summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/35085-h
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '35085-h')
-rw-r--r--35085-h/35085-h.htm10150
1 files changed, 10150 insertions, 0 deletions
diff --git a/35085-h/35085-h.htm b/35085-h/35085-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..f3883e6
--- /dev/null
+++ b/35085-h/35085-h.htm
@@ -0,0 +1,10150 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
+<head>
+<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1" />
+<title>The Project Gutenberg eBook of Frauen, by Kasimir Edschmid</title>
+<style type='text/css'>
+body { margin-left: 10%; margin-right: 10%; }
+h1 { text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 5%; }
+h1.pg { text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 0%; }
+h2 { text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 10%; page-break-before: always}
+h3 { text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 2%; page-break-before: always}
+p { margin-left: 0%;
+ margin-right: 0%;
+ margin-top: 0%;
+ margin-bottom: 0%;
+ text-align: justify;
+ text-indent: 4%
+ }
+p.indent2 { text-indent: 10% }
+p.indent3 { text-indent: 20% }
+p.noindent { text-indent: 0%; }
+p.right { text-indent: 0%;
+ text-align: right;
+ margin-left: 8%; margin-right: 4%;
+ margin-top: 0%; margin-bottom: 2%;
+ }
+p.lyrics {text-align:left;
+ text-indent: 0%;
+ margin-left: 8%; margin-right: 8%;
+ margin-top: 2%; margin-bottom: 2%;
+ }
+p.signature {text-indent: 0%;
+ text-align: left;
+ margin-left: 20%; margin-right: 8%;
+ margin-top: 1%; margin-bottom: 2%;
+ font-size: small;
+ }
+p.blockquote {text-indent: 0%;
+ margin-left: 8%; margin-right: 4%;
+ margin-top: 2%; margin-bottom: 2%;
+ }
+p.center { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 0%; }
+p.contents { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 2%; }
+p.textbox { text-indent:0%; margin: 0% 20% 0% 20%; padding: 1% 1% 1% 1%; border: 1px solid; text-align:center;}
+
+p.firstwo { text-indent: 0% }
+p.first { text-indent: 0% }
+p.first:first-letter {
+float:left;font-size:50px;line-height:24px;padding-top:4px;padding-bottom:1px;padding-right:2px;
+}
+
+a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
+a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
+a:hover { text-decoration: underline; }
+a:active { text-decoration: underline; }
+
+hr { margin-top: 0em;
+ margin-bottom: 0em;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ clear: both;
+ color: black;}
+
+ .hr50 { width: 50%; }
+
+ p.pg {line-height: 200%; }
+ hr.full { width: 100%;
+ margin-top: 3em;
+ margin-bottom: 0em;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ height: 4px;
+ border-width: 4px 0 0 0; /* remove all borders except the top one */
+ border-style: solid;
+ border-color: #000000;
+ clear: both; }
+ pre {font-size: 85%;}
+</style>
+</head>
+<body>
+<h1 class="pg">The Project Gutenberg eBook, Frauen, by Kasimir Edschmid</h1>
+<pre>
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>
+
+</pre>
+<p class="pg">Title: Frauen</p>
+<p class="pg"> Der Prinz--Särö--Frauen--Der Zuschauer</p>
+<p class="pg">Author: Kasimir Edschmid</p>
+<p class="pg">Release Date: January 26, 2011 [eBook #35085]</p>
+<p class="pg">Language: German</p>
+<p class="pg">Character set encoding: ISO-8859-1</p>
+<p class="pg">***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAUEN***</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>E-text prepared by Jens Sadowski</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h1>
+<span style="font-size:large;letter-spacing:0.2em">
+Kasimir Edschmid<br />
+</span>
+<br />
+<span style="font-size:xx-large;letter-spacing:1.2em">
+Frauen
+</span>
+</h1>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="font-size:large;letter-spacing:1em;margin-bottom:0.5em">
+1922
+</p>
+<p class="center" style="letter-spacing:0.2em">
+<span style="border-top:2px solid">
+Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin
+</span>
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p class="center" style="font-size:small;letter-spacing:0.2em">
+Außer dieser Ausgabe erschien eine vom Verfasser<br />
+signierte und numerierte Vorzugsausgabe<br />
+in 110 Exemplaren
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="font-size:small;letter-spacing:0.2em">
+Alle Rechte vorbehalten<br />
+Copyright 1922 by Paul Cassirer<br />
+in Berlin
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="font-size:small;letter-spacing:0.2em">
+Drittes bis fünftes Tausend<br />
+<br />
+Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2 class="chapter">Inhalt</h2>
+
+<p class="contents"><a href="#chapter-1">Der Prinz</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-2">Särö</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-3">Frauen</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-4">Der Zuschauer</a></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2 style="page-break-before:always">&nbsp;</h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="lyrics">
+<span style="float:left;font-size:50px;line-height:24px;padding-top:4px;padding-bottom:1px;padding-right:2px;">
+A</span>ber ich bitte Sie . . . Ein Mensch,<br />
+der sich zum schöpferischen<br />
+Leben bestimmt, hat nicht das Recht<br />
+mehr, zu leben wie die andern.
+</p>
+<p class="signature">
+Flaubert an Maupassant
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">Der Prinz</h2><p>
+
+</p><p class="first">Als Riny, großäugig, die Schenkel zart und bebend von
+Linien wie ein Hirschkalb, einsam aufgewachsen, heißerer
+Sonne hingegeben, verschwistert dem Laut eines großen
+Meeres, das ihr Blut nie vergaß, Vater und Heimat auch
+aus der Ferne inbrünstig liebend wie am ersten Tag, als
+sie auf Männer stieß, war es Saint-Loux. Er nahm die
+Sehnsucht von ihr, die sie dann größer übergoß. Er bedrängte
+sie lange und reizte sie jedesmal neu. Er war
+schlank, ein Franzose, das Gesicht von Pocken zerrissen, die
+Augen scharf von Klugheit. Er nahm sie hart und glühend
+wie ein römischer Ringer. Als er sich zu sehr an sie verstrickte,
+daß sie ihm stärker gegenüberstand, nahm sie einen
+anderen Mann.
+
+</p><p>Doch zog sie es wieder zu Saint-Loux.
+
+</p><p>In Paris betrog sie ihn mit einem kleinen Dichter, der
+Bewegungen hatte wie ein Aal. Sie reiste mit ihm ab,
+hob Wechsel ab und hielt ihn aus. Nach einem halben Jahr
+schickte sie ihn fort. Sie reiste zu Saint-Loux. Nie war sie
+glücklicher. Sie blieben auf dem Lande. Saint-Loux wuchs
+jedesmal langsam. Durchbrach er die Kühle, die sie meisterte,
+vergaß er sich und sprach seine Geheimnisse aus.
+Dann kannte sie ihn, schaute ihm auf den Grund und wurde
+schlaff.
+
+</p><p>Die Hüften eines Winzers rief sie zu sich, der den Geruch
+der wollüstigen schwarzen Erde trug. Sie entführte
+ihn, entwurzelte ihn in die Normandie, bekam ihn langsam
+satt und fuhr nach Berlin. In einer peinlichen Sache
+setzte sie ihren Ruf aufs Spiel und rettete Saint-Loux,
+dessen Leben in vielen Strömungen stand. Es zog sie zu
+ihm. Sie vereinigte sich mit ihm.
+
+</p><p>Sie blieb, wenn sie ihr Dasein nach der Welt zu drehte,
+Dame. Ihr Vater, den sie liebte, war reich. In Paris
+wieder verließ sie den Franzosen. Ein feiner Künstler gab
+ihr Stunden der Melancholie und des Schmerzes. Die
+flammende Rede eines Schauspielers, sein ungestümes
+Werben gab ihr andere Richtung und Ersatz. Nach einem
+halben Jahr fuhr sie wieder zu Saint-Loux. Nie gelang
+es ihr rasch ihn zu verlassen. Nach Wochen von Kämpfen
+zog es sie von ihm. Ein Erkalten von ihm hielt sie von
+tausend Abtrieben entfernt.
+
+</p><p>Sie lebte drei Jahre mit ihm, lächelnd auf jede Versuchung
+nun, entschlossen, mehr sogar: nicht in der Lage,
+ihn zu verlassen. Sie zog, ihr Leben innig dem seinen
+verkettend, mit ihm, wo er lebte und kämpfte, denn er
+nahm nichts von ihr. Sie schweiften zusammen. Ein Auftrag
+sandte ihn nach Indien, wo er die Politik seiner Regierung
+wahrnahm. Ein wenig drin im Lande, dem Fluß
+gegenüber, empfing er Botschaft, nahm er sein Geschäft wahr.
+Vier Monate, wie im Traum, lebte sie mit ihm, immer
+glücklicher an ihm. Denn er besaß Muskel und Hirn.
+
+</p><p>In einer Nacht wachte sie auf, sah einen Stern am
+Himmel, es war als schlüge ein Mondflügel gegen sie, sie
+erhob sich, besah das Haus, den Balkon, den Fluß und
+sah es schon nicht mehr.
+
+</p><p>In dieser Nacht verließ sie Saint-Loux wie ein Blitz,
+ohne daß etwas in ihr blieb von irgendeiner seiner Umschlingungen,
+die ihn in (wie sie glaubte) unsterblichen
+Nächten ihr verschmolzen. Sie kleidete sich an und ging
+hinaus. Von den mondhellen Blumen machte sie unterwegs
+einen Strauß. Träumerisch schritt sie durch die blonden
+Maisfelder. Als der Morgen kam, begann sie zu singen.
+
+</p><p>Zum erstenmal sah sie tausend Dinge genau. Das Gras
+erhielt Dasein. Grillen zogen Laute um sie, der Duft der
+Blüten erschauerte sie. Der geöffnete Himmel kam ihr
+nahe. Sie sah ihn wogen, daß es kein Ende nahm.
+
+</p><p>Sie hob die Arme in Bäume. Der Kern gepflückter
+Früchte schmolz ihr auf der Zunge und ein ungeheurer
+Trieb verband sie ungekannten Gefühlen in der summenden
+Weite.
+
+</p><p>Sie ging durch einen Tamarindenwald. Kupfern schoß
+Glanz eines Daches durch die Zweige. Sie lauerte kurz,
+dann machte sie einen Bogen. Gegen Abend kam sie an
+eine Wiese. Seitwärts ein großes Kloster. Die Ebene lag
+ganz voll Sonne. Menschen strömten nach ihm zusammen,
+gleich Tieren, geschart, alle trugen die Köpfe gesenkt. Rinys
+Nüstern dehnten sich ein wenig. Sie blieb sitzen.
+
+</p><p>Trupp auf Trupp, gelb gekleidet, immer die Nacken
+zum Boden gestellt, zogen hinein. Sie hatten Lederriemen
+um den Leib und Rosenkränze in den Händen. In den
+blauen Abendfarben leuchtete das Gold von hundert kleinen
+Türmen unsinnig. In ihrer Mitte stand eine Pyramide
+mit einem Fortsatz gleich einer umgestülpten Trompete.
+Schatten stürzte auf Schatten von oben über die Terrassen.
+
+</p><p>Als der Mond aufging, schlug er wie der Flügel eines
+Engels durch ihr Herz. Die Nacht schauerte noch von
+ferne, es war halb hell. Sie sah hinein und das Licht
+drang durch sie wie eine Säule. Dann fiel es auf die
+Pyramide, die nach oben sich aufschlug und breiter wurde
+in den Himmel hinein.
+
+</p><p>Ihr Lächeln ging nicht nach ihrer vorgelebten Zeit, nun
+vor Wundern stehend, wurde sie sicher und groß und die
+lockende Stille verführte sie tief.
+
+</p><p>Sie wandte den Kopf.
+
+</p><p>Ein Mann kam auf sie zu, hielt und ging weiter.
+
+</p><p>Sie warf ihm einen Blick zu, den sein schräges Auge
+faßte, das gewölbt lag unter den ungeschorenen Haaren.
+Die Kette hing um seinen Hals, er trug aus Seide das
+gelbe Kleid der anderen Priester.
+
+</p><p>Sein Blick zerschnitt ihr Gesicht, als er sie streifte.
+Aber ihr graues Auge hob sich ruhig gegen ihn.
+
+</p><p>Einen Augenblick zuckte der Fächer, mit dem seine Hand
+sich Wind zuschlug. Einen Augenblick streifte gelähmt sein
+Fuß. Dann trug sein Gang ihn weiter. Noch in der fallenden
+Dämmerung sah sie ihn ungenau eintreten durch ein Tor.
+
+</p><p>Noch aber war es nicht ganz dunkel, als er zurückkam.
+Ihre Pupillen sahen ihn schon von weitem durch die
+Schatten. Sie lächelte.
+
+</p><p>Er zog sie an der Hand, flüsternd, hochmütig, hinein in
+das Kloster.
+
+</p><p>Auf Treppen folgte sie seinem Schritt von Terrasse zu
+Terrasse. Viele Priester begegneten ihnen. Aber keiner sah
+auf, kein Ohr gab acht auf sie. Leise murmelnd, die Blicke
+gesenkt, gingen sie ihnen vorüber. Durch eine Allee des
+obersten Pyramidensockels erreichten sie den Gurt der Türme.
+
+</p><p>Der Führer öffnete die Türe an einem. Er zog sie
+hinein .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. über eine Treppe, sie stand in einem Zimmer,
+von allen Seiten voll Licht. Farbene Felle lagen darin,
+geschliffenes Glas hob die Wände. Aus porzellanenen
+Schalen wehte dünn das Rosenöl.
+
+</p><p>&bdquo;Bin ich gefangen?&ldquo; fragte Riny gleich.
+
+</p><p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagte er in einem Englisch, das sich auf seiner
+Zunge brach.
+
+</p><p>Aufatmend sog sie das süße Licht des Abends aus den
+Fenstern:
+
+</p><p>&bdquo;Warum sieht uns keiner?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie sind nicht blind. Sie dienen nur. Einer nur hebt
+für sie den Kopf.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Du .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich.&ldquo;
+
+</p><p>Sie atmete heftig in der betäubenden Luft.
+
+</p><p>Er bewegte sich von der Tür her auf sie zu. Sie sah
+die Augen eines tief erregten Mannes, dessen Gesicht die
+große Welle schwer nur hielt. Sie ließ das Auge weitergleiten.
+Durch die Fenster fuhr es auf die Landschaft. Sie
+sah den dunklen Schatten eines Waldes. Dahinter lag das
+Haus Saint-Loux.
+
+</p><p>Sie drehte sich um und gab sich in seinen Arm.
+
+</p><p>Seine Liebe war ohne die Begierde, die sich erschöpft
+in der Berührung der Haut. Aus seinen Händen drang
+ein Strom in ihren Geist. Sein Mund erhob den ihren
+in die Höhe wie sein Auge. Sein Leib verschmolz dem ihren
+mit so mächtigem Drange, als zwinge er die Vereinigung
+über das Berühren der Körper hinaus. Seine Worte, die
+sie um Liebe fragten, waren kurz und suchten wild in ihrem
+Blut. Ein Rausch überkam sie unter seinen Armen, sie sah
+sein Auge schwer über ihr verzückt.
+
+</p><p>Ihr erwachender Blick fiel auf die Spitze der obersten
+Pyramide. Die Sonne tanzte mit kleinen Flammen auf
+einem eisernen Ring, der um sie genietet war. An Seilen
+zwischen der Spitze und dem Gürtel hingen kleine Glocken
+und erzitterten zu Tausenden in der erfrischten Luft. Unten
+zogen die Rahaans aus den Toren.
+
+</p><p>Sie schloß die Augen wieder und die Träume der Nacht
+schaukelten über sie.
+
+</p><p>Nach zwei Stunden stand sie auf, unwillig über ihre
+Einsamkeit. Sie stieg die Treppe hinunter. Als sie den
+Turm verlassen hatte, nahten Menschen. Sie barg sich in
+einen Winkel. Weiter vorgehend, kam sie an die Allee.
+Sie war leer. Als sie zurückschaute, verwirrten sie die
+hundert Türme. Sie kannte den ihren nicht mehr.
+
+</p><p>Tränen traten ihr in die Augen. Sie bog aus der Allee
+und stieg hinab.
+
+</p><p>Überrascht trat sie in eine Halle mit Reihen von Säulen.
+Gesumm von Stimmen überfiel sie. Sie trat heraus aus
+dem Schatten und sah Hunderte Priester, die in dem Raume
+wogten wie Bienen. Sie sprang zurück, erschreckt, aber vor
+ihr standen drei andere, die eintraten. Erbleicht hielt sie.
+
+</p><p>Aber sie bogen um sie, ohne sie zu beachten. Da ergriff
+sie ein Schwindel, dies Gehen wie im Traum erschreckte
+sie. Niemand beachtete ihren Körper, sie schwankte. Ihr
+Blick fiel in einen Spiegel, das gab ihr die Sicherheit
+wieder, sie sah ihr wirkliches Gesicht.
+
+</p><p>Erregten Herzens, durch Hallen schleichend, traf sie den
+Abt. Er ging allein hin und her zwischen den Blumen,
+manchmal eine erhebend, hineinschauend in den Kelch und
+sie zurücksenkend in ihre Lage. Er schritt das kleine Stück
+hinunter, das von den Wänden der Pyramide eingeengt
+war und über der Gegend schwebte bis an den Rand. Eine
+Ruhe umgab diesen Ort, die kein Vogel, keine Fliege
+unterbrach.
+
+</p><p>Er blickte auf und sah sie, verstört noch in ihrem Gesicht.
+Mit drei Schritten ging er auf sie zu, die Arme ein
+wenig gebreitet. Tränen an allen Wimpern stürzte sie auf
+ihn wie ein Kind.
+
+</p><p>Als er den Garten verließ, folgte sie ihm willenlos.
+
+</p><p>Aus jedem seiner Blicke, in jeder Umarmung traf sie
+eine Macht, die eine Wolke um sie legte. Sie hing an ihm
+fest. Sie folgte seinem Schritt, seiner Bewegung. Nie verließ
+sie ihn. An jedem Morgen suchte sie ihn durch die
+Hallen, jeden Morgen fand sie ihn atemlos wie ein Wunder
+an einem anderen Ort. Sie schritt durch die Priester hin
+mit der nie endenden Bangnis. Wie von ausschweifendsten
+Abenteuern erreichte sie seinen Arm. Mit ihm schritt sie
+sicher durch die Menge, die ihrer nicht achtete.
+
+</p><p>Sie sah sie jeden Morgen das Kloster verlassen, hinaus
+zur Sammlung die Ebene betreten. Sie sah sie heimkehren,
+beladen am Abend. Bebend ging sie durch die Räume ihrer
+Andacht, die nie eine Frau betreten. Keiner hob das Auge
+nach ihr. Gelübde folgend in Gebeten sammelten sie ihre
+Seele, deren große zusammengefaßte Erhebung der Abt
+weitergab, Auge und Mund frei.
+
+</p><p>Aber ihr kam nie die Sehnsucht, die Terrassen zu verlassen.
+Ihr Blick lag ohne Lockung auf dem Horizont.
+
+</p><p>Monate hier lebend, änderte sich ihr Wesen um. Seinem
+Dasein, das dies alles in den Händen hielt, ganz und ohne
+Besinnung hingegeben, fraglos ausgeliefert, hatte sie nur
+Blick und Sinn für ihn. Stärker in jedem Schlaf erfuhr
+sie die Inbrunst, die er an sie hingab, dies ging über jeden
+Rausch, den sie erfahren.
+
+</p><p>Sie wohnte im Kreis die Türme herum. Wind kam ihr
+von allen Seiten. Sie kreiste um die Sonne, die täglich aus
+anderer Richtung auf sie traf. Im Wechsel der Monde sah
+sie andere Landschaft, andere Menschen, Feuer kamen und
+gingen an den Toren, die Krähen schwebten um andere
+ausgesetzte Beute. Ihr Blick nahm es ohne Teilnahme.
+Was sollte es ihr. Sie lebte nach innen, suchte den Abt
+und war glücklich, wenn sie ihn sah.
+
+</p><p>Nachts an seinem Herzen frug sie:
+
+</p><p>&bdquo;Wenn jene mich sähen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie tun es nicht.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wenn jene mich sähen, würden sie mich erschlagen, .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Er legte die Hand auf ihren Mund.
+
+</p><p>&bdquo;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. würden sie mich zerreißen aus Verzweiflung,
+über die Mauer werfen .&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Er gab nicht gleich Antwort.
+
+</p><p>&bdquo;Ja.&ldquo;
+
+</p><p>Sie zitterte.
+
+</p><p>&bdquo;Du würdest sie wehren.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Du weißt nicht, was jene verlören: den Glauben. Sie
+sind Jahre hindurch, Jahrzehnte gewandert, wortlos, ohne
+die Welt zu sehen. Sie haben geflucht früher. Nun weinten
+sie häufig, bis sie die Ruhe hatten.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Du würdest sie wehren .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Eine Falte umzog seinen Mund vor Weh:
+
+</p><p>&bdquo;Ja.&ldquo;
+
+</p><p>An seinem Lächeln erkannte sie: das war sein Tod.
+
+</p><p>&bdquo;Ich will dich begleiten, wenn du das Kloster mit ihnen
+verlässest am Tage. Ich will immer bei dir sein.&ldquo;
+
+</p><p>Er hob sie auf zu sich. Sein Gesicht neben ihr vermischte
+sich in einem schönen Rausch gleich einem Fieber
+mit ihrer Wange. Sie aber im Gefühl, wieviel er um sie
+spiele, zitterte klein und schwach in seinem Arm.
+
+</p><p>Noch Tränen in den Augen fand sie ihn am Morgen.
+Angeschmiegt an ihn, bat sie ihn um Kleider, an sein Versprechen
+ihn erinnernd. Keine andere Sehnsucht sprach in
+ihr, als bei ihm zu sein, mit ihm zu wandern, sich anzuschmiegen
+an seine Knie. Das war alles. Es ging nichts
+darüber.
+
+</p><p>In dieser Woche zog er nicht mit den Rahaans. An
+einem Feiertage gab er ihr die Kleidung: dünnes gewässertes
+chinesisches Seidenzeug, Sandalen und die Schere, mit der
+sie die Haare über den Schulterblättern schnitt.
+
+</p><p>Als sie fertig war, sah sie ihn zurückfahren. Er gab ihr
+einen Spiegel. Nun glich sie ihm ganz im Aussehn auch
+des Gesichts. Nur die Falten fehlten von den Nasenflügeln
+zu dem Munde, ihr Auge schwamm mehr in unbegrenztem
+Nebel, während seines hochmütig dunkel starrte. Es hatte
+den gleichen Ausdruck bei ihm, nur an ihr erhielt es ein
+düsteres Flammen. Er sah sie an voll Erregung.
+
+</p><p>Sie neigte sich und küßte ihm die Hände, doch er legte
+sein Gesicht in die Flächen ihrer Finger einen Augenblick.
+
+</p><p>An jedem dieser Tage ging der Abt mit einem anderen
+Trupp. Sie verließen das Kloster durch die Tür, die Pförtner,
+Laien warfen sich hin vor ihnen.
+
+</p><p>In die Dörfer eintretend gingen sie von Haus zu Haus.
+In den Städten vergaßen sie keine Tür. Die Augen gesenkt,
+in Büchsen aus Blech empfingen sie die Gaben:
+Früchte, Reis, getrocknete Fische. Sie warfen es in einen
+blauen Karren, der sie begleitete. Fremde Bettler erhielten
+an den Toren ihren Überschuß.
+
+</p><p>Sie hielt sich neben dem Abt, sie tat keinen Schritt
+ohne ihn, wenn sein Blick sie traf, errötete sie in ihrem
+von der Sonne kupfern gewordenen Gesicht.
+
+</p><p>Einmal sprang sie zurück. Sie sah Saint-Loux vorüberreiten.
+Seine Schenkel hielten straff den Bauch seiner Stute.
+Der Fechterkörper saß gelassen im Sattel. Nur sein Auge
+zeigte Trübung wie von Tränen. Seinem Pferde die Sporen
+gebend ritt er rasch vorüber. Freude überkam sie, ihn so
+wohl zu sehen. Aber schon schwand er aus ihr.
+
+</p><p>Das Gefühl ihres kleinen Lebens gegen das große des
+Abtes aber wuchs mit jedem Tag in ihr. Sie besah ihn
+des Nachts. Auch sein Körper war schön, er hatte junge
+Jahre noch, schwankend zwischen den Dreißig und der Nähe
+der Vierzig, seine Jugend war geschont. Daraus aber,
+aus dem, was er entsagte, quoll die Stärke seiner Seele
+auf sie, daß sie vor Staunen oft sich selbst vergaß. Je
+mehr er aber in seinem Rausche auf sie vertraute, je ungestümer
+seine Inbrunst an ihr aufschlug, als suche sie durch
+ihren Leib erst die Verbindung mit einem größeren Blut
+als dem ihren, um so tiefer schwankte sie, seiner Liebe kaum
+würdig, es nicht ermessend, daß er sich so in sie ergoß.
+
+</p><p>Er aber hob sie immer höher, daß sie ihm mehr noch
+gleiche, hinter der er die Vervollkommnung seines Wesens
+suchte.
+
+</p><p>Er brachte ihr, als er die Fahrten der Mönche nach den
+Festen nicht mehr teilte, sein Kleid und die ziselierte Kette.
+
+</p><p>Sie sollte mit ihnen gehen &mdash; &mdash; für ihn. Er gab ihr
+alles in die Hand.
+
+</p><p>Sie aber wollte ihn nicht verlassen, immer mehr gebunden
+an seine Gestalt. Sie sah seinen Mund an, seinen
+Fuß. Sie weinte. Sie wollte nicht getrennt davon sein.
+
+</p><p>Er senkte den Fächer, den seine Hand nicht verließ.
+
+</p><p>Sein Auge sah sie an mit der aufsaugenden Glut, die
+ihr Blut beherrschte. Er wollte, daß sie alles mit ihm
+teile, hineinwachse in seinen Geist und seine Ausübung, wie
+sie ihm ähnlich war am Körper.
+
+</p><p>Er zog sie an und brachte sie, unscheinbar gekleidet, selbst
+zum Tor. Das Gesumm der Mönche trieb in ihr Ohr.
+Sie kamen auf die Ebene, die sich ihr weiter wellte an diesem
+Tage wie je. Das Surren der Rosenkränze betäubte ihr
+Ohr, das stärker anwuchs, über die Ungewöhnlichkeit der
+Begleitung des Abtes waren die Rahaans verwirrt, sie
+sahen es nicht, aber sie spürten seine Gegenwart.
+
+</p><p>In großer Schleife zogen sie über die Gegend. Ihr
+wurde jede Sekunde zur Ungeduld. Langsam erst gegen
+Mittag genoß sie die Zeit. Stillglühenden Gesichtes vor
+Sehnsucht ging sie unter den anderen.
+
+</p><p>Bei ihm die Nacht, erschreckt davor, daß er sein Schicksal
+wie im Spiel auf sie setzte, frug sie:
+
+</p><p>&bdquo;Wenn du irrtest.&ldquo;
+
+</p><p>Er sagte schlicht:
+
+</p><p>&bdquo;Ich irre mich nicht.&ldquo;
+
+</p><p>Sein Gesicht war hochmütig vor Glauben.
+
+</p><p>Sie lag bleich neben ihm, bedrückt von seiner Sicherheit,
+die sich über sie legte so hoch, daß sie darunter verschwand.
+Der Mond spielte durch blaue Dämmerung um den
+Turm und deckte ihre Gesichter. Lange lag sie.
+
+</p><p>Dann sagte sie leis:
+
+</p><p>&bdquo;Ich liebe dich.&ldquo;
+
+</p><p>Er sah ihr erschüttert in die Augen. Es wurde Morgen.
+Sie erhob sich.
+
+</p><p>&bdquo;Wohin gehst du?&ldquo; frug er.
+
+</p><p>Sie deutete auf die Ebene, auf alle Tore. Sie war
+aus Liebe stärker als ihre Sehnsucht. Sie zwang es nieder,
+daß ihr Gefühl in seine Nähe sie band als schöne Erfüllung.
+Ihm sich preisgebend in seinem höheren Sinne
+ging sie für ihn hinaus nun Tag um Tag.
+
+</p><p>Nun zog die Landschaft sie auch an, die sie für ihn besuchte.
+Aus seinem Herzen dankte sie für Gaben, die überreich sie
+empfingen. Mit seinem Auge sah sie voll Hingabe wieder
+das Licht sich sanft zerteilen auf Büschen und Sand. Sie
+folgte im Wald dem Spiel der Sonnenkringel und hatte
+Freude daran. Ein Bach wogte vor ihren Schritten, sprudelnd
+mit weißen Wellen, die sich springend überspielten.
+Lange noch blieb ihr die Musik des leichten Wassers im
+Ohr.
+
+</p><p>Ihre Ärmel streiften über das feine Mehl der Blütenkätzchen.
+Durch ihre liebkosenden Hände zog sie die schweren
+Ährenkronen des Weizens. Sie bückte sich zu Blumen,
+die sie pflückte. Sie unterschied genau die Farben, blau .&nbsp;.&nbsp;.
+weiß .&nbsp;.&nbsp;. orange. Sie band sie zusammen und hatte Freude
+darüber im Herzen.
+
+</p><p>Des Nachts spielte eine Melodie an ihr Ohr. Sie
+lauschte lange. Dann kam es durch das wogende Gemach
+auf sie zu: das Wiegen des hellen Baches.
+
+</p><p>Die Musik aber stieg.
+
+</p><p>Sie lauschte lange: .&nbsp;. das Meer ihrer Jugend, dessen
+Geräusch ihr Blut nie vergaß.
+
+</p><p>Ihre Brauen spannten sich lang, sie sah Figuren, Geruch
+ihrer Heimat, aber die Liebe des Mannes umgab sie
+zu mächtig, als daß die Erinnerung den Ring durchstieß.
+Es hatte keinen Sinn in der Bedeutung ihres Lebens, das
+gefüllt war.
+
+</p><p>Es schwand dahin, wohl begleitet von Tränen.
+
+</p><p>Aber die wuschen es nur ganz aus ihrer Seele dahin.
+
+</p><p>Sie empfand auch im höchsten Rausch die untrennbare
+Zugehörigkeit ihres Blutes zu ihrem Vater diese Nacht.
+Sie wußte, daß ihr Leben tief verwurzelt zu ihm gehöre.
+Aber an Saint-Loux dachte sie nicht.
+
+</p><p>Aber sie vermochte nicht, den Gestalten und Landschaften
+ihrer Jugend an das Herz zu fühlen. Sie sah sie, aber
+sie traten nicht auf sie zu, heischend und verlangend. Langsam
+spielte um sie wieder das Singen des Baches.
+
+</p><p>Auch es erlosch in dem Schlaf, der sie umfiel.
+
+</p><p>Aus den Armen des Abtes stieg sie in die Ebene. Aus
+der letzten Ecke des Waldes hob sich das rote Segment
+der Sonne. Langsam wie zum Singen ging sie hinein in
+das von süßem Licht angerührte Land.
+
+</p><p>Im Laufe der Wochen erreichte sie streifend eines Mittags
+eine Stadt, die dunstig zwei Tage weit vor einer Hügelkette
+hinter dem Kloster lag.
+
+</p><p>Das gescharte Volk brach vor ihr auseinander. Sie
+stand vor dem Einzug eines Fürsten, der abgesprungen war
+und gerade auf einem Teppich stand, als sie vorüberzogen.
+
+</p><p>Der Fürst neigte sich weit zurück und hob die Hand über
+die Augen, gerührt vor der Schönheit des jungen Abtes.
+Er grüßte tief.
+
+</p><p>Sie blieb stehen und erbleichte. Sie stammelte ein wenig,
+dann aber legte sie rasch die Hand auf den Mund. Sie
+standen sich einen Augenblick gegenüber. Das weiche, milde
+Auge des Fürsten flackerte schwer auf ihrem Gesicht.
+
+</p><p>Rasch bog sie zur Seite, mit einem Lockruf ihre Leute
+sammelnd. Ihr Gesicht war ohne Stille.
+
+</p><p>Sie kehrten zurück und überstiegen die Hügel. Sie sah
+das Kloster vor sich wie am ersten Tage in einem pfaublauen
+Abend mit hellem Golde hineinwachsend. Wieder
+stieg Terrasse deutlich abgezirkelt in Terrasse zum Aufbau der
+gegürteten Pyramide, die mit Alleen beschattet, vom Kreis
+der Türme funkelnd umdreht, fast unerträglich gleißend
+stand.
+
+</p><p>Aber es war, als erreichte sie den Bau nicht an diesem
+Tag. Abendliche Lichter wiesen ihr deutlich das Bild. Doch
+sie erreichte keine Nähe, immer blieben die Türme wie Striche
+im Horizont. Und als sie die Füße beeilten, überspannten
+sie dennoch nicht den Raum, der zwischen ihnen lag.
+
+</p><p>Solange Helligkeit den Abend noch sichtbar füllte, gingen
+sie darauf zu, aber der Bau, der wundervoll leuchtete, ging
+immer vor ihnen her, bewegt von den Strahlen der Luft.
+
+</p><p>Verzweifelt liefen sie mit keuchender Lunge.
+
+</p><p>Erst in der Nacht kamen sie an den Bau.
+
+</p><p>In der Nacht suchte in der Beleuchtung des Mondes
+sie des Abtes Gesicht. Er schlief und sie sah nicht die dumpfe
+Glut seines Auges. Aber sie fand ihn schön. Zufrieden
+erwachte sie am Morgen. Ihr Blick traf die Spitze der
+Pyramide. Die Drähte mit den Glocken, die wie Vogelschwärme
+daran hausten, klangen erregt in der frischen anziehenden
+Luft.
+
+</p><p>Als sie die Alleen hinunterschritt zu einem der Tore,
+brausten sie über ihr, mit einem geheimen Ton der Erregung,
+den sie nie hier vernahm. Der Boden roch, daß ihre
+Nüstern sich spannten, es war der schwere Duft der Erde
+nach Regen. Als sie hinaustrat in die Ebene, sah sie sie
+mit einem ganzen großen Blick. Ihr Auge faßte alles Einzelne
+zusammen und blieb an der Ferne hängen, an der die
+seidenweiche Luft als lange Bläue hing.
+
+</p><p>Sie führte ihren Weg oft nun nicht nur nach den Gaben.
+Menschen reizten sie, sie hatte Freude an unbekannter Gegend.
+Neue Städte mit ihrem Schwarm, der wechselte,
+berührend, vergaß sie in der Freude am Augenblick und der
+Entdeckung alles, was über und um sie war.
+
+</p><p>Eines Tages übersprang sie einen Bach, fiel auf das
+Knie, und als sie den Boden schmerzhaft berührte, empfand
+sie Sehnsucht nach Saint-Loux. Ihr Blut schuf ihn ihr
+wieder, der die Sehnsucht zuerst von ihr nahm. Er stand
+in einem Busch, den Arm entblößt, wie fechtend. Sein
+Muskel tanzte. Die Augen in dem zerrissenen Gesicht funkelten
+vor Geist. Sein Mund war kühl gefaltet. So sah
+sie ihn wieder zum ersten Male, der wie ein Schicksalsrufer
+ihr seit jeher die Pausen ihres Daseins wies, der
+immer nur kam: nach Vollendetem.
+
+</p><p>Ein wilder Schmerz brach in ihr aus. Sie blieb eine
+Weile liegen. Hob stumpfe Augen und sah nur langsam die
+Erscheinung verschwinden und sich verändern in die Gestalt
+des Abtes. Tief erschrocken über sich ging sie durch das Tor.
+
+</p><p>Die Nacht ging das Sonnenjahr zu Ende um die Mitte
+des April. Sie wohnte schon zum zweiten Male über dem
+östlichen Tor.
+
+</p><p>Da schob eine Armee von Lichtern über die Ebene gegen
+das Kloster.
+
+</p><p>Die Nacht war sternlos. Riny beugte sich weit aus
+ihrem Fenster. Um die Mauer des Klosters brannten Holzstöße
+vor allen Toren.
+
+</p><p>Wie durch Nebel gespiegelt kam ein dunkler Zug aus
+dem Horizont herauf. Eine leichte Musik ging vor ihm
+her in der hellen Nacht, durch die Scheine irrten. Langsamer
+Gesang erstarb. Indische Gitarren und birmanische
+Harfen sangen. Über ihnen grollte das Rollen der Trommel
+und Gong. Plötzlich war die ganze Nacht wie Gold.
+
+</p><p>In das hellere Licht der Tore tauchten gespenstisch die
+ersten Gesichte.
+
+</p><p>Wagen rollten heran in breiter Linie, vor jedem vier
+Büffel gespannt, deren weiße Augen blänkerten in den Fackeln
+und Scheiterhaufen. Sie ebbten in Wellen heran, die wilden
+Nacken gebeugt, haltlos, verschwindend gegen die Mauer,
+immer neue Reihen aus dem Dunkel hinter sich in die
+Helligkeit nachreißend, es war kein Ende zu sehen des schwarzen
+Heeres und des Deichselgedröhns.
+
+</p><p>Da aber barst eine Lücke, Tiere schnaubten, ein Zelt entstand
+zauberhaft.
+
+</p><p>Fünf weiße Fahnen kamen angetragen und erstarrten in
+der Luft. Zwei Neger mit bunten Fahnen, bewimpelt den
+Schaft bis zum Ende, pflanzten sich davor. Mönche hinter
+ihnen fielen in zwei Reihen ins Knie, eine Gasse, die Köpfe
+zueinander.
+
+</p><p>In einer Scharlachweste und gespitztem Wollhut stand
+ein Geistlicher hinter ihnen, sein Kopf leckte noch nach dem
+Licht. Hinter Bedienten schritt ein Gouverneur, auf weißen
+seidenen Hosen die goldgestickte Weste von blauem Atlas.
+
+</p><p>Da hoben sich Speerträger, oben die Spitzen voll Gold,
+blutrote Troddeln rauschten fallend herab, ihre Füße standen
+im Gegenrhythmus der ganzen Bewegung, noch im
+Dunkeln halb befangen, eine Woge, die sich überstürzt. Aus
+ihren Schatten schon formten sich die Elefanten. Sie türmten
+gewaltige Leiber in die Flammenscheine, die wie eine
+Meute auf ihre Flanken stürzten.
+
+</p><p>Es war eine Mauer. Aber ein Schrei durchbrach sie.
+
+</p><p>Ungeduldig drängte ein anderer Elefant vor. Mit poliertem
+Haken riß ein schlanker Prinz seinen Hals, über
+dem ein Diener einen goldenen Schirm hielt.
+
+</p><p>Noch einmal schrie er, da hielt der Elefant.
+
+</p><p>Von dunklem Samt sprang der Reiter, warf die Schuhe
+zur Seite, sprang, allein, vor bis zum Tore und warf sich
+aufs linke Knie.
+
+</p><p>Vor ihm standen eingebaut in die Mauer groß und gewachsen
+aus Stein zwei Bilder: Thasiamis, mit der Feder
+in der Hand aufschreibend Gutes und die Laster .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+neben ihm das kniende Weib Masumdera, deren hohle Hand,
+die Welt schaukelnd, sie schützt bis zum letzten Tag, wo sie
+sie aufhaut wie eine Frucht.
+
+</p><p>Kaum aber berührte des Prinzen Knie den Boden, schon
+fuhr es zurück.
+
+</p><p>Er verschwand.
+
+</p><p>Der Abt kam nicht die Nacht.
+
+</p><p>Über dem Singen der Weiber auf der Ebene um die
+brennenden Sandelhölzer rauschten Raketen über den Himmel,
+zogen tiefe goldene Furchen und zerstoben in großen
+traurigen Strähnen, die schön wie Haar auf die Dächer
+des Klosters sich senkten. Riny am Fenster die ganze Nacht,
+flog auf mit jeder, sank mit jeder zurück. Am Morgen
+war ihr Herz unruhig, sie öffnete das Fenster und hielt
+ihre Brust und den Kopf in den leise wehenden Wind.
+
+</p><p>Durch die Allee ging sie hinunter, unruhiger noch, weil
+sie den Abt nicht fand, der nie außer der Woche ihrer
+Schmerzen bei ihr fehlte.
+
+</p><p>Sie trat um die Ecke der Säulenhalle.
+
+</p><p>Da kam in dem Gang der Prinz auf sie zu.
+
+</p><p>Sein Auge berührte sie, es war schöner wie das jenes
+Fürsten, der sie streifend in einer Stadt anhielt vor Bewunderung.
+Es war süß und grausam wie eines Panthers.
+Er ging auf sie zu mit federndem Schritt, aber kurz vor
+ihr drehte er ab.
+
+</p><p>Sie lief drei Schritte und sah um den anderen Säulengang.
+Am Ende stand der Abt, die Arme geöffnet. Der
+Prinz ging auf ihn zu. Sie waren beide prächtig gekleidet
+und umarmten sich. Sie stand und sah, als die Säulen
+sie schon von ihr trennten.
+
+</p><p>Sie ging hinaus und sah in einen Spiegel, die Hände
+an den Brüsten.
+
+</p><p>Sie nickte sich zu.
+
+</p><p>Sie kam an den kleinen Garten, ein Vogel saß auf dem
+vorderen Busch. Er hielt den Schwanz aufgerichtet und
+sang fein und frisch. Sie beugte sich in den Hüften vor.
+
+</p><p>Ihr Mund spitzte sich.
+
+</p><p>Sie pfiff ihm zu. Der Vogel pfiff wieder. Die Sonne
+lag ganz jung auf dem Land. Sie hob den Arm, die Augen
+abschattend. Sie sah soweit hinaus, wie sie selten sah.
+
+</p><p>Ganz am Rand des Horizonts zogen sich zarte schwingende
+Linien Wolken, die nun von Gold anfingen zu glänzen,
+darüber stand kühl das Blau des Morgens. Das
+Land begann zu leben. Die Büsche hoben sich ein wenig
+in die Höhe. Der Sand erhob ein Gleißen. Der erstarrte
+Wald zog ein Flüstern durch die Blätter, die sich bewegten.
+Dörfer brannten Rauch in die belebende Luft.
+
+</p><p>Nun kam von den schwingenden Pflanzen aufgetragen
+der Duft des Landes langsam herauf gezogen.
+
+</p><p>Sie unterschied alle Blüten.
+
+</p><p>Der scharfe Geruch der Palmen, das Ölige der Schlingpflanzen
+und die befreiende Zartheit der weißen Dolden.
+
+</p><p>Sie hielt an, die Nüstern gespannt.
+
+</p><p>Wieder erhob sie den Mund und pfiff. Es wurde immer
+klarer. Helligkeit überschwemmte fürstlich den Raum. Die
+Sonne kam in den Garten.
+
+</p><p>Sie machte einen Schritt, dann folgte der andere Fuß.
+Sie ging hinauf zum Turm.
+
+</p><p>Dann kam sie zurück, ihre Fesseln sicher setzend.
+
+</p><p>Im Garten sah sie vorübergehend den Prinz und den
+Abt. Andächtig sich beugend sagte der Prinz:
+
+</p><p>&bdquo;Dennoch hast du dich vertieft.&ldquo;
+
+</p><p>Der Abt saß, nicht aufstehend, lächelnd sagte er zurück:
+&bdquo;Du bist jünger. Wie ich dein Alter hatte, da träumte
+ich, von Wachen und Hungern sehr vorbereitet, von einem
+Hügel aus. Ich sah Götter wie Bäume aus der Erde
+wachsen, unsichtbar dem wachenden Auge. Sie waren bald
+grün wie Laub, bald vom rotesten Gold. Ich habe nun
+das Unendliche wiedergesehen. Ich vergebe dir, aber du
+siehst es, wie ich mich erhöht.&ldquo;
+
+</p><p>Sie schritt vorüber, rasch, keine Silbe drang mehr an ihr Ohr.
+
+</p><p>Sie sah nicht viel um sich. Blumen lockten sie wieder,
+gelbe überall ausgesät. Es war die Wiese, auf der sie
+zum erstenmal das Kloster sah.
+
+</p><p>Sie ließ sich nieder, träumend.
+
+</p><p>Dann nahm sie das gelbe Kleid der Mönche und schob
+es in eine Grabenrinne, in einem seidenen Kleid stand sie
+da wie früher, flocht Perlen in ihr Haar, das nur zu den
+Schultern reichte. Eine Strähne fiel zwischen den Brauen
+ihr in die Stirn.
+
+</p><p>Sie ließ sich nieder, dem Augenblick verwebt in wundersamem
+Verschmelzen. Kein Gedanke durchbrach ihr Hirn.
+Ihr Herz saugte sich voll der Landschaft. Sie hörte das
+Ticken des Geländes, den Jubel einer Amsel. Sie sah
+den Himmel über sich wogen, daß es kein Ende nahm.
+
+</p><p>Dann begann der Boden unter ihr zu schwingen wie
+eine Welle. Ein dunkler Fels warf Schatten über die
+Landschaft, türmte sich und nahm das Licht von ihr. Ein
+Elefant in großen Sprüngen durchschoß die Gegend und
+hielt bei ihr.
+
+</p><p>Sie sah nicht auf.
+
+</p><p>Sie sah das Ganze des Tages um sich fluten und
+schwang mit ihm in einem gleichen Strom. Die Ebene
+drang in sie ein, als ob sie sie besäße, und durchhallte ihr
+Blut mit einem warmen Geborgensein. Ihre Seele ging
+auf. Sie wußte ihren Namen nicht mehr, nicht ihre Heimat,
+schon vergaß sie den letzten Tag. Ihre Augen, die
+größer wurden, erschauten zum ersten Male wieder die Welt.
+
+</p><p>Jede Blume um sie wuchs ein ungeheures Wunder in
+ihren Sinn. Eine Eidechse ließ sie die Hände schlagen vor
+Entzücken. Der große Himmel über ihr aber sog sie auf
+in sein Wogen wie einen kleinen Klang in sein unsterbliches
+Rauschen.
+
+</p><p>Als die Schatten über sie fielen, zogen ihre Brauen
+sich zusammen.
+
+</p><p>Der Prinz wartete eine Weile.
+
+</p><p>Dann kniete der Elefant, daß das Land unter ihm sich
+bewegte vom Andrang seines warmen Bauches.
+
+</p><p>Dann hob sich ihr Kopf, ihr Blick kam und riß ihn
+herunter.
+
+</p><p>Mit beiden Armen trug er sie in seinen Sattel, bewegt
+vor Zittern, die heißen Augen wie Samt, schreiend.
+
+</p><p>Der Elefant stürmte gegen den Norden, das Kloster
+verlassend. Wind wühlte durch ihr Haar. Sie öffnete die
+Augen. Wie lag der Horizont mächtig vor ihr!
+
+</p><p>Nach zwei Stunden kamen sie zum Fluß.
+
+</p><p>Das Wasser war tief gefallen, sie sah die Ebene nicht
+mehr, zwei große Schlangen wälzten sich neben ihnen die
+Ufer, entgegenströmend mit gelben Wellen kam der Strom.
+Sie sah auf.
+
+</p><p>Vor der Kajüte verteilt lagen dreißig Ruderer, angestemmt
+die Muskeln im Fahren. Über ihnen standen an
+den Flanken Pfauenfedern, glänzend rund, und tibetanische
+Kuhschweife. Sie kam mit dem Auge an die Stange des
+Vorderteils, sie strich hinauf: ein großer goldener Knopf
+wie die Sonne. Dann glitt sie, ohne einzuhalten, in den
+Himmel, der über dem Flußbett hing, grenzenlos.
+
+</p><p>Ihr Gesicht färbte sich dunkler:
+
+</p><p>&bdquo;Wie heißt du?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Thengo-Tikien.&ldquo;
+
+</p><p>Zu einer großen Katze die Glieder zusammengezogen lag
+er vor ihr:
+
+</p><p>&bdquo;Du?&ldquo;
+
+</p><p>Ihr Nacken senkte sich nach rückwärts, ihr Auge nahm
+die Decke der Kajüte auf, geölt und voll Maserung:
+
+</p><p>&bdquo;Germaine .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Renée .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Duse .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; riet er,
+der das Französische wundervoll beherrschte.
+
+</p><p>Sie schüttelte den Kopf:
+
+</p><p>&bdquo;Nenne mich!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;To,&ldquo; sagte er.
+
+</p><p>Sie lachte leis.
+
+</p><p>Er, der jede ihrer Bewegungen gierig einsog, berauschte
+sich langsam an ihrem Gesicht. Er badete darin, sie ließ
+es seinem bewundernden Blick, ohne Verwirrung. Seine
+Verehrung war zu deutlich, zu unbefangen, als daß sie ihr
+nicht gefiel als Frau.
+
+</p><p>Während er sie genoß mit den Blicken, sprach er ihr
+von Europa, von Gärten mit Musik und Sälen, sein Auge
+war nicht ganz sicher diese Zeit. Ein Boy servierte ihnen
+auf Porzellan und Silber gebackene Teeblätter. Unmerklich
+abschwenkend, kam er aufs Nahe, hob die Hand und zeigte
+die Landschaft, er redete von Büchern und Elfenbein, seine
+Finger prahlten, damit ihr Auge sich bestürze.
+
+</p><p>Sie gähnte und sah ihn an.
+
+</p><p>Einen Augenblick wurde seine Pupille hart. Dann wurde
+er weich, sein Tonfall kam zu ihr fragend, verehrend, aus
+großer Entfernung. Er sagte verwunderliche Dinge, damit
+sie ihn belehre. Spielend mit seiner Unkenntnis, gab er sich
+als Kind, den Mund umzogen von unbefangenen Gefühlen.
+
+</p><p>Indem er sich so preisgab, hielt er dem Rätselhaften
+stand, das ihn an ihrem Gesicht verstörte.
+
+</p><p>Allein sie gab nicht nach.
+
+</p><p>Er sprach von seinen jesuitischen Erziehern, deren frappierende
+Wirkung er kannte. Ihre Seltsamkeiten ernst nehmend,
+wurde seine Lippe ganz kindlich. Seine Sprache
+schmollte, derart spielend.
+
+</p><p>Sie folgte ihm mit einem Lächeln, das er eintrank.
+
+</p><p>Sie folgte ihm bis auf die Höhe dieser Kindlichkeit.
+
+</p><p>&bdquo;To,&ldquo; sagte er schmeichelnd wie eine Katze und lehnte
+den Kopf an ihr Knie und rieb leicht die Wange daran.
+
+</p><p>Rasch zog sie das Bein zurück.
+
+</p><p>Er schnellte auf, getäuscht. Aber ihr unbefangenes Gesicht,
+das sie mit einem Ruck damenhaft unberührbar vor
+Sicherheit verwandelte, gab ihm die Erinnerung seiner
+europäischen Tage, seine Hand fiel zurück. Er lächelte ebenfalls
+unbefangen zu ihr.
+
+</p><p>Seine Haut aber spannte sich vor Erregung, er war
+von göttlicher Schönheit und hielt nur noch schwer.
+
+</p><p>Sie reizte ihn, daß er seine Haltung änderte, sie ließ
+die Augen nicht von ihm.
+
+</p><p>Am Mittag erreichten sie einen Platz, wo Stufen, in
+die Felswand gehauen, zeigten, daß Städte hier seien. Anhaltend,
+entstanden ihnen Bambushäuser in fliegender Eile.
+Ein Landschaftsgouverneur erschien, die Gegend bevölkerte
+sich. Über ihnen wölbte sich eine Ebene, auf deren Scheitel
+unbeweglich ein Schwarm Tauben hing.
+
+</p><p>Der Abend war noch weit. Sie nahmen, faul vom
+Liegen, junge Pferde und ritten. Je länger sie ritten, um
+so größer wurde die Geschwindigkeit der Tiere. Die Pferde
+warfen Mais und Gras auf mit dem Huf, eine kleine
+Wolke von Sand stand an jeden Fuß geheftet. Der Prinz
+wies ihr seinen Besitz, sein Finger stieß in die Gegend.
+Seine Stimme war deutend, erklärend, mit einfacher
+Würde.
+
+</p><p>Er kam ihr mit Gleichmut, und sie lächelte darüber.
+
+</p><p>Der Nagel seiner Hand glänzte. Dahinter standen Berge,
+die Rubin trugen und Kupfer. Die Fläche seiner Hand
+formte eine Quelle, die heiß lief, mit Nymphen, blond die
+Haare. Sie gab ihm freundlich das Ohr.
+
+</p><p>Die Luft, in die sie tauchten, löste alles um sie auf, so
+dicht ward ihre Strahlung.
+
+</p><p>In das Rot der unsichtbaren Sonne stieg ein blauer
+Dampf. Die Reiter hoben sich mit scharfen Rändern unwirklich
+aus der Landschaft.
+
+</p><p>Vor ihnen ballten sich Umrisse, der Luft seltsam verwoben,
+wie ein Kreis.
+
+</p><p>Die Hufe der Pferde waren in der weichen Wiese kaum
+hörbar. Kein Ton lag in der Luft.
+
+</p><p>Ein Tor schlug sich ihnen auf, dumpfer Schein von
+Metall darum, das zerrissen daran hing. Hinter dem Bogen
+lag weich im dunklen und goldfarbenen Raum eine Straße.
+Sie sahen keinen Menschen in der Einsamkeit der Gebäude.
+Es wogte eine samtene Luft, die sie fast faßten mit den
+Händen. Sie sprangen ab und banden die Gäule an Penaigobäume.
+
+</p><p>Ihr helles Wiehern scholl blendend wie etwas Helles in
+der weichen Verlassenheit hinter ihnen.
+
+</p><p>Die Fenster der Häuser glänzten wie Milch. Die glanzlose
+Sonne war lang verschwunden, aber die Dunkelheit
+war fast weiß von Licht durchflimmert, und Silber band
+sich in jeden Winkel.
+
+</p><p>Riny bog in einen Garten, dessen Mauer eingestürzt
+lag, schon verwachsen, gegen die Straße. Thengo glitt
+hinter ihr. In der Ruhe sprang ihr Herz. Sie fühlte ihn
+im Rücken, ihr Puls erstickte sie in der Kehle, die Brust
+schnürte sich zusammen. Sie sah um.
+
+</p><p>Sein Kopf war in dem Licht sehr schmal, mit zarter
+Haut und gerafften wilden Brauen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. erregend die Tönung
+der Lippen.
+
+</p><p>Sie nahm ihr Auge aus seinem und trat rasch in das
+Haus, ohne den Schritt zu beschleunigen. Zu einem Fenster
+des verfallenen Hauses sah sie heraus.
+
+</p><p>Er stand unten, geduckt. Sein Kopf sah heraus, seine
+Kehle gab etwas frei, einen Ton, dann sprang er nach.
+
+</p><p>Treppen vor sich aufgetürmt, schon überwunden, Säle,
+Keller, ein plattes Dach voll weißer Disteln .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. überall
+spürte sie seinen Atem, pochender Schläfe, nie fehlte ihr
+seine Gegenwart.
+
+</p><p>In einem Schatten duckend, sah sie seinen gespannten
+Schenkel, der ihn vorbeitrug.
+
+</p><p>Sie stieß einen leichten Ruf aus, der ihn anhielt, weich
+und dunkel sich verirrte weiter in den Gängen.
+
+</p><p>Durch das Fenster, den Kopf noch nach seinem Ansprung
+gewandt, ergriff sie einen Ast und schwang sich auf
+den Balkon.
+
+</p><p>Schon um die Biegung der Galerie, gerötet, das Herz
+haltend, sah sie den Schwung, der den bronzenen Körper
+hinter ihr herüberwarf auf die Brüstung.
+
+</p><p>Von einer Schar Pilaster aufgehalten, verwirrte sich
+ihr alles. Verlassen, allein suchte sie den Ausweg.
+
+</p><p>Je länger sie den Weg suchte, um so deutlicher suchte,
+rufend, sie nun ihn selber. Von Marmor zu Marmor sich
+windend, kam ihr aus dem Schatten sein Mund überall
+entgegen. Unter einem Bogen sah sie Sterne. Sie wand
+sich hindurch und trat durch ein zerfallenes Fenster auf eine
+Terrasse, darüber den Himmel.
+
+</p><p>Sofort spürte sie ihn in der vibrierenden Luft.
+
+</p><p>Sie wandte sich die Länge des Baus hinunter. Ohne
+daß ein Laut ging, fühlte sie ihn hinter sich.
+
+</p><p>Sie fieberte über die ganze Haut.
+
+</p><p>Sie lief die halbe Terrasse hinunter.
+
+</p><p>Dann faßten seine Hände ihre Schultern.
+
+</p><p>Mit gleitenden unentreißbaren Bewegungen riß er sie
+an sich, ihr Mund heiß und quellend bog sich an seinen,
+unter feinen Liebkosungen kam sie wieder zu sich. Sie waren
+sanft wie die der wilden Tiere.
+
+</p><p>Der Sand der Terrasse war warm von der Sonne
+noch wie am Meer.
+
+</p><p>Sie lehnte den Rücken gegen die Wand des Palastes,
+an der sich ihr Schatten groß und gelockert um sie formte.
+Er lag bäuchlings vor ihr, sein Gesicht zu ihrem erhoben,
+die Zähne frei, die Lippen befeuchtet. Seine Muskeln lebten
+alle, auch in der Ruhe war er gespannt. Sie sah auf ihn,
+hingegeben dem Bezwinger. Seine Gewalt und Wildheit,
+das Knirschen seiner Zähne, die Glätte seines Körpers
+machten sie wanken mit den Lippen nach ihm. Ihr Kopf
+war müde, er blieb an die Mauer gelehnt, unsichtbar bebten
+nur die Lippen.
+
+</p><p>Wieder in einer Pause ihres Bewußtseins lag er vor
+ihr. Sein Blick badete immer noch in ihrem Gesicht und
+sog einen Rausch daraus, der langsam seine Züge überzog.
+Um seine Pupillen gingen im Wechsel die Gefühle, die
+Augen erstarrten in glasigem Email. Seine Lippen bewegten
+sich einige Male.
+
+</p><p>&bdquo;To.&ldquo;
+
+</p><p>Er wiederholte ihren Namen.
+
+</p><p>&bdquo;To .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. ich liebe dein Gesicht.&ldquo;
+
+</p><p>Seine Stimme ward leis und singend:
+
+</p><p>&bdquo;Es ist nackt,&ldquo; sagte er.
+
+</p><p>Sie legte die Hände unter den Nacken.
+
+</p><p>&bdquo;Du hast es unverhüllt getragen. Nie sah ich Frauen,
+die so stolz waren in ihrer Schamlosigleit.&ldquo; Die Stimme
+versagte ihm heiser.
+
+</p><p>&bdquo;To .&nbsp;.&nbsp;. wenn andere Frauen ihr Gesicht preisgäben .&nbsp;.&nbsp;.
+To .&nbsp;.&nbsp;. deines ist schön und hart. Hast du es durch viele
+Länder getragen? Viele haben es gesehen wohl an deinen
+Seen, in den Städten, wo du fuhrst &mdash; &mdash; Tausende Männer
+haben ihre Augen darauf gehabt .&nbsp;.&nbsp;. haben es beschmutzt.
+Haben Hunde es gesehen? Frauen haben wohl heiße Blicke
+darauf gehabt? Aber &mdash; ich liebe es.&ldquo;
+
+</p><p>Sein Blick flehte an ihr, er zog an jeder Falte ihres
+Gesichtes, und ihre Augen stahl seine Glut in die seinen
+hinein.
+
+</p><p>Ihr Kopf stieß gegen die Wand hinter ihr. Sie empfand
+die Macht ihres Körpers ausgehen von sich eine Wolke
+voll Geruch. Noch war ihr Herz tief in der Gewalt seiner
+Umarmung, da stieg sie schon, ohne daß sie es wußte,
+weit über ihn, der sich wand vor ihr in Wollust.
+
+</p><p>Er hob sich auf, schnellend mit allen Sehnen. Lächelnd
+bog sie den Mund zur Seite. Sie sah das Fremde aufblitzen
+in seinen Augen, die grünlich aus dem Ring um
+die schwarze Pupille heraustraten. Sie roch seinen Körper,
+der duftete nach stürzendem Blut. Süß geschaukelt
+in der Gefahr seiner wilden Entfesselung reizte ihr Mund
+ihn, bis er als Kind an ihren Knien vergehend lag und
+sie, es schwer nur ertragend, den Mund hinüberbog an seinen
+und klein und schwach unter seinem von Leidenschaften
+überschwungenen Kopfe hing.
+
+</p><p>Ihr Lächeln, bald hingegeben im Vergehen, lenkte seinen
+Blick, der sie zerriß. Ihr erwachender Blick aus dem
+Taumel zog ihn zu sanften Worten, hinter denen, die Fesseln
+gespannt, das Raubtier stand.
+
+</p><p>Noch halb in der hellen, aber von Morgenscheinen dunkel
+versilberten Nacht trug er sie, mit der Kehle jauchzend, zu
+den Pferden.
+
+</p><p>Ihre Schatten fielen langsam auf die Erde, die fast rot
+war. Sie erreichten die Schiffe, die Gäule ritten Kopf
+an Kopf, kein Zoll fehlte.
+
+</p><p>Der Morgen legte die weitaufgebrochene Landschaft vor
+sie. Mit Licht ausgefüllt leuchtete sie still von allen Seiten
+in sich selbst. Wind packte keiner ihr Haar und Gesicht.
+Sie lächelte blaß und verzückt, die Ringe sanft unter die
+Augen gezogen.
+
+</p><p>Die Welt stand eine Kuppel über sie dünn und zart wie
+aus Glas.
+
+</p><p>Der Rhythmus des Fahrens wiegte sie gut. Die Sonne
+kam bis zu ihr herab und senkte sich zwischen ihre Brüste,
+mit mildem Licht von hier aus das Licht ergießend über
+die Welt, die sie sah und die sich um sie bewegte, in der
+sie tausendfältig in der großen Ruhe war.
+
+</p><p>Am Ufer parierte ein Pferd gegen Mittag, die Vorderbeine
+stiegen in die Luft, ein Zaum bog das Maul in die
+Höhe. Sein roter Bauch strahlte auf. Thengos Augen
+zogen sich zur Seite. Ein Schwimmer holte die Nachricht
+und hob sie in das Boot. Sie mußten sich trennen, es
+war nur auf Stunden. Dennoch erbleichte er. Rinys
+Blick sah ihn tief bewegt, doch sie blieb kühl. Sie gab
+ihm die Hand, der er tausendfach sein baldiges Wiederkommen
+versicherte. Sie sagte nichts, auf was er lauerte.
+
+</p><p>Ruhig, unbefangen nahm sie Abschied von ihm, dessen
+Gesicht sich grausam zusammenzog. Seine Augen bewegten
+sich nicht von ihr, solang als ihn sein kleines Boot zum
+Ufer fuhr.
+
+</p><p>Weiterfahrend verglitten die Dämme der Küsten in die
+Landschaft. Vom Ufer aus sah sie auf das Gelände, das
+im halben Bogen des Horizonts mit Mais gefüllt war, und
+auf der Tiere still dahingingen bis an den Rand.
+
+</p><p>Gegen Abend tauchten sie in eine Bucht, Scho&mdash;Li&mdash;Rua,
+die Bai der gelben Boote. Das Wasser stand wie Glas.
+In einem hohen Bogen hoben sich Häuser mit kleinen Fahnen
+und senkten sich wieder über einem Hügel, die Fronten
+gegen den Fluß gelehnt. Hier nachteten sie.
+
+</p><p>Sie bewohnte das äußerste Bambushaus des Kreises,
+halb schon an der Bai. Keinen Augenblick empfand sie
+Ruhe. Schatten wogten draußen. Durch die Ritzen spürte
+sie, unsichtbar, den Glanz spähender Augen. Lautlos trug
+die Luft ein erregendes Geschehen, das ihr den Schlaf
+nahm.
+
+</p><p>Sie trat, aufstehend, zur Tür. Davor saßen zwei Wachen,
+hinter ihnen glitten Schatten weg in die Nacht. Sie
+ging hinein und legte sich von neuem. Lange konnte sie
+nicht schlafen, von der Hitze der Gegend und der Bewegung
+um sie gestört. Auch ihr Hirn versagte. Sie konnte nichts
+denken. Langsam fiel sie so in den Halbschlummer hinein.
+
+</p><p>Halbnackt, auf seinem Schweiß noch den eines Pferdes
+wie Schnee, stand Thengo vor ihr. Sie fuhr auf, noch
+konnte er nicht reden, als er sie küßte. Noch versagte sein
+Mund, als seine Lippen schon ihr Gesicht überwanderten.
+
+</p><p>&bdquo;Du .&nbsp;.&nbsp;. ,&ldquo; flüsterte er keuchend. Seine Augen wurden
+lächelnd und klein vor ihr, als ob sie bäten .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;ich
+habe mich sehr geeilt.&ldquo;
+
+</p><p>Tagelang noch fahrend, hielten sie eine Nacht dann nicht
+an. Mit Windlichtern ruderten sie durch das Dunkel des
+immer mehr verengten Flusses hinauf. Mit dem Morgen
+hob sich Dunst von der Gegend und in dem noch wirren
+Ineinanderschieben des Nebels sah sie goldene Spitzen im
+schon manchmal erscheinenden Blau.
+
+</p><p>Ein Palankin hielt, wo sie landeten.
+
+</p><p>Er, den Schwanenhälse zierten, von zwei Löwen an der
+Spitze und am Ende gleich einem Flügel breitenden Vogel
+überbogen, die fürstliche Türmung gelb darüber gereckt, empfing
+sie aus dem Atlas des Inneren mit Moschusgeruch.
+
+</p><p>Rasch getragen sah sie durch die flatternden Falten des
+vorgeschlagenen Vorhangs, sanft gewiegt im Rhythmus der
+Laufenden, eine Stadt eine Hügelkette hinan gelegt und an
+ihrem Fuß anspülend einen See.
+
+</p><p>Dann hielt sie in einem Garten und sah das Schloß
+mit Galerien, achtstöckig unter dem chinesischen goldenen
+Dach, das den obersten Erker überspielte.
+
+</p><p>Thengo-Tikien empfing sie im dritten Stock, er nahm
+gleich ihre Hand und führte sie durch die Zimmer. Als er
+neben ihr ging nun, war nichts mehr von der Würde des
+Armwinks an ihm, mit dem er vor einem Herzschlag noch
+die Diener hinausgeschickt. Stets Neues aufkramend, wies
+er ihr das Alte wieder. Er brachte ihr eifrig eine Tasse,
+an der sie vorbeiging. Kissen hob er ins Licht, daß die
+Lamaseide bleicher scheine. Vasen rückte er ihr zurecht.
+Seine Hände boten ihr, wühlend in kleinen gehäuften Dingen,
+von Tischen Silber und Dosen.
+
+</p><p>Sein Auge stahl jeden Ausdruck aus ihrem Gesicht.
+Mit ihr wurde er gleichgültig, sein Gesicht ward ausgelassen
+mit ihrem, verzückte sich wie sie.
+
+</p><p>Die Wände schienen blau herunter, mit in Seide gewebten
+Figuren durchzogen. Vor den Fenstern lag der
+Westen und der große See.
+
+</p><p>Sie wandte den Kopf zurück von den schönen geschwungenen
+Ufern, nahm seinen Kopf in die Hände, küßte mit
+langem Kuß seinen guten Mund.
+
+</p><p>Seinen Zahn spürend, gab sie sofort ihn aus dem Kuß.
