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Cover +image cleaned up by Sharon Joiner + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + + Die Stadt ohne Juden + + Ein Roman von übermorgen + + Von + Hugo Bettauer + + Gloriette-Verlag, Wien + + + + + Alle Rechte vorbehalten + + _Copyright by Gloriette-Verlag, Vienna 1922_ + + + Umschlag-Entwurf von Martha v. Wagner-Schidrowitz + + + Dritte Auflage. 11.-15. Tausend + + + + +Erster Teil. + + +Von der Universität bis zur Bellaria umlagerte das schöne, ruhige und +vornehme Parlamentsgebäude eine einzige Menschenmauer. Ganz Wien schien +sich an diesem Junitag um die zehnte Vormittagsstunde versammelt zu +haben, um dort zu sein, wo sich ein historisches Ereignis von +unabsehbarer Tragweite abspielen sollte. Bürger und Arbeiter, Damen und +Frauen aus dem Volke, halbwüchsige Burschen und Greise, junge Mädchen, +kleine Kinder, Kranke in Rollwagen, alles quoll durcheinander, schrie, +politisierte und schwitzte. Und immer wieder fand sich ein Begeisterter, +der plötzlich an den Kreis um ihn herum eine Ansprache hielt und immer +wieder brauste der Ruf auf: + +»Hinaus mit den Juden!« + +Sonst pflegten bei ähnlichen Demonstrationen hier und dort Leute mit +gebogener Nase oder besonders schwarzem Haar weidlich verprügelt zu +werden; diesmal kam es zu keinem solchen Zwischenfall, denn Jüdisches +war weit und breit nicht zu sehen, und zudem hatten die Kaffeehäuser und +Bankgeschäfte am Franzens- und Schottenring, in weiser Erkenntnis aller +Möglichkeiten, ihre Pforten geschlossen und die Rollbalken herabgezogen. + +Plötzlich zerriß ein einziges Aufbrüllen die Luft. + +»Hoch Doktor Karl Schwertfeger, hoch, hoch, hoch! Hoch der Befreier +Oesterreichs!« + +Ein offenes Auto fuhr langsam mitten durch die Menschenmassen hindurch, +die zurückdrängten und Bahn machten. Im Auto saß ein großer älterer +Herr, dessen mächtiger Schädel mit willkürlichen Büscheln weißer Haare +bedeckt war. + +Er nahm den grauen, weichen Schlapphut ab, nickte der jubelnden +Menschenmenge zu und verzerrte das Gesicht zu einem Lächeln. Aber es war +ein saures Lächeln, das von den zwei Falten, die von den Mundwinkeln +abwärts liefen, gewissermaßen dementiert wurde. Und die tiefliegenden +grauen Augen blickten eher finster als vergnügt drein. + +Lachende Mädchen drängten sich vor, schwangen sich auf das Trittbrett, +die eine warf dem Gefeierten Blumen zu, eine andere war noch dreister, +schlang ihren Arm um seinen Hals und küßte den Doktor Schwertfeger auf +die Wange. Als ob der Chauffeur ahnte, wie seinem Herrn bei solchen +Gefühlsausbrüchen zumute wurde, ließ er das Auto vorwärts springen, so +daß die Mädchen mit jähem Ruck nach rückwärts fielen. Sie taten sich +dabei nicht wehe, denn die Menschenmauer fing sie auf. + +Im Parlamentsgebäude herrschte nicht die laute Begeisterung der Straße, +sondern fieberhafte Erregung, zu stark, um Ausdruck nach außen zu +finden. Die Abgeordneten, die sich bis zum letzten Mann eingefunden +hatten, die Minister, die Saaldiener gingen schweigend und unruhig +umher, sogar die überfüllten Galerien verhielten sich lautlos. + +In der Journalistenloge, in der es sonst am ungeniertesten zuzugehen +pflegte, wurde nur im Flüsterton gesprochen. Und eine bemerkenswerte +räumliche Spaltung hatte sich eingestellt. Die kompakte jüdische +Majorität der Berichterstatter drängte ihre Stühle zusammen, die +Referenten der christlichsozialen und deutschnationalen Blätter bildeten +ihrerseits eine Gruppe. Sonst mischten sich die jüdischen und +christlichen Journalisten fröhlich durcheinander, im Berufskreis war man +nicht Parteigänger, sondern nur der Herr Kollege, und da die jüdischen +Journalisten gewöhnlich mehr Neuigkeiten wußten und sie besser verwerten +konnten, standen die antisemitischen zu ihnen in einem starken +Abhängigkeitsverhältnis. Heute aber flogen hämische Blicke von der +christlichen Ecke in die jüdische, und als der kleine Karpeles von der +»Weltpost«, der eben erst eingetreten war, den Doktor Wiesel von der +»Wehr« mit »Servus Herr Kollege!« begrüßte, wandte ihm dieser ohne +Erwiderung den Rücken. + +Es drängten immer noch Journalisten herein, darunter Vertreter +ausländischer Zeitungen, die heute in Wien angekommen waren. + +»Nicht rühren kann man sich«, brummte der Herglotz vom christlichen +»Tag«, worauf ihm ein Kollege mit kleinem, bärtigem Kopf und mächtigem +Bierbauch erwiderte: + +»Na, ein paar Tage noch und wir werden hier Platz genug haben!« + +Hüsteln, Lächeln, Lachen auf der einen Seite, gegenseitige +bedeutungsvolle Blicke auf der anderen. + +Ein junger blonder Herr mit roten Backen machte nach links und rechts +eine leichte Verbeugung. + +»Holborn vom »London Telegraph«! Bin eben vor einer Stunde angekommen +und kenne mich wahrhaftig nicht aus. Vorgestern kam ich aus Sidney nach +halbjähriger Abwesenheit in London an, eine Stunde später saß ich wieder +im Zug, um nach Wien zu fahren. Unser Managing-Editor, das Kamel, hat +mir nichts gesagt, als: In Wien wird es jetzt lustig, da schmeißen sie +die Juden hinaus! Fahren Sie hin und berichten Sie, daß das Kabel reißt! +Also bitte, wäre sehr nett von Ihnen, wenn Sie mich rasch instruieren +wollten.« + +Das alles war in so drolligem Englisch-deutsch herausgekommen, daß sich +die Spannung ein wenig löste. Minkus vom »Tagesboten« bemächtigte sich, +heftig gestikulierend, des englischen Kollegen und begann mit den +Worten: + +»Also, ich werde Ihnen alles genau erklären --.« Aber Doktor Wiesel ließ +ihn nicht weitersprechen. »Sie verzeihen, aber diese Aufklärung wird +besser von =uns= ausgehen.« + +Tonfall drohend, das »uns« bedeutungsvoll unterstrichen. + +Und schon befand sich Holborn in der christlichen Ecke, wo Wiesel kurz +und sachlich erklärte: + +»Was geschehen soll, werden Sie sofort aus dem Munde unseres +Bundeskanzlers Dr. Karl Schwertfeger erfahren, der das Gesetz zur +Ausweisung aller Nichtarier aus Oesterreich eingehend begründen wird. +Die Vorgeschichte ist, kurz gesagt, folgende: Als die österreichische +Krone auf den Wert eines fünfzigstel Centimes herabgesunken war, begann +das Chaos einzutreten. Ein Ministerium nach dem anderen mußte gehen, es +entstanden Unruhen, täglich kam es zu Plünderungen der Geschäfte, zu +Pogroms, die Wut und Verzweiflung der Bevölkerung kannte keine Grenzen +mehr und schließlich mußte zu Neuwahlen geschritten werden. Die +Sozialdemokraten traten ohne neues Programm in den Wahlkampf, die +Christlichsozialen hingegen scharten sich um ihren geistvollen Führer +Dr. Karl Schwertfeger, dessen Losungswort lautete: Hinaus mit den Juden +aus Oesterreich! Nun, vielleicht ist es Ihnen bekannt,« -- Holborn +nickte, obwohl er keine Ahnung hatte -- »daß die Wahlen den völligen +Zusammenbruch der Sozialdemokraten, Kommunisten und Liberalen brachten. +Selbst die Arbeitermassen wählten unter der Parole »Hinaus mit den +Juden!«, und die sozialistische Partei, vordem relativ die stärkste, +konnte knapp elf Mandate retten. Die Großdeutschen aber, die gut +abschnitten, hatten sich ebenfalls auf das »Hinaus mit den Juden!« +eingestellt. + +Nun, der Genialität des Doktor Schwertfeger, seiner unerschrockenen +Energie, seiner kühnen Impetuosität und Beredsamkeit gelang es, dem +Völkerbund, der vor die Alternative Anschluß Oesterreichs an Deutschland +oder Gewährenlassen gestellt war, die Zustimmung zur großen +Judenausweisung abzuringen. Und jetzt wird Schwertfeger selbst das +Gesetz einbringen, das sicher angenommen werden wird. Sie sind also +Zeuge eines historischen --.« + +»Pst!«-Rufe wurden laut. Wiesel konnte nicht weiterreden, denn der +Präsident des Hauses, ein Tiroler mit rötlichem Vollbart, schwang die +Glocke und erteilte dem Bundeskanzler das Wort. + +Grabesstille, in die das Surren der Ventilatoren unheimlich klang. Das +leiseste Räuspern, das Rascheln der Papiere in der Journalistenloge +wurde gehört und empfunden. + +Uebergroß, trotz des vorgebeugten Schädels und gewölbten Rückens, stand +der Bundeskanzler auf der Rednertribüne, die Hände, zu Fäusten geballt, +stützten sich auf das Pult, unter den grauen, buschigen Brauen +glitzerten die scharfen Augen über den Saal hinweg. So stand er +bewegungslos, bis er plötzlich den Schädel ins Genick warf und mit +seiner mächtigen Stimme, die sich in den turbulentesten Versammlungen +immer hatte Gehör erzwingen können, begann. + +»Verehrte Damen und Herren! Ich lege Ihnen jenes Gesetz und jene +Aenderungen unserer Bundesverfassung vor, die gemeinsam nichts weniger +bezwecken, als die Ausweisung der nichtarischen, deutlicher gesagt, der +jüdischen Bevölkerung aus Oesterreich. Bevor ich das tue, möchte ich +aber einige rein persönliche Bemerkungen machen. + +Seit fünf Jahren bin ich der Führer der christlichsozialen Partei, seit +einem Jahr durch den Willen der überwiegenden Mehrheit dieses Hauses +Bundeskanzler. Und durch diese fünf Jahre hindurch haben mich die +sogenannten liberalen Blätter wie die sozialdemokratischen, mit einem +Wort alle von Juden geschriebenen Zeitungen, als eine Art Popanz +dargestellt, als einen wütenden Judenfeind, als einen fanatischen Hasser +des Judentums und der Juden. Nun, gerade heute, wo die Macht dieser +Presse ihrem unwiderruflichen Ende entgegengeht, drängt es mich, zu +erklären, daß das alles nicht so ist. Ja, ich habe den Mut, heute von +dieser Tribüne aus zu sagen, daß ich viel eher Judenfreund als +Judenfeind bin!« + +Ein Murmeln und Surren ging durch den Saal, als flöge eine Schar Vögel +aus dem Felde auf. + +»Ja, meine Damen und Herren, ich bin ein Schätzer der Juden, ich habe, +als ich noch nicht den heißen Boden der Politik betreten, jüdische +Freunde gehabt, ich saß einst in den Hörsälen unserer _Alma mater_ zu +Füßen jüdischer Lehrer, die ich verehrte und noch immer verehre, ich bin +jederzeit bereit, die autochthonen jüdischen Tugenden, ihre +außerordentliche Intelligenz, ihr Streben nach aufwärts, ihren +vorbildlichen Familiensinn, ihre Internationalität, ihre Fähigkeit, sich +jedem Milieu anzupassen, anzuerkennen, ja zu bewundern!« + +»Hört! Hört!«-Rufe wurden laut, sensationelle Spannung bemächtigte sich +der Abgeordneten und des Auditoriums, und der englische Journalist +Holborn, der nicht alles verstanden hatte, fragte interessiert den +Doktor Wiesel, ob der Mann da unten der Vertreter der Judenschaft sei. + +Der Kanzler fuhr fort. + +»Trotzdem, ja gerade deshalb wuchs im Laufe der Jahre in mir immer mehr +und stärker die Ueberzeugung, daß wir Nichtjuden nicht länger mit, unter +und neben den Juden leben können, daß es entweder Biegen oder Brechen +heißt, daß wir entweder uns, unsere christliche Art, unser Wesen und +Sein oder aber die Juden aufgeben müssen. Verehrtes Haus! Die Sache ist +einfach die, daß wir österreichische Arier den Juden nicht gewachsen +sind, daß wir von einer kleinen Minderheit beherrscht, unterdrückt, +vergewaltigt werden, weil eben diese Minderheit Eigenschaften besitzt, +die uns fehlen! Die Romanen, die Angelsachsen, der Yankee, ja sogar der +Norddeutsche wie der Schwabe -- sie alle können die Juden verdauen, weil +sie an Agilität, Zähigkeit, Geschäftssinn und Energie den Juden +gleichen, oft sie sogar übertreffen. Wir aber können sie nicht verdauen, +uns bleiben sie Fremdkörper, die unsern Leib überwuchern und uns +schließlich versklaven. Unser Volk kommt zum überwiegenden Teil aus den +Bergen, unser Volk ist ein naives, treuherziges Volk, verträumt, +verspielt, unfruchtbaren Idealen nachhängend, der Musik und stiller +Naturbetrachtung ergeben, fromm und bieder, gut und sinnig! Das sind +schöne, wunderbare Eigenschaften, aus denen eine herrliche Kultur, eine +wunderbare Lebensform sprießen kann, wenn man sie gewähren und sich +entwickeln läßt. Aber die Juden unter uns duldeten diese stille +Entwicklung nicht. Mit ihrer unheimlichen Verstandesschärfe, ihrem von +Tradition losgelösten Weltsinn, ihrer katzenartigen Geschmeidigkeit, +ihrer blitzschnellen Auffassung, ihren durch jahrtausendelange +Unterdrückung geschärften Fähigkeiten haben sie uns überwältigt, sind +unsere Herren geworden, haben das ganze wirtschaftliche, geistige und +kulturelle Leben unter ihre Macht bekommen.« + +Brausende »Bravo!«-Rufe; »Sehr richtig!« »So ist es!« + +Doktor Schwertfeger führte mit der knochigen Rechten das Glas zu den +dünnen Lippen und sein halb spöttischer, halb befriedigter Blick kreiste +im Saal. + +»Sehen wir dieses kleine Oesterreich von heute an. Wer hat die Presse +und damit die öffentliche Meinung in der Hand? Der Jude! Wer hat seit +dem unheilvollen Jahre 1914 Milliarden auf Milliarden gehäuft? Der Jude! +Wer kontrolliert den ungeheuren Banknotenumlauf, sitzt an den leitenden +Stellen in den Großbanken, wer steht an der Spitze fast sämtlicher +Industrieen? Der Jude! Wer besitzt unsere Theater? Der Jude! Wer +schreibt die Stücke, die aufgeführt werden? Der Jude! Wer fährt im +Automobil, wer praßt in den Nachtlokalen, wer füllt die Kaffeehäuser, +wer die vornehmen Restaurants, wer behängt sich und seine Frau mit +Juwelen und Perlen? Der Jude! + +Verehrte Anwesende! Ich habe gesagt, daß ich den Juden, an sich und +objektiv betrachtet, für ein wertvolles Individuum halte und ich bleibe +dabei. Aber ist nicht auch der Rosenkäfer mit seinen schimmernden +Flügeln ein an sich schönes, wertvolles Geschöpf und wird er von dem +sorgsamen Gärtner nicht trotzdem vertilgt, weil ihm die Rose näher steht +als der Käfer? Ist nicht der Tiger ein herrliches Tier, voll von Kraft, +Mut und Intelligenz? Und wird er nicht doch gejagt und verfolgt, weil es +der Kampf um das eigene Leben erfordert? Von diesem und nur von diesem +Standpunkt kann bei uns die Judenfrage betrachtet werden. Entweder wir +oder die Juden! Entweder wir, die wir neun Zehntel der Bevölkerung +ausmachen, müssen zugrunde gehen oder die Juden müssen verschwinden! Und +da wir jetzt endlich die Macht in den Händen haben, wären wir Toren, +nein, Verbrecher an uns und unseren Kindern, wenn wir von dieser Macht +nicht Gebrauch machen und die kleine Minderheit, die uns vernichtet, +nicht vertreiben wollten. Hier handelt es sich nicht um Schlagworte und +Phrasen, wie Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Toleranz, sondern um unsere +Existenz, unser Leben, das Leben der kommenden Generationen! Die letzten +Jahre haben unser Elend vertausendfacht, wir stehen mitten im vollen +Staatsbankrott, wir gehen der Auflösung entgegen, ein paar Jahre noch +und unsere Nachbarn werden unter dem Vorwand, bei uns Ordnung schaffen +zu müssen, über uns herfallen und unser kleines Land auf Stücke +zerreißen -- unberührt von allen Geschehnissen aber werden die Juden +blühen, gedeihen, die Situation beherrschen und, da sie ja nie Deutsche +im Herzen und im Blut waren, unter den geänderten Verhältnissen Herren +bleiben, wenn wir Sklaven sind!« + +Das ganze Haus geriet jetzt in furchtbare Aufregung. Wilde Rufe wurden +ausgestoßen. »Das darf nicht sein! Retten wir uns und unsere Kinder!« +Und als Echo klang es von der Straße her aus zehntausend Kehlen: »Hinaus +mit den Juden!« + +Doktor Schwertfeger ließ die Erregung auslaufen, nahm von den +Ministerkollegen Händedrücke entgegen und sprach dann über die +Durchführung des Gesetzes. Gemäß den Forderungen der Menschlichkeit und +den Bedingungen des Völkerbundes würde mit größter Milde und +Gerechtigkeit vorgegangen werden. Jeder habe das Recht, sein Vermögen +mitzunehmen, soweit es aus Bargeld und Wertpapieren oder Juwelen +bestehe, Immobilien zu veräußern, sein Geschäft freihändig zu verkaufen. +Unternehmungen, die nicht veräußerlich seien, würden vom Staat +übernommen werden, und zwar derart, daß nach dem Steuerbekenntnis des +letzten Jahres der Reinertrag fünfprozentig kapitalisiert werden würde. +Hätte also zum Beispiel ein Unternehmen im vergangenen Jahr eine halbe +Million Reinertrag aufgewiesen, so würde es mit zehn Millionen abgelöst +werden. Ein boshaftes Lächeln kräuselte die Lippen des Kanzlers. + +»Natürlich sind sowohl bei diesen Ablösungen als auch bei der Erlaubnis +zur Mitnahme von Bargeld lediglich die Steuerbekenntnisse maßgebend. Hat +sich jemand als Vermögensloser bekannt, so darf er kein Geld ausführen, +besitzt er trotzdem Vermögen, so wird dieses natürlich konfisziert. Hat +jemand den Reinertrag seines Geschäftes mit einer halben Million +beziffert, so darf er zehn Millionen mitnehmen, auch wenn sich +herausstellen sollte, daß sein wirkliches Einkommen zehnmal so groß war. +Auf diese Art wird sich manche Sünde bitter rächen --«, bemerkte der +Redner unter schallender Heiterkeit der Anwesenden. Er fuhr dann fort: + +»Festbesoldete und geistige Arbeiter, die tatsächlich vermögenslos sind, +wie zum Beispiel Aerzte, erhalten vom Staat den Betrag zur Fortreise, +den sie als Jahreseinkommen versteuert hatten. Gab also ein Arzt sein +Einkommen mit dreihunderttausend an, so erhält er diese Summe. Um jede +anderweitige Steuerflucht zu verhüten, enthält das Gesetz die +drakonische Bestimmung, daß der Versuch, größere als erlaubte Summen +fortzuschleppen, mit dem Tode zu bestrafen sei. Ebenso ist die +Todesstrafe über die Juden oder Judenstämmlinge verhängt, die den +Versuch machen, sich auch weiterhin heimlich in Oesterreich aufzuhalten. + +Das Gesetz soll in folgender Weise durchgeführt werden: + +»Nichtprotokollierte Kaufleute, Händler und sogenannte Agenten müssen +innerhalb dreier Monate nach Annahme des Gesetzes die Grenzen verlassen, +protokollierte Firmeninhaber, Angestellte, Beamte und manuelle Arbeiter +innerhalb von vier Monaten, Künstler, Gelehrte, Aerzte, Rechtsanwälte +und so weiter innerhalb von fünf Monaten. Direktoren von +Aktienunternehmungen, Banken und Industrien, die im letzten Jahre ein +Einkommen von mehr als sechs Millionen versteuert haben, ist eine Frist +von einem halben Jahr gegeben.« + +Und nun komme ich zu einem wichtigen Punkt, dem ich die volle +Aufmerksamkeit zu schenken bitte. Wie Sie wissen, bezieht sich das +Ausweisungsgesetz nicht nur auf Juden und getaufte Juden, sondern auch +auf Judenstämmlinge. Als Judenstämmling gelten die Kinder aus Mischehen. +Hat also zum Beispiel eine Christin rein deutscharischer Abstammung +einen Juden geheiratet, so trifft die Ausweisung ihn und die Kinder aus +dieser Ehe, während es der Frau unbenommen bleibt, in Oesterreich zu +verweilen. Nach reiflicher Ueberlegung hat die Regierung beschlossen, +die Kindeskinder aus Mischehen nicht mehr als Judenstämmlinge, sondern +als Arier zu betrachten. Hat also ein Christ eine Jüdin geheiratet, so +werden wohl die Kinder ausgewiesen, die Kindeskinder aber, +vorausgesetzt, daß die Eltern sich nicht wieder mit Juden gemischt +haben, können im Lande bleiben. Dies ist aber auch die absolut einzige +Konzession, die das Gesetz macht. Andere Ausnahmen sind nicht zulässig. +Von vielen Seiten wurde uns nahegelegt, gewisse Ausnahmen gelten zu +lassen. So sollte das Gesetz Leute über ein gewisses Alter hinaus, +Kranke, Schwächliche und solche Juden, die besondere Verdienste um den +Staat haben, nicht treffen. + +Meine Damen und Herren! Hätte ich diesen Ratgebern nachgegeben, so würde +das ganze Gesetz zur Posse geworden sein. Das jüdische Geld, jüdischer +Einfluß hätten Tag und Nacht gearbeitet, zehntausende von Ausnahmsfällen +würden konstruiert werden und in fünfzig Jahren wären wir genau so weit +wie heute. Nein, es gibt keine Ausnahme, es gibt keine Protektion, es +gibt kein Mitleid und kein Augenzudrücken! Für Hinfällige und Kranke +wird die Regierung prachtvolle Spitalzüge zur Verfügung stellen, und nur +solche Juden, die nach gerichtsärztlichem Gutachten absolut nicht +transportfähig sind, werden hier ihre Genesung oder ihren Tod abwarten +dürfen.« + +Doktor Schwertfeger verbeugte sich leicht und ließ sich schwerfällig auf +seinem Sitz nieder. Die Wirkung seiner letzten Eröffnung war aber ganz +eigenartig gewesen. Nur vereinzelte Bravo-Rufe waren laut geworden, eine +gewisse Beklommenheit machte sich fast körperlich fühlbar, auf vielen +Gesichtern malte sich deutlich Schrecken und Angst, auf der Galerie +entstand Unruhe, eine Frau fiel mit dem Ruf: »Meine Kinder!« ohnmächtig +zusammen, und als der Kanzler geendet, erdröhnte zwar starker Beifall, +aber die kleine Gruppe der Sozialdemokraten schrie unisono »Unerhört! +Pfui! Skandal!« + +Und nun erteilte der Präsident mit dem roten Bart dem Finanzminister +Professor Trumm das Wort. Trumm war klein, verhuzelt wie eine +halbgedörrte Pflaume, er sprach im Diskant und mußte sich jedesmal +unterbrechen, wenn seine Zunge zwischen dem Gaumen und dem oberen Rand +des falschen Gebisses stecken blieb. Unter großer Spannung erörterte er +die finanzielle Seite des Ausweisungsgesetzes. Natürlich würde die +Ablösung der jüdischen Geschäfte und Immobilien nicht nur das +christliche Privatkapital, sondern auch die Mittel des Staates stark in +Anspruch nehmen. Hunderte von Milliarden Kronen würden kaum ausreichen, +und man dürfe sich nicht verhehlen, daß die Ausweisung der Juden +zunächst allerlei finanzielle Schwierigkeiten im Gefolge haben werde. + +»Aber, gottlob,« -- der Finanzminister bekreuzigte sich -- »wir werden +in den kommenden schweren Tagen nicht allein stehen! Ich kann dem hohen +Hause die erfreuliche Mitteilung machen, daß sich das echte wahre +Christentum der ganzen Welt gesammelt hat, um uns zu helfen. Nicht nur, +daß die österreichische Regierung seit Monaten internationale +Verhandlungen führt, auch der Piusverein hat in aller Stille eine +mächtige Agitation entfaltet, die glänzende Früchte trägt. Der Verband +des erwachten Christentums der skandinavischen Länder, dem viele große +Bankiers und Kaufleute angehören, stellt uns einen gewaltigen Kredit in +dänischer, schwedischer und norwegischer Valuta zur Verfügung, der +amerikanische Industriekönig Jonathan Huxtable, einer der reichsten +Männer der Welt und ein begeisterter Streiter in Christo, hat sich +bereit erklärt, zwanzig Millionen Dollars in Oesterreich anzulegen, der +französische Christenbund macht hundert Millionen Francs mobil -- +kurzum, es werden Milliarden Kronen ins Ausland wandern müssen und dafür +Milliarden in Gold einströmen!« + +Riesige Begeisterung im ganzen Hause. Einige Dutzend Abgeordnete +verließen fluchtartig den Sitzungssaal und stürmten die Telephone, um +ihren Banken Verkaufsorders für fremde Valuten zu geben. Die +Hauszentrale konnte das stürmische Begehren nach Verbindungen mit +»Karpeles & Co.«, »Veilchenfeld & Sohn«, »Rosenstrauch & Butterfaß«, +»Kohn, Cohn & Kohen« und wie alle die großen Bankhäuser hießen, kaum +bewältigen. Während aber der Finanzminister, der eine volle Minute +gebraucht hatte, um seine eingeklemmte Zunge zu befreien, fortfuhr, +erzählte der Engländer Holborn in der Journalistenloge grinsend: + +»Jonathan Huxtable ist ein frommer Kerl! Er spuckt Gift und Galle gegen +die Juden, seitdem ihm seine Frau mit einem jüdischen Preisboxer +durchgegangen ist. Er ist ein strenger Temperenzler, aber er besauft +sich jeden Tag mit Magentropfen, die er aus der Apotheke bezieht. Einmal +hat man gesehen, wie er eine ganze Flasche Eau de Cologne auf einen Zug +austrank. Und wenn er hier zwanzig Millionen investieren wird, will er +sicher fünfzig daran verdienen.« + +Doktor Wiesel schnitt ein abweisendes Gesicht, während die jüdischen +Journalisten sich rasch Notizen machten, um letzte Bosheiten zu +publizieren. + +Die Pro- und Kontra-Redner meldeten sich zum Wort. Die Sozialdemokraten +sprachen gegen das Gesetz. Als aber ihr Führer Weitherz in ruhigen und +sachlichen Worten seiner Entrüstung Ausdruck gab und den Gesetzentwurf +als ein Dokument menschlicher Schmach bezeichnete, entstand ein +furchtbarer Tumult, die Galerie warf mit Schlüsseln und Papierknäueln +nach den Sozialdemokraten, es kam zu einer Prügelei und die kleine +Opposition verließ unter Protest den Saal. Der christlichsoziale +Abgeordnete Pfarrer Zweibacher pries Doktor Schwertfeger als modernen +Apostel, der würdig sei, dereinst heilig gesprochen zu werden, die +großdeutschen Abgeordneten Wondratschek und Jiratschek aber beleuchteten +das Gesetz lediglich vom Rassenstandpunkt, und Jiratschek, der stark mit +böhmischem Akzent sprach, schluchzte vor Ergriffenheit und schloß mit +den Worten: + +»Wotan weilt unter uns!« + +Als letzter Redner ergriff unter Hepp! Hepp!-Rufen und höhnischem +Aih-Wai!-Geschrei der einzige zionistische Abgeordnete, Ingenieur Minkus +Wassertrilling, das Wort. Der schlanke, große und hübsche junge Mann +wartete mit verschränkten Armen ab, bis Ruhe eintrat, dann sagte er: + +»Verehrte Jünger jenes Juden, der sich, um die Menschheit zu erlösen, +törichterweise ans Kreuz hatte schlagen lassen!« + +Stürmische Unterbrechung: »Hinaus mit den Juden!« + +»Jawohl, meine Herren, ich stimme mit Ihnen in den Ruf: »Hinaus mit den +Juden!« ein und werde mit freudigem Herzen dem Gesetz meine Stimme +geben. Wir Zionisten begrüßen dieses Gesetz, das ganz unseren Zielen und +Tendenzen entspricht. Von der halben Million Juden, die das Gesetz +trifft, wird sich wohl die Hälfte unter dem zionistischen Banner +vereinigen, die anderen werden, wie ich weiß, in Frankreich und England, +in Italien und Amerika, in Spanien und den Balkanländern willig Aufnahme +finden. Mir ist um das Schicksal meines Volkes nicht bange, zum Segen +wird das werden, was hier gehässige Bosheit und Dummheit als Fluch +gedacht hat.« + +Der Tumult, der sich erhob, verschlang die weiteren Worte und +schließlich wurde auch der Zionist aus dem Saal gedrängt. + +So ergab denn die Abstimmung, die namentlich erfolgte, die einstimmige +Annahme des Gesetzes, das noch am selben Tag durch den Ausschuß und die +zweite und dritte Lesung gepeitscht wurde. + +Als die Abgeordneten spät abends endlich das Haus verlassen konnten, +sahen sie ein festlich beleuchtetes Wien. Von allen öffentlichen +Gebäuden wehten die weiß-roten Fahnen, Feuerwerke wurden abgebrannt, bis +lange nach Mitternacht dauerten die Umzüge der Menschenmassen, die immer +vor das Kanzlerpalais marschierten, um Doktor Schwertfeger hoch leben zu +lassen und als Befreier Oesterreichs zu preisen -- -- -- + + * * * * * + +Als der Nationalrat, Gemeinderat, Armenrat und Gewerberat Antonius +Schneuzel am nächsten Vormittag -- es war ein Sonntag -- infolge der +endlosen Siegesfeier arg verkatert am häuslichen Frühstückstisch +erschien, fand er eine recht unbehagliche Stimmung vor. Seine Gattin +hatte eine nadelspitze Nase, was auf Sturm deutete, seine Tochter, Frau +Corroni, saß mit verquollenen Augen da, ihr Gatte, der Prokurist Alois +Corroni, lächelte den Schwiegervater impertinent und verächtlich an, und +die beiden Enkelkinder Lintschi und Hansl stießen ein furchtbares Geheul +aus, als Herr Schneuzel seine kleinen Aeuglein verwirrt und ängstlich um +den Tisch kreisen ließ. + +»Ja, was is denn da los?« + +Frau Schneuzel stemmte die Arme in die Seite. + +»Was los is, du Fallot, du? Gar nichts is los, als daß du alter Tepp +geholfen hast, deine Tochter und die Enkelkinder aus dem Land zu +treiben!« + +»Ja, wieso denn?« stammelte Herr Schneuzel, aber schon dämmerte ihm +grauenhafte Wahrheit. Richtig, er hatte im Laufe der Jahrzehnte total +vergessen, daß sein Schwiegersohn, Herr Alois Corroni, in frühester +Jugend Sami Cohn geheißen und erst stehend und aufrecht die Taufe +empfangen. Also mußte er ja hinaus und mit ihm die beiden Kinder, die +Judenstämmlinge waren! + +»So eine Gemeinheit,« schluchzte Frau Corroni in ihr Taschentuch hinein, +»was soll ich jetzt mit den Kindern anfangen? Nach Zion auswandern +vielleicht, du Rabenvater, du?« + +»Jawohl, es ist ein starkes Stückchen,« erklärte nun Herr Corroni mit +scharfer Betonung jedes Wortes, »einen Mann wie ich, der behaupten darf, +mindestens ein ebenso guter Christ zu sein als tausend andere, die den +ganzen Tag im Wirtshaus herumsitzen, einen Mann wie ich, dessen Kinder +im christlichen Glauben groß geworden sind, aus dem Lande zu jagen wie +einen tollen Hund!« + +Herr Schneuzel wollte eine Erwiderung machen und murmelte etwas von +großer, heiliger Sache, Prinzipien, die auf Einzelfälle keine Rücksicht +nehmen können. Aber schon saß die Hand der Gattin in seinen spärlichen +Haaren und ließ nicht locker, bevor sie sich mit einem ganzen Büschel +des immer rarer werdenden Gewächses zurückziehen konnte. + +»Viecher seids Ihr alle zusammen! Gestohlen könnts Ihr mir werden mit +eurem Christentum! Hat der Loisl unser Annerl nicht immer gut behandelt? +Hat sie nicht einen Bisampelz von ihm bekommen, läßt er die Kinder nicht +aufwachsen wie die Prinzen? Dem lieben Gott sollst du danken, daß sie +einen Juden bekommen hat und nicht einen Kerl, wie dich, einen +Saufbruder und Skandalmacher!« + +»I geh' net nach Zion«, heulte Lintscherl, während Hans die Gelegenheit +benützte, von Großvaters Teller weg den Sonntagsgugelhupf zu grapsen. + +Im Moment höchster Aufregung kam die Köchin Pepi herein, räumte resolut +den Tisch ab und erklärte seelenruhig: + +»I geh'! I heirat' mein' Isidor, der was Kommis im Konsumverein is, und +wann er auswandern muß, wander' i mit ihm aus! Von mir aus können sich +die Herrn Nationenräte mitsamt dem Kränzler alle zusammen aufhängen.« + +Nachdem sich die Aufregung gelegt, erörterte Herr Corroni sachlich die +Situation. + +»Ich denke natürlich gar nicht daran, nach Palästina auszuwandern, schon +deshalb nicht, weil man mich als getauften Juden gar nicht hineinließe. +Nein, ich habe einen Bruder in Hamburg, den Onkel Eduard, wie Ihr wißt, +und wenn er auch eben meiner Taufe halber bös mit mir ist, so wird er +mich jetzt nicht im Stich lassen -- Juden haben ja, gottlob, +Familiensinn« -- diese Worte begleitete ein stechender Blick gegen +Schneuzel -- »und ich werde eben dort für mich und meine Familie eine +neue Zukunft aufbauen. Es sei denn, daß Annerl lieber bei euch bleiben +will«. + +Worauf Frau Anna, müde und verblüht, wie man es nach fünfzehnjähriger +Ehe zu sein pflegt, rosige Wangen bekam, ihre Arme zärtlich um den Hals +des Alois Corroni, rekte Sami Cohn, schlang, ihn küßte wie eine Braut +ihren Bräutigam und wirklich wie ein junges Mädchen aussah. Und +schließlich mußte sich Herr Schneuzel völlig verstört und verzweifelt +verpflichten, dem Schwiegersohn so gewissermaßen als Fundament für die +neue Zukunft eine Million mit nach Hamburg zu geben. + +Nachmittags ging der National-, Gemeinde- und Armenrat Schneuzel allein +zum Heurigen nach Sievering, fing dort mit einer Gesellschaft, die noch +immer »Hinaus mit den Juden!« schrie, Streit an, zerbrach seine Flasche +an dem Schädel des einen Schreiers und wurde furchtbar verprügelt. + + * * * * * + +Gespräch in einer Fensternische des Kaffee Wögerer, gegenüber der Börse, +zwischen Herrn Strauß, Inhaber eines Bankhauses, und seinem Neffen, dem +Mediziner Siegfried Steiner. Solche und ähnliche Gespräche fanden aber +an allen Tischen statt, es wurde an diesem Tage nicht lärmend, sondern +fast lautlos mit Zuhilfenahme der Hände geredet. + +Der Neffe schüttelte dem Onkel die Hand. + +»Lieber Onkel, ich danke dir dafür, daß du mich mit nach London nehmen +wirst. Das ist ein großer Trost für mich, denn unter uns gesagt -- Zion +-- ne, ist nichts für mich! Nur Juden, nicht auszudenken!« + +Der Onkel lächelte behaglich. »Zion kann mir gestohlen werden. In London +werde ich mich mit meinem alten Freunde Moe Seegward, der dort eine +Wechselstube in bester Lage hat, associieren.« + +Siegfried Steiner beugte sich vor und flüsterte: + +»Aber sag' mir eines, Onkel, du hast doch sicher nicht der Steuerbehörde +dein wirkliches Vermögen und Einkommen angegeben. Wie wirst du nun dein +Geld herüberkriegen, da doch seit gestern Briefzensur eingeführt ist?« + +Der Onkel ließ die Zigarrenasche auf seine Weste fallen. + +»Chammer! Wozu hat man christliche Freunde? Ich war heute schon bei dem +Fabrikanten Schuster, habe ihm, unter uns gesagt, zwanzig Millionen in +Effekten und Bargeld gebracht und dafür von ihm eine Anweisung auf eine +Londoner Bank bekommen. Natürlich tut es der Ganef nicht umsonst, +sondern er verdient eine koschere Million dabei.« + +Der Neffe nickt befriedigt und an dreißig anderen Tischen endigten +verschiedene Gespräche ebenfalls mit einem zufriedenen Nicken. + +Ein alter Hebräer mit Kaftan und Lockerln kam herein und sagte von Tisch +zu Tisch sein Sprüchlein auf: »Ein Almosen für einen alten Juden, der +beim Pogrom in Lemberg um Hab und Gut gekommen ist.« + +Von einem Tisch wurde er angerufen: »Na, Alter, wohin werden Sie +auswandern?« + +Der Jude wackelte mit dem Kopf. »Herrleben, wenn ich aus dem brennenden +Ghetto von Lemberg nach Wien gekommen bin, wer' ich auch aus Wien wieder +irgendwohin kommen. Ob ich schnorr' in Wien oder in Berlin oder Paris, +ist gleichgültig. Nur wer' ich dann nichts erzählen mehr vom Pogrom, +sondern davon, daß man hat mich alten Juden ausgewiesen. Aber sagen Sie, +Herrleben, glauben Sie, man soll noch kaufen vor Torschluß Julisüd oder +is besser Siemens?« + + * * * * * + +In der Villa des Schriftstellers Herbert Villoner in Alt-Aussee war der +Freundeskreis versammelt. Literaten von bekanntem Namen, Maler, +Bildhauer, Musiker, Verleger. Sonst pflegten sie erst im Hochsommer die +Sommerfrische aufzusuchen, diesmal hatten sie schon im Juni die +Stadtflucht ergriffen, um von den politischen Schmutzwellen wenigstens +nicht unmittelbar bespritzt zu werden. + +Es war nach dem Abendessen, man saß in Korbstühlen auf der Terrasse, +blickte auf den lieblichen See, in dem sich der Mond spiegelte, der +Rauch der Zigaretten kräuselte in der unbeweglichen Luft empor, jeder +war in seine Gedanken versunken. Villoner unterbrach das tiefe +Schweigen. + +»So ist denn kein Zweifel mehr, daß die meisten von uns zum letztenmal +den Sommer in Aussee verbringen werden und daß wir wie vagabundierende +Strolche den Staub von unseren Stiefeln werden schütteln und in die +Fremde gehen müssen. Wie seltsam! Mein Vater, ein berühmter Kliniker, +der nicht wenig zum Ruhm der Wiener medizinischen Schule beitrug, mein +Großvater, schon ein erbangesessener Kaufmann vom Mariahilfer Grund und +ich selbst -- -- Nun, man behauptet, daß ich in meinen Dramen und +Romanen das Wiener Wesen tief erfaßt und wie kein anderer die Wiener +Jugend, das süße Mädel erkannt und geschildert habe. Und nun ist das +alles nichts gewesen, ich bin einfach ein fremder Jude, der hinaus muß +wie irgend ein galizischer Flüchtling, den eine Spekulationswelle nach +Wien verschlagen!« + +»Immerhin,« sagte der junge Lyriker Max Seider leise mit zitternder +Stimme, »immerhin, Sie werden auch fern von der undankbaren Heimat sich +wohl fühlen können. Berlin wird Sie mit offenen Armen aufnehmen, schon +sind dort unter den Intellektuellen besondere Ehrungen für Sie geplant, +und Sie sind so reif und stark, daß Sie mächtige Zweige werden treiben +können, wo immer Sie sind. Aber was soll ich tun? Ich bin erst am +Anfang, und ich kann nur leben und arbeiten, wenn ich durch das grüne +Gelände des Wienerwaldes schlendere, wenn ich als Wegweiser die +zierliche Silhouette des Kahlenberges vor mir sehe. Aus Ihnen strömt des +Lebens Quelle in unerschöpflichem Maß, ich muß um jede Zeile, um jeden +Vers mit mir ringen und kämpfen und das kann ich nur in Wien.« + +»Ach was,« schrie der Komponist Wallner ergrimmt, »der Teufel soll +dieses Wien mit seiner vertrottelten Bevölkerung holen! Ich geh' nach +Süddeutschland, miete mir ein Häuschen im Schwarzwald und werde dort mit +meiner Lene herrlich leben. Was, Schatz?« + +Seine blonde junge Frau ließ es ruhig geschehen, daß der Gatte ihr +Madonnenköpfchen an seine Schulter zog, aber ein boshaftes Lächeln +huschte über den üppigen Mund und ihre Blicke kreuzten sich +verständnisvoll mit denen des Schriftstellers Walter Haberer. Diesem +schwellte Triumph die Brust. Er wußte, die Frau des Komponisten blieb +hier, niemand konnte sie zwingen, mit ihrem Gatten ins Exil zu gehen, +und verabredetermaßen würde sie endlich, wenn der Mann erst fort, sein +werden. Sein würde aber nicht nur sie werden, sondern ganz Wien, ganz +Oesterreich! Denn sie alle, hinter denen er zurückstehen mußte, sie +alle, deren Theaterstücke aufgeführt wurden, während die seinen +jahrelang in den Schubladen der Dramaturgen schliefen, sie alle, die +gestern noch die großen Modeschriftsteller gewesen waren, sie alle, der +Villoner und der Seider, der Hoff und der Thal, der Meier und der +Marich, sie alle mußten fort und er blieb allein als Herrscher im Reiche +der Musen! + +Frau Lene nickte ihm lächelnd zu, während der Gatte ihr liebkosend die +Wangen streichelte. + +Donnernd und polternd lachte der große Schauspieler Armin Horch auf. + +»Meine Herrschaften, nun muß es heraus! Auch ich werde Oesterreich +verlassen müssen! Denn ich, den die »Wehr« und andere Zeitungen immer +als den Verkörperer des christlichen Schönheitsideals gepriesen haben, +ich bin ein ganz gewöhnlicher Judenstämmling! Mein Vater stammte aus +Brody und hieß nicht Horch, sondern Storch!« + +Schallendes Gelächter ringsumher, Galgenhumor quoll auf, Scherze, die +zur Situation paßten, wurden erzählt. + +»Na und Sie, Herr Pinkus, wohin werden Sie Ihren Buchverlag +transferieren?« fragte einer den dicken, kleinen Verleger mit den +krummen Beinen und dem prononciert jüdischen Gesicht. + +»Ich? Ich bleibe! Ich bin doch Urchrist!« + +Und als alles lachte, sagte er behaglich schmunzelnd: + +»Spaß beiseite, ich bin ein waschechter Goi! Mein Großvater Amsel Pinkus +war ein Tuchhändler in Frankfurt am Main und ein braver, frommer Jude. +Als er sich aber in meine Großmutter, Christine Haberle, eine kleine +Sängerin aus Stuttgart, verliebte, ließ er sich, da sie anders nicht die +Seine werden wollte, taufen. Nun, mein Vater heiratete wieder eine +Christin und so bin ich Christ in dritter Generation, also werde ich +nicht ausgewiesen, obwohl ich in Art und Aeußerem ganz entschieden ein +Duplikat meines Großvaters bin.« + +»Es lebe der Urchrist Pinkus,« rief der Hausherr belustigt und alle +hoben lachend die Gläser. Da klang vom See her ein Knall wie ein +Peitschenhieb. Und von seltsamer Ahnung ergriffen, rief Villoner: »Wo +ist Seider?« + +Aber schon brachten Leute die Leiche des jungen Lyrikers. Er hatte sich +unten am See erschossen, um seine müde, empfindsame Seele nicht in der +Fremde frieren lassen zu müssen. + + * * * * * + +Bei der Lona in der Gumpendorferstraße herrschte geradezu Panikstimmung. +Acht junge Damen, eine schöner als die andere, waren schon versammelt +und immer wieder mußte die dicke Wirtschafterin, Frau Kathi +Schoberlechner, die Wohnungstür öffnen und ein Fräulein hereinlassen. Im +Salon roch es außerordentlich kräftig nach Houbigant, Ambre, Coty, Rouge +und Zigaretten, und es leuchtete und funkelte von hellblonden, +rotblonden, schwefelgelben und schwarzen Haaren, Diamanten und Perlen. +Alle waren in Spitzen und Seide gekleidet, nur die Lona trug einen +duftigen Schlafrock, der vorn offen war, so daß ihr der schneeweiße +Busen fast entquoll, und ihre nackten Füße steckten in roten +Pantöffelchen. + +Die schwarze Yvonne weinte zum Herzzerbrechen, die rote Margit aber +schlug auf den Tisch und schrie erbost: + +»Mir müssen demonschtrieren! Wann i' so an Nationalpülcher derwisch, +kratz' i eahm die scheangleten Augen aus!« + +»A so a Gemeinheit! Was soll'n mir denn machen, wann s' die Juden +hinausschmeißen?« + +Yvonne weinte noch heftiger. »Und grad jetzt, wo mir der Fredi Pollak a +neuches Automobil bestellt hat.« + +»Mir gibt der Reizes, mit dem was ich seit zwei Wochen geh', fünfhundert +Fetzen im Monat! Möcht' wissen, ob die Herren Christen auch so splendid +sein wer'n?« + +»Ihr wißt ja eh, ich hab' den Zwitterbauch aus Mährisch-Ostrau, der mich +ganz aushält und nur amal im Monat auf a Wochen nach Wien kummt!« + +Eine üppige Juno mit gelben Haaren schlug die starken, aber schönen +Beine übereinander, daß man die blauseidenen Strumpfhalter sah, leerte +ein Gläschen Cointreau und sagte mit klingender Altstimme: + +»Kinder, am meisten Erfahrung habe wohl ich im Leben! Und ich kann nur +sagen, wenn die Juden verschwunden sind, müssen wir alle verhungern oder +uns um Stellen als Klosettfrauen in Kaffeehäusern umsehen. Geld lassen +tun nur die Juden, die anderen wollen alle viel Liebe und wenig Spesen! +Zehn Jahre bin ich mit dem Baron Stummerl vom Auswärtigen Amt gegangen, +und in diesen zehn Jahren hat er mir ein goldenes Armband, einen +Pelzkragen und tausend Gulden geschenkt. Ein Glück, daß ich dabei noch +den Herschmann von der Anglobank gehabt habe, sonst hätte ich am Ende +noch arbeiten müssen. Seither flieg' ich nur auf die Israeliten!« + +Claire spielte nervös mit dem goldenen, diamantbesetzten Kreuz, das sie +an einer Platinkette trug. »Was wohl der Karl sagen wird, wenn ich vom +Doktor Baruch nichts mehr bekomm'!« + +Neue Klagen erhoben sich, Wehrufe wurden laut. Daran hatte man im Drange +der Geschehnisse noch gar nicht gedacht! Was sollte mit den Freunden +werden, die man liebte und aushielt, wenn die Freunde, die zahlten, +nicht mehr waren? + +Da führte die Frau Kathi einen dieser Freunde herein. Pepi war das Ideal +eines feschen Kerls. Tiptop vom staubgrauen Samthut über die gestrickte +Krawatte hinweg bis zu den gelben Halbschuhen, über denen man sanft +getönte, blaue Seidenstrümpfe sah. + +Schluchzend warf sich die reizende schwarze Yvonne in die Arme ihres +Herzensfreundes. Alle begrüßten ihn stürmisch, ein Hagel von Rufen und +Fragen ergoß sich über ihn. Pepi ließ sich ruhig in einen Fauteuil +fallen, zog Yvonne auf seine Knie, zwickte die neben ihm sitzende Lona +in die nackten Waden und sagte, nachdem er sich eine Zigarette hatte in +den Mund stecken lassen: + +»Kinder, da kann man halt nichts machen, als auch auswandern!« + +»Ja, woher wirst an' Auslandspaß kriegen und wer laßt dich denn +hinein?«, entgegnete die kluge goldblonde Carola. + +»Sehr einfach«, lachte Pepi. »Morgen geh' ich aufs Rathaus, werde +konfessionslos, übermorgen geh' ich zur israelitischen Kultusgemeinde, +erkläre mich solidarisch mit dem mißhandelten Judentum und werde +Israelit. Hoffentlich ohne Operation. Dann heiraten wir, bekommen unser +Ablösegeld vom Staat und können nach den Bestimmungen des Völkerbundes +uns anderswo ansiedeln. Wir gehen nach Paris oder nach Brüssel oder +sonst wohin, wo was los ist.« + +Yvonne lachte unter Tränen. »Geh', was soll ich denn in Paris als +verheiratete Frau machen?« + +»Tschapperl! Braucht ja niemand zu erfahren, daß wir verheiratet sind! +Nimmst dir eine Wohnung, suchst einen Freund, der dich ordentlich +aushält und ich bin so wie jetzt fürs Herz da!« + +In den nächsten Tagen wußten die liberalen Blätter zu berichten, daß +hunderte von wackeren christlichen Jünglingen, empört über das den Juden +angetane Unrecht, demonstrativ ihren Uebertritt zum Judentum beschlossen +hätten, um das Schicksal dieses schwer geprüften Volkes zu teilen. + + * * * * * + +Der Bundeskanzler, der auch Minister für auswärtige Angelegenheiten war +und seine Wohnung im Auswärtigen Amte hatte, stand an einem milden +Septembertag an der offenen Balkontüre und sah über die Straße hinweg +auf das Getriebe des Volksgartens. Aber dieses Treiben schien ihm +weniger lebhaft zu sein als in den vergangenen Jahren, die +weißlackierten Kinderwägelchen rollten nur vereinzelt durch die Alleen, +die Sesselreihen und Bänke waren trotz des warmen Wetters nur spärlich +besetzt. + +Es klopfte, der Kanzler rief scharf: »Herein!« und stand nun seinem +Präsidialchef, dem Doktor Fronz, gegenüber. + +Schwertfeger war Ende Juni, kurz nach der Annahme des Ausweisungsgesetzes, +nach Tirol gefahren, um seine unter der Last der Verantwortung +und Arbeit fast zusammengebrochenen Nerven zu erholen. In +einem Dorf am Arlberg blieb er mehr als zwei Monate inkognito, niemand +außer seinem Präsidialchef kannte seinen Aufenthalt, er ließ sich weder +Briefe noch Akten nachschicken, kümmerte sich nicht um die +Zeitereignisse, und nur von ganz eminent wichtigen Vorfällen durfte ihm +Fronz schriftlich Mitteilung machen. Tatsächlich war ja für alles +vorgesorgt, der Wiener Polizeipräsident wie die Bezirkshauptleute hatten +ihre genauen Instruktionen, das Parlament war bis zum Herbst vertagt, +also fühlte sich Doktor Schwertfeger entbehrlich, ja er hielt es für +seine Pflicht, neue Kräfte zu sammeln, um der kommenden Arbeit frisch +und stark gegenübertreten zu können. Heute vormittag war er nach Wien +zurückgekehrt und nun mußte ihm Fronz gründlich referieren. Nachdem +verschiedene Personalangelegenheiten erledigt waren, ließ sich +Schwertfeger schwer und wuchtig vor seinem Schreibtisch nieder, nahm +Papier und Feder, um sich stenographische Notizen zu machen und sagte +äußerlich ruhig und kalt, während vor Spannung jeder Nerv in ihm +vibrierte: + +»Nun, lieber Freund, berichten Sie mir über den bisherigen Vollzug des +neuen Gesetzes und seine sichtbaren Folgen. Wie ist unsere Finanzlage? +Sie wissen, ich bin völlig unorientiert.« + +Doktor Fronz räusperte sich und begann: + +»Finanztechnisch verläuft nicht alles so glatt, wie wir hofften. Zuerst +stieg unsere Krone in Zürich sprunghaft bis auf ein Zwanzigstel Centime, +dann traten leise, wenn auch unbedeutende Schwankungen ein, seit Ende +Juli rührt sich trotz des starken Goldzustromes aus den Tresors der +großen christlichen Vereine und des Bankiers Huxtable unsere Krone +nicht, sie beharrt auf dem Kurs von 0.02. Merkwürdigerweise erfüllen +sich vorläufig unsere Hoffnungen auf enorme Geldabgaben seitens der +Ausgewiesenen nicht. Es fließen den Steuerämtern weder große Beträge in +Kronen noch in fremden Währungen zu. Es scheint, daß sich unter unseren +christlichen Mitbürgern tausende von Parasiten befinden, die in +gewissenloser Weise die überschüssigen, der Besteuerung hinterzogenen +Vermögen der Juden an sich nehmen und den Juden dafür Abstandsummen in +Gestalt von Anweisungen an ausländische Banken geben.« + +»Das war nicht anders zu erwarten«, sagte der Kanzler, während ein +verächtliches Lächeln um seine zusammengekniffenen Lippen spielte. »Ob +Jud' oder Christ -- habgierig und selbstsüchtig sind sie alle!« + +Das dürften die Judenblätter nicht erfahren, dachte Fronz und fuhr fort: + +»Wie ich aus dem sehr pessimistischen Referat des Finanzministers +Professor Trumm folgern darf, wird uns die Ausweisung der Juden mit +ungeheuren Schulden, in Gold rückzahlbar, belasten, unseren +Banknotenumlauf aber in keiner nennenswerten Weise vermindern.« + +»Geht die Liquidierung und Uebergabe der Finanzinstitute, Banken und +Aktiengesellschaften glatt vor sich?« + +»In dieser Beziehung ist alles in vollem Gange, aber leider zeigt es +sich, daß unsere einheimischen Kapitalisten entweder nicht willens oder +nicht in der Lage sind, die großen Unternehmungen an sich zu reißen, so +daß überwiegend Ausländer als Uebernehmer in Betracht kommen. Die +Länderbank, die Kreditanstalt, die Anglobank, die Escompte-Gesellschaft +und andere Großbanken gehören bereits Italienern, Engländern, Franzosen, +Tschechoslowaken und so weiter, desgleichen unsere großen +Industrieunternehmungen. Eben hat ein holländisches Konsortium die +Simmeringer Lokomotivfabrik übernommen. Wir passen natürlich höllisch +auf, daß sich auf solchem Umweg nicht ausländische Juden hier einnisten, +und jeder Kaufvertrag weist nachdrücklich auf die Klausel hin, wonach +auch ausländische Juden keinerlei Aufenthaltsrecht in Oesterreich +genießen, weder dauerndes noch vorübergehendes. Daß die Aktionäre und +Direktoren der fremden Gesellschaften, die hier aufkaufen, zum Teile +Juden sind, läßt sich aber nicht vermeiden.« + +Der Kanzler stützte die mächtige, gewölbte Stirne in die knochige Hand, +wischte dann peinliche Gedanken mit einer Handbewegung fort und sagte +gleichmütig: + +»Uebergangserscheinungen, denen späterhin abzuhelfen sein wird! Wie +vollzieht sich die Ausweisung?« + +»Genau nach den Durchführungsbestimmungen des Gesetzes! Sowohl die +Polizei als auch das Verkehrsamt arbeiten vortrefflich, täglich +verlassen ungefähr zehn Züge mit Ausgewiesenen Oesterreich nach allen +Richtungen und bis heute haben etwa vierhunderttausend Juden das Land +verlassen.« + +Schwertfeger blickte überrascht auf. »Wie ist das möglich? Wir haben an +ungefähr eine halbe Million Auszuweisender gedacht! Also waren jetzt, +nach einem Drittel der präliminierten Zeit, vier Fünftel erledigt?« + +Doktor Fronz lächelte dünn. »Wir haben eben die große Zahl der +Konvertiten und Judenstämmlinge unterschätzt! Heute hat die +Staatspolizei mehr Ueberblick und sie rechnet nun nicht mehr mit einer +halben Million, sondern mit achthunderttausend, vielleicht sogar mit +einer Million Menschen, die unter das Gesetz fallen! Bei dieser +Gelegenheit möchte ich bemerken, daß sich gewisse devastierende, oft +sehr peinliche oder auch nur groteske Folgen der Ausweisung zeigen. Zehn +christlichsoziale Nationalräte müssen als Judenstämmlinge +landesverwiesen werden, beinahe ein Drittel der christlichen +Journalisten wird entweder direkt oder in seinen Familienmitgliedern +betroffen, es stellt sich heraus, daß unsere besten christlichen Bürger +vom Judentum durchtränkt sind, uralte Familien werden auseinandergerissen, +ja es hat sich etwas ereignet, was schallendes Gelächter +nicht nur in den Judenblättern, die ja noch bis zum letzten +Augenblick hetzen werden, erregt, sondern auch in der Presse des +Auslandes. Eine Schwester des Fürsterzbischofs von Oesterreich, Kardinal +Rößl, ist mit einem Juden verheiratet, sein Bruder aber mit einer Jüdin, +so daß seine Eminenz durch das Gesetz sämtlicher Neffen, Nichten und +Geschwister beraubt wird. Vielleicht wird es sich doch empfehlen, unter +solchen Umständen der Nationalversammlung ein Amendement zu dem Gesetz +zu unterbreiten, durch das die Ausweisung von Judenstämmlingen unter +gewissen Umständen unterbleiben darf -- --.« + +Der Bundeskanzler sprang in die Höhe und schlug mit der geballten Faust +auf den Schreibtisch, daß die Tinte hochspritzte. + +»Nie und nimmer, wenigstens nicht, solang ich im Amte bin! Eine solche +Ausnahmebestimmung würde das ganze Gesetz zum Weltwitz machen, wir wären +bis auf die Knochen blamiert, das internationale Judentum würde +triumphieren wie noch nie in seiner Geschichte, der Korruption, der +Bestechlichkeit wäre Tür und Tor geöffnet! Sie kennen ja die gewissen +Herren Hof- und Sektions- und Regierungsräte mit den offenen Händen und +leeren Taschen! Nein, es darf keine Ausnahmen geben, das Leid und der +Kummer einzelner Familien darf an den Grundmauern des Gesetzes nicht +rütteln! Im Namen der Habsburger wurde ein Krieg geführt, der einer +Million Männer das Leben gekostet hat und man hat nicht zu mucksen +gewagt! Was ist im Vergleich dazu die Tatsache, daß ein paar tausend +oder vielleicht hunderttausend Menschen Unbequemlichkeit und Aerger +verursacht wird? Ich bitte Sie, in diesem Sinne die christlichen Blätter +zu instruieren. Besser noch, wenn die politische Korrespondenz sofort +eine diesbezügliche Enunziation der Regierung den Blättern zugehen läßt. +Und Sie bitte ich dringend, sich nicht mehr zum Sprachrohr solcher +Einflüsterungen machen zu lassen!« + +Doktor Fronz verbeugte sich erblassend. + +»Dann ist es ja auch überflüssig, wenn ich Eurer Exzellenz von +furchtbaren Jammerszenen berichte, die sich täglich bei der Abfahrt der +Evakuierungszüge beobachten lassen und die oft solche Dimensionen +annehmen, daß selbst der Straßenpöbel, der sich zur Abfahrt der Züge mit +der Absicht einzufinden pflegt, die Ausgewiesenen zu beschimpfen, +ergriffen schweigt und Tränen vergießt -- --.« + +»Solche Szenen waren vorhergesehen und sind unvermeidlich! Instruieren +Sie sofort die Polizei dahin, daß die Bahnhöfe abgesperrt werden, die +Abfahrt der Züge tunlichst nur zur Nachtzeit erfolgt und nicht von den +Hauptbahnhöfen, sondern von den außerhalb der Stadt gelegenen +Rangierbahnhöfen. Und nun nur noch eine Frage: Wie nimmt die Bevölkerung +im allgemeinen die Durchführung des Gesetzes auf?« + +»Mit größter Begeisterung natürlich! Die Polizei läßt hundert geschickte +Agenten sich anonym in die Volksmengen mischen und Beobachtungen +sammeln. Nun, die Berichte gehen übereinstimmend dahin, daß die +christliche Bevölkerung sich geradezu in einem Freudentaumel befindet, +eine baldige Sanierung der Verhältnisse, Verbilligung der Lebensmittel +und gleichmäßigere Verbreitung des Wohlstandes erwartet. Auch innerhalb +der noch sozialdemokratisch organisierten Arbeiterschaft ist die +Befriedigung über den Fortzug der Juden groß. Aber anderseits läßt sich +nicht verhehlen, daß die Bevölkerung erregt und unsicher ist. Niemand +weiß, was die Zukunft bringen wird, die Massen leben in den Tag hinein, +eine ganz staunenswerte Verschwendungssucht in den unteren Klassen macht +sich bemerkbar und die Zahl der Trunkenheitsexzesse mehrt sich von Tag +zu Tag. + +Zur Gehobenheit der Stimmung trägt aber sehr wesentlich der Umstand bei, +daß die Wohnungsnot mit einem Schlage aufgehört hat. Allein in Wien sind +seit Beginn des Monates Juli vierzigtausend Wohnungen, die bisher Juden +inne hatten, frei geworden. Eine direkte Folge davon ist, daß eine wahre +Hochflut von Trauungen eingesetzt hat und die Priester zehn und zwanzig +Paare gleichzeitig einsegnen müssen.« + +Schwertfeger, der Junggeselle geblieben war, nickte befriedigt lächelnd. +»Damit wären wir also für heute fertig. Ich bin nun halbwegs im Bilde +und werde jetzt die Referate der einzelnen Bundesministerien +durchstudieren.« + +Ein Kopfnicken und der Präsidialchef war entlassen. Fronz blieb aber +noch stehen und lenkte die Aufmerksamkeit des Kanzlers, der schon ein +Aktenfaszikel aufgeschlagen hatte, durch diskretes Räuspern auf sich. + +»Ich möchte Exzellenz noch darauf aufmerksam machen, daß der Wiener +Gemeinderat mit großer Stimmenmehrheit beschlossen hat, den Schottenring +in Dr. Karl Schwertfeger-Ring umzutaufen und daß seitens dreihundert +österreichischer Gemeinden ähnliche Umtaufungen von Plätzen und Straßen +beschlossen wurden. In Innsbruck hat sich sogar ein Denkmalkomitee +gebildet, das Eurer Exzellenz im nächsten Jahr schon ein Denkmal aus +Laaser Marmor errichten will.« + +Der Kanzler stand auf, ging zum Balkon, sah wieder auf den Volksgarten +hinab, schritt mit wuchtigen Tritten schwer und plump zweimal durch den +großen Raum und sagte dann: + +»Inhibieren Sie alle solchen Ehrungen! Sie sollen verschoben werden bis +zum zehnjährigen Jubiläum der Befreiung Wiens von den Juden!« + + * * * * * + +Weihnachtsabend im Hause des Hofrates Franz Spineder. Weit draußen in +Grinzing, außerhalb der Endstation der Straßenbahn, lag das kleine, +gelbe Backsteinhäuschen, das der Hofrat noch von seinem Großvater ererbt +hatte. Von außen sah das einstöckige Haus mit dem großen grün +gestrichenen Holztor und den grünen Jalousien fast primitiv aus, aber +wenn man das Tor öffnete und in den Hof mit dem altertümlichen +Ziehbrunnen trat, blieb man überrascht und entzückt stehen. Der Hof ging +in einen sanft ansteigenden Garten über, der schier endlos war. Im +Sommer leuchteten die Levkojen, Tulpen, Rosen und Nelken in südlicher +Pracht, hinter dem Ziergarten kamen Hunderte von Bäumen, die unter der +Last der Aepfel, Birnen, Aprikosen, Pflaumen und Kirschen sich tief zur +Erde beugten, und wenn man auch die Obstbäume hinter sich hatte, so war +man noch immer nicht am Ende des Gartens, sondern ging steil durch einen +Weinberg, um endlich ganz oben auf ein altwienerisches Lusthäuschen mit +bunten Scheiben zu stoßen. + +Köstlich wie der unvermutete Garten war auch die Einrichtung der +Wohnzimmer. Uralte, behagliche, steife und graziöse Möbel aus der +Barock-, Kongreß- und Biedermeierzeit, kostbare Stiche und Bilder an den +Wänden, zwei echte Waldmüller, ein Schwind im Salon, bunte, schöne +Gläser, Altwiener Porzellan, funkelndes Silbergerät in den Vitrinen und +Kredenzen, und man brauchte nur die Augen zu schließen, um die Männer +und Frauen im Kostüm der Maria Theresianischen Zeit und Biedermeierrock +vor sich zu sehen. + +Franz Spineder war Beamter, wie es sein Vater und sein Großvater gewesen, +aber er war auf den Gehalt eines Hofrates im Unterrichtsministerium +nicht angewiesen, sondern recht vermögend, und schon das +Haus mit dem riesigen Garten und der kostbaren Einrichtung +repräsentierte heute einen nach vielen Millionen zählenden Wert. +Außerdem aber war seine Frau eine geborene Halbhuber, deren Urgroßväter +schon als Gerber und Lederfabrikanten soliden Reichtum erworben hatten. +Und da das Ehepaar Spineder nur mehr ein Kind, die jetzt knapp +achtzehnjährige Lotte, besaß, so konnte es inmitten der Wirrnisse einer +zerrissenen Zeit und aller Teuerung zum Trotz sein behagliches Leben +führen. + +Schweigend schmückten Lotte und Frau Spineder den Weihnachtsbaum, +befestigten an den duftenden Zweigen die Schokoladekringel, Bonbons, +Glaskugeln und Kerzen. Frau Spineder, noch immer eine hübsche, runde +Frau, sah die blonde, schlanke, auffallend schöne und liebreizende +Tochter von der Seite an. + +»Lotte, nun hast du schon wieder Tränen in den Augen! Bedenk' doch, daß +Papa heute wenigstens fröhliche Gesichter sehen will und mach' dem armen +Leo das Herz nicht noch schwerer.« + +Lotte ließ einen kleinen Rauchfangkehrer aus Schokolade fallen, daß sein +Kopf fortrollte, schlug die Hände vor das Gesicht, lehnte sich an die +Schulter der Mutter und begann bitterlich zu schluchzen. + +»Mutter, mir bricht das Herz! Du wirst sehen, ich werde es nicht +überleben, daß Leo in die Fremde fort muß! Mutter, laßt mich doch mit +ihm ziehen!« + +Frau Spineder, der selbst das Wasser in den Augen stand, streichelte +zärtlich das weiche, wie Gold leuchtende Haar der Tochter. + +»Lotte, es geht nicht! Bedenk' doch, Papa ist sechzig und er hat, seit +uns der unselige Krieg den Sohn genommen, niemanden als dich. Du kannst +es ihm nicht zumuten, daß er dich in die ungewisse Zukunft ziehen läßt, +so gern er ja auch den Leo hat. Schau nur, Leo wird nach Paris ziehen; +bei der Entwertung der Krone könnten wir euch unmöglich mit Francs +unterstützen und ihr würdet vielleicht ins Elend kommen, ohne daß Papa +helfen kann. Leo wird sich allein schon durchschlagen und ihr seid ja +noch beide so jung, daß ihr auf andere, bessere Zeiten warten könnt'. +Still jetzt, der Vater kommt! Und es klingelt, der Leo wird auch schon +da sein.« + +Herr Spineder, der jetzt eintrat, um die Kerzen anzuzünden, war der +Typus des alten österreichischen Hofrates in seiner besten Art. Musik +liebend und ausübend, voll innerlicher Kultur, gepflegt von außen und +innen, ein Schönheitssucher, Lebensfreund und Lebensbejaher, rechtlich, +gewissenhaft, tolerant und dabei doch ein wenig beschränkt, bedächtig +und zögernd. Er trug auch jetzt noch den veralteten Kaiserbart, weil er +es unter seiner Würde hielt, dem Umschwung der Verhältnisse an seiner +Person Konzessionen zu machen, er war Demokrat durch und durch, ein +treuer Diener der Republik, aber das schöne Kaiserbild von Angeli hing +noch immer über seinem Schreibtisch. Wie er jetzt eintrat, war der alte +Herr mit den schlohweißen Haaren und den milden, graublauen Augen der +echte Altösterreicher, den man bald nur mehr aus Büchern kennen wird. + +»Leo ist draußen und kratzt sich den Schnee von den Sohlen ab«, sagte +Hofrat Spineder, während er die Kerzen bedächtig anzündete. »Geht hinauf +zu ihm, ich werde die Bescherung machen und klingeln, wenn es so weit +ist.« + +Frau Spineder sah noch rasch in die Küche nach dem Karpfen, der +Sachertorte und den Krapfen; Lotte hing aber schon am Halse Leos und +schluchzte wortlos an seiner Brust. + +Leo Strakosch, schlank, dunkelhaarig, glattrasiert, mit lebhaften +braunen Augen, aus denen Klugheit und Humor blitzten, war um zehn Jahre +älter als Lotte. Im letzten Kriegsjahre war er als Einjähriger +eingerückt und im Felde hatte er den gleichaltrigen Rudolf Spineder, den +Sohn des Hofrates, kennen und als Freund lieben und schätzen gelernt. In +der letzten Piaveschlacht hatte Rudolf einen Kopfschuß bekommen und in +den Armen des Freundes seine junge Seele ausgehaucht, nachdem er ihn +gebeten, die Eltern und das Schwesterchen zu grüßen. So war Leo in das +Haus des Hofrates gekommen, der arme Sohn eines kleinen Agenten, fühlte +sich in dem vornehm-bürgerlichen Milieu unendlich wohl, und als Lotte +aus einem Kinde ein blühendes, schönes Mädchen wurde, stand es in ihm +fest: Diese oder keine! Lotte erwiderte die Liebe des lebhaften, +geistvollen, begabten jungen Mannes von ganzem Herzen. + +Hofrat Spineder sah die Entwicklung dieser Liebe und hatte nichts +einzuwenden. Leo Strakosch war Radierer, in jungen Jahren schon ganz +außerordentlich erfolgreich, man begann sich um seine Zeichnungen zu +reißen, eine vor einem Jahr erschienene Leo Strakosch-Mappe erregte +Aufsehen auch im Ausland, und der Hofrat wie seine Frau sagten sich mit +Recht, daß sie ihr Kind in keine besseren Hände würden geben können, als +in die Leos, den sie nach und nach liebten wie ihren eigenen Sohn. Daß +Leo Jude war, focht den Hofrat nicht im mindesten an. In seinem Hause +verkehrten viele Musiker, Literaten, Maler, die Mehrzahl von ihnen waren +Juden, und der verstorbene Rechtsanwalt Viktor Rosen war sogar der +intimste Freund Spineders gewesen. + +Als vor Jahresfrist zuerst in politischen Kreisen von dem Plan des +Führers der Christlichsozialen, ein Antijudengesetz durchzubringen, +geraunt wurde, hatte Hofrat Spineder daran nicht glauben wollen und +können. Und als er daran glauben mußte, war seine Empörung maßlos +gewesen. Und noch größer sein Schmerz über den Schicksalsschlag, den die +bevorstehende Ausweisung Leos für seine Tochter bedeutete. Den Gedanken +aber, seine Lotte mit Leo ins Exil ziehen zu lassen, wies er weit von +sich, die Liebe zu seinem einzigen Kind und der Egoismus des Alternden +vereinigten sich hier und machten ihn absolut unerbittlich. + + * * * * * + +Die Bescherung war sehr reichlich ausgefallen, Lotte von den Eltern +freigebig bedacht worden, aber sie schenkte dem Pelzkragen, den +Seidenstrümpfen, den Büchern und Noten kaum einen Blick, sondern preßte +immer wieder das kleine Bild Leos, das er ihr in einem goldenen +Medaillon geschenkt, an die zuckenden Lippen. Man saß nun beim festlich +geschmückten Tisch, aber es herrschte eher Trauer als Feststimmung und +vergeblich versuchte der Hofrat ein leichtes Gespräch zu entwickeln. Als +dann der selbstgekelterte goldgelbe Wein kredenzt wurde, erhob Hofrat +Spineder sein Glas und sagte mit bewegter Stimme: + +»Dein Wohl, Leo! Möge das Glück dich auch in der Fremde begleiten, möge +das Schicksal in absehbarer Zeit uns alle wieder vereinigen! Kinder, ich +weiß, daß ihr mir grollt und ich kann doch nichts tun, als mit euch +leiden. Seht, Mutter und ich haben den besten Teil des Lebens hinter +uns, ich stehe an der Schwelle des Greisenalters, und so ist es doch nur +natürlich, wenn wir uns mit allen Fasern dagegen sträuben, den letzten +Sonnenstrahl, der uns noch leuchtet, fortziehen zu lassen. Aber selbst +wenn wir solcher schier übermenschlicher Selbstlosigkeit fähig wären, +würde mich das Pflichtgefühl davon abhalten. Lebten wir in normalen +Zeiten, so ließ ich euch ziehen und würde sagen, daß wir ja schließlich +alljährlich ein paar Monate bei euch in Paris zubringen können. Aber das +ist heute unmöglich, da die Krone fast wertlos ist. Nur Spekulanten +können sich noch solchen Luxus leisten, und ihr wißt, daß wir in guten, +geordneten Verhältnissen leben, aber doch mit jedem Tausendkronenschein +rechnen müssen. Würde Lotte jetzt mit dir in die Fremde gehen, so müßte +sie das Elternhaus für immer verlieren. Und nicht nur sie, sondern auch +euere Kinder wären entwurzelt, vaterlandslos, würden nicht wissