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+The Project Gutenberg EBook of Die Stadt ohne Juden, by Hugo Bettauer
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Stadt ohne Juden
+ Ein Roman von übermorgen
+
+Author: Hugo Bettauer
+
+Illustrator: Martha von Wagner-Schidrowitz
+
+Release Date: March 13, 2011 [EBook #35569]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STADT OHNE JUDEN ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. Cover
+image cleaned up by Sharon Joiner
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
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+ Die Stadt ohne Juden
+
+ Ein Roman von übermorgen
+
+ Von
+ Hugo Bettauer
+
+ Gloriette-Verlag, Wien
+
+
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten
+
+ _Copyright by Gloriette-Verlag, Vienna 1922_
+
+
+ Umschlag-Entwurf von Martha v. Wagner-Schidrowitz
+
+
+ Dritte Auflage. 11.-15. Tausend
+
+
+
+
+Erster Teil.
+
+
+Von der Universität bis zur Bellaria umlagerte das schöne, ruhige und
+vornehme Parlamentsgebäude eine einzige Menschenmauer. Ganz Wien schien
+sich an diesem Junitag um die zehnte Vormittagsstunde versammelt zu
+haben, um dort zu sein, wo sich ein historisches Ereignis von
+unabsehbarer Tragweite abspielen sollte. Bürger und Arbeiter, Damen und
+Frauen aus dem Volke, halbwüchsige Burschen und Greise, junge Mädchen,
+kleine Kinder, Kranke in Rollwagen, alles quoll durcheinander, schrie,
+politisierte und schwitzte. Und immer wieder fand sich ein Begeisterter,
+der plötzlich an den Kreis um ihn herum eine Ansprache hielt und immer
+wieder brauste der Ruf auf:
+
+»Hinaus mit den Juden!«
+
+Sonst pflegten bei ähnlichen Demonstrationen hier und dort Leute mit
+gebogener Nase oder besonders schwarzem Haar weidlich verprügelt zu
+werden; diesmal kam es zu keinem solchen Zwischenfall, denn Jüdisches
+war weit und breit nicht zu sehen, und zudem hatten die Kaffeehäuser und
+Bankgeschäfte am Franzens- und Schottenring, in weiser Erkenntnis aller
+Möglichkeiten, ihre Pforten geschlossen und die Rollbalken herabgezogen.
+
+Plötzlich zerriß ein einziges Aufbrüllen die Luft.
+
+»Hoch Doktor Karl Schwertfeger, hoch, hoch, hoch! Hoch der Befreier
+Oesterreichs!«
+
+Ein offenes Auto fuhr langsam mitten durch die Menschenmassen hindurch,
+die zurückdrängten und Bahn machten. Im Auto saß ein großer älterer
+Herr, dessen mächtiger Schädel mit willkürlichen Büscheln weißer Haare
+bedeckt war.
+
+Er nahm den grauen, weichen Schlapphut ab, nickte der jubelnden
+Menschenmenge zu und verzerrte das Gesicht zu einem Lächeln. Aber es war
+ein saures Lächeln, das von den zwei Falten, die von den Mundwinkeln
+abwärts liefen, gewissermaßen dementiert wurde. Und die tiefliegenden
+grauen Augen blickten eher finster als vergnügt drein.
+
+Lachende Mädchen drängten sich vor, schwangen sich auf das Trittbrett,
+die eine warf dem Gefeierten Blumen zu, eine andere war noch dreister,
+schlang ihren Arm um seinen Hals und küßte den Doktor Schwertfeger auf
+die Wange. Als ob der Chauffeur ahnte, wie seinem Herrn bei solchen
+Gefühlsausbrüchen zumute wurde, ließ er das Auto vorwärts springen, so
+daß die Mädchen mit jähem Ruck nach rückwärts fielen. Sie taten sich
+dabei nicht wehe, denn die Menschenmauer fing sie auf.
+
+Im Parlamentsgebäude herrschte nicht die laute Begeisterung der Straße,
+sondern fieberhafte Erregung, zu stark, um Ausdruck nach außen zu
+finden. Die Abgeordneten, die sich bis zum letzten Mann eingefunden
+hatten, die Minister, die Saaldiener gingen schweigend und unruhig
+umher, sogar die überfüllten Galerien verhielten sich lautlos.
+
+In der Journalistenloge, in der es sonst am ungeniertesten zuzugehen
+pflegte, wurde nur im Flüsterton gesprochen. Und eine bemerkenswerte
+räumliche Spaltung hatte sich eingestellt. Die kompakte jüdische
+Majorität der Berichterstatter drängte ihre Stühle zusammen, die
+Referenten der christlichsozialen und deutschnationalen Blätter bildeten
+ihrerseits eine Gruppe. Sonst mischten sich die jüdischen und
+christlichen Journalisten fröhlich durcheinander, im Berufskreis war man
+nicht Parteigänger, sondern nur der Herr Kollege, und da die jüdischen
+Journalisten gewöhnlich mehr Neuigkeiten wußten und sie besser verwerten
+konnten, standen die antisemitischen zu ihnen in einem starken
+Abhängigkeitsverhältnis. Heute aber flogen hämische Blicke von der
+christlichen Ecke in die jüdische, und als der kleine Karpeles von der
+»Weltpost«, der eben erst eingetreten war, den Doktor Wiesel von der
+»Wehr« mit »Servus Herr Kollege!« begrüßte, wandte ihm dieser ohne
+Erwiderung den Rücken.
+
+Es drängten immer noch Journalisten herein, darunter Vertreter
+ausländischer Zeitungen, die heute in Wien angekommen waren.
+
+»Nicht rühren kann man sich«, brummte der Herglotz vom christlichen
+»Tag«, worauf ihm ein Kollege mit kleinem, bärtigem Kopf und mächtigem
+Bierbauch erwiderte:
+
+»Na, ein paar Tage noch und wir werden hier Platz genug haben!«
+
+Hüsteln, Lächeln, Lachen auf der einen Seite, gegenseitige
+bedeutungsvolle Blicke auf der anderen.
+
+Ein junger blonder Herr mit roten Backen machte nach links und rechts
+eine leichte Verbeugung.
+
+»Holborn vom »London Telegraph«! Bin eben vor einer Stunde angekommen
+und kenne mich wahrhaftig nicht aus. Vorgestern kam ich aus Sidney nach
+halbjähriger Abwesenheit in London an, eine Stunde später saß ich wieder
+im Zug, um nach Wien zu fahren. Unser Managing-Editor, das Kamel, hat
+mir nichts gesagt, als: In Wien wird es jetzt lustig, da schmeißen sie
+die Juden hinaus! Fahren Sie hin und berichten Sie, daß das Kabel reißt!
+Also bitte, wäre sehr nett von Ihnen, wenn Sie mich rasch instruieren
+wollten.«
+
+Das alles war in so drolligem Englisch-deutsch herausgekommen, daß sich
+die Spannung ein wenig löste. Minkus vom »Tagesboten« bemächtigte sich,
+heftig gestikulierend, des englischen Kollegen und begann mit den
+Worten:
+
+»Also, ich werde Ihnen alles genau erklären --.« Aber Doktor Wiesel ließ
+ihn nicht weitersprechen. »Sie verzeihen, aber diese Aufklärung wird
+besser von =uns= ausgehen.«
+
+Tonfall drohend, das »uns« bedeutungsvoll unterstrichen.
+
+Und schon befand sich Holborn in der christlichen Ecke, wo Wiesel kurz
+und sachlich erklärte:
+
+»Was geschehen soll, werden Sie sofort aus dem Munde unseres
+Bundeskanzlers Dr. Karl Schwertfeger erfahren, der das Gesetz zur
+Ausweisung aller Nichtarier aus Oesterreich eingehend begründen wird.
+Die Vorgeschichte ist, kurz gesagt, folgende: Als die österreichische
+Krone auf den Wert eines fünfzigstel Centimes herabgesunken war, begann
+das Chaos einzutreten. Ein Ministerium nach dem anderen mußte gehen, es
+entstanden Unruhen, täglich kam es zu Plünderungen der Geschäfte, zu
+Pogroms, die Wut und Verzweiflung der Bevölkerung kannte keine Grenzen
+mehr und schließlich mußte zu Neuwahlen geschritten werden. Die
+Sozialdemokraten traten ohne neues Programm in den Wahlkampf, die
+Christlichsozialen hingegen scharten sich um ihren geistvollen Führer
+Dr. Karl Schwertfeger, dessen Losungswort lautete: Hinaus mit den Juden
+aus Oesterreich! Nun, vielleicht ist es Ihnen bekannt,« -- Holborn
+nickte, obwohl er keine Ahnung hatte -- »daß die Wahlen den völligen
+Zusammenbruch der Sozialdemokraten, Kommunisten und Liberalen brachten.
+Selbst die Arbeitermassen wählten unter der Parole »Hinaus mit den
+Juden!«, und die sozialistische Partei, vordem relativ die stärkste,
+konnte knapp elf Mandate retten. Die Großdeutschen aber, die gut
+abschnitten, hatten sich ebenfalls auf das »Hinaus mit den Juden!«
+eingestellt.
+
+Nun, der Genialität des Doktor Schwertfeger, seiner unerschrockenen
+Energie, seiner kühnen Impetuosität und Beredsamkeit gelang es, dem
+Völkerbund, der vor die Alternative Anschluß Oesterreichs an Deutschland
+oder Gewährenlassen gestellt war, die Zustimmung zur großen
+Judenausweisung abzuringen. Und jetzt wird Schwertfeger selbst das
+Gesetz einbringen, das sicher angenommen werden wird. Sie sind also
+Zeuge eines historischen --.«
+
+»Pst!«-Rufe wurden laut. Wiesel konnte nicht weiterreden, denn der
+Präsident des Hauses, ein Tiroler mit rötlichem Vollbart, schwang die
+Glocke und erteilte dem Bundeskanzler das Wort.
+
+Grabesstille, in die das Surren der Ventilatoren unheimlich klang. Das
+leiseste Räuspern, das Rascheln der Papiere in der Journalistenloge
+wurde gehört und empfunden.
+
+Uebergroß, trotz des vorgebeugten Schädels und gewölbten Rückens, stand
+der Bundeskanzler auf der Rednertribüne, die Hände, zu Fäusten geballt,
+stützten sich auf das Pult, unter den grauen, buschigen Brauen
+glitzerten die scharfen Augen über den Saal hinweg. So stand er
+bewegungslos, bis er plötzlich den Schädel ins Genick warf und mit
+seiner mächtigen Stimme, die sich in den turbulentesten Versammlungen
+immer hatte Gehör erzwingen können, begann.
+
+»Verehrte Damen und Herren! Ich lege Ihnen jenes Gesetz und jene
+Aenderungen unserer Bundesverfassung vor, die gemeinsam nichts weniger
+bezwecken, als die Ausweisung der nichtarischen, deutlicher gesagt, der
+jüdischen Bevölkerung aus Oesterreich. Bevor ich das tue, möchte ich
+aber einige rein persönliche Bemerkungen machen.
+
+Seit fünf Jahren bin ich der Führer der christlichsozialen Partei, seit
+einem Jahr durch den Willen der überwiegenden Mehrheit dieses Hauses
+Bundeskanzler. Und durch diese fünf Jahre hindurch haben mich die
+sogenannten liberalen Blätter wie die sozialdemokratischen, mit einem
+Wort alle von Juden geschriebenen Zeitungen, als eine Art Popanz
+dargestellt, als einen wütenden Judenfeind, als einen fanatischen Hasser
+des Judentums und der Juden. Nun, gerade heute, wo die Macht dieser
+Presse ihrem unwiderruflichen Ende entgegengeht, drängt es mich, zu
+erklären, daß das alles nicht so ist. Ja, ich habe den Mut, heute von
+dieser Tribüne aus zu sagen, daß ich viel eher Judenfreund als
+Judenfeind bin!«
+
+Ein Murmeln und Surren ging durch den Saal, als flöge eine Schar Vögel
+aus dem Felde auf.
+
+»Ja, meine Damen und Herren, ich bin ein Schätzer der Juden, ich habe,
+als ich noch nicht den heißen Boden der Politik betreten, jüdische
+Freunde gehabt, ich saß einst in den Hörsälen unserer _Alma mater_ zu
+Füßen jüdischer Lehrer, die ich verehrte und noch immer verehre, ich bin
+jederzeit bereit, die autochthonen jüdischen Tugenden, ihre
+außerordentliche Intelligenz, ihr Streben nach aufwärts, ihren
+vorbildlichen Familiensinn, ihre Internationalität, ihre Fähigkeit, sich
+jedem Milieu anzupassen, anzuerkennen, ja zu bewundern!«
+
+»Hört! Hört!«-Rufe wurden laut, sensationelle Spannung bemächtigte sich
+der Abgeordneten und des Auditoriums, und der englische Journalist
+Holborn, der nicht alles verstanden hatte, fragte interessiert den
+Doktor Wiesel, ob der Mann da unten der Vertreter der Judenschaft sei.
+
+Der Kanzler fuhr fort.
+
+»Trotzdem, ja gerade deshalb wuchs im Laufe der Jahre in mir immer mehr
+und stärker die Ueberzeugung, daß wir Nichtjuden nicht länger mit, unter
+und neben den Juden leben können, daß es entweder Biegen oder Brechen
+heißt, daß wir entweder uns, unsere christliche Art, unser Wesen und
+Sein oder aber die Juden aufgeben müssen. Verehrtes Haus! Die Sache ist
+einfach die, daß wir österreichische Arier den Juden nicht gewachsen
+sind, daß wir von einer kleinen Minderheit beherrscht, unterdrückt,
+vergewaltigt werden, weil eben diese Minderheit Eigenschaften besitzt,
+die uns fehlen! Die Romanen, die Angelsachsen, der Yankee, ja sogar der
+Norddeutsche wie der Schwabe -- sie alle können die Juden verdauen, weil
+sie an Agilität, Zähigkeit, Geschäftssinn und Energie den Juden
+gleichen, oft sie sogar übertreffen. Wir aber können sie nicht verdauen,
+uns bleiben sie Fremdkörper, die unsern Leib überwuchern und uns
+schließlich versklaven. Unser Volk kommt zum überwiegenden Teil aus den
+Bergen, unser Volk ist ein naives, treuherziges Volk, verträumt,
+verspielt, unfruchtbaren Idealen nachhängend, der Musik und stiller
+Naturbetrachtung ergeben, fromm und bieder, gut und sinnig! Das sind
+schöne, wunderbare Eigenschaften, aus denen eine herrliche Kultur, eine
+wunderbare Lebensform sprießen kann, wenn man sie gewähren und sich
+entwickeln läßt. Aber die Juden unter uns duldeten diese stille
+Entwicklung nicht. Mit ihrer unheimlichen Verstandesschärfe, ihrem von
+Tradition losgelösten Weltsinn, ihrer katzenartigen Geschmeidigkeit,
+ihrer blitzschnellen Auffassung, ihren durch jahrtausendelange
+Unterdrückung geschärften Fähigkeiten haben sie uns überwältigt, sind
+unsere Herren geworden, haben das ganze wirtschaftliche, geistige und
+kulturelle Leben unter ihre Macht bekommen.«
+
+Brausende »Bravo!«-Rufe; »Sehr richtig!« »So ist es!«
+
+Doktor Schwertfeger führte mit der knochigen Rechten das Glas zu den
+dünnen Lippen und sein halb spöttischer, halb befriedigter Blick kreiste
+im Saal.
+
+»Sehen wir dieses kleine Oesterreich von heute an. Wer hat die Presse
+und damit die öffentliche Meinung in der Hand? Der Jude! Wer hat seit
+dem unheilvollen Jahre 1914 Milliarden auf Milliarden gehäuft? Der Jude!
+Wer kontrolliert den ungeheuren Banknotenumlauf, sitzt an den leitenden
+Stellen in den Großbanken, wer steht an der Spitze fast sämtlicher
+Industrieen? Der Jude! Wer besitzt unsere Theater? Der Jude! Wer
+schreibt die Stücke, die aufgeführt werden? Der Jude! Wer fährt im
+Automobil, wer praßt in den Nachtlokalen, wer füllt die Kaffeehäuser,
+wer die vornehmen Restaurants, wer behängt sich und seine Frau mit
+Juwelen und Perlen? Der Jude!
+
+Verehrte Anwesende! Ich habe gesagt, daß ich den Juden, an sich und
+objektiv betrachtet, für ein wertvolles Individuum halte und ich bleibe
+dabei. Aber ist nicht auch der Rosenkäfer mit seinen schimmernden
+Flügeln ein an sich schönes, wertvolles Geschöpf und wird er von dem
+sorgsamen Gärtner nicht trotzdem vertilgt, weil ihm die Rose näher steht
+als der Käfer? Ist nicht der Tiger ein herrliches Tier, voll von Kraft,
+Mut und Intelligenz? Und wird er nicht doch gejagt und verfolgt, weil es
+der Kampf um das eigene Leben erfordert? Von diesem und nur von diesem
+Standpunkt kann bei uns die Judenfrage betrachtet werden. Entweder wir
+oder die Juden! Entweder wir, die wir neun Zehntel der Bevölkerung
+ausmachen, müssen zugrunde gehen oder die Juden müssen verschwinden! Und
+da wir jetzt endlich die Macht in den Händen haben, wären wir Toren,
+nein, Verbrecher an uns und unseren Kindern, wenn wir von dieser Macht
+nicht Gebrauch machen und die kleine Minderheit, die uns vernichtet,
+nicht vertreiben wollten. Hier handelt es sich nicht um Schlagworte und
+Phrasen, wie Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Toleranz, sondern um unsere
+Existenz, unser Leben, das Leben der kommenden Generationen! Die letzten
+Jahre haben unser Elend vertausendfacht, wir stehen mitten im vollen
+Staatsbankrott, wir gehen der Auflösung entgegen, ein paar Jahre noch
+und unsere Nachbarn werden unter dem Vorwand, bei uns Ordnung schaffen
+zu müssen, über uns herfallen und unser kleines Land auf Stücke
+zerreißen -- unberührt von allen Geschehnissen aber werden die Juden
+blühen, gedeihen, die Situation beherrschen und, da sie ja nie Deutsche
+im Herzen und im Blut waren, unter den geänderten Verhältnissen Herren
+bleiben, wenn wir Sklaven sind!«
+
+Das ganze Haus geriet jetzt in furchtbare Aufregung. Wilde Rufe wurden
+ausgestoßen. »Das darf nicht sein! Retten wir uns und unsere Kinder!«
+Und als Echo klang es von der Straße her aus zehntausend Kehlen: »Hinaus
+mit den Juden!«
+
+Doktor Schwertfeger ließ die Erregung auslaufen, nahm von den
+Ministerkollegen Händedrücke entgegen und sprach dann über die
+Durchführung des Gesetzes. Gemäß den Forderungen der Menschlichkeit und
+den Bedingungen des Völkerbundes würde mit größter Milde und
+Gerechtigkeit vorgegangen werden. Jeder habe das Recht, sein Vermögen
+mitzunehmen, soweit es aus Bargeld und Wertpapieren oder Juwelen
+bestehe, Immobilien zu veräußern, sein Geschäft freihändig zu verkaufen.
+Unternehmungen, die nicht veräußerlich seien, würden vom Staat
+übernommen werden, und zwar derart, daß nach dem Steuerbekenntnis des
+letzten Jahres der Reinertrag fünfprozentig kapitalisiert werden würde.
+Hätte also zum Beispiel ein Unternehmen im vergangenen Jahr eine halbe
+Million Reinertrag aufgewiesen, so würde es mit zehn Millionen abgelöst
+werden. Ein boshaftes Lächeln kräuselte die Lippen des Kanzlers.
+
+»Natürlich sind sowohl bei diesen Ablösungen als auch bei der Erlaubnis
+zur Mitnahme von Bargeld lediglich die Steuerbekenntnisse maßgebend. Hat
+sich jemand als Vermögensloser bekannt, so darf er kein Geld ausführen,
+besitzt er trotzdem Vermögen, so wird dieses natürlich konfisziert. Hat
+jemand den Reinertrag seines Geschäftes mit einer halben Million
+beziffert, so darf er zehn Millionen mitnehmen, auch wenn sich
+herausstellen sollte, daß sein wirkliches Einkommen zehnmal so groß war.
+Auf diese Art wird sich manche Sünde bitter rächen --«, bemerkte der
+Redner unter schallender Heiterkeit der Anwesenden. Er fuhr dann fort:
+
+»Festbesoldete und geistige Arbeiter, die tatsächlich vermögenslos sind,
+wie zum Beispiel Aerzte, erhalten vom Staat den Betrag zur Fortreise,
+den sie als Jahreseinkommen versteuert hatten. Gab also ein Arzt sein
+Einkommen mit dreihunderttausend an, so erhält er diese Summe. Um jede
+anderweitige Steuerflucht zu verhüten, enthält das Gesetz die
+drakonische Bestimmung, daß der Versuch, größere als erlaubte Summen
+fortzuschleppen, mit dem Tode zu bestrafen sei. Ebenso ist die
+Todesstrafe über die Juden oder Judenstämmlinge verhängt, die den
+Versuch machen, sich auch weiterhin heimlich in Oesterreich aufzuhalten.
+
+Das Gesetz soll in folgender Weise durchgeführt werden:
+
+»Nichtprotokollierte Kaufleute, Händler und sogenannte Agenten müssen
+innerhalb dreier Monate nach Annahme des Gesetzes die Grenzen verlassen,
+protokollierte Firmeninhaber, Angestellte, Beamte und manuelle Arbeiter
+innerhalb von vier Monaten, Künstler, Gelehrte, Aerzte, Rechtsanwälte
+und so weiter innerhalb von fünf Monaten. Direktoren von
+Aktienunternehmungen, Banken und Industrien, die im letzten Jahre ein
+Einkommen von mehr als sechs Millionen versteuert haben, ist eine Frist
+von einem halben Jahr gegeben.«
+
+Und nun komme ich zu einem wichtigen Punkt, dem ich die volle
+Aufmerksamkeit zu schenken bitte. Wie Sie wissen, bezieht sich das
+Ausweisungsgesetz nicht nur auf Juden und getaufte Juden, sondern auch
+auf Judenstämmlinge. Als Judenstämmling gelten die Kinder aus Mischehen.
+Hat also zum Beispiel eine Christin rein deutscharischer Abstammung
+einen Juden geheiratet, so trifft die Ausweisung ihn und die Kinder aus
+dieser Ehe, während es der Frau unbenommen bleibt, in Oesterreich zu
+verweilen. Nach reiflicher Ueberlegung hat die Regierung beschlossen,
+die Kindeskinder aus Mischehen nicht mehr als Judenstämmlinge, sondern
+als Arier zu betrachten. Hat also ein Christ eine Jüdin geheiratet, so
+werden wohl die Kinder ausgewiesen, die Kindeskinder aber,
+vorausgesetzt, daß die Eltern sich nicht wieder mit Juden gemischt
+haben, können im Lande bleiben. Dies ist aber auch die absolut einzige
+Konzession, die das Gesetz macht. Andere Ausnahmen sind nicht zulässig.
+Von vielen Seiten wurde uns nahegelegt, gewisse Ausnahmen gelten zu
+lassen. So sollte das Gesetz Leute über ein gewisses Alter hinaus,
+Kranke, Schwächliche und solche Juden, die besondere Verdienste um den
+Staat haben, nicht treffen.
+
+Meine Damen und Herren! Hätte ich diesen Ratgebern nachgegeben, so würde
+das ganze Gesetz zur Posse geworden sein. Das jüdische Geld, jüdischer
+Einfluß hätten Tag und Nacht gearbeitet, zehntausende von Ausnahmsfällen
+würden konstruiert werden und in fünfzig Jahren wären wir genau so weit
+wie heute. Nein, es gibt keine Ausnahme, es gibt keine Protektion, es
+gibt kein Mitleid und kein Augenzudrücken! Für Hinfällige und Kranke
+wird die Regierung prachtvolle Spitalzüge zur Verfügung stellen, und nur
+solche Juden, die nach gerichtsärztlichem Gutachten absolut nicht
+transportfähig sind, werden hier ihre Genesung oder ihren Tod abwarten
+dürfen.«
+
+Doktor Schwertfeger verbeugte sich leicht und ließ sich schwerfällig auf
+seinem Sitz nieder. Die Wirkung seiner letzten Eröffnung war aber ganz
+eigenartig gewesen. Nur vereinzelte Bravo-Rufe waren laut geworden, eine
+gewisse Beklommenheit machte sich fast körperlich fühlbar, auf vielen
+Gesichtern malte sich deutlich Schrecken und Angst, auf der Galerie
+entstand Unruhe, eine Frau fiel mit dem Ruf: »Meine Kinder!« ohnmächtig
+zusammen, und als der Kanzler geendet, erdröhnte zwar starker Beifall,
+aber die kleine Gruppe der Sozialdemokraten schrie unisono »Unerhört!
+Pfui! Skandal!«
+
+Und nun erteilte der Präsident mit dem roten Bart dem Finanzminister
+Professor Trumm das Wort. Trumm war klein, verhuzelt wie eine
+halbgedörrte Pflaume, er sprach im Diskant und mußte sich jedesmal
+unterbrechen, wenn seine Zunge zwischen dem Gaumen und dem oberen Rand
+des falschen Gebisses stecken blieb. Unter großer Spannung erörterte er
+die finanzielle Seite des Ausweisungsgesetzes. Natürlich würde die
+Ablösung der jüdischen Geschäfte und Immobilien nicht nur das
+christliche Privatkapital, sondern auch die Mittel des Staates stark in
+Anspruch nehmen. Hunderte von Milliarden Kronen würden kaum ausreichen,
+und man dürfe sich nicht verhehlen, daß die Ausweisung der Juden
+zunächst allerlei finanzielle Schwierigkeiten im Gefolge haben werde.
+
+»Aber, gottlob,« -- der Finanzminister bekreuzigte sich -- »wir werden
+in den kommenden schweren Tagen nicht allein stehen! Ich kann dem hohen
+Hause die erfreuliche Mitteilung machen, daß sich das echte wahre
+Christentum der ganzen Welt gesammelt hat, um uns zu helfen. Nicht nur,
+daß die österreichische Regierung seit Monaten internationale
+Verhandlungen führt, auch der Piusverein hat in aller Stille eine
+mächtige Agitation entfaltet, die glänzende Früchte trägt. Der Verband
+des erwachten Christentums der skandinavischen Länder, dem viele große
+Bankiers und Kaufleute angehören, stellt uns einen gewaltigen Kredit in
+dänischer, schwedischer und norwegischer Valuta zur Verfügung, der
+amerikanische Industriekönig Jonathan Huxtable, einer der reichsten
+Männer der Welt und ein begeisterter Streiter in Christo, hat sich
+bereit erklärt, zwanzig Millionen Dollars in Oesterreich anzulegen, der
+französische Christenbund macht hundert Millionen Francs mobil --
+kurzum, es werden Milliarden Kronen ins Ausland wandern müssen und dafür
+Milliarden in Gold einströmen!«
+
+Riesige Begeisterung im ganzen Hause. Einige Dutzend Abgeordnete
+verließen fluchtartig den Sitzungssaal und stürmten die Telephone, um
+ihren Banken Verkaufsorders für fremde Valuten zu geben. Die
+Hauszentrale konnte das stürmische Begehren nach Verbindungen mit
+»Karpeles & Co.«, »Veilchenfeld & Sohn«, »Rosenstrauch & Butterfaß«,
+»Kohn, Cohn & Kohen« und wie alle die großen Bankhäuser hießen, kaum
+bewältigen. Während aber der Finanzminister, der eine volle Minute
+gebraucht hatte, um seine eingeklemmte Zunge zu befreien, fortfuhr,
+erzählte der Engländer Holborn in der Journalistenloge grinsend:
+
+»Jonathan Huxtable ist ein frommer Kerl! Er spuckt Gift und Galle gegen
+die Juden, seitdem ihm seine Frau mit einem jüdischen Preisboxer
+durchgegangen ist. Er ist ein strenger Temperenzler, aber er besauft
+sich jeden Tag mit Magentropfen, die er aus der Apotheke bezieht. Einmal
+hat man gesehen, wie er eine ganze Flasche Eau de Cologne auf einen Zug
+austrank. Und wenn er hier zwanzig Millionen investieren wird, will er
+sicher fünfzig daran verdienen.«
+
+Doktor Wiesel schnitt ein abweisendes Gesicht, während die jüdischen
+Journalisten sich rasch Notizen machten, um letzte Bosheiten zu
+publizieren.
+
+Die Pro- und Kontra-Redner meldeten sich zum Wort. Die Sozialdemokraten
+sprachen gegen das Gesetz. Als aber ihr Führer Weitherz in ruhigen und
+sachlichen Worten seiner Entrüstung Ausdruck gab und den Gesetzentwurf
+als ein Dokument menschlicher Schmach bezeichnete, entstand ein
+furchtbarer Tumult, die Galerie warf mit Schlüsseln und Papierknäueln
+nach den Sozialdemokraten, es kam zu einer Prügelei und die kleine
+Opposition verließ unter Protest den Saal. Der christlichsoziale
+Abgeordnete Pfarrer Zweibacher pries Doktor Schwertfeger als modernen
+Apostel, der würdig sei, dereinst heilig gesprochen zu werden, die
+großdeutschen Abgeordneten Wondratschek und Jiratschek aber beleuchteten
+das Gesetz lediglich vom Rassenstandpunkt, und Jiratschek, der stark mit
+böhmischem Akzent sprach, schluchzte vor Ergriffenheit und schloß mit
+den Worten:
+
+»Wotan weilt unter uns!«
+
+Als letzter Redner ergriff unter Hepp! Hepp!-Rufen und höhnischem
+Aih-Wai!-Geschrei der einzige zionistische Abgeordnete, Ingenieur Minkus
+Wassertrilling, das Wort. Der schlanke, große und hübsche junge Mann
+wartete mit verschränkten Armen ab, bis Ruhe eintrat, dann sagte er:
+
+»Verehrte Jünger jenes Juden, der sich, um die Menschheit zu erlösen,
+törichterweise ans Kreuz hatte schlagen lassen!«
+
+Stürmische Unterbrechung: »Hinaus mit den Juden!«
+
+»Jawohl, meine Herren, ich stimme mit Ihnen in den Ruf: »Hinaus mit den
+Juden!« ein und werde mit freudigem Herzen dem Gesetz meine Stimme
+geben. Wir Zionisten begrüßen dieses Gesetz, das ganz unseren Zielen und
+Tendenzen entspricht. Von der halben Million Juden, die das Gesetz
+trifft, wird sich wohl die Hälfte unter dem zionistischen Banner
+vereinigen, die anderen werden, wie ich weiß, in Frankreich und England,
+in Italien und Amerika, in Spanien und den Balkanländern willig Aufnahme
+finden. Mir ist um das Schicksal meines Volkes nicht bange, zum Segen
+wird das werden, was hier gehässige Bosheit und Dummheit als Fluch
+gedacht hat.«
+
+Der Tumult, der sich erhob, verschlang die weiteren Worte und
+schließlich wurde auch der Zionist aus dem Saal gedrängt.
+
+So ergab denn die Abstimmung, die namentlich erfolgte, die einstimmige
+Annahme des Gesetzes, das noch am selben Tag durch den Ausschuß und die
+zweite und dritte Lesung gepeitscht wurde.
