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+The Project Gutenberg eBook, Ludwig Fugeler, by Anna Schieber
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+
+
+Title: Ludwig Fugeler
+ Roman
+
+
+Author: Anna Schieber
+
+
+
+Release Date: November 23, 2010 [eBook #34424]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUDWIG FUGELER***
+
+
+E-text prepared by Heiko Evermann, Wolfgang Menges, and the Online
+Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+ Passagen, die im Original nicht in Fraktur gesetzt waren, sind
+ hier durch +Kreuze+ gekennzeichnet, gesperrt gedruckte Passagen
+ durch _Unterstriche_.
+
+ Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes.
+
+
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+LUDWIG FUGELER
+
+Roman
+
+von
+
+ANNA SCHIEBER
+
+Erste bis vierzehnte Auflage
+
+
+
+
+
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+[Illustration: Verlags-Signet]
+
+Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn
+1918
+
+Copyright by Eugen Salzer, Heilbronn
+Den Einband zeichnete Karl Sigrist
+
+
+
+
+Ich muß dir etwas erzählen, liebste Frau, was mir gestern begegnet ist,
+und was ich dir gerne mündlich sagte, wenn du nicht in weiter Ferne am
+Meeresstrande säßest, du Ausreißerin.
+
+Deine braunen Fensterläden sind geschlossen; der alte Nußbaum klopft mit
+schwanken Zweigen daran und fragt, ob du bald kommest.
+
+Und auch ich frage so. Du weißt, warum. Ich darf heute nichts davon sagen,
+ich habe es dir versprochen. Du sollst Ruhe haben zu allem. Ruhe? Wenn ich
+dir diese Blätter schicke?
+
+Doch ich wollte dir ja etwas erzählen.
+
+Ich ging mit meinem Freund Haller, den du den Tolpatsch nennst, gegen die
+Wilhelmsburg hinauf. Er hatte das kaffeebraune Sommerröckchen an, das du
+ihm längst wegsprechen wolltest, und ging, die eine Hand in der Tasche, mit
+der andern lebhaft seine Rede begleitend, neben mir her. Er ist ein Kind
+und ein Weiser zugleich. Du hättest ihn sehen und hören sollen. Er fand
+einen aus dem Nest gefallenen jungen Finken und trug ihn im Taschentuch mit
+sich, solang er mir seine Lieblingsidee, die er von Fichte aufgenommen hat,
+auseinandersetzte: es gibt nur eine Tugend, sich selber vergessen, und nur
+eine Sünde, sich selber zu wichtig nehmen. Dabei erdrückte er im Eifer des
+Gesprächs den Finken und sah, als er es merkte, bestürzt das Vogelleichlein
+an. Ich wollte es nicht, versicherte er, ich wollte es gewiß nicht tun.
+Plötzlich sah ich einen in der Sonne schimmernden Faden, der an seiner
+Schulter aufglänzte, und dessen anderes Ende in der himmlischen Bläue
+verfestigt zu sein schien. Er mochte sich drehen oder wenden wie er wollte,
+der Faden ging mit ihm, so zart er war, denn die unsichtbaren Spinnfrauen
+hatten ihn fest und zäh gesponnen. Und mich ergriff eine heitere Rührung,
+als ich das große Kind so lieblich an das All gekettet sah. Geh' du nur
+hin, dachte ich, und stolpere deinen Gang. Es fliegt doch ein zartes
+Seelchen hinter dir drein und leitet dich an einem Silberfaden.
+
+Aber als ich nach Hause kam, fiel es mir ein: Kann nicht im Grunde auch ich
+von einem solch festen und zarten Gespinst sagen, das mich, mir selbst zum
+Trotz manchmal, auf Holper- und Stolperwegen begleitet hat, ohne zu
+zerreißen? Ich achtete nicht darauf, denn ich war in mir selbst befangen
+und haschte täppisch nach Scheindingen, die mir in der Hand zergingen,
+indes ich das Beste am Wege stehen ließ. Ich machte weite Umwege und verlor
+dabei Kostbares, das ich nicht mehr fand, und beinahe auch mich.
+
+Und doch zerriß der Faden nicht, der mich mit dem lebendigen Leben verband.
+Als ich erwachte und mich einsam sah, wurde ich seiner gewahr. Da merkte
+ich, daß er von guten Händen fest gesponnen sein mußte, denen man nicht so
+leicht hinauskommt, um ins Abgründige und Wesenlose zu fallen. Mit dir
+werden sie leichtere Mühe haben, als mit mir.
+
+Ich habe mich nun entschlossen, dir die Blätter zu schicken, die ich
+eigentlich für mich selbst beschrieben habe. Es war vor deiner Zeit. Ich
+wußte nicht, ob ich sie noch einmal in vertraute Hände legen würde, als
+ich an vielen einsamen Abenden mein Leben vor mir ausbreitete, das zu
+stocken schien. Bei manchem, das in der Erinnerung freudig und freundlich
+zu mir trat, verweilte ich gern und ausführlich, manches aber
+aufzuschreiben fiel mir schwer, wie es einem schwer wird, im Spiegel mit
+Aufmerksamkeit sein Gesicht zu betrachten, wenn man inne wird, daß es von
+vorzeitigen Runzeln durchfurcht oder von Flecken entstellt ist, und vor
+manchem auch graute mir, daß es einmal gewesen sei. Da hieß ich meine Feder
+eilen. Doch glaube ich, kann ich sagen, daß ich mich davor gehütet habe,
+etwas an mir zu beschönigen, oder mich besser zu machen, als ich war,
+wenngleich es mich manchesmal verlangte, daß ein lieber Mensch mir in die
+Blätter sähe und zu mir sagte: Du seiest, wie du wollest, so bin ich
+dennoch dein und liebe dich.
+
+Ein solcher, der es sagen würde, war einmal.
+
+Wird auch jetzt ein solcher zu mir kommen, wenn du sie gelesen hast?
+
+Ich soll ja nicht fragen. Aber warten, das darf ich doch?
+
+ * * * * *
+
+Es war einmal ein Tag, da machte ich die Augen auf in einem hohen, weiten
+Raum. Das ist das erste von allem, dessen ich mich entsinnen kann, es ist
+mir, als sei ich damals in die Welt herein geboren worden. Ich lag auf
+einer Bank, die eine hohe, geschnitzte Lehne hatte, und sah mit blinzelnden
+Augen um mich und über mich. Es ging hoch hinauf, fast schwindelnd hoch,
+und ich spürte auf einmal, daß ich ein klein -- kleinwinziges Büblein und
+nicht daheim in meiner Stube sei. Da waren viele steinerne Säulen, die alle
+so unmenschlich hoch und groß waren und oben irgendwie zusammenstrebten.
+Und da waren Fenster, durch deren buntfarbiges Glas Ströme von farbigem
+Licht in die hohe, dämmerige Halle flossen. Das Licht floß an den
+Steinsäulen hin und auf dem Fußboden weiter und traf auch mich, und auf
+einmal fing es an, zu klingen, zuerst hoch und hell, und dann leise und
+zart, und dann so mächtig, immer stärker und mächtiger, daß ich nicht
+wußte, wo ich hinfliehen sollte, so mächtig dröhnte und tönte das Licht,
+das ich noch nie gesehen hatte. Es tat mir etwas wohl, aber noch viel weher
+tat es daneben, und ich tat, was alle Kinder in der Not ihres erschrockenen
+Herzleins tun mögen, ich rief der Mutter.
+
+Sie hörte es nicht, weil das Getöse so stark war, da rief ich lauter und
+lauter und rutschte von der Bank herunter auf meine Füße und schrie:
+Mutter, Mutter!
+
+Da hörte ich unter das starke Tönen hinein eine Weiberstimme, die gehörte
+einer breiten, dicken Gestalt, die einen Besen führte, und sie rief nach
+einer Ecke hin: »Fugelerin, Ihr Bub ist aufgewacht, er schreit.«
+
+Gleich darauf tauchte meine Mutter zwischen den Steinsäulen auf und kam
+schnell auf mich zu. »Still, still, Ludwig,« sagte sie und wischte mir mit
+einem trockenen Zipfel ihrer nassen Schürze die Tränen weg, die mir im
+ersten Schreck über die Backen gesprungen waren. Und dann nahm sie mich an
+der Hand und führte mich den langen Weg zwischen den Säulen hindurch bis an
+einen großen steinernen Tisch, auf dem eine grüne Decke lag mit silbernen
+Fransen, und hieß mich auf die Stufen niedersitzen, die zu dem Tisch
+hinaufführten.
+
+Ein Teppich lag darauf, den streichelte ich mit der Hand. Er war so weich
+und dick, wie das graue Fell unserer Katze daheim, und ich bekam einen
+halben Wecken, den die Mutter aus der Tasche zog. Ich solle jetzt ruhig
+hinsitzen und auf das schöne Orgelspiel horchen, sagte die Mutter, und als
+ich fragte, was das sei, Orgelspiel, hob sie den Finger in die Höhe und
+sagte: »Horch, Büble, da droben kommt's herunter, dort wo es so silberig
+glitzert an der Wand. Dort sitzt ein Mann und spielt, und morgen ist
+Sonntag, da sitzt alles voller Leut' in der Kirche, und da muß er wieder
+spielen«; dann ging sie, und ich sah sie dort drüben mit Eimer und
+Schrubber hantieren, da konnte mich das Große, Fremde nicht mehr anfechten,
+weil ich ihre lebendige Nähe spürte.
+
+Aber das konnte ich noch nicht verstehen, daß das Tönen dort oben herunter
+komme und das Scheinen zum Fenster herein. Es war beides da, der Raum war
+voll davon, und mein Kinderherz war voll davon, und als ich mit der Mutter
+heimkam, da rief ich den beiden Schwestern, die in dem schmalen Vorgärtlein
+neben der Haustür saßen und strickten, entgegen: »Ihr müßt einmal mitgehen,
+in dem großen Haus drin ist etwas ganz rot und blau und goldenes, das
+schreit so arg.«
+
+Da lachten sie und staunten, daß ich solche Sprüche tue, und erzählten es
+am Abend unserem Mietsmann, dem Heinrich Kilian, der mit seinen sechzig
+Jahren noch Ausläufer in einer Buchhandlung war, und der immer alles wissen
+mußte, was ich den Tag über gesagt und getan hatte. Er hatte mich stark in
+sein altes Herz geschlossen, die Freundschaft war aber gegenseitig.
+
+Ich meine, mich zu entsinnen, daß ich an jenem Abend, als die Schwestern um
+ihn herumstanden und ihm von meinem Ausflug in die Kirche, in der meine
+Mutter zum Reinigen angestellt war, und von meinem Ausspruch erzählten, --
+daß ich auf seinen Knien saß und die rote Nelke hinter seinem Ohr
+hervorholte und sie hinter mein eigenes steckte. Er aber ließ mich reiten,
+»nach Sachsen, wo die schönen Mädchen auf Bäumen wachsen,« und sagte
+wohlgefällig: »Ja, ja, du kriegst sie, Herzkäfer, gescheiter,« und lachte
+in seinen Stoppelbart hinein.
+
+Wenn es nicht an diesem Abend war, so war es sicher an vielen andern so.
+
+Denn alles, was schön, erfreulich und begehrenswert war in dem kleinen
+Bereich, in dem ich lebte, das war mein. Ich streckte die Hand darnach aus
+und es neigte sich zu mir. Das war eine lange Zeit hindurch so.
+
+Die graue Katze gehörte mir, und die Mutter und die Schwestern und der alte
+Heinrich Kilian samt allem, was er in seiner Kammer hatte, und Häuslein und
+Garten und darüber hinaus. Das war die Zeit, da ich im Paradiese lebte, und
+aß von allen Bäumen im Garten und wußte noch nichts vom verbotenen Baum der
+Erkenntnis des Guten und Bösen. Es war nichts verboten, und so konnte ich
+nicht sündigen.
+
+Mein Vater starb, als ich noch kein Jahr alt war. Er hatte mich in seiner
+Krankheit bei sich im Bett, wenn er genug Atem hatte, um mich auf seiner
+Decke sitzen zu lassen, und ich zupfte mit meinen kleinen Händen an seinem
+dichten Bart herum. Damals soll ich, geht die Sage, ein sehr schönes Kind
+gewesen sein mit einem braunen Lockenbusch und dunkelblauen Augen, und er,
+der sich immer einen Sohn gewünscht hatte und ihn nun, da er in so
+erwünschter Weise vorhanden war, verlassen mußte, sagte mit seinem letzten
+Atemzug: »Lasset mir meinem Büble nichts geschehen.«
+
+Das war nun ein heiliges Vermächtnis für die Mutter und die beiden
+Schwestern, die vier und sechs Jahre älter waren als ich, und denen die
+Lust an einem hübschen, lebendigen Spielzeug noch ein stärkerer Antrieb
+war, mich zu verwöhnen und zu hätscheln, als das letzte Wort des
+verstorbenen Mannes, der an ihnen nie die große Besitzerfreude gehabt
+hatte, wie an mir.
+
+Wir wohnten damals in einem der kleinen Häuslein »am Graben«, die der
+Stadt gehörten und von dieser samt den winzigen Vorgärtchen um ein Billiges
+an Taglöhner, Waschfrauen, Flickschuster, Näherinnen und dergleichen kleine
+Leute vermietet wurden.
+
+Es ist mir, als habe dort immer die Sonne geschienen, und tatsächlich
+blinkten auch die nach Südosten gelegenen kleinen Fenster der einstöckigen
+Häuslein, die kein Gegenüber hatten, in jedem Morgenstrahl, der vom Himmel
+kam; und in den schmalen Rabatten der Gärtchen hoben, vom ersten
+Schneeglöckchen bis zur letzten Aster des Herbstes, den ganzen Sommer die
+Blumen der armen Leute ihre Gesichter dem freundlichen Licht entgegen.
+
+Salat und Suppenkräuter baute meine Mutter in ihrem Gärtchen; sie hatte
+keine Zeit und auch nicht so recht die Gemütsart, die man braucht, um
+Blumen zu ziehen; die Blumen pflegte dafür Heinrich Kilian; der hatte ein
+Stücklein des Gartens in Pacht, nicht viel größer, als meines Vaters
+schmales Bett auf dem Kirchhof drüben, und doch groß genug für eine Fülle
+der rötesten Nelken. Rote Nelken, das waren seine Lieblingsblumen, von
+denen hatte er immer, so lang sie blühten, eine zwischen den Zähnen oder
+hinter dem Ohr, mit ihnen trieb er einen Luxus und eine Verschwendung, wie
+sonst mit gar nichts.
+
+»Kilian,« sagte meine Mutter manchmal, wenn sie ihm seine gewaschene und
+geflickte Wäsche zurückgab, »Kilian, die Hemden halten nimmer. Ich setze
+einen Fleck an den andern, aber was genug ist, ist genug.«
+
+»Ja, ja,« sagte der Kilian, »sie tun's schon noch. Gut geflickt gibt auch
+warm. Ich kauf' dann schon einmal neue, jetzt grad langt das Geld nicht
+dazu.«
+
+»Aber zu den teuren Nelkenstöcken, da langt's,« eiferte die praktische
+Frau. Denn er hatte sich wieder einmal etwas ganz Wunderbares kommen
+lassen, etwas ganz Märchenhaftes, nie Dagewesenes von roten Nelken, das in
+der Zeitung ausgeschrieben gewesen war. Er fiel immer damit herein, es war
+nie so etwas ganz Besonderes, es wurden eben immer gewöhnliche rote Nelken,
+wie von jeher. Aber er hatte seine große Vorfreude daran, wenn sie Knospen
+trieben und die Knospen sich rundeten. »Diesmal gibt's ganz dicke, ganz
+große,« sagte er dann geheimnisvoll.
+
+Das sagte er auch jetzt, als ihn die Mutter wegen der Hemden plagte.
+
+»Ja, ja, und dann sind's wieder dünne, und das Geld ist draußen, und der
+Winter kommt, und kein gutes Hemd ist im Kasten, und das Alter kommt auch.«
+
+Aber er lächelte bloß und ließ mich auf den Knien reiten. Und ich schlug
+mich auf seine Seite und sagte: »Jawohl gibt es dicke, gelt, Heinrich, es
+ist in der Zeitung gestanden?«
+
+Da seufzte die Mutter nur noch ein wenig und brummte: »Vier Kinder hab'
+ich, nicht bloß drei.« Aber es hätte ihr eins gefehlt, wenn sie den
+Heinrich Kilian nicht mehr zu bemuttern gehabt hätte. Sie war eine gute,
+gute Frau. Sie gab alle ihre Kraft her für die, die sie liebte, sie wollte
+nichts für sich. Sie schaffte im Taglohn in guten Bürgerhäusern, sie wusch
+und putzte, sie hatte das Kirchenreinigen und das Schulhausfegen. Sie
+gehörte einem Heer von Frauen an, die da mit Kübeln und Besen hantierten.
+Sie brachte verschrumpelte Hände mit heim und in der Tasche das Geld, das
+unser tägliches Brot kostete. Und sie saß bis in den späten Abend hinein
+bei der Lampe, die einen grünen Blechschild hatte, und flickte alles, was
+wir den Tag über zerrissen, und einmal brachte sie einen Samtrest mit heim,
+der aus fünf bis sechs Stücken bestand, und machte mir ein Anzüglein
+daraus. Das alles tat sie mit wenig Worten und mit einem ruhigen, ebenen
+Gesicht. Ich glaube, wer nach ihren Augen gesehen hätte, der hätte viel
+gefunden. Aber ich weiß jetzt nur noch von einem einzigenmal, daß ich ganz
+weit hinein gesehen habe in diese Augen. Das war spät, das kommt jetzt noch
+nicht.
+
+Als sie das Samtanzüglein genäht hatte, nahm sie mich den Sonntag drauf an
+der Hand und ging mit mir in ein schönes, vornehmes Haus, das war mitten
+drin in der Altstadt. Es hatte eine breite, schwere Tür, daran war ein
+großer eiserner Kopf von irgend einem Ungetüm, der hatte einen dicken Ring
+im Maul.
+
+Daneben hing ein Glockenzug, der hatte einen Griff von einer Schlange, die
+eine lange Zunge herausstreckte. Und die Mutter hob mich auf und ließ mich
+daran ziehen. Da ging die Tür von innen auf und wir traten in eine Halle,
+darin war ein grünes Licht, das kam vom Garten herein, zu dem hin eine
+Pforte offen stand, und wir stiegen eine breite, dunkle Treppe hinauf, die
+ein geschnitztes Geländer hatte, und kamen in einen weiten Raum, an dem
+viele Türen lagen, und von dessen Wänden gemalte Männer und Frauen auf uns
+niedersahen. Ich hielt mich fest an der Hand der Mutter, denn unsere
+Schritte hallten in dem hohen Raum, der mit einem buntfarbigen Steinmuster
+gepflastert war, und es war kühl und groß und dämmerig da. Da ging eine
+Tür auf, es fiel helles Sonnenlicht auf die Steine des Pflasters, und in
+dem Sonnenlicht stand ein schöner alter Herr. Er hatte einen Sammetkittel
+an, darauf fiel ein langer, silberiger Bart hinunter, und seine vollen
+Locken schimmerten auch silberig, und er rief: »Aha, da haben wir ja das
+Zaunköniglein! Grüß Sie Gott, Frau Fugeler. So, so, das ist recht, wollen
+Sie nur gefälligst hereinspazieren!« Er hatte ein so lachendes, helles,
+heiteres Gesicht, daß ich ihn immer ansehen mußte, auch als wir in dem Saal
+waren, in den er uns führte, er war das Hellste von allem. Zwar die Sonne
+fiel durch hohe Fenster herein, und auf dem Boden lag ein Teppich voll
+glühender Blumen, und an den Wänden hingen Bilder: Äpfel und Birnen und
+Trauben, die aussahen, als ob sie zum Essen wären, eine Wiese mit lauter
+durchsonnten, roten und blauen Blumen, ein Blütenbaum mit weißschimmernden
+Ästen. Aber der alte Herr war doch noch heller als das alles.
+
+Ich starrte ihn unverwandt an. Da sagte er lachend: »Was ist, kleiner
+Zaunkönig, was guckst du so?« Und ich wurde dunkelrot und sagte aus der
+Mutter Schürze heraus, in die ich meinen Kopf gesteckt hatte, vor
+plötzlicher Verlegenheit: »Das da ist so glänzig.« Ich deutete auf seinen
+Kopf. Da brach er in ein helles Lachen aus und ließ mich kleinen Buben in
+seinen Armen durch die Luft fliegen, ganz hoch hinauf gegen die Decke hin,
+auf der in hoher Arbeit ein Walfisch war, der den Propheten Jonas ans Land
+warf.
+
+Und meine Mutter saß da und hatte noch nichts gesagt.
+
+»Ja also, Frau Fugeler,« sagte der alte Herr, »ich brauche so ein paar
+kleine Buben für mein großes Altarbild. Der da gibt schon so einen
+Engelsbuben mit seinen Locken und seinem Gesichtlein. Ziehen Sie ihn nur
+einmal aus, ich möchte ihn einmal in seiner ganzen Herrlichkeit durch die
+Stube springen lassen.«
+
+»Wieso denn ausziehen?« fragte meine Mutter. »Ich hab' ihm extra ein
+besseres Gewändlein gemacht, daß er sich sehen lassen kann. Das Hemdlein,
+das ist nicht mehr neu, ich muß ihm die alten anziehen, von den Mädchen
+her.«
+
+»Ja, daß wir einander recht verstehen, Frau Fugeler, der Bub soll ja gar
+nichts anhaben. Das muß sein wie im Paradies, wie in seligen Welten, wo
+niemand sich verhüllen und vor dem andern verstecken muß. Das muß sein, wie
+wir alle wären, wenn wir geblieben wären, wie in der Kindheit: schön,
+wahrhaftig, lachend, fromm und gesund.«
+
+Die Mutter schüttelte den Kopf. »Ich bin ein einfaches Weib, Herr
+Professor, es mag schon recht sein, wie Sie's meinen, aber ich versteh' das
+nicht so. Mein Mann tät's nicht leiden, wenn er's wüßte, daß Sie den Buben
+so nackend vor aller Welt hinstellen wollen, und ich leid's auch nicht.«
+
+Der alte Herr trommelte mit den Fingern auf die Fensterscheiben und sah
+eine Weile in den Garten hinaus. Dann rief er hinunter: »Maidi, komm einmal
+herauf.« Und gleich darauf wurde ein leichter Tritt draußen hörbar, und ein
+kleines Mädchen kam herein. Es hatte ein weiß und rotes Gesichtlein und
+hatte ein blaues Kleid an, auf das zwei hellglänzende Zöpfe niederhingen,
+und alles an ihm wippte und lachte. »Maidi, nimm einmal das Büblein eine
+Weile mit dir in den Garten,« sagte der alte Herr, »du kannst ihm Kirschen
+geben und mit ihm spielen.«
+
+»Ja, Großpapa,« sagte Maidi, »er kann mein Bräutigam sein, wir spielen
+Hochzeiterles.«
+
+»Wer ist das: wir?«
+
+»Ach,« sagte Maidi, »die andern, die hab' ich mir bloß so dazu gedacht, die
+Brautfräulein und alle. Sie haben weiße Kleider mit Schleppen und tragen
+Kränze und Lichter.«
+
+»So, so, ja, dann tut das nur,« sagte der Großvater und schob uns zwei zur
+Türe hinaus.
+
+»So,« sagte Maidi, »jetzt mußt du der Bräutigam sein.« Wir waren in eine
+grüne, blühende Welt eingetreten. Große, schattige Bäume wölbten sich über
+unsern Häuptern, üppiges Buschwerk neigte sich über die Steige hin und
+machte sie eng und schmal, Beete waren da voll dunkelblauer Iris und
+flammender Feuerlilien, ein Rondell aus lauter Rosen; es schlug eine große,
+schwere Welle von Duft und Farben und Schönheit über dem kleinen Buben
+zusammen, der willenlos und wie im Traum tat, was das Mädchen ihn hieß.
+
+»Du mußt mich jetzt am Arm führen,« sagte Maidi, »und mußt sehr aufpassen,
+daß du mir meinen Schleier nicht zerdrückst. Und da vornen, an der Laube,
+das Bänkchen, das muß die Kirche sein, da brennen Lichter, viele,« sie
+sprang voraus und pflückte von dem Schutthaufen hinten in der Ecke einige
+von den Samenkugeln des Löwenzahns, die dort standen, und steckte sie in
+die Bretterspalten des Bänkchens. »So, jetzt -- nein, jetzt mußt du der
+Pfarrer sein, ich kann schon eine Weile denken, daß der Bräutigam da
+steht.«
+
+Aber ich konnte nicht so spielen, ich war ein wenig steif und dumm und
+stellte mich ungeschickt an, da schlug sie vor, daß wir nun essen müßten,
+und dazu war ich vielleicht eher zu gebrauchen. Wir traten in die Laube
+ein, da stand ein weißglänzendes, geflochtenes Körbchen voll großer brauner
+Kirschen, und wir fingen an, zu schmausen. Aber Maidi hängte mir zuerst
+noch Zwillingskirschen an die Ohren und steckte mir ein kleines Zweiglein
+mit Laub und Kirschen dran in die schöne, steife Schleife, die mir meine
+Mutter am Hals zugebunden hatte zum Schmuck des Samtanzügleins. Dann durfte
+ich essen. Mir war so seltsam wohl, wie noch nie. Und in diesem Wohlsein,
+in der grünen, farbigen Welt, die über uns beiden Kindern zusammenschlug,
+kam mich das Reden an. Ich erzählte Maidi, daß wir auch einen Garten haben,
+der gehöre mir, und er sei ganz voll roter Nelken, und daß ich eine Katze
+habe, wenn man die vom Schwanz an aufwärts streichle, so schlage sie
+Funken. Sie habe ganz grüne Augen, damit könne sie bei Nacht sehen, und im
+Dunkeln seien sie wie glühende Kohlen. Da staunte Maidi und wollte brennend
+gern das alles auch sehen. Und ich sagte, daß ich auch noch den Heinrich
+Kilian habe, der gehöre mir ganz allein, und er könne wunderschön auf der
+Mundharfe blasen, da kommen abends alle Leute vor ihre Türen und horchen,
+und der Heinrich Kilian habe in der Stadt drinnen ein großes Haus ganz voll
+mit Büchern.
+
+So tat ich dem kleinen Mädchen, in dessen wundersamer Welt ich einen kurzen
+Augenblick zu Gaste war, meine eigene Welt auf, die ihr vom Hörensagen
+vorkam, wie ein Königreich und sie mit einem Verlangen füllte, das nicht
+gestillt werden konnte, weil es alles im Tageslicht draußen anders aussah,
+als hier in der grüngoldenen Dämmerung des Gartens und des Kinderherzens.
+Aber das wußte ich jetzt selber nicht.
+
+»Mama, Mama!« rief Maidi und flog auf eine Frau zu, die den gelben Sandweg
+des Gartens herunterkam. Sie trug ein langes, dünnes, weißes Kleid und
+hatte einen sonnigen Schein um den Kopf aus lauter krausen, blonden Haaren,
+und trug auf den Armen ein kleines Kindlein.
+
+»Mama, es ist noch viel schöner bei ihm. Sie haben rings herum alles ganz
+voll roter Blumen, und eine Katze geht herum und gibt Funken und hat Augen
+wie glühende Kohlen, und ein Mann ist dabei, der macht immerfort Musik. Und
+alle Leute stehen außen am Garten herum und horchen.«
+
+Die junge Frau lächelte gut und fein. Sie hatte den Auftrag, mich zu meiner
+Mutter zu holen, die außen auf der Straße auf mich wartete. Sie kannte
+unser armes Häuslein und Gärtchen und unsere kleine Welt wohl, aber sie
+wollte nicht an unser beider Seligsein rühren. Sie sagte nur: »Das wirst du
+alles einmal sehen, Maidi. Aber jetzt müssen wir bei dem kleinen Bruder
+bleiben, das weißt du ja. Und der Ludwig muß jetzt zu seiner Mutter gehen,
+komm, zeig' ihm den Weg durch das grüne Pförtchen. Er ist ihr Bub, und du
+bist mein Maidi.« Da tat sich hinter mir die Pforte wieder zu. Auf der
+Schwelle sah ich noch einmal den Weg hinunter und sah die schöne Frau mit
+dem Kindlein im Grünen stehen, und sah Maidi wie einen Schmetterling auf
+sie zufliegen und hörte ihren lachenden Ruf: »Mama, ich habe gesagt, wir
+kommen dann einmal alle. Wenn der Bubi laufen kann, dann.«
+
+Da stand ich auf der Straße und sah nur noch die grünen Baumkronen oben
+über die hohen Gartenmauern herausgrüßen, und sah meine Mutter, die ein
+Stück weiter unten vor der Haustür auf mich wartete. Sie nahm mich fest und
+ein wenig hart bei der Hand und machte fast zu große Schritte für mich
+kleinen Buben, als wir wieder unsrem Hause zugingen.
+
+»Mutter, wer ist der schöne, alte Herr? Mutter, was hat er gesagt?« fing
+ich an. Aber sie war nicht zum Reden aufgelegt. Der alte Herr war ärgerlich
+geworden, als sie ihm ihren steifen, ungelenkigen Widerstand entgegenhielt.
+Es waren Funken aus seinen gütevollen blauen Augen gefahren, und die junge
+Frau war aus dem Nebenzimmer herein gekommen und hatte vermitteln müssen.
+Er hatte geschimpft und gewettert, daß nirgends mehr Natur sei,
+Einfachheit, Selbstverständlichkeit. So gottverlassen seien die Menschen,
+daß sie sich der Glieder schämen, die ihre Kinder in ihrer unschuldigen
+Pracht mit sich herumtragen.
+
+Dabei war die Mutter immer stummer geworden. Sie konnte nicht dafür, es war
+ihre Art so. Sie konnte nicht mehr umlenken, wenn sie sich irgendwo
+festgefahren hatte, auch wenn sie wollte nicht. Sie blieb dabei: »Nackend
+lass' ich den Buben auf kein Bild, und gar in einer Kirche. Ich versteh's
+nicht besser, so kommt mir's recht vor.«
+
+Damit ging sie, es half alles nichts.
+
+Sie tat mir das Samtkittelchen aus, als wir daheim waren und ließ mich in
+Hemdsärmeln auf die Gasse springen. Und ich hörte noch, wie sie zum
+Heinrich Kilian sagte: »Die Vornehmen sollen mir vom Leib bleiben. Alles
+drehen sie um und um in einem. Ich versteh's nicht; er ist sonst ein guter
+Herr, der Herr Professor, und nicht unrecht. Aber im Himmel die seligen
+Leut' haben doch auch Kleider an, steht in der Bibel. Brav soll er werden
+und recht, der Bub, sonst nichts. Ich kann nicht draus hinaus, wir haben's
+bei uns immer so gehabt.«
+
+So ungefähr sagte die Mutter damals. Ich aber stand mitten auf der Gasse
+und sah das Gärtchen an, das winzige, schmale, und das niedrige Häuslein,
+dem das steile Dach so tief über den einzigen Wohnstock herunterhing, daß
+es aussah, wie ein Mensch, dem der Hut in die Stirne gerutscht ist. Und
+mich überkam ein kleines, dummes Leiden und ein Zorn, daß es alles nicht so
+schön sei, wie ich es vorhin der Maidi beschrieben hatte, und wie es auch
+in meinem kleinen Bubenherzen gewesen war. Da ging ich ins Haus zurück und
+setzte mich auf die Schwelle, die von der Wohnstube in den Alkoven führte,
+in dem ich mit der Mutter schlief, und fing an, laut hinauszubrüllen, denn
+ich wußte mir nicht anders zu helfen. Und sie kamen alle zusammen, die
+Schwestern, der Heinrich Kilian und die Mutter, und fragten, was mir sei.
+Aber die Mutter sagte: »Lasset ihn nur, er hat's wie ich, er ist aus dem
+Gleis gekommen.« Da fing sie sachte an, mich auszuziehen und wickelte mich
+in den alten, grauen, wollenen Schal, der für alle Schäden gut war, und
+legte mich in ihr großes Bett, und ich spürte ihre guten, hartgeschafften
+Hände und roch den Duft von dem Strohblumenkranz, der um des Vaters Bild
+gelegt war, gerade über meinem Kopf. Da hüllte mich das Heimatliche wieder
+warm und gewohnt ein, und ich schlief in den andern Tag hinüber. Denn es
+war noch ein Leiden, das man verschlafen konnte.
+
+ * * * * *
+
+Aber nach dem alten Herrn hatte ich hie und da ein Verlangen. Nicht nach
+Maidi und nicht nach ihrer feinen, weißen Mutter. Ja, ich hatte manchmal
+eine plötzliche Angst, sie könnten kommen und sehen wollen, was ich Maidi
+beschrieben hatte und was doch nicht so war, und ich müßte mich dann
+verkriechen in hilfloser Scham. Dann vergaß ich sie nach und nach, und
+eines Tages stand ich plötzlich vor dem alten Herrn. Es war in einer engen
+Gasse zwischen hohen Häusern, die sich oben fast zusammenneigten.
+
+Da schritt er fest und rasch daher und war wieder das Hellste von allem.
+
+Ich trug ein neues Ränzlein auf dem Rücken, darin klapperte und rasselte es
+von Tafel und Griffelrohr, die es bis jetzt noch allein bewohnten, und kam
+in einem blauen Anzüglein, das mir die Mutter aus einer Arbeitsbluse vom
+Vater gemacht hatte, gerade aus der Schule, in die ich erst seit Tagen
+ging. Woher er gekommen war, wußte ich nicht. Vermutlich aus einem der
+alten Häuser. Er trug den Hut in der Hand und sah beim Gehen links und
+rechts an den Häusern hinauf, es war aber nichts zu sehen, als alte Giebel
+und einige Blumenbretter und Taubenschläge und so altes Zeug; aber mich sah
+er nicht und wollte grad an mir vorbeischreiten. Da griff ich, weil das
+nicht sein durfte, schnell nach seinem Samtkittel und hielt ihn daran fest
+und erschrak erst, als ich es getan hatte, über meine eigene Keckheit, denn
+zuvor hatte ich nichts gedacht, nur gespürt, daß er mir nicht so
+entschwinden durfte.
+
+»Oho, du Stumper,« sagte der alte Herr, der solchergestalt mit seinen
+Gedanken auf die Straße heruntergezogen worden war, und sah mir in das
+Gesicht, das in großer Verlegenheit erglühte, »was gibt's?« Und ich freches
+Mücklein hätte mich gern verkrochen, aber ich konnte nicht.
+
+Da fiel ihm auf einmal ein, wo er mich schon gesehen hatte, und er sagte:
+»Ja, ja, ja, das ist ja der Maidi ihr Bräutigam, den man nicht abmalen
+durfte.« Und wie es ihm so gerade durch den Kopf ging, sagte er: »Weißt du
+was? Willst du was sehen? Komm einmal mit mir. Sag einen schönen Gruß an
+deine Mutter und ich hätte dir etwas gezeigt.«
+
+Damit nahm er mich an der Hand und machte lange Schritte, und ich kleiner
+Schulbub rasselte mit meinem Ränzlein neben ihm her und konnte es fast
+nicht erschreiten, bis wir an ein großes, kahles Haus kamen und etliche
+Treppen erstiegen. Da traten wir in einen hellen Raum ein und waren beide
+ganz still. Denn was da drinnen war, das redete mit uns. Da saß die blonde
+junge Frau, Maidis Mutter, auf einem kleinen Grashügelchen, ganz im Grünen,
+aber sie hatte andere Kleider an, als man bei uns hatte, etwas wie einen
+großen Mantel, der sie und das Kindlein, das sie auf dem Schoß hatte, ganz
+einhüllte. Und irgendwo kam Sonne her, die war im Haar und im Mantel und in
+den Gesichtern, da wurden sie ganz glänzend und ganz fremd und froh.
+
+Aber von beiden Seiten her kamen kleine Buben mit lustigen kurzen Flügeln,
+die ihnen am Rücken herauswuchsen, die trugen Blumensträuße und Kirschen,
+und einer schleppte ein Vöglein herbei, das ihm davonfliegen wollte, und
+einer ein schneeweißes Häschen. Das brachten sie alles der schönen, schönen
+Frau und ihrem Kindlein. Sie hatten keine Kleider an, aber sie kamen mir
+auch nicht vor, wie rechte Buben, solche, mit denen ich auf der Gasse
+spielte, sie waren anders. Es war alles eine ganze Welt für sich auf einem
+großen Bilde, das lebte und blühte und rührte sich doch nicht.
+
+Da streifte mich eine große, fremde Schönheit und strich mir über die
+Augen, daß sie wie in ein Wunder hineinsahen. Und ich stand ganz still und
+rührte mich nicht und atmete kaum. Das weiß ich alles noch, als ob es erst
+geschehen wäre. Auf einmal mußte ich aufsehen, es zwang mich etwas dazu. Da
+sah ich, wie der alte Herr seine Augen auf mir liegen hatte, voller Güte
+und wie in einer großen Bewegung, die mochte ihm mein stummes Andächtigsein
+geschaffen haben. Und er hob mich ganz sachte mit seinen Händen empor und
+küßte mich auf den Mund. Dann stellte er mich wieder auf den Boden und
+sagte: »So, jetzt gehst du heim zu deiner Mutter. Grüß' sie. Findest du den
+Weg? Behüt dich Gott.«
+
+Ja, den Weg fand ich schon, meine Füße fanden ihn von selber, denn ich ging
+wie in Träumen.
+
+Da sah die Schönheit in mein Kinderleben herein und sagte: »Ich bin. Suche
+mich, kenne mich, liebe mich. Ich bin Wahrheit und Güte, Farbe, Licht und
+Glanz. Ich bin in allem und auch in dir.«
+
+Aber ich konnte es nicht recht erzählen, als ich nach Hause kam.
+
+Doch war es der Mutter recht, daß der Herr Professor scheint's nicht mehr
+böse sei. »Denn sonst hätt' er dich nicht mitgenommen, denk ich,« sagte
+sie.
+
+Aber daß er mich geküßt hatte, das behielt ich für mich.
+
+Bei uns daheim küßte man einander nicht. Auch mich nicht, so gut ich es
+sonst hatte.
+
+ * * * * *
+
+Eines Tags wurde Lotte Wolf unsere Nachbarin; ich konnte froh sein, daß sie
+es wurde.
+
+Sie war groß und dunkelhaarig; es dauerte nicht lange, bis sie auch zu
+meinen Besitztümern gehörte. Als sie am ersten Abend nach ihrem Einzug eine
+Weile unter der niedrigen Haustür stand und auf die grünen Bäume der Au
+hinübersah, da wunderte ich mich, daß sie da drinnen in dem Häuschen Platz
+haben sollte. Es schien mir niedriger zu sein als alle andern, weil sie so
+groß und hoch war. Sie trug eine blaue Bluse und eine weiße Schürze und
+hatte den Hals frei, daran hing ein dünnes Silberkettlein mit einem
+Herzchen. Es zog mich mächtig zu ihr hin, aber ich wußte nicht, was ich
+sagen sollte; ich beschrieb aber immer engere Kreise um sie her. Da sah sie
+mich und lachte mich an und sagte: »Komm her, Kleiner, wie heißt du?« Ich
+sagte, daß ich Ludwig Fugeler heiße, und daß das Haus da drüben mir gehöre,
+und daß ich viele rote Nelken habe. Da sagte sie, ich solle ihr eine davon
+holen, die wolle sie an ihre Bluse stecken und dafür wolle sie mir etwas
+Schönes zeigen. Ich rannte hinüber und pflückte einen ganzen Strauß von den
+Blumen, die mir seither nur zum Ansehen gehört hatten, und brachte sie
+ihr, die mich zum Dank mit ihrer großen, festen Hand an meinem Lockenwald
+packte und ein wenig zauste. Da wurde ich heiß und rot vor Glück und Stolz,
+und sie nahm mich mit in ihr Häuslein hinein, daß, wie die andern alle,
+eine Stube mit einem Alkoven und zwei Kammern hatte.
+
+Das Schöne, das sie mir zeigen wollte, stand auf der glänzend polierten
+Kommode und war ein ausgestopftes Eichhorn, das blanke Äuglein und spitze
+weiße Zähne hatte. Es saß auf einem bemoosten Baumast und hatte eine Nuß
+zwischen den Vorderpfötchen, und Lotte sagte, sie wolle mir einmal die
+ganze Geschichte des Eichhorns erzählen, das Mux geheißen habe und fast
+gescheiter als ein Mensch gewesen sei. Sie sei aber sehr traurig und ob ich
+gerne traurige Geschichten höre? Das wußte ich aber nicht, denn bis jetzt
+hatte mir niemand Geschichten erzählt, und ich entdeckte auch in diesem
+Augenblick noch etwas anderes, das mich stark interessierte. Das war eine
+alte Frau, die neben dem Ofen in einem mächtig hohen Lehnstuhl saß und
+immerfort mit dem Kopf zitterte. Sie hatte eine breite weiße Binde um die
+Stirn gelegt, und unter der Binde sahen ein paar dunkle Augen hervor und zu
+mir herüber, und ich bekam auf einmal Angst vor diesem Menschenwesen und
+wollte mich aus der Stube machen. Da nahm mich Lotte bei der Hand und
+führte mich zu ihrer Mutter hin. Denn das sei ihre Mutter, sagte sie, und
+sie müsse immer im Lehnstuhl sitzen, sie könne gar nicht von selber
+aufstehen. Ja, nun sah ich es, sie zitterte mit den Händen und den Füßen
+ganz ebenso, wie mit dem Kopf, sie zitterte am ganzen Körper, das sah
+unheimlich aus. Aber als sie anfing zu sprechen, da war es gleich anders.
+Da hatte sie einen so freundlichen Mund und so freundliche Augen, daß meine
+ganze Angst verging. Sie sagte, wenn wir nun Nachbarsleute seien, so müsse
+ich fleißig zu ihr kommen, und sie habe auch ein Buch mit Bildern, das
+wolle sie mir zeigen, und ob ich keine Geschwister habe? Da sagte ich
+zuerst nein, denn die Schwestern waren immer wie etwas anderes, wie
+Kindermädchen oder Pflegemütter, und sie hatten auch eine jede ein Haus,
+für das sie Ausgänge zu machen hatten und spielten fast nie auf der Straße
+oder ums Haus herum. Aber dann besann ich mich und sagte, daß ich doch
+Geschwister habe, zwei, es seien aber bloß große Schwestern. Und Frau Wolf
+sagte, das müsse ich nie vergessen, daß ich große Schwestern habe. Auch
+später nicht, wenn ich ein Mann sei, denn es gebe sonst fast niemand, die
+Mütter ausgenommen, der so getreulich für die Brüder sei, wie ältere
+Schwestern, die gehen durch dick und dünn mit ihnen.
+
+»Mutter, das versteht er ja noch nicht,« sagte Lotte, und die alte Frau
+wackelte mit dem Kopf und sah mich freundlich an, und schwieg. Und ich
+erfuhr es erst später, daß sie einen einzigen Bruder habe, der ein großer
+Herr geworden sei und nichts mehr von ihr wissen wolle. »Aber,« sagte
+Lotte, als sie das meiner Mutter erzählte, »das mag er halten, wie er will.
+Ich kann meine Mutter gut erhalten, und das tue ich auch.« Dabei streckte
+sie den einen bloßen Arm mit dem heißen Bügelstahl, den sie in der Hand
+hatte, wagrecht hinaus und ich dachte, sie sehe der Germania gleich, die
+oben auf dem Kriegerdenkmal auf dem Friedhof stand, nur daß die Germania
+einen Kranz ausstreckte und Lotte einen Bügelstahl. Aber für Lotte paßte
+ein Bügelstahl besser, denn eben damit erhielt sie ihre Mutter.
+
+Sie stand den ganzen Tag am Bügelbrett, und um sie herum häufte sich die
+weißeste Wäsche; sie hatte immer eine schneeweiße Schürze an und eine Bluse
+mit kurzen Ärmeln und regierte das heiße Eisen, daß es blitzend hin und her
+fuhr und alles sich glättete, was sie unter die Hand bekam.
+
+An schönen Sommertagen, wenn drinnen in der Küche der kleine Bügelofen
+glühte und seine Hitze mit der zitternd warmen Sommerluft vermischte, stand
+sie wohl draußen unter dem Vordach aus Sackleinwand, das sie sich selber
+aufgespannt hatte. Dann hingen an den Latten des Zaunes gebügelte weiße
+Unterröcke und rosenfarbige und blaue Kleider und führten, wenn ein
+Lüftchen zwischen ihnen hinstrich, für sich selbst ein Tänzchen auf, als
+wollten sie sich auf den Sonntag einüben, wo sie sich um junge, warme
+Glieder schmiegen würden, drunten in der Au und wo ihre Falten und Spitzen
+noch ganz anders hin und her geschwenkt werden würden als jetzt, nach den
+Klängen einer guten Blechmusik und in den Armen der stattlichen Grenadiere
+und Pioniere. Denn die schöne Lotte hatte zu ihrer Kundschaft nicht die
+großen, feinen Häuser in der Stadt, die, wenn sie tanzgelüstig wurden, sich
+selber aufspielen lassen konnten, sondern das hart verdienende, arbeitsame
+Völkchen der Fabrikmädchen, der Verkäuferinnen in den Warenhäusern und was
+so junges, lebenslustiges Geziefer mehr war. Es kamen auch ledige Herren zu
+ihr, die ihre Wäschepäckchen selber unter dem Arm trugen und am
+Samstagabend selber wieder abholten. Darunter waren solche, die ich leiden
+konnte, und solche, die mir unausstehlich waren. Einige stellten sich zu
+Lotte ans Bügelbrett und sahen zu, als ob sie demnächst ihre Hemden selber
+bügeln wollten und ihnen nur noch die letzte Feile zu der Kunst fehlte, und
+dann begannen sie allerlei Gespräche mit ihr. Aber manche machten dumme
+Späße und versuchten Lotte in die bloßen Arme zu kneifen, da fuhr ich
+wütend dazwischen, denn das durften sie nicht, da Lotte mir gehörte und ich
+sie, wenn ich groß war, heiraten wollte. Lotte aber zupfte mich leise am
+Haar, daß ich still sein sollte und sagte: »Laß nur, Ludwig, ich wehre mich
+schon selber,« und holte sich einen frischen Bügelstahl, den schwenkte sie
+ein paarmal hin und her, da sah sie wieder aus, wie die Germania, und ihr
+Gesicht war ernst und schön, aber zu dem Kecken sagte sie gar nichts. Da
+sah der meist ein bißchen dumm aus und machte, daß er fort kam. Das war mir
+recht, denn es war mir am wohlsten, wenn wir drei allein waren. Bei mir
+zuhause war oft den ganzen Nachmittag niemand daheim, da wurde das Häuschen
+der beiden Frauen meine zweite Heimat, und ich dünkte mich König darin zu
+sein. Aber eines Abends kam ich so gegen Dunkelwerden hinüber. Man hatte
+mir heut bei Tag meine Locken abgeschnitten, weil ich nun doch zu groß
+dafür wurde, und weil mich die Buben soviel damit neckten, und ich fühlte
+mich erwachsener als je dadurch, aber es fror mich auch irgendwie, und ich
+wollte mich bei meinen Freunden wärmen. Da sah ich, als ich in die Stube
+trat, einen jungen Mann, den ich immer gern hatte leiden mögen, weil er so
+still und bescheiden kam und ging und nie viel sagte. Der hatte seinen Arm
+um die schöne Lotte geschlungen und sah sie leuchtend an, und sie wehrte
+sich gar nicht, sondern stand ganz still und sah ihn auch so an, und das
+Bügeleisen stand mitten auf einer Bluse, es roch auch schon verdächtig. Ich
+blieb an der Türe stehen und wußte gar nicht, was beginnen, es ging ein
+Schmerz und Zorn und ein Schrecken durch mich durch. Da sahen sie mich und
+lächelten und winkten mir mit den Augen, daß ich näher treten solle, und
+Lotte nahm das Bügeleisen und stellte es an seinen Platz. Aber ich rührte
+mich nicht von der Stelle und wäre nur gern wieder draußen gewesen, weil
+ich das nicht sehen konnte, daß sie der fremde Mensch umschlungen hielt.
+
+Da sahen sie meine Not und Lotte machte sich los und kam zu mir her und
+sagte: »Siehst du, Ludwig, das ist mein Bräutigam. Jetzt gerade vorhin habe
+ich mich ihm versprochen. Gib ihm eine Hand, er heißt Friedrich Meister,
+ihr müsset nun auch Freunde sein.« Aber ich gab ihm keine Hand. Wie konnte
+ich ihm die Hand geben, wenn er nur so da herein kam und alles störte, was
+bisher war und wenn er Lotte um den Hals faßte? Da sagte die alte Mutter
+aus ihrem Lehnstuhl heraus: »Gehet ihr beiden nur ein bißchen spazieren,
+das wird euch gut tun. Der Ludwig bleibt bei mir, gelt, Ludwig?«
+
+Und ich setzte mich auf den niedrigen Schemel zu ihren Füßen und legte
+meinen geschorenen Kopf an ihre Knie und spürte, wie sie fortwährend
+zitterten. Das Brautpaar ging hinaus, und wir blieben allein, und die alte
+Frau sagte, als ob sie mich durch und durch sehen könnte: »Ja, lieber Bub,
+das kommt uns beiden sonderbar vor, daß uns der Friedrich unsere Lotte
+nimmt, gelt? Aber weißt du, er nimmt sie nicht fort, er läßt sie da und
+bleibt auch dabei, und so haben wir sie alle beide.«
+
+Aber ich schüttelte meinen Kopf in ihre Zudecke hinein und sagte da heraus:
+»Er soll sie nicht in den Arm nehmen, sie gehört mir. Sie hat es gesagt,
+daß sie mir gehört.« Und dann sah ich auf, ob sie keinen Rat wisse.
+
+Da lagen ihre alten Augen gut und warm auf mir, und sie sagte: »O Büblein,
+wo will das hinaus mit deinem heißen Herzen? Sieh, wir können nicht alles
+für uns allein haben, was gut ist und schön und was wir lieb haben. Du
+verstehst es noch nicht, aber du mußt es noch lernen. Das kommt noch oft.
+Komm, komm,« und sie streichelte mich mit ihren zittrigen Händen und sagte:
+»Es wird schöner, als du denkst. Was meinst du, mir hat die Lotte auch
+gehört, schon lang vor dir, schon als sie noch ganz klein war.« Da mußte
+ich sie ansehen, wie sie so gut und so gelassen in ihrem Stuhl saß und ich
+dachte, ich müsse sie lieb haben, weil sie so arm sei und packte sie
+plötzlich mit beiden Händen an den Armen. Das tat weh, das durfte man
+nicht. Sie zuckte zusammen und preßte die Lippen aufeinander, und ich
+schämte mich, daß ich so ungestüm war. Aber sie lächelte mich an und sagte:
+»Ich versteh's schon, Ludwig, du meinst es gut. Sei nur ruhig, sei nur
+still. Komm, ich erzähl' dir was, weil wir grad so schön beisammen sind.«
+Da erzählte sie mir die Geschichte von dem ausgestopften Eichhörnchen. Die
+hieß etwa so:
+
+»Es ist einmal gewesen, schon lang, als die Lotte noch nicht viel größer
+war als du, da haben wir, mein Mann und das Kind und ich, droben an der
+steilen Steige gewohnt in dem Bahnwärterhaus, denn mein Mann ist ein
+Bahnwärter gewesen. Da haben wir eine gute Zeit gehabt, sag' ich dir. Da
+bin ich noch grad gewesen und aufrecht und stark. Ja ja, guck nur, ich bin
+erst seit der bösen Krankheit so, so elend. Der Mann, so gut und immer
+vergnügt, es sei ein Wetter gewesen, was es für eins wolle. Eine Stimme wie
+eine Amsel hat er gehabt und immer die Mundharfe in der Tasche. Wenn er die
+Strecke abgeschritten ist, hat er immer geharft dabei, und am Abend daheim
+gesungen auf dem Bänklein vor der Tür, und unsern Garten geschafft, es hat
+kein fürwitziges Gräslein drin sein dürfen. Solche rosa Pfingstnelken,
+dünkt mich, habe es sonst nirgends gegeben. Einen Nußbaum haben wir gehabt,
+der hat ein ganzes Dach über unser Häuslein gebreitet, und gleich dahinter
+hat der Wald angefangen.
+
+Ja, lieber Bub.
+
+Da sitzen wir einmal an einem Sonntagabend um den Tisch. Alle drei. Das
+Fenster steht offen und die Lotte sagt: >Vater, blas' eins. Blas': Brüder,
+Brüder, wir ziehen in den Krieg<. Denn er ist ein alter Soldat gewesen und
+hätt' gern einen Buben gehabt, der auch einmal Soldat würde, und hat der
+Lotte immer vom Militär erzählt. Das ist ihr Leben gewesen. Da zieht er die
+Mundharfe heraus und bläst eins ums andere, und auf einmal legt Lotte ihre
+Hand auf meinen Arm und sagt leise: >Da sieh' hin<. Da sitzt auf dem
+Fenstersims ein Eichhörnchen und guckt mit seinen schwarzen Äuglein zu uns
+her und horcht auf die Musik. Denn darauf sind sie aus, das lieben sie.
+
+Wir sind ganz still gewesen, um es nicht zu verscheuchen, und es ist erst
+wieder fortgesprungen, als mein Mann das Blasen einstellte und die
+Mundharfe auf den Tisch legte. Von da an ist es oft gekommen, immer öfter.
+Es ist noch ein ganz junges gewesen, und es ist nach und nach ganz zahm
+geworden. Die Lotte hat ihm Haselnüsse auf den Sims gelegt und dann auf die
+Bank am Fenster und auf den Tisch, und es ist bald aus- und eingegangen,
+wie ein Eigenes. Dann, im Winter, ist es ganz dageblieben. Die Lotte hatte
+ihm ein Bettchen gemacht in einem Korb, darin ist es gelegen, wie ein Kind.
+Sie hat es immer selber hineingetan, es hat ihm sonst niemand etwas tun
+dürfen. Wenn sie ganz leise gepfiffen hat, so ist es heraus und auf ihre
+Achsel gesprungen und hat seinen schönen buschigen Schwanz um ihren Hals
+gelegt. Die Lotte ist damals hergewachsen, wie ein junger Baum und hat zwei
+lange dicke Zöpfe hinuntergehängt, aber mit dem Lernen, da ist's ihr nicht
+so leicht gegangen. Sie hat sonst so vielerlei im Kopf gehabt. Jetzt hat
+sie nur noch lernen können, wenn der Mux mit in das Buch hineingesehen hat.
+Und dann hat sie ihn allemal gefragt: >Verstehst du das, Mux?< und hat ihm
+ins Gesicht geblasen, da hat er sich geschüttelt und sie hat zu mir in die
+Küche hinausgerufen: >Mutter, der Mux ist ein Gescheiter, der versteht's
+auch nicht.<
+
+Das ist drei Jahre lang so gegangen. Im Sommer hat der Mux seine Freiheit
+gehabt. Bei Tag auf dem Nußbaum und im Wald und bei Nacht in seinem Korb.
+Im Winter, da hat er ganz bei uns gelebt. Da, in einem Frühjahr, die Lotte
+ist zwölf Jahre alt gewesen und ein großes Mädchen, geht eines Tages ein
+schweres Gewitter herunter. Es donnert und blitzt und der Regen fällt nur
+so kübelweis, und ich denke: Das ist schon gar nicht mehr geregnet, und
+richte trockne Sachen für meinen Mann, denn er ist ja richtig weit draußen
+auf der Strecke. Da sind auf einmal Tritte vor der Tür, und etwas schüttelt
+sich und pustet, und ein Herr kommt herein, den hatte ich noch nie gesehen.
+Es war der neue Forstassessor, und er wollte dableiben, bis der ärgste Guß
+vorbei sei. Es war ein schöner Mensch, groß und breit und mit einem
+Weltsschnurrbart, aber es hat mir gleich etwas nicht gefallen an ihm, so um
+die Augen herum. Die Lotte ist dagesessen und hat an ihrem Federhalter
+genagt, denn sie hat sollen einen Aufsatz machen, und der Mux sitzt an
+seinem gewöhnlichen Platz auf ihrer Achsel und klopft mit dem Schwanz, wie
+wenn er sich auch besinnen müßte. Da packt der Assessor die Lotte am Zopf
+und sagt: Ein schönes Kind! Das dürfen Sie auch hüten, wenn ein paar Jahre
+noch herum sind. Und ich sagte: Wir wollen es so erziehen, daß es sich
+selber hütet, das wird noch besser sein.
+
+Die Lotte funkelt ihn so an mit den Augen und zieht den Zopf wieder aus
+seiner Hand, sagt aber nichts. Da bleibt ihm das Zopfband in der Hand und
+er fragt: Schenkst du mir das? Und ich sage statt ihrer: sie ist noch ein
+ganzes Kind, sie braucht ihre Zopfbänder selber, gelt, Lotte? Aber sie
+macht nur ein trutziges Gesicht, und als der Assessor ihr auf die Achsel
+klopfen will, rückt sie auf der Bank hinunter. Wie es aber geschah, weiß
+ich nicht mehr zu sagen: Der Mux fährt blitzschnell nach seiner Hand und
+schlägt ihm seine spitzen Zähne in den Zeigefinger. Er hatte vorher nie
+jemand gebissen, es war das erstemal.
+
+>Verfluchte Wildkatz,< sagt der Assessor und pfeift zwischen den Zähnen,
+und seine Augen sehen aus, wie nichts Gutes. Da geht auf den leisen Pfiff
+plötzlich die Tür auf, die nicht ganz fest zu war, und ein brauner Jagdhund
+kommt herein, der draußen unter dem Vordach gelegen war. Und da geht eine
+Jagd an, das ist nicht zu sagen. Der Hund fährt auf das Eichhorn los, und
+das rennt an der Wand hinauf in sinnloser Angst. Alles Locken von der Lotte
+und mir hilft nichts, und es hilft auch nichts, daß ich das Fenster
+aufmache, damit es sich flüchten soll. Vielleicht, wenn der Assessor seinem
+Hund gleich gepfiffen hätte, wäre es noch Zeit gewesen. Aber der besah
+seinen gebissenen Finger und war still, und als er endlich sagte: Feldmann,
+daher! da steht er auf dem Tisch und bellt wütend an dem Bücherbrett
+hinauf, auf das sich das Tierchen geflüchtet hatte. Ich weiß nicht, wie es
+zuging, aber als der Assessor endlich seinen Hund am Halsband hatte und ihn
+zur Stube hinausführte, da tat der Mux plötzlich einen klagenden Schrei und
+war tot. Mein Mann, der bald nachher heimkam, sagte: es sei an einem
+Herzschlag gestorben, den habe ihm die große Angst angetan.
+
+Die Lotte aber war nicht zu trösten. Sie hat vorher noch nie ein Herzeleid
+erlebt gehabt, es war ihr erstes, und es war ein großes. Sie legte den Kopf
+auf den Tisch und weinte, als ob sie nie mehr aufhören wolle, und der
+Assessor stand daneben und sah erschrocken und bekümmert aus. Und ich
+sagte, daß er lieber jetzt gehen solle, denn das Kind sei so außer sich,
+ich könne es jetzt nicht vor einer Unart hüten. Da, wie er so dastand, tat
+es mir auf einmal leid, denn das Spöttische, Ungute war aus seinem Gesicht
+weg, und er sah aus, wie ein großer Bub, der etwas angestellt hat und gern
+wieder gut sein möchte. Und ich dachte, ob er wohl auch eine Mutter habe,
+denn das denken wir Frauen immer zuerst, und gab ihm die Hand und sagte:
+>Behüt Sie Gott, und wir wollen einander nichts nachtragen.<«
+
+Soweit hatte die liebe Frau erzählt, und ich fühlte einen Grimm in mir
+gegen den Hund und den Herrn, es war mir nicht recht, daß ihm die Mutter
+die Hand gegeben hatte, und ich hätte der Lotte etwas Gutes antun mögen,
+weil sie damals so ein Leid gehabt hatte. Da fiel es mir ein, daß ich ihr
+ja nun den Friedrich Meister gönnen könne, und ich beschloß, es zu tun, und
+als die beiden wieder herein kamen, da stand ich auf und gab ihm die Hand
+und sagte: »Dann will ich!« Das sollte heißen, daß ich nun sein Freund sein
+wolle und ihm die Lotte lassen. Er verstand es auch, er lachte so herzlich
+erfreut über sein ganzes Gesicht und drückte meine kleine Bubenhand, daß
+sie krachte, und versprach auch sogleich, daß er mir einen Drachen machen
+wolle, so groß, daß die Spatzen davor erschrecken.
+
+»Ja, und mit einem langen Schwanz,« sagte ich.
+
+Da versprach er das auch noch, und ich merkte, daß auch die neue
+Einrichtung ihr Gutes habe.
+
+ * * * * *
+
+Einmal, als ich neun Jahre alt war, lag ich in meinem Gitterbett, das mir
+schon fast zu klein wurde, im Alkoven neben der Stube. Es hing ein alter,
+farbiger Zitzvorhang von der Decke herunter, der trennte die beiden
+Gemächer voneinander und ließ nur einen gedämpften Schein der Lampe zu mir
+herein. Draußen vor dem Haus jagte ein starker Wind vorüber. Er klapperte
+mit Fensterläden und riß die paar Bäume in den Nachbargärten hin und her;
+man konnte sie bis hier herein stöhnen hören, und es zog ein Gewitter
+herauf. Ich kugelte mich unter meiner Decke zusammen vor Wohlbehagen, daß
+ich hier so im Windstillen und Hellen lag und so beschützt und umgeben war.
+Draußen in der Stube saßen sie noch alle um den Tisch her: meine Mutter und
+meine beiden Schwestern und Heinrich Kilian. Ihre Stimmen gingen in ruhigem
+Gespräch einher, ich horchte nicht besonders darnach hin. Ich hatte ihnen
+vorhin, eh' ich ins Bett geschickt wurde, ein Gedicht hergesagt: »War einst
+ein Riese Goliath, ein gar gewaltig' Mann.« Das ging mir nun noch im Kopf
+herum; ich wäre wohl auch daran eingeschlafen, wenn ich nicht auf einmal
+meinen Namen hätte nennen hören und dann eine Sache, die mich anging. Sie
+wähnten mich wohl schlafend, weil ich so ganz stille lag.
+
+Als ich anfing aufzuhorchen, sagte meine Mutter: »Wenn es geschehen soll,
+dann ist es an der Zeit. Ich bin heut bei seinem Lehrer gewesen -- ich habe
+bei seiner Frau gewaschen -- und habe ihn gefragt. Da hat er gesagt: Ja,
+ja, der Bub ist hell im Kopf und ist auch fleißig und hat gute Gedanken.
+Ich glaube, man kann aus ihm machen, was man will. Aber es wird Ihnen sauer
+geschehen, Frau Fugeler. Das Schulgeld ist teuer, und es dauert eine lange
+Zeit, bis einer fertig ist, wenn er ein Studium ergreift. Da habe ich
+gesagt, daß es mir nicht ums Hochhinauswollen sei mit meinem Buben,
+sondern daß ich es dem Mann versprochen habe, daß ich alles an ihm tun
+will, was ich kann, und daß ich auch zwei Töchter habe, die mir helfen
+können.«
+
+Ich sah ein wenig durch ein kleines Loch im Vorhang, als die Mutter so
+redete und sah, daß die Schwestern einverstanden mit dem Kopf nickten über
+ihre Arbeit hin, und daß Heinrich Kilian beide Arme vor sich auf den Tisch
+legte und den Kopf vorstreckte vor Eifer und hörte ihn sagen: »Und von mir,
+hat sie von mir auch etwas gesagt, die Mutter? Hat sie nicht gesagt, daß
+der Heinrich Kilian auch mittun will?«
+
+»Nein,« sagte die Mutter, »von Ihnen habe ich nichts gesagt, Kilian, das
+wär' noch schöner.«
+
+Aber er tat es nicht anders, er wollte auch etwas an meinem Schulgeld
+bezahlen, wenn ich ins Gymnasium käme.
+
+»Wen hab' ich denn sonst?« sagte er. »Ich habe niemand, als euch. Ich habe
+dreihundert Mark in der Sparkasse, die vermache ich dem Buben sowieso. Ich
+bin in der Sterbekasse, zu meinem Begräbnis brauch' ich nichts zu sparen.
+Und wenn ich nicht mehr schaffen kann, krieg' ich meine Altersrente. Aber
+ich kann noch lang schaffen.«
+
+Da legte ich mich wieder in meine Kissen zurück und schloß die Augen und
+sah in meine herrliche Zukunft hinein.
+
+Also ich sollte auch zu denen gehören, die jetzt nächstens von der
+Bürgerschule ins Gymnasium hinübergingen. Ich war der Zweite in meiner
+Klasse. Der Erste war Fritz Meißner, der Sohn eines Kaufmanns am
+Marktplatz, ein großer und gescheiter Kerl, der immer Rohrstiefel mit
+Glanzlederstulpen anhatte und sehr breit in ihnen auftrat. Der Dritte war
+Samuel Kern, ein Pfarrerssohn, fein und blond und von einer guten
+Aussprache des Deutschen, weil seine Mutter eine Hannoveranerin war und es
+von ihm verlangte. Aber manchmal, wenn er in die Hitze geriet, was selten
+war, verfiel er in ein ebenso gutes Schwäbisch, wie wir andern es sprachen;
+erst vorgestern hatte er, als wir miteinander rangen und ich ihn unten
+liegen hatte, keuchend an mir emporgefaucht: Du Saukerl. Das war mir eine
+große Ehre und ein rechtes Freundschaftsstück gewesen. Diese beiden standen
+seit einiger Zeit mit ein paar andern, die weiter unten saßen, immer in den
+Freistunden auf einem Häuflein beisammen und beredeten, wie es würde, wenn
+sie drüben seien. Darüber gab es viel zu sagen, von neuen, farbigen Kappen
+und von vielen andern Dingen, aber ich glaube nicht, daß sie viel von den
+Wissenschaften sprachen, die waren ihnen noch nicht so wichtig. Ich aber
+stand beiseite und biß an meinen Nägeln herum, denn nun sah ich, daß ich
+nicht so kurzweg an allem teilhatte, was das Leben hergab. In der
+Volksschule war es einerlei gewesen, daß meine Mutter eine arme Wittfrau
+war, da kam es nur darauf an, daß ich in allem meinen Mann stellte. Aber
+das wurde jetzt anders, denn aus ihr hinaus führte nur ein Weg für die, die
+Geld hatten. Das war eine böse Sache. Aber nun war ihr auf einmal
+gesteuert. Denn die Mutter und die Schwestern und der Heinrich Kilian
+sorgten dafür, daß ich mit den Auserlesenen über die Straße gehen könne und
+grüne oder rote Kappen tragen und alles tun, was die andern auch taten und
+auch alles lernen. Aber an das Lernen dachte ich erst zuletzt, denn ich
+lernte gern und leicht, aber ohne Leidenschaft, das hatte mich bisher noch
+nicht besonders angefochten. Es erschien mir recht von den Meinigen, daß
+sie so taten, aber sie konnten es wohl tun, denn sie verdienten ja alle
+Geld. Meine Schwester Luise war jetzt fünfzehn Jahre alt und stand den
+ganzen Tag am Bügelbrett drüben bei Lotte, die jetzt Frau Meister hieß, und
+einen kleinen Buben in der Wiege hatte. Und Helene war fast dreizehn, aber
+sie war fast so groß wie Luise, und war Ausläuferin für ein Modegeschäft
+neben der Schule her und brachte auch schon Geld heim, und Heinrich Kilian
+hatte dreihundert Mark in der Sparkasse, das war viel, da konnte ich
+beruhigt sein. So schlief ich nun in guten Gedanken ein. Als ich schon
+lange geschlafen hatte, war es mir auf einmal, die Mutter stehe vor mir mit
+dem Lämpchen in der Hand und sehe über mich hin. Ich hörte sie sagen: »Mach
+mir etwas Rechts aus meinem Buben. Tüchtig soll er werden und brav. Paß'
+auf ihn auf, wenn ich nicht mehr da bin.«
+
+Aber ich wußte nicht, zu wem sie es sagte, denn es war sonst niemand da.
+Ich konnte auch die Augen nicht recht aufmachen, sie waren mir voll
+Schlafs.
+
+Als ich am andern Morgen meinen Kameraden verkündigte, daß ich auch ins
+Gymnasium komme, drehte sich auf einmal mein Vordermann um und sah mich mit
+merkwürdig erloschenen Augen an. Ich hatte ihn gern, denn er war ein
+fröhlicher Kamerad, der einen Spaß verstand, und dabei ein tüchtiger
+Schüler. Seine Mutter ging mit der meinigen zum Kirchenreinigen. Wir waren
+schon oft dabei gewesen, alle beide, und hatten uns auf den Emporen und
+hinter der Orgel umhergetrieben und untereinander ausgemacht, wem die
+angemalten Posaunenengel in der Spitalkirche ähnlich sähen. Da hatten wir
+immer viel Vergnügen dabei gehabt und auch ein paarmal die Bälge getreten,
+wenn jemand kam zum Orgelspielen. Jetzt sah er mich erschrocken an und
+sagte: »Du auch?« sonst nichts. Aber in der Freiviertelstunde wartete er,
+bis ich die Treppe herunter kam und sagte, er müsse mich etwas fragen, und
+wir gingen miteinander hinter die Holzbeige im Hof. Ich stand dumm und
+bockig da, denn ich hatte etwas wie ein schlechtes Gewissen gegen ihn, aber
+ich wußte nicht recht, warum. Da schlug er mir auf einmal mit aller Macht
+eine hinter die Ohren und drehte sich dann an das Holz hin und fing an, in
+die Scheiter hineinzuschluchzen. Wenn er nicht geweint hätte, dann hätte
+ich ihm die Ohrfeige ohne Frage heimgegeben, aber so war ich ratlos und
+wußte mir nicht zu helfen. Ich hätte jetzt bei den andern stehen können zum
+erstenmal. Denn darauf hatte ich mich schon den ganzen Morgen gefreut. Und
+nun hatte ich eine Ohrfeige auf mir sitzen, die brannte und mußte dazu noch
+aus meinem Kameraden herausfragen, warum ich sie hatte, und es war mir
+fast, ich wisse es schon.
+
+Da kam es denn nach und nach heraus, daß er sich schon eine ganze Weile
+gefreut habe, bis die andern fort seien, und daß wir dann zusammenhalten
+und alles herrlich regieren wollten. Er habe sich schon Sachen ausgedacht,
+feine, aber er sage mir's jetzt nicht, was für, er suche sich jetzt einen
+andern heraus, dem er sie sage. Ich solle nur machen daß ich fortkomme,
+ihm sei es ganz recht, er möchte nicht geschenkt da hinüber. Dabei
+trocknete er nach und nach seine Augen und sah mich zornig an, daß ich mir
+noch einmal vorkam, wie geschlagen. Denn ich hatte ihn recht eigentlich
+gern, das spürte ich nun deutlich, und ich stand in zwei Feuern, die
+brannten mich von links und rechts. Da sagte ich in meiner Not, ich könne
+doch nichts dafür, daß ich ins Gymnasium komme. Meine Mutter wolle es
+haben, mir wäre es sonst gleich. Aber das war gelogen, denn es war mir gar
+nicht gleich, und da in diesem Augenblick die andern nach mir riefen, lief
+ich schnell davon und stellte mich zu ihnen, und es war mir übel zumute.
+Aber es mußte ja nun dennoch alles seinen Gang gehen und ging ihn auch, und
+als der Herbst kam, da war ich ein höherer Schüler geworden.
+
+ * * * * *
+
+Drüben bei Meisters war ich nach wie vor oft und viel, und dort lernte ich
+auch eigentlich meine Schwester Luise kennen. Ich trat sozusagen in ein
+neues Verhältnis zu ihr, denn daheim war ich um sie herumgestrichen wie um
+die alte Stockuhr in unserer Wohnstube oder um den Rosmarinstock, der auf
+dem breiten Fenstersims stand. Sie war eben da wie alles andere und gehörte
+zum Haus wie die graue Katze, nur daß die Katze immer im Fußende meines
+Bettes schlief und eine persönliche Freundschaft mit mir hatte. Bei
+Meisters aber sagten sie, daß Luise ein gescheites und geschicktes Mädchen
+sei, und daß sie hübsch werde, eh' man sich's versehe. Groß sei sie schon,
+einmal für ihr Alter, aber nun fange sie auch an, aufzublühen, und das
+stehe ihr gut. Das alles sagten sie nicht vor ihren Ohren, sondern
+vielleicht einmal, wenn sie in die Küche ging, um im Bügelofen
+nachzuschüren oder, wenn sie draußen im Vorgärtchen die gebügelte Wäsche in
+der Sonne ausbreitete. Denn sie war bei Lotte als Lehrmädchen eingetreten.
+Aber mir kam ein solches Wort hie und da zu Ohren, und dann dachte ich: Ja,
+gelt, die gefällt euch schon. Sie ist meine Schwester, aber ich lasse sie
+euch einstweilen. Ich habe noch eine, die heißt Helene, an der ist bis
+jetzt noch nicht so viel zu sehen.
+
+Solche Sachen sagte ich in Gedanken zu ihnen, aber ich mußte aufpassen, daß
+es die alte Frau Wolf nicht merkte, denn sie sah mir immer alles an, was
+ich im Herzen hatte, und dann sagte sie: »O Ludwig, dich sieht man doch
+durch und durch. Du hast ein Gesicht wie ein Spiegel.« Das war mir nicht
+recht, denn ich wollte nicht immer alles wissen lassen, was ich dachte.
+
+Aber daß mir meine Schwester Luise gut gefiel, das durften sie wohl wissen,
+das mußte kein Geheimnis sein, bloß sollten sie nicht merken, daß es mir
+etwas Neues sei und daß ich es von ihnen gelernt habe. Und sie gehörte mir
+doch zuerst und vor allen.
+
+Sie hatte ganz hellblonde Haare, und sie waren lang und dick. Sie trug sie
+glatt gekämmt mit einem Scheitel in der Mitte und zwei Zöpfe um den Kopf
+gelegt, daß es war wie ein Kranz. Ich hatte gar nicht gewußt, daß sie so
+gut lachen könne; wenn sie lachte, dann sah man, daß oben einer von ihren
+vorderen Zähnen schief stand, aber das sah so drollig aus. Es war wie ein
+Wegweiser, der in ihren Mund hinein führte: »Hier ist Luise Fugeler. Man
+muß keine Angst vor ihr haben.«
+
+Das sagte ich auch niemand, daß ich das dachte. Denn es fielen mir hie und
+da sonderbare Sachen ein, und wenn ich sie heraussagte, dann lachten sie
+alle und erzählten es weiter. Und das war mir nicht recht. Aber meine
+Schwester Luise lachte nie über mich, weil sie merkte, daß ich dann rot und
+verlegen wurde; sonst lachte sie viel und gern. Es gab auch genug andere
+Sachen dazu, da hatte sie ganz recht. Gegen mich war sie immer gut und
+freundlich. So war sie früher nicht gewesen meiner Meinung nach. Es war
+aber nur so, daß sie nun überhaupt mehr ins Heitere, Jugendliche hineinkam,
+da zeigte sich alles, was gut und lieb an ihr war, mehr als vorher. Denn
+sie hatte nie recht ein Kind sein dürfen; es waren immer Sorgen vorhanden
+gewesen und Armut und Arbeit. Das erfuhr ich alles erst später recht, denn
+ich selber hatte es viel zu gut. Bei Meisters da konnte sie schon in ein
+freudiges Fahrwasser kommen, wenn sie gleich in ihrer jungen Jugend schon
+stramm an den Wagen gespannt war. Daß man arbeiten müsse, das war ihr
+nichts Neues, das verstand sich von selber. Was denn sonst? Aber sie waren
+alle miteinander so herzlich und fröhlich und gut, und es war nicht wie ein
+Dienst bei einer Herrschaft. Sondern man half einander mit der Arbeit und
+mit dem Lohn und mit dem Zusammengehören und keins war höher und vornehmer,
+als das andere. Friedrich Meister war Schreiber auf dem Rathaus. Er ging
+immer anständig angezogen zum Haus hinaus; da sah ihm Lotte unter der Türe
+nach und hatte den Buben auf dem Arm. Wenn er aber abends heimkam, oder
+auch mittags schon, dann fuhr er flugs in einen Hauskittel und
+wirtschaftete irgendwo herum mit Hammer und Nägeln und mit alten Brettern.
+Zum Beispiel machte er einen Taubenschlag auf das Dach und setzte Tauben
+hinein. Er mußte ihn aber bald wieder wegtun, weil die Tauben keinen
+rechten Respekt vor der weißen Wäsche im Garten hatten. Sie machten sie
+ohne alles Verständnis schmutzig, und da war nicht zu helfen, sie mußten
+wieder fort. Da tröstete er sich und verfertigte ein Stockbrett für das
+Küchenfenster, darauf setzte er ein Zigarrenkistchen mit Schnittlauch und
+eins mit Monatrettichen. Das heißt, er steckte die Rettichkerne hinein und
+wartete täglich darauf, daß sie treiben sollten. Sie trieben auch, aber bis
+zu richtigen Knollen brachten sie es nicht. Es blieben kraftlose
+Schwänzchen. Da mußte er sich viel gutmütigen Spott von seiner Frau
+gefallen lassen, und um sich in Respekt zu setzen, machte er nun ein
+Blumenbrettchen ans Wohnstubenfenster. Denn sie konnten in ihrem
+Vorgärtchen nichts ziehen, sie brauchten den Platz für die Wäsche.
+
+Da konnte sie nun nichts mehr sagen, außer darüber, daß er sich mit der
+grünen Farbe ganz eingeseift hatte an Rock und Hosen. Sie schluckte es aber
+und nannte ihn zärtlich »Meister Hämmerlein«. Aber er wußte nicht sicher,
+ob es nicht doch ein bißchen spöttisch gemeint sei. Denn sie verbarg ihre
+Liebe zu ihm gern unter ihrer Neckerei, wenigstens vor den Leuten. Er war
+fast einen Kopf kleiner als sie. »Aber darum muß ich doch an ihm
+hinaufsehen,« sagte sie, »er ist gerade um einen Kopf klüger als ich.« Das
+mußte ich ohne weiteres zugeben. Denn sie machte Schreibfehler, das hatte
+ich schon gesehen, und sie wußte nicht einmal, wo der Neckar entspringt.
+»Ich habe es natürlich einmal gewußt,« sagte sie, »aber ich habe es wieder
+vergessen.« Es schien ihr nicht viel auszumachen. »Mein Bub kann es einmal
+lernen. Ich habe sonst so viel um die Ohren, ich kann mich nicht auch noch
+um die Geographie bekümmern.«
+
+Aber einmal nahm Friedrich Meister sie mit auf einen Ausflug an den
+Bodensee. Er hatte dort droben einen Bruder verheiratet, der ein Landwirt
+war und ein kleines, eigenes Gütchen hatte.
+
+Davon kam sie am Abend des dritten Tages ganz erregt zurück.
+
+Mir brachte sie einen großen gebackenen Hasen mit aus Kuchenteig und sagte:
+das sei ein Seehas. Das sei eine ganz besondere Sorte, die gebe es bei uns
+nicht. Und der See sei so groß, nicht zu sagen, und so tief, sie habe sagen
+hören, man könne einen Kirchturm hineinstellen, ohne daß er oben
+heraussehe. Wenn man mitten auf dem See sei, so kommen am anderen Ufer die
+Schweizer Berge heraus, man möchte nur vollends hinüber, so verlange es
+einen darnach, wie sie so dastehen und leuchten. So schön gebe es bei uns
+nichts, das sei aus und vorbei. Ich mußte sie immer ansehen, wie sie im
+währenden Erzählen geschäftig hin und her ging, die Reisekleider ausstäubte
+und verschloß, ihr Bübchen besorgte und ihre langen, prachtvollen Zöpfe
+losband, daß sie ihr über den Rücken hinunterhingen, und wie ihr Gesicht
+dabei hell, klug und durchsonnt aussah, wie eine Landschaft, in die auf
+einmal neues Leben gekommen ist, etwa durch einen Maienregen oder durch
+einen unverhofften Sonnenblick. Ihr Mann saß neben mir auf der Bank am
+Fenster, folgte ihr mit den Augen und sah glücklich drein. »Guck,« sagte
+Lotte plötzlich zu mir, »das kann ich jetzt behalten. Von dem, was ich
+gesehen habe, da vergesse ich nichts, das ist mir alles in den Kopf
+hineingebrannt oder ins Herz meinetwegen. Das kann ich meinem Buben noch
+erzählen, wenn er groß ist. Das andere, was nur so in den Büchern steht,
+das ist nichts für mich. Zum Beispiel Schwenningen oder Tuttlingen, das ist
+gar nichts. Da kann ich mir nichts Besonderes denken. Aber Friedrichshafen,
+das hat ein Schloß mit zwei Türmen, die sehen zwischen grünen Bäumen heraus
+und spiegeln sich im See, und auf der Bahnhofsterrasse haben wir einen
+Schoppen Seewein getrunken und verschiedene Schiffe ankommen sehen. Das ist
+etwas Lebendiges.«
+
+»So werde ich dir eben nach und nach das ganze Vaterländchen zeigen
+müssen,« sagte Friedrich Meister behaglich lächelnd. »Ich habe eine
+gescheite Frau, die will die Welt selber sehen, vom Hörensagen glaubt sie
+nichts.«
+
+Damals stieg Lotte gewaltig im Respekt bei mir.
+
+Dumm war sie freilich nicht, wenn sie alles selber sehen wollte. »So könnte
+jeder kommen,« dachte ich. Aber es gefiel mir, daß sie so anspruchsvoll war
+und schien mir Beweis einer Besonderheit zu sein, die Lotte ja auch in
+anderen Dingen an sich hatte. Die Reisen durch das Vaterländchen hin und
+her wurden aber nicht getan. Sondern das Leben zeigte ihr seine Reichtümer
+und Weisheiten auf andere Weise, und es gab vieles dabei in den Kopf und
+ins Herz zu fassen, das man gleichfalls nicht aus Büchern und vom
+Hörensagen kennen lernt.
+
+Als ihr Bübchen seine ersten Schritte machte, lag wieder eins in der Wiege,
+und als das heraus war, folgte ihm ein Schwesterlein. Und die Mutter wurde
+immer schöner, stattlicher, fleißiger und fröhlicher dabei.
+
+Aber als sie das Kleeblatt beisammen hatte, da kam eines Tages Friedrich
+Meister mitten im Vormittag nach Hause und legte sich ins Bett mit einer
+schweren Fieberkrankheit, und als er es verließ, da war es nur, um es mit
+einem andern draußen auf dem Friedhof zu vertauschen. Da war sie eine Witwe
+geworden und stand in einem schwarzen Kleid am Bügelbrett. Denn das Bügeln
+durfte sie nicht versäumen, jetzt noch viel weniger als je. Wenn ihr hie
+und da Tränen auf das weiße Zeug tropften, so fuhr der heiße Stahl darüber
+und löschte sie aus, und das war noch gut. Denn die alte Mutter saß immer
+noch in ihrem Lehnstuhl am Ofen und zitterte heftiger als früher und hatte
+über dem Unglück, das in das Haus eintrat, alle ihre schöne Gelassenheit
+und Seelenruhe verloren. Nun seufzte sie ohne Ende, daß es eine verkehrte
+Einrichtung sei: sie, die alte, unnütze Frau, sei noch da als Last für die
+andern, und der junge Mann, der fast nicht zu entbehren sei, der sei nun
+weggenommen, es sei eine Jammererde, und es können einen nur die Kinder
+dauern, die dahinein geboren werden. Da hatte nun Lotte statt eines
+mütterlichen Trostes eine ewig fließende Jammerquelle um sich herum. Aber
+das war vielleicht noch besser für sie als alle Teilnahme und alles
+Mitleid hätte sein können. Denn nun mußte sie sich zusammenraffen, daß das
+Licht im Hause nicht auslösche. Sie mußte für Brot sorgen und für ein wenig
+Fröhlichkeit für die Kinder und mußte noch die alte Mutter aufzuhellen
+suchen, wenn diese gar zu tief ins Jammern geriet.
+
+Weil sie aber eine so durchaus gesunde, wahre und unverstellte Natur war,
+so geriet ihr dieses alles auch selber zum Heil, und sie erlebte trotz
+ihrer aufrichtigen Liebe zu dem Toten eine neue Auffrischung und war als
+Witwe wie als glückliche Frau ein Menschenbild, das einem verbissenen
+Schwarzseher hätte zeigen können, es sei noch nicht alles verloren bei
+unserem Geschlecht. Denn die Kinder von solchen Müttern müssen ja doch
+etwas mitbekommen ins Leben hinein, das sie nicht so leicht unter die Räder
+des Wagens kommen läßt.
+
+ * * * * *
+
+In den Jahren, in denen dies alles geschah, wuchs ich zu einem großen,
+kräftigen Buben heran. Es ging mir überall gut, ich kann nichts von einer
+schweren Kindheit erzählen. Ich nahm es mit Seelenruhe und ohne viel
+Gedanken hin, daß die Meinigen für mich sparten und schafften; es war mir
+nichts Besonderes, daß meine Mutter und Heinrich Kilian allmählich ein paar
+alte abgerackerte Leute wurden, die auch am Sonntag nichts anderes mehr
+wollten, als nach der Kirche, die sie nie versäumten, auf dem Bänklein vor
+der Haustür zu sitzen und sich von der Sonne anscheinen zu lassen. Die
+Mutter war ja viel jünger, als Heinrich Kilian, der schon unermeßlich alt
+war in meinen Augen. Aber dafür hatte sie mehr mit Sorgen und Lebensnöten
+gekämpft und schwerere Lasten getragen als er, der nur die Bücherpakete
+auf der Achsel, aber nichts Schweres auf dem Herzen hatte. Sie ging immer
+noch zum Waschen und Putzen fort, aber ich besuchte sie nicht mehr in der
+Kirche, um dort hinter der Orgel und auf den Emporen herumzustreichen und
+mit meinem alten Freund August Volland seltsame Geschichten über die Bilder
+der früheren Prälaten und Kirchenerbauer zu erfinden. Ich war ein Schüler,
+bei dem es ohne allzugroße Mühe voranging, und der auch in den Freistunden
+ein Wort reden durfte und seinen Mann stellte. Die grüne Mütze saß mir
+kecklich auf dem vollen Haarbusch, und ich fühlte mich darunter als einer,
+dem das Leben eine schöne Sache ist.
+
+Viel darüber nachzudenken, war nicht meine Art damals; ich lebte meine Tage
+dahin, wie sie kamen, und fand es ganz in der Ordnung, daß ich immer
+saubere Kleider und gute Stiefel hatte und daß auf dem täglichen Brot auch
+die Butter nicht fehlte. Meine Schwester Helene war nun auch konfirmiert.
+Sie trat sogleich nach dem Verlassen der Volksschule bei einer
+Kleidermacherin in die Lehre. Diese gab ihr die Kost und ein weniges an
+Geld, und sie mußte dafür im ersten Jahre alle untergeordnete Arbeit tun,
+die Rocksäume mit Litzen einfassen und dergleichen, und außerdem die
+fertige Arbeit zu den Kunden tragen. Dabei begegnete sie mir manchmal mit
+einem großen, in ein grünes Tuch geschlagenen Bündel auf dem Arm, in ihrem
+kurzen und unscheinbaren Kleidchen, und ich schlüffelte mit meinen
+Kameraden an ihr vorbei, ohne sie mit mehr als einem halbverlegenen
+Zunicken zu begrüßen. Sie nahm mir das weiter nicht übel, »weil Buben halt
+so sind,« und stellte ihre Jugend ebenso fraglos in den Dienst der strengen
+Pflicht, wie Luise es vor ihr getan hatte und immer noch tat.
+
+Sie war zufrieden, etwa am Sonntag ein paar Stunden in einem billigen
+Fähnchen, mit einem hellen Band oder Spitzenkrägelchen geschmückt, mit der
+Schwester oder einer Freundin in die Au hinunter zu wandern, der Musik
+zuzuhören und die heiteren Bilder des Lebens an sich vorbeiziehen zu lassen
+und vielleicht dabei den einen oder anderen Gedanken daran auszuspinnen,
+daß auch ihr einmal irgendeine bescheidene Frucht und ein paar farbige
+Blumen in dem reichen Garten des Daseins zuwachsen würden. Sie entwickelte
+sich aber in den dürftigen Sonnenstrählchen, die ihre Jugend trafen, wie
+ihre Schwester zu einem schlanken, hübschen, blühenden Geschöpf, dem auch
+eine natürliche Fröhlichkeit nicht fehlte, und es tönten in diesen Jahren
+oft aus der Giebelkammer, in der die beiden Schwestern schliefen, am frühen
+Morgen oder am Abend, wenn sie ihre Ruhestätten aufsuchten oder verließen,
+die schwermütigen Lieder, die das Volk singt, wenn es fröhlich ist, oder es
+ging ein Geplauder und Lachen die steile Treppe hinunter, wenn ich an
+dunklen Wintermorgen noch im Bett lag. Dann drehte sich der Schlüssel in
+der Haustür, und die Schritte und das Lachen ertönten auf der Straße, der
+Stadt und der Arbeit zu.
+
+Es war alles gut und schön. Aber eines Tages, als ich beim Dunkelwerden von
+einer Streife durch den Frühlingswald nach Hause kam, einen großen Busch
+hellblauer Scillablüten in den Händen, da fand ich die beiden Schwestern
+und die Mutter miteinander um meinen guten alten Freund Heinrich Kilian
+herumstehen, der auf dem harten Sofa mit dem blumigen Zitzüberzug lag mit
+geschlossenen Augen und schwer atmete.
+
+Sie flüsterten miteinander, und als ich fragend von einem zum andern sah,
+da legten sie die Finger an die Lippen: »Still, Ludwig, stör' ihn nicht,«
+und sagten, daß der Doktor bald kommen werde.
+
+Ich legte meine Scillablüten auf den Tisch und fühlte eine dumpfe
+Beklommenheit in mir. Wie konnte das sein, daß auf einmal etwas anderes
+war, als sonst? Es war so fremd und merkwürdig, daß Heinrich Kilian da auf
+dem Sofa lag und die Augen geschlossen hielt. Er war sonst immer irgendwo
+herumgegangen oder auf der Bank am Fenster gesessen und hatte ein Späßchen
+für mich gehabt oder eine Geschichte, die ihm in der Stadt über den Weg
+gelaufen war.
+
+Die andern machten so ernste und bestürzte Gesichter; es roch in der Stube
+nach Hoffmannstropfen und Kräuteressig, und Lotte Meister kam herüber und
+wurde ganz still, als sie in die Stube trat, Sie hatte ihr Mariele auf dem
+Arm und hielt ihm das Mäulchen zu, als es anfing, Heinrich zu rufen, und
+sie schüttelte den Kopf, als ob sie nichts Gutes von der Sache denke.
+
+Der Doktor kam, und ich wurde hinausgeschickt und bekam das Nachbarskind
+mit. Da standen wir im Vorgärtchen, das der Heinrich erst gestern
+umgegraben hatte. Es roch nach frischer Erde, in der Rabatte guckten schon
+da und dort grüne Spitzen heraus, und in der Ecke am Zaun war ein runder
+Fleck ganz blau von Veilchen. Es strich ein frischer Wind an den Häusern
+hin, und alles war so lebendig da draußen, aber drinnen im Haus war es
+anders. Ich hatte vor zwei Jahren Friedrich Meister tot daliegen sehen,
+still und bleich und mit wächsernen Händen; alles war mir noch gegenwärtig:
+Glockengeläute, Gesang und Schluchzen bei seiner Beerdigung. Nun war es
+mir, als trete der Tod durch unsere eigene Tür, und das war schauerlich
+genug. Aber daß der Heinrich Kilian dann nicht mehr da sein könnte, das
+konnte ich mir noch nicht denken, denn er war immer dagewesen, schon lang
+vor mir.
+
+Der Doktor kam wieder aus dem Haus und ging rasch weiter, und ich dachte
+hinter ihm drein, daß ich kein Doktor sein möchte, denn überall, wo er
+hinkomme, sei etwas Arges im Haus, und helfen könne er doch nicht. Das
+machte, daß bei uns armen Leuten da herum der Doktor meistens nur in ganz
+schweren Fällen geholt wurde, wo dann freilich gegen den Tod kein Kraut
+gewachsen war. Ich stand noch trübsinnig herum und sah ins Wetter, da kam
+meine Mutter zu mir heraus und sagte: »Du sollst zum Kilian kommen, er will
+dich.«
+
+»Stirbt er?« fragte ich, und sie nickte kummervoll mit dem Kopf: »Wird wohl
+so sein,« sagte sie. Und dann erfuhr ich, daß er in der Stadt von einem
+Lastwagen überfahren worden sei, grad über den Leib seien ihm die Räder
+gegangen. Man sehe gar keine Verletzung, es sei alles innen, aber da sei es
+auch bös. Sie wußte nicht, wie es hatte zugehen können, aber das wußte sie,
+daß er noch heim verlangt hatte, nicht ins Spital. Das erzählte sie in den
+nächsten Tagen mit traurigem Stolz noch oft, wenn die Nachbarn kamen, denn
+das durfte man wohl wissen, daß der Kilian hier eine Heimat gehabt hatte.
+
+Ich schlich auf den Zehen in die Kammer, in der mein Freund jetzt im Bett
+lag. Er sah zum Erschrecken elend aus. Der schwarze Bart, der ihm sonst
+ganz fröhlich um sein heiteres Gesicht herumstand, sah düster und wild aus,
+weil das Gesicht selber so fahl und eingesunken dazwischen lag. Er ließ
+seine Augen mühsam nach mir hingehen, als ich zu ihm trat und regte die
+Lippen, um etwas zu sagen, aber es kam nichts Deutliches heraus, und das
+leise Flüstern, das er hervorbrachte, verlor sich in seinem Bart. Noch ein-
+oder zweimal probierte er es, dann ließ er's sein und schickte noch einen
+Blick zu mir herüber, der deutlich sagte: »Da ist nun eben nichts mehr zu
+machen; ich habe dir noch etwas mitteilen wollen, aber das muß ich nun für
+mich behalten.«
+
+Mich packte ein ängstliches Grauen, das war noch größer als das Leid, das
+ich empfand über sein Hingehen, und kam davon, daß ein Mensch daliegen
+mußte mit einem Gedanken in sich, den er gern aussprechen wollte, und für
+den es keine Brücke mehr gab heraus zu den andern. Ich wollte der Mutter
+rufen, aber ich brachte keinen Ton heraus, es war mir, als ob ich nun auch
+stumm sein müsse, weil es das gab. Da sah ich auf einmal, wie sich die
+Hände meines Freundes, die fest verschlungen ineinander auf der Bettdecke
+lagen, auseinander taten. Das geschah nicht wie von einem Willen diktiert,
+sondern es sah aus, als ob sich mit den Händen auf einmal alles Leben löse
+und nun still und müde daliege, weil es nicht mehr weiter könne, und als
+ob von jetzt an ein anderer zu dirigieren habe in allem, was den alten
+Heinrich Kilian betreffe. Währenddiesem kam meine Mutter herein mit einem
+geöffneten Champagnerfläschchen, mit dessen Inhalt sie den Sterbenden
+erquicken wollte. Als sie aber einen Blick auf sein Gesicht geworfen hatte,
+stellte sie es still zur Seite, denn sie sah, daß hier nichts mehr zu
+stärken sei.
+
+Das Glas floß über von dem schäumenden Wein, und die Mutter, die das doch
+nicht mitansehen konnte, tauchte ihre Hand in die kleine Lache, die sich
+auf dem Tisch bildete, und bestrich Stirn und Hände ihres alten Pfleglings
+mit dem Naß, vor dem sie um seiner Kostbarkeit und Seltenheit willen eine
+große Ehrfurcht hatte, und unter ihren netzenden Händen verging er vollends
+und atmete tief und leise aus.
+
+Ich aber durfte mich nicht dem reinen Gefühl des schmerzlichen Abschieds
+hingeben, wie die Mutter und die beiden Schwestern, die in ein herzliches
+Weinen aus der Tiefe ihrer guten Gemüter ausbrachen. Ich mußte mich damit
+quälen, was es wohl gewesen sei, das er zu mir hatte sagen wollen, und ich
+wußte nicht, sollte ich froh oder traurig sein, daß er es nicht mehr hatte
+aussprechen können, denn ich hatte ein schlechtes Gewissen von seinetwegen,
+das wachte nun mächtig auf.
+
+Der Tag, an den ich denken mußte, lag um vier Wochen zurück. Ich hatte dem
+Kilian am Abend vorher abgebettelt, daß ich seine große silberne Uhr in der
+Schule tragen dürfe, weil alle andern Buben auch Uhren hatten. »Am Sonntag
+allemal, da kriegst du sie wieder, da gehört sie dir,« hatte ich gesagt;
+denn am Sonntag trug er sie selber an einer dicken Nickelkette. Er war
+nicht recht damit einig gewesen. »Du wirst mir doch nicht großartig werden,
+Ludwig,« hatte er gesagt, »silberne Uhren am Werktag, behüte Gott, das ist
+für Herrenleut', aber nicht für unkonfirmierte Buben von unserlei Leuten.«
+
+Aber ich hatte es dann doch durchgesetzt, er konnte mir nichts abschlagen.
+
+Und nun trug ich die Uhr recht sichtbar an der Kette und hatte den Kittel
+offen, daß man sie deutlich sehen mußte und ging mit meinen Kameraden nach
+der Schule in einen Laden, wo man Bleistifte und dergleichen kaufen konnte.
+Zwei oder drei waren drin, ein paar andere, zu denen ich auch gehörte,
+standen unter der Ladentür und warteten auf ihr Herauskommen. Es war einer
+dabei, den ich schon lang gern zum Freund gehabt hätte, ein kleiner,
+gewandter Kerl, blond und witzig und aus einem Künstlerhause stammend, der
+tat allerlei Sprüche über die Vorübergehenden und brachte uns so zum
+Lachen, daß unsere Kameraden im Laden drin neugierig die Hälse streckten,
+um zu sehen, was da Lustiges vor sich gehe.
+
+Währenddem kam auf der andern Seite der Straße mein Heinrich Kilian daher,
+schwer mit Bücherpaketen beladen, deren eines ihm unbequem auf der Achsel
+saß, so daß er den Kopf stark auf die Seite legen und immer wieder drehen
+mußte, um eine erträgliche Stellung zu gewinnen. Das fiel dem Spaßmacher
+sogleich auf, er fing in seiner sprühenden Laune an, den Gang und die
+Haltung des alten Mannes nachzumachen, und der Zufall kam ihm noch mit
+weiterem Material zu dieser Vorstellung entgegen, indem dem Schwerbeladenen
+ein anderes Paket, das er unter dem Arm getragen hatte, entglitt, und er
+sich unter starken Verrenkungen bücken mußte, dasselbe aufzuheben. Bei
+dieser mühsamen Bewegung nun geschah es, daß die alte, geflickte Hose, die
+ihm meine Mutter längst hatte wegsprechen wollen, hinten nachgab und einen
+großen, klaffenden Riß bekam. Er befühlte den Schaden verdutzt und
+kopfschüttelnd und ging dann, überschüttet von dem Bubengelächter, das von
+der anderen Straßenseite herüberscholl, weiter bis zu einem schmalen
+Nebengäßchen, in dem er verschwand, wahrscheinlich um sich dort in
+irgendeinem Hause notdürftig ausbessern zu lassen. Das war nun ein großes
+Gaudium für den Witzbold und die ins Lachen geratene Bubenschaft. Mir aber
+war übel zumute. Da stand ich, hatte Kilians Kette über meine Schülerbrust
+gespannt und trug seine Uhr in der Tasche und lachte mit den andern über
+ihn, denn ich konnte es nicht lassen, ich mußte lachen, so schändlich ich
+mich auch empfand, und tat, als ob er mich nichts anginge. Als er
+verschwunden war, machte ich mich unter irgendeinem Vorwand von den andern
+los und schlich mich nach Hause, wo ich kaum den Kopf aus den Büchern
+erhob, als Heinrich Kilian am Feierabend kam und gut und freundlich wie
+immer war. Er hatte mich nicht gesehen, das merkte ich gleich, und ich
+schüttelte, so gut es ging, mein übles Empfinden ab durch allerlei
+Entschuldigungen, die ich in mir selbst vorbrachte.
+
+Aber nun lag er da und hatte die Augen für immer geschlossen, und vorher
+hatte er sich noch gemüht, mir etwas zu sagen; wer konnte wissen, ob es
+nicht doch _das_ gewesen war?
+
+Und es gab keine Gelegenheit mehr, miteinander ins Glatte zu kommen, keine;
+ich mußte nun mein Leben lang so an ihn denken, und wer weiß, wie er an
+mich dachte? Denn es war doch eine recht unsichere Sache mit dem Totsein,
+es gab da so allerlei Möglichkeiten, und vielleicht war er nun auf einmal
+irgendwo fein heraus, sah alles und verachtete mich. Das war eine schwere
+Sache.
+
+Zwei Tage lang ging ich mit bösem Gewissen herum, stumm und bedrückt. Ich
+muß bleich ausgesehen haben, denn meine Mutter fragte mich, ob ich krank
+sei, und ich hörte sie zu Lotte Meister sagen: »Es geht ihm näher als er
+zeigen mag; er hat auch viel verloren, es ist kein Wunder.« Und dann fügte
+sie mit einiger Befriedigung bei, daß ich doch ein gutes Gemüt zu haben
+scheine, und daß sie froh sei, es zu sehen, denn sie sei manchmal in Sorgen
+meinetwegen, ob auch alles gut ablaufe mit mir und ich nicht an meiner
+Seele Schaden leide durch die Standeserhöhung, in die sie mich selber
+hineingestellt habe durch die höhere Schule.
+
+»Ich weiß nicht, wie lang ich noch da bin,« sagte sie, »und weiß oft nicht,
+ob ich nicht etwas Dummes angerührt habe mit dem Buben; ich habe gemeint,
+es müsse so sein, weil ich's dem Mann versprochen habe, daß ich alles tun
+will für ihn. Jetzt geb's der liebe Gott, daß er recht wird, denn ich muß
+ihn grad laufen lassen, er ist einen halben Kopf größer als ich, und ich
+bin ein einfältiges Weib.«
+
+Was Lotte darauf sagte, hörte ich nicht mehr, denn beide Frauen gingen
+miteinander zur Türe hinaus, und ich saß in dem Alkoven hinter dem alten
+Vorhang auf einem Stuhl und wußte nicht recht, was mit mir anfangen.
+
+Die Mutter kam wieder herein und setzte sich auf die Bank, die am Fenster
+hinlief; sie hatte die Hände im Schoß gefaltet und sah still vor sich hin
+mit einem Ausdruck von Müdigkeit und Ergebung, wie ihn Menschen bekommen,
+die sich ein ganzes, langes Leben hindurch immer in das, was ihnen auflag,
+schicken mußten und denen dieses Sichschicken die einzige Waffe war im
+Lebenskrieg. Mich aber überkam es, ihr zu sagen, daß ich recht werden wolle
+und gut und daß sie meinetwegen ohne Sorge sein solle. Ja, es trieb mich
+ein starkes Verlangen dazu, auf ihren Schoß zu sitzen, wie als kleines Kind
+und ihre Hände um mich herum zu spüren, warm und gut. Dann hätte ich
+vielleicht auch von mir getan, was mich Heinrich Kilians wegen beklemmte,
+denn ich fand nicht recht den Weg daraus heraus.
+
+Aber ich war nicht gewöhnt, zärtlich zu sein und fand auch das Wort nicht,
+das ich gern gesagt hätte. Ich schob mich langsam aus dem Alkoven heraus in
+die Stube, und als mich die Mutter sah, sagte sie: »Bist du da drin gewesen
+und hast alles gehört?«
+
+Das bejahte ich mit einem Kopfnicken, und als ich in ihr Gesicht sah, da
+war es so voll von einer großen Liebe und Sorge und so himmelgut, wie ich
+glaubte, es noch nie gesehen zu haben, und ich legte meinen Kopf auf den
+Tisch und ließ meine Tränen, die ich bisher immer noch verschlossen gehabt
+hatte, laufen, wie sie wollten. Aber es wurde mir so wohl dabei, wie schon
+lange nicht mehr. Es war, als ob ein Bach aus meinem Innern breche und
+alles mit sich fortnehme, was übel und schwer darin gelegen war, und als ob
+meine Mutter alles wisse, was mich angehe, ohne daß ich ein Wort sage, bloß
+weil sie meine Mutter sei. Und das wird ja wohl auch so gewesen sein.
+
+ * * * * *
+
+Ich wollte, ich hätte sie länger gehabt, es hätte meiner Jugend gut getan.
+
+Ich weiß nicht. Vielleicht hätte ich alle meine Torheiten dennoch begangen,
+auch wenn sie dagewesen wäre, denn sie hätte mich nicht davor behüten
+können, wenn ich in der Welt draußen war. Und vielleicht hätte ich ihr weh
+getan, wie den andern. Ich möchte so gerne denken, daß ich den Weg zu ihr
+gefunden hätte, wenn ich mir verweht und verlaufen vorgekommen wäre, und
+daß ich ihr zuliebe manches besser gemacht hätte, als ich es tat. Es ist
+umsonst, daß ich mich darüber besinne.
+
+Es muß ja alles so recht sein, wie es ist.
+
+Als ich konfirmiert war und am Sonntag in einem neuen dunklen Anzug und mit
+einer gestärkten Hemdbrust auftrat, machte ich zum ersten- und einzigenmal
+in meinem Leben einen Ausflug mit ihr. Er geschah zu einem entfernten
+Vetter auf der Alb, der mein Pate war, und der uns eingeladen hatte. Wir
+zogen am frühen Maimorgen aus und sahen die Stadt und die Türme und den
+Fluß im Nebel liegen und schritten selber durch den Nebel, der bald rosig
+durchleuchtet wurde von der durchbrechenden Sonne. Da wurde uns ganz
+reiselustig zumute, und meine Mutter machte Schritte neben mir her wie ein
+junges Mädchen vor lauter Freude am Dasein und an der Reise mit mir.
+
+Dann saßen wir in der Bahn und fuhren nach Blaubeuren, und sie hatte
+tausend Dinge zu bestaunen und wurde ganz redselig mit den Fahrtgenossen,
+deren Reiseziel und Heimat sie unverzagt erfragte, und mit denen sie sich
+ohne weiteres einig fühlte, als mit solchen, die einen seltenen, schönen
+Sonntag in der Freiheit genießen.
+
+Es war auch ein altes Bauernweiblein im Wagen, das saß mit einer scheuen
+Glückseligkeit im Schatten eines mächtigen, breitschultrigen Mannes von
+exotischem Äußern, der an allen erdenklichen Stellen von goldenen Knöpfen,
+Ketten und Ringen erglänzte. Er hatte ein gutes Gesicht und fing bereits
+an, sein anglo-amerikanisches Deutsch, das er »drüben« angenommen hatte,
+wieder mit schwäbischen Brocken zu vermischen. Sie war seine Mutter und war
+ihm auf seinen Wunsch entgegengefahren, weil er jetzt auf Besuch heimkam,
+und sie fühlte sich wie auf einer Himmelfahrt, da sie nun mit dem
+stattlichen Sohn ihrem Dorf entgegenfuhr. Mit ihr kam meine Mutter bald ins
+Gespräch und sagte mit hoffnungsvollem Stolz, daß sie ihren Ludwig auch
+etwas Rechtes werden lasse, er müsse nur sagen, was er im Sinn habe, und
+daß es freilich, wenn es auf sie ankomme, nicht grad Amerika sein müsse,
+indessen, wie es Gottes Will' sei, wenn er nur brav werde und recht. Da sah
+mich das alte Weiblein, das sein Schaf im Trocknen hatte, kopfnickend an
+und dachte wohl, freilich, so einer, wie ihr Johann, wachse nicht an jedem
+Hag, aber recht werden könne ich immerhin, schon der Mutter zulieb, und
+der mächtige Amerikaner sagte: »+Well+« und strich sich den Bart, daß die
+Ringe an seinen Fingern erglänzten. Ich war froh, als wir ausstiegen und
+wieder für uns waren.
+
+Die Mutter freilich konnte noch nicht so schnell von den beiden abkommen.
+Sie waren am Bahnhof von einem stattlichen Fuhrwerk mit zwei schweren
+Gäulen abgeholt worden und verschwanden vor uns in einer weißen Staubwolke,
+als wir sachte, Schritt vor Schritt die Steige hinanstiegen, die hinter dem
+Blautopf auf die Höhe der Alb hinaufführt.
+
+»Das Gefährt ist nicht ihr eigen,« sagte meine Mutter. »Es gehört ihrem
+Nachbar. Der hat es entgegengeschickt, weil er einen Respekt hat vor dem
+Amerikaner. Sie hat es auch mühsam gehabt vorher, aber seit fünf Jahren hat
+ihr der Sohn immer Geld geschickt, da hat sie sich eine Güte antun können.«
+
+Sie schwieg und sah an mir hinauf und hinunter und hätte gern noch mehr
+gesagt. Aber sie wollte vielleicht meine Jugend nicht beladen, oder sie
+traute sich selber nicht, so weit hinauszufahren mit ihren Gedanken, so
+ging sie neben mir her, ohne es auszusprechen, wie sie es von mir auch
+erhoffe, daß ich einst ihr Alter schmücke und erleichtere.
+
+Mich trieb es an, ihr große Dinge zu versprechen, denn ich konnte es nicht
+leiden, daß mich der Amerikaner etwa ausstechen sollte. Aber ich wußte noch
+nicht, wo bei mir der Glücksbaum wachsen würde, von dessen Zweigen ich
+meiner Mutter die Taler herunterschütteln konnte, und um das Gespräch auf
+etwas zu bringen, bei dem ich auch etwas galt, fing ich an, meiner Mutter
+die Geschichte von der schönen Lau zu erzählen, die ich kürzlich gelesen
+hatte.
+
+Sie horchte hoch auf und nahm es alles wahr und wichtig, so daß mir die
+Sache selber im Erzählen noch viel lebendiger wurde als zuvor.
+
+Tief unter uns lag das Städtlein mit Kloster und Kirche friedlich hingelegt
+bei dem tiefen, dunklen Wasserbecken, an dessen Ufer wir vorhin gestanden
+waren mit einem leisen Grauen, weil es gar so unergründlich tief hinabging.
+
+Nun sahen wir nur noch die Bäume, deren grüne Wipfel sich über ihm zusammen
+zu neigen schienen, und sahen die junge Blau, die hell und fröhlich durch
+grüne Wiesen ging, als ob sie nicht erst vorhin aus ihrer wundersamen
+Quellenheimat ausgeflossen wäre. Die nackten Felsen standen trutzig um das
+Tal herum, aber die Sonne legte einen Glanz auf sie, daß sie zu scheinen
+anfingen, und der Himmel stand hoch und heiter über dem Ganzen.
+
+Und die schöne Lau stieg aus ihrer blauen Tiefe herauf und trug ihr
+schweres Herz zu den Menschen und lernte bei ihnen das Lachen, das ihr so
+nötig war. Als alles gut ausgegangen war, atmete die Mutter tief auf. »Gott
+Lob und Dank,« sagte sie, »wenn's auch bloß ein Märlein ist, mich hat die
+arme Frau doch gedauert; ich weiß gut, wie es ist, wenn's einem nicht ums
+Lachen ist. Als ich mit dir gegangen bin, Ludwig, ein paar Monate vor
+deiner Geburt, da ist mir's immer so schwer gewesen, das ist nicht zum
+Aussagen. Da hab' ich immer gedacht: Lieber Gott, laß nur mein Kind kein
+schweres Gemüt kriegen. Gelt, du hast keins, Ludwig, ich meine einmal
+nicht. Wenn ich dich habe lachen hören und gesehen, daß du lustig bist,
+dann ist mir ein Stein vom Herzen gefallen.«
+
+Als die Mutter so redete, wurde es mir sonderbar ums Herz. Es war mir
+auch, als ob ich in eine unterirdische Quellenstube hineinsehe, aus der
+mein Leben herausgeflossen sei, und ich spürte eine dunkle Zärtlichkeit für
+diese Frau, anders als je zuvor. Aber ich ließ nichts davon merken.
+
+Als wir höher stiegen, atmete sie mühsam und schwer und blieb immer wieder
+stehen, um sich den Schweiß abzuwischen, dabei sah sie blässer aus, als ich
+sonst an ihr gesehen hatte.
+
+»Ich weiß nicht, es ist mir nicht ganz recht,« sagte sie. »Mich deucht, ich
+höre ein Fuhrwerk; wenn ich das erwarten könnte und ein Stück weit
+aufsitzen, das wäre gut. Du könntest derweil weitergehen, dir tut das
+Laufen gut, du hast junge Füße und ein junges Herz.«
+
+Das wollte ich meinen, daß ich das hatte. Ich ließ die Mutter auf einem
+Steinhaufen am Wegrand sitzen und ging voran, singend und pfeifend. Unter
+mir tat sich das Tal immer weiter auf, Dörfer lagen in der Sonne, und
+Höhenzüge traten hervor und grüßten herüber. Im reinen Blau des Maihimmels
+schwammen kleine, weiße Wölkchen dahin, und in den Ebereschen zu beiden
+Seiten der Straße pfiffen Ammern und Meisen in ausgelassener Daseinslust.
+Ich empfand mich jung, stark und froh, und es schien mir alles gut zu sein.
+Nach der Mutter sah ich mich nicht um. Ich wollte, wenn die Höhe vollends
+erstiegen wäre, auf das Fuhrwerk warten, aber meine Gedanken flogen ein
+paarmal zu ihr, weil sie mir das Herz so sonderbar bewegt hatte.
+
+Doch sagte mir keine Ahnung, auch nicht die leiseste, daß meine Mutter
+jetzt eben den Tod erlitt. Er war ihr lind und gut; er trat nur an sie
+heran, als sie erschöpft auf dem Steinhaufen saß und legte ihr die Hand auf
+das Herz, da hörte es auf, zu schlagen. Vielleicht sah sie ihn herankommen,
+ich weiß es nicht. Wenn sie ihn gesehen hat, das glaube ich, dann hat sie
+ihre hartgeschaffte Hand mit einem geduldigen Seufzer in seine knöcherne
+gelegt und sich von ihm führen lassen. Denn es war nichts von Widerstreben
+und darum auch nichts von Angst in ihr.
+
+Als der leere Müllerwagen kam, den sie gehört hatte, saß sie in sich
+zusammengesunken da, die Hände müd im Schoß und den Kopf auf der Brust. Die
+Sonne lag auf ihrem grauen Scheitel und der Müllerknecht meinte, sie
+schlafe.
+
+Als er merkte, daß sie tot sei, packte ihn ein Grauen, und er hieb auf
+seine Schimmel ein, daß sie die Steige hinaufrasselten, wie auf der Flucht.
+»Da unten sitzt ein totes Weib,« rief er, als er mich sah, »weißt du, wer
+sie ist?«
+
+Da löschte mir mit einem Male die fröhliche Fackel aus, die mir den ganzen
+Morgen ins Leben hinein geleuchtet hatte, und es kam eine dunkle Wolke, die
+überzog Land und Himmel und meine Jugend und mich. Ich lief in
+verzweifelten Sprüngen die Steige wieder hinab, bis ich bei ihr war, und
+blieb in Herzensnot und Grauen bei ihr sitzen, bis Leute von oben
+herunterkamen, von dem Müllerknecht geschickt und sich unser annahmen.
+
+Sie wurde dort droben in dem Albdörflein begraben. Da war ein Platz frei in
+dem ganz zusammengesunkenen Grab der Großmutter meiner Mutter, das einst
+von der Familie gekauft worden war.
+
+»Da liegt sie gut,« sagte der Vetter, den wir hatten besuchen wollen.
+
+»Die Großmutter ist ein braves Weib gewesen, bei der hat sie ihren Frieden.
+Und sie liegt im eigenen Grund und Boden, das hättet ihr in der Stadt
+drunten nicht zahlen können.«
+
+Da kam in aller Trauer noch ein kleines, bescheidenes Stölzlein in uns auf,
+auch in den Schwestern, die gekommen waren, daß wir hier an diesem Platz
+sozusagen ansässig seien, und wir waren einig damit, die Mutter hier zu
+lassen.
+
+Das liegt tiefer als es viele wissen, im Menschenherzen, daß es irgendwo
+unvertrieben sein will, daß es ein Stücklein Land besitzen will und wäre es
+noch so klein, teilhaben an der Erde, die unser aller Mutter ist.
+
+Im Leben hatte die Mutter immer im Hauszins wohnen müssen, nun ererbte sie
+im Tode ein eigenes, enges Häuslein und war nur gehalten, die bleichen,
+weißen Knöchelein der Urahne bei sich ruhen zu lassen, denn diese war
+immerhin vorher dagewesen.
+
+ * * * * *
+
+Ein halbes Jahr nach der Mutter Tod wurde uns das Häuschen gekündigt, weil
+die Stadtverwaltung irgendeine Änderung in dieser Gegend vornehmen wollte.
+Da gab es einen schweren Abschied zwischen Meisters und uns. Denn wir zogen
+nun in zwei verschiedene Stadtteile. Auch Lotte hatte die Kündigung
+getroffen, und es war nun zwischen ihr und meiner Schwester Luise ein
+Abkommen wie zwischen Abraham und Lot: »Willst du zur Rechten, so geh' ich
+zur Linken, willst du aber zur Linken, so geh' ich zur Rechten.« Luise
+wollte nun ein eigenes Bügelgeschäft aufmachen mit Lehrmädchen und Pariser
+Neubügelmethode, und dazu brauchte sie ein Feld für sich. Lotte aber zog
+ihre bisherige Kundschaft nach sich in ein Haus, das in der Nähe des alten
+lag. Sie waren beide wie Schwestern miteinander, es war nichts von Neid und
+Streit in ihrem Auseinandergehen, sondern, weil das Leben mit seinen
+Bedürfnissen es so verlangte, darum trennten sie ihre Wege und blieben sich
+um so mehr in Freundschaft zugetan.
+
+Wir zogen an einem Tag nach verschiedenen Seiten hin. Unsere Möbel waren
+aufgeladen und zeigten sich im Tageslicht und unter freiem Himmel als eine
+ärmliche Habe. Einmal waren sie auch neu gewesen und aus vielen
+Spargroschen mit Lust und Liebe nach und nach erworben worden, nun sah die
+neue Generation darüber hin als über etwas Abgängiges, es war aber so der
+Lauf der Welt. Wir gingen noch einmal durch die leeren Räume und sahen an
+den dunklen Stellen auf den verschossenen Tapeten, wo die Bilder gehangen
+waren: Hier des Vaters Bild und hier die Schlacht bei Leipzig, und dort der
+Haussegen, der die heilige Dreieinigkeit zeigte, je nachdem man links oder
+rechts oder in der Mitte stand, den Vater oder den Sohn, oder den heiligen
+Geist als Taube. Über der Bank war eine fettige Fläche, da hatte der alte
+Heinrich Kilian immer seinen Kopf angelehnt. Die Schwestern waren in
+gerührter Stimmung, als sie sich noch einmal hier umsahen und lehnten sich
+aneinander, wie um sich zu vergewissern, daß keine von ihnen allein in die
+Fremde geht. Mir aber war es unbehaglich zumute. Es ging so allerlei durch
+einen durch, wenn man hier seinen Gefühlen nachhing, es war wohl am besten,
+vorwärts zu gehen und sich nicht mehr viel umzusehen, sonst tat es in der
+Brust weh, und das Herz klopfte einem; das war aber eines bloßen Umzuges
+wegen nicht nötig, meinte ich.
+
+Da kam soeben Lotte Meister zur Tür herein, um Luise noch etwas zu sagen.
+Sie stand so groß und hoch und stattlich in der niederen Stube, aber sie
+hatte ein Glänzen in den Augen, aus dem man schließen mußte, daß sie
+geweint habe. Denn sie nahm ja freilich hundertfache Erinnerungen mit sich
+fort. Es war bei ihr nicht wie bei uns das Geschehen zu tragen, das im Gang
+des Menschenlebens von vornherein liegt, daß die Alten davongehen und zu
+den Vätern versammelt werden, sondern sie hatte die Unnatur des Zerreißens
+erlebt, der Trennung mitten auf der gemeinsamen Bahn. Die alte, leidende
+Mutter aber ging mit ihr und freilich auch die Kinder, das kommende
+Geschlecht, das hier seinen Ursprung genommen hatte.
+
+Man konnte aber mit keinem mitleidigen Gedanken an Lotte herankommen,
+obgleich man ihre Tränenspuren noch sah. Denn sie beherrschte ihr Gesicht
+und ihre Haltung vollständig und war dem Leben gewachsen, wie es auch
+verfahren mochte, man konnte in allem nur Respekt vor ihr haben. Als sie
+ihre Sache an Luise ausgerichtet hatte, sah sie mich lächelnd an, wie
+früher, da ich noch als lockiges Bürschlein neben ihr am Bügelbrett
+gestanden war und sagte: »Wie ist's, Ludwig, wird man dich auch noch hie
+und da zu sehen bekommen, wenn man eine Viertelstunde Wegs zueinander hat,
+oder müssen wir gleich ganz Abschied nehmen?« Sie streckte mir aber dabei
+ihre schöne, kräftige Hand hin, und ihr Gesicht war so voll von einer
+unwandelbaren Güte und Zuversicht, daß es mich heiß durchfuhr, und ich in
+einem Augenblick die ganze Zukunft durchreiste, in der es immer eine Lotte
+Meister geben mußte, sie war nicht wegzudenken. Ich spürte, daß ich
+feuerrot wurde und daß mich ein ungestümes Verlangen packte, sie wieder für
+mich zu haben, wie einst, aber ich tat nicht dergleichen, sondern sagte
+nur, ich werde schon kommen, wenn ich Zeit habe und ich müsse jetzt so viel
+lernen, weil der Professor so streng sei. Darauf sah sie mich einen
+Augenblick prüfend an und erklärte dann, eigentlich habe sie fragen wollen,
+ob eins von uns den Rollstuhl mit der Großmutter in die neue Wohnung führen
+wolle. Die Kinder könnten es ja, aber die Großmutter vertraue sich ihnen
+nicht an, weil sie ohnehin vor dem fremden, entlehnten Rollstuhl und vor
+dem Fahren durch die Straßen eine entsetzliche Angst habe. Ich spürte, daß
+ich dazu vermeint sei, aber ich konnte mich nicht schnell entschließen,
+denn es konnte mir jemand begegnen, etwa der Stadtpfarrer, der dann sagen
+würde, so sei es recht, oder meine Kameraden, die lachen würden, wenn die
+alte Frau immer mit dem Kopf wackelte, und da war eines so schlimm, wie das
+andere. Es gab eine Verlegenheitspause, und in die Stille hinein sagte
+meine Schwester Helene ganz freundlich und bereitwillig, ja natürlich, das
+tue sie gern, und Lotte empfahl sich, ohne noch einmal etwas zu mir zu
+sagen. Sie mußte schleunigst hinter ihrem Möbelwagen, auf dem hoch oben
+die drei Kinder saßen, eng in dem geblumten Sofa aneinandergeschmiegt,
+lustig und lachend, weil ihnen das Fahren ein Fest war. Wir sahen ihnen
+nach, und dann gingen wir gleichfalls davon und ließen die Türen hinter uns
+offen, weil nichts mehr im Haus war, das man verschließen mußte. Aber nun
+hatte ich auch mein Teil an Abschiedsschmerzen, und es war mir vielleicht
+übler zumut als den andern allen, sie brauchten es aber nicht zu wissen.
+
+Die neue Wohnung, die wir bezogen, lag mitten in der Altstadt, in einer
+engen Gasse, in der die Häuser nah beisammen standen, und in der es mit
+Sonne, Mond und Sternen nicht besonders leuchtend zuging. Ich allein hatte
+in meiner Kammer hoch oben unter dem Dach Licht genug, und die Nelken des
+alten Heinrich Kilian, die meine Schwestern sorglich ausgegraben und in
+Töpfe gepflanzt hatten, führten vor meinem Fenster ein blühendes Leben, so
+lang die gute Jahreszeit währte. Unten im Haus, im Kellergeschoß, da war es
+fast den ganzen Tag dämmerig; es mußte gut gehen, wenn einmal ein wenig
+Sonne hereinkam. Aber es ging hell und heiter zu trotzdem. Da ging es mit
+glühenden Bügelstählen um und mit Lachen und Schwatzen und oft mit Singen
+daneben her. Sie schafften selbdritt oder viert, Luise und ihre
+Lehrmädchen. Sie hatten Kundschaft genug, denn schön gebügelte Kragen und
+Manschetten, das war etwas, das jedermann brauchte; auch der einfachste
+Mann wollte wenigstens am Sonntag glänzen und gleißen mit sauberer Wäsche.
+
+Luise spielte so wenig wie Lotte Meister die hohe Vorgesetzte. Sondern sie
+zeigte, wie die Sache gemacht werden mußte, und da hieß es parieren, denn
+was aus dem Haus kam, das mußte tadellos sein; aber im übrigen war eine
+schöne und freudige Arbeitsgemeinschaft, und es war hier nichts von
+»Arbeitgeber und Arbeitnehmer« und von bitteren Standesunterschieden. Um
+die Vesperzeit ging das jüngste Lehrmädchen, wie es ging und stand, mit
+aufgekrempelten Ärmeln und in weißer Schürze, über die Gasse zum
+Dreikönigswirt und holte so viel Gläser Bier, als Personen da waren, und
+dann gab es eine vergnügliche Pause, in der man sich von den
+Stadtneuigkeiten unterhielt und von den privaten Erlebnissen, etwa einem
+neuen Kleid oder einem Sonntagsausflug, oder auch, wenn man gerade recht in
+Stimmung war, von dem jeweiligen Schatz und den Zukunftsaussichten mit ihm.
+
+Das taten sie nicht gern vor mir, der ich mich oft um diese Stunde auch da
+unten herumdrückte. »Was braucht so ein Bub davon zu wissen?«, sagten sie
+und steckten wispernd die Köpfe zusammen. Aber gerade davon hätte ich gern
+gewußt. Es schienen mir lauter hübsche Mädchen zu sein, fast eine wie die
+andere. Sie hatten bloße Hälse und Arme und junge, frische Gesichter und
+meistens ein hübsches Band im Haar oder so etwas, und es mußte eine schöne
+Sache sein, mit solch einem Geschöpf einmal spazieren zu gehen oder gar zu
+tanzen. Daß sie Du zu mir sagten, störte mich hier im Hause, wo es niemand
+sonst sah und hörte, nicht, ich gab es ihnen heim und es war mir behaglich
+dabei. Ich saß auf einem umgestülpten Waschkorb oder einer Stärkekiste,
+trank gleichfalls mein Bier und machte billige Witze, bis Luise ihr leeres
+Glas wegstellte und sich die Hände wusch, was ihr die andern nachtaten, und
+was das Zeichen zum Wiederanfangen war. Dann ging ich mit meinem
+Bücherpack, den ich unter dem Arm getragen hatte, in meine Kammer hinauf
+und ließ den Eindruck zurück, als ob ich mich in meine Arbeit vergrabe. Das
+tat mir wohl, daß die Mädchen das von mir dachten; aber ich stand oft genug
+am Fenster und sah ins Wetter, denn es ging noch manches mit mir um, was
+ich unten gesehen und gehört hatte. Da war ein hübsches, weißblondes
+Mädchen namens Hermine, das ein so lustiges Gesicht und ein ganz schlankes,
+feines Hälschen hatte, und das schon einen Bräutigam besaß. Er war
+Feldwebel bei den Pionieren, und sie wollte um Geld bügeln, wenn sie
+verheiratet war, darauf freute sie sich, als ob es in ein lustiges Leben
+hinein ginge. »Den Tag über schaffen wir, und abends geht's zur Musik oder
+sonstwohin,« sagte sie und zeigte alle ihre weißen Zähne. Da wäre ich auf
+einmal gern Feldwebel gewesen, denn man konnte nicht wissen, ob es nicht
+auf dem wissenschaftlichen Weg, den ich eingeschlagen hatte, viel
+langweiliger zuging, und ich wußte manchmal nicht recht, warum ich gerade
+studieren sollte. Da horchte ich hinunter in die enge Gasse, ob ich nicht
+einen Zipfel von dem vergnügten Leben da unten wahrnehmen könne. Aber nach
+einer Weile war die Anwandlung vorüber, und ich saß wieder an meinen
+Büchern und hielt mich ordentlich zur Arbeit, ohne besondere Begeisterung
+dafür, nur weil so eines aus dem andern folgte und ich nichts anderes
+vorhatte. So kam ich voran, wie andere auch und bestand, als ich etwas über
+das achtzehnte Jahr hinaus war, die Reifeprüfung für die Universität. Jetzt
+galt es aber, sich endgültig für ein Fach zu entschließen, denn das hatte
+ich bis jetzt immer noch hinausgeschoben, weil ich für keines eine
+besondere Liebe hatte und an jedem etwas auszusetzen war. Da fragte mich
+der Rektor, als ich mein Abgangszeugnis von ihm holte, ob ich nicht Lust
+hätte, in eine vornehme Universitätsbuchhandlung einzutreten und das
+Studium überhaupt zu unterlassen. Er sei von einem Freund, der der Inhaber
+sei, gefragt worden, ob er nicht einen tüchtigen jungen Menschen wisse, der
+eine gute Vorbildung habe und Lust zu den Büchern, aber auch zu einem
+soliden und praktischen Geschäftswissen, und der es bei ihm zu etwas
+Rechtem bringen könne. Er habe mich vorgeschlagen, weil er gemerkt zu haben
+glaube, daß ich Freude an der Literatur habe und auch nicht unpraktisch
+sei, und weil, -- setzte er väterlich hinzu, -- es vielleicht doch auch
+ratsam sei für mich, daß ich es in absehbarer Zeit zu einer Selbständigkeit
+bringe.
+
+Er kannte meine Schwestern und besonders Helene, die bei ihm im Hause nähte
+und seiner Frau die Kleider machte, und hatte einen hohen Respekt vor ihrer
+arbeitsamen Tüchtigkeit. Vielleicht ärgerte er sich auch im stillen, daß
+ich den braven Mädchen so ganz auf der Tasche lag, aber davon sagte er
+nichts, sondern fragte nur, ob ich vielleicht schon eine starke Vorliebe
+für ein besonderes Fach habe, was dann freilich die Sache verändern würde.
+
+Aber das hatte ich nicht, sondern es war gut für mich, daß mir jemand
+einen Schub gab von außen her, und ich sagte nach kurzem Zögern, daß ich
+morgen kommen und mit dem Herrn reden wolle, der gerade in der Stadt zum
+Besuch war, und daß es vielleicht ganz gut für mich passe, ein Buchhändler
+zu werden, weil es mich immer nach Büchern gelüstet habe, schon seit ich
+mir denken könne.
+
+ * * * * *
+
+Daheim war ein großes Erstaunen, als ich mit meinem Plan daherkam, der
+schon auf dem kurzen Weg nach Hause deutliche Gestalt in mir gewonnen
+hatte. Die Buchhandlung, um die es sich handelte, war in einer Stadt, von
+deren Schönheit ich schon viel gehört hatte, unfern des Rheins und des
+Schwarzwaldes, also immerhin weit genug von meiner Heimat entfernt, um den
+Zauber der Ferne und Fremde für mich zu haben. Die Schwestern waren ein
+wenig enttäuscht, daß nun kein Student zu ihnen in die Ferien kommen würde
+und kein studierter Herr einmal mit einem guten Titel etwa in der Zeitung
+stehe, von dem sie dann sagen konnten, das sei ihr Bruder. Auch ging es
+vielleicht tiefer bei ihnen, daß sie mir in Wahrheit alle Pforten des
+Lebens wollten aufgetan wissen. Aber ich sagte mit schnell angenommener
+Überlegenheit, daß ich es auf diesem Wege mindestens gerade so weit bringen
+werde, als auf dem andern, und daß ich überhaupt trachten werde, so bald
+als möglich selbständig zu werden. Das rührte die Schwestern tief, denn ich
+hatte ihnen noch nicht oft gezeigt, daß ich an ihre Arbeit und Mühe für
+mich denke, und so gern sie alles für mich taten, so tat es ihnen doch
+wohl, daß ich nicht nur so ins Blaue hinein alles anzunehmen schien. Aber
+sie wußten nicht, daß ich vor dem Besuch bei dem Rektor noch keinen
+Augenblick daran gedacht hatte, und von mir aus brauchten sie es auch nicht
+zu wissen.
+
+Am andern Tag ging ich wieder zu dem Rektor hin, und da war dann auch der
+Buchhändler, der ein alter Junggeselle war und äußerlich nichts vorstellte.
+Er trug sich in einem lederfarbigen Braun und hatte selber eine etwas
+vergilbte, pergamentene Haut, und ich weiß nicht, wie mir so geschwind der
+Gedanke kam, er sehe aus, wie ein antiquarisches Exemplar etwa des Horaz
+oder sonst so eines alten Weisen, in Leder gebunden. Darüber ging mir, ehe
+ich es verhindern konnte, ein Lachen über das Gesicht, und der Rektor, der
+dabeistand, fragte mich: »Was haben Sie Heiteres, Fugeler?« Aber ich faßte
+mich schnell und machte ein ernsthaftes Gesicht und sagte, es sei mir
+draußen auf der Gasse ein Kameltreiber begegnet mit drei Äffchen, die seien
+so possierlich gewesen. Das war schon wahr, aber gelacht hätte ich darum
+nicht.
+
+»Sie sind noch sehr jung, mein Lieber,« sagte der alte Herr, der Hagenau
+hieß, und meckerte ein wenig. Das war bei ihm gelacht. Ich sagte, daß ich
+achtzehn sei und das Maturum gemacht habe, und das hatte er ja auch schon
+gewußt und die Bemerkung nur meines unzeitigen Lachens halber gemacht.
+
+Wir kamen aber darauf gut ins Gespräch und einigten uns auch darauf, daß
+ich am ersten Oktober bei ihm eintreten und drei Jahre lernen solle, ohne
+Gehalt, aber mit freier Kost und Wohnung in seinem Hause. Später sehe man
+wieder. Er habe es mit einem, der sich zur Sache anlasse, gut im Sinne,
+wolle aber vorher sehen, was an mir sei. Darum, daß er ein Junggeselle sei,
+brauche ich mich nicht um das leibliche Auskommen bei ihm abzukümmern. Er
+habe eine Schwester bei sich, die mich so wohl versorgen werde, als eine
+rechte Hausfrau, und sie sei auch sonst gut, ich komme bei ihr in gute
+Hände. Zu lernen gebe es genug für einen, der strebsam sei, es müsse nicht
+alles auf Universitäten erworben werden, es gebe auch sonst noch
+Möglichkeiten. Das kam mir alles ganz richtig und vernünftig vor, und auf
+dem Heimweg kaufte ich mir ein steifes Hütlein, weil ich das
+Gymnasiastenwesen abgelegt hatte und in eine Bahn einlenken wollte, auf der
+es frühzeitig dem Ernst des Lebens zuging.
+
+Als ich aber nur noch ein paar Schritte von unserem Haus entfernt war, sah
+ich eine helle, schlanke Mädchengestalt in Luisens Bügelstube von der
+Straße her eintreten, und als ich gleich nach ihr auch dort hineinging, war
+es Maidi, mit er ich als kleiner Bube im Garten gespielt und Kirschen
+gegessen hatte, und die ich noch gut genug kannte. Sie war eine Berühmtheit
+unter den Gymnasiasten ihrer feinen Schönheit wegen, und es galt für eine
+Ehre, wenn man sie grüßen konnte; da neigte sie leicht den Kopf, wie ein
+Königskind, und war dabei doch keine stolze Jungfer, sondern eine freudige
+Augenweide.
+
+Geredet hatte ich nie mehr mit ihr seit jenem Gartentag, nun stand sie hier
+in der halbdunkeln Bügelstube, in der man schon das Gas anzünden mußte und
+war wie eine Sonne darin. Da ärgerte mich auf einmal mein steifes Hütlein,
+und ich tat es schnell in ein Fach hinein, in dem Stärkwäsche lag, weil es
+gar nicht zu ihr paßte. Sie hatte ein hellblaues Kleid an und niedere
+braune Schuhe, und ihren langen, blonden Zopf hatte sie hinten im Nacken
+mit einer blauen Schleife hinaufgebunden, auf der kleine rote Punkte saßen,
+wie lauter Herrgottskäfer. Um ihr Gesicht her aber drängten sich lustige
+Löckchen unter dem breiten Hut hervor, und auf dem Hut lag ein Kranz von
+Margeriten. Sie sah aus, als ob sie zu einem Fest ginge, aber das war bei
+ihr immer so, und das Fest war ihr junges Leben, in das schritt sie hinein
+in ihren hübschen braunen Schuhen.
+
+Ich konnte sie beobachten, ohne daß sie mich sah, denn ich war hinter den
+Vorhang getreten, der den Eingang in ein Nebenkämmerchen verdeckte und sah
+hinter demselben vor in ihr helles Gesicht. Sie hatte eine Bestellung zu
+machen. Es sollte regelmäßig zu bestimmten Zeiten Wäsche abgeholt und
+wieder hingebracht werden und sie nannte dazu das Haus ihres Großvaters, in
+dem sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder wohnte. Der Vater, der zum Ganzen
+gehörte, war nicht mehr vorhanden, und ich wußte, daß er irgendwie
+nebenhinaus gegangen war auf der Welt und wohl noch lebte, aber nicht mehr
+zu den Seinigen gehörte. Wie es zusammenhing, wußte ich nicht, aber es
+hatten also doch auch schon dunkle Schatten das junge Leben gestreift, das
+hier in aufblühender Pracht in unserer Stube stand und mit meiner Schwester
+sprach. Als mir das einfiel, gewann ich auf einmal die Macht, hinter meinem
+Vorhang hervorzutreten und sie anzureden, denn sonst wäre sie mir zu schön
+dazu gewesen und zu hoch, so freundlich sie auch aussah.
+
+Ich überlegte mir auch, was ich zu ihr sagen wollte. Sie hatte einen
+Vetter, der war mein Schulkamerad gewesen und war nun seit einem Jahr bei
+der Marine, und er war es auch gewesen, der bei den Kameraden immer ihren
+Preis verkündigt hatte. Nach dem wollte ich sie fragen. Aber ich war es
+nicht gewohnt, junge Mädchen anzureden, so oft ich es auch in der Phantasie
+tat, und so stand ich etwas verlegen herum, als ich sie gegrüßt hatte.
+
+Da sah ich an ihrem Gesicht, daß sie mich auch kannte, vielleicht noch von
+damals her, und daß lustige Lichter darüberflogen wie Sonnenvögel und sie
+ein Lachen unterdrücken wollte, das um jeden Preis gelacht sein mußte.
+
+Es war sicher, sie kannte mich noch und auf einmal sagte sie: »Da wohnen
+Sie jetzt? Seit wann? Wissen Sie noch, damals? Sie erzählten mir von Ihrem
+Garten, und --« da wurde sie doch ein bißchen rot und ich auch, denn es war
+ein heikler Punkt. Und in der Verlegenheit fingen wir beide an zu lachen
+und wurden dadurch ganz erlöst. Denn wenn man darüber lachen konnte, dann
+war es nicht mehr schlimm. »Ja, ja« sagte ich, »ich habe damals, glaub'
+ich, ein bißchen dazu erfunden, und nachher hatte ich immer Angst, Sie
+könnten einmal kommen und ich stehe dann mit Schanden da.«
+
+Aber als ich das sagte, war es mir inwendig heiß vor Glück, daß sie mich so
+gut kannte, und daß sie noch an damals dachte, und es kam mir auch
+sonderbar vor, daß wir nun Sie zueinander sagten, denn ich hatte immer in
+Gedanken Du zu ihr gesagt.
+
+»Ich bin auch einmal gekommen,« sagte sie, »das Verlangen war immer stärker
+geworden in mir, und der Garten immer größer und die Nelken immer röter.
+Wissen Sie noch, von der Katze, die da herumgehen und Funken sprühen sollte
+und von der Musik, die der alte Mann machte? Da brachte ich es einmal mit
+List heraus, wo Sie wohnten und suchte mir den Weg. Aber als ich die
+Häuschen sah und die kleinen Gärtchen davor, da wurde ich böse und traurig
+und hätte fast geweint vor Zorn und Enttäuschung. Und meine Mutter sagte
+nachher, als ich es ihr erzählte: »Siehst du, man muß auch nicht alles
+untersuchen wollen, das geht noch mit vielem so im Leben.« Und sie sagte,
+daß das Bübchen damals nicht gelogen habe, es habe es alles so im Herzen
+gehabt, wie es gesagt habe.«
+
+Als Maidi das alles erzählte, sah ich so unbegreiflich deutlich wieder das
+kleine Mädchen von damals vor mir und die schöne junge Frau mit dem Kinde,
+und es war mir, als gehöre ich irgendwie zu ihnen. Die Bügelmädchen sahen
+mit Staunen zu und Luise auch, daß wir so ins Reden miteinander kamen, aber
+ich machte mir gar nichts daraus, sondern als Maidi gehen wollte, fragte
+ich ganz kecklich, ob ich ein Stückchen mit ihr gehen dürfe, ich müsse
+sowieso noch einmal in die Stadt. Sie sagte auch freundlich: ja, das dürfe
+ich gerne, und wir wollen dann über den Marktplatz gehen, weil Messe sei.
+
+Da ging ich denn nun neben dem allerschönsten Mädchen her, das ich kannte,
+aber ich hatte meine Schülermütze aufgesetzt und das Hütlein daheim
+gelassen, und nun pochte mir das Herz wie ein Schmiedehammer, weil solche
+Dinge geschahen, nicht in Träumen, sondern im hellen Wachen.
+
+Maidi stieg so leicht und schlank und lieblich daher, und wir plauderten,
+als ob vieles nachzuholen sei, aber es war mir immer darunter hinein
+unbegreiflich, daß es ihr nicht zu wenig sei, mit mir zu gehen, und ich
+hielt mich so aufrecht wie möglich. Inzwischen kamen wir auf den
+Marktplatz, wo sich eine bunte Menge von Menschen hin und her schob, unter
+die wir uns fröhlich mischten. Maidi fragte mich, wo ich eigentlich hin
+wolle, weil ich von einer Besorgung gesagt hatte, die ich machen müsse,
+aber ich lachte nur und sagte, das habe noch lange Zeit, und wir waren wie
+rechte Kinder, die nicht viel an nachher denken, sondern sich an dem, was
+gerade vor Augen ist, ganz vergessen.
+
+Es war ein selten schöner Tag, der dem Marktleben wohl bekam.
+
+An den Ständen der Schuster, der Hut- und Kappenmacher, der Messerschmiede
+und Wollwarenhändler drängten sich die Albbauern und ihre Weiber, aber da
+hatten wir nichts verloren, sondern wir gingen den Ausrufern nach, die vor
+ihren Schaubuden standen und alle Seltenheiten der Welt anpriesen. Da war
+ein ärmliches Leinwandzeltchen, in dem ein lebendiges Kalb mit zwei Köpfen
+zu sehen war, und daneben wurde eine Riesendame gezeigt, deren Bildnis in
+grellen Farben auf der Eingangsseite der Bude prangte und einem schlanken
+Herrchen zulächelte, das ihr auf einem Brett Würste, Schinken und einen
+angeschnittenen Brotlaib hinhielt und wie ängstlich schien, es möchte etwa
+aus Versehen mitgeschluckt werden. Ein Wachsfigurenkabinett war da, und ein
+schwindsüchtig aussehender Mensch in einem fadenscheinigen Frack lud die
+Leute hustend ein, hereinzuspazieren. Es sei da zu sehen die Ermordung
+Wallensteins, die Hamburger Kindsmörderin soundso, der Ritter Blaubart aus
+dem Märchen und Schneewittchen mit der bösen Königin, alles beweglich und
+in voller Arbeit. Er sah selber einer vergilbten Wachsfigur nicht unähnlich
+und bewegte wie automatisch den Kopf hin und her, um nach rechts und links
+hin die Leute einzuladen. Am Eingang der Bude saß ein prächtig gekleideter
+und angemalter Türke, der aus einer langen Pfeife sehr natürlich zu rauchen
+schien, und an seinen Knien lehnte eine wunderschöne Frau, die
+todunglücklich aussah und deren rabenschwarzes Haar ihr am Rücken hinunter
+und bis auf den Boden hinabfloß. Sie zwinkerte beständig mit den
+Augenlidern und hob hie und da in abgemessenen Zwischenräumen die beringte
+Hand, was alles ein wenig gespenstig aussah. Auch schien sie die Lippen zu
+regen, wenn man länger hinsah, und der schwindsüchtige Ausrufer sagte, es
+sei die Scheherazade, die beständig unter dem Henkersbeil lebe und sich nur
+ihr Leben retten könne, indem sie dem Sultan tausend und eine Nacht lang
+Geschichten erzähle. Es gingen ziemlich viele Leute hinein, Soldaten und
+Mägde und Arbeiter, die gerade aus den Fabriken kamen, und auch
+Schulkinder. Wir sahen einander fragend an, ob wir es auch wollten. Aber
+Maidi schüttelte nach kurzem Besinnen den Kopf, denn innen waren sicher
+grausige Dinge zu sehen, und sie ging lieber den fröhlichen nach, deren es
+genug hatte auf dem Markt. Da war gleich in nächster Nähe das
+Kasperletheater, das kam uns so recht gelegen. Wir stellten uns hinter den
+Seilen, die den Zuschauerraum umgrenzten, auf, und sahen zu, wie der
+Kasperle mit einem Prügel auf den armen Bauern einhieb, der ihm eine Katze
+in einem Sack hatte verkaufen wollen. Das war nichts so Besonderes, aber
+wir hatten schon selber die nötige Fröhlichkeit in uns und brauchten nicht
+viel Anstoß dazu, um mitzulachen. Es stand ein kleines Kerlchen neben uns,
+das sich vergebens auf die Zehen stellte, um etwas zu sehen. Das setzte ich
+auf meine Achsel, und nun schrie und strampelte es vor Wonne und brachte
+die ganze Umgebung ins Feuer mit seiner Begeisterung. Maidi aber lachte uns
+beide gut und freundlich an, das Kind und mich, und mich dünkte, es sei bis
+jetzt kein Tag in meinem Leben gewesen, der diesem gleichzustellen sei. Ich
+kaufte ihr ein Rosensträußchen aus Zucker und sie mir einen roten Ballon,
+den ich mit seinem Schnürchen in meinem Knopfloch befestigte, und das
+geschah beides neben dem Kasperle her, denn es gingen hausierende Verkäufer
+über den ganzen Markt hin und an uns vorbei. Da kam die Frau des Besitzers
+mit einem Sammelteller in unsere Nähe, und ich wollte mich eben davon
+drücken, wie wir Buben das in solchen Fällen sonst getan hatten, aber das
+schöne und anständige Wesen neben mir legte mir in aller Stille eine
+moralische Verpflichtung auf, so daß ich männlich in die Tasche griff und
+ein paar Nickel in den Teller legte: »Für uns beide,« sagte ich wie
+selbstverständlich, und die Frau dankte achtungsvoll. Da überkam es mich
+wie eine heimliche Besitzerfreude, daß ich für Maidi bezahlt hatte und sie
+in diesem Augenblick zu mir gehörte, und es flog mir durch den Sinn, daß
+ich ungeheuer arbeiten wolle die nächsten Jahre, weil ich es bald zu etwas
+Rechtem bringen müsse. Aber es war nur so ein Augenblicksgedanke, und der
+nächste mußte wieder hier auf dem Platze sein, sonst verging etwas von
+dieser Stunde, ohne daß ich es genoß. Sie war ohnehin vorbei, eh' man es
+dachte. Vom hohen Kirchturm herunter schlug es sieben Uhr, und Maidi sagte
+mir wie erwachend, daß sie nach Hause müsse, und gab mir die Hand, als ob
+wir täglich beisammen wären. Aber als ich ihr mit plötzlichem Ernst sagen
+wollte, daß ich sie nun wahrscheinlich nie mehr sehe, weil ich in die
+Fremde gehe, sah sie drüben zwischen den Buden ihren Großvater gehen, der
+den Hut in der Hand trug, und in der ganzen Pracht seiner silbernen Haare
+und seines heiteren Gesichts einherschritt, und sie ging rasch davon, um
+ihn noch einzufangen und winkte nur noch einmal mit Hand und Augen grüßend
+zurück. Ich sah die beiden miteinander gehen und sah wohl, daß sie eines
+Blutes und einer Art waren: königlich, heiter, vornehm und frei. Mich aber
+hatte nur ein Sonnenstrahl getroffen, der gerade vorüberflog. Doch hatte er
+mein junges Blut erfreut und erwärmt, und es malte mir nun zum Dank tausend
+Bilder, die eine schöne, freudige Zukunft gaben. Ich hatte aber freilich
+noch nie daran gezweifelt.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich jetzt an meine Lehrjahre denke und sie an mir vorbeigehen lasse,
+so wundert es mich immer aufs neue, wie zufällig und ohne Einmischung von
+irgend einer väterlichen oder beratenden Stimme, ausgenommen meinen Rektor,
+meine Berufswahl vor sich gegangen war. Ich hatte wohl einen Vormund, den
+bäuerlichen Vetter, den ich damals mit der Mutter auf ihrem letzten Wege
+besucht hatte, aber er war froh, wenn wir Geschwister uns selber rieten,
+und sagte zu allem Ja und Amen. So sah ich mich auf einmal in der neuen
+Umgebung auf eine Bahn gestellt, von der ich gar nicht wußte, ob ich für
+sie und sie für mich tauge und von deren Möglichkeiten ich wenig genug
+kannte. Es hätte aber schlimmer ausfallen können, als es geschah, denn ich
+hatte tüchtige Lehrmeister, wenn auch meiner Meinung nach nicht die
+angenehmsten, nämlich lauter ältere Männer, die einer um den andern so
+vertrocknet waren, wie alte Wüstenheilige; wenigstens kamen sie mir so vor.
+Sie waren alle, ein Buchhalter und ein paar Gehilfen, schon lang im Hause
+Hagenau, dem sie mit großer Zähigkeit anhingen, und wußten, wie es mir
+schien, nichts Besseres, als auch vollends darin abzusterben, was mich mit
+Grauen und einem zornigen Widerstand erfüllte. Ich kam mir vor wie das
+Entlein auf dem gefrierenden Teich im Märchen, das rudert und rudert, um
+nicht mit einzufrieren, und das eines Morgens dennoch tot im Eise steckt,
+so frostig dünkte meiner warmen Jugend das umgebende Alter, dem ich dennoch
+nicht entfliehen konnte. Doch muß ich ja sagen, daß man in unreifen Jahren
+die Altersgrenze bei andern, die einem um ein Stück voraus sind, niedrig
+genug steckt, und sie erst sachte hinauszurücken anfängt, wenn man selber
+dabei in Betracht kommt. Es war vielleicht nicht gar so weit damit bei den
+Herren, von denen nur einer, der die Bücher führte, angegraute Haare hatte,
+während ein anderer, der sein intimer Freund war, mit einer tüchtigen
+Glatze herumlief, was mir alles für mich selbst in unendlichen Fernen zu
+liegen schien. Heute denke ich schon etwas anders darüber. Der Buchhalter
+war mir eigentlicher und nächster Vorgesetzter, da der lederbraune Herr
+Hagenau stets in seinem kleinen Privatkontor steckte und nur zu besonderen
+Gelegenheiten daraus hervorkam, wo er mich kaum beachtete; wenigstens kam
+es mir so vor. Das war mir einesteils angenehm, da ich mich törichterweise
+schämte, von ihm gesehen zu werden, wenn ich, der ich noch vor kurzem ein
+Primaner gewesen war und ein Student hatte werden wollen, nun Dinge zu tun
+hatte, die jeder frisch entlassene Volksschüler auch konnte, denn die
+geschäftserfahrenen Herren schenkten mir nichts von allem, was einem
+Lehrling gebührt. Ja, sie hielten mich wohl grundsätzlich ein wenig
+drunten, als sie meine junge Überheblichkeit bemerkten, der dies und jenes
+unnötig erschien, was durch Brauch und Herkommen geheiligt, sein und
+geschehen mußte, und das mir tödlich langweilig war. Ich hatte nicht von
+ferne gedacht, daß es solches auf der Welt gebe. Da waren Register zu
+führen von solcher Umständlichkeit, und die so vielfach verästelt waren,
+daß es mir vorkam, als ob ein findiger Kopf, dem es zugleich um eine
+tüchtige Bosheit zu tun gewesen sei, ein System ausgeheckt habe, das
+unzweifelhaft alle, die sich damit befaßten, in die Irre und im Kreis herum
+führen müsse.
+
+Einmal getraute ich mir, einem der Gehilfen, der es mir auseinandersetzte,
+einen Vorschlag zu machen, wie man irgend ein Ding meiner Ansicht nach
+etwas einfacher angreifen könnte. Aber der sah mich von seinem Schreibbock
+herunter an mit einer strafenden und doch milden Überlegenheit, daß mir das
+Blut in den Kopf stieg vor Scham und ich mich über meine Zettel beugte,
+ohne mehr ein Wort zu sagen. Ich sah wohl, ich mußte mich da durchbeißen,
+es war nichts anderes zu machen, und nach und nach kam auch ein Sinn in das
+Irrsal. Aber lieber war es mir doch, wenn die Bücher selbst durch meine
+Hand gingen und ich einen Blick hinein tun konnte, gerade lang genug, um zu
+sehen, daß es für mich noch unabsehbare Goldfelder umzupflügen, Meere zu
+befahren, Bergwerke auszugraben gab in der Welt der Dichter und der Weisen.
+Nach und nach fingen einzelne Namen an, aus den vielen anderen
+herauszuglänzen, wie an dem unübersehbaren Sternenhimmel dem Liebhaber und
+Beobachter, je fleißiger er hinaufschaut, einzelne herausleuchten in
+besonderer Klarheit, um die sich dann wieder andere zu sammeln scheinen in
+milderem Glanze. Wenn mein Prinzipal im Laden stand und etwa mit einem der
+bekannteren Kunden verhandelte, so konnten sie miteinander in ein Feuer
+geraten über dies oder jenes Buch, daß der trockene und etwas angestaubte
+Mann wie verjüngt und verwandelt schien. Dann horchte ich auf meiner Leiter
+oder wo ich gerade war, und beschloß, mir das Kleinod dem Inhalt nach auch
+anzueignen, denn es stand mir ja die ganze Schatzkammer offen. Ich fing an,
+in meinen Freistunden zu lesen, über Mittag und am Abend bis tief in die
+Nacht hinein und es schien mir, als ob ich nicht aufhören könne, ehe ich
+alle Schönheit und allen Reichtum in mich hineingetrunken hätte, und kam
+mir ja freilich dazwischen hinein vor wie das Knäblein des heiligen
+Augustin, das in seine kleine Schale das große Weltmeer fassen wollte.
+
+Aber ich hätte mich vielleicht doch verirrt in den weiten Gärten der
+schönen Literatur, denn dahinein zog es mich zuerst und mit aller Macht,
+wenn sich mir nicht ein besonderes Schloßgärtlein aufgetan hätte, in dem
+das Schönste vom Schönen blühte. Es war ein kleiner, offener
+Mahagonischrank, mit Büchern angefüllt, der in dem Zimmer des Fräulein
+Brigitte Hagenau stand. Das war die Schwester des Prinzipals, und ich kann
+kaum erwarten, von ihr zu reden.
+
+Ich habe bei ihr viel für meinen Beruf gewonnen, was mir sonst niemand
+geben konnte; aber noch mehr fürs Leben. Die Werke der Dichter hatten eine
+stille Heimat bei ihr; sie sprach von den besten unter ihnen als von ihren
+Freunden und lehrte mich, den Edlen aufgeschlossen und ehrfürchtig entgegen
+zu kommen, nur dadurch, daß sie selbst es tat. Was echt war und aus den
+Tiefen des Lebens stammte, das nahm sie freudig auf, und lehnte alles
+Halbe, Oberflächliche, oder was nach Gunst und Mode ging, ab; so war sie
+mir ein Wegweiser, als ich dessen sehr bedurfte, und glücklicherweise ohne
+einen solchen darstellen zu wollen.
+
+Ich hatte noch nie gesehen, daß man so las wie sie, die ein Buch genoß,
+wie man edlen Wein aus kristallenen Kelchen langsam schlürft, zugleich den
+Duft genießend mit dem kühlen Labsal; ich selbst hatte, von dem großen
+Reichtum berauscht, angefangen, eins ums andere zu verschlingen, wie man
+wohl an heißem Tage ein Glas Apfelmost nach dem anderen mit langen,
+durstigen Zügen leert, ohne doch mehr davon zu haben, als den prickelnden
+Reiz, mit dem er durch die Kehle fließt.
+
+Nun, ich war jung und fing erst an, in dieser Welt daheim zu werden; sie
+aber lebte schon lang darin und verlangte nichts von mir, was meinen Jahren
+nicht natürlich war, denn sie war keine vorsätzliche Einwirkerin, sondern
+lebte, wie sie ihrem Wesen nach mußte, ohne damit Schule zu machen.
+
+Es war viel anderes, was ich von ihr hatte, und mehr, was ich hätte haben
+können, wenn ich den Sinn dafür gehabt hätte. Sie ist einer der wenigen
+Menschen aus meinen jungen Jahren, an die ich ohne Leid und Reue
+zurückdenken kann, und wenn ich auch zuzeiten manches vergaß oder in den
+Winkel stellte, was Lebendiges von ihr hätte mit mir gehen und mein Tun
+bestimmen sollen, so habe ich doch sie selber verehrt und sie hochgehalten,
+und sie ist mir gut gewesen wie eine Mutter oder eine Freundin.
+
+Davon will ich nichts vergessen.
+
+Als ich sie zum erstenmal sah, erschrak ich vor ihr, denn sie war klein und
+stark verwachsen und hatte den Kopf tief zwischen den Schultern sitzen. Sie
+saß mir am Tisch gegenüber, neben ihrem Bruder, und sprach unbefangen, frei
+und heiter, fragte mich nach der Reise, von der ich gerade erst herkam, und
+nach allerlei anderem und war in allem ein Mensch, der dem Schicksal
+gewachsen oder sogar überlegen ist, da sie doch mit einem mißratenen Körper
+hausen mußte und von Rechts wegen hätte bedrückt und kleinlaut sein sollen
+meiner Meinung nach. Denn ich begriff nicht, wie man leben und dazu noch
+heiter sein mochte, wenn man nicht aufrecht und gerade gewachsen war.
+
+Es sahen auch lauter stattliche Leute auf sie hernieder von den Wänden,
+nämlich eine Anzahl von gemalten Vorfahren, die mit klugen und aufrecht
+getragenen Köpfen unter feinen Hauben oder Perücken hervor zu fragen
+schienen, wie eins aus der Familie so kümmerlich habe werden können, und
+deren Gesichter sie aber nicht im mindesten zu scheuen schien. Im Gegenteil
+blickte sie aus großen grauen Augen warm lebendig drein und hatte alle
+Augenblicke ein solches Lächeln um den Mund, als ob sie über alles hinüber
+inwendig etwas freue, und ich hielt mein Gesicht nicht im Zaum, das sie
+erstaunt betrachtete.
+
+Es fiel mir auch auf einmal ein Spiel ein, das wir daheim gehabt hatten mit
+zerschnittenen menschlichen Figuren, die man wechselsweise zusammensetzen
+konnte nach Belieben; und es fuhr mir so durch den Sinn, daß hier aus
+Versehen oder im Spiel ein feiner, wohlgebildeter Kopf auf ein Körperlein
+gesetzt sei, das ihn nicht aufrecht zu tragen vermöge, während vielleicht
+anderwärts ein grotesker Schädel auf schönen, schlanken Schultern ruhe und
+man nun die Figuren wieder verwechseln müsse, daß sie in Richtigkeit seien.
+
+Darüber kam mich ein kleines dummes Lachen an, das ich mit aller Mühe nicht
+schnell genug erwürgen konnte, und plötzlich sah ich die schönen Augen der
+Hauswirtin groß und ein wenig verwundert auf mir liegen, so als ob sie
+schon alles wüßten, und kam mir unter ihnen wie ein rechter Schulbub vor,
+da ich doch hatte in allem Ernst mit der Männlichkeit anfangen wollen.
+
+Sie ließ es mich aber nicht entgelten, sondern lachte mich auch ein wenig
+an ohne alle Empfindlichkeit, aus einer ganz jugendlichen Seele heraus, die
+alles versteht, was junge Dummheiten sind, so daß ich mit einem Schlag für
+sie gewonnen war und ihr am liebsten alle meine Gedanken gesagt hätte.
+
+So kann es zugehen, daß man einen achtzehnjährigen Jüngling gewinnt, habe
+ich später oft gedacht, denn es wissen es nicht alle Leute so gut
+anzugreifen. Aber es gibt freilich auch nicht viel Brigitten.
+
+An jenem Abend, den ich noch ein wenig vor mir ausbreiten will, weil es der
+erste war, stand sie gleich nachher auf und ging ans Klavier, da spielte
+sie ohne Noten eine Musik, welcher der Bruder, in einer Ecke sitzend, mit
+in die Hände vergrabenem Kopf zuhörte und welche mich fremd und
+geheimnisvoll berührte. Ich hatte bis jetzt noch nicht viel Musik gekannt,
+und jedenfalls gar keine intime, wie diese hier, die eigentlich nur auf
+einen Zuhörer berechnet war, denn ich, das fühlte ich wohl, saß nur dabei
+und störte vielleicht sogar. Aber ich schaute doch aufmerksam nach dem
+Klavier hin und mußte mich wundern, wie sicher und kräftig das Fräulein mit
+schlanken, schönen Händen auf den Tasten herumregierte und das Instrument
+nach einem inneren Wissen zum Erklingen brachte, so, daß es inwendig in mir
+mitklang.
+
+Ich mußte an daheim denken, an meine Mutter und an Heinrich Kilian, die
+beide schon lange vom Leben hinweggegangen waren, und die mir nur ganz
+selten einfielen, und auch an meine Schwestern, wie sie morgens an der
+Eisenbahn gestanden waren in ihren grauen Regenmänteln und mit ihren
+freudlosen Gesichtern, die meinem Fortgehen galten. Es rührte sich allerlei
+in mir, daß ich ihnen gern ein gutes Wort gesagt hätte, weil sie immer im
+Geschirr stehen mußten und nie hinauskamen, und weil ihnen nie etwas zu
+viel war für mich. Aber sie waren nun fern von mir, und am Ende hätte ich
+doch nichts gesagt, wenn ich sie dagehabt hätte, denn es war nicht der
+Brauch bei uns. Das machte alles nur die Musik, ich wußte nicht, wie es
+zuging.
+
+Als sie zu Ende war, kam der Prinzipal wie erwachend aus seiner Ecke
+hervor. »Das war schön, Brigitte,« sagte er, und sie nickte ihm zu, noch
+den einen oder andern Ton leise anschlagend: »Das freut mich, Bruder, es
+war aber auch Beethoven.« Er nannte sie immer beim Taufnamen, dabei die
+mittlere Silbe betonend, sie aber sagte nie anders als Bruder zu ihm. Das
+sei, erfuhr ich später, darum der Fall, weil er Kasimir heiße und den Namen
+nicht ausstehen könne, was ja auch wohl zu begreifen war. Ich nannte ihn
+aber von da an im stillen und nenne ihn auch in diesen Aufzeichnungen so.
+
+Er hatte damals recht geredet, als er sagte, daß ich bei seiner Schwester
+in rechten Händen sei. Ich hätte, grün und unreif, wie ich von daheim
+fortkam, in keine besseren fallen können.
+
+Sie hatte nicht nur ein schönes Gesicht und schöne Hände, sondern es
+brannte auch aus ihrem Wesen heraus eine stille und helle Flamme von
+unüberwundener Liebe zu allem Schönen und Guten, und sie war nicht nur
+nicht zu bemitleiden, sondern sie stand weit über unsereinem, der noch am
+Leben herumtastete als ein Neuling.
+
+Es erging mir mit der Zeit sonderbar genug mit ihr. Nachts, wenn ich im
+Bett lag und im Begriff war, ins Nichts hinüberzuträumen, dann kam es mir
+hie und da vor, als ob ich in sie verliebt sei. Dann sahen mich ihre
+großen, klaren Augen wundergütig an, und ihr feiner Mund lächelte unendlich
+lieblich, und ich ahnte hinter beidem verborgene Schmerzen und Reichtümer.
+Die Musik, die sie gemacht hatte, schien mir ihre eigene Sprache zu sein,
+die mir jungem Knaben das Herz umdrehte und alles, was sie am Abend getan
+und gesagt hatte, übte noch im Nachhall einen Zauber auf mich aus, so daß
+ich etwa aufstand und nach dem nächtlichen bewaldeten Berg hinüber und auf
+das in den Nachthimmel hinein dunkelnde Münster schaute, was beides von
+meinem Zimmer aus zu sehen war, und dabei die Ströme meines warmen Blutes
+ziehen hörte. Dann dachte ich mir aus, daß sie eine wunderschöne Prinzessin
+sei, die ein böser Zauberer in einer Mißgestalt gefangen halte und die sich
+selbst erlösen müsse in viel Mühsalen, bis ein Stück des Häßlichen ums
+andere von ihr abfalle und sie in lauterer Schönheit dastehe. Es brannte
+etwas in mir und riß mich mit sich fort, und ich entsinne mich noch einer
+stürmischen Februarnacht, in der es mich dergestalt überwältigte, daß ich
+in meine Kissen hineinschluchzte, wie ein unglücklicher Verliebter, bis ich
+daran müde wurde und einschlief. Aber am Morgen war alles anders. Da konnte
+ich froh sein, daß sie nichts von dem allem wußte. Denn sie regierte das
+Haus so ruhig und sicher wie eine brave Bürgersfrau und ging auch selber
+auf den Markt, von der Magd Salome begleitet, und sah kümmerlich genug
+dabei aus.
+
+Man konnte auch sogleich sehen, wer einheimisch war und wer fremd. Denn die
+Einheimischen grüßten, soweit sie honorige Leute waren, das Fräulein mit
+viel Respekt, und sie dankte mit ruhiger Höflichkeit, aber wer fremd war,
+sah sich, wenn sie vorbeigegangen war, kopfschüttelnd nach ihr um, und ich
+war dumm genug, froh zu sein, daß ich nicht neben ihr gehen mußte. Sie aber
+schien nichts von meinen heimlichen Gedanken zu merken. Sie versorgte mich
+im Leiblichen so gut, daß ich kräftig aufschoß und auseinanderging, wie ein
+junger Baum, und tat zu allem noch etwas hinzu von einer schönen, geistigen
+Wärme und Bildung, die ich bisher nicht einmal vom Hörensagen gekannt
+hatte, und die mich umgab wie eine heilsame Luft. Sie scheint mir, wenn ich
+an sie zurückdenke, eine jener Frauen gewesen zu sein, denen das Schicksal
+darum eigene Kinder versagt, damit sie um so ungeminderter allen, die in
+ihren Weg kommen, etwas von der wahren, durchschauenden und alliebenden
+Mütterlichkeit zu geben vermögen, die einem jeden not tut. Gott mag wissen,
+woher sie ihre eigene Nahrung beziehen, aber sie scheinen nur leben zu
+können, indem sie andern geben und für sie da sind, was dann ihr Glück
+ausmacht und sie aufleuchten läßt in einem milden und warmen Glanz.
+
+ * * * * *
+
+Unter den Herren im Geschäft war einer, der sich hie und da etwas mehr mit
+mir zu schaffen machte, als unumgänglich nötig war. Er lockte mich zu
+dieser und jener Arbeit heran, etwa zur Ausschmückung eines Schaufensters,
+zum Zusammenstellen einer Auswahlsendung und dergleichen, wobei er mich um
+meine Meinung fragte und mich etwas gelten ließ, was mir zwar wohl gefiel,
+mich aber doch wunderte, da er diese Dinge sehr gut allein machen konnte
+und jedenfalls besser als ich, wenigstens für jetzt noch. Es kam mir mehr
+und mehr vor, als ob er etwas Besonderes von mir wolle, ich konnte mir aber
+nicht denken, was es sei. Hie und da sah ich, daß er mich mit auf die Seite
+geneigtem Kopf anschaute, als ob er über irgend etwas im Zweifel sei, und
+ich war mehr als einmal nahe daran, ihn zu fragen, was er damit meine, ließ
+es aber, weil es mich dann doch wieder nicht genug interessierte. Er war
+ein Österreicher, der schon in seiner frühen Jugend zu uns verschlagen
+worden war durch irgend ein Schicksal, wie ich gelegentlich erfuhr, und
+hieß Frerichs. Von den andern Herren wurde er nicht besonders geschätzt,
+wie ich merkte, trotzdem er ein stiller, friedlicher Mensch und ein überaus
+fleißiger Arbeiter war. Sie machten sich gern über ihn lustig, und
+besonders tat das der rotbärtige Giller, den ich im stillen den Kettenhund
+hieß, denn er war wie ein solcher knurrig und bissig und hatte eine
+Bewegung an sich, die aussah, als ob er zuschnappen wolle. Dieser sprach
+von Frerichs als dem Dichter, aber in einer Weise, wie wenn ein anderer von
+einem Dummkopf spricht, oder wie einer der Josephsbrüder auf der Weide bei
+Sichem gesagt haben mag: Seht, da kommt der Träumer her. Das hörte ich aber
+nur nebenbei, denn mit mir sprach er nur über geschäftliche Dinge. Da begab
+es sich, daß ich eines Abends mit Frerichs zugleich das Kontor verließ, um
+noch einen Gang zu tun vor dem Abendessen, das ich allein von allen
+Angestellten im Hause einnahm, wie ich auch allein darin wohnte. Er sah
+mich wieder so zweifelhaft an und sagte dann mit der kindlichen Stimme, die
+mir immer an ihm auffiel, weil sie gar nicht zu seinem Äußeren paßte: »Ich
+möchte Sie schon lang etwas fragen, Fugeler. Ich habe nämlich, -- ich mache
+nämlich hie und da Gedichte, oder auch« -- er neigte den Kopf zu mir her
+und sah sich um, ob niemand in der Nähe sei, und flüsterte: »ich verfasse
+auch hie und da Novellen oder dergleichen, und würde Ihnen gern einmal
+etwas zeigen. Das heißt, wenn Sie es gerne wollen.«
+
+Da war nun das Rätsel gelöst. Ich ging mit ihm in seine Stube, die hoch
+gelegen war und eine schräge Wand hatte, wie sich das für einen Dichter
+gehört, und er hatte auf einmal einen festlichen Glanz in den Augen und ein
+aufgewachtes Wesen, und holte aus einem Wandschränklein ein Bündel Hefte
+hervor, die alle mit einer kleinen, schnörkeligen Schrift beschrieben
+waren, von denen sollte ich dies und das mitnehmen und lesen, wenn ich
+nämlich so gut sein wolle. Ich fühlte mich nicht wenig geschmeichelt, daß
+er mich ins Vertrauen zog, und las auch seine Sachen, die mir aber
+teilweise irgendwie bekannt vorkamen, ohne daß mir beikommen wollte, woher.
+Einmal erinnerte mich etwas an diesen Dichter, einmal an jenen; ich wurde
+nicht recht klug daraus. Dann wieder auf einmal kam ein Gedicht, in dem
+sonderbar traurige oder sehnliche Gedanken in eine ungefüge Form gefaßt und
+so halblebendig geblieben waren, da man doch den Eindruck hatte, als ob
+gerade diese ihm ganz eigen seien und er nur nicht die Kraft besessen habe,
+sie herauszumeißeln. Frerichs wartete geduldig, bis ich etwas sagte, ich
+sah ihm aber wohl an, wie gern er mich gefragt hätte, während es mir doch
+schwer fiel, eine Kritik zu üben, die eigentlich kein Lob enthielt, da ich
+doch ein junger Mensch war seinem reifen Alter gegenüber und auch gar keine
+Übung darin hatte, was ich meinte, sachlich zu begründen.
+
+Einmal mußte es aber doch sein. Ich gab ihm die Hefte zurück und sagte
+zögernd, manches habe mir gut gefallen; ob es aber nicht schwer sei, zu
+vermeiden, daß einem fremdes dazwischen komme, wenn man unter so vielen
+Büchern lebe?
+
+Da sah er mich erschrocken an und sagte: »Also das haben Sie auch gemerkt?
+Und so hilft denn alles nichts!« Und er bekannte mir, daß er an einer Art
+von Dichtkrankheit leide, die ihn zwinge, immer, wenn er etwas recht
+Schönes gelesen habe, etwas dem Ähnliches zu verfassen, das ihm aber
+während des Schreibens nach und nach so eigen werde, als ob es ganz allein
+aus ihm heraus entstanden sei, so daß er die Dinge eigentlich geistig
+wiederkäue oder vielmehr wiedergebäre und sie trotzdem dann liebe wie
+eigene Kinder. Er habe deren auch, denn hie und da falle ihm, etwa Sonntag
+morgens im Bett, etwas ein, das ihn dann nicht mehr loslasse, bis er
+versuche, ihm eine Form zu geben, was aber meistens nur halb gelinge, so
+daß die Lebewesen dann nicht ganz entstünden und etwa mit dem Kopf oder
+Oberleib aus dem Stein herausschauten, mit den übrigen Teilen aber stecken
+blieben, was ihn dann kläglich plage.
+
+Er sagte das alles so bekümmert und ehrlich, wie ein Patient dem Doktor, zu
+dem er Zutrauen hat, die Symptome seines Leidens mitteilt, und mir blieb
+das Gelächter, in das ich schon hatte ausbrechen wollen, im Hals stecken
+und zuckte nur immerfort in den Kinnbacken, so daß ich das Gesicht
+verziehen mußte, als ob mir etwas weh tue. Denn es war eine solche Mischung
+von Torheit und von Ehrlichkeit und eigentlich rührendem Ernst in seinem
+Gesicht, als er die Sache vorbrachte, daß ich mich gar nicht dabei zu
+behaben wußte.
+
+Er fügte noch hinzu, wenn die Spiegelgebilde, wie er sie wohl nennen dürfe,
+da sie im Spiegel der echten Werke entstanden seien, dann allemal ein
+gewisses Alter erreicht hätten, und er sie wieder ansehe, so sei es ihm
+oft, als ob sie ihren Urbildern doch nicht so ähnlich seien und er sie
+eigentlich wohl für eigene ausgeben dürfe. Dann reize es ihn immerfort, sie
+in die Welt hinauszugeben und ihnen so ein eigenes Leben zu verschaffen,
+und er müsse sie vor sich selber verstecken, damit er es nicht tue, bis er
+wieder etwas Neues mache und das Spiel von vorne anfange.
+
+Ich hatte mich inzwischen gefaßt und sagte einige weise Worte, die mir im
+Gefühl meiner Wichtigkeit einfielen, wie, daß nicht jeder Mensch ein
+Dichter sein könne und man freilich jedem das Seinige lassen müsse, da das
+Nachahmen keine schöne Sache sei, und solcher Binsenwahrheiten mehr.
+
+Denn damals wußte ich noch nicht, was ich jetzt weiß, daß nicht alle, die
+an dieser Krankheit leiden, sich damit hinter Schloß und Riegel setzen,
+sondern manche der Patienten machen ein großes Geschrei und tun noch, als
+ob die Bastarde die rechten Kinder wären.
+
+Der Nachdichter, wenn ich ihn so heißen soll, hatte in einer Anwandlung
+von Schwäche erhofft, meine Jugend und Unerfahrenheit, die aber doch wieder
+nicht gar zu groß sei, werde das Verfahren nicht merken, so daß ihm
+vielleicht in mir einer entstehe, gleichsam als Vertreter einer Sorte von
+Lesern, der sich unbefangen an seinen Schätzen erfreue und den zweiten
+Aufguß für einen ersten nehme. Denn es verlangte ihn nach einem kleinen
+Ruhm oder einer Wirkung bei aller Wahrhaftigkeit, die ihm immer wieder das
+Gelüste totschlug, und er hatte sich mit den zwei Seelen, die er in der
+Brust trug, tüchtig herumzuplagen.
+
+Für den Augenblick war er jetzt verlegen und enttäuscht und sah aber auch
+an meiner Findigkeit hinauf, die mir selber erstaunlich war, und mich vor
+mir erhob, so daß ich, ohne es zu wissen, für einige Zeit den raschen,
+federnden Gang und die elegante Handbewegung des Herrn Hubli annahm, der
+mir am meisten von den Gehilfen imponierte trotz seiner großen Glatze. Denn
+ich war selber ein Nachahmer, wenn auch in andern Dingen, nur mir selber
+unbewußt; ich merkte es immer erst nachträglich.
+
+Mit Herrn Frerichs kam ich in ein halb freundschaftliches Verhältnis, das
+bei mir aber mit ein wenig Überheblichkeit vermischt war, so daß ich in
+meiner Jugend väterlich über ihn lächelte, was dann wieder den Kettenhund
+Giller reizte, da es nach seiner Meinung nicht dasselbe war, ob er oder ich
+über den seltsamen Kauz urteilte.
+
+Wir gingen hie und da miteinander spazieren in fleißigen Gesprächen, und
+ich merkte wohl, daß er freilich dennoch ein Dichter sei, da er selig
+empfand, was tief und schön sei, und da er litt, wenn er nicht das Wort
+fand für das, was in ihm lebte.
+
+So ging ich einige Zeit mit dem reiferen Alter um, ohne Verkehr mit
+Jugendgenossen; es konnte aber nicht lange so bleiben.
+
+Eines Wintersonntags kamen wir beide von einem Waldspaziergang her auf die
+breite, mäßig abfallende Steige, die von dem bewaldeten Berge nach der
+Stadt hinunterführt. Es lag ein schöner Schnee, der in der blassen
+Wintersonne frisch erglänzte. Im Wald war es traumhaft still gewesen, bis
+wir uns dem Ausgang genähert hatten, wo dann die Ausläufer eines lustigen
+Lärms hereingeschallt waren und mich ungeduldig getrieben hatten, an die
+Quelle solcher Fröhlichkeit zu kommen. Denn es war Zeit bei mir, daß ich
+wieder unter meinesgleichen kam, nachdem ich lange nur im Bücherlesen und
+im Umgang mit den Alten gelebt hatte. Als wir nun an den Tag traten,
+wimmelte der Berg von einer fröhlichen Jugend, die auf Schlitten die glatte
+Bahn hinuntersauste mit Geschrei und Lachen, von dem die Luft widerhallte.
+Es waren da viele rote und blaue Mützen und farbige Brustbänder der
+Studenten zu sehen, und dazwischen mischten sich zierliche Pelzmützen, die
+auf blonden oder braunen Locken oder Zöpfen saßen, ungerechnet das Gewimmel
+der Schulkinder, das barhäuptig, in gestrickten Sturmhauben oder Kapuzen
+erschien und den weitaus größten Lärm machte, denn es mußte die
+überschüssige Kraft los werden.
+
+Das alles rührte mich heimatlich an und rief mich zu sich, daß ich
+mitkommen möge, so daß ich es nicht erwarten konnte, bis ich den Frerichs
+los hatte, der mir auf einmal in seinem langen Überzieher und mit dem
+milden Gesicht vor aller Lustbarkeit zu stehen schien. Ich stand begierig
+zusehend still, bis er kalte Füße bekam und entschuldigend sagte, wenn es
+mir nichts ausmache, so wolle er vorausgehen, da er noch etwas zu tun habe;
+denn er hatte wieder ein neues Buch gelesen, das ihm keine Ruhe ließ,
+soviel ich schon unterwegs gemerkt hatte.
+
+Da stand ich denn nun in der Freiheit auf dem Berge und überlegte mir, wie
+ich zu einem Schlitten kommen solle, denn ich mußte fahren, das war
+ausgemacht.
+
+Als ich nun so sinnierte und nicht recht den Rang bekam, einen der
+Schulbuben darum zu fragen, ertönte auf einmal neben mir ein helles
+Gelächter und ich sah, mich umwendend, drei lustige junge Mädchen, die mich
+vergnügt betrachteten. Sie hatten einen langen Schlitten, den sie
+miteinander an einem Strick den Berg hinaufgezogen hatten, und waren jetzt
+im Begriff, wieder abzufahren. Es waren offenbar Mädchen, die am Werktag in
+irgend einer Brotarbeit standen, das konnte ich wohl sehen, so sauber sie
+auch jetzt in einem billigen Sonntagsputz aussahen. Vielleicht waren es
+Bügelmädchen, wie die, die daheim meiner Schwester Luise halfen.
+
+»Wollen Sie aufsitzen?« fragte die eine, die eine weiße wollene Mütze auf
+den krausen Haaren trug und ein paar frische rote Backen hatte von der
+Schneeluft. Aber als sie das gesagt hatte, lachten alle drei aufs neue,
+denn sie waren in dem Alter, wo man keinen besonderen Grund zum Lachen
+braucht, sondern nur in der passenden Stimmung sein muß, um unaufhörlich
+fortzulachen. Da war ich nun in der Lage, die ich mir gewünscht hatte, ich
+hätte nur ja sagen oder mit dem Kopf nicken müssen, so hätte ich ohne
+weiteres den Strick in die Hand bekommen und auch etwa das eine oder andere
+der jungen Geschöpfe hinter mich auf den Schlitten für eine oder ein paar
+Fahrten den Berg hinab. Denn sie waren einfachen Wesens und nicht
+zimpferlich, das war leicht zu sehen. Mir aber schoß auf einmal eine
+hochmütige Regung durch den Sinn, so daß ich dachte: »Das denn doch nicht,«
+obgleich ich soeben noch voller Verlangen nach der Jugendlust gewesen war.
+Und weil ich nicht wußte, warum sie lachten, und dachte, ihre Fröhlichkeit
+sei irgendwie auf mich gemünzt in spöttischer Weise, so stieg mir das Blut
+in den Kopf wie einem gereizten Truthahn, und ich gab dem Schlitten einen
+Stoß mit dem Fuß, damit immerhin und ohne meinen Willen zeigend, daß ich
+kein vornehmer junger Herr sei, sondern eher in etwa ihresgleichen, aber es
+doch nicht sein wollte. Sie waren ein wenig betreten wegen meines
+unfreundlichen Wesens und sahen einander und mich einen Augenblick erstaunt
+an. Aber der Schaden war nur auf meiner Seite, denn die kecke Blonde mit
+der weißen Mütze sagte mit schnell wiedergewonnener Fassung: »So kommt und
+lasset den Herrn. Er wird schon zu alt sein zu solchen Sachen, und es
+könnte ihm auch sein Hütlein davonfliegen.« Und darauf stiegen sie alle
+drei ohne viel Umstände wieder auf den Schlitten; aber als ich
+unwillkürlich den Abfahrenden noch einen Blick nachsandte, da traf mich aus
+einem Paar guten braunen Augen, die der Letzten auf dem Fahrzeug gehörten,
+ein Strahl, der mir Herzklopfen machte, weil er freundlich und gut war und
+zu sagen schien: Wir haben es nicht bös gemeint, du hättest immerhin
+aufsitzen können. Da war es bei mir aus mit der Lust; ich ging mißmutig
+nach Hause und vergrub mich in meine Kammer. Ich konnte es aber nicht
+lassen, zum offenen Fenster hinauszuhorchen, ob ich von ferne den
+Schlittenjubel vernehme, und wenn ein Jauchzen die dünne Luft zerschnitt,
+so spürte ich, daß ich meiner Jugend etwas schuldig geblieben sei.
+
+ * * * * *
+
+Bald darauf schmolz der Schnee, der nur noch ein Nachzügler gewesen war,
+und der Frühling kam ins Land mit allen guten Dingen, die er hatte: mit
+frischen Winden, die er den Leuten lachend ins Gesicht blies, mit
+Starengeschwätz, mit singenden Bächen, die überall von den Bergen herunter
+kamen, mit Palmkätzchen, die die Bauernweiber auf dem Münsterplatz feil
+hielten, und dergleichen, so daß wieder einmal die Zeit war, in der man
+nicht wußte, was noch werden mag.
+
+An einem sonnigen Nachmittag trat ich unter die Ladentür, die offen stand,
+um etwas von dem leiernden Lied eines Orgelmanns, der draußen vorbeiging,
+aufzunehmen. Er spielte und sang dazu mit mißtöniger Stimme Bertrands
+Abschied, und hatte einen Schweif von Gassenkindern hinter sich drein.
+Neben uns lag ein Blumenladen, dem eine sehr stattliche Dame vorstand,
+deren Leibesfülle ich schon oft angestaunt hatte. Sie hatte ein kleines
+Schnurrbärtchen auf der Oberlippe und gar nichts von einer Flora an sich.
+Aber an diesem lichten Frühlingstag trat auf die Schwelle heraus ein
+schlankes, braunhaariges Mädchen, das einen angefangenen Kranz in den
+Händen hielt, und dessen Gesicht ich früher schon gesehen haben mußte, aber
+ich wußte nicht gleich, wo. Das Mädchen ging, nachdem es einen Augenblick
+gehorcht hatte, in den Laden zurück und kam gleich darauf mit einem
+Nickelstück wieder heraus, das sie dem Orgelmann auf seinen Kasten legte.
+Sie lächelte ihn gut und freundlich an, und in dem Augenblick wußte ich
+auch, daß sie das Mädchen von dem Schlitten war, das mich so tröstlich
+angeblickt hatte. Da besann ich mich nicht lange, sondern ging, weil es
+Frühling und mein Blut in frischer Regung war, ohne Scheu über die Straße,
+um ein gleiches Stück daneben zu legen und gleichfalls einen guten Blick
+aus den braunen Augen zu erhaschen. Der Leiermann ließ sich nicht in seinem
+Lied stören, er nickte uns beiden, dem Mädchen und mir, nur beifällig zu
+und wir hielten uns auch nicht mit ihm auf, sondern lachten einander an wie
+alte Bekannte, und das war der Eingang zu einer kleinen Unterhaltung. »So,
+also da sind Sie?« sagte ich, denn es fiel mir nichts anderes ein; »was tun
+Sie denn da?«
+
+Da lachte sie ohne allen ersichtlichen Grund noch mehr, vielleicht bloß,
+weil es ihr gefiel, zu lachen. »Das hätten Sie schon lang sehen können, daß
+ich da bin,« sagte sie, »aber wenn man immer so ernsthaft herumgeht und die
+Augen nicht aufmacht, dann kann viel vorbeigehen, was man nicht sieht.«
+
+Und sie erzählte mir ohne aller Ziererei, daß sie schon damals, als die
+Schlittengeschichte gewesen war, meine Nachbarin gewesen sei, und daß es
+ihr immer leid getan habe, daß ich ihr nie einen Blick geschenkt habe.
+»Lieber Gott, wenn man so jung ist,« sagte sie, »dann muß man doch auch
+ansehen, was jung ist, und einander ein gutes Wort gönnen, alt wird man
+bald genug, meinen Sie nicht auch?«
+
+Da hatte sie recht, das fühlte ich deutlich. Aber noch war es ja Zeit, und
+es mußte jetzt anders kommen, sonst ging mir irgend etwas vorbei, das schön
+sein konnte und es nicht war, weil ich die Augen nicht aufmachte. Sie mußte
+wieder zu ihrem Kranz zurückkehren, der Eile habe, wie sie sagte. Er sei
+ganz aus einem hellen Moos mit lauter Veilchensträußen rings herum, und er
+sei für ein junges Mädchen, das an der Auszehrung gestorben sei. Als sie
+das sagte, wurde ihr helles freundliches Gesicht wie beschattet, weil es so
+unbegreiflich war, daß man vom Jungsein hinwegsterben konnte. »Ich trage
+ihn nachher selber auf den Friedhof,« sagte sie, »denn ich will das Mädchen
+sehen, das schon in der Leichenhalle liegt. Es ist fremd hier, ein Herr hat
+den Kranz bestellt, ich glaube, es ist ihr Schatz gewesen, aber ein
+vornehmer. Er hätte sie doch nicht genommen, wenn sie auch gelebt hätte.«
+
+Das sagte sie mit einem kleinen Seufzer, aber ich wußte nicht, ob er dem
+toten Mädchen galt oder dem verlassenen, das es wahrscheinlich geworden
+wäre, wenn es gelebt hätte, und ich mochte auch nicht fragen, weil mir zu
+viel Neues auf einmal im Kopf herum ging.
+
+Das Mädchen sah mich einen Augenblick prüfend an, dann fügte es hinzu:
+»Wenn Sie wollen, können Sie mitkommen. Oder sehen Sie nicht gern Tote? Ich
+schon, ich lebe dann noch viel lieber, wenn ich gesehen habe, daß man auch
+tot sein kann.« Es war mir nicht ganz so, ich hatte immer ein Grauen vor
+dem Tode und allem, was damit zusammenhing. Aber ich mochte es jetzt nicht
+gestehen, weil sie so ganz natürlich davon sprach, und ich mochte ihr das
+Mitgehen auch nicht abschlagen, sonst saß ich wieder allein da. So sagte
+ich zu ohne viel Besinnen und hatte nun also eine Verabredung mit einem
+hübschen jungen Mädchen, das ich vor ein paar Minuten noch gar nicht
+gekannt hatte. So ging es zu im Frühling.
+
+Die dicke Dame mit dem Schnurrbärtchen rief: »Hertha!« mit ihrer tiefen
+Stimme, und das Mädchen enteilte, aber es nickte mir vorher noch gut und
+freundlich zu, und ich ging nachdenklich und aufgeregt zu meinen Büchern
+zurück, denn es ging allerlei in mir um.
+
+Ich war kaum fünf Minuten draußen gewesen. Auf dem Ladentisch lag ein Stoß
+Landkarten, denen ich Etiketten aufzukleben hatte. Der Buchhalter hustete
+und räusperte sich im Kontor, dessen Tür offen stand, und Herr Hagenau ging
+drinnen auf und ab und hielt ihm einen Vortrag, den er schon vorher
+angefangen hatte. Es war alles ganz wie zuvor. Aber ich hatte in der
+Zwischenzeit etwas erlebt. Es hatte sich eine Tür aufgetan, die seither
+verschlossen gewesen war, und ich stand unter ihr und sah allerlei schöne
+Dinge. Sie durfte nicht wieder zufallen, denn draußen stand die Jugend und
+das Leben und hatte lachende braune Augen und einen Kranz von braunen
+Zöpfen. Und alles hing auch wieder mit dem Tod zusammen. Man konnte
+davonkommen, eh' man es dachte, und dann blieb vieles ungeschehen, das erst
+hätte kommen sollen.
+
+Das durfte aber um keinen Preis sein, dazu war man nicht Mensch geboren.
+Aber andererseits: Wie konnte ich es möglich machen? Ich hatte nach
+Ladenschluß beim Nachtessen zu erscheinen und da gediegen und ehrbar am
+Tisch zu sitzen bei Fräulein Brigitte und Herrn Kasimir. Das waren alte
+Leute, von meiner Jugend aus betrachtet, und sie konnten mir zum Umgang
+keineswegs genügen. Bis aber das Essen vorbei war, wurde es dunkel, und der
+Abend war hin. Da wurde mein Gemüt borstig und sträubte sich, denn es
+wollte nicht an der Kette liegen, und es tat nichts zur Sache, daß es diese
+bis heute nicht empfunden hatte. Ich schmiß die Karten mit einem zornigen
+Wurf auf den Nebentisch, um doch etwas gegen die Ordnung zu tun, und
+beschloß bei mir, der alten Salome zu sagen, daß ich in einen Vortrag gehe
+und nicht beim Abendessen erscheinen könne. Das war frank und frei gelogen,
+und es war eine Kunst, die ich bisher nicht geübt hatte. Aber es kam mir
+nicht unmännlich vor, daß ich es tat, im Gegenteil. Denn man brauchte nicht
+alles zu wissen, was ich vorhatte, da ich immerhin über neunzehn war. Da,
+als ich grimmig ausdachte, wie ich mich benehmen wolle, kam zur Ladentür
+herein ein junges Menschenpaar, Bruder und Schwester, wie man sogleich sah.
+Sie waren beide hoch und schlank und von einem hellen, kühlen Blond, und
+ich wußte, als sie nach Herrn Hagenau fragten, daß es erwartete Gäste
+waren, Neffe und Nichte aus Holstein oder sonst da oben her. Man hatte bei
+Tisch von ihnen gesprochen und sie wohl an einem andern Tag erwartet. Aber
+nun sie da waren, gab es ein großes Grüßen und Händeschütteln. Herr Kasimir
+verjüngte sein Faltengesicht in der Freude an der Familienjugend und ließ
+es sich gefallen, daß er auf beide Backen geküßt wurde; das mochte dem
+Weib- und Kinderlosen ein seltenes Streicheln sein.
+
+Ich hatte das Zusehen dabei, und es war mir einen Augenblick, als sähe ich
+einen alten ledernen Geldbeutel auseinandertun, verwittert und
+abgerutscht, aus dessen Innerem es plötzlich hervorgleißte von Gold und
+Silber, was ihm äußerlich niemand zugetraut hätte, so zum Lebendigen
+verändert schien es aus dem alten Herrn heraus, den ich noch nie so
+durchsonnt gesehen hatte.