+
+</p><p>Er zitterte vor ihrem gleichmütigen Lächeln. Sein Fuß
+trat auf, doch sofort wurde er sanft. Da warf sie sich in
+die Kissen, und nun fuhr die Flamme wieder ungehemmt
+über ihn.
+
+</p><p>Oft sah sie ihn nun, ohne daß er bei ihr war. Durch
+das Fenster auf den Hof schauend, erblickte sie ihn, der Soldaten
+vorbeiziehen ließ. Das Laubgewinde des Fensters
+schnitt seine Figur in viele zarte Teile, in einem runden
+Loch schwebte der Kopf. Durch das Gitter einer Galerie
+sah sie ihn mit Gesandten verbindlich reden, Europäer verbeugten
+sich ihm, er verbeugte sich ihnen, das flüssige kalte
+Feuer seines Französisch schwirrte zu ihr herauf.
+
+</p><p>Sie verlor sein Gesicht nie aus den Augen über seine
+Haltung, die alles ausdrückte.
+
+</p><p>Sein Gesicht war gleichmütig, ihr war, sie hätte es nicht
+gekannt. Es war ohne Stolz und als hätte es nie gewußt
+um Demut. Haß und Freude wies es nie auf, nach innen
+gekehrt unter halb geschlossenen Lidern.
+
+</p><p>So beinahe noch kam er des Morgens zu ihr. Erwacht
+oben, wo er schlief, der Sonne am nächsten, empfing er
+die Masseure, nahm das Bad, währenddem er las eine
+halbe Stunde, dann stieg er hinunter.
+
+</p><p>Er frühstückte mit Riny, die ihn in heller Matinee, die Arme
+nackt aus Tulpenärmeln fallend, empfing. Er griff nach
+Nüssen und Mandeln, schenkte Riny Milch ein und reichte
+ihr die Früchte. Immer stand sie täglich vor dem ihr unbekannten
+neuen Gesicht. Nur aus dem Eckschlitz des Auges
+kam manchmal ein Blick der Unbeherrschtheit. Aber mit
+einigem Lächeln legte sie sein Gesicht frei. Es schmolz hin
+unter ihrem Gesicht, das sich ihm zuneigte. Kindlich ihren
+Augen vertieft lag er, wunschlos, verehrend vor ihr in
+den Fellen. Sein Blick legte Andacht und gütige Stille
+auf sie. Ein großer Schmetterling summte in das noch
+sommerkühle Morgenzimmer, vor dem die Stille des weiten
+Sees sich breitete. Hin und wieder flüsterte er ein
+leises Wort, das ihr gut tat, hinauf, während ihre Augen
+ineinanderhingen in einer klaren Vereinigung.
+
+</p><p>Widerwillig ging er von ihr den Morgen, noch aus der
+geöffneten Tür ihr traurig winkend, zurückkehrend und sie
+noch einmal zärtlich küssend, sein Mund dann verzog sich
+schmollend. &bdquo;Chéri,&ldquo; lächelte sie und zog ihn zärtlich an sich
+zurück, &bdquo;bleib hier&ldquo;.
+
+</p><p>Aber dann ging er trotz ihrem Lächeln, diktierte, ließ sich
+umkleiden, empfing. Erst am Abend holte er sie, in die
+beruhigtere Landschaft mit den Pferden hinauszureiten.
+
+</p><p>Am Morgen eines festlichen Tages bat sie ihn, eine Audienz
+sehen zu dürfen, aber er wich ihr aus, indem er sie
+vertröstete, es ging gegen sein Gefühl, daß eine Frau so
+sehr eindringe in all seine männlichen Dinge. Er sagte ihr
+keine Unwahrheit, aber er belog sie mit jeder Bewegung.
+Sie sah ihn an und ging an seinem zugeschlossenen Gesicht
+hinaus aus dem Zimmer, nahm ein Buch in dem anstoßenden
+und pfiff eine leicht wiegende Melodie.
+
+</p><p>Er stand in der Rampe des Vorhangs, die Augen grün
+auf sie gerichtet.
+
+</p><p>Sie sah nicht auf, empfand Angst, wie jedesmal, wenn
+das räuberische Tier in seinem Blute aufstand.
+
+</p><p>Aber sie kannte die Gewalt ihres Körpers. Sie gab
+nicht nach und spielte mit ihrer Furcht. Er kam langsam
+herein und machte sich zu schaffen an einer Falte des Teppichs.
+Zweimal ging er auf und ab am Zimmerrand.
+
+</p><p>Dann hingekniet neben ihr:
+
+</p><p>&bdquo;To .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Sie streichelte ihn über den Kopf. Seine Knabenlippe
+schaute voll Unschuld zu ihr hinauf. Sie vergab. &bdquo;Du bist
+schön,&ldquo; sagte sie, tief in seine Augen schauend. Er strahlte.
+
+</p><p>Am Mittag sah sie die Audienz, hinter einem großen
+Schirm aufgestellt. Die Zeremonie ging rasch vorüber. Als
+der Saal leer war, ging sie neben ihm durch den Saal.
+
+</p><p>Sie sah ihn von der Seite an, dann stieg sie auf einen
+Thron und fuhr mit der Hand über das Polster. Es lag
+auf einem springenden Jaguar aus Silber, der nach oben
+brüllte, wo, abschließend, die Flügelbreitung eines Vogels
+stand, aus dessen Schnabel ein Dolch herabfiel, schaukelnd
+im Gleichgewicht mit Rubin und Karfunkel.
+
+</p><p>Er hielt ihre Hand sie zu stützen, sie fühlte, daß er unmerklich
+zog. Rasch sah sie in sein Gesicht. Es war verschlossen,
+ohne Ausdruck. Ihre Brauen zogen sich zusammen.
+Da kam langsam ein heller Schimmer in sein Auge.
+
+</p><p>Sie zogen dann im langsamen Trab durch die Gegend
+den Fluß entlang, dessen Schilf sacht aufrauschte. Ein Reiher
+hob sich in den Himmel in langen sicheren Zügen, die Luft
+war sehr klar, sie atmeten mit geweiteten Lungen und sahen
+sich froh an, wenn sie sprachen.
+
+</p><p>Gegen Abend bemalte der Horizont sich rot und die
+Luft bekam Dichte, die Dämmerung fiel mit Schwüle, ihre
+Haut wurde feucht unter den Kleidern, den Worten benahm
+die Luft die Sicherheit. Von fern im Bogen anreitend sah
+Riny die Lichter einer Niederlassung, zwei Meilen von der
+Stadt, die sie nicht kannte, deren Kerzen sich schön im
+Flusse spiegelten.
+
+</p><p>Sie frug darauf deutend, er murmelte einen gleichgültigen
+Namen. Sie sah die Lichter flimmern und erstaunte
+sich über das unbekannte Bild. Sie bat ihn hindurchzureiten,
+er schien es nicht zu hören, so lenkte sie die Pferde von selbst.
+
+</p><p>Er sah sie an mit einem unbeschreiblichen Blick. Seine
+Augen waren so voll Sehnsucht und leuchtend in der Schwüle,
+daß er nicht wagte, sie zu reizen, die ihn mit kühler Miene
+ansah. Er suchte sie abzubringen vom Wege, er hoffte, daß
+sie es vergäße, aber sie folgte seinem Pferd nicht, seines
+vielmehr schloß sich an das ihre dicht an.
+
+</p><p>Er konnte es nicht sagen.
+
+</p><p>Er hatte wenige Geheimnisse vor ihr, aber dies widerstand
+ihm. Er brachte seine Zunge nicht dazu. Doch gab
+er sich Haltung und folgte in Unabänderliches, führte es
+durch, schob den Turban ab und band im Reiten ein Tuch
+um die Stirne, dann stieg er ab und half ihr herunter und
+band die Tiere an einen Pfahl.
+
+</p><p>Zu Fuß gingen sie voran, alle Hütten waren erleuchtet,
+aus dem Stroh und dem Bambus glitzerten die Kerzen
+still und andächtig. Schatten bewegten sich in der Straße.
+
+</p><p>Riny blieb lächelnd, den Finger an der Lippe, an einem
+Fenster stehen und schlich sich an, spähte hinein und kam
+wortlos zurück. Er nahm ihren Arm. Aus den Fenstern
+schlichen stille lockende Rufe in die Nacht. Sie sah Frauen
+herausgelehnt in verschwommenen Umrissen, ihr Herz klopfte
+mit einem Male, als sie verstand, wo sie waren. Im
+Leuchten einer Laterne stand ein Weib mit bloßen Brüsten
+auf dem Dach eines Hauses und zog an einer Glocke,
+die zart und flüsternd hinausfloß in die Dunkelheit, die
+immer weicher sich um sie legte, beladen mit dem Geruch
+der Körper und der Duftigkeit der Blumen aus den
+Gärten.
+
+</p><p>Wortlos ging sie weiter, der Arm Thengos stützte sie,
+und sie empfand mit Freude seine Haltung. Sie sah zu
+ihm auf. Sein Mund schwebte geschlossen in der Luft. Er
+führte sie bis an ein Haus, das im Schatten eines Gartens
+lag, ihre Hand immer streichend, die wärmer und feuchter
+wurde unter ihm. Sie drückte seinen Arm.
+
+</p><p>Er hob den Klopfer und schlug ihn gegen die Tür.
+
+</p><p>Zweimal gongte er durch die Dunkelheit, bis die Flügeltore
+aufgingen, zwei weiß gekleidete Frauen sie anstarrten.
+Er winkte ab. Fett kam ein Chinese, schickte sie weg und
+schaute schielend von unten nach Thengos ziselierter Kette.
+Sein Bauch knickte ein und schwabbte über die Knie, sein
+Gesicht glänzte fett vor Ergebenheit, obwohl er nur den
+Rang, nicht den Fürsten erkannte.
+
+</p><p>Thengo gab ihm einen Wink mit dem Finger.
+
+</p><p>Eilfertig schob er die Gardinen weg und sie traten ein,
+Riny nahm Thengos Arm. Ein Zimmer sah sie, mit einer
+Veranda in den Garten hinausgeschoben. Die Tür fiel zu.
+Eine zarte leise Stimme sang zu einer Harfe ein Lied und
+von der anderen Seite schwoll gedämpft ein erregtes Flüstern
+herein.
+
+</p><p>&bdquo;Endlich&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Thengo umarmte sie, mit beiden Händen
+ihr Gesicht streichend, unfähig noch zu schweigen.
+
+</p><p>Den Ausschnitt des Fensters säumten Blumen nach dem
+Garten, ihr Kopf lag auf dem Binsendiwan und seufzte.
+Ihre Augen waren beide starr. Rot sank zu rotgeschweiftem
+Hügel. Sein Mund tastete über ihren Leib, ihre
+Blicke lagen bei den Pflanzen, die golden in dem Nachtausschnitt
+standen, sie schmolz hin. Sie rief einmal seinen
+Namen. Er jubelte ihren dagegen. Dann lobte er ihren
+Körper, sein Mund hatte viele Vergleiche, die wild waren
+oder dufteten wie Blüten. Er war so angefüllt von verhaltener
+Sehnsucht, daß er sie nicht mehr sah, wie sie
+war. Blind hingegeben seiner Trunkenheit machte er sie
+zur Andacht. Was ihn erfüllte, aufgetrieben noch durch
+den Reiz des abenteuerlichen Hauses, strömte zu ihr, er
+heiligte ihre Knie, er weinte über ihr Auge, seiner unbewußt
+koste er sie.
+
+</p><p>Nie besaß er sie so sehr.
+
+</p><p>Sie lag blaß auf dem Lager und gab ihm jedes ihrer
+Glieder mit einem hinströmenden Gefühl. Sie gab jeder
+Stelle ihres Körpers die Kraft, daß sie jeden Kuß aufnahm
+und erwiderte und stärkte.
+
+</p><p>Erschüttert von ihrem Geben lag er neben ihr und schon
+wieder verschmolzen seine Augen mit ihren in einem unzerreißbaren
+Zusammenhang.
+
+</p><p>Er kämpfte, sie in den Armen haltend, um den letzten
+Rest ihres Leibes mit allem seinem Gefühl, daß, über ihn
+gebeugt, sie sagte, was sie noch nie aus Furcht zum Wort
+gegeben:
+
+</p><p>&bdquo;Tiger.&ldquo;
+
+</p><p>Sein Auge färbte sich einen Augenblick zarter.
+
+</p><p>&bdquo;Du wirst dich töten,&ldquo; sagte sie.
+
+</p><p>&bdquo;Es ist besser als anders zu leben.&ldquo;
+
+</p><p>Spät, als der Mond aufging und seine Lippe sich in
+seinem Licht beruhigte, streichelte sie ihn.
+
+</p><p>Aber dies beruhigte ihn nicht. Sein Gehirn empfand
+sie anders wie jede Frau, die er bisher gekannt, die in
+seinen Harems, ihn erwartend, ihm hingegeben lagen, ohne
+Widerstand. Er sah sie, erschöpft, in all ihrer Freiheit, in
+allem, womit sie, ihm widerstehend aus ihrem Innersten, ihn
+fesselte und erhob. Nie sah er sie anders, als ihr Gesicht
+auch allen anderen weisend. Ihn zerschlug der Gedanke, daß
+sie wie in seinen, in anderen Armen gelegen. Was er bei
+anderen Frauen natürlich nahm, ohne einen Gedanken,
+verwuchs sich ihm zu Bildern, die sein Erleben in Tiefen
+trugen, die ihn in allen Gliedern durchliefen. Sie lag, die
+Augen frei und sicher auf ihn geheftet.
+
+</p><p>Sie fand ihn schön.
+
+</p><p>Allein er empfand die unsägliche Trennung von Geschlecht
+zu Geschlecht an ihr zum ersten Male und stand an
+dem Dunkel, das nicht sein Arm durchbrach, das sein Herz
+nicht bebend überbrückte.
+
+</p><p>Er küßte ihre Stirn und ihren Mund: &bdquo;Nie sah ich
+Frauen wie dich .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. To.&ldquo;
+
+</p><p>Sie streichelte ihn wieder. Aber er ließ ihren Mund nicht.
+
+</p><p>Noch in der Nacht bog sich sein Auge zur Seite, seine
+Schläfe wurde braun, der Mund öffnete sich kurz.
+
+</p><p>Dann war er leblos.
+
+</p><p>Rinys Liebe brach in Weinen aus. Sie badete sein
+Gesicht mit dem ihren. &bdquo;Thengo,&ldquo; rief sie, &bdquo;wir gehen in
+den Garten, die Luft ist schlecht in dem Zimmer. Draußen
+stehen die Blumen und machen kühl.&ldquo;
+
+</p><p>Sie legt das Ohr an seine Brust und rieb die Schläfen.
+
+</p><p>Ihr Blick sah verwirrt auf seinem Schenkel einen Tiger
+tätowiert, den sie noch nie sah. Ihr feuchtes Gesicht lag
+an seiner Brust und schmeichelte. Ihre Wange, gedrückt,
+hob sich von einem Amulett aus metallischer Substanz in
+geblümtem Seidenzeug mit magischen Sentenzen. Sie legte
+es auf sein Herz, ihr Lächeln glaubte, daß es half. Ihr
+Mund kam wieder an sein Ohr, ihre Finger fuhren langsam
+zärtlich über seine Schläfe.
+
+</p><p>Nach Sekunden glomm Farbe wieder in seinen Mund,
+sie atmete tief auf, ein Schluchzen war ihr nahe.
+
+</p><p>Sein erwachender Blick traf Riny nicht mehr.
+
+</p><p>Sie stand auf der Veranda, als käme sie aus dem
+Garten, sie rief zu ihm durch die Blumen:
+
+</p><p>&bdquo;Thengo .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Schläfer.&ldquo;
+
+</p><p>Ihr Arm wischte die Tränen aus den Augen, die in
+einem Regenbogen über den Kies fielen. Von der Nachtluft
+erfrischt, Blumengeruch noch im Haar, ganz hingegeben
+seiner Müdigkeit, schmiegte sie sich an ihn, er glaubte ihren
+Augen, die gut über ihm standen, er wache aus dem Schlaf.
+
+</p><p>Sie gingen hinaus später in den Garten und legten sich
+in Stühle, die auf dem Rasen standen, aus dem Hyazinthen
+herauswuchsen und sich mit dem Nachtduft vermischten. Es
+war ganz still geworden in dem Haus, auch die Harfe
+schwieg.
+
+</p><p>Sie hielt seine Hand auf ihrem Schenkel, und wie er
+sie hielt so in der Stille ihres abgeebbten Blutes, überkam
+sie eine Zärtlichkeit zu ihm, die ihn ihr ganz verband. Kein
+Wort fiel in dieser Stunde.
+
+</p><p>Aber die Stunde lag noch in ihnen, als sie vor Morgen
+zu ihren Pferden gingen und hinausritten in die Dämmerung.
+Ihnen war alles vertraut, sie streichelten ihre Hengste,
+ließen sie laufen mit kurzem Steigbügel und losen Zügeln,
+sahen die purpurn mit goldnen Lasuren bemalten Satteltaschen
+an mit vertrauten Blicken und empfanden es innig,
+wenn in den Reifen ihre nackten Füße sich berührten.
+
+</p><p>Am Abend erfuhr sie, daß er den Mittag sie verlassen
+hatte für eine tagelange Reise. Er war vom Gefühl der
+Nacht noch so sehr voll Güte, daß er ihr den Abschied ersparte,
+indem er sich versagte, sie noch einmal zu sehen.
+
+</p><p>Sie lag aber gerührt von solcher Liebe die Tage, die
+vorüberschwebten mit langsamen glücklichen Träumen, auf
+ihren Veranden und sah in die Luft. Sie sah sein Bild
+in jeder Straße, er schritt überall schön und still und das
+Funkeln seines Auges erlosch, sowie sie lächelnd seinen
+Namen sagte.
+
+</p><p>Sie wandte sich in den Garten, schnitt und goß an den
+Blumen und spielte stundenlang mit den Tauben, die samtzart
+in ihrer Hand lagen, sich mit warmen stillen Leibern
+an ihre Wange schmiegten.
+
+</p><p>Die letzte Nacht vor seiner Ankunft war die Luft so heiß
+in den Zimmern, daß sie im Freien schlief. Dünn bekleidet
+lag sie auf dem Balkon. Immer noch hüllte der Mond
+die Landschaft in eine Glocke von Silber.
+
+</p><p>Während sie lag in diesen Stunden, band sich das Land
+in dem Licht zu einer bernsteinenen Masse, die sich dem
+Himmel näherte mit jedem Atemzug. In dem harzigen
+Licht aber, in dem die Gegend immer tiefer sich senkte, umwölkten
+sich ihre Augen und in den Träumen, die sie überzogen,
+während sie wachte, erhoben sich Gesichte und verschwanden
+wie hingeweht. Das Letzte kam, aus ihrem
+Herzen herausgeholt:
+
+</p><p>Ihr Vater sah sie an, sie winkte herzlich mit beiden
+Händen. &bdquo;Was willst du?&ldquo; frug sie. Doch er schwieg.
+Sie erschrak ein wenig, doch seine Farbe war braun und gesund
+und stolz. Sie zog ihr Gesicht zusammen zu Milde, die sie
+überströmte: &bdquo;Du bist sehr fern,&ldquo; sagte sie, &bdquo;aber ich kann
+nicht mich an dich wenden eben. Habe ich recht Pa .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo;
+Er gab ihr keine Antwort. &bdquo;Pa .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. ich weiß nichts
+von Euch. Euer Haus ist mir ferner wie etwas. Ich
+kann nicht zurückdenken an Euch. Aber ich weiß, daß ich
+Euch liebe.&ldquo; Da schien es ihr, sein Auge frage sie: .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+warum .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Sie erhob sich ein wenig und nun traten ihr
+Tränen wieder in das Gesicht: &bdquo;Ich liebe Thengo,&ldquo; sagte
+sie und ihr Lächeln ward so gütig, daß auf seinem Gesicht
+ein Lächeln spielte, bis eine weiche Wolke ihn wegnahm
+aus dem harzenen Licht.
+
+</p><p>Dann kamen andere Träume:
+
+</p><p>Sie sah zwischen zwei rosa Wolken Saint-Loux, den
+Stundenzeiger ihres Lebens, aber er kam nicht fordernd, kam
+mit einem Degen, den er hielt in verschränkten Armen wie
+eine Bibel. Es schien ihr, er frage traurig in ihr Gesicht.
+Aber sie sagte kein Wort, nur ihr Gesicht nahm das an,
+was ihr Gefühl bewegte, und in seinem gütigen Glanze
+löste sich die Erscheinung sofort zu zartem Dampf. Langsam
+erst streiften sich die Bilder wieder von ihr und erst
+in den Stunden der fallenden Nacht wachte ihr Kopf aus
+dem Halbschlaf heraus.
+
+</p><p>Da öffneten sich die Lider ganz klar und hell.
+
+</p><p>Die gelbe Glocke des Mondes zerflatterte, sie sah Fackeln
+draußen durch graue schon rötlich angelaufene Dämpfe
+qualmen.
+
+</p><p>Sie trat rasch hinein.
+
+</p><p>Sie schlug eine breite Seide um den Bauch und färbte
+die Augenlider mit einem schmalen Strich einer seidigen
+Salbe. Sie goß Sandelholzpuder in den Ausschnitt ihrer
+Brust und, ihn zerreibend, die Handflächen rosig davon,
+trat sie hinaus.
+
+</p><p>Die Sonne kam gerade mit frühem schönem Licht. Der
+See lag in ruhigen quecksilbernen Schatten.
+
+</p><p>Da aber lag unter den Rudern eine Flotte, vergoldet bis
+in die Knäufe der Masten. Hunderte Boote schäumten den
+See auf zu einem leichten Glanz, und die Ruderer sangen,
+während sie die Schaufeln hoben, ein klares wiegendes Lied.
+
+</p><p>Sie hörte wie im Traum noch Elefanten von dem See
+herauf den Boden stampfen, ihre Gläser in den Räumen
+tanzten. An den Rahmen des Balkons gelehnt, schwach
+in den Knien, hörte sie ganz von ferne:
+
+</p><p>&bdquo;To.&ldquo;
+
+</p><p>Sie machte eine kleine Bewegung, aber schon stand er
+vor ihr. Auch sein Gesicht war von Liebe so gut, daß es
+still vor ihr hing. Sie sprachen nicht. Die Sehnsucht
+glänzte nur von ihrem Mund, während sie still sich zu der
+Landschaft wandten, die sich morgendlich auftat. Sie saßen
+lange noch zusammen, überwältigt voneinander zu solcher
+Stille des Erlebens, und schauten hinaus, ohne sich zu sehen,
+bis ihre Augen lächelnd einander trafen und ihre Körper
+sich berührten.
+
+</p><p>Sie waren sanft in ihren Liebkosungen, ihre Körper vertauschten
+sich miteinander, ein jedes wollte das andere beglücken
+und für es leiden.
+
+</p><p>&bdquo;Hattest du große Sehnsucht?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich habe hier alle Tage gesessen und gewartet.&ldquo; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>&bdquo;Und du .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. hast du dich gesehnt?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich habe einen Feind nicht töten lassen, weil ich dich
+so sehr liebte, To .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Als sie allein dann blieb, brach der Abend mählich an
+und eine angstvolle Ruhe überkam ihr Herz. Aber wie ein
+Trost kam die Landschaft über sie, die mit Hügeln sich nach
+dem Norden hin wellte.
+
+</p><p>Jede Erhebung trug eine Pagode, die sich rund erhob und
+dastand.
+
+</p><p>Immer unirdischer stieg das Licht, das Geringste verklärend.
+Überall schritten groß und still die Büffel über
+die aufgelegten Felder, die in schwarzer Seide glänzten,
+gegriffen von hellen Pflügen. Indigofelder wogten schwach
+aus der Ferne heran, als kämen sie zu ihr wie eine schöne
+Herde. Der Fluß bog sich schlicht, in eine Falte der Gegend
+eingeknittert, vorbei. In einem nahen Garten mit rotschäumenden
+Hecken saßen auf Palmen grüne Papageien
+und regten sich nicht. Über allem lag das Glänzen wie
+ein Atem.
+
+</p><p>Sie bog die Brust nach vorne und lauschte mit dem Ohr
+an ihrem Leib.
+
+</p><p>Der Segen der Gegend reifte auf sie herein mit einer
+Güte, daß sie still das Wunder in sich glaubte. Sie war
+von Liebe so sanft und klar, daß dies Gefühl, das ihr wie
+ein Traum in das Bewußtsein schwebte, sie ruhig machte
+und sicher vor Glauben. Noch nie war ihr der Gedanke,
+daß sie Kinder trüge, nah gewesen ihrem Herzen. Sie
+empfing es, das ihr früher Schmerz und unlieber Einfall
+nur gewesen und ängstend ihr weibliches Gefühl und ihre
+Freiheit, nun mit der Aufnahme der selbstverständlichen
+Güte, mit der die Welt um sie voll stand. Ihr Körper
+verfeinerte sich unter dem Glauben ihrer Segnung.
+
+</p><p>Denn aus der unerklärlichen Stille der auf dem See
+schon dunkelnden Fischerboote hörte sie das kleinste Geräusch.
+Sie unterschied jeden einzelnen Fischzug. Ja, sie war bei
+jedem einzelnen Tier, das die Angel dem See entriß. Bald
+konnte sie unterscheiden, welche Welle, von welchem Ufer
+kommend, den Strand unter ihr traf, und die Schatten
+einer fernen Abendwolke fielen wie ein Stoff auf ihr Gemüt.
+
+</p><p>Um sie wuchs die Welt aber unerklärlich in Schönheit.
+
+</p><p>Sie wurde größer, an der Stadt der gelben Boote wurde
+der Strom wie durchsichtige Haut. Viele Städte wuchsen
+aus der Ebene und glänzten.
+
+</p><p>Durch die Steinölquellen erhielt die Dämmerung vom
+See her einen Schein von Regenbogen, die sie ohne Pause
+überzitterten. Unter ihnen überall lagen die Klöster ganz
+in mattem Golde badend und in stillen Kreisen umschritten
+die Priester sie sacht.
+
+</p><p>Sie faltete die Hände: ihr Mund dankte hingegeben an
+die Klarheit, ihre Seele aber sog wie einen Atem die Güte
+ein, die ihre Liebe über dem Land empfand.
+
+</p><p>Wie eine Verkündigung nahm sie den Tag mit in die
+folgenden.
+
+</p><p>In Stille lebend war sie voll Erwartung. Nachts
+lauschte sie oft auf ihren Leib. Auch, als das Blut ihren
+Körper verließ, ließ sie nicht nach im Glauben, denn die
+Verheißung nahm sie nicht auf einen einzigen Tag.
+
+</p><p>Sie lebte wartend, sanft und schmelzend in der Erwartung.
+Ihr Gesicht glättete sich zu mondhafter Weiche. Ihre
+Glieder formten sich zu harmonischer Milde der Bewegung.
+Die Augenbrauen lagen fremd in ihrer wilden Biegung
+auf solch den Dingen ergeben hingewandtem Gesicht.
+
+</p><p>Sie neigte sich in allen Dingen vor Thengo. Sie sah
+keine Fehler an ihm jetzt mehr, lächelnd verzieh sie und war
+nie voll Widerstand.
+
+</p><p>Aber unter dem aufnehmenden Erfüllen ihrer Liebe einte
+sich nicht mehr das Bündel widerstrebender Gefühle, das sein
+Wesen ausmachte und das sie sonst im Gleichgewicht hielt.
+
+</p><p>Einmal, endlich, gereizt, hob sie drohend das Gesicht
+gegen ihn.
+
+</p><p>Er lächelte. Aber ihr Glaube, den sie unverbrüchlich
+gehalten, löste sich langsam und schmerzlich seit diesem Augenblick.
+Wie ihre Hoffnung langsam nachließ, wichen die
+sanften mütterlichen Gefühle einer schmerzlichen Ruhe.
+
+</p><p>Sie entsagte. Aber sie war jeden Augenblick auf das
+Wunder bereit. Sie sah Monat um Monat ihr Erwarten
+eitel, aber die Sicherheit des Glaubens verließ sie auch in
+dem sichtbaren Versagen nicht.
+
+</p><p>Thengos Leben hielt sie in ihrer Hand, ihn reizend und
+gütig beruhigend. Sein wildes zersprühendes Leben bedurfte
+ihres Gleichgewichts. Aber ein Teil ihrer Seele war leer
+geworden im Warten und mit Hingeben an das Äußere
+trat sie, es zu füllen, aus ihrer Stille heraus zu Reiten
+und Fahrten. Sie spielte mit Hunden und befragte ihn
+um die Führung seiner Geschäfte.
+
+</p><p>Am Tage des zweiten Geburtstages Thengos fuhren
+sie in die Dämmerung auf den See mit wenigen Ruderern.
+Das Wasser war gefallen, Tausende Inseln streckten sich
+mit langen Armen aus der Flut, die, mit Steinöl überzogen,
+gleich schillernden großen Tieren sich über sie bäumten.
+
+</p><p>Der Mond hob sich langsam und groß.
+
+</p><p>Sie lagen still in der einhüllenden Kühle und rauchten
+wortlos in die Dämmerung.
+
+</p><p>Plötzlich ganz langsam begann Rinys Gesicht sich in
+Tränen zu lösen. Kleine Tropfen hingen wie eine Schnur
+an ihren langen Adern, das Gesicht badete in einer Feuchtigkeit,
+die es erfüllte wie ein Mondschein.
+
+</p><p>Er sah sie nicht an, klopfenden Herzens. Seine Hand
+schlich nur herauf und preßte ihr Knie: ich bin da.
+
+</p><p>&bdquo;Thengo .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Er hörte. Die blaue Dunkelheit um sie machte sie freier,
+die ihren Atem aufnahm ganz weit und ihre Worte schlürfte.
+Moskitos senkten sich auf sie nieder. Sie sogen heftig an
+den Zigaretten und scheuchten sie mit Rauch. Aber es war,
+als lägen sie in einer Säule, so dicht umwanden sie die
+Tiere. Die Ruderer hatten die Netze vergessen, Thengo
+sagte kein Wort zu ihnen, er schien ihr aufgelöst und gut.
+
+</p><p>Aber die süße Schwüle der Luft, die sein Druck zärtlich
+verstärkte, ließ ihr Gefühl ganz hinrinnen. Zum erstenmal
+sprach sie Thengo von ihrer Sehnsucht. Sie sah ihn
+erbleichen. Nun begriff sie, daß sie ihn tief damit kränke,
+denn seine männliche Eitelkeit trug daran im Glauben, sie
+mäße ihm vielleicht die Schuld.
+
+</p><p>&bdquo;Ich bin elend,&ldquo; sagte sie leise. &bdquo;Ich kann nicht gebären.&ldquo;
+
+</p><p>Sein Gesicht arbeitete.
+
+</p><p>&bdquo;Nein, To,&ldquo; sagte er: &bdquo;Ich trage die Schuld.&ldquo;
+
+</p><p>Sie erschrak. Dann lächelte sie:
+
+</p><p>&bdquo;Thengo .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. du Tor .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. mein Narr.&ldquo;
+
+</p><p>Er schüttelte den Kopf.
+
+</p><p>&bdquo;Tiger,&ldquo; sagte sie. Sein Blick strömte über durch die
+Luft auf sie mit einem wilden Jauchzen, das sich aus Liebe
+dämpfte zu einem berückenden schwärmerischen Band.
+
+</p><p>Sie blies den Rauch heftiger aus. Der Mond war
+noch groß und lag genau auf dem Spiegel des Wassers.
+
+</p><p>In den Schwärmen der Moskitos tauchten große grüne
+Fliegen auf, deren saugende Stiche kleine Hügel an ihren
+Armen aufschwellen ließen, daß sie den Arm zum Munde
+führte, um es zu lindern. Thengo rief, daß man rasch
+rudere.
+
+</p><p>Sie steckten Zweige an, indem sie zurückfuhren.
+
+</p><p>Er aber kam herüber und legte sich auf sie, daß er sie
+deckte mit seinem ganzen Körper, mit seinem die Stiche
+empfangend, sein Nacken war ganz gerötet.
+
+</p><p>Er küßte sie nicht. Sie lagen in einer stillen Vereinigung,
+wie geboren in dieser Lage, sie tauschten die Sehnsucht
+und den Schmerz ihrer Leben aus in einem Gefühl
+der großen Harmonie, die sie trug.
+
+</p><p>&bdquo;To .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. es ist meine Schuld,&ldquo; flüsterte er.
+
+</p><p>Sie lächelte ihm in das Gesicht hinauf: &bdquo;Thengo .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+du Tor.&ldquo;
+
+</p><p>Sie landeten und gingen hinauf auf die Balkone. Ein
+Feuerwerk entzündete sich feierlich und getragen über dem
+See. In langen goldenen Schnüren hingen die Strähnen
+zersprühter Kugeln hinab in das Wasser, über dem der
+Mond noch rot sich brach.
+
+</p><p>Sie speisten auf Rinys Balkon.
+
+</p><p>Die Gardinen der Front bewegten sich alle in dem
+lauen Wind, der den Abend köstlich trug. Es lag eine
+Ruhe des Gleichgewichtes in der Luft, daß es weiter nichts
+bedurfte wie da zu sein und sich zu sehen, den Atem zu
+spüren, nichts zu reden &mdash; &mdash; um glücklich zu sein.
+
+</p><p>Während sie speisten, hob Thengo mit einem raschen
+Schwung eine Kette schönster orientalischer Perlen um ihren
+gerade geneigten Hals. Müde und erregt küßte sie ihn
+zärtlich über den Tisch.
+
+</p><p>Dann stand sie auf, ihm Blumen im Garten zu schneiden.
+Er hob, als sie aufstand, sein Gesicht fragend, gestört, daß
+sie die wortlose Ruhe breche. Aber sie empfand so tiefe
+Zärtlichkeit, daß sie den Gegenstand suchte, sie ihm darin
+darzugeben.
+
+</p><p>Sie hob geheimnisvoll die Hand.
+
+</p><p>Ihr Finger fuhr zum Mund, die Lippen zogen sich zusammen
+rätselvoll und lächelnd. Sie sah sein Gesicht heiß
+werden, er nahm ihr die Hand herab und drückte seinen
+Mund auf den Ballen.
+
+</p><p>Sie lachte winkend schon und entlief.
+
+</p><p>Sie wollte allein sein. Wie vieles und welche Höhe
+sie mit ihm durchlebt, kam ihr, als sie in den Garten trat
+und beruhigter stand. Die weiche Luft umhüllte sie, sie gab
+sich dankbar hin. Sie schnitt einen Strauß barbarisch wilder
+Blumen. Ihr ganzer Arm lag voll davon und währenddem
+ging ihr Blut in einer Klarheit, die allen Dingen
+sich verband, mit jeder Zelle faßte sie jedes Ding der Welt.
+
+</p><p>Sie spürte die Güte, die von Thengos Wildheit ausging
+und in wunderbarer Wage die Leidenschaft seines
+Atems mit ihrer Seele verband.
+
+</p><p>Das gab ihr Glück.
+
+</p><p>Aber in tiefster Liebe stehend, empfand sie die innere Sicherheit
+weit über den Zustand des Glückes hinaus. Die tiefe
+innere Ruhe war aus der Kraft der Entsagung in sie eingedrungen.
+Der Schmerz in der Liebe und die Trauer
+hatten sich eingesogen in ihr Blut. Sie trug einen Besitz,
+der sie abschloß und vereinte. Sie war gewappnet gegen
+jedes Schicksal.
+
+</p><p>Und damit brach sie zum ersten Male den Ring von
+Saint-Loux und die mystische Kraft, mit der er ihr Leben
+umlagerte, mit dem sie zum ersten Male schlief, und die
+seither ihren Weg bestimmte, dessen Lauf sie zurückriß in
+das Abenteuer seiner Umarmung jedesmal. Sie lächelte.
+Sein Bild schwand und verblaßte.
+
+</p><p>Aber in diesen Gefühlen der inneren Ruhe strömte
+Thengos Liebe auf sie zu. Sie war ihr ein Sinnbild.
+Ihr Herz war weit und klar wie nie. Ihr mildes Herz
+dachte nur an ihn, da es beruhigt war in sich selbst. Sie
+ging, fast eine Erscheinung, körperlos und doch glühend,
+hingegeben und verzichtend, großen Schwingungen der Erde
+im Pulsschlag hemmungslos vereinigt, durch die Dämmerung
+der Beete, hob die Arme nach den Büschen, seinen
+Namen sagend, bei jeder Blume, die sie für ihn schnitt.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">Särö</h2><p>
+
+
+</p><p class="first">Es ist der dreiundzwanzigste April, St. Georgstag.
+Gunnaris sagt, heut stellten in Nyland und in Karelen
+bis gegen die Grenze nach Petersburg hin die Frommen
+Milch unter die heiligen Bäume und speisten Kuhzungen
+mit geschenktem Mehl in den Ställen.
+
+</p><p>Es schlägt Acht von der Höhe Lidingös.
+
+</p><p>Gegenüber der ersten Stockholmer Schäre gehen wir an
+Bord. Sirola und Vehkamäki rudern von der anderen
+Fjordseite herüber.
+
+</p><p>Wir gingen hundemüde gleich in die Kabinen, es ward
+sehr dunkel.
+
+</p><p>Ich kann nicht schlafen, horche auf das Flauschen der
+großen Segel und bin voll Unruhe, aber ich begreife nicht,
+was mich durchzieht. Nach rückwärts ist alles klar, nach
+dem Zukünftigen der Weg gerichtet. Ich habe vier Wochen
+Zeit, bis ich mit abgelaufenem Paß nach dem Balkan muß.
+Was kann es mir nützen, daß ich es überlege?
+
+</p><p>Ich habe auf der Brust einen Brief meines Bruders,
+der mir eine Dankesschuld für ihn abzutragen aufträgt
+und der durch viele Zensurstationen mich nach zwei Jahren
+in Schweden erreicht hat; ich habe eine Mission in
+meinem Beruf außerdem noch und liebe sodann noch Siv.
+Ich habe vier Wochen Zeit, bin in Eile und mache doch
+unbedenklich trotzdem diese riskante Exkursion. Ich weiß
+also genau, was ich will, wie ich immer es wußte.
+
+</p><p>In der Pupille, dem Spiegel gegenüber, ist kein Nachlassen
+der Energie, nur hin und wieder scheint heut zum
+erstenmal hinter dem hellen und herausfordernden Ton
+der Netzhaut ein noch tiefer im Silber des Glases liegendes
+Gesicht heraufzutauchen.
+
+</p><p>Doch sehe ich hart danach, bleicht es erschrocken zurück.
+
+</p><p>Es gibt nichts, was mich verwirren könnte im Umkreis,
+Gefahr erschreckt mich nicht. Ich höre auf zu denken und
+spüre, wie es irgendwo in mir bebt. Ich laufe auf und
+ab. Es ist heiß, ich gehe im Schlafanzug hinauf, höre die
+Matrosen, die an ihre Weiber denken, summen. Der Seewind
+macht müde, ich schlief am Geländer, bis die Möven
+kamen. Sirola stand schon vorne und fütterte sie und
+lachte, wenn sie, sausend herabgeschossen, vor ihm mit nach
+oben gestreckten Beinen erschreckt und gierig am selben Fleck
+flatterten.
+
+</p><p>Abends sahen wir Leuchtfeuer über der Ostsee und kreuzten,
+hörten ein Motorboot einmal, glitten durch ein Gitter
+von Scheinwerfern, die uns nicht ganz erreichten und kamen
+südlich von Abo auf das finnländische Ufer.
+
+</p><p>Das Schiff fuhr nach Helsingfors weiter.
+
+</p><p>An der St. Heinrichsquelle trafen wir Svinhufvund.
+Er nahm die drei anderen Finnen gleich beiseite, Gunnaris
+winkte mir entschuldigend mit den Augen, ich blieb eine
+Weile allein. Mittags erst erfuhr ich, daß deutsche Battaillone
+in Hangö und Lovisa gelandet seien, Helsingfors genommen
+und die Arbeitertruppen in Haufen erschossen hätten.
+
+</p><p>Sirola zog einen Kreis mit dem Finger.
+
+</p><p>Die Roten waren zwischen der Linie des General Mannerheim
+mit der weißen Garde zwischen dem bottnischen
+Meerbusen über Tammerfors bis zum Ladogasee und den
+Deutschen im Süden eingeklemmt und gegen Rußland zu
+im Sack.
+
+</p><p>Svinhufvund erklärte, die Luft sei rein und unschwedisch,
+wir bummelten in Abo, saßen im Café. Plötzlich wandte
+sich Gunnaris um, zog uns mit ins Innere und durch den
+Garten heraus. Durch die Mauer an der Ecke sahen wir
+schwedische bürgerliche Freischärler mit den Schafpelzuniformen
+in das Lokal stürzen. Wir verbargen uns.
+
+</p><p>Abends ritten wir, da die Finnen auf jeden Fall in
+Verbindung mit Tokoi und Haapalainen kommen wollten
+und ich diesen ein Papier mitgeben wollte, strammen Schritt
+südlich gegen die russische Grenze zu. Die Finnen hatten
+viel Ernst in ihren unbekümmerten Gesichtern. Die Gäule
+waren bös, aber wir kamen bis zu dem Gut Mommila,
+wo wir am Vorwerk abschnallten, im Heuhaufen etwas
+ruhten und in der Dunkelheit noch weiterritten.
+
+</p><p>Gegen Morgen sahen wir die Pörtten eines Dorfes.
+Sirola rührte an den Donnerkeil über dem Eingang und
+stieß mit dem Absatz die Tür auf. Dreckige Leute lagen
+über den Boden hin. Die Wände schwarz vor Rauch.
+Ein schwitzender Finne rieb sich die Augen, und als er sah,
+daß wir den Keil berührten, stand er, einladend, auf. Sie
+plauschten mit ihm, hielten die Finger auf den Mund und
+nickten ihm zu. Er bejahte und bürgte mit einer Bewegung
+für die anderen. Wir hielten uns, da die schwedischen Freischärler
+Gunnaris erkannt hatten, versteckt, denn wir waren
+ohne Zweifel signalisiert. Unser Aufenthaltsraum in der
+Hütte war abgesperrt, es stank entsetzlich.
+
+</p><p>Mittags kamen mit Gebrüll Wagen und Reiter, schrieen:
+&bdquo;langen Hanf, langen Flachs&ldquo;. Wir sahen durch einen
+Schlitz der Hütte.
+
+</p><p>Sie packten aus, hatten Schellen und tanzten und
+machten Ringelspiele aus Freude, daß die Roten zurückgeschlagen
+und in den Mausfallen abgeschossen wurden.
+Sie trugen, da es fast Mai, Pluderhosen, keine Röcke
+mehr und Strümpfe über den Schuhen.
+
+</p><p>Mit der Dämmerung rückten wir ab, trotteten in der
+Dunkelheit wieder hinter Svinhufvund, um Mitternacht
+nahm uns ein Wagen auf, der aus einem Waldpark herausgepfiffen
+wurde. Wir kamen bis zu einem großen Gehöft.
+Der Besitzer streichelte den Menschenknochen an unserem
+Bock. Wir kamen in die Badestube, die aus Ziegelsteinen
+erhitzt wurde, man sperrte uns wieder ab, ich konnte nur
+kurz in der Hitze bleiben, im Nebenraum waren die Weiber
+nackt, die zwei Männer in Hemden.
+
+</p><p>Wir fuhren im Auto weiter.
+
+</p><p>Am Kymmenefluß, nun auf den Spuren der beiden
+Armeen, sahen wir Hinrichtung und Brand überall. Hinter
+Wiborg hatten wir den Bogen um die beiden irregulären
+Fronten durchfahren, kamen zweimal in versprengte Rotten
+der Roten. Die Finnen orientierten sich, sprachen mit den
+Führern, wir fuhren auch bei Tag. Das Kreideland dehnte
+sich in Fichtenschonungen. In der Nähe einer der letzten
+Biegungen hielten wir und gingen, geführt von dem Lehrer
+Hannes Uksila, über eine Sumpfwiese, auf der einige
+Weiber heuten.
+
+</p><p>Andere hingen Vogelsprenkel auf. Aus dem Gebüsch
+trat ein Lachshändler, der auch Felle führte. Uksila rief
+ihn an, er schielte und knurrte.
+
+</p><p>&bdquo;Beim Wort den Mann, am Horn den Ochsen&ldquo;, schrie
+Gunnaris, der als Nordländer die feigen und erbärmlichen
+Tavastaländer des Südens verachtete und schlug ihm den
+Hut vom Kopf.
+
+</p><p>Die Perücke fiel mit, es stand ein Nordländer mit gelblichen
+Haaren vor uns, und die Heuerinnen und Vogelfänger
+hatten Gewehre auf uns gerichtet.
+
+</p><p>Vehkamäki und Sirola hatten seine Hände gefaßt und
+schüttelten sie mit einem Singsang des Vergnügens hin und
+her. Es war Oskari Tokoi, der, früher Arbeiter in Amerika,
+den Frontabschnitt der roten Truppen befehligt hatte.
+Sie traten beiseite, Gunnaris gab ihm alle Papiere, die er
+bei sich trug, auch die meinen.
+
+</p><p>Nachts ging Tokoi auf russische Erde über die Grenze.
+Wir aßen Speck, Erbsen und Aal in Essig, fuhren bis
+Lill Ablorfors, wurden an einer Wegscheide umringt und
+verhaftet.
+
+</p><p>Die Finnen Sirola, Gunnaris, Vehkamäki hatten keine
+Papiere, ich setzte durch meine sehr guten deutschen durch,
+daß der Bürgeroffizier uns in das Hauptquartier des General
+Mannerheim fuhr. Er schlief, als wir ankamen.
+Posten mit Gewehren waren in unserem Zimmer. Die
+Finnen schwiegen, es war mathematisch ausgemacht, was
+sie protokollieren lassen würden, falsche Namen, falsche Route,
+den Zweck.
+
+</p><p>In der Nacht wurde ich siebenundzwanzig Jahre, und
+jene Unruhe, die ich auf dem Schiff zuerst gespürt, stieg
+unbegreiflich. Ich war gewohnt, mir über jeden Zustand
+Klarheit zu verschaffen, ich versuchte auf und ab zu gehn,
+überlegte, schied aus, überging die Situation haarscharf.
+Aber meine Lage wiederum störte mich gar nicht und es
+war nichts aus dem Augenblick heraus Gewordenes, was
+mich an die Ränder eines unbekannten Bezirkes anstieß.
+Es kam wie von einer fernen, uneinziehbaren, schicksalhaften
+Beziehung, die stärker wurde und reifte, ohne daß ich auch
+nur einen Hauch zu fassen vermochte.
+
+</p><p>Was machte mir der Augenblick .&nbsp;.&nbsp;. Dieser General,
+der in Oesterbötten die Gegenrevolution gesammelt, die
+Bourgeoisie eingekleidet, der nach Wasa geflohenen Senatorenregierung
+den krummen Rücken gestählt und das Proletariat
+mit Hilfe deutscher Truppen aufgerieben hatte, war
+er nicht machtlos, ein Sklave des Kaiserreichs, mußte sich
+beugen vor meinem Passepartout der Stockholmer Gesandtschaft
+.&nbsp;.&nbsp;. Dies alles reizte mich nur, ich war gespannt,
+ihn zu sehen, das Lauern seiner Augenbrauen, das wölfische
+Nagen der Zähne, die übermenschlich lange, dürre, vorgebeugte
+Figur.
+
+</p><p>Ich ging darüber weg. Ich dachte an Siv und spürte
+ein glückliches Ziehen meines Blutes. Auch das konnte es
+nicht sein.
+
+</p><p>Aber es stieg in der Nacht in mir mit einer verzweifelten
+dunklen Flut und wogte in mir, als ob hinter dem Bewußtsein
+sich Kämpfe abspielten und Entscheidungen, die
+mein Leben angingen. Ich lauschte und horchte stundenlang,
+ganz still, aber ich faßte es nicht.
+
+</p><p>Gegen Morgen wurde ich ruhiger. Ein Offizier rief
+meinen Namen, ich folgte, schlenkernd, aber doch gespannt.
+Ich wartete zwei Stunden. Eine hohe Gestalt trat ein,
+ich spürte, eh ich mich umdrehte am Schatten, der über
+mich fiel, schon, daß es Mannerheim nicht war.
+
+</p><p>&bdquo;Warum haben Sie kein Visum?&ldquo; Ich hob die Handflächen
+ein wenig, ließ sie auf den Schenkel langsam zurückfallen.
+Es war nicht nötig, die Frage idiotisch, ich sah
+mich im Kreis um. &bdquo;Die Namen der Finnen.&ldquo; Ich gab
+die ausgemachten Schlagworte.
+
+</p><p>Er zögerte.
+
+</p><p>Dann wies er rasch auf die Zeitung Työmies: &bdquo;Waren
+Sie nicht mit Eero Haapalainen und Kullervo Manner als
+Studenten befreundet?&ldquo;
+
+</p><p>Ich zuckte die Achseln.
+
+</p><p>&bdquo;Zweck?&ldquo;, rief er barsch, verzweifelt.
+
+</p><p>Ich war kühl und ruhig wie selten und freute mich eine
+Sekunde an der Klarheit und Harmonie, die mich zum
+erstenmal wieder erfüllte.
+
+</p><p>Ich ging bis an den Tisch und wies langsam mit dem
+Finger auf die Stelle, wo auf dem Passepartout in Berlin
+von einer gewissen Stelle gefertigt eine Passage stand.
+Drei Sekunden blieb es still.
+
+</p><p>Dann hoben sich seine Lider, er warf mir den Raubtierblick
+entgegen voll Haß, durchschaute wohl unser Spiel,
+war machtlos, murmelte: &bdquo;Der Herr General ersucht.&ldquo; Ich
+trat durch eine Tür. Aber er empfing mich nicht, fuhr
+draußen im Auto ab.
+
+</p><p>Uns brachte man mit zwei Studentensoldaten im Auto
+nach Helsingfors.
+
+</p><p>Wir durften unser Schiff nicht nehmen, wurden eingeschifft,
+kamen bei schlechter See an den sieben Inseln Sweaborgs
+vorbei nach den Aalandschen Schären, hatten zwei
+Tage Gegenwind, kreuzten mit dem Lotsen von Ekerö zwei
+Tage an den Markzeigen entlang und waren am neunten
+Tag der Ausfahrt vor dem großen Stockholmer Hafen.
+Die Finnen ließen sich an den Schären aussetzen. Gunnaris
+schenkte mir einen Ring.
+
+</p><p>Ich schrie ihnen nach ins Boot noch einmal &bdquo;Te&mdash;le&mdash;fon&ldquo;
+und deutete. Sie winkten, standen nickend am Ufer, sangen
+eine Weile, bis man sie nicht mehr sah. Gegen zehn Uhr
+ward die Ostsee golden. Der Hafen ein einziger Mövenschrei.
+Ich badete. An einem Kriegsschiff vorbei in den
+inneren Hafen, das leuchtende Eingeweide Stockholms.
+
+</p><p>Siv stand eine Stunde schon am Geländer, stahlschlank,
+nickte immerzu leise herüber. &bdquo;War die Überfahrt gut?&ldquo;
+
+</p><p>Ich spüre fast wie an der Haut ihres Gesichts, die sich
+langsam rosa färbt plötzlich, wie Finnland sich entfernt über
+dem Rudel der Schiffe. Selbst wie ich mich umdrehe und
+die Kielfahrt des Schiffes noch ölig und glänzend im Silberschaum
+sehe, hört alles auf, wo der Blick endet.
+
+</p><p>Wir drehen uns um, gehen Strandvägen hinauf.
+
+</p><p>Ich bin merkwürdigerweise mit einem Mal ausgelassen,
+wir lachen. Ich nehme Sivs Arm. Vor der Brücke stehen
+wir und lassen die Wachtparade passieren, hechtgraue Soldaten
+sehen wir mit gelben Troddeln um die Taille und
+Musik und den Führer, der in erhobenen Armen zwischen
+den Fingern einen silbernen Stab hält. Wir schauen und
+kommen höher auf den Skansen, wir riechen die wilden
+Tiere und Siv sieht mit angezogenen Nüstern die See.
+Ich schenke ihr die weißen Korallen, die ich mitgebracht.
+Siv hat den Rhythmus der Musik noch in den Knien.
+Wir besuchen die Renntiere, die unter Weidentroddeln ihr
+flaumiges Geweih blutig reiben, die Polarwölfe, die Silberfüchse,
+plötzlich schweift unser Blick über die vielen Fjorde
+bis dahin, wo die schwärmerische Luft des süßesten Frühlings
+mit der Herbe und dem nackten Granit der Felsen
+zusammenprallt.
+
+</p><p>Ich verweile eine Sekunde.
+
+</p><p>Als ich mich abwende, bin ich voll Trauer und Verzweiflung.
+In Djurgården schimmert dunkelgrün der Tau.
+Üppig schwillt über mir die blaue Fahne mit dem gelben
+Kreuz. In Kungsträdgården ist Musik, aus den Fischnetzen
+des Mälar fallen langsam die kristallenen Tropfen.
+
+</p><p>&bdquo;Willst du zu Blanche?&ldquo;
+
+</p><p>Ein Orchester sitzt hinter den Crèmegardinen.
+
+</p><p>&bdquo;Nein.&ldquo;
+
+</p><p>Wir gehen auf und ab zwischen den Bäumen und den
+Matrosen in der Dunkelheit und hören lang auf die Geigen,
+dann enden wir auf einer Bank.
+
+</p><p>Nachts wache ich auf im Hotel. Siv ist schön, bezaubernd
+die federnde Größe ihrer Beine, die Linien, die im
+Bogen weiß von den Hüftansätzen über die Brüste laufen.
+Ich liebe sie und sie ist mir fern.
+
+</p><p>Ich fühle nur: Auf der Ostsee fährt irgendwo ein Dampfer.
+Der Expreß saust durch Småland. Die Nordsee steht
+dunkel gegen Christiania gespannt. Der Bär im Skansen
+träumt durch die Gitter und die Sterne flirren darüber
+kalt. Ich fühle mich in der Gewalt einer Bestimmung,
+die mein gewohntes Erleben ablöst, unempfindlich macht mit
+Auge und Seele gegen die sonst geliebten Reize. Nun
+kommt der Morgen. Sivs Feiertag ist zu Ende.
+
+</p><p>Als sie sich erhebt, fallen die hellen Haare ihr übers Gesicht,
+die Frühe lehnt sich kaum vom Mälar herauf und
+ist fast nur Duft. Der schmale biegsame Körper bebt auf
+den Gardinen.
+
+</p><p>&bdquo;Zwei Tage .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Siv, schöne Tage, weil ich an dich denke.&ldquo;
+
+</p><p>Kopfschüttelnd: &bdquo;Es wird nichts sein, denn du bist nicht
+da.&ldquo;
+
+</p><p>Ich bleibe zurück.
+
+</p><p>Ich fühle, daß mein Leben sich ändert. Aber ich weiß
+nicht, warum und wie. Wie zerborsten bin ich und doch
+wie klar.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Am Morgen später kamen Reporter, ein Photograph.
+Ich empfing nicht, leugnete ab. Beim Frühstück las
+ich, daß die konservativen Blätter aus Liebe zu Deutschland
+mich deckten, &bdquo;Sozialdemokraten&ldquo; griff mich und zugleich
+auch Mannerheim an. Um zehn Uhr rief die Gesandtschaft
+an. Ich dementierte. Um halb elf kam der Pressechef.
+Mannerheim hatte sich beschwert, ich beruhigte den Beamten,
+konnte es in der unbestimmten Lage, die meine Mission
+umzirkelte. Ich gab ihm eine gute Darstellung des
+Lachsfangs in einer nördlichen Schäre. Mannerheim und
+die Stockholmer Presse erhielten das Dementi. &bdquo;Dagens
+Nyheter&ldquo; erlaubte sich den Scherz meiner Vielseitigkeit später.
+Als ich ausging, hielt vor dem Hotel ein Bursche ein
+tänzelndes Pferd. In der Glashalle erhob sich der Reiter,
+Erzbischof Sahlström, schlug mir athletenhaft auf die Schulter,
+ritt neben mir den Quai entlang, kreiste von Literatur
+zu den Gäulen in die Politik.
+
+</p><p>Ich führte den blauäugigen Fuchs noch verschlungener
+in die Irre.
+
+</p><p>Am Gesicht des Gesandten beim Frühstück empfand ich
+seinen Ärger: &bdquo;Wenn wir auch keineswegs die militärischen
+Narren im Amt in Berlin stützen .&nbsp;.&nbsp;. müssen Sie, Herr,
+sich gerade fangen lassen?&ldquo; Ich hatte eine kleine grüne
+Bronze in der Hand, die Rodin dem Minister geschenkt
+hatte, ich setzte sie hin und verbeugte mich: &bdquo;Die Karambolage
+mit dem mongolischen Ludendorffimitator, ach Gott,
+Exzellenz .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; ich erzählte ihm leis einiges, aber nicht alles,
+denn unser Weg ging nur ein Stück zusammen, und meiner
+weit über seinen hinaus. &bdquo;Ich habe dem Minister des Innern
+zwei Lachse senden lassen, die ich offiziell vor drei
+Tagen im Binnenwasser fing mit einem Kompliment auf
+den Reichtum der schwedischen Gewässer.&ldquo; &bdquo;Nach dem Dementi?&ldquo;
+Nicken. Die runden Augen sahen fragend aus.
+Ich sagte: &bdquo;angenommen.&ldquo; Exzellenz trommelte mit den
+Fingern auf die Kniescheibe, wir gingen zu anderem über.
+
+</p><p>Es gab französische Küche, der Gesandte fing seinen
+übervollen Geist in den entzückendsten Anekdoten und führte
+die Probleme mit anziehendem Geist in die Form. Es schoß
+dauernd aus ihm von Aperçus, denen das Frühstück an
+Eleganz und Zusammenstellung entsprach. Ich hatte manchmal
+an dem Mittag das Gefühl, von einem Parterre
+meines Inneren aufs andere zu stürzen und sah andere
+Ebenen gleichfalls bereit. Bei Schnaps und Zigarren entwickelte
+ich den Plan der nächsten Woche, die Beziehungen,
+die ich anschneiden wollte und wie ich es zusammenzuführen
+gedachte.
+
+</p><p>Der Marineattaché kam dazu. Exzellenz gab ihm ein in
+rotes Leder elegant gebundenes Buch, das er in französischer
+Sprache früher über deutsche innere Politik in Paris veröffentlicht
+hatte, schleuderte die Augen anklagend gegen den
+Plafond und begleitete mich durch den Vorraum.
+
+</p><p>Ich fuhr in einer Fähre nach dem Saltsjöbadenbahnhof,
+wechselte die Oere in ein Kupferblech, warf die Marke in
+die Messingbüchse, nahm den Motor und fuhr durch die
+Schären nach Gunnaris. Wir verhandelten den Mittag,
+ich konnte ihm nur die Umrisse erklären, er dachte lange
+nach, grübelte und hatte plötzlich einen kühnen Plan.
+
+</p><p>Er telefonierte.
+
+</p><p>Am Abend kam Almqvist. Mit wundervollen Beinen,
+elegant, der beste Mann Schwedens. Er war sehr zurückhaltend.
+Gunnaris sprach lange auf ihn ein, Almqvist
+schien sehr ungehalten, daß Gunnaris ihn kompromittiert habe
+und Gunnaris ward verlegen, denn er glaubte nun auch,
+wenn auch aus Dankbarkeit und großer Freundschaft zu
+mir, zu weit gegangen zu sein.
+
+</p><p>Ich nahm an, daß Almqvist, der sehr viel zu verlieren
+hatte (ich wußte nicht, wie es damals schon in ihm aussah),
+mißtrauisch auf mich sei als auf einen Deutschen, wie jedermann
+damals in der Welt. Doch war es dies nicht. Er
+war zornig, daß Gunnaris einer Sache wegen, die nur
+entfernt ihre eigenen Ziele berührte, ihn in eine Situation
+warf, die den Unterschied zwischen seinem Leben und seiner
+Tätigkeit leicht verwischen konnte.
+
+</p><p>Ich sagte ihm daher frei und offen drei Dinge, die ihn
+an mich binden mußten, die ich von ihm wußte. Auch ich
+hatte einmal in dem Hospiz gewohnt, in dem er seine vielseitige
+Rolle spielte.
+
+</p><p>Wir fuhren, eifrig redend, in der Dämmerung zurück.
+Ich kannte sein nach der Gesellschaft hin gekehrtes Dasein,
+leicht begeistert, Freund der Frauen, anständig, mit starkem
+Aufwand lebend. Ich suchte dies zu durchbrechen, ihn anzusaugen
+nach seinem Kern hin, beroch, bespielte jede Pore,
+es war ein stilles, langes Sichmessen. In einem kleinen
+französischen Restaurant neben dem Hotel Exzelsior sprachen
+wir, etwas zog uns unbedingt gegen alle Widerstände zueinander.
+Wir redeten mit einer halsbrecherischen Offenheit,
+in einer Stadt und einer Zeit, wo Geliebte gegeneinander
+stumm blieben, aus Furcht vor der verräterischen
+Atmosphäre. Unsere Ziele berührten sich, wir wurden, indem
+wir sie besprachen, ernst und niedergeschlagen. Wir
+speisten in der Wohnung seiner Freundin. Almqvist war
+bestrickend, sang, spielte zur Laute und umgab die schöne
+Frau mit einer hinreißenden Liebenswürdigkeit.
+
+</p><p>Den folgenden Morgen berieten wir ganz durch, mittags
+arbeitete ich angestrengt, zog mich in der Dämmerung um
+und ging zu dem Portefeuilleträger des Inneren speisen,
+mit dessen Schwager ich freund war. Seit der Ausbootung
+der Konservativen waren sie erst seit vier Wochen
+aus Lund heraufgekommen, waren noch ungenügend installiert,
+aber bereit, mir den Abend so zu beweisen, daß ich
+kein Stück eines gewählten schwedischen Mahles auch nur
+vermissen könnte. Man hielt bei den Staatsmännern Elsaß-Lothringen für die Achse der Probleme, mein Plan war
+anders, ich sprach nicht davon, ich zog mich um elf zurück
+und gab vor, sehr müd zu sein.
+
+</p><p>Ich ging über zwei Plätze. Der Mond ist tief über
+Stockholm geflogen, er geht über meinen Tisch am Fenster
+der Glasveranda im Grandhotel. Ich schaue in die Nacht
+und jeder Klang, jedes Instrument und jeder Gedanke kommt
+aus ihr verschwärmt und feuriger zurück. Aber ich denke
+nicht daran, spüre es kaum.
+
+</p><p>Um halb zwölf tritt an den Tisch der Türken ein bulgarisches
+Sujet, das irgendwie Beziehungen zur Gesandtschaft
+hat, aber als Türke gilt, kurz darauf der Franzose
+Boissont. Ich sehe nicht hin. Sie sitzen auffällig gerade,
+fast entfernt voneinander auf den Stühlen, reden aber mit
+gesenkten Kinnen, sicher fast lautlos.
+
+</p><p>Um dreiviertel zwölf kommt Siv.
+
+</p><p>Sie legt die großen, schlanken und harten Beine (wie
+die der Stadionsläufer) übereinander und schließt die Augen
+zum Gruß. Das Haar ist weißblond, mit Öl über den Kopf
+gescheitelt und tief in einer Schlinge in die Stirn hineingezogen,
+an den Ohren quillt es in kleinen Trauben herunter.
+
+</p><p>Ich bin begeistert, ich fühle über den Tisch die Frische
+der Haut, das Belebende dieser Gegenwart. Ich rede viel,
+denn ich beobachte gut. Ich schweige keine Sekunde, der
+Hummer ist von klarem Rot, das Fleisch gut an der Schale
+angesetzt, viel Saft in den Scheren. Siv neigt den Kopf
+zurück, saugt sie aus. Der Aufschlag ihrer Lider macht
+das Blau frei wie einen Strahl. Sie steckt den Kopf
+auf beide Hände, zieht den Mund kraus: &bdquo;Was tatest du?&ldquo;
+Ich kann erzählen. Ich finde Siv reizend wie nie mit
+dem gescheitelten Haar.
+
+</p><p>Ich sehe Almqvist in der Portiere, ich fühle jeden Muskel
+sich spannen in meinem Körper, ich rede seit Monaten zum
+erstenmal laut in der Spionagezentrale des brennenden
+Europa. Wie leicht fällt mir zu reden: &bdquo;Ich will dich an
+Hedin erinnern, Siv, an Sven Hedin, von dem du viele
+Bilder gesehen, und gelesen hast, daß er ein Land in China
+gefunden hat, Tibet, Siv. Mit diesem Mann war ich in
+Upsala, er ist ein Trottel. Die Studenten tranken die
+Nacht Punsch, tanzten mit eleganten Damen auf den
+Schultern. Um zwölf steckten sie Feuer an vor allen
+Küsten.&ldquo;
+
+</p><p>Es interessiert Siv nicht, was ich da erzähle, sie hat
+die Speisekarte und liest, ich winke mit den Augen den
+Kellner neben sie. Siv bestellt, schöne, viele Sachen, die
+sie nascht und beißt: Sekt, Lachs und Mayonnaise .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Roti .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Backelse .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Punsch.
+
+</p><p>Nun geht Almqvist hochmütig um alle Tische herum,
+nähert sich dem der Bulgaren, er beginnt eine Verbeugung,
+ich muß wegsehn, das dunkle Auge Boissonts leuchtete
+gegen meines.
+
+</p><p>Ich kann mich totlachen, ich bin von einer Heiterkeit,
+die mich durchzittert, wenn ich mit Siv rede. Man hat
+die geschlossenen Fenster heruntergelassen, wir sind umhaucht
+von den letzten Wellen der Geierschreie der Bahnen, die
+aus den Fjords längs der Salzküste noch in der Mainacht
+schwimmen. Mir fallen Lächerlichkeiten ein, so, daß, als
+ich Siv zum erstenmal sah, nicht in der Nordischen Schuhkompagnie,
+sondern im Humlegården, wo sie aus dem Break
+mir hinterm Rücken des Staatsrats winkte, daß ich das
+Laub des Busches, an dem ich stand, mitnahm und behütete
+und abends beim Umsteigen verlor. Ich neige mich
+über den Teller, ich küsse ihr die Hand, ja ich weiß mich
+vor Narrheit nicht zu fassen, ich küsse Siv die Hand mitten
+im Lokal.
+
+</p><p>Da fällt mein Blick auf die Ministerin, und im Spiegel
+sehe ich gleichzeitig Almqvist bei dem türkisch-bulgarischen
+Tisch, sie sitzen weit auseinander und reden mit dem Kinn
+auf der Brust, also lautlos.
+
+</p><p>Die Minister sind also, statt in die Büros, zur Nacht
+dem Mond und blauen Kanälen nachgegangen. Der Burgunder
+hat ihnen die Politik aus dem Hirn gejagt, sie
+halten nicht mehr in der Bewegung der Hände das bißchen
+Schweden, um es trocken durch die europäischen Wasserspiele
+zu tragen. Nun sieht mich der Blick der Frau, zieht sich
+abgekühlt zurück, weil ich müd zu sein log, bleibt an Sivs
+Gesicht hängen und lächelt.