+
+Als die Abgeordneten spät abends endlich das Haus verlassen konnten,
+sahen sie ein festlich beleuchtetes Wien. Von allen öffentlichen
+Gebäuden wehten die weiß-roten Fahnen, Feuerwerke wurden abgebrannt, bis
+lange nach Mitternacht dauerten die Umzüge der Menschenmassen, die immer
+vor das Kanzlerpalais marschierten, um Doktor Schwertfeger hoch leben zu
+lassen und als Befreier Oesterreichs zu preisen -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Als der Nationalrat, Gemeinderat, Armenrat und Gewerberat Antonius
+Schneuzel am nächsten Vormittag -- es war ein Sonntag -- infolge der
+endlosen Siegesfeier arg verkatert am häuslichen Frühstückstisch
+erschien, fand er eine recht unbehagliche Stimmung vor. Seine Gattin
+hatte eine nadelspitze Nase, was auf Sturm deutete, seine Tochter, Frau
+Corroni, saß mit verquollenen Augen da, ihr Gatte, der Prokurist Alois
+Corroni, lächelte den Schwiegervater impertinent und verächtlich an, und
+die beiden Enkelkinder Lintschi und Hansl stießen ein furchtbares Geheul
+aus, als Herr Schneuzel seine kleinen Aeuglein verwirrt und ängstlich um
+den Tisch kreisen ließ.
+
+»Ja, was is denn da los?«
+
+Frau Schneuzel stemmte die Arme in die Seite.
+
+»Was los is, du Fallot, du? Gar nichts is los, als daß du alter Tepp
+geholfen hast, deine Tochter und die Enkelkinder aus dem Land zu
+treiben!«
+
+»Ja, wieso denn?« stammelte Herr Schneuzel, aber schon dämmerte ihm
+grauenhafte Wahrheit. Richtig, er hatte im Laufe der Jahrzehnte total
+vergessen, daß sein Schwiegersohn, Herr Alois Corroni, in frühester
+Jugend Sami Cohn geheißen und erst stehend und aufrecht die Taufe
+empfangen. Also mußte er ja hinaus und mit ihm die beiden Kinder, die
+Judenstämmlinge waren!
+
+»So eine Gemeinheit,« schluchzte Frau Corroni in ihr Taschentuch hinein,
+»was soll ich jetzt mit den Kindern anfangen? Nach Zion auswandern
+vielleicht, du Rabenvater, du?«
+
+»Jawohl, es ist ein starkes Stückchen,« erklärte nun Herr Corroni mit
+scharfer Betonung jedes Wortes, »einen Mann wie ich, der behaupten darf,
+mindestens ein ebenso guter Christ zu sein als tausend andere, die den
+ganzen Tag im Wirtshaus herumsitzen, einen Mann wie ich, dessen Kinder
+im christlichen Glauben groß geworden sind, aus dem Lande zu jagen wie
+einen tollen Hund!«
+
+Herr Schneuzel wollte eine Erwiderung machen und murmelte etwas von
+großer, heiliger Sache, Prinzipien, die auf Einzelfälle keine Rücksicht
+nehmen können. Aber schon saß die Hand der Gattin in seinen spärlichen
+Haaren und ließ nicht locker, bevor sie sich mit einem ganzen Büschel
+des immer rarer werdenden Gewächses zurückziehen konnte.
+
+»Viecher seids Ihr alle zusammen! Gestohlen könnts Ihr mir werden mit
+eurem Christentum! Hat der Loisl unser Annerl nicht immer gut behandelt?
+Hat sie nicht einen Bisampelz von ihm bekommen, läßt er die Kinder nicht
+aufwachsen wie die Prinzen? Dem lieben Gott sollst du danken, daß sie
+einen Juden bekommen hat und nicht einen Kerl, wie dich, einen
+Saufbruder und Skandalmacher!«
+
+»I geh' net nach Zion«, heulte Lintscherl, während Hans die Gelegenheit
+benützte, von Großvaters Teller weg den Sonntagsgugelhupf zu grapsen.
+
+Im Moment höchster Aufregung kam die Köchin Pepi herein, räumte resolut
+den Tisch ab und erklärte seelenruhig:
+
+»I geh'! I heirat' mein' Isidor, der was Kommis im Konsumverein is, und
+wann er auswandern muß, wander' i mit ihm aus! Von mir aus können sich
+die Herrn Nationenräte mitsamt dem Kränzler alle zusammen aufhängen.«
+
+Nachdem sich die Aufregung gelegt, erörterte Herr Corroni sachlich die
+Situation.
+
+»Ich denke natürlich gar nicht daran, nach Palästina auszuwandern, schon
+deshalb nicht, weil man mich als getauften Juden gar nicht hineinließe.
+Nein, ich habe einen Bruder in Hamburg, den Onkel Eduard, wie Ihr wißt,
+und wenn er auch eben meiner Taufe halber bös mit mir ist, so wird er
+mich jetzt nicht im Stich lassen -- Juden haben ja, gottlob,
+Familiensinn« -- diese Worte begleitete ein stechender Blick gegen
+Schneuzel -- »und ich werde eben dort für mich und meine Familie eine
+neue Zukunft aufbauen. Es sei denn, daß Annerl lieber bei euch bleiben
+will«.
+
+Worauf Frau Anna, müde und verblüht, wie man es nach fünfzehnjähriger
+Ehe zu sein pflegt, rosige Wangen bekam, ihre Arme zärtlich um den Hals
+des Alois Corroni, rekte Sami Cohn, schlang, ihn küßte wie eine Braut
+ihren Bräutigam und wirklich wie ein junges Mädchen aussah. Und
+schließlich mußte sich Herr Schneuzel völlig verstört und verzweifelt
+verpflichten, dem Schwiegersohn so gewissermaßen als Fundament für die
+neue Zukunft eine Million mit nach Hamburg zu geben.
+
+Nachmittags ging der National-, Gemeinde- und Armenrat Schneuzel allein
+zum Heurigen nach Sievering, fing dort mit einer Gesellschaft, die noch
+immer »Hinaus mit den Juden!« schrie, Streit an, zerbrach seine Flasche
+an dem Schädel des einen Schreiers und wurde furchtbar verprügelt.
+
+ * * * * *
+
+Gespräch in einer Fensternische des Kaffee Wögerer, gegenüber der Börse,
+zwischen Herrn Strauß, Inhaber eines Bankhauses, und seinem Neffen, dem
+Mediziner Siegfried Steiner. Solche und ähnliche Gespräche fanden aber
+an allen Tischen statt, es wurde an diesem Tage nicht lärmend, sondern
+fast lautlos mit Zuhilfenahme der Hände geredet.
+
+Der Neffe schüttelte dem Onkel die Hand.
+
+»Lieber Onkel, ich danke dir dafür, daß du mich mit nach London nehmen
+wirst. Das ist ein großer Trost für mich, denn unter uns gesagt -- Zion
+-- ne, ist nichts für mich! Nur Juden, nicht auszudenken!«
+
+Der Onkel lächelte behaglich. »Zion kann mir gestohlen werden. In London
+werde ich mich mit meinem alten Freunde Moe Seegward, der dort eine
+Wechselstube in bester Lage hat, associieren.«
+
+Siegfried Steiner beugte sich vor und flüsterte:
+
+»Aber sag' mir eines, Onkel, du hast doch sicher nicht der Steuerbehörde
+dein wirkliches Vermögen und Einkommen angegeben. Wie wirst du nun dein
+Geld herüberkriegen, da doch seit gestern Briefzensur eingeführt ist?«
+
+Der Onkel ließ die Zigarrenasche auf seine Weste fallen.
+
+»Chammer! Wozu hat man christliche Freunde? Ich war heute schon bei dem
+Fabrikanten Schuster, habe ihm, unter uns gesagt, zwanzig Millionen in
+Effekten und Bargeld gebracht und dafür von ihm eine Anweisung auf eine
+Londoner Bank bekommen. Natürlich tut es der Ganef nicht umsonst,
+sondern er verdient eine koschere Million dabei.«
+
+Der Neffe nickt befriedigt und an dreißig anderen Tischen endigten
+verschiedene Gespräche ebenfalls mit einem zufriedenen Nicken.
+
+Ein alter Hebräer mit Kaftan und Lockerln kam herein und sagte von Tisch
+zu Tisch sein Sprüchlein auf: »Ein Almosen für einen alten Juden, der
+beim Pogrom in Lemberg um Hab und Gut gekommen ist.«
+
+Von einem Tisch wurde er angerufen: »Na, Alter, wohin werden Sie
+auswandern?«
+
+Der Jude wackelte mit dem Kopf. »Herrleben, wenn ich aus dem brennenden
+Ghetto von Lemberg nach Wien gekommen bin, wer' ich auch aus Wien wieder
+irgendwohin kommen. Ob ich schnorr' in Wien oder in Berlin oder Paris,
+ist gleichgültig. Nur wer' ich dann nichts erzählen mehr vom Pogrom,
+sondern davon, daß man hat mich alten Juden ausgewiesen. Aber sagen Sie,
+Herrleben, glauben Sie, man soll noch kaufen vor Torschluß Julisüd oder
+is besser Siemens?«
+
+ * * * * *
+
+In der Villa des Schriftstellers Herbert Villoner in Alt-Aussee war der
+Freundeskreis versammelt. Literaten von bekanntem Namen, Maler,
+Bildhauer, Musiker, Verleger. Sonst pflegten sie erst im Hochsommer die
+Sommerfrische aufzusuchen, diesmal hatten sie schon im Juni die
+Stadtflucht ergriffen, um von den politischen Schmutzwellen wenigstens
+nicht unmittelbar bespritzt zu werden.
+
+Es war nach dem Abendessen, man saß in Korbstühlen auf der Terrasse,
+blickte auf den lieblichen See, in dem sich der Mond spiegelte, der
+Rauch der Zigaretten kräuselte in der unbeweglichen Luft empor, jeder
+war in seine Gedanken versunken. Villoner unterbrach das tiefe
+Schweigen.
+
+»So ist denn kein Zweifel mehr, daß die meisten von uns zum letztenmal
+den Sommer in Aussee verbringen werden und daß wir wie vagabundierende
+Strolche den Staub von unseren Stiefeln werden schütteln und in die
+Fremde gehen müssen. Wie seltsam! Mein Vater, ein berühmter Kliniker,
+der nicht wenig zum Ruhm der Wiener medizinischen Schule beitrug, mein
+Großvater, schon ein erbangesessener Kaufmann vom Mariahilfer Grund und
+ich selbst -- -- Nun, man behauptet, daß ich in meinen Dramen und
+Romanen das Wiener Wesen tief erfaßt und wie kein anderer die Wiener
+Jugend, das süße Mädel erkannt und geschildert habe. Und nun ist das
+alles nichts gewesen, ich bin einfach ein fremder Jude, der hinaus muß
+wie irgend ein galizischer Flüchtling, den eine Spekulationswelle nach
+Wien verschlagen!«
+
+»Immerhin,« sagte der junge Lyriker Max Seider leise mit zitternder
+Stimme, »immerhin, Sie werden auch fern von der undankbaren Heimat sich
+wohl fühlen können. Berlin wird Sie mit offenen Armen aufnehmen, schon
+sind dort unter den Intellektuellen besondere Ehrungen für Sie geplant,
+und Sie sind so reif und stark, daß Sie mächtige Zweige werden treiben
+können, wo immer Sie sind. Aber was soll ich tun? Ich bin erst am
+Anfang, und ich kann nur leben und arbeiten, wenn ich durch das grüne
+Gelände des Wienerwaldes schlendere, wenn ich als Wegweiser die
+zierliche Silhouette des Kahlenberges vor mir sehe. Aus Ihnen strömt des
+Lebens Quelle in unerschöpflichem Maß, ich muß um jede Zeile, um jeden
+Vers mit mir ringen und kämpfen und das kann ich nur in Wien.«
+
+»Ach was,« schrie der Komponist Wallner ergrimmt, »der Teufel soll
+dieses Wien mit seiner vertrottelten Bevölkerung holen! Ich geh' nach
+Süddeutschland, miete mir ein Häuschen im Schwarzwald und werde dort mit
+meiner Lene herrlich leben. Was, Schatz?«
+
+Seine blonde junge Frau ließ es ruhig geschehen, daß der Gatte ihr
+Madonnenköpfchen an seine Schulter zog, aber ein boshaftes Lächeln
+huschte über den üppigen Mund und ihre Blicke kreuzten sich
+verständnisvoll mit denen des Schriftstellers Walter Haberer. Diesem
+schwellte Triumph die Brust. Er wußte, die Frau des Komponisten blieb
+hier, niemand konnte sie zwingen, mit ihrem Gatten ins Exil zu gehen,
+und verabredetermaßen würde sie endlich, wenn der Mann erst fort, sein
+werden. Sein würde aber nicht nur sie werden, sondern ganz Wien, ganz
+Oesterreich! Denn sie alle, hinter denen er zurückstehen mußte, sie
+alle, deren Theaterstücke aufgeführt wurden, während die seinen
+jahrelang in den Schubladen der Dramaturgen schliefen, sie alle, die
+gestern noch die großen Modeschriftsteller gewesen waren, sie alle, der
+Villoner und der Seider, der Hoff und der Thal, der Meier und der
+Marich, sie alle mußten fort und er blieb allein als Herrscher im Reiche
+der Musen!
+
+Frau Lene nickte ihm lächelnd zu, während der Gatte ihr liebkosend die
+Wangen streichelte.
+
+Donnernd und polternd lachte der große Schauspieler Armin Horch auf.
+
+»Meine Herrschaften, nun muß es heraus! Auch ich werde Oesterreich
+verlassen müssen! Denn ich, den die »Wehr« und andere Zeitungen immer
+als den Verkörperer des christlichen Schönheitsideals gepriesen haben,
+ich bin ein ganz gewöhnlicher Judenstämmling! Mein Vater stammte aus
+Brody und hieß nicht Horch, sondern Storch!«
+
+Schallendes Gelächter ringsumher, Galgenhumor quoll auf, Scherze, die
+zur Situation paßten, wurden erzählt.
+
+»Na und Sie, Herr Pinkus, wohin werden Sie Ihren Buchverlag
+transferieren?« fragte einer den dicken, kleinen Verleger mit den
+krummen Beinen und dem prononciert jüdischen Gesicht.
+
+»Ich? Ich bleibe! Ich bin doch Urchrist!«
+
+Und als alles lachte, sagte er behaglich schmunzelnd:
+
+»Spaß beiseite, ich bin ein waschechter Goi! Mein Großvater Amsel Pinkus
+war ein Tuchhändler in Frankfurt am Main und ein braver, frommer Jude.
+Als er sich aber in meine Großmutter, Christine Haberle, eine kleine
+Sängerin aus Stuttgart, verliebte, ließ er sich, da sie anders nicht die
+Seine werden wollte, taufen. Nun, mein Vater heiratete wieder eine
+Christin und so bin ich Christ in dritter Generation, also werde ich
+nicht ausgewiesen, obwohl ich in Art und Aeußerem ganz entschieden ein
+Duplikat meines Großvaters bin.«
+
+»Es lebe der Urchrist Pinkus,« rief der Hausherr belustigt und alle
+hoben lachend die Gläser. Da klang vom See her ein Knall wie ein
+Peitschenhieb. Und von seltsamer Ahnung ergriffen, rief Villoner: »Wo
+ist Seider?«
+
+Aber schon brachten Leute die Leiche des jungen Lyrikers. Er hatte sich
+unten am See erschossen, um seine müde, empfindsame Seele nicht in der
+Fremde frieren lassen zu müssen.
+
+ * * * * *
+
+Bei der Lona in der Gumpendorferstraße herrschte geradezu Panikstimmung.
+Acht junge Damen, eine schöner als die andere, waren schon versammelt
+und immer wieder mußte die dicke Wirtschafterin, Frau Kathi
+Schoberlechner, die Wohnungstür öffnen und ein Fräulein hereinlassen. Im
+Salon roch es außerordentlich kräftig nach Houbigant, Ambre, Coty, Rouge
+und Zigaretten, und es leuchtete und funkelte von hellblonden,
+rotblonden, schwefelgelben und schwarzen Haaren, Diamanten und Perlen.
+Alle waren in Spitzen und Seide gekleidet, nur die Lona trug einen
+duftigen Schlafrock, der vorn offen war, so daß ihr der schneeweiße
+Busen fast entquoll, und ihre nackten Füße steckten in roten
+Pantöffelchen.
+
+Die schwarze Yvonne weinte zum Herzzerbrechen, die rote Margit aber
+schlug auf den Tisch und schrie erbost:
+
+»Mir müssen demonschtrieren! Wann i' so an Nationalpülcher derwisch,
+kratz' i eahm die scheangleten Augen aus!«
+
+»A so a Gemeinheit! Was soll'n mir denn machen, wann s' die Juden
+hinausschmeißen?«
+
+Yvonne weinte noch heftiger. »Und grad jetzt, wo mir der Fredi Pollak a
+neuches Automobil bestellt hat.«
+
+»Mir gibt der Reizes, mit dem was ich seit zwei Wochen geh', fünfhundert
+Fetzen im Monat! Möcht' wissen, ob die Herren Christen auch so splendid
+sein wer'n?«
+
+»Ihr wißt ja eh, ich hab' den Zwitterbauch aus Mährisch-Ostrau, der mich
+ganz aushält und nur amal im Monat auf a Wochen nach Wien kummt!«
+
+Eine üppige Juno mit gelben Haaren schlug die starken, aber schönen
+Beine übereinander, daß man die blauseidenen Strumpfhalter sah, leerte
+ein Gläschen Cointreau und sagte mit klingender Altstimme:
+
+»Kinder, am meisten Erfahrung habe wohl ich im Leben! Und ich kann nur
+sagen, wenn die Juden verschwunden sind, müssen wir alle verhungern oder
+uns um Stellen als Klosettfrauen in Kaffeehäusern umsehen. Geld lassen
+tun nur die Juden, die anderen wollen alle viel Liebe und wenig Spesen!
+Zehn Jahre bin ich mit dem Baron Stummerl vom Auswärtigen Amt gegangen,
+und in diesen zehn Jahren hat er mir ein goldenes Armband, einen
+Pelzkragen und tausend Gulden geschenkt. Ein Glück, daß ich dabei noch
+den Herschmann von der Anglobank gehabt habe, sonst hätte ich am Ende
+noch arbeiten müssen. Seither flieg' ich nur auf die Israeliten!«
+
+Claire spielte nervös mit dem goldenen, diamantbesetzten Kreuz, das sie
+an einer Platinkette trug. »Was wohl der Karl sagen wird, wenn ich vom
+Doktor Baruch nichts mehr bekomm'!«
+
+Neue Klagen erhoben sich, Wehrufe wurden laut. Daran hatte man im Drange
+der Geschehnisse noch gar nicht gedacht! Was sollte mit den Freunden
+werden, die man liebte und aushielt, wenn die Freunde, die zahlten,
+nicht mehr waren?
+
+Da führte die Frau Kathi einen dieser Freunde herein. Pepi war das Ideal
+eines feschen Kerls. Tiptop vom staubgrauen Samthut über die gestrickte
+Krawatte hinweg bis zu den gelben Halbschuhen, über denen man sanft
+getönte, blaue Seidenstrümpfe sah.
+
+Schluchzend warf sich die reizende schwarze Yvonne in die Arme ihres
+Herzensfreundes. Alle begrüßten ihn stürmisch, ein Hagel von Rufen und
+Fragen ergoß sich über ihn. Pepi ließ sich ruhig in einen Fauteuil
+fallen, zog Yvonne auf seine Knie, zwickte die neben ihm sitzende Lona
+in die nackten Waden und sagte, nachdem er sich eine Zigarette hatte in
+den Mund stecken lassen:
+
+»Kinder, da kann man halt nichts machen, als auch auswandern!«
+
+»Ja, woher wirst an' Auslandspaß kriegen und wer laßt dich denn
+hinein?«, entgegnete die kluge goldblonde Carola.
+
+»Sehr einfach«, lachte Pepi. »Morgen geh' ich aufs Rathaus, werde
+konfessionslos, übermorgen geh' ich zur israelitischen Kultusgemeinde,
+erkläre mich solidarisch mit dem mißhandelten Judentum und werde
+Israelit. Hoffentlich ohne Operation. Dann heiraten wir, bekommen unser
+Ablösegeld vom Staat und können nach den Bestimmungen des Völkerbundes
+uns anderswo ansiedeln. Wir gehen nach Paris oder nach Brüssel oder
+sonst wohin, wo was los ist.«
+
+Yvonne lachte unter Tränen. »Geh', was soll ich denn in Paris als
+verheiratete Frau machen?«
+
+»Tschapperl! Braucht ja niemand zu erfahren, daß wir verheiratet sind!
+Nimmst dir eine Wohnung, suchst einen Freund, der dich ordentlich
+aushält und ich bin so wie jetzt fürs Herz da!«
+
+In den nächsten Tagen wußten die liberalen Blätter zu berichten, daß
+hunderte von wackeren christlichen Jünglingen, empört über das den Juden
+angetane Unrecht, demonstrativ ihren Uebertritt zum Judentum beschlossen
+hätten, um das Schicksal dieses schwer geprüften Volkes zu teilen.
+
+ * * * * *
+
+Der Bundeskanzler, der auch Minister für auswärtige Angelegenheiten war
+und seine Wohnung im Auswärtigen Amte hatte, stand an einem milden
+Septembertag an der offenen Balkontüre und sah über die Straße hinweg
+auf das Getriebe des Volksgartens. Aber dieses Treiben schien ihm
+weniger lebhaft zu sein als in den vergangenen Jahren, die
+weißlackierten Kinderwägelchen rollten nur vereinzelt durch die Alleen,
+die Sesselreihen und Bänke waren trotz des warmen Wetters nur spärlich
+besetzt.
+
+Es klopfte, der Kanzler rief scharf: »Herein!« und stand nun seinem
+Präsidialchef, dem Doktor Fronz, gegenüber.
+
+Schwertfeger war Ende Juni, kurz nach der Annahme des Ausweisungsgesetzes,
+nach Tirol gefahren, um seine unter der Last der Verantwortung
+und Arbeit fast zusammengebrochenen Nerven zu erholen. In
+einem Dorf am Arlberg blieb er mehr als zwei Monate inkognito, niemand
+außer seinem Präsidialchef kannte seinen Aufenthalt, er ließ sich weder
+Briefe noch Akten nachschicken, kümmerte sich nicht um die
+Zeitereignisse, und nur von ganz eminent wichtigen Vorfällen durfte ihm
+Fronz schriftlich Mitteilung machen. Tatsächlich war ja für alles
+vorgesorgt, der Wiener Polizeipräsident wie die Bezirkshauptleute hatten
+ihre genauen Instruktionen, das Parlament war bis zum Herbst vertagt,
+also fühlte sich Doktor Schwertfeger entbehrlich, ja er hielt es für
+seine Pflicht, neue Kräfte zu sammeln, um der kommenden Arbeit frisch
+und stark gegenübertreten zu können. Heute vormittag war er nach Wien
+zurückgekehrt und nun mußte ihm Fronz gründlich referieren. Nachdem
+verschiedene Personalangelegenheiten erledigt waren, ließ sich
+Schwertfeger schwer und wuchtig vor seinem Schreibtisch nieder, nahm
+Papier und Feder, um sich stenographische Notizen zu machen und sagte
+äußerlich ruhig und kalt, während vor Spannung jeder Nerv in ihm
+vibrierte:
+
+»Nun, lieber Freund, berichten Sie mir über den bisherigen Vollzug des
+neuen Gesetzes und seine sichtbaren Folgen. Wie ist unsere Finanzlage?
+Sie wissen, ich bin völlig unorientiert.«
+
+Doktor Fronz räusperte sich und begann:
+
+»Finanztechnisch verläuft nicht alles so glatt, wie wir hofften. Zuerst
+stieg unsere Krone in Zürich sprunghaft bis auf ein Zwanzigstel Centime,
+dann traten leise, wenn auch unbedeutende Schwankungen ein, seit Ende
+Juli rührt sich trotz des starken Goldzustromes aus den Tresors der
+großen christlichen Vereine und des Bankiers Huxtable unsere Krone
+nicht, sie beharrt auf dem Kurs von 0.02. Merkwürdigerweise erfüllen
+sich vorläufig unsere Hoffnungen auf enorme Geldabgaben seitens der
+Ausgewiesenen nicht. Es fließen den Steuerämtern weder große Beträge in
+Kronen noch in fremden Währungen zu. Es scheint, daß sich unter unseren
+christlichen Mitbürgern tausende von Parasiten befinden, die in
+gewissenloser Weise die überschüssigen, der Besteuerung hinterzogenen
+Vermögen der Juden an sich nehmen und den Juden dafür Abstandsummen in
+Gestalt von Anweisungen an ausländische Banken geben.«
+
+»Das war nicht anders zu erwarten«, sagte der Kanzler, während ein
+verächtliches Lächeln um seine zusammengekniffenen Lippen spielte. »Ob
+Jud' oder Christ -- habgierig und selbstsüchtig sind sie alle!«
+
+Das dürften die Judenblätter nicht erfahren, dachte Fronz und fuhr fort:
+
+»Wie ich aus dem sehr pessimistischen Referat des Finanzministers
+Professor Trumm folgern darf, wird uns die Ausweisung der Juden mit
+ungeheuren Schulden, in Gold rückzahlbar, belasten, unseren
+Banknotenumlauf aber in keiner nennenswerten Weise vermindern.«
+
+»Geht die Liquidierung und Uebergabe der Finanzinstitute, Banken und
+Aktiengesellschaften glatt vor sich?«
+
+»In dieser Beziehung ist alles in vollem Gange, aber leider zeigt es
+sich, daß unsere einheimischen Kapitalisten entweder nicht willens oder
+nicht in der Lage sind, die großen Unternehmungen an sich zu reißen, so
+daß überwiegend Ausländer als Uebernehmer in Betracht kommen. Die
+Länderbank, die Kreditanstalt, die Anglobank, die Escompte-Gesellschaft
+und andere Großbanken gehören bereits Italienern, Engländern, Franzosen,
+Tschechoslowaken und so weiter, desgleichen unsere großen
+Industrieunternehmungen. Eben hat ein holländisches Konsortium die
+Simmeringer Lokomotivfabrik übernommen. Wir passen natürlich höllisch
+auf, daß sich auf solchem Umweg nicht ausländische Juden hier einnisten,
+und jeder Kaufvertrag weist nachdrücklich auf die Klausel hin, wonach
+auch ausländische Juden keinerlei Aufenthaltsrecht in Oesterreich
+genießen, weder dauerndes noch vorübergehendes. Daß die Aktionäre und
+Direktoren der fremden Gesellschaften, die hier aufkaufen, zum Teile
+Juden sind, läßt sich aber nicht vermeiden.«
+
+Der Kanzler stützte die mächtige, gewölbte Stirne in die knochige Hand,
+wischte dann peinliche Gedanken mit einer Handbewegung fort und sagte
+gleichmütig:
+
+»Uebergangserscheinungen, denen späterhin abzuhelfen sein wird! Wie
+vollzieht sich die Ausweisung?«
+
+»Genau nach den Durchführungsbestimmungen des Gesetzes! Sowohl die
+Polizei als auch das Verkehrsamt arbeiten vortrefflich, täglich
+verlassen ungefähr zehn Züge mit Ausgewiesenen Oesterreich nach allen
+Richtungen und bis heute haben etwa vierhunderttausend Juden das Land
+verlassen.«
+
+Schwertfeger blickte überrascht auf. »Wie ist das möglich? Wir haben an
+ungefähr eine halbe Million Auszuweisender gedacht! Also waren jetzt,
+nach einem Drittel der präliminierten Zeit, vier Fünftel erledigt?«
+
+Doktor Fronz lächelte dünn. »Wir haben eben die große Zahl der
+Konvertiten und Judenstämmlinge unterschätzt! Heute hat die
+Staatspolizei mehr Ueberblick und sie rechnet nun nicht mehr mit einer
+halben Million, sondern mit achthunderttausend, vielleicht sogar mit
+einer Million Menschen, die unter das Gesetz fallen! Bei dieser
+Gelegenheit möchte ich bemerken, daß sich gewisse devastierende, oft
+sehr peinliche oder auch nur groteske Folgen der Ausweisung zeigen. Zehn
+christlichsoziale Nationalräte müssen als Judenstämmlinge
+landesverwiesen werden, beinahe ein Drittel der christlichen
+Journalisten wird entweder direkt oder in seinen Familienmitgliedern
+betroffen, es stellt sich heraus, daß unsere besten christlichen Bürger
+vom Judentum durchtränkt sind, uralte Familien werden auseinandergerissen,
+ja es hat sich etwas ereignet, was schallendes Gelächter
+nicht nur in den Judenblättern, die ja noch bis zum letzten
+Augenblick hetzen werden, erregt, sondern auch in der Presse des
+Auslandes. Eine Schwester des Fürsterzbischofs von Oesterreich, Kardinal
+Rößl, ist mit einem Juden verheiratet, sein Bruder aber mit einer Jüdin,
+so daß seine Eminenz durch das Gesetz sämtlicher Neffen, Nichten und
+Geschwister beraubt wird. Vielleicht wird es sich doch empfehlen, unter
+solchen Umständen der Nationalversammlung ein Amendement zu dem Gesetz
+zu unterbreiten, durch das die Ausweisung von Judenstämmlingen unter
+gewissen Umständen unterbleiben darf -- --.«
+
+Der Bundeskanzler sprang in die Höhe und schlug mit der geballten Faust
+auf den Schreibtisch, daß die Tinte hochspritzte.
+
+»Nie und nimmer, wenigstens nicht, solang ich im Amte bin! Eine solche
+Ausnahmebestimmung würde das ganze Gesetz zum Weltwitz machen, wir wären
+bis auf die Knochen blamiert, das internationale Judentum würde
+triumphieren wie noch nie in seiner Geschichte, der Korruption, der
+Bestechlichkeit wäre Tür und Tor geöffnet! Sie kennen ja die gewissen
+Herren Hof- und Sektions- und Regierungsräte mit den offenen Händen und
+leeren Taschen! Nein, es darf keine Ausnahmen geben, das Leid und der
+Kummer einzelner Familien darf an den Grundmauern des Gesetzes nicht
+rütteln! Im Namen der Habsburger wurde ein Krieg geführt, der einer
+Million Männer das Leben gekostet hat und man hat nicht zu mucksen
+gewagt! Was ist im Vergleich dazu die Tatsache, daß ein paar tausend
+oder vielleicht hunderttausend Menschen Unbequemlichkeit und Aerger
+verursacht wird? Ich bitte Sie, in diesem Sinne die christlichen Blätter
+zu instruieren. Besser noch, wenn die politische Korrespondenz sofort
+eine diesbezügliche Enunziation der Regierung den Blättern zugehen läßt.
+Und Sie bitte ich dringend, sich nicht mehr zum Sprachrohr solcher
+Einflüsterungen machen zu lassen!«
+
+Doktor Fronz verbeugte sich erblassend.
