wenn sie auf reichliche +Mittel hoffte, um mit dem Geliebten einen noblen +Haushalt zu eröffnen. Denn ein anderer kam nicht +in Betracht bei dem beiderseits so hochentwickelten +Schönheitssinn.</p> + +<p>Der Onkel hatte ihr eröffnet, daß er keineswegs +ein bloßer Geldsack sei, den man nach Belieben +auf- und zuschnüren könne, sondern daß er auch seine +Liebe und seinen Stolz habe, nämlich das alte Haus +und Geschäft, dem er freilich leider keinen Erben +seines Namens hinterlassen könne, da er das Heiraten +versäumt habe, das er aber doch, solang er es +wenigstens verhindern könne, nicht wolle in fremde +Hände kommen lassen, und das er darum nicht zu +verkaufen gesonnen sei. Da aber das beträchtliche +Vermögen fast ganz darin stecke, so wolle man es +vorläufig auch beisammen lassen, denn so halte es +sich am besten und so weiter.</p> + +<p>Und kurz, er habe andere Pläne mit der Nichte.</p> + +<p>Das alles besprachen die zwei im heraufziehenden +Unwetter freilich nicht so genau, wie ich es +hier tue, denn sie wußten alles gut genug voneinander, +um nur das eine und andere Wort darüber +verlieren zu müssen, das mich aber genugsam über +ihre Vorgeschichte belehrte, soweit sie mir nicht schon +vorher bekannt war. Sie hatten sich auch nicht von +der Gesellschaft entfernt, die soeben vor dem Wetter +ins Haus geflüchtet war, um das Alte zu wiederholen, +<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">308</a></span>sondern um sich ein letztesmal vor der Hochzeit miteinander +auszusprechen und sich bewußt zu werden, +wie sie es ins Künftige halten wollten. Denn sie +waren in der Zeit ihrer Trennung und besonders +jetzt beim Wiedersehen inne geworden, daß sie fester +aneinander hingen, als sie gewußt hatten. Das +drängte den Liebhaber, Eleonore zu beschwören, sie +möge jetzt noch von mir ablassen, da sie sonst verderben +müsse. Er sprach mit großer Geringschätzung +von mir, als von einem ganz gewöhnlichen Streber, +Glücksjäger und Emporkömmling und reizte sie, sich +vorzustellen, wie es sei, wenn sie mich als ihren +Herrn und Gemahl ansehen müsse, wobei er sie, +offenbar einer alten Liebessitte nach, Herrin, Prinzessin +und hohe Frau nannte, aber mit spöttischer +Betonung, um sie aufzustacheln. Ich sah, daß er +sie glühend liebte und nur darum so gering von +mir sprach, um sie noch in letzter Stunde von mir +abzuwenden, denn dann konnte immer noch die Zeit +für ihn arbeiten und einen Glücksfall herbeiführen, +da das Glück in der Hütte nicht in Betracht kam. +Oder vielmehr sehe ich es jetzt bei ruhiger Betrachtung +so an; damals sauste mir das Blut in den +Augen und Ohren bei meinem Lauschen, das ich doch +nicht abkürzen konnte, denn jetzt mußte ja der Augenblick +kommen, wo Eleonore für mich eintrat. Ich +konnte immer noch nicht davon ablassen, zu glauben, +sie liebe jetzt mich und mich allein, und das geschah +nicht nur aus Selbstgefühl und aus Not, sondern auch +aus dem hohen Respekt vor ihrer stolzen Art, die sich +nie dazu bequemt hätte, einen Mann zu nehmen, den +sie nicht liebe, wie ich mir das schon oft vorgesagt +hatte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">309</a></span></p><p>Sie richtete sich auch zornig erglühend auf, als +der Doktor mich geringschätzig vor ihr herabsetzte; +aber es war nur ihr Hochmut, nicht ihre Liebe, die +er getroffen hatte.</p> + +<p>„O still,“ sagte sie, „so darfst du nicht reden. +Mein Herr wird er niemals, das weißt du wohl, +und er weiß es auch. Er läßt mich in allem gewähren, +was ich will und tue, und das ist es, was ich brauche, +wenn es nun Liebe nicht sein kann. Das heißt gegenseitige, +denn er liebt mich aus allen Kräften.“</p> + +<p>Der Mediziner pfiff durch die Zähne und sagte +spöttisch: „Wir wollen einander nichts weis machen, +denn wir wissen wohl beide, was er liebt, wenn er +dich bekommt, wenigstens zuerst und vor allem, er, +der sich von deinem Onkel dazu anwerben ließ.“</p> + +<p>Das mochte dem stolzen Mädchen ein allzu scharfer +Hieb sein, denn es griff mit der Hand heftig in die +grüne Wand, wie um einen Halt zu haben, und war +mir in diesem Augenblick ganz nahe, räumlich geredet, +da sich ja der innerliche Abgrund zwischen uns +von Minute zu Minute erweiterte.</p> + +<p>„So will ich dir denn sagen, wie alles war und +ist,“ sagte sie mit herbem Entschluß, „denn es muß +sowieso das letztemal sein, daß wir von diesen Dingen +reden, da ich nicht zurück kann noch will.“ Sie sah +jetzt blaß aus und atmete tief mit geschlossenen +Lippen und ihre feinen Nasenflügel bebten. Dann, +als sie sich etwas gefaßt hatte, fing sie an, von mir +und sich zu reden. Das höre ich heute noch wie Drommeten +des Gerichts.</p> + +<p>Sie habe, sagte sie, damals, als er von ihr gegangen +sei, geglaubt, mit ihm und ihrer Liebe fertig +werden zu können, da das andere, das Bedürfnis +<span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">310</a></span>nach Reichtum, Ansehen und etwas zum Regieren +stärker als alles in ihr gewesen sei. Das aber habe +sie im Hause Hagenau gefunden, denn ihr Onkel, +dankbar dafür, daß sie wenigstens seinen Wünschen +nicht zuwider handle, habe ihr in allem freie Hand +gelassen. Doch sei dann gleich darauf das Verhängnis +erschienen, wie sie mich im stillen genannt +habe, als sie mich als Bewerber um ihre Hand habe +ansehen müssen. Ich sei ja freilich nicht mehr der +tapsige Junge von einst gewesen, über den sie damals +beide so viel gelacht hätten, sondern habe mich gemausert +und zu einem gewandten, tüchtigen Geschäftsmann +entwickelt, dem es auch an geselligen +Tugenden nicht mangle bis zu einem gewissen Grad. +Sie habe auch bald gesehen, wie der Onkel besonders +viel Wert darauf lege, daß ich der Gemahl und zugleich +(oder vielmehr zuvörderst) der Geschäftsinhaber +werde. Er habe es ihr nicht so gesagt, aber sie +habe es selber gewußt, daß seine Vorliebe für mich +hauptsächlich daher komme, daß ich, arm und ohne +Anhang, wenigstens ohne solchen, der in Betracht +komme, in allem gefügig und abhängig bleiben werde, +trotz meiner Tüchtigkeit, so daß ich dann so eine Art +von Prinzregenten darstellen könne, was ihm alles +in den Kram gepaßt habe.</p> + +<p>Sie habe sich innerlich freilich gekränkt, denn ich +habe ihr nicht genügen können nach dem Geliebten, +obgleich das ja nicht so leicht einer gekonnt hätte, +sie habe sich aber offen gesagt, daß es nun auch +darauf nicht ankomme, denn sie wisse ja, was sie +wolle.</p> + +<p>Trotzdem habe es ihr oft vor dem Tage gegraut, +an dem ich kommen und um sie anhalten würde, denn +<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">311</a></span>Heirat sei immerhin Heirat, auch wenn es ohne +gegenseitige Liebe abgehe. Man gebe sich einem +Manne doch in die Hand, das habe sie sich nicht +verborgen.</p> + +<p>Es sei aber dann ganz anders gekommen.</p> + +<p>Sie habe immer wieder aufs neue unter der +Trennung von ihm gelitten, und zwar je länger je +mehr, denn es gehe doch nicht so, wie man meine +mit der Liebe, die Wurzel sitze tief. Sie habe ihn +oft gerufen, wo er auch sei in der Welt, und so sei +sie auch eines Tages im Weinberg gesessen und habe +sehnlich an ihn gedacht, den sie doch nicht habe zurückholen +können, da es ja nachher das gleiche gewesen +wäre wie zuvor.</p> + +<p>Da sei das Verhängnis erschienen, urplötzlich, +und zwar ganz verwandelt gegen sonst, nicht mehr +der hübsche, freundliche Junge mit dem weichen Kindergesicht +und den heiteren blauen Augen, sondern +ganz glühend und bebend vor Leidenschaft, die sie +gar nicht hinter mir gesucht hätte. Er habe sie mit +Liebesworten überschüttet, aber noch viel mehr mit +dem Gluthauch seines Wesens, und habe augenblickliche +Antwort von ihr verlangt, ob sie die Seine sein +wolle, so daß sie vor unsäglichem Staunen nicht habe +die Augen abwenden können. Es sei aber dann über +sie gekommen, daß er mit den heißen Wogen seiner +Leidenschaft die Sehnsucht, unter der sie so sehr gelitten +habe, zugedeckt oder auf eine Weile weggespült +habe, und sie habe sich mit geschlossenen +Augen wie in einen Abgrund gleiten lassen auf +der Flucht vor ihm, dem Geliebten.</p> + +<p>Das habe freilich nicht lang dauern können, +denn sie habe ja sogleich wieder gespürt, daß sie nichts +<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">312</a></span>für mich fühle, was auch nie anders geworden sei.</p> + +<p>Nur eine gewisse Bewegung habe sie hie und +da empfunden, wenn ich sie mit so unentwegten +Hoffnungsblicken angesehen habe, denn bei mir sei +es echt, und sie wisse, daß ich leide unter ihrer Kargheit. +Dann sei sie gut und freundlich mit mir gewesen. +Manchmal aber reize es sie auch zu zorniger +Ungeduld, daß ich mit selbstsicherem Wartenkönnen +Liebe von ihr erwarte, so als ob ich dächte: +Ich bekomme dich ja doch noch. Es wäre vielleicht +besser, wenn ich sie nicht so sehr liebte, da dann jedes +von uns auf seine Kosten käme, denn es werde ja +nicht, wie ich meine; sie werde mich schon im Schach +zu halten wissen, soweit sie wolle. Sie richte sich ihr +Leben ein, wie sie es nötig habe, das sehe er daran, +daß sie die große Hochzeit halten werde, denn so +sei sie einmal, daß sie Luxus und Gesellschaft brauche; +sie wolle das große Opfer nicht umsonst gebracht +haben.</p> + +<p>Sie sprach schnell, mit erregtem Atem, wie um +alles los zu werden.</p> + +<p>Dann wieder habe sie Respekt davor, daß ich so +an ihr hange, so ernst und ehrlich. Sie denke oft, +es wäre gut, wenn wir einmal Mann und Frau +wären, denn dieser Brautstand sei eine Komödie, +und es werde nachher alles besser sein.</p> + +<p>„Oder wenigstens,“ setzte sie zögernd hinzu, „war +es so, bis du wieder kamest und alles neu aufwecktest. +Es wäre wohl alles recht geworden ohne das. Ich +hatte die besten Vorsätze.“</p> + +<p>Er sah sie immerfort an. Sie verwirrte sich +unter seinem standhaften Blick.</p> + +<p>Es war, als ob er sie zu sich heranzöge. „Und +<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">313</a></span>nun?“ fragte er. „Nun hast du die große Hochzeit +eingerichtet und wirst sie halten, nicht?“</p> + +<p>„Nun wirst du mir zu mächtig. Ich weiß nicht +mehr, was ich kann und soll, du wendest alles in mir +um. Du hättest nicht mehr kommen sollen. Ich gehe +umher und verachte mich, weil ich wie eine gemeine +Dirne eine Liebschaft habe hinter dem Mann, der +mir vertraut und ein Ehrenmann ist, ich, Eleonore +Bitterolf, die einst so stolz war. Ich muß es wieder +sein können, ich halte das nicht aus. Nein, schüttle +nicht den Kopf. Ich habe ihn freilich nicht belogen; +ich habe nie getan, als ob ich ihn liebte. Und ich +habe dir nichts gegeben, keinen armen Kuß mehr. +Nichts als meine Gedanken, nichts als mein Herzklopfen +bei Tag und Nacht, und mein Geigenspiel, +das ihm nie geklungen hat, und –“</p> + +<p>„Komm,“ sagte er und breitete die Arme aus. +„Und dein Herz? Ist es nicht so?“</p> + +<p>Sie tat einen zögernden Schritt nach ihm hin. +Wenn ich mir einmal gewünscht hatte, sie erregt +zu sehen, von einem starken Gefühl übermannt, so +konnte ich das nun haben. Sie sah prachtvoll aus, +ganz durchglüht von innerem Feuer und doch zerrissen, +stolz und unterjocht zugleich.</p> + +<p>Ich konnte es nicht hindern, daß ich einen stöhnenden +Laut ausstieß. Sie hörten mich aber nicht. Sie +sahen nur einander an. Es fielen jetzt große, schwere +Tropfen. „Geh'!“ hörte ich Eleonore auf einmal +sagen. Es klang hart und hochmütig. Das Feuer +in ihrem Gesicht erlosch. Sie wurde wieder das Steinbild, +das ich kannte.</p> + +<p>„Nein, mein Herz nicht. Ich muß es für mich +behalten. Ich hätte dich nicht mehr sehen sollen. +<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">314</a></span>Geh' jetzt, folge mir nicht ins Haus. Ich will wenigstens +ich sein, so viel ich auch dafür bezahlen muß. +Es wird wohl von uns dreien keiner glücklich sein, +aber es kommt schließlich auch nicht darauf an.“</p> + +<p>Sie ging dem Hause zu, langsam. Er folgte ihr +nicht. Er ging die schmalen Staffeln hinunter, die +nach der Stadt führten, im Regen, der nun herniederströmte.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Ich hörte ein Lachen, laut und hart. Wer hatte +das ausgestoßen? Ich sah mich um. Es war niemand +in der Nähe. So mußte ich es wohl selber +gewesen sein. Es kam noch einmal, aber diesmal +war es der Wind. Er lachte, daß es dröhnte. Also +dies ist nun der Schluß, dachte ich, dies ist nun der +Schluß. Ich mußte irgendwo hingehen, um mich +zusammenzulesen, denn es war mir, als sei ich in +Fetzen gerissen. Es brauste immer stärker, ich wußte +aber nicht, ob es in mir sei, oder in der Natur. Es +konnte der Sturm sein, ich fragte aber nicht darnach. +Ich ging, von dem Hause abgewendet, auf dem Bergkamm +hin. Der Regen fiel jetzt in dichten Güssen +hernieder. Die Schwüle war vergangen, aber nun +war die ganze Welt in nasses Grau eingewickelt, +das war ganz plötzlich gekommen. Man sah kaum +vor sich hin, es war aber gleich, ich brauchte nicht mehr +zu sehen. Es gab da einen grellen Punkt, einen einzigen, +und ich mühte mich, ihn ins Auge zu fassen. +Aber wenn ich es wollte, dann kam das Lachen wieder, +vor dem mir graute. Ich blieb stehen und versuchte, +einen Satz auszusprechen. Er war aber schwer zusammenzubringen, +ich mußte scharf denken. Endlich +hatte ich ihn und sagte mit schwerer Zunge: „Also +<span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">315</a></span>diese Hochzeit kommt nun nicht zustande.