+
+</p><p>Ich stehe auf, ich verbeuge mich, ich bin glücklich, ich
+setze mich wieder, ich habe im Spiegel gesehen, daß das
+bulgarische Sujet aufsteht. Ich mache aus der Serviette
+Figuren, ich scheine betrunken, denn ich bohre einen Papierpfeil
+in Sivs Eis; daß sie mit der Gabel versucht mich
+zu stechen, das macht mich fast bersten vor Vergnügen.
+&bdquo;Gott möge den Deutschen tausend Gefangene am Tage
+geben&ldquo;, sagt es am Nebentisch. Ich zeige Siv den Mann,
+es ist ein Dichter, der Knut Hamsun den Bären schalt.
+Er wohnt in einem Landhaus in Sturängen, wo die Mädchen
+abends am Kamin singen: kom hjärtans frojd. Er
+haßt den Strindberg, der die Theaterstücke schrieb und die
+schöne Tochter hat.
+
+</p><p>Doch gähnt Siv, sie kennt die Männer nicht, der Gehrock
+nebenan ist ihr zu dürr. Wie kann ich Siv erheitern,
+wo auch die Türken durch das Vestibül vorüberwandern?
+
+</p><p>Da fällt mir eine gute Sache ein, ich habe einen Ton
+mit der Zunge gemacht, Siv starrt mich an, ich blinzle
+nach der Seite, sage ihr was ins Ohr. Da sitzt Rolf, der
+große Kabarettist, der Sänger des &bdquo;mit swärmeri .&nbsp;.&nbsp;. i .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+Siv ist voll Neugier, wir starren den großen Mann an
+und vertiefen uns in ihn.
+
+</p><p>Dann lächle ich sanft und sage kokett, ich habe mich
+geirrt. Siv ist wütend, stößt den Teller über den Tisch,
+sie ist sehr schön in dem Augenblick, und ich kann mich
+nicht halten vor Vergnügen.
+
+</p><p>Plötzlich verläßt mich die Laune, ich werde kühl, gemessen.
+Ich hebe den Hörer ab, der Tischapparat hat gesurrt.
+Der Portier meldet, Tisch siebenundachtzig will mich
+sprechen. Almqvist sitzt allein, den Rücken zu mir, ich sehe
+es in dem Nickel des Hörers, es ist seine Stimme.
+
+</p><p>Schon unterbrochen.
+
+</p><p>Ich sehe auf. An seinem Tisch steht ein Fremder. Ich
+hänge ein. Wir sind bei Aqvavit wieder, Punsch, Kaffee
+und Zigaretten, Siv hat sich zurückgesetzt und betrachtet
+mich durch halbgeschlossene Augen, zeigt die Zahnschnur.
+Almqvist ist plötzlich an seinem Tisch nicht mehr da.
+
+</p><p>Der Boy bringt Telegramme, ein Billett. Ich falte es
+auseinander. Ich setze mich hoch, ich lasse mich einen
+Augenblick gehen, hineinfallen in jene Form der Bewegung,
+die mir frei und klar aus dem Gefühl kommt. Ich weiß,
+wir werden haben, was wir suchen, wir sind auf dem Weg.
+Da ist es. Endlich. Wir werden die Generale drücken, Zusammenhänge
+beweisen. Ich denke es klar und kühl und
+fühle mich vorn stehen, wo die Dinge sich entscheiden.
+
+</p><p>Ich bringe Siv nach Hause.
+
+</p><p>Die Lichter sind im Ausgehn und scheinen rosa aus
+dem blauen Wasser, das lautlos Stockholm durchströmt.
+Weiße Wolken ballen sich höher über Schlössern und Inseln.
+Sivs Arm in meinem, ihre Hand. Ich fühle den Tau
+der Morgendämmerung, das abenteuerliche Schwinden des
+Nachtwindes.
+
+</p><p>Ich liebe Siv und habe sie zehnmal belogen den Abend.
+Ich kenne die Menschen und habe recht gehabt.
+
+</p><p>Aber ich spüre irgendwo, welche Klüfte mich trennen,
+wie ich ausgesperrt bin von einer Verbindung, die, anders
+und tiefer als ich es fasse, die Menschen zusammenbindet.
+Ich denke lange darüber nach, doch es verschwimmt, während
+Sivs Gang und ihre leidenschaftlich kühlen Bewegungen
+und die herrlichen Ausfahrten unseres Rausches goldener
+vor mich treten.
+
+</p><p>In der Frühe fahre ich durch Schweden. Zwischen
+Teichen und Felsen und dunkelroten Holzhäusern zur Nordsee.
+Ich fahre zwölf Stunden mit vielen Menschen. Ich
+esse Smörgåsbord, wenn der Zug hält, an den Stationen,
+gehe auf der Holzdiele langsam, den Reisehut in der Stirn,
+zurück. Ich lese die Verlobungen Stockholms, ich kaufe
+das Blatt &bdquo;Saisonen&ldquo; und beschaue die eleganten Frauen,
+döse in die Landschaft, schlafe einmal ein. Ich sehe den
+Kondukteur eine Fahne an der Lokomotive heraushängen:
+fünfundzwanzig Minuten Pause. Ich schlendre auf und ab,
+die Arme teils in den Taschen, teils auf dem Rücken, ich
+bin ein Passagier wie alle anderen, ich langweile mich mit
+Maß und Ruhe, ich kaufe keine Lakritzer, die man mir anbietet,
+ich sehe einmal, als wir wieder fahren, verwühlte
+Kissen, Sivs hohes reines Bein ganz ohne Flaum. Ich
+beginne in einem schlechten Roman zu lesen, es ist kein
+guter Geschmack, daß ich ihn ziehe, aber er amüsiert mich
+köstlich, ich versinke ganz darin. Mir gegenüber sitzt der
+Außenminister.
+
+</p><p>Der Zug ist gefüllt mit internationalen Raben, Hyänen,
+Wölfen. Ich bin sehr in der Lektüre, wende langsam Blatt
+um Blatt, ich sehe jeden, der am Kupeefenster durch den
+Korridor schleicht, ich sehe jeden Gedanken.
+
+</p><p>Ich bade mich in Göteborg, ich ziehe mich um, ich gehe
+ins Varieté. Ich gehe an einer holländischen Gracht hinauf,
+das Wasser riecht faulig, Jasmin ist dazwischen aufgegangen.
+Ich nehme in der Holzbaracke die Loge, die Almqvist mir
+bezeichnet hat.
+
+</p><p>Neben mir sitzt ein Kommis mit goldenem Armband,
+den steifen Hut im Genick starrt er offenen Mundes zur
+Bühne. Neben mir links ist frei. Ein Riesenorchester hat
+um die Beine einer Tänzerin geknallt, nun schwenkt ein
+gepudertes Schweinsgesicht ententistische Fahnen mit Zauberei
+dazwischen. Ein Feuerwerk geht hinterher los und
+Amerikaner kakewalken auf langen Bretterstelzen, die Musik
+hat ein Delirium und schmeißt das Publikum in einen
+Rausch. Der Kommis fühlt sich als Achse des Erdballs
+und gröhlt, bekommt rote Schläfen und kann kaum mehr
+sitzen.
+
+</p><p>Da zieht links neben mir jemand den Hut, setzt sich an
+die Brüstung, sieht gerade aus, nun liegt das Bild Almqvists
+vor ihm. &bdquo;Gut&ldquo;, sage ich.
+
+</p><p>Der Agent Krassin mit gelbem Gesicht und runden
+Augen! Er hat von Gunnaris und Almqvist Telephongespräche.
+Almqvist kommt in vier Tagen. Ich bin ein
+wenig ungeduldig. Wild riecht die Mainacht draußen. Mit
+einer Kapelle kommen tausend Hafenarbeiter vorbei, die
+rote Nelke der Jungsozialisten im Knopfloch, mit Schildern:
+&bdquo;Friede, Klassenkampf, Brot&ldquo;. Krassin zittert. Auf dem
+Meer Segel wie Glas. Der Marschtritt der Proletarier
+donnert fern schon aber deutlich. Im knallweißen Licht der
+Laternen stehen kleine Huren mit Zigaretten im Mund,
+pfeifen mit blutroten Lippen durch die Zähne.
+
+</p><p>Das Tor des Varietés klafft mit einem Tusch und
+Trommeln und speit den Kommis heraus, er geht steif und
+schwankend mit einer dicken Sau und schaut hochmütig um
+sich. Krassin hat den Hals eingezogen, denkt nach und
+geht neben mir, bescheiden, vieles wissend, ein wenig hinkend,
+bis zu meinem Hotel.
+
+</p><p>Am Morgen kommen drei Schweden, Ek rauh, Lilljeqvist
+mit faunischem Adlerkopf und Glatze, Davidson schön.
+Krassin kommt nicht.
+
+</p><p>Wir fahren zwei Stunden, es kommen Wiesen. Am
+Wald liegen sechs Villen. In der ersten Wiesenhürde üben
+Hindus, rösten Kaffee und rauchen. Am dritten Tor an
+der dritten Umzäunung legen Ek und Davidson die Oberkleidung
+ab, verschwinden in der Villa, kommen in einem
+knappen Nationalkostüm zurück und üben mit Geren und
+Steinen, während Lilljeqvist auf dem Buckel liegt und
+raucht.
+
+</p><p>Ich gehe beiseite, ziehe einen Brief und lese. Ich erröte,
+es wird mir warm plötzlich, ich atme rascher, schaue
+mich aufnehmend um. Ich schlendre weiter, Chinesen und
+Amerikaner rufen sich einen Slang zu, weichen mir aus,
+wie ich mit Händen in der Tasche herankomme. Ich gehe
+durch die Mädchen, die einen Reigen hin und zurück sich
+werfen, melodisch, mit einem Schwedisch, das ich nicht verstand,
+auf einen Mann zu, der vor der sechsten Villa stand.
+
+</p><p>Er war athletisch, ein Vierziger, und, wie er sich bewegte,
+zog er die Hüfte mit herunter. Ich ging auf ihn
+zu, gab ihm die Hand. &bdquo;Grüße meines Bruders&ldquo;, sage
+ich. Er hob den Kopf, der ein wenig zitterte beim Hören,
+nahm den Namen auf und nickte, drückte mir noch einmal
+die Hand.
+
+</p><p>Nach zwei Stunden, wo wir zusammen waren, wo
+er mir alles gezeigt, was die Sportschule seit dreihundert
+Jahren geleistet, erwähnte er ihn einmal, wies einen
+Stab, mit dem er den bekanntesten Chikagoer besiegt. Dann
+gingen wir hinüber, wo schwarzweißes Rindvieh mit praller,
+glänzender Haut uns dicht umdrängte; wir fahren mit den
+Händen darüber, es scheint die Sonne immerzu.
+
+</p><p>Am Abend lagen wir bei Feuern am Waldrand, tranken
+Kallskol aus Zitronen, Wein und Saft.
+
+</p><p>Ich muß vielerlei denken, während die Tanzenden zwischen
+den Lichtflammen zucken. Ich sehe die dünne Linie
+des frischen Monds an einer Pappel und ich muß denken,
+daß an diesen Bäumen die Tragödie des Bruders begann,
+hier sich sein Hirn wund rieb an den Büschen. Ich muß
+denken, daß Floda nahe liegt, daß vom Herrenhaus ihm
+die Rettung kommt, als er mit dem Pferd in den Wald
+reitet, daß der Wechsel bezahlt wird, daß alles gut scheint,
+aber sehr schlecht ist.
+
+</p><p>Ich liege weit zurück und sehe erschüttert und traurig,
+und doch davon wieder gehoben, die Nachtscheibe des Himmels
+sich immer weiter und tiefer über das Meer hinausschwingen.
+
+</p><p>Ich habe seit Jahren wenig gedacht an meinen Bruder,
+ich habe vieles zu tun, ich bin beschäftigt gewesen mit mir
+und tausend Dingen, ich habe nie begriffen oder versucht
+es zu fassen, warum er sich selbst, nachdem die Bagatelle
+beigelegt, hinausstieß.
+
+</p><p>Ich denke darüber nach und fasse es nicht ganz, aber
+es arbeitet in mir weiter, auch wenn ich nicht nachdenke,
+ich fühle es genau. Der Boden, den er betrat, das Laub
+früherer Sommer, das er berührte, verbindet mich eng
+mit seinem Schicksal.
+
+</p><p>Ob er barfuß durch Kalifornien läuft, auf Akkord in
+Steinbrüchen der Kordilleren arbeitet, wieder ohne landen
+zu können als Boy vorm genuesischen Hafen immerzu liegt,
+ich spüre sein Leben hier, ich kann ihm nicht helfen, ich
+bin unglücklich darüber. Ich habe manches Unrecht an ihm
+getan, fällt mir ein.
+
+</p><p>Am Morgen holt mich Davidson. Ich fahre froh nach
+Floda, ich will, kann ich nichts anderes, wenigstens diese
+Kleinigkeit des Dankes dem Bruder schön vollenden. Ich
+habe die Unruhe zurückgelassen, die die erzwungene Pause
+mir auferlegt. Ich fühle mich nur wohl, wenn ich in die
+Bogen, die ich selbst gerichtet, von Handlung zu Handlung
+mich spanne. Aber ich habe diesen Tag keine Unruhe, ich
+bin vergnügt fast, ich sitze in der Equipage und schaue auf
+den Buchenwald, als sei er mein.
+
+</p><p>An einer Bachecke umringen uns Damen, ich springe
+raus, ich weiß sofort, wohin ich mich zu wenden habe. Ich
+grüße die Herrin. Sie geht anmutig über den Wiesenpfad,
+steht vor den weißen Säulen des Herrenhauses, hebt die
+Hand: &bdquo;Välkommen&ldquo;.
+
+</p><p>Ich verneige mich.
+
+</p><p>Das Land liegt unten mit pastellener Idylle, weichem
+Teich und Birken. Sie sagt ein Wort: &bdquo;Ebba&ldquo;.
+
+</p><p>Es ist die Schwägerin. Der Gang einer Reiterin.
+Ich sehe ein blaues Kleid. Ich sage: &bdquo;Ich freue mich. Ich
+bin zufrieden, Sie zu sehen.&ldquo; Die Herrin winkt, sich entschuldigend,
+zieht sich zurück, das Souper wird gerüstet.
+
+</p><p>Ich gehe mit Ebba weiter, immer im Kreis. Welch ein
+schöner Tag. Sie trägt ein blaues Kleid, geht wie eine
+Reiterin. Ein Kiesweg. Ein Hund. Da steht die Herrin
+wieder, als sei sie eine Sekunde nur weg. Sie ist in großer
+Toilette. Neben ihr der Gatte: &bdquo;Välkommen&ldquo;.
+
+</p><p>&bdquo;God dag, Sir Johnson.&ldquo; Seine Hand, bescheiden bewegt,
+sagt Gastfreundschaft an der Pforte des Schlosses bis
+zum letzten. Ich danke.
+
+</p><p>Ich gehe mit Ebba weiter, immer den Kiesweg, jetzt
+erst bricht etwas von dem Duft um mein Hirn, jetzt höre
+ich ihre Stimme deutlich. Dann ist sie wieder im Nebel.
+Warum lähmt mich ein Schicksal, nimmt mir den Mut,
+mühelos kühne Sachen zu sagen. Es ist nichts von Angriff
+in mir. Ich senke den Kopf. Ich sage: &bdquo;Als Kind
+hatten wir denselben Hund.&ldquo; Ich deute auf das Gras
+und mache mich lächerlich mit dieser Bewegung. Mein
+Blut kocht aus Zorn über meine Schlappheit in meinem
+Kopf, ich siede, es wühlt grausam in mir. Was kann ich
+machen, was kann ich machen? Ich weiß nichts mehr von
+mir. Sie schaut mich an, die Augen sind hart, die Stimme
+süß und weich.
+
+</p><p>Drei Minuten gehen wir wortlos. Immer den Kiesweg.
+Einmal gelang es mir, ich sagte leis ihren Namen
+vor mich hin, es ist ausgeschlossen, daß sie es hören konnte.
+Welche Macht das Wort Ebba, es scheint stärker als ich!
+Eine Wolke brach vor ihr Auge. Das Gong tönte. Ich
+fühle, als risse sich die Seite wund bei mir, an der sie
+ging, als wir umdrehten.
+
+</p><p>Ein Gesicht, ein Männergesicht steht vor mir auf: &bdquo;Der
+Lunch.&ldquo;
+
+</p><p>Sie ist ganz weiß, ihre Augen glänzen weiß, glasig, sie
+hebt die Hand, deutet, ich verneige mich tief: &bdquo;Mein Verlobter.&ldquo;
+
+</p><p>Ich verneige mich noch einmal vor Sir Johnsons Sohn.
+Ich denke, dies Haus ist heilig. So hatte ich vom Morgen
+an gedacht. Aber ich fühle, es schlägt mir die Knochen
+entzwei, es macht mich kaput, ganz klein.
+
+</p><p>Vor mir, an meinem Arm die Herrin, defiliert die
+Gesellschaft. Ich benutze die Minute für meinen Bruder,
+ich flüstere: &bdquo;Ich bringe den Dank eines, dessen Leben Sie
+gut getan.&ldquo; Sie winkt gütig mit den Augen ab, ich werde
+ihr das nächste Mal allein erzählen, sie lächelt.
+
+</p><p>Dann geht das Essen wie ein Rad vorüber. Ich sehe
+das blaue Kleid nicht. Er sitzt auf derselben Reihe wie
+ich. Was ist aus mir geworden? Ich kenne mich nicht.
+
+</p><p>Der Kaffee wird auf der Terrasse genommen, da sitzt
+sie mir gegenüber, das macht mich frisch, ich rede viel und
+nicht zerstreut. Es ist eine halbe Stunde nur noch, man
+muß sie nehmen und ausfüllen so gut man kann. Vogelschreie
+der Bahnen ächzen aus der Dämmerung. Das
+Auge Ebbas geht nicht von meinem, ich fühle es, wo ich
+kaum mehr etwas sehe.
+
+</p><p>Ihre Pupille und meine Pupille sind aufeinander gestellt.
+
+</p><p>Havannas werden gereicht. Das Glas färbt sich dunkel.
+Ich bin berauscht, als ob ich Wein in mir hätte, ich habe
+einen guten Tag plötzlich, ich wende mich nach allen Seiten,
+und wie ein Karussell windet sich alles um mich. Ich habe
+so leicht zu reden, &bdquo;Dozent Lilljeqvist&ldquo; sage ich, &bdquo;Sie tun
+unrecht, Baron Prittwitz, der die Ehre hat, uns zu vertreten,
+ist Pazifist, wenn auch aus bon sens, und hat gegen
+den Willen Wilhelm II. gearbeitet, der Ihr Land in den
+Krieg kommandierte. Als er zu Ihrem früheren konservativen
+Premier kam, Wallenberg, dem schlausten Krämer .&nbsp;.&nbsp;.
+nein&ldquo;, ich wende mich ganz herum, &bdquo;nein, Sir Johnson,
+ein erschossener Steuermann ist ein Zufall, aber Sie haben
+recht: die Tötung jedes Menschen ist ein ungeheuerliches
+Verbrechen. Aber kalkulieren Sie damit nicht in Politik.
+Tod ist nicht Zähler, nicht Nenner. Was tat Ihre Regierung
+denn, die keine andere schöne Wendung sah, als daß
+sie zwei Tage die ganze schwedische Presse mit Geheul gegen
+Deutschland vorließ und dann zurückpfiff. Und Wallenberg,
+die Augen schmunzelnd, errechnete, daß mit hunderttausend
+Kronen Entschädigung und dreitausend Pension die
+Steuermannswitwe eine glänzende Lotterienummer gezogen
+und etwas verändert die ganze Presse der gleichen Meinung
+war. Das ist Verbrechen, Sir .&nbsp;.&nbsp;. Dank für das Feuer
+Sverker Ek .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Ich setze mich tiefer zurück, mache mich breit, ich habe
+im Feuer vieles gesehen, ich rede immerzu: &bdquo;Hören
+Sie, wie anekdotisch dieses Regime arbeitet, bei uns
+und bei Ihnen, es ist das gleiche furchtbare System:
+Als der Gesandte frug, als Ludendorff ihn zwang: ob wir
+Munition bringen dürften nach Finnland durch die schwedische
+Sperrzone, sagte da Wallenberg nicht, kühl und kaufmännisch
+in den Bart &mdash; daß einmal ein Mann gekommen
+sei und gefragt habe, ob er rauchen dürfe und man
+habe gesagt: nein. Der aber wies auf Reste von Zigarren,
+worauf er die Antwort hört: das taten solche, die <i>nicht</i>
+frugen. Man verständigte sich unter Lachen. Stellte ein
+schwedisches Torpedo zurecht, ließ die Munitionskolonne
+beschießen, drei Tage die Presse heulen, dann war es vorüber.
+
+</p><p>Deutschland gab eine Million Weißwein dafür frei.
+&mdash; &mdash; &mdash; O Malte Davidson, dreißigtausend Tonnen
+Schmalz für den Hunger in Deutschland, das kam, weil
+eben der Gesandte Euch und sich elastisch hielt im Zusammenprall
+solchen Schicksals. Ohne ihn säßen Sie in
+Sibirien, ich weiß, er wand Ihrem König manchmal den
+Entschluß zu den Kanonen aus dem Hirn. Nicht, weil er
+es verfluchte, daß Menschen sich töten, aber weil er aus dem
+neutralen Lande Essen wollte für die skrophulösen Kinder .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>&bdquo;Nein Sir&ldquo;, ich lächle, &bdquo;der Wutschrei des Polizisten
+am Brandenburger Tor über Ihren Chauffeur ohne Mütze,
+das ist nicht das Deutschland unserer Gesinnung. Aber
+trotzdem, ich neide Sie nicht, nicht Ihre jungen Männer,
+so sehr ich den Frieden begeistert grüße, der Ihr Land beglückt.
+Sir Johnson&ldquo;, sage ich und ich spreche mehr aus,
+als ich sonst je wage, &bdquo;Sir Johnson&ldquo;, sage ich betont und
+staune über den Klang, denn ich hätte nie selbst zu Siv
+so offen und frei in diesem Lande gesprochen, ich, der ich
+nie von Plänen spreche und mit ihnen die anderen anfalle wie
+ein Weih mit dem Vorstoß .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;was ist Krieg Ihrer Jugend,
+Sir Johnson? Ein Trog, an dem sie fraß und fett ward.
+Gulasch nennen sie selbst den neuen Reichtum, der in falschen
+Konservenbüchsen kam. Fühlt sie sich nicht krank,
+ihre Jugend, Ek und Davidson, vor dem kochenden Gold,
+das ihre Leidenschaften, ihre Begeisterungen frißt? Wo
+habt Ihr jenes Stolzeste, das manche andere und mehr gequälte
+Jugend mit einem siegreichen Lächeln als Trotz und
+Auflehnung entgegenträgt? Eure Besten leiden daran,
+Weiber, Pelze, reiche Schiffe zu haben, aber kein anklagendes
+Echo Eurer Seele im Ohr der Menschheit. Sie haben
+in Schweden keine große Politik getrieben. Blieb Ihr Land neutral,
+Sir, war es Vorsicht von uns und von Euren Aktionären,
+nicht Haß gegen die Gewalt. Zweitausend Kilometer
+Etappenstraße nach Rußland, das wog Euch Erschreckten
+mehr als humane Überlegung .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Im Museum liegt
+Euer Imperialismus, Karls Standarten, Wasas Helm, ungefährlich
+als Rausch für Eure romantischen Jünglinge.
+Aber Ihr lerntet nur Vorsicht, noch nicht das letzte. Eure
+Gelehrten sinnen und rechnen, machen ballistische Kurven,
+um auszurechnen, wer Euren größten Krieger, Karl XII.
+schmale Abenteurerstirn, erschoß, die Feinde draußen, die
+kriegsmüden Schweden innen? Die Narren. Der Friede
+erschoß ihn. Verstehen Sie mich wohl gut, Sir Johnson?&ldquo;
+
+</p><p>Ich breche ab. Bis an den Rand der letzten Minute
+habe ich geredet, es ist mir frei geworden, ich habe einen
+Zweck gehabt zu reden. Nichts ging verloren, es ist, als
+kenne ich das Dunkel, als verstünde ich es besser mit den
+Sinnen plötzlich wie den Tag.
+
+</p><p>Schwätzend, wie ein Seiltänzer bebend, die letzte Sekunde.
+
+</p><p>Ich erbleiche plötzlich.
+
+</p><p>Sie kann nicht gehen. Sie läuft schon hin, reißt ab,
+ich stehe auf.
+
+</p><p>Auf strahlender Diele stehen alle im Halbkreis. &bdquo;Es
+lebe das Deutschland Ihrer Gesinnung.&ldquo; Ich verbeuge
+mich ein wenig vor Sir Johnson, ich verbeuge mich noch
+einmal tief. Ich bin mir nicht ganz im klaren, was ich
+tun soll, wo ich bin, ich verliere alles aus dem Auge, ich
+weiß nichts anderes, mich zu retten, daß ich mich noch einmal
+verbeuge.
+
+</p><p>Die Herrin hat den Arm auf Ebbas Schultern.
+
+</p><p>Die anderen Gäste verneigen sich.
+
+</p><p>&bdquo;Gnädige Frau, ich werde den Tag nicht vergessen.&ldquo;
+&bdquo;Farväl,&ldquo; sagt sie und nickt mit den Augen.
+
+</p><p>Nun wage ich Ebba anzusehen, ganz kurz.
+
+</p><p>Meine Augen beginnen zu brennen vor Schmerz. Die
+Zähne in den Lippen. Ich verbeuge mich, schaue nicht
+wieder auf, ich erreiche nur ihren Mund mit dem Blick,
+er ist weiß, zuckt einmal.
+
+</p><p>Ich folge dem Diener zum Wagen. Im Spiegel der
+Bahn sehe ich mein Gesicht. Welch ein fremdes Gesicht.
+Stürbe ich jetzt, wie schön diese Wollust.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Ich gehe gleich zu Bett im Hotel. Ich weiß noch:
+morgen fahre ich zu Almqvists Schwester. Nach Särö.
+Dann schlafe ich ein. Ich weiß nicht, wie ich schlief, ich
+schlief wohl sehr fest.
+
+</p><p>Das Telephon weckte mich, ich lief ins Badezimmer vor
+Verwirrung, dann legte ich mich nieder.
+
+</p><p>Ich nahm den Hörer vom Tisch, ich hebe ihn an mein
+Gesicht. &bdquo;How do you do?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Falsch verbunden.&ldquo;
+
+</p><p>Ich hänge ein. Es schellt von neuem.
+
+</p><p>&bdquo;C&rsquo;est le portier qui parle.&ldquo;
+
+</p><p>Ich fluche, ich rufe ins Telefon, er möge verplatzen.
+
+</p><p>Eine andere Stimme kommt, aus Nebel süß und weich:
+&bdquo;Kan jag få tala med Nr. 417?&ldquo; Ich streckte mich lang
+aus im Bett. Ich zitterte am Körper. Ich bin Nr. 417.
+
+</p><p>Ich will die Stimme noch einmal hören, ehe ich sie für
+immer verliere.
+
+</p><p>Sie wiederholt. Ich genieße es lange. Dann antworte
+ich; wie klanglos meine Stimme. Ich antworte nur, was
+sie sagt: &bdquo;Ja, Fröken Ebba, ich vergesse die Bücher nicht
+zu senden, ich küsse die Hände.&ldquo; Da geht die Leere ins
+Telefon. Doch sie ist noch da, ich weiß, ich spüre es.
+Ich sehe sie dastehn mit dem weißen Gesicht, erfroren am
+Mund, und lauschen.
+
+</p><p>Doch ich darf nichts anderes sagen, ich muß es fallen
+lassen, wenn es mich auch vernichtet. Ich habe stets gedacht,
+dies sei ein heiliges Haus. Ich will keine Verwirrung
+in diesem Haus.
+
+</p><p>Wie unglücklich bin ich und schwach. Und doch wie getröstet.
+&bdquo;Ich küsse die Hände, auf Wiedersehen!&ldquo; rufe ich
+steif und hänge ein. Ich kann es nicht hören, wenn sie
+den Gruß wiederholt. Ich richte mich auf unter der Badedusche,
+hebe die Arme, die Muskeln wiegend im Strahl &mdash;
+und breche zusammen: welches Glück, diese Stimme.
+
+</p><p>Erst nach dem Mittagessen kam ich in Särö an.
+
+</p><p>Vor dem hellen Sandstrand stand die Nordsee. Dann
+machte der Basalt eine Welle, die Häuser trug. Davor
+brannten mit schmalem Rasen die tausend Obstbäume. Ich
+ging durch den verschneiten Geruch.
+
+</p><p>Auf der Terrasse kam Almqvists Schwester auf mich zu.
+Ich trat betreten einen Schritt zurück. Sie lächelte mit
+einer sich nicht entäußernden Bewegung, ihre Schönheit
+streng bei sich behaltend. Ich saß auf der Klippenbalustrade
+vor dem kleinen Schloß. Ich frug nach ihrem Bruder,
+sie wußte keinen genauen Termin, noch ohne Nachricht.
+Sie hob die Schultern ein wenig, ich mußte warten. Ich
+unterließ nicht, ihr meine Bewunderung für solche Schönheit
+schweigend zu bezeugen.
+
+</p><p>Aber es war ein Raum zwischen uns, ich durchbrach
+ihn nicht, ich hatte einen Schmerz in der Brust, der mich
+peinigte bei jedem Wort und mich wegzog, wenn ich die
+schmetternde Süße der Apfelbäume vor dem aufgestählten
+Dunkel der Nordsee empfand. &bdquo;Sie haben recht,&ldquo; sage ich
+hin, &bdquo;Ihre Bürger sind Hunde wie alle, gnädige Frau&ldquo; und
+ich lächle schief und trotzig, aber ich will es nicht wissen,
+was geht es mich an, was liegt mir daran, daß ich ihren
+Vornamen gern wüßte.
+
+</p><p>Aber ich frage nicht danach. Daß sie in Norwegen
+skiert mit Meir Elisha, meinem Partner. O, was liegt
+mir daran. Ich bin da, um auf Nachricht von Almqvist zu
+lauern, es ist keine da. Ich sitze und rede und höre nichts
+wie ein phantastisch Knirschen eines Rockes immer im Ohr.
+
+</p><p>Auf der Klippe gegenüber stehen Kinder, rufen &bdquo;Mur&ldquo;.
+
+</p><p>Sie steht auf, nimmt die grün-weiß-orange-schwarze
+Decke von dem Teetisch, winkt hoch damit. Die Kinder
+jauchzen, kriechen wie Ziegen weiter mit den kleinen Spitzenhosen.
+
+</p><p>Auf der geschorenen Steppe ins Land hinein spielen
+Engländer Golf. Weiße Männer liegen unten in den
+Segelyachten. Ich stehe auf, lege die Hand über die Augen
+und sehe lang in die gläserne Bläue. Ich vergesse,
+wo ich bin, ich drehe mich um: &bdquo;Ich sah Ihr Stadthaus,
+gnädige Frau; darf ich es sagen, die holländische Backsteinrenaissance
+hat eine asketische Linie, die ich wenig ertrüge,
+nie eine Frau damit umgäbe.&ldquo; Ihr kristallenes blaues
+Auge umfährt mich ohne Ironie, sieht über mich weg.
+
+</p><p>Ich empfinde, daß alle lügen, daß sie nicht die marmorne
+schönste Frau Bohusläns ist; welche Narrheit, sondern, daß
+sie noch nicht gelebt hat und ihre Gefühle lawinenhaft
+hinter dem Herzschlag liegen.
+
+</p><p>Aber im Augenblick darauf schon sehe ich das Meer
+wieder, sie ist aufgestanden, an die Mauer getreten, was
+kümmert mich diese Frau, die Ruhe macht mich glücklich,
+überempfindsam, die Segel meiner Seele sind groß und
+weit gebauscht. Welcher Friede, ich will es sagen, es gelingt
+mir, fast werde ich mitteilsam, ein Schwätzer, ich
+schüttle mich und lache in mich hinein.
+
+</p><p>Die Obstbäume brennen ihr Weiß gegen die besonnte
+Felswand und schwingen sich selig über das im Kreis gerundete
+Meer. In der abgeebbten Seitenbucht liegen Völker
+von Möven mit ausgebreiteten Flügeln im Sand. Wir
+sitzen und reden und warten auf Almqvist, ich erschrecke,
+muß lachen, die Teetasse fiel zu Boden.
+
+</p><p>Ich muß lachen, ohne es zu zeigen (wie kühl und höflich
+ist mein Gesicht), ich sitze mit der schönsten Frau Westschwedens
+über den wiegenden Rahen ihrer drei Segelboote,
+und ich sehe über ihr hinter den Schaumriffen genau
+von den in der Brise schaukelnden Kirschästen bis zu der
+Spitze des Granitbergs immer eine Reiterin durch die Luft
+hinschreiten.
+
+</p><p>Die Kinder kommen rufend, werfen sich ihr an die Brust.
+Wie schön ich mit Kindern spielen kann, die ich sonst nie
+sah. Bin ich sechzehn Jahre? O, wie fühle ich mich von
+mir selbst verlassen. Sogar den Bärentanz vermag ich
+auf der Mauer ihnen vorzuzeigen; wie sie heulen vor Wonne.
+In welchen Korridor entfernter Jugendlichkeit habe ich mich
+mit Geschwärm und Verlieben und Spielerei schrecklich zurückverirrt?
+Wie weit lag das hinter mir.
+
+</p><p>Ich balle die Faust in der Tasche, ich kann ja doch nichts
+tun gegen die süße Gewalt, die mich von allem reißt, mich
+hier einen Fremden und Kranken und Unbeteiligten sein läßt,
+o Gott, wie schön ist die Gewalt dieses Schmerzes, den
+ich hasse.
+
+</p><p>Ich balle die Faust in der Tasche und greife das farbige
+Tuch, mit dem sie den Kindern winkte, das die Kleinen
+mir hineinbugsierten. Nun gut, es soll drinnen bleiben,
+wir lachen, ich küsse die Hand, die es mir schenkt.
+
+</p><p>Vom Bahnhof herauf läuft ein Auto.
+
+</p><p>Almqvist.
+
+</p><p>Ich gebe ihm die Hand.
+
+</p><p>Ich stehe mitten in den Dingen, dressiere die Drähte von
+Plänen und Absichten und Zielen bewußt und klar.
+
+</p><p>Ich schlafe traumlos und gut. Ich habe mich völlig, nichts
+irrt ab.
+
+</p><p>Wir fahren in der Frühe nach Göteborg, nehmen den
+Russen auf, steigen in den Dampfer.
+
+</p><p>Der Hafen ist stundenlang, die Schiffe haben sich in
+Herden hineingelagert. Als wir den äußersten Ring am
+Mittag passieren, zeigt Krassin auf eine der vielen flachen
+Granitinseln. Aus Stollen sausen elektrische Fahrstühle
+mit Batterien hoch, schießen, sausen tief unter das Meer
+zurück.
+
+</p><p>Ich lache: &bdquo;Entwickelt die Erde sich weiter in explosive
+Kurven, wird man in zwei Jahren dies von Withe Chapel
+oder vom Grunewald aus beschießen.&ldquo;
+
+</p><p>Da werde ich verhaftet.
+
+</p><p>In der Kajüte verhört mich der Kapitän. Er ist zu
+dumm, die Vorzüglichkeit meiner Papiere zu kapieren. Ich
+kümmre mich nicht um den Ochsen, stehe wütend an der
+Wand. Die ganze Mission steht auf der Wippe. In
+diesem Augenblick finde ich mich klar zurück, abgeschnitten
+liegt das Nebelhafte von mir, ich strecke mich, bin wieder
+ein Kerl, kühn am Kopf, fühle die Muskeln um den Rumpf
+herum sich dehnen, ich trete vor.
+
+</p><p>Da klopft es, herein mit der Lässigkeit des Befehlenden
+kommt Almqvist. Der Kapitän erhebt sich sofort, das feige
+Schwein. Der Zwischenfall wird wie eine Kartenpartie
+erledigt. Zur Entschuldigung wird Kaffeefrühkost auf dem
+Kapitänsverdeck aufgetragen.
+
+</p><p>Im Kreis der Offiziere, fettem Fisch und Aquavit fliegen
+die nackten Ursteine vorbei, manche haben Häuser blau und
+rot, andere fahren vorbei mit singenden trocknen Fischen an
+Drahtseilen klappernd. Das Nackte der Steine verblaßt
+in gespenstische Blasen, das Panische stützt von ihnen gegen
+den von Wasserzartgrün und Segel musikalisch tief gefüllten
+Horizont. Die Eidern stehen mit Geschrei darin. Aus einem
+Kessel von Granit, der sich öffnet, schießt schräg zwischen den
+moosgrünen glatten Felsen ein dicker, geschwängerter Segler
+mit viereckig braunem Tuch, die Metallhörner tuten.
+
+</p><p>Um fünf Uhr legen wir an bei Marstrand.
+
+</p><p>Von unserem Hotel sehen wir vier Seiten Himmel,
+überall See. Zwei Tage studieren wir mit den Gläsern
+die Gruppen, die Gewohnheiten, die Lagermulden, die
+Badeplätze, Frauenbeine, Männerkostüme. Almqvist spricht
+mit vielerlei Menschen, läuft in den Garten, macht lange
+Gänge, schreit zum Fenster hinaus: &bdquo;Halo .&nbsp;.&nbsp;. så ni säger,&ldquo;
+schickt den Hausburschen in die kegelhaft gestellte Spielzeugstadt
+unter uns, läßt Zigaretten holen, setzt den Panama auf,
+geht zum westlichen Strand. Manchmal mit Damen, oft
+allein, einmal in einem Rudel Männer. Ich sehe, die
+Arme zum Fenster hinaushängend, wie Damen ihm zuwinken,
+wie er vor sich hinschaut, grüßt, in Häuser hineinblickt,
+kleine Gärten durchquert.
+
+</p><p>Er erfährt sicher vieles, wenn er sich so bekümmert, er
+erzählt nichts, bringt Blumen mit, empfängt allerlei Subjekte.
+
+</p><p>Im Osten sehen wir einen großen Klüngel immer am
+Meer, der seltsame Formen annimmt. Trennen sich Teile
+davon ab, verlieren die andern nie die Verbindung mit
+ihnen, die Figur der Ansammlung läuft aus wie Tinte,
+verzogen wie Rosagummi.
+
+</p><p>Oft schaue ich nach Norden. Nicht, als ob ich da etwas
+sähe. Es ist die Richtung nur, in die ich mich wende.
+Ich liebe es nicht, wenn ich mich dabei erwische, ich bin
+sehr verschlossen dann sicher im Gesicht.
+
+</p><p>Auch sehe ich gar nichts wie Netze und Schären. An
+der grünen Wildheit der Riffe aber, wenn mein Blick damit
+zusammenprallt, könnte ein Herz wohl aufschrein. Ich
+glaube es bestimmt.
+
+</p><p>Mittwochs kamen die Schweden, hörnerschlank, blondgescheitelt.
+Almqvist besprach lange jedes Detail mit ihnen.
+Ich rührte mich nicht sonderlich bei den Vorbereitungen,
+prüfte die Klaviatur nur manchmal, ich hatte das Ganze
+zu überschauen, ich maß meinen Puls nicht wie Sverker
+Ek, ich war wie immer in den drängenden Stunden der
+Gefahr fast unbeteiligt, als stünde nicht ein Ruhm ungekannter
+Größe und Bedeutung auf dem Spiel.
+
+</p><p>Ich sprach mit Almqvist lange über diese Frage, die endlose
+Lüge der Geschichte, die uns idiotische Führer und geschickte
+Taktiker als Helden ewig exerzierte, wo wir aus der
+Gegenwart im Einblick in alle Verhältnisse dies Prisma
+von kleinster Menschlichkeit und Kohl und Lüge und dümmster
+Brutalität zu jeden Vergleichen an der Hand hatten und
+an den Märtyrern und Tapferen eigenwilligerer Ziele ganz
+anderes Heldentum beobachten konnten.
+
+</p><p>&bdquo;Es ist Zeit, es ist Zeit,&ldquo; sagte Almqvist, als er die
+Fernrohre vom Hausdach richtete, &bdquo;mit einem Stierstoß
+das Epaulettengenie aus der Historie zu stürzen und die
+Heiligenscheine steigen zu lassen.&ldquo; Er lachte höhnisch, wir
+hatten am Ostufer den Bienenschwarm Männer in den Gläsern.
+Wir kannten jeden einzelnen, die Beziehung jedes einzelnen
+zu irgend einer Gesandtschaft und amüsierten uns über
+das Schachspiel, das sie miteinander aufführten.
+
+</p><p>Um elf Uhr gingen die weißen Hosen des Außenministers
+vorüber. In Badekostüm und Tenniskleidern begann
+die Börse. Alle heben die Nasen nach seinen politischen
+Vapeurs, die nach seiner Entfernung bis zu seinem Abendbummel,
+wie Rauchschwaden der U-Boote nach dem Tauchen,
+den ganzen Tag geballt zurückbleiben. Die Spionagezentrale
+des Stockholmer Grand-Hotel, die ihm hierher gefolgt
+ist, schwitzt, nachrichtgeil, vermanscht die Atmosphäre
+zu Meldung, sie langweilen sich und spielen sich weiter die
+seit zwei Jahren vorgespielte Rolle vor, der eine Davoser,
+der andere staatenlos, der andere Neutraler, refraktär, krank,
+desertiert. Sie fluchen auf den Außenminister, daß er die
+Klippe als Bad nahm, sehnen sich nach den Bars Stockholms,
+nach Royal, Hasselbacken, Rosenbad, nach Autos,
+Kokotten, Telefonen.
+
+</p><p>Sie haben die Nordsee peinlich in den Nüstern, es spielt
+sich schlechter vor der wilden Kulisse. Sie kennen jeder einander
+genau, jeden Atemzug, alle Vergangenheit, sie lügen
+sich täglich an und glauben sich täglich neu, sie sterben vor
+Gähnen darüber. Hätten sie wenigstens Frauen, es sind
+keine Mondänen da.
+
+</p><p>Die Schweden klatschen in die Hände vor Vergnügen,
+wenn das Spiel im Sand, von uns vorhergesagt, nach den
+jeweiligen Berichten der Zeitungen, mechanischer als ein Flohzirkus
+funktioniert.
+
+</p><p>Das Eigentliche vollzieht sich allerdings nur deutlich für den
+Kenner: wie zwei sich bewegen oder beobachten, am Lauern,
+am Ansprechen. Oben in der Wirklichkeit sind alles nur
+Ausländer, die sich sonnen. Alles elegante Gentlemans, die
+baden und höflich sind und die Formen der Welt respektieren,
+im Kopf ein Nichts an Hirn, im Bauch Hunger und Trieb.
+
+</p><p>Unter dieser Oberfläche geschieht das eigentliche Techtelmechtel:
+
+</p><p>Ein portugiesischer Gestus trifft einen wienerischen, sie
+feilschen zusammen: Zigaretten am Balkan, Orangenladungen
+in Lissabon, die Finger spreizen sich. Da sagt ein
+amerikanischer Mund, steif gezogen, Höfliches, reicht ein
+Streichholz und ist verbindlich .&nbsp;.&nbsp;. während im Untergrund
+das Herz anschreit: &bdquo;Du Sau der tyska legatione .&nbsp;.&nbsp;.
+Amerikahund.&ldquo; Beider Augen messen sich: wieviel Ladungen
+Munition im Monat der eine Blick .&nbsp;.&nbsp;. wieweit die Ernährungsfrage
+im Herbst der andere. In beiden Brusttaschen
+Banknotenbüschel! Ein bulgarischer Kalkül stellt
+einem englischen ein Bein, lockt ihn in die Falle, bekommt
+steife Prügel, saust heraus, blamiert .&nbsp;.&nbsp;. oben sind die Köpfe
+der beiden unberührt, der eine überschlägt, daß er durch die
+Blamage tausend Pfund verloren, der andere, wie er den
+abgeblitzten sich zu Diensten fängt.
+
+</p><p>Alle Köpfe haben einen Zug Gier nach Geld, das ist
+das Gemeinsame.
+
+</p><p>Eine türkische Stellung wird beim Zeitunglesen verschachert
+gegen eine Nachricht vom Zentrum Lenins. Am Telegraphenamt
+sind alle bestochen. Abschriften sämtlicher Telegramme
+zirkulieren jeden Tag, alle Chiffern sind bekannt,
+harmlose Telegramme sind die beliebtesten, da sie drei Deutungen
+haben. Zwischendurch Poker, Bar .&nbsp;.&nbsp;. bac .&nbsp;.&nbsp;. ma
+tante .&nbsp;.&nbsp;. vingt et un .&nbsp;.&nbsp;. die Karten fluschen.
+
+</p><p>Abends ist mancher plötzlich reich, nicht an der Roulette,
+das Spiel von Ehrgeiz und Bedeutung geht über dem
+gesellschaftlichen. Da klotzen die Köpfe brutaler, stierer sich
+ins Weiße: Kanonenpräzisionen, Abordnung von Führern,
+ein auslaufendes Kriegsschiff, Flammenwerfermodelle, Atmosphäre
+des Eßdrucks gehn als Tip.
+
+</p><p>Da sitzen die bluffigsten Karten. Zwei Jahre noch Kriegsgewißheit
+(wie stehn die Nerven drüben, Freund?) und Industrien
+schnellen göttlich hoch. Zusammenbruch pleite, aber
+welche Chance bei Voraussicht. Eine Offensivmöglichkeit
+wird einem schwarzblauen eleganten Conte abgeknöpft, auf
+zehntausend Tote kalkuliert, Zurückschrecken, auf siebentausend
+falsch frisiert, das zieht, in den Kabel gegeben, den Toten
+zu einer Mark, am Abend als Gewißheit weiterverkauft
+gegen Fettrationsnachweis, Kupferlösungstabellen, Salvarsanschmuggel.
+
+</p><p>Äußerlich schlenkern sie die Arme, schleichen sich gegenseitig
+unauffällig nach, wünschen sich die Pest in den Schlund,
+lächeln süß, duellieren sich selten, innerlich lauern sie, sind
+angespannt, aufgezogen, Federn, Pistolendrücker, Minenexplodeure.
+
+</p><p>Am Abend gehen die weißen Hosen des Außenministers
+am Strand zurück. Die Blutbörse reguliert sich neu. Die
+Spionagezentrale sucht die Telegrammzellen auf. Über Lissabon,
+London, Berlin, Washington, Wien, Paris, Mailand,
+Pest geht ein Nachrichtregen nieder. Sieben Armeen
+kämpfen weiter, Tag um Tag, gut informiert, aufs beste
+bedient. &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Wir scherzen, lachen, zeigen uns dies und jenes, der Tag
+ist hell, wird immer weicher. Die Fernrohre kreuzen sich,
+sehen aus wie Maschinengewehre, wir trainieren unser Handwerk,
+wir sind sehr vergnügt, machen Skizzen und Notizen.
+&bdquo;Siebentausend Moslemin,&ldquo; knirscht Ek ironisch. &bdquo;Viva el
+Peru&ldquo; rufen wir und machen sie nach. Wir singen, weil
+es so schön ist: &bdquo;Happy day, ha&mdash;a&mdash;a&mdash;ppy day &mdash; &mdash;.
+When Jesus washed my sins away.&ldquo;
+
+</p><p>Lilljeqvist hat eine Segelmütze auf der Glatze, wir sind
+in bester Stimmung, unter Scherzen geht der Morgen hin.
+Ein heller Tag. Auf der westlichen Klippe gehen wir ins
+Meer, zweihundert Meter weiter schießt der Halbbogen der
+Fjords wieder heraus, da gehen die Frauen ins Meer,
+kupfern gewölbte Schatten liegen vor einer Schäre, der
+Wind hat nachgelassen, traumhaft abgebogen stehen Segel
+vor dem sinkenden Kreis des Horizonts.
+
+</p><p>Almqvist hat die Unterredung durchbrochen, das Genießende
+und Schöne ist aus seinem Gesicht verschwunden, er
+ist verzweifelt, er geht auf und ab, die Frauen schauen herüber,
+er wendet sich an uns alle, das Meer, die atemblaue
+Seligkeit der Luft:
+
+</p><p>&bdquo;Ha,&ldquo; sagt Almqvist, &bdquo;was Jaurès, was Pétain, was
+das ganze Schachspiel .&nbsp;.&nbsp;. Bagatellen für Affen. Die Erde
+ist in den Äquator der Abrechnung eingelaufen, was? Die
+Fahrt in das Dunkel hat begonnen, die Kugel knallt in
+das Chaos. Ha .&nbsp;.&nbsp;. wie hängen die Dummen noch ungelöst
+an ihren Bettwärmern, ihren Seelenkitzeln, ihren Kompromissen.
+Der Bruch geht verflucht durchs Ganze. Schöner
+Tag, Ek, süße Bläue, Krassin!
+
+</p><p>Aus für uns.
+
+</p><p>Die Lichter sind ins Dunkle geflaggt. Ha .&nbsp;.&nbsp;. und keiner
+sieht in verlogenen Räuschen von heute schon den Schluß.
+Unerbittlichkeit, i .&nbsp;.&nbsp;. i, Nachdenken Ek. Nichts wird hinübergerettet.
+Die Weiber mit kostbaren Dessous, die lachend
+vor Spiegeln stehen, von Steinen voll gepflegte Hände,
+Salbenhaut, die in Kissen feucht wird. Autofahren, sanfter
+Luxus, der reizvoll die zarte Erdoberfläche malt .&nbsp;.&nbsp;. betrügt
+Euch nicht. Der Zeitbulle rennt sich seit vier Jahren die
+Hörner ein, auch die Gazellen werden damit verrecken müssen.
+Putzt die Lampen auf für andere Jagd. Ob die Zeithörner
+blasen oder Frauenbeine spielen, erschöpft für diesmal die
+Frage für das Säkulum. Im Katastrophenschacht der Sternbilder,
+in den wir einfahren, ist der Ernst und die Grausamkeit
+verdammt en vogue.
+
+</p><p>Ha .&nbsp;.&nbsp;. süßer Tag, Ek, milchweiße Silberränder in der
+Luft, man wird den Schönheitszauber mit Keulen zerschlagen.
+Ob ich ihn geliebt? Wie habe ich ihn genossen.
+Einmal wird Schönheit die zackige, rohe Erde erlösen.
+Nichts ist das aber vorderhand für uns.
+
+</p><p>Wir werden keine Freudelagerfeuer des Sommers an
+dunklen Julifjorden entflammen. Städte werden zum Osiris
+gefeuert und der Mond auf Leichenhügel geknallt. Schwelgerische
+Sternnächte werden ohne Regatten rauschen, Ebenen
+nicht mehr verzücken, Meere nicht zu Begeisterung schlagen,
+Seen zu keinen Frauenräuschen treiben, dampfende Schneefelder
+unter flamingoner Röte nur im Traum noch schweben .&nbsp;.&nbsp;.
+aufgespreizt dagegen, mit gußeisernen Kolben wird dem Zeitauge
+das Plasma ausgeschlagen. Tritt in den Brustkorb dem
+schloddrigen Gerippe. Knackt die Schulterblätter der duftenden,
+innen verwesten Kokotte. Ab mit dem Geschrei der
+greisen Äffin Europa. Die Erde hat .&nbsp;.&nbsp;. hat ein elefantisches
+Toben angenommen.
+
+</p><p>&bdquo;Nach uns erst, Ek, werden die Nymphen wieder steigen,
+wir sind leider bei der Reinigung und der apokalyptischen
+Dusche.&ldquo;
+
+</p><p>Er hört nicht auf zu lachen, seine eleganten Hände pressen
+sich immer wieder auf die Knie, der Oberkörper schüttelt
+sich, er kann sich nicht fassen. Er bekommt langsam sein
+Gesicht wieder, die Maske wächst ihm vom Kinn zu den
+Augen.
+
+</p><p>Ich sehe durch sein Lachen den Krampf, wie sein wundervolles
+Leben sich ablöst von dem Leichten der Zeit, dem es
+anhing mit allen bei diesen Gaben und solchen Fasern
+lebenden Gefühlen. Ich fühle den schicksalshaften Tenor
+seines Blutes, etwas steigt, begreift in mir eine Sekunde
+das Ganze, dann vergesse ich es wieder, sehe nur das Nahe,
+spüre mich feig und kneifend, aber hell und voll Ehrgeiz
+zusammen, ich kann es nicht ändern, ich kann ja nicht
+tauschen, ich höre nichts als immer in jeder Sekunde durch
+den Granit den Herzschlag des Meeres herauf mit einem
+einzigen Klang: Ebba.
+
+</p><p>Alles erfüllt es, alles beglückt.
+
+</p><p>Ich habe die Bücher nicht einmal gesandt, ich kann ihren
+Namen nicht nennen beim Händler, ich kann ihn nicht aussprechen,
+es ist schon so fast zu viel. Sie wird am Fenster
+stehn irgendwo, ich sehe es deutlich, sie wird am Fenster
+stehen und warten. Keine, keine Verwirrung in diesem Haus.
+
+</p><p>Ich wende mich ab, ich wende mich von ihr, was soll
+ich mit diesen Gedanken? Ich schelte mich feig, ich strenge
+mich an, Almqvist zu erreichen, ich will seine Klarheit, ich
+winde mich darum, sie zu fassen, aber, ach Gott, warum
+sehe ich immer die Frau da am Fenster?
+
+</p><p>Ich kann noch nicht. Ich bin noch nicht so weit.
+
+</p><p>Wir gehen über den Steinhügel der Insel. Kanonendonner
+gespenstisch im Kattegatt. Ein Fischerboot saust
+unter englischer Mine vor den Schären in die Luft. Die
+Bojen läuten. Leuchtfeuer taumeln durch die mit weißen
+Sternen durchzischte Luft. Der Mittag wellt dunkler gegen
+das Moos, die Möven rennen tief nach dem Wasser zu.
+
+</p><p>Almqvist legt den Finger an den Mund.
+
+</p><p>Die Schweden schwenken ab, mit den Händen deuten
+sie noch einmal nach verschiedenen Stellen, beschreiben einen
+Bogen, verziehen den Mund, lachen, entfernen sich, Steine
+nach Vögeln werfend.
+
+</p><p>Ich liege auf dem Hausdach.
+
+</p><p>Mit dem schärfsten Rohr beschaue ich die Sammlung
+am Ostufer, dann schleiche ich nach, ich komme hinter einem
+Felsen her, erwische den Rücken einer alten Badekabine,
+deren Dach schräg auffährt, ich drücke mich platt an. Unter
+mir bewegt sich das Gekribbel, alle starren ins Land hinein.
+
+</p><p>Ich sehe Almqvist kommen, er schlenkert mit den Knien,
+bewegt die Schultern lässig, den Mund gespitzt, der Panama
+schaukelt in seiner Hand.
+
+</p><p>Unter mir macht Boissant zwei Winke, in der allgemeinen
+Verwirrung entfernen sich die Türken mit dem Bulgaren.
+Boissant bleibt breitspurig stehen, die Hände in den Hosentaschen,
+die pomadisierten Haare in die Stirn gebürstet.
+Plötzlich, je näher Almqvist kommt, begrüßt er ihn zuerst
+mit einigen Schritten auf ihn zu, und als die anderen
+nachdrängen, wird er immer kleiner, unansehnlicher, das
+brutale Gesicht wird säuerlich weich, die verdellerte Stirn
+mit den schrägen Augen versinkt in Falten und einen weinerlichen
+Buckel, er benutzt die erste Möglichkeit, mit den
+beiden Alliierten ganz allein zu sein, versucht aus dem
+Nadelkissen der Spionenschwärme herauszuglitschen, verschwindet
+nach der Klippe zu .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. geht in unsere Falle.
+
+</p><p>Ich bekomme Klopfen im Hals, seine Entfernung wird
+bemerkt, Blicke kreuzen vieldeutig in der Richtung, der
+Wiener Beauftragte murmelt &bdquo;ja schaugts&ldquo;, schon heben sich
+die Beine, manche springen auf.
+
+</p><p>Da nimmt Almqvist die Sekunde, gestaltete sie mit seiner
+Verführerischkeit, es erweckt keinen Trotz, mit dem ganzen
+Zauber seines Wesens zieht er unwiderstehlich die Geliebte
+eines englischen Geschäftsträgers gegen seine Hüfte:
+
+</p><p>&bdquo;Frauen&ldquo;, sagt er erstaunt. Sein Rücken lehnte gegen
+einen Strandkorb: &bdquo;Sie haben wenig Frauen, meine Herren&ldquo;,
+sagt er spielerisch und zieht sie in seinen Tonfall und
+ich zittere unter seinem Tonfall, weil ich darunter sein anderes
+Gesicht immer erblicke. &bdquo;Sie haben die kleinen Hasen
+mit Recht vergessen, die kurzbeinigen, mit denen man spielt,
+die man nicht liebt. Welch allersüßestes Kompott von
+anderen Frauen könnten Sie auf der Klippe servieren.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Dinieren Sie&ldquo;, ruft mit steifem Blick der Engländer.
+
+</p><p>&bdquo;Frauen&ldquo;, sagt Almqvist. &bdquo;Französinnen, da geht eine
+Welle von der Gosse bis zu den royalistischen Dessous.
+Ich diniere voll Vergnügen. Gekrümmter Bizeps: man
+hat sie alle. Sapristi. Schönes Geflügel, doch man fängts
+nur vom Blut aus. Nimmt man sie als Weib, vom
+Weibsenhaften her, hat man jede. Dann können Sie vornehmen,
+was Sie wollen, und jede Académie des Dames
+bei jedem Essen mit ihnen vollführen. Die Wege sind egal,
+solang sie so erfochten werden. Verlieren Sie die Luftschicht,
+arbeiten Sie mit Gedanken und Tricks, ist es aus. Narren
+glauben nur, Liebe sei nicht Talent, weil Frauen manchmal
+auf Idioten reagieren. Verhängnisvoller Irrtum, die
+Idioten waren einfach die Begabteren. Wüßten die Schreiber
+sehr erlauchter Bücher, die oft mit unmöglichen Weibern
+leben, wieviel trächtige Instinkte es bedarf, welche Wollustbarometer,
+welches Training und welche Disziplin, wie man
+führen, folgen, verlocken, zurückbleiben, lange zögern muß,
+dabei immer in Siedenähe der Seelenatmosphäre der Frau,
+wie man vorstoßen, mit Maß überwältigen, göttlich disponieren
+muß .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. um nur das anonyme Straßenmädchen
+Chichette, die kleine Bürgerstochter Anna zu verführen .&nbsp;.
+ha .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. diese Schreiber, deren ich das größte Amüsement
+bei ihren Büchern habe, stiegen von ihrem Hochmut sehr
+rasch zu den Sansculotten und fühlten sich den dem Blute
+viel näheren Abenteurern wahrhaft gegenüber als Nichts
+und Null. Französinnen. Ich diniere als Hors d&rsquo;oevre,
+Dessert und Entremet. Diese Frau ist ein Meer, der begabte
+Mann kann sich Legion der Vielfalt aus ihnen machen,
+ein gutes Material des Weiblichen, wo aus der Stimmung
+der Sekunde das Entsprechende grilliert wird. Doch man
+muß gestalterische Phantasie und viel Einfluß haben, Rezepte
+aus dem Augenblick saugen und die Soßen genial
+verrühren können. Der Unbegabte nur, meine Herren,
+geht an die Frau wie an ein Schiff, liest den Namen, betritt
+es, und es ist ihm gleich, oder er nimmt es für seinen
+Verdienst zufrieden, heißt es nun Lutetia 4, ist&rsquo;s Demut,
+ist&rsquo;s Glückliche Meerfahrt. Beschränktheit und Trottelei. Casanova
+beherrschte als letzter Souverän das weibliche Alphabet,
+gab seinen Frauen den Namen, den er beliebte und
+den Charakter, den er vorzog. Er verstand auch, was aus
+der Französin leicht, bei anderen sehr schwer, aus Hüllen
+von Schmutz und Silberfuchspelzen, aus Palais und Hafen
+und Kulisse, Gesellschaft und Gosse jenes Blasse, ein wenig
+Stöhnende herauszuholen, immer wohl das Gleiche, aber
+jedes anders überspielt, anders gestaltet: das Weibliche,
+la femmelle, was man lächelnd, aber nie ohne zu erbleichen,
+auf dem Grunde des Frauenhaften suchte.&ldquo;
+
+</p><p>Er hat den Blick fest in dem des Engländers.
+
+</p><p>&bdquo;Dinieren Sie,&ldquo; sagte der Engländer mit steifem Blick.
+
+</p><p>&bdquo;Ich diniere voll Vergnügen&ldquo;, sagt Almqvist. &bdquo;Ich
+ziehe es vor, Norwegerinnen mir zu dispensieren, schlimme
+Knöchel. Däninnen Austern, feine Hüften, keine große
+Sache, oft grau im Teint, Salzwasser, man muß Zitrone
+hinzutun. Schwedinnen haben Rasse und Charme wie die
+Französinnen, sie kommen ihnen am nächsten, sind sogar
+besser gepflegt, nicht mit Puder und Rotstift, sondern
+von Gymnastik, mit ganz famosen Beinen und Aprikosenteint.
+Es geht nur ein paar Jahre, dann erkaltet ihr
+Arom. Immerhin werden sie komplizierter, weil sie ohne
+die französischen Retuschen, Parfüme und Toilettekünste arbeiten.
+Denn ihr Falschheitsattribut ist also mehr im
+Inneren, sozusagen Seele, während bei den Weibern der
+Boulevards und Impasse, ungreifbar jedoch zu dressieren,
+auf Busenwarze, Fußzehe, Bauchlinie das Seelenhafte sich
+herrlich vollzieht. Der Liebhaber und Amateur kann der
+Skandinavin daher nicht in Reinkultur der prallen Männlichkeit
+kommen, es braucht etwas Hirn, ein wenig Intellekt.
+Schon braucht es grobe Mittel, dem Amateur wahrlich
+Verächtliches: Logik, Strafe, Züchtigung. Wüßten die
+Frauen, die, statt groß und frei sich zu geben, dumme
+Seelenkulissen dazwischen bauen, wie der seelenvolle Mann
+gleich Mondschein ihre prüden Bewegungen widerlich findet,
+sie kaprizierten sich weniger auf &bdquo;Werben&ldquo;, &bdquo;Sicherringenlassen&ldquo;,
+auf Seelenpflaumen als überraschendes Zwischengericht
+und Intellektkrebse zwischen Salat und Huhn.
+Während sie glauben, raffiniert zu sein, machen sie nur
+abscheuliche Rezepte, rühren Ei und Öl und Preißelbeeren
+an einen und denselben Fisch. Das fabelhafteste Menu
+ist das natürlichste, ohne Hemmungen, aber mit der Lust
+am Speisen. Seele kommt dann von selbst nicht als Eis,
+aber als Atmosphäre, denn wo wäre Seele nicht, wo Harmonie
+sich löst. Rutscht der Frau unseres Jahrhunderts
+und unserer irrsinnigen Erziehung, meine Herren, die Welt
+ins Hirn, so können nur Dressuren sie sanft machen zu
+Beefsteaks der Liebe. Ich kenne die europäischen Küchen
+allesamt, die Art des Klopfens ist überall dieselbe, (lediglich
+die Nomaden Ungarns belieben Fleisch manchmal noch unter
+den Sattel zu legen). Man treibt das Hirn ihnen so aus,
+sie erkennen unter Schmerzen das Schöpferische des Mannes,
+werden seltsam anschmiegbar für ein paar Stunden. In
+Esprit sich und die Liebe verwickelnd, sind sie von Stimme
+und Gebärden Hyänen, aber mit welcher Grazie spielt
+nach der Prozedur des Dressierens man mit süßen Katzen.
+Dabei sind die Intellektuellen ohne jede von ihnen so
+erstrebte Dämonie, sie sind nur komisch, meistens bös,
+nie gefährlich. Dazu sind sie zu dumm, weil ihr ganzer
+Apparat ja männliche Kopie ist, ihr Bestreben männlichen
+Geist mit maskulinen Mitteln zu imitieren, und sie dabei
+die typische männliche Dummheit gegen die verstrickendere
+ihrer reinen Weiblichkeit eintauschen. Arme Dinger,
+sie würden nie Schnaps trinken und Pfeifen rauchen, weil
+die Männer in Scharen Wettlauf von ihnen weg begännen,
+aber in den Regionen des sogenannten Geistes sind sie instinktlos
+wie kein Tier. Was Sie dumme Ziege nennen,
+kann mir Kosmos und Schicksal sein, Bestimmung und
+Verhängnis, kann in manchen Momenten mich um den
+Finger wickeln, wie einen Wurm. Ich fliehe, weil ich gebildet
+bin und Frauennähe brauche, geistvolle Frauen. Die
+Dame mit Literatur verräuchert, Kunst weich kauend, geht
+trotz bestem Magen auf die Darmnerven, macht totkrank
+bei halbstündigem Tee. Mit einem Barmädchen Lilly fuhr
+ich bis Kairo. Daher sind die Asiaten und Afrikaner so
+herrlich. Haben Sie schon einmal mit Abessinierinnen gefrühstückt,
+Palaumädchen zwischen den Wellen der Brandung
+nachts Melonen essen sehen? Das ist pikanteste Küche:
+Milch, Honig, Traube und Kokos und Ziegenlende. Haben
+Sie Negerinnen auf Gäulen durchs Gras reiten sehen,
+das sind die schönsten Frauen, gelehrig wie Papageien
+fahren schnatternd den Fluß mit einem herunter, während
+im Wald es schreit und dröhnt. Auch ist ihr Odeur extravagant,
+wenn man nicht den Schlag von Kapstadt nimmt,
+der ist Bruch. Aber nicht jeder verträgt diese Atmosphäre,
+man ist bei uns zu festgelegt auf gebadetes Fleisch, statt
+das Wechselspiel von Haut und Luft zu bewundern. Doch
+muß ich eine Warnung hinzufügen, sich nicht zu sehr der
+Biskuitschönheit der Javanerinnen hinzugeben, deren Talmianmut
+verderbter europäischer Grazie nahekommt. Beine
+und Brüste sind lange nicht so gut wie bei Schwarzen.
+Das andere ist Bluff. Sie drehen große Augen auf, das
+ist alles. Man stirbt vor Langeweile oder wird Buddhist.
+Die Spanierinnen sind von ähnlichem Filet, man kann sich
+mehr Vollendetes auch in den seltsamsten Kühnheitsstunden
+der Phantasie schwer denken, die Caballeros stehen an den
+Gittern und erregen sich an den Damen hinter dem Fenster,
+sodann zünden sie Zigaretten an und gehen ins Bordell.
+Haben sie endlich eine Dame durch Heirat, sind sie
+nach zwei Monaten wieder dort. Mondaugen und ideale
+Büste, braune Marmorschenkel und süße Hüftlinien genügen
+doch nicht ganz, wenn das Blut stickig geworden.
+Wo ist in Europa sonst noch ein Typ? Russinnen verstehe
+ich nicht, davon rede ich nicht, hier gar nicht. Italien weich
+und süchtig wie Gelee und dunkle Marmelade. Am Balkan
+Gehetz. Die Cuisinen duften Paprika, Knobloch und
+grünen Pfeffer. Sonst wie mit Hunden gebalgt ist alles,
+Beißen, ein Knäuel, man läuft auseinander, schimpft.