+
+»Dann ist es ja auch überflüssig, wenn ich Eurer Exzellenz von
+furchtbaren Jammerszenen berichte, die sich täglich bei der Abfahrt der
+Evakuierungszüge beobachten lassen und die oft solche Dimensionen
+annehmen, daß selbst der Straßenpöbel, der sich zur Abfahrt der Züge mit
+der Absicht einzufinden pflegt, die Ausgewiesenen zu beschimpfen,
+ergriffen schweigt und Tränen vergießt -- --.«
+
+»Solche Szenen waren vorhergesehen und sind unvermeidlich! Instruieren
+Sie sofort die Polizei dahin, daß die Bahnhöfe abgesperrt werden, die
+Abfahrt der Züge tunlichst nur zur Nachtzeit erfolgt und nicht von den
+Hauptbahnhöfen, sondern von den außerhalb der Stadt gelegenen
+Rangierbahnhöfen. Und nun nur noch eine Frage: Wie nimmt die Bevölkerung
+im allgemeinen die Durchführung des Gesetzes auf?«
+
+»Mit größter Begeisterung natürlich! Die Polizei läßt hundert geschickte
+Agenten sich anonym in die Volksmengen mischen und Beobachtungen
+sammeln. Nun, die Berichte gehen übereinstimmend dahin, daß die
+christliche Bevölkerung sich geradezu in einem Freudentaumel befindet,
+eine baldige Sanierung der Verhältnisse, Verbilligung der Lebensmittel
+und gleichmäßigere Verbreitung des Wohlstandes erwartet. Auch innerhalb
+der noch sozialdemokratisch organisierten Arbeiterschaft ist die
+Befriedigung über den Fortzug der Juden groß. Aber anderseits läßt sich
+nicht verhehlen, daß die Bevölkerung erregt und unsicher ist. Niemand
+weiß, was die Zukunft bringen wird, die Massen leben in den Tag hinein,
+eine ganz staunenswerte Verschwendungssucht in den unteren Klassen macht
+sich bemerkbar und die Zahl der Trunkenheitsexzesse mehrt sich von Tag
+zu Tag.
+
+Zur Gehobenheit der Stimmung trägt aber sehr wesentlich der Umstand bei,
+daß die Wohnungsnot mit einem Schlage aufgehört hat. Allein in Wien sind
+seit Beginn des Monates Juli vierzigtausend Wohnungen, die bisher Juden
+inne hatten, frei geworden. Eine direkte Folge davon ist, daß eine wahre
+Hochflut von Trauungen eingesetzt hat und die Priester zehn und zwanzig
+Paare gleichzeitig einsegnen müssen.«
+
+Schwertfeger, der Junggeselle geblieben war, nickte befriedigt lächelnd.
+»Damit wären wir also für heute fertig. Ich bin nun halbwegs im Bilde
+und werde jetzt die Referate der einzelnen Bundesministerien
+durchstudieren.«
+
+Ein Kopfnicken und der Präsidialchef war entlassen. Fronz blieb aber
+noch stehen und lenkte die Aufmerksamkeit des Kanzlers, der schon ein
+Aktenfaszikel aufgeschlagen hatte, durch diskretes Räuspern auf sich.
+
+»Ich möchte Exzellenz noch darauf aufmerksam machen, daß der Wiener
+Gemeinderat mit großer Stimmenmehrheit beschlossen hat, den Schottenring
+in Dr. Karl Schwertfeger-Ring umzutaufen und daß seitens dreihundert
+österreichischer Gemeinden ähnliche Umtaufungen von Plätzen und Straßen
+beschlossen wurden. In Innsbruck hat sich sogar ein Denkmalkomitee
+gebildet, das Eurer Exzellenz im nächsten Jahr schon ein Denkmal aus
+Laaser Marmor errichten will.«
+
+Der Kanzler stand auf, ging zum Balkon, sah wieder auf den Volksgarten
+hinab, schritt mit wuchtigen Tritten schwer und plump zweimal durch den
+großen Raum und sagte dann:
+
+»Inhibieren Sie alle solchen Ehrungen! Sie sollen verschoben werden bis
+zum zehnjährigen Jubiläum der Befreiung Wiens von den Juden!«
+
+ * * * * *
+
+Weihnachtsabend im Hause des Hofrates Franz Spineder. Weit draußen in
+Grinzing, außerhalb der Endstation der Straßenbahn, lag das kleine,
+gelbe Backsteinhäuschen, das der Hofrat noch von seinem Großvater ererbt
+hatte. Von außen sah das einstöckige Haus mit dem großen grün
+gestrichenen Holztor und den grünen Jalousien fast primitiv aus, aber
+wenn man das Tor öffnete und in den Hof mit dem altertümlichen
+Ziehbrunnen trat, blieb man überrascht und entzückt stehen. Der Hof ging
+in einen sanft ansteigenden Garten über, der schier endlos war. Im
+Sommer leuchteten die Levkojen, Tulpen, Rosen und Nelken in südlicher
+Pracht, hinter dem Ziergarten kamen Hunderte von Bäumen, die unter der
+Last der Aepfel, Birnen, Aprikosen, Pflaumen und Kirschen sich tief zur
+Erde beugten, und wenn man auch die Obstbäume hinter sich hatte, so war
+man noch immer nicht am Ende des Gartens, sondern ging steil durch einen
+Weinberg, um endlich ganz oben auf ein altwienerisches Lusthäuschen mit
+bunten Scheiben zu stoßen.
+
+Köstlich wie der unvermutete Garten war auch die Einrichtung der
+Wohnzimmer. Uralte, behagliche, steife und graziöse Möbel aus der
+Barock-, Kongreß- und Biedermeierzeit, kostbare Stiche und Bilder an den
+Wänden, zwei echte Waldmüller, ein Schwind im Salon, bunte, schöne
+Gläser, Altwiener Porzellan, funkelndes Silbergerät in den Vitrinen und
+Kredenzen, und man brauchte nur die Augen zu schließen, um die Männer
+und Frauen im Kostüm der Maria Theresianischen Zeit und Biedermeierrock
+vor sich zu sehen.
+
+Franz Spineder war Beamter, wie es sein Vater und sein Großvater gewesen,
+aber er war auf den Gehalt eines Hofrates im Unterrichtsministerium
+nicht angewiesen, sondern recht vermögend, und schon das
+Haus mit dem riesigen Garten und der kostbaren Einrichtung
+repräsentierte heute einen nach vielen Millionen zählenden Wert.
+Außerdem aber war seine Frau eine geborene Halbhuber, deren Urgroßväter
+schon als Gerber und Lederfabrikanten soliden Reichtum erworben hatten.
+Und da das Ehepaar Spineder nur mehr ein Kind, die jetzt knapp
+achtzehnjährige Lotte, besaß, so konnte es inmitten der Wirrnisse einer
+zerrissenen Zeit und aller Teuerung zum Trotz sein behagliches Leben
+führen.
+
+Schweigend schmückten Lotte und Frau Spineder den Weihnachtsbaum,
+befestigten an den duftenden Zweigen die Schokoladekringel, Bonbons,
+Glaskugeln und Kerzen. Frau Spineder, noch immer eine hübsche, runde
+Frau, sah die blonde, schlanke, auffallend schöne und liebreizende
+Tochter von der Seite an.
+
+»Lotte, nun hast du schon wieder Tränen in den Augen! Bedenk' doch, daß
+Papa heute wenigstens fröhliche Gesichter sehen will und mach' dem armen
+Leo das Herz nicht noch schwerer.«
+
+Lotte ließ einen kleinen Rauchfangkehrer aus Schokolade fallen, daß sein
+Kopf fortrollte, schlug die Hände vor das Gesicht, lehnte sich an die
+Schulter der Mutter und begann bitterlich zu schluchzen.
+
+»Mutter, mir bricht das Herz! Du wirst sehen, ich werde es nicht
+überleben, daß Leo in die Fremde fort muß! Mutter, laßt mich doch mit
+ihm ziehen!«
+
+Frau Spineder, der selbst das Wasser in den Augen stand, streichelte
+zärtlich das weiche, wie Gold leuchtende Haar der Tochter.
+
+»Lotte, es geht nicht! Bedenk' doch, Papa ist sechzig und er hat, seit
+uns der unselige Krieg den Sohn genommen, niemanden als dich. Du kannst
+es ihm nicht zumuten, daß er dich in die ungewisse Zukunft ziehen läßt,
+so gern er ja auch den Leo hat. Schau nur, Leo wird nach Paris ziehen;
+bei der Entwertung der Krone könnten wir euch unmöglich mit Francs
+unterstützen und ihr würdet vielleicht ins Elend kommen, ohne daß Papa
+helfen kann. Leo wird sich allein schon durchschlagen und ihr seid ja
+noch beide so jung, daß ihr auf andere, bessere Zeiten warten könnt'.
+Still jetzt, der Vater kommt! Und es klingelt, der Leo wird auch schon
+da sein.«
+
+Herr Spineder, der jetzt eintrat, um die Kerzen anzuzünden, war der
+Typus des alten österreichischen Hofrates in seiner besten Art. Musik
+liebend und ausübend, voll innerlicher Kultur, gepflegt von außen und
+innen, ein Schönheitssucher, Lebensfreund und Lebensbejaher, rechtlich,
+gewissenhaft, tolerant und dabei doch ein wenig beschränkt, bedächtig
+und zögernd. Er trug auch jetzt noch den veralteten Kaiserbart, weil er
+es unter seiner Würde hielt, dem Umschwung der Verhältnisse an seiner
+Person Konzessionen zu machen, er war Demokrat durch und durch, ein
+treuer Diener der Republik, aber das schöne Kaiserbild von Angeli hing
+noch immer über seinem Schreibtisch. Wie er jetzt eintrat, war der alte
+Herr mit den schlohweißen Haaren und den milden, graublauen Augen der
+echte Altösterreicher, den man bald nur mehr aus Büchern kennen wird.
+
+»Leo ist draußen und kratzt sich den Schnee von den Sohlen ab«, sagte
+Hofrat Spineder, während er die Kerzen bedächtig anzündete. »Geht hinauf
+zu ihm, ich werde die Bescherung machen und klingeln, wenn es so weit
+ist.«
+
+Frau Spineder sah noch rasch in die Küche nach dem Karpfen, der
+Sachertorte und den Krapfen; Lotte hing aber schon am Halse Leos und
+schluchzte wortlos an seiner Brust.
+
+Leo Strakosch, schlank, dunkelhaarig, glattrasiert, mit lebhaften
+braunen Augen, aus denen Klugheit und Humor blitzten, war um zehn Jahre
+älter als Lotte. Im letzten Kriegsjahre war er als Einjähriger
+eingerückt und im Felde hatte er den gleichaltrigen Rudolf Spineder, den
+Sohn des Hofrates, kennen und als Freund lieben und schätzen gelernt. In
+der letzten Piaveschlacht hatte Rudolf einen Kopfschuß bekommen und in
+den Armen des Freundes seine junge Seele ausgehaucht, nachdem er ihn
+gebeten, die Eltern und das Schwesterchen zu grüßen. So war Leo in das
+Haus des Hofrates gekommen, der arme Sohn eines kleinen Agenten, fühlte
+sich in dem vornehm-bürgerlichen Milieu unendlich wohl, und als Lotte
+aus einem Kinde ein blühendes, schönes Mädchen wurde, stand es in ihm
+fest: Diese oder keine! Lotte erwiderte die Liebe des lebhaften,
+geistvollen, begabten jungen Mannes von ganzem Herzen.
+
+Hofrat Spineder sah die Entwicklung dieser Liebe und hatte nichts
+einzuwenden. Leo Strakosch war Radierer, in jungen Jahren schon ganz
+außerordentlich erfolgreich, man begann sich um seine Zeichnungen zu
+reißen, eine vor einem Jahr erschienene Leo Strakosch-Mappe erregte
+Aufsehen auch im Ausland, und der Hofrat wie seine Frau sagten sich mit
+Recht, daß sie ihr Kind in keine besseren Hände würden geben können, als
+in die Leos, den sie nach und nach liebten wie ihren eigenen Sohn. Daß
+Leo Jude war, focht den Hofrat nicht im mindesten an. In seinem Hause
+verkehrten viele Musiker, Literaten, Maler, die Mehrzahl von ihnen waren
+Juden, und der verstorbene Rechtsanwalt Viktor Rosen war sogar der
+intimste Freund Spineders gewesen.
+
+Als vor Jahresfrist zuerst in politischen Kreisen von dem Plan des
+Führers der Christlichsozialen, ein Antijudengesetz durchzubringen,
+geraunt wurde, hatte Hofrat Spineder daran nicht glauben wollen und
+können. Und als er daran glauben mußte, war seine Empörung maßlos
+gewesen. Und noch größer sein Schmerz über den Schicksalsschlag, den die
+bevorstehende Ausweisung Leos für seine Tochter bedeutete. Den Gedanken
+aber, seine Lotte mit Leo ins Exil ziehen zu lassen, wies er weit von
+sich, die Liebe zu seinem einzigen Kind und der Egoismus des Alternden
+vereinigten sich hier und machten ihn absolut unerbittlich.
+
+ * * * * *
+
+Die Bescherung war sehr reichlich ausgefallen, Lotte von den Eltern
+freigebig bedacht worden, aber sie schenkte dem Pelzkragen, den
+Seidenstrümpfen, den Büchern und Noten kaum einen Blick, sondern preßte
+immer wieder das kleine Bild Leos, das er ihr in einem goldenen
+Medaillon geschenkt, an die zuckenden Lippen. Man saß nun beim festlich
+geschmückten Tisch, aber es herrschte eher Trauer als Feststimmung und
+vergeblich versuchte der Hofrat ein leichtes Gespräch zu entwickeln. Als
+dann der selbstgekelterte goldgelbe Wein kredenzt wurde, erhob Hofrat
+Spineder sein Glas und sagte mit bewegter Stimme:
+
+»Dein Wohl, Leo! Möge das Glück dich auch in der Fremde begleiten, möge
+das Schicksal in absehbarer Zeit uns alle wieder vereinigen! Kinder, ich
+weiß, daß ihr mir grollt und ich kann doch nichts tun, als mit euch
+leiden. Seht, Mutter und ich haben den besten Teil des Lebens hinter
+uns, ich stehe an der Schwelle des Greisenalters, und so ist es doch nur
+natürlich, wenn wir uns mit allen Fasern dagegen sträuben, den letzten
+Sonnenstrahl, der uns noch leuchtet, fortziehen zu lassen. Aber selbst
+wenn wir solcher schier übermenschlicher Selbstlosigkeit fähig wären,
+würde mich das Pflichtgefühl davon abhalten. Lebten wir in normalen
+Zeiten, so ließ ich euch ziehen und würde sagen, daß wir ja schließlich
+alljährlich ein paar Monate bei euch in Paris zubringen können. Aber das
+ist heute unmöglich, da die Krone fast wertlos ist. Nur Spekulanten
+können sich noch solchen Luxus leisten, und ihr wißt, daß wir in guten,
+geordneten Verhältnissen leben, aber doch mit jedem Tausendkronenschein
+rechnen müssen. Würde Lotte jetzt mit dir in die Fremde gehen, so müßte
+sie das Elternhaus für immer verlieren. Und nicht nur sie, sondern auch
+euere Kinder wären entwurzelt, vaterlandslos, würden nicht wissen, wo
+ihre Großeltern in der Erde ruhen. Und wer weiß, es würde der Tag
+vielleicht kommen, wo du, Lotte, von solcher Heimatssehnsucht erfüllt
+wärest, daß sie deine Liebe zum Gatten verdrängen und dein ganzes Wesen
+sich in einen bitteren Vorwurf gegen den, dem du in die Verbannung
+gefolgt, wandeln würde. Ihr seid beide jung, du, Lotte, bist fast noch
+ein Kind, du Leo, ein Jüngling und das ganze Leben liegt vor euch.
+Lasset ein paar Jahre vergehen, vielleicht seid ihr dann voneinander
+losgekommen oder aber es traten Entwicklungen ein, die euch doch noch
+vereinigen.«
+
+Während Lotte fassungslos weinte und mit ihr ihre Mutter, hob nun auch
+Leo sein Glas.
+
+»Vater, so darf ich dich ja doch wohl noch nennen, ich muß die Gründe
+deiner Weigerung, Lotte mit mir ziehen zu lassen, würdigen,
+wahrscheinlich würde ich an deiner Stelle nicht anders handeln. Aber
+eines sage ich dir, sage ich Lotte, die ich nie aufhören werde zu
+lieben: Mein Leben wird von nun an ein einziger Kampf werden! Man sagt
+meinem Volke Zähigkeit nach -- nun so will ich die ganze Fähigkeit
+meines Volkes in mir vereinigen. Mit Kopf und Herz, mit meinem ganzen
+Können und Wollen werde ich darauf hinarbeiten, Lotte zu gewinnen, so
+oder so! Man kann mich vertreiben wie einen räudigen Hund, man kann aber
+den Willen in mir nicht töten! Und ich leere mein Glas auf euer Wohl und
+auf unsere Vereinigung, die früher kommen wird als wir alle heute zu
+hoffen wagen!«
+
+Am nächsten Tage fuhr Leo Strakosch mit einem Zuge fort, der sich zum
+großen Teil aus geistigen Arbeitern und Künstlern zusammensetzte. Hofrat
+Spineder, Frau Spineder und Lotte gaben ihm das Geleite. Außer ihnen
+ließ Leo nichts zurück, was ihm wert war, da seine Eltern längst nicht
+mehr lebten.
+
+ * * * * *
+
+Der letzte Jahrestag wurde für Wien zu einem Festtag, wie ihn die
+lustige und leichtsinnige Stadt noch nie erlebt hatte. Unter Aufbietung
+aller Verkehrsmittel, mit Hilfe von Lokomotiven, die aus den
+Nachbarstaaten entliehen waren, bei Einstellung jedes sonstigen
+Personen- und Güterverkehrs war es gelungen, an diesem Tag in dreißig
+riesigen Trains die letzten Juden fortzubringen. Vormittags fuhren die
+Direktoren und leitenden Funktionäre der Großbanken, mittags die
+jüdischen Journalisten mit ihren Familien. Sie hatten bis zum letzten
+Augenblicke ausgeharrt, noch die Abendblätter waren von ihnen
+geschrieben und redigiert worden, und erst als die feuchten Blätter aus
+den Rotationsmaschinen flogen, rückten die neuen Herren in die
+Redaktionsstuben ein. Die Mehrzahl der Wiener Journalisten hatte
+Engagements bei reichsdeutschen und deutschböhmischen Blättern gefunden,
+viele wanderten nach Amerika aus, einige wenige beschlossen, sich
+anderen Berufen zuzuwenden. Der Herausgeber der großen »Weltpresse« aber
+übersiedelte mit einem kleinen Stabe von Mitarbeitern nach London, um
+dort unter dem Titel »Im Exil« eine deutsche Wochenschrift, die sich in
+erster Linie mit Oesterreich befassen sollte, erscheinen zu lassen.
+
+Um ein Uhr mittags verkündeten Sirenentöne, daß der letzte Zug mit Juden
+Wien verlassen, um sechs Uhr abends läuteten sämtliche Kirchenglocken
+zum Zeichen, daß in ganz Oesterreich kein Jude mehr weilte.
+
+In diesem Augenblicke begann Wien sein großes Befreiungsfest zu feiern.
+Von hunderttausend Häusergiebeln wurden die rot-weiß-roten Fahnen
+gehißt, Tücher in diesen Farben schmückten alle Geschäfte, Lampions vor
+allen Fenstern wurden entzündet, und bei sternenheller Frostnacht zog
+eine Million Menschen über den knisternden Schnee, um sich zu Zügen zu
+vereinigen. Männer, Frauen und Kinder trugen Lampions, Musikkapellen
+marschierten den einzelnen Bezirksgruppen voran, ein Jauchzen und Jubeln
+ertönte, und immer wieder zerriß der Ruf: »Es lebe das christliche
+Wien«, die Luft!
+
+Treffpunkt aller Züge war das Rathaus. In feenhafter Pracht lag der
+schöne, gotische Bau Meister Schmidts da. Millionen elektrischer Lichter
+ließen ihn wie eine einzige Flamme leuchten. Auf einer Tribüne spielten
+die unvergleichlichen Wiener Philharmoniker, von Juden gesäubert und
+daher ein wenig reduziert, volkstümliche Weisen, und der Wiener
+Männergesangverein bot seine besten Lieder dar. Die Volkshalle, der
+große Platz vor dem Rathaus, der Ring vom Schottentor bis zur Bellaria
+bildeten eine einzige Menschenmauer, und um acht Uhr war es kein Rufen
+mehr, sondern ein Heulen aus einer Million Kehlen, das immer wieder
+erdröhnte.
+
+Endlich kam der große Moment. Bürgermeister Karl Maria Laberl erschien
+mit dem Bundeskanzler Doktor Schwertfeger auf dem Balkon. Der
+Bundeskanzler ergriff zuerst mit machtvoller Stimme, die sich bis
+jenseits des Ringes Gehör verschaffte, das Wort. Er sprach kurz,
+trocken, aber um so wirkungsvoller:
+
+»Mitbürger, ein ungeheures Werk ist vollendet! Alles das, was in seinem
+innersten Wesen nicht österreichisch ist, hat die Grenzen unseres
+kleinen, aber schönen Vaterlandes verlassen! Wir sind nun allein unter
+uns, eine einzige Familie, wir sind fürderhin auf uns und unsere
+Eigenart gestellt, mit eigener Kraft werden wir unser gesäubertes Haus
+frisch bestellen, morsche Mauern stützen, geborstene Pfeiler aufbauen.
+Wiener und Brüder aus dem ganzen Bundesstaat! Wir feiern heute ein Fest,
+wie es noch nie gefeiert wurde. Morgen beginnt ein neues Jahr und für
+uns alle ein neues Leben. Morgen dürfen wir noch ruhen und uns
+beschaulich besinnen. Dann aber müssen wir arbeiten, wie wir noch nie
+gearbeitet haben. Unser ganzes Können müssen wir unserem Vaterlande
+widmen, jede Stunde muß genützt werden. Wir werden der ganzen Welt
+zeigen müssen, daß Oesterreich auch ohne Juden leben kann, ja daß wir
+eben deshalb gesunden, weil wir das Fremde aus unserem Blutkreislauf
+entfernt haben. Mitbürger, schwört es mir in dieser feierlichen Stunde
+in die Hand, daß wir alle nicht mehr schwelgend in den Tag hineinleben
+wollen, sondern arbeiten, arbeiten und nichts als arbeiten, bis uns die
+Früchte unserer Arbeit erblüht sind.«
+
+Und der Ruf: »Wir schwören es!« brauste auf, fremde Menschen schüttelten
+einander die Hände, Männer und Frauen sanken einander weinend und
+lachend in die Arme, die neue Volkshymne wurde intoniert und mitgesungen
+und dann erklang ohne Verabredung und doch wie aus einem Munde das »Hoch
+unser Doktor Schwertfeger, der Befreier Oesterreichs!«
+
+Als sich der Jubel und Tumult ein wenig gelegt hatte, kam endlich auch
+Bürgermeister Herr Karl Maria Laberl zum Wort. Er begann seine Ansprache
+mit den Worten:
+
+»Meine lieben Christen! -- --«
+
+Aber viel mehr vernahm die Menge nicht, denn dem warmen Föhn, der seit
+Minuten durch die vorher noch so kalte Nacht fegte, folgte in diesem
+Augenblick ein Regenguß, und schreiend, kreischend zerstreute sich die
+Menschenmasse, um durch ein Meer von Kot und zerflossenem Schnee zu den
+Straßenbahnen zu eilen.
+
+
+
+
+Zweiter Teil.
+
+
+ =Lotte Spineder an Leo Strakosch, Paris, Rue Foch 22.=
+
+Mein Lieber, nun ist genau ein Jahr vergangen, seitdem ich Dir auf dem
+Westbahnhofe mit meinem von Tränen ganz durchnäßten Taschentuch
+nachgewinkt habe. Und das erste Weihnachtsfest, das ich als Deine Braut
+ohne Dich verbringen mußte, liegt hinter mir. Es war wieder recht
+traurig, und Papa meinte sehr besorgt, daß ich noch ganz krank und elend
+werden würde, wenn ich mich meinem Schmerz so hingebe. Ich bin jetzt
+nämlich immer sehr blaß, schlafe schlecht, habe viel Kopfschmerz und
+werde gleich so müde. Unser Hausarzt meint, es sei Bleichsucht und hat
+mir Guberquelle verordnet, aber ich weiß, daß es nur meine Sehnsucht
+nach Dir ist, die mich schwach und krank macht.
+
+Unsagbare Freude hat mir Deine wundervolle Mappe bereitet, die gerade am
+Weihnachtsabend eingetroffen ist. Du bist jetzt, wie man aus diesen
+herrlichen Stichen sieht, ein ganz großer Künstler; Papa, der doch so
+viel davon versteht, meint, daß Du schon zu den ersten Meistern gehörst
+und hat furchtbar auf unsere Regierung geschimpft, die solche Männer,
+statt sie zu ehren, aus dem Lande jagt. Dein Brief, in dem Du von Deinen
+großen Erfolgen berichtest, hat mich natürlich sehr beglückt, und Papa
+hat umgerechnet, daß die dreißigtausend Francs, die Du für diese Mappe
+bekommen hast, viele Millionen österreichischer Kronen sind. Die Krone
+ist nämlich wieder riesig gefallen. Nur als ich las, daß Du so viel in
+Gesellschaft verkehrst und dich der Einladungen in die feinsten Häuser
+kaum erwehren kannst, bekam ich ordentlich Herzklopfen. Wirst Du bei den
+schönen Pariserinnen nicht Deine arme, kleine Lotte ganz vergessen? O
+Leo, was soll nur aus uns werden, wann werde ich wieder meinen Kopf an
+Deine Schulter legen können? Weißt Du, Leo, neulich flog ein großer
+Aeroplan über den Kahlenberg westwärts, und da habe ich gedacht, daß
+ich, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte, gleich zu Dir nach Paris
+fliegen würde, ob meine Eltern es nun erlauben oder nicht. Ueberhaupt,
+wenn ich wüßte, wie man, ohne daß es jemand erfährt, einen Paß bekommt,
+würde ich mir von Dir Geld schicken lassen und heimlich zu Dir kommen.
+Ich weiß, daß ich Papa und die Mutter damit furchtbar kränken würde,
+aber meine Sehnsucht nach Dir ist so groß, daß ich ganz schlecht und
+grausam geworden bin.
+
+Du bittest mich, ich möge Dir in großen Zügen die Entwicklung der Dinge
+schildern, seitdem die Israeliten fort sind, da Du aus den farblosen und
+langweiligen Wiener Zeitungen kein richtiges Bild bekommen kannst. Nun,
+ich will versuchen, Dir alles zu erzählen, was ich selbst sehe oder von
+den anderen weiß; aber wenn es dumm wird, so darfst Du mich nicht
+auslachen.
+
+Also, von dem großen Jubel und den Festzügen am Silvestertage, als die
+letzten Israeliten Wien und Oesterreich verlassen hatten, wirst Du ja
+ohnedies alles aus den Zeitungen ersehen haben. Nun, den ganzen Januar
+hielt diese Stimmung an, die Leute machten alle fröhliche Gesichter, ein
+Festkonzert folgte dem anderen und immer wieder zogen die Massen vor das
+Rathaus oder das Kanzlerpalais, um dem Bürgermeister Laberl und dem
+Doktor Schwertfeger zu huldigen. Mir selbst ist es aufgefallen, daß die
+Wiener in der Elektrischen viel freundlicher und netter waren als
+vorher, und der Hofrat Tumpel, der bei uns verkehrt, Du weißt, der mit
+dem blonden Vollbart, den Du nie leiden mochtest, sagte triumphierend zu
+uns:
+
+»Sehen Sie, das Wiener sonnige Gemüt, das so lange von all dem Fremden
+überschattet worden war, bricht sich wieder Bahn.«
+
+»Ja, Schnecken,« brummte der Vater, »das ist nur, weil den Wienern das
+Ganze eine Riesenhetz ist und weil die Lebensmittel billiger und wieder
+Wohnungen zu haben sind.« Tumpel meinte aber: »Oho, lieber Freund, das
+ist es nicht allein, sondern die indogermanische Naivität unseres Volkes
+wagt sich wieder heraus!«
+
+Die Lebensmittel waren wirklich viel billiger geworden, weil unsere
+Krone damals sehr gut, nämlich auf 0·02 Centime stand. Ich erinnere
+mich, daß Mama im Winter einmal ganz froh nach Hause kam und sagte, man
+könne jetzt wieder existieren, das Schweineschmalz kostet nur mehr
+zehntausend Kronen per Kilogramm. Und das mit den Wohnungen hat den
+Wienern wirklich so viel Freude gemacht. Stelle Dir nur vor: Plötzlich
+hingen fast an allen Haustoren Zettel, auf denen Wohnungen und möblierte
+Zimmer angeboten wurden. Die Leute gingen rein zum Zeitvertreib von Haus
+zu Haus, um die Wohnungen zu besichtigen. Und den ganzen Tag sah man
+Möbelwagen durch die Straßen fahren.
+
+Das dauerte so bis zum Fasching, aber dann war die gute Laune weg.
+Plötzlich begann große Arbeitslosigkeit zu herrschen. Die ganze
+Konfektionsindustrie stand still, und jeden Augenblick hörte man, daß
+dieses oder jenes Geschäft abgekracht sei. Die Blätter schrieben, man
+müsse die ehrlichen christlichen Kaufleute, die die alten jüdischen
+Geschäfte übernommen hatten und ihrer Aufgabe noch nicht gewachsen
+seien, von Staats wegen unterstützen. Die Arbeitslosen machten aber
+großen Krawall, zogen über den Ring, demolierten ein paar Geschäfte,
+schlugen Fensterscheiben ein und setzten es durch, daß ihnen der Staat
+zehntausend Kronen täglich Arbeitslosenunterstützung zahlte. Da begann
+die Krone zu fallen, weil, wie Papa mir erklärte, der Banknotenumlauf
+enorm stieg. Auf ja und nein stand die Krone wieder auf 0·01 Centime und
+die Lebensmittel wurden wieder so teuer und noch teurer als früher.
+Heute erzählte Mama ganz aufgeregt, daß die Butter schon dreißigtausend
+Kronen kostet. Seit dem Frühjahr sind die Leute wieder sehr mürrisch und
+in der Elektrischen wird viel geschimpft. Hauptsächlich auf die
+Schieber, die alles verteuern, aber man spricht nicht von jüdischen
+Schiebern, sondern nur so im allgemeinen.
+
+Du fragst, ob ich viel ins Theater gehe? Ach nein, lieber Leo, wenn man
+die Oper ausnimmt, so ist in den Theatern gar nichts mehr los. In den
+Schauspielhäusern wird ununterbrochen Ganghofer und Anzengruber
+gespielt, weil man von Israeliten nichts aufführen darf und die
+Klassiker ja doch nicht ziehen. Eine Zeitlang hat man auch viel von Shaw
+gegeben; seitdem er aber in einer englischen Zeitung erklärt hat, Wien
+sei ein internationales Dummheitsmuseum geworden, ist er verpönt.
+Hauptsächlich aber deshalb, weil er auch gesagt hat, ein gescheiter Jude
+sei ihm lieber als zehn dumme Christen. Die Operettentheater sind alle
+pleite. (Erinnerst Du Dich, wie ich lachen mußte, als ich von Dir zum
+erstenmal das Wort pleite hörte?) Es hat sich nämlich herausgestellt,
+daß sämtliche alte und neue Operetten von Juden entweder komponiert oder
+geschrieben sind, meistens beides. Auch fehlt es an Kräften, denn fast
+alle Tenore mußten ja auswandern. Wohl sind rasch ein paar ganz arische
+Operetten herausgebracht worden, aber das Publikum hat gezischt, weil es
+ein furchtbarer Schmarren war. Der Hofrat Tumpel meinte, daß sich die
+christliche Kunst eben nur für seriöse Sachen eigne, nicht für frivoles
+Zeug. Worauf Papa schmunzelte und sagte, man würde bald einsehen, daß
+sich die Juden und Christen hierzulande sehr gut ergänzt haben.