“ Ich sah +mich um, ob mir nicht jemand widerspreche. Aber +die Bäume standen schweigend, der Regen floß an +ihren Stämmen herunter und rieselte auf dem Boden +weiter. Da sagte ich es noch einmal. „Also diese +Hochzeit kommt nun nicht zustande.“ Ich ging mit +eiligen Schritten weiter und hörte mich einmal sagen: +„Ich bitte höflichst, mir den Kaufpreis zurückzuzahlen.“ +Dann dachte ich, ich sei ja wohl verrückt +geworden, und verbot mir das Denken, es konnte +ebensogut später noch geschehen. Es wurde allmählich +dunkel. Ich fand mich auf einer breiten Fahrstraße, +die durch den Wald führte. Der Sturm hatte aufgehört, +es regnete aber weiter. Es handelte sich für +mich darum, irgendwohin zu kommen, wo ich sitzen +und nachdenken konnte, denn im Marschieren ging +es nicht, wie ich merkte. Also schritt ich schärfer aus. +Die Kleider klatschten um mich herum, und in den +Stiefeln schwappte es beim Gehen vor Nässe. Plötzlich +blieb ich stehen und dachte: „Muß ich mir nun +das Leben nehmen?“ Aber auch diese Entscheidung +mußte ich verschieben, bis ich irgendwo in Ruhe saß. +Es wartete irgendwo ein Platz auf mich, da wollte +ich mit mir reden. Einmal kam ich an einem Hof +vorbei. Ein Hund schlug an, Licht schien aus den +Fenstern unter dem weit vorspringenden Dach, aber +ich ging schnell weiter, denn im Hellen durfte es nicht +sein. Es ging zwischen Äckern hindurch, dann wieder +durch den Wald, es löste sich eine unbändige +Kraft in mir; es war mir, als könnte ich die ganze +Welt durchwandern bis zu dem Platz hin, wo ich mit +mir abrechnen mußte. Es wurde schlimm, ich wußte +es. Es ging etwas Furchtbares hinter mir her. Wie +<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">316</a></span>lang ich so gegangen war, wußte ich nicht. Es war +auf einer Waldblöße. Der Mond kam einen Augenblick +zwischen zerrissenen Wolken heraus, als wollte +er sagen: Da ist es. Es stand eine offene Blockhütte +da, wie sie die Holzknechte zum Unterstand benützen. +Da ging ich hinein und legte mich auf die Holzbank, +die der Wand entlang lief.</p> + +<p>Ich weiß nicht, ob es möglich ist, daß ich geschlafen +habe mit dem Aufruhr in meinem Innern, +aber ich fuhr plötzlich empor mit klaren, +wachen Sinnen. Es schüttelte mich, ich wußte nicht, +war es vor Nässe oder Kälte, oder vor Entsetzen, +vielleicht war es alles zusammen. Das ist +nun also das Ende, dachte ich noch einmal. Denn +es stand alles vor mir, wie ein Bild oder wie +eine Landschaft, durch die, nachdem sie im Dunkel +lag, ein heller Blitz hindurchfährt, so daß sie auf +einen Augenblick bis in die hintersten Gründe erhellt +ist. Ich hatte keine Veranlassung, irgend jemanden +zu verachten oder zu befehden; mein Unglück lag +in mir selber und war meine Schuld. Eleonore war +viel klarer und viel wahrer als ich, der ich mir die +ganze Zeit mein Wesen und Handeln mit einem +bunten Mäntelchen aus Scheingründen, guten Vorsätzen +und gewollten Tugenden behängt hatte. „Ich +habe ihn nicht belogen, nie habe ich ihm Liebe geheuchelt,“ +hatte sie gesagt. Und ich? O still, wohin +war ich geraten? Es war nicht daran hinauszusehen +und nicht gut zu machen. Ich konnte nicht +zurück und auch nicht vorwärts, und wenn mich die +Reue anfiel wie ein Geier, so half das doch nichts. +Es reichte alles weit zurück, weiter als man sagen +konnte, und auch das Nachdenken half nichts. Es +<span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">317</a></span>war auch gar nicht nötig, ich wußte alles ohnehin +gut genug. Heiraten konnte ich jetzt nicht und auch +nicht im Hause bleiben. Und überall hatte ich mir +die Wege verschüttet, zu allen Menschen hin, die +einst mein gewesen waren, und auch zu mir selbst, +wie ich vordem gewesen war. Es graute mir vor +dem Leben und auch vor dem Tod. Es war nicht so +einfach, zu sterben, denn man konnte nicht wissen, +ob es etwas half. Ich hatte da noch nie recht getraut, +schon bei andern Menschen nicht, und nun, da +es mich selbst betraf, war es mir ganz unsicher, ob +ich dann wirklich tot sein würde, und was etwa nachkäme. +Doch lag ein kleiner, ferner Trost in dem Gedanken, +daß ich das Mittel ja immer noch versuchen +könne, wenn es gar kein anderes gebe, da ja der +Tod eine offene Tür sei, durch die man jederzeit +eingehen könne.</p> + +<p>Es ging schon gegen den Morgen hin. Irgendwo +her erscholl ein Hahnenschrei, dem ein anderer +antwortete. Es regnete sachte weiter, und es war +kühl. Ich war auf einer Hochebene; es strich ein +Wind darüber hin. Als ich aus der Hütte trat, +hörte ich, wie die nassen Bäume erschauerten und +ihre Tropfen versprühten. Ich besann mich, wo ich +sei und was ich tun wolle, und beschloß, dem Hahnenschrei +nachzugehen bis in ein Dorf, wo ich dann +den Weg erfragen könne. Es war alles so entsetzlich +wüst und leer in mir; ich hätte gern geschlafen, wenn +ich nicht gewußt hätte, daß ich dann wieder aufwachen +müsse, und wenn mich nicht das starke Gefühl der +Kälte und Nässe getrieben hätte, eine Abhilfe zu +suchen. So ging ich denn weiter, aber nicht mehr +mit der Kraft der Erregung von vorher, sondern mit +<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">318</a></span>schweren Füßen, die sich widerwillig einer vor den andern +setzten. Als es Tag war, fand ich mich in einem +Dorf, das an einer kleinen Seitenbahn lag. Ich +ging in ein Wirtshaus und trank Kaffee. Die Wirtin +sah mich verwundert an und sagte teilnehmend: +„Sind Sie krank?“ und ich schüttelte den Kopf, dachte +aber, ich sei es doch und fürchtete nun plötzlich, nicht +mehr weiter zu können, da sich ein dumpfer Druck +über mir auszubreiten begann. Ich mag wohl stundenlang +an dem Wirtstisch gesessen sein, und die +Wirtin begann besorgt zu werden. Sie sagte, der +Doktor fahre nachher durch, sie wolle ihn hereinrufen, +und sie wolle meine Kleider trocknen. Aber ich +raffte mich auf und ging, und als ich an dem kleinen +Bahnhof war, sah ich von fernher ein kleines Lichtlein +durch den überhand nehmenden Nebel meiner +Gedanken scheinen: Ich wollte heimfahren. Es war +mir, als warte der Alkoven noch auf mich, in dem ich +als Kind geschlafen hatte, unter dem Strohblumenkranz +mit dem Bild des Vaters. Das war nicht der +Fall, aber irgendwie war ich doch daheim dort in der +Stadt. Die Mutter war nicht mehr da. Aber die +Schwestern. Es stach und brannte, als ich das dachte, +aber das Verlangen war größer als alles. Ich saß in +der Bahn und dachte das eine Wort: Heimgehen. Dort +kam alles Übrige, ich mußte nur einmal in meiner +Kammer geschlafen haben. Das Klingelbähnchen fuhr +so langsam, es war mir, als komme ich nicht mehr an. +Ich wartete wieder auf einem Bahnhöfchen und saß +endlich im Zug, der nach meiner Vaterstadt fuhr. +Wie ich von der Bahn nach Hause gekommen bin, +weiß ich nicht mehr. Es war schon Licht in der +Schreinerwerkstatt. Ein kleines Bübchen spielte unter +<span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">319</a></span>der Tür mit Holzklötzen. Drinnen bei dem Mann +sah ich Helene stehen, sie hatte das Kleinste auf dem +Arm. Ich ging leise durch die offene Haustür und +machte die Flurtür auf. Eine kleine Schelle klingelte +atemlos an der Tür; da kam Luise aus der Bügelstube +und sah mich. Sie machte die Tür hinter sich +zu und ergriff mich stumm an der Hand. „Bist du +da?“ sagte sie und umfaßte alles, was an mir war +mit einem einzigen Blick, ohne nach irgend etwas +zu fragen.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Ich lag in ihrer Stube und in ihrem Bett, das +vordem das unserer Mutter gewesen war, aber ich +wußte es nicht. Ich ging in schweren Träumen durch +unterirdische Gänge, um jemanden zu suchen, den ich +um Lebens und Sterbens willen finden mußte. +Manchmal war es meine Mutter und manchmal +Maidi, manchmal auch der Zeitler. Aber wenn ich +eins von ihnen von weitem sah, so war es doch nur +von hinten, und es ging durch eine Tür, die sich in +der Mauer auftat und wieder hinter ihm schloß. +Ich wollte rufen und konnte nicht, ich stemmte mich +gegen die Tür, um sie zu öffnen, und mußte machtlos +davon ablassen. Oder sie öffnete sich, und irgend +ein anderer Mensch trat mir entgegen, der mich aufhielt, +indes das Gesuchte schon wieder in halber +Dunkelheit lautlos verschwand. Einmal war es Rosa, +das Dienstmädchen der Pfarrerswitwe, bei der Maidi +wohnte. Sie grüßte mich mit vertraulichem Lächeln +und hatte Maidis blaugepunktetes Sommerkleid an, +und auch das Samtbändchen war wie einst durch die +Spitze am Halsausschnitt gezogen. „Wissen Sie es +nicht?“ sagte sie. „Das Fräulein ist lebendig begraben +<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">320</a></span>worden. Es ist ja aber gleich, es gibt noch andere.“ +Sie drängte sich an mich, und ich spürte ihre +volle Brust an meiner und ihre Arme um meinen +Hals. Ich wollte mich wehren, da ich soeben von +weitem Maidi gehen sah mit geschlossenen Augen +und schlicht herabhängendem Haar, und ich sie +zu errufen hoffte; aber knöcherne Finger drückten +mir die Gurgel zu, so daß mir die Luft ausgehen +wollte, und ich sah ein Gesicht über mir, das mich +aus starren Augen schrecklich anblickte, und hörte +von weitem Eleonore sagen: „Die Tischkarten müssen +zuerst geschrieben sein,“ was mir klang wie ein +Todesurteil.</p> + +<p>Inmitten der jagenden und sich überstürzenden +Bilder und Gedanken, die aus einem unerschöpflichen +unterirdischen Brunnen zu strömen und sich +über mich zu ergießen schienen, spürte ich manchmal +eine kühle und sanfte Decke, die sich über alles breitete +und die Bilder auslöschte, so daß eine wohltätige +Dunkelheit mich umfing und ich sachte und +tief hinuntersank in ein Nichtwissen, das ich nur wie +von ferne als etwas Gutes empfand. Ich mühte mich +hie und da, die Augen aufzumachen, um die Decke +zu sehen, die mir von purpurroter Farbe zu sein +schien und sich leicht und weich anfühlte, aber ich +konnte die Lider nicht heben. Doch hörte ich dann +halblaut gesprochene Worte, die mich seltsam beruhigten, +obgleich ich sie nicht verstand, und schlief +unter ihnen ein, wenn ich so sagen soll, da ich ja +nie wach war, bis mich neue Traumbilder, die mein +kochendes Blut auf dunklen Bahnen herzutrug, zu +neuen Mühsalen aufschreckten. Dann war es einmal +lange schwarz und kühl. In einer Nacht schlug ich +<span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">321</a></span>die Augen auf. Ich glaubte soeben unzählige Staffeln +aus unendlicher Erdtiefe emporgestiegen und aufs +höchste ermüdet auf die oberste niedergesunken zu +sein, und war nun verwundert, mich im Bett zu finden +in einer Umgebung, die mir bekannt vorkam, +die ich mir aber nicht mit mir selbst zusammenreimen +konnte. Auf dem Tisch an der nächsten Wand stand +brennend eine kleine Lampe mit grüner Glasglocke, +und neben ihr lag ein schlafender Kopf mit schweren +Zöpfen, auf ausgebreitete Arme hingelagert. Ich +hatte die schwierige Aufgabe, herauszubringen, wem +er gehöre, aber in diesem Augenblick hob er sich und +sah zu mir herüber. Es war meine Schwester Luise. +Sie stand auf und kam zu mir her. „Ach, da bist du,“ +sagte sie mit glückseligem Ausdruck, und auf einmal +rannen ihr die Tränen stromweis über die Wangen. +Davon verstand ich nichts. Ich betrachtete sie aufmerksam, +bis mir die Augen wieder zufielen und +ich tief einschlief.</p> + +<p>So kehrte ich nun wieder in die Wirklichkeit zurück, +die sich nach und nach bei mir anmeldete mit +Geräuschen und Lichtern des Tages, die ich wahrnahm, +ohne ganz wach zu sein, bis sich die Nebel, +die mein Denken und Fühlen noch umgaben, auf +einmal lichteten und ich mit jähem Erschrecken meiner +selbst und der jüngsten Vergangenheit bewußt wurde.</p> + +<p>Sie war aber nicht mehr ganz so jung, wie ich +meinte, denn ich war wochenlang krank gewesen, ohne +es zu wissen. Luise erzählte mir, daß ich viel gesprochen +und auch gegessen und getrunken habe, aber +ohne jemals mit klarem Blick um mich zu sehen, so +daß sie fast noch mehr für meinen Verstand als für +mein Leben gefürchtet habe und darum so erschüttert +<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">322</a></span>gewesen sei, als ich zum erstenmal mit sichtlichem Bewußtsein +die Augen auf sie gerichtet habe. Sie hatte +bei mir gewacht und mich gepflegt, und die kühle +Decke, die meine wirren Träume gebannt und zugedeckt +hatte, war ihre Hand gewesen, die auf meiner +Stirn geruht und mich stets beschwichtigt hatte, wie +sie mir einmal gestand, fast beschämt über die starke +Wirkung, die sie auf mich ausübte, da sie ihr selber +neu und verwunderlich war. Sie fragte mich nichts, +sondern brachte Helene herüber, die mit dem kleinen +Mädchen auf dem Arm erschien und wortlos meine +Hände streichelte, bis ich, da mir alles nacheinander +einfiel, was mich beschweren mußte, mich nach der +Wand drehte und stöhnte.</p> + +<p>Mit dem Wachsein wuchs nun die Angst, wie es +um mich stehe, und ich mußte nun anfangen, zu +reden, obgleich ich lieber wieder ins Unbewußte hinübergedämmert +wäre. Da fand es sich, daß Luise +genug von mir wußte, vielleicht mehr als ich selbst, +weil ich ohne die Hemmungen der wachen Scham +fortwährend geredet hatte, zwar oft unzusammenhängend, +aber verständlich genug, um sehen zu lassen, +daß mir der Garten verhagelt und ich selber mit verwüstet +sei. Das alles hatte sie im Tiefsten erbarmt +und ihr bei aller Erschütterung und Enttäuschung +aber auch ein warmes Glücksgefühl gegeben, weil ich +mich von meinem Scherbenhaufen weg zu ihr geflüchtet +und mich, wie ich war, in ihre Hut und Pflege +gegeben hatte.