+
+Da konnte ich nun meine Pfeifen einziehen, was die Tischgesellschaft bei
+uns betraf, denn Jugend gab es nun gleichfalls im Hause, es war nur die
+Frage, ob sie etwas von mir wissen wollte.
+
+Die alte Salome ging eilig, um noch irgend etwas einzukaufen, an der
+offenen Ladentür vorbei, und ich wäre vielleicht wohlfeil davongekommen,
+wenn ich mich bei ihr abgemeldet hätte. Aber ich tat es nicht, es war keine
+Rede mehr davon bei mir, sondern ich ging nach einer Zeit, als ich gerufen
+wurde, mit einer neuen Krawatte geschmückt, zum Tisch und saß herzklopfend
+neben dem jungen Mädchen, das Eleonore hieß, Eleonore Bitterolf nämlich,
+und vielleicht zwischen siebzehn und achtzehn war. Es war aber, um es
+gleich zu sagen, kein junges Mädchen, was man so heißen konnte, sondern
+eine Dame, vor deren sicherem und gewandtem Wesen und Auftreten ich mich
+verkriechen konnte. Der Bruder hieß Hermann, hatte ein freies und heiteres
+Gesicht, erzählte frisch und munter, brachte alle und auch mich zum Lachen
+und war ein junger Mensch wie ich. Dagegen das Fräulein brachte sogleich
+die Überzeugung in mir auf, daß es auf mich herabsehe und mich gering
+schätze, was mich tief kränkte, obgleich ich keinen Beweis dafür hatte. Sie
+hatte einen kühl-erstaunten Blick zu versenden, wenn ich, von des Bruders
+frohmütigem Wesen angesteckt, ins Lachen geriet und in die Unterhaltung
+eingriff in meiner schwäbischen Mundart. Dann wurde ich verlegen und
+zornig auf mich selbst, daß ich es wurde, sprach schriftdeutsch und
+stolperte dabei und machte eine unglückliche Figur, vor mir selbst
+vielleicht mehr als vor den andern, die mich gewiß nicht so wichtig nahmen.
+
+Fräulein Brigittens schöne Augen lagen des öftern aufmunternd auf meinem
+Gesicht, und sie versuchte mein Schifflein zu steuern und brachte es auch
+in ruhigeres Fahrwasser, nur durch ihr freundliches Dabeisein. Das Mädchen
+war vielleicht so übel nicht, wenn man es recht überlegte, es war ihm alles
+fremd hier unten im Süden, und es hatte von Natur eine andere Gemütsart und
+Sprache als wir, nämlich eine norddeutsche, da konnte man nichts machen.
+Dazu kamen die großen hellblauen Augen und die Last des ganz ährenblonden
+Haares samt der weißesten Haut, was alles zusammen unerreichbar fein und
+vornehm aussah, so daß man zwar vorläufig einen vorsichtigen Bogen um die
+ganze Erscheinung herum machte, aber zum Haß keinen ausreichenden Grund
+hatte. Es wurde auch alles leichter und besser, als der Abend vorrückte.
+Nach dem Nachtessen gab es Bowle, und als ich aufstehen und mich entfernen
+wollte, lud mich Herr Kasimir in aufgemachter Stimmung ein, ein Glas
+mitzutrinken, und ich ließ mich ohne Mühe halten, trotzdem ich Hertha das
+Mitkommen versprochen hatte. Es wurde musiziert, das Fräulein Eleonore
+spielte die Geige, die sie mitgebracht hatte, und ich hing mit den Augen an
+ihr, wie sie so schlank und hoch dastand in ihrem dunkelblauen Kleid und
+mit sicherer Bewegung den Bogen führte, während dagegen Fräulein Brigitte
+recht kümmerlich am Klavier saß, was mir heute auf einmal wieder auffiel
+und mir ein peinliches Gefühl schuf. Aber das konnte bei ihr nie lange
+dauern. Man brauchte bloß in ihr heiteres, warm beseeltes Gesicht zu
+blicken, so konnte man sich mit seinem Mitleid verkriechen und sie für eine
+verkleidete Göttin halten, und dafür sprach auch die Musik, die unter ihren
+Fingern hervorquoll, wie ein kristallener Bach.
+
+Es war Mozart, was sie spielten, und es war eine so reine, leichte
+Heiterkeit und ein so frühlingshafter Duft und Wohlklang darin, daß meine
+törichte Wichtignehmerei davor in nichts verging und ich nur begierig war,
+mich noch länger so dahintragen zu lassen ohne Gedanken und auch ohne
+persönliche Ansprüche.
+
+Es war mir zumute wie einst beim Baden im heimatlichen Fluß, wo ich mich
+gern auf den Rücken gelegt und von den lauen, durchsonnten Wellen hatte
+tragen lassen. Aber das konnte nicht ewig fortgehen. Die Musik jubelte noch
+einmal auf und schwieg dann, und es wurde einiges darüber geredet, von dem
+ich nichts verstand. Ich saß auf einem Stuhl am Fenster, von dem ein Spalt
+geöffnet war, und sah bald auf die schwach erhellte Straße hinaus, bald
+nach dem blonden Fräulein hin, und es ging allerlei in mir um, von dem ich
+am Morgen noch nichts gewußt hatte. Ich dachte, wer solche Musik spielen
+könne, der sei freilich zu bewundern und habe allen Grund, viel auf sich zu
+halten, denn er habe einen Schlüssel zu hohen und schönen Welten. Und ich
+bat es dem Fräulein Bitterolf ab, daß ich sie im stillen ein steifes und
+hochmütiges Ding genannt hatte, und schickte meine Augen unverhüllt nach
+ihr hin. Da lächelte sie plötzlich und wurde ein wenig rot und sah auf
+einmal aus wie ein siebzehnjähriges Mädchen, das sich gern in seiner
+schönen Jugendpracht ein bißchen bewundern läßt. Und ich war froh und
+befreit, denn lange hätte ich das verehrende Gefühl doch nicht ausgehalten,
+ich hatte keine Übung darin.
+
+Der Bruder sang noch ein paar Lieder mit einer hübschen, warmen Stimme; ich
+fühlte mich zu ihm hingezogen und wünschte ihn mir zum Freund zu haben, und
+er war auch ganz harmlos herzlich und einfach mit mir, obgleich er älter
+war als ich.
+
+Die Geschwister blieben etwa vierzehn Tage da, und es war in dieser Zeit
+ein anderes Leben im Hause als sonst. Es ging allerlei Jugend aus und ein,
+es wurde gespielt und musiziert, und ich nahm an allem Anteil, als verstehe
+es sich von selbst. Da verging manches Unsichere, Ungelenke und es fiel
+auch manches trotzige Wehren gegen bloß vermutete Geringschätzung von mir
+ab, da mir niemand etwas zuleide tat und ich im allgemeinen ein fröhlicher
+Bursch war, wo ich mich heimisch und im Recht fühlte. Es wurden
+Nachenfahrten und Ausflüge gemacht, und ich bekam zum einen und andern ein
+paarmal Urlaub, was mir freilich den zornigen Ingrimm der alten Garde
+zuzog, wie ich die Herren bei mir hieß, die für sich selber nie eine freie
+Stunde außer der Regel nahmen. Das focht mich aber wenig an, denn es ging
+mir im allgemeinen viel zu gut, es sollte nur brummen, wer es nicht lassen
+konnte, bei mir ging es mit vollen Segeln ins Jungsein hinein.
+
+Ich kaufte mir ein Fahrrad und mußte ja freilich meinen Schwestern die
+Rechnung darüber schicken und einen Brief, in dem geschrieben stand, daß
+ich es später einmal zahlen wolle, denn jetzt brauche ich es unbedingt.
+Denn es war so, daß ein ganzer Trupp junger Leute von beiderlei Gattung
+sich zum Radfahren zusammentat und am letzten Tag, den die Geschwister
+Bitterolf unter uns waren, einem Sonntag, eine weite Fahrt in die
+Rheinebene hinunter machen wollte. Dabei aber zurückzustehen, wäre mir
+bitter gewesen, und ich sah keinen Grund ein, es zu tun. Gelernt hatte ich
+die Kunst schon auf dem klapprigen Rad unseres Ausläufers, und als der
+Sonntag kam, saß ich auf meinem Wanderer und fuhr leicht wie ein Vogel
+dahin in einem fröhlichen Schwarm.
+
+Die Stadt lag in einem weiß- und rosafarbigen Blütenstrauß und spiegelte
+sich im Fluß, wie ein junges Mädchen, das Freude an seinem hübschen Bilde
+hat, und wir, als wir unter dem blauen Himmel in einer leichten Staubwolke
+dahinflogen, die unsere Räder aufwirbelten, fühlten uns so recht im Besitz
+der schönen Welt. Ich lenkte mein Rad neben das der Fräulein Eleonore, die
+soeben ein wenig hinter den andern zurückgeblieben war. Denn ich hatte
+einen ganzen Sack voll Lebensmut an diesem schönen Sonntagsmorgen, und ich
+wollte ihn vor ihr auftun und spielen lassen, da sie morgen wieder fortging
+und ich noch etwas bei ihr auszuwetzen hatte vom ersten Abend her. Es
+peinigte mich, daß sie mich als einen ungeschickten Burschen in der
+Erinnerung behalten sollte, was ich meiner Meinung nach gar nicht war. Denn
+ich hatte doch viel gelesen und gelernt und war überhaupt nicht dumm, ich
+konnte mich ganz gut unterhalten, wenn jemand auf mich einging. Auch fielen
+mir oft die lustigsten Sachen ein, wenn ich nur jemanden gehabt hätte, dem
+ich sie erzählen und der mit mir hätte lachen können.
+
+Also nahm ich einen Anlauf mit einem Strauß Maiblumen und einer höflichen
+Anfrage, ob ich sie am Rad befestigen dürfe. Es fiel aber, um es gleich zu
+sagen, nicht gut aus. Denn das Fräulein, das hoch und nobel auf seinem Rad
+saß in seinem blauen Leinenkleid, blieb unlebendig und höchstens höflich
+und ließ seine Augen nach unserem Vordermann, einem Mediziner, hingehen,
+der sich soeben zu einer dicken und lustigen Studentin gesellt hatte und
+ihr etwas Lachendes zurief, das man bei uns nicht verstehen konnte. Es war
+meiner Dame nicht recht, daß der Mediziner nicht neben ihr fuhr, das mochte
+ich ihr aber in meinem Innern gönnen, ja es erhob mich, daß sie auch nicht
+alle Trümpfe in der Hand hatte, und ich bekam plötzlich Oberwasser und fing
+an, vom schönen Wetter und der schönen Gegend zu reden und, als das nicht
+recht verschlagen wollte, vom Geigenspiel und der Musik überhaupt. Ich
+verstand zwar nichts davon, aber das schadete nichts, darum konnte ich doch
+davon reden, und die Dame wurde auch dabei auf einmal lebendig und munter
+und belehrte mich aufs beste.
+
+Da kamen wir schön in Zug miteinander. Ich bekam vor lauter Fröhlichkeit
+eine Suada, als ob ich süßen Wein getrunken hätte, und brachte das Fräulein
+einmal ums andere zum Lachen. Die Trauben wuchsen mir nur so zu, und sie
+sah mich drunterhinein erstaunt an, was ich so auslegte, als ob sie mich
+nun erst recht kennen lerne, und ich ihr imponiere, und ich dachte: Ja,
+schau nur, du wirst dann später schon noch das Nähere von mir erfahren,
+nämlich, daß Ludwig Fugeler es mit allerlei Leuten aufnimmt, ob sie nun aus
+Preußen oder Schwaben seien.
+
+Da mußte aber gerade in diesem erhebenden Augenblick der Mediziner
+dazwischenfahren, der mit einem schönen Gruß von der Gesellschaft kam und
+uns meldete, daß man keine Zeit habe, aufeinander zu warten und auch nicht
+zu dem Schneckentempo, das wir neuerdings eingeschlagen hätten. Er fuhr auf
+die andere Seite des Fräuleins und sagte mit Lachen: »Oder haben Sie eine
+dringende Unterhaltung? In diesem Fall bedaure ich, stören zu müssen.« Da
+fuhr dem Fräulein Bitterolf eine kleine Röte und ein gehöriger Schuß
+Hochmut in den Kopf, und sie sagte, kalt wie ein Eiszapfen: »Ich wüßte
+nicht,« und gab ihrem Roß die Sporen, daß es flog. Wir beide danebenher im
+Saus, eine Strecke geradeaus und dann um eine scharfe Wegbiegung. Vor uns
+stob die weiße Wolke, in der die andern daherfuhren, aber dazwischen drin
+war etwas lebendig, nämlich eine Gruppe junger Mädchen, die den Weg gerade
+vor uns überquerten, als wir um die Ecke bogen. Sie waren in hübschen,
+farbigen Sonntagskleidern und hatten Maiblumensträuße in den Händen, die
+sie im Wald geholt hatten, nun flatterten sie auseinander im Schreck vor
+dem Überfahrenwerden und schrien auf wie eine Herde Küchlein, in die der
+Habicht stößt. Das Unglück wollte es, daß meine Nachbarin Hertha darunter
+war, derentwegen ich schon seit jenem Abend, da ich sie hatte warten
+lassen, ein schlechtes Gewissen in mir herumtrug. Sie erkannte mich und
+ließ mir einen Blick zulaufen über die Schulter zurück, der war mit
+allerlei beladen, was ich so schnell nicht auseinanderklauben konnte, und
+in dem Augenblick fuhr das Fräulein mit dem Rad in ihre Blumen und ihr
+blauweißes Sonntagskleid hinein. Es gab eine Erschütterung beider
+Parteien, bei welcher die Blumen in den Straßenstaub fielen, das blauweiße
+Kleid einen langen Riß bekam, und das Fräulein auf seinem Sitz schwankte.
+»So machen Sie doch die Augen auf,« herrschte sie das Mädchen an, das
+verwirrt, erschrocken und in Staub gehüllt dastand und seinen verdorbenen
+Sonntagsputz ansah. Niemand, und auch ich nicht, gab ihm ein freundliches
+und gutes Wort, wir fuhren weiter und sprachen davon, daß am Sonntag die
+Landstraßen so voll seien von gewöhnlichem Volk. Daß man eigentlich besser
+täte, werktags zu fahren, und daß es zum Glück noch gut abgelaufen sei. Das
+heißt, die andern sprachen davon, aber ich war still dazu und hatte nur
+immer das Mädchen vor Augen, wie es im Straßenstaub stand und seine Blumen
+am Boden lagen. Es hatte mir vor dem Unglück einen Blick zugesandt, und ich
+hätte etwas gegeben, wenn ich ihn hätte deuten können: ein bißchen traurig
+und ein bißchen schelmisch und in allem lieb und schön. Den Augenwink hatte
+es nun zahlen müssen mit einem zerrissenen Sonntagskleid und einem
+herrischen Wort in sein sonntagsfrohes Gemüt hinein. Mir war nicht gut
+zumute, aber ich ließ nichts davon verlauten, denn es brauchte niemand zu
+wissen, daß ich das Mädchen gekannt hatte. Es war ein unfrohes Lustigsein
+den Sonntagmorgen hindurch, bis ich, was mich bedrückte, pfeifend in den
+Wind schlug, da ich es doch nicht ändern konnte.
+
+ * * * * *
+
+In der Nacht, die darauf folgte, ging es mir sonderbar. Es war mir, als
+gehe meine Tür auf und ein Mensch komme herein mit einem Licht in der
+Hand. Es war eine alte Ölampel, wie wir zu Hause eine gehabt hatten, und zu
+deren Öl ich die Buchelen selber im Stadtwald gesammelt hatte. Die Ampel
+kannte ich sogleich wieder, sie war von Zinn und blank geputzt, und ihr
+Licht schien durch eine vorgehaltene Hand, an der ein dünner silberner Ring
+schwach erglänzte. Die Hand war rot durchleuchtet und als ich sie ansah
+samt dem Ring, wußte ich, daß sie meiner Mutter gehöre. Da dachte ich: Das
+ist ein Traum, denn deine Mutter lebt ja nicht mehr. Aber es ging mir durch
+und durch ein wehes Wohlsein und ein lebendiges Gefühl von einer lieben
+Nähe, und ich war begierig, wie es weiter komme. Die Mutter stellte die
+Ampel auf den Nachttisch, und dann sah ich sie vor mir stehen, klein und
+kümmerlich und mit einem angstvollen Ausdruck in ihrem schmalen
+Runzelgesicht. Sie sah über mich hin, und ich erkannte durch die
+geschlossenen Lider ihren Mund, der schmallippig und eingesunken war, wie
+er sich leise flüsternd bewegte. Lieber Gott, laß mir meinen Buben recht
+werden, sagte sie, ich bin ein einfältiges Weib. Es ging mir durch und
+durch, ich hätte ihr gern gesagt, daß alles im besten Schick sei mit mir,
+aber ich konnte mich nicht rühren. Da fühlte ich eine große Träne heiß und
+schwer auf mein Gesicht niederfallen. Sie brannte mich und ich stöhnte und
+wollte sie wegwischen, aber es ging nicht, es wurde mir angst und bang. Ich
+versuchte, mein Kinderverslein zu beten, das ich abends beim Schlafengehen
+mit der Mutter gesprochen hatte, aber ich konnte nur einen Satz daraus
+finden: Alle Kindlein, bloß und arm, decke du sie weich und warm. Aber es
+war nicht das, was ich sagen wollte, ich mühte mich vergebens, und als ich
+es nicht zuwege brachte, ging die Mutter kopfschüttelnd wieder weg. Das
+Licht nahm sie mit. Da, als sie die Tür hinter sich zumachte, trat mir das
+Elend und das Verlassensein ans Herz. Ich hätte sie gern zurückgerufen und
+ihr Liebes gesagt, aber es war zu spät, und auf einmal liefen mir die
+Tränen stromweis übers Gesicht.
+
+Eine Uhr schlug von irgend einer Kirche her, vielleicht vom nahen Münster,
+ein Luftzug wehte über mich hin. Da saß ich plötzlich aufrecht im Bett mit
+offenen Augen und hatte in Wahrheit noch nasse Backen von den vergossenen
+Tränen des Traumes.
+
+Der Mond sah neugierig ins Zimmer und legte eine lange, schmale Lichtbahn
+auf den Fußboden. In dieser Lichtbahn war wohl vorhin die Mutter gestanden,
+an die ich schon so lang nicht mehr gedacht hatte. Es plagte mich, wo sie
+wohl auf einmal hergekommen sei, denn, Traum oder nicht Traum, sie war mir
+auf einmal nah und lebendig und regte allerlei in mir auf; ich mochte mich
+auf die rechte oder linke Seite legen, so blieb das helle, aufgestörte
+Wachsein, das mir fremd und ungewohnt war, und das Denken an Dinge, die
+weit von mir lagen am Tag und für gewöhnlich.
+
+Zum Beispiel sah ich hell und deutlich zum Greifen unsere Stube daheim an
+einem Himmelfahrtsfestmorgen vor mir. Ich hatte einen Frühspaziergang in
+den Wald gemacht und einen Hut voll von den rosasamtigen Blümlein
+mitgebracht, die man bei uns Himmelfahrtsblümlein hieß. Sie wuchsen an
+einer heimlichen Stelle, tief im Wald, und ich hatte den Kuckuck schreien
+und eine Drossel singen gehört, hatte Eichhörnchen ihre Sprünge machen und
+ihre stolzen Fahnen dennoch leicht und zierlich tragen sehen und hatte
+etwas von Morgenfrische mit in die niedrige Stube gebracht. Die Mutter
+machte ein Kränzlein aus den Blumen und hängte es um das kleine, verblaßte
+Bildchen eines jungen Weibes, das einmal ihre Mutter gewesen war. »Sieh,
+Ludwig,« sagte sie, »man muß die nicht vergessen, die fortgegangen sind.
+Sie sind nicht tot, sie sehen uns und brauchen, daß wir sie lieb haben.
+Wenn wir sie vergessen, so friert sie's und tut ihnen weh. Dann klopfen sie
+an, oder sie kommen uns im Traum, oder es zerspringt ein Glas, das ihnen
+gehört hat, oder ein Spiegel, und anders können sie nicht sagen, was sie
+gern wollen: denkt an uns, vergesset uns nicht, denn ihr seid Fleisch von
+unserem Fleisch, und es ist um eine Zeit, so kommet ihr auch zu uns. Jetzt
+freut's vielleicht die Großmutter, daß du ihr das Kränzlein gebracht hast.«
+
+Das alles war mir damals nicht wichtig. Ich war von Kindesbeinen an ein
+Bub, der vor sich hin und in den Tag hinein lebte ohne viel sinnige
+Gedanken, und die Blümlein hatte ich nur geholt, weil es mich freute, in
+der Morgenfrühe in den Wald zu gehen, die Großmutter war gar nichts für
+mich, ich hatte sie nie gekannt.
+
+Aber mein Hirn hatte getreulich alles aufbewahrt mit allen Tönen und
+Farben, was an jenem Morgen gewesen war, und noch vieles dazu, das
+schüttete es aus, wie ein Säcklein voll Raritäten und breitete es um mich
+herum aus, ein Stück ums andere. Ich sah die ganze Heimat. Die Mutter hatte
+sie mir mitgebracht, aber es war etwas dabei, das mich nicht recht freuen
+konnte. Denn sie hatte mich traurig angesehen, ich war ihr nicht recht
+irgendwie. Und es war jetzt zu bedenken, daß sie vielleicht lebte auf
+irgend eine Art, wenn man es auch nicht erklären konnte, wie, und daß sie
+zur Tür hinausgegangen war, weil ich meinen Vers nicht konnte, und daß sie
+mich mahnen wollte, ich solle sie nicht vergessen. Bei dem allem wurde es
+mir eng und schwül zumute, wie ich es vordem kaum je so empfunden hatte,
+und ich erhob mich aus dem Bett, um ans Fenster zu treten und die frische
+Nachtluft über mich hinströmen zu lassen. Da geschah es, daß mir beim
+Vorübergehen mein Bild aus dem Spiegel entgegensah, vom Mondlicht schwach
+beleuchtet, und ich erschrak daran, stellte mich aber trotzdem aufmerksam
+davor hin und sah mein Gesicht seine Augen auf mich richten, als ob es mich
+prüfen und ergründen wollte. Es war mir, als sei es ein zweiter Mensch,
+einer, der zu meinem Ich du sagen könne, und der mich durch und durch sehe,
+und es war mir nicht im mindesten möglich, mich von ihm abzuwenden oder ihm
+das Anstarren zu verbieten, ich war festgehalten, wie das Eisen vom
+Magneten. Dergleichen hatte ich vordem nie erlebt. Was bist du für einer?
+schien mir das Spiegelbild zu sagen. Dich sollte ich kennen, meine ich.
+Schon von früher, von lang her. Du bist schon lang nicht mehr bei mir
+gewesen, es ist eigentlich schade. Aber wie ich, mich dem Bilde
+befreundend, es näher ansah, und der Mond mir dazu leuchtete, faßte mich
+auf einmal ein Grauen vor mir selbst und dem Spiegelbild, das ich als mein
+Selbst erkennen mußte; es war, als ob aus den glänzenden Punkten meiner
+Pupillen ein Dritter heraussehe, der wieder ich war. Es konnte ins
+Unendliche so fortgehen, man wußte nicht mehr, wer man selber war und wer
+sich fremd in einem bewegte, und dazu tauchten Möglichkeiten und Fragen
+auf, die einem nie kamen, wenn man unbesehen für sich hinlebte und vor
+denen es einen ins Mark hinein fror. Da riß ich mich mit Gewalt von mir
+selber los und flüchtete mich ans Fenster, meine aufgeregten Pulse im
+Anschauen des stillen Nachtbildes beruhigend, das da draußen für sich
+hinlebte, gleichgültig, ob einer es ansah oder nicht. Die herrliche
+Pyramide war ganz vom Mondlicht durchflossen, es war, als bade sie alle
+ihre Blumen, Rosetten, Knäufe und Spitzen darin und sei lebendig in
+ruhevollem Atmen, und hinter ihr stieg der Berg auf mit seinen dunklen
+Bäumen, deren Wipfel in den silberlichtbeglänzten Himmel tauchten, ohne
+sich zu rühren. Die Häuser aber standen von innen heraus verdunkelt und
+ganz im Schlaf, und nur ich junges Blut wachte und wäre gern gut, einig mit
+mir und den ewigen Lebensgewalten und allem, zu dem ich im stillen du sagen
+konnte, gewesen, denn ich war wunderlich aufgerührt. Und ich hätte auch
+gern jemanden gehabt, zu dem ich nah gehörte, einen Freund oder so. Aber
+das dauerte nicht lange, und es kam nicht viel darnach. Es schauerte mich
+am offenen Fenster und im leichten Hemd, und ich kroch ins Bett zurück, den
+Spiegel vermeidend. Da nahm mich der Schlaf in die Arme bis der Morgen kam.
+
+ * * * * *
+
+Als die Geschwister Bitterolf abgereist waren, ging das Leben im Hause
+wieder seine alten Gleise hin. Mir war es recht, daß sie dagewesen, und daß
+sie wieder gegangen waren, beides hatte sein Gutes. Ich war in allerlei
+Leben hineingekommen, das ich vordem nicht gekannt hatte. Zum Beispiel
+konnte ich auf der Straße hie und da den Hut abziehen vor angesehenen
+Leuten, deren Namen und Art ich kannte, die mich wieder grüßten mit
+Höflichkeit und Achtung, und konnte jungen Mädchen unter den Hut schauen
+mit Fug und Recht, weil ich schon mit ihnen gespielt und geredet und ihnen
+etwa das Jäckchen oder den Schirm getragen hatte. Im Laden aber gab es
+Gelegenheit, mit Studenten oder anderen jungen Leuten Gespräche zu führen.
+Da war ich nicht mehr nur der junge Mensch mit dem braunen Haarbusch, als
+der ich etwa schon bezeichnet worden war, sondern ich hieß Herr Fugeler
+oder auch Fugeler kurzweg, je nach der Intimität. Und ich strengte mich an,
+in meine Arbeit hineinzuwachsen, da ich gern etwas Rechtes darin vorstellen
+wollte.
+
+Es war, wie man so sagt, ein Knopf gebrochen bei mir, das hing mit dem
+Besuch insofern zusammen, als ich durch ihn unter die Menschen und mit
+ihnen in eine Gleichartigkeit gekommen war. Aber es war auch wieder gut,
+daß er vorüber war, denn ich war doch nicht ganz gleichartig mit den
+Bitterolfschen, ich mochte mich strecken, wie ich wollte. Sie hatten etwas
+mitbekommen von klein auf, und es war noch in ihnen großgezogen worden, das
+ich kaum vom Hörensagen kannte. Das konnte man nicht mehr nachholen. Es war
+vielleicht ein Erbteil von vielen Vorfahren her, die sich selbst und ihre
+Kinder geschult und erzogen hatten, daß sie leicht und frei und ohne Mühe
+sich im Leben bewegen konnten und nirgends anstießen durch Unbehilflichkeit
+oder Nichtwissen. Auch hatten sie, wie sie sprechen und hören lernten,
+gleich eine Luft um sich herum gehabt, in der es mit allerlei Geistigem
+reichlich umging. Vielleicht waren schöne Bilder und Musik, und Frauen in
+feinen Gewändern um sie her gewesen, und sie hatten kluge Männer von aller
+Kunst und Weisheit reden hören; das war ihnen alles gewesen wie das
+tägliche Brot. Mit dem allem war ihnen der Tisch gedeckt von Jugend an, da
+wuchsen sie heran und wurden Auserwählte und hielten sich auch dafür. Und
+es war so, daß man vieles erwerben und in manches hineinwachsen konnte,
+wenn man sich darnach sehnte und alle Kraft anspannte, sie aber waren da
+von jeher daheim und lebten hochgemut und auch hochmütig, wie es mir
+schien, und es blieb immer ein Zaun, an dem man sich stoßen konnte,
+zwischen ihnen und unsereinem. Dann, wenn man sich stieß, sahen sie
+einander an und lächelten erstaunt oder verzeihend, und man sah, daß sie
+hinter ihren klugen Stirnen dachten: ach du, du kennst ja unsere Sprache
+nicht, du bist aus einem andern Land.
+
+Sonst, für dich selbst betrachtet, wärest du ganz recht, aber unsereiner
+kannst du ja nicht sein.
+
+Solche Gedanken gingen viele mit mir um, als wir wieder wie sonst im Hause
+Hagenau zusammen lebten.
+
+Aber halt, kam es mir dann: ist nicht Fräulein Brigitte auch eine von
+derselben Art, klug, vornehm und von reicher Bildung, sicher in sich selber
+und vor den andern? Ungescheut trägt sie ihre Last auf dem Rücken und hat
+eine stolze Würde, als wäre sie die aufrechteste Frau. Sie aber zieht keine
+Grenzen um sich, sondern ist gleich nah und gütig mit allen und auch mit
+mir. Was also ist besonders an ihr -- und wie kommt es, daß man Vertrauen
+und Verehrung zu gleicher Zeit bei ihr empfindet?
+
+Sie ist eine Persönlichkeit, entschied der Verstand, stolz über die Formel,
+die er gefunden hatte; eine solche wird nicht geboren, sondern entwickelt
+sich erst.
+
+Ja, aber wie? Einfach mit dem Alter? Oder durch Leiden, wie bei ihr?
+
+Das blieb immer noch die Frage, die indessen wieder in den Hintergrund
+trat, weil die Gegenwart fortwährend Neues an den Tag brachte.
+
+Ich war wieder mit dem Blumenmädchen Hertha zusammengekommen, was sich bei
+unserer nahen Nachbarschaft fast von selber machte und was ich auch
+wünschte, denn so unbekümmerlich ich auch für gewöhnlich meines Weges ging,
+so ertrug ich doch nicht leicht das Gefühl, daß irgend jemand mir böse oder
+von mir beleidigt sei, ich wollte nirgends einen schlechten Eindruck
+machen. Das hing freilich nicht mit irgendeiner Tugend in mir zusammen,
+sondern nur mit der Gewöhnung daran, daß jedermann mir wohlgesinnt und
+zugetan sei, die ich in nichts unterbrochen wissen wollte.
+
+Das gute und natürliche Mädchen machte es mir auch leicht, meine
+Entschuldigung anzubringen; es genügte ihr, daß ich im Grunde der war, für
+den sie mich gehalten hatte und mit dem man ein harmloses Wort sprechen
+konnte, was sie so gern tat, und wozu sie den Tag über bei ihrer etwas
+griesgrämlichen Frau wenig Gelegenheit hatte.
+
+Eines Abends begegnete sie mir in der Nähe des Kirchhofeingangs, an dem ich
+zufällig auf einem Spaziergang vorbei kam. Wir waren schon wieder so gute
+Freunde, daß ich auf ihre Einladung mit ihr hinein ging, da sie, wie sie
+sagte, den Oberaufseher besuchen wollte, mit dem sie gut bekannt sei. Wir
+gingen durch die Gräberreihen, zwischen denen wie schwarze Schatten hie und
+da Trauernde wandelten, nach einer Gegend hin, wo alte Bäume zwischen
+eingesunkenen Hügeln standen, und wo die Steine verwittert und die Namen
+fast unleserlich und mit feinem Moos ausgefüllt waren. Es war eine längst
+verklungene Gesellschaft hier beisammen, es mochte aber nicht mehr viel von
+den stillen Bewohnern der unterirdischen Kammern übrig sein. Während dort
+immer noch Trauer und Tränen umgingen, war hier längst Ruhe eingekehrt, und
+die Vögel bauten ihre Nester an den Sträuchern, die aus den Gebeinen der
+längst Gewesenen entsprossen waren.
+
+»Sehen Sie,« sagte Hertha vorstellend, als müsse sie mir die Bekanntschaft
+der Ruhenden vermitteln, »hier liegt ein alter Junggeselle oder doch
+wahrscheinlich ein Junggeselle. Es hat niemand um ihn geweint, als er
+gestorben ist, das hat mich schon schwer erbarmt. Ich habe ihm schon einmal
+einen Syringenstrauß gebracht, aber freilich, es hilft ihm nichts mehr. Man
+sollte leben, so stark man kann, solange man da ist, denn nachher ist es zu
+spät, und man läßt nichts hinter sich.«
+
+Ich sah sie verwundert an. Woher wußte sie die Lebensgeschichte dessen, der
+unter dem ganz bemoosten Stein lag, und wie kam sie dazu, ihm Blumen zu
+bringen, wenn er sie doch nichts anging? Und wie kam aus ihrem jungen und
+blühenden Munde solche Erfahrungsweisheit?
+
+»Da, sehen Sie!« Sie schob ein paar Zweige des Efeus, der von der Mauer
+hergekrochen war und das Grab umarmte, zurück.
+
+»Hier ruht ein Fremdling, Herr Vinzentius Burhagen, hier gestorben Anno
+1799, dem Gott gnädig sei.«
+
+So hieß die Grabschrift. Die Buchstaben waren einmal ausgekratzt worden,
+das sah man, damit sie wieder lesbar wurden. Aber als ich Hertha fragend
+ansah, ob sie das getan habe, schüttelte sie den Kopf.
+
+»Das hat der Zeitler getan, der über den Ort hier gesetzt ist. Er kennt
+alle Begrabenen hier und weiß von ihnen, woher, das weiß kein Mensch. Er
+ist einmal in der Fremde gewesen und hat auf die Gelehrsamkeit studiert,
+aber es ist ihm etwas dazwischen gekommen, und er ist heimgekommen und hat
+angefangen, die Toten zu hüten. Sie seien so friedlich, sagt er, und hätten
+alles hinter sich, Dummheit und Bosheit und Schmerzen, alles, es sei gut
+mit ihnen auskommen. Da ist er,« unterbrach sie sich und strebte vorwärts
+nach einer halbrunden Bank hin, die auf einem winzigen Hügel stand. Dort
+saß ein älterer Mann in ausruhender Haltung. Er trug Kopf und Schultern
+vorgeneigt und hatte die lässigen Hände zwischen die Knie gelegt; ein paar
+rote Nelken hielt er lose darin. Als ich ihn sah, war es mir sogleich, als
+ob ich ihn schon irgendwo einmal gesehen hätte, vielleicht vor langer Zeit,
+ich wußte aber nicht wann und wo. Das erinnerte mich an meine Kindertage,
+wo ich ein ähnliches Erlebnis hier und da gehabt hatte. Ich sah einen Ort
+oder Menschen oder ein Ding zum erstenmal, und es war mir, als sähe ich
+etwas Altbekanntes und ließ es mir auch nicht ausreden, daß es in Wahrheit
+so sei. In solchen Fällen pflegte meine Mutter zu sagen: Du wirst es noch
+von damals kennen, als du das erstemal auf der Welt gewesen bist, und ich
+wußte nicht, ob sie das im Spaß oder im Ernst sagte und dachte auch nicht
+tiefer darüber nach.
+
+Der alte Mann ließ ein paar ruhig betrachtende Augen auf mir liegen, und
+ich gab es ihm in meiner Verwunderung über das vermeintliche Wiederkehren
+von etwas längst Gewesenem heim, so sahen wir einander ins Gesicht,
+vielleicht nur ein paar Sekunden, aber doch lang genug, um in der
+Schnelligkeit irgendeine Verbindung zwischen uns herzustellen.
+
+Hertha sagte: »Ich bringe einen Besuch mit. Er ist mir unterwegs begegnet,
+er ist mein Nachbar,« und wir ließen uns links und rechts von dem
+Friedhofswächter auf der Bank nieder. Er reichte Hertha eine seiner Nelken,
+die sie begierig riechend an die Nase führte. »O, die sind von der jungen
+Frau Maibom,« sagte sie, den Duft erkennend, er aber schüttelte den Kopf:
+»Falsch geraten, sie sind von der Familie Gutekunst,« und ich merkte, daß
+sie von Gräbern sprachen. Da wurde es mir eigen zumute. Der Abend war noch
+im Verlöschen mild und schön. Am Horizont waren Tücher ausgebreitet von
+bunten, allmählich erblassenden Farben, eine Betzeitglocke läutete, im
+Gebüsch fing eine Nachtigall an zu schlagen, neben mir saß der Mann mit dem
+schmalen, bekannten Gesicht und drüben das junge, starklebendige Mädchen,
+es hätte alles heimelig und warm sein können. Aber unfern von uns war ein
+altes Grab aufgemacht, und es lag ein Häufchen gelber halbvermoderter
+Knochen dabei, die der Totengräber herausgeschaufelt hatte, und es war ein
+Gerüchlein von welkenden Kränzen vorhanden, die in der Nähe auf einem
+Haufen lagen, das alles mahnte mich diesseitigen Menschen an die Gegenden
+jenseits der Grenzen, und ich wunderte mich, wie ich hier hereingeraten
+sei. Jedoch nicht lange, denn Hertha hatte keineswegs die Absicht, Geister
+zu beschwören oder Vergänglichkeitsgedanken nachzuhängen, sondern sie stand
+blühend und freudig im Leben und hatte nur ein freilich merkwürdiges
+Mitleid mit den Toten, weil sie von dieser Welt fortgemußt hatten, auf der
+es doch so schön war; es konnte um sie herum kein spukhaftes Grauen
+aufkommen.
+
+Sie roch an ihrer Nelke und sagte: »Gebt doch dem Herrn auch eine. Er
+steckt den ganzen Tag zwischen den Büchern, ich möchte nicht in seiner Haut
+sein. Er hat ein so ernsthaftes Gesicht, das kommt davon. Es ist aber bloß
+oben drauf, er kann auch lachen, ich hab's schon gesehen.«
+
+Der Friedhofswächter gab mir eine der würzhaft duftenden Blumen. Es waren
+solche, wie sie der alte Heinrich Kilian gepflegt hatte und wie sie jetzt
+noch daheim vor meinem Kammerfenster blühten, wahrscheinlich wenigstens.
+War denn aber alles verhext heute abend und war etwa mein Kilian in den
+Zeitler geschlüpft, um mit mir Versteckens zu spielen und zu fragen: Kennst
+mich noch? Woher mir solche Gedanken kamen, weiß ich nicht, aber sie waren
+um den Weg und ich mußte, wie damals in den Spiegel, so heute mit einer
+halben Lust und einem halben Grausen in das Gesicht des Zeitlers sehen, ob
+mir eine Erkenntnis komme, die mich ja freilich beim ersten Augenwink in
+die Flucht gejagt hätte, da, was man etwa im Traum gelassen oder freudig
+hinnimmt, das Dasein eines Hingegangenen, im Wachen jähes Entsetzen
+bedeutete. So unverrücklich fest steht uns in uns selber Eingeschlossenen
+die Ordnung der Dinge beider Welten. In mein Schweigen hinein und das des
+Zeitlers schüttete Hertha ihr Geplauder, das in der werdenden Dämmerung
+tönte wie ein spielendes Bächlein, und zu dem nach und nach meine Gedanken
+zurückkehrten unverrichteter Sache. Denn es war ja, wenn ich mich nüchtern
+besann, ohnehin ein Unsinn, was sie ausheckten.
+
+»Ich verstehe nichts von Büchern,« hörte ich Hertha sagen, »man müßte mir's
+grad sagen, was darin steht, daß ich's nicht selber lesen muß.«
+
+Der Zeitler gab einen summenden Ton von sich, der allerlei bedeuten konnte,
+ein Lachen oder einen Zweifel, und Hertha fuhr fort:
+
+»Ich bin nur froh, daß ich's mit den Blumen habe, es ist, wie wenn ich dazu
+auf die Welt gekommen wäre, daß ich das Kranzbinden treibe. Das kann ich
+nach der Regel, ich hab's gelernt und hab's auch in den Fingern. Meine Frau
+paßt nicht dazu, sie hat erst in das Geschäft hineingeheiratet, das ist der
+Unterschied. Sie dauert mich eigentlich, denn sie hat ein saures Gemüt. Sie
+hat als Kind einmal in einen Essighafen gerochen, davon ist's ihr
+geblieben. Mich hat sie aber gern, und sie ist auch froh an mir. Die Leute
+kaufen gern bei mir, weil ich freundlich bin und gern lache. Es gibt auch
+nichts Schöneres, als den ganzen Tag geschafft haben und abends fertig
+sein. Oder ja, vielleicht gibt es auch etwas Schöneres, und man weiß es
+bloß nicht. Heute habe ich eine Girlande machen müssen um ein
+Kindersärglein aus lauter Monatröschen und mit Immergrün. Da habe ich
+weinen müssen, weil es mich so gedauert hat, zu denken, ich könnte als Kind
+gestorben sein und wäre dann nicht mehr da. Ich bin gern da, das muß ich
+sagen; von mir aus könnte jeder Tag hundert Stunden haben, es wäre mir
+keine zu viel.«
+
+»Du Närrlein,« sagte der Zeitler, »was wär's denn dann mit dem Feierabend
+und dem Sonntag, wenn du so lange Tage haben willst?«
+
+»Jaso, ja,« gab das Mädchen zu, »es ist nur gut, daß ich's nicht machen
+muß, es käme etwas Schönes dabei heraus. Versteht sich, der Sonntag müßte
+geradeso lang sein und der Feierabend auch. Es ist mir auch ganz recht, wie
+es ist, ich will es gar nicht anders haben. Gestern war das bucklige
+Fräulein Hagenau bei mir im Laden und kaufte einen Rosenstock, und ich trug
+ihn hinüber. Da saß sie in ihrem schönen Wohnzimmer in einem seidenen
+Sessel, und ihr Bruder saß ihr gegenüber und las in der Zeitung, und die
+alte Magd Salome trug den Kaffee herein. Die haben's schön, aber ich möchte
+sie nicht sein, um kein Geld. Lieber Gott, wenn man jung ist und vergnügt
+und gerade Glieder hat, dann freut's einen, und alles kann noch kommen, was
+es Gutes gibt. Ich möchte doch nicht ledig bleiben, nicht um alles.«
+
+»So sei jetzt auch einen Augenblick still,« sagte der Zeitler, »man kann ja
+mit keinem Steckelein dazwischenfahren, wenn du einmal anfängst, es läuft
+wie aus einem Brunnenrohr. Was weißt denn du davon, wie es gehen kann auf
+der Welt, und was weißt du von Glück und Unglück? Verheiratetsein kann ein
+Glück oder ein Elend sein, und Ledigsein auch, es kommt drauf an, wie man
+es erlebt.« Er sagte es ein bißchen scharf und streng, und Hertha dauerte
+mich, denn ich dachte auch wie sie, einmal in diesem Augenblick sicher.
+Aber sie machte sich augenscheinlich nichts daraus, denn sie lächelte vor
+sich hin und dann zu mir herüber, als ob wir beide besser wüßten, wie es
+wäre.
+
+Auch fuhr der Zeitler gleich darauf milder fort: »Die Brigitte tauschte mit
+niemand, wenn man es ihr anbieten wollte. Heißt das, was sie in sich selbst
+und aus sich heraus geworden ist, gäbe sie nicht hin, wenn sie noch einmal
+ein Leben leben dürfte in einem schlanken Körper und mit allem, was man so
+gemeinhin Glückseligkeiten heißt.«
+
+Wir sahen ihn beide fragend an, weil er das Fräulein beim Vornamen nannte
+und weil er über ihr Inneres Bescheid zu wissen und sie überhaupt zu kennen
+schien.
+
+»Er ist bei Hagenaus,« sagte Hertha und deutete mit dem Kopf nach mir hin.
+
+Der Zeitler hatte noch nicht nach meinen Verhältnissen gefragt, nun sah er
+mich aufmerksam an und sagte: »Sie sind da in guten Händen«; er zögerte ein
+wenig und fügte dann hinzu, »zum wenigsten, was die Schwester betrifft,
+obgleich ich Herrn Kasimir nichts zuleide tun will. Ich kenne ihn weniger
+als sie, die ein lebendiger Mensch ist, wie es nicht viele gibt.«
+
+Was er da sagte, erfüllte mich mit Begierde, mehr von den beiden und
+besonders von Fräulein Brigitte zu hören. Ich mag wohl auch den Zeitler
+bittend genug angesehen haben, denn er fing nach einigem Zögern wirklich
+an, einiges aus ihrer Lebensgeschichte mitzuteilen. Woher er sie wußte,
+verlautete nicht. Ich muß glauben, daß er selber irgendwie an ihr beteiligt
+oder mindestens Zuschauer gewesen war; er vermied es aber, sich selbst zu
+nennen. Das sei immer so, sagte Hertha, er rede nie von sich.
+
+Es ist mir aber, als habe er doch von sich geredet ohne Willen, denn er
+verfiel im währenden Erzählen in eine seltsam reiche und blühende Sprache,
+die deutlich genug sagte, daß er einmal in einer Welt gelebt habe und sie
+noch in sich trage, die von seiner jetzigen unterschieden sei in mehr als
+einer Hinsicht.
+
+Ich meine, ich höre ihn noch; es wird aber wohl bei mir anders
+herauskommen.
+
+»Dort drüben,« sagte Zeitler, und deutete nach einem Marmorgrabmal, das
+zwischen einer Baumgruppe heraussah, »liegt oder lag eine junge, feine
+Frau, die der Tod an einem einzigen heißen Krankheitstag erwürgt hat. Sie
+hatte die Augen noch offen, als der Sarg geschlossen wurde, oder vielmehr,
+sie waren, schon zugedrückt, langsam wieder aufgegangen, und es sah
+erschütternd aus, wie die erloschenen Sterne unbeweglich nach dem
+Kinderhäuflein hinschauten, dem sie noch lange hätten scheinen sollen. Das
+war die Mutter der Geschwister Hagenau. Sie war eine Waldbauerntochter
+gewesen, gesund, schön, lebensfreudig und heißblütig und dabei reich und
+von guter Bildung, und hatte dem etwas verbrauchten Hause mit Blut und Geld
+aufhelfen sollen. Letzteres war geschehen, aber der Reichtum ihres
+sprühenden Lebens schien ganz und gar der jüngsten Tochter Brigitte
+aufbehalten gewesen zu sein, während die älteste und der um weniges jüngere
+Sohn dem Vater nacharteten, der brav, gewissenhaft, gründlich belesen und
+mit allgemeiner Bildung versehen, aber etwas trocken und unlebendig war.
+Oder wenigstens so ungefähr wurde er geschildert. Doch soll er an der Frau
+unendlich gehangen haben und durch ihren Tod ganz gebrochen, und also doch
+nicht ohne Leidenschaft gewesen sein. Für die Kinder hatte er nach dem Tode
+der Frau nicht mehr viel Aufmerken. Er veranlaßte ihre Schulbildung, wie es
+recht und üblich war und nahm eine Hausdame, die für Nahrung und Kleider
+und für das Hergebrachte an guten Sitten und was man so gemeinhin Erziehung
+nennt, sorgte, und die er der Bequemlichkeit halber nach einiger Zeit
+heiratete, ohne daß sie viel für ihn gewesen wäre. Die arme Frau und Mutter
+hatte allen Grund gehabt, ihr Häuflein mit gebrochenen Augen noch traurig
+anzusehen, wenn man so sagen darf, denn es war nicht mehr viel Freudigkeit
+und Kinderglück im Hause. Einzig die jüngste Tochter, die auch im Äußeren
+das Abbild der Mutter war, schien Sonne und Lebenslust in sich selbst zu
+tragen und sich ihre Nahrung zu holen, wo man sie ihr nicht anbot. Sie war
+von jedermann überzeugt, daß er sie liebe und Freude an ihr habe, und
+dieses glückliche Wissen um sich selbst, ließ sie hinwiederum auch allen
+Leuten strahlend und wie ein kleines Sönnchen entgegenkommen, dem sich in
+Wahrheit niemand ganz entziehen konnte. Die beiden andern Kinder wuchsen
+dagegen als Schattenpflanzen auf; das Mädchen als stille, brave,
+pflichttreue Schülerin, die ihren Ehrgeiz darein setzte, alle
+Unterrichtsstoffe gründlich und unvergeßlich in sich aufzunehmen, der
+Knabe, der vielleicht am meisten von allen die Mutter entbehrte, aber ohne
+sich dessen bewußt zu sein, als knurriger und verdrießlicher Sohn seines
+unfrohen Vaters, ohne rechte Blüte lang ins Kraut schießend. Er ärgerte
+sich selbst und andere bei jeder Gelegenheit, und besonders hatte er es auf
+die lachende Brigitte abgesehen, deren Liebreiz er verspürte und genoß,
+ohne es merken zu lassen. Vielmehr stritt und balgte er sich mit der
+Schwester herum und hatte hunderterlei an ihr auszusetzen, vielleicht nur,
+um sie in raschem Zorn entflammen zu sehen, worin sie ihm besonders gut
+gefiel, oder auch, um ihr helles und unwiderstehliches Gelächter zu hören,
+wenn ihr sein nörgelndes Wesen komisch erschien.
+
+Das ärgerte und entzückte ihn dann zu gleicher Zeit; er ließ aber weder das
+eine noch das andere merken, sondern tat gleichgültig und als ob es ihm zu
+wenig wäre, darauf zu horchen. In ihrem zwölften Jahr war Brigitte ein
+schlank aufgeschossenes Mädchen mit prachtvollen Zöpfen, die sie lang
+herabhängend trug, und mit einem Ausdruck in dem blühenden Gesichtchen, als
+ob sie von weitem die vollen Ströme des Lebens rauschen höre und sich
+anschicke, darauf zuzugehen, um sich darin zu baden. Statt dessen aber
+wartete ein dunkles Meer der Leiden auf sie, und das Rauschen war ein
+herannahendes Gewitter, das den vernichtenden Blitz auf sie niedersandte
+und die Sonne auslöschte, ehe sie noch im Mittag stand.«
+
+Hier unterbrach sich der Zeitler, für einen Augenblick aus der
+Vergangenheit auftauchend, und merkte selbst, daß er in einer Weise zu uns
+redete, die wir nicht bei ihm gesucht hätten, und die auch bei ihm selbst
+zurzeit nicht üblich war. Er nahm eine der Nelken zwischen die Lippen, und
+es war mir plötzlich, als habe ich ihn nicht im Leben, sondern auf einem
+Bild so gesehen und wisse nun, wer er sei, es falle mir nur der Name nicht
+ein.
+
+»Kurzum,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, als habe er wie ein Maler
+nach einem andern Pinsel gesucht oder als Musiker eine andere Saite
+aufgezogen, »die Brigitte erlitt einen schweren Unfall, der sie zu dem
+verwachsenen Geschöpf machte, das sie jetzt ist, und ihr ganzes Leben
+umkehrte. Es ist schon lang her, und vielleicht sollte man es jetzt nicht
+mehr sagen, aber der Kasimir war schuld daran. Es war in einem
+Nachbargarten. Die Brigitte saß in einer Schaukel, die zwischen zwei Bäumen
+angebracht war; sie schwang sich leicht spielend hin und her und plauderte
+daneben mit den Nachbarsmädchen. Da trat der Kasimir hinzu und fing an, die
+Schaukel zu stoßen, daß sie hoch und immer höher hinausflog. Vielleicht
+gefiel es ihm, daß die schwarzen Zöpfe so lustig tanzten, vielleicht auch
+hatte er sein unholdes Vergnügen daran, daß die Brigitte rief: >Laß sein,
+ich will nicht so hoch!<, kurzum, er stieß mit aller Kraft, daß die
+Schaukel mit dem schönen Vogel drin an die vollen Kronen der Bäume anstieß
+und zwischen den Zweigen hindurchrauschte. Das Mädchen wurde blaß und bekam
+Angst, was sonst nicht in seiner Art lag, und bat flehentlich ums Aufhören,
+aber der fünfzehnjährige Flegel hatte seiner Lust noch nicht Genüge getan,
+oder was es war; als die Brigitte außer sich herunterrief: >Laß los, oder
+ich springe heraus!<, gab er, der es natürlich nicht glaubte, noch einen
+letzten, wilden Stoß drein, um dann aufzuhören, und in dem Augenblick flog
+das Mädchen durch die Luft und schlug schwer auf den Boden auf. Die
+Schaukel aber kam ledig zurück und schwang sich, in den Ringen knarrend,
+noch eine Weile hin und her, bis einer hinging und sie anhielt.
+
+Da war dann nun eine Zerstörung geschehen, die jedem weh tun mußte, der sie
+sah. Es wäre fast leichter anzusehen gewesen, wenn das arme, totenblasse
+Kind, das da im kurzen Grase lag, die Augen nicht mehr aufgemacht hätte. Es
+wäre dann in aller seiner sonnigen Schönheit dahingegangen, und jedermann
+hätte es als einen Liebling bei Gott und Menschen in der Erinnerung gehabt.
+Aber freilich, der Kasimir wäre dann sein Mörder gewesen in aller tapsigen
+Dummheit, und so konnte man es wieder nicht wünschen, auch wenn es etwas
+geholfen hätte. Das Leben ging auch, ohne zu fragen, seine eigenen Wege,
+legte das schöne, unglückliche Geschöpf auf ein jahrelanges schmerzhaftes
+Siechbett, drohte zuweilen, es nachträglich noch hinweg zu nehmen und ließ
+es dann zu einem schweren, unbegreiflichen Dasein wieder aufstehen. Die
+Wirbelsäule war verkrümmt und wurde es immer mehr, und unaufhaltsam sank
+der schöne, feine Kopf zwischen die Schultern und beugte sich der aufrechte
+Wuchs, den das heranblühende Kind gehabt hatte. Da war die Brigitte kein
+Sönnchen mehr, sondern eine arme, leidende Kreatur, von deren tieferen
+Schmerzen gewiß kaum ein Mensch recht wußte, und die eine Mutter hätte
+brauchen können, wenn sie, die draußen schlief, irgend zu erwecken gewesen
+wäre. Denn als das lange Siechtum überstanden war, regten sich von neuem in
+dem lebensvollen Mädchen die Kräfte des Blutes und der überschwängliche
+Lebensdrang, den sie von der Mutter ererbt hatte, und der nun in einem
+verwachsenen Leibe gefangen lag. Die Schwester heiratete in all ihrer
+dünnblütigen Zahmheit einen Privatdozenten von der Universität, der in
+früheren Jahren die kleine Brigitte sein Bräutchen geheißen hatte, und dem
+auch jetzt unglücklicherweise ihr lebenverlangendes Herz mit harten Pulsen
+entgegenklopfte. Er zog mit der Frau nach dem hohen Norden hin und wurde
+eine Berühmtheit in seinem Fach, das junge, schmerzlich lebendige Geschöpf
+aber blieb in dem unfrohen Vaterhause zurück. Die zweite Frau des Vaters
+war auf einer Erholungsreise in ihre Heimat gestorben und auch dort
+begraben worden, und es verstand sich von selbst, daß Brigitte die Führung
+des Haushalts übernahm, der aus dem Vater und dem Unglückswurm Kasimir
+bestand. Dieser war über den Unfall, den er herbeigeführt hatte, außer sich
+gewesen, was sich darin zeigte, daß er, wie er ging und stand, von der für
+sterbend gehaltenen Schwester weg in ein benachbartes wildes Tal lief und
+sich dort verschiedene Tage und Nächte lang umhertrieb, bis ihn endlich das
+Verlangen, etwas Näheres zu erfahren, wieder in die Stadt führte, und zwar
+zuerst auf den Friedhof, wo er sehen wollte, ob sich das Muttergrab
+geöffnet und über einer neuen Bewohnerin wieder geschlossen habe. Als er
+nun sah, daß nichts dergleichen erfolgt war, setzte er sich, übermüdet von
+Angst und Reue und dem ziellosen Umherirren, auf den mütterlichen Hügel
+nieder und schlief ein, bis er spät am Abend verwirrt emporfuhr, weil
+jemand seinen Namen gerufen hatte. Es war dies sein Vater, der, gleichfalls
+aufgestört aus seiner gewöhnlichen Ruhe, heftige Angst um sein
+Lieblingskind empfand, dem er freilich sein besonderes Wohlgefallen kaum je
+gezeigt hatte, und der nun fast instinktmäßig den Ruheplatz seines Weibes
+aufsuchte, um ihr als Mutter zu sagen, daß sie eigentlich jetzt am Platze
+sein müßte. Als er nun an dieser Stelle den Sohn fand, dem er
+begreiflicherweise heftig zürnte, und dem er eine gehörige Strafe, er wußte
+nur noch nicht welche, zugedacht hatte, ging eine seltsame Wandlung mit ihm
+vor, deren er sich nicht erwehren konnte. Der Missetäter hatte nämlich,
+vielleicht um bequemer zu ruhen, vielleicht aber auch in einem
+ausbrechenden Verlangen nach Schutz und Hilfe, mit beiden Armen den
+aufrechtstehenden Marmorblock umfaßt und den Kopf auf den mütterlichen
+Namen gelegt, und erschien dem Vater wie ein alttestamentlicher Flüchtling,
+der zur Sicherung vor seinen Verfolgern in den Tempel eindrang und die
+Hörner des Altars umklammerte. Auch zeigte sich im Schlaf eine so
+unverstellte Herzensnot und Bekümmernis auf dem sonst gleichgültigen
+Gesicht des Sohnes, daß sich der Vater des Erbarmens und der Rührung über
+das Leiden, das noch größer war als seines, nicht enthalten konnte und den
+Schlafenden aufweckte, nicht zum Gericht, wie dieser meinen mußte, sondern
+um ihn ans Herz zu schließen. Das ist freilich nicht buchstäblich zu
+verstehen, denn Liebkosungen waren in der Familie nicht Sitte und waren
+bisher nur von dem jetzt verdunkelten Sönnchen ausgegangen, aber dennoch
+ging von da an ein stilles Einverständnis zwischen Vater und Sohn einher.
+Für diese beiden war überhaupt das Unglück der armen Brigitte ein freilich
+noch tiefverschleiertes Glück. Denn die Reue, die der Kasimir, und das
+Mitleid, das beide empfanden, zwang sie, ihrer kargen Natur einiges an
+Zartheit, Güte und Fürsorge abzuringen, um der armen Kranken das Leben zu
+erleichtern, was alles ihnen selber wieder zugute kam. Es geschah aber das
+Wunderbare, daß das gequälte Geschöpf, die Brigitte, in aller ihrer Leibes-
+und Seelennot dennoch wieder etwas von dem alten Lachen fand, zuerst nur
+selten und fast widerwillig, aber später sich selbst unwiderstehlich. Das
+war, als sie sah, wie die beiden Männer, der alte und der junge, ihre
+ungeschickten Versuche machten, sie aufzuheitern und das düster gewordene
+Haus zu erhellen. Es war ihr wie jemandem, der zusieht, wie unerfahrene
+Hände sich mühen, verquollene Fensterladen aufzumachen, um Licht in einen
+dunklen Raum zu lassen, und der endlich hingeht, um es selber zu tun, da
+doch keine Aussicht ist, daß es anders hell werde. Denn die ursprüngliche
+und gottbegnadete Heiterkeit hatte in der ganzen Familie doch nur Brigitte
+allein, und es wurde ihr nach und nach klar, daß es alles nichts helfe, sie
+müsse den verschütteten Quell wieder ausgraben, da sie ohne ihn nicht leben
+könne, und auch die andern darnach dürsteten. Das ging freilich nicht ohne
+blutende Hände ab und nicht ohne Verzweiflung am endlichen Gelingen. Es
+wurde ihr nichts erspart an qualvollem Verlangen nach Glück und vollem
+Menschenleben, besonders wenn sie andere in aller Ruhe und Gottergebenheit
+erleben sah, was sie selber, wenn es ihr zuteil geworden wäre, mit
+Seelenjauchzen und Wonnestürmen in sich ausgetragen hätte.
+
+Doch,« unterbrach sich Zeitler, »es hat schließlich niemand das Recht,
+davon zu reden, da sie selber es nicht tat. Wenn sie aber,« fuhr er fort,
+»von einem Anlauf nach der festen Burg der Herzensstille und des sich
+Genügenlassens ermüdet zurücksank, so malte sich ein so ehrlicher und
+ratloser Kummer in den Gesichtern der Männer, daß sie es nicht mitansehen
+konnte und sich wieder aufraffte, und wieder, wenn sie ein heiteres Gesicht
+und einen kleinen Scherz zuwege brachte, so erhellten sich die trockenen
+und verlegenen Mienen so sehr, daß es ihr ein beständiger Reiz war, die
+Verwandlung zu sehen und hervorzubringen.
+
+Was aber zuerst nur kraftlose und gequälte Versuche waren, das entwickelte
+sich im Lauf der Jahre durch ehrliche und anhaltende Übung zu einem
+lebendigen und ungestörten Besitz, um den sie die meisten Menschen, in
+deren Dasein es immer glatt und eben zugegangen ist, beneiden könnten, wenn
+sie dazu die Fähigkeit hätten, ja zu einer Quelle, nach der es verstäubte
+und müde Wanderer hinzieht und niemals umsonst. Natürlich steckt da noch
+allerlei darin und dahinter, zu dem, wie zu einer verschlossenen
+Brunnenstube, sie allein den Schlüssel hat. Doch kann man immerhin an einem
+frisch und unermüdlich sprudelnden Brunnen merken, wie die aus der Tiefe
+steigende Quelle beschaffen sein muß.
+
+Der Kasimir hatte schon längst bei sich selber beschlossen, unverheiratet
+zu bleiben, um der Schwester ein dauerndes Heim bieten zu können. Das hätte
+unter Umständen ein schweres Opfer sein können, das wohl auch die klare und
+natürlich empfindende Frau, die Brigitte ist, niemals angenommen hätte.
+Aber sie sah bald, daß sie dem Bruder mehr geben könne, als er ihr, ja, daß
+der etwas trocken und karg ausgestattete Mensch nicht so viel mitteilende
+Lebenskraft habe, daß es um die Ehe, die er hätte führen können, schade
+gewesen wäre. Sie ließ ihn ruhig gewähren, ohne es ihm auf die Nase zu
+binden, wie sie die Sache auffaßte, so daß er das erwärmende Gefühl
+behielt, ihr zur Sühne für einen ungezogenen Augenblick sein ganzes Leben
+zum Opfer zu bringen, was ihm wohl tat und ihn, wenn er es hie und da
+bedachte, erhebend anrührte. Oder vielleicht auch noch anrührt,« schloß der
+Zeitler, dem es plötzlich einzufallen schien, daß die Personen, die er aus
+der Vergangenheit heraufgeholt hatte, wo er ihnen irgendwie näher gestanden
+sein mußte, noch da waren, ja, daß ich begierig Horchender jeden Tag um sie
+war.
+
+Es war inzwischen fast ganz Nacht geworden, aber nicht eigentlich dunkel,
+denn am wolkenlosen Himmel waren die Sterne sichtbar geworden und
+flimmerten wie Fenster, auf denen der Widerschein eines Lichtes liegt; auf
+dem weiten Gräberfeld webte und rührte sich allerlei, aber es waren nur die
+Gebüsche, die der leise Nachtwind regte, oder die weichen, langen Zweige
+der Trauerweiden, die sachte hin und her wogten; Düfte kamen in weichen
+Wellen heran und umgaben uns, und ich dachte an meine Mutter und daß sie
+gesagt hatte: Die Toten haben keine andere Sprache, um uns zu sagen:
+Vergeßt uns nicht, denkt an uns. Aber es war nichts von Grausen dabei, denn
+es hüllte mich ein großes Wohlsein ein. Ich fühlte eine quellende Liebe im
+Herzen und wußte nicht, galt sie der siegreichen Brigitte oder dem kleinen
+Sönnchen, das sie früher gewesen war, oder dem Zeitler, der mir so
+wunderbar bekannt schien, und der sich selber ganz im Dunkel hielt, wenn er
+von den andern erzählte. Wer war er denn, wenn man fragen durfte? Aber man
+durfte nicht fragen, man mußte sich ganz still halten.
+
+Da sagte auf einmal Hertha mit einem kleinen Seufzer: »Ach, daß die arme
+junge Frau die Augen offen gelassen hat! Aber ich ließe sie auch offen,
+wenn ich sterben müßte, man dürfte sie mir nicht zudrücken. Ich möchte
+wissen, ob meine Mutter auch noch nach mir hingesehen hat, wie sie tot
+gewesen ist. Nein, sie hat es nicht getan, sie hat mich ja schon vorher
+hergegeben gehabt, mich armes Kind. Wenn ich nicht so vergnügt wäre, so
+wäre ich gewiß recht traurig; ich habe es aber in mir, daß mich das Leben
+freut, ich kann nichts dafür.«
+
+Der Zeitler stand auf und führte uns zum Ausgang; es war mir, als sei ich
+in einer andern Welt gewesen und kehre nun wieder in die vorige zurück.
+Hertha sagte, als wir vor ihrer Haustür waren: »Ach, es ist schad, daß man
+die Nächte verschläft, aber es wird so sein müssen, scheint mir. Ich möchte
+einmal eine Nacht durch laufen und bis in den Morgen hinein, durch den Wald
+und über einen Berg hinüber, aber nicht allein, es müßte zu zweit sein. Und
+wenn es hell würde, ständen wir oben auf einem andern Berg und wären froh,
+daß wir schon auf sind, eh' die Sonne kommt, weil es schad' ist um alles,
+was schön ist, und man sieht's nicht.«
+
+Da hätte ich doch nicht übel Lust gehabt, sogleich mit ihr fortzuwandern
+durch schlafende Wälder und an schwatzenden Bächen hin und in den Morgen
+hinein. Aber sie schlüpfte ins Haus, und ich ging allein vollends in die
+Stadt hinein, und nach einer Weile hatte ich das Gelüste schon vergessen,
+denn es war so vieles lebendig in mir an diesem Abend, es war gut, daß ich
+mit keinem Menschen reden mußte.
+
+ * * * * *
+
+Einmal, nicht lang nach diesem, kam ein Brief von meiner Schwester Luise,
+der mir viel zu schaffen machte. Er weckte mich, der ich ganz im Hier und
+Heute lebte und genug damit zu tun hatte oder es doch meinte, für eine
+Weile zum Gedenken an eine Welt auf, die mich nur ungern und nach ihrem
+Dafürhalten nur leihweise hergegeben hatte, die mir aus ihren treuen und
+stillen Kräften unermüdlich spendete, was ich bedurfte oder auch nur zu
+bedürfen glaubte und die nichts zum Entgelt wollte, als etwas von mir
+selbst, ein Zugehören, ein Heimdenken und freilich auch hie und da ein
+Zeichen davon.
+
+In der Kürze: ich schrieb wenig genug nach Hause; es war mir alles entweder
+zu groß oder zu klein, als daß ich es hätte mitteilen mögen. Auch war das
+Schreiben langweilig und jede Stunde sonst besetzt, und so kam es, daß
+meine Schwestern nur nichtssagende Zettel von mir bekamen. Ich brauchte
+Wäsche oder Stiefel, oder mußte mir dies und das anschaffen; sie hatten mir
+einen Kuchen geschickt nach altem Rezept, er war gut gewesen, aber ich
+stand gut im Futter und sie brauchten mir in Zukunft nichts zum Essen zu
+schicken; ich machte einen Ausflug und grüßte sie mit einer Ansichtskarte;
+im übrigen ging es mir gut und ich hoffte es auch von ihnen. Ich dachte,
+sie seien damit zufrieden, denn ich war es selber auch, und in ihren
+Briefen stand auch nichts anderes. Nun aber hatte Luise den Plan gefaßt,
+mich zu besuchen und sich zu dieser Reise, die ein großes Ereignis in ihrem
+Leben werden konnte, nach und nach ein Sümmchen zurückgelegt. Sie wollte
+sich ein besseres Kleid dazu anschaffen, ein Reiseköfferchen und
+dergleichen, und sie gedachte auch, es sich unterwegs einige Tage wohl
+sein zu lassen und auch mir die oder jene Güte anzutun. Dabei rechnete sie
+meine Freude, mit der ich sie empfangen würde, mit der ihrigen, mich
+wiederzusehen, zusammen, und es schien ihr eine Summe, die es wert war, das
+Ersparte daran zu wenden, besonders wenn sie ihr Verlangen nach einer
+kleinen Unterbrechung des arbeitsreichen und einfachen Lebens, das sie
+führte, noch dazu tat. Denn ich hatte die Freude am Schönen und Freien, das
+es auf der Welt gab, nicht allein gepachtet, es gab noch andere Leute,
+denen es um ein offenes Fenster nach der Sonnenseite hin zu tun war.
+
+Aber es war ein Strich durch die hübsche Rechnung gemacht worden, denn es
+war ein Posten für ein Fahrrad eingelaufen, und zwar für ein gutes, da die
+billigen nichts aushielten. Dafür hätte man einige Reisen machen können,
+aber es war jetzt nichts zu wollen, das Geld mußte zuerst abbezahlt werden
+so nach und nach. Denn wer wollte sich einen hübschen Hut kaufen oder einen
+Schirm, was beides man unterwegs brauchte, an die Reisekosten nicht zu
+denken, solang eine unbezahlte Rechnung im Hause lag? Also das war nichts
+gewesen für diesmal; man mußte es auf ein anderes Jahr sparen, es war aber
+schade, denn es wäre doch an der Zeit gewesen, einander wieder zu sehen.
+Nicht daß mir das Rad nicht gegönnt war, aber wenn es noch ein bißchen Zeit
+damit gehabt hätte, so wäre es besser gewesen.
+
+Das alles war so ungefähr aus dem Brief zu lesen, einiges davon ergänzte
+ich auch in meinen Gedanken, denn ich konnte mir ja deutlich vorstellen,
+wie alles zu Hause zuging. Ich sah sogar das zinnerne Büchschen von der
+Mutter her, das Luise in einer Schublade aufbewahrte, und das ihre
+Extragelder barg. Sie hatte es gewiß oft herausgenommen und die Stücke
+gezählt, die darin lagen, und hatte dann mit Helene ausgerechnet, was alles
+zusammen kosten konnte. Nun aber war es leer, und es kam auch so schnell
+nichts mehr hinein, und das hing mit mir zusammen. Ich ärgerte mich nicht
+wenig, als ich den Brief las bis zu dieser Stelle, aber ich wußte nicht
+recht über wen oder was am meisten. Freilich über mich mußte es eigentlich
+sein, ich war der schuldige Teil, und es half mir nichts, daß Luise mir gar
+keinen Vorhalt machte, nicht den mindesten. Hätte sie es getan, so hätte
+sich mein Grimm einigermaßen gegen sie wenden können, denn sie hätte dann
+unrecht gehabt auf irgend eine Weise. Ich mußte es aber selber tun. Aber
+wie? Lebte ich etwa in etwas anspruchsvoller als andere junge Leute, die
+ich kannte, nicht eher im Gegenteil? Und hätte ich nicht studieren können,
+wenn ich gewollt hätte? Das aber hätte dann noch viel mehr gekostet. Und
+hatte ich nicht die bestimmte Absicht, später das Rad zu bezahlen? Ich ging
+um den wahren Kernpunkt der Sache herum, der darin bestand, daß die
+tüchtigen, liebevollen und guten Schwestern umsonst darnach aussahen, ich
+möge mein junges Sein und Wesen in etwas mit ihnen teilen, da sie es so
+unermüdlich nährten und bereicherten mit ihrer Arbeit und Sorge. Vielmehr
+glaubte ich eine Mahnung zur Dankbarkeit zu verspüren, die mir unleidlich
+war. Obgleich ich keine Scheu trug, alle Opfer anzunehmen, wollte ich mich
+doch nicht verpflichtet fühlen, sondern dachte, wenn man dankbar sein
+müsse, so könne einem schon alles gestohlen werden, und war mir nicht
+bewußt, daß der Stachel, wider den ich löckte, in meiner eigenen Brust
+saß, da mich ja sonst niemand angriff. Ich wäre am liebsten auf ein paar
+Tage heimgefahren, das wäre das einfachste gewesen; doch, begreiflich,
+gerade das konnte ich nicht tun, denn umgekehrt kostete die Reise auch
+Geld. Im stillen aber wußte ich: wenn ich gekommen wäre, sie hätten mich
+dennoch mit Jubel und Jauchzen empfangen, es wäre etwas ganz anderes
+gewesen.
+
+Als ich den Brief wieder zur Hand nahm, wurde ich inne, daß ich ihn erst
+zur Hälfte gelesen hatte; es lag ein zweites Blatt dabei, in dem stand
+geschrieben, daß meine Schwester Helene im Lauf des nächsten oder
+übernächsten Jahres zu heiraten gedenke, nämlich wenn die Aussteuer
+beieinander sei. Denn auf Abzahlung wolle sie kein Stück anschaffen. Sie
+habe einen guten und tüchtigen Verlobten, der ein Schreiner sei und es wohl
+einmal zum Meister bringen werde. Er sei überaus sparsam und fleißig und
+fange schon an, in den Abendstunden das eine oder andere Stück für den
+einstigen Haushalt zu schreinern. Helene bekomme es einmal nicht schlecht;
+der Bräutigam habe schon gesagt, nach der Hochzeit dürfe sie nicht mehr um
+Geld nähen, er könne selber eine Frau erhalten, sie müsse dann nur das Haus
+imstand halten und vielleicht ein Stück Gemüseland, denn er esse gern
+selbstgepflanzte Bohnen und Erbsen. Freilich, für jetzt nähe sie um so
+eifriger, sie möchte vier Hände haben, um nur viel fertig zu bringen, denn
+alles koste Geld, es sei nicht zum Sagen.
+
+Darum wolle auch Luise von jetzt an alles, was mich angehe, allein
+bestreiten, sie sage es mir im Vertrauen, daß ich mich in allem an sie
+wenden solle. Helene wolle es nicht, natürlich. Sie sage, es dürfe in
+nichts anders werden, aber sie werde schon froh sein, wenn ihr Geldlein
+sich schneller aufrunde, daß der Schatz nicht so gar lang warten müsse. Ich
+solle mich nichts anfechten lassen, es werde alles recht und gut. Das
+Bügelgeschäft gehe gut, es sei keine Not. Wenn sie nicht so altväterisch
+erzogen wäre, so hätte sie die Reise trotz allem gemacht, aber ich wisse
+ja, wie die Mutter gewesen sei: lieber um und um geflickt, als einen
+Pfennig Schulden. Von der habe sie es auch, sie könne nichts dafür. Ich
+solle nur freudig sein in meiner Jugend, es sei gut, daß ich aus dem Engen
+hinausgekommen sei, sie wollte oft selber auch, sie wäre es. Wenn sie nur
+wisse, daß es mir gut gehe und daß ich in das Hohe und Feine hineinkomme,
+so sei es schon recht. Vielleicht wisse ich einmal ein gutes Buch für sie
+zum Lesen, denn das sei ihre Liebhaberei schon von jeher gewesen, und
+Sonntags habe sie Zeit dazu. Wenn man doch einen Bruder habe, der mitten in
+den Büchern sitze, so sei es ja zu machen.
+
+Da war es mir nun leichter und schwerer in einem. Denn Luise war viel zu
+gut und zu lieb, und man mußte ihr dankbar sein, ob man wollte oder nicht,
+ja, an ihr hängen von Herzen, so oft sie einem einfiel, was freilich oft
+lange anstand. Und Helene war Braut und steuerte auf das
+Frau-Meisterin-sein hin. Aber daneben war da ein Schwager, der ein
+Schreinergeselle war und von dem ich nichts wußte, als daß er sparsam sei
+und fleißig. Das war noch lange nichts Besonderes, man konnte daneben
+unausstehlich sein. Vielleicht hatte er schon einen Pik auf mich, weil ich
+noch in den Kosten war, was ihn, rund herausgesagt, gar nichts anging. Es
+war immer so schön gewesen, als die beiden Schwestern miteinander hingelebt
+hatten und ihnen alles gemeinsam gewesen war. Es kam mich an wie Heimweh,
+aber nach dem, was sich ändern wollte, nicht nach dem, was neu entstand.
+Und heimfahren wollte ich jetzt gerade nicht, auch fiel der Brief, den ich
+schrieb, steif und hölzern aus, weil ich eine Verlegenheit in mir trug.
+Wenn aber Luise hätte in mir lesen können, was ich eigentlich gern gesagt
+hätte, sie hätte sich nicht beklagen müssen.
+
+ * * * * *
+
+Sie beklagte sich auch nicht, sondern im dritten Jahr meiner Lehrzeit, als
+diese fast zu Ende war, kam sie dennoch angefahren und mit ihr Lotte
+Meister. Man konnte alles nachholen, was das erstemal gewesen wäre, und
+besser als damals. Denn ich war mittlerweile ein junger Mann im
+zweiundzwanzigsten Jahr geworden, der ein sicheres Auftreten hatte und sich
+in der Gegend auskannte; ich konnte sie herumführen, wo es schön war, und
+ich konnte ihnen sagen, was sie wissen wollten. Denn sie kamen sich
+himmelweit von zu Hause vor; es war ein anderes Wasser und andere Berge als
+bei uns. Die Wälder sahen dunkel in die Stadt herein, aber die Stadt selber
+war heiter und hell. Doch hatte sie im Innern alte Straßen und Tore, und
+das Münster war ein Bruder von den unsrigen daheim. Die Leute hatten eine
+andere Aussprache als bei uns; was vom Land hereinkam, trug eine schöne und
+ehrenfeste Tracht, und die beiden hatten kein höheres Lob dafür, als daß
+sie sagten, so habe man es auf der Alb auch, wenigstens nicht viel anders.
+Sie schauten alles genau und ausführlich an, denn sie mußten nachher davon
+zehren und daheim davon erzählen können; sie sahen in fünf Tagen mehr als
+ich in drei Jahren; sie waren ruhigen und gesammelten Gemütes und machten
+die Tore weit auf, um alles hereinzulassen. Da ging mir selber manches erst
+auf, als ich es ihnen zeigte, ich wunderte mich, wo ich meine Augen gehabt
+hatte, aber ich ließ es nicht merken, sondern tat mit allem vertraut. Es
+waren zwei stattliche, tüchtige Frauenwesen; Lotte war immer noch schön,
+obgleich das Leben nicht oben über sie hinwegging. Sie hatte ihr kluges und
+heiteres Gesicht behalten, wenn auch kleine Fältchen dazwischen hinliefen;
+ihre Zöpfe lagen groß und schwer am Hinterkopf, und daß die Gestalt etwas
+an Fülle gewonnen hatte, paßte ganz gut zu ihr. Luise hatte ich eigentlich
+größer in der Erinnerung gehabt, das machte, daß sie ein wenig in die
+Breite ging, da sah sie kürzer aus. Auch gefiel mir an ihrem Anzug einiges
+nicht so recht, ich meinte fast, sie sei in der losen, kurzärmeligen
+Bügelbluse hübscher gewesen als in dem fest anliegenden und verzierten
+Kleid, das gut und neu und auch modisch war, ich war es nur nicht an ihr
+gewöhnt, und es schien ihr auch nicht ganz behaglich darin zu sein. Aber
+wenn sie den Hut abnahm, sah man das glatte blonde Haar um ihr gutes,
+großes Gesicht herum; sie trug es immer noch in einem Kranz aufgesteckt,
+und ihre blauen Augen waren so treu; sie brauchte gar nichts zu reden, so
+wußte man dennoch, wie endlos gut sie es meinte. Aber sie sagte es auch,
+wenngleich mit andern Worten.
+
+»Sag mir alles, was dich angeht, Ludwig,« bat sie, »du bist mir doch
+wichtiger als die ganze Stadt. Wir sind keine Briefschreiber, einmal du
+nicht; ich verlang's auch nicht, der Mensch kann nicht aus seiner Haut
+heraus. Aber das weißt du doch, daß wir daheim davon leben, wie dir's geht
+und was aus dir wird. Und überhaupt. Du bist doch unser Einziges. Darum bin
+ich doch gekommen, ich hätte ja auch sonstwohin reisen können.«
+
+Das hätte sie aber nicht sagen sollen, denn es drückte mich. Man mußte mir
+nicht nachlaufen; es würgte mich im Hals, daß sie so liebreich mit mir
+redete. Geschwister mußten es einander nicht sagen, wenn sie einander gern
+hatten. Ich hatte sie auch gern, aber ich sagte es nicht, sonst spürte ich
+das Gegenteil in mir. Alles, nur nicht an der Kette sein, und wäre sie noch
+so zart und fein gesponnen. Ich schwieg und machte ein störrisches Gesicht.
+Aber Lotte Meister brach meinen Bock; sie scheute sich nicht, sie hatte
+noch immer ein Recht an mich gehabt, und sie durfte auch reden, denn sie
+brachte mir keine Opfer das ganze Jahr hindurch, sie stand frei vor mir und
+ich vor ihr. Sie nahm mich gehörig her, sie fand eine Gelegenheit unter
+vier Augen.
+
+»Ludwig, Ludwig,« sagte sie, »lauf die Welt aus und ein, du findest keine
+solche Treue mehr. Du hast Hörner aufgesetzt und mußt sie dir verstoßen,
+denk' an mich; es kann einmal weh tun, wenn du zu dir kommst und merkst,
+was du dir selber verhunzt hast. Ich seh' dich wie in einem Spiegel, du
+brauchst gar nichts zu sagen. Du nimmst es den Mädchen übel, daß sie für
+dich schaffen und daß sie arm und einfach sind; du willst hoch hinaus und
+willst niemand etwas zu danken haben dabei, und bist dennoch ein Genießer,
+der sich nichts versagen kann. Ich könnte dir noch vieles sagen, aber du
+verstehst es nicht, du hast noch Scheuleder auf, die müssen dir zuerst
+herunterfallen, vorher hilft das Reden nichts. Ich meine dir's gut: vergiß
+nicht, woher du kommen bist, und daß du ein goldenes Kleinödlein daheim
+hast.«
+
+Zuerst dachte ich patzig: Was habe ich denn getan? Was tu' ich denn
+Unrechtes? Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre es bös ausgefallen. Aber
+Lotte sah wieder einmal aus wie die Germania auf dem Kriegerdenkmal; ich
+war ein kleiner Bub ihr gegenüber. Und doch brach dabei ein so heller und
+wahrhaftiger Strahl aus ihrem Gesicht und Wesen, der klopfte bei mir an,
+daß ich auftun mußte. Sie wartete auch zum Glück auf keine Antwort, sondern
+fing an, kleine Dinge von daheim zu erzählen. Daß ihre alte Mutter das
+Nervenzittern noch verloren habe, es sei wie ein Wunder, sie sei fast
+wieder jung; daß das lustige Mädchen Hermine seinem Feldwebel angetraut
+sei, und daß ihre, Lottens, Kinder wie die Tännlein heranwachsen, es sei
+schade, wenn ich sie nicht sehe, sie seien im nettsten Alter.
+
+»Da sind sie, glaub' ich, schon lang drin,« sagte ich und lachte. Da lachte
+sie auch, und als Luise zu uns trat, waren wir in einer Fröhlichkeit, an
+der sie unverzüglich teilnahm, denn sie spürte freudig, daß ein Riegel
+aufgegangen sei.
+
+Ich hatte denn auch, angestoßen wie ich war, vieles mitzuteilen, das mir
+die beiden Getreuen begierig abnahmen; ich hätte noch mehr haben können, es
+wäre ihnen nicht zu viel gewesen.
+
+Im vorigen Winter hatte ich Kolleg gehört bei einem Geschichtsprofessor. Es
+war ein Prachtsmensch mit einem silbernen Bart. Man meinte, er sei
+dabeigewesen, als Napoleon seinen Leuten unter den ägyptischen Pyramiden
+sagte: »Jahrtausende schauen auf euch hernieder.« Manchmal schloß er die
+Augen, wenn er redete, und manchmal griff er mit der gespreizten Hand in
+die Luft, da holte er sein Wissen her, es stand in Fülle um ihn herum. Er
+kannte mich; er hatte zu Herrn Hagenau gesagt, ich hätte Augen gemacht wie
+ein hungriger Hund. Wenn er in den Laden kam, sagte er: »Mein lieber
+Fugeler.«
+
+Literaturvorträge hörte ich auch. Und ich las viel, aber davon war nicht
+anzufangen; es gehörte zum Beruf und zur allgemeinen Bildung. Man konnte
+ein Buchhändler sein so oder so, ich hatte aber im Sinn, etwas Rechtes zu
+erreichen. Ich sprach mit ernsthafter Wichtigkeit, und die beiden Frauen
+hörten mir mit Andacht zu, Lotte aber mit einem leisen Zweifel, ob man der
+Sache in allem richtig trauen könne; wenn ja, dann wollte sie mir gern mit
+Achtung begegnen. Sie hatte mich abgekanzelt, aber sie war ja dennoch froh,
+wenn etwas Rechtes mit mir los war, denn sie hatte mich gern, und sie
+gönnte es den Schwestern, wenn sie mit mir zu Ehren kamen.
+
+Luise saß still und freudig dabei. Wenn ihr etwas das Herz regte, so nannte
+sie den Mutternamen. »Das möchte die Mutter freuen,« sagte sie, als ich
+preisgab, man lasse mich im Hause Hagenau etwas gelten und habe mich
+ersichtlich gern. Auch sei die Kundschaft im Laden mir zugetan. Herr
+Kasimir hatte vor kurzem gesagt, ich solle nach der Lehrzeit noch ein Jahr
+im Hause bleiben und dann mich in der Welt umsehen, er wisse mir schon
+Plätze. Nachher sehe man wieder. Das schwellte mich, ich sah einen
+gesicherten Weg vor mir, und außerdem tat es meiner jungen
+Selbstherrlichkeit gut, daß der schweigsame und zugeknöpfte Herr auf
+einmal anfing, mit mir ins Benehmen zu treten. Er sprach über das und das
+mit mir, gab mir Briefe zu schreiben und Bücher zu lesen, lobte oder
+kritisierte, was ich tat und ließ hie und da unverhofft bei Tisch oder
+sonstwo die Blicke auf mir liegen, als ob ich ihm zu denken gebe.
+
+Ich dachte zufrieden, es seien ihm die Augen über mich aufgegangen und er
+fange an zu merken, daß er gut mit mir fahre. Auch sei er längst nicht so
+trocken, wie man von weitem meine, sondern ein feiner und zurückhaltender
+Mensch, der sich seine Leute zuerst ansehe, ehe er sich mit ihnen gemein
+mache.
+
+Das alles ließ ich vor den beiden spielen, fing aber unversehens einen
+Augenwink von Lotte Meister auf, der sagte: Ach du, ich seh' dich ja durch
+und durch, mach' mir nichts weis. Es lag ein bißchen gutmütiger Spott darin
+bei aller Freundschaft, das stach und streichelte mich zu gleicher Zeit.
+
+Luise aber sah in die Zukunft hinein wie in einen goldenen Becher, denn ich
+kam immer mehr aus ihren Sorgen, und man sah, daß kein Grund vorhanden war,
+über mich zu kümmern, denn ich wurde recht, man konnte mich ruhig laufen
+lassen. Sie war es nicht gewöhnt, sorgenfrei zu sein, sie hatte seinerzeit
+von der Mutter ein Bündel übernommen und es bis hieher getragen, nun lachte
+etwas im Grund ihres Herzens: es ist dann nicht so, daß ich nicht auch
+lustig sein kann, wenn die Zeiten darnach sind. Nur her mit den guten
+Zeiten, ich habe schon lang auf sie gewartet. Sie fing an auszuladen, was
+sie von daheim wußte.
+
+Helene wäre gern mitgekommen, aber es mußte ihr ums Geld sein. Der Schwager
+Schreiner hatte große Rosinen im Sack; nämlich es war eine Schreinerei
+feil, ein altes Lottergestell von einem Haus freilich, aber nicht teuer und
+mit einer Kundschaft darauf, die nicht zu verachten war. Sie wollten noch
+ein Jahr mit der Hochzeit warten und zusammenlegen, was jedes verdiente,
+dann war dem schweren Anfang schon etwas abgebrochen. Vielleicht zog Luise
+mit und mietete den unteren Stock für ihre Bügelei, es half den
+Schreinersleuten auf, man konnte gemeinsame Haushaltung machen und
+beisammen bleiben. Sie zog ein Bild des Brautpaars aus dem Ledertäschchen,
+das sie am Arm trug. Helene war schmal und fein und hatte ein zartes
+Gesicht mit einem lieben, aber etwas müden Ausdruck. Das sei immer so bei
+den Bräuten, die lange warten müssen, erklärte Luise, es sei begreiflich
+und habe gute Gründe. Sie sei aber gesund und munter, nur schaffe sie zu
+viel; es sei gut, wenn das später anders komme. Im Haus herum schaffen sei
+gesünder als das ewige Sitzen bis spät in die Nacht hinein.
+
+Der Schreiner stand hinter ihr mit gezwirbeltem Schnurrbart und mit
+Besitzermiene. Ich konnte ihn nicht leiden, seit ich von seinem
+Vorhandensein wußte, und als ich ihn sah, noch weniger. Es ging etwas
+Feindliches von ihm aus, das aber mich allein anging, sonst mochte er ein
+guter Kerl sein, und er war auch ansehnlich von Gestalt und stand stramm
+und aufrecht da wie ein Feldwebel in Zivil. Ich durfte nicht sagen, was mir
+durch den Kopf ging, es war aber oft so bei mir.
+
+Luise sagte noch zu seiner Empfehlung, daß er Zither spiele und nie ins
+Wirtshaus gehe und auch nicht rauche. Da war mir eines so verhaßt wie das
+andere, denn man sah an allem, daß er ein Leimsieder war und sich etwas
+darauf einbildete, daß er sparsam und fleißig sei. Mit solchen Leuten maß
+ich mich von vornherein nicht, denn es gab höhere Eigenschaften, man sprach
+aber nicht davon.
+
+Es lauerte in der Zukunft eine unangenehme Begegnung mit ihm auf mich, das
+spürte ich sogleich, aber ich ließ mir nichts gefallen und sah schon dem
+Bild kalt in die Augen. Helene aber nahm ich aus; sie tat mir leid, weil
+sie dazwischen stehen mußte, es war aber so der Lauf der Welt.
+
+Von dem allem wußte Luise nichts. Sie war voller Lobpreis über eine
+Begegnung mit Fräulein Brigitte, die sie soeben gehabt hatte. »Sie wär's
+allein schon wert, daß man hierher reiste, so gibt's nicht viele Leute. Du
+hast nie geschrieben, wie sie ist, Ludwig. Wie eine Schwester mit
+unsereinem, oder wie eine Mutter. Auf hundert Schritt sieht man, was das
+für ein Mensch ist, lauter Güte bis auf den Grund. Man sagt sonst den
+Krummen nichts Gutes nach. Je krümmer, desto schlimmer, heißt's im
+Sprichwort. Aber die ist über ihren Berg hinübergestiegen, mag sie's
+gemacht haben, wie sie will, es mag nicht leicht gewesen sein.«
+
+Da ließ ich meine Wissenschaft auffahren, die ich von dem Zeitler hatte;
+denn es sollte niemand meinen, daß man mir erst den Star stechen müsse, was
+Fräulein Brigitte betraf. Man konnte nicht alles heimschreiben, es war
+besser, auch noch etwas zum Reden aufzuheben, und ich kannte sie genauer
+als die meisten Menschen, ich hatte es aber seither für mich behalten.
+
+Lotte Meister saß dabei und dachte sich ihr Teil, man konnte es ihr
+ansehen, sie hatte nichts zu verstecken in ihrem offenen Gesicht. Sie wußte
+auch, wie es war, wenn man über Berge hinübersteigen muß, sie hatte es
+erlebt. Und sie dachte, für mich könne es vielleicht noch kommen, bis jetzt
+wisse ich alles nur vom Hörensagen. Aber sie hatte es doch anders als
+Fräulein Brigitte. Denn diese mußte ihre Last lebenslänglich mit sich
+herumtragen, aber Lotte war aus der Trübsal hervorgegangen wie aus einem
+Bad: gesund an Leib und Seele, stark und aufrecht wie ein Baum, und war
+eine Kindermutter, während die andere mit leeren Händen im Leben stand und
+nur einen geheimnisvollen Schatz mit sich herumtrug, dessen Widerschein aus
+ihren Augen glänzte.
+
+ * * * * *
+
+Als ich meine beiden Besucherinnen nun an die Bahn geleitete, stand ich mit
+zufriedenen Sinnen bei ihnen, weil sie einen so guten Eindruck von mir
+hinwegnahmen. Ich sah sie schon heimkommen, ihre kleinen Geschenke
+austeilen, die sie hier am Orte mit Bedacht ausgewählt hatten, die
+Reisekleider versorgen und in die alltäglichen schlüpfen, und hörte sie
+erzählen, wie schön die Gegend und die Stadt sei, in der ich lebe, wie ich
+bei rechten und guten Leuten sei, die mich gern hätten und etwas auf mich
+hielten, wie ich als einziger Junger unter lauter älteren Herren mich
+munter und als einer, der sich zu regen wisse, bewege, und so mehr, was ich
+mir alles in Gedanken zugute schrieb. Ja, jeden schönen Platz, den ich
+ihnen gezeigt, die Aussicht, die wir vom Berge herab auf das Flußtal, auf
+die Stadt mit ihren vielen Türmen und das von leichtem Dunst umwallte
+Gebirge gehabt hatten, die Fröhlichkeit, in der wir beisammen gewesen
+waren, sah ich als eine Art Gastgeschenk an, das sie von mir empfangen
+hatten, und ich fühlte mich reich und froh, daß alles gut ausgefallen war,
+so daß ich mit gehobenem Mut von einer zur andern schaute. Denn ich mochte
+gern in gutem Andenken zurückbleiben, aber mitzufahren verlangte es mich
+nicht, wir hatten doch verschiedene Arten, zu leben. Da, als wir so standen
+und auf den Zug warteten, kam auf einmal der Zeitler gegangen, wie ich nach
+Herthas Beispiel den Oberaufseher des Friedhofs nannte. Er ging mit einem
+kurzen Gruß vorüber, kehrte aber noch einmal um, da ihm, wie er sagte, noch
+rechtzeitig eingefallen sei, daß dies die Meinigen sein werden, von deren
+baldiger Ankunft ich ihm schon erzählt hatte. Denn jener abendliche Besuch
+mit Hertha war nicht der einzige geblieben, den ich ihm machte inmitten
+seiner stillen Gesellschaft. Ich hatte ihn aber immer nur in der losen
+Joppe mit Hirschhornknöpfen gesehen, die er im Dienst trug, und in der
+Mütze mit dem Abzeichen seines Berufs, nun trug er, da er eine kleine Reise
+vorhatte, einen dunklen Anzug nach feinem, aber älterem Zuschnitt und einen
+weichen, breitrandigen Filzhut und sah sehr verändert aus, so daß ich ihn
+erstaunt betrachtete. Zum Staunen war es mir aber auch, mit welch
+ritterlicher und herzlicher Höflichkeit er die beiden Frauen begrüßte und
+mit ihnen redete ein paar Minuten lang, so daß diese ganz erwärmt
+zurückblieben und sich wunderten, was das für ein Freund von mir sei, denn
+als einen solchen gab ich ihn in der Geschwindigkeit aus.
+
+Als der Zeitler weggegangen war, sagte Luise zu Lotte Meister: »Es ist
+schade, daß der Ludwig es sich nicht mehr denken kann: der Mann sieht doch
+ganz und gar dem alten Stadtpfarrer Möbius gleich.« Und sie erzählte eine
+Geschichte davon, daß dieser heimatliche Geistliche, den man im Gegensatz
+zu jüngeren Kollegen nur den alten Herrn genannt habe, als letzte
+Amtshandlung meine Taufe und zwar am Bett meines kranken Vaters vorgenommen
+habe. Als nun der geistliche Herr mit den netzenden Fingern meine kleine
+Stirn berührt habe, sei es ihm aufgefallen, wie ich ihn mit großen, offenen
+Augen betrachtet und plötzlich das Gesicht zu einem Lächeln verzogen habe.
+Er sei, dies ansehend, leicht erblaßt, wie einer, der eine Erschütterung im
+Innern verspürt und habe nach einer fast unmerklichen Pause seine
+Amtshandlung fortgesetzt, aber nachher zu meiner Mutter gesagt, die mich im
+Arm hielt, es sei ihm gewesen, wie wenn ich kleines Seelchen eine Botschaft
+an ihn hätte aus dem Lande, von dem ich herkomme. Das habe ja aber freilich
+jedes Kind, wenn man recht in die unschuldige Tiefe seiner Augen zu
+versinken wisse, indessen sei es ihm heute besonders aufgefallen. Meine
+Mutter habe zu diesem nicht recht etwas zu sagen gewußt; der alte Herr sei
+aber am Abend desselben Tages an einem Schlaganfall gestorben und habe es
+also wohl schon vorher in sich gehabt. Ich tat nicht viel dergleichen, als
+ob mich die Geschichte aus meiner frühesten Kindheit interessiere, im
+stillen aber war es mir, als habe ich noch eine Erinnerung an das alte
+Gesicht, das sich über mich geneigt habe, und es fiel mir wieder ein, wie
+es mir mit dem Zeitler beim ersten Sehen gegangen war. Doch konnte das ja
+freilich nicht sein, wie ich mir sagte, da ja die menschliche Erinnerung so
+weit nicht zurückreicht. Ich blieb aber doch in wunderlich aufgerührter
+Stimmung stehen, und sah mich, als ich allein durch die Straßen ging, als
+kleines Kindlein auf dem Arm meiner Mutter liegen und dem alten Herrn mit
+großen Augen entgegenlächeln. Was für eine Botschaft konnte er aber
+empfangen, und was konnte ich neugeborenes Wesen ihm zu sagen gehabt haben?
+Aus welchem Lande war ich gekommen? Doch aus dem Leibe meiner Mutter, die
+mich zärtlich und traulich bei sich gehabt hatte, bis ich groß genug war,
+um ein eigenes Leben zu führen?
+
+Es überlief mich eine weiche und dunkle Woge, als ich so meines Ursprungs
+gedachte, den der alte Herr mit ahnendem Sinn noch von weiter her geleitet
+hatte. Vielleicht hatte er eine Stimme vernommen, die zu den Alten und
+Jungen sprach: »Kommet wieder, Menschenkinder,« und die ihn nun beim Namen
+rief. Ich wußte es nicht und besann mich auch nicht weiter darüber, da ich
+ja, fern vom Anfang und vom Ende, mitten im Leben stand, aber ich spürte
+den Zusammenhang mit beiden auf eine kurze Weile, wie wohl ein Wanderer,
+der an einer Brunnenstube vorbeikommt, sein Ohr einen Augenblick an die Tür
+legt und die unterirdischen Wasser brausen hört, dann aber wieder weiter
+geht, weil genug fröhliche Bäche am Tageslicht springen.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich gerade einen derartigen Vergleich brauchen will, so war das
+Blumenmädchen Hertha ein solches Bächlein, das über allerlei Steine
+hinrieselte seinem freudigen Lebensgesetz nach und mit klarem Wasser,
+soviel auch Gelegenheit zur Trübung um den Weg gewesen wäre. Was mich
+betrifft, so war ich nicht schuldig, daß das hübsche und gute Mädchen so
+herzlich und traulich wie ein Nachbarskind mit mir verkehrte. Denn ich
+hätte es wohl nicht schwer genommen, eine Liebelei mit ihr anzufangen, da
+ja andere auch dergleichen taten und sie mir wohlgefiel in ihrer
+unverstellten und heiteren Natürlichkeit. Ich machte ein paarmal
+Abendspaziergänge mit ihr, wenn ich nichts anderes vorhatte und es mich
+darnach gelüstete. Sie konnte tun, was sie wollte, denn sie stand allein in
+der Stadt und hatte niemand, der auf sie achtete, wenn es nicht in gewissem
+Sinn der Zeitler tat. Sie tat es aber selbst, und das war es, was mich
+wunderlich an sie knüpfte. Es war an einem Frühlingsabend gewesen. Wir
+hatten uns ausruhend auf eine Bank gesetzt, und das Mädchen hatte begonnen,
+mit halber Stimme ein Volksliedchen zu singen. Da war es mich, als ich ihre
+schlanke Gestalt und ihr helles, hübsches Gesicht so neben mir sah,
+angekommen, ein wenig zärtlich mit ihr zu sein, und ich fing an, da ich
+keine Übung darin hatte, halb zutäppisch und halb verlegen mit den Löckchen
+an ihrem Nacken zu spielen. Sie litt es auch schweigend und wie in einem
+kleinen Wohlsein, aber als ich dadurch ermutigt, den ganzen Kopf zu mir
+herüberbiegen wollte, sah sie mir ernsthaft in die Augen und sagte: »Nein,
+das mußt du nicht tun, Ludwig. Sieh', ich will dir etwas sagen, das habe
+ich schon lang im Sinn. Ich könnte dein Schatz sein, das wäre leicht zu
+machen, denn man kann etwas mit dir anfangen, du bist leicht zu bewegen.
+Aber ich will es doch nicht sein. Ich habe mir vorgenommen, daß ich einen
+Schatz haben will, der mich heiratet, und ein solcher bist du nicht. Du
+nimmst eine Feine und Vornehme, ich weiß es für sicher, und wenn es eine
+Rechte ist und die gut zu dir paßt, so ist es mir auch recht. Ich hab' dich
+gern, ich muß es grad sagen, von allem Anfang an, seit ich dich gesehen
+habe. Ich kenne dich auch gut, denn du bist leicht zu kennen, und ich bin
+nicht dumm. Du kommst von einfachen Leuten her, das hast du noch an dir, du
+mußt nicht meinen, du müssest es verstecken, ein mancher wär' froh, er wäre
+her wo du bist. Gescheit bist du auch und hast viel gelernt und lernst
+immer noch mehr dazu. Du wirst ein Herr und vergissest mich, und das muß
+alles so sein. Aber wenn wir jetzt mit Küssen und Lieben eine schöne Zeit
+hätten, so ließe ich dich nicht mehr leicht fahren. Ach Gott, so ist es
+vielleicht meiner Mutter gegangen. Vielleicht hat sie einen schönen und
+feinen Schatz gehabt und hat nicht mehr aufhören können. Ich habe oft dran
+denken müssen. Ich muß oft die Leute ansehen, ob nicht vielleicht mein
+Vater unter ihnen herumlaufe, der schönste und nobelste könnte es sein. Ich
+bin ein armes Kind, es nimmt mich wunder, daß ich so recht geworden bin, es
+dünkt mich, ich habe selber Respekt vor mir.«
+
+Aber als sie das gesagt hatte, liefen ihr auf einmal die Tränen übers
+Gesicht. Sie wischte sie aber mit den Händen weg und schlenkerte die
+Tropfen von sich, es kam gleich wieder ein Lachen hintendrein.
+
+Ich aber saß dabei und hätte sie gern in den Arm genommen und geküßt, sie
+war mir noch viel lieber als vorher, denn da war es nur eine Spielerei
+gewesen, jetzt aber dünkte sie mich auf einmal etwas Köstliches zu sein,
+hold und zärtlich und wie vom Himmel gefallen. Aber ich durfte sie mit
+keinem Finger anrühren, sie war um und um zu respektieren. Und einiges
+stach mich aber auch an ihrer Rede, denn sie tat, als wisse sie in allem
+von mir Bescheid und könne über mich hinweg beschließen, was mit mir sei,
+ich konnte aber nichts darauf entgegnen, sie hatte das Oberwasser in unsrer
+ganzen Sache. Da streckte sie mir auf einmal die Hand her und sagte: »Wir
+wollen gut Kamerad miteinander sein, so lang wir können. Vielleicht heirate
+ich einmal einen Gärtner; er führe gut mit mir, denn ich könnte ihm das
+Geschäft in die Höhe bringen, ich verstehe meine Sache. Ich habe mir's
+vorgenommen, ein rechter Mann soll es gut haben bei mir, ich wollte, ich
+hätte ihn schon. Der Zeitler hat gut reden vom Ledigsein, für mich ist es
+nichts. Ich muß Kinder haben und einen Mann. Dann, wenn ich eine
+Gärtnersfrau bin, kaufst du einen Rosenstock bei mir für deine Frau
+Liebste. Du kannst es ihr kecklich sagen, daß du mich schon ledig gekannt
+habest; es ist keine Schande. Du kannst es aber auch bleiben lassen, kurz
+und gut. Ich wollte, du wärest selber der Gärtner, das müßte ein Leben
+sein. Aber du bist es nicht, das ist aus und vorbei; du solltest mein
+Bruder sein, das wäre das beste.«
+
+Als sie das gesagt hatte, gab sie mir plötzlich einen Kuß und stand auf,
+weil es anfing, dunkel zu werden. Ich hätte ihr gern auch einen oder
+etliche gegeben, aber im währenden Reden war es mir klar geworden, daß sie
+recht habe und daß ich es nicht dürfe. Sie durfte es wohl, es war ein- für
+allemal gewesen, das spürte ich.
+
+Wir gingen schnell bis in die Stadt, da trennten wir uns. Dann gingen wir
+vier Wochen lang nicht mehr spazieren.
+
+Aber das lag nun eine Zeitlang zurück, und jetzt waren wir im Zug
+miteinander wie gute alte Bekannte. Manchmal sahen wir uns oft und manchmal
+selten, aber wenn es geschah, dann war es immer so, daß mich eine Lust nach
+der Traulichkeit und Einfachheit meiner Kinderheimat anwandelte, von der
+ich auch bei dem guten Mädchen etwas fand, wenngleich sich in ihre lautere
+Fröhlichkeit manchmal ein wenig Wehmut mischte, die ich hinnahm, ohne ihrem
+Grund nachzufragen.
+
+Hertha sagte, als sie meine Schwester gesehen hatte: »Jetzt weiß ich erst,
+was mir fehlt von klein auf. Ich möchte von deiner Mutter träumen heute
+nacht. Sie müßte mich zum Kind annehmen und Luise müßte meine Schwester
+sein. Wenn ich mir's nur getraut hätte, ich hätte ihr einen Kuß gegeben
+oder einen Blumenstrauß. Ach Gott, es gibt Menschen, die wachsen in einem
+Paradiesgärtlein auf und wissen's nicht; mich hat meine Mutter auf einen
+Steinhaufen gesetzt: Da wachse daher, wenn du kannst.«
+
+Dabei sah sie mich zornig und zärtlich an, aber die Zärtlichkeit galt nicht
+mir, sondern meiner Jugendheimat. Einmal erfuhr ich, daß Herthas Mutter vom
+Lande gewesen und noch jung, nachdem sie das Kind irgendwo in Pflege
+gegeben habe, in einer großen Stadt an einer Zehrkrankheit gestorben sei.
+Da ging nun vielleicht in dem lieben Mädchen eine rechtschaffene bäuerliche
+Urahne um, die pflanzen und schaffen und in Ehren sein wollte, und aber
+auch ein Großvater, der Freude am Schönen und Ernsten gehabt hatte, eine
+Mutter voller Lebensdrang und ein Vater von leichtsinnig spielerischer
+Anmut. Sie hatte von allen das beste bekommen, und es blühte aus ihr
+heraus zum Zeichen, daß die Natur Wunder genug hat, und wenn sie will,
+einen Dornbusch in der Wildnis mit tausend Blüten bedecken, einen
+Rosenstock im Garten aber kränkeln lassen kann.
+
+ * * * * *
+
+Herr Kasimir hatte seit einiger Zeit etwas Munteres und Aufgewachtes an
+sich, das ihn plötzlich viel jünger erscheinen ließ als sonst. Er schaffte
+sich einen Hund an, mit dem er weite Spaziergänge machte und mit dem er
+sich zuweilen eifrig unterhielt. Er gewöhnte das Tier durch Pfeifen und
+Locken, Befehle und Zurufe an sich, brachte es aber nicht so weit, daß es
+ihn unbedingt als Herrn respektierte, was ihm manchen Ärger bereitete. Es
+war ein ungewöhnlich schöner Spätsommer, und jedermann suchte ihn zu
+genießen, so gut er konnte, Herr Kasimir aber flog aus wie ein Falter, der
+eine Ahnung hat, daß seine Zeit kurz ist. Er kam zu allerlei Zeiten durch
+den Laden gegangen mit straffen Schritten, seinen hellen Panamahut auf dem
+Kopf und den Hund hinter sich drein. Dann hörte man ihn eilig die Straße
+hinuntergehen, irgendwohin ins Freie. Es gab ein Sommertheater, und es gab
+Gartenkonzerte, und als die Trauben reiften, gab es Herbstfeste und
+Suserfahrten an den Kaiserstuhl und ins Markgräfler Land. Und überall war
+mein Herr Kasimir dabei, ich hatte ihn entweder noch nie gekannt, oder ich
+kannte ihn jetzt nicht mehr. Mit mir war er in einer neuen Art vertraut,
+nicht mehr so väterlich oder gönnerhaft wie die Zeit vorher, sondern fast
+kameradschaftlich munter; er klopfte mir etwa auf die Achsel oder blinzelte
+mir vergnügt und pfiffig zu, als ob er sagen wollte: »Ja, nicht wahr, wir
+Jungen, wir schaffen es schon,« oder dergleichen. Ich wußte nicht recht,
+was ich mit dieser seiner neuen Natur anfangen sollte; er führte vielleicht
+etwas Besonderes mit mir im Schilde, oder er war im Schlaf gelegen seither
+und hatte jetzt plötzlich die Augen aufgemacht, denn das schöne Wetter
+allein konnte den Umschwung nicht vollbringen.
+
+Da hörte ich eines Tages einen der Gehilfen zum Buchhalter sagen: »Es hat
+ihn wieder einmal,« und als ich die Ohren spitzte, erfuhr ich, daß der
+trockene und scheinbar ausgemergelte Herr von einer Liebesflamme entzündet
+sei, wie ihm das in längeren Zeiträumen regelmäßig widerfahre, und die
+allemal so lange brenne, bis der mäßige Vorrat an Lebensöl in ihm erschöpft
+sei. Dann sinke der angekohlte Docht in seine vorige Trockenheit zusammen,
+und Herr Kasimir sei wieder der nüchterne und übrigens gescheite und
+tüchtige Geschäftsmann, als den man ihn im allgemeinen kenne.
+
+Sie wußten nicht, daß ich, im Nebenraum auf einer hohen Leiter stehend, ihr
+Gespräch mitanhörte, und setzten es fort, indem sie über sein Benehmen
+gegen mich sich aufhielten. Man merke schon, wo es hinaus wolle, es sei
+nicht das erstemal, daß er einen jungen Fant heranziehe, der dann entweder
+mißrate oder ihm sonst durch die Latten gehe. Mit mir nun sei es ein Getue,
+als ob er mich selbst erzeugt hätte, was freilich dem Alten passen könnte,
+der es ja soweit nicht gebracht habe. Ausgeschlossen sei es nicht, daß ich
+mich dauernd ins Haus schlachten lasse, denn ich sei eitel und ein Streber
+und dazu arm, es könnte mir passen, mich eines Tages in eine Goldgrube, und
+die dazu ein vornehmes Ansehen genieße, hineinzusetzen. Man sei aber dann
+auch noch da, und so weiter. Ich hörte begierig zu mit wechselnden
+Gefühlen, bis mir unversehens ein Buch aus der Hand fiel und sein Gepolter
+die beiden schwatzenden Hausgeister erschreckt verstummen ließ, was ich
+ihnen gönnen mochte. Ich ließ sie aber im Zweifel, ob ich etwas gehört
+habe, und fuhr in meiner Arbeit des Einordnens einer Sendung fort, freilich
+nur zum Schein, denn es ging mir genug Neues durch den Kopf, und ich hatte
+nur zu tun, es alles an seinen Platz zu stellen. Es war aber bald
+geschehen, denn ich hatte Übung in Zukunftsplänen, und als es Zeit zum
+Essen war, stieg ich die Treppe zum oberen Stock empor als der zukünftige
+Inhaber der Firma; es mußte mir aber einiges umgebaut und verschönert
+werden an dem alten Hause, schon meiner Frau zulieb, die es prächtig
+gewöhnt war.
+
+Herrn Kasimir sah ich mit neugierigen Augen an, wie ich ihm am Tisch
+gegenübersaß. Man konnte ihm ein Vergnügen gönnen, das ohnehin kurz währte,
+da der Gegenstand seines späten Feuers nur für einige Wochen in der Stadt
+war und bald wieder in die Pfalz reiste, woher sie, eine lustige und
+feurige Dame in mittleren Jahren, auf Besuch gekommen war. Dann mußte er
+wieder bescheiden zurücktreten und anderen Platz machen, die jung und mit
+allen Lebensrechten neben ihm daherwuchsen, und eigentlich konnte er einem
+leid tun. Fräulein Brigitte saß in ihrer schönen, gelassenen Würde da und
+war ihm weit über, er aber griff nach geschehener Sättigung nach dem Hut
+und flog auf, und das setzte er noch eine Zeit hindurch fort. Ich sah ihn
+an einem abendlichen Gartenfest, an dem ich auch teilnahm, mit der üppigen
+und heiteren Pfälzerin tanzen und nachher mit ihr an dem Waldsee, an dessen
+Ufer das Fest gefeiert wurde, sich ergehen. Da lachte er laut und sprach
+lebhaft und mit überglänztem Gesicht, und mir fiel des Zeitlers Erzählung
+von der jungverstorbenen Mutter Hagenau ein, und ich dachte, es sei doch
+auch ein kleiner Spritzer von ihrem Lebenssaft in den Sohn gefahren, der
+sich nur freilich zur Unzeit bemerklich mache und auch nicht lang vorhalte.
+
+Letzteres war bald zu erleben. Als der Herbst die bunten Farben, die er
+angezündet hatte und das freudige Leben in der Natur wieder auslöschte, und
+im Flußtal die Nebel geisterten, saß Herr Kasimir wieder am Abend in seiner
+Ecke und hörte seine Schwester Klavier spielen, oder er las die Zeitung
+oder pflog mit älteren Herren politische Gespräche und war in allem ein
+Haupt, vor dem man aufstand. Was in ihm umging, sah man nicht, denn er
+hatte sein Gesicht wieder zugeknöpft. Manchmal tat er einen kleinen Seufzer
+und sagte: »Ach ja,« oder er lächelte in sich hinein und wiegte den Kopf
+dazu. Der Hund lag am Ofen und schlief, und nur manchmal tat er einen
+kurzen Blaff, oder er fuhr empor und warf mit leichtsinniger Gebärde das
+linke Schlappohr zurück, und die alte Magd Salome, die um ihn herumsteigen
+mußte, sagte: »Es träumt ihm.« Doch sagte sie nicht, ob sie den Herrn oder
+den Hund meinte, es hätte je nachdem beiden gelten können, denn sie sahen
+ein jeder seinen Sommerfreuden nach. Ich aber rüstete mich, in die Welt
+hinauszugehen.
+
+Es war eine Stelle in einer großen Buchhandlung einer mitteldeutschen Stadt
+für mich ausgemacht, zu der Herr Kasimir alte Beziehungen hatte. Alles war
+geebnet und gebahnt für mich, wie es von jeher immer gewesen war, und ich
+weiß nicht, soll ich das Leben darum anklagen oder soll ich ihm dafür
+danken. Es wird wohl alles so gewesen sein, wie es mußte, und es war mein
+Schicksal, das ich in mir selber trug, wie ein Nachtwandler meinem
+unerhellten, selbstsüchtigen Ich nachzugehen, das mich auf breiten Straßen
+zu Schuld und schweren Lasten gelangen ließ. Vielleicht hätte mich eine
+arme, sehnliche Jugend früher aufgeweckt, dem Schläfer gleich, den unter
+dünner Decke schaudert und der erwacht, weil der kalte Wind durch seine
+Dachkammer streicht. Ich bin erst spät erwacht.
+
+ * * * * *
+
+Fräulein Brigitte war in den letzten Wochen öfters krank gewesen, was neu
+an ihr war oder mir wenigstens schien, denn sie war sonst immer dagewesen,
+freundlich und voller Teilnahme an allem und auch an mir. Nun fehlte sie
+hie und da am Tisch, und ich hörte, daß sie an einer Krankheit leide, die
+ihre Kräfte unwiderruflich nach und nach verzehre. Herr Kasimir saß dann in
+einer halb verlegenen Bekümmernis mir gegenüber, sprach nicht oder raffte
+sich nur hie und da zu irgendeiner Bemerkung auf, an die er gleich nachher
+nicht mehr dachte, und es war ein bedrücktes Beisammensein. Wenn aber
+Fräulein Brigitte dann nach Tagen wieder im Wohnzimmer erschien, so fand
+ich, sie sehe aus wie sonst und dachte, es werde nicht so schlimm sein, wie
+die Leute meinten; es schien mir dann wieder alles in Ordnung zu sein, denn
+sie gehörte ohne Frage in die altbekannten Räume, und wenn sie da war,
+fehlte nichts. Doch häuften sich die Fälle, in denen sie zurückgezogen
+leben mußte, und mein Reisetag kam heran, als eben wieder eine
+schmerzenvolle Nacht auf einen üblen Tag gefolgt war. Ich saß am
+Frühstückstisch und wartete auf Herrn Kasimir, als er hereinkam und sagte:
+»Meine Schwester läßt Sie bitten, noch in ihr Schlafzimmer zu kommen; es
+geht ihr nicht gut, und sie kann Ihnen auf keine andere Weise Lebewohl
+sagen.« Ich ging mit einigem Herzklopfen hinüber und betrat einen lichten
+Raum, in dem ich noch nie gewesen war, und der mir plötzlich alles Leben
+des Hauses zu umfassen schien. Es war, als ob hier die Quelle sei, von der
+aus die andern Räume irgendwie gespeist würden und ohne die alles öde und
+leer wäre. Fräulein Brigitte saß, von vielen Kissen gestützt, im Bett. Ihr
+Gesicht war blaß und trug die Spuren überstandener Schmerzen, und mehr noch
+taten das die Hände, die schmal und weiß auf der Decke lagen und hie und da
+leise zuckten. Aber etwas an ihr deuchte mich schöner als je zu sein, ich
+mußte sie verstohlen betrachten, während ich ihr gegenüber saß. Das
+Verwachsene ihrer Gestalt war nicht so sichtbar wie sonst, denn sie war um
+und um eingehüllt in ein großes Tuch von weicher, mattweißer Seide, und der
+Kopf ruhte in flaumigen Kissen wie eine müde Blume. Aber das war es nicht
+allein, was mir auffiel; es war vielmehr ein triumphierendes Leuchten in
+den großen glänzenden Augen und ein Lächeln um den feinen Mund, zu was
+beidem sie nach meiner Meinung weniger als je Veranlassung gehabt hätte.
+
+»Wir sagen uns nun Lebewohl,« sagte die Kranke, »und es wird auf immer
+sein. Sie kommen wieder, mein Bruder hofft es, aber dann bin ich nicht
+mehr da.« Sie sagte es mit einer gelassenen und fast heiteren
+Freundlichkeit, so etwa, als ob sie von einer Reise oder längeren
+Ortsveränderung spräche, die sie vorhabe, und als ich eine erschreckte
+Bewegung machte, hob sie eine der weißen Hände wie abwehrend und ließ sie
+müde wieder fallen. Dabei lächelte sie mich gut und bekannt an.
+
+»Sie müssen nicht erschrecken,« sagte sie. »Ich weiß, daß meine Zeit
+herankommt, das ist ja gut. Wenn Sie nicht fortgingen, würde ich es nicht
+sagen. So darf ich es wohl.« Sie machte eine Pause, als sinne sie vor sich
+hin, dann fuhr sie fort: »Es ist nicht so, daß ich lebensmüde wäre, das
+müssen Sie nicht meinen. Ich habe das Leben lieb, es ist eine große und
+köstliche Sache, und weil ich seine Schönheit habe hart erstreiten müssen,
+drum liebe ich es um so mehr.«
+
+Ich fühlte, wie mir eine dunkle Röte bis unter die Haare stieg. Denn ich
+glaubte mich von ihr durchschaut in meinem Herumspüren an ihrem Wesen und
+Schicksal, und es durchfuhr mich heiß, daß sie so königlich vor mir war,
+als eine Unüberwundene, die mich aus freiem Willen zu sich hineinsehen
+ließ. Sie hatte niemals von sich geredet, nun tat sie es, und es war der
+Abschied.
+
+»Ich habe einen langen und harten Krieg hinter mir,« sagte sie, »davon
+könnten diese Wände reden; draußen brauchte es niemand zu sehen. Aber ich
+gäbe keinen von allen meinen Schmerzen her; ich habe sie wohl alle
+gebraucht, und nun sie weit dahinten liegen, bin ich froh und reich. Ich
+bliebe gern noch hier. Ich habe immer versucht, ganz im Jetzt und im Tag
+zu leben und nicht an dem herumzuspüren, was nachher käme. Das reut mich
+nicht. Ich glaube, daß wir uns auf das nächste Stadium, das etwa unser
+harrt, am besten vorbereiten, indem wir das jetzige ganz erleben. Wir
+brauchen auch alle Kräfte dazu. Aber jetzt höre ich die fernen Ströme der
+jenseitigen Welt brausen und weiß, daß sie mich davontragen werden auf
+ihren Wellen. Da will ich es nun lieber freiwillig tun, ehe mich die Sinne
+und Gedanken verlassen, nämlich mein Leben hingeben als etwas Kostbares, ja
+das einzige, was ich besitze, und mit mir geschehen lassen, was da wolle.«
+
+Als sie das sagte, stand eine so große, ja heldenmütige Tapferkeit in ihrem
+Gesicht geschrieben und ein so freier und harter Wille, sich in das Sterben
+zu schicken, daß mich ein unsägliches Staunen überkam. Denn es war, als ob
+eine Königin aus Glanz und Glück und im vollen Reichtum aller Kräfte
+davongerufen werde und sich dazu hergebe, Kronen und Kleinodien auf den
+Altar niederzulegen, da doch ein mühseliges und entbehrungsreiches Leben
+sich dem Ende zuneigte.
+
+Ich hatte dergleichen noch nie gesehen und konnte kein Wort sagen; es war
+ein Sturm von Verehrung und auch von Not und Schmerz in mir. Denn ich
+merkte in diesem letzten Augenblick, wieviel ich hier zurücklasse, da ich
+doch gemeint hatte, als ein Freier, und dem das Glück hold war, in die Welt
+hinauszuziehen. Ich konnte wiederkommen, wenn ich wollte, ich konnte aber
+auch draußen finden, was mich nach meinem eigenen Willen hielt und band.
+Bis jetzt war mir der Himmel voller Geigen gehangen, und nun auf einmal
+sauste es mir in den Ohren: Bleib da, geh' nicht, denn es geht hier Großes,
+ja Unermeßliches vor, wie magst du dem entrinnen, und was ist draußen so
+wichtiges wie das?
+
+Ich ließ, um meine Verlegenheit zu verbergen, meine Augen an den Wänden
+hingehen und sah, obgleich sie von verhaltenen Tränen erfüllt waren, die
+Umgebung an, in der die Pflanze aufgeblüht war, die vor dem Welken so
+starken Glanz und Duft verbreitete.
+
+Es hing ein schöner Stich des Ecce-Homo von Carlo Dolce zu Häupten des
+Bettes und an der Längsseite ein Holzschnitt nach Albrecht Dürers Ritter,
+Tod und Teufel. Der Ritter zog seine Straße ohne Wanken und ließ einen, wie
+mir schien, spöttischen Blick nach den Ungeheuern hinlaufen, die ihm den
+Weg abschneiden wollten, aber unter ihm hing ein unsäglich liebliches
+Bildchen in Wasserfarben: Eine schöne, junge Frau mit einem jährigen Kind
+auf dem Schoß, das sie zärtlich umfaßt hielt und auf dessen weiches
+Rundgesichtlein ihre Augen mit warmem Glanz niedersahen. Das mußte wohl die
+Mutter sein, die nach des Zeitlers Erzählung noch im Tode die Augen nicht
+hatte von ihren Kindern abwenden können, was ich auf einmal wohl begriff.
+
+Auf der weißen Decke lag ein schmales Lesezeichen, das wohl einem der
+wenigen, vielgelesenen Bücher entfallen war, die bequem erreichbar auf
+einem hängenden Ebenholzgestell lagen. Es trug in Lapidarschrift von
+purpurroter Farbe die Inschrift: Ich, die aber von den liegenden Balken
+eines schwerfälligen Kreuzes ausgestrichen war. Als Fräulein Brigitte sah,
+daß meine Augen darauf lagen, machte sie eine Handbewegung, als wollte sie
+es wegnehmen, denn es hatte wohl noch nie ein fremder Blick auf der kleinen
+Malerei geruht, die vielleicht viel bedeutete in ihrem Leben, aber sie ließ
+das Bildchen dann doch liegen, als verlohne es sich nicht mehr, etwas zu
+verstecken. Mochte ich doch ruhig ihre Waffenkammer betrachten und die
+Schilder und Schwerter, die ihr geholfen hatten, den Riesen zu erschlagen,
+da ja nun der Sieg erfochten war. So kam es mir vor, und plötzlich sah ich
+einen ihrer leuchtenden Blicke auf mir liegen und das geheimnisvoll
+triumphierende Lächeln wieder um ihren Mund spielen. Sie suchte nach einem
+Wort, das ihr auf die Lippen treten wollte, als der Arzt ins Zimmer trat
+und ich, widerstrebend genug, gehen mußte nach einem kurzen Lebewohl, das,
+wie ich wußte, eins für immer war. Es wäre noch so vieles auszusprechen
+gewesen, sowohl von mir als auch von ihr, aber es war nun abgeschnitten und
+konnte nie mehr nachgeholt werden.
+
+Ich trat ins Wohnzimmer, wo ich noch einige Kleinigkeiten hatte liegen
+lassen.
+
+Da reizte es mich, einen Augenblick in den Stuhl an Fräulein Brigittens
+Arbeitstisch zu sitzen, wo ich sie so oft gesehen hatte, und spielend den
+einen oder andern Gegenstand, der ihr gehörte, in die Hand zu nehmen.
+
+Unter einem kleinen Notizblock lag ein mit Bleistift beschriebener Zettel
+von ihrer Handschrift, und ich konnte keinen Augenblick der Versuchung
+widerstehen, ihn für mich zu behalten, denn es war mir, als enthalte er das
+Wort, das sie für mich auf den Lippen gehabt, aber nicht habe aussprechen
+mögen, als ich ihn las.
+
+Er fing mitten in einem Satz an und lautete: »Doch nahm ich zu allem, was
+mir begegnete, diese eine Stellung ein. Es sei Liebes oder Leides gewesen,
+so sagte ich ihm: ich lasse dich nicht, du segnest mich denn, und so habe
+ich schließlich, wenn auch mit verrenkter Hüfte den Sieg behalten, und ich
+bin dennoch« -- da endete die Schrift auf dem Blättchen, dessen unendlichen
+Lebensinhalt ich von ferne einen Augenblick ahnte, ohne einer Ergänzung zu
+bedürfen. Ich barg den Zettel in meiner Brusttasche, wozu ich eben noch
+Zeit hatte, da Herr Kasimir eintrat und ich auch von ihm Abschied nehmen
+mußte.
+
+Er lächelte mich, als ich ihm die Hand reichte, hilflos traurig an, und
+sagte, indem er seine Augen an mir herauf und hinunter gehen ließ, mit
+bedrückter Stimme: »Ja, ja, die Jahre vergehen, es ist unglaublich, wie
+schnell sie vergehen und wie sich alles ändert,« was ich freilich ebensogut
+als Ausdruck der Trauer über mein Scheiden wie über die Vergänglichkeit der
+Dinge überhaupt ansehen konnte und worauf ich nichts zu erwidern wußte. Wir
+tauschten noch ein paar Worte ohne viel Inhalt, denn er horchte mit halbem
+Gehör nach dem Gang hinaus, da er den Arzt sprechen wollte, ehe dieser das
+Haus verließ; ich aber war in aufgerührten Gedanken und Gefühlen
+beschäftigt, einige Sätze in mir zu formen, die ich gern der Fräulein
+Brigitte noch gesagt hätte zum Abschied. Ja, es war mir in diesem
+Augenblick, als könne ich nicht gehen, denn hier sei der Urquell des
+Lebens, und er müsse auch mich gleichgültigen und unbewußten Burschen
+segnen, da ich seither blind an ihm vorbei gestolpert sei. Aber die
+Minuten gingen vorüber, und ich versäumte auch hier den Augenblick über
+meiner Herzensunruhe. Es ging draußen die Tür, und ich hörte plötzlich
+Herrn Kasimir sagen: »So leben Sie denn wohl, lassen Sie von sich hören und
+vielleicht kehren Sie uns einst zurück«; ich fühlte seinen Händedruck und
+sah ihn hinausgehen, um den Arzt noch zu erfassen, und ich blieb zurück,
+ohne ihm, wie ich wollte, Dank und Anhänglichkeit ausgesprochen zu haben,
+wozu ich immerhin Veranlassung gehabt hätte. Da legte sich noch ein
+weiterer Stein auf mein Reisegemüt, und ich ging aus dem Hause, dem ich nun
+ferner nicht mehr angehörte, mit bedrücktem Herzen, da ich doch hatte als
+ein Liebling des Lebens und mit geschwellten Segeln ausfahren wollen.
+
+ * * * * *
+
+Es dauerte aber nicht lange mit dem Trübsinn und mit der Herzbewegung bei
+mir. Ich war nicht dazu angelegt, und ich war stets dem Gegenwärtigen,
+Neuen und Täglichen aufgetan. Auch hörte meine Jugend andere Ströme
+brausen, als die, von denen Fräulein Brigitte gesprochen hatte, und die sie
+auch in Wahrheit von dannen trugen. Es war ein halbes Jahr später, als ich
+die Nachricht von ihrem Tode erhielt. Ich fand sie eines späten Abends in
+meinem Zimmer, als ich aus einer politischen Versammlung dahin
+zurückkehrte, warm und angeregt vom genossenen Wein und mehr vom
+Disputieren, an dem ich mich zwar nicht öffentlich, aber nach Schluß der
+Versammlung an einem Tisch voller Bekannten und Gesinnungsgenossen
+beteiligt hatte.
+
+Ich fing zu dieser Zeit an, aus allen Brunnen zu trinken, mehr im Gefühl
+der Freiheit und daß mir jegliches offen stehe, als aus besonderem Gelüste
+nach dem und jenem. Ich nahm am öffentlichen Leben teil, indem ich
+Versammlungen von allerlei Art besuchte und meine Meinung über alles
+unverzagt preisgab in den Wirtshaussitzungen, die sich daran knüpften, und
+gab mir in bezug auf Bescheidenheit im Reden, Meinen und Auftreten weiter
+nicht viel Mühe. Es war damals nichts um den Weg, was mich am seidenen oder
+goldenen Faden gelenkt hätte zu irgendeiner ernsteren Besinnlichkeit, einer
+Liebe oder Frömmigkeit hin, oder wenn etwas da war, so wußte ich es nicht
+oder gedachte nicht seiner. Als ich an jenem Abend mein Zimmer betrat und
+die Lampe anzündete, taumelte ein dunkler Falter, der auf dem Tisch
+gesessen haben mochte, auf und tat summend schwerfällige Flügelschläge um
+das Licht her, und ich sah ihm gedankenlos zu oder vielmehr in abwesenden,
+selbständig sich tummelnden Gedanken, bis er sich einen Augenblick
+niedersetzte und ich den Brief entdeckte, auf dem er saß. Er war von Herrn
+Kasimirs steifer Handschrift, der nur an gewissen Stellen wohlerwogene,
+würdige Schnörkel angehängt waren und freilich auch, ihm selbst unbewußt,
+hie und da kleine, lächerliche Schwänzchen, die das Entzücken eines
+graphologischen Seelenkündigers gewesen wären. Nun, ich verstand nichts
+davon und dachte auch damals nicht an dergleichen, sondern es durchfuhr
+mich beim Anblick des Briefes sogleich das Wissen um seinen Inhalt und
+machte mich plötzlich ganz nüchtern, wach und ernsthaft.
+
+Der Brief war nicht so kurz, als ich hätte erwarten können, da es sich um
+die Mitteilung eines Trauerfalls handelte. Und er war auch nicht gleich
+nach dem Hingang der schönen Seele entstanden, sondern etwa vierzehn Tage
+später, als dem Schreiber in seinem leeren Hause bereits zum vollen
+Bewußtsein gekommen war, was er verloren hatte, und wie einsam er nun war.
+Es ging eine rührende Klage durch das Blatt hindurch, daß er nicht genug
+erkannt habe, was für einen Reichtum er besitze und ihn nicht in seinem
+vollen Wert geschätzt habe, daß er die Verstorbene vielleicht habe Mangel
+leiden lassen an brüderlicher Liebe und Aufmerksamkeit und es nun nicht
+mehr nachholen könne. Ja, ja, es sei immer eine Mahnung da, die sage: »O
+lieb', so lang du lieben kannst,« aber man beachte sie zu spät.
+
+Das alles kam mir unrichtig vor für seinen Fall, da ja die Geschwister
+stets einträchtig zusammen gehaust hatten, fast wie Mann und Frau, und ich
+nicht begriff, was Herr Kasimir verfehlt haben wollte.
+
+Ich war noch zu unerfahren, um zu wissen, wie beim Scheiden sich alles
+Erlebte unter einem Brennpunkt zusammendrängt, und alles, Liebe, Leid,
+erlittener und zugefügter Schmerz, Getanes und Unterlassenes, frisch und
+neu da ist und noch einmal vor dem Herzen steht in unbestechlicher
+Wahrhaftigkeit. Da ist wohl keiner, der sich sagen kann, daß er nichts
+versäumt und nichts falsch gemacht habe und sich nicht noch einmal das
+Vergangene zurückwünscht, auch nur auf einen Augenblick, um das Mangelhafte
+zu verbessern. Selbst, wenn er lebendig gelebt hat und sich seiner selbst
+und des andern stets bewußt war, geht es ihm so, wieviel mehr fällt den
+die Wirklichkeit des Geschiedenseins mit scharfen Klauen an, der halb im
+Traum dahin gegangen ist und auf einmal aufschreckend sieht, was für immer
+hinter ihm liegt, unerreichbar für Liebe und Reue.
+
+So denke ich jetzt. Wie es in dieser Hinsicht mit Herrn Kasimir bestellt
+war, weiß ich nicht. Es gab mir ein wichtiges Gefühl meiner selbst, daß er
+mich erwählt hatte, als denjenigen, bei dem er sich aussprach, und ich
+setzte mich noch in der Nacht hin, um ihm allerlei weise Trostgedanken, die
+mir einfielen, zu schreiben; ich kam aber nicht weit damit, denn während
+des Schreibens wurde mir erst recht die Tatsache bewußt, daß auch ich etwas
+verloren hatte, und zwar etwas Kostbares, dessengleichen ich so leicht
+nicht wieder fand. Ich starrte in die Lampe und ließ die Bilder der Jahre,
+die nun schon Vergangenheit waren, an mir vorüberziehen, soweit Fräulein
+Brigitte darin zu sehen war in all ihrer feinen Güte, Herzlichkeit und
+siegreichen Freudigkeit. Das mangelhafte Körperliche, das sie mit so viel
+Würde getragen hatte, war nun abgefallen, und sie war hoch, aufrecht, schön
+und triumphierend irgendwie herausgestiegen, was man zwar nicht beweisen
+konnte, mir aber unwiderleglich sicher schien, so wenig ich sonst über
+derlei Dinge nachdachte. Und mich ergriff plötzlich eine heftige Sehnsucht
+nach ihr, als ob ich eine Liebste verloren hätte; ich legte den Kopf auf
+den Tisch und sagte leise ihren Namen, schreckte aber entsetzt auf, als
+mich etwas Weiches, Feines wehend anrührte. Es war aber nur der
+Fenstervorhang, der vom Nachtwind bewegt, um mich herumspielte. Doch wußte
+ich in diesem Augenblick, daß das Beste in mir, was ich war und irgend
+werden konnte, bei ihr eine Zuflucht gehabt hätte zu aller Zeit, und daß
+sie mir entglitten war in die Unendlichkeit hinein; es fror mich im
+Tiefsten, und etwas in mir erschrak, wie wenn ein Schläfer zwischen zwei
+Träumen in die Höhe fährt und sich der Wirklichkeit bewußt wird.
+
+ * * * * *
+
+Ich war in meiner jetzigen Stellung nicht im Verkehr mit dem Publikum, wie
+zuvor, sondern hatte lediglich Korrespondenzen mit Unbekannten oder auch
+nur dem Namen nach Bekannten zu führen und wie sich versteht, auch dies nur
+in rein geschäftlicher Beziehung, was in mir einen Hunger nach menschlich
+nahen Berührungen erzeugte, denn ich konnte nicht gut für mich allein sein.
+Es war nun in dem großen Hause, dem ich als Angestellter angehörte, ein
+junger Mann, nicht viel älter als ich, doch so etwa drei bis vier Jahre,
+der mich stark anzog. Er hatte, wie ich erfuhr, Philologie studiert, war
+aber wegen übermütiger Streiche, die er auf der Universität verübt haben
+sollte, und durch die er die Professoren gegen sich aufgebracht hatte, aus
+seiner Laufbahn geworfen worden. Doch machte er nichts weniger als den
+Eindruck etwa eines verbummelten Studenten oder sonst einer verkrachten
+Existenz. Im Gegenteil trat er mit großer Sicherheit und eher etwas
+herrisch auf, leistete viel und das mit Leichtigkeit und ließ gelegentlich
+durchblicken, daß er seinen jetzigen Beruf nur als Übergang zu einem andern
+ansehe. Er wolle sich ganz der Politik widmen, auch etwa eine große Zeitung
+redigieren oder dergleichen, das habe indessen alles noch Zeit. Es war,
+als habe er alles in der Hand, was er sein oder erreichen wollte, und es
+blitzte auch in seinem Gesicht von Geist und Temperament, daß einer nur
+hinsehen und staunen und sich ihn zum Freunde wünschen mußte. Wir gingen
+öfters miteinander aus, und eines Abends in warmer und aufgeschlossener
+Stimmung ließ er sein Glas mit meinem zusammenklingen und bot mir das Du
+an. Es wolle bei ihm etwas heißen, wenn er das tue, sagte er, er sei keiner
+von denen, die mit der ganzen Welt auf Smollis seien, ich hätte indessen
+etwas an mir, was ihn reize, mich zum Freund zu haben, obgleich ich ein
+Unschuldslämmchen sei. Oder vielleicht gerade deswegen, setzte er lachend
+hinzu. Er müsse mich seiner Mutter zeigen, die dann vielleicht neue
+Hoffnung schöpfe, daß er auf ein bürgerlich ehrbares Leben hinsteuere, wenn
+er mich vorweise.
+
+Das Unschuldslämmchen stach mich ein wenig, so sehr die neue Freundschaft
+mich beglücken wollte. Es hätte mich mehr geehrt, für einen leichtsinnigen
+Tausendsasa gehalten zu werden, denn für ein braves Kind, das man seiner
+Mutter vorzeigt, um Lob zu ernten. Olbrich mochte mir das angesehen haben,
+denn er sagte gutmütig: »Du mußt das nicht schwer nehmen, im Gegenteil.
+Meine Mutter ist das allerfeinste, was ich kenne, es gibt keine Frau, die
+ihr gleicht. Wenn ich einen Freund hätte, der ihr gefallen sollte, so müßte
+er der auserlesenste Mensch sein, der du vermutlich gar nicht bist. Doch
+sei nur ruhig, sie liebt mich, wie ich bin und nimmt an, was ich ihr
+bringe, obgleich es schon hie und da harte Brocken waren, die ich ihr zu
+beißen zugemutet habe.« Er sah eine Weile vor sich hin, als ob er erst
+nachträglich merke, daß wirklich gute Zähne dazu gehört hätten, alles zu
+beißen, was er seiner Mutter auf den Tisch gelegt habe, und als ob er
+bedenke, daß es vielleicht auch einmal genug damit sein könnte, da man im
+Alter sonst gern weicheres Brot und leichtere Speise genieße.
+
+Wie aus einem solchen Gedankengang heraus, sagte er, mich anblickend: »Du
+hast es eigentlich gut in deiner Haut, die dich ordentlich auf dem einmal
+gebahnten Weg weitergehen läßt, während in mir ein Feuer ist, das noch
+allerlei anstellen kann, und das über mich befiehlt. Wenn ich allein wäre,
+käme es mir nicht darauf an, tüchtig in der Welt herumgeworfen zu werden,
+denn umzubringen bin ich nicht, aber die alte Frau tut mir leid; sie hätte
+es verdient, daß ich ihr Enkelchen ins Haus brächte und sie selbst Sonntags
+am Arm spazieren führte als ein braver Sohn und Bürger. Aber ehe das
+geschieht, kann noch viel Wasser ins Meer fließen, und kurz und gut, sie
+sollte dich zum Sohn haben anstatt meiner, wenigstens so viel ich von dir
+kenne.«
+
+Das sagte Olbrich aber nur, weil er einen Mangel von mir für eine Tugend
+hielt und weil er der starken Kräfte, die ihn selber umtrieben, nicht ganz
+froh werden konnte. Ich war unberaten und zufällig in meinen Beruf hinein
+gegangen, es hätte ebensogut irgendein anderer sein können, und ich hätte
+dann das Meinige darin getan, wie ich es in diesem tat, denn ich hatte gute
+Gaben und viel Anpassungsvermögen, und es rief mich keine starke Neigung
+nach einer andern Seite. Auch hatte ich ein lebhaftes Verlangen nach
+äußerem Vorwärtskommen und ein anererbtes Respektgefühl vor dem jeweilig
+als Pflicht Übernommenen, das mich zuverlässig und arbeitsam sein ließ. Das
+war aber auch alles. Obwohl ich meinen Beruf leidlich ausfüllte, so füllte
+er doch mich nicht aus; ich suchte meine Weide und die Stillung meines
+Glücks- und Lebensverlangens auf andern Wegen, deren mir ja viele offen
+standen, nicht in dem, was ein Mann über alles lieben sollte, im Zentrum
+meiner Lebensarbeit.
+
+Das alles sagte ich meinem neuen Freund nicht und wußte es auch damals noch
+nicht wie heute, wo mir der rosige Nebel, der über allen Dingen lag,
+vergangen ist und der nüchterne Tag vieles klar gemacht hat, Liebes sowohl
+als Leides. Nur meiner Mutter gedachte ich einen Augenblick, als er von der
+seinigen sprach, und daß ich ihr auch hätte gönnen mögen, mich so
+wohlgeraten zu sehen. Es kamen aber Bekannte an unsern Tisch, und das
+Gespräch ging auf allgemeine Dinge über.
+
+Olbrich zögerte nicht lange, mich in allerlei Kreise einzuführen, in denen
+er bereits etwas galt und auch in einen Singverein, der hauptsächlich
+klassische Musik zur Aufführung brachte. Ich war in keiner Weise
+musikalisch gebildet, aber ich pflegte auf Spaziergängen, oder wenn ich in
+meinem Zimmer umherkramte, vor mich hin zu singen, was ich etwa gehört
+hatte und was mir im Gedächtnis hängen geblieben war. Darüber wurde ich von
+Olbrich betroffen, der mir auf den Kopf zusagte, daß ich eine Stimme habe
+und musikalisch sei, und der nicht nachließ, bis ich in den Sängerchor
+eingeordnet war, in dem er selbst eine ziemliche Rolle spielte. Meine
+Einwendungen in dem Sinne, daß ich ja gar nichts gelernt habe, kaum nach
+Noten singen könne und so weiter, verlachte er, da es nicht darauf ankam,
+ob man bereits gedrillt sei, sondern ob man die Gaben habe, alles
+nachzuholen, was bei mir der Fall sei. Es ging auch richtig ziemlich gut,
+und ich war mit Ernst bei der Sache, da es mich selber wunderte, welch
+starke und freudige Töne meine Kehle hervorbrachte, und wie sie in dem
+Brausen des Männergesangs kräftig mitschwangen. Aber noch erfreulicher war
+die Entdeckung, daß all unser Singen doch erst eine Vollendung, ja einen
+eigentlichen Zweck bekam, wenn das Heer der weiblichen Stimmen sich darein
+mischte und zur Kraft die Süße, zu dem festen Untergrund der Bässe und
+Tenöre das hohe, silberne Klingen des Soprans und das warme,
+herzandringende des Alts fügte. Ich fühlte mich recht als Glied eines
+Ganzen und tat wacker und ehrlich mit, was mir bald einigen gutmütigen
+Spott von Olbrich und ein paar andern eintrug, die es darauf abgesehen
+hatten, mich als Musterknaben auszuspielen. Sie hatten fast alle unter den
+singenden Damen Bekannte, die sie nach Schluß der Proben heimbegleiteten,
+und mit denen es unterwegs noch viel Scherz und Gelächter gab, und es
+schien, als ob manchen dieser Teil der Sache der wichtigere wäre. Dabei
+konnte ich nun schon aus Mangel an Bekanntschaften nicht mittun, aber es
+war auch noch etwas anderes bei mir, das nämlich, daß mir auf einmal in ein
+ziemlich inhaltloses Leben hinein die Musik wie eine Geliebte getreten war,
+der ich mein Herz auftat, und die mich mit Feuer und Andacht erfüllte. Es
+wurde mir jetzt nachträglich klar, welch herzliche und innige Schönheit
+mich oft angerührt hatte, wenn ich Brigitte Hagenau hatte Klavier spielen
+hören und jetzt, nach ihrem Tode, war es mir, als habe sie damals über alle
+Kraft und Klarheit ihres Wesens, ja über die geistige Welt, in der sie
+lebte, mit mir geredet, ich habe es aber an mir vorübergehen lassen.
+
+Da war ich denn nun an den Musikabenden meistens verschlossener gegen die
+scherzhaften Gespräche, die in den Pausen und nach dem Schluß hin und her
+flogen, als es sonst meine Art war, und Olbrich sagte, man müsse mir zu
+einem Damenverkehr helfen, denn es sei die Sehnsucht da mitzutun, die mich
+so schweigsam mache. Es müsse aber ein feines Mutterkind sein, das man mir
+heimzugeleiten gebe, denn ich sei selber noch ein solches und gleich und
+gleich geselle sich gern.
+
+Er hatte mich ehrlich gern und zeigte mir das auch auf jede Weise, nur daß
+er es nicht unterlassen konnte, mich mit dem zu necken, was ich meiner
+Meinung und meinen Wünschen nach gerade gar nicht war. Ich war nur ohne
+Übung im freieren Flug, und ich meinte, mich weltmännisch genug zu betragen
+und war auch bereit, noch mehreres darin zu tun, wenn es die Gelegenheit
+ergab. Er aber sah den Anlauf, den ich zu diesem allem nehmen mußte, und
+hatte etwas wie eine Rührung darüber, die er unter leichtem Spott und
+Necken verbarg. Im Grunde war er selber eine durchaus gesunde und
+unverdorbene Natur, die sich ruhig ein Stück weit die Zügel schießen lassen
+konnte, auf die Dauer aber ihr Gesetz in sich selber nicht überhörte und
+nach allerlei Seitensprüngen immer wieder in ihre richtige Lage
+zurückkehrte. Ich dagegen horchte viel nach allen Seiten und bemühte mich,
+zu tun, was etwa andere, die mir imponierten, für geschmackvoll und richtig
+hielten, und es ist nur ein Wunder, daß ich bei alledem doch so ungefähr
+auf dem Wege blieb.
+
+Es begegneten mir freilich immer wieder Menschen von der echten und
+lebendigen Sorte, die dem unbewußt Guten, das ich doch auch in mir hatte,
+entgegen kamen und es einstweilen für eigen und für bare Münze nahmen, ja
+mich liebten, ohne daß ich mir gerade um sie besondere Mühe gab. Ich war es
+aber so gewöhnt von jung auf und wunderte mich nicht einmal besonders
+darüber. Es mußte alles so sein, wie es war.
+
+ * * * * *
+
+Olbrich nahm mich eines Sonntags mit zu seiner Mutter, die in einem Vorort
+ein kleines Landhaus allein bewohnte, während er selbst ein Zimmer in der
+Stadt hatte, schon der Geschäftsnähe wegen, aber auch, um sich ganz
+ungehindert bewegen zu können, worin seine Mutter ganz einig mit ihm war.
+Sie war schon seit vielen Jahren Witwe und hatte nur diesen einzigen Sohn,
+den sie an ihrem Herzen mit einem starken Band angebunden hielt, aber lang
+genug, um nichts von Unfreiheit spüren zu lassen. Sie war seine Freundin
+und ging mit großem Interesse auf alles ein, was er ihr brachte, ja sie
+hatte einen so guten und glücklichen Humor, daß er sich eines spaßhaften
+Erlebnisses oder einer lustigen Geschichte erst recht freute, wenn sie mit
+ihm darüber gelacht hatte. Diesmal nun erzählte er, er habe diese Woche
+einmal bei einem Umtrunk auf die Frage: Bruder, deine Liebste heißt?
+geantwortet: Friederike, was alle aufs höchste verwundert habe, denn man
+sei gewöhnlich mit dem Gegenstand seiner Neigung auf dem Laufenden und habe
+in der ganzen Stadt keine Friederike gekannt, um die es sich habe handeln
+können. Er habe ihnen aber nicht entdeckt, daß es sich bei dem
+geheimnisvollen Kleinod um seine Mutter handle und lasse sie nun alle
+zappeln. Darüber lachten sie beide herzlich, und ich entdeckte, daß sie
+einander im Lachen, ich möchte sagen, lächerlich ähnlich sahen, aber ich
+sah auch den vollen Glücksblick, den die Mutter während des Lachens auf den
+Sohn warf, und der mich wunderlich aufrührte. Ich hätte etwas darum
+gegeben, auch einen solchen Blick auf mir ruhen zu sehen, und dachte eines
+Anlasses, der um einige Zeit zurücklag.
+
+Ich war nämlich auf der Reise zwischen beiden Orten ein paar Tage zu Haus
+gewesen, um die Hochzeit meiner Schwester Helene mitzufeiern, die eigens um
+meinetwillen auf diese Zeit gelegt worden war. Die guten Schwestern hatten
+alles getan, um mich behaglich, oder, wie sie meinten, würdig aufzunehmen,
+es hatte an keinem Guten gefehlt. Sie waren nun schon in das Haus
+umgezogen, das der Schreiner gekauft und nach Möglichkeit hergerichtet
+hatte. Luise wohnte im Unterstock, und dort war auch für mich eine Kammer
+bereit, die Luise so wohnlich als möglich gemacht und geschmückt hatte. Es
+hingen Vorhänge an den Fenstern und Bilder, von denen sie gedacht hatte,
+daß sie mir gefallen würden, an den Wänden, und Luise hoffte auf mein
+freudiges Erstaunen und auf die Äußerungen eines befriedigten
+Heimatsgefühls. Aber ich fand sowohl die Liebespaare an den Wänden, als die
+blaue Tapete scheußlich, und sagte das zwar nicht, aber auch nichts Gutes,
+und litt selber unter einer schlechten, enttäuschten und widerwärtigen
+Stimmung, die ich nicht ganz verdecken konnte. Es war weder die alte,
+einfache, fast ärmliche Heimat mehr, die mich schon um der Erinnerung
+willen an sich gezogen hätte, noch als Ersatz dafür ein Ort, an dem es
+meinem jetzigen Selbst entsprechend zuging und aussah. Sondern es waren
+Kraftanstrengungen gemacht worden, um ein bißchen Schönheit oder Eleganz in
+die Räume zu bringen, und ich sah nicht den guten Willen und das Verlangen
+nach einem freundlichen Aufstieg, sondern nur das mißratene (nach meinem
+Dafürhalten) in der Ausführung.
+
+Dazu kam, daß ich mich mit dem Schwager nicht verstand, was ich ja
+vorausgesehen hatte, und daß sich Helene darüber betrübte. Nachträglich
+spürte ich wohl, daß es an mir selber gelegen war, aber das machte die
+Sache nicht besser. Ich hatte dem jungen Paar als Hochzeitsgeschenk ein
+Büchergestell mit einigen Klassikerbänden mitgebracht, worüber sich Helene
+kindlich freute. Sie hängte das hübsch gearbeitete Brett auch sogleich im
+sogenannten guten Zimmer auf und stellte zu meinem Grauen ein paar kleine
+lackierte Gipsbüsten oben darauf, die Schiller und Goethe vorstellen
+sollten, und die ihr der Bräutigam gekauft hatte. Letzteres wußte ich
+nicht, sonst hätte ich mich wohl zurückgehalten, zu sagen: »Laß' doch die
+Scheusale weg, die ich am liebsten durchs Fenster werfen möchte; viel
+besser nichts, als solche Greuel.« Ich sagte es etwas heftig, denn es
+entlud sich allerlei angesammelter Unmut in den paar Worten, Helene aber
+bekam eine dunkle Röte ins Gesicht und schaute mich verwundert an oder
+vielmehr verwundet. Der Schwager aber sah von seiner Zeitung auf, in der
+er eben las, und sagte scharf: »Es haben nicht alle Leute die Mittel, teure
+Sachen zu kaufen und aufzustellen,« worauf er wieder weiter las oder doch
+dergleichen tat. Dieser Satz nun traf das, was ich gesagt hatte, nicht,
+indem es sich nicht ums Geld, sondern um den Geschmack handelte, und war
+vielleicht auch nicht tiefer zu nehmen, aber ich sah darin den längst
+erwarteten Vorwurf über meinen Geldverbrauch auf Kosten der Schwestern, und
+ging stumm, aber innerlich rasend, aus dem Zimmer. Das war am Vorabend der
+Hochzeit; ich wäre aber am liebsten sogleich abgefahren und hätte es
+vielleicht auch getan, wenn es mir nicht um das Aufsehen gewesen wäre, das
+es erregt hätte, und schließlich doch auch um die Schwestern, denen ich das
+Leid nicht antun mochte. So blieb ich denn und faßte mich auch
+einigermaßen, was mir die Schwestern nicht genug danken konnten. Ich war
+auch ein leidlich liebenswürdiger Brautführer, Festordner und Tänzer am
+andern Tag, stieß sogar mit dem Schwager an, der gar nicht wußte, was er
+angerichtet hatte, weil er meinte, ich lebe schon lang von eigenem Gelde,
+und küßte Helene, ehe sie mit ihrem Mann auf drei Tage zu seinen Verwandten
+reiste. Unter diesem Kuß fing das liebe Mädchen, oder die junge Frau, die
+sie nun war, so heftig und innig an zu weinen, daß ich es nicht unterlassen
+konnte, sie noch ein paarmal tröstend weiterzuküssen, worauf sie unter
+Tränen lachend sagte: »Ach, du bist doch ein guter Kerl,« und sich nach
+einem Taschentuch umsah, das sie gerade nicht zur Hand hatte, um sich die
+Augen abzutrocknen. Luise hatte die ihrigen selber voll Wasser, es reichte
+aber ihr festliches Spitzentüchlein für beide Schwesterngesichter, die sich
+noch einmal fest aneinanderschmiegten vor der großen Trennung, die freilich
+so gar einschneidend nicht war, weil sie nachher fast gleich miteinander
+fortlebten wie bisher. Der Mann war nichts so Neues für sie, da er schon
+lange dabei gewesen war. Ich muß auch bekennen, daß er meine beiden
+Schwestern hoch und wert hielt und ihnen auf seine Weise zulieb tat, was er
+konnte, viel mehr als ich in bösen Zeiten.
+
+Doch fällt in jene Tage noch ein freundlicher Strahl, an dem ich mir unter
+den glücklich lachenden Augen von Mutter und Sohn ein wenig gütlich tat.
+
+Als nämlich das junge Ehepaar abgefahren war in dem Kütschchen eines
+Vetters, überkam mich, vielleicht in dem Wohlgefühl über den zärtlichen
+Abschied mit Helene, eine plötzliche Lustigkeit. Ich faßte Luise, die
+gerade ein bißchen traurig sein wollte, um den Leib und zwang sie, sich mit
+mir in der engen Stube zu drehen, wozu ich ein Liedchen pfiff; darüber
+mußte sie wider Willen lachen, und wir beide kamen in eine höchst
+behagliche Stimmung, in der wir beschlossen, noch einen schönen Abend
+miteinander zu haben und Lotte Meister abzuholen in einen aussichtsreichen
+Wirtsgarten. Es wurde ein gutes Beisammensein, an das ich gerne denke. Wir
+saßen beim sinkenden Abend und noch späterhin in einem kleinen, erhöht
+gelegenen Tempelchen, abseits von den übrigen Gartengästen und genossen ein
+gutes Nachtessen, bei dem ich zum erstenmal in meinem Leben meine
+Schwester frei hielt. Um uns her standen hohe Bäume, deren volle Kronen
+leise rauschten, unter uns zog der breite Fluß vorbei mit eiligen Wellen,
+und wir saßen in einem freudigen Wohlsein und auch einer kleinen Wehmut,
+weil alles so schnell vorüberging, beisammen und plauderten von allerlei
+Dingen. Unter anderem sagte Luise: »Du, hör' einmal, Ludwig, der Herr
+Professor, der dich einmal hat malen sollen, ist vorigen Herbst gestorben,
+und seine Tochter, die mit den Kindern bei ihm gelebt hat, ist wieder bei
+ihrem Mann, aber in Amerika. Es geht oft sonderbar zu. Die hätten doch
+ihrer Lebtag beisammen sein können. Es heißt, er habe es mit einer andern
+gehabt und sei jetzt krank und elend. Da ist sie jetzt der Gutgenug. Aber,
+was rechte Frauen sind, die sind wie die Mütter, die Liebe ist nicht zum
+Umbringen in ihnen. Ich glaube, sie hat immer gewartet, daß er sie wieder
+zu sich ruft.«
+
+»Wo ist denn ihre Tochter, die Maidi?« fragte ich. »Ist die auch mit nach
+Amerika gegangen?«
+
+»Ach nein, die studiert irgendwo auf die Malerei; sie habe es vom Großvater
+geerbt, daß sie malen müsse. Es ist schade, sie gäbe eine liebe Frau, ich
+habe schon gedacht, so eine wie sie, möchte ich dir wünschen, sie ist so
+fein und doch nicht stolz. Wie einem halt so Gedanken kommen. Es wird ihrer
+noch mehr solche geben.«
+
+Das meinte ich auch, es gab massenhaft feine Mädchen, das war gut
+eingerichtet; ich konnte aber nicht unterlassen, die Frauen zu belehren,
+daß die Maidi darum doch heiraten könne, wenn sie auch Malerin sei, das
+komme oft vor. Sie könne ja dann das Malen aufgeben, oder man könne ihr
+eine gute Köchin halten. Darüber nickten sie einverstanden, und wir lachten
+alle drei, daß wir so schön einig waren, während doch keines von uns wußte,
+wo sich das Malweibchen umhertrieb und es uns auch gleichgültig war.
+
+An diesen Abend und den darauffolgenden Tag dachte ich jetzt und hätte gern
+das freudige und stolze Gesicht meiner Schwester Luise wieder einmal
+aufleuchten gesehen, mit dem sie mich von sich gelassen hatte. In der
+Zwischenzeit hatte ich es so ziemlich vergessen gehabt.
+
+Damals, als ich ging, stand sie am Bügeltisch unter ihren Gehilfinnen; sie
+konnte mich nicht begleiten, denn es war über die Hochzeit viel versäumt
+worden. Aber sie sah mich voller Liebe an und sagte: »Gelt, komm' auch
+wieder, daß man warm bleibt miteinander,« und in diesem Augenblick dachte
+ich auch, daß ich es tun wolle, ja, ich hätte sie gern geküßt, wenn es
+wegen der Bügelmädchen angegangen wäre. Und alles in mir war voller
+Zugehörigkeit, Respekt und Wohlgefallen; denn sie stand da so tüchtig und
+wacker an ihrem Platz, als eine ganze Person, aber mich liebte sie über
+alles, und in mir wallte es zu ihr hin, wie zu einer Heimat. Man konnte es
+nur freilich nicht aussprechen, denn so etwas sagte man nicht, auch saß mir
+etwas Ungewohntes im Halse, und ich drückte ihr nur die Hand, das mußte für
+alles gelten und galt auch.
+
+Diese Erinnerungen gingen in einem Augenblick an mir vorüber, im nächsten
+war ich wieder hier am Platze, doch blieb noch etwas in mir zurück, was
+mich heute noch wundert. Ich dachte nämlich: wenn ich nun gefragt worden
+wäre, wie meine Liebste heiße, was hätte ich dann gesagt? Und es antwortete
+in mir zu meiner Überraschung: Maidi. Das erschien mir als ein Unsinn, denn
+ich hatte ja das Mädchen nur als halbes Kind und dann nie mehr gesehen, und
+es war jetzt irgendwo in der Fremde, Gott mochte wissen, wo, es war mir
+auch gleich. Aber das vorwitzige Stimmlein in mir sagte immer noch Maidi
+und erinnerte mich daran, daß ich schon einmal ihr Bräutigam gewesen sei,
+da mußte ich in Gedanken daran ein bißchen vor mich hinlachen. Das fiel
+aber nicht auf, da es ohnehin heiter und traulich zuging, und ich dachte
+weiter: Nun, ein Unding wäre es nicht, sie war hübsch und fein und lieb
+genug, und ich spielte ein wenig mit ihrem Bilde. Wir stießen auch gleich
+darauf an mit hohen, feinen Stengelgläsern, in denen blaßroter
+Stachelbeerwein war, und da es einen hellen Doppelklang gab, läutete das
+Stimmchen in mir mit: Maidi, was mich zugleich belustigte und erwärmte.
+Denn es schien mir plötzlich, als hätte ich einen heimlichen Schatz.
+
+Frau Olbrich war so einfach mütterlich und natürlich mit mir, als habe sie
+mich längst gekannt und füllte mir beim Gehen die Taschen mit Birnen aus
+ihrem Garten, wie einem großen Buben, und ihr Sohn stand befriedigt dabei.
+»Siehst du,« sagte er auf dem Heimweg, »siehst du, meine alte Herzensdame
+hat schon auf dich angebissen, ich habe es wohl gewußt. Du hast so etwas an
+dir, was alten Frauen gefällt, sie möchten dann die Hände über dich
+breiten, daß du ein braves Kind bleibst; so etwas tun sie gern. Meine
+Mutter hat gesagt, du seiest weiches Wachs, man sehe alle Eindrücke an
+dir, es könne noch alles aus dir werden. Du müssest nur die richtige Frau
+haben, das sei der entscheidende Punkt.«
+
+Ich knurrte ein wenig, und er lachte: »Das ist ihr bei mir auch das
+Wichtigste; sie weiß aber wohl, daß ich keine nehme, die nicht zu mir paßt
+und vielleicht auch gar keine. Denn noch eine solche, wie sie, finde ich
+doch nicht.« Das alles brachte er in leichtsinnig sein sollendem Tone vor,
+man merkte aber gut, wie stark er am Herzbändel seiner Mutter angebunden
+und wie wohl es ihm dabei war, alles andere ungeachtet. Ich konnte ihn fast
+beneiden, es ging aber noch etwas Frohes in mir um von meinem Gedankenspiel
+mit dem Kinderbräutchen her, es war mir, als gehe Maidi irgend woher auf
+mich zu, so, wie ich sie das letztemal gesehen hatte, in ihren hübschen
+Schuhen und unter dem Margeritenkranz.
+
+Solcherlei Gedankenspiele hatte ich oft, ich dachte mir dann etwas aus bis
+ins einzelne und war verwundert, wenn ich um mich schaute, und alles anders
+war. Doch diesmal war es in Wahrheit, als sei von ihr, die so stark in mein
+Leben treten sollte, und die mir näher war, als ich wußte, schon eine
+Vorahnung in der Luft gelegen. Es begegnete uns ein junges Mädchen, das
+ihr, wie ich meinte, so sehr glich, daß ich erschrak und sie anstarrte, und
+es rief eine weibliche Stimme in einem dunklen Garten mit langgezogenem Ton
+den klingenden Namen, den ich sonst nie gehört hatte. Aber das alles traf
+und berührte mich nur, weil sie in mir selbst aus dem Dunkel der
+Vergangenheit emporgetaucht war.
+
+Ich habe oft in meinem Leben den Frühling vorausgespürt und voll
+herzklopfender Ahnung sein Kommen ersehnt, wenn er Tauwinde, blühenden
+Seidelbast und frühe Vogelstimmen vorausschickte, aber von dem kurzen und
+holden Frühling meines Lebens konnte ich nichts voraus wissen, und ich kann
+nicht sagen, wie es kam, daß ich ihn dennoch vernahm, wie ein liebliches
+Geläute, von dem man nicht weiß, woher es tönt und was es bedeutet.
+
+ * * * * *
+
+Es waren zu dieser Zeit die Vorbereitungen für ein großes Musikfest im
+Gang, an dem sich alle besseren Musikvereine der Stadt, ja des Landes,
+beteiligen sollten. Ein berühmter Dirigent, bei dessen bloßer Namennennung
+alle Herzen der Sänger und der Hörer höher schlugen, war angeworben, um
+unter seinem Stab alle Bäche und Flüsse der Musik, die sonst für sich
+allein dahinplätscherten oder strömten, in ein einziges großes Meer von
+Tönen zu versammeln. Inzwischen aber übten die einzelnen Vereine mit mehr
+Nachdruck als sonst ihre Melodien ein, nicht um nachher mit Glanz
+hervorzutreten, sondern um die Fähigkeit zu erwerben, völlig im ganzen
+untergehend, es dennoch in ihrem Teil mit Kraft und Schönheit zu erfüllen.
+
+Auch gleichgültige und zerstreutere Liebhaber der Liederkunst rafften sich
+zusammen, weil es galt, und ließen die Allotria, die sie sonst wohl
+danebenher getrieben hatten, beiseite, um ernstlich und wacker im Takt
+mitzumarschieren, und ihre Stimmen nahmen zu an Reinheit und Kraft, je mehr
+die Besitzer des inneren Schwunges teilhaftig wurden. Es traten auch
+einzelne Persönlichkeiten, die sich sonst abseits gehalten hatten, um
+daheim in ihren Häusern eine vornehme Musik zu pflegen, aus ihrer
+Verborgenheit hervor und stellten sich in die Reihen, wie im Krieg die
+Freiwilligen unter die Fahnen eilen und nichts mehr für sich selber sein
+wollen um der Sache willen. Da war nun auch ich mit Leib und Seele dabei;
+es war wohl kaum vorher und nachher eine Zeit in meinem Leben, wo mir so
+das Ich versank um eines Höheren willen, in dem es aufgehen konnte, wie
+damals. Die Zeichen mehrten sich, daß die Zeit erfüllet werde. Schon nahm
+ein verdienter Tonmeister der Stadt die Zügel in die Hand, um einzelne
+Chöre mit verschiedenen Vereinen zusammen zu probieren, und das geschah in
+einer großen Halle, die eigens für das Fest aus leichten Balken und
+Brettern gezimmert worden war, und Tausende von Menschen fassen konnte.
+Noch ermangelte der riesige Raum des festlichen Schmuckes der Tücher,
+Fahnen und Laubgewinde, der ihm zugedacht war, aber machtvoll und freudig
+erklangen darin die Chöre und versprachen schön zu werden, wenn sie, von
+aller Schwere und Unreinheit befreit, auf breiten Wogen am Tage des Festes
+durch die Halle fluten würden, vereint mit anderen gereinigten Strömen.
+
+Noch war es freilich nicht so weit; das Taktstöcklein des Dirigenten fiel
+oft genug und mit wachsender Ungeduld hart klopfend auf das Pult, die
+Sänger belehrend, daß ihrer Emporläuterung zum Vollkommenen hin noch lange
+nicht genug getan sei. Es ging scharf zu, und das bei den Männern wie bei
+den Frauen, ja es dünkte mich, als seien die letzteren noch härter
+mitgenommen als wir. Als nun einmal der Sopran für sich allein eine Stelle
+vier- oder fünfmal wiederholen mußte und ich müßig zusah, wie die
+angespannten Sängerinnen sich mühten, das Höchste zu leisten, fiel mein
+Auge auf ein Mädchengesicht, das ganz versunken weder auf den Dirigenten
+noch in die Noten sah, sondern in sich selbst hinein zu horchen schien,
+woher ihm ohne Mühe die Melodien zuflössen, die es leicht hervorbrachte und
+mit einem weichen, taktmäßigen Wiegen des Oberkörpers begleitete.
+
+»Warum zum Kuckuck sieht sie denn nicht auf den Dirigenten, wenn es gilt
+wie jetzt?« dachte ich mit polizeidienerhaftem Ärger, als in dem Augenblick
+sich das Gesicht dem befohlenen Punkt zuwandte und einen oder ein paar
+Takte lang darauf verweilte, bis sich ein unwiderstehlich belustigtes
+Lächeln über die ganze Fläche verbreitete und die Augen wieder in ihre
+Versunkenheit zurückgingen. Sogleich aber wußte ich, daß das Mädchen nur
+deshalb in sich selbst hineinsah, weil ihm der Anblick des heftig
+fuchtelnden Mannes einen unbesieglichen Lachreiz erweckte und es in seiner
+andächtigen Hingabe an die Musik störte. Aber während in mir der brennende
+Wunsch entstand, sie möchte das hübsche Schauspiel noch einmal aufführen
+und ich sie erwartungsvoll ansah, kam mir die Sängerin immer bekannter vor.
+Sie trug ein loses Kleid von grüner Farbe, das mit einer schmalen Goldborte
+unter der Brust zusammengehalten war, und hatte ein leichtes
+Schleiertüchlein am Halsausschnitt, aus dem heraus lieblich und jetzt
+wieder ganz ernsthaft das Singewesen stieg. Wo aber hatte ich schon einen
+Kopf so frei und freudig tragen sehen, und wo nahm das Mädchen die Züge
+her, die mir mit jedem Augenblick vertrauter wurden? Sie sollte jetzt
+einmal einen Augenblick aufhören, zu singen, daß man sie in Ruhe betrachten
+konnte, das feste Kinn und den blühenden Mund und die Augen, die vorhin so
+heiter aufgeleuchtet hatten. Aber das dauerte nicht so lang als die
+Beschreibung, so sagte das schon einmal angeführte Stimmlein in mir halb
+zweifelhaft und halb triumphierend: Maidi? Der Verstand wandte ein, die
+Sängerin sei größer, schmaler und von dunklerem Blond als die Maidi aus der
+Vaterstadt und trage die Haare tief gescheitelt und aufgesteckt, was jene
+auch nicht gehabt habe; worauf es sagte, natürlich, begreiflich, denn es
+sei fünf Jahre her seit damals, und ich müsse nicht etwa meinen, daß ich
+mich in dieser Zeit nicht auch verändert habe. Ich erwiderte hierauf, falls
+es je die betreffende junge Dame sein sollte, die aber für mich noch nie
+Maidi geheißen habe (jene Stunde in dem grünen Garten ausgenommen), so habe
+das weiter für mich nichts zu sagen. Oder ob ich vielleicht hingehen solle
+und fragen, ob sie sich erinnere, einmal mit mir auf dem Markt
+herumgestrichen und beim Kasperle gestanden zu sein? Außerdem handle es
+sich sicher um eine zufällige Ähnlichkeit. Das aber glaubte mein Herz, das
+sich auf einmal in die Sache zu mischen anfing, keineswegs, und es entstand
+ein heftiger Disput in mir mit Für und Wider, der nur obenhin geschweiget
+wurde, als auch wir Männer wieder mitzusingen hatten. Ich kam nun mit mir
+überein, die Sängerin, sie sei, wer sie wolle, in eine nähere Beziehung zu
+mir zu denken. Sie sang gewissermaßen ein Duett mit mir, zu dem die andern
+den Chorus bildeten. Wenn ihre Stimme empor frohlockte, so hielt ihr die
+meinige die Leiter dazu, und wenn ich ihr ein neues Thema angab, so ging
+sie lieblich und bereitwillig darauf ein und machte etwas so Schönes
+daraus, daß mir die Brust vor Wonne schwoll. Daß sie mich dabei nicht
+ansah, war weiter nicht zu verwundern, es war genug, daß ihre Stimme mit
+der meinigen zusammenklang, es war eine schönere Gemeinschaft, als ich sie
+je besessen hatte. Als die Probe aus war, verschwand sie sogleich, und ich
+spürte ihr auch nicht nach, denn auf der Straße wäre sie nicht mehr
+dieselbe gewesen, aber ich wartete mit brennendem Verlangen auf die nächste
+Singgelegenheit, die auch bald erschien und die heimliche Wonne fortsetzte.
+Es war mir jetzt, als sei die Musik, meine unbesprochene Geliebte, aus
+ihrer Verborgenheit hervorgetreten in einem grünen Kleide und einem
+Heiligenschein von blondem Kraushaar, das sich aus den Scheiteln
+herausdrängte, und alles sei voller Wohlklang, solange sie im Saal regiere.
+Aber auf einmal sah ich, daß die Göttin mich aufmerksam und prüfend ansah
+in einer Pause, und daß sich über ihr Gesicht ein ungläubiges Staunen und
+dann ein kleines Lächeln verbreitete, und sie wurde mit einem Schlag zum
+Menschenkind, das mich zögernd und fragweise, ob ich es auch sei, mit einem
+Augenwink grüßte. Da war es Maidi, ich hatte es aber schon lang gewußt.
+
+Doch fand ich noch nicht so schnell den Weg zu ihr, denn ich war seltsam
+befangen, was ich sonst nicht an mir kannte, und mochte mich nicht durch
+die Menge drängen, oder sie am Tor erwarten. Ich sah sie aber einmal in
+einer Gruppe junger Leute beiderlei Geschlechts die Halle verlassen und
+dachte, sie habe ja wohl schon ihren Umgang und habe nicht auf mich
+gewartet, was ja auch begreiflich genug sei: Da suchte ich wieder in die
+schöne und heilsame Ichlosigkeit der ersten Wochen unterzutauchen, in der
+es mir so wohl gewesen war, sie ließ sich aber nicht erjagen und war
+vorbei, doch aus dem Meer von klingenden Wogen und Wellen war eine Gestalt
+aufgetaucht, nach der ich hinsehen mußte, wie nach einem anderen Ich.
+
+Inzwischen kam das Fest heran. Ich hatte etwas so Großes und nach meinen
+Begriffen unirdisch Schönes noch nicht erlebt und ging nach dem ersten
+Abend, der nicht von Menschenstimmen, sondern von einem Riesenorchester
+erlesener Streichinstrumente gespeist worden war, in einem halben Rausch
+und einer ganzen Begeisterung in den Anlagen umher, in denen die Festhalle
+stand, und in denen viel Volks lustwandelte, festlich geschmückt und in
+guter Stimmung, denn sie waren, wie einst die Juden und die Griechen zu
+ihren Festen, aus vielen Orten zusammengekommen zu dem einen schönen Zweck
+und hatten jetzt bereits Nektar und Ambrosia gegessen und getrunken, morgen
+aber gab es mehr davon.
+
+Es waren da und dort leichte Zelte zur Bewirtung der Gäste aufgestellt, die
+nicht von der Götterspeise allein leben mochten oder konnten, und auch in
+ihnen ging es zwar lebhaft und freudig, aber doch nicht ausgelassen zu,
+denn noch hingen, wie Weihrauchwolken von Opferaltären, die eben
+verklungenen Harmonien von zwei Beethovensymphonien in den Wipfeln der
+Bäume und stiegen, langsam einen Ausweg suchend, zum gestirnten Himmel
+auf. Ich suchte Olbrich und einige andere Gesellen, die sich nach
+Verabredung zusammen getan hatten, um noch eine Flasche Wein miteinander zu
+trinken und die ich hatte vorausgehen lassen, weil ich noch zu erregt war,
+um ihre unausbleiblichen Scherze, Kritiken und Neckereien, an denen ich
+mich sonst gern beteiligte, mitanzuhören. Ich summte leise die und jene
+Takte der Musik vor mich hin, und alle Nerven waren in mir aufgespannte
+Saiten, die mitspielten und mich den vollen Strom noch einmal hören ließen,
+und in allen Adern kreisten eingeschlossene Quellen des Lebens, die an ihre
+Pforten klopften, weil sie aufgerufen worden waren; es war eine Qual voller
+Glück. Jenseits des Rondells, das ich eben umging, trat in den Lichtkreis
+einer Bogenlampe, die in dem grünen Geäst eines Ahorns hing, eine
+Gesellschaft junger Mädchen in hellen Kleidern; sie plauderten und lachten,
+und als ich näher zusah, war Maidi unter ihnen. Sie war still und es schien
+mir, als sehe sie suchend umher, da brannte mich etwas im Innersten, denn
+wen suchte sie wohl, und warum mußte ich hier allein sein? Sie trug immer
+noch den Kopf in einer so festlichen und freudigen Haltung wie einst, ich
+hatte das noch bei keinem Menschen so gesehen, aber ihr Gesicht war
+zugeschlossen und ernst. Ich hatte stürmisches Herzklopfen und wußte nicht
+warum. Als der hellgefiederte Schwarm auf mich zukam, trat ich in einen
+Seitenweg ein und ging ihn auch zu Ende bis an eine kleine Wirtslaube, die
+von einer einzigen Flamme matt erhellt war. Es saßen ein paar stille Zecher
+darin, jeder für sich vor seinem Wein, und auch ich setzte mich an ein
+Ende des Tisches und bekam einen gefüllten Römer vor mich hingesetzt. Ich
+betrachtete einen graubärtigen Mann mit langem und schlecht gepflegtem
+Künstlerhaar. Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und hielt
+den Kopf tief gesenkt.
+
+»Dem geht's wie mir,« dachte ich. »Auch er ist allein und muß alles in sich
+selbst verarbeiten.« Und es war mir, als müßte ich mit allem Drang in der
+Brust mein Leben lang für mich bleiben und einsam alt werden; ich trank
+ziemlich viel von dem guten und tröstlichen Wein und hörte auf einmal den
+Alten sagen: »Liebeskummer?« Aber als ich ihn zornig ansah, lächelte er in
+sich hinein, als wisse er gar nichts von mir.
+
+Da stand ich auf, zahlte und ging. Mir war sehnsüchtig und heimwehig
+zumute.
+
+Aber am andern Tag war es vorbei. Olbrich fragte mich, wo ich gewesen sei;
+sie hätten lang auf mich gewartet und seien darum endlos sitzen geblieben,
+was ich nun zu verantworten habe, und ich verteidigte mich lachend, da sie
+auch früher ohne mich lange Sitzungen gehalten hätten; ich hätte noch
+frische Luft gebraucht nach der Hitze in der Halle.
+
+Er sah mich aufmerksam an, denn ich ging auf einmal eigene Wege und hatte
+etwas Entschlossenes an mir. Ich hatte mir beim Aufstehen vorgenommen, daß
+heute ein Knopf an die Sache mit der Maidi gemacht werde, so oder so.
+Entweder ich ging hin und sagte: Guten Tag, kennen Sie mich noch?, oder ich
+ging meiner Wege und ließ sie laufen. Eins oder das andere.
+
+In dieser Entschlossenheit ging ich den ganzen Tag umher und duldete nicht,
+daß der kleinste Zweifel darein kam, es war aber Gefahr vorhanden, daß mir
+das ganze Fest zuschanden kam, denn bald war ich auf dem einen Punkt, bald
+auf dem andern, wie konnte ich da an etwas anderes denken?
+
+Aber es ging viel einfacher zu, als ich meinte. Denn als ich am Abend in
+die Halle trat, ging Maidi mit mir zu der schmalen Hintertür herein, die
+für die Sänger bestimmt war. Sie sah mich freimütig erkennend an und sagte:
+»So sind Sie es also doch gewesen. Ich habe Sie in der Probe gesehen und
+von weitem gegrüßt, aber Sie waren so fremd und finster, daß ich dachte,
+ich hätte mich geirrt, oder Sie wollten mich nicht mehr kennen. Aber jetzt
+ist weder das eine noch das andere wahr.«
+
+So konnte sie wohl sagen, da sie mein erfreutes Gesicht sah, das ich ihr
+nicht verbarg, und den festen Druck spürte, mit dem ich in der
+Erleichterung meines Herzens ihre Hand hielt und schüttelte.
+
+War sie es denn aber noch bei näherer Betrachtung? Oder wie war das Wesen,
+in welches das zutrauliche, lustige Mädchen von damals sich verwandelt
+hatte, beschaffen? Gott sei Dank, nicht viel anders, als ich sie noch im
+Sinn hatte, das heißt: aufrecht und mit erwartungsvoll schreitendem Gang,
+sicher, freudig und einfachen Wesens, ohne alle Ziererei, aber dabei
+königlich in der Haltung, wie sie es von ihrem silberglänzenden Großvater
+ererbt hatte. Es war aber noch viel hinzugekommen, was ich nicht aufs
+erstemal erfassen konnte, und worin sie mir weit über war. Denn sie hatte
+in ihrer blühenden Jugend dem furchtbaren Ernst des Lebens ins Gesicht
+gesehen und eine Reife dabei empfangen, die man mit Schmerzen zahlt und
+mit dem Zauber der hinträumenden Unbewußtheit. Schicksale waren vor ihr
+aufgestanden, die ihre nächsten Menschen betrafen; es war nicht so einfach,
+gut zu sein und friedlich beisammen zu wohnen. Man konnte mit
+Leidenschaften beladen in der Welt umher irren und daran zugrunde gehen,
+und es konnte dann dennoch das Wunder über einen geschehen, daß im tiefsten
+Elend noch die Liebe sich aufmachte und erlösend zu einem trat; so war es
+bei ihrem Vater. Und es konnte sein, daß die liebste Liebe verraten und
+zertreten wurde und litt und doch nicht unterging, sondern wie ein
+bedecktes Feuer unter der Asche weiter glühte und wartete. Aber wenn dann
+ihre Zeit noch einmal kam und ein Sturmwind sie neu anblies, dann mußte sie
+andern nehmen, was sie dem einen gab, und es war eine Not ohnegleichen. So
+war es bei ihrer Mutter, die sich von den Kindern gelöst hatte und von dem
+alten Vater, um zu dem Mann zu gehen, der ihr Glück und ihr Unglück gewesen
+war. Und es konnte kommen, daß man sich zwischen zwei liebste Menschen
+stellen mußte und den, der einem am wehsten tat, decken vor dem, dem man im
+stillen recht gab, der Sache nach. So war es Maidi gegangen, als der
+Großvater gegen die Mutter tobte und fluchte, daß sie gehe. Sie hätte sie
+gern gehalten, denn war nicht hier ihre Aufgabe und ihre Heimat? Wie konnte
+sie dorthin gehen, wo ein unnennbares Grauen wohnte? Und doch küßte sie die
+bleichen Lippen, die immer sagten: ich muß doch, begreift es denn niemand?,
+und hieß sie gehen, obgleich es ein dunkles Rätsel war. Voller Rätsel war
+das Leben und auch voller Stürme. Der heitere Greis mit seiner
+prachtvollen Lust am Leben wurde dennoch vom Tod hingemäht, und auch sein
+Glanz war nicht ohne Trübung. Denn er hatte nie für die Zukunft gesorgt,
+weder für sich, noch für die Seinen. Sparen und vorsorgen schien ihm eine
+geringe und hausbackene Tugend zu sein für Krämer und enge Bürger recht,
+aber nicht für Könige, Lieblinge des Lebens und der Kunst. Er war bewundert
+gewesen, geliebt von Frauen und Männern, heiter, freigebig und voll gütiger
+Launen, aber es blieb nichts übrig für die geliebten Kinder seiner Tochter,
+die in Fülle und mit dem leuchtenden Sinn für das Schöne herangewachsen
+waren. Das alte Haus und der grüne Garten waren verkauft, es war nicht
+leicht, daran zu denken und nicht leicht, das geliebte Bild des alten Herrn
+ganz strahlend hell im Herzen zu haben.
+
+Schwer und unbegreiflich war vieles im Leben; es meißelte weiche,
+jugendliche Züge und gab ihnen feste, bestimmte Linien, und es ließ
+lachende Augen, die überall den Sonnenschein auffingen, wach und wissend in
+den Tag sehen.
+
+Das alles erfuhr ich erst nach und nach, aber etwas davon ging mir beim
+ersten Sehen auf, ein Ernst und eine reife Überlegenheit, vor der ich fast
+erschrak, denn ich hatte das nicht erwartet. Aber Gott sei Dank, es hatte
+das Jungsein doch noch daneben Platz oder vielmehr, es brach daraus hervor,
+wie eine verschüttete Pflanze aus wüstem Geröll oder wie der Saft aus einem
+zurückgeschnittenen Baum, der übermächtig treibt und die Wunden zudeckt mit
+neuen grünen Trieben. Es mußte ja nicht immer so düster kommen, man hatte
+ja sein eigenes Leben zu leben, das erst vor einem lag und in dem es gut
+und hell zugehen mußte, allem Dunklen zum Trotz.
+
+Das alles gab mir Maidi nach und nach zu sehen und zu kosten, den Ernst und
+den Stolz und das Lachen, ich habe es aber gleich auf einmal heraufgeholt,
+weil ich meine, keinen Zug ihres geliebten Bildes verschweigen zu können,
+wenn ich von ihr rede, auch keinen Augenblick.
+
+Sie war nicht auf der Malerakademie, wie meine Schwester Luise gemeint
+hatte, sondern in einer Kunstgewerbeschule, wo sie in absehbarer Zeit zu
+Beruf und eigenem Verdienst kommen konnte. Ihr Bruder, den sie sehr liebte,
+war irgendwo auf einer Hochschule, wozu ihm Stipendien verhalfen aus
+reichen alten Stiftungen eigener Vorfahren. Er war begabt, und sie war
+stolz auf ihn, sie war nicht im Zweifel, daß es einmal wieder gut kam im
+Leben.
+
+Von dem allem erfuhr ich bei der ersten Begrüßung nur das Äußerlichste, so
+viel ungefähr, daß ich wußte, ich habe es nicht mit einem Wesen zu tun, das
+nach eigener Wahl und aus innerem Müssen den schönen Künsten nachfolge,
+sondern mit einem solchen, das genötigt sei, auf eigenen Füßen zu stehen
+und selbstverdientes Brot zu essen. Aber freilich mußte das Brot auf einem
+Acker gewachsen sein, dem es zwischen den Ähren nicht an rotem Mohn und
+blauen Kornblumen fehlte, denn ohne Schönheit wäre sie geistig oder
+seelisch Hungers gestorben.
+
+Wir waren ein paarmal miteinander vor der Halle auf und ab gegangen, da
+noch etwas Zeit übrig war vor dem Beginn des Konzerts, und hatten das
+Nötigste vom Woher, Wohin und Wieso miteinander geredet, aber unversehens
+doch als solche, die einander etwas angehen. »Ist es nun nicht wunderbar,«
+sagte Maidi, »daß wir Landsleute und Stadtkinder hier in der Fremde
+zusammentreffen? Hätte es nicht jedes von uns ebensoviele Stunden weit nach
+einer andern Richtung hinwehen und absetzen können, wo dann keines etwas
+vom andern gewußt hätte?« Das sagte sie so drollig und mit sichtlicher
+Freude an dem Geschehen, daß ich erleichtert anfing zu lachen, denn ich
+mußte mir bildhaft vorstellen, wie uns der Wind nach verschiedenen
+Richtungen getragen und niedergelassen hätte, und Maidi fiel so herzlich in
+mein Lachen ein, als ob sie schon lang nicht mehr recht gelacht hätte und
+nun die erste Gelegenheit dazu ergreife. Dabei hatte sie auf einmal wieder
+die Züge, die ich gut an ihr kannte, es fiel mir ein, daß ich sie auch in
+der Konzerthalle zuerst lachend erblickt hatte, und ich teilte ihr das mit.
+
+»Ja,« sagte sie wieder ernsthaft und wie in einer kleinen Bekümmernis, »es
+hat vieles Platz nebeneinander in einem Menschen. Es wundert mich oft
+selber. Ich habe es an mir, daß mich das Komische, besonders wo es wichtig
+auftritt und sich breit macht, überwältigt und ich dann alle Kraft brauche,
+um die Lachlust zu unterdrücken. Das kann mir in der Kirche geschehen oder
+bei einem an sich traurigen Anlaß; ich bin schon bös damit hereingefallen.
+Es darf nur jemand ein großes Pathos entfalten oder eine strenge Amtsmiene
+aufsetzen bei einer unwichtigen Sache, oder schwänzelnd hinter einem
+Leichenwagen einherschreiten, gleich steigt es mir auf mit aller Macht. Es
+ist dann nur gut, wenn mein Bruder nicht in der Nähe ist, der es auch so
+hat. Allein werde ich eher damit fertig, es dauert dann nur einen
+Augenblick. Wenn ich ihn aber nur von hinten sehe, wie er mit den Achseln
+zuckt, so weiß ich schon Bescheid, nämlich daß er lautlos in sich
+hineinlacht, und dann bin ich verloren.«
+
+Das alles sagte sie ernsthaft und als ob es ihr Not bereite, und es war
+vielleicht auch der Fall, aber es saß doch ein Schelm in ihren
+Augenwinkeln, und ich hätte uns jetzt gleich einen der beschriebenen
+Anlässe hergewünscht, um den Bruder zu vertreten, denn das war so recht
+eine Sache für mich. Das Zeichen erscholl, das die Sänger an ihren Platz
+rief, und Maidi enteilte mir, ich aber begab mich in der besten Laune zu
+meinen Sangesbrüdern, hochgestimmt und aufgeheitert zu gleicher Zeit.
+
+Wenn -- weil ich schon einmal das Meer zum Vergleich angeführt habe, für
+das Zusammenfließen so vieler und starker Tonmassen -- im großen Weltmeer
+hie und da zwei aufblitzende Wellchen mit lustigen Schaumkrönlein einander
+von weitem erblicken und grüßen und darnach wieder untersinken in die
+weitausgereckten Arme des Meeres, so haben sie es, wie wir beide, Maidi und
+ich, an diesem Tage es hatten. Wir waren eins mit dem Ganzen und hingegeben
+an dasselbe, andächtig und voller Lust und doch auch wieder selber etwas,
+das mit Zunicken und freudigem Grüßen das andere suchte. Ich weiß, daß es
+nicht nur bei mir so war, es war auch in Maidi eine Freude, hier in der
+Fremde und in der Gegenwart, die so ganz anders war als die Heimat und die
+Vergangenheit, einen zu finden, der bis ins Kinderland zurückreichte; und
+so, erwärmt und heimatlich angerührt, sang sie sich, untertauchend und
+wieder emporgehoben, in eine still-beseeligte Wonne hinein, wie sie mir
+später einmal mit aufleuchtenden Blicken erzählte. Als nun der Schlußchor
+einer Kantate und zugleich der des Abends kam und ein sieghaftes Getöne
+anhob, in dem immer eine Stimme der andern zurief: Frohlocket -- und
+singet -- und die andere es aufgriff und weitergab, bis zuletzt ein großes
+allgemeines Frohlocken entstand, das die Wände zu eng machte und in die
+Nacht hinausschallte, da war es uns eben recht, wir frohlockten und
+sangen -- und sangen und frohlockten, so viel wir konnten, und hatten den
+starken Widerhall in der Brust. Es war mir aber, wie wenn ein helles,
+lustiges Glöcklein neben einem vollen Domgeläute für sich bimmelt, als ich
+auf einmal sah, wie über Maidis Gesicht mitten drin ein Lachen lief, das
+ich begierig war, noch oft zu sehen. Denn es gingen ihr neben allem Großen
+her kleine lustige Geisterchen, die stiegen auf und saßen rittlings auf den
+hohen Wogen, wie rosige Engelsbübchen; dann war sie köstlich anzusehen.
+
+ * * * * *
+
+Es begab sich wie von selbst, daß ich von jetzt an öfter mit Maidi zusammen
+kam, die mich mit einer großen Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit an
+ihrem Leben teilnehmen ließ, soviel sich davon ereignen wollte. Sie stand
+in festen Schuhen, in viel festeren als ich. Als ihr Herkommen in seinen
+Grundlagen erschüttert worden war, da hatte sie sich auf sich selbst
+besonnen. Es war da noch etwas Eigenes, das nicht hinwegstarb und nicht
+verkauft werden konnte, ein köstlicher Besitz, mit dem es sich leben ließ.
+Ich muß etwas aus mir selber machen, wußte sie, und muß auf eigenen Füßen
+stehen. Sie sah klar in ihre Zukunft hinein und wußte, was sie wollte und
+was sie erreichen konnte, was mir stark imponierte, da es bei mir damit
+nicht zum Besten bestellt war. Zwar was ich wollte, wußte ich auch, wenn
+man das Wollen heißen kann, daß einer überzeugt ist, es müsse ihm alles
+Gute in den Schoß fallen oder vielmehr alles Angenehme. Ich war damit
+aufgewachsen, daß ich haben konnte, was ich begehrte, und gerade der
+Umstand, daß ein neues Verlangen immer auf der Schulter eines erfüllten
+Wunsches gestanden war, hatte mich daran gewöhnt, auch höher gehängte Dinge
+für erreichbar zu halten. Das war ja an sich nichts Unrichtiges, ich konnte
+ebensogut wie ein anderer gescheiter Kerl vorwärts kommen, es fragte sich
+nur, ob ich alle Kraft zusammennehmen und arbeiten wollte. Aber so war es
+nicht gemeint bei mir, denn das, was man so am ebenen Weg erreichen konnte,
+war nicht genug.
+
+Es ist nicht angenehm, es mir zu unterbreiten, aber es hilft alles nichts:
+ich wollte eine Lebensstellung haben, in der ich geehrt und angesehen war
+in den Kreisen, die einen Zaun um sich zogen von Geld und von Bildung, und
+in einem schönen Hause wohnen mit einer eleganten, schönen und vornehmen
+Frau und was mehr zu dem allem gehörte.
+
+Ich konnte es verlangen, daß es so kam, denn, war nicht seither auch eins
+aus dem andern gekommen bei mir, seit ich ein kleines Bübchen gewesen war?