+
+Neulich ist mir mittags am Graben aufgefallen, daß man heuer viel
+weniger elegante Herren und Damen sieht als früher. Es wird eben gar
+kein Modeluxus mehr getrieben. Allerdings muß ich sagen, daß mir die
+widerlichen jüdischen Schiebergesichter, über die Du Dich auch immer so
+geärgert hast, gar nicht fehlen. Dafür machen sich auf dem Korso sehr
+viele junge Lackeln, die wie Bauern aussehen und unmöglich angezogen
+sind, mit mächtigen Uhrketten und Diamantringen an den dicken Fingern,
+breit. Ueberhaupt scheint unser ganzer Fremdenverkehr nur mehr aus
+Bauern zu bestehen. Der Besitzer vom Hotel Imperial hat neulich in einer
+Zeitung geklagt, daß er jetzt Gäste habe, die sich mit den genagelten
+Schuhen ins Bett legen und ihre Jägerwäsche in der Badewanne waschen.
+Wenn Du durch die Kärntnerstraße gehen würdest, so würdest Du schauen,
+wie wenig elegant die Geschäfte jetzt sind! Nun muß ich aber schließen,
+weil es schon ein Uhr nachts ist und ich auch nichts Besonderes mehr
+weiß. Lebe wohl, mein Geliebter, und denke was aus, damit wir bald
+wieder beisammen sind, weil ich sonst gar nicht mehr leben mag. Es küßt
+Dich vieltausendmal Deine ganz verzagte
+
+ Lotte.«
+
+ * * * * *
+
+Herr Habietnik ging düster, schweigend, mit gerunzelter Stirne durch die
+prunkvollen Verkaufsräume des großen Modehauses in der Kärntnerstraße,
+das einst Zwieback geheißen und jetzt den Namen Wilhelm Habietnik trug.
+Herr Habietnik war der erste Verkäufer in der Damenmaßabteilung gewesen,
+und mit Hilfe der Mittelbank deutscher Sparkassen war es ihm gelungen,
+bei der großen Judenvertreibung das Haus an sich zu bringen. Herr
+Habietnik ging nun, wie gesagt, von Saal zu Saal, wechselte in jedem ein
+paar Worte mit dem Rayonchef, sein Antlitz wurde immer finsterer und er
+stieß unwillige Rufe aus. Durch die ganz in Weiß und Rosa gehaltene
+Abteilung für Babywäsche schritt er, ohne sich aufzuhalten, in den
+entzückenden Konditoreisalon, der vollständig leer war, warf er nur
+einen schiefen Blick, dann stürmte er in sein Privatkontor und ließ sich
+den Prokuristen Smetana kommen.
+
+»Sie, Herr Smetana, so geht das nicht weiter, da muß etwas geschehen!
+Wir stehen vor Ostern, früher war das die Hochsaison und man konnte vor
+Gedränge gar nicht durch das Haus gehen, und jetzt habe ich auf meinem
+Rundgang drei alte Weiber gefunden, von denen zwei zusammen eine
+Chenillepelerine, wie sie gar nicht mehr existieren, kaufen wollten und
+eine einen Barchentunterrock. Wenn wir so weitermachen, können wir
+sperren. Sagen Sie, wie groß ist das Betriebsdefizit, seitdem ich die
+Firma übernommen habe?«
+
+Der Prokurist Smetana lächelte sauer:
+
+»Na, so an die hundert Millionen, das wird wohl reichen!«
+
+Herr Habietnik ging aufgeregt auf und ab. »Ich versteh' das nicht! Wir
+haben früher, wie die Juden noch da waren, doch auch eine Menge
+christliche Käuferinnen gehabt! Wo sind denn die hingekommen?«
+
+Smetana, der früher in der Buchhaltung gesessen und die Rechnungen
+ausgeschrieben hatte, lächelte.
+
+»Herr Habietnik, mit den christlichen Kundschaften war es nie weit her,
+und wenn es schon Christinnen waren, so hatte ihr Christentum doch
+irgendwo ein Klampferl. Entweder sie waren die Frauen oder die
+Maitressen von Juden. Bitt' Sie, da erinnere ich mich an die schöne
+Gräfin Wurmdorf, die was zuletzt noch eine Redoutentoilette für
+eineinhalb Millionen bei uns hat machen lassen. Na, wer aber hat sie
+gezahlt? Der Herr Gemahl vielleicht? Keine Spur! Der reiche Eisler von
+der Firma Eisler und Breisler! Und die Manoni von der Oper, die was die
+Tochter von einer waschechten christlichen Waschfrau ist und zehn gute
+Millionen im Jahr bei uns gelassen hat? Na, bei der hat die ganze
+israelitische Kultusgemeinde herhalten müssen! Und die --«
+
+Herr Habietnik winkte ab. »Trotzdem, es gab genug Damen ohne Liebhaber,
+die ganz schön eingekauft haben. Ich weiß das besser, weil ich doch
+gerade die Maßabteilung unter mir hatte.«
+
+»Ja, sehen Sie, Herr Habietnik, wenn es schon keine Jüdinnen waren, so
+war es eben die Konkurrenz der Judenfrauen, die uns geholfen hat. Wenn
+die Jüdinnen fein und elegant gekleidet waren, so wollten die
+christlichen Damen der guten Gesellschaft nicht zurückstehen.«
+
+»Da können Sie recht haben«, meinte der Chef nachdenklich. »Neulich habe
+ich selbst gehört, wie die Frau Artander die Preise bekrittelte und ohne
+zu bestellen mit den Worten wegging: »Ach was, heutzutage hat man es ja
+gottlob nicht mehr notwendig, sich so aufzutackeln und jede Modedummheit
+mitzumachen. Ich werde eben die alten Sachen herrichten lassen.«
+
+Herr Habietnik bekam einen roten Kopf und schlug mit der Hand auf den
+Tisch. »Ich habe Sie aber nicht gerufen, um mit Ihnen zu schmusen,
+sondern weil ich einen Rat von Ihnen will! Dazu zahl' ich Ihnen ja den
+hohen Gehalt!«
+
+Smetana knickte zusammen. »Eine Idee hätt' ich schon, Herr von
+Habietnik. Die Leut' tragen jetzt so viel Loden und andere solide
+Sachen. Sie haben es ja selbst gesehen, sogar nach Barchent ist
+Nachfrage. Wie wäre es, wenn wir ein paar Fenster mit Lodenstoffen,
+Lodenröcken, Barchent- und Flanellwäsche füllen würden? Und dazu eine
+schöne Tafel und viel Inserate mit der Ankündigung: Loden, Barchent,
+Baumwolle und Flanell -- die hohe Pariser Mode!«
+
+Herr Habietnik bekam einen Lachkrampf und krümmte sich so lange, bis ihm
+die Tränen über die Backen liefen. »Flanell und Loden -- die große
+Pariser Mode! Sie, wenn das die Frau Ella Zwieback, die jetzt in Brüssel
+lebt, erfährt, so glaubt sie, daß wir in Wien alle zusammen verrückt
+geworden sind! Aber meinethalben, mich ekelt die ganze Geschichte schon
+an, ich bekomme Platzangst, wenn ich durch das leere Haus gehe! Gut,
+machen Sie Lodenfenster! Und Steirerhüteln dazu nicht vergessen und
+genagelte Schuhe! Und die Konditorei verwandeln wir langsam, aber sicher
+in eine Stehbierhalle mit heißen Würsteln. Mir ist schon alles egal, so
+kapores oder so!«
+
+Zehn Tage später sah man richtig hinter einem der Fenster rote, blaue
+und gemusterte Flanellröcke, Hosen, gestrickte Miederleibchen, hinter
+einem anderen Baumwollstrümpfe und solides Schuhzeug und in einer der
+Auslagen türmten sich Lodenstoffe in Braun, Grau und Schwarz zu Bergen.
+Und die Verkaufsräume füllten sich, bis der Bedarf der weitesten Kreise
+gedeckt war und die Verkäuferinnen wieder verstohlen hinter ihren
+schwarzen Seidenschürzen gähnten oder Engelhornromane lasen.
+
+ * * * * *
+
+Im Kaffee Imperial saß der Rechtsanwalt Dr. Haberfeld und schob die
+Zeitungen, die ihm der alte Zahlmarkör Josef gebracht hatte, unwirsch
+beiseite.
+
+»Sie, Josef, leer ist es jetzt bei euch, daß man neben dem Ofen friert!
+Früher hat man mühsam sein Platzerl ergattern können und jetzt, jetzt
+könnt' man bei euch das Traberderby abhalten, weil eh' kein Mensch im
+Weg steht!«
+
+Josef strich die ergrauten Bartkoteletten, machte tieftraurige Augen,
+wischte mit der Serviette über den Tisch und sagte sorgenvoll:
+
+»Es geht eh' ein Ringkaffee nach dem andern ein, ich glaub', lang' wer'n
+mir's auch net mehr machen. Wissen S', Herr Doktor, was die Herren
+Israeliten -- pardon, die Juden, waren, die sind halt alle gern in die
+feinen Lokale gegangen, wo was los ist und man was sieht. Aber die
+christlichen Herrschaften, die geh'n ins Vorstadtkaffeehaus und spielen
+ihr Tarock oder machen eine Billardpartie und gehen sonst lieber zum
+Heurigen oder ins Wirtshaus. 's ist halt eine andere Zeit jetzt!«
+
+»Das merkt ein Blinder, der taubstumm ist«, brummte der Anwalt. »Sie,
+Josef, wir zwei kennen einander ja schon lange genug und brauchen uns
+keine Komödie vorzuspielen. Mir g'fallt halt die ganze G'schicht net!
+Wien versumpert ohne Juden!«
+
+Josef fuhr erschreckt zusammen und sah sich ängstlich um.
+
+»Ah was, es hört uns eh' niemand! Wien versumpert, sag' ich Ihnen, und
+wenn ich als alter, graduierter Antisemit das sag', so ist es wahr, sag'
+ich Ihnen! Ich wer' Ihnen was sagen, Josef. Wenn ich gegessen hab', muß
+ich, Sie wissen's ja am besten, immer mein Soda-Bikarbonat nehmen, um
+die elendige Magensäure zu bekämpfen. Wenn ich aber gar keine Magensäure
+hätt', so könnt' ich überhaupt nichts verdauen und müßt' krepieren. Und
+wissen S', der Antisemitismus, der war das Soda zur Bekämpfung der
+Juden, damit sie nicht lästig werden! Jetzt haben wir aber keine
+Magensäure, das heißt, keine Juden, sondern nur Soda, und ich glaub',
+daran wer'n wir noch zugrund' geh'n!«
+
+Josef, der mit atemloser und ehrfürchtiger Spannung gelauscht hatte,
+schlug verzweifelt mit der Serviette auf einen Stuhl und flüsterte
+beklommen:
+
+»Recht haben S', Herr Doktor, wenn man sich auch net traut, es laut zu
+sagen. Mit dem Zugrundegehen aber fang' ich schon an! Ich habe im
+letzten Halbjahr die Hälfte von meinem Ersparten aufgebraucht. Herr
+Doktor, unter uns gesagt, und weil Sie selbst ein nobler Herr sein, den
+was es nicht treffen tut: Die Herren Israeliten, pardon, ich mein' die
+Juden, waren nobel im Trinkgeldgeben!«
+
+Josef räumte die Zeitungen fort, die dem Doktor Haberfeld zu langweilig
+waren, brachte auf seinen Wunsch das Prager und das Berliner Tagblatt
+und wandte sich anderen, eben eingetretenen Gästen zu, die sich je ein
+Viertel Wein bestellten.
+
+»Wie in einem Beisel«, raunte Josef dem Rechtsanwalt im Vorübergehen zu.
+Und dieser nickte verständnisvoll, zündete sich eine Zigarre an und
+gedachte der Zeiten, da er allabendlich im Kreise jüdischer Kollegen
+hier gesessen und trotz aller politischen Gegnerschaft manch' klugen und
+guten Gedanken mit ihnen ausgetauscht hatte ...
+
+ * * * * *
+
+Der Frühlingsbeginn, der seit jeher als politisch aufgeregte Zeit
+gegolten hat, brachte auch diesmal den Wienern unruhige Tage. Die
+Arbeitslosigkeit griff erschreckend um sich, eine Fabrik nach der
+anderen stellte den Betrieb ein, aber auch die Konkurse der
+Detailgeschäfte häuften sich und allenthalben gab es lärmende
+Kundgebungen, nicht nur der Arbeiter, für die der Staat halbwegs sorgte,
+sondern auch der entlassenen Kommis und Verkäuferinnen, Buchhalter und
+Tippmädels, bis in bewegter Ministerratssitzung beschlossen wurde, auch
+diesen Kategorien für die Zeit ihrer Stellenlosigkeit Zuschüsse zu
+gewähren. Der Finanzminister hatte sich mit Händen und Füßen dagegen
+gesträubt, der Kanzler, Doktor Schwertfeger, aber schließlich seinen
+Willen durchgesetzt. Doktor Schwertfeger, der noch starrer, knochiger,
+härter geworden war, erklärte, daß auch diese neue Belastung getragen
+werden müsse.
+
+»Wir dürfen es nicht dazu kommen lassen, daß eines Tages der Ausweisung
+der Juden die Schuld an Not und Elend gegeben wird. Wir haben bis heute
+die »Arbeiter-Zeitung«, die jetzt zwar von Christen, aber doch noch im
+jüdischen Geiste geschrieben wird, bewegen können, jede Kritik des
+Antijuden-Gesetzes zu unterlassen. Erfüllen wir die Forderungen der
+Stellungslosen im kaufmännischen Betriebe nicht, so wird ihr die Geduld
+reißen und sie wird, schon um diese Leute in ihr Lager zu drängen, eine
+Polemik eröffnen, die verderblich werden kann, weil wir die
+Uebergangszeit von der Judenherrschaft zur Befreiung noch nicht hinter
+uns haben.«
+
+»Und unsere Krone?« wandte der Finanzminister Professor Trumm höhnisch
+ein.
+
+»Wir müssen uns an unsere christlichen Freunde im Auslande wenden und
+ihnen unsere Bedrängnis klar machen. Am besten, Sie fahren gleich nach
+Paris und London.«
+
+Trumm lachte laut auf. »Ganz vergeblich! Schon von der ersten Bittfahrt
+vor drei Monaten bin ich mit leeren Händen gekommen! Die Leute geben
+nichts mehr, haben ja sogar ihre festen Versprechungen nicht ganz
+gehalten. Sie unterschätzen den Einfluß unserer früheren Konnationalen,
+der österreichischen Juden, die zum Teil heute in den ausländischen
+Banken sitzen! Und abgesehen davon, der christliche Begeisterungstaumel
+ist vorbei und man steht wieder auf dem kalt-geschäftlichen Standpunkt.
+Sogar Mister Huxtable hat abgewinkt. Also meinethalben, bewilligen wir
+die Forderungen der stellenlosen kaufmännischen Angestellten! Aber ich
+wasche meine Hände in Unschuld.«
+
+Am nächsten Tag wurde der Kabinettsbeschluß verlautbart, es trat wieder
+Ruhe ein, aber am zweitnächsten Tag fiel die Krone an der Züricher Börse
+um dreißig Prozent. Und die »Neue Züricher Zeitung« veröffentlichte
+einen Artikel, in dem sie ziffernmäßig nachwies, daß Wien langsam aber
+sicher aufhöre, irgendwelche Bedeutung für den mitteleuropäischen
+Handelsverkehr zu haben und der Rivalität Prags und Budapests
+unterliege. »In Ungarn ist man nach dem Ende des Horthy-Regimes ebenso
+schlau wie in Prag gewesen. Man hat gewisse Kategorien von anständigen
+Juden mit offenen Armen aus Wien aufgenommen und dadurch den Handel an
+sich gerissen. Die Einkäufer der ganzen Welt können, weil sie zum großen
+Teil Juden sind, ohnedies Wien nicht mehr besuchen, sie gehen nach Prag,
+Brünn und Budapest, in erster Linie natürlich nach Berlin, das reißt die
+christlichen Einkäufer mit, die österreichischen Erzeuger von
+Fertigfabrikaten, wie Ledergalanterie, Schuhe, Keramik und so weiter,
+müssen, statt die Einkäufer bei sich zu empfangen, mit dem Musterkoffer
+nach dem Ausland reisen, kurzum, es werden trotz des beispiellos
+niedrigen Standes der Krone in Wien keine nennenswerten Geschäfte
+gemacht. Damit hat naturgemäß in Wien auch das Schiebertum in Valuten
+sein Ende erreicht, aber wie es scheint, auf Kosten des österreichischen
+Organismus. Der geniale Bundeskanzler Doktor Schwertfeger hat mit seinem
+Gesetz keine große, sondern eine allzugroße Tat getan!«
+
+Und wie zur Bekräftigung der Wahrheit dieses Artikels begann sich in
+Wien eine völlige Deroutierung des Bankenwesens einzustellen. Die
+ausländischen Konsortien, die die Wiener Großbanken übernommen hatten,
+sahen sich in ihren Hoffnungen bitter enttäuscht. Ihr Umsatz wurde immer
+geringer, mit dem Fortgang der Juden hatte auch das Börsenspiel einen
+beträchtlichen Rückgang aufzuweisen, und die Banken waren genötigt, wenn
+sie nicht mit Verlust arbeiten wollten, eine der Tausenden von
+Bankfilialen, mit denen Wien überfüllt war, nach der anderen
+aufzulassen. Vergebens legte die Organisation der Bankbeamten dagegen
+Protest ein, daß ein Teil ihrer Mitglieder brotlos gemacht wurde. Die
+Banken steckten sich hinter ihre Gesandtschaften, es kam zu peinlichen
+diplomatischen Interventionen, die damit endeten, daß die
+österreichische Regierung, statt ihre eigenen Beamten abzubauen, noch
+die stellenlosen Bankangestellten in ihren Dienst nehmen mußte. Und die
+Krone fiel auf ein Tausendstel Centime.
+
+ * * * * *
+
+An einem schönen, sommerlich warmen Maimorgen kam vom Westbahnhof her
+ein Automobil vor das Hotel Bristol gefahren, dem ein eleganter,
+schlanker, dunkelhaariger Herr entstieg. Der Hoteldirektor musterte mit
+geübtem Blick den schweren Lederkoffer und das Handgepäck und dann erst
+den Fremden, dem ein kleines Knebelbärtchen im Verein mit dem
+aufgezwirbelten und in Wien sehr unmodernen Schnurrbart einen exotischen
+Anstrich verlieh. Südfranzose! taxierte der Direktor, rechnete rasch im
+Kopf französische Franken in Kronen um, und beschloß, dem erstaunlichen
+Resultat gemäß, den Zimmerpreis zu stellen. Auf die französisch
+vorgebrachte Frage, ob ein Zimmer frei sei, erwiderte er, ein ironisches
+Lächeln mühsam unterdrückend:
+
+»Jawohl, Monsieur, ein einzelnes Zimmer gefällig oder ein Appartement
+mit Bad? Mit Aussicht auf den Ring oder nach rückwärts?«
+
+Der Passagier ließ vor Erstaunen das eingeklemmte Monokel fallen.
+
+»Ja, wie ist denn das? Früher konnte man doch ohne vorherige Anmeldung
+nirgends unterkommen!«
+
+»Mein Herr,« seufzte der Direktor jetzt tief und ehrlich, »Sie waren
+wahrscheinlich anderthalb Jahre oder länger nicht mehr in Wien! Seither
+hat sich viel verändert!«
+
+Der Fremde war sofort im Bilde, nickte verständnisvoll, forderte ein
+Appartement auf die Ringstraße hinaus und füllte dann den Meldezettel
+aus.
+
+»Henry Dufresne, Kunstmaler aus Paris, 29 Jahre alt, katholisch, ledig.«
+
+Monsieur Dufresne nahm ein Bad, kleidete sich um, pfiff dabei vergnügt
+einen Pariser Gassenhauer vor sich hin, ließ sich ein vorzügliches
+Frühstück auf dem Zimmer servieren und verließ dann so gegen zehn Uhr
+vormittags ersichtlich aufgeräumt das Hotel.
+
+Der Franzose mit dem Knebelbärtchen kannte sich in Wien entschieden gut
+aus, denn er schwang sich ohne jemanden zu fragen, auf einen
+Straßenbahnwagen, und er mußte auch die deutsche Sprache vorzüglich
+beherrschen, denn man sah ihm an, daß er den Gesprächen der Umstehenden
+interessiert lauschte. Als eine alte Frau über die Teuerung zu jammern
+begann und arg auf die hohe Obrigkeit schimpfte, klopfte Herr Dufresne
+sie auf die Schulter und meinte in tadellosem Deutsch und wienerischem
+Akzent besänftigend:
+
+»Wie kann man nur so was sagen, Mutterl, wir müssen doch alle froh und
+glücklich sein, weil wir die Juden losgeworden sind.«
+
+Aber das Mutterl begehrte jetzt erst recht auf.
+
+»Mir ham' die Juden nie was g'tan! Wegen meiner hätten s' in Wien
+bleiben können. A so a gute Bedienung hab' i bei an jüdischen Herrn
+g'habt und alleweil, wann er a Madl mit nach Haus g'bracht und an
+Unordnung g'macht hat, hat er mir an Hunderter extra g'schenkt. Leben
+und leben lassen, hat er immer g'sagt und recht hat er g'habt!«
+
+Die Leute auf der Plattform lachten und ein biederer Mann mit einer
+weinselig funkelnden Nase meinte bestätigend:
+
+»Ja, das derf man schon sagen, es hat auch anständige Leut' unter den
+Juden 'geben!«
+
+Ein eigenartiges Lächeln spielte um den Mund des Franzosen, der nun
+ausstieg und langsam zu Fuß die Währingerstraße entlang schlenderte,
+dann in die Nußdorferstraße einbog, mitunter vor einer Auslage
+kopfschüttelnd stehen blieb, die Preise der ausgestellten Waren zur
+Kenntnis nahm und so schließlich in die Billrothstraße kam, die im
+weiteren Verlauf nach den rebenreichen Vororten Sievering und Grinzing
+führt.
+
+Ein Zettel am Haustor eines modernen Zinspalastes in der Billrothstraße
+fesselte seine Aufmerksamkeit.
+
+»Kleine, elegant möblierte Wohnung mit Atelier sofort zu vermieten.
+Auskunft erteilt der Portier.«
+
+Kurz entschlossen betrat Herr Dufresne das Haus und suchte den Portier
+auf, der ihn mittelst Lift nach dem fünften Stock führte und die Wohnung
+zeigte. Sie bestand aus einem Schlafzimmer, einem als Herrenzimmer
+eingerichteten Salon, an den sich ein atelierartiger, großer Raum mit
+Glasdach schloß. Auch ein Badezimmer war vorhanden.
+
+»Wie kommt es, daß die Wohnung leer steht?«
+
+»I, du meine Güte,« rief der Portier, »in Wien stehen jetzt an die
+zwanzigtausend Wohnungen leer! Diese da hat ein Architekt, ein Herr
+Rosenbaum, gehabt, der mit den anderen Juden fort mußte. Der Hausherr
+hat ihm die Möbel abgekauft, konnte aber bis heute keinen Mieter finden,
+weil keine Küche dabei ist.«
+
+Nach weiteren fünf Minuten hielt der Portier einen Zehntausendkronenschein
+als Angabe in der Hand, und Herr Dufresne war Besitzer der
+Wohnung. Als er jetzt mit beschleunigten Schritten gegen
+Grinzing ging, wirbelte er vergnügt sein Spazierstöckchen in der Luft
+und murmelte vor sich hin: »Der Anfang ist gut, besser hätte ich es mit
+der Wohnung gar nicht treffen können.« Je näher er aber Grinzing kam,
+desto erregter wurde er, seine Wangen färbten sich rot und seine braunen
+lustigen Augen leuchteten wie im Fieber. Nun hatte er die Kobenzlgasse
+erreicht und seine Schritte wurden langsam, fast schleppend, wie die
+eines Mannes, der einem schicksalsschweren Augenblick entgegengeht. Vor
+dem Hause des Hofrates Spineder blieb er tiefatmend stehen und zog sich
+den grauen Kalabreserhut in die Stirne, daß man nur mehr seinen
+Knebelbart und das Kinn sah. Unschlüssig ging er auf und ab, mitunter
+nervös auf die Armbanduhr sehend, die auf halb zwölf wies. Gerade als er
+wieder vor dem grünen Tor stand, ging dieses auf und ein Dienstmädchen
+verließ das Haus. Und eben in diesem Augenblick, als das Tor offen
+stand, sah Herr Dufresne, wie von der links im Hofe gelegenen
+Wohnungstür ein junges, weißgekleidetes Mädchen mit goldblonden Haaren,
+die kein Hut verdeckte, in der Hand ein Buch, den Hof nach rückwärts
+durchschritt und den Garten aufwärts ging.
+
+»Hurra!« schrie der Mann mit dem Knebelbart in sich hinein und sein
+Kriegsplan war fertig. Rechts vom Spinederschen Grundstück lag, von ihm
+durch einen Holzzaun getrennt, ein langer, leerer Bauplatz, seit dem
+Kriege provisorisch in einen riesigen Gemüsegarten verwandelt. Der Länge
+nach zog sich dieser Gemüsegarten bis hoch hinauf zum Lusthäuschen auf
+der höchsten Stelle des Spinedergartens. Auf der anderen Längsseite war
+das Grundstück ebenfalls durch einen Holzzaun von einer Nebengasse der
+Kobenzlgasse getrennt, aber dieser Zaun war verwahrlost und wies
+mehrfach Unterbrechungen auf. Durch eines der Löcher kroch nun der
+Franzose, eilte mit langen Sätzen den Gemüsegarten aufwärts, wobei er
+links von sich das blonde Mädchen gehen sah und es bald hinter sich
+ließ. Nun war Herr Dufresne ganz oben, mit einem Ruck schwang er sich
+über den Zaun in den Garten des Hofrates Spineder hinüber und versteckte
+sich hinter einem mächtigen Lindenbaum, der mitten im Weingarten stand.
+Einige Minuten später war das Mädchen beim Baum angelangt, aber es
+konnte den Mann hinter dem Baum nicht sehen. Bis plötzlich Unerwartetes
+geschah. Herr Dufresne rief halblaut: »Lotte!« Und als Lotte Spineder
+erschreckt und verwirrt stehen blieb und sich umsah, rief er wieder:
+»Lotte! Ich bin es, um Himmelswillen erschrick nicht!«
+
+Im nächsten Augenblick hielt der Herr mit dem Knebelbart Lotte, die
+schneeweiß geworden war und zu schwanken begonnen hatte, in seinem Arm.
+Und immer wieder preßte er seinen Mund auf ihre kalten Lippen, bis sich
+ihre Wangen färbten und sie ihn, am ganzen Körper bebend, fest
+umklammerte, als wollte man ihn ihr entreißen.
+
+Und nun saßen sie im Lusthäuschen, Leo Strakosch hielt Lotte auf seinem
+Schoß und erzählte in fliegenden Worten:
+
+»Ja, Lottchen, ich bin es, und dir zuliebe habe ich mir diesen
+entsetzlichen Napoleonbart plus Schnurrbart wachsen lassen. Ich habe es
+einfach vor Sehnsucht nach dir nicht mehr ausgehalten, und als mir dein
+Vater schrieb, daß er ernstlich um deine Gesundheit besorgt sei und es
+für richtiger halte, wenn wir den Briefwechsel, der in dir alle Wunden
+immer wieder aufreiße, einstellen würden, war mein Plan gefaßt. Ich
+vertraute mich einem lieben, guten Kameraden, Henry Dufresne, der für
+mich ins Feuer gehen würde, an, ließ mir den Knebelbart, wie er ihn hat,
+stehen und bekam von ihm sämtliche Papiere, als da sind: Taufschein,
+Heimatschein, Militärzeugnis und den ordnungsgemäß von der
+österreichischen Gesandtschaft in Paris vidierten Paß. Wir sahen durch
+den Bart einander so ziemlich ähnlich, so daß er es riskieren konnte,
+sich seinen Paß mit meiner Photographie zu besorgen. Und meine
+Unterschrift hat er nachgemacht und nicht ich seine. Der gute Junge hat
+natürlich allen Freunden und Bekannten erzählt, daß er nach Wien fährt,
+in Wirklichkeit ist er auf das Gut seines Onkels in Südfrankreich
+gegangen, wo er ein Jahr bleibt. Und genau so lange, als er dort ist,
+kann ich hier in Wien als Henry Dufresne leben.«
+
+Lotte schluchzte und lachte in einem Atem.
+
+»Leo, ich bin ja so namenlos glücklich! Aber ich habe auch solche Angst
+um dich! Du weißt, es steht die Todesstrafe auf die verbotene Rückkehr
+-- was, wenn sie dich erwischen?!«
+
+»Ganz ausgeschlossen, mein Lieb! Die wenigen Freunde, die ich hatte,
+sind Juden und mußten so wie ich das Land verlassen. Außerdem bin ich
+tatsächlich durch den Bart unkenntlich, besonders, wenn ich ein Monokel
+trage. Und selbst wenn jemand käme und behaupten würde, daß ich Leo
+Strakosch bin -- ich würde einfach leugnen und niemand könnte mich
+überführen, denn mein Paß ist echt, die Unterschrift ist echt, und wenn
+man bei der Polizei in Paris anfragen sollte, so würde man die Auskunft
+bekommen, daß Henry Dufresne mit Reisepaß nach Wien abgereist sei.«
+
+»Aber Papa und Mama?« fragte Lotte nach etlichen herzhaften Küssen, die
+ihr trotz Schnurrbart und Mouche wohl taten.
+
+»Die dürfen natürlich nicht ein Sterbenswörtchen erfahren, Lotte«,
+meinte Leo ernst. »Nicht, daß sie mich anzeigen würden! Aber dein Papa
+ist zu sehr Beamter und Hofrat, um mir eine solche Mystifikation nicht
+übel zu nehmen, und außerdem würde er unter keinen Umständen dulden, daß
+wir zusammenkommen, sondern mich beschwören, wieder fortzufahren. So
+aber werden wir uns täglich sehen, nicht wahr, Lotte?«
+
+Und Leo erzählte ihr von der behaglichen, kleinen Wohnung, die er eben
+gemietet und schilderte, wie sie dort täglich ein paar Stunden, so lange
+Lotte sich eben würde freimachen können, zusammen verbringen würden.
+Lotte war nur über und über rot geworden, aber sie sah in die ehrlichen
+und treuen Augen ihres Bräutigams und wußte, daß sie auch ganz allein
+mit ihm in guter Hut sein würde.
+
+Lotte konnte jeden Augenblick im Garten gesucht werden und Leo mußte
+verschwinden. Bevor sie aber Abschied nahmen, bewölkte sich wieder die
+weiße Stirne des Mädchens.
+
+»Leo, du hast nun deine glänzende Karriere in Paris aufgegeben! Was aber
+willst du hier in Wien tun, wie bei dieser schrecklichen Teuerung, über
+die nun auch Papa zu klagen beginnt, deinen Unterhalt bestreiten?«
+
+Leo lachte so vergnügt und laut, daß ihm Lotte erschreckt die Finger auf
+den Mund legte. Was er für eine Aufforderung nahm, die kleinen rosigen
+Finger zu küssen. Er tat es reichlich und sagte dann:
+
+»Mein Liebes, was ich hier tun werde? Arbeiten, und zwar tüchtig, und
+ungeheuer viel Geld sparen, weil diese Wiener Teuerung, in Franken
+umgerechnet, lächerlich billig ist. Du mußt nämlich wissen, daß ich von
+der größten Pariser Verlagsfirma den Auftrag bekommen habe, eine neue
+Gesamtausgabe der Werke Zolas zu illustrieren. Glänzende Bedingungen,
+sage ich dir. Sechzigtausend Francs, wovon ich die Hälfte bei Abschluß
+der Vertrages bekommen habe. Die andere Hälfte erhalte ich, wenn ich die
+zweihundert Zeichnungen abliefere, und das muß in einem Jahr sein. Also,
+du siehst wieder einmal: Wir Juden sind schlau und wissen, wo unser
+Vorteil bleibt!«
+
+Leo kroch über den Zaun zurück und Herr Dufresne besorgte noch am selben
+Tag seinen Umzug nach der Billrothstraße. Hofrat Spineder und seine
+Gattin stellten aber mit Befriedigung fest, daß ihr Töchterchen zum
+erstenmal seit Jahr und Tag guter Laune war und heiter vor sich hinsang.
+
+»Du wirst sehen,« sagte der Hofrat seiner Gattin, »Lotte schlägt sich
+nach und nach die ganze traurige Geschichte aus dem Kopf! Der arme
+Bursch' tut mir ja leid, aber es ist besser so. Uebrigens hat er mir ja
+auch ganz vernünftig geschrieben und versprochen, den Briefwechsel mit
+Lotte aufzugeben.«
+
+Die Frau Hofrätin schüttelte verwundert das Haupt und dachte: Wie doch
+die Mädchen von heute ganz anders sind! Ich würde an Lottes Stelle meine
+Liebe nicht überwunden haben!
+
+ * * * * *
+
+Die »Weltpresse«, einst das Blatt des liberalen Bürgertums, jetzt das
+Hauptorgan der christlichsozialen Partei, erhielt eine Zuschrift von dem
+Besitzer des Hauses Billrothstraße 19, in der in scharfer und logischer
+Weise gegen den Fortbestand des Mieterschutzgesetzes Stellung genommen
+wurde. »Das Mieterschutzgesetz«, hieß es in der Zuschrift, »hatte Zweck
+und Sinn, als Wohnungsnot herrschte und die Bevölkerung davor geschützt
+werden mußte, durch die Habgier einzelner Hausbesitzer obdachlos gemacht
+zu werden. Heute gibt es keinen Mangel an Wohnungen mehr; dank dem
+segensreichen Antijudengesetz unseres hochverehrten Bundeskanzlers sind
+wieder normale Verhältnisse eingetreten, es ist der notwendige
+Ueberschuß an Wohnungen vorhanden, und so erübrigt sich dieses
+Mieterschutzgesetz, das nur mehr einen brutalen Eingriff in die Rechte
+der Hausbesitzer bildet, ja sogar einen Verfassungsbruch. Sicher werden
+nach Aufhebung des Gesetzes Steigerungen der Mietzinse eintreten, was
+nur gerechtfertigt wäre und schließlich der Allgemeinheit zugute käme,
+denn von den höheren Mietzinsen sind höhere Steuern zu zahlen und mit
+höheren Mietpreisen steigt der Wert der Häuser. Es ist charakteristisch,
+daß es ein in meinem Hause wohnender, vornehmer französischer Künstler
+ist, der mir sein Entsetzen über dieses Mieterschutzgesetz ausdrückte.
+Er erklärte, daß man sich in französischen Kapitalistenkreisen über
+dieses Gesetz lustig mache, das unter anderem auch verhindert, daß
+Ausländer ihr Geld in Wiener Häusern anlegen. Also fort mit dem
+Mieterschutzgesetz! Die vornehme christliche Gesinnung der Wiener
+Hausbesitzer, vor allem aber das Gesetz von Angebot und Nachfrage werden
+automatisch ein allzu starkes Hinaufschnellen der Mietpreise
+verhindern.«
+
+Die Zuschrift erschien an auffallender Stelle in der »Weltpresse« mit
+einem redaktionellen Zusatz, in dem sehr vorsichtig die Ansicht des
+geehrten Einsenders gebilligt, ihr aber gleichzeitig auch sanft
+widersprochen wurde. Denn man wollte weder die Hausbesitzer noch die
+Mieter vor den Kopf stoßen.
+
+Von da an begann ein lebhafter öffentlicher Gedankenaustausch, es
+hagelte von Zuschriften und immer stürmischer wurde der Ruf der
+Hausbesitzer nach Aufhebung des Mieterschutzgesetzes, Einräumung des
+Kündigungsrechtes und der individuellen Mietsteigerung. Herr Windholz,
+der Besitzer des Hauses in der Billrothstraße, war plötzlich eine
+gewichtige Persönlichkeit geworden, der Verein der Hausbesitzer wählte
+ihn zum Vorstand und täglich kam er zu seinem vornehmen französischen
+Mieter, Herrn Dufresne, um sich bei ihm Rat zu holen. Herr Strakosch,
+_alias_ Dufresne, aber hetzte munter weiter und sagte eines Tages mit
+Emphase:
+
+»Wenn sich die Hausbesitzer noch weiter diese Versklavung gefallen
+lassen, so halte ich sie alle zusammen für alberne Waschlappen und ich
+werde eine Stadt verlassen, in der solche Zustände möglich sind.«
+
+»Ja, was sollen wir nur tun,« meinte Herr Windholz kleinmütig, »wenn die
+Regierung absolut unseren Wünschen nicht entsprechen will?«
+
+»Was Sie tun sollen? Ich werde es Ihnen sagen! Heute noch trommeln Sie
+Ihren Verein zusammen und fassen den Beschluß, der Regierung ein
+dreitägiges Ultimatum zu stellen. Stellt sie bis dahin die Freizügigkeit
+im Wohnungsverkehr nicht wieder her, so wird von den Hausbesitzern
+gestreikt! Sie führen keine Steuern ab, unterlassen die Hausbeleuchtung
+und Reinigung, verweigern die Bezahlung der Hypothekarzinsen, kurzum,
+Sie sabotieren den Staat!«
+
+Herr Windholz war begeistert, umarmte den Franzosen und versicherte ihm,
+daß er keinesfalls im Zinse gesteigert werden würde.
+
+Es geschah ganz nach dem Programm des Herrn Dufresne. Der Verein der
+Wiener Hausbesitzer beschloß einstimmig das Ultimatum und die Regierung
+fiel um. Vergebens versicherte Doktor Schwertfeger, daß die Aufhebung
+des Mieterschutzgesetzes die unheilvollsten Folgen haben werde, er wurde
+von seinen Ministerkollegen überstimmt. Wie die »Arbeiter-Zeitung«
+boshaft behauptete, in erster Linie deshalb, weil der Finanzminister,
+der Unterrichtsminister und der Handelsminister mehrfache Hausbesitzer
+waren.
+
+Das Mieterschutzgesetz, das den Hausbesitzern sowohl die Kündigung der
+Mieter als die willkürliche Erhöhung der Mietpreise untersagte, fiel
+also, und vierundzwanzig Stunden später fand eine stürmische
+Generalversammlung der Hausbesitzer statt, in der beschlossen wurde, die
+derzeitigen Mietpreise der Teuerung halbwegs entsprechend auf das
+Tausendfache zu erhöhen. Eine Art Rütlischwur verpflichtete zur
+unbedingten Einhaltung dieses Beschlusses.
+
+Die Bevölkerung, die ja nur zum geringsten Teile aus Hausbesitzern
+besteht, geriet in Tobsucht. Arbeiterfamilien mußten nunmehr eine halbe
+Million im Jahr für ihre Wohnung bezahlen, eine kleine Mittelstandswohnung
+kostete nicht unter einer ganzen Million! Die Organisation
+der Hausfrauen, die Gewerkschaften, der Verband der Festangestellten,
+die Kriegsinvaliden und Kriegswitwen, der Bund der Gewerbetreibenden,
+sie alle veranstalteten Massendemonstrationen, und durch
+volle acht Tage wurde in Wien und den Provinzstädten überhaupt
+nicht gearbeitet, sondern vom Morgen bis in die Nacht demonstriert. Die
+Zahl der eingeschlagenen Fensterscheiben wuchs erschreckend, und zum
+erstenmal seit einer geraumen Anzahl von Jahren hörte man auf der Straße
+den Ruf:
+
+»Nieder mit der Regierung!«
+
+Die christlichen Blätter ebenso wie die deutschnationalen verloren
+massenhaft Leser, während der Weizen der »Arbeiter-Zeitung« wieder zu
+blühen begann.
+
+ * * * * *
+
+Herr Zwickerl war schlechter Laune und stocherte wütend in seinem
+Kirschenstrudel umher, der auf dem Teller vor ihm lag. Frau Zwickerl sah
+Sturm kommen und beugte vor.
+
+»Anton, was is dir denn wieder über die Leber gelaufen? Geht das
+Geschäft nicht?«
+
+Das war für Herrn Zwickerl zu viel. Er schob den Kirschenstrudel fort,
+wurde röter im Gesicht als die Kirschen im Strudel und brüllte:
+
+»Oh ja, das G'schäft geht! Zum Teufel nämlich geht es! Damit du nur
+weißt, Konkurs muß ich ansagen!«
+
+»Jessasmariandjosef!« kreischte Frau Zwickerl auf. »Wie ist denn das
+möglich?! Es ist doch immer g'steckt voll im Laden und alle Leut'
+glauben, daß du eine Goldgruben von dem Juden, dem Leßner, übernommen
+hast!«
+
+»Ja,« höhnte Zwickerl, »eine Goldgruben voll mit Dreck! Je mehr die
+Leut' kaufen, desto mehr verlier' ich! Weißt was? Daran san die
+verfluchten Valuten schuld! Kronen, schäbige Kronen krieg' ich herein
+und Mark und tschechische Kronen und Franken fliegen hinaus. Zehntausend
+Meter Batist kauf' ich in Reichenberg und nach acht Tagen kommt der
+Verkäufer von der Abteilung und strahlt über das ganze blöde Gesicht und
+sagt: »Herr Zwickerl, die Ware fliegt einem nur so aus der Hand! Morgen
+haben wir nicht mehr einen Meter im Haus!«
+
+»Schön, denk' ich mir und geh' in die Buchhaltung, und wie wir
+nachrechnen, sehen wir, daß ich, weil die tschechische Krone wieder
+gestiegen ist, bei jedem Meter tausend Kronen verloren hab'. Und das ist
+nur ein Beispiel von hunderten. Ich schlag' eh' bei jeder War' schon
+dreihundert Prozent auf und trotzdem, die Krone fällt rascher, als ich
+aufschlagen kann, Verluste, nichts als Verluste, und die Länderbank, die
+mir das Kapital zur Uebernahme gegeben hat, fordert Rückzahlung und ich
+kann nicht zahlen, weil ich ein riesiges Defizit habe. Im Gegenteil, ich
+brauche wieder hundert Millionen, weil ich sonst nicht einkaufen kann!«
+
+Herr Zwickerl hatte sich Luft gemacht und war besänftigt. Er zog den
+Kirschenstrudel an sich heran und machte ein pfiffiges Gesicht:
+
+»Weißt, Alte, wir braucheten einfach ein paar jüdische Banken, das ist
+alles! Früher, als ich noch mein kleines Geschäft in der Stumpergassen
+gehabt habe, da bin ich alleweil, wenn ich im Ausland kaufen mußte, zum
+krummen Kohn von der Hermesbank gegangen, wo mein Konto war, und der hat
+gesagt: Herr Zwickerl, hat er gesagt, Sie müssen sich jetzt mit Mark
+eindecken, weil die Mark steigen wird; oder: die Krone wird fester
+kommen, hat er gesagt, kaufen Sie Kronen. Und immer ist es richtig so
+gewesen und ich hab' nicht nur an der Ware, sondern auch noch an der
+Valuta verdient! Aber jetzt -- die Affen, die jetzt in der Bank
+beieinandersitzen, kennen sich selber net aus und i kenn' mi' auch net
+aus und alles geht kaput, sag' ich dir!«
+
+Herr Zwickerl gehörte zu den vielen kleinen Geschäftsleuten, die durch
+das Antijudengesetz mächtig in die Höhe gekommen waren. Mit Hilfe der
+urchristlich gewordenen Länderbank hatte er, der kleine Dutzendkaufmann,
+das große Warenhaus in der Mariahilferstraße an sich bringen können, und
+das erste Halbjahr war alles eitel Wonne gewesen. Wenn Herr Zwickerl auf
+der Galerie des Kaufhauses stand und auf den Menschenschwarm hinabsah,
+kam er sich wie ein kleiner König vor und er berauschte sich ordentlich
+an dem Klingeln der Registrierkassen, dem Knistern der Seide und dem
+Stimmengewirr. Und allabendlich leerte er beim Nachtessen sein Weinglas
+auf das Wohl des Schwertfeger, und immer wieder sagte er zu seiner Frau,
+die jetzt nur mehr in Glacéhandschuhen kochte:
+
+»Alte, da sieht man es am besten, wie uns die Juden ausgesaugt haben!
+Die Juden haben die großen Geschäfte gehabt und wir Christen konnten im
+finsteren Laden schuften und darben. Gottlob, daß das aufgehört hat!«
+
+Aber schon die erste Semestralbilanz brachte dem Herrn Zwickerl arge
+Enttäuschung. Trotz der enormen Umsätze und des gefüllten Kaufhauses war
+von einem Gewinn keine Rede, immer wieder hatte man sich beim Einkauf im
+Ausland so oder so verspekuliert. Und mehr als einmal hatte Herr
+Zwickerl in sich hineingeseufzt: An ordentlichen Juden, wenn ich hätt',
+der was mich beraten tät'!
+
+Herr Zwickerl mußte tatsächlich Konkurs anmelden, das Geschäft wurde
+geschlossen und von einem Grundbesitzer aus der Gumpoldskirchner Gegend
+übernommen, der aus dem großen Haus eine riesige Stehweinhalle machte.
+
+In den Jahren, die dem Kriegsende und dem Umsturz gefolgt waren, hatte
+sich Wien immer mehr zur Zentrale des mitteleuropäischen Luxus
+entwickelt und das Leben gewisser Schichten eine Ueppigkeit angenommen,
+die in der ganzen Welt als beispiellos besprochen wurde. Die breiten
+Massen der Wiener Bevölkerung aber, nicht nur die Arbeiter, sondern auch
+das mittlere Bürgertum, hatten zähneknirschend gesehen, wie sich die
+fremden Elemente, vor allem die Juden aus Galizien, Rumänien und Ungarn,
+als Herren Wiens aufspielten, mit dem für sie fast wertlosen
+österreichischen Geld um sich warfen, Champagner tranken, wo der kleine
+Mann kaum noch das Glas Bier zahlen konnte, ihre Weiber mit Perlen und
+Pelzen behängten, während die wirklich gute Gesellschaft den alten
+Familienschmuck stückweise verkaufen mußte, in prachtvollen
+Luxusautomobilen durch die Straßen rasten, den bodenständigen Wienern
+die Wohnungen wegnahmen und mit ihrem lärmenden protzigen Gehaben die
+alte kultivierte Stadt erfüllten.
+
+Als die Juden fortgetrieben waren, änderte sich das alles von Tag zu Tag
+auf das gründlichste. Der sinnbetörende Luxus verschwand, der Wiener
+Ausverkauf stockte, man mußte sich nicht mehr anstellen, um einen Platz
+im Opernhaus zu ergattern, das Leben wurde stiller, solider, einfacher.
+Bis es sich zeigte, daß eine Stadt wie Wien ohne Luxus nicht leben kann.
+Zuerst hatten die christlichen Geschäftsleute, die die Kaufläden der
+Juden übernahmen, sich auch deren Automobile bemächtigt, es schien der
+Wohlstand derselbe geblieben zu sein und nur eine Umgruppierung erfahren
+zu haben, und der Jubel, mit dem die Wiener es begrüßten, daß sie nicht
+bei jedem Schritt auf jüdische Schieber stoßen mußten, war ebenso
+ehrlich als begreiflich. Als dann aber bald die Krone wieder ins
+Uferlose fiel und die Teuerung neue Wellen zog, als alles das, was eben
+auf äußersten Luxus eingestellt war, wie die vornehmen Geschäfte, die
+Kabaretts, die Theater, die fürstlichen Restaurants und Bars, einging,
+als die Arbeitslosigkeit um sich griff und der Export nach dem Ausland
+immer geringer wurde, da begann auch das äußere Leben flügellahm zu
+werden. Die Zehntausende von Automobilen, die aus jüdischen Händen in
+christliche übergegangen waren, wurden für eine Handvoll Lire oder
+Franken ins Ausland verkauft, weil bei dem schlechten Geschäftsgang das
+Benzin unerschwinglich wurde, die Kunsthändler klagten über völlige
+Geschäftslosigkeit, das Defizit der Staatstheater wuchs riesenhaft,
+christliche Künstler und Gelehrte von Ruf, vor allem aber die großen
+Aerzte, zogen ins Ausland, weil das Inland ihnen nicht mehr die Honorare
+bezahlen konnte und wollte, die sie von den jüdischen Zeiten her gewohnt
+waren.
+
+Und unaufhaltsam griffen Mißmut, Unzufriedenheit und die Erkenntnis, auf
+einer abschüssigen Bahn zu gehen, um sich.
+
+ * * * * *
+
+An einem herrlichen Junitag ging Leo Strakosch als Franzose Dufresne
+nach dem Stadtpark, um wieder einmal Fühlung zum Wien von heute zu
+bekommen. Sonst verließ er den neunzehnten Bezirk kaum, da er entweder
+in seinem Atelier arbeitete oder aber mit Lotte ausgedehnte Spaziergänge
+im Wienerwald unternahm. Als er heute nun zwischen den dichtbesetzten
+Tischen um den Kursalon herum spazierte, war er so belustigt, daß er
+laut auflachte.
+
+»Um Himmels willen, was ist aus meinem schönen eleganten Wien geworden!«
+
+Die Mode des Alpenkleides und Touristenanzuges schien allgemein geworden
+zu sein; so weit das Auge reichte, sah er alte und junge Herren in
+Loden, Kniehosen und mit dem grünen Steirerhütl auf dem Kopf. Und die
+Damen! Die Mehrzahl trug Dirndlkostüme, die ja im freien Gelände sehr
+nett und anmutend wirken, hier aber wie Karikaturen, wie schlechte Witze
+erschienen. Man war eben sehr bescheiden geworden, und vor allem bildete
+man ja eine einzige große Familie, war unter sich und hatte es nicht
+notwendig, sich »herzurichten«.
+
+Hie und da sah man auch noch elegant gekleidete Damen und Herren; sie
+fielen aber auf, man konnte von den Aelpler-Tischen bissige Bemerkungen
+über sie hören, und Strakosch wurde es fast unheimlich zumute, als er
+sah, wie ihn dieses oder jenes »Dirndl« durch ein Lorgnon anstierte,
+wahrscheinlich nur deshalb, weil sein dunkelblauer Anzug, die
+Lackstiefel und die kostbare Seidenkrawatte auffielen.
+
+Die elektrische Straßenbahn, städtische Musik und Dirndln, die ein
+Lorgnon tragen -- Leo schüttelte sich. Er eilte aus dem Stadtpark fort
+über die Ringstraße, fand auch das Bild, das die Kaffeehäuser boten,
+trostlos, grinste, als er wahrnahm, daß die meisten Leute einander mit
+»Heil« begrüßten und mußte lange suchen, bis er ein Autotaxi fand. Denn
+auch diese Mietwagen waren ein Luxus geworden, der so wenig Benutzer
+hatte, daß die meisten ihr Geschäft aufgaben.
+
+Spät abends, als die Sonne schon langsam unterging, traf er Lotte
+verabredetermaßen am Rande des Kobenzlwaldes. Sie ließen sich auf einer
+Bank nieder, und nachdem sie sich sattgeküßt, erzählte Lotte, daß ihre
+Eltern beschlossen hatten, schon in der nächsten Woche nach ihrer
+kleinen Villa am Wolfgangsee zu übersiedeln.
+
+»Was soll nur aus uns werden,« klagte Lotte, »wie soll ich es ertragen,
+dich den ganzen Sommer nicht zu sehen?«
+
+»Davon kann auch keine Rede sein, Lieb. Ich werde eben auch ausspannen,
+und wenn du in St. Gilgen bist, werde ich in Wolfgang wohnen und jeden
+Tag wirst du herüberkommen und wir werden wenigstens eine Stunde
+beisammen sein.«
+
+»Hm,« meinte Lotte vergnügt, »das läßt sich ja hören! Aber jetzt muß ich
+dir auch sagen, daß ich gestern eine Auseinandersetzung mit Papa hatte.
+Stelle dir nur vor, plötzlich sah mich Papa scharf an und sagte sehr
+ernst: Lotte, wo treibst du dich eigentlich neuerdings immer stundenlang
+allein herum? Du weißt, wir lassen dir alle mögliche Freiheit, aber was
+zu viel ist, ist zu viel!
+
+Also, ich fühlte, wie ich blutrot wurde und dachte, das beste ist, ich
+beichte.«
+
+»Was,« unterbrach sie Leo entsetzt, »du hast deinem Vater erzählt...?«
+
+»Ausreden lassen, Aff'«, lachte Lotte und zwickte ihn in das Ohr. »Ich
+beichtete also, aber natürlich nur das, was mir paßte. Ich sagte dem
+Papa, daß ich bei der Erna einen sehr feinen jungen Mann kennen gelernt
+habe, den ich ebenso gut leiden mag, wie er mich und daß ich ihn oft
+treffe, um mit ihm spazieren zu gehen. Er sei ein Franzose, namens Henry
+Dufresne, der hier große Geschäfte mache.
+
+Der Papa war zuerst ganz sprachlos, dann fragte er mich, warum ich den
+Franzosen nicht zu uns einlade. Darauf erwiderte ich, daß ich meiner
+Gefühle noch nicht sicher sei und deshalb der Sache keinen offiziellen
+Anstrich geben wolle. Und zum Schlusse meinte ich ganz empört:
+
+Papa, du weißt doch, daß du dich auf mich verlassen kannst! Ich tue
+sicher nichts Unrechtes, und wenn ich es für gut und notwendig halten
+werde, so wird Henry schon zu euch kommen! Jetzt aber laßt mich meine
+Wege allein gehen.
+
+Papa war darauf sehr lieb und nett und Mama auch, und später hörte ich,
+wie der Papa der Mama sagte: »Ich hätte nicht gedacht, daß Lotte den
+armen Leo so rasch und gründlich vergessen würde. Aber ich bin sehr
+glücklich darüber, daß sie eine neue Neigung gefaßt hat und wir wollen
+ihr nichts in den Weg legen.«
+
+Und Mama, die dich doch so gerne hat, meinte kopfschüttelnd: »Ich
+versteh' das Mädel gar nicht! Sie hat wirklich schon wieder rote Wangen
+bekommen und trällert den ganzen Tag umher, als wäre ihr nie ein
+Herzleid widerfahren.«
+
+Weißt du, Leo, es ist sicher nicht schön von uns, daß wir meine Eltern
+so an der Nase herumführen, aber ich bin ja so glücklich, daß du hier in
+Wien bist!«
+
+Leo zog Lotte an sich, küßte sie gründlich ab und sagte dann mit
+wichtiger Miene:
+
+»Jetzt gehen wir aufs Land, und wenn ich dann wieder hier bin, dann
+werde ich die ganze Stadt an der Nase herumzerren, aber tüchtig, sage
+ich dir! Mehr kann ich dir heute noch nicht verraten, aber du wirst
+deine Wunder erleben!«
+
+Dieser Sommer tröstete die Wiener zum zweitenmal für das viele Ungemach
+und die argen Enttäuschungen, die sie erleben mußten. Gerade die
+schönsten Plätze und Orte in dem klein gewordenen Oesterreich waren in
+den früheren Jahren zum Pachtgut der Juden geworden. Das ganze herrliche
+Salzkammergut, das Semmeringgebiet, sogar Tirol, soweit es einigen
+Komfort bot, waren von österreichischen, tschechoslowakischen und
+ungarischen Juden überflutet gewesen; in Ischl, Gmunden, Wolfgang,
+Gilgen, Strobl, am Attersee und in Aussee erregte es direkt Aufsehen,
+wenn Leute auftauchten, die im Verdacht standen, Arier zu sein. Die
+christliche Bevölkerung, zum Teil weniger im Ueberfluß schwelgend, zum
+Teil auch großen Geldausgaben konservativer gegenüberstehend, fühlte
+sich nicht ohne Unrecht verdrängt und mußte mit den billigeren, aber
+auch weniger schönen Gegenden in Niederösterreich, Steiermark oder in
+entlegenen Tiroler Dörfern vorlieb nehmen. Das war seit der
+Judenvertreibung anders geworden. Es gab in den schönsten Sommerfrischen
+keine Ueberfüllung, die Städter bekamen auf ihre Nachfragen höfliche und
+eilige Antworten, und trotz der sonstigen Teuerung waren die Wohnungs-
+und Zimmerpreise erheblich billiger als vor zwei Jahren. Und so
+schwärmte denn alles, was Geld und Zeit hatte, in jene Gegenden, die dem
+bodenständigen Wiener früher verleidet worden waren.
+
+Die Besitzer der großen Etablissements, Kuranstalten und sogenannten
+Sanatorien schnitten allerdings sauere Mienen. Sie hatten immer von dem
+internationalen Judentum gelebt, ihr ganzer Betrieb war auf jene
+Menschen eingestellt, die nicht rechnen, wenn es sich um ihre
+Behaglichkeit handelt, und nun fanden sie, da sie auch bei gutem Willen
+nicht billig sein konnten, nicht genügend Gäste. Die großen
+Semmeringhotels eröffneten ihre Betriebe überhaupt nicht mehr und viele
+Hotels im Salzkammergut und Tirol sahen sich mitten im Sommer genötigt,
+zu sperren und ihr Personal zu entlassen. Das war ein Wermuttropfen im
+Becher der Freude und machte böses Blut unter der Landbevölkerung, die
+gewohnt war, ihre Produkte zu enormen Preisen den großen Hotels zu
+verkaufen und ihre Töchter und Söhne im Sommer ein schweres Stück Geld
+als Stubenmädchen und Hausdiener verdienen zu lassen.
+
+Der Bürgermeister von Semmering hatte den Mut, es in einer
+Gemeinderatssitzung offen herauszusagen:
+
+»Mit den Juden hat man bei uns den Wohlstand vertrieben, ein paar Jahre
+noch und wir werden zwar gute Christen, aber bettelarm sein!«
+
+ * * * * *
+
+Als der Sommer vorüber war und der Herbst die Blätter färbte, begann in
+fast schon gewohnter Weise die Krone neuerlich zu fallen und die
+Teuerung anzusteigen. Die Preise wurden phantastisch, selbst reiche
+Leute scheuten die Anschaffung eines neuen Kleidungsstückes, die
+Arbeiter, die Angestellten, ja auch die Arbeitslosen stellten neue
+Forderungen, eine Fahrt auf der Straßenbahn kostete schon tausend Kronen
+und ein Kilogramm Butter fünfzigtausend.
+
+Unter allgemeiner Verbitterung, Nervosität und Unruhe trat im Oktober
+die Nationalversammlung zusammen, und das Gesicht des Kanzlers Doktor
+Schwertfeger sah zerklüftet, durchfurcht, vergrämt aus. Als er sprach,
+herrschte nicht jene weihevolle Ruhe wie früher, sondern es wurden Rufe,
+Zwischenbemerkungen laut, sogar die Galerie machte sich durch Oho-Rufe
+bemerkbar und die kleine Opposition der Sozialdemokraten ließ sich nicht
+mehr einschüchtern, sondern griff immer wieder in die Debatte ein.
+
+Schwertfeger gab einen Ueberblick über die trostlose finanzielle Lage
+des Landes und fuhr dann fort:
+
+»Ich muß es rund heraussagen: Große und schwere Opfer stehen der
+christlichen Bevölkerung Oesterreichs bevor. (Zwischenruf von der
+Galerie: Natürlich nur den Christen, da wir ja die Juden
+hinausgeschmissen haben!) Opfer, die mit Mannesmut und Bürgertreue
+geleistet werden müssen! Die Regierung braucht zur Fortführung der
+Geschäfte Geld, und da wir vom Auslande keine weiteren Kredite bekommen
+können, müssen wir die Unsummen, die die Verwaltung, die Verzinsung der
+Schulden und die Unterstützung der Arbeitslosen verschlingt, durch neue
+Steuern, direkte und indirekte, hereinbringen. (Große Unruhe im ganzen
+Hause.)
+
+Meine Herren und Damen, ich weiß, daß die Bevölkerung schwer enttäuscht
+ist und ich bin es mit ihr. Wir alle haben eben die Schwierigkeit der
+Uebergangswirtschaft unterschätzt, wir alle dachten, daß die
+christlichen Bürger sich besser auf die Beherrschung der Finanzen und
+des Geschäftslebens einstellen würden, die ganz in Händen der Juden
+waren. Aber was sind solche Enttäuschungen gegenüber dem ungeheuren
+Ziel, das wir uns gesteckt haben, dem Ziel, Oesterreich seiner arischen
+Bevölkerung wiederzugeben, ein Land aufzurichten, das frei von
+Wuchergeist, frei von jüdischem Skeptizismus, frei von jenen
+zersetzenden Eigenschaften und Elementen ist, die das Judentum
+repräsentieren!«
+
+Zum Schluß stellte der Kanzler mit erhobener Stimme die Vertrauensfrage.
+
+Im Namen der kleinen sozialistischen Fraktion sprach Doktor Wolters
+gegen die Kreditgewährung, gegen die Gutheißung der Regierungspläne,
+gegen das Vertrauensvotum. In krassen Farben schilderte er die
+zunehmende Verelendung, die Gefahr des unmittelbar bevorstehenden
+Staatsbankerottes, die Verödung des wirtschaftlichen und geistigen
+Lebens. Er sagte unter anderem:
+
+»Der Herr Bundeskanzler hat vor mehr als zwei Jahren, als er sein
+Antijudengesetz begründete, unsere Bevölkerung bieder, einfältig und
+ehrlich genannt und behauptet, daß sie der Konkurrenz der überlegenen
+Juden nicht gewachsen sei. Er hat nur eines übersehen: Daß wir biederen,
+ehrlichen und einfachen Oesterreicher auch ohne Juden von Völkern
+umgeben sein werden, die uns jetzt, wo wir die Juden nicht mehr haben,
+erst recht überlegen sind. Wo ist der mitteleuropäische Handel
+hingekommen, seitdem die Juden weg sind? Wir haben ihn verloren, denn
+die Juden haben ihn nach Prag und Budapest mitgenommen. Was ist aus der
+blühenden Konfektions-, Galanterie- und Mode-Industrie geworden? Sie ist
+fast spurlos verschwunden, weil sie von der Biederkeit und Ehrlichkeit
+allein nicht leben kann, sondern den jüdischen Konsumenten aus aller
+Herren Länder braucht, der das leicht verdiente Geld auch leicht wieder
+ausgibt. Heute zeigt es sich, daß wir der Juden nicht entraten
+können -- --.«
+
+Stürmische Rufe unterbrachen den sozialistischen Führer. Die
+Christlichsozialen und Deutschnationalen tobten, schrien »Hinaus mit dem
+gekauften Judenknecht« und der Tumult wurde so groß, daß der Präsident,
+der Tiroler mit dem roten Bart, die Sitzung unterbrechen mußte. Als er
+sie wieder eröffnete, erteilte er dem Doktor Wolters eine Rüge, weil er
+durch seine Worte das christliche Gefühl der Abgeordneten schwer
+verletzt und den Versuch gemacht habe, die Grundfesten des neuen Staates
+zu erschüttern.
+
+Schließlich wurden alle Regierungsanträge gegen die Stimmen der
+Sozialisten angenommen. Aber viele Abgeordnete hatten sich vor der
+Abstimmung entfernt und Schwertfeger sagte später seinem Präsidialisten
+mit grimmigem Lächeln:
+
+»Diesmal sind sie davongelaufen, das nächstemal werden sie gegen mich
+stimmen, die Erfolghascher, Konjunkturisten, die gestern Hosianna
+schrieen und morgen _crucifige_ rufen werden!«
+
+ * * * * *
+
+Seltsame, mysteriöse Dinge ereigneten sich. Eines Morgens standen am
+Schottentor vor einer Litfaßsäule, desgleichen vor der Oper, am
+Stubenring und an anderen Plätzen Hunderte von Männern und Frauen vor
+kleinen, mit einem Reisnagel befestigten Plakaten im Oktavformat, die
+folgende Inschriften enthielten:
+
+»Wiener, Oesterreicher! Rafft euch auf, bevor Ihr alle zugrunde gegangen
+seid! Mit den Juden habt Ihr den Wohlstand, die Hoffnung, die
+Zukunftsmöglichkeit ausgewiesen! Fluch den Volksverführern, die euch
+irregeleitet haben!
+
+ Der Bund wahrhaftiger Christen.«
+
+Die Menschen lasen einander die frechen Worte vor, viele schimpften und
+behaupteten, daß Freimaurer das getan haben mußten, andere entfernten
+sich wortlos, wieder andere hatten den Mut, zustimmende Aeußerungen zu
+tun und die Anderssprechenden trotzig anzusehen.
+
+Nach einigen Tagen erschienen an verschiedenen Plätzen neue Plakate mit
+den Worten:
+
+»Wien verdorft! Wiener, seht Ihr es denn nicht? Noch ein paar Jahre und
+aus der alten, ehemaligen Kaiserstadt wird ein schäbiges, vergessenes
+Nest geworden sein!«
+
+Das ging den Leuten, die nun den Inhalt des Plakates auch aus der
+»Arbeiter-Zeitung« vernahmen, auf die Nerven, allenthalben wurde man
+unruhig. War nicht etwas Wahres an dieser neuen Behauptung des
+mysteriösen Bundes wahrhaftiger Christen? Leidenschaftliche Diskussionen
+wurden darüber in Versammlungen, im Wirtshaus, in der Straßenbahn
+geführt, aber das Wort von der Verdorfung Wiens blieb irgendwie in der
+Luft hängen, wurde geflügelt, man bekam es überall zu hören, ja sogar
+die christliche »Weltpresse« schrieb am Schluß eines Leitartikels ganz
+unwillkürlich: »Wir müssen alles tun, um der Verdorfung zu entgehen!«
+
+Die Polizei wurde von der erbosten Regierung aufgefordert, den
+Uebeltäter aufzuspüren, der die Plakate anschlug. Vergebliche Mühe! Alle
+paar Tage kamen neue zum Vorschein, immer an anderen Plätzen, an
+Haustoren, Kirchenportalen, ja einmal hing je eines an den Toren des
+Kanzlerpalais, des Polizeipräsidiums und des Parlamentes. Und immer
+enthielt das kleine Plakat in wenigen Worten eine wirksame Polemik gegen
+die Regierung, eine suggestive Aufhetzung der Bevölkerung. Die
+»Arbeiter-Zeitung« war jedesmal in der Lage, schon in ihrer
+Morgenausgabe den Inhalt des Pamphlets, das heute angeschlagen werden
+würde, zu veröffentlichen, weil ihr ein Exemplar schon am Tage vorher
+mit der Post gebracht wurde.
+
+Schließlich geriet ganz Wien in Aufregung, man sprach fast von nichts
+anderem, zerbrach sich den Kopf darüber, wer hinter diesem
+geheimnisvollen Bund wohl stecken möge, die Zahl derer, die dem Inhalte
+der kleinen Aufrufe zustimmten, wuchs von Woche zu Woche, die
+sozialdemokratischen Versammlungen bekamen wieder einen ungeheuren
+Zulauf und der Nimbus des Kanzlers sank ersichtlich.
+
+Lotte war eines Nachmittags früher zu Leo gekommen, als er sie erwartet
+hatte. Da sie einen eigenen Schlüssel zu der Wohnung besaß und Leo sie
+nicht wie sonst im Wohnzimmer erwartete, ging sie direkt in das Atelier.
+Leo warf rasch ein Tuch über einen kleinen Holztisch und begrüßte sie
+dann ein wenig verlegen.
+
+Lotte zog ihn beim Knebelbärtchen, sah ihm in die braunen Augen und
+sagte dann:
+
+»Du, Leo, du hast da soeben etwas vor mir verbergen wollen! Was befindet
+sich dort unter dem Tuch?«
+
+Leo lachte herzlich.
+
+»Mädel, du hast Augen wie ein Luchs! Also, dann will ich dir mein
+Geheimnis eben schon heute anvertrauen.«
+
+Er zog das Tuch fort und Lotte erblickte neben einem Typenkasten und
+einer Miniatur-Handpresse einen Stoß frisch gedruckter Zettel. Erstaunt
+las sie:
+
+»Wiener, geht es euch heute besser oder schlechter als zur Zeit der
+Juden? Ueberlegt in Ruhe und Ihr werdet euch die richtige Antwort geben!
+Wir alle haben einst geschrien: »Hinaus mit den Juden!« So schreien wir
+heute: »Herein mit jenen Juden, die ehrlich und treu mit uns arbeiten
+wollen.«
+
+ Der Bund der wahrhaftigen Christen.«
+
+Verblüfft, verwirrt, verständnislos ließ Lotte das Papier fallen und
+ergriff einen anderen Zettel, auf dem gedruckt stand:
+
+»Wir sehnen uns nicht nach den kulturfernen Ostjuden. Aber die
+intelligenten, klugen, wertvollen Juden, die schon vor dem Jahre 1914
+unsere Mitbürger waren, müssen wir wieder mit offenen Armen aufnehmen,
+wenn wir nicht rettungslos verelenden wollen! Auf zur Tat, bevor es zu
+spät ist!
+
+ Der Bund der wahrhaftigen Christen.«
+
+Fragend sah Lotte ihren Bräutigam an.
+
+Dieser hob sie zu sich empor, küßte sie auf die Nasenspitze und lachte
+wieder aus vollem Halse.
+
+»Na, Tschapperl, verstehst du noch immer nicht? Der Bund der
+wahrhaftigen Christen, der seit Wochen Wien verrückt macht, bin ich! Und
+ich werde nicht aufhören, bevor nicht der große Wirbel eingetreten ist.
+Die zwei neuen Plakate werden wirken, sag ich dir! Das sind meine Gas-,
+Stink- und Leuchtbomben, mit denen ich töte, ersticke und erleuchte.«
+
+Lotte zitterte.
+
+»Leo, wenn du dabei erwischt wirst, so ist es um dich geschehen!«
+
+»Wenn, wenn! Aber man wird nicht! Ich habe eine wunderbare Technik beim
+Befestigen der Zettel! Ich schlendere morgens an einem Tor oder einer
+Wand vorbei, und im Gehen, ohne auch nur eine Sekunde mich aufzuhalten,
+treibe ich den Nagel ein, an dem der Zettel schon hängt! Und selbst,
+wenn die Polizei die Zettel wenige Minuten später wieder abreißt, so
+schadet das nicht, weil die »Arbeiter-Zeitung« den Inhalt schon
+abgedruckt hat. Verlaß dich auf mich, mein Lieb, es muß das geschehen,
+ich gehe einen genau vorgezeichneten Weg und nehme mich ohnedies
+höllisch in acht.«
+
+Lotte saß auf dem großen Zeichentisch, baumelte mit den schlanken Beinen
+und sagte nachdenklich:
+
+»Weißt du, Leo, du hast schon sehr viel erreicht, glaube ich. Gestern
+war bei uns größere Gesellschaft. Zehn Herren und Damen waren da und es
+wurde fast ununterbrochen von der Judenausweisung und ihren Folgen
+gesprochen. Und alle, darunter auch der Hofrat Tumpel, waren darin
+einig, daß man sich mit der Ausweisung eines Teiles der Ostjuden, und
+zwar jenes Teiles, der eine anständige Beschäftigung nicht nachweist,
+hätte begnügen müssen. Hofrat Tumpel, der vor einem Jahr noch wütend
+wurde, wenn man mit dem Bundeskanzler nicht ganz einverstanden war,
+sagte schließlich:
+
+»Ja, ja, es scheint, als wenn man da in einen höchst komplizierten
+Mechanismus allzu brutal eingegriffen hätte! Gewisse nicht zu
+unterschätzende jüdische Eigenschaften fehlen uns ganz bedenklich!«
+
+Dazu ist allerdings zu bemerken, daß der Bruder des Hofrates die
+Buchhandlung in der Seilergasse besitzt, die sich nur mit dem Vertrieb
+von Luxusbüchern und Kunstdrucken befaßt. Seit die Juden weg sind, macht
+er gar keine Geschäfte mehr und sein Bruder, der Hofrat, hat schon
+zweimal große Summen opfern müssen, um ihn vor dem Bankerott zu
+bewahren. Und noch etwas, Leo: Ich halte doch immer, in der Früh', wenn
+ich einkaufe, und im Konzert und in der Oper und der Straßenbahn die
+Augen und Ohren offen. Und ich höre, wie die Leute immer mehr mit Wehmut
+an die Vergangenheit zurückdenken und von ihr wie von etwas sehr Schönem
+sprechen. »Damals, wie die Juden noch da waren«, das kann man täglich
+zehnmal in allen Tonarten nur in keiner gehässigen, hören. Weißt du, ich
+glaub', die Leute bekommen ordentlich Sehnsucht nach den Juden!«
+
+Leo preßte das kluge Mädchen an sich. »Und ich will das Meinige tun, um
+diese Sehnsucht unwiderstehlich zu machen.«
+
+»Aber sei recht vorsichtig, Leo, bedenk', daß, wenn man dich umbringt,
+es auch mein Leben kostet!«
+
+ * * * * *
+
+Traurigere Weihnachten hatte Wien noch nie erlebt. Der ungeheuerlichen
+Teuerung stand der vollständige Stillstand des Lebens gegenüber. Die
+Teuerung allein hätte die guten Phäaken nicht anfechten können. Sie
+waren sie ja schon seit einem Dezennium gewöhnt, und ob das Viertel Wein
+nun zehntausend oder fünftausend Kronen kostete, war schließlich egal,
+wenn man genug verdiente, wenn der Arbeiter hohen Lohn bekam und der
+Kaufmann abends die Kasse voll mit Zehntausendern hatte. Jetzt war das
+aber nicht mehr der Fall. Die enormen Banknotenmassen blieben bei den
+Bauern liegen, in den Städten herrschte vollständige Kaufunlust, ein
+großer Teil der Arbeiter feierte und war auf die staatliche
+Unterstützung angewiesen, und in der Weihnachtsnummer veröffentlichten
+die Zeitungen Statistiken, aus denen hervorging, daß seit zwei Jahren
+allein in Wien an die fünftausend Bankfilialen, Kaffeehäuser,
+Restaurants und Geschäfte geschlossen hatten. Neuerdings trat ein
+Riesenkrach nach dem anderen in der Industrie ein, Aktiengesellschaften,
+die man noch vor kurzem für bombensicher gehalten hatte, erklärten sich
+insolvent und man sprach sogar von dem baldigen Zusammenbruch zweier
+Großbanken.
+
+Was nutzte es den Wienern unter solchen Umständen, daß sie überall Platz
+hatten, sogar an den Weihnachtsfeiertagen die Theater nicht ausverkauft
+waren und man nicht mehr den aufreizenden Judennasen begegnete? Was
+nutzte es, daß man zur christlichen Einfachheit zurückgekehrt war und
+sich den Vollbart wachsen ließ, wenn die Friseurgehilfen massenhaft
+entlassen werden mußten, weil es keine Arbeit mehr für sie gab?
+
+Am schlimmsten waren die Juweliere daran. Die meisten waren Juden
+gewesen und hatten auswandern müssen, und nun führten diese Geschäfte
+ehemalige kleine Uhrmacher und andere sicher sehr ehrenwerte Leute, die
+aber zum holländischen Edelsteinmarkt, der fast ausschließlich in
+jüdischen Händen liegt, keinerlei Beziehungen hatten und bei jedem
+Einkauf über die Ohren gehauen wurden. Schließlich hatte der Einkauf im
+Ausland ganz aufgehört, weil niemand mehr Schmuck wollte, wohl aber der
+Andrang derer, die verkaufen mußten, immer stärker wurde. Langsam aber
+sicher wanderte ein großer Teil des inländischen Juwelenbesitzes in die
+Nachbarstaaten, nach England, Frankreich und Amerika, und auch dabei
+waren die Juweliere, die diesen Export betrieben, die Leidtragenden.
+Wenn ein Juwelier heute eine Perlenschnur für zehn Millionen aus
+privatem Besitz kaufte und sie bald darauf für dreißig Millionen einem
+Amerikaner anhängte, so bildete er sich ein, ein glänzendes Geschäft
+gemacht zu haben und begoß seine Freude mit Wein, lobte den Doktor
+Schwertfeger und kaufte eine Fettgans, die nun nicht mehr das
+Privilegium der Juden war. Bevor er aber noch die schwere Gansleber
+verdauen hatte können, waren seine dreißig Millionen nicht einmal die
+zehn wert, die er ausgegeben und er besaß kein Geld mehr zu neuen
+Ankäufen.
+
+So war es wahrhaftig kein Wunder, wenn zu Weihnachten eine Welle der
+Erbitterung und Unzufriedenheit durch Wien ging und die Silvesternacht
+nicht mit Jubel und Radau wie sonst, sondern in Verdrossenheit und
+Mutlosigkeit gefeiert wurde.
+
+Und wenn der Bundeskanzler das Gespräch mitangehört hätte, das in der
+Weihnachtswoche der Herr Habietnik, Besitzer des großen Modehauses in
+der Kärntnerstraße, und der Herr Mauler, Inhaber des großen
+Juweliergeschäftes am Graben, miteinander führten, so wäre sein Ingrimm
+noch größer gewesen, als er es ohnedies war.
+
+Herr Habietnik und Herr Mauler saßen im Grabenkaffee und klagten beide
+über das elende Weihnachtsgeschäft, das den Ruin Tausender von
+Geschäftsleuten besiegeln mußte. Plötzlich beugte sich Herr Habietnik zu
+Herrn Mauler und erzählte ihm von einem Traum, den er in der vergangenen
+Nacht gehabt.
+
+»Stellen Sie sich vor, Herr Mauler, i hab' g'träumt, daß plötzlich zu
+mir ins Geschäft lauter Juden und Jüdinnen gekommen san. Alle waren
+hochelegant und haben Banknotenbündel in den Händen gehalten und es ist
+ein Riesenwirbel entstanden. Die Madeln konnten die Pelze und Stoffe,
+die Mäntel und Kostüme gar nicht schnell genug herbeibringen und die
+ganze Modeabteilung war von Seide und Samt, von Spitzen und Stickereien
+gefüllt. Und nichts war den Jüdinnen gut genug und eine sehr eine fesche
+jüdische Dame hat immer geschrien: »Das ist gar nichts! Wir kommen aus
+Paris und Palästina, wo die neuesten Moden sind, zeigen Sie das Beste,
+was Sie haben.« Und da hat meine erste Verkäuferin plötzlich eine
+Barchenthose gebracht und hat gesagt: »Aber meine verehrte gnädige
+Israelitin, das ist doch das Neueste aus Paris!« Und da ist ein
+furchtbares Gelächter entstanden, so daß ich aufgewacht bin! Glauben S'
+nicht, Herr Mauler, daß der Traum was zu bedeuten hat?«
+
+Herr Mauler aber meinte grinsend:
+
+»Ja, er hat zu bedeuten, daß bald die ganze Welt über uns lachen wird
+und wir uns in Flanell und Barchent einwickeln werden, bevor wir
+begraben werden. Aber das eine weiß ich, Herr Habietnik, wenn so
+plötzlich vor meinem Laden ein Automobil vorfahren würde mit einem
+jüdischen Ehepaar, so tät ich sie beide abküssen und hätt' noch einmal
+eine Freude am Leben! Wissen Sie, Herr Habietnik, wie ich früher noch
+Kommis beim Herrn Zwirner war, der mein Geschäft gehabt hat, da hab' ich
+mir oft gedacht, daß es eigentlich eine Schand' ist, daß fast nur die
+Juden Geld genug haben, um Brillanten und Perlen zu kaufen. Und einmal
+habe ich das auch laut gesagt. Da hat mich der Herr Zwirner angelacht
+und gesagt: »Herr Mauler, sein Sie kein Narr, sondern froh darüber, daß
+die Juden kaufen und das Geld unter die Leute bringen. Oder möchten Sie
+es lieber haben, daß auch die Juden ihr Geld vergraben und verstecken
+wie die Bauern? Sie werden sehen, wenn das mit dem Antisemitismus so
+weitergeht, so werden die reichen Juden auswandern und dann können die
+Geschäftsleute sperren!«
+
+Na und jetzt sind nicht nur die reichen, sondern auch die armen Juden
+ausgewandert und wir sind richtig alle kapores!«
+
+ * * * * *
+
+Bei Spineders war der heilige Abend in der gewohnten patriarchalischen
+Weise gefeiert worden. Die Stimmung war aber nicht die beste. Der Hofrat
+begann ernstliche Sorgen materieller Art zu haben, die ihm die
+Entwertung seines Vermögens bereitete; Frau Spineder konnte sich noch
+immer von dem Schrecken nicht erholen, den ihr die Tatsache eingejagt,
+daß sie für den Weihnachtskarpfen fünfzigtausend Kronen und für die
+Weihnachtsgans hunderttausend hatte zahlen müssen, und Lotte war
+unruhig, weil sie ohne Nachricht von Leo war und doch gehofft hatte, daß
+er sich irgendwie wenigstens mit einem Glückwunsch melden würde.
+
+Gerade als mit Andacht der kostbare Fisch verzehrt wurde, läutete die
+Haustorglocke und das Stubenmädchen meldete, ein Mann sei da, der dem
+gnädigen Fräulein etwas persönlich zu überbringen habe. Lotte stürzte
+hinaus, und der in einen Pelz gehüllte Mann, der ihr etwas zu übergeben
+hatte, küßte sie im dunklen Hausflur wie verrückt ab, um ihr dann ein
+winziges Päckchen in die Hand zu drücken und eilends wieder zu
+verschwinden.
+
+Im Speisezimmer wickelte Lotte das kleine Paket aus und entnahm einem
+Lederetui einen Ring mit einer köstlichen, haselnußgroßen Perle.
+
+»Ein Weihnachtsgeschenk von Herrn Henry Dufresne«, sagte Lotte, die
+purpurrot geworden war, und ein unendliches Glücksgefühl durchströmte
+ihr junges Herz, als sie den Ring über den Finger zog.
+
+Der Herr Hofrat aber war betreten und erklärte kategorisch:
+
+»Lotte, nun aber muß dieser Herr Dufresne sich uns doch endlich
+vorstellen und um deine Hand anhalten. Denn ein solcher Ring, den man
+einem Mädchen schenkt, ist einfach ein Verlobungsring.«
+
+Lachend küßte Lotte ihren Vater.
+
+»Habt noch ein wenig Geduld! Leo -- Henry sagt, daß er sehr bald zu euch
+kommen werde.«
+
+Die Mama aber schüttelte wieder den Kopf und dachte:
+
+»Seltsame Zeiten, seltsame Jugend! Liebt einen, vergißt ihn und
+verwechselt dann seinen Namen mit dem des Nachfolgers!«
+
+Im Januar vereinigten sich mehrere große Konsumentenorganisationen zu
+einer Massenversammlung in der Volkshalle des Rathauses unter der
+Devise: »Wir können nicht weiter!« Zehntausende von Menschen waren der
+Einladung gefolgt und trotz der außerordentlichen Kälte standen vor dem
+Rathaus ungeheure Menschenmassen, die in der Volkshalle nicht mehr Platz
+gefunden hatten.
+
+Die Versammlung bot ein merkwürdiges Bild. Leo Strakosch, der sich
+ebenfalls eingefunden hatte, konstatierte, noch niemals so viele
+vollbärtige Männer gesehen und noch nie so viele Heilrufe gehört zu
+haben. Eine andere Staffage und man hätte an eine Tiroler
+Bauernversammlung zur Zeit des Andreas Hofer denken können. Auch
+Weiblichkeit war massenhaft vertreten, aber wahrhaftig nicht die
+lieblichste, die Wien aufzuweisen hat. Unter allgemeinem Heil-Gebrüll
+eröffnete der Apotheker Doktor Njedestjenski die Versammlung mit der
+Feststellung, daß es so nicht weitergehen könne. Er vermied es
+sorgfältig, die Notlage und Teuerung mit der Judenausweisung in
+Zusammenhang zu bringen, sondern gab sich höchst deutschnational und
+behauptete, nur die Tatsache, daß Oesterreich sich nicht an Deutschland
+anschließen könne, sei schuld an dem jammervollen Niedergang Wiens.
+Worauf ein Arbeiter unter schallender Heiterkeit dazwischen rief:
+
+»Wir können uns ja gar nicht mehr anschließen, oder glauben Sie, daß die
+Deutschen auch solche Trotteln wie wir sind und ihre Juden
+hinausschmeißen werden?«
+
+Das brachte den Apotheker aus dem Konzept, er stammelte noch etwas von
+deutscher Einheit und deutschem Volksbewußtsein, schrie »Heil« und gab
+den Rednern das Wort. Worauf fast nur mehr über die Juden gesprochen
+wurde. Und zwar so, daß ein Unkundiger hätte glauben müssen, Wien sei
+die judenfreundlichste Stadt der Welt. Als ein Weinhändler
+antisemitische Töne anschlug, wurde er direkt niedergeschrieen und ein
+Zwischenruf: »Hätten wir lieber von den Juden gelernt, als sie
+hinauszujagen!« fand großen Beifall. Leo konnte sich nicht länger
+beherrschen. Mit bedenklichem Herzklopfen meldete er sich bei dem
+Vorsitzenden zum Wort und bestieg die Rednertribüne, während er dachte:
+Nun, Frechheit, steh' mir bei! Er tat, als würde er die deutsche Sprache
+nur unvollkommen beherrschen, betonte immer wieder, daß er als Franzose
+eigentlich nicht befugt sei, sich in die Angelegenheiten Oesterreichs zu
+mischen, aber von Wohlwollen für diese unvergleichlich schöne und
+liebreizende Stadt, der schönsten nach oder mit Paris, erfüllt, doch
+nicht umhin könne, seiner Meinung Ausdruck zu geben. Worauf die
+anwesenden Vollbärte geschmeichelt und die Frauen, von dem schlanken,
+hübschen Mann trotz des Knebelbartes entzückt »Heil!« schrieen. Und dann
+fuhr Leo mit französischem Akzent fort:
+
+»Auch wir in Paris haben sehr viele Juden, gute und schlechte, wertvolle
+und schädliche. Jedenfalls sind viele darunter, die alle Hochachtung
+verdienen und dem Land von großem Nutzen sind. Niemandem aber würde es
+bei uns einfallen, die Juden ausweisen zu wollen, sondern jeder
+versucht, ihre guten Eigenschaften auszunützen. Ich bin hier nicht zu
+Hause und kenne daher die Wiener Juden nicht so genau, kann aber sagen,
+daß ich in Paris mit sehr vielen aus Wien Ausgewiesenen verkehrt habe,
+die einen vortrefflichen Eindruck gemacht haben und sicher sehr bald
+gute Franzosen sein werden. Es ist möglich, daß zwischen den
+österreichischen Christen und den Juden ein größerer Unterschied ist,
+als zwischen den leichtbeweglichen und temperamentvollen Franzosen und
+den Juden. Aber gerade deshalb müßte doch eine gute Ergänzung möglich
+sein. Ich höre, daß man den Juden hierzulande den Vorwurf gemacht hat,
+das Kapital zu beherrschen und relativ mehr Geld zu besitzen als die
+christlichen Bürger. Ja, meine Verehrten, daraus geht doch nur hervor,
+daß sie rascher im Denken und Handeln sind, und eine kluge Regierung
+müßte solche Eigenschaften für die Allgemeinheit zu benutzen verstehen.«
+
+Stürmische Zurufe von allen Seiten: »Jawohl, eine gescheite Regierung,
+aber wir haben eben eine blöde! Recht hat er! Heil! Heil!«
+
+»Meine Verehrten,« sagte Leo lächelnd, »ob einem die Juden sympathisch
+sind oder nicht, ist eigentlich gleichgültig. Der Sauerteig, der dem
+Brotmehl beigegeben wird, schmeckt an sich recht abscheulich und doch
+kann ohne ihn kein Brot gemacht werden. So müßte man auch die Juden
+betrachten. Sauerteig, an sich wenig erfreulich und in zu großen
+Quantitäten schädlich, aber in der richtigen Mischung unentbehrlich für
+das tägliche Brot. Und ich glaube, daß Ihr Brot sitzen bleibt, weil ihm
+der Sauerteig fehlt!
+
+Nun heißt es aber nicht räsonieren und das, was geschehen ist, beklagen,
+sondern zusehen, wie Abhilfe geschaffen werden kann. Wie das in
+Oesterreich möglich sein wird, weiß ich nicht. In Frankreich würde in
+solchem Falle die Bevölkerung auf Neuwahlen dringen, die zeigen müßten,
+ob das Volk mit den herrschenden Zuständen zufrieden ist oder sie ändern
+will!«
+
+Damit trat Leo ab, um rasch in der Menge zu verschwinden. Der
+Versammlung hatte sich eine ungeheure Aufregung bemächtigt. Wie ein
+Funke in ein Dynamitfaß, so hatte das Wort »Neuwahlen« in die
+Menschenmassen eingeschlagen, die riesige Halle erdröhnte von diesem aus
+dreißigtausend Kehlen geschrieenen Wort, das sich auf die Straße
+fortpflanzte und zum Schlagwort der kommenden Zeit wurde.
+
+Am folgenden Tage fand in der Redaktion der »Arbeiter-Zeitung« eine
+Konferenz der Hauptredakteure und der Vertrauensmänner der Partei statt,
+in der zum erstenmal seit Jahren wieder beschlossen wurde, aktive,
+energische Politik zu machen und mit dieser Politik aus den
+geschlossenen Räumen auf die Straße zu gehen. Der Chefredakteur der
+»Arbeiter-Zeitung«, der ehemalige Federnschmücker Wunderlich, der nach
+bestem Gewissen das Erbe Viktor Adlers verwaltete, kam zu folgender
+Konklusion:
+
+»Wir müssen das Schlagwort dieses merkwürdigen französischen Malers, der
+unmöglich Diefreß heißen kann, wie ihn der Trottel von Vorsitzenden
+niedergeschrieben hat, aufgreifen. Von heute an werden wir in unseren
+Blättern, in unseren Versammlungen und Beratungen immer wieder Neuwahlen
+fordern. Und nun werden wir unsere Freunde in Frankreich, Holland, der
+Tschechoslowakei, in England und Amerika in Aktion setzen und sie
+veranlassen, alles zu tun, damit große Kronenbeträge auf den Markt
+geworfen werden. Fällt die Krone neuerdings empfindlich, steigt die
+Teuerung, die derzeit stagniert, wieder an, so ist die Lage reif für uns
+und wir werden, wenn es sein muß, die Auflösung der Nationalversammlung
+mit Gewalt erzwingen.«
+
+ * * * * *
+
+In den nächsten Tagen ereignete sich noch etwas, was in den
+stramm-christlichsozialen Kreisen große Bestürzung erregte. Der
+Bürgermeister von Wien, nach Schwertfeger der mächtigste Mann im Reiche,
+Herr Karl Maria Laberl, fiel sozusagen um. Nicht aus eigenem Willen
+allerdings, sondern weil ihm sein Präsidialist Herr Kallop ein Bein
+stellte. Von diesem Herrn Kallop wußte man längst im Rathause, daß er
+eigentlich umgekehrt, das heißt Pollak, heißen müßte, weil dies der Name
+seines Großvaters war. Und als die Juden noch in Wien gewesen, erzählte
+man in ihren Kreisen, daß der alte Pollak ein aus Galizien
+eingewanderter Getreidehändler wäre, der eine Christin geheiratet habe
+und sich deshalb taufen ließ. Sein Sohn habe schon den Namen Kallop
+angenommen, war ein in christlichen Kreisen angesehener Advokat, der
+wieder eine Christin heiratete, so daß die Enkelkinder des alten Pollak
+nach dem Schwertfegerschen Gesetz als Vollarier anzusehen waren. Josef
+Kallop, der Sohn des Advokaten, taugte in seiner Jugend nichts, konnte
+seine juristischen Studien nicht beenden und wurde daher mit Erfolg
+Magistratsbeamter. An Schlauheit den meisten seiner Kollegen turmhoch
+überlegen, brachte er es bald zum Präsidialisten und seit geraumer Zeit
+war er die rechte Hand des Bürgermeisters Laberl.
+
+Herr Kallop also war es, der den Bürgermeister zum Umfallen brachte. Er
+machte ihm klar, daß ein großer Umschwung bevorstehe.
+
+»So geht es nicht weiter, Herr Laberl, das ist Ihnen doch ganz klar. Es
+wird demnächst Unruhen geben, ernste Unruhen sogar, und eines Tages wird
+die Regierung sozusagen flötengehen. Wenn Sie nicht mit flötengehen
+wollen, so müssen Sie sich beizeiten ein wenig umdrehen. Rücken Sie von
+Schwertfeger ab, geben Sie zu, daß man bei der Judenausweisung zu weit
+gegangen ist, und ganz Wien wird plötzlich inmitten des Rummels, der
+kommen muß und wird, sagen: Unser Bürgermeister, das ist ein Gescheiter,
+der lenkt ein und wird uns noch herausreißen.«
+
+Herr Karl Maria Laberl nickte, strich sich den schönen, weißen Bart, war
+von seinem überlegenen Verstand schon ganz durchdrungen, fragte aber
+einigermaßen ängstlich:
+
+»Lieber Kallop, das ist ja ganz richtig, was Sie da sagen und entspricht
+dem, was ich mir schon längst gedacht habe. Aber wie soll ich denn das
+machen?«
+
+»Sehr einfach, Herr Bürgermeister. Wir berufen eine Versammlung der
+christlichsozialen Bürgervereinigung des, na, sagen wir ersten Bezirkes
+ein, weil dort unter den Geschäftsleuten geradezu eine Panikstimmung
+herrscht. Und dann halten Sie eben eine Rede, die wir zusammen
+ausarbeiten werden.«
+
+Und so geschah es, nur daß das »Zusammenausarbeiten« darin bestand, daß
+Herr Laberl die Rede, die sein Präsidialist niederschrieb, auswendig
+lernen mußte. Als dann die Versammlung der Bürgervereinigung abgehalten
+wurde, begrüßte sie Herr Laberl sehr feierlich, sprach von dem Ernst der
+Zeiten, von den Zuständen, die man nicht mehr ertragen könne und sagte
+schließlich:
+
+»Der Ruf nach Neuwahlen wird immer ungestümer und ich bin der letzte,
+der den Ruf nicht hören will. Im Gegenteil, ich persönlich bin dafür,
+daß man tut, was das Volk will und durch Neuwahlen feststellt, ob die
+Bevölkerung Oesterreichs auch jetzt noch gutheißt, was die Regierung vor
+mehr als zwei Jahren getan, oder ob sie eine radikale Aenderung wünscht.