</p> + +<p>Nun konnte sie mir mit allerlei Berichten entgegenkommen. +Ich hatte mich nicht zu Bett bringen +lassen wollen, eh' ich einen gewissen Brief geschrieben +hätte, der vor allem sein müsse, hatte aber einen +<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">323</a></span>Bogen um den andern mit vergeblichen Anfängen +bedeckt und war schließlich fiebernd darüber eingeschlafen, +worauf dann die eigentliche Krankheit, die +sich wohl schon lange in mir vorbereitet hatte, ausgebrochen +war.</p> + +<p>Luise, die sogleich sah, daß es sich bei mir um +eine große Erschütterung handle, schrieb nun an +Herrn Kasimir, daß ich krank heimgekommen und +ohne Bewußtsein sei, was sie mir, da ich ja jetzt der +Genesung entgegenging, mit einer kleinen Beimischung +von Genugtuung erzählte, weil sie begreiflicherweise +keine Sympathien für Eleonore hatte und nun den +traurigen Triumph erlebte, mich, wo es galt, am +nächsten bei sich zu haben.</p> + +<p>Darauf war Herr Kasimir hergereist gekommen, +ohne meine Braut, wie Luise nicht zu sagen vergaß, +war lange an meinem Bett gesessen und hatte mich +allerlei gefragt, was ich auch beantwortet hatte, alles +ohne nachher noch davon zu wissen. Herr Kasimir +war, was Luise gleichfalls freute, sehr bedrückt und bekümmert +gewesen; besonders als er aus meinen Reden +erfuhr, was mich fortgetrieben hatte.</p> + +<p>Eleonore hatte ihm in der Bestürzung über mein +rätselhaftes Verschwinden und über die Nachricht von +meiner Erkrankung mitgeteilt, daß sie sich mit ihrem +früheren Liebhaber getroffen und ausgesprochen habe, +daß sie sich aber nicht denken könne, auf welche +Weise ich das habe erfahren können, obgleich sie annehmen +müsse, daß es so sei, was er ja nun bestätigt +fand, ohne zu wissen, wie sehr ich selber gerichtet +und in mir zerschlagen sei. Im Gegenteil glaubte nun +er und auch Eleonore, ich sei in meiner großen +Liebe zu dem Mädchen so tief verwundet worden, +<span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">324</a></span>daß ich in Verzweiflung geraten sei, was sie mir +zugute schrieben als einem tiefen und warmen Gemüte, +und was sie den Weg, den es genommen +hatte, beklagen ließ. Sie sahen aber wohl ein, daß +aus der Hochzeit nun nichts werden könne, und es +war bereits die Nachricht eingelaufen, daß Eleonore +für längere Zeit verreise, um dem Gerede in der +Stadt aus dem Wege zu gehen, während Herr Kasimir +nun aufs neue angebunden sei, bis sich für ihn +eine Lösung finde. Er habe, sagte Luise mit Stolz, +gejammert, daß er mich nun wohl auch verlieren +müsse, wobei ihr die Augen darüber aufgegangen +seien, daß meine Berufung in das Haus Hagenau, +über die sie sich so gefreut hatte, einem doppelten +Zweck gedient habe.</p> + +<p>„Man hat dich,“ sagte sie, „eingefangen für die +stolze Jungfer, und du bist ahnungslos ins Garn +gegangen, weil du ein guter und harmloser Mensch +bist; jetzt, wo nichts aus der Heirat werden kann, +fällt auch die Notwendigkeit, dich im Geschäft zu +haben, dahin. Du wirst aber, wenn du doch so +tüchtig bist, schon etwas anderes finden.“</p> + +<p>Ich hörte das alles an, ohne etwas darauf zu +sagen, es senkte sich aber immer schwerer und tiefer +eine abgründige Traurigkeit auf mich herab, die +noch dadurch vermehrt wurde, daß Luise es vermied, +mir auch nur den kleinsten Vorhalt über meine +Handlungsweise gegen sie zu machen, oder die Rede +auf Maidi zu bringen, sondern nur mit großer Zartheit +und Güte um mich war und alles sagte, was +mich beruhigen und trösten konnte ihrer Meinung +nach. Vielleicht hielt sie mich für sehr schwach und +schonungsbedürftig oder auch für genug gestraft, wo +<span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">325</a></span>ich etwa tadelhaft gehandelt habe. Sie hatte, wie ich +wohl merkte, eine wenig gute Meinung von Eleonore, +mit der sie sich nach und nach hervorwagte, so +lang ich nicht widersprach, und war geneigt, sie für +herzlos, kalt und falsch, und mich für umgarnt und betrogen +zu halten, was ich endlich nicht mehr aushielt. +Es war an einem späten Abend. Luise hatte mich +für die Nacht besorgt und wollte sich zurückziehen, +da es nicht mehr nötig war, bei mir zu wachen, als +ich ihre Hand ergriff und sagte: „Ich bin selber an +allem schuld; es trifft keinen Menschen ein Vorwurf, +als mich,“ was auszusprechen mich aber einen solchen +Kampf und Krampf kostete, daß ich das bißchen +Kraft, das mir noch blieb, zusammenraffen mußte, +um nicht fassungslos hinauszuweinen.</p> + +<p>Ich kehrte mich nach der Wand und verbarg mein +Gesicht. Luise aber stellte die Lampe, die sie schon +in der Hand hatte, auf den Tisch und setzte sich +auf meinem Bettrand, um still zu warten, bis sich +die hohen Wellen in mir gelegt hätten oder wenigstens +mich ihres Dabeiseins zu versichern.</p> + +<p>Es wurde mir aber, nachdem ich jetzt angefangen +hatte, nicht mehr so schwer, ja, es schien mir +eine Erlösung, mir vom Herzen herunterzureden, +was da angesammelt war. Ich schonte mich nicht +und beschönigte auch nichts von allem, was mein +blindes und selbstsüchtiges Wesen an mir selbst und +andern angerichtet hatte, und mein lang beschwichtigtes +und unterdrücktes Herz kam wieder einmal +zu Worte, ohne daß ich ihm das Reden verbot, was +ihm zu gleicher Zeit wohl und weh tat. Das will ich +nun nicht mehr alles heraufholen. So wenig ich +wollte, daß ich diese Stunde nicht erlebt hätte, so +<span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">326</a></span>wenig könnte ich noch einmal ausbreiten, was mir +unter Schauern und Schrecken als mein Ich gezeigt +worden war wie im Spiegel. Es waren oft genug +Boten des lebendigen Lebens an meinem Weg gestanden, +und es hatte mich auch etwas zu ihnen gezogen, +aber ich war dennoch dem Äußerlichen und +Niedrigen in mir nachgegangen, dem ich noch wackere +und tüchtige Namen gegeben hatte, um es vor mir +aufzuputzen. Die falsche Richtung der Wünsche und +Begierden hatte ich schon lange eingeschlagen, und +was ich diesen Sommer getan hatte, das war alles +nur als reife Frucht vom Baum gefallen. Dabei +konnte ich nicht sagen: „Da und da hat es angefangen +und von da an mußt du bereuen,“ sondern es war +eines aus dem andern gekommen wie aus einer +Wurzel in aller heimtückischen Ehrbarkeit und Strebsamkeit. +Ich hatte Maidi verlassen und Eleonore +belogen und die Schwestern verleugnet und in allem +noch recht gehabt wie ein Tugendmensch und braver +Bürger, weil ich ja doch kein Wort gebrochen und +keinen falschen Eid geschworen hatte. Es war nicht +auf den Grund zu kommen mit dem trüben Wasser, +und ich schwieg endlich, mutlos und erschöpft, aber +mit einem Frageblick in Luisens gutes und aufrichtiges +Gesicht hinein, ob sie vielleicht weiter wisse.</p> + +<p>Sie sah schon lange, daß es da mit Beschwichtigen +und Rechtgeben nicht gemacht sei; sie nickte, solang +ich sprach, hie und da nachdrücklich und ernsthaft +mit dem Kopf, als ob sie danebenher ihre +eigene Gedankenfäden spinne. Das war auch so, wie +ich gleich sah.</p> + +<p>„Ach, lieber Ludwig,“ sagte sie, „da muß ich +jetzt auch anfangen mit Bekennen und Bereuen, +<span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">327</a></span>wenn ich so sagen soll. Ich habe mir schon viel Gedanken +und Herzbrechen gemacht deinetwegen, mit +Helene und auch allein. Vielleicht sind wir an dem, +was du da sagst, alle miteinander schuldig. Du bist +uns von klein auf gewesen wie ein goldener Becher, +in den wir alle hineingesehen haben mit Stolz und +Hoffnung und auch mit Liebe. Aber die Liebe hat es +vielleicht nicht recht gemacht bei uns. Wir haben dir +alles zu leicht gemacht und alles entgegengetragen, +nach was es dich verlangt hat. Wenn wir gedacht +haben, daß du es weit bringen sollest auf der Welt, +so haben wir nicht an deine Seele gedacht, sondern +an Ehre und Fortkommen und gutes Bestehen vor +den Menschen. Und auch an uns haben wir gedacht, +daß einer aus unserem Haus hervorgehe, der mehr +sei und höher stehe als wir, und es ist ein Ehrgeiz +in uns gewesen, dich dahin zu bringen. Das andere +freilich, das hat sich für uns von selber verstanden, +daß wir an dir Teil haben und du zu uns gehörst, +und daß du ein Mensch werdest, an dem man seine +Freude haben könne. Die Mutter hat sich oft gesorgt +um dich und gekümmert, ob alles recht werde. Da +haben wir deine Partei genommen und gesagt, es +sei ein Unrecht, daran zu zweifeln. Man müsse dir +nur immer zeigen mit der Tat, daß du einem wichtig +seiest und wert, so kommest du nie von uns los. +Dann, wie wir dich allein gehabt haben, ist es auf +und ab gegangen, das weißt du ja. Ich mache dir +keinen Vorwurf, lieber Ludwig, du machst ihn dir ja +selber. Das erbarmt mich und erfreut mich auch, +wenn ich ehrlich sein soll, denn ich hätte es nicht tun +können, ich habe es nie gelernt, dir so etwas zu +sagen. Sieh, es haben dich immer alle Leute gern +<span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">328</a></span>gehabt, wo du auch hingekommen bist, weil du so die +Anlagen gehabt hast, daß du heiter und gesellig +und auch gescheit gewesen bist. Das ist dir alles +ganz natürlich gewesen, als ob es so sein müßte. +Ich sehe alles, wie es gekommen ist, eins aus dem +andern. Es ist wie bei kleinen Kindern: man muß +ihnen hartes Brot zu beißen geben, daß sie feste +und gesunde Zähne bekommen. Es ist nichts, wenn +man es einem Menschen zu gut macht, er muß es mit +der Not zu tun haben und mit Mühe und Sorge, +damit er sieht, was es für eine ernste Sache ist um +das Leben. Sonst geht ihm alles obenhin, und er +meint, es sei sein Recht, daß es so fortgehe.“</p> + +<p>Ich hatte Luise noch nie so viel auf einmal reden +hören, da sie sonst eher still war als gesprächig, und +ich merkte, daß es ihr eine Wohltat und eine Vereinigung +mit mir bedeutete, sich einmal über all das +auszusprechen.</p> + +<p>Sie löschte die Lampe, die anfing zu rauchen +und zu spucken und fuhr beim Scheine des kleinen +Nachtlichts, das sie mir angezündet hatte, fort:</p> + +<p>„Als dann Maidi zu uns kam in der Zeit, da +du eine so erwünschte Lebensstellung gefunden hattest +und ein gemachter Mann zu sein schienest, da waren +wir voller Freude. Es deuchte uns ein besonderer +Segen auf dir zu liegen, der dich durch alle Gefahren +und Versuchungen hindurch dennoch zu einem guten +Ziele führe, und wir sagten zueinander, es sei gewiß +die Mutter, die von drüben herüber über dir wache, +obgleich Helene dann hinzufügte, du habest ja jetzt +den besten, sichtbaren Schutzengel um dich und brauchest +keinen andern mehr. Denn wir meinten nicht +anders, als es sei zwischen euch ein Einverständnis, +<span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329">329</a></span>was allerdings nur davon herkam, daß uns das liebe +Mädchen gar so gut gefiel und daß wir ihm anmerkten, +es sorge sich um dich und sehne sich nach deinen +Nachrichten.“</p> + +<p>Als Luise das erzählte, konnte ich nicht verhindern, +daß mir ein tiefer Seufzer entstieg, und sie +meinte aufhören und mich der Nachtruhe überlassen +zu müssen, sah aber dann selber ein, daß ich, überwach +und erregt, doch nicht schlafen könne, ehe wir unser +Gespräch zu Ende geführt hätten, und sagte: „In der +unglücklichen Zeit, die dich und uns so viele Schmerzen +gekostet hat, träumte mir einmal, daß die Mutter +vor dem alten Häuschen am Graben auf dem Bänklein +sitze und zu mir sagte: ‚Es wird ihm nichts geschenkt, +er muß alles teuer zahlen. Man hätte ihn +sollen als klein härter halten, denn es kommt jetzt +doch alles auf ihn heraus.‘ Da wußte ich, daß etwas +Schweres auf dich wartet, und als du krank und elend +heimkamst, war ich nur froh, daß ich dich da habe, +denn es war mir, als sei das Ärgste schon vorbei, und +es komme nun wieder besser. Und du wirst sehen, +es kommt auch.“</p> + +<p>Dabei sah sie mir mit einem Anflug von Hoffnungsfreude +und fast Schelmerei in die Augen, und +ich wußte, daß sie nun denke, es könne vielleicht, da +ich nun frei sei, wieder ein Weg von mir zu Maidi +hin gefunden werden, was ihr nicht nur ein Glück +an sich, sondern auch ein Beweis gewesen wäre, daß +nun das züchtigende Schicksal seinen Grimm über mir +erschöpft hätte und mich fortan durch Güte auf freundlichen +Pfaden zum vollen Leben hin zu führen gedenke. +So ließ sie mich, obgleich erregt und aufgewühlt, +doch nicht ohne ein kleines Flämmchen zurück, +<span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330">330</a></span>das, wie das winzige Nachtlicht an die dunklen +Wände meiner Schlafkammer, blasse und sich tröstlich +vermehrende Lichtringe in die Nacht meines +Innern warf. Das hatte schon sehnlich darauf gewartet, +daß es noch einmal hoffen dürfe, und fing +begierig an, wenn auch noch zaghaft und scheu, sich +der Entfernten, in der Zeit der Untreue am meisten +Geliebten zu nähern.