+Also mußte es auch weiter gehen in aufsteigender Linie. Wie? Das wußte ich
+freilich nicht. Denn obgleich ich ja eigentlich ziemlich viel Selbstgefühl
+hatte, dachte ich doch nicht daran, die günstigen Wendungen in meinem Leben
+durch eigene Kraft herbeizuführen, sondern ich erwartete sie von
+glücklichen Zufällen oder Schickungen, die ja rechtzeitig eintreffen
+mußten. Ich hatte mir eine Art von Lebensanschauung zurecht gemacht, die
+der Bescheidenheit den Tod schwor und große Männer dabei zum Zeugen
+aufrief, freilich in ganz falschem Sinne, nämlich so, daß, wer mit einem
+niederen Los zufrieden sei, auch kein höheres verdiene, wer es aber in sich
+habe, den treibe es hinauf. Das wäre alles schon recht gewesen, wenn es mir
+um die Sache selbst und nicht um die Nebendinge zu tun gewesen wäre, und
+wenn mich ein inneres Feuer gedrängt hätte, als Meister und Schmied meines
+Schicksals aufzutreten und es so zu hämmern, wie ich es zu brauchen meinte,
+und wie es ins Einzelne auszuspinnen meine geschäftige Phantasie nicht müde
+wurde.
+
+Ich habe, nachdem ich meine Lehrgelder bezahlt und meine Umwege gemacht
+habe, wohl gelernt, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Damals hieß ich
+Schönheitssinn, was bereits ins Kraut geschossen und Begehrlichkeit
+geworden war, und Aufwärtsstreben, was erst recht am Boden klebte.
+
+Nun, es ist mir nichts geschenkt worden.
+
+Ich hütete mich wohl, meine Weisheiten vor Olbrich auszubreiten, der ja
+gerade ein Beispiel dafür gewesen wäre, wie innewohnende starke Kräfte
+Schicksalsleiter sind, und trug sie dagegen zu Maidi, zu der ich alles
+Zutrauen hatte, und die mich auch mit allem aufnahm, was ich vorbrachte,
+ohne mir aber blindlings recht zu geben, so daß sie sowohl meine Zuflucht
+als auch mein Gewissen war, obgleich ich ihm freilich nicht folgte. Es zog
+mich zu ihr und vielleicht nicht am wenigsten darum, weil ich etwas von
+ihrer freudigen und ernsten Kraft spürte, die sie nicht nur das Ziel,
+sondern auch den Weg wollen ließ, und die mir Respekt einflößte.
+
+ * * * * *
+
+Ich hatte oft das Gefühl, als ob ich Maidi bedauern müßte und mich
+glücklich preisen, da sich das Blatt so gewendet hatte, seit unsern
+Kindertagen. Denn hatte sie nicht alles gehabt und alles verloren, was mir
+wie ein fernes Paradies noch im Gedächtnis war? Und mußte sie nicht ihr
+schönes junges Leben nun in den Zeichensälen versitzen und auf ein
+Pflichtendasein ausgehen?
+
+Und war ich nicht, der ich einstmals geweint hatte vor Scham über unser
+ärmliches Häuschen, auf dem besten Wege zu einer allerschönsten Villa
+(wenigstens in meinen Tagträumen)?
+
+Ach, ich wußte nicht, um wie vieles sie mir voraus war, der ich noch so gar
+nicht geschult war im Lebenskampf, dem es an Erschütterungen äußerer und
+innerer Art bisher gänzlich gefehlt hatte, um zu irgendeiner Tiefe zu
+gelangen. Wie wenig kannte ich von den ernsteren Seiten des Lebens; wie
+wenig riß mich ein starkes Müssen auch nur in mir selbst zum Guten oder
+Bösen nach irgendeiner Seite. Ich war eine der sogenannten glücklichen
+Naturen, die von vielen so gern gesehen werden, weil es sich mit ihnen
+behaglich und ohne viel Reibung leben läßt, und denen das eigentliche
+Glück, das errungen sein will, so leicht entgeht, da sie es nicht zu
+rechter Zeit erkennen und dafür irgendeinem Scheingebilde nachgehen. Doch,
+was ich versäumt und gesündigt habe, habe ich bezahlen müssen. Und -- wie
+ich auch gewesen sein mag, es war eine Zeit in meinem Leben, da Maidi mich
+liebte.
+
+Ich habe oft versucht, mich mit diesem Wort wie mit einem Schilde zu decken
+und bin gewiß, daß Maidi, wenn sie könnte, trotz allem, was ich ihr angetan
+habe, sagen würde: »Tue es nur, denn es ist wahr, und ich wußte wohl, was
+ich tat, als ich dich liebte.«
+
+Aber der Schild kann mich nicht vor mir selber schützen, und Maidi kann ihn
+nicht über mich halten. Wenn ich in grauen Stunden über das lieblichste und
+traurigste Kapitel meines Lebens nachsinne, so höhnt etwas in mir: Kann
+auch einer, der im Angesicht der Sonne schlimme Taten verübte, ja die Sonne
+selber gering achtete, sich trösten, daß er doch von ihr beschienen worden
+sei und es also wert gewesen sein müsse?
+
+Dann aber sagt eine liebe Stimme: »Gräme dich nicht länger. Wir tragen alle
+unser Schicksal in uns selber und müssen es vollenden. Das war das Liebste
+an meiner Liebe, daß ich dich vor dir selber schützen wollte; nun tue du es
+selbst.«
+
+Ich mußte das vorausschicken, um mir Mut zu machen für das, was ich nun
+aufschreiben will, und was ich gern verschieben möchte, wie Kinder tun,
+wenn sie eine Dummheit oder Bosheit bekennen sollen und tausend Umschweife
+machen, ehe sie mit der Sprache herausrücken. Ein unverschuldetes Unglück
+verhehlen sie nicht, sondern verkündigen es mit lautem Geschrei des guten
+Gewissens.
+
+Maidi hatte, als sie die Kunstgewerbeschule bezog, etwas mitgebracht, was
+ihr ebenso nützlich war, wie der kleine Vermögensrest, von dem sie die paar
+Jahre leben und ihre Studiengelder bestreiten konnte. Es konnte nicht
+verborgen bleiben, daß sie in einer Umgebung aufgewachsen war, in der die
+Kunst oberste Regentin war, und zwar die frei schaffende Kunst, die ohne
+Nebenzweck und nur vom Genius befruchtet, Schönstes und Lebendigstes
+schafft, die aber doch, eben wenn ein wirklicher Künstler sie besitzt, das
+Technische, Handwerksmäßige ebenso wichtig nimmt und beherrscht wie das
+geistige.
+
+Es mußte auffallen, mit welch raschem Verständnis Maidi den Anweisungen der
+Lehrer in den praktischen Fächern entgegenkam und wie sie sich, zwar
+bescheiden, aber auf Grund einsichtigen Nachdenkens, hie und da erlaubte,
+eine kleine Änderung in einer Sache vorzuschlagen, die man ihrer Meinung
+nach auch anders angreifen konnte. Auch mochte es ungewöhnlich zu sehen
+sein, wie sie bei Anhörung der theoretischen Vorträge, die ihr Studium
+betrafen, entweder mit dem lebhaften Interesse dessen, der schon die
+nötigen Grundlagen hat und darum leicht folgen kann, oder mit dem
+einverstandenen Lächeln und Kopfnicken dessen, der Bekanntes neu vortragen
+hört, dasaß. So dauerte es nur kurze Zeit, bis sie vom Direktor der Anstalt
+nach ihrem Herkommen befragt wurde, und, als sie den Namen ihres Großvaters
+nannte, von ihm in einer gewissen Art und Sprache, wie sie eine Kaste
+untereinander hat, angeredet und behandelt wurde. Er lud sie auch bei
+Gelegenheit in seine Familie ein, und seine Frau war es, die Maidi
+ihrerseits in den Singverein eingeführt hatte. Diesem trat sie aber nicht
+als ordentliches Mitglied bei, sondern beteiligte sich nur bei besonderen
+Anlässen an den Chorgesängen. Auch benützte sie ganz selten die
+Gelegenheit, in der Familie des Direktors einer größeren Geselligkeit
+beizuwohnen, obgleich ihr diese offen gestanden wäre. Beidem aber entzog
+sie sich mit einer ruhigen Bestimmtheit, die mich aufs neue in Erstaunen
+setzte, und die wohl zeigte, wie gut sie wußte, was sie wollte und auch was
+sie nicht wollte. Denn als ich sie einmal fragte, ob sie das alles ihrer
+Arbeit zulieb unterlasse, auf die sie auch ihre Abendstunden vielfach
+verwendete, sagte sie lachend: »Es ist gut, daß ich sie vorschieben kann,
+aber wenn mich etwas so recht von Herzen locken würde, so würde ich
+ebensogut bummeln und Nebendinge treiben, wie Sie.« Das traf mich
+einigermaßen, denn ich glaubte meinem Beruf auch die nötige Pflege
+angedeihen zu lassen, und ich sagte es auch. Maidi aber fuhr fort, ein
+Muster, das sie heut entworfen hatte, in Kerbschnitt auszuführen, und
+sagte, nicht von der Arbeit aufblickend: »Es ist verschieden, was man unter
+nötig versteht. Mancher hält nur für nötig, daß er seine Schuldigkeit tut,
+und mancher ist unzufrieden mit allem, was er außer dem einen tun muß, es
+kommt darauf an, wie stark man mit einer Sache verheiratet ist.« »Und Sie
+also glauben, stärker mit Ihren Kerbschneidereien verheiratet zu sein, als
+ich es mit meinen Büchern bin?« sagte ich zänkisch, denn ich wollte auf
+keine Weise unten durch sein. »Dann lassen Sie sich nur sagen, daß ich mir
+an die andere Hand mit der Zeit noch eine Frau antrauen lassen werde und
+vergnügt mit beiden zu leben gedenke; Sie aber, werden Ihre Künste
+verlassen, sobald der Rechte kommt, der Sie heiraten wird.«
+
+Ich war selbst betroffen, als mir das törichte und flegelhafte Gerede
+entfahren war und hätte es gern ungeschehen gemacht; denn ich dachte im
+Herzen gar nicht so, im Gegenteil reizte es mich, daß Maidi ihrer Sache so
+sicher war.
+
+Sie schien mir oft viel mehr als ein guter Kamerad, denn als eine junge
+Dame, und das um ihrer eifrigen Berufsarbeit willen; sonst war sie ja schön
+und lieb und bewunderungswürdig genug.
+
+Jetzt aber sah ich, wie Gesicht und Nacken der gebückt Dasitzenden langsam
+von einem lichten Rot bedeckt wurde, das sich tiefer färbte und ebenso
+langsam wieder zurückging. Maidi rührte sich nicht, aber ihre Hände
+zitterten ganz leise, fast unmerklich.
+
+Da kam es mir mit einer leichten und warmen Wallung herauf: »Sie ist doch
+auch eine Frau und hat alles in sich, was zu einer solchen gehört, ich aber
+bin ein Esel von der besseren Sorte,« und das letztere sprach ich auch
+reumütig aus.
+
+Da blickte Maidi auf und sah mich an, zuerst mit zornig zusammengezogenen
+Brauen, dann mit einer kleinen, bösen aber lustigen Grimasse und sagte:
+»Stimmt,« worauf wir beide anfingen, zu lachen, ich in einer unsäglichen
+Erleichterung. Darauf besprachen wir einen Sonntagsausflug, an dem sich
+diesmal Olbrich beteiligen wollte, den ich mit Maidi bekannt gemacht hatte,
+und plötzlich sagte Maidi nachdenklich: »Eigentlich, wenn ich's recht
+überlege, bummle ich doch auch ziemlich viel und zwar mit Ihnen, ich weiß
+nicht, was Sie wollen,« und dann lachten wir aufs neue, denn es kam nicht
+darauf an, ob es klug oder dumm geredet war, wir mußten nur gute Freunde
+sein.
+
+ * * * * *
+
+Olbrich machte sich sehr gut als Wandergenosse. Wir waren mit der Bahn, wie
+wir öfters taten, bis an einen Punkt gefahren, von dem aus wir das Gebirge
+leicht erreichen konnten, und stiegen nun frisch bergan, denn wir hatten
+uns einen ziemlich weiten Weg vorgenommen. Da war es nun Olbrich, der
+meinen allzuweit ausgreifenden Schritt durch seinen gemäßigteren hemmte.
+Ich hatte nie daran gedacht, daß es für Maidi vielleicht beschwerlich sein
+könnte, so ohne Schonung der Kräfte drauf los zu steigen, wie ich ja
+überhaupt nicht die Anlage hatte, nach anderer Leute Möglichkeiten zu
+fragen, solange sie sich nicht beschwerten. Olbrich aber zeigte sich von
+einer aufmerksamen Ritterlichkeit, die mir auffiel, weil ich sie selber
+nicht besaß, und zwang mich nur durch sein Wesen, nun auch die Augen
+aufzumachen. Da sah ich denn freilich, daß Maidi eine helle Röte im Gesicht
+hatte und viel kürzer und schneller atmete als wir, und ich stellte auch
+diese meine Bemerkung fest. Sie lachte mich aber aus, da es, wie sie sagte,
+damit an andern Tagen viel schlimmer gewesen sei, und das heutige Tempo ihr
+sehr zusage, und fügte, wie etwas Nebensächliches, hinzu, sie habe einen
+kleinen Herzfehler, der aber nicht viel ausmache, da schon verschiedene
+Personen in ihrer Familie mit einem solchen alt geworden seien. »Und ich
+denke auch alt damit zu werden,« sagte sie triumphierend, »denn ich habe
+eine solche Lebenslust in mir, daß alles Krankhafte davor ducken muß. Ich
+glaube, man kann es überwinden durch den Willen zum Gesundsein und durch
+die Übung aller Kräfte,« und dabei reckte sie sich hoch auf und warf den
+Kopf in der ihr eigenen sieghaften Weise zurück, daß ich tatsächlich
+dachte, sie sei jedem Feind in sich gewachsen und habe es in der Hand, zu
+leben, so lange sie wollte, obgleich ich ein kleines Unbehagen über ihren
+Herzfehler nicht zu unterdrücken vermochte. Oder vielmehr war es ein halb
+ärgerliches Staunen darüber, daß das blühende und vollwertige Wesen da
+neben mir eine Beschädigung mit sich herumtrage; es war, wie wenn man beim
+Anstoßen an einem schönen Kristallglas ein ganz feines Klirren hört, das
+von einem noch verborgenen Riß zeugt. Er ist noch nicht mit den Augen
+wahrnehmbar, aber man weiß, daß er da ist, und das Glas kann eines Tages in
+Stücke gehen. Doch kam ich schnell über das dunkle Unlustgefühl hinüber, da
+ja Maidi selber nichts aus der Sache machte, und auch auf dem jetzt
+erreichten Höhenweg leicht und mühelos neben uns herging.
+
+Olbrich aber sagte trocken und fast väterlich: »Sie müssen dann nur Ihr
+Herz vor großen Strapazen bewahren, die mag es nicht leiden,« und meinte
+damit das körperliche Herz, das sie ein wenig schonhaft halten sollte; aber
+es fiel doch uns allen dreien ein, daß die Ausführung dieses Rates bedeuten
+würde, das ganze stark lebendige Menschenkind von den Gluten und Stürmen
+des Schicksals abzuschließen unter einer Glasglocke zahmer Vorsicht und
+Selbstbewachung, wozu sich Maidi gar nicht eignete. Sie schüttelte auch den
+Kopf und sagte: »Schonen, würde ich nicht leben heißen,« und brachte das
+Gespräch absichtlich auf andere Dinge. Unter anderem beschrieb sie Olbrich
+und mir, der ich nicht viel mehr davon wußte, als er, ihr großväterliches
+Haus von außen und innen, die breiten Treppen mit dem geschnitzten
+Geländer, den großen Vorplatz mit den Stuckdecken und den Flügeltüren, was
+alles deutlich von den alten Geschlechtern sprach, die sich das Haus erbaut
+und ausgeschmückt und die es bewohnt hatten. »Wir selbst waren andere, als
+sie, und nun wohnen wieder andere darin,« sagte Maidi, und obgleich ihre
+ganze Beschreibung lebhaft und farbig gewesen war, merkte man jetzt
+plötzlich an ihrem Ton und Gesichtsausdruck, daß sie von Heimweh und Trauer
+nach dem Gewesenen ergriffen war. Sie schwieg eine Weile, und ich sah
+Olbrichs Augen mit bewundernder und bewegter Zärtlichkeit auf ihr liegen;
+Maidi konnte das aber nicht gewahr werden. Sie ging wohl in Gedanken die
+Treppe hinunter und durch das schmale Seitentürchen in den grünen Garten
+hinaus, der mir immer noch als Bild des Paradieses vor Augen schwebte. Aber
+lange konnte das nicht dauern; es kehrte ein heller Schein in ihre Augen
+zurück, und sie sagte: »Auf dem oberen Boden ist noch eine große
+Rumpelkammer voll schöner Sachen, die uns gehören, meinem Bruder und mir:
+Bilder und Geräte, Zinn-und Silbersachen, die wir besonders lieben, ein
+paar geschnitzte Lehnstühle und eine eichene Truhe voller Teppiche und
+Kissen; das alles wartet auf uns und steht jetzt im Dunkeln, denn die
+Fensterladen sind geschlossen. Am leidesten tun mir die schönen Bilder, die
+mit dem Gesicht an der Wand lehnen und die wohl gar nicht begreifen
+können, wo die Leute hingekommen sind, die immer so fröhlich unter ihnen
+herumgingen.« Sie lächelte uns an, wie entschuldigend, daß sie von solchen
+Dingen redete, die uns vielleicht fern und fremd sein konnten, und ich
+wunderte mich heut zum zweitenmal über Maidi, da sie weich und fein und
+verletzlich war, von sehnlichem Gemüt, und nicht nur Kraft, Willen und
+freudige Sicherheit besaß. Aber sie war mir so um so lieber; ich konnte
+mich gar nicht ersättigen, sie reden zu hören und sie anzusehen, und ich
+wunderte mich nicht über Olbrich, dem es auch so ging, ja der sie von Zeit
+zu Zeit verstohlen ansah, wie ein seltenes Wunder.
+
+Ich erinnere mich eines schönen Platzes, an dem wir einige Zeit rasteten
+und ein mitgenommenes Vesperbrot aßen. Maidi teilte es aus und war so
+heiter wie nur je, was dann uns wieder zu allerlei Scherzen und Neckereien
+anfeuerte, in denen die ungewohnte Rührung und Herzbewegung bald unterging.
+Wir saßen unter einer Gruppe von hohen, schlanken Kiefern, die eine kleine,
+steil abfallende Waldlichtung bekrönten. Über diese Lichtung hin ging der
+Blick in ein jenseitiges Flußtal, aus dem sich wieder Berge erhoben, mit
+dunklen Wäldern bedeckt und hinter ihnen neue Höhenzüge, blau verschleiert;
+es sah aus, als sollte es so in die Unendlichkeit hinein fortgehen. Der
+Fluß, der hier ein geringes Gefälle hatte, schien ganz still in seinem
+Bette zu liegen, an das sich junger Wald nahe herzudrängte; auf einer der
+ferneren Höhen lag ein Dorf oder ein kleines Städtchen mit Resten einer
+alten Befestigung, deren zerbrochene Mauern von dunklen Bäumen beschattet
+waren, und zwischen denen ein trotziger Kirchturm schwer und ungefüge
+heraussah. Das Ganze aber lag unter dem blauen Septemberhimmel in der
+goldensten Sonne und winkte von seiner Ferne her, seltsam verlockend zu uns
+herüber, so daß wir erwogen, ob wir es nicht einmal aufsuchen wollten, denn
+damals waren unsere Wanderfüße gelüstig nach allen Höhen und Fernen.
+
+»Ach, ich weiß nicht,« sagte Maidi, »von nahem ist es vielleicht nicht mehr
+so schön, wir können uns aber von weitem alles Schönste hinter den alten
+Mauern denken.« Sie hatte sich im blühenden Heidekraut ausgestreckt und
+sah, die Arme unter dem Kopf verschränkt, zwischen den Bäumen durch zum
+blauen Himmel auf, fing aber bald an, zu blinzeln und schloß mit einem
+wohlig tiefen Seufzer die Augen.
+
+Da legten auch wir uns nieder und wenigstens ich war bald eingeschlafen.
+
+Es war mir aber nach einiger Zeit, als ob ich im Traum einen lieblichen
+Gesang vernehme, der verhallen müßte, wenn ich mich rühre, und ich hielt
+mich auch noch auf der Schwelle des Erwachens ganz still; es war mir
+unsäglich wohl zumute dabei. Als ich aber dann dennoch die Augen aufschlug,
+sah ich Maidi ein Stückchen entfernt von uns am äußersten Rande des Abhangs
+stehen mit in die Ferne gerichteten Augen und hörte sie ein Lied singen in
+einer Melodie, die ich noch nie gehört hatte, und von der mir jetzt noch
+hie und da verwehte Bruchstücke in der Erinnerung anläuten, lieblich und
+voller Heimweh. Im Tale geisteten schon die frühen Abendnebel um den Fluß
+und das junge Erlengebüsch an den Ufern, die Häuser und Türme auf dem Berge
+aber waren von der sinkenden Sonne in rote Glut getaucht, und Maidi sang:
+»Du bist Orplid, mein Land, das ferne leuchtet.« Aber ob sie in Wahrheit
+eine unsichtbare Ferne suchte und wo diese lag, wußte ich nicht, und nun
+kann ich sie auch nicht mehr fragen. Sie kehrte sich zu uns her und wir
+stiegen unsern Weg nieder, der sich bald ins Tal senkte, in die
+Abendschatten.
+
+ * * * * *
+
+Solcher Gänge zu allen Jahreszeiten könnte ich noch viele beschreiben; es
+sähe dann aus, als ob die Zeit stillgestanden wäre, um uns eine Weile jung
+und heiter und schicksalslos sein zu lassen. Aber das tat sie nicht,
+sondern sie ging ihren gemessenen Schritt und nahm uns alle mit, jeden in
+sein Verhängnis hinein.
+
+Olbrich war eine Zeitlang als der fröhlichste Kamerad bei allem
+dabeigewesen, und ich dachte oft mit Befriedigung, so müßte es immer
+fortgehen. Denn ich lebte wie ein Schlaraffe in den Tag hinein zwischen den
+liebsten und erfreulichsten Menschen hin und hatte dabei immer noch das
+Land der unbegrenzten Möglichkeiten vor mir, was mir vor allem zusagte.
+Maidi und Olbrich hatten diesen Ausdruck, den ich hie und da genießerisch
+gebrauchte, wie man einen besonderen Leckerbissen auf der Zunge zergehen
+läßt, von mir aufgefangen und neckten mich damit, was ich mir gerne
+gefallen ließ; doch hatten sie ja immerhin so viel Freiheit des Handelns
+wie ich, und ich sagte ihnen das auch. Maidi konnte aber bei einem solchen
+Gespräch aus aller glücklichen Heiterkeit heraus ernst werden und leise
+den Kopf schütteln, denn sie wußte gut genug, was es mit den unbegrenzten
+Lebensmöglichkeiten und der Freiheit auf sich hat. Das Furchtbarste konnte
+plötzlich wahr werden und auf dem Wege stehen unausweichlich; einzig tätig
+zu sein und unablässig den Schatz in sich selbst zu vermehren durch Lernen
+und Arbeiten, gab etwas wie eine Sicherheit.
+
+ * * * * *
+
+Wir waren eine Zeitlang wegen anhaltend regnerischen Wetters nicht mehr
+ausgeflogen; jetzt hatten kräftige Winde den Boden wieder aufgetrocknet,
+und ich sehnte mich darnach, einen tüchtigen Marsch zu machen und zugleich
+einen jungen Buchenwald, den ich besonders liebte, wieder zu sehen. Denn er
+mußte, da es Frühling war, während des Regenwetters grün geworden sein, und
+ihn so im ersten Schmuck zu sehen, wollte ich mir nicht entgehen lassen.
+Ich kam mit Olbrich aus einer Singstunde, und wir lenkten fast von selber
+unsere Schritte an dem Haus vorbei, in dem Maidi wohnte. »Vielleicht ist
+sie noch auf, und wir können sie fragen,« sagte ich; denn es war
+selbstverständlich, daß sie an dem Gang teilnehmen mußte. Aber ihre Fenster
+in der Mansarde des kleinen Hauses waren schon dunkel, nur unten schien
+noch Licht durch geschlossene Fensterladen, und als wir näher kamen, hörten
+wir ein Kinderweinen. Da kamen auch gerade eilige Schritte hinter uns her,
+und als sie uns einholten, war es Rosa, das Dienstmädchen der jungen
+Pfarrerswitwe, der das Häuschen gehörte, und bei der Maidi in Kost und
+Wohnung war. Sie kannte uns gut, denn sie hatte uns schon manchesmal die
+Treppe zum Oberstock hinaufgeleuchtet; besonders mir, von dem sie wußte,
+daß ich Maidis Landsmann und Kindheitsbekannter war, galt ihr halb
+vertraulicher Gruß.
+
+Sie sagte unaufgefordert und etwas erregt, das Fräulein sei unten in der
+Kinderschlafstube. Es sei eines der Kinder erkrankt, und die Mutter sei auf
+zwei Tage verreist; nun habe sie, Rosa, in die Apotheke gehen müssen, um
+ein Mittel, das die Frau gewöhnlich anwende, zu holen, da es gerade nicht
+im Hause gewesen sei; das Fräulein aber sei einstweilen bei den Kindern
+geblieben, die ohnehin an ihr hängen, fast wie an der Mutter, oder doch
+wenigstens wie an ihr, der Rosa.
+
+Ich hörte nur halb nach dem Bericht hin, da mich nur das eine daran
+interessierte, daß Maidi noch auf und also zu sprechen sei und sagte der
+Rosa, wir hätten etwas Dringendes zu fragen, worüber sie sich trotz der
+späten Stunde nicht besonders zu wundern schien. Sie ließ uns ins Haus und
+ins Wohnzimmer eintreten, und bei dem Geräusch unserer Schritte und Stimmen
+kam Maidi aus dem anstoßenden Schlafzimmer, um zu sehen, was es gebe. Sie
+hatte das kranke Kind auf dem Arm; es war in eine leichte Steppdecke
+eingewickelt und hatte das Köpfchen auf Maidis Schulter liegen, hob es aber
+auf, um uns neugierig anzublinzeln und hielt mit dem kläglichen Weinen, das
+wir eben noch gehört hatten, eine Weile ein, da es über dem neuen Anblick
+sein Übelbefinden auf kurze Zeit vergaß. Erst an Maidis erstaunten und
+etwas erschreckten Augen, die zu fragen schienen, was es denn so spät noch
+gebe, fiel es mir ein, daß der Besuch zu dieser Stunde nicht üblich sei,
+und ich brachte unser Anliegen schleunigst vor, um wenigstens einen
+triftigen Grund dafür angeben zu können. Da brach Maidi in ein herzliches
+Lachen aus, das mich aus der kleinen Verlegenheit erlöste, wie schon oft in
+ähnlichen Fällen, und sagte: »Gott sei Dank! Ich habe schon an irgendein
+Unglück gedacht, das ich heute nacht noch erfahren sollte; es geschehe
+nichts Schlimmeres als das. Wohin soll's denn gehen? Natürlich gehe ich
+mit, ich habe lang genug keinen frischen Wind mehr gespürt.«
+
+Das Kind hatte offenbar aufmerksam zugehört, aber nur das eine aus Maidis
+Rede entnommen, daß sie irgendwohin mitgehen wolle; nun brach es aufs neue
+in einen hilflosen Jammer aus, umklammerte mit beiden Armen ihren Hals und
+schluchzte: »Nein, du sollst nicht mitgehen, du sollst dableiben,« welche
+Worte es nun unaufhörlich wiederholte in immer kläglicheren Tönen. Maidi
+setzte sich mit dem Bübchen aufs Sofa, bettete es bequem auf ihren Schoß
+und sagte tröstlich: »Nein, nein, ich gehe ja nicht fort, ich bleibe bei
+dir,« und trocknete das tränennasse Kindergesicht mit ihrem Tüchlein,
+fortwährend sanfte, liebkosende Worte oder Laute halb singend und halb
+sprechend dabei hervorbringend, was alles miteinander unbeschreiblich
+lieblich anzusehen und anzuhören war. Sie hatte ein weiches, hellblaues
+Morgenkleid an, in dessen Falten das Bübchen lag wie in dem Mantel einer
+Muttergottes auf einem Altarbild, und ich hätte mich am liebsten behaglich
+niedergelassen, um das holde Schauspiel recht ausführlich zu genießen; es
+kam aber unversehens auf bloßen Füßen der Bruder des Schoßkindes aus dem
+Schlafzimmer gepatscht und rief zornentbrannt: »Geht doch fort, geht doch
+heim,« denn er meinte, eben aus dem Schlaf erwacht, wir hätten den ganzen
+Jammer veranstaltet. Maidi zog auch den andern Hemdenmatz mit der freien
+Hand an sich und redete ihm zu, ins Bett zurückzukehren, es seien lauter
+gute Leute hier, wir fühlten uns aber dann doch überflüssig und nahmen
+Abschied. Das heißt, das Ganze, sowohl das Kommen, als das Bleiben und
+Gehen ging von mir aus, denn Olbrich hatte sich bei allem ganz als
+Zuschauer betragen, was sonst seine Art nicht war. Ich sah ihn, als ich ihm
+zum Aufbrechen winkte, am Fenster stehen, die Augen ganz versunken auf der
+kleinen Gruppe liegend, und ebenso versunken, wie ein Nachtwandler, gab er
+Maidi die Hand zum Abschied; die ganze Abmachung hatte er mir überlassen.
+
+Auf der Straße ging er eine Weile stumm neben mir her, dann sagte er wie
+beiläufig: »Ich habe noch vergessen, dir zu sagen, daß der Chef mir die
+erledigte Stelle in der philologischen Abteilung des Verlags angeboten hat.
+Sie ist auf Dauer; ich müßte mich auf eine Reihe von Jahren verpflichten.«
+»Und?« fragte ich gespannt; es war mir aber kaum zweifelhaft, daß sich der
+Vogel, der schon lange die Schwingen zum Weiterfliegen hob, nicht würde
+anbinden lassen, so verlockend manchem andern das Anerbieten gewesen wäre.
+
+»Ach, ich weiß noch nicht,« sagte er, und es war, als unterdrücke er eine
+heftige Bewegung, irgendeine Ungeduld oder dergleichen. »Frage mich nicht.
+Wenn ich es dann selber weiß, sage ich's dir. Es hängt noch von einer
+Sache ab, die zuerst entschieden sein muß.«
+
+Ich hätte dennoch gern gefragt, welche Sache das sei, denn es schien mir
+seit einiger Zeit, als trage er etwas mit sich herum, das ich wissen müsse.
+Er war wechselnd in seinem Wesen geworden, oft zerstreut und wie
+gedankenabwesend, lässig und weich im Gegensatz zu seiner sonst straffen,
+herrischen Art und in Gesellschaft schweigsam, was er denn mit Willen
+wieder alles von sich warf, um lustig und übermütig zu sein, so daß ich
+mich nicht recht mit ihm auskannte.
+
+Er fing aber plötzlich an, lange Schritte zu machen und verabschiedete sich
+bald von mir, so daß ich nicht mehr zum Wort kam und meinen Weg
+nachdenklich allein fortsetzte, denn der richtige Grund für sein
+verändertes Wesen war mir noch nicht eingefallen.
+
+Es hat mich nachher oft gewundert, daß ich so blind gewesen sei, nicht zu
+merken, wie er ganz in Liebe für Maidi erglüht war, und ich konnte es mir
+dann nur dadurch erklären, daß ich ihn bei früheren Liebessachen so ganz
+anders gesehen hatte: spielerisch, übermütig und in strahlender Laune, die
+nur freilich bald in Unlust oder Langeweile überging, da ihn noch nichts
+recht auf die Dauer gefesselt hatte. Aber es war auch allerdings noch keine
+Maidi dabei gewesen.
+
+ * * * * *
+
+Am andern Tag sagte Olbrich über das Pult herüber, an dem wir beide
+arbeiteten: »Wartet morgen früh nicht auf mich, ich habe anders über den
+Sonntag verfügt und kann nicht mitkommen.« Ich sah enttäuscht und etwas
+geärgert auf und hatte eine scharfe Entgegnung über seine schwankenden
+Launen auf der Zunge, unterdrückte sie aber, als ich sein bleiches,
+überwachtes Gesicht sah, aus dem die Augen in einer fremden Glut heraus
+brannten. »Bist du krank?« fragte ich unwillkürlich, aber er schüttelte den
+Kopf und lächelte mich an, wie er ganz selten tat, und wie es jedesmal mein
+ganzes Herz gewann.
+
+»Armer Kerl, ich plage dich,« sagte er gedämpft, daß die Herren im nächsten
+Zimmer es nicht hören sollten, »doch auch mich selber. Warte noch ein
+Weilchen, es wird dann schon wieder recht.« Und ich war zufrieden und
+dachte, er sei ja doch mein Herzensfreund, es solle mich nichts an ihm
+stören; es tat mir aber leid, daß wir morgen nicht zu dreien ausflogen,
+denn man konnte nicht wissen, wie lang wir einander noch in der Nähe
+hatten.
+
+ * * * * *
+
+Ich nahm mir vor, mit Maidi von Olbrichs verändertem Wesen zu reden; ich
+wollte wissen, ob sie es auch bemerkt habe; es mußte ja der Fall sein, sie
+konnten es für gewöhnlich gut miteinander, ja so gut, daß ich schon
+manchmal mit einer kleinen Eifersucht neben ihnen hergegangen war, wenn
+sich ihr lebhaftes Gespräch um Dinge drehte, die mir im Leben verschlossen
+geblieben waren. Es hatte aber nie lang gedauert, denn Maidi spürte es
+immer gleich, wenn ich nicht ganz mit im Takte ging und wechselte den
+Schritt mir zuliebe, auch in der Unterhaltung.
+
+Es kam aber ganz anders an diesem schönen Morgen, als ich gedacht hatte.
+Ich traf Maidi zwar sonntäglich angetan, aber noch nicht wandermäßig
+gerüstet und sagte scherzend, es sei gut, daß Olbrich nicht dabei sei, der
+das Warten nicht gut ertragen könne. Er gehe nämlich nicht mit.
+
+»Ja, ich weiß,« sagte Maidi, »er hat es mir mitgeteilt. Sie müssen aber
+heute den schönen Wald auch von mir grüßen, denn ich kann leider auch nicht
+ausfliegen. Ich hatte mich schon so gefreut, aber es ist nichts. Die Frau
+Pfarrer ist unterwegs aufgehalten worden und kommt erst morgen zurück. Und
+das Kind ist immer noch nicht wohl; es hat eine schlechte Nacht gehabt, und
+ich bin nicht ruhig, wenn ich gehe.« Sie sah mich dabei lieb und klar an,
+aber sie war blaß und hatte dunkle Ringe unter den Augen, die freilich vom
+ungewohnten Schlafbrechen kommen konnten, die mich aber plötzlich an
+Olbrichs gleichfalls schlechtes Aussehen mahnten und einen Zusammenhang
+damit zu haben schienen. Wenigstens schoß mir in der großen Enttäuschung,
+die mir Maidis Absage schuf, und dem Ärger, den ich darüber empfand, ein
+ungewohntes Mißtrauen durchs Herz und eine Lust, ihr weh zu tun. Ich sagte
+bissig, es scheine sich ihr nicht mehr zu lohnen, mit mir allein zu gehen.
+Das Kind werde so gefährlich krank nicht sein, und je nachdem Leute
+mitgegangen wären, hätte sie es auch wohl verlassen, sie sei ja nicht seine
+Kinderfrau. Maidi zuckte zusammen wie unter einem Schlag, und ehe sie es
+verhindern konnte, schossen ihr Tränen in die Augen, was ihr wohl nicht
+geschehen wäre, wenn sie nicht durch Sorge und Nachtwachen übermüdet
+gewesen wäre. Sie fand in ihrem schmerzlichen Schreck bei meinem Überfall
+nicht gleich ein Wort der Entgegnung und sah mich blaß und hilflos an; aber
+ich spürte plötzlich eine brennende Eifersucht in mir, die mich blind
+machte gegen ihr rührendes Bild, denn es dünkte mich, da sie nichts
+erwiderte, als ob ich recht hätte und sie Olbrichs wegen zu Hause bliebe,
+ja es dämmerte mir, die beiden hätten sich verabredet hinter meinem Rücken,
+heute ohne mich beisammen zu sein, was alles mich aus blauer Luft anfiel
+und mich peinigte wie ein Hornissenschwarm, so daß ich alles vergaß,
+Respekt und schuldige Ehrerbietung sowohl als Freundschaft, Liebe und
+Zutrauen. Ich wußte mich gar nicht zu wehren, denn es war mir selber alles
+neu, und ich hätte vielleicht ungeheure Beschuldigungen, die ich innerlich
+erhob und zu denen ich gar kein Recht hatte, hervorgestoßen, wenn mir nicht
+Maidi die Hand auf den Arm gelegt und mich flehentlich angesehen hätte.
+
+»O still,« sagte sie leise und mit zitternder Stimme, »so dürfen Sie nicht
+reden. Es ist nicht, wie Sie meinen, es ist alles ganz anders.«
+
+Auf ihrem Gesicht kam und ging eine schnelle Röte, und es liefen ihr ein
+paar Tränen herunter, die sie nicht aufhalten konnte; ich sah an allem, daß
+sie litt, und das tat mir sonderbar wohl, denn ich litt ja auch.
+
+Es kehrte sich aber nun mit einemmal der Stachel gegen mich selbst, denn
+ich mußte ihr aufs Wort glauben und war also ein Unhold gewesen, und sie
+konnte nun tief beleidigt sein. Da faßte ich ihre Hand, die eiskalt war,
+und sagte bestürzt: »Was soll ich tun? Ich habe von dem allem vorher nichts
+gewußt, es ist auf einmal gekommen.« Denn ich meinte, sie habe alle meine
+Gedanken gelesen, und es wird wohl auch so gewesen sein.
+
+Maidi zog leise ihre Hand zurück. Sie lehnte an der Wand und wartete eine
+kleine Weile, dann sagte sie: »Gehen Sie jetzt. Sie müssen gut von mir
+denken. Machen Sie einen schönen, weiten Weg.« Ich sah sie verlangend an,
+denn es mußte noch etwas kommen, aber im Nebenzimmer rief das Bübchen:
+»Maidi!«, und sie nickte mir noch einmal zu, ohne Kränkung jetzt, wie mir
+schien, gut und ernst, und ging zu dem Kinde. Das hatte es gut, denn es
+durfte unwillig sein und maßleidig bei Tag und Nacht, und sie blieb doch
+bei ihm, ja sang ihm Lieder und trug es herum, ich aber mußte gehen und
+meiner selbst Herr werden, es half mir niemand.
+
+Da hatte ich nun meine Arbeit auf unterwegs. Am liebsten wäre ich
+heimgegangen in meine Stube, aber dort war es nicht anders als draußen, ich
+mußte den Tumult in mir anhören und damit aufräumen, und das war nicht
+leicht, vielleicht ging es im Freien doch besser damit. Es läutete auch in
+die Kirche, als ich durch die Straßen ging. An einer kam ich vorbei, dort
+hatte schon das Orgelspiel eingesetzt, und viele Menschen gingen in
+Sonntagskleidern durch die offenen Türen; es gelüstete mich einen
+Augenblick, ihnen zu folgen, denn das Orgelbrausen lockte mich an, und
+vielleicht konnte ich das üble Gefühl, das ich von mir selber hatte, dort
+drinnen los werden. Aber ich ging dann doch vorbei und kam ins Freie und in
+langem Ausschreiten durch ein Wiesental und über einen Bach, dessen Ränder
+ganz gelb von Dotterblumen waren, an den Berg und auch hinauf und in den
+Wald, der richtig im festlichen lichten Grün prangte und mit den
+grausilbernen Stämmen dastand wie eine wartende Hochzeitsgesellschaft. Es
+standen Blumen genug dazwischen, Knabenkraut und Leberblümchen und die
+lieben blauen Sterne der Szilla, die hatte ich heute wieder begrüßen wollen
+nach dem langen Winter und mit den Freunden den Frühling feiern. Der war
+auch da und war so schön wie je. Buchfinken saßen auf schwanken Ästen und
+riefen mir zu: »Jetzt, jetzt bin i wieder kreuzfidel,« wie wir bei uns
+daheim ihren Schlag deuteten; und Ammern pfiffen: »d' Zit isch do, d' Zit
+isch do.«
+
+Aber es war alles ganz anders, als ich gemeint hatte und auch als ich sonst
+je erfahren hatte. Wie konnte das sein, daß man morgens aus dem Haus ging
+mit ruhigem und freudigem Gemüte und einen schönen Tag vor sich zu haben
+glaubte mit dem liebsten und feinsten Mädchen, das es gab, und daß auf
+einmal Brunnen in einem aufbrachen, die ein dunkles und bitteres Wasser
+ausströmten, und Mißtrauen das Haupt erhob, wo man einig und voller
+Freundschaft gewesen war? Und wo kam es her, daß man einem Menschen, dem
+man alles Liebe hätte antun mögen, weh tat, fast mit Lust?
+
+Nun ging ich hier durch die lichten Hallen des Frühlingswaldes und war
+unglücklich genug und hätte gern jemanden gehabt, dem ich die Schuld daran
+hätte geben können. Aber es gab niemanden als mich selbst, und doch war mir
+alles fremd. Da suchte ich in mir selber, ob ich es fände, und es fielen
+mir ein paar Gelegenheiten ein aus meiner Kindheit, wo ich in plötzlichem
+Zorn einmal meine Schwester Helene geschlagen und einmal meiner Mutter ein
+abscheuliches Wort gesagt hatte und auch nachher unglücklich gewesen war.
+Meine Mutter hatte damals gesagt, ich soll mich vor dem Zornteufelchen in
+acht nehmen, das nur leise in mir schlafe, und hatte mich ein Verslein
+oder Gebetlein gelehrt, das dahin lautete, Gott solle mich zu einem frommen
+Kind machen oder sonst lieber gar nicht aufwachsen lassen.
+
+Aber ich war jetzt doch da und konnte nicht wissen, was für dunkle Ungetüme
+noch im Untergrund meines Wesens auf ihren Augenblick warteten. Vielleicht
+mußte ich einmal einen Menschen totschlagen oder einen Meineid schwören,
+obgleich ich weder das eine noch das andere wollte, es konnte mich aber
+ebenso dunkel überfallen. Das Schicksal konnte es wollen, und nachher mußte
+ich bezahlen. Da kam ich mir schuldig und unschuldig in einem vor, es
+verlangte mich aber nach einer Freisprechung, und zwar durch Maidi selber,
+die doch den dunklen Brunnen in mir entriegelt hatte, wenn auch ohne ihr
+Wissen. Sie mußte mir wieder gut sein, das war die Hauptsache. Denn das
+fühlte ich durch alles hindurch, sie gehörte zu mir und meinem Leben; ich
+mußte Teil an ihr haben und durfte ihr nicht fremd werden. Es war ja schon
+das Ende ihres Aufenthalts in der Stadt abzusehen; dann ging sie vielleicht
+fort, irgendwo hin, wo ich ihr nicht folgen konnte, und gewann neue Freunde
+und gab sich vielleicht auch einem Mann zu eigen für ganz. Es fiel mir ein,
+daß sie mir von ihrer Mutter erzählt hatte, die aus Amerika glückliche
+Briefe schrieb, trotzdem sie den Mann unheilbar siech angetroffen hatte. Es
+war alles ausgelöscht, was jemals Dunkles zwischen ihnen gestanden hatte,
+und die Frau trug nun ihre Liebe wie eine Dornenkrone, die ausgeschlagen
+hat und rote Blüten trägt, so sehr war alles Geistige, Unvergängliche daran
+aufgeblüht.
+
+Maidi hatte dieser Erzählung hinzugefügt, sie bitte der Mutter nun alles
+ab, was sie je bitteres über sie gedacht habe, denn sie sei ja einfach
+ihrem Schicksal gefolgt oder ihrem Herzen, was dasselbe sei, und jeder
+rechte Mensch müsse das tun. »Obgleich ich hoffe,« hatte sie hinzugesetzt,
+»daß es mir einmal nicht so schwer gemacht wird.«
+
+»Ja,« dachte ich nun im Weitergehen, »dir wird es wohl leichter gemacht
+werden, denn wer einmal etwas so Köstliches zu eigen hat, wie dich, der
+läuft nicht mehr davon.«
+
+Aber daß ich sie selber gewinnen wolle mit allen Kräften und aller Einheit
+meiner Sinne und Gedanken und sie mein Herrlichstes sein lassen, für das
+ich arbeiten und mich höher spannen wolle, und das mir auch mehr sei als
+alles Äußerliche sonst, das war noch nicht in mir geboren. Ich schaute an
+ihr hinauf, weil sie so tüchtig und freudig und sicher war und so frei und
+vornehm ihres Weges ging, und es war mir wohl, wenn ich bei ihr sein und
+ihr alle meine Gedanken ausbreiten konnte.
+
+Es nahm auch mehr und mehr die schöne Frau, die später in meinem Haus und
+Garten umhergehen sollte, ihre Gestalt und ihre Züge an und trug den
+schmalen Gürtel aus alter Silberschmiedearbeit, der fast immer Maidis
+Kleider zusammenhielt und ein altes Familienerbstück war. Das konnte ich
+mir alles ausdenken, aber wenn ich mit ihr einen Tag verwanderte oder einen
+Abend in ihrem hübschen Wohnzimmerchen war und ihren fleißigen Händen
+zusah, die fast immer noch etwas zu tun hatten, dann dachte ich nicht an
+die Zukunft, und es war alles gut und recht, wie es war.
+
+Meistens war ja auch Olbrich dabei, und wir waren ein feines Kleeblatt,
+das man am besten noch lange so ließe. Aber der war von irgend etwas
+verscheucht und verstört, und ich hatte Maidi gekränkt und beiden mißtraut;
+da überfiel es mich von neuem, daß ich mich hätte ohrfeigen können und daß
+ich mich gern hätte trösten lassen, beides in einem. Ich schritt weit aus
+mit langen Schritten, als ob ich so schneller zu ihr käme, und brach ein
+paar hellgrüne Zweige von Buchen und Birken, die wollte ich ihr mitbringen.
+
+Aber als ich mit sinkender Nacht müde und verlangend und doch auch
+gesänftigt und mit frischen Bildern gefüllt in die Stadt zurückkam und das
+Haus aufsuchte, in das es mich zog, sah ich unten in dem Wohnzimmer der
+Pfarrerswitwe Olbrich am Fenster stehen, wie am vorletzten Abend. Er kehrte
+den Rücken nach der Straße und sprach ins Zimmer hinein. Ich hörte
+gedämpfte Laute seiner Stimme und auch irgend ein Gemurmel, das ihm
+antwortete. Oben war es dunkel.
+
+Da überfiel mich von neuem das grimmige und wütende Mißtrauen, als ob sich
+die beiden über mich hinüber zusammengeschlossen und mich ausgetan und
+belogen hätten. Es flammte ein roter Zorn in mir auf, durch den hindurch
+nur undeutlich Maidis lautere und klare Augen leuchteten, die nicht lügen
+konnten, und Olbrichs aufrechte und stolze Art, die sich nicht versteckte,
+wenn sie etwas wollte.
+
+Ich machte ein paar Schritte auf das Haus zu. Die Tür war verschlossen, und
+als ich den großen Messinggriff in der Hand hatte, kam eine kalte und
+schmerzhafte Stimmung über mich. Ich wollte nicht hineingehen, sondern
+meinen Strauß an die Tür stecken zum Zeichen, daß ich dagewesen sei und
+alles wisse. Aber als ich das getan hatte, kehrte ich wieder um und holte
+ihn, und unterwegs warf ich die zarten und lichten Zweige, die schon ein
+wenig in sich zusammengesunken waren, auf die Straße. Ich ging auch nicht
+heim in meine Wohnung, sondern in ein Wirtshaus. Da saß ich allein an einem
+Tisch, trank Bier und nachher noch Wein, war grob gegen die Kellnerin, die
+ein wenig zutraulich sein wollte, und gab mich unguten Gedanken und
+Gefühlen kampflos hin. Zum Beispiel fiel mir wieder ein, daß beide, Maidi
+und Olbrich, aus einer andern Kaste stammten als ich, und daß sie von
+Kindheit an große Vorsprünge vor mir hätten, die ich nie einholen konnte.
+Sie kannten die Geheimsprache, wie ich es nannte, wenn jemand im Besitz
+einer guten Erziehung alle Umgangs- und Lebensformen leicht und spielend
+beherrschte, was ich freilich auch gelernt hatte, was mir aber nicht
+angewachsen war. Sie aber hatten alles mit der Muttermilch und mit jedem
+jungen Atemzug eingesogen. Und sie hatten eine sogenannte Familie, von der
+man reden und die man aufzählen konnte mit guten Namen und Titeln.
+Vielleicht wollten sie einander heiraten, das konnte ihnen ja kein Mensch
+verbieten, und sie würden es mir morgen mitteilen und sagen, daß ich der
+Nächste dazu sein solle. Dann durfte ich dabei stehen und zusehen; das war
+übel und nicht auszuhalten.
+
+Es meldete sich leise durch den Dunst und Nebel meiner Gedanken, daß Maidi
+oft und gern mit mir von meinen Schwestern redete, die sie gut kannte und
+hie und da aufgesucht hatte, und daß sie mich antrieb, ihnen oft zu
+schreiben und sie sogar grüßen ließ. Aber ich warf ein, daß das ein Almosen
+sei, welches ich nicht begehre, und daß sie immer nur, wenn wir allein
+gewesen seien, mit mir von meiner Heimat gesprochen habe. Das war mir sonst
+besonders traulich und lieb gewesen und wie ein Geheimbesitz zwischen uns
+beiden, aber ich war in der Stimmung, aus allem Gift zu saugen, und kam
+immer tiefer in einen dumpfen und bitteren Jammer hinein, in dem mir
+zuletzt die weggeworfenen Zweige das Jämmerlichste und Quälendste waren, da
+sie lebendig und ganz schuldlos im Straßenstaub lagen und zertreten wurden.
+Ich schrak auf, als die Kellnerin fragte, ob ich noch etwas trinken wolle.
+Das Lokal war leer bis auf mich, und die Kellnerin sah verschlafen aus und
+hoffte, ich würde gehen. Da tat ich ihr den Gefallen und zahlte, ging durch
+die menschenarmen Straßen nach Hause und ins Bett, schlief und hatte
+unruhige Träume, und kam am andern Morgen bedrückt und armselig ins
+Geschäft. Da dachte ich Olbrich in Glanz und Sieghaftigkeit zu finden,
+wovor ich mich am meisten fürchtete. Er war aber gar nicht da, und als er
+den Tag über nicht kam, fragte ich die Kollegen, ob sie nichts von ihm
+wüßten, und einer sagte, er sei frühmorgens dagewesen und habe den Chef um
+ein paar Tage Urlaub gebeten und sie auch erhalten.
+
+Es handle sich um eine auswärtige Stelle als Privatsekretär bei einem
+politisch großen Tier, für die er vorgeschlagen sei und die er zu erlangen
+trachte, setzte der Wissende geheimnisvoll hinzu; er hatte es zufällig
+aufgeschnappt. Für die Stelle am philologischen Verlag sei bereits ein
+anderer Herr vorgemerkt, Olbrich nehme sie nicht an. Da mischte sich ein
+anderer ins Gespräch und sagte, das alles müsse ich doch eigentlich wissen,
+da ich ja der intimste Freund von Olbrich sei, und ich schwieg dazu, da
+konnten sie denken, was sie wollten. Am Abend lag ein Briefchen von Maidi
+auf meinem Tisch. Ich konnte es kaum öffnen vor Herzklopfen und wartete auf
+irgend ein Beil, das nun auf mich niedersausen würde. Sie schrieb aber nur,
+ich möchte sie diese Woche nicht besuchen, da sie nicht ganz wohl und etwas
+überanstrengt sei und dabei eine besonders vollbesetzte Woche in der Schule
+habe, und fügte dann hinzu: »Ich freue mich, bis wir wieder einmal
+miteinander wandern, in den Frühling hinein. Es ist mir, als liege noch der
+ganze Winter auf mir. Maidi.«
+
+Da wußte ich mir gar keinen Vers mehr zu machen, denn es lautete nicht nach
+Glückseligkeit und triumphierendem Kräfteüberschwang, wie ihn die Liebe
+gibt, und aber auch nicht nach Gleichgültigkeit oder unvergebener Kränkung.
+Sondern es lag etwas auf Maidi, das sie selber tragen mußte, und vielleicht
+war es nur Müdigkeit, vielleicht aber auch etwas anderes. Aber sie freute
+sich, bis wir wieder miteinander wanderten und war lauter und klar gegen
+mich. Olbrich aber ging fort, und wahrscheinlich hatte ich ihm auch unrecht
+getan, und er hatte auch eine Last auf sich und hatte mich vielleicht bei
+Maidi zu finden geglaubt. Ich wußte nicht, wie ich in die ganze Wirrnis
+hineingeraten war und wartete sehnlich, bis mein Freund wieder komme.
+
+Aber als er da war, schien er mir gar nicht mehr derselbe zu sein wie
+vorher, und ich wünschte fast, er möchte mich wieder mit wechselnden Launen
+quälen, zwischen denen dann doch immer wieder sonnige und goldene
+Augenblicke herausgeschienen hatten.
+
+Jetzt ging er straff und stählern einher, geschlossen und gepanzert,
+arbeitete rastlos und wie für drei und betrieb daneben die Vorbereitungen
+für seine Abreise, denn er hatte die Stelle erhalten, um die er sich
+beworben hatte, und mußte sie bald antreten. Im Geschäft ließ man ihn
+ungern gehen, und doch mit der kurzen Kündigungsfrist, die er brauchte,
+denn er war kein Mensch, den man halten konnte. Ich aber fand mich nicht
+mit ihm zurecht; es schien, als ob unsere Freundschaft irgendwo begraben
+oder in weiter Ferne läge; ich hatte aber keine Macht, sie aufzuwecken oder
+herbeizuholen.
+
+Manchmal fing ich einen Blick auf, den Olbrich zu mir hersandte, und wußte
+mir auch den nicht zu deuten; denn er war spöttisch oder bitter und ein
+wenig von oben herab. Aber ich fand nicht das Wort, ihn zu fragen: Warum
+siehst du mich so an, und was ist mit dir? Denn es kam mir alles verhext
+und verzaubert vor, und ich litt es eine traurige Woche lang. Abends war
+ich immer allein. Da nahm ich das eine oder andere Buch in die Hand, las
+eine Weile darin und stellte es wieder zurück und schrieb einmal an meine
+Schwestern. Helene hatte voriges Jahr ein Kind bekommen und erwartete das
+zweite. Und Luise bügelte, wie immer. Ich schrieb, daß ich im Sinn habe, an
+Weihnachten heimzukommen, und es lief mir allerlei Anhängliches, Warmes in
+die Feder, was sonst kaum geschah. Dann ging ich wohl noch aus und kehrte
+bald wieder zurück und kam mir wie auf einem fremden Stern vor. Denn so
+wenig ich es schwer nahm, einmal rücksichtslos und gleichgültig gegen die
+zu sein, die mich liebten, und die auch ich zu lieben meinte, so wenig
+ertrug ich es, wenn es mir von andern widerfuhr. Am Sonntag hoffte ich, zu
+Maidi zu gehen und ihr alles zu sagen. Aber es kam ein Briefchen von ihr
+mit wenigen Worten. Sie fuhr mit der Pfarrerswitwe und den Kindern zu deren
+Verwandten aufs Land und kam erst Montags wieder. »Es ist ein
+Genesungsausflug,« schrieb sie, »nun bin ich bald wieder die Alte.« Ich
+hatte mir aber jetzt ernstlich vorgenommen, mit Olbrich zu reden; es war
+unwürdig und ging nicht länger, wie es war.
+
+Da pfiff er am Samstag Abend unter meinem Fenster, ganz wie sonst. »Machst
+du einen Lauf mit mir?« fragte er. »Es ist so schön stürmisch.« Das war es.
+Der Wind trieb die Wolken vor sich her und sang sein Lied in den Bäumen des
+Gartens, auf den jenseits der Straße der Blick aus meinen Fenstern ging. Es
+war eine laue und lebendige Nacht. Der Wind kam aus Südwesten, und
+vielleicht regnete es morgen oder auch heute noch. Ich war in einer Minute
+unten, und wir machten lange Schritte nebeneinander her; geredet hatten wir
+noch nichts; es hatte ja Zeit. »Ich denke, wir gehen aufs Schwalbennest,«
+sagte Olbrich, als wir in einer Vorstadtstraße waren. »Das ist ein gutes
+Stück zu gehen und nachher ein gemütlicher Sitz in der Wirtsstube. Ich will
+der Friedel noch ein Andenken geben, sie hat sich immer gut zu mir
+gestellt.«
+
+Dann gingen wir wieder schweigend nebeneinander her, lange. Es ging zuerst
+auf der Landstraße hin zwischen Pappeln, die sich im Winde bogen und ihre
+langen Haare schüttelten, dann durch ein Dorf und dahinter eine Anhöhe
+empor. Ganz oben sah uns ein Licht entgegen; es hielt jemand eine Laterne
+in der Hand und ging damit um ein Haus herum, das schwach erhellt zwischen
+Bäumen lag. Da sagte Olbrich: »Du hast mich nicht gefragt, und es ist gut
+gewesen, daß du es nicht getan hast. Wir feiern aber heute meinen Abschied,
+und es ist mir lieb, wenn du gut an mich denkst, denn ich habe dich gern,
+trotz -- hm, trotz manchem. Ich muß dir etwas sagen, so lang es noch dunkel
+ist. Ich habe Gehen oder Bleiben auf eine Karte gesetzt, und sie hat auf
+Gehen entschieden. Es ist aber sonst noch allerlei drum und dran, und,
+kurzum, es hat mich ein Mädel ablaufen lassen, das ich gern geheiratet
+hätte. Das hätte mir nicht passieren sollen. Es hat einmal jemand zu mir
+gesagt, ein rechter Mann frage da nicht an, wo er nicht sicher sei, kein
+Nein zu bekommen. Der hat recht gehabt. Es ist ein verdammtes Gefühl. Aber
+was will man machen, wenn man eine Entscheidung braucht und wenn man spürt:
+Die will ich, oder keine? Ich habe gemeint, es könne mir nicht fehlen. Sie
+will aber noch nichts vom Heiraten wissen, wie sie sagt und vielleicht auch
+meint. Es sei ihr noch lang wohl so. Es ist aber anders, so viel ich
+gemerkt habe, und es liegt ihr ein anderer im Sinn. Einer, den sie
+vielleicht nicht einmal bekommt, wenn ihm nicht jemand beizeiten den Star
+sticht. Denn er ist sonnenblind, und es muß gut gehen, wenn es gut geht mit
+ihm. Sie kann mir eigentlich leid tun, denn sie ist vom Kopf bis zu den
+Füßen ein rares Mädchen und gäbe eine feine Frau. Aber die Mädchen sind
+manchmal so, gerade die feinsten; sie fallen auf den Buben herein, wenn sie
+den König haben könnten. Na, sie müssen's ja wissen. -- Da ist die Friedel
+mit der Laterne. Grüß Gott, Friedel! -- Du, höre, drinnen reden wir dann
+nicht mehr davon, gelt? Es verträgt noch nicht viel bei mir.«
+
+Da gingen wir in die Wirtsstube und setzten uns an den großen Tisch in der
+Ecke beim Ofen, wo wir schon manchmal gesessen waren; es war da aber noch
+anders zwischen uns gewesen. Die schwarzhaarige Friedel trug Wein auf, wie
+sie es gewöhnt war, und Olbrich machte ein paar Späße mit ihr, es war aber
+nicht viel damit los, und er ließ es bald wieder sein. Und ich saß stumm
+und geschlagen daneben, denn es war ein Blitz durch eine dunkle Landschaft
+gefahren und hatte sie auf einen Augenblick erhellt, und ich wußte und sah
+alles. Ich hätte so gerne gesagt: Gelt, es ist Maidi! Aber ich durfte
+nicht, und es war ja auch nicht nötig, ich wußte es ohnehin. Und der Bube
+war ich, der König aber Olbrich. Denn er war voll hohen Selbstgefühls und
+von rasendem Stolz, aber er durfte es auch sein, denn er hatte Kraft und
+Willen und Feuer genug in sich. Und doch hatte Maidi ihn weggeschickt,
+und -- es quoll etwas Süßes und Holdes in mir auf -- meinetwegen?
+meinetwegen? Vielleicht täuschte er sich; sie hatte es ja nicht gesagt.
+
+Da hob Olbrich das Glas und stieß mit mir an. »Laß das Nachdenken,« sagte
+er. »Es kommt nichts dabei heraus. Wir wollen heute noch einmal beisammen
+sein, wie früher, und dann sehen, was wir aus uns machen. Vielleicht
+begegnen wir uns wieder, und dann sieht jeder, was aus dem andern geworden
+ist. Vielleicht auch nicht, denn es gibt so viele Straßen auf der Welt, und
+man kann immer nur eine gehen. Hör' du, da habe ich, glaub' ich,
+versehentlich etwas gesagt, was für dich ins Stammbuch paßt. Man kann
+immer nur eine Straße gehen und muß wissen, welche man will. Du denkst
+immer noch, es stehen einem alle offen, aber es ist nichts damit. Sondern
+man hat es in sich, welche recht ist und passend, und wenn man eine andere
+einschlägt, so muß man umkehren, falls man noch kann. Es ist meistens eine
+teure Sache. Ich habe anfangs gemeint, du seiest so einer, der unentwegt
+vor sich hin geht in der Zucht und Furcht. Aber ich denke jetzt ein bißchen
+anders. Denn du hast die Augen überall und willst rechts und links zu
+gleicher Zeit, und vielleicht machst du noch die dümmsten Streiche, wer
+weiß? Na, -- du mußt es dann selber zahlen. Du hast auch kein rechtes
+Augenmaß für groß und klein, und vielleicht kommt dir bei einer Gelegenheit
+das Beste hinaus, wenn dein Schutzengel nicht aufpaßt.«
+
+Er sprach in einem halb ironischen Ton, den ich gut an ihm kannte, aber
+heute tat er mir weh. Denn wir waren nicht beisammen, wie früher, obgleich
+er es verheißen hatte; es stand etwas zwischen uns, das auf keine Weise zu
+entfernen war; es stiegen bittere Blasen in ihm auf und zerplatzten ihm auf
+der Zunge, und das war nun unser Abschied. Aber ich sah, daß er litt, und
+vielleicht hatte er auch in etwas recht gegen mich, und ich legte ihm die
+Hand auf den Arm und sagte: »Vielleicht wird es nicht so schlimm mit mir.
+Warum sollen wir uns nicht wiedersehen und voneinander wissen? Warum sollen
+wir uns künstlich meiden, da wir einander doch nichts getan haben? Es wird
+ein jeder seine Schwierigkeiten mit sich selber haben und auch seine
+Wegweiser. Du hast doch auch nicht aus dir selber gewußt, was du mußt,
+sondern hast ein Mädchen gefragt.« Als ich das gesagt hatte, erschrak ich,
+denn er konnte nun auffahren und es sich verbitten; aber er lächelte trübe
+und sagte: »Ja, ja, die Liebe. Von der verstehst du noch nichts. Wir wollen
+einander aber nicht anpredigen, du hast recht, und auch nicht verlieren.
+Wer weiß, ob wir einmal froh aneinander sind, wenn jeder noch ein paar
+Dummheiten gemacht hat und es ihm windig zumute ist.«
+
+Wir saßen noch lange und redeten noch allerlei, aber nichts mehr von der
+Liebe. Er kam in eine größere Stadt in Bayern und hatte wahrscheinlich
+ziemlich viel Reisen zu machen; es tat ihm leid um die alte Dame, wie er
+seine Mutter nannte in der Art, wie die Studenten von ihrem Vater als dem
+alten Herrn sprechen (sie war nämlich noch nicht alt, sondern hatte etwas
+mädchenhaft Zierliches im Wuchs und reiches blondes Haar). Sie vermißte ihn
+natürlich, und ich sollte sie besuchen; aber sie war keineswegs ängstlich,
+ihn von sich zu lassen, sondern machte nur den Herzbändel etwas länger, der
+nie zerreißen konnte. Ich war froh, ihn von dem allem reden zu hören und
+sagte selber nicht viel. Denn wovon hätte ich reden sollen? Ich hatte genug
+zu denken. Ich hätte eine ganze Nacht hindurch gehen können und hätte noch
+nicht alles bedacht, was in mir stürmte durcheinanderhin. Wir waren kein
+Kleeblatt mehr, und Olbrich ging verwundet in die Welt hinaus. Vor mir
+selber aber tat sich eine neue Landschaft auf, die mich entzückte und
+schreckte zu gleicher Zeit, weil mein Freund neben mir saß und daraus
+verwiesen war.
+
+Die junge Friedel, die Nichte der Wirtin, ging mit Tränen in den Augen hin
+und her und setzte sich auch eine Weile zu uns, denn sie war immer gut
+Freund mit Olbrich gewesen, und er küßte sie zum Abschied und hängte ihr
+einen Achatstein an einem Silberkettlein um den Hals, damit sie hie und da
+an ihn denke. Da lehnte sie den Kopf an den Türrahmen und weinte leise und
+herzlich; wir aber gingen durch die brausende Frühlingsnacht den Berg
+hinunter und in die Stadt. Dort trennten wir uns; ich sah meinem Freund
+nach, so lang ich konnte und hörte dann noch im Dunkeln seinen Schritt
+hallen; es wäre mir beinahe auch so gegangen wie der Friedel. Er war in
+allem anders als ich und war oft schroff und launisch gegen mich gewesen;
+ich konnte niemals mit ihm gleichen Schritt halten, und es lag in unserer
+Natur und war unser Schicksal, daß unsere Wege sich trennen mußten. Aber
+mein Herz hing doch an ihm, und es ging ein Stück Leben und Jugend von mir
+fort; es blies irgendwo ein kalter Wind herein, der kam durch die Lücke,
+die er gemacht hatte.
+
+Als ich in mein Zimmer kam, lag eine Karte auf dem Tisch, die war von Herrn
+Kasimir Hagenau, meinem alten Chef. Er war zur Messe in die Stadt gekommen
+und war nun dagewesen und lud mich auf morgen in sein Gasthaus zum
+Mittagessen ein. Da trat nun das Alte wieder in mein Leben, an das ich
+meiner Art nach nicht mehr sehr viel gedacht hatte. Doch hatten wir
+immerhin manchmal Briefe gewechselt, und ich wußte, daß Herr Kasimir eine
+Vorliebe für mich bewahrt hatte, die mir angenehm, aber nicht weiter
+verwunderlich war. Jetzt, da er wieder auftrat, freute es mich, mit ihm
+zusammen zu kommen, denn ich war im Augenblick etwas anerkennungs- und
+anschlußbedürftig, und es war doch ein gutes Zeichen für mich, daß er mich
+noch aufsuchte und einlud. Auch fiel es mir vor dem Einschlafen ein, daß
+er mich ja eigentlich seinerzeit zum Wiederkommen aufgefordert hatte, und
+ich war neugierig, ob er darauf zurückkommen würde. Aber das letzte, was
+mir in den Schlaf hinein nachging, war Maidi. Sie hatte ein grünes Kleid an
+und ein weißes Schleiertüchlein am Ausschnitt und lächelte mich an. Sie war
+ein Königskind, aber ohne Schloß und Land.
+
+ * * * * *
+
+Herr Kasimir saß im Lesezimmer des Gasthauses hinter einer Zeitung, als ich
+ihn aufsuchte. Er sah noch aus wie bei meinem Abschied, nur vielleicht
+etwas grauer im Haar und Bart und hatte auch einen kleinen Bauch angesetzt.
+Als er mich erblickte, ging sein Gesicht so hell und freudig auseinander,
+daß es mich an den Abend erinnerte, an dem die Bitterolfschen Geschwister
+angekommen waren; er stand auf und schüttelte mir beide Hände, so daß ich
+fast in Verlegenheit geriet, was ich mit all der Wärme anfangen solle, denn
+ganz so herzlich hatte ich mir das Wiedersehen nicht vorgestellt. Es fand
+sich aber, daß es bei Herrn Kasimir mit dem Andenken an seine Schwester
+zusammenhing, die er sehr vermißte, und die mir doch gut gesinnt gewesen
+war, und als die Rede auf sie kam, wurde auch ich warm und ein wenig weich,
+denn es stieg ein liebes und wertvolles Bild vor mir auf, wenn ihr Name
+genannt wurde, und es war etwas von Heimat für mich um sie her gewesen.
+
+Herr Kasimir wischte sich ein paarmal die Augen, als er mir während der
+Mahlzeit ungefragt noch dies und jenes aus Fräulein Brigittens letzter Zeit
+erzählte, er hielt sich aber daneben doch wacker ans Essen und Trinken, so
+daß es mir fast komisch vorkam, ihn so die Rührung mit hinunterschlingen zu
+sehen. Vielleicht fing er einen unbewachten Blick von mir auf; denn ich
+konnte ja meine Gedanken nie verstecken, und er sagte wehmütig: »Ja, was
+wollen Sie, man lebt ja eben weiter, so gut man kann. Ich muß ja sagen, es
+kommt Ihnen vielleicht sonderbar vor: es schmeckte mir trotz alledem, wenn
+ich so allein am Tische saß in meinem leeren Hause, ja vielleicht mehr als
+früher, weil ich nicht viel anderes hatte, was mich freute oder anregte bei
+den Mahlzeiten. Ich bin ja auch dabei gediehen, wie Sie sehen, und stelle
+vielleicht das Bild eines gleichgültigen Selbstlings vor, was aber nicht
+ganz stimmt.«
+
+Es erheiterte mich inwendig immer mehr, mir den einsamen Mann, dem es aber
+dennoch trefflich schmeckte, unter den Bildern der Vorfahren mit den
+Perücken und Spitzenmanschetten vorzustellen, wie sie ihm alle teils
+mißbilligend, teils wohlwollend zusahen, bis er sich den Mund wischte und
+gesegnete Mahlzeit sagte. Aber nein, er hatte ja niemanden, zu dem er es
+sagen konnte, und nun tat er mir wieder leid, so daß Lachen und Mitleid in
+mir kämpften. Ich sagte irgend etwas davon, daß ich mir wohl denken könne,
+wie still es nun in seinen Zimmern sei, worauf Herr Kasimir halb verlegen
+und halb triumphierend sagte: Ja, eigentlich sei das zwar bis vor kurzem so
+gewesen, aber nun nicht mehr, denn seit wenigen Wochen sei seine Nichte
+Eleonore, die ich ja auch kenne, bei ihm eingezogen und stelle nun alles
+auf den Kopf, denn sie wolle ein Haus machen, was sie auch ausgezeichnet
+verstehe.
+
+Das letztere sagte er mit einem halbanerkennenden Schmunzeln, wie etwa ein
+Vater von seinem Sohn, dem Studenten, sagt: der Tausendsasa verstehe Geld
+auszugeben wie ein Alter, wobei man aber doch merkt, daß das Wohlgefallen
+daran seine Grenzen hat.
+
+Ich war sehr überrascht, die kühle Blonde aus dem Norden als Dame des
+Hauses Hagenau vorgestellt zu bekommen und fragte, ob sie auf längere Zeit
+dableiben werde, worauf Herr Kasimir sagte: »Ja, wohl für immer.« Sie sei
+Waise geworden, schon voriges Jahr, und da ihr einziger Bruder als junger
+Jurist, der kaum mit dem Studium fertig sei, nun auch die Vaterstadt
+verlassen habe, um das übliche Wanderleben der ersten Dienstjahre
+anzutreten, so sei sie zu ihm übergesiedelt, was für beide Teile das
+Natürliche sei. Es kam mir aber nicht vor, als ob er ganz behaglich von der
+Sache rede, doch forschte ich nicht weiter darnach. Es fiel mir wieder ein,
+wie mühsam ich einst nach der Gunst oder vielmehr Anerkennung der jungen
+Dame gestrebt hatte, und es schwellte mich ein stolzes Gefühl, zu denken,
+daß es damit nun vorbei sei, denn ich war ein gewandter und vielseitiger
+Mann geworden, soviel ich von mir wußte. Ja, es reizte mich in diesem
+Augenblick, ihr unter die Augen zu treten und eine hübsche Unterhaltung
+leicht und spielend mit ihr zu führen.
+
+Wie wenn er meinen Gedanken gefolgt wäre, sagte da Herr Kasimir: »Erinnern
+Sie sich eigentlich noch daran, daß wir seinerzeit so halb und halb
+ausgemacht haben, Sie müßten zu uns zurückkehren? Und ist es Ihnen noch so,
+daß Sie es gerne täten? Es würde mich freuen, wenn Sie wieder in mein
+Geschäft eintreten wollten. Es ist ja viel kleiner als das, in dem Sie
+jetzt sind, natürlich. Aber Sie wissen ja, das hat seine Vorzüge. Man ist
+nicht auf eine bestimmte Arbeit beschränkt, sondern übersieht das Ganze und
+hat es in der Hand; es ist anregender und vielseitiger, und außerdem -- ich
+hätte eigentlich einen Plan mit Ihnen. Ich möchte es mir allmählich
+leichter machen und einen Nachfolger einarbeiten. Dazu hätte ich Sie im
+Sinn. Es hängt da so allerlei drum und dran, was sich vielleicht nach und
+nach einrichten ließe. Ich möchte nicht gern verkaufen und drausgehen; ich
+hätte lieber die Hände noch darin. Auch habe ich ungern immer wieder neue
+Leute. Und so weiter. Kurzum, Sie würden mir passen. Überlegen Sie es
+einmal. Es ließe sich vielleicht einrichten, daß Sie gar kein Kapital
+brauchten, sondern vorläufig bei mir angestellt wären. Später sähe man dann
+wieder.«
+
+Mir hing der Himmel voller Geigen. Am liebsten wäre ich aufgestanden und zu
+Maidi gelaufen. Denn war hier nicht wieder einmal das Zufällige oder
+Gefügte mein Freund? Und hatte ich nicht immer gewußt, daß es bei mir so
+gehe? Einfach, es lag so in meiner Lebenslinie. Daneben mußte ich natürlich
+dennoch ein tüchtiger Kerl sein und war es auch. Maidi hätte nur zuhören
+sollen: »Und kurzum, Sie passen mir.« Und so weiter.
+
+Aber sie hatte nie darauf eingehen wollen, daß etwas Glückliches
+irgendwoher kommen konnte, es mußte immer alles erworben sein. Was mich
+betraf, ich ließ mir gern etwas in den Schoß werfen. Das Haus Hagenau war
+vornehm, alt, angesehen und das Geschäft ein Goldgrüblein, wie ich es schon
+hatte nennen hören. Ich reiste mit Extrapost in meinen Gedanken. Daneben
+sprach Herr Kasimir weiter. »Wohnung und Tisch im Hause könnte ich Ihnen
+freilich vorläufig nicht anbieten; die Umstände sind nicht so gelegen
+dafür. Dagegen sind Sie selbstverständlich stets willkommen als Abendgast
+und etwa Sonntags. Ich würde mich immer freuen.« Jetzt fuhr wieder er mir
+zu schnell. Ich hatte ja noch gar nicht gesagt, ob ich wollte. Ich war hier
+auch nicht schlecht angeschrieben. Auch stand mir noch die Welt offen. Ich
+machte ein weises und undurchdringliches Gesicht und sagte, es müsse
+überlegt sein. Es sei sehr freundlich von ihm und habe viel Verlockendes,
+indessen könne ich nicht nur so handumkehr mein Leben darauf einstellen. Im
+Geschäft gebe es ohnehin auch zur Zeit Veränderungen, und ich habe alle
+Aussicht, vorzurücken. Doch wolle ich es mir merken. Es müsse doch nicht
+heute entschieden sein? Nein, das müßte es nicht, doch sollte es auch nicht
+mehr lang hinausgeschoben werden. Und, wenn er das sagen dürfe,
+Selbständigkeit sei doch auch eine schöne Sache. Ja, ja, das war es; wenn
+er nur schon abgereist wäre, daß ich hätte zu Maidi gehen können. Es
+brannte mich; ich dachte in diesem Augenblick nicht an die trübseligen
+Tage, die hinter mir lagen, und an alles Halbdunkle, das zwischen dem
+letzten Beisammensein und heute schwebte, und an meinen Freund, der mit
+trauriger Bitterkeit und einer Herzenswunde in die Welt hinausfuhr, sondern
+nur an Maidis staunendes Gesicht und an meinen Triumph, und daß wir alles
+miteinander besprechen würden.
+
+Aber ich mußte mich noch eine Nacht und einen Tag lang gedulden, und als
+ich am Montag abend zu ihr kam, war sie selber voll von einer großen
+Neuigkeit, die sie mir erzählen mußte. Einer der Lehrer an der
+Kunstgewerbeschule hatte den Auftrag übernommen, den neuen und prächtigen
+Landsitz eines Großindustriellen, der an einem herrlichen Platz im Gebirge
+lag, künstlerisch auszuschmücken, und er hatte Maidi mit noch ein paar
+andern Schülern und Schülerinnen der obersten Klasse den Vorschlag gemacht,
+ihm dabei zu helfen. Er wollte schon während des Semesters mit ihnen dahin
+ausrücken, da er ein paarmal in der Woche die nicht ganz kleine Fahrt in
+die Stadt machen konnte, um seine Stunden zu geben, und da sie ihre Arbeit
+als praktische Vorbereitung auf die Prüfung ansehen konnten. Maidi war voll
+brennenden Eifers, mir die Vorzüge dieser Abmachung auseinanderzusetzen.
+Sie hatte schöne Entwürfe für Vorhänge und Wandbekleidungen im Kopf, und
+auf dem Tisch lagen geöffnete Mappen mit Zeichnungen, die sie sich einmal
+für ein Kinderspielzimmer ausgedacht hatte: ein Fries mit allerlei Tieren:
+Schnecken, Fröschen, Käfern und Schmetterlingen, und eine Tapete mit Bienen
+und Hummeln, die auf Blumen saßen.
+
+Wenn Maidi etwas Schweres durchgemacht hatte, wie ich ja annehmen mußte, so
+kam ihr freilich die neue Aufgabe mit allen Veränderungen und
+Kraftanstrengungen, die sie mit sich brachte, sehr zustatten. Sie sah auch
+freudig angeregt aus und kam mir höchstens etwas schmäler vor, und als ob
+sie in der Zwischenzeit noch gewachsen sei, was ja freilich nicht sein
+konnte. Ich hielt mich auch nicht mit Betrachtungen auf, sondern eilte,
+meine Sache auch anzubringen, und nun sangen wir wieder einmal ein Duett,
+in dem jedes die erste Stimme haben wollte, denn es war alles neu und
+wichtig, und jedes mußte dem andern zugeben, daß es vorwärts ging im Leben,
+und daß freilich beides am Werk sei, Glück und Verstand, aber welches am
+meisten, das konnte man nicht ausmessen. Der Professor hatte auch bei
+Gelegenheit der Abmachung gesagt, daß er für Maidi bereits eine schöne
+Arbeit in Aussicht habe, die sie, wenn sie wolle, sofort nach der Prüfung,
+die im Herbst stattfand, antreten könne. Es war die Stelle einer Lehrerin
+an derselben Anstalt, für die sie sich nach der Ansicht des Professors
+besonders gut eignen würde, und die ihr auch einen festen, wenngleich
+bescheidenen Grund unter die Füße gab. Das war es ja, was Maidi gewollt
+hatte, und ich fragte sie, ob sie dazu entschlossen sei, die Stelle
+anzunehmen oder sich etwa schon verpflichtet habe. Es war aber bis jetzt
+weder das eine noch das andere der Fall. Maidi sagte, träumerisch vor sich
+hinblickend, sie wolle jetzt auch einmal eine Weile das Land unbegrenzter
+Möglichkeiten vor sich haben, oder ob ich es vielleicht allein gepachtet
+habe? Bei dieser Frage sandte sie mir unversehens einen Blick zu, der mich
+an die alte Neckerei erinnerte, die von Olbrich und ihr mit diesem Wort
+getrieben worden war, und ich sagte, eifrig darauf eingehend: »Sehen Sie
+jetzt, wie schön es ist, wenn man alles vor sich hat, was einen freuen
+kann, aber immer noch frei ist, zu tun, was man will? Es ist ein so
+behaglicher Zustand, daß man ihn ausdehnen sollte, solang es irgend geht.«
+
+Aber es war nicht ganz das Rechte gewesen, wie ich merkte, denn Maidi sagte
+leise und fing an, die Mappen wieder einzupacken: »Ich habe es ein bißchen
+anders gemeint,« und dabei wurde sie wieder einmal rot, was ich wohl sah,
+obgleich sie sich im Hintergrund des Zimmers an einem Schrank zu schaffen
+machte. Sie hatte dieses Kommen und Gehen der Farbe von jeher an sich, wie
+sie mir schon erzählt hatte, und ärgerte sich oft darüber, weil es das
+geheime Leben ihres Herzens allzu offenkundig zeigte; es war aber immer
+lieblich anzusehen, und ich hätte es gern häufig hervorgerufen, um sie dann
+betrachten zu können. Diesmal aber fiel mir mit Gewalt ein, was Olbrich mir
+erzählt hatte und was über all den Neuigkeiten eine Weile im Hintergrund
+gestanden war.
+
+Ich sah auf einmal Maidi vor mir stehen wie ein Paradiesgärtlein, in das
+durchaus nicht jeder eintreten durfte, aber das in aller Stille für mich
+erblühte, so unbegreiflich es eigentlich war. Es wurde mir heiß dabei, aber
+auch seelenwohl, und ich machte unwillkürlich einen Schritt vorwärts, auf
+Maidi zu, denn da war kein Überlegen, ich wußte plötzlich alles von ihr und
+von mir; es war wie vom Himmel gefallen. Sie sah aber meine Augen, in denen
+das neu erwachte Leben freudig und stürmisch loderte, und beugte sich, noch
+tiefer erglühend, über eine offene Truhe, in die sie die Mappen legte. Das
+dauerte eine ziemliche Weile, dann sagte sie, ohne sich umzusehen und
+eifrig beschäftigt dem Anschein nach: »Jetzt wird einmal vor allen Dingen
+das Examen gemacht, dann sieht man weiter. Man muß sich in der Hand
+behalten und wissen, was man will; dann ist es immer noch Zeit, ja zu
+sagen.« Das sollte freilich dem Professor gelten mit seiner Stelle, aber
+mir machte sie nichts mehr weis. Es mußte heißen: »Warte noch ein
+Weilchen, frage mich jetzt nichts, denn im Augenblick ist nicht Zeit dazu.«
+Sie wollte selber etwas sein, wenn sie sich hingab, etwas Ganzes und
+Fertiges, denn sie hatte ihren Stolz und ihre Arbeit darangesetzt, und wer
+sie bekam, der mußte froh sein an ihrer Liebe und ihrem blühenden Leben und
+selber auch Liebe und Leben hergeben; um anderes ging es nicht bei ihr. Es
+war begreiflich, und man mußte ihren Willen ehren, aber so sehr ich vorhin
+die Freiheit gepriesen hatte, so fiel es mir doch sauer, daß Maidi sich
+ihrer jetzt bediente. Ich hätte sie gerne leise in den Arm genommen und
+geküßt und mußte mich doch still halten. Es sang und musizierte aber in
+mir, wie noch nie zuvor.
+
+Darauf brachten wir noch einmal ein erträgliches Gespräch zustande. Maidi
+mußte schon in acht Tagen abreisen und hatte vorher noch alle Hände voll zu
+tun mit Vorbereitungen. Sie freute sich auf die Arbeit; es wurde ein
+Gartensaal ausgemalt, dessen Schmuck, vom Professor entworfen, von den
+Schülern ausgeführt werden sollte. Und es gab eine heitere Gesellschaft von
+jungen Leuten, die zusammen arbeiteten den Sommer lang. Aber ich hatte
+keinen Teil daran, sondern mußte allein in der Stadt zurückbleiben, die mir
+öd und ausgestorben vorkam, wenn ich nur daran dachte.
+
+Ich sagte bedrückt, am liebsten möchte ich auch gleich abreisen und meine
+neue Stelle antreten, es sei dann ohnehin nichts mehr hier. Da lachte Maidi
+und fragte mich, ob ich denn schon entschieden sei und ob ich denn nicht
+vielmehr noch eine Zeitlang in der schönen Entschlußfreiheit leben wolle?
+Und wie es dann im Herbst wäre, wenn sie zurückkäme? Da würde dann wohl
+die Stadt auch ausgestorben sein. Ich sagte, wie es im Herbst werde, das
+komme noch auf sie selber an; es müsse ja nun vor allem, wie ich habe sagen
+hören, das Examen gemacht werden, und sie könne dann auch immer noch
+hingehen, wo sie wolle. Das alles brachten wir im heiteren Ton der Neckerei
+vor, wie sie manchmal zwischen uns hin und her ging, aber wir waren nicht
+frei dabei, denn auf einmal stand Trennung und Abschied zwischen uns, und
+wir waren noch gar nicht beisammen gewesen. Ich machte bald, daß ich fort
+kam, denn ich war es nicht gewöhnt, mich zu beherrschen, und es ging zu
+vieles zu stark in mir um.
+
+In der Nacht fiel es mir noch ein, daß ich Maidi am nächsten Sonntag ein
+gutes Stück weit begleiten konnte über einen Gebirgskamm hinüber und bis an
+eine kleine Station, von der sie dann an die Hauptbahnlinie gelangen und zu
+ihren Gefährten stoßen konnte. Ich stand auf und suchte auf der Karte und
+mit dem Wanderbuch den Weg und wäre am liebsten noch einmal ausgegangen, um
+es Maidi durchs Fenster zuzurufen. Aber es schlug zwölf Uhr, und sie war
+nicht Olbrich, sondern ein feines und köstliches und vornehmes Frauenwesen,
+das jetzt hinter zugezogenen Vorhängen schlief und nicht auf Pfeifen ans
+Fenster kam.
+
+Also behielt ich meinen Vorsatz bei mir und schlief auch mit ihm ein, so
+daß es weiter nicht verwunderlich war, daß auch meine Traumgebilde auf
+Wanderfüßen gingen. Sie führten mich aber nicht in die dortige Gegend,
+sondern auf einen Berg bei uns daheim und auf einen grasigen Platz, wo ich
+folgendes Schauspiel hatte: Es stand eine hohe und dunkle Tannenfront da,
+die den Weg begrenzte. Die Bäume waren aufrecht und in Reih' und Glied
+gestellt, sie konnten sich nicht mucksen. Aber an ihnen vorbei trippelten
+mit zierlichen Schritten schlanke junge Birken in weißen Kleidern und mit
+grünen Seidentüchern, die leicht um sie herumwehten, und lachten mit ganz
+hellen und hohen Stimmen, so daß es mehr gesungen als gelacht war. So
+gingen sie an den dunklen Bäumen vorbei, die sich nicht rühren konnten. Es
+waren aber eigentlich Männer, die ums Leben gern die feinen Mädchen, die
+die Birken eigentlich waren, zum Tanzen aufgefordert hätten. Sie zwirbelten
+ihre Bärte mit düsteren Gesichtern und ließen die Augen herumlaufen, als
+wollten sie sagen: Wartet nur, bis wir dann nachher aufgewacht sind. Da
+wollen wir euch schon kriegen. Aber die Birken schwänzelten weiter, nur die
+größte und schönste blieb ruhig stehen und ließ ihre Schleier wehen. Da war
+es auf einmal Maidi und winkte mir mit der Hand zum Mitkommen. Aber ich
+konnte nicht zu ihr und sie nicht zu mir, und sie nickte mit dem Kopf. »Ich
+bin gewiß nicht schuldig,« sagte sie zärtlich und traurig und hatte die
+leuchtenden Augen voller Tränen.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich nun den letzten Tag beschreiben will, den ich mit Maidi erlebte,
+so zittert mir aufs neue das Herz, und ich weiß nicht, ist es mehr die
+Wonne, ihn erlebt, oder die Trauer, ihn nicht genützt zu haben, was mich im
+tiefsten bewegt. Doch kann man beides nicht auseinander halten; es ist
+ineinander verflossen und läßt sich nicht trennen. Auch habe ich mir
+vorgenommen, mir in diesen Blättern das Wort der Selbstbespiegelung und der
+Klage abzuschneiden, so oft es sich auch hervordrängen will. Denn was mache
+ich anders damit? Und liegt es nicht an mir, vergangene Lieblichkeiten und
+Schmerzen, die sich stets erneuern, zu nützen, so daß noch eine späte Ernte
+daraus hervorgeht?
+
+Maidi war auf dem Weg, den sie mit leichten Schritten und wie beschwingt
+neben mir beging, von der goldensten Laune und glich so recht dem
+Frühlingstag, der über uns blaute, und der alles sprossen und blühen ließ,
+was nur im Lichte webte und sich drängte. Sie schwang ihren Wanderstab wie
+eine glückspendende Göttin oder Fee ihr Zauberstäbchen, und überall, wo er
+seine Kreise zog, lagen Sonnenlichter auf dem Boden, wehte ein leichtes,
+frisches Lüftchen um uns her und rauschten klare Brunnen oder blühende
+Bäume uns entgegen. Sie war so voll freudigen Überschwangs, daß sie jedem
+Begegnenden ins Gesicht sah mit sonnigem Lachen und ihn grüßte, Mann, Weib
+oder Kind, und jeder, ob es auch der griesgrämlichste Gesell gewesen wäre,
+dankte ihr, freilich mehr oder minder freundlich, und sah ihr mit
+zurückgebogenem Kopfe nach, was ich alles aufs genaueste beobachtete und
+einheimste wie einen Zoll, dessen Ertrag nun für eine Zeitlang meinen
+Lebensunterhalt bilden mußte. Ich war ein wenig schwermütig aufgestanden an
+diesem Morgen, weil mir die nächste Zeit in gähnender Leere zu liegen
+schien, und vielleicht hätte ich auf dem Weg meine sentimentale Stimmung
+weiter gepflegt, aber das war nicht möglich neben dem freudigen Leben, das
+erwartungsvoll in den Tag hinein schritt und doch auch ganz hier zur
+Stelle war, um nichts zu versäumen. Wir gerieten, als wir an verschiedenen
+Bauernhöfen vorbei, die übereinander an einem Bergabhang lagen, die Höhe
+erklommen hatten, und nun auf einem leicht gewellten Gebirgskamm
+dahinschritten, in ein trauliches und ausgiebiges Geplauder, wie wir es
+unter den mancherlei Stürmen der letzten Zeit schon lang nicht mehr geübt
+hatten, und besonders Maidi brachte alles Mögliche hervor, das sie gedacht,
+erlebt und geträumt hatte. Wenn ich heute noch einmal denselben Weg gehen
+sollte, wozu ich mich bis jetzt nicht aufgeschwungen habe, und was ich auch
+nicht so leicht tun werde, so könnte ich sicher noch aus der Erinnerung
+sagen: Das haben wir an der alten hohlen Eiche geredet, und das bei dem
+Wegkreuz mit der seltsamen Inschrift, dies an der Aussichtsstelle in das
+wildromantische Felsental, und dies, als wir an der halbzerfallenen
+Holzknechtshütte vorübergingen. Es wären alle diese Orte wie Blätter eines
+Buches, dessen Lettern im Dunkeln frisch und neu geblieben sind; aber ich
+brauche nicht darin zu lesen, denn ich kenne die Geschichten, die darin
+stehen, aus- und inwendig.
+
+Maidi hatte auf dem Ausflug, den sie mit der Pfarrerswitwe gemacht hatte,
+in deren früherer Heimat einen Bauersmann kennen gelernt, einen entfernten
+Verwandten der Pfarrfamilie, die auch aus bäuerlichen Verhältnissen
+stammte. Sie mußte es dem ernsten und schweigsamen Mann, der ein Witwer war
+und allein mit einer alten Magd lebte, durch den Liebreiz und die offene
+Zutraulichkeit ihres Wesens angetan haben, so daß er ihr ein leidvolles
+Stück seiner Lebensgeschichte erzählte, die sie mir nun wiedergab. Wenn
+ich sie jetzt aufschreibe, so geschieht es, daß ein Menschenleben, das
+sonst wohl schon vergessen wäre oder es doch bald sein würde, noch einmal
+eine kleine Wellenbewegung macht auf der Oberfläche des Stromes, der uns
+alle mitnimmt, was vielleicht mir einmal nicht geschieht, wenn ich
+vergangen sein werde. Wer weiß?
+
+Der Bauer war der ältere Sohn seines Vaters gewesen, oder vielmehr längere
+Zeit der einzige, und hatte sich als solcher schon im Besitz des Hofs
+gesehen, an dem er mit allen Eigentumsgedanken und Gefühlen hing, als nach
+einer Reihe von Jahren noch ein Nachzügler erschien und das ganze
+Zukunftsbild durch sein bloßes Erscheinen auslöschte, da in jener Gegend
+die Erbschaftsgebräuche dem Jüngsten den Besitz zusprachen, während die
+älteren Kinder anderweitig abgefunden wurden. Diese feststehende Regel
+umzustoßen, konnte niemandem einfallen, sie war durch das Herkommen
+geheiligt und wurde so wenig angetastet wie das Erbfolgerecht eines
+regierenden Hauses. So sah der Älteste bereits den Tag vor sich, an dem er
+den geliebten Hof verlassen mußte, um irgendwo anders unterzukommen, sei es
+durch Einheirat oder durch das Erlernen eines anderen Berufes, falls er
+nicht als Knecht dem Bruder dienen wollte, was ihm alles gleich schrecklich
+war. Er warf im stillen einen Haß auf den Bruder, den er aber so gut als
+möglich zu verbergen und auch zu überwinden trachtete, wovon ihm aber nur
+das erstere gelang, und auch das nicht immer. Der Kleine, der ein schönes
+und zutrauliches Kind war, hing an dem großen Bruder und ging ihm auf
+Schritt und Tritt nach, obgleich dieser ihn kalt und oft abstoßend
+behandelte; das schien ihn nur noch mehr zu reizen, sich seine Liebe zu
+erringen. Der Ältere wurde auch manchmal gerührt, wenn der kleine
+Lockenkopf sich an ihn drängte und ihn liebkoste, aber mitten drin kam
+wieder der Groll über ihn, daß dieser Blondkopf ihm durch sein bloßes
+Dasein die Heimat nehme, und er wurde von dunklen Gewalten umhergerissen,
+die ihn allmählich so in die Hand bekamen, daß er den Tod des Bruders
+wünschte.
+
+Es begab sich nun das Unglück, daß dieser Wunsch erfüllt wurde, und zwar
+durch seine eigene schuldig-unschuldige Hand, indem ein Gewehr, mit dem die
+beiden Buben spielten, und das sie für entladen hielten, losging und den
+Kleinen niederstreckte, ohne daß dieser noch einen Laut von sich gab. Der
+Große war durch diesen erschütternden Vorfall plötzlich im Tiefsten wach
+geworden und sah sich als den Mörder seines Bruders an, der er ja freilich
+auch war, wenngleich nicht mit Willen im Augenblick des Geschehens, aber
+hundertfältig in Gedanken und Wünschen. Er verfiel in eine schwere
+Gemütskrankheit, von der er nur langsam genas, und von der ihm immer ein
+Rest dunkler Melancholie zurückblieb, auch als er dann in den Besitz des
+gewünschten Erbes kam, das ihm nun ein Reichtum und eine Armut zugleich
+war. Er heiratete eine Bauerntochter, die ihm sein Vater aussuchte, und
+neben der er gleichgültig hinlebte, ohne zu sehen, daß sie ihm mit aller
+Frauenliebe anhing. Wenn er etwas wünschte, so war es ein Erbe, und auch
+diesen begehrte er nur um des Hofes willen, der nicht in fremde Hände
+kommen durfte. Als er nun nach einer Reihe von Jahren erschien, starb die
+Mutter, die mit dem Sohn die Liebe ihres Mannes zu erwerben gehofft hatte,
+hinweg, und auch hier war es so, daß diesem erst die Augen aufgingen, als
+sie ihm sterbend sagte, wie sehr sie ihn geliebt habe. Er wollte nun aber
+nichts mehr versäumen in seinem Leben und nahm sich vor, dem Sohn ein so
+guter Vater zu sein, als irgend möglich, und auch nicht mehr zu heiraten,
+um nicht von neuem den schweren Konflikt in ein Gemüt zu werfen, das von
+sich aus schuldlos ins Leben hineinging, und das hier vor ihm in der Wiege
+friedlich schlummerte. Aber als das Bübchen die Augen aufheben sollte, fand
+es sich, daß sie blind waren, und so schloß nun auch dieser teuer bezahlte
+Reichtum eine Armut ein. Doch blieb der Vater dennoch seinem Vorsatz getreu
+und lebte für den Sohn, der ein feines, zartes und reich veranlagtes Kind
+und trotz des großen Mangels in seinem Dasein von einer sonnigen Heiterkeit
+war, wovon der Vater manche Züge zu erzählen wußte. Die Sonne habe der
+Blinde, der sie nur vom Hörensagen kannte, innig geliebt und Gesicht und
+Hände ihren Strahlen ausgesetzt, auch die Arme ausgebreitet, um sie zu
+umfangen, und wenn sie nicht gekommen sei, so habe er sehnlich auf sie
+gewartet. Wie die meisten Blinden war er musikalisch und spielte mit seinen
+feinen, beweglichen Händen leise, träumerische Melodien auf dem Harmonium,
+das der Vater ihm kaufte, so daß es rührend und erbaulich anzusehen und zu
+hören gewesen sei. Er habe auch eine sonderbar wohlklingende, weiche und
+doch volle Stimme gehabt, die schon beim Sprechen wie eine Melodie gewesen
+sei. Mit dieser Stimme habe er Menschen und Tiere gewonnen, so daß er aller
+Liebling gewesen sei. Gerade diese Stimme sei aber auch sein Verhängnis
+gewesen, wie denn (wie der nachdenkliche Bauer sagte) jeder sein Schicksal
+und auch seine Todesart in sich trage, er brauche nicht viel hinzuzutun.
+
+Es war nämlich auf dem Hof ein wilder, störrischer und gefährlicher
+Zuchtfarren, den zu bändigen, wenn er in der Hitze war, niemandem gelingen
+wollte, so daß man schon verschiedene Male seinen Tod beschlossen hatte und
+ihn nur immer wieder behielt, weil er von vorzüglicher Rasse und zur Zucht
+besonders geeignet war. Wunderbarerweise ereignete es sich, daß, als der
+kleine Blinde einmal in die Nähe kam und vor den Augen des entsetzten
+Vaters auf das um sich stoßende Tier zuging, ehe dieser es hindern konnte,
+der Bulle durch die sanfte und helle Kinderstimme beruhigt wurde und sich
+sogar von den kleinen Händen streicheln und führen ließ. Das alles war noch
+nie erhört und ging von Mund zu Munde, so daß das blinde Bübchen eine Art
+Sehenswürdigkeit wurde und zum Wundertun ausersehen von vielen, denen das,
+was da und wirklich war, noch nicht genügte, sondern nur ein Angeld und
+eine Verpflichtung auf Ferneres schien.
+
+Diese kamen aber nicht auf ihre Kosten, sondern als man das blinde Kind
+nach öfterem Gelingen des seltsamen Versuchs allmählich mit dem Stier
+umgehen ließ wie mit einem gänzlich unterjochten Feind, ohne genaueste
+Aufsicht, wurde es zur bösen Stunde von ihm totgedrückt. Es habe noch einen
+hellen Aufschrei getan und sei tot umgefallen. Der Stier aber sei darauf in
+solche Raserei geraten, daß man ihn schleunigst habe erschießen müssen; er
+sei mit einem dumpfen Brüllen in sich zusammengestürzt und habe also leben
+müssen, bis er sein Werk getan habe.
+
+Das alles habe der Bauer als etwas jetzt Fernliegendes und doch stets
+Gegenwärtiges ruhig und mit tiefer Stimme erzählt und dabei mit seinen
+stahlblauen Augen unter weißen, buschigen Brauen wie in eine große Weite
+gesehen. Maidi habe ihn teilnehmend gefragt, ob er sich vielleicht damals
+wieder habe Vorwürfe machen müssen, daß er den Stier nicht früher
+erschossen, das Kind nicht ängstlicher behütet habe. Darauf habe er
+erwidert, nein, sondern es sei ihm auf einmal aufgegangen, daß alles
+geschehe, wie es sein müsse, doch aber so, daß der Mensch trachten müsse,
+aus aller seiner Schuld und dem Bösen, das in ihm sei, und aus dem Unglück,
+das ihm widerfahre, wenn auch durch eigene Mängel, das Beste zu machen und
+noch etwas zu tun oder zu werden, was ohne das nicht geschehen wäre. Man
+dürfe sich natürlich den Schmerzen, die das alles mache, nicht entziehen
+wollen, denn dann geschähe erst das eigentliche Unglück, ja das Verderben,
+nämlich das Versinken in Stumpfheit und Gleichgültigkeit, worin dann die
+Seele ersticke. Ihn habe das schwere Leid seines Lebens aus dem Niederen
+erlöst, und er beklage sich nicht. Vielmehr habe er Gott von Angesicht
+gesehen und seine Seele sei genesen.
+
+Das alles erzählte Maidi mit der staunenden Verwunderung, mit der sie es
+das erstemal mochte vernommen haben, und setzte leise erschauernd hinzu:
+»Ach, wenn es doch anginge, daß man, ohne schuldig zu werden und ohne
+solche Abgründe in sich und im Leben zu entdecken, dennoch ein guter und
+gottgefälliger Mensch werden könnte! Denn das möchte ich, aber vor
+Schmerzen und besonders vor solchen, die aus eigener Schuld kommen, fürchte
+ich mich entsetzlich.« Sie sah mich fragend und von plötzlicher Kümmernis
+befallen an und sah dabei so unendlich unschuldig und lieblich beseelt aus,
+daß ich, obgleich mir ähnliches durch den Sinn gegangen war, doch eifrig
+und hingerissen versicherte, es gebe auch Menschen, die ganz lauter und
+schuldlos durchs Dasein gehen, und die man gerade wie sie seien lassen
+müsse als Beweise des Guten an sich und als Herz-und Augenweide für die
+andern. Das alles wußte ich zwar nicht aus Erfahrung, aber es fiel mir ein,
+es zu sagen, und ich mag Maidi dabei entzückt und belehrend zugleich
+angesehen haben, so daß sie, die ein so starkes Gefühl für das Komische
+hatte, plötzlich anfing, zu lachen und, aber mit einem kleinen Seufzer
+dazwischen hinein, sagte: »Ach, ich glaube, wir müssen es abwarten. Sagen
+Sie aber noch mehr solche weisen und angenehmen Sachen; sie freuen mich
+inzwischen, bis ich dann sehen werde, wie es weiter geht.«
+
+Wir kamen aber beide noch nicht so schnell von der Geschichte weg und
+hielten uns besonders damit auf, uns das Unglück des Blindgeborenseins so
+recht innig vorzustellen, um dann desto wonnevoller unsere hellen Augen in
+der lichten Welt herumzuschicken, deren Höhen und Weiten vor uns
+ausgebreitet lagen. »Ich will es einmal versuchen,« sagte Maidi
+träumerisch, »mir vorzustellen, ich sei blind. Nur eine kleine Weile, fünf
+Minuten lang. Freilich hätte ich dann immer noch viel vor dem blinden
+Bübchen voraus, das die schöne Welt nie gesehen hat, während ich mir
+dreiundzwanzig Jahre lang Vorrat gesammelt hätte für dunkle Tage.«
+
+Sie schloß die Augen und ging mit tastend ausgestreckten Händen, deren
+eine ich als Führer erfaßte, auf dem moosigen Pfad weiter, während sie
+offenbar alle Qualen eines, der das Licht nie mehr sehen kann, sich
+vorzutäuschen suchte, denn ihr Gesicht wurde merklich blässer, und ihre
+blühenden Lippen zitterten. Sie atmete hörbar und fragte nach einer kleinen
+Weile: »Sind denn die fünf Minuten noch nicht um?« Es waren aber erst zwei,
+und ich riet ihr, doch die Augen aufzumachen, da es schad um jeden
+Augenblick sei, den man sich trübe. Aber sie schüttelte den Kopf und wollte
+ihren Vorsatz durchführen, und dabei faßte sie meine Hand fester, um einen
+sicheren Halt zu haben. Ich aber sah ihr voll in das liebe und schöne
+Gesicht, und es zog mich unsäglich, es zu küssen, jetzt, da die Augen nicht
+darüber wachten. Aber ich durfte es nicht tun, und aus Rache und um mein
+Vergnügen bei der Sache zu haben, schlug ich mit der vorsätzlich Blinden
+einen düsteren Seitenweg ein, der schmal und dunkel zwischen hohen Tannen
+hinging, so daß sie, als ich nun den Ablauf der fünf Minuten ausrief,
+entsetzt die aufgeschlagenen Augen im Halbdunkel umhergehen ließ und
+vielleicht in den ersten Sekunden fürchtete, zur Strafe für das Spiel mit
+der Blindheit nun an den Augen gelitten zu haben. Es ging zwar diese Angst
+gleich vorüber, aber Maidi sagte, als sie wieder im vollen Lichte stand,
+tief atmend: »Ich tue es nicht mehr. Es ist zu schrecklich. Ich habe es
+alles durchgelebt in den paar Minuten und dabei das Gefühl gehabt, ich sei
+selber schuldig, so daß ich nun schon ein bißchen weiß, wie es ist, wenn
+man ein schlechtes Gewissen hat im Unglück.« Sie breitete wie zur
+Entsühnung ihre Arme aus und hob die beiden und auch das Gesicht der
+vollen Sonne entgegen, wie um sich dem Licht wieder in die Arme zu werfen,
+das sie einen Augenblick verleugnet hatte. Da sah ich erst, wie gesund,
+unverstellt und lauter sie von Grund aus war, und spürte mit einer zornigen
+Verlegenheit, wie wenig ich selber neben ihrer klaren Einfachheit bestehen
+könne. Ich hatte freilich auch schon oft genug ein schlechtes Gewissen
+gehabt, aber die Ursachen dazu hatten anders ausgesehen.
+
+Wie nun Maidi ihre Hände ausreckte und eine kleine Weile in der sonnigen
+Helle badete, kam ein schöner Zitronenfalter durch die Luft dahergetaumelt
+und setzte sich auf das ausgebreitete, rötlich durchleuchtete Stück Leben,
+das er für eine schöne Blume halten mochte. Er blieb auch ruhig sitzen, als
+Maidi entzückt und vorsichtig ihre Hand zurückzog, und ließ sich ein Stück
+weitertragen, flog dann auf, um zwischen den Bäumen umherzuwirbeln, und kam
+noch einmal an seinen wandelnden Ruheort zurück, bis er an einer blühenden
+Waldwiese seine rechte Heimat und Atzung fand. Dieses kleine Erlebnis
+gehört zum letzten, dessen ich mich von dem sonnigen Tag entsinne. Unser
+Weg neigte sich abwärts, und wir sahen schon von weitem die Schienen der
+Eisenbahn in der Sonne blitzen und hörten das Fauchen der
+Schnellzugslokomotive, die an der kleinen Station vorüberjagte. Wir stiegen
+den schmalen, trockenen Fußweg hinunter, neben dem schon der Ginster zu
+blühen anhob, hörten Lerchen singen und sahen weiße Wolken im Blauen
+dahinziehen und erschraken plötzlich vor der Nähe des Abschieds, denn es
+war auf Monate, wie wir meinten, und schon das schien uns lang genug. Ich
+beklagte mich plötzlich wieder über den leeren Sommer, den ich vor mir
+hatte; und Maidi sagte: »Aber wir haben ja doch beide unsere Arbeit.« Sie
+meinte etwas Tröstliches damit zu sagen, und zwar, wie ich wohl sah, so gut
+für sich als für mich. Aber sie forderte meinen Widerspruch dadurch heraus,
+denn es konnte kein Vergleich sein zwischen uns, da sie ihre Arbeit liebte
+und die meinige mich gleichgültig ließ, und da sie außerdem Maidi bei sich
+hatte, die ich entbehren mußte. Das brachte ich ein wenig störrisch heraus,
+denn es war mir in der Tat nicht freudig zumute, aber Maidi fing über die
+letztere Begründung so hell und sonnig an zu lachen, daß ich wider Willen,
+wenn auch etwas knurrig, mitlachte, und in diesem Augenblick kam der Zug,
+der an der kleinen Station ganz kurz anhielt, so daß Maidi noch lachend
+einstieg, so wenig es ihr vor ein paar Minuten drum gewesen war. Ich
+brauche manchmal eine Weile, bis ich den Grund einer Fröhlichkeit erfasse,
+die ich an andern sehe und höre; es ist dies bei mir, was man eine lange
+Leitung nennt, und so merkte ich erst, als Maidis helles Gesicht und
+flatterndes Tüchlein undeutlich zu werden und zu verschwinden begann, daß
+ihr Lachen vom hohen Glück selber eingegeben war; denn ich hatte ihr in
+meiner augenblicklichen Verdrießlichkeit deutlicher als es sonst meine Art
+war, gezeigt, wie köstlich es mich dünkte, bei ihr sein zu dürfen.
+
+ * * * * *
+
+Ich kehrte nun allein in die Stadt zurück; es dünkte mich aber, als hätte
+ich nicht mehr viel darin verloren, und ich fing ernstlich an, mich zu
+besinnen, ob ich im gleichen Trab weitermachen oder Herrn Kasimirs
+Vorschlag nun ehestens annehmen solle. Es sprach eigentlich fast alles
+dafür; nur war es mir, als sei ich, wenn ich in das alte Haus zurückgehe,
+dann für alle Zeit dort angebunden, und der rosenrote Nebel, in dem mir
+stets die Zukunft gestanden war, verflüchtigte sich dabei, um einem
+nüchternen Tageslicht Platz zu machen. Es gab keine Fernen und Weiten mehr,
+wenn mich eine scharf umrissene Wirklichkeit umgab, und vielleicht war die
+Erfüllung lange nicht so schön, als die Träume von allen Möglichkeiten. Ich
+dachte hin und her, überlegte, beschloß und verwarf wieder und kehrte immer
+wieder in meinen Gedanken zu einem lieblichen Spielzeug zurück: zu unserer
+Gemeinschaft, Maidis und meiner.
+
+Ich war nun sicher, daß sie mich liebte, und es war unsäglich schön,
+rückwärts blickend einen Beweis um den andern zu finden. Ein gutes Wort,
+einen überraschten Blick, ein helles Erröten; ich hatte nicht so darauf
+geachtet, so lange ich immer neue, schöne Dinge bei ihr fand. Nun, da ich
+vom Vergangenen zehren mußte, wurde mir eins ums andere klar und
+beweiskräftig. Es war, wie wenn beim Einnachten ein Stern um den andern aus
+dem Dunkel taucht, bis allmählich die ganze lichte Schar zu Häupten steht,
+so daß man nicht mehr an sie zu glauben braucht, sondern von ihrem Glanz
+beschienen wird. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es in Maidi aussähe.
+Vielleicht hatte sie mit Staunen und zuerst mit Unwillen einen Riß in dem
+festen Gefüge ihrer Pläne und Vorsätze entdeckt und ihn auszubessern oder
+zu verkleben gesucht durch vermehrten Eifer und größere Hingabe an ihre
+Arbeit. Und doch immer wieder aufs neue schien der goldene Tag zu neuen
+Fugen und Spalten herein, so daß sie sich nicht mehr anders zu helfen
+wußte, als daß sie ihn einließ. Ich dachte mir aus, wie es bei Olbrichs
+Werbung zugegangen sei, und wie sie da nur mühsam verborgen habe, daß sich
+ihr Herz mir zuwende, so daß es ihm, dessen Blicke durch die Leidenschaft
+geschärft gewesen waren, unausgesprochen klar geworden sei. Alles das
+machte, daß mir nicht nur Maidi immer lieber wurde, sondern auch, daß ich
+vor mir selber gewann, da solch ein feines Wesen sich mir zuneigte und mich
+andern vorzog.
+
+Ich zögerte noch, wie gesagt, mich über die Zukunft zu entscheiden, denn
+ich war nicht mehr frei und unbeladen wie früher. Ging ich, so fand mich
+Maidi im Herbst nicht mehr, wenn sie zurückkam; blieb ich aber, so ließ ich
+die erwünschte Gelegenheit zum schnellen Vorwärtskommen hinaus, und um
+nicht das eine oder andere erwählen zu müssen, flüchtete ich mich immer
+wieder in meine leichten Wonnen und Schmerzen hinein, da ich ja morgen oder
+übermorgen immer noch tun konnte, was ich wollte.
+
+In dieses Schwanken hinein kam ein Brief von Herrn Kasimir, der auf einmal
+dem Zünglein der Wage einen Stoß gab, so daß es sich zum Gehen neigte. Er
+fragte mich dringlich nach meinen Entschlüssen und bat, ich möchte mich
+rasch entscheiden, wenn ich auf seinen Vorschlag einzugehen gedenke; er
+habe geschäftliche und andere Gründe, die Veränderungen, die er im Sinn
+habe, in möglichster Bälde vorzunehmen. Die Energie, mit der er auftrat,
+steckte mich an; ich ließ plötzlich alles Hin- und Herdenken fahren und
+schrieb ihm, daß ich komme, da ich eigentlich keinen schwerwiegenden Grund
+dagegen hatte. Es war mir aber, als ich den Brief mit meiner Zusage in den
+Kasten gesteckt hatte, nicht ganz wohl bei der Sache aus irgend einem
+dunklen Gefühl heraus. Ich besann mich, was es wohl sein könnte und hatte,
+wie ich damit einschlief, in der Nacht einen wunderlichen Traum.
+
+Es ging nämlich meine Tür auf, und ein Unbekannter kam auf mich zu und
+setzte sich auf meinen Bettrand, mich unverwandt ansehend. Unter seinen
+Blicken wurde es mir sehr unbehaglich zumute, und ich fing an, damit er
+etwas von seiner Starrheit verlieren möge, ihm, obwohl ungern, von mir zu
+erzählen. Ich sagte aber lauter furchtbare Dinge, die ich getan hätte oder
+zu tun im Begriff sei, und konnte kaum atmen vor Angst und Grauen. Er sah
+mich immerfort ernst und aufmerksam an und sagte dann kopfnickend: »Da will
+ich dich lieber gleich totschlagen,« und er tat es auch.
+
+Dieser Traum lag schwer und bedrückend auf mir, als ich zu mir kam. Ich
+schüttelte ihn aber ab und hatte auch in dem erlangten Wachsein ein, wie
+ich meinte, scharfes und klares Denkvermögen, in dem ich beschloß, nun
+einmal ohne nutzlose Quälerei einen Schritt um den andern zu tun. Maidi,
+mit der mir der dumpfe Druck zusammenzuhängen schien, den ich immer noch
+nicht ganz los war, -- Maidi hatte sich ja selber alle Freiheit vorbehalten
+und sie auch mir gelassen.
+
+Ich wußte mich liebend und geliebt und dennoch frei, und wenn ich eines
+Tages zu ihr kam, um sie an mich zu binden, so würde sie, daran zweifelte
+ich nun nicht mehr, sich mir nicht versagen. Inzwischen baute ich an der
+Zukunft und ging guten Verhältnissen entgegen, die ich schon ausnützen und
+immer besser ausgestalten wollte; es war nicht einzusehen, was Beklemmendes
+um den Weg sein sollte.
+
+Auf einmal fiel mir auch noch das Fräulein Bitterolf ein, der gehörig zu
+imponieren ich mir schon jetzt vornahm, und deren erstaunte Augen, wenn ich
+einmal mit Maidi vor ihr erscheinen würde, mir heute schon Freude
+bereiteten. Aber, wie war denn das? Sie wohnte ja in dem alten Hause, das
+ich selber beziehen wollte? Zog sie denn mit Herrn Kasimir aus und ließ uns
+hinein? Aber es gehörte ja nicht mir, und ich konnte es auch nicht kaufen.
+Und es fiel ihnen auch nicht ein, auszuziehen. Da waren schon wieder neue
+Fragezeichen, und es eilte mir auf einmal, sie aufgelöst und beantwortet zu
+sehen. Ich traf meine Vorbereitungen zum Weggang, zu dessen Beschleunigung
+Herr Kasimir alles beitrug, was in seinen Kräften stand, so daß er ziemlich
+rasch geschehen konnte. Ich feierte allerlei Abschiede mit allerlei
+Genossen und schied von ihnen als einer, der auszog, sein Glück zu machen.
+
+Und nichts und niemand sagte mir, daß ich von meiner besten und
+glücklichsten Zeit Abschied nehme, und daß ich einmal in sie wie in ein
+verlorenes Paradies zurückschauen werde von vergeblicher Reue gepeinigt.
+
+Als ein Mannhafter und Freier glaubte ich in alte Stätten zurückzukehren,
+um mir dort ein Leben zu bauen, das meiner würdig und voller Reichtum von
+außen und innen sei, und wußte nicht, daß ich in mir selber gefangen sei,
+unfrei zu sein und zu handeln, den Gesetzen nach, die sich mein
+selbstisches Ich geschaffen hatte eine ganze Jugend hindurch.
+
+ * * * * *
+
+Als ich wieder in das alte Haus eintrat, schien mir zuerst alles eng,
+niedrig und kleinlich zu sein. Ich hatte ein Gefühl wie ein Primaner, der
+probeweise wieder einmal seine langen Glieder in das winzige Bänkchen der
+Vorschule klemmt und nicht glauben kann, daß er jemals darin sich habe
+rühren können. Doch dehnte sich vor meinen Augen, was nur scheinbar so eng
+gewesen war. Ich sah, daß in den beschränkten Räumen, in denen nur wenige
+Menschen sich regten, dennoch alle Fäden zusammenliefen, die der
+menschliche Geist gesponnen hat, und von ihnen wieder hinausgingen in
+menschliche Herzen und Gehirne, so daß wir eine Art von geistiger
+Speisekammer oder Apotheke für die Stadt waren, die noch dazu Rat und
+Anweisung von uns empfing, während das groß angelegte Unternehmen, in dem
+ich bis jetzt tätig gewesen war, nichts von persönlichem Verkehr mit den
+Menschen gestattete, sondern wie ein Meer in Flut und Ebbe die Ströme der
+geistigen Produktion anzog und wieder ausstieß, ohne sich darum zu kümmern,
+wo der Segen schließlich landete.
+
+Es kam mir aber noch eine andere Seite des beschränkten Arbeitskreises bald
+zu paß, als ich mit steigendem Behagen bemerkte, wie gut es mir tauge,
+Lenker und Leiter eines, wenn auch mäßigen Reiches zu sein, nachdem ich
+dort nur ein Rad in dem großen Getriebe gewesen war. Es ging mir wie Cäsar,
+der lieber auf jenem Dorfe der erste, als in Rom der zweite sein wollte.
+Die alte Garde war in den Jahren meines Fernseins stark
+zusammengeschmolzen, da der Buchhalter gestorben und seinem Freund, dem
+ältesten Gehilfen, ein kleines Erbe zugefallen war, das er stracks benützt
+hatte, sich ein freikommendes Buchlädchen in einer naheliegenden Kleinstadt
+zu erwerben. Nur Herr Frerichs und der rotbärtige Giller, der jetzt die
+Bücher führte, waren noch alte Bekannte, denen ich mit einer leichten
+Verlegenheit gegenübertrat, da sie doch geholfen hatten, mich zu meinem
+Beruf vorzubilden, und ich ihnen jetzt vorgesetzt war. Frerichs begrüßte
+mich mit der kindlichen Freundlichkeit, die sein trockenes Gesicht je und
+je durchsonnen konnte, und schien nichts gegen den Wechsel der Dinge zu
+haben. Ich fragte ihn, ob er wieder etwas geschrieben habe, da lächelte er
+freudig und verschämt und sagte flüsternd: »Ja; und diesmal ist es etwas
+nach dem Leben,« worauf er mich erwartungsvoll ansah, bis ich sagte, ich
+wolle es einmal lesen. Damit war die Freundschaft wieder geschlossen, und
+ich hatte bei ihm die Bahn frei, während mir von Giller etwas Feindseliges
+zu kommen schien, nach dem ich aber nun gerade nichts zu fragen, sondern
+ganz als Herr aufzutreten beschloß, da ich es ja nun einmal zu werden im
+Begriff sei. Freilich hätte es mir noch viel mehr getaugt, Besitzer, als
+nur angehender Geschäftsführer zu sein, und ich zerbrach mir vergebens den
+Kopf, wie das zu machen sei, fand aber keinen Rat dazu.
+
+Auch wartete ich täglich darauf, daß Herr Kasimir mir mitteile, was für
+dringende und eilige Gründe ihn bewogen hatten, mich schnellstens
+herbeizurufen. Ich legte mich mit allen Kräften ins Zeug, um ihm zu
+zeigen, daß ich etwas von den Sachen verstehe, und nahm ihm mit
+ungeduldigem Eifer eine Funktion nach der andern aus der Hand. Das ließ er
+auch eine Zeitlang stillschweigend geschehen, mich, wie es mir vorkam,
+wohlgefällig betrachtend, bis er eines Tages seine endlichen Absichten vor
+mir ausbreitete.
+
+Oder vielmehr geschah es eines Abends, als wir miteinander von dem schönen
+Garten in halber Bergeshöhe herabstiegen, den er sich vor kurzem gekauft
+hatte, um, wie er sagte, als halbalter Privatmann noch etwas zu tun zu
+haben, wenn ihm nun die Jugend über den Kopf wachse.
+
+Es stand ein hübsches steinernes Gartenhaus an der höchsten Stelle des
+Gartens, groß genug, um einem nicht zu anspruchsvollen Einsiedler als
+Wohnung zu dienen, wenn er sich zurückziehen wollte, und mit herrlichem
+Ausblick auf Stadt und Flußtal mit Bergen und Wäldern.
+
+Aus einem kleinen, heiter ausgemalten Gartensälchen im Erdgeschoß gelangte
+man auf eine große Terrasse, deren Geländer mit Reben bewachsen war und die
+aussah, als ob schon manche fröhliche Gesellschaft sich auf ihr versammelt
+hätte. Sie war auch jetzt schon wieder zu demselben Zweck eingerichtet, und
+auch heute war ziemlich viel Jugend droben versammelt gewesen und teilweise
+noch versammelt, als schon die ersten Sterne aus dem dunkel werdenden
+Himmel auftauchten.
+
+Fräulein Bitterolf -- von der ich nun anfangen muß, zu reden, da sie sich
+nicht mehr verschieben läßt -- verstand es in der Tat gut, ein Haus zu
+machen, wie mir Herr Kasimir schon im voraus erzählt hatte. Sie hatte sich
+nicht sehr verändert, seit ich sie das erstemal gesehen hatte, wenigstens
+kam es mir so vor. Sie war damals älter gewesen, als ihre Jugend es wollte,
+und hatte einst dargestellt, was sie heute war: eine gewandte, sicher
+auftretende Dame von klarem, kühlem Wesen und von ziemlich großen
+Ansprüchen an das Leben und die Menschen, dabei aber anziehend (wenigstens
+für mich, aber wie ich sah, auch für andere) durch die vornehm-überlegene
+Gelassenheit, mit der sie alles handhabte und allem gegenübertrat, und die
+zu beobachten es mich immerfort reizte. Ich hätte sie einmal mögen aus der
+Fassung kommen sehen, hilflos oder zornig erregt, oder auch von einem
+warmen Gefühl durchglüht, so sehr, daß sie es nicht gleich in einem
+geordneten Register untergebracht hätte. Sie hätte dann überaus anziehend
+aussehen müssen, denn das Material dazu war vorhanden in gut geschnittenen
+Zügen, schönen Farben und Formen, dem allem nur eine stärkere Belebung
+fehlte. Ich mißtraute aber, ob sie diese vielleicht nicht in sich habe und
+nur verberge, und strich daher fleißig um sie herum, um den Augenblick
+nicht zu verpassen. Von der verlegenen Scheu meiner halben Knabenjahre war
+nichts mehr übrig geblieben, das hatte ich mir richtig prophezeit, dagegen
+merkte ich nicht, was ich jetzt weiß, daß an ihre Stelle eine andere
+Schwäche getreten war, die ihren Ursprung in derselben Wurzel meines
+Herkommens hatte, nämlich die Sucht, ihr mein gesellschaftliches
+Fertiggewordensein unter die Augen zu rücken und sie zur Anerkennung
+desselben zu nötigen. Sie war auch in ihrer Weise freundlich und sogar ein
+wenig vertraulich gegen mich, nahm mich hie und da zu kleinen Diensten in
+Anspruch und unterstützte Herrn Kasimirs Aufforderung, daß ich viel im
+Hause verkehren möge, auch ohne daß Gesellschaft da sei, so daß ich mir als
+Günstling vorkam und mir nicht wenig darauf zugute tat. Wenn wir dann in
+dem großen Wohnzimmer unter den Familienbildern beisammen waren, und
+Fräulein Bitterolf den Platz einnahm, den sonst Brigitte Hagenau innegehabt
+hatte, so schien sie mir etwas von der feinen Fraulichkeit, die die
+Verstorbene ausgestrahlt hatte, an sich zu haben, nur daß sie bei ihr
+verschlossener und gehaltener war, aber nicht weniger anziehend. Ich
+dachte, sie werde die Anlagen dazu in sich haben, und es komme nur auf die
+richtigen Umstände an, daß sie sich entwickeln könnten, was alles mit Maidi
+zu bereden es mich immer aufs neue antrieb. Doch kam es mir nicht in den
+Sinn, ihr darüber zu schreiben, sondern es war mir, wenn ich im Geiste
+lange Reden bei ihr vorbrachte, als wisse sie nun alles und es fehle mir
+nur der Widerhall.
+
+Auch kam es immer bald wieder anders, und das hätte ich ihr ohnehin nicht
+geschrieben. Nämlich in Gesellschaft war das stolze Fräulein unversehens
+wieder kühl und unnahbar gegen mich, ließ sich in feiner und
+selbstverständlicher Weise von andern den Hof machen, ohne übrigens
+gefallsüchtig zu wirken, unterhielt sich leicht und gewandt über alle
+erdenklichen Dinge, und das mit Professoren, Studenten oder älteren Damen,
+wie es sich begab, und handhabte die Geheimsprache, wie ich es nannte, in
+einer Weise, die mich zugleich entzückte und zornig eifersüchtig erregte.
+Ich hatte nun die Gesellschaft, die ich mir immer gewünscht hatte, in
+ausgiebiger Weise und war in sie eingereiht durch Herrn Kasimirs ganz
+selbstverständliche und unauffällige Vermittlung. Es ebnete sich alles für
+mich, ohne daß ich einen Finger dazu zu rühren brauchte, und doch stand
+mein unersättliches Verlangen immer nach mehr.
+
+Ich dachte viel an Maidi und sehnte mich oft nach ihr, die mir hie und da
+mitten aus aller freudigen und gedeihlichen Arbeit heraus Grüße schickte,
+aber daneben nahm die Gegenwart mich mehr und mehr gefangen, so daß ich oft
+Mühe hatte, mir ihr Bild vor Augen zu stellen und manchmal ihre Gestalt,
+ihr Kleid oder sonst etwas sah, aber nicht das Gesicht oder im Gesicht
+nicht die Augen, was mich wunderlich quälte.
+
+An diesem Abend hätte ich sie gern dabei gehabt oder vielmehr sie als von
+weitem zusehend und hörend gewußt, weil es sich traf, daß ich eine gute
+Figur machte, wie noch kaum einmal, und ich ihr das hätte triumphierend
+vorweisen mögen.
+
+Es war ein junger Arzt in der Gesellschaft, der in einer der Kliniken der
+Stadt als Assistent angestellt war. Ich kannte ihn von früher her aus der
+Zeit, da die Geschwister Bitterolf zum erstenmal in der Stadt gewesen
+waren, und wo er an der dortigen Universität studiert hatte. Er hatte sich
+damals eifrig um die Gunst des Fräuleins Eleonore beworben und es gut mit
+ihr gekonnt. Seither hatte er sie auch in ihrer Heimat aufgesucht, wie ich
+erfuhr, und setzte nun, da sie beide wieder in derselben Stadt lebten, den
+Verkehr mit ihr fort in einem Ton, der mir von Maidi und mir her geläufig
+war, halb kameradschaftlich, aber mit einem kleinen Anklang von
+Zärtlichkeit, wenigstens von seiner Seite. Das Fräulein hatte sich gut in
+der Gewalt, falls sie je etwas Wärmeres für den Mediziner empfand, was mich
+mehr interessierte und eigentlich auch plagte, als mir zustand, da es mich
+ja, wie ich mir selber sagte, gar nichts anging.
+
+Er brachte hie und da eine Laute mit und begleitete sich selbst zum Singen
+kleiner Lieder, die er ohne Kunst und auch ohne viel Stimme, aber mit
+Lebendigkeit und Wärme vorzutragen verstand und mit denen er ziemlich viel
+Beifall erntete. Heute war er etwas heiser gewesen und hatte die Bitte der
+Gesellschaft, etwas vorzutragen, ablehnen müssen, was allgemein beklagt
+wurde. Da hatte ich mit bescheidener Miene, aber innerlichem Frohlocken,
+gesagt, vielleicht könne ich in die Lücke treten, da ich auch etwas singe,
+und allerdings die Laute so meisterhaft zu spielen nicht verstehe, aber
+doch einige Akkorde dazu greifen könne. Denn das letztere hatte ich kurze
+Zeit zuvor bei einem Bekannten meines vorigen Wohnorts einige Male geübt
+aus Lust an dieser Art von Musik.
+
+Es entstand nun ein Staunen, das vielleicht mit etwas Mißtrauen gemischt
+war, ob ich auch etwas könne, und währenddem nahm ich die Laute und begann
+ein Lied, von dem soeben die Rede gewesen war, zu singen, ohne Scheu, denn
+ich wußte, daß ich es konnte und daß ich überhaupt mit dem Gesang auf
+sicherem Boden mich befinde. Ein erhobenes Gefühl in mir machte, daß meine
+Stimme gut und ausgiebig klang; ich bekam selber Lust, fortzufahren und
+wurde darin durch den Beifall der Anwesenden ermutigt, so daß ich auf eine
+Stunde der Mittelpunkt des Kreises war, was mir außerordentlich wohlgefiel.
+Besonders das Fräulein Bitterolf sah mich aus großen, erstaunten Augen an
+und sagte: »Sie verstehen ja Ihre Talente vorzüglich zu verbergen. Haben
+Sie etwa noch mehr geheime Künste im Hintergrund? Und werden Sie uns diese
+nach und nach erst zu genießen geben?« Und Herrn Kasimir hörte ich zu
+seinem Nachbar, einem älteren Gelehrten, der sich hie und da dem mehr
+jugendlichen Kreise im Garten anschloß, etwas von großen Vorzügen sagen,
+die an der rechten Stelle sich noch ungeahnt entfalten würden, was ich ohne
+weiteres auf mich bezog und freudig einheimste, so daß ich selber
+überrascht war, welch vielversprechender Charakter ich sei. Ich erhob mich
+auch gleich nachher, von so viel Vorzüglichkeit geschwellt, und sagte, ich
+bedaure, mich nun entfernen zu müssen, da ich noch im Geschäft die späte
+Post nachsehen wolle, mit der ich wichtige Nachrichten erwarte, und hatte
+nun sowohl das Bedauern über mein Gehen, als auch die stumme Hochachtung
+meiner Tüchtigkeit auf mich zu nehmen, so daß ich förmlich gespreizt den
+Berg hinunterstieg. Kaum aber war ich einige Schritte vom Gartentor
+entfernt, als ich Herrn Kasimir hinter mir herkommen hörte, der sich mir
+anschloß, weil er, wie er sagte, etwas mit mir zu besprechen habe, das er
+nun nicht mehr hinausschieben wolle.
+
+Er sei von einer doppelten Sorge umgetrieben, der um sein Geschäft und Haus
+und der um seine Nichte. Oder eigentlich wünsche er eine einzige daraus zu
+machen, sie wolle sich aber nicht ohne weiteres vereinigen lassen, und er
+hoffe, ich helfe ihm dabei, was dann wieder zu meinen eigenen Gunsten
+geschehe.
+
+Er habe, sagte er, sein Vermögen fast ganz im Haus und Betrieb stecken und
+wünsche es auch darin zu erhalten, da das Geschäft schon so lange in der
+Familie sei und er es nicht in ganz fremde Hände kommen lassen wolle. Wenn
+er einen Sohn hätte, läge die Sache einfach, er hätte dann einen
+natürlichen Nachfolger und wäre aller Sorgen ledig. Da er aber ohne
+Leibeserben sei, so wolle er wenigstens trachten, die Sache so
+einzurichten, daß dennoch ein Glied der Familie in dem alten Anwesen sitze.
+Der Sohn Bitterolf, der Jura studiert habe und durch nichts zu bewegen
+gewesen sei, in das Geschäft einzutreten, scheide aus, und es sei nur noch
+die Tochter Eleonore da, auf die er es nun abgesehen habe. Diese sei, wie
+ich ja sehe, ein etwas verwöhntes Mädchen, das es nicht billig tue mit
+seinen Ansprüchen, sie dürfe es aber auch sein, da das Leben sie mit
+allerlei Vorzügen ausgestattet habe, die nur in einer entsprechenden, das
+heißt reichen und behaglichen Umgebung zur Geltung kämen. Sie habe auch
+noch andere, mehr innerliche, die sich zu ihrer Zeit gewiß auch entwickeln
+würden, und sei nicht kalt, sondern nur ihrer niederdeutschen Art nach
+gehalten und karg mit Gefühlsäußerungen, und es werde sich einer, den sie
+wirklich liebe, einmal nicht über sie zu beklagen haben. Das alles hätte er
+mir nicht gesagt, wenn nicht besondere Gründe ihn jetzt dazu getrieben
+hätten, sondern hätte mir überlassen, es nach und nach herauszufinden. Ich
+sei ihm lieb wie ein Sohn, und er wünsche, daß ich die Nichte für mich
+gewinne, wodurch ja dann auch mein eigenes Glück gemacht wäre.
+
+Es sei nun aber eine Störung seines Planes in Gestalt des jungen Mediziners
+aufgetreten, der Eleonore für sich zu haben wünsche und auch redlich in sie
+verliebt zu sein scheine. Ob das Mädchen ihn wolle, wisse er noch nicht
+sicher, doch scheine es ihm so. Er habe an sich nichts gegen den Doktor,
+möchte aber womöglich die Nichte anders beeinflussen und sage mir das,
+damit ich das Meinige tue, um den Liebhaber auszustechen, da es ihm
+vorkomme, als ob ich auch nicht taub gegen ihre Anziehungskraft sei, und da
+ich neuerdings angefangen habe, mich auch bei ihr ins Ansehen zu setzen,
+wie er mit Vergnügen sehe. Am besten wäre es, wenn alles schnell geschähe,
+wozu er, wenn es dann zum Klappen komme, auch das Seinige beitragen werde,
+und kurzum, er habe nun geredet.
+
+Ich hatte das alles stumm mit angehört und war froh, daß es dunkel war, so
+daß Herr Kasimir mein Gesicht nicht sehen konnte, denn wir hatten den
+weiteren Heimweg durch eine lange Platanenallee eingeschlagen, in deren
+Schatten wir nun hingingen.
+
+Doch hörte er mich, als er aufgehört hatte, ein paar schwerere Atemzüge tun
+als sonst und fragte mich, da ich nicht antwortete: »Oder sind Sie am Ende
+schon anderweitig gebunden? Das wäre freilich schade, denn es würde alles
+ändern von Grund aus.«
+
+Ich sagte beklommen, nein, ich sei nicht gebunden, es sei mir nur alles
+überraschend und neu, und Herr Kasimir redete mir wohlwollend zu, mir die
+Sache zu überlegen.
+
+Er mochte den Eindruck haben, daß ich von dem Glücksfall, den das
+Anerbieten für mich bedeute, ein wenig überwältigt sei, und daß es besser
+sei, wenn er mich nun vorläufig in Ruhe lasse, damit ich mit mir selbst ins
+reine komme; so verließ er mich, und ich setzte meinen Weg allein fort. Das
+Geschäft aber und die späte Post kam mir für heute nicht mehr in den Sinn.
+
+ * * * * *
+
+Ich will nun nichts beschönigen von dem, was an diesem Abend und in den
+Tagen, Abenden und Nächten der folgenden Zeit in mir geschah. Wie könnte
+ich es auch, da doch das Liebste, Holdeste und Echteste, was in mir war,
+dabei unterlag, obgleich es sich wehrte, wie ich meinte. In Wahrheit hatte
+ich es ja schon verraten, als ich auf Herrn Kasimirs Frage, ob ich schon
+gebunden sei, mit nein antwortete, wenn ich es auch nicht tatsächlich war.
+Nicht gegen ihn, sondern gegen mich selbst hatte ich Maidi verleugnet, und
+als ich unter den dunklen Bäumen hinging, klopfte mir das Herz hart und
+stark, als ob ich mich schon entschieden hätte ohne alles Nachdenken, dem
+Schicksal oder dem, was sich dazu aufwarf, zu folgen, und als ob ich nun
+nicht mehr zurück könnte, obgleich mich eine zärtliche und lebensvolle
+Stimme riefe.
+
+Wenn ich den Zustand jener Tage schildern wollte, so müßte ich bekennen,
+daß es nicht ein Auf und Ab oder einen Kampf zwischen hohen und niedrigen
+Geistern in mir gab, sondern nur etwa einen Streit von frohen und traurigen
+Gefühlen. Es schmerzte mich wohl heftig, daß ich nicht beides beisammen
+haben konnte, was mir begehrenswert und wichtig war, doch glaube ich nicht,
+daß ich jemals schwankte, was ich wählen würde, wenn ich es mir auch
+zuweilen vortäuschte. Im Grunde wußte ich wohl, daß ich mir die sichere
+Aussicht auf eine stattliche, mit Behagen, Schönheit und Ansehen verknüpfte
+Lebenslage nicht würde entgehen lassen, ja es schien mir sogar männlich und
+zielbewußt, daß ich es nicht tat. Ich könnte vieles nennen, was ich mir an
+guten Gründen für meine Handlungsweise vorredete, unter anderem auch das,
+daß ich Herrn Kasimir gegenüber Verpflichtungen hätte, da er mir so
+sorglich und väterlich gesinnt sei, doch will ich es mir nicht antun, noch
+einmal alle Geister der längst vergangenen Zeit, die immer noch zuweilen
+Macht haben, mich zu überfallen, heraufzubeschwören. Es ist genug, daß ich
+nichts von allem ungeschehen machen kann, was ich tat und in was ich jetzt
+hineinging.
+
+Als ich Eleonore, wie ich sie jetzt kurzweg nennen will, zum erstenmal
+wiedersah, ein paar Tage nach der Unterredung mit Herrn Kasimir, hatte ich
+bereits so viel über das neue Verhältnis nachgedacht, in das ich zu ihr zu
+treten bestimmt schien, daß es mir nicht mehr ganz überwältigend war, mir
+vorzustellen, ich könnte sie einmal mit du anreden, könnte sie am Arm durch
+die Straßen führen, ihr am Tisch als Hausherr gegenübersitzen und
+dergleichen, was mir alles, als ich es zum erstenmal in Gedanken übte, so
+unwahrscheinlich vorgekommen war, wie daß die steinerne Justitia am Rathaus
+von ihrem Sockel herabstiege und sich zu mir auf das Sofa setzte. Ich mußte
+freilich sagen, daß sich meine Gedanken noch mehr als mit ihr selbst mit
+der allgemeinen Lebensveränderung befaßt hatten, die mir die Verbindung mit
+ihr bringen würde, da ich nicht in sie verliebt war und nur nicht hatte
+leiden wollen, daß sie hochmütig über mich hinweg sähe.
+
+An diesem Abend, dem ich immerhin mit einigem Herzklopfen entgegengesehen
+hatte, schien sie mir aber in etwas verändert zu sein gegen sonst, so daß
+ich den Vorsatz, ihr kühn und selbstbewußt entgegenzutreten, den ich mir im
+stillen zurechtgelegt hatte, nicht recht ausführen konnte. Sie hatte etwas
+Müdes in Gesicht und Haltung, das ich noch nie an ihr gesehen hatte, und
+das aussah, als ob sie von ihrer Damenhaftigkeit ein wenig ausruhe im
+Familienschoß. Es konnte aber auch sein, daß sie irgend ein Leiden hatte,
+das sie innerlich quälte, ja es schien mir sogar wahrscheinlich, wenn ich
+nach ihren Augen sah, die vielleicht im Verborgenen geweint haben konnten,
+dem feuchten Glanze nach, den sie ausstrahlten. Das alles zusammen machte,
+daß ich keinerlei Minen springen ließ, sondern mich einfach und bescheiden
+benahm mit rücksichtsvoller Höflichkeit, was dann wieder sie an mir nicht
+gewöhnt war, so daß wir einander gegenseitig neugierig und erstaunt
+betrachteten und dachten: Aha, so kannst du also auch sein? Ich muß sagen,
+es gefällt mir an dir, und vielleicht hast du noch mehr dergleichen im
+Hintergrund. Oder wenigstens ich dachte so.
+
+Wir waren nur zu dreien. Herr Kasimir saß zufrieden lächelnd in seinem
+Sessel und ließ sich von der Nichte töchterlich bedienen, so daß wir schon
+wie eine kleine Familie aussehen konnten. Ich wurde auch gebeten, zu
+singen, und als ich mich wehrte, da ich ja keine ausgebildete Stimme habe
+und neulich nur mit kleinen Volksliedchen in die Lücke getreten sei, sagte
+Eleonore lächelnd: »Das sagen Sie zu spät, denn es ist nun schon am Tage,
+daß Sie singen können, es wird Ihnen nicht mehr geschenkt,« und Herr
+Kasimir ermahnte mich, nicht über das erlaubte Maß bescheiden zu sein,
+sondern mein Licht auf den Leuchter zu stellen, so daß es mir wind und weh
+wurde vor lauter Wohlsein. Das Fräulein schlug vor, mich auf dem Klavier zu
+begleiten und belehrte mich in so wenig schulmeisterlicher Weise, ja in
+einer fast demütigen Liebenswürdigkeit über gewisse Schwierigkeiten an den
+Liedern, die sie mir zu singen vorschlug, daß ich dachte, sie werde
+bereits zahm, was mir aber nicht erstaunlicher war als der ganze Zustand,
+der mich umgab, und der einer gebratenen Taube glich, die mir in den Mund
+geflogen kam.
+
+Ich will es nun kurz machen. Ich gewann, durch leicht errungene Erfolge
+geschwellt und ermutigt, stets wieder neue, und zwar sowohl in der
+Gesellschaft, in der ich mich so leicht bewegte wie ein Seiltänzer, aber
+mit der Miene und Haltung des gediegenen Geschäftsmannes, als auch, eben
+dadurch unterstützt, bei der Dame. Sie wechselte zwar in jener Zeit oft die
+Stimmung und schien sich nicht leicht zu ergeben, kam aber doch immer
+wieder mit liebenswürdigen und angenehmen Zügen zwischen der Kühle und
+Unnahbarkeit ihres Wesens heraus, so daß ich dachte wie einst bei Maidi:
+Mir machst du nichts mehr weis. Ich glaubte allmählich den Mediziner in
+Wahrheit auszustechen und war nicht wenig eitel darauf. Eines Tages
+verschwand er auch von der Bildfläche, um, wie ich hörte, einen Urlaub
+anzutreten, und ich machte mich darauf gefaßt, nun den großen Schritt wagen
+zu können.
+
+Es war auch nötig, daß es geschah, denn es hatte sich meiner eine Unruhe
+bemächtigt, die ich mir selber nicht gestand, die mich aber besonders bei
+Nacht überfiel, so daß ich anfing, schlecht zu schlafen, was mir noch nie
+geschehen war, so lange ich denken konnte. Um dem zu entgehen, gewöhnte ich
+mir an, sehr spät nach Hause und ins Bett zu gehen. Ich blieb bis tief in
+die Nacht im Geschäft, wo ich aber nicht etwa angestrengt arbeitete,
+sondern irgend etwas zu lesen oder zu studieren versuchte, was mir oft
+gelang, oft auch nicht, so daß ich bleich auszusehen und für einen
+spekulativen Kopf zu gelten anfing, ohne daß ich etwas Besonderes
+geleistet hätte.
+
+Herr Kasimir nahm mich eines Tages auf die Seite und ermahnte mich, es mir
+nicht zu schwer zu machen, da es nicht nötig sei, ich werde, so viel er
+merke, keinen Fehlantrag stellen. Denn er meinte, ich plage mich als ein
+unglücklicher Verliebter mit mir herum, dem es an Selbstvertrauen und Mut
+gebreche, hervorzutreten. Es war aber ein wenig anders. Doch hatte sein
+Anstoß, wie schon ein paarmal in meinem Leben, Erfolg bei mir. Ich dachte,
+es würde alles anders und besser, wenn die Sache einmal im reinen wäre, und
+wenn ich mich vor mir selber mit meinen geteilten Gefühlen und Gedanken in
+die kühle und klare Ruhe Eleonorens flüchten könne.
+
+Es kam aber noch etwas anderes dazu, daß ich es tat, etwas, das mich
+ebensogut hätte von der begonnenen Bahn zurücktreiben können, wenn ich
+nicht schon das weitaus größere Übergewicht meines Begehrens und Wollens
+auf diese Seite gelegt gehabt hätte. Es war ein Brief von meiner Schwester
+Luise, die mich mit herzlichen und freundlichen Worten schalt, daß ich so
+lange nichts von mir hören lasse, da sie doch zu Hause mit Stolz und Freude
+meine Schritte in Gedanken begleiteten. Sie nannte, wie immer, wenn sie
+etwas so recht innig bewegte, den Namen meiner Mutter und schrieb, es sei
+doch ihr Segen über mir; sie habe sich so viel darum gekümmert, daß es gut
+mit mir komme, wie würde sie sich nun freuen, daß ich in eine gute und
+sichere Bahn gerate, auf der ich als ein rechter Mann bestehen und gedeihen
+könne. Dann fuhr sie fort, sie wisse nämlich mehr von mir, als ich denke.
+Es sei lieber Besuch dagewesen, den ich wohl kaum errate, oder doch?
+
+Der Besuch war Maidi, die ihre Arbeit auf einige Tage unterbrochen hatte,
+um eine Zusammenkunft mit ihrem Bruder zu haben, das neu errichtete
+Familiengrab mit dem Grabmal des Großvaters anzusehen und sich einiges aus
+der verschlossenen Schatzkammer, von der ich ja auch wußte, zu holen. Dies
+konnten freilich alles Gründe sein, aber nicht der Hauptgrund, der Maidi
+hergetrieben hatte, und der wohl darin bestand, daß sie meine Schwestern
+hatte besuchen wollen, um von mir mit ihnen reden zu können. In dem Briefe
+stand das freilich nicht ausdrücklich, aber es ging für mich aus dem
+Folgenden hervor. Luise erzählte wie beiläufig, daß sie viel von mir
+gesprochen hätten, und fragte, ob mir nicht etwa die Ohren geläutet hätten?
+Maidi sei begierig gewesen, durch sie von mir zu erfahren, da sie seit
+längerem nichts von mir wisse, und habe lächelnd hinzugefügt, sie sei
+nämlich verwöhnt durch das häufige persönliche Zusammensein mit mir, so daß
+es dann um so leerer sei, wenn die Post ausbleibe. Sie, Luise, habe ihr
+aber gesagt, daß es meine Art nicht sei, viele Briefe zu schreiben, das
+müsse man bei mir in den Kauf nehmen, wobei das feine und liebherzige Wesen
+nachdenklich und wie mit einem Blick ins Weite dann mit dem Kopf genickt
+habe.
+
+Sie habe Maidi auch zu Helene geführt, die eben ihr zweites Kindchen an der
+Brust gehabt und daher habe auf sich warten lassen. Da habe Maidi aber
+gebeten, doch dabei sein zu dürfen, und habe die liebe Gruppe mit
+entzückten und zärtlichen Augen angesehen, so daß man wohl gemerkt habe,
+wie sie sich auch dergleichen wünsche. Kurzum, der ganze Brief war voller
+Maidi und so gehalten, als ob mir die Schreiberin eine rechte Herzensfreude
+damit machen wollte, da sie keine Brille brauchte, um zu sehen, wie es
+stand. Sie schloß mit dem Versprechen, mir, falls ich es wissen wolle, dann
+einmal alles zu erzählen, was sie geredet hätten -- hoffentlich an
+Weihnachten, wenn es da das Geschäft erlaube, heimzukommen, was ja
+natürlich Vorbedingung sei, wie sie wohl einsähe.
+
+Ich konnte kaum zu Ende lesen, so sehr überfiel mich aus dem Brief heraus
+alles Holde und Liebliche, das in der Ferne treumeinend auf mich wartete,
+und dem das Herz schwer und unruhig klopfte, weil ich so lange stumm blieb.
+Es war in der Mitte des Nachmittags an einem schönen, sommerheißen Tage.
+Ich nahm meinen Hut und ging aus dem Kontor und Hause und wäre gern
+gelaufen, so weit mich meine Füße trugen, denn es war alles vorbei und
+umsonst, ich kam nicht mehr zu Maidi zurück, ich war hier angeschmiedet mit
+ganz andern Fesseln, als sie wußte, und so, daß ich nicht mehr heraus
+konnte, aber mein unterjochtes und zum Schweigen verdammtes Herz rief nach
+ihr wie ein verlorenes Kind.
+
+Und so, in dieser Erregung, mit klopfenden Pulsen und vor schmerzlicher
+Leidenschaft flimmernden Augen kam ich, ohne mich besonnen zu haben, wohin
+ich gehe, auf dem Berg an, wo Eleonore war, um die Vorbereitungen für eine
+Gesellschaft zu treffen, die sich am Abend da versammeln wollte. Sie hatte
+soeben das Mädchen, das bei ihr war, noch einmal ins Haus hinunter
+geschickt, um einiges zu holen, und war allein. Ich sah sie an dem
+steinernen Tisch auf der Terrasse sitzen mit einem Haufen abgeschnittener
+Blumen vor sich, die sie in Vasen ordnen wollte, aber ihre feinen, weißen
+Hände lagen unbeschäftigt mitten in den Blüten; sie sah aus, als erleide
+sie Schmerzen oder sinne etwas Schwerem und Traurigem nach, und von ihrer
+verschlossenen Kühle war nichts zu sehen. Als sie mich erblickte, kam eine
+jagende Röte in ihr Gesicht; sie stand auf, ohne ein Wort zu sagen, und sah
+mir erschreckt in die Augen, denn sie hatte mich noch nie so gesehen wie
+jetzt. Ich besann mich aber keinen Augenblick, ihr zu sagen, warum ich hier
+sei. So oft ich mir vorher in kühler Überlegung ausgedacht hatte, wie ich
+es angreifen wolle, so unbedacht flossen mir nun die Worte von verhaltener
+Leidenschaft für eine andere erfüllt, von den Lippen. Was ich gesagt habe,
+weiß ich jetzt nicht mehr, da es in einem Rausch geschah, doch mußte sie
+aus der drängenden Glut meines Wesens ja schließen, daß ich in glühender
+Liebe, die sich nicht mehr zurückhalten lasse und nicht mehr auf Antwort
+warten könne, für sie entbrannt sei. Es dröhnte mir dabei ein Wasserfall in
+den Ohren, dessen stürzende Wellen zu schreien schienen: du lügst, und den
+ich übertäuben mußte, da er mich sonst vernichtete. Ich weiß noch, daß
+Eleonore tief erblaßt und hoch aufgerichtet vor mir stand und mir wie
+gebannt in die Augen sah, und daß ein schluchzender Laut aus ihr
+hervorbrach, als ich schwieg. Ihre Lippen zuckten, und es kam etwas von
+Feuer in ihre Augen. Sie stützte sich mit einer Hand auf den Tisch, mitten
+in die Blumen hineingreifend, als suche sie einen Halt, und sagte mit einer
+Stimme, die mir fremd klang vor der starken Bewegung, die darin zitterte,
+und die sie unterdrückte: »Sie sind anders, als ich meinte. Ich wußte, daß
+Sie kommen würden, aber ich glaubte, es würde anders sein.«
+
+Und dabei sah sie mich immer noch staunend an, schloß aber plötzlich die
+Augen mit einem tiefen Seufzer und litt es, daß ich sie heftig an mich zog,
+wobei ich spürte, daß sie am ganzen Leibe zitterte. Der Wasserfall meines
+Blutes und wohl auch meines Gewissens brauste stärker. »Willst du mein
+sein?« fragte ich in sein Dröhnen hinein, und sie nickte geisterhaft mit
+geschlossenen Augen, so daß es mir fast unheimlich war.
+
+Es dauerte aber vielleicht nur Sekunden, so richtete sie sich auf und löste
+sich aus meinen Armen. »Man muß mich nehmen, wie ich bin,« sagte sie, und
+zwang sich zu einem Lächeln, »ich kann keine Zärtlichkeit geben; sie liegt
+mir nicht, oder wenn doch, dann tief unten.« Da bezwang ich mich, aber ich
+dachte, ich wolle sie heraufholen, denn wie sollte ich sonst leben können
+mit der neuerwachten und ungebändigten Glut meines Innern?
+
+Sie las aber wohl meine Gedanken, was nicht schwer gewesen sein mag bei
+meinem Zustand, und sagte mit Angst in der Stimme, wie ich deutlich hörte,
+aber doch in der Haltung einer Herrin: »Ich brauche Zeit zu dem allem; es
+kam so plötzlich.« Auf ihrem weißen Gesicht kam und ging die Farbe, sonst
+hatte sie sich wieder ganz in der Gewalt und nun auch mich. Sie setzte sich
+an den Steintisch nieder, so daß der Tisch zwischen uns war, und bedeutete
+mich, es auch zu tun, und mich überkam nach der heftigen Bewegung etwas wie
+Mattigkeit, so daß es mir recht war, wie es geschah.
+
+Wir fingen an, dies und das von der Zukunft zu reden, indes Eleonore
+fortfuhr, ihre Blumen zu ordnen; das schien sie zu beruhigen, obgleich ihre
+Hände, beseelter und erregter als ihr Gesicht, hier und da noch leise
+zuckten, was ich mit einer gewissen Neugierde sah.
+
+Das ist nun deine Braut, dachte ich; es war mir aber, als gehe die Tatsache
+einen andern Menschen an, und ich hatte Mühe, sie mir vorzuhalten; denn die
+steil aufschießende Flamme war wie ein bengalisches Licht in sich
+zusammengesunken, und ich wunderte mich, wie ich vorhin hatte Mut und Worte
+zu meiner Tat finden können.
+
+ * * * * *
+
+Es ist mir, wenn ich an die Zeit zurückdenke, in der wir beide ein
+Brautpaar vorstellten, als sei immer ein steinerner Tisch zwischen uns
+gewesen, an dem wir beide eine leidlich gute Figur bildeten. Wir hatten
+viele Glückwünsche, Blumen, Geschenke, Einladungen und dergleichen über uns
+ergehen zu lassen. Ich sah in manchem Gesicht das wohlwollend
+sachverständige Lächeln, das man den Brautpaaren entgegenbringt, um ihnen
+zu zeigen, man wisse aus eigener Erfahrung, wie selig eine solche Zeit sei,
+und es sei einem jede Art von Torheit oder Zerstreutheit im voraus
+verziehen um des eigenartigen Zustandes willen, in dem man sich befinde.
+Ich dachte dann, ich möchte wohl wissen, ob die Betreffenden zu ihrer Zeit
+seliger gewesen seien als ich, und ob sie mehr liebende Torheiten begangen
+hätten. Uns beiden hatte man wohl in dieser Hinsicht nichts zu verzeihen.
+Wir erfüllten alle geselligen Pflichten mit Hingabe und Anstand und man
+nannte uns ein schönes Paar, das sich gut zu benehmen wisse, weil uns
+keine heimliche Sehnsucht nach dem Alleinsein zu zweien erfüllte, wenn wir
+unter Menschen waren, keine zärtliche Unruhe uns von der Gegenwart
+ablenkte. Wenn ich mit Eleonore im offenen Wagen durch die Straßen fuhr, um
+Besuche zu machen, so dachte ich wohl, es werden mich die Menschen, die uns
+nachsahen, für einen glücklichen Mann halten, dem alles gelinge, was er
+wolle, und ich sagte mir mit Verwunderung, daß mir ja nun alle meine
+Wünsche erfüllt seien und fragte mich, ob denn jetzt noch etwas nachkomme,
+da es nicht alles sein konnte und ich zuzeiten eine trostlose Leere in mir
+fühlte. Doch suchte ich mich damit zu beschwichtigen, daß ich ja immer noch
+in einem Zwischenzustand mich befinde, und daß gerade bei solchen Leuten,
+wie wir, das Leben im eigenen Heim und Haus und im Ehestand das bessere
+Teil sei. Da würde dann auch, hoffte ich, Eleonore allmählich ihre
+Zurückhaltung, die mir künstlich vorkam, ablegen und das Warme, Lebendige
+und Reiche, das ihre Natur doch auch hatte, zu seinem Recht kommen lassen.
+Sie erschien mir oft, als litte sie unter sich selbst, und das zog mich zu
+ihr, denn ich meinte, es falle ihr schwer, etwas Hartes, Sprödes an sich zu
+zerbrechen, und es fiel mir sonderbarerweise nicht ein, daß etwas anderes
+zwischen uns stehen könnte, wozu ich doch alle Ursache gehabt hätte. Ich
+traute ihrer stolzen und hochfahrenden Natur ganz, daß sie das wähle und
+tue, was ihr innerlich gemäß sei und stellte sie viel zu hoch, als daß ich
+hätte denken dürfen, sie habe mir ohne Liebe die Hand gegeben, ohne dabei
+zu erwägen, wie sehr ich mich selber damit richte. Herr Kasimir war wohl
+der Glücklichste von uns dreien. Er war rastlos beschäftigt, uns die Wege
+zu ebnen, Verschönerungen in der Wohnung anbringen zu lassen und mit uns
+Möbel, Teppiche und allerlei Hausrat auszusuchen, wobei er an nichts
+sparte. Wir sollten in dem alten Hause wohnen, in dem er sich auch ein oder
+zwei Zimmer vorbehielt, während er sich im übrigen in das Gartenhaus auf
+dem Berge zurückzog, in dem er noch allerlei ausbauen und verbessern ließ,
+um es auch im Winter bewohnen zu können, wenn er Lust hätte. Doch
+verkündigte er im voraus, daß er nicht allzuviel in der Stadt sein werde,
+da er endlich einmal seinen alten Wunsch, in Muße auf Reisen zu gehen und
+bald da bald dort sich aufzuhalten, wo es schön sei, in Erfüllung bringen
+wolle. Das genoß er alles im voraus und kam so jetzt schon auf einen Teil
+seiner Kosten, was ihn ungemein straffte und belebte.
+
+Wir waren alle drei einig, daß die Hochzeit in aller Bälde stattfinden
+solle, vielleicht jeder aus einem andern Grunde, aber die Sache war darum
+doch dieselbe. Eleonore zeigte ihr Talent, anzuordnen, Leute in Schwung zu
+bringen, so daß sie ihr alle zu Willen waren, mit wenigen Worten und in
+ruhiger, fast nachlässiger Weise zu bestimmen, wie dies und das gehalten
+werden sollte. So und so wünsche ich das, sagte sie, und die Geschäftsleute
+sahen sie dann bewundernd an und fügten sich, auch wenn sie es ganz anders
+gemeint hatten. Sie wurde angeregt und frisch während der Besprechungen
+über Einrichtung und dergleichen, fragte mich um Rat und tat, als gehe sie
+darauf ein, machte es aber dann doch so, wie sie zuerst gemeint hatte, und
+es war auch immer besser auf ihre Weise, denn sie hatte Geschmack und
+Erfindungsgabe zugleich.
+
+»Eigentlich hätte ich gern ein neues Haus draußen in den Gärten,« sagte
+sie, »das müßte dann von Grund aus harmonisch gebaut und eingerichtet sein;
+aber Onkel Kasimir will, daß wir in dem alten Hause wohnen, und es ist ja
+auch vornehmer als mancher neue Kasten, man muß nur nach und nach
+herausholen, was drin steckt, ich habe da noch allerlei Möglichkeiten im
+Sinn.« Sie sah nachdenklich aus, als ob sie über etwas Tiefes nachsinne,
+und ich lachte, denn ich hatte gern, wenn ihr unser Haus so wichtig war;
+sie freute sich doch, darin zu wohnen und es war uns ja gemeinsam. Es mußte
+ja doch gut kommen. So konnte ich es nicht lange mehr aushalten, wie es
+jetzt war. Ich war nervös geworden und schlief nicht, oder wenn ich
+schlief, hatte ich unruhige Träume, von denen ich dann schreckhaft und mit
+schwerem Druck erwachte. Eigentlich hätte ich mich besinnen müssen, was
+immer auf mir liege, aber gerade das wollte ich nicht wissen. Nachher kommt
+es anders, wenn dann einmal alles in Ordnung ist, dachte ich, und das war
+mein Beruhigungsmittel. Ich hatte lange daran herumgedrückt, bis ich meinen
+Schwestern die Anzeige von meiner Verlobung schickte. Denn da war der
+letzte Brief von Luise, der allzu durchsichtig ihre Hoffnung auf eine
+andere Verbindung für mich zeigte, ja sie als bestimmt vorgesehen
+voraussetzte. Wie sollte ich ihr begreiflich und faßbar machen, was nun
+inzwischen geschehen war und was sie mit ihrem schlichten Empfinden, das
+immer in seinem Kreise geblieben war, doch nicht fassen konnte? Ich konnte
+es ja selber nur, wenn ich von allem wegsah, was ich nun außerhalb meiner
+Bahn gestellt hatte und was für mich nicht mehr in Betracht kommen durfte.
+Denn ich wollte ein Ehrenmann sein, und ein solcher mußte Opfer bringen
+können, wie ich mir vorsagte. Zuletzt entschloß ich mich, eine gedruckte
+Anzeige abzuschicken, auf die ich einige nichtssagende Worte kritzelte, die
+von Arbeitshäufung und Zeitmangel redeten und für die nächste Zeit einen
+ausführlichen Brief verhießen. An Maidi schickte ich keine Anzeige und
+schrieb auch nicht. Darüber will ich kein Wort verlieren. Ich konnte nicht.
+Sie war irgendwo in einer Welt, in der ich auch einmal gelebt hatte, und
+von der ich nun geschieden war.
+
+Eines Abends, als ich noch nach einem Buch suchte, in dem ich lesen wollte,
+bis ich schläfrig werde, fiel mir das Volkmann-Leandersche Märchenbüchlein
+in die Hände und darin das Märchen von dem reichen Mann, der sich, in der
+Ewigkeit angekommen, die Lebensweise aussuchen darf, die er führen will,
+und der sich, als er alles hat, was er wollte, nun im Himmel wähnt. Aber
+eines Tages merkt er, daß er in der Hölle ist, und zwar recht tief drin,
+denn was er hat an Gütern, sättigt ihn nicht, und er sehnt sich, der Arme
+zu sein, der auf einem Schemelchen zu Gottes Füßen sitzt, wie er sich
+gewünscht hat, aber es ist zu spät.
+
+Da fing mein übelberatenes Herz an, sich aufzubäumen, denn es wollte leben
+und nicht zusammengedrückt sein, und rief: Das bist du! Aber ich gebot ihm
+Schweigen und malte ihm alles Gute aus, was es jetzt auch hätte. Das tat
+ich manche Nacht.
+
+Bei Tage war ich rastlos tätig, so sehr, daß der rotbärtige Giller knurrend
+sagte, man habe zu der Zeit, da ich nicht dagewesen sei, auch schon
+gearbeitet, es sei aber anders zugegangen, und an einer Hetzjagd wolle er
+sich nicht beteiligen. Er sah dabei mit seinen etwas vorstehenden Augen,
+die er böse rollen konnte, der stumpfen Nase und dem breiten Munde, aus dem
+er die gelben Schaufelzähne drohend hervorblöckte, mehr als je aus wie ein
+grimmiger Kettenhund, vor dem ich mich auch fürchtete, ohne eigentlich zu
+wissen, warum, nur aus meiner inneren Unsicherheit heraus. Man sagt ja
+auch, daß die Hunde spüren, wenn ein Vorübergehender oder ins Haus
+Eintretender ein tadelhaftes Gewissen habe und ihn daher schärfer anfallen
+als einen ruhig und in unschuldiger Harmlosigkeit Auftretenden, so daß hier
+das Bild einigermaßen passen mag, indem der im Dienst des Hauses gealterte
+Mensch mir wohl anspürte, daß etwas mit mir nicht in Ordnung sei und mich
+daher mißtrauisch anknurrte. Denn als den Herrn der Firma konnte er mich
+bis jetzt noch nicht ansehen, er wandte sich vielmehr, so viel er konnte,
+in allen Dingen an Herrn Kasimir, was diesem wohlzutun schien, obgleich er
+ihn meistens von sich ab und an mich verwies. Mir konnte es gleich sein,
+denn ich übernahm ja doch bald das Geschäft, und wem es dann nicht gefiel,
+der war ja nicht ans Bleiben gebunden.
+
+Frerichs sah mich hie und da scheu an. Er hatte ein Gedicht zu unserer
+Verlobung gemacht, voller Süße und voller Weissagung des Schönsten und
+hatte begierig auf mein Lob gewartet, das aber ausblieb. Nun dachte er, daß
+er es nicht recht gemacht habe; er kannte sich nicht aus bei mir und hätte
+mich gern gefragt, aber ich half ihm nicht dazu. Für Eleonore hatte er eine
+stumme Verehrung; manchmal traute er sich, ein Wort von ihr zu sagen, ob
+mir das vielleicht die Zunge löse gegen ihn. Er hatte schon eine
+Hochzeitsdichtung angefangen, wie er durchblicken ließ; am liebsten hätte
+er den Plan dazu mit mir besprochen. Aber ich war nicht mehr der Alte ihm
+gegenüber. Es tat mir weh, denn ich wußte, er hing an mir, aber es kam nun
+auf einen, den ich kränkte, nicht mehr an, es waren deren noch mehr auf der
+Welt.
+
+ * * * * *
+
+So kam die Hochzeit näher. Es wurde jetzt beraten, wie sie gefeiert werden
+sollte. Eleonore wollte eine große Gesellschaft dabei haben, denn sie
+gedachte, als verheiratete Frau viel und ansehnlichen Umgang zu pflegen,
+wie sie das ja auch jetzt schon getan hatte, und mit einer strahlenden
+Hochzeitsfeier gewissermaßen die Türen unseres Hauses zu öffnen. Bei dieser
+Beratung kam es zwischen uns zum ersten Streit; wir waren einander seither
+in allem so gut als möglich entgegengekommen und hatten darum friedlich
+gelebt. Oder eigentlich muß ich wohl sagen, daß ich selber in vielen Dingen
+meiner Braut freie Hand gelassen hatte, weil sie mir nicht so wichtig
+waren, und weil ich sie gern gut gestimmt sah. Als wir nun die Personen
+aufzählten, die zur Hochzeit geladen werden sollten, und ich die Liste
+überlas, fehlten auf derselben meine Schwestern, und ich fühlte, daß es
+Absicht sei, sagte aber so ruhig als möglich, daß hier zwei wichtige Namen
+ausgelassen seien, die an einem guten Platz eingeschoben werden müßten. Ich
+hatte mit Eleonore schon öfters von den Meinigen zu reden versucht; sie
+wußte aber immer das Gespräch auf etwas anderes zu bringen, und ich ließ
+mich auch dazu bewegen; doch spürte ich, daß es eine Auseinandersetzung
+geben müsse, die sich nicht mehr lang verschieben lasse. Sie wollte nichts
+von meiner Herkunft und meiner Familie wissen, das sah ich wohl, und wenn
+ich nicht blind und taub gewesen wäre, so wäre es mir wohl ein sicheres
+Zeichen gewesen, daß sie auch mich nicht liebe. Denn Liebe hätte den
+Hochmut überwunden, der in ihr groß und mächtig war.
+
+Heute nun merkte sie, daß es nicht mit Ablenken getan sei und sagte
+gleichmütig: »Ach, ich dachte, du würdest sie nicht einladen wollen, was
+sollen sie denn dabei? Sie würden sich ja doch nicht wohl fühlen.« Dabei
+sah sie mir lächelnd ins Gesicht und blies ein Stäubchen von meinem Rock,
+weil wir gleich nachher ausgehen wollten. Ich fühlte dunkel, daß es jetzt
+gelte, und nahm mich zusammen, mit männlicher Betonung zu sagen, was mir
+ganz selbstverständlich und mühelos hätte vom Herzen kommen sollen: »Wie
+kann ich denn daran denken, meine Schwestern nicht einzuladen? Es sind
+meine einzigen Verwandten, und ich bin ihnen viel Dank schuldig. Sie müssen
+kommen, es geht gar nicht anders.« Vielleicht polterte ich das, weil es mit
+einem Anlauf geschah, ein wenig gröblich heraus, was ich mir sonst Eleonore
+gegenüber noch nie gestattet hatte. Sie sah mich unwillig errötend an und
+sagte kühl verwundert: »Was ist das für ein Ton? Laß mich dir sagen, daß
+ich sie nicht bei meiner Hochzeit wünsche. Sie passen nicht zu der übrigen
+Gesellschaft, und ich fühle mich ihnen nicht verpflichtet. Wenn du ihnen
+etwas dankst, so ist das deine Sache.«
+
+Sie sah dabei unendlich hochfahrend aus, und mich überkam ein Trotz und ein
+Elend zugleich; ich fühlte mich selber geschmäht und heruntergesetzt in
+meinen Schwestern, denen in diesem Augenblick mein Herz sehnlich
+entgegenwallte; ich hätte meine Braut am liebsten in ihr weißes Gesicht
+geschlagen und ihr den Trauring auf den Tisch geworfen. Aber ich wußte, daß
+ich es nicht tun und daß ich ihr nachgeben würde, obgleich ich dachte: »Du
+Affe, du bist sie ja gar nicht wert.« Da änderte sie auf einmal den Ton und
+das Gesicht, faßte mich am Arm und schmiegte sich an mich. »Sei doch lieb,«
+sagte sie, »verstehe mich doch. Ich will nur dich, die Deinen kenne ich
+nicht. Du lebst doch nun in meiner Welt und mußt Rücksicht darauf nehmen.
+Wir können sie ja auf der Hochzeitsreise besuchen, das ist für alle Teile
+besser, du siehst es später selber ein.«
+
+Und ich gab ihr in allem Elend recht, denn vielleicht war es tatsächlich
+besser, so wie die Dinge jetzt lagen, und hoffte, als sie mich neben sich
+aufs Sofa zog und mit meiner Hand spielte, ich werde sie nach und nach zu
+allem gewinnen, was sein mußte und recht war.
+
+Wir machten Besuche und nachher noch Besorgungen und standen auf einmal in
+einem Blumenladen in der Nähe des Friedhofs meiner alten Freundin Hertha
+gegenüber. Sie hatte, wie ich schon erfahren hatte, einen Gärtner
+geheiratet und also ihren Vorsatz ausgeführt, was ja auch bei ihr nicht zu
+bezweifeln gewesen war. Aufgesucht hatte ich bis jetzt weder sie noch den
+alten Zeitler, so oft ich auch daran gedacht hatte, es zu tun. Anfangs
+hatte ich den festen Vorsatz und auch das Verlangen darnach gehabt und es
+nur immer wieder verschoben, und nun, da ich keine Lust und auch keinen Mut
+mehr dazu hatte, kam ich von ungefähr dazu.
+
+Sie stand in einer blühenden Fraulichkeit unter ihren Blumen und hatte
+eine anständige Würde in ihrer Erscheinung. Ich hätte sie wohl
+freundschaftlich begrüßen und meiner Braut von ihr sagen können, und sie
+schien es auch zu erwarten, daß ich es tue, denn sie sah mich mit
+herzlichem Freudenblick des Wiedersehens an, merkte aber dann bald, daß
+nichts von mir ausgehen würde und wandte sich bedienend an die Dame. Es
+wurde ausgemacht, daß bei unserer Trauung die Kirche geschmückt werden
+solle, und es wurden Sträuße für die Brautjungfern bestellt; ich wurde bei
+dem und jenem um Rat gefragt und gab ihn blindlings, und es war mir übel
+zumute. Es ging aber heute in einem hin. Ich dachte, so lange Eleonore in
+ihrer kurzen und sachlichen Weise Anweisungen gab, wählte und verwarf, an
+einen Tag, da Hertha gesagt hatte, daß sie einmal meiner Braut den
+Hochzeitskranz machen wolle, wenn es eine sei, die gut zu mir passe, und
+ich besann mich, ob sie ihr wohl so erscheine, und warf einen heimlichen
+Blick nach den ungleichen Frauen hinüber. Da fing ich einen von Hertha auf,
+der schien mir spöttisch und traurig zugleich zu sein, auch glitt er nur an
+mir vorüber und endigte in einem Kopfnicken, als gebe sich die Gärtnersfrau
+selber Antwort auf eine Frage, da ich ihr keine gab. Da war es mir wie
+heute schon einmal, als gleite mein Nachen stetig und unaufhaltsam an allen
+blühenden Ufern vorbei, die ich jung und schuldlos betreten hatte, und ich
+selber sitze darinnen wie im Zwang eines argen Traumes und sehe Menschen
+und Ufer hinter mir verschwinden. So ging es mir in der Zeit, die meine
+hohe sein sollte.
+
+Es war meine niedrigste.
+
+Ich sah Hertha noch einmal und auch den Zeitler. Ich kaufte einen Kranz
+mit roten Rosen und trug ihn mit Herrn Kasimir auf das Grab von Brigitte
+Hagenau am Abend vor ihrem Geburtstag. Eleonore war da nicht dabei; sie
+ging nicht gern auf den Friedhof, das sagte sie offen. Hertha war nicht im
+Blumenladen, ein kleines Dienstmädchen gab mir den Kranz. Ich traf sie aber
+mit einem Bübchen auf dem Arm im Friedhof; sie stand neben einem starken,
+kräftigen Mann in einer grünen Schürze, der ein paar Gärtnerburschen
+anwies; sie waren beide große, stattliche Leute und sahen fest und freudig
+aus, so als ob sie auf sicherem, gutem Boden ständen. Es brannte in mir,
+daß ich nicht mit Hertha reden konnte, wie ich wollte. Ich wäre gern noch
+einmal eine Stunde mit ihr allein gewesen, oder ein paar Minuten. Aber das
+war drüben am andern Ufer. Doch faßte ich den Mut, sie zu fragen, wie es
+gehe, obgleich ich sah, daß es gut sei, und sie gab mir ruhigen und
+freundlichen Bescheid; vielleicht sah sie, daß ich nicht glücklich sei, und
+es tat ihr leid. Der Zeitler kam auch herbei; er gab mir die Hand und
+sagte, daß er gehört habe, ich sei wieder in der Stadt, und daß er gedacht
+habe, ich komme dann einmal. Die Hertha habe auch darauf gewartet. Ich
+stammelte etwas von viel Arbeit und Abhaltung, und er sah mich ruhig an und
+sagte: »Ja, Sie sind ja auch verlobt und machen bald Hochzeit. Da wünsche
+ich Glück.« Er hatte für mich keine Ähnlichkeit mehr mit alten Gesichtern
+aus meiner Kindheit; er war auch im Nebel und stand auch am Ufer, an dem
+ich vorüberfuhr. Vielleicht hatte er mir viel zu sagen, früher hatte ich
+das immer gemeint; jetzt durfte ich nichts hören, denn wie sollte ich
+sonst vollenden, was ich angefangen hatte? Ich redete einige nichtssagende
+Worte und stand an Brigittens Grab. Sie war über allem draußen und hatte es
+gut; ich wollte, sie wäre noch dagewesen in ihrer schönen und klaren
+Freudigkeit. Herr Kasimir saß auf dem Bänkchen unter der Linde, die neben
+dem Grab stand; ich hörte, daß er den Zeitler mit du anredete, und daß sie
+irgendwie von alten Zeiten sprachen. Das wunderte mich, aber es fiel mir
+ein, daß der Zeitler so gut Bescheid mit der Jugend der Hagenausgeschwister
+wußte, und ich dachte, daß gewiß alle Menschen irgendwie miteinander
+zusammenhingen, nur ich trennte mich von meiner Welt und wurde ganz einsam.
+Der Zeitler sagte lind und freundlich zu mir, ich solle einmal abends
+kommen, vielleicht morgen? Da sagte ich, ja, ich komme bald, aber ich hatte
+nicht im Sinn, es zu tun, und wir gingen. Auf dem Heimweg erzählte mir Herr
+Kasimir, daß der Zeitler sei, was man eine verkrachte Existenz nenne. Er
+hätte es weiter bringen können, da er von guten Gaben und guter Bildung
+sei. Es sei aber einmal ein Bruch in sein Leben gekommen durch eine
+leidenschaftliche Liebe, um derentwillen er einen Menschen beinahe
+umgebracht und dafür eine Strafe verbüßt habe, während deren ihm dann die
+Geliebte untreu geworden sei. Brigitte habe ihn aber immer hoch geschätzt.
+Sie habe gesagt, daß, wer aus Liebe sündige, lebendiger sei, als wer aus
+kalter Tugend gerecht bleibe, und daß Zeitler einer von denen sei, die
+wissend geworden seien durch heißes Verschulden. Wissend und verstehend.
+
+Als Herr Kasimir mir das erzählte, da war es mir, als ob ich doch morgen zu
+dem Zeitler gehen wolle, denn vielleicht verstand er auch mich. Aber
+gleich darauf wußte ich, daß es nicht sein konnte; denn ich sündigte weder
+aus Liebe, noch blieb ich aus Tugend gerecht. Ich mußte meines Weges gehen
+und durfte niemand fragen.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe den Brief, den ich in dieser Zeit an Luise schrieb, später wieder
+gelesen, als ich ihn in ihrem Nachlaß fand, und tat mir selber leid darin,
+so sehr ich mich hätte verdammen müssen. Denn es war kein freies und
+trotziges Sündigen eines einfachen Selbstlings, der sich in dem, was er
+tut, im Rechte meint, und über das, was ihn hemmen will, hinwegschreitet
+ohne Reue, sondern ich litt, während ich tat, was ich verurteilte, und tat
+es dennoch, weil ich das Geschlinge um meine Füße nicht zerreißen und den
+Preis, den mich das vorschwebende Bessere gekostet hätte, nicht bezahlen
+konnte meiner Meinung nach. So tat ich denen, die ich liebte, weh, ohne mir
+selber wohlzutun, und stand unfrei vor mir und vor ihnen, und es ging mir
+beides verloren, das gute Gewissen dessen, der vor sich selber richtig
+handelt, und die Lust des Unrechts, das ich tat. Doch habe ich eine
+Erlösung erlebt, nicht unähnlich der, die die Frommen Bekehrung nennen, die
+mich mit Gewalt umkehrte, indem sie mir das selbstgebaute Haus zerbrach,
+mir unter freiem Himmel mich selbst zeigte, wie ich war, und mich mir, arm
+und zerschlagen, in die Hand gab.
+
+Es war über allem dem Herbst geworden. Eines Morgens erwachte ich an dem
+Klang einer Stimme, die laut und deutlich sagte: »Heute kehrt Maidi in die
+Stadt zurück.« Ich schlug verwundert die Augen auf, aber es war niemand
+bei mir im Zimmer, und ich hatte wohl selbst die Worte ausgesprochen. Ich
+erinnerte mich auch noch eines soeben entschwindenden Traumes, dessen
+Gestalten vor dem Tageslicht erblaßten, in dem es mir aber seltsam wohl
+gewesen war, so daß es mir leid tat, erwacht zu sein. Denn auch das
+Wohlsein schwand, je wacher ich wurde.
+
+Ich stand auf und trat ans Fenster, und immer noch hatte ich das
+gesprochene Wort in den Ohren. Als ich Maidi hinausgeleitet hatte, war der
+Wald jung belaubt gewesen; jetzt lag er hier und wohl auch dort in
+herbstlichen Farben. Die Schwalben sammelten sich zur Reise und saßen
+dichtgedrängt auf den Telephondrähten. In wenigen Tagen würde auch ich mit
+Eleonore dem Süden entgegenfahren. Wir waren dann Mann und Frau und mußten
+uns miteinander ein Leben bauen. Das, was ich früher gelebt hatte, lag dann
+noch weiter dahinten als jetzt; es mußte so sein, ich wußte es. Würde es
+mir dann auch noch hie und da ans Herz treten, so wie im Traum des heutigen
+Morgens? Und würde es mir lieb oder leid sein, wenn es geschähe? Es war so
+lieb und so leidvoll zugleich. Draußen war eine warme, föhnige Luft; die
+Höhen und Wälder lagen nahe zusammengerückt in Glanz und Klarheit; ich
+fühlte mich sonderbar laß und müde und hätte am liebsten meinen Gedanken
+freien Lauf gelassen. Den hatten sie schon lang nicht mehr; ich hatte mir
+das Tagträumen abgewöhnt. Sie wollten unruhig flattern wie die Schwalben,
+denen die Reisesehnsucht keine Ruhe mehr ließ; sie wollten fragen, wie es
+nun dort sei? Ob Maidi traurig sei oder ob sie mich verachte? Ob sie gehört
+hatte, daß ich verlobt sei und daß das Land der unbegrenzten Möglichkeiten
+nun erst ganz und auf immer hinter mir liege? Wenn sie es wußte, dann wußte
+sie auch, warum ich ihr nicht geschrieben hatte. Es war mir, als wisse und
+verstehe sie alles und als liebe sie mich immer noch, und das legte sich
+wie eine abgrundtiefe Traurigkeit auf mich, denn es war fern, fern, und es
+führte keine Brücke und kein Steg mehr dorthin. Plötzlich wurde ich gewahr,
+daß die Pyramide des Münsters mich ansehe. Sie lag in einem merkwürdig
+grellen Licht; ihre Steine glänzten, und sie war ganz durchschienen von
+einer heißen Sonne, was so früh am Morgen und um diese Jahreszeit
+ungewöhnlich war. Es fiel mir ein, wie oft ich sie von meiner Mansarde aus
+gegrüßt hatte, als ich zum erstenmal in der Stadt und ein Lehrling war, und
+es schien mir, als frage sie mich, was ich nun inzwischen aus mir gemacht
+habe? Ich trat vom Fenster zurück, aber nun war es mir, als warte sie
+draußen, daß ich ihr Antwort gebe. Die Rosette hatte ein Gesicht, und alle
+die Luken, durch die das Licht fiel, waren Augen, die mich ansahen. Sie
+hatte ihre stille, hehre Schönheit verloren und war unerbittlich und
+furchtbar. Ich versuchte zu lachen, denn das war ja doch wieder das
+Tagträumen, was ich jetzt hatte. Aber es gelang mir nicht so recht. Da
+sagte ich mir, daß es der Föhn sei, der mich so sonderbar errege. Ich wusch
+mich mit kaltem Wasser und brachte meine Gedanken in Ordnung. Sie hatten
+hier am Platze genug zu tun. Es wollte noch viel in die Tage hinein. Herr
+Kasimir wollte mir das Geschäft übergeben und allerlei niet- und nagelfest
+machen. Er blieb noch da, so lange wir reisten, dann wollte er sein Bündel
+schnüren und ebenfalls reisen. Ich war dann Inhaber von Haus und Geschäft
+und hatte eine Frau und war ein Mann, der hier am Platze zu sein hatte mit
+aller Kraft und allen Sinnen. Darüber hinaus gab es nichts. Wenn es doch
+etwas gab, so war es nicht für mich. Ich bemühte mich, an Eleonore zu
+denken; nicht an das Steinbild, das sie hie und da sein konnte, herb und
+hochmütig, sondern an die Stunden, in denen sie unter ihrer eigenen
+zurückhaltenden Art zu leiden schien. Sie hatte dann brennende Augen und
+sah blaß und schmal aus, es war, als ob ein verstecktes Feuer in ihr
+lodere. So hatte ich sie noch lieber, als wenn sie, wie es auch geschah,
+kleine bräutliche Zärtlichkeiten für mich hatte. Denn ich dachte gern, daß
+sie ein heißes Herz in sich trage, das für mich glühe und das im Kampf mit
+ihrer kargen Natur sich verwunde und abmühe, um leben zu können. Es schien
+mir an der Zeit, daß es zu seinem Recht komme, das ich ihm ja gegeben
+hatte. Gestern abend war sie so gewesen, müde und unruhig zugleich. Sie
+hatte mir beim Gutenachtsagen eine heiße Hand und kalte Lippen gegeben und
+gesagt: »Ich wollte, wir wären schon weit fort, und es wäre alles vorüber.«
+Das hatte mich gewundert, denn sie selbst hatte doch die glänzende
+Hochzeitsfeier angeordnet und sich nicht genug tun können, alles bis ins
+kleinste festlich auszugestalten. Es war wohl so, wie ich dachte, daß sie
+sich sehnte, bei mir zu sein, und ich nahm mir vor, es solle sie nicht
+gereuen. Es gab wohl viele Männer, die eine Jugendliebe in sich begruben,
+wenn es das Leben erforderte, und auch ich wollte das tun; da brachte ich,
+der ich so gewandt im Zudecken, Flicken und Übermalen meines Innern
+geworden war, es denn auch an diesem Morgen so weit, daß ich als ein
+Tüchtiger und ein Ehrenmann das Zimmer und das Haus verließ mit straffen
+Schritten. Sie waren beide froh, daß sie mich hatten, Eleonore und Herr
+Kasimir, und das konnten sie auch wohl sein, denn alles lag bei mir in
+guten Händen, und daß es mich viel gekostet hatte, das gab mir Ernst und
+Tiefe, wie ich mir selbst, vor diesem bedeutenden Einfall leicht
+erschauernd, sagte.
+
+Am Vormittag dieses Tages hörte ich, nach langer Zeit wieder zum erstenmal,
+Eleonores Geigenspiel gedämpft aus dem Zimmer über mir her erklingen. Sie
+hatte nie gespielt, seit wir verlobt waren, und wenn ich in sie gedrungen
+war, so hatte sie mich auf später vertröstet, wo sie wieder Ruhe und
+Stimmung dazu haben werde. Jetzt schien es mir, als ob sie mich zu sich
+riefe mit feurigen und verheißenden Tönen und mit hinströmender Klage über
+ihre eigene eingeschlossene Seele, so daß ich es kaum erwartete, bis ich
+von den Geschäften loskommen und hinaufgehen konnte, denn ich war begierig,
+ihr zu zeigen, daß ich für sie da sei und sie verstanden habe. Sie hatte
+aber, als ich kam, die Geige schon wieder in ihr Futteral geschlossen und
+verwahrt und schien sich zu wundern, daß ich mitten im Vormittag
+heraufkomme. Die Geige hing stumm an der Wand, als ob sie nie geklagt und
+gerufen hätte, und als ich sagte, daß ich sie gehört habe, zog Eleonore die
+Brauen leicht zusammen, wie unwillig. »Ich habe etwas geübt,« sagte sie,
+»was ich lange nicht gespielt habe und was ich heute abend zu spielen
+versprochen habe.« Wir waren beide zu einer Geburtstagsfeier in eine
+bekannte Familie eingeladen, deren Wohnhaus über den sonnigen Rebbergen
+der Stadt in Waldeshöhe stand. Ich wußte, daß der Hausherr, der ein alter
+Freund des Hauses war, Eleonore schon manchesmal umsonst gebeten hatte, zu
+spielen, freute mich, daß sie es heute tun wollte, und bat sie nur, es spät
+genug zu tun, daß ich das Stück auch hören könne, das mich so angezogen
+hatte. Denn ich konnte des Geschäfts und vieler Arbeit wegen erst am Abend
+nachkommen. Sie versprach es auch, und ich dachte, sie sei doch eine
+rätselhafte Natur, anziehend und abstoßend zugleich, ich wolle aber alle
+Rätsel in ihr auflösen, da sie ja eine Seele habe, die darnach verlange,
+wie ich sicher zu wissen glaubte.
+
+Der Nachmittag war noch schwüler, als es der Morgen gewesen war. Die Luft
+lag still und stickig über der unteren Stadt, und um ihr zu entgehen,
+machte ich früher Schluß, als ich eigentlich im Sinn gehabt hatte, und ging
+den Rebbergen zu. Ich hatte ein lähmendes Kopfweh, das ich auf die Föhnluft
+schob und das mich veranlaßte, einen kleinen Umweg im Freien und in der
+Einsamkeit zu machen, um nachher vor den Leuten besser bestehen zu können.
+Daher ging ich nicht durch die Weinberge auf den steilen Staffeln in die
+Höhe, sondern blieb auf der Straße bis da, wo der Wald in einer schmalen
+Zunge zu ihr herunterreichte und wo ich nun ohne Weg, durch goldbraunes,
+raschelndes Buchenlaub, das hier und da den Boden bedeckte, anfing
+hinaufzusteigen. Das Rauschen unter meinen Füßen weckte irgend eine
+Erinnerung in mir, der ich nachspürte, bis es mir einfiel, wie ich als
+kleiner Bube im heimischen Stadtwald an der Hand meiner Mutter gegangen war
+und glückselig mit den Stiefeln das Laub vor mir her aufgehäuft hatte, was
+genug war, mich mit Lust und Wonne zu erfüllen. Es schien mir aber um
+hundert Jahre zurück zu liegen, oder vielmehr in einem vorigen Dasein
+geschehen zu sein, und ich konnte auch nicht lange bei der lieben
+Erinnerung bleiben, denn es ging auf einmal ein heftiger Windstoß von der
+Höhe herunter mir entgegen, der die schlaffe Schwüle zerriß und sich als
+Vorbote eines Unwetters ankündigte. Ich beschleunigte daher meine Schritte,
+um nicht draußen zu sein, falls es schnell hereinbreche. Es wurde zusehends
+dunkler unter den Bäumen, was noch nicht vom Einnachten kommen konnte,
+sondern von heraufziehendem Gewölk, das der Wind vor sich herjagte. Ich war
+auf der Höhe angelangt, wo der Garten des bekannten Hauses sich in den Wald
+verlor, von demselben nur durch ein dichtbewachsenes, hohes Drahtgitter
+getrennt, und wollte gerade auf die schmale Tür zugehen, als ich hinter der
+grünen Wand, aber dicht an derselben, sprechen hörte. Und zwar war es die
+Stimme meiner Braut, die, als ich ganz nahe war, in hörbarer Erregung
+sagte: »Du hättest nicht mehr kommen sollen. Wir hätten uns nicht sehen
+dürfen. Es ist genug, daß ich jetzt mit jedem Atemzug durch mein ganzes
+Sein hindurch lüge, ich, die ich immer wahr gewesen bin, solang ich denken
+kann. Ich will es nicht noch durch die Tat tun. Es muß das letztemal sein.«
+
+Ich fühlte, wie mein Herz heftig zu schlagen anhob, als ich diese Worte
+hörte. Ich konnte mich nicht von der Stelle bewegen und mußte nun weiter
+mitanhören, was mich und den Bau, den ich mir errichtet hatte, in Scherben
+schlug.
+
+Es ist mir, als sei ich eine Ewigkeit dort droben gestanden, im heftig
+wehenden Wind, der die Kronen der Bäume herumriß und mir die gesprochenen
+Worte zutrug wie auf Flügeln, und unter den jagenden Wolken, die stets
+tiefer zu hängen kamen. Doch wird es wohl nicht lange gedauert haben, nach
+menschlicher Zeitrechnung, da ja Minuten so voll sein können, daß sie von
+Leben oder Tod überfließen. Ich will es mir sagen, wenn ich meines
+Gerichtstags gedenke, daß es dennoch nicht Tod, sondern Leben war und Güte,
+was dort unter den Bäumen auf mich wartete. Wo nähme ich sonst den Mut her,
+es noch einmal heraufzuholen? Da es ja lange her ist seitdem und ich es
+könnte ruhen lassen.
+
+Obgleich mir, auf immer unvergeßlich, jedes Wort und jeder Ton und jeder
+Zug der Gesichter, die ich durch etliche Lücken in der grünen Wand wohl
+sehen konnte, ins Gedächtnis gebannt ist, will ich doch unterlassen, alles
+Schmerzliche und Beschämende noch einmal zu sagen und es einfach
+aufzeichnen in meiner eigenen Rede. So sehr erregt und verwundet ich auch
+war, so ruhig bin ich jetzt, ja dankbar bin ich, daß der Zufall, der mich
+wunderbarerweise zu dieser Stunde an diesen Ort führte, mein Leben aus den
+falschen Bahnen warf, so lange es Zeit war. Es hätte auch anders gehen
+können, und ich weiß nicht, was dann aus mir geworden wäre.