+Ich und wohl mit mir Sie alle, meine Herren, haben nur ein Ziel vor
+Augen: Den Wiederaufbau möglich zu machen, das unglückliche Volk aus dem
+Labyrinth, in das die Entente aber vielleicht auch schwerwiegende eigene
+Irrtümer es gestoßen haben, wieder ans Licht des Tages zu führen. Keine
+Dogmatik, kein Fanatismus, keine persönliche Antipathie oder Sympathie
+darf uns leiten, meine Herren, sondern lediglich der Nützlichkeitsgedanke!«
+
+Kallop sorgte dafür, daß die Rathauskorrespondenz noch in derselben
+Nacht die Rede des Bürgermeisters im Wortlaut den Zeitungen
+übermittelte, und am nächsten Tag wußte es sogar der dümmste Kerl von
+Wien, daß Karl Maria Laberl den Bundeskanzler im geeigneten Moment im
+Stich lassen werde.
+
+Als Doktor Schwertfeger in den Morgenblättern die nur von der
+»Arbeiter-Zeitung« entsprechend kommentierte Rede des Bürgermeisters
+las, stieg ihm gallbitterer Speichel in den Mund und er spie aus. Dann
+warf er einen langen, verlorenen, glanzlosen Blick vom Fenster über den
+Volksgarten, den jetzt ein weißes Leichentuch bedeckte.
+
+Herr Kallop aber rieb sich im Rathaus vergnügt die Hände. Und nachdem er
+sich vergewissert, daß weder ein Kollege noch ein Amtsdiener im Zimmer
+war, sagte er laut und vernehmlich: »Maseltoff!« und klopfte dreimal
+unter den Tisch. Wobei zu bemerken ist, daß Herr Kallop eine üppige,
+zwar schon zweimal geschiedene, aber dafür mit zahlreichen Millionen
+gesegnete Jüdin verehrte, die in Prag im Exil lebte. Und er wünschte
+nichts sehnlicher, als ihre und ihrer Millionen Rückkehr ins teure
+Vaterland, schon deshalb, weil er mit seinem Gehalt als Präsidialchef
+unmöglich die Teuerung länger aushalten konnte und außerdem falsch in
+polnischer Mark spekuliert hatte.
+
+ * * * * *
+
+Der Fasching dieses Jahres konnte die Laune der Wiener nicht verbessern.
+Grimmige Kälte, viel Schnee, ungeheizte Zimmer, weil der Meterzentner
+Kohle hunderttausend Kronen kostete, eine Pleite nach der anderen, der
+Zusammenbruch eines großen Bankkonzerns, bei dem viele ihr Geld liegen
+hatten.
+
+Die Bälle und Redouten standen vollständig unter dem Zeichen des
+Dirndlkostüms. Da der Toilettenluxus fehlte, machte man aus der Not eine
+Tugend, veranstaltete fast nur Bauernbälle, so daß Wien eher einem
+»Kirtag« glich als einer Großstadt.
+
+Dazu kam, daß Wien vollständig aufgehört hatte, eine Theaterstadt zu
+sein. Die ersten Kräfte der Staatsoper gastierten unaufhörlich im
+Ausland, die Philharmoniker absolvierten eben eine Tournee in
+Südamerika, die Privattheater hatten sich in Provinzschmieren mit
+unzulänglicher Regie, minderen Kräften und veralteten Spielplänen
+verwandelt, von auswärts kamen längst keine Konzertgäste mehr, weil
+ihnen Wien die großen Gagen nicht zahlen konnte, Zeitungen waren
+neuerdings eingegangen, weil die Zahl der Leser immer mehr abnahm und
+plötzlich ertönte wieder der Alarmruf: »Die Krone fällt!«
+
+An den ausländischen Börsen fanden enorme Kronenabgaben statt, so daß
+Zürich sie bald nur mehr auf ein Dreißigtausendstel Centime bewertete.
+Demgemäß stiegen alle Preise und die Bevölkerung begann in Verzweiflung
+zu geraten. Als das Kilogramm Fett eine Viertelmillion Kronen kostete,
+erschien wieder das geheimnisvolle kleine Plakat des Bundes der
+wahrhaftigen Christen mit den Worten:
+
+»Wie lange noch, Wiener, werdet Ihr diese Regierung dulden? Wann endlich
+wollt Ihr die Nationalversammlung auseinandertreiben und Neuwahlen
+erzwingen?«
+
+In den Morgenstunden des nächsten Tages kam es zu Plünderungen auf den
+Märkten, die erbitterten Hausfrauen stürmten die Stände, verprügelten
+die Marktfrauen und bemächtigten sich der Waren. In Favoriten nahm der
+Tumult einen revolutionären Charakter an, es mußte die Reichswehr
+aufgeboten werden, die sich aber weigerte, gegen die Frauen vorzugehen.
+
+In der Nationalversammlung, die eben tagte, richteten nicht nur die
+Sozialdemokraten, sondern auch einzelne Christlichsoziale und
+Großdeutsche Interpellationen an die Regierung, in denen gefragt wurde,
+was man zu tun gedenke, um der verzweifelten Bevölkerung zu helfen. Die
+Sozialdemokraten stellten einen Dringlichkeitsantrag, die Regierung möge
+sofort Neuwahlen ausschreiben, damit das Volk selbst entscheiden könne,
+ob es bereit sei, die herrschenden Zustände noch länger zu dulden.
+
+Totenbleich erhob sich der Bundeskanzler zu einer Entgegnung:
+
+»In diesem Augenblick der allgemeinen Verwirrung Neuwahlen ausschreiben,
+hieße das Geschick des Landes den radikalen Elementen ausliefern und den
+Juden wieder Tor und Türe öffnen! Das stolzeste und größte Werk, das die
+österreichische Legislatur jemals geschaffen, würde zusammenbrechen,
+weil wir nicht genug Geduld und Aufopferungsfähigkeit haben, um
+auszuhalten und die gegenwärtigen Schwierigkeiten zu überwinden. Ich
+weiß, daß das internationale Judentum am Werke ist und sicher arbeiten
+Agitatoren, von jüdischem Gelde bestochen, daran --«
+
+Die weiteren Worte des Kanzlers gingen in dem ungeheuren Tumult
+verloren, der nun folgte. Die Sozialdemokraten klopften mit den
+Pultdeckeln, die Galerie tobte und schrie, sogar aus den Reihen der
+Gesinnungsgenossen kamen Zurufe, wie: »Haben Sie Beweise für Ihre
+Behauptungen?«
+
+Um sechs Uhr abends wurde noch immer über den Dringlichkeitsantrag der
+Sozialdemokraten gesprochen, die ersichtlicherweise alles taten, um die
+Sitzung in die Länge zu ziehen. Jeder Redner sprach stundenlang; hatte
+der eine geendet, so meldete sich ein anderer zum Wort, die meisten
+Abgeordneten hörten längst nicht mehr zu, sondern stärkten sich am
+Büfett, auch die Ministerbank war leer geworden, nur Schwertfeger saß
+mit verschränkten Armen starr und düster auf seinem Sitz.
+
+Plötzlich kam neues Leben in das Haus. Das Gerücht verbreitete sich, daß
+Arbeitermassen im Anzuge seien, gleich darauf hörte man aus weiter Ferne
+die Klänge des Arbeiterliedes, das Jauchzen und Toben erregter
+Menschenmassen, bis plötzlich ein einziger Ruf von ungeheurer Stärke
+durch die geschlossenen Fenster drang:
+
+Nieder mit der Regierung! Fort mit der Nationalversammlung! Wir wollen
+Neuwahlen!
+
+Und schon umzingelten dichte Menschenmassen mit ihren Fahnen und
+Standarten das Abgeordnetenhaus und immer neue Züge kamen an, die
+gesamte Arbeiterschaft Groß-Wiens, die Angestellten und Beamten waren
+von den Fabriken und Werkstätten, Bureaus und Aemtern in geschlossenen
+Gruppen anmarschiert.
+
+Schon donnerten mächtige Schläge gegen die Tore des Hauses, die rasch
+geschlossen worden waren, schon prasselte ein Steinhagel gegen die
+Fenster, schon hatte sich eine Deputation der Arbeiter gewaltsam Einlaß
+verschafft. Ihr Führer, ein Eisenarbeiter namens Stürmer, ein gewaltiger
+Kerl mit klugen Augen und riesigem Schädel, stellte sich mitten unter
+die Abgeordneten, die, von Panik ergriffen, wie die Schafe beim Gewitter
+einen geschlossenen Haufen bildeten, und erklärte kurz und bündig:
+
+»Das Militär hält zu uns, die Jungmannschaft unter den Polizisten
+ebenfalls! Entweder die Regierung löst innerhalb zehn Minuten das Haus
+auf und erklärt, daß sofort Neuwahlen ausgeschrieben werden, oder die
+Massen gehen mit Gewalt vor. Die Erbitterung der Leute kennt keine
+Grenzen, hinter den Arbeitern steht diesmal das Bürgertum, es handelt
+sich um keine politische Angelegenheit, sondern um Taten der
+Verzweiflung. Am wildesten sind die Frauen, hören Sie nur, wie sie
+schreien, man möge das Parlament anzünden! Gibt die Regierung nicht
+nach, so können wir für nichts garantieren!«
+
+Und es geschah, was geschehen mußte. Die Minister erklärten nach kurzer
+Beratung mit den christlichsozialen und großdeutschen Parteiführern,
+sich dem Terror zu fügen, das Haus auflösen und Neuwahlen sofort
+ausschreiben zu wollen. Der Bundeskanzler bot gleich seine Demission an,
+aber seine Kollegen und die Parteigrößen beschworen ihn, sie in diesem
+kritischen Augenblick nicht zu verlassen und so willigte er denn ein,
+die Zügel der Regierung noch bis zu den Wahlen in seinen Händen zu
+behalten.
+
+Als dem erregten Volke Mitteilung von der Auflösung der
+Nationalversammlung gemacht wurde, löste sich die Spannung in ungeheuren
+Jubel auf und in der kommenden Nacht wurden die Weinvorräte Wiens ganz
+erheblich gelichtet.
+
+Sogar der Franzose Henry Dufresne, der der denkwürdigen Sitzung auf der
+Galerie beigewohnt hatte, trank sich allein in seinem Atelier einen
+ordentlichen Rausch an. Am nächsten Morgen aber war er wieder frisch und
+munter, entwarf eine geniale Skizze, die das Titelbild des
+Warenhausromanes von Zola bilden sollte und schwenkte Lotte, die
+vormittags schneebedeckt mit kalten roten Backen zu ihm kam, in seinen
+Armen durch die Luft.
+
+Lotte war in ausgelassener Laune wie er, denn ihr Papa hatte nach der
+Lektüre der Morgenblätter sehr ernst gesagt:
+
+»Mein Kind, ich sehe schwere Konflikte für dich kommen! Wenn nicht alles
+trügt, so wird Leo Strakosch bald die Möglichkeit haben, nach Wien
+zurückzukehren und dann wirst du dich entscheiden müssen: Entweder er,
+den du so sehr geliebt hast und der mir ein willkommener Sohn wäre oder
+dieser mysteriöse Franzose, den wir noch immer nicht kennen gelernt
+haben!«
+
+Als Lotte darauf lächelnd erwidert hatte, sie würde am liebsten beide,
+Leo und den Franzosen nehmen, da war Hofrat Spineder ernstlich böse
+geworden und hatte sie für frivol und unmoralisch erklärt. Sie mußte
+ihre ganze Verführungskunst aufwenden, um ihn zu besänftigen.
+
+Und nun saß sie auf dem Schoß ihres Geliebten und küßte Henry Dufresne
+und Leo Strakosch in einer Person mit Feuereifer ab.
+
+ * * * * *
+
+Leo, der fast nie Gelegenheit fand, mit irgend jemandem außer mit Lotte
+und seiner Aufwartefrau zu sprechen, hatte in der letzten Zeit zwei
+Bekanntschaften gemacht, die ihm wichtig dünkten. Die eine bestand in
+der Person des Nationalrates Wenzel Krötzl, die andere war der Inhaber
+des großen Modehauses in der Kärntnerstraße, Herr Habietnik.
+
+Mit Krötzl war Leo auf folgende Weise bekannt geworden: Als er einmal
+spät nachts aus dem Kaffeehaus, in dem er die Zeitungen und
+Zeitschriften zu lesen pflegte, nach Hause gekommen war, fand er auf dem
+letzten Treppenabsatz einen stockbesoffenen Mann liegen, der jämmerlich
+weinte und sich vergeblich bemühte, aufzustehen. Leo half ihm in die
+Wohnung, die unterhalb seines Ateliers gelegen war und erfuhr bei dieser
+Gelegenheit, daß er den ehrsamen Nationalrat Wenzel Krötzl vor sich
+hatte, seines Zeichens im Nebenberuf Häuserschieber. Nicht nur, daß dies
+auf dem Türschild vermerkt stand, Herr Krötzl schrie auch, während er
+hin- und hertaumelte, immerzu:
+
+»Wann aner sagt, daß i b'soffen bin, so is er a jüdischer Gauner! I bin
+a g'wählter Nationalrat, an Abgeordneter und hab' fufzich Häuser zum
+verkaufen, die was früher denen Saujuden g'hört ham!«
+
+Leo hatte dann im Laufe der Zeit Gelegenheit, zu erfahren, daß Herr
+Krötzl nicht nur einer der wütendsten Antisemiten sei, sondern auch ein
+notorischer Trunkenbold, der sich gewöhnlich schon am Büfett des
+Parlaments seinen Frühstücksrausch kaufte. Nebenbei hatte er eine
+gewisse Beredsamkeit und genoß infolge seiner derben Ausdrucksweise viel
+Popularität unter seinen Wählern. Er war Witwer und beherbergte von Zeit
+zu Zeit eine angebliche Wirtschafterin bei sich, mitunter solche, die
+knapp das straffreie Alter von vierzehn Jahren besaßen.
+
+Die Bekanntschaft des Herrn Habietnik hatte Leo auf wesentlich
+bürgerlichere Art gemacht. Leo pflegte seinen Bedarf an Krawatten und
+Wäschestücken in dem Modehaus zu decken, das trotz seiner »Verloderung«
+noch immer die besten Waren führte, und bei solcher Gelegenheit war er
+einmal mit Herrn Habietnik ins Gespräch gekommen. Herr Habietnik war
+entzückt, einen Franzosen von Distinktion zu bedienen, der sich tadellos
+trug und genau wußte, daß zu einem blauen Cheviotanzug eine perlengraue
+Seidenkrawatte am besten paßte, es kam zu einem angeregten Gespräch, im
+Verlaufe dessen Leo erkannte, wie sehr der intelligente Kaufmann unter
+den herrschenden Verhältnissen litt, und von da an trafen sich die
+beiden öfters in dem Laden, schließlich vereinbarten sie sogar hie und
+da eine Zusammenkunft im Graben-Café.
+
+Nach der Auflösung der Nationalversammlung beeilte sich Leo, mit Herrn
+Habietnik wieder in Fühlung zu kommen, und im Laufe der Unterhaltung
+fragte er ihn um seine Meinung über die künftige Entwicklung.
+
+Herr Habietnik schüttelte sorgenvoll das Haupt:
+
+»Also die Sozis arbeiten wieder mit Volldampf und werden die Stimmen,
+die sie das letztemal verloren hatten, zurückgewinnen. Die
+Christlichsozialen und Großdeutschen haben den Kopf verloren, sind mit
+ihrem Programm noch nicht herausgekommen, aber schließlich wird jeder,
+der nicht Sozialdemokrat ist, doch für eine der beiden Parteien stimmen
+müssen.«
+
+»So daß also vielleicht gar das Judengesetz in Kraft bleiben wird?«
+
+»Kann sein, wenn die Sozialisten nicht die Zweidrittelmehrheit, die zu
+jeder Verfassungsänderung notwendig ist, bekommen. Denn ich fürchte, daß
+die Christlichsozialen und Großdeutschen doch nicht den Mut haben
+werden, das Ausnahmsgesetz gegen die Juden aufzuheben. Das heißt,
+eigentlich müßte ich sagen, ich hoffe, denn wenn die Juden wieder
+kommen, so wird man mir am Ende gar das Geschäft wieder nehmen -- --.«
+
+»Unsinn«, erklärte Leo energisch. »Was Sie haben, kann man Ihnen nicht
+mehr nehmen! Vielleicht, daß man es Ihnen abkaufen oder daß der frühere
+Firmeninhaber sich mit Ihnen zu einer Teilhaberschaft bequemen würde.
+Die Hauptsache ist aber doch wohl, daß Sie die Jagerhütln und die
+Lodenröcke wieder hinausschmeißen und Ihre Auslagen so arrangieren
+können, wie sie einst waren.«
+
+Begeisterung glomm in den Augen Habietniks auf und mit warmem, ehrlichem
+Ton erwiderte er:
+
+»Jawohl! Das ist die Hauptsache! Wenn ich daran denke, daß hier wieder
+einmal Leben und Luxus herrschen könnte, wie einst -- nein, das ist ein
+zu schöner Traum, um wahr zu sein.«
+
+»Hören Sie, Herr Habietnik,« sagte Leo, indem er seine Hand auf den Arm
+des Kaufmannes legte, »Sie sind der Mann, um den Traum wahr zu machen!
+Noch trennen uns Wochen von den Neuwahlen. Das genügt, um eine
+bürgerliche Partei, bestehend aus den fortgeschrittenen Elementen, den
+angesehenen Kaufleuten, den Gelehrten, Rechtsanwälten, Künstlern und
+Fabrikanten zu bilden, mit der offenen und ungeschminkten Parole:
+Aufhebung des Ausnahmegesetzes gegen die Juden! Nehmen Sie das heute
+noch in Angriff, bilden Sie ein zwölfgliedriges Komitee, in dem drei
+Kaufleute, drei Industrielle, drei Festangestellte und drei Leute mit
+freiem, akademischem Beruf sitzen, lassen Sie, da Sie noch keine Zeitung
+zur Verfügung haben, zehntausend Plakate drucken, gründen Sie dann
+Bezirkskomitees, betreiben Sie Propaganda von Straße zu Straße, von Haus
+zu Haus und der Erfolg kann nicht ausbleiben. Ich bin ein Fremder, kenne
+die Verhältnisse nicht so genau wie Sie, aber dafür bin ich objektiver
+und ich weiß ganz sicher, daß ein erheblicher Teil der Bevölkerung die
+neue Partei stürmisch begrüßen wird.«
+
+Herr Habietnik war Feuer und Flamme. Am selben Abend noch trommelte er
+ein halbes Hundert Kaufleute aus der Inneren Stadt, Fabrikanten,
+Rechtsanwälte zusammen, und um ein Uhr morgens war das Komitee
+konstituiert, dem ein gemeinsam gezeichnetes Millionenkapital zur
+Verfügung stand.
+
+Die neue Partei hieß »Partei der tätigen Bürger Oesterreichs«, stellte
+sich auf ein absolut bürgerlich-freisinniges Programm und begann mit
+einer lebhaften und temperamentvollen Agitation. Daß der Franzose
+Dufresne die Flugzettel und Aufrufe verfaßte, das wußte niemand als Herr
+Habietnik.
+
+Der Erfolg übertraf die kühnsten Erwartungen. Früher war die Bevölkerung
+jedem Versuch, eine demokratische Bürgerpartei zu gründen, mit größtem
+Mißtrauen entgegengetreten, weil sich in solcher Partei immer wieder die
+Juden vordrängten. Diesmal war das eine rein christliche Angelegenheit,
+die Namen der Parteiführer bürgten dafür, daß es sich nicht um eine von
+auswärtigen Juden angezettelte Verschwörung handelte, und alle die
+Leute, die durch das Judengesetz geschädigt worden waren, drängten sich
+in die Komiteelokale, um Mitglieder der neuen Partei zu werden. In
+hellen Scharen kamen die Kaufleute, die Juweliere, die Stückmeister der
+großen Schneider, die brotlos gewordenen Chauffeure, sie brachten ihre
+Frauen mit, immer größer wurde der Ansturm, trotz des Zeter- und
+Mordiogeschreies der christlichsozialen Blätter. Die »Arbeiter-Zeitung«
+verhielt sich zurückhaltend und durchaus nicht aggressiv. Man sagte sich
+dort, daß zweifellos die Partei der tätigen Bürger den Sozialdemokraten
+Tausende von Stimmen entziehen würde, andererseits aber dorthin alle
+jene Stimmen strömen würden, die sonst sich der Wahl enthielten oder
+doch wieder den Christlichsozialen oder Großdeutschen zuliefen. Also
+beschränkte sie sich darauf, hier und dort gegen das Programm der
+Bürgerlichen zu polemisieren, im geheimen aber wurden in zweifelhaften
+Bezirken sogar Vereinbarungen geschlossen.
+
+Und der Tag der Wahlen, die auf den 3. April festgesetzt worden waren,
+rückte näher und näher, die ganze Welt begann sich für sie zu
+interessieren, die fremden Börsen nahmen eine abwartende Haltung ein und
+ließen die Krone auf ihrem Tiefstand ruhen, und Wiens bemächtigte sich
+zunehmende Aufregung, die wiederholt zu Exzessen und bösartigen Tumulten
+führte. Denn alle Parteien arbeiteten mit jedem verfügbaren Mittel: die
+antisemitischen schrien »Verrat!« und erzählten Schauergeschichten von
+der Verschwörung des internationalen Judentums; die Sozialdemokraten
+hetzten gegen die Bauern, die die arbeitende Stadtbevölkerung
+ausplündern und gegen die christliche Demagogie, die sich nur selbst
+durch die Ausweisung der Juden hatte bereichern wollen; die neue
+Bürgerpartei aber führte immer wieder auf riesengroßen Plakaten Ziffern
+auf, die bewiesen, wie furchtbar die Verelendung Wiens seit der
+Ausweisung der Juden, wie Wien tatsächlich zu einem Riesendorf geworden,
+wie jeder Schwung und Zug ins Große geschwunden. Und immer wieder
+versicherte sie in allen Variationen und Tonarten:
+
+»Das Ausnahmsgesetz gegen die Juden muß aufgehoben werden, aber
+gleichzeitig wird es Sache einer klugen, gewissenhaften Regierung sein,
+alle jene Elemente, die nicht schon vor dem Weltkrieg in Wien seßhaft
+waren, fern zu halten, es sei denn, sie können vor einem zuständigen,
+aus Bürgern und Arbeitern zusammengesetzten Gerichtshof nachweisen, daß
+sie willens und fähig sind, in Oesterreich nutzbringende, produktive,
+werterzeugende, dem Gesamtwohl notwendige Arbeit zu leisten.«
+
+Beim Bundeskanzler fanden täglich bis in die Nacht währende Sitzungen
+statt, in denen beraten wurde, wie man am besten der neuen Partei und
+dem wieder erstarkten Sozialismus entgegenarbeiten könnte. Schwertfeger
+hatte die richtige Empfindung gehabt. Es mußte ein neuer, mächtiger
+Geldkredit aufgebracht werden, die Krone mußte steigen, die Bevölkerung
+erfahren, daß das Christentum der ganzen Welt mit ihr solidarisch sei --
+dann würde die Regierung den Sieg erringen. Und der Finanzminister
+Professor Trumm hatte sich gleich nach der Auflösung des Hauses auf die
+Beine gemacht und war nach Berlin, Paris und London gefahren, um zu
+betteln und zu beschwören. Vergebens! Die großen christlichen
+Vereinigungen im Ausland, die französischen Antisemiten, die
+holländischen Christen -- sie alle hatten Worte des Mitempfindens und
+der Sympathie, erkundigten sich lebhaft nach dem Schicksal der vielen
+Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert, und hielten die
+Taschen fest zu. Die größte Enttäuschung bildete das Verhalten des
+amerikanischen Billionärs Mister Huxtable, auf den man am sichersten
+gerechnet hatte. Er ließ alle Telegramme und Bittschriften
+unbeantwortet, und zehn Tage vor den Wahlen kam ein Kabeltelegramm des
+Vertrauensmannes der österreichischen Regierung in Newyork, das
+folgenden niederschmetternden Wortlaut hatte:
+
+»Huxtable unnahbar. Hat sich heimlich mit einer jungen Jüdin aus Chicago
+vermählt. Beabsichtigt, den der österreichischen Regierung vor drei
+Jahren eingeräumten Kredit der jüdischen Großbank »Kuhn und Loeb« um ein
+Viertel zu verkaufen.«
+
+Schwertfeger begann in Düsterkeit zu erstarren, die antisemitischen
+Häuptlinge verloren vollends den Kopf. Bürgermeister Laberl aber tat
+etwas, was die ungeheuerste Sensation erregte. Drei Tage vor den Wahlen
+trat er aus dem christlichsozialen Bürgerklub aus und der Partei der
+tätigen Bürger bei. Und seinem Beispiel folgte mehr als die Hälfte der
+Gemeinderäte.
+
+An diesem Tage wehte ein warmer Wind die letzten Schneemassen von den
+Abhängen der Wiener Berge fort und oben im Atelier in der Billrothstraße
+hielten sich zwei junge Menschenkinder heiß und sehnsuchtsvoll umfangen.
+Und er flüsterte:
+
+»Oh, wärst du schon mein!«
+
+Und sie erwiderte traumverloren:
+
+»Wenn du dir schon den Knebelbart abnehmen könntest; er kitzelt so arg!«
+
+ * * * * *
+
+Die Wahlen vollzogen sich unter einer Beteiligung, wie sie kaum jemals
+auf der Welt erlebt worden. Greise, Kranke, Lahme kamen zu den Urnen,
+und nachmittags, als die Wahllokale geschlossen wurden, wußte man, daß
+in Wien 99 Prozent der Wahlberechtigten ihre Bürgerpflicht getan. Dann
+begann im ganzen Lande die Zählung der Stimmen, die bis in die frühen
+Morgenstunden währte, und vormittags verkündeten Extra-Ausgaben der
+»Arbeiter-Zeitung« und der »Weltpresse« das staunenswerte Resultat.
+
+Den Christlichsozialen und Großdeutschen waren nur die Landbewohner treu
+geblieben, Wien hatte fast ausschließlich die Kandidaten der Sozialisten
+und der Bürgervereinigung gewählt, ebenso die kleinen Städte und das
+österreichische Industriegebiet. Und so setzte sich denn das neue
+Parlament folgendermaßen zusammen: Siebzig Sozialdemokraten,
+sechsunddreißig Mitglieder der Vereinigung der tätigen Bürger, dreißig
+Christlichsoziale und vierundzwanzig Großdeutsche. Das ergab 106 Stimmen
+für die Aufhebung des Ausnahmsgesetzes gegen die Juden, vierundfünfzig
+für die Aufrechterhaltung. Und damit schien der schöne Traum Leos, der
+freisinnigen Bürger und Sozialdemokraten zerstört, denn es fehlte ihnen
+genau eine Stimme zur Zweidrittelmajorität, ohne die eine Aenderung der
+Verfassung nicht vorgenommen werden konnte. Trotz ihrer vernichtenden
+Niederlage, trotz der Tatsache, daß die Regierung sofort demissionieren
+und einer sozialistisch-demokratischen weichen mußte, jubelten die
+Antisemiten, sie veranstalteten Kundgebungen unter der Parole »Die Juden
+bleiben draußen!«
+
+Eine einzige Angst beherrschte die besiegten Sieger: Die Mehrheit hatte
+verkündet, daß sie schon in der zweiten Sitzung des neugewählten Hauses,
+die in acht Tagen stattzufinden hatte, den Dringlichkeitsantrag auf
+Aufhebung des Judengesetzes und Wiederherstellung der Freizügigkeit für
+jedermann stellen würde. Wie nun, wenn ein Christlichsozialer oder
+großdeutscher Nationalrat der Sitzung fernbleiben würde? An ein
+beabsichtigtes Fernbleiben war nicht zu denken, aber schließlich konnte
+einer der Abgeordneten vom Lande krank werden oder einen Unfall erleiden
+und dieser eine würde den Gegnern die Zweidrittelmajorität sichern. Die
+unterlegenen Parteien ließen daher für sämtliche gewählte Nationalräte
+aus ihrem Lager am Tage vor dem Zusammentritt des Hauses Extrazüge mit
+je einem begleitenden Arzt bereitstellen. Auf diese Weise glaubten sie
+sich vor jedem verhängnisvollen Zwischenfall sicher. Für Wien selbst
+waren Vorsichtsmaßregeln nicht notwendig, denn in Wien war einzig und
+allein der Häuseragent Herr Wenzel Krötzl von den Weinbauern und Wirten
+des neunzehnten Bezirkes, denen es in dem judenreinen Wien sehr gut
+ging, gewählt worden. Seiner war man in jeder Beziehung sicher und er
+erfreute sich einer vorzüglichen Gesundheit.
+
+Dieser Herr Krötzl bildete nun die einzige und letzte Hoffnung Leos,
+während Lotte unter der schweren Enttäuschung fast zusammenbrach. Sie
+weinte den ganzen Tag, kaum daß sie noch die Energie aufbrachte, täglich
+zu Leo zu eilen, der sich vergebens bemühte, ihr Mut und Hoffnung
+einzuflößen. Hofrat Spineder, der selbst durch den Fortbestand des
+Judengesetzes schwer gekränkt und enttäuscht wurde, kannte sich in
+seiner Tochter nicht mehr aus und begann ernstlich an ihrem Verstand zu
+zweifeln. Sorgenvoll besprach er ihr merkwürdiges Verhalten mit seiner
+Gattin.
+
+»Was soll das alles heißen? Hat Leo vergessen, verbringt halbe Tage mit
+einem neuen Verlobten, diesem Franzosen, den ich zu hassen beginne, ohne
+ihn zu kennen, läßt sich von ihm beschenken, erklärt plötzlich, daß sie
+am liebsten beide, den Leo und den Dufresne, nehmen würde, und nun, da
+Leo nicht zurückkommen kann, sitzt sie da und weint sich die Augen aus
+dem Kopf. Ich glaube, das Mädel ist übergeschnappt!«
+
+Frau Spineder seufzte tief.
+
+»Mein Lieber, ich kenne selbst mein Kind nicht mehr und habe keine
+Ahnung, was in seinem Herzen vorgeht. Jedenfalls müssen wir, wenn sich
+zeigt, daß das Judengesetz bestehen bleibt, darauf dringen, diesen Herrn
+Dufresne kennen zu lernen.«
+
+Hofrat Spineder nickte.
+
+»Jawohl! Und sollte sich Lotte abermals weigern oder die Sache
+hinauszuschieben versuchen, so schicken wir sie zu Tante Minna nach
+Klagenfurt!«
+
+Leo überlegte Tag und Nacht und hatte schließlich einen festen Plan
+gefaßt, einen Plan, der entscheiden sollte, ob er weiterhin mit offenem
+Visier in Wien bleiben konnte oder zurück nach Paris mußte. Fiel das
+Gesetz nicht, so wurde seine Rückreise zwingende Notwendigkeit, da sein
+Freund Henry Dufresne, dessen Namen er führte, jetzt selbst aus
+Südfrankreich wieder nach Paris übersiedeln wollte und von da an die
+Gefahr einer Aufdeckung seines verwegenen Spiels vorlag.
+
+ * * * * *
+
+Am Tage der Eröffnung der Nationalversammlung, also einen Tag vor der
+ersten entscheidenden Sitzung, besorgte Leo Strakosch, mit einem
+Handkoffer bewaffnet, allerlei Einkäufe. Bei Sacher kaufte er für einen
+phantastischen Preis, für den man einmal ein ganzes Ringstraßenhaus
+bekommen hätte, eine Straßburger Gänseleberpastete in der Terrine, im
+Hotel Imperial ließ er sich drei Flaschen eines köstlichen weißen
+Burgunders, drei Flaschen des schwersten und kostbarsten Bordeauxweines
+geben, außerdem eine Flasche uralten französischen Kognaks. Abends
+lauerte er dann vor dem Haustor dem Herrn Krötzl auf, der sich gerade
+nach der feierlichen Eröffnungssitzung des Hauses ins Wirtshaus begeben
+wollte, gratulierte ihm herzlich zu seiner Wiederwahl und sagte:
+
+»Lieber Herr Nationalrat, ich möchte morgen auch der historischen Tagung
+des Hauses beiwohnen. Um elf ist der Beginn der Sitzung, also werde ich
+auf zehn Uhr mein Auto bestellen und Sie, wenn es Ihnen recht ist,
+mitnehmen.«
+
+Herr Krötzl fühlte sich durch die Liebenswürdigkeit des vornehmen und,
+wie es schien, sehr reichen jungen Franzosen höchst geschmeichelt, er
+nahm die Einladung dankend an und fügte hinzu:
+
+»Bin Ihnen sogar sehr verbunden, wenn Sie um zehn Uhr zu mir kommen,
+weil i' dann net riskier', zu verschlafen. Meine Wirtschafterin, das
+dumme Luder, vergißt am End' noch, mich zu wecken, und i' hab' an so
+schweren Schlaf, daß i die Weckuhr net hör'. Dös wär' aber a schöne
+G'schicht', wann i morgen verschlafen tät. Nachher hätten mir in
+vierundzwanzig Stunden die Saujuden, die verfluchten, wieder in Wien!«
+
+Henry Dufresne nahm die übernommene Pflicht, Oesterreich vor den Juden
+zu schützen, sehr ernst, denn er läutete schon um halb zehn Uhr bei
+Herrn Krötzl an. Ein schlumpiges, zwar ungewaschenes, aber noch
+geschminktes junges Ding öffnete ihm und ließ den ihr wohlbekannten
+hübschen Franzosen, der eine mächtige Schachtel trug, ohneweiters ein,
+ein wenig enttäuscht, daß er ihr und ihren reichlichen Blößen nicht die
+geringste Aufmerksamkeit schenkte, sondern sich damit begnügte, ihr eine
+Banknote zu geben und sie zu bitten, gleich die Morgenblätter aus der
+Trafik zu holen.
+
+Leo packte im Vorzimmer umständlich die Schachtel aus, dann, als das
+Mädchen gegangen war, um seinen Auftrag auszuführen, begab er sich rasch
+in die Küche, rückte den Stundenzeiger der Kuckucksuhr um eine volle
+Stunde zurück, schlich sich auf den Zehenspitzen in das Wohnzimmer,
+bearbeitete dort die große Pendeluhr in gleicher Weise und öffnete
+schließlich, ohne anzuklopfen, leise die Türe zum Schlafzimmer des Herrn
+Nationalrates. Richtig lag dieser mit offenem Maul sägend und
+schnarchend in seinem Bett und auf dem Nachtkästchen erblickte Leo
+sofort die goldene Taschenuhr, die eben auf ein viertel vor zehn wies.
+Blitzschnell war auch sie auf ein viertel vor neun gestellt und dann
+machte sich der Franzose an die unerquickliche Arbeit, Herrn Krötzl, das
+Wiener Postament der christlichsozialen Partei, zu wecken. Es dauerte
+geraume Zeit, bevor Krötzl endlich die verquollenen Aeuglein aufschlug
+und die Situation begriff.
+
+»Jessas, der Herr Dufresne, is' schon so spät?« Und dann, mit einem
+Blick auf die Taschenuhr, brummend: »Noch net amal Neun is'! Da hätt' i'
+noch a ganze Stund' schlafen können!«
+
+»Jawohl,« sagte Leo lachend, »wenn ich nicht eine bessere Unterhaltung
+für Sie und mich wüßte. Stellen Sie sich nur vor, wie ich gestern nacht
+nach Hause komme, finde ich ein Postpaket aus Paris vor mit den besten
+Weinen, die Frankreich besitzt. Na, und weil ich mich wirklich über
+Ihren Sieg von ganzem Herzen freue, denke ich, daß wir, bevor wir ins
+Parlament fahren, noch eine kleine Siegesfeier unter uns veranstalten
+können. Sie sind ja Kenner, Herr Nationalrat, und werden sehr bald
+zugeben, einen solchen Wein, wie ich ihn Ihnen kredenze, im Leben noch
+nicht genossen zu haben.«
+
+Wie elektrisiert sprang Herr Krötzl aus dem Bett, zog sich notdürftig an
+und streichelte dann bewundernd die eine der sechs Weinflaschen nach der
+anderen, die mit allen Zeichen des ehrwürdigen Alters vor ihm standen.
+Weißbrot war vorhanden, die Straßburger Pastete entlockte Herrn Krötzl
+ein rülpsendes Grunzen, das sich in einen Jubelhymnus verwandelte, als
+das erste Glas des goldgelben Burgunders durch seine Kehle rann.
+
+»A so a Weinerl! Wann man den immer hätt', dann tät' man an anderer
+Mensch wer'n! Ka Wunder, wenn die Franzosen so an Schick zum Leben
+haben, wo 's so an Wein bei ihnen gibt!«
+
+Das zweite Glas wurde auf den Sieg des Herrn Krötzl geleert, das dritte
+auf »Nieder mit den Juden«, das vierte auf »Hoch die schöne, judenreine
+Stadt Wien«. Dann wurde einer Flasche des blutroten Bordeaux der Hals
+gebrochen, und als sie zur Neige ging und Leo die dritte Flasche
+entkorkte, trug ihm Krötzl die Bruderschaft an. Bei der vierten Flasche
+machte er den Franzosen mit den Geheimnissen seines Sexuallebens bekannt
+und erklärte, daß Frauenzimmer über vierzehn eigentlich alte Weiber
+seien. Die sechste Flasche wurde von Leo, ohne daß Krötzl, dem sich die
+Welt vor den Augen zu drehen begann, es merkte, zur Hälfte mit Kognak
+gemischt, und nun hieß es -- Schluß machen, weil der Herr Nationalrat
+sonst überhaupt nicht mehr die Treppen hinuntergebracht hätte werden
+können und die richtiggehende Uhr auf zwölf ging, also die Gefahr
+bestand, daß jeden Augenblick die Parteigenossen Krötzls nach ihm
+fahnden würden. Daß Leo bei solcher Zecherei selbst vollständig nüchtern
+geblieben war, verdankte er lediglich dem Umstand, daß er den Inhalt
+seines Glases regelmäßig unter den Tisch auf den schönen Perserteppich
+gegossen hatte.
+
+Mit ungeheurer Anstrengung beendigte Leo die Toilettierung des
+Nationalrates, dann trug er ihn fast die vielen Treppen hinunter und
+beförderte ihn mit Hilfe des Chauffeurs in das Innere des geschlossenen
+Automobils. Grinsend hatte der Chauffeur dem Franzosen, den er oft zu
+führen pflegte, zugenickt. Leo stieg ein, setzte sich neben Krötzl, der
+schon als halbe Weinleiche in der Ecke lag, und in mäßigem Tempo ging es
+vorwärts.
+
+Am Tage vorher hatte Leo mit dem Chauffeur eine wichtige Unterredung
+gehabt, die mit der Frage begann:
+
+»Wollen Sie hundert französische Francs verdienen?«
+
+Der Chauffeur hatte ungeheure Augen gemacht, war blutrot geworden und
+erwiderte keuchend:
+
+»Herr, für hundert Francs führ' ich Sie auf den Mond!«
+
+Aber der Franzose erwies sich als wesentlich bescheidener. Er erklärte,
+daß es sich um eine Wette handle und er nichts weiter zu tun habe, als
+vor dem Haus in der Billrothstraße zu warten, bis er, Monsieur Dufresne,
+mit einem voraussichtlich schwergeladenen Herrn einsteigen werde.
+Daraufhin habe das Auto stadtwärts bis zur Volksoper zu fahren, wo er
+aussteigen werde. Nunmehr müsse die Fahrt weiter bis zur großen
+Irrenanstalt am Steinhof, die weit außerhalb im Südwesten der Stadt
+liegt, gehen. Dort müsse der Chauffeur so lange stehen bleiben, bis sein
+betrunkener Gast sich melde. Und dann folgten weitere ausführliche
+Instruktionen für den intelligenten, lustigen Chauffeur.
+
+Alles wickelte sich programmäßig ab. Bevor noch das Auto bei der
+Volksoper angelangt war, schlief Herr Krötzl, nachdem er sich heftig
+übergeben hatte, den Schlaf des gerechten Säufers und Leo konnte
+ungestört ausspringen. Während Leo nach dem Parlament eilte, setzte der
+Chauffeur die fast halbstündige Fahrt nach Steinhof fort, wo er auf
+offener Straße seelenruhig stehen blieb und eine der guten Zigaretten
+Leos nach der anderen rauchte. So wurde es schließlich nahezu zwei Uhr,
+als endlich Herr Krötzl mit schmerzendem Schädel erwachte. Minuten
+vergingen, bevor er die Situation begriff und sich endlich klar darüber
+war, daß er sich in total verunreinigtem Zustande allein in einem
+Automobil befand. Schließlich, nach weiteren Minuten, erkannte er sogar,
+daß er sich durchaus nicht vor dem Parlament, sondern in der
+unmittelbaren Nähe der Irrenanstalt am Steinhof aufhielt. Er sah
+verwirrt auf seine Uhr. Da sie zurückgerichtet war, wies sie auf eins.
+Entsetzt riß Krötzl den Wagenschlag auf, schimpfend und tobend drang er
+auf den Chauffeur ein, der gleichmütig erklärte, er habe als Fahrtziel
+Steinhof verstanden und der andere Herr sei unterwegs ausgestiegen. Mit
+den Fäusten fuhr sich Krötzl in die Haare, er weinte, schrie, bekam fast
+einen Tobsuchtsanfall, nannte den Chauffeur einen Staatsverbrecher,
+sprach von einer furchtbaren Verschwörung und Rache und flehte
+schließlich den Wagenlenker, der auch grob zu werden begann, an, er möge
+mit Windeseile nach dem Parlament fahren.
+
+Tausend Meter etwa fuhr dann auch das Auto, dann blieb es weit und breit
+von jeder Behausung entfernt stehen, und achselzuckend erklärte der
+Chauffeur, daß etwas am Motor in Unordnung sei und er nicht weiter
+könne.
+
+Im Galopp rannte der nüchtern gewordene Krötzl die tausend Meter nach
+der Irrenanstalt zurück. Dort benahm er sich dem Pförtner gegenüber so
+aufgeregt, daß dieser ihn für einen entsprungenen Insassen hielt und
+Wärter herbeirief. Es verging eine weitere halbe Stunde, bevor Krötzl zu
+einem Fernsprecher geführt wurde, er bekam natürlich keine Verbindung
+mit dem Parlament, da dort alle Nummern besetzt waren, und als er
+endlich die Verbindung hatte und der Parteisekretär zur Stelle gebracht
+war, schrie ihm dieser in die Ohren, daß er ein besoffenes Schwein sei;
+ein von den Juden gekaufter Gauner und bereits alles vorbei wäre.
+
+»Das Judengesetz ist gefallen!« Mit diesen Worten läutete er dem
+unglücklichen Nationalrat in die Ohren, der daraufhin in eine lange,
+wohltätige Ohnmacht fiel.
+
+ * * * * *
+
+Als Leo das Parlamentsgebäude betrat, hatte der neugewählte Präsident
+eben die schon am Tage vorher an Stelle des zurückgetretenen Kabinetts
+gewählten Minister begrüßt und mitgeteilt, daß zwei Dringlichkeitsanträge
+eingebracht worden seien, dahingehend, den Paragraph 11
+der Bundesverfassung, der den Juden und Judenabkömmlingen
+den Aufenthalt in Oesterreich untersagt, zu streichen.
+
+Ein sozialdemokratischer Nationalrat erhob sich und stellte den Antrag,
+über die gestellten Dringlichkeitsanträge sofort zu verhandeln. Trotz
+des tosenden Lärmens der Christlichsozialen und Großdeutschen pflichtete
+die Mehrheit bei, worauf der Präsident dem Führer der Sozialdemokraten,
+Doktor Wolters, als erstem Proredner das Wort erteilte.
+
+Wolters wies darauf hin, daß er und seine Parteikollegen schon vor fast
+drei Jahren gegen das Gesetz gewesen seien, das einen Faustschlag gegen
+die Menschenrechte, einen Rückfall in das finstere Mittelalter
+bedeutete. Damals sei die Opposition niedergeschrieen, beschimpft und
+aus dem Saal gedrängt worden, heute aber habe das verführte und
+berauschte Volk sie in solcher Zahl zurückgeführt, daß nunmehr die Macht
+in ihren und den Händen anderer freisinniger Männer liege. Wolters
+entwickelte dann die Ereignisse der letzten Jahre, wies den furchtbaren
+Zusammenbruch Oesterreichs nach, führte schlagende Ziffern an und schloß
+mit den Worten:
+
+»Das kühne, allzukühne Werk des Mannes, der sich göttliche Macht anmaßte
+und nun nicht einmal mehr einen Sitz in diesem Hause bekommen konnte,
+ist zusammengebrochen, und draußen warten hunderttausend Arbeitslose und
+mit ihnen alle tätigen, zur Verzweiflung getriebenen Kräfte, daß das
+neue Haus einer neuen Zukunft die Tore öffne und unseren jüdischen
+Mitbürgern die Möglichkeit gebe, wieder an unserer Seite nicht gegen
+uns, sondern mit uns ihre Intelligenz, ihre Emsigkeit und schöpferische
+Arbeitskraft im Interesse des schwergeprüften und fast ruinierten Landes
+zu betätigen.«
+
+Nachdem der Beifallssturm, an dem sich auch die Galerie beteiligte,
+verklungen war, ergriff der zweite Pro-Redner, Herr Habietnik, der von
+den Geschäftsleuten der Inneren Stadt sein Mandat bekommen hatte, das
+Wort. In launiger, oft durch schallende Heiterkeit unterbrochener Rede
+schilderte er das verarmte, verdorfte Wien von heute, gab die
+Erfahrungen im eigenen Betriebe zum besten und sagte:
+
+»Posemukel ist eine Großstadt im Vergleiche zu Wien von heute. Wien ist
+ein ungeheures Dorf mit anderthalb Millionen Einwohnern geworden, und
+wenn wir die Juden nicht wieder hereinlassen, so werden wir es demnächst
+erleben, daß statt vornehmer Geschäfte in der Kärntnerstraße
+Jahrmarktsbuden stehen und auf dem Stephansplatz Viehmärkte werden
+abgehalten werden. Die Wiener sind in ihrem Tiefinnersten in
+Verzweiflung über diese Rückentwicklung, die sie nicht aufhalten können
+und nicht zuletzt haben die Wiener Frauen und Mädchen, indem sie die
+christlichsoziale Partei im Stich ließen, gezeigt, daß sie wieder ein
+blühendes, lustiges Wien voll Luxus, auch wenn es mitunter einen
+orientalischen Anstrich hat, haben wollen.«
+
+Die weiteren Ausführungen Habietniks gingen in einer seltsamen Unruhe
+verloren, die sich über das Haus verbreitete. Was war geschehen? Nun,
+man hatte endlich auf der rechten Seite des Hauses entdeckt, daß der
+Nationalrat Krötzl nicht anwesend war, und eine Katastrophenstimmung
+bemächtigte sich der Christlichsozialen und Großdeutschen. Sie hörten
+nicht einmal ihren eigenen Kontra-Redner an, die Diener wurden mit
+Automobilen ausgeschickt, um Krötzl aus seinem Bureau in der Inneren
+Stadt oder aus der Wohnung in der Billrothstraße zu holen.
+
+Noch wäre vielleicht die Situation zu retten gewesen, wenn man die
+Geistesgegenwart gehabt hatte, den Kontra-Redner zu veranlassen,
+stundenlang bis zum Eintreffen Krötzls zu sprechen. Aber man hatte total
+den Kopf verloren, der christlichsoziale Redner, Herr Wurm, kürzte, als
+er die Unruhe bemerkte und seine Genossen verschwinden sah, seine Rede
+sogar ab, und schon war ein bürgerlicher Antrag auf Schluß der Debatte
+und Abkürzung der weiteren Redezeiten auf fünf Minuten mit der
+erforderlichen Zweidrittelmehrheit angenommen.
+
+Vergebens schrieen die überrumpelten Antisemiten Zeter und Mordio, der
+sozialistische Präsident waltete mit eiserner Energie seines Amtes,
+entzog jedem der wenigen schon vorgemerkten Redner nach fünf Minuten das
+Wort und unter enormer Spannung und allgemeiner Aufregung strömten die
+Abgeordneten wieder in den Saal, um bei der kommenden namentlichen
+Abstimmung anwesend zu sein.
+
+Herr Krötzl war noch immer nicht da, die Diener konnten nur berichten,
+daß er in seinem Bureau überhaupt nicht gewesen und sein Wohnhaus in
+Begleitung eines anderen Herrn vormittags, ersichtlich angeheitert,
+verlassen habe.
+
+Ein Großdeutscher machte den letzten Rettungsversuch. Er erbat und
+erhielt das Wort, um zur Geschäftsordnung zu sprechen und sagte:
+
+»Der Nationalrat Herr Krötzl ist nicht anwesend und wir haben Anzeichen
+dafür, daß er mit Gewalt ferne gehalten wird, ja wir haben begründeten
+Anlaß zur Befürchtung, daß er das Opfer eines Verbrechens geworden ist.
+Unter solchen Umständen kann unmöglich über ein Gesetz abgestimmt
+werden, das über das Schicksal des Landes entscheiden wird. Wenn auf
+Seite der neuen Mehrheit dieses Hauses auch nur ein Funken
+Anstandsgefühl herrscht, so wird sie mit mir darin übereinstimmen, daß
+wir uns zunächst auf zwei Stunden vertagen. Bis dahin werden wir wohl
+Klarheit darüber haben, ob unser hochverehrter Kollege, Herr Nationalrat
+Krötzl, überhaupt noch unter den Lebenden weilt.«
+
+Totenstille entstand nach diesen Worten, die nicht zurückzuweisen waren.
+
+Sollte Krötzl wirklich mit Gewalt verhindert worden sein, an der Sitzung
+teilzunehmen, so mußte man wohl oder übel warten.
+
+In diesem höchst kritischen Augenblick schlich sich ein Herr mit
+Knebelbart unbeobachtet in den Sitzungssaal, winkte Herrn Habietnik zu
+sich heran und flüsterte vor Aufregung keuchend mit ihm, worauf sich
+Herr Habietnik zum Worte meldete.
+
+»Ich kann dem Hohen Haus auf Ehr' und Gewissen versichern, daß Herr
+Krötzl nicht ermordet und auf keinerlei gewaltsame Weise verhindert
+wurde, dieser so überaus wichtigen Sitzung beizuwohnen. Herr Krötzl
+befindet sich irgendwo in einem Automobil, in dem er einen
+Kanonenrausch, von dem ihn der Chauffeur nicht erwecken kann,
+ausschläft. Der sehr ehrenwerte Herr Krötzl, diese einzige Wiener Zierde
+der christlichsozialen Partei, hat nämlich schon am frühen Morgen in
+Gesellschaft eines lustigen Kumpanen, seines Wohnungsnachbars, eine
+kleine Siegesfeier begangen und entschieden mehr getrunken, als er
+verträgt. Sein Nachbar, der mir diese Mitteilung macht und den ich
+persönlich als zuverlässigen Ehrenmann kenne, fuhr dann mit Krötzl in
+einem Autotaxi hieher, mußte aber vorzeitig aussteigen, weil er den
+Gestank im Wagen nicht aushielt. Herr Krötzl gehört nämlich zu jener
+alten Garde, die sich lieber übergibt als stirbt. Wo sich in diesem
+Augenblick die springlebendige Leiche des Herrn Krötzl befindet, weiß
+ich nicht, aber das geht uns auch nichts an und man wird unmöglich
+verlangen, daß wir uns vertagen, bis Herr Krötzl nüchtern geworden ist.«
+
+Tosende Heiterkeit erfüllte das Haus und es wurde nunmehr nach der
+Anordnung des Präsidenten zur Abstimmung geschritten. Hundertundsechs
+Nationalräte stimmten für die Eliminierung des Ausnahmsgesetzes,
+dreiundfünfzig dagegen -- das Gesetz war gefallen! Und die
+hunderttausend Menschen, die sich auf der Straße vor dem Parlament
+angesammelt hatten, riefen diesmal nicht »Heil!«, sondern »Hurra!« Sie
+waren nicht so begeistert wie vor drei Jahren, sondern ein wenig
+beschämt, hatten aber wieder ihren Humor gefunden und schon begannen
+Witze in der Luft zu schwirren.
+
+Leo hatte nur die Abstimmung abgewartet, dann stürzte er aus dem
+Parlamentsgebäude, warf sich in ein Autotaxi und fuhr nach der Linken
+Wienzeile zur »Arbeiter-Zeitung«. Dort ließ er sich in dringender
+Angelegenheit beim Chefredakteur melden, mit dem er eine halbstündige
+Unterredung ohne Zeugen hatte. Als er sich verabschiedete, schüttelte
+ihm der Redakteur kräftig beide Hände und sagte lachend:
+
+»Sie haben Außerordentliches geleistet und ich freue mich mit Ihnen von
+ganzem Herzen! Ihre Frechheit bewundere ich einfach! Man kann da
+wirklich nicht umhin, von --«
+
+»Jüdischer Frechheit zu sprechen«, ergänzte Leo vergnügt und eilte die
+Treppen hinab.
+
+ * * * * *
+
+Kaum waren die Extra-Ausgaben der Zeitungen erschienen, die das Ende der
+Judenverbannung verkündeten, als auch schon eine zweite Extraausgabe der
+»Arbeiter-Zeitung« ausgerufen wurde:
+
+ =Die Krone steigt!=
+
+Zürich. Auf der hiesigen Börse wurden die drahtlich und telephonisch
+einlangenden Nachrichten von der entscheidenden Sitzung der Wiener
+Nationalversammlung mit fieberhaftem Interesse verfolgt. Kaum war das
+Fallen des Antijudengesetzes zur Gewißheit geworden, als auch schon
+umfangreiche Kronenankäufe, darunter solche von amerikanischen und
+englischen Finanzgruppen, erfolgten. Die österreichische gestempelte
+Krone ging sprunghaft auf das Doppelte, zum Börsenschluß sogar auf das
+Dreifache hinauf.
+
+Um sechs Uhr abends erschien eine dritte Extra-Ausgabe, die in ganz Wien
+Aufsehen und mit Galgenhumor gemischte Heiterkeit hervorrief. Die
+Nachricht lautete:
+
+ =Ankunft des ersten Juden in Wien.=
+
+Wie wir mitteilen können, ist soeben der erste Jude aus dem Exil nach
+Wien zurückgekehrt. Es ist dies der junge, aber bereits weltberühmte
+Maler und Radierer Leo Strakosch, der die ganze Zeit von Heimweh erfüllt
+in Paris verbracht und sich vorgestern von dort an die österreichisch-mährische
+Grenze nach Lundenburg begeben hatte. Als er telephonisch
+von der Nichtigkeitserklärung des Ausweisungsgesetzes erfuhr,
+begab er sich sofort per Automobil nach seiner Vaterstadt Wien.
+Er hält sich derzeit im Hause seines zukünftigen Schwiegervaters, des
+Hofrates Spineder, in der Kobenzlgasse auf, wo er nach jahrelanger
+bitterer Trennung die in Treue und Liebe seiner harrende Braut umarmt.
+
+Diese Extra-Ausgabe bildete einen wohlwollend-boshaften Scherz des
+Chefredakteurs der »Arbeiter-Zeitung«. Gleich nach ihr erschien aber
+eine Extraausgabe der »Weltpresse« mit zwei sensationellen Nachrichten.
+In der einen wurde angekündigt, daß sich der ehemalige Bundeskanzler
+Doktor Schwertfeger in Verzweiflung über das Scheitern seines so groß
+und ehrlich gedachten Werkes durch einen Revolverschuß entleibt habe.
+Anknüpfend daran machte die »Weltpresse« die Mitteilung, daß sie, dem
+Willen der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung Wiens folgend, vom
+heutigen Tage an als das Organ der neuen Partei der tätigen Bürger
+erscheinen werde.
+
+ * * * * *
+
+Leo war von der Redaktion der »Arbeiter-Zeitung« aus tatsächlich direkt
+nach Grinzing gefahren. Lotte, die ebenso wie ihre Eltern von dem
+Verlauf der Parlamentssitzung bereits unterrichtet war, erwartete ihren
+Bräutigam am offenen Fenster im Parterregeschoß. Und als das Auto
+vorgefahren war und Leo sie erblickte, erschien ihm der Weg durch den
+Hausflur zu weitläufig, mit einem Satz schwang er sich auf das
+Fensterbrett und schon hielten die beiden jungen Leute einander lachend
+und weinend umschlungen. Da Leo aber trotz seiner turnerischen
+Gewandtheit bei seinem abgekürzten Eintrittsverfahren eine
+Fensterscheibe eingeschlagen hatte, was ein hörbares Klirren und
+Schmettern verursachte, kamen der Hofrat und seine Gattin aus dem
+nebengelegenen Wohnzimmer bestürzt herbei und blieben angesichts ihrer
+Tochter, die von einem fremden, knebelbärtigen Herrn unaufhörlich
+abgeküßt wurde, überrascht stehen. Bis der Hofrat so energisch zu husten
+begann, daß Lotte es vernahm und sich blutrot aus den Armen des
+Geliebten befreite, um ihn ihren Eltern vorzustellen:
+
+»Papa, Mama, dies ist mein Bräutigam, Henry Dufresne...!«
+
+»_Recte_ Leo Strakosch«, lautete die Ergänzung und Leo warf sich auch
+schon dem Hofrat und dann seiner zukünftigen Schwiegermutter in die
+Arme.
+
+Nachdem sich die erste Freude und Verwirrung gelegt, tat Herr Spineder
+das, was ein Hofrat in solcher Situation zu tun hatte. Er sagte:
+
+»Nun, Kinder, erzählt mir einmal alles ordentlich der Reihe nach.«
+
+Frau Spineder aber tat das, was jede andere ordentliche Hausfrau an
+ihrer Stelle getan hätte. Sie weinte, erklärte vor Aufregung nicht
+stehen und gehen zu können und lief nach der Küche, um für ein
+ordentliches Souper zu sorgen.
+
+Die Unterhaltung zwischen dem Hofrat, Lotte und Leo spielte sich
+indessen im Badezimmer ab, wo Leo sich zuerst mit einer Papierschere den
+Knebelbart abschnitt, um sich dann zu rasieren und gleichzeitig zu
+erzählen. Und das war sehr gut so, denn gerade als er rasiert und wieder
+ein schöner, glatter junger Mann war, ereignete sich ganz Unerwartetes.
+
+Ein Automobil mit Herrn Habietnik, einem sozialdemokratischen
+Nationalrat und einem bekehrten Gemeinderat fuhr vor und die Herren
+teilten Leo mit, daß er unbedingt mit ihnen zum Rathause fahren müsse,
+um sich der dort versammelten Menschenmenge zu zeigen und eine Ansprache
+des Bürgermeisters zu erdulden.
+
+Sträuben nützte nichts, Leo mußte mit, aber Lotte, die die Garantie
+dafür übernahm, daß sie rechtzeitig zum Abendessen zurück sein würden,
+fuhr mit ihm.
+
+Bis zum Schottentor verlief die Fahrt ganz glatt, dann stellte sich ein
+Hindernis ein. Die Menschenmassen standen hier so dicht
+aneinandergedrängt, daß das Auto nicht vorwärts kam. Worauf sich der
+Gemeinderat hinausbeugte und in bester Absicht, wenn auch mit wenig
+Zartgefühl den Leuten zuschrie:
+
+»Laßt's uns durch! Der Herr Leo Strakosch, der erste Jud, der wieder in
+Wien ist, muß zum Rathaus!«
+
+Diese Worte waren das Signal zu einem stürmischen Jubelschrei, und das
+Auto konnte zwar nicht durch, sondern mußte hier mit Lotte warten, aber
+Leo saß auch schon auf den Schultern zweier handfester Männer und wurde
+unter dem Jauchzen und Johlen und Hurra-Geschrei der Massen zum Rathaus
+getragen.
+
+Das schöne Rathaus war wieder illuminiert, sah wieder wie eine brennende
+Fackel aus und mühsam nur konnten sich die Männer mit Leo auf den
+Schultern Bahn machen. Fanfarenklänge, Trompetentöne, der Bürgermeister
+von Wien, Herr Karl Maria Laberl, betrat den Balkon, streckte segnend
+seine Arme aus und hielt eine zündende Ansprache, die mit den Worten
+begann:
+
+»Mein lieber Jude! -- --«
+
+ =Ende.=
+
+
+»Corona«-Druck (G. Davis & Co.), Wien IX.
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ von einem halben Jahr gegeben.
+ von einem halben Jahr gegeben.«
+
+ ist.«.
+ ist.«
+
+ vereinigten sich hier und machte ihn absolut unerbittlich.
+ vereinigten sich hier und machten ihn absolut unerbittlich.
+
+ »Meine Herren und Damen, ich weiß, daß die Bevölkerung schwer enttäuscht
+ Meine Herren und Damen, ich weiß, daß die Bevölkerung schwer enttäuscht
+
+ wollen.
+ wollen.«
+
+ »Dazu ist allerdings zu bemerken, daß der Bruder des Hofrates die
+ Dazu ist allerdings zu bemerken, daß der Bruder des Hofrates die
+
+ zehnmal in allen Tonarten nur in keiner gehässigen, hören. »Weißt du, ich
+ zehnmal in allen Tonarten nur in keiner gehässigen, hören. Weißt du, ich
+
+ furchtbares Gelächter entstanden, so daß ich aufgewacht bin! Glauben 's
+ furchtbares Gelächter entstanden, so daß ich aufgewacht bin! Glauben S'
+
+ nicht, Herr Mauler, daß der Traum was zu bedeuten hat?
+ nicht, Herr Mauler, daß der Traum was zu bedeuten hat?«
+
+ ausgewandert und wir sind richtig alle kapores!
+ ausgewandert und wir sind richtig alle kapores!«
+
+ Wien, daß Karl Maria Laberl den Bundeskanzler im geeigneten Moment in
+ Wien, daß Karl Maria Laberl den Bundeskanzler im geeigneten Moment im
+
+ Verzweiflung. Am wildesten sind die Frauen, hören sie nur, wie sie
+ Verzweiflung. Am wildesten sind die Frauen, hören Sie nur, wie sie
+
+ Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert und hielten die
+ Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert, und hielten die
+
+ Christlichsoziale und vierundzwanzig Großdeutsche. Das ergab 160 Stimmen
+ Christlichsoziale und vierundzwanzig Großdeutsche. Das ergab 106 Stimmen
+
+ erfreut sich einer vorzüglichen Gesundheit.
+ erfreute sich einer vorzüglichen Gesundheit.
+
+ befinde sich irgendwo in einem Automobil, in dem er einen
+ befindet sich irgendwo in einem Automobil, in dem er einen
+
+ Diese Worten waren das Signal zu einem stürmischen Jubelschrei, und das
+ Diese Worte waren das Signal zu einem stürmischen Jubelschrei, und das
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Stadt ohne Juden, by Hugo Bettauer
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STADT OHNE JUDEN ***
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+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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