</p> + +<p>Ich war noch fiebrig und schwach und zu nichts +fähig, als vor mich hin zu träumen, meistens mit geschlossenen +Augen. Manchmal überfielen mich dabei +die dunklen Geister der Vergangenheit. Es reute +mich die Zeit, die mir verloren gegangen war, die +Umwege, die ich gemacht hatte. Mein Stolz bäumte +sich auf, wenn ich daran dachte, wie Eleonore und +der Doktor über mich gesprochen hatten. Olbrich fiel +mir ein, und Hertha, und der Zeitler. Ich war überall +unten durch; sie hatten alle recht, wenn sie auf +mich heruntersahen, und ich wünschte, nie mehr aufzustehen. +Aber öfter und öfter gewann meine genesende +Seele die Macht, sich vor dem Dunkeln zu +flüchten. Ich konnte noch nicht an Maidi schreiben, +und es war mir, als könne ich es überhaupt nicht, +als müsse ich zu ihr gehen und ihr alles sagen, +und sie würde mich nicht von sich weisen, denn sie +liebte mich, wie ich war. Ich ließ mir von Luise erzählen, +was sie von mir gesagt hatte, als sie dagewesen +war. Luise sagte lächelnd: „Sie meinte, du +seiest dir selber gefährlich und eigentlich gar kein +Kraftmensch, aber sie machte ein so liebes Gesicht +dazu, als ob ihr gerade das das liebste an dir sei. +Das kann auch sein, denn ich glaube, sie hat das +Sichere und Bestimmte, das dir manchmal fehlt, und +<span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331">331</a></span>das will sich gern mit dir vermischen. Überhaupt ist +sie ein Mensch, der lieben kann und sich nicht besinnt, +welche Eigenschaften ihr Geliebter haben soll; sondern +sie liebt, weil sie liebt, und aus keinem andern +Grunde.“</p> + +<p>„Hat sie dir denn das gesagt?“ fragte ich verwundert.</p> + +<p>„Nein,“ sagte Luise, „so etwas brauchen wir +Frauen einander nicht zu sagen, das merken wir +auch so.“</p> + +<p>Dieses Gespräch war mehr als Arznei für mich. +Ich fühlte neuen Saft in mir aufsteigen und sah den +Baum meines Lebens wieder Knospen treiben. Draußen +ging der Oktober zu Ende mit sonnigen, warmen +Tagen, hinter denen der Winter kommen mußte, ich +aber rief mir den Frühling herauf, der gewesen war, +und schöpfte aus ihm die Hoffnung auf einen neuen.</p> + +<p>Ich dachte daran, wie Maidi von ihrer Mutter +geredet hatte und von ihrer harrenden Liebe, die durch +nichts ertötet werden konnte, und wie die Tochter sich +einer gleichen fähig gefühlt hatte. Freilich hatte ich +damals gedacht, Maidi würde nie solche Schmerzen +erleiden, denn etwas so Köstliches wie sie würde +niemand verlassen, der es besitzen könne, und nun war +ich selber es gewesen, der an ihr gesündigt hatte. +Aber darum konnte ich doch zu ihr zurückkehren, denn +sie war treu, daran konnte ich nicht zweifeln. Alles +andere aber mußte sich finden und fand sich auch, +wenn ich nur wieder mit ihr einig war.</p> + +<p>Manchmal kam mir der unsinnige Gedanke, sie +könne auf einmal zur Tür hereinkommen und an +meinem Lager stehen. Ich schloß die Augen und sah +sie vor mir, und mein Herz klopfte ihr entgegen und +<span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332">332</a></span>gab ihr tausend liebe Namen. So gingen einige +Tage vorbei, in denen ich kräftiger wurde und nach +dem Aufstehen verlangte, denn es eilte mir auf einmal +mit dem Gesundwerden. Luise war jetzt wieder +viel in ihrer Bügelstube, und eines Tages fiel es +mir auf, daß sie blaß und übernächtig aussehe und +rotgeränderte Augen habe. Ich schalt mich, daß ich +nicht mehr an sie gedacht hatte, die mich mit so großer +Treue gepflegt und mir zurechtgeholfen hatte, denn +ich dachte, sie sei übermüdet vom Nachtwachen, aber +als ich sie darauf anredete, lächelte sie traurig und +sagte, ich solle mich nicht um sie kümmern, sondern +nur trachten, gesund zu werden, daß ich dem Leben +wieder gewachsen sei, denn das verlange viele Kräfte, +mehr als man ahne. Das fiel mir auf, da sie sonst so +zuversichtlich und wacker dastand, und ich dachte, sie +mache sich Sorgen um mich und mein Fortkommen, +mehr als sie zeigen wolle, und nahm mir vor, sie so +recht an allem Guten, das ich doch noch zu erreichen +hoffte, teilhaben zu lassen, so daß sie wieder freudig +aufatmen könne. In diesen Tagen kam Helene viel +mit den Kindern zu mir, die ich ja noch gar nicht +kannte, und die man mir seither, um mich zu schonen, +ferngehalten hatte. Das kleine Mädchen auf ihrem +Arm, das Maria hieß, sah mich ernst und aufmerksam +an, bis auf einmal ein Lächeln das ganze runde Gesichtchen +überzog und es wie in Sonnenschein tauchte, +während das Bübchen sich zuerst in die Rockfalten der +Mutter verkroch und mich aus ihnen heraus musterte, +und dann mit Geschrei fortgebracht zu werden begehrte, +weil ich ihm in meiner Blässe und Hilflosigkeit unheimlich +war. Wir befreundeten uns aber doch nach +und nach, und bald kam der Kleine, der meinen Namen +<span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333">333</a></span>trug, auch allein zu mir. Ich setzte ihn auf meine +Bettdecke und sagte ihm Liedchen vor, die mir aus +meiner Kindheit her wieder einfielen, von denen er +aber einige schon kannte und mich berichtigte, daß ich +sie nicht recht wisse, die Mutter habe sie ihm anders +gesagt, und so müssen sie heißen. Es war ein frühgewecktes +und gelehriges Kind mit dunklem Lockenbusch +und blauen Augen. Man sagte mir, er sei eine +zweite Auflage von mir, wie ich in seinem Alter gewesen +sei, und ich dachte daran, daß mich mein Vater, +der Erzählung nach, auch so vor sich auf der Bettdecke +sitzen gehabt und mich Liedchen gelehrt habe. Es +drängte mich eine warme und dunkle Lust, ein eigenes +Kind aus meinem Blute zu umfassen, und reiche +Quellen, die neu aufsprangen, strömten von mir zu +Maidi hin, deren Namen ich im Geheimen den +kleinen Ludwig sagen lehrte.</p> + +<p>Ich versuchte das Aufstehen und saß zum erstenmal +in einem Korbstuhl am Fenster, als Lotte Meister +mich besuchte. Ich dachte, ich müsse mich wohl sehr verändert +haben, da sie mich ernst und bewegt ansah +und eine meiner zart gewordenen Krankenhände behutsam +zwischen ihre beiden festen und gesunden +nahm. „Du mußt jetzt ein fester und starker Mann +werden,“ sagte sie; „wir warten alle darauf.“ Es +schien, als wolle sie mir noch etwas mitteilen, was +ihr aber nicht über die Lippen wollte, und als ich +sie fragte, ob sie etwas Besonderes habe, sagte sie +hastig, sie komme morgen wieder, und kürzte ihren +Besuch ab. Sie trug ein schwarzes Kleid und schien +zu einer Beerdigung zu gehen, und es läuteten auch +gleich nachher die Glocken einer entfernten Kirche zusammen, +dumpf und schwer. Im Hause war es still; +<span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334">334</a></span>nur von der Werkstatt herüber hörte ich das Kreisen +und Schwirren der Bandsäge, das mit scharfem Ton +die Luft zerriß. Die Glocken dröhnten; es lag ein +Nebel über der Gasse, der zusehends dichter wurde; +mir war schwer und angst zumute. Ich versuchte im +Zimmer auf und ab zu gehen, um meine Kraft zu +üben, denn ich mußte machen, daß ich bald auf die +Reise kam, um Maidi zu finden. Sie mußte mich +lossprechen und mit mir eins sein, sonst konnte ich +nicht neu anfangen zu leben.</p> + +<p>Als nach einiger Zeit Luise zu mir kam, sagte ich +erregt, ich müsse mit ihr reden, ich könne es nicht mehr +verschieben. Ich hätte die ganze Zeit darüber geschwiegen, +aber nun halte ich es nicht mehr aus, ich +müsse Maidi wieder gewinnen. Wenn sie wirklich +zu lieben verstehe, so müsse sie auch über alles hinüberkommen, +was uns getrennt habe. Ich dachte nicht +daran, daß wir uns ja noch gar nie ausgesprochen +hatten, noch nie in Wirklichkeit geeint gewesen waren; +es war mir, als hätten unsere Seelen schon lange +im innigsten Verein gelebt und wären nur für eine +kurze und dunkle Zeit auseinandergerissen gewesen +durch meine Schuld. Ich sah betroffen, daß sich Luise +über den Tisch warf und, den Kopf auf die Arme +gelegt, lautlos schluchzte, so daß ihre Schultern zuckten +vor heftigem Weinen. In meiner starken Erregung +faßte ich es so auf, als halte sie es für unmöglich, +daß Maidi mir verzeihen könne, oder als +wisse sie mit Sicherheit das Gegenteil. Ich rührte +sie an der Schulter und sagte: „So gib doch Antwort,“ +worauf sie den Kopf hob und, mich mit großen Augen +schmerzlich ansehend, tonlos sagte: „Es hilft nichts +mehr. Maidi ist nicht mehr am Leben. Sie ist vor +<span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335">335</a></span>einer Stunde begraben worden, hier in ihrem Familiengrab!“</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Wenn ich an jene Stunde und an die Tage denke, +die darauf folgten, so wundert es mich, daß sie vorbeigingen +und daß ich sie überstehen konnte. Es +rinnen ja Zeit und Stunde auch durch den rauhsten +Tag, aber wer, mit schwerer Last beladen, jede Minute +schmerzvoll auskostet, dem ist ein Tag eine Ewigkeit, +und er sieht ihn herniedersinken in den Schoß der +Nacht, als ob das Gestern unaussprechlich lange her +wäre, und als ob es zu viel verlangt wäre, daß er +auch noch das Morgen tragen solle.</p> + +<p>Dennoch fassen sich auch in solcher Zeit die Stunden +an den Händen, nicht zu leichtbeschwingtem Tanze, +sondern zu langsam schleichendem Gange, der aber +auch sein Ziel erreicht, wie die träge dahinrollende +Welle eines Stromes, der in der Niederung angelangt +ist.</p> + +<p>Die Meinigen hatten befürchtet, daß ich aufs neue +erkranken würde, wenn ich die Nachricht von Maidis +Tod vernähme, die sie aus der Zeitung schon einige +Tage zuvor erfahren und mir noch vorenthalten +hatten, bis ich mehr gekräftigt sein würde. Sie +hatte mit ihrem Bruder eine größere Wanderung gemacht, +nachdem sie die Schlußprüfung an der Schule +hinter sich hatte, und war beim Baden in dem herbstlich +durchsonnten, aber doch eiskalten Wasser eines +Gebirgssees vom Herzschlag getroffen worden und +lautlos untergesunken. Der Bruder, der näher am +Ufer war als sie, sah sie, die weit hinausgeschwommen +war, plötzlich verschwinden, schwamm mit starken +Stößen auf die Stelle zu, wo das Wasser noch weite, +<span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336">336</a></span>unruhige Kreise zog, und konnte mit Hilfe eines +Schiffmanns, der am Ufer an seinem Nachen bastelte, +den geliebten Leichnam bergen, was alles, mit vielen +Zutaten versehen und ausgeschmückt, in der Stadt, +wo die Geschwister noch viele Freunde und Bekannte +hatten, erzählt wurde und von Mund zu Mund ging.</p> + +<p>Der beraubte Bruder hatte dann die Schwester in +das Familiengrab zu dem silberglänzenden Großvater +gebettet, dessen Liebling sie gewesen war, und +mit dem man sie so oft hatte durch die Straßen gehen +sehen, aufrecht, mit freier und freudiger Haltung und +mit erwartungsvoll schreitendem Gange, wie sich jedermann, +der sie gekannt hatte, wohl erinnerte.</p> + +<p>Ich wurde nicht kränker, so wohl es mir getan +hätte, aufs neue ins Nichtwissen und noch besser +Nichtfühlen unterzusinken. Meine gesunde Lebenskraft +hatte für jetzt einmal den Kampf mit der Krankheit +bestanden, die ihr ohnehin fremd genug gewesen +war. Sie ließ sich jetzt nicht mehr in ihrer Erneuerung +aufhalten, so schwer und gramvoll es auch dem +Bewohner des jungen und frisch sich aufbauenden +Leibes zumute war. Sondern alles, was sich auf mich +stürzte: Gram, Sehnsucht, Liebe und Reue und das +Heer von fragenden und vergeblich suchenden Gedanken +zwang und trieb mich, aus der Enge des +stillen Krankenstübchens hinauszukommen, wo die +Wände mich zu erdrücken drohten, um im Freien +und in der Bewegung meiner selbst und der erbarmungslosen +Wirklichkeit Herr zu werden.</p> + +<p>Es gab Tage, wo sich alles in mir dagegen auflehnte, +daß es mir so furchtbar ergehen und ich, als +ich dem holden Glück eine Weile den Rücken gewandt +hatte, um eines Irrtums oder eines falschen Triebes +<span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337">337</a></span>willen, seiner nun auf immer verlustig gehen sollte. +Ich zürnte mit Gott, den ich nun auf einmal anzureden +und vorzufordern begann, nachdem ich sonst +wenig genug Verkehr mit ihm gepflegt hatte. Wie +ein Kind, das sich allzuhart bestraft vorkommt um +eines Vergehens willen, das ihm eben der herben +Züchtigung wegen klein zu werden beginnt, trotzte +ich und bäumte mich auf, denn es war mir, als sei +Maidi einzig von mir hinweggestorben, eben jetzt, als +ich den Rückweg zu ihr suchte. Ich hätte durch alle +Welt hinstürmen und sie zwingen wollen, mich noch +einmal anzuhören. Aber sie war nirgends mehr aufzufinden, +und wenn ich auch Flügel der Morgenröte +genommen hätte. Einzig jenseits des Todestores +wäre sie vielleicht gewandelt, und ich hätte ihr begegnen +können, wenn ich auch da hindurchgegangen +wäre. Aber es graute mir vor dem Gedanken, mit +dem ich doch eine Zeitlang gespielt hatte, denn ich +dachte der angstvollen Träume in den Fiebertagen, +wo sie fremd und lautlos vor mir hergegangen und +mir immer entschwunden war, wenn ich sie hatte +fassen wollen. Wer bürgte mir, daß sie auch jetzt sich +nicht von mir abwandte oder mich aus toten, leeren +Augen fremd ansah, wenn ich sie traf? Stumm, ohne +ein Wort oder ein Zeichen, daß sie meiner noch gedenke, +war sie aus der Welt gegangen, und wenn +ich auch in die kalte und furchtbare Einsamkeit hineinrief, +die mich, selbst wenn ich mitten unter den Menschen +war, umfing: „Maidi, wo bist du? Gib mir +ein Zeichen, nur einmal, daß wir uns berühren und +du noch zu mir gehörst,“ so kam doch nicht der leiseste +Laut, nicht der fernste Traum zu mir. Ich blieb in +der Schuld gegen sie und im Unrecht. Ich mußte +<span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338">338</a></span>weiterleben und mich selber tragen; niemand entsühnte, +niemand entlastete mich, und die Wirklichkeit +sah mich aus unerbittlichen Augen streng und +grausam an.</p> + +<p>Bei dem allem war ich begierig zu hören, was +sich die Leute, die mehr wußten als ich, von Maidis +Tod erzählten. Es kam nicht viel Neues hinzu, aber +es war mir jedes Wort kostbar, das von ihr noch in +der Luft umging. Luise, die durch ihr Bügelgeschäft +mit allerlei Menschen zusammenkam, heimste es für +mich ein und gab es mir weiter, obgleich ihr weiches +und liebreiches Herz sah, wie ich dabei litt, und +lieber geschwiegen hätte.</p> + +<p>Zum Beispiel sollte der Bruder gesagt haben, +das Studieren sei Maidi nicht gut bekommen; sie +sei über ihre Jahre und ganz gegen ihre Natur +ernst und still geworden. Sie habe auf jener Wanderung +ein paarmal von ihrem Herzen gesprochen, +das nicht mehr so leicht und fröhlich schlage wie einst +und habe dann aber hinzugefügt, es mache nichts, +denn ein leichtes Leben sei ein leeres Leben, nach dem +es sie nicht verlange. Der Bruder habe den Eindruck +gehabt, als sei ihr etwas Schweres widerfahren, und +habe sie gefragt, ob ihr jemand ein Leid zugefügt +hätte, da habe sie mit lieblichem und traurigem +Lächeln gesagt: „Liebes und Leides; es ist aber noch +nicht zu Ende. Es geht mir wie der Mutter, ich +muß warten.“</p> + +<p>Dabei habe sie so fest und geradeaus wie in eine +Ferne gesehen, aus der das Erwartete herkommen +solle, daß der Bruder gedacht habe, sie könne herbeizwingen, +was sie wolle, nur durch unentwegtes Warten.</p> + +<p>Es sei ein sonniger Tag gewesen am letzten Oktober. +<span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339">339</a></span>Die Geschwister seien an dem Gebirgssee angekommen, +der wie ein großes, klares Auge oder +wie eine Opferschale voll geweihten Wassers still und +glänzend in der Sonne lag, und Maidi habe sogleich +gesagt, hier wolle sie schwimmen, und zwar bis ans +jenseitige Ufer, an dem der Erzählung der Leute nach +eine Wiese voll blühender Herbstenziane liege. Der +Bruder habe anfangs keine rechte Lust bezeugt und +sei am Ufer geblieben, indes Maidi, wohlig auf dem +Rücken liegend, von dem durchsonnten Wasser sich +habe tragen lassen, bis sie auf einmal gesagt habe: +„Jetzt schwimme ich hinüber, komm doch nach,“ und +angefangen habe, sich rasch von ihm zu entfernen. +Da habe es ihn auch darnach verlangt, und er habe +die Kleider abgeworfen, sei aber noch nicht weit gewesen, +als sie plötzlich gesunken sei und also von ihm +weg an einem Ufer gelandet, wohin er ihr nicht habe +folgen können.</p> + +<p>Sie habe dann im Sarg einen vollen Kranz der +dunkelblauen späten Blüten im Haar gehabt, unter +denen sie feierlich und geheimnisvoll aussehend mit +geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Munde +gelegen sei, so daß man sie nur hätte fragen mögen, +welches Wissen ihr noch im letzten Augenblick, eh' +ihr Herz stillstand, gekommen sei.</p> + +<p>Alle diese Dinge mußte ich wie einer, den sie +nichts angingen, von fremden Leuten erfahren, die +heute davon und morgen von etwas anderem redeten, +indes ich sie ins Herz sammelte, um davon zu zehren, +wenn ich verschmachten wollte.</p> + +<p>Ich suchte, so bald ich irgend konnte, das Grab +auf, das mir aber kein liebes Gefühl der Nähe der +<span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340">340</a></span>Geliebten gab, sondern nur eine strenge und starre +Bestätigung davon, daß sie sich verborgen habe vor +mir und aller Welt. Sie, die sich nicht hatte ersättigen +können an allen Höhen und Weiten und +die ihre Arme dem Licht entgegengebreitet hatte, daß +es sie ganz umfange, hatte nun ein so enges und +schmales Bett und Erde auf ihrem lieben Gesicht. +Sie wanderte nie mehr mit mir durch die rauschenden +Wälder, sondern lag still an den alten, königlichen +Herrn angeschmiegt, der ihres Blutes und ihrer Art +war, was mich in aller Betrübnis noch mit einer +Art von Eifersucht erfüllte, so lächerlich das im +Grunde war.</p> + +<p>Als ich durch die Stadt zurückging, kam ich zufällig +an dem alten Patrizierhaus vorbei, das Maidis +Heimat gewesen war, und sah einen Wagen vor demselben +stehen, auf den allerlei Hausrat, Kisten, Teppichrollen +und dergleichen aufgeladen wurde. Wie +fremd und verwundert vor der taghellen und nüchternen +Umgebung stand eine große, uralte geschnitzte +Truhe aus schwerem Eichenholz zwischen dem andern +Geräte, die ich sogleich als die von Maidi auf jener +Wanderung mit Olbrich geschilderte erkannte, und die +also ihr kleines Erbe enthielt, das irgendwohin wanderte, +Gott mochte wissen, wo. Ein Mann brachte +unter jedem Arm ein Gemälde in Goldrahmen hergeschleppt. +Sie wurden auf dem Wagen in grüne +Tücher eingeschlagen, und ich sah, eh' sie verschwanden, +leuchtende, sonnige Landschaften unter blauem +Frühlingshimmel. Eine Flut glänzte auf, Blütenbäume +schimmerten, dann lagen die lichten und freudigen +Gebilde wieder auf ihrem Angesicht, wie sie +es lange in der dunkeln Kammer hatten tun müssen. +<span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341">341</a></span>Vorüber, vorüber, dachte ich. Es war ein Leuchten +in meinem Leben, aber es ist ausgelöscht.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Eines Tages ging ich in schweren Gedanken am +Ufer des breiten und mächtigen Flusses hin, der an +meiner Vaterstadt vorbeiströmt. Er war voll vom +vielen Regen der letzten Tage, und seine Wellen +eilten rauschend und unaufhaltsam in ihrem Bette +dahin. Die Ufer lagen im Nebel, der die Bäume +auf der andern Seite einhüllte, so daß ihre Stämme +und Kronen aus dichten Schleiern sonderbar fremd +und schweigend herübersahen. Stumm und schattenhaft +flog ein Schwarm von Krähen über mir hin, +in den Nebel hinein; kaum daß man ihre Flügel +rauschen hörte. Eine alte, zerklüftete Weide hängte +nackte Zweige in das Wasser, das sie hob und senkte +im raschen Vorübereilen. Ich war allein und fremd, +denn ich fand den Weg nicht mehr ins Leben zurück. +Hier hatte ich in glücklichen Kindertagen Kiesel auf +dem Wasser tanzen lassen, hatte den Schiffern, die +ihre Flöße stromabwärts steuerten, zugerufen und mit +fröhlichen Kameraden Weidengerten geschnitten. Es +war noch der Fluß meiner Kindheit, der einst blau +und plätschernd geflossen war, der mich als kräftigen +Schwimmer auf dem Rücken getragen und an kiesige, +durchsonnte Ufer lachend ausgesetzt hatte. Jetzt strömte +er mit schweren Wellen eilig und gleichgültig an mir +vorüber, als ob er mich nicht mehr kenne, und seine +Ufer lagen im Nebel, wie mein Leben. Ich dachte, +ob es nicht besser wäre, wenn ich mich in das +trübe Wasser gleiten ließe und von ihm unaufhaltsam +fortgetragen würde, da dann alles auslösche, was +<span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">342</a></span>drückend auf mir liege, und ich mit. Da tauchte aus +dem Nebel ein Pfahl auf, an dem eine Bildertafel +befestigt war, die ich aus meinen Kindertagen her +wohl kannte. Sie stellte in ungeschickter Malerei, +die auch schon ziemlich verblaßt und verwaschen war, +eben dieses Ufer dar, von einem Hochwasser des +Flusses überschwemmt. In hohen Wellen und weißem +Gischt war ein versinkendes Fuhrwerk zu sehen, +dessen Lenker samt den Gäulen noch halben Leibes +aus der Flut herausragte, ihr aber nicht mehr zu +widerstehen vermochte. Wir hatten als Buben unser +Vergnügen an der Schilderei gehabt, da in einer +mangelhaften Schreibweise mit vielen orthographischen +Fehlern den Vorübergehenden empfohlen wurde, +für die Seele des Ertrunkenen, der ein Müller gewesen +war, zu beten, und der Maler gleich zur Unterstützung +seiner Ermahnung einige weiß gekleidete +Müllerskinder in engen Kamisölchen und mit andächtig +aufgehobenen Händen auf dem Bilde angebracht +hatte. Sie hatten, da es lauter Buben waren, +sonderbar starrende weiße Zipfelmützen auf und sahen +nicht viel anders aus als aufrecht stehende Kaninchen +mit gespitzten Ohren, was alles zusammen uns vielen +Spaß machte. Heute las ich zum erstenmal mit leidvoller +Aufmerksamkeit den Text, da ich auch am Ertrinken +war, wie der Müller, wenngleich durch andere +Fluten. Es hieß:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">„Glück und Unglück, beide trag' in Ruh',<br /></span> +<span class="i0">Alles geht vorüber, und auch du.<br /></span> +</div></div> + +<p>Hier ist mit Roß und Wagen in den Grund gefahren +und vertrunken der Müller Daniel Jungbluth, +dessen Seele Gott gnädig sein wolle. Wanderer, der +<span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">343</a></span>du vorüber gehst, versäume nicht, fürzubitten, denn +du weißest nicht, ob auch du der Frommen Gebete +brauchest, wenn du von hinnen gefahren bist.“</p> + +<p>Da weiß ich nun nicht zu erklären, woher mir +auf einmal beim Lesen etwas wie gelinder Trost +durch die Seele floß, als ob mich eine sanfte Hand +leise berühre und den grauen Wolkenvorhang meines +Innern lüfte. Alles geht vorüber, und auch du, sprach +es in mir, und was mir vorher schrecklich und trostlos +gewesen war, nämlich das Vergehen, barg auf einmal +Trost und Hoffnung in sich, da nicht nur das +Liebe und Schöne verging, sondern auch das Schwere +und Traurige. Ich mußte es tragen. Aber nicht für +immer, es hatte alles ein Ende und ein Ziel, und auch +ich hatte es, ohne daß ich es mir vorzeitig setzte. Irgendwann +strömten alle Wasser ins Meer, die klaren +und die trüben, und vereinigten sich am Herzen der +Mutter, nach der sie in Sehnsucht hingewallt waren.</p> + +<p>Wie es aber geht, wenn die Nebel anfangen, sich +zu heben und ein Stück Fluß und Tal ums andere im +lieben Lichte liegt, so folgte dem Lichtblick ein anderer, +da mir auch Maidis Tod nicht mehr als eine Flucht +vor mir erschien, sondern als die Erfüllung ihres +eigenen Schicksals. Auch sie war vorübergegangen +in all ihrer Lieblichkeit. Sie hatte das Leben zu erfassen +gemeint, dem ihr Herz zärtlich und sehnlich +entgegenklopfte und war in ihrer goldenen Jugend +an das jenseitige Ufer hingerufen worden, um vielleicht +dort neue Aufträge entgegenzunehmen, ein +anderes Leben zu führen, zu dem ich keinen Zutritt +hatte. Ich mußte es aufgeben, sie ängstlich und leidenschaftlich +zu suchen und ihr nachzurufen, und hatte +nichts zu tun, als mein Leben zu leben und daraus +<span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">344</a></span>zu machen, was irgend möglich war. Das zu denken +und mir vorzusetzen, schuf mir eine freie, einsame +Kühle, in der die tobenden Schmerzen, aber auch die +Selbstvorwürfe und die mutlose Schwäche vergehen +mußten und aus der heraus es einen Weg gab, zur +einfachen Pflicht zurückzukehren, in der so viele Menschen +leben mußten ohne hohes Glück und überschwengliches +Hoffen.</p> + +<p>Doch erreichte ich diese Lebensmöglichkeit freilich +nicht auf einmal und nicht ohne viel Übung im Fahrenlassenkönnen, +im Stillen und Geschweigen der begehrlichen +Sinne, im Wegblicken von der Vergangenheit, +der lieben und der schlimmen, und nicht ohne +williges Eingehen auf einen neuen Weg, der sich +vor mir auftat, ohne daß ich ihn gesucht hatte.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Ich hatte einige Male gesehen, daß Luise mitten +am Werktag ausging, was sie für gewöhnlich nicht +tat, in gutem, sorgfältigem Anzug und mit Handschuhen +versehen und mit einer gewissen feierlichen +Wichtigkeit. Da sie mir aber nicht von selber sagte, +was es bedeutete, fragte ich auch nicht, obgleich mir +ihr Gesicht und Wesen beim Heimkommen irgend +etwas ausdrückte, als ob die Gänge mit mir zusammenhingen. +Das war auch der Fall, wie ich +bald erfuhr.</p> + +<p>Mitten in der Stadt lag in einer schmalen Straße +des Geschäftsviertels ein Buchladen, dem seit vielen +Jahren ein Männchen vorstand, das ich schon seit +Knabengedenken als alt und engbrüstig in Erinnerung +hatte. Man sah es häufig, wenn die Sonne +über die hohen Dächer stieg, vor der Tür stehen und +<span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">345</a></span>sich händereibend an dem bescheidenen Strählchen +wärmen, das die Straße erreichte, dann sein Schaufenster +betrachten und hüstelnd wie ein rechter Asthmatiker +wieder in den Laden zurückkehren. Diesen +hatte ich in meiner Schülerzeit nie besonders angesehen, +da im Schaufenster allerlei altes, verstaubtes +Zeug lag, das mich nicht im mindesten interessierte. +Es war ein Antiquariat, das der Alte neben dem +Wichtigsten an neuer Literatur, das er auch führte, +mit Liebe und Sorgfalt betrieb. Gott mochte wissen, +wo er in seiner Gebrechlichkeit die seltenen Exemplare, +die alten Ausgaben rar gewordener Werke, geschmückt +mit Kupferstichen oder ausgezeichnet durch wertvolle +Handschriften, auftrieb, die er den Kennern hüstelnd +und händereibend vorzeigte. Man sagte von ihm, er +sei arm geblieben, weil er sein Herz so an die Schätze +gehängt habe, die er in den staubigen Regalen +seines Ladens angehäuft habe, daß es ihn jedesmal +einen Kampf und schweren Abschied koste, wenn er +etwas davon verkaufen solle, so daß die Kunden, die +ihn näher kannten, alle Listen anzuwenden genötigt +seien, um überhaupt das Beste und Seltenste gezeigt +zu bekommen, wovon die ergötzlichsten Geschichten im +Umlauf waren. Dieses Männchen nun war allmählich +so asthmatisch geworden, daß es seiner Sache +nicht mehr vorstehen konnte, und mußte sich zu dem +bittern Geschäft des Verkaufens oder Verpachtens +entschließen, welch letzteres ihm das Leichtere schien, +da es seiner Meinung nach immerhin sein konnte, +daß ihm eine Kur, die es anzuwenden gedachte, noch +einmal freien Atem und Leichtfüßigkeit verschaffte, +und es dann von neuem anfangen konnte, zwischen +den Büchern herumzustöbern. So wenigstens hatte +<span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">346</a></span>Luise gehört und hatte den Büchermann aufgesucht, +weil sie erfahren wollte, ob da vielleicht etwas für +mich herausspringe. Der Alte, der mißtrauisch und +zurückhaltend war, hatte an der treuherzigen Einfachheit +und aber auch ehrenhaften und klugen Biederkeit +meiner Schwester Wohlgefallen gefunden und +sie hatte ihm, so viel er es hatte leiden mögen, von +mir erzählt. Darauf hatte er, wie ich später erfuhr, +schmunzelnd gesagt: „So, so, also er ist auf die +Nase gefallen zu guter Zeit noch? Das tut ihm +nichts, das tut ihm gar nichts, im Gegenteil, wen +die Götter lieben, den lassen sie beizeiten einen +Knacks bekommen,“ wobei er so lachen mußte, daß +ihm der Atem knapp wurde und er blaurot im Gesicht +wurde. Das alles erschreckte Luise so sehr, besonders +auch die heidnische Göttermehrheit, die er +als schicksalswaltend anführte, daß sie schon anfing, +zu bereuen, sich in mein Geschick gemengt zu haben, +als der Alte sich erholte und ernst werdend sagte: +„Man kann es natürlich auch anders ausdrücken, +<span class="antiqua">item</span>, es ist nicht immer gut, wenn einem alles glatt +hinausgeht.