+Schöne Spielerei und immer Getös, man wendet sich bald
+ab, zieht Fußballspiel und Hockey vor, welcher Sport auch
+reinlicher erhält das Gemüt.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Dinieren Sie,&ldquo; sagte der Engländer mit gehärtetem
+Stimmuskel. Er saß zum Sprung. Almqvist hatte seinen
+Blick in dem seinen wie in einer Fessel. Er zog das eine
+Auge herunter. Wie furchtbar spielt er die Komödie!
+
+</p><p>&bdquo;Nur die deutschen Aristokratinnen sind appetissant. Da
+ist Zucht, zwar geistlos, aber heftig in Rasse, schmale
+Hüften, Tennisbeine, dünn und zäh, ovale Köpfe. Etwas
+vom elegantesten Tier, der Giraffe, und einiges von dünnem
+Stahl. Soviel Federndes ist darin, daß man sehr hohe
+Ereignisse mit ihnen erreicht, daß man bis an die Mondhügel
+und die Milchstraße schwebt, verzückt. Doch das ist Züchtung,
+man erreicht es nur im auserwählten Fall, meine Herren, das
+Landläufige schlägt Sie mit Entsetzen, ein Schreck zwischen
+Sentimentalität und zu kurzen dicken Beinen. Der Schick
+geht nicht bis auf die Dessous, wo er erst beginnen sollte.
+Ein fatales Souper an der Spree, ein nur durch südlichen
+Himmel gemildertes in München. Nur Düsseldorf oder
+Mainz sind geprickelt, dort mischt sichs mit Niersteiner,
+französischen Rotis und Rheinwind. Die anderen verstehen
+die Soßen nicht zu präparieren, es klebt aus Wasser und
+Schmalz und Mehl. Sie wissen nicht aufzuduften herrlich
+zugleich nach Apfelblust, Meer, Houbigant, Kirsche, Roquefort,
+Chablis. Sie haben nicht Reizsinn, das macht, daß
+die pikanten Entremets fehlen. Das Souper ist ohne
+Würze. International leider als Kapitalanlage verwandt.
+Da von Genuß nicht die Rede mehr ist, geht bei der
+Dirne daher schon der Zynismus um, daher ist diese Atmosphäre
+auch jedem, selbst übelsten Ansinnen offen. Dies
+Essen allein verläßt jeder ohne Dank, ohne Erinnerungshauch,
+der köstlich noch nachschwebt aus der Morgenröte,
+dem samtnen Gestammel, kalt wird es verlassen, was
+selbst den Japanerinnen, die quälen, nicht passiert. Auf dem
+Düngerhaufen der Welt modert dies Überbleibsel, getreten
+in London, in Bordellen Südfrankreichs, roh, heiser, in den
+Anlagen Buenos Aires, auf den Boulevards. Hin und
+wieder steigert das Mütterliche hingegen sich zu Güte und
+Brille. Man steht erschrocken vor Sympathien, die einem
+unerträglich sind. Auch gibt&rsquo;s spielerische Abarten, Blutmischung
+von Polen, Prag, Elsaß. Da liegen Kegel Luftschicht
+flüsternd um die Leiber, was wichtiger wie Frou
+Frou, Pelz und Seide. Da geht ein Kampf immer mit
+Stummheiten, Abwehr, Hieb und Einsinken zwischen Wünschen,
+Männerblicken und dem Weib, Lustfächerspiel aus
+Luft. Besonders aus dem Österreichischen her, Genies der
+Haut, Hasen, an denen die Lust sich reibt, riechen wie Klee,
+schnuppern. Schwierig, die mit Seele, man will sie nicht, aber
+sie möchten auf diesem Umweg bezwungen sein, man hat ein
+Lazo um den Hals, ich wage nicht, Sie mit den tollen
+Einzelheiten der Flucht hiervor zu langweilen, Sie ziehen
+eindeutigere Einzelheiten vor. Man speist nicht Straußeneier,
+weil sie selten, sondern man speist Kibitzeier, weil sie
+selten und dazu sehr gut&ldquo;.
+
+</p><p>&bdquo;Dinieren Sie,&ldquo; sagte der Engländer.
+
+</p><p>&bdquo;Asiatische Würze in europäischer Flaconnierung, ich
+setze mich gern zur Tafel&ldquo;, er zog die Engländerin herüber,
+spielte mit ihrem Haar und übersah den Rufer. &bdquo;Heißt das
+Essen Adler, hat das Exemplar leicht kurze Beine, ist jüdisch,
+wird dick. Da hat sich Vorderasien schon ganz an das
+bürgerliche Europa angeschlossen, aufgegangene Kaprizen in
+Sackfett bourgeoiser Ideale. Heißt&rsquo;s aber etwa Guzman, kommt
+es aus Spanien über Saloniki, ist schmal, hat kein Ghetto
+gehabt, zäh, geistig und voll Charme. Vielleicht das Höchste,
+was es gibt: Hirn plus Blut. Aber in der hinreißendsten
+Grazie serviert. Internationale Aristokratie. Ihrer Tradition
+Chefs waren, als unsere Vorfahren in Pelz und
+Barett noch schwitzten, gepflegte, untadelige Gelehrte und
+Künstler in Katalonien. Serviert man Frauenkompott,
+darf die herrlichste Jerichospeise nicht fehlen. Man wird
+immer wieder zu den Jüdinnen zurückkehren, zu dem Hafen,
+den Intellektuellen der Freude. Erotische der Ideen, Glühende
+nach Ziel und Triumph. Dasselbe, was Anarchistinnen
+treibt, ist ihre Umstrickung. Dazu sind sie einfältig, fast
+primitiv, im intimsten Moment. Lasterhaftes und Wille,
+sich für einen töten zu lassen, Adel und Ausschweifung,
+Königin und Dirnengeschwätz, dolchscharfes Hirn und Akkumulator
+der Gasseninstinkte &mdash; &mdash; das fließt fabelhaft ineinander,
+man vergißt diese Frauen nicht. Sie sind wenig
+entdeckt, man degoutiert ihre Männer und sieht sie nicht. Wer
+sie aber erfahren hat, läßt nicht die Lieblingsmarke. Sie
+halten einen nicht. Ihr Trieb ist, Freiheit geben überallhin
+und dadurch erst recht zu fesseln. Man schlägt das Auto,
+etwas betrunken, mit ihr völlig in Fetzen, im Abfahren
+ruft sie &bdquo;Säufer, du Protz&ldquo;, man steht eine halbe Stunde
+auf der Straße, beschließt, irgendwie anders nun von dieser
+Nacht ab zu leben, geht zu ihr, sagt ihr&rsquo;s, und findet keinen
+Zug, keine Falte, die den Triumph bei ihr anzeigt. Es soll
+sogar, so vielfältig ist der Typ geschichtet, chinesische und
+negerische Jüdinnen geben. Man hat die Auswahl: runde,
+ovale, Suaheliköpfe, Schlitzaugen, mandelgebogene, abbessinische
+Formung, überweiße Arme und sehr dunkle Haut,
+es ist von den klassischen Ragouts bis zu den bourbonischen
+Chateaubriands jede Nüance vertreten. Asien wird uns
+als Mission in die Adern getragen, Steppen, Jahrhunderte
+Gold des Jericho und Euphrat, Schmutz und Begeisterung
+und Landstraße und Silberhimmel sind in ihrer Neigung
+zusammen, es betäubt und man ist immer wieder da zu
+Hause. Hier ist das intimste Diner gerichtet, man langweilt
+sich nicht mit den Suppen, man will endlich einmal
+über die Hors d&rsquo;oevres hinaus, zu Forelle und Fleisch.
+Sei es auch à la tatare. Auch wird man Paprika,
+portugiesische Sardellen, Anchovis als Würze, persische
+Pflaumen, Pfirsich und Brüsseler Trauben als Früchte
+dazu haben. Man fährt auf solchen Gedanken wie auf
+Äroplanen durch den Ozean von Rausch und Erregung.
+Ein ungemeines Potpourri von Erlesenheit der Speise ist
+zu den Kompotten geschichtet. Wer nach Blutstromwanderung,
+nach Sehnsuchtsfjorden aus ist, hat hier die wundervolle
+Yacht. Auf welcher Regatta es sei, führt der Liebhaber
+die palästinensische Göttin, großhüftig und braun, am Fock.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Dinieren Sie. Dinieren Sie,&ldquo; schrie der Engländer.
+
+</p><p>Da zog Almqvist die Frau auf das Knie: &bdquo;Ich vergaß
+die Gemüse Ihrer Insel, ich bin bestrebt, ihre Lendenstücke
+nicht außer acht zu lassen.&ldquo;
+
+</p><p>Der Körper des Engländers schoß an ihm vorbei, Almqvist
+hatte die Frau mit dem rechten Arm an sich gezogen,
+hochgehoben, war dem Springenden ausgewichen.
+
+</p><p>In der Dämmerung lief er drei Sätze.
+
+</p><p>Jagte auf der Galerie des Landungsstegs als Schatten.
+Eine kleine Segelyacht kreuzte gegen den Wind, legte sich
+leewärts an das Geländer, sie sprangen beide hinein.
+
+</p><p>Der Abendwind riß mit einer schaumigen Brise das
+Boot ins Graue. Am Geländer fiel der Engländer stumm
+um, hämmerte die Faust auf das Knie, tac .&nbsp;. tac. Ich
+sah ihn noch aufstehn, wanken vor Wut, dann schlich ich
+in der Verwirrung der anderen zurück.
+
+</p><p>Hinter dem Fels begann ich zu laufen. In dem Spielzeuggarten
+war eine Jasminwolke aufgebrochen, Kometenstücke
+fielen dauernd über die Granitfelsen der Ostseite tief
+in die weich flutenden Fjorde. Ich saß stundenlang am
+Fenster, wartete, sah mählich die Nacht über den Silberglanz
+hingehen, die Düfte immer stärker auf der schweigenden
+Insel nach oben sich wölben, die Uhren fielen schwer
+und flaumig in die dichte Stille.
+
+</p><p>Um zwei Uhr kam Krassin.
+
+</p><p>Um zehn hatten sie den endlich ungestörten Boissant
+nach seiner Unterredung mit den türkischen und bulgarischen
+Subjekten abgefangen, betäubt, in einen hollunderzerwachsenen
+Felshafen getragen, in die kleine Segelyacht gesetzt.
+Krassin blieb zurück, öffnete, kopierte die Abmachung, ließ
+die Kopie zurück auf dem Holztisch Boissants, genau so
+verfertigt, gesiegelt, unterschrieben, wie das Original.
+
+</p><p>Er gab mir das Original, verschwand lautlos. Ich ging
+mit ihm hinüber, las es, ging zu Bett, schlief ein.
+
+</p><p>Die Schweden kreuzten inzwischen mit Boissant bis
+zum Morgen zwischen der Küste und der Insel, er hatte
+sogar die Möglichkeit, sich mit der Engländerin zu unterhalten,
+&bdquo;Englishman?&ldquo; frug sie mißtrauisch, die Hand in
+Almqvists Genick.
+
+</p><p>&bdquo;Allright.&ldquo;
+
+</p><p>Sie setzte sich etwas höher, weil sie schräg lagen, sah
+ihm ins Gesicht. &bdquo;By Jove,&ldquo; sie erschrak zu Tode über
+das Affengesicht.
+
+</p><p>&bdquo;Hallo cap, hallo cap,&ldquo; murmelte der Franzose und
+stierte ins Wasser. Morgens setzten sie ihn lachend ans
+Land. Davidson erzählte ihm, als es ganz hell ward, man
+habe ihn mit Krassin verwechselt und bat um Entschuldigung,
+indem sie ihn tatsächlich wider Willen beim Wenden
+am Land noch durch eine Ruderwelle bespritzten.
+
+</p><p>Um elf morgens kam Krassin. Almqvist war in Gefahr,
+der Text der Konventionskopie, die Krassin hergestellt, war
+als Fälschung stark schon in Verdacht, alles stellte sich im
+Arrangement natürlich auf Almqvist.
+
+</p><p>Ich suchte ihn, irrte mich im Zimmer, trat in ein falsches,
+da schliefen, von der Sonne beleuchtet, tiefatmend
+zwei nackte Menschen. Almqvists Tür war verschlossen. Ich
+klopfte, er antwortete nicht, schlief noch. Ich ging zurück.
+
+</p><p>Ich kämpfte den ganzen Vormittag. Ich nahm das
+Papier, sah es an, legte es wieder beiseite. Das Papier
+war von einer Bedeutung, die weit über meine Verantwortung
+als Mensch hinausging. Wie hatte ich danach
+gehetzt und gejagt.
+
+</p><p>Eine Abschrift war für den mißtrauischen Ludendorff nur
+Gelächter. Das Original hatte Beweiskraft. Zeigte, wie
+die Außenposten seiner Politik im Wind lagen, Konstantinopel
+nach der Trikolore lauerte, bulgarische Ohren nach
+London sich spitzten. Ich hatte für das Schicksal der Monate
+das wichtigste Papier, hielt es in der Hand.
+
+</p><p>Was war Almqvist dagegen? Das Papier brannte in
+mein Blut sich ein. Schicksale, Menschen, Entscheidungen
+wölbten sich aus ihm heraus, das Papier ging in die Zukunft.
+Mein Ehrgeiz öffnete die Akte der folgenden Wochen.
+Meine Handlung!
+
+</p><p>Ich schwieg, stellte mich vor den Spiegel. Wie kühl,
+entschlossen bin ich. Ich schwanke nicht, als es sich regt
+im Zimmer neben mir. Die Bedeutung des Momentes
+schneidet alles ab, es geht weit über die Rücksicht auf einen
+Menschen.
+
+</p><p>Ich opfere Almqvist. Ich kann ihm das Papier nicht
+geben. So geht der Weg. Ich lege die Lippen aufeinander.
+Ich bin am Schluß.
+
+</p><p>Gegen Mittag sah ich plötzlich deutlich, daß ich nur von
+mir aus empfand und beschloß. Die Einstellung war zu
+klein. Ich schämte mich trotz dem Stolz, der mich füllte.
+Ich fand mich häßlich, wenig unterschieden von den Schweinen
+der Spionagezentrale.
+
+</p><p>Dennoch lag meine Hand sicher und freudig auf dem
+Blatt Papier. Triumph.
+
+</p><p>Ich überlegte dann: wenn die Heeresleitung nicht glauben
+wollte, oder aus Schicksalszug nicht glauben sollte, half
+dann das Original, war dann nicht hinfällig, klein und
+dünn der Streit zwischen Papier und Papier? Der Zweifel
+fraß mich an, ich hielt ihm lange stand, er warf mich auch
+nicht um.
+
+</p><p>Aber ich verstand mit einem Male, daß gegen alle meine
+Klugheit und Entschlossenheit Mächte aufschossen, die eine
+andere tragische Macht als die helle Sicherheit meiner
+kleinen Pläne beherrschte, und wie weggeblasen und ausgespien
+diese oder jene Wendung mich machen konnte.
+
+</p><p>Ich sah aus dem Fenster. Stundenlang.
+
+</p><p>Dann ging ich hinüber, Almqvist das Original zu bringen.
+
+</p><p>Er war nicht mehr da.
+
+</p><p>Ich fahre nach Stockholm. Über mir schläft ein weißhaariger
+Priester. Ich habe die Hand auf dem Brief auf
+meiner Brust. Am Bahnhof steht Siv. Wolken steigen
+wie Ballone rund und dick und porzellanen über den Mälar
+und das königliche Schloß. Der Gesandte fährt mit dem
+Finger über die Tinte des Schreibens und trommelt amüsiert
+über die entzückend zugezogene Falle an seinen verbündeten
+Kollegen auf dem großen Karo seiner Hose, das
+das Knie bedeckt. Er hat den wichtigsten Trumpf, Rechtfertigung
+seiner in Berlin geschmähten Politik in der Hand.
+Seine rasche Zunge hat ein gesalbtes Öl, in dem sein
+scharfer Vorstoß seltsam glitzert.
+
+</p><p>Wir speisen gut. Ist der schwedische Diener mit den
+dicken Händen und den Zwirnhandschuhen, der serviert,
+draußen, klopft er mir jedesmal auf den Arm, auch wenn
+er anders spricht. Ich sage: &bdquo;Ich trinke auf Ihr Wohl,
+Herr Minister, ich trinke gerne auf Ihr Wohl.&ldquo; Die Gläser
+stoßen an. Er macht mit Finger und Sprache das Parkett
+in Kreuznach, wenn der Brief übergeben ist, wir lächeln.
+Noch vor dem Dessert präsentiert sich der beste Kurier, er
+fährt sofort nach Deutschland. Im selben Zug sitzt eine
+Frau, die hat den Brief.
+
+</p><p>Exzellenz erzählt, wie die alte King verwechselt abends,
+daß er von Pyjamas sprach und Bananen versteht und das
+die unanständigsten Folgen in der Geschichte hat, zerlegt die
+Nüancen wie den Apfel, springt begeistert nach Mokka und
+Schnäpsen zum Rauchzimmer hinauf. Er schenkt mir sein
+französisches Buch über innere Politik in rotem Leder.
+
+</p><p>Ich habe es dreimal.
+
+</p><p>Ich schlafe den Mittag, sitze den Abend mit Siv im
+Grand-Hotel. Ich sitze am gleichen Tisch, am selben
+heruntergelassenen Fenster wie das letztemal. Der Geierschrei
+der Fjordbahnen pufft wie damals durch die Luft.
+
+</p><p>Es ist eine unheimliche Ruhe in mir. Weiter weiß ich
+nichts. Bis zur Beängstigung ist alles klar gezeichnet, still
+und gut. Ich bin bereit, mich über alles zu freuen. Vielleicht
+gefällt mir die Gegenwart so sehr, weil ich so wenig
+in ihr bin.
+
+</p><p>Ich freue mich, wenn Siv kokett die Spitze ihres Schuhs
+unter dem Tisch meine Wade hinaufführt. Ich nehme
+herzlich auf, wie schön ihr herrliches pomadisiertes Haar
+im halben Bogen tief die Stirne ausschneidet. Ich füge
+ihr den Stolz an, zu erröten, indem ich frage, ob ein
+Mann ihr Bein bewundert, während ich weg war, irgendeiner
+tags oder abends. Ich weiche der Gabel aus, die sie
+nach meinem Handgelenk sticht. &bdquo;Willst du Rolf sehen im
+Varieté, Naima Wifstrand, die Katze, die Hasselqvist tanzen,
+die Bosse schreien, Musik, Siv, ich brächte dich gern zu Musik,
+du mußt mir das glauben, Siv, wie gerne ginge ich mit
+dir zu Musik.&ldquo; Ich will ihr Gutes sagen, ich verwechsle
+alles, ich sage das Gegenteil ihr immer von dem, was auf
+sie paßt.
+
+</p><p>Ich sage ihr plötzlich und nun kann ich wieder lachen,
+daß es ihr gefällt, nun sage ich ihr lächelnd, daß wir vor
+Hofås mit äronautischen Karten gesegelt sind und alle
+Klippen getauft haben, eine so, diese anders, eine aber, ich
+sage es ganz ernst, eine wie der Bauch einer Stute, die
+springt, einer weißen Stute, versteht sich, eine: Siv.
+
+</p><p>Ich füge hinzu, ich kann es ruhig ihr sagen, ich füge
+hinzu, in den Kniekehlen habe ich gezittert nach ihr beim
+Baden, denn wer ist schöner wie Siv?
+
+</p><p>Ihre Augen flattern vor blauer Nacht.
+
+</p><p>Ich füge sofort hinzu, ich kann es ruhig tun, ich spreche
+nicht die Unwahrheit: &bdquo;Nein, ich sah keine sonst, nein, keine
+Frau habe ich gesehen, Siv .&nbsp;.&nbsp;. inte .&nbsp;.&nbsp;. inte .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Wir sitzen lange am Fenster meines Zimmers oben. Wir
+wohnen im dritten Stock. Siv ist halb entkleidet, in schönen
+plissierten Hosen und dünnem Leibchen sitzt sie auf dem Fensterbrett
+und streckt die Beine nach der Straße hinaus. Es ist
+gar nicht dunkel, wir hören das weiche, flutende Wasser.
+
+</p><p>Manchmal erzähle ich Siv. Dann sage ich manchmal:
+&bdquo;Mittags sprach Per Geyer vom Schnee im Lappland,
+Didring schenkte mir ein Messer von seiner Expedition.
+In Saltsjöbaden die bronzene Tür müßtest du sehen, Siv,
+die Heiligen sind verrückt geworden darauf, du würdest
+lachen. Im Schlafwagen fuhr ein Engländer mit mir, ein
+alter Herr mit guter Wäsche. Wir waren beide aufeinander
+auf der Lauer. Doch eine Frau traf ich, Siv. In Särö.
+Ich weiß ihren Vornamen nicht. Ja. Die einzige Frau,
+die ich traf. Deine Haare riechen, Siv.&ldquo;
+
+</p><p>Ich schließe die Jalousie.
+
+</p><p>Mir ist, ich trüge die fremde und stille Welt, die ich in
+mir spüre, irgendwie über diese Nacht in mich hinein, als
+ich Siv hinüberhebe in die weißen, dämmernden Kissen.
+Die Nacht ist lang und zwielichtig. Ich sehe alles vorüberrauschen,
+Tage und Wochen und Erinnerungen.
+
+</p><p>Ich bin nicht undankbar in meinem Blut. Ich stehe
+auf. Ihre großen Beine glänzen. Sterne überall über
+Stockholm. Unaufhörlicher Mövenschrei auch die Nacht.
+Ich ziehe den orangenen Schild der Jalousie auf. Höre
+Kungsträdgården brausen.
+
+</p><p>Ich schließe die Augen: Ist Mälaren nicht blau, Himmel
+nicht erschüttert von noch süßerer Bläue, ist nicht Fanfare
+das Läuten vom Turm des Södermalm? Ihre Haare sind
+weißblond, wie habe ich sie umarmt, Siv. Wie trägt
+mein Körper noch auf Jahre das Glück des ihren beruhigt
+im Blut. Auch dies verliert man nicht.
+
+</p><p>Ich wende den Kopf, ich lege ihn schief und fast bis
+zum Boden, daß ich ihren Kopf noch einmal sehe, die
+Wimpern, daß ich sie noch einmal ganz sehe, wie sie daliegt
+auf der Decke, Tochter im Namen Tors, so schön
+gestaltet der Leib, daß der Schlag meiner Sehnsucht sie
+umwarf. Ich bewege mich lange vor ihr, ich kann mich
+schwer davon trennen, sie anzusehen.
+
+</p><p>Es ist Unsinn, ich habe dumm geträumt, daß sie an
+Werktagen Schuhe verkauft in der Nordisca Companiet,
+es ist eine Farce, eine Lüge gewesen, die ich betrieb, ein
+affenhafter Witz. Ihr Vater ist Staatsrat. O wie sie in
+Humlegården mir zum erstenmal winkte aus dem Break,
+ein gelber Handschuh mit schwarzen Schnüren. Ich weiß
+es genau noch, ich belüge mich sicher nicht mit diesem
+Bilde, ein gelber Handschuh, Siv, ich trenne mich schwer
+von deinem Anblick.
+
+</p><p>&bdquo;Ich liebe Ebba, Siv,&ldquo; sage ich plötzlich, &bdquo;ich sage es nur,
+wenn du schläfst. Ich würde dich nie verlassen, Siv, nie
+ein Unrecht tun im Gedanken an dich. Du beglückst mich.
+
+</p><p>Jene ist Pein.
+
+</p><p>Ich weiß, Siv, ich besaß dich nie ganz, meine Freundin,
+auch in der tiefsten Umschlingung .&nbsp;.&nbsp;. wie keine Frau, die
+ich sehr geliebt, und bei denen das Unentwirrbare mich anzog
+und verstrickte. Darum liebe ich das Dasein, es gibt
+mir keine Grenze: Städte mit Wolken, Schiffe in Gefahr,
+Hauch der Obstbäume, die langen Chausseen, Jagd nach
+den Tieren, die unteilbare Wucht des erschütterten Himmels.
+Was willst du mehr, ich bin voll Sorge und Liebe
+für dich, Siv .&nbsp;.&nbsp;. lebe, Siv, daß Geliebtes dir fremd
+bleibt, du lebst dann gut .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Aber Ebba, Siv, ich sage es, wenn du schläfst nur, das
+ruft in der Nacht. Das preßt die Hände vor Zorn, das
+bringt zur Verzweiflung, man ringt lautlos die Hände.
+Das reißt tiefer hinab zu den Quellen des Bluts als dein
+leiser Aufschrei, dein dunkles Erstarren im jagenden Herzschlag.
+Ich habe sie nicht einmal umarmt. Nicht einmal
+dies Geringe.
+
+</p><p>Du bist schöner wie Ebba, Siv, ich gab dir mehr Beweise
+der Liebe wie vielen. Ich rede nicht laut von der
+Stimme, die kommt, die fordert. Aber sie kommt, Siv,
+sie kommt aus jedem Geräusch; dein Atem bringt sie, das
+Auto, das auf Engelbrechtsgatan stöhnt, der Mond, der
+Stockholm überfliegt, das silberne Tuten des Fischerhorns
+nahe Norrström .&nbsp;.&nbsp;. deine Haut selbst, die atmet &mdash; &mdash; &mdash;
+alles, besinnungslos dasselbe.
+
+</p><p>Schlafe weiter, Siv, höre nicht mein Aufstehn. Dank,
+Siv.&ldquo;
+
+</p><p>Ich rede noch auf der Treppe, ich würde tagelang reden,
+wenn Siv so lange schliefe. Aber ich kann ihre wachen
+Augen nicht sehen. Ich habe sie zu sehr gehabt. Ich habe
+sie zu sehr gehabt, Siv.
+
+</p><p>Schon bin ich Stunden entfernt. Östergötland .&nbsp;.&nbsp;.
+Småland mit Wäldern .&nbsp;.&nbsp;. Skåne voll Wasserduft und
+Wiesen. Immer noch Siv. Ob sie lasterhaft war einmal,
+in Kaschemmen mit Matrosen geschlafen, Schuhe verkaufte
+oder als Ministerstochter auf rosanen Rädern durch die
+Parks gefahren, wie ist das eine so gleichgültig als das
+andere, aber wie ist alles gesammelt in einen Hauch, kaum
+Wort, kaum Bild, aber rührend und vollendet weggewandelt
+aus dem hellen Leib mit der stolzen Bewegung und
+unergründlicher Herrlichkeit und aus ihrer geheimnisvollen
+Blässe schon unbedingter dann hinübergewandelt und zum
+Bild dieser Stadt verwoben, verführerisch und bis zur
+letzten Sekunde im Griff lautloser Sehnsucht, spielerisch
+am Meer jene unergründlichen Pas tanzend, die unvergeßlich
+betäuben.
+
+</p><p>Ich steige in Lund aus, es ist Nacht. Die Straßen
+voll betrunkener Studenten. Ich drücke im Hotelzimmer
+gegen die Seitentür, sechs Koffer fallen um, ich lerne den
+kaukasischen Baron Uxkull kennen, der aus dem Bett springt,
+er hat einen Kopf, poliert und oval wie ein Straußenei,
+die kleinen überlegenen Elefantenaugen unter der bedeutenden
+Stirn. Sein esthnischer Diener macht Tee, wir trinken
+ihn mit Himbeer.
+
+</p><p>Mir ist, als schwebe alles zart und gefügig wie in einem
+gläsernen Kugelbauch, die ganze Welt. Ich bemühe mich
+lange, mich zu entschuldigen um die Störung, um das
+Mißverständnis. Die selbstverständlichsten Dinge bedürfen
+eines Eingehens heute.
+
+</p><p>Ich ziehe mich langsam zurück.
+
+</p><p>Fahre in der Frühe nach Barsebäck.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Ich wohne Barsebäckby. Es liegt eine halbe Stunde
+im Land. Eine halbe Stunde vom Hafen Barsebäckham
+und dem Bad Barsebäcksaltsjöbaden. Ich wohne bei Jöns
+Holgerson.
+
+</p><p>Ich bin allein, habe vierzehn Tage Zeit noch in Schweden.
+Ich weiß nicht, warum ich mich hier verkrieche, nachdem
+meine größte Sehnsucht gelungen ist. Ich trete oft
+vor den Spiegel, da steigt etwas aus meinem Auge aus
+der Tiefe und ich kann es kaum zurückwerfen, so tief und
+reif ist es. Ich fürchte mich vor mir.
+
+</p><p>Nun, wo ich nichts will, nichts tue, nichts unternehme,
+ist wundervolle und ahnungshafte Flaute in mir. Ich weiß.
+nicht, wann Ebbe kommt, wann Flut steigt. Ich sehe den
+Mond, die Sterne; die Sonne ist immer über mir.
+
+</p><p>Nachts kommt Jöns Holgerson, seine Frau ist krank.
+Ich ziehe ihre Ölhosen an, er hupft auf einem Bein vor
+Vergnügen und schlägt die Faust auf die flache Hand. Wir
+fahren in der Dunkelheit hinaus, überall paddeln die Ruder.
+
+</p><p>In der Dämmerung ist Jöns verstört, ich bemühe mich,
+ihn zu trösten wegen der Frau, allein er grübelt nicht um
+die Krankheit, sondern nur um den Grund. Jöns ist viel
+gefahren auf Kuttern, er hat nachgedacht über die Wurzeln
+der Ereignisse.
+
+</p><p>In Indien ist rote Ruhr nur zu bekommen von Obst,
+in Holland bei wochenlangem Nichtregnen von Pflaumen,
+in Ungarn vom Liegen auf freiem Feld nachts. Er weiß
+dies alles und findet keine Veranlassung; sein Wissen bürdet
+ihn schwer, er schüttelt den Kopf.
+
+</p><p>Wir ziehen alle aus allen Kräften hoch, stemmen uns
+nach rückwärts und winden die Garne auf.
+
+</p><p>Nun ist die Bucht eine Silberlawine von Heringen, die
+in den Netzen schlagen. Der stille abseitige Strand wird
+plötzlich in Licht getaucht, ein Horn tutet dreimal leis herüber.
+
+</p><p>Zelte von Käufern werden aufgeschlagen, die Stille wird
+verknüppelt mit Radau und Gefeilsch, heulenden Kindern,
+dem Trott der mit Fischen abziehenden Wagen.
+
+</p><p>Am fünften Tage kommt von Barsebäcksaltsjöbaden der
+Bote herauf mit meiner Post. Ich gehe unter der Sonnenuhr
+hin, der der Blitz in der Nacht die Zahlen 3 &mdash; 5 ausgeschlagen,
+in das saftige fette Riedgras.
+
+</p><p>Der Gesandte schreibt, daß der Kurier gedrahtet, Ludendorff
+habe gelacht trotz aller Beweise, der Balkan sei von
+ihm schon eingeschüchtert. Gut. Dies war umsonst.
+
+</p><p>Berührt es mich noch? Es ist schemenhaft vorbei, ich
+fasse es gar nicht mehr. Die Jagd der letzten Wochen ist
+abgefallen von mir. Ich weiß, auf diese Weise kommen
+wir nicht weiter. Ein anderer Weg ohne Diplomatie,
+Überzeugungskünste,
+ein anderer Weg wird es sein, wir werden
+ihn gehen, auch ich werde ihn gehen, wer kann uns helfen
+aus dieser Not, wir müssen uns finden, es ist nicht anders,
+die Welt kracht in Tragik und wir sind dumm und klein.
+
+</p><p>Gunnaris und Vehkamäki sind nach Finnland gefahren,
+schlagen nach Karelen via Moskau sich durch. In Finnland
+ist keine Hoffnung auf Freiheit mehr, seit und solang
+in Potsdam ein preußischer Prinz auf die singenden Vokale
+dieses Landes gedrillt wird.
+
+</p><p>Almqvist ist mit den beiden verschwunden. Ich zweifle
+nicht daran nach dem Tag von Marstrand, sein eines Leben
+löste sich mit einer arithmetischen Präzision von dem
+andern, in einer sehr schmerzhaften harten Sekunde aber
+mit einem Aufflug ohne Gleichen in dem Schmerz.
+
+</p><p>Ich gehe nun auf und ab am Strand, ich gehe auf und
+ab und lese, daß man mich nicht ausweist, daß man mir
+aber ein Agrément verweigern wird in Zukunft, Schweden
+wird nicht mehr wünschen, daß ich einreise.
+
+</p><p>Das ist der Schluß.
+
+</p><p>Ich lächle, ich werfe den Fischen Krabben zu und sehe
+aufs Meer. Das alles schlägt mich nicht, das macht mich
+nur fester.
+
+</p><p>Eine Nacht segle ich mit Axel Ahlmann, dem Dichter,
+der von Lund herübergekommen ist. Er fährt dann weiter
+nach Christiania durch die Schären. Ich winke ihm nach.
+Er ist ein strammer Bursche, angenehm und zuverlässig,
+ein guter Segler. Ich sehe ihm nach ohne Bedauern.
+
+</p><p>Von Schloß Borgeby kommt einen Tag Ernst Cederström
+hinter Bjerred her, wir singen mit den Mücken, liegen
+im Sand, trinken den ganzen Tag Meth, Kallskol, Punsch.
+
+</p><p>Er fährt acht Tage vor mir nach Deutschland, &bdquo;fahren
+Sie wohl&ldquo;, sage ich und drehe mich in die Bläue, ich drehe
+mich tief in die Bläue und vergesse zu singen, er stößt mir
+in die Rippen.
+
+</p><p>Ich sehe ihn genau an, er hat einen langen Bart und
+eine Glatze und den Atem und die leuchtende Freudigkeit
+eines Gottes.
+
+</p><p>Sonst bin ich einsam. Ich gehe im Badetrikot immer
+der schlängelnden Welle nach. Den ganzen Morgen gehe
+ich am Meer, ich sehe es nicht groß, nicht stürmisch, ich
+liebe es nur.
+
+</p><p>Gehe ich tief in die Ebbe, komme ich manchmal nahe
+bis an das dunkle Dampfersignal. Ich starre auf den
+Grund, da hat das Meer sich Steine zurechtgeschliffen: Fasangold
+gespritzt auf Schwarz, rosa Klammern auf Dunkelblau,
+Basalt mit einem weißen ovalen Ring, purpurviolett
+schraffiert, gekörnt, Taubengrau mit himmlischer Spiegelung,
+Ocker und Safran mit Ziegelrot, Feuerstein, Schnee
+und Flamme, Hechtblau mit hellen Bändern.
+
+</p><p>Alle sind rund, gehen in die Hand, am liebsten hat das
+Meer sie sich wie die Muscheln gemacht, oval und handgroß.
+Nehme ich sie heraus, erlöschen sie. Ich lerne sehr
+bald, sie nicht zu berühren. Ich schaue sie nur durch das
+Wasser an, das mir manchmal fast bis zur Brust geht.
+Unter den Knien ist ein fabelhaftes Geglänz.
+
+</p><p>Ich sehe hinein und bin zufrieden. Es wird Mittag
+manchmal, manchmal Abend. Wie liebe ich die Steine,
+wie beschäftige ich mich lange und heftig mit ihnen.
+
+</p><p>Oft kommt mit braunem Segel die Schifferbarke abends
+zurück, während ich noch schaue; ich wandere immer weiter,
+der Leuchtturm funkt, dahinter fällt die Dämmerung herunter,
+es verliert sich jeder Umriß, man kann nicht einmal
+rufen, so allein ist es.
+
+</p><p>Der einzige Kirschfink der Gegend wohnt in unserem
+Garten. Cuno Adelkranz legt Dämme an mit kleinen Weiden,
+setzt dann Berberitzen, Schlehen und Brombeer. Ich
+schaue lange zu, er führt den Spaten lässig und fest, seine
+Hand ist weniger braun wie die meine.
+
+</p><p>Die Bläue über dem Meer steigt immer höher und süßer.
+Ich fange an zu blasen; ich habe ein kleines Horn, das an
+beiden Enden geblasen wird, es ist der Kuckucksruf.
+
+</p><p>Auf einer Erle hinter Barsebäckham ist ein Storchnest,
+ich schleiche mich später langsam an, vom Meer am besten
+her, da glänzt der Baum wie ein Signal, wenn die Blätter
+sich drehen von der Brise und die zinnweißen Unterseiten
+wirbeln. Die Störchin sieht großmütig zu, wenn eine Wolke
+Sperlinge aus dem unteren Nestteil auffliegt, mir wirft
+sie Überreste herunter und schnattert bösartig, sie liebt mich
+nicht.
+
+</p><p>Ich fahre langsam wieder hinaus.
+
+</p><p>Jöns Holgerson erzählt, hier habe einer seiner Vorfahren
+einen fetten Abt vom Bauch erlöst, indem er ihn in Ketten
+legen und das Faultier mit Hammer und Esse arbeiten ließ.
+Es ist sehr lang, dieser Erzählung zu folgen, sie hatten
+einen Vertrag gemacht und es war unmöglich, diesen Holgerson
+zu strafen; aber sie straften ihn doch und das ergrimmt
+Holgerson, der es erzählt.
+
+</p><p>Am Abend ist Getös, weil Marye Eyllenkrok die Kühe
+dreimal gemolken hat, wie sie soll, aber die Schafe zweimal,
+statt einmal. Adelkranz hat Tabak im Mund und
+spuckt aus Zorn, sie schleicht an den Mauern herum und
+brummt vor Wut.
+
+</p><p>Als er außer Sichtweite ist, hebt sie die Arme: &bdquo;Sakramentskade
+fan&ldquo;. Sofort sinkt sie wieder zusammen,
+hört auf zu fluchen, steckt die Hand in den Mund vor
+Schreck.
+
+</p><p>Adelkranz nämlich steht im Fenster, hört nicht auf zu
+donnern, wirft einen Blumenstock herüber: &bdquo;Jädrans .&nbsp;.&nbsp;.
+karibel .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. förbannade djärne .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Sie hebt die Röcke hoch über die Schenkel und läuft
+vor Schreck so an den Strand. Sie ist bald verschwunden,
+wir nicken einander zu, Adelkranz und ich, wir rauchen beide,
+ich öffne ihm meine Zigarettentasche, er nimmt, ich zünde an.
+
+</p><p>Wir wechseln kein Wort.
+
+</p><p>Ich bin zum erstenmal in meinem Leben einsam. Zum
+erstenmal habe ich Zeit, ich weiß nun, was Ruhe ist, mein
+Schuh, mein Hemd, wir haben es nie gewußt. Ich sehe,
+ich staune, welches Wunder kommt aus jeder Ritze, jedem
+Tang, jedem Fleck. Um mich blaue Maßliebchen, wilde
+Petersilien und Sternkraut und das Riedgras.
+
+</p><p>Ich sehe immer auf das Meer, nur selten schaue ich zur
+Seite, da entdecke ich neue Sachen, ich entdecke neue Sachen,
+ganz rund, ganz erfüllte Sachen, ich erblicke sie nicht nur,
+ich erlebe sie mit ihrem ganzen unbedingten Sein.
+
+</p><p>Ich sehe auf das Meer und denke an meinen Bruder.
+
+</p><p>An diesem Tage verstehe ich meinen Bruder, ich habe
+ihn früher nie gekannt, ich begreife meinen Bruder, es fehlt
+kein kleines Stück an meinem Verständnis, ich begreife nun
+auch, warum er, obwohl die Gefahr beiseite gelegt mit dem
+Wechsel, obwohl er mit Anstand und freier Brustschwenkung
+leben konnte, warum er abbog, warum er beiseite
+geht und immer sein Gesicht von den Menschen wendet
+und es gegen sie verhüllt.
+
+</p><p>Wie liebe, wie kenne ich seine Einsamkeit.
+
+</p><p>Ich schaue auf das Meer, ich denke an meinen Bruder,
+ich kenne ihn so genau, ich liebe ihn so deutlich, es ist kein
+Unterschied mehr, ich mache sein Leben mir zu eigen, ich
+erlebe <i>sein</i> Leben:
+
+</p><p>Ich gehe trottelnd den Tippelmarsch der internationalen
+Kunden, ausgesengt von Sonne auf der Bahnspur zwischen
+Kalifornien und Texas, Boston und Florida, ich sehe
+nichts als Steppe um mich, sie hebt sich mit jedem Tag,
+ich gehe auch in der Nacht. Ich gehe vierzehn Tage, ich
+erblicke nichts wie Kaninchen, es ist nicht leicht, sich zu nähren,
+obwohl das Fleisch sehr billig, allein die Cents, allein die
+Centavos sind selten, ich will sie nicht verdienen, aber ich
+muß es manchmal; so habe ich nicht viele und ich habe sie
+nicht immer.
+
+</p><p>Da sehe ich am vierzehnten Tag durch die Steppe auf
+dem Bahndamm einen entgegenkommen, er ruft schon von
+ferne, er ist wie ich gewandert von der anderen Seite, er
+freut sich, einen Menschen zu sehen, er hat einen Papyrus
+im Mund und schreit: &bdquo;Hast du ein Streichholz, John?&ldquo;
+
+</p><p>Ich gehe wortlos an ihm vorüber, ich sehe ihn nicht an,
+ich weiß nicht, ob er ein Gringo, ob ein Eingeborener, ich
+weiß nichts von ihm, er ist schon vergessen, ich sehe nur
+die Schienen, die sich blutig in den Horizont schneiden.
+
+</p><p>Ich stehe auf, setzt sich aus dem Dunkel heraus an mein
+Campfeuer einer, fängt an, sein Fleisch an meinem Feuer
+zu braten, ich gehe weiter unter der Nacht; ich suche mir
+Mist, ich suche Büffelmist und mache mir ein neues Feuer.
+
+</p><p>Ich wickle mich fest in die Lingera, ich gehe, da der Wind
+stark und rauh, und mich ein Husten gefaßt hat, daß ich
+nachts wenig Atem habe, ich gehe in die Lingera gewickelt,
+nach den warmen Savannen des Gran Chaco, ich treffe
+viele meiner Sorte, ich treffe auf den wochenlang gewälzten
+grauen Steppen Strizzis und Kunden und Rowdys
+und Schiffsköche und Vagabunden und Abenteurer und
+jeder fragt, wenn wir aufeinander zuschlendern und einen
+Augenblick stehen bleiben zwischen den Schienen, jeder fragt:
+&bdquo;Y tu compagnero?&ldquo;
+
+</p><p>Aber ich habe keinen Gefährten: Ich schüttle den Kopf.
+Sie starren mich an: &bdquo;Verrückt.&ldquo; Ich gehe weiter.
+
+</p><p>Ich liebe es so &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Wie liebe ich meinen Bruder, ich sehe auf das Meer,
+wie kenne ich ihn jetzt, keine Falte seiner Seele, die mir
+fremd ist. Träfe ich ihn wieder, ich könnte ihm alles sagen
+von ihm.
+
+</p><p>Wenn das Meer steigt, bringt es mir alles.
+
+</p><p>Fällt es, bekomme ich Distanz zu meinem Leben. Ich
+übersehe.
+
+</p><p>Das Gras ist fett und milchig, es riecht nach Sand und
+Torf und Wasser und den Kräutern. Ich lerne die purpurne
+Steinhummel anlocken, spiele mit Eidechsen und
+Grillen.
+
+</p><p>Wenn die kleinen Zangenkäfer die Schnecken angreifen,
+laure ich stundenlang. Ich sehe den Schaum, hinter dem
+die Klebrige sich durch Rundung und Rundung in die letzte
+Spirale ihres Hauses zurückzieht, die wütende Attacke des
+Millimeterwolfs, der ihr nicht folgen kann. Ich sehe ihn
+die Zangen einbeißen in den Kalk des Gehäuses, ich sehe
+ihn ermatten und abtrollen. Ich sehe einmal, wie er in
+der Achse des Gehäuses eine Lädierung entdeckt, das Loch
+durch seine Zangen erweitert und die Nackte überrascht und
+zersäbelt.
+
+</p><p>Ich reibe mich an den Natterwurzeln, ich sehe im Postkraut
+die Hasen sitzen, ich scheuche sie nicht, wir sehen uns
+an und bleiben, ich gehöre dazu, das ist kein Geheimnis,
+ich verstehe das um mich so gewaltig, ich erfahre es so seltsam,
+ich gehöre dazu.
+
+</p><p>Ich sehe auch einmal die Windhunde vor den von blitzenden
+Wassern umringten Gütern hinlaufen, das mag eine
+Jagd sein, ich drehe mich herum, was kümmert es mich.
+
+</p><p>Ich lerne nach den Blumen die Zeit angeben: wie sie
+sich öffnen, wie sie sich schließen, wann die Krabben ans
+Land kriechen, wann die Meerdrachen die giftigen Rückenflossen
+aus der Flut heben.
+
+</p><p>Ich weiß dann jede Stunde. Ich brauche keine Uhr.
+
+</p><p>Am achten Tage erwache ich mit der Unruhe, die zum
+erstenmal bei der Abreise nach Abo mich überfallen. Sie
+kommt jedesmal stärker, ich ertrage sie kaum mehr. Ich
+gehe wieder hin und her, ich verehre alles, ich liebe alles
+genau so innig, aber ich will fahren, es hilft nichts, ich
+reise ab.
+
+</p><p>Ich gehe hinunter nach Barsebäcksaltsjöbaden, es ist keine
+Pause, kein Halt in mir, ich hätte noch acht Tage Zeit,
+Segelfahrten, o schöne spektrale Quallen in den Fjorden,
+wie gern hätte ich mich ihnen noch gewidmet, hätte Heringe
+gefangen, hätte mit den Steinen mich eingelassen.
+
+</p><p>Mein Paß ist noch nicht abgelaufen, es ist aus mit
+meiner Zufriedenheit, ich muß zum Balkan, sofort, ich weiß
+nicht warum.
+
+</p><p>Der Tag, wo dies passiert, ist herrlich, er übertrifft die
+anderen, er ist aus Blau und Grün und Silber in einen
+Sturm gewoben. Ich gehe durch ihn hin nach Barsebäcksaltsjöbaden,
+ich telephoniere von der Post mit Ernst Cederström,
+er ist bereit, es paßt gerade, er kommt am nächsten
+Morgen.
+
+</p><p>Wir lassen am nächsten Morgen den Aalkutter mit den
+Segelnetzen auftakeln, eine Kiste verstauen und fahren gegen
+den Wind, wir trinken draußen mit Adelkranz und
+Jöns Holgerson. Wir trinken lange, aber wir sind in der
+weißesten Frühe schon losgefahren; als die Glocken zur Arbeit
+läuten, sind wir schon tief im Gesang.
+
+</p><p>Ich umfasse alles und trinke nicht wenig. &bdquo;Es lebe
+Mannerheim, es lebe .&nbsp;.&nbsp;. der General Mannerheim,&ldquo; rufe
+ich, und Holgerson ruft mit, denn er kennt den Namen
+nicht.
+
+</p><p>Aber Adelkranz speit aus und Cederström kann sich nicht
+halten vor Lachen. Wir haben wenig Wind, aber trotzdem
+fällt Holgerson und zerreißt im Wasser Adelkranz&rsquo;
+Netz.
+
+</p><p>Wir kehren zurück und begrüßen aufgerichtet im Kutter
+die Küste, indem wir die Deckel der Bowlengefäße aneinanderschlagen,
+wir üben uns ein und kommen in einen
+schönen Takt.
+
+</p><p>Am Strand geben wir einer von Jöns Kühen Kallskol
+zu trinken und spannen sie vor einen kleinen Schiebewagen,
+hui, wie fahren wir durch Barsebäckby, Cederström liegt
+auf dem Bauch in dem niederen Bretterwagen und pfeift
+und skandiert mit den Händen, und alle Kinder hinter
+uns her.
+
+</p><p>Gegen Mittag kamen wir nach Borgeby in den Park.
+
+</p><p>Wir sind ein wenig aus der Richtung gekommen, wir
+haben auch unterwegs nicht nur trocken gelegen und gepfiffen,
+wir sind ein wenig verwirrt, aber ich suche es auszugleichen,
+Cederström will, nachdem wir ein Rondell umfahren
+haben, mit aller Macht zu dem Tor wieder hinausfahren,
+durch das wir hereinkamen.
+
+</p><p>Ich pfeife einem Gärtner, und er nimmt die Kuh am
+Horn und führt uns an die Hintertreppe des Schlosses.
+
+</p><p>Wir baden gemeinsam oben, kommen zusammen herunter,
+wir sprechen sehr viel, stehen mitten in der Halle und
+machen Sermons, wir betrachten die Bilder Cederströms,
+fein geschmiedetes Silber, er zitiert seine Verse, aber wir
+sind nicht sehr gut auf den Füßen. Nicht, daß wir es
+spüren oder fürchten, es sähe jemand, das ist unmöglich,
+wir haben uns zu sehr in der Hand.
+
+</p><p>Wir kommen nur im Reden in immer größere Erregung,
+wir treten ans Fenster, da rückt von Bjerred her eine
+Equipage an. Wir sehen den kaukasischen Baron Uxkull
+und zwei junge Schweden darin; ich kenne sie nicht.
+
+</p><p>Wir stehen auf der Terrasse und begrüßen sie, machen
+tiefe Verbeugungen, erschöpfen uns in Verbeugungen, die
+Diener machen sie wie Chinesen nach.
+
+</p><p>&bdquo;God dag,&ldquo; rufe ich und schwenke den Hut, laufe in
+die Halle zurück, hole ein Schallrohr und rufe, während
+sie die große Freitreppe heraufsteigen: &bdquo;Välkommen.&ldquo; Ich
+denke, ich bin in Floda, ich mache Verbeugungen, wie nie
+in meinem Leben, ich lächle innerlich, ich weiß sehr gut,
+daß ich in Borgeby bin, aber wer weiß, vielleicht bin ich
+doch in Floda und grüße Ebbas Bräutigam, grüße ihn
+nochmals.
+
+</p><p>Cederström schlägt mir in den Rücken, sein Bart steilt
+sich vor Lachen im Wind. Ich lasse nichts mehr aus, ich
+schlage meinerseits dem Baron Uxkull auf die Schultern,
+&bdquo;Sie haben einen Kopf wie ein Straußenei,&ldquo; sage ich ihm.
+
+</p><p>Er kann sich nicht beruhigen, die Elefantenaugen laufen
+im Kreis, er beginnt auf der Treppe zu erzählen, wir
+bleiben alle stehen, er erzählt, daß ein Kanarienvogel auf
+einem esthnischen Gut ihm beim Besuche einer Freundin
+über die Glatze geschliffen, der es gewohnt war, täglich
+über einen Marmortisch im Flug zu schliddern, es war
+eine offensichtliche Verwechselung und am Schluß der Geschichte
+saß Uxkull nach Jahren das Vieh gelegentlich tot,
+es war nicht unamüsant, aber wir verbrachten eine Viertelstunde
+darüber auf der Treppe und bückten uns vor Vergnügen,
+und Cederströms Diener bückten sich mit.
+
+</p><p>Die Herrin naht, ich sehe sie zuerst auf den oberen
+Stufen, ich weiß genau, daß ich in Borgeby bin, auch
+wenn ich Dunst vor allen Dingen sehe, ich gehe ihr rasch
+entgegen, ich neige mich vor ihr:
+
+</p><p>&bdquo;God dag, schöne Frau, glücklich Cederströms Gattin zu
+sein, ich grüße Sie ehrfurchtsvoll.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Välkommen i Borgeby.&ldquo;
+
+</p><p>Wir drehen uns alle herum, Uxkull hat ihre Hand ergriffen:
+&bdquo;Auf solchem Schloß zu wohnen, welches Glück,
+gute Frau, ich sah in Lund den Sarkophag des Bischofs,
+der es baute, ein strenger Priester. Sah er vom Turm,
+ließ er Erde erobern, soweit Hörner bliesen. Lagen nicht
+Dänen einmal davor, steckten Schwänze der Sperlinge an,
+setzten zwei Flügel in Brand .&nbsp;.&nbsp;. ,&ldquo; wir können nicht mehr
+lange das anhören, wir müssen unterbrechen, wir sind sehr
+hungrig geworden.
+
+</p><p>Ich führe die Herrin zum Eßsaal, riesengroß. Sie weist
+auf den Tisch in der Ecke.
+
+</p><p>Ich verbeuge mich, ich übersehe ihn, ich bin erstaunt und
+lächle: der beste Smörgåsbord in ganz Schweden: Frischer
+gebratener Aal, geräucherter Aal, fünf Büchsen Fische, verschieden
+gewürzt, Krabben, gebackene Wurst, Krebsschwänze
+in Mayonnaise, geräucherte Saucissons, Omelette mit Spinat
+in Terrine, Hummer, Bärenschinken, Ölsardinen, junge
+Krähen als Ragout, gebackene Klops, geräucherte Fische,
+Renntierfilets, Wildschnepfen, Salate, kaltes Fleisch, Aquavit
+.&nbsp;.&nbsp;. , wir essen stehend, dann erst führe ich die Herrin
+zu Tisch.
+
+</p><p>Ich sehe viele Weine, ich sehe jetzt erst Lilian, Cederströms
+Nichte, wie ein Tautropfen zart, ich grüße sie.
+
+</p><p>Nun erst beginnt der Lunch, er dauert zwei Stunden.
+Cederström hält vier Reden, ich antworte zwei, Uxkull redet
+lange ein Märchen von Andersen herunter, ich unterbreche
+ihn nicht, es wäre nicht höflich, aber ich frage nachher,
+warum er von Baku nicht spricht, nicht vom Ila von
+Tapau.
+
+</p><p>Da spricht er wieder, und nun müssen Cederström und
+ich ihn unterbrechen, nun redet er von den abgeschnittenen
+Brüsten der Ehebrecherinnen und ich sehe Lilians Gesicht
+wie zersprungenes Glas.
+
+</p><p>&bdquo;Sie müssen,&ldquo; sage ich, &bdquo;Baron, Sie müssen Ihren
+esthnischen Diener, der uns im Hotel den Himbeer in den
+Tee goß, beauftragen, mir ein Tuch zum Schuhsack zu
+nähen, ich bringe es sonst nicht über die Grenze, es fällt
+mir ein unwillkürlich, ich erinnerte mich seit Wochen nicht
+daran, eine schöne Frau schenkte es mir in Bohuslän.&ldquo;
+
+</p><p>Ich nicke, ich vergesse es wieder, ich erhebe mich und
+trinke Brüderschaft mit Cederström.
+
+</p><p>&bdquo;Ja, ich will Brüderschaft mit dir trinken, Ernst Cederström,
+denn du liebst das Leben halb wie ein Held und
+halb wie ein Kind.&ldquo;
+
+</p><p>Wir sind bei Reh schon wieder ein wenig betrunken,
+wir halten immer längere Reden, die Fenster sind herrlich
+hoch in dem Rittersaal mit dem Cederströmschen Silber.
+
+</p><p>Lilian schwebt als ewiges Lächeln zwischen den kreuzenden
+Gläsern, wir sind bei Burgunder, wir hatten schon
+vieles vorher.
+
+</p><p>Der junge Mann aus Helsingborg fühlt, daß es an
+ihm ist, aus Schweigen und Jugendlichkeit ein wenig herauszutreten:
+Musik.
+
+</p><p>Wir machen ein Konzert von zwei Stunden. Cederström
+träumt. Ich denke an Angermanland, mir fällt
+ein, ich liebe Lappland, ich möchte in Erdhütten den
+Winter verbringen, dalarnische Töchter bestaunen, den
+glühenden Mond, kaffeegelb zwischen den Skitouren brennen,
+mir fällt sehr viel ein, ich denke nicht daran, daß ich nicht
+mehr erwünscht bin als Einreisender in Schweden, ich
+überschlage es rasch, warum daran denken.
+
+</p><p>Ich schaukle im Stuhl nach der Musik, von beiden
+Seiten schaukelt der hohe Park mit den Fenstern der Halle,
+genau wie ich schaukle.
+
+</p><p>Chopin schwingt ab.
+
+</p><p>Eine Pause, ein Diener läuft.
+
+</p><p>Lilian gibt jedem von uns Blumen mit einer Verneigung
+und flüstert uns zu. Die Saaltüren öffnen sich weit,
+die Pächter Cederströms erscheinen mit dem Pfarrer, schlanke
+Männer füllen die Säle, sie haben die blonden Haare aus
+dem Genick scharf geschnitten, sie haben blaue Anzüge und
+ihre Frauen sind blond, anständig und adlig in der Haltung
+gleich ihrer Erde. Sie setzen sich rasch zu Zwanzig
+in die hohen gotischen Stühle der Halle an die Wände.
+
+</p><p>Das Konzert fährt fort, wieder spielt Musik in breiten
+Wogen.
+
+</p><p>Der Kupferschädel des Pfarrers im Gehrock erhebt sich,
+tritt heran an den Spieler, sagt ihm den Dank, er hält
+uns für einen deutschen Zirkus und spricht mit dem Landsmann
+radegebrechtes Deutsch, aber wir kichern nicht, um
+ihn nicht zu kränken.
+
+</p><p>Wir stehen vielmehr auf, indem wir in der Reihe herantreten
+und geben die Blumen dem Generalpächter, der
+Geburtstag hat.
+
+</p><p>Wieder Konzert.
+
+</p><p>Lilian schwimmt in der Musik, die aufbricht mit einer
+träumerischen Flamme. Jedes Fenster, jede Vase klingt
+sie aus sich mit. Selbst der Abend nimmt ihre Tönung.
+
+</p><p>Lange bleibt Ruhe dieses Gleitens, dann kommen Rufe,
+schwedische Wandervögel rufen Cederströms Namen. Man
+tut sie in die Seitenflügel, man zeige ihnen später das
+Schloß.
+
+</p><p>Der Abend steht noch rotblaß mit der Pfirsichblüte unserer
+Etüde. Wir gehen die Treppe langsam und majestätisch
+hinunter in den Park.
+
+</p><p>Perlmutten stirbt die Elegie der Konzerte mit dem
+Abend.
+
+</p><p>Was will Lilian mit ihrer Stimme? Bald wird Nacht
+sein, sind Fackeln bereit?
+
+</p><p>Fest in Borgeby.
+
+</p><p>Immer dieser Wind. Immer schaukeln die Parkwipfel
+tief vor blaustem Himmel, der kühl steht in klassischer Ruhe.
+Immer Geschwärme schreiender Raben in der Luft. Noch
+liegt die Sonne auf den gewellten Ebenen mit klatschschönem
+Vieh in schwarz und weiß. Wir wandern auf
+und ab durch den Apfelgarten, wo manches noch blüht.
+
+</p><p>Ich bleibe zurück einmal, es war nicht viel, was mich
+anzog, es war ein Spruch, auf dem es schon mooste. Da
+stand über dem Rasen: &bdquo;Du kalter Marmor, bewahre die
+Erinnerung an ein warmes Herz.&ldquo;
+
+</p><p>Wir gehen auf gepflegten Wegen, wir kommen immer
+wieder in Borgebys jahrhundertalten Apfelgarten, die
+Stämme sind nicht sehr hoch, aber die Zweige haben ein
+Streben, sich sanft nach unten schwebend aufzulösen, das
+mich beschäftigt, immer dies auf und ein wenig ab und
+immer diese Ruhe.
+
+</p><p>Die Dämmerung schwebt durch die Eichen. &bdquo;Zeigt den
+Wandervögeln das Schloß&ldquo;, ruft Cederström von der Mauer.
+&bdquo;Lilian, gib ihnen ein Schreiben mit für alle Schlösser bis
+Christiania, schreib, ihr Gesang machte einen Abend heiter.&ldquo;
+Wir gehen mit, man zeigt ihnen die Verliese, die Hitze des
+Tags glüht noch von ihren Wangen. Hurras auf Cederström
+bringen sie aus, dann schauen sie in die Höhe.
+
+</p><p>Lilian schüttet vom Turm Körbe Veilchen auf sie aus.
+Sie huldigen ihr schön.
+
+</p><p>Aufgang des Mondes. Immer noch Rabenschrei. Ich
+fühle den Sturm in mir wie Reinigung, &bdquo;Skål&ldquo; rufe ich,
+&bdquo;Cederström, wie frei ich atme, ich liebe die ozeanische Luft&ldquo;.
+
+</p><p>Wir haben nur eine Frau, Lilian, aber sie wird zwanzig
+ersetzen.
+
+</p><p>Nun fällt der Tanz.
+
+</p><p>Lilian schwimmt madonnig geneigt in großen von ihrer
+Sanftheit erfüllten Bogen aus Arm in Arm. Wir legen
+den Rhythmus solch traumhaften Gleitens mitten durch die
+Ebene der Nacht.
+
+</p><p>Nun flackern alle Lichter, nun über dem Strahl der
+Päan, der Sturm am Klavier: nun tanzt Ernst Cederström
+allein, in lederner Ärmelweste, den Bart bis zum Magen,
+dionysisch selbst die Glatze, fast Faun, halb Verführer .&nbsp;.&nbsp;.
+er macht eine große Wendung, er springt durch das Fenster,
+er grüßt herein aus dem Schatten, zwei Diener mit Kerzen
+springen durch das Fenster, wir folgen alle, wir jauchzen,
+der Musiker aus Helsingborg hat Lilian unter dem Arm
+im Sprung heruntergebracht.
+
+</p><p>Zwei Fackeln nahen, die Schweden folgen dem winkenden
+Cederström, sie gehen mit den Dienern, holen Wein
+herauf und Champagner aus dem Gewölbe.
+
+</p><p>Ich habe Lilian neben mir, allein, ich spüre es plötzlich
+mit einem zärtlichen Schlagen des Blutes, wir gehen zur
+Kühlung durch die Boskette. Wind haust mit zornigen
+Sternen im Park, keine Wolke schwebt, irgendwo hinter
+Windmühlen, die die Nacht stumm zerschlagen, dumpf
+schweigend die Ostsee.
+
+</p><p>Ich gehe mit Lilian auf und ab, wir reden keine Silbe,
+was sollen wir uns sagen, ich weiß, was Lilian denkt und
+ich sage in meinem Herzen, ohne daß sie es hört:
+
+</p><p>&bdquo;Nein Lilian, es ist so sinnlos, Sie sind so weich, so
+träumerisch. Ein Knabe ist Sinn Ihrer Sehnsucht, irgendeiner,
+aus dessen Körper Musik kommt. Meine siebenundzwanzig
+Jahre, o Lilian, meine siebenundzwanzig Jahre sind
+schon viel zu schwer geworden für Ihre gläserne Sanftheit.&ldquo;
+
+</p><p>Ich weiß nicht wie, aber der Schmerz, der alte Schmerz,
+der mich selig macht, haust wie ein Wolf in meinem Herzen,
+ich habe tüchtig getrunken, vielleicht ist auch mein Schmerz
+berauscht und liegt in Verzückung, ich steige alle Treppen
+bis zur Halle hinauf, ich gebe dem Helsingborger Lilian,
+damit er sie betanze, ich falle Cederström um den Hals und
+ziehe ihn in eine Nische, ich bin vertrauensselig und liebe
+ihn und renommiere.
+
+</p><p>Ich fange an, ihm von Siv zu erzählen:
+
+</p><p>&bdquo;Ich hatte all Eure schwedischen Frauen in ihr, Cederström.
+Strandvägen, leuchtend vor Musikkapellen, die Rotunde
+des Stadion, die weiche Weißnacht, das granitne
+Meergebiß erscheint, wenn ich daran denke, in ihrem Lächeln.
+Sähst du ihre Beine, Cederström, du würdest zittern wie
+ein Hund in deinem Saal. Sieh dir diese Kurve an,
+diese verdammte Kurve des Mondes an deinem Fenster.
+Nein, Cederström, sonst wollte ich dir nichts erzählen, dies
+ist alles, dir vielleicht wenig. Dies ist alles, was mich
+peinigt.&ldquo;
+
+</p><p>Es ist zwei Uhr nachts, nun stellen wir uns nicht mehr
+in die Nische, nun unterbrechen wir den Tanz und machen
+eine neue Aufstellung. Wir stellen uns in einer langen
+Reihe auf, zuerst kommt Cederström.
+
+</p><p>Dann marschieren wir über die Terrasse, die Treppe,
+durch den Hof zu den Gebäuden des Generalpächters, es
+ist zwei Uhr nachts, die Generalpächterin hat um diese
+Stunde geladen, wir sitzen allesamt nun wieder wie beim
+Konzert am Mittag um einen Tisch.
+
+</p><p>Ich lasse mir die festeste Magd mit dicken blonden Zöpfen
+geben, sie ist meine Nachbarin, ich trinke ihr zu. Mein
+Herz schmerzt mich selig immer tiefer, man hat ein großes
+Mahl uns bereitet mit großen Zeremonien.
+
+</p><p>Ich trinke ihr zu, der Frau Verwalterin, ich mache
+meine Komplimente; es ist nicht richtig, daß ich ihr zutrinke,
+ich verstoße gegen die Sitte, aber ich zeige ihr mein
+Wohlwollen, ich sage ihr das alles auch.
+
+</p><p>Ich wende mich meiner Nachbarin zu, Jungfrau Sara, sie
+ist ein schönes, festes Weib; sie hat ein Kind, sie hat einen
+Mann sehr geliebt, im Sommer, im Stroh, sie sagt es
+mir ohne Scham, als ich frage, ich tröste sie.
+
+</p><p>Ich sage, es sei nicht schlimm, Jungfrau Sara, ich hätte
+einmal versuchen wollen, eine Bremse in die europäische
+Politik zu legen, ich hätte sie fest in der Hand gehabt, dies
+alles sei eitel, sei schwärmerisch, es sei nicht soviel wert
+wie eine Rübe, sie solle froh sein, niemand gebe ihr Versäumtes
+zurück.
+
+</p><p>Ich wende mich zu Uxkull, ich rufe ihn gell an: &bdquo;Baron,
+Sie fallen von der Stange&ldquo;, da tut er die Augen verwirrt
+auf wie Vogelgeflatter. Da lache ich hämisch und
+laut. Wir danken sodann, verbeugen uns.
+
+</p><p>Tücher liegen bis hinüber zum Schloß.
+
+</p><p>Polonäse.
+
+</p><p>Vor uns tanzt lautlos Ernst Cederström. Kerzenschein
+umgibt uns durch den Park über den Hof. Tanz braust
+dann in der Halle noch einmal, unverlöschbar auf.
+
+</p><p>Borgeby flammt durch die Nacht wie eine Kirche, ich
+höre einmal, es schlägt vier Uhr, aber es schlägt an mir
+vorbei und rollt weiter durch die Bäume, was gehen mich
+die Klänge an, sie laufen wie der Teufel irgendwohin.
+
+</p><p>In sanftem Schleier schwindet die Nacht, die Frühe
+kommt mit Gartenduft und Rosa aus den Büschen hoch
+in die Fenster, wir durchkurven nur winkend danach die
+flaumenweiche Morgenluft.
+
+</p><p>Plötzlich steht eine Säule im Zimmer, steife Gehaltenheit
+durchschlägt die Schleifen: Der Diener Cederströms.
+
+</p><p>Er meldet die Equipage.
+
+</p><p>Er hat blanke Knöpfe bis zum Fuß, den Zylinder in
+der Hand. Er meldet noch einmal die Equipage.
+
+</p><p>Das reißt uns wie an den Haaren, wir gehen ans
+Fenster, da scharren dampfende Pferde vor dem Portal.
+Es ist fünf Uhr des Morgens, ich vergleiche es mit meiner
+Uhr, wir haben keine Sekunde zu versäumen, wir steigen
+in den Wagen, die Koffer kommen langsam heran.
+
+</p><p>Morgen prallt auf die Terrasse stark und wild. Skåne
+im Morgen, dunkelgrüne Verlockung. Wir sitzen im Wagen,
+die Gäule scharren. Immer noch Krähenschlacht über den
+brausenden Wipfeln, bei uns unten kein Hauch, keine Luft.