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch, an den meine Braut ihre beschwörenden und selbstanklagenden
+Worte gerichtet hatte, war, wie ich bald aus der Antwort merkte, der
+Mediziner, den ich in irgend einer Ferne glaubte. Er war aber
+zurückgekommen und hatte Eleonore auch schon ein paarmal getroffen mit
+ihrem Willen und auch gegen ihn, da er, wie er sagte, sie wohl entbehren
+wolle, wenn es sein müsse, sie aber nicht an mich verloren geben könne, der
+ich in keiner Weise an sie hinanreiche, ja, den sie doch nur mit in den
+Kauf genommen habe mit Haus, Geschäft, Geld und so weiter. Er nannte sie
+du, und sie waren ein Liebespaar, das sich getrennt hatte, ohne daß die
+Liebe vergangen war. Vielmehr hatten sie in einem merkwürdigen Grad von
+gegenseitiger Offenheit miteinander ausgemacht, daß sie sich lassen müßten,
+weil sie das nötige Geld nicht hätten, um einen Haushalt zu führen, der
+ihren Bedürfnissen entspreche, da sie beide verwöhnte Kinder mit
+anspruchsvollen Gewohnheiten waren und diesen nicht glaubten entsagen zu
+können, ohne daß die Liebe darunter litte und sie dann einander quälten.
+Einst, als sie einander näher traten, hatte jedes vom andern geglaubt, daß
+es wohlhabend oder vielmehr reich sei, wenigstens der Mediziner hatte es
+von Eleonore geglaubt, in deren Elternhaus es auf eine feine und
+geschmackvolle Weise üppig zuging, wie es nur bei Leuten sein kann, bei
+denen das Geld keine Rolle spielt, ja, denen es zum einfachen Anstand zu
+gehören scheint, daß man sich nicht darum kümmere und es möglichst wenig
+nenne. Als aber die Eltern gestorben waren, hatte sich's gefunden, daß wohl
+eine Menge kostbarer Dinge vorhanden seien, die geistige Werte darstellten,
+aber kein Geld mehr, und daß die Kinder arm seien wie Kirchenmäuse. Der
+Bruder hatte sogleich seine berufliche Laufbahn antreten können, da er mit
+den Studien fertig war und der Onkel ihm unter die Arme griff mit einigen
+Zuschüssen. Eleonore aber, die nun auch mit Zuversicht heraustrat und ihre
+Wünsche bekannte (denn das Hagenausche Geld war trotz der lässigen
+Vornehmheit in der Bitterolfschen Familie als sicheres Erbe, eigentlich nur
+als einstweilige Reserve angesehen), hatte sich bitterlich enttäuscht
+gesehen, wenn sie auf reichliche Mittel hoffte, um mit dem Geliebten einen
+noblen Haushalt zu eröffnen. Denn ein anderer kam nicht in Betracht bei dem
+beiderseits so hochentwickelten Schönheitssinn.
+
+Der Onkel hatte ihr eröffnet, daß er keineswegs ein bloßer Geldsack sei,
+den man nach Belieben auf- und zuschnüren könne, sondern daß er auch seine
+Liebe und seinen Stolz habe, nämlich das alte Haus und Geschäft, dem er
+freilich leider keinen Erben seines Namens hinterlassen könne, da er das
+Heiraten versäumt habe, das er aber doch, solang er es wenigstens
+verhindern könne, nicht wolle in fremde Hände kommen lassen, und das er
+darum nicht zu verkaufen gesonnen sei. Da aber das beträchtliche Vermögen
+fast ganz darin stecke, so wolle man es vorläufig auch beisammen lassen,
+denn so halte es sich am besten und so weiter.
+
+Und kurz, er habe andere Pläne mit der Nichte.
+
+Das alles besprachen die zwei im heraufziehenden Unwetter freilich nicht so
+genau, wie ich es hier tue, denn sie wußten alles gut genug voneinander, um
+nur das eine und andere Wort darüber verlieren zu müssen, das mich aber
+genugsam über ihre Vorgeschichte belehrte, soweit sie mir nicht schon
+vorher bekannt war. Sie hatten sich auch nicht von der Gesellschaft
+entfernt, die soeben vor dem Wetter ins Haus geflüchtet war, um das Alte zu
+wiederholen, sondern um sich ein letztesmal vor der Hochzeit miteinander
+auszusprechen und sich bewußt zu werden, wie sie es ins Künftige halten
+wollten. Denn sie waren in der Zeit ihrer Trennung und besonders jetzt beim
+Wiedersehen inne geworden, daß sie fester aneinander hingen, als sie gewußt
+hatten. Das drängte den Liebhaber, Eleonore zu beschwören, sie möge jetzt
+noch von mir ablassen, da sie sonst verderben müsse. Er sprach mit großer
+Geringschätzung von mir, als von einem ganz gewöhnlichen Streber,
+Glücksjäger und Emporkömmling und reizte sie, sich vorzustellen, wie es
+sei, wenn sie mich als ihren Herrn und Gemahl ansehen müsse, wobei er sie,
+offenbar einer alten Liebessitte nach, Herrin, Prinzessin und hohe Frau
+nannte, aber mit spöttischer Betonung, um sie aufzustacheln. Ich sah, daß
+er sie glühend liebte und nur darum so gering von mir sprach, um sie noch
+in letzter Stunde von mir abzuwenden, denn dann konnte immer noch die Zeit
+für ihn arbeiten und einen Glücksfall herbeiführen, da das Glück in der
+Hütte nicht in Betracht kam. Oder vielmehr sehe ich es jetzt bei ruhiger
+Betrachtung so an; damals sauste mir das Blut in den Augen und Ohren bei
+meinem Lauschen, das ich doch nicht abkürzen konnte, denn jetzt mußte ja
+der Augenblick kommen, wo Eleonore für mich eintrat. Ich konnte immer noch
+nicht davon ablassen, zu glauben, sie liebe jetzt mich und mich allein, und
+das geschah nicht nur aus Selbstgefühl und aus Not, sondern auch aus dem
+hohen Respekt vor ihrer stolzen Art, die sich nie dazu bequemt hätte, einen
+Mann zu nehmen, den sie nicht liebe, wie ich mir das schon oft vorgesagt
+hatte.
+
+Sie richtete sich auch zornig erglühend auf, als der Doktor mich
+geringschätzig vor ihr herabsetzte; aber es war nur ihr Hochmut, nicht ihre
+Liebe, die er getroffen hatte.
+
+»O still,« sagte sie, »so darfst du nicht reden. Mein Herr wird er niemals,
+das weißt du wohl, und er weiß es auch. Er läßt mich in allem gewähren, was
+ich will und tue, und das ist es, was ich brauche, wenn es nun Liebe nicht
+sein kann. Das heißt gegenseitige, denn er liebt mich aus allen Kräften.«
+
+Der Mediziner pfiff durch die Zähne und sagte spöttisch: »Wir wollen
+einander nichts weis machen, denn wir wissen wohl beide, was er liebt, wenn
+er dich bekommt, wenigstens zuerst und vor allem, er, der sich von deinem
+Onkel dazu anwerben ließ.«
+
+Das mochte dem stolzen Mädchen ein allzu scharfer Hieb sein, denn es griff
+mit der Hand heftig in die grüne Wand, wie um einen Halt zu haben, und war
+mir in diesem Augenblick ganz nahe, räumlich geredet, da sich ja der
+innerliche Abgrund zwischen uns von Minute zu Minute erweiterte.
+
+»So will ich dir denn sagen, wie alles war und ist,« sagte sie mit herbem
+Entschluß, »denn es muß sowieso das letztemal sein, daß wir von diesen
+Dingen reden, da ich nicht zurück kann noch will.« Sie sah jetzt blaß aus
+und atmete tief mit geschlossenen Lippen und ihre feinen Nasenflügel
+bebten. Dann, als sie sich etwas gefaßt hatte, fing sie an, von mir und
+sich zu reden. Das höre ich heute noch wie Drommeten des Gerichts.
+
+Sie habe, sagte sie, damals, als er von ihr gegangen sei, geglaubt, mit ihm
+und ihrer Liebe fertig werden zu können, da das andere, das Bedürfnis nach
+Reichtum, Ansehen und etwas zum Regieren stärker als alles in ihr gewesen
+sei. Das aber habe sie im Hause Hagenau gefunden, denn ihr Onkel, dankbar
+dafür, daß sie wenigstens seinen Wünschen nicht zuwider handle, habe ihr in
+allem freie Hand gelassen. Doch sei dann gleich darauf das Verhängnis
+erschienen, wie sie mich im stillen genannt habe, als sie mich als Bewerber
+um ihre Hand habe ansehen müssen. Ich sei ja freilich nicht mehr der
+tapsige Junge von einst gewesen, über den sie damals beide so viel gelacht
+hätten, sondern habe mich gemausert und zu einem gewandten, tüchtigen
+Geschäftsmann entwickelt, dem es auch an geselligen Tugenden nicht mangle
+bis zu einem gewissen Grad. Sie habe auch bald gesehen, wie der Onkel
+besonders viel Wert darauf lege, daß ich der Gemahl und zugleich (oder
+vielmehr zuvörderst) der Geschäftsinhaber werde. Er habe es ihr nicht so
+gesagt, aber sie habe es selber gewußt, daß seine Vorliebe für mich
+hauptsächlich daher komme, daß ich, arm und ohne Anhang, wenigstens ohne
+solchen, der in Betracht komme, in allem gefügig und abhängig bleiben
+werde, trotz meiner Tüchtigkeit, so daß ich dann so eine Art von
+Prinzregenten darstellen könne, was ihm alles in den Kram gepaßt habe.
+
+Sie habe sich innerlich freilich gekränkt, denn ich habe ihr nicht genügen
+können nach dem Geliebten, obgleich das ja nicht so leicht einer gekonnt
+hätte, sie habe sich aber offen gesagt, daß es nun auch darauf nicht
+ankomme, denn sie wisse ja, was sie wolle.
+
+Trotzdem habe es ihr oft vor dem Tage gegraut, an dem ich kommen und um sie
+anhalten würde, denn Heirat sei immerhin Heirat, auch wenn es ohne
+gegenseitige Liebe abgehe. Man gebe sich einem Manne doch in die Hand, das
+habe sie sich nicht verborgen.
+
+Es sei aber dann ganz anders gekommen.
+
+Sie habe immer wieder aufs neue unter der Trennung von ihm gelitten, und
+zwar je länger je mehr, denn es gehe doch nicht so, wie man meine mit der
+Liebe, die Wurzel sitze tief. Sie habe ihn oft gerufen, wo er auch sei in
+der Welt, und so sei sie auch eines Tages im Weinberg gesessen und habe
+sehnlich an ihn gedacht, den sie doch nicht habe zurückholen können, da es
+ja nachher das gleiche gewesen wäre wie zuvor.
+
+Da sei das Verhängnis erschienen, urplötzlich, und zwar ganz verwandelt
+gegen sonst, nicht mehr der hübsche, freundliche Junge mit dem weichen
+Kindergesicht und den heiteren blauen Augen, sondern ganz glühend und
+bebend vor Leidenschaft, die sie gar nicht hinter mir gesucht hätte. Er
+habe sie mit Liebesworten überschüttet, aber noch viel mehr mit dem
+Gluthauch seines Wesens, und habe augenblickliche Antwort von ihr verlangt,
+ob sie die Seine sein wolle, so daß sie vor unsäglichem Staunen nicht habe
+die Augen abwenden können. Es sei aber dann über sie gekommen, daß er mit
+den heißen Wogen seiner Leidenschaft die Sehnsucht, unter der sie so sehr
+gelitten habe, zugedeckt oder auf eine Weile weggespült habe, und sie habe
+sich mit geschlossenen Augen wie in einen Abgrund gleiten lassen auf der
+Flucht vor ihm, dem Geliebten.
+
+Das habe freilich nicht lang dauern können, denn sie habe ja sogleich
+wieder gespürt, daß sie nichts für mich fühle, was auch nie anders
+geworden sei.
+
+Nur eine gewisse Bewegung habe sie hie und da empfunden, wenn ich sie mit
+so unentwegten Hoffnungsblicken angesehen habe, denn bei mir sei es echt,
+und sie wisse, daß ich leide unter ihrer Kargheit. Dann sei sie gut und
+freundlich mit mir gewesen. Manchmal aber reize es sie auch zu zorniger
+Ungeduld, daß ich mit selbstsicherem Wartenkönnen Liebe von ihr erwarte, so
+als ob ich dächte: Ich bekomme dich ja doch noch. Es wäre vielleicht
+besser, wenn ich sie nicht so sehr liebte, da dann jedes von uns auf seine
+Kosten käme, denn es werde ja nicht, wie ich meine; sie werde mich schon im
+Schach zu halten wissen, soweit sie wolle. Sie richte sich ihr Leben ein,
+wie sie es nötig habe, das sehe er daran, daß sie die große Hochzeit halten
+werde, denn so sei sie einmal, daß sie Luxus und Gesellschaft brauche; sie
+wolle das große Opfer nicht umsonst gebracht haben.
+
+Sie sprach schnell, mit erregtem Atem, wie um alles los zu werden.
+
+Dann wieder habe sie Respekt davor, daß ich so an ihr hange, so ernst und
+ehrlich. Sie denke oft, es wäre gut, wenn wir einmal Mann und Frau wären,
+denn dieser Brautstand sei eine Komödie, und es werde nachher alles besser
+sein.
+
+»Oder wenigstens,« setzte sie zögernd hinzu, »war es so, bis du wieder
+kamest und alles neu aufwecktest. Es wäre wohl alles recht geworden ohne
+das. Ich hatte die besten Vorsätze.«
+
+Er sah sie immerfort an. Sie verwirrte sich unter seinem standhaften Blick.
+
+Es war, als ob er sie zu sich heranzöge. »Und nun?« fragte er. »Nun hast
+du die große Hochzeit eingerichtet und wirst sie halten, nicht?«
+
+»Nun wirst du mir zu mächtig. Ich weiß nicht mehr, was ich kann und soll,
+du wendest alles in mir um. Du hättest nicht mehr kommen sollen. Ich gehe
+umher und verachte mich, weil ich wie eine gemeine Dirne eine Liebschaft
+habe hinter dem Mann, der mir vertraut und ein Ehrenmann ist, ich, Eleonore
+Bitterolf, die einst so stolz war. Ich muß es wieder sein können, ich halte
+das nicht aus. Nein, schüttle nicht den Kopf. Ich habe ihn freilich nicht
+belogen; ich habe nie getan, als ob ich ihn liebte. Und ich habe dir nichts
+gegeben, keinen armen Kuß mehr. Nichts als meine Gedanken, nichts als mein
+Herzklopfen bei Tag und Nacht, und mein Geigenspiel, das ihm nie geklungen
+hat, und --«
+
+»Komm,« sagte er und breitete die Arme aus. »Und dein Herz? Ist es nicht
+so?«
+
+Sie tat einen zögernden Schritt nach ihm hin. Wenn ich mir einmal gewünscht
+hatte, sie erregt zu sehen, von einem starken Gefühl übermannt, so konnte
+ich das nun haben. Sie sah prachtvoll aus, ganz durchglüht von innerem
+Feuer und doch zerrissen, stolz und unterjocht zugleich.
+
+Ich konnte es nicht hindern, daß ich einen stöhnenden Laut ausstieß. Sie
+hörten mich aber nicht. Sie sahen nur einander an. Es fielen jetzt große,
+schwere Tropfen. »Geh'!« hörte ich Eleonore auf einmal sagen. Es klang hart
+und hochmütig. Das Feuer in ihrem Gesicht erlosch. Sie wurde wieder das
+Steinbild, das ich kannte.
+
+»Nein, mein Herz nicht. Ich muß es für mich behalten. Ich hätte dich nicht
+mehr sehen sollen. Geh' jetzt, folge mir nicht ins Haus. Ich will
+wenigstens ich sein, so viel ich auch dafür bezahlen muß. Es wird wohl von
+uns dreien keiner glücklich sein, aber es kommt schließlich auch nicht
+darauf an.«
+
+Sie ging dem Hause zu, langsam. Er folgte ihr nicht. Er ging die schmalen
+Staffeln hinunter, die nach der Stadt führten, im Regen, der nun
+herniederströmte.
+
+ * * * * *
+
+Ich hörte ein Lachen, laut und hart. Wer hatte das ausgestoßen? Ich sah
+mich um. Es war niemand in der Nähe. So mußte ich es wohl selber gewesen
+sein. Es kam noch einmal, aber diesmal war es der Wind. Er lachte, daß es
+dröhnte. Also dies ist nun der Schluß, dachte ich, dies ist nun der Schluß.
+Ich mußte irgendwo hingehen, um mich zusammenzulesen, denn es war mir, als
+sei ich in Fetzen gerissen. Es brauste immer stärker, ich wußte aber nicht,
+ob es in mir sei, oder in der Natur. Es konnte der Sturm sein, ich fragte
+aber nicht darnach. Ich ging, von dem Hause abgewendet, auf dem Bergkamm
+hin. Der Regen fiel jetzt in dichten Güssen hernieder. Die Schwüle war
+vergangen, aber nun war die ganze Welt in nasses Grau eingewickelt, das war
+ganz plötzlich gekommen. Man sah kaum vor sich hin, es war aber gleich, ich
+brauchte nicht mehr zu sehen. Es gab da einen grellen Punkt, einen
+einzigen, und ich mühte mich, ihn ins Auge zu fassen. Aber wenn ich es
+wollte, dann kam das Lachen wieder, vor dem mir graute. Ich blieb stehen
+und versuchte, einen Satz auszusprechen. Er war aber schwer
+zusammenzubringen, ich mußte scharf denken. Endlich hatte ich ihn und sagte
+mit schwerer Zunge: »Also diese Hochzeit kommt nun nicht zustande.« Ich
+sah mich um, ob mir nicht jemand widerspreche. Aber die Bäume standen
+schweigend, der Regen floß an ihren Stämmen herunter und rieselte auf dem
+Boden weiter. Da sagte ich es noch einmal. »Also diese Hochzeit kommt nun
+nicht zustande.« Ich ging mit eiligen Schritten weiter und hörte mich
+einmal sagen: »Ich bitte höflichst, mir den Kaufpreis zurückzuzahlen.« Dann
+dachte ich, ich sei ja wohl verrückt geworden, und verbot mir das Denken,
+es konnte ebensogut später noch geschehen. Es wurde allmählich dunkel. Ich
+fand mich auf einer breiten Fahrstraße, die durch den Wald führte. Der
+Sturm hatte aufgehört, es regnete aber weiter. Es handelte sich für mich
+darum, irgendwohin zu kommen, wo ich sitzen und nachdenken konnte, denn im
+Marschieren ging es nicht, wie ich merkte. Also schritt ich schärfer aus.
+Die Kleider klatschten um mich herum, und in den Stiefeln schwappte es beim
+Gehen vor Nässe. Plötzlich blieb ich stehen und dachte: »Muß ich mir nun
+das Leben nehmen?« Aber auch diese Entscheidung mußte ich verschieben, bis
+ich irgendwo in Ruhe saß. Es wartete irgendwo ein Platz auf mich, da wollte
+ich mit mir reden. Einmal kam ich an einem Hof vorbei. Ein Hund schlug an,
+Licht schien aus den Fenstern unter dem weit vorspringenden Dach, aber ich
+ging schnell weiter, denn im Hellen durfte es nicht sein. Es ging zwischen
+Äckern hindurch, dann wieder durch den Wald, es löste sich eine unbändige
+Kraft in mir; es war mir, als könnte ich die ganze Welt durchwandern bis zu
+dem Platz hin, wo ich mit mir abrechnen mußte. Es wurde schlimm, ich wußte
+es. Es ging etwas Furchtbares hinter mir her. Wie lang ich so gegangen
+war, wußte ich nicht. Es war auf einer Waldblöße. Der Mond kam einen
+Augenblick zwischen zerrissenen Wolken heraus, als wollte er sagen: Da ist
+es. Es stand eine offene Blockhütte da, wie sie die Holzknechte zum
+Unterstand benützen. Da ging ich hinein und legte mich auf die Holzbank,
+die der Wand entlang lief.
+
+Ich weiß nicht, ob es möglich ist, daß ich geschlafen habe mit dem Aufruhr
+in meinem Innern, aber ich fuhr plötzlich empor mit klaren, wachen Sinnen.
+Es schüttelte mich, ich wußte nicht, war es vor Nässe oder Kälte, oder vor
+Entsetzen, vielleicht war es alles zusammen. Das ist nun also das Ende,
+dachte ich noch einmal. Denn es stand alles vor mir, wie ein Bild oder wie
+eine Landschaft, durch die, nachdem sie im Dunkel lag, ein heller Blitz
+hindurchfährt, so daß sie auf einen Augenblick bis in die hintersten Gründe
+erhellt ist. Ich hatte keine Veranlassung, irgend jemanden zu verachten
+oder zu befehden; mein Unglück lag in mir selber und war meine Schuld.
+Eleonore war viel klarer und viel wahrer als ich, der ich mir die ganze
+Zeit mein Wesen und Handeln mit einem bunten Mäntelchen aus Scheingründen,
+guten Vorsätzen und gewollten Tugenden behängt hatte. »Ich habe ihn nicht
+belogen, nie habe ich ihm Liebe geheuchelt,« hatte sie gesagt. Und ich? O
+still, wohin war ich geraten? Es war nicht daran hinauszusehen und nicht
+gut zu machen. Ich konnte nicht zurück und auch nicht vorwärts, und wenn
+mich die Reue anfiel wie ein Geier, so half das doch nichts. Es reichte
+alles weit zurück, weiter als man sagen konnte, und auch das Nachdenken
+half nichts. Es war auch gar nicht nötig, ich wußte alles ohnehin gut
+genug. Heiraten konnte ich jetzt nicht und auch nicht im Hause bleiben. Und
+überall hatte ich mir die Wege verschüttet, zu allen Menschen hin, die
+einst mein gewesen waren, und auch zu mir selbst, wie ich vordem gewesen
+war. Es graute mir vor dem Leben und auch vor dem Tod. Es war nicht so
+einfach, zu sterben, denn man konnte nicht wissen, ob es etwas half. Ich
+hatte da noch nie recht getraut, schon bei andern Menschen nicht, und nun,
+da es mich selbst betraf, war es mir ganz unsicher, ob ich dann wirklich
+tot sein würde, und was etwa nachkäme. Doch lag ein kleiner, ferner Trost
+in dem Gedanken, daß ich das Mittel ja immer noch versuchen könne, wenn es
+gar kein anderes gebe, da ja der Tod eine offene Tür sei, durch die man
+jederzeit eingehen könne.
+
+Es ging schon gegen den Morgen hin. Irgendwo her erscholl ein Hahnenschrei,
+dem ein anderer antwortete. Es regnete sachte weiter, und es war kühl. Ich
+war auf einer Hochebene; es strich ein Wind darüber hin. Als ich aus der
+Hütte trat, hörte ich, wie die nassen Bäume erschauerten und ihre Tropfen
+versprühten. Ich besann mich, wo ich sei und was ich tun wolle, und
+beschloß, dem Hahnenschrei nachzugehen bis in ein Dorf, wo ich dann den Weg
+erfragen könne. Es war alles so entsetzlich wüst und leer in mir; ich hätte
+gern geschlafen, wenn ich nicht gewußt hätte, daß ich dann wieder aufwachen
+müsse, und wenn mich nicht das starke Gefühl der Kälte und Nässe getrieben
+hätte, eine Abhilfe zu suchen. So ging ich denn weiter, aber nicht mehr mit
+der Kraft der Erregung von vorher, sondern mit schweren Füßen, die sich
+widerwillig einer vor den andern setzten. Als es Tag war, fand ich mich in
+einem Dorf, das an einer kleinen Seitenbahn lag. Ich ging in ein Wirtshaus
+und trank Kaffee. Die Wirtin sah mich verwundert an und sagte teilnehmend:
+»Sind Sie krank?« und ich schüttelte den Kopf, dachte aber, ich sei es doch
+und fürchtete nun plötzlich, nicht mehr weiter zu können, da sich ein
+dumpfer Druck über mir auszubreiten begann. Ich mag wohl stundenlang an dem
+Wirtstisch gesessen sein, und die Wirtin begann besorgt zu werden. Sie
+sagte, der Doktor fahre nachher durch, sie wolle ihn hereinrufen, und sie
+wolle meine Kleider trocknen. Aber ich raffte mich auf und ging, und als
+ich an dem kleinen Bahnhof war, sah ich von fernher ein kleines Lichtlein
+durch den überhand nehmenden Nebel meiner Gedanken scheinen: Ich wollte
+heimfahren. Es war mir, als warte der Alkoven noch auf mich, in dem ich als
+Kind geschlafen hatte, unter dem Strohblumenkranz mit dem Bild des Vaters.
+Das war nicht der Fall, aber irgendwie war ich doch daheim dort in der
+Stadt. Die Mutter war nicht mehr da. Aber die Schwestern. Es stach und
+brannte, als ich das dachte, aber das Verlangen war größer als alles. Ich
+saß in der Bahn und dachte das eine Wort: Heimgehen. Dort kam alles Übrige,
+ich mußte nur einmal in meiner Kammer geschlafen haben. Das Klingelbähnchen
+fuhr so langsam, es war mir, als komme ich nicht mehr an. Ich wartete
+wieder auf einem Bahnhöfchen und saß endlich im Zug, der nach meiner
+Vaterstadt fuhr. Wie ich von der Bahn nach Hause gekommen bin, weiß ich
+nicht mehr. Es war schon Licht in der Schreinerwerkstatt. Ein kleines
+Bübchen spielte unter der Tür mit Holzklötzen. Drinnen bei dem Mann sah
+ich Helene stehen, sie hatte das Kleinste auf dem Arm. Ich ging leise durch
+die offene Haustür und machte die Flurtür auf. Eine kleine Schelle
+klingelte atemlos an der Tür; da kam Luise aus der Bügelstube und sah mich.
+Sie machte die Tür hinter sich zu und ergriff mich stumm an der Hand. »Bist
+du da?« sagte sie und umfaßte alles, was an mir war mit einem einzigen
+Blick, ohne nach irgend etwas zu fragen.
+
+ * * * * *
+
+Ich lag in ihrer Stube und in ihrem Bett, das vordem das unserer Mutter
+gewesen war, aber ich wußte es nicht. Ich ging in schweren Träumen durch
+unterirdische Gänge, um jemanden zu suchen, den ich um Lebens und Sterbens
+willen finden mußte. Manchmal war es meine Mutter und manchmal Maidi,
+manchmal auch der Zeitler. Aber wenn ich eins von ihnen von weitem sah, so
+war es doch nur von hinten, und es ging durch eine Tür, die sich in der
+Mauer auftat und wieder hinter ihm schloß. Ich wollte rufen und konnte
+nicht, ich stemmte mich gegen die Tür, um sie zu öffnen, und mußte machtlos
+davon ablassen. Oder sie öffnete sich, und irgend ein anderer Mensch trat
+mir entgegen, der mich aufhielt, indes das Gesuchte schon wieder in halber
+Dunkelheit lautlos verschwand. Einmal war es Rosa, das Dienstmädchen der
+Pfarrerswitwe, bei der Maidi wohnte. Sie grüßte mich mit vertraulichem
+Lächeln und hatte Maidis blaugepunktetes Sommerkleid an, und auch das
+Samtbändchen war wie einst durch die Spitze am Halsausschnitt gezogen.
+»Wissen Sie es nicht?« sagte sie. »Das Fräulein ist lebendig begraben
+worden. Es ist ja aber gleich, es gibt noch andere.« Sie drängte sich an
+mich, und ich spürte ihre volle Brust an meiner und ihre Arme um meinen
+Hals. Ich wollte mich wehren, da ich soeben von weitem Maidi gehen sah mit
+geschlossenen Augen und schlicht herabhängendem Haar, und ich sie zu
+errufen hoffte; aber knöcherne Finger drückten mir die Gurgel zu, so daß
+mir die Luft ausgehen wollte, und ich sah ein Gesicht über mir, das mich
+aus starren Augen schrecklich anblickte, und hörte von weitem Eleonore
+sagen: »Die Tischkarten müssen zuerst geschrieben sein,« was mir klang wie
+ein Todesurteil.
+
+Inmitten der jagenden und sich überstürzenden Bilder und Gedanken, die aus
+einem unerschöpflichen unterirdischen Brunnen zu strömen und sich über mich
+zu ergießen schienen, spürte ich manchmal eine kühle und sanfte Decke, die
+sich über alles breitete und die Bilder auslöschte, so daß eine wohltätige
+Dunkelheit mich umfing und ich sachte und tief hinuntersank in ein
+Nichtwissen, das ich nur wie von ferne als etwas Gutes empfand. Ich mühte
+mich hie und da, die Augen aufzumachen, um die Decke zu sehen, die mir von
+purpurroter Farbe zu sein schien und sich leicht und weich anfühlte, aber
+ich konnte die Lider nicht heben. Doch hörte ich dann halblaut gesprochene
+Worte, die mich seltsam beruhigten, obgleich ich sie nicht verstand, und
+schlief unter ihnen ein, wenn ich so sagen soll, da ich ja nie wach war,
+bis mich neue Traumbilder, die mein kochendes Blut auf dunklen Bahnen
+herzutrug, zu neuen Mühsalen aufschreckten. Dann war es einmal lange
+schwarz und kühl. In einer Nacht schlug ich die Augen auf. Ich glaubte
+soeben unzählige Staffeln aus unendlicher Erdtiefe emporgestiegen und aufs
+höchste ermüdet auf die oberste niedergesunken zu sein, und war nun
+verwundert, mich im Bett zu finden in einer Umgebung, die mir bekannt
+vorkam, die ich mir aber nicht mit mir selbst zusammenreimen konnte. Auf
+dem Tisch an der nächsten Wand stand brennend eine kleine Lampe mit grüner
+Glasglocke, und neben ihr lag ein schlafender Kopf mit schweren Zöpfen, auf
+ausgebreitete Arme hingelagert. Ich hatte die schwierige Aufgabe,
+herauszubringen, wem er gehöre, aber in diesem Augenblick hob er sich und
+sah zu mir herüber. Es war meine Schwester Luise. Sie stand auf und kam zu
+mir her. »Ach, da bist du,« sagte sie mit glückseligem Ausdruck, und auf
+einmal rannen ihr die Tränen stromweis über die Wangen. Davon verstand ich
+nichts. Ich betrachtete sie aufmerksam, bis mir die Augen wieder zufielen
+und ich tief einschlief.
+
+So kehrte ich nun wieder in die Wirklichkeit zurück, die sich nach und nach
+bei mir anmeldete mit Geräuschen und Lichtern des Tages, die ich wahrnahm,
+ohne ganz wach zu sein, bis sich die Nebel, die mein Denken und Fühlen noch
+umgaben, auf einmal lichteten und ich mit jähem Erschrecken meiner selbst
+und der jüngsten Vergangenheit bewußt wurde.
+
+Sie war aber nicht mehr ganz so jung, wie ich meinte, denn ich war
+wochenlang krank gewesen, ohne es zu wissen. Luise erzählte mir, daß ich
+viel gesprochen und auch gegessen und getrunken habe, aber ohne jemals mit
+klarem Blick um mich zu sehen, so daß sie fast noch mehr für meinen
+Verstand als für mein Leben gefürchtet habe und darum so erschüttert
+gewesen sei, als ich zum erstenmal mit sichtlichem Bewußtsein die Augen
+auf sie gerichtet habe. Sie hatte bei mir gewacht und mich gepflegt, und
+die kühle Decke, die meine wirren Träume gebannt und zugedeckt hatte, war
+ihre Hand gewesen, die auf meiner Stirn geruht und mich stets beschwichtigt
+hatte, wie sie mir einmal gestand, fast beschämt über die starke Wirkung,
+die sie auf mich ausübte, da sie ihr selber neu und verwunderlich war. Sie
+fragte mich nichts, sondern brachte Helene herüber, die mit dem kleinen
+Mädchen auf dem Arm erschien und wortlos meine Hände streichelte, bis ich,
+da mir alles nacheinander einfiel, was mich beschweren mußte, mich nach der
+Wand drehte und stöhnte.
+
+Mit dem Wachsein wuchs nun die Angst, wie es um mich stehe, und ich mußte
+nun anfangen, zu reden, obgleich ich lieber wieder ins Unbewußte
+hinübergedämmert wäre. Da fand es sich, daß Luise genug von mir wußte,
+vielleicht mehr als ich selbst, weil ich ohne die Hemmungen der wachen
+Scham fortwährend geredet hatte, zwar oft unzusammenhängend, aber
+verständlich genug, um sehen zu lassen, daß mir der Garten verhagelt und
+ich selber mit verwüstet sei. Das alles hatte sie im Tiefsten erbarmt und
+ihr bei aller Erschütterung und Enttäuschung aber auch ein warmes
+Glücksgefühl gegeben, weil ich mich von meinem Scherbenhaufen weg zu ihr
+geflüchtet und mich, wie ich war, in ihre Hut und Pflege gegeben hatte.
+
+Nun konnte sie mir mit allerlei Berichten entgegenkommen. Ich hatte mich
+nicht zu Bett bringen lassen wollen, eh' ich einen gewissen Brief
+geschrieben hätte, der vor allem sein müsse, hatte aber einen Bogen um den
+andern mit vergeblichen Anfängen bedeckt und war schließlich fiebernd
+darüber eingeschlafen, worauf dann die eigentliche Krankheit, die sich wohl
+schon lange in mir vorbereitet hatte, ausgebrochen war.
+
+Luise, die sogleich sah, daß es sich bei mir um eine große Erschütterung
+handle, schrieb nun an Herrn Kasimir, daß ich krank heimgekommen und ohne
+Bewußtsein sei, was sie mir, da ich ja jetzt der Genesung entgegenging, mit
+einer kleinen Beimischung von Genugtuung erzählte, weil sie
+begreiflicherweise keine Sympathien für Eleonore hatte und nun den
+traurigen Triumph erlebte, mich, wo es galt, am nächsten bei sich zu haben.
+
+Darauf war Herr Kasimir hergereist gekommen, ohne meine Braut, wie Luise
+nicht zu sagen vergaß, war lange an meinem Bett gesessen und hatte mich
+allerlei gefragt, was ich auch beantwortet hatte, alles ohne nachher noch
+davon zu wissen. Herr Kasimir war, was Luise gleichfalls freute, sehr
+bedrückt und bekümmert gewesen; besonders als er aus meinen Reden erfuhr,
+was mich fortgetrieben hatte.
+
+Eleonore hatte ihm in der Bestürzung über mein rätselhaftes Verschwinden
+und über die Nachricht von meiner Erkrankung mitgeteilt, daß sie sich mit
+ihrem früheren Liebhaber getroffen und ausgesprochen habe, daß sie sich
+aber nicht denken könne, auf welche Weise ich das habe erfahren können,
+obgleich sie annehmen müsse, daß es so sei, was er ja nun bestätigt fand,
+ohne zu wissen, wie sehr ich selber gerichtet und in mir zerschlagen sei.
+Im Gegenteil glaubte nun er und auch Eleonore, ich sei in meiner großen
+Liebe zu dem Mädchen so tief verwundet worden, daß ich in Verzweiflung
+geraten sei, was sie mir zugute schrieben als einem tiefen und warmen
+Gemüte, und was sie den Weg, den es genommen hatte, beklagen ließ. Sie
+sahen aber wohl ein, daß aus der Hochzeit nun nichts werden könne, und es
+war bereits die Nachricht eingelaufen, daß Eleonore für längere Zeit
+verreise, um dem Gerede in der Stadt aus dem Wege zu gehen, während Herr
+Kasimir nun aufs neue angebunden sei, bis sich für ihn eine Lösung finde.
+Er habe, sagte Luise mit Stolz, gejammert, daß er mich nun wohl auch
+verlieren müsse, wobei ihr die Augen darüber aufgegangen seien, daß meine
+Berufung in das Haus Hagenau, über die sie sich so gefreut hatte, einem
+doppelten Zweck gedient habe.
+
+»Man hat dich,« sagte sie, »eingefangen für die stolze Jungfer, und du bist
+ahnungslos ins Garn gegangen, weil du ein guter und harmloser Mensch bist;
+jetzt, wo nichts aus der Heirat werden kann, fällt auch die Notwendigkeit,
+dich im Geschäft zu haben, dahin. Du wirst aber, wenn du doch so tüchtig
+bist, schon etwas anderes finden.«
+
+Ich hörte das alles an, ohne etwas darauf zu sagen, es senkte sich aber
+immer schwerer und tiefer eine abgründige Traurigkeit auf mich herab, die
+noch dadurch vermehrt wurde, daß Luise es vermied, mir auch nur den
+kleinsten Vorhalt über meine Handlungsweise gegen sie zu machen, oder die
+Rede auf Maidi zu bringen, sondern nur mit großer Zartheit und Güte um mich
+war und alles sagte, was mich beruhigen und trösten konnte ihrer Meinung
+nach. Vielleicht hielt sie mich für sehr schwach und schonungsbedürftig
+oder auch für genug gestraft, wo ich etwa tadelhaft gehandelt habe. Sie
+hatte, wie ich wohl merkte, eine wenig gute Meinung von Eleonore, mit der
+sie sich nach und nach hervorwagte, so lang ich nicht widersprach, und war
+geneigt, sie für herzlos, kalt und falsch, und mich für umgarnt und
+betrogen zu halten, was ich endlich nicht mehr aushielt. Es war an einem
+späten Abend. Luise hatte mich für die Nacht besorgt und wollte sich
+zurückziehen, da es nicht mehr nötig war, bei mir zu wachen, als ich ihre
+Hand ergriff und sagte: »Ich bin selber an allem schuld; es trifft keinen
+Menschen ein Vorwurf, als mich,« was auszusprechen mich aber einen solchen
+Kampf und Krampf kostete, daß ich das bißchen Kraft, das mir noch blieb,
+zusammenraffen mußte, um nicht fassungslos hinauszuweinen.
+
+Ich kehrte mich nach der Wand und verbarg mein Gesicht. Luise aber stellte
+die Lampe, die sie schon in der Hand hatte, auf den Tisch und setzte sich
+auf meinem Bettrand, um still zu warten, bis sich die hohen Wellen in mir
+gelegt hätten oder wenigstens mich ihres Dabeiseins zu versichern.
+
+Es wurde mir aber, nachdem ich jetzt angefangen hatte, nicht mehr so
+schwer, ja, es schien mir eine Erlösung, mir vom Herzen herunterzureden,
+was da angesammelt war. Ich schonte mich nicht und beschönigte auch nichts
+von allem, was mein blindes und selbstsüchtiges Wesen an mir selbst und
+andern angerichtet hatte, und mein lang beschwichtigtes und unterdrücktes
+Herz kam wieder einmal zu Worte, ohne daß ich ihm das Reden verbot, was ihm
+zu gleicher Zeit wohl und weh tat. Das will ich nun nicht mehr alles
+heraufholen. So wenig ich wollte, daß ich diese Stunde nicht erlebt hätte,
+so wenig könnte ich noch einmal ausbreiten, was mir unter Schauern und
+Schrecken als mein Ich gezeigt worden war wie im Spiegel. Es waren oft
+genug Boten des lebendigen Lebens an meinem Weg gestanden, und es hatte
+mich auch etwas zu ihnen gezogen, aber ich war dennoch dem Äußerlichen und
+Niedrigen in mir nachgegangen, dem ich noch wackere und tüchtige Namen
+gegeben hatte, um es vor mir aufzuputzen. Die falsche Richtung der Wünsche
+und Begierden hatte ich schon lange eingeschlagen, und was ich diesen
+Sommer getan hatte, das war alles nur als reife Frucht vom Baum gefallen.
+Dabei konnte ich nicht sagen: »Da und da hat es angefangen und von da an
+mußt du bereuen,« sondern es war eines aus dem andern gekommen wie aus
+einer Wurzel in aller heimtückischen Ehrbarkeit und Strebsamkeit. Ich hatte
+Maidi verlassen und Eleonore belogen und die Schwestern verleugnet und in
+allem noch recht gehabt wie ein Tugendmensch und braver Bürger, weil ich ja
+doch kein Wort gebrochen und keinen falschen Eid geschworen hatte. Es war
+nicht auf den Grund zu kommen mit dem trüben Wasser, und ich schwieg
+endlich, mutlos und erschöpft, aber mit einem Frageblick in Luisens gutes
+und aufrichtiges Gesicht hinein, ob sie vielleicht weiter wisse.
+
+Sie sah schon lange, daß es da mit Beschwichtigen und Rechtgeben nicht
+gemacht sei; sie nickte, solang ich sprach, hie und da nachdrücklich und
+ernsthaft mit dem Kopf, als ob sie danebenher ihre eigene Gedankenfäden
+spinne. Das war auch so, wie ich gleich sah.
+
+»Ach, lieber Ludwig,« sagte sie, »da muß ich jetzt auch anfangen mit
+Bekennen und Bereuen, wenn ich so sagen soll. Ich habe mir schon viel
+Gedanken und Herzbrechen gemacht deinetwegen, mit Helene und auch allein.
+Vielleicht sind wir an dem, was du da sagst, alle miteinander schuldig. Du
+bist uns von klein auf gewesen wie ein goldener Becher, in den wir alle
+hineingesehen haben mit Stolz und Hoffnung und auch mit Liebe. Aber die
+Liebe hat es vielleicht nicht recht gemacht bei uns. Wir haben dir alles zu
+leicht gemacht und alles entgegengetragen, nach was es dich verlangt hat.
+Wenn wir gedacht haben, daß du es weit bringen sollest auf der Welt, so
+haben wir nicht an deine Seele gedacht, sondern an Ehre und Fortkommen und
+gutes Bestehen vor den Menschen. Und auch an uns haben wir gedacht, daß
+einer aus unserem Haus hervorgehe, der mehr sei und höher stehe als wir,
+und es ist ein Ehrgeiz in uns gewesen, dich dahin zu bringen. Das andere
+freilich, das hat sich für uns von selber verstanden, daß wir an dir Teil
+haben und du zu uns gehörst, und daß du ein Mensch werdest, an dem man
+seine Freude haben könne. Die Mutter hat sich oft gesorgt um dich und
+gekümmert, ob alles recht werde. Da haben wir deine Partei genommen und
+gesagt, es sei ein Unrecht, daran zu zweifeln. Man müsse dir nur immer
+zeigen mit der Tat, daß du einem wichtig seiest und wert, so kommest du nie
+von uns los. Dann, wie wir dich allein gehabt haben, ist es auf und ab
+gegangen, das weißt du ja. Ich mache dir keinen Vorwurf, lieber Ludwig, du
+machst ihn dir ja selber. Das erbarmt mich und erfreut mich auch, wenn ich
+ehrlich sein soll, denn ich hätte es nicht tun können, ich habe es nie
+gelernt, dir so etwas zu sagen. Sieh, es haben dich immer alle Leute gern
+gehabt, wo du auch hingekommen bist, weil du so die Anlagen gehabt hast,
+daß du heiter und gesellig und auch gescheit gewesen bist. Das ist dir
+alles ganz natürlich gewesen, als ob es so sein müßte. Ich sehe alles, wie
+es gekommen ist, eins aus dem andern. Es ist wie bei kleinen Kindern: man
+muß ihnen hartes Brot zu beißen geben, daß sie feste und gesunde Zähne
+bekommen. Es ist nichts, wenn man es einem Menschen zu gut macht, er muß es
+mit der Not zu tun haben und mit Mühe und Sorge, damit er sieht, was es für
+eine ernste Sache ist um das Leben. Sonst geht ihm alles obenhin, und er
+meint, es sei sein Recht, daß es so fortgehe.«
+
+Ich hatte Luise noch nie so viel auf einmal reden hören, da sie sonst eher
+still war als gesprächig, und ich merkte, daß es ihr eine Wohltat und eine
+Vereinigung mit mir bedeutete, sich einmal über all das auszusprechen.
+
+Sie löschte die Lampe, die anfing zu rauchen und zu spucken und fuhr beim
+Scheine des kleinen Nachtlichts, das sie mir angezündet hatte, fort:
+
+»Als dann Maidi zu uns kam in der Zeit, da du eine so erwünschte
+Lebensstellung gefunden hattest und ein gemachter Mann zu sein schienest,
+da waren wir voller Freude. Es deuchte uns ein besonderer Segen auf dir zu
+liegen, der dich durch alle Gefahren und Versuchungen hindurch dennoch zu
+einem guten Ziele führe, und wir sagten zueinander, es sei gewiß die
+Mutter, die von drüben herüber über dir wache, obgleich Helene dann
+hinzufügte, du habest ja jetzt den besten, sichtbaren Schutzengel um dich
+und brauchest keinen andern mehr. Denn wir meinten nicht anders, als es sei
+zwischen euch ein Einverständnis, was allerdings nur davon herkam, daß uns
+das liebe Mädchen gar so gut gefiel und daß wir ihm anmerkten, es sorge
+sich um dich und sehne sich nach deinen Nachrichten.«
+
+Als Luise das erzählte, konnte ich nicht verhindern, daß mir ein tiefer
+Seufzer entstieg, und sie meinte aufhören und mich der Nachtruhe überlassen
+zu müssen, sah aber dann selber ein, daß ich, überwach und erregt, doch
+nicht schlafen könne, ehe wir unser Gespräch zu Ende geführt hätten, und
+sagte: »In der unglücklichen Zeit, die dich und uns so viele Schmerzen
+gekostet hat, träumte mir einmal, daß die Mutter vor dem alten Häuschen am
+Graben auf dem Bänklein sitze und zu mir sagte: >Es wird ihm nichts
+geschenkt, er muß alles teuer zahlen. Man hätte ihn sollen als klein härter
+halten, denn es kommt jetzt doch alles auf ihn heraus.< Da wußte ich, daß
+etwas Schweres auf dich wartet, und als du krank und elend heimkamst, war
+ich nur froh, daß ich dich da habe, denn es war mir, als sei das Ärgste
+schon vorbei, und es komme nun wieder besser. Und du wirst sehen, es kommt
+auch.«
+
+Dabei sah sie mir mit einem Anflug von Hoffnungsfreude und fast Schelmerei
+in die Augen, und ich wußte, daß sie nun denke, es könne vielleicht, da ich
+nun frei sei, wieder ein Weg von mir zu Maidi hin gefunden werden, was ihr
+nicht nur ein Glück an sich, sondern auch ein Beweis gewesen wäre, daß nun
+das züchtigende Schicksal seinen Grimm über mir erschöpft hätte und mich
+fortan durch Güte auf freundlichen Pfaden zum vollen Leben hin zu führen
+gedenke. So ließ sie mich, obgleich erregt und aufgewühlt, doch nicht ohne
+ein kleines Flämmchen zurück, das, wie das winzige Nachtlicht an die
+dunklen Wände meiner Schlafkammer, blasse und sich tröstlich vermehrende
+Lichtringe in die Nacht meines Innern warf. Das hatte schon sehnlich darauf
+gewartet, daß es noch einmal hoffen dürfe, und fing begierig an, wenn auch
+noch zaghaft und scheu, sich der Entfernten, in der Zeit der Untreue am
+meisten Geliebten zu nähern.
+
+Ich war noch fiebrig und schwach und zu nichts fähig, als vor mich hin zu
+träumen, meistens mit geschlossenen Augen. Manchmal überfielen mich dabei
+die dunklen Geister der Vergangenheit. Es reute mich die Zeit, die mir
+verloren gegangen war, die Umwege, die ich gemacht hatte. Mein Stolz bäumte
+sich auf, wenn ich daran dachte, wie Eleonore und der Doktor über mich
+gesprochen hatten. Olbrich fiel mir ein, und Hertha, und der Zeitler. Ich
+war überall unten durch; sie hatten alle recht, wenn sie auf mich
+heruntersahen, und ich wünschte, nie mehr aufzustehen. Aber öfter und öfter
+gewann meine genesende Seele die Macht, sich vor dem Dunkeln zu flüchten.
+Ich konnte noch nicht an Maidi schreiben, und es war mir, als könne ich es
+überhaupt nicht, als müsse ich zu ihr gehen und ihr alles sagen, und sie
+würde mich nicht von sich weisen, denn sie liebte mich, wie ich war. Ich
+ließ mir von Luise erzählen, was sie von mir gesagt hatte, als sie
+dagewesen war. Luise sagte lächelnd: »Sie meinte, du seiest dir selber
+gefährlich und eigentlich gar kein Kraftmensch, aber sie machte ein so
+liebes Gesicht dazu, als ob ihr gerade das das liebste an dir sei. Das kann
+auch sein, denn ich glaube, sie hat das Sichere und Bestimmte, das dir
+manchmal fehlt, und das will sich gern mit dir vermischen. Überhaupt ist
+sie ein Mensch, der lieben kann und sich nicht besinnt, welche
+Eigenschaften ihr Geliebter haben soll; sondern sie liebt, weil sie liebt,
+und aus keinem andern Grunde.«
+
+»Hat sie dir denn das gesagt?« fragte ich verwundert.
+
+»Nein,« sagte Luise, »so etwas brauchen wir Frauen einander nicht zu sagen,
+das merken wir auch so.«
+
+Dieses Gespräch war mehr als Arznei für mich. Ich fühlte neuen Saft in mir
+aufsteigen und sah den Baum meines Lebens wieder Knospen treiben. Draußen
+ging der Oktober zu Ende mit sonnigen, warmen Tagen, hinter denen der
+Winter kommen mußte, ich aber rief mir den Frühling herauf, der gewesen
+war, und schöpfte aus ihm die Hoffnung auf einen neuen.
+
+Ich dachte daran, wie Maidi von ihrer Mutter geredet hatte und von ihrer
+harrenden Liebe, die durch nichts ertötet werden konnte, und wie die
+Tochter sich einer gleichen fähig gefühlt hatte. Freilich hatte ich damals
+gedacht, Maidi würde nie solche Schmerzen erleiden, denn etwas so
+Köstliches wie sie würde niemand verlassen, der es besitzen könne, und nun
+war ich selber es gewesen, der an ihr gesündigt hatte. Aber darum konnte
+ich doch zu ihr zurückkehren, denn sie war treu, daran konnte ich nicht
+zweifeln. Alles andere aber mußte sich finden und fand sich auch, wenn ich
+nur wieder mit ihr einig war.
+
+Manchmal kam mir der unsinnige Gedanke, sie könne auf einmal zur Tür
+hereinkommen und an meinem Lager stehen. Ich schloß die Augen und sah sie
+vor mir, und mein Herz klopfte ihr entgegen und gab ihr tausend liebe
+Namen. So gingen einige Tage vorbei, in denen ich kräftiger wurde und nach
+dem Aufstehen verlangte, denn es eilte mir auf einmal mit dem Gesundwerden.
+Luise war jetzt wieder viel in ihrer Bügelstube, und eines Tages fiel es
+mir auf, daß sie blaß und übernächtig aussehe und rotgeränderte Augen habe.
+Ich schalt mich, daß ich nicht mehr an sie gedacht hatte, die mich mit so
+großer Treue gepflegt und mir zurechtgeholfen hatte, denn ich dachte, sie
+sei übermüdet vom Nachtwachen, aber als ich sie darauf anredete, lächelte
+sie traurig und sagte, ich solle mich nicht um sie kümmern, sondern nur
+trachten, gesund zu werden, daß ich dem Leben wieder gewachsen sei, denn
+das verlange viele Kräfte, mehr als man ahne. Das fiel mir auf, da sie
+sonst so zuversichtlich und wacker dastand, und ich dachte, sie mache sich
+Sorgen um mich und mein Fortkommen, mehr als sie zeigen wolle, und nahm mir
+vor, sie so recht an allem Guten, das ich doch noch zu erreichen hoffte,
+teilhaben zu lassen, so daß sie wieder freudig aufatmen könne. In diesen
+Tagen kam Helene viel mit den Kindern zu mir, die ich ja noch gar nicht
+kannte, und die man mir seither, um mich zu schonen, ferngehalten hatte.
+Das kleine Mädchen auf ihrem Arm, das Maria hieß, sah mich ernst und
+aufmerksam an, bis auf einmal ein Lächeln das ganze runde Gesichtchen
+überzog und es wie in Sonnenschein tauchte, während das Bübchen sich zuerst
+in die Rockfalten der Mutter verkroch und mich aus ihnen heraus musterte,
+und dann mit Geschrei fortgebracht zu werden begehrte, weil ich ihm in
+meiner Blässe und Hilflosigkeit unheimlich war. Wir befreundeten uns aber
+doch nach und nach, und bald kam der Kleine, der meinen Namen trug, auch
+allein zu mir. Ich setzte ihn auf meine Bettdecke und sagte ihm Liedchen
+vor, die mir aus meiner Kindheit her wieder einfielen, von denen er aber
+einige schon kannte und mich berichtigte, daß ich sie nicht recht wisse,
+die Mutter habe sie ihm anders gesagt, und so müssen sie heißen. Es war ein
+frühgewecktes und gelehriges Kind mit dunklem Lockenbusch und blauen Augen.
+Man sagte mir, er sei eine zweite Auflage von mir, wie ich in seinem Alter
+gewesen sei, und ich dachte daran, daß mich mein Vater, der Erzählung nach,
+auch so vor sich auf der Bettdecke sitzen gehabt und mich Liedchen gelehrt
+habe. Es drängte mich eine warme und dunkle Lust, ein eigenes Kind aus
+meinem Blute zu umfassen, und reiche Quellen, die neu aufsprangen, strömten
+von mir zu Maidi hin, deren Namen ich im Geheimen den kleinen Ludwig sagen
+lehrte.
+
+Ich versuchte das Aufstehen und saß zum erstenmal in einem Korbstuhl am
+Fenster, als Lotte Meister mich besuchte. Ich dachte, ich müsse mich wohl
+sehr verändert haben, da sie mich ernst und bewegt ansah und eine meiner
+zart gewordenen Krankenhände behutsam zwischen ihre beiden festen und
+gesunden nahm. »Du mußt jetzt ein fester und starker Mann werden,« sagte
+sie; »wir warten alle darauf.« Es schien, als wolle sie mir noch etwas
+mitteilen, was ihr aber nicht über die Lippen wollte, und als ich sie
+fragte, ob sie etwas Besonderes habe, sagte sie hastig, sie komme morgen
+wieder, und kürzte ihren Besuch ab. Sie trug ein schwarzes Kleid und schien
+zu einer Beerdigung zu gehen, und es läuteten auch gleich nachher die
+Glocken einer entfernten Kirche zusammen, dumpf und schwer. Im Hause war es
+still; nur von der Werkstatt herüber hörte ich das Kreisen und Schwirren
+der Bandsäge, das mit scharfem Ton die Luft zerriß. Die Glocken dröhnten;
+es lag ein Nebel über der Gasse, der zusehends dichter wurde; mir war
+schwer und angst zumute. Ich versuchte im Zimmer auf und ab zu gehen, um
+meine Kraft zu üben, denn ich mußte machen, daß ich bald auf die Reise kam,
+um Maidi zu finden. Sie mußte mich lossprechen und mit mir eins sein, sonst
+konnte ich nicht neu anfangen zu leben.
+
+Als nach einiger Zeit Luise zu mir kam, sagte ich erregt, ich müsse mit ihr
+reden, ich könne es nicht mehr verschieben. Ich hätte die ganze Zeit
+darüber geschwiegen, aber nun halte ich es nicht mehr aus, ich müsse Maidi
+wieder gewinnen. Wenn sie wirklich zu lieben verstehe, so müsse sie auch
+über alles hinüberkommen, was uns getrennt habe. Ich dachte nicht daran,
+daß wir uns ja noch gar nie ausgesprochen hatten, noch nie in Wirklichkeit
+geeint gewesen waren; es war mir, als hätten unsere Seelen schon lange im
+innigsten Verein gelebt und wären nur für eine kurze und dunkle Zeit
+auseinandergerissen gewesen durch meine Schuld. Ich sah betroffen, daß sich
+Luise über den Tisch warf und, den Kopf auf die Arme gelegt, lautlos
+schluchzte, so daß ihre Schultern zuckten vor heftigem Weinen. In meiner
+starken Erregung faßte ich es so auf, als halte sie es für unmöglich, daß
+Maidi mir verzeihen könne, oder als wisse sie mit Sicherheit das Gegenteil.
+Ich rührte sie an der Schulter und sagte: »So gib doch Antwort,« worauf sie
+den Kopf hob und, mich mit großen Augen schmerzlich ansehend, tonlos sagte:
+»Es hilft nichts mehr. Maidi ist nicht mehr am Leben. Sie ist vor einer
+Stunde begraben worden, hier in ihrem Familiengrab!«
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich an jene Stunde und an die Tage denke, die darauf folgten, so
+wundert es mich, daß sie vorbeigingen und daß ich sie überstehen konnte. Es
+rinnen ja Zeit und Stunde auch durch den rauhsten Tag, aber wer, mit
+schwerer Last beladen, jede Minute schmerzvoll auskostet, dem ist ein Tag
+eine Ewigkeit, und er sieht ihn herniedersinken in den Schoß der Nacht, als
+ob das Gestern unaussprechlich lange her wäre, und als ob es zu viel
+verlangt wäre, daß er auch noch das Morgen tragen solle.
+
+Dennoch fassen sich auch in solcher Zeit die Stunden an den Händen, nicht
+zu leichtbeschwingtem Tanze, sondern zu langsam schleichendem Gange, der
+aber auch sein Ziel erreicht, wie die träge dahinrollende Welle eines
+Stromes, der in der Niederung angelangt ist.
+
+Die Meinigen hatten befürchtet, daß ich aufs neue erkranken würde, wenn ich
+die Nachricht von Maidis Tod vernähme, die sie aus der Zeitung schon einige
+Tage zuvor erfahren und mir noch vorenthalten hatten, bis ich mehr
+gekräftigt sein würde. Sie hatte mit ihrem Bruder eine größere Wanderung
+gemacht, nachdem sie die Schlußprüfung an der Schule hinter sich hatte, und
+war beim Baden in dem herbstlich durchsonnten, aber doch eiskalten Wasser
+eines Gebirgssees vom Herzschlag getroffen worden und lautlos
+untergesunken. Der Bruder, der näher am Ufer war als sie, sah sie, die weit
+hinausgeschwommen war, plötzlich verschwinden, schwamm mit starken Stößen
+auf die Stelle zu, wo das Wasser noch weite, unruhige Kreise zog, und
+konnte mit Hilfe eines Schiffmanns, der am Ufer an seinem Nachen bastelte,
+den geliebten Leichnam bergen, was alles, mit vielen Zutaten versehen und
+ausgeschmückt, in der Stadt, wo die Geschwister noch viele Freunde und
+Bekannte hatten, erzählt wurde und von Mund zu Mund ging.
+
+Der beraubte Bruder hatte dann die Schwester in das Familiengrab zu dem
+silberglänzenden Großvater gebettet, dessen Liebling sie gewesen war, und
+mit dem man sie so oft hatte durch die Straßen gehen sehen, aufrecht, mit
+freier und freudiger Haltung und mit erwartungsvoll schreitendem Gange, wie
+sich jedermann, der sie gekannt hatte, wohl erinnerte.
+
+Ich wurde nicht kränker, so wohl es mir getan hätte, aufs neue ins
+Nichtwissen und noch besser Nichtfühlen unterzusinken. Meine gesunde
+Lebenskraft hatte für jetzt einmal den Kampf mit der Krankheit bestanden,
+die ihr ohnehin fremd genug gewesen war. Sie ließ sich jetzt nicht mehr in
+ihrer Erneuerung aufhalten, so schwer und gramvoll es auch dem Bewohner des
+jungen und frisch sich aufbauenden Leibes zumute war. Sondern alles, was
+sich auf mich stürzte: Gram, Sehnsucht, Liebe und Reue und das Heer von
+fragenden und vergeblich suchenden Gedanken zwang und trieb mich, aus der
+Enge des stillen Krankenstübchens hinauszukommen, wo die Wände mich zu
+erdrücken drohten, um im Freien und in der Bewegung meiner selbst und der
+erbarmungslosen Wirklichkeit Herr zu werden.
+
+Es gab Tage, wo sich alles in mir dagegen auflehnte, daß es mir so
+furchtbar ergehen und ich, als ich dem holden Glück eine Weile den Rücken
+gewandt hatte, um eines Irrtums oder eines falschen Triebes willen, seiner
+nun auf immer verlustig gehen sollte. Ich zürnte mit Gott, den ich nun auf
+einmal anzureden und vorzufordern begann, nachdem ich sonst wenig genug
+Verkehr mit ihm gepflegt hatte. Wie ein Kind, das sich allzuhart bestraft
+vorkommt um eines Vergehens willen, das ihm eben der herben Züchtigung
+wegen klein zu werden beginnt, trotzte ich und bäumte mich auf, denn es war
+mir, als sei Maidi einzig von mir hinweggestorben, eben jetzt, als ich den
+Rückweg zu ihr suchte. Ich hätte durch alle Welt hinstürmen und sie zwingen
+wollen, mich noch einmal anzuhören. Aber sie war nirgends mehr aufzufinden,
+und wenn ich auch Flügel der Morgenröte genommen hätte. Einzig jenseits des
+Todestores wäre sie vielleicht gewandelt, und ich hätte ihr begegnen
+können, wenn ich auch da hindurchgegangen wäre. Aber es graute mir vor dem
+Gedanken, mit dem ich doch eine Zeitlang gespielt hatte, denn ich dachte
+der angstvollen Träume in den Fiebertagen, wo sie fremd und lautlos vor mir
+hergegangen und mir immer entschwunden war, wenn ich sie hatte fassen
+wollen. Wer bürgte mir, daß sie auch jetzt sich nicht von mir abwandte oder
+mich aus toten, leeren Augen fremd ansah, wenn ich sie traf? Stumm, ohne
+ein Wort oder ein Zeichen, daß sie meiner noch gedenke, war sie aus der
+Welt gegangen, und wenn ich auch in die kalte und furchtbare Einsamkeit
+hineinrief, die mich, selbst wenn ich mitten unter den Menschen war,
+umfing: »Maidi, wo bist du? Gib mir ein Zeichen, nur einmal, daß wir uns
+berühren und du noch zu mir gehörst,« so kam doch nicht der leiseste Laut,
+nicht der fernste Traum zu mir. Ich blieb in der Schuld gegen sie und im
+Unrecht. Ich mußte weiterleben und mich selber tragen; niemand entsühnte,
+niemand entlastete mich, und die Wirklichkeit sah mich aus unerbittlichen
+Augen streng und grausam an.
+
+Bei dem allem war ich begierig zu hören, was sich die Leute, die mehr
+wußten als ich, von Maidis Tod erzählten. Es kam nicht viel Neues hinzu,
+aber es war mir jedes Wort kostbar, das von ihr noch in der Luft umging.
+Luise, die durch ihr Bügelgeschäft mit allerlei Menschen zusammenkam,
+heimste es für mich ein und gab es mir weiter, obgleich ihr weiches und
+liebreiches Herz sah, wie ich dabei litt, und lieber geschwiegen hätte.
+
+Zum Beispiel sollte der Bruder gesagt haben, das Studieren sei Maidi nicht
+gut bekommen; sie sei über ihre Jahre und ganz gegen ihre Natur ernst und
+still geworden. Sie habe auf jener Wanderung ein paarmal von ihrem Herzen
+gesprochen, das nicht mehr so leicht und fröhlich schlage wie einst und
+habe dann aber hinzugefügt, es mache nichts, denn ein leichtes Leben sei
+ein leeres Leben, nach dem es sie nicht verlange. Der Bruder habe den
+Eindruck gehabt, als sei ihr etwas Schweres widerfahren, und habe sie
+gefragt, ob ihr jemand ein Leid zugefügt hätte, da habe sie mit lieblichem
+und traurigem Lächeln gesagt: »Liebes und Leides; es ist aber noch nicht zu
+Ende. Es geht mir wie der Mutter, ich muß warten.«
+
+Dabei habe sie so fest und geradeaus wie in eine Ferne gesehen, aus der das
+Erwartete herkommen solle, daß der Bruder gedacht habe, sie könne
+herbeizwingen, was sie wolle, nur durch unentwegtes Warten.
+
+Es sei ein sonniger Tag gewesen am letzten Oktober. Die Geschwister seien
+an dem Gebirgssee angekommen, der wie ein großes, klares Auge oder wie eine
+Opferschale voll geweihten Wassers still und glänzend in der Sonne lag, und
+Maidi habe sogleich gesagt, hier wolle sie schwimmen, und zwar bis ans
+jenseitige Ufer, an dem der Erzählung der Leute nach eine Wiese voll
+blühender Herbstenziane liege. Der Bruder habe anfangs keine rechte Lust
+bezeugt und sei am Ufer geblieben, indes Maidi, wohlig auf dem Rücken
+liegend, von dem durchsonnten Wasser sich habe tragen lassen, bis sie auf
+einmal gesagt habe: »Jetzt schwimme ich hinüber, komm doch nach,« und
+angefangen habe, sich rasch von ihm zu entfernen. Da habe es ihn auch
+darnach verlangt, und er habe die Kleider abgeworfen, sei aber noch nicht
+weit gewesen, als sie plötzlich gesunken sei und also von ihm weg an einem
+Ufer gelandet, wohin er ihr nicht habe folgen können.
+
+Sie habe dann im Sarg einen vollen Kranz der dunkelblauen späten Blüten im
+Haar gehabt, unter denen sie feierlich und geheimnisvoll aussehend mit
+geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Munde gelegen sei, so daß man sie
+nur hätte fragen mögen, welches Wissen ihr noch im letzten Augenblick, eh'
+ihr Herz stillstand, gekommen sei.
+
+Alle diese Dinge mußte ich wie einer, den sie nichts angingen, von fremden
+Leuten erfahren, die heute davon und morgen von etwas anderem redeten,
+indes ich sie ins Herz sammelte, um davon zu zehren, wenn ich verschmachten
+wollte.
+
+Ich suchte, so bald ich irgend konnte, das Grab auf, das mir aber kein
+liebes Gefühl der Nähe der Geliebten gab, sondern nur eine strenge und
+starre Bestätigung davon, daß sie sich verborgen habe vor mir und aller
+Welt. Sie, die sich nicht hatte ersättigen können an allen Höhen und Weiten
+und die ihre Arme dem Licht entgegengebreitet hatte, daß es sie ganz
+umfange, hatte nun ein so enges und schmales Bett und Erde auf ihrem lieben
+Gesicht. Sie wanderte nie mehr mit mir durch die rauschenden Wälder,
+sondern lag still an den alten, königlichen Herrn angeschmiegt, der ihres
+Blutes und ihrer Art war, was mich in aller Betrübnis noch mit einer Art
+von Eifersucht erfüllte, so lächerlich das im Grunde war.
+
+Als ich durch die Stadt zurückging, kam ich zufällig an dem alten
+Patrizierhaus vorbei, das Maidis Heimat gewesen war, und sah einen Wagen
+vor demselben stehen, auf den allerlei Hausrat, Kisten, Teppichrollen und
+dergleichen aufgeladen wurde. Wie fremd und verwundert vor der taghellen
+und nüchternen Umgebung stand eine große, uralte geschnitzte Truhe aus
+schwerem Eichenholz zwischen dem andern Geräte, die ich sogleich als die
+von Maidi auf jener Wanderung mit Olbrich geschilderte erkannte, und die
+also ihr kleines Erbe enthielt, das irgendwohin wanderte, Gott mochte
+wissen, wo. Ein Mann brachte unter jedem Arm ein Gemälde in Goldrahmen
+hergeschleppt. Sie wurden auf dem Wagen in grüne Tücher eingeschlagen, und
+ich sah, eh' sie verschwanden, leuchtende, sonnige Landschaften unter
+blauem Frühlingshimmel. Eine Flut glänzte auf, Blütenbäume schimmerten,
+dann lagen die lichten und freudigen Gebilde wieder auf ihrem Angesicht,
+wie sie es lange in der dunkeln Kammer hatten tun müssen. Vorüber,
+vorüber, dachte ich. Es war ein Leuchten in meinem Leben, aber es ist
+ausgelöscht.
+
+ * * * * *
+
+Eines Tages ging ich in schweren Gedanken am Ufer des breiten und mächtigen
+Flusses hin, der an meiner Vaterstadt vorbeiströmt. Er war voll vom vielen
+Regen der letzten Tage, und seine Wellen eilten rauschend und unaufhaltsam
+in ihrem Bette dahin. Die Ufer lagen im Nebel, der die Bäume auf der andern
+Seite einhüllte, so daß ihre Stämme und Kronen aus dichten Schleiern
+sonderbar fremd und schweigend herübersahen. Stumm und schattenhaft flog
+ein Schwarm von Krähen über mir hin, in den Nebel hinein; kaum daß man ihre
+Flügel rauschen hörte. Eine alte, zerklüftete Weide hängte nackte Zweige in
+das Wasser, das sie hob und senkte im raschen Vorübereilen. Ich war allein
+und fremd, denn ich fand den Weg nicht mehr ins Leben zurück. Hier hatte
+ich in glücklichen Kindertagen Kiesel auf dem Wasser tanzen lassen, hatte
+den Schiffern, die ihre Flöße stromabwärts steuerten, zugerufen und mit
+fröhlichen Kameraden Weidengerten geschnitten. Es war noch der Fluß meiner
+Kindheit, der einst blau und plätschernd geflossen war, der mich als
+kräftigen Schwimmer auf dem Rücken getragen und an kiesige, durchsonnte
+Ufer lachend ausgesetzt hatte. Jetzt strömte er mit schweren Wellen eilig
+und gleichgültig an mir vorüber, als ob er mich nicht mehr kenne, und seine
+Ufer lagen im Nebel, wie mein Leben. Ich dachte, ob es nicht besser wäre,
+wenn ich mich in das trübe Wasser gleiten ließe und von ihm unaufhaltsam
+fortgetragen würde, da dann alles auslösche, was drückend auf mir liege,
+und ich mit. Da tauchte aus dem Nebel ein Pfahl auf, an dem eine
+Bildertafel befestigt war, die ich aus meinen Kindertagen her wohl kannte.
+Sie stellte in ungeschickter Malerei, die auch schon ziemlich verblaßt und
+verwaschen war, eben dieses Ufer dar, von einem Hochwasser des Flusses
+überschwemmt. In hohen Wellen und weißem Gischt war ein versinkendes
+Fuhrwerk zu sehen, dessen Lenker samt den Gäulen noch halben Leibes aus der
+Flut herausragte, ihr aber nicht mehr zu widerstehen vermochte. Wir hatten
+als Buben unser Vergnügen an der Schilderei gehabt, da in einer
+mangelhaften Schreibweise mit vielen orthographischen Fehlern den
+Vorübergehenden empfohlen wurde, für die Seele des Ertrunkenen, der ein
+Müller gewesen war, zu beten, und der Maler gleich zur Unterstützung seiner
+Ermahnung einige weiß gekleidete Müllerskinder in engen Kamisölchen und mit
+andächtig aufgehobenen Händen auf dem Bilde angebracht hatte. Sie hatten,
+da es lauter Buben waren, sonderbar starrende weiße Zipfelmützen auf und
+sahen nicht viel anders aus als aufrecht stehende Kaninchen mit gespitzten
+Ohren, was alles zusammen uns vielen Spaß machte. Heute las ich zum
+erstenmal mit leidvoller Aufmerksamkeit den Text, da ich auch am Ertrinken
+war, wie der Müller, wenngleich durch andere Fluten. Es hieß:
+
+ »Glück und Unglück, beide trag' in Ruh',
+ Alles geht vorüber, und auch du.
+
+Hier ist mit Roß und Wagen in den Grund gefahren und vertrunken der Müller
+Daniel Jungbluth, dessen Seele Gott gnädig sein wolle. Wanderer, der du
+vorüber gehst, versäume nicht, fürzubitten, denn du weißest nicht, ob auch
+du der Frommen Gebete brauchest, wenn du von hinnen gefahren bist.«
+
+Da weiß ich nun nicht zu erklären, woher mir auf einmal beim Lesen etwas
+wie gelinder Trost durch die Seele floß, als ob mich eine sanfte Hand leise
+berühre und den grauen Wolkenvorhang meines Innern lüfte. Alles geht
+vorüber, und auch du, sprach es in mir, und was mir vorher schrecklich und
+trostlos gewesen war, nämlich das Vergehen, barg auf einmal Trost und
+Hoffnung in sich, da nicht nur das Liebe und Schöne verging, sondern auch
+das Schwere und Traurige. Ich mußte es tragen. Aber nicht für immer, es
+hatte alles ein Ende und ein Ziel, und auch ich hatte es, ohne daß ich es
+mir vorzeitig setzte. Irgendwann strömten alle Wasser ins Meer, die klaren
+und die trüben, und vereinigten sich am Herzen der Mutter, nach der sie in
+Sehnsucht hingewallt waren.
+
+Wie es aber geht, wenn die Nebel anfangen, sich zu heben und ein Stück Fluß
+und Tal ums andere im lieben Lichte liegt, so folgte dem Lichtblick ein
+anderer, da mir auch Maidis Tod nicht mehr als eine Flucht vor mir
+erschien, sondern als die Erfüllung ihres eigenen Schicksals. Auch sie war
+vorübergegangen in all ihrer Lieblichkeit. Sie hatte das Leben zu erfassen
+gemeint, dem ihr Herz zärtlich und sehnlich entgegenklopfte und war in
+ihrer goldenen Jugend an das jenseitige Ufer hingerufen worden, um
+vielleicht dort neue Aufträge entgegenzunehmen, ein anderes Leben zu
+führen, zu dem ich keinen Zutritt hatte. Ich mußte es aufgeben, sie
+ängstlich und leidenschaftlich zu suchen und ihr nachzurufen, und hatte
+nichts zu tun, als mein Leben zu leben und daraus zu machen, was irgend
+möglich war. Das zu denken und mir vorzusetzen, schuf mir eine freie,
+einsame Kühle, in der die tobenden Schmerzen, aber auch die Selbstvorwürfe
+und die mutlose Schwäche vergehen mußten und aus der heraus es einen Weg
+gab, zur einfachen Pflicht zurückzukehren, in der so viele Menschen leben
+mußten ohne hohes Glück und überschwengliches Hoffen.
+
+Doch erreichte ich diese Lebensmöglichkeit freilich nicht auf einmal und
+nicht ohne viel Übung im Fahrenlassenkönnen, im Stillen und Geschweigen der
+begehrlichen Sinne, im Wegblicken von der Vergangenheit, der lieben und der
+schlimmen, und nicht ohne williges Eingehen auf einen neuen Weg, der sich
+vor mir auftat, ohne daß ich ihn gesucht hatte.
+
+ * * * * *
+
+Ich hatte einige Male gesehen, daß Luise mitten am Werktag ausging, was sie
+für gewöhnlich nicht tat, in gutem, sorgfältigem Anzug und mit Handschuhen
+versehen und mit einer gewissen feierlichen Wichtigkeit. Da sie mir aber
+nicht von selber sagte, was es bedeutete, fragte ich auch nicht, obgleich
+mir ihr Gesicht und Wesen beim Heimkommen irgend etwas ausdrückte, als ob
+die Gänge mit mir zusammenhingen. Das war auch der Fall, wie ich bald
+erfuhr.
+
+Mitten in der Stadt lag in einer schmalen Straße des Geschäftsviertels ein
+Buchladen, dem seit vielen Jahren ein Männchen vorstand, das ich schon seit
+Knabengedenken als alt und engbrüstig in Erinnerung hatte. Man sah es
+häufig, wenn die Sonne über die hohen Dächer stieg, vor der Tür stehen und
+sich händereibend an dem bescheidenen Strählchen wärmen, das die Straße
+erreichte, dann sein Schaufenster betrachten und hüstelnd wie ein rechter
+Asthmatiker wieder in den Laden zurückkehren. Diesen hatte ich in meiner
+Schülerzeit nie besonders angesehen, da im Schaufenster allerlei altes,
+verstaubtes Zeug lag, das mich nicht im mindesten interessierte. Es war ein
+Antiquariat, das der Alte neben dem Wichtigsten an neuer Literatur, das er
+auch führte, mit Liebe und Sorgfalt betrieb. Gott mochte wissen, wo er in
+seiner Gebrechlichkeit die seltenen Exemplare, die alten Ausgaben rar
+gewordener Werke, geschmückt mit Kupferstichen oder ausgezeichnet durch
+wertvolle Handschriften, auftrieb, die er den Kennern hüstelnd und
+händereibend vorzeigte. Man sagte von ihm, er sei arm geblieben, weil er
+sein Herz so an die Schätze gehängt habe, die er in den staubigen Regalen
+seines Ladens angehäuft habe, daß es ihn jedesmal einen Kampf und schweren
+Abschied koste, wenn er etwas davon verkaufen solle, so daß die Kunden, die
+ihn näher kannten, alle Listen anzuwenden genötigt seien, um überhaupt das
+Beste und Seltenste gezeigt zu bekommen, wovon die ergötzlichsten
+Geschichten im Umlauf waren. Dieses Männchen nun war allmählich so
+asthmatisch geworden, daß es seiner Sache nicht mehr vorstehen konnte, und
+mußte sich zu dem bittern Geschäft des Verkaufens oder Verpachtens
+entschließen, welch letzteres ihm das Leichtere schien, da es seiner
+Meinung nach immerhin sein konnte, daß ihm eine Kur, die es anzuwenden
+gedachte, noch einmal freien Atem und Leichtfüßigkeit verschaffte, und es
+dann von neuem anfangen konnte, zwischen den Büchern herumzustöbern. So
+wenigstens hatte Luise gehört und hatte den Büchermann aufgesucht, weil
+sie erfahren wollte, ob da vielleicht etwas für mich herausspringe. Der
+Alte, der mißtrauisch und zurückhaltend war, hatte an der treuherzigen
+Einfachheit und aber auch ehrenhaften und klugen Biederkeit meiner
+Schwester Wohlgefallen gefunden und sie hatte ihm, so viel er es hatte
+leiden mögen, von mir erzählt. Darauf hatte er, wie ich später erfuhr,
+schmunzelnd gesagt: »So, so, also er ist auf die Nase gefallen zu guter
+Zeit noch? Das tut ihm nichts, das tut ihm gar nichts, im Gegenteil, wen
+die Götter lieben, den lassen sie beizeiten einen Knacks bekommen,« wobei
+er so lachen mußte, daß ihm der Atem knapp wurde und er blaurot im Gesicht
+wurde. Das alles erschreckte Luise so sehr, besonders auch die heidnische
+Göttermehrheit, die er als schicksalswaltend anführte, daß sie schon
+anfing, zu bereuen, sich in mein Geschick gemengt zu haben, als der Alte
+sich erholte und ernst werdend sagte: »Man kann es natürlich auch anders
+ausdrücken, +item+, es ist nicht immer gut, wenn einem alles glatt
+hinausgeht.« Darauf fing er an, sich mit ihr auf das Geschäftliche
+einzulassen, wegen dessen sie allein zu ihm gekommen war; denn sie hatte
+wissen wollen, ob die Ersparnisse, die sie in den letzten Jahren gemacht
+hatte, wohl hinreichend wären, mich in das Geschäft hineinzusetzen, falls
+ich Lust dazu hätte.
+
+Das wäre nun nicht der Fall gewesen, wenn der Alte nicht eine besondere
+Freude an Luise gehabt und ein Vertrauen zu ihr gefaßt hätte, so daß er die
+Bedingungen leicht und möglich machte.
+
+Das alles erfuhr ich erst viel später; es wäre mir sonst noch schwerer
+gefallen, als es ohnehin geschah, auf den Plan, den sie mir zögernd und
+halb verlegen eines Abends unterbreitete, einzugehen. Ich hatte mir jetzt
+vorgenommen, meine Zukunft und alles, was ich noch erreichen wollte, nur
+von meiner Arbeit und streng zusammengerafften Kraft abhängig zu machen und
+sollte nun ein neues Opfer von Luise annehmen und wieder gewissermaßen
+etwas Zufälliges über mich entscheiden lassen. Doch sah ich, mit welcher
+Begierde Luise auf meine Entscheidung wartete und wie lieb und wertvoll es
+ihr war, mich in ihrer Nähe zu behalten, und dachte, da doch sonst nirgends
+auf Erden ein Mensch nach meiner Gegenwart verlange, so könne ich wohl hier
+bleiben, und es kam auch gleich etwas wie ein Heimatsgefühl über mich, als
+ich in Gedanken so weit war. Auch verstand ich mich mit dem alten
+Buchhändler besser, als ich für möglich gehalten hätte, da ich mich nun
+selber mit ihm ins Benehmen setzte. Er war ein gründlich gebildeter Mensch,
+der aber nach irgendwelchen schweren Schicksalen und nachdem ihm die
+nächsten Menschen gestorben waren, sich in sich selbst und seine Bücherwelt
+zurückgezogen und äußerlich etwas Ungepflegtes, Uhuartiges bekommen hatte.
+Wenn man aber die dicke Staubschicht, die auf ihm saß, hinwegblies, um ihn
+jetzt mit einem seiner alten Folianten zu vergleichen, so kam allerlei
+Lesenswertes zum Vorschein, schnörkelig und grillig zwar, und in einer
+seltsamen Sprache, aber nicht ohne einen trockenen Humor und nicht ohne
+Geist, was mancher seiner Kunden wohl wußte, der gern ein längeres Gespräch
+mit ihm führte außer dem Geschäftlichen, und der auch in Letzterem sich
+gern von ihm beraten ließ, so belesen er selber sein mochte. Kurzum, ich
+sah, daß es nicht das Erbe eines alten Trödelmannes zu übernehmen galt,
+sondern eher die sorglich gefüllte Schatzkammer eines Sammlers, der mit
+leuchtenden Augen unter verwilderten Brauen hervor seine Lieblinge
+betrachtete und sie am liebsten alle mitgenommen hätte. Ich gewann
+Interesse dafür und vergaß zum erstenmal wieder etwas von meinen eigenen
+Kümmernissen im Durchstöbern der Bücherreihen, die sich in einem langen,
+schmalen Gemach hinter dem kleinen Laden hinzogen, und die ich an ein paar
+Abenden mit dem Alten nach Ladenschluß betrachtete. So ein Einsiedler und
+Sonderling wirst du nun auch nach und nach werden, dachte ich freilich
+dabei, aber es machte mir im Augenblick keine Beschwerden, denn es fiel mir
+leichter, mich hier zu bergen in die Abgeschlossenheit des kleinen Ladens,
+als irgendwo draußen auf der Welt, die mich gar nicht lockte, wieder neue
+Fahrten zu tun und mit vielen Leuten meines Alters zusammen zu sein. Auch
+machte sich, als wir wirklich übereingekommen waren, daß ich das Geschäft
+auf eigene Rechnung führen solle und der alte Uhu mit scheuem Flügelschlag
+hinausgeflattert war, doch bald geltend, daß ich etwas gelernt hatte und
+jung war, so daß ich in manchen Zweig des Betriebs einen frischen Zug
+brachte, ohne dabei das Eigenartige zu verlieren, das der Alte gepflegt
+hatte.
+
+Ich lebte zurückgezogen, ohne Gesellschaft zu suchen, denn es war alles
+noch zu frisch, was ich erlebt hatte, und es ging mir zu viel nach, als daß
+ich hätte unter Menschen gehen mögen. Ich hoffte, meine Schwester Luise
+werde zu mir ziehen und mir das Hauswesen führen, so daß wir dann
+beieinander eine Heimat gehabt hätten. Aber sie wollte nicht. »Komm zu
+mir, so viel du willst,« sagte sie, »je öfter je lieber, und ich will auch
+nach dir sehen, so viel es dir recht ist, doch soll jedes in seinem
+Eigentum und Lebenskreise bleiben, so daß es frei und natürlich leben kann,
+wie es ihm paßt.« Ich merkte wohl, daß sie dachte, sie würde mir ein
+Hindernis sein, falls ich mich einmal zu verheiraten gedächte, oder ich
+würde, behaglich bei ihr eingesponnen, die Lust dazu verlieren, und stritt
+nicht mit ihr, obgleich ich zu wissen meinte, daß der Gedanke an Liebe und
+Heirat hinter mir liege für alle Zeit. Sie brachte aber viele Abende bei
+mir in der kleinen Wohnstube hinter dem Laden zu, die sie behaglich für
+mich eingerichtet hatte und in der sie immer wieder einen kleinen Schmuck
+oder eine neue Bequemlichkeit anbrachte, und hatte den dienstbaren Geist,
+der mir das Hauswesen in Ordnung hielt, gut im Zug, so daß mir nichts
+abging im Äußeren. Wenn sie sah, daß ich trübsinnig war und mich quälte, so
+lockte sie mich, daß ich Helene aufsuchte und mich an ihren Kindern
+erfreute, und hatte immer neue hübsche und liebliche Züge von ihnen zu
+erzählen. Manchmal kam auch Lotte Meister mit ihr, und wir saßen behaglich
+zusammen und plauderten, oder wir machten an schönen Abenden noch einen
+Gang und kehrten irgendwo ein, wo es uns gefiel. Da lernte ich nun im
+häufigen und anspruchslosen Verkehr mit den beiden eigentlich zum erstenmal
+recht die gesunde Kraft ihres klugen, einfachen Wesens kennen, den
+unverbildeten Verstand, die Schlagfertigkeit ihrer Rede, mit der sie so
+recht den Nagel auf den Kopf zu treffen wußten, und den Mutterwitz, der
+sich nach und nach herauswagte, als sich mein trübseliger Ernst erhellte.
+Lotte Meister war die Lebhaftere von beiden; sie wußte mich aus aller
+Schweigsamkeit herauszulocken und immer neue Dinge aufs Tapet zu bringen,
+über die ich Bescheid geben, mich verantworten, die ich erklären oder
+verteidigen sollte. Dabei stellte sie ihre Unwissenheit in allen Sachen,
+die man durch Lesen oder Studieren erwirbt, gar nicht in Abrede, zeigte
+aber keinerlei Verlegenheit darüber, sondern eher eine Art von fröhlicher
+Unbekümmerlichkeit. Sie war sich darin und in allem Wesentlichen gleich
+geblieben, wie sie von jeher gewesen war. Es war aber nicht so weit her mit
+ihrem Nichtwissen, sondern sie kannte sich besser aus auf der Welt als
+mancher, der die Nase kaum aus den Büchern erheben mag; nur ließ sie sich
+die Sachen gern mündlich vortragen gleich einem Regenten, der sich von
+seinem Kanzler oder Minister Vortrag halten läßt, um das Wichtigste nahe
+beisammen zu haben, und übte auch, kaum daß sie aufmerksam zugehört hatte,
+ihre Kritik daran, an der gut zu merken war, wie hell es in ihrem Kopfe
+zuging. Meine Schwester Luise sah und hörte mit innigem Vergnügen zu, wenn
+wir uns zuweilen stritten und einander sogar freundschaftliche Grobheiten
+an den Kopf warfen; denn es war ihr alles ein Zeichen meiner
+Wiederherstellung und meines Heimischwerdens in dem neuen Leben, an dem sie
+sich durch ihren Eingriff in mein Schicksal mitverantwortlich fühlte. Sie
+war auch froh, schon um Helenens willen, daß ich mich mit dem Schwager gut
+vertrug, soweit das bei unseren verschiedenen Naturen möglich war. Er war
+ja ein tüchtiger Arbeiter, der sich und die Seinen vorwärts brachte, und
+auch ein sorglicher Familienvater, aber eng begrenzt im Denken, und ich
+traute auch immer noch nicht, ob nicht die Sparsamkeit seine Haupttugend
+sei, auf die er sich am meisten zugute tue. Doch hatte ich keinen Grund,
+mit höheren Tugenden zu prahlen, und war überhaupt mehr gewillt als früher,
+die Menschen zu nehmen wie sie waren, da man ja bei mir auch so manches in
+den Kauf genommen hatte. Daß die Schwestern glücklich waren über die gute
+Neuordnung der Dinge, und daß Lotte Meister, die ich immer noch in einem
+leisen Verdacht gehabt hatte, als sehe sie ein bißchen auf mich herunter,
+sich von mir belehren ließ und mich ersichtlich zu respektieren anfing, tat
+meinem Herzen wohl; es wäre aber auf die Dauer doch nicht genug gewesen. Es
+gab sich aber nach und nach von selbst, daß ich auch wieder anderen Umgang
+gewann.
+
+ * * * * *
+
+Mein Vorgänger hatte mir unter vielen gleichgültigen, die es wie überall
+gab, einen Stamm von Kunden hinterlassen, die das Bücherkaufen mit Liebe
+und mit feiner Witterung für das Bleibende und Wertvolle betrieben. Manche
+unter ihnen hatten nur schmale Geldbeutel, aber sie hatten eine durstige
+Liebe zum Schönen und Geistigen und hatten Verständnis für das Echte. Sie
+ließen sich alles zeigen und hätten am liebsten das Feinste und Beste
+gekauft, wenn sie gekonnt hätten. An solchen Kunden war nicht viel
+verdient, und doch gewann ich mehr von ihnen als Geld, denn es spannen sich
+durch den einen oder andern von ihnen wieder neue Fäden herüber und hinüber
+zwischen mir und der Menschheit. Darüber könnte ich manches sagen. Was ich
+früher in unreifem Lebensverlangen gewünscht hatte, nahen Verkehr mit den
+Besten und ein Dazugehören mit Fug und Recht, das wurde mir jetzt, als ich
+es nicht mehr von den Bäumen zu schütteln begehrte, nach und nach ganz von
+selbst zuteil. Ich trat aus meinem engen Lebenskreise, in den ich mich wie
+in ein Schneckenhaus verkrochen hatte, wieder mehr heraus, nicht um zu
+sehen, was es etwa für mich selbst zu erobern gebe, sondern um mich
+irgendwie ans Ganze und Lebendige anzuschließen, das draußen vorbeiflutete,
+und ohne das ich so wenig wie ein anderer Mann auf die Dauer bestehen
+konnte. Da fand sich's nun, daß ich bisher mich selber viel zu wichtig
+genommen hatte, da es in der öffentlichen Gemeinschaft so viele Dinge gab,
+für die zu denken und zu sorgen und um die sich zu ereifern es der Mühe
+viel mehr wert war und über die man sich selbst zurückstellen, ja vergessen
+konnte. Wenigstens schien es mir damals so. Es wird aber beides seine Zeit
+und seinen Wechsel brauchen, das Eigene und das Allgemeine, und ein Aus-
+und Einatmen sein, und das eine kann nicht ohne das andere bestehen. Wenn
+die Welle im Meer hin und her geworfen worden ist, so kehrt sie doch wieder
+in die stille Bucht am Ufer zurück, wo grüne Baumwipfel sich flüsternd über
+sie hinneigen und wo Heimat zu sein scheint; aber dann zieht das große und
+allgemeine Strömen sie wieder hinaus in rastloser Bewegung. Was mich
+betrifft, so hatte ich mich für einmal genug mit mir selbst herumgeschlagen
+und begehrte nichts, als mitzuerleben, was es Allgemeines gab, was freilich
+wieder zu meiner eigenen Beruhigung und meinem Nutzen diente und so den
+Kreislauf bestätigte, in den wir alle eingeschaltet sind.
+
+Denn je mehr ich am öffentlichen Leben teilnahm und es mir wichtig sein
+ließ, je näher traten mir auch diejenigen unter den Menschen, die etwa
+ähnlich dachten und fühlten wie ich, so daß ich Freunde und
+Gesinnungsgenossen und auch ein geachtetes Ansehen gewann und ich wohl
+sagen kann, ich habe gefunden, als ich nicht mehr gesucht habe, und
+freilich auch zu einer Zeit, in der ich es nicht so stark begehrte.
+
+Es ging mir aber auch noch mit etwas anderem so, das wieder mich allein
+anging. Als ich nämlich aufgehört hatte, der liebsten Seele durch
+unendliche Räume nachzujagen und ich sie ganz und für immer hergegeben
+hatte, fand sich's, daß Maidi mir näher und unverlierbarer schien, als
+zuvor. Ich sah sie nicht mehr, und sie konnte mich nicht mehr lossprechen,
+nicht neben mir hergehen auf allen Wegen, aber ich konnte so leben, wie es
+ihrer lauteren, aufs wesentliche gerichteten Art gefallen hätte und mich
+mit ihr einiger finden als manchesmal, wo ihre hellen Augen erstaunt und
+vielleicht traurig auf mir gelegen waren. Es fielen mir viele Dinge ein,
+die wir einst miteinander erlebt und gesprochen hatten; sie lagen mir jetzt
+klarer am Tage als damals, wo mich die Lust, zu scheinen und mich
+hervorzutun, oberflächlich und unaufmerksam gemacht hatte. Und ich wurde
+durch die Sehnsucht meines beraubten Herzens in die Welt des Innerlichen
+und Unvergänglichen hineingeführt, nicht um Maidis, sondern um meiner
+selbst willen, doch war sie auch darin, unverloren, liebend und geliebt.
+Sie hatte sich gewünscht, ohne Schuld und ohne die Schmerzen der Reue
+hinzugehen; das war ihr zuteil geworden, mir nicht. Ich war von anderem
+Stoffe, und das Leben brauchte andere Mittel, um etwas aus mir zu machen,
+und braucht sie noch. Denn ich kann ja, wie man zu sagen pflegt, nicht aus
+meiner Haut heraus und habe mit den Mängeln meiner Natur immer Krieg zu
+führen. Doch habe ich sie wenigstens erkannt und gehe ihnen zu Leibe, wo es
+sein kann. Oft habe ich den alten Adam, wie die Theologen das nennen, was
+uns Anererbtes im Blute liegt, am Kragen, bald er mich, und wir raufen uns
+miteinander herum. Ich habe aber einmal, als ich die Taschen eines alten
+Rockes aussuchte, eh' ich ihn verschenkte, einen kleinen, gänzlich
+zerknitterten Zettel gefunden, dessen blasse Schriftzüge dennoch wohl noch
+zu lesen waren, und der mir jetzt wie ein neubelebtes Vermächtnis einer
+längst Gestorbenen erschien, nachdem ich ihn einst nur in einer flüchtigen
+Abschiedsstimmung mit leiser Ahnung des Inhalts gelesen und vom Nähtisch
+der Brigitte Hagenau an mich genommen hatte. Er hieß: »-- -- doch nahm ich
+zu allem, was mir begegnete, diese eine Stellung ein. Es sei Liebes oder
+Leides gewesen, so sagte ich ihm: >Ich lasse dich nicht, du segnest mich
+denn.< Und so habe ich schließlich, wenn auch mit verrenkter Hüfte, den
+Sieg behalten und bin nun dennoch -- --«
+
+Ich las die Worte an dem kleinen Fenster der Kammer, in der mein
+Kleiderschrank stand, solang noch der Ausläufer, dem ich den Rock schenken
+wollte, draußen auf mich wartete, und es war mir, als ob ich sie nun wohl
+auch nachsprechen dürfe, wie man bei einem Dichter oder Weisen unversehens
+in Form gefaßt findet, was unbewußt und doch lebendig in einem lag und nun
+auf einmal ist, als habe man es selber gesagt.
+
+Denn es dünkte mich, als ob auch ich zu meinem Schicksal, in mir selbst
+und außer mir, sage, indem ich mit ihm kämpfe und ihm das Beste
+abzugewinnen versuche: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn,« wie es
+einst das verwachsene und dennoch hochragende Frauenbild, das den Zettel
+schrieb, zu dem seinen gesagt hatte, und vor ihm viele bis zu dem Erzvater
+hin, der an der Furt Jabok mit dem Gotte seines Lebens rang. Es sollte
+nichts umsonst gewesen sein, und nicht hinter mir in nichts zerfließen, was
+einst mein Leben erschüttert hatte. Schmerzen, die ich erlitten und die ich
+andern zugefügt, Torheiten, die ich begangen und die sich schwer bestraft
+hatten, standen wohl hin und wieder auf und fielen mich an, aber ich
+wollte, daß sie zu Kräften würden in mir, die mir zu einer neuen und
+lebendigeren Einheit hülfen. Das hatten sie auch schon begonnen. Aber was
+hieß es denn bei mir, wenn ich auch sagte: »Und bin nun dennoch ...?« Was
+war ich denn nun dennoch oder wenigstens, was wollte ich dennoch sein?
+
+Da meldete sich ein Stimmlein, zaghaft und trotzig in einem, das in hellem
+Silberton aus der wohlverschlossenen Kammer meines Herzens hervorrief, es
+wisse wohl, was damit gemeint sei. Nämlich ich wolle noch was Rechtes mit
+mir anfangen, die getrübten und verschütteten Brunnen meines Daseins wieder
+in klaren Fluß bringen und kein Einsiedler oder säuerlicher Junggesell
+werden.
+
+Sondern weil es noch an der Zeit sei, wolle ich trachten, hereinzuholen,
+was möglich sei, und mich nicht mutlos ausschließen vom vollen Leben, denn
+ich spüre ja selber den aufsteigenden Saft in mir, wie in einem
+zurückgeschnittenen Baum, der wieder ans Ausschlagen denke.
+
+Da ging dann freilich der Krieg in mir von neuem an, denn die grauen
+Geister der Niedergeschlagenheit waren stets bereit, den freudigen Kräften
+den Mund zu verbieten, die mich wieder bergan führen wollten. Sie stellten
+sich fromm und tugendhaft und wollten mir weismachen, daß es für mich nicht
+so gemeint sei, da ich bereits genug auf dem Kerbholz habe. Es sei besser,
+schweigend und aber freundlich und ergeben beiseite zu stehen, meinen Beruf
+auszuüben, woran sich mancher rechte Mensch genügen lasse, und, der
+Vergangenheit gedenkend, von der Zukunft nichts für mich zu verlangen. Das
+trotzige Engelsbübchen aber, das zuerst gesprochen hatte, erhob einen
+großen Lärm, strampelte mit Händen und Füßen und rief, rittlings auf der
+Herzkammertür sitzend: »Nichts da, sondern es wird aus allen Kräften
+gelebt, damit es dann, wenn einmal gestorben sein muß, etwas Rechtes
+aufzugeben, niederzulegen und zu hinterlassen gibt.« Das kam mir auf einmal
+frömmer vor als die graue Weisheit, und weil es mir auch sonst wohlgefiel,
+so fing ich an, auf das helle Stimmlein zu hören, das mir täglich Neues zu
+sagen wußte und noch weiß, und das seinen Willen durchzusetzen strebt.
+
+Es kam ihm freilich allerlei zu Hilfe, was ich nicht verschweigen will.
+Eines Tages stand unter der Tür meines Ladens, den ich auszuräumen soeben
+beschäftigt war, um seinen Inhalt in einem größeren und besseren Lokal
+unterzubringen, Herr Kasimir Hagenau, den ich seit meiner Flucht nicht mehr
+gesehen hatte. Er begrüßte mich mit einiger Verlegenheit, die sich aber
+bald verlor, als er mich, wie er sah, in guten Umständen und einer nicht
+unfreudigen Sicherheit des Auftretens fand, und sagte aufatmend, es gehe
+ihm schon lange nach, daß wir uns so ganz fremd geworden seien. Er habe
+immer noch eine Vorliebe für mich behalten, und es sei ihm leid genug
+gewesen, daß es damals so gegangen sei. Indessen müsse man es nehmen, wie
+es komme. Er redete ein wenig um den heißen Brei herum, wie man sagt, da er
+nicht wußte, ob er bei mir die vergangenen Dinge kecklich berühren dürfe,
+und noch in der Meinung lebte, ich sei, in großer Liebe zu seiner Nichte
+stehend, grausam enttäuscht und geschlagen gewesen, was ja auch, freilich
+in einer andern Richtung, der Fall war. Da er nun sah, daß ich
+unverheiratet war, mußte er meinen, ich habe noch an der unverwundenen
+Liebe zu Eleonore zu tragen, und war froh, als ich möglichst gleichgültig
+sagte, er solle sich nicht kümmern, es sei für mich ganz gut ausgefallen.
+(Denn meine eigensten Kümmernisse rieb ich ihm nicht unter die Nase.)
+
+Ich erzählte ihm, um doch irgendwie zu zeigen, daß ich auch ohne das Haus
+Hagenau fortbestehe, von einer großen Bücherauktion im Hause eines
+bekannten Gelehrten und Sammlers, aus der ich seltene und fast verschollene
+Werke in Menge erstanden habe, um die sich nun wiederum die Liebhaber
+stritten, und ließ ihn überhaupt merken, daß ich bei den Guten und
+Verständigen etwas gelte und ein Geschäft wohl zu führen wisse, auch wenn
+es Ansprüche an nicht ganz gewöhnliche Tüchtigkeit mache.
+
+Dabei hatte nun mein alter Adam wieder einmal sein Vergnügen, das ich ihm
+aber diesmal nicht untersagte, weil mir immerhin das Herz etwas unruhig
+klopfte in Erinnerung an die schlechte Figur, die ich zum Schlusse im Hause
+Hagenau gemacht hatte und ich eine kleine Aufmunterung mir schon gönnen
+mochte. Der alte Herr taute ganz auf, als er mich so wohlbestallt vorfand,
+und erzählte nun auch von seinen heimischen Verhältnissen. Er hatte sich
+jetzt doch entschlossen, das alte Vätererbe zu verkaufen, da ihm sein so
+wohlausgedachter Plan zwischen den Fingern zerronnen war, und erlebte nun
+die langersehnten Freiheits- und Reisejahre mit immerhin noch einigem
+Jugendmut, wie ich an der Beschreibung der und jener Genüsse merkte, die er
+sich unterwegs gönnte. Die Nichte, auf die er nun doch auch zu sprechen
+kam, hatte vor einem halben Jahr ihren Doktor geheiratet, der sich umgetan
+habe, selber etwas Rechtes zu leisten, und aber freilich dennoch nichts
+dagegen hatte, daß ihm die Frau einen ordentlichen Batzen zubrachte, wie
+Herr Kasimir pfiffig lächelnd sagte, durchblicken lassend, daß er als Onkel
+das Seinige getan habe, da die Leutchen es nicht so einfach gewöhnt seien,
+was ich ja gut genug wußte. Ich war froh genug, daß die Rechnung, an der
+ich doch immerhin auch beteiligt gewesen war, noch so glatt aufgegangen
+war, und nahm den Dämpfer, den mir der alte Herr ganz naiv und gedankenlos
+aufsetzte, mit in den Kauf. Er machte nämlich, ohne es besonders
+auszusprechen, gar kein Hehl daraus, daß er mich nur als einen Faktor in
+eben dieser Rechnung zum zweitenmal in sein Haus gerufen habe, und daß, als
+sie nicht stimmte, auch ferner mein Dabeisein nicht mehr in Betracht
+gekommen sei. Es stach und reizte mich noch eine Weile, als er wieder
+gegangen war, denn ich mußte mir schwere Gedanken darüber machen, was mich
+der Versuch gekostet habe. Aber ich war doch schon so weit genesen, daß
+ich den Brigittenspruch, den ich als meinen eigenen Wahlspruch ansehen
+gelernt hatte, auch jetzt anzuwenden die Kraft hatte, und so eine der
+vielen Gelegenheiten, aufs neue in Trübsinn zu verfallen, vorübergehen
+ließ. Vielmehr lösten sich in mir die alten Reste der Beklemmung, die ich
+in Ansehung des Hauses Hagenau noch herumgetragen hatte, wie alte
+Schneereste, die immer noch an schattigen Plätzen liegen geblieben sind,
+wenn es ringsum längst grünt, und die nun endlich auch von linden
+Frühjahrslüften aufgetrunken werden.
+
+Bald darauf tat mir meine Schwester Luise den Schmerz an, daß sie sich
+hinlegte und starb. Sie war mir in der Zeit meines Tiefstandes und meines
+sachten Aufstiegs so sehr zur Freundin und zur Genossin meiner Gedanken,
+Wünsche und Hoffnungen geworden, daß ich zuerst wie betäubt war, als sich
+ihre Krankheit, die am Anfang harmlos ausgesehen hatte, plötzlich zum
+Schlimmen wendete. Ich glaubte verlangen zu können, daß sie mir bleibe, da
+ich ja sonst nichts hatte, was ganz nah zu mir gehörte. Denn bei Helene kam
+begreiflicherweise zuerst der eigene Familienkreis, der stetig am Wachsen
+war, so treulich sie auch ihren Geschwistern anhing.
+
+Luise aber hatte nichts Eigenes; ich war ihr das Wichtigste in ihrem Leben,
+und sie war nur glücklich, daß ich in ihrer Nähe sei und sie zusehen könne,
+wie ich allmählich das erreiche, was sie für mich wünsche. Sie heimste
+alles, was ich etwa an guten Beziehungen, bürgerlichem Ansehen und an
+gedeihlichem Fortkommen gewann, emsig ein und baute in Gedanken Häuser für
+mich darauf, da sie merkwürdigerweise gar nichts für sich verlangte außer
+ihrer fleißigen Arbeit und vielleicht der Aussicht auf einen ruhigen
+Lebensabend, umgeben von einer aufsprossenden Jugend aus dem Blute ihrer
+Geschwister, die sie dann in Ehren halten würde, und der sie mit schönen
+Sparpfennigen zum Fortkommen hülfe, falls sie dessen überhaupt bedürfe.
+Aber nun lag sie krank im Spital und sah ihr Ende herankommen. Man hatte
+sie operiert, um einem innerlichen Feind, der in ihrem stattlichen,
+blühenden Leibe sein Unwesen trieb, das Handwerk zu legen, aber er trieb es
+fort, und sie wußte wohl, daß er sich nicht aus dem Feld schlagen lasse, da
+sie etliche Fälle aus der ferneren Familie anzuführen wußte, in denen auch
+das Leben auf solche Weise unterlegen war.
+
+Es ging ihr nahe, daß sie mitten aus der Bahn weg sollte, denn sie hing,
+wie alle gesunden und natürlichen Menschen, am Dasein, das für sie, nach
+dem Rezept des alten Sängers, köstlich gewesen war, indem es Mühe und
+Arbeit war. Als sie aber sah, daß ich ohne Fassung mich gegen ihr Scheiden
+auflehnte und Gott beschwor, sie mir noch zu lassen, da ich viel an ihr
+hereinzubringen habe, was Zeit brauche und nicht in kurzem abzumachen sei,
+nahm sie wieder die Führung an sich und sagte, glücklich lächelnd, weil ihr
+mein unverhehlter Schmerz dennoch wohl tat, aber fest: »Nein, nein, Ludwig,
+so machen wir's nicht, sonst sind wir erst recht unten durch. Sondern wer
+sich schicken kann, gewinnt das Spiel und stellt sich auf die stärkere
+Seite, und so wollen wir auch tun.« Damit war sie mir nun wieder einen
+Schritt voraus und weit überlegen, und ich konnte nichts tun, als mein
+ungebärdiges Wehren beiseite lassen, da es hier nicht am Platze war.
+
+In dieser Zeit mußte ich einmal eine dringende Geschäftsreise nach der
+Hauptstadt unseres Landes machen. Ich ging ungern genug, denn ich konnte
+nicht am selben Tage wiederkommen, und als es Abend wurde, befiel mich eine
+Unruhe, die ich mir dahin erklärte, es sei daheim etwas Übles vorgefallen,
+so daß ich rasch an den Bahnhof ging, um zu sehen, ob ich nicht doch den
+letzten Zug erreichen könne, so stark lebte ich damals mit meinen Gedanken
+in dem engen Krankenstüblein. Der Zug war aber schon fort, und weil ich
+nicht den ganzen Abend im Wirtshaus versitzen mochte, betrat ich eine
+Konzerthalle, an der ich gerade vorbeikam, ohne zu wissen, was für Musik es
+gebe. Da fand sich's nun, daß von einem kleinen Orchester jene Symphonie
+aufgeführt wurde, die ich am ersten Abend des Musikfestes gehört hatte, an
+dem ich Maidi wiedersah, und die mir seitdem nicht wieder begegnet war. Sie
+erregte mich aber nicht, wie damals, zu starken Wonnen und Schmerzen,
+sondern ich saß mit geneigtem Kopf still horchend da und fühlte, wie meine
+Unruhe in ein stilles Gleiten kam und wie mein Herz, das traurig in mir
+lag, von eiligen Wellen aufgehoben und getragen wurde, die sangen: »Alles
+geht vorüber, und auch du.«
+
+Ich gedachte alles Fernen und Verlorenen in meinem Leben, und auch meines
+Freundes Olbrich, den ich nie wieder gesehen und mit dem ich auch keine
+Briefe gewechselt hatte. Ich hatte seinen Namen hie und da in der Zeitung
+gelesen, denn er nahm starken Anteil am politischen Leben des Landes und
+ergriff in Reden und gedruckten Artikeln oft das Wort, wenn es eine
+wichtige Sache zu verfechten gab. Aber ob er noch an mich denke, und wie,
+das wußte ich nicht, und ich hatte sowohl das Verlangen, ihn wieder zu
+sehen, als auch eine Scheu davor.
+
+Doch wußte ich, daß es einmal geschehen mußte, da die Erde nicht groß genug
+ist, um sich zwei Menschen nicht wieder begegnen zu lassen, unversehens,
+die eigentlich nahe zusammen gehören.
+
+Ich war spät gekommen, als schon der Saal verdunkelt war und die Musik
+angefangen hatte, und hatte nur gerade meinen Platz gefunden, ohne nach
+rechts oder links zu sehen. Da schrak ich denn aus meinen Gedanken auf, die
+zwischen der Musik hergingen, als sich auf einmal eine Hand auf meinen Arm
+legte und es der Freund war, der neben mir saß und mir zunickte. Ich mochte
+mich nicht rühren, denn ich spürte in einem ruhigen Wohlsein, daß wir uns
+nahe waren und daß ich ihn lieb hatte, wie je.
+
+Man sollte nicht reden müssen, dachte ich. Man sollte alles so
+stillschweigend voneinander wissen und einer in den andern hinüberfließen
+lassen, was er ihm sagen möchte. Vielleicht ist es so, wenn man sich auf
+einem andern Stern wieder findet. Vielleicht spürt man nur: Du bist da, und
+begrüßt und durchdringt einander mit der Seele, und alles, was auf der Erde
+geschah, löst sich auf in einem großen und weiten Verstehen und Liebhaben.
+
+Da bot ich meinem Freund leise die Hand und er nahm und drückte sie
+kräftig, und ich wußte: Er ist doch auch noch der meine. Wie sehr ich ihn
+vermißt und wie seinetwegen ein Druck auf mir gelegen hatte, das spürte ich
+erst jetzt recht, als ich ihn wieder hatte. Denn wir ließen es dann doch
+nicht bei der stummen Begrüßung bewenden, die wir gar nicht geübt hätten,
+wenn nicht die Musik das Wort gehabt hätte, sondern hielten nachher eine
+lange Nachtsitzung, und zwar, da es eine schöne Sommernacht war, in einem
+Garten unter einer alten Platane, in deren Ästen eine Lampe hing.
+
+Dort ließen wir so viel von der alten Zeit und auch dem, was dazwischen
+lag, zwischen uns auferstehen und hinwandeln, als dazu gehörte, wieder
+zusammen zu kommen, nicht mehr und nicht weniger. Denn es handelte sich
+jetzt nicht ums Rechthaben und Abbitten, wie wir beide wohl spürten,
+sondern darum, daß einer des andern Freund sei, wie der alte Claudius sagt,
+wobei freilich ich am besten wegkam.
+
+Es schwirrte allerlei Nachtgeziefer um uns her, und einmal kam auch ein
+großer Falter und stieß mit seinen Flügeldecken an mein Glas, daß es einen
+feinen Klang gab. Da hob mir Olbrich das seinige entgegen und sah mir mit
+dem schönen Lächeln in die Augen, das er selten hatte und an dem ich ihn
+überall erkannt hätte. Denn es war uns, als hätte eine feine Seele, die
+einmal mit uns zu dritt gewesen war, mit zartem Finger angeklopft und wolle
+einen Augenblick mit uns sein. Das kam und ging so in mir.
+
+Dann zog Olbrich ein Bild aus der Brusttasche und zeigte es mir mit
+glücklichem Gesicht: eine junge, mütterlich blickende Frau, die ein Bübchen
+auf dem Arm trug. Beide sahen den Beschauer voll an und hatten ein gut Teil
+Schelmerei in allerlei Grübchen sitzen. »Das sind die Meinen,« sagte
+Olbrich. »Du siehst, es geht mir gut.«
+
+Er brachte, wie man so sagt, den Mund nicht zusammen vor Behagen an dem
+Bildchen oder vielmehr vor dem freudigen Wissen um die lebendigen
+Urbilder; er wollte es aber nicht wahr haben vor mir und sagte
+achselzuckend: »Ich habe es der alten Frau zulieb getan, denn ich bin ihr
+doch Enkelchen schuldig gewesen. Daheim liegt mir schon der zweite Bub in
+der Wiege.«
+
+Dabei überglänzte es ihn aber doch, so daß ich schon wußte, was es
+geschlagen habe, und daß er sein gutes Teil erworben habe; da fiel mir doch
+noch irgend ein Band von meinem Herzen.
+
+»Und du?« fragte Olbrich fast zart.
+
+Aber ich wußte im Augenblick nichts zu sagen, denn ich hatte wohl schon
+einen Schimmer, er hatte aber noch keinen Namen, und ich hob nur mein Glas
+und sagte halb verlegen: »Ich komme nach.«
+
+Das alles erzählte ich am andern Abend meiner Schwester Luise, zu der ich
+von der Bahn her ging mit raschen Schritten und mit dem Verlangen, sie in
+allem zu mir hineinsehen zu lassen, so lang ihre guten Augen noch offen
+standen über meinem Leben. Es war nicht mehr lang, das sah ich wohl, und es
+war mir, als habe sie seit vorgestern wieder abgenommen, so daß es mich
+reuen wollte, fort gewesen zu sein, was mich doch um Olbrichs willen freuen
+mußte und auch freute. Sie streichelte mich aber mit ihrer feinen, weißen
+Krankenhand und sagte glücklich, es sei ihr ein Stein vom Herzen, weil wir
+Freunde uns nun wieder hätten. So sehr hatte sie meine Sachen zu den
+ihrigen gemacht, denn ihre eigenen waren bald beschickt.
+
+Ich mußte die Tage über im Geschäft sein, wenigstens die meiste Zeit; aber
+die Abende und oft bis tief in die Nacht war ich bei ihr und begleitete sie
+näher und näher gegen die Grenze hin, an der es für die Zurückbleibenden
+umkehren heißt.
+
+Auf diesem dunklen und bitteren Weg habe ich dennoch viel gesehen und auch
+viel gelernt, das man nicht aus Büchern und nicht aus dem Umgang mit den
+Klugen dieser Welt lernen kann, und das ich nicht vergessen werde.
+
+Ich habe gesehen, daß es Liebe gibt, die bis zum Ende nicht an sich selber
+denkt und noch aus der letzten Not hilfreich dem andern zunickt, tröstlich
+und verheißungsvoll, weil das Allerlebendigste eben sie selber ist, die
+nicht stirbt. Und ich habe gesehen, wie stark und mächtig die Willigen
+sind, die keine Bedingungen stellen, sondern ja sagen, und mit Vertrauen
+dem dunklen Gott in die Augen sehen, wenn er ihnen zum Mitkommen winkt, so
+daß sie den schweren Feind überwinden mit einem demütigen Neigen ihres
+Hauptes und ihn sich zum Freunde machen. Ich sah, wie, wer von Herzen
+gelebt hat, auch von Herzen sterben kann, und wie Glauben und Frommsein
+freudige, starke Dinge sind, anders als viele meinen, und als auch ich
+zuzeiten gemeint habe.
+
+Das alles ist mir nicht nur ein ernstes und wertes Andenken und ein reiches
+Blatt in dem Buche meiner Erinnerung, das so manche töricht verkritzelte
+Seite hat, sondern es schwingt ein Ton davon je und je in meine jetzigen
+Tage herein, voll und dunkel und auch weich und süß, und wenn ich ihn höre,
+so sänftigt er mir das Herz und läßt es aufmerken auf das, was hinter den
+Tagesdingen liegt, in denen ich ja freilich mitten drin stehe. Denn mein
+Lebenstag liegt noch weit vor mir, nach Menschenrechnung, und ich will ihn
+leben als ein Mensch und Mann.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe, liebste Frau, in später Nachtstunde das Buch noch einmal
+durchgelesen, dessen Blätter zu beschreiben ich aufgehört habe, als du in
+mein Leben tratest. Du wußtest nicht, daß ich dich sah. Du kamest die
+Straße herab, die Hände voll Blumen, und dein Gesicht sah aus, als ob du im
+stillen ein Liedchen summest, das nur du selber hörest. Da dachte ich, wer
+dir wohl die Blumen gegeben habe und wem du sie bringest? Am andern Tag
+hingen Kinder an deinen beiden Seiten und drängten sich an dich, und ihre
+Gesichter sahen eifrig in das deine; ich hätte hören mögen, was du zu ihnen
+sagtest, aber ihr ginget vorüber. Von da an kamst du jeden Tag und hattest
+immer Blumen und Kinder mit dir und immer ungesungene Lieder auf den
+Lippen. Das war in der Zeit, als meine Schwester Luise sich zum Sterben
+anschickte und zu mir sagte: »Gelt, du machst aber die Augen auf und holst
+dir ein Stück Leben ins Haus, es geht immer draußen vorbei.« Sie wußte
+nichts von dir. Das Stimmlein aber, von dem ich schrieb, daß es so
+vorwitzig und ungebärdig geredet habe, rief in die Trauer meines Herzens
+hinein: »O, wie wahr ist doch das! Und wie freudig sieht es aus!« so daß es
+mich in aller Betrübnis ein bißchen lächerte, worauf Luise der Spur nach
+mitlachte, wenn auch bläßlich, da es sich bei ihr nicht mehr gut tun lassen
+wollte. Und so hast du noch in ihren Abschied hinein geblinkert, du
+Sonnenvöglein, denn es dauerte da nicht mehr lange bei ihr.
+
+Ich muß mir noch ein wenig Mut machen, weil du nicht selber da bist. Ich
+will daran denken, wie ich dich draußen am Badeplatz traf mit deiner Schar.
+Sie stob aus dem Wasser, als du riefest, und es sprühte ein Tropfenregen
+um sie her von den nassen Mähnen und den blanken Leibern, das glitzerte
+alles in der Sonne, und ein jedes wollte zuerst bei dir sein. Ich sah eine
+Weile zu, eh' ich vorbei ging und grüßte. Sie wühlten sich in den warmen
+Sand ein, und du sollest dich mitten hineinsetzen, aber du konntest noch
+nicht, denn es stand ein Kind neben draußen, das riß mit finsterem und
+trotzigem Gesicht Blätter und Zweige von einem Weidenbusch und stampfte
+dazu mit den braunen Füßen den Boden. Da gingest du hin und hattest ein
+solches Lachen in deinem Gesicht, daß das Zornteufelchen davor ausfuhr,
+wenngleich mit erbärmlichem Wehren, und das Kind sich an dich hin verkroch.
+Ich hätte hören mögen, was du sagtest, aber auch vom Sehen wußte ich, daß
+du Schatten aufhellen kannst.
+
+Das weiß ich nun noch besser als damals, denn ich habe die Sonnenkraft
+deines Wesens verspürt. Du sagst, du habest sie nicht immer gehabt, und
+dein Lachen sei ein wieder erworbenes, denn auch du seiest durch tiefe
+Schatten gegangen.
+
+Daran habe ich den Mut gefaßt, dich auch in die meinigen hineinsehen zu
+lassen, dich allein von allen Menschen. Du siehst, sie herrschen auch über
+mich nicht mehr.
+
+Wie hast du wohl den Weg zum Hellen hin gefunden?
+
+Aus was für Quellen hast du getrunken?
+
+Ich meine, ich wisse sie. Wenn es so kommt, wie ich hoffen muß, daß du die
+Neunundneunzig verlässest und mein Leben teilst, so trinken wir miteinander
+daraus.
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+ Seite 40: »eh, man sich's versehe« wurde geändert in
+ »eh' man sich's versehe«
+ Seite 83: »und sie ist erst sachte« wurde geändert in
+ »und sie erst sachte«
+ Seite 120: »mir wohlgesinnt und zugetan sein« wurde geändert in
+ »mir wohlgesinnt und zugetan sei«
+ Seite 155: »mit großen Augen entgegenlächelten« wurde geändert in
+ »mit großen Augen entgegenlächeln«
+ Seite 162: »ich nur zu tun« wurde geändert in »ich hatte nur zu tun«
+ Seite 192: »Sängerinnnen« wurde geändert in »Sängerinnen«
+ Seite 198: »So sind sie es also doch gewesen« wurde geändert in
+ »So sind Sie es also doch gewesen«
+ Seite 211: »werden ihre Künste verlassen« wurde geändert in
+ »werden Ihre Künste verlassen«
+ Seite 245: »nicht so gelegen dasür« wurde geändert in
+ »nicht so gelegen dafür«
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUDWIG FUGELER***
+
+
+******* This file should be named 34424-8.txt or 34424-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+http://www.gutenberg.org/dirs/3/4/4/2/34424
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+<h1 class="pg">The Project Gutenberg eBook, Ludwig Fugeler, by Anna Schieber</h1>
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+with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre>
+<p>Title: Ludwig Fugeler</p>
+<p> Roman</p>
+<p>Author: Anna Schieber</p>
+<p>Release Date: November 23, 2010 [eBook #34424]</p>
+<p>Language: German</p>
+<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
+<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUDWIG FUGELER***</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3 class="center">E-text prepared by Heiko Evermann, Wolfgang Menges,<br />
+ and the Online Distributed Proofreading Team<br />
+ (http://www.pgdp.net)</h3>
+<p>&nbsp;</p>
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+<p>&nbsp;</p>
+
+<h1>Ludwig Fugeler</h1>
+
+<p class="title"><span class="big spaced">Roman</span><br />
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+<p class="title small" style="margin-top: 0em; margin-bottom: 0em">Erste bis vierzehnte Auflage</p>
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+
+<hr style="width: 33%; height: 3px; color: black; background-color: black; margin-top: 3em; margin-bottom: 0em" />
+
+<p class="title" style="margin-top: 0em; margin-bottom: 2em">Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn<br />
+1918</p>
+
+<p class="title small" style="margin-top: 2em; margin-bottom: 8em"><span class="antiqua">Copyright by</span> Eugen Salzer, Heilbronn<br />
+Den Einband zeichnete Karl Sigrist</p>
+
+
+<p><span class="initial">I</span>ch mu&szlig; dir etwas erz&auml;hlen, liebste Frau, was mir
+gestern begegnet ist, und was ich dir gerne m&uuml;ndlich
+sagte, wenn du nicht in weiter Ferne am Meeresstrande
+s&auml;&szlig;est, du Ausrei&szlig;erin.</p>
+
+<p>Deine braunen Fensterl&auml;den sind geschlossen; der
+alte Nu&szlig;baum klopft mit schwanken Zweigen daran
+und fragt, ob du bald kommest.</p>
+
+<p>Und auch ich frage so. Du wei&szlig;t, warum. Ich
+darf heute nichts davon sagen, ich habe es dir versprochen.
+Du sollst Ruhe haben zu allem. Ruhe?
+Wenn ich dir diese Bl&auml;tter schicke?</p>
+
+<p>Doch ich wollte dir ja etwas erz&auml;hlen.</p>
+
+<p>Ich ging mit meinem Freund Haller, den du den
+Tolpatsch nennst, gegen die Wilhelmsburg hinauf.
+Er hatte das kaffeebraune Sommerr&ouml;ckchen an, das
+du ihm l&auml;ngst wegsprechen wolltest, und ging, die eine
+Hand in der Tasche, mit der andern lebhaft seine Rede
+begleitend, neben mir her. Er ist ein Kind und ein
+Weiser zugleich. Du h&auml;ttest ihn sehen und h&ouml;ren
+sollen. Er fand einen aus dem Nest gefallenen
+jungen Finken und trug ihn im Taschentuch mit sich,
+solang er mir seine Lieblingsidee, die er von Fichte
+aufgenommen hat, auseinandersetzte: es gibt nur eine
+Tugend, sich selber vergessen, und nur eine S&uuml;nde,
+sich selber zu wichtig nehmen. Dabei erdr&uuml;ckte er im
+Eifer des Gespr&auml;chs den Finken und sah, als er es
+merkte, best&uuml;rzt das Vogelleichlein an. Ich wollte es
+<span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">4</a></span>nicht, versicherte er, ich wollte es gewi&szlig; nicht tun.
+Pl&ouml;tzlich sah ich einen in der Sonne schimmernden
+Faden, der an seiner Schulter aufgl&auml;nzte, und dessen
+anderes Ende in der himmlischen Bl&auml;ue verfestigt zu
+sein schien. Er mochte sich drehen oder wenden wie
+er wollte, der Faden ging mit ihm, so zart er war,
+denn die unsichtbaren Spinnfrauen hatten ihn fest und
+z&auml;h gesponnen. Und mich ergriff eine heitere R&uuml;hrung,
+als ich das gro&szlig;e Kind so lieblich an das All
+gekettet sah. Geh' du nur hin, dachte ich, und stolpere
+deinen Gang. Es fliegt doch ein zartes Seelchen
+hinter dir drein und leitet dich an einem Silberfaden.</p>
+
+<p>Aber als ich nach Hause kam, fiel es mir ein:
+Kann nicht im Grunde auch ich von einem solch festen
+und zarten Gespinst sagen, das mich, mir selbst zum
+Trotz manchmal, auf Holper- und Stolperwegen begleitet
+hat, ohne zu zerrei&szlig;en? Ich achtete nicht darauf,
+denn ich war in mir selbst befangen und haschte
+t&auml;ppisch nach Scheindingen, die mir in der Hand zergingen,
+indes ich das Beste am Wege stehen lie&szlig;.
+Ich machte weite Umwege und verlor dabei Kostbares,
+das ich nicht mehr fand, und beinahe auch mich.</p>
+
+<p>Und doch zerri&szlig; der Faden nicht, der mich mit dem
+lebendigen Leben verband. Als ich erwachte und mich
+einsam sah, wurde ich seiner gewahr. Da merkte ich,
+da&szlig; er von guten H&auml;nden fest gesponnen sein mu&szlig;te,
+denen man nicht so leicht hinauskommt, um ins Abgr&uuml;ndige
+und Wesenlose zu fallen. Mit dir werden
+sie leichtere M&uuml;he haben, als mit mir.</p>
+
+<p>Ich habe mich nun entschlossen, dir die Bl&auml;tter
+zu schicken, die ich eigentlich f&uuml;r mich selbst beschrieben
+habe. Es war vor deiner Zeit. Ich wu&szlig;te nicht, ob
+<span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">5</a></span>ich sie noch einmal in vertraute H&auml;nde legen w&uuml;rde,
+als ich an vielen einsamen Abenden mein Leben vor
+mir ausbreitete, das zu stocken schien. Bei manchem,
+das in der Erinnerung freudig und freundlich zu
+mir trat, verweilte ich gern und ausf&uuml;hrlich, manches
+aber aufzuschreiben fiel mir schwer, wie es einem
+schwer wird, im Spiegel mit Aufmerksamkeit sein Gesicht
+zu betrachten, wenn man inne wird, da&szlig; es von
+vorzeitigen Runzeln durchfurcht oder von Flecken
+entstellt ist, und vor manchem auch graute mir, da&szlig;
+es einmal gewesen sei. Da hie&szlig; ich meine Feder eilen.
+Doch glaube ich, kann ich sagen, da&szlig; ich mich davor
+geh&uuml;tet habe, etwas an mir zu besch&ouml;nigen, oder mich
+besser zu machen, als ich war, wenngleich es mich
+manchesmal verlangte, da&szlig; ein lieber Mensch mir
+in die Bl&auml;tter s&auml;he und zu mir sagte: Du seiest, wie
+du wollest, so bin ich dennoch dein und liebe dich.</p>
+
+<p>Ein solcher, der es sagen w&uuml;rde, war einmal.</p>
+
+<p>Wird auch jetzt ein solcher zu mir kommen, wenn
+du sie gelesen hast?</p>
+
+<p class="absatz">Ich soll ja nicht fragen. Aber warten, das darf
+ich doch?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">6</a></span></p>
+
+<p><span class="initial">E</span>s war einmal ein Tag, da machte ich die Augen auf
+in einem hohen, weiten Raum. Das ist das erste
+von allem, dessen ich mich entsinnen kann, es ist mir,
+als sei ich damals in die Welt herein geboren worden.
+Ich lag auf einer Bank, die eine hohe, geschnitzte
+Lehne hatte, und sah mit blinzelnden Augen um mich
+und &uuml;ber mich. Es ging hoch hinauf, fast schwindelnd
+hoch, und ich sp&uuml;rte auf einmal, da&szlig; ich ein klein&nbsp;&ndash;
+kleinwinziges B&uuml;blein und nicht daheim in meiner
+Stube sei. Da waren viele steinerne S&auml;ulen, die alle
+so unmenschlich hoch und gro&szlig; waren und oben
+irgendwie zusammenstrebten. Und da waren Fenster,
+durch deren buntfarbiges Glas Str&ouml;me von farbigem
+Licht in die hohe, d&auml;mmerige Halle flossen. Das Licht
+flo&szlig; an den Steins&auml;ulen hin und auf dem Fu&szlig;boden
+weiter und traf auch mich, und auf einmal fing es an,
+zu klingen, zuerst hoch und hell, und dann leise und
+zart, und dann so m&auml;chtig, immer st&auml;rker und m&auml;chtiger,
+da&szlig; ich nicht wu&szlig;te, wo ich hinfliehen sollte,
+so m&auml;chtig dr&ouml;hnte und t&ouml;nte das Licht, das ich noch
+nie gesehen hatte. Es tat mir etwas wohl, aber noch
+viel weher tat es daneben, und ich tat, was alle Kinder
+in der Not ihres erschrockenen Herzleins tun
+m&ouml;gen, ich rief der Mutter.</p>
+
+<p>Sie h&ouml;rte es nicht, weil das Get&ouml;se so stark war,
+da rief ich lauter und lauter und rutschte von der
+<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">7</a></span>Bank herunter auf meine F&uuml;&szlig;e und schrie: Mutter,
+Mutter!</p>
+
+<p>Da h&ouml;rte ich unter das starke T&ouml;nen hinein eine
+Weiberstimme, die geh&ouml;rte einer breiten, dicken Gestalt,
+die einen Besen f&uuml;hrte, und sie rief nach einer
+Ecke hin: &bdquo;Fugelerin, Ihr Bub ist aufgewacht, er
+schreit.&ldquo;</p>
+
+<p>Gleich darauf tauchte meine Mutter zwischen den
+Steins&auml;ulen auf und kam schnell auf mich zu. &bdquo;Still,
+still, Ludwig,&ldquo; sagte sie und wischte mir mit einem
+trockenen Zipfel ihrer nassen Sch&uuml;rze die Tr&auml;nen
+weg, die mir im ersten Schreck &uuml;ber die Backen gesprungen
+waren. Und dann nahm sie mich an der
+Hand und f&uuml;hrte mich den langen Weg zwischen den
+S&auml;ulen hindurch bis an einen gro&szlig;en steinernen
+Tisch, auf dem eine gr&uuml;ne Decke lag mit silbernen
+Fransen, und hie&szlig; mich auf die Stufen niedersitzen,
+die zu dem Tisch hinauff&uuml;hrten.</p>
+
+<p>Ein Teppich lag darauf, den streichelte ich mit der
+Hand. Er war so weich und dick, wie das graue Fell
+unserer Katze daheim, und ich bekam einen halben
+Wecken, den die Mutter aus der Tasche zog. Ich
+solle jetzt ruhig hinsitzen und auf das sch&ouml;ne Orgelspiel
+horchen, sagte die Mutter, und als ich fragte, was
+das sei, Orgelspiel, hob sie den Finger in die H&ouml;he
+und sagte: &bdquo;Horch, B&uuml;ble, da droben kommt's herunter,
+dort wo es so silberig glitzert an der Wand.
+Dort sitzt ein Mann und spielt, und morgen ist Sonntag,
+da sitzt alles voller Leut' in der Kirche, und da
+mu&szlig; er wieder spielen&ldquo;; dann ging sie, und ich sah sie
+dort dr&uuml;ben mit Eimer und Schrubber hantieren,
+da konnte mich das Gro&szlig;e, Fremde nicht mehr anfechten,
+weil ich ihre lebendige N&auml;he sp&uuml;rte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">8</a></span></p><p>Aber das konnte ich noch nicht verstehen, da&szlig;
+das T&ouml;nen dort oben herunter komme und das Scheinen
+zum Fenster herein. Es war beides da, der
+Raum war voll davon, und mein Kinderherz war
+voll davon, und als ich mit der Mutter heimkam,
+da rief ich den beiden Schwestern, die in dem schmalen
+Vorg&auml;rtlein neben der Haust&uuml;r sa&szlig;en und strickten,
+entgegen: &bdquo;Ihr m&uuml;&szlig;t einmal mitgehen, in dem gro&szlig;en
+Haus drin ist etwas ganz rot und blau und goldenes,
+das schreit so arg.&ldquo;</p>
+
+<p>Da lachten sie und staunten, da&szlig; ich solche Spr&uuml;che
+tue, und erz&auml;hlten es am Abend unserem Mietsmann,
+dem Heinrich Kilian, der mit seinen sechzig
+Jahren noch Ausl&auml;ufer in einer Buchhandlung war,
+und der immer alles wissen mu&szlig;te, was ich den Tag
+&uuml;ber gesagt und getan hatte. Er hatte mich stark in
+sein altes Herz geschlossen, die Freundschaft war aber
+gegenseitig.</p>
+
+<p>Ich meine, mich zu entsinnen, da&szlig; ich an jenem
+Abend, als die Schwestern um ihn herumstanden
+und ihm von meinem Ausflug in die Kirche, in der
+meine Mutter zum Reinigen angestellt war, und von
+meinem Ausspruch erz&auml;hlten,&nbsp;&ndash; da&szlig; ich auf seinen
+Knien sa&szlig; und die rote Nelke hinter seinem Ohr hervorholte
+und sie hinter mein eigenes steckte. Er aber
+lie&szlig; mich reiten, &bdquo;nach Sachsen, wo die sch&ouml;nen M&auml;dchen
+auf B&auml;umen wachsen,&ldquo; und sagte wohlgef&auml;llig:
+&bdquo;Ja, ja, du kriegst sie, Herzk&auml;fer, gescheiter,&ldquo; und lachte
+in seinen Stoppelbart hinein.</p>
+
+<p>Wenn es nicht an diesem Abend war, so war es
+sicher an vielen andern so.</p>
+
+<p>Denn alles, was sch&ouml;n, erfreulich und begehrenswert
+war in dem kleinen Bereich, in dem ich lebte,
+<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">9</a></span>das war mein. Ich streckte die Hand darnach aus
+und es neigte sich zu mir. Das war eine lange Zeit
+hindurch so.</p>
+
+<p>Die graue Katze geh&ouml;rte mir, und die Mutter und
+die Schwestern und der alte Heinrich Kilian samt
+allem, was er in seiner Kammer hatte, und H&auml;uslein
+und Garten und dar&uuml;ber hinaus. Das war die
+Zeit, da ich im Paradiese lebte, und a&szlig; von allen
+B&auml;umen im Garten und wu&szlig;te noch nichts vom verbotenen
+Baum der Erkenntnis des Guten und B&ouml;sen.
+Es war nichts verboten, und so konnte ich nicht
+s&uuml;ndigen.</p>
+
+<p>Mein Vater starb, als ich noch kein Jahr alt war.
+Er hatte mich in seiner Krankheit bei sich im Bett,
+wenn er genug Atem hatte, um mich auf seiner Decke
+sitzen zu lassen, und ich zupfte mit meinen kleinen
+H&auml;nden an seinem dichten Bart herum. Damals soll
+ich, geht die Sage, ein sehr sch&ouml;nes Kind gewesen
+sein mit einem braunen Lockenbusch und dunkelblauen
+Augen, und er, der sich immer einen Sohn gew&uuml;nscht
+hatte und ihn nun, da er in so erw&uuml;nschter Weise
+vorhanden war, verlassen mu&szlig;te, sagte mit seinem
+letzten Atemzug: &bdquo;Lasset mir meinem B&uuml;ble nichts
+geschehen.&ldquo;</p>
+
+<p>Das war nun ein heiliges Verm&auml;chtnis f&uuml;r die
+Mutter und die beiden Schwestern, die vier und sechs
+Jahre &auml;lter waren als ich, und denen die Lust an
+einem h&uuml;bschen, lebendigen Spielzeug noch ein st&auml;rkerer
+Antrieb war, mich zu verw&ouml;hnen und zu h&auml;tscheln,
+als das letzte Wort des verstorbenen Mannes,
+der an ihnen nie die gro&szlig;e Besitzerfreude gehabt
+hatte, wie an mir.</p>
+
+<p>Wir wohnten damals in einem der kleinen H&auml;uslein
+<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">10</a></span>&bdquo;am Graben&ldquo;, die der Stadt geh&ouml;rten und von
+dieser samt den winzigen Vorg&auml;rtchen um ein Billiges
+an Tagl&ouml;hner, Waschfrauen, Flickschuster, N&auml;herinnen
+und dergleichen kleine Leute vermietet wurden.</p>
+
+<p>Es ist mir, als habe dort immer die Sonne geschienen,
+und tats&auml;chlich blinkten auch die nach S&uuml;dosten
+gelegenen kleinen Fenster der einst&ouml;ckigen H&auml;uslein,
+die kein Gegen&uuml;ber hatten, in jedem Morgenstrahl,
+der vom Himmel kam; und in den schmalen
+Rabatten der G&auml;rtchen hoben, vom ersten Schneegl&ouml;ckchen
+bis zur letzten Aster des Herbstes, den ganzen
+Sommer die Blumen der armen Leute ihre Gesichter
+dem freundlichen Licht entgegen.</p>
+
+<p>Salat und Suppenkr&auml;uter baute meine Mutter in
+ihrem G&auml;rtchen; sie hatte keine Zeit und auch nicht so
+recht die Gem&uuml;tsart, die man braucht, um Blumen
+zu ziehen; die Blumen pflegte daf&uuml;r Heinrich Kilian;
+der hatte ein St&uuml;cklein des Gartens in Pacht, nicht
+viel gr&ouml;&szlig;er, als meines Vaters schmales Bett auf
+dem Kirchhof dr&uuml;ben, und doch gro&szlig; genug f&uuml;r eine
+F&uuml;lle der r&ouml;testen Nelken. Rote Nelken, das waren
+seine Lieblingsblumen, von denen hatte er immer, so
+lang sie bl&uuml;hten, eine zwischen den Z&auml;hnen oder
+hinter dem Ohr, mit ihnen trieb er einen Luxus und
+eine Verschwendung, wie sonst mit gar nichts.</p>
+
+<p>&bdquo;Kilian,&ldquo; sagte meine Mutter manchmal, wenn
+sie ihm seine gewaschene und geflickte W&auml;sche zur&uuml;ckgab,
+&bdquo;Kilian, die Hemden halten nimmer. Ich setze
+einen Fleck an den andern, aber was genug ist, ist
+genug.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ja,&ldquo; sagte der Kilian, &bdquo;sie tun's schon noch.
+Gut geflickt gibt auch warm. Ich kauf' dann schon
+einmal neue, jetzt grad langt das Geld nicht dazu.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">11</a></span></p><p>&bdquo;Aber zu den teuren Nelkenst&ouml;cken, da langt's,&ldquo;
+eiferte die praktische Frau. Denn er hatte sich wieder
+einmal etwas ganz Wunderbares kommen lassen,
+etwas ganz M&auml;rchenhaftes, nie Dagewesenes von
+roten Nelken, das in der Zeitung ausgeschrieben gewesen
+war. Er fiel immer damit herein, es war nie
+so etwas ganz Besonderes, es wurden eben immer
+gew&ouml;hnliche rote Nelken, wie von jeher. Aber er
+hatte seine gro&szlig;e Vorfreude daran, wenn sie Knospen
+trieben und die Knospen sich rundeten. &bdquo;Diesmal
+gibt's ganz dicke, ganz gro&szlig;e,&ldquo; sagte er dann geheimnisvoll.</p>
+
+<p>Das sagte er auch jetzt, als ihn die Mutter
+wegen der Hemden plagte.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ja, und dann sind's wieder d&uuml;nne, und das
+Geld ist drau&szlig;en, und der Winter kommt, und kein
+gutes Hemd ist im Kasten, und das Alter kommt auch.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber er l&auml;chelte blo&szlig; und lie&szlig; mich auf den
+Knien reiten. Und ich schlug mich auf seine Seite
+und sagte: &bdquo;Jawohl gibt es dicke, gelt, Heinrich, es
+ist in der Zeitung gestanden?&ldquo;</p>
+
+<p>Da seufzte die Mutter nur noch ein wenig und
+brummte: &bdquo;Vier Kinder hab' ich, nicht blo&szlig; drei.&ldquo;
+Aber es h&auml;tte ihr eins gefehlt, wenn sie den Heinrich
+Kilian nicht mehr zu bemuttern gehabt h&auml;tte. Sie
+war eine gute, gute Frau. Sie gab alle ihre Kraft
+her f&uuml;r die, die sie liebte, sie wollte nichts f&uuml;r sich.
+Sie schaffte im Taglohn in guten B&uuml;rgerh&auml;usern,
+sie wusch und putzte, sie hatte das Kirchenreinigen
+und das Schulhausfegen. Sie geh&ouml;rte einem Heer
+von Frauen an, die da mit K&uuml;beln und Besen hantierten.
+Sie brachte verschrumpelte H&auml;nde mit heim
+und in der Tasche das Geld, das unser t&auml;gliches Brot
+<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">12</a></span>kostete. Und sie sa&szlig; bis in den sp&auml;ten Abend hinein
+bei der Lampe, die einen gr&uuml;nen Blechschild hatte,
+und flickte alles, was wir den Tag &uuml;ber zerrissen,
+und einmal brachte sie einen Samtrest mit heim,
+der aus f&uuml;nf bis sechs St&uuml;cken bestand, und machte
+mir ein Anz&uuml;glein daraus. Das alles tat sie mit
+wenig Worten und mit einem ruhigen, ebenen Gesicht.
+Ich glaube, wer nach ihren Augen gesehen
+h&auml;tte, der h&auml;tte viel gefunden. Aber ich wei&szlig; jetzt
+nur noch von einem einzigenmal, da&szlig; ich ganz weit
+hinein gesehen habe in diese Augen. Das war sp&auml;t,
+das kommt jetzt noch nicht.</p>
+
+<p>Als sie das Samtanz&uuml;glein gen&auml;ht hatte, nahm
+sie mich den Sonntag drauf an der Hand und ging
+mit mir in ein sch&ouml;nes, vornehmes Haus, das war
+mitten drin in der Altstadt. Es hatte eine breite,
+schwere T&uuml;r, daran war ein gro&szlig;er eiserner Kopf
+von irgend einem Unget&uuml;m, der hatte einen dicken
+Ring im Maul.</p>
+
+<p>Daneben hing ein Glockenzug, der hatte einen
+Griff von einer Schlange, die eine lange Zunge
+herausstreckte. Und die Mutter hob mich auf und
+lie&szlig; mich daran ziehen. Da ging die T&uuml;r von
+innen auf und wir traten in eine Halle, darin war
+ein gr&uuml;nes Licht, das kam vom Garten herein, zu
+dem hin eine Pforte offen stand, und wir stiegen
+eine breite, dunkle Treppe hinauf, die ein geschnitztes
+Gel&auml;nder hatte, und kamen in einen weiten Raum,
+an dem viele T&uuml;ren lagen, und von dessen W&auml;nden
+gemalte M&auml;nner und Frauen auf uns niedersahen.
+Ich hielt mich fest an der Hand der Mutter, denn
+unsere Schritte hallten in dem hohen Raum, der mit
+einem buntfarbigen Steinmuster gepflastert war, und
+<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">13</a></span>es war k&uuml;hl und gro&szlig; und d&auml;mmerig da. Da ging eine
+T&uuml;r auf, es fiel helles Sonnenlicht auf die Steine
+des Pflasters, und in dem Sonnenlicht stand ein
+sch&ouml;ner alter Herr. Er hatte einen Sammetkittel an,
+darauf fiel ein langer, silberiger Bart hinunter,
+und seine vollen Locken schimmerten auch silberig, und
+er rief: &bdquo;Aha, da haben wir ja das Zaunk&ouml;niglein!
+Gr&uuml;&szlig; Sie Gott, Frau Fugeler. So, so, das ist recht,
+wollen Sie nur gef&auml;lligst hereinspazieren!&ldquo; Er hatte
+ein so lachendes, helles, heiteres Gesicht, da&szlig; ich ihn
+immer ansehen mu&szlig;te, auch als wir in dem Saal
+waren, in den er uns f&uuml;hrte, er war das Hellste von
+allem. Zwar die Sonne fiel durch hohe Fenster
+herein, und auf dem Boden lag ein Teppich voll
+gl&uuml;hender Blumen, und an den W&auml;nden hingen Bilder:
+&Auml;pfel und Birnen und Trauben, die aussahen,
+als ob sie zum Essen w&auml;ren, eine Wiese mit lauter
+durchsonnten, roten und blauen Blumen, ein Bl&uuml;tenbaum
+mit wei&szlig;schimmernden &Auml;sten. Aber der alte
+Herr war doch noch heller als das alles.</p>
+
+<p>Ich starrte ihn unverwandt an. Da sagte er
+lachend: &bdquo;Was ist, kleiner Zaunk&ouml;nig, was guckst du
+so?&ldquo; Und ich wurde dunkelrot und sagte aus der
+Mutter Sch&uuml;rze heraus, in die ich meinen Kopf
+gesteckt hatte, vor pl&ouml;tzlicher Verlegenheit: &bdquo;Das da
+ist so gl&auml;nzig.&ldquo; Ich deutete auf seinen Kopf. Da
+brach er in ein helles Lachen aus und lie&szlig; mich
+kleinen Buben in seinen Armen durch die Luft fliegen,
+ganz hoch hinauf gegen die Decke hin, auf der in
+hoher Arbeit ein Walfisch war, der den Propheten
+Jonas ans Land warf.</p>
+
+<p>Und meine Mutter sa&szlig; da und hatte noch nichts
+gesagt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">14</a></span></p><p>&bdquo;Ja also, Frau Fugeler,&ldquo; sagte der alte Herr,
+&bdquo;ich brauche so ein paar kleine Buben f&uuml;r mein
+gro&szlig;es Altarbild. Der da gibt schon so einen Engelsbuben
+mit seinen Locken und seinem Gesichtlein.
+Ziehen Sie ihn nur einmal aus, ich m&ouml;chte ihn einmal
+in seiner ganzen Herrlichkeit durch die Stube
+springen lassen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wieso denn ausziehen?&ldquo; fragte meine Mutter.
+&bdquo;Ich hab' ihm extra ein besseres Gew&auml;ndlein gemacht,
+da&szlig; er sich sehen lassen kann. Das Hemdlein,
+das ist nicht mehr neu, ich mu&szlig; ihm die alten anziehen,
+von den M&auml;dchen her.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, da&szlig; wir einander recht verstehen, Frau
+Fugeler, der Bub soll ja gar nichts anhaben. Das
+mu&szlig; sein wie im Paradies, wie in seligen Welten,
+wo niemand sich verh&uuml;llen und vor dem andern verstecken
+mu&szlig;. Das mu&szlig; sein, wie wir alle w&auml;ren,
+wenn wir geblieben w&auml;ren, wie in der Kindheit:
+sch&ouml;n, wahrhaftig, lachend, fromm und gesund.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Mutter sch&uuml;ttelte den Kopf. &bdquo;Ich bin ein einfaches
+Weib, Herr Professor, es mag schon recht sein,
+wie Sie's meinen, aber ich versteh' das nicht so. Mein
+Mann t&auml;t's nicht leiden, wenn er's w&uuml;&szlig;te, da&szlig; Sie
+den Buben so nackend vor aller Welt hinstellen
+wollen, und ich leid's auch nicht.&ldquo;</p>
+
+<p>Der alte Herr trommelte mit den Fingern auf
+die Fensterscheiben und sah eine Weile in den Garten
+hinaus. Dann rief er hinunter: &bdquo;Maidi, komm
+einmal herauf.&ldquo; Und gleich darauf wurde ein leichter
+Tritt drau&szlig;en h&ouml;rbar, und ein kleines M&auml;dchen kam
+herein. Es hatte ein wei&szlig; und rotes Gesichtlein
+und hatte ein blaues Kleid an, auf das zwei hellgl&auml;nzende
+Z&ouml;pfe niederhingen, und alles an ihm
+<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">15</a></span>wippte und lachte. &bdquo;Maidi, nimm einmal das B&uuml;blein
+eine Weile mit dir in den Garten,&ldquo; sagte der alte
+Herr, &bdquo;du kannst ihm Kirschen geben und mit ihm
+spielen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Gro&szlig;papa,&ldquo; sagte Maidi, &bdquo;er kann mein
+Br&auml;utigam sein, wir spielen Hochzeiterles.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wer ist das: wir?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach,&ldquo; sagte Maidi, &bdquo;die andern, die hab' ich mir
+blo&szlig; so dazu gedacht, die Brautfr&auml;ulein und alle.
+Sie haben wei&szlig;e Kleider mit Schleppen und tragen
+Kr&auml;nze und Lichter.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So, so, ja, dann tut das nur,&ldquo; sagte der Gro&szlig;vater
+und schob uns zwei zur T&uuml;re hinaus.</p>
+
+<p>&bdquo;So,&ldquo; sagte Maidi, &bdquo;jetzt mu&szlig;t du der Br&auml;utigam
+sein.&ldquo; Wir waren in eine gr&uuml;ne, bl&uuml;hende Welt
+eingetreten. Gro&szlig;e, schattige B&auml;ume w&ouml;lbten sich
+&uuml;ber unsern H&auml;uptern, &uuml;ppiges Buschwerk neigte sich
+&uuml;ber die Steige hin und machte sie eng und schmal,
+Beete waren da voll dunkelblauer Iris und flammender
+Feuerlilien, ein Rondell aus lauter Rosen;
+es schlug eine gro&szlig;e, schwere Welle von Duft und
+Farben und Sch&ouml;nheit &uuml;ber dem kleinen Buben zusammen,
+der willenlos und wie im Traum tat, was
+das M&auml;dchen ihn hie&szlig;.</p>
+
+<p>&bdquo;Du mu&szlig;t mich jetzt am Arm f&uuml;hren,&ldquo; sagte
+Maidi, &bdquo;und mu&szlig;t sehr aufpassen, da&szlig; du mir meinen
+Schleier nicht zerdr&uuml;ckst. Und da vornen, an der
+Laube, das B&auml;nkchen, das mu&szlig; die Kirche sein, da
+brennen Lichter, viele,&ldquo; sie sprang voraus und pfl&uuml;ckte
+von dem Schutthaufen hinten in der Ecke einige
+von den Samenkugeln des L&ouml;wenzahns, die dort
+standen, und steckte sie in die Bretterspalten des
+B&auml;nkchens. &bdquo;So, jetzt&nbsp;&ndash; nein, jetzt mu&szlig;t du der
+<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">16</a></span>Pfarrer sein, ich kann schon eine Weile denken, da&szlig;
+der Br&auml;utigam da steht.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber ich konnte nicht so spielen, ich war ein
+wenig steif und dumm und stellte mich ungeschickt
+an, da schlug sie vor, da&szlig; wir nun essen m&uuml;&szlig;ten,
+und dazu war ich vielleicht eher zu gebrauchen. Wir
+traten in die Laube ein, da stand ein wei&szlig;gl&auml;nzendes,
+geflochtenes K&ouml;rbchen voll gro&szlig;er brauner Kirschen,
+und wir fingen an, zu schmausen. Aber Maidi h&auml;ngte
+mir zuerst noch Zwillingskirschen an die Ohren und
+steckte mir ein kleines Zweiglein mit Laub und Kirschen
+dran in die sch&ouml;ne, steife Schleife, die mir meine
+Mutter am Hals zugebunden hatte zum Schmuck des
+Samtanz&uuml;gleins. Dann durfte ich essen. Mir war
+so seltsam wohl, wie noch nie. Und in diesem
+Wohlsein, in der gr&uuml;nen, farbigen Welt, die &uuml;ber
+uns beiden Kindern zusammenschlug, kam mich das
+Reden an. Ich erz&auml;hlte Maidi, da&szlig; wir auch einen
+Garten haben, der geh&ouml;re mir, und er sei ganz voll
+roter Nelken, und da&szlig; ich eine Katze habe, wenn man
+die vom Schwanz an aufw&auml;rts streichle, so schlage sie
+Funken. Sie habe ganz gr&uuml;ne Augen, damit k&ouml;nne
+sie bei Nacht sehen, und im Dunkeln seien sie wie
+gl&uuml;hende Kohlen. Da staunte Maidi und wollte
+brennend gern das alles auch sehen. Und ich sagte,
+da&szlig; ich auch noch den Heinrich Kilian habe, der geh&ouml;re
+mir ganz allein, und er k&ouml;nne wundersch&ouml;n
+auf der Mundharfe blasen, da kommen abends alle
+Leute vor ihre T&uuml;ren und horchen, und der Heinrich
+Kilian habe in der Stadt drinnen ein gro&szlig;es Haus
+ganz voll mit B&uuml;chern.</p>
+
+<p>So tat ich dem kleinen M&auml;dchen, in dessen wundersamer
+Welt ich einen kurzen Augenblick zu Gaste
+<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">17</a></span>war, meine eigene Welt auf, die ihr vom H&ouml;rensagen
+vorkam, wie ein K&ouml;nigreich und sie mit einem Verlangen
+f&uuml;llte, das nicht gestillt werden konnte, weil
+es alles im Tageslicht drau&szlig;en anders aussah, als
+hier in der gr&uuml;ngoldenen D&auml;mmerung des Gartens
+und des Kinderherzens. Aber das wu&szlig;te ich jetzt
+selber nicht.</p>
+
+<p>&bdquo;Mama, Mama!&ldquo; rief Maidi und flog auf eine
+Frau zu, die den gelben Sandweg des Gartens
+herunterkam. Sie trug ein langes, d&uuml;nnes, wei&szlig;es
+Kleid und hatte einen sonnigen Schein um den Kopf
+aus lauter krausen, blonden Haaren, und trug auf den
+Armen ein kleines Kindlein.</p>
+
+<p>&bdquo;Mama, es ist noch viel sch&ouml;ner bei ihm. Sie
+haben rings herum alles ganz voll roter Blumen, und
+eine Katze geht herum und gibt Funken und hat
+Augen wie gl&uuml;hende Kohlen, und ein Mann ist dabei,
+der macht immerfort Musik. Und alle Leute stehen
+au&szlig;en am Garten herum und horchen.&ldquo;</p>
+
+<p>Die junge Frau l&auml;chelte gut und fein. Sie hatte
+den Auftrag, mich zu meiner Mutter zu holen, die
+au&szlig;en auf der Stra&szlig;e auf mich wartete. Sie kannte
+unser armes H&auml;uslein und G&auml;rtchen und unsere
+kleine Welt wohl, aber sie wollte nicht an unser beider
+Seligsein r&uuml;hren. Sie sagte nur: &bdquo;Das wirst du alles
+einmal sehen, Maidi. Aber jetzt m&uuml;ssen wir bei dem
+kleinen Bruder bleiben, das wei&szlig;t du ja. Und der
+Ludwig mu&szlig; jetzt zu seiner Mutter gehen, komm, zeig'
+ihm den Weg durch das gr&uuml;ne Pf&ouml;rtchen. Er ist
+ihr Bub, und du bist mein Maidi.&ldquo; Da tat sich
+hinter mir die Pforte wieder zu. Auf der Schwelle
+sah ich noch einmal den Weg hinunter und sah die
+sch&ouml;ne Frau mit dem Kindlein im Gr&uuml;nen stehen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">18</a></span>und sah Maidi wie einen Schmetterling auf sie zufliegen
+und h&ouml;rte ihren lachenden Ruf: &bdquo;Mama, ich
+habe gesagt, wir kommen dann einmal alle. Wenn
+der Bubi laufen kann, dann.&ldquo;</p>
+
+<p>Da stand ich auf der Stra&szlig;e und sah nur noch die
+gr&uuml;nen Baumkronen oben &uuml;ber die hohen Gartenmauern
+herausgr&uuml;&szlig;en, und sah meine Mutter, die
+ein St&uuml;ck weiter unten vor der Haust&uuml;r auf mich
+wartete. Sie nahm mich fest und ein wenig hart bei
+der Hand und machte fast zu gro&szlig;e Schritte f&uuml;r mich
+kleinen Buben, als wir wieder unsrem Hause zugingen.</p>
+
+<p>&bdquo;Mutter, wer ist der sch&ouml;ne, alte Herr? Mutter,
+was hat er gesagt?&ldquo; fing ich an. Aber sie war nicht
+zum Reden aufgelegt. Der alte Herr war &auml;rgerlich
+geworden, als sie ihm ihren steifen, ungelenkigen
+Widerstand entgegenhielt. Es waren Funken aus
+seinen g&uuml;tevollen blauen Augen gefahren, und die
+junge Frau war aus dem Nebenzimmer herein
+gekommen und hatte vermitteln m&uuml;ssen. Er hatte
+geschimpft und gewettert, da&szlig; nirgends mehr Natur
+sei, Einfachheit, Selbstverst&auml;ndlichkeit. So gottverlassen
+seien die Menschen, da&szlig; sie sich der Glieder
+sch&auml;men, die ihre Kinder in ihrer unschuldigen
+Pracht mit sich herumtragen.</p>
+
+<p>Dabei war die Mutter immer stummer geworden.
+Sie konnte nicht daf&uuml;r, es war ihre Art so.
+Sie konnte nicht mehr umlenken, wenn sie sich irgendwo
+festgefahren hatte, auch wenn sie wollte nicht. Sie
+blieb dabei: &bdquo;Nackend lass' ich den Buben auf kein
+Bild, und gar in einer Kirche. Ich versteh's nicht
+besser, so kommt mir's recht vor.&ldquo;</p>
+
+<p>Damit ging sie, es half alles nichts.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">19</a></span></p><p>Sie tat mir das Samtkittelchen aus, als wir
+daheim waren und lie&szlig; mich in Hemds&auml;rmeln auf
+die Gasse springen. Und ich h&ouml;rte noch, wie sie zum
+Heinrich Kilian sagte: &bdquo;Die Vornehmen sollen mir
+vom Leib bleiben. Alles drehen sie um und um in
+einem. Ich versteh's nicht; er ist sonst ein guter Herr,
+der Herr Professor, und nicht unrecht. Aber im
+Himmel die seligen Leut' haben doch auch Kleider an,
+steht in der Bibel. Brav soll er werden und recht,
+der Bub, sonst nichts. Ich kann nicht draus hinaus,
+wir haben's bei uns immer so gehabt.&ldquo;</p>
+
+<p>So ungef&auml;hr sagte die Mutter damals. Ich aber
+stand mitten auf der Gasse und sah das G&auml;rtchen
+an, das winzige, schmale, und das niedrige H&auml;uslein,
+dem das steile Dach so tief &uuml;ber den einzigen Wohnstock
+herunterhing, da&szlig; es aussah, wie ein Mensch,
+dem der Hut in die Stirne gerutscht ist. Und mich
+&uuml;berkam ein kleines, dummes Leiden und ein Zorn,
+da&szlig; es alles nicht so sch&ouml;n sei, wie ich es vorhin der
+Maidi beschrieben hatte, und wie es auch in meinem
+kleinen Bubenherzen gewesen war. Da ging ich ins
+Haus zur&uuml;ck und setzte mich auf die Schwelle, die von
+der Wohnstube in den Alkoven f&uuml;hrte, in dem ich mit
+der Mutter schlief, und fing an, laut hinauszubr&uuml;llen,
+denn ich wu&szlig;te mir nicht anders zu helfen. Und sie
+kamen alle zusammen, die Schwestern, der Heinrich
+Kilian und die Mutter, und fragten, was mir sei.
+Aber die Mutter sagte: &bdquo;Lasset ihn nur, er hat's wie
+ich, er ist aus dem Gleis gekommen.&ldquo; Da fing sie
+sachte an, mich auszuziehen und wickelte mich in den
+alten, grauen, wollenen Schal, der f&uuml;r alle Sch&auml;den
+gut war, und legte mich in ihr gro&szlig;es Bett, und ich
+sp&uuml;rte ihre guten, hartgeschafften H&auml;nde und roch den
+<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">20</a></span>Duft von dem Strohblumenkranz, der um des Vaters
+Bild gelegt war, gerade &uuml;ber meinem Kopf. Da h&uuml;llte
+mich das Heimatliche wieder warm und gewohnt ein,
+und ich schlief in den andern Tag hin&uuml;ber. Denn es
+war noch ein Leiden, das man verschlafen konnte.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Aber nach dem alten Herrn hatte ich hie und da
+ein Verlangen. Nicht nach Maidi und nicht nach
+ihrer feinen, wei&szlig;en Mutter. Ja, ich hatte manchmal
+eine pl&ouml;tzliche Angst, sie k&ouml;nnten kommen und
+sehen wollen, was ich Maidi beschrieben hatte und
+was doch nicht so war, und ich m&uuml;&szlig;te mich dann
+verkriechen in hilfloser Scham. Dann verga&szlig; ich sie
+nach und nach, und eines Tages stand ich pl&ouml;tzlich
+vor dem alten Herrn. Es war in einer engen Gasse
+zwischen hohen H&auml;usern, die sich oben fast zusammenneigten.</p>
+
+<p>Da schritt er fest und rasch daher und war
+wieder das Hellste von allem.</p>
+
+<p>Ich trug ein neues R&auml;nzlein auf dem R&uuml;cken,
+darin klapperte und rasselte es von Tafel und Griffelrohr,
+die es bis jetzt noch allein bewohnten, und
+kam in einem blauen Anz&uuml;glein, das mir die Mutter
+aus einer Arbeitsbluse vom Vater gemacht hatte,
+gerade aus der Schule, in die ich erst seit Tagen
+ging. Woher er gekommen war, wu&szlig;te ich nicht.
+Vermutlich aus einem der alten H&auml;user. Er trug
+den Hut in der Hand und sah beim Gehen links
+und rechts an den H&auml;usern hinauf, es war aber
+nichts zu sehen, als alte Giebel und einige Blumenbretter
+und Taubenschl&auml;ge und so altes Zeug; aber
+mich sah er nicht und wollte grad an mir vorbeischreiten.
+Da griff ich, weil das nicht sein durfte,
+<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">21</a></span>schnell nach seinem Samtkittel und hielt ihn daran
+fest und erschrak erst, als ich es getan hatte, &uuml;ber
+meine eigene Keckheit, denn zuvor hatte ich nichts
+gedacht, nur gesp&uuml;rt, da&szlig; er mir nicht so entschwinden
+durfte.</p>
+
+<p>&bdquo;Oho, du Stumper,&ldquo; sagte der alte Herr, der
+solchergestalt mit seinen Gedanken auf die Stra&szlig;e
+heruntergezogen worden war, und sah mir in das
+Gesicht, das in gro&szlig;er Verlegenheit ergl&uuml;hte, &bdquo;was
+gibt's?&ldquo; Und ich freches M&uuml;cklein h&auml;tte mich gern
+verkrochen, aber ich konnte nicht.</p>
+
+<p>Da fiel ihm auf einmal ein, wo er mich schon
+gesehen hatte, und er sagte: &bdquo;Ja, ja, ja, das ist ja der
+Maidi ihr Br&auml;utigam, den man nicht abmalen
+durfte.&ldquo; Und wie es ihm so gerade durch den Kopf
+ging, sagte er: &bdquo;Wei&szlig;t du was? Willst du was sehen?
+Komm einmal mit mir. Sag einen sch&ouml;nen Gru&szlig; an
+deine Mutter und ich h&auml;tte dir etwas gezeigt.&ldquo;</p>
+
+<p>Damit nahm er mich an der Hand und machte
+lange Schritte, und ich kleiner Schulbub rasselte
+mit meinem R&auml;nzlein neben ihm her und konnte es
+fast nicht erschreiten, bis wir an ein gro&szlig;es, kahles
+Haus kamen und etliche Treppen erstiegen. Da traten
+wir in einen hellen Raum ein und waren beide ganz
+still. Denn was da drinnen war, das redete mit uns.
+Da sa&szlig; die blonde junge Frau, Maidis Mutter, auf
+einem kleinen Grash&uuml;gelchen, ganz im Gr&uuml;nen, aber
+sie hatte andere Kleider an, als man bei uns hatte,
+etwas wie einen gro&szlig;en Mantel, der sie und das
+Kindlein, das sie auf dem Scho&szlig; hatte, ganz einh&uuml;llte.
+Und irgendwo kam Sonne her, die war im
+Haar und im Mantel und in den Gesichtern, da wurden
+sie ganz gl&auml;nzend und ganz fremd und froh.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">22</a></span></p><p>Aber von beiden Seiten her kamen kleine Buben
+mit lustigen kurzen Fl&uuml;geln, die ihnen am R&uuml;cken
+herauswuchsen, die trugen Blumenstr&auml;u&szlig;e und Kirschen,
+und einer schleppte ein V&ouml;glein herbei, das
+ihm davonfliegen wollte, und einer ein schneewei&szlig;es
+H&auml;schen. Das brachten sie alles der sch&ouml;nen, sch&ouml;nen
+Frau und ihrem Kindlein. Sie hatten keine Kleider
+an, aber sie kamen mir auch nicht vor, wie rechte
+Buben, solche, mit denen ich auf der Gasse spielte,
+sie waren anders. Es war alles eine ganze Welt
+f&uuml;r sich auf einem gro&szlig;en Bilde, das lebte und bl&uuml;hte
+und r&uuml;hrte sich doch nicht.</p>
+
+<p>Da streifte mich eine gro&szlig;e, fremde Sch&ouml;nheit
+und strich mir &uuml;ber die Augen, da&szlig; sie wie in ein
+Wunder hineinsahen. Und ich stand ganz still und
+r&uuml;hrte mich nicht und atmete kaum. Das wei&szlig; ich alles
+noch, als ob es erst geschehen w&auml;re. Auf einmal
+mu&szlig;te ich aufsehen, es zwang mich etwas dazu.
+Da sah ich, wie der alte Herr seine Augen auf mir
+liegen hatte, voller G&uuml;te und wie in einer gro&szlig;en
+Bewegung, die mochte ihm mein stummes And&auml;chtigsein
+geschaffen haben. Und er hob mich ganz
+sachte mit seinen H&auml;nden empor und k&uuml;&szlig;te mich auf
+den Mund. Dann stellte er mich wieder auf den Boden
+und sagte: &bdquo;So, jetzt gehst du heim zu deiner
+Mutter. Gr&uuml;&szlig;' sie. Findest du den Weg? Beh&uuml;t
+dich Gott.&ldquo;</p>
+
+<p>Ja, den Weg fand ich schon, meine F&uuml;&szlig;e fanden
+ihn von selber, denn ich ging wie in Tr&auml;umen.</p>
+
+<p>Da sah die Sch&ouml;nheit in mein Kinderleben herein
+und sagte: &bdquo;Ich bin. Suche mich, kenne mich, liebe
+mich. Ich bin Wahrheit und G&uuml;te, Farbe, Licht und
+Glanz. Ich bin in allem und auch in dir.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">23</a></span></p><p>Aber ich konnte es nicht recht erz&auml;hlen, als ich
+nach Hause kam.</p>
+
+<p>Doch war es der Mutter recht, da&szlig; der Herr
+Professor scheint's nicht mehr b&ouml;se sei. &bdquo;Denn sonst
+h&auml;tt' er dich nicht mitgenommen, denk ich,&ldquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Aber da&szlig; er mich gek&uuml;&szlig;t hatte, das behielt ich
+f&uuml;r mich.</p>
+
+<p>Bei uns daheim k&uuml;&szlig;te man einander nicht. Auch
+mich nicht, so gut ich es sonst hatte.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Eines Tags wurde Lotte Wolf unsere Nachbarin;
+ich konnte froh sein, da&szlig; sie es wurde.</p>
+
+<p>Sie war gro&szlig; und dunkelhaarig; es dauerte nicht
+lange, bis sie auch zu meinen Besitzt&uuml;mern geh&ouml;rte.
+Als sie am ersten Abend nach ihrem Einzug eine Weile
+unter der niedrigen Haust&uuml;r stand und auf die gr&uuml;nen
+B&auml;ume der Au hin&uuml;bersah, da wunderte ich mich, da&szlig;
+sie da drinnen in dem H&auml;uschen Platz haben sollte. Es
+schien mir niedriger zu sein als alle andern, weil
+sie so gro&szlig; und hoch war. Sie trug eine blaue
+Bluse und eine wei&szlig;e Sch&uuml;rze und hatte den Hals
+frei, daran hing ein d&uuml;nnes Silberkettlein mit einem
+Herzchen. Es zog mich m&auml;chtig zu ihr hin, aber ich
+wu&szlig;te nicht, was ich sagen sollte; ich beschrieb aber
+immer engere Kreise um sie her. Da sah sie mich
+und lachte mich an und sagte: &bdquo;Komm her, Kleiner,
+wie hei&szlig;t du?&ldquo; Ich sagte, da&szlig; ich Ludwig Fugeler
+hei&szlig;e, und da&szlig; das Haus da dr&uuml;ben mir geh&ouml;re, und
+da&szlig; ich viele rote Nelken habe. Da sagte sie, ich solle
+ihr eine davon holen, die wolle sie an ihre Bluse
+stecken und daf&uuml;r wolle sie mir etwas Sch&ouml;nes zeigen.
+Ich rannte hin&uuml;ber und pfl&uuml;ckte einen ganzen Strau&szlig;
+von den Blumen, die mir seither nur zum Ansehen
+<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">24</a></span>geh&ouml;rt hatten, und brachte sie ihr, die mich zum Dank
+mit ihrer gro&szlig;en, festen Hand an meinem Lockenwald
+packte und ein wenig zauste. Da wurde ich hei&szlig; und
+rot vor Gl&uuml;ck und Stolz, und sie nahm mich mit in
+ihr H&auml;uslein hinein, da&szlig;, wie die andern alle, eine
+Stube mit einem Alkoven und zwei Kammern hatte.</p>
+
+<p>Das Sch&ouml;ne, das sie mir zeigen wollte, stand
+auf der gl&auml;nzend polierten Kommode und war ein
+ausgestopftes Eichhorn, das blanke &Auml;uglein und spitze
+wei&szlig;e Z&auml;hne hatte. Es sa&szlig; auf einem bemoosten
+Baumast und hatte eine Nu&szlig; zwischen den Vorderpf&ouml;tchen,
+und Lotte sagte, sie wolle mir einmal die
+ganze Geschichte des Eichhorns erz&auml;hlen, das Mux
+gehei&szlig;en habe und fast gescheiter als ein Mensch
+gewesen sei. Sie sei aber sehr traurig und ob
+ich gerne traurige Geschichten h&ouml;re? Das wu&szlig;te ich
+aber nicht, denn bis jetzt hatte mir niemand Geschichten
+erz&auml;hlt, und ich entdeckte auch in diesem
+Augenblick noch etwas anderes, das mich stark interessierte.
+Das war eine alte Frau, die neben dem Ofen
+in einem m&auml;chtig hohen Lehnstuhl sa&szlig; und immerfort
+mit dem Kopf zitterte. Sie hatte eine breite wei&szlig;e
+Binde um die Stirn gelegt, und unter der Binde
+sahen ein paar dunkle Augen hervor und zu mir
+her&uuml;ber, und ich bekam auf einmal Angst vor diesem
+Menschenwesen und wollte mich aus der Stube machen.
+Da nahm mich Lotte bei der Hand und f&uuml;hrte
+mich zu ihrer Mutter hin. Denn das sei ihre Mutter,
+sagte sie, und sie m&uuml;sse immer im Lehnstuhl sitzen,
+sie k&ouml;nne gar nicht von selber aufstehen. Ja, nun
+sah ich es, sie zitterte mit den H&auml;nden und den
+F&uuml;&szlig;en ganz ebenso, wie mit dem Kopf, sie zitterte
+am ganzen K&ouml;rper, das sah unheimlich aus. Aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">25</a></span>als sie anfing zu sprechen, da war es gleich anders.
+Da hatte sie einen so freundlichen Mund und so
+freundliche Augen, da&szlig; meine ganze Angst verging.
+Sie sagte, wenn wir nun Nachbarsleute seien, so
+m&uuml;sse ich flei&szlig;ig zu ihr kommen, und sie habe auch
+ein Buch mit Bildern, das wolle sie mir zeigen, und
+ob ich keine Geschwister habe? Da sagte ich zuerst
+nein, denn die Schwestern waren immer wie etwas
+anderes, wie Kinderm&auml;dchen oder Pflegem&uuml;tter, und
+sie hatten auch eine jede ein Haus, f&uuml;r das sie Ausg&auml;nge
+zu machen hatten und spielten fast nie auf der
+Stra&szlig;e oder ums Haus herum. Aber dann besann
+ich mich und sagte, da&szlig; ich doch Geschwister habe,
+zwei, es seien aber blo&szlig; gro&szlig;e Schwestern. Und
+Frau Wolf sagte, das m&uuml;sse ich nie vergessen, da&szlig;
+ich gro&szlig;e Schwestern habe. Auch sp&auml;ter nicht, wenn
+ich ein Mann sei, denn es gebe sonst fast niemand,
+die M&uuml;tter ausgenommen, der so getreulich f&uuml;r die
+Br&uuml;der sei, wie &auml;ltere Schwestern, die gehen durch
+dick und d&uuml;nn mit ihnen.</p>
+
+<p>&bdquo;Mutter, das versteht er ja noch nicht,&ldquo; sagte
+Lotte, und die alte Frau wackelte mit dem Kopf und
+sah mich freundlich an, und schwieg. Und ich erfuhr
+es erst sp&auml;ter, da&szlig; sie einen einzigen Bruder habe,
+der ein gro&szlig;er Herr geworden sei und nichts mehr
+von ihr wissen wolle. &bdquo;Aber,&ldquo; sagte Lotte, als sie
+das meiner Mutter erz&auml;hlte, &bdquo;das mag er halten,
+wie er will. Ich kann meine Mutter gut erhalten,
+und das tue ich auch.&ldquo; Dabei streckte sie den einen
+blo&szlig;en Arm mit dem hei&szlig;en B&uuml;gelstahl, den sie in der
+Hand hatte, wagrecht hinaus und ich dachte, sie sehe
+der Germania gleich, die oben auf dem Kriegerdenkmal
+auf dem Friedhof stand, nur da&szlig; die Germania
+<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">26</a></span>einen Kranz ausstreckte und Lotte einen B&uuml;gelstahl.
+Aber f&uuml;r Lotte pa&szlig;te ein B&uuml;gelstahl besser, denn
+eben damit erhielt sie ihre Mutter.</p>
+
+<p>Sie stand den ganzen Tag am B&uuml;gelbrett, und
+um sie herum h&auml;ufte sich die wei&szlig;este W&auml;sche; sie
+hatte immer eine schneewei&szlig;e Sch&uuml;rze an und eine
+Bluse mit kurzen &Auml;rmeln und regierte das hei&szlig;e
+Eisen, da&szlig; es blitzend hin und her fuhr und alles
+sich gl&auml;ttete, was sie unter die Hand bekam.</p>
+
+<p>An sch&ouml;nen Sommertagen, wenn drinnen in
+der K&uuml;che der kleine B&uuml;gelofen gl&uuml;hte und seine
+Hitze mit der zitternd warmen Sommerluft vermischte,
+stand sie wohl drau&szlig;en unter dem Vordach aus
+Sackleinwand, das sie sich selber aufgespannt hatte.
+Dann hingen an den Latten des Zaunes geb&uuml;gelte
+wei&szlig;e Unterr&ouml;cke und rosenfarbige und blaue Kleider
+und f&uuml;hrten, wenn ein L&uuml;ftchen zwischen ihnen hinstrich,
+f&uuml;r sich selbst ein T&auml;nzchen auf, als wollten
+sie sich auf den Sonntag ein&uuml;ben, wo sie sich um
+junge, warme Glieder schmiegen w&uuml;rden, drunten
+in der Au und wo ihre Falten und Spitzen noch
+ganz anders hin und her geschwenkt werden w&uuml;rden
+als jetzt, nach den Kl&auml;ngen einer guten Blechmusik
+und in den Armen der stattlichen Grenadiere und
+Pioniere. Denn die sch&ouml;ne Lotte hatte zu ihrer Kundschaft
+nicht die gro&szlig;en, feinen H&auml;user in der Stadt, die,
+wenn sie tanzgel&uuml;stig wurden, sich selber aufspielen
+lassen konnten, sondern das hart verdienende, arbeitsame
+V&ouml;lkchen der Fabrikm&auml;dchen, der Verk&auml;uferinnen
+in den Warenh&auml;usern und was so junges, lebenslustiges
+Geziefer mehr war. Es kamen auch ledige
+Herren zu ihr, die ihre W&auml;schep&auml;ckchen selber unter
+dem Arm trugen und am Samstagabend selber
+<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">27</a></span>wieder abholten. Darunter waren solche, die ich leiden
+konnte, und solche, die mir unausstehlich waren.
+Einige stellten sich zu Lotte ans B&uuml;gelbrett und
+sahen zu, als ob sie demn&auml;chst ihre Hemden selber
+b&uuml;geln wollten und ihnen nur noch die letzte Feile
+zu der Kunst fehlte, und dann begannen sie allerlei
+Gespr&auml;che mit ihr. Aber manche machten dumme
+Sp&auml;&szlig;e und versuchten Lotte in die blo&szlig;en Arme
+zu kneifen, da fuhr ich w&uuml;tend dazwischen, denn das
+durften sie nicht, da Lotte mir geh&ouml;rte und ich sie,
+wenn ich gro&szlig; war, heiraten wollte. Lotte aber
+zupfte mich leise am Haar, da&szlig; ich still sein sollte
+und sagte: &bdquo;La&szlig; nur, Ludwig, ich wehre mich schon
+selber,&ldquo; und holte sich einen frischen B&uuml;gelstahl, den
+schwenkte sie ein paarmal hin und her, da sah sie
+wieder aus, wie die Germania, und ihr Gesicht war
+ernst und sch&ouml;n, aber zu dem Kecken sagte sie gar
+nichts. Da sah der meist ein bi&szlig;chen dumm aus und
+machte, da&szlig; er fort kam. Das war mir recht, denn
+es war mir am wohlsten, wenn wir drei allein waren.
+Bei mir zuhause war oft den ganzen Nachmittag niemand
+daheim, da wurde das H&auml;uschen der beiden
+Frauen meine zweite Heimat, und ich d&uuml;nkte mich
+K&ouml;nig darin zu sein. Aber eines Abends kam ich so
+gegen Dunkelwerden hin&uuml;ber. Man hatte mir heut
+bei Tag meine Locken abgeschnitten, weil ich nun doch
+zu gro&szlig; daf&uuml;r wurde, und weil mich die Buben
+soviel damit neckten, und ich f&uuml;hlte mich erwachsener
+als je dadurch, aber es fror mich auch irgendwie,
+und ich wollte mich bei meinen Freunden w&auml;rmen.
+Da sah ich, als ich in die Stube trat, einen jungen
+Mann, den ich immer gern hatte leiden m&ouml;gen, weil
+er so still und bescheiden kam und ging und nie viel
+<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">28</a></span>sagte. Der hatte seinen Arm um die sch&ouml;ne Lotte geschlungen
+und sah sie leuchtend an, und sie wehrte
+sich gar nicht, sondern stand ganz still und sah ihn
+auch so an, und das B&uuml;geleisen stand mitten auf
+einer Bluse, es roch auch schon verd&auml;chtig. Ich
+blieb an der T&uuml;re stehen und wu&szlig;te gar nicht, was
+beginnen, es ging ein Schmerz und Zorn und ein
+Schrecken durch mich durch. Da sahen sie mich und
+l&auml;chelten und winkten mir mit den Augen, da&szlig; ich
+n&auml;her treten solle, und Lotte nahm das B&uuml;geleisen
+und stellte es an seinen Platz. Aber ich r&uuml;hrte
+mich nicht von der Stelle und w&auml;re nur gern wieder
+drau&szlig;en gewesen, weil ich das nicht sehen konnte,
+da&szlig; sie der fremde Mensch umschlungen hielt.</p>
+
+<p>Da sahen sie meine Not und Lotte machte sich
+los und kam zu mir her und sagte: &bdquo;Siehst du, Ludwig,
+das ist mein Br&auml;utigam. Jetzt gerade vorhin
+habe ich mich ihm versprochen. Gib ihm eine Hand,
+er hei&szlig;t Friedrich Meister, ihr m&uuml;sset nun auch
+Freunde sein.&ldquo; Aber ich gab ihm keine Hand. Wie
+konnte ich ihm die Hand geben, wenn er nur so
+da herein kam und alles st&ouml;rte, was bisher war
+und wenn er Lotte um den Hals fa&szlig;te? Da sagte die
+alte Mutter aus ihrem Lehnstuhl heraus: &bdquo;Gehet
+ihr beiden nur ein bi&szlig;chen spazieren, das wird euch
+gut tun. Der Ludwig bleibt bei mir, gelt, Ludwig?&ldquo;</p>
+
+<p>Und ich setzte mich auf den niedrigen Schemel zu
+ihren F&uuml;&szlig;en und legte meinen geschorenen Kopf an
+ihre Knie und sp&uuml;rte, wie sie fortw&auml;hrend zitterten.
+Das Brautpaar ging hinaus, und wir blieben
+allein, und die alte Frau sagte, als ob sie mich durch
+und durch sehen k&ouml;nnte: &bdquo;Ja, lieber Bub, das kommt
+uns beiden sonderbar vor, da&szlig; uns der Friedrich
+<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">29</a></span>unsere Lotte nimmt, gelt? Aber wei&szlig;t du, er nimmt
+sie nicht fort, er l&auml;&szlig;t sie da und bleibt auch dabei,
+und so haben wir sie alle beide.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber ich sch&uuml;ttelte meinen Kopf in ihre Zudecke
+hinein und sagte da heraus: &bdquo;Er soll sie nicht in den
+Arm nehmen, sie geh&ouml;rt mir. Sie hat es gesagt, da&szlig;
+sie mir geh&ouml;rt.&ldquo; Und dann sah ich auf, ob sie keinen
+Rat wisse.</p>
+
+<p>Da lagen ihre alten Augen gut und warm
+auf mir, und sie sagte: &bdquo;O B&uuml;blein, wo will das hinaus
+mit deinem hei&szlig;en Herzen? Sieh, wir k&ouml;nnen
+nicht alles f&uuml;r uns allein haben, was gut ist und
+sch&ouml;n und was wir lieb haben. Du verstehst es noch
+nicht, aber du mu&szlig;t es noch lernen. Das kommt
+noch oft. Komm, komm,&ldquo; und sie streichelte mich mit
+ihren zittrigen H&auml;nden und sagte: &bdquo;Es wird sch&ouml;ner,
+als du denkst. Was meinst du, mir hat die Lotte
+auch geh&ouml;rt, schon lang vor dir, schon als sie noch
+ganz klein war.&ldquo; Da mu&szlig;te ich sie ansehen, wie sie
+so gut und so gelassen in ihrem Stuhl sa&szlig; und ich
+dachte, ich m&uuml;sse sie lieb haben, weil sie so arm sei
+und packte sie pl&ouml;tzlich mit beiden H&auml;nden an den
+Armen. Das tat weh, das durfte man nicht. Sie
+zuckte zusammen und pre&szlig;te die Lippen aufeinander,
+und ich sch&auml;mte mich, da&szlig; ich so ungest&uuml;m war. Aber
+sie l&auml;chelte mich an und sagte: &bdquo;Ich versteh's schon,
+Ludwig, du meinst es gut. Sei nur ruhig, sei
+nur still. Komm, ich erz&auml;hl' dir was, weil wir grad
+so sch&ouml;n beisammen sind.&ldquo; Da erz&auml;hlte sie mir die
+Geschichte von dem ausgestopften Eichh&ouml;rnchen. Die
+hie&szlig; etwa so:</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist einmal gewesen, schon lang, als die
+Lotte noch nicht viel gr&ouml;&szlig;er war als du, da haben
+<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">30</a></span>wir, mein Mann und das Kind und ich, droben an
+der steilen Steige gewohnt in dem Bahnw&auml;rterhaus,
+denn mein Mann ist ein Bahnw&auml;rter gewesen.
+Da haben wir eine gute Zeit gehabt, sag' ich dir.
+Da bin ich noch grad gewesen und aufrecht und stark.
+Ja ja, guck nur, ich bin erst seit der b&ouml;sen Krankheit
+so, so elend. Der Mann, so gut und immer vergn&uuml;gt,
+es sei ein Wetter gewesen, was es f&uuml;r eins wolle.
+Eine Stimme wie eine Amsel hat er gehabt und immer
+die Mundharfe in der Tasche. Wenn er die
+Strecke abgeschritten ist, hat er immer geharft dabei,
+und am Abend daheim gesungen auf dem B&auml;nklein
+vor der T&uuml;r, und unsern Garten geschafft, es hat
+kein f&uuml;rwitziges Gr&auml;slein drin sein d&uuml;rfen. Solche
+rosa Pfingstnelken, d&uuml;nkt mich, habe es sonst nirgends
+gegeben. Einen Nu&szlig;baum haben wir gehabt, der
+hat ein ganzes Dach &uuml;ber unser H&auml;uslein gebreitet,
+und gleich dahinter hat der Wald angefangen.</p>
+
+<p>Ja, lieber Bub.</p>
+
+<p>Da sitzen wir einmal an einem Sonntagabend
+um den Tisch. Alle drei. Das Fenster steht offen
+und die Lotte sagt: &sbquo;Vater, blas' eins. Blas': Br&uuml;der,
+Br&uuml;der, wir ziehen in den Krieg&lsquo;. Denn
+er ist ein alter Soldat gewesen und h&auml;tt' gern einen
+Buben gehabt, der auch einmal Soldat w&uuml;rde, und
+hat der Lotte immer vom Milit&auml;r erz&auml;hlt. Das ist ihr
+Leben gewesen. Da zieht er die Mundharfe heraus
+und bl&auml;st eins ums andere, und auf einmal legt
+Lotte ihre Hand auf meinen Arm und sagt leise: &sbquo;Da
+sieh' hin&lsquo;. Da sitzt auf dem Fenstersims ein Eichh&ouml;rnchen
+und guckt mit seinen schwarzen &Auml;uglein
+zu uns her und horcht auf die Musik. Denn darauf
+sind sie aus, das lieben sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">31</a></span></p><p>Wir sind ganz still gewesen, um es nicht zu verscheuchen,
+und es ist erst wieder fortgesprungen, als
+mein Mann das Blasen einstellte und die Mundharfe
+auf den Tisch legte. Von da an ist es oft gekommen,
+immer &ouml;fter. Es ist noch ein ganz junges gewesen,
+und es ist nach und nach ganz zahm geworden.
+Die Lotte hat ihm Haseln&uuml;sse auf den Sims gelegt
+und dann auf die Bank am Fenster und auf den
+Tisch, und es ist bald aus- und eingegangen, wie ein
+Eigenes. Dann, im Winter, ist es ganz dageblieben.
+Die Lotte hatte ihm ein Bettchen gemacht in einem
+Korb, darin ist es gelegen, wie ein Kind. Sie hat
+es immer selber hineingetan, es hat ihm sonst niemand
+etwas tun d&uuml;rfen. Wenn sie ganz leise gepfiffen
+hat, so ist es heraus und auf ihre Achsel gesprungen
+und hat seinen sch&ouml;nen buschigen Schwanz um
+ihren Hals gelegt. Die Lotte ist damals hergewachsen,
+wie ein junger Baum und hat zwei lange dicke Z&ouml;pfe
+hinuntergeh&auml;ngt, aber mit dem Lernen, da ist's ihr
+nicht so leicht gegangen. Sie hat sonst so vielerlei im
+Kopf gehabt. Jetzt hat sie nur noch lernen k&ouml;nnen,
+wenn der Mux mit in das Buch hineingesehen
+hat. Und dann hat sie ihn allemal gefragt: &sbquo;Verstehst
+du das, Mux?&lsquo; und hat ihm ins Gesicht geblasen,
+da hat er sich gesch&uuml;ttelt und sie hat zu mir in die
+K&uuml;che hinausgerufen: &sbquo;Mutter, der Mux ist ein
+Gescheiter, der versteht's auch nicht.&lsquo;</p>
+
+<p>Das ist drei Jahre lang so gegangen. Im Sommer
+hat der Mux seine Freiheit gehabt. Bei Tag
+auf dem Nu&szlig;baum und im Wald und bei Nacht
+in seinem Korb. Im Winter, da hat er ganz bei
+uns gelebt. Da, in einem Fr&uuml;hjahr, die Lotte ist
+zw&ouml;lf Jahre alt gewesen und ein gro&szlig;es M&auml;dchen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">32</a></span>geht eines Tages ein schweres Gewitter herunter.
+Es donnert und blitzt und der Regen f&auml;llt nur
+so k&uuml;belweis, und ich denke: Das ist schon gar nicht
+mehr geregnet, und richte trockne Sachen f&uuml;r meinen
+Mann, denn er ist ja richtig weit drau&szlig;en auf der
+Strecke. Da sind auf einmal Tritte vor der T&uuml;r,
+und etwas sch&uuml;ttelt sich und pustet, und ein Herr
+kommt herein, den hatte ich noch nie gesehen. Es
+war der neue Forstassessor, und er wollte dableiben,
+bis der &auml;rgste Gu&szlig; vorbei sei. Es war ein sch&ouml;ner
+Mensch, gro&szlig; und breit und mit einem Weltsschnurrbart,
+aber es hat mir gleich etwas nicht
+gefallen an ihm, so um die Augen herum. Die Lotte
+ist dagesessen und hat an ihrem Federhalter genagt,
+denn sie hat sollen einen Aufsatz machen, und der
+Mux sitzt an seinem gew&ouml;hnlichen Platz auf ihrer
+Achsel und klopft mit dem Schwanz, wie wenn er sich
+auch besinnen m&uuml;&szlig;te. Da packt der Assessor die Lotte
+am Zopf und sagt: Ein sch&ouml;nes Kind! Das d&uuml;rfen
+Sie auch h&uuml;ten, wenn ein paar Jahre noch herum sind.
+Und ich sagte: Wir wollen es so erziehen, da&szlig; es sich
+selber h&uuml;tet, das wird noch besser sein.</p>
+
+<p>Die Lotte funkelt ihn so an mit den Augen und
+zieht den Zopf wieder aus seiner Hand, sagt aber
+nichts. Da bleibt ihm das Zopfband in der Hand
+und er fragt: Schenkst du mir das? Und ich sage
+statt ihrer: sie ist noch ein ganzes Kind, sie braucht
+ihre Zopfb&auml;nder selber, gelt, Lotte? Aber sie macht
+nur ein trutziges Gesicht, und als der Assessor ihr auf
+die Achsel klopfen will, r&uuml;ckt sie auf der Bank hinunter.
+Wie es aber geschah, wei&szlig; ich nicht mehr zu
+sagen: Der Mux f&auml;hrt blitzschnell nach seiner Hand
+und schl&auml;gt ihm seine spitzen Z&auml;hne in den Zeigefinger.
+<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">33</a></span>Er hatte vorher nie jemand gebissen, es
+war das erstemal.</p>
+
+<p>&sbquo;Verfluchte Wildkatz,&lsquo; sagt der Assessor und pfeift
+zwischen den Z&auml;hnen, und seine Augen sehen aus,
+wie nichts Gutes. Da geht auf den leisen Pfiff
+pl&ouml;tzlich die T&uuml;r auf, die nicht ganz fest zu war, und
+ein brauner Jagdhund kommt herein, der drau&szlig;en
+unter dem Vordach gelegen war. Und da geht eine
+Jagd an, das ist nicht zu sagen. Der Hund f&auml;hrt auf
+das Eichhorn los, und das rennt an der Wand hinauf
+in sinnloser Angst. Alles Locken von der Lotte und
+mir hilft nichts, und es hilft auch nichts, da&szlig; ich das
+Fenster aufmache, damit es sich fl&uuml;chten soll. Vielleicht,
+wenn der Assessor seinem Hund gleich gepfiffen
+h&auml;tte, w&auml;re es noch Zeit gewesen. Aber der besah
+seinen gebissenen Finger und war still, und als er
+endlich sagte: Feldmann, daher! da steht er auf dem
+Tisch und bellt w&uuml;tend an dem B&uuml;cherbrett hinauf,
+auf das sich das Tierchen gefl&uuml;chtet hatte. Ich wei&szlig;
+nicht, wie es zuging, aber als der Assessor endlich
+seinen Hund am Halsband hatte und ihn zur Stube
+hinausf&uuml;hrte, da tat der Mux pl&ouml;tzlich einen klagenden
+Schrei und war tot. Mein Mann, der bald
+nachher heimkam, sagte: es sei an einem Herzschlag
+gestorben, den habe ihm die gro&szlig;e Angst angetan.</p>
+
+<p>Die Lotte aber war nicht zu tr&ouml;sten. Sie hat vorher
+noch nie ein Herzeleid erlebt gehabt, es war ihr
+erstes, und es war ein gro&szlig;es. Sie legte den Kopf auf
+den Tisch und weinte, als ob sie nie mehr aufh&ouml;ren
+wolle, und der Assessor stand daneben und sah erschrocken
+und bek&uuml;mmert aus. Und ich sagte, da&szlig;
+er lieber jetzt gehen solle, denn das Kind sei so au&szlig;er
+sich, ich k&ouml;nne es jetzt nicht vor einer Unart h&uuml;ten.
+<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">34</a></span>Da, wie er so dastand, tat es mir auf einmal leid,
+denn das Sp&ouml;ttische, Ungute war aus seinem Gesicht
+weg, und er sah aus, wie ein gro&szlig;er Bub, der etwas
+angestellt hat und gern wieder gut sein m&ouml;chte. Und
+ich dachte, ob er wohl auch eine Mutter habe, denn
+das denken wir Frauen immer zuerst, und gab ihm
+die Hand und sagte: &sbquo;Beh&uuml;t Sie Gott, und wir wollen
+einander nichts nachtragen.&lsquo;&ldquo;</p>
+
+<p>Soweit hatte die liebe Frau erz&auml;hlt, und ich
+f&uuml;hlte einen Grimm in mir gegen den Hund und
+den Herrn, es war mir nicht recht, da&szlig; ihm die Mutter
+die Hand gegeben hatte, und ich h&auml;tte der Lotte etwas
+Gutes antun m&ouml;gen, weil sie damals so ein Leid
+gehabt hatte. Da fiel es mir ein, da&szlig; ich ihr ja
+nun den Friedrich Meister g&ouml;nnen k&ouml;nne, und ich
+beschlo&szlig;, es zu tun, und als die beiden wieder herein
+kamen, da stand ich auf und gab ihm die Hand
+und sagte: &bdquo;Dann will ich!&ldquo; Das sollte hei&szlig;en, da&szlig;
+ich nun sein Freund sein wolle und ihm die Lotte
+lassen. Er verstand es auch, er lachte so herzlich
+erfreut &uuml;ber sein ganzes Gesicht und dr&uuml;ckte meine
+kleine Bubenhand, da&szlig; sie krachte, und versprach
+auch sogleich, da&szlig; er mir einen Drachen machen wolle,
+so gro&szlig;, da&szlig; die Spatzen davor erschrecken.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, und mit einem langen Schwanz,&ldquo; sagte ich.</p>
+
+<p>Da versprach er das auch noch, und ich merkte, da&szlig;
+auch die neue Einrichtung ihr Gutes habe.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Einmal, als ich neun Jahre alt war, lag ich
+in meinem Gitterbett, das mir schon fast zu klein
+wurde, im Alkoven neben der Stube. Es hing
+ein alter, farbiger Zitzvorhang von der Decke herunter,
+<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">35</a></span>der trennte die beiden Gem&auml;cher voneinander
+und lie&szlig; nur einen ged&auml;mpften Schein der Lampe
+zu mir herein. Drau&szlig;en vor dem Haus jagte ein
+starker Wind vor&uuml;ber. Er klapperte mit Fensterl&auml;den
+und ri&szlig; die paar B&auml;ume in den Nachbarg&auml;rten
+hin und her; man konnte sie bis hier herein st&ouml;hnen
+h&ouml;ren, und es zog ein Gewitter herauf. Ich kugelte
+mich unter meiner Decke zusammen vor Wohlbehagen,
+da&szlig; ich hier so im Windstillen und Hellen
+lag und so besch&uuml;tzt und umgeben war. Drau&szlig;en in
+der Stube sa&szlig;en sie noch alle um den Tisch her: meine
+Mutter und meine beiden Schwestern und Heinrich
+Kilian. Ihre Stimmen gingen in ruhigem Gespr&auml;ch
+einher, ich horchte nicht besonders darnach hin. Ich
+hatte ihnen vorhin, eh' ich ins Bett geschickt wurde,
+ein Gedicht hergesagt: &bdquo;War einst ein Riese Goliath,
+ein gar gewaltig' Mann.&ldquo; Das ging mir nun noch im
+Kopf herum; ich w&auml;re wohl auch daran eingeschlafen,
+wenn ich nicht auf einmal meinen Namen h&auml;tte
+nennen h&ouml;ren und dann eine Sache, die mich anging.
+Sie w&auml;hnten mich wohl schlafend, weil ich so
+ganz stille lag.</p>
+
+<p>Als ich anfing aufzuhorchen, sagte meine Mutter:
+&bdquo;Wenn es geschehen soll, dann ist es an der Zeit.
+Ich bin heut bei seinem Lehrer gewesen&nbsp;&ndash; ich
+habe bei seiner Frau gewaschen&nbsp;&ndash; und habe ihn
+gefragt. Da hat er gesagt: Ja, ja, der Bub ist hell
+im Kopf und ist auch flei&szlig;ig und hat gute Gedanken.
+Ich glaube, man kann aus ihm machen, was man will.
+Aber es wird Ihnen sauer geschehen, Frau Fugeler.
+Das Schulgeld ist teuer, und es dauert eine lange
+Zeit, bis einer fertig ist, wenn er ein Studium ergreift.
+Da habe ich gesagt, da&szlig; es mir nicht ums
+<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">36</a></span>Hochhinauswollen sei mit meinem Buben, sondern
+da&szlig; ich es dem Mann versprochen habe, da&szlig; ich alles
+an ihm tun will, was ich kann, und da&szlig; ich auch
+zwei T&ouml;chter habe, die mir helfen k&ouml;nnen.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich sah ein wenig durch ein kleines Loch im
+Vorhang, als die Mutter so redete und sah, da&szlig; die
+Schwestern einverstanden mit dem Kopf nickten &uuml;ber
+ihre Arbeit hin, und da&szlig; Heinrich Kilian beide
+Arme vor sich auf den Tisch legte und den Kopf
+vorstreckte vor Eifer und h&ouml;rte ihn sagen: &bdquo;Und von
+mir, hat sie von mir auch etwas gesagt, die Mutter?
+Hat sie nicht gesagt, da&szlig; der Heinrich Kilian auch
+mittun will?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagte die Mutter, &bdquo;von Ihnen habe ich
+nichts gesagt, Kilian, das w&auml;r' noch sch&ouml;ner.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber er tat es nicht anders, er wollte auch
+etwas an meinem Schulgeld bezahlen, wenn ich
+ins Gymnasium k&auml;me.</p>
+
+<p>&bdquo;Wen hab' ich denn sonst?&ldquo; sagte er. &bdquo;Ich
+habe niemand, als euch. Ich habe dreihundert Mark
+in der Sparkasse, die vermache ich dem Buben sowieso.
+Ich bin in der Sterbekasse, zu meinem Begr&auml;bnis
+brauch' ich nichts zu sparen. Und wenn ich nicht
+mehr schaffen kann, krieg' ich meine Altersrente.
+Aber ich kann noch lang schaffen.&ldquo;</p>
+
+<p>Da legte ich mich wieder in meine Kissen zur&uuml;ck
+und schlo&szlig; die Augen und sah in meine herrliche
+Zukunft hinein.</p>
+
+<p>Also ich sollte auch zu denen geh&ouml;ren, die jetzt
+n&auml;chstens von der B&uuml;rgerschule ins Gymnasium hin&uuml;bergingen.
+Ich war der Zweite in meiner Klasse.
+Der Erste war Fritz Mei&szlig;ner, der Sohn eines Kaufmanns
+am Marktplatz, ein gro&szlig;er und gescheiter Kerl,
+<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">37</a></span>der immer Rohrstiefel mit Glanzlederstulpen anhatte
+und sehr breit in ihnen auftrat. Der Dritte war Samuel Kern,
+ein Pfarrerssohn, fein und blond und
+von einer guten Aussprache des Deutschen, weil seine
+Mutter eine Hannoveranerin war und es von ihm
+verlangte. Aber manchmal, wenn er in die Hitze
+geriet, was selten war, verfiel er in ein ebenso
+gutes Schw&auml;bisch, wie wir andern es sprachen; erst
+vorgestern hatte er, als wir miteinander rangen und
+ich ihn unten liegen hatte, keuchend an mir emporgefaucht:
+Du Saukerl. Das war mir eine gro&szlig;e
+Ehre und ein rechtes Freundschaftsst&uuml;ck gewesen.
+Diese beiden standen seit einiger Zeit mit ein paar
+andern, die weiter unten sa&szlig;en, immer in den Freistunden
+auf einem H&auml;uflein beisammen und beredeten,
+wie es w&uuml;rde, wenn sie dr&uuml;ben seien. Dar&uuml;ber
+gab es viel zu sagen, von neuen, farbigen Kappen
+und von vielen andern Dingen, aber ich glaube
+nicht, da&szlig; sie viel von den Wissenschaften sprachen,
+die waren ihnen noch nicht so wichtig. Ich aber
+stand beiseite und bi&szlig; an meinen N&auml;geln herum,
+denn nun sah ich, da&szlig; ich nicht so kurzweg an allem
+teilhatte, was das Leben hergab. In der Volksschule
+war es einerlei gewesen, da&szlig; meine Mutter
+eine arme Wittfrau war, da kam es nur darauf an,
+da&szlig; ich in allem meinen Mann stellte. Aber das
+wurde jetzt anders, denn aus ihr hinaus f&uuml;hrte
+nur ein Weg f&uuml;r die, die Geld hatten. Das war
+eine b&ouml;se Sache. Aber nun war ihr auf einmal
+gesteuert. Denn die Mutter und die Schwestern und
+der Heinrich Kilian sorgten daf&uuml;r, da&szlig; ich mit den
+Auserlesenen &uuml;ber die Stra&szlig;e gehen k&ouml;nne und
+gr&uuml;ne oder rote Kappen tragen und alles tun, was
+<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">38</a></span>die andern auch taten und auch alles lernen. Aber
+an das Lernen dachte ich erst zuletzt, denn ich lernte
+gern und leicht, aber ohne Leidenschaft, das hatte
+mich bisher noch nicht besonders angefochten. Es
+erschien mir recht von den Meinigen, da&szlig; sie so
+taten, aber sie konnten es wohl tun, denn sie verdienten
+ja alle Geld. Meine Schwester Luise war
+jetzt f&uuml;nfzehn Jahre alt und stand den ganzen Tag
+am B&uuml;gelbrett dr&uuml;ben bei Lotte, die jetzt Frau
+Meister hie&szlig;, und einen kleinen Buben in der Wiege
+hatte. Und Helene war fast dreizehn, aber sie war fast
+so gro&szlig; wie Luise, und war Ausl&auml;uferin f&uuml;r ein
+Modegesch&auml;ft neben der Schule her und brachte auch
+schon Geld heim, und Heinrich Kilian hatte dreihundert
+Mark in der Sparkasse, das war viel, da
+konnte ich beruhigt sein. So schlief ich nun in
+guten Gedanken ein. Als ich schon lange geschlafen
+hatte, war es mir auf einmal, die Mutter stehe
+vor mir mit dem L&auml;mpchen in der Hand und sehe
+&uuml;ber mich hin. Ich h&ouml;rte sie sagen: &bdquo;Mach mir etwas
+Rechts aus meinem Buben. T&uuml;chtig soll er werden
+und brav. Pa&szlig;' auf ihn auf, wenn ich nicht mehr
+da bin.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber ich wu&szlig;te nicht, zu wem sie es sagte, denn
+es war sonst niemand da. Ich konnte auch die Augen
+nicht recht aufmachen, sie waren mir voll Schlafs.</p>
+
+<p>Als ich am andern Morgen meinen Kameraden
+verk&uuml;ndigte, da&szlig; ich auch ins Gymnasium komme,
+drehte sich auf einmal mein Vordermann um und
+sah mich mit merkw&uuml;rdig erloschenen Augen an.
+Ich hatte ihn gern, denn er war ein fr&ouml;hlicher Kamerad,
+der einen Spa&szlig; verstand, und dabei ein t&uuml;chtiger
+Sch&uuml;ler. Seine Mutter ging mit der meinigen
+<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">39</a></span>zum Kirchenreinigen. Wir waren schon oft dabei
+gewesen, alle beide, und hatten uns auf den Emporen
+und hinter der Orgel umhergetrieben und
+untereinander ausgemacht, wem die angemalten Posaunenengel
+in der Spitalkirche &auml;hnlich s&auml;hen. Da
+hatten wir immer viel Vergn&uuml;gen dabei gehabt und
+auch ein paarmal die B&auml;lge getreten, wenn jemand
+kam zum Orgelspielen. Jetzt sah er mich erschrocken
+an und sagte: &bdquo;Du auch?&ldquo; sonst nichts. Aber in der
+Freiviertelstunde wartete er, bis ich die Treppe herunter
+kam und sagte, er m&uuml;sse mich etwas fragen,
+und wir gingen miteinander hinter die Holzbeige
+im Hof. Ich stand dumm und bockig da, denn ich
+hatte etwas wie ein schlechtes Gewissen gegen ihn,
+aber ich wu&szlig;te nicht recht, warum. Da schlug er
+mir auf einmal mit aller Macht eine hinter die
+Ohren und drehte sich dann an das Holz hin und
+fing an, in die Scheiter hineinzuschluchzen. Wenn
+er nicht geweint h&auml;tte, dann h&auml;tte ich ihm die Ohrfeige
+ohne Frage heimgegeben, aber so war ich
+ratlos und wu&szlig;te mir nicht zu helfen. Ich h&auml;tte
+jetzt bei den andern stehen k&ouml;nnen zum erstenmal.
+Denn darauf hatte ich mich schon den ganzen Morgen
+gefreut. Und nun hatte ich eine Ohrfeige auf
+mir sitzen, die brannte und mu&szlig;te dazu noch aus
+meinem Kameraden herausfragen, warum ich sie
+hatte, und es war mir fast, ich wisse es schon.</p>
+
+<p>Da kam es denn nach und nach heraus, da&szlig;
+er sich schon eine ganze Weile gefreut habe, bis die
+andern fort seien, und da&szlig; wir dann zusammenhalten
+und alles herrlich regieren wollten. Er habe sich schon
+Sachen ausgedacht, feine, aber er sage mir's jetzt
+nicht, was f&uuml;r, er suche sich jetzt einen andern heraus,
+<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">40</a></span>dem er sie sage. Ich solle nur machen da&szlig; ich fortkomme,
+ihm sei es ganz recht, er m&ouml;chte nicht geschenkt
+da hin&uuml;ber. Dabei trocknete er nach und nach
+seine Augen und sah mich zornig an, da&szlig; ich mir
+noch einmal vorkam, wie geschlagen. Denn ich hatte
+ihn recht eigentlich gern, das sp&uuml;rte ich nun deutlich,
+und ich stand in zwei Feuern, die brannten mich
+von links und rechts. Da sagte ich in meiner Not, ich
+k&ouml;nne doch nichts daf&uuml;r, da&szlig; ich ins Gymnasium
+komme. Meine Mutter wolle es haben, mir w&auml;re
+es sonst gleich. Aber das war gelogen, denn es
+war mir gar nicht gleich, und da in diesem Augenblick
+die andern nach mir riefen, lief ich schnell
+davon und stellte mich zu ihnen, und es war mir
+&uuml;bel zumute. Aber es mu&szlig;te ja nun dennoch alles
+seinen Gang gehen und ging ihn auch, und als
+der Herbst kam, da war ich ein h&ouml;herer Sch&uuml;ler geworden.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Dr&uuml;ben bei Meisters war ich nach wie vor oft
+und viel, und dort lernte ich auch eigentlich meine
+Schwester Luise kennen. Ich trat sozusagen in ein
+neues Verh&auml;ltnis zu ihr, denn daheim war ich
+um sie herumgestrichen wie um die alte Stockuhr in
+unserer Wohnstube oder um den Rosmarinstock, der
+auf dem breiten Fenstersims stand. Sie war eben
+da wie alles andere und geh&ouml;rte zum Haus wie die
+graue Katze, nur da&szlig; die Katze immer im Fu&szlig;ende
+meines Bettes schlief und eine pers&ouml;nliche Freundschaft
+mit mir hatte. Bei Meisters aber sagten
+sie, da&szlig; Luise ein gescheites und geschicktes M&auml;dchen
+sei, und da&szlig; sie h&uuml;bsch werde, eh' man sich's
+versehe. Gro&szlig; sei sie schon, einmal f&uuml;r ihr Alter,
+<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">41</a></span>aber nun fange sie auch an, aufzubl&uuml;hen, und das
+stehe ihr gut. Das alles sagten sie nicht vor ihren
+Ohren, sondern vielleicht einmal, wenn sie in die
+K&uuml;che ging, um im B&uuml;gelofen nachzusch&uuml;ren oder,
+wenn sie drau&szlig;en im Vorg&auml;rtchen die geb&uuml;gelte
+W&auml;sche in der Sonne ausbreitete. Denn sie war bei
+Lotte als Lehrm&auml;dchen eingetreten. Aber mir kam
+ein solches Wort hie und da zu Ohren, und dann
+dachte ich: Ja, gelt, die gef&auml;llt euch schon. Sie
+ist meine Schwester, aber ich lasse sie euch einstweilen.
+Ich habe noch eine, die hei&szlig;t Helene, an
+der ist bis jetzt noch nicht so viel zu sehen.</p>
+
+<p>Solche Sachen sagte ich in Gedanken zu ihnen,
+aber ich mu&szlig;te aufpassen, da&szlig; es die alte Frau Wolf
+nicht merkte, denn sie sah mir immer alles an, was
+ich im Herzen hatte, und dann sagte sie: &bdquo;O Ludwig,
+dich sieht man doch durch und durch. Du
+hast ein Gesicht wie ein Spiegel.&ldquo; Das war mir nicht
+recht, denn ich wollte nicht immer alles wissen lassen,
+was ich dachte.</p>
+
+<p>Aber da&szlig; mir meine Schwester Luise gut gefiel,
+das durften sie wohl wissen, das mu&szlig;te kein Geheimnis
+sein, blo&szlig; sollten sie nicht merken, da&szlig; es mir
+etwas Neues sei und da&szlig; ich es von ihnen gelernt
+habe. Und sie geh&ouml;rte mir doch zuerst und vor allen.</p>
+
+<p>Sie hatte ganz hellblonde Haare, und sie waren
+lang und dick. Sie trug sie glatt gek&auml;mmt mit einem
+Scheitel in der Mitte und zwei Z&ouml;pfe um den
+Kopf gelegt, da&szlig; es war wie ein Kranz. Ich hatte
+gar nicht gewu&szlig;t, da&szlig; sie so gut lachen k&ouml;nne; wenn
+sie lachte, dann sah man, da&szlig; oben einer von ihren
+vorderen Z&auml;hnen schief stand, aber das sah so drollig
+aus. Es war wie ein Wegweiser, der in ihren
+<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">42</a></span>Mund hinein f&uuml;hrte: &bdquo;Hier ist Luise Fugeler. Man
+mu&szlig; keine Angst vor ihr haben.&ldquo;</p>
+
+<p>Das sagte ich auch niemand, da&szlig; ich das dachte.
+Denn es fielen mir hie und da sonderbare Sachen
+ein, und wenn ich sie heraussagte, dann lachten
+sie alle und erz&auml;hlten es weiter. Und das war mir
+nicht recht. Aber meine Schwester Luise lachte nie
+&uuml;ber mich, weil sie merkte, da&szlig; ich dann rot und verlegen
+wurde; sonst lachte sie viel und gern. Es
+gab auch genug andere Sachen dazu, da hatte sie
+ganz recht. Gegen mich war sie immer gut und
+freundlich. So war sie fr&uuml;her nicht gewesen meiner
+Meinung nach. Es war aber nur so, da&szlig; sie nun
+&uuml;berhaupt mehr ins Heitere, Jugendliche hineinkam,
+da zeigte sich alles, was gut und lieb an ihr war,
+mehr als vorher. Denn sie hatte nie recht ein
+Kind sein d&uuml;rfen; es waren immer Sorgen vorhanden
+gewesen und Armut und Arbeit. Das erfuhr ich alles
+erst sp&auml;ter recht, denn ich selber hatte es viel zu gut.
+Bei Meisters da konnte sie schon in ein freudiges
+Fahrwasser kommen, wenn sie gleich in ihrer jungen
+Jugend schon stramm an den Wagen gespannt war.
+Da&szlig; man arbeiten m&uuml;sse, das war ihr nichts Neues,
+das verstand sich von selber. Was denn sonst? Aber
+sie waren alle miteinander so herzlich und fr&ouml;hlich
+und gut, und es war nicht wie ein Dienst bei einer
+Herrschaft. Sondern man half einander mit der
+Arbeit und mit dem Lohn und mit dem Zusammengeh&ouml;ren
+und keins war h&ouml;her und vornehmer, als das
+andere. Friedrich Meister war Schreiber auf dem
+Rathaus. Er ging immer anst&auml;ndig angezogen zum
+Haus hinaus; da sah ihm Lotte unter der T&uuml;re nach
+und hatte den Buben auf dem Arm. Wenn er aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">43</a></span>abends heimkam, oder auch mittags schon, dann
+fuhr er flugs in einen Hauskittel und wirtschaftete
+irgendwo herum mit Hammer und N&auml;geln und mit
+alten Brettern. Zum Beispiel machte er einen Taubenschlag
+auf das Dach und setzte Tauben hinein.
+Er mu&szlig;te ihn aber bald wieder wegtun, weil die
+Tauben keinen rechten Respekt vor der wei&szlig;en W&auml;sche
+im Garten hatten. Sie machten sie ohne alles Verst&auml;ndnis
+schmutzig, und da war nicht zu helfen, sie
+mu&szlig;ten wieder fort. Da tr&ouml;stete er sich und verfertigte
+ein Stockbrett f&uuml;r das K&uuml;chenfenster, darauf
+setzte er ein Zigarrenkistchen mit Schnittlauch und
+eins mit Monatrettichen. Das hei&szlig;t, er steckte die
+Rettichkerne hinein und wartete t&auml;glich darauf, da&szlig;
+sie treiben sollten. Sie trieben auch, aber bis zu richtigen
+Knollen brachten sie es nicht. Es blieben
+kraftlose Schw&auml;nzchen. Da mu&szlig;te er sich viel gutm&uuml;tigen
+Spott von seiner Frau gefallen lassen,
+und um sich in Respekt zu setzen, machte er nun ein
+Blumenbrettchen ans Wohnstubenfenster. Denn sie
+konnten in ihrem Vorg&auml;rtchen nichts ziehen, sie
+brauchten den Platz f&uuml;r die W&auml;sche.</p>
+
+<p>Da konnte sie nun nichts mehr sagen, au&szlig;er
+dar&uuml;ber, da&szlig; er sich mit der gr&uuml;nen Farbe ganz
+eingeseift hatte an Rock und Hosen. Sie schluckte
+es aber und nannte ihn z&auml;rtlich &bdquo;Meister H&auml;mmerlein&ldquo;.
+Aber er wu&szlig;te nicht sicher, ob es nicht doch
+ein bi&szlig;chen sp&ouml;ttisch gemeint sei. Denn sie verbarg
+ihre Liebe zu ihm gern unter ihrer Neckerei, wenigstens
+vor den Leuten. Er war fast einen Kopf kleiner
+als sie. &bdquo;Aber darum mu&szlig; ich doch an ihm hinaufsehen,&ldquo;
+sagte sie, &bdquo;er ist gerade um einen Kopf
+kl&uuml;ger als ich.&ldquo; Das mu&szlig;te ich ohne weiteres zugeben.
+<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">44</a></span>Denn sie machte Schreibfehler, das hatte
+ich schon gesehen, und sie wu&szlig;te nicht einmal, wo
+der Neckar entspringt. &bdquo;Ich habe es nat&uuml;rlich einmal
+gewu&szlig;t,&ldquo; sagte sie, &bdquo;aber ich habe es wieder
+vergessen.&ldquo; Es schien ihr nicht viel auszumachen.
+&bdquo;Mein Bub kann es einmal lernen. Ich habe
+sonst so viel um die Ohren, ich kann mich nicht auch
+noch um die Geographie bek&uuml;mmern.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber einmal nahm Friedrich Meister sie mit
+auf einen Ausflug an den Bodensee. Er hatte
+dort droben einen Bruder verheiratet, der ein Landwirt
+war und ein kleines, eigenes G&uuml;tchen hatte.</p>
+
+<p>Davon kam sie am Abend des dritten Tages ganz
+erregt zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Mir brachte sie einen gro&szlig;en gebackenen Hasen
+mit aus Kuchenteig und sagte: das sei ein Seehas.
+Das sei eine ganz besondere Sorte, die gebe es bei
+uns nicht. Und der See sei so gro&szlig;, nicht zu sagen,
+und so tief, sie habe sagen h&ouml;ren, man k&ouml;nne einen
+Kirchturm hineinstellen, ohne da&szlig; er oben heraussehe.
+Wenn man mitten auf dem See sei, so kommen
+am anderen Ufer die Schweizer Berge heraus, man
+m&ouml;chte nur vollends hin&uuml;ber, so verlange es einen
+darnach, wie sie so dastehen und leuchten. So sch&ouml;n
+gebe es bei uns nichts, das sei aus und vorbei.
+Ich mu&szlig;te sie immer ansehen, wie sie im w&auml;hrenden
+Erz&auml;hlen gesch&auml;ftig hin und her ging, die Reisekleider
+ausst&auml;ubte und verschlo&szlig;, ihr B&uuml;bchen besorgte
+und ihre langen, prachtvollen Z&ouml;pfe losband,
+da&szlig; sie ihr &uuml;ber den R&uuml;cken hinunterhingen, und wie
+ihr Gesicht dabei hell, klug und durchsonnt aussah,
+wie eine Landschaft, in die auf einmal neues Leben gekommen
+ist, etwa durch einen Maienregen oder durch
+<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">45</a></span>einen unverhofften Sonnenblick. Ihr Mann sa&szlig;
+neben mir auf der Bank am Fenster, folgte ihr mit
+den Augen und sah gl&uuml;cklich drein. &bdquo;Guck,&ldquo; sagte
+Lotte pl&ouml;tzlich zu mir, &bdquo;das kann ich jetzt behalten.
+Von dem, was ich gesehen habe, da vergesse ich
+nichts, das ist mir alles in den Kopf hineingebrannt
+oder ins Herz meinetwegen. Das kann ich meinem
+Buben noch erz&auml;hlen, wenn er gro&szlig; ist. Das andere,
+was nur so in den B&uuml;chern steht, das ist nichts f&uuml;r
+mich. Zum Beispiel Schwenningen oder Tuttlingen,
+das ist gar nichts. Da kann ich mir nichts Besonderes
+denken. Aber Friedrichshafen, das hat ein Schlo&szlig;
+mit zwei T&uuml;rmen, die sehen zwischen gr&uuml;nen B&auml;umen
+heraus und spiegeln sich im See, und auf der Bahnhofsterrasse
+haben wir einen Schoppen Seewein getrunken
+und verschiedene Schiffe ankommen sehen.
+Das ist etwas Lebendiges.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So werde ich dir eben nach und nach das ganze
+Vaterl&auml;ndchen zeigen m&uuml;ssen,&ldquo; sagte Friedrich Meister
+behaglich l&auml;chelnd. &bdquo;Ich habe eine gescheite Frau,
+die will die Welt selber sehen, vom H&ouml;rensagen
+glaubt sie nichts.&ldquo;</p>
+
+<p>Damals stieg Lotte gewaltig im Respekt bei mir.</p>
+
+<p>Dumm war sie freilich nicht, wenn sie alles selber
+sehen wollte. &bdquo;So k&ouml;nnte jeder kommen,&ldquo; dachte
+ich. Aber es gefiel mir, da&szlig; sie so anspruchsvoll
+war und schien mir Beweis einer Besonderheit zu
+sein, die Lotte ja auch in anderen Dingen an sich
+hatte. Die Reisen durch das Vaterl&auml;ndchen hin und
+her wurden aber nicht getan. Sondern das Leben
+zeigte ihr seine Reicht&uuml;mer und Weisheiten auf
+andere Weise, und es gab vieles dabei in den Kopf
+<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">46</a></span>und ins Herz zu fassen, das man gleichfalls nicht
+aus B&uuml;chern und vom H&ouml;rensagen kennen lernt.</p>
+
+<p>Als ihr B&uuml;bchen seine ersten Schritte machte,
+lag wieder eins in der Wiege, und als das heraus
+war, folgte ihm ein Schwesterlein. Und die Mutter
+wurde immer sch&ouml;ner, stattlicher, flei&szlig;iger und fr&ouml;hlicher
+dabei.</p>
+
+<p>Aber als sie das Kleeblatt beisammen hatte, da
+kam eines Tages Friedrich Meister mitten im Vormittag
+nach Hause und legte sich ins Bett mit einer
+schweren Fieberkrankheit, und als er es verlie&szlig;,
+da war es nur, um es mit einem andern drau&szlig;en
+auf dem Friedhof zu vertauschen. Da war sie eine
+Witwe geworden und stand in einem schwarzen
+Kleid am B&uuml;gelbrett. Denn das B&uuml;geln durfte sie
+nicht vers&auml;umen, jetzt noch viel weniger als je.
+Wenn ihr hie und da Tr&auml;nen auf das wei&szlig;e Zeug
+tropften, so fuhr der hei&szlig;e Stahl dar&uuml;ber und l&ouml;schte
+sie aus, und das war noch gut. Denn die alte
+Mutter sa&szlig; immer noch in ihrem Lehnstuhl am Ofen
+und zitterte heftiger als fr&uuml;her und hatte &uuml;ber
+dem Ungl&uuml;ck, das in das Haus eintrat, alle ihre
+sch&ouml;ne Gelassenheit und Seelenruhe verloren. Nun
+seufzte sie ohne Ende, da&szlig; es eine verkehrte Einrichtung
+sei: sie, die alte, unn&uuml;tze Frau, sei noch
+da als Last f&uuml;r die andern, und der junge Mann,
+der fast nicht zu entbehren sei, der sei nun weggenommen,
+es sei eine Jammererde, und es k&ouml;nnen
+einen nur die Kinder dauern, die dahinein
+geboren werden. Da hatte nun Lotte statt eines
+m&uuml;tterlichen Trostes eine ewig flie&szlig;ende Jammerquelle
+um sich herum. Aber das war vielleicht
+noch besser f&uuml;r sie als alle Teilnahme und alles
+<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">47</a></span>Mitleid h&auml;tte sein k&ouml;nnen. Denn nun mu&szlig;te sie sich
+zusammenraffen, da&szlig; das Licht im Hause nicht ausl&ouml;sche.
+Sie mu&szlig;te f&uuml;r Brot sorgen und f&uuml;r ein
+wenig Fr&ouml;hlichkeit f&uuml;r die Kinder und mu&szlig;te noch
+die alte Mutter aufzuhellen suchen, wenn diese gar
+zu tief ins Jammern geriet.</p>
+
+<p>Weil sie aber eine so durchaus gesunde, wahre
+und unverstellte Natur war, so geriet ihr dieses alles
+auch selber zum Heil, und sie erlebte trotz ihrer
+aufrichtigen Liebe zu dem Toten eine neue Auffrischung
+und war als Witwe wie als gl&uuml;ckliche
+Frau ein Menschenbild, das einem verbissenen
+Schwarzseher h&auml;tte zeigen k&ouml;nnen, es sei noch nicht
+alles verloren bei unserem Geschlecht. Denn die
+Kinder von solchen M&uuml;ttern m&uuml;ssen ja doch etwas
+mitbekommen ins Leben hinein, das sie nicht so
+leicht unter die R&auml;der des Wagens kommen l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>In den Jahren, in denen dies alles geschah,
+wuchs ich zu einem gro&szlig;en, kr&auml;ftigen Buben heran.
+Es ging mir &uuml;berall gut, ich kann nichts von einer
+schweren Kindheit erz&auml;hlen. Ich nahm es mit Seelenruhe
+und ohne viel Gedanken hin, da&szlig; die Meinigen
+f&uuml;r mich sparten und schafften; es war mir
+nichts Besonderes, da&szlig; meine Mutter und Heinrich
+Kilian allm&auml;hlich ein paar alte abgerackerte Leute
+wurden, die auch am Sonntag nichts anderes mehr
+wollten, als nach der Kirche, die sie nie vers&auml;umten,
+auf dem B&auml;nklein vor der Haust&uuml;r zu sitzen und sich
+von der Sonne anscheinen zu lassen. Die Mutter
+war ja viel j&uuml;nger, als Heinrich Kilian, der schon unerme&szlig;lich
+alt war in meinen Augen. Aber daf&uuml;r
+hatte sie mehr mit Sorgen und Lebensn&ouml;ten gek&auml;mpft
+<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">48</a></span>und schwerere Lasten getragen als er, der
+nur die B&uuml;cherpakete auf der Achsel, aber nichts
+Schweres auf dem Herzen hatte. Sie ging immer
+noch zum Waschen und Putzen fort, aber ich besuchte
+sie nicht mehr in der Kirche, um dort hinter der
+Orgel und auf den Emporen herumzustreichen und
+mit meinem alten Freund August Volland seltsame
+Geschichten &uuml;ber die Bilder der fr&uuml;heren Pr&auml;laten
+und Kirchenerbauer zu erfinden. Ich war ein Sch&uuml;ler,
+bei dem es ohne allzugro&szlig;e M&uuml;he voranging, und
+der auch in den Freistunden ein Wort reden durfte
+und seinen Mann stellte. Die gr&uuml;ne M&uuml;tze sa&szlig; mir
+kecklich auf dem vollen Haarbusch, und ich f&uuml;hlte
+mich darunter als einer, dem das Leben eine sch&ouml;ne
+Sache ist.</p>
+
+<p>Viel dar&uuml;ber nachzudenken, war nicht meine Art
+damals; ich lebte meine Tage dahin, wie sie kamen,
+und fand es ganz in der Ordnung, da&szlig; ich immer
+saubere Kleider und gute Stiefel hatte und da&szlig;
+auf dem t&auml;glichen Brot auch die Butter nicht fehlte.
+Meine Schwester Helene war nun auch konfirmiert.
+Sie trat sogleich nach dem Verlassen der Volksschule
+bei einer Kleidermacherin in die Lehre. Diese
+gab ihr die Kost und ein weniges an Geld, und sie
+mu&szlig;te daf&uuml;r im ersten Jahre alle untergeordnete
+Arbeit tun, die Rocks&auml;ume mit Litzen einfassen und
+dergleichen, und au&szlig;erdem die fertige Arbeit zu den
+Kunden tragen. Dabei begegnete sie mir manchmal
+mit einem gro&szlig;en, in ein gr&uuml;nes Tuch geschlagenen
+B&uuml;ndel auf dem Arm, in ihrem kurzen und unscheinbaren
+Kleidchen, und ich schl&uuml;ffelte mit meinen
+Kameraden an ihr vorbei, ohne sie mit mehr als
+einem halbverlegenen Zunicken zu begr&uuml;&szlig;en. Sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">49</a></span>nahm mir das weiter nicht &uuml;bel, &bdquo;weil Buben halt
+so sind,&ldquo; und stellte ihre Jugend ebenso fraglos
+in den Dienst der strengen Pflicht, wie Luise es
+vor ihr getan hatte und immer noch tat.</p>
+
+<p>Sie war zufrieden, etwa am Sonntag ein paar
+Stunden in einem billigen F&auml;hnchen, mit einem
+hellen Band oder Spitzenkr&auml;gelchen geschm&uuml;ckt, mit
+der Schwester oder einer Freundin in die Au hinunter
+zu wandern, der Musik zuzuh&ouml;ren und die
+heiteren Bilder des Lebens an sich vorbeiziehen zu
+lassen und vielleicht dabei den einen oder anderen
+Gedanken daran auszuspinnen, da&szlig; auch ihr einmal
+irgendeine bescheidene Frucht und ein paar farbige
+Blumen in dem reichen Garten des Daseins zuwachsen
+w&uuml;rden. Sie entwickelte sich aber in den
+d&uuml;rftigen Sonnenstr&auml;hlchen, die ihre Jugend trafen,
+wie ihre Schwester zu einem schlanken, h&uuml;bschen,
+bl&uuml;henden Gesch&ouml;pf, dem auch eine nat&uuml;rliche Fr&ouml;hlichkeit
+nicht fehlte, und es t&ouml;nten in diesen Jahren
+oft aus der Giebelkammer, in der die beiden Schwestern
+schliefen, am fr&uuml;hen Morgen oder am Abend,
+wenn sie ihre Ruhest&auml;tten aufsuchten oder verlie&szlig;en,
+die schwerm&uuml;tigen Lieder, die das Volk singt, wenn es
+fr&ouml;hlich ist, oder es ging ein Geplauder und Lachen
+die steile Treppe hinunter, wenn ich an dunklen
+Wintermorgen noch im Bett lag. Dann drehte sich
+der Schl&uuml;ssel in der Haust&uuml;r, und die Schritte und
+das Lachen ert&ouml;nten auf der Stra&szlig;e, der Stadt
+und der Arbeit zu.</p>
+
+<p>Es war alles gut und sch&ouml;n. Aber eines Tages,
+als ich beim Dunkelwerden von einer Streife durch
+den Fr&uuml;hlingswald nach Hause kam, einen gro&szlig;en
+Busch hellblauer Scillabl&uuml;ten in den H&auml;nden, da
+<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">50</a></span>fand ich die beiden Schwestern und die Mutter
+miteinander um meinen guten alten Freund Heinrich
+Kilian herumstehen, der auf dem harten Sofa
+mit dem blumigen Zitz&uuml;berzug lag mit geschlossenen
+Augen und schwer atmete.</p>
+
+<p>Sie fl&uuml;sterten miteinander, und als ich fragend
+von einem zum andern sah, da legten sie die Finger
+an die Lippen: &bdquo;Still, Ludwig, st&ouml;r' ihn nicht,&ldquo;
+und sagten, da&szlig; der Doktor bald kommen werde.</p>
+
+<p>Ich legte meine Scillabl&uuml;ten auf den Tisch und
+f&uuml;hlte eine dumpfe Beklommenheit in mir. Wie
+konnte das sein, da&szlig; auf einmal etwas anderes war,
+als sonst? Es war so fremd und merkw&uuml;rdig, da&szlig;
+Heinrich Kilian da auf dem Sofa lag und die Augen
+geschlossen hielt. Er war sonst immer irgendwo
+herumgegangen oder auf der Bank am Fenster gesessen
+und hatte ein Sp&auml;&szlig;chen f&uuml;r mich gehabt oder
+eine Geschichte, die ihm in der Stadt &uuml;ber den
+Weg gelaufen war.</p>
+
+<p>Die andern machten so ernste und best&uuml;rzte Gesichter;
+es roch in der Stube nach Hoffmannstropfen
+und Kr&auml;uteressig, und Lotte Meister kam her&uuml;ber
+und wurde ganz still, als sie in die Stube trat,
+Sie hatte ihr Mariele auf dem Arm und hielt ihm
+das M&auml;ulchen zu, als es anfing, Heinrich zu rufen,
+und sie sch&uuml;ttelte den Kopf, als ob sie nichts Gutes
+von der Sache denke.</p>
+
+<p>Der Doktor kam, und ich wurde hinausgeschickt
+und bekam das Nachbarskind mit. Da standen wir
+im Vorg&auml;rtchen, das der Heinrich erst gestern umgegraben
+hatte. Es roch nach frischer Erde, in der
+Rabatte guckten schon da und dort gr&uuml;ne Spitzen
+heraus, und in der Ecke am Zaun war ein runder
+<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">51</a></span>Fleck ganz blau von Veilchen. Es strich ein frischer
+Wind an den H&auml;usern hin, und alles war so lebendig
+da drau&szlig;en, aber drinnen im Haus war es anders.
+Ich hatte vor zwei Jahren Friedrich Meister tot
+daliegen sehen, still und bleich und mit w&auml;chsernen
+H&auml;nden; alles war mir noch gegenw&auml;rtig: Glockengel&auml;ute,
+Gesang und Schluchzen bei seiner Beerdigung.
+Nun war es mir, als trete der Tod durch
+unsere eigene T&uuml;r, und das war schauerlich genug.
+Aber da&szlig; der Heinrich Kilian dann nicht mehr da
+sein k&ouml;nnte, das konnte ich mir noch nicht denken,
+denn er war immer dagewesen, schon lang vor mir.</p>
+
+<p>Der Doktor kam wieder aus dem Haus und ging
+rasch weiter, und ich dachte hinter ihm drein, da&szlig;
+ich kein Doktor sein m&ouml;chte, denn &uuml;berall, wo er
+hinkomme, sei etwas Arges im Haus, und helfen
+k&ouml;nne er doch nicht. Das machte, da&szlig; bei uns armen
+Leuten da herum der Doktor meistens nur in ganz
+schweren F&auml;llen geholt wurde, wo dann freilich gegen
+den Tod kein Kraut gewachsen war. Ich stand noch
+tr&uuml;bsinnig herum und sah ins Wetter, da kam meine
+Mutter zu mir heraus und sagte: &bdquo;Du sollst zum
+Kilian kommen, er will dich.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Stirbt er?&ldquo; fragte ich, und sie nickte kummervoll
+mit dem Kopf: &bdquo;Wird wohl so sein,&ldquo; sagte sie.
+Und dann erfuhr ich, da&szlig; er in der Stadt von einem
+Lastwagen &uuml;berfahren worden sei, grad &uuml;ber den Leib
+seien ihm die R&auml;der gegangen. Man sehe gar keine
+Verletzung, es sei alles innen, aber da sei es auch
+b&ouml;s. Sie wu&szlig;te nicht, wie es hatte zugehen k&ouml;nnen,
+aber das wu&szlig;te sie, da&szlig; er noch heim verlangt
+hatte, nicht ins Spital. Das erz&auml;hlte sie in den
+n&auml;chsten Tagen mit traurigem Stolz noch oft, wenn
+<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">52</a></span>die Nachbarn kamen, denn das durfte man wohl
+wissen, da&szlig; der Kilian hier eine Heimat gehabt
+hatte.</p>
+
+<p>Ich schlich auf den Zehen in die Kammer, in
+der mein Freund jetzt im Bett lag. Er sah zum
+Erschrecken elend aus. Der schwarze Bart, der ihm
+sonst ganz fr&ouml;hlich um sein heiteres Gesicht herumstand,
+sah d&uuml;ster und wild aus, weil das Gesicht
+selber so fahl und eingesunken dazwischen lag. Er
+lie&szlig; seine Augen m&uuml;hsam nach mir hingehen, als
+ich zu ihm trat und regte die Lippen, um etwas zu
+sagen, aber es kam nichts Deutliches heraus, und
+das leise Fl&uuml;stern, das er hervorbrachte, verlor sich
+in seinem Bart. Noch ein- oder zweimal probierte
+er es, dann lie&szlig; er's sein und schickte noch einen
+Blick zu mir her&uuml;ber, der deutlich sagte: &bdquo;Da ist
+nun eben nichts mehr zu machen; ich habe dir noch
+etwas mitteilen wollen, aber das mu&szlig; ich nun f&uuml;r
+mich behalten.&ldquo;</p>
+
+<p>Mich packte ein &auml;ngstliches Grauen, das war
+noch gr&ouml;&szlig;er als das Leid, das ich empfand &uuml;ber
+sein Hingehen, und kam davon, da&szlig; ein Mensch
+daliegen mu&szlig;te mit einem Gedanken in sich, den er
+gern aussprechen wollte, und f&uuml;r den es keine Br&uuml;cke
+mehr gab heraus zu den andern. Ich wollte der
+Mutter rufen, aber ich brachte keinen Ton heraus,
+es war mir, als ob ich nun auch stumm sein m&uuml;sse,
+weil es das gab. Da sah ich auf einmal, wie sich
+die H&auml;nde meines Freundes, die fest verschlungen
+ineinander auf der Bettdecke lagen, auseinander
+taten. Das geschah nicht wie von einem Willen
+diktiert, sondern es sah aus, als ob sich mit den
+H&auml;nden auf einmal alles Leben l&ouml;se und nun still
+<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">53</a></span>und m&uuml;de daliege, weil es nicht mehr weiter k&ouml;nne,
+und als ob von jetzt an ein anderer zu dirigieren
+habe in allem, was den alten Heinrich Kilian betreffe.
+W&auml;hrenddiesem kam meine Mutter herein mit
+einem ge&ouml;ffneten Champagnerfl&auml;schchen, mit dessen
+Inhalt sie den Sterbenden erquicken wollte. Als
+sie aber einen Blick auf sein Gesicht geworfen hatte,
+stellte sie es still zur Seite, denn sie sah, da&szlig; hier
+nichts mehr zu st&auml;rken sei.</p>
+
+<p>Das Glas flo&szlig; &uuml;ber von dem sch&auml;umenden Wein,
+und die Mutter, die das doch nicht mitansehen konnte,
+tauchte ihre Hand in die kleine Lache, die sich auf
+dem Tisch bildete, und bestrich Stirn und H&auml;nde
+ihres alten Pfleglings mit dem Na&szlig;, vor dem sie
+um seiner Kostbarkeit und Seltenheit willen eine
+gro&szlig;e Ehrfurcht hatte, und unter ihren netzenden
+H&auml;nden verging er vollends und atmete tief und
+leise aus.</p>
+
+<p>Ich aber durfte mich nicht dem reinen Gef&uuml;hl
+des schmerzlichen Abschieds hingeben, wie die Mutter
+und die beiden Schwestern, die in ein herzliches
+Weinen aus der Tiefe ihrer guten Gem&uuml;ter ausbrachen.
+Ich mu&szlig;te mich damit qu&auml;len, was es
+wohl gewesen sei, das er zu mir hatte sagen wollen,
+und ich wu&szlig;te nicht, sollte ich froh oder traurig sein,
+da&szlig; er es nicht mehr hatte aussprechen k&ouml;nnen,
+denn ich hatte ein schlechtes Gewissen von seinetwegen,
+das wachte nun m&auml;chtig auf.</p>
+
+<p>Der Tag, an den ich denken mu&szlig;te, lag um
+vier Wochen zur&uuml;ck. Ich hatte dem Kilian am Abend
+vorher abgebettelt, da&szlig; ich seine gro&szlig;e silberne Uhr
+in der Schule tragen d&uuml;rfe, weil alle andern Buben
+auch Uhren hatten. &bdquo;Am Sonntag allemal, da kriegst
+<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">54</a></span>du sie wieder, da geh&ouml;rt sie dir,&ldquo; hatte ich gesagt;
+denn am Sonntag trug er sie selber an einer dicken
+Nickelkette. Er war nicht recht damit einig gewesen.
+&bdquo;Du wirst mir doch nicht gro&szlig;artig werden, Ludwig,&ldquo;
+hatte er gesagt, &bdquo;silberne Uhren am Werktag,
+beh&uuml;te Gott, das ist f&uuml;r Herrenleut', aber nicht
+f&uuml;r unkonfirmierte Buben von unserlei Leuten.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber ich hatte es dann doch durchgesetzt, er
+konnte mir nichts abschlagen.</p>
+
+<p>Und nun trug ich die Uhr recht sichtbar an der
+Kette und hatte den Kittel offen, da&szlig; man sie deutlich
+sehen mu&szlig;te und ging mit meinen Kameraden nach
+der Schule in einen Laden, wo man Bleistifte und
+dergleichen kaufen konnte. Zwei oder drei waren
+drin, ein paar andere, zu denen ich auch geh&ouml;rte,
+standen unter der Ladent&uuml;r und warteten auf ihr
+Herauskommen. Es war einer dabei, den ich schon
+lang gern zum Freund gehabt h&auml;tte, ein kleiner,
+gewandter Kerl, blond und witzig und aus einem
+K&uuml;nstlerhause stammend, der tat allerlei Spr&uuml;che
+&uuml;ber die Vor&uuml;bergehenden und brachte uns so zum
+Lachen, da&szlig; unsere Kameraden im Laden drin neugierig
+die H&auml;lse streckten, um zu sehen, was da
+Lustiges vor sich gehe.</p>
+
+<p>W&auml;hrenddem kam auf der andern Seite der
+Stra&szlig;e mein Heinrich Kilian daher, schwer mit
+B&uuml;cherpaketen beladen, deren eines ihm unbequem
+auf der Achsel sa&szlig;, so da&szlig; er den Kopf stark auf die
+Seite legen und immer wieder drehen mu&szlig;te, um
+eine ertr&auml;gliche Stellung zu gewinnen. Das fiel dem
+Spa&szlig;macher sogleich auf, er fing in seiner spr&uuml;henden
+Laune an, den Gang und die Haltung des alten
+Mannes nachzumachen, und der Zufall kam ihm
+<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">55</a></span>noch mit weiterem Material zu dieser Vorstellung
+entgegen, indem dem Schwerbeladenen ein anderes
+Paket, das er unter dem Arm getragen hatte, entglitt,
+und er sich unter starken Verrenkungen b&uuml;cken
+mu&szlig;te, dasselbe aufzuheben. Bei dieser m&uuml;hsamen
+Bewegung nun geschah es, da&szlig; die alte, geflickte
+Hose, die ihm meine Mutter l&auml;ngst hatte wegsprechen
+wollen, hinten nachgab und einen gro&szlig;en,
+klaffenden Ri&szlig; bekam. Er bef&uuml;hlte den Schaden
+verdutzt und kopfsch&uuml;ttelnd und ging dann, &uuml;bersch&uuml;ttet
+von dem Bubengel&auml;chter, das von der anderen
+Stra&szlig;enseite her&uuml;berscholl, weiter bis zu einem
+schmalen Nebeng&auml;&szlig;chen, in dem er verschwand, wahrscheinlich
+um sich dort in irgendeinem Hause notd&uuml;rftig
+ausbessern zu lassen. Das war nun ein
+gro&szlig;es Gaudium f&uuml;r den Witzbold und die ins
+Lachen geratene Bubenschaft. Mir aber war &uuml;bel
+zumute. Da stand ich, hatte Kilians Kette &uuml;ber
+meine Sch&uuml;lerbrust gespannt und trug seine Uhr
+in der Tasche und lachte mit den andern &uuml;ber ihn,
+denn ich konnte es nicht lassen, ich mu&szlig;te lachen,
+so sch&auml;ndlich ich mich auch empfand, und tat, als ob er
+mich nichts anginge. Als er verschwunden war, machte
+ich mich unter irgendeinem Vorwand von den andern
+los und schlich mich nach Hause, wo ich kaum den
+Kopf aus den B&uuml;chern erhob, als Heinrich Kilian
+am Feierabend kam und gut und freundlich wie immer
+war. Er hatte mich nicht gesehen, das merkte ich
+gleich, und ich sch&uuml;ttelte, so gut es ging, mein &uuml;bles
+Empfinden ab durch allerlei Entschuldigungen, die
+ich in mir selbst vorbrachte.</p>
+
+<p>Aber nun lag er da und hatte die Augen f&uuml;r
+immer geschlossen, und vorher hatte er sich noch gem&uuml;ht,
+<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">56</a></span>mir etwas zu sagen; wer konnte wissen, ob
+es nicht doch <span class="spaced">das</span> gewesen war?</p>
+
+<p>Und es gab keine Gelegenheit mehr, miteinander
+ins Glatte zu kommen, keine; ich mu&szlig;te nun mein
+Leben lang so an ihn denken, und wer wei&szlig;, wie
+er an mich dachte? Denn es war doch eine recht unsichere
+Sache mit dem Totsein, es gab da so allerlei
+M&ouml;glichkeiten, und vielleicht war er nun auf einmal
+irgendwo fein heraus, sah alles und verachtete
+mich. Das war eine schwere Sache.</p>
+
+<p>Zwei Tage lang ging ich mit b&ouml;sem Gewissen
+herum, stumm und bedr&uuml;ckt. Ich mu&szlig; bleich ausgesehen
+haben, denn meine Mutter fragte mich, ob
+ich krank sei, und ich h&ouml;rte sie zu Lotte Meister
+sagen: &bdquo;Es geht ihm n&auml;her als er zeigen mag; er
+hat auch viel verloren, es ist kein Wunder.&ldquo; Und
+dann f&uuml;gte sie mit einiger Befriedigung bei, da&szlig;
+ich doch ein gutes Gem&uuml;t zu haben scheine, und da&szlig;
+sie froh sei, es zu sehen, denn sie sei manchmal in
+Sorgen meinetwegen, ob auch alles gut ablaufe
+mit mir und ich nicht an meiner Seele Schaden
+leide durch die Standeserh&ouml;hung, in die sie mich
+selber hineingestellt habe durch die h&ouml;here Schule.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wei&szlig; nicht, wie lang ich noch da bin,&ldquo; sagte
+sie, &bdquo;und wei&szlig; oft nicht, ob ich nicht etwas Dummes
+anger&uuml;hrt habe mit dem Buben; ich habe gemeint,
+es m&uuml;sse so sein, weil ich's dem Mann versprochen
+habe, da&szlig; ich alles tun will f&uuml;r ihn. Jetzt
+geb's der liebe Gott, da&szlig; er recht wird, denn ich
+mu&szlig; ihn grad laufen lassen, er ist einen halben
+Kopf gr&ouml;&szlig;er als ich, und ich bin ein einf&auml;ltiges Weib.&ldquo;</p>
+
+<p>Was Lotte darauf sagte, h&ouml;rte ich nicht mehr,
+denn beide Frauen gingen miteinander zur T&uuml;re
+<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">57</a></span>hinaus, und ich sa&szlig; in dem Alkoven hinter dem
+alten Vorhang auf einem Stuhl und wu&szlig;te nicht
+recht, was mit mir anfangen.</p>
+
+<p>Die Mutter kam wieder herein und setzte sich
+auf die Bank, die am Fenster hinlief; sie hatte die
+H&auml;nde im Scho&szlig; gefaltet und sah still vor sich hin
+mit einem Ausdruck von M&uuml;digkeit und Ergebung,
+wie ihn Menschen bekommen, die sich ein ganzes,
+langes Leben hindurch immer in das, was ihnen
+auflag, schicken mu&szlig;ten und denen dieses Sichschicken
+die einzige Waffe war im Lebenskrieg. Mich aber
+&uuml;berkam es, ihr zu sagen, da&szlig; ich recht werden wolle
+und gut und da&szlig; sie meinetwegen ohne Sorge sein
+solle. Ja, es trieb mich ein starkes Verlangen dazu, auf
+ihren Scho&szlig; zu sitzen, wie als kleines Kind und ihre
+H&auml;nde um mich herum zu sp&uuml;ren, warm und gut.
+Dann h&auml;tte ich vielleicht auch von mir getan, was
+mich Heinrich Kilians wegen beklemmte, denn ich
+fand nicht recht den Weg daraus heraus.</p>
+
+<p>Aber ich war nicht gew&ouml;hnt, z&auml;rtlich zu sein
+und fand auch das Wort nicht, das ich gern gesagt
+h&auml;tte. Ich schob mich langsam aus dem Alkoven
+heraus in die Stube, und als mich die Mutter sah,
+sagte sie: &bdquo;Bist du da drin gewesen und hast alles
+geh&ouml;rt?&ldquo;</p>
+
+<p>Das bejahte ich mit einem Kopfnicken, und als ich
+in ihr Gesicht sah, da war es so voll von einer
+gro&szlig;en Liebe und Sorge und so himmelgut, wie ich
+glaubte, es noch nie gesehen zu haben, und ich legte
+meinen Kopf auf den Tisch und lie&szlig; meine Tr&auml;nen,
+die ich bisher immer noch verschlossen gehabt hatte,
+laufen, wie sie wollten. Aber es wurde mir so
+wohl dabei, wie schon lange nicht mehr. Es war,
+<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">58</a></span>als ob ein Bach aus meinem Innern breche und
+alles mit sich fortnehme, was &uuml;bel und schwer darin
+gelegen war, und als ob meine Mutter alles wisse,
+was mich angehe, ohne da&szlig; ich ein Wort sage, blo&szlig;
+weil sie meine Mutter sei. Und das wird ja wohl
+auch so gewesen sein.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Ich wollte, ich h&auml;tte sie l&auml;nger gehabt, es h&auml;tte
+meiner Jugend gut getan.</p>
+
+<p>Ich wei&szlig; nicht. Vielleicht h&auml;tte ich alle meine
+Torheiten dennoch begangen, auch wenn sie dagewesen
+w&auml;re, denn sie h&auml;tte mich nicht davor beh&uuml;ten
+k&ouml;nnen, wenn ich in der Welt drau&szlig;en war. Und
+vielleicht h&auml;tte ich ihr weh getan, wie den andern.
+Ich m&ouml;chte so gerne denken, da&szlig; ich den Weg zu
+ihr gefunden h&auml;tte, wenn ich mir verweht und verlaufen
+vorgekommen w&auml;re, und da&szlig; ich ihr zuliebe
+manches besser gemacht h&auml;tte, als ich es tat.
+Es ist umsonst, da&szlig; ich mich dar&uuml;ber besinne.</p>
+
+<p>Es mu&szlig; ja alles so recht sein, wie es ist.</p>
+
+<p>Als ich konfirmiert war und am Sonntag in
+einem neuen dunklen Anzug und mit einer gest&auml;rkten
+Hemdbrust auftrat, machte ich zum ersten- und
+einzigenmal in meinem Leben einen Ausflug
+mit ihr. Er geschah zu einem entfernten Vetter
+auf der Alb, der mein Pate war, und der uns eingeladen
+hatte. Wir zogen am fr&uuml;hen Maimorgen
+aus und sahen die Stadt und die T&uuml;rme und den
+Flu&szlig; im Nebel liegen und schritten selber durch den
+Nebel, der bald rosig durchleuchtet wurde von der
+durchbrechenden Sonne. Da wurde uns ganz reiselustig
+zumute, und meine Mutter machte Schritte
+<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">59</a></span>neben mir her wie ein junges M&auml;dchen vor lauter
+Freude am Dasein und an der Reise mit mir.</p>
+
+<p>Dann sa&szlig;en wir in der Bahn und fuhren nach
+Blaubeuren, und sie hatte tausend Dinge zu bestaunen
+und wurde ganz redselig mit den Fahrtgenossen,
+deren Reiseziel und Heimat sie unverzagt
+erfragte, und mit denen sie sich ohne weiteres
+einig f&uuml;hlte, als mit solchen, die einen seltenen,
+sch&ouml;nen Sonntag in der Freiheit genie&szlig;en.</p>
+
+<p>Es war auch ein altes Bauernweiblein im Wagen,
+das sa&szlig; mit einer scheuen Gl&uuml;ckseligkeit im
+Schatten eines m&auml;chtigen, breitschultrigen Mannes
+von exotischem &Auml;u&szlig;ern, der an allen erdenklichen
+Stellen von goldenen Kn&ouml;pfen, Ketten und Ringen
+ergl&auml;nzte. Er hatte ein gutes Gesicht und fing
+bereits an, sein anglo-amerikanisches Deutsch, das
+er &bdquo;dr&uuml;ben&ldquo; angenommen hatte, wieder mit schw&auml;bischen
+Brocken zu vermischen. Sie war seine
+Mutter und war ihm auf seinen Wunsch entgegengefahren,
+weil er jetzt auf Besuch heimkam,
+und sie f&uuml;hlte sich wie auf einer Himmelfahrt,
+da sie nun mit dem stattlichen Sohn ihrem Dorf
+entgegenfuhr. Mit ihr kam meine Mutter bald ins
+Gespr&auml;ch und sagte mit hoffnungsvollem Stolz, da&szlig;
+sie ihren Ludwig auch etwas Rechtes werden lasse,
+er m&uuml;sse nur sagen, was er im Sinn habe, und da&szlig;
+es freilich, wenn es auf sie ankomme, nicht grad
+Amerika sein m&uuml;sse, indessen, wie es Gottes Will'
+sei, wenn er nur brav werde und recht. Da sah mich
+das alte Weiblein, das sein Schaf im Trocknen hatte,
+kopfnickend an und dachte wohl, freilich, so einer,
+wie ihr Johann, wachse nicht an jedem Hag, aber
+recht werden k&ouml;nne ich immerhin, schon der Mutter
+<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">60</a></span>zulieb, und der m&auml;chtige Amerikaner sagte: &bdquo;<span class="antiqua">Well</span>&ldquo;
+und strich sich den Bart, da&szlig; die Ringe an seinen
+Fingern ergl&auml;nzten. Ich war froh, als wir ausstiegen
+und wieder f&uuml;r uns waren.</p>
+
+<p>Die Mutter freilich konnte noch nicht so schnell
+von den beiden abkommen. Sie waren am Bahnhof
+von einem stattlichen Fuhrwerk mit zwei schweren
+G&auml;ulen abgeholt worden und verschwanden vor uns
+in einer wei&szlig;en Staubwolke, als wir sachte, Schritt
+vor Schritt die Steige hinanstiegen, die hinter dem
+Blautopf auf die H&ouml;he der Alb hinauff&uuml;hrt.</p>
+
+<p>&bdquo;Das Gef&auml;hrt ist nicht ihr eigen,&ldquo; sagte meine
+Mutter. &bdquo;Es geh&ouml;rt ihrem Nachbar. Der hat es
+entgegengeschickt, weil er einen Respekt hat vor dem
+Amerikaner. Sie hat es auch m&uuml;hsam gehabt vorher,
+aber seit f&uuml;nf Jahren hat ihr der Sohn immer Geld
+geschickt, da hat sie sich eine G&uuml;te antun k&ouml;nnen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie schwieg und sah an mir hinauf und hinunter
+und h&auml;tte gern noch mehr gesagt. Aber sie
+wollte vielleicht meine Jugend nicht beladen, oder
+sie traute sich selber nicht, so weit hinauszufahren
+mit ihren Gedanken, so ging sie neben mir her, ohne
+es auszusprechen, wie sie es von mir auch erhoffe,
+da&szlig; ich einst ihr Alter schm&uuml;cke und erleichtere.</p>
+
+<p>Mich trieb es an, ihr gro&szlig;e Dinge zu versprechen,
+denn ich konnte es nicht leiden, da&szlig; mich der Amerikaner
+etwa ausstechen sollte. Aber ich wu&szlig;te noch
+nicht, wo bei mir der Gl&uuml;cksbaum wachsen w&uuml;rde,
+von dessen Zweigen ich meiner Mutter die Taler
+heruntersch&uuml;tteln konnte, und um das Gespr&auml;ch auf
+etwas zu bringen, bei dem ich auch etwas galt,
+fing ich an, meiner Mutter die Geschichte von der
+sch&ouml;nen Lau zu erz&auml;hlen, die ich k&uuml;rzlich gelesen hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">61</a></span></p><p>Sie horchte hoch auf und nahm es alles wahr und
+wichtig, so da&szlig; mir die Sache selber im Erz&auml;hlen
+noch viel lebendiger wurde als zuvor.</p>
+
+<p>Tief unter uns lag das St&auml;dtlein mit Kloster
+und Kirche friedlich hingelegt bei dem tiefen, dunklen
+Wasserbecken, an dessen Ufer wir vorhin gestanden
+waren mit einem leisen Grauen, weil es gar
+so unergr&uuml;ndlich tief hinabging.</p>
+
+<p>Nun sahen wir nur noch die B&auml;ume, deren
+gr&uuml;ne Wipfel sich &uuml;ber ihm zusammen zu neigen
+schienen, und sahen die junge Blau, die hell und
+fr&ouml;hlich durch gr&uuml;ne Wiesen ging, als ob sie nicht erst
+vorhin aus ihrer wundersamen Quellenheimat ausgeflossen
+w&auml;re. Die nackten Felsen standen trutzig
+um das Tal herum, aber die Sonne legte einen
+Glanz auf sie, da&szlig; sie zu scheinen anfingen, und der
+Himmel stand hoch und heiter &uuml;ber dem Ganzen.</p>
+
+<p>Und die sch&ouml;ne Lau stieg aus ihrer blauen
+Tiefe herauf und trug ihr schweres Herz zu den
+Menschen und lernte bei ihnen das Lachen, das
+ihr so n&ouml;tig war. Als alles gut ausgegangen war,
+atmete die Mutter tief auf. &bdquo;Gott Lob und Dank,&ldquo;
+sagte sie, &bdquo;wenn's auch blo&szlig; ein M&auml;rlein ist, mich
+hat die arme Frau doch gedauert; ich wei&szlig; gut,
+wie es ist, wenn's einem nicht ums Lachen ist. Als
+ich mit dir gegangen bin, Ludwig, ein paar Monate
+vor deiner Geburt, da ist mir's immer so schwer
+gewesen, das ist nicht zum Aussagen. Da hab'
+ich immer gedacht: Lieber Gott, la&szlig; nur mein Kind
+kein schweres Gem&uuml;t kriegen. Gelt, du hast keins,
+Ludwig, ich meine einmal nicht. Wenn ich dich
+habe lachen h&ouml;ren und gesehen, da&szlig; du lustig bist,
+dann ist mir ein Stein vom Herzen gefallen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">62</a></span></p><p>Als die Mutter so redete, wurde es mir sonderbar
+ums Herz. Es war mir auch, als ob ich in eine
+unterirdische Quellenstube hineinsehe, aus der mein
+Leben herausgeflossen sei, und ich sp&uuml;rte eine dunkle
+Z&auml;rtlichkeit f&uuml;r diese Frau, anders als je zuvor.
+Aber ich lie&szlig; nichts davon merken.</p>
+
+<p>Als wir h&ouml;her stiegen, atmete sie m&uuml;hsam und
+schwer und blieb immer wieder stehen, um sich den
+Schwei&szlig; abzuwischen, dabei sah sie bl&auml;sser aus, als
+ich sonst an ihr gesehen hatte.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wei&szlig; nicht, es ist mir nicht ganz recht,&ldquo;
+sagte sie. &bdquo;Mich deucht, ich h&ouml;re ein Fuhrwerk;
+wenn ich das erwarten k&ouml;nnte und ein St&uuml;ck weit
+aufsitzen, das w&auml;re gut. Du k&ouml;nntest derweil weitergehen,
+dir tut das Laufen gut, du hast junge F&uuml;&szlig;e
+und ein junges Herz.&ldquo;</p>
+
+<p>Das wollte ich meinen, da&szlig; ich das hatte. Ich
+lie&szlig; die Mutter auf einem Steinhaufen am Wegrand
+sitzen und ging voran, singend und pfeifend.
+Unter mir tat sich das Tal immer weiter auf, D&ouml;rfer
+lagen in der Sonne, und H&ouml;henz&uuml;ge traten hervor und
+gr&uuml;&szlig;ten her&uuml;ber. Im reinen Blau des Maihimmels
+schwammen kleine, wei&szlig;e W&ouml;lkchen dahin, und in den
+Ebereschen zu beiden Seiten der Stra&szlig;e pfiffen
+Ammern und Meisen in ausgelassener Daseinslust.
+Ich empfand mich jung, stark und froh, und es schien
+mir alles gut zu sein. Nach der Mutter sah ich
+mich nicht um. Ich wollte, wenn die H&ouml;he vollends
+erstiegen w&auml;re, auf das Fuhrwerk warten, aber meine
+Gedanken flogen ein paarmal zu ihr, weil sie mir
+das Herz so sonderbar bewegt hatte.</p>
+
+<p>Doch sagte mir keine Ahnung, auch nicht die
+leiseste, da&szlig; meine Mutter jetzt eben den Tod erlitt.
+<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">63</a></span>Er war ihr lind und gut; er trat nur an sie heran,
+als sie ersch&ouml;pft auf dem Steinhaufen sa&szlig; und legte
+ihr die Hand auf das Herz, da h&ouml;rte es auf, zu schlagen.
+Vielleicht sah sie ihn herankommen, ich wei&szlig;
+es nicht. Wenn sie ihn gesehen hat, das glaube ich,
+dann hat sie ihre hartgeschaffte Hand mit einem
+geduldigen Seufzer in seine kn&ouml;cherne gelegt und
+sich von ihm f&uuml;hren lassen. Denn es war nichts von
+Widerstreben und darum auch nichts von Angst
+in ihr.</p>
+
+<p>Als der leere M&uuml;llerwagen kam, den sie geh&ouml;rt
+hatte, sa&szlig; sie in sich zusammengesunken da, die
+H&auml;nde m&uuml;d im Scho&szlig; und den Kopf auf der Brust.
+Die Sonne lag auf ihrem grauen Scheitel und der
+M&uuml;llerknecht meinte, sie schlafe.</p>
+
+<p>Als er merkte, da&szlig; sie tot sei, packte ihn ein
+Grauen, und er hieb auf seine Schimmel ein, da&szlig;
+sie die Steige hinaufrasselten, wie auf der Flucht.
+&bdquo;Da unten sitzt ein totes Weib,&ldquo; rief er, als er
+mich sah, &bdquo;wei&szlig;t du, wer sie ist?&ldquo;</p>
+
+<p>Da l&ouml;schte mir mit einem Male die fr&ouml;hliche
+Fackel aus, die mir den ganzen Morgen ins Leben
+hinein geleuchtet hatte, und es kam eine dunkle
+Wolke, die &uuml;berzog Land und Himmel und meine
+Jugend und mich. Ich lief in verzweifelten Spr&uuml;ngen
+die Steige wieder hinab, bis ich bei ihr war, und
+blieb in Herzensnot und Grauen bei ihr sitzen,
+bis Leute von oben herunterkamen, von dem M&uuml;llerknecht
+geschickt und sich unser annahmen.</p>
+
+<p>Sie wurde dort droben in dem Albd&ouml;rflein begraben.
+Da war ein Platz frei in dem ganz zusammengesunkenen
+Grab der Gro&szlig;mutter meiner
+<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">64</a></span>Mutter, das einst von der Familie gekauft worden
+war.</p>
+
+<p>&bdquo;Da liegt sie gut,&ldquo; sagte der Vetter, den wir
+hatten besuchen wollen.</p>
+
+<p>&bdquo;Die Gro&szlig;mutter ist ein braves Weib gewesen,
+bei der hat sie ihren Frieden. Und sie liegt im eigenen
+Grund und Boden, das h&auml;ttet ihr in der Stadt
+drunten nicht zahlen k&ouml;nnen.&ldquo;</p>
+
+<p>Da kam in aller Trauer noch ein kleines, bescheidenes
+St&ouml;lzlein in uns auf, auch in den Schwestern,
+die gekommen waren, da&szlig; wir hier an diesem
+Platz sozusagen ans&auml;ssig seien, und wir waren einig
+damit, die Mutter hier zu lassen.</p>
+
+<p>Das liegt tiefer als es viele wissen, im Menschenherzen,
+da&szlig; es irgendwo unvertrieben sein will,
+da&szlig; es ein St&uuml;cklein Land besitzen will und w&auml;re
+es noch so klein, teilhaben an der Erde, die unser
+aller Mutter ist.</p>
+
+<p>Im Leben hatte die Mutter immer im Hauszins
+wohnen m&uuml;ssen, nun ererbte sie im Tode ein eigenes,
+enges H&auml;uslein und war nur gehalten, die bleichen,
+wei&szlig;en Kn&ouml;chelein der Urahne bei sich ruhen zu
+lassen, denn diese war immerhin vorher dagewesen.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Ein halbes Jahr nach der Mutter Tod wurde
+uns das H&auml;uschen gek&uuml;ndigt, weil die Stadtverwaltung
+irgendeine &Auml;nderung in dieser Gegend vornehmen
+wollte. Da gab es einen schweren Abschied
+zwischen Meisters und uns. Denn wir zogen nun in
+zwei verschiedene Stadtteile. Auch Lotte hatte die
+K&uuml;ndigung getroffen, und es war nun zwischen ihr
+und meiner Schwester Luise ein Abkommen wie zwischen
+<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">65</a></span>Abraham und Lot: &bdquo;Willst du zur Rechten,
+so geh' ich zur Linken, willst du aber zur Linken, so
+geh' ich zur Rechten.&ldquo; Luise wollte nun ein eigenes
+B&uuml;gelgesch&auml;ft aufmachen mit Lehrm&auml;dchen und Pariser
+Neub&uuml;gelmethode, und dazu brauchte sie ein
+Feld f&uuml;r sich. Lotte aber zog ihre bisherige Kundschaft
+nach sich in ein Haus, das in der N&auml;he des
+alten lag. Sie waren beide wie Schwestern miteinander,
+es war nichts von Neid und Streit in ihrem
+Auseinandergehen, sondern, weil das Leben mit seinen
+Bed&uuml;rfnissen es so verlangte, darum trennten sie
+ihre Wege und blieben sich um so mehr in Freundschaft
+zugetan.</p>
+
+<p>Wir zogen an einem Tag nach verschiedenen
+Seiten hin. Unsere M&ouml;bel waren aufgeladen und
+zeigten sich im Tageslicht und unter freiem Himmel
+als eine &auml;rmliche Habe. Einmal waren sie auch
+neu gewesen und aus vielen Spargroschen mit Lust
+und Liebe nach und nach erworben worden, nun
+sah die neue Generation dar&uuml;ber hin als &uuml;ber
+etwas Abg&auml;ngiges, es war aber so der Lauf der
+Welt. Wir gingen noch einmal durch die leeren
+R&auml;ume und sahen an den dunklen Stellen auf den
+verschossenen Tapeten, wo die Bilder gehangen
+waren: Hier des Vaters Bild und hier die Schlacht
+bei Leipzig, und dort der Haussegen, der die heilige
+Dreieinigkeit zeigte, je nachdem man links oder rechts
+oder in der Mitte stand, den Vater oder den Sohn,
+oder den heiligen Geist als Taube. &Uuml;ber der Bank
+war eine fettige Fl&auml;che, da hatte der alte Heinrich
+Kilian immer seinen Kopf angelehnt. Die Schwestern
+waren in ger&uuml;hrter Stimmung, als sie sich
+noch einmal hier umsahen und lehnten sich aneinander,
+<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">66</a></span>wie um sich zu vergewissern, da&szlig; keine von
+ihnen allein in die Fremde geht. Mir aber war
+es unbehaglich zumute. Es ging so allerlei durch
+einen durch, wenn man hier seinen Gef&uuml;hlen nachhing,
+es war wohl am besten, vorw&auml;rts zu gehen und
+sich nicht mehr viel umzusehen, sonst tat es in der
+Brust weh, und das Herz klopfte einem; das war aber
+eines blo&szlig;en Umzuges wegen nicht n&ouml;tig, meinte ich.</p>
+
+<p>Da kam soeben Lotte Meister zur T&uuml;r herein,
+um Luise noch etwas zu sagen. Sie stand so gro&szlig;
+und hoch und stattlich in der niederen Stube, aber
+sie hatte ein Gl&auml;nzen in den Augen, aus dem
+man schlie&szlig;en mu&szlig;te, da&szlig; sie geweint habe. Denn
+sie nahm ja freilich hundertfache Erinnerungen mit
+sich fort. Es war bei ihr nicht wie bei uns das
+Geschehen zu tragen, das im Gang des Menschenlebens
+von vornherein liegt, da&szlig; die Alten davongehen
+und zu den V&auml;tern versammelt werden, sondern
+sie hatte die Unnatur des Zerrei&szlig;ens erlebt,
+der Trennung mitten auf der gemeinsamen Bahn.
+Die alte, leidende Mutter aber ging mit ihr und
+freilich auch die Kinder, das kommende Geschlecht,
+das hier seinen Ursprung genommen hatte.</p>
+
+<p>Man konnte aber mit keinem mitleidigen Gedanken
+an Lotte herankommen, obgleich man ihre
+Tr&auml;nenspuren noch sah. Denn sie beherrschte ihr Gesicht
+und ihre Haltung vollst&auml;ndig und war dem Leben
+gewachsen, wie es auch verfahren mochte, man konnte
+in allem nur Respekt vor ihr haben. Als sie ihre
+Sache an Luise ausgerichtet hatte, sah sie mich
+l&auml;chelnd an, wie fr&uuml;her, da ich noch als lockiges
+B&uuml;rschlein neben ihr am B&uuml;gelbrett gestanden war
+und sagte: &bdquo;Wie ist's, Ludwig, wird man dich auch
+<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">67</a></span>noch hie und da zu sehen bekommen, wenn man eine
+Viertelstunde Wegs zueinander hat, oder m&uuml;ssen wir
+gleich ganz Abschied nehmen?&ldquo; Sie streckte mir aber
+dabei ihre sch&ouml;ne, kr&auml;ftige Hand hin, und ihr Gesicht
+war so voll von einer unwandelbaren G&uuml;te und
+Zuversicht, da&szlig; es mich hei&szlig; durchfuhr, und ich in
+einem Augenblick die ganze Zukunft durchreiste, in
+der es immer eine Lotte Meister geben mu&szlig;te, sie
+war nicht wegzudenken. Ich sp&uuml;rte, da&szlig; ich feuerrot
+wurde und da&szlig; mich ein ungest&uuml;mes Verlangen
+packte, sie wieder f&uuml;r mich zu haben, wie einst,
+aber ich tat nicht dergleichen, sondern sagte nur,
+ich werde schon kommen, wenn ich Zeit habe und
+ich m&uuml;sse jetzt so viel lernen, weil der Professor
+so streng sei. Darauf sah sie mich einen Augenblick
+pr&uuml;fend an und erkl&auml;rte dann, eigentlich habe
+sie fragen wollen, ob eins von uns den Rollstuhl
+mit der Gro&szlig;mutter in die neue Wohnung
+f&uuml;hren wolle. Die Kinder k&ouml;nnten es ja, aber die
+Gro&szlig;mutter vertraue sich ihnen nicht an, weil sie
+ohnehin vor dem fremden, entlehnten Rollstuhl und
+vor dem Fahren durch die Stra&szlig;en eine entsetzliche
+Angst habe. Ich sp&uuml;rte, da&szlig; ich dazu vermeint
+sei, aber ich konnte mich nicht schnell entschlie&szlig;en,
+denn es konnte mir jemand begegnen, etwa
+der Stadtpfarrer, der dann sagen w&uuml;rde, so sei
+es recht, oder meine Kameraden, die lachen w&uuml;rden,
+wenn die alte Frau immer mit dem Kopf wackelte,
+und da war eines so schlimm, wie das andere.
+Es gab eine Verlegenheitspause, und in die Stille
+hinein sagte meine Schwester Helene ganz freundlich
+und bereitwillig, ja nat&uuml;rlich, das tue sie gern, und
+Lotte empfahl sich, ohne noch einmal etwas zu mir zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">68</a></span>sagen. Sie mu&szlig;te schleunigst hinter ihrem M&ouml;belwagen,
+auf dem hoch oben die drei Kinder sa&szlig;en,
+eng in dem geblumten Sofa aneinandergeschmiegt,
+lustig und lachend, weil ihnen das Fahren ein
+Fest war. Wir sahen ihnen nach, und dann gingen
+wir gleichfalls davon und lie&szlig;en die T&uuml;ren hinter
+uns offen, weil nichts mehr im Haus war, das
+man verschlie&szlig;en mu&szlig;te. Aber nun hatte ich auch
+mein Teil an Abschiedsschmerzen, und es war mir
+vielleicht &uuml;bler zumut als den andern allen, sie
+brauchten es aber nicht zu wissen.</p>
+
+<p>Die neue Wohnung, die wir bezogen, lag mitten
+in der Altstadt, in einer engen Gasse, in der die
+H&auml;user nah beisammen standen, und in der es mit
+Sonne, Mond und Sternen nicht besonders leuchtend
+zuging. Ich allein hatte in meiner Kammer
+hoch oben unter dem Dach Licht genug, und die Nelken
+des alten Heinrich Kilian, die meine Schwestern
+sorglich ausgegraben und in T&ouml;pfe gepflanzt hatten,
+f&uuml;hrten vor meinem Fenster ein bl&uuml;hendes Leben,
+so lang die gute Jahreszeit w&auml;hrte. Unten im
+Haus, im Kellergescho&szlig;, da war es fast den ganzen
+Tag d&auml;mmerig; es mu&szlig;te gut gehen, wenn einmal
+ein wenig Sonne hereinkam. Aber es ging hell
+und heiter zu trotzdem. Da ging es mit gl&uuml;henden
+B&uuml;gelst&auml;hlen um und mit Lachen und Schwatzen und
+oft mit Singen daneben her. Sie schafften selbdritt
+oder viert, Luise und ihre Lehrm&auml;dchen. Sie hatten
+Kundschaft genug, denn sch&ouml;n geb&uuml;gelte Kragen und
+Manschetten, das war etwas, das jedermann
+brauchte; auch der einfachste Mann wollte wenigstens
+am Sonntag gl&auml;nzen und glei&szlig;en mit sauberer
+W&auml;sche.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">69</a></span></p><p>Luise spielte so wenig wie Lotte Meister die
+hohe Vorgesetzte. Sondern sie zeigte, wie die Sache
+gemacht werden mu&szlig;te, und da hie&szlig; es parieren,
+denn was aus dem Haus kam, das mu&szlig;te tadellos
+sein; aber im &uuml;brigen war eine sch&ouml;ne und freudige
+Arbeitsgemeinschaft, und es war hier nichts von
+&bdquo;Arbeitgeber und Arbeitnehmer&ldquo; und von bitteren
+Standesunterschieden. Um die Vesperzeit ging das
+j&uuml;ngste Lehrm&auml;dchen, wie es ging und stand, mit
+aufgekrempelten &Auml;rmeln und in wei&szlig;er Sch&uuml;rze, &uuml;ber
+die Gasse zum Dreik&ouml;nigswirt und holte so viel Gl&auml;ser
+Bier, als Personen da waren, und dann gab es eine
+vergn&uuml;gliche Pause, in der man sich von den Stadtneuigkeiten
+unterhielt und von den privaten Erlebnissen,
+etwa einem neuen Kleid oder einem Sonntagsausflug,
+oder auch, wenn man gerade recht in
+Stimmung war, von dem jeweiligen Schatz und
+den Zukunftsaussichten mit ihm.</p>
+
+<p>Das taten sie nicht gern vor mir, der ich mich
+oft um diese Stunde auch da unten herumdr&uuml;ckte.
+&bdquo;Was braucht so ein Bub davon zu wissen?&ldquo;, sagten
+sie und steckten wispernd die K&ouml;pfe zusammen.
+Aber gerade davon h&auml;tte ich gern gewu&szlig;t. Es schienen
+mir lauter h&uuml;bsche M&auml;dchen zu sein, fast eine wie
+die andere. Sie hatten blo&szlig;e H&auml;lse und Arme
+und junge, frische Gesichter und meistens ein h&uuml;bsches
+Band im Haar oder so etwas, und es mu&szlig;te
+eine sch&ouml;ne Sache sein, mit solch einem Gesch&ouml;pf einmal
+spazieren zu gehen oder gar zu tanzen. Da&szlig;
+sie Du zu mir sagten, st&ouml;rte mich hier im Hause, wo
+es niemand sonst sah und h&ouml;rte, nicht, ich gab es
+ihnen heim und es war mir behaglich dabei. Ich
+sa&szlig; auf einem umgest&uuml;lpten Waschkorb oder einer
+<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">70</a></span>St&auml;rkekiste, trank gleichfalls mein Bier und machte
+billige Witze, bis Luise ihr leeres Glas wegstellte
+und sich die H&auml;nde wusch, was ihr die andern
+nachtaten, und was das Zeichen zum Wiederanfangen
+war. Dann ging ich mit meinem B&uuml;cherpack,
+den ich unter dem Arm getragen hatte, in
+meine Kammer hinauf und lie&szlig; den Eindruck zur&uuml;ck,
+als ob ich mich in meine Arbeit vergrabe.
+Das tat mir wohl, da&szlig; die M&auml;dchen das von mir
+dachten; aber ich stand oft genug am Fenster und sah
+ins Wetter, denn es ging noch manches mit mir um,
+was ich unten gesehen und geh&ouml;rt hatte. Da war ein
+h&uuml;bsches, wei&szlig;blondes M&auml;dchen namens Hermine,
+das ein so lustiges Gesicht und ein ganz schlankes,
+feines H&auml;lschen hatte, und das schon einen Br&auml;utigam
+besa&szlig;. Er war Feldwebel bei den Pionieren,
+und sie wollte um Geld b&uuml;geln, wenn sie verheiratet
+war, darauf freute sie sich, als ob es in
+ein lustiges Leben hinein ginge. &bdquo;Den Tag &uuml;ber
+schaffen wir, und abends geht's zur Musik oder
+sonstwohin,&ldquo; sagte sie und zeigte alle ihre wei&szlig;en
+Z&auml;hne. Da w&auml;re ich auf einmal gern Feldwebel gewesen,
+denn man konnte nicht wissen, ob es nicht
+auf dem wissenschaftlichen Weg, den ich eingeschlagen
+hatte, viel langweiliger zuging, und ich wu&szlig;te
+manchmal nicht recht, warum ich gerade studieren
+sollte. Da horchte ich hinunter in die enge Gasse,
+ob ich nicht einen Zipfel von dem vergn&uuml;gten Leben
+da unten wahrnehmen k&ouml;nne. Aber nach einer Weile
+war die Anwandlung vor&uuml;ber, und ich sa&szlig; wieder
+an meinen B&uuml;chern und hielt mich ordentlich
+zur Arbeit, ohne besondere Begeisterung daf&uuml;r, nur
+weil so eines aus dem andern folgte und ich nichts
+<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">71</a></span>anderes vorhatte. So kam ich voran, wie andere
+auch und bestand, als ich etwas &uuml;ber das achtzehnte
+Jahr hinaus war, die Reifepr&uuml;fung f&uuml;r die Universit&auml;t.
+Jetzt galt es aber, sich endg&uuml;ltig f&uuml;r ein
+Fach zu entschlie&szlig;en, denn das hatte ich bis jetzt
+immer noch hinausgeschoben, weil ich f&uuml;r keines
+eine besondere Liebe hatte und an jedem etwas
+auszusetzen war. Da fragte mich der Rektor, als
+ich mein Abgangszeugnis von ihm holte, ob ich nicht
+Lust h&auml;tte, in eine vornehme Universit&auml;tsbuchhandlung
+einzutreten und das Studium &uuml;berhaupt zu
+unterlassen. Er sei von einem Freund, der der
+Inhaber sei, gefragt worden, ob er nicht einen t&uuml;chtigen
+jungen Menschen wisse, der eine gute Vorbildung
+habe und Lust zu den B&uuml;chern, aber auch
+zu einem soliden und praktischen Gesch&auml;ftswissen,
+und der es bei ihm zu etwas Rechtem bringen
+k&ouml;nne. Er habe mich vorgeschlagen, weil er gemerkt
+zu haben glaube, da&szlig; ich Freude an der Literatur
+habe und auch nicht unpraktisch sei, und weil,&nbsp;&ndash;
+setzte er v&auml;terlich hinzu,&nbsp;&ndash; es vielleicht doch auch
+ratsam sei f&uuml;r mich, da&szlig; ich es in absehbarer Zeit zu
+einer Selbst&auml;ndigkeit bringe.</p>
+
+<p>Er kannte meine Schwestern und besonders Helene,
+die bei ihm im Hause n&auml;hte und seiner Frau
+die Kleider machte, und hatte einen hohen Respekt vor
+ihrer arbeitsamen T&uuml;chtigkeit. Vielleicht &auml;rgerte er
+sich auch im stillen, da&szlig; ich den braven M&auml;dchen
+so ganz auf der Tasche lag, aber davon sagte er
+nichts, sondern fragte nur, ob ich vielleicht schon eine
+starke Vorliebe f&uuml;r ein besonderes Fach habe, was
+dann freilich die Sache ver&auml;ndern w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Aber das hatte ich nicht, sondern es war gut f&uuml;r
+<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">72</a></span>mich, da&szlig; mir jemand einen Schub gab von au&szlig;en
+her, und ich sagte nach kurzem Z&ouml;gern, da&szlig; ich
+morgen kommen und mit dem Herrn reden wolle,
+der gerade in der Stadt zum Besuch war, und da&szlig;
+es vielleicht ganz gut f&uuml;r mich passe, ein Buchh&auml;ndler
+zu werden, weil es mich immer nach B&uuml;chern gel&uuml;stet
+habe, schon seit ich mir denken k&ouml;nne.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Daheim war ein gro&szlig;es Erstaunen, als ich mit
+meinem Plan daherkam, der schon auf dem kurzen
+Weg nach Hause deutliche Gestalt in mir gewonnen
+hatte. Die Buchhandlung, um die es sich handelte,
+war in einer Stadt, von deren Sch&ouml;nheit ich schon
+viel geh&ouml;rt hatte, unfern des Rheins und des Schwarzwaldes,
+also immerhin weit genug von meiner Heimat
+entfernt, um den Zauber der Ferne und Fremde f&uuml;r
+mich zu haben. Die Schwestern waren ein wenig entt&auml;uscht,
+da&szlig; nun kein Student zu ihnen in die Ferien
+kommen w&uuml;rde und kein studierter Herr einmal mit
+einem guten Titel etwa in der Zeitung stehe, von dem
+sie dann sagen konnten, das sei ihr Bruder. Auch
+ging es vielleicht tiefer bei ihnen, da&szlig; sie mir in
+Wahrheit alle Pforten des Lebens wollten aufgetan
+wissen. Aber ich sagte mit schnell angenommener
+&Uuml;berlegenheit, da&szlig; ich es auf diesem Wege
+mindestens gerade so weit bringen werde, als auf dem
+andern, und da&szlig; ich &uuml;berhaupt trachten werde, so bald
+als m&ouml;glich selbst&auml;ndig zu werden. Das r&uuml;hrte die
+Schwestern tief, denn ich hatte ihnen noch nicht oft
+gezeigt, da&szlig; ich an ihre Arbeit und M&uuml;he f&uuml;r mich
+denke, und so gern sie alles f&uuml;r mich taten, so tat
+es ihnen doch wohl, da&szlig; ich nicht nur so ins Blaue
+hinein alles anzunehmen schien. Aber sie wu&szlig;ten
+<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">73</a></span>nicht, da&szlig; ich vor dem Besuch bei dem Rektor noch
+keinen Augenblick daran gedacht hatte, und von mir
+aus brauchten sie es auch nicht zu wissen.</p>
+
+<p>Am andern Tag ging ich wieder zu dem Rektor
+hin, und da war dann auch der Buchh&auml;ndler, der
+ein alter Junggeselle war und &auml;u&szlig;erlich nichts vorstellte.
+Er trug sich in einem lederfarbigen Braun
+und hatte selber eine etwas vergilbte, pergamentene
+Haut, und ich wei&szlig; nicht, wie mir so geschwind der
+Gedanke kam, er sehe aus, wie ein antiquarisches
+Exemplar etwa des Horaz oder sonst so eines alten
+Weisen, in Leder gebunden. Dar&uuml;ber ging mir,
+ehe ich es verhindern konnte, ein Lachen &uuml;ber das
+Gesicht, und der Rektor, der dabeistand, fragte mich:
+&bdquo;Was haben Sie Heiteres, Fugeler?&ldquo; Aber ich
+fa&szlig;te mich schnell und machte ein ernsthaftes Gesicht
+und sagte, es sei mir drau&szlig;en auf der Gasse
+ein Kameltreiber begegnet mit drei &Auml;ffchen, die seien
+so possierlich gewesen. Das war schon wahr, aber
+gelacht h&auml;tte ich darum nicht.</p>
+
+<p>&bdquo;Sie sind noch sehr jung, mein Lieber,&ldquo; sagte
+der alte Herr, der Hagenau hie&szlig;, und meckerte ein
+wenig. Das war bei ihm gelacht. Ich sagte, da&szlig;
+ich achtzehn sei und das Maturum gemacht habe,
+und das hatte er ja auch schon gewu&szlig;t und die Bemerkung
+nur meines unzeitigen Lachens halber gemacht.</p>
+
+<p>Wir kamen aber darauf gut ins Gespr&auml;ch und
+einigten uns auch darauf, da&szlig; ich am ersten Oktober
+bei ihm eintreten und drei Jahre lernen solle,
+ohne Gehalt, aber mit freier Kost und Wohnung in
+seinem Hause. Sp&auml;ter sehe man wieder. Er habe
+es mit einem, der sich zur Sache anlasse, gut im
+<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">74</a></span>Sinne, wolle aber vorher sehen, was an mir sei.
+Darum, da&szlig; er ein Junggeselle sei, brauche ich
+mich nicht um das leibliche Auskommen bei ihm
+abzuk&uuml;mmern. Er habe eine Schwester bei sich, die
+mich so wohl versorgen werde, als eine rechte Hausfrau,
+und sie sei auch sonst gut, ich komme bei
+ihr in gute H&auml;nde. Zu lernen gebe es genug f&uuml;r
+einen, der strebsam sei, es m&uuml;sse nicht alles auf
+Universit&auml;ten erworben werden, es gebe auch sonst
+noch M&ouml;glichkeiten. Das kam mir alles ganz richtig
+und vern&uuml;nftig vor, und auf dem Heimweg kaufte
+ich mir ein steifes H&uuml;tlein, weil ich das Gymnasiastenwesen
+abgelegt hatte und in eine Bahn einlenken
+wollte, auf der es fr&uuml;hzeitig dem Ernst des
+Lebens zuging.</p>
+
+<p>Als ich aber nur noch ein paar Schritte von
+unserem Haus entfernt war, sah ich eine helle, schlanke
+M&auml;dchengestalt in Luisens B&uuml;gelstube von der Stra&szlig;e
+her eintreten, und als ich gleich nach ihr auch dort
+hineinging, war es Maidi, mit er ich als kleiner
+Bube im Garten gespielt und Kirschen gegessen hatte,
+und die ich noch gut genug kannte. Sie war eine Ber&uuml;hmtheit
+unter den Gymnasiasten ihrer feinen Sch&ouml;nheit
+wegen, und es galt f&uuml;r eine Ehre, wenn man
+sie gr&uuml;&szlig;en konnte; da neigte sie leicht den Kopf, wie
+ein K&ouml;nigskind, und war dabei doch keine stolze Jungfer,
+sondern eine freudige Augenweide.</p>
+
+<p>Geredet hatte ich nie mehr mit ihr seit jenem
+Gartentag, nun stand sie hier in der halbdunkeln
+B&uuml;gelstube, in der man schon das Gas anz&uuml;nden
+mu&szlig;te und war wie eine Sonne darin. Da &auml;rgerte
+mich auf einmal mein steifes H&uuml;tlein, und ich tat
+es schnell in ein Fach hinein, in dem St&auml;rkw&auml;sche
+<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">75</a></span>lag, weil es gar nicht zu ihr pa&szlig;te. Sie hatte ein
+hellblaues Kleid an und niedere braune Schuhe,
+und ihren langen, blonden Zopf hatte sie hinten
+im Nacken mit einer blauen Schleife hinaufgebunden,
+auf der kleine rote Punkte sa&szlig;en, wie lauter
+Herrgottsk&auml;fer. Um ihr Gesicht her aber dr&auml;ngten
+sich lustige L&ouml;ckchen unter dem breiten Hut hervor,
+und auf dem Hut lag ein Kranz von Margeriten.
+Sie sah aus, als ob sie zu einem Fest ginge,
+aber das war bei ihr immer so, und das Fest war
+ihr junges Leben, in das schritt sie hinein in ihren
+h&uuml;bschen braunen Schuhen.</p>
+
+<p>Ich konnte sie beobachten, ohne da&szlig; sie mich
+sah, denn ich war hinter den Vorhang getreten, der
+den Eingang in ein Nebenk&auml;mmerchen verdeckte und
+sah hinter demselben vor in ihr helles Gesicht. Sie
+hatte eine Bestellung zu machen. Es sollte regelm&auml;&szlig;ig
+zu bestimmten Zeiten W&auml;sche abgeholt und wieder
+hingebracht werden und sie nannte dazu das Haus
+ihres Gro&szlig;vaters, in dem sie mit ihrer Mutter und
+ihrem Bruder wohnte. Der Vater, der zum Ganzen
+geh&ouml;rte, war nicht mehr vorhanden, und ich wu&szlig;te,
+da&szlig; er irgendwie nebenhinaus gegangen war auf
+der Welt und wohl noch lebte, aber nicht mehr zu den
+Seinigen geh&ouml;rte. Wie es zusammenhing, wu&szlig;te
+ich nicht, aber es hatten also doch auch schon dunkle
+Schatten das junge Leben gestreift, das hier in aufbl&uuml;hender
+Pracht in unserer Stube stand und mit
+meiner Schwester sprach. Als mir das einfiel, gewann
+ich auf einmal die Macht, hinter meinem
+Vorhang hervorzutreten und sie anzureden, denn
+sonst w&auml;re sie mir zu sch&ouml;n dazu gewesen und zu
+hoch, so freundlich sie auch aussah.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">76</a></span></p><p>Ich &uuml;berlegte mir auch, was ich zu ihr sagen
+wollte. Sie hatte einen Vetter, der war mein Schulkamerad
+gewesen und war nun seit einem Jahr bei
+der Marine, und er war es auch gewesen, der bei
+den Kameraden immer ihren Preis verk&uuml;ndigt hatte.
+Nach dem wollte ich sie fragen. Aber ich war es nicht
+gewohnt, junge M&auml;dchen anzureden, so oft ich es auch
+in der Phantasie tat, und so stand ich etwas verlegen
+herum, als ich sie gegr&uuml;&szlig;t hatte.</p>
+
+<p>Da sah ich an ihrem Gesicht, da&szlig; sie mich auch
+kannte, vielleicht noch von damals her, und da&szlig;
+lustige Lichter dar&uuml;berflogen wie Sonnenv&ouml;gel und
+sie ein Lachen unterdr&uuml;cken wollte, das um jeden
+Preis gelacht sein mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Es war sicher, sie kannte mich noch und auf
+einmal sagte sie: &bdquo;Da wohnen Sie jetzt? Seit
+wann? Wissen Sie noch, damals? Sie erz&auml;hlten
+mir von Ihrem Garten, und&nbsp;&ndash;&ldquo; da wurde sie doch
+ein bi&szlig;chen rot und ich auch, denn es war ein heikler
+Punkt. Und in der Verlegenheit fingen wir beide
+an zu lachen und wurden dadurch ganz erl&ouml;st. Denn
+wenn man dar&uuml;ber lachen konnte, dann war es nicht
+mehr schlimm. &bdquo;Ja, ja&ldquo; sagte ich, &bdquo;ich habe damals,
+glaub' ich, ein bi&szlig;chen dazu erfunden, und nachher
+hatte ich immer Angst, Sie k&ouml;nnten einmal kommen
+und ich stehe dann mit Schanden da.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber als ich das sagte, war es mir inwendig
+hei&szlig; vor Gl&uuml;ck, da&szlig; sie mich so gut kannte, und da&szlig;
+sie noch an damals dachte, und es kam mir auch
+sonderbar vor, da&szlig; wir nun Sie zueinander sagten,
+denn ich hatte immer in Gedanken Du zu ihr gesagt.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin auch einmal gekommen,&ldquo; sagte sie, &bdquo;das
+Verlangen war immer st&auml;rker geworden in mir, und
+<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">77</a></span>der Garten immer gr&ouml;&szlig;er und die Nelken immer
+r&ouml;ter. Wissen Sie noch, von der Katze, die da herumgehen
+und Funken spr&uuml;hen sollte und von der
+Musik, die der alte Mann machte? Da brachte ich es
+einmal mit List heraus, wo Sie wohnten und suchte
+mir den Weg. Aber als ich die H&auml;uschen sah und
+die kleinen G&auml;rtchen davor, da wurde ich b&ouml;se und
+traurig und h&auml;tte fast geweint vor Zorn und Entt&auml;uschung.
+Und meine Mutter sagte nachher, als ich
+es ihr erz&auml;hlte: &bdquo;Siehst du, man mu&szlig; auch nicht
+alles untersuchen wollen, das geht noch mit vielem
+so im Leben.&ldquo; Und sie sagte, da&szlig; das B&uuml;bchen
+damals nicht gelogen habe, es habe es alles so im
+Herzen gehabt, wie es gesagt habe.&ldquo;</p>
+
+<p>Als Maidi das alles erz&auml;hlte, sah ich so unbegreiflich
+deutlich wieder das kleine M&auml;dchen von
+damals vor mir und die sch&ouml;ne junge Frau mit dem
+Kinde, und es war mir, als geh&ouml;re ich irgendwie zu
+ihnen. Die B&uuml;gelm&auml;dchen sahen mit Staunen zu und
+Luise auch, da&szlig; wir so ins Reden miteinander kamen,
+aber ich machte mir gar nichts daraus, sondern als
+Maidi gehen wollte, fragte ich ganz kecklich, ob ich ein
+St&uuml;ckchen mit ihr gehen d&uuml;rfe, ich m&uuml;sse sowieso noch
+einmal in die Stadt. Sie sagte auch freundlich: ja,
+das d&uuml;rfe ich gerne, und wir wollen dann &uuml;ber den
+Marktplatz gehen, weil Messe sei.</p>
+
+<p>Da ging ich denn nun neben dem allersch&ouml;nsten
+M&auml;dchen her, das ich kannte, aber ich hatte meine
+Sch&uuml;lerm&uuml;tze aufgesetzt und das H&uuml;tlein daheim gelassen,
+und nun pochte mir das Herz wie ein
+Schmiedehammer, weil solche Dinge geschahen, nicht
+in Tr&auml;umen, sondern im hellen Wachen.</p>
+
+<p>Maidi stieg so leicht und schlank und lieblich
+<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">78</a></span>daher, und wir plauderten, als ob vieles nachzuholen
+sei, aber es war mir immer darunter hinein
+unbegreiflich, da&szlig; es ihr nicht zu wenig sei, mit mir
+zu gehen, und ich hielt mich so aufrecht wie m&ouml;glich.
+Inzwischen kamen wir auf den Marktplatz, wo sich
+eine bunte Menge von Menschen hin und her schob,
+unter die wir uns fr&ouml;hlich mischten. Maidi fragte
+mich, wo ich eigentlich hin wolle, weil ich von einer
+Besorgung gesagt hatte, die ich machen m&uuml;sse, aber
+ich lachte nur und sagte, das habe noch lange Zeit,
+und wir waren wie rechte Kinder, die nicht viel an
+nachher denken, sondern sich an dem, was gerade vor
+Augen ist, ganz vergessen.</p>
+
+<p>Es war ein selten sch&ouml;ner Tag, der dem Marktleben
+wohl bekam.</p>
+
+<p class="absatz">An den St&auml;nden der Schuster, der Hut- und
+Kappenmacher, der Messerschmiede und Wollwarenh&auml;ndler
+dr&auml;ngten sich die Albbauern und ihre Weiber,
+aber da hatten wir nichts verloren, sondern wir
+gingen den Ausrufern nach, die vor ihren Schaubuden
+standen und alle Seltenheiten der Welt anpriesen.
+Da war ein &auml;rmliches Leinwandzeltchen,
+in dem ein lebendiges Kalb mit zwei K&ouml;pfen zu sehen
+war, und daneben wurde eine Riesendame gezeigt,
+deren Bildnis in grellen Farben auf der Eingangsseite
+der Bude prangte und einem schlanken Herrchen
+zul&auml;chelte, das ihr auf einem Brett W&uuml;rste, Schinken
+und einen angeschnittenen Brotlaib hinhielt und
+wie &auml;ngstlich schien, es m&ouml;chte etwa aus Versehen
+mitgeschluckt werden. Ein Wachsfigurenkabinett war
+da, und ein schwinds&uuml;chtig aussehender Mensch in
+einem fadenscheinigen Frack lud die Leute hustend
+ein, hereinzuspazieren. Es sei da zu sehen die Ermordung
+<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">79</a></span>Wallensteins, die Hamburger Kindsm&ouml;rderin
+soundso, der Ritter Blaubart aus dem M&auml;rchen
+und Schneewittchen mit der b&ouml;sen K&ouml;nigin,
+alles beweglich und in voller Arbeit. Er sah selber
+einer vergilbten Wachsfigur nicht un&auml;hnlich und
+bewegte wie automatisch den Kopf hin und her, um
+nach rechts und links hin die Leute einzuladen.
+Am Eingang der Bude sa&szlig; ein pr&auml;chtig gekleideter
+und angemalter T&uuml;rke, der aus einer langen Pfeife
+sehr nat&uuml;rlich zu rauchen schien, und an seinen Knien
+lehnte eine wundersch&ouml;ne Frau, die todungl&uuml;cklich
+aussah und deren rabenschwarzes Haar ihr am R&uuml;cken
+hinunter und bis auf den Boden hinabflo&szlig;. Sie
+zwinkerte best&auml;ndig mit den Augenlidern und hob hie
+und da in abgemessenen Zwischenr&auml;umen die beringte
+Hand, was alles ein wenig gespenstig aussah. Auch
+schien sie die Lippen zu regen, wenn man l&auml;nger hinsah,
+und der schwinds&uuml;chtige Ausrufer sagte, es sei
+die Scheherazade, die best&auml;ndig unter dem Henkersbeil
+lebe und sich nur ihr Leben retten k&ouml;nne, indem
+sie dem Sultan tausend und eine Nacht lang Geschichten
+erz&auml;hle. Es gingen ziemlich viele Leute
+hinein, Soldaten und M&auml;gde und Arbeiter, die gerade
+aus den Fabriken kamen, und auch Schulkinder.
+Wir sahen einander fragend an, ob wir es auch
+wollten. Aber Maidi sch&uuml;ttelte nach kurzem Besinnen
+den Kopf, denn innen waren sicher grausige Dinge
+zu sehen, und sie ging lieber den fr&ouml;hlichen nach,
+deren es genug hatte auf dem Markt. Da war gleich
+in n&auml;chster N&auml;he das Kasperletheater, das kam uns
+so recht gelegen. Wir stellten uns hinter den Seilen,
+die den Zuschauerraum umgrenzten, auf, und sahen
+zu, wie der Kasperle mit einem Pr&uuml;gel auf den
+<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">80</a></span>armen Bauern einhieb, der ihm eine Katze in einem
+Sack hatte verkaufen wollen. Das war nichts so
+Besonderes, aber wir hatten schon selber die n&ouml;tige
+Fr&ouml;hlichkeit in uns und brauchten nicht viel Ansto&szlig;
+dazu, um mitzulachen. Es stand ein kleines Kerlchen
+neben uns, das sich vergebens auf die Zehen stellte,
+um etwas zu sehen. Das setzte ich auf meine Achsel,
+und nun schrie und strampelte es vor Wonne und
+brachte die ganze Umgebung ins Feuer mit seiner
+Begeisterung. Maidi aber lachte uns beide gut und
+freundlich an, das Kind und mich, und mich d&uuml;nkte,
+es sei bis jetzt kein Tag in meinem Leben gewesen,
+der diesem gleichzustellen sei. Ich kaufte ihr ein
+Rosenstr&auml;u&szlig;chen aus Zucker und sie mir einen roten
+Ballon, den ich mit seinem Schn&uuml;rchen in meinem
+Knopfloch befestigte, und das geschah beides neben
+dem Kasperle her, denn es gingen hausierende Verk&auml;ufer
+&uuml;ber den ganzen Markt hin und an uns vorbei.
+Da kam die Frau des Besitzers mit einem
+Sammelteller in unsere N&auml;he, und ich wollte mich
+eben davon dr&uuml;cken, wie wir Buben das in solchen
+F&auml;llen sonst getan hatten, aber das sch&ouml;ne und anst&auml;ndige
+Wesen neben mir legte mir in aller Stille
+eine moralische Verpflichtung auf, so da&szlig; ich m&auml;nnlich
+in die Tasche griff und ein paar Nickel in den
+Teller legte: &bdquo;F&uuml;r uns beide,&ldquo; sagte ich wie selbstverst&auml;ndlich,
+und die Frau dankte achtungsvoll. Da
+&uuml;berkam es mich wie eine heimliche Besitzerfreude,
+da&szlig; ich f&uuml;r Maidi bezahlt hatte und sie in diesem
+Augenblick zu mir geh&ouml;rte, und es flog mir durch
+den Sinn, da&szlig; ich ungeheuer arbeiten wolle die
+n&auml;chsten Jahre, weil ich es bald zu etwas Rechtem
+bringen m&uuml;sse. Aber es war nur so ein Augenblicksgedanke,
+<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">81</a></span>und der n&auml;chste mu&szlig;te wieder hier auf
+dem Platze sein, sonst verging etwas von dieser
+Stunde, ohne da&szlig; ich es geno&szlig;. Sie war ohnehin
+vorbei, eh' man es dachte. Vom hohen Kirchturm
+herunter schlug es sieben Uhr, und Maidi sagte mir
+wie erwachend, da&szlig; sie nach Hause m&uuml;sse, und gab
+mir die Hand, als ob wir t&auml;glich beisammen w&auml;ren.
+Aber als ich ihr mit pl&ouml;tzlichem Ernst sagen wollte,
+da&szlig; ich sie nun wahrscheinlich nie mehr sehe, weil
+ich in die Fremde gehe, sah sie dr&uuml;ben zwischen den
+Buden ihren Gro&szlig;vater gehen, der den Hut in der
+Hand trug, und in der ganzen Pracht seiner silbernen
+Haare und seines heiteren Gesichts einherschritt, und
+sie ging rasch davon, um ihn noch einzufangen und
+winkte nur noch einmal mit Hand und Augen gr&uuml;&szlig;end
+zur&uuml;ck. Ich sah die beiden miteinander gehen
+und sah wohl, da&szlig; sie eines Blutes und einer Art
+waren: k&ouml;niglich, heiter, vornehm und frei. Mich
+aber hatte nur ein Sonnenstrahl getroffen, der gerade
+vor&uuml;berflog. Doch hatte er mein junges Blut
+erfreut und erw&auml;rmt, und es malte mir nun zum
+Dank tausend Bilder, die eine sch&ouml;ne, freudige Zukunft
+gaben. Ich hatte aber freilich noch nie daran
+gezweifelt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">82</a></span></p><p>Wenn ich jetzt an meine Lehrjahre denke und sie
+an mir vorbeigehen lasse, so wundert es mich immer
+aufs neue, wie zuf&auml;llig und ohne Einmischung von
+irgend einer v&auml;terlichen oder beratenden Stimme,
+ausgenommen meinen Rektor, meine Berufswahl vor
+sich gegangen war. Ich hatte wohl einen Vormund,
+den b&auml;uerlichen Vetter, den ich damals mit der Mutter
+auf ihrem letzten Wege besucht hatte, aber er war
+froh, wenn wir Geschwister uns selber rieten, und
+sagte zu allem Ja und Amen. So sah ich mich auf
+einmal in der neuen Umgebung auf eine Bahn gestellt,
+von der ich gar nicht wu&szlig;te, ob ich f&uuml;r sie und
+sie f&uuml;r mich tauge und von deren M&ouml;glichkeiten ich
+wenig genug kannte. Es h&auml;tte aber schlimmer ausfallen
+k&ouml;nnen, als es geschah, denn ich hatte t&uuml;chtige
+Lehrmeister, wenn auch meiner Meinung nach nicht
+die angenehmsten, n&auml;mlich lauter &auml;ltere M&auml;nner,
+die einer um den andern so vertrocknet waren, wie
+alte W&uuml;stenheilige; wenigstens kamen sie mir so vor.
+Sie waren alle, ein Buchhalter und ein paar Gehilfen,
+schon lang im Hause Hagenau, dem sie mit gro&szlig;er
+Z&auml;higkeit anhingen, und wu&szlig;ten, wie es mir schien,
+nichts Besseres, als auch vollends darin abzusterben,
+was mich mit Grauen und einem zornigen Widerstand
+erf&uuml;llte. Ich kam mir vor wie das Entlein auf
+dem gefrierenden Teich im M&auml;rchen, das rudert und
+rudert, um nicht mit einzufrieren, und das eines Morgens
+<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">83</a></span>dennoch tot im Eise steckt, so frostig d&uuml;nkte meiner
+warmen Jugend das umgebende Alter, dem ich dennoch
+nicht entfliehen konnte. Doch mu&szlig; ich ja sagen,
+da&szlig; man in unreifen Jahren die Altersgrenze bei andern,
+die einem um ein St&uuml;ck voraus sind, niedrig
+genug steckt, und sie erst sachte hinauszur&uuml;cken anf&auml;ngt,
+wenn man selber dabei in Betracht kommt. Es
+war vielleicht nicht gar so weit damit bei den Herren,
+von denen nur einer, der die B&uuml;cher f&uuml;hrte, angegraute
+Haare hatte, w&auml;hrend ein anderer, der sein intimer
+Freund war, mit einer t&uuml;chtigen Glatze herumlief,
+was mir alles f&uuml;r mich selbst in unendlichen Fernen
+zu liegen schien. Heute denke ich schon etwas anders
+dar&uuml;ber. Der Buchhalter war mir eigentlicher und
+n&auml;chster Vorgesetzter, da der lederbraune Herr Hagenau
+stets in seinem kleinen Privatkontor steckte
+und nur zu besonderen Gelegenheiten daraus hervorkam,
+wo er mich kaum beachtete; wenigstens kam es
+mir so vor. Das war mir einesteils angenehm, da ich
+mich t&ouml;richterweise sch&auml;mte, von ihm gesehen zu werden,
+wenn ich, der ich noch vor kurzem ein Primaner
+gewesen war und ein Student hatte werden wollen,
+nun Dinge zu tun hatte, die jeder frisch entlassene
+Volkssch&uuml;ler auch konnte, denn die gesch&auml;ftserfahrenen
+Herren schenkten mir nichts von allem, was einem Lehrling
+geb&uuml;hrt. Ja, sie hielten mich wohl grunds&auml;tzlich
+ein wenig drunten, als sie meine junge &Uuml;berheblichkeit
+bemerkten, der dies und jenes unn&ouml;tig erschien,
+was durch Brauch und Herkommen geheiligt, sein
+und geschehen mu&szlig;te, und das mir t&ouml;dlich langweilig
+war. Ich hatte nicht von ferne gedacht, da&szlig; es solches
+auf der Welt gebe. Da waren Register zu f&uuml;hren
+von solcher Umst&auml;ndlichkeit, und die so vielfach ver&auml;stelt
+<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">84</a></span>waren, da&szlig; es mir vorkam, als ob ein findiger
+Kopf, dem es zugleich um eine t&uuml;chtige Bosheit zu
+tun gewesen sei, ein System ausgeheckt habe, das unzweifelhaft
+alle, die sich damit befa&szlig;ten, in die Irre
+und im Kreis herum f&uuml;hren m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Einmal getraute ich mir, einem der Gehilfen, der
+es mir auseinandersetzte, einen Vorschlag zu machen,
+wie man irgend ein Ding meiner Ansicht nach etwas
+einfacher angreifen k&ouml;nnte. Aber der sah mich von
+seinem Schreibbock herunter an mit einer strafenden
+und doch milden &Uuml;berlegenheit, da&szlig; mir das Blut in
+den Kopf stieg vor Scham und ich mich &uuml;ber meine
+Zettel beugte, ohne mehr ein Wort zu sagen. Ich sah
+wohl, ich mu&szlig;te mich da durchbei&szlig;en, es war nichts
+anderes zu machen, und nach und nach kam auch ein
+Sinn in das Irrsal. Aber lieber war es mir doch,
+wenn die B&uuml;cher selbst durch meine Hand gingen und
+ich einen Blick hinein tun konnte, gerade lang genug,
+um zu sehen, da&szlig; es f&uuml;r mich noch unabsehbare
+Goldfelder umzupfl&uuml;gen, Meere zu befahren, Bergwerke
+auszugraben gab in der Welt der Dichter und
+der Weisen. Nach und nach fingen einzelne Namen
+an, aus den vielen anderen herauszugl&auml;nzen, wie an
+dem un&uuml;bersehbaren Sternenhimmel dem Liebhaber
+und Beobachter, je flei&szlig;iger er hinaufschaut, einzelne
+herausleuchten in besonderer Klarheit, um die sich
+dann wieder andere zu sammeln scheinen in milderem
+Glanze. Wenn mein Prinzipal im Laden stand und
+etwa mit einem der bekannteren Kunden verhandelte,
+so konnten sie miteinander in ein Feuer geraten &uuml;ber
+dies oder jenes Buch, da&szlig; der trockene und etwas angestaubte
+Mann wie verj&uuml;ngt und verwandelt schien.
+Dann horchte ich auf meiner Leiter oder wo ich gerade
+<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">85</a></span>war, und beschlo&szlig;, mir das Kleinod dem Inhalt nach
+auch anzueignen, denn es stand mir ja die ganze
+Schatzkammer offen. Ich fing an, in meinen Freistunden
+zu lesen, &uuml;ber Mittag und am Abend bis tief
+in die Nacht hinein und es schien mir, als ob ich nicht
+aufh&ouml;ren k&ouml;nne, ehe ich alle Sch&ouml;nheit und allen
+Reichtum in mich hineingetrunken h&auml;tte, und kam mir
+ja freilich dazwischen hinein vor wie das Kn&auml;blein
+des heiligen Augustin, das in seine kleine Schale das
+gro&szlig;e Weltmeer fassen wollte.</p>
+
+<p>Aber ich h&auml;tte mich vielleicht doch verirrt in den
+weiten G&auml;rten der sch&ouml;nen Literatur, denn dahinein
+zog es mich zuerst und mit aller Macht, wenn sich mir
+nicht ein besonderes Schlo&szlig;g&auml;rtlein aufgetan h&auml;tte, in
+dem das Sch&ouml;nste vom Sch&ouml;nen bl&uuml;hte. Es war ein
+kleiner, offener Mahagonischrank, mit B&uuml;chern angef&uuml;llt,
+der in dem Zimmer des Fr&auml;ulein Brigitte
+Hagenau stand. Das war die Schwester des Prinzipals,
+und ich kann kaum erwarten, von ihr zu reden.</p>
+
+<p>Ich habe bei ihr viel f&uuml;r meinen Beruf gewonnen,
+was mir sonst niemand geben konnte; aber noch mehr
+f&uuml;rs Leben. Die Werke der Dichter hatten eine stille
+Heimat bei ihr; sie sprach von den besten unter
+ihnen als von ihren Freunden und lehrte mich, den
+Edlen aufgeschlossen und ehrf&uuml;rchtig entgegen zu kommen,
+nur dadurch, da&szlig; sie selbst es tat. Was echt war
+und aus den Tiefen des Lebens stammte, das nahm
+sie freudig auf, und lehnte alles Halbe, Oberfl&auml;chliche,
+oder was nach Gunst und Mode ging, ab;
+so war sie mir ein Wegweiser, als ich dessen sehr bedurfte,
+und gl&uuml;cklicherweise ohne einen solchen darstellen
+zu wollen.</p>
+
+<p>Ich hatte noch nie gesehen, da&szlig; man so las wie sie,
+<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">86</a></span>die ein Buch geno&szlig;, wie man edlen Wein aus kristallenen
+Kelchen langsam schl&uuml;rft, zugleich den Duft genie&szlig;end
+mit dem k&uuml;hlen Labsal; ich selbst hatte, von
+dem gro&szlig;en Reichtum berauscht, angefangen, eins
+ums andere zu verschlingen, wie man wohl an hei&szlig;em
+Tage ein Glas Apfelmost nach dem anderen mit langen,
+durstigen Z&uuml;gen leert, ohne doch mehr davon zu
+haben, als den prickelnden Reiz, mit dem er durch
+die Kehle flie&szlig;t.</p>
+
+<p>Nun, ich war jung und fing erst an, in dieser
+Welt daheim zu werden; sie aber lebte schon lang
+darin und verlangte nichts von mir, was meinen
+Jahren nicht nat&uuml;rlich war, denn sie war keine vors&auml;tzliche
+Einwirkerin, sondern lebte, wie sie ihrem
+Wesen nach mu&szlig;te, ohne damit Schule zu machen.</p>
+
+<p>Es war viel anderes, was ich von ihr hatte, und
+mehr, was ich h&auml;tte haben k&ouml;nnen, wenn ich den Sinn
+daf&uuml;r gehabt h&auml;tte. Sie ist einer der wenigen Menschen
+aus meinen jungen Jahren, an die ich ohne Leid
+und Reue zur&uuml;ckdenken kann, und wenn ich auch zuzeiten
+manches verga&szlig; oder in den Winkel stellte, was
+Lebendiges von ihr h&auml;tte mit mir gehen und mein Tun
+bestimmen sollen, so habe ich doch sie selber verehrt
+und sie hochgehalten, und sie ist mir gut gewesen
+wie eine Mutter oder eine Freundin.</p>
+
+<p>Davon will ich nichts vergessen.</p>
+
+<p>Als ich sie zum erstenmal sah, erschrak ich vor ihr,
+denn sie war klein und stark verwachsen und hatte den
+Kopf tief zwischen den Schultern sitzen. Sie sa&szlig; mir
+am Tisch gegen&uuml;ber, neben ihrem Bruder, und sprach
+unbefangen, frei und heiter, fragte mich nach der
+Reise, von der ich gerade erst herkam, und nach allerlei
+anderem und war in allem ein Mensch, der dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">87</a></span>Schicksal gewachsen oder sogar &uuml;berlegen ist, da sie
+doch mit einem mi&szlig;ratenen K&ouml;rper hausen mu&szlig;te und
+von Rechts wegen h&auml;tte bedr&uuml;ckt und kleinlaut sein
+sollen meiner Meinung nach. Denn ich begriff nicht,
+wie man leben und dazu noch heiter sein mochte,
+wenn man nicht aufrecht und gerade gewachsen war.</p>
+
+<p>Es sahen auch lauter stattliche Leute auf sie hernieder
+von den W&auml;nden, n&auml;mlich eine Anzahl von
+gemalten Vorfahren, die mit klugen und aufrecht getragenen
+K&ouml;pfen unter feinen Hauben oder Per&uuml;cken
+hervor zu fragen schienen, wie eins aus der Familie
+so k&uuml;mmerlich habe werden k&ouml;nnen, und deren Gesichter
+sie aber nicht im mindesten zu scheuen schien.
+Im Gegenteil blickte sie aus gro&szlig;en grauen Augen
+warm lebendig drein und hatte alle Augenblicke ein
+solches L&auml;cheln um den Mund, als ob sie &uuml;ber alles
+hin&uuml;ber inwendig etwas freue, und ich hielt mein
+Gesicht nicht im Zaum, das sie erstaunt betrachtete.</p>
+
+<p>Es fiel mir auch auf einmal ein Spiel ein, das
+wir daheim gehabt hatten mit zerschnittenen menschlichen
+Figuren, die man wechselsweise zusammensetzen
+konnte nach Belieben; und es fuhr mir so durch
+den Sinn, da&szlig; hier aus Versehen oder im Spiel ein
+feiner, wohlgebildeter Kopf auf ein K&ouml;rperlein gesetzt
+sei, das ihn nicht aufrecht zu tragen verm&ouml;ge,
+w&auml;hrend vielleicht anderw&auml;rts ein grotesker Sch&auml;del
+auf sch&ouml;nen, schlanken Schultern ruhe und man nun
+die Figuren wieder verwechseln m&uuml;sse, da&szlig; sie in
+Richtigkeit seien.</p>
+
+<p>Dar&uuml;ber kam mich ein kleines dummes Lachen
+an, das ich mit aller M&uuml;he nicht schnell genug erw&uuml;rgen
+konnte, und pl&ouml;tzlich sah ich die sch&ouml;nen
+Augen der Hauswirtin gro&szlig; und ein wenig verwundert
+<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">88</a></span>auf mir liegen, so als ob sie schon alles w&uuml;&szlig;ten,
+und kam mir unter ihnen wie ein rechter Schulbub
+vor, da ich doch hatte in allem Ernst mit der M&auml;nnlichkeit
+anfangen wollen.</p>
+
+<p>Sie lie&szlig; es mich aber nicht entgelten, sondern
+lachte mich auch ein wenig an ohne alle Empfindlichkeit,
+aus einer ganz jugendlichen Seele heraus, die
+alles versteht, was junge Dummheiten sind, so da&szlig; ich
+mit einem Schlag f&uuml;r sie gewonnen war und ihr am
+liebsten alle meine Gedanken gesagt h&auml;tte.</p>
+
+<p>So kann es zugehen, da&szlig; man einen achtzehnj&auml;hrigen
+J&uuml;ngling gewinnt, habe ich sp&auml;ter oft gedacht,
+denn es wissen es nicht alle Leute so gut anzugreifen.
+Aber es gibt freilich auch nicht viel Brigitten.</p>
+
+<p>An jenem Abend, den ich noch ein wenig vor mir
+ausbreiten will, weil es der erste war, stand sie gleich
+nachher auf und ging ans Klavier, da spielte sie ohne
+Noten eine Musik, welcher der Bruder, in einer Ecke
+sitzend, mit in die H&auml;nde vergrabenem Kopf zuh&ouml;rte
+und welche mich fremd und geheimnisvoll ber&uuml;hrte.
+Ich hatte bis jetzt noch nicht viel Musik gekannt, und
+jedenfalls gar keine intime, wie diese hier, die eigentlich
+nur auf einen Zuh&ouml;rer berechnet war, denn ich,
+das f&uuml;hlte ich wohl, sa&szlig; nur dabei und st&ouml;rte vielleicht
+sogar. Aber ich schaute doch aufmerksam nach dem
+Klavier hin und mu&szlig;te mich wundern, wie sicher und
+kr&auml;ftig das Fr&auml;ulein mit schlanken, sch&ouml;nen H&auml;nden
+auf den Tasten herumregierte und das Instrument
+nach einem inneren Wissen zum Erklingen brachte,
+so, da&szlig; es inwendig in mir mitklang.</p>
+
+<p>Ich mu&szlig;te an daheim denken, an meine Mutter
+und an Heinrich Kilian, die beide schon lange vom
+<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">89</a></span>Leben hinweggegangen waren, und die mir nur ganz
+selten einfielen, und auch an meine Schwestern, wie
+sie morgens an der Eisenbahn gestanden waren in
+ihren grauen Regenm&auml;nteln und mit ihren freudlosen
+Gesichtern, die meinem Fortgehen galten. Es r&uuml;hrte
+sich allerlei in mir, da&szlig; ich ihnen gern ein gutes Wort
+gesagt h&auml;tte, weil sie immer im Geschirr stehen mu&szlig;ten
+und nie hinauskamen, und weil ihnen nie etwas
+zu viel war f&uuml;r mich. Aber sie waren nun fern von
+mir, und am Ende h&auml;tte ich doch nichts gesagt, wenn
+ich sie dagehabt h&auml;tte, denn es war nicht der Brauch
+bei uns. Das machte alles nur die Musik, ich wu&szlig;te
+nicht, wie es zuging.</p>
+
+<p>Als sie zu Ende war, kam der Prinzipal wie erwachend
+aus seiner Ecke hervor. &bdquo;Das war sch&ouml;n,
+Brigitte,&ldquo; sagte er, und sie nickte ihm zu, noch den
+einen oder andern Ton leise anschlagend: &bdquo;Das freut
+mich, Bruder, es war aber auch Beethoven.&ldquo; Er
+nannte sie immer beim Taufnamen, dabei die mittlere
+Silbe betonend, sie aber sagte nie anders als
+Bruder zu ihm. Das sei, erfuhr ich sp&auml;ter, darum
+der Fall, weil er Kasimir hei&szlig;e und den Namen
+nicht ausstehen k&ouml;nne, was ja auch wohl zu begreifen
+war. Ich nannte ihn aber von da an im stillen und
+nenne ihn auch in diesen Aufzeichnungen so.</p>
+
+<p>Er hatte damals recht geredet, als er sagte, da&szlig;
+ich bei seiner Schwester in rechten H&auml;nden sei. Ich
+h&auml;tte, gr&uuml;n und unreif, wie ich von daheim fortkam,
+in keine besseren fallen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Sie hatte nicht nur ein sch&ouml;nes Gesicht und sch&ouml;ne
+H&auml;nde, sondern es brannte auch aus ihrem Wesen
+heraus eine stille und helle Flamme von un&uuml;berwundener
+Liebe zu allem Sch&ouml;nen und Guten, und sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">90</a></span>war nicht nur nicht zu bemitleiden, sondern sie stand
+weit &uuml;ber unsereinem, der noch am Leben herumtastete
+als ein Neuling.</p>
+
+<p>Es erging mir mit der Zeit sonderbar genug mit
+ihr. Nachts, wenn ich im Bett lag und im Begriff
+war, ins Nichts hin&uuml;berzutr&auml;umen, dann kam es mir
+hie und da vor, als ob ich in sie verliebt sei. Dann
+sahen mich ihre gro&szlig;en, klaren Augen wunderg&uuml;tig
+an, und ihr feiner Mund l&auml;chelte unendlich lieblich,
+und ich ahnte hinter beidem verborgene Schmerzen
+und Reicht&uuml;mer. Die Musik, die sie gemacht hatte,
+schien mir ihre eigene Sprache zu sein, die mir
+jungem Knaben das Herz umdrehte und alles, was
+sie am Abend getan und gesagt hatte, &uuml;bte noch im
+Nachhall einen Zauber auf mich aus, so da&szlig; ich etwa
+aufstand und nach dem n&auml;chtlichen bewaldeten Berg
+hin&uuml;ber und auf das in den Nachthimmel hinein
+dunkelnde M&uuml;nster schaute, was beides von meinem
+Zimmer aus zu sehen war, und dabei die Str&ouml;me
+meines warmen Blutes ziehen h&ouml;rte. Dann dachte
+ich mir aus, da&szlig; sie eine wundersch&ouml;ne Prinzessin
+sei, die ein b&ouml;ser Zauberer in einer Mi&szlig;gestalt gefangen
+halte und die sich selbst erl&ouml;sen m&uuml;sse in viel M&uuml;hsalen,
+bis ein St&uuml;ck des H&auml;&szlig;lichen ums andere von
+ihr abfalle und sie in lauterer Sch&ouml;nheit dastehe.
+Es brannte etwas in mir und ri&szlig; mich mit sich
+fort, und ich entsinne mich noch einer st&uuml;rmischen
+Februarnacht, in der es mich dergestalt &uuml;berw&auml;ltigte,
+da&szlig; ich in meine Kissen hineinschluchzte, wie ein ungl&uuml;cklicher
+Verliebter, bis ich daran m&uuml;de wurde und
+einschlief. Aber am Morgen war alles anders. Da
+konnte ich froh sein, da&szlig; sie nichts von dem allem
+wu&szlig;te. Denn sie regierte das Haus so ruhig und
+<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">91</a></span>sicher wie eine brave B&uuml;rgersfrau und ging auch
+selber auf den Markt, von der Magd Salome begleitet,
+und sah k&uuml;mmerlich genug dabei aus.</p>
+
+<p>Man konnte auch sogleich sehen, wer einheimisch
+war und wer fremd. Denn die Einheimischen gr&uuml;&szlig;ten,
+soweit sie honorige Leute waren, das Fr&auml;ulein
+mit viel Respekt, und sie dankte mit ruhiger H&ouml;flichkeit,
+aber wer fremd war, sah sich, wenn sie vorbeigegangen
+war, kopfsch&uuml;ttelnd nach ihr um, und ich
+war dumm genug, froh zu sein, da&szlig; ich nicht neben ihr
+gehen mu&szlig;te. Sie aber schien nichts von meinen
+heimlichen Gedanken zu merken. Sie versorgte mich
+im Leiblichen so gut, da&szlig; ich kr&auml;ftig aufscho&szlig; und auseinanderging,
+wie ein junger Baum, und tat zu allem
+noch etwas hinzu von einer sch&ouml;nen, geistigen W&auml;rme
+und Bildung, die ich bisher nicht einmal vom H&ouml;rensagen
+gekannt hatte, und die mich umgab wie eine
+heilsame Luft. Sie scheint mir, wenn ich an sie zur&uuml;ckdenke,
+eine jener Frauen gewesen zu sein, denen
+das Schicksal darum eigene Kinder versagt, damit sie
+um so ungeminderter allen, die in ihren Weg kommen,
+etwas von der wahren, durchschauenden und
+alliebenden M&uuml;tterlichkeit zu geben verm&ouml;gen, die
+einem jeden not tut. Gott mag wissen, woher sie ihre
+eigene Nahrung beziehen, aber sie scheinen nur leben
+zu k&ouml;nnen, indem sie andern geben und f&uuml;r sie da
+sind, was dann ihr Gl&uuml;ck ausmacht und sie aufleuchten
+l&auml;&szlig;t in einem milden und warmen Glanz.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Unter den Herren im Gesch&auml;ft war einer, der sich
+hie und da etwas mehr mit mir zu schaffen machte,
+als unumg&auml;nglich n&ouml;tig war. Er lockte mich zu dieser
+<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">92</a></span>und jener Arbeit heran, etwa zur Ausschm&uuml;ckung
+eines Schaufensters, zum Zusammenstellen einer Auswahlsendung
+und dergleichen, wobei er mich um meine
+Meinung fragte und mich etwas gelten lie&szlig;, was mir
+zwar wohl gefiel, mich aber doch wunderte, da er diese
+Dinge sehr gut allein machen konnte und jedenfalls
+besser als ich, wenigstens f&uuml;r jetzt noch. Es kam mir
+mehr und mehr vor, als ob er etwas Besonderes von
+mir wolle, ich konnte mir aber nicht denken, was es sei.
+Hie und da sah ich, da&szlig; er mich mit auf die Seite
+geneigtem Kopf anschaute, als ob er &uuml;ber irgend etwas
+im Zweifel sei, und ich war mehr als einmal nahe
+daran, ihn zu fragen, was er damit meine, lie&szlig; es
+aber, weil es mich dann doch wieder nicht genug interessierte.
+Er war ein &Ouml;sterreicher, der schon in seiner
+fr&uuml;hen Jugend zu uns verschlagen worden war durch
+irgend ein Schicksal, wie ich gelegentlich erfuhr, und
+hie&szlig; Frerichs. Von den andern Herren wurde er nicht
+besonders gesch&auml;tzt, wie ich merkte, trotzdem er ein
+stiller, friedlicher Mensch und ein &uuml;beraus flei&szlig;iger
+Arbeiter war. Sie machten sich gern &uuml;ber ihn lustig,
+und besonders tat das der rotb&auml;rtige Giller, den ich
+im stillen den Kettenhund hie&szlig;, denn er war wie ein
+solcher knurrig und bissig und hatte eine Bewegung
+an sich, die aussah, als ob er zuschnappen wolle.
+Dieser sprach von Frerichs als dem Dichter, aber in
+einer Weise, wie wenn ein anderer von einem Dummkopf
+spricht, oder wie einer der Josephsbr&uuml;der auf der
+Weide bei Sichem gesagt haben mag: Seht, da kommt
+der Tr&auml;umer her. Das h&ouml;rte ich aber nur nebenbei,
+denn mit mir sprach er nur &uuml;ber gesch&auml;ftliche Dinge.
+Da begab es sich, da&szlig; ich eines Abends mit Frerichs
+zugleich das Kontor verlie&szlig;, um noch einen Gang zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">93</a></span>tun vor dem Abendessen, das ich allein von allen
+Angestellten im Hause einnahm, wie ich auch allein
+darin wohnte. Er sah mich wieder so zweifelhaft an
+und sagte dann mit der kindlichen Stimme, die mir
+immer an ihm auffiel, weil sie gar nicht zu seinem
+&Auml;u&szlig;eren pa&szlig;te: &bdquo;Ich m&ouml;chte Sie schon lang etwas
+fragen, Fugeler. Ich habe n&auml;mlich,&nbsp;&ndash; ich mache n&auml;mlich
+hie und da Gedichte, oder auch&ldquo;&nbsp;&ndash; er neigte den
+Kopf zu mir her und sah sich um, ob niemand in der
+N&auml;he sei, und fl&uuml;sterte: &bdquo;ich verfasse auch hie und da
+Novellen oder dergleichen, und w&uuml;rde Ihnen gern
+einmal etwas zeigen. Das hei&szlig;t, wenn Sie es gerne
+wollen.&ldquo;</p>
+
+<p>Da war nun das R&auml;tsel gel&ouml;st. Ich ging mit ihm
+in seine Stube, die hoch gelegen war und eine schr&auml;ge
+Wand hatte, wie sich das f&uuml;r einen Dichter geh&ouml;rt,
+und er hatte auf einmal einen festlichen Glanz in den
+Augen und ein aufgewachtes Wesen, und holte aus
+einem Wandschr&auml;nklein ein B&uuml;ndel Hefte hervor, die
+alle mit einer kleinen, schn&ouml;rkeligen Schrift beschrieben
+waren, von denen sollte ich dies und das mitnehmen
+und lesen, wenn ich n&auml;mlich so gut sein wolle.
+Ich f&uuml;hlte mich nicht wenig geschmeichelt, da&szlig; er mich
+ins Vertrauen zog, und las auch seine Sachen, die
+mir aber teilweise irgendwie bekannt vorkamen, ohne
+da&szlig; mir beikommen wollte, woher. Einmal erinnerte
+mich etwas an diesen Dichter, einmal an jenen; ich
+wurde nicht recht klug daraus. Dann wieder auf einmal
+kam ein Gedicht, in dem sonderbar traurige oder
+sehnliche Gedanken in eine ungef&uuml;ge Form gefa&szlig;t
+und so halblebendig geblieben waren, da man doch
+den Eindruck hatte, als ob gerade diese ihm ganz
+eigen seien und er nur nicht die Kraft besessen habe,
+<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">94</a></span>sie herauszumei&szlig;eln. Frerichs wartete geduldig, bis
+ich etwas sagte, ich sah ihm aber wohl an, wie gern er
+mich gefragt h&auml;tte, w&auml;hrend es mir doch schwer fiel,
+eine Kritik zu &uuml;ben, die eigentlich kein Lob enthielt,
+da ich doch ein junger Mensch war seinem reifen Alter
+gegen&uuml;ber und auch gar keine &Uuml;bung darin hatte,
+was ich meinte, sachlich zu begr&uuml;nden.</p>
+
+<p>Einmal mu&szlig;te es aber doch sein. Ich gab ihm die
+Hefte zur&uuml;ck und sagte z&ouml;gernd, manches habe mir gut
+gefallen; ob es aber nicht schwer sei, zu vermeiden, da&szlig;
+einem fremdes dazwischen komme, wenn man unter so
+vielen B&uuml;chern lebe?</p>
+
+<p>Da sah er mich erschrocken an und sagte: &bdquo;Also
+das haben Sie auch gemerkt? Und so hilft denn alles
+nichts!&ldquo; Und er bekannte mir, da&szlig; er an einer Art
+von Dichtkrankheit leide, die ihn zwinge, immer,
+wenn er etwas recht Sch&ouml;nes gelesen habe, etwas
+dem &Auml;hnliches zu verfassen, das ihm aber w&auml;hrend
+des Schreibens nach und nach so eigen werde, als ob
+es ganz allein aus ihm heraus entstanden sei, so da&szlig;
+er die Dinge eigentlich geistig wiederk&auml;ue oder vielmehr
+wiedergeb&auml;re und sie trotzdem dann liebe wie
+eigene Kinder. Er habe deren auch, denn hie und da
+falle ihm, etwa Sonntag morgens im Bett, etwas ein,
+das ihn dann nicht mehr loslasse, bis er versuche, ihm
+eine Form zu geben, was aber meistens nur halb gelinge,
+so da&szlig; die Lebewesen dann nicht ganz entst&uuml;nden
+und etwa mit dem Kopf oder Oberleib aus dem
+Stein herausschauten, mit den &uuml;brigen Teilen aber
+stecken blieben, was ihn dann kl&auml;glich plage.</p>
+
+<p>Er sagte das alles so bek&uuml;mmert und ehrlich, wie
+ein Patient dem Doktor, zu dem er Zutrauen hat, die
+Symptome seines Leidens mitteilt, und mir blieb das
+<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">95</a></span>Gel&auml;chter, in das ich schon hatte ausbrechen wollen,
+im Hals stecken und zuckte nur immerfort in den Kinnbacken,
+so da&szlig; ich das Gesicht verziehen mu&szlig;te, als
+ob mir etwas weh tue. Denn es war eine solche
+Mischung von Torheit und von Ehrlichkeit und eigentlich
+r&uuml;hrendem Ernst in seinem Gesicht, als er die
+Sache vorbrachte, da&szlig; ich mich gar nicht dabei zu behaben
+wu&szlig;te.</p>
+
+<p>Er f&uuml;gte noch hinzu, wenn die Spiegelgebilde,
+wie er sie wohl nennen d&uuml;rfe, da sie im Spiegel
+der echten Werke entstanden seien, dann allemal
+ein gewisses Alter erreicht h&auml;tten, und er sie wieder
+ansehe, so sei es ihm oft, als ob sie ihren Urbildern
+doch nicht so &auml;hnlich seien und er sie eigentlich
+wohl f&uuml;r eigene ausgeben d&uuml;rfe. Dann reize es
+ihn immerfort, sie in die Welt hinauszugeben und
+ihnen so ein eigenes Leben zu verschaffen, und er
+m&uuml;sse sie vor sich selber verstecken, damit er es nicht
+tue, bis er wieder etwas Neues mache und das Spiel
+von vorne anfange.</p>
+
+<p>Ich hatte mich inzwischen gefa&szlig;t und sagte einige
+weise Worte, die mir im Gef&uuml;hl meiner Wichtigkeit
+einfielen, wie, da&szlig; nicht jeder Mensch ein Dichter sein
+k&ouml;nne und man freilich jedem das Seinige lassen
+m&uuml;sse, da das Nachahmen keine sch&ouml;ne Sache sei,
+und solcher Binsenwahrheiten mehr.</p>
+
+<p>Denn damals wu&szlig;te ich noch nicht, was ich jetzt
+wei&szlig;, da&szlig; nicht alle, die an dieser Krankheit leiden,
+sich damit hinter Schlo&szlig; und Riegel setzen, sondern
+manche der Patienten machen ein gro&szlig;es Geschrei und
+tun noch, als ob die Bastarde die rechten Kinder
+w&auml;ren.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">96</a></span></p><p>Der Nachdichter, wenn ich ihn so hei&szlig;en soll,
+hatte in einer Anwandlung von Schw&auml;che erhofft,
+meine Jugend und Unerfahrenheit, die aber
+doch wieder nicht gar zu gro&szlig; sei, werde das Verfahren
+nicht merken, so da&szlig; ihm vielleicht in mir einer
+entstehe, gleichsam als Vertreter einer Sorte von
+Lesern, der sich unbefangen an seinen Sch&auml;tzen erfreue
+und den zweiten Aufgu&szlig; f&uuml;r einen ersten nehme.
+Denn es verlangte ihn nach einem kleinen Ruhm
+oder einer Wirkung bei aller Wahrhaftigkeit, die ihm
+immer wieder das Gel&uuml;ste totschlug, und er hatte sich
+mit den zwei Seelen, die er in der Brust trug, t&uuml;chtig
+herumzuplagen.</p>
+
+<p>F&uuml;r den Augenblick war er jetzt verlegen und entt&auml;uscht
+und sah aber auch an meiner Findigkeit hinauf,
+die mir selber erstaunlich war, und mich vor mir
+erhob, so da&szlig; ich, ohne es zu wissen, f&uuml;r einige Zeit
+den raschen, federnden Gang und die elegante Handbewegung
+des Herrn Hubli annahm, der mir am
+meisten von den Gehilfen imponierte trotz seiner gro&szlig;en
+Glatze. Denn ich war selber ein Nachahmer, wenn
+auch in andern Dingen, nur mir selber unbewu&szlig;t;
+ich merkte es immer erst nachtr&auml;glich.</p>
+
+<p>Mit Herrn Frerichs kam ich in ein halb freundschaftliches
+Verh&auml;ltnis, das bei mir aber mit ein wenig
+&Uuml;berheblichkeit vermischt war, so da&szlig; ich in meiner
+Jugend v&auml;terlich &uuml;ber ihn l&auml;chelte, was dann wieder
+den Kettenhund Giller reizte, da es nach seiner Meinung
+nicht dasselbe war, ob er oder ich &uuml;ber den seltsamen
+Kauz urteilte.</p>
+
+<p>Wir gingen hie und da miteinander spazieren
+in flei&szlig;igen Gespr&auml;chen, und ich merkte wohl, da&szlig; er
+freilich dennoch ein Dichter sei, da er selig empfand,
+<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">97</a></span>was tief und sch&ouml;n sei, und da er litt, wenn er nicht
+das Wort fand f&uuml;r das, was in ihm lebte.</p>
+
+<p>So ging ich einige Zeit mit dem reiferen Alter
+um, ohne Verkehr mit Jugendgenossen; es konnte aber
+nicht lange so bleiben.</p>
+
+<p>Eines Wintersonntags kamen wir beide von einem
+Waldspaziergang her auf die breite, m&auml;&szlig;ig abfallende
+Steige, die von dem bewaldeten Berge nach der Stadt
+hinunterf&uuml;hrt. Es lag ein sch&ouml;ner Schnee, der in
+der blassen Wintersonne frisch ergl&auml;nzte. Im Wald
+war es traumhaft still gewesen, bis wir uns dem Ausgang
+gen&auml;hert hatten, wo dann die Ausl&auml;ufer eines
+lustigen L&auml;rms hereingeschallt waren und mich ungeduldig
+getrieben hatten, an die Quelle solcher Fr&ouml;hlichkeit
+zu kommen. Denn es war Zeit bei mir, da&szlig;
+ich wieder unter meinesgleichen kam, nachdem ich
+lange nur im B&uuml;cherlesen und im Umgang mit den
+Alten gelebt hatte. Als wir nun an den Tag traten,
+wimmelte der Berg von einer fr&ouml;hlichen Jugend, die
+auf Schlitten die glatte Bahn hinuntersauste mit Geschrei
+und Lachen, von dem die Luft widerhallte. Es
+waren da viele rote und blaue M&uuml;tzen und farbige
+Brustb&auml;nder der Studenten zu sehen, und dazwischen
+mischten sich zierliche Pelzm&uuml;tzen, die auf blonden
+oder braunen Locken oder Z&ouml;pfen sa&szlig;en, ungerechnet
+das Gewimmel der Schulkinder, das barh&auml;uptig, in
+gestrickten Sturmhauben oder Kapuzen erschien und
+den weitaus gr&ouml;&szlig;ten L&auml;rm machte, denn es mu&szlig;te die
+&uuml;bersch&uuml;ssige Kraft los werden.</p>
+
+<p>Das alles r&uuml;hrte mich heimatlich an und rief mich
+zu sich, da&szlig; ich mitkommen m&ouml;ge, so da&szlig; ich es nicht
+erwarten konnte, bis ich den Frerichs los hatte, der
+mir auf einmal in seinem langen &Uuml;berzieher und mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">98</a></span>dem milden Gesicht vor aller Lustbarkeit zu stehen
+schien. Ich stand begierig zusehend still, bis er kalte
+F&uuml;&szlig;e bekam und entschuldigend sagte, wenn es mir
+nichts ausmache, so wolle er vorausgehen, da er noch
+etwas zu tun habe; denn er hatte wieder ein neues
+Buch gelesen, das ihm keine Ruhe lie&szlig;, soviel ich schon
+unterwegs gemerkt hatte.</p>
+
+<p>Da stand ich denn nun in der Freiheit auf dem
+Berge und &uuml;berlegte mir, wie ich zu einem Schlitten
+kommen solle, denn ich mu&szlig;te fahren, das war ausgemacht.</p>
+
+<p>Als ich nun so sinnierte und nicht recht den Rang
+bekam, einen der Schulbuben darum zu fragen, ert&ouml;nte
+auf einmal neben mir ein helles Gel&auml;chter und
+ich sah, mich umwendend, drei lustige junge M&auml;dchen,
+die mich vergn&uuml;gt betrachteten. Sie hatten einen
+langen Schlitten, den sie miteinander an einem Strick
+den Berg hinaufgezogen hatten, und waren jetzt im
+Begriff, wieder abzufahren. Es waren offenbar M&auml;dchen,
+die am Werktag in irgend einer Brotarbeit standen,
+das konnte ich wohl sehen, so sauber sie auch jetzt
+in einem billigen Sonntagsputz aussahen. Vielleicht
+waren es B&uuml;gelm&auml;dchen, wie die, die daheim meiner
+Schwester Luise halfen.</p>
+
+<p>&bdquo;Wollen Sie aufsitzen?&ldquo; fragte die eine, die eine
+wei&szlig;e wollene M&uuml;tze auf den krausen Haaren trug
+und ein paar frische rote Backen hatte von der Schneeluft.
+Aber als sie das gesagt hatte, lachten alle drei
+aufs neue, denn sie waren in dem Alter, wo man keinen
+besonderen Grund zum Lachen braucht, sondern nur in
+der passenden Stimmung sein mu&szlig;, um unaufh&ouml;rlich
+fortzulachen. Da war ich nun in der Lage, die ich mir
+gew&uuml;nscht hatte, ich h&auml;tte nur ja sagen oder mit dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">99</a></span>Kopf nicken m&uuml;ssen, so h&auml;tte ich ohne weiteres den
+Strick in die Hand bekommen und auch etwa das eine
+oder andere der jungen Gesch&ouml;pfe hinter mich auf den
+Schlitten f&uuml;r eine oder ein paar Fahrten den Berg
+hinab. Denn sie waren einfachen Wesens und nicht
+zimpferlich, das war leicht zu sehen. Mir aber scho&szlig;
+auf einmal eine hochm&uuml;tige Regung durch den Sinn,
+so da&szlig; ich dachte: &bdquo;Das denn doch nicht,&ldquo; obgleich ich
+soeben noch voller Verlangen nach der Jugendlust
+gewesen war. Und weil ich nicht wu&szlig;te, warum
+sie lachten, und dachte, ihre Fr&ouml;hlichkeit sei irgendwie
+auf mich gem&uuml;nzt in sp&ouml;ttischer Weise, so stieg
+mir das Blut in den Kopf wie einem gereizten
+Truthahn, und ich gab dem Schlitten einen Sto&szlig;
+mit dem Fu&szlig;, damit immerhin und ohne meinen
+Willen zeigend, da&szlig; ich kein vornehmer junger Herr
+sei, sondern eher in etwa ihresgleichen, aber es
+doch nicht sein wollte. Sie waren ein wenig betreten
+wegen meines unfreundlichen Wesens und sahen einander
+und mich einen Augenblick erstaunt an. Aber
+der Schaden war nur auf meiner Seite, denn die
+kecke Blonde mit der wei&szlig;en M&uuml;tze sagte mit schnell
+wiedergewonnener Fassung: &bdquo;So kommt und lasset
+den Herrn. Er wird schon zu alt sein zu solchen
+Sachen, und es k&ouml;nnte ihm auch sein H&uuml;tlein davonfliegen.&ldquo;
+Und darauf stiegen sie alle drei ohne
+viel Umst&auml;nde wieder auf den Schlitten; aber als ich
+unwillk&uuml;rlich den Abfahrenden noch einen Blick nachsandte,
+da traf mich aus einem Paar guten braunen
+Augen, die der Letzten auf dem Fahrzeug geh&ouml;rten,
+ein Strahl, der mir Herzklopfen machte, weil er freundlich
+und gut war und zu sagen schien: Wir haben es
+nicht b&ouml;s gemeint, du h&auml;ttest immerhin aufsitzen k&ouml;nnen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">100</a></span>Da war es bei mir aus mit der Lust; ich ging
+mi&szlig;mutig nach Hause und vergrub mich in meine
+Kammer. Ich konnte es aber nicht lassen, zum offenen
+Fenster hinauszuhorchen, ob ich von ferne den Schlittenjubel
+vernehme, und wenn ein Jauchzen die d&uuml;nne
+Luft zerschnitt, so sp&uuml;rte ich, da&szlig; ich meiner Jugend
+etwas schuldig geblieben sei.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Bald darauf schmolz der Schnee, der nur noch ein
+Nachz&uuml;gler gewesen war, und der Fr&uuml;hling kam ins
+Land mit allen guten Dingen, die er hatte: mit frischen
+Winden, die er den Leuten lachend ins Gesicht
+blies, mit Starengeschw&auml;tz, mit singenden B&auml;chen, die
+&uuml;berall von den Bergen herunter kamen, mit Palmk&auml;tzchen,
+die die Bauernweiber auf dem M&uuml;nsterplatz
+feil hielten, und dergleichen, so da&szlig; wieder einmal die
+Zeit war, in der man nicht wu&szlig;te, was noch werden
+mag.</p>
+
+<p>An einem sonnigen Nachmittag trat ich unter die
+Ladent&uuml;r, die offen stand, um etwas von dem leiernden
+Lied eines Orgelmanns, der drau&szlig;en vorbeiging,
+aufzunehmen. Er spielte und sang dazu mit mi&szlig;t&ouml;niger
+Stimme Bertrands Abschied, und hatte einen
+Schweif von Gassenkindern hinter sich drein. Neben
+uns lag ein Blumenladen, dem eine sehr stattliche
+Dame vorstand, deren Leibesf&uuml;lle ich schon oft angestaunt
+hatte. Sie hatte ein kleines Schnurrb&auml;rtchen
+auf der Oberlippe und gar nichts von einer Flora an
+sich. Aber an diesem lichten Fr&uuml;hlingstag trat auf
+die Schwelle heraus ein schlankes, braunhaariges
+M&auml;dchen, das einen angefangenen Kranz in den
+H&auml;nden hielt, und dessen Gesicht ich fr&uuml;her schon gesehen
+haben mu&szlig;te, aber ich wu&szlig;te nicht gleich, wo.
+<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">101</a></span>Das M&auml;dchen ging, nachdem es einen Augenblick gehorcht
+hatte, in den Laden zur&uuml;ck und kam gleich darauf
+mit einem Nickelst&uuml;ck wieder heraus, das sie dem
+Orgelmann auf seinen Kasten legte. Sie l&auml;chelte ihn
+gut und freundlich an, und in dem Augenblick wu&szlig;te
+ich auch, da&szlig; sie das M&auml;dchen von dem Schlitten war,
+das mich so tr&ouml;stlich angeblickt hatte. Da besann ich
+mich nicht lange, sondern ging, weil es Fr&uuml;hling und
+mein Blut in frischer Regung war, ohne Scheu &uuml;ber
+die Stra&szlig;e, um ein gleiches St&uuml;ck daneben zu legen
+und gleichfalls einen guten Blick aus den braunen
+Augen zu erhaschen. Der Leiermann lie&szlig; sich nicht in
+seinem Lied st&ouml;ren, er nickte uns beiden, dem M&auml;dchen
+und mir, nur beif&auml;llig zu und wir hielten uns auch
+nicht mit ihm auf, sondern lachten einander an wie
+alte Bekannte, und das war der Eingang zu einer
+kleinen Unterhaltung. &bdquo;So, also da sind Sie?&ldquo; sagte
+ich, denn es fiel mir nichts anderes ein; &bdquo;was tun Sie
+denn da?&ldquo;</p>
+
+<p>Da lachte sie ohne allen ersichtlichen Grund noch
+mehr, vielleicht blo&szlig;, weil es ihr gefiel, zu lachen.
+&bdquo;Das h&auml;tten Sie schon lang sehen k&ouml;nnen, da&szlig; ich da
+bin,&ldquo; sagte sie, &bdquo;aber wenn man immer so ernsthaft
+herumgeht und die Augen nicht aufmacht, dann kann
+viel vorbeigehen, was man nicht sieht.&ldquo;</p>
+
+<p>Und sie erz&auml;hlte mir ohne aller Ziererei, da&szlig; sie
+schon damals, als die Schlittengeschichte gewesen war,
+meine Nachbarin gewesen sei, und da&szlig; es ihr immer
+leid getan habe, da&szlig; ich ihr nie einen Blick geschenkt
+habe. &bdquo;Lieber Gott, wenn man so jung ist,&ldquo; sagte sie,
+&bdquo;dann mu&szlig; man doch auch ansehen, was jung ist, und
+einander ein gutes Wort g&ouml;nnen, alt wird man bald
+genug, meinen Sie nicht auch?&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">102</a></span></p><p>Da hatte sie recht, das f&uuml;hlte ich deutlich. Aber
+noch war es ja Zeit, und es mu&szlig;te jetzt anders kommen,
+sonst ging mir irgend etwas vorbei, das sch&ouml;n
+sein konnte und es nicht war, weil ich die Augen nicht
+aufmachte. Sie mu&szlig;te wieder zu ihrem Kranz zur&uuml;ckkehren,
+der Eile habe, wie sie sagte. Er sei ganz aus
+einem hellen Moos mit lauter Veilchenstr&auml;u&szlig;en rings
+herum, und er sei f&uuml;r ein junges M&auml;dchen, das an der
+Auszehrung gestorben sei. Als sie das sagte, wurde
+ihr helles freundliches Gesicht wie beschattet, weil es
+so unbegreiflich war, da&szlig; man vom Jungsein hinwegsterben
+konnte. &bdquo;Ich trage ihn nachher selber auf
+den Friedhof,&ldquo; sagte sie, &bdquo;denn ich will das M&auml;dchen
+sehen, das schon in der Leichenhalle liegt. Es ist fremd
+hier, ein Herr hat den Kranz bestellt, ich glaube, es ist
+ihr Schatz gewesen, aber ein vornehmer. Er h&auml;tte sie
+doch nicht genommen, wenn sie auch gelebt h&auml;tte.&ldquo;</p>
+
+<p>Das sagte sie mit einem kleinen Seufzer, aber ich
+wu&szlig;te nicht, ob er dem toten M&auml;dchen galt oder dem
+verlassenen, das es wahrscheinlich geworden w&auml;re,
+wenn es gelebt h&auml;tte, und ich mochte auch nicht fragen,
+weil mir zu viel Neues auf einmal im Kopf herum
+ging.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen sah mich einen Augenblick pr&uuml;fend
+an, dann f&uuml;gte es hinzu: &bdquo;Wenn Sie wollen, k&ouml;nnen
+Sie mitkommen. Oder sehen Sie nicht gern Tote?
+Ich schon, ich lebe dann noch viel lieber, wenn ich gesehen
+habe, da&szlig; man auch tot sein kann.&ldquo; Es war mir
+nicht ganz so, ich hatte immer ein Grauen vor dem
+Tode und allem, was damit zusammenhing. Aber ich
+mochte es jetzt nicht gestehen, weil sie so ganz nat&uuml;rlich
+davon sprach, und ich mochte ihr das Mitgehen
+auch nicht abschlagen, sonst sa&szlig; ich wieder allein da.
+<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">103</a></span>So sagte ich zu ohne viel Besinnen und hatte nun also
+eine Verabredung mit einem h&uuml;bschen jungen M&auml;dchen,
+das ich vor ein paar Minuten noch gar nicht gekannt
+hatte. So ging es zu im Fr&uuml;hling.</p>
+
+<p>Die dicke Dame mit dem Schnurrb&auml;rtchen rief:
+&bdquo;Hertha!&ldquo; mit ihrer tiefen Stimme, und das M&auml;dchen
+enteilte, aber es nickte mir vorher noch gut und
+freundlich zu, und ich ging nachdenklich und aufgeregt
+zu meinen B&uuml;chern zur&uuml;ck, denn es ging allerlei in
+mir um.</p>
+
+<p>Ich war kaum f&uuml;nf Minuten drau&szlig;en gewesen.
+Auf dem Ladentisch lag ein Sto&szlig; Landkarten, denen
+ich Etiketten aufzukleben hatte. Der Buchhalter hustete
+und r&auml;usperte sich im Kontor, dessen T&uuml;r offen stand,
+und Herr Hagenau ging drinnen auf und ab und
+hielt ihm einen Vortrag, den er schon vorher angefangen
+hatte. Es war alles ganz wie zuvor. Aber ich
+hatte in der Zwischenzeit etwas erlebt. Es hatte sich
+eine T&uuml;r aufgetan, die seither verschlossen gewesen
+war, und ich stand unter ihr und sah allerlei sch&ouml;ne
+Dinge. Sie durfte nicht wieder zufallen, denn drau&szlig;en
+stand die Jugend und das Leben und hatte
+lachende braune Augen und einen Kranz von braunen
+Z&ouml;pfen. Und alles hing auch wieder mit dem Tod
+zusammen. Man konnte davonkommen, eh' man es
+dachte, und dann blieb vieles ungeschehen, das erst
+h&auml;tte kommen sollen.</p>
+
+<p>Das durfte aber um keinen Preis sein, dazu war
+man nicht Mensch geboren. Aber andererseits: Wie
+konnte ich es m&ouml;glich machen? Ich hatte nach Ladenschlu&szlig;
+beim Nachtessen zu erscheinen und da gediegen
+und ehrbar am Tisch zu sitzen bei Fr&auml;ulein Brigitte
+und Herrn Kasimir. Das waren alte Leute, von
+<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">104</a></span>meiner Jugend aus betrachtet, und sie konnten mir
+zum Umgang keineswegs gen&uuml;gen. Bis aber das
+Essen vorbei war, wurde es dunkel, und der Abend
+war hin. Da wurde mein Gem&uuml;t borstig und str&auml;ubte
+sich, denn es wollte nicht an der Kette liegen, und es
+tat nichts zur Sache, da&szlig; es diese bis heute nicht empfunden
+hatte. Ich schmi&szlig; die Karten mit einem zornigen
+Wurf auf den Nebentisch, um doch etwas gegen
+die Ordnung zu tun, und beschlo&szlig; bei mir, der alten
+Salome zu sagen, da&szlig; ich in einen Vortrag gehe und
+nicht beim Abendessen erscheinen k&ouml;nne. Das war
+frank und frei gelogen, und es war eine Kunst, die ich
+bisher nicht ge&uuml;bt hatte. Aber es kam mir nicht unm&auml;nnlich
+vor, da&szlig; ich es tat, im Gegenteil. Denn
+man brauchte nicht alles zu wissen, was ich vorhatte,
+da ich immerhin &uuml;ber neunzehn war. Da, als
+ich grimmig ausdachte, wie ich mich benehmen wolle,
+kam zur Ladent&uuml;r herein ein junges Menschenpaar,
+Bruder und Schwester, wie man sogleich sah. Sie
+waren beide hoch und schlank und von einem hellen,
+k&uuml;hlen Blond, und ich wu&szlig;te, als sie nach Herrn
+Hagenau fragten, da&szlig; es erwartete G&auml;ste waren,
+Neffe und Nichte aus Holstein oder sonst da oben her.
+Man hatte bei Tisch von ihnen gesprochen und sie
+wohl an einem andern Tag erwartet. Aber nun sie
+da waren, gab es ein gro&szlig;es Gr&uuml;&szlig;en und H&auml;ndesch&uuml;tteln.
+Herr Kasimir verj&uuml;ngte sein Faltengesicht
+in der Freude an der Familienjugend und lie&szlig; es
+sich gefallen, da&szlig; er auf beide Backen gek&uuml;&szlig;t wurde;
+das mochte dem Weib- und Kinderlosen ein seltenes
+Streicheln sein.</p>
+
+<p>Ich hatte das Zusehen dabei, und es war mir
+einen Augenblick, als s&auml;he ich einen alten ledernen
+<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">105</a></span>Geldbeutel auseinandertun, verwittert und abgerutscht,
+aus dessen Innerem es pl&ouml;tzlich hervorglei&szlig;te
+von Gold und Silber, was ihm &auml;u&szlig;erlich niemand zugetraut
+h&auml;tte, so zum Lebendigen ver&auml;ndert schien es
+aus dem alten Herrn heraus, den ich noch nie so
+durchsonnt gesehen hatte.</p>
+
+<p>Da konnte ich nun meine Pfeifen einziehen, was
+die Tischgesellschaft bei uns betraf, denn Jugend gab
+es nun gleichfalls im Hause, es war nur die Frage,
+ob sie etwas von mir wissen wollte.</p>
+
+<p>Die alte Salome ging eilig, um noch irgend etwas
+einzukaufen, an der offenen Ladent&uuml;r vorbei, und ich
+w&auml;re vielleicht wohlfeil davongekommen, wenn ich
+mich bei ihr abgemeldet h&auml;tte. Aber ich tat es nicht,
+es war keine Rede mehr davon bei mir, sondern ich
+ging nach einer Zeit, als ich gerufen wurde, mit einer
+neuen Krawatte geschm&uuml;ckt, zum Tisch und sa&szlig; herzklopfend
+neben dem jungen M&auml;dchen, das Eleonore
+hie&szlig;, Eleonore Bitterolf n&auml;mlich, und vielleicht zwischen
+siebzehn und achtzehn war. Es war aber, um
+es gleich zu sagen, kein junges M&auml;dchen, was man so
+hei&szlig;en konnte, sondern eine Dame, vor deren sicherem
+und gewandtem Wesen und Auftreten ich mich verkriechen
+konnte. Der Bruder hie&szlig; Hermann, hatte
+ein freies und heiteres Gesicht, erz&auml;hlte frisch und
+munter, brachte alle und auch mich zum Lachen
+und war ein junger Mensch wie ich. Dagegen das
+Fr&auml;ulein brachte sogleich die &Uuml;berzeugung in mir auf,
+da&szlig; es auf mich herabsehe und mich gering sch&auml;tze,
+was mich tief kr&auml;nkte, obgleich ich keinen Beweis
+daf&uuml;r hatte. Sie hatte einen k&uuml;hl-erstaunten Blick zu
+versenden, wenn ich, von des Bruders frohm&uuml;tigem
+Wesen angesteckt, ins Lachen geriet und in die Unterhaltung
+<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">106</a></span>eingriff in meiner schw&auml;bischen Mundart.
+Dann wurde ich verlegen und zornig auf mich selbst,
+da&szlig; ich es wurde, sprach schriftdeutsch und stolperte
+dabei und machte eine ungl&uuml;ckliche Figur, vor mir
+selbst vielleicht mehr als vor den andern, die mich
+gewi&szlig; nicht so wichtig nahmen.</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Brigittens sch&ouml;ne Augen lagen des
+&ouml;ftern aufmunternd auf meinem Gesicht, und sie versuchte
+mein Schifflein zu steuern und brachte es auch
+in ruhigeres Fahrwasser, nur durch ihr freundliches
+Dabeisein. Das M&auml;dchen war vielleicht so &uuml;bel
+nicht, wenn man es recht &uuml;berlegte, es war ihm alles
+fremd hier unten im S&uuml;den, und es hatte von Natur
+eine andere Gem&uuml;tsart und Sprache als wir, n&auml;mlich
+eine norddeutsche, da konnte man nichts machen.
+Dazu kamen die gro&szlig;en hellblauen Augen und die
+Last des ganz &auml;hrenblonden Haares samt der wei&szlig;esten
+Haut, was alles zusammen unerreichbar fein und
+vornehm aussah, so da&szlig; man zwar vorl&auml;ufig einen
+vorsichtigen Bogen um die ganze Erscheinung herum
+machte, aber zum Ha&szlig; keinen ausreichenden Grund
+hatte. Es wurde auch alles leichter und besser, als
+der Abend vorr&uuml;ckte. Nach dem Nachtessen gab es
+Bowle, und als ich aufstehen und mich entfernen
+wollte, lud mich Herr Kasimir in aufgemachter Stimmung
+ein, ein Glas mitzutrinken, und ich lie&szlig; mich
+ohne M&uuml;he halten, trotzdem ich Hertha das Mitkommen
+versprochen hatte. Es wurde musiziert, das
+Fr&auml;ulein Eleonore spielte die Geige, die sie mitgebracht
+hatte, und ich hing mit den Augen an ihr,
+wie sie so schlank und hoch dastand in ihrem dunkelblauen
+Kleid und mit sicherer Bewegung den Bogen
+f&uuml;hrte, w&auml;hrend dagegen Fr&auml;ulein Brigitte recht k&uuml;mmerlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">107</a></span>am Klavier sa&szlig;, was mir heute auf einmal
+wieder auffiel und mir ein peinliches Gef&uuml;hl schuf.
+Aber das konnte bei ihr nie lange dauern. Man
+brauchte blo&szlig; in ihr heiteres, warm beseeltes Gesicht
+zu blicken, so konnte man sich mit seinem Mitleid verkriechen
+und sie f&uuml;r eine verkleidete G&ouml;ttin halten,
+und daf&uuml;r sprach auch die Musik, die unter ihren
+Fingern hervorquoll, wie ein kristallener Bach.</p>
+
+<p>Es war Mozart, was sie spielten, und es war eine
+so reine, leichte Heiterkeit und ein so fr&uuml;hlingshafter
+Duft und Wohlklang darin, da&szlig; meine t&ouml;richte Wichtignehmerei
+davor in nichts verging und ich nur begierig
+war, mich noch l&auml;nger so dahintragen zu lassen
+ohne Gedanken und auch ohne pers&ouml;nliche Anspr&uuml;che.</p>
+
+<p>Es war mir zumute wie einst beim Baden im heimatlichen
+Flu&szlig;, wo ich mich gern auf den R&uuml;cken gelegt
+und von den lauen, durchsonnten Wellen hatte tragen
+lassen. Aber das konnte nicht ewig fortgehen. Die
+Musik jubelte noch einmal auf und schwieg dann, und
+es wurde einiges dar&uuml;ber geredet, von dem ich nichts
+verstand. Ich sa&szlig; auf einem Stuhl am Fenster, von
+dem ein Spalt ge&ouml;ffnet war, und sah bald auf die
+schwach erhellte Stra&szlig;e hinaus, bald nach dem blonden
+Fr&auml;ulein hin, und es ging allerlei in mir um,
+von dem ich am Morgen noch nichts gewu&szlig;t hatte.
+Ich dachte, wer solche Musik spielen k&ouml;nne, der sei
+freilich zu bewundern und habe allen Grund, viel auf
+sich zu halten, denn er habe einen Schl&uuml;ssel zu hohen
+und sch&ouml;nen Welten. Und ich bat es dem Fr&auml;ulein
+Bitterolf ab, da&szlig; ich sie im stillen ein steifes und hochm&uuml;tiges
+Ding genannt hatte, und schickte meine Augen
+unverh&uuml;llt nach ihr hin. Da l&auml;chelte sie pl&ouml;tzlich und
+wurde ein wenig rot und sah auf einmal aus wie ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">108</a></span>siebzehnj&auml;hriges M&auml;dchen, das sich gern in seiner
+sch&ouml;nen Jugendpracht ein bi&szlig;chen bewundern l&auml;&szlig;t.
+Und ich war froh und befreit, denn lange h&auml;tte ich das
+verehrende Gef&uuml;hl doch nicht ausgehalten, ich hatte
+keine &Uuml;bung darin.</p>
+
+<p>Der Bruder sang noch ein paar Lieder mit einer
+h&uuml;bschen, warmen Stimme; ich f&uuml;hlte mich zu ihm
+hingezogen und w&uuml;nschte ihn mir zum Freund zu
+haben, und er war auch ganz harmlos herzlich und
+einfach mit mir, obgleich er &auml;lter war als ich.</p>
+
+<p>Die Geschwister blieben etwa vierzehn Tage da,
+und es war in dieser Zeit ein anderes Leben im Hause
+als sonst. Es ging allerlei Jugend aus und ein,
+es wurde gespielt und musiziert, und ich nahm
+an allem Anteil, als verstehe es sich von selbst. Da
+verging manches Unsichere, Ungelenke und es fiel auch
+manches trotzige Wehren gegen blo&szlig; vermutete Geringsch&auml;tzung
+von mir ab, da mir niemand etwas zuleide
+tat und ich im allgemeinen ein fr&ouml;hlicher Bursch
+war, wo ich mich heimisch und im Recht f&uuml;hlte. Es
+wurden Nachenfahrten und Ausfl&uuml;ge gemacht, und
+ich bekam zum einen und andern ein paarmal Urlaub,
+was mir freilich den zornigen Ingrimm der alten
+Garde zuzog, wie ich die Herren bei mir hie&szlig;, die f&uuml;r
+sich selber nie eine freie Stunde au&szlig;er der Regel
+nahmen. Das focht mich aber wenig an, denn es ging
+mir im allgemeinen viel zu gut, es sollte nur brummen,
+wer es nicht lassen konnte, bei mir ging es mit
+vollen Segeln ins Jungsein hinein.</p>
+
+<p>Ich kaufte mir ein Fahrrad und mu&szlig;te ja freilich
+meinen Schwestern die Rechnung dar&uuml;ber schicken
+und einen Brief, in dem geschrieben stand, da&szlig; ich es
+sp&auml;ter einmal zahlen wolle, denn jetzt brauche ich es
+<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">109</a></span>unbedingt. Denn es war so, da&szlig; ein ganzer Trupp
+junger Leute von beiderlei Gattung sich zum Radfahren
+zusammentat und am letzten Tag, den die Geschwister
+Bitterolf unter uns waren, einem Sonntag,
+eine weite Fahrt in die Rheinebene hinunter machen
+wollte. Dabei aber zur&uuml;ckzustehen, w&auml;re mir bitter gewesen,
+und ich sah keinen Grund ein, es zu tun. Gelernt
+hatte ich die Kunst schon auf dem klapprigen Rad unseres
+Ausl&auml;ufers, und als der Sonntag kam, sa&szlig; ich
+auf meinem Wanderer und fuhr leicht wie ein Vogel
+dahin in einem fr&ouml;hlichen Schwarm.</p>
+
+<p>Die Stadt lag in einem wei&szlig;- und rosafarbigen
+Bl&uuml;tenstrau&szlig; und spiegelte sich im Flu&szlig;, wie ein
+junges M&auml;dchen, das Freude an seinem h&uuml;bschen
+Bilde hat, und wir, als wir unter dem blauen Himmel
+in einer leichten Staubwolke dahinflogen, die unsere
+R&auml;der aufwirbelten, f&uuml;hlten uns so recht im Besitz der
+sch&ouml;nen Welt. Ich lenkte mein Rad neben das der
+Fr&auml;ulein Eleonore, die soeben ein wenig hinter den
+andern zur&uuml;ckgeblieben war. Denn ich hatte einen
+ganzen Sack voll Lebensmut an diesem sch&ouml;nen Sonntagsmorgen,
+und ich wollte ihn vor ihr auftun und
+spielen lassen, da sie morgen wieder fortging und
+ich noch etwas bei ihr auszuwetzen hatte vom ersten
+Abend her. Es peinigte mich, da&szlig; sie mich als
+einen ungeschickten Burschen in der Erinnerung
+behalten sollte, was ich meiner Meinung nach gar
+nicht war. Denn ich hatte doch viel gelesen und gelernt
+und war &uuml;berhaupt nicht dumm, ich konnte mich
+ganz gut unterhalten, wenn jemand auf mich einging.
+Auch fielen mir oft die lustigsten Sachen ein, wenn ich
+nur jemanden gehabt h&auml;tte, dem ich sie erz&auml;hlen und
+der mit mir h&auml;tte lachen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">110</a></span></p><p>Also nahm ich einen Anlauf mit einem Strau&szlig;
+Maiblumen und einer h&ouml;flichen Anfrage, ob ich sie
+am Rad befestigen d&uuml;rfe. Es fiel aber, um es gleich
+zu sagen, nicht gut aus. Denn das Fr&auml;ulein, das
+hoch und nobel auf seinem Rad sa&szlig; in seinem blauen
+Leinenkleid, blieb unlebendig und h&ouml;chstens h&ouml;flich
+und lie&szlig; seine Augen nach unserem Vordermann,
+einem Mediziner, hingehen, der sich soeben zu einer
+dicken und lustigen Studentin gesellt hatte und ihr
+etwas Lachendes zurief, das man bei uns nicht verstehen
+konnte. Es war meiner Dame nicht recht, da&szlig;
+der Mediziner nicht neben ihr fuhr, das mochte ich
+ihr aber in meinem Innern g&ouml;nnen, ja es erhob mich,
+da&szlig; sie auch nicht alle Tr&uuml;mpfe in der Hand hatte,
+und ich bekam pl&ouml;tzlich Oberwasser und fing an, vom
+sch&ouml;nen Wetter und der sch&ouml;nen Gegend zu reden
+und, als das nicht recht verschlagen wollte, vom
+Geigenspiel und der Musik &uuml;berhaupt. Ich verstand
+zwar nichts davon, aber das schadete nichts, darum
+konnte ich doch davon reden, und die Dame wurde auch
+dabei auf einmal lebendig und munter und belehrte
+mich aufs beste.</p>
+
+<p>Da kamen wir sch&ouml;n in Zug miteinander. Ich
+bekam vor lauter Fr&ouml;hlichkeit eine Suada, als ob ich
+s&uuml;&szlig;en Wein getrunken h&auml;tte, und brachte das Fr&auml;ulein
+einmal ums andere zum Lachen. Die Trauben
+wuchsen mir nur so zu, und sie sah mich drunterhinein
+erstaunt an, was ich so auslegte, als ob sie
+mich nun erst recht kennen lerne, und ich ihr imponiere,
+und ich dachte: Ja, schau nur, du wirst dann
+sp&auml;ter schon noch das N&auml;here von mir erfahren, n&auml;mlich,
+da&szlig; Ludwig Fugeler es mit allerlei Leuten aufnimmt,
+ob sie nun aus Preu&szlig;en oder Schwaben seien.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">111</a></span></p><p>Da mu&szlig;te aber gerade in diesem erhebenden
+Augenblick der Mediziner dazwischenfahren, der mit
+einem sch&ouml;nen Gru&szlig; von der Gesellschaft kam und uns
+meldete, da&szlig; man keine Zeit habe, aufeinander zu
+warten und auch nicht zu dem Schneckentempo, das
+wir neuerdings eingeschlagen h&auml;tten. Er fuhr auf
+die andere Seite des Fr&auml;uleins und sagte mit Lachen:
+&bdquo;Oder haben Sie eine dringende Unterhaltung? In
+diesem Fall bedaure ich, st&ouml;ren zu m&uuml;ssen.&ldquo; Da fuhr
+dem Fr&auml;ulein Bitterolf eine kleine R&ouml;te und ein geh&ouml;riger
+Schu&szlig; Hochmut in den Kopf, und sie sagte,
+kalt wie ein Eiszapfen: &bdquo;Ich w&uuml;&szlig;te nicht,&ldquo; und gab
+ihrem Ro&szlig; die Sporen, da&szlig; es flog. Wir beide danebenher
+im Saus, eine Strecke geradeaus und
+dann um eine scharfe Wegbiegung. Vor uns stob die
+wei&szlig;e Wolke, in der die andern daherfuhren, aber
+dazwischen drin war etwas lebendig, n&auml;mlich eine
+Gruppe junger M&auml;dchen, die den Weg gerade vor
+uns &uuml;berquerten, als wir um die Ecke bogen. Sie
+waren in h&uuml;bschen, farbigen Sonntagskleidern und
+hatten Maiblumenstr&auml;u&szlig;e in den H&auml;nden, die sie
+im Wald geholt hatten, nun flatterten sie auseinander
+im Schreck vor dem &Uuml;berfahrenwerden und schrien
+auf wie eine Herde K&uuml;chlein, in die der Habicht st&ouml;&szlig;t.
+Das Ungl&uuml;ck wollte es, da&szlig; meine Nachbarin Hertha
+darunter war, derentwegen ich schon seit jenem Abend,
+da ich sie hatte warten lassen, ein schlechtes Gewissen
+in mir herumtrug. Sie erkannte mich und lie&szlig; mir
+einen Blick zulaufen &uuml;ber die Schulter zur&uuml;ck, der war
+mit allerlei beladen, was ich so schnell nicht auseinanderklauben
+konnte, und in dem Augenblick fuhr
+das Fr&auml;ulein mit dem Rad in ihre Blumen und ihr
+blauwei&szlig;es Sonntagskleid hinein. Es gab eine Ersch&uuml;tterung
+<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">112</a></span>beider Parteien, bei welcher die Blumen
+in den Stra&szlig;enstaub fielen, das blauwei&szlig;e Kleid
+einen langen Ri&szlig; bekam, und das Fr&auml;ulein auf seinem
+Sitz schwankte. &bdquo;So machen Sie doch die Augen
+auf,&ldquo; herrschte sie das M&auml;dchen an, das verwirrt, erschrocken
+und in Staub geh&uuml;llt dastand und seinen
+verdorbenen Sonntagsputz ansah. Niemand, und
+auch ich nicht, gab ihm ein freundliches und gutes
+Wort, wir fuhren weiter und sprachen davon, da&szlig; am
+Sonntag die Landstra&szlig;en so voll seien von gew&ouml;hnlichem
+Volk. Da&szlig; man eigentlich besser t&auml;te, werktags
+zu fahren, und da&szlig; es zum Gl&uuml;ck noch gut abgelaufen
+sei. Das hei&szlig;t, die andern sprachen davon,
+aber ich war still dazu und hatte nur immer das M&auml;dchen
+vor Augen, wie es im Stra&szlig;enstaub stand und
+seine Blumen am Boden lagen. Es hatte mir vor
+dem Ungl&uuml;ck einen Blick zugesandt, und ich h&auml;tte
+etwas gegeben, wenn ich ihn h&auml;tte deuten k&ouml;nnen:
+ein bi&szlig;chen traurig und ein bi&szlig;chen schelmisch und
+in allem lieb und sch&ouml;n. Den Augenwink hatte es
+nun zahlen m&uuml;ssen mit einem zerrissenen Sonntagskleid
+und einem herrischen Wort in sein sonntagsfrohes
+Gem&uuml;t hinein. Mir war nicht gut zumute,
+aber ich lie&szlig; nichts davon verlauten, denn es brauchte
+niemand zu wissen, da&szlig; ich das M&auml;dchen gekannt
+hatte. Es war ein unfrohes Lustigsein den Sonntagmorgen
+hindurch, bis ich, was mich bedr&uuml;ckte,
+pfeifend in den Wind schlug, da ich es doch nicht
+&auml;ndern konnte.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>In der Nacht, die darauf folgte, ging es mir
+sonderbar. Es war mir, als gehe meine T&uuml;r auf
+und ein Mensch komme herein mit einem Licht in
+<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">113</a></span>der Hand. Es war eine alte &Ouml;lampel, wie wir zu
+Hause eine gehabt hatten, und zu deren &Ouml;l ich die
+Buchelen selber im Stadtwald gesammelt hatte. Die
+Ampel kannte ich sogleich wieder, sie war von Zinn
+und blank geputzt, und ihr Licht schien durch eine
+vorgehaltene Hand, an der ein d&uuml;nner silberner Ring
+schwach ergl&auml;nzte. Die Hand war rot durchleuchtet
+und als ich sie ansah samt dem Ring, wu&szlig;te ich, da&szlig;
+sie meiner Mutter geh&ouml;re. Da dachte ich: Das ist
+ein Traum, denn deine Mutter lebt ja nicht mehr.
+Aber es ging mir durch und durch ein wehes Wohlsein
+und ein lebendiges Gef&uuml;hl von einer lieben
+N&auml;he, und ich war begierig, wie es weiter komme.
+Die Mutter stellte die Ampel auf den Nachttisch,
+und dann sah ich sie vor mir stehen, klein und k&uuml;mmerlich
+und mit einem angstvollen Ausdruck in ihrem
+schmalen Runzelgesicht. Sie sah &uuml;ber mich hin, und
+ich erkannte durch die geschlossenen Lider ihren Mund,
+der schmallippig und eingesunken war, wie er sich
+leise fl&uuml;sternd bewegte. Lieber Gott, la&szlig; mir meinen
+Buben recht werden, sagte sie, ich bin ein einf&auml;ltiges
+Weib. Es ging mir durch und durch, ich h&auml;tte ihr
+gern gesagt, da&szlig; alles im besten Schick sei mit mir,
+aber ich konnte mich nicht r&uuml;hren. Da f&uuml;hlte ich eine
+gro&szlig;e Tr&auml;ne hei&szlig; und schwer auf mein Gesicht niederfallen.
+Sie brannte mich und ich st&ouml;hnte und
+wollte sie wegwischen, aber es ging nicht, es wurde
+mir angst und bang. Ich versuchte, mein Kinderverslein
+zu beten, das ich abends beim Schlafengehen
+mit der Mutter gesprochen hatte, aber ich
+konnte nur einen Satz daraus finden: Alle Kindlein,
+blo&szlig; und arm, decke du sie weich und warm. Aber
+es war nicht das, was ich sagen wollte, ich m&uuml;hte
+<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">114</a></span>mich vergebens, und als ich es nicht zuwege brachte,
+ging die Mutter kopfsch&uuml;ttelnd wieder weg. Das
+Licht nahm sie mit. Da, als sie die T&uuml;r hinter sich
+zumachte, trat mir das Elend und das Verlassensein
+ans Herz. Ich h&auml;tte sie gern zur&uuml;ckgerufen und
+ihr Liebes gesagt, aber es war zu sp&auml;t, und auf einmal
+liefen mir die Tr&auml;nen stromweis &uuml;bers Gesicht.</p>
+
+<p>Eine Uhr schlug von irgend einer Kirche her, vielleicht
+vom nahen M&uuml;nster, ein Luftzug wehte &uuml;ber
+mich hin. Da sa&szlig; ich pl&ouml;tzlich aufrecht im Bett mit
+offenen Augen und hatte in Wahrheit noch nasse
+Backen von den vergossenen Tr&auml;nen des Traumes.</p>
+
+<p>Der Mond sah neugierig ins Zimmer und legte
+eine lange, schmale Lichtbahn auf den Fu&szlig;boden. In
+dieser Lichtbahn war wohl vorhin die Mutter gestanden,
+an die ich schon so lang nicht mehr gedacht hatte.
+Es plagte mich, wo sie wohl auf einmal hergekommen
+sei, denn, Traum oder nicht Traum, sie war mir auf
+einmal nah und lebendig und regte allerlei in mir
+auf; ich mochte mich auf die rechte oder linke Seite
+legen, so blieb das helle, aufgest&ouml;rte Wachsein, das mir
+fremd und ungewohnt war, und das Denken an Dinge,
+die weit von mir lagen am Tag und f&uuml;r gew&ouml;hnlich.</p>
+
+<p>Zum Beispiel sah ich hell und deutlich zum Greifen
+unsere Stube daheim an einem Himmelfahrtsfestmorgen
+vor mir. Ich hatte einen Fr&uuml;hspaziergang
+in den Wald gemacht und einen Hut voll von den
+rosasamtigen Bl&uuml;mlein mitgebracht, die man bei uns
+Himmelfahrtsbl&uuml;mlein hie&szlig;. Sie wuchsen an einer
+heimlichen Stelle, tief im Wald, und ich hatte den
+Kuckuck schreien und eine Drossel singen geh&ouml;rt, hatte
+Eichh&ouml;rnchen ihre Spr&uuml;nge machen und ihre stolzen
+Fahnen dennoch leicht und zierlich tragen sehen und
+<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">115</a></span>hatte etwas von Morgenfrische mit in die niedrige
+Stube gebracht. Die Mutter machte ein Kr&auml;nzlein
+aus den Blumen und h&auml;ngte es um das kleine, verbla&szlig;te
+Bildchen eines jungen Weibes, das einmal ihre
+Mutter gewesen war. &bdquo;Sieh, Ludwig,&ldquo; sagte sie,
+&bdquo;man mu&szlig; die nicht vergessen, die fortgegangen sind.
+Sie sind nicht tot, sie sehen uns und brauchen, da&szlig;
+wir sie lieb haben. Wenn wir sie vergessen, so friert
+sie's und tut ihnen weh. Dann klopfen sie an, oder
+sie kommen uns im Traum, oder es zerspringt ein
+Glas, das ihnen geh&ouml;rt hat, oder ein Spiegel, und
+anders k&ouml;nnen sie nicht sagen, was sie gern wollen:
+denkt an uns, vergesset uns nicht, denn ihr seid
+Fleisch von unserem Fleisch, und es ist um eine Zeit,
+so kommet ihr auch zu uns. Jetzt freut's vielleicht die
+Gro&szlig;mutter, da&szlig; du ihr das Kr&auml;nzlein gebracht hast.&ldquo;</p>
+
+<p>Das alles war mir damals nicht wichtig. Ich war
+von Kindesbeinen an ein Bub, der vor sich hin und
+in den Tag hinein lebte ohne viel sinnige Gedanken,
+und die Bl&uuml;mlein hatte ich nur geholt, weil es mich
+freute, in der Morgenfr&uuml;he in den Wald zu gehen,
+die Gro&szlig;mutter war gar nichts f&uuml;r mich, ich hatte
+sie nie gekannt.</p>
+
+<p>Aber mein Hirn hatte getreulich alles aufbewahrt
+mit allen T&ouml;nen und Farben, was an jenem Morgen
+gewesen war, und noch vieles dazu, das sch&uuml;ttete es
+aus, wie ein S&auml;cklein voll Rarit&auml;ten und breitete es
+um mich herum aus, ein St&uuml;ck ums andere. Ich sah
+die ganze Heimat. Die Mutter hatte sie mir mitgebracht,
+aber es war etwas dabei, das mich nicht recht
+freuen konnte. Denn sie hatte mich traurig angesehen,
+ich war ihr nicht recht irgendwie. Und es war
+jetzt zu bedenken, da&szlig; sie vielleicht lebte auf irgend
+<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">116</a></span>eine Art, wenn man es auch nicht erkl&auml;ren konnte,
+wie, und da&szlig; sie zur T&uuml;r hinausgegangen war, weil
+ich meinen Vers nicht konnte, und da&szlig; sie mich mahnen
+wollte, ich solle sie nicht vergessen. Bei dem
+allem wurde es mir eng und schw&uuml;l zumute, wie ich
+es vordem kaum je so empfunden hatte, und ich erhob
+mich aus dem Bett, um ans Fenster zu treten und
+die frische Nachtluft &uuml;ber mich hinstr&ouml;men zu lassen.
+Da geschah es, da&szlig; mir beim Vor&uuml;bergehen mein Bild
+aus dem Spiegel entgegensah, vom Mondlicht schwach
+beleuchtet, und ich erschrak daran, stellte mich aber
+trotzdem aufmerksam davor hin und sah mein Gesicht
+seine Augen auf mich richten, als ob es mich
+pr&uuml;fen und ergr&uuml;nden wollte. Es war mir, als sei es
+ein zweiter Mensch, einer, der zu meinem Ich du
+sagen k&ouml;nne, und der mich durch und durch sehe, und
+es war mir nicht im mindesten m&ouml;glich, mich von
+ihm abzuwenden oder ihm das Anstarren zu verbieten,
+ich war festgehalten, wie das Eisen vom
+Magneten. Dergleichen hatte ich vordem nie erlebt.
+Was bist du f&uuml;r einer? schien mir das Spiegelbild
+zu sagen. Dich sollte ich kennen, meine ich. Schon
+von fr&uuml;her, von lang her. Du bist schon lang nicht
+mehr bei mir gewesen, es ist eigentlich schade. Aber
+wie ich, mich dem Bilde befreundend, es n&auml;her ansah,
+und der Mond mir dazu leuchtete, fa&szlig;te mich auf
+einmal ein Grauen vor mir selbst und dem Spiegelbild,
+das ich als mein Selbst erkennen mu&szlig;te; es war,
+als ob aus den gl&auml;nzenden Punkten meiner Pupillen
+ein Dritter heraussehe, der wieder ich war.
+Es konnte ins Unendliche so fortgehen, man wu&szlig;te
+nicht mehr, wer man selber war und wer sich fremd
+in einem bewegte, und dazu tauchten M&ouml;glichkeiten
+<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">117</a></span>und Fragen auf, die einem nie kamen, wenn
+man unbesehen f&uuml;r sich hinlebte und vor denen es
+einen ins Mark hinein fror. Da ri&szlig; ich mich mit
+Gewalt von mir selber los und fl&uuml;chtete mich ans
+Fenster, meine aufgeregten Pulse im Anschauen des
+stillen Nachtbildes beruhigend, das da drau&szlig;en f&uuml;r
+sich hinlebte, gleichg&uuml;ltig, ob einer es ansah oder nicht.
+Die herrliche Pyramide war ganz vom Mondlicht
+durchflossen, es war, als bade sie alle ihre Blumen,
+Rosetten, Kn&auml;ufe und Spitzen darin und sei lebendig
+in ruhevollem Atmen, und hinter ihr stieg der Berg
+auf mit seinen dunklen B&auml;umen, deren Wipfel in den
+silberlichtbegl&auml;nzten Himmel tauchten, ohne sich zu
+r&uuml;hren. Die H&auml;user aber standen von innen heraus
+verdunkelt und ganz im Schlaf, und nur ich junges
+Blut wachte und w&auml;re gern gut, einig mit mir und
+den ewigen Lebensgewalten und allem, zu dem ich im
+stillen du sagen konnte, gewesen, denn ich war wunderlich
+aufger&uuml;hrt. Und ich h&auml;tte auch gern jemanden
+gehabt, zu dem ich nah geh&ouml;rte, einen Freund
+oder so. Aber das dauerte nicht lange, und es kam
+nicht viel darnach. Es schauerte mich am offenen
+Fenster und im leichten Hemd, und ich kroch ins Bett
+zur&uuml;ck, den Spiegel vermeidend. Da nahm mich der
+Schlaf in die Arme bis der Morgen kam.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Als die Geschwister Bitterolf abgereist waren,
+ging das Leben im Hause wieder seine alten Gleise
+hin. Mir war es recht, da&szlig; sie dagewesen, und da&szlig;
+sie wieder gegangen waren, beides hatte sein Gutes.
+Ich war in allerlei Leben hineingekommen, das ich
+vordem nicht gekannt hatte. Zum Beispiel konnte ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">118</a></span>auf der Stra&szlig;e hie und da den Hut abziehen vor
+angesehenen Leuten, deren Namen und Art ich
+kannte, die mich wieder gr&uuml;&szlig;ten mit H&ouml;flichkeit
+und Achtung, und konnte jungen M&auml;dchen unter
+den Hut schauen mit Fug und Recht, weil ich schon
+mit ihnen gespielt und geredet und ihnen etwa das
+J&auml;ckchen oder den Schirm getragen hatte. Im Laden
+aber gab es Gelegenheit, mit Studenten oder anderen
+jungen Leuten Gespr&auml;che zu f&uuml;hren. Da war
+ich nicht mehr nur der junge Mensch mit dem braunen
+Haarbusch, als der ich etwa schon bezeichnet
+worden war, sondern ich hie&szlig; Herr Fugeler oder
+auch Fugeler kurzweg, je nach der Intimit&auml;t. Und ich
+strengte mich an, in meine Arbeit hineinzuwachsen,
+da ich gern etwas Rechtes darin vorstellen wollte.</p>
+
+<p>Es war, wie man so sagt, ein Knopf gebrochen
+bei mir, das hing mit dem Besuch insofern zusammen,
+als ich durch ihn unter die Menschen und mit
+ihnen in eine Gleichartigkeit gekommen war. Aber
+es war auch wieder gut, da&szlig; er vor&uuml;ber war, denn
+ich war doch nicht ganz gleichartig mit den Bitterolfschen,
+ich mochte mich strecken, wie ich wollte. Sie
+hatten etwas mitbekommen von klein auf, und es
+war noch in ihnen gro&szlig;gezogen worden, das ich kaum
+vom H&ouml;rensagen kannte. Das konnte man nicht
+mehr nachholen. Es war vielleicht ein Erbteil von
+vielen Vorfahren her, die sich selbst und ihre Kinder
+geschult und erzogen hatten, da&szlig; sie leicht und frei
+und ohne M&uuml;he sich im Leben bewegen konnten und
+nirgends anstie&szlig;en durch Unbehilflichkeit oder Nichtwissen.
+Auch hatten sie, wie sie sprechen und h&ouml;ren
+lernten, gleich eine Luft um sich herum gehabt, in
+der es mit allerlei Geistigem reichlich umging. Vielleicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">119</a></span>waren sch&ouml;ne Bilder und Musik, und Frauen
+in feinen Gew&auml;ndern um sie her gewesen, und sie
+hatten kluge M&auml;nner von aller Kunst und Weisheit
+reden h&ouml;ren; das war ihnen alles gewesen wie
+das t&auml;gliche Brot. Mit dem allem war ihnen der
+Tisch gedeckt von Jugend an, da wuchsen sie heran
+und wurden Auserw&auml;hlte und hielten sich auch daf&uuml;r.
+Und es war so, da&szlig; man vieles erwerben und in
+manches hineinwachsen konnte, wenn man sich darnach
+sehnte und alle Kraft anspannte, sie aber waren
+da von jeher daheim und lebten hochgemut und auch
+hochm&uuml;tig, wie es mir schien, und es blieb immer
+ein Zaun, an dem man sich sto&szlig;en konnte, zwischen
+ihnen und unsereinem. Dann, wenn man sich stie&szlig;,
+sahen sie einander an und l&auml;chelten erstaunt oder
+verzeihend, und man sah, da&szlig; sie hinter ihren klugen
+Stirnen dachten: ach du, du kennst ja unsere Sprache
+nicht, du bist aus einem andern Land.</p>
+
+<p>Sonst, f&uuml;r dich selbst betrachtet, w&auml;rest du ganz
+recht, aber unsereiner kannst du ja nicht sein.</p>
+
+<p>Solche Gedanken gingen viele mit mir um, als
+wir wieder wie sonst im Hause Hagenau zusammen
+lebten.</p>
+
+<p>Aber halt, kam es mir dann: ist nicht Fr&auml;ulein
+Brigitte auch eine von derselben Art, klug, vornehm
+und von reicher Bildung, sicher in sich selber und
+vor den andern? Ungescheut tr&auml;gt sie ihre Last
+auf dem R&uuml;cken und hat eine stolze W&uuml;rde, als
+w&auml;re sie die aufrechteste Frau. Sie aber zieht keine
+Grenzen um sich, sondern ist gleich nah und g&uuml;tig
+mit allen und auch mit mir. Was also ist besonders
+an ihr&nbsp;&ndash; und wie kommt es, da&szlig; man Vertrauen
+<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">120</a></span>und Verehrung zu gleicher Zeit bei ihr empfindet?</p>
+
+<p>Sie ist eine Pers&ouml;nlichkeit, entschied der Verstand,
+stolz &uuml;ber die Formel, die er gefunden hatte;
+eine solche wird nicht geboren, sondern entwickelt
+sich erst.</p>
+
+<p>Ja, aber wie? Einfach mit dem Alter? Oder
+durch Leiden, wie bei ihr?</p>
+
+<p>Das blieb immer noch die Frage, die indessen
+wieder in den Hintergrund trat, weil die Gegenwart
+fortw&auml;hrend Neues an den Tag brachte.</p>
+
+<p>Ich war wieder mit dem Blumenm&auml;dchen Hertha
+zusammengekommen, was sich bei unserer nahen
+Nachbarschaft fast von selber machte und was ich
+auch w&uuml;nschte, denn so unbek&uuml;mmerlich ich auch f&uuml;r
+gew&ouml;hnlich meines Weges ging, so ertrug ich doch
+nicht leicht das Gef&uuml;hl, da&szlig; irgend jemand mir
+b&ouml;se oder von mir beleidigt sei, ich wollte nirgends
+einen schlechten Eindruck machen. Das hing freilich
+nicht mit irgendeiner Tugend in mir zusammen,
+sondern nur mit der Gew&ouml;hnung daran, da&szlig; jedermann
+mir wohlgesinnt und zugetan sei, die ich in
+nichts unterbrochen wissen wollte.</p>
+
+<p>Das gute und nat&uuml;rliche M&auml;dchen machte es
+mir auch leicht, meine Entschuldigung anzubringen;
+es gen&uuml;gte ihr, da&szlig; ich im Grunde der war, f&uuml;r
+den sie mich gehalten hatte und mit dem man ein
+harmloses Wort sprechen konnte, was sie so gern tat,
+und wozu sie den Tag &uuml;ber bei ihrer etwas griesgr&auml;mlichen
+Frau wenig Gelegenheit hatte.</p>
+
+<p>Eines Abends begegnete sie mir in der N&auml;he
+des Kirchhofeingangs, an dem ich zuf&auml;llig auf einem
+Spaziergang vorbei kam. Wir waren schon wieder
+<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">121</a></span>so gute Freunde, da&szlig; ich auf ihre Einladung
+mit ihr hinein ging, da sie, wie sie sagte, den Oberaufseher
+besuchen wollte, mit dem sie gut bekannt sei.
+Wir gingen durch die Gr&auml;berreihen, zwischen denen
+wie schwarze Schatten hie und da Trauernde wandelten,
+nach einer Gegend hin, wo alte B&auml;ume zwischen
+eingesunkenen H&uuml;geln standen, und wo die Steine
+verwittert und die Namen fast unleserlich und mit
+feinem Moos ausgef&uuml;llt waren. Es war eine l&auml;ngst
+verklungene Gesellschaft hier beisammen, es mochte
+aber nicht mehr viel von den stillen Bewohnern
+der unterirdischen Kammern &uuml;brig sein. W&auml;hrend
+dort immer noch Trauer und Tr&auml;nen umgingen,
+war hier l&auml;ngst Ruhe eingekehrt, und die V&ouml;gel
+bauten ihre Nester an den Str&auml;uchern, die aus den
+Gebeinen der l&auml;ngst Gewesenen entsprossen waren.</p>
+
+<p>&bdquo;Sehen Sie,&ldquo; sagte Hertha vorstellend, als m&uuml;sse
+sie mir die Bekanntschaft der Ruhenden vermitteln,
+&bdquo;hier liegt ein alter Junggeselle oder doch wahrscheinlich
+ein Junggeselle. Es hat niemand um ihn geweint,
+als er gestorben ist, das hat mich schon schwer erbarmt.
+Ich habe ihm schon einmal einen Syringenstrau&szlig;
+gebracht, aber freilich, es hilft ihm nichts mehr.
+Man sollte leben, so stark man kann, solange man
+da ist, denn nachher ist es zu sp&auml;t, und man l&auml;&szlig;t nichts
+hinter sich.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich sah sie verwundert an. Woher wu&szlig;te sie die
+Lebensgeschichte dessen, der unter dem ganz bemoosten
+Stein lag, und wie kam sie dazu, ihm Blumen zu
+bringen, wenn er sie doch nichts anging? Und wie
+kam aus ihrem jungen und bl&uuml;henden Munde solche
+Erfahrungsweisheit?</p>
+
+<p>&bdquo;Da, sehen Sie!&ldquo; Sie schob ein paar Zweige des
+<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">122</a></span>Efeus, der von der Mauer hergekrochen war und
+das Grab umarmte, zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&bdquo;Hier ruht ein Fremdling, Herr Vinzentius Burhagen,
+hier gestorben Anno 1799, dem Gott gn&auml;dig sei.&ldquo;</p>
+
+<p>So hie&szlig; die Grabschrift. Die Buchstaben waren
+einmal ausgekratzt worden, das sah man, damit sie
+wieder lesbar wurden. Aber als ich Hertha fragend
+ansah, ob sie das getan habe, sch&uuml;ttelte sie den Kopf.</p>
+
+<p>&bdquo;Das hat der Zeitler getan, der &uuml;ber den Ort
+hier gesetzt ist. Er kennt alle Begrabenen hier und
+wei&szlig; von ihnen, woher, das wei&szlig; kein Mensch. Er
+ist einmal in der Fremde gewesen und hat auf die
+Gelehrsamkeit studiert, aber es ist ihm etwas dazwischen
+gekommen, und er ist heimgekommen und
+hat angefangen, die Toten zu h&uuml;ten. Sie seien so
+friedlich, sagt er, und h&auml;tten alles hinter sich, Dummheit
+und Bosheit und Schmerzen, alles, es sei gut
+mit ihnen auskommen. Da ist er,&ldquo; unterbrach sie
+sich und strebte vorw&auml;rts nach einer halbrunden Bank
+hin, die auf einem winzigen H&uuml;gel stand. Dort
+sa&szlig; ein &auml;lterer Mann in ausruhender Haltung. Er
+trug Kopf und Schultern vorgeneigt und hatte die
+l&auml;ssigen H&auml;nde zwischen die Knie gelegt; ein paar
+rote Nelken hielt er lose darin. Als ich ihn sah, war
+es mir sogleich, als ob ich ihn schon irgendwo einmal
+gesehen h&auml;tte, vielleicht vor langer Zeit, ich
+wu&szlig;te aber nicht wann und wo. Das erinnerte
+mich an meine Kindertage, wo ich ein &auml;hnliches Erlebnis
+hier und da gehabt hatte. Ich sah einen Ort
+oder Menschen oder ein Ding zum erstenmal, und
+es war mir, als s&auml;he ich etwas Altbekanntes und
+lie&szlig; es mir auch nicht ausreden, da&szlig; es in Wahrheit
+so sei. In solchen F&auml;llen pflegte meine Mutter zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">123</a></span>sagen: Du wirst es noch von damals kennen, als du
+das erstemal auf der Welt gewesen bist, und ich wu&szlig;te
+nicht, ob sie das im Spa&szlig; oder im Ernst sagte und
+dachte auch nicht tiefer dar&uuml;ber nach.</p>
+
+<p>Der alte Mann lie&szlig; ein paar ruhig betrachtende
+Augen auf mir liegen, und ich gab es ihm
+in meiner Verwunderung &uuml;ber das vermeintliche
+Wiederkehren von etwas l&auml;ngst Gewesenem heim,
+so sahen wir einander ins Gesicht, vielleicht nur
+ein paar Sekunden, aber doch lang genug, um in
+der Schnelligkeit irgendeine Verbindung zwischen uns
+herzustellen.</p>
+
+<p>Hertha sagte: &bdquo;Ich bringe einen Besuch mit. Er
+ist mir unterwegs begegnet, er ist mein Nachbar,&ldquo;
+und wir lie&szlig;en uns links und rechts von dem Friedhofsw&auml;chter
+auf der Bank nieder. Er reichte Hertha
+eine seiner Nelken, die sie begierig riechend an die
+Nase f&uuml;hrte. &bdquo;O, die sind von der jungen Frau
+Maibom,&ldquo; sagte sie, den Duft erkennend, er aber
+sch&uuml;ttelte den Kopf: &bdquo;Falsch geraten, sie sind von
+der Familie Gutekunst,&ldquo; und ich merkte, da&szlig; sie von
+Gr&auml;bern sprachen. Da wurde es mir eigen zumute.
+Der Abend war noch im Verl&ouml;schen mild und sch&ouml;n.
+Am Horizont waren T&uuml;cher ausgebreitet von bunten,
+allm&auml;hlich erblassenden Farben, eine Betzeitglocke
+l&auml;utete, im Geb&uuml;sch fing eine Nachtigall an zu
+schlagen, neben mir sa&szlig; der Mann mit dem schmalen,
+bekannten Gesicht und dr&uuml;ben das junge, starklebendige
+M&auml;dchen, es h&auml;tte alles heimelig und warm
+sein k&ouml;nnen. Aber unfern von uns war ein altes
+Grab aufgemacht, und es lag ein H&auml;ufchen gelber
+halbvermoderter Knochen dabei, die der Totengr&auml;ber
+herausgeschaufelt hatte, und es war ein Ger&uuml;chlein
+<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">124</a></span>von welkenden Kr&auml;nzen vorhanden, die in der N&auml;he
+auf einem Haufen lagen, das alles mahnte mich
+diesseitigen Menschen an die Gegenden jenseits der
+Grenzen, und ich wunderte mich, wie ich hier hereingeraten
+sei. Jedoch nicht lange, denn Hertha hatte
+keineswegs die Absicht, Geister zu beschw&ouml;ren oder
+Verg&auml;nglichkeitsgedanken nachzuh&auml;ngen, sondern sie
+stand bl&uuml;hend und freudig im Leben und hatte nur
+ein freilich merkw&uuml;rdiges Mitleid mit den Toten,
+weil sie von dieser Welt fortgemu&szlig;t hatten, auf der
+es doch so sch&ouml;n war; es konnte um sie herum kein
+spukhaftes Grauen aufkommen.</p>
+
+<p>Sie roch an ihrer Nelke und sagte: &bdquo;Gebt doch
+dem Herrn auch eine. Er steckt den ganzen Tag
+zwischen den B&uuml;chern, ich m&ouml;chte nicht in seiner Haut
+sein. Er hat ein so ernsthaftes Gesicht, das kommt
+davon. Es ist aber blo&szlig; oben drauf, er kann auch
+lachen, ich hab's schon gesehen.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Friedhofsw&auml;chter gab mir eine der w&uuml;rzhaft
+duftenden Blumen. Es waren solche, wie
+sie der alte Heinrich Kilian gepflegt hatte und wie
+sie jetzt noch daheim vor meinem Kammerfenster
+bl&uuml;hten, wahrscheinlich wenigstens. War denn aber
+alles verhext heute abend und war etwa mein
+Kilian in den Zeitler geschl&uuml;pft, um mit mir Versteckens
+zu spielen und zu fragen: Kennst mich noch?
+Woher mir solche Gedanken kamen, wei&szlig; ich nicht,
+aber sie waren um den Weg und ich mu&szlig;te, wie
+damals in den Spiegel, so heute mit einer halben
+Lust und einem halben Grausen in das Gesicht des
+Zeitlers sehen, ob mir eine Erkenntnis komme, die
+mich ja freilich beim ersten Augenwink in die Flucht
+gejagt h&auml;tte, da, was man etwa im Traum gelassen
+<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">125</a></span>oder freudig hinnimmt, das Dasein eines Hingegangenen,
+im Wachen j&auml;hes Entsetzen bedeutete. So
+unverr&uuml;cklich fest steht uns in uns selber Eingeschlossenen
+die Ordnung der Dinge beider Welten.
+In mein Schweigen hinein und das des Zeitlers
+sch&uuml;ttete Hertha ihr Geplauder, das in der werdenden
+D&auml;mmerung t&ouml;nte wie ein spielendes B&auml;chlein,
+und zu dem nach und nach meine Gedanken zur&uuml;ckkehrten
+unverrichteter Sache. Denn es war ja, wenn
+ich mich n&uuml;chtern besann, ohnehin ein Unsinn, was
+sie ausheckten.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich verstehe nichts von B&uuml;chern,&ldquo; h&ouml;rte ich Hertha
+sagen, &bdquo;man m&uuml;&szlig;te mir's grad sagen, was darin steht,
+da&szlig; ich's nicht selber lesen mu&szlig;.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Zeitler gab einen summenden Ton von sich,
+der allerlei bedeuten konnte, ein Lachen oder einen
+Zweifel, und Hertha fuhr fort:</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin nur froh, da&szlig; ich's mit den Blumen
+habe, es ist, wie wenn ich dazu auf die Welt gekommen
+w&auml;re, da&szlig; ich das Kranzbinden treibe. Das
+kann ich nach der Regel, ich hab's gelernt und hab's
+auch in den Fingern. Meine Frau pa&szlig;t nicht dazu,
+sie hat erst in das Gesch&auml;ft hineingeheiratet, das ist
+der Unterschied. Sie dauert mich eigentlich, denn
+sie hat ein saures Gem&uuml;t. Sie hat als Kind einmal
+in einen Essighafen gerochen, davon ist's ihr geblieben.
+Mich hat sie aber gern, und sie ist auch froh an mir.
+Die Leute kaufen gern bei mir, weil ich freundlich bin
+und gern lache. Es gibt auch nichts Sch&ouml;neres, als
+den ganzen Tag geschafft haben und abends fertig
+sein. Oder ja, vielleicht gibt es auch etwas Sch&ouml;neres,
+und man wei&szlig; es blo&szlig; nicht. Heute habe ich
+eine Girlande machen m&uuml;ssen um ein Kinders&auml;rglein
+<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">126</a></span>aus lauter Monatr&ouml;schen und mit Immergr&uuml;n. Da
+habe ich weinen m&uuml;ssen, weil es mich so gedauert hat,
+zu denken, ich k&ouml;nnte als Kind gestorben sein und
+w&auml;re dann nicht mehr da. Ich bin gern da, das mu&szlig;
+ich sagen; von mir aus k&ouml;nnte jeder Tag hundert
+Stunden haben, es w&auml;re mir keine zu viel.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du N&auml;rrlein,&ldquo; sagte der Zeitler, &bdquo;was w&auml;r's
+denn dann mit dem Feierabend und dem Sonntag,
+wenn du so lange Tage haben willst?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Jaso, ja,&ldquo; gab das M&auml;dchen zu, &bdquo;es ist nur
+gut, da&szlig; ich's nicht machen mu&szlig;, es k&auml;me etwas Sch&ouml;nes
+dabei heraus. Versteht sich, der Sonntag m&uuml;&szlig;te
+geradeso lang sein und der Feierabend auch. Es ist
+mir auch ganz recht, wie es ist, ich will es gar nicht
+anders haben. Gestern war das bucklige Fr&auml;ulein
+Hagenau bei mir im Laden und kaufte einen Rosenstock,
+und ich trug ihn hin&uuml;ber. Da sa&szlig; sie in ihrem
+sch&ouml;nen Wohnzimmer in einem seidenen Sessel, und
+ihr Bruder sa&szlig; ihr gegen&uuml;ber und las in der Zeitung,
+und die alte Magd Salome trug den Kaffee herein.
+Die haben's sch&ouml;n, aber ich m&ouml;chte sie nicht sein, um
+kein Geld. Lieber Gott, wenn man jung ist und vergn&uuml;gt
+und gerade Glieder hat, dann freut's einen,
+und alles kann noch kommen, was es Gutes gibt. Ich
+m&ouml;chte doch nicht ledig bleiben, nicht um alles.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So sei jetzt auch einen Augenblick still,&ldquo; sagte
+der Zeitler, &bdquo;man kann ja mit keinem Steckelein dazwischenfahren,
+wenn du einmal anf&auml;ngst, es l&auml;uft wie
+aus einem Brunnenrohr. Was wei&szlig;t denn du davon,
+wie es gehen kann auf der Welt, und was wei&szlig;t du
+von Gl&uuml;ck und Ungl&uuml;ck? Verheiratetsein kann ein Gl&uuml;ck
+oder ein Elend sein, und Ledigsein auch, es kommt
+drauf an, wie man es erlebt.&ldquo; Er sagte es ein bi&szlig;chen
+<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">127</a></span>scharf und streng, und Hertha dauerte mich, denn ich
+dachte auch wie sie, einmal in diesem Augenblick sicher.
+Aber sie machte sich augenscheinlich nichts daraus,
+denn sie l&auml;chelte vor sich hin und dann zu mir her&uuml;ber,
+als ob wir beide besser w&uuml;&szlig;ten, wie es w&auml;re.</p>
+
+<p>Auch fuhr der Zeitler gleich darauf milder fort:
+&bdquo;Die Brigitte tauschte mit niemand, wenn man es
+ihr anbieten wollte. Hei&szlig;t das, was sie in sich selbst
+und aus sich heraus geworden ist, g&auml;be sie nicht hin,
+wenn sie noch einmal ein Leben leben d&uuml;rfte in einem
+schlanken K&ouml;rper und mit allem, was man so gemeinhin
+Gl&uuml;ckseligkeiten hei&szlig;t.&ldquo;</p>
+
+<p>Wir sahen ihn beide fragend an, weil er das
+Fr&auml;ulein beim Vornamen nannte und weil er &uuml;ber
+ihr Inneres Bescheid zu wissen und sie &uuml;berhaupt
+zu kennen schien.</p>
+
+<p>&bdquo;Er ist bei Hagenaus,&ldquo; sagte Hertha und deutete
+mit dem Kopf nach mir hin.</p>
+
+<p>Der Zeitler hatte noch nicht nach meinen Verh&auml;ltnissen
+gefragt, nun sah er mich aufmerksam an und
+sagte: &bdquo;Sie sind da in guten H&auml;nden&ldquo;; er z&ouml;gerte ein
+wenig und f&uuml;gte dann hinzu, &bdquo;zum wenigsten, was die
+Schwester betrifft, obgleich ich Herrn Kasimir nichts
+zuleide tun will. Ich kenne ihn weniger als sie, die
+ein lebendiger Mensch ist, wie es nicht viele gibt.&ldquo;</p>
+
+<p>Was er da sagte, erf&uuml;llte mich mit Begierde, mehr
+von den beiden und besonders von Fr&auml;ulein Brigitte
+zu h&ouml;ren. Ich mag wohl auch den Zeitler bittend genug
+angesehen haben, denn er fing nach einigem
+Z&ouml;gern wirklich an, einiges aus ihrer Lebensgeschichte
+mitzuteilen. Woher er sie wu&szlig;te, verlautete nicht.
+Ich mu&szlig; glauben, da&szlig; er selber irgendwie an ihr beteiligt
+oder mindestens Zuschauer gewesen war; er
+<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">128</a></span>vermied es aber, sich selbst zu nennen. Das sei immer
+so, sagte Hertha, er rede nie von sich.</p>
+
+<p>Es ist mir aber, als habe er doch von sich geredet
+ohne Willen, denn er verfiel im w&auml;hrenden Erz&auml;hlen
+in eine seltsam reiche und bl&uuml;hende Sprache,
+die deutlich genug sagte, da&szlig; er einmal in einer
+Welt gelebt habe und sie noch in sich trage, die von
+seiner jetzigen unterschieden sei in mehr als einer
+Hinsicht.</p>
+
+<p>Ich meine, ich h&ouml;re ihn noch; es wird aber wohl
+bei mir anders herauskommen.</p>
+
+<p>&bdquo;Dort dr&uuml;ben,&ldquo; sagte Zeitler, und deutete nach
+einem Marmorgrabmal, das zwischen einer Baumgruppe
+heraussah, &bdquo;liegt oder lag eine junge, feine
+Frau, die der Tod an einem einzigen hei&szlig;en Krankheitstag
+erw&uuml;rgt hat. Sie hatte die Augen noch offen,
+als der Sarg geschlossen wurde, oder vielmehr, sie
+waren, schon zugedr&uuml;ckt, langsam wieder aufgegangen,
+und es sah ersch&uuml;tternd aus, wie die erloschenen
+Sterne unbeweglich nach dem Kinderh&auml;uflein hinschauten,
+dem sie noch lange h&auml;tten scheinen sollen.
+Das war die Mutter der Geschwister Hagenau.
+Sie war eine Waldbauerntochter gewesen, gesund,
+sch&ouml;n, lebensfreudig und hei&szlig;bl&uuml;tig und dabei reich
+und von guter Bildung, und hatte dem etwas verbrauchten
+Hause mit Blut und Geld aufhelfen sollen.
+Letzteres war geschehen, aber der Reichtum ihres
+spr&uuml;henden Lebens schien ganz und gar der j&uuml;ngsten
+Tochter Brigitte aufbehalten gewesen zu sein, w&auml;hrend
+die &auml;lteste und der um weniges j&uuml;ngere Sohn dem
+Vater nacharteten, der brav, gewissenhaft, gr&uuml;ndlich
+belesen und mit allgemeiner Bildung versehen, aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">129</a></span>etwas trocken und unlebendig war. Oder wenigstens
+so ungef&auml;hr wurde er geschildert. Doch soll er an der
+Frau unendlich gehangen haben und durch ihren
+Tod ganz gebrochen, und also doch nicht ohne Leidenschaft
+gewesen sein. F&uuml;r die Kinder hatte er nach dem
+Tode der Frau nicht mehr viel Aufmerken. Er veranla&szlig;te
+ihre Schulbildung, wie es recht und &uuml;blich
+war und nahm eine Hausdame, die f&uuml;r Nahrung
+und Kleider und f&uuml;r das Hergebrachte an guten
+Sitten und was man so gemeinhin Erziehung nennt,
+sorgte, und die er der Bequemlichkeit halber nach
+einiger Zeit heiratete, ohne da&szlig; sie viel f&uuml;r ihn gewesen
+w&auml;re. Die arme Frau und Mutter hatte allen
+Grund gehabt, ihr H&auml;uflein mit gebrochenen Augen
+noch traurig anzusehen, wenn man so sagen darf, denn
+es war nicht mehr viel Freudigkeit und Kindergl&uuml;ck
+im Hause. Einzig die j&uuml;ngste Tochter, die auch im
+&Auml;u&szlig;eren das Abbild der Mutter war, schien Sonne
+und Lebenslust in sich selbst zu tragen und sich ihre
+Nahrung zu holen, wo man sie ihr nicht anbot. Sie
+war von jedermann &uuml;berzeugt, da&szlig; er sie liebe und
+Freude an ihr habe, und dieses gl&uuml;ckliche Wissen
+um sich selbst, lie&szlig; sie hinwiederum auch allen Leuten
+strahlend und wie ein kleines S&ouml;nnchen entgegenkommen,
+dem sich in Wahrheit niemand ganz entziehen
+konnte. Die beiden andern Kinder wuchsen
+dagegen als Schattenpflanzen auf; das M&auml;dchen
+als stille, brave, pflichttreue Sch&uuml;lerin, die ihren
+Ehrgeiz darein setzte, alle Unterrichtsstoffe gr&uuml;ndlich
+und unverge&szlig;lich in sich aufzunehmen, der Knabe,
+der vielleicht am meisten von allen die Mutter entbehrte,
+aber ohne sich dessen bewu&szlig;t zu sein, als
+knurriger und verdrie&szlig;licher Sohn seines unfrohen
+<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">130</a></span>Vaters, ohne rechte Bl&uuml;te lang ins Kraut schie&szlig;end.
+Er &auml;rgerte sich selbst und andere bei jeder Gelegenheit,
+und besonders hatte er es auf die lachende
+Brigitte abgesehen, deren Liebreiz er versp&uuml;rte und
+geno&szlig;, ohne es merken zu lassen. Vielmehr stritt und
+balgte er sich mit der Schwester herum und hatte
+hunderterlei an ihr auszusetzen, vielleicht nur, um sie
+in raschem Zorn entflammen zu sehen, worin sie ihm
+besonders gut gefiel, oder auch, um ihr helles
+und unwiderstehliches Gel&auml;chter zu h&ouml;ren, wenn ihr
+sein n&ouml;rgelndes Wesen komisch erschien.</p>
+
+<p>Das &auml;rgerte und entz&uuml;ckte ihn dann zu gleicher
+Zeit; er lie&szlig; aber weder das eine noch das andere
+merken, sondern tat gleichg&uuml;ltig und als ob es ihm
+zu wenig w&auml;re, darauf zu horchen. In ihrem zw&ouml;lften
+Jahr war Brigitte ein schlank aufgeschossenes
+M&auml;dchen mit prachtvollen Z&ouml;pfen, die sie lang herabh&auml;ngend
+trug, und mit einem Ausdruck in dem bl&uuml;henden
+Gesichtchen, als ob sie von weitem die vollen
+Str&ouml;me des Lebens rauschen h&ouml;re und sich anschicke,
+darauf zuzugehen, um sich darin zu baden. Statt
+dessen aber wartete ein dunkles Meer der Leiden auf
+sie, und das Rauschen war ein herannahendes Gewitter,
+das den vernichtenden Blitz auf sie niedersandte
+und die Sonne ausl&ouml;schte, ehe sie noch im
+Mittag stand.&ldquo;</p>
+
+<p>Hier unterbrach sich der Zeitler, f&uuml;r einen Augenblick
+aus der Vergangenheit auftauchend, und merkte
+selbst, da&szlig; er in einer Weise zu uns redete, die wir
+nicht bei ihm gesucht h&auml;tten, und die auch bei ihm
+selbst zurzeit nicht &uuml;blich war. Er nahm eine der Nelken
+zwischen die Lippen, und es war mir pl&ouml;tzlich, als
+habe ich ihn nicht im Leben, sondern auf einem Bild
+<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">131</a></span>so gesehen und wisse nun, wer er sei, es falle mir
+nur der Name nicht ein.</p>
+
+<p>&bdquo;Kurzum,&ldquo; fuhr er nach einer kleinen Pause fort,
+als habe er wie ein Maler nach einem andern Pinsel
+gesucht oder als Musiker eine andere Saite aufgezogen,
+&bdquo;die Brigitte erlitt einen schweren Unfall, der
+sie zu dem verwachsenen Gesch&ouml;pf machte, das sie jetzt
+ist, und ihr ganzes Leben umkehrte. Es ist schon lang
+her, und vielleicht sollte man es jetzt nicht mehr sagen,
+aber der Kasimir war schuld daran. Es war in einem
+Nachbargarten. Die Brigitte sa&szlig; in einer Schaukel,
+die zwischen zwei B&auml;umen angebracht war; sie schwang
+sich leicht spielend hin und her und plauderte daneben
+mit den Nachbarsm&auml;dchen. Da trat der Kasimir
+hinzu und fing an, die Schaukel zu sto&szlig;en, da&szlig; sie
+hoch und immer h&ouml;her hinausflog. Vielleicht gefiel
+es ihm, da&szlig; die schwarzen Z&ouml;pfe so lustig tanzten,
+vielleicht auch hatte er sein unholdes Vergn&uuml;gen
+daran, da&szlig; die Brigitte rief: &sbquo;La&szlig; sein, ich will nicht
+so hoch!&lsquo;, kurzum, er stie&szlig; mit aller Kraft, da&szlig; die
+Schaukel mit dem sch&ouml;nen Vogel drin an die vollen
+Kronen der B&auml;ume anstie&szlig; und zwischen den Zweigen
+hindurchrauschte. Das M&auml;dchen wurde bla&szlig;
+und bekam Angst, was sonst nicht in seiner Art
+lag, und bat flehentlich ums Aufh&ouml;ren, aber der
+f&uuml;nfzehnj&auml;hrige Flegel hatte seiner Lust noch nicht
+Gen&uuml;ge getan, oder was es war; als die Brigitte
+au&szlig;er sich herunterrief: &sbquo;La&szlig; los, oder ich
+springe heraus!&lsquo;, gab er, der es nat&uuml;rlich nicht glaubte,
+noch einen letzten, wilden Sto&szlig; drein, um dann aufzuh&ouml;ren,
+und in dem Augenblick flog das M&auml;dchen
+durch die Luft und schlug schwer auf den Boden auf.
+Die Schaukel aber kam ledig zur&uuml;ck und schwang sich,
+<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">132</a></span>in den Ringen knarrend, noch eine Weile hin und
+her, bis einer hinging und sie anhielt.</p>
+
+<p>Da war dann nun eine Zerst&ouml;rung geschehen,
+die jedem weh tun mu&szlig;te, der sie sah. Es w&auml;re fast
+leichter anzusehen gewesen, wenn das arme, totenblasse
+Kind, das da im kurzen Grase lag, die Augen
+nicht mehr aufgemacht h&auml;tte. Es w&auml;re dann in aller
+seiner sonnigen Sch&ouml;nheit dahingegangen, und jedermann
+h&auml;tte es als einen Liebling bei Gott und Menschen
+in der Erinnerung gehabt. Aber freilich, der
+Kasimir w&auml;re dann sein M&ouml;rder gewesen in aller tapsigen
+Dummheit, und so konnte man es wieder nicht
+w&uuml;nschen, auch wenn es etwas geholfen h&auml;tte. Das
+Leben ging auch, ohne zu fragen, seine eigenen Wege,
+legte das sch&ouml;ne, ungl&uuml;ckliche Gesch&ouml;pf auf ein jahrelanges
+schmerzhaftes Siechbett, drohte zuweilen, es
+nachtr&auml;glich noch hinweg zu nehmen und lie&szlig; es dann
+zu einem schweren, unbegreiflichen Dasein wieder aufstehen.
+Die Wirbels&auml;ule war verkr&uuml;mmt und wurde
+es immer mehr, und unaufhaltsam sank der sch&ouml;ne,
+feine Kopf zwischen die Schultern und beugte sich der
+aufrechte Wuchs, den das heranbl&uuml;hende Kind gehabt
+hatte. Da war die Brigitte kein S&ouml;nnchen mehr, sondern
+eine arme, leidende Kreatur, von deren tieferen
+Schmerzen gewi&szlig; kaum ein Mensch recht wu&szlig;te, und
+die eine Mutter h&auml;tte brauchen k&ouml;nnen, wenn sie,
+die drau&szlig;en schlief, irgend zu erwecken gewesen w&auml;re.
+Denn als das lange Siechtum &uuml;berstanden war, regten
+sich von neuem in dem lebensvollen M&auml;dchen die
+Kr&auml;fte des Blutes und der &uuml;berschw&auml;ngliche Lebensdrang,
+den sie von der Mutter ererbt hatte, und der
+nun in einem verwachsenen Leibe gefangen lag. Die
+Schwester heiratete in all ihrer d&uuml;nnbl&uuml;tigen Zahmheit
+<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">133</a></span>einen Privatdozenten von der Universit&auml;t, der
+in fr&uuml;heren Jahren die kleine Brigitte sein Br&auml;utchen
+gehei&szlig;en hatte, und dem auch jetzt ungl&uuml;cklicherweise
+ihr lebenverlangendes Herz mit harten Pulsen
+entgegenklopfte. Er zog mit der Frau nach dem hohen
+Norden hin und wurde eine Ber&uuml;hmtheit in seinem
+Fach, das junge, schmerzlich lebendige Gesch&ouml;pf aber
+blieb in dem unfrohen Vaterhause zur&uuml;ck. Die zweite
+Frau des Vaters war auf einer Erholungsreise in
+ihre Heimat gestorben und auch dort begraben worden,
+und es verstand sich von selbst, da&szlig; Brigitte die
+F&uuml;hrung des Haushalts &uuml;bernahm, der aus dem
+Vater und dem Ungl&uuml;ckswurm Kasimir bestand. Dieser
+war &uuml;ber den Unfall, den er herbeigef&uuml;hrt hatte,
+au&szlig;er sich gewesen, was sich darin zeigte, da&szlig; er,
+wie er ging und stand, von der f&uuml;r sterbend gehaltenen
+Schwester weg in ein benachbartes wildes Tal
+lief und sich dort verschiedene Tage und N&auml;chte lang
+umhertrieb, bis ihn endlich das Verlangen, etwas
+N&auml;heres zu erfahren, wieder in die Stadt f&uuml;hrte, und
+zwar zuerst auf den Friedhof, wo er sehen wollte, ob
+sich das Muttergrab ge&ouml;ffnet und &uuml;ber einer neuen
+Bewohnerin wieder geschlossen habe. Als er nun sah,
+da&szlig; nichts dergleichen erfolgt war, setzte er sich, &uuml;berm&uuml;det
+von Angst und Reue und dem ziellosen Umherirren,
+auf den m&uuml;tterlichen H&uuml;gel nieder und
+schlief ein, bis er sp&auml;t am Abend verwirrt emporfuhr,
+weil jemand seinen Namen gerufen hatte. Es war
+dies sein Vater, der, gleichfalls aufgest&ouml;rt aus seiner
+gew&ouml;hnlichen Ruhe, heftige Angst um sein Lieblingskind
+empfand, dem er freilich sein besonderes Wohlgefallen
+kaum je gezeigt hatte, und der nun fast instinktm&auml;&szlig;ig
+den Ruheplatz seines Weibes aufsuchte,
+<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">134</a></span>um ihr als Mutter zu sagen, da&szlig; sie eigentlich jetzt
+am Platze sein m&uuml;&szlig;te. Als er nun an dieser Stelle
+den Sohn fand, dem er begreiflicherweise heftig z&uuml;rnte,
+und dem er eine geh&ouml;rige Strafe, er wu&szlig;te nur noch
+nicht welche, zugedacht hatte, ging eine seltsame Wandlung
+mit ihm vor, deren er sich nicht erwehren konnte.
+Der Misset&auml;ter hatte n&auml;mlich, vielleicht um bequemer
+zu ruhen, vielleicht aber auch in einem ausbrechenden
+Verlangen nach Schutz und Hilfe, mit beiden Armen
+den aufrechtstehenden Marmorblock umfa&szlig;t und den
+Kopf auf den m&uuml;tterlichen Namen gelegt, und erschien
+dem Vater wie ein alttestamentlicher Fl&uuml;chtling,
+der zur Sicherung vor seinen Verfolgern in den
+Tempel eindrang und die H&ouml;rner des Altars umklammerte.
+Auch zeigte sich im Schlaf eine so unverstellte
+Herzensnot und Bek&uuml;mmernis auf dem sonst
+gleichg&uuml;ltigen Gesicht des Sohnes, da&szlig; sich der Vater
+des Erbarmens und der R&uuml;hrung &uuml;ber das Leiden,
+das noch gr&ouml;&szlig;er war als seines, nicht enthalten konnte
+und den Schlafenden aufweckte, nicht zum Gericht,
+wie dieser meinen mu&szlig;te, sondern um ihn ans Herz
+zu schlie&szlig;en. Das ist freilich nicht buchst&auml;blich zu verstehen,
+denn Liebkosungen waren in der Familie nicht
+Sitte und waren bisher nur von dem jetzt verdunkelten
+S&ouml;nnchen ausgegangen, aber dennoch ging von
+da an ein stilles Einverst&auml;ndnis zwischen Vater und
+Sohn einher. F&uuml;r diese beiden war &uuml;berhaupt das
+Ungl&uuml;ck der armen Brigitte ein freilich noch tiefverschleiertes
+Gl&uuml;ck. Denn die Reue, die der Kasimir,
+und das Mitleid, das beide empfanden, zwang sie,
+ihrer kargen Natur einiges an Zartheit, G&uuml;te und
+F&uuml;rsorge abzuringen, um der armen Kranken das
+Leben zu erleichtern, was alles ihnen selber wieder
+<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">135</a></span>zugute kam. Es geschah aber das Wunderbare, da&szlig;
+das gequ&auml;lte Gesch&ouml;pf, die Brigitte, in aller ihrer
+Leibes- und Seelennot dennoch wieder etwas von dem
+alten Lachen fand, zuerst nur selten und fast widerwillig,
+aber sp&auml;ter sich selbst unwiderstehlich. Das
+war, als sie sah, wie die beiden M&auml;nner, der alte und
+der junge, ihre ungeschickten Versuche machten, sie
+aufzuheitern und das d&uuml;ster gewordene Haus zu erhellen.
+Es war ihr wie jemandem, der zusieht, wie
+unerfahrene H&auml;nde sich m&uuml;hen, verquollene Fensterladen
+aufzumachen, um Licht in einen dunklen Raum
+zu lassen, und der endlich hingeht, um es selber zu
+tun, da doch keine Aussicht ist, da&szlig; es anders hell
+werde. Denn die urspr&uuml;ngliche und gottbegnadete
+Heiterkeit hatte in der ganzen Familie doch nur Brigitte
+allein, und es wurde ihr nach und nach klar,
+da&szlig; es alles nichts helfe, sie m&uuml;sse den versch&uuml;tteten
+Quell wieder ausgraben, da sie ohne ihn nicht leben
+k&ouml;nne, und auch die andern darnach d&uuml;rsteten. Das
+ging freilich nicht ohne blutende H&auml;nde ab und nicht
+ohne Verzweiflung am endlichen Gelingen. Es wurde
+ihr nichts erspart an qualvollem Verlangen nach Gl&uuml;ck
+und vollem Menschenleben, besonders wenn sie andere
+in aller Ruhe und Gottergebenheit erleben sah,
+was sie selber, wenn es ihr zuteil geworden w&auml;re,
+mit Seelenjauchzen und Wonnest&uuml;rmen in sich ausgetragen
+h&auml;tte.</p>
+
+<p>Doch,&ldquo; unterbrach sich Zeitler, &bdquo;es hat schlie&szlig;lich
+niemand das Recht, davon zu reden, da sie selber es
+nicht tat. Wenn sie aber,&ldquo; fuhr er fort, &bdquo;von einem
+Anlauf nach der festen Burg der Herzensstille und
+des sich Gen&uuml;genlassens erm&uuml;det zur&uuml;cksank, so malte
+sich ein so ehrlicher und ratloser Kummer in den Gesichtern
+<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">136</a></span>der M&auml;nner, da&szlig; sie es nicht mitansehen
+konnte und sich wieder aufraffte, und wieder, wenn
+sie ein heiteres Gesicht und einen kleinen Scherz
+zuwege brachte, so erhellten sich die trockenen und
+verlegenen Mienen so sehr, da&szlig; es ihr ein best&auml;ndiger
+Reiz war, die Verwandlung zu sehen und
+hervorzubringen.</p>
+
+<p>Was aber zuerst nur kraftlose und gequ&auml;lte Versuche
+waren, das entwickelte sich im Lauf der Jahre
+durch ehrliche und anhaltende &Uuml;bung zu einem lebendigen
+und ungest&ouml;rten Besitz, um den sie die meisten
+Menschen, in deren Dasein es immer glatt und eben
+zugegangen ist, beneiden k&ouml;nnten, wenn sie dazu die
+F&auml;higkeit h&auml;tten, ja zu einer Quelle, nach der es
+verst&auml;ubte und m&uuml;de Wanderer hinzieht und niemals
+umsonst. Nat&uuml;rlich steckt da noch allerlei darin und
+dahinter, zu dem, wie zu einer verschlossenen Brunnenstube,
+sie allein den Schl&uuml;ssel hat. Doch kann
+man immerhin an einem frisch und unerm&uuml;dlich
+sprudelnden Brunnen merken, wie die aus der Tiefe
+steigende Quelle beschaffen sein mu&szlig;.</p>
+
+<p>Der Kasimir hatte schon l&auml;ngst bei sich selber
+beschlossen, unverheiratet zu bleiben, um der
+Schwester ein dauerndes Heim bieten zu k&ouml;nnen.
+Das h&auml;tte unter Umst&auml;nden ein schweres Opfer sein
+k&ouml;nnen, das wohl auch die klare und nat&uuml;rlich empfindende
+Frau, die Brigitte ist, niemals angenommen
+h&auml;tte. Aber sie sah bald, da&szlig; sie dem Bruder
+mehr geben k&ouml;nne, als er ihr, ja, da&szlig; der etwas
+trocken und karg ausgestattete Mensch nicht so viel
+mitteilende Lebenskraft habe, da&szlig; es um die Ehe,
+die er h&auml;tte f&uuml;hren k&ouml;nnen, schade gewesen w&auml;re. Sie
+lie&szlig; ihn ruhig gew&auml;hren, ohne es ihm auf die Nase
+<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">137</a></span>zu binden, wie sie die Sache auffa&szlig;te, so da&szlig; er das
+erw&auml;rmende Gef&uuml;hl behielt, ihr zur S&uuml;hne f&uuml;r einen
+ungezogenen Augenblick sein ganzes Leben zum Opfer
+zu bringen, was ihm wohl tat und ihn, wenn er es
+hie und da bedachte, erhebend anr&uuml;hrte. Oder vielleicht
+auch noch anr&uuml;hrt,&ldquo; schlo&szlig; der Zeitler, dem es
+pl&ouml;tzlich einzufallen schien, da&szlig; die Personen, die er
+aus der Vergangenheit heraufgeholt hatte, wo er
+ihnen irgendwie n&auml;her gestanden sein mu&szlig;te, noch da
+waren, ja, da&szlig; ich begierig Horchender jeden Tag um
+sie war.</p>
+
+<p>Es war inzwischen fast ganz Nacht geworden,
+aber nicht eigentlich dunkel, denn am wolkenlosen
+Himmel waren die Sterne sichtbar geworden und
+flimmerten wie Fenster, auf denen der Widerschein
+eines Lichtes liegt; auf dem weiten Gr&auml;berfeld webte
+und r&uuml;hrte sich allerlei, aber es waren nur die Geb&uuml;sche,
+die der leise Nachtwind regte, oder die weichen,
+langen Zweige der Trauerweiden, die sachte
+hin und her wogten; D&uuml;fte kamen in weichen Wellen
+heran und umgaben uns, und ich dachte an meine
+Mutter und da&szlig; sie gesagt hatte: Die Toten haben
+keine andere Sprache, um uns zu sagen: Verge&szlig;t
+uns nicht, denkt an uns. Aber es war nichts von
+Grausen dabei, denn es h&uuml;llte mich ein gro&szlig;es
+Wohlsein ein. Ich f&uuml;hlte eine quellende Liebe im
+Herzen und wu&szlig;te nicht, galt sie der siegreichen Brigitte
+oder dem kleinen S&ouml;nnchen, das sie fr&uuml;her gewesen
+war, oder dem Zeitler, der mir so wunderbar
+bekannt schien, und der sich selber ganz im Dunkel
+hielt, wenn er von den andern erz&auml;hlte. Wer war
+er denn, wenn man fragen durfte? Aber man durfte
+nicht fragen, man mu&szlig;te sich ganz still halten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">138</a></span></p><p>Da sagte auf einmal Hertha mit einem kleinen
+Seufzer: &bdquo;Ach, da&szlig; die arme junge Frau die Augen
+offen gelassen hat! Aber ich lie&szlig;e sie auch offen,
+wenn ich sterben m&uuml;&szlig;te, man d&uuml;rfte sie mir nicht zudr&uuml;cken.
+Ich m&ouml;chte wissen, ob meine Mutter auch
+noch nach mir hingesehen hat, wie sie tot gewesen
+ist. Nein, sie hat es nicht getan, sie hat mich ja schon
+vorher hergegeben gehabt, mich armes Kind. Wenn
+ich nicht so vergn&uuml;gt w&auml;re, so w&auml;re ich gewi&szlig; recht
+traurig; ich habe es aber in mir, da&szlig; mich das Leben
+freut, ich kann nichts daf&uuml;r.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Zeitler stand auf und f&uuml;hrte uns zum Ausgang;
+es war mir, als sei ich in einer andern Welt
+gewesen und kehre nun wieder in die vorige zur&uuml;ck.
+Hertha sagte, als wir vor ihrer Haust&uuml;r waren: &bdquo;Ach,
+es ist schad, da&szlig; man die N&auml;chte verschl&auml;ft, aber es
+wird so sein m&uuml;ssen, scheint mir. Ich m&ouml;chte einmal
+eine Nacht durch laufen und bis in den Morgen
+hinein, durch den Wald und &uuml;ber einen Berg hin&uuml;ber,
+aber nicht allein, es m&uuml;&szlig;te zu zweit sein. Und wenn
+es hell w&uuml;rde, st&auml;nden wir oben auf einem andern
+Berg und w&auml;ren froh, da&szlig; wir schon auf sind, eh' die
+Sonne kommt, weil es schad' ist um alles, was sch&ouml;n
+ist, und man sieht's nicht.&ldquo;</p>
+
+<p>Da h&auml;tte ich doch nicht &uuml;bel Lust gehabt, sogleich
+mit ihr fortzuwandern durch schlafende W&auml;lder und
+an schwatzenden B&auml;chen hin und in den Morgen hinein.
+Aber sie schl&uuml;pfte ins Haus, und ich ging allein
+vollends in die Stadt hinein, und nach einer Weile
+hatte ich das Gel&uuml;ste schon vergessen, denn es war
+so vieles lebendig in mir an diesem Abend, es war
+gut, da&szlig; ich mit keinem Menschen reden mu&szlig;te.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">139</a></span></p><p>Einmal, nicht lang nach diesem, kam ein Brief von
+meiner Schwester Luise, der mir viel zu schaffen machte.
+Er weckte mich, der ich ganz im Hier und Heute lebte
+und genug damit zu tun hatte oder es doch meinte,
+f&uuml;r eine Weile zum Gedenken an eine Welt auf, die
+mich nur ungern und nach ihrem Daf&uuml;rhalten nur
+leihweise hergegeben hatte, die mir aus ihren treuen
+und stillen Kr&auml;ften unerm&uuml;dlich spendete, was ich bedurfte
+oder auch nur zu bed&uuml;rfen glaubte und die
+nichts zum Entgelt wollte, als etwas von mir selbst,
+ein Zugeh&ouml;ren, ein Heimdenken und freilich auch
+hie und da ein Zeichen davon.</p>
+
+<p>In der K&uuml;rze: ich schrieb wenig genug nach Hause;
+es war mir alles entweder zu gro&szlig; oder zu klein, als
+da&szlig; ich es h&auml;tte mitteilen m&ouml;gen. Auch war das
+Schreiben langweilig und jede Stunde sonst besetzt,
+und so kam es, da&szlig; meine Schwestern nur nichtssagende
+Zettel von mir bekamen. Ich brauchte W&auml;sche
+oder Stiefel, oder mu&szlig;te mir dies und das anschaffen;
+sie hatten mir einen Kuchen geschickt nach altem Rezept,
+er war gut gewesen, aber ich stand gut im Futter
+und sie brauchten mir in Zukunft nichts zum Essen
+zu schicken; ich machte einen Ausflug und gr&uuml;&szlig;te sie
+mit einer Ansichtskarte; im &uuml;brigen ging es mir gut
+und ich hoffte es auch von ihnen. Ich dachte, sie seien
+damit zufrieden, denn ich war es selber auch, und in
+ihren Briefen stand auch nichts anderes. Nun aber
+hatte Luise den Plan gefa&szlig;t, mich zu besuchen und
+sich zu dieser Reise, die ein gro&szlig;es Ereignis in ihrem
+Leben werden konnte, nach und nach ein S&uuml;mmchen
+zur&uuml;ckgelegt. Sie wollte sich ein besseres Kleid dazu
+anschaffen, ein Reisek&ouml;fferchen und dergleichen, und
+sie gedachte auch, es sich unterwegs einige Tage wohl
+<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">140</a></span>sein zu lassen und auch mir die oder jene G&uuml;te anzutun.
+Dabei rechnete sie meine Freude, mit der ich sie
+empfangen w&uuml;rde, mit der ihrigen, mich wiederzusehen,
+zusammen, und es schien ihr eine Summe, die
+es wert war, das Ersparte daran zu wenden, besonders
+wenn sie ihr Verlangen nach einer kleinen Unterbrechung
+des arbeitsreichen und einfachen Lebens,
+das sie f&uuml;hrte, noch dazu tat. Denn ich hatte die
+Freude am Sch&ouml;nen und Freien, das es auf der Welt
+gab, nicht allein gepachtet, es gab noch andere Leute,
+denen es um ein offenes Fenster nach der Sonnenseite
+hin zu tun war.</p>
+
+<p>Aber es war ein Strich durch die h&uuml;bsche Rechnung
+gemacht worden, denn es war ein Posten f&uuml;r
+ein Fahrrad eingelaufen, und zwar f&uuml;r ein gutes, da
+die billigen nichts aushielten. Daf&uuml;r h&auml;tte man
+einige Reisen machen k&ouml;nnen, aber es war jetzt nichts
+zu wollen, das Geld mu&szlig;te zuerst abbezahlt werden
+so nach und nach. Denn wer wollte sich einen h&uuml;bschen
+Hut kaufen oder einen Schirm, was beides man
+unterwegs brauchte, an die Reisekosten nicht zu denken,
+solang eine unbezahlte Rechnung im Hause lag?
+Also das war nichts gewesen f&uuml;r diesmal; man mu&szlig;te
+es auf ein anderes Jahr sparen, es war aber schade,
+denn es w&auml;re doch an der Zeit gewesen, einander
+wieder zu sehen. Nicht da&szlig; mir das Rad nicht geg&ouml;nnt
+war, aber wenn es noch ein bi&szlig;chen Zeit damit
+gehabt h&auml;tte, so w&auml;re es besser gewesen.</p>
+
+<p>Das alles war so ungef&auml;hr aus dem Brief zu
+lesen, einiges davon erg&auml;nzte ich auch in meinen Gedanken,
+denn ich konnte mir ja deutlich vorstellen,
+wie alles zu Hause zuging. Ich sah sogar das zinnerne
+B&uuml;chschen von der Mutter her, das Luise in
+<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">141</a></span>einer Schublade aufbewahrte, und das ihre Extragelder
+barg. Sie hatte es gewi&szlig; oft herausgenommen
+und die St&uuml;cke gez&auml;hlt, die darin lagen, und hatte
+dann mit Helene ausgerechnet, was alles zusammen
+kosten konnte. Nun aber war es leer, und es kam
+auch so schnell nichts mehr hinein, und das hing mit
+mir zusammen. Ich &auml;rgerte mich nicht wenig, als
+ich den Brief las bis zu dieser Stelle, aber ich wu&szlig;te
+nicht recht &uuml;ber wen oder was am meisten. Freilich
+&uuml;ber mich mu&szlig;te es eigentlich sein, ich war der schuldige
+Teil, und es half mir nichts, da&szlig; Luise mir gar
+keinen Vorhalt machte, nicht den mindesten. H&auml;tte sie
+es getan, so h&auml;tte sich mein Grimm einigerma&szlig;en
+gegen sie wenden k&ouml;nnen, denn sie h&auml;tte dann unrecht
+gehabt auf irgend eine Weise. Ich mu&szlig;te es aber
+selber tun. Aber wie? Lebte ich etwa in etwas anspruchsvoller
+als andere junge Leute, die ich kannte,
+nicht eher im Gegenteil? Und h&auml;tte ich nicht studieren
+k&ouml;nnen, wenn ich gewollt h&auml;tte? Das aber h&auml;tte
+dann noch viel mehr gekostet. Und hatte ich nicht die
+bestimmte Absicht, sp&auml;ter das Rad zu bezahlen?
+Ich ging um den wahren Kernpunkt der Sache
+herum, der darin bestand, da&szlig; die t&uuml;chtigen, liebevollen
+und guten Schwestern umsonst darnach aussahen,
+ich m&ouml;ge mein junges Sein und Wesen in
+etwas mit ihnen teilen, da sie es so unerm&uuml;dlich
+n&auml;hrten und bereicherten mit ihrer Arbeit und Sorge.
+Vielmehr glaubte ich eine Mahnung zur Dankbarkeit
+zu versp&uuml;ren, die mir unleidlich war. Obgleich ich
+keine Scheu trug, alle Opfer anzunehmen, wollte ich
+mich doch nicht verpflichtet f&uuml;hlen, sondern dachte,
+wenn man dankbar sein m&uuml;sse, so k&ouml;nne einem schon
+alles gestohlen werden, und war mir nicht bewu&szlig;t,
+<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">142</a></span>da&szlig; der Stachel, wider den ich l&ouml;ckte, in meiner
+eigenen Brust sa&szlig;, da mich ja sonst niemand angriff.
+Ich w&auml;re am liebsten auf ein paar Tage heimgefahren,
+das w&auml;re das einfachste gewesen; doch, begreiflich,
+gerade das konnte ich nicht tun, denn umgekehrt
+kostete die Reise auch Geld. Im stillen aber
+wu&szlig;te ich: wenn ich gekommen w&auml;re, sie h&auml;tten mich
+dennoch mit Jubel und Jauchzen empfangen, es w&auml;re
+etwas ganz anderes gewesen.</p>
+
+<p>Als ich den Brief wieder zur Hand nahm, wurde
+ich inne, da&szlig; ich ihn erst zur H&auml;lfte gelesen hatte; es
+lag ein zweites Blatt dabei, in dem stand geschrieben,
+da&szlig; meine Schwester Helene im Lauf des n&auml;chsten oder
+&uuml;bern&auml;chsten Jahres zu heiraten gedenke, n&auml;mlich
+wenn die Aussteuer beieinander sei. Denn auf Abzahlung
+wolle sie kein St&uuml;ck anschaffen. Sie habe
+einen guten und t&uuml;chtigen Verlobten, der ein Schreiner
+sei und es wohl einmal zum Meister bringen
+werde. Er sei &uuml;beraus sparsam und flei&szlig;ig und fange
+schon an, in den Abendstunden das eine oder andere
+St&uuml;ck f&uuml;r den einstigen Haushalt zu schreinern. Helene
+bekomme es einmal nicht schlecht; der Br&auml;utigam
+habe schon gesagt, nach der Hochzeit d&uuml;rfe sie nicht
+mehr um Geld n&auml;hen, er k&ouml;nne selber eine Frau erhalten,
+sie m&uuml;sse dann nur das Haus imstand halten
+und vielleicht ein St&uuml;ck Gem&uuml;seland, denn er esse
+gern selbstgepflanzte Bohnen und Erbsen. Freilich,
+f&uuml;r jetzt n&auml;he sie um so eifriger, sie m&ouml;chte vier H&auml;nde
+haben, um nur viel fertig zu bringen, denn alles koste
+Geld, es sei nicht zum Sagen.</p>
+
+<p>Darum wolle auch Luise von jetzt an alles, was
+mich angehe, allein bestreiten, sie sage es mir im Vertrauen,
+da&szlig; ich mich in allem an sie wenden solle.
+<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">143</a></span>Helene wolle es nicht, nat&uuml;rlich. Sie sage, es d&uuml;rfe
+in nichts anders werden, aber sie werde schon froh
+sein, wenn ihr Geldlein sich schneller aufrunde, da&szlig;
+der Schatz nicht so gar lang warten m&uuml;sse. Ich solle
+mich nichts anfechten lassen, es werde alles recht und
+gut. Das B&uuml;gelgesch&auml;ft gehe gut, es sei keine Not.
+Wenn sie nicht so altv&auml;terisch erzogen w&auml;re, so h&auml;tte
+sie die Reise trotz allem gemacht, aber ich wisse ja,
+wie die Mutter gewesen sei: lieber um und um geflickt,
+als einen Pfennig Schulden. Von der habe sie
+es auch, sie k&ouml;nne nichts daf&uuml;r. Ich solle nur freudig
+sein in meiner Jugend, es sei gut, da&szlig; ich aus dem
+Engen hinausgekommen sei, sie wollte oft selber auch,
+sie w&auml;re es. Wenn sie nur wisse, da&szlig; es mir gut
+gehe und da&szlig; ich in das Hohe und Feine hineinkomme,
+so sei es schon recht. Vielleicht wisse ich einmal
+ein gutes Buch f&uuml;r sie zum Lesen, denn das sei
+ihre Liebhaberei schon von jeher gewesen, und Sonntags
+habe sie Zeit dazu. Wenn man doch einen Bruder
+habe, der mitten in den B&uuml;chern sitze, so sei es
+ja zu machen.</p>
+
+<p>Da war es mir nun leichter und schwerer in einem.
+Denn Luise war viel zu gut und zu lieb, und man
+mu&szlig;te ihr dankbar sein, ob man wollte oder nicht,
+ja, an ihr h&auml;ngen von Herzen, so oft sie einem einfiel,
+was freilich oft lange anstand. Und Helene war Braut
+und steuerte auf das Frau-Meisterin-sein hin. Aber
+daneben war da ein Schwager, der ein Schreinergeselle
+war und von dem ich nichts wu&szlig;te, als da&szlig;
+er sparsam sei und flei&szlig;ig. Das war noch lange nichts
+Besonderes, man konnte daneben unausstehlich sein.
+Vielleicht hatte er schon einen Pik auf mich, weil ich
+noch in den Kosten war, was ihn, rund herausgesagt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">144</a></span>gar nichts anging. Es war immer so sch&ouml;n gewesen,
+als die beiden Schwestern miteinander hingelebt hatten
+und ihnen alles gemeinsam gewesen war. Es kam
+mich an wie Heimweh, aber nach dem, was sich &auml;ndern
+wollte, nicht nach dem, was neu entstand. Und heimfahren
+wollte ich jetzt gerade nicht, auch fiel der Brief,
+den ich schrieb, steif und h&ouml;lzern aus, weil ich eine
+Verlegenheit in mir trug. Wenn aber Luise h&auml;tte in
+mir lesen k&ouml;nnen, was ich eigentlich gern gesagt h&auml;tte,
+sie h&auml;tte sich nicht beklagen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Sie beklagte sich auch nicht, sondern im dritten
+Jahr meiner Lehrzeit, als diese fast zu Ende war,
+kam sie dennoch angefahren und mit ihr Lotte Meister.
+Man konnte alles nachholen, was das erstemal gewesen
+w&auml;re, und besser als damals. Denn ich war
+mittlerweile ein junger Mann im zweiundzwanzigsten
+Jahr geworden, der ein sicheres Auftreten hatte
+und sich in der Gegend auskannte; ich konnte sie herumf&uuml;hren,
+wo es sch&ouml;n war, und ich konnte ihnen sagen,
+was sie wissen wollten. Denn sie kamen sich himmelweit
+von zu Hause vor; es war ein anderes Wasser und andere
+Berge als bei uns. Die W&auml;lder sahen dunkel in
+die Stadt herein, aber die Stadt selber war heiter und
+hell. Doch hatte sie im Innern alte Stra&szlig;en und
+Tore, und das M&uuml;nster war ein Bruder von den
+unsrigen daheim. Die Leute hatten eine andere Aussprache
+als bei uns; was vom Land hereinkam, trug
+eine sch&ouml;ne und ehrenfeste Tracht, und die beiden
+hatten kein h&ouml;heres Lob daf&uuml;r, als da&szlig; sie sagten, so
+habe man es auf der Alb auch, wenigstens nicht viel
+anders. Sie schauten alles genau und ausf&uuml;hrlich an,
+<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">145</a></span>denn sie mu&szlig;ten nachher davon zehren und daheim
+davon erz&auml;hlen k&ouml;nnen; sie sahen in f&uuml;nf Tagen mehr
+als ich in drei Jahren; sie waren ruhigen und
+gesammelten Gem&uuml;tes und machten die Tore weit auf,
+um alles hereinzulassen. Da ging mir selber manches
+erst auf, als ich es ihnen zeigte, ich wunderte mich,
+wo ich meine Augen gehabt hatte, aber ich lie&szlig; es
+nicht merken, sondern tat mit allem vertraut. Es
+waren zwei stattliche, t&uuml;chtige Frauenwesen; Lotte
+war immer noch sch&ouml;n, obgleich das Leben nicht oben
+&uuml;ber sie hinwegging. Sie hatte ihr kluges und heiteres
+Gesicht behalten, wenn auch kleine F&auml;ltchen dazwischen
+hinliefen; ihre Z&ouml;pfe lagen gro&szlig; und schwer
+am Hinterkopf, und da&szlig; die Gestalt etwas an
+F&uuml;lle gewonnen hatte, pa&szlig;te ganz gut zu ihr. Luise
+hatte ich eigentlich gr&ouml;&szlig;er in der Erinnerung gehabt,
+das machte, da&szlig; sie ein wenig in die Breite ging, da
+sah sie k&uuml;rzer aus. Auch gefiel mir an ihrem Anzug
+einiges nicht so recht, ich meinte fast, sie sei in der
+losen, kurz&auml;rmeligen B&uuml;gelbluse h&uuml;bscher gewesen als
+in dem fest anliegenden und verzierten Kleid, das gut
+und neu und auch modisch war, ich war es nur nicht
+an ihr gew&ouml;hnt, und es schien ihr auch nicht ganz behaglich
+darin zu sein. Aber wenn sie den Hut abnahm,
+sah man das glatte blonde Haar um ihr gutes,
+gro&szlig;es Gesicht herum; sie trug es immer noch in einem
+Kranz aufgesteckt, und ihre blauen Augen waren so
+treu; sie brauchte gar nichts zu reden, so wu&szlig;te
+man dennoch, wie endlos gut sie es meinte. Aber sie
+sagte es auch, wenngleich mit andern Worten.</p>
+
+<p>&bdquo;Sag mir alles, was dich angeht, Ludwig,&ldquo; bat
+sie, &bdquo;du bist mir doch wichtiger als die ganze Stadt.
+Wir sind keine Briefschreiber, einmal du nicht; ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">146</a></span>verlang's auch nicht, der Mensch kann nicht aus seiner
+Haut heraus. Aber das wei&szlig;t du doch, da&szlig; wir daheim
+davon leben, wie dir's geht und was aus dir
+wird. Und &uuml;berhaupt. Du bist doch unser Einziges.
+Darum bin ich doch gekommen, ich h&auml;tte ja auch sonstwohin
+reisen k&ouml;nnen.&ldquo;</p>
+
+<p>Das h&auml;tte sie aber nicht sagen sollen, denn es
+dr&uuml;ckte mich. Man mu&szlig;te mir nicht nachlaufen; es
+w&uuml;rgte mich im Hals, da&szlig; sie so liebreich mit mir
+redete. Geschwister mu&szlig;ten es einander nicht sagen,
+wenn sie einander gern hatten. Ich hatte sie auch
+gern, aber ich sagte es nicht, sonst sp&uuml;rte ich das Gegenteil
+in mir. Alles, nur nicht an der Kette sein,
+und w&auml;re sie noch so zart und fein gesponnen. Ich
+schwieg und machte ein st&ouml;rrisches Gesicht. Aber
+Lotte Meister brach meinen Bock; sie scheute sich nicht,
+sie hatte noch immer ein Recht an mich gehabt, und sie
+durfte auch reden, denn sie brachte mir keine Opfer
+das ganze Jahr hindurch, sie stand frei vor mir und
+ich vor ihr. Sie nahm mich geh&ouml;rig her, sie fand eine
+Gelegenheit unter vier Augen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ludwig, Ludwig,&ldquo; sagte sie, &bdquo;lauf die Welt aus
+und ein, du findest keine solche Treue mehr. Du hast
+H&ouml;rner aufgesetzt und mu&szlig;t sie dir versto&szlig;en, denk' an
+mich; es kann einmal weh tun, wenn du zu dir kommst
+und merkst, was du dir selber verhunzt hast. Ich
+seh' dich wie in einem Spiegel, du brauchst gar nichts
+zu sagen. Du nimmst es den M&auml;dchen &uuml;bel, da&szlig; sie
+f&uuml;r dich schaffen und da&szlig; sie arm und einfach sind;
+du willst hoch hinaus und willst niemand etwas zu
+danken haben dabei, und bist dennoch ein Genie&szlig;er,
+der sich nichts versagen kann. Ich k&ouml;nnte dir noch
+vieles sagen, aber du verstehst es nicht, du hast noch
+<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">147</a></span>Scheuleder auf, die m&uuml;ssen dir zuerst herunterfallen,
+vorher hilft das Reden nichts. Ich meine dir's gut:
+vergi&szlig; nicht, woher du kommen bist, und da&szlig; du ein
+goldenes Klein&ouml;dlein daheim hast.&ldquo;</p>
+
+<p>Zuerst dachte ich patzig: Was habe ich denn getan?
+Was tu' ich denn Unrechtes? Es h&auml;tte nicht
+viel gefehlt, so w&auml;re es b&ouml;s ausgefallen. Aber Lotte
+sah wieder einmal aus wie die Germania auf dem
+Kriegerdenkmal; ich war ein kleiner Bub ihr gegen&uuml;ber.
+Und doch brach dabei ein so heller und wahrhaftiger
+Strahl aus ihrem Gesicht und Wesen, der
+klopfte bei mir an, da&szlig; ich auftun mu&szlig;te. Sie wartete
+auch zum Gl&uuml;ck auf keine Antwort, sondern fing
+an, kleine Dinge von daheim zu erz&auml;hlen. Da&szlig; ihre
+alte Mutter das Nervenzittern noch verloren habe, es
+sei wie ein Wunder, sie sei fast wieder jung; da&szlig;
+das lustige M&auml;dchen Hermine seinem Feldwebel angetraut
+sei, und da&szlig; ihre, Lottens, Kinder wie die
+T&auml;nnlein heranwachsen, es sei schade, wenn ich sie
+nicht sehe, sie seien im nettsten Alter.</p>
+
+<p>&bdquo;Da sind sie, glaub' ich, schon lang drin,&ldquo; sagte
+ich und lachte. Da lachte sie auch, und als Luise zu
+uns trat, waren wir in einer Fr&ouml;hlichkeit, an der sie
+unverz&uuml;glich teilnahm, denn sie sp&uuml;rte freudig, da&szlig;
+ein Riegel aufgegangen sei.</p>
+
+<p>Ich hatte denn auch, angesto&szlig;en wie ich war,
+vieles mitzuteilen, das mir die beiden Getreuen begierig
+abnahmen; ich h&auml;tte noch mehr haben k&ouml;nnen,
+es w&auml;re ihnen nicht zu viel gewesen.</p>
+
+<p>Im vorigen Winter hatte ich Kolleg geh&ouml;rt bei
+einem Geschichtsprofessor. Es war ein Prachtsmensch
+mit einem silbernen Bart. Man meinte, er sei dabeigewesen,
+als Napoleon seinen Leuten unter den &auml;gyptischen
+<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">148</a></span>Pyramiden sagte: &bdquo;Jahrtausende schauen auf
+euch hernieder.&ldquo; Manchmal schlo&szlig; er die Augen, wenn
+er redete, und manchmal griff er mit der gespreizten
+Hand in die Luft, da holte er sein Wissen her, es stand
+in F&uuml;lle um ihn herum. Er kannte mich; er hatte zu
+Herrn Hagenau gesagt, ich h&auml;tte Augen gemacht
+wie ein hungriger Hund. Wenn er in den Laden kam,
+sagte er: &bdquo;Mein lieber Fugeler.&ldquo;</p>
+
+<p>Literaturvortr&auml;ge h&ouml;rte ich auch. Und ich las
+viel, aber davon war nicht anzufangen; es geh&ouml;rte
+zum Beruf und zur allgemeinen Bildung. Man
+konnte ein Buchh&auml;ndler sein so oder so, ich hatte aber
+im Sinn, etwas Rechtes zu erreichen. Ich sprach mit
+ernsthafter Wichtigkeit, und die beiden Frauen h&ouml;rten
+mir mit Andacht zu, Lotte aber mit einem leisen
+Zweifel, ob man der Sache in allem richtig trauen
+k&ouml;nne; wenn ja, dann wollte sie mir gern mit Achtung
+begegnen. Sie hatte mich abgekanzelt, aber sie war
+ja dennoch froh, wenn etwas Rechtes mit mir los war,
+denn sie hatte mich gern, und sie g&ouml;nnte es den
+Schwestern, wenn sie mit mir zu Ehren kamen.</p>
+
+<p>Luise sa&szlig; still und freudig dabei. Wenn ihr etwas
+das Herz regte, so nannte sie den Mutternamen. &bdquo;Das
+m&ouml;chte die Mutter freuen,&ldquo; sagte sie, als ich preisgab,
+man lasse mich im Hause Hagenau etwas gelten
+und habe mich ersichtlich gern. Auch sei die Kundschaft
+im Laden mir zugetan. Herr Kasimir hatte vor
+kurzem gesagt, ich solle nach der Lehrzeit noch ein
+Jahr im Hause bleiben und dann mich in der Welt
+umsehen, er wisse mir schon Pl&auml;tze. Nachher sehe
+man wieder. Das schwellte mich, ich sah einen gesicherten
+Weg vor mir, und au&szlig;erdem tat es meiner
+jungen Selbstherrlichkeit gut, da&szlig; der schweigsame und
+<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">149</a></span>zugekn&ouml;pfte Herr auf einmal anfing, mit mir ins Benehmen
+zu treten. Er sprach &uuml;ber das und das mit
+mir, gab mir Briefe zu schreiben und B&uuml;cher zu lesen,
+lobte oder kritisierte, was ich tat und lie&szlig; hie
+und da unverhofft bei Tisch oder sonstwo die Blicke
+auf mir liegen, als ob ich ihm zu denken gebe.</p>
+
+<p>Ich dachte zufrieden, es seien ihm die Augen &uuml;ber
+mich aufgegangen und er fange an zu merken, da&szlig; er
+gut mit mir fahre. Auch sei er l&auml;ngst nicht so trocken,
+wie man von weitem meine, sondern ein feiner und
+zur&uuml;ckhaltender Mensch, der sich seine Leute zuerst
+ansehe, ehe er sich mit ihnen gemein mache.</p>
+
+<p>Das alles lie&szlig; ich vor den beiden spielen, fing
+aber unversehens einen Augenwink von Lotte Meister
+auf, der sagte: Ach du, ich seh' dich ja durch und durch,
+mach' mir nichts weis. Es lag ein bi&szlig;chen gutm&uuml;tiger
+Spott darin bei aller Freundschaft, das stach und streichelte
+mich zu gleicher Zeit.</p>
+
+<p>Luise aber sah in die Zukunft hinein wie in einen
+goldenen Becher, denn ich kam immer mehr aus ihren
+Sorgen, und man sah, da&szlig; kein Grund vorhanden
+war, &uuml;ber mich zu k&uuml;mmern, denn ich wurde recht,
+man konnte mich ruhig laufen lassen. Sie war es
+nicht gew&ouml;hnt, sorgenfrei zu sein, sie hatte seinerzeit
+von der Mutter ein B&uuml;ndel &uuml;bernommen und es bis
+hieher getragen, nun lachte etwas im Grund ihres
+Herzens: es ist dann nicht so, da&szlig; ich nicht auch lustig
+sein kann, wenn die Zeiten darnach sind. Nur her
+mit den guten Zeiten, ich habe schon lang auf sie gewartet.
+Sie fing an auszuladen, was sie von daheim
+wu&szlig;te.</p>
+
+<p>Helene w&auml;re gern mitgekommen, aber es mu&szlig;te
+ihr ums Geld sein. Der Schwager Schreiner hatte
+<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">150</a></span>gro&szlig;e Rosinen im Sack; n&auml;mlich es war eine Schreinerei
+feil, ein altes Lottergestell von einem Haus freilich,
+aber nicht teuer und mit einer Kundschaft darauf,
+die nicht zu verachten war. Sie wollten noch ein Jahr
+mit der Hochzeit warten und zusammenlegen, was
+jedes verdiente, dann war dem schweren Anfang schon
+etwas abgebrochen. Vielleicht zog Luise mit und mietete
+den unteren Stock f&uuml;r ihre B&uuml;gelei, es half den
+Schreinersleuten auf, man konnte gemeinsame Haushaltung
+machen und beisammen bleiben. Sie zog ein
+Bild des Brautpaars aus dem Ledert&auml;schchen, das sie
+am Arm trug. Helene war schmal und fein und hatte
+ein zartes Gesicht mit einem lieben, aber etwas
+m&uuml;den Ausdruck. Das sei immer so bei den Br&auml;uten,
+die lange warten m&uuml;ssen, erkl&auml;rte Luise, es sei begreiflich
+und habe gute Gr&uuml;nde. Sie sei aber gesund
+und munter, nur schaffe sie zu viel; es sei gut, wenn
+das sp&auml;ter anders komme. Im Haus herum schaffen
+sei ges&uuml;nder als das ewige Sitzen bis sp&auml;t in die
+Nacht hinein.</p>
+
+<p>Der Schreiner stand hinter ihr mit gezwirbeltem
+Schnurrbart und mit Besitzermiene. Ich konnte ihn
+nicht leiden, seit ich von seinem Vorhandensein wu&szlig;te,
+und als ich ihn sah, noch weniger. Es ging etwas
+Feindliches von ihm aus, das aber mich allein anging,
+sonst mochte er ein guter Kerl sein, und er war
+auch ansehnlich von Gestalt und stand stramm und
+aufrecht da wie ein Feldwebel in Zivil. Ich durfte
+nicht sagen, was mir durch den Kopf ging, es war
+aber oft so bei mir.</p>
+
+<p>Luise sagte noch zu seiner Empfehlung, da&szlig; er
+Zither spiele und nie ins Wirtshaus gehe und auch
+nicht rauche. Da war mir eines so verha&szlig;t wie das
+<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">151</a></span>andere, denn man sah an allem, da&szlig; er ein Leimsieder
+war und sich etwas darauf einbildete, da&szlig; er sparsam
+und flei&szlig;ig sei. Mit solchen Leuten ma&szlig; ich mich von
+vornherein nicht, denn es gab h&ouml;here Eigenschaften,
+man sprach aber nicht davon.</p>
+
+<p>Es lauerte in der Zukunft eine unangenehme Begegnung
+mit ihm auf mich, das sp&uuml;rte ich sogleich,
+aber ich lie&szlig; mir nichts gefallen und sah schon dem
+Bild kalt in die Augen. Helene aber nahm ich aus;
+sie tat mir leid, weil sie dazwischen stehen mu&szlig;te, es
+war aber so der Lauf der Welt.</p>
+
+<p>Von dem allem wu&szlig;te Luise nichts. Sie war
+voller Lobpreis &uuml;ber eine Begegnung mit Fr&auml;ulein
+Brigitte, die sie soeben gehabt hatte. &bdquo;Sie w&auml;r's
+allein schon wert, da&szlig; man hierher reiste, so gibt's
+nicht viele Leute. Du hast nie geschrieben, wie sie
+ist, Ludwig. Wie eine Schwester mit unsereinem, oder
+wie eine Mutter. Auf hundert Schritt sieht man,
+was das f&uuml;r ein Mensch ist, lauter G&uuml;te bis auf den
+Grund. Man sagt sonst den Krummen nichts Gutes
+nach. Je kr&uuml;mmer, desto schlimmer, hei&szlig;t's im Sprichwort.
+Aber die ist &uuml;ber ihren Berg hin&uuml;bergestiegen,
+mag sie's gemacht haben, wie sie will, es mag nicht
+leicht gewesen sein.&ldquo;</p>
+
+<p>Da lie&szlig; ich meine Wissenschaft auffahren, die ich
+von dem Zeitler hatte; denn es sollte niemand meinen,
+da&szlig; man mir erst den Star stechen m&uuml;sse, was
+Fr&auml;ulein Brigitte betraf. Man konnte nicht alles
+heimschreiben, es war besser, auch noch etwas zum
+Reden aufzuheben, und ich kannte sie genauer als
+die meisten Menschen, ich hatte es aber seither f&uuml;r
+mich behalten.</p>
+
+<p>Lotte Meister sa&szlig; dabei und dachte sich ihr Teil,
+<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">152</a></span>man konnte es ihr ansehen, sie hatte nichts zu verstecken
+in ihrem offenen Gesicht. Sie wu&szlig;te auch, wie es war,
+wenn man &uuml;ber Berge hin&uuml;bersteigen mu&szlig;, sie hatte
+es erlebt. Und sie dachte, f&uuml;r mich k&ouml;nne es vielleicht
+noch kommen, bis jetzt wisse ich alles nur vom H&ouml;rensagen.
+Aber sie hatte es doch anders als Fr&auml;ulein
+Brigitte. Denn diese mu&szlig;te ihre Last lebensl&auml;nglich
+mit sich herumtragen, aber Lotte war aus der Tr&uuml;bsal
+hervorgegangen wie aus einem Bad: gesund an Leib
+und Seele, stark und aufrecht wie ein Baum, und war
+eine Kindermutter, w&auml;hrend die andere mit leeren
+H&auml;nden im Leben stand und nur einen geheimnisvollen
+Schatz mit sich herumtrug, dessen Widerschein
+aus ihren Augen gl&auml;nzte.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Als ich meine beiden Besucherinnen nun an die
+Bahn geleitete, stand ich mit zufriedenen Sinnen bei
+ihnen, weil sie einen so guten Eindruck von mir hinwegnahmen.
+Ich sah sie schon heimkommen, ihre kleinen
+Geschenke austeilen, die sie hier am Orte mit
+Bedacht ausgew&auml;hlt hatten, die Reisekleider versorgen
+und in die allt&auml;glichen schl&uuml;pfen, und h&ouml;rte sie erz&auml;hlen,
+wie sch&ouml;n die Gegend und die Stadt sei, in
+der ich lebe, wie ich bei rechten und guten Leuten
+sei, die mich gern h&auml;tten und etwas auf mich hielten,
+wie ich als einziger Junger unter lauter &auml;lteren
+Herren mich munter und als einer, der sich zu regen
+wisse, bewege, und so mehr, was ich mir alles in
+Gedanken zugute schrieb. Ja, jeden sch&ouml;nen Platz, den
+ich ihnen gezeigt, die Aussicht, die wir vom Berge
+herab auf das Flu&szlig;tal, auf die Stadt mit ihren vielen
+T&uuml;rmen und das von leichtem Dunst umwallte Gebirge
+gehabt hatten, die Fr&ouml;hlichkeit, in der wir beisammen
+<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">153</a></span>gewesen waren, sah ich als eine Art Gastgeschenk
+an, das sie von mir empfangen hatten, und
+ich f&uuml;hlte mich reich und froh, da&szlig; alles gut ausgefallen
+war, so da&szlig; ich mit gehobenem Mut von einer
+zur andern schaute. Denn ich mochte gern in gutem
+Andenken zur&uuml;ckbleiben, aber mitzufahren verlangte
+es mich nicht, wir hatten doch verschiedene Arten, zu
+leben. Da, als wir so standen und auf den Zug warteten,
+kam auf einmal der Zeitler gegangen, wie ich
+nach Herthas Beispiel den Oberaufseher des Friedhofs
+nannte. Er ging mit einem kurzen Gru&szlig; vor&uuml;ber,
+kehrte aber noch einmal um, da ihm, wie er sagte,
+noch rechtzeitig eingefallen sei, da&szlig; dies die Meinigen
+sein werden, von deren baldiger Ankunft ich ihm schon
+erz&auml;hlt hatte. Denn jener abendliche Besuch mit
+Hertha war nicht der einzige geblieben, den ich ihm
+machte inmitten seiner stillen Gesellschaft. Ich hatte
+ihn aber immer nur in der losen Joppe mit Hirschhornkn&ouml;pfen
+gesehen, die er im Dienst trug, und in
+der M&uuml;tze mit dem Abzeichen seines Berufs, nun
+trug er, da er eine kleine Reise vorhatte, einen dunklen
+Anzug nach feinem, aber &auml;lterem Zuschnitt und
+einen weichen, breitrandigen Filzhut und sah sehr ver&auml;ndert
+aus, so da&szlig; ich ihn erstaunt betrachtete. Zum
+Staunen war es mir aber auch, mit welch ritterlicher
+und herzlicher H&ouml;flichkeit er die beiden Frauen begr&uuml;&szlig;te
+und mit ihnen redete ein paar Minuten lang,
+so da&szlig; diese ganz erw&auml;rmt zur&uuml;ckblieben und sich
+wunderten, was das f&uuml;r ein Freund von mir sei,
+denn als einen solchen gab ich ihn in der Geschwindigkeit
+aus.</p>
+
+<p>Als der Zeitler weggegangen war, sagte Luise
+zu Lotte Meister: &bdquo;Es ist schade, da&szlig; der Ludwig
+<span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">154</a></span>es sich nicht mehr denken kann: der Mann sieht doch
+ganz und gar dem alten Stadtpfarrer M&ouml;bius gleich.&ldquo;
+Und sie erz&auml;hlte eine Geschichte davon, da&szlig; dieser heimatliche
+Geistliche, den man im Gegensatz zu j&uuml;ngeren
+Kollegen nur den alten Herrn genannt habe, als
+letzte Amtshandlung meine Taufe und zwar am
+Bett meines kranken Vaters vorgenommen habe. Als
+nun der geistliche Herr mit den netzenden Fingern
+meine kleine Stirn ber&uuml;hrt habe, sei es ihm aufgefallen,
+wie ich ihn mit gro&szlig;en, offenen Augen betrachtet
+und pl&ouml;tzlich das Gesicht zu einem L&auml;cheln
+verzogen habe. Er sei, dies ansehend, leicht erbla&szlig;t,
+wie einer, der eine Ersch&uuml;tterung im Innern versp&uuml;rt
+und habe nach einer fast unmerklichen Pause seine
+Amtshandlung fortgesetzt, aber nachher zu meiner
+Mutter gesagt, die mich im Arm hielt, es sei ihm
+gewesen, wie wenn ich kleines Seelchen eine Botschaft
+an ihn h&auml;tte aus dem Lande, von dem ich herkomme.
+Das habe ja aber freilich jedes Kind, wenn man recht
+in die unschuldige Tiefe seiner Augen zu versinken
+wisse, indessen sei es ihm heute besonders aufgefallen.
+Meine Mutter habe zu diesem nicht recht etwas zu
+sagen gewu&szlig;t; der alte Herr sei aber am Abend
+desselben Tages an einem Schlaganfall gestorben
+und habe es also wohl schon vorher in sich gehabt.
+Ich tat nicht viel dergleichen, als ob mich die Geschichte
+aus meiner fr&uuml;hesten Kindheit interessiere, im stillen
+aber war es mir, als habe ich noch eine Erinnerung
+an das alte Gesicht, das sich &uuml;ber mich geneigt habe,
+und es fiel mir wieder ein, wie es mir mit dem Zeitler
+beim ersten Sehen gegangen war. Doch konnte das ja
+freilich nicht sein, wie ich mir sagte, da ja die
+menschliche Erinnerung so weit nicht zur&uuml;ckreicht. Ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">155</a></span>blieb aber doch in wunderlich aufger&uuml;hrter Stimmung
+stehen, und sah mich, als ich allein durch die Stra&szlig;en
+ging, als kleines Kindlein auf dem Arm meiner
+Mutter liegen und dem alten Herrn mit gro&szlig;en
+Augen entgegenl&auml;cheln. Was f&uuml;r eine Botschaft
+konnte er aber empfangen, und was konnte ich neugeborenes
+Wesen ihm zu sagen gehabt haben? Aus
+welchem Lande war ich gekommen? Doch aus dem
+Leibe meiner Mutter, die mich z&auml;rtlich und traulich
+bei sich gehabt hatte, bis ich gro&szlig; genug war, um
+ein eigenes Leben zu f&uuml;hren?</p>
+
+<p>Es &uuml;berlief mich eine weiche und dunkle Woge,
+als ich so meines Ursprungs gedachte, den der alte
+Herr mit ahnendem Sinn noch von weiter her geleitet
+hatte. Vielleicht hatte er eine Stimme vernommen,
+die zu den Alten und Jungen sprach: &bdquo;Kommet
+wieder, Menschenkinder,&ldquo; und die ihn nun beim Namen
+rief. Ich wu&szlig;te es nicht und besann mich auch nicht
+weiter dar&uuml;ber, da ich ja, fern vom Anfang und vom
+Ende, mitten im Leben stand, aber ich sp&uuml;rte den Zusammenhang
+mit beiden auf eine kurze Weile, wie
+wohl ein Wanderer, der an einer Brunnenstube vorbeikommt,
+sein Ohr einen Augenblick an die T&uuml;r legt
+und die unterirdischen Wasser brausen h&ouml;rt, dann
+aber wieder weiter geht, weil genug fr&ouml;hliche B&auml;che
+am Tageslicht springen.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Wenn ich gerade einen derartigen Vergleich brauchen
+will, so war das Blumenm&auml;dchen Hertha ein
+solches B&auml;chlein, das &uuml;ber allerlei Steine hinrieselte
+seinem freudigen Lebensgesetz nach und mit klarem
+Wasser, soviel auch Gelegenheit zur Tr&uuml;bung um den
+<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">156</a></span>Weg gewesen w&auml;re. Was mich betrifft, so war ich
+nicht schuldig, da&szlig; das h&uuml;bsche und gute M&auml;dchen so
+herzlich und traulich wie ein Nachbarskind mit mir
+verkehrte. Denn ich h&auml;tte es wohl nicht schwer genommen,
+eine Liebelei mit ihr anzufangen, da ja
+andere auch dergleichen taten und sie mir wohlgefiel
+in ihrer unverstellten und heiteren Nat&uuml;rlichkeit.
+Ich machte ein paarmal Abendspazierg&auml;nge mit ihr,
+wenn ich nichts anderes vorhatte und es mich darnach
+gel&uuml;stete. Sie konnte tun, was sie wollte, denn sie
+stand allein in der Stadt und hatte niemand, der auf
+sie achtete, wenn es nicht in gewissem Sinn der Zeitler
+tat. Sie tat es aber selbst, und das war es, was
+mich wunderlich an sie kn&uuml;pfte. Es war an einem
+Fr&uuml;hlingsabend gewesen. Wir hatten uns ausruhend
+auf eine Bank gesetzt, und das M&auml;dchen hatte begonnen,
+mit halber Stimme ein Volksliedchen zu
+singen. Da war es mich, als ich ihre schlanke Gestalt
+und ihr helles, h&uuml;bsches Gesicht so neben mir sah,
+angekommen, ein wenig z&auml;rtlich mit ihr zu sein, und
+ich fing an, da ich keine &Uuml;bung darin hatte, halb
+zut&auml;ppisch und halb verlegen mit den L&ouml;ckchen an
+ihrem Nacken zu spielen. Sie litt es auch schweigend
+und wie in einem kleinen Wohlsein, aber als ich dadurch
+ermutigt, den ganzen Kopf zu mir her&uuml;berbiegen
+wollte, sah sie mir ernsthaft in die Augen und sagte:
+&bdquo;Nein, das mu&szlig;t du nicht tun, Ludwig. Sieh', ich
+will dir etwas sagen, das habe ich schon lang im
+Sinn. Ich k&ouml;nnte dein Schatz sein, das w&auml;re leicht
+zu machen, denn man kann etwas mit dir anfangen,
+du bist leicht zu bewegen. Aber ich will es doch nicht
+sein. Ich habe mir vorgenommen, da&szlig; ich einen
+Schatz haben will, der mich heiratet, und ein solcher
+<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">157</a></span>bist du nicht. Du nimmst eine Feine und Vornehme,
+ich wei&szlig; es f&uuml;r sicher, und wenn es eine Rechte ist und
+die gut zu dir pa&szlig;t, so ist es mir auch recht. Ich hab'
+dich gern, ich mu&szlig; es grad sagen, von allem Anfang
+an, seit ich dich gesehen habe. Ich kenne dich auch gut,
+denn du bist leicht zu kennen, und ich bin nicht dumm.
+Du kommst von einfachen Leuten her, das hast du noch
+an dir, du mu&szlig;t nicht meinen, du m&uuml;ssest es verstecken,
+ein mancher w&auml;r' froh, er w&auml;re her wo du bist. Gescheit
+bist du auch und hast viel gelernt und lernst immer
+noch mehr dazu. Du wirst ein Herr und vergissest mich,
+und das mu&szlig; alles so sein. Aber wenn wir jetzt mit
+K&uuml;ssen und Lieben eine sch&ouml;ne Zeit h&auml;tten, so lie&szlig;e ich
+dich nicht mehr leicht fahren. Ach Gott, so ist es vielleicht
+meiner Mutter gegangen. Vielleicht hat sie
+einen sch&ouml;nen und feinen Schatz gehabt und hat nicht
+mehr aufh&ouml;ren k&ouml;nnen. Ich habe oft dran denken
+m&uuml;ssen. Ich mu&szlig; oft die Leute ansehen, ob nicht
+vielleicht mein Vater unter ihnen herumlaufe, der
+sch&ouml;nste und nobelste k&ouml;nnte es sein. Ich bin ein
+armes Kind, es nimmt mich wunder, da&szlig; ich so recht
+geworden bin, es d&uuml;nkt mich, ich habe selber Respekt
+vor mir.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber als sie das gesagt hatte, liefen ihr auf einmal
+die Tr&auml;nen &uuml;bers Gesicht. Sie wischte sie aber
+mit den H&auml;nden weg und schlenkerte die Tropfen von
+sich, es kam gleich wieder ein Lachen hintendrein.</p>
+
+<p>Ich aber sa&szlig; dabei und h&auml;tte sie gern in den Arm
+genommen und gek&uuml;&szlig;t, sie war mir noch viel lieber
+als vorher, denn da war es nur eine Spielerei gewesen,
+jetzt aber d&uuml;nkte sie mich auf einmal etwas
+K&ouml;stliches zu sein, hold und z&auml;rtlich und wie vom
+Himmel gefallen. Aber ich durfte sie mit keinem
+<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">158</a></span>Finger anr&uuml;hren, sie war um und um zu respektieren.
+Und einiges stach mich aber auch an ihrer Rede, denn
+sie tat, als wisse sie in allem von mir Bescheid und
+k&ouml;nne &uuml;ber mich hinweg beschlie&szlig;en, was mit mir sei,
+ich konnte aber nichts darauf entgegnen, sie hatte das
+Oberwasser in unsrer ganzen Sache. Da streckte sie
+mir auf einmal die Hand her und sagte: &bdquo;Wir wollen
+gut Kamerad miteinander sein, so lang wir k&ouml;nnen.
+Vielleicht heirate ich einmal einen G&auml;rtner; er f&uuml;hre
+gut mit mir, denn ich k&ouml;nnte ihm das Gesch&auml;ft in die
+H&ouml;he bringen, ich verstehe meine Sache. Ich habe
+mir's vorgenommen, ein rechter Mann soll es gut
+haben bei mir, ich wollte, ich h&auml;tte ihn schon. Der
+Zeitler hat gut reden vom Ledigsein, f&uuml;r mich ist es
+nichts. Ich mu&szlig; Kinder haben und einen Mann.
+Dann, wenn ich eine G&auml;rtnersfrau bin, kaufst du
+einen Rosenstock bei mir f&uuml;r deine Frau Liebste. Du
+kannst es ihr kecklich sagen, da&szlig; du mich schon ledig
+gekannt habest; es ist keine Schande. Du kannst es
+aber auch bleiben lassen, kurz und gut. Ich wollte,
+du w&auml;rest selber der G&auml;rtner, das m&uuml;&szlig;te ein Leben
+sein. Aber du bist es nicht, das ist aus und vorbei;
+du solltest mein Bruder sein, das w&auml;re das beste.&ldquo;</p>
+
+<p>Als sie das gesagt hatte, gab sie mir pl&ouml;tzlich
+einen Ku&szlig; und stand auf, weil es anfing, dunkel zu
+werden. Ich h&auml;tte ihr gern auch einen oder etliche
+gegeben, aber im w&auml;hrenden Reden war es mir klar
+geworden, da&szlig; sie recht habe und da&szlig; ich es nicht
+d&uuml;rfe. Sie durfte es wohl, es war ein- f&uuml;r allemal
+gewesen, das sp&uuml;rte ich.</p>
+
+<p>Wir gingen schnell bis in die Stadt, da trennten
+wir uns. Dann gingen wir vier Wochen lang nicht
+mehr spazieren.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">159</a></span></p><p>Aber das lag nun eine Zeitlang zur&uuml;ck, und jetzt
+waren wir im Zug miteinander wie gute alte Bekannte.
+Manchmal sahen wir uns oft und manchmal
+selten, aber wenn es geschah, dann war es immer so,
+da&szlig; mich eine Lust nach der Traulichkeit und Einfachheit
+meiner Kinderheimat anwandelte, von der
+ich auch bei dem guten M&auml;dchen etwas fand, wenngleich
+sich in ihre lautere Fr&ouml;hlichkeit manchmal ein
+wenig Wehmut mischte, die ich hinnahm, ohne ihrem
+Grund nachzufragen.</p>
+
+<p>Hertha sagte, als sie meine Schwester gesehen
+hatte: &bdquo;Jetzt wei&szlig; ich erst, was mir fehlt von klein
+auf. Ich m&ouml;chte von deiner Mutter tr&auml;umen heute
+nacht. Sie m&uuml;&szlig;te mich zum Kind annehmen und
+Luise m&uuml;&szlig;te meine Schwester sein. Wenn ich mir's
+nur getraut h&auml;tte, ich h&auml;tte ihr einen Ku&szlig; gegeben
+oder einen Blumenstrau&szlig;. Ach Gott, es gibt Menschen,
+die wachsen in einem Paradiesg&auml;rtlein auf und
+wissen's nicht; mich hat meine Mutter auf einen
+Steinhaufen gesetzt: Da wachse daher, wenn du kannst.&ldquo;</p>
+
+<p>Dabei sah sie mich zornig und z&auml;rtlich an, aber
+die Z&auml;rtlichkeit galt nicht mir, sondern meiner Jugendheimat.
+Einmal erfuhr ich, da&szlig; Herthas Mutter vom
+Lande gewesen und noch jung, nachdem sie das Kind
+irgendwo in Pflege gegeben habe, in einer gro&szlig;en
+Stadt an einer Zehrkrankheit gestorben sei. Da
+ging nun vielleicht in dem lieben M&auml;dchen eine rechtschaffene
+b&auml;uerliche Urahne um, die pflanzen und
+schaffen und in Ehren sein wollte, und aber auch ein
+Gro&szlig;vater, der Freude am Sch&ouml;nen und Ernsten gehabt
+hatte, eine Mutter voller Lebensdrang und ein
+Vater von leichtsinnig spielerischer Anmut. Sie hatte
+von allen das beste bekommen, und es bl&uuml;hte aus
+<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">160</a></span>ihr heraus zum Zeichen, da&szlig; die Natur Wunder genug
+hat, und wenn sie will, einen Dornbusch in der
+Wildnis mit tausend Bl&uuml;ten bedecken, einen Rosenstock
+im Garten aber kr&auml;nkeln lassen kann.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Herr Kasimir hatte seit einiger Zeit etwas Munteres
+und Aufgewachtes an sich, das ihn pl&ouml;tzlich viel
+j&uuml;nger erscheinen lie&szlig; als sonst. Er schaffte sich einen
+Hund an, mit dem er weite Spazierg&auml;nge machte und
+mit dem er sich zuweilen eifrig unterhielt. Er gew&ouml;hnte
+das Tier durch Pfeifen und Locken, Befehle
+und Zurufe an sich, brachte es aber nicht so weit, da&szlig;
+es ihn unbedingt als Herrn respektierte, was ihm
+manchen &Auml;rger bereitete. Es war ein ungew&ouml;hnlich
+sch&ouml;ner Sp&auml;tsommer, und jedermann suchte ihn zu genie&szlig;en,
+so gut er konnte, Herr Kasimir aber flog aus
+wie ein Falter, der eine Ahnung hat, da&szlig; seine Zeit
+kurz ist. Er kam zu allerlei Zeiten durch den Laden
+gegangen mit straffen Schritten, seinen hellen Panamahut
+auf dem Kopf und den Hund hinter sich
+drein. Dann h&ouml;rte man ihn eilig die Stra&szlig;e hinuntergehen,
+irgendwohin ins Freie. Es gab ein
+Sommertheater, und es gab Gartenkonzerte, und als
+die Trauben reiften, gab es Herbstfeste und Suserfahrten
+an den Kaiserstuhl und ins Markgr&auml;fler
+Land. Und &uuml;berall war mein Herr Kasimir dabei,
+ich hatte ihn entweder noch nie gekannt, oder
+ich kannte ihn jetzt nicht mehr. Mit mir war er in
+einer neuen Art vertraut, nicht mehr so v&auml;terlich oder
+g&ouml;nnerhaft wie die Zeit vorher, sondern fast kameradschaftlich
+munter; er klopfte mir etwa auf die Achsel
+oder blinzelte mir vergn&uuml;gt und pfiffig zu, als ob er
+sagen wollte: &bdquo;Ja, nicht wahr, wir Jungen, wir
+<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">161</a></span>schaffen es schon,&ldquo; oder dergleichen. Ich wu&szlig;te nicht
+recht, was ich mit dieser seiner neuen Natur anfangen
+sollte; er f&uuml;hrte vielleicht etwas Besonderes mit mir
+im Schilde, oder er war im Schlaf gelegen seither und
+hatte jetzt pl&ouml;tzlich die Augen aufgemacht, denn das
+sch&ouml;ne Wetter allein konnte den Umschwung nicht
+vollbringen.</p>
+
+<p>Da h&ouml;rte ich eines Tages einen der Gehilfen zum
+Buchhalter sagen: &bdquo;Es hat ihn wieder einmal,&ldquo; und
+als ich die Ohren spitzte, erfuhr ich, da&szlig; der trockene
+und scheinbar ausgemergelte Herr von einer Liebesflamme
+entz&uuml;ndet sei, wie ihm das in l&auml;ngeren Zeitr&auml;umen
+regelm&auml;&szlig;ig widerfahre, und die allemal so
+lange brenne, bis der m&auml;&szlig;ige Vorrat an Lebens&ouml;l in
+ihm ersch&ouml;pft sei. Dann sinke der angekohlte Docht
+in seine vorige Trockenheit zusammen, und Herr Kasimir
+sei wieder der n&uuml;chterne und &uuml;brigens gescheite
+und t&uuml;chtige Gesch&auml;ftsmann, als den man ihn im allgemeinen
+kenne.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;ten nicht, da&szlig; ich, im Nebenraum auf
+einer hohen Leiter stehend, ihr Gespr&auml;ch mitanh&ouml;rte,
+und setzten es fort, indem sie &uuml;ber sein Benehmen
+gegen mich sich aufhielten. Man merke schon, wo es
+hinaus wolle, es sei nicht das erstemal, da&szlig; er einen
+jungen Fant heranziehe, der dann entweder mi&szlig;rate
+oder ihm sonst durch die Latten gehe. Mit mir nun
+sei es ein Getue, als ob er mich selbst erzeugt h&auml;tte,
+was freilich dem Alten passen k&ouml;nnte, der es ja soweit
+nicht gebracht habe. Ausgeschlossen sei es nicht, da&szlig;
+ich mich dauernd ins Haus schlachten lasse, denn ich
+sei eitel und ein Streber und dazu arm, es k&ouml;nnte
+mir passen, mich eines Tages in eine Goldgrube, und
+die dazu ein vornehmes Ansehen genie&szlig;e, hineinzusetzen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">162</a></span>Man sei aber dann auch noch da, und so
+weiter. Ich h&ouml;rte begierig zu mit wechselnden Gef&uuml;hlen,
+bis mir unversehens ein Buch aus der Hand
+fiel und sein Gepolter die beiden schwatzenden Hausgeister
+erschreckt verstummen lie&szlig;, was ich ihnen g&ouml;nnen
+mochte. Ich lie&szlig; sie aber im Zweifel, ob ich etwas
+geh&ouml;rt habe, und fuhr in meiner Arbeit des Einordnens
+einer Sendung fort, freilich nur zum Schein,
+denn es ging mir genug Neues durch den Kopf, und
+ich hatte nur zu tun, es alles an seinen Platz zu
+stellen. Es war aber bald geschehen, denn ich hatte
+&Uuml;bung in Zukunftspl&auml;nen, und als es Zeit zum
+Essen war, stieg ich die Treppe zum oberen Stock
+empor als der zuk&uuml;nftige Inhaber der Firma; es
+mu&szlig;te mir aber einiges umgebaut und versch&ouml;nert
+werden an dem alten Hause, schon meiner Frau zulieb,
+die es pr&auml;chtig gew&ouml;hnt war.</p>
+
+<p>Herrn Kasimir sah ich mit neugierigen Augen
+an, wie ich ihm am Tisch gegen&uuml;bersa&szlig;. Man konnte
+ihm ein Vergn&uuml;gen g&ouml;nnen, das ohnehin kurz w&auml;hrte,
+da der Gegenstand seines sp&auml;ten Feuers nur f&uuml;r einige
+Wochen in der Stadt war und bald wieder in die
+Pfalz reiste, woher sie, eine lustige und feurige Dame
+in mittleren Jahren, auf Besuch gekommen war.
+Dann mu&szlig;te er wieder bescheiden zur&uuml;cktreten und
+anderen Platz machen, die jung und mit allen Lebensrechten
+neben ihm daherwuchsen, und eigentlich
+konnte er einem leid tun. Fr&auml;ulein Brigitte sa&szlig; in
+ihrer sch&ouml;nen, gelassenen W&uuml;rde da und war ihm
+weit &uuml;ber, er aber griff nach geschehener S&auml;ttigung
+nach dem Hut und flog auf, und das setzte er noch
+eine Zeit hindurch fort. Ich sah ihn an einem abendlichen
+Gartenfest, an dem ich auch teilnahm, mit der
+<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">163</a></span>&uuml;ppigen und heiteren Pf&auml;lzerin tanzen und nachher
+mit ihr an dem Waldsee, an dessen Ufer das Fest gefeiert
+wurde, sich ergehen. Da lachte er laut und
+sprach lebhaft und mit &uuml;bergl&auml;nztem Gesicht, und mir
+fiel des Zeitlers Erz&auml;hlung von der jungverstorbenen
+Mutter Hagenau ein, und ich dachte, es sei doch
+auch ein kleiner Spritzer von ihrem Lebenssaft in den
+Sohn gefahren, der sich nur freilich zur Unzeit bemerklich
+mache und auch nicht lang vorhalte.</p>
+
+<p>Letzteres war bald zu erleben. Als der Herbst die
+bunten Farben, die er angez&uuml;ndet hatte und das
+freudige Leben in der Natur wieder ausl&ouml;schte, und
+im Flu&szlig;tal die Nebel geisterten, sa&szlig; Herr Kasimir
+wieder am Abend in seiner Ecke und h&ouml;rte seine
+Schwester Klavier spielen, oder er las die Zeitung
+oder pflog mit &auml;lteren Herren politische Gespr&auml;che
+und war in allem ein Haupt, vor dem man aufstand.
+Was in ihm umging, sah man nicht, denn er hatte
+sein Gesicht wieder zugekn&ouml;pft. Manchmal tat er
+einen kleinen Seufzer und sagte: &bdquo;Ach ja,&ldquo; oder er
+l&auml;chelte in sich hinein und wiegte den Kopf dazu.
+Der Hund lag am Ofen und schlief, und nur
+manchmal tat er einen kurzen Blaff, oder er fuhr
+empor und warf mit leichtsinniger Geb&auml;rde das linke
+Schlappohr zur&uuml;ck, und die alte Magd Salome, die
+um ihn herumsteigen mu&szlig;te, sagte: &bdquo;Es tr&auml;umt ihm.&ldquo;
+Doch sagte sie nicht, ob sie den Herrn oder den Hund
+meinte, es h&auml;tte je nachdem beiden gelten k&ouml;nnen,
+denn sie sahen ein jeder seinen Sommerfreuden nach.
+Ich aber r&uuml;stete mich, in die Welt hinauszugehen.</p>
+
+<p>Es war eine Stelle in einer gro&szlig;en Buchhandlung
+einer mitteldeutschen Stadt f&uuml;r mich ausgemacht, zu
+der Herr Kasimir alte Beziehungen hatte. Alles war
+<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">164</a></span>geebnet und gebahnt f&uuml;r mich, wie es von jeher immer
+gewesen war, und ich wei&szlig; nicht, soll ich das Leben
+darum anklagen oder soll ich ihm daf&uuml;r danken. Es
+wird wohl alles so gewesen sein, wie es mu&szlig;te, und es
+war mein Schicksal, das ich in mir selber trug, wie
+ein Nachtwandler meinem unerhellten, selbsts&uuml;chtigen
+Ich nachzugehen, das mich auf breiten Stra&szlig;en zu
+Schuld und schweren Lasten gelangen lie&szlig;. Vielleicht
+h&auml;tte mich eine arme, sehnliche Jugend fr&uuml;her aufgeweckt,
+dem Schl&auml;fer gleich, den unter d&uuml;nner Decke
+schaudert und der erwacht, weil der kalte Wind durch
+seine Dachkammer streicht. Ich bin erst sp&auml;t erwacht.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Brigitte war in den letzten Wochen
+&ouml;fters krank gewesen, was neu an ihr war oder
+mir wenigstens schien, denn sie war sonst immer
+dagewesen, freundlich und voller Teilnahme an allem
+und auch an mir. Nun fehlte sie hie und da am
+Tisch, und ich h&ouml;rte, da&szlig; sie an einer Krankheit
+leide, die ihre Kr&auml;fte unwiderruflich nach und nach
+verzehre. Herr Kasimir sa&szlig; dann in einer halb verlegenen
+Bek&uuml;mmernis mir gegen&uuml;ber, sprach nicht
+oder raffte sich nur hie und da zu irgendeiner
+Bemerkung auf, an die er gleich nachher nicht mehr
+dachte, und es war ein bedr&uuml;cktes Beisammensein.
+Wenn aber Fr&auml;ulein Brigitte dann nach Tagen
+wieder im Wohnzimmer erschien, so fand ich, sie sehe
+aus wie sonst und dachte, es werde nicht so schlimm
+sein, wie die Leute meinten; es schien mir dann wieder
+alles in Ordnung zu sein, denn sie geh&ouml;rte ohne
+Frage in die altbekannten R&auml;ume, und wenn sie
+da war, fehlte nichts. Doch h&auml;uften sich die F&auml;lle,
+<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">165</a></span>in denen sie zur&uuml;ckgezogen leben mu&szlig;te, und mein
+Reisetag kam heran, als eben wieder eine schmerzenvolle
+Nacht auf einen &uuml;blen Tag gefolgt war. Ich
+sa&szlig; am Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch und wartete auf Herrn Kasimir,
+als er hereinkam und sagte: &bdquo;Meine Schwester
+l&auml;&szlig;t Sie bitten, noch in ihr Schlafzimmer zu
+kommen; es geht ihr nicht gut, und sie kann Ihnen
+auf keine andere Weise Lebewohl sagen.&ldquo; Ich ging
+mit einigem Herzklopfen hin&uuml;ber und betrat einen
+lichten Raum, in dem ich noch nie gewesen war,
+und der mir pl&ouml;tzlich alles Leben des Hauses zu
+umfassen schien. Es war, als ob hier die Quelle sei,
+von der aus die andern R&auml;ume irgendwie gespeist
+w&uuml;rden und ohne die alles &ouml;de und leer w&auml;re.
+Fr&auml;ulein Brigitte sa&szlig;, von vielen Kissen gest&uuml;tzt,
+im Bett. Ihr Gesicht war bla&szlig; und trug die Spuren
+&uuml;berstandener Schmerzen, und mehr noch taten das
+die H&auml;nde, die schmal und wei&szlig; auf der Decke lagen
+und hie und da leise zuckten. Aber etwas an ihr
+deuchte mich sch&ouml;ner als je zu sein, ich mu&szlig;te sie verstohlen
+betrachten, w&auml;hrend ich ihr gegen&uuml;ber sa&szlig;.
+Das Verwachsene ihrer Gestalt war nicht so sichtbar
+wie sonst, denn sie war um und um eingeh&uuml;llt in
+ein gro&szlig;es Tuch von weicher, mattwei&szlig;er Seide, und
+der Kopf ruhte in flaumigen Kissen wie eine m&uuml;de
+Blume. Aber das war es nicht allein, was mir
+auffiel; es war vielmehr ein triumphierendes Leuchten
+in den gro&szlig;en gl&auml;nzenden Augen und ein
+L&auml;cheln um den feinen Mund, zu was beidem sie
+nach meiner Meinung weniger als je Veranlassung
+gehabt h&auml;tte.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir sagen uns nun Lebewohl,&ldquo; sagte die Kranke,
+&bdquo;und es wird auf immer sein. Sie kommen wieder,
+<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">166</a></span>mein Bruder hofft es, aber dann bin ich nicht mehr
+da.&ldquo; Sie sagte es mit einer gelassenen und fast
+heiteren Freundlichkeit, so etwa, als ob sie von
+einer Reise oder l&auml;ngeren Ortsver&auml;nderung spr&auml;che,
+die sie vorhabe, und als ich eine erschreckte Bewegung
+machte, hob sie eine der wei&szlig;en H&auml;nde wie
+abwehrend und lie&szlig; sie m&uuml;de wieder fallen. Dabei
+l&auml;chelte sie mich gut und bekannt an.</p>
+
+<p>&bdquo;Sie m&uuml;ssen nicht erschrecken,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Ich
+wei&szlig;, da&szlig; meine Zeit herankommt, das ist ja gut.
+Wenn Sie nicht fortgingen, w&uuml;rde ich es nicht
+sagen. So darf ich es wohl.&ldquo; Sie machte eine
+Pause, als sinne sie vor sich hin, dann fuhr sie
+fort: &bdquo;Es ist nicht so, da&szlig; ich lebensm&uuml;de w&auml;re, das
+m&uuml;ssen Sie nicht meinen. Ich habe das Leben lieb,
+es ist eine gro&szlig;e und k&ouml;stliche Sache, und weil ich
+seine Sch&ouml;nheit habe hart erstreiten m&uuml;ssen, drum
+liebe ich es um so mehr.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich f&uuml;hlte, wie mir eine dunkle R&ouml;te bis unter
+die Haare stieg. Denn ich glaubte mich von ihr
+durchschaut in meinem Herumsp&uuml;ren an ihrem Wesen
+und Schicksal, und es durchfuhr mich hei&szlig;, da&szlig; sie
+so k&ouml;niglich vor mir war, als eine Un&uuml;berwundene,
+die mich aus freiem Willen zu sich hineinsehen
+lie&szlig;. Sie hatte niemals von sich geredet, nun tat sie
+es, und es war der Abschied.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe einen langen und harten Krieg hinter
+mir,&ldquo; sagte sie, &bdquo;davon k&ouml;nnten diese W&auml;nde reden;
+drau&szlig;en brauchte es niemand zu sehen. Aber ich
+g&auml;be keinen von allen meinen Schmerzen her;
+ich habe sie wohl alle gebraucht, und nun sie weit
+dahinten liegen, bin ich froh und reich. Ich bliebe
+<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">167</a></span>gern noch hier. Ich habe immer versucht, ganz im
+Jetzt und im Tag zu leben und nicht an dem herumzusp&uuml;ren,
+was nachher k&auml;me. Das reut mich nicht.
+Ich glaube, da&szlig; wir uns auf das n&auml;chste Stadium,
+das etwa unser harrt, am besten vorbereiten, indem
+wir das jetzige ganz erleben. Wir brauchen auch alle
+Kr&auml;fte dazu. Aber jetzt h&ouml;re ich die fernen Str&ouml;me
+der jenseitigen Welt brausen und wei&szlig;, da&szlig; sie mich
+davontragen werden auf ihren Wellen. Da will ich
+es nun lieber freiwillig tun, ehe mich die Sinne und
+Gedanken verlassen, n&auml;mlich mein Leben hingeben
+als etwas Kostbares, ja das einzige, was ich besitze,
+und mit mir geschehen lassen, was da wolle.&ldquo;</p>
+
+<p>Als sie das sagte, stand eine so gro&szlig;e, ja heldenm&uuml;tige
+Tapferkeit in ihrem Gesicht geschrieben und
+ein so freier und harter Wille, sich in das Sterben
+zu schicken, da&szlig; mich ein uns&auml;gliches Staunen &uuml;berkam.
+Denn es war, als ob eine K&ouml;nigin aus Glanz
+und Gl&uuml;ck und im vollen Reichtum aller Kr&auml;fte
+davongerufen werde und sich dazu hergebe, Kronen
+und Kleinodien auf den Altar niederzulegen, da
+doch ein m&uuml;hseliges und entbehrungsreiches Leben
+sich dem Ende zuneigte.</p>
+
+<p>Ich hatte dergleichen noch nie gesehen und konnte
+kein Wort sagen; es war ein Sturm von Verehrung
+und auch von Not und Schmerz in mir.
+Denn ich merkte in diesem letzten Augenblick, wieviel
+ich hier zur&uuml;cklasse, da ich doch gemeint hatte, als
+ein Freier, und dem das Gl&uuml;ck hold war, in die Welt
+hinauszuziehen. Ich konnte wiederkommen, wenn ich
+wollte, ich konnte aber auch drau&szlig;en finden, was
+mich nach meinem eigenen Willen hielt und band.
+Bis jetzt war mir der Himmel voller Geigen gehangen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">168</a></span>und nun auf einmal sauste es mir in den
+Ohren: Bleib da, geh' nicht, denn es geht hier
+Gro&szlig;es, ja Unerme&szlig;liches vor, wie magst du dem entrinnen,
+und was ist drau&szlig;en so wichtiges wie das?</p>
+
+<p>Ich lie&szlig;, um meine Verlegenheit zu verbergen,
+meine Augen an den W&auml;nden hingehen und sah,
+obgleich sie von verhaltenen Tr&auml;nen erf&uuml;llt waren, die
+Umgebung an, in der die Pflanze aufgebl&uuml;ht war,
+die vor dem Welken so starken Glanz und Duft
+verbreitete.</p>
+
+<p>Es hing ein sch&ouml;ner Stich des Ecce-Homo von
+Carlo Dolce zu H&auml;upten des Bettes und an der
+L&auml;ngsseite ein Holzschnitt nach Albrecht D&uuml;rers Ritter,
+Tod und Teufel. Der Ritter zog seine Stra&szlig;e
+ohne Wanken und lie&szlig; einen, wie mir schien, sp&ouml;ttischen
+Blick nach den Ungeheuern hinlaufen, die
+ihm den Weg abschneiden wollten, aber unter ihm
+hing ein uns&auml;glich liebliches Bildchen in Wasserfarben:
+Eine sch&ouml;ne, junge Frau mit einem j&auml;hrigen
+Kind auf dem Scho&szlig;, das sie z&auml;rtlich umfa&szlig;t
+hielt und auf dessen weiches Rundgesichtlein
+ihre Augen mit warmem Glanz niedersahen. Das
+mu&szlig;te wohl die Mutter sein, die nach des Zeitlers
+Erz&auml;hlung noch im Tode die Augen nicht hatte von
+ihren Kindern abwenden k&ouml;nnen, was ich auf einmal
+wohl begriff.</p>
+
+<p>Auf der wei&szlig;en Decke lag ein schmales Lesezeichen,
+das wohl einem der wenigen, vielgelesenen B&uuml;cher
+entfallen war, die bequem erreichbar auf einem h&auml;ngenden
+Ebenholzgestell lagen. Es trug in Lapidarschrift
+von purpurroter Farbe die Inschrift: Ich, die
+aber von den liegenden Balken eines schwerf&auml;lligen
+Kreuzes ausgestrichen war. Als Fr&auml;ulein Brigitte sah,
+<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">169</a></span>da&szlig; meine Augen darauf lagen, machte sie eine Handbewegung,
+als wollte sie es wegnehmen, denn es hatte
+wohl noch nie ein fremder Blick auf der kleinen Malerei
+geruht, die vielleicht viel bedeutete in ihrem Leben,
+aber sie lie&szlig; das Bildchen dann doch liegen, als verlohne
+es sich nicht mehr, etwas zu verstecken. Mochte
+ich doch ruhig ihre Waffenkammer betrachten und
+die Schilder und Schwerter, die ihr geholfen hatten,
+den Riesen zu erschlagen, da ja nun der Sieg erfochten
+war. So kam es mir vor, und pl&ouml;tzlich sah ich
+einen ihrer leuchtenden Blicke auf mir liegen und
+das geheimnisvoll triumphierende L&auml;cheln wieder um
+ihren Mund spielen. Sie suchte nach einem Wort,
+das ihr auf die Lippen treten wollte, als der Arzt
+ins Zimmer trat und ich, widerstrebend genug, gehen
+mu&szlig;te nach einem kurzen Lebewohl, das, wie ich
+wu&szlig;te, eins f&uuml;r immer war. Es w&auml;re noch so vieles
+auszusprechen gewesen, sowohl von mir als auch von
+ihr, aber es war nun abgeschnitten und konnte nie
+mehr nachgeholt werden.</p>
+
+<p>Ich trat ins Wohnzimmer, wo ich noch einige
+Kleinigkeiten hatte liegen lassen.</p>
+
+<p>Da reizte es mich, einen Augenblick in den
+Stuhl an Fr&auml;ulein Brigittens Arbeitstisch zu sitzen,
+wo ich sie so oft gesehen hatte, und spielend den einen
+oder andern Gegenstand, der ihr geh&ouml;rte, in die
+Hand zu nehmen.</p>
+
+<p>Unter einem kleinen Notizblock lag ein mit Bleistift
+beschriebener Zettel von ihrer Handschrift, und
+ich konnte keinen Augenblick der Versuchung widerstehen,
+ihn f&uuml;r mich zu behalten, denn es war mir,
+als enthalte er das Wort, das sie f&uuml;r mich auf den
+<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">170</a></span>Lippen gehabt, aber nicht habe aussprechen m&ouml;gen,
+als ich ihn las.</p>
+
+<p>Er fing mitten in einem Satz an und lautete:
+&bdquo;Doch nahm ich zu allem, was mir begegnete, diese
+eine Stellung ein. Es sei Liebes oder Leides gewesen,
+so sagte ich ihm: ich lasse dich nicht, du segnest
+mich denn, und so habe ich schlie&szlig;lich, wenn auch mit
+verrenkter H&uuml;fte den Sieg behalten, und ich bin dennoch&ldquo;&nbsp;&ndash;
+da endete die Schrift auf dem Bl&auml;ttchen,
+dessen unendlichen Lebensinhalt ich von ferne einen
+Augenblick ahnte, ohne einer Erg&auml;nzung zu bed&uuml;rfen.
+Ich barg den Zettel in meiner Brusttasche,
+wozu ich eben noch Zeit hatte, da Herr Kasimir eintrat
+und ich auch von ihm Abschied nehmen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Er l&auml;chelte mich, als ich ihm die Hand reichte,
+hilflos traurig an, und sagte, indem er seine Augen
+an mir herauf und hinunter gehen lie&szlig;, mit bedr&uuml;ckter
+Stimme: &bdquo;Ja, ja, die Jahre vergehen, es ist
+unglaublich, wie schnell sie vergehen und wie sich alles
+&auml;ndert,&ldquo; was ich freilich ebensogut als Ausdruck der
+Trauer &uuml;ber mein Scheiden wie &uuml;ber die Verg&auml;nglichkeit
+der Dinge &uuml;berhaupt ansehen konnte und
+worauf ich nichts zu erwidern wu&szlig;te. Wir tauschten
+noch ein paar Worte ohne viel Inhalt, denn er
+horchte mit halbem Geh&ouml;r nach dem Gang hinaus,
+da er den Arzt sprechen wollte, ehe dieser das Haus
+verlie&szlig;; ich aber war in aufger&uuml;hrten Gedanken
+und Gef&uuml;hlen besch&auml;ftigt, einige S&auml;tze in mir zu
+formen, die ich gern der Fr&auml;ulein Brigitte noch
+gesagt h&auml;tte zum Abschied. Ja, es war mir in diesem
+Augenblick, als k&ouml;nne ich nicht gehen, denn hier sei
+der Urquell des Lebens, und er m&uuml;sse auch mich
+gleichg&uuml;ltigen und unbewu&szlig;ten Burschen segnen, da
+<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">171</a></span>ich seither blind an ihm vorbei gestolpert sei. Aber
+die Minuten gingen vor&uuml;ber, und ich vers&auml;umte auch
+hier den Augenblick &uuml;ber meiner Herzensunruhe. Es
+ging drau&szlig;en die T&uuml;r, und ich h&ouml;rte pl&ouml;tzlich Herrn
+Kasimir sagen: &bdquo;So leben Sie denn wohl, lassen Sie
+von sich h&ouml;ren und vielleicht kehren Sie uns einst zur&uuml;ck&ldquo;;
+ich f&uuml;hlte seinen H&auml;ndedruck und sah ihn hinausgehen,
+um den Arzt noch zu erfassen, und ich blieb
+zur&uuml;ck, ohne ihm, wie ich wollte, Dank und Anh&auml;nglichkeit
+ausgesprochen zu haben, wozu ich immerhin
+Veranlassung gehabt h&auml;tte. Da legte sich noch ein
+weiterer Stein auf mein Reisegem&uuml;t, und ich ging
+aus dem Hause, dem ich nun ferner nicht mehr angeh&ouml;rte,
+mit bedr&uuml;cktem Herzen, da ich doch hatte
+als ein Liebling des Lebens und mit geschwellten
+Segeln ausfahren wollen.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Es dauerte aber nicht lange mit dem Tr&uuml;bsinn
+und mit der Herzbewegung bei mir. Ich war nicht
+dazu angelegt, und ich war stets dem Gegenw&auml;rtigen,
+Neuen und T&auml;glichen aufgetan. Auch h&ouml;rte
+meine Jugend andere Str&ouml;me brausen, als die,
+von denen Fr&auml;ulein Brigitte gesprochen hatte, und
+die sie auch in Wahrheit von dannen trugen. Es
+war ein halbes Jahr sp&auml;ter, als ich die Nachricht von
+ihrem Tode erhielt. Ich fand sie eines sp&auml;ten Abends
+in meinem Zimmer, als ich aus einer politischen
+Versammlung dahin zur&uuml;ckkehrte, warm und angeregt
+vom genossenen Wein und mehr vom Disputieren, an
+dem ich mich zwar nicht &ouml;ffentlich, aber nach Schlu&szlig;
+der Versammlung an einem Tisch voller Bekannten
+und Gesinnungsgenossen beteiligt hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">172</a></span></p><p>Ich fing zu dieser Zeit an, aus allen Brunnen
+zu trinken, mehr im Gef&uuml;hl der Freiheit und
+da&szlig; mir jegliches offen stehe, als aus besonderem
+Gel&uuml;ste nach dem und jenem. Ich nahm am &ouml;ffentlichen
+Leben teil, indem ich Versammlungen von
+allerlei Art besuchte und meine Meinung &uuml;ber alles
+unverzagt preisgab in den Wirtshaussitzungen, die
+sich daran kn&uuml;pften, und gab mir in bezug auf
+Bescheidenheit im Reden, Meinen und Auftreten
+weiter nicht viel M&uuml;he. Es war damals nichts um
+den Weg, was mich am seidenen oder goldenen
+Faden gelenkt h&auml;tte zu irgendeiner ernsteren Besinnlichkeit,
+einer Liebe oder Fr&ouml;mmigkeit hin, oder
+wenn etwas da war, so wu&szlig;te ich es nicht oder
+gedachte nicht seiner. Als ich an jenem Abend
+mein Zimmer betrat und die Lampe anz&uuml;ndete,
+taumelte ein dunkler Falter, der auf dem Tisch
+gesessen haben mochte, auf und tat summend schwerf&auml;llige
+Fl&uuml;gelschl&auml;ge um das Licht her, und ich sah
+ihm gedankenlos zu oder vielmehr in abwesenden,
+selbst&auml;ndig sich tummelnden Gedanken, bis er sich
+einen Augenblick niedersetzte und ich den Brief entdeckte,
+auf dem er sa&szlig;. Er war von Herrn Kasimirs
+steifer Handschrift, der nur an gewissen Stellen wohlerwogene,
+w&uuml;rdige Schn&ouml;rkel angeh&auml;ngt waren und
+freilich auch, ihm selbst unbewu&szlig;t, hie und da kleine,
+l&auml;cherliche Schw&auml;nzchen, die das Entz&uuml;cken eines graphologischen
+Seelenk&uuml;ndigers gewesen w&auml;ren. Nun,
+ich verstand nichts davon und dachte auch damals
+nicht an dergleichen, sondern es durchfuhr mich beim
+Anblick des Briefes sogleich das Wissen um seinen
+Inhalt und machte mich pl&ouml;tzlich ganz n&uuml;chtern, wach
+und ernsthaft.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">173</a></span></p><p>Der Brief war nicht so kurz, als ich h&auml;tte erwarten
+k&ouml;nnen, da es sich um die Mitteilung eines
+Trauerfalls handelte. Und er war auch nicht gleich
+nach dem Hingang der sch&ouml;nen Seele entstanden,
+sondern etwa vierzehn Tage sp&auml;ter, als dem Schreiber
+in seinem leeren Hause bereits zum vollen Bewu&szlig;tsein
+gekommen war, was er verloren hatte,
+und wie einsam er nun war. Es ging eine r&uuml;hrende
+Klage durch das Blatt hindurch, da&szlig; er nicht genug
+erkannt habe, was f&uuml;r einen Reichtum er besitze
+und ihn nicht in seinem vollen Wert gesch&auml;tzt habe,
+da&szlig; er die Verstorbene vielleicht habe Mangel leiden
+lassen an br&uuml;derlicher Liebe und Aufmerksamkeit
+und es nun nicht mehr nachholen k&ouml;nne. Ja, ja, es
+sei immer eine Mahnung da, die sage: &bdquo;O lieb',
+so lang du lieben kannst,&ldquo; aber man beachte sie zu
+sp&auml;t.</p>
+
+<p>Das alles kam mir unrichtig vor f&uuml;r seinen
+Fall, da ja die Geschwister stets eintr&auml;chtig zusammen
+gehaust hatten, fast wie Mann und Frau, und ich
+nicht begriff, was Herr Kasimir verfehlt haben wollte.</p>
+
+<p>Ich war noch zu unerfahren, um zu wissen, wie
+beim Scheiden sich alles Erlebte unter einem
+Brennpunkt zusammendr&auml;ngt, und alles, Liebe, Leid,
+erlittener und zugef&uuml;gter Schmerz, Getanes und Unterlassenes,
+frisch und neu da ist und noch einmal
+vor dem Herzen steht in unbestechlicher Wahrhaftigkeit.
+Da ist wohl keiner, der sich sagen kann, da&szlig;
+er nichts vers&auml;umt und nichts falsch gemacht habe
+und sich nicht noch einmal das Vergangene zur&uuml;ckw&uuml;nscht,
+auch nur auf einen Augenblick, um das
+Mangelhafte zu verbessern. Selbst, wenn er lebendig
+gelebt hat und sich seiner selbst und des andern stets
+<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">174</a></span>bewu&szlig;t war, geht es ihm so, wieviel mehr f&auml;llt den
+die Wirklichkeit des Geschiedenseins mit scharfen
+Klauen an, der halb im Traum dahin gegangen ist
+und auf einmal aufschreckend sieht, was f&uuml;r immer
+hinter ihm liegt, unerreichbar f&uuml;r Liebe und Reue.</p>
+
+<p>So denke ich jetzt. Wie es in dieser Hinsicht
+mit Herrn Kasimir bestellt war, wei&szlig; ich nicht. Es
+gab mir ein wichtiges Gef&uuml;hl meiner selbst, da&szlig; er
+mich erw&auml;hlt hatte, als denjenigen, bei dem er sich
+aussprach, und ich setzte mich noch in der Nacht hin,
+um ihm allerlei weise Trostgedanken, die mir
+einfielen, zu schreiben; ich kam aber nicht weit damit,
+denn w&auml;hrend des Schreibens wurde mir
+erst recht die Tatsache bewu&szlig;t, da&szlig; auch ich
+etwas verloren hatte, und zwar etwas Kostbares,
+dessengleichen ich so leicht nicht wieder fand. Ich
+starrte in die Lampe und lie&szlig; die Bilder der Jahre,
+die nun schon Vergangenheit waren, an mir vor&uuml;berziehen,
+soweit Fr&auml;ulein Brigitte darin zu sehen war
+in all ihrer feinen G&uuml;te, Herzlichkeit und siegreichen
+Freudigkeit. Das mangelhafte K&ouml;rperliche, das sie
+mit so viel W&uuml;rde getragen hatte, war nun abgefallen,
+und sie war hoch, aufrecht, sch&ouml;n und triumphierend
+irgendwie herausgestiegen, was man zwar
+nicht beweisen konnte, mir aber unwiderleglich sicher
+schien, so wenig ich sonst &uuml;ber derlei Dinge nachdachte.
+Und mich ergriff pl&ouml;tzlich eine heftige Sehnsucht
+nach ihr, als ob ich eine Liebste verloren h&auml;tte;
+ich legte den Kopf auf den Tisch und sagte leise
+ihren Namen, schreckte aber entsetzt auf, als mich
+etwas Weiches, Feines wehend anr&uuml;hrte. Es war
+aber nur der Fenstervorhang, der vom Nachtwind
+bewegt, um mich herumspielte. Doch wu&szlig;te ich in
+<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">175</a></span>diesem Augenblick, da&szlig; das Beste in mir, was ich
+war und irgend werden konnte, bei ihr eine Zuflucht
+gehabt h&auml;tte zu aller Zeit, und da&szlig; sie mir entglitten
+war in die Unendlichkeit hinein; es fror mich im
+Tiefsten, und etwas in mir erschrak, wie wenn ein
+Schl&auml;fer zwischen zwei Tr&auml;umen in die H&ouml;he f&auml;hrt
+und sich der Wirklichkeit bewu&szlig;t wird.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Ich war in meiner jetzigen Stellung nicht im
+Verkehr mit dem Publikum, wie zuvor, sondern hatte
+lediglich Korrespondenzen mit Unbekannten oder auch
+nur dem Namen nach Bekannten zu f&uuml;hren und wie
+sich versteht, auch dies nur in rein gesch&auml;ftlicher
+Beziehung, was in mir einen Hunger nach menschlich
+nahen Ber&uuml;hrungen erzeugte, denn ich konnte
+nicht gut f&uuml;r mich allein sein. Es war nun in dem
+gro&szlig;en Hause, dem ich als Angestellter angeh&ouml;rte,
+ein junger Mann, nicht viel &auml;lter als ich, doch so etwa
+drei bis vier Jahre, der mich stark anzog. Er hatte,
+wie ich erfuhr, Philologie studiert, war aber wegen
+&uuml;berm&uuml;tiger Streiche, die er auf der Universit&auml;t
+ver&uuml;bt haben sollte, und durch die er die Professoren
+gegen sich aufgebracht hatte, aus seiner Laufbahn
+geworfen worden. Doch machte er nichts weniger
+als den Eindruck etwa eines verbummelten
+Studenten oder sonst einer verkrachten Existenz. Im
+Gegenteil trat er mit gro&szlig;er Sicherheit und eher
+etwas herrisch auf, leistete viel und das mit Leichtigkeit
+und lie&szlig; gelegentlich durchblicken, da&szlig; er seinen
+jetzigen Beruf nur als &Uuml;bergang zu einem andern
+ansehe. Er wolle sich ganz der Politik widmen,
+auch etwa eine gro&szlig;e Zeitung redigieren oder
+<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">176</a></span>dergleichen, das habe indessen alles noch Zeit. Es
+war, als habe er alles in der Hand, was er sein oder
+erreichen wollte, und es blitzte auch in seinem Gesicht
+von Geist und Temperament, da&szlig; einer nur
+hinsehen und staunen und sich ihn zum Freunde
+w&uuml;nschen mu&szlig;te. Wir gingen &ouml;fters miteinander
+aus, und eines Abends in warmer und aufgeschlossener
+Stimmung lie&szlig; er sein Glas mit meinem
+zusammenklingen und bot mir das Du an. Es
+wolle bei ihm etwas hei&szlig;en, wenn er das tue, sagte er,
+er sei keiner von denen, die mit der ganzen Welt
+auf Smollis seien, ich h&auml;tte indessen etwas an mir,
+was ihn reize, mich zum Freund zu haben, obgleich
+ich ein Unschuldsl&auml;mmchen sei. Oder vielleicht gerade
+deswegen, setzte er lachend hinzu. Er m&uuml;sse
+mich seiner Mutter zeigen, die dann vielleicht neue
+Hoffnung sch&ouml;pfe, da&szlig; er auf ein b&uuml;rgerlich ehrbares
+Leben hinsteuere, wenn er mich vorweise.</p>
+
+<p>Das Unschuldsl&auml;mmchen stach mich ein wenig,
+so sehr die neue Freundschaft mich begl&uuml;cken wollte.
+Es h&auml;tte mich mehr geehrt, f&uuml;r einen leichtsinnigen
+Tausendsasa gehalten zu werden, denn f&uuml;r ein braves
+Kind, das man seiner Mutter vorzeigt, um Lob
+zu ernten. Olbrich mochte mir das angesehen haben,
+denn er sagte gutm&uuml;tig: &bdquo;Du mu&szlig;t das nicht schwer
+nehmen, im Gegenteil. Meine Mutter ist das allerfeinste,
+was ich kenne, es gibt keine Frau, die ihr
+gleicht. Wenn ich einen Freund h&auml;tte, der ihr gefallen
+sollte, so m&uuml;&szlig;te er der auserlesenste Mensch
+sein, der du vermutlich gar nicht bist. Doch sei nur
+ruhig, sie liebt mich, wie ich bin und nimmt an,
+was ich ihr bringe, obgleich es schon hie und da
+harte Brocken waren, die ich ihr zu bei&szlig;en zugemutet
+<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">177</a></span>habe.&ldquo; Er sah eine Weile vor sich hin, als
+ob er erst nachtr&auml;glich merke, da&szlig; wirklich gute Z&auml;hne
+dazu geh&ouml;rt h&auml;tten, alles zu bei&szlig;en, was er seiner
+Mutter auf den Tisch gelegt habe, und als ob er
+bedenke, da&szlig; es vielleicht auch einmal genug damit
+sein k&ouml;nnte, da man im Alter sonst gern weicheres
+Brot und leichtere Speise genie&szlig;e.</p>
+
+<p>Wie aus einem solchen Gedankengang heraus,
+sagte er, mich anblickend: &bdquo;Du hast es eigentlich
+gut in deiner Haut, die dich ordentlich auf dem
+einmal gebahnten Weg weitergehen l&auml;&szlig;t, w&auml;hrend
+in mir ein Feuer ist, das noch allerlei anstellen
+kann, und das &uuml;ber mich befiehlt. Wenn ich allein
+w&auml;re, k&auml;me es mir nicht darauf an, t&uuml;chtig in der
+Welt herumgeworfen zu werden, denn umzubringen
+bin ich nicht, aber die alte Frau tut mir leid; sie
+h&auml;tte es verdient, da&szlig; ich ihr Enkelchen ins Haus
+br&auml;chte und sie selbst Sonntags am Arm spazieren
+f&uuml;hrte als ein braver Sohn und B&uuml;rger. Aber
+ehe das geschieht, kann noch viel Wasser ins Meer
+flie&szlig;en, und kurz und gut, sie sollte dich zum Sohn
+haben anstatt meiner, wenigstens so viel ich von dir
+kenne.&ldquo;</p>
+
+<p>Das sagte Olbrich aber nur, weil er einen Mangel
+von mir f&uuml;r eine Tugend hielt und weil er der
+starken Kr&auml;fte, die ihn selber umtrieben, nicht ganz
+froh werden konnte. Ich war unberaten und zuf&auml;llig
+in meinen Beruf hinein gegangen, es h&auml;tte ebensogut
+irgendein anderer sein k&ouml;nnen, und ich h&auml;tte
+dann das Meinige darin getan, wie ich es in
+diesem tat, denn ich hatte gute Gaben und viel
+Anpassungsverm&ouml;gen, und es rief mich keine starke
+Neigung nach einer andern Seite. Auch hatte ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">178</a></span>ein lebhaftes Verlangen nach &auml;u&szlig;erem Vorw&auml;rtskommen
+und ein anererbtes Respektgef&uuml;hl vor dem
+jeweilig als Pflicht &Uuml;bernommenen, das mich zuverl&auml;ssig
+und arbeitsam sein lie&szlig;. Das war aber auch
+alles. Obwohl ich meinen Beruf leidlich ausf&uuml;llte, so
+f&uuml;llte er doch mich nicht aus; ich suchte meine Weide
+und die Stillung meines Gl&uuml;cks- und Lebensverlangens
+auf andern Wegen, deren mir ja viele offen
+standen, nicht in dem, was ein Mann &uuml;ber alles lieben
+sollte, im Zentrum meiner Lebensarbeit.</p>
+
+<p>Das alles sagte ich meinem neuen Freund nicht
+und wu&szlig;te es auch damals noch nicht wie heute,
+wo mir der rosige Nebel, der &uuml;ber allen Dingen
+lag, vergangen ist und der n&uuml;chterne Tag vieles
+klar gemacht hat, Liebes sowohl als Leides. Nur
+meiner Mutter gedachte ich einen Augenblick, als
+er von der seinigen sprach, und da&szlig; ich ihr auch
+h&auml;tte g&ouml;nnen m&ouml;gen, mich so wohlgeraten zu sehen.
+Es kamen aber Bekannte an unsern Tisch, und das
+Gespr&auml;ch ging auf allgemeine Dinge &uuml;ber.</p>
+
+<p>Olbrich z&ouml;gerte nicht lange, mich in allerlei Kreise
+einzuf&uuml;hren, in denen er bereits etwas galt und
+auch in einen Singverein, der haupts&auml;chlich klassische
+Musik zur Auff&uuml;hrung brachte. Ich war in keiner
+Weise musikalisch gebildet, aber ich pflegte auf Spazierg&auml;ngen,
+oder wenn ich in meinem Zimmer umherkramte,
+vor mich hin zu singen, was ich etwa
+geh&ouml;rt hatte und was mir im Ged&auml;chtnis h&auml;ngen geblieben
+war. Dar&uuml;ber wurde ich von Olbrich betroffen,
+der mir auf den Kopf zusagte, da&szlig; ich eine
+Stimme habe und musikalisch sei, und der nicht nachlie&szlig;,
+bis ich in den S&auml;ngerchor eingeordnet war, in
+dem er selbst eine ziemliche Rolle spielte. Meine
+<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">179</a></span>Einwendungen in dem Sinne, da&szlig; ich ja gar nichts
+gelernt habe, kaum nach Noten singen k&ouml;nne und
+so weiter, verlachte er, da es nicht darauf ankam, ob
+man bereits gedrillt sei, sondern ob man die Gaben
+habe, alles nachzuholen, was bei mir der Fall sei.
+Es ging auch richtig ziemlich gut, und ich war mit
+Ernst bei der Sache, da es mich selber wunderte, welch
+starke und freudige T&ouml;ne meine Kehle hervorbrachte,
+und wie sie in dem Brausen des M&auml;nnergesangs
+kr&auml;ftig mitschwangen. Aber noch erfreulicher war die
+Entdeckung, da&szlig; all unser Singen doch erst eine
+Vollendung, ja einen eigentlichen Zweck bekam, wenn
+das Heer der weiblichen Stimmen sich darein mischte
+und zur Kraft die S&uuml;&szlig;e, zu dem festen Untergrund
+der B&auml;sse und Ten&ouml;re das hohe, silberne Klingen
+des Soprans und das warme, herzandringende des
+Alts f&uuml;gte. Ich f&uuml;hlte mich recht als Glied eines
+Ganzen und tat wacker und ehrlich mit, was mir bald
+einigen gutm&uuml;tigen Spott von Olbrich und ein paar
+andern eintrug, die es darauf abgesehen hatten, mich
+als Musterknaben auszuspielen. Sie hatten fast alle
+unter den singenden Damen Bekannte, die sie nach
+Schlu&szlig; der Proben heimbegleiteten, und mit denen
+es unterwegs noch viel Scherz und Gel&auml;chter gab,
+und es schien, als ob manchen dieser Teil der Sache
+der wichtigere w&auml;re. Dabei konnte ich nun schon
+aus Mangel an Bekanntschaften nicht mittun, aber
+es war auch noch etwas anderes bei mir, das n&auml;mlich,
+da&szlig; mir auf einmal in ein ziemlich inhaltloses
+Leben hinein die Musik wie eine Geliebte
+getreten war, der ich mein Herz auftat, und die mich
+mit Feuer und Andacht erf&uuml;llte. Es wurde mir jetzt
+nachtr&auml;glich klar, welch herzliche und innige Sch&ouml;nheit
+<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">180</a></span>mich oft anger&uuml;hrt hatte, wenn ich Brigitte
+Hagenau hatte Klavier spielen h&ouml;ren und jetzt, nach
+ihrem Tode, war es mir, als habe sie damals &uuml;ber
+alle Kraft und Klarheit ihres Wesens, ja &uuml;ber die
+geistige Welt, in der sie lebte, mit mir geredet, ich
+habe es aber an mir vor&uuml;bergehen lassen.</p>
+
+<p>Da war ich denn nun an den Musikabenden
+meistens verschlossener gegen die scherzhaften Gespr&auml;che,
+die in den Pausen und nach dem Schlu&szlig;
+hin und her flogen, als es sonst meine Art war,
+und Olbrich sagte, man m&uuml;sse mir zu einem Damenverkehr
+helfen, denn es sei die Sehnsucht da mitzutun,
+die mich so schweigsam mache. Es m&uuml;sse aber ein feines
+Mutterkind sein, das man mir heimzugeleiten
+gebe, denn ich sei selber noch ein solches und gleich
+und gleich geselle sich gern.</p>
+
+<p>Er hatte mich ehrlich gern und zeigte mir das
+auch auf jede Weise, nur da&szlig; er es nicht unterlassen
+konnte, mich mit dem zu necken, was ich meiner Meinung
+und meinen W&uuml;nschen nach gerade gar nicht
+war. Ich war nur ohne &Uuml;bung im freieren Flug,
+und ich meinte, mich weltm&auml;nnisch genug zu betragen
+und war auch bereit, noch mehreres darin zu tun,
+wenn es die Gelegenheit ergab. Er aber sah den
+Anlauf, den ich zu diesem allem nehmen mu&szlig;te,
+und hatte etwas wie eine R&uuml;hrung dar&uuml;ber, die er
+unter leichtem Spott und Necken verbarg. Im
+Grunde war er selber eine durchaus gesunde und
+unverdorbene Natur, die sich ruhig ein St&uuml;ck weit
+die Z&uuml;gel schie&szlig;en lassen konnte, auf die Dauer
+aber ihr Gesetz in sich selber nicht &uuml;berh&ouml;rte und
+nach allerlei Seitenspr&uuml;ngen immer wieder in ihre
+richtige Lage zur&uuml;ckkehrte. Ich dagegen horchte viel
+<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">181</a></span>nach allen Seiten und bem&uuml;hte mich, zu tun, was
+etwa andere, die mir imponierten, f&uuml;r geschmackvoll
+und richtig hielten, und es ist nur ein Wunder, da&szlig;
+ich bei alledem doch so ungef&auml;hr auf dem Wege blieb.</p>
+
+<p>Es begegneten mir freilich immer wieder Menschen
+von der echten und lebendigen Sorte, die
+dem unbewu&szlig;t Guten, das ich doch auch in mir
+hatte, entgegen kamen und es einstweilen f&uuml;r eigen
+und f&uuml;r bare M&uuml;nze nahmen, ja mich liebten, ohne
+da&szlig; ich mir gerade um sie besondere M&uuml;he gab.
+Ich war es aber so gew&ouml;hnt von jung auf und
+wunderte mich nicht einmal besonders dar&uuml;ber. Es
+mu&szlig;te alles so sein, wie es war.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Olbrich nahm mich eines Sonntags mit zu seiner
+Mutter, die in einem Vorort ein kleines Landhaus
+allein bewohnte, w&auml;hrend er selbst ein Zimmer
+in der Stadt hatte, schon der Gesch&auml;ftsn&auml;he wegen,
+aber auch, um sich ganz ungehindert bewegen zu
+k&ouml;nnen, worin seine Mutter ganz einig mit ihm
+war. Sie war schon seit vielen Jahren Witwe und
+hatte nur diesen einzigen Sohn, den sie an ihrem
+Herzen mit einem starken Band angebunden hielt,
+aber lang genug, um nichts von Unfreiheit sp&uuml;ren
+zu lassen. Sie war seine Freundin und ging mit
+gro&szlig;em Interesse auf alles ein, was er ihr brachte,
+ja sie hatte einen so guten und gl&uuml;cklichen Humor,
+da&szlig; er sich eines spa&szlig;haften Erlebnisses oder einer
+lustigen Geschichte erst recht freute, wenn sie mit ihm
+dar&uuml;ber gelacht hatte. Diesmal nun erz&auml;hlte er, er
+habe diese Woche einmal bei einem Umtrunk auf
+die Frage: Bruder, deine Liebste hei&szlig;t? geantwortet:
+Friederike, was alle aufs h&ouml;chste verwundert habe,
+<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">182</a></span>denn man sei gew&ouml;hnlich mit dem Gegenstand seiner
+Neigung auf dem Laufenden und habe in der
+ganzen Stadt keine Friederike gekannt, um die es
+sich habe handeln k&ouml;nnen. Er habe ihnen aber
+nicht entdeckt, da&szlig; es sich bei dem geheimnisvollen
+Kleinod um seine Mutter handle und lasse sie nun
+alle zappeln. Dar&uuml;ber lachten sie beide herzlich, und
+ich entdeckte, da&szlig; sie einander im Lachen, ich m&ouml;chte
+sagen, l&auml;cherlich &auml;hnlich sahen, aber ich sah auch
+den vollen Gl&uuml;cksblick, den die Mutter w&auml;hrend
+des Lachens auf den Sohn warf, und der mich wunderlich
+aufr&uuml;hrte. Ich h&auml;tte etwas darum gegeben,
+auch einen solchen Blick auf mir ruhen zu sehen, und
+dachte eines Anlasses, der um einige Zeit zur&uuml;cklag.</p>
+
+<p>Ich war n&auml;mlich auf der Reise zwischen beiden
+Orten ein paar Tage zu Haus gewesen, um die Hochzeit
+meiner Schwester Helene mitzufeiern, die eigens um
+meinetwillen auf diese Zeit gelegt worden war. Die
+guten Schwestern hatten alles getan, um mich behaglich,
+oder, wie sie meinten, w&uuml;rdig aufzunehmen,
+es hatte an keinem Guten gefehlt. Sie waren
+nun schon in das Haus umgezogen, das der Schreiner
+gekauft und nach M&ouml;glichkeit hergerichtet hatte.
+Luise wohnte im Unterstock, und dort war auch
+f&uuml;r mich eine Kammer bereit, die Luise so wohnlich
+als m&ouml;glich gemacht und geschm&uuml;ckt hatte. Es hingen
+Vorh&auml;nge an den Fenstern und Bilder, von denen
+sie gedacht hatte, da&szlig; sie mir gefallen w&uuml;rden, an
+den W&auml;nden, und Luise hoffte auf mein freudiges
+Erstaunen und auf die &Auml;u&szlig;erungen eines befriedigten
+Heimatsgef&uuml;hls. Aber ich fand sowohl die Liebespaare
+an den W&auml;nden, als die blaue Tapete
+scheu&szlig;lich, und sagte das zwar nicht, aber auch nichts
+<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">183</a></span>Gutes, und litt selber unter einer schlechten, entt&auml;uschten
+und widerw&auml;rtigen Stimmung, die ich nicht
+ganz verdecken konnte. Es war weder die alte,
+einfache, fast &auml;rmliche Heimat mehr, die mich schon
+um der Erinnerung willen an sich gezogen h&auml;tte,
+noch als Ersatz daf&uuml;r ein Ort, an dem es meinem
+jetzigen Selbst entsprechend zuging und aussah. Sondern
+es waren Kraftanstrengungen gemacht worden,
+um ein bi&szlig;chen Sch&ouml;nheit oder Eleganz in die R&auml;ume
+zu bringen, und ich sah nicht den guten Willen
+und das Verlangen nach einem freundlichen Aufstieg,
+sondern nur das mi&szlig;ratene (nach meinem Daf&uuml;rhalten)
+in der Ausf&uuml;hrung.</p>
+
+<p>Dazu kam, da&szlig; ich mich mit dem Schwager nicht
+verstand, was ich ja vorausgesehen hatte, und da&szlig;
+sich Helene dar&uuml;ber betr&uuml;bte. Nachtr&auml;glich sp&uuml;rte
+ich wohl, da&szlig; es an mir selber gelegen war, aber das
+machte die Sache nicht besser. Ich hatte dem jungen
+Paar als Hochzeitsgeschenk ein B&uuml;chergestell mit einigen
+Klassikerb&auml;nden mitgebracht, wor&uuml;ber sich Helene
+kindlich freute. Sie h&auml;ngte das h&uuml;bsch gearbeitete
+Brett auch sogleich im sogenannten guten Zimmer
+auf und stellte zu meinem Grauen ein paar kleine
+lackierte Gipsb&uuml;sten oben darauf, die Schiller und
+Goethe vorstellen sollten, und die ihr der Br&auml;utigam
+gekauft hatte. Letzteres wu&szlig;te ich nicht, sonst h&auml;tte
+ich mich wohl zur&uuml;ckgehalten, zu sagen: &bdquo;La&szlig;' doch
+die Scheusale weg, die ich am liebsten durchs Fenster
+werfen m&ouml;chte; viel besser nichts, als solche
+Greuel.&ldquo; Ich sagte es etwas heftig, denn es entlud
+sich allerlei angesammelter Unmut in den paar
+Worten, Helene aber bekam eine dunkle R&ouml;te
+ins Gesicht und schaute mich verwundert an oder
+<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">184</a></span>vielmehr verwundet. Der Schwager aber sah von
+seiner Zeitung auf, in der er eben las, und sagte
+scharf: &bdquo;Es haben nicht alle Leute die Mittel, teure
+Sachen zu kaufen und aufzustellen,&ldquo; worauf er wieder
+weiter las oder doch dergleichen tat. Dieser
+Satz nun traf das, was ich gesagt hatte, nicht,
+indem es sich nicht ums Geld, sondern um den Geschmack
+handelte, und war vielleicht auch nicht tiefer
+zu nehmen, aber ich sah darin den l&auml;ngst erwarteten
+Vorwurf &uuml;ber meinen Geldverbrauch auf Kosten
+der Schwestern, und ging stumm, aber innerlich
+rasend, aus dem Zimmer. Das war am Vorabend
+der Hochzeit; ich w&auml;re aber am liebsten sogleich abgefahren
+und h&auml;tte es vielleicht auch getan, wenn
+es mir nicht um das Aufsehen gewesen w&auml;re, das
+es erregt h&auml;tte, und schlie&szlig;lich doch auch um die
+Schwestern, denen ich das Leid nicht antun mochte.
+So blieb ich denn und fa&szlig;te mich auch einigerma&szlig;en,
+was mir die Schwestern nicht genug danken konnten.
+Ich war auch ein leidlich liebensw&uuml;rdiger Brautf&uuml;hrer,
+Festordner und T&auml;nzer am andern Tag,
+stie&szlig; sogar mit dem Schwager an, der gar nicht
+wu&szlig;te, was er angerichtet hatte, weil er meinte,
+ich lebe schon lang von eigenem Gelde, und k&uuml;&szlig;te
+Helene, ehe sie mit ihrem Mann auf drei Tage zu
+seinen Verwandten reiste. Unter diesem Ku&szlig; fing
+das liebe M&auml;dchen, oder die junge Frau, die sie
+nun war, so heftig und innig an zu weinen, da&szlig;
+ich es nicht unterlassen konnte, sie noch ein paarmal
+tr&ouml;stend weiterzuk&uuml;ssen, worauf sie unter Tr&auml;nen
+lachend sagte: &bdquo;Ach, du bist doch ein guter Kerl,&ldquo;
+und sich nach einem Taschentuch umsah, das sie
+gerade nicht zur Hand hatte, um sich die Augen
+<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">185</a></span>abzutrocknen. Luise hatte die ihrigen selber voll
+Wasser, es reichte aber ihr festliches Spitzent&uuml;chlein
+f&uuml;r beide Schwesterngesichter, die sich noch einmal
+fest aneinanderschmiegten vor der gro&szlig;en Trennung,
+die freilich so gar einschneidend nicht war,
+weil sie nachher fast gleich miteinander fortlebten
+wie bisher. Der Mann war nichts so Neues f&uuml;r sie,
+da er schon lange dabei gewesen war. Ich mu&szlig;
+auch bekennen, da&szlig; er meine beiden Schwestern
+hoch und wert hielt und ihnen auf seine Weise
+zulieb tat, was er konnte, viel mehr als ich in
+b&ouml;sen Zeiten.</p>
+
+<p>Doch f&auml;llt in jene Tage noch ein freundlicher
+Strahl, an dem ich mir unter den gl&uuml;cklich lachenden
+Augen von Mutter und Sohn ein wenig g&uuml;tlich
+tat.</p>
+
+<p>Als n&auml;mlich das junge Ehepaar abgefahren war
+in dem K&uuml;tschchen eines Vetters, &uuml;berkam mich, vielleicht
+in dem Wohlgef&uuml;hl &uuml;ber den z&auml;rtlichen Abschied
+mit Helene, eine pl&ouml;tzliche Lustigkeit. Ich fa&szlig;te
+Luise, die gerade ein bi&szlig;chen traurig sein wollte,
+um den Leib und zwang sie, sich mit mir in der
+engen Stube zu drehen, wozu ich ein Liedchen pfiff;
+dar&uuml;ber mu&szlig;te sie wider Willen lachen, und wir
+beide kamen in eine h&ouml;chst behagliche Stimmung, in
+der wir beschlossen, noch einen sch&ouml;nen Abend miteinander
+zu haben und Lotte Meister abzuholen
+in einen aussichtsreichen Wirtsgarten. Es wurde
+ein gutes Beisammensein, an das ich gerne denke.
+Wir sa&szlig;en beim sinkenden Abend und noch sp&auml;terhin
+in einem kleinen, erh&ouml;ht gelegenen Tempelchen,
+abseits von den &uuml;brigen Garteng&auml;sten und
+genossen ein gutes Nachtessen, bei dem ich zum erstenmal
+<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">186</a></span>in meinem Leben meine Schwester frei hielt.
+Um uns her standen hohe B&auml;ume, deren volle Kronen
+leise rauschten, unter uns zog der breite Flu&szlig; vorbei
+mit eiligen Wellen, und wir sa&szlig;en in einem
+freudigen Wohlsein und auch einer kleinen Wehmut,
+weil alles so schnell vor&uuml;berging, beisammen
+und plauderten von allerlei Dingen. Unter anderem
+sagte Luise: &bdquo;Du, h&ouml;r' einmal, Ludwig, der Herr
+Professor, der dich einmal hat malen sollen, ist
+vorigen Herbst gestorben, und seine Tochter, die mit
+den Kindern bei ihm gelebt hat, ist wieder bei ihrem
+Mann, aber in Amerika. Es geht oft sonderbar
+zu. Die h&auml;tten doch ihrer Lebtag beisammen sein
+k&ouml;nnen. Es hei&szlig;t, er habe es mit einer andern
+gehabt und sei jetzt krank und elend. Da ist sie
+jetzt der Gutgenug. Aber, was rechte Frauen sind,
+die sind wie die M&uuml;tter, die Liebe ist nicht zum
+Umbringen in ihnen. Ich glaube, sie hat immer
+gewartet, da&szlig; er sie wieder zu sich ruft.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wo ist denn ihre Tochter, die Maidi?&ldquo; fragte
+ich. &bdquo;Ist die auch mit nach Amerika gegangen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach nein, die studiert irgendwo auf die Malerei;
+sie habe es vom Gro&szlig;vater geerbt, da&szlig; sie
+malen m&uuml;sse. Es ist schade, sie g&auml;be eine liebe Frau,
+ich habe schon gedacht, so eine wie sie, m&ouml;chte ich
+dir w&uuml;nschen, sie ist so fein und doch nicht stolz.
+Wie einem halt so Gedanken kommen. Es wird
+ihrer noch mehr solche geben.&ldquo;</p>
+
+<p>Das meinte ich auch, es gab massenhaft feine
+M&auml;dchen, das war gut eingerichtet; ich konnte aber
+nicht unterlassen, die Frauen zu belehren, da&szlig; die
+Maidi darum doch heiraten k&ouml;nne, wenn sie auch
+Malerin sei, das komme oft vor. Sie k&ouml;nne ja dann
+<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">187</a></span>das Malen aufgeben, oder man k&ouml;nne ihr eine
+gute K&ouml;chin halten. Dar&uuml;ber nickten sie einverstanden,
+und wir lachten alle drei, da&szlig; wir so sch&ouml;n
+einig waren, w&auml;hrend doch keines von uns wu&szlig;te,
+wo sich das Malweibchen umhertrieb und es uns auch
+gleichg&uuml;ltig war.</p>
+
+<p>An diesen Abend und den darauffolgenden Tag
+dachte ich jetzt und h&auml;tte gern das freudige und stolze
+Gesicht meiner Schwester Luise wieder einmal aufleuchten
+gesehen, mit dem sie mich von sich gelassen
+hatte. In der Zwischenzeit hatte ich es so ziemlich
+vergessen gehabt.</p>
+
+<p>Damals, als ich ging, stand sie am B&uuml;geltisch
+unter ihren Gehilfinnen; sie konnte mich nicht begleiten,
+denn es war &uuml;ber die Hochzeit viel vers&auml;umt
+worden. Aber sie sah mich voller Liebe an und sagte:
+&bdquo;Gelt, komm' auch wieder, da&szlig; man warm bleibt
+miteinander,&ldquo; und in diesem Augenblick dachte ich
+auch, da&szlig; ich es tun wolle, ja, ich h&auml;tte sie gern
+gek&uuml;&szlig;t, wenn es wegen der B&uuml;gelm&auml;dchen angegangen
+w&auml;re. Und alles in mir war voller Zugeh&ouml;rigkeit,
+Respekt und Wohlgefallen; denn sie stand da
+so t&uuml;chtig und wacker an ihrem Platz, als eine ganze
+Person, aber mich liebte sie &uuml;ber alles, und in mir
+wallte es zu ihr hin, wie zu einer Heimat. Man
+konnte es nur freilich nicht aussprechen, denn so
+etwas sagte man nicht, auch sa&szlig; mir etwas Ungewohntes
+im Halse, und ich dr&uuml;ckte ihr nur die Hand,
+das mu&szlig;te f&uuml;r alles gelten und galt auch.</p>
+
+<p>Diese Erinnerungen gingen in einem Augenblick
+an mir vor&uuml;ber, im n&auml;chsten war ich wieder hier am
+Platze, doch blieb noch etwas in mir zur&uuml;ck, was
+mich heute noch wundert. Ich dachte n&auml;mlich: wenn
+<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">188</a></span>ich nun gefragt worden w&auml;re, wie meine Liebste
+hei&szlig;e, was h&auml;tte ich dann gesagt? Und es antwortete
+in mir zu meiner &Uuml;berraschung: Maidi.
+Das erschien mir als ein Unsinn, denn ich hatte
+ja das M&auml;dchen nur als halbes Kind und dann nie
+mehr gesehen, und es war jetzt irgendwo in der
+Fremde, Gott mochte wissen, wo, es war mir auch
+gleich. Aber das vorwitzige Stimmlein in mir sagte
+immer noch Maidi und erinnerte mich daran, da&szlig;
+ich schon einmal ihr Br&auml;utigam gewesen sei, da
+mu&szlig;te ich in Gedanken daran ein bi&szlig;chen vor mich
+hinlachen. Das fiel aber nicht auf, da es ohnehin
+heiter und traulich zuging, und ich dachte weiter:
+Nun, ein Unding w&auml;re es nicht, sie war h&uuml;bsch und
+fein und lieb genug, und ich spielte ein wenig mit
+ihrem Bilde. Wir stie&szlig;en auch gleich darauf an
+mit hohen, feinen Stengelgl&auml;sern, in denen bla&szlig;roter
+Stachelbeerwein war, und da es einen hellen
+Doppelklang gab, l&auml;utete das Stimmchen in mir
+mit: Maidi, was mich zugleich belustigte und erw&auml;rmte.
+Denn es schien mir pl&ouml;tzlich, als h&auml;tte ich
+einen heimlichen Schatz.</p>
+
+<p>Frau Olbrich war so einfach m&uuml;tterlich und nat&uuml;rlich
+mit mir, als habe sie mich l&auml;ngst gekannt und
+f&uuml;llte mir beim Gehen die Taschen mit Birnen
+aus ihrem Garten, wie einem gro&szlig;en Buben, und
+ihr Sohn stand befriedigt dabei. &bdquo;Siehst du,&ldquo; sagte
+er auf dem Heimweg, &bdquo;siehst du, meine alte Herzensdame
+hat schon auf dich angebissen, ich habe es
+wohl gewu&szlig;t. Du hast so etwas an dir, was alten
+Frauen gef&auml;llt, sie m&ouml;chten dann die H&auml;nde &uuml;ber
+dich breiten, da&szlig; du ein braves Kind bleibst; so
+etwas tun sie gern. Meine Mutter hat gesagt, du
+<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">189</a></span>seiest weiches Wachs, man sehe alle Eindr&uuml;cke an
+dir, es k&ouml;nne noch alles aus dir werden. Du m&uuml;ssest
+nur die richtige Frau haben, das sei der entscheidende
+Punkt.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich knurrte ein wenig, und er lachte: &bdquo;Das ist
+ihr bei mir auch das Wichtigste; sie wei&szlig; aber wohl,
+da&szlig; ich keine nehme, die nicht zu mir pa&szlig;t und vielleicht
+auch gar keine. Denn noch eine solche, wie sie,
+finde ich doch nicht.&ldquo; Das alles brachte er in leichtsinnig
+sein sollendem Tone vor, man merkte aber
+gut, wie stark er am Herzb&auml;ndel seiner Mutter angebunden
+und wie wohl es ihm dabei war, alles
+andere ungeachtet. Ich konnte ihn fast beneiden,
+es ging aber noch etwas Frohes in mir um von
+meinem Gedankenspiel mit dem Kinderbr&auml;utchen her,
+es war mir, als gehe Maidi irgend woher auf mich
+zu, so, wie ich sie das letztemal gesehen hatte, in
+ihren h&uuml;bschen Schuhen und unter dem Margeritenkranz.</p>
+
+<p>Solcherlei Gedankenspiele hatte ich oft, ich dachte
+mir dann etwas aus bis ins einzelne und war verwundert,
+wenn ich um mich schaute, und alles anders
+war. Doch diesmal war es in Wahrheit, als sei
+von ihr, die so stark in mein Leben treten sollte,
+und die mir n&auml;her war, als ich wu&szlig;te, schon eine
+Vorahnung in der Luft gelegen. Es begegnete uns
+ein junges M&auml;dchen, das ihr, wie ich meinte, so sehr
+glich, da&szlig; ich erschrak und sie anstarrte, und es rief
+eine weibliche Stimme in einem dunklen Garten mit
+langgezogenem Ton den klingenden Namen, den ich
+sonst nie geh&ouml;rt hatte. Aber das alles traf und ber&uuml;hrte
+mich nur, weil sie in mir selbst aus dem
+Dunkel der Vergangenheit emporgetaucht war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">190</a></span></p><p>Ich habe oft in meinem Leben den Fr&uuml;hling vorausgesp&uuml;rt
+und voll herzklopfender Ahnung sein
+Kommen ersehnt, wenn er Tauwinde, bl&uuml;henden
+Seidelbast und fr&uuml;he Vogelstimmen vorausschickte,
+aber von dem kurzen und holden Fr&uuml;hling meines
+Lebens konnte ich nichts voraus wissen, und ich kann
+nicht sagen, wie es kam, da&szlig; ich ihn dennoch vernahm,
+wie ein liebliches Gel&auml;ute, von dem man
+nicht wei&szlig;, woher es t&ouml;nt und was es bedeutet.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Es waren zu dieser Zeit die Vorbereitungen
+f&uuml;r ein gro&szlig;es Musikfest im Gang, an dem sich alle
+besseren Musikvereine der Stadt, ja des Landes,
+beteiligen sollten. Ein ber&uuml;hmter Dirigent, bei dessen
+blo&szlig;er Namennennung alle Herzen der S&auml;nger
+und der H&ouml;rer h&ouml;her schlugen, war angeworben,
+um unter seinem Stab alle B&auml;che und Fl&uuml;sse der
+Musik, die sonst f&uuml;r sich allein dahinpl&auml;tscherten
+oder str&ouml;mten, in ein einziges gro&szlig;es Meer von
+T&ouml;nen zu versammeln. Inzwischen aber &uuml;bten die
+einzelnen Vereine mit mehr Nachdruck als sonst
+ihre Melodien ein, nicht um nachher mit Glanz hervorzutreten,
+sondern um die F&auml;higkeit zu erwerben,
+v&ouml;llig im ganzen untergehend, es dennoch in ihrem
+Teil mit Kraft und Sch&ouml;nheit zu erf&uuml;llen.</p>
+
+<p>Auch gleichg&uuml;ltige und zerstreutere Liebhaber der
+Liederkunst rafften sich zusammen, weil es galt, und
+lie&szlig;en die Allotria, die sie sonst wohl danebenher
+getrieben hatten, beiseite, um ernstlich und wacker
+im Takt mitzumarschieren, und ihre Stimmen nahmen
+zu an Reinheit und Kraft, je mehr die Besitzer
+des inneren Schwunges teilhaftig wurden. Es traten
+<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">191</a></span>auch einzelne Pers&ouml;nlichkeiten, die sich sonst
+abseits gehalten hatten, um daheim in ihren H&auml;usern
+eine vornehme Musik zu pflegen, aus ihrer Verborgenheit
+hervor und stellten sich in die Reihen, wie im
+Krieg die Freiwilligen unter die Fahnen eilen und
+nichts mehr f&uuml;r sich selber sein wollen um der Sache
+willen. Da war nun auch ich mit Leib und Seele
+dabei; es war wohl kaum vorher und nachher eine
+Zeit in meinem Leben, wo mir so das Ich versank
+um eines H&ouml;heren willen, in dem es aufgehen
+konnte, wie damals. Die Zeichen mehrten sich, da&szlig;
+die Zeit erf&uuml;llet werde. Schon nahm ein verdienter
+Tonmeister der Stadt die Z&uuml;gel in die Hand, um
+einzelne Ch&ouml;re mit verschiedenen Vereinen zusammen
+zu probieren, und das geschah in einer gro&szlig;en Halle,
+die eigens f&uuml;r das Fest aus leichten Balken und
+Brettern gezimmert worden war, und Tausende von
+Menschen fassen konnte. Noch ermangelte der riesige
+Raum des festlichen Schmuckes der T&uuml;cher, Fahnen
+und Laubgewinde, der ihm zugedacht war, aber
+machtvoll und freudig erklangen darin die Ch&ouml;re
+und versprachen sch&ouml;n zu werden, wenn sie, von
+aller Schwere und Unreinheit befreit, auf breiten
+Wogen am Tage des Festes durch die Halle fluten
+w&uuml;rden, vereint mit anderen gereinigten Str&ouml;men.</p>
+
+<p>Noch war es freilich nicht so weit; das Taktst&ouml;cklein
+des Dirigenten fiel oft genug und mit
+wachsender Ungeduld hart klopfend auf das Pult,
+die S&auml;nger belehrend, da&szlig; ihrer Emporl&auml;uterung
+zum Vollkommenen hin noch lange nicht genug getan
+sei. Es ging scharf zu, und das bei den M&auml;nnern
+wie bei den Frauen, ja es d&uuml;nkte mich, als
+seien die letzteren noch h&auml;rter mitgenommen als
+<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">192</a></span>wir. Als nun einmal der Sopran f&uuml;r sich allein
+eine Stelle vier- oder f&uuml;nfmal wiederholen mu&szlig;te
+und ich m&uuml;&szlig;ig zusah, wie die angespannten S&auml;ngerinnen
+sich m&uuml;hten, das H&ouml;chste zu leisten, fiel mein
+Auge auf ein M&auml;dchengesicht, das ganz versunken
+weder auf den Dirigenten noch in die Noten sah,
+sondern in sich selbst hinein zu horchen schien, woher
+ihm ohne M&uuml;he die Melodien zufl&ouml;ssen, die es leicht
+hervorbrachte und mit einem weichen, taktm&auml;&szlig;igen
+Wiegen des Oberk&ouml;rpers begleitete.</p>
+
+<p>&bdquo;Warum zum Kuckuck sieht sie denn nicht auf
+den Dirigenten, wenn es gilt wie jetzt?&ldquo; dachte ich
+mit polizeidienerhaftem &Auml;rger, als in dem Augenblick
+sich das Gesicht dem befohlenen Punkt zuwandte
+und einen oder ein paar Takte lang darauf
+verweilte, bis sich ein unwiderstehlich belustigtes
+L&auml;cheln &uuml;ber die ganze Fl&auml;che verbreitete und die
+Augen wieder in ihre Versunkenheit zur&uuml;ckgingen.
+Sogleich aber wu&szlig;te ich, da&szlig; das M&auml;dchen nur deshalb
+in sich selbst hineinsah, weil ihm der Anblick
+des heftig fuchtelnden Mannes einen unbesieglichen
+Lachreiz erweckte und es in seiner and&auml;chtigen Hingabe
+an die Musik st&ouml;rte. Aber w&auml;hrend in mir der
+brennende Wunsch entstand, sie m&ouml;chte das h&uuml;bsche
+Schauspiel noch einmal auff&uuml;hren und ich sie erwartungsvoll
+ansah, kam mir die S&auml;ngerin immer
+bekannter vor. Sie trug ein loses Kleid von gr&uuml;ner
+Farbe, das mit einer schmalen Goldborte unter der
+Brust zusammengehalten war, und hatte ein leichtes
+Schleiert&uuml;chlein am Halsausschnitt, aus dem heraus
+lieblich und jetzt wieder ganz ernsthaft das Singewesen
+stieg. Wo aber hatte ich schon einen Kopf so
+frei und freudig tragen sehen, und wo nahm das
+<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">193</a></span>M&auml;dchen die Z&uuml;ge her, die mir mit jedem Augenblick
+vertrauter wurden? Sie sollte jetzt einmal
+einen Augenblick aufh&ouml;ren, zu singen, da&szlig; man sie
+in Ruhe betrachten konnte, das feste Kinn und den
+bl&uuml;henden Mund und die Augen, die vorhin so
+heiter aufgeleuchtet hatten. Aber das dauerte nicht
+so lang als die Beschreibung, so sagte das schon einmal
+angef&uuml;hrte Stimmlein in mir halb zweifelhaft
+und halb triumphierend: Maidi? Der Verstand
+wandte ein, die S&auml;ngerin sei gr&ouml;&szlig;er, schmaler und
+von dunklerem Blond als die Maidi aus der Vaterstadt
+und trage die Haare tief gescheitelt und aufgesteckt,
+was jene auch nicht gehabt habe; worauf es
+sagte, nat&uuml;rlich, begreiflich, denn es sei f&uuml;nf Jahre
+her seit damals, und ich m&uuml;sse nicht etwa meinen,
+da&szlig; ich mich in dieser Zeit nicht auch ver&auml;ndert
+habe. Ich erwiderte hierauf, falls es je die betreffende
+junge Dame sein sollte, die aber f&uuml;r mich
+noch nie Maidi gehei&szlig;en habe (jene Stunde in dem
+gr&uuml;nen Garten ausgenommen), so habe das weiter
+f&uuml;r mich nichts zu sagen. Oder ob ich vielleicht hingehen
+solle und fragen, ob sie sich erinnere, einmal
+mit mir auf dem Markt herumgestrichen und beim
+Kasperle gestanden zu sein? Au&szlig;erdem handle es
+sich sicher um eine zuf&auml;llige &Auml;hnlichkeit. Das aber
+glaubte mein Herz, das sich auf einmal in die Sache
+zu mischen anfing, keineswegs, und es entstand ein
+heftiger Disput in mir mit F&uuml;r und Wider, der nur
+obenhin geschweiget wurde, als auch wir M&auml;nner
+wieder mitzusingen hatten. Ich kam nun mit mir
+&uuml;berein, die S&auml;ngerin, sie sei, wer sie wolle, in
+eine n&auml;here Beziehung zu mir zu denken. Sie sang
+gewisserma&szlig;en ein Duett mit mir, zu dem die andern
+<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">194</a></span>den Chorus bildeten. Wenn ihre Stimme empor
+frohlockte, so hielt ihr die meinige die Leiter dazu,
+und wenn ich ihr ein neues Thema angab, so ging
+sie lieblich und bereitwillig darauf ein und machte
+etwas so Sch&ouml;nes daraus, da&szlig; mir die Brust vor
+Wonne schwoll. Da&szlig; sie mich dabei nicht ansah, war
+weiter nicht zu verwundern, es war genug, da&szlig; ihre
+Stimme mit der meinigen zusammenklang, es war
+eine sch&ouml;nere Gemeinschaft, als ich sie je besessen hatte.
+Als die Probe aus war, verschwand sie sogleich,
+und ich sp&uuml;rte ihr auch nicht nach, denn auf der
+Stra&szlig;e w&auml;re sie nicht mehr dieselbe gewesen, aber
+ich wartete mit brennendem Verlangen auf die n&auml;chste
+Singgelegenheit, die auch bald erschien und die
+heimliche Wonne fortsetzte. Es war mir jetzt, als sei
+die Musik, meine unbesprochene Geliebte, aus ihrer
+Verborgenheit hervorgetreten in einem gr&uuml;nen Kleide
+und einem Heiligenschein von blondem Kraushaar,
+das sich aus den Scheiteln herausdr&auml;ngte, und alles
+sei voller Wohlklang, solange sie im Saal regiere.
+Aber auf einmal sah ich, da&szlig; die G&ouml;ttin mich
+aufmerksam und pr&uuml;fend ansah in einer Pause,
+und da&szlig; sich &uuml;ber ihr Gesicht ein ungl&auml;ubiges
+Staunen und dann ein kleines L&auml;cheln verbreitete,
+und sie wurde mit einem Schlag zum Menschenkind,
+das mich z&ouml;gernd und fragweise, ob ich es
+auch sei, mit einem Augenwink gr&uuml;&szlig;te. Da war
+es Maidi, ich hatte es aber schon lang gewu&szlig;t.</p>
+
+<p>Doch fand ich noch nicht so schnell den Weg zu
+ihr, denn ich war seltsam befangen, was ich sonst
+nicht an mir kannte, und mochte mich nicht durch
+die Menge dr&auml;ngen, oder sie am Tor erwarten.
+Ich sah sie aber einmal in einer Gruppe junger
+<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">195</a></span>Leute beiderlei Geschlechts die Halle verlassen und
+dachte, sie habe ja wohl schon ihren Umgang und
+habe nicht auf mich gewartet, was ja auch begreiflich
+genug sei: Da suchte ich wieder in die sch&ouml;ne und
+heilsame Ichlosigkeit der ersten Wochen unterzutauchen,
+in der es mir so wohl gewesen war, sie
+lie&szlig; sich aber nicht erjagen und war vorbei, doch
+aus dem Meer von klingenden Wogen und Wellen
+war eine Gestalt aufgetaucht, nach der ich hinsehen
+mu&szlig;te, wie nach einem anderen Ich.</p>
+
+<p>Inzwischen kam das Fest heran. Ich hatte etwas
+so Gro&szlig;es und nach meinen Begriffen unirdisch
+Sch&ouml;nes noch nicht erlebt und ging nach dem ersten
+Abend, der nicht von Menschenstimmen, sondern
+von einem Riesenorchester erlesener Streichinstrumente
+gespeist worden war, in einem halben Rausch
+und einer ganzen Begeisterung in den Anlagen
+umher, in denen die Festhalle stand, und in denen
+viel Volks lustwandelte, festlich geschm&uuml;ckt und in
+guter Stimmung, denn sie waren, wie einst die
+Juden und die Griechen zu ihren Festen, aus vielen
+Orten zusammengekommen zu dem einen sch&ouml;nen
+Zweck und hatten jetzt bereits Nektar und Ambrosia
+gegessen und getrunken, morgen aber gab es mehr
+davon.</p>
+
+<p>Es waren da und dort leichte Zelte zur Bewirtung
+der G&auml;ste aufgestellt, die nicht von der
+G&ouml;tterspeise allein leben mochten oder konnten, und
+auch in ihnen ging es zwar lebhaft und freudig,
+aber doch nicht ausgelassen zu, denn noch hingen, wie
+Weihrauchwolken von Opferalt&auml;ren, die eben verklungenen
+Harmonien von zwei Beethovensymphonien
+in den Wipfeln der B&auml;ume und stiegen, langsam
+<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">196</a></span>einen Ausweg suchend, zum gestirnten Himmel auf.
+Ich suchte Olbrich und einige andere Gesellen, die
+sich nach Verabredung zusammen getan hatten, um
+noch eine Flasche Wein miteinander zu trinken und
+die ich hatte vorausgehen lassen, weil ich noch zu
+erregt war, um ihre unausbleiblichen Scherze, Kritiken
+und Neckereien, an denen ich mich sonst gern beteiligte,
+mitanzuh&ouml;ren. Ich summte leise die und jene Takte
+der Musik vor mich hin, und alle Nerven waren
+in mir aufgespannte Saiten, die mitspielten und
+mich den vollen Strom noch einmal h&ouml;ren lie&szlig;en,
+und in allen Adern kreisten eingeschlossene Quellen
+des Lebens, die an ihre Pforten klopften, weil sie
+aufgerufen worden waren; es war eine Qual voller
+Gl&uuml;ck. Jenseits des Rondells, das ich eben umging,
+trat in den Lichtkreis einer Bogenlampe, die in dem
+gr&uuml;nen Ge&auml;st eines Ahorns hing, eine Gesellschaft
+junger M&auml;dchen in hellen Kleidern; sie plauderten
+und lachten, und als ich n&auml;her zusah, war Maidi
+unter ihnen. Sie war still und es schien mir, als
+sehe sie suchend umher, da brannte mich etwas im
+Innersten, denn wen suchte sie wohl, und warum
+mu&szlig;te ich hier allein sein? Sie trug immer noch
+den Kopf in einer so festlichen und freudigen Haltung
+wie einst, ich hatte das noch bei keinem Menschen
+so gesehen, aber ihr Gesicht war zugeschlossen und
+ernst. Ich hatte st&uuml;rmisches Herzklopfen und wu&szlig;te
+nicht warum. Als der hellgefiederte Schwarm auf
+mich zukam, trat ich in einen Seitenweg ein und
+ging ihn auch zu Ende bis an eine kleine Wirtslaube,
+die von einer einzigen Flamme matt erhellt war.
+Es sa&szlig;en ein paar stille Zecher darin, jeder f&uuml;r
+sich vor seinem Wein, und auch ich setzte mich an
+<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">197</a></span>ein Ende des Tisches und bekam einen gef&uuml;llten
+R&ouml;mer vor mich hingesetzt. Ich betrachtete einen
+graub&auml;rtigen Mann mit langem und schlecht gepflegtem
+K&uuml;nstlerhaar. Er trommelte mit den Fingern
+auf der Tischplatte und hielt den Kopf tief gesenkt.</p>
+
+<p>&bdquo;Dem geht's wie mir,&ldquo; dachte ich. &bdquo;Auch er ist
+allein und mu&szlig; alles in sich selbst verarbeiten.&ldquo; Und
+es war mir, als m&uuml;&szlig;te ich mit allem Drang in der
+Brust mein Leben lang f&uuml;r mich bleiben und einsam
+alt werden; ich trank ziemlich viel von dem guten
+und tr&ouml;stlichen Wein und h&ouml;rte auf einmal den
+Alten sagen: &bdquo;Liebeskummer?&ldquo; Aber als ich ihn
+zornig ansah, l&auml;chelte er in sich hinein, als wisse
+er gar nichts von mir.</p>
+
+<p>Da stand ich auf, zahlte und ging. Mir war
+sehns&uuml;chtig und heimwehig zumute.</p>
+
+<p>Aber am andern Tag war es vorbei. Olbrich
+fragte mich, wo ich gewesen sei; sie h&auml;tten lang
+auf mich gewartet und seien darum endlos sitzen
+geblieben, was ich nun zu verantworten habe, und
+ich verteidigte mich lachend, da sie auch fr&uuml;her ohne
+mich lange Sitzungen gehalten h&auml;tten; ich h&auml;tte
+noch frische Luft gebraucht nach der Hitze in der Halle.</p>
+
+<p>Er sah mich aufmerksam an, denn ich ging
+auf einmal eigene Wege und hatte etwas Entschlossenes
+an mir. Ich hatte mir beim Aufstehen vorgenommen,
+da&szlig; heute ein Knopf an die Sache mit
+der Maidi gemacht werde, so oder so. Entweder ich
+ging hin und sagte: Guten Tag, kennen Sie mich
+noch?, oder ich ging meiner Wege und lie&szlig; sie laufen.
+Eins oder das andere.</p>
+
+<p>In dieser Entschlossenheit ging ich den ganzen
+Tag umher und duldete nicht, da&szlig; der kleinste Zweifel
+<span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">198</a></span>darein kam, es war aber Gefahr vorhanden, da&szlig;
+mir das ganze Fest zuschanden kam, denn bald war
+ich auf dem einen Punkt, bald auf dem andern,
+wie konnte ich da an etwas anderes denken?</p>
+
+<p>Aber es ging viel einfacher zu, als ich meinte.
+Denn als ich am Abend in die Halle trat, ging Maidi
+mit mir zu der schmalen Hintert&uuml;r herein, die f&uuml;r
+die S&auml;nger bestimmt war. Sie sah mich freim&uuml;tig
+erkennend an und sagte: &bdquo;So sind Sie es also doch
+gewesen. Ich habe Sie in der Probe gesehen und
+von weitem gegr&uuml;&szlig;t, aber Sie waren so fremd und
+finster, da&szlig; ich dachte, ich h&auml;tte mich geirrt, oder Sie
+wollten mich nicht mehr kennen. Aber jetzt ist weder
+das eine noch das andere wahr.&ldquo;</p>
+
+<p>So konnte sie wohl sagen, da sie mein erfreutes
+Gesicht sah, das ich ihr nicht verbarg, und den festen
+Druck sp&uuml;rte, mit dem ich in der Erleichterung
+meines Herzens ihre Hand hielt und sch&uuml;ttelte.</p>
+
+<p>War sie es denn aber noch bei n&auml;herer Betrachtung?
+Oder wie war das Wesen, in welches
+das zutrauliche, lustige M&auml;dchen von damals sich
+verwandelt hatte, beschaffen? Gott sei Dank, nicht
+viel anders, als ich sie noch im Sinn hatte, das
+hei&szlig;t: aufrecht und mit erwartungsvoll schreitendem
+Gang, sicher, freudig und einfachen Wesens,
+ohne alle Ziererei, aber dabei k&ouml;niglich in der Haltung,
+wie sie es von ihrem silbergl&auml;nzenden Gro&szlig;vater
+ererbt hatte. Es war aber noch viel hinzugekommen,
+was ich nicht aufs erstemal erfassen
+konnte, und worin sie mir weit &uuml;ber war. Denn sie
+hatte in ihrer bl&uuml;henden Jugend dem furchtbaren
+Ernst des Lebens ins Gesicht gesehen und eine Reife
+dabei empfangen, die man mit Schmerzen zahlt
+<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">199</a></span>und mit dem Zauber der hintr&auml;umenden Unbewu&szlig;theit.
+Schicksale waren vor ihr aufgestanden, die
+ihre n&auml;chsten Menschen betrafen; es war nicht so
+einfach, gut zu sein und friedlich beisammen zu
+wohnen. Man konnte mit Leidenschaften beladen
+in der Welt umher irren und daran zugrunde gehen,
+und es konnte dann dennoch das Wunder &uuml;ber
+einen geschehen, da&szlig; im tiefsten Elend noch die Liebe
+sich aufmachte und erl&ouml;send zu einem trat; so war
+es bei ihrem Vater. Und es konnte sein, da&szlig; die
+liebste Liebe verraten und zertreten wurde und litt
+und doch nicht unterging, sondern wie ein bedecktes
+Feuer unter der Asche weiter gl&uuml;hte und wartete.
+Aber wenn dann ihre Zeit noch einmal kam und
+ein Sturmwind sie neu anblies, dann mu&szlig;te sie
+andern nehmen, was sie dem einen gab, und es war
+eine Not ohnegleichen. So war es bei ihrer Mutter,
+die sich von den Kindern gel&ouml;st hatte und von dem
+alten Vater, um zu dem Mann zu gehen, der ihr
+Gl&uuml;ck und ihr Ungl&uuml;ck gewesen war. Und es konnte
+kommen, da&szlig; man sich zwischen zwei liebste Menschen
+stellen mu&szlig;te und den, der einem am wehsten tat,
+decken vor dem, dem man im stillen recht gab, der
+Sache nach. So war es Maidi gegangen, als der
+Gro&szlig;vater gegen die Mutter tobte und fluchte, da&szlig;
+sie gehe. Sie h&auml;tte sie gern gehalten, denn war nicht
+hier ihre Aufgabe und ihre Heimat? Wie konnte
+sie dorthin gehen, wo ein unnennbares Grauen
+wohnte? Und doch k&uuml;&szlig;te sie die bleichen Lippen,
+die immer sagten: ich mu&szlig; doch, begreift es denn
+niemand?, und hie&szlig; sie gehen, obgleich es ein dunkles
+R&auml;tsel war. Voller R&auml;tsel war das Leben und
+auch voller St&uuml;rme. Der heitere Greis mit seiner
+<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">200</a></span>prachtvollen Lust am Leben wurde dennoch vom
+Tod hingem&auml;ht, und auch sein Glanz war nicht
+ohne Tr&uuml;bung. Denn er hatte nie f&uuml;r die Zukunft
+gesorgt, weder f&uuml;r sich, noch f&uuml;r die Seinen. Sparen
+und vorsorgen schien ihm eine geringe und hausbackene
+Tugend zu sein f&uuml;r Kr&auml;mer und enge B&uuml;rger
+recht, aber nicht f&uuml;r K&ouml;nige, Lieblinge des Lebens
+und der Kunst. Er war bewundert gewesen, geliebt
+von Frauen und M&auml;nnern, heiter, freigebig und
+voll g&uuml;tiger Launen, aber es blieb nichts &uuml;brig f&uuml;r
+die geliebten Kinder seiner Tochter, die in F&uuml;lle
+und mit dem leuchtenden Sinn f&uuml;r das Sch&ouml;ne herangewachsen
+waren. Das alte Haus und der gr&uuml;ne
+Garten waren verkauft, es war nicht leicht, daran
+zu denken und nicht leicht, das geliebte Bild des
+alten Herrn ganz strahlend hell im Herzen zu haben.</p>
+
+<p>Schwer und unbegreiflich war vieles im Leben;
+es mei&szlig;elte weiche, jugendliche Z&uuml;ge und gab ihnen
+feste, bestimmte Linien, und es lie&szlig; lachende Augen,
+die &uuml;berall den Sonnenschein auffingen, wach und
+wissend in den Tag sehen.</p>
+
+<p>Das alles erfuhr ich erst nach und nach, aber
+etwas davon ging mir beim ersten Sehen auf, ein
+Ernst und eine reife &Uuml;berlegenheit, vor der ich fast
+erschrak, denn ich hatte das nicht erwartet. Aber
+Gott sei Dank, es hatte das Jungsein doch noch
+daneben Platz oder vielmehr, es brach daraus hervor,
+wie eine versch&uuml;ttete Pflanze aus w&uuml;stem Ger&ouml;ll
+oder wie der Saft aus einem zur&uuml;ckgeschnittenen
+Baum, der &uuml;berm&auml;chtig treibt und die Wunden
+zudeckt mit neuen gr&uuml;nen Trieben. Es mu&szlig;te ja
+nicht immer so d&uuml;ster kommen, man hatte ja sein
+eigenes Leben zu leben, das erst vor einem lag
+<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">201</a></span>und in dem es gut und hell zugehen mu&szlig;te, allem
+Dunklen zum Trotz.</p>
+
+<p>Das alles gab mir Maidi nach und nach zu
+sehen und zu kosten, den Ernst und den Stolz
+und das Lachen, ich habe es aber gleich auf einmal
+heraufgeholt, weil ich meine, keinen Zug ihres geliebten
+Bildes verschweigen zu k&ouml;nnen, wenn ich von
+ihr rede, auch keinen Augenblick.</p>
+
+<p>Sie war nicht auf der Malerakademie, wie meine
+Schwester Luise gemeint hatte, sondern in einer Kunstgewerbeschule,
+wo sie in absehbarer Zeit zu Beruf
+und eigenem Verdienst kommen konnte. Ihr Bruder,
+den sie sehr liebte, war irgendwo auf einer Hochschule,
+wozu ihm Stipendien verhalfen aus reichen alten
+Stiftungen eigener Vorfahren. Er war begabt, und
+sie war stolz auf ihn, sie war nicht im Zweifel,
+da&szlig; es einmal wieder gut kam im Leben.</p>
+
+<p>Von dem allem erfuhr ich bei der ersten Begr&uuml;&szlig;ung
+nur das &Auml;u&szlig;erlichste, so viel ungef&auml;hr,
+da&szlig; ich wu&szlig;te, ich habe es nicht mit einem Wesen
+zu tun, das nach eigener Wahl und aus innerem
+M&uuml;ssen den sch&ouml;nen K&uuml;nsten nachfolge, sondern mit
+einem solchen, das gen&ouml;tigt sei, auf eigenen F&uuml;&szlig;en zu
+stehen und selbstverdientes Brot zu essen. Aber freilich
+mu&szlig;te das Brot auf einem Acker gewachsen sein,
+dem es zwischen den &Auml;hren nicht an rotem Mohn
+und blauen Kornblumen fehlte, denn ohne Sch&ouml;nheit
+w&auml;re sie geistig oder seelisch Hungers gestorben.</p>
+
+<p>Wir waren ein paarmal miteinander vor der
+Halle auf und ab gegangen, da noch etwas Zeit
+&uuml;brig war vor dem Beginn des Konzerts, und hatten
+das N&ouml;tigste vom Woher, Wohin und Wieso miteinander
+geredet, aber unversehens doch als solche,
+<span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">202</a></span>die einander etwas angehen. &bdquo;Ist es nun nicht
+wunderbar,&ldquo; sagte Maidi, &bdquo;da&szlig; wir Landsleute und
+Stadtkinder hier in der Fremde zusammentreffen?
+H&auml;tte es nicht jedes von uns ebensoviele Stunden
+weit nach einer andern Richtung hinwehen und absetzen
+k&ouml;nnen, wo dann keines etwas vom andern
+gewu&szlig;t h&auml;tte?&ldquo; Das sagte sie so drollig und mit sichtlicher
+Freude an dem Geschehen, da&szlig; ich erleichtert
+anfing zu lachen, denn ich mu&szlig;te mir bildhaft vorstellen,
+wie uns der Wind nach verschiedenen Richtungen
+getragen und niedergelassen h&auml;tte, und Maidi
+fiel so herzlich in mein Lachen ein, als ob sie schon
+lang nicht mehr recht gelacht h&auml;tte und nun die
+erste Gelegenheit dazu ergreife. Dabei hatte sie auf
+einmal wieder die Z&uuml;ge, die ich gut an ihr kannte,
+es fiel mir ein, da&szlig; ich sie auch in der Konzerthalle
+zuerst lachend erblickt hatte, und ich teilte ihr das mit.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja,&ldquo; sagte sie wieder ernsthaft und wie in einer
+kleinen Bek&uuml;mmernis, &bdquo;es hat vieles Platz nebeneinander
+in einem Menschen. Es wundert mich oft
+selber. Ich habe es an mir, da&szlig; mich das Komische,
+besonders wo es wichtig auftritt und sich breit macht,
+&uuml;berw&auml;ltigt und ich dann alle Kraft brauche, um
+die Lachlust zu unterdr&uuml;cken. Das kann mir in
+der Kirche geschehen oder bei einem an sich traurigen
+Anla&szlig;; ich bin schon b&ouml;s damit hereingefallen. Es
+darf nur jemand ein gro&szlig;es Pathos entfalten oder
+eine strenge Amtsmiene aufsetzen bei einer unwichtigen
+Sache, oder schw&auml;nzelnd hinter einem Leichenwagen
+einherschreiten, gleich steigt es mir auf mit
+aller Macht. Es ist dann nur gut, wenn mein
+Bruder nicht in der N&auml;he ist, der es auch so hat.
+Allein werde ich eher damit fertig, es dauert dann
+<span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">203</a></span>nur einen Augenblick. Wenn ich ihn aber nur
+von hinten sehe, wie er mit den Achseln zuckt, so
+wei&szlig; ich schon Bescheid, n&auml;mlich da&szlig; er lautlos
+in sich hineinlacht, und dann bin ich verloren.&ldquo;</p>
+
+<p>Das alles sagte sie ernsthaft und als ob es
+ihr Not bereite, und es war vielleicht auch der Fall,
+aber es sa&szlig; doch ein Schelm in ihren Augenwinkeln,
+und ich h&auml;tte uns jetzt gleich einen der beschriebenen
+Anl&auml;sse hergew&uuml;nscht, um den Bruder zu vertreten,
+denn das war so recht eine Sache f&uuml;r mich. Das
+Zeichen erscholl, das die S&auml;nger an ihren Platz
+rief, und Maidi enteilte mir, ich aber begab mich
+in der besten Laune zu meinen Sangesbr&uuml;dern, hochgestimmt
+und aufgeheitert zu gleicher Zeit.</p>
+
+<p>Wenn&nbsp;&ndash; weil ich schon einmal das Meer zum
+Vergleich angef&uuml;hrt habe, f&uuml;r das Zusammenflie&szlig;en
+so vieler und starker Tonmassen&nbsp;&ndash; im gro&szlig;en Weltmeer
+hie und da zwei aufblitzende Wellchen mit
+lustigen Schaumkr&ouml;nlein einander von weitem erblicken
+und gr&uuml;&szlig;en und darnach wieder untersinken
+in die weitausgereckten Arme des Meeres, so haben
+sie es, wie wir beide, Maidi und ich, an diesem Tage
+es hatten. Wir waren eins mit dem Ganzen und
+hingegeben an dasselbe, and&auml;chtig und voller Lust
+und doch auch wieder selber etwas, das mit Zunicken
+und freudigem Gr&uuml;&szlig;en das andere suchte. Ich wei&szlig;,
+da&szlig; es nicht nur bei mir so war, es war auch in
+Maidi eine Freude, hier in der Fremde und in der
+Gegenwart, die so ganz anders war als die Heimat
+und die Vergangenheit, einen zu finden, der bis
+ins Kinderland zur&uuml;ckreichte; und so, erw&auml;rmt und
+heimatlich anger&uuml;hrt, sang sie sich, untertauchend
+und wieder emporgehoben, in eine still-beseeligte
+<span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">204</a></span>Wonne hinein, wie sie mir sp&auml;ter einmal mit aufleuchtenden
+Blicken erz&auml;hlte. Als nun der Schlu&szlig;chor
+einer Kantate und zugleich der des Abends kam
+und ein sieghaftes Get&ouml;ne anhob, in dem immer eine
+Stimme der andern zurief: Frohlocket&nbsp;&ndash; und
+singet&nbsp;&ndash; und die andere es aufgriff und weitergab,
+bis zuletzt ein gro&szlig;es allgemeines Frohlocken
+entstand, das die W&auml;nde zu eng machte und in die
+Nacht hinausschallte, da war es uns eben recht,
+wir frohlockten und sangen&nbsp;&ndash; und sangen und frohlockten,
+so viel wir konnten, und hatten den starken
+Widerhall in der Brust. Es war mir aber, wie wenn
+ein helles, lustiges Gl&ouml;cklein neben einem vollen
+Domgel&auml;ute f&uuml;r sich bimmelt, als ich auf einmal
+sah, wie &uuml;ber Maidis Gesicht mitten drin ein Lachen
+lief, das ich begierig war, noch oft zu sehen. Denn
+es gingen ihr neben allem Gro&szlig;en her kleine lustige
+Geisterchen, die stiegen auf und sa&szlig;en rittlings auf
+den hohen Wogen, wie rosige Engelsb&uuml;bchen; dann
+war sie k&ouml;stlich anzusehen.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Es begab sich wie von selbst, da&szlig; ich von jetzt
+an &ouml;fter mit Maidi zusammen kam, die mich mit
+einer gro&szlig;en Selbstverst&auml;ndlichkeit und Unbefangenheit
+an ihrem Leben teilnehmen lie&szlig;, soviel sich
+davon ereignen wollte. Sie stand in festen Schuhen,
+in viel festeren als ich. Als ihr Herkommen in
+seinen Grundlagen ersch&uuml;ttert worden war, da hatte
+sie sich auf sich selbst besonnen. Es war da noch
+etwas Eigenes, das nicht hinwegstarb und nicht
+verkauft werden konnte, ein k&ouml;stlicher Besitz, mit
+dem es sich leben lie&szlig;. Ich mu&szlig; etwas aus mir
+<span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">205</a></span>selber machen, wu&szlig;te sie, und mu&szlig; auf eigenen
+F&uuml;&szlig;en stehen. Sie sah klar in ihre Zukunft hinein
+und wu&szlig;te, was sie wollte und was sie erreichen
+konnte, was mir stark imponierte, da es bei mir
+damit nicht zum Besten bestellt war. Zwar was ich
+wollte, wu&szlig;te ich auch, wenn man das Wollen hei&szlig;en
+kann, da&szlig; einer &uuml;berzeugt ist, es m&uuml;sse ihm alles
+Gute in den Scho&szlig; fallen oder vielmehr alles Angenehme.
+Ich war damit aufgewachsen, da&szlig; ich
+haben konnte, was ich begehrte, und gerade der
+Umstand, da&szlig; ein neues Verlangen immer auf der
+Schulter eines erf&uuml;llten Wunsches gestanden war,
+hatte mich daran gew&ouml;hnt, auch h&ouml;her geh&auml;ngte
+Dinge f&uuml;r erreichbar zu halten. Das war ja an
+sich nichts Unrichtiges, ich konnte ebensogut wie ein
+anderer gescheiter Kerl vorw&auml;rts kommen, es fragte
+sich nur, ob ich alle Kraft zusammennehmen und
+arbeiten wollte. Aber so war es nicht gemeint bei
+mir, denn das, was man so am ebenen Weg erreichen
+konnte, war nicht genug.</p>
+
+<p>Es ist nicht angenehm, es mir zu unterbreiten,
+aber es hilft alles nichts: ich wollte eine Lebensstellung
+haben, in der ich geehrt und angesehen war
+in den Kreisen, die einen Zaun um sich zogen von
+Geld und von Bildung, und in einem sch&ouml;nen Hause
+wohnen mit einer eleganten, sch&ouml;nen und vornehmen
+Frau und was mehr zu dem allem geh&ouml;rte.</p>
+
+<p>Ich konnte es verlangen, da&szlig; es so kam, denn,
+war nicht seither auch eins aus dem andern gekommen
+bei mir, seit ich ein kleines B&uuml;bchen gewesen
+war? Also mu&szlig;te es auch weiter gehen
+in aufsteigender Linie. Wie? Das wu&szlig;te ich
+freilich nicht. Denn obgleich ich ja eigentlich ziemlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">206</a></span>viel Selbstgef&uuml;hl hatte, dachte ich doch nicht
+daran, die g&uuml;nstigen Wendungen in meinem Leben
+durch eigene Kraft herbeizuf&uuml;hren, sondern ich erwartete
+sie von gl&uuml;cklichen Zuf&auml;llen oder Schickungen,
+die ja rechtzeitig eintreffen mu&szlig;ten. Ich hatte mir
+eine Art von Lebensanschauung zurecht gemacht,
+die der Bescheidenheit den Tod schwor und gro&szlig;e
+M&auml;nner dabei zum Zeugen aufrief, freilich in ganz
+falschem Sinne, n&auml;mlich so, da&szlig;, wer mit einem
+niederen Los zufrieden sei, auch kein h&ouml;heres verdiene,
+wer es aber in sich habe, den treibe es hinauf.
+Das w&auml;re alles schon recht gewesen, wenn es mir
+um die Sache selbst und nicht um die Nebendinge
+zu tun gewesen w&auml;re, und wenn mich ein inneres
+Feuer gedr&auml;ngt h&auml;tte, als Meister und Schmied meines
+Schicksals aufzutreten und es so zu h&auml;mmern, wie
+ich es zu brauchen meinte, und wie es ins Einzelne
+auszuspinnen meine gesch&auml;ftige Phantasie nicht
+m&uuml;de wurde.</p>
+
+<p>Ich habe, nachdem ich meine Lehrgelder bezahlt
+und meine Umwege gemacht habe, wohl gelernt, die
+Dinge beim rechten Namen zu nennen. Damals
+hie&szlig; ich Sch&ouml;nheitssinn, was bereits ins Kraut geschossen
+und Begehrlichkeit geworden war, und Aufw&auml;rtsstreben,
+was erst recht am Boden klebte.</p>
+
+<p>Nun, es ist mir nichts geschenkt worden.</p>
+
+<p>Ich h&uuml;tete mich wohl, meine Weisheiten vor
+Olbrich auszubreiten, der ja gerade ein Beispiel
+daf&uuml;r gewesen w&auml;re, wie innewohnende starke Kr&auml;fte
+Schicksalsleiter sind, und trug sie dagegen zu Maidi,
+zu der ich alles Zutrauen hatte, und die mich auch
+mit allem aufnahm, was ich vorbrachte, ohne mir
+aber blindlings recht zu geben, so da&szlig; sie sowohl
+<span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">207</a></span>meine Zuflucht als auch mein Gewissen war, obgleich
+ich ihm freilich nicht folgte. Es zog mich zu ihr und
+vielleicht nicht am wenigsten darum, weil ich etwas
+von ihrer freudigen und ernsten Kraft sp&uuml;rte, die sie
+nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg wollen
+lie&szlig;, und die mir Respekt einfl&ouml;&szlig;te.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Ich hatte oft das Gef&uuml;hl, als ob ich Maidi bedauern
+m&uuml;&szlig;te und mich gl&uuml;cklich preisen, da sich
+das Blatt so gewendet hatte, seit unsern Kindertagen.
+Denn hatte sie nicht alles gehabt und alles verloren,
+was mir wie ein fernes Paradies noch im Ged&auml;chtnis
+war? Und mu&szlig;te sie nicht ihr sch&ouml;nes junges
+Leben nun in den Zeichens&auml;len versitzen und auf
+ein Pflichtendasein ausgehen?</p>
+
+<p>Und war ich nicht, der ich einstmals geweint hatte
+vor Scham &uuml;ber unser &auml;rmliches H&auml;uschen, auf dem
+besten Wege zu einer allersch&ouml;nsten Villa (wenigstens
+in meinen Tagtr&auml;umen)?</p>
+
+<p>Ach, ich wu&szlig;te nicht, um wie vieles sie mir voraus
+war, der ich noch so gar nicht geschult war im Lebenskampf,
+dem es an Ersch&uuml;tterungen &auml;u&szlig;erer und
+innerer Art bisher g&auml;nzlich gefehlt hatte, um zu
+irgendeiner Tiefe zu gelangen. Wie wenig kannte
+ich von den ernsteren Seiten des Lebens; wie wenig
+ri&szlig; mich ein starkes M&uuml;ssen auch nur in mir selbst
+zum Guten oder B&ouml;sen nach irgendeiner Seite. Ich
+war eine der sogenannten gl&uuml;cklichen Naturen, die
+von vielen so gern gesehen werden, weil es sich mit
+ihnen behaglich und ohne viel Reibung leben l&auml;&szlig;t,
+und denen das eigentliche Gl&uuml;ck, das errungen sein
+will, so leicht entgeht, da sie es nicht zu rechter Zeit
+<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">208</a></span>erkennen und daf&uuml;r irgendeinem Scheingebilde nachgehen.
+Doch, was ich vers&auml;umt und ges&uuml;ndigt habe,
+habe ich bezahlen m&uuml;ssen. Und&nbsp;&ndash; wie ich auch
+gewesen sein mag, es war eine Zeit in meinem
+Leben, da Maidi mich liebte.</p>
+
+<p>Ich habe oft versucht, mich mit diesem Wort
+wie mit einem Schilde zu decken und bin gewi&szlig;, da&szlig;
+Maidi, wenn sie k&ouml;nnte, trotz allem, was ich ihr angetan
+habe, sagen w&uuml;rde: &bdquo;Tue es nur, denn es ist
+wahr, und ich wu&szlig;te wohl, was ich tat, als ich dich
+liebte.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber der Schild kann mich nicht vor mir selber
+sch&uuml;tzen, und Maidi kann ihn nicht &uuml;ber mich halten.
+Wenn ich in grauen Stunden &uuml;ber das lieblichste
+und traurigste Kapitel meines Lebens nachsinne, so
+h&ouml;hnt etwas in mir: Kann auch einer, der im
+Angesicht der Sonne schlimme Taten ver&uuml;bte, ja die
+Sonne selber gering achtete, sich tr&ouml;sten, da&szlig; er
+doch von ihr beschienen worden sei und es also wert
+gewesen sein m&uuml;sse?</p>
+
+<p>Dann aber sagt eine liebe Stimme: &bdquo;Gr&auml;me
+dich nicht l&auml;nger. Wir tragen alle unser Schicksal
+in uns selber und m&uuml;ssen es vollenden. Das war
+das Liebste an meiner Liebe, da&szlig; ich dich vor dir
+selber sch&uuml;tzen wollte; nun tue du es selbst.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich mu&szlig;te das vorausschicken, um mir Mut zu
+machen f&uuml;r das, was ich nun aufschreiben will, und
+was ich gern verschieben m&ouml;chte, wie Kinder tun, wenn
+sie eine Dummheit oder Bosheit bekennen sollen
+und tausend Umschweife machen, ehe sie mit der
+Sprache herausr&uuml;cken. Ein unverschuldetes Ungl&uuml;ck
+verhehlen sie nicht, sondern verk&uuml;ndigen es mit lautem
+Geschrei des guten Gewissens.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">209</a></span></p><p>Maidi hatte, als sie die Kunstgewerbeschule bezog,
+etwas mitgebracht, was ihr ebenso n&uuml;tzlich war,
+wie der kleine Verm&ouml;gensrest, von dem sie die paar
+Jahre leben und ihre Studiengelder bestreiten
+konnte. Es konnte nicht verborgen bleiben, da&szlig; sie
+in einer Umgebung aufgewachsen war, in der die
+Kunst oberste Regentin war, und zwar die frei schaffende
+Kunst, die ohne Nebenzweck und nur vom
+Genius befruchtet, Sch&ouml;nstes und Lebendigstes schafft,
+die aber doch, eben wenn ein wirklicher K&uuml;nstler sie
+besitzt, das Technische, Handwerksm&auml;&szlig;ige ebenso wichtig
+nimmt und beherrscht wie das geistige.</p>
+
+<p>Es mu&szlig;te auffallen, mit welch raschem Verst&auml;ndnis
+Maidi den Anweisungen der Lehrer in
+den praktischen F&auml;chern entgegenkam und wie sie
+sich, zwar bescheiden, aber auf Grund einsichtigen
+Nachdenkens, hie und da erlaubte, eine kleine &Auml;nderung
+in einer Sache vorzuschlagen, die man ihrer
+Meinung nach auch anders angreifen konnte. Auch
+mochte es ungew&ouml;hnlich zu sehen sein, wie sie bei
+Anh&ouml;rung der theoretischen Vortr&auml;ge, die ihr Studium
+betrafen, entweder mit dem lebhaften Interesse
+dessen, der schon die n&ouml;tigen Grundlagen hat und
+darum leicht folgen kann, oder mit dem einverstandenen
+L&auml;cheln und Kopfnicken dessen, der Bekanntes
+neu vortragen h&ouml;rt, dasa&szlig;. So dauerte es nur
+kurze Zeit, bis sie vom Direktor der Anstalt nach
+ihrem Herkommen befragt wurde, und, als sie den
+Namen ihres Gro&szlig;vaters nannte, von ihm in einer
+gewissen Art und Sprache, wie sie eine Kaste untereinander
+hat, angeredet und behandelt wurde. Er
+lud sie auch bei Gelegenheit in seine Familie ein,
+und seine Frau war es, die Maidi ihrerseits in den
+<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">210</a></span>Singverein eingef&uuml;hrt hatte. Diesem trat sie aber
+nicht als ordentliches Mitglied bei, sondern beteiligte
+sich nur bei besonderen Anl&auml;ssen an den Chorges&auml;ngen.
+Auch ben&uuml;tzte sie ganz selten die Gelegenheit,
+in der Familie des Direktors einer gr&ouml;&szlig;eren
+Geselligkeit beizuwohnen, obgleich ihr diese offen gestanden
+w&auml;re. Beidem aber entzog sie sich mit
+einer ruhigen Bestimmtheit, die mich aufs neue
+in Erstaunen setzte, und die wohl zeigte, wie gut
+sie wu&szlig;te, was sie wollte und auch was sie nicht
+wollte. Denn als ich sie einmal fragte, ob sie das
+alles ihrer Arbeit zulieb unterlasse, auf die sie
+auch ihre Abendstunden vielfach verwendete, sagte sie
+lachend: &bdquo;Es ist gut, da&szlig; ich sie vorschieben kann, aber
+wenn mich etwas so recht von Herzen locken w&uuml;rde,
+so w&uuml;rde ich ebensogut bummeln und Nebendinge
+treiben, wie Sie.&ldquo; Das traf mich einigerma&szlig;en,
+denn ich glaubte meinem Beruf auch die n&ouml;tige
+Pflege angedeihen zu lassen, und ich sagte es auch.
+Maidi aber fuhr fort, ein Muster, das sie heut
+entworfen hatte, in Kerbschnitt auszuf&uuml;hren, und
+sagte, nicht von der Arbeit aufblickend: &bdquo;Es ist verschieden,
+was man unter n&ouml;tig versteht. Mancher
+h&auml;lt nur f&uuml;r n&ouml;tig, da&szlig; er seine Schuldigkeit tut,
+und mancher ist unzufrieden mit allem, was er au&szlig;er
+dem einen tun mu&szlig;, es kommt darauf an, wie stark
+man mit einer Sache verheiratet ist.&ldquo; &bdquo;Und Sie
+also glauben, st&auml;rker mit Ihren Kerbschneidereien
+verheiratet zu sein, als ich es mit meinen B&uuml;chern
+bin?&ldquo; sagte ich z&auml;nkisch, denn ich wollte auf
+keine Weise unten durch sein. &bdquo;Dann lassen Sie
+sich nur sagen, da&szlig; ich mir an die andere Hand mit
+der Zeit noch eine Frau antrauen lassen werde
+<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">211</a></span>und vergn&uuml;gt mit beiden zu leben gedenke; Sie
+aber, werden Ihre K&uuml;nste verlassen, sobald der Rechte
+kommt, der Sie heiraten wird.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich war selbst betroffen, als mir das t&ouml;richte und
+flegelhafte Gerede entfahren war und h&auml;tte es gern
+ungeschehen gemacht; denn ich dachte im Herzen gar
+nicht so, im Gegenteil reizte es mich, da&szlig; Maidi
+ihrer Sache so sicher war.</p>
+
+<p>Sie schien mir oft viel mehr als ein guter Kamerad,
+denn als eine junge Dame, und das um ihrer
+eifrigen Berufsarbeit willen; sonst war sie ja sch&ouml;n
+und lieb und bewunderungsw&uuml;rdig genug.</p>
+
+<p>Jetzt aber sah ich, wie Gesicht und Nacken der
+geb&uuml;ckt Dasitzenden langsam von einem lichten Rot
+bedeckt wurde, das sich tiefer f&auml;rbte und ebenso langsam
+wieder zur&uuml;ckging. Maidi r&uuml;hrte sich nicht, aber
+ihre H&auml;nde zitterten ganz leise, fast unmerklich.</p>
+
+<p>Da kam es mir mit einer leichten und warmen
+Wallung herauf: &bdquo;Sie ist doch auch eine Frau und
+hat alles in sich, was zu einer solchen geh&ouml;rt, ich aber
+bin ein Esel von der besseren Sorte,&ldquo; und das letztere
+sprach ich auch reum&uuml;tig aus.</p>
+
+<p>Da blickte Maidi auf und sah mich an, zuerst
+mit zornig zusammengezogenen Brauen, dann mit
+einer kleinen, b&ouml;sen aber lustigen Grimasse und
+sagte: &bdquo;Stimmt,&ldquo; worauf wir beide anfingen, zu
+lachen, ich in einer uns&auml;glichen Erleichterung. Darauf
+besprachen wir einen Sonntagsausflug, an dem
+sich diesmal Olbrich beteiligen wollte, den ich mit
+Maidi bekannt gemacht hatte, und pl&ouml;tzlich sagte
+Maidi nachdenklich: &bdquo;Eigentlich, wenn ich's recht
+&uuml;berlege, bummle ich doch auch ziemlich viel und
+zwar mit Ihnen, ich wei&szlig; nicht, was Sie wollen,&ldquo;
+<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">212</a></span>und dann lachten wir aufs neue, denn es kam nicht
+darauf an, ob es klug oder dumm geredet war,
+wir mu&szlig;ten nur gute Freunde sein.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Olbrich machte sich sehr gut als Wandergenosse.
+Wir waren mit der Bahn, wie wir &ouml;fters taten, bis
+an einen Punkt gefahren, von dem aus wir das
+Gebirge leicht erreichen konnten, und stiegen nun
+frisch bergan, denn wir hatten uns einen ziemlich
+weiten Weg vorgenommen. Da war es nun Olbrich,
+der meinen allzuweit ausgreifenden Schritt
+durch seinen gem&auml;&szlig;igteren hemmte. Ich hatte nie
+daran gedacht, da&szlig; es f&uuml;r Maidi vielleicht beschwerlich
+sein k&ouml;nnte, so ohne Schonung der Kr&auml;fte drauf
+los zu steigen, wie ich ja &uuml;berhaupt nicht die Anlage
+hatte, nach anderer Leute M&ouml;glichkeiten zu fragen,
+solange sie sich nicht beschwerten. Olbrich aber zeigte
+sich von einer aufmerksamen Ritterlichkeit, die mir
+auffiel, weil ich sie selber nicht besa&szlig;, und zwang
+mich nur durch sein Wesen, nun auch die Augen
+aufzumachen. Da sah ich denn freilich, da&szlig; Maidi
+eine helle R&ouml;te im Gesicht hatte und viel k&uuml;rzer
+und schneller atmete als wir, und ich stellte auch
+diese meine Bemerkung fest. Sie lachte mich aber aus,
+da es, wie sie sagte, damit an andern Tagen viel
+schlimmer gewesen sei, und das heutige Tempo ihr
+sehr zusage, und f&uuml;gte, wie etwas Nebens&auml;chliches,
+hinzu, sie habe einen kleinen Herzfehler, der aber
+nicht viel ausmache, da schon verschiedene Personen
+in ihrer Familie mit einem solchen alt geworden
+seien. &bdquo;Und ich denke auch alt damit zu werden,&ldquo;
+sagte sie triumphierend, &bdquo;denn ich habe eine solche
+<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">213</a></span>Lebenslust in mir, da&szlig; alles Krankhafte davor ducken
+mu&szlig;. Ich glaube, man kann es &uuml;berwinden durch
+den Willen zum Gesundsein und durch die &Uuml;bung
+aller Kr&auml;fte,&ldquo; und dabei reckte sie sich hoch auf und
+warf den Kopf in der ihr eigenen sieghaften Weise
+zur&uuml;ck, da&szlig; ich tats&auml;chlich dachte, sie sei jedem Feind
+in sich gewachsen und habe es in der Hand, zu leben,
+so lange sie wollte, obgleich ich ein kleines Unbehagen
+&uuml;ber ihren Herzfehler nicht zu unterdr&uuml;cken
+vermochte. Oder vielmehr war es ein halb &auml;rgerliches
+Staunen dar&uuml;ber, da&szlig; das bl&uuml;hende und vollwertige
+Wesen da neben mir eine Besch&auml;digung mit sich
+herumtrage; es war, wie wenn man beim Ansto&szlig;en
+an einem sch&ouml;nen Kristallglas ein ganz feines Klirren
+h&ouml;rt, das von einem noch verborgenen Ri&szlig; zeugt.
+Er ist noch nicht mit den Augen wahrnehmbar, aber
+man wei&szlig;, da&szlig; er da ist, und das Glas kann eines
+Tages in St&uuml;cke gehen. Doch kam ich schnell &uuml;ber
+das dunkle Unlustgef&uuml;hl hin&uuml;ber, da ja Maidi selber
+nichts aus der Sache machte, und auch auf dem jetzt
+erreichten H&ouml;henweg leicht und m&uuml;helos neben uns
+herging.</p>
+
+<p>Olbrich aber sagte trocken und fast v&auml;terlich:
+&bdquo;Sie m&uuml;ssen dann nur Ihr Herz vor gro&szlig;en Strapazen
+bewahren, die mag es nicht leiden,&ldquo; und meinte
+damit das k&ouml;rperliche Herz, das sie ein wenig schonhaft
+halten sollte; aber es fiel doch uns allen dreien
+ein, da&szlig; die Ausf&uuml;hrung dieses Rates bedeuten
+w&uuml;rde, das ganze stark lebendige Menschenkind
+von den Gluten und St&uuml;rmen des Schicksals abzuschlie&szlig;en
+unter einer Glasglocke zahmer Vorsicht
+und Selbstbewachung, wozu sich Maidi gar nicht eignete.
+Sie sch&uuml;ttelte auch den Kopf und sagte: &bdquo;Schonen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">214</a></span>w&uuml;rde ich nicht leben hei&szlig;en,&ldquo; und brachte das
+Gespr&auml;ch absichtlich auf andere Dinge. Unter anderem
+beschrieb sie Olbrich und mir, der ich nicht viel
+mehr davon wu&szlig;te, als er, ihr gro&szlig;v&auml;terliches Haus
+von au&szlig;en und innen, die breiten Treppen mit dem
+geschnitzten Gel&auml;nder, den gro&szlig;en Vorplatz mit den
+Stuckdecken und den Fl&uuml;gelt&uuml;ren, was alles deutlich
+von den alten Geschlechtern sprach, die sich das
+Haus erbaut und ausgeschm&uuml;ckt und die es bewohnt
+hatten. &bdquo;Wir selbst waren andere, als sie, und
+nun wohnen wieder andere darin,&ldquo; sagte Maidi,
+und obgleich ihre ganze Beschreibung lebhaft und
+farbig gewesen war, merkte man jetzt pl&ouml;tzlich an
+ihrem Ton und Gesichtsausdruck, da&szlig; sie von Heimweh
+und Trauer nach dem Gewesenen ergriffen
+war. Sie schwieg eine Weile, und ich sah Olbrichs
+Augen mit bewundernder und bewegter Z&auml;rtlichkeit
+auf ihr liegen; Maidi konnte das aber nicht gewahr
+werden. Sie ging wohl in Gedanken die Treppe
+hinunter und durch das schmale Seitent&uuml;rchen in den
+gr&uuml;nen Garten hinaus, der mir immer noch als
+Bild des Paradieses vor Augen schwebte. Aber
+lange konnte das nicht dauern; es kehrte ein heller
+Schein in ihre Augen zur&uuml;ck, und sie sagte: &bdquo;Auf
+dem oberen Boden ist noch eine gro&szlig;e Rumpelkammer
+voll sch&ouml;ner Sachen, die uns geh&ouml;ren, meinem
+Bruder und mir: Bilder und Ger&auml;te, Zinn-
+und Silbersachen, die wir besonders lieben, ein
+paar geschnitzte Lehnst&uuml;hle und eine eichene Truhe
+voller Teppiche und Kissen; das alles wartet auf
+uns und steht jetzt im Dunkeln, denn die Fensterladen
+sind geschlossen. Am leidesten tun mir die
+sch&ouml;nen Bilder, die mit dem Gesicht an der Wand
+<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">215</a></span>lehnen und die wohl gar nicht begreifen k&ouml;nnen,
+wo die Leute hingekommen sind, die immer so fr&ouml;hlich
+unter ihnen herumgingen.&ldquo; Sie l&auml;chelte uns an,
+wie entschuldigend, da&szlig; sie von solchen Dingen redete,
+die uns vielleicht fern und fremd sein konnten, und
+ich wunderte mich heut zum zweitenmal &uuml;ber Maidi,
+da sie weich und fein und verletzlich war, von sehnlichem
+Gem&uuml;t, und nicht nur Kraft, Willen und
+freudige Sicherheit besa&szlig;. Aber sie war mir so um so
+lieber; ich konnte mich gar nicht ers&auml;ttigen, sie reden
+zu h&ouml;ren und sie anzusehen, und ich wunderte mich
+nicht &uuml;ber Olbrich, dem es auch so ging, ja der sie
+von Zeit zu Zeit verstohlen ansah, wie ein seltenes
+Wunder.</p>
+
+<p>Ich erinnere mich eines sch&ouml;nen Platzes, an dem
+wir einige Zeit rasteten und ein mitgenommenes
+Vesperbrot a&szlig;en. Maidi teilte es aus und war so
+heiter wie nur je, was dann uns wieder zu allerlei
+Scherzen und Neckereien anfeuerte, in denen die
+ungewohnte R&uuml;hrung und Herzbewegung bald unterging.
+Wir sa&szlig;en unter einer Gruppe von hohen,
+schlanken Kiefern, die eine kleine, steil abfallende
+Waldlichtung bekr&ouml;nten. &Uuml;ber diese Lichtung hin
+ging der Blick in ein jenseitiges Flu&szlig;tal, aus dem
+sich wieder Berge erhoben, mit dunklen W&auml;ldern
+bedeckt und hinter ihnen neue H&ouml;henz&uuml;ge, blau verschleiert;
+es sah aus, als sollte es so in die Unendlichkeit
+hinein fortgehen. Der Flu&szlig;, der hier ein geringes
+Gef&auml;lle hatte, schien ganz still in seinem
+Bette zu liegen, an das sich junger Wald nahe
+herzudr&auml;ngte; auf einer der ferneren H&ouml;hen lag
+ein Dorf oder ein kleines St&auml;dtchen mit Resten
+einer alten Befestigung, deren zerbrochene Mauern
+<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">216</a></span>von dunklen B&auml;umen beschattet waren, und zwischen
+denen ein trotziger Kirchturm schwer und ungef&uuml;ge
+heraussah. Das Ganze aber lag unter dem
+blauen Septemberhimmel in der goldensten Sonne
+und winkte von seiner Ferne her, seltsam verlockend
+zu uns her&uuml;ber, so da&szlig; wir erwogen, ob wir es nicht
+einmal aufsuchen wollten, denn damals waren unsere
+Wanderf&uuml;&szlig;e gel&uuml;stig nach allen H&ouml;hen und
+Fernen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, ich wei&szlig; nicht,&ldquo; sagte Maidi, &bdquo;von nahem
+ist es vielleicht nicht mehr so sch&ouml;n, wir k&ouml;nnen uns
+aber von weitem alles Sch&ouml;nste hinter den alten
+Mauern denken.&ldquo; Sie hatte sich im bl&uuml;henden Heidekraut
+ausgestreckt und sah, die Arme unter dem
+Kopf verschr&auml;nkt, zwischen den B&auml;umen durch zum
+blauen Himmel auf, fing aber bald an, zu blinzeln
+und schlo&szlig; mit einem wohlig tiefen Seufzer die
+Augen.</p>
+
+<p>Da legten auch wir uns nieder und wenigstens
+ich war bald eingeschlafen.</p>
+
+<p>Es war mir aber nach einiger Zeit, als ob ich
+im Traum einen lieblichen Gesang vernehme, der
+verhallen m&uuml;&szlig;te, wenn ich mich r&uuml;hre, und ich hielt
+mich auch noch auf der Schwelle des Erwachens ganz
+still; es war mir uns&auml;glich wohl zumute dabei. Als
+ich aber dann dennoch die Augen aufschlug, sah ich
+Maidi ein St&uuml;ckchen entfernt von uns am &auml;u&szlig;ersten
+Rande des Abhangs stehen mit in die Ferne gerichteten
+Augen und h&ouml;rte sie ein Lied singen in
+einer Melodie, die ich noch nie geh&ouml;rt hatte, und
+von der mir jetzt noch hie und da verwehte Bruchst&uuml;cke
+in der Erinnerung anl&auml;uten, lieblich und voller
+Heimweh. Im Tale geisteten schon die fr&uuml;hen
+<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">217</a></span>Abendnebel um den Flu&szlig; und das junge Erlengeb&uuml;sch
+an den Ufern, die H&auml;user und T&uuml;rme auf
+dem Berge aber waren von der sinkenden Sonne
+in rote Glut getaucht, und Maidi sang: &bdquo;Du bist
+Orplid, mein Land, das ferne leuchtet.&ldquo; Aber ob sie
+in Wahrheit eine unsichtbare Ferne suchte und wo
+diese lag, wu&szlig;te ich nicht, und nun kann ich sie auch
+nicht mehr fragen. Sie kehrte sich zu uns her und
+wir stiegen unsern Weg nieder, der sich bald ins Tal
+senkte, in die Abendschatten.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Solcher G&auml;nge zu allen Jahreszeiten k&ouml;nnte ich
+noch viele beschreiben; es s&auml;he dann aus, als ob
+die Zeit stillgestanden w&auml;re, um uns eine Weile
+jung und heiter und schicksalslos sein zu lassen. Aber
+das tat sie nicht, sondern sie ging ihren gemessenen
+Schritt und nahm uns alle mit, jeden in sein Verh&auml;ngnis
+hinein.</p>
+
+<p>Olbrich war eine Zeitlang als der fr&ouml;hlichste
+Kamerad bei allem dabeigewesen, und ich dachte oft
+mit Befriedigung, so m&uuml;&szlig;te es immer fortgehen.
+Denn ich lebte wie ein Schlaraffe in den Tag hinein
+zwischen den liebsten und erfreulichsten Menschen hin
+und hatte dabei immer noch das Land der unbegrenzten
+M&ouml;glichkeiten vor mir, was mir vor allem zusagte.
+Maidi und Olbrich hatten diesen Ausdruck, den ich hie
+und da genie&szlig;erisch gebrauchte, wie man einen besonderen
+Leckerbissen auf der Zunge zergehen l&auml;&szlig;t, von
+mir aufgefangen und neckten mich damit, was ich mir
+gerne gefallen lie&szlig;; doch hatten sie ja immerhin so
+viel Freiheit des Handelns wie ich, und ich sagte ihnen
+das auch. Maidi konnte aber bei einem solchen Gespr&auml;ch
+<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">218</a></span>aus aller gl&uuml;cklichen Heiterkeit heraus ernst
+werden und leise den Kopf sch&uuml;tteln, denn sie wu&szlig;te
+gut genug, was es mit den unbegrenzten Lebensm&ouml;glichkeiten
+und der Freiheit auf sich hat. Das
+Furchtbarste konnte pl&ouml;tzlich wahr werden und auf
+dem Wege stehen unausweichlich; einzig t&auml;tig zu sein
+und unabl&auml;ssig den Schatz in sich selbst zu vermehren
+durch Lernen und Arbeiten, gab etwas wie eine
+Sicherheit.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Wir waren eine Zeitlang wegen anhaltend regnerischen
+Wetters nicht mehr ausgeflogen; jetzt hatten
+kr&auml;ftige Winde den Boden wieder aufgetrocknet,
+und ich sehnte mich darnach, einen t&uuml;chtigen Marsch
+zu machen und zugleich einen jungen Buchenwald,
+den ich besonders liebte, wieder zu sehen. Denn er
+mu&szlig;te, da es Fr&uuml;hling war, w&auml;hrend des Regenwetters
+gr&uuml;n geworden sein, und ihn so im ersten
+Schmuck zu sehen, wollte ich mir nicht entgehen
+lassen. Ich kam mit Olbrich aus einer Singstunde,
+und wir lenkten fast von selber unsere Schritte
+an dem Haus vorbei, in dem Maidi wohnte. &bdquo;Vielleicht
+ist sie noch auf, und wir k&ouml;nnen sie fragen,&ldquo;
+sagte ich; denn es war selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; sie an
+dem Gang teilnehmen mu&szlig;te. Aber ihre Fenster
+in der Mansarde des kleinen Hauses waren schon
+dunkel, nur unten schien noch Licht durch geschlossene
+Fensterladen, und als wir n&auml;her kamen, h&ouml;rten wir
+ein Kinderweinen. Da kamen auch gerade eilige
+Schritte hinter uns her, und als sie uns einholten,
+war es Rosa, das Dienstm&auml;dchen der jungen Pfarrerswitwe,
+der das H&auml;uschen geh&ouml;rte, und bei der
+Maidi in Kost und Wohnung war. Sie kannte
+<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">219</a></span>uns gut, denn sie hatte uns schon manchesmal die
+Treppe zum Oberstock hinaufgeleuchtet; besonders
+mir, von dem sie wu&szlig;te, da&szlig; ich Maidis Landsmann
+und Kindheitsbekannter war, galt ihr halb vertraulicher
+Gru&szlig;.</p>
+
+<p>Sie sagte unaufgefordert und etwas erregt, das
+Fr&auml;ulein sei unten in der Kinderschlafstube. Es sei
+eines der Kinder erkrankt, und die Mutter sei auf
+zwei Tage verreist; nun habe sie, Rosa, in die
+Apotheke gehen m&uuml;ssen, um ein Mittel, das die Frau
+gew&ouml;hnlich anwende, zu holen, da es gerade nicht
+im Hause gewesen sei; das Fr&auml;ulein aber sei einstweilen
+bei den Kindern geblieben, die ohnehin an
+ihr h&auml;ngen, fast wie an der Mutter, oder doch
+wenigstens wie an ihr, der Rosa.</p>
+
+<p>Ich h&ouml;rte nur halb nach dem Bericht hin, da mich
+nur das eine daran interessierte, da&szlig; Maidi noch
+auf und also zu sprechen sei und sagte der Rosa,
+wir h&auml;tten etwas Dringendes zu fragen, wor&uuml;ber
+sie sich trotz der sp&auml;ten Stunde nicht besonders
+zu wundern schien. Sie lie&szlig; uns ins Haus und ins
+Wohnzimmer eintreten, und bei dem Ger&auml;usch unserer
+Schritte und Stimmen kam Maidi aus dem
+ansto&szlig;enden Schlafzimmer, um zu sehen, was es
+gebe. Sie hatte das kranke Kind auf dem Arm; es
+war in eine leichte Steppdecke eingewickelt und hatte
+das K&ouml;pfchen auf Maidis Schulter liegen, hob es
+aber auf, um uns neugierig anzublinzeln und hielt
+mit dem kl&auml;glichen Weinen, das wir eben noch geh&ouml;rt
+hatten, eine Weile ein, da es &uuml;ber dem neuen Anblick
+sein &Uuml;belbefinden auf kurze Zeit verga&szlig;. Erst
+an Maidis erstaunten und etwas erschreckten Augen,
+die zu fragen schienen, was es denn so sp&auml;t noch
+<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">220</a></span>gebe, fiel es mir ein, da&szlig; der Besuch zu dieser
+Stunde nicht &uuml;blich sei, und ich brachte unser Anliegen
+schleunigst vor, um wenigstens einen triftigen
+Grund daf&uuml;r angeben zu k&ouml;nnen. Da brach
+Maidi in ein herzliches Lachen aus, das mich
+aus der kleinen Verlegenheit erl&ouml;ste, wie schon oft
+in &auml;hnlichen F&auml;llen, und sagte: &bdquo;Gott sei Dank!
+Ich habe schon an irgendein Ungl&uuml;ck gedacht, das
+ich heute nacht noch erfahren sollte; es geschehe nichts
+Schlimmeres als das. Wohin soll's denn gehen?
+Nat&uuml;rlich gehe ich mit, ich habe lang genug keinen
+frischen Wind mehr gesp&uuml;rt.&ldquo;</p>
+
+<p>Das Kind hatte offenbar aufmerksam zugeh&ouml;rt,
+aber nur das eine aus Maidis Rede entnommen,
+da&szlig; sie irgendwohin mitgehen wolle; nun brach es
+aufs neue in einen hilflosen Jammer aus, umklammerte
+mit beiden Armen ihren Hals und schluchzte:
+&bdquo;Nein, du sollst nicht mitgehen, du sollst dableiben,&ldquo;
+welche Worte es nun unaufh&ouml;rlich wiederholte in
+immer kl&auml;glicheren T&ouml;nen. Maidi setzte sich mit
+dem B&uuml;bchen aufs Sofa, bettete es bequem auf
+ihren Scho&szlig; und sagte tr&ouml;stlich: &bdquo;Nein, nein, ich
+gehe ja nicht fort, ich bleibe bei dir,&ldquo; und trocknete
+das tr&auml;nennasse Kindergesicht mit ihrem T&uuml;chlein,
+fortw&auml;hrend sanfte, liebkosende Worte oder Laute
+halb singend und halb sprechend dabei hervorbringend,
+was alles miteinander unbeschreiblich lieblich
+anzusehen und anzuh&ouml;ren war. Sie hatte ein weiches,
+hellblaues Morgenkleid an, in dessen Falten
+das B&uuml;bchen lag wie in dem Mantel einer Muttergottes
+auf einem Altarbild, und ich h&auml;tte mich am
+liebsten behaglich niedergelassen, um das holde
+Schauspiel recht ausf&uuml;hrlich zu genie&szlig;en; es kam
+<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">221</a></span>aber unversehens auf blo&szlig;en F&uuml;&szlig;en der Bruder
+des Scho&szlig;kindes aus dem Schlafzimmer gepatscht
+und rief zornentbrannt: &bdquo;Geht doch fort, geht doch
+heim,&ldquo; denn er meinte, eben aus dem Schlaf erwacht,
+wir h&auml;tten den ganzen Jammer veranstaltet. Maidi
+zog auch den andern Hemdenmatz mit der freien Hand
+an sich und redete ihm zu, ins Bett zur&uuml;ckzukehren,
+es seien lauter gute Leute hier, wir f&uuml;hlten uns
+aber dann doch &uuml;berfl&uuml;ssig und nahmen Abschied.
+Das hei&szlig;t, das Ganze, sowohl das Kommen, als
+das Bleiben und Gehen ging von mir aus, denn
+Olbrich hatte sich bei allem ganz als Zuschauer betragen,
+was sonst seine Art nicht war. Ich sah ihn,
+als ich ihm zum Aufbrechen winkte, am Fenster
+stehen, die Augen ganz versunken auf der kleinen
+Gruppe liegend, und ebenso versunken, wie ein Nachtwandler,
+gab er Maidi die Hand zum Abschied;
+die ganze Abmachung hatte er mir &uuml;berlassen.</p>
+
+<p>Auf der Stra&szlig;e ging er eine Weile stumm neben
+mir her, dann sagte er wie beil&auml;ufig: &bdquo;Ich habe noch
+vergessen, dir zu sagen, da&szlig; der Chef mir die erledigte
+Stelle in der philologischen Abteilung des Verlags
+angeboten hat. Sie ist auf Dauer; ich m&uuml;&szlig;te mich
+auf eine Reihe von Jahren verpflichten.&ldquo; &bdquo;Und?&ldquo;
+fragte ich gespannt; es war mir aber kaum zweifelhaft,
+da&szlig; sich der Vogel, der schon lange die Schwingen
+zum Weiterfliegen hob, nicht w&uuml;rde anbinden
+lassen, so verlockend manchem andern das Anerbieten
+gewesen w&auml;re.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, ich wei&szlig; noch nicht,&ldquo; sagte er, und es
+war, als unterdr&uuml;cke er eine heftige Bewegung,
+irgendeine Ungeduld oder dergleichen. &bdquo;Frage mich
+nicht. Wenn ich es dann selber wei&szlig;, sage ich's
+<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">222</a></span>dir. Es h&auml;ngt noch von einer Sache ab, die zuerst
+entschieden sein mu&szlig;.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich h&auml;tte dennoch gern gefragt, welche Sache
+das sei, denn es schien mir seit einiger Zeit, als
+trage er etwas mit sich herum, das ich wissen m&uuml;sse.
+Er war wechselnd in seinem Wesen geworden, oft
+zerstreut und wie gedankenabwesend, l&auml;ssig und weich
+im Gegensatz zu seiner sonst straffen, herrischen Art
+und in Gesellschaft schweigsam, was er denn mit
+Willen wieder alles von sich warf, um lustig und
+&uuml;berm&uuml;tig zu sein, so da&szlig; ich mich nicht recht mit
+ihm auskannte.</p>
+
+<p>Er fing aber pl&ouml;tzlich an, lange Schritte zu machen
+und verabschiedete sich bald von mir, so da&szlig; ich nicht
+mehr zum Wort kam und meinen Weg nachdenklich
+allein fortsetzte, denn der richtige Grund f&uuml;r sein ver&auml;ndertes
+Wesen war mir noch nicht eingefallen.</p>
+
+<p>Es hat mich nachher oft gewundert, da&szlig; ich
+so blind gewesen sei, nicht zu merken, wie er ganz
+in Liebe f&uuml;r Maidi ergl&uuml;ht war, und ich konnte
+es mir dann nur dadurch erkl&auml;ren, da&szlig; ich ihn bei
+fr&uuml;heren Liebessachen so ganz anders gesehen hatte:
+spielerisch, &uuml;berm&uuml;tig und in strahlender Laune, die
+nur freilich bald in Unlust oder Langeweile &uuml;berging,
+da ihn noch nichts recht auf die Dauer gefesselt hatte.
+Aber es war auch allerdings noch keine Maidi dabei
+gewesen.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Am andern Tag sagte Olbrich &uuml;ber das Pult
+her&uuml;ber, an dem wir beide arbeiteten: &bdquo;Wartet morgen
+fr&uuml;h nicht auf mich, ich habe anders &uuml;ber den
+Sonntag verf&uuml;gt und kann nicht mitkommen.&ldquo; Ich
+sah entt&auml;uscht und etwas ge&auml;rgert auf und hatte eine
+<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">223</a></span>scharfe Entgegnung &uuml;ber seine schwankenden Launen
+auf der Zunge, unterdr&uuml;ckte sie aber, als ich sein
+bleiches, &uuml;berwachtes Gesicht sah, aus dem die Augen
+in einer fremden Glut heraus brannten. &bdquo;Bist du
+krank?&ldquo; fragte ich unwillk&uuml;rlich, aber er sch&uuml;ttelte
+den Kopf und l&auml;chelte mich an, wie er ganz selten tat,
+und wie es jedesmal mein ganzes Herz gewann.</p>
+
+<p>&bdquo;Armer Kerl, ich plage dich,&ldquo; sagte er ged&auml;mpft,
+da&szlig; die Herren im n&auml;chsten Zimmer es nicht h&ouml;ren
+sollten, &bdquo;doch auch mich selber. Warte noch ein
+Weilchen, es wird dann schon wieder recht.&ldquo; Und ich
+war zufrieden und dachte, er sei ja doch mein Herzensfreund,
+es solle mich nichts an ihm st&ouml;ren; es tat
+mir aber leid, da&szlig; wir morgen nicht zu dreien ausflogen,
+denn man konnte nicht wissen, wie lang
+wir einander noch in der N&auml;he hatten.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Ich nahm mir vor, mit Maidi von Olbrichs
+ver&auml;ndertem Wesen zu reden; ich wollte wissen, ob
+sie es auch bemerkt habe; es mu&szlig;te ja der Fall sein,
+sie konnten es f&uuml;r gew&ouml;hnlich gut miteinander, ja
+so gut, da&szlig; ich schon manchmal mit einer kleinen
+Eifersucht neben ihnen hergegangen war, wenn sich
+ihr lebhaftes Gespr&auml;ch um Dinge drehte, die mir
+im Leben verschlossen geblieben waren. Es hatte
+aber nie lang gedauert, denn Maidi sp&uuml;rte es immer
+gleich, wenn ich nicht ganz mit im Takte ging und
+wechselte den Schritt mir zuliebe, auch in der Unterhaltung.</p>
+
+<p>Es kam aber ganz anders an diesem sch&ouml;nen
+Morgen, als ich gedacht hatte. Ich traf Maidi zwar
+sonnt&auml;glich angetan, aber noch nicht wanderm&auml;&szlig;ig
+<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">224</a></span>ger&uuml;stet und sagte scherzend, es sei gut, da&szlig; Olbrich
+nicht dabei sei, der das Warten nicht gut ertragen
+k&ouml;nne. Er gehe n&auml;mlich nicht mit.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ich wei&szlig;,&ldquo; sagte Maidi, &bdquo;er hat es mir
+mitgeteilt. Sie m&uuml;ssen aber heute den sch&ouml;nen Wald
+auch von mir gr&uuml;&szlig;en, denn ich kann leider auch
+nicht ausfliegen. Ich hatte mich schon so gefreut,
+aber es ist nichts. Die Frau Pfarrer ist unterwegs
+aufgehalten worden und kommt erst morgen zur&uuml;ck.
+Und das Kind ist immer noch nicht wohl; es hat
+eine schlechte Nacht gehabt, und ich bin nicht ruhig,
+wenn ich gehe.&ldquo; Sie sah mich dabei lieb und klar
+an, aber sie war bla&szlig; und hatte dunkle Ringe unter
+den Augen, die freilich vom ungewohnten Schlafbrechen
+kommen konnten, die mich aber pl&ouml;tzlich an
+Olbrichs gleichfalls schlechtes Aussehen mahnten und
+einen Zusammenhang damit zu haben schienen.
+Wenigstens scho&szlig; mir in der gro&szlig;en Entt&auml;uschung,
+die mir Maidis Absage schuf, und dem &Auml;rger, den
+ich dar&uuml;ber empfand, ein ungewohntes Mi&szlig;trauen
+durchs Herz und eine Lust, ihr weh zu tun. Ich
+sagte bissig, es scheine sich ihr nicht mehr zu lohnen,
+mit mir allein zu gehen. Das Kind werde so gef&auml;hrlich
+krank nicht sein, und je nachdem Leute mitgegangen
+w&auml;ren, h&auml;tte sie es auch wohl verlassen, sie
+sei ja nicht seine Kinderfrau. Maidi zuckte zusammen
+wie unter einem Schlag, und ehe sie es verhindern
+konnte, schossen ihr Tr&auml;nen in die Augen, was ihr
+wohl nicht geschehen w&auml;re, wenn sie nicht durch Sorge
+und Nachtwachen &uuml;berm&uuml;det gewesen w&auml;re. Sie fand
+in ihrem schmerzlichen Schreck bei meinem &Uuml;berfall
+nicht gleich ein Wort der Entgegnung und sah mich
+bla&szlig; und hilflos an; aber ich sp&uuml;rte pl&ouml;tzlich eine
+<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">225</a></span>brennende Eifersucht in mir, die mich blind machte
+gegen ihr r&uuml;hrendes Bild, denn es d&uuml;nkte mich, da
+sie nichts erwiderte, als ob ich recht h&auml;tte und sie
+Olbrichs wegen zu Hause bliebe, ja es d&auml;mmerte mir,
+die beiden h&auml;tten sich verabredet hinter meinem
+R&uuml;cken, heute ohne mich beisammen zu sein, was
+alles mich aus blauer Luft anfiel und mich peinigte
+wie ein Hornissenschwarm, so da&szlig; ich alles verga&szlig;,
+Respekt und schuldige Ehrerbietung sowohl als
+Freundschaft, Liebe und Zutrauen. Ich wu&szlig;te mich
+gar nicht zu wehren, denn es war mir selber alles
+neu, und ich h&auml;tte vielleicht ungeheure Beschuldigungen,
+die ich innerlich erhob und zu denen ich gar kein
+Recht hatte, hervorgesto&szlig;en, wenn mir nicht Maidi
+die Hand auf den Arm gelegt und mich flehentlich
+angesehen h&auml;tte.</p>
+
+<p>&bdquo;O still,&ldquo; sagte sie leise und mit zitternder
+Stimme, &bdquo;so d&uuml;rfen Sie nicht reden. Es ist nicht, wie
+Sie meinen, es ist alles ganz anders.&ldquo;</p>
+
+<p>Auf ihrem Gesicht kam und ging eine schnelle
+R&ouml;te, und es liefen ihr ein paar Tr&auml;nen herunter,
+die sie nicht aufhalten konnte; ich sah an allem, da&szlig;
+sie litt, und das tat mir sonderbar wohl, denn ich
+litt ja auch.</p>
+
+<p>Es kehrte sich aber nun mit einemmal der Stachel
+gegen mich selbst, denn ich mu&szlig;te ihr aufs Wort
+glauben und war also ein Unhold gewesen, und sie
+konnte nun tief beleidigt sein. Da fa&szlig;te ich ihre
+Hand, die eiskalt war, und sagte best&uuml;rzt: &bdquo;Was
+soll ich tun? Ich habe von dem allem vorher nichts
+gewu&szlig;t, es ist auf einmal gekommen.&ldquo; Denn ich
+meinte, sie habe alle meine Gedanken gelesen, und
+es wird wohl auch so gewesen sein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">226</a></span></p><p>Maidi zog leise ihre Hand zur&uuml;ck. Sie lehnte
+an der Wand und wartete eine kleine Weile, dann
+sagte sie: &bdquo;Gehen Sie jetzt. Sie m&uuml;ssen gut von mir
+denken. Machen Sie einen sch&ouml;nen, weiten Weg.&ldquo;
+Ich sah sie verlangend an, denn es mu&szlig;te noch etwas
+kommen, aber im Nebenzimmer rief das B&uuml;bchen:
+&bdquo;Maidi!&ldquo;, und sie nickte mir noch einmal zu, ohne
+Kr&auml;nkung jetzt, wie mir schien, gut und ernst, und
+ging zu dem Kinde. Das hatte es gut, denn es durfte
+unwillig sein und ma&szlig;leidig bei Tag und Nacht, und
+sie blieb doch bei ihm, ja sang ihm Lieder und trug
+es herum, ich aber mu&szlig;te gehen und meiner selbst
+Herr werden, es half mir niemand.</p>
+
+<p>Da hatte ich nun meine Arbeit auf unterwegs.
+Am liebsten w&auml;re ich heimgegangen in meine Stube,
+aber dort war es nicht anders als drau&szlig;en, ich
+mu&szlig;te den Tumult in mir anh&ouml;ren und damit aufr&auml;umen,
+und das war nicht leicht, vielleicht ging es
+im Freien doch besser damit. Es l&auml;utete auch in die
+Kirche, als ich durch die Stra&szlig;en ging. An einer kam
+ich vorbei, dort hatte schon das Orgelspiel eingesetzt,
+und viele Menschen gingen in Sonntagskleidern
+durch die offenen T&uuml;ren; es gel&uuml;stete mich einen
+Augenblick, ihnen zu folgen, denn das Orgelbrausen
+lockte mich an, und vielleicht konnte ich das &uuml;ble Gef&uuml;hl,
+das ich von mir selber hatte, dort drinnen los
+werden. Aber ich ging dann doch vorbei und kam ins
+Freie und in langem Ausschreiten durch ein Wiesental
+und &uuml;ber einen Bach, dessen R&auml;nder ganz gelb von
+Dotterblumen waren, an den Berg und auch hinauf
+und in den Wald, der richtig im festlichen lichten Gr&uuml;n
+prangte und mit den grausilbernen St&auml;mmen dastand
+wie eine wartende Hochzeitsgesellschaft. Es standen
+<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">227</a></span>Blumen genug dazwischen, Knabenkraut und Leberbl&uuml;mchen
+und die lieben blauen Sterne der Szilla,
+die hatte ich heute wieder begr&uuml;&szlig;en wollen nach dem
+langen Winter und mit den Freunden den Fr&uuml;hling
+feiern. Der war auch da und war so sch&ouml;n wie je.
+Buchfinken sa&szlig;en auf schwanken &Auml;sten und riefen
+mir zu: &bdquo;Jetzt, jetzt bin i wieder kreuzfidel,&ldquo; wie wir
+bei uns daheim ihren Schlag deuteten; und Ammern
+pfiffen: &bdquo;d' Zit isch do, d' Zit isch do.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber es war alles ganz anders, als ich gemeint
+hatte und auch als ich sonst je erfahren hatte.
+Wie konnte das sein, da&szlig; man morgens aus dem
+Haus ging mit ruhigem und freudigem Gem&uuml;te
+und einen sch&ouml;nen Tag vor sich zu haben glaubte
+mit dem liebsten und feinsten M&auml;dchen, das es
+gab, und da&szlig; auf einmal Brunnen in einem aufbrachen,
+die ein dunkles und bitteres Wasser ausstr&ouml;mten,
+und Mi&szlig;trauen das Haupt erhob, wo man
+einig und voller Freundschaft gewesen war? Und
+wo kam es her, da&szlig; man einem Menschen, dem man
+alles Liebe h&auml;tte antun m&ouml;gen, weh tat, fast mit Lust?</p>
+
+<p>Nun ging ich hier durch die lichten Hallen des
+Fr&uuml;hlingswaldes und war ungl&uuml;cklich genug und h&auml;tte
+gern jemanden gehabt, dem ich die Schuld daran h&auml;tte
+geben k&ouml;nnen. Aber es gab niemanden als mich
+selbst, und doch war mir alles fremd. Da suchte ich in
+mir selber, ob ich es f&auml;nde, und es fielen mir ein
+paar Gelegenheiten ein aus meiner Kindheit, wo
+ich in pl&ouml;tzlichem Zorn einmal meine Schwester Helene
+geschlagen und einmal meiner Mutter ein abscheuliches
+Wort gesagt hatte und auch nachher ungl&uuml;cklich
+gewesen war. Meine Mutter hatte damals gesagt,
+ich soll mich vor dem Zornteufelchen in acht nehmen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">228</a></span>das nur leise in mir schlafe, und hatte mich ein
+Verslein oder Gebetlein gelehrt, das dahin lautete,
+Gott solle mich zu einem frommen Kind machen
+oder sonst lieber gar nicht aufwachsen lassen.</p>
+
+<p>Aber ich war jetzt doch da und konnte nicht wissen,
+was f&uuml;r dunkle Unget&uuml;me noch im Untergrund meines
+Wesens auf ihren Augenblick warteten. Vielleicht
+mu&szlig;te ich einmal einen Menschen totschlagen
+oder einen Meineid schw&ouml;ren, obgleich ich weder das
+eine noch das andere wollte, es konnte mich aber
+ebenso dunkel &uuml;berfallen. Das Schicksal konnte es
+wollen, und nachher mu&szlig;te ich bezahlen. Da kam ich
+mir schuldig und unschuldig in einem vor, es verlangte
+mich aber nach einer Freisprechung, und zwar
+durch Maidi selber, die doch den dunklen Brunnen
+in mir entriegelt hatte, wenn auch ohne ihr Wissen.
+Sie mu&szlig;te mir wieder gut sein, das war die Hauptsache.
+Denn das f&uuml;hlte ich durch alles hindurch, sie
+geh&ouml;rte zu mir und meinem Leben; ich mu&szlig;te Teil
+an ihr haben und durfte ihr nicht fremd werden.
+Es war ja schon das Ende ihres Aufenthalts in der
+Stadt abzusehen; dann ging sie vielleicht fort, irgendwo
+hin, wo ich ihr nicht folgen konnte, und gewann
+neue Freunde und gab sich vielleicht auch einem
+Mann zu eigen f&uuml;r ganz. Es fiel mir ein, da&szlig; sie
+mir von ihrer Mutter erz&auml;hlt hatte, die aus Amerika
+gl&uuml;ckliche Briefe schrieb, trotzdem sie den Mann
+unheilbar siech angetroffen hatte. Es war alles
+ausgel&ouml;scht, was jemals Dunkles zwischen ihnen gestanden
+hatte, und die Frau trug nun ihre Liebe wie
+eine Dornenkrone, die ausgeschlagen hat und rote
+Bl&uuml;ten tr&auml;gt, so sehr war alles Geistige, Unverg&auml;ngliche
+daran aufgebl&uuml;ht.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">229</a></span></p><p>Maidi hatte dieser Erz&auml;hlung hinzugef&uuml;gt, sie
+bitte der Mutter nun alles ab, was sie je bitteres
+&uuml;ber sie gedacht habe, denn sie sei ja einfach ihrem
+Schicksal gefolgt oder ihrem Herzen, was dasselbe
+sei, und jeder rechte Mensch m&uuml;sse das tun. &bdquo;Obgleich
+ich hoffe,&ldquo; hatte sie hinzugesetzt, &bdquo;da&szlig; es mir
+einmal nicht so schwer gemacht wird.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja,&ldquo; dachte ich nun im Weitergehen, &bdquo;dir wird es
+wohl leichter gemacht werden, denn wer einmal etwas
+so K&ouml;stliches zu eigen hat, wie dich, der l&auml;uft nicht
+mehr davon.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber da&szlig; ich sie selber gewinnen wolle mit allen
+Kr&auml;ften und aller Einheit meiner Sinne und Gedanken
+und sie mein Herrlichstes sein lassen, f&uuml;r das
+ich arbeiten und mich h&ouml;her spannen wolle, und das
+mir auch mehr sei als alles &Auml;u&szlig;erliche sonst, das
+war noch nicht in mir geboren. Ich schaute an ihr
+hinauf, weil sie so t&uuml;chtig und freudig und sicher
+war und so frei und vornehm ihres Weges ging,
+und es war mir wohl, wenn ich bei ihr sein und ihr
+alle meine Gedanken ausbreiten konnte.</p>
+
+<p>Es nahm auch mehr und mehr die sch&ouml;ne Frau,
+die sp&auml;ter in meinem Haus und Garten umhergehen
+sollte, ihre Gestalt und ihre Z&uuml;ge an und trug den
+schmalen G&uuml;rtel aus alter Silberschmiedearbeit, der
+fast immer Maidis Kleider zusammenhielt und ein
+altes Familienerbst&uuml;ck war. Das konnte ich mir
+alles ausdenken, aber wenn ich mit ihr einen Tag
+verwanderte oder einen Abend in ihrem h&uuml;bschen
+Wohnzimmerchen war und ihren flei&szlig;igen H&auml;nden
+zusah, die fast immer noch etwas zu tun hatten, dann
+dachte ich nicht an die Zukunft, und es war alles gut
+und recht, wie es war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">230</a></span></p><p>Meistens war ja auch Olbrich dabei, und wir
+waren ein feines Kleeblatt, das man am besten noch
+lange so lie&szlig;e. Aber der war von irgend etwas verscheucht
+und verst&ouml;rt, und ich hatte Maidi gekr&auml;nkt
+und beiden mi&szlig;traut; da &uuml;berfiel es mich von neuem,
+da&szlig; ich mich h&auml;tte ohrfeigen k&ouml;nnen und da&szlig; ich mich
+gern h&auml;tte tr&ouml;sten lassen, beides in einem. Ich
+schritt weit aus mit langen Schritten, als ob ich so
+schneller zu ihr k&auml;me, und brach ein paar hellgr&uuml;ne
+Zweige von Buchen und Birken, die wollte ich ihr
+mitbringen.</p>
+
+<p>Aber als ich mit sinkender Nacht m&uuml;de und verlangend
+und doch auch ges&auml;nftigt und mit frischen
+Bildern gef&uuml;llt in die Stadt zur&uuml;ckkam und das Haus
+aufsuchte, in das es mich zog, sah ich unten in dem
+Wohnzimmer der Pfarrerswitwe Olbrich am Fenster
+stehen, wie am vorletzten Abend. Er kehrte den
+R&uuml;cken nach der Stra&szlig;e und sprach ins Zimmer
+hinein. Ich h&ouml;rte ged&auml;mpfte Laute seiner Stimme
+und auch irgend ein Gemurmel, das ihm antwortete.
+Oben war es dunkel.</p>
+
+<p>Da &uuml;berfiel mich von neuem das grimmige und
+w&uuml;tende Mi&szlig;trauen, als ob sich die beiden &uuml;ber mich
+hin&uuml;ber zusammengeschlossen und mich ausgetan und
+belogen h&auml;tten. Es flammte ein roter Zorn in mir
+auf, durch den hindurch nur undeutlich Maidis lautere
+und klare Augen leuchteten, die nicht l&uuml;gen
+konnten, und Olbrichs aufrechte und stolze Art, die
+sich nicht versteckte, wenn sie etwas wollte.</p>
+
+<p>Ich machte ein paar Schritte auf das Haus zu.
+Die T&uuml;r war verschlossen, und als ich den gro&szlig;en
+Messinggriff in der Hand hatte, kam eine kalte und
+schmerzhafte Stimmung &uuml;ber mich. Ich wollte nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">231</a></span>hineingehen, sondern meinen Strau&szlig; an die T&uuml;r
+stecken zum Zeichen, da&szlig; ich dagewesen sei und alles
+wisse. Aber als ich das getan hatte, kehrte ich wieder
+um und holte ihn, und unterwegs warf ich die zarten
+und lichten Zweige, die schon ein wenig in sich zusammengesunken
+waren, auf die Stra&szlig;e. Ich ging
+auch nicht heim in meine Wohnung, sondern in ein
+Wirtshaus. Da sa&szlig; ich allein an einem Tisch, trank
+Bier und nachher noch Wein, war grob gegen die
+Kellnerin, die ein wenig zutraulich sein wollte, und
+gab mich unguten Gedanken und Gef&uuml;hlen kampflos
+hin. Zum Beispiel fiel mir wieder ein, da&szlig; beide,
+Maidi und Olbrich, aus einer andern Kaste stammten
+als ich, und da&szlig; sie von Kindheit an gro&szlig;e Vorspr&uuml;nge
+vor mir h&auml;tten, die ich nie einholen konnte.
+Sie kannten die Geheimsprache, wie ich es nannte,
+wenn jemand im Besitz einer guten Erziehung alle
+Umgangs- und Lebensformen leicht und spielend
+beherrschte, was ich freilich auch gelernt hatte, was
+mir aber nicht angewachsen war. Sie aber hatten alles
+mit der Muttermilch und mit jedem jungen Atemzug
+eingesogen. Und sie hatten eine sogenannte Familie,
+von der man reden und die man aufz&auml;hlen
+konnte mit guten Namen und Titeln. Vielleicht
+wollten sie einander heiraten, das konnte ihnen ja
+kein Mensch verbieten, und sie w&uuml;rden es mir morgen
+mitteilen und sagen, da&szlig; ich der N&auml;chste dazu sein
+solle. Dann durfte ich dabei stehen und zusehen;
+das war &uuml;bel und nicht auszuhalten.</p>
+
+<p>Es meldete sich leise durch den Dunst und Nebel
+meiner Gedanken, da&szlig; Maidi oft und gern mit mir
+von meinen Schwestern redete, die sie gut kannte
+und hie und da aufgesucht hatte, und da&szlig; sie mich
+<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">232</a></span>antrieb, ihnen oft zu schreiben und sie sogar gr&uuml;&szlig;en
+lie&szlig;. Aber ich warf ein, da&szlig; das ein Almosen sei,
+welches ich nicht begehre, und da&szlig; sie immer nur,
+wenn wir allein gewesen seien, mit mir von meiner
+Heimat gesprochen habe. Das war mir sonst besonders
+traulich und lieb gewesen und wie ein Geheimbesitz
+zwischen uns beiden, aber ich war in der Stimmung,
+aus allem Gift zu saugen, und kam immer
+tiefer in einen dumpfen und bitteren Jammer hinein,
+in dem mir zuletzt die weggeworfenen Zweige
+das J&auml;mmerlichste und Qu&auml;lendste waren, da sie
+lebendig und ganz schuldlos im Stra&szlig;enstaub lagen
+und zertreten wurden. Ich schrak auf, als die Kellnerin
+fragte, ob ich noch etwas trinken wolle. Das
+Lokal war leer bis auf mich, und die Kellnerin sah
+verschlafen aus und hoffte, ich w&uuml;rde gehen. Da tat
+ich ihr den Gefallen und zahlte, ging durch die
+menschenarmen Stra&szlig;en nach Hause und ins Bett,
+schlief und hatte unruhige Tr&auml;ume, und kam am andern
+Morgen bedr&uuml;ckt und armselig ins Gesch&auml;ft.
+Da dachte ich Olbrich in Glanz und Sieghaftigkeit zu
+finden, wovor ich mich am meisten f&uuml;rchtete. Er war
+aber gar nicht da, und als er den Tag &uuml;ber nicht kam,
+fragte ich die Kollegen, ob sie nichts von ihm w&uuml;&szlig;ten,
+und einer sagte, er sei fr&uuml;hmorgens dagewesen und
+habe den Chef um ein paar Tage Urlaub gebeten und
+sie auch erhalten.</p>
+
+<p>Es handle sich um eine ausw&auml;rtige Stelle als
+Privatsekret&auml;r bei einem politisch gro&szlig;en Tier, f&uuml;r
+die er vorgeschlagen sei und die er zu erlangen trachte,
+setzte der Wissende geheimnisvoll hinzu; er hatte es
+zuf&auml;llig aufgeschnappt. F&uuml;r die Stelle am philologischen
+Verlag sei bereits ein anderer Herr vorgemerkt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">233</a></span>Olbrich nehme sie nicht an. Da mischte sich ein anderer
+ins Gespr&auml;ch und sagte, das alles m&uuml;sse ich doch
+eigentlich wissen, da ich ja der intimste Freund von
+Olbrich sei, und ich schwieg dazu, da konnten sie
+denken, was sie wollten. Am Abend lag ein Briefchen
+von Maidi auf meinem Tisch. Ich konnte es
+kaum &ouml;ffnen vor Herzklopfen und wartete auf irgend
+ein Beil, das nun auf mich niedersausen w&uuml;rde. Sie
+schrieb aber nur, ich m&ouml;chte sie diese Woche nicht besuchen,
+da sie nicht ganz wohl und etwas &uuml;beranstrengt
+sei und dabei eine besonders vollbesetzte Woche
+in der Schule habe, und f&uuml;gte dann hinzu: &bdquo;Ich
+freue mich, bis wir wieder einmal miteinander wandern,
+in den Fr&uuml;hling hinein. Es ist mir, als liege
+noch der ganze Winter auf mir. Maidi.&ldquo;</p>
+
+<p>Da wu&szlig;te ich mir gar keinen Vers mehr zu
+machen, denn es lautete nicht nach Gl&uuml;ckseligkeit und
+triumphierendem Kr&auml;fte&uuml;berschwang, wie ihn die Liebe
+gibt, und aber auch nicht nach Gleichg&uuml;ltigkeit oder
+unvergebener Kr&auml;nkung. Sondern es lag etwas auf
+Maidi, das sie selber tragen mu&szlig;te, und vielleicht
+war es nur M&uuml;digkeit, vielleicht aber auch etwas
+anderes. Aber sie freute sich, bis wir wieder miteinander
+wanderten und war lauter und klar gegen
+mich. Olbrich aber ging fort, und wahrscheinlich hatte
+ich ihm auch unrecht getan, und er hatte auch eine
+Last auf sich und hatte mich vielleicht bei Maidi zu
+finden geglaubt. Ich wu&szlig;te nicht, wie ich in die ganze
+Wirrnis hineingeraten war und wartete sehnlich,
+bis mein Freund wieder komme.</p>
+
+<p>Aber als er da war, schien er mir gar nicht mehr
+derselbe zu sein wie vorher, und ich w&uuml;nschte fast, er
+m&ouml;chte mich wieder mit wechselnden Launen qu&auml;len,
+<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">234</a></span>zwischen denen dann doch immer wieder sonnige und
+goldene Augenblicke herausgeschienen hatten.</p>
+
+<p>Jetzt ging er straff und st&auml;hlern einher, geschlossen
+und gepanzert, arbeitete rastlos und wie f&uuml;r drei
+und betrieb daneben die Vorbereitungen f&uuml;r seine
+Abreise, denn er hatte die Stelle erhalten, um die er
+sich beworben hatte, und mu&szlig;te sie bald antreten.
+Im Gesch&auml;ft lie&szlig; man ihn ungern gehen, und doch
+mit der kurzen K&uuml;ndigungsfrist, die er brauchte, denn
+er war kein Mensch, den man halten konnte. Ich
+aber fand mich nicht mit ihm zurecht; es schien, als ob
+unsere Freundschaft irgendwo begraben oder in weiter
+Ferne l&auml;ge; ich hatte aber keine Macht, sie aufzuwecken
+oder herbeizuholen.</p>
+
+<p>Manchmal fing ich einen Blick auf, den Olbrich
+zu mir hersandte, und wu&szlig;te mir auch den nicht zu
+deuten; denn er war sp&ouml;ttisch oder bitter und ein
+wenig von oben herab. Aber ich fand nicht das Wort,
+ihn zu fragen: Warum siehst du mich so an, und was
+ist mit dir? Denn es kam mir alles verhext und
+verzaubert vor, und ich litt es eine traurige Woche
+lang. Abends war ich immer allein. Da nahm ich
+das eine oder andere Buch in die Hand, las eine
+Weile darin und stellte es wieder zur&uuml;ck und schrieb
+einmal an meine Schwestern. Helene hatte voriges
+Jahr ein Kind bekommen und erwartete das zweite.
+Und Luise b&uuml;gelte, wie immer. Ich schrieb, da&szlig; ich
+im Sinn habe, an Weihnachten heimzukommen, und
+es lief mir allerlei Anh&auml;ngliches, Warmes in die
+Feder, was sonst kaum geschah. Dann ging ich wohl
+noch aus und kehrte bald wieder zur&uuml;ck und kam mir
+wie auf einem fremden Stern vor. Denn so wenig
+ich es schwer nahm, einmal r&uuml;cksichtslos und gleichg&uuml;ltig
+<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">235</a></span>gegen die zu sein, die mich liebten, und die auch
+ich zu lieben meinte, so wenig ertrug ich es, wenn es
+mir von andern widerfuhr. Am Sonntag hoffte ich, zu
+Maidi zu gehen und ihr alles zu sagen. Aber es
+kam ein Briefchen von ihr mit wenigen Worten.
+Sie fuhr mit der Pfarrerswitwe und den Kindern
+zu deren Verwandten aufs Land und kam erst Montags
+wieder. &bdquo;Es ist ein Genesungsausflug,&ldquo; schrieb
+sie, &bdquo;nun bin ich bald wieder die Alte.&ldquo; Ich hatte mir
+aber jetzt ernstlich vorgenommen, mit Olbrich zu reden;
+es war unw&uuml;rdig und ging nicht l&auml;nger, wie es war.</p>
+
+<p>Da pfiff er am Samstag Abend unter meinem
+Fenster, ganz wie sonst. &bdquo;Machst du einen Lauf mit
+mir?&ldquo; fragte er. &bdquo;Es ist so sch&ouml;n st&uuml;rmisch.&ldquo; Das
+war es. Der Wind trieb die Wolken vor sich her und
+sang sein Lied in den B&auml;umen des Gartens, auf den
+jenseits der Stra&szlig;e der Blick aus meinen Fenstern
+ging. Es war eine laue und lebendige Nacht. Der
+Wind kam aus S&uuml;dwesten, und vielleicht regnete es
+morgen oder auch heute noch. Ich war in einer
+Minute unten, und wir machten lange Schritte nebeneinander
+her; geredet hatten wir noch nichts; es hatte
+ja Zeit. &bdquo;Ich denke, wir gehen aufs Schwalbennest,&ldquo;
+sagte Olbrich, als wir in einer Vorstadtstra&szlig;e waren.
+&bdquo;Das ist ein gutes St&uuml;ck zu gehen und nachher ein
+gem&uuml;tlicher Sitz in der Wirtsstube. Ich will der
+Friedel noch ein Andenken geben, sie hat sich immer
+gut zu mir gestellt.&ldquo;</p>
+
+<p>Dann gingen wir wieder schweigend nebeneinander
+her, lange. Es ging zuerst auf der Landstra&szlig;e hin
+zwischen Pappeln, die sich im Winde bogen und ihre
+langen Haare sch&uuml;ttelten, dann durch ein Dorf und
+dahinter eine Anh&ouml;he empor. Ganz oben sah uns
+<span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">236</a></span>ein Licht entgegen; es hielt jemand eine Laterne in
+der Hand und ging damit um ein Haus herum, das
+schwach erhellt zwischen B&auml;umen lag. Da sagte Olbrich:
+&bdquo;Du hast mich nicht gefragt, und es ist gut gewesen,
+da&szlig; du es nicht getan hast. Wir feiern aber
+heute meinen Abschied, und es ist mir lieb, wenn du
+gut an mich denkst, denn ich habe dich gern, trotz&nbsp;&ndash;
+hm, trotz manchem. Ich mu&szlig; dir etwas sagen, so lang
+es noch dunkel ist. Ich habe Gehen oder Bleiben auf
+eine Karte gesetzt, und sie hat auf Gehen entschieden.
+Es ist aber sonst noch allerlei drum und dran, und,
+kurzum, es hat mich ein M&auml;del ablaufen lassen, das
+ich gern geheiratet h&auml;tte. Das h&auml;tte mir nicht
+passieren sollen. Es hat einmal jemand zu mir gesagt,
+ein rechter Mann frage da nicht an, wo er nicht
+sicher sei, kein Nein zu bekommen. Der hat recht gehabt.
+Es ist ein verdammtes Gef&uuml;hl. Aber was will
+man machen, wenn man eine Entscheidung braucht
+und wenn man sp&uuml;rt: Die will ich, oder keine? Ich
+habe gemeint, es k&ouml;nne mir nicht fehlen. Sie will
+aber noch nichts vom Heiraten wissen, wie sie sagt
+und vielleicht auch meint. Es sei ihr noch lang wohl
+so. Es ist aber anders, so viel ich gemerkt habe, und
+es liegt ihr ein anderer im Sinn. Einer, den sie
+vielleicht nicht einmal bekommt, wenn ihm nicht jemand
+beizeiten den Star sticht. Denn er ist sonnenblind,
+und es mu&szlig; gut gehen, wenn es gut geht mit
+ihm. Sie kann mir eigentlich leid tun, denn sie ist
+vom Kopf bis zu den F&uuml;&szlig;en ein rares M&auml;dchen und
+g&auml;be eine feine Frau. Aber die M&auml;dchen sind manchmal
+so, gerade die feinsten; sie fallen auf den Buben
+herein, wenn sie den K&ouml;nig haben k&ouml;nnten. Na, sie
+m&uuml;ssen's ja wissen.&nbsp;&ndash; Da ist die Friedel mit der
+<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">237</a></span>Laterne. Gr&uuml;&szlig; Gott, Friedel!&nbsp;&ndash; Du, h&ouml;re, drinnen
+reden wir dann nicht mehr davon, gelt? Es vertr&auml;gt
+noch nicht viel bei mir.&ldquo;</p>
+
+<p>Da gingen wir in die Wirtsstube und setzten uns
+an den gro&szlig;en Tisch in der Ecke beim Ofen, wo wir
+schon manchmal gesessen waren; es war da aber noch
+anders zwischen uns gewesen. Die schwarzhaarige
+Friedel trug Wein auf, wie sie es gew&ouml;hnt war, und
+Olbrich machte ein paar Sp&auml;&szlig;e mit ihr, es war aber
+nicht viel damit los, und er lie&szlig; es bald wieder sein.
+Und ich sa&szlig; stumm und geschlagen daneben, denn es
+war ein Blitz durch eine dunkle Landschaft gefahren
+und hatte sie auf einen Augenblick erhellt, und ich
+wu&szlig;te und sah alles. Ich h&auml;tte so gerne gesagt: Gelt,
+es ist Maidi! Aber ich durfte nicht, und es war ja auch
+nicht n&ouml;tig, ich wu&szlig;te es ohnehin. Und der Bube war
+ich, der K&ouml;nig aber Olbrich. Denn er war voll hohen
+Selbstgef&uuml;hls und von rasendem Stolz, aber er durfte
+es auch sein, denn er hatte Kraft und Willen und
+Feuer genug in sich. Und doch hatte Maidi ihn weggeschickt,
+und&nbsp;&ndash; es quoll etwas S&uuml;&szlig;es und Holdes
+in mir auf&nbsp;&ndash; meinetwegen? meinetwegen? Vielleicht
+t&auml;uschte er sich; sie hatte es ja nicht gesagt.</p>
+
+<p>Da hob Olbrich das Glas und stie&szlig; mit mir an.
+&bdquo;La&szlig; das Nachdenken,&ldquo; sagte er. &bdquo;Es kommt nichts
+dabei heraus. Wir wollen heute noch einmal beisammen
+sein, wie fr&uuml;her, und dann sehen, was wir
+aus uns machen. Vielleicht begegnen wir uns wieder,
+und dann sieht jeder, was aus dem andern geworden
+ist. Vielleicht auch nicht, denn es gibt so viele Stra&szlig;en
+auf der Welt, und man kann immer nur eine
+gehen. H&ouml;r' du, da habe ich, glaub' ich, versehentlich
+etwas gesagt, was f&uuml;r dich ins Stammbuch pa&szlig;t. Man
+<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">238</a></span>kann immer nur eine Stra&szlig;e gehen und mu&szlig; wissen,
+welche man will. Du denkst immer noch, es stehen einem
+alle offen, aber es ist nichts damit. Sondern man
+hat es in sich, welche recht ist und passend, und wenn
+man eine andere einschl&auml;gt, so mu&szlig; man umkehren,
+falls man noch kann. Es ist meistens eine teure Sache.
+Ich habe anfangs gemeint, du seiest so einer, der unentwegt
+vor sich hin geht in der Zucht und Furcht.
+Aber ich denke jetzt ein bi&szlig;chen anders. Denn du hast
+die Augen &uuml;berall und willst rechts und links zu
+gleicher Zeit, und vielleicht machst du noch die d&uuml;mmsten
+Streiche, wer wei&szlig;? Na,&nbsp;&ndash; du mu&szlig;t es dann
+selber zahlen. Du hast auch kein rechtes Augenma&szlig;
+f&uuml;r gro&szlig; und klein, und vielleicht kommt dir bei einer
+Gelegenheit das Beste hinaus, wenn dein Schutzengel
+nicht aufpa&szlig;t.&ldquo;</p>
+
+<p>Er sprach in einem halb ironischen Ton, den ich
+gut an ihm kannte, aber heute tat er mir weh. Denn
+wir waren nicht beisammen, wie fr&uuml;her, obgleich er es
+verhei&szlig;en hatte; es stand etwas zwischen uns, das
+auf keine Weise zu entfernen war; es stiegen bittere
+Blasen in ihm auf und zerplatzten ihm auf der Zunge,
+und das war nun unser Abschied. Aber ich sah, da&szlig;
+er litt, und vielleicht hatte er auch in etwas recht
+gegen mich, und ich legte ihm die Hand auf den Arm
+und sagte: &bdquo;Vielleicht wird es nicht so schlimm mit
+mir. Warum sollen wir uns nicht wiedersehen und
+voneinander wissen? Warum sollen wir uns k&uuml;nstlich
+meiden, da wir einander doch nichts getan haben?
+Es wird ein jeder seine Schwierigkeiten mit sich selber
+haben und auch seine Wegweiser. Du hast doch auch
+nicht aus dir selber gewu&szlig;t, was du mu&szlig;t, sondern
+hast ein M&auml;dchen gefragt.&ldquo; Als ich das gesagt hatte,
+<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">239</a></span>erschrak ich, denn er konnte nun auffahren und es sich
+verbitten; aber er l&auml;chelte tr&uuml;be und sagte: &bdquo;Ja, ja,
+die Liebe. Von der verstehst du noch nichts. Wir
+wollen einander aber nicht anpredigen, du hast recht,
+und auch nicht verlieren. Wer wei&szlig;, ob wir einmal
+froh aneinander sind, wenn jeder noch ein paar
+Dummheiten gemacht hat und es ihm windig zumute
+ist.&ldquo;</p>
+
+<p>Wir sa&szlig;en noch lange und redeten noch allerlei,
+aber nichts mehr von der Liebe. Er kam in eine gr&ouml;&szlig;ere
+Stadt in Bayern und hatte wahrscheinlich ziemlich
+viel Reisen zu machen; es tat ihm leid um die alte
+Dame, wie er seine Mutter nannte in der Art, wie
+die Studenten von ihrem Vater als dem alten Herrn
+sprechen (sie war n&auml;mlich noch nicht alt, sondern hatte
+etwas m&auml;dchenhaft Zierliches im Wuchs und reiches
+blondes Haar). Sie vermi&szlig;te ihn nat&uuml;rlich, und ich
+sollte sie besuchen; aber sie war keineswegs &auml;ngstlich,
+ihn von sich zu lassen, sondern machte nur den Herzb&auml;ndel
+etwas l&auml;nger, der nie zerrei&szlig;en konnte. Ich
+war froh, ihn von dem allem reden zu h&ouml;ren und
+sagte selber nicht viel. Denn wovon h&auml;tte ich reden
+sollen? Ich hatte genug zu denken. Ich h&auml;tte eine
+ganze Nacht hindurch gehen k&ouml;nnen und h&auml;tte noch
+nicht alles bedacht, was in mir st&uuml;rmte durcheinanderhin.
+Wir waren kein Kleeblatt mehr, und Olbrich
+ging verwundet in die Welt hinaus. Vor mir selber
+aber tat sich eine neue Landschaft auf, die mich entz&uuml;ckte
+und schreckte zu gleicher Zeit, weil mein Freund
+neben mir sa&szlig; und daraus verwiesen war.</p>
+
+<p>Die junge Friedel, die Nichte der Wirtin, ging
+mit Tr&auml;nen in den Augen hin und her und setzte
+sich auch eine Weile zu uns, denn sie war immer
+<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">240</a></span>gut Freund mit Olbrich gewesen, und er k&uuml;&szlig;te sie zum
+Abschied und h&auml;ngte ihr einen Achatstein an einem
+Silberkettlein um den Hals, damit sie hie und da
+an ihn denke. Da lehnte sie den Kopf an den T&uuml;rrahmen
+und weinte leise und herzlich; wir aber
+gingen durch die brausende Fr&uuml;hlingsnacht den Berg
+hinunter und in die Stadt. Dort trennten wir uns;
+ich sah meinem Freund nach, so lang ich konnte und
+h&ouml;rte dann noch im Dunkeln seinen Schritt hallen;
+es w&auml;re mir beinahe auch so gegangen wie der Friedel.
+Er war in allem anders als ich und war oft
+schroff und launisch gegen mich gewesen; ich konnte
+niemals mit ihm gleichen Schritt halten, und es lag
+in unserer Natur und war unser Schicksal, da&szlig; unsere
+Wege sich trennen mu&szlig;ten. Aber mein Herz hing doch
+an ihm, und es ging ein St&uuml;ck Leben und Jugend
+von mir fort; es blies irgendwo ein kalter Wind herein,
+der kam durch die L&uuml;cke, die er gemacht hatte.</p>
+
+<p>Als ich in mein Zimmer kam, lag eine Karte auf
+dem Tisch, die war von Herrn Kasimir Hagenau,
+meinem alten Chef. Er war zur Messe in die Stadt
+gekommen und war nun dagewesen und lud mich auf
+morgen in sein Gasthaus zum Mittagessen ein. Da
+trat nun das Alte wieder in mein Leben, an das ich
+meiner Art nach nicht mehr sehr viel gedacht hatte.
+Doch hatten wir immerhin manchmal Briefe gewechselt,
+und ich wu&szlig;te, da&szlig; Herr Kasimir eine Vorliebe
+f&uuml;r mich bewahrt hatte, die mir angenehm, aber
+nicht weiter verwunderlich war. Jetzt, da er wieder
+auftrat, freute es mich, mit ihm zusammen zu kommen,
+denn ich war im Augenblick etwas anerkennungs- und
+anschlu&szlig;bed&uuml;rftig, und es war doch ein gutes Zeichen
+f&uuml;r mich, da&szlig; er mich noch aufsuchte und einlud.
+<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">241</a></span>Auch fiel es mir vor dem Einschlafen ein, da&szlig; er mich
+ja eigentlich seinerzeit zum Wiederkommen aufgefordert
+hatte, und ich war neugierig, ob er darauf
+zur&uuml;ckkommen w&uuml;rde. Aber das letzte, was mir in den
+Schlaf hinein nachging, war Maidi. Sie hatte ein
+gr&uuml;nes Kleid an und ein wei&szlig;es Schleiert&uuml;chlein
+am Ausschnitt und l&auml;chelte mich an. Sie war ein
+K&ouml;nigskind, aber ohne Schlo&szlig; und Land.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Herr Kasimir sa&szlig; im Lesezimmer des Gasthauses
+hinter einer Zeitung, als ich ihn aufsuchte. Er sah
+noch aus wie bei meinem Abschied, nur vielleicht
+etwas grauer im Haar und Bart und hatte auch
+einen kleinen Bauch angesetzt. Als er mich erblickte,
+ging sein Gesicht so hell und freudig auseinander,
+da&szlig; es mich an den Abend erinnerte, an dem die
+Bitterolfschen Geschwister angekommen waren; er
+stand auf und sch&uuml;ttelte mir beide H&auml;nde, so da&szlig; ich
+fast in Verlegenheit geriet, was ich mit all der W&auml;rme
+anfangen solle, denn ganz so herzlich hatte ich mir das
+Wiedersehen nicht vorgestellt. Es fand sich aber,
+da&szlig; es bei Herrn Kasimir mit dem Andenken an seine
+Schwester zusammenhing, die er sehr vermi&szlig;te, und
+die mir doch gut gesinnt gewesen war, und als die
+Rede auf sie kam, wurde auch ich warm und ein
+wenig weich, denn es stieg ein liebes und wertvolles
+Bild vor mir auf, wenn ihr Name genannt wurde,
+und es war etwas von Heimat f&uuml;r mich um sie her
+gewesen.</p>
+
+<p>Herr Kasimir wischte sich ein paarmal die Augen,
+als er mir w&auml;hrend der Mahlzeit ungefragt noch
+dies und jenes aus Fr&auml;ulein Brigittens letzter Zeit
+<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">242</a></span>erz&auml;hlte, er hielt sich aber daneben doch wacker ans
+Essen und Trinken, so da&szlig; es mir fast komisch vorkam,
+ihn so die R&uuml;hrung mit hinunterschlingen zu sehen.
+Vielleicht fing er einen unbewachten Blick von mir
+auf; denn ich konnte ja meine Gedanken nie verstecken,
+und er sagte wehm&uuml;tig: &bdquo;Ja, was wollen Sie,
+man lebt ja eben weiter, so gut man kann. Ich mu&szlig;
+ja sagen, es kommt Ihnen vielleicht sonderbar vor:
+es schmeckte mir trotz alledem, wenn ich so allein am
+Tische sa&szlig; in meinem leeren Hause, ja vielleicht mehr
+als fr&uuml;her, weil ich nicht viel anderes hatte, was
+mich freute oder anregte bei den Mahlzeiten. Ich
+bin ja auch dabei gediehen, wie Sie sehen, und stelle
+vielleicht das Bild eines gleichg&uuml;ltigen Selbstlings
+vor, was aber nicht ganz stimmt.&ldquo;</p>
+
+<p>Es erheiterte mich inwendig immer mehr, mir
+den einsamen Mann, dem es aber dennoch trefflich
+schmeckte, unter den Bildern der Vorfahren mit den
+Per&uuml;cken und Spitzenmanschetten vorzustellen, wie
+sie ihm alle teils mi&szlig;billigend, teils wohlwollend zusahen,
+bis er sich den Mund wischte und gesegnete
+Mahlzeit sagte. Aber nein, er hatte ja niemanden,
+zu dem er es sagen konnte, und nun tat er mir wieder
+leid, so da&szlig; Lachen und Mitleid in mir k&auml;mpften.
+Ich sagte irgend etwas davon, da&szlig; ich mir wohl
+denken k&ouml;nne, wie still es nun in seinen Zimmern
+sei, worauf Herr Kasimir halb verlegen und halb
+triumphierend sagte: Ja, eigentlich sei das zwar
+bis vor kurzem so gewesen, aber nun nicht mehr,
+denn seit wenigen Wochen sei seine Nichte Eleonore,
+die ich ja auch kenne, bei ihm eingezogen und stelle
+nun alles auf den Kopf, denn sie wolle ein Haus
+machen, was sie auch ausgezeichnet verstehe.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">243</a></span></p><p>Das letztere sagte er mit einem halbanerkennenden
+Schmunzeln, wie etwa ein Vater von seinem
+Sohn, dem Studenten, sagt: der Tausendsasa verstehe
+Geld auszugeben wie ein Alter, wobei man aber
+doch merkt, da&szlig; das Wohlgefallen daran seine Grenzen
+hat.</p>
+
+<p>Ich war sehr &uuml;berrascht, die k&uuml;hle Blonde aus dem
+Norden als Dame des Hauses Hagenau vorgestellt
+zu bekommen und fragte, ob sie auf l&auml;ngere Zeit dableiben
+werde, worauf Herr Kasimir sagte: &bdquo;Ja, wohl
+f&uuml;r immer.&ldquo; Sie sei Waise geworden, schon voriges
+Jahr, und da ihr einziger Bruder als junger Jurist,
+der kaum mit dem Studium fertig sei, nun auch die
+Vaterstadt verlassen habe, um das &uuml;bliche Wanderleben
+der ersten Dienstjahre anzutreten, so sei sie zu
+ihm &uuml;bergesiedelt, was f&uuml;r beide Teile das Nat&uuml;rliche
+sei. Es kam mir aber nicht vor, als ob er ganz behaglich
+von der Sache rede, doch forschte ich nicht
+weiter darnach. Es fiel mir wieder ein, wie m&uuml;hsam
+ich einst nach der Gunst oder vielmehr Anerkennung
+der jungen Dame gestrebt hatte, und es
+schwellte mich ein stolzes Gef&uuml;hl, zu denken, da&szlig; es
+damit nun vorbei sei, denn ich war ein gewandter
+und vielseitiger Mann geworden, soviel ich von mir
+wu&szlig;te. Ja, es reizte mich in diesem Augenblick, ihr
+unter die Augen zu treten und eine h&uuml;bsche Unterhaltung
+leicht und spielend mit ihr zu f&uuml;hren.</p>
+
+<p>Wie wenn er meinen Gedanken gefolgt w&auml;re,
+sagte da Herr Kasimir: &bdquo;Erinnern Sie sich eigentlich
+noch daran, da&szlig; wir seinerzeit so halb und halb ausgemacht
+haben, Sie m&uuml;&szlig;ten zu uns zur&uuml;ckkehren?
+Und ist es Ihnen noch so, da&szlig; Sie es gerne t&auml;ten?
+Es w&uuml;rde mich freuen, wenn Sie wieder in mein Gesch&auml;ft
+<span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">244</a></span>eintreten wollten. Es ist ja viel kleiner als das,
+in dem Sie jetzt sind, nat&uuml;rlich. Aber Sie wissen ja,
+das hat seine Vorz&uuml;ge. Man ist nicht auf eine bestimmte
+Arbeit beschr&auml;nkt, sondern &uuml;bersieht das
+Ganze und hat es in der Hand; es ist anregender und
+vielseitiger, und au&szlig;erdem&nbsp;&ndash; ich h&auml;tte eigentlich
+einen Plan mit Ihnen. Ich m&ouml;chte es mir allm&auml;hlich
+leichter machen und einen Nachfolger einarbeiten.
+Dazu h&auml;tte ich Sie im Sinn. Es h&auml;ngt da so allerlei
+drum und dran, was sich vielleicht nach und nach einrichten
+lie&szlig;e. Ich m&ouml;chte nicht gern verkaufen und
+drausgehen; ich h&auml;tte lieber die H&auml;nde noch darin.
+Auch habe ich ungern immer wieder neue Leute.
+Und so weiter. Kurzum, Sie w&uuml;rden mir passen.
+&Uuml;berlegen Sie es einmal. Es lie&szlig;e sich vielleicht einrichten,
+da&szlig; Sie gar kein Kapital brauchten, sondern
+vorl&auml;ufig bei mir angestellt w&auml;ren. Sp&auml;ter s&auml;he
+man dann wieder.&ldquo;</p>
+
+<p>Mir hing der Himmel voller Geigen. Am liebsten
+w&auml;re ich aufgestanden und zu Maidi gelaufen. Denn
+war hier nicht wieder einmal das Zuf&auml;llige oder Gef&uuml;gte
+mein Freund? Und hatte ich nicht immer gewu&szlig;t,
+da&szlig; es bei mir so gehe? Einfach, es lag so in meiner
+Lebenslinie. Daneben mu&szlig;te ich nat&uuml;rlich dennoch
+ein t&uuml;chtiger Kerl sein und war es auch. Maidi
+h&auml;tte nur zuh&ouml;ren sollen: &bdquo;Und kurzum, Sie passen
+mir.&ldquo; Und so weiter.</p>
+
+<p>Aber sie hatte nie darauf eingehen wollen, da&szlig;
+etwas Gl&uuml;ckliches irgendwoher kommen konnte, es
+mu&szlig;te immer alles erworben sein. Was mich betraf,
+ich lie&szlig; mir gern etwas in den Scho&szlig; werfen. Das
+Haus Hagenau war vornehm, alt, angesehen und
+das Gesch&auml;ft ein Goldgr&uuml;blein, wie ich es schon
+<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">245</a></span>hatte nennen h&ouml;ren. Ich reiste mit Extrapost in
+meinen Gedanken. Daneben sprach Herr Kasimir
+weiter. &bdquo;Wohnung und Tisch im Hause k&ouml;nnte ich
+Ihnen freilich vorl&auml;ufig nicht anbieten; die Umst&auml;nde
+sind nicht so gelegen daf&uuml;r. Dagegen sind Sie selbstverst&auml;ndlich
+stets willkommen als Abendgast und etwa
+Sonntags. Ich w&uuml;rde mich immer freuen.&ldquo; Jetzt
+fuhr wieder er mir zu schnell. Ich hatte ja noch gar
+nicht gesagt, ob ich wollte. Ich war hier auch nicht
+schlecht angeschrieben. Auch stand mir noch die Welt
+offen. Ich machte ein weises und undurchdringliches
+Gesicht und sagte, es m&uuml;sse &uuml;berlegt sein. Es sei sehr
+freundlich von ihm und habe viel Verlockendes, indessen
+k&ouml;nne ich nicht nur so handumkehr mein Leben
+darauf einstellen. Im Gesch&auml;ft gebe es ohnehin auch
+zur Zeit Ver&auml;nderungen, und ich habe alle Aussicht,
+vorzur&uuml;cken. Doch wolle ich es mir merken. Es m&uuml;sse
+doch nicht heute entschieden sein? Nein, das m&uuml;&szlig;te
+es nicht, doch sollte es auch nicht mehr lang hinausgeschoben
+werden. Und, wenn er das sagen d&uuml;rfe,
+Selbst&auml;ndigkeit sei doch auch eine sch&ouml;ne Sache. Ja,
+ja, das war es; wenn er nur schon abgereist w&auml;re,
+da&szlig; ich h&auml;tte zu Maidi gehen k&ouml;nnen. Es brannte
+mich; ich dachte in diesem Augenblick nicht an die
+tr&uuml;bseligen Tage, die hinter mir lagen, und an alles
+Halbdunkle, das zwischen dem letzten Beisammensein
+und heute schwebte, und an meinen Freund, der
+mit trauriger Bitterkeit und einer Herzenswunde in
+die Welt hinausfuhr, sondern nur an Maidis staunendes
+Gesicht und an meinen Triumph, und da&szlig; wir
+alles miteinander besprechen w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Aber ich mu&szlig;te mich noch eine Nacht und einen
+Tag lang gedulden, und als ich am Montag abend zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">246</a></span>ihr kam, war sie selber voll von einer gro&szlig;en Neuigkeit,
+die sie mir erz&auml;hlen mu&szlig;te. Einer der Lehrer
+an der Kunstgewerbeschule hatte den Auftrag &uuml;bernommen,
+den neuen und pr&auml;chtigen Landsitz eines
+Gro&szlig;industriellen, der an einem herrlichen Platz im
+Gebirge lag, k&uuml;nstlerisch auszuschm&uuml;cken, und er hatte
+Maidi mit noch ein paar andern Sch&uuml;lern und Sch&uuml;lerinnen
+der obersten Klasse den Vorschlag gemacht, ihm
+dabei zu helfen. Er wollte schon w&auml;hrend des Semesters
+mit ihnen dahin ausr&uuml;cken, da er ein paarmal
+in der Woche die nicht ganz kleine Fahrt in die
+Stadt machen konnte, um seine Stunden zu geben,
+und da sie ihre Arbeit als praktische Vorbereitung
+auf die Pr&uuml;fung ansehen konnten. Maidi war voll
+brennenden Eifers, mir die Vorz&uuml;ge dieser Abmachung
+auseinanderzusetzen. Sie hatte sch&ouml;ne Entw&uuml;rfe
+f&uuml;r Vorh&auml;nge und Wandbekleidungen im
+Kopf, und auf dem Tisch lagen ge&ouml;ffnete Mappen
+mit Zeichnungen, die sie sich einmal f&uuml;r ein Kinderspielzimmer
+ausgedacht hatte: ein Fries mit allerlei
+Tieren: Schnecken, Fr&ouml;schen, K&auml;fern und Schmetterlingen,
+und eine Tapete mit Bienen und Hummeln,
+die auf Blumen sa&szlig;en.</p>
+
+<p>Wenn Maidi etwas Schweres durchgemacht hatte,
+wie ich ja annehmen mu&szlig;te, so kam ihr freilich die
+neue Aufgabe mit allen Ver&auml;nderungen und Kraftanstrengungen,
+die sie mit sich brachte, sehr zustatten.
+Sie sah auch freudig angeregt aus und kam mir h&ouml;chstens
+etwas schm&auml;ler vor, und als ob sie in der
+Zwischenzeit noch gewachsen sei, was ja freilich nicht
+sein konnte. Ich hielt mich auch nicht mit Betrachtungen
+auf, sondern eilte, meine Sache auch anzubringen,
+und nun sangen wir wieder einmal ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">247</a></span>Duett, in dem jedes die erste Stimme haben wollte,
+denn es war alles neu und wichtig, und jedes mu&szlig;te
+dem andern zugeben, da&szlig; es vorw&auml;rts ging im Leben,
+und da&szlig; freilich beides am Werk sei, Gl&uuml;ck und Verstand,
+aber welches am meisten, das konnte man nicht
+ausmessen. Der Professor hatte auch bei Gelegenheit
+der Abmachung gesagt, da&szlig; er f&uuml;r Maidi bereits
+eine sch&ouml;ne Arbeit in Aussicht habe, die sie, wenn
+sie wolle, sofort nach der Pr&uuml;fung, die im Herbst
+stattfand, antreten k&ouml;nne. Es war die Stelle einer
+Lehrerin an derselben Anstalt, f&uuml;r die sie sich nach
+der Ansicht des Professors besonders gut eignen
+w&uuml;rde, und die ihr auch einen festen, wenngleich bescheidenen
+Grund unter die F&uuml;&szlig;e gab. Das war es
+ja, was Maidi gewollt hatte, und ich fragte sie, ob
+sie dazu entschlossen sei, die Stelle anzunehmen oder
+sich etwa schon verpflichtet habe. Es war aber bis
+jetzt weder das eine noch das andere der Fall. Maidi
+sagte, tr&auml;umerisch vor sich hinblickend, sie wolle jetzt
+auch einmal eine Weile das Land unbegrenzter
+M&ouml;glichkeiten vor sich haben, oder ob ich es vielleicht
+allein gepachtet habe? Bei dieser Frage sandte sie
+mir unversehens einen Blick zu, der mich an die alte
+Neckerei erinnerte, die von Olbrich und ihr mit
+diesem Wort getrieben worden war, und ich sagte,
+eifrig darauf eingehend: &bdquo;Sehen Sie jetzt, wie sch&ouml;n
+es ist, wenn man alles vor sich hat, was einen freuen
+kann, aber immer noch frei ist, zu tun, was man will?
+Es ist ein so behaglicher Zustand, da&szlig; man ihn ausdehnen
+sollte, solang es irgend geht.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber es war nicht ganz das Rechte gewesen,
+wie ich merkte, denn Maidi sagte leise und fing an,
+die Mappen wieder einzupacken: &bdquo;Ich habe es ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">248</a></span>bi&szlig;chen anders gemeint,&ldquo; und dabei wurde sie wieder
+einmal rot, was ich wohl sah, obgleich sie sich im
+Hintergrund des Zimmers an einem Schrank zu
+schaffen machte. Sie hatte dieses Kommen und Gehen
+der Farbe von jeher an sich, wie sie mir schon erz&auml;hlt
+hatte, und &auml;rgerte sich oft dar&uuml;ber, weil es das geheime
+Leben ihres Herzens allzu offenkundig zeigte;
+es war aber immer lieblich anzusehen, und ich h&auml;tte
+es gern h&auml;ufig hervorgerufen, um sie dann betrachten
+zu k&ouml;nnen. Diesmal aber fiel mir mit Gewalt ein,
+was Olbrich mir erz&auml;hlt hatte und was &uuml;ber all den
+Neuigkeiten eine Weile im Hintergrund gestanden
+war.</p>
+
+<p>Ich sah auf einmal Maidi vor mir stehen wie ein
+Paradiesg&auml;rtlein, in das durchaus nicht jeder eintreten
+durfte, aber das in aller Stille f&uuml;r mich erbl&uuml;hte,
+so unbegreiflich es eigentlich war. Es wurde
+mir hei&szlig; dabei, aber auch seelenwohl, und ich machte
+unwillk&uuml;rlich einen Schritt vorw&auml;rts, auf Maidi zu,
+denn da war kein &Uuml;berlegen, ich wu&szlig;te pl&ouml;tzlich alles
+von ihr und von mir; es war wie vom Himmel gefallen.
+Sie sah aber meine Augen, in denen das
+neu erwachte Leben freudig und st&uuml;rmisch loderte,
+und beugte sich, noch tiefer ergl&uuml;hend, &uuml;ber eine offene
+Truhe, in die sie die Mappen legte. Das dauerte
+eine ziemliche Weile, dann sagte sie, ohne sich umzusehen
+und eifrig besch&auml;ftigt dem Anschein nach: &bdquo;Jetzt
+wird einmal vor allen Dingen das Examen gemacht,
+dann sieht man weiter. Man mu&szlig; sich in der Hand
+behalten und wissen, was man will; dann ist es immer
+noch Zeit, ja zu sagen.&ldquo; Das sollte freilich dem Professor
+gelten mit seiner Stelle, aber mir machte sie
+nichts mehr weis. Es mu&szlig;te hei&szlig;en: &bdquo;Warte noch
+<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">249</a></span>ein Weilchen, frage mich jetzt nichts, denn im Augenblick
+ist nicht Zeit dazu.&ldquo; Sie wollte selber etwas
+sein, wenn sie sich hingab, etwas Ganzes und Fertiges,
+denn sie hatte ihren Stolz und ihre Arbeit
+darangesetzt, und wer sie bekam, der mu&szlig;te froh sein
+an ihrer Liebe und ihrem bl&uuml;henden Leben und selber
+auch Liebe und Leben hergeben; um anderes ging es
+nicht bei ihr. Es war begreiflich, und man mu&szlig;te
+ihren Willen ehren, aber so sehr ich vorhin die Freiheit
+gepriesen hatte, so fiel es mir doch sauer, da&szlig;
+Maidi sich ihrer jetzt bediente. Ich h&auml;tte sie gerne
+leise in den Arm genommen und gek&uuml;&szlig;t und mu&szlig;te
+mich doch still halten. Es sang und musizierte aber
+in mir, wie noch nie zuvor.</p>
+
+<p>Darauf brachten wir noch einmal ein ertr&auml;gliches
+Gespr&auml;ch zustande. Maidi mu&szlig;te schon in acht Tagen
+abreisen und hatte vorher noch alle H&auml;nde voll zu
+tun mit Vorbereitungen. Sie freute sich auf die Arbeit;
+es wurde ein Gartensaal ausgemalt, dessen
+Schmuck, vom Professor entworfen, von den Sch&uuml;lern
+ausgef&uuml;hrt werden sollte. Und es gab eine heitere
+Gesellschaft von jungen Leuten, die zusammen
+arbeiteten den Sommer lang. Aber ich hatte keinen
+Teil daran, sondern mu&szlig;te allein in der Stadt zur&uuml;ckbleiben,
+die mir &ouml;d und ausgestorben vorkam,
+wenn ich nur daran dachte.</p>
+
+<p>Ich sagte bedr&uuml;ckt, am liebsten m&ouml;chte ich auch
+gleich abreisen und meine neue Stelle antreten, es
+sei dann ohnehin nichts mehr hier. Da lachte Maidi
+und fragte mich, ob ich denn schon entschieden sei und
+ob ich denn nicht vielmehr noch eine Zeitlang in der
+sch&ouml;nen Entschlu&szlig;freiheit leben wolle? Und wie es
+dann im Herbst w&auml;re, wenn sie zur&uuml;ckk&auml;me? Da
+<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">250</a></span>w&uuml;rde dann wohl die Stadt auch ausgestorben sein.
+Ich sagte, wie es im Herbst werde, das komme noch
+auf sie selber an; es m&uuml;sse ja nun vor allem, wie ich
+habe sagen h&ouml;ren, das Examen gemacht werden,
+und sie k&ouml;nne dann auch immer noch hingehen, wo
+sie wolle. Das alles brachten wir im heiteren Ton
+der Neckerei vor, wie sie manchmal zwischen uns hin
+und her ging, aber wir waren nicht frei dabei, denn
+auf einmal stand Trennung und Abschied zwischen
+uns, und wir waren noch gar nicht beisammen gewesen.
+Ich machte bald, da&szlig; ich fort kam, denn ich
+war es nicht gew&ouml;hnt, mich zu beherrschen, und es
+ging zu vieles zu stark in mir um.</p>
+
+<p>In der Nacht fiel es mir noch ein, da&szlig; ich Maidi
+am n&auml;chsten Sonntag ein gutes St&uuml;ck weit begleiten
+konnte &uuml;ber einen Gebirgskamm hin&uuml;ber und bis
+an eine kleine Station, von der sie dann an die
+Hauptbahnlinie gelangen und zu ihren Gef&auml;hrten
+sto&szlig;en konnte. Ich stand auf und suchte auf der Karte
+und mit dem Wanderbuch den Weg und w&auml;re am
+liebsten noch einmal ausgegangen, um es Maidi
+durchs Fenster zuzurufen. Aber es schlug zw&ouml;lf Uhr,
+und sie war nicht Olbrich, sondern ein feines und
+k&ouml;stliches und vornehmes Frauenwesen, das jetzt
+hinter zugezogenen Vorh&auml;ngen schlief und nicht auf
+Pfeifen ans Fenster kam.</p>
+
+<p class="absatz">Also behielt ich meinen Vorsatz bei mir und
+schlief auch mit ihm ein, so da&szlig; es weiter nicht verwunderlich
+war, da&szlig; auch meine Traumgebilde auf
+Wanderf&uuml;&szlig;en gingen. Sie f&uuml;hrten mich aber nicht in
+die dortige Gegend, sondern auf einen Berg bei uns
+daheim und auf einen grasigen Platz, wo ich folgendes
+Schauspiel hatte: Es stand eine hohe und dunkle
+<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">251</a></span>Tannenfront da, die den Weg begrenzte. Die B&auml;ume
+waren aufrecht und in Reih' und Glied gestellt, sie
+konnten sich nicht mucksen. Aber an ihnen vorbei
+trippelten mit zierlichen Schritten schlanke junge Birken
+in wei&szlig;en Kleidern und mit gr&uuml;nen Seident&uuml;chern,
+die leicht um sie herumwehten, und lachten
+mit ganz hellen und hohen Stimmen, so da&szlig; es
+mehr gesungen als gelacht war. So gingen sie
+an den dunklen B&auml;umen vorbei, die sich nicht r&uuml;hren
+konnten. Es waren aber eigentlich M&auml;nner,
+die ums Leben gern die feinen M&auml;dchen, die die
+Birken eigentlich waren, zum Tanzen aufgefordert
+h&auml;tten. Sie zwirbelten ihre B&auml;rte mit d&uuml;steren Gesichtern
+und lie&szlig;en die Augen herumlaufen, als
+wollten sie sagen: Wartet nur, bis wir dann nachher
+aufgewacht sind. Da wollen wir euch schon kriegen.
+Aber die Birken schw&auml;nzelten weiter, nur die gr&ouml;&szlig;te
+und sch&ouml;nste blieb ruhig stehen und lie&szlig; ihre Schleier
+wehen. Da war es auf einmal Maidi und winkte
+mir mit der Hand zum Mitkommen. Aber ich konnte
+nicht zu ihr und sie nicht zu mir, und sie nickte mit
+dem Kopf. &bdquo;Ich bin gewi&szlig; nicht schuldig,&ldquo; sagte sie
+z&auml;rtlich und traurig und hatte die leuchtenden Augen
+voller Tr&auml;nen.</p>
+
+<p>Wenn ich nun den letzten Tag beschreiben will,
+den ich mit Maidi erlebte, so zittert mir aufs neue
+das Herz, und ich wei&szlig; nicht, ist es mehr die Wonne,
+ihn erlebt, oder die Trauer, ihn nicht gen&uuml;tzt zu
+haben, was mich im tiefsten bewegt. Doch kann man
+beides nicht auseinander halten; es ist ineinander
+verflossen und l&auml;&szlig;t sich nicht trennen. Auch habe ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">252</a></span>mir vorgenommen, mir in diesen Bl&auml;ttern das Wort
+der Selbstbespiegelung und der Klage abzuschneiden,
+so oft es sich auch hervordr&auml;ngen will. Denn was
+mache ich anders damit? Und liegt es nicht an mir,
+vergangene Lieblichkeiten und Schmerzen, die sich stets
+erneuern, zu n&uuml;tzen, so da&szlig; noch eine sp&auml;te Ernte
+daraus hervorgeht?</p>
+
+<p>Maidi war auf dem Weg, den sie mit leichten
+Schritten und wie beschwingt neben mir beging, von
+der goldensten Laune und glich so recht dem Fr&uuml;hlingstag,
+der &uuml;ber uns blaute, und der alles sprossen
+und bl&uuml;hen lie&szlig;, was nur im Lichte webte und sich
+dr&auml;ngte. Sie schwang ihren Wanderstab wie eine
+gl&uuml;ckspendende G&ouml;ttin oder Fee ihr Zauberst&auml;bchen,
+und &uuml;berall, wo er seine Kreise zog, lagen Sonnenlichter
+auf dem Boden, wehte ein leichtes, frisches
+L&uuml;ftchen um uns her und rauschten klare Brunnen
+oder bl&uuml;hende B&auml;ume uns entgegen. Sie war so
+voll freudigen &Uuml;berschwangs, da&szlig; sie jedem Begegnenden
+ins Gesicht sah mit sonnigem Lachen und ihn
+gr&uuml;&szlig;te, Mann, Weib oder Kind, und jeder, ob es
+auch der griesgr&auml;mlichste Gesell gewesen w&auml;re, dankte
+ihr, freilich mehr oder minder freundlich, und sah ihr
+mit zur&uuml;ckgebogenem Kopfe nach, was ich alles aufs
+genaueste beobachtete und einheimste wie einen Zoll,
+dessen Ertrag nun f&uuml;r eine Zeitlang meinen Lebensunterhalt
+bilden mu&szlig;te. Ich war ein wenig schwerm&uuml;tig
+aufgestanden an diesem Morgen, weil mir die
+n&auml;chste Zeit in g&auml;hnender Leere zu liegen schien, und
+vielleicht h&auml;tte ich auf dem Weg meine sentimentale
+Stimmung weiter gepflegt, aber das war nicht m&ouml;glich
+neben dem freudigen Leben, das erwartungsvoll
+in den Tag hinein schritt und doch auch ganz hier zur
+<span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">253</a></span>Stelle war, um nichts zu vers&auml;umen. Wir gerieten,
+als wir an verschiedenen Bauernh&ouml;fen vorbei, die
+&uuml;bereinander an einem Bergabhang lagen, die H&ouml;he
+erklommen hatten, und nun auf einem leicht gewellten
+Gebirgskamm dahinschritten, in ein trauliches
+und ausgiebiges Geplauder, wie wir es unter den
+mancherlei St&uuml;rmen der letzten Zeit schon lang nicht
+mehr ge&uuml;bt hatten, und besonders Maidi brachte
+alles M&ouml;gliche hervor, das sie gedacht, erlebt und
+getr&auml;umt hatte. Wenn ich heute noch einmal denselben
+Weg gehen sollte, wozu ich mich bis jetzt nicht
+aufgeschwungen habe, und was ich auch nicht so leicht
+tun werde, so k&ouml;nnte ich sicher noch aus der Erinnerung
+sagen: Das haben wir an der alten hohlen Eiche
+geredet, und das bei dem Wegkreuz mit der seltsamen
+Inschrift, dies an der Aussichtsstelle in das
+wildromantische Felsental, und dies, als wir an der
+halbzerfallenen Holzknechtsh&uuml;tte vor&uuml;bergingen. Es
+w&auml;ren alle diese Orte wie Bl&auml;tter eines Buches,
+dessen Lettern im Dunkeln frisch und neu geblieben
+sind; aber ich brauche nicht darin zu lesen, denn
+ich kenne die Geschichten, die darin stehen, aus- und
+inwendig.</p>
+
+<p>Maidi hatte auf dem Ausflug, den sie mit der
+Pfarrerswitwe gemacht hatte, in deren fr&uuml;herer Heimat
+einen Bauersmann kennen gelernt, einen entfernten
+Verwandten der Pfarrfamilie, die auch aus
+b&auml;uerlichen Verh&auml;ltnissen stammte. Sie mu&szlig;te es
+dem ernsten und schweigsamen Mann, der ein Witwer
+war und allein mit einer alten Magd lebte, durch
+den Liebreiz und die offene Zutraulichkeit ihres
+Wesens angetan haben, so da&szlig; er ihr ein leidvolles
+St&uuml;ck seiner Lebensgeschichte erz&auml;hlte, die sie mir
+<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">254</a></span>nun wiedergab. Wenn ich sie jetzt aufschreibe, so
+geschieht es, da&szlig; ein Menschenleben, das sonst wohl
+schon vergessen w&auml;re oder es doch bald sein w&uuml;rde,
+noch einmal eine kleine Wellenbewegung macht auf
+der Oberfl&auml;che des Stromes, der uns alle mitnimmt,
+was vielleicht mir einmal nicht geschieht, wenn ich
+vergangen sein werde. Wer wei&szlig;?</p>
+
+<p>Der Bauer war der &auml;ltere Sohn seines Vaters
+gewesen, oder vielmehr l&auml;ngere Zeit der einzige,
+und hatte sich als solcher schon im Besitz des Hofs
+gesehen, an dem er mit allen Eigentumsgedanken
+und Gef&uuml;hlen hing, als nach einer Reihe von Jahren
+noch ein Nachz&uuml;gler erschien und das ganze Zukunftsbild
+durch sein blo&szlig;es Erscheinen ausl&ouml;schte,
+da in jener Gegend die Erbschaftsgebr&auml;uche dem
+J&uuml;ngsten den Besitz zusprachen, w&auml;hrend die &auml;lteren
+Kinder anderweitig abgefunden wurden. Diese feststehende
+Regel umzusto&szlig;en, konnte niemandem einfallen,
+sie war durch das Herkommen geheiligt und
+wurde so wenig angetastet wie das Erbfolgerecht eines
+regierenden Hauses. So sah der &Auml;lteste bereits den
+Tag vor sich, an dem er den geliebten Hof verlassen
+mu&szlig;te, um irgendwo anders unterzukommen, sei es
+durch Einheirat oder durch das Erlernen eines anderen
+Berufes, falls er nicht als Knecht dem Bruder
+dienen wollte, was ihm alles gleich schrecklich war.
+Er warf im stillen einen Ha&szlig; auf den Bruder, den er
+aber so gut als m&ouml;glich zu verbergen und auch zu
+&uuml;berwinden trachtete, wovon ihm aber nur das erstere
+gelang, und auch das nicht immer. Der Kleine,
+der ein sch&ouml;nes und zutrauliches Kind war, hing an
+dem gro&szlig;en Bruder und ging ihm auf Schritt und
+Tritt nach, obgleich dieser ihn kalt und oft absto&szlig;end
+<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">255</a></span>behandelte; das schien ihn nur noch mehr zu reizen,
+sich seine Liebe zu erringen. Der &Auml;ltere wurde auch
+manchmal ger&uuml;hrt, wenn der kleine Lockenkopf sich an
+ihn dr&auml;ngte und ihn liebkoste, aber mitten drin kam
+wieder der Groll &uuml;ber ihn, da&szlig; dieser Blondkopf
+ihm durch sein blo&szlig;es Dasein die Heimat nehme,
+und er wurde von dunklen Gewalten umhergerissen,
+die ihn allm&auml;hlich so in die Hand bekamen, da&szlig; er
+den Tod des Bruders w&uuml;nschte.</p>
+
+<p>Es begab sich nun das Ungl&uuml;ck, da&szlig; dieser Wunsch
+erf&uuml;llt wurde, und zwar durch seine eigene schuldig-unschuldige
+Hand, indem ein Gewehr, mit dem die
+beiden Buben spielten, und das sie f&uuml;r entladen
+hielten, losging und den Kleinen niederstreckte, ohne
+da&szlig; dieser noch einen Laut von sich gab. Der Gro&szlig;e
+war durch diesen ersch&uuml;tternden Vorfall pl&ouml;tzlich im
+Tiefsten wach geworden und sah sich als den M&ouml;rder
+seines Bruders an, der er ja freilich auch war, wenngleich
+nicht mit Willen im Augenblick des Geschehens,
+aber hundertf&auml;ltig in Gedanken und W&uuml;nschen. Er
+verfiel in eine schwere Gem&uuml;tskrankheit, von der er
+nur langsam genas, und von der ihm immer ein Rest
+dunkler Melancholie zur&uuml;ckblieb, auch als er dann
+in den Besitz des gew&uuml;nschten Erbes kam, das ihm
+nun ein Reichtum und eine Armut zugleich war.
+Er heiratete eine Bauerntochter, die ihm sein Vater
+aussuchte, und neben der er gleichg&uuml;ltig hinlebte,
+ohne zu sehen, da&szlig; sie ihm mit aller Frauenliebe
+anhing. Wenn er etwas w&uuml;nschte, so war es ein
+Erbe, und auch diesen begehrte er nur um des Hofes
+willen, der nicht in fremde H&auml;nde kommen durfte.
+Als er nun nach einer Reihe von Jahren erschien,
+starb die Mutter, die mit dem Sohn die Liebe ihres
+<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">256</a></span>Mannes zu erwerben gehofft hatte, hinweg, und
+auch hier war es so, da&szlig; diesem erst die Augen aufgingen,
+als sie ihm sterbend sagte, wie sehr sie ihn
+geliebt habe. Er wollte nun aber nichts mehr vers&auml;umen
+in seinem Leben und nahm sich vor, dem
+Sohn ein so guter Vater zu sein, als irgend m&ouml;glich,
+und auch nicht mehr zu heiraten, um nicht von neuem
+den schweren Konflikt in ein Gem&uuml;t zu werfen, das
+von sich aus schuldlos ins Leben hineinging, und
+das hier vor ihm in der Wiege friedlich schlummerte.
+Aber als das B&uuml;bchen die Augen aufheben sollte,
+fand es sich, da&szlig; sie blind waren, und so schlo&szlig; nun
+auch dieser teuer bezahlte Reichtum eine Armut ein.
+Doch blieb der Vater dennoch seinem Vorsatz getreu
+und lebte f&uuml;r den Sohn, der ein feines, zartes und
+reich veranlagtes Kind und trotz des gro&szlig;en Mangels
+in seinem Dasein von einer sonnigen Heiterkeit war,
+wovon der Vater manche Z&uuml;ge zu erz&auml;hlen wu&szlig;te.
+Die Sonne habe der Blinde, der sie nur vom H&ouml;rensagen
+kannte, innig geliebt und Gesicht und H&auml;nde
+ihren Strahlen ausgesetzt, auch die Arme ausgebreitet,
+um sie zu umfangen, und wenn sie nicht gekommen
+sei, so habe er sehnlich auf sie gewartet. Wie
+die meisten Blinden war er musikalisch und spielte
+mit seinen feinen, beweglichen H&auml;nden leise, tr&auml;umerische
+Melodien auf dem Harmonium, das der Vater
+ihm kaufte, so da&szlig; es r&uuml;hrend und erbaulich anzusehen
+und zu h&ouml;ren gewesen sei. Er habe auch eine
+sonderbar wohlklingende, weiche und doch volle
+Stimme gehabt, die schon beim Sprechen wie eine
+Melodie gewesen sei. Mit dieser Stimme habe er
+Menschen und Tiere gewonnen, so da&szlig; er aller
+Liebling gewesen sei. Gerade diese Stimme sei aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">257</a></span>auch sein Verh&auml;ngnis gewesen, wie denn (wie der
+nachdenkliche Bauer sagte) jeder sein Schicksal und
+auch seine Todesart in sich trage, er brauche nicht
+viel hinzuzutun.</p>
+
+<p>Es war n&auml;mlich auf dem Hof ein wilder, st&ouml;rrischer
+und gef&auml;hrlicher Zuchtfarren, den zu b&auml;ndigen,
+wenn er in der Hitze war, niemandem gelingen
+wollte, so da&szlig; man schon verschiedene Male seinen
+Tod beschlossen hatte und ihn nur immer wieder behielt,
+weil er von vorz&uuml;glicher Rasse und zur Zucht
+besonders geeignet war. Wunderbarerweise ereignete
+es sich, da&szlig;, als der kleine Blinde einmal in die
+N&auml;he kam und vor den Augen des entsetzten Vaters
+auf das um sich sto&szlig;ende Tier zuging, ehe dieser es
+hindern konnte, der Bulle durch die sanfte und helle
+Kinderstimme beruhigt wurde und sich sogar von den
+kleinen H&auml;nden streicheln und f&uuml;hren lie&szlig;. Das alles
+war noch nie erh&ouml;rt und ging von Mund zu Munde,
+so da&szlig; das blinde B&uuml;bchen eine Art Sehensw&uuml;rdigkeit
+wurde und zum Wundertun ausersehen
+von vielen, denen das, was da und wirklich war, noch
+nicht gen&uuml;gte, sondern nur ein Angeld und eine Verpflichtung
+auf Ferneres schien.</p>
+
+<p>Diese kamen aber nicht auf ihre Kosten, sondern
+als man das blinde Kind nach &ouml;fterem Gelingen
+des seltsamen Versuchs allm&auml;hlich mit dem Stier umgehen
+lie&szlig; wie mit einem g&auml;nzlich unterjochten Feind,
+ohne genaueste Aufsicht, wurde es zur b&ouml;sen Stunde
+von ihm totgedr&uuml;ckt. Es habe noch einen hellen
+Aufschrei getan und sei tot umgefallen. Der Stier
+aber sei darauf in solche Raserei geraten, da&szlig; man
+ihn schleunigst habe erschie&szlig;en m&uuml;ssen; er sei mit
+einem dumpfen Br&uuml;llen in sich zusammengest&uuml;rzt
+<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">258</a></span>und habe also leben m&uuml;ssen, bis er sein Werk getan
+habe.</p>
+
+<p>Das alles habe der Bauer als etwas jetzt Fernliegendes
+und doch stets Gegenw&auml;rtiges ruhig und
+mit tiefer Stimme erz&auml;hlt und dabei mit seinen stahlblauen
+Augen unter wei&szlig;en, buschigen Brauen wie
+in eine gro&szlig;e Weite gesehen. Maidi habe ihn teilnehmend
+gefragt, ob er sich vielleicht damals wieder
+habe Vorw&uuml;rfe machen m&uuml;ssen, da&szlig; er den Stier nicht
+fr&uuml;her erschossen, das Kind nicht &auml;ngstlicher beh&uuml;tet
+habe. Darauf habe er erwidert, nein, sondern es sei
+ihm auf einmal aufgegangen, da&szlig; alles geschehe, wie
+es sein m&uuml;sse, doch aber so, da&szlig; der Mensch trachten
+m&uuml;sse, aus aller seiner Schuld und dem B&ouml;sen, das
+in ihm sei, und aus dem Ungl&uuml;ck, das ihm widerfahre,
+wenn auch durch eigene M&auml;ngel, das Beste zu
+machen und noch etwas zu tun oder zu werden, was
+ohne das nicht geschehen w&auml;re. Man d&uuml;rfe sich
+nat&uuml;rlich den Schmerzen, die das alles mache, nicht
+entziehen wollen, denn dann gesch&auml;he erst das eigentliche
+Ungl&uuml;ck, ja das Verderben, n&auml;mlich das Versinken
+in Stumpfheit und Gleichg&uuml;ltigkeit, worin
+dann die Seele ersticke. Ihn habe das schwere Leid
+seines Lebens aus dem Niederen erl&ouml;st, und er beklage
+sich nicht. Vielmehr habe er Gott von Angesicht
+gesehen und seine Seele sei genesen.</p>
+
+<p>Das alles erz&auml;hlte Maidi mit der staunenden
+Verwunderung, mit der sie es das erstemal mochte
+vernommen haben, und setzte leise erschauernd hinzu:
+&bdquo;Ach, wenn es doch anginge, da&szlig; man, ohne schuldig
+zu werden und ohne solche Abgr&uuml;nde in sich und im
+Leben zu entdecken, dennoch ein guter und gottgef&auml;lliger
+Mensch werden k&ouml;nnte! Denn das m&ouml;chte
+<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">259</a></span>ich, aber vor Schmerzen und besonders vor solchen,
+die aus eigener Schuld kommen, f&uuml;rchte ich mich entsetzlich.&ldquo;
+Sie sah mich fragend und von pl&ouml;tzlicher
+K&uuml;mmernis befallen an und sah dabei so unendlich
+unschuldig und lieblich beseelt aus, da&szlig; ich, obgleich
+mir &auml;hnliches durch den Sinn gegangen war, doch
+eifrig und hingerissen versicherte, es gebe auch Menschen,
+die ganz lauter und schuldlos durchs Dasein
+gehen, und die man gerade wie sie seien lassen
+m&uuml;sse als Beweise des Guten an sich und als Herz-
+und Augenweide f&uuml;r die andern. Das alles wu&szlig;te
+ich zwar nicht aus Erfahrung, aber es fiel mir ein,
+es zu sagen, und ich mag Maidi dabei entz&uuml;ckt und
+belehrend zugleich angesehen haben, so da&szlig; sie, die
+ein so starkes Gef&uuml;hl f&uuml;r das Komische hatte, pl&ouml;tzlich
+anfing, zu lachen und, aber mit einem kleinen Seufzer
+dazwischen hinein, sagte: &bdquo;Ach, ich glaube, wir m&uuml;ssen
+es abwarten. Sagen Sie aber noch mehr solche weisen
+und angenehmen Sachen; sie freuen mich inzwischen,
+bis ich dann sehen werde, wie es weiter geht.&ldquo;</p>
+
+<p>Wir kamen aber beide noch nicht so schnell von
+der Geschichte weg und hielten uns besonders damit
+auf, uns das Ungl&uuml;ck des Blindgeborenseins so recht
+innig vorzustellen, um dann desto wonnevoller unsere
+hellen Augen in der lichten Welt herumzuschicken,
+deren H&ouml;hen und Weiten vor uns ausgebreitet lagen.
+&bdquo;Ich will es einmal versuchen,&ldquo; sagte Maidi tr&auml;umerisch,
+&bdquo;mir vorzustellen, ich sei blind. Nur eine kleine
+Weile, f&uuml;nf Minuten lang. Freilich h&auml;tte ich dann
+immer noch viel vor dem blinden B&uuml;bchen voraus,
+das die sch&ouml;ne Welt nie gesehen hat, w&auml;hrend ich
+mir dreiundzwanzig Jahre lang Vorrat gesammelt
+h&auml;tte f&uuml;r dunkle Tage.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">260</a></span></p><p>Sie schlo&szlig; die Augen und ging mit tastend ausgestreckten
+H&auml;nden, deren eine ich als F&uuml;hrer erfa&szlig;te,
+auf dem moosigen Pfad weiter, w&auml;hrend sie offenbar
+alle Qualen eines, der das Licht nie mehr sehen kann,
+sich vorzut&auml;uschen suchte, denn ihr Gesicht wurde
+merklich bl&auml;sser, und ihre bl&uuml;henden Lippen zitterten.
+Sie atmete h&ouml;rbar und fragte nach einer kleinen Weile:
+&bdquo;Sind denn die f&uuml;nf Minuten noch nicht um?&ldquo; Es
+waren aber erst zwei, und ich riet ihr, doch die Augen
+aufzumachen, da es schad um jeden Augenblick sei,
+den man sich tr&uuml;be. Aber sie sch&uuml;ttelte den Kopf
+und wollte ihren Vorsatz durchf&uuml;hren, und dabei
+fa&szlig;te sie meine Hand fester, um einen sicheren Halt
+zu haben. Ich aber sah ihr voll in das liebe und
+sch&ouml;ne Gesicht, und es zog mich uns&auml;glich, es zu
+k&uuml;ssen, jetzt, da die Augen nicht dar&uuml;ber wachten.
+Aber ich durfte es nicht tun, und aus Rache und
+um mein Vergn&uuml;gen bei der Sache zu haben, schlug
+ich mit der vors&auml;tzlich Blinden einen d&uuml;steren Seitenweg
+ein, der schmal und dunkel zwischen hohen Tannen
+hinging, so da&szlig; sie, als ich nun den Ablauf der
+f&uuml;nf Minuten ausrief, entsetzt die aufgeschlagenen
+Augen im Halbdunkel umhergehen lie&szlig; und vielleicht
+in den ersten Sekunden f&uuml;rchtete, zur Strafe
+f&uuml;r das Spiel mit der Blindheit nun an den Augen
+gelitten zu haben. Es ging zwar diese Angst gleich
+vor&uuml;ber, aber Maidi sagte, als sie wieder im vollen
+Lichte stand, tief atmend: &bdquo;Ich tue es nicht mehr. Es
+ist zu schrecklich. Ich habe es alles durchgelebt in den
+paar Minuten und dabei das Gef&uuml;hl gehabt, ich sei
+selber schuldig, so da&szlig; ich nun schon ein bi&szlig;chen wei&szlig;,
+wie es ist, wenn man ein schlechtes Gewissen hat im
+Ungl&uuml;ck.&ldquo; Sie breitete wie zur Ents&uuml;hnung ihre
+<span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">261</a></span>Arme aus und hob die beiden und auch das Gesicht
+der vollen Sonne entgegen, wie um sich dem Licht
+wieder in die Arme zu werfen, das sie einen Augenblick
+verleugnet hatte. Da sah ich erst, wie gesund, unverstellt
+und lauter sie von Grund aus war, und
+sp&uuml;rte mit einer zornigen Verlegenheit, wie wenig
+ich selber neben ihrer klaren Einfachheit bestehen
+k&ouml;nne. Ich hatte freilich auch schon oft genug ein
+schlechtes Gewissen gehabt, aber die Ursachen dazu
+hatten anders ausgesehen.</p>
+
+<p>Wie nun Maidi ihre H&auml;nde ausreckte und eine
+kleine Weile in der sonnigen Helle badete, kam ein
+sch&ouml;ner Zitronenfalter durch die Luft dahergetaumelt
+und setzte sich auf das ausgebreitete, r&ouml;tlich durchleuchtete
+St&uuml;ck Leben, das er f&uuml;r eine sch&ouml;ne Blume
+halten mochte. Er blieb auch ruhig sitzen, als Maidi
+entz&uuml;ckt und vorsichtig ihre Hand zur&uuml;ckzog, und
+lie&szlig; sich ein St&uuml;ck weitertragen, flog dann auf, um
+zwischen den B&auml;umen umherzuwirbeln, und kam
+noch einmal an seinen wandelnden Ruheort zur&uuml;ck,
+bis er an einer bl&uuml;henden Waldwiese seine rechte
+Heimat und Atzung fand. Dieses kleine Erlebnis
+geh&ouml;rt zum letzten, dessen ich mich von dem sonnigen
+Tag entsinne. Unser Weg neigte sich abw&auml;rts, und
+wir sahen schon von weitem die Schienen der Eisenbahn
+in der Sonne blitzen und h&ouml;rten das Fauchen
+der Schnellzugslokomotive, die an der kleinen Station
+vor&uuml;berjagte. Wir stiegen den schmalen, trockenen
+Fu&szlig;weg hinunter, neben dem schon der Ginster
+zu bl&uuml;hen anhob, h&ouml;rten Lerchen singen und sahen
+wei&szlig;e Wolken im Blauen dahinziehen und erschraken
+pl&ouml;tzlich vor der N&auml;he des Abschieds, denn es war
+auf Monate, wie wir meinten, und schon das schien
+<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">262</a></span>uns lang genug. Ich beklagte mich pl&ouml;tzlich wieder
+&uuml;ber den leeren Sommer, den ich vor mir hatte; und
+Maidi sagte: &bdquo;Aber wir haben ja doch beide unsere
+Arbeit.&ldquo; Sie meinte etwas Tr&ouml;stliches damit zu
+sagen, und zwar, wie ich wohl sah, so gut f&uuml;r sich
+als f&uuml;r mich. Aber sie forderte meinen Widerspruch
+dadurch heraus, denn es konnte kein Vergleich sein
+zwischen uns, da sie ihre Arbeit liebte und die
+meinige mich gleichg&uuml;ltig lie&szlig;, und da sie au&szlig;erdem
+Maidi bei sich hatte, die ich entbehren mu&szlig;te. Das
+brachte ich ein wenig st&ouml;rrisch heraus, denn es war
+mir in der Tat nicht freudig zumute, aber Maidi
+fing &uuml;ber die letztere Begr&uuml;ndung so hell und sonnig
+an zu lachen, da&szlig; ich wider Willen, wenn auch etwas
+knurrig, mitlachte, und in diesem Augenblick kam der
+Zug, der an der kleinen Station ganz kurz anhielt,
+so da&szlig; Maidi noch lachend einstieg, so wenig es
+ihr vor ein paar Minuten drum gewesen war. Ich
+brauche manchmal eine Weile, bis ich den Grund
+einer Fr&ouml;hlichkeit erfasse, die ich an andern sehe und
+h&ouml;re; es ist dies bei mir, was man eine lange Leitung
+nennt, und so merkte ich erst, als Maidis helles
+Gesicht und flatterndes T&uuml;chlein undeutlich zu werden
+und zu verschwinden begann, da&szlig; ihr Lachen vom
+hohen Gl&uuml;ck selber eingegeben war; denn ich hatte ihr
+in meiner augenblicklichen Verdrie&szlig;lichkeit deutlicher
+als es sonst meine Art war, gezeigt, wie k&ouml;stlich es
+mich d&uuml;nkte, bei ihr sein zu d&uuml;rfen.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Ich kehrte nun allein in die Stadt zur&uuml;ck; es
+d&uuml;nkte mich aber, als h&auml;tte ich nicht mehr viel darin
+verloren, und ich fing ernstlich an, mich zu besinnen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">263</a></span>ob ich im gleichen Trab weitermachen oder Herrn
+Kasimirs Vorschlag nun ehestens annehmen solle.
+Es sprach eigentlich fast alles daf&uuml;r; nur war es mir,
+als sei ich, wenn ich in das alte Haus zur&uuml;ckgehe,
+dann f&uuml;r alle Zeit dort angebunden, und der rosenrote
+Nebel, in dem mir stets die Zukunft gestanden
+war, verfl&uuml;chtigte sich dabei, um einem n&uuml;chternen
+Tageslicht Platz zu machen. Es gab keine Fernen
+und Weiten mehr, wenn mich eine scharf umrissene
+Wirklichkeit umgab, und vielleicht war die Erf&uuml;llung
+lange nicht so sch&ouml;n, als die Tr&auml;ume von allen M&ouml;glichkeiten.
+Ich dachte hin und her, &uuml;berlegte, beschlo&szlig;
+und verwarf wieder und kehrte immer wieder
+in meinen Gedanken zu einem lieblichen Spielzeug
+zur&uuml;ck: zu unserer Gemeinschaft, Maidis und meiner.</p>
+
+<p>Ich war nun sicher, da&szlig; sie mich liebte, und es
+war uns&auml;glich sch&ouml;n, r&uuml;ckw&auml;rts blickend einen Beweis
+um den andern zu finden. Ein gutes Wort, einen
+&uuml;berraschten Blick, ein helles Err&ouml;ten; ich hatte nicht
+so darauf geachtet, so lange ich immer neue, sch&ouml;ne
+Dinge bei ihr fand. Nun, da ich vom Vergangenen
+zehren mu&szlig;te, wurde mir eins ums andere klar und
+beweiskr&auml;ftig. Es war, wie wenn beim Einnachten
+ein Stern um den andern aus dem Dunkel taucht,
+bis allm&auml;hlich die ganze lichte Schar zu H&auml;upten steht,
+so da&szlig; man nicht mehr an sie zu glauben braucht,
+sondern von ihrem Glanz beschienen wird. Ich versuchte,
+mir vorzustellen, wie es in Maidi auss&auml;he.
+Vielleicht hatte sie mit Staunen und zuerst mit Unwillen
+einen Ri&szlig; in dem festen Gef&uuml;ge ihrer Pl&auml;ne
+und Vors&auml;tze entdeckt und ihn auszubessern oder zu
+verkleben gesucht durch vermehrten Eifer und gr&ouml;&szlig;ere
+Hingabe an ihre Arbeit. Und doch immer
+<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">264</a></span>wieder aufs neue schien der goldene Tag zu neuen
+Fugen und Spalten herein, so da&szlig; sie sich nicht
+mehr anders zu helfen wu&szlig;te, als da&szlig; sie ihn
+einlie&szlig;. Ich dachte mir aus, wie es bei Olbrichs
+Werbung zugegangen sei, und wie sie da nur m&uuml;hsam
+verborgen habe, da&szlig; sich ihr Herz mir zuwende,
+so da&szlig; es ihm, dessen Blicke durch die Leidenschaft
+gesch&auml;rft gewesen waren, unausgesprochen klar geworden
+sei. Alles das machte, da&szlig; mir nicht nur
+Maidi immer lieber wurde, sondern auch, da&szlig; ich
+vor mir selber gewann, da solch ein feines Wesen
+sich mir zuneigte und mich andern vorzog.</p>
+
+<p>Ich z&ouml;gerte noch, wie gesagt, mich &uuml;ber die Zukunft
+zu entscheiden, denn ich war nicht mehr frei und
+unbeladen wie fr&uuml;her. Ging ich, so fand mich Maidi
+im Herbst nicht mehr, wenn sie zur&uuml;ckkam; blieb ich
+aber, so lie&szlig; ich die erw&uuml;nschte Gelegenheit zum
+schnellen Vorw&auml;rtskommen hinaus, und um nicht das
+eine oder andere erw&auml;hlen zu m&uuml;ssen, fl&uuml;chtete ich
+mich immer wieder in meine leichten Wonnen und
+Schmerzen hinein, da ich ja morgen oder &uuml;bermorgen
+immer noch tun konnte, was ich wollte.</p>
+
+<p>In dieses Schwanken hinein kam ein Brief von
+Herrn Kasimir, der auf einmal dem Z&uuml;nglein der
+Wage einen Sto&szlig; gab, so da&szlig; es sich zum Gehen
+neigte. Er fragte mich dringlich nach meinen Entschl&uuml;ssen
+und bat, ich m&ouml;chte mich rasch entscheiden,
+wenn ich auf seinen Vorschlag einzugehen gedenke;
+er habe gesch&auml;ftliche und andere Gr&uuml;nde, die Ver&auml;nderungen,
+die er im Sinn habe, in m&ouml;glichster
+B&auml;lde vorzunehmen. Die Energie, mit der er auftrat,
+steckte mich an; ich lie&szlig; pl&ouml;tzlich alles Hin- und
+Herdenken fahren und schrieb ihm, da&szlig; ich komme,
+<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">265</a></span>da ich eigentlich keinen schwerwiegenden Grund dagegen
+hatte. Es war mir aber, als ich den Brief
+mit meiner Zusage in den Kasten gesteckt hatte, nicht
+ganz wohl bei der Sache aus irgend einem dunklen
+Gef&uuml;hl heraus. Ich besann mich, was es wohl sein
+k&ouml;nnte und hatte, wie ich damit einschlief, in der Nacht
+einen wunderlichen Traum.</p>
+
+<p>Es ging n&auml;mlich meine T&uuml;r auf, und ein Unbekannter
+kam auf mich zu und setzte sich auf meinen
+Bettrand, mich unverwandt ansehend. Unter seinen
+Blicken wurde es mir sehr unbehaglich zumute, und
+ich fing an, damit er etwas von seiner Starrheit verlieren
+m&ouml;ge, ihm, obwohl ungern, von mir zu erz&auml;hlen.
+Ich sagte aber lauter furchtbare Dinge, die
+ich getan h&auml;tte oder zu tun im Begriff sei, und konnte
+kaum atmen vor Angst und Grauen. Er sah mich immerfort
+ernst und aufmerksam an und sagte dann
+kopfnickend: &bdquo;Da will ich dich lieber gleich totschlagen,&ldquo;
+und er tat es auch.</p>
+
+<p>Dieser Traum lag schwer und bedr&uuml;ckend auf mir,
+als ich zu mir kam. Ich sch&uuml;ttelte ihn aber ab und
+hatte auch in dem erlangten Wachsein ein, wie ich
+meinte, scharfes und klares Denkverm&ouml;gen, in dem
+ich beschlo&szlig;, nun einmal ohne nutzlose Qu&auml;lerei einen
+Schritt um den andern zu tun. Maidi, mit der mir
+der dumpfe Druck zusammenzuh&auml;ngen schien, den
+ich immer noch nicht ganz los war,&nbsp;&ndash; Maidi hatte
+sich ja selber alle Freiheit vorbehalten und sie auch
+mir gelassen.</p>
+
+<p>Ich wu&szlig;te mich liebend und geliebt und dennoch
+frei, und wenn ich eines Tages zu ihr kam, um
+sie an mich zu binden, so w&uuml;rde sie, daran zweifelte ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">266</a></span>nun nicht mehr, sich mir nicht versagen. Inzwischen
+baute ich an der Zukunft und ging guten Verh&auml;ltnissen
+entgegen, die ich schon ausn&uuml;tzen und immer
+besser ausgestalten wollte; es war nicht einzusehen,
+was Beklemmendes um den Weg sein sollte.</p>
+
+<p>Auf einmal fiel mir auch noch das Fr&auml;ulein Bitterolf
+ein, der geh&ouml;rig zu imponieren ich mir schon
+jetzt vornahm, und deren erstaunte Augen, wenn
+ich einmal mit Maidi vor ihr erscheinen w&uuml;rde, mir
+heute schon Freude bereiteten. Aber, wie war denn
+das? Sie wohnte ja in dem alten Hause, das ich
+selber beziehen wollte? Zog sie denn mit Herrn
+Kasimir aus und lie&szlig; uns hinein? Aber es geh&ouml;rte
+ja nicht mir, und ich konnte es auch nicht kaufen.
+Und es fiel ihnen auch nicht ein, auszuziehen. Da
+waren schon wieder neue Fragezeichen, und es eilte
+mir auf einmal, sie aufgel&ouml;st und beantwortet zu
+sehen. Ich traf meine Vorbereitungen zum Weggang,
+zu dessen Beschleunigung Herr Kasimir alles
+beitrug, was in seinen Kr&auml;ften stand, so da&szlig; er ziemlich
+rasch geschehen konnte. Ich feierte allerlei Abschiede
+mit allerlei Genossen und schied von ihnen
+als einer, der auszog, sein Gl&uuml;ck zu machen.</p>
+
+<p>Und nichts und niemand sagte mir, da&szlig; ich
+von meiner besten und gl&uuml;cklichsten Zeit Abschied
+nehme, und da&szlig; ich einmal in sie wie in ein verlorenes
+Paradies zur&uuml;ckschauen werde von vergeblicher
+Reue gepeinigt.</p>
+
+<p>Als ein Mannhafter und Freier glaubte ich in
+alte St&auml;tten zur&uuml;ckzukehren, um mir dort ein Leben
+zu bauen, das meiner w&uuml;rdig und voller Reichtum
+von au&szlig;en und innen sei, und wu&szlig;te nicht, da&szlig; ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">267</a></span>in mir selber gefangen sei, unfrei zu sein und zu
+handeln, den Gesetzen nach, die sich mein selbstisches
+Ich geschaffen hatte eine ganze Jugend hindurch.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Als ich wieder in das alte Haus eintrat, schien
+mir zuerst alles eng, niedrig und kleinlich zu sein.
+Ich hatte ein Gef&uuml;hl wie ein Primaner, der probeweise
+wieder einmal seine langen Glieder in das
+winzige B&auml;nkchen der Vorschule klemmt und nicht
+glauben kann, da&szlig; er jemals darin sich habe r&uuml;hren
+k&ouml;nnen. Doch dehnte sich vor meinen Augen, was
+nur scheinbar so eng gewesen war. Ich sah, da&szlig;
+in den beschr&auml;nkten R&auml;umen, in denen nur wenige
+Menschen sich regten, dennoch alle F&auml;den zusammenliefen,
+die der menschliche Geist gesponnen hat, und
+von ihnen wieder hinausgingen in menschliche Herzen
+und Gehirne, so da&szlig; wir eine Art von geistiger
+Speisekammer oder Apotheke f&uuml;r die Stadt waren,
+die noch dazu Rat und Anweisung von uns empfing,
+w&auml;hrend das gro&szlig; angelegte Unternehmen, in dem ich
+bis jetzt t&auml;tig gewesen war, nichts von pers&ouml;nlichem
+Verkehr mit den Menschen gestattete, sondern wie
+ein Meer in Flut und Ebbe die Str&ouml;me der geistigen
+Produktion anzog und wieder ausstie&szlig;, ohne sich
+darum zu k&uuml;mmern, wo der Segen schlie&szlig;lich landete.</p>
+
+<p>Es kam mir aber noch eine andere Seite des beschr&auml;nkten
+Arbeitskreises bald zu pa&szlig;, als ich mit
+steigendem Behagen bemerkte, wie gut es mir tauge,
+Lenker und Leiter eines, wenn auch m&auml;&szlig;igen Reiches
+zu sein, nachdem ich dort nur ein Rad in dem
+gro&szlig;en Getriebe gewesen war. Es ging mir wie
+C&auml;sar, der lieber auf jenem Dorfe der erste, als in
+<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">268</a></span>Rom der zweite sein wollte. Die alte Garde
+war in den Jahren meines Fernseins stark zusammengeschmolzen,
+da der Buchhalter gestorben und
+seinem Freund, dem &auml;ltesten Gehilfen, ein kleines
+Erbe zugefallen war, das er stracks ben&uuml;tzt hatte, sich
+ein freikommendes Buchl&auml;dchen in einer naheliegenden
+Kleinstadt zu erwerben. Nur Herr Frerichs und
+der rotb&auml;rtige Giller, der jetzt die B&uuml;cher f&uuml;hrte,
+waren noch alte Bekannte, denen ich mit einer leichten
+Verlegenheit gegen&uuml;bertrat, da sie doch geholfen
+hatten, mich zu meinem Beruf vorzubilden, und ich
+ihnen jetzt vorgesetzt war. Frerichs begr&uuml;&szlig;te mich mit
+der kindlichen Freundlichkeit, die sein trockenes Gesicht
+je und je durchsonnen konnte, und schien nichts gegen
+den Wechsel der Dinge zu haben. Ich fragte ihn, ob er
+wieder etwas geschrieben habe, da l&auml;chelte er freudig
+und versch&auml;mt und sagte fl&uuml;sternd: &bdquo;Ja; und diesmal
+ist es etwas nach dem Leben,&ldquo; worauf er mich erwartungsvoll
+ansah, bis ich sagte, ich wolle es einmal
+lesen. Damit war die Freundschaft wieder geschlossen,
+und ich hatte bei ihm die Bahn frei, w&auml;hrend
+mir von Giller etwas Feindseliges zu kommen
+schien, nach dem ich aber nun gerade nichts zu fragen,
+sondern ganz als Herr aufzutreten beschlo&szlig;, da ich
+es ja nun einmal zu werden im Begriff sei. Freilich
+h&auml;tte es mir noch viel mehr getaugt, Besitzer,
+als nur angehender Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer zu sein, und ich
+zerbrach mir vergebens den Kopf, wie das zu machen
+sei, fand aber keinen Rat dazu.</p>
+
+<p>Auch wartete ich t&auml;glich darauf, da&szlig; Herr Kasimir
+mir mitteile, was f&uuml;r dringende und eilige Gr&uuml;nde
+ihn bewogen hatten, mich schnellstens herbeizurufen.
+Ich legte mich mit allen Kr&auml;ften ins Zeug, um ihm zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">269</a></span>zeigen, da&szlig; ich etwas von den Sachen verstehe, und
+nahm ihm mit ungeduldigem Eifer eine Funktion
+nach der andern aus der Hand. Das lie&szlig; er auch eine
+Zeitlang stillschweigend geschehen, mich, wie es mir
+vorkam, wohlgef&auml;llig betrachtend, bis er eines Tages
+seine endlichen Absichten vor mir ausbreitete.</p>
+
+<p>Oder vielmehr geschah es eines Abends, als wir
+miteinander von dem sch&ouml;nen Garten in halber Bergesh&ouml;he
+herabstiegen, den er sich vor kurzem gekauft
+hatte, um, wie er sagte, als halbalter Privatmann
+noch etwas zu tun zu haben, wenn ihm nun die
+Jugend &uuml;ber den Kopf wachse.</p>
+
+<p>Es stand ein h&uuml;bsches steinernes Gartenhaus an
+der h&ouml;chsten Stelle des Gartens, gro&szlig; genug, um
+einem nicht zu anspruchsvollen Einsiedler als Wohnung
+zu dienen, wenn er sich zur&uuml;ckziehen wollte, und
+mit herrlichem Ausblick auf Stadt und Flu&szlig;tal mit
+Bergen und W&auml;ldern.</p>
+
+<p>Aus einem kleinen, heiter ausgemalten Gartens&auml;lchen
+im Erdgescho&szlig; gelangte man auf eine gro&szlig;e
+Terrasse, deren Gel&auml;nder mit Reben bewachsen war
+und die aussah, als ob schon manche fr&ouml;hliche Gesellschaft
+sich auf ihr versammelt h&auml;tte. Sie war auch
+jetzt schon wieder zu demselben Zweck eingerichtet,
+und auch heute war ziemlich viel Jugend droben versammelt
+gewesen und teilweise noch versammelt, als
+schon die ersten Sterne aus dem dunkel werdenden
+Himmel auftauchten.</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Bitterolf&nbsp;&ndash; von der ich nun anfangen
+mu&szlig;, zu reden, da sie sich nicht mehr verschieben l&auml;&szlig;t&nbsp;&ndash;
+verstand es in der Tat gut, ein Haus zu machen,
+wie mir Herr Kasimir schon im voraus erz&auml;hlt hatte.
+Sie hatte sich nicht sehr ver&auml;ndert, seit ich sie das erstemal
+<span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">270</a></span>gesehen hatte, wenigstens kam es mir so vor. Sie
+war damals &auml;lter gewesen, als ihre Jugend es wollte,
+und hatte einst dargestellt, was sie heute war: eine
+gewandte, sicher auftretende Dame von klarem, k&uuml;hlem
+Wesen und von ziemlich gro&szlig;en Anspr&uuml;chen an
+das Leben und die Menschen, dabei aber anziehend
+(wenigstens f&uuml;r mich, aber wie ich sah, auch f&uuml;r andere)
+durch die vornehm-&uuml;berlegene Gelassenheit, mit
+der sie alles handhabte und allem gegen&uuml;bertrat, und
+die zu beobachten es mich immerfort reizte. Ich h&auml;tte
+sie einmal m&ouml;gen aus der Fassung kommen sehen,
+hilflos oder zornig erregt, oder auch von einem warmen
+Gef&uuml;hl durchgl&uuml;ht, so sehr, da&szlig; sie es nicht gleich
+in einem geordneten Register untergebracht h&auml;tte.
+Sie h&auml;tte dann &uuml;beraus anziehend aussehen m&uuml;ssen,
+denn das Material dazu war vorhanden in gut geschnittenen
+Z&uuml;gen, sch&ouml;nen Farben und Formen, dem
+allem nur eine st&auml;rkere Belebung fehlte. Ich mi&szlig;traute
+aber, ob sie diese vielleicht nicht in sich habe
+und nur verberge, und strich daher flei&szlig;ig um sie
+herum, um den Augenblick nicht zu verpassen. Von
+der verlegenen Scheu meiner halben Knabenjahre war
+nichts mehr &uuml;brig geblieben, das hatte ich mir richtig
+prophezeit, dagegen merkte ich nicht, was ich jetzt
+wei&szlig;, da&szlig; an ihre Stelle eine andere Schw&auml;che getreten
+war, die ihren Ursprung in derselben Wurzel
+meines Herkommens hatte, n&auml;mlich die Sucht, ihr
+mein gesellschaftliches Fertiggewordensein unter die
+Augen zu r&uuml;cken und sie zur Anerkennung desselben
+zu n&ouml;tigen. Sie war auch in ihrer Weise freundlich
+und sogar ein wenig vertraulich gegen mich, nahm
+mich hie und da zu kleinen Diensten in Anspruch und
+unterst&uuml;tzte Herrn Kasimirs Aufforderung, da&szlig; ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">271</a></span>viel im Hause verkehren m&ouml;ge, auch ohne da&szlig; Gesellschaft
+da sei, so da&szlig; ich mir als G&uuml;nstling vorkam und
+mir nicht wenig darauf zugute tat. Wenn wir dann
+in dem gro&szlig;en Wohnzimmer unter den Familienbildern
+beisammen waren, und Fr&auml;ulein Bitterolf
+den Platz einnahm, den sonst Brigitte Hagenau innegehabt
+hatte, so schien sie mir etwas von der feinen
+Fraulichkeit, die die Verstorbene ausgestrahlt hatte,
+an sich zu haben, nur da&szlig; sie bei ihr verschlossener
+und gehaltener war, aber nicht weniger anziehend.
+Ich dachte, sie werde die Anlagen dazu in sich haben,
+und es komme nur auf die richtigen Umst&auml;nde an,
+da&szlig; sie sich entwickeln k&ouml;nnten, was alles mit Maidi
+zu bereden es mich immer aufs neue antrieb. Doch
+kam es mir nicht in den Sinn, ihr dar&uuml;ber zu schreiben,
+sondern es war mir, wenn ich im Geiste lange
+Reden bei ihr vorbrachte, als wisse sie nun alles und
+es fehle mir nur der Widerhall.</p>
+
+<p>Auch kam es immer bald wieder anders, und das
+h&auml;tte ich ihr ohnehin nicht geschrieben. N&auml;mlich in
+Gesellschaft war das stolze Fr&auml;ulein unversehens wieder
+k&uuml;hl und unnahbar gegen mich, lie&szlig; sich in feiner
+und selbstverst&auml;ndlicher Weise von andern den Hof
+machen, ohne &uuml;brigens gefalls&uuml;chtig zu wirken, unterhielt
+sich leicht und gewandt &uuml;ber alle erdenklichen
+Dinge, und das mit Professoren, Studenten oder
+&auml;lteren Damen, wie es sich begab, und handhabte die
+Geheimsprache, wie ich es nannte, in einer Weise,
+die mich zugleich entz&uuml;ckte und zornig eifers&uuml;chtig
+erregte. Ich hatte nun die Gesellschaft, die ich mir
+immer gew&uuml;nscht hatte, in ausgiebiger Weise und war
+in sie eingereiht durch Herrn Kasimirs ganz selbstverst&auml;ndliche
+und unauff&auml;llige Vermittlung. Es ebnete
+<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">272</a></span>sich alles f&uuml;r mich, ohne da&szlig; ich einen Finger dazu
+zu r&uuml;hren brauchte, und doch stand mein uners&auml;ttliches
+Verlangen immer nach mehr.</p>
+
+<p>Ich dachte viel an Maidi und sehnte mich oft nach
+ihr, die mir hie und da mitten aus aller freudigen
+und gedeihlichen Arbeit heraus Gr&uuml;&szlig;e schickte, aber
+daneben nahm die Gegenwart mich mehr und mehr
+gefangen, so da&szlig; ich oft M&uuml;he hatte, mir ihr Bild vor
+Augen zu stellen und manchmal ihre Gestalt, ihr
+Kleid oder sonst etwas sah, aber nicht das Gesicht
+oder im Gesicht nicht die Augen, was mich wunderlich
+qu&auml;lte.</p>
+
+<p>An diesem Abend h&auml;tte ich sie gern dabei gehabt
+oder vielmehr sie als von weitem zusehend und
+h&ouml;rend gewu&szlig;t, weil es sich traf, da&szlig; ich eine gute
+Figur machte, wie noch kaum einmal, und ich ihr das
+h&auml;tte triumphierend vorweisen m&ouml;gen.</p>
+
+<p>Es war ein junger Arzt in der Gesellschaft, der
+in einer der Kliniken der Stadt als Assistent angestellt
+war. Ich kannte ihn von fr&uuml;her her aus der Zeit,
+da die Geschwister Bitterolf zum erstenmal in der
+Stadt gewesen waren, und wo er an der dortigen
+Universit&auml;t studiert hatte. Er hatte sich damals eifrig
+um die Gunst des Fr&auml;uleins Eleonore beworben und
+es gut mit ihr gekonnt. Seither hatte er sie auch in
+ihrer Heimat aufgesucht, wie ich erfuhr, und setzte
+nun, da sie beide wieder in derselben Stadt lebten,
+den Verkehr mit ihr fort in einem Ton, der mir
+von Maidi und mir her gel&auml;ufig war, halb kameradschaftlich,
+aber mit einem kleinen Anklang von Z&auml;rtlichkeit,
+wenigstens von seiner Seite. Das Fr&auml;ulein
+hatte sich gut in der Gewalt, falls sie je etwas W&auml;rmeres
+f&uuml;r den Mediziner empfand, was mich mehr
+<span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">273</a></span>interessierte und eigentlich auch plagte, als mir zustand,
+da es mich ja, wie ich mir selber sagte, gar
+nichts anging.</p>
+
+<p>Er brachte hie und da eine Laute mit und begleitete
+sich selbst zum Singen kleiner Lieder, die er ohne
+Kunst und auch ohne viel Stimme, aber mit Lebendigkeit
+und W&auml;rme vorzutragen verstand und mit denen
+er ziemlich viel Beifall erntete. Heute war er etwas
+heiser gewesen und hatte die Bitte der Gesellschaft,
+etwas vorzutragen, ablehnen m&uuml;ssen, was allgemein
+beklagt wurde. Da hatte ich mit bescheidener Miene,
+aber innerlichem Frohlocken, gesagt, vielleicht k&ouml;nne
+ich in die L&uuml;cke treten, da ich auch etwas singe, und
+allerdings die Laute so meisterhaft zu spielen nicht
+verstehe, aber doch einige Akkorde dazu greifen k&ouml;nne.
+Denn das letztere hatte ich kurze Zeit zuvor bei einem
+Bekannten meines vorigen Wohnorts einige Male
+ge&uuml;bt aus Lust an dieser Art von Musik.</p>
+
+<p>Es entstand nun ein Staunen, das vielleicht mit
+etwas Mi&szlig;trauen gemischt war, ob ich auch etwas
+k&ouml;nne, und w&auml;hrenddem nahm ich die Laute und begann
+ein Lied, von dem soeben die Rede gewesen
+war, zu singen, ohne Scheu, denn ich wu&szlig;te, da&szlig; ich
+es konnte und da&szlig; ich &uuml;berhaupt mit dem Gesang
+auf sicherem Boden mich befinde. Ein erhobenes Gef&uuml;hl
+in mir machte, da&szlig; meine Stimme gut und ausgiebig
+klang; ich bekam selber Lust, fortzufahren
+und wurde darin durch den Beifall der Anwesenden
+ermutigt, so da&szlig; ich auf eine Stunde der Mittelpunkt
+des Kreises war, was mir au&szlig;erordentlich wohlgefiel.
+Besonders das Fr&auml;ulein Bitterolf sah mich aus gro&szlig;en,
+erstaunten Augen an und sagte: &bdquo;Sie verstehen
+ja Ihre Talente vorz&uuml;glich zu verbergen. Haben Sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">274</a></span>etwa noch mehr geheime K&uuml;nste im Hintergrund?
+Und werden Sie uns diese nach und nach erst zu genie&szlig;en
+geben?&ldquo; Und Herrn Kasimir h&ouml;rte ich zu seinem
+Nachbar, einem &auml;lteren Gelehrten, der sich hie
+und da dem mehr jugendlichen Kreise im Garten anschlo&szlig;,
+etwas von gro&szlig;en Vorz&uuml;gen sagen, die an der
+rechten Stelle sich noch ungeahnt entfalten w&uuml;rden,
+was ich ohne weiteres auf mich bezog und freudig
+einheimste, so da&szlig; ich selber &uuml;berrascht war, welch
+vielversprechender Charakter ich sei. Ich erhob mich
+auch gleich nachher, von so viel Vorz&uuml;glichkeit geschwellt,
+und sagte, ich bedaure, mich nun entfernen
+zu m&uuml;ssen, da ich noch im Gesch&auml;ft die sp&auml;te Post
+nachsehen wolle, mit der ich wichtige Nachrichten erwarte,
+und hatte nun sowohl das Bedauern &uuml;ber
+mein Gehen, als auch die stumme Hochachtung meiner
+T&uuml;chtigkeit auf mich zu nehmen, so da&szlig; ich f&ouml;rmlich
+gespreizt den Berg hinunterstieg. Kaum aber war
+ich einige Schritte vom Gartentor entfernt, als ich
+Herrn Kasimir hinter mir herkommen h&ouml;rte, der sich
+mir anschlo&szlig;, weil er, wie er sagte, etwas mit mir
+zu besprechen habe, das er nun nicht mehr hinausschieben
+wolle.</p>
+
+<p>Er sei von einer doppelten Sorge umgetrieben,
+der um sein Gesch&auml;ft und Haus und der um seine
+Nichte. Oder eigentlich w&uuml;nsche er eine einzige daraus
+zu machen, sie wolle sich aber nicht ohne weiteres
+vereinigen lassen, und er hoffe, ich helfe ihm dabei,
+was dann wieder zu meinen eigenen Gunsten geschehe.</p>
+
+<p>Er habe, sagte er, sein Verm&ouml;gen fast ganz im
+Haus und Betrieb stecken und w&uuml;nsche es auch darin
+zu erhalten, da das Gesch&auml;ft schon so lange in der
+Familie sei und er es nicht in ganz fremde H&auml;nde
+<span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">275</a></span>kommen lassen wolle. Wenn er einen Sohn h&auml;tte, l&auml;ge
+die Sache einfach, er h&auml;tte dann einen nat&uuml;rlichen
+Nachfolger und w&auml;re aller Sorgen ledig. Da er aber
+ohne Leibeserben sei, so wolle er wenigstens trachten,
+die Sache so einzurichten, da&szlig; dennoch ein Glied
+der Familie in dem alten Anwesen sitze. Der Sohn
+Bitterolf, der Jura studiert habe und durch nichts zu
+bewegen gewesen sei, in das Gesch&auml;ft einzutreten,
+scheide aus, und es sei nur noch die Tochter Eleonore
+da, auf die er es nun abgesehen habe. Diese
+sei, wie ich ja sehe, ein etwas verw&ouml;hntes M&auml;dchen,
+das es nicht billig tue mit seinen Anspr&uuml;chen, sie
+d&uuml;rfe es aber auch sein, da das Leben sie mit allerlei
+Vorz&uuml;gen ausgestattet habe, die nur in einer entsprechenden,
+das hei&szlig;t reichen und behaglichen Umgebung
+zur Geltung k&auml;men. Sie habe auch noch andere,
+mehr innerliche, die sich zu ihrer Zeit gewi&szlig; auch
+entwickeln w&uuml;rden, und sei nicht kalt, sondern nur
+ihrer niederdeutschen Art nach gehalten und karg mit
+Gef&uuml;hls&auml;u&szlig;erungen, und es werde sich einer, den sie
+wirklich liebe, einmal nicht &uuml;ber sie zu beklagen haben.
+Das alles h&auml;tte er mir nicht gesagt, wenn nicht besondere
+Gr&uuml;nde ihn jetzt dazu getrieben h&auml;tten, sondern
+h&auml;tte mir &uuml;berlassen, es nach und nach herauszufinden.
+Ich sei ihm lieb wie ein Sohn, und er w&uuml;nsche,
+da&szlig; ich die Nichte f&uuml;r mich gewinne, wodurch ja dann
+auch mein eigenes Gl&uuml;ck gemacht w&auml;re.</p>
+
+<p>Es sei nun aber eine St&ouml;rung seines Planes in
+Gestalt des jungen Mediziners aufgetreten, der Eleonore
+f&uuml;r sich zu haben w&uuml;nsche und auch redlich in
+sie verliebt zu sein scheine. Ob das M&auml;dchen ihn wolle,
+wisse er noch nicht sicher, doch scheine es ihm so. Er
+habe an sich nichts gegen den Doktor, m&ouml;chte aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">276</a></span>wom&ouml;glich die Nichte anders beeinflussen und sage
+mir das, damit ich das Meinige tue, um den Liebhaber
+auszustechen, da es ihm vorkomme, als ob ich
+auch nicht taub gegen ihre Anziehungskraft sei, und
+da ich neuerdings angefangen habe, mich auch bei ihr
+ins Ansehen zu setzen, wie er mit Vergn&uuml;gen sehe.
+Am besten w&auml;re es, wenn alles schnell gesch&auml;he,
+wozu er, wenn es dann zum Klappen komme, auch das
+Seinige beitragen werde, und kurzum, er habe nun
+geredet.</p>
+
+<p>Ich hatte das alles stumm mit angeh&ouml;rt und war
+froh, da&szlig; es dunkel war, so da&szlig; Herr Kasimir mein
+Gesicht nicht sehen konnte, denn wir hatten den weiteren
+Heimweg durch eine lange Platanenallee eingeschlagen,
+in deren Schatten wir nun hingingen.</p>
+
+<p>Doch h&ouml;rte er mich, als er aufgeh&ouml;rt hatte, ein
+paar schwerere Atemz&uuml;ge tun als sonst und fragte
+mich, da ich nicht antwortete: &bdquo;Oder sind Sie am
+Ende schon anderweitig gebunden? Das w&auml;re freilich
+schade, denn es w&uuml;rde alles &auml;ndern von Grund
+aus.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich sagte beklommen, nein, ich sei nicht gebunden,
+es sei mir nur alles &uuml;berraschend und neu, und
+Herr Kasimir redete mir wohlwollend zu, mir die
+Sache zu &uuml;berlegen.</p>
+
+<p>Er mochte den Eindruck haben, da&szlig; ich von dem
+Gl&uuml;cksfall, den das Anerbieten f&uuml;r mich bedeute, ein
+wenig &uuml;berw&auml;ltigt sei, und da&szlig; es besser sei, wenn er
+mich nun vorl&auml;ufig in Ruhe lasse, damit ich mit mir
+selbst ins reine komme; so verlie&szlig; er mich, und ich setzte
+meinen Weg allein fort. Das Gesch&auml;ft aber und die
+sp&auml;te Post kam mir f&uuml;r heute nicht mehr in den Sinn.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">277</a></span></p><p>Ich will nun nichts besch&ouml;nigen von dem, was an
+diesem Abend und in den Tagen, Abenden und
+N&auml;chten der folgenden Zeit in mir geschah. Wie
+k&ouml;nnte ich es auch, da doch das Liebste, Holdeste und
+Echteste, was in mir war, dabei unterlag, obgleich es
+sich wehrte, wie ich meinte. In Wahrheit hatte ich es
+ja schon verraten, als ich auf Herrn Kasimirs Frage,
+ob ich schon gebunden sei, mit nein antwortete, wenn
+ich es auch nicht tats&auml;chlich war. Nicht gegen ihn,
+sondern gegen mich selbst hatte ich Maidi verleugnet,
+und als ich unter den dunklen B&auml;umen hinging,
+klopfte mir das Herz hart und stark, als ob ich mich
+schon entschieden h&auml;tte ohne alles Nachdenken, dem
+Schicksal oder dem, was sich dazu aufwarf, zu folgen,
+und als ob ich nun nicht mehr zur&uuml;ck k&ouml;nnte, obgleich
+mich eine z&auml;rtliche und lebensvolle Stimme riefe.</p>
+
+<p>Wenn ich den Zustand jener Tage schildern wollte,
+so m&uuml;&szlig;te ich bekennen, da&szlig; es nicht ein Auf und Ab
+oder einen Kampf zwischen hohen und niedrigen Geistern
+in mir gab, sondern nur etwa einen Streit von
+frohen und traurigen Gef&uuml;hlen. Es schmerzte mich
+wohl heftig, da&szlig; ich nicht beides beisammen haben
+konnte, was mir begehrenswert und wichtig war, doch
+glaube ich nicht, da&szlig; ich jemals schwankte, was ich
+w&auml;hlen w&uuml;rde, wenn ich es mir auch zuweilen vort&auml;uschte.
+Im Grunde wu&szlig;te ich wohl, da&szlig; ich mir die
+sichere Aussicht auf eine stattliche, mit Behagen,
+Sch&ouml;nheit und Ansehen verkn&uuml;pfte Lebenslage nicht
+w&uuml;rde entgehen lassen, ja es schien mir sogar m&auml;nnlich
+und zielbewu&szlig;t, da&szlig; ich es nicht tat. Ich k&ouml;nnte
+vieles nennen, was ich mir an guten Gr&uuml;nden
+f&uuml;r meine Handlungsweise vorredete, unter anderem
+auch das, da&szlig; ich Herrn Kasimir gegen&uuml;ber Verpflichtungen
+<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">278</a></span>h&auml;tte, da er mir so sorglich und v&auml;terlich gesinnt
+sei, doch will ich es mir nicht antun, noch einmal
+alle Geister der l&auml;ngst vergangenen Zeit, die immer
+noch zuweilen Macht haben, mich zu &uuml;berfallen, heraufzubeschw&ouml;ren.
+Es ist genug, da&szlig; ich nichts von
+allem ungeschehen machen kann, was ich tat und in
+was ich jetzt hineinging.</p>
+
+<p>Als ich Eleonore, wie ich sie jetzt kurzweg nennen
+will, zum erstenmal wiedersah, ein paar Tage nach der
+Unterredung mit Herrn Kasimir, hatte ich bereits so
+viel &uuml;ber das neue Verh&auml;ltnis nachgedacht, in das ich
+zu ihr zu treten bestimmt schien, da&szlig; es mir nicht mehr
+ganz &uuml;berw&auml;ltigend war, mir vorzustellen, ich k&ouml;nnte
+sie einmal mit du anreden, k&ouml;nnte sie am Arm durch
+die Stra&szlig;en f&uuml;hren, ihr am Tisch als Hausherr gegen&uuml;bersitzen
+und dergleichen, was mir alles, als ich es
+zum erstenmal in Gedanken &uuml;bte, so unwahrscheinlich
+vorgekommen war, wie da&szlig; die steinerne Justitia am
+Rathaus von ihrem Sockel herabstiege und sich zu
+mir auf das Sofa setzte. Ich mu&szlig;te freilich sagen,
+da&szlig; sich meine Gedanken noch mehr als mit ihr selbst
+mit der allgemeinen Lebensver&auml;nderung befa&szlig;t hatten,
+die mir die Verbindung mit ihr bringen w&uuml;rde, da
+ich nicht in sie verliebt war und nur nicht hatte leiden
+wollen, da&szlig; sie hochm&uuml;tig &uuml;ber mich hinweg s&auml;he.</p>
+
+<p>An diesem Abend, dem ich immerhin mit einigem
+Herzklopfen entgegengesehen hatte, schien sie mir aber
+in etwas ver&auml;ndert zu sein gegen sonst, so da&szlig; ich den
+Vorsatz, ihr k&uuml;hn und selbstbewu&szlig;t entgegenzutreten,
+den ich mir im stillen zurechtgelegt hatte, nicht recht
+ausf&uuml;hren konnte. Sie hatte etwas M&uuml;des in Gesicht
+und Haltung, das ich noch nie an ihr gesehen
+hatte, und das aussah, als ob sie von ihrer Damenhaftigkeit
+<span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">279</a></span>ein wenig ausruhe im Familienscho&szlig;. Es
+konnte aber auch sein, da&szlig; sie irgend ein Leiden hatte,
+das sie innerlich qu&auml;lte, ja es schien mir sogar wahrscheinlich,
+wenn ich nach ihren Augen sah, die vielleicht
+im Verborgenen geweint haben konnten, dem
+feuchten Glanze nach, den sie ausstrahlten. Das alles
+zusammen machte, da&szlig; ich keinerlei Minen springen
+lie&szlig;, sondern mich einfach und bescheiden benahm mit
+r&uuml;cksichtsvoller H&ouml;flichkeit, was dann wieder sie an
+mir nicht gew&ouml;hnt war, so da&szlig; wir einander gegenseitig
+neugierig und erstaunt betrachteten und dachten:
+Aha, so kannst du also auch sein? Ich mu&szlig; sagen,
+es gef&auml;llt mir an dir, und vielleicht hast du noch mehr
+dergleichen im Hintergrund. Oder wenigstens ich
+dachte so.</p>
+
+<p>Wir waren nur zu dreien. Herr Kasimir sa&szlig; zufrieden
+l&auml;chelnd in seinem Sessel und lie&szlig; sich von
+der Nichte t&ouml;chterlich bedienen, so da&szlig; wir schon wie
+eine kleine Familie aussehen konnten. Ich wurde
+auch gebeten, zu singen, und als ich mich wehrte, da
+ich ja keine ausgebildete Stimme habe und neulich nur
+mit kleinen Volksliedchen in die L&uuml;cke getreten sei,
+sagte Eleonore l&auml;chelnd: &bdquo;Das sagen Sie zu sp&auml;t,
+denn es ist nun schon am Tage, da&szlig; Sie singen k&ouml;nnen,
+es wird Ihnen nicht mehr geschenkt,&ldquo; und Herr
+Kasimir ermahnte mich, nicht &uuml;ber das erlaubte Ma&szlig;
+bescheiden zu sein, sondern mein Licht auf den Leuchter
+zu stellen, so da&szlig; es mir wind und weh wurde vor
+lauter Wohlsein. Das Fr&auml;ulein schlug vor, mich auf
+dem Klavier zu begleiten und belehrte mich in so
+wenig schulmeisterlicher Weise, ja in einer fast dem&uuml;tigen
+Liebensw&uuml;rdigkeit &uuml;ber gewisse Schwierigkeiten
+an den Liedern, die sie mir zu singen vorschlug, da&szlig; ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">280</a></span>dachte, sie werde bereits zahm, was mir aber nicht
+erstaunlicher war als der ganze Zustand, der mich
+umgab, und der einer gebratenen Taube glich, die
+mir in den Mund geflogen kam.</p>
+
+<p>Ich will es nun kurz machen. Ich gewann, durch
+leicht errungene Erfolge geschwellt und ermutigt, stets
+wieder neue, und zwar sowohl in der Gesellschaft, in
+der ich mich so leicht bewegte wie ein Seilt&auml;nzer,
+aber mit der Miene und Haltung des gediegenen Gesch&auml;ftsmannes,
+als auch, eben dadurch unterst&uuml;tzt,
+bei der Dame. Sie wechselte zwar in jener Zeit oft
+die Stimmung und schien sich nicht leicht zu ergeben,
+kam aber doch immer wieder mit liebensw&uuml;rdigen und
+angenehmen Z&uuml;gen zwischen der K&uuml;hle und Unnahbarkeit
+ihres Wesens heraus, so da&szlig; ich dachte wie
+einst bei Maidi: Mir machst du nichts mehr weis.
+Ich glaubte allm&auml;hlich den Mediziner in Wahrheit
+auszustechen und war nicht wenig eitel darauf. Eines
+Tages verschwand er auch von der Bildfl&auml;che, um, wie
+ich h&ouml;rte, einen Urlaub anzutreten, und ich machte
+mich darauf gefa&szlig;t, nun den gro&szlig;en Schritt wagen
+zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Es war auch n&ouml;tig, da&szlig; es geschah, denn es hatte
+sich meiner eine Unruhe bem&auml;chtigt, die ich mir selber
+nicht gestand, die mich aber besonders bei Nacht &uuml;berfiel,
+so da&szlig; ich anfing, schlecht zu schlafen, was mir
+noch nie geschehen war, so lange ich denken konnte.
+Um dem zu entgehen, gew&ouml;hnte ich mir an, sehr sp&auml;t
+nach Hause und ins Bett zu gehen. Ich blieb bis tief
+in die Nacht im Gesch&auml;ft, wo ich aber nicht etwa
+angestrengt arbeitete, sondern irgend etwas zu lesen
+oder zu studieren versuchte, was mir oft gelang, oft
+auch nicht, so da&szlig; ich bleich auszusehen und f&uuml;r einen
+<span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">281</a></span>spekulativen Kopf zu gelten anfing, ohne da&szlig; ich etwas
+Besonderes geleistet h&auml;tte.</p>
+
+<p>Herr Kasimir nahm mich eines Tages auf die
+Seite und ermahnte mich, es mir nicht zu schwer zu
+machen, da es nicht n&ouml;tig sei, ich werde, so viel er
+merke, keinen Fehlantrag stellen. Denn er meinte,
+ich plage mich als ein ungl&uuml;cklicher Verliebter mit
+mir herum, dem es an Selbstvertrauen und Mut gebreche,
+hervorzutreten. Es war aber ein wenig anders.
+Doch hatte sein Ansto&szlig;, wie schon ein paarmal
+in meinem Leben, Erfolg bei mir. Ich dachte,
+es w&uuml;rde alles anders und besser, wenn die Sache einmal
+im reinen w&auml;re, und wenn ich mich vor mir
+selber mit meinen geteilten Gef&uuml;hlen und Gedanken
+in die k&uuml;hle und klare Ruhe Eleonorens fl&uuml;chten
+k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Es kam aber noch etwas anderes dazu, da&szlig; ich es
+tat, etwas, das mich ebensogut h&auml;tte von der begonnenen
+Bahn zur&uuml;cktreiben k&ouml;nnen, wenn ich nicht schon
+das weitaus gr&ouml;&szlig;ere &Uuml;bergewicht meines Begehrens
+und Wollens auf diese Seite gelegt gehabt h&auml;tte.
+Es war ein Brief von meiner Schwester Luise, die
+mich mit herzlichen und freundlichen Worten schalt,
+da&szlig; ich so lange nichts von mir h&ouml;ren lasse, da sie doch
+zu Hause mit Stolz und Freude meine Schritte in
+Gedanken begleiteten. Sie nannte, wie immer, wenn
+sie etwas so recht innig bewegte, den Namen meiner
+Mutter und schrieb, es sei doch ihr Segen &uuml;ber mir;
+sie habe sich so viel darum gek&uuml;mmert, da&szlig; es gut mit
+mir komme, wie w&uuml;rde sie sich nun freuen, da&szlig; ich in
+eine gute und sichere Bahn gerate, auf der ich als ein
+rechter Mann bestehen und gedeihen k&ouml;nne. Dann
+fuhr sie fort, sie wisse n&auml;mlich mehr von mir, als ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">282</a></span>denke. Es sei lieber Besuch dagewesen, den ich wohl
+kaum errate, oder doch?</p>
+
+<p>Der Besuch war Maidi, die ihre Arbeit auf einige
+Tage unterbrochen hatte, um eine Zusammenkunft
+mit ihrem Bruder zu haben, das neu errichtete Familiengrab
+mit dem Grabmal des Gro&szlig;vaters anzusehen
+und sich einiges aus der verschlossenen Schatzkammer,
+von der ich ja auch wu&szlig;te, zu holen. Dies konnten
+freilich alles Gr&uuml;nde sein, aber nicht der Hauptgrund,
+der Maidi hergetrieben hatte, und der wohl darin
+bestand, da&szlig; sie meine Schwestern hatte besuchen
+wollen, um von mir mit ihnen reden zu k&ouml;nnen.
+In dem Briefe stand das freilich nicht ausdr&uuml;cklich,
+aber es ging f&uuml;r mich aus dem Folgenden hervor.
+Luise erz&auml;hlte wie beil&auml;ufig, da&szlig; sie viel von mir gesprochen
+h&auml;tten, und fragte, ob mir nicht etwa die
+Ohren gel&auml;utet h&auml;tten? Maidi sei begierig gewesen,
+durch sie von mir zu erfahren, da sie seit l&auml;ngerem
+nichts von mir wisse, und habe l&auml;chelnd hinzugef&uuml;gt,
+sie sei n&auml;mlich verw&ouml;hnt durch das h&auml;ufige pers&ouml;nliche
+Zusammensein mit mir, so da&szlig; es dann um so leerer
+sei, wenn die Post ausbleibe. Sie, Luise, habe ihr
+aber gesagt, da&szlig; es meine Art nicht sei, viele Briefe
+zu schreiben, das m&uuml;sse man bei mir in den Kauf
+nehmen, wobei das feine und liebherzige Wesen nachdenklich
+und wie mit einem Blick ins Weite dann
+mit dem Kopf genickt habe.</p>
+
+<p>Sie habe Maidi auch zu Helene gef&uuml;hrt, die eben
+ihr zweites Kindchen an der Brust gehabt und daher
+habe auf sich warten lassen. Da habe Maidi aber
+gebeten, doch dabei sein zu d&uuml;rfen, und habe die liebe
+Gruppe mit entz&uuml;ckten und z&auml;rtlichen Augen angesehen,
+so da&szlig; man wohl gemerkt habe, wie sie sich
+<span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">283</a></span>auch dergleichen w&uuml;nsche. Kurzum, der ganze Brief
+war voller Maidi und so gehalten, als ob mir die
+Schreiberin eine rechte Herzensfreude damit machen
+wollte, da sie keine Brille brauchte, um zu sehen,
+wie es stand. Sie schlo&szlig; mit dem Versprechen, mir,
+falls ich es wissen wolle, dann einmal alles zu erz&auml;hlen,
+was sie geredet h&auml;tten&nbsp;&ndash; hoffentlich an Weihnachten,
+wenn es da das Gesch&auml;ft erlaube, heimzukommen,
+was ja nat&uuml;rlich Vorbedingung sei, wie sie wohl
+eins&auml;he.</p>
+
+<p>Ich konnte kaum zu Ende lesen, so sehr &uuml;berfiel
+mich aus dem Brief heraus alles Holde und Liebliche,
+das in der Ferne treumeinend auf mich wartete, und
+dem das Herz schwer und unruhig klopfte, weil ich so
+lange stumm blieb. Es war in der Mitte des Nachmittags
+an einem sch&ouml;nen, sommerhei&szlig;en Tage. Ich
+nahm meinen Hut und ging aus dem Kontor und
+Hause und w&auml;re gern gelaufen, so weit mich meine
+F&uuml;&szlig;e trugen, denn es war alles vorbei und umsonst,
+ich kam nicht mehr zu Maidi zur&uuml;ck, ich war hier angeschmiedet
+mit ganz andern Fesseln, als sie wu&szlig;te,
+und so, da&szlig; ich nicht mehr heraus konnte, aber mein
+unterjochtes und zum Schweigen verdammtes Herz
+rief nach ihr wie ein verlorenes Kind.</p>
+
+<p>Und so, in dieser Erregung, mit klopfenden Pulsen
+und vor schmerzlicher Leidenschaft flimmernden Augen
+kam ich, ohne mich besonnen zu haben, wohin ich gehe,
+auf dem Berg an, wo Eleonore war, um die Vorbereitungen
+f&uuml;r eine Gesellschaft zu treffen, die sich am
+Abend da versammeln wollte. Sie hatte soeben das
+M&auml;dchen, das bei ihr war, noch einmal ins Haus hinunter
+geschickt, um einiges zu holen, und war allein.
+Ich sah sie an dem steinernen Tisch auf der Terrasse
+<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">284</a></span>sitzen mit einem Haufen abgeschnittener Blumen vor
+sich, die sie in Vasen ordnen wollte, aber ihre feinen,
+wei&szlig;en H&auml;nde lagen unbesch&auml;ftigt mitten in den
+Bl&uuml;ten; sie sah aus, als erleide sie Schmerzen oder
+sinne etwas Schwerem und Traurigem nach, und von
+ihrer verschlossenen K&uuml;hle war nichts zu sehen. Als sie
+mich erblickte, kam eine jagende R&ouml;te in ihr Gesicht;
+sie stand auf, ohne ein Wort zu sagen, und sah mir
+erschreckt in die Augen, denn sie hatte mich noch nie
+so gesehen wie jetzt. Ich besann mich aber keinen
+Augenblick, ihr zu sagen, warum ich hier sei. So oft
+ich mir vorher in k&uuml;hler &Uuml;berlegung ausgedacht
+hatte, wie ich es angreifen wolle, so unbedacht flossen
+mir nun die Worte von verhaltener Leidenschaft f&uuml;r
+eine andere erf&uuml;llt, von den Lippen. Was ich gesagt
+habe, wei&szlig; ich jetzt nicht mehr, da es in einem Rausch
+geschah, doch mu&szlig;te sie aus der dr&auml;ngenden Glut
+meines Wesens ja schlie&szlig;en, da&szlig; ich in gl&uuml;hender
+Liebe, die sich nicht mehr zur&uuml;ckhalten lasse und nicht
+mehr auf Antwort warten k&ouml;nne, f&uuml;r sie entbrannt
+sei. Es dr&ouml;hnte mir dabei ein Wasserfall in den
+Ohren, dessen st&uuml;rzende Wellen zu schreien schienen:
+du l&uuml;gst, und den ich &uuml;bert&auml;uben mu&szlig;te, da er mich
+sonst vernichtete. Ich wei&szlig; noch, da&szlig; Eleonore tief
+erbla&szlig;t und hoch aufgerichtet vor mir stand und
+mir wie gebannt in die Augen sah, und da&szlig; ein
+schluchzender Laut aus ihr hervorbrach, als ich schwieg.
+Ihre Lippen zuckten, und es kam etwas von Feuer
+in ihre Augen. Sie st&uuml;tzte sich mit einer Hand auf
+den Tisch, mitten in die Blumen hineingreifend, als
+suche sie einen Halt, und sagte mit einer Stimme,
+die mir fremd klang vor der starken Bewegung, die
+darin zitterte, und die sie unterdr&uuml;ckte: &bdquo;Sie sind
+<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">285</a></span>anders, als ich meinte. Ich wu&szlig;te, da&szlig; Sie kommen
+w&uuml;rden, aber ich glaubte, es w&uuml;rde anders sein.&ldquo;</p>
+
+<p>Und dabei sah sie mich immer noch staunend an,
+schlo&szlig; aber pl&ouml;tzlich die Augen mit einem tiefen
+Seufzer und litt es, da&szlig; ich sie heftig an mich zog,
+wobei ich sp&uuml;rte, da&szlig; sie am ganzen Leibe zitterte.
+Der Wasserfall meines Blutes und wohl auch meines
+Gewissens brauste st&auml;rker. &bdquo;Willst du mein sein?&ldquo;
+fragte ich in sein Dr&ouml;hnen hinein, und sie nickte
+geisterhaft mit geschlossenen Augen, so da&szlig; es mir
+fast unheimlich war.</p>
+
+<p>Es dauerte aber vielleicht nur Sekunden, so richtete
+sie sich auf und l&ouml;ste sich aus meinen Armen.
+&bdquo;Man mu&szlig; mich nehmen, wie ich bin,&ldquo; sagte sie, und
+zwang sich zu einem L&auml;cheln, &bdquo;ich kann keine Z&auml;rtlichkeit
+geben; sie liegt mir nicht, oder wenn doch, dann
+tief unten.&ldquo; Da bezwang ich mich, aber ich dachte, ich
+wolle sie heraufholen, denn wie sollte ich sonst leben
+k&ouml;nnen mit der neuerwachten und ungeb&auml;ndigten
+Glut meines Innern?</p>
+
+<p>Sie las aber wohl meine Gedanken, was nicht
+schwer gewesen sein mag bei meinem Zustand, und
+sagte mit Angst in der Stimme, wie ich deutlich h&ouml;rte,
+aber doch in der Haltung einer Herrin: &bdquo;Ich brauche
+Zeit zu dem allem; es kam so pl&ouml;tzlich.&ldquo; Auf ihrem
+wei&szlig;en Gesicht kam und ging die Farbe, sonst hatte
+sie sich wieder ganz in der Gewalt und nun auch mich.
+Sie setzte sich an den Steintisch nieder, so da&szlig; der
+Tisch zwischen uns war, und bedeutete mich, es auch
+zu tun, und mich &uuml;berkam nach der heftigen Bewegung
+etwas wie Mattigkeit, so da&szlig; es mir recht war,
+wie es geschah.</p>
+
+<p>Wir fingen an, dies und das von der Zukunft
+<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">286</a></span>zu reden, indes Eleonore fortfuhr, ihre Blumen
+zu ordnen; das schien sie zu beruhigen, obgleich ihre
+H&auml;nde, beseelter und erregter als ihr Gesicht, hier und
+da noch leise zuckten, was ich mit einer gewissen
+Neugierde sah.</p>
+
+<p>Das ist nun deine Braut, dachte ich; es war mir
+aber, als gehe die Tatsache einen andern Menschen
+an, und ich hatte M&uuml;he, sie mir vorzuhalten; denn
+die steil aufschie&szlig;ende Flamme war wie ein bengalisches
+Licht in sich zusammengesunken, und ich wunderte
+mich, wie ich vorhin hatte Mut und Worte zu
+meiner Tat finden k&ouml;nnen.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Es ist mir, wenn ich an die Zeit zur&uuml;ckdenke,
+in der wir beide ein Brautpaar vorstellten, als sei
+immer ein steinerner Tisch zwischen uns gewesen, an
+dem wir beide eine leidlich gute Figur bildeten. Wir
+hatten viele Gl&uuml;ckw&uuml;nsche, Blumen, Geschenke, Einladungen
+und dergleichen &uuml;ber uns ergehen zu lassen.
+Ich sah in manchem Gesicht das wohlwollend sachverst&auml;ndige
+L&auml;cheln, das man den Brautpaaren entgegenbringt,
+um ihnen zu zeigen, man wisse aus eigener Erfahrung,
+wie selig eine solche Zeit sei, und es sei einem
+jede Art von Torheit oder Zerstreutheit im voraus
+verziehen um des eigenartigen Zustandes willen, in
+dem man sich befinde. Ich dachte dann, ich m&ouml;chte wohl
+wissen, ob die Betreffenden zu ihrer Zeit seliger gewesen
+seien als ich, und ob sie mehr liebende Torheiten begangen
+h&auml;tten. Uns beiden hatte man wohl in dieser Hinsicht
+nichts zu verzeihen. Wir erf&uuml;llten alle geselligen
+Pflichten mit Hingabe und Anstand und man nannte
+uns ein sch&ouml;nes Paar, das sich gut zu benehmen
+<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">287</a></span>wisse, weil uns keine heimliche Sehnsucht nach dem
+Alleinsein zu zweien erf&uuml;llte, wenn wir unter Menschen
+waren, keine z&auml;rtliche Unruhe uns von der
+Gegenwart ablenkte. Wenn ich mit Eleonore im
+offenen Wagen durch die Stra&szlig;en fuhr, um Besuche
+zu machen, so dachte ich wohl, es werden mich die
+Menschen, die uns nachsahen, f&uuml;r einen gl&uuml;cklichen
+Mann halten, dem alles gelinge, was er wolle, und
+ich sagte mir mit Verwunderung, da&szlig; mir ja nun
+alle meine W&uuml;nsche erf&uuml;llt seien und fragte mich, ob
+denn jetzt noch etwas nachkomme, da es nicht alles
+sein konnte und ich zuzeiten eine trostlose Leere in
+mir f&uuml;hlte. Doch suchte ich mich damit zu beschwichtigen,
+da&szlig; ich ja immer noch in einem Zwischenzustand
+mich befinde, und da&szlig; gerade bei solchen Leuten, wie
+wir, das Leben im eigenen Heim und Haus und im
+Ehestand das bessere Teil sei. Da w&uuml;rde dann auch,
+hoffte ich, Eleonore allm&auml;hlich ihre Zur&uuml;ckhaltung, die
+mir k&uuml;nstlich vorkam, ablegen und das Warme, Lebendige
+und Reiche, das ihre Natur doch auch hatte, zu
+seinem Recht kommen lassen. Sie erschien mir oft, als
+litte sie unter sich selbst, und das zog mich zu ihr, denn
+ich meinte, es falle ihr schwer, etwas Hartes, Spr&ouml;des
+an sich zu zerbrechen, und es fiel mir sonderbarerweise
+nicht ein, da&szlig; etwas anderes zwischen uns
+stehen k&ouml;nnte, wozu ich doch alle Ursache gehabt h&auml;tte.
+Ich traute ihrer stolzen und hochfahrenden Natur
+ganz, da&szlig; sie das w&auml;hle und tue, was ihr innerlich
+gem&auml;&szlig; sei und stellte sie viel zu hoch, als da&szlig; ich
+h&auml;tte denken d&uuml;rfen, sie habe mir ohne Liebe die
+Hand gegeben, ohne dabei zu erw&auml;gen, wie sehr ich
+mich selber damit richte. Herr Kasimir war wohl der
+Gl&uuml;cklichste von uns dreien. Er war rastlos besch&auml;ftigt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">288</a></span>uns die Wege zu ebnen, Versch&ouml;nerungen in der
+Wohnung anbringen zu lassen und mit uns M&ouml;bel,
+Teppiche und allerlei Hausrat auszusuchen, wobei er
+an nichts sparte. Wir sollten in dem alten Hause
+wohnen, in dem er sich auch ein oder zwei Zimmer
+vorbehielt, w&auml;hrend er sich im &uuml;brigen in das Gartenhaus
+auf dem Berge zur&uuml;ckzog, in dem er noch allerlei
+ausbauen und verbessern lie&szlig;, um es auch im Winter
+bewohnen zu k&ouml;nnen, wenn er Lust h&auml;tte. Doch
+verk&uuml;ndigte er im voraus, da&szlig; er nicht allzuviel in
+der Stadt sein werde, da er endlich einmal seinen
+alten Wunsch, in Mu&szlig;e auf Reisen zu gehen und bald
+da bald dort sich aufzuhalten, wo es sch&ouml;n sei, in
+Erf&uuml;llung bringen wolle. Das geno&szlig; er alles im
+voraus und kam so jetzt schon auf einen Teil seiner
+Kosten, was ihn ungemein straffte und belebte.</p>
+
+<p>Wir waren alle drei einig, da&szlig; die Hochzeit in
+aller B&auml;lde stattfinden solle, vielleicht jeder aus einem
+andern Grunde, aber die Sache war darum doch dieselbe.
+Eleonore zeigte ihr Talent, anzuordnen, Leute
+in Schwung zu bringen, so da&szlig; sie ihr alle zu Willen
+waren, mit wenigen Worten und in ruhiger, fast
+nachl&auml;ssiger Weise zu bestimmen, wie dies und das
+gehalten werden sollte. So und so w&uuml;nsche ich das,
+sagte sie, und die Gesch&auml;ftsleute sahen sie dann bewundernd
+an und f&uuml;gten sich, auch wenn sie es ganz
+anders gemeint hatten. Sie wurde angeregt und
+frisch w&auml;hrend der Besprechungen &uuml;ber Einrichtung
+und dergleichen, fragte mich um Rat und tat, als
+gehe sie darauf ein, machte es aber dann doch so,
+wie sie zuerst gemeint hatte, und es war auch immer
+besser auf ihre Weise, denn sie hatte Geschmack und
+Erfindungsgabe zugleich.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">289</a></span></p><p>&bdquo;Eigentlich h&auml;tte ich gern ein neues Haus
+drau&szlig;en in den G&auml;rten,&ldquo; sagte sie, &bdquo;das m&uuml;&szlig;te dann
+von Grund aus harmonisch gebaut und eingerichtet
+sein; aber Onkel Kasimir will, da&szlig; wir in dem alten
+Hause wohnen, und es ist ja auch vornehmer als
+mancher neue Kasten, man mu&szlig; nur nach und nach
+herausholen, was drin steckt, ich habe da noch allerlei
+M&ouml;glichkeiten im Sinn.&ldquo; Sie sah nachdenklich aus,
+als ob sie &uuml;ber etwas Tiefes nachsinne, und ich lachte,
+denn ich hatte gern, wenn ihr unser Haus so wichtig
+war; sie freute sich doch, darin zu wohnen und es
+war uns ja gemeinsam. Es mu&szlig;te ja doch gut kommen.
+So konnte ich es nicht lange mehr aushalten,
+wie es jetzt war. Ich war nerv&ouml;s geworden und schlief
+nicht, oder wenn ich schlief, hatte ich unruhige Tr&auml;ume,
+von denen ich dann schreckhaft und mit schwerem
+Druck erwachte. Eigentlich h&auml;tte ich mich besinnen
+m&uuml;ssen, was immer auf mir liege, aber gerade das
+wollte ich nicht wissen. Nachher kommt es anders,
+wenn dann einmal alles in Ordnung ist, dachte ich,
+und das war mein Beruhigungsmittel. Ich hatte
+lange daran herumgedr&uuml;ckt, bis ich meinen Schwestern
+die Anzeige von meiner Verlobung schickte.
+Denn da war der letzte Brief von Luise, der allzu durchsichtig
+ihre Hoffnung auf eine andere Verbindung
+f&uuml;r mich zeigte, ja sie als bestimmt vorgesehen voraussetzte.
+Wie sollte ich ihr begreiflich und fa&szlig;bar
+machen, was nun inzwischen geschehen war und was
+sie mit ihrem schlichten Empfinden, das immer in
+seinem Kreise geblieben war, doch nicht fassen konnte?
+Ich konnte es ja selber nur, wenn ich von allem
+wegsah, was ich nun au&szlig;erhalb meiner Bahn gestellt
+hatte und was f&uuml;r mich nicht mehr in Betracht
+<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">290</a></span>kommen durfte. Denn ich wollte ein Ehrenmann sein,
+und ein solcher mu&szlig;te Opfer bringen k&ouml;nnen, wie ich
+mir vorsagte. Zuletzt entschlo&szlig; ich mich, eine gedruckte
+Anzeige abzuschicken, auf die ich einige nichtssagende
+Worte kritzelte, die von Arbeitsh&auml;ufung und Zeitmangel
+redeten und f&uuml;r die n&auml;chste Zeit einen ausf&uuml;hrlichen
+Brief verhie&szlig;en. An Maidi schickte ich
+keine Anzeige und schrieb auch nicht. Dar&uuml;ber will ich
+kein Wort verlieren. Ich konnte nicht. Sie war
+irgendwo in einer Welt, in der ich auch einmal gelebt
+hatte, und von der ich nun geschieden war.</p>
+
+<p>Eines Abends, als ich noch nach einem Buch
+suchte, in dem ich lesen wollte, bis ich schl&auml;frig werde,
+fiel mir das Volkmann-Leandersche M&auml;rchenb&uuml;chlein
+in die H&auml;nde und darin das M&auml;rchen von dem reichen
+Mann, der sich, in der Ewigkeit angekommen, die
+Lebensweise aussuchen darf, die er f&uuml;hren will, und
+der sich, als er alles hat, was er wollte, nun im
+Himmel w&auml;hnt. Aber eines Tages merkt er, da&szlig; er
+in der H&ouml;lle ist, und zwar recht tief drin, denn was
+er hat an G&uuml;tern, s&auml;ttigt ihn nicht, und er sehnt sich,
+der Arme zu sein, der auf einem Schemelchen zu
+Gottes F&uuml;&szlig;en sitzt, wie er sich gew&uuml;nscht hat, aber
+es ist zu sp&auml;t.</p>
+
+<p>Da fing mein &uuml;belberatenes Herz an, sich aufzub&auml;umen,
+denn es wollte leben und nicht zusammengedr&uuml;ckt
+sein, und rief: Das bist du! Aber ich gebot
+ihm Schweigen und malte ihm alles Gute aus, was
+es jetzt auch h&auml;tte. Das tat ich manche Nacht.</p>
+
+<p>Bei Tage war ich rastlos t&auml;tig, so sehr, da&szlig; der
+rotb&auml;rtige Giller knurrend sagte, man habe zu der
+Zeit, da ich nicht dagewesen sei, auch schon gearbeitet,
+es sei aber anders zugegangen, und an einer Hetzjagd
+<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">291</a></span>wolle er sich nicht beteiligen. Er sah dabei mit seinen
+etwas vorstehenden Augen, die er b&ouml;se rollen konnte,
+der stumpfen Nase und dem breiten Munde, aus dem
+er die gelben Schaufelz&auml;hne drohend hervorbl&ouml;ckte,
+mehr als je aus wie ein grimmiger Kettenhund, vor
+dem ich mich auch f&uuml;rchtete, ohne eigentlich zu wissen,
+warum, nur aus meiner inneren Unsicherheit heraus.
+Man sagt ja auch, da&szlig; die Hunde sp&uuml;ren, wenn ein
+Vor&uuml;bergehender oder ins Haus Eintretender ein
+tadelhaftes Gewissen habe und ihn daher sch&auml;rfer anfallen
+als einen ruhig und in unschuldiger Harmlosigkeit
+Auftretenden, so da&szlig; hier das Bild einigerma&szlig;en
+passen mag, indem der im Dienst des Hauses gealterte
+Mensch mir wohl ansp&uuml;rte, da&szlig; etwas mit mir nicht in
+Ordnung sei und mich daher mi&szlig;trauisch anknurrte.
+Denn als den Herrn der Firma konnte er mich bis
+jetzt noch nicht ansehen, er wandte sich vielmehr, so
+viel er konnte, in allen Dingen an Herrn Kasimir,
+was diesem wohlzutun schien, obgleich er ihn meistens
+von sich ab und an mich verwies. Mir konnte es
+gleich sein, denn ich &uuml;bernahm ja doch bald das Gesch&auml;ft,
+und wem es dann nicht gefiel, der war ja nicht
+ans Bleiben gebunden.</p>
+
+<p>Frerichs sah mich hie und da scheu an. Er hatte
+ein Gedicht zu unserer Verlobung gemacht, voller
+S&uuml;&szlig;e und voller Weissagung des Sch&ouml;nsten und
+hatte begierig auf mein Lob gewartet, das aber ausblieb.
+Nun dachte er, da&szlig; er es nicht recht gemacht
+habe; er kannte sich nicht aus bei mir und h&auml;tte mich
+gern gefragt, aber ich half ihm nicht dazu. F&uuml;r Eleonore
+hatte er eine stumme Verehrung; manchmal
+traute er sich, ein Wort von ihr zu sagen, ob mir
+das vielleicht die Zunge l&ouml;se gegen ihn. Er hatte
+<span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">292</a></span>schon eine Hochzeitsdichtung angefangen, wie er durchblicken
+lie&szlig;; am liebsten h&auml;tte er den Plan dazu mit
+mir besprochen. Aber ich war nicht mehr der Alte
+ihm gegen&uuml;ber. Es tat mir weh, denn ich wu&szlig;te, er
+hing an mir, aber es kam nun auf einen, den ich
+kr&auml;nkte, nicht mehr an, es waren deren noch mehr
+auf der Welt.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>So kam die Hochzeit n&auml;her. Es wurde jetzt beraten,
+wie sie gefeiert werden sollte. Eleonore wollte
+eine gro&szlig;e Gesellschaft dabei haben, denn sie gedachte,
+als verheiratete Frau viel und ansehnlichen Umgang
+zu pflegen, wie sie das ja auch jetzt schon getan hatte,
+und mit einer strahlenden Hochzeitsfeier gewisserma&szlig;en
+die T&uuml;ren unseres Hauses zu &ouml;ffnen. Bei
+dieser Beratung kam es zwischen uns zum ersten
+Streit; wir waren einander seither in allem so gut
+als m&ouml;glich entgegengekommen und hatten darum
+friedlich gelebt. Oder eigentlich mu&szlig; ich wohl sagen,
+da&szlig; ich selber in vielen Dingen meiner Braut freie
+Hand gelassen hatte, weil sie mir nicht so wichtig
+waren, und weil ich sie gern gut gestimmt sah. Als
+wir nun die Personen aufz&auml;hlten, die zur Hochzeit geladen
+werden sollten, und ich die Liste &uuml;berlas, fehlten
+auf derselben meine Schwestern, und ich f&uuml;hlte, da&szlig;
+es Absicht sei, sagte aber so ruhig als m&ouml;glich, da&szlig;
+hier zwei wichtige Namen ausgelassen seien, die an
+einem guten Platz eingeschoben werden m&uuml;&szlig;ten. Ich
+hatte mit Eleonore schon &ouml;fters von den Meinigen zu
+reden versucht; sie wu&szlig;te aber immer das Gespr&auml;ch
+auf etwas anderes zu bringen, und ich lie&szlig; mich auch
+dazu bewegen; doch sp&uuml;rte ich, da&szlig; es eine Auseinandersetzung
+<span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">293</a></span>geben m&uuml;sse, die sich nicht mehr lang
+verschieben lasse. Sie wollte nichts von meiner Herkunft
+und meiner Familie wissen, das sah ich wohl,
+und wenn ich nicht blind und taub gewesen w&auml;re, so
+w&auml;re es mir wohl ein sicheres Zeichen gewesen, da&szlig;
+sie auch mich nicht liebe. Denn Liebe h&auml;tte den Hochmut
+&uuml;berwunden, der in ihr gro&szlig; und m&auml;chtig war.</p>
+
+<p>Heute nun merkte sie, da&szlig; es nicht mit Ablenken
+getan sei und sagte gleichm&uuml;tig: &bdquo;Ach, ich dachte, du
+w&uuml;rdest sie nicht einladen wollen, was sollen sie denn
+dabei? Sie w&uuml;rden sich ja doch nicht wohl f&uuml;hlen.&ldquo;
+Dabei sah sie mir l&auml;chelnd ins Gesicht und blies ein
+St&auml;ubchen von meinem Rock, weil wir gleich nachher
+ausgehen wollten. Ich f&uuml;hlte dunkel, da&szlig; es jetzt
+gelte, und nahm mich zusammen, mit m&auml;nnlicher Betonung
+zu sagen, was mir ganz selbstverst&auml;ndlich und
+m&uuml;helos h&auml;tte vom Herzen kommen sollen: &bdquo;Wie
+kann ich denn daran denken, meine Schwestern nicht
+einzuladen? Es sind meine einzigen Verwandten,
+und ich bin ihnen viel Dank schuldig. Sie m&uuml;ssen
+kommen, es geht gar nicht anders.&ldquo; Vielleicht polterte
+ich das, weil es mit einem Anlauf geschah, ein wenig
+gr&ouml;blich heraus, was ich mir sonst Eleonore gegen&uuml;ber
+noch nie gestattet hatte. Sie sah mich unwillig
+err&ouml;tend an und sagte k&uuml;hl verwundert: &bdquo;Was ist das
+f&uuml;r ein Ton? La&szlig; mich dir sagen, da&szlig; ich sie nicht
+bei meiner Hochzeit w&uuml;nsche. Sie passen nicht zu
+der &uuml;brigen Gesellschaft, und ich f&uuml;hle mich ihnen
+nicht verpflichtet. Wenn du ihnen etwas dankst, so
+ist das deine Sache.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie sah dabei unendlich hochfahrend aus, und
+mich &uuml;berkam ein Trotz und ein Elend zugleich; ich
+f&uuml;hlte mich selber geschm&auml;ht und heruntergesetzt in
+<span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">294</a></span>meinen Schwestern, denen in diesem Augenblick mein
+Herz sehnlich entgegenwallte; ich h&auml;tte meine Braut
+am liebsten in ihr wei&szlig;es Gesicht geschlagen und ihr
+den Trauring auf den Tisch geworfen. Aber ich
+wu&szlig;te, da&szlig; ich es nicht tun und da&szlig; ich ihr nachgeben
+w&uuml;rde, obgleich ich dachte: &bdquo;Du Affe, du bist sie ja
+gar nicht wert.&ldquo; Da &auml;nderte sie auf einmal den Ton
+und das Gesicht, fa&szlig;te mich am Arm und schmiegte
+sich an mich. &bdquo;Sei doch lieb,&ldquo; sagte sie, &bdquo;verstehe mich
+doch. Ich will nur dich, die Deinen kenne ich
+nicht. Du lebst doch nun in meiner Welt und mu&szlig;t
+R&uuml;cksicht darauf nehmen. Wir k&ouml;nnen sie ja auf der
+Hochzeitsreise besuchen, das ist f&uuml;r alle Teile besser,
+du siehst es sp&auml;ter selber ein.&ldquo;</p>
+
+<p>Und ich gab ihr in allem Elend recht, denn vielleicht
+war es tats&auml;chlich besser, so wie die Dinge jetzt
+lagen, und hoffte, als sie mich neben sich aufs Sofa
+zog und mit meiner Hand spielte, ich werde sie nach
+und nach zu allem gewinnen, was sein mu&szlig;te und
+recht war.</p>
+
+<p>Wir machten Besuche und nachher noch Besorgungen
+und standen auf einmal in einem Blumenladen
+in der N&auml;he des Friedhofs meiner alten Freundin
+Hertha gegen&uuml;ber. Sie hatte, wie ich schon erfahren
+hatte, einen G&auml;rtner geheiratet und also ihren
+Vorsatz ausgef&uuml;hrt, was ja auch bei ihr nicht zu bezweifeln
+gewesen war. Aufgesucht hatte ich bis jetzt
+weder sie noch den alten Zeitler, so oft ich auch daran
+gedacht hatte, es zu tun. Anfangs hatte ich den festen
+Vorsatz und auch das Verlangen darnach gehabt und
+es nur immer wieder verschoben, und nun, da ich keine
+Lust und auch keinen Mut mehr dazu hatte, kam ich
+von ungef&auml;hr dazu.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">295</a></span></p><p>Sie stand in einer bl&uuml;henden Fraulichkeit unter
+ihren Blumen und hatte eine anst&auml;ndige W&uuml;rde in
+ihrer Erscheinung. Ich h&auml;tte sie wohl freundschaftlich
+begr&uuml;&szlig;en und meiner Braut von ihr sagen k&ouml;nnen,
+und sie schien es auch zu erwarten, da&szlig; ich es tue,
+denn sie sah mich mit herzlichem Freudenblick des
+Wiedersehens an, merkte aber dann bald, da&szlig; nichts
+von mir ausgehen w&uuml;rde und wandte sich bedienend
+an die Dame. Es wurde ausgemacht, da&szlig; bei unserer
+Trauung die Kirche geschm&uuml;ckt werden solle, und
+es wurden Str&auml;u&szlig;e f&uuml;r die Brautjungfern bestellt;
+ich wurde bei dem und jenem um Rat gefragt und gab
+ihn blindlings, und es war mir &uuml;bel zumute. Es
+ging aber heute in einem hin. Ich dachte, so lange
+Eleonore in ihrer kurzen und sachlichen Weise Anweisungen
+gab, w&auml;hlte und verwarf, an einen Tag,
+da Hertha gesagt hatte, da&szlig; sie einmal meiner Braut
+den Hochzeitskranz machen wolle, wenn es eine sei,
+die gut zu mir passe, und ich besann mich, ob sie ihr
+wohl so erscheine, und warf einen heimlichen Blick
+nach den ungleichen Frauen hin&uuml;ber. Da fing ich
+einen von Hertha auf, der schien mir sp&ouml;ttisch und
+traurig zugleich zu sein, auch glitt er nur an mir
+vor&uuml;ber und endigte in einem Kopfnicken, als gebe
+sich die G&auml;rtnersfrau selber Antwort auf eine Frage,
+da ich ihr keine gab. Da war es mir wie heute schon
+einmal, als gleite mein Nachen stetig und unaufhaltsam
+an allen bl&uuml;henden Ufern vorbei, die ich jung und
+schuldlos betreten hatte, und ich selber sitze darinnen
+wie im Zwang eines argen Traumes und sehe Menschen
+und Ufer hinter mir verschwinden. So ging es
+mir in der Zeit, die meine hohe sein sollte.</p>
+
+<p>Es war meine niedrigste.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">296</a></span></p><p>Ich sah Hertha noch einmal und auch den Zeitler.
+Ich kaufte einen Kranz mit roten Rosen und trug
+ihn mit Herrn Kasimir auf das Grab von Brigitte
+Hagenau am Abend vor ihrem Geburtstag. Eleonore
+war da nicht dabei; sie ging nicht gern auf den
+Friedhof, das sagte sie offen. Hertha war nicht im
+Blumenladen, ein kleines Dienstm&auml;dchen gab mir
+den Kranz. Ich traf sie aber mit einem B&uuml;bchen auf
+dem Arm im Friedhof; sie stand neben einem starken,
+kr&auml;ftigen Mann in einer gr&uuml;nen Sch&uuml;rze, der ein
+paar G&auml;rtnerburschen anwies; sie waren beide gro&szlig;e,
+stattliche Leute und sahen fest und freudig aus,
+so als ob sie auf sicherem, gutem Boden st&auml;nden.
+Es brannte in mir, da&szlig; ich nicht mit Hertha reden
+konnte, wie ich wollte. Ich w&auml;re gern noch einmal
+eine Stunde mit ihr allein gewesen, oder ein paar
+Minuten. Aber das war dr&uuml;ben am andern Ufer.
+Doch fa&szlig;te ich den Mut, sie zu fragen, wie es gehe,
+obgleich ich sah, da&szlig; es gut sei, und sie gab mir ruhigen
+und freundlichen Bescheid; vielleicht sah sie, da&szlig;
+ich nicht gl&uuml;cklich sei, und es tat ihr leid. Der Zeitler
+kam auch herbei; er gab mir die Hand und sagte, da&szlig;
+er geh&ouml;rt habe, ich sei wieder in der Stadt, und da&szlig; er
+gedacht habe, ich komme dann einmal. Die Hertha
+habe auch darauf gewartet. Ich stammelte etwas von
+viel Arbeit und Abhaltung, und er sah mich ruhig an
+und sagte: &bdquo;Ja, Sie sind ja auch verlobt und machen
+bald Hochzeit. Da w&uuml;nsche ich Gl&uuml;ck.&ldquo; Er hatte f&uuml;r
+mich keine &Auml;hnlichkeit mehr mit alten Gesichtern aus
+meiner Kindheit; er war auch im Nebel und stand
+auch am Ufer, an dem ich vor&uuml;berfuhr. Vielleicht hatte
+er mir viel zu sagen, fr&uuml;her hatte ich das immer gemeint;
+jetzt durfte ich nichts h&ouml;ren, denn wie sollte
+<span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">297</a></span>ich sonst vollenden, was ich angefangen hatte? Ich
+redete einige nichtssagende Worte und stand an
+Brigittens Grab. Sie war &uuml;ber allem drau&szlig;en
+und hatte es gut; ich wollte, sie w&auml;re noch dagewesen
+in ihrer sch&ouml;nen und klaren Freudigkeit. Herr Kasimir
+sa&szlig; auf dem B&auml;nkchen unter der Linde, die neben dem
+Grab stand; ich h&ouml;rte, da&szlig; er den Zeitler mit du anredete,
+und da&szlig; sie irgendwie von alten Zeiten sprachen.
+Das wunderte mich, aber es fiel mir ein, da&szlig;
+der Zeitler so gut Bescheid mit der Jugend der Hagenausgeschwister
+wu&szlig;te, und ich dachte, da&szlig; gewi&szlig;
+alle Menschen irgendwie miteinander zusammenhingen,
+nur ich trennte mich von meiner Welt und
+wurde ganz einsam. Der Zeitler sagte lind und
+freundlich zu mir, ich solle einmal abends kommen,
+vielleicht morgen? Da sagte ich, ja, ich komme bald,
+aber ich hatte nicht im Sinn, es zu tun, und wir
+gingen. Auf dem Heimweg erz&auml;hlte mir Herr Kasimir,
+da&szlig; der Zeitler sei, was man eine verkrachte Existenz
+nenne. Er h&auml;tte es weiter bringen k&ouml;nnen, da er von
+guten Gaben und guter Bildung sei. Es sei aber
+einmal ein Bruch in sein Leben gekommen durch eine
+leidenschaftliche Liebe, um derentwillen er einen Menschen
+beinahe umgebracht und daf&uuml;r eine Strafe verb&uuml;&szlig;t
+habe, w&auml;hrend deren ihm dann die Geliebte untreu
+geworden sei. Brigitte habe ihn aber immer
+hoch gesch&auml;tzt. Sie habe gesagt, da&szlig;, wer aus Liebe
+s&uuml;ndige, lebendiger sei, als wer aus kalter Tugend
+gerecht bleibe, und da&szlig; Zeitler einer von denen sei,
+die wissend geworden seien durch hei&szlig;es Verschulden.
+Wissend und verstehend.</p>
+
+<p>Als Herr Kasimir mir das erz&auml;hlte, da war es
+mir, als ob ich doch morgen zu dem Zeitler gehen
+<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">298</a></span>wolle, denn vielleicht verstand er auch mich. Aber
+gleich darauf wu&szlig;te ich, da&szlig; es nicht sein konnte;
+denn ich s&uuml;ndigte weder aus Liebe, noch blieb ich aus
+Tugend gerecht. Ich mu&szlig;te meines Weges gehen
+und durfte niemand fragen.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Ich habe den Brief, den ich in dieser Zeit an
+Luise schrieb, sp&auml;ter wieder gelesen, als ich ihn in
+ihrem Nachla&szlig; fand, und tat mir selber leid darin,
+so sehr ich mich h&auml;tte verdammen m&uuml;ssen. Denn es
+war kein freies und trotziges S&uuml;ndigen eines einfachen
+Selbstlings, der sich in dem, was er tut, im
+Rechte meint, und &uuml;ber das, was ihn hemmen will,
+hinwegschreitet ohne Reue, sondern ich litt, w&auml;hrend
+ich tat, was ich verurteilte, und tat es dennoch, weil
+ich das Geschlinge um meine F&uuml;&szlig;e nicht zerrei&szlig;en und
+den Preis, den mich das vorschwebende Bessere gekostet
+h&auml;tte, nicht bezahlen konnte meiner Meinung
+nach. So tat ich denen, die ich liebte, weh, ohne mir
+selber wohlzutun, und stand unfrei vor mir und vor
+ihnen, und es ging mir beides verloren, das gute Gewissen
+dessen, der vor sich selber richtig handelt, und
+die Lust des Unrechts, das ich tat. Doch habe ich eine
+Erl&ouml;sung erlebt, nicht un&auml;hnlich der, die die Frommen
+Bekehrung nennen, die mich mit Gewalt umkehrte,
+indem sie mir das selbstgebaute Haus zerbrach,
+mir unter freiem Himmel mich selbst zeigte,
+wie ich war, und mich mir, arm und zerschlagen, in
+die Hand gab.</p>
+
+<p>Es war &uuml;ber allem dem Herbst geworden. Eines
+Morgens erwachte ich an dem Klang einer Stimme,
+die laut und deutlich sagte: &bdquo;Heute kehrt Maidi in die
+<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">299</a></span>Stadt zur&uuml;ck.&ldquo; Ich schlug verwundert die Augen auf,
+aber es war niemand bei mir im Zimmer, und ich
+hatte wohl selbst die Worte ausgesprochen. Ich erinnerte
+mich auch noch eines soeben entschwindenden
+Traumes, dessen Gestalten vor dem Tageslicht erbla&szlig;ten,
+in dem es mir aber seltsam wohl gewesen
+war, so da&szlig; es mir leid tat, erwacht zu sein. Denn
+auch das Wohlsein schwand, je wacher ich wurde.</p>
+
+<p>Ich stand auf und trat ans Fenster, und immer
+noch hatte ich das gesprochene Wort in den Ohren.
+Als ich Maidi hinausgeleitet hatte, war der Wald
+jung belaubt gewesen; jetzt lag er hier und wohl auch
+dort in herbstlichen Farben. Die Schwalben sammelten
+sich zur Reise und sa&szlig;en dichtgedr&auml;ngt auf den Telephondr&auml;hten.
+In wenigen Tagen w&uuml;rde auch ich mit
+Eleonore dem S&uuml;den entgegenfahren. Wir waren dann
+Mann und Frau und mu&szlig;ten uns miteinander ein
+Leben bauen. Das, was ich fr&uuml;her gelebt hatte, lag
+dann noch weiter dahinten als jetzt; es mu&szlig;te so sein,
+ich wu&szlig;te es. W&uuml;rde es mir dann auch noch hie und
+da ans Herz treten, so wie im Traum des heutigen
+Morgens? Und w&uuml;rde es mir lieb oder leid sein, wenn
+es gesch&auml;he? Es war so lieb und so leidvoll zugleich.
+Drau&szlig;en war eine warme, f&ouml;hnige Luft; die H&ouml;hen
+und W&auml;lder lagen nahe zusammenger&uuml;ckt in Glanz
+und Klarheit; ich f&uuml;hlte mich sonderbar la&szlig; und m&uuml;de
+und h&auml;tte am liebsten meinen Gedanken freien Lauf
+gelassen. Den hatten sie schon lang nicht mehr; ich
+hatte mir das Tagtr&auml;umen abgew&ouml;hnt. Sie wollten
+unruhig flattern wie die Schwalben, denen die Reisesehnsucht
+keine Ruhe mehr lie&szlig;; sie wollten fragen, wie
+es nun dort sei? Ob Maidi traurig sei oder ob sie
+mich verachte? Ob sie geh&ouml;rt hatte, da&szlig; ich verlobt
+<span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">300</a></span>sei und da&szlig; das Land der unbegrenzten M&ouml;glichkeiten
+nun erst ganz und auf immer hinter mir liege?
+Wenn sie es wu&szlig;te, dann wu&szlig;te sie auch, warum ich
+ihr nicht geschrieben hatte. Es war mir, als wisse und
+verstehe sie alles und als liebe sie mich immer noch,
+und das legte sich wie eine abgrundtiefe Traurigkeit
+auf mich, denn es war fern, fern, und es f&uuml;hrte keine
+Br&uuml;cke und kein Steg mehr dorthin. Pl&ouml;tzlich wurde
+ich gewahr, da&szlig; die Pyramide des M&uuml;nsters mich ansehe.
+Sie lag in einem merkw&uuml;rdig grellen Licht; ihre
+Steine gl&auml;nzten, und sie war ganz durchschienen von
+einer hei&szlig;en Sonne, was so fr&uuml;h am Morgen und
+um diese Jahreszeit ungew&ouml;hnlich war. Es fiel mir
+ein, wie oft ich sie von meiner Mansarde aus gegr&uuml;&szlig;t
+hatte, als ich zum erstenmal in der Stadt und
+ein Lehrling war, und es schien mir, als frage sie
+mich, was ich nun inzwischen aus mir gemacht habe?
+Ich trat vom Fenster zur&uuml;ck, aber nun war es mir, als
+warte sie drau&szlig;en, da&szlig; ich ihr Antwort gebe. Die
+Rosette hatte ein Gesicht, und alle die Luken, durch
+die das Licht fiel, waren Augen, die mich ansahen.
+Sie hatte ihre stille, hehre Sch&ouml;nheit verloren und
+war unerbittlich und furchtbar. Ich versuchte zu
+lachen, denn das war ja doch wieder das Tagtr&auml;umen,
+was ich jetzt hatte. Aber es gelang mir nicht
+so recht. Da sagte ich mir, da&szlig; es der F&ouml;hn sei, der
+mich so sonderbar errege. Ich wusch mich mit kaltem
+Wasser und brachte meine Gedanken in Ordnung.
+Sie hatten hier am Platze genug zu tun. Es wollte
+noch viel in die Tage hinein. Herr Kasimir wollte
+mir das Gesch&auml;ft &uuml;bergeben und allerlei niet- und
+nagelfest machen. Er blieb noch da, so lange wir
+reisten, dann wollte er sein B&uuml;ndel schn&uuml;ren und
+<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">301</a></span>ebenfalls reisen. Ich war dann Inhaber von Haus
+und Gesch&auml;ft und hatte eine Frau und war ein Mann,
+der hier am Platze zu sein hatte mit aller Kraft und
+allen Sinnen. Dar&uuml;ber hinaus gab es nichts. Wenn
+es doch etwas gab, so war es nicht f&uuml;r mich. Ich bem&uuml;hte
+mich, an Eleonore zu denken; nicht an das
+Steinbild, das sie hie und da sein konnte, herb und
+hochm&uuml;tig, sondern an die Stunden, in denen sie
+unter ihrer eigenen zur&uuml;ckhaltenden Art zu leiden
+schien. Sie hatte dann brennende Augen und sah
+bla&szlig; und schmal aus, es war, als ob ein verstecktes
+Feuer in ihr lodere. So hatte ich sie noch lieber, als
+wenn sie, wie es auch geschah, kleine br&auml;utliche Z&auml;rtlichkeiten
+f&uuml;r mich hatte. Denn ich dachte gern, da&szlig;
+sie ein hei&szlig;es Herz in sich trage, das f&uuml;r mich gl&uuml;he
+und das im Kampf mit ihrer kargen Natur sich verwunde
+und abm&uuml;he, um leben zu k&ouml;nnen. Es schien
+mir an der Zeit, da&szlig; es zu seinem Recht komme,
+das ich ihm ja gegeben hatte. Gestern abend war sie
+so gewesen, m&uuml;de und unruhig zugleich. Sie hatte
+mir beim Gutenachtsagen eine hei&szlig;e Hand und kalte
+Lippen gegeben und gesagt: &bdquo;Ich wollte, wir w&auml;ren
+schon weit fort, und es w&auml;re alles vor&uuml;ber.&ldquo; Das
+hatte mich gewundert, denn sie selbst hatte doch die
+gl&auml;nzende Hochzeitsfeier angeordnet und sich nicht
+genug tun k&ouml;nnen, alles bis ins kleinste festlich auszugestalten.
+Es war wohl so, wie ich dachte, da&szlig; sie
+sich sehnte, bei mir zu sein, und ich nahm mir vor,
+es solle sie nicht gereuen. Es gab wohl viele M&auml;nner,
+die eine Jugendliebe in sich begruben, wenn es
+das Leben erforderte, und auch ich wollte das tun;
+da brachte ich, der ich so gewandt im Zudecken,
+Flicken und &Uuml;bermalen meines Innern geworden
+<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">302</a></span>war, es denn auch an diesem Morgen so weit, da&szlig;
+ich als ein T&uuml;chtiger und ein Ehrenmann das Zimmer
+und das Haus verlie&szlig; mit straffen Schritten. Sie
+waren beide froh, da&szlig; sie mich hatten, Eleonore und
+Herr Kasimir, und das konnten sie auch wohl sein,
+denn alles lag bei mir in guten H&auml;nden, und da&szlig; es
+mich viel gekostet hatte, das gab mir Ernst und
+Tiefe, wie ich mir selbst, vor diesem bedeutenden Einfall
+leicht erschauernd, sagte.</p>
+
+<p>Am Vormittag dieses Tages h&ouml;rte ich, nach
+langer Zeit wieder zum erstenmal, Eleonores Geigenspiel
+ged&auml;mpft aus dem Zimmer &uuml;ber mir her erklingen.
+Sie hatte nie gespielt, seit wir verlobt waren,
+und wenn ich in sie gedrungen war, so hatte sie mich
+auf sp&auml;ter vertr&ouml;stet, wo sie wieder Ruhe und Stimmung
+dazu haben werde. Jetzt schien es mir, als ob
+sie mich zu sich riefe mit feurigen und verhei&szlig;enden
+T&ouml;nen und mit hinstr&ouml;mender Klage &uuml;ber ihre eigene
+eingeschlossene Seele, so da&szlig; ich es kaum erwartete,
+bis ich von den Gesch&auml;ften loskommen und hinaufgehen
+konnte, denn ich war begierig, ihr zu zeigen,
+da&szlig; ich f&uuml;r sie da sei und sie verstanden habe. Sie
+hatte aber, als ich kam, die Geige schon wieder in ihr
+Futteral geschlossen und verwahrt und schien sich zu
+wundern, da&szlig; ich mitten im Vormittag heraufkomme.
+Die Geige hing stumm an der Wand, als ob sie nie
+geklagt und gerufen h&auml;tte, und als ich sagte, da&szlig; ich
+sie geh&ouml;rt habe, zog Eleonore die Brauen leicht zusammen,
+wie unwillig. &bdquo;Ich habe etwas ge&uuml;bt,&ldquo;
+sagte sie, &bdquo;was ich lange nicht gespielt habe und was
+ich heute abend zu spielen versprochen habe.&ldquo; Wir
+waren beide zu einer Geburtstagsfeier in eine bekannte
+Familie eingeladen, deren Wohnhaus &uuml;ber den
+<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">303</a></span>sonnigen Rebbergen der Stadt in Waldesh&ouml;he stand.
+Ich wu&szlig;te, da&szlig; der Hausherr, der ein alter Freund
+des Hauses war, Eleonore schon manchesmal umsonst
+gebeten hatte, zu spielen, freute mich, da&szlig; sie es
+heute tun wollte, und bat sie nur, es sp&auml;t genug
+zu tun, da&szlig; ich das St&uuml;ck auch h&ouml;ren k&ouml;nne, das
+mich so angezogen hatte. Denn ich konnte des Gesch&auml;fts
+und vieler Arbeit wegen erst am Abend
+nachkommen. Sie versprach es auch, und ich dachte,
+sie sei doch eine r&auml;tselhafte Natur, anziehend und absto&szlig;end
+zugleich, ich wolle aber alle R&auml;tsel in ihr
+aufl&ouml;sen, da sie ja eine Seele habe, die darnach
+verlange, wie ich sicher zu wissen glaubte.</p>
+
+<p>Der Nachmittag war noch schw&uuml;ler, als es der
+Morgen gewesen war. Die Luft lag still und stickig
+&uuml;ber der unteren Stadt, und um ihr zu entgehen,
+machte ich fr&uuml;her Schlu&szlig;, als ich eigentlich im Sinn
+gehabt hatte, und ging den Rebbergen zu. Ich hatte
+ein l&auml;hmendes Kopfweh, das ich auf die F&ouml;hnluft
+schob und das mich veranla&szlig;te, einen kleinen Umweg
+im Freien und in der Einsamkeit zu machen, um nachher
+vor den Leuten besser bestehen zu k&ouml;nnen. Daher
+ging ich nicht durch die Weinberge auf den steilen
+Staffeln in die H&ouml;he, sondern blieb auf der Stra&szlig;e
+bis da, wo der Wald in einer schmalen Zunge zu ihr
+herunterreichte und wo ich nun ohne Weg, durch
+goldbraunes, raschelndes Buchenlaub, das hier und
+da den Boden bedeckte, anfing hinaufzusteigen. Das
+Rauschen unter meinen F&uuml;&szlig;en weckte irgend eine
+Erinnerung in mir, der ich nachsp&uuml;rte, bis es mir
+einfiel, wie ich als kleiner Bube im heimischen Stadtwald
+an der Hand meiner Mutter gegangen war und
+gl&uuml;ckselig mit den Stiefeln das Laub vor mir her
+<span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">304</a></span>aufgeh&auml;uft hatte, was genug war, mich mit Lust
+und Wonne zu erf&uuml;llen. Es schien mir aber
+um hundert Jahre zur&uuml;ck zu liegen, oder vielmehr
+in einem vorigen Dasein geschehen zu sein, und ich
+konnte auch nicht lange bei der lieben Erinnerung
+bleiben, denn es ging auf einmal ein heftiger Windsto&szlig;
+von der H&ouml;he herunter mir entgegen, der die
+schlaffe Schw&uuml;le zerri&szlig; und sich als Vorbote eines
+Unwetters ank&uuml;ndigte. Ich beschleunigte daher meine
+Schritte, um nicht drau&szlig;en zu sein, falls es schnell
+hereinbreche. Es wurde zusehends dunkler unter den
+B&auml;umen, was noch nicht vom Einnachten kommen
+konnte, sondern von heraufziehendem Gew&ouml;lk, das der
+Wind vor sich herjagte. Ich war auf der H&ouml;he angelangt,
+wo der Garten des bekannten Hauses sich
+in den Wald verlor, von demselben nur durch ein
+dichtbewachsenes, hohes Drahtgitter getrennt, und
+wollte gerade auf die schmale T&uuml;r zugehen, als ich
+hinter der gr&uuml;nen Wand, aber dicht an derselben,
+sprechen h&ouml;rte. Und zwar war es die Stimme meiner
+Braut, die, als ich ganz nahe war, in h&ouml;rbarer Erregung
+sagte: &bdquo;Du h&auml;ttest nicht mehr kommen sollen.
+Wir h&auml;tten uns nicht sehen d&uuml;rfen. Es ist genug, da&szlig;
+ich jetzt mit jedem Atemzug durch mein ganzes Sein
+hindurch l&uuml;ge, ich, die ich immer wahr gewesen bin,
+solang ich denken kann. Ich will es nicht noch durch
+die Tat tun. Es mu&szlig; das letztemal sein.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich f&uuml;hlte, wie mein Herz heftig zu schlagen anhob,
+als ich diese Worte h&ouml;rte. Ich konnte mich nicht
+von der Stelle bewegen und mu&szlig;te nun weiter mitanh&ouml;ren,
+was mich und den Bau, den ich mir errichtet
+hatte, in Scherben schlug.</p>
+
+<p>Es ist mir, als sei ich eine Ewigkeit dort droben
+<span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">305</a></span>gestanden, im heftig wehenden Wind, der die Kronen
+der B&auml;ume herumri&szlig; und mir die gesprochenen Worte
+zutrug wie auf Fl&uuml;geln, und unter den jagenden
+Wolken, die stets tiefer zu h&auml;ngen kamen. Doch wird
+es wohl nicht lange gedauert haben, nach menschlicher
+Zeitrechnung, da ja Minuten so voll sein k&ouml;nnen, da&szlig;
+sie von Leben oder Tod &uuml;berflie&szlig;en. Ich will es mir
+sagen, wenn ich meines Gerichtstags gedenke, da&szlig;
+es dennoch nicht Tod, sondern Leben war und G&uuml;te,
+was dort unter den B&auml;umen auf mich wartete. Wo
+n&auml;hme ich sonst den Mut her, es noch einmal heraufzuholen?
+Da es ja lange her ist seitdem und ich es
+k&ouml;nnte ruhen lassen.</p>
+
+<p>Obgleich mir, auf immer unverge&szlig;lich, jedes Wort
+und jeder Ton und jeder Zug der Gesichter, die ich
+durch etliche L&uuml;cken in der gr&uuml;nen Wand wohl sehen
+konnte, ins Ged&auml;chtnis gebannt ist, will ich doch unterlassen,
+alles Schmerzliche und Besch&auml;mende noch einmal
+zu sagen und es einfach aufzeichnen in meiner
+eigenen Rede. So sehr erregt und verwundet ich auch
+war, so ruhig bin ich jetzt, ja dankbar bin ich, da&szlig; der
+Zufall, der mich wunderbarerweise zu dieser Stunde
+an diesen Ort f&uuml;hrte, mein Leben aus den falschen
+Bahnen warf, so lange es Zeit war. Es h&auml;tte auch
+anders gehen k&ouml;nnen, und ich wei&szlig; nicht, was dann
+aus mir geworden w&auml;re.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Der Mensch, an den meine Braut ihre beschw&ouml;renden
+und selbstanklagenden Worte gerichtet hatte,
+war, wie ich bald aus der Antwort merkte, der Mediziner,
+den ich in irgend einer Ferne glaubte. Er war
+aber zur&uuml;ckgekommen und hatte Eleonore auch schon
+<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">306</a></span>ein paarmal getroffen mit ihrem Willen und auch
+gegen ihn, da er, wie er sagte, sie wohl entbehren
+wolle, wenn es sein m&uuml;sse, sie aber nicht an mich verloren
+geben k&ouml;nne, der ich in keiner Weise an sie
+hinanreiche, ja, den sie doch nur mit in den Kauf
+genommen habe mit Haus, Gesch&auml;ft, Geld und so
+weiter. Er nannte sie du, und sie waren ein
+Liebespaar, das sich getrennt hatte, ohne da&szlig;
+die Liebe vergangen war. Vielmehr hatten sie
+in einem merkw&uuml;rdigen Grad von gegenseitiger
+Offenheit miteinander ausgemacht, da&szlig; sie sich
+lassen m&uuml;&szlig;ten, weil sie das n&ouml;tige Geld nicht h&auml;tten,
+um einen Haushalt zu f&uuml;hren, der ihren Bed&uuml;rfnissen
+entspreche, da sie beide verw&ouml;hnte Kinder mit anspruchsvollen
+Gewohnheiten waren und diesen nicht
+glaubten entsagen zu k&ouml;nnen, ohne da&szlig; die Liebe
+darunter litte und sie dann einander qu&auml;lten.
+Einst, als sie einander n&auml;her traten, hatte jedes vom
+andern geglaubt, da&szlig; es wohlhabend oder vielmehr
+reich sei, wenigstens der Mediziner hatte es von Eleonore
+geglaubt, in deren Elternhaus es auf eine feine
+und geschmackvolle Weise &uuml;ppig zuging, wie es nur
+bei Leuten sein kann, bei denen das Geld keine Rolle
+spielt, ja, denen es zum einfachen Anstand zu geh&ouml;ren
+scheint, da&szlig; man sich nicht darum k&uuml;mmere und es
+m&ouml;glichst wenig nenne. Als aber die Eltern gestorben
+waren, hatte sich's gefunden, da&szlig; wohl eine Menge
+kostbarer Dinge vorhanden seien, die geistige Werte
+darstellten, aber kein Geld mehr, und da&szlig; die Kinder
+arm seien wie Kirchenm&auml;use. Der Bruder hatte sogleich
+seine berufliche Laufbahn antreten k&ouml;nnen, da
+er mit den Studien fertig war und der Onkel ihm
+unter die Arme griff mit einigen Zusch&uuml;ssen. Eleonore
+<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">307</a></span>aber, die nun auch mit Zuversicht heraustrat
+und ihre W&uuml;nsche bekannte (denn das Hagenausche
+Geld war trotz der l&auml;ssigen Vornehmheit in der
+Bitterolfschen Familie als sicheres Erbe, eigentlich
+nur als einstweilige Reserve angesehen), hatte sich
+bitterlich entt&auml;uscht gesehen, wenn sie auf reichliche
+Mittel hoffte, um mit dem Geliebten einen noblen
+Haushalt zu er&ouml;ffnen. Denn ein anderer kam nicht
+in Betracht bei dem beiderseits so hochentwickelten
+Sch&ouml;nheitssinn.</p>
+
+<p>Der Onkel hatte ihr er&ouml;ffnet, da&szlig; er keineswegs
+ein blo&szlig;er Geldsack sei, den man nach Belieben
+auf- und zuschn&uuml;ren k&ouml;nne, sondern da&szlig; er auch seine
+Liebe und seinen Stolz habe, n&auml;mlich das alte Haus
+und Gesch&auml;ft, dem er freilich leider keinen Erben
+seines Namens hinterlassen k&ouml;nne, da er das Heiraten
+vers&auml;umt habe, das er aber doch, solang er es
+wenigstens verhindern k&ouml;nne, nicht wolle in fremde
+H&auml;nde kommen lassen, und das er darum nicht zu
+verkaufen gesonnen sei. Da aber das betr&auml;chtliche
+Verm&ouml;gen fast ganz darin stecke, so wolle man es
+vorl&auml;ufig auch beisammen lassen, denn so halte es
+sich am besten und so weiter.</p>
+
+<p>Und kurz, er habe andere Pl&auml;ne mit der Nichte.</p>
+
+<p>Das alles besprachen die zwei im heraufziehenden
+Unwetter freilich nicht so genau, wie ich es
+hier tue, denn sie wu&szlig;ten alles gut genug voneinander,
+um nur das eine und andere Wort dar&uuml;ber
+verlieren zu m&uuml;ssen, das mich aber genugsam &uuml;ber
+ihre Vorgeschichte belehrte, soweit sie mir nicht schon
+vorher bekannt war. Sie hatten sich auch nicht von
+der Gesellschaft entfernt, die soeben vor dem Wetter
+ins Haus gefl&uuml;chtet war, um das Alte zu wiederholen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">308</a></span>sondern um sich ein letztesmal vor der Hochzeit miteinander
+auszusprechen und sich bewu&szlig;t zu werden,
+wie sie es ins K&uuml;nftige halten wollten. Denn sie
+waren in der Zeit ihrer Trennung und besonders
+jetzt beim Wiedersehen inne geworden, da&szlig; sie fester
+aneinander hingen, als sie gewu&szlig;t hatten. Das
+dr&auml;ngte den Liebhaber, Eleonore zu beschw&ouml;ren, sie
+m&ouml;ge jetzt noch von mir ablassen, da sie sonst verderben
+m&uuml;sse. Er sprach mit gro&szlig;er Geringsch&auml;tzung
+von mir, als von einem ganz gew&ouml;hnlichen Streber,
+Gl&uuml;cksj&auml;ger und Empork&ouml;mmling und reizte sie, sich
+vorzustellen, wie es sei, wenn sie mich als ihren
+Herrn und Gemahl ansehen m&uuml;sse, wobei er sie,
+offenbar einer alten Liebessitte nach, Herrin, Prinzessin
+und hohe Frau nannte, aber mit sp&ouml;ttischer
+Betonung, um sie aufzustacheln. Ich sah, da&szlig; er
+sie gl&uuml;hend liebte und nur darum so gering von
+mir sprach, um sie noch in letzter Stunde von mir
+abzuwenden, denn dann konnte immer noch die Zeit
+f&uuml;r ihn arbeiten und einen Gl&uuml;cksfall herbeif&uuml;hren,
+da das Gl&uuml;ck in der H&uuml;tte nicht in Betracht kam.
+Oder vielmehr sehe ich es jetzt bei ruhiger Betrachtung
+so an; damals sauste mir das Blut in den
+Augen und Ohren bei meinem Lauschen, das ich doch
+nicht abk&uuml;rzen konnte, denn jetzt mu&szlig;te ja der Augenblick
+kommen, wo Eleonore f&uuml;r mich eintrat. Ich
+konnte immer noch nicht davon ablassen, zu glauben,
+sie liebe jetzt mich und mich allein, und das geschah
+nicht nur aus Selbstgef&uuml;hl und aus Not, sondern auch
+aus dem hohen Respekt vor ihrer stolzen Art, die sich
+nie dazu bequemt h&auml;tte, einen Mann zu nehmen, den
+sie nicht liebe, wie ich mir das schon oft vorgesagt
+hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">309</a></span></p><p>Sie richtete sich auch zornig ergl&uuml;hend auf, als
+der Doktor mich geringsch&auml;tzig vor ihr herabsetzte;
+aber es war nur ihr Hochmut, nicht ihre Liebe, die
+er getroffen hatte.</p>
+
+<p>&bdquo;O still,&ldquo; sagte sie, &bdquo;so darfst du nicht reden.
+Mein Herr wird er niemals, das wei&szlig;t du wohl,
+und er wei&szlig; es auch. Er l&auml;&szlig;t mich in allem gew&auml;hren,
+was ich will und tue, und das ist es, was ich brauche,
+wenn es nun Liebe nicht sein kann. Das hei&szlig;t gegenseitige,
+denn er liebt mich aus allen Kr&auml;ften.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Mediziner pfiff durch die Z&auml;hne und sagte
+sp&ouml;ttisch: &bdquo;Wir wollen einander nichts weis machen,
+denn wir wissen wohl beide, was er liebt, wenn er
+dich bekommt, wenigstens zuerst und vor allem, er,
+der sich von deinem Onkel dazu anwerben lie&szlig;.&ldquo;</p>
+
+<p>Das mochte dem stolzen M&auml;dchen ein allzu scharfer
+Hieb sein, denn es griff mit der Hand heftig in die
+gr&uuml;ne Wand, wie um einen Halt zu haben, und war
+mir in diesem Augenblick ganz nahe, r&auml;umlich geredet,
+da sich ja der innerliche Abgrund zwischen uns
+von Minute zu Minute erweiterte.</p>
+
+<p>&bdquo;So will ich dir denn sagen, wie alles war und
+ist,&ldquo; sagte sie mit herbem Entschlu&szlig;, &bdquo;denn es mu&szlig;
+sowieso das letztemal sein, da&szlig; wir von diesen Dingen
+reden, da ich nicht zur&uuml;ck kann noch will.&ldquo; Sie sah
+jetzt bla&szlig; aus und atmete tief mit geschlossenen
+Lippen und ihre feinen Nasenfl&uuml;gel bebten. Dann,
+als sie sich etwas gefa&szlig;t hatte, fing sie an, von mir
+und sich zu reden. Das h&ouml;re ich heute noch wie Drommeten
+des Gerichts.</p>
+
+<p>Sie habe, sagte sie, damals, als er von ihr gegangen
+sei, geglaubt, mit ihm und ihrer Liebe fertig
+werden zu k&ouml;nnen, da das andere, das Bed&uuml;rfnis
+<span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">310</a></span>nach Reichtum, Ansehen und etwas zum Regieren
+st&auml;rker als alles in ihr gewesen sei. Das aber habe
+sie im Hause Hagenau gefunden, denn ihr Onkel,
+dankbar daf&uuml;r, da&szlig; sie wenigstens seinen W&uuml;nschen
+nicht zuwider handle, habe ihr in allem freie Hand
+gelassen. Doch sei dann gleich darauf das Verh&auml;ngnis
+erschienen, wie sie mich im stillen genannt
+habe, als sie mich als Bewerber um ihre Hand habe
+ansehen m&uuml;ssen. Ich sei ja freilich nicht mehr der
+tapsige Junge von einst gewesen, &uuml;ber den sie damals
+beide so viel gelacht h&auml;tten, sondern habe mich gemausert
+und zu einem gewandten, t&uuml;chtigen Gesch&auml;ftsmann
+entwickelt, dem es auch an geselligen
+Tugenden nicht mangle bis zu einem gewissen Grad.
+Sie habe auch bald gesehen, wie der Onkel besonders
+viel Wert darauf lege, da&szlig; ich der Gemahl und zugleich
+(oder vielmehr zuv&ouml;rderst) der Gesch&auml;ftsinhaber
+werde. Er habe es ihr nicht so gesagt, aber sie
+habe es selber gewu&szlig;t, da&szlig; seine Vorliebe f&uuml;r mich
+haupts&auml;chlich daher komme, da&szlig; ich, arm und ohne
+Anhang, wenigstens ohne solchen, der in Betracht
+komme, in allem gef&uuml;gig und abh&auml;ngig bleiben werde,
+trotz meiner T&uuml;chtigkeit, so da&szlig; ich dann so eine Art
+von Prinzregenten darstellen k&ouml;nne, was ihm alles
+in den Kram gepa&szlig;t habe.</p>
+
+<p>Sie habe sich innerlich freilich gekr&auml;nkt, denn ich
+habe ihr nicht gen&uuml;gen k&ouml;nnen nach dem Geliebten,
+obgleich das ja nicht so leicht einer gekonnt h&auml;tte,
+sie habe sich aber offen gesagt, da&szlig; es nun auch
+darauf nicht ankomme, denn sie wisse ja, was sie
+wolle.</p>
+
+<p>Trotzdem habe es ihr oft vor dem Tage gegraut,
+an dem ich kommen und um sie anhalten w&uuml;rde, denn
+<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">311</a></span>Heirat sei immerhin Heirat, auch wenn es ohne
+gegenseitige Liebe abgehe. Man gebe sich einem
+Manne doch in die Hand, das habe sie sich nicht
+verborgen.</p>
+
+<p>Es sei aber dann ganz anders gekommen.</p>
+
+<p>Sie habe immer wieder aufs neue unter der
+Trennung von ihm gelitten, und zwar je l&auml;nger je
+mehr, denn es gehe doch nicht so, wie man meine
+mit der Liebe, die Wurzel sitze tief. Sie habe ihn
+oft gerufen, wo er auch sei in der Welt, und so sei
+sie auch eines Tages im Weinberg gesessen und habe
+sehnlich an ihn gedacht, den sie doch nicht habe zur&uuml;ckholen
+k&ouml;nnen, da es ja nachher das gleiche gewesen
+w&auml;re wie zuvor.</p>
+
+<p>Da sei das Verh&auml;ngnis erschienen, urpl&ouml;tzlich,
+und zwar ganz verwandelt gegen sonst, nicht mehr
+der h&uuml;bsche, freundliche Junge mit dem weichen Kindergesicht
+und den heiteren blauen Augen, sondern
+ganz gl&uuml;hend und bebend vor Leidenschaft, die sie
+gar nicht hinter mir gesucht h&auml;tte. Er habe sie mit
+Liebesworten &uuml;bersch&uuml;ttet, aber noch viel mehr mit
+dem Gluthauch seines Wesens, und habe augenblickliche
+Antwort von ihr verlangt, ob sie die Seine sein
+wolle, so da&szlig; sie vor uns&auml;glichem Staunen nicht habe
+die Augen abwenden k&ouml;nnen. Es sei aber dann &uuml;ber
+sie gekommen, da&szlig; er mit den hei&szlig;en Wogen seiner
+Leidenschaft die Sehnsucht, unter der sie so sehr gelitten
+habe, zugedeckt oder auf eine Weile weggesp&uuml;lt
+habe, und sie habe sich mit geschlossenen
+Augen wie in einen Abgrund gleiten lassen auf
+der Flucht vor ihm, dem Geliebten.</p>
+
+<p>Das habe freilich nicht lang dauern k&ouml;nnen,
+denn sie habe ja sogleich wieder gesp&uuml;rt, da&szlig; sie nichts
+<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">312</a></span>f&uuml;r mich f&uuml;hle, was auch nie anders geworden sei.</p>
+
+<p>Nur eine gewisse Bewegung habe sie hie und
+da empfunden, wenn ich sie mit so unentwegten
+Hoffnungsblicken angesehen habe, denn bei mir sei
+es echt, und sie wisse, da&szlig; ich leide unter ihrer Kargheit.
+Dann sei sie gut und freundlich mit mir gewesen.
+Manchmal aber reize es sie auch zu zorniger
+Ungeduld, da&szlig; ich mit selbstsicherem Wartenk&ouml;nnen
+Liebe von ihr erwarte, so als ob ich d&auml;chte:
+Ich bekomme dich ja doch noch. Es w&auml;re vielleicht
+besser, wenn ich sie nicht so sehr liebte, da dann jedes
+von uns auf seine Kosten k&auml;me, denn es werde ja
+nicht, wie ich meine; sie werde mich schon im Schach
+zu halten wissen, soweit sie wolle. Sie richte sich ihr
+Leben ein, wie sie es n&ouml;tig habe, das sehe er daran,
+da&szlig; sie die gro&szlig;e Hochzeit halten werde, denn so
+sei sie einmal, da&szlig; sie Luxus und Gesellschaft brauche;
+sie wolle das gro&szlig;e Opfer nicht umsonst gebracht
+haben.</p>
+
+<p>Sie sprach schnell, mit erregtem Atem, wie um
+alles los zu werden.</p>
+
+<p>Dann wieder habe sie Respekt davor, da&szlig; ich so
+an ihr hange, so ernst und ehrlich. Sie denke oft,
+es w&auml;re gut, wenn wir einmal Mann und Frau
+w&auml;ren, denn dieser Brautstand sei eine Kom&ouml;die,
+und es werde nachher alles besser sein.</p>
+
+<p>&bdquo;Oder wenigstens,&ldquo; setzte sie z&ouml;gernd hinzu, &bdquo;war
+es so, bis du wieder kamest und alles neu aufwecktest.
+Es w&auml;re wohl alles recht geworden ohne das. Ich
+hatte die besten Vors&auml;tze.&ldquo;</p>
+
+<p>Er sah sie immerfort an. Sie verwirrte sich
+unter seinem standhaften Blick.</p>
+
+<p>Es war, als ob er sie zu sich heranz&ouml;ge. &bdquo;Und
+<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">313</a></span>nun?&ldquo; fragte er. &bdquo;Nun hast du die gro&szlig;e Hochzeit
+eingerichtet und wirst sie halten, nicht?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun wirst du mir zu m&auml;chtig. Ich wei&szlig; nicht
+mehr, was ich kann und soll, du wendest alles in mir
+um. Du h&auml;ttest nicht mehr kommen sollen. Ich gehe
+umher und verachte mich, weil ich wie eine gemeine
+Dirne eine Liebschaft habe hinter dem Mann, der
+mir vertraut und ein Ehrenmann ist, ich, Eleonore
+Bitterolf, die einst so stolz war. Ich mu&szlig; es wieder
+sein k&ouml;nnen, ich halte das nicht aus. Nein, sch&uuml;ttle
+nicht den Kopf. Ich habe ihn freilich nicht belogen;
+ich habe nie getan, als ob ich ihn liebte. Und ich
+habe dir nichts gegeben, keinen armen Ku&szlig; mehr.
+Nichts als meine Gedanken, nichts als mein Herzklopfen
+bei Tag und Nacht, und mein Geigenspiel,
+das ihm nie geklungen hat, und&nbsp;&ndash;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Komm,&ldquo; sagte er und breitete die Arme aus.
+&bdquo;Und dein Herz? Ist es nicht so?&ldquo;</p>
+
+<p>Sie tat einen z&ouml;gernden Schritt nach ihm hin.
+Wenn ich mir einmal gew&uuml;nscht hatte, sie erregt
+zu sehen, von einem starken Gef&uuml;hl &uuml;bermannt, so
+konnte ich das nun haben. Sie sah prachtvoll aus,
+ganz durchgl&uuml;ht von innerem Feuer und doch zerrissen,
+stolz und unterjocht zugleich.</p>
+
+<p>Ich konnte es nicht hindern, da&szlig; ich einen st&ouml;hnenden
+Laut ausstie&szlig;. Sie h&ouml;rten mich aber nicht. Sie
+sahen nur einander an. Es fielen jetzt gro&szlig;e, schwere
+Tropfen. &bdquo;Geh'!&ldquo; h&ouml;rte ich Eleonore auf einmal
+sagen. Es klang hart und hochm&uuml;tig. Das Feuer
+in ihrem Gesicht erlosch. Sie wurde wieder das Steinbild,
+das ich kannte.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, mein Herz nicht. Ich mu&szlig; es f&uuml;r mich
+behalten. Ich h&auml;tte dich nicht mehr sehen sollen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">314</a></span>Geh' jetzt, folge mir nicht ins Haus. Ich will wenigstens
+ich sein, so viel ich auch daf&uuml;r bezahlen mu&szlig;.
+Es wird wohl von uns dreien keiner gl&uuml;cklich sein,
+aber es kommt schlie&szlig;lich auch nicht darauf an.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie ging dem Hause zu, langsam. Er folgte ihr
+nicht. Er ging die schmalen Staffeln hinunter, die
+nach der Stadt f&uuml;hrten, im Regen, der nun herniederstr&ouml;mte.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Ich h&ouml;rte ein Lachen, laut und hart. Wer hatte
+das ausgesto&szlig;en? Ich sah mich um. Es war niemand
+in der N&auml;he. So mu&szlig;te ich es wohl selber
+gewesen sein. Es kam noch einmal, aber diesmal
+war es der Wind. Er lachte, da&szlig; es dr&ouml;hnte. Also
+dies ist nun der Schlu&szlig;, dachte ich, dies ist nun der
+Schlu&szlig;. Ich mu&szlig;te irgendwo hingehen, um mich
+zusammenzulesen, denn es war mir, als sei ich in
+Fetzen gerissen. Es brauste immer st&auml;rker, ich wu&szlig;te
+aber nicht, ob es in mir sei, oder in der Natur. Es
+konnte der Sturm sein, ich fragte aber nicht darnach.
+Ich ging, von dem Hause abgewendet, auf dem Bergkamm
+hin. Der Regen fiel jetzt in dichten G&uuml;ssen
+hernieder. Die Schw&uuml;le war vergangen, aber nun
+war die ganze Welt in nasses Grau eingewickelt,
+das war ganz pl&ouml;tzlich gekommen. Man sah kaum
+vor sich hin, es war aber gleich, ich brauchte nicht mehr
+zu sehen. Es gab da einen grellen Punkt, einen einzigen,
+und ich m&uuml;hte mich, ihn ins Auge zu fassen.
+Aber wenn ich es wollte, dann kam das Lachen wieder,
+vor dem mir graute. Ich blieb stehen und versuchte,
+einen Satz auszusprechen. Er war aber schwer zusammenzubringen,
+ich mu&szlig;te scharf denken. Endlich
+hatte ich ihn und sagte mit schwerer Zunge: &bdquo;Also
+<span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">315</a></span>diese Hochzeit kommt nun nicht zustande.&ldquo; Ich sah
+mich um, ob mir nicht jemand widerspreche. Aber
+die B&auml;ume standen schweigend, der Regen flo&szlig; an
+ihren St&auml;mmen herunter und rieselte auf dem Boden
+weiter. Da sagte ich es noch einmal. &bdquo;Also diese
+Hochzeit kommt nun nicht zustande.&ldquo; Ich ging mit
+eiligen Schritten weiter und h&ouml;rte mich einmal sagen:
+&bdquo;Ich bitte h&ouml;flichst, mir den Kaufpreis zur&uuml;ckzuzahlen.&ldquo;
+Dann dachte ich, ich sei ja wohl verr&uuml;ckt
+geworden, und verbot mir das Denken, es konnte
+ebensogut sp&auml;ter noch geschehen. Es wurde allm&auml;hlich
+dunkel. Ich fand mich auf einer breiten Fahrstra&szlig;e,
+die durch den Wald f&uuml;hrte. Der Sturm hatte aufgeh&ouml;rt,
+es regnete aber weiter. Es handelte sich f&uuml;r
+mich darum, irgendwohin zu kommen, wo ich sitzen
+und nachdenken konnte, denn im Marschieren ging
+es nicht, wie ich merkte. Also schritt ich sch&auml;rfer aus.
+Die Kleider klatschten um mich herum, und in den
+Stiefeln schwappte es beim Gehen vor N&auml;sse. Pl&ouml;tzlich
+blieb ich stehen und dachte: &bdquo;Mu&szlig; ich mir nun
+das Leben nehmen?&ldquo; Aber auch diese Entscheidung
+mu&szlig;te ich verschieben, bis ich irgendwo in Ruhe sa&szlig;.
+Es wartete irgendwo ein Platz auf mich, da wollte
+ich mit mir reden. Einmal kam ich an einem Hof
+vorbei. Ein Hund schlug an, Licht schien aus den
+Fenstern unter dem weit vorspringenden Dach, aber
+ich ging schnell weiter, denn im Hellen durfte es nicht
+sein. Es ging zwischen &Auml;ckern hindurch, dann wieder
+durch den Wald, es l&ouml;ste sich eine unb&auml;ndige
+Kraft in mir; es war mir, als k&ouml;nnte ich die ganze
+Welt durchwandern bis zu dem Platz hin, wo ich mit
+mir abrechnen mu&szlig;te. Es wurde schlimm, ich wu&szlig;te
+es. Es ging etwas Furchtbares hinter mir her. Wie
+<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">316</a></span>lang ich so gegangen war, wu&szlig;te ich nicht. Es war
+auf einer Waldbl&ouml;&szlig;e. Der Mond kam einen Augenblick
+zwischen zerrissenen Wolken heraus, als wollte
+er sagen: Da ist es. Es stand eine offene Blockh&uuml;tte
+da, wie sie die Holzknechte zum Unterstand ben&uuml;tzen.
+Da ging ich hinein und legte mich auf die Holzbank,
+die der Wand entlang lief.</p>
+
+<p>Ich wei&szlig; nicht, ob es m&ouml;glich ist, da&szlig; ich geschlafen
+habe mit dem Aufruhr in meinem Innern,
+aber ich fuhr pl&ouml;tzlich empor mit klaren,
+wachen Sinnen. Es sch&uuml;ttelte mich, ich wu&szlig;te nicht,
+war es vor N&auml;sse oder K&auml;lte, oder vor Entsetzen,
+vielleicht war es alles zusammen. Das ist
+nun also das Ende, dachte ich noch einmal. Denn
+es stand alles vor mir, wie ein Bild oder wie
+eine Landschaft, durch die, nachdem sie im Dunkel
+lag, ein heller Blitz hindurchf&auml;hrt, so da&szlig; sie auf
+einen Augenblick bis in die hintersten Gr&uuml;nde erhellt
+ist. Ich hatte keine Veranlassung, irgend jemanden
+zu verachten oder zu befehden; mein Ungl&uuml;ck lag
+in mir selber und war meine Schuld. Eleonore war
+viel klarer und viel wahrer als ich, der ich mir die
+ganze Zeit mein Wesen und Handeln mit einem
+bunten M&auml;ntelchen aus Scheingr&uuml;nden, guten Vors&auml;tzen
+und gewollten Tugenden beh&auml;ngt hatte. &bdquo;Ich
+habe ihn nicht belogen, nie habe ich ihm Liebe geheuchelt,&ldquo;
+hatte sie gesagt. Und ich? O still, wohin
+war ich geraten? Es war nicht daran hinauszusehen
+und nicht gut zu machen. Ich konnte nicht
+zur&uuml;ck und auch nicht vorw&auml;rts, und wenn mich die
+Reue anfiel wie ein Geier, so half das doch nichts.
+Es reichte alles weit zur&uuml;ck, weiter als man sagen
+konnte, und auch das Nachdenken half nichts. Es
+<span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">317</a></span>war auch gar nicht n&ouml;tig, ich wu&szlig;te alles ohnehin
+gut genug. Heiraten konnte ich jetzt nicht und auch
+nicht im Hause bleiben. Und &uuml;berall hatte ich mir
+die Wege versch&uuml;ttet, zu allen Menschen hin, die
+einst mein gewesen waren, und auch zu mir selbst,
+wie ich vordem gewesen war. Es graute mir vor
+dem Leben und auch vor dem Tod. Es war nicht so
+einfach, zu sterben, denn man konnte nicht wissen,
+ob es etwas half. Ich hatte da noch nie recht getraut,
+schon bei andern Menschen nicht, und nun, da
+es mich selbst betraf, war es mir ganz unsicher, ob
+ich dann wirklich tot sein w&uuml;rde, und was etwa nachk&auml;me.
+Doch lag ein kleiner, ferner Trost in dem Gedanken,
+da&szlig; ich das Mittel ja immer noch versuchen
+k&ouml;nne, wenn es gar kein anderes gebe, da ja der
+Tod eine offene T&uuml;r sei, durch die man jederzeit
+eingehen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Es ging schon gegen den Morgen hin. Irgendwo
+her erscholl ein Hahnenschrei, dem ein anderer
+antwortete. Es regnete sachte weiter, und es war
+k&uuml;hl. Ich war auf einer Hochebene; es strich ein
+Wind dar&uuml;ber hin. Als ich aus der H&uuml;tte trat,
+h&ouml;rte ich, wie die nassen B&auml;ume erschauerten und
+ihre Tropfen verspr&uuml;hten. Ich besann mich, wo ich
+sei und was ich tun wolle, und beschlo&szlig;, dem Hahnenschrei
+nachzugehen bis in ein Dorf, wo ich dann
+den Weg erfragen k&ouml;nne. Es war alles so entsetzlich
+w&uuml;st und leer in mir; ich h&auml;tte gern geschlafen, wenn
+ich nicht gewu&szlig;t h&auml;tte, da&szlig; ich dann wieder aufwachen
+m&uuml;sse, und wenn mich nicht das starke Gef&uuml;hl der
+K&auml;lte und N&auml;sse getrieben h&auml;tte, eine Abhilfe zu
+suchen. So ging ich denn weiter, aber nicht mehr
+mit der Kraft der Erregung von vorher, sondern mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">318</a></span>schweren F&uuml;&szlig;en, die sich widerwillig einer vor den andern
+setzten. Als es Tag war, fand ich mich in einem
+Dorf, das an einer kleinen Seitenbahn lag. Ich
+ging in ein Wirtshaus und trank Kaffee. Die Wirtin
+sah mich verwundert an und sagte teilnehmend:
+&bdquo;Sind Sie krank?&ldquo; und ich sch&uuml;ttelte den Kopf, dachte
+aber, ich sei es doch und f&uuml;rchtete nun pl&ouml;tzlich, nicht
+mehr weiter zu k&ouml;nnen, da sich ein dumpfer Druck
+&uuml;ber mir auszubreiten begann. Ich mag wohl stundenlang
+an dem Wirtstisch gesessen sein, und die
+Wirtin begann besorgt zu werden. Sie sagte, der
+Doktor fahre nachher durch, sie wolle ihn hereinrufen,
+und sie wolle meine Kleider trocknen. Aber ich
+raffte mich auf und ging, und als ich an dem kleinen
+Bahnhof war, sah ich von fernher ein kleines Lichtlein
+durch den &uuml;berhand nehmenden Nebel meiner
+Gedanken scheinen: Ich wollte heimfahren. Es war
+mir, als warte der Alkoven noch auf mich, in dem ich
+als Kind geschlafen hatte, unter dem Strohblumenkranz
+mit dem Bild des Vaters. Das war nicht der
+Fall, aber irgendwie war ich doch daheim dort in der
+Stadt. Die Mutter war nicht mehr da. Aber die
+Schwestern. Es stach und brannte, als ich das dachte,
+aber das Verlangen war gr&ouml;&szlig;er als alles. Ich sa&szlig; in
+der Bahn und dachte das eine Wort: Heimgehen. Dort
+kam alles &Uuml;brige, ich mu&szlig;te nur einmal in meiner
+Kammer geschlafen haben. Das Klingelb&auml;hnchen fuhr
+so langsam, es war mir, als komme ich nicht mehr an.
+Ich wartete wieder auf einem Bahnh&ouml;fchen und sa&szlig;
+endlich im Zug, der nach meiner Vaterstadt fuhr.
+Wie ich von der Bahn nach Hause gekommen bin,
+wei&szlig; ich nicht mehr. Es war schon Licht in der
+Schreinerwerkstatt. Ein kleines B&uuml;bchen spielte unter
+<span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">319</a></span>der T&uuml;r mit Holzkl&ouml;tzen. Drinnen bei dem Mann
+sah ich Helene stehen, sie hatte das Kleinste auf dem
+Arm. Ich ging leise durch die offene Haust&uuml;r und
+machte die Flurt&uuml;r auf. Eine kleine Schelle klingelte
+atemlos an der T&uuml;r; da kam Luise aus der B&uuml;gelstube
+und sah mich. Sie machte die T&uuml;r hinter sich
+zu und ergriff mich stumm an der Hand. &bdquo;Bist du
+da?&ldquo; sagte sie und umfa&szlig;te alles, was an mir war
+mit einem einzigen Blick, ohne nach irgend etwas
+zu fragen.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Ich lag in ihrer Stube und in ihrem Bett, das
+vordem das unserer Mutter gewesen war, aber ich
+wu&szlig;te es nicht. Ich ging in schweren Tr&auml;umen durch
+unterirdische G&auml;nge, um jemanden zu suchen, den ich
+um Lebens und Sterbens willen finden mu&szlig;te.
+Manchmal war es meine Mutter und manchmal
+Maidi, manchmal auch der Zeitler. Aber wenn ich
+eins von ihnen von weitem sah, so war es doch nur
+von hinten, und es ging durch eine T&uuml;r, die sich in
+der Mauer auftat und wieder hinter ihm schlo&szlig;.
+Ich wollte rufen und konnte nicht, ich stemmte mich
+gegen die T&uuml;r, um sie zu &ouml;ffnen, und mu&szlig;te machtlos
+davon ablassen. Oder sie &ouml;ffnete sich, und irgend
+ein anderer Mensch trat mir entgegen, der mich aufhielt,
+indes das Gesuchte schon wieder in halber
+Dunkelheit lautlos verschwand. Einmal war es Rosa,
+das Dienstm&auml;dchen der Pfarrerswitwe, bei der Maidi
+wohnte. Sie gr&uuml;&szlig;te mich mit vertraulichem L&auml;cheln
+und hatte Maidis blaugepunktetes Sommerkleid an,
+und auch das Samtb&auml;ndchen war wie einst durch die
+Spitze am Halsausschnitt gezogen. &bdquo;Wissen Sie es
+nicht?&ldquo; sagte sie. &bdquo;Das Fr&auml;ulein ist lebendig begraben
+<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">320</a></span>worden. Es ist ja aber gleich, es gibt noch andere.&ldquo;
+Sie dr&auml;ngte sich an mich, und ich sp&uuml;rte ihre
+volle Brust an meiner und ihre Arme um meinen
+Hals. Ich wollte mich wehren, da ich soeben von
+weitem Maidi gehen sah mit geschlossenen Augen
+und schlicht herabh&auml;ngendem Haar, und ich sie
+zu errufen hoffte; aber kn&ouml;cherne Finger dr&uuml;ckten
+mir die Gurgel zu, so da&szlig; mir die Luft ausgehen
+wollte, und ich sah ein Gesicht &uuml;ber mir, das mich
+aus starren Augen schrecklich anblickte, und h&ouml;rte
+von weitem Eleonore sagen: &bdquo;Die Tischkarten m&uuml;ssen
+zuerst geschrieben sein,&ldquo; was mir klang wie ein
+Todesurteil.</p>
+
+<p>Inmitten der jagenden und sich &uuml;berst&uuml;rzenden
+Bilder und Gedanken, die aus einem unersch&ouml;pflichen
+unterirdischen Brunnen zu str&ouml;men und sich
+&uuml;ber mich zu ergie&szlig;en schienen, sp&uuml;rte ich manchmal
+eine k&uuml;hle und sanfte Decke, die sich &uuml;ber alles breitete
+und die Bilder ausl&ouml;schte, so da&szlig; eine wohlt&auml;tige
+Dunkelheit mich umfing und ich sachte und
+tief hinuntersank in ein Nichtwissen, das ich nur wie
+von ferne als etwas Gutes empfand. Ich m&uuml;hte mich
+hie und da, die Augen aufzumachen, um die Decke
+zu sehen, die mir von purpurroter Farbe zu sein
+schien und sich leicht und weich anf&uuml;hlte, aber ich
+konnte die Lider nicht heben. Doch h&ouml;rte ich dann
+halblaut gesprochene Worte, die mich seltsam beruhigten,
+obgleich ich sie nicht verstand, und schlief
+unter ihnen ein, wenn ich so sagen soll, da ich ja
+nie wach war, bis mich neue Traumbilder, die mein
+kochendes Blut auf dunklen Bahnen herzutrug, zu
+neuen M&uuml;hsalen aufschreckten. Dann war es einmal
+lange schwarz und k&uuml;hl. In einer Nacht schlug ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">321</a></span>die Augen auf. Ich glaubte soeben unz&auml;hlige Staffeln
+aus unendlicher Erdtiefe emporgestiegen und aufs
+h&ouml;chste erm&uuml;det auf die oberste niedergesunken zu
+sein, und war nun verwundert, mich im Bett zu finden
+in einer Umgebung, die mir bekannt vorkam,
+die ich mir aber nicht mit mir selbst zusammenreimen
+konnte. Auf dem Tisch an der n&auml;chsten Wand stand
+brennend eine kleine Lampe mit gr&uuml;ner Glasglocke,
+und neben ihr lag ein schlafender Kopf mit schweren
+Z&ouml;pfen, auf ausgebreitete Arme hingelagert. Ich
+hatte die schwierige Aufgabe, herauszubringen, wem
+er geh&ouml;re, aber in diesem Augenblick hob er sich und
+sah zu mir her&uuml;ber. Es war meine Schwester Luise.
+Sie stand auf und kam zu mir her. &bdquo;Ach, da bist du,&ldquo;
+sagte sie mit gl&uuml;ckseligem Ausdruck, und auf einmal
+rannen ihr die Tr&auml;nen stromweis &uuml;ber die Wangen.
+Davon verstand ich nichts. Ich betrachtete sie aufmerksam,
+bis mir die Augen wieder zufielen und
+ich tief einschlief.</p>
+
+<p>So kehrte ich nun wieder in die Wirklichkeit zur&uuml;ck,
+die sich nach und nach bei mir anmeldete mit
+Ger&auml;uschen und Lichtern des Tages, die ich wahrnahm,
+ohne ganz wach zu sein, bis sich die Nebel,
+die mein Denken und F&uuml;hlen noch umgaben, auf
+einmal lichteten und ich mit j&auml;hem Erschrecken meiner
+selbst und der j&uuml;ngsten Vergangenheit bewu&szlig;t wurde.</p>
+
+<p>Sie war aber nicht mehr ganz so jung, wie ich
+meinte, denn ich war wochenlang krank gewesen, ohne
+es zu wissen. Luise erz&auml;hlte mir, da&szlig; ich viel gesprochen
+und auch gegessen und getrunken habe, aber
+ohne jemals mit klarem Blick um mich zu sehen, so
+da&szlig; sie fast noch mehr f&uuml;r meinen Verstand als f&uuml;r
+mein Leben gef&uuml;rchtet habe und darum so ersch&uuml;ttert
+<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">322</a></span>gewesen sei, als ich zum erstenmal mit sichtlichem Bewu&szlig;tsein
+die Augen auf sie gerichtet habe. Sie hatte
+bei mir gewacht und mich gepflegt, und die k&uuml;hle
+Decke, die meine wirren Tr&auml;ume gebannt und zugedeckt
+hatte, war ihre Hand gewesen, die auf meiner
+Stirn geruht und mich stets beschwichtigt hatte, wie
+sie mir einmal gestand, fast besch&auml;mt &uuml;ber die starke
+Wirkung, die sie auf mich aus&uuml;bte, da sie ihr selber
+neu und verwunderlich war. Sie fragte mich nichts,
+sondern brachte Helene her&uuml;ber, die mit dem kleinen
+M&auml;dchen auf dem Arm erschien und wortlos meine
+H&auml;nde streichelte, bis ich, da mir alles nacheinander
+einfiel, was mich beschweren mu&szlig;te, mich nach der
+Wand drehte und st&ouml;hnte.</p>
+
+<p>Mit dem Wachsein wuchs nun die Angst, wie es
+um mich stehe, und ich mu&szlig;te nun anfangen, zu
+reden, obgleich ich lieber wieder ins Unbewu&szlig;te hin&uuml;berged&auml;mmert
+w&auml;re. Da fand es sich, da&szlig; Luise
+genug von mir wu&szlig;te, vielleicht mehr als ich selbst,
+weil ich ohne die Hemmungen der wachen Scham
+fortw&auml;hrend geredet hatte, zwar oft unzusammenh&auml;ngend,
+aber verst&auml;ndlich genug, um sehen zu lassen,
+da&szlig; mir der Garten verhagelt und ich selber mit verw&uuml;stet
+sei. Das alles hatte sie im Tiefsten erbarmt
+und ihr bei aller Ersch&uuml;tterung und Entt&auml;uschung
+aber auch ein warmes Gl&uuml;cksgef&uuml;hl gegeben, weil ich
+mich von meinem Scherbenhaufen weg zu ihr gefl&uuml;chtet
+und mich, wie ich war, in ihre Hut und Pflege
+gegeben hatte.</p>
+
+<p>Nun konnte sie mir mit allerlei Berichten entgegenkommen.
+Ich hatte mich nicht zu Bett bringen
+lassen wollen, eh' ich einen gewissen Brief geschrieben
+h&auml;tte, der vor allem sein m&uuml;sse, hatte aber einen
+<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">323</a></span>Bogen um den andern mit vergeblichen Anf&auml;ngen
+bedeckt und war schlie&szlig;lich fiebernd dar&uuml;ber eingeschlafen,
+worauf dann die eigentliche Krankheit, die
+sich wohl schon lange in mir vorbereitet hatte, ausgebrochen
+war.</p>
+
+<p>Luise, die sogleich sah, da&szlig; es sich bei mir um
+eine gro&szlig;e Ersch&uuml;tterung handle, schrieb nun an
+Herrn Kasimir, da&szlig; ich krank heimgekommen und
+ohne Bewu&szlig;tsein sei, was sie mir, da ich ja jetzt der
+Genesung entgegenging, mit einer kleinen Beimischung
+von Genugtuung erz&auml;hlte, weil sie begreiflicherweise
+keine Sympathien f&uuml;r Eleonore hatte und nun den
+traurigen Triumph erlebte, mich, wo es galt, am
+n&auml;chsten bei sich zu haben.</p>
+
+<p>Darauf war Herr Kasimir hergereist gekommen,
+ohne meine Braut, wie Luise nicht zu sagen verga&szlig;,
+war lange an meinem Bett gesessen und hatte mich
+allerlei gefragt, was ich auch beantwortet hatte, alles
+ohne nachher noch davon zu wissen. Herr Kasimir
+war, was Luise gleichfalls freute, sehr bedr&uuml;ckt und bek&uuml;mmert
+gewesen; besonders als er aus meinen Reden
+erfuhr, was mich fortgetrieben hatte.</p>
+
+<p>Eleonore hatte ihm in der Best&uuml;rzung &uuml;ber mein
+r&auml;tselhaftes Verschwinden und &uuml;ber die Nachricht von
+meiner Erkrankung mitgeteilt, da&szlig; sie sich mit ihrem
+fr&uuml;heren Liebhaber getroffen und ausgesprochen habe,
+da&szlig; sie sich aber nicht denken k&ouml;nne, auf welche
+Weise ich das habe erfahren k&ouml;nnen, obgleich sie annehmen
+m&uuml;sse, da&szlig; es so sei, was er ja nun best&auml;tigt
+fand, ohne zu wissen, wie sehr ich selber gerichtet
+und in mir zerschlagen sei. Im Gegenteil glaubte nun
+er und auch Eleonore, ich sei in meiner gro&szlig;en
+Liebe zu dem M&auml;dchen so tief verwundet worden,
+<span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">324</a></span>da&szlig; ich in Verzweiflung geraten sei, was sie mir
+zugute schrieben als einem tiefen und warmen Gem&uuml;te,
+und was sie den Weg, den es genommen
+hatte, beklagen lie&szlig;. Sie sahen aber wohl ein, da&szlig;
+aus der Hochzeit nun nichts werden k&ouml;nne, und es
+war bereits die Nachricht eingelaufen, da&szlig; Eleonore
+f&uuml;r l&auml;ngere Zeit verreise, um dem Gerede in der
+Stadt aus dem Wege zu gehen, w&auml;hrend Herr Kasimir
+nun aufs neue angebunden sei, bis sich f&uuml;r ihn
+eine L&ouml;sung finde. Er habe, sagte Luise mit Stolz,
+gejammert, da&szlig; er mich nun wohl auch verlieren
+m&uuml;sse, wobei ihr die Augen dar&uuml;ber aufgegangen
+seien, da&szlig; meine Berufung in das Haus Hagenau,
+&uuml;ber die sie sich so gefreut hatte, einem doppelten
+Zweck gedient habe.</p>
+
+<p>&bdquo;Man hat dich,&ldquo; sagte sie, &bdquo;eingefangen f&uuml;r die
+stolze Jungfer, und du bist ahnungslos ins Garn
+gegangen, weil du ein guter und harmloser Mensch
+bist; jetzt, wo nichts aus der Heirat werden kann,
+f&auml;llt auch die Notwendigkeit, dich im Gesch&auml;ft zu
+haben, dahin. Du wirst aber, wenn du doch so
+t&uuml;chtig bist, schon etwas anderes finden.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich h&ouml;rte das alles an, ohne etwas darauf zu
+sagen, es senkte sich aber immer schwerer und tiefer
+eine abgr&uuml;ndige Traurigkeit auf mich herab, die
+noch dadurch vermehrt wurde, da&szlig; Luise es vermied,
+mir auch nur den kleinsten Vorhalt &uuml;ber meine
+Handlungsweise gegen sie zu machen, oder die Rede
+auf Maidi zu bringen, sondern nur mit gro&szlig;er Zartheit
+und G&uuml;te um mich war und alles sagte, was
+mich beruhigen und tr&ouml;sten konnte ihrer Meinung
+nach. Vielleicht hielt sie mich f&uuml;r sehr schwach und
+schonungsbed&uuml;rftig oder auch f&uuml;r genug gestraft, wo
+<span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">325</a></span>ich etwa tadelhaft gehandelt habe. Sie hatte, wie ich
+wohl merkte, eine wenig gute Meinung von Eleonore,
+mit der sie sich nach und nach hervorwagte, so
+lang ich nicht widersprach, und war geneigt, sie f&uuml;r
+herzlos, kalt und falsch, und mich f&uuml;r umgarnt und betrogen
+zu halten, was ich endlich nicht mehr aushielt.
+Es war an einem sp&auml;ten Abend. Luise hatte mich
+f&uuml;r die Nacht besorgt und wollte sich zur&uuml;ckziehen,
+da es nicht mehr n&ouml;tig war, bei mir zu wachen, als
+ich ihre Hand ergriff und sagte: &bdquo;Ich bin selber an
+allem schuld; es trifft keinen Menschen ein Vorwurf,
+als mich,&ldquo; was auszusprechen mich aber einen solchen
+Kampf und Krampf kostete, da&szlig; ich das bi&szlig;chen
+Kraft, das mir noch blieb, zusammenraffen mu&szlig;te,
+um nicht fassungslos hinauszuweinen.</p>
+
+<p>Ich kehrte mich nach der Wand und verbarg mein
+Gesicht. Luise aber stellte die Lampe, die sie schon
+in der Hand hatte, auf den Tisch und setzte sich
+auf meinem Bettrand, um still zu warten, bis sich
+die hohen Wellen in mir gelegt h&auml;tten oder wenigstens
+mich ihres Dabeiseins zu versichern.</p>
+
+<p>Es wurde mir aber, nachdem ich jetzt angefangen
+hatte, nicht mehr so schwer, ja, es schien mir
+eine Erl&ouml;sung, mir vom Herzen herunterzureden,
+was da angesammelt war. Ich schonte mich nicht
+und besch&ouml;nigte auch nichts von allem, was mein
+blindes und selbsts&uuml;chtiges Wesen an mir selbst und
+andern angerichtet hatte, und mein lang beschwichtigtes
+und unterdr&uuml;cktes Herz kam wieder einmal
+zu Worte, ohne da&szlig; ich ihm das Reden verbot, was
+ihm zu gleicher Zeit wohl und weh tat. Das will ich
+nun nicht mehr alles heraufholen. So wenig ich
+wollte, da&szlig; ich diese Stunde nicht erlebt h&auml;tte, so
+<span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">326</a></span>wenig k&ouml;nnte ich noch einmal ausbreiten, was mir
+unter Schauern und Schrecken als mein Ich gezeigt
+worden war wie im Spiegel. Es waren oft genug
+Boten des lebendigen Lebens an meinem Weg gestanden,
+und es hatte mich auch etwas zu ihnen gezogen,
+aber ich war dennoch dem &Auml;u&szlig;erlichen und
+Niedrigen in mir nachgegangen, dem ich noch wackere
+und t&uuml;chtige Namen gegeben hatte, um es vor mir
+aufzuputzen. Die falsche Richtung der W&uuml;nsche und
+Begierden hatte ich schon lange eingeschlagen, und
+was ich diesen Sommer getan hatte, das war alles
+nur als reife Frucht vom Baum gefallen. Dabei
+konnte ich nicht sagen: &bdquo;Da und da hat es angefangen
+und von da an mu&szlig;t du bereuen,&ldquo; sondern es war
+eines aus dem andern gekommen wie aus einer
+Wurzel in aller heimt&uuml;ckischen Ehrbarkeit und Strebsamkeit.
+Ich hatte Maidi verlassen und Eleonore
+belogen und die Schwestern verleugnet und in allem
+noch recht gehabt wie ein Tugendmensch und braver
+B&uuml;rger, weil ich ja doch kein Wort gebrochen und
+keinen falschen Eid geschworen hatte. Es war nicht
+auf den Grund zu kommen mit dem tr&uuml;ben Wasser,
+und ich schwieg endlich, mutlos und ersch&ouml;pft, aber
+mit einem Frageblick in Luisens gutes und aufrichtiges
+Gesicht hinein, ob sie vielleicht weiter wisse.</p>
+
+<p>Sie sah schon lange, da&szlig; es da mit Beschwichtigen
+und Rechtgeben nicht gemacht sei; sie nickte, solang
+ich sprach, hie und da nachdr&uuml;cklich und ernsthaft
+mit dem Kopf, als ob sie danebenher ihre
+eigene Gedankenf&auml;den spinne. Das war auch so, wie
+ich gleich sah.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, lieber Ludwig,&ldquo; sagte sie, &bdquo;da mu&szlig; ich
+jetzt auch anfangen mit Bekennen und Bereuen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">327</a></span>wenn ich so sagen soll. Ich habe mir schon viel Gedanken
+und Herzbrechen gemacht deinetwegen, mit
+Helene und auch allein. Vielleicht sind wir an dem,
+was du da sagst, alle miteinander schuldig. Du bist
+uns von klein auf gewesen wie ein goldener Becher,
+in den wir alle hineingesehen haben mit Stolz und
+Hoffnung und auch mit Liebe. Aber die Liebe hat es
+vielleicht nicht recht gemacht bei uns. Wir haben dir
+alles zu leicht gemacht und alles entgegengetragen,
+nach was es dich verlangt hat. Wenn wir gedacht
+haben, da&szlig; du es weit bringen sollest auf der Welt,
+so haben wir nicht an deine Seele gedacht, sondern
+an Ehre und Fortkommen und gutes Bestehen vor
+den Menschen. Und auch an uns haben wir gedacht,
+da&szlig; einer aus unserem Haus hervorgehe, der mehr
+sei und h&ouml;her stehe als wir, und es ist ein Ehrgeiz
+in uns gewesen, dich dahin zu bringen. Das andere
+freilich, das hat sich f&uuml;r uns von selber verstanden,
+da&szlig; wir an dir Teil haben und du zu uns geh&ouml;rst,
+und da&szlig; du ein Mensch werdest, an dem man seine
+Freude haben k&ouml;nne. Die Mutter hat sich oft gesorgt
+um dich und gek&uuml;mmert, ob alles recht werde. Da
+haben wir deine Partei genommen und gesagt, es
+sei ein Unrecht, daran zu zweifeln. Man m&uuml;sse dir
+nur immer zeigen mit der Tat, da&szlig; du einem wichtig
+seiest und wert, so kommest du nie von uns los.
+Dann, wie wir dich allein gehabt haben, ist es auf
+und ab gegangen, das wei&szlig;t du ja. Ich mache dir
+keinen Vorwurf, lieber Ludwig, du machst ihn dir ja
+selber. Das erbarmt mich und erfreut mich auch,
+wenn ich ehrlich sein soll, denn ich h&auml;tte es nicht tun
+k&ouml;nnen, ich habe es nie gelernt, dir so etwas zu
+sagen. Sieh, es haben dich immer alle Leute gern
+<span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">328</a></span>gehabt, wo du auch hingekommen bist, weil du so die
+Anlagen gehabt hast, da&szlig; du heiter und gesellig
+und auch gescheit gewesen bist. Das ist dir alles
+ganz nat&uuml;rlich gewesen, als ob es so sein m&uuml;&szlig;te.
+Ich sehe alles, wie es gekommen ist, eins aus dem
+andern. Es ist wie bei kleinen Kindern: man mu&szlig;
+ihnen hartes Brot zu bei&szlig;en geben, da&szlig; sie feste
+und gesunde Z&auml;hne bekommen. Es ist nichts, wenn
+man es einem Menschen zu gut macht, er mu&szlig; es mit
+der Not zu tun haben und mit M&uuml;he und Sorge,
+damit er sieht, was es f&uuml;r eine ernste Sache ist um
+das Leben. Sonst geht ihm alles obenhin, und er
+meint, es sei sein Recht, da&szlig; es so fortgehe.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich hatte Luise noch nie so viel auf einmal reden
+h&ouml;ren, da sie sonst eher still war als gespr&auml;chig, und
+ich merkte, da&szlig; es ihr eine Wohltat und eine Vereinigung
+mit mir bedeutete, sich einmal &uuml;ber all das
+auszusprechen.</p>
+
+<p>Sie l&ouml;schte die Lampe, die anfing zu rauchen
+und zu spucken und fuhr beim Scheine des kleinen
+Nachtlichts, das sie mir angez&uuml;ndet hatte, fort:</p>
+
+<p>&bdquo;Als dann Maidi zu uns kam in der Zeit, da
+du eine so erw&uuml;nschte Lebensstellung gefunden hattest
+und ein gemachter Mann zu sein schienest, da waren
+wir voller Freude. Es deuchte uns ein besonderer
+Segen auf dir zu liegen, der dich durch alle Gefahren
+und Versuchungen hindurch dennoch zu einem guten
+Ziele f&uuml;hre, und wir sagten zueinander, es sei gewi&szlig;
+die Mutter, die von dr&uuml;ben her&uuml;ber &uuml;ber dir wache,
+obgleich Helene dann hinzuf&uuml;gte, du habest ja jetzt
+den besten, sichtbaren Schutzengel um dich und brauchest
+keinen andern mehr. Denn wir meinten nicht
+anders, als es sei zwischen euch ein Einverst&auml;ndnis,
+<span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329">329</a></span>was allerdings nur davon herkam, da&szlig; uns das liebe
+M&auml;dchen gar so gut gefiel und da&szlig; wir ihm anmerkten,
+es sorge sich um dich und sehne sich nach deinen
+Nachrichten.&ldquo;</p>
+
+<p>Als Luise das erz&auml;hlte, konnte ich nicht verhindern,
+da&szlig; mir ein tiefer Seufzer entstieg, und sie
+meinte aufh&ouml;ren und mich der Nachtruhe &uuml;berlassen
+zu m&uuml;ssen, sah aber dann selber ein, da&szlig; ich, &uuml;berwach
+und erregt, doch nicht schlafen k&ouml;nne, ehe wir unser
+Gespr&auml;ch zu Ende gef&uuml;hrt h&auml;tten, und sagte: &bdquo;In der
+ungl&uuml;cklichen Zeit, die dich und uns so viele Schmerzen
+gekostet hat, tr&auml;umte mir einmal, da&szlig; die Mutter
+vor dem alten H&auml;uschen am Graben auf dem B&auml;nklein
+sitze und zu mir sagte: &sbquo;Es wird ihm nichts geschenkt,
+er mu&szlig; alles teuer zahlen. Man h&auml;tte ihn
+sollen als klein h&auml;rter halten, denn es kommt jetzt
+doch alles auf ihn heraus.&lsquo; Da wu&szlig;te ich, da&szlig; etwas
+Schweres auf dich wartet, und als du krank und elend
+heimkamst, war ich nur froh, da&szlig; ich dich da habe,
+denn es war mir, als sei das &Auml;rgste schon vorbei, und
+es komme nun wieder besser. Und du wirst sehen,
+es kommt auch.&ldquo;</p>
+
+<p>Dabei sah sie mir mit einem Anflug von Hoffnungsfreude
+und fast Schelmerei in die Augen, und
+ich wu&szlig;te, da&szlig; sie nun denke, es k&ouml;nne vielleicht, da
+ich nun frei sei, wieder ein Weg von mir zu Maidi
+hin gefunden werden, was ihr nicht nur ein Gl&uuml;ck
+an sich, sondern auch ein Beweis gewesen w&auml;re, da&szlig;
+nun das z&uuml;chtigende Schicksal seinen Grimm &uuml;ber mir
+ersch&ouml;pft h&auml;tte und mich fortan durch G&uuml;te auf freundlichen
+Pfaden zum vollen Leben hin zu f&uuml;hren gedenke.
+So lie&szlig; sie mich, obgleich erregt und aufgew&uuml;hlt,
+doch nicht ohne ein kleines Fl&auml;mmchen zur&uuml;ck,
+<span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330">330</a></span>das, wie das winzige Nachtlicht an die dunklen
+W&auml;nde meiner Schlafkammer, blasse und sich tr&ouml;stlich
+vermehrende Lichtringe in die Nacht meines
+Innern warf. Das hatte schon sehnlich darauf gewartet,
+da&szlig; es noch einmal hoffen d&uuml;rfe, und fing
+begierig an, wenn auch noch zaghaft und scheu, sich
+der Entfernten, in der Zeit der Untreue am meisten
+Geliebten zu n&auml;hern.</p>
+
+<p>Ich war noch fiebrig und schwach und zu nichts
+f&auml;hig, als vor mich hin zu tr&auml;umen, meistens mit geschlossenen
+Augen. Manchmal &uuml;berfielen mich dabei
+die dunklen Geister der Vergangenheit. Es reute
+mich die Zeit, die mir verloren gegangen war, die
+Umwege, die ich gemacht hatte. Mein Stolz b&auml;umte
+sich auf, wenn ich daran dachte, wie Eleonore und
+der Doktor &uuml;ber mich gesprochen hatten. Olbrich fiel
+mir ein, und Hertha, und der Zeitler. Ich war &uuml;berall
+unten durch; sie hatten alle recht, wenn sie auf
+mich heruntersahen, und ich w&uuml;nschte, nie mehr aufzustehen.
+Aber &ouml;fter und &ouml;fter gewann meine genesende
+Seele die Macht, sich vor dem Dunkeln zu
+fl&uuml;chten. Ich konnte noch nicht an Maidi schreiben,
+und es war mir, als k&ouml;nne ich es &uuml;berhaupt nicht,
+als m&uuml;sse ich zu ihr gehen und ihr alles sagen,
+und sie w&uuml;rde mich nicht von sich weisen, denn sie
+liebte mich, wie ich war. Ich lie&szlig; mir von Luise erz&auml;hlen,
+was sie von mir gesagt hatte, als sie dagewesen
+war. Luise sagte l&auml;chelnd: &bdquo;Sie meinte, du
+seiest dir selber gef&auml;hrlich und eigentlich gar kein
+Kraftmensch, aber sie machte ein so liebes Gesicht
+dazu, als ob ihr gerade das das liebste an dir sei.
+Das kann auch sein, denn ich glaube, sie hat das
+Sichere und Bestimmte, das dir manchmal fehlt, und
+<span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331">331</a></span>das will sich gern mit dir vermischen. &Uuml;berhaupt ist
+sie ein Mensch, der lieben kann und sich nicht besinnt,
+welche Eigenschaften ihr Geliebter haben soll; sondern
+sie liebt, weil sie liebt, und aus keinem andern
+Grunde.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Hat sie dir denn das gesagt?&ldquo; fragte ich verwundert.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagte Luise, &bdquo;so etwas brauchen wir
+Frauen einander nicht zu sagen, das merken wir
+auch so.&ldquo;</p>
+
+<p>Dieses Gespr&auml;ch war mehr als Arznei f&uuml;r mich.
+Ich f&uuml;hlte neuen Saft in mir aufsteigen und sah den
+Baum meines Lebens wieder Knospen treiben. Drau&szlig;en
+ging der Oktober zu Ende mit sonnigen, warmen
+Tagen, hinter denen der Winter kommen mu&szlig;te, ich
+aber rief mir den Fr&uuml;hling herauf, der gewesen war,
+und sch&ouml;pfte aus ihm die Hoffnung auf einen neuen.</p>
+
+<p>Ich dachte daran, wie Maidi von ihrer Mutter
+geredet hatte und von ihrer harrenden Liebe, die durch
+nichts ert&ouml;tet werden konnte, und wie die Tochter sich
+einer gleichen f&auml;hig gef&uuml;hlt hatte. Freilich hatte ich
+damals gedacht, Maidi w&uuml;rde nie solche Schmerzen
+erleiden, denn etwas so K&ouml;stliches wie sie w&uuml;rde
+niemand verlassen, der es besitzen k&ouml;nne, und nun war
+ich selber es gewesen, der an ihr ges&uuml;ndigt hatte.
+Aber darum konnte ich doch zu ihr zur&uuml;ckkehren, denn
+sie war treu, daran konnte ich nicht zweifeln. Alles
+andere aber mu&szlig;te sich finden und fand sich auch,
+wenn ich nur wieder mit ihr einig war.</p>
+
+<p>Manchmal kam mir der unsinnige Gedanke, sie
+k&ouml;nne auf einmal zur T&uuml;r hereinkommen und an
+meinem Lager stehen. Ich schlo&szlig; die Augen und sah
+sie vor mir, und mein Herz klopfte ihr entgegen und
+<span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332">332</a></span>gab ihr tausend liebe Namen. So gingen einige
+Tage vorbei, in denen ich kr&auml;ftiger wurde und nach
+dem Aufstehen verlangte, denn es eilte mir auf einmal
+mit dem Gesundwerden. Luise war jetzt wieder
+viel in ihrer B&uuml;gelstube, und eines Tages fiel es
+mir auf, da&szlig; sie bla&szlig; und &uuml;bern&auml;chtig aussehe und
+rotger&auml;nderte Augen habe. Ich schalt mich, da&szlig; ich
+nicht mehr an sie gedacht hatte, die mich mit so gro&szlig;er
+Treue gepflegt und mir zurechtgeholfen hatte, denn
+ich dachte, sie sei &uuml;berm&uuml;det vom Nachtwachen, aber
+als ich sie darauf anredete, l&auml;chelte sie traurig und
+sagte, ich solle mich nicht um sie k&uuml;mmern, sondern
+nur trachten, gesund zu werden, da&szlig; ich dem Leben
+wieder gewachsen sei, denn das verlange viele Kr&auml;fte,
+mehr als man ahne. Das fiel mir auf, da sie sonst so
+zuversichtlich und wacker dastand, und ich dachte, sie
+mache sich Sorgen um mich und mein Fortkommen,
+mehr als sie zeigen wolle, und nahm mir vor, sie so
+recht an allem Guten, das ich doch noch zu erreichen
+hoffte, teilhaben zu lassen, so da&szlig; sie wieder freudig
+aufatmen k&ouml;nne. In diesen Tagen kam Helene viel
+mit den Kindern zu mir, die ich ja noch gar nicht
+kannte, und die man mir seither, um mich zu schonen,
+ferngehalten hatte. Das kleine M&auml;dchen auf ihrem
+Arm, das Maria hie&szlig;, sah mich ernst und aufmerksam
+an, bis auf einmal ein L&auml;cheln das ganze runde Gesichtchen
+&uuml;berzog und es wie in Sonnenschein tauchte,
+w&auml;hrend das B&uuml;bchen sich zuerst in die Rockfalten der
+Mutter verkroch und mich aus ihnen heraus musterte,
+und dann mit Geschrei fortgebracht zu werden begehrte,
+weil ich ihm in meiner Bl&auml;sse und Hilflosigkeit unheimlich
+war. Wir befreundeten uns aber doch nach
+und nach, und bald kam der Kleine, der meinen Namen
+<span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333">333</a></span>trug, auch allein zu mir. Ich setzte ihn auf meine
+Bettdecke und sagte ihm Liedchen vor, die mir aus
+meiner Kindheit her wieder einfielen, von denen er
+aber einige schon kannte und mich berichtigte, da&szlig; ich
+sie nicht recht wisse, die Mutter habe sie ihm anders
+gesagt, und so m&uuml;ssen sie hei&szlig;en. Es war ein fr&uuml;hgewecktes
+und gelehriges Kind mit dunklem Lockenbusch
+und blauen Augen. Man sagte mir, er sei eine
+zweite Auflage von mir, wie ich in seinem Alter gewesen
+sei, und ich dachte daran, da&szlig; mich mein Vater,
+der Erz&auml;hlung nach, auch so vor sich auf der Bettdecke
+sitzen gehabt und mich Liedchen gelehrt habe. Es
+dr&auml;ngte mich eine warme und dunkle Lust, ein eigenes
+Kind aus meinem Blute zu umfassen, und reiche
+Quellen, die neu aufsprangen, str&ouml;mten von mir zu
+Maidi hin, deren Namen ich im Geheimen den
+kleinen Ludwig sagen lehrte.</p>
+
+<p>Ich versuchte das Aufstehen und sa&szlig; zum erstenmal
+in einem Korbstuhl am Fenster, als Lotte Meister
+mich besuchte. Ich dachte, ich m&uuml;sse mich wohl sehr ver&auml;ndert
+haben, da sie mich ernst und bewegt ansah
+und eine meiner zart gewordenen Krankenh&auml;nde behutsam
+zwischen ihre beiden festen und gesunden
+nahm. &bdquo;Du mu&szlig;t jetzt ein fester und starker Mann
+werden,&ldquo; sagte sie; &bdquo;wir warten alle darauf.&ldquo; Es
+schien, als wolle sie mir noch etwas mitteilen, was
+ihr aber nicht &uuml;ber die Lippen wollte, und als ich
+sie fragte, ob sie etwas Besonderes habe, sagte sie
+hastig, sie komme morgen wieder, und k&uuml;rzte ihren
+Besuch ab. Sie trug ein schwarzes Kleid und schien
+zu einer Beerdigung zu gehen, und es l&auml;uteten auch
+gleich nachher die Glocken einer entfernten Kirche zusammen,
+dumpf und schwer. Im Hause war es still;
+<span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334">334</a></span>nur von der Werkstatt her&uuml;ber h&ouml;rte ich das Kreisen
+und Schwirren der Bands&auml;ge, das mit scharfem Ton
+die Luft zerri&szlig;. Die Glocken dr&ouml;hnten; es lag ein
+Nebel &uuml;ber der Gasse, der zusehends dichter wurde;
+mir war schwer und angst zumute. Ich versuchte im
+Zimmer auf und ab zu gehen, um meine Kraft zu
+&uuml;ben, denn ich mu&szlig;te machen, da&szlig; ich bald auf die
+Reise kam, um Maidi zu finden. Sie mu&szlig;te mich
+lossprechen und mit mir eins sein, sonst konnte ich
+nicht neu anfangen zu leben.</p>
+
+<p>Als nach einiger Zeit Luise zu mir kam, sagte ich
+erregt, ich m&uuml;sse mit ihr reden, ich k&ouml;nne es nicht mehr
+verschieben. Ich h&auml;tte die ganze Zeit dar&uuml;ber geschwiegen,
+aber nun halte ich es nicht mehr aus, ich
+m&uuml;sse Maidi wieder gewinnen. Wenn sie wirklich
+zu lieben verstehe, so m&uuml;sse sie auch &uuml;ber alles hin&uuml;berkommen,
+was uns getrennt habe. Ich dachte nicht
+daran, da&szlig; wir uns ja noch gar nie ausgesprochen
+hatten, noch nie in Wirklichkeit geeint gewesen waren;
+es war mir, als h&auml;tten unsere Seelen schon lange
+im innigsten Verein gelebt und w&auml;ren nur f&uuml;r eine
+kurze und dunkle Zeit auseinandergerissen gewesen
+durch meine Schuld. Ich sah betroffen, da&szlig; sich Luise
+&uuml;ber den Tisch warf und, den Kopf auf die Arme
+gelegt, lautlos schluchzte, so da&szlig; ihre Schultern zuckten
+vor heftigem Weinen. In meiner starken Erregung
+fa&szlig;te ich es so auf, als halte sie es f&uuml;r unm&ouml;glich,
+da&szlig; Maidi mir verzeihen k&ouml;nne, oder als
+wisse sie mit Sicherheit das Gegenteil. Ich r&uuml;hrte
+sie an der Schulter und sagte: &bdquo;So gib doch Antwort,&ldquo;
+worauf sie den Kopf hob und, mich mit gro&szlig;en Augen
+schmerzlich ansehend, tonlos sagte: &bdquo;Es hilft nichts
+mehr. Maidi ist nicht mehr am Leben. Sie ist vor
+<span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335">335</a></span>einer Stunde begraben worden, hier in ihrem Familiengrab!&ldquo;</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Wenn ich an jene Stunde und an die Tage denke,
+die darauf folgten, so wundert es mich, da&szlig; sie vorbeigingen
+und da&szlig; ich sie &uuml;berstehen konnte. Es
+rinnen ja Zeit und Stunde auch durch den rauhsten
+Tag, aber wer, mit schwerer Last beladen, jede Minute
+schmerzvoll auskostet, dem ist ein Tag eine Ewigkeit,
+und er sieht ihn herniedersinken in den Scho&szlig; der
+Nacht, als ob das Gestern unaussprechlich lange her
+w&auml;re, und als ob es zu viel verlangt w&auml;re, da&szlig; er
+auch noch das Morgen tragen solle.</p>
+
+<p>Dennoch fassen sich auch in solcher Zeit die Stunden
+an den H&auml;nden, nicht zu leichtbeschwingtem Tanze,
+sondern zu langsam schleichendem Gange, der aber
+auch sein Ziel erreicht, wie die tr&auml;ge dahinrollende
+Welle eines Stromes, der in der Niederung angelangt
+ist.</p>
+
+<p>Die Meinigen hatten bef&uuml;rchtet, da&szlig; ich aufs neue
+erkranken w&uuml;rde, wenn ich die Nachricht von Maidis
+Tod vern&auml;hme, die sie aus der Zeitung schon einige
+Tage zuvor erfahren und mir noch vorenthalten
+hatten, bis ich mehr gekr&auml;ftigt sein w&uuml;rde. Sie
+hatte mit ihrem Bruder eine gr&ouml;&szlig;ere Wanderung gemacht,
+nachdem sie die Schlu&szlig;pr&uuml;fung an der Schule
+hinter sich hatte, und war beim Baden in dem herbstlich
+durchsonnten, aber doch eiskalten Wasser eines
+Gebirgssees vom Herzschlag getroffen worden und
+lautlos untergesunken. Der Bruder, der n&auml;her am
+Ufer war als sie, sah sie, die weit hinausgeschwommen
+war, pl&ouml;tzlich verschwinden, schwamm mit starken
+St&ouml;&szlig;en auf die Stelle zu, wo das Wasser noch weite,
+<span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336">336</a></span>unruhige Kreise zog, und konnte mit Hilfe eines
+Schiffmanns, der am Ufer an seinem Nachen bastelte,
+den geliebten Leichnam bergen, was alles, mit vielen
+Zutaten versehen und ausgeschm&uuml;ckt, in der Stadt,
+wo die Geschwister noch viele Freunde und Bekannte
+hatten, erz&auml;hlt wurde und von Mund zu Mund ging.</p>
+
+<p>Der beraubte Bruder hatte dann die Schwester in
+das Familiengrab zu dem silbergl&auml;nzenden Gro&szlig;vater
+gebettet, dessen Liebling sie gewesen war, und
+mit dem man sie so oft hatte durch die Stra&szlig;en gehen
+sehen, aufrecht, mit freier und freudiger Haltung und
+mit erwartungsvoll schreitendem Gange, wie sich jedermann,
+der sie gekannt hatte, wohl erinnerte.</p>
+
+<p>Ich wurde nicht kr&auml;nker, so wohl es mir getan
+h&auml;tte, aufs neue ins Nichtwissen und noch besser
+Nichtf&uuml;hlen unterzusinken. Meine gesunde Lebenskraft
+hatte f&uuml;r jetzt einmal den Kampf mit der Krankheit
+bestanden, die ihr ohnehin fremd genug gewesen
+war. Sie lie&szlig; sich jetzt nicht mehr in ihrer Erneuerung
+aufhalten, so schwer und gramvoll es auch dem
+Bewohner des jungen und frisch sich aufbauenden
+Leibes zumute war. Sondern alles, was sich auf mich
+st&uuml;rzte: Gram, Sehnsucht, Liebe und Reue und das
+Heer von fragenden und vergeblich suchenden Gedanken
+zwang und trieb mich, aus der Enge des
+stillen Krankenst&uuml;bchens hinauszukommen, wo die
+W&auml;nde mich zu erdr&uuml;cken drohten, um im Freien
+und in der Bewegung meiner selbst und der erbarmungslosen
+Wirklichkeit Herr zu werden.</p>
+
+<p>Es gab Tage, wo sich alles in mir dagegen auflehnte,
+da&szlig; es mir so furchtbar ergehen und ich, als
+ich dem holden Gl&uuml;ck eine Weile den R&uuml;cken gewandt
+hatte, um eines Irrtums oder eines falschen Triebes
+<span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337">337</a></span>willen, seiner nun auf immer verlustig gehen sollte.
+Ich z&uuml;rnte mit Gott, den ich nun auf einmal anzureden
+und vorzufordern begann, nachdem ich sonst
+wenig genug Verkehr mit ihm gepflegt hatte. Wie
+ein Kind, das sich allzuhart bestraft vorkommt um
+eines Vergehens willen, das ihm eben der herben
+Z&uuml;chtigung wegen klein zu werden beginnt, trotzte
+ich und b&auml;umte mich auf, denn es war mir, als sei
+Maidi einzig von mir hinweggestorben, eben jetzt, als
+ich den R&uuml;ckweg zu ihr suchte. Ich h&auml;tte durch alle
+Welt hinst&uuml;rmen und sie zwingen wollen, mich noch
+einmal anzuh&ouml;ren. Aber sie war nirgends mehr aufzufinden,
+und wenn ich auch Fl&uuml;gel der Morgenr&ouml;te
+genommen h&auml;tte. Einzig jenseits des Todestores
+w&auml;re sie vielleicht gewandelt, und ich h&auml;tte ihr begegnen
+k&ouml;nnen, wenn ich auch da hindurchgegangen
+w&auml;re. Aber es graute mir vor dem Gedanken, mit
+dem ich doch eine Zeitlang gespielt hatte, denn ich
+dachte der angstvollen Tr&auml;ume in den Fiebertagen,
+wo sie fremd und lautlos vor mir hergegangen und
+mir immer entschwunden war, wenn ich sie hatte
+fassen wollen. Wer b&uuml;rgte mir, da&szlig; sie auch jetzt sich
+nicht von mir abwandte oder mich aus toten, leeren
+Augen fremd ansah, wenn ich sie traf? Stumm, ohne
+ein Wort oder ein Zeichen, da&szlig; sie meiner noch gedenke,
+war sie aus der Welt gegangen, und wenn
+ich auch in die kalte und furchtbare Einsamkeit hineinrief,
+die mich, selbst wenn ich mitten unter den Menschen
+war, umfing: &bdquo;Maidi, wo bist du? Gib mir
+ein Zeichen, nur einmal, da&szlig; wir uns ber&uuml;hren und
+du noch zu mir geh&ouml;rst,&ldquo; so kam doch nicht der leiseste
+Laut, nicht der fernste Traum zu mir. Ich blieb in
+der Schuld gegen sie und im Unrecht. Ich mu&szlig;te
+<span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338">338</a></span>weiterleben und mich selber tragen; niemand ents&uuml;hnte,
+niemand entlastete mich, und die Wirklichkeit
+sah mich aus unerbittlichen Augen streng und
+grausam an.</p>
+
+<p>Bei dem allem war ich begierig zu h&ouml;ren, was
+sich die Leute, die mehr wu&szlig;ten als ich, von Maidis
+Tod erz&auml;hlten. Es kam nicht viel Neues hinzu, aber
+es war mir jedes Wort kostbar, das von ihr noch in
+der Luft umging. Luise, die durch ihr B&uuml;gelgesch&auml;ft
+mit allerlei Menschen zusammenkam, heimste es f&uuml;r
+mich ein und gab es mir weiter, obgleich ihr weiches
+und liebreiches Herz sah, wie ich dabei litt, und
+lieber geschwiegen h&auml;tte.</p>
+
+<p>Zum Beispiel sollte der Bruder gesagt haben,
+das Studieren sei Maidi nicht gut bekommen; sie
+sei &uuml;ber ihre Jahre und ganz gegen ihre Natur
+ernst und still geworden. Sie habe auf jener Wanderung
+ein paarmal von ihrem Herzen gesprochen,
+das nicht mehr so leicht und fr&ouml;hlich schlage wie einst
+und habe dann aber hinzugef&uuml;gt, es mache nichts,
+denn ein leichtes Leben sei ein leeres Leben, nach dem
+es sie nicht verlange. Der Bruder habe den Eindruck
+gehabt, als sei ihr etwas Schweres widerfahren, und
+habe sie gefragt, ob ihr jemand ein Leid zugef&uuml;gt
+h&auml;tte, da habe sie mit lieblichem und traurigem
+L&auml;cheln gesagt: &bdquo;Liebes und Leides; es ist aber noch
+nicht zu Ende. Es geht mir wie der Mutter, ich
+mu&szlig; warten.&ldquo;</p>
+
+<p>Dabei habe sie so fest und geradeaus wie in eine
+Ferne gesehen, aus der das Erwartete herkommen
+solle, da&szlig; der Bruder gedacht habe, sie k&ouml;nne herbeizwingen,
+was sie wolle, nur durch unentwegtes Warten.</p>
+
+<p>Es sei ein sonniger Tag gewesen am letzten Oktober.
+<span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339">339</a></span>Die Geschwister seien an dem Gebirgssee angekommen,
+der wie ein gro&szlig;es, klares Auge oder
+wie eine Opferschale voll geweihten Wassers still und
+gl&auml;nzend in der Sonne lag, und Maidi habe sogleich
+gesagt, hier wolle sie schwimmen, und zwar bis ans
+jenseitige Ufer, an dem der Erz&auml;hlung der Leute nach
+eine Wiese voll bl&uuml;hender Herbstenziane liege. Der
+Bruder habe anfangs keine rechte Lust bezeugt und
+sei am Ufer geblieben, indes Maidi, wohlig auf dem
+R&uuml;cken liegend, von dem durchsonnten Wasser sich
+habe tragen lassen, bis sie auf einmal gesagt habe:
+&bdquo;Jetzt schwimme ich hin&uuml;ber, komm doch nach,&ldquo; und
+angefangen habe, sich rasch von ihm zu entfernen.
+Da habe es ihn auch darnach verlangt, und er habe
+die Kleider abgeworfen, sei aber noch nicht weit gewesen,
+als sie pl&ouml;tzlich gesunken sei und also von ihm
+weg an einem Ufer gelandet, wohin er ihr nicht habe
+folgen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Sie habe dann im Sarg einen vollen Kranz der
+dunkelblauen sp&auml;ten Bl&uuml;ten im Haar gehabt, unter
+denen sie feierlich und geheimnisvoll aussehend mit
+geschlossenen Augen und leicht ge&ouml;ffnetem Munde
+gelegen sei, so da&szlig; man sie nur h&auml;tte fragen m&ouml;gen,
+welches Wissen ihr noch im letzten Augenblick, eh'
+ihr Herz stillstand, gekommen sei.</p>
+
+<p>Alle diese Dinge mu&szlig;te ich wie einer, den sie
+nichts angingen, von fremden Leuten erfahren, die
+heute davon und morgen von etwas anderem redeten,
+indes ich sie ins Herz sammelte, um davon zu zehren,
+wenn ich verschmachten wollte.</p>
+
+<p>Ich suchte, so bald ich irgend konnte, das Grab
+auf, das mir aber kein liebes Gef&uuml;hl der N&auml;he der
+<span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340">340</a></span>Geliebten gab, sondern nur eine strenge und starre
+Best&auml;tigung davon, da&szlig; sie sich verborgen habe vor
+mir und aller Welt. Sie, die sich nicht hatte ers&auml;ttigen
+k&ouml;nnen an allen H&ouml;hen und Weiten und
+die ihre Arme dem Licht entgegengebreitet hatte, da&szlig;
+es sie ganz umfange, hatte nun ein so enges und
+schmales Bett und Erde auf ihrem lieben Gesicht.
+Sie wanderte nie mehr mit mir durch die rauschenden
+W&auml;lder, sondern lag still an den alten, k&ouml;niglichen
+Herrn angeschmiegt, der ihres Blutes und ihrer Art
+war, was mich in aller Betr&uuml;bnis noch mit einer
+Art von Eifersucht erf&uuml;llte, so l&auml;cherlich das im
+Grunde war.</p>
+
+<p>Als ich durch die Stadt zur&uuml;ckging, kam ich zuf&auml;llig
+an dem alten Patrizierhaus vorbei, das Maidis
+Heimat gewesen war, und sah einen Wagen vor demselben
+stehen, auf den allerlei Hausrat, Kisten, Teppichrollen
+und dergleichen aufgeladen wurde. Wie
+fremd und verwundert vor der taghellen und n&uuml;chternen
+Umgebung stand eine gro&szlig;e, uralte geschnitzte
+Truhe aus schwerem Eichenholz zwischen dem andern
+Ger&auml;te, die ich sogleich als die von Maidi auf jener
+Wanderung mit Olbrich geschilderte erkannte, und die
+also ihr kleines Erbe enthielt, das irgendwohin wanderte,
+Gott mochte wissen, wo. Ein Mann brachte
+unter jedem Arm ein Gem&auml;lde in Goldrahmen hergeschleppt.
+Sie wurden auf dem Wagen in gr&uuml;ne
+T&uuml;cher eingeschlagen, und ich sah, eh' sie verschwanden,
+leuchtende, sonnige Landschaften unter blauem
+Fr&uuml;hlingshimmel. Eine Flut gl&auml;nzte auf, Bl&uuml;tenb&auml;ume
+schimmerten, dann lagen die lichten und freudigen
+Gebilde wieder auf ihrem Angesicht, wie sie
+es lange in der dunkeln Kammer hatten tun m&uuml;ssen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341">341</a></span>Vor&uuml;ber, vor&uuml;ber, dachte ich. Es war ein Leuchten
+in meinem Leben, aber es ist ausgel&ouml;scht.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Eines Tages ging ich in schweren Gedanken am
+Ufer des breiten und m&auml;chtigen Flusses hin, der an
+meiner Vaterstadt vorbeistr&ouml;mt. Er war voll vom
+vielen Regen der letzten Tage, und seine Wellen
+eilten rauschend und unaufhaltsam in ihrem Bette
+dahin. Die Ufer lagen im Nebel, der die B&auml;ume
+auf der andern Seite einh&uuml;llte, so da&szlig; ihre St&auml;mme
+und Kronen aus dichten Schleiern sonderbar fremd
+und schweigend her&uuml;bersahen. Stumm und schattenhaft
+flog ein Schwarm von Kr&auml;hen &uuml;ber mir hin,
+in den Nebel hinein; kaum da&szlig; man ihre Fl&uuml;gel
+rauschen h&ouml;rte. Eine alte, zerkl&uuml;ftete Weide h&auml;ngte
+nackte Zweige in das Wasser, das sie hob und senkte
+im raschen Vor&uuml;bereilen. Ich war allein und fremd,
+denn ich fand den Weg nicht mehr ins Leben zur&uuml;ck.
+Hier hatte ich in gl&uuml;cklichen Kindertagen Kiesel auf
+dem Wasser tanzen lassen, hatte den Schiffern, die
+ihre Fl&ouml;&szlig;e stromabw&auml;rts steuerten, zugerufen und mit
+fr&ouml;hlichen Kameraden Weidengerten geschnitten. Es
+war noch der Flu&szlig; meiner Kindheit, der einst blau
+und pl&auml;tschernd geflossen war, der mich als kr&auml;ftigen
+Schwimmer auf dem R&uuml;cken getragen und an kiesige,
+durchsonnte Ufer lachend ausgesetzt hatte. Jetzt str&ouml;mte
+er mit schweren Wellen eilig und gleichg&uuml;ltig an mir
+vor&uuml;ber, als ob er mich nicht mehr kenne, und seine
+Ufer lagen im Nebel, wie mein Leben. Ich dachte,
+ob es nicht besser w&auml;re, wenn ich mich in das
+tr&uuml;be Wasser gleiten lie&szlig;e und von ihm unaufhaltsam
+fortgetragen w&uuml;rde, da dann alles ausl&ouml;sche, was
+<span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">342</a></span>dr&uuml;ckend auf mir liege, und ich mit. Da tauchte aus
+dem Nebel ein Pfahl auf, an dem eine Bildertafel
+befestigt war, die ich aus meinen Kindertagen her
+wohl kannte. Sie stellte in ungeschickter Malerei,
+die auch schon ziemlich verbla&szlig;t und verwaschen war,
+eben dieses Ufer dar, von einem Hochwasser des
+Flusses &uuml;berschwemmt. In hohen Wellen und wei&szlig;em
+Gischt war ein versinkendes Fuhrwerk zu sehen,
+dessen Lenker samt den G&auml;ulen noch halben Leibes
+aus der Flut herausragte, ihr aber nicht mehr zu
+widerstehen vermochte. Wir hatten als Buben unser
+Vergn&uuml;gen an der Schilderei gehabt, da in einer
+mangelhaften Schreibweise mit vielen orthographischen
+Fehlern den Vor&uuml;bergehenden empfohlen wurde,
+f&uuml;r die Seele des Ertrunkenen, der ein M&uuml;ller gewesen
+war, zu beten, und der Maler gleich zur Unterst&uuml;tzung
+seiner Ermahnung einige wei&szlig; gekleidete
+M&uuml;llerskinder in engen Kamis&ouml;lchen und mit and&auml;chtig
+aufgehobenen H&auml;nden auf dem Bilde angebracht
+hatte. Sie hatten, da es lauter Buben waren,
+sonderbar starrende wei&szlig;e Zipfelm&uuml;tzen auf und sahen
+nicht viel anders aus als aufrecht stehende Kaninchen
+mit gespitzten Ohren, was alles zusammen uns vielen
+Spa&szlig; machte. Heute las ich zum erstenmal mit leidvoller
+Aufmerksamkeit den Text, da ich auch am Ertrinken
+war, wie der M&uuml;ller, wenngleich durch andere
+Fluten. Es hie&szlig;:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&bdquo;Gl&uuml;ck und Ungl&uuml;ck, beide trag' in Ruh',<br /></span>
+<span class="i0">Alles geht vor&uuml;ber, und auch du.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Hier ist mit Ro&szlig; und Wagen in den Grund gefahren
+und vertrunken der M&uuml;ller Daniel Jungbluth,
+dessen Seele Gott gn&auml;dig sein wolle. Wanderer, der
+<span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">343</a></span>du vor&uuml;ber gehst, vers&auml;ume nicht, f&uuml;rzubitten, denn
+du wei&szlig;est nicht, ob auch du der Frommen Gebete
+brauchest, wenn du von hinnen gefahren bist.&ldquo;</p>
+
+<p>Da wei&szlig; ich nun nicht zu erkl&auml;ren, woher mir
+auf einmal beim Lesen etwas wie gelinder Trost
+durch die Seele flo&szlig;, als ob mich eine sanfte Hand
+leise ber&uuml;hre und den grauen Wolkenvorhang meines
+Innern l&uuml;fte. Alles geht vor&uuml;ber, und auch du, sprach
+es in mir, und was mir vorher schrecklich und trostlos
+gewesen war, n&auml;mlich das Vergehen, barg auf einmal
+Trost und Hoffnung in sich, da nicht nur das
+Liebe und Sch&ouml;ne verging, sondern auch das Schwere
+und Traurige. Ich mu&szlig;te es tragen. Aber nicht f&uuml;r
+immer, es hatte alles ein Ende und ein Ziel, und auch
+ich hatte es, ohne da&szlig; ich es mir vorzeitig setzte. Irgendwann
+str&ouml;mten alle Wasser ins Meer, die klaren
+und die tr&uuml;ben, und vereinigten sich am Herzen der
+Mutter, nach der sie in Sehnsucht hingewallt waren.</p>
+
+<p>Wie es aber geht, wenn die Nebel anfangen, sich
+zu heben und ein St&uuml;ck Flu&szlig; und Tal ums andere im
+lieben Lichte liegt, so folgte dem Lichtblick ein anderer,
+da mir auch Maidis Tod nicht mehr als eine Flucht
+vor mir erschien, sondern als die Erf&uuml;llung ihres
+eigenen Schicksals. Auch sie war vor&uuml;bergegangen
+in all ihrer Lieblichkeit. Sie hatte das Leben zu erfassen
+gemeint, dem ihr Herz z&auml;rtlich und sehnlich
+entgegenklopfte und war in ihrer goldenen Jugend
+an das jenseitige Ufer hingerufen worden, um vielleicht
+dort neue Auftr&auml;ge entgegenzunehmen, ein
+anderes Leben zu f&uuml;hren, zu dem ich keinen Zutritt
+hatte. Ich mu&szlig;te es aufgeben, sie &auml;ngstlich und leidenschaftlich
+zu suchen und ihr nachzurufen, und hatte
+nichts zu tun, als mein Leben zu leben und daraus
+<span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">344</a></span>zu machen, was irgend m&ouml;glich war. Das zu denken
+und mir vorzusetzen, schuf mir eine freie, einsame
+K&uuml;hle, in der die tobenden Schmerzen, aber auch die
+Selbstvorw&uuml;rfe und die mutlose Schw&auml;che vergehen
+mu&szlig;ten und aus der heraus es einen Weg gab, zur
+einfachen Pflicht zur&uuml;ckzukehren, in der so viele Menschen
+leben mu&szlig;ten ohne hohes Gl&uuml;ck und &uuml;berschwengliches
+Hoffen.</p>
+
+<p>Doch erreichte ich diese Lebensm&ouml;glichkeit freilich
+nicht auf einmal und nicht ohne viel &Uuml;bung im Fahrenlassenk&ouml;nnen,
+im Stillen und Geschweigen der begehrlichen
+Sinne, im Wegblicken von der Vergangenheit,
+der lieben und der schlimmen, und nicht ohne
+williges Eingehen auf einen neuen Weg, der sich
+vor mir auftat, ohne da&szlig; ich ihn gesucht hatte.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Ich hatte einige Male gesehen, da&szlig; Luise mitten
+am Werktag ausging, was sie f&uuml;r gew&ouml;hnlich nicht
+tat, in gutem, sorgf&auml;ltigem Anzug und mit Handschuhen
+versehen und mit einer gewissen feierlichen
+Wichtigkeit. Da sie mir aber nicht von selber sagte,
+was es bedeutete, fragte ich auch nicht, obgleich mir
+ihr Gesicht und Wesen beim Heimkommen irgend
+etwas ausdr&uuml;ckte, als ob die G&auml;nge mit mir zusammenhingen.
+Das war auch der Fall, wie ich
+bald erfuhr.</p>
+
+<p>Mitten in der Stadt lag in einer schmalen Stra&szlig;e
+des Gesch&auml;ftsviertels ein Buchladen, dem seit vielen
+Jahren ein M&auml;nnchen vorstand, das ich schon seit
+Knabengedenken als alt und engbr&uuml;stig in Erinnerung
+hatte. Man sah es h&auml;ufig, wenn die Sonne
+&uuml;ber die hohen D&auml;cher stieg, vor der T&uuml;r stehen und
+<span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">345</a></span>sich h&auml;ndereibend an dem bescheidenen Str&auml;hlchen
+w&auml;rmen, das die Stra&szlig;e erreichte, dann sein Schaufenster
+betrachten und h&uuml;stelnd wie ein rechter Asthmatiker
+wieder in den Laden zur&uuml;ckkehren. Diesen
+hatte ich in meiner Sch&uuml;lerzeit nie besonders angesehen,
+da im Schaufenster allerlei altes, verstaubtes
+Zeug lag, das mich nicht im mindesten interessierte.
+Es war ein Antiquariat, das der Alte neben dem
+Wichtigsten an neuer Literatur, das er auch f&uuml;hrte,
+mit Liebe und Sorgfalt betrieb. Gott mochte wissen,
+wo er in seiner Gebrechlichkeit die seltenen Exemplare,
+die alten Ausgaben rar gewordener Werke, geschm&uuml;ckt
+mit Kupferstichen oder ausgezeichnet durch wertvolle
+Handschriften, auftrieb, die er den Kennern h&uuml;stelnd
+und h&auml;ndereibend vorzeigte. Man sagte von ihm, er
+sei arm geblieben, weil er sein Herz so an die Sch&auml;tze
+geh&auml;ngt habe, die er in den staubigen Regalen
+seines Ladens angeh&auml;uft habe, da&szlig; es ihn jedesmal
+einen Kampf und schweren Abschied koste, wenn er
+etwas davon verkaufen solle, so da&szlig; die Kunden, die
+ihn n&auml;her kannten, alle Listen anzuwenden gen&ouml;tigt
+seien, um &uuml;berhaupt das Beste und Seltenste gezeigt
+zu bekommen, wovon die erg&ouml;tzlichsten Geschichten im
+Umlauf waren. Dieses M&auml;nnchen nun war allm&auml;hlich
+so asthmatisch geworden, da&szlig; es seiner Sache
+nicht mehr vorstehen konnte, und mu&szlig;te sich zu dem
+bittern Gesch&auml;ft des Verkaufens oder Verpachtens
+entschlie&szlig;en, welch letzteres ihm das Leichtere schien,
+da es seiner Meinung nach immerhin sein konnte,
+da&szlig; ihm eine Kur, die es anzuwenden gedachte, noch
+einmal freien Atem und Leichtf&uuml;&szlig;igkeit verschaffte,
+und es dann von neuem anfangen konnte, zwischen
+den B&uuml;chern herumzust&ouml;bern. So wenigstens hatte
+<span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">346</a></span>Luise geh&ouml;rt und hatte den B&uuml;chermann aufgesucht,
+weil sie erfahren wollte, ob da vielleicht etwas f&uuml;r
+mich herausspringe. Der Alte, der mi&szlig;trauisch und
+zur&uuml;ckhaltend war, hatte an der treuherzigen Einfachheit
+und aber auch ehrenhaften und klugen Biederkeit
+meiner Schwester Wohlgefallen gefunden und
+sie hatte ihm, so viel er es hatte leiden m&ouml;gen, von
+mir erz&auml;hlt. Darauf hatte er, wie ich sp&auml;ter erfuhr,
+schmunzelnd gesagt: &bdquo;So, so, also er ist auf die
+Nase gefallen zu guter Zeit noch? Das tut ihm
+nichts, das tut ihm gar nichts, im Gegenteil, wen
+die G&ouml;tter lieben, den lassen sie beizeiten einen
+Knacks bekommen,&ldquo; wobei er so lachen mu&szlig;te, da&szlig;
+ihm der Atem knapp wurde und er blaurot im Gesicht
+wurde. Das alles erschreckte Luise so sehr, besonders
+auch die heidnische G&ouml;ttermehrheit, die er
+als schicksalswaltend anf&uuml;hrte, da&szlig; sie schon anfing,
+zu bereuen, sich in mein Geschick gemengt zu haben,
+als der Alte sich erholte und ernst werdend sagte:
+&bdquo;Man kann es nat&uuml;rlich auch anders ausdr&uuml;cken,
+<span class="antiqua">item</span>, es ist nicht immer gut, wenn einem alles glatt
+hinausgeht.&ldquo; Darauf fing er an, sich mit ihr auf
+das Gesch&auml;ftliche einzulassen, wegen dessen sie allein
+zu ihm gekommen war; denn sie hatte wissen wollen,
+ob die Ersparnisse, die sie in den letzten Jahren gemacht
+hatte, wohl hinreichend w&auml;ren, mich in das Gesch&auml;ft
+hineinzusetzen, falls ich Lust dazu h&auml;tte.</p>
+
+<p>Das w&auml;re nun nicht der Fall gewesen, wenn der
+Alte nicht eine besondere Freude an Luise gehabt und
+ein Vertrauen zu ihr gefa&szlig;t h&auml;tte, so da&szlig; er die Bedingungen
+leicht und m&ouml;glich machte.</p>
+
+<p>Das alles erfuhr ich erst viel sp&auml;ter; es w&auml;re
+mir sonst noch schwerer gefallen, als es ohnehin geschah,
+<span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">347</a></span>auf den Plan, den sie mir z&ouml;gernd und halb
+verlegen eines Abends unterbreitete, einzugehen. Ich
+hatte mir jetzt vorgenommen, meine Zukunft und
+alles, was ich noch erreichen wollte, nur von meiner
+Arbeit und streng zusammengerafften Kraft abh&auml;ngig
+zu machen und sollte nun ein neues Opfer von
+Luise annehmen und wieder gewisserma&szlig;en etwas
+Zuf&auml;lliges &uuml;ber mich entscheiden lassen. Doch sah ich,
+mit welcher Begierde Luise auf meine Entscheidung
+wartete und wie lieb und wertvoll es ihr war, mich
+in ihrer N&auml;he zu behalten, und dachte, da doch sonst
+nirgends auf Erden ein Mensch nach meiner Gegenwart
+verlange, so k&ouml;nne ich wohl hier bleiben, und
+es kam auch gleich etwas wie ein Heimatsgef&uuml;hl
+&uuml;ber mich, als ich in Gedanken so weit war. Auch
+verstand ich mich mit dem alten Buchh&auml;ndler besser,
+als ich f&uuml;r m&ouml;glich gehalten h&auml;tte, da ich mich nun
+selber mit ihm ins Benehmen setzte. Er war ein
+gr&uuml;ndlich gebildeter Mensch, der aber nach irgendwelchen
+schweren Schicksalen und nachdem ihm die
+n&auml;chsten Menschen gestorben waren, sich in sich selbst
+und seine B&uuml;cherwelt zur&uuml;ckgezogen und &auml;u&szlig;erlich
+etwas Ungepflegtes, Uhuartiges bekommen hatte.
+Wenn man aber die dicke Staubschicht, die auf
+ihm sa&szlig;, hinwegblies, um ihn jetzt mit einem seiner
+alten Folianten zu vergleichen, so kam allerlei Lesenswertes
+zum Vorschein, schn&ouml;rkelig und grillig zwar,
+und in einer seltsamen Sprache, aber nicht ohne
+einen trockenen Humor und nicht ohne Geist, was
+mancher seiner Kunden wohl wu&szlig;te, der gern ein
+l&auml;ngeres Gespr&auml;ch mit ihm f&uuml;hrte au&szlig;er dem Gesch&auml;ftlichen,
+und der auch in Letzterem sich gern
+von ihm beraten lie&szlig;, so belesen er selber sein mochte.
+<span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">348</a></span>Kurzum, ich sah, da&szlig; es nicht das Erbe eines alten
+Tr&ouml;delmannes zu &uuml;bernehmen galt, sondern eher
+die sorglich gef&uuml;llte Schatzkammer eines Sammlers,
+der mit leuchtenden Augen unter verwilderten
+Brauen hervor seine Lieblinge betrachtete und sie
+am liebsten alle mitgenommen h&auml;tte. Ich gewann
+Interesse daf&uuml;r und verga&szlig; zum erstenmal wieder
+etwas von meinen eigenen K&uuml;mmernissen im Durchst&ouml;bern
+der B&uuml;cherreihen, die sich in einem langen,
+schmalen Gemach hinter dem kleinen Laden hinzogen,
+und die ich an ein paar Abenden mit dem Alten
+nach Ladenschlu&szlig; betrachtete. So ein Einsiedler und
+Sonderling wirst du nun auch nach und nach werden,
+dachte ich freilich dabei, aber es machte mir im Augenblick
+keine Beschwerden, denn es fiel mir leichter,
+mich hier zu bergen in die Abgeschlossenheit des kleinen
+Ladens, als irgendwo drau&szlig;en auf der Welt,
+die mich gar nicht lockte, wieder neue Fahrten
+zu tun und mit vielen Leuten meines Alters
+zusammen zu sein. Auch machte sich, als wir wirklich
+&uuml;bereingekommen waren, da&szlig; ich das Gesch&auml;ft
+auf eigene Rechnung f&uuml;hren solle und der alte Uhu
+mit scheuem Fl&uuml;gelschlag hinausgeflattert war, doch
+bald geltend, da&szlig; ich etwas gelernt hatte und jung
+war, so da&szlig; ich in manchen Zweig des Betriebs einen
+frischen Zug brachte, ohne dabei das Eigenartige
+zu verlieren, das der Alte gepflegt hatte.</p>
+
+<p>Ich lebte zur&uuml;ckgezogen, ohne Gesellschaft zu
+suchen, denn es war alles noch zu frisch, was ich erlebt
+hatte, und es ging mir zu viel nach, als da&szlig; ich
+h&auml;tte unter Menschen gehen m&ouml;gen. Ich hoffte, meine
+Schwester Luise werde zu mir ziehen und mir das
+Hauswesen f&uuml;hren, so da&szlig; wir dann beieinander eine
+<span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349">349</a></span>Heimat gehabt h&auml;tten. Aber sie wollte nicht. &bdquo;Komm
+zu mir, so viel du willst,&ldquo; sagte sie, &bdquo;je &ouml;fter je lieber,
+und ich will auch nach dir sehen, so viel es dir recht
+ist, doch soll jedes in seinem Eigentum und Lebenskreise
+bleiben, so da&szlig; es frei und nat&uuml;rlich leben
+kann, wie es ihm pa&szlig;t.&ldquo; Ich merkte wohl, da&szlig; sie
+dachte, sie w&uuml;rde mir ein Hindernis sein, falls ich
+mich einmal zu verheiraten ged&auml;chte, oder ich w&uuml;rde,
+behaglich bei ihr eingesponnen, die Lust dazu verlieren,
+und stritt nicht mit ihr, obgleich ich zu wissen meinte,
+da&szlig; der Gedanke an Liebe und Heirat hinter mir
+liege f&uuml;r alle Zeit. Sie brachte aber viele Abende
+bei mir in der kleinen Wohnstube hinter dem Laden
+zu, die sie behaglich f&uuml;r mich eingerichtet hatte und
+in der sie immer wieder einen kleinen Schmuck oder
+eine neue Bequemlichkeit anbrachte, und hatte den
+dienstbaren Geist, der mir das Hauswesen in Ordnung
+hielt, gut im Zug, so da&szlig; mir nichts abging
+im &Auml;u&szlig;eren. Wenn sie sah, da&szlig; ich tr&uuml;bsinnig war
+und mich qu&auml;lte, so lockte sie mich, da&szlig; ich Helene aufsuchte
+und mich an ihren Kindern erfreute, und
+hatte immer neue h&uuml;bsche und liebliche Z&uuml;ge von
+ihnen zu erz&auml;hlen. Manchmal kam auch Lotte Meister
+mit ihr, und wir sa&szlig;en behaglich zusammen
+und plauderten, oder wir machten an sch&ouml;nen Abenden
+noch einen Gang und kehrten irgendwo ein, wo
+es uns gefiel. Da lernte ich nun im h&auml;ufigen und
+anspruchslosen Verkehr mit den beiden eigentlich zum
+erstenmal recht die gesunde Kraft ihres klugen, einfachen
+Wesens kennen, den unverbildeten Verstand,
+die Schlagfertigkeit ihrer Rede, mit der sie so recht
+den Nagel auf den Kopf zu treffen wu&szlig;ten, und den
+Mutterwitz, der sich nach und nach herauswagte, als
+<span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350">350</a></span>sich mein tr&uuml;bseliger Ernst erhellte. Lotte Meister
+war die Lebhaftere von beiden; sie wu&szlig;te mich aus
+aller Schweigsamkeit herauszulocken und immer neue
+Dinge aufs Tapet zu bringen, &uuml;ber die ich Bescheid
+geben, mich verantworten, die ich erkl&auml;ren oder verteidigen
+sollte. Dabei stellte sie ihre Unwissenheit
+in allen Sachen, die man durch Lesen oder Studieren
+erwirbt, gar nicht in Abrede, zeigte aber keinerlei
+Verlegenheit dar&uuml;ber, sondern eher eine Art von
+fr&ouml;hlicher Unbek&uuml;mmerlichkeit. Sie war sich darin
+und in allem Wesentlichen gleich geblieben, wie sie
+von jeher gewesen war. Es war aber nicht so weit
+her mit ihrem Nichtwissen, sondern sie kannte sich
+besser aus auf der Welt als mancher, der die Nase
+kaum aus den B&uuml;chern erheben mag; nur lie&szlig; sie
+sich die Sachen gern m&uuml;ndlich vortragen gleich einem
+Regenten, der sich von seinem Kanzler oder Minister
+Vortrag halten l&auml;&szlig;t, um das Wichtigste nahe beisammen
+zu haben, und &uuml;bte auch, kaum da&szlig; sie aufmerksam
+zugeh&ouml;rt hatte, ihre Kritik daran, an der
+gut zu merken war, wie hell es in ihrem Kopfe zuging.
+Meine Schwester Luise sah und h&ouml;rte mit innigem
+Vergn&uuml;gen zu, wenn wir uns zuweilen stritten und
+einander sogar freundschaftliche Grobheiten an den
+Kopf warfen; denn es war ihr alles ein Zeichen meiner
+Wiederherstellung und meines Heimischwerdens
+in dem neuen Leben, an dem sie sich durch ihren
+Eingriff in mein Schicksal mitverantwortlich f&uuml;hlte.
+Sie war auch froh, schon um Helenens willen, da&szlig;
+ich mich mit dem Schwager gut vertrug, soweit das
+bei unseren verschiedenen Naturen m&ouml;glich war. Er
+war ja ein t&uuml;chtiger Arbeiter, der sich und die Seinen
+vorw&auml;rts brachte, und auch ein sorglicher Familienvater,
+<span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351">351</a></span>aber eng begrenzt im Denken, und ich
+traute auch immer noch nicht, ob nicht die Sparsamkeit
+seine Haupttugend sei, auf die er sich am meisten
+zugute tue. Doch hatte ich keinen Grund, mit h&ouml;heren
+Tugenden zu prahlen, und war &uuml;berhaupt mehr gewillt
+als fr&uuml;her, die Menschen zu nehmen wie sie
+waren, da man ja bei mir auch so manches in den
+Kauf genommen hatte. Da&szlig; die Schwestern gl&uuml;cklich
+waren &uuml;ber die gute Neuordnung der Dinge, und
+da&szlig; Lotte Meister, die ich immer noch in einem
+leisen Verdacht gehabt hatte, als sehe sie ein bi&szlig;chen
+auf mich herunter, sich von mir belehren lie&szlig; und
+mich ersichtlich zu respektieren anfing, tat meinem
+Herzen wohl; es w&auml;re aber auf die Dauer doch nicht
+genug gewesen. Es gab sich aber nach und nach von
+selbst, da&szlig; ich auch wieder anderen Umgang gewann.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p>Mein Vorg&auml;nger hatte mir unter vielen gleichg&uuml;ltigen,
+die es wie &uuml;berall gab, einen Stamm von
+Kunden hinterlassen, die das B&uuml;cherkaufen mit Liebe
+und mit feiner Witterung f&uuml;r das Bleibende und
+Wertvolle betrieben. Manche unter ihnen hatten
+nur schmale Geldbeutel, aber sie hatten eine durstige
+Liebe zum Sch&ouml;nen und Geistigen und hatten Verst&auml;ndnis
+f&uuml;r das Echte. Sie lie&szlig;en sich alles zeigen
+und h&auml;tten am liebsten das Feinste und Beste gekauft,
+wenn sie gekonnt h&auml;tten. An solchen Kunden
+war nicht viel verdient, und doch gewann ich mehr
+von ihnen als Geld, denn es spannen sich durch den
+einen oder andern von ihnen wieder neue F&auml;den
+her&uuml;ber und hin&uuml;ber zwischen mir und der Menschheit.
+Dar&uuml;ber k&ouml;nnte ich manches sagen. Was ich
+fr&uuml;her in unreifem Lebensverlangen gew&uuml;nscht hatte,
+<span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352">352</a></span>nahen Verkehr mit den Besten und ein Dazugeh&ouml;ren
+mit Fug und Recht, das wurde mir jetzt, als ich es
+nicht mehr von den B&auml;umen zu sch&uuml;tteln begehrte,
+nach und nach ganz von selbst zuteil. Ich trat aus
+meinem engen Lebenskreise, in den ich mich wie in
+ein Schneckenhaus verkrochen hatte, wieder mehr heraus,
+nicht um zu sehen, was es etwa f&uuml;r mich selbst
+zu erobern gebe, sondern um mich irgendwie ans
+Ganze und Lebendige anzuschlie&szlig;en, das drau&szlig;en
+vorbeiflutete, und ohne das ich so wenig wie ein anderer
+Mann auf die Dauer bestehen konnte. Da fand
+sich's nun, da&szlig; ich bisher mich selber viel zu wichtig
+genommen hatte, da es in der &ouml;ffentlichen Gemeinschaft
+so viele Dinge gab, f&uuml;r die zu denken und zu sorgen
+und um die sich zu ereifern es der M&uuml;he viel mehr
+wert war und &uuml;ber die man sich selbst zur&uuml;ckstellen,
+ja vergessen konnte. Wenigstens schien es mir damals
+so. Es wird aber beides seine Zeit und seinen
+Wechsel brauchen, das Eigene und das Allgemeine,
+und ein Aus- und Einatmen sein, und das eine
+kann nicht ohne das andere bestehen. Wenn die
+Welle im Meer hin und her geworfen worden ist,
+so kehrt sie doch wieder in die stille Bucht am Ufer
+zur&uuml;ck, wo gr&uuml;ne Baumwipfel sich fl&uuml;sternd &uuml;ber sie
+hinneigen und wo Heimat zu sein scheint; aber dann
+zieht das gro&szlig;e und allgemeine Str&ouml;men sie wieder
+hinaus in rastloser Bewegung. Was mich betrifft, so
+hatte ich mich f&uuml;r einmal genug mit mir selbst herumgeschlagen
+und begehrte nichts, als mitzuerleben,
+was es Allgemeines gab, was freilich wieder zu meiner
+eigenen Beruhigung und meinem Nutzen diente und
+so den Kreislauf best&auml;tigte, in den wir alle eingeschaltet
+sind.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353">353</a></span></p><p>Denn je mehr ich am &ouml;ffentlichen Leben teilnahm
+und es mir wichtig sein lie&szlig;, je n&auml;her traten mir auch
+diejenigen unter den Menschen, die etwa &auml;hnlich
+dachten und f&uuml;hlten wie ich, so da&szlig; ich Freunde und
+Gesinnungsgenossen und auch ein geachtetes Ansehen
+gewann und ich wohl sagen kann, ich habe gefunden,
+als ich nicht mehr gesucht habe, und freilich auch zu
+einer Zeit, in der ich es nicht so stark begehrte.</p>
+
+<p>Es ging mir aber auch noch mit etwas anderem
+so, das wieder mich allein anging. Als ich n&auml;mlich
+aufgeh&ouml;rt hatte, der liebsten Seele durch unendliche
+R&auml;ume nachzujagen und ich sie ganz und f&uuml;r immer
+hergegeben hatte, fand sich's, da&szlig; Maidi mir n&auml;her
+und unverlierbarer schien, als zuvor. Ich sah sie nicht
+mehr, und sie konnte mich nicht mehr lossprechen, nicht
+neben mir hergehen auf allen Wegen, aber ich konnte
+so leben, wie es ihrer lauteren, aufs wesentliche gerichteten
+Art gefallen h&auml;tte und mich mit ihr einiger
+finden als manchesmal, wo ihre hellen Augen erstaunt
+und vielleicht traurig auf mir gelegen waren.
+Es fielen mir viele Dinge ein, die wir einst miteinander
+erlebt und gesprochen hatten; sie lagen mir jetzt
+klarer am Tage als damals, wo mich die Lust, zu
+scheinen und mich hervorzutun, oberfl&auml;chlich und unaufmerksam
+gemacht hatte. Und ich wurde durch die
+Sehnsucht meines beraubten Herzens in die Welt
+des Innerlichen und Unverg&auml;nglichen hineingef&uuml;hrt,
+nicht um Maidis, sondern um meiner selbst willen,
+doch war sie auch darin, unverloren, liebend und
+geliebt. Sie hatte sich gew&uuml;nscht, ohne Schuld und
+ohne die Schmerzen der Reue hinzugehen; das war
+ihr zuteil geworden, mir nicht. Ich war von anderem
+Stoffe, und das Leben brauchte andere Mittel, um
+<span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354">354</a></span>etwas aus mir zu machen, und braucht sie noch. Denn
+ich kann ja, wie man zu sagen pflegt, nicht aus
+meiner Haut heraus und habe mit den M&auml;ngeln
+meiner Natur immer Krieg zu f&uuml;hren. Doch habe
+ich sie wenigstens erkannt und gehe ihnen zu Leibe,
+wo es sein kann. Oft habe ich den alten Adam, wie
+die Theologen das nennen, was uns Anererbtes im
+Blute liegt, am Kragen, bald er mich, und wir raufen
+uns miteinander herum. Ich habe aber einmal, als
+ich die Taschen eines alten Rockes aussuchte, eh' ich
+ihn verschenkte, einen kleinen, g&auml;nzlich zerknitterten
+Zettel gefunden, dessen blasse Schriftz&uuml;ge dennoch
+wohl noch zu lesen waren, und der mir jetzt wie ein
+neubelebtes Verm&auml;chtnis einer l&auml;ngst Gestorbenen
+erschien, nachdem ich ihn einst nur in einer fl&uuml;chtigen
+Abschiedsstimmung mit leiser Ahnung des Inhalts
+gelesen und vom N&auml;htisch der Brigitte Hagenau
+an mich genommen hatte. Er hie&szlig;: &bdquo;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;doch nahm
+ich zu allem, was mir begegnete, diese eine Stellung
+ein. Es sei Liebes oder Leides gewesen, so sagte
+ich ihm: &sbquo;Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.&lsquo;
+Und so habe ich schlie&szlig;lich, wenn auch mit verrenkter
+H&uuml;fte, den Sieg behalten und bin nun dennoch&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&ldquo;</p>
+
+<p>Ich las die Worte an dem kleinen Fenster der
+Kammer, in der mein Kleiderschrank stand, solang
+noch der Ausl&auml;ufer, dem ich den Rock schenken wollte,
+drau&szlig;en auf mich wartete, und es war mir, als ob ich
+sie nun wohl auch nachsprechen d&uuml;rfe, wie man bei
+einem Dichter oder Weisen unversehens in Form
+gefa&szlig;t findet, was unbewu&szlig;t und doch lebendig in
+einem lag und nun auf einmal ist, als habe man es
+selber gesagt.</p>
+
+<p>Denn es d&uuml;nkte mich, als ob auch ich zu meinem
+<span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355">355</a></span>Schicksal, in mir selbst und au&szlig;er mir, sage, indem
+ich mit ihm k&auml;mpfe und ihm das Beste abzugewinnen
+versuche: &bdquo;Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn,&ldquo;
+wie es einst das verwachsene und dennoch hochragende
+Frauenbild, das den Zettel schrieb, zu dem seinen
+gesagt hatte, und vor ihm viele bis zu dem Erzvater
+hin, der an der Furt Jabok mit dem Gotte seines
+Lebens rang. Es sollte nichts umsonst gewesen sein,
+und nicht hinter mir in nichts zerflie&szlig;en, was einst
+mein Leben ersch&uuml;ttert hatte. Schmerzen, die ich erlitten
+und die ich andern zugef&uuml;gt, Torheiten, die
+ich begangen und die sich schwer bestraft hatten, standen
+wohl hin und wieder auf und fielen mich an, aber
+ich wollte, da&szlig; sie zu Kr&auml;ften w&uuml;rden in mir, die mir
+zu einer neuen und lebendigeren Einheit h&uuml;lfen. Das
+hatten sie auch schon begonnen. Aber was hie&szlig; es
+denn bei mir, wenn ich auch sagte: &bdquo;Und bin nun dennoch&nbsp;&hellip;?&ldquo;
+Was war ich denn nun dennoch oder
+wenigstens, was wollte ich dennoch sein?</p>
+
+<p>Da meldete sich ein Stimmlein, zaghaft und
+trotzig in einem, das in hellem Silberton aus der
+wohlverschlossenen Kammer meines Herzens hervorrief,
+es wisse wohl, was damit gemeint sei. N&auml;mlich
+ich wolle noch was Rechtes mit mir anfangen, die
+getr&uuml;bten und versch&uuml;tteten Brunnen meines Daseins
+wieder in klaren Flu&szlig; bringen und kein Einsiedler
+oder s&auml;uerlicher Junggesell werden.</p>
+
+<p>Sondern weil es noch an der Zeit sei, wolle ich
+trachten, hereinzuholen, was m&ouml;glich sei, und mich
+nicht mutlos ausschlie&szlig;en vom vollen Leben, denn ich
+sp&uuml;re ja selber den aufsteigenden Saft in mir, wie in
+einem zur&uuml;ckgeschnittenen Baum, der wieder ans
+Ausschlagen denke.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356">356</a></span></p><p>Da ging dann freilich der Krieg in mir von neuem
+an, denn die grauen Geister der Niedergeschlagenheit
+waren stets bereit, den freudigen Kr&auml;ften den Mund
+zu verbieten, die mich wieder bergan f&uuml;hren wollten.
+Sie stellten sich fromm und tugendhaft und wollten
+mir weismachen, da&szlig; es f&uuml;r mich nicht so gemeint
+sei, da ich bereits genug auf dem Kerbholz habe. Es
+sei besser, schweigend und aber freundlich und ergeben
+beiseite zu stehen, meinen Beruf auszu&uuml;ben,
+woran sich mancher rechte Mensch gen&uuml;gen lasse,
+und, der Vergangenheit gedenkend, von der Zukunft
+nichts f&uuml;r mich zu verlangen. Das trotzige Engelsb&uuml;bchen
+aber, das zuerst gesprochen hatte, erhob einen
+gro&szlig;en L&auml;rm, strampelte mit H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en und
+rief, rittlings auf der Herzkammert&uuml;r sitzend: &bdquo;Nichts
+da, sondern es wird aus allen Kr&auml;ften gelebt, damit
+es dann, wenn einmal gestorben sein mu&szlig;, etwas
+Rechtes aufzugeben, niederzulegen und zu hinterlassen
+gibt.&ldquo; Das kam mir auf einmal fr&ouml;mmer vor
+als die graue Weisheit, und weil es mir auch sonst
+wohlgefiel, so fing ich an, auf das helle Stimmlein
+zu h&ouml;ren, das mir t&auml;glich Neues zu sagen wu&szlig;te und
+noch wei&szlig;, und das seinen Willen durchzusetzen strebt.</p>
+
+<p>Es kam ihm freilich allerlei zu Hilfe, was ich
+nicht verschweigen will. Eines Tages stand unter
+der T&uuml;r meines Ladens, den ich auszur&auml;umen soeben
+besch&auml;ftigt war, um seinen Inhalt in einem
+gr&ouml;&szlig;eren und besseren Lokal unterzubringen, Herr
+Kasimir Hagenau, den ich seit meiner Flucht nicht
+mehr gesehen hatte. Er begr&uuml;&szlig;te mich mit einiger
+Verlegenheit, die sich aber bald verlor, als er mich,
+wie er sah, in guten Umst&auml;nden und einer nicht unfreudigen
+Sicherheit des Auftretens fand, und sagte
+<span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357">357</a></span>aufatmend, es gehe ihm schon lange nach, da&szlig; wir
+uns so ganz fremd geworden seien. Er habe immer
+noch eine Vorliebe f&uuml;r mich behalten, und es sei ihm
+leid genug gewesen, da&szlig; es damals so gegangen
+sei. Indessen m&uuml;sse man es nehmen, wie es komme.
+Er redete ein wenig um den hei&szlig;en Brei herum, wie
+man sagt, da er nicht wu&szlig;te, ob er bei mir die vergangenen
+Dinge kecklich ber&uuml;hren d&uuml;rfe, und noch in
+der Meinung lebte, ich sei, in gro&szlig;er Liebe zu seiner
+Nichte stehend, grausam entt&auml;uscht und geschlagen
+gewesen, was ja auch, freilich in einer andern Richtung,
+der Fall war. Da er nun sah, da&szlig; ich unverheiratet
+war, mu&szlig;te er meinen, ich habe noch an der
+unverwundenen Liebe zu Eleonore zu tragen, und
+war froh, als ich m&ouml;glichst gleichg&uuml;ltig sagte, er solle
+sich nicht k&uuml;mmern, es sei f&uuml;r mich ganz gut ausgefallen.
+(Denn meine eigensten K&uuml;mmernisse rieb ich
+ihm nicht unter die Nase.)</p>
+
+<p>Ich erz&auml;hlte ihm, um doch irgendwie zu zeigen,
+da&szlig; ich auch ohne das Haus Hagenau fortbestehe,
+von einer gro&szlig;en B&uuml;cherauktion im Hause eines bekannten
+Gelehrten und Sammlers, aus der ich seltene
+und fast verschollene Werke in Menge erstanden
+habe, um die sich nun wiederum die Liebhaber stritten,
+und lie&szlig; ihn &uuml;berhaupt merken, da&szlig; ich bei den Guten
+und Verst&auml;ndigen etwas gelte und ein Gesch&auml;ft wohl
+zu f&uuml;hren wisse, auch wenn es Anspr&uuml;che an nicht
+ganz gew&ouml;hnliche T&uuml;chtigkeit mache.</p>
+
+<p>Dabei hatte nun mein alter Adam wieder einmal
+sein Vergn&uuml;gen, das ich ihm aber diesmal nicht
+untersagte, weil mir immerhin das Herz etwas unruhig
+klopfte in Erinnerung an die schlechte Figur,
+die ich zum Schlusse im Hause Hagenau gemacht
+<span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358">358</a></span>hatte und ich eine kleine Aufmunterung mir schon
+g&ouml;nnen mochte. Der alte Herr taute ganz auf, als er
+mich so wohlbestallt vorfand, und erz&auml;hlte nun auch
+von seinen heimischen Verh&auml;ltnissen. Er hatte sich
+jetzt doch entschlossen, das alte V&auml;tererbe zu verkaufen,
+da ihm sein so wohlausgedachter Plan zwischen
+den Fingern zerronnen war, und erlebte nun
+die langersehnten Freiheits- und Reisejahre mit
+immerhin noch einigem Jugendmut, wie ich an der
+Beschreibung der und jener Gen&uuml;sse merkte, die er
+sich unterwegs g&ouml;nnte. Die Nichte, auf die er nun
+doch auch zu sprechen kam, hatte vor einem halben
+Jahr ihren Doktor geheiratet, der sich umgetan habe,
+selber etwas Rechtes zu leisten, und aber freilich
+dennoch nichts dagegen hatte, da&szlig; ihm die Frau
+einen ordentlichen Batzen zubrachte, wie Herr Kasimir
+pfiffig l&auml;chelnd sagte, durchblicken lassend, da&szlig; er
+als Onkel das Seinige getan habe, da die Leutchen
+es nicht so einfach gew&ouml;hnt seien, was ich ja gut
+genug wu&szlig;te. Ich war froh genug, da&szlig; die Rechnung,
+an der ich doch immerhin auch beteiligt gewesen
+war, noch so glatt aufgegangen war, und nahm den
+D&auml;mpfer, den mir der alte Herr ganz naiv und gedankenlos
+aufsetzte, mit in den Kauf. Er machte n&auml;mlich,
+ohne es besonders auszusprechen, gar kein Hehl
+daraus, da&szlig; er mich nur als einen Faktor in eben
+dieser Rechnung zum zweitenmal in sein Haus gerufen
+habe, und da&szlig;, als sie nicht stimmte, auch ferner
+mein Dabeisein nicht mehr in Betracht gekommen sei.
+Es stach und reizte mich noch eine Weile, als er
+wieder gegangen war, denn ich mu&szlig;te mir schwere
+Gedanken dar&uuml;ber machen, was mich der Versuch gekostet
+habe. Aber ich war doch schon so weit genesen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">359</a></span>da&szlig; ich den Brigittenspruch, den ich als meinen
+eigenen Wahlspruch ansehen gelernt hatte, auch jetzt
+anzuwenden die Kraft hatte, und so eine der vielen
+Gelegenheiten, aufs neue in Tr&uuml;bsinn zu verfallen,
+vor&uuml;bergehen lie&szlig;. Vielmehr l&ouml;sten sich in mir die
+alten Reste der Beklemmung, die ich in Ansehung
+des Hauses Hagenau noch herumgetragen hatte,
+wie alte Schneereste, die immer noch an schattigen
+Pl&auml;tzen liegen geblieben sind, wenn es ringsum
+l&auml;ngst gr&uuml;nt, und die nun endlich auch von linden
+Fr&uuml;hjahrsl&uuml;ften aufgetrunken werden.</p>
+
+<p>Bald darauf tat mir meine Schwester Luise den
+Schmerz an, da&szlig; sie sich hinlegte und starb. Sie war
+mir in der Zeit meines Tiefstandes und meines sachten
+Aufstiegs so sehr zur Freundin und zur Genossin
+meiner Gedanken, W&uuml;nsche und Hoffnungen geworden,
+da&szlig; ich zuerst wie bet&auml;ubt war, als sich ihre
+Krankheit, die am Anfang harmlos ausgesehen hatte,
+pl&ouml;tzlich zum Schlimmen wendete. Ich glaubte verlangen
+zu k&ouml;nnen, da&szlig; sie mir bleibe, da ich ja sonst
+nichts hatte, was ganz nah zu mir geh&ouml;rte. Denn
+bei Helene kam begreiflicherweise zuerst der eigene
+Familienkreis, der stetig am Wachsen war, so treulich
+sie auch ihren Geschwistern anhing.</p>
+
+<p>Luise aber hatte nichts Eigenes; ich war ihr das
+Wichtigste in ihrem Leben, und sie war nur gl&uuml;cklich,
+da&szlig; ich in ihrer N&auml;he sei und sie zusehen k&ouml;nne, wie
+ich allm&auml;hlich das erreiche, was sie f&uuml;r mich w&uuml;nsche.
+Sie heimste alles, was ich etwa an guten Beziehungen,
+b&uuml;rgerlichem Ansehen und an gedeihlichem Fortkommen
+gewann, emsig ein und baute in Gedanken
+H&auml;user f&uuml;r mich darauf, da sie merkw&uuml;rdigerweise
+gar nichts f&uuml;r sich verlangte au&szlig;er ihrer flei&szlig;igen Arbeit
+<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">360</a></span>und vielleicht der Aussicht auf einen ruhigen
+Lebensabend, umgeben von einer aufsprossenden Jugend
+aus dem Blute ihrer Geschwister, die sie dann
+in Ehren halten w&uuml;rde, und der sie mit sch&ouml;nen Sparpfennigen
+zum Fortkommen h&uuml;lfe, falls sie dessen
+&uuml;berhaupt bed&uuml;rfe. Aber nun lag sie krank im Spital
+und sah ihr Ende herankommen. Man hatte sie operiert,
+um einem innerlichen Feind, der in ihrem
+stattlichen, bl&uuml;henden Leibe sein Unwesen trieb, das
+Handwerk zu legen, aber er trieb es fort, und sie
+wu&szlig;te wohl, da&szlig; er sich nicht aus dem Feld schlagen
+lasse, da sie etliche F&auml;lle aus der ferneren Familie
+anzuf&uuml;hren wu&szlig;te, in denen auch das Leben auf
+solche Weise unterlegen war.</p>
+
+<p>Es ging ihr nahe, da&szlig; sie mitten aus der Bahn
+weg sollte, denn sie hing, wie alle gesunden und
+nat&uuml;rlichen Menschen, am Dasein, das f&uuml;r sie, nach
+dem Rezept des alten S&auml;ngers, k&ouml;stlich gewesen war,
+indem es M&uuml;he und Arbeit war. Als sie aber sah,
+da&szlig; ich ohne Fassung mich gegen ihr Scheiden auflehnte
+und Gott beschwor, sie mir noch zu lassen, da
+ich viel an ihr hereinzubringen habe, was Zeit
+brauche und nicht in kurzem abzumachen sei, nahm sie
+wieder die F&uuml;hrung an sich und sagte, gl&uuml;cklich
+l&auml;chelnd, weil ihr mein unverhehlter Schmerz dennoch
+wohl tat, aber fest: &bdquo;Nein, nein, Ludwig, so machen
+wir's nicht, sonst sind wir erst recht unten durch.
+Sondern wer sich schicken kann, gewinnt das Spiel
+und stellt sich auf die st&auml;rkere Seite, und so wollen
+wir auch tun.&ldquo; Damit war sie mir nun wieder einen
+Schritt voraus und weit &uuml;berlegen, und ich konnte
+nichts tun, als mein ungeb&auml;rdiges Wehren beiseite
+lassen, da es hier nicht am Platze war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">361</a></span></p><p>In dieser Zeit mu&szlig;te ich einmal eine dringende
+Gesch&auml;ftsreise nach der Hauptstadt unseres Landes
+machen. Ich ging ungern genug, denn ich konnte
+nicht am selben Tage wiederkommen, und als es
+Abend wurde, befiel mich eine Unruhe, die ich mir
+dahin erkl&auml;rte, es sei daheim etwas &Uuml;bles vorgefallen,
+so da&szlig; ich rasch an den Bahnhof ging, um zu sehen,
+ob ich nicht doch den letzten Zug erreichen k&ouml;nne, so
+stark lebte ich damals mit meinen Gedanken in dem
+engen Krankenst&uuml;blein. Der Zug war aber schon
+fort, und weil ich nicht den ganzen Abend im Wirtshaus
+versitzen mochte, betrat ich eine Konzerthalle,
+an der ich gerade vorbeikam, ohne zu wissen, was f&uuml;r
+Musik es gebe. Da fand sich's nun, da&szlig; von einem
+kleinen Orchester jene Symphonie aufgef&uuml;hrt wurde,
+die ich am ersten Abend des Musikfestes geh&ouml;rt
+hatte, an dem ich Maidi wiedersah, und die
+mir seitdem nicht wieder begegnet war. Sie erregte
+mich aber nicht, wie damals, zu starken Wonnen und
+Schmerzen, sondern ich sa&szlig; mit geneigtem Kopf still
+horchend da und f&uuml;hlte, wie meine Unruhe in ein
+stilles Gleiten kam und wie mein Herz, das traurig
+in mir lag, von eiligen Wellen aufgehoben und getragen
+wurde, die sangen: &bdquo;Alles geht vor&uuml;ber, und
+auch du.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich gedachte alles Fernen und Verlorenen in meinem
+Leben, und auch meines Freundes Olbrich, den
+ich nie wieder gesehen und mit dem ich auch keine
+Briefe gewechselt hatte. Ich hatte seinen Namen
+hie und da in der Zeitung gelesen, denn er nahm
+starken Anteil am politischen Leben des Landes und
+ergriff in Reden und gedruckten Artikeln oft das
+Wort, wenn es eine wichtige Sache zu verfechten gab.
+<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">362</a></span>Aber ob er noch an mich denke, und wie, das wu&szlig;te
+ich nicht, und ich hatte sowohl das Verlangen, ihn
+wieder zu sehen, als auch eine Scheu davor.</p>
+
+<p>Doch wu&szlig;te ich, da&szlig; es einmal geschehen mu&szlig;te,
+da die Erde nicht gro&szlig; genug ist, um sich zwei
+Menschen nicht wieder begegnen zu lassen, unversehens,
+die eigentlich nahe zusammen geh&ouml;ren.</p>
+
+<p>Ich war sp&auml;t gekommen, als schon der Saal verdunkelt
+war und die Musik angefangen hatte, und
+hatte nur gerade meinen Platz gefunden, ohne nach
+rechts oder links zu sehen. Da schrak ich denn aus
+meinen Gedanken auf, die zwischen der Musik hergingen,
+als sich auf einmal eine Hand auf meinen
+Arm legte und es der Freund war, der neben mir
+sa&szlig; und mir zunickte. Ich mochte mich nicht r&uuml;hren,
+denn ich sp&uuml;rte in einem ruhigen Wohlsein, da&szlig; wir
+uns nahe waren und da&szlig; ich ihn lieb hatte, wie je.</p>
+
+<p>Man sollte nicht reden m&uuml;ssen, dachte ich. Man
+sollte alles so stillschweigend voneinander wissen und
+einer in den andern hin&uuml;berflie&szlig;en lassen, was er
+ihm sagen m&ouml;chte. Vielleicht ist es so, wenn man
+sich auf einem andern Stern wieder findet. Vielleicht
+sp&uuml;rt man nur: Du bist da, und begr&uuml;&szlig;t und durchdringt
+einander mit der Seele, und alles, was auf
+der Erde geschah, l&ouml;st sich auf in einem gro&szlig;en und
+weiten Verstehen und Liebhaben.</p>
+
+<p>Da bot ich meinem Freund leise die Hand und er
+nahm und dr&uuml;ckte sie kr&auml;ftig, und ich wu&szlig;te: Er ist
+doch auch noch der meine. Wie sehr ich ihn vermi&szlig;t
+und wie seinetwegen ein Druck auf mir gelegen hatte,
+das sp&uuml;rte ich erst jetzt recht, als ich ihn wieder hatte.
+Denn wir lie&szlig;en es dann doch nicht bei der stummen
+Begr&uuml;&szlig;ung bewenden, die wir gar nicht ge&uuml;bt h&auml;tten,
+<span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">363</a></span>wenn nicht die Musik das Wort gehabt h&auml;tte, sondern
+hielten nachher eine lange Nachtsitzung, und zwar,
+da es eine sch&ouml;ne Sommernacht war, in einem Garten
+unter einer alten Platane, in deren &Auml;sten eine Lampe
+hing.</p>
+
+<p>Dort lie&szlig;en wir so viel von der alten Zeit und
+auch dem, was dazwischen lag, zwischen uns auferstehen
+und hinwandeln, als dazu geh&ouml;rte, wieder
+zusammen zu kommen, nicht mehr und nicht weniger.
+Denn es handelte sich jetzt nicht ums Rechthaben und
+Abbitten, wie wir beide wohl sp&uuml;rten, sondern darum,
+da&szlig; einer des andern Freund sei, wie der alte Claudius
+sagt, wobei freilich ich am besten wegkam.</p>
+
+<p>Es schwirrte allerlei Nachtgeziefer um uns her,
+und einmal kam auch ein gro&szlig;er Falter und stie&szlig;
+mit seinen Fl&uuml;geldecken an mein Glas, da&szlig; es einen
+feinen Klang gab. Da hob mir Olbrich das seinige
+entgegen und sah mir mit dem sch&ouml;nen L&auml;cheln in die
+Augen, das er selten hatte und an dem ich ihn &uuml;berall
+erkannt h&auml;tte. Denn es war uns, als h&auml;tte eine
+feine Seele, die einmal mit uns zu dritt gewesen war,
+mit zartem Finger angeklopft und wolle einen Augenblick
+mit uns sein. Das kam und ging so in mir.</p>
+
+<p>Dann zog Olbrich ein Bild aus der Brusttasche
+und zeigte es mir mit gl&uuml;cklichem Gesicht: eine junge,
+m&uuml;tterlich blickende Frau, die ein B&uuml;bchen auf dem
+Arm trug. Beide sahen den Beschauer voll an und
+hatten ein gut Teil Schelmerei in allerlei Gr&uuml;bchen
+sitzen. &bdquo;Das sind die Meinen,&ldquo; sagte Olbrich. &bdquo;Du
+siehst, es geht mir gut.&ldquo;</p>
+
+<p>Er brachte, wie man so sagt, den Mund nicht
+zusammen vor Behagen an dem Bildchen oder vielmehr
+vor dem freudigen Wissen um die lebendigen
+<span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">364</a></span>Urbilder; er wollte es aber nicht wahr haben vor mir
+und sagte achselzuckend: &bdquo;Ich habe es der alten Frau
+zulieb getan, denn ich bin ihr doch Enkelchen schuldig
+gewesen. Daheim liegt mir schon der zweite Bub in
+der Wiege.&ldquo;</p>
+
+<p>Dabei &uuml;bergl&auml;nzte es ihn aber doch, so da&szlig; ich
+schon wu&szlig;te, was es geschlagen habe, und da&szlig; er sein
+gutes Teil erworben habe; da fiel mir doch noch
+irgend ein Band von meinem Herzen.</p>
+
+<p>&bdquo;Und du?&ldquo; fragte Olbrich fast zart.</p>
+
+<p>Aber ich wu&szlig;te im Augenblick nichts zu sagen,
+denn ich hatte wohl schon einen Schimmer, er hatte
+aber noch keinen Namen, und ich hob nur mein
+Glas und sagte halb verlegen: &bdquo;Ich komme nach.&ldquo;</p>
+
+<p>Das alles erz&auml;hlte ich am andern Abend meiner
+Schwester Luise, zu der ich von der Bahn her ging
+mit raschen Schritten und mit dem Verlangen, sie in
+allem zu mir hineinsehen zu lassen, so lang ihre guten
+Augen noch offen standen &uuml;ber meinem Leben. Es
+war nicht mehr lang, das sah ich wohl, und es war
+mir, als habe sie seit vorgestern wieder abgenommen,
+so da&szlig; es mich reuen wollte, fort gewesen zu sein, was
+mich doch um Olbrichs willen freuen mu&szlig;te und auch
+freute. Sie streichelte mich aber mit ihrer feinen,
+wei&szlig;en Krankenhand und sagte gl&uuml;cklich, es sei ihr
+ein Stein vom Herzen, weil wir Freunde uns nun
+wieder h&auml;tten. So sehr hatte sie meine Sachen zu den
+ihrigen gemacht, denn ihre eigenen waren bald beschickt.</p>
+
+<p>Ich mu&szlig;te die Tage &uuml;ber im Gesch&auml;ft sein, wenigstens
+die meiste Zeit; aber die Abende und oft bis
+tief in die Nacht war ich bei ihr und begleitete sie
+n&auml;her und n&auml;her gegen die Grenze hin, an der es
+f&uuml;r die Zur&uuml;ckbleibenden umkehren hei&szlig;t.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365">365</a></span></p><p>Auf diesem dunklen und bitteren Weg habe ich
+dennoch viel gesehen und auch viel gelernt, das man
+nicht aus B&uuml;chern und nicht aus dem Umgang mit
+den Klugen dieser Welt lernen kann, und das ich nicht
+vergessen werde.</p>
+
+<p>Ich habe gesehen, da&szlig; es Liebe gibt, die bis zum
+Ende nicht an sich selber denkt und noch aus der
+letzten Not hilfreich dem andern zunickt, tr&ouml;stlich und
+verhei&szlig;ungsvoll, weil das Allerlebendigste eben sie
+selber ist, die nicht stirbt. Und ich habe gesehen, wie
+stark und m&auml;chtig die Willigen sind, die keine Bedingungen
+stellen, sondern ja sagen, und mit Vertrauen
+dem dunklen Gott in die Augen sehen, wenn
+er ihnen zum Mitkommen winkt, so da&szlig; sie den
+schweren Feind &uuml;berwinden mit einem dem&uuml;tigen
+Neigen ihres Hauptes und ihn sich zum Freunde
+machen. Ich sah, wie, wer von Herzen gelebt hat,
+auch von Herzen sterben kann, und wie Glauben und
+Frommsein freudige, starke Dinge sind, anders als
+viele meinen, und als auch ich zuzeiten gemeint habe.</p>
+
+<p>Das alles ist mir nicht nur ein ernstes und wertes
+Andenken und ein reiches Blatt in dem Buche meiner
+Erinnerung, das so manche t&ouml;richt verkritzelte Seite
+hat, sondern es schwingt ein Ton davon je und je in
+meine jetzigen Tage herein, voll und dunkel und auch
+weich und s&uuml;&szlig;, und wenn ich ihn h&ouml;re, so s&auml;nftigt er
+mir das Herz und l&auml;&szlig;t es aufmerken auf das, was
+hinter den Tagesdingen liegt, in denen ich ja freilich
+mitten drin stehe. Denn mein Lebenstag liegt noch
+weit vor mir, nach Menschenrechnung, und ich will
+ihn leben als ein Mensch und Mann.</p>
+
+<p class="center">*</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366">366</a></span></p><p>Ich habe, liebste Frau, in sp&auml;ter Nachtstunde das
+Buch noch einmal durchgelesen, dessen Bl&auml;tter zu beschreiben
+ich aufgeh&ouml;rt habe, als du in mein Leben
+tratest. Du wu&szlig;test nicht, da&szlig; ich dich sah. Du
+kamest die Stra&szlig;e herab, die H&auml;nde voll Blumen, und
+dein Gesicht sah aus, als ob du im stillen ein Liedchen
+summest, das nur du selber h&ouml;rest. Da dachte
+ich, wer dir wohl die Blumen gegeben habe und wem
+du sie bringest? Am andern Tag hingen Kinder
+an deinen beiden Seiten und dr&auml;ngten sich an dich,
+und ihre Gesichter sahen eifrig in das deine; ich h&auml;tte
+h&ouml;ren m&ouml;gen, was du zu ihnen sagtest, aber ihr ginget
+vor&uuml;ber. Von da an kamst du jeden Tag und hattest
+immer Blumen und Kinder mit dir und immer ungesungene
+Lieder auf den Lippen. Das war in der
+Zeit, als meine Schwester Luise sich zum Sterben
+anschickte und zu mir sagte: &bdquo;Gelt, du machst aber
+die Augen auf und holst dir ein St&uuml;ck Leben ins
+Haus, es geht immer drau&szlig;en vorbei.&ldquo; Sie wu&szlig;te
+nichts von dir. Das Stimmlein aber, von dem ich
+schrieb, da&szlig; es so vorwitzig und ungeb&auml;rdig geredet
+habe, rief in die Trauer meines Herzens hinein: &bdquo;O,
+wie wahr ist doch das! Und wie freudig sieht es aus!&ldquo;
+so da&szlig; es mich in aller Betr&uuml;bnis ein bi&szlig;chen l&auml;cherte,
+worauf Luise der Spur nach mitlachte, wenn auch
+bl&auml;&szlig;lich, da es sich bei ihr nicht mehr gut tun lassen
+wollte. Und so hast du noch in ihren Abschied hinein
+geblinkert, du Sonnenv&ouml;glein, denn es dauerte da
+nicht mehr lange bei ihr.</p>
+
+<p>Ich mu&szlig; mir noch ein wenig Mut machen, weil
+du nicht selber da bist. Ich will daran denken, wie ich
+dich drau&szlig;en am Badeplatz traf mit deiner Schar. Sie
+stob aus dem Wasser, als du riefest, und es spr&uuml;hte
+<span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367">367</a></span>ein Tropfenregen um sie her von den nassen M&auml;hnen
+und den blanken Leibern, das glitzerte alles in der
+Sonne, und ein jedes wollte zuerst bei dir sein.
+Ich sah eine Weile zu, eh' ich vorbei ging und gr&uuml;&szlig;te.
+Sie w&uuml;hlten sich in den warmen Sand ein, und du
+sollest dich mitten hineinsetzen, aber du konntest
+noch nicht, denn es stand ein Kind neben drau&szlig;en, das
+ri&szlig; mit finsterem und trotzigem Gesicht Bl&auml;tter und
+Zweige von einem Weidenbusch und stampfte dazu
+mit den braunen F&uuml;&szlig;en den Boden. Da gingest du
+hin und hattest ein solches Lachen in deinem Gesicht,
+da&szlig; das Zornteufelchen davor ausfuhr, wenngleich
+mit erb&auml;rmlichem Wehren, und das Kind sich an dich
+hin verkroch. Ich h&auml;tte h&ouml;ren m&ouml;gen, was du sagtest,
+aber auch vom Sehen wu&szlig;te ich, da&szlig; du Schatten
+aufhellen kannst.</p>
+
+<p>Das wei&szlig; ich nun noch besser als damals, denn
+ich habe die Sonnenkraft deines Wesens versp&uuml;rt. Du
+sagst, du habest sie nicht immer gehabt, und dein
+Lachen sei ein wieder erworbenes, denn auch du seiest
+durch tiefe Schatten gegangen.</p>
+
+<p>Daran habe ich den Mut gefa&szlig;t, dich auch in die
+meinigen hineinsehen zu lassen, dich allein von allen
+Menschen. Du siehst, sie herrschen auch &uuml;ber mich
+nicht mehr.</p>
+
+<p>Wie hast du wohl den Weg zum Hellen hin gefunden?</p>
+
+<p>Aus was f&uuml;r Quellen hast du getrunken?</p>
+
+<p>Ich meine, ich wisse sie. Wenn es so kommt, wie
+ich hoffen mu&szlig;, da&szlig; du die Neunundneunzig verl&auml;ssest
+und mein Leben teilst, so trinken wir miteinander
+daraus.</p>
+
+<div class="ppnote">
+<p>Anmerkungen zur Transkription</p>
+
+<p><a href="#Page_40">Seite 40</a>: &bdquo;eh, man sich's versehe&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;eh' man sich's versehe&ldquo;<br />
+<a href="#Page_83">Seite 83</a>: &bdquo;und sie ist erst sachte&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;und sie erst sachte&ldquo;<br />
+<a href="#Page_120">Seite 120</a>: &bdquo;mir wohlgesinnt und zugetan sein&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;mir wohlgesinnt und zugetan sei&ldquo;<br />
+<a href="#Page_155">Seite 155</a>: &bdquo;mit gro&szlig;en Augen entgegenl&auml;chelten&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;mit gro&szlig;en Augen entgegenl&auml;cheln&ldquo;<br />
+<a href="#Page_162">Seite 162</a>: &bdquo;ich nur zu tun&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;ich hatte nur zu tun&ldquo;<br />
+<a href="#Page_192">Seite 192</a>: &bdquo;S&auml;ngerinnnen&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;S&auml;ngerinnen&ldquo;<br />
+<a href="#Page_198">Seite 198</a>: &bdquo;So sind sie es also doch gewesen&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;So sind Sie es also doch gewesen&ldquo;<br />
+<a href="#Page_211">Seite 211</a>: &bdquo;werden ihre K&uuml;nste verlassen&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;werden Ihre K&uuml;nste verlassen&ldquo;<br />
+<a href="#Page_245">Seite 245</a>: &bdquo;nicht so gelegen das&uuml;r&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;nicht so gelegen daf&uuml;r&ldquo;</p>
+</div>
+
+<hr class="full" />
+<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUDWIG FUGELER***</p>
+<p>******* This file should be named 34424-h.txt or 34424-h.zip *******</p>
+<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br />
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+<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.</p>
+
+<p>Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.</p>
+
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+<pre>
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+<a href="http://www.gutenberg.org">http://www.gutenberg.org</a>
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
+
+<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/etext06/">http://www.gutenberg.org/dirs/etext06/</a>
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+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+http://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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