“ Darauf fing er an, sich mit ihr auf +das Geschäftliche einzulassen, wegen dessen sie allein +zu ihm gekommen war; denn sie hatte wissen wollen, +ob die Ersparnisse, die sie in den letzten Jahren gemacht +hatte, wohl hinreichend wären, mich in das Geschäft +hineinzusetzen, falls ich Lust dazu hätte.</p> + +<p>Das wäre nun nicht der Fall gewesen, wenn der +Alte nicht eine besondere Freude an Luise gehabt und +ein Vertrauen zu ihr gefaßt hätte, so daß er die Bedingungen +leicht und möglich machte.</p> + +<p>Das alles erfuhr ich erst viel später; es wäre +mir sonst noch schwerer gefallen, als es ohnehin geschah, +<span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">347</a></span>auf den Plan, den sie mir zögernd und halb +verlegen eines Abends unterbreitete, einzugehen. Ich +hatte mir jetzt vorgenommen, meine Zukunft und +alles, was ich noch erreichen wollte, nur von meiner +Arbeit und streng zusammengerafften Kraft abhängig +zu machen und sollte nun ein neues Opfer von +Luise annehmen und wieder gewissermaßen etwas +Zufälliges über mich entscheiden lassen. Doch sah ich, +mit welcher Begierde Luise auf meine Entscheidung +wartete und wie lieb und wertvoll es ihr war, mich +in ihrer Nähe zu behalten, und dachte, da doch sonst +nirgends auf Erden ein Mensch nach meiner Gegenwart +verlange, so könne ich wohl hier bleiben, und +es kam auch gleich etwas wie ein Heimatsgefühl +über mich, als ich in Gedanken so weit war. Auch +verstand ich mich mit dem alten Buchhändler besser, +als ich für möglich gehalten hätte, da ich mich nun +selber mit ihm ins Benehmen setzte. Er war ein +gründlich gebildeter Mensch, der aber nach irgendwelchen +schweren Schicksalen und nachdem ihm die +nächsten Menschen gestorben waren, sich in sich selbst +und seine Bücherwelt zurückgezogen und äußerlich +etwas Ungepflegtes, Uhuartiges bekommen hatte. +Wenn man aber die dicke Staubschicht, die auf +ihm saß, hinwegblies, um ihn jetzt mit einem seiner +alten Folianten zu vergleichen, so kam allerlei Lesenswertes +zum Vorschein, schnörkelig und grillig zwar, +und in einer seltsamen Sprache, aber nicht ohne +einen trockenen Humor und nicht ohne Geist, was +mancher seiner Kunden wohl wußte, der gern ein +längeres Gespräch mit ihm führte außer dem Geschäftlichen, +und der auch in Letzterem sich gern +von ihm beraten ließ, so belesen er selber sein mochte. +<span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">348</a></span>Kurzum, ich sah, daß es nicht das Erbe eines alten +Trödelmannes zu übernehmen galt, sondern eher +die sorglich gefüllte Schatzkammer eines Sammlers, +der mit leuchtenden Augen unter verwilderten +Brauen hervor seine Lieblinge betrachtete und sie +am liebsten alle mitgenommen hätte. Ich gewann +Interesse dafür und vergaß zum erstenmal wieder +etwas von meinen eigenen Kümmernissen im Durchstöbern +der Bücherreihen, die sich in einem langen, +schmalen Gemach hinter dem kleinen Laden hinzogen, +und die ich an ein paar Abenden mit dem Alten +nach Ladenschluß betrachtete. So ein Einsiedler und +Sonderling wirst du nun auch nach und nach werden, +dachte ich freilich dabei, aber es machte mir im Augenblick +keine Beschwerden, denn es fiel mir leichter, +mich hier zu bergen in die Abgeschlossenheit des kleinen +Ladens, als irgendwo draußen auf der Welt, +die mich gar nicht lockte, wieder neue Fahrten +zu tun und mit vielen Leuten meines Alters +zusammen zu sein. Auch machte sich, als wir wirklich +übereingekommen waren, daß ich das Geschäft +auf eigene Rechnung führen solle und der alte Uhu +mit scheuem Flügelschlag hinausgeflattert war, doch +bald geltend, daß ich etwas gelernt hatte und jung +war, so daß ich in manchen Zweig des Betriebs einen +frischen Zug brachte, ohne dabei das Eigenartige +zu verlieren, das der Alte gepflegt hatte.</p> + +<p>Ich lebte zurückgezogen, ohne Gesellschaft zu +suchen, denn es war alles noch zu frisch, was ich erlebt +hatte, und es ging mir zu viel nach, als daß ich +hätte unter Menschen gehen mögen. Ich hoffte, meine +Schwester Luise werde zu mir ziehen und mir das +Hauswesen führen, so daß wir dann beieinander eine +<span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349">349</a></span>Heimat gehabt hätten. Aber sie wollte nicht. „Komm +zu mir, so viel du willst,“ sagte sie, „je öfter je lieber, +und ich will auch nach dir sehen, so viel es dir recht +ist, doch soll jedes in seinem Eigentum und Lebenskreise +bleiben, so daß es frei und natürlich leben +kann, wie es ihm paßt.“ Ich merkte wohl, daß sie +dachte, sie würde mir ein Hindernis sein, falls ich +mich einmal zu verheiraten gedächte, oder ich würde, +behaglich bei ihr eingesponnen, die Lust dazu verlieren, +und stritt nicht mit ihr, obgleich ich zu wissen meinte, +daß der Gedanke an Liebe und Heirat hinter mir +liege für alle Zeit. Sie brachte aber viele Abende +bei mir in der kleinen Wohnstube hinter dem Laden +zu, die sie behaglich für mich eingerichtet hatte und +in der sie immer wieder einen kleinen Schmuck oder +eine neue Bequemlichkeit anbrachte, und hatte den +dienstbaren Geist, der mir das Hauswesen in Ordnung +hielt, gut im Zug, so daß mir nichts abging +im Äußeren. Wenn sie sah, daß ich trübsinnig war +und mich quälte, so lockte sie mich, daß ich Helene aufsuchte +und mich an ihren Kindern erfreute, und +hatte immer neue hübsche und liebliche Züge von +ihnen zu erzählen. Manchmal kam auch Lotte Meister +mit ihr, und wir saßen behaglich zusammen +und plauderten, oder wir machten an schönen Abenden +noch einen Gang und kehrten irgendwo ein, wo +es uns gefiel. Da lernte ich nun im häufigen und +anspruchslosen Verkehr mit den beiden eigentlich zum +erstenmal recht die gesunde Kraft ihres klugen, einfachen +Wesens kennen, den unverbildeten Verstand, +die Schlagfertigkeit ihrer Rede, mit der sie so recht +den Nagel auf den Kopf zu treffen wußten, und den +Mutterwitz, der sich nach und nach herauswagte, als +<span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350">350</a></span>sich mein trübseliger Ernst erhellte. Lotte Meister +war die Lebhaftere von beiden; sie wußte mich aus +aller Schweigsamkeit herauszulocken und immer neue +Dinge aufs Tapet zu bringen, über die ich Bescheid +geben, mich verantworten, die ich erklären oder verteidigen +sollte. Dabei stellte sie ihre Unwissenheit +in allen Sachen, die man durch Lesen oder Studieren +erwirbt, gar nicht in Abrede, zeigte aber keinerlei +Verlegenheit darüber, sondern eher eine Art von +fröhlicher Unbekümmerlichkeit. Sie war sich darin +und in allem Wesentlichen gleich geblieben, wie sie +von jeher gewesen war. Es war aber nicht so weit +her mit ihrem Nichtwissen, sondern sie kannte sich +besser aus auf der Welt als mancher, der die Nase +kaum aus den Büchern erheben mag; nur ließ sie +sich die Sachen gern mündlich vortragen gleich einem +Regenten, der sich von seinem Kanzler oder Minister +Vortrag halten läßt, um das Wichtigste nahe beisammen +zu haben, und übte auch, kaum daß sie aufmerksam +zugehört hatte, ihre Kritik daran, an der +gut zu merken war, wie hell es in ihrem Kopfe zuging. +Meine Schwester Luise sah und hörte mit innigem +Vergnügen zu, wenn wir uns zuweilen stritten und +einander sogar freundschaftliche Grobheiten an den +Kopf warfen; denn es war ihr alles ein Zeichen meiner +Wiederherstellung und meines Heimischwerdens +in dem neuen Leben, an dem sie sich durch ihren +Eingriff in mein Schicksal mitverantwortlich fühlte. +Sie war auch froh, schon um Helenens willen, daß +ich mich mit dem Schwager gut vertrug, soweit das +bei unseren verschiedenen Naturen möglich war. Er +war ja ein tüchtiger Arbeiter, der sich und die Seinen +vorwärts brachte, und auch ein sorglicher Familienvater, +<span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351">351</a></span>aber eng begrenzt im Denken, und ich +traute auch immer noch nicht, ob nicht die Sparsamkeit +seine Haupttugend sei, auf die er sich am meisten +zugute tue. Doch hatte ich keinen Grund, mit höheren +Tugenden zu prahlen, und war überhaupt mehr gewillt +als früher, die Menschen zu nehmen wie sie +waren, da man ja bei mir auch so manches in den +Kauf genommen hatte. Daß die Schwestern glücklich +waren über die gute Neuordnung der Dinge, und +daß Lotte Meister, die ich immer noch in einem +leisen Verdacht gehabt hatte, als sehe sie ein bißchen +auf mich herunter, sich von mir belehren ließ und +mich ersichtlich zu respektieren anfing, tat meinem +Herzen wohl; es wäre aber auf die Dauer doch nicht +genug gewesen. Es gab sich aber nach und nach von +selbst, daß ich auch wieder anderen Umgang gewann.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p>Mein Vorgänger hatte mir unter vielen gleichgültigen, +die es wie überall gab, einen Stamm von +Kunden hinterlassen, die das Bücherkaufen mit Liebe +und mit feiner Witterung für das Bleibende und +Wertvolle betrieben. Manche unter ihnen hatten +nur schmale Geldbeutel, aber sie hatten eine durstige +Liebe zum Schönen und Geistigen und hatten Verständnis +für das Echte. Sie ließen sich alles zeigen +und hätten am liebsten das Feinste und Beste gekauft, +wenn sie gekonnt hätten. An solchen Kunden +war nicht viel verdient, und doch gewann ich mehr +von ihnen als Geld, denn es spannen sich durch den +einen oder andern von ihnen wieder neue Fäden +herüber und hinüber zwischen mir und der Menschheit. +Darüber könnte ich manches sagen. Was ich +früher in unreifem Lebensverlangen gewünscht hatte, +<span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352">352</a></span>nahen Verkehr mit den Besten und ein Dazugehören +mit Fug und Recht, das wurde mir jetzt, als ich es +nicht mehr von den Bäumen zu schütteln begehrte, +nach und nach ganz von selbst zuteil. Ich trat aus +meinem engen Lebenskreise, in den ich mich wie in +ein Schneckenhaus verkrochen hatte, wieder mehr heraus, +nicht um zu sehen, was es etwa für mich selbst +zu erobern gebe, sondern um mich irgendwie ans +Ganze und Lebendige anzuschließen, das draußen +vorbeiflutete, und ohne das ich so wenig wie ein anderer +Mann auf die Dauer bestehen konnte. Da fand +sich's nun, daß ich bisher mich selber viel zu wichtig +genommen hatte, da es in der öffentlichen Gemeinschaft +so viele Dinge gab, für die zu denken und zu sorgen +und um die sich zu ereifern es der Mühe viel mehr +wert war und über die man sich selbst zurückstellen, +ja vergessen konnte. Wenigstens schien es mir damals +so. Es wird aber beides seine Zeit und seinen +Wechsel brauchen, das Eigene und das Allgemeine, +und ein Aus- und Einatmen sein, und das eine +kann nicht ohne das andere bestehen. Wenn die +Welle im Meer hin und her geworfen worden ist, +so kehrt sie doch wieder in die stille Bucht am Ufer +zurück, wo grüne Baumwipfel sich flüsternd über sie +hinneigen und wo Heimat zu sein scheint; aber dann +zieht das große und allgemeine Strömen sie wieder +hinaus in rastloser Bewegung. Was mich betrifft, so +hatte ich mich für einmal genug mit mir selbst herumgeschlagen +und begehrte nichts, als mitzuerleben, +was es Allgemeines gab, was freilich wieder zu meiner +eigenen Beruhigung und meinem Nutzen diente und +so den Kreislauf bestätigte, in den wir alle eingeschaltet +sind.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353">353</a></span></p><p>Denn je mehr ich am öffentlichen Leben teilnahm +und es mir wichtig sein ließ, je näher traten mir auch +diejenigen unter den Menschen, die etwa ähnlich +dachten und fühlten wie ich, so daß ich Freunde und +Gesinnungsgenossen und auch ein geachtetes Ansehen +gewann und ich wohl sagen kann, ich habe gefunden, +als ich nicht mehr gesucht habe, und freilich auch zu +einer Zeit, in der ich es nicht so stark begehrte.</p> + +<p>Es ging mir aber auch noch mit etwas anderem +so, das wieder mich allein anging. Als ich nämlich +aufgehört hatte, der liebsten Seele durch unendliche +Räume nachzujagen und ich sie ganz und für immer +hergegeben hatte, fand sich's, daß Maidi mir näher +und unverlierbarer schien, als zuvor. Ich sah sie nicht +mehr, und sie konnte mich nicht mehr lossprechen, nicht +neben mir hergehen auf allen Wegen, aber ich konnte +so leben, wie es ihrer lauteren, aufs wesentliche gerichteten +Art gefallen hätte und mich mit ihr einiger +finden als manchesmal, wo ihre hellen Augen erstaunt +und vielleicht traurig auf mir gelegen waren. +Es fielen mir viele Dinge ein, die wir einst miteinander +erlebt und gesprochen hatten; sie lagen mir jetzt +klarer am Tage als damals, wo mich die Lust, zu +scheinen und mich hervorzutun, oberflächlich und unaufmerksam +gemacht hatte. Und ich wurde durch die +Sehnsucht meines beraubten Herzens in die Welt +des Innerlichen und Unvergänglichen hineingeführt, +nicht um Maidis, sondern um meiner selbst willen, +doch war sie auch darin, unverloren, liebend und +geliebt. Sie hatte sich gewünscht, ohne Schuld und +ohne die Schmerzen der Reue hinzugehen; das war +ihr zuteil geworden, mir nicht. Ich war von anderem +Stoffe, und das Leben brauchte andere Mittel, um +<span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354">354</a></span>etwas aus mir zu machen, und braucht sie noch. Denn +ich kann ja, wie man zu sagen pflegt, nicht aus +meiner Haut heraus und habe mit den Mängeln +meiner Natur immer Krieg zu führen. Doch habe +ich sie wenigstens erkannt und gehe ihnen zu Leibe, +wo es sein kann. Oft habe ich den alten Adam, wie +die Theologen das nennen, was uns Anererbtes im +Blute liegt, am Kragen, bald er mich, und wir raufen +uns miteinander herum. Ich habe aber einmal, als +ich die Taschen eines alten Rockes aussuchte, eh' ich +ihn verschenkte, einen kleinen, gänzlich zerknitterten +Zettel gefunden, dessen blasse Schriftzüge dennoch +wohl noch zu lesen waren, und der mir jetzt wie ein +neubelebtes Vermächtnis einer längst Gestorbenen +erschien, nachdem ich ihn einst nur in einer flüchtigen +Abschiedsstimmung mit leiser Ahnung des Inhalts +gelesen und vom Nähtisch der Brigitte Hagenau +an mich genommen hatte. Er hieß: „– – doch nahm +ich zu allem, was mir begegnete, diese eine Stellung +ein. Es sei Liebes oder Leides gewesen, so sagte +ich ihm: ‚Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.‘ +Und so habe ich schließlich, wenn auch mit verrenkter +Hüfte, den Sieg behalten und bin nun dennoch – –“</p> + +<p>Ich las die Worte an dem kleinen Fenster der +Kammer, in der mein Kleiderschrank stand, solang +noch der Ausläufer, dem ich den Rock schenken wollte, +draußen auf mich wartete, und es war mir, als ob ich +sie nun wohl auch nachsprechen dürfe, wie man bei +einem Dichter oder Weisen unversehens in Form +gefaßt findet, was unbewußt und doch lebendig in +einem lag und nun auf einmal ist, als habe man es +selber gesagt.</p> + +<p>Denn es dünkte mich, als ob auch ich zu meinem +<span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355">355</a></span>Schicksal, in mir selbst und außer mir, sage, indem +ich mit ihm kämpfe und ihm das Beste abzugewinnen +versuche: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn,“ +wie es einst das verwachsene und dennoch hochragende +Frauenbild, das den Zettel schrieb, zu dem seinen +gesagt hatte, und vor ihm viele bis zu dem Erzvater +hin, der an der Furt Jabok mit dem Gotte seines +Lebens rang. Es sollte nichts umsonst gewesen sein, +und nicht hinter mir in nichts zerfließen, was einst +mein Leben erschüttert hatte. Schmerzen, die ich erlitten +und die ich andern zugefügt, Torheiten, die +ich begangen und die sich schwer bestraft hatten, standen +wohl hin und wieder auf und fielen mich an, aber +ich wollte, daß sie zu Kräften würden in mir, die mir +zu einer neuen und lebendigeren Einheit hülfen. Das +hatten sie auch schon begonnen. Aber was hieß es +denn bei mir, wenn ich auch sagte: „Und bin nun dennoch …?“ +Was war ich denn nun dennoch oder +wenigstens, was wollte ich dennoch sein?</p> + +<p>Da meldete sich ein Stimmlein, zaghaft und +trotzig in einem, das in hellem Silberton aus der +wohlverschlossenen Kammer meines Herzens hervorrief, +es wisse wohl, was damit gemeint sei. Nämlich +ich wolle noch was Rechtes mit mir anfangen, die +getrübten und verschütteten Brunnen meines Daseins +wieder in klaren Fluß bringen und kein Einsiedler +oder säuerlicher Junggesell werden.</p> + +<p>Sondern weil es noch an der Zeit sei, wolle ich +trachten, hereinzuholen, was möglich sei, und mich +nicht mutlos ausschließen vom vollen Leben, denn ich +spüre ja selber den aufsteigenden Saft in mir, wie in +einem zurückgeschnittenen Baum, der wieder ans +Ausschlagen denke.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356">356</a></span></p><p>Da ging dann freilich der Krieg in mir von neuem +an, denn die grauen Geister der Niedergeschlagenheit +waren stets bereit, den freudigen Kräften den Mund +zu verbieten, die mich wieder bergan führen wollten. +Sie stellten sich fromm und tugendhaft und wollten +mir weismachen, daß es für mich nicht so gemeint +sei, da ich bereits genug auf dem Kerbholz habe. Es +sei besser, schweigend und aber freundlich und ergeben +beiseite zu stehen, meinen Beruf auszuüben, +woran sich mancher rechte Mensch genügen lasse, +und, der Vergangenheit gedenkend, von der Zukunft +nichts für mich zu verlangen. Das trotzige Engelsbübchen +aber, das zuerst gesprochen hatte, erhob einen +großen Lärm, strampelte mit Händen und Füßen und +rief, rittlings auf der Herzkammertür sitzend: „Nichts +da, sondern es wird aus allen Kräften gelebt, damit +es dann, wenn einmal gestorben sein muß, etwas +Rechtes aufzugeben, niederzulegen und zu hinterlassen +gibt.“ Das kam mir auf einmal frömmer vor +als die graue Weisheit, und weil es mir auch sonst +wohlgefiel, so fing ich an, auf das helle Stimmlein +zu hören, das mir täglich Neues zu sagen wußte und +noch weiß, und das seinen Willen durchzusetzen strebt.</p> + +<p>Es kam ihm freilich allerlei zu Hilfe, was ich +nicht verschweigen will. Eines Tages stand unter +der Tür meines Ladens, den ich auszuräumen soeben +beschäftigt war, um seinen Inhalt in einem +größeren und besseren Lokal unterzubringen, Herr +Kasimir Hagenau, den ich seit meiner Flucht nicht +mehr gesehen hatte. Er begrüßte mich mit einiger +Verlegenheit, die sich aber bald verlor, als er mich, +wie er sah, in guten Umständen und einer nicht unfreudigen +Sicherheit des Auftretens fand, und sagte +<span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357">357</a></span>aufatmend, es gehe ihm schon lange nach, daß wir +uns so ganz fremd geworden seien. Er habe immer +noch eine Vorliebe für mich behalten, und es sei ihm +leid genug gewesen, daß es damals so gegangen +sei. Indessen müsse man es nehmen, wie es komme. +Er redete ein wenig um den heißen Brei herum, wie +man sagt, da er nicht wußte, ob er bei mir die vergangenen +Dinge kecklich berühren dürfe, und noch in +der Meinung lebte, ich sei, in großer Liebe zu seiner +Nichte stehend, grausam enttäuscht und geschlagen +gewesen, was ja auch, freilich in einer andern Richtung, +der Fall war. Da er nun sah, daß ich unverheiratet +war, mußte er meinen, ich habe noch an der +unverwundenen Liebe zu Eleonore zu tragen, und +war froh, als ich möglichst gleichgültig sagte, er solle +sich nicht kümmern, es sei für mich ganz gut ausgefallen. +(Denn meine eigensten Kümmernisse rieb ich +ihm nicht unter die Nase.)</p> + +<p>Ich erzählte ihm, um doch irgendwie zu zeigen, +daß ich auch ohne das Haus Hagenau fortbestehe, +von einer großen Bücherauktion im Hause eines bekannten +Gelehrten und Sammlers, aus der ich seltene +und fast verschollene Werke in Menge erstanden +habe, um die sich nun wiederum die Liebhaber stritten, +und ließ ihn überhaupt merken, daß ich bei den Guten +und Verständigen etwas gelte und ein Geschäft wohl +zu führen wisse, auch wenn es Ansprüche an nicht +ganz gewöhnliche Tüchtigkeit mache.</p> + +<p>Dabei hatte nun mein alter Adam wieder einmal +sein Vergnügen, das ich ihm aber diesmal nicht +untersagte, weil mir immerhin das Herz etwas unruhig +klopfte in Erinnerung an die schlechte Figur, +die ich zum Schlusse im Hause Hagenau gemacht +<span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358">358</a></span>hatte und ich eine kleine Aufmunterung mir schon +gönnen mochte. Der alte Herr taute ganz auf, als er +mich so wohlbestallt vorfand, und erzählte nun auch +von seinen heimischen Verhältnissen. Er hatte sich +jetzt doch entschlossen, das alte Vätererbe zu verkaufen, +da ihm sein so wohlausgedachter Plan zwischen +den Fingern zerronnen war, und erlebte nun +die langersehnten Freiheits- und Reisejahre mit +immerhin noch einigem Jugendmut, wie ich an der +Beschreibung der und jener Genüsse merkte, die er +sich unterwegs gönnte. Die Nichte, auf die er nun +doch auch zu sprechen kam, hatte vor einem halben +Jahr ihren Doktor geheiratet, der sich umgetan habe, +selber etwas Rechtes zu leisten, und aber freilich +dennoch nichts dagegen hatte, daß ihm die Frau +einen ordentlichen Batzen zubrachte, wie Herr Kasimir +pfiffig lächelnd sagte, durchblicken lassend, daß er +als Onkel das Seinige getan habe, da die Leutchen +es nicht so einfach gewöhnt seien, was ich ja gut +genug wußte. Ich war froh genug, daß die Rechnung, +an der ich doch immerhin auch beteiligt gewesen +war, noch so glatt aufgegangen war, und nahm den +Dämpfer, den mir der alte Herr ganz naiv und gedankenlos +aufsetzte, mit in den Kauf. Er machte nämlich, +ohne es besonders auszusprechen, gar kein Hehl +daraus, daß er mich nur als einen Faktor in eben +dieser Rechnung zum zweitenmal in sein Haus gerufen +habe, und daß, als sie nicht stimmte, auch ferner +mein Dabeisein nicht mehr in Betracht gekommen sei. +Es stach und reizte mich noch eine Weile, als er +wieder gegangen war, denn ich mußte mir schwere +Gedanken darüber machen, was mich der Versuch gekostet +habe. Aber ich war doch schon so weit genesen, +<span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">359</a></span>daß ich den Brigittenspruch, den ich als meinen +eigenen Wahlspruch ansehen gelernt hatte, auch jetzt +anzuwenden die Kraft hatte, und so eine der vielen +Gelegenheiten, aufs neue in Trübsinn zu verfallen, +vorübergehen ließ. Vielmehr lösten sich in mir die +alten Reste der Beklemmung, die ich in Ansehung +des Hauses Hagenau noch herumgetragen hatte, +wie alte Schneereste, die immer noch an schattigen +Plätzen liegen geblieben sind, wenn es ringsum +längst grünt, und die nun endlich auch von linden +Frühjahrslüften aufgetrunken werden.</p> + +<p>Bald darauf tat mir meine Schwester Luise den +Schmerz an, daß sie sich hinlegte und starb. Sie war +mir in der Zeit meines Tiefstandes und meines sachten +Aufstiegs so sehr zur Freundin und zur Genossin +meiner Gedanken, Wünsche und Hoffnungen geworden, +daß ich zuerst wie betäubt war, als sich ihre +Krankheit, die am Anfang harmlos ausgesehen hatte, +plötzlich zum Schlimmen wendete. Ich glaubte verlangen +zu können, daß sie mir bleibe, da ich ja sonst +nichts hatte, was ganz nah zu mir gehörte. Denn +bei Helene kam begreiflicherweise zuerst der eigene +Familienkreis, der stetig am Wachsen war, so treulich +sie auch ihren Geschwistern anhing.</p> + +<p>Luise aber hatte nichts Eigenes; ich war ihr das +Wichtigste in ihrem Leben, und sie war nur glücklich, +daß ich in ihrer Nähe sei und sie zusehen könne, wie +ich allmählich das erreiche, was sie für mich wünsche. +Sie heimste alles, was ich etwa an guten Beziehungen, +bürgerlichem Ansehen und an gedeihlichem Fortkommen +gewann, emsig ein und baute in Gedanken +Häuser für mich darauf, da sie merkwürdigerweise +gar nichts für sich verlangte außer ihrer fleißigen Arbeit +<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">360</a></span>und vielleicht der Aussicht auf einen ruhigen +Lebensabend, umgeben von einer aufsprossenden Jugend +aus dem Blute ihrer Geschwister, die sie dann +in Ehren halten würde, und der sie mit schönen Sparpfennigen +zum Fortkommen hülfe, falls sie dessen +überhaupt bedürfe. Aber nun lag sie krank im Spital +und sah ihr Ende herankommen. Man hatte sie operiert, +um einem innerlichen Feind, der in ihrem +stattlichen, blühenden Leibe sein Unwesen trieb, das +Handwerk zu legen, aber er trieb es fort, und sie +wußte wohl, daß er sich nicht aus dem Feld schlagen +lasse, da sie etliche Fälle aus der ferneren Familie +anzuführen wußte, in denen auch das Leben auf +solche Weise unterlegen war.</p> + +<p>Es ging ihr nahe, daß sie mitten aus der Bahn +weg sollte, denn sie hing, wie alle gesunden und +natürlichen Menschen, am Dasein, das für sie, nach +dem Rezept des alten Sängers, köstlich gewesen war, +indem es Mühe und Arbeit war. Als sie aber sah, +daß ich ohne Fassung mich gegen ihr Scheiden auflehnte +und Gott beschwor, sie mir noch zu lassen, da +ich viel an ihr hereinzubringen habe, was Zeit +brauche und nicht in kurzem abzumachen sei, nahm sie +wieder die Führung an sich und sagte, glücklich +lächelnd, weil ihr mein unverhehlter Schmerz dennoch +wohl tat, aber fest: „Nein, nein, Ludwig, so machen +wir's nicht, sonst sind wir erst recht unten durch. +Sondern wer sich schicken kann, gewinnt das Spiel +und stellt sich auf die stärkere Seite, und so wollen +wir auch tun.“ Damit war sie mir nun wieder einen +Schritt voraus und weit überlegen, und ich konnte +nichts tun, als mein ungebärdiges Wehren beiseite +lassen, da es hier nicht am Platze war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">361</a></span></p><p>In dieser Zeit mußte ich einmal eine dringende +Geschäftsreise nach der Hauptstadt unseres Landes +machen. Ich ging ungern genug, denn ich konnte +nicht am selben Tage wiederkommen, und als es +Abend wurde, befiel mich eine Unruhe, die ich mir +dahin erklärte, es sei daheim etwas Übles vorgefallen, +so daß ich rasch an den Bahnhof ging, um zu sehen, +ob ich nicht doch den letzten Zug erreichen könne, so +stark lebte ich damals mit meinen Gedanken in dem +engen Krankenstüblein. Der Zug war aber schon +fort, und weil ich nicht den ganzen Abend im Wirtshaus +versitzen mochte, betrat ich eine Konzerthalle, +an der ich gerade vorbeikam, ohne zu wissen, was für +Musik es gebe. Da fand sich's nun, daß von einem +kleinen Orchester jene Symphonie aufgeführt wurde, +die ich am ersten Abend des Musikfestes gehört +hatte, an dem ich Maidi wiedersah, und die +mir seitdem nicht wieder begegnet war. Sie erregte +mich aber nicht, wie damals, zu starken Wonnen und +Schmerzen, sondern ich saß mit geneigtem Kopf still +horchend da und fühlte, wie meine Unruhe in ein +stilles Gleiten kam und wie mein Herz, das traurig +in mir lag, von eiligen Wellen aufgehoben und getragen +wurde, die sangen: „Alles geht vorüber, und +auch du.“</p> + +<p>Ich gedachte alles Fernen und Verlorenen in meinem +Leben, und auch meines Freundes Olbrich, den +ich nie wieder gesehen und mit dem ich auch keine +Briefe gewechselt hatte. Ich hatte seinen Namen +hie und da in der Zeitung gelesen, denn er nahm +starken Anteil am politischen Leben des Landes und +ergriff in Reden und gedruckten Artikeln oft das +Wort, wenn es eine wichtige Sache zu verfechten gab. +<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">362</a></span>Aber ob er noch an mich denke, und wie, das wußte +ich nicht, und ich hatte sowohl das Verlangen, ihn +wieder zu sehen, als auch eine Scheu davor.</p> + +<p>Doch wußte ich, daß es einmal geschehen mußte, +da die Erde nicht groß genug ist, um sich zwei +Menschen nicht wieder begegnen zu lassen, unversehens, +die eigentlich nahe zusammen gehören.</p> + +<p>Ich war spät gekommen, als schon der Saal verdunkelt +war und die Musik angefangen hatte, und +hatte nur gerade meinen Platz gefunden, ohne nach +rechts oder links zu sehen. Da schrak ich denn aus +meinen Gedanken auf, die zwischen der Musik hergingen, +als sich auf einmal eine Hand auf meinen +Arm legte und es der Freund war, der neben mir +saß und mir zunickte. Ich mochte mich nicht rühren, +denn ich spürte in einem ruhigen Wohlsein, daß wir +uns nahe waren und daß ich ihn lieb hatte, wie je.</p> + +<p>Man sollte nicht reden müssen, dachte ich. Man +sollte alles so stillschweigend voneinander wissen und +einer in den andern hinüberfließen lassen, was er +ihm sagen möchte. Vielleicht ist es so, wenn man +sich auf einem andern Stern wieder findet. Vielleicht +spürt man nur: Du bist da, und begrüßt und durchdringt +einander mit der Seele, und alles, was auf +der Erde geschah, löst sich auf in einem großen und +weiten Verstehen und Liebhaben.</p> + +<p>Da bot ich meinem Freund leise die Hand und er +nahm und drückte sie kräftig, und ich wußte: Er ist +doch auch noch der meine. Wie sehr ich ihn vermißt +und wie seinetwegen ein Druck auf mir gelegen hatte, +das spürte ich erst jetzt recht, als ich ihn wieder hatte. +Denn wir ließen es dann doch nicht bei der stummen +Begrüßung bewenden, die wir gar nicht geübt hätten, +<span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">363</a></span>wenn nicht die Musik das Wort gehabt hätte, sondern +hielten nachher eine lange Nachtsitzung, und zwar, +da es eine schöne Sommernacht war, in einem Garten +unter einer alten Platane, in deren Ästen eine Lampe +hing.</p> + +<p>Dort ließen wir so viel von der alten Zeit und +auch dem, was dazwischen lag, zwischen uns auferstehen +und hinwandeln, als dazu gehörte, wieder +zusammen zu kommen, nicht mehr und nicht weniger. +Denn es handelte sich jetzt nicht ums Rechthaben und +Abbitten, wie wir beide wohl spürten, sondern darum, +daß einer des andern Freund sei, wie der alte Claudius +sagt, wobei freilich ich am besten wegkam.</p> + +<p>Es schwirrte allerlei Nachtgeziefer um uns her, +und einmal kam auch ein großer Falter und stieß +mit seinen Flügeldecken an mein Glas, daß es einen +feinen Klang gab. Da hob mir Olbrich das seinige +entgegen und sah mir mit dem schönen Lächeln in die +Augen, das er selten hatte und an dem ich ihn überall +erkannt hätte. Denn es war uns, als hätte eine +feine Seele, die einmal mit uns zu dritt gewesen war, +mit zartem Finger angeklopft und wolle einen Augenblick +mit uns sein. Das kam und ging so in mir.</p> + +<p>Dann zog Olbrich ein Bild aus der Brusttasche +und zeigte es mir mit glücklichem Gesicht: eine junge, +mütterlich blickende Frau, die ein Bübchen auf dem +Arm trug. Beide sahen den Beschauer voll an und +hatten ein gut Teil Schelmerei in allerlei Grübchen +sitzen. „Das sind die Meinen,“ sagte Olbrich. „Du +siehst, es geht mir gut.“</p> + +<p>Er brachte, wie man so sagt, den Mund nicht +zusammen vor Behagen an dem Bildchen oder vielmehr +vor dem freudigen Wissen um die lebendigen +<span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">364</a></span>Urbilder; er wollte es aber nicht wahr haben vor mir +und sagte achselzuckend: „Ich habe es der alten Frau +zulieb getan, denn ich bin ihr doch Enkelchen schuldig +gewesen. Daheim liegt mir schon der zweite Bub in +der Wiege.“</p> + +<p>Dabei überglänzte es ihn aber doch, so daß ich +schon wußte, was es geschlagen habe, und daß er sein +gutes Teil erworben habe; da fiel mir doch noch +irgend ein Band von meinem Herzen.</p> + +<p>„Und du?“ fragte Olbrich fast zart.</p> + +<p>Aber ich wußte im Augenblick nichts zu sagen, +denn ich hatte wohl schon einen Schimmer, er hatte +aber noch keinen Namen, und ich hob nur mein +Glas und sagte halb verlegen: „Ich komme nach.“</p> + +<p>Das alles erzählte ich am andern Abend meiner +Schwester Luise, zu der ich von der Bahn her ging +mit raschen Schritten und mit dem Verlangen, sie in +allem zu mir hineinsehen zu lassen, so lang ihre guten +Augen noch offen standen über meinem Leben. Es +war nicht mehr lang, das sah ich wohl, und es war +mir, als habe sie seit vorgestern wieder abgenommen, +so daß es mich reuen wollte, fort gewesen zu sein, was +mich doch um Olbrichs willen freuen mußte und auch +freute. Sie streichelte mich aber mit ihrer feinen, +weißen Krankenhand und sagte glücklich, es sei ihr +ein Stein vom Herzen, weil wir Freunde uns nun +wieder hätten. So sehr hatte sie meine Sachen zu den +ihrigen gemacht, denn ihre eigenen waren bald beschickt.</p> + +<p>Ich mußte die Tage über im Geschäft sein, wenigstens +die meiste Zeit; aber die Abende und oft bis +tief in die Nacht war ich bei ihr und begleitete sie +näher und näher gegen die Grenze hin, an der es +für die Zurückbleibenden umkehren heißt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365">365</a></span></p><p>Auf diesem dunklen und bitteren Weg habe ich +dennoch viel gesehen und auch viel gelernt, das man +nicht aus Büchern und nicht aus dem Umgang mit +den Klugen dieser Welt lernen kann, und das ich nicht +vergessen werde.</p> + +<p>Ich habe gesehen, daß es Liebe gibt, die bis zum +Ende nicht an sich selber denkt und noch aus der +letzten Not hilfreich dem andern zunickt, tröstlich und +verheißungsvoll, weil das Allerlebendigste eben sie +selber ist, die nicht stirbt. Und ich habe gesehen, wie +stark und mächtig die Willigen sind, die keine Bedingungen +stellen, sondern ja sagen, und mit Vertrauen +dem dunklen Gott in die Augen sehen, wenn +er ihnen zum Mitkommen winkt, so daß sie den +schweren Feind überwinden mit einem demütigen +Neigen ihres Hauptes und ihn sich zum Freunde +machen. Ich sah, wie, wer von Herzen gelebt hat, +auch von Herzen sterben kann, und wie Glauben und +Frommsein freudige, starke Dinge sind, anders als +viele meinen, und als auch ich zuzeiten gemeint habe.</p> + +<p>Das alles ist mir nicht nur ein ernstes und wertes +Andenken und ein reiches Blatt in dem Buche meiner +Erinnerung, das so manche töricht verkritzelte Seite +hat, sondern es schwingt ein Ton davon je und je in +meine jetzigen Tage herein, voll und dunkel und auch +weich und süß, und wenn ich ihn höre, so sänftigt er +mir das Herz und läßt es aufmerken auf das, was +hinter den Tagesdingen liegt, in denen ich ja freilich +mitten drin stehe. Denn mein Lebenstag liegt noch +weit vor mir, nach Menschenrechnung, und ich will +ihn leben als ein Mensch und Mann.</p> + +<p class="center">*</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366">366</a></span></p><p>Ich habe, liebste Frau, in später Nachtstunde das +Buch noch einmal durchgelesen, dessen Blätter zu beschreiben +ich aufgehört habe, als du in mein Leben +tratest. Du wußtest nicht, daß ich dich sah. Du +kamest die Straße herab, die Hände voll Blumen, und +dein Gesicht sah aus, als ob du im stillen ein Liedchen +summest, das nur du selber hörest. Da dachte +ich, wer dir wohl die Blumen gegeben habe und wem +du sie bringest? Am andern Tag hingen Kinder +an deinen beiden Seiten und drängten sich an dich, +und ihre Gesichter sahen eifrig in das deine; ich hätte +hören mögen, was du zu ihnen sagtest, aber ihr ginget +vorüber. Von da an kamst du jeden Tag und hattest +immer Blumen und Kinder mit dir und immer ungesungene +Lieder auf den Lippen. Das war in der +Zeit, als meine Schwester Luise sich zum Sterben +anschickte und zu mir sagte: „Gelt, du machst aber +die Augen auf und holst dir ein Stück Leben ins +Haus, es geht immer draußen vorbei.“ Sie wußte +nichts von dir. Das Stimmlein aber, von dem ich +schrieb, daß es so vorwitzig und ungebärdig geredet +habe, rief in die Trauer meines Herzens hinein: „O, +wie wahr ist doch das! Und wie freudig sieht es aus!“ +so daß es mich in aller Betrübnis ein bißchen lächerte, +worauf Luise der Spur nach mitlachte, wenn auch +bläßlich, da es sich bei ihr nicht mehr gut tun lassen +wollte. Und so hast du noch in ihren Abschied hinein +geblinkert, du Sonnenvöglein, denn es dauerte da +nicht mehr lange bei ihr.</p> + +<p>Ich muß mir noch ein wenig Mut machen, weil +du nicht selber da bist. Ich will daran denken, wie ich +dich draußen am Badeplatz traf mit deiner Schar. Sie +stob aus dem Wasser, als du riefest, und es sprühte +<span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367">367</a></span>ein Tropfenregen um sie her von den nassen Mähnen +und den blanken Leibern, das glitzerte alles in der +Sonne, und ein jedes wollte zuerst bei dir sein. +Ich sah eine Weile zu, eh' ich vorbei ging und grüßte. +Sie wühlten sich in den warmen Sand ein, und du +sollest dich mitten hineinsetzen, aber du konntest +noch nicht, denn es stand ein Kind neben draußen, das +riß mit finsterem und trotzigem Gesicht Blätter und +Zweige von einem Weidenbusch und stampfte dazu +mit den braunen Füßen den Boden. Da gingest du +hin und hattest ein solches Lachen in deinem Gesicht, +daß das Zornteufelchen davor ausfuhr, wenngleich +mit erbärmlichem Wehren, und das Kind sich an dich +hin verkroch. Ich hätte hören mögen, was du sagtest, +aber auch vom Sehen wußte ich, daß du Schatten +aufhellen kannst.</p> + +<p>Das weiß ich nun noch besser als damals, denn +ich habe die Sonnenkraft deines Wesens verspürt. Du +sagst, du habest sie nicht immer gehabt, und dein +Lachen sei ein wieder erworbenes, denn auch du seiest +durch tiefe Schatten gegangen.</p> + +<p>Daran habe ich den Mut gefaßt, dich auch in die +meinigen hineinsehen zu lassen, dich allein von allen +Menschen. Du siehst, sie herrschen auch über mich +nicht mehr.</p> + +<p>Wie hast du wohl den Weg zum Hellen hin gefunden?</p> + +<p>Aus was für Quellen hast du getrunken?</p> + +<p>Ich meine, ich wisse sie. Wenn es so kommt, wie +ich hoffen muß, daß du die Neunundneunzig verlässest +und mein Leben teilst, so trinken wir miteinander +daraus.</p> + +<div class="ppnote"> +<p>Anmerkungen zur Transkription</p> + +<p><a href="#Page_40">Seite 40</a>: „eh, man sich's versehe“ wurde geändert in „eh' man sich's versehe“<br /> +<a href="#Page_83">Seite 83</a>: „und sie ist erst sachte“ wurde geändert in „und sie erst sachte“<br /> +<a href="#Page_120">Seite 120</a>: „mir wohlgesinnt und zugetan sein“ wurde geändert in „mir wohlgesinnt und zugetan sei“<br /> +<a href="#Page_155">Seite 155</a>: „mit großen Augen entgegenlächelten“ wurde geändert in „mit großen Augen entgegenlächeln“<br /> +<a href="#Page_162">Seite 162</a>: „ich nur zu tun“ wurde geändert in „ich hatte nur zu tun“<br /> +<a href="#Page_192">Seite 192</a>: „Sängerinnnen“ wurde geändert in „Sängerinnen“<br /> +<a href="#Page_198">Seite 198</a>: „So sind sie es also doch gewesen“ wurde geändert in „So sind Sie es also doch gewesen“<br /> +<a href="#Page_211">Seite 211</a>: „werden ihre Künste verlassen“ wurde geändert in „werden Ihre Künste verlassen“<br /> +<a href="#Page_245">Seite 245</a>: „nicht so gelegen dasür“ wurde geändert in „nicht so gelegen dafür“</p> +</div> + +<hr class="full" /> +<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUDWIG FUGELER***</p> +<p>******* This file should be named 34424-h.txt or 34424-h.zip *******</p> +<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/3/4/4/2/34424">http://www.gutenberg.org/3/4/4/2/34424</a></p> +<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed.</p> + +<p>Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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