+
+</p><p>Ich sehe mich um, ich denke daran, was Lilian mir sagte,
+am Rand des Parks ziehen Seeadler hin, wenn es herbstet,
+Abenteurer aus Finnland, die mit Nordwind zum Kaukasus
+fahren. Ich gebe Lilian die Hand:
+
+</p><p>&bdquo;Heute, Lilian, kommen die ersten Schwalben nach Skåne,
+sie zischen um Borgeby&ldquo;, sage ich. &bdquo;Denken Sie daran,
+wenn mein Name vor Ihnen auftaucht.&ldquo;
+
+</p><p>Ich wende mich noch einmal um. Zu Uxkull wende ich
+mich:
+
+</p><p>&bdquo;Baron, heute fährt seit Jahren der erste Dampfer
+zwischen Stockholm und Petersburg, ich las es in Dagens
+Nyheter heute nacht, welches Leben, welches Leben,
+Baron.&ldquo;
+
+</p><p>Wir haben nicht lange auf die Koffer zu warten. Nun
+ist die Ebene weit um uns getaut.
+
+</p><p>Flädje taucht auf, die Schienen sind wie Schnee.
+
+</p><p>Malmö, Trelleborg, wir betreten den Steg, das Schiff.
+
+</p><p>Wir schwimmen auf der Ostsee, deutsche Ufer unsichtbar
+vor uns, wir sind noch recht betrunken, es legt sich langsam,
+während das Schiff schon fährt.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Wir werden langsam nüchtern auf dem Schiff. Das
+Schiff führt mitten in den Wind hinein, ich glaube,
+daß das uns kühlt.
+
+</p><p>Trelleborg ist verschwunden, die schwedische Küste verblaßt
+immer mehr, ein Bogen von flimmerndem Licht liegt
+das Meer zwischen den beiden Küsten, der Horizont wölbt
+sich uns entgegen auf dem Wasser und wir stehen, wir
+stehen mit dem Schiff auf der obersten Wölbung wie ein
+Knauf.
+
+</p><p>Wir blicken uns um, ein Schiff steht am Himmel auf
+dem Kopf, ein Flieger surrt nach ihm, wir gehen frühstücken,
+wir sind sehr hungrig mit einem Mal, wir sind
+aber keineswegs müde, Cederström hat schwere Augen, es
+hat einen anderen Grund, wir trinken wieder Aquavit, es
+ist das letztemal, man kann so rasch nicht enden.
+
+</p><p>Wir gehen auf und ab mit eiligen Schritten auf dem
+Verdeck, uns entgegen immer ein Ungar, katzenhaft um
+eine Frau.
+
+</p><p>Da schießen Hagelwolken herauf, der Frühling klatscht
+ins Wasser, wo ist unser früher Sommer mit einem Male?
+Es wird stürmisch und spritzt herauf bis zur Takelung.
+
+</p><p>In traumhaften Schleifen kommt manchmal die Kurve
+von Lilians Tanz und der Mondbewegung über Borgeby
+vorüber, man kann es nicht mehr aushalten, es ist zu kalt,
+es hagelt in Schloßen, die Wolken binden sich in die Schorne
+und beschießen uns mit Mitrailleusen, was sollen wir mit
+Lilian und den Schwänen und dem skånischen Sommer?
+Wir laufen und frieren und halten das Gesicht in die
+Schloßen.
+
+</p><p>Das Schiff schlingert, der Himmel wird schwärzer, Cederström
+bleibt zurück, er schaut wie ein Vieh und will in die
+Kajüte, ich halte ihn nicht, soll er ruhig schlafen oder speien,
+er kann tun, was er will.
+
+</p><p>Ich laufe weiter, immer auf und ab das Verdeck, ich
+halte nie an, ich sehe die Kämme der Wogen an, sehe die
+Möven zurückschießen überall von dem Meer zu der schwedischen
+Küste, sie schreien und schweben stolz auf dem Sturm.
+Ich sehe deutlich nach allem, beobachte, wie aus der Mulde
+sich die schwarze Welle hebt, aufsteilt und in sich selbst die
+weiße Krone aufbricht, die sich heraufschmeißt.
+
+</p><p>Ich gehe immer noch hin und her, nun bin ich allein
+auf Verdeck, ich sehe oben nur manchmal das Auge des
+Kapitäns, es ist grau und ironisch.
+
+</p><p>Mir ist sehr wohl in der Unruhe, das geht so Stunden,
+ich rauche immerzu, ich fühle mich immer wohler, ich erinnere
+mich nicht, in den letzten Tagen so glücklich gewesen
+zu sein wie jetzt, wo ich elend verhagelt auf dem Schiffsdeck
+hin und her laufe und lavieren muß, daß mich das
+Schiff nicht abkippt.
+
+</p><p>Ich schaue auf, an der Gaffel ist ein interessantes Schauspiel,
+sie ziehen einen Bündel hoch, er fliegt immer beiseite
+in dem Wind, wie er oben ist, entfaltet er sich mächtig,
+die blaue Fahne mit dem gelben Kreuz weht knatternd.
+
+</p><p>In diesem Augenblick sticht die Sonne durch, die Kreidefelsen
+Rügens stehen vor uns, sie stehen so dicht und weiß,
+daß sie zuerst blenden; als ich die Augen wieder öffne,
+schreit jemand:
+
+</p><p>&bdquo;Die Grenze.&ldquo;
+
+</p><p>Ich lächle, die Überfahrt ist zu Ende, die Wolken verzogen,
+ein guter Mittag taucht mit Rügen auf, ich zünde
+eine Zigarette an, und lächle in mich hinein.
+
+</p><p>Plötzlich reißt es mich auf, ich zerfetze vor Schmerz, ich
+will die Hände irgendwohin pressen, ich weiß nicht wohin.
+
+</p><p>Da macht sich der Mund auf, weit.
+
+</p><p>Ich schreie.
+
+</p><p>Ich sehe in dem Schrei.
+
+</p><p>Ich liebe nicht Ebba, ich liebe nicht Siv. Die Grenze
+kommt näher, die Grenze lockt und schlingt. Ich suche
+Cederström, wo bist du, mein Bruder? Ich kann nichts
+mehr sehen, verhängnisvoller Irrtum mein Bruder Cederström,
+ich habe umsonst gelebt.
+
+</p><p>Ich bin elend, allein, ich halte mich an dem Geländer,
+meine Lippe hängt herunter, ich starre auf das Meer.
+
+</p><p>Aus dem Meer wächst immer das eine, ich kann es
+nicht ansehen, es tötet mich, ich reiße die Augen gierig
+trotzdem danach, ich kann ja nicht anders, o wie ich verblute.
+
+</p><p>Aus dem Meer wächst Särö, die Obstbäume schmettern
+das Blühen gegen den Basalt, zur Terrasse des Schlosses
+schreien von der Klippe Kinder: &bdquo;Mur&ldquo;. Die Frau erhebt
+sich, sie winkt, ich spüre jede Linie, ich rieche ihren
+Geruch, ich empfinde es jetzt erst, ich will etwas sagen, ich
+weiß ihren Vornamen nicht, immer noch nicht.
+
+</p><p>Meine Hände gleiten herunter, ich habe keine Macht
+mehr über den Körper. Ich laufe weg, ich suche Cederström.
+Ich finde die Kabine nicht, ich weiß gar nicht,
+wohin er sich zurückzog, ich gehe auf Verdeck hin und her,
+immer allein, niemand geht sonst auf dem Verdeck, ich rede
+immerzu. Ich sehe das Meer nicht, was soll ich das Meer
+beschauen?
+
+</p><p>Ich sehe die geschorene Steppe, ich sehe Engländer, die
+Golf spielen, es gibt keine andere Welt, in der ich lebe.
+In Segelyachten liegen weißgekleidete Männer, das Blau
+der Nordsee wiegt die weiße stählerne Melodie der Blüten.
+
+</p><p>&bdquo;Ich will nicht wissen, daß Ihre Bürger Elende sind
+wie alle, schöne Frau,&ldquo; sage ich lächelnd, jetzt verstehe
+ich erst meine Stimme, jetzt kommt es mit einem großen
+Durchbruch aus der Tiefe, wie woge ich, wie bin ich
+mächtig und wundervoll gespannt, aber wie elend geschieht
+mir, was habe ich von dem allem, die Grenze liegt vor
+mir, die Tatze ist schon gegen meine Stirn gebeugt.
+
+</p><p>Ich Armer, wie war ich geblendet, wie war ich geschlagen.
+
+</p><p>Wie liebte ich diese Frau und wußte es nicht.
+
+</p><p>Die Grenze rückt näher, ich kann mich nicht bewegen,
+am Reeling steht ganz unten am Heck Cederström. Ich
+bin ganz schwach, ich kann mich nicht bewegen, ich schaue
+nur immer hin, ob er mich höre, ich stammele: keine Hilfe
+von dir, mein Bruder?, nimm meinen Paß, Cederström,
+laß mir den deinen, laß mir die Rückkehr.
+
+</p><p>Ich muß nach Bohuslän, ich kann dir nicht sagen, warum
+dies so plötzlich, es geht um mein Leben.
+
+</p><p>Du kommst mit meinem Paß auch nach Deutschland,
+du bekommst einen anderen auf Eurer Gesandtschaft, aber
+ich, aber ich komme so zurück nach Schweden, hör mich,
+mein Bruder, o Gott, du kannst mich nicht verstehn.
+
+</p><p>Ich hatte Siv, Cederström, ich sagte es dir heute nacht,
+ich liebte Ebba, welche Masken machte mein Herz, um sich
+zu verbergen, wie durchschaue ich alles, es ist zu spät. Ich
+hatte noch eine Frau, ich hätte es nie gesagt, ich sage es
+in der Verzweiflung, ich schmerze dich damit, Cederström,
+ich bin heute ehrlich wie nie, ich will sie nicht nennen, dies
+alles ist nichts, ist ohne Bedeutung, aber dies alles hat
+mich zugedeckt, ich kannte mich nicht.
+
+</p><p>Ich kam lächelnd nach Särö, mein Bruder, ich saß einen
+Tag vor dem marmornen Lächeln, ich sah nicht die Tragik,
+und jetzt kommt sie aus mir gebrochen, nun kommt sie wie
+ein Tiger, nun schlägt sie mich entzwei.
+
+</p><p>O, du kannst sagen, du kannst fragen, was du willst,
+Ernst Cederström, die tödlichen Grüße beim Abschied in
+Särö, ich sah sie nicht, es ist zu spät jetzt.
+
+</p><p>Aber, wie habe ich diese Frau geliebt und habe es nicht
+gewußt .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Ich gehe allein auf dem Verdeck, ich sehe Cederström
+nicht mehr, vielleicht hat er nie am Geländer gestanden,
+wie kann ich das jetzt unterscheiden, es schiebt sich zuviel
+ineinander.
+
+</p><p>Die Sonne fängt an zu scheinen. Ich gehe immer,
+auf ab, auf ab. Die Sonne brennt, da ist wieder Sommer
+und Silber, das Meer beginnt zu riechen.
+
+</p><p>Ich ringe die Hände.
+
+</p><p>Es kommen Passagiere. Die Grenze rückt näher, ich
+bin am Zerspringen, im Hals ist eine Starre, hätte ich
+nur wenigstens Atem.
+
+</p><p>Die Adern der Augen tun mir so weh, daß ich zu
+weinen beginne, ohne daß ich es will.
+
+</p><p>Da kommt eine Ruhe mit einem Mal, was ist es, was
+mich so klar macht, ich schaue mich um, ich sehe nur neugierige
+Gesichter, ich schere mich gar nicht darum, ich schwebe,
+ich bin so selig, ich weiß nicht, warum.
+
+</p><p>Nun hat es sich entschieden. Die Frucht ist gefallen.
+
+</p><p>Das andere Gesicht ist herausgetreten aus der Tiefe,
+es beängstigt mich nicht mehr, es hat sich frei gemacht, ich
+habe keinen Spiegel, ich kann es nicht sehen, aber ich weiß
+es, ich fühle es, es ist da.
+
+</p><p>Das andere Gesicht wird verschwinden, das helle, das
+mich zu Ehrgeiz trieb, zu Erfolg gepeitscht hat, es wird
+verschwinden, es wird das neue nicht mehr besiegen, eine
+Schlacht ist geschlagen, es hat gesiegt in mir, aber ich, mein
+Himmel, aber ich bin kaput.
+
+</p><p>Doch bin ich fröhlich, es ist nichts da, was mich verwirrt,
+ich bin nun eins seit Wochen zum ersten Male, ich
+bin eins (aber schaut nicht auf das, was blieb).
+
+</p><p>Wenn ich nach Menschen jagte, nach Handlungen heiß
+griff, immer war mir, ich möchte lieber rücklings in Wiesen
+liegen gleichzeitig und Wolken wandern sehen mit ihren
+schönen fliegenden Schatten. Ich spüre das genau, ich habe
+das immer empfunden, in jedem Tag der Geschäfte, im
+Traum, im Schlaf.
+
+</p><p>Das wird mich nun nicht mehr zerteilen, ich werde nicht
+mehr mit mir im Streit sein, aber mußte ich es so bezahlen,
+ist es zuviel nicht, was mich das kostet?
+
+</p><p>Ich habe eine Schlacht in mir gewonnen, aber was habe
+ich geopfert? Ich habe mich selbst zur Strecke gebracht.
+Ich sehe mich um.
+
+</p><p>Wie bitter ist mir unter den Menschen.
+
+</p><p>Sie schauen mich alle an. Bin ich verwandelt? Ich
+recke die Schultern zurecht, ich streiche die locker gewordenen
+Haare nach hinten zurecht, ich setze das Bein, daß die
+Hose gut gekantet darum schwingt.
+
+</p><p>Ich lächle vor mich hin, ich bin wirklich nicht verwandelt,
+ich verlor nur ein wenig die Balance, es sollte auch
+das nicht sein.
+
+</p><p>Ich lächle vor mich hin, ich werde in keine Wüste gehen,
+ich habe mich nicht verändert, ich fahre mit Aufträgen zum
+Balkan, ich führe sie aus. Ich werde mich keinen Folgerungen
+entziehen, meine Wege waren gut, die Ziele verständig,
+nur meine Einstellung, nur mein Herz war falsch
+gerichtet, das konnte ich nicht wissen, ich konnte es nicht
+ändern, das änderte sich gar sehr von selbst.
+
+</p><p>Ich liebte die Schwierigkeiten wohl, o wie fliegt mein
+Leben vorüber, wie leer, wie rasch ist das abgewickelt, worum
+ich mich so sehr bemüht, ich liebte Gefahren, war anständig,
+auch ohne mich innerlich darum zu mühen.
+
+</p><p>Wie sehr bin ich gedemütigt. Wie eitel und gering
+stürzt das meiste von früher.
+
+</p><p>Wie deutlich sehe ich in dem Schmerz, der mir nichts
+verdüstert, der alles wundervoll erhellt. Wie weniges hat
+heute mehr Macht über mich.
+
+</p><p>Bojen schellen, die Schorne pfeifen, die Kreidefelsen
+sind zum Greifen, da werde ich noch einmal schwach.
+
+</p><p>Ich sehe Cederström nun deutlich, er ist es wahrhaftig,
+ich gehe zuerst langsam, dann stürze ich auf ihn zu, ich
+falle auf die Knie am Verdeck vor allen Passagieren:
+
+</p><p>&bdquo;Dein Paß, Cederström, Dein Paß, mein Bruder.&ldquo;
+
+</p><p>Ich sehe auf, mein Bruder Cederström wankt, ich sehe
+sein Auge, er ist betrunken, er erkennt mich kaum. Ich
+lächle wieder. So soll es sein.
+
+</p><p>Ich gehe ruhig weiter, es war ein Ausgleiten, kann
+man denken, ein Mißfall war es. Ich werde nicht mehr
+schwach sein, ich bin ganz sicher nur auf der Orangenschale
+ausgeglitscht.
+
+</p><p>Ich werde die Frau nicht mehr sehen. Ich nehme es
+auf mich, wer sieht es mir an?
+
+</p><p>Ich zahle alles damit ab.
+
+</p><p>Ich büße jeden Tau, der mich in Barsebäck erfreute.
+Ich büße die Vögel, die mir eine Lust sind zu hören. Ich
+büße meine graden Glieder. Und daß, wenn Menschen in
+meiner Macht waren, ich meistens sauber und verantwortungsvoll
+war. Ich büße alle Tage mit Frauen und
+meine schönen Jugendjahre. Auch daß ich gläubig bin im
+Grunde und ungern unrecht tat. Ich büße mich selbst, wer
+kann es mir wehren, ich zahle das Schicksal, es nahm sich
+gutes Honorar.
+
+</p><p>Es gibt so viele Dinge noch, auch die schlechten, wenn
+ich mich besinne, die ich zahle, es gibt so vieles, was ich
+alles büßen kann.
+
+</p><p>O Gott, wie vieles muß ich heute über mich denken, ich
+bin es nicht gewohnt, ein Stein ist in mich gefallen, ich
+kann es kaum ertragen, was sich anschwemmt an den Ufern.
+Ich fasse an die Schläfe, ich ertrage es kaum.
+
+</p><p>Ich schüttle Cederström, führe ihn bis ans Heck, setze
+ihn neben mich auf die Bank und halte ihn gerade. Ich
+schreie ihm ins Ohr:
+
+</p><p>&bdquo;Habe ich keine Zähne mehr, Hochstapler, haarlos, kein
+Geld, keine Frauen, verrecke irgendwo, o wie denke ich,
+glaub mir, verdammt, wie denke ich: waren diese Tage
+blau, Borgeby hatte viel Sturm, Bjerred ein gelbes Segel
+im Mittag drin, Sivs Schultern, welch hinreißend schöner
+Gedanke in solcher Aufmachung gedacht, lache nicht, Cederström:
+die Pomade ihres Haares.
+
+</p><p>Wenn ich sterbe aber, Cederström, gibt es nur einen
+Gedanken von heut ab: wie habe ich diese Frau geliebt
+und wußte es nicht.&ldquo;
+
+</p><p>Ich sehe hinaus auf das Meer, wie glatt, wie zahm.
+Ich kann Cederström nicht halten, er hat verglaste Augen,
+er ist betrunken wie ein Norweger, er stammelt: &bdquo;Pomade&ldquo;;
+er hat mich nicht verstanden, es soll so sein.
+
+</p><p>Ich lasse ihn fallen, er fällt auf die Rolle, er schlägt
+sich den Kopf auf, ich kann es nicht ändern, ich schaue
+immer nach dem Meer.
+
+</p><p>Ich fange aber plötzlich an, atemlos zu laufen.
+
+</p><p>Der Kapitän kommandiert laut auf seinem Steg,
+Matrosen huschen barfuß mit Seilen und Tauen. Die
+Pfähle starren schwarz aus dem Wasser, wir haben Gegendampf
+und drehen uns.
+
+</p><p>Ich unterscheide im Laufen jedermann am Land, selbst
+den österreichischen Offizier erkenne ich mit dem schiefen
+Cäppi. Ich höre die Fahne über mir knattern im Gegenwind.
+Nun tuten alle Hörner, die Ventile öffnen sich,
+das Schiff knirscht und stöhnt.
+
+</p><p>Ich komme über Verdeck gelaufen, schleudre die Passagiere
+beiseite. Ich sehe Cederström fest wie einen Schlafwandler
+auf den Ausgang zugehen, renne vorbei.
+
+</p><p>Ich erreiche die Koffer, ich erkenne meine Zeichen. Ich
+schließe den gelben Koffer auf, reiße die Sachen auseinander,
+erwische einen Schuhsack, Baron Uxkulls Diener
+hat ihn gut gepackt, der Schuh fällt heraus, ich achte es
+nicht. Ich schließe zu, ich hebe mich schwerfällig am Geländer.
+
+</p><p>Ich habe ein buntes vielfarbenes Tuch in der Hand,
+ich reiße die Nähte auf, ich hebe mich breit in der Höhe,
+ich winke zweimal mit frischen Rufen, immer in die Luft.
+
+</p><p>Dann führe ich das Tuch über mein Gesicht, mein Gesicht
+formt sich hinein. Mein Herz klopft mir aus dem
+Tuch in mein Gesicht.
+
+</p><p>Ich drehe mich langsam ab von der schwedischen Küste.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-3">Frauen</h2><p>
+
+</p><p class="first">Man stirbt nicht vor Trauer. Man hat das Meer
+zum Anstarrn, müde der Herzen, die verführen und
+peinigen. Die großen Nebelwolken, die mit Sausen wie
+Batterien angefahren, haben die Küste verödet. Man hat
+die Nebel zwischen sich und den Leidenschaften, das ist Einsamkeit.
+
+</p><p>Man leidet an den stumpfen bleiernen Gurten, die das
+Meer gegen den Himmel spannt, mit unaufhörlicher glücklicher
+Monotonie. Die Dunkelheit des Herbstes hat sich
+gepaart mit den Gedanken, die die Ruhe durchdringen und
+in den Wolken ausbluten, wenn der Abend sie entflammt.
+Die Sicherheit, jenseits der Eitelkeit, der Siege, Wunden,
+Triumphe, all des Geschichteten, Reibenden, all der Unrast
+der Menschen, verfallen zu sein einer Traurigkeit, die man
+grundlos erleidet, aber die man liebt, das hat einen unbeschreiblichen
+Glanz der Melancholie entfacht.
+
+</p><p>Da gehen perlmutten graue Nebel und ballen sich starrauf
+vor den Mond wie eine Armee. Das Meer blinkt
+ausgetrocknet, metallen und hart. Die Dünen haben den
+Atem der Traurigkeit aufgenommen und tragen sie mit
+dem Reichtum einer dunklen Melodie davon. Das ist, wie
+man lebt, den Kopf in den Händen.
+
+</p><p>Da sprengt Kerstin quer durch einen Traum auf ihrem
+weißen Grey Lad. Man birgt die Augen in der Einsamkeit.
+Man kapituliert nicht in der schmerzlich dampfenden
+Landschaft vor dem nackten Blitz. Das hohle Schweigen
+des Windes hat die Erscheinung an den silberstarren Horizont
+getrieben. Die Nacht hat sich mit einem verhaltenen Ton
+dunkel ausgebreitet, die Ruhe hat sich an das Fenster geschmiegt.
+Das herbstliche Klirren der Brandung dämpft
+das erlöschende Fieber: fort von den Leidenschaften, die
+leer machen und verzehren.
+
+</p><p>Da tritt Kerstin aus dem Geruch des Bodens, ihr Bild
+steigt über die schrägen Gläser der Türen und, hinaustretend,
+überfällt ihr Wesen einem, wie ein Nebel durchdringt
+sie das Blut, unerschöpflich. Es saugt einem voll,
+grenzenlos, wie einen Schwamm voll ihrer Gegenwart.
+Das Meer ist blaß geworden. Die Dünen zittern flötenhaft
+erregt: man geht von neuem aus der Einsamkeit hinaus.
+
+</p><p>Man läßt den Tiefsinn zurück. Tage, Stunden, Wochen,
+fallen ab gegen den kristallenen Himmel, die in Traurigkeit
+sich tief erfüllten. Was war es?: Glück.
+
+</p><p>Man hat das Meer nun nicht mehr zum Anstarrn.
+Doch man stirbt nicht vor Trauer. Man stirbt auch nicht
+vor Freude.
+
+</p><p>Aber Kerstin zu sehen nur, welch schöne und bittere
+Verführung!
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">In Schwetzingen fand ich ihre Spur. Den Sommer war
+sie in Schachen. Die schweizerischen Berge kamen am
+Abend mit Lichtern über den Bodensee geflogen. Sie hatte
+gegen den Herbst in Bocklet gewohnt, das wies in seiner
+Verborgenheit auf Männer um sie. Die Barockfiguren des
+alten Parks begannen lang und zärtlich mir nachzuschreiten,
+als ich im Wagen nach Kissingen hinüberfuhr. In Bamberg
+sah ich durch jedes Mittelalter sie kommen, von den
+Portalen und Kirchen herunter sich neigen. In einem
+Landhaus bei Bayreuth kreuzte ihr Name sich mit dem
+eines Mannes. Obwohl unsere Leben sich voneinander gelöst
+und entfernt voneinander trieben, traf es mein Herz
+mitten auf die Brust.
+
+</p><p>Ich quälte mich weiter. Von nun ab gingen die beiden
+Spuren zusammen, ihre Gestalt zog immer tiefer in den
+Ausdruck des Mannes hinein, der ihr Leben teilte. Ich
+begann zu leiden. Zurück? Wozu in die Traurigkeiten, die
+verbittern mit Einsamkeit?
+
+</p><p>Ich beginne im Gegenteil zu leben an dem Widerstand,
+mich zu entzünden mit einer melancholischen unerregten
+Leidenschaft, die nur sehen will und überschauen kann. Man
+stirbt auch nicht aus Leidenschaft.
+
+</p><p>Ich habe die Tagbezeichnungen vergessen, werktags abends
+kam ich ins Gebirge, fuhr an das Schloß, sie war verreist
+für eine Tour. Man erwartete sie. In der Dämmerung
+ließ ich lenken und besuchte Lil Pax. Ich ließ den
+Schlitten angespannt, denn sie war im Begriff in ein
+Sporting-House zu fahren, die Glocken schellten.
+
+</p><p>Lil Pax fuhr in meinem Wagen. Der Tod hatte Quartier
+in ihr aufgeschlagen. Die überschöne Schlankheit der
+Hände und das fiebrige Feuer der großen ruhelosen Augen
+schienen den Knabenkörper mehr in den Ruf des Erlöschens
+zu ziehen als in das Muskelgekrach.
+
+</p><p>Als wir eintraten, ging der schwarze Boxer Bambula
+oben an den Ring und nickte uns zu. Man massierte ihn
+darauf, der auf den Seilen lag, und führte ihm Luft zu,
+während der Saal in Erwartung der Schläge ächzte.
+Während der Time-Keeper schellte, der Unparteiische pfiff,
+Bambula sich aufblies, der kleine Ukrainer mit Ballettschritten
+ihn angriff, der Neger ihn Uper Cut nahm und
+niederhieb, sah ich dahinter das Meer, aufgebäumt. Grey
+Lad preschte davor mit Kerstin.
+
+</p><p>Das zweite Matsch erst brachte den Saal in Verwirrung.
+Aber während Frauen auf den Stühlen dem Neger
+zuschrien, die Männer wüteten, Bauernburschen die Tirolerhüte
+schwangen, Bambula gleich einer Schnake den Gegner
+Clinch nahm, lachend Sawate erhielt und mit grandiosem
+Bak Spring ihn in die Herzgrube erledigte, war ich schon
+tief ergriffen von der Kühle der Frau neben mir.
+
+</p><p>Lil Pax war unerregt geblieben. Wir fuhren im Galopp
+über die Felder zurück. Mit erschreckender Deutlichkeit kam
+ihr Wesen aus der schwülen Ekstase des Saales mit einer
+überlegenen Deutlichkeit und einem gewissen hochmütigen
+Lächeln auf mich zu. Sie hatte die geheimnisvollen Beziehungen
+des Verzichtes früher als alle durchstoßen und
+von der in ihr reisenden Nähe des Todes eine Ironie um
+den Mund erhalten, der sie allem entfernte, obwohl sie
+nichts floh.
+
+</p><p>Das Verzückte war hinter ihr in schwärmerischen Bögen
+abgeschnitten. Sie hatte jene Größe, die sich nicht entschied
+und weder das Gesicht weg von dem Dasein wandte und
+es verfluchte, noch in Betäubung stürzte. Sondern sie ließ,
+allem hingegeben und allem entfernt, das Dasein, geliebt
+und unbegehrt, vorüberfließen, während ihr Mund in schmerzhafter
+Blässe nicht zuckte. Welches Blut lag dahinter abgedämpft,
+wenn sie gütig nickte! Welcher Sprung, im
+Haß, federte und ward nicht getan!
+
+</p><p>Ich neige mich über ihre Hand.
+
+</p><p>Sie erkrankt, heftiger. Ich werde nicht reisen. Ich richte
+mein Gesicht nach dieser Frau. Sie beginnt ihren schicksalhaften
+Zug, tief und weit entfernt, über mein Zugewandtsein.
+
+</p><p>Ihr Leben beginnt über meinen Horizont zu laufen, ruhig
+und gütig, ohne deutliche Spur, eine Sonne von Westen
+her immer der gelben und roten Sonne entgegen, dunkler
+und unsichtbar, aber im selben Kreislauf.
+
+</p><p>Damit ist mein Leben eingezeichnet.
+
+</p><p>Was folgt an Dingen, die Blut, Tag, Rausch bestimmten,
+ist anders, diesem Abgewandtes, vielleicht nicht wenig, aber
+nicht dies. Welche Bedeutung es hat in meinem Dasein: ob
+diese Frau das Entscheidende ob das andere, wer durchschaut
+das Schicksal? Vielleicht weiß ich es, wenn mein Blut
+langsam rinnt und meine blonden Haare so hell geworden
+sind, daß das Urteil bis an die Grausamkeit vordringt.
+Wer kennt sein Herz? Man muß sich unterwerfen. Stolz
+ist ein Spielzeug. Bebauen wir unseren Garten. Man
+lebt sich schon hinein in sein Schicksal.
+
+</p><p>Ich habe die Fahrt nach Kerstin angetreten. Da liegt
+nun das Leben zum Anstarrn. Der Kreis öffnet sich. Da
+sind nun die Tage, Wochen, die Leidenschaften, die hineinreißen
+in ihren Bann und entzünden und verzehren. Haben
+sie mich erreicht einmal, schwinge ich sie schwärmerisch wie
+Vögel auf. Ich bin dabei. Das ist eine Freude. Hallo.
+Ich lebe in Begeisterung. Welche Woche!
+
+</p><p>Habe ich in dieser Woche nicht zwischen blaugespannten
+Bergzügen Venus und Jupiter in bengalischer Konstellation
+gesehen? In die flamingone Abendröte den Hausberg aufgereckt
+wie die Begehrlichkeit einer wilden Sau? Ist die
+Natur nicht mit Lawinen und sausenden Gletschern aufgezuckt
+mit meiner Bewegung? Hat eine sizilianische Frau
+nicht unter den Kronleuchtern ihre Rasse aufgezaubert?
+Habe ich nicht das Blut der silberblonden Ritterstad auf
+der Lippe gespürt, der eine Katze die Schneehaut aufgerissen?
+Haben die seidenen Fahnen, als wir im Bob passierten,
+sich nicht gegen den Wind alle huldigend auf diese
+schöne Frau mit dem lachsfarbnen Mund gerichtet? Schossen
+wir nicht aus dem Nickelglanz des Starts herunter auf
+dem Bauch im Rodel, durch die Kurven auf den Hüften
+hinunter uns wiegend wie im Liebesspiel?
+
+</p><p>Welche Woche, Lil Pax, während Sie lagen! prall, festgefüllt,
+aufgestäubt. Wie bunt. Doch was ist es am Ende?
+
+</p><p>Es bewegte sich nur. Aber .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. alles Getane, alles
+Erlebte kreiste um Sie, Lil Pax. Das ist nunmehr von
+allem die Richtung.
+
+</p><p>Ich sehe Margit, Ihren Liebling. Aber ich erblicke sie
+nur in der Verbundenheit auf Ihr Wesen hin, gleichwie mit
+der unentziehbaren Bewegung der Sonnenblumen, die dem
+Gestirn mit ihren Mähnen folgen. Es gibt keine Frage
+darüber. Das ist Bestimmung.
+
+</p><p>Ich sehe Margit. Ihr Hund heißt Lorm. Ihr Lied
+&bdquo;O Dolly.&ldquo; Ihr Herz ist voll von schönen Schauspielern,
+von Coquelin, Cyrano, Rolla, von melancholischen Pianisten,
+im Lyon reitenden schwarzgeschnürten Offizieren, von Pré-Catlan,
+von Speisen bei Spiegeln mit Kerzen, von Bootfahren
+am Abend, von Lido, von Sand und Hitze, von
+einem Mann mit Namen Claessens, von irgendeinem schönen
+Capitaine Ettore Cosomati, von einem kriegerischen Colonel
+Ugolino, von Melonen, Zirkus, Schokolade mit Zitronen.
+
+</p><p>Ich fahre mit Margit, während Sie krank liegen, zwei
+Tage südlich. Ich kaufe ihr gelbe Calvils, ich zeige ihr
+Innsbruck. Ich trinke mit ihr den serbischen Slivovicza.
+Ich teile mit ihr den Abend, der mit den schon südlichen
+Springbrunnen verzaubert, und die Honigdämmerung unter
+den Schneebögen der Hügel und die lauen Schatten der
+Madonnenlauben unter dem Golddach. Ich lasse sie Preise
+verteilen in der Franziskanerkirche an die Statuen, sie teilt
+es dem provenzalischen König zu, dessen Erzbrust hundert
+Amouretten überspielen, der den Visierschnabel frech, gigantisch,
+der Unerschütterliche, Gott ins milde Zinnoberlicht
+seines Auges hinaufhebt. Es ist ein rotseidenes Strumpfband,
+was sie als Preis austeilt, und gibt ihm ein glückliches
+Aussehn.
+
+</p><p>Ich jage sie durch die Begeisterung bis in die Müdigkeit.
+Nun laufen die Berge der Bahn wieder bei unserer
+Rückfahrt entgegen. Ich sehe sie an gegenüber, wie sie
+schläft. Mit zerfleischten Rücken sinken die Berge in schwarze
+Seide. Flammend mit Stierblut kreist der Geier des Gestirns
+noch einmal über die Grate.
+
+</p><p>Sie träumt von Pesaro, von einem Teich und ihrem
+Lackhut als Kind. Ein Röntgenologe versichert, sie habe das
+kleinste Herz. Bäte ich nur, sie vermachte es mir. Es
+stünde auf meinem Tisch, kleiner als die Zunge des Gordon-Setter.
+Sie wacht plötzlich auf, hinein in Begeisterung.
+Ich spüre ihren Atem, sehe sie herübergleiten. Ein schönes
+Geschenk der Stunde. Ich versage sie mir ohne Bemühung.
+Warum?
+
+</p><p>Ihr Dasein ist zu nah und zu dicht auf das Ihre gerichtet,
+Lil Pax. Sie ist nur etwas wie eine zärtliche sekundenlange
+Laune, die Sie verloren. Die Bewegung
+dieses Mädchens umkreist Sie zu nahe. Was ist ihre
+Hüfte gegen das Maßlose Ihres Todes.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Das Dasein hat zwei Seiten für mich nunmehr. Von
+einer brennt es hell, das sind die Leidenschaften, die
+erheben, und die Genüsse, die man erobert. Ich erhebe mich
+und erobere, je weiter von Ihnen, um so voller das Ergebnis.
+Ich ziehe das Dasein herein aus seinem äußersten
+Kreis. Ich warte noch immer auf Kerstin.
+
+</p><p>Die andere Seite ist das, was sich an Ihr unaufhaltsames
+Schicksal bindet. Man schließt die Augen. Man
+soll sich nicht ausbrennen vor Schmerz. Aber, Liebe, kein
+Lächeln auch nur vergeht, ohne daß seine Deutung sich
+bezieht auf Sie, irgendwie.
+
+</p><p>Als Rassignac, der in schlechter Zeit mein Freund war,
+die Maschinengewehrladung der Polizisten im Bauch, in
+St. Sulpice lag, spie er dem Präsidenten der Republik,
+der das Monstrum des großen Apachen beschaute, ein Stück
+Lippe ins Gesicht. Dann sagte er ruhig: &bdquo;Mon corps
+est foutu .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. hé .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. non pas mon orgueil.&ldquo; In der
+Stille seines Gesichts lag unterdrückt derselbe Claironklang,
+der hinter Ihrem Leben gellt.
+
+</p><p>Auch liegt dieselbe Kühnheit der Ideen an der Kurve
+Ihrer Nase wie bei ihm eingezeichnet, und daran weiß ich
+ebenso, wie an der übergroßen Lässigkeit Ihrer Hände, welch
+ganz anderes irrsinniges Leben Sie ausfüllt im Grunde.
+
+</p><p>Hätte der Verderber sich nicht in Ihr Blut begeben
+und Sie hingeführt zu der Harmonie Ihres Geistes mit
+jener Güte und Milde, .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Sie hätten auf der anderen
+Seite der Seele ein anderes klirrendes Dasein gelebt:
+
+</p><p>Wären unter Scipionen mit ehrgeizigem Herzen in
+Aulen gewandert. Hätten die pompejanische Seeschlacht
+geleitet am Bug. Man hätte zwischen Karlisten und Rosenroten
+auf der Barrikade Sie mit der rauchenden Flinte
+gesehen. Sie hätten Päpste mit der glatten Stirn beunruhigt.
+Als Kreuzzugfanatische hätte ein Pferd über Singenden
+Sie auf die Mauer Jeruschalaims getragen. Im
+Reifrock hätte das Gift Ihres Geistes Politik zerschlissen.
+Schwertscharf wären Sie vor Ihren Leuten unter die
+Elephantenbäuche gerannt, makkabäische Königin. Ihr Haß
+hätte geschlagen. Ihre Liebe grausam geflackert.
+
+</p><p>Am Ende erst, vielleicht, aussätzig, alternd, verlassen,
+einen Dolch im Rücken, wären Sie der liebenden Größe
+nahgekommen, mit der Sie heut überschauen, was sich
+heranwälzt auf dem Schicksal.
+
+</p><p>O Sie haben mit Ihrem Finger manche Nacht, Lil
+Pax, an den Tapetenmustern von Davos und Arosa jede
+Zuckung Ihres zurückgeworfenen Blutes nachgewandert mit
+den gepflegten Nägeln:
+
+</p><p>Sind in afrikanischem Aufstand verschleift, haben als
+Märtyrin, sich verschenkend, Weg geebnet, standen hinter
+den Getto-Feiglingen als Peitsche, gingen unter Spaniolen
+steil, die Stolze, hatten Hochmut, Verachtung. Ach und
+schwangen in der Inbrunst der Fiebernächte, Steine, Schmuck,
+Lächeln um den Mund, da und da und dort, in die Leidenschaften
+hinein bis an den bittersten Ehrgeiz.
+
+</p><p>Jeden Morgen aber waren Sie zurückgeworfen in den
+Körper, der, verseucht, aus allem vertrieb. Sie haben mit
+einer übermenschlichen Bewegung der Seele langsam gut
+gelächelt mit dem Partner Tod.
+
+</p><p>Dies Lächeln ist die Lebensrichtung geworden für den,
+der Ihr Dasein streift. Man stürbe gern für Sie. Was
+an Versagtem in das Gefäß Ihres Körpers zurückfiel, geht
+in zarter Helle und Herrschaft des Geistes wieder von
+Ihnen aus.
+
+</p><p>Selbst wie Sie den wilden Regenbögen, die über den
+Hausberg flattern, nachsehn, ist eine Leidenschaft, die Sie
+den Nächten abgerungen. Süß muß der Tod sein, der im
+Nahen schon so schön verwandelt.
+
+</p><p>Aber zum Erbleichen furchtbar der Abstand zwischen dem
+Ziel, dem feurig Ihre Bestimmung einstmals ehrgeizig zugeflogen,
+und dem Ausdruck, mit dem Sie nun entsagend
+lächeln.
+
+</p><p>In der Mitte das Leid. Aber welch ein Ausgleich! Als
+Sie der Bonne Ihre Tibetgarnitur schenkten, war es dasselbe,
+als wenn Sie, ohne dies Schicksal, auf der anderen
+Seite des Schweifens, Kunstreiterin, dem englischen Geschäftsträger
+Vitriol aus dem Sattel in die Loge aufs
+Gesicht geschleudert. Ihr unterdrückter Husten bei dem
+Besuch des alten russischen Admirals gleicht aus, was
+Sie an Triumph, Tänzerin, auf die Spitze des bolognesischen
+Balletts unter Blumenwürfen gehoben. Der
+Charme der Teestunde, der an Ihren Geist anbindet, wäre
+nichts andres gewesen, als daß Sie, Dompteuse, das
+Panthermaul schlössen, mit der Pistole einen etruskischen
+Dörfler getötet. Entgleiste Lokomotiven, fliehende Ballone,
+aufbrennende Opern haben den Anlaß, aus Ihrem anderen
+verhinderten Leben zu springen, wenn Sie mit gleicher
+Milde, als sähen Sie die sieben Freuden Mariä, in den
+Schlaf Ihrer Müdigkeit hinübergleiten.
+
+</p><p>Aber, was an Macht über Menschen in Ihnen ruht,
+wie wenigen der Epoche, was an Zauber Ihrem Körper,
+an hingebender Grazie Ihrem Hirn, an unaussprechlicher
+Süßigkeit Ihrem Geist gegeben ist und allsamt Sie in eine
+Bedeutung erhöht hat, deren Überlegenheit Sie am deutlichsten
+spüren .&nbsp;.&nbsp;. ich weiß, Sie gäben es mit eisigem Gesicht,
+stellten es beiseite mit dem Madonnigen, dem Zauber,
+dem Wissen, Sie würfen als Hundebissen in die Gosse das
+Milde und Gute, Sie spien aus das Dulden .&nbsp;.&nbsp;., wenn
+Ihnen, schon Jauchzende, dafür getauscht sei: prall, stählern
+an Leib, vogelhaft atmend mit den Lungen, eine Woche
+nur noch einmal in Hölle und Seligkeit, mit einem Mann,
+den Sie lieben, durch die Helligkeit Kopenhagens, durch
+die Schiffe, den warmen Prater, einen vernarrten Frühling
+Merans zu toben.
+
+</p><p>Doch man soll die Wünsche nicht wecken. Man stirbt an
+den Wünschen.
+
+</p><p>Sie tragen jedoch Ihr Ausgestoßensein mit solchem Gleichmut,
+daß ich manchmal in der Gewißheit nicht zweifle, daß
+Sie zu gleicher Zeit wohl auf einem anderen Gestirn in einer
+behenderen muskulösen Figur alle Leidenschaften, die hinter
+Ihrem hier abgegrenzten Dasein stürmen, mit selbstverständlichem
+Frohsinn und einer gewissen Leichtigkeit in der Größe
+des Ausmaßes durchfahren.
+
+</p><p>Hier aber sehe ich wie keiner die schmerzliche Zusammengezogenheit
+Ihres Lebens.
+
+</p><p>Und ich kann sie nicht vergessen.
+
+</p><p>Die Leidenschaften haben sich umgedreht. Was mich aus
+allen Betten und Fiebern und Längegraden meiner Erde
+zu Ihnen gerissen, hat sich unter diesem Schicksal verändert.
+Das ist zu einer wohltuenden Fremdheit geworden, die in
+schwesterlicher Inbrunst meinen Herzschlag begleitet in einer
+meinem Blut nicht zugänglichen, schön überglühenden Welt,
+höher als jene dieser Dinge, die mich hier hart verzücken
+und in Begeisterung fangen. Das ist unser Leben.
+
+</p><p>Die Lawinen brüllen durch die Woche und grüßen Sie
+aus der Mondsteppe wie wilde Tiere. Der Himmel hat
+eine amethystene Schaukel um Ihr Haus gelegt. Morgens
+stehen mosaische Signale, Säulen feuriger Wolken auf den
+Spitzen des Gebirgs. Die Natur bereitet Ihnen Verehrung.
+
+</p><p>Auch die Abschiedspolonäse auf Skiern für Marga
+Ritterstad und Margit, Ihren Liebling, hat sich als Huldigung
+gerade Ihrem Haus gegenüber hoch im Gebirge geeint.
+Die Midussi hat ihr sizilianisches Gesicht zur Komödie
+mit einem roten Turban geschmückt. Alle schauen
+auf das Zeichen. Der Riemen Margits löst die Schleife:
+&bdquo;Azt a kutja faját.&ldquo; Die Schnäbel der Skier haben sich
+auf Ihr Talhaus gerichtet. Da quillt weißer Wolkenschaum
+um die Gipfel des Kessels, die Sonne, aufrauschend
+dunkel schmeißt ihn zurück. Schmetternd wie eine Posaune
+kreuzt sie über dem Tal.
+
+</p><p>Mit einem verderbten Schrei wirft die Midussi die
+Fahne zur Abfahrt und gibt den Start. Nach Ihrem
+Haus zu verzischt Ihre Linie im Gebüsch. Die Ritterstad
+fährt wie ein stolzer Fasan. Man soll die Diva nicht
+tadeln, weil alles sie liebt. Heller Strich auf Strich saust
+eins nach dem anderen ab nach Ihrer Villa auf dem bläulichen
+Schnee. Mit Hagebutten in der Hand macht Margit
+noch Telemark und schaut herauf, dann saust sie hinunter
+zu Ihnen durch die Latschen. Alle schreien Ihren Namen,
+die Sie, auf dem Südbalkon Ihres Hauses, das Glas über
+den Augen, diesen Herabflug aus den Hängen auf sich zukommen
+lassen, beherrschten Mundes wohl, wie jede Ihnen
+unaufhaltsam nicht mehr zugehörige Bewegung.
+
+</p><p>Ich stürzte, über Heidekraut, sechs Meter ein Hecht durch
+die Luft, eine Parade der Arme, ich fiel auf die Erde zurück,
+der Bergkreis glühte, blau, dann schwarz. Als ich aus der
+Ohnmacht aufwachte, sah ich Ihr Haus, Lil Pax.
+
+</p><p>Ich habe mich aufgerichtet, die Stirn ist zwar verdellert,
+die Knochen aber sind heil. Ich habe den Fahrtrausch
+noch im Blut, das Risiko der Stürze noch im Hirn, der
+Tod hat mich nicht gedämpft. Ich bin voll Kühnheit und
+Begeisterung. Verdoppelt empfinde ich Erregung in mir
+laufen und Beglückung aufquellen satt und voll. Das brüllende
+Tier des Gestirns braust gierig durch das Blau. Ich
+fühle mich umschwungen von den Menschen und der Fülle
+ihres Atems und der Farbe der starken Empfindung, mit
+der diese alle ihre Leben hier gelebt.
+
+</p><p>In dieser Sekunde der Höhe aber reißen die Menschen
+ab aus der Melodie. Die Woche, die sie füllten, gleitet
+zurück zu Ihnen, wie zum Mundstück eines Instrumentes.
+
+</p><p>Sie nehmen es, schlank, und scharf aufgerichtet in die
+Hand, führen es an die Lippen: da stürzt sich alles in Sie
+hinein, begierig, daß Ihr Atem ihm erst Gesicht gibt und
+es brennend hinauswirft. Was ist um mich all das Getümmel?
+Ein Teil von Ihnen. Ich sehne mich in Ihre
+Einsamkeit aus aller meiner Fülle.
+
+</p><p>Ich spüre Sie in meinem Leben als die Bringerin.
+Im Seedorf der Vogesen, in der Entferntheit der Blumengärten
+Immenstads, in Norrbrö, im fensterlosen Gemach
+meiner Heimatjahre spüre ich Sie als die größere Vielfalt.
+Denn wenn Sie wollen, werden Figuren und Reihen der
+Menschen auf der Ebene der Wand mit der Musik ihres
+Blutes erscheinen, beherrschter und glänzender als die meines
+Erlebens, so als bliesen Sie sie in Wahrheit auf kleinem
+goldenem Instrument zart herüber aus der Einsamkeit der
+Überwindung in meine Einsamkeit der Fülle.
+
+</p><p>Ist dies der Abschied?
+
+</p><p>Ich kann, beglückt von dem wilden bronzenen Schild,
+das die Sonne über die Steppen schüttelt, sportiv, kräftig,
+Strapazen überlegen, ich kann meine barbarische Stärke
+nicht mehr dem Zauber entgegensetzen, der, aus Verhängnis
+und Versagtem gebildet, Ihr Lächeln ist. Es ist zu schwer,
+wenn man so Großes durchschaut, an sich zu glauben.
+
+</p><p>Sie winken ab mit der Hand: Sie lieben mein Leben.
+Sie glauben an den Reichtum selbst meiner Melancholien
+und sind erfüllt von dem Aufgerichteten meiner Phantasie.
+Sie haben Leidenschaft für meine Welt. Sie sind neidlos
+entzückt, wenn ich diese Welt in die Hände nehme, mit
+Fingern und Zähnen den Saft auspresse, Sie lieben das
+Bunte, verehren die Stärke, Sie glauben an die Schönheit
+des wilden Bildes und die Größe des erregten Blutes.
+
+</p><p>Was aber ist es gegen Ihre Welt? Man kann sich
+nicht finden. Welche Tragik, daß, was Ihr Elend ist, ich
+liebe, daß, was mir ein Nichts ist, Ihnen erhaben scheint.
+Man soll sich nicht belügen. Wie kann man genießen, was
+den anderen quält? Es ist bitter genug, mit Verantwortung
+zu leben. Bebauen wir unseren Acker und entfernen
+wir uns von den Qualen, die wir nicht mindern können.
+
+</p><p>Ich habe mich aufgestellt. Die Augen brennen aus der
+Ohnmacht noch auf dem Schnee.
+
+</p><p>Als mich die Bretter in weitgeöffneten Schwüngen ins
+Tal hinunterziehen, sehe ich keine andere Bewegung als
+die aus diesem Zustand in den der Entfernung.
+
+</p><p>Ich bin ein törichter Mensch und züchte mir Qualen,
+statt sie leicht zu nehmen und mit Selbstverständlichkeit zu
+bezwingen. Ich mache sie groß, weil ich sorglos bin. Man
+könnte leichter leben.
+
+</p><p>Wie ich die Skier unten löse, hindert mich nichts mehr
+am Abschied.
+
+</p><p>Am Abend kam Kerstin.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Am Abend kam Kerstin in mein Haus. Musik ging
+vor ihr her, und die Berge schimmerten näher von
+ihrer Blässe. Die Sarabande des Sturzbachs formte über
+ihrer Schulter etwas wie undurchsichtigen silbernen Regen.
+
+</p><p>Sie griff einen Stuhl bei der Lehne.
+
+</p><p>Ich dachte:
+
+</p><p class="indent2">
+Man solle vor wilde Tiere sie führen und
+in Versammlungen, wo der alte Fanatismus der Menschheit
+ins Böse bricht, damit das Gleichmaß vom Ineinanderfließen
+der Beine und des Bauches und die rührende
+Schönheit des erschütternd schlanken Gesichts die Stille
+auslöse. Brüllende würden lächeln, Tobende demütig werden
+an diesem Körper.
+
+</p><p>Keine der Frauen, deren Hüfte mein Frühling, deren
+Brust mein Weglager waren, die ich Jahre hindurch
+schmerzlich durchwandert, hatten soviel Macht als dies ledigliche
+Dastehn.
+
+</p><p>Sie hatte, wenn sie lächelte, etwas, was schon zerfloß,
+und das orchideenhafte Rosa der Bluse schien aufgelöst
+über der alabasternen Höhe der Brust.
+
+</p><p>Sie nickte, als sie aufstand.
+
+</p><p>Sie ging.
+
+</p><p>Und entzog mich mit dieser Bewegung jedem Gedanken
+und Koffern, die den Abschied erdrängten, und mit einer
+märchenhaften Hebung der Achseln beweist sie, daß ich ihr
+Haus sehen soll, nicht allein das ihre mehr, und die Luft
+behält diese Rundung der Schulter wie einen Abdruck.
+
+</p><p>O Sommer, den wir glücklich waren, die Hindin und
+jener, der mit ihr über den Rasen lief:
+
+</p><p>Als jener See damals nichts war als ein Spiegel für
+ihre Schlankheit, der manchmal selbst in seiner blausten
+Verjüngung zu schwer schien, soviel Anmut zu tragen, aber
+mit schwingenden Uferfacetten sie von neuem faßte in einer
+Demut und Geduld, die uns überraschte .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Als Lella neben ihr ging, die ägyptische Königstochter,
+und von der braunen Vierzehnjährigkeit ihrer Knie und
+der Hängelocken über den Ohren die Reiter hingezogen
+hielten, und deren Beine so hoch und überlegen standen
+wie das schwarzseidene Trikot um ihre engen Hüften &mdash; &mdash;
+und als ein Rascheln deines Kleides uns mehr schien als
+Lellas ganzer Leib, um den zu sehen selbst die fünfzigjährigen
+Landräte und Rennstallbesitzer Löcher in das Damenbad
+bohrten, und deren Besitz uns doch die tragische Unerreichbarkeit
+ihrer Jugend erhöhte .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Als sie im Stern von Gudrun saß, und wie eine Weiberbrust
+unser Segel im Mondschein flauschte und sie plötzlich
+das Wasser küßte mit einer jähen Bewegung über Lee und
+ich tagelang dachte: sie hat den See geküßt, meine Freundin,
+was soll nun das Leben, es ist so silbern geworden. Wir
+ertragen die Dämmerung nicht mehr .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Als durch die Dorfstraße auf dem geschmückten Narzissenmotor
+die Hochzeit kam mit vielen Offizieren und
+Orden, und in der Dorfkirche der Sänger im Requiem
+stecken blieb, wie er sie an der Säule sah .&nbsp;.&nbsp;. und plötzlich
+alle von dem Priester sich umwandten, sie anzustarren,
+als sei sie aus der Säule gehauen und flöge mit ihr auf
+abgesenkten Flügeln in die Höhe, nachdem eine Sekunde
+ihnen unwiederbringlich die Hüften des Paradieses gezeigt.
+
+</p><p>.&nbsp;.&nbsp;. und als nach einer Woche alle Skiläufer, Dirigenten,
+Spieler, Arbeiter, Segler, Fischer, Bauern, Bankiers
+nichts wollten, als daß ihr Blick auf kurze Zeit auf
+ihnen ruhe &mdash; &mdash; und wir den Berg in der Frühe erstiegen,
+die Alpen ausgebreitet lagen tief wie die Kolonnen der
+Engel .&nbsp;.&nbsp;. und sie gegen die siebenfache blaue Staffel des
+Horizonts vorging, die Hand hob und nun kein Blut, kein
+Fleck der Haut es anders wußte, als daß ihr Lächeln nur,
+ihre Hand allein sie weich und schwebend erst formte, Amaranth
+hingab und seidige Härte &mdash; &mdash; und als sie bei mir
+war unter dem Park und aufschrie, und am Morgen im
+Pyjama durch den Taugarten ging, und die vier Nachtigallen
+wie ein Gewitter rasten zu einer Stunde, wo bedingungslos
+sie sonst schwiegen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+aber das Trommeln
+und Steigen ihres Gesangs so zerschmetternd war, so sehr
+nahe der Höhe der Lust, daß ich den Scheitel des Sommers
+erbebend unter mir fühlte und wußte, nach so ungeheurem
+Erfüllen käme nur ein hinab .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Was ist geworden in den Jahren, die ich im Süden
+ein Hund war und Suchender und Wüstling und nicht
+gedachte an deine große Schönheit &mdash; und zwischen Segelfahrt
+und hellenischem Frühling nichts die Zeit überbrückte
+zwischen mir und unseren zartesten Sekunden &mdash; &mdash; und
+was hat dich in anderen Armen verwandelt und hinter
+welchen Mannes Gefühl ist dein Gesicht verborgen, daß
+nicht einmal der irrsinnige Hochmut deiner Mädchenhaftigkeit
+mir vertraut und nah ist, mit dem dein Blick mich
+ans Kreuz schlug, als ich am Ufer dich ansprach mit dem
+Wort zu scharf und leicht für deine frauenhafte Bedeutung
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. und daß nun, wenn du fremd in deinen Kleidern
+hinausgingst, die Sehnsucht nach deiner Entferntheit
+und die weite Kühle deines Lächelns mich tot machen,
+meine Freundin?
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Zwei Tage mied ich Kerstin, zwei Tage lief ich mit der
+Midussi.
+
+</p><p>Wenn sie die Locken schüttelt und feig vor der Schußfahrt
+in die Knie geht, und die prinzessinhaft im Nacken
+geschnittenen Haare ihr in die Zähne flattern, hören selbst
+die erregtesten Weiber auf, sie mit Steinen zu werfen und
+zu begeifern, ihrer engen Skihosen halber, sie selbst aber
+ist nie abgeneigt, mit dem Schrei loszufahren, zu kratzen
+und die angesammelte Meute sechs- und achtjähriger Knaben,
+Eiszapfen schwingend, zu sprengen. Zehn Männer, die
+den Kranz ihrer Kali-Syndikat-Millionen anzubeten lediglich
+nicht müde zu werden hofften, fiebern nachts nur noch
+von ihren spielerischen, lesbischen Beinen.
+
+</p><p>Sie hat eine Locke zwischen den Augen in der kleinen
+Stirn, und das achtzehnjährige sizilische Gesicht ist krank,
+bös, schön gespannt in der aufregenden, von ihren Blicken
+verdorbenen Luft um sie.
+
+</p><p>Sie quält, lächelt und ist kühn genug, im verruchtesten
+Loch mit der großen weißen Perlenkette dem Schwarm
+der Bauernmasken sich zu mischen, die, durch ihre Holzmasken
+wie Hunde heulend, im Kilometerradius einen
+Zirkus von Tanz um die Gebirgskette schlagen, und aus
+deren Weiberröcken und wilden Fäusten sie heiser lachend
+entgleitet, den Saal hinter sich zurücklassend, aufgepeitscht
+bis ans Geheul.
+
+</p><p>Ich weiß nicht, ob sie mich haßt, aber es mag sein, daß
+dies ihre Liebe ist.
+
+</p><p>Die Syrakusanerin läßt den Schlitten voraus fahren,
+Schellen klirren sacht, hell. Wir kommen auf den Pfad,
+wo die Angehörigen eines religiösen Hotels, mondäne
+Nonnen, an uns vorüberstreichen. Es geschieht, daß die Midussi,
+die Zähne im verbrauchten Gesicht, sagt, daß Picard
+zum drittenmal ihr an den Hals gedroht, führe sie nicht
+nach München &mdash; &mdash; fürchtet sich, schaut schräg auf.
+
+</p><p>Wir lachen. Da es auf diesem Weg ist, erfüllt sich
+unser Gelächter zu einer Schleife, die am Hausberg sich
+hinaufsingt, oben fast donnert.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Samstag kam ein Brief von der großen Diva.
+
+</p><p>Marga Ritterstad.
+
+</p><p>Lil Pax las ihn. Als gespenstische Schaukel schwingt der
+Wachsensteinobelisk sich aus Geschleier und zurück. Unsere
+Augen treffen sich dazwischen.
+
+</p><p>Die ihren meinen: auch der metallene und schmale Stolz
+der Spaniolin könne soviel Blondes liebend anerkennen,
+denn es sei gut und von gewisser Bedeutung, und, wenn
+man vieles leide, sei manchmal auch das Zweckloseste sehr viel.
+
+</p><p>Ich sage:
+
+</p><p class="indent2">
+&bdquo;Hat man je den Mut gehabt, das Spiel auf
+das Strenge zu richten. Man verzeiht. Man lächelt.
+Niemand klagt an. O, wenn ich die Kinos alle hätt in
+meiner Hand!
+
+</p><p>Als ich einmal jene drei Tage mit ihr durch alle Cafés
+und Theater und einen unvergeßlich perlmuttenen Frühlingstag
+geglitten, und aus einer Loge sie durch plötzliches
+Schneegestöber in die Bahn gebracht, blieb etwas wie Verzauberung
+über den Straßen hängen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. denn soviel Liebe
+sie empfängt, strahlt sie zurück.
+
+</p><p>Man kann ihrer Spur folgen durch die Wüste. Morgens
+kam ich nach Nürnberg, lag im Bette, telefonierte dazwischen,
+durchschlief den leeren Tag. Am Abend überwogte
+mein Auto aber die Brücken und Hügel der Stadt, ich
+fuhr von Kino zu Kino in der von der Dämmerung entzündeten
+Sehnsucht, die Blonde zu suchen, und ich erregte
+am Egidienplatz einen Auflauf des Volkes, das dort noch
+nie einen Wagen gesehen, wo ich in der Baracke sie fand.
+
+</p><p>Wie lieben die Menschen die Kostbarkeit ihrer Haut und
+die erlesene Haltung ihrer Augen!
+
+</p><p>Piccolos zittern knabenhaft und ohne Frechheit, denn
+ihre Träume haben nie geglaubt, daß so Herrliches wahrhaft
+an Restaurationstischen atme und speise.
+
+</p><p>Kellner verbeugen sich gleich vor der selbstgeschaffenen
+Königin ihrer Liebe.
+
+</p><p>Köche, vom Gerücht im Betrieb elektrisch erreicht, garnieren
+nur ihren Fisch mit hingebender Kunst, Portiers
+eilen, Chauffeure, von anderen gemietet, unbestechbar, brechen
+auf unter dem Schlag ihres Namens, rasen und schmeicheln
+sich, mit großer Bewegung sie grüßend, keinen Lohn
+zu empfangen.
+
+</p><p>Nie hätte ich gewagt, zu glauben, daß dies Volk der
+Sklaven, das vor verrunzelten Wittelsbachern und leberleidenden
+Hohenzollernfrauen erbleichte, so viel Größe habe,
+sich eine Fürstin ihrer Liebe zu schaffen.
+
+</p><p>Sie ist die weiße Göttin der Masse.
+
+</p><p>Sie lieben diese Frau um ihres Auges, ihrer Hand, ihres
+Lächelns willen. Nichts weiter. Man neigt sich vor der
+Wahrheit einer Legende.
+
+</p><p>Überall, wo ein W. C., eine Kirche, eine Kaserne sich findet,
+flimmern die Lichtspiele, durchdringen die Rinde des Erdballs,
+stehn auf Schiffen, in Klostern, auf Inseln, in Lazaretten,
+Bordells, Villegiaturen, Steinbrüchen, Sanatorien,
+Irrenhäusern, Auswärtigen Ämtern, Polizeibüros,
+Landwirtschaftskammern, Redaktionen, Expeditionen, Luftschiffen
+und Völkerkriegen.
+
+</p><p>Ihr, die ihr wach seid, die Freiheit fordert, Gerechtigkeit
+liebt und gegen den pfaffenhaften Schwindel eurer Volksbildung
+lächelnd und, moderne Berserker, anrückt und feuert,
+die ihr den Erdball aus infamen Achseln klappt und nicht
+vergeßt, dabei die Marseillaise eurer schönen Herzen zu
+singen, euch, die ihr euch hingebt, duldet und tapfer seid
+im Blut, schreie ich hinaus: Nehmt die Waffe. Laßt die
+Theater, die Intellektuellen nur spielen und bourgeoisem
+Geist, der verfettet ist wie ein Alkoholikerherz, treibt diesen
+Kreisel durch alle Niveaus, Kreise und Staffeln.
+
+</p><p>Schiebt die Erschütterungen auf die Leinwand, von ihr
+hinein in die Adern, füllt durch sie den Pulsschlag, schafft
+einen Riesenkreis der Wirkung. Treibt die Besitzer der
+Sauställe aus, baut Kinohallen. Enteignet diese Gesellschaft.
+
+</p><p>Vertreibt das Gesindel aus den Tempeln, denen diese
+Frau nichts darstellt als ein Kapital von hundert Millionen,
+eine Tantieme, und sehr zu pflegendes Tier.
+
+</p><p>Dann wird die weiße Blonde in der Stille kommen.
+Der Moment der Erfüllung wird ein Blitz sein.
+
+</p><p>Auf daß sie nicht mehr der weiße Vampir sei, die goldene
+Schlange, das helle Marderspiel, sondern daß sie eine
+gewisse Demut ertrage und, von zehntausend Leinwänden
+in der gleichen Sekunde herunterwandelnd, von Rosenheim
+bis Chikago, Djursholm und Kapstadt, als unsere gute
+Frau von den sieben Schwertern und blutroten Rosen die
+Armen und Geschlagenen in Wahrheit heraufführe bis zu
+der sanften Höhe ihres Lächelns aus dem Rausch der romantikverstunkenen
+Löcher, in denen selbst die Verwüstetsten,
+um ihren Glanz anzubeten, nie erlahmen werden, ihre
+kargen Abende und die Dämmerungen des Frühlings hinzugeben.
+
+</p><p>Und, die heute täglich suhlt à la boche in den Lachen
+der von Kocherls und Ladnerinnen umjauchzten Geschwätze,
+wird vor ihnen hergehen, wahrhaftig, Instrument der Gesinnung,
+Jungfrau von Orleans mit der blonden Krone
+und dem liebenden Beispiel, Entfacherin echter Tränen,
+guter Handlung &mdash; &mdash; &mdash; .&ldquo;
+
+</p><p>Lil Pax hat die Hand gesenkt, die mit den Haaren Margits
+spielt, die diesen Augenblick mit vor innerer Spannung
+erfrorenen Augen empfindet, und sagt: &bdquo;Silberner
+Vampir&ldquo;.
+
+</p><p>Die Wolke ihrer Augenlider hat einen sehr entfernten
+Glanz. &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Am vierten Tage kommen Kerstins Pferde, schellen im
+Garten, treten, stampfen, werfen auf eine Säule Dampf.
+Ich trete ans Fenster, fasse den Laden fest. Nehme die
+Skier.
+
+</p><p>Folge Kerstin in ihr Haus.
+
+</p><p>Staune nicht.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Es scheint, als gebe das Klavier Kerstin eine bewundernswürdige
+Maske von Kraft und Zorn, und die Vollendung
+ihrer Hände erreiche in der Berührung der Tasten
+eine Erhöhung der Töne, die sich dichter immer zwischen
+sie und mein Hören stellte .&nbsp;.&nbsp;. und die langsame Verdunklung
+ihrer riesigen Diele sammle aus der florentinischen
+Seide der Wände und den aus Feuer gefärbten Bildern
+Marées eine Stärke, die sie mir wehmütiger und ferner
+entzog.
+
+</p><p>Sie sprang zu Chopin.
+
+</p><p>Ihr Rücken bog sich wie ein Coli im Sprung, und jene
+Süßigkeit der Weidengerten war dazugegeben, die den März
+zum schmiegsamsten und verführerischsten aller Monate macht.
+
+</p><p>Ich verstand die Musik nicht, die sie davontrug, und ich
+fand, man vermöge wenig Sinn zu finden für dieses, wo
+die Natur uns täglich säugt und wir verliebt sind in sie
+mit unsterblichen Gästen.
+
+</p><p>Ich sage:
+
+</p><p class="indent2">
+&bdquo;Weißt du, wie Lia von Florenz sprach und
+jener Sonne Eures Ateliers und Speyer und Lucius und
+jener Sinfonie, die mit Gold und Musik Ihr morgens über
+die Hügel stürztet &mdash; und ich schwarz, zerschlagen, gepeinigt
+vom Bild jener Stadt, in der ich diese Zeit damals verbrachte
+(Stadt bestürzender Enge, niederen Behagens, wohlgenährt,
+aber ohne Wollust, Stadt, der ein Schicksal
+Prüfungen nie gab, feist, faul und bürgerlich und selbst zu
+feig zur Sünde) &mdash; &mdash; daß ich gepeinigt nicht sagte: Dulden
+ist mein Los &mdash; &mdash; sondern ins Gewitterblau der Pflaumenbäume
+hinausging, am Bach Gott bat, mich hochzureißen
+an den Rändern des Gefühls, mit Zorn mich anzuschwellen,
+zu tränken und zu stärken, daß ich, unser dichterisches
+Schicksal erfüllend, blutigen Mundes den Haß der Vaterstädte
+ausrufe .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+und daß ich, weißt du noch, am gleichen
+Abend, als der Berg rot flammte, Vollmond aufsprang
+zwischen den Ufern, Hügel violett und bebend sich malten
+auf die sie kaum ertragende himmlisch-japanische Seide,
+daß ich in Eurem Boot dennoch nichts anderes tat, als
+dein Gesicht zu preisen. Es war mir nah wie mein Herz,
+und wie es heraufstieg aus der illustren Kette der großen
+Revolutionäre und Helden Deiner Familie und das Unvereinbare
+trug der Hingebung <i>und</i> des grenzenlosen Hochmuts
+(über den schwarzen Brauen und unter dem rauhen
+Helm der roten Haare), traf es mich in einer unbeschreiblichen
+Erlösung:
+
+</p><p class="indent2">
+nie habe gemischtes Blut von Franzosen,
+Juden, Aristokraten, Dichtern und Deutschen soviel wilde
+Schlankheit der Hüften und schmerzliche Verhaltenheit der
+schönen Nase in eine lückenlosere Harmonie des guten Weltbildes
+getragen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. und der See hielt deinen Leib wie
+ein Schild mit inbrünstiger Entsagung gegen den von
+Schwärmen übersternten Himmel.
+
+</p><p>Weißt du .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. als an dem Tage, wo draußen an
+der Notbucht einer umschlug, und die Kreuzbö uns überfiel,
+zu dritt wir uns über Backbord warfen, es drückten,
+den Gesandten Teherans von zwei Meter Länge im Lee durch
+das schwarze Wasser zogen, und Maria, als es ums Sterben
+ging, das Focktau in die letzte Messingpumpe sog .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+wie dein Gesicht allein mir lohte.
+
+</p><p class="indent2">
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. wie von dem Turm,
+wo nach dem Wasser einer wie ein Croupier, einer zum
+Land wie ein Rabe malte, jener Reiter, von Entzückung
+Illuminierter, dir die ganze Nacht Feuer über die Seezunge
+brannte.
+
+</p><p class="indent2">
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. wie wir durch die Sturmnacht auf
+den Rädern um die Seebögen heimwärts rannten, und
+das Aleppogeträum des Prinzen und Bagdad und Pera
+unsere Herzen verband, als lägen wir Gesicht an Gesicht
+in deinem Haus zu Fiesole.
+
+</p><p class="indent2">
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. wie der große Geländeläufer,
+in Davos und Edinburgh gefeiert, dich schlafend morgens
+im Boot entführte und abends abreiste mit eingesunkener
+Schläfe
+
+</p><p class="indent2">
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. wie der Ritter von Harty, dem die hohen
+kriegerischen Medaillen die Brust überschwammen, die Regatta
+unter deinen Augen verlor, am Strand saß und
+heulte
+
+</p><p class="indent2">
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. und wie der Arm der Diseuse, die nach dem
+Gewitter gedeutet, magnetisch angezogen dem Blitz nachjagte
+und auf ihn noch wies nach zwei Stunden auf deinem
+Balkon und dich ein wenig verwirrte.
+
+</p><p class="indent2">
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. weißt du, wie
+ich die flachen Hechtsprünge machte, um dir zu gefallen,
+obwohl die Narbe mich feurig schmerzte, und deine Hände,
+die gemacht sind, daß, wenn man dich liebt, man sie spüren
+muß oder krepieren, sie sänftigte und meine Eitelkeit linder
+tadelten als dein Wort.
+
+</p><p class="indent2">
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. weißt du, wie, als wir am
+Bach lagen, und die Idylle des Himmels und der Häuser
+uns verzauberte im gläsernen Mittagssturz, jene fremde
+augenmalayische Frau mit dem schönen Mund und den
+vielen Steinen, die wir als große Freundin von der Freundschaft
+später so sehr noch lieben sollten, das Auto anhalten
+ließ und ausstieg und zu dir einfach sagte: &bdquo;Wie schön sind
+Sie&ldquo;, als seiest du eine Wiese.
+
+</p><p>Aber eins, weißt du, kann ich nicht ertragen:
+
+</p><p class="indent2">
+Du hast
+zwischen Tau, Flieder und Vögeln mit deinem Körper getanzt
+in unserem Park am Morgen, und nichts blieb uns
+fremd von deinem Bein und deinem Hals und den Brüsten
+&mdash; &mdash; und ich habe jeden Teil durch die Luft genossen und
+geliebkost wie ein Irrer .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+und kein Teil deines Körpers,
+Kerstin, vergaß mich (wenn ich anders sprach, log
+ich) und jeder hielt an sich, blieb bei mir und besaß mich
+toll in den Jahren, die sich, während ich uneingedenk deines
+Schicksals durch viele Leben dahintrieb, geheimnisvoll zwischen
+dein Leben damals und dein heut verhülltes Leben
+spannen, meine Freundin.&ldquo;
+
+</p><p>Sie stand auf.
+
+</p><p>Die zwei dänischen Doggen gehen vor ihr her.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Ich folge. Ihrem Rücken nach.
+Ein Fischer, Kerstin, hat mich einer Frau mit weißen
+Beinen aufgeladen, hielt mit der einen Hand ihren Hals,
+mit der andern die Knie. Ich wurde in einem Boot gemacht.
+Flog mit Störchen, blies Frösche auf, vergaß nie,
+daß der schlagende Horizont einziger Freund.
+
+</p><p>Kam, als das Geheimnis der aufgebauten Körper mir
+noch Erlebnis schien, wert nachzuspüren dem göttlichen Zusammenhang
+Eileiter, Sonne, Hoden, Niere und Leidenschaft,
+mit der Syphilisexpedition, mit Reagenzen,
+Spiritusblasen, Zeichnungen, Wassermann, Abnormitäten,
+nach Sumatra. Ätiopinnen liebten mich, wenn wir auf
+den Schilfbarken fuhren. Tja&mdash;ka .&nbsp;. i lärmten die Papageitaucher
+hinter Trontje.
+
+</p><p>Mein blondes Haar band die schmale Luxemburgerin im
+September vor ihrer großen Heirat um ihre Zehen. Habe
+an Häfen gelungert, war Photomodell, Araber im Sketsch
+des Odéon, verkaufte Zeitungen vor der Opéra und quer
+über die Boulevards. Wie groß war der Sandwind selbst
+der Passy-Kloaken!
+
+</p><p>Wie stählern flog der Himmel auffeuernd hinter dem
+Rußschwanz der Seineschlepper. Ich habe Tierschmalz in
+den Knochen. Wohne in einem Bauernhaus, Kerstin, das
+in der Sonne schaukelt auf einem Bergpfeil. Mit dem
+Pfiff auf zwei Fingern hole ich den Himmel runter wie
+einen Hund.
+
+</p><p>Was soll mir hier um dich der Plunder?
+
+</p><p>Sag, Antilope, blaugelber Ara, Perlreiher, kleinpupilliger
+Puma, zahmer Südleopard .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. was soll mein Blut mit
+dem Angehäuften, Verfaulten, hinfälligen Zauber, der dich
+verkapselt, und den, eh die fremden Hände in diesem Haus
+ihn um dich zogen wie einen Keuschheitsgürtel um deine
+Schenkel und Augen, Jahrhunderte nur blutlos häuften,
+verehrten, bewunderten, um allein dich abzuschnüren von
+mir, von dir. Niemand kann lachen in dieser Feierlichkeit
+hier. Doggen erfrieren und gähnen. Mir ist im Hals, als
+äße ich Waldkirschen, Galläpfel, Holzbirnen.
+
+</p><p>Der Römer aus Bronze glänzt ab auf deinem Rücken.
+Die sieben Knaben Donatellos werfen den Marmor auf
+dich und verkühlen dich zu Ferne. Die frechen, schmalen
+Stiele der Orchideen überwuchern dich mit solcher Geilheit,
+daß sie der Köstlichkeit des Halses noch verzaubertere Linien
+hinzufügen.
+
+</p><p>Und die Luft der Gobelins, gebogener Kassetten, der geschlechtlosen
+Figuren des marmornen Klassizisten Hildebrandt
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. saugen dich auf in ein Maß der Entzogenheit, daß
+selbst der weiche Staub des Wassernebels vor dir zurückfüllt.
+
+</p><p>Was geschieht, bezaubert, besitzt dich so stark, daß selbst
+die sechs Sekunden, die ich dir über die Veranda langsam
+folge, dich, um die unsere Statuetten gierig glühten am
+See, Schmetterlinge und Tücher brannten, Sträuche wie
+Wind wehten, daß selbst die sechs Sekunden dich verhüllen
+und vermoosen und hineintauchen in dies deinem Wesen
+Un-Nahe, Verhaßte, langsam Entfremdende? &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Sie bleibt stehen.
+
+</p><p>Ich schaue auf.
+
+</p><p>Die Brust des Schlosses stürzt vor meinem Blick mit
+einer Glaswelle über den Abgrund.
+
+</p><p>Da steigt und bäumt das Gebirge draußen auf hinter
+dem Glassturz, flammt im Saublut des Mittag, steigt und
+brüllt und saust und sinkt hinter die glitzernde Scheibe wie
+eine geblasene Spiegelung.
+
+</p><p>Eine Sekunde schwebt auf den Wagbalken.
+
+</p><p>Welches ist die Welt, die eigentlich mich explodierende,
+aufschwingende: draußen das? Hier? Ist draußen das ein
+Phantom, was ich liebe zum Verrücktsein, die Brust der
+Alpen, an denen selbst die Schweine gut wurden, das
+Hochkar, das gleich machte, das Menschliche aufschälte wie
+eine Orange, Lawinen, dressierte Sturmflocken, die Mutterbrüste
+der Schneehimmel, an denen wir hingen, an ihrem
+fahlen Zinnglanz schmatzend, saufend, mit vollen Mäulern?
+Ist das nichts, nicht ein Winterinhalt, ein Leben? Verzuckt
+es hinter dem Glas? Hält nicht stand dem Leben
+hier drinnen, dem wilden Geruch aus dem Jahrhundert,
+der Gebärde schrankenlos aufsteigenden Daseins, verwirrenden
+Gobelinsprüchen, Waffen, dem Bauch des Michelangelos
+Tritonen? Wird es schon Blase. Zerplatzt, abgenutzt,
+blaß, ein Nichts? Blähung, die mir ins Gesicht
+fährt? Spiegelung, die mein Blut betrog. War mein
+Leben umsonst?
+
+</p><p>Da dreht Kerstin ihre Hüfte in die bebende Sekunde
+mit einer Bewegung der Achsel, wie, mit Kristianiaschwung
+brausend, sie gestern bremste, als neben mir, in Hosen die
+schönste Statue, sie in den flamingonen Abend mit mir vom
+Gletscher schoß. Die Wagzunge bebt.
+
+</p><p>Die Wage schwankt, geht hoch.
+
+</p><p>Ich sehe endlich ihr wahres Gesicht, ihr Gesicht.
+
+</p><p>Mit leidenschaftlicher Durchdringung durchsüßen die Bogen
+der Schneefelder, wie herübergeschienen, ihre Haare, die
+Brauen. Sie spiegeln sich ineinander in tiefem Hingegebensein,
+bis sie, sich vertauschend, vergehen.
+
+</p><p>Es war, als mische in einer unlösbaren Sekunde die
+Landschaft und das Weib sich, die wir beide nur durcheinander
+ganz zusammen und vereinigt unendlich lieben und
+erfassen können bis zum Tode, auf ihrem Gesicht zu einer
+Vollendung, in der die Glut keines Sommers, das Zucken
+keiner Umarmung, nicht die Ausschweifung der Mondnacht,
+keine Gefahr, Demut und Riskieren, und die blutige Wut
+keines Eistages fehlte.
+
+</p><p>Wie strudeln die Weidenbäume märzlich herein! Suchen
+Schneeflammen sich an dir zu zerstören. Tost der Kessel
+vom Signal des Bobs und erschüttert der Himmel sich
+mit Süße!
+
+</p><p>Die Wagschale saust in die Höhe. Dein wahrer Kopf
+kommt herauf. Ich sprenge die Zeit von deinem Mund,
+deinem Auge. Breche es auf bis ins Blut. Dein Gesicht
+kommt herauf. Ist da. Ist da. Ich sehe jede Spur deines
+Körpers, wie an dem Tag, da du tanztest.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Zwei Tage werde ich dein von innen mir zugewandtes
+Gesicht sehen wie den segelnden Mond. Ich will dir
+den Abgesang bereiten, meine Freundin.
+
+</p><p>Du wirst die schönste sein auf dem Wege von der Geliebten
+zu der Kameradin, und das Geheimnis wird sich
+in dir bestätigen von der späten Freundschaft mit den
+Frauen, an deren Brust wir von der Pilgerfahrt wie an
+der Mondflamme uns golden ausgeruht.
+
+</p><p>Dein Schritt wird als ein Echo irgendwo lauschend
+stehen. Aus jedem Spiegel wird unserem eigenen dein tragischer
+Stolz entgegenschnellen und verschwimmen. In
+großer Brandung wird dein Gedanke mich treffen.
+
+</p><p>Selbst unsere seltene Ruhe wird durch dich schwebender
+und gleich einer Ballonfahrtschleife, deren Klarheit die
+Geräusche des Bodens in der Ahnung nur steigert, aufglänzt,
+hebt.
+
+</p><p>Jedermann weiß, was das Summen einer Goldfliege an
+Ungeheurem ist in einer Sommerkuppel. So warst du.
+
+</p><p>Als du kamst, sangen die Hunde dir zu in ihren Träumen.
+Die Sarabande der Sturzbäche machte eine silberne
+Wolke hinter dir, und dein jungfräuliches Herz verlangte
+nichts andres, als guten Saft deines Lebens meinem Eindringen
+entgegenzutreiben.
+
+</p><p>Und siehe:
+
+</p><p class="indent2">
+Dennoch .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. bringst du Unheil über mich
+und alles, was ich tue.
+
+</p><p>Schon im Sommer barst der Riemen, verlor ich die
+Wette, kenterten wir beim Halsen, mißlang eine Arbeit
+von drei Jahren. Heute nacht sprang meine Uhr, raste
+ein Wecker, kam ein Todtelegramm. So vieles schon treiben
+die wenigen Stunden herauf, seit ich deinen Geruch
+wieder spüre. Wird morgen der Sprung vom Skihügel
+meine Knochen zerknacken, wird mein Schlaf mir entzogen,
+erkrankt meine Niere, wird der Geliebte der Midussi, weil
+sie noch bleibt, der Locke inmitten ihrer Stirne halber,
+am Bahnhof mit dem Revolver mir auflauern, mich erschießen?
+
+</p><p>Dann bist du entfernt, und die Geschicke knallen aus
+den Federn.
+
+</p><p>Aber ich lache.
+
+</p><p>Siehe den Sinn herauf der Kraft und weiche nicht eine
+Minute. Gerne hielte ich, verzaubert von solchem Schicksal-Gegner,
+die Hand in deinem schönen Fleisch, entzückte
+Parade, und mein trommelndes Herz wäre jede Sekunde
+bereit, durch die Tranches, die Fahnen, Tanks und die
+Marne des Schicksals hindurch sich zu schlagen. Denn
+siehe: ich kann nicht leben, wenn nicht mein Ehrgeiz
+Flamme speit gegen Widerstände, Schicksale abdonnert,
+sich riskiert &mdash; und der Condottieri meiner Adern aufbricht,
+steigt, strömt vor Stolz.
+
+</p><p>Aber du.
+
+</p><p>Du hast deine Schönheit in wechselndem Spiele ausgeliehen
+an die Dinge, die um dich sind. Es liebt dich
+jeder Baum, jede Wiese und jeder Himmel. Zu festes Halten
+ist Tod aber für die großen Liebenden. Deine blumenhafte
+Zartheit abzulenken vom sanften Gleiten deiner fatalen
+glückhaften Bewegung in die anderen Zustände deines Verweilens,
+zerstörte nur deine kostbare Form. Es heißt zurückgeben
+dich an das Viele, dem du gehörst, Entzogene den
+Leberblumen, dem Kiesweg, dem Hochkar, den Matten des
+Forellentals und Weidentroddeln der Bäche, den Dörfern,
+Gehöften. Sie lieben dich alle, warten in Sehnsucht. Ich
+kann sie nicht ersetzen, nicht immer um dich sein, dich nicht
+mit tausend Vertauschungen sehnsüchtig halten.
+
+</p><p>Wie sollte ich leben?
+
+</p><p>Nur auf der Höhe der weit und wie Pfauenräder verwirrend
+geschwungenen Gefühle uns begegnen, durchdringen
+und kulminierend besitzen &mdash; &mdash; wie schön unser Schicksal.
+
+</p><p>Du wirst nicht weinen.
+
+</p><p>Der Abendgesang der Berge ist wie Glas. Regenbogen
+des Mondes spielen darauf. Die Schweife der Pferde
+sirren dir nach: Geliebtes.
+
+</p><p>Selbst Lil Pax wird in den guten Stunden ihrer Krankheit
+beten, daß du sanft durch den Abschied entgleitest und
+gut es hast, bis idiotische Schaffner den Morgen aufgellen:
+Fiume .&nbsp;.&nbsp;. Buccari .&nbsp;.&nbsp;. Czirqueniza .&nbsp;.&nbsp;. und milde See
+dein florentinisches Lächeln spiegelnd tragen.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Die Leidenschaften haben sich erfüllt. Selbst die Trennung
+ist da eine heitere Bewegung. Man muß zu
+leben wissen und sich einrichten. Man trägt den Kopf nicht
+zwischen den Schultern nach hinten. Hinter Gewesenem
+seufzen? Die Sentimentalen haben nie eine Frucht aus
+der Leidenschaft gezogen. Daß etwas so war, ist eine Herrlichkeit.
+Schied es in Harmonie, welch ein Besitz!
+
+</p><p>Als ich mit Lil Pax am Abend um den See fuhr,
+hatte Uga, die Bronzenymphe des Grundes, ihre Lage verlassen
+und es schien, daß sie sich mit Bauch und Gesicht
+ein wenig gegen den Wagen hin unter der grassilbernen
+Oberfläche bewege.
+
+</p><p>Das Grün kam aus der Tiefe um ihre Glieder mit einer
+Stille herauf, daß dieser wundervollen Bewegung nur der
+Mond noch jene gewisse Starre hinzuzufügen vermochte, mit
+der er riesenhaft die Fahne der Schneefelder entrollte.
+
+</p><p>Der Mund neben mir lächelte voll Zurückhaltung.
+
+</p><p>Es gab nichts mehr in der Dämmerung als die selbstverständliche
+Bewegung der Nymphe. Um Baum und Eis
+und Pferde schwankte ihre Erinnerung. Dem Lauf der mondmagischen
+Berge gab sie das Maß ihrer Gegenwart. Wir
+fuhren durch die Fichten wie durch ein Spalier dieser Anmut,
+wenn sie sich in dem Reif bewegten.
+
+</p><p>&bdquo;Kann man&ldquo;, sage ich, &bdquo;jetzt noch den Mut finden zu
+glauben &mdash; und sei es nur der Sportlichkeit der Vergleichung
+halber &mdash; daß eine unter der Masse jüdischer Rodlerinnen,
+Danziger Offiziersfrauen, der Filmerinnen, bebuster
+Antiquariatsweiber, württembergischer Reichsgräfinnen,
+der Pilules-Orientales-Breeches, der Dichterinnen, der
+A. E. G.-Direktricen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. daß eine nur vermöchte, dieser
+göttlichen Bewegung sich anzugleichen und auch nur annähernd
+dieser Überlegenheit nahezukommen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+daß eine vermöchte,
+zwischen dem zarten Rosa der hochgeschwungenen Wade
+und den breiten dunklen Schenkeln, Kniescheiben von dieser
+Kleine und Rundung zu wiegen und die stählerne Wucht
+der Jägerin auf so verengten Hüften zu heben, daß Kerstin
+selbst diese Linien der Göttin nur in ihren besten Stunden
+ertrüge .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+daß zwischen hirnlosen gelben Husaren im
+Schlitten solch unirdische Geste irgendwo hier aufzustehen
+vermöchte, und daß unter der Verbrämung der Pelze der
+Blick einer solcher Anmut gleichkommenden Frau den Horizont
+absuchen könne bei den idiotischen Foxtrottphrasen der bayrischen
+Flachstirnen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+daß am Tisch in der Nase bohrender
+Tanzdivisionäre, korsettierter Hochstapler, kastrierter
+Erlauchte, gemalter Perlenweiber eine so gestaltete Frau die
+Angst der rasenden Großkapitalisten umschwirre .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+daß
+sie eintrete in von jüdischem Kommerzienrat mit dunkelbrauner
+Glatze und schlechten Knickerbokkers ihr geöffneten
+ausgehaltenen Appartements .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+daß vielleicht auf dem
+Eliteball der geflüchteten Aristokratie sie heimlich ihren
+Fächer trüge, und, in weißen Handschuhen und Hofballpantomime
+in schäbigem Restaurant die verfallene Zeit in
+den kleinsten Symbolen aus Trotz betonend, vor Spartakiden
+jede Minute erzitternd, zwischen schlecht geratenen
+fürstlichen Kuriositäten und vermiesten Exzellenzen in steifen
+Tänzen stünde .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. und vielleicht sogar in einer unheilvollen
+Sekunde dem fehlenden Kinn und der Grande-Bouche-Chevalerie
+des hohenzollernschen Reichspinguins
+entsetzlich verfiele .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+und daß in der plötzlich ausgelöschten
+und ohne diese Erinnerung freudlos gewordenen
+Schneesteppe überhaupt irgendwo, daß in Hotels, auf Bobs,
+bei Sonnenaufgängen, in gescheiterten Schlitten, bei Skistarts
+sich die grenzenlose Überraschung solch göttlichen Lächelns
+zu entfalten vermöchte, an dessen Entzündung die
+Leidenschaften erst sich zu entwickeln vermöchten in die
+märchenhafte Höhe .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p class="indent2">
+Aber alles in mir wird
+nun trotzdem die entsetzliche Bemühung antreten, dennoch
+ein lebendes Ebenbild zu finden, das, ebenso erlesen und
+dieser Gebärde an Schönheit vergleichbar, der frauenhaften
+Adligkeit Kerstins auch noch das Unbegreifliche der Göttin
+hinzufügte. Suchen wir. Es gibt keine Phantasien.&ldquo;
+
+</p><p>Aber es kam scharf aus den Pelzen, die einer Wolke
+gleich über dem Wagenbord flauschten:
+
+</p><p class="indent2">
+sie vermöge in Wunsch
+und Absicht dieses Planes schon nichts anderes zu sehen
+als jene maßlose Überhebung unserer Rasse, die, ohne Übergang
+der Kulturen, das Herrliche sofort für sich requiriere
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. und die wir glaubten, pathologische Athleten, neben
+der Dummheit den Mut der Stiere als Erbschaft tragend,
+auch das Gezüchtetste und Überirdische neige ohne Bemühung
+schon sich unsrer Ungestalt als natürliche Beute
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+und daß das kindische Haschen (und nicht begehrenlos
+Ertragenkönnen) nach der göttlichen Spiegelung mit
+seiner rohen und nur auf Gewalt gestellten Äußerung in
+seiner naiven Zufriedenheit schon jener unendlichen Rührung
+nahekomme, mit der der Glaube unsres Volkes, Gott habe
+vor anderen es auserwählt zur Herrlichkeit (obwohl er es
+mehr wie irgendein anderes als Sklaven gestempelt und
+täglich vor die Tiere warf) seine schwarz-weiß-roten Patrioten
+als so besonders arme Akkoucheure des Glückes erscheinen
+lasse .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+und daß schließlich doch nur Besessene
+und Wilde das Unmögliche nicht zurückschrecke, die wir auch
+nach der tragischen Lächerlichkeit unserer Revolten seit der
+Reformation bis zu den Bolschewiken das Bittre unserer
+menschlichen Unvollkommenheit immer noch nicht als Verworfenes
+erkennten .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. und unserer Rasse tiefste Mischung
+von Roheit und Sentimentalität auch in den überlegensten
+Minuten nicht verleugneten .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.: Barbaren der Sehnsucht.
+&mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Wieder überflog ihr Auge und den Mund der Charme,
+der an ihr Leben bedingungslos band, und der auch in
+der Anklage dem Gezüchtigten Bewunderung nicht entzog:
+&bdquo;Immer&ldquo;, klagte sie, &bdquo;sind die erstaunlichen Vögel seewärts
+gezogen und ins Meer gestürzt. Man kann sie nicht hindern.&ldquo;
+
+</p><p>Ich wende mich den Pferden zu vor Lachen.
+
+</p><p>In ihre Kosakenpupillen ist plötzlich das Grün getreten.
+Auf dem Bach zur Linken flimmert es in Kreiseln. Der
+Hohlspiegel der Gletscher wirft es mit Scheinwerfern herauf
+über die Schneeprärien. Die Erinnerung der Nymphe
+ist aus dem Spalier der bereiften Bäume heraus bis vor
+den Himmel gedrungen. Alle Entgegenkommenden haben
+Seefarbe über den Brauen. &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Da liegt nun das Leben zum Suchen. Die Leidenschaften
+sind in die größte Spannung getreten. Man sollte das
+Unvergleichliche nie erblicken. Man tötet sich aus Sehnsucht.
+
+</p><p>Wann hat das Göttliche je sich heruntergeneigt?
+
+</p><p>Ich finde es trotzdem.
+
+</p><p>Das Glück ist eine Hure für junge Leute und bereit
+für die zwischen Zwanzig und Dreißig den Traum einer
+Taille zu bestätigen.
+
+</p><p>Uga!
+
+</p><p>Ich finde deine Bewegung wieder, mit der du das
+Wasser deines Sees ein wenig erregtest und ich zittre, du
+seist es selber, so sehr hat die Frau, die auf Skiern
+nun steht und gegen das Gebiß der Gebirgszüge hineinschwebt,
+deine Kraft und deine Kühnheit. Sie hat die
+Hände in den Taschen und fährt mit karierten Breeches,
+die die Bluse wie einen Kelch heben. Man muß sie auf
+Skiern erreichen. Es ist eine wahrhaftige Jagd.
+
+</p><p>Uga!
+
+</p><p>Ich hole sie ein. Es ist unmöglich ihr einen anderen
+Namen zu geben. Ihre Haltung hat nur etwas Durchbebteres
+wie von einer Gazelle in den Hüften und von
+einem Schwan etwas Kühle um die Schultern. Sie erstaunt.
+Sie stellt sich. Ich sehe ihre Hände, ihr Gesicht.
+Selbst der Unmut ihrer Braue hat eine Richtung, als vermöge
+er sich aufzulösen und wegzuschwinden mit ihr in andere
+Gegenwart. Ich wische mit leisen Worten ihn weg.
+
+</p><p>Wir fahren zugleich ab, ich lasse ihr jeden Vorsprung,
+bemühe mich, daß sie auf mich, die Gewandtere, wartet.
+Aber auch ihr stolzes Lächeln hat keine festere Begründung
+als ihr Zürnen. Kein Horizont hinter ihr. Wenn ich ihr
+Leben weiß, bin ich soweit wie am Anfang. Um dies
+Lächeln zu sehen, tausche ich die Qual es nicht ertragen
+zu können? Welches Scheitern!
+
+</p><p>Mit großen Schwüngen nehme ich die Führung plötzlich.
+
+</p><p>Göttinnen lieben zu entgleiten. Aber sie gleiten mit
+Skiern nicht den Berg hinauf. Sie folgt geschlagen ins
+Tal. Eine Woche bleibt vor uns: bebauen wir unseren
+Garten! Ball, Pferde, Schlitten, Spieltisch, Bobs, Skijöring,
+Musik hinein in die Woche. Heran nun Tag auf Tag!
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Wir nähern am dritten Tag uns dem Kloster.
+Dem Wagen tritt in Parade Stück auf Stück
+der Landschaft entgegen. Der Kamelberg mit dem Tagmond
+schmal gezeichnet kniet vor das Tal. Die Madonna
+sieht, mit der großen Zehe den Zeiger der Sonnenuhr weisend,
+herüber zu Uga.
+
+</p><p>Sie zeigt das Raubtiergebiß, das Lachen der jagenden
+Diana.
+
+</p><p>Wir nähern uns dem Kloster.
+
+</p><p>Gold, blau und zärtlich im Weiß summt die barockene
+Kuppel in das fließende Hell, im Schweben von dem Aufstieg
+des Korbinian, Katharinas, Benedikts, Sebastians und
+der Heiligen Familie begleitet.
+
+</p><p>In der schwelgerischen Bläue steht die lateinische Stimme
+des Präzeptors rund und hoch, eine Lobpreisung.
+
+</p><p>Der Chor der Pagen, die ciceronische Perioden reiten,
+geht im Kreis in sanfter Herde die welligen Raine hinauf
+über die Zacken bis ins Licht.
+
+</p><p>Selbst die Gäule haben die Stille erfahren und traben
+an der Bergschlucht zum Brunnen mit einer Übereinstimmung
+der Hufe, als liefen sie in den St. Leonhardstag,
+an dessen Dämmerung die Pferde eintreten in ihre eigne
+lange und einsame Prozessuale.
+
+</p><p>Aber wo die bayrischen Aristokraten mit Flüchen auf die
+Revolten, falschen Pässen und in Mönchssoutanen durch den
+Hohlweg nach Österreich flohen, haben die Fahnen der
+Weidenbäume über dem Schnee sich so gesenkt, daß das
+seidene Rot von Ugas Mantel plötzlich von gelben blühenden
+Fransen umweht liegt, und selbst der Duft der Seidelbaste
+heruntersteigt und sich mischt in die Huldigung, die der
+frühe Frühling mit Himmelschlüsseln und Krokus um sie
+entfacht.
+
+</p><p>Selbst die Nässe, die vom Humus den Geruch des
+Frühjahrs zu der Bewegung der springenden Knospen
+hinaufträgt, scheint sich an ihr mit allen Düften, von
+denen die Luft sich schüttelt, zu entzünden, und jedes Element
+und jedes Ding scheint bereit sie an sich anzugleichen.
+
+</p><p>Wenn sie kein Fohlen wäre im Mutwillen ihrer Gelenke,
+in jedem Traumzustand der Wünsche würde sie als
+Forelle mit mir schwimmen in allen Bächen, die Abfahrt
+der Hügelfläche zum Haus Chrystophorus mit mir fliegen als
+mein Hikory, als mein Motor jubelnd mit mir schweifen
+über die Pässe. Welch sichere Gegenwart! Und würde
+nicht, der ungewissen schattenhaften Wildheit eines Tieres
+gleich, das mein Gefährt nur wie auf Sekunden begleitet,
+erst durch die scheue Berührung ihres Blickes die Sicherheit
+eines Lebens und einer glühenderen Gegenwart mir geben,
+deren Kühnheit mich erst völlig in den Rausch des Tages
+hinein begeistert:
+
+</p><p class="indent2">
+O ein Holzhacker sein zwischen der Chaussee
+und dem Wildbach! Briefträger zwischen den Leberblumen
+und Gletschern! Biene über den Kätzchen! Pferd nach dem
+Bergsee! Die rote Weste des Postillons, der die Kurven
+zum Pisaner Gnadenbild fährt, vor dessen elfenbeinerner
+Schönheit die Bauernmönche des Klosters täglich erschrecken.
+
+</p><p>Da spüre ich den Druck ihres Knies.
+
+</p><p>Von nun ab hat sich der Atem des Tages um sie zu
+einer Süße erhoben, um die nun alles ohne Abwehr kreist
+und fliegt.
+
+</p><p>Und während wir, in den Schleifen der Straße hängend,
+herauf und herab uns bewegen an der Seite des Gebirgs
+zum Tal, sehen wir, wie die Eisberge spielerisch sich neigen
+und heben und, sausend auf der Schaukel der Seligkeit
+gewiegt, aus dem Fasanrot der Ebene sich hineinbegeben
+in den gleichen Takt.
+
+</p><p>Mit gewechselten Pferden geht&rsquo;s in den Abend weiter.
+Fünf Fackelwagen liegen über uns in der Spirale. Die
+Feuerscheine huschen flackernd über Ugas Gesicht, ich sehe
+sie nicht deutlich.
+
+</p><p>Ich kann jedoch, mit klopfendem Herzen die Pferde nicht
+in den Umwegkreis zum See verleiten, wo durch die Konfrontierung
+mit der bronzenen Schwester ich den Zweifel,
+sie sei es selber, verlieren müßte, und, spiegelnd, das schöne
+Bild sich vollzogen hätte:
+
+</p><p class="indent2">
+daß der kühnen Bewegung der
+über das Grün des Wassers gebeugten Diana das schwermütige
+und wilde Lächeln der Nymphe vom Grund herauf
+entgegengetaucht wäre in einer beispiellosen Vollendung.
+
+</p><p>Doch unter dem Eindruck ihres lautlos geöffneten Mundes,
+wie vom Feuer aufgesprengt, heben die Gäule die
+Hufe und die weißen Bäuche senkrecht auf und biegen gegen
+die Kandare herum in den Lauf der anderen Wagen ein,
+den beschwerlicheren Weg mit hingebender Geduld hartnäckig
+wählend, den Terrassen zu, um über dem eisern und
+grau vor das Bergmassiv genieteten See den Morgen mit
+der Brandlawine zu erwarten.
+
+</p><p>Als das Bankett uns dann trennte, hatte die schöne
+gipsern geweißte Frau des Amerikaners neben mir nicht so
+viel Fähigkeit mich abzulenken, daß mir auch keine Zuckung
+an Ugas Arm unter dem Ärmel entging.
+
+</p><p>Meine Vermutung weiß, ohne daß ich es sehe, vom
+Ansatz der Knöchel aus deutlich, wie braun sie ist bis in
+die verschwiegensten Falten der Übergänge des Leibes, und
+die Haut, die föhnig den Körper überfliegt, hat nur die
+eine prächtige Stauung, wo sie den dunklen Hügel der
+Brust heraussprengt.
+
+</p><p>An ihren Beinen sieht selbst der nur nach schlanken
+Jünglingen hingewandte Flieger Sofias, daß, mit solch
+verschlungen gestählten Sehnen, sie, auf einer Kugel stehend,
+Tage verbringt, im Gras über Hügel und Raine hinspielend.
+Denn die erlesenen Muskeln, die groß und gedehnt
+geworden sind im Streifen durch die Sonnenkringel der
+Buchwälder und des Jagdparks, gehen in der Verwegenheit
+der Spannung so weit, als sei jeder ein junges Tier.
+
+</p><p>Aber mein Herz erhebt sich nicht. Von dumpfem und
+angstvollem Pochen gefüllt hält es an. Denn wenn das
+Lächeln ihr Profil erhellt, fällt sie so sehr über die anderen
+weg in eine Sphäre, die mich erbleicht, daß auch das weiße
+Glänzen ihrer spitzen Zähne nicht die heiße Furcht zu bannen
+vermag, daß unter den Kanten des Tischs ihr Leib in
+einer kristallenen Flosse sich manchmal vollende.
+
+</p><p>Ich sehe, die Nacht steigt herab. Der Mond hat im
+Zenith den Schnee blau geflaumt. Ich sehe das Kap des
+Bergmassivs immer wieder, wenn der Schlitten, der mit
+den anderen im Kreis jagt, es umbiegt. Mit tragischer
+Maske hält das Gletschergesicht sich monden verhüllt. Dunkel
+brüllt unter dem Hufschlag das Wasser gegen das Eis.
+Ich sehe noch durch den Traum des Jagens die Männer mit
+Dolchen und Lampions rufend auf die Leitpferde springen.
+Da beginnen die Blaumeisen aus dem Frühlingswald im
+Tal unsichtbar die Frühhelle süß zu durchsingen. Ich hole
+den Wagen Ugas ein, es fällt mir von den Augen: weg
+die Betäubung, welche Klarheit!
+
+</p><p>Die Sonne zuckt eine Minute, dann schwillt sie vor
+riesenhafter Bewegung. Als sie den Gipfel des Gletschers
+erreicht, verrauscht das Seidene der Luft. Der Himmel
+zerbricht, die Lawine gleitet, welche flötenhafte zerbrechende
+Musik!
+
+</p><p>Ich sehe Ugas Auge zittern. Ich habe Verachtung plötzlich
+auf meine Unsicherheit um das Verflüchtigende ihres
+Wesens. Ich durchdringe ihr Auge, während die Brandlawine
+märzgroß im Donner herankommt. Als die Felsen
+sich bewegen, hat sich das Dunkel ihrer Pupille geweitet.
+Wie ich eindringe, sicher, morgenlich, schön umsungen aus
+nun erhellten Frühlingswäldern, das bis zum Weinen verengte
+Herz von den Vögeln golden erhoben, weiß ich eine
+Sekunde lang sicher, daß ich sie nie mehr, die Flüchtende,
+verfolge, sondern daß ihr Lauf immer mir entgegen sein
+wird, und daß eine andre mit achatnen Augen den See
+bewohne.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Sie wird nicht über den Strich eines Gedankens, nicht
+über die Länge der brodelnden Wiese entweichen.
+Nachts wird sie manchmal nur schreien. Sie wird sich der
+Männlichkeit, die sie einmal besaß, nicht mehr entreißen.
+Man flieht nur, was man nicht kennt. Das Blut versöhnt.
+Man gab den Amazonen kein Vorrecht.
+
+</p><p>Als ich im Schneegestöber sie kommen sah, den Mittag
+zu durchstreifen, in Breeches, wie irgendeine schöne Frau,
+durchfuhr mich Rührung, sie nicht mehr so sehr hingegeben
+zu sehen an die Mächte, denen sie mit einer gewissen Blässe
+des Auges, wenn ich heftig nach ihr Sehnsucht trug, bisweilen
+gehörte.
+
+</p><p>Sie trug die Gelenke des untersetzten Jägerinnen-Körpers
+in einer dunklen und erlösten Herbe, und langsam, während
+sie die lange Straße heraufkam, schlossen mit hängenden
+Zungen und nach ihr gerichteten Augen an sie, die den
+Knäuel leicht nur mit den Fingern wehrte, die Hunde von
+Tür zu Tür in Meute sich an.
+
+</p><p>Uga!
+
+</p><p>An den Riedhängen entging es sogar der knurrenden
+Gefolgschaft deiner Tiere nicht, daß, tief grüßend, der
+Reichspinguin einen Bogen um deinen lärmenden Einzug
+schlug und nicht in die Nähe der glühenden Lefzen gelüstete,
+über denen deine kleinen Hände spielten.
+
+</p><p>Du lachtest noch, als wir auf der Hügelkuppe in das
+Haus des Matrosen traten, der, fünfzig Jahre die Welt
+überwandernd, immer neu hingerissen nach Äquator und
+Pol und Wendekreisen seiner bäuerlichen Sehnsucht, das
+Seltsame der Erdteile in seine Höhle stapelte .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. und
+du in einem Regen dich umschwingender birmanischer Harfen
+und Phalloswurzeln, Haimaulen und Palaumasken so
+im Schatten standest, daß nur das Weiß deiner Iris im
+Samtdunkel wie ein Dolch sich bewegte.
+
+</p><p>Ich sage:
+
+</p><p class="indent2">
+&bdquo;Deine Gefolgschaft .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent3">
+Graf Cantacuzene
+umschleicht dich nur noch fern und Wrede wächst ein Geweih
+vor Eifersucht, wenn du, zur Meute gewendet, einem
+Anderen deutlicher das Gesicht zuneigst. Dein Park von
+Edelgetier schweißt gegeneinander und stampft vor Zorn,
+Bohan zerschmettert am Meilenzeiger bebend seinen Stock,
+den seinem Großvater ein dicker Kurfürst dedizierte aus
+Gnade und Dank für die Errettung vor einer Sau, wenn
+er dich nicht antrifft .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. und Sailern vermag (oben
+Lénau, unten Mikosch) nicht einmal mit seinen gewonnenen
+Schlachten und der Zartheit seines von Frauen sehr gerühmten
+Schulterknochens über seine Niederlage bei dir sich
+zu trösten.
+
+</p><p>Der rosendünne Morgendiskant Uwaroffs ist unter
+deinem Zimmer verstummt. Saluzifsky hat den Zirkel
+um den Spieltisch in resignierte Enge gezogen. Und der
+seltsamerweise deinem Gang geneigte knabenliebende Ski-Dioskure
+hat nicht unterlassen, in rotem Sweater und
+gelben Gamaschen den Falsett seiner schneidenden Kindlichkeit
+auf seine Nebenbuhler zu hetzen.
+
+</p><p>Aber wie kann selbst die Kläglichkeit solch halbseidener
+Haltung und die Kretinerie dieser Drohnen nicht die Würde
+verletzen, die den wahrhaften Kern einer gezüchteten Rasse
+so hoch in die Jahrhunderte begleitet hat, und wo Hohn
+und Spott nur immer noch sehr kleine Korrekturen bedeuten
+können einer Bedeutsamkeit tiefsten Sinnes!
+
+</p><p>Und die zu bekämpfen heute nur die weltfremde Idiotie
+deutscher Dichterknaben und orgiastischer Revolutionäre ermöglichen
+kann, die, trotz Umsturz und Revolte um hundert
+Jahre verspätet, durch ihre Ahnungslosigkeit der Vorgänge
+die allein feindliche Widerlichkeit arrivierter Bürgersöhne
+und Kopisten adliger Gebärden noch nicht zu erfassen die
+geistlose Dreistigkeit besaßen.
+
+</p><p>Lächerliche Blague! &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p class="indent2">
+Wo niemand begreift, mit
+welch ahnungsloser und erlauchter Schönheit die wirklich
+adlige Rasse der Staufer und Kreuzzüge neben der ihnen unverständlichen
+Zeit her in den Abgrund hineingeht, und wo
+selbst die besten und raffiniertesten Exemplare nicht einmal
+soviel Barriere-Mut aufzubringen vermögen, daß (was ihre
+Sache immer wieder gerettet) nicht einmal Deserteure zeitweilig
+ins feindliche Lager übergingen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+wo zwar
+das Gemecker eines ehemaligen Königs über seine eignen
+Stiefelspitzen in seiner namenlosen Albernheit von derselben
+Widerlichkeit berührt wie die Brillantenschiebungen des süddeutschen
+Prinzen und die Massierung der Grenze im
+amerikanischen Auto (und Diplomatenpaß) voll Antiquitäten
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+wo zwar die Kavallerieattacken des württembergischen
+Generals am Bakkarattisch des Kurhauses zwischen
+Schiebern und aufgekommenen Zuhältern in ihrer Wurstigkeit
+um den Brand des ringsum angezündeten Europas
+noch glänzender berühren als das schwachsinnige Gekeif
+gegen die Republik der ehemaligen popogescheitelten Beamten
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+und wo erst recht die theoretische Hingabe
+an den neuen Zustand vereinzelter Freunde in seiner Ehrlichkeit,
+Zögerung, Bedingtheit nur die ungeheure innere
+Befremdung und lediglich von adliger Gebärde überglättete
+Hilfslosigkeit anzeigt.
+
+</p><p class="indent2">
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Wo sie bei Eisners Ermordung
+zwar Faschingsbälle abhielten, während in München Hunderttausend
+eine Blutwolke wie nie seit den Hugenotten zu beschwören
+nah waren .&nbsp;.&nbsp;. und bei der Baltikumer und Kapps
+ungenialer Harlekinade foxtrottend wahrlich hinlänglich bewiesen
+ihr Désinteressement an Deutschland, das freilich
+ihre Herrschaft nicht nach der französischen Revolution geknickt,
+sondern nur in seiner bubenhaften politischen Nachlässigkeit
+es unter dem zweiten Wilhelm zu so falscher und
+maskeradenhafter Herrlichkeit der siebentklassischen Leute
+hatte werden lassen.
+
+</p><p class="indent2">
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Wo die Entfernungen zwischen
+den geistigen Trägern der Rasse und den Aristokraten so
+irrsinnig sich verzogen haben, daß den meisten adligen
+Exemplaren in Deutschland sogar der Künstler, mit dem
+sie gern früher sich mischten und den sie trugen in die Höhe
+der wundervollen Epochen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. daß er ihnen ein Wesen
+geworden, bestaunbar wie ein Papagei in seiner Fremdheit,
+ein Pudel, halb blau und halb grün, und den sie nur
+fürchten oder hassen oder sich ihm unterwerfen, wenn seine
+Breeches besseren Schwung besitzen und seine Ledersachen
+und Reitzeug eine noch kühnere Diskretion verraten wie
+die ihren.
+
+</p><p class="indent2">
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Und wo schließlich die falsch angesetzte
+antisemitische Parole, von rotgemalter alternder Duchesse
+mit den Pistons ihrer Zahnplomben aber auch den Pauken
+ihrer Hüften angegeben, zwar weder über die Unasiatischkeit
+ihres Stammbaums noch über die Fragwürdigkeit
+ihrer Vergangenheit hinlänglich beruhigen kann .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. wo
+die Ohnmacht der ungarischen Gräfin, die alle Mädchen
+verführte, beim Namen eines der gehaßtesten revolutionären
+Führer .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. ebenso wie das goldene Kettenarmband
+um den Skistrumpf der Hessin .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. und der meskine
+Bürgerwehrschwindel und Antibolschewistenpathos älterer
+bäurischer Offiziere in seiner falschen und bourgeoisen Verplamperung
+
+</p><p class="indent2">
+nichts zwar als unser breites und vollendetstes
+Gelächter bereit findet,
+
+</p><p class="indent2">
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. die wir, auf härteren
+Seiten des Sternbogens stehend, aber auch mit Wollust
+alle Höhen überschweifend, keine Sekunde unterlassen werden,
+die Albernheit der menschlichen Figurinen unerbittlich aufzuzeigen
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. und die wir, bereit jede Sünde gegen Welt
+und Freiheit bis auf das Blut zu bekämpfen, auf keinen
+Reiz und selbst gegen das Herz hin irgend einen Pakt der
+Gemeinsamkeit mit irgendwelchen Obskuren (von welcher
+Seite auch immer) schließen würden.
+
+</p><p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. die wir aber dennoch nie umhin können,
+hinter den besonders publiken kleinhirnigen Ausnahmen
+den großen Blutgeruch der Züchtung und Erlesenheit triumphal
+zu spüren und, bejohlt von den Polizisten von
+links aber eiskühl bis auf die Nägel darüber, gerade in
+diesem Versagen das Erlöschen der Rasse wie langsam gewordene
+Scheinwerfer auf die tragische Epoche zu empfinden
+und zu lieben .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. und bei den Frauen diesen bewundernswert
+schlanken Hineinritt in die Röte des Sturms.
+
+</p><p>Wie ungewöhnlich unbeträchtlich sind in der Ausübung
+ihrer Mission und der Handhabung ihrer Berufung die
+aristokratischen Wölfe geworden, aber wie glänzend und
+liebenswert blitzt noch das Gebiß dieser Feinde der Freiheit!
+
+</p><p>Denn auch du, die du zwischen den Dörfern die Schneeobeliske
+der Hügel, den Stock mit dem Seidentuch daran
+in der Hand, gestürmt hast, und in deren Kehle der Blutruf
+der Kriegsgötter neben den der großen Jägerin trat, auch
+du hast nichts in deiner göttlichen Entferntheit als Unverstehendes
+und Gleichgültiges zu Zeit und Qual dieses armen
+und geschundenen Volkes .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. denn du bist so sehr von
+durch die Jahrhunderte erlesenen Instinkten geleitet, daß du,
+Zeitlose, die Gesellschaft der Hunde deiner Wahl jener der
+nicht gut gezüchteten Menschen unbedenklich vorziehst.
+
+</p><p>Und ich liebe dich auch dafür.
+
+</p><p>Auch wenn du an einem Fenster einmal stündest, unter
+dem ich füsiliert würde oder erschlagen, und von dem Fenster
+in naiver Laune und unwissend, in wen der Donner einschlug,
+dem Sieger mit einem Tuch zuwinktest, das ich
+dir einmal schenkte.
+
+</p><p>Denn ich liebe dich um deiner Fülle von Rätseln, um
+deiner Widersprüche und deiner Entferntheit und nicht zum
+wenigsten darum, daß du selbst sogar vielleicht bereit bist die
+mykenische Lanze gegen meine Brust zu schleudern. Ich bin
+ein Kind der Erde und freigiebig auch in der Preisgabe,
+aber voll von Lust auch, sie ganz zu umfassen und in
+der entlegensten Äußerung zu begehren. Ich bin nicht ihr
+Affe, nicht ihr Sergeant, sondern ihr Geliebter, auch im
+Kampf. &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Sie hat einen Bogen der westlichen Papuas in der
+Hand, und es ist kein Unterschied zwischen ihrem Schenkel,
+dem Bauch, dem Nacken und der Spannung des Instrumentes.
+Hinter ihr ist rotes Glas, darüber weicher aufgerißner
+Himmel.
+
+</p><p>Und während sie den lautlos den Garten durchjagenden
+Tieren zuwinkt, steht ihr Gesicht mit der seltsamen kurzen
+arischen Nase wie eine metallene Maske in dem Rubin
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. ohne Rührung, als sie der Feinheit der Glieder
+die bedeutende Kraft der Lenden zu solcher Bewegung
+hinzufügt.
+
+</p><p>Der alte Matrose hat den dressierten Affen gelöst und
+ist mit ihm in die Beete gegangen, wo er, mit Schneeglocken
+winkend, aus den halslosen breiten Schultern den
+eisgrauen Trollkopf erhebt.
+
+</p><p>Denn auch er kann nicht ruhig neben ihr bleiben ohne
+Huldigung, ihr nicht wie irgend einer anderen um Geld
+Schlangen aus Peru, Eier vom Sudan, Mumien, zirkassische
+Amulette der Liebe und andere Symbole seiner schweifenden
+Sehnsucht zeigen, während neben ihm zwischen der
+weißen Wolle des Koptiabaums plötzlich sie die Schultern
+aufzieht und in der Veranda wie in einem Tigerwagen steht.
+
+</p><p>Du willst Lil Pax sehen, Uga.
+
+</p><p>Aber ich schüttle den Kopf.
+
+</p><p>&bdquo;Nein.&ldquo;
+
+</p><p>Denn ich kann dieser schrägen Richtung deines Blickes nicht
+folgen, Uga, die blühende Sicherheit deines Atems Lil Pax
+entgegenzuführen, denn ich weiß nicht, ob sie geneigt ist,
+soviel tierischer Anmut sich hinzugeben. Die sie entführende
+Wolke ihres Schicksals schiebt sich immer tiefer und geballter
+unter ihre Füße. Und ich will nicht, daß, von soviel
+unübertrefflicher Geschmeidigkeit deines Lebens getroffen
+die jüdische Madonna einen Augenblick nur erstarrt vor der
+kugelbrüstigen Diana.
+
+</p><p>Denn du bist von ihr getrennt durch alle Zonen des
+Blutes und in deiner fürchterlichen Mischung, die von der
+Grausamkeit der Göttin bis zur elastischen Stärke der
+irdischen Hüften sich wundervoll ausdehnt, zu weit entfernt
+von ihrem Pol des Entsagens, als daß du nicht ohne Gefahr
+der Zerstörung zu plötzlich mit ihr zusammenstießest.
+
+</p><p>Ich liebe dich, Uga. Ich habe mit einem Zittern des
+Herzens und nicht ohne demütigen Eifer meine Sehnsucht
+der deinen genähert. Du begrenzest in einer unnatürlichen
+Höhe alles, was nur Wünschbares bis zum Unmöglichen
+mein Blut durchfährt.
+
+</p><p>Aber Uga, wenn du die weitesten Kreise, die von dieser
+Frau zu dir gespannt sind, durchjagst, auch durch die Kreise
+deiner Vollkommenheit, Uga, empfinde ich nichts als ihr
+Schicksal.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Wir fahren nach einer Schneehütte am Gletscher.
+Die Woche senkt sich. Die Einsamkeit steht zwischen
+uns und den Menschen, das ist Glück.
+
+</p><p>Brächten Bauern auf ihren Ochsenschlitten Flieder statt
+Heu auf unsere Höhe, während sie schläft, in der Sonne
+vor der Hütte, ich dächte, der Himmel, der herabkommt
+auf ihren Busen, habe ihn abgeschneit. Die Lichter der Taldörfer,
+der Berghänge unten sind am Hintergrund unserer
+Einsamkeit aufgezogene Zeichen der Menschen, die wir geheim
+verlachen in unserer Ruhe.
+
+</p><p>Nur einmal, als dumme Passanten, halb getötet vom
+Aufstieg aber ihre Niedrigkeit mit sächsischem Geschrei schamlos
+preisgebend, uns nahten, hatte sie Gelegenheit, mild
+und im Erklären sich neigend, eine Größe zu beweisen, die
+weit das mitleidlos spöttische Lachen der Göttin übertraf.
+
+</p><p>Die Rührung über das Glück hat die Grenze erreicht,
+wo das Alberne ein Geschenk wird, wenn man es gibt.
+Der Himmel wogt unerbittlich durchblaut. Hinter dem Gebirg
+berührt er meine Kindheit:
+
+</p><p class="indent2">
+&bdquo;Als ich klein war, Uga,
+ward ich krank und bekam den Pudel Fosko. Mein Bruder
+stahl ihn in einem Zirkus. Wie lag ich im Bett und verzehrte
+mich, aufzustehen, um das Gartenviereck mit ihm zu
+rennen und ihn zu hetzen, daß er Wildkatzen zerbeiße. Zehnjährig
+habe ich auf dem großen Gut Tivolis im Bett
+meines Cousins Zigaretten versteckt und in den Matratzen
+vergessen und erwartete Monate die Entdeckung, und daß
+man mich als Verworfenen an den Pranger schlug.
+
+</p><p>Die Neubauten unseres Villenviertels habe ich alle gekannt,
+die Mädchen liefen mir nach hinein, wo die Labyrinthe
+von Keller und Dachstiege geheimnisvoll sich begegneten.
+
+</p><p>Unterm Damm durch den Teich vor unserem Haus beerdigten
+wir Eichhörner und bissen die Zähne aufeinander,
+so bedrückte es uns, daß wir mit Quarzsteinen sie aus
+den Lärchenwipfeln geschmissen, aber zum Fest der Vollendung
+haben wir eine Dogge, den Feind, in den Maulbeerbaum
+gehißt. Einem Dobscher, der von Rennfahren
+träumte, fuhr ich im Rollwagen des Steinbruchs die Kniescheibe
+durch, daß er schneidernd bald bei der Petrollampe
+flirrte.
+
+</p><p>Als die Canneri, die das bezauberndste Lächeln trägt,
+mit goldnen kurzverschnittenen Locken mich als Jungen sah,
+stand sie kerzengrad im Wagen auf mit dem Lorgnon und
+rief: quel bel homme. Meine erste Geliebte quälte ich,
+als ich noch nicht wußte, daß Liebe kein Gesetz, sondern
+nur eine Masse Zufälligkeit, und nicht ahnte, daß man
+Frauen eher besitzt, wenn man verstößt, als wenn man
+bindet, meine erste Geliebte quälte ich durch Fragen, ob sie
+mich als Krüppel noch liebe und prügelte die Arme, als
+sie entsetzt auswich.
+
+</p><p>War etwas gut, etwas schlecht? Es ist eine Kindheit.
+Sie lebt wie ein Baum, ein Fuchs. Sie schüttelt und
+biegt sich vor Wachstum. Sie fliegt auf und ab, als ob
+du mit ihr spieltest, und ist in ihrer märchenhaften Gemaltheit
+deinem Lächeln dieser Stunde verbunden, dessen Leichtheit
+so schon gelöst ist, daß es die Einsamkeit spiegelt. Das
+ist unsere Brücke. Wie unwichtig unser Gram. Wie kindisch
+selbst das Schwerste.
+
+</p><p class="indent2">
+Verstehst du, Uga .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent3">
+du bist
+nicht Schwan, nicht Gazelle, von denen ich Fieber und
+Glanz an dir beim ersten Anblick schaute. Du bist vielmehr
+mit der scharfen Schmalheit deines federnhaften Augenlides
+zu sehr vermählt an das schwingende Brausen des
+Blaus, als daß du anderes wie Schwebendes vertrügest.
+
+</p><p>Ich habe am Sinai deine Mutter gesehen, die, weiße
+Adlerin, auf unser Auto herabstieß. Ihr Geschlecht allein,
+das drei Jahre lang die Welt durchfliegt, und dann mit
+einem Weib ausharrt unerbittlich bis zum Tod, hat die
+für dich genug beherrschte Ruhe.
+
+</p><p>Nur deine Farbe ist verändert und aus der Helle herausgetreten,
+als hättest du, während ich schlief, in Marokko
+Jagden durchstreift und von einer Hecke Ginster, die du
+berührtest, auch den Goldton deiner Kniekehlen auf den
+Berg getragen.&ldquo;
+
+</p><p class="indent2">
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Der Firnschnee fällt, naß und glatt,
+man braucht die Skier nicht mehr zu wachsen, der letzte
+Schnee. Enzian flammt auf den Matten überall, als wir
+hinunterzogen.
+
+</p><p>Südlich duften die Veilchen mit Heftigkeit. In tiefen
+Tälern meiner Heimat blühen Kirschen, Mirabellen. Die
+Aprikosen tauen aus rosanem Morgen noch heller.
+
+</p><p>Was hilft es, wo sie scheidet.
+
+</p><p>Zinn, ruht die Sonne im Schneegestöber. Nur wenn
+der Hausberg aus dem Geflock schaukelt, flattert die
+Lichtflamme mit. Sekunden geht ein Mai auf, süß, voll
+qualvoller Inbrunst spiegelt, grün und hell, der Eisrücken,
+wie ein Bergstraßenwald morgens früh. Das gläserne
+Wunder verschneit.
+
+</p><p>Uga.
+
+</p><p>Sie kam, den letzten Abend mit Sneeboots, die die
+weißbeseideten Fesseln noch schmäler machten und mit ihrem
+Pelzrand dem Gang das Schleifende der großen ruhigen
+Raubtiere gaben.
+
+</p><p>Und als sie mit starrem Blick sich gegen den Wind
+wandte, um noch einmal in das Tal zu gehen, kamen die
+Heuschober auf sie zu aus der dunkelsten Breite wie früher
+die Hunde.
+
+</p><p>Als ich spielend die Leiter anlehnte an die erste Hütte,
+als Uga hinaufstieg und die leichte Biegung des Dachs
+erklimmte, den roten Schirm über sich, die Knie im Telemark
+gebogen, die Jägerin, mittel und fest gebaut und
+lächelnd, die Hundepeitsche in der Hand, .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+schien es,
+sie schritte durch das dichter gewordene Geflock über den
+Scheitel des Daches mit einer unnachahmlichen Stellung
+der Füße in den Horizont hinein.
+
+</p><p>Sie fuhr erst die Nacht. Aber ich fühlte in dieser Sekunde
+den Abschied so, daß mir keine Erinnerung blieb.
+Es befiel mich in diesem Augenblick nichts anderes als die
+Freude der Fische, als hörte ich alle ihre kleinen Herzen
+stoßweis schlagen, wie ihre bronzene Freundin zurückkam in
+den See und sie wie früher zärtlich zwischen ihren Brüsten
+und Knien spielten.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Die Brandlawine hat den Frühling frei gemacht, er
+kommt mit leichten Wolken nachgeschwommen. In
+die Freude der Wiesen fallen die Versammlungen der Enten,
+die das Geschrei der um die Pfützen gelagerten Hühner
+übersteigen. Die Felle der Angorakatzen sammeln am Hauskalk
+die Sonnenbündel, schnurrend vor Wonne. Heere von
+Bienen hängen am Aprikosenbaum und summen mittags
+in die Hänge. Die metallen schönen Giftmücken tanzen
+gegen die Scheibe. Den Ochsen treibt Glanz ins Fell.
+Zwischen den Schafherden, die den Horizont säumen, schleudern
+junge Bullen die Erde mit den Hinterhufen in die
+Luft. Bauern fahren, Lenz in den Nasen, schnuppernd in
+die verliebte Luft, Mist auf die Matten. Die Mädchen
+haben prall mit graden Beinen sich an das Stöbern gemacht.
+Die Häuser fangen an zu funkeln. Die Wölbung
+des Frühmorgens erhebt sich auf siebzig Vogelmelodien,
+seidig und langsam, wie ein Ballon.
+
+</p><p>Die Wandlung der Nächte, die Säfte der Erlen, der
+Glanz der Blumen treibt in das Blut: man kreist mit
+ihrem Leben. Man lauscht in sich dem Bach, dem Samtglanz
+über den Wächten, dem Blumenduften. Man horcht
+zurück aus dem wachsenden Baum, dem Bachgesumm, den
+Wespen Erinnerung heraus.
+
+</p><p>Glutrote Tupfen stehen auf den Knospen der Haselsträuche.
+An den Gärten hängen in Schnüren die Wasserperlen der
+Frühjahrsgewitter. In ihnen hatten wir am Anfang, einmal,
+uns getäuscht. Sie hatte, rasch hinlaufend, den Silbertau für
+Kätzchen gehalten. Sie kämpfte damals mit den Tränen.
+
+</p><p>Aber damals standen auch über ihrem hellen Gesicht die
+Kurven der Schneefelder noch unbeschreiblich gespannt. Nie
+nahm der Winter ein Ende, solang sie zum Himmel aufsah
+mit jener Unbedingtheit des Trotzes, der selbst ihre Melancholie
+durchkühlte.
+
+</p><p>Erst durch den Schleier der Tränen ist sie eingegangen
+in das schüttelnde Rund, unerreichbar, des Horizonts.
+
+</p><p>Meine Freunde, denen ich in die Traurigkeit der Einsamkeit
+und Arbeit auswich, werden sagen, ich habe einen
+Frühling vertan.
+
+</p><p>Die Armen.
+
+</p><p>Welche Fülle trug er in mich hinein:
+
+</p><p class="indent2">
+Du warst die
+Frau, die eine Nacht mit mir schlief in Kowno in Lasallis
+Haus, das Napoleon bewohnte, und vor dessen Fenster ein
+elender Winter dann erfror .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. die aus dem Boot auf
+den Aalandsinseln mir entgegenlief, weißblond, im Hemd
+zwischen den Dünen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. die aus dem rumänischen Zirkus
+herauspreschte in die Pflaumenblüte meines Wagens.
+Du bist die Hure, die mich am Pont Neuf in den abscheulichen
+Monat der Hallen zog. Der Ritterstad mütterliches
+Lächeln schwankt manchmal elfenbeinern über deiner
+Schulter. Auch von Kerstins blumenhafter Anmut ist etwas
+deutlich auf deine Lippe getreten, Uga.
+
+</p><p>Du saßest, die Knie zum Kinn gezogen, am Floßrand
+mit mir zwischen Worms und Ems, bist die Pastellufer der
+Lahn schwärmerisch mir nachgezogen, durch Vogelsberg und
+Spessartbuchen in die Einsamkeit der Eifel gedrungen, wo
+zwischen dem gelben Mattenbrand und den stumpfen Maren
+dein schwarzes Haar die Bauern feindlich erregte.
+
+</p><p>Du hast in Versoix die Friture der Fische mit mir gegessen,
+Landwein getrunken, die gut gerösteten Köpfe und
+Flossen mit Hasenzähnen geknabbert, standest am Dampferkreuz
+genfwärts, sangst befeuert: &bdquo;Le soir est doux et
+parfumé .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; und hast in der Nacht dir den Kopf
+zerschossen.
+
+</p><p>Du warst Renée, die mich fand, Rue Bonaparte, als
+mich beim Verkauf des Intransigeant ein Verkehrsauto
+überfahren. Als Backfisch, unbekannter, hast du im Kreis
+getanzt und die Hände zusammengeschlagen, wie ich das
+Schlittschuhrennen als Gymnasiast als zweiter machte.
+
+</p><p>Am Thomasstaden Straßburgs stieß ich dich zurück,
+weil in dem gotischen Tiefsinn der Stadt deine Schlankheit
+ergriff wie die steinerne Schönheit der kreuztragenden
+Jungfrau der Kathedrale und ich mich nicht entschloß, dir
+den übermütigen Stolz und die Herbheit einer Macht, die
+zu lösen in meiner Hand lag, abzunehmen.
+
+</p><p>Du bist dieselbe, die mich mit in Bonn belogen, im
+Ruf als Gentleman geschädigt und ausgeplündert auf die
+Manschetten im Hotel Royal nachdenklich auf die entlaubte
+Allee hinunter erwachen ließ, weißhäutig du wie keine.
+
+</p><p>Du hast im Auto Sekt gefrühstückt, in Neuilly eine
+Mansarde mit mit bewohnt, warst der dunkle Tierblick
+einer Komtesse in einem Schloß des Maingau, das ich mit
+dieser Last, Versäumnis eines Sommers, verlassen. An
+dich dachte ich, wenn ich allein mit einer Frau leben, Kinder
+haben, eine Farm, ein Gut bewohnen, gut grau werden
+wollte. Du warst tröstend da, wenn mich das Elend fast
+krepierte. Du warst die Frau, die ich hatte, begehrte und
+die, welche auch mit unvergleichlicher Vielfalt darüber hinaus
+die Zone meines Traumes durchflammte.
+
+</p><p>O Diana.
+
+</p><p>Das Unsichere, in dem du kamst, und das überlegene
+Lächeln, mit dem du dich entferntest, haben eine Vollkommenheit
+in die Spanne dazwischen gesammelt, die selbst
+das Unfaßbare des Abschieds nicht verschleiert.
+
+</p><p>Einmal war alles geschenkt, alles beschieden. Auf jeder
+Sekunde, die tief zu dem Laster und hoch in das Herrliche
+sich spannte, habe ich den Kontinent der Abenteuerlichkeit
+meines Herzens grenzenlos durchlaufen.
+
+</p><p>Alles war einmal gesammelt, einmal Figur.
+
+</p><p>Es war wohl zu erlesen. Es konnte nicht bleiben. Ich
+hätte es nicht einmal gewünscht. &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Wenn ich im Herbst zurückkomme, ist Einsamkeit. Die
+großen Nebelwolken, die mit Sausen wie Batterien angefahren,
+haben die Landschaft verödet. Man hat den Blätterfall
+zum Anstarrn, müde der Herzen, die verführen und
+peinigen.
+
+</p><p>Ich werde, indem ich mit Lil Pax in Pelzen und Shawls
+zum See fahre, während sie abwesend lächelt, von der
+Jägerin erzählen, daß der Teich leer war einen Frühling,
+daß ich eine Woche auf der Schneehütte mit einer Nymphe
+wohnte, daß der braune Glanz ihrer Schulter mehr wiegt
+als Ruhm, als Ehrgeiz, als alles.
+
+</p><p>Das Grün des Sees wird uns verfolgen durch den
+Pferdeschaum und die Spaliere der Fichten, die auch in der
+Rotglut des Herbstes die Erinnerung deiner Anmut manchmal
+noch tragen, wird versprühen am Bleihimmel und zuletzt
+wird ein geringes davon über der Braue der Frau
+sein, die schweigt:
+
+</p><p class="indent2">
+wie fern ist mir davon selbst das Nächste,
+aber wie grausam ist Glück.
+
+</p><p>Du wirst es hören, jeden Laut, wenn ich von dir rede.
+
+</p><p>Sommer steigt von der Alpspitze golden herab. Die
+Sonne schwenkt prasselnd Glut aufs Heu. Die weißen
+Krokus sind nicht zu fassen in der Fülle.
+
+</p><p>Du hörst, Uga, wo auch immer du, wenn das Wasser
+du abtatest, vorziehst die Pause deines Daseins in unserem
+Bezirk zu verbringen:
+
+</p><p class="indent2">
+Ob du durch Stadtpaläste feierst, auf
+westlichen Schlössern vor einbrechenden Horden nachts fährst
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. kein Laut, wenn ich rede, der dir entginge, den
+du nicht schmeichelnd empfindest. Wir sind nicht getrennt.
+Du nimmst alles auf, wie immer, die schmalen Lippen
+wenig verschoben, den Kopf auf dem kräftig gegossenen
+Halse kaum wiegend, manchmal nur nickend. Nie gab ein
+Gott einer Diana so viel von einem Kinde.
+
+</p><p>Ich träume nun, allein jetzt auf den Matten, in die
+Hände, wo du seist:
+
+</p><p class="indent2">
+Jagst du nackt vor Männermeuten
+skiernd nach Kautokeino mit hell schreiender Gurgel? Wälzt
+du in Osorisschnee das erglühte Gesicht? Funkelst mit nächtlichen
+Lanzen den Okzident ab der Sehnsucht? Schwingst
+auf Delphinen durch violetten Abendhimmel? Bläst ein
+Horn auf den Sternbögen?
+
+</p><p>Uga.
+
+</p><p>Wie gleichgültig dies Rätseln. Es war. Es bleibt.
+Welches Glück!
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Das träumen wir, wenn es uns wohl geht. Aber man
+stirbt. Aber man gerät in das Elend. Die Leidenschaften
+steigen in die Niederung dann, wo sie um Hunger,
+Krankheit, Leiden sich bewegen. Wir sind verloren, wenn
+wir abstürzen. Wo sind dann die Geliebten?
+
+</p><p>Du weißt keine Antwort auf die letzte Frage, Uga!
+Bist du bei mir, wenn die Mondsichel tragisch auffliegt.
+Steht das Zucken deiner Braue als Trost am Horizont,
+wenn man mich füsiliert, wenn ich im Straßenkampf stehe,
+elend in einer Vorstadt vegetiere, der große Sund meine
+Malaria nicht mehr herunterwirft in die Tiefe des Thermometers?
+
+</p><p>Man ist allein. Man geht beiseite zugrunde. Wir sind
+zerborsten in die Welt gesprengt. Man weiß nichts von
+den Herzen, an denen man unirdisch gelegen. Unsere Kraft
+versagt. Niemand kennt einander, wenn wir krepieren.
+
+</p><p>Welcher Mann wird, die Locken verwirrt, in Scheweningen
+nachts die Midussi zu Tode quälen? Wer wird
+mit einer Achselbewegung Margits Frische im Keim ertöten?
+Wer gibt der Ritterstad, von einem Auto bedroht, den Tip
+sich zu wenden? Stirbt Bambulas Stärke an einem foul
+blow des giftigen Ukrainers? Wer rettet Lella vor der
+Schwermut im Walde?
+
+</p><p>Selbst Kerstins tödliche Sekunde zeigt niemand meinem
+Auge, wenn sie, verstörten Gesichtes, schön und schmal zum
+letztenmal ein Bild in dem Seespiegel sucht.
+
+</p><p>Am Ende ist Einsamkeit. Man ist vor dem Ziel betrogen.
+Alles war umsonst. Wir sind allein.
+
+</p><p>Wir haben wohl Göttliches genossen, aber sind vor dem
+Tode eine Null. Alles war Lüge, die wir uns gestatteten.
+Wir waren einsam im Getümmel. Waren frauenlos in
+den heißesten Weibernächten. Wir haben uns mit Kameradschaft
+gepanzert, aber, ach, es überließ uns dem Nichts.
+Die Menschen haben uns wie Bienenschwärme umschart,
+aber wir haben uns getäuscht, sie haben nichts genutzt.
+
+</p><p>Die Landschaft, von der wir dachten, sie tränke uns, durchspüle
+uns mit Geruch, Fels, Wald und Baum, seliger See,
+einzigem Meer, weicht aus, wenn unser tödlicher Blick sie
+sucht. Die Natur ist feig wie ein Hund, unfähig dem,
+der ihr nichts zubringt, zu geben, uneingedenk der Zeit,
+wo wir, als wir olympisch zu schweifen glaubten, sie wie
+eine reife Polle aus der Ewigkeitstunde schlürften.
+
+</p><p>Wir haben sie nicht erlebt, sondern in sie hinein gedacht,
+was wir wünschten. Mit den Leidenschaften, die sterben,
+erlischt auch ihr Gegenstand. Man ist in Einsamkeit.
+
+</p><p>Wir Armen.
+
+</p><p>Wenn wir nüchtern sind, sehen wir unsere Spiegel. Wir
+haben uns an uns selbst berauscht. Haben unsere Stimme
+mit Glanz, den nur jugendliche Kraft so schmerzlich und
+hallend verlieh, ohne Echo hinausgerufen. Wir haben die
+besten Stunden wegen Chimären verlitten. Als wir am
+schönsten glühten, waren wir in schweiniger Bitternis.
+
+</p><p>Wir haben in der Tat die Welt umschifft, um als Drecksäcke
+in die Hafen zu laufen. Ausgestreut haben wir, aber
+nichts eingenommen. Gegründet haben wir, die Bilanz
+ist bankerott.
+
+</p><p>Auf Sternpolen haben wir uns wie Dioskuren verschmolzen,
+aber liegen als Pack vor die Karren gekehrt.
+Das ist der Schluß. Man kommt nicht heraus aus der
+Einsamkeit.
+
+</p><p>Dann aber, Uga, stehen wir allein unter Gewittern,
+verödet, trostlos, preisgegeben, und der Fluch zerschlägt auch
+selbst hinter uns die Erinnerung unserer Fahrt, die manchmal
+doch an paradisische Landschaften kreuzte. Die Blitze sind
+nüchtern, wenn sie zerstören. Wo bist du? Wir sehen
+einander nicht mehr.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Wir Kleinmütigen. Wir Schlucker der Verzweiflung.
+Dieses Leben.
+
+</p><p>Wie herrlich muß es sein, daß auch seine besten Tugenden
+manchmal selbst den Kühnsten bezweifelbar scheinen.
+
+</p><p>Welches Glück, daß wir erkennen: Bestien sind wir. Belämmert,
+klein, Ausgespiene, verdammt von der Geburt auf.
+Wir haben als Helden uns maskiert, wenn wir als Hyänen
+uns fühlten. Wir haben uns Mächte angemaßt, die wir,
+nur gedrehte Figuren, nie besaßen. Haben uns empört,
+die wir zerbrechlicher sind wie Glas. Wir sind Arme und
+Trübselige, im Verbrechen befangen, nach Schmutz sehnsüchtig,
+Größe abgewandt mit Eifer, und selbst in unseren
+Instinkten unverzeihlich mißleitet.
+
+</p><p>Denn da beginnt erst unser Anfang, indem wir, ohne die
+Möglichkeit, tiefer zu fallen, unser Elend und unsere Wünsche
+vergleichend, die Sehnsucht nach der besseren Station wie
+alles Irdische in uns tragend, die Himmelfahrt jedes Aases
+antreten.
+
+</p><p>Je tiefer wir uns wissen und je geringer wir uns einschätzen,
+um so heller sind noch immer die Montgolfieren der
+Leidenschaft in unwahrscheinliche Möglichkeiten geschwebt.
+
+</p><p>Wir bekommen langsam die zwei Gesichter, von denen
+das eine erbleicht über unser Elend, während gleichzeitig
+schwärmerisch das andere in graziösen Minuten Glückshügel
+überschweift.
+
+</p><p>Denn wir sind kühn genug, das Nichts zu überschreiten
+und an die Tiefe unserer Erbärmlichkeit die Höhe unserer
+Leidenschaft anzuschließen, mutig genug, statt Sklaven uns
+zu Herren aufzuschwingen in den Spiralen des Ewigen,
+in die wir, seltsame Schicksals-Looping-the-loop-Fahrer, gehängt
+sind.
+
+</p><p>Wir haben kein Anrecht auf Glück.
+
+</p><p>Gut.
+
+</p><p>Erobern wir es.
+
+</p><p>Würden wir nicht gleich platten Fröschen manchmal zusammengeknallt
+auf die Tiefe unserer Erbärmlichkeit, wir
+fänden, Satte, Eitle, nicht die Kraft, die großen atemlosen
+Mondaufgänge immer wieder mit erregten Herzen zu erwarten,
+die ruhige Sonne über Tulpenbeeten zu genießen
+und über den Wäldern geheimnisvoll die wandernden
+Regenbogen zu suchen.
+
+</p><p>Seltsames Leben.
+
+</p><p>Wie niederschmetternd muß es im Grund sein, daß selbst
+die Kühnsten so sehr sich daran zu begeistern verstehen.
+
+</p><p>O wie erinnere ich mich der Sybilla Monti, die aus
+dem schmalen Hafen von Antibes mit der gleitenden Bewegung
+der südlichen Frau, die frische Syphilis im Körper,
+verkleidet als Schiffsjunge, gesucht von Polizisten, mit dem
+großen Segelschiff in das tödliche Schicksal fuhr .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="indent2">
+aber
+gereizt von der unwiederbringlichen Schönheit, mit der von
+den Seealpen her über Aloe, Orange und Lorbeer der
+Mond das Silberrot der Wellen wie Duft in sein Licht
+hinaufzog, die Arme in eine große Bewegung des Entzückens
+vor dem ersten Segel aufzuheben wagte &mdash; &mdash; &mdash;
+eh wir sie morgens mit den tierisch schönen nackten Oberschenkeln
+an den Strand getrieben sahen.
+
+</p><p>Wie ging da sterngleich jener Frühling der Erkenntnis
+am südlichen Meer meiner dumpferen Jugend auf:
+
+</p><p class="indent2">
+O Frau
+von Tervani, vor deren weißer Palmvilla und abenteuerlichem
+Schmerz mir der Mai die fremde Seelandschaft berauschend
+versang, wo ich die hellen Stufen von dem
+Olivenpark zum Strand Abend um Abend hinuntergehend
+meinen verschollenen Bruder als Steward im Hafen des
+nachbarlichen Genua erwartete auf einem nie nahenden
+Schlepper, wo Rosmarin und Buchsbaum und das Licht
+des gelben Ölbaumholzes aus dem Kamin Frau von
+Tervani umrahmten &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; bis ich aus dem Erwachen
+ihrer Arme heraus blitzhaft durch die hohen aufgegangnen
+schmalen Läden über der Terrasse unten im
+Hafen die ägyptische Fregatte Bonapartes erblickte .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. daß von dieser Sekunde ab die Wollust mich mit
+jeder Segelflaute, jedem Wolkenschauer über der süßen
+Bucht, jedem goldnen Pirol, der uns aus dem Hain herauf
+weckte, unzähmbar überschwemmte:
+
+</p><p class="indent2">
+nun in die noch unbekannten
+Länder aufzubrechen, Tiere zu suchen fabelhafter
+Form, Menschen beispielloser Vielfalt zu erkennen und genießen
+und belauschen, Städte, Meere, Kape zu übersteigen,
+Früchte im Morgen, Dampfer an der Reede, Stürme
+an den Antillen und Schmerzen der Sehnsucht zu erblicken
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. und einmal dann am Ende in Bücher Menschen
+ohne Zahl und überlegen wie Körner durch das Sandglas
+stürzen zu lassen, daß noch vier Generationen der Jugend
+nach mir sagen werden: welch ein herrlich Lebendiger hat
+hier unvergeßlich gewandert.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">Uga, welche Unterwerfungen hat es seither gekostet, Geliebte,
+bis ich erkannte, wie begrenzt wir sind in dem
+Dasein und beschämend eingehürdet in diese Welt, daß ich
+schließlich vermochte, auch über die Zweifel unserer Unzulänglichkeit
+hinweg so Verflüchtigendes und so göttlich Unerreichbares
+wie dich, Uga, ganz zu umfassen und auch
+wunschlos noch zu genießen und zu lieben, wo unsere Hände
+schon im Leeren treiben und unsere Leidenschaften nicht
+mehr genügen und fassen.
+
+</p><p>Welche Opfer und welche Entbehrungen, um dies Ruhige
+zu erreichen und nicht weiter zu trotzen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. du sahst es
+nicht. Wenige werden sie meinem Leben und der ihnen
+zugewandten Fläche meiner Existenz glauben. Niemand
+wird es wissen.
+
+</p><p>Es muß nicht sein.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="first">In diesen Tagen kam der Föhn unter wolkenlosen Sternen
+über die Steppen gefallen. Er wirft sich auf Lil
+Pax&rsquo; Herz.
+
+</p><p>Sie lächelt. Wenn sie allein ist, stöhnt sie leis. Depeschen
+kommen. Menschen fahren heran. Eis, Kaviar, Kompotte
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. man sendet das Erdenkliche in die Villa. Sie erhält
+Kampfer, Veronal, Morphium. Es vergiftet sie, sie lehnt
+ab. Die Atemnot kommt. Ich sitze an ihrem Lager. Die
+Helferinnen pumpen den Sauerstoff über ihr Gesicht. Das
+Telephon ist belagert. Sie empfängt niemand. Eine Rippenfellentzündung
+trifft in eine Nacht, sie breitet sich nicht aus.
+
+</p><p>Sie sieht wie auf ein Spiel, ob ihr Körper es überwindet,
+ob er versagt. Sie hat die uninteressierte Neugier
+mit leichter Ironie um den Mund. Als sie keinen Atem
+mehr bekommt, verliert sie die Teilnahme an der Krankheit
+ganz. Sie wendet sich scharfsichtig den Dingen zu, die
+sie mit der Welt verbinden. Nichts erleidet eine Störung.
+Sie diktiert ihre Post. Sie empfängt, sie unterhält sich.
+Der Atem versagt. Sie verlacht mit liebenswürdigem
+Spott die kleine Nonne, die neben ihrem Kissen den Jesus
+verküßt: &bdquo;Haben Sie keinen anderen Geliebten?&ldquo; Der
+schönen Nonne stürzen die Tränen. So groß ist die Rührung
+ihres Zaubers.
+
+</p><p>Aber als nachts plötzlich die Fieber sanken, das Herz
+ruhig pumpte, die Rippeninflammation zurückging, die
+Krise überschwang .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. nahm sie Lächeln und Maske des
+irdischen Aufenthalts von den Augen:
+
+</p><p class="indent2">
+Sie entfernte sich in
+einer erschreckenden Anmut. In einem unbeschreiblichen
+Prozeß der Lösung schien der Körper immer weiter sich zu
+verflüchtigen, und ihr Geist allein beherrschte in quecksilberner
+Reine die Bögen der Stirn. Ihre Hände schienen nicht
+mehr da, die Augen, der Mund waren verloren, aber
+ich habe nie sie so deutlich und greifbar in jeder Muskel
+gespürt.
+
+</p><p>Ich hatte falsch gespielt. Ich hatte das Rauschen des
+knospenden Birkbaums im Garten zu ihr geführt. Ich habe
+Äpfel, die noch rochen, ich habe Krokus, Aprikosenzweige
+in Blüte gebracht. Ich legte eine Katze an ihr Bett, sie
+hörte das Jägerische an ihr. Ich habe einen Wackerstein
+des Flusses auf ihre Hand gelegt, daß sie das Murmeln
+der Wellen wieder höre.
+
+</p><p>Sie war zwar gefolgt.
+
+</p><p>Der Kern wohl ihres leidenschaftlichen Blutes war dem
+Glühenden hier wie immer nachgeschritten und hatte sich
+angesogen an das Pfeifen des Föhn und die Wiesen voll
+Himmelschlüsseln und den betäubenden Heranmarsch des
+blühenden Grases von allen Hängen und Matten.
+
+</p><p>Aber ihr Geist lächelte: das Spiel zerfiel.
+
+</p><p>Sie wollte nicht mehr zurück den Weg über die dreiundzwanzig
+Nächte der Qual. Er hatte sie zu weit vom
+Leben entführt, als daß sie um den Tausch eines zerbrochenen
+Körpers die große Sinnlichkeit gegeben hätte.
+Denn was geblieben wäre, war Aussicht auf Qualen in
+einem Nichts an Leben. Sie legte es zu dem andern:
+&bdquo;Meine Mission ist getan. Was bliebe, ist zu gering für
+meinen Anspruch.&ldquo;
+
+</p><p>Sie hatte zuviel Stolz in ihrer Milde: das gute Material,
+aus dem sie gebaut war, wehrte sich am falschen
+Platz. Platin und Stahl des schmalen Körpers hielten
+bis zum Zersprengen, als sie schon abschloß. Sie erwachte:
+&bdquo;Es ist spät.&ldquo;
+
+</p><p>Die Schwester, geneigt: &bdquo;Du bist müd Lil.&ldquo; Sie richtete
+sich auf: &bdquo;Man muß sich nicht gehen lassen.&ldquo; Die
+Augen, weit offen, sahen nichts mehr.
+
+</p><p>Die schmalen braunen Märtyrerhände lagen auf der
+gelben Seide der Decke. Sie lagen schön und körperlos.
+Die donnernde Sonne des Hochgebirgs wird sie nicht mehr
+verbrennen.
+
+</p><p>Dann machte sie noch eine Bewegung &mdash;: sie wandte,
+unzwingbar, dem Feind, der seit Jahren in ihr zerstörte,
+mit einer unerschreckbaren Größe, gebend, mild das Gesicht
+zu, daß er erbleichte. Sie war souverän. Er besiegte sie
+nicht. Sie gab sich hin.
+
+</p><p>Zum erstenmal ließ sie sich gehen. Ach, es haben viele
+geweint.
+
+</p><p>Was ist nun Sterben?
+
+</p><p>Ich habe mit niemand über diese Tage viel und groß
+gesprochen. Wie glücklich bin ich. Wie frei.
+
+</p><p>Greller, gewaltiger, asiatischen, aber schön gedämpften
+Musiken gleich rollt aus dem Westen über mich täglich
+der schmetternden roten Sonne zu die heimliche dunkele
+über meinen Horizont.
+
+</p><p>Wenn sie sich schneiden, ists Mittag. Abends erlöschen
+sie beide an den Polen der Fläche. Nachts kreisen sie
+unter mir. Ich spüre sie beide unauslöschlich, jede in ihrem
+Kreis.
+
+</p><p>Ich fahre.
+
+</p><p>Mit abenteuerlicher Fülle wirft mir der Maingau den
+aufduftenden Sommer mit allen Prärien und Wassern und
+Wäldern und Hügeln und Flüssen dazwischen entgegen.
+Ich gehe mit festen Schenkeln und der hochgewölbten Brust
+des Seglers und Fechters in ihn hinein.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-4">Der Zuschauer</h2><p>
+
+
+</p><p class="first">Die Geburt vollzog sich am neunundzwanzigsten Februar
+auf Schloß Favorit bei Baden-Baden, als schon
+heller Frühling war. Sein Vater war der Portier, der
+in gelber Livree, rotbehost, die großherzoglichen Farben zur
+Führung der Fremden trug, das Kind Cepha Billy nach
+einem Nick-Carter-Schmöker nannte und Ehrfurcht vor den
+Dog-Carts und Autos lehrte, die durch die viergegliederte
+Allee heraufstrichen.
+
+</p><p>Bald nachher folgte seine Mutter einem feurigen Chauffeur,
+der sie mit Glasketten behängte, mit der Pistole den
+Gatten bedrohte und die schmalhüftige Frau in fliegenden
+Kurven zur Rheinebene hinunterknatterte.
+
+</p><p>Mit vier Jahren warf Billy einen Stein nach dem
+Prinzen Schlitz-Glitsch, der auf der Wiese das Strumpfband
+einer deutschen Aristokratin zu befestigen suchte. Der
+Prinz fuhr herum, begann zu lachen und schenkte ihm fünf
+Mark, was den erbleichten Vater so erschreckte, daß er zwei
+Schritte gradaus machte und in strammer Haltung, die
+Mütze auf der flachen Hand: &bdquo;Wir treten zum Beten vor
+Gott den Gerechten .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; zu singen begann.
+
+</p><p>Mit neun Jahren riß Billy aus, indem er sich an ein
+Auto hängte, was erst in Karlsruhe entdeckt ward. Ein
+Gendarm brachte ihn zurück. Gestraft wurde er nicht, der
+Portier ließ eine fast furchtsame Verwunderung spüren.
+
+</p><p>Mit zehn Jahren leierte Billy eine lebende Katze am
+Schwanz in den Kastanienbaum und sagte das Vaterunser
+auf, während er im Kreis der Gehöftkinder Steine nach
+ihr warf.
+
+</p><p>Da der Pastor selbst ihn am Ohr herunterschleifte, machte
+die übermäßige Angst dem Portier Mut, das Ende einer
+Komödie zu finden, in der nur sein Respekt ihn hinderte
+brutal zu sein. Er schrieb einen Brief nach Kowno, in dem
+er alles aufzählte und sich der besten Gnade empfahl.
+
+</p><p>Einige Wochen später, als Billy im Bett lag und auf
+die Mondkringel lauerte, die durch die Alleen strömten,
+fuhr ein Wagen herauf, es wurde angeklopft, geöffnet, eine
+Stimme rief &bdquo;mein Sohn&ldquo;, stieß die Tür auf, kam her,
+von einem möderischen Lachen umschwungen, und nahm ihn
+aus dem Bett.
+
+</p><p>Die Nacht schaukelte Billy auf den Knien des Fürsten
+Wolkowski, der ohne Unterlaß redete, der Portier sollte
+Tee machen und von seiner Frau erzählen, aber er kam
+immer in die Jahreszahlen der Porzellankabinette hinein
+und kaute wie mit dem Mund einer Rüstung schnarrend
+und sinnlos. Am Morgen nahm Wolkowski seinen Sohn mit.
+
+</p><p>Er schob dieses Niveau, das ihm seiner Mutter nach
+vielleicht gelegen hätte, als durch die Ereignisse überholt
+und des Kindes Blut offensichtlich nicht entsprechend, rasch
+von ihm weg, um es einer markierteren Zukunft entgegenzuführen.
+
+</p><p>&bdquo;Lebewohl&ldquo;, schrie er dem Portier zu, doch er war nicht
+zu finden, erst wie sie rasch das Haus verließen, trat er in
+den Alleegang, als der Wagen schon lief, vermochte kein
+Wort zu sagen, sondern blieb stehen, warf die Arme &bdquo;Präsentiert
+das Gewehr&ldquo; und den Kopf &bdquo;Augen links&ldquo;. So
+fuhren sie an ihm vorbei, Billy winkte mit einem Tuch.
+
+</p><p>Wolkowski lehrte ihn auf der Fahrt noch, daß er unter
+allen Umständen keine Mutter habe und brachte ihn nach
+Gerolsheim in ein Pensionat. Er behielt seinen Namen,
+nur wurde ihm der Vorname Wolkowskis, Harion, hinzugefügt,
+man nannte ihn Harri. Wolkowski war ein ungewöhnlich
+schöner Mensch mit kleinem dunklem Bart am
+Kinn und einer Kante an der Stirn, die sein Interesse am
+Kleinen mit einem Wachsein für ein langes und weitgespanntes
+Dasein verband.
+
+</p><p>Ein Jahr später übersiedelte Harri, der seinen Vater
+nicht mehr sah, auf seinen Wink in die Odenwaldschule,
+wo er zwei Jahre lebte mit beiderlei Geschlecht, wilden
+Mädchen und klugen Jungen und einer Erziehung, die ihm
+Freiheit des Geistes als oberstes Merkmal pries.
+
+</p><p>Dann zog der Befehl Wolkowskis ihn nach Ettal. Im
+Kloster mit der halb bäurischen, halb besten aristokratischen
+Jugend Bayerns, lernte er strengste, kirchlich geheizte Zucht
+mit dem vereinen, was an der Bergstraße seine Lehrer ihm
+als Ziel der Lebensidee an Freiheitsgefühl unausrottbar
+ins Blut gesetzt.
+
+</p><p>Wolkowski war tot, als er das Kloster verließ, ein
+Anwalt verwaltete ein ansehnliches Vermögen, das der
+Magnat seinem Bastard übermittelt.
+
+</p><p>Er ging nach Genf, München, Berlin, sah kurz Warschau
+und Petersburg und verbrachte seine Zeit in der üblichen
+Form seiner Gesellschaftsklasse. Ausschweifungen bestätigten
+ihm nur vom Kloster her Bekanntes in größerer
+Ungebundenheit, in die niemand mehr hineinsprach. Sonst
+war nichts Neues da, außer dem, was das Auge durch
+Vergleiche ablas.
+
+</p><p>Die Zeit begann dagegen, die auf sie Horchenden bereits
+zwischen ihre schon heftig mahlenden Mühlräder zu nehmen,
+und, zwischen fernen Gewittern und glatter Gegenwart, war
+ein Mann nur, wer sich entschied.
+
+</p><p>Durch ein Mädchen, das er mitnahm, kam ihm das
+niedere Schicksal in seinen Gesichtskreis, was man mit einer
+Handbewegung sonst abtat, was man nicht wissen und erlebt
+haben durfte, wenn man heiter weiter leben wollte
+und ihn begann das Dasein der anderen tieferen Schichten
+anzuziehen, jedoch nicht mehr als mit teilnehmender
+Neugier.
+
+</p><p>Mit glänzenden Beziehungen, reich, schlank und mit
+blonden Haaren über dunklen Augen, einen sportlich gewaltigen
+Rücken zwischen der slavischen Eleganz tierisch anmutiger
+Bewegungen auf schmalen Hüften schaukelnd, angesehen
+und nicht ohne ererbte Haltung, zog ihn alles
+eigentlich zu Erfolgen und Siegen seiner Schicht.
+
+</p><p>Aber eine dumpfe Erbschaft, die von der Mutter her
+sein Blut bewohnte, zwang ihn immer wieder, eifrig den
+Ausgleich abzutasten von seiner Klasse zu der, wo man
+fern demonstrierte, schuftete und stank.
+
+</p><p>Nach jedem Versuch aber, sich dort festzuklammern, flüchtete
+er zu neuen Geliebten. Es lockte ihn dunkel aber sofort
+wieder hinunter.
+
+</p><p>In Mons fuhr er in Manchesterhosen in die Braungruben,
+aß Speck, Brot, gröhlte und schnapste. Kräftig,
+braun, erfrischt, aber innerlich erschöpft kam er nach Köln
+ins Hotel.
+
+</p><p>In München arbeitete er im Wohlfahrtssekretariat, Fürsorge,
+Antituberkulose. Sein Lehrer Brentano zeichnete ihn
+im Seminar aus, wo er durch kühne Einfälle die besten
+volkswirtschaftlichen Florette führte.
+
+</p><p>Als es anfing ihn zu verwirren, daß bei allem Drang
+und aller Lust er in den Tatsachen der Masse fernblieb, ohne
+Kontakt und selbstverständliche Gemeinschaft, während das,
+was er von Natur leicht besaß, ihn in seinen Möglichkeiten
+nicht reizte, fuhr er auf der Durchreise zu dem Mann,
+der neun Jahre sein Vater zu sein schien.
+
+</p><p>Der kannte ihn nicht und begann erschreckt, als der Kavalier
+über den Horizont seines in elf Unteroffiziersjahren erreichten
+und umschlossenen Weltgefühls sich ihm zärtlich
+nahte, Hilfe bei seiner vorgesetzten Autorität zu suchen
+und knarrte verzweifelt die Namen und Jahreszahlen der
+badischen Dynastie herunter.
+
+</p><p>Entsetzt fuhr Harri durch die fabelhaften Alleen.
+
+</p><p>Zwei Jahre ging das Leben so hin, bis die Operation
+des Appendix ihn um ein Haar erledigte. Auch als er genas,
+geriet er dem Tod nicht aus seinem Bann.
+
+</p><p>An der Grenze des Lebens hatte er verlernt, die Wichtigkeit
+der irdischen Dinge respektvoll beizubehalten.
+
+</p><p>In einer tiefen Melancholie, die allerdings nicht auf die
+Oberfläche seines Wesens trat, erlebte er nur noch den
+spielerischen Reiz im Ungefähr dieses Existierens und blieb
+schon durch den Gedanken, daß er bei Unkenntnis dieser
+Operation vor wenigen Jahren ein verscharrter Kadaver
+und eigentlich nur geschenkt und leihweis dem Leben überlassen
+sei, lächelnd plötzlich jenseits der Probleme und
+Fragen der Zeit aufgestellt.
+
+</p><p>Seltsamerweise ging alles Seitherige in seinem Gedächtnis
+unter, er begann neu die Eindrücke zu spiegeln,
+ohne sie aufzunehmen.
+
+</p><p>Eine Laune des Todes, verbrannt von der einmaligen
+Größe seiner Nähe und nur noch imstande mit diesem furchtbarsten
+aller Wertmesser noch einzuschätzen, ein fast uninteressierter
+Beurlaubter des Sterbens, so fühlte er sich,
+obwohl stark und voll fiter Gesundheit, einem Dasein entgegenschreitend,
+das er einerseits nicht besonders einzuschätzen
+vermochte, das auf der anderen Seite aber mit verzehrenden
+Lockungen und dauerndem Wechsel ihm gegenübertrat.
+
+</p><p>Noch müd fuhr er, zu reisen, von Baden nach Folkstone,
+der Himmel war voll Gewölk und lichter erst über
+den wollweichen Wiesen von Kent. Zwischen den Riffen
+und Blumen und Bächen, Hornissen und Sturmschwalben
+gingen Wochen, die nichts gaben, nichts nahmen.
+
+</p><p>Bei Angeln, Jagd, bei auf dem Rückenliegen, im Anblick
+eines Hauses, des hellen New-Romney, im Anblick von
+Wight, der Cousine Lyne eines Freundes, die morgens viel
+lachte, im Anblick der Grasschur für Hockey, im Anblick von
+Bournemouth, von einem Korallenparksee, der Portlandinsel,
+im Anblick eines Strandes, der immerzu ihm entgegenzuschwimmen
+schien, im Anblick von Weihen und
+Hasen, von Uplyme Hill, Lyme Bay, von Hunden, von
+einem Kerzenbegräbnis, von Cast Looe, Himmel, Birken
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. im Anblick von Fischschuppen, die ganz neu ihm
+erschienen, vom Zinnober des Abends über Kühen, im Anblick
+von Abteien und Ulmen, Gerrans Bay, Polperro,
+Gorran Haven, im Anblick des Hallstroms, wo er ins
+Gewirr des Meerarms strömte unter Blattwerk und rudernden
+schwarzen Enten, im Anblick von Cape Cornwall,
+St. Ives, einer Hochzeit im Dorf, im Anblick eines Autos,
+das in die Luft sprang und ins Meer stürzte, im Anblick
+einer dauernden besonnten, reichen und wundervollen Reise
+empfand er nur ein gewisses Interesse, das sich abendlich verdunkelte,
+in der Frühe immerhin nicht ohne Sympathie war.
+
+</p><p>Er stieg vom Dampfer, nahm die Bahn und ging quer
+durch Cornwall zurück. Am Waldrand bei Liskeard bettelte
+ein Vagabund ihn an, Harri bettelte zurück. Da lief der
+Störzer wie ein Eber schreiend davon. &bdquo;Simpelst thing
+in the world&ldquo;, sagte Harri, sah ihm nach, fischte ein paar
+Tage Forellen mit Edinburgher Studenten, fuhr durch
+blühende Grassteppen ans Meer, durch Sussex, und kam
+nachts nach Paris.
+
+</p><p>Im Hotel neben dem Panthéon schrillte dieselbe Nacht unter
+einem Dietrich das Türschloß, sein Schlüssel flog heraus,
+das Licht ging an, ein Herr im gelben Pyjama stand vor
+seinem Bett, verbeugte sich, hielt den Finger auf die Lippen,
+deutete auf eine Dame, die hinter ihm stand und glitt
+lautlos hinaus.
+
+</p><p>&bdquo;Wie heißt der Mann?&ldquo; &bdquo;Gallow.&ldquo;
+
+</p><p>Sie flüsterte zitternd, während draußen der Lift hochschoß,
+Männer liefen, ein Zimmer erbrachen, die Stimmen aufkrischen
+und langsam zurückfliehen und verschwanden. Harri
+bot der Dame sein Bett an und verpflichtete sich, im Lehnstuhl
+zu schlafen, die hatte einen Kimono über dem Hemd, die
+nackten Beine bebten. Nach zwei Stunden entführte sie
+Gallow mit einer Verbeugung, eine Limousine nahm sie
+auf vor dem Hotel, die Vögel sangen bereits in das Lila
+einer Dämmerung.
+
+</p><p>Mit dem Grafen Shanvady, mit dem er eine Zeitlang
+in Ettal zusammen war, fuhr er die ersten Tage nach
+St. Germain, nach Enghin, nach Calais. Mit Shanvadys
+Cousine Mirei fuhr er zum Sonnenaufgang nach Trouville.
+Im Motor begleitete er sie durch das Abendrot der Seine
+am Trokadero.
+
+</p><p>Ihre Schläfen waren leicht eingebogen, die lebhaften
+Nüstern zitterten scharf und anmutig, das Auge war bedeckt
+mit einem perlmuttenen Schleier, unter dem das leidenschaftliche
+Herz sich kühl verbarg.
+
+</p><p>Vor Bildern, im Musée Moreau, vor den Räuschen
+übergroßer Empfindung, fiel ihr Gesicht wie eingestürzt noch
+nach innen. Sie war so unerlöst, daß der Hauch einer
+seelischen Bestürzung sie erstarrte, eine Zärtlichkeit der Stimme
+sie fiebrig den Blick verschwimmen ließ.
+
+</p><p>Auf den Rennen in Auteuil traf er dagegen am Totalisator
+Gallow wieder, der eine Bande kommandierte, die zwischen
+den Buchmachern, Jockeys und Startrichtern hin- und herschoß
+und signalisierte. Er setzte auf ihre Tips, gewann,
+verlor, gewann. Angezogen durch die Organisation blieb
+er dabei, nachts endete er mit einem Umzug durch die
+Brasserien des lateinischen Viertels. Da Gallow am
+nächsten Tag in die Provence verschwand, kam von dem
+Räderwerk einiges an Harri heran.
+
+</p><p>Er schaffte den holländischen Photographen Visser, der
+die dunklen Höfe für drei Sous aufknipste in ein illustriertes
+Journal, wo Visser die Klischees an Althändler zu verkaufen
+vermochte mit siebenfachem Gewinn gegen seine Gage.
+Er schob Germaine als Tänzerin in das Ballett, wo beim
+achtundzwanzigsten Mal erst ihrer Schenkel Kraft einem
+Kritiker auffiel und Germaine auf den Punkt gelangte, ihr
+gewisses Renommee und diesen Ruhm zu abenteuerlichen
+Räubereien an der Gesellschaft zu benutzen.
+
+</p><p>Er bugsierte den Juden Blumenthal in den Marstall
+des Präsidenten, der dann, von der Opposition bestochen,
+das Pferdezeug durchgehn, den Wagen auf der Straße von
+Neuilly umschmeißen und den wackelnden fetten Mann als
+Oberhaupt der Republik von Maulaffen und Verbrechern
+mit Birnen beschmeißen und in aller Taghelle besudeln ließ,
+bis seine glänzende küraßte Kompagnie herbeikam, aber
+den Skandal nicht mehr aufspießte, der aus einem Film
+und hundert Karikaturen über Europa flitzte.
+
+</p><p>Er bewegte sich in dem Milieu politischer Flüchtlinge,
+bankerotter Literaten, sozialer Bohèmes und Glücksrittern,
+in diesem nihilistischen und auf Karriere bockgeilen Milieu
+mit der Sicherheit seiner Beziehungen und seiner Uninteressiertheit.
+
+</p><p>Dazwischen sah er Mirei.
+
+</p><p>Bald mischte sich sein Leben.
+
+</p><p>Er saß mit der Ungarin in der Opernloge, aß mit ihr
+und Shanvady im Café de Paris und fuhr im spiegelglatten
+Auto in den Klub der Rue de Grenelles.
+
+</p><p>In derselben Nacht in schiefer Sportmütze und Sweater
+decouvrierte er den Rennfahrer Müller, der im Absynthrausch
+in der Rue Champollion gestürzt war, als Besitzer
+eines zerborstenen Holzbeins, Spitzel, und Besitzer von
+fünfhundert Francs, die er verschwiegen und sich von den
+kleinen Kokotten hatte aushalten lassen.
+
+</p><p>Er tastete mit Mirei die Knoten der ältesten Spitzen ab
+im Musée Cluny und ging dem Filigran nach in seine jahrhundertalten
+Verästelungen.
+
+</p><p>Er holte Hallboog hingegen aus seiner fensterlosen Baracke,
+wo er zwischen dem Bild einer Frau, die ihn betrogen,
+und dem Glas darüber, eine Brut Wanzen züchtete, und
+brachte den gertenschlanken, haarumbauschten Burschen zum
+Führer des Chors in eine dramatische Revue des Odéon.
+
+</p><p>Er ging im Promenoir der Folies Bergères, den Zylinder
+im Genick, die Hand in der Fracktasche neben Mirei, und
+machte in dem Café der kleinsten Huren den Kroaten
+Mitro Petrova aufmerksam auf eine Notiz im Figaro, die
+einen phantastisch reichen und abenteuerlichen Sportsmann
+und Aristokraten seiner Rasse bei Geschick in seine Hand gab.
+
+</p><p>Er fuhr zum Golf auf den graziösen Avenüen zwischen
+den Idyllen und Zartheiten der Gebüsche mit Mirei im
+Bois de Boulogne auf dem Mail.-Phaeton, und brachte
+Petrova hingegen unter als Spitzel gleichzeitig bei dem
+serbischen und österreichischen Konsulat.
+
+</p><p>Er glitt mit dem Räderwerk, das er stellte und spielte, tief
+in das Milieu, war im arabischen Viertel heimisch wie ein
+Zuhälter, kannte und lernte die Tricks der Polizei, der Gesellschaft,
+lernte die Finten dagegen, die Fallstricke, die Betäubungen
+der Gegnerschaft. Wußte, wie Mädchen verkauft,
+Männer ausgetrieben werden, kannte die Führer der Milchdiebe
+und der panslawischen Komitees, lebte in dem Rauch
+der europäisch gemischten unruhsamen Retorte, wurde von
+Mirei nicht erkannt, als er ihr als Camelot ein Abendblatt
+vor der Oper verkaufte, nicht, als er statt Hallboog dem Chor
+im Odéon die Stichworte gab, aber er brachte genug unausgesprochener
+fremder Welt an sie heran, daß sie ohne
+Begreifen aber gefüllt bis zum Rand mit Instinkten mit
+ganz weit geöffneter Iris und dem fiebrigen Pochen, gleich
+einem dahinter schlagenden Vogelherz, ihm gegenübersaß.
+
+</p><p>Als Mitro Petrova, durch das Pech verfolgt, nicht beim
+Grafen Castiglione, jenem großen ungarischen Sportsmann,
+vorgelassen wurde, nahm er selbst, in Petrovas Maske und
+ausgefransten Hosen und ohne Kragen die kompromittierenden
+Briefe, erreichte, von Petrova gefolgt, in dem Hotel
+am Vendômeplatz drei Appartements, ging in das vierte,
+von der erblaßten Dienerschaft bestaunt, sah eine Frau im
+Peignoir halbnackt, aber mit deutlicher wunderbarer Schulter
+durch einen Vorhang verschwinden und hielt mit ruhiger
+Überlegenheit dem Grafen, einem breiten, nackenschweren
+Burschen mit rötlichem Bürstenschnurrbart die Papiere und
+die Situation vor und ließ ihn wählen.
+
+</p><p>Verwirrt griff der nach dem Schlüssel seines Schranks,
+um auszuzahlen, da stürzte Petrova auf die Papiere, warf
+sie dem Grafen vor die Füße, warf sich in den Teppich
+auf die Knie, verzichtete auf die Rente und erbat als
+Gegenleistung für die Papiere seine Geliebte für eine Nacht.
+
+</p><p>Der Graf riß die Papiere an sich, bekam durch diese Wendung
+Mut, spannte eine Pistole, und nur mit schrecklichen
+Sätzen gelangten die beiden ins Freie. Der Figaro brachte
+Castigliones Bericht durch seinen Interviewer, das Journal
+sein Bild, der Polizeipräsident setzte eine Belohnung
+auf die Erfassung der Attentäter.
+
+</p><p>Am folgenden Morgen machte Petrova Harri klar, daß
+er nichts, Harri alles zu verlieren habe, und daß er Geld
+brauche. Harri lachte und schlug ihm zweimal seine Handschuhe
+ums Gesicht. Nun tauchte aber Gallow wieder auf,
+eifersüchtig und gewandt versuchte er ebenfalls die Erpressung.
+Harri gab ihm eine Banknote. &bdquo;Einmalig .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+wie der Tod&ldquo;, sagte er.
+
+</p><p>&bdquo;Yes&ldquo; &mdash; Gallow.
+
+</p><p>Nach drei Tagen begann Gallow die Erpressung von
+einer anderen Seite. Harri suchte ihn durch einen Dritten,
+der zuhörte, zu fassen. Es gelang nicht. Als er ihm entgegnete,
+daß er, wie seinerzeit den Störzer am Waldrand
+bei Liskeard, ihm auf gleiche Weise Erpressung vor die
+Brust schießen werde, fragte Gallow kalt: &bdquo;Wieso?&ldquo;. In
+der Tat gab es gegen diesen eleganten und gefährlichen
+Halunken kein sicheres Material.
+
+</p><p>Das sagte Harri zu dem Grafen Shanvady, als er
+mit ihm vor dem Café d&rsquo;Harcourt saß, und damit trat
+Shanvady in sein Leben, in das er tief wie niemand einschnitt.
+
+</p><p>Shanvady frug, ob er ihm das Arrangement überlasse,
+Harri nickte; Gallow verschwand.
+
+</p><p>Am gleichen Tag fuhr Harri ohne Shanvady mit Mirei
+nach Fontainebleau. Das Wasser hatte eine zauberhafte
+Durchdringung der Luft, die Parke standen hauchklar und
+leicht.
+
+</p><p>Sie erregten sich aus der Beschwingtheit des federhaften
+blauen Tags hinein in die Schönheit des, was sie umgab.
+Er zeigte ihr den Hof, wo Napoleon Abschied nahm vor
+Elba, und Sergeant Dubois durch einen Schrei die ganze
+Kompagnie zum Heulen brachte.
+
+</p><p>Vom Wagen links und rechts sich neigend, verständigten
+sie sich, daß hier der Rousseau gemalt, dort der bauernhafte
+Millet, da der Daubigny, und am Ende überall der aus
+Silber und Flöte die Welt geschaffen: Corot.
+
+</p><p>Schon im Schloß lächelten sie sich zu und begannen
+die Säle zu durchrennen, immer süßer wie von ihrer eigenen
+gleichströmenden Harmonie weitergetragen, bis Mirei
+neben einer schlanken elfenbeinernen Vase der Marie Antoinette
+stehen blieb, errötend, ihn erwartend und die Hand
+auf der Brust, atemlos: &bdquo;Fühlen Sie mein Herz&ldquo;.
+
+</p><p>Alles war nunmehr aus ihr herausgetreten und hatte
+sich in ihrem Gesicht aufgestellt, bereit wie mit einer großen
+und feierlichen Zeremonie ihn zu empfangen und ihm entgegenzutreten.
+
+</p><p>Allein in diesem Augenblick entfernte sie sich unter seinem
+Blick, er fühlte keinen Anlaß und keine Begeisterung hineinzutreten
+in diese Welt, als sie sich ihm öffnete, er vermochte
+sich nicht darauf zu spannen, daß dies ihm etwas
+sei. Der Tod hatte ihn zu sehr entrückt, er bestand die
+erste Probe nicht, mit der das Dasein ihn lockte.
+
+</p><p>Flaumenweich, dünn und zwecklos floß es ihm weg,
+er neigte sich nur lächelnd und zurückhaltend, als höre er.
+Abends nahm er im Luxembourg-Garten eine tschechische
+Studentin mit, küßte ihre Knie und lachte über die Nationalbänder,
+die sie durch ihre Wäsche geflochten.
+
+</p><p>Am anderen Abend eröffnete er mit Hallboog das Kabarett
+in der Rue Champollion. Er suchte Hallboog damit
+durch die Varietésensation in die Literatur hineinzubringen,
+aus der dieser abgebogen war durch ein Weiberunglück,
+und in die dieser ungebrochene und nur zum erstenmal zusammengeklappte
+Jüngling mit penetranter Begabung gehörte.
+
+</p><p>Den Tag über hatte er alles, was irgendwie ihre
+Kreise streifte, als Sandwichmänner mit Plakaten herumgeschickt.
+Germaine, die er gestartet, war im Auto mit
+Herren im hohen Hut angefahren, um als Favorite nun
+wiederum diesen Start zu machen.
+
+</p><p>Shanvady in grünem Seidensweater, Apachenmütze,
+Lackpumps und rotem Halstuch eröffnete, indem er ein
+Florett durch das Billard stach und, das sechseckige Monokel
+eingeklemmt einen dicken Herrn in der ersten Reihe
+verhöhnte. In der Hand hatte er zwei Diskusse, die er
+dröhnen ließ. In der vierten Nummer sang Germaine,
+indem sie beinahe nackt auf dem Tisch tanzte: J&rsquo;offre ces
+violettes / Ces lis et ces fleurettes / Et ces roses icy / Ces
+vermeillettes roses / Tout freschement écloses / Et ces
+oelliets aussi. Die Spanier kamen, warfen ihre spitzen
+Hüte hoch, schrien ihre Namen: Tomé .&nbsp;.&nbsp;. Elisabat .&nbsp;.&nbsp;.
+Camacho .&nbsp;.&nbsp;. Curchuelo. Ein zamoranischer Dudelsack pfiff
+dazwischen, aus den Ecken gingen Grammophone wie Böller
+los, Überraschungstüren knallten mit aufgebundenen Akteuren
+um eine wagrechte Achse.
+
+</p><p>Da sprang über einen Tisch der Holländer Visser, streckte
+sich eine Sekunde mit dem pockennarbigen Gesicht wie ein
+Pferd in die Höhe, machte einen Riesensprung und stieß,
+ihm in die Augen sehend, Hallboog zwei Messer in den
+Rücken. Die Scheiben des Cafés wurden eingedrückt,
+Sanitätsleute liefen vom Boulevard herüber, das Polizeirevier
+sperrte ab.
+
+</p><p>Sie frugen Visser: warum. Er vermochte nichts mehr zu
+sagen als den Namen seiner Schwester, die verschwunden
+war, er sagte ihn bis an sein Lebensende.
+
+</p><p>Das Komitee ward verhaftet und zurückbehalten. Shanvady
+rettete sie, indem er plötzlich mit dem grauen Torpedoauto
+der Botschaft vorfuhr.
+
+</p><p>Am anderen Morgen traf Harri, aus dem Metro steigend,
+Mirei. &bdquo;Wir sind im selben Wagen gefahren und
+haben uns nicht gesehen.&ldquo; Er nickte. Ihr Gesicht sprang
+fast wie dünn gewachsenes Glas unter den verhaltenen
+Tränen. &bdquo;Ich fahre am Abend.&ldquo; Er nickte und schwieg.
+Sie gaben sich vor ihrem Haus die Hand. Bald darauf
+kam Harri an die Seine.
+
+</p><p>Ein Dampfer legte bei an dem Steg, er bemerkte jemand,
+der ihm winkte. Ein Engländer grüßte von dem
+Dampfer mit hellen Handschuhen ihm herauf, aber erst, als
+dieser die große Reisemütze abtat, erkannte er Petrova, der,
+zwischen Lederkoffern und eine Frau neben sich, dem Glück
+eines Tricks nachfuhr, der ihn in die Höhe geworfen, und
+den sofort eine Rauchwolke, die das wendende Schiff machte,
+verhüllte.
+
+</p><p>Vom Arc de Triomphe sah Harri die Stadt wie einen
+Stern geordnet und Züge, die in das gewellte abendblaue
+Ackerland hinausrollten. In einem der Züge war Mirei.
+
+</p><p>Gegen Mitternacht sprang er über das Gitter des
+luxemburgischen Gartens, trat in die Platanenallee und kam
+in die Nähe des Platzes, wo der Wind auf fünfzig Meter
+die Fontäne gleich einer Peitsche herumschlägt. Auf der
+Bank saß ein Mann, er erkannte, als dieser aufsprang,
+Shanvady.
+
+</p><p>Harri hatte die Hände vor die Augen geschlagen, um
+besser zu sehen. Das verkannte Shanvady und machte
+eine Bewegung, die aufforderte, sich ihm vollständig hinzugeben.
+Als sähe er in ihm einen Zusammengeschlagenen,
+sagte er: &bdquo;Kommen Sie mit mir, schließen Sie sich mir an.
+Ich führe Sie, zu was Sie wollen.&ldquo; Harri starrte ihn an.
+
+</p><p>In diesem Augenblick kam die Fontäne armdick angesaust
+und Harri fing sie mit der Brust und entgegengeworfenem
+Gesicht auf. Damit waren sie zu nah in das mondvolle
+Rondell getreten, die Wache am Schloß trat ins Gewehr,
+ein Trommelwirbel, die Qui vives kamen durch die Bäume.
+Die beiden sprangen zurück, machten kehrt, rannten durch
+die Allee, über die Mauer auf die Straße und verloren
+sich dabei. Anderen Morgens trafen sie sich, ohne von dem
+Abend zu sprechen, im Zug nach Straßburg, von wo Shanvady
+auf eine Besitzung fuhr.
+
+</p><p>Harri begleitete ihn nicht, versprach ihn später zu besuchen,
+reiste weiter, im übrigen vergaß er diese ganze
+Epoche rasch, sie blieb ohne Widerhall in seinem Leben.
+
+</p><p>Als er Fische wieder fing, war alles aus ihm heraus
+mit dem Fluß schon abgeströmt und nichts da als das
+pastellne Rosa-Schaukeln der Wolken und Dächer, das
+Kuhgebrumm und das Schlafbedürfnis, das von den kräuselnden
+Ulmenschatten über die abendlichen Matten herüberwehte.
+Als er Dover sah, nahm er es nackt und ungetrübt,
+ein Spiegel, der zum erstenmal die Welt in sich
+spannte. Er sonnte sich wie in sich selbst ruhend, am Strand,
+auf den Schiffen, als sei nur pausenloses Leben vor ihm
+und hinter ihm nichts.
+
+</p><p>Es gab viele Genüsse freilich, die ihn leicht erheiterten,
+aber es hätten ihn aus seiner entfernten Kühle nicht einmal
+die Schmerzen getrieben. In Husum knackten die Fischermotore,
+in Trouville sangen die Austernverkäufer weiter,
+weiter .&nbsp;.&nbsp;., in Hamburg krischen die Matrosen: &bdquo;Glorie,
+glorie, Hallelujah / Schön sind die Mädchen von Sankt
+Pauli-Altona.&ldquo; In dieser Zeit vermochte er sogar viel zu
+lesen und zu studieren.
+
+</p><p>Von Hamburg fuhr er plötzlich direkt zu Shanvady.
+
+</p><p>In einem dampfenden Gewitter an einer Wegkreuzung
+der Vogesen ließ Shanvady ihn abholen in einem Wagen
+des vierzehnten Ludwig, mit sechs Pferden, karmoisin und
+golden, und einer Krone als Abschluß. Mit Fackeln kamen
+sie abends in den Park eines Rohanschlosses. In einem
+erleuchteten Fenster schwamm unregbar die Silhouette Shanvadys,
+der mit sich selbst Schach spielte. Am Portal ließ
+er Harri durch den Hausintendanten begrüßen, es lag eine
+Absichtlichkeit wie die Vorbereitung eines heimlichen Ringens
+in der Luft.
+
+</p><p>Auf der breiten Marmortreppe des Ausgangs bewegten
+sich eine Dame und ihre Tochter zwanzig Stufen über ihm.
+Plötzlich fiel mit glatter Bewegung die Hose des Mädchens
+über ihre Schuhe. &bdquo;Mais .&nbsp;. Juju .&nbsp;.&ldquo;, entsetzte sich die
+Dame. Das Mädchen schlug die Hose dem Hund neben
+ihr ins Gesicht, erblickte Harri, streckte die Zunge heraus
+und folgte ihrer Mutter wieder mit Ruhe. Sie hatte einen
+Frottéstoff im Kostüm bis zu den Knien, war etwa siebenzehnjährig,
+mit biegsamen Beinen.
+
+</p><p>Auf dem Balkon neben Harris Zimmer stand der Hausintendant
+mit dem Gesicht einer Dogge. Der Stall war mit
+einer Lichtschnur erleuchtet. Zwischen den Gartenbosketts, die
+dampften, ritten Reiter durch die nächtlich blauen Schwaden.
+In einem Springbrunn im Hof, auf dem der Mond lag,
+standen nackte Jünglinge und hielten sich, murmelnd, an
+den Händen.
+
+</p><p>Über sie aber kam aus der Ferne des Gartenrings ein
+Laut, der vor dem Schloß fast starb, aber noch zitterte in
+der Luft, weich und süß, spielte eine Weile, verschwand und
+kam wieder an, die volle unruhige Nacht hindurch.
+
+</p><p>Beim Erwachen sah er vom Bett aus einen Mann in
+roter Toga, eine Ziege an einem Band führend, das Haus
+verlassen.
+
+</p><p>Es war die Zeit, wo Sekten anfingen in Deutschland
+die geistigen Leidenschaften der Epoche, die noch kaum
+donnernd unter der Zeit ihres Aufbruches lagen, in Vorposten
+um kuriose Karikaturen zu sammeln, und wo die
+Folien der Helden das Land durchstreiften. Ein Adept
+seltsamer Prägung erschien bereits voll Bekehrungswallung
+noch beim Ankleiden, der mit eingesunkenen Augen deklamierte:
+Sinnlichem gelte seine und seines Lehrers Clique
+Verachtung, worauf in Pyjamahose und nackter Brust nur
+Harri sein Gurgeln gerade beendete.
+
+</p><p>Als der Diener im Tubbe ihn einseifte, fuhr der Adept
+unbeweglich fort: Leben sei der Zweck, durch ewiges Training
+der Seele zum Spiegel vergangener gelebter Leben
+vorzudringen und mit solchen geistigen Reservedivisionen
+das läppische Rätsel der Erscheinungen dieser Welt wie
+mit Handgranaten aufzuschmeißen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. worauf mit
+leichter Bewegung, den Schwamm hoch auf dem Nacken
+ausdrückend, Harri freundlich über die Schulter frug, in
+wessen fabelhafter Tat und Kühnheit sich diese Lebensfasson
+am kräftigsten offenbare. Da geschah das Unvorhergesehene,
+daß in das tiefe Schweigen beim raschen Niederbücken dem
+Diener ein bestürzender Knall entfuhr.
+
+</p><p>Doch erschien glücklicherweise der Hausintendant, half
+Harri in das über den Kopf gereichte Hemd und meldete
+Shanvadys für ganz kurze Weile in der Nacht stattgefundene
+Abreise.
+
+</p><p>In kurzen, kniefreien Unterkleidern stehend, Manschettenknöpfe
+einziehend, meinte Harri, als der Adept nicht wich,
+daß man beim Lesen feuchte Knie, im Schlaf hin und
+wieder Hundeträume habe, im Gewitter grüne Leichen sehe
+wie er sage, das sei amüsanter freilich wie manches, aber
+was helfe es ihm, der auf das Frühstück aus sei, welches
+englisch gerichtet mit einem kleinen Beafsteak und Anchovisfischen,
+Porter und Marmelade und Lachs der Diener auf
+der erhobenen Hand im Hintergrund anbot.
+
+</p><p>Als aber darauf der Hausintendant plötzlich nach dem
+Garten schielte und mit zitternder Stimme auf eine schöne
+Junonin neben einem taprigen, elegant arrangierten alten
+Gecken wies und, eh er fortfahren konnte, der Adept zum
+erstenmal seine verklebten Augen aufriß und mit schüttelnden
+Verneigungen den Gaga als jenen Holzer grüßte,
+der beim Feldzug der deutschen Seele nach ihrer zeitlichsten
+Vertiefung die meisten Skalps gestochen, und wedelnd mit
+seinem Skelett am Fenster knackte, ergriff statt jeder Kritik
+und Würdigung mit Schwung, Harri neben seinem Bett
+ein rundes Gefäß, drehte sich um: &bdquo;Excusez&ldquo;, worauf der
+Adept bei dieser Anrufung der Natur wie unter einem
+Donnerschlag verschwand.
+
+</p><p>Als er gelangweilt durch den Park strich, verirrte er sich
+zwischen den barocken Hermen und kam erst durch ein Gezwitscher
+zu sich, das ihn lockte. Er folgte um Gebüsche
+und Steine, kam an den Uferrand und sah gerade noch
+Juju.
+
+</p><p>Er trieb sie über den Fluß, aber als er um eine tiefere
+Brücke herankam, entwich sie zurück, indem sie einen Zweig
+erwischte und in einen Kirschbaum sich schwang.
+
+</p><p>Im gleichen Augenblick mußte Harri zurück, sich am Ufergebüsch
+verstecken, denn aus dem Rondell trat eine Schar
+Menschen, die teils sehr elegant, teils aber auch in Ponyfrisuren
+und offenen Brüsten und Indianerhaaren die Zeichen
+der deutschen geistigen Freiheit trugen, und einer baltischen
+Weisheitsschule Couleur in Form eines Fürsten bei sich führten,
+der unablässig an einem violetten Seidenkissen stickte.
+
+</p><p>Ihr jüngster Nachwuchs blieb mit hochmütigen Hälsen
+unter dem Baum stehen und versuchte, indem sie ihre Beschwörungsformel
+&bdquo;tak .&nbsp;.&nbsp;. tak .&nbsp;.&nbsp;. tak .&nbsp;.&nbsp;. tak .&nbsp;.&nbsp;. ore&ldquo; riefen,
+Juju zu locken, die ihnen Kirschkerne auf die Köpfe spuckte.
+
+</p><p>Da aber das gemessene peripathetische Schreiten dadurch
+in Unordnung geriet, wandte sich der adlige Schreiber, der
+den Turnus führte, herum und schlug dem Jüngsten Laotses
+Sprüche heftig auf die Ohren, worauf der Fürst sich umdrehte
+und knurrte, weil ihm mißfiel, daß der Aufenthalt
+der Damenbeine halber geschah und erbost mit der Stricknadel
+einen Jüngling piekte.
+
+</p><p>Als sie im nächsten Boskett verschwanden, rannte Harri
+um die Brücke und kletterte in den Baum, wobei ein
+Regen von Kirschen auf ein niederging.
+
+</p><p>Als er aber dem Ast nahkam, auf dem die langen schönen
+Beine baumelten, ging ein Lärm los, als rausche ein Adler
+in das Gezweig herunter, aber nach einigem Lauschen sah
+er, daß es nur ein Dutzend Jünglinge waren mit wallenden
+Togen, die gesenkten Hauptes hinter dem Mann mit
+der Ziege herschritten, mit einer gewissen wallenden und
+stolzen Bewegung der nach innen gesetzten Füße.
+
+</p><p>Harri bemühte sich ruhig zu bleiben, aber es war nicht
+vonnöten, denn diese Männer sahen nicht herauf, sie murmelten
+nur, indem sie zum Takt ihrer Füße den unteren
+Rücken schwangen.
+
+</p><p>Die jungen Leute schienen noch weniger wie die Vorausgegangenen
+Frauen zu lieben, ihnen genügte es immer nur
+einen Namen zu lispeln, der wie &bdquo;Georges&ldquo; ausklang und,
+wenn er kein jüdisches Symbol bedeutete, ihn schließen
+ließ, daß hier ein balkanischer Stamm sich in Riten übte,
+worauf auch die Ziege den Akzent gab und ähnlich versunken
+mit dem Steiß flog.
+
+</p><p>Im Augenblick, wo sie einbogen, ließ sich Juju an den
+glatten Ästen heruntersausen, er konnte aber wieder nicht
+folgen, weil um die Ecke in großer Erregung Menschen
+sprangen.
+
+</p><p>Die schöne Frau des Vormittags zuerst, die Röcke
+geschürzt, den Busen fliegend. Hinter ihr der Greis mit
+falschen Hüften und Schminke im Gesicht, der sofort an
+einer Ritze der Badezelle Posto faßte und der Entkleidung
+zusah, die Harri vom Baum der anderen Seite durch das
+offene Dach noch freier sah. Hinter einem Baum aber,
+noch weiter hinter dem spekulierenden Holzer aber stand,
+das Gesicht von Tränen überlaufen, der Hausintendant,
+trostlos und ohne Hoffnung gegenüber so alter und konkurrenzloser
+Leidenschaft.
+
+</p><p>Als aber die Dame das Korsett in der Badezelle abnahm,
+war des Alten Erregung so gestiegen, daß er &bdquo;Anastasia&ldquo;
+zu rufen anfing und auf den Zehen hüpfte. In
+diesem Augenblick zog ein Boot vorüber, am Steuer der
+Adept des Vormittags, aber selbst das Gestöhn ihres Meisters,
+der sich die Haare raufte und aus der Nase blutete,
+weil Anastasia das Hemd mit dem Trikot wechselte, vermochte
+sie nicht abzuhalten, die Augen niederzuschlagen
+und &bdquo;Heil&ldquo; zu rufen.
+
+</p><p>Durch diese Ablenkung erst vermochte Harri seinen
+Posten zu verlassen, von zwei Zwergen verfolgt kam er
+zum Lunch.
+
+</p><p>Aus dem Schlaf weckte ihn das tiefe Geräusch, das
+den Horizont umspannte und dabei dünn und weich vor
+dem Schloß erstarb, wieder ausklang und verging und jeder
+Welle der Luft sich tausendmal mitteilte.
+
+</p><p>Im dunkelnden Garten rochen die Pechnelken wild herauf.
+
+</p><p>Hinter der Herme hörte er einen Pfiff.
+
+</p><p>Mit kleinen ängstlichen Schritten hüpfte Juju vor ihm.
+Sie ergab sich am Sockel der Niobe, entsetzlich erschreckt,
+weil im selben Augenblick ihre entzückende, breit plissierte
+Hose wieder fiel. Juju auf dem linken Arm, die Hose als
+Flagge in der Rechten, lief Harri in die Fliederpergola.
+
+</p><p>Sie entwand sich, er fand sie auf einer Schaukel wieder,
+in der sie hoch über eine Wiese schwang. An den Füßen
+zog er sie herunter. Sie schluchzte, als er sie ins Boot
+hob. Er mußte zurück, ihr zitterndes Hundevieh Rouge
+mit an Bord nehmend.
+
+</p><p>Als Wimpel wehte Jujus Hose, wie sie durchs Schilf
+hinausstrichen. Plötzlich glitzerten ihre Augen, sie riß ihr
+Kleid ab und warf sich mit einer rollenden Bewegung ins
+Wasser in dem Badeanzug, den sie darunter trug. Er zog
+sie wieder hinein. Sie landeten, sie verschwand im Schilf
+und kam mit dem Badeanzug zurück, während die Vögel
+aus dem Schlaf schrien. Ihre Beine wippten auf dem
+Landungsbrett, dann flatterte der Trikot im Wind, sie
+paddelten weiter.
+
+</p><p>Je tiefer sie aber trieben, um so deutlicher kam ihnen
+das Geräusch entgegen, weicher und getragener in der
+Nacht, und um so lockender zog es das Boot an.
+
+</p><p>Juju weckte mit der Blendlaterne die Fische, riß die vom
+Licht Bezauberten heraus, drückte sie auf den Bauch, daß
+sie die Mäuler aufsperrten und warf sie in das Wasser zurück.
+
+</p><p>Nun war es kein Zweifel mehr, daß das Geräusch, das
+immer dunkler die Nacht erfüllte, Frauengesang sei und sie
+fuhren darauf zu. Harri nahm Juju mit auf die Entdeckungsreise,
+als er landete. Sie biß ihm vor Vergnügen
+in die Lippe:
+
+</p><p>&bdquo;Chéri .&nbsp;.&nbsp;. mon ami.&ldquo;
+
+</p><p>Sie hörte den Gesang zum erstenmal.
+
+</p><p>&bdquo;Wie lange bist du da?&ldquo;
+
+</p><p>Sie wußte es nicht mehr.
+
+</p><p>&bdquo;Wie lange bleibst du?&ldquo;
+
+</p><p>Sie lachte: &bdquo;Fragen Sie Maman&ldquo;.
+
+</p><p>An einem Teich vorbei, Hügel mit Statuen, die man
+nicht erkannte. Jujus Arm an seinen angeklemmt. Immer
+auf den Gesang zu, der flackernd manchmal hochstach und
+dann in leichten Schwingungen sich vernebelte. Brausen
+in der Ferne. Plötzlich kam ein Haus.
+
+</p><p>Die Tür ging in den Garten. Es wurde vollständig
+still. Jujus Zittern ging durch seinen Rock. Im gleichen
+Augenblick erhellte sich eine Partie des Gartens wie ein
+langer silberner Streifen. Harri strebte danach, zuckte zurück,
+sie stießen an elektrische Drähte. Die Tür zurück war geschlossen.
+Im gleichen Moment begann das Singen wieder.
+
+</p><p>Der lichte Teil des Gartens <i>bewegte sich zu einem
+Zug, der wie auf einer Leinwand bebte,</i> zu verhüllt,
+um lebendig, zu sicher, um nur gedeutet zu sein.
+
+</p><p>Er sah den Zug vorüberlaufen, und vergaß Juju, die
+vor ihm stand:
+
+</p><p>Da kamen blonde Tscherkessinnen. Polinnen mit roten
+Lederstiefeln bis zur Scham. Im Blusenhemd warme
+Bornholmerinnen. Provenzalinnen mit Olivensträußen am
+Gürtel. Jütische Fischerinnen mit schlanken, sehnigen Armen.
+Die Diana von Aleppo. Eine weißblonde Finnin von den
+Stromschnellen, eine kleine von den Hochzeitsgütern. Neuseeländerinnen
+kamen, Kinodiven mit kurzen Rücken, hochbeschuht.
+Jüdinnen mit roten Haaren. Kleinasierinnen in
+Kleidern Poirets, den Bauch herausgepreßt. Kunstreiterinnen
+sausten vorbei, Russinnen mit Madonnenscheiteln,
+Armenierinnen mit den Hüften der Wolfshunde. Negerinnen,
+die schöne Melonenbrüste über der Schulter trugen.
+Arabische Frauen auf Pferden, kleine Irinnen, fliegende
+Frauen aus Normandie, Zigeunerinnen mit heller Iris,
+Provinzmädchen aus Krain mit anmutigen scheuen Knien.
+Dahinter Winzerinnen vom Elsaß, Sehnsüchtige aus Madrid,
+Barcelona, Chinesinnen, die Brustwarzen rot bemalt,
+Australinnen, glatt wie Zebufell.
+
+</p><p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Augen, Hüften, Beine kamen. Füße schritten,
+die auf Kies nicht treten konnten, Zehen, denen Blumen
+zu schwer waren, Knöchel so hochgespannte, daß sie die
+Sandalenschnur verschmähten, Waden, geschwungener als
+Kallastengel, entfalteter wie Orchideen, Arme, die besser als
+Vögel schwangen, Hälse kühner als Fliegerkurven gezogen,
+Achseln, die wie Schwanennester schwebten, Brüste wie
+Hügel der Bretagne aus der blausten Abendferne, Leiber,
+die mit der Bewegung der kühnen Gestirne aufzogen,
+Schenkel, die leichter als die erlesensten Tiere auftraten,
+Knie, deren Leichtigkeit Reh und Panther und Flamingo
+verjagte, Hüften, die der Eleganz der Rennmaschinen den
+Zauber der Erntefelder und Flüsse hinzufügten.
+
+</p><p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Soubretten mit offenen Munden, Autofahrerinnen
+in Schleiergesichtern, Huren, die auf die Brust sich wiesen,
+Verbrecherinnen mit Quarzaugen, Damen, die wußten,
+alles sei duftig, reizvoll, sie angemessen erwartend in ihrer
+Sicherheit, Seglerinnen mit Nacken wie Katzen gespannt,
+Reiterinnen mit bleichen, herrschsüchtigen Gesichtern, Mädchen
+mit Gliedern, als trüge jeder Muskel ein Service,
+Schauspielerinnen mit roher Träumerei vor dem Auge.
+Frauen mit Landschaften um sich, Cornwall und Gibsons
+Wald, burgundische Täler, der Po, die Rheinflüsse, Verona,
+der Ammersee. Frauen, hinter deren Kniebeuge das winterliche
+Gebirge aufschoß, unter die der Schwarzwald vom
+Merkur bis Badenweiler sich unter die Abfahrt legte,
+Frauen, um die Schiffe und Signale wuchsen, tropische
+Städte sich formten, Abhänge glitten. Frauen, um die
+der sommerliche Horizont flog, die über Birkenrinks bei
+großen Concours wegsetzten, Frauen auf dänischen Gütern,
+dalmatinischen Schlössern, Frauen, um die das Meer aufscholl,
+die in Jachten bräunten, die durch den Herbstwald
+hetzten, Frauen, deren Füße die Liebkosung der Maimatten
+kannten, Frauen, die durch die afrikanische Nacht auf Tiere
+schossen.
+
+</p><p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Polinnen aus Krakau, Rumäninnen mit lasterhaften
+Händen. Griechinnen von Smyrna, geduckte Frauen
+aus der Krim. Karthagerinnen. Die kriegerischen Weiber
+des Helesponts, Amazonen mit weißen Hengsten, Negerinnen,
+gleitend mit Bogen. Frauen mit üppigen Brüsten
+unter Ketten und Bronze, rote Haarbüschel über der Stirn.
+Die säbelschmalen Weiber aus Damaskus. Frauen mit
+Lippen, geschlitzt, sanft wie Mondfahrt, Lippen wie Trompeten
+geballt. Frauen, windhaft wie Segel, schwirrend
+wie Pfeile, mit Fruchtglanz aus Bagdad, Spiegelnde aus
+Kairo, von Ceylon, Beirut. Frauen mit großstädtischen
+langen Schenkeln, die nur Teppiche und Wagentritte berührten.
+Mit mozartischen Gelenken. Mit Goldflecken auf
+dem Rücken. Mit Niggermusik in dem Bauchmuskel.
+Kühle Schottinnen. Amerikanerinnen mit Diamanten in
+den Zähnen. Dalarnische Baronesse mit Blau wie Blitzen
+im Blick. Frauen, die Stirn verschleiert. Frauen, Unzüchtiges
+im weichen Blick, Frauen mit aufgesprengten
+Lippen. Frauen aus Bayreuth, aus den Starnbergschlössern.
+Frauen aus den Pyrenäen. Ruteninnen, deren Väter Franzosen
+waren.
+
+</p><p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Frauen kamen mit harten, glatten Beinen.
+Frauen, die sich umarmten und dem Mann noch unergründliches
+versprachen. Frauen mit Unterwerfungsgebärden.
+Frauen, die vorn am Dampfer standen. Frauen von Sieg.
+Frauen von Windspielen umgeben. Frauen im Wagen
+durch die Steppe gejagt. Frauen mit schimmernder Haut.
+Frauen, die ihr Gesicht sekündlich wechselten. Frauen mit
+grausamen Beinen, mit Madonnenhänden. Frauen mit
+tätowierten Armen. Frauen aus Syrakus. Frauen vom
+Sudan. Ätiopinnen, die auf Vogelschreie horchten. Frauen
+aus Eisenbahnen hinausgelegt. Frauen, die mit ihrem
+Körper den Erdball versprachen. Frauen, die wie Moos
+rochen, wie Klee, wie Neckar, wie Fasane, wie Palermo,
+wie die Nordseebäder, wie Borkum, Abwinkel, wie Teer,
+und Sonne und Sand, wie die Haut der Vierzehnjährigen
+im Juli im Inselhotel des Bodensee.
+
+</p><p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Es kamen Frauen, die Australien plötzlich auf
+den Handtellern trugen. Frauen, in deren Augen tödliche
+Geschichten eingeschrieben standen. Frauen, die zwei Meter
+über dem Netz den Tennisball im Sprung noch hielten.
+Bobfahrerinnen, Träumerische vom Engadin, aus der Eifel.
+Frauen als Tänzerinnen. Mit Flöten. Frauen, blumenhafte,
+Frauen, die ein Wort knickt, Frauen wie Hyänen.
+Frauen mit Spitzenwolken, belgische Nutten, kleine gelbe
+Katzen aus Chile. Pumas, nackte Räuberinnen, Frauen,
+die einen Fjord überschwammen. Frauen, die Timbuktu
+plötzlich entfachten, die Fidschiinseln, Honolulu malerisch
+zwischen den Brüsten wiegten. Frauen wie Luchse, wie
+Kaninchen, wie Papageien. Pompejanische Jüdinnen, Katalonierinnen,
+Frauen vom Roten Meer, von der indischen
+Bay, heiße Weiber aus Syrien, antilopenschmale Berberfrauen.
+Frauen, die den Sternaufgang über den Schären
+beschworen. Frauen, die Tod hießen oder Pensée. Erregte
+mit verschlossenem Mund. Von Gibraltar. Von Bagomoio.
+Jungfrauen, von Löwen antik gejagt. Blonde Maurinnen
+aus Saragossa. Prinzessinnen mit Pferden an der
+Hand. Mimi Pinson, Ruth St. Denis, Aino Akté, die
+Hasselquist, die Durieux. &mdash; Isis und Huschnaia. Göttinnen
+in einem wundervoll vollendeten griechischen Flug,
+mit überirdischen Lanzen und menschlichen Leibern. &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Das Fieber brach ab, wie es kam. Der Garten losch
+aus, der Zug war aus. In das Dunkel stachen suchend
+zwei Laternen.
+
+</p><p>Der Garten war leer.
+
+</p><p>Sie umgingen torkelnd die Drähte, die mit einem Mal
+sie nicht mehr hemmten.
+
+</p><p>Hinter ihnen hielt Shanvadys perlgrauer Wagen, der
+Chauffeur stand mit dem Hut in der Hand am Schlag.
+Sie stiegen fluchend hinein. In einer großen Schleife
+fuhren sie nach dem Schloß. Einmal hielt der Wagen.
+Da lag ihr Boot am Fluß.
+
+</p><p>Noch zweimal hielt er.
+
+</p><p>Jedesmal kam aus der Landschaft ihr erster Dialog.
+&bdquo;Chéri .&nbsp;.&nbsp;. mon ami.&ldquo; &bdquo;Wie lange bist du da?&ldquo; Pause.
+&bdquo;Wie lange bleibst du da?&ldquo; &bdquo;Fragen Sie Maman.&ldquo;
+
+</p><p>Dreimal warf entsetzt Juju die Arme um Harris Hals:
+&bdquo;Mon ource .&nbsp;.&nbsp;. mon rigolot .&nbsp;.&nbsp;. mon grand bébé.&ldquo; Aber
+sie zitterte nur wegen dem Wort &bdquo;Maman&ldquo;.
+
+</p><p>Harri lag im Wagen. Er überlegte nicht, was an Geheimnissen
+die Nacht füllte: Welche Frau Shanvady verstecke,
+welche Technik er zu solchem Bluff ersonnen, wie
+er ihn gefangen, wie er ihn gereizt und düpiert. Er ahnte
+nicht, wie weit der Kreis um ihn geschlungen, in dem er
+sich verwirrt. Er spielte nur mit Jujus Hand, es war
+ihm gleich.
+
+</p><p>Das Schloß war erleuchtet. Auf der Diele erwartete
+er Juju, die sich umzog, auf der Treppe küßte er ihrer
+Mutter die Hand, die sofort hinter dem Fächer mit ihm
+kokettierte, was Juju errötete. Im Billardsaal stand
+winkend Shanvady. Er sah ihn zum erstenmal jetzt
+lächelnd.
+
+</p><p>Sein Lächeln deutete, daß das Geheimnis, dem sie
+nachgepirscht nicht entwirrt werden könne, und daß der
+Versuch es zu lösen, nur noch stärker an es verstricke.
+
+</p><p>Aber Harri stand kühl beiseite. Er fühlte, nicht beteiligt
+genug auch hierbei, daß Shanvady den Reiz, der ihn unbewußt
+zu ihm geleitet seit jener Nacht im luxemburgischen
+Garten, selbst zerreiße, indem er ihn darin zu fangen
+suchte, und daß das Messen und Ringen, das Shanvady
+aufgestellt, darum für diesen verloren war, nicht für ihn.
+Ein Sieger wider Willen hob er die Augen.
+
+</p><p>In dem Augenblick, wo Shanvady, der Seelenfänger,
+ihn unterjocht dachte, weil er endlich seine Apathie in die
+Maschen eines unlösbaren Reizes in der Falle glaubte,
+riß er den Zauber durch, den Shanvady auf ihn ausübte.
+
+</p><p>Es gelüstete ihn nicht, das Geheimnis zu lösen. Er ließ
+es fahren ungeöffnet. Es reizte ihn nicht mehr.
+
+</p><p>Wie unter einer abgründischen Melodie trieb es weg
+wie alles wegtrieb, was an ihm gezogen. Als Zuschauer
+floß ihm dieser Tag fort wie jeder andere Tag, er vergaß
+ihn, vergaß die vorigen. Als sein Auge Shanvady traf,
+der mit einer leisen Gebärde seine Überlegenheit hißte, erbleichte
+Shanvady unter dieser unbeweglichen Kälte, die
+nichts rührte. Die Gebärde zerbrach mitten im Schwung.
+
+</p><p>Harri sah schon durch Shanvady hindurch, all der Plunder
+um ihn zerfiel.
+
+</p><p>Es war grauenhaft, mit welcher Leichtigkeit er sich auch
+aus dieser Atmosphäre löste. Sein Hirn war plötzlich nur
+eingestellt von dem Drang wegzufahren, das erfüllte ihn
+mit einer wunderbaren Helligkeit, er kam sich den Abend
+von solcher Leichtigkeit getragen vor, daß es ihm schien, er
+vermöge die Erde auf den Spitzen der Finger zu halten.
+
+</p><p>Als er aufwachte, sagte ein Brief Jujus, daß sie abgefahren,
+aus Eifersucht auf Maman. Am Tag zauberte
+Shanvady noch einige spielerische Dinge, die ihren Kreis
+um alle Anwesenden spannten. Anastasia war die Nacht
+verschwunden. Mittags brachten die Weisheitsschüler ihre
+Kleider, widerstrebend, an den Zipfeln, da die Georgesleute
+sich geweigert hatten, die Jünglinge Holzers aber unter
+Weheruf den Ort geflohen seien, wo Weiberkleider lagen.
+
+</p><p>Da sie am Fluß lagen, bedeutete es Anastasias Tod. Eine
+Zeitlang plauderte Holzer, dann stand er langsam auf, mit
+seinem gebräunten Schnurrbart wie ein ägyptischer General,
+griff in den Mund, riß das Gebiß mit den vielen Goldplomben
+heraus, zerschlug es am Boden, gurgelte nwao .&nbsp;.&nbsp;.
+uaiii. Sah um sich, nichts als Jugend und ging an einem
+Stock hinaus ins Greisenalter, gehässig, demütig, ein röchelndes
+Skelett.
+
+</p><p>Mit einer zärtlichen Bewegung öffnete nunmehr Shanvady
+den Ring dieser Katastrophe, in der er Schicksal gespielt,
+Anastasia nach Genf beordert, die Maskerade zur
+Tragödie getürmt, mit heiterem Nachspiel, indem er den
+Hausintendanten mit Halali nun und freiem Pirsch dem
+Weib nachschickte, in seinem eigenen Wagen, von Tränen
+des Glücks überschwemmt und in himbeerroter Livree.
+
+</p><p>Es half Shanvady nichts, diese Kritzeleien. Am Abend
+fuhr Harri. Im Wagen des vierzehnten Ludwig, karmoisin
+und golden, mit sechs Pferden, eine Krone als Abschluß,
+Fackelträger, Reiter, vor ihm, hinter sich. Shanvady reizte
+ihn mit nichts mehr. Vorbei.
+
+</p><p>In Paris lernte er Blériot kennen. Der Meister hatte
+gerade den Kanal überflogen, die Welt schien von Möglichkeiten
+um so tiefer ins Herz bedroht, als die neuen Waffen
+noch phantastische Erweiterungen zuließen und fast noch
+keine Pioniere hatten. Zweimal fuhr er mit Blériot als
+Passagier, schon figurierte sein Bild neben dem Blériots
+im &bdquo;Journal&ldquo;, &bdquo;Matin&ldquo;, &bdquo;Petit Parisien&ldquo;. Auf dem Marsfeld
+stellte des Meisters Handbewegung ihm Maud Kordelin
+vor.
+
+</p><p>Sie sah ihn nicht an.
+
+</p><p>Als er zu Elie Abrahamowitsch nach Neuilly in den
+Hangar fuhr, sah er sie wieder. Sie sah ihn wieder nicht.
+Er schob an ihr vorbei, an Balanceproben vorüber, durch
+angekerbte Drähte, deren Wundstellen unter Flammen standen,
+an deren Ende elektrische Hebel zogen und Uhren notierten,
+bei welchem Druck sie rissen. Elie verbeugte sich
+etwas vor dem Passagier Blériots, auf seinen Wunsch
+brachte Maud Kordelin ihn mit der Zeichnung zurück, um
+die Konkurrenz zu ehren.
+
+</p><p>Sie lag im Torpedospritzer, führte das Rad über dem
+Kopf zum Steuern, die Luft schoß wie unter Wasser kräuselnd
+gegen das dicke Glas der Schutzplatte. Als er ausstieg,
+schob sie den Wagen in eine Sprungkurve, ohne ihn zu
+beachten.
+
+</p><p>Am nächsten Morgen trat Harri bei Rippère ein, acht
+Wochen vor dem Concours, einen Schal um den Hals.
+
+</p><p>Vier Tage arbeitete er mit einem mechanischen Hammer
+in einem Messingkessel. Der Hammer tat hundertfünfzig
+Schläge die Minute. Als die Bänder genietet waren,
+hörte er nichts mehr, zwei Tage später war er darüber
+weg, trainiert auf jedes Geräusch. Im Ausprobraum zwischen
+fünfundzwanzig Motoren von pro Stück zweiundzwanzighundert
+Schlägen Tourenzahl die Minute, kontrollierte
+er zwischen farbigen Gasen und feurigen Säulen über
+den Ventilen die Auspuffung, den gleichmäßigen Herzschlag
+der Eisenkuben.
+
+</p><p>Um das Getös, das bald wie etwas Festes und Gefrorenes,
+fast greifbar, dastand, rauschten die Thermosiffons
+der Wasserkühlung an den Wänden herunter, erhitzten sich
+auf achtzig Grad in der gleichen Sekunde und stiegen in
+langen Schwaden von selbst wieder auf.
+
+</p><p>Er kam zu den Einfahrern der neuen Wagen.
+
+</p><p>Mit den Stellwagen ohne Karosserie begaben sie sich in
+die Kilometer. Mit Kupons, die im Midi, bei Brest, in
+Marseille testiert wurden, mit Stechuhren, mit dem Befehl
+die Maschinen an der Rhone, in Calais, in Tarascon zu
+zerlegen und zusammenzusetzen, schnitten sie mit Schußlinie
+über die Chausseen.
+
+</p><p>Eingedrückt wie Affen, mit der Scheibe der Steuerung
+spielend, lernten sie das Verwachsen mit dem Material,
+beherrschten den Stahl mit dem Hirn, liebten die Maschinen,
+wurden wieder geliebt.
+
+</p><p>Sie rissen beim Überrunden einem Möbelwagen die eine
+Seite ab, aber sie behielten den Auspuff genau im Ohr.
+Mit zitternden Flanken ließen sie die Wagen wie Pferde
+auf der Weide, trafen sich in einem Weiler, einem Gehöft,
+würfelten, tranken Absynthe, schlugen sich, machten ein Rennen
+unter sich. Stanken nach Benzin wie die Ochsen, trugen
+gelbe Schuhe, englische Anzüge unter den Leinenblusen, die
+Zigarette nie aus dem Mund.
+
+</p><p>In der tollkühnsten Gefahr verloren sie nicht die Besinnung.
+Nur wenn sie kühl waren, ging der Verstand
+ihnen in die Lappen.
+
+</p><p>Drei Tage blieb Harri im Büro, zwei auf der Rennbahn,
+zwei bei der Konstruktion. Auf der Eisenbahn,
+Compagnie de l&rsquo;est, lernte die Verstopfung der Gase, die
+Qualität der Kohle, der Öle und Benzine.
+
+</p><p>Bei Renauld erlernte er die Systeme der Konkurrenz,
+bei Pairfax die aus beiden gezogene Essenz. Nun hatte er
+den Radius abgelaufen, die Intimität zum Gegenstand erreicht,
+den Querschnitt durch das Technische gelegt.
+
+</p><p>Er beherrschte und liebte.
+
+</p><p>Er war imstande, Sympathien vom Schwung eines
+Tenders, der Flanke einer stählernen Blitzzuglokomotive,
+von der Melodie eines angeschirrten Flugzeugs, das aus
+allen Seilen sang, zu spüren.
+
+</p><p>In der vierten Woche trat er bei Blériot in den Hangar,
+der Schatten der ingeniösen Nase und des Vogelkopfs mit
+der verkehrt gesetzten Mütze lag an der Wand wie mit
+Dynamomäulern nach allen Seiten gerissen. Sechs Wochen
+übte Harri mit ihm, bediente den Sturmvogel, dem keine
+Kühnheit nicht kalkulierbar, kein Tod nicht ausmeßbar und
+zu überwinden war.
+
+</p><p>Er liebte an dem Flieger das Unerschütterliche. Dieser
+gewöhnte sich bei Harri an das Nichtmitreißbare.
+
+</p><p>Gegenseitig liebten sie ihre Kühle und Distanz, die bei
+dem einen das unentrinnbare Erlebnis des Todes geformt,
+bei dem anderen sein Durchmarsch durch solch unvorstellbare
+Kurven der Kühnheit des Geistes und der Gefahr, daß er
+die Welt nicht verachtete, sondern sie jenseits des Zynischen
+schon wieder verstand. Sie empfanden, daß die
+nach außen gekehrte Reserve eines jeden von ihnen kein
+Manko, sondern der gehärtete Widerhall einer feurigen
+Seele sei.
+
+</p><p>Harri lernte, daß die Welt als flache Scheibe zurückfiel,
+wenn er das Steuerrad zurückriß, und wenn er dann nach
+hinten sich warf, daß blaue Luft die Erde tiefer zurückstieß.
+Er fühlte das Grausen der Vertikalböen als Musik im Blut.
+Die Verwindung, die vom Rad nach der Stange des
+äußersten rechten Flügels lief, knirschte kurz und rollte. Die
+Klappe des rechten Flügels stieg unter seinem Druck.
+
+</p><p>Die Schnur lief langsam über den Kreis hinüber nach
+links, der linke Flügel senkte sich ein wenig. Die Kreuzung
+der Schnur verschob sich rasch.
+
+</p><p>Nun fühlte er das wunderbare Gefühl des Kreises, den
+die Libelle machte, als befreite Bewegung seines Körpers,
+dann zischte der Renner in kurzen Spiralen hoch in Blériots
+Hand.
+
+</p><p>Er lehrte Harri das Neigen, den Fall nach vorn, der
+das Flugzeug senkte, beim Seitensteuer die Gleichzeitigkeit
+der Fußbewegung und des Flügelaufhebens. Er lehrte ihn
+den Mut der Sicherheit, nicht den der Gefahr.
+
+</p><p>Er bewies ihm die Klarheit in der Berechnung der Tatkraft,
+das Überschießende der Sicherheit gegen die verderblichen
+Möglichkeiten. Er führte auf Umwegen ihn jederzeit
+dahin, über das Ungefähre der technischen Dinge und ihrer
+begrenzten Beherrschung die ausgerechnete wasserhelle Sicherheit
+der Überlegenheit zu halten, der nichts gewachsen war.
+
+</p><p>Sieben Tage vor dem Concours wechselte Harri hinüber
+zu Abrahamowitsch, der ein neues Modell startete.
+
+</p><p>Von Blériot erfolgte nichts, er rührte sich nicht.
+
+</p><p>Einen Tag vor dem Concours nur zog er seinen Namen
+aus der Liste, zwei seiner Schüler sprangen für ihn ein.
+
+</p><p>Auf dem Marsfeld probte Harri zwischen Elie und
+Maud Kordelin auf dem dreiteiligen Sitzbogen. Am sechsten
+Tag plombierten sie die Libelle, ließen sie durch zwei der
+besten Monteure Tag und Nacht im Schuppen bewachen.
+
+</p><p>In der Nacht gab Harri ein Fest, die Leute tanzten,
+steif und besessen zum Takt von Motoren, jagten dann um
+zwölf, der Herren ledig, weg nach Neuilly.
+
+</p><p>Mit einer raschen Bewegung sprang Maud Kordelin
+in den Wagen, reichte Harri die Hand. Mit ihren schräg
+stehenden tatarischen Augen sah sie ihn zum erstenmal
+grau an.
+
+</p><p>Der Skandal der Buchmacher und Presse, denen Harris
+Wechsel der zum erfolgreicheren Konkurrenten war, gab
+Elie eine erhöhte Reklame, aber sein blasses und scharfes,
+auf dem übergroßen Körper immer umnebeltes Gesicht bemerkte
+es nicht, nur ausgefüllt von den Kombinationen
+seiner Modelle.
+
+</p><p>Was er vom Äußeren der Welt begriff, vermittelte ihm
+unbewußt sein Instinkt. Was er erreichte, gab ihm sein
+Erfolg. Das Übrige des Daseins war Arbeit, weiter nichts.
+Selbst das Weibliche erreichte ihn nur dort, wo das Schöpferische
+begann, und mit der Kordelin Fanatismus traf sich
+nichts von seinem Wesen in ihrem Haus am Bois, sondern
+begegnete sich Aufleuchtendes nur, wenn seine Arbeit sie in
+das Atelier am Montparnasse hinaufriß. Ein Leben daneben
+gab es ihm nicht.
+
+</p><p>Bei der Prüfung des Reservemotors warf sich Elie mit
+einer kühnen Bewegung auf den Apparat und blieb das
+Ohr an seinem Auspuff liegen. &bdquo;Sie traitieren die Maschinen
+wie andere die Frauen&ldquo;, flüsterte Sauerwein vom
+&bdquo;Matin&ldquo; mit frivol gesträubter Mouche. &bdquo;Aber wir sehen
+die Frauen nicht wie Sie die Maschinen&ldquo;, sagte Elie.
+
+</p><p>Der Motor ward eingebaut in einen Reserveapparat,
+die Photographen tickten. Harri gab angeschnallt vor Mauds
+Kopf den Ruck nach der Signalflagge.
+
+</p><p>&bdquo;Ich bitte Sie wiederholt, kein Korsett zu tragen&ldquo;, zischte
+Elie hinter ihm, als er Maud anband.
+
+</p><p>Das Gebrüll der anschiebenden Monteure hallte rhythmisch
+heraus, schon schwebten sie auf Rue St. Honoré, die
+längste Straße Frankreichs.
+
+</p><p>Sie befuhren Rue de Courcelles, da fiel Paris ein geöffneter
+Fächer ihnen entgegen. Elysée, Rue de Courcelles,
+Rue de Washington, Rue de Berry, die Place Vendôme.
+Sie fuhren Place Concorde, die Tuilerien, die Mairie des
+achten Arrondissements, das Ministère de l&rsquo;intérieur. Sie
+schwebten auf einer sanften weißen Kaskade, den Champs
+Elysés.
+
+</p><p>Sie fuhren Arc de Triomphe, fuhren das kochende Silber
+der Seine, fuhren dunkelrot gebäumt Trocadéro. Fuhren
+Quai de Passy, Quai de Grenelles, Rue Mozart, Porte
+Molitor, Avenue de Versailles.
+
+</p><p>Sie fuhren zurück: Rue de Vaugirard, Boulevard Raspail,
+gläsern der Monparnasse. Fuhren Boulevard Port
+Royal, Boulmich, Bullier, Jardin du Luxembourg. Notre
+Dame, Boulevard St. Germain, Jardin des Plantes.
+
+</p><p>Sie fuhren Halles Centrales, Quai du Louvre, Rue
+du Quatre Septembre, die Börse, Gare de l&rsquo;est. Fuhren
+Marcadet, Poissonnières, Porte du canal St. Denis. Solang
+sie fuhren, spürte er Mauds Knie.
+
+</p><p>Sie fühlten das Herz plötzlich in den Schläfen: das Meer.
+
+</p><p>Sie jagten darauf zu. Ein Bienenhelm saß die Sonne
+auf der Fläche. Der Rauch der Brandung verging in
+Mövenschwärmen. Wie eine Wolke hing das Meer mit
+wilder Anmut zwischen den Kreidefelsen.
+
+</p><p>Harri schaltete aus. In streichelnder Grazie berührten
+sich die zartesten Wellenkämme mit dem Gleiten des Flugzeugs,
+dann stießen sie auf den Strand.
+
+</p><p>Der Brandungsstreifen lief nach der Seezunge St. Valérie,
+mit vielen Booten davor. Fischerknaben brachten
+Picknick. Im Anblick der Ruhe und des über das Blau
+tief heraufsteigenden frühen Sommers bekam Maud Lust,
+die Tage der Langweile und Ruhe vor dem Concours in
+die Normandie zu fahren. Elie nickte, während die Fischerjungen
+anschlichen und ihr bunte Muscheln in den Schoß
+warfen.
+
+</p><p>Aber als Harri unter dem Glasdach Abrahamowitschs
+sie holen wollte, sagte Elie ab. Die Ausbalancierung der
+Libelle mußte auf ein Fabriktelegramm hin noch einmal
+durch einen Rechentrick laufen.
+
+</p><p>Sie fuhren zu zweit allein, Maud nahm das Rad, sie
+fuhren direkt ans Meer, erreichten es bei Le Tréport. Maud
+bog von der Landstraße ab und fuhr direkt hinein, bis die
+Hinterräder in der Luft rotierten. Als sie die Strümpfe
+auszog, stand sie gegen das Meer in Muskeln und Sehnen
+geschmeidig, eine junge Athletin. Der Morgen jagte mit
+hellen dichten Wolken. In Eu strahlte es schon .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Gamaches .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Dieppe. In St. Valérie tranken sie
+Schokolade auf der Straße .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Fécamp .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Montvillier
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Le Havre .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Harfleur.
+
+</p><p>Die Seine wuchs ganz groß ins Meer. Über Deauville
+mit einem Tulpental nach Caen. Sie ließ das Steuerrad
+nicht aus der Hand. Sie fuhren noch lang in die
+Dämmerung, hörten den Meerschlag durch das Dunkel
+dann brechen. In einem Dorf machten sie Halt mit einem
+übererhitzten Kühler, es ging nicht mehr.
+
+</p><p>Sie setzten den Apparat in Meerwasser, zogen sich für
+ein paar Stunden zurück. Harri hörte nach einiger Zeit,
+aufs Bett ausgestreckt, die Matrosen und Fischer unter dem
+Fenster. Sie grinsten, klopften sich den Bauch, ein Kupferkopf
+stopfte einen Tabaksbeutel sich selbst ins Maul, zwischen
+den Öllampen und Netzen humpelten fluchende Alte,
+breimäulig liefen sie nach dem Meer.
+
+</p><p>Als Harri ihnen folgte, sah er Maud aus dem silberüberschütteten
+Meer auf den Sand kommen, mit einem
+tierisch hinreißenden, kaum unterbrochnen Weiß der Haut
+und mit amazonenhafter Bewegtheit ihren Bademantel
+umwerfen.
+
+</p><p>Er sicherte, ohne daß sie es sah, ihren Rückweg. Eine
+Stunde noch lag er in der Hitze auf seinem Bett. Eine
+Holzwand trennte sie. Jedes Geräusch kam durch die Fugen.
+Dann stand er auf, ging hinüber und klopfte.
+
+</p><p>Einen Augenblick zögerte sie an der Tür. Dann öffnete sie.
+
+</p><p>&bdquo;Sind Sie sehr müde?&ldquo;, sagte er ruhig.
+
+</p><p>Sie lächelte.
+
+</p><p>&bdquo;Fahren wir weiter.&ldquo;
+
+</p><p>Sie nahm die Mäntel und Decken:
+
+</p><p>&bdquo;Gut.&ldquo;
+
+</p><p>Mit Pfeifen und Gläsern voll Cidre torkelten die breitbärtigen
+Fischer im Hof, die roten Boutons ihrer Mützen
+schwankten. Sie rissen die Mäuler auf, rollten die Augen.
+Zum Schreien waren sie zu sehr betrunken. Sie hatten
+einen schwerhörigen Kapitän in der Mitte, der sich bemühte,
+die Fäuste unterm Kinn, sie zu verstehn und laut
+lachte, wenn sie nichts sagten. Er hatte nicht begriffen,
+warum sie so erregt waren, aber er verstand, daß sie besoffen
+waren und gröhlte am lautesten, als ob er es wüßte,
+warum.
+
+</p><p>Das Auto gab ihm bei der Ausfahrt einen Rand, daß
+er hinschlug, mitten in das Geheul der anderen, die schon
+selbst beim Anblick der Abfahrenden vergessen hatten vor
+Schnaps, warum sie verrückt auf die Bäuche sich schlugen.
+
+</p><p>Mit einer silbernen Fahrspur kam ihnen über der Chaussee
+der Mond aufgezogen. Sie fuhren zwei Waldwege, fuhren
+einmal dicht am Meer, fuhren durch Nebelwiesen, bissen
+mit vier Laternen Gespenstiges in das Gewoge.
+
+</p><p>Als sie wieder frei sahen, schob Harri ihre Hand mit
+einer selbstverständlichen Bewegung vom Steuerrad.
+
+</p><p><i>Er</i> fuhr.
+
+</p><p>Sie hinderte ihn nicht. Die Küsten fielen in großen
+Erkühnungen in den Kanal. Der Vergaserhahn rotierte
+in seiner Hand. Er fuhr, daß Maud an den Kurven sich
+hielt, um nicht hinauszufliegen. Fast träumerisch lagen ihre
+Augen, ihre Glieder entspannten sich in einer weichen Gegebenheit,
+ihre Blick suchte das Steuer immer, das er
+führte, suchte den Mond, der lilienweiß im Tag noch stand,
+ging die Normandieküste nach Süden hinunter und fiel
+wieder auf seine Hand. Sie ließ Grandville .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Abranche
+vorübergleiten, den elastischen Halbkreis um die Bucht
+St. Michel. Als Harri hielt, lag in Orangesonne der
+Hafen St. Malos unter ihnen.
+
+</p><p>Hier endete ihre vorgeschlagene Tour.
+
+</p><p>Ihre Lider trugen eine Weichheit, die von der Bai
+heraufkam und der sie sich hingab, als kennte sie das nicht.
+
+</p><p>&bdquo;Sie hätten mich lieben sollen&ldquo;, sagte Harri.
+
+</p><p>&bdquo;Zu spät.&ldquo;
+
+</p><p>Sie wandte sich um. Er hörte nicht auf sie zu küssen.
+
+</p><p>Sie jauchzte in jede Umarmung hinein mit einer Kraft,
+die eine Verhaltenheit aufriß und in ihr ergoß. Glühend
+an seiner Seite fuhr sie zurück.
+
+</p><p>Am Tor des Hangars in Neuilly stand Elie. Sie
+sprangen beide aus dem Wagen. Die Männer musterten
+sich einen Augenblick, Elies Pupillen waren sehr weit geworden:
+&bdquo;Die Konferenz hat eine andere Balanceberechnung
+ergeben. Sie scheiden aus. Isaac fährt&ldquo;
+
+</p><p>Beide sahen auf Maud.
+
+</p><p>Einen Augenblick schwankte sie, ob sie sich hinüberwerfen
+solle zu dem, der sie in ein kaum geöffnetes Leben riß, aber
+als nichts von diesem her erfolgte, der kühl und aufmerksam
+beobachtend dastand, wandte sie sich zu Elie, dem ihr
+Fanatismus und die Arbeit sich entgegenwandte, und das
+Mitleid, daß seine große Kraft einen Augenblick lang zur
+Entscheidung voll in ihren Händen lag.
+
+</p><p>Beim Start am andern Morgen weigerte sich Elie zu
+fahren, reagierte auf keinen Aufruf und blieb nachlässig bei
+seiner Libelle. Das Publikum bedrohte die Startrichter
+aus Angst, daß Intriguen gegen seinen Favorit dahinter
+seien. Es war schon gereizt, weil Blériot am Morgen die
+weiße Fahne über sein Zelt hatte hissen lassen.
+
+</p><p>Die Tribünen schimpften auf Blériot, der, wenn er fuhr,
+Gott war jederzeit. Sie warfen mit Tomaten und Äpfeln
+nach seinem Zelt, nannten ihn Ölsardine, Lapin, Birnensteiß.
+
+</p><p>Als Elie nicht kam, sondern stehn blieb, drückten sie über
+die Barrieren und winkten ihm mit Tüchern zu. Beim
+zweiten Aufruf, als Elie stehn blieb, als höre er nicht,
+tobten sie bereits, riefen seinen Namen. Ein Kurier lief
+zu Elie hinüber, der sagen ließ, er fliege nur, wenn der
+Akzent seines Namens beim Aufruf richtig eine Silbe nach
+hinten gelegt werde. Es gab eine Riesenovation, Harri
+sah dahinter, daß Elie nervös war.
+
+</p><p>Kurz darauf stürzten zwei Flugzeuge ab, eines durch
+eine Vertikalbö, die es umwendete, das andere, indem es
+in luftleere Trichter absackte wie ein Stein. Die Stafette
+kam von dem kleinen Wald.
+
+</p><p>Nichts sei tot, schrie es noch, als Elie aufstieg.
+
+</p><p>Zweihundert Meter nahm der Flugrenner gurgelnd vor
+Wonne in unverständlich schmalen Kreisen, dann schoß eine
+Querflamme durch den Apparat, fraß die Flügel weg, sausend
+kam die Libelle vor dem seidigen Himmel herunter. Als
+sie aufschlug, schrien die Monteure, die Frauen hielten die
+Augen zu.
+
+</p><p>Die Stadtsergeanten sperrten den Hügel ab.
+
+</p><p>Isaac brachten sie tot. Elie schlug unter der Schläfenmassage
+die Augen auf. Nach kurzem Besinnen frug er:
+
+</p><p>&bdquo;Mein Bruder?&ldquo;
+
+</p><p>Alle schwiegen.
+
+</p><p>Er senkte den Kopf. Strecken konnte er sich nicht mehr,
+der Oberschenkel, der zerbrochen war, spießte ihm durch
+die Kleider, die eine Wange fehlte.
+
+</p><p>Er wurde ganz bleich:
+
+</p><p>&bdquo;Die Fürstin?&ldquo;, frug er seltsamerweise.
+
+</p><p>Er wagte es kaum, als man ihn nicht verstand, zu sagen:
+
+</p><p>&bdquo;Maud.&ldquo;
+
+</p><p>Man sagte ihm, der Sturz hatte ihr nichts getan, aber
+die Korsettstäbe hatten die Lunge durchbohrt. &bdquo;Frauen
+bleiben Frauen&ldquo;, sagte Elie noch, eh er sich umlegte und
+zu atmen aufhörte.
+
+</p><p>Als Harri aufsah, trat Blériot auf ihn zu. &bdquo;Sie haben
+mich umsonst verlassen. Immerhin haben Sie sich den Tod
+am Schluß geschenkt.&ldquo;
+
+</p><p>Harri sah ihn an: &bdquo;Hätte ich ihn bei Ihnen vermieden?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie hätten ihn vermieden&ldquo;, sagte Blériot unerschütterlich,
+&bdquo;aber Sie waren nicht konsequent.&ldquo; Er zürnte ihm
+nicht, begriff ihn, sprach sein klares schneidendes Urteil
+über die Dinge, womit er sie überwand.
+
+</p><p>Da kam ein Auto angefahren, am Kühler stand Shanvady,
+das Gesicht bedeckt.
+
+</p><p>Seine Zähne zuckten in der Lippe. Der Wagen fuhr
+an den Sprunghügel heran. Im selben Augenblick wurden
+die Leichen angetragen.
+
+</p><p>Shanvady sprang vom Wagen herunter, an die Bahre
+Mauds, zog das Tuch zurück, neigte sich ein wenig, warf
+es wieder darauf. Ihr Kopf war nicht entstellt, die Augen
+geschlossen, schräg und energisch über den Leib gelegt. Er
+machte einen Schritt: &bdquo;In meinen Wagen.&ldquo; Sie ward
+hineingebettet.
+
+</p><p>Ein Kommissär erbat seine Legitimierung. Da sagte
+Shanvady plötzlich mit einer furchtbaren Blässe: &bdquo;Meine
+Frau&ldquo; und zog den Hut.
+
+</p><p>Harri trat an den Wagen und legte die Füße Mauds,
+die heraussahen, unter die Decke. &bdquo;Ich wünsche Ihre Spur
+nicht wieder zu sehen&ldquo;, sagte er in großer Erregung zu
+Shanvady. Alle hatten die Hüte gezogen. Shanvady
+stieß einen rauhen Ruf aus, sah nicht um, als er im Wagen
+mit der Leiche davonjagte.
+
+</p><p>Mittags mietete Harri das Atelier der Abrahamowitsch,
+Montparnasse, Ecke des Boulevard, im sechsten Stock. Die
+Glaskuppe des Hauses füllte sich morgens mit Sonne wie
+mit einem freundlichen Gas. Abends schwamm sie in die
+heitere Dämmerung.
+
+</p><p>Doch auch der Tod vermochte ihn, der ihn so abgründig
+erlebt hatte, nicht hineinzuzwingen in seinen Kreis. Er war
+nicht gebunden nachträglich an ein Ding, das er begehrt,
+aber um das er nicht einmal gekämpft hatte. Er überwand
+mit der gleichen Sicherheit. Die Erinnerung trieb immer
+tiefer und verblassender in den Hintergrund des Todes
+hinein, der sie aufnahm in jene majestätische und entfernte
+Haltung, an der Harri ablas Wert und Gültigkeit der
+Dinge. Es entfernte, verallgemeinerte sich, kam nicht auf
+ihn zu, sondern trieb mit den dunklen Melodien unter ihm
+weg, die ihm jene Leichtigkeit und Verantwortungslosigkeit
+gaben, die ihn zu fast erschreckendem Hochmut erhoben.
+
+</p><p>Er hielt diesen Vorgang in sich nicht aus. Am ersten Tag
+ließ er die bunten Vorhänge durch die Luken über seinem Kopf
+hinaus, flaggte das Atelier mit gelben, roten, blauen Segeln.
+Am zweiten Tag fuhr er nach Meudon. Als ihn am
+dritten vorm Bankschalter ein Hund in die Hand biß, daß
+er vor Zähnezusammenbeißen ohnmächtig wurde, sah er
+aufatmend in Mädchenaugen, hörte eine Stimme begütigend:
+&bdquo;Léon.&ldquo;
+
+</p><p>Das Gebiß des völlig erstarrten Hundes aber war eingeschraubt
+um die Hand. Er hielt den Schmerz nur durch,
+gelähmt und bezaubert durch die Stimme, während man
+telephonierte. Mit einer tobenden Schelle vorn gings über
+den Boulevard ins Spital St. Lusac.
+
+</p><p>Ein seidenschnurrbärtiger Arzt beugte sich über ihn mit
+einer Phiole: &bdquo;Wollen Sie, daß der Hund lebt?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Hätte ich ihn sonst nicht getötet?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Es dauert fünf Minuten länger.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wie heißen Sie?&ldquo;, frug er das Mädchen.
+
+</p><p>&bdquo;Aira Belmont&ldquo;.
+
+</p><p>Er wurde ohnmächtig. Aus dem Institut Pasteur erfuhr
+er direkt, daß keine Tollwutgefahr sei. Aira Belmont
+kam ihn zu sehen, vor Trotz und Scham wortlos. Sie überging
+seine Verwundung. Sie dankte, daß der Hund lebe.
+
+</p><p>Sein Lachen verwirrte sie nicht, sie sah geradeaus und
+fiel nicht aus der Haltung der holländischen Dame, die
+mutig und in aller Jungfräulichkeit von Java aus Europa
+bereiste und ihre Gesellschafterin davongejagt hatte,
+um unnahbar zu sein. Als, von der schreienden Concièrge
+verfolgt, der Hund bellend hereinstürzte, verlor sie diese
+Geste, machte eine hülflose Bewegung und jagte ihn mit
+einer entsetzlichen Ohrfeige hinaus. Lachend drehte sie sich
+um. Entgeistert sah sie das Glasdach geflaggt.
+
+</p><p>Die Wärme ihres dunkel zitternden Organs zog ihn
+an. Die weltunwissende Sicherheit des schlanken Körpers,
+dessen sachliche Eleganz nach Wiesen und Klarheit duftete,
+und dessen junger Spannung gegenüber die Welt unerprobt
+und voll phantastischer Neuheit lag, machte ihn zu
+ihrem Führer.
+
+</p><p>Er leitete sie den Rand der harmlosen Entzückungen
+vorsichtig entlang. Durch ihn sah sie Paris in idyllischem
+Format. Er brachte sie zu Rufen der Freude über die
+siebenundfünfzig Fruchtläden um Notre Dame de la Lorette.
+
+</p><p>An seinem Arm besuchte sie Kirmisse außerhalb der
+Stadtwälle und bog zwischen Lampions und dem Schwung
+illuminierter Schiffschaukeln den Buden nicht aus, wo sie
+nach Pfeifen aus Ton und fliegenden Bällen schossen.
+
+</p><p>Er lehrte sie den Zauber der Imperiale, wo Meister Levage
+neben ihnen murmelte, wenn sich der Omnibus durch
+dunkle Straßen bewegte, und seinen Gäulen sein von der
+Angst der Autobusse, deren Einführung bevorstand, umwölktes
+Alter erzählte und wie seit vierzig Jahren die
+empfindlichen Stellen der Pferdehälse mit der Peitsche tuschte.
+
+</p><p>Schon blieb sie selbst stehen und durchbrach ihre Herkunft,
+als an den Straßenecken die Roulettetische aufgeschlagen
+wurden, und Harri trug das Glas mit Goldfischen,
+das sie gewann, auf einem Karussell und dann auf
+der Bootfahrt im Bois, wo sie die Tiere befreiten unter
+den mispelfliegenden Pappeln.
+
+</p><p>Er führte sie wieder in das Gewühl der Seinedampfer
+und brachte sie hinaus an die Grenze, wo Wiesen und
+Wind aus Büschen der Stadt entgegenkam.
+
+</p><p>Aus Blumen, Bäumen, Wellen formte sich dann etwas
+in sie hinein von seltsamer Kraft.
+
+</p><p>Etwas trat plötzlich in ihr Blut, das sie stark machte
+gegen ihn, ja ihn manchmal dunkel bedrohte. Staunend sah
+er, wies das, was er an sie heranbrachte, sich irgendwie
+gegen ihn verstärkt zurückwandte und ihn einem Zustand
+zuleitete, der ein tiefes Aufmerken und ein Anschlag in seinem
+inneren Hören war.
+
+</p><p>Ganz anders war Fontainebleau mit ihr, in neuer nie
+gesehener Landschaft sproßte St. Germain. Ihre Blicke
+hatten etwas Unverborgenes selbst für ihre eigenen Geheimnisse.
+Aber selbst ihre lässige schlanke Müdigkeit lehnte
+sich mit einer wilden Kraft, die ihr von Margueriten und
+Rosen und der Abendluft zuströmte, über ihn.
+
+</p><p>Als sie seine Geliebte ward, blutrot verschämt, mit dem
+Gedanken an ihre verstorbenen Eltern, wie sie gestand, und
+voll von einem sanften Entsetzen, war ihre Hingabe dennoch
+von so hemmungsloser Kraft, daß sie ihn mehr besaß
+als er sie.
+
+</p><p>Morgens fuhren sie nach Versailles.
+
+</p><p>Als er am Ende aller Stufen im Gras am See, der
+die Terrassen auffing, auf sie wartete, stand sie noch oben
+unter den hohen Schloßfenstern und wartete auf den Wildentenpfiff.
+
+</p><p>Dann kam sie.
+
+</p><p>Da fühlte er eine Veränderung schon, wie die erste Terrasse
+sie aufnahm und er begriff, wie das in sein Leben
+hineinfaßte und es bestimmte.
+
+</p><p>Er sah, wie alles sich plötzlich auf sie hinwandte, wie
+alle Menschen aus den Taxushecken, den besonnten Bosketts,
+den geschlungnen Beeten die Augen nach ihr hoben,
+wie die Natur fast in einer aussetzenden Sekunde sich ihr
+anschloß, See, Wiese und Guirlanden hineinströmten in
+diese abendliche Bewegung.
+
+</p><p>Die Marmorstufen, die rot und weiß unter ihren Schuhen
+sich streckten, dröhnten leisselig die Minuten, die sie herabkam,
+von Treppenfall zu Treppenfall gleich von sanft strömenden
+Kaskaden heruntergegeben. Es schien, als treibe
+alles ihr nach in dieses Gleiten.
+
+</p><p>Und ebenso, wie sie den von den quecksilbernen tiefen
+Schloßfenstern abgeblendeten roten Himmel mit sich herabzog,
+schloß sich an allen Stationen des Herabgangs das
+Vorhandene an sie an.
+
+</p><p>Die Delphine und Tritonen liehen ihr das Ängstliche
+ihrer kühnen Bewegungen. Diana drängte nach ihr den
+Busen. Die Königin der Frösche wandte die glühende
+Achsel herüber. Der Flötenbläser sah zitternd in stummer
+Betäubung zu ihr hinüber. Der rötliche Marmor Apolls
+selbst und die bronzenen wilden Tiere erregten sich in einer
+fiebrigen Minute und beruhigten sich wieder. Die Orangenbäume
+neigten in dem Vogelschweigen sich in eine flüsternde
+Brise.
+
+</p><p>Schmerzlich und verlassen standen die Göttinnen der
+unteren Terrassen und wandten sich hinter ihr in das
+Dunkel der Laube.
+
+</p><p>Und nun begannen in ihrem Rücken die großen Wasserspiele
+aufzugehen und sich tief in den Himmel zu drehen.
+Die Sonne hatte sich auf dem Teich niedergelassen und
+schloß mit den schaumigen Köpfen der tanzenden Fontänen
+oben zwischen zwei Vorhängen sie ab von der Welt.
+
+</p><p>Erschüttert frug er: &bdquo;Wo ist Léon?&ldquo;
+
+</p><p>Sie machte eine verhüllte Bewegung.
+
+</p><p>&bdquo;Warum?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Weil ich dich liebte.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Tatest du es selbst?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Gestern abend. Ja.&ldquo;
+
+</p><p>Sichere Konturen bekam, was sie besah. Stetigkeit
+hatte ihr Ausruhn, ihr Spaziergang, ihre Liebkosung. Sie
+gliederte den Tag, die Leidenschaft, die Ruhe mit einer bewegenden
+Anmut. Die Gegenstände empfingen von ihr
+Würde und Haltung. Sie beherrschte einfach, was ihr
+entgegentrat, ohne es zu wollen und auch das, was sie
+nicht begriff, mit der Ungebrochenheit ihres Wesens.
+
+</p><p>Saftigeres schälte sich ihnen nun heraus aus den Museen:
+Holbein, Ostade, Bosch, Grünewald, Brueghel, Mäleskirchner.
+Da flossen Speisen überall, knackte das Leben
+mit Orangkiefern sich auf, ward nach Gott explodiert, und
+in Lehm und Spelunke, in Fisch, Frucht, Fleisch, Prasserei
+noch ein Haben gefordert und endlich nackte Sicherheit gelassen
+vor das Schicksal gestellt.
+
+</p><p>Airas einfache Einstellung wußte jedes Urteil im Traum.
+Doch hielt sie auch Oxygénée, was ein Purgier ist, für
+einen Vornamen. Unfaßbar, aber auch nicht zu umspannen,
+stand sie an den Fenstern, die auf Paris hinabsahen, das
+irgendwo in einem apfelgrünen Himmel jäh ertrank.
+
+</p><p>Sie ging hinaus, als Petrovas Karte hereinkam, elegant
+der Mann hinterher. &bdquo;Ah?&ldquo; frug Harri. Petrova
+nahm einen Liqueur: &bdquo;Sie sehen keine Veränderung.
+Entweder kein Sou oder zwanzigtausend Francs in der
+Tasche hielt ich stets als Prinzip.&ldquo; Harri lachte: &bdquo;Sie
+waren nicht so bestimmt&ldquo;. Petrova lächelte mit dem Mundwinkel:
+&bdquo;Das ist der Vorteil des Besitzes. Für einen
+Hungerleider ziemte die unbestimmte, abenteuerlichere Haltung.&ldquo;
+Allein seine Sicherheit war nicht so groß wie
+sein Auftreten. Er deponierte bei Harri fünfzigtausend
+Francs.
+
+</p><p>Ihn bangte immer vor dem Schicksal und er legte Reserven,
+aber sein Glaube an Menschen war unbedingter wie
+an das Starre der Institutionen, er vermied, abergläubisch,
+den Tresor der Banken wie Pest.
+
+</p><p>Mit einer älteren Dame, die im Auto ihn erwartete,
+entschwand er über den Boulevard Port Royal aus dem
+Gesichtskreis.
+
+</p><p>Die Hitze fiel ein in Paris.
+
+</p><p>Auf den Boulevards kamen nachts Ratten herauf,
+fraßen die Absynthsäufer an. Manche ohne Ohren, mit
+halben Nasen wurden in die Spitäler gerollt.
+
+</p><p>Die Seine fauchte wie ein fauler Fisch schillernde Gase
+aus. Das Viertel der Großen Hallen stand eine geöffnete
+Kloake und stürzte Wolken Gestank in den Himmel. Fein,
+kaum merkbar fror das Arom der zärtlichen Champs Elysés
+zwischen den auf ihren Bänken geräuschlos Winterspeck ausschwitzenden
+Rentnern und der erstarrten Verzauberung der
+sandigen Bäume. Selbst die Militärmusik der öffentlichen
+Gärten klapperte nur verzweifelt mit gelben Flügeln und
+schleifte doch nie die Töne bis an die erfrischendere Trommelfülle
+der Fontänen.
+
+</p><p>Sie packten.
+
+</p><p>Harri öffnete die Luken, ließ die Windsegel hinaus.
+Die Kuppel strahlte von Glas mit feuriger Steigerung.
+Die Straße unten lag noch voll Schatten.
+
+</p><p>Vom Auto, das sie rasch den Boulmich hinunter entführte,
+sahen sie zurück. Mit blauen, gelben, roten Ballonen
+und Segeln gehißt, vom Morgenwind immer wieder festlich
+gefüllt, schwamm die Kuppel ihnen weg in die Sonne.
+
+</p><p>Sie fuhren nach Holland.
+
+</p><p>Schon führte nicht mehr er, schon war in ihrer Heimat sie
+von keiner Überlegenheit. Mit gleichen Augen bereits sahen
+von Nordereiland sie Rotterdams Hafen, spürten die Viehherden
+über riesige Drehbrücken in dies Loch Europas
+strömen, fühlten die Vorstädte mit Reis, Tabak und Tee
+sich füllen wie eine gleichmäßige große Bewegung.
+
+</p><p>Mit gleich empfundener Melodie wie auf einer Spieluhr
+spulte vor ihnen in s&rsquo;Gravenhaage im Hotel des Indes
+das Speisen und Sichbewegen der bevorzugten Sippen
+bei Flöten- und Geigenorchester sich ab, fiel abends die
+Gegengebärde der saftigen derben Leiber a Spuistraat
+dröhnend in dieselbe Kadenz.
+
+</p><p>Fiel allabendlich in Amsterdam ein andres Weib in die
+ölgefleckte Gracht, zog die Bluse kreischend aus und schüttelte
+den mächtigen Busen, so trugen sie mit dem gleichen
+Lächeln den Vorgang sich zu, ebenso wie wenn vor ihrem
+Blick hinter Zorgvliets Parks die Welt in Scheweningen
+mit Badeeifer den Strand erhellte.
+
+</p><p>Sie fiel auf durch die schlanke Lässigkeit ihrer selbst im
+geringsten rassigen Bewegung, er hatte selbst unter Amerikanern
+noch die beste Figur.
+
+</p><p>Der Abend ging vor ihnen von der Seeterrasse zurück
+und die Lichter der Seebrücke begleiteten ihn noch eine
+Weile, bis Gesang aus den Pinken aufscholl und mit
+glitzernden Fischnetzen der Lärm in den Hafen zurückkam.
+Sie sahen es abebbend mit der Ruhe, vollsaugend sich mit
+Leben, immer im gleichen Puls. Sie gewöhnten sich so
+aneinander, daß sie das gleiche schon empfanden, eh es in
+ihren Gesichtskreis trat.
+
+</p><p>Erotische Landschaft spürten sie, wenn sie die Dampfer
+und Fregatten meilenweit Spalier stehn sahen. Lust auf
+Kanälen zu fahren machte es ihnen bereits, übernachteten
+sie auf Mühlen, duschte der Gastherr sich nackt morgens
+im Garten. Wie unter Stichworten tröstete über dem
+Gestank des Judenviertels sie der goldene Staub.
+
+</p><p>Hinter dem Prinsenhof an der Oute Delft gingen sie sogleich
+wortlos rasch in die Wiesen, wo aus den Lindenkanälen
+und fetten Gräsern bis unter den letzten erzitternden Horizont
+die Glocken schlugen. Da stand Aira wieder mitten
+in der Frische, von jedem Erdstück, jedem Glockenschwung,
+die sie berührten, neu und anders gerichtet. Nichts gab es
+an Wolke, Blau und Büschen, das sich nicht auf sie richtete
+und seinen Reiz neidlos für sie hingab.
+
+</p><p>Aber so nah war sie dem Geheimnis ihrer Natur, die
+sie nicht kannte, daß sie gewissermaßen zurück in Herz und
+Kern der Dinge einfiel und wieder schlank und sehnig sich
+aus ihnen spannte. Stand sie zwischen Kühen, die von
+weither zu ihr liefen, war etwas von ihrer wilden Anmut
+in den Weichen der Tiere, aber die Sanftmut der ruhenden
+Tiere hatte in ihren Blicken ebenfalls Sitz.
+
+</p><p>Am Abend verließ sie ihn für wenige Tage. Sie kam
+zurück damit, daß sie, ihr Vermögen zu regulieren, nach
+Java fuhr. Er lachte, als sie die Absicht aussprach, daß
+sie, deren ganze Verwandtschaft dort unten wohnte, allein
+führe. Er plänkelte eine Weile, aber wie ihr verschleierter
+Blick ihn warnte, mit Zwingen dahin vorzustoßen, wo in
+ihren Hintergründen der Entschluß sich festgesetzt, ließ er
+die Sache fallen, wie alles, was sich ihm entzog.
+
+</p><p>Obwohl ihn alles an ihr reizte, so lange ihre Herzen
+auf einem Akkord hinliefen, überfiel ihn Müdigkeit in dem
+Augenblick, wo er verfolgen sollte, was ihn floh, und
+selbst für diese Frau schien Kampf im Augenblick ihm noch
+zuviel.
+
+</p><p>Sie setzten einen Termin, sprachen nicht mehr darüber,
+gaben sich Stunde und Tag und sich selbst aufatmend einander
+wieder wie vorher.
+
+</p><p>Eine Woche lebten sie in zwei Dörfern, die eine Düne
+trennte. Auf dem Kamm trafen sie sich morgens. Der
+Dünenfuß war mit Makrelen besät, Vogelgezwitscher und
+Kuhgebrumm stand dahinter.
+
+</p><p>In einem Ewer fuhren sie dann in die schwerrollende
+See der Morgendünung. Mittags booteten sie aus, bestiegen
+eine Eisenbahn, fuhren in einem kleinen Wagen, bis
+sie sich zwischen den Dünen kaum mehr auskannten. Dann
+schlossen sie eine Lagerhütte auf, rollten ein Boot ins
+Wasser, ruderten mit langen Schlägen auf eine kleine
+Insel und zogen in das einzige Haus.
+
+</p><p>Eine Woche bremste weißköpfig das Meer die Welt ab.
+In der letzten Nacht brach der gewittergeäderte Himmel
+unter einem pausenlosen Schlag. Harri erwachte. Aira
+war nicht da. Das Haus war leer. Atemlos stürzte er
+in den Garten. Da kam sie, umwölkt von dem Bodenduft,
+geschmeidig in der Haut, das Hemd voll Blattzeug,
+auf den schlanken Hüften aus der mattschimmernden Nacht,
+wie ein Stück dampfende Erde in seinen Arm.
+
+</p><p>Mittags kam ein Motor langsam um die Ecke und holte
+die Koffer. Abends sahen sie durch die Rosenhänge der
+Veranda die Lichter des wartenden Autos an der Küste.
+Sie schwammen hinüber, damit sie das Meer noch einmal
+koste, das ihnen solange gemeinsam war. Im Schuppen zog
+sie sich um, küßte ihn. Auf dem Strand der Insel drüben
+hörte er noch das Verrauschen des Autos am Horizont.
+
+</p><p>Er gab sich der Ruhe hin, den Fischen, dem Mond,
+den Wellen, aber er hatte zu geringes Maß Vertrauens
+auf sich gesetzt, als er seinen Elan nicht stählte, um sie zu
+kämpfen.
+
+</p><p>Denn als sie fehlte, verdreifachte sich ihre Kraft, und
+aus jeder Schnecke, jeder Muschel, jeder Welle, jedem Segel
+nahm sie Form an.
+
+</p><p>Ja selbst aus Dingen, zu denen er sich rettete, die ihn
+zerstreuten, aus Fischen, aus Mond, aus Wellen trat sie
+heraus. Sie kam aus dem Weiß des aufgeschlagenen
+Bettes, sie trat in den Schlaf, in den Traum, sie bezwang
+ihn mit jedem Gegenstand, den er berührte.
+
+</p><p>In alles, was in Zusammenhang stand mit ihrem Wesen,
+war sie unverlierbar gekettet, im Läuten des unsichtbaren
+Viehs hinter den Dünen klang ihre Stimme, an den
+Lämmerwolken des Abends ruhte ihr Auge, im Flüstern
+des Schilfs war ihre Stimme.
+
+</p><p>Aber sie hatten sich so sehr vertauscht, daß nicht die
+Dinge nur, die sie berührt, sie ihm zurückbrachten jede
+Sekunde, sie war so eingegangen in seine eigene Figur,
+daß der Klang seiner Stimme, das Schaukeln seines
+Schattens, daß selbst das Zittern seiner Hände nichts war
+als ihr Ausdruck, ihre Stimme, ihre Anmut, und daß er,
+wenn es ihn überfiel vor Sehnsucht, sich fühlte, als sei in
+ihn ihr Wesen eingezogen, und als sei sie wiederum auch er.
+
+</p><p>Am Strand, die Augen geschlossen, ertrug er den
+Schmerz nicht länger: seine Heimat war von ihm gegangen.
+Dies Gefühl blieb. Alles andere hatte sich ganz aus ihm
+gelöst.
+
+</p><p>Das spannte ihn wie ein Fell, auf dem es dröhnte, als
+er sich zerstreute, zwischen Städten, Menschen, Schiffen
+nichts sah als sie.
+
+</p><p>Da fühlte er, daß er es nicht ertrüge ohne sie, er beschloß
+ihr zu folgen, aber er war so sanft geworden, daß
+er schon anfing ihre Gedanken nicht nur zu denken sondern
+zu leben, und damit er sie nicht störe, von niemand gesehen
+werde und ihr nicht schade und sei es nur in ihrer ängstlichen
+Einbildung, nahm er, nur im Drang ihr nah zu
+sein, Zwischendeck.
+
+</p><p>Sigfrid Brown, Makler, geboren Odessa, überschiffte er
+das Meer. Zum ersten September legten sie in Samarang
+an. In der Dämmerung kam Aira Belmont mit
+ihren Brüdern in einer Barkasse herüber und ging über
+das Deck in die Kajüte. Er sprach sie nicht an.
+
+</p><p>Als sie zurückkam, stand er am Reeling in der Dunkelheit,
+die Barkasse legte wieder an. Aber während sie die
+Treppe hinabstieg, stiegen ihm die Tränen in die Augen
+vor besinnungslosem Schmerz.
+
+</p><p><i>Im selben Augenblick aber brach der Ring, mit
+dem der Tod sein Leben eingekreist</i> und ihm sein
+irrsinniges Erlebnisgrauen neben die nun spielerischen Dinge
+stellte.
+
+</p><p>Aus dem Schmerz kommt eine wundervolle Klarheit in
+ihn gezogen, und während das Liebste seines Lebens verschwindet,
+erglüht seine Seele zum erstenmal voll Rausch.
+Und wie die geheimnisvolle Verbundenheit sich öffnet, mit
+der sein Dasein dem Tod verschuldet war, tritt er heraus
+aus der Rolle des Zuschauers in den heißen Kreis des
+Daseins, der schmerzt.
+
+</p><p>Sie fuhren nach Ceylon weiter. In dieser Zeit wandte
+er sich mit Aufmerksamkeit an die Umgebung. Zwischen
+Matratzen und Läusen entging ihm nichts. Bei einem
+Boxkampf zerschlug einer einem Steward die Nase. Die
+Nigger walkten ihn, bis er schwoll.
+
+</p><p>Die Stickluft machte ihm eine Entzündung. Nachts
+brachen sie, wuschen die Windeln, die Kinder schrien. Ein
+Ire, stiernackig und groß, fiel auf die Knie und betete.
+Es entging ihm nichts.
+
+</p><p>Am letzten Tag starb einer an Tuberkulose. &bdquo;Ausgespien&ldquo;,
+schrie sein Nachfolger in der Matte. Sie schmissen ihn,
+in einem Sack, mit einer Kanonenkugel ins Wasser. Oben
+schossen sie. Unten sang man:
+
+</p><p class="lyrics">
+&bdquo;Uns rettet nie ein höhres Wesen,<br />
+Kein Gott, kein König, kein Tribun,<br />
+Uns von dem Elend zu erlösen<br />
+Vermag nur unser eignes Tun.&ldquo;
+
+
+</p><p class="noindent">In der letzten Nacht ohrfeigte der Kapitän einen galizischen
+Rabbi, weil er öffentlich die Gebetszeremonie machte.
+
+</p><p>Als Harri frug, warum er sich nicht empöre, gab er
+keine Antwort. Vor der Landung riß er, nachdem er ihn
+in eine Ecke lockte, Bart und Haar herunter, er sah Shanvady.
+Er suchte ihn zu überreden, mit ihm auszuschiffen,
+seine Rolle in Europa hatte er hinter sich geworfen. Harri
+weigerte sich.
+
+</p><p>&bdquo;Sie waren in Ihrer Unbeweglichkeit mein reizvollstes
+Experiment da drüben&ldquo;, sagte giftig Shanvady am Schluß,
+&bdquo;was habe ich Ihnen nicht entgegengeführt? Dies Land
+ist pleite drüben, denn selbst Sie vermochte ich nicht zu
+fesseln, obgleich gerade Ihre Kühle mich reizte, Ihnen alle
+Raffinements entgegenzustellen.&ldquo; Er ging allein von Bord.
+In der Nacht starb ein junger Mann über Harri. Harri
+entschloß sich, zurückzufahren, die gleiche Tour.
+
+</p><p>Nichts trennte ihn mehr von den Kameraden, mit denen
+er fuhr. Der Strick war durchgehauen, der ihn hin und
+her schwanken ließ zwischen den Schichten mit dem Augenblick,
+in dem er Aira Belmont gehen ließ und sich darüber
+so verändert fand.
+
+</p><p>Aus der Entsagung kam ihm eine wilde stete Kraft, die
+ihn weit über sich selbst hinaus brachte an die Dinge und
+Menschen heran, die er früher nur sah wie Gespenster,
+und an die er jetzt mit einer zähen Teilnahme sich geworfen
+fand.
+
+</p><p>Er entschied sich gar nicht, die Sache war völlig klar.
+Mit Shanvady schied der Vertreter, glänzend und repräsentativ
+einer Klasse, die nicht mehr baute, nicht voran
+kam, nicht mehr stieg, sondern mit genialen Späßen das
+Angesammelte der Jahrhunderte noch einmal mischte und
+mit Stöcken umdrehte, bis sie, der Witze müde, floh.
+
+</p><p>Ihn aber gelüstete es ganz und neu, arbeitsam, gesichert,
+in das Verlassene zurück.
+
+</p><p>Noch einmal legten sie in Samarang an. Die Barkasse
+fuhr herüber mit Aira Belmont. Sie stieg an Deck
+mit ihren Brüdern. Die Mütze über das Gesicht gezogen
+mußte er es am Reeling noch einmal sehen und ertrug es.
+
+</p><p>Währenddem trugen sie eine Frau an ihm vorbei ins
+Lazarett. Als sie ihn sah, schrie sie &bdquo;Harion&ldquo;.
+
+</p><p>Er folgte der durch und durch Verfaulten und erfuhr
+noch, ehe sie in der Nacht starb, aus den Papieren, daß
+es seine Mutter war.
+
+</p><p>Die Matrosen bliesen ein Hornsignal, das Schiff wendete.
+Harri sah zurück, wo die Barkasse landete, sah Tage,
+Jahre vor sich voll Bitterkeit und ohne diese Heimat, aber
+senkte nicht den Kopf. Durch die Strahlenbrechung des
+Lichts, die die Küste weit über den Horizont hob, stob ihm
+durch das Segel in der Dämmerung das Rot Schatten
+wie eine unsterbliche Bestimmung um seine Schläfen.
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAUEN***<br />&nbsp;</p>
+<p>******* This file should be named 35085-h.txt or 35085-h.zip *******<br />&nbsp;</p>
+<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br />
+<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/0/8/35085">http://www.gutenberg.org/3/5/0/8/35085</a><br />&nbsp;</p>
+<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.<br />&nbsp;</p>
+
+<p>Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.<br />&nbsp;</p>
+
+
+
+<pre>
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+<a href="http://www.gutenberg.org/license">http://www.gutenberg.org/license)</a>.
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+<a href="http://www.gutenberg.org">http://www.gutenberg.org</a>
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
+
+<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/etext06/">http://www.gutenberg.org/dirs/etext06/</a>
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+http://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL">http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL</a>
+
+*** END: FULL LICENSE ***
+</pre>
+</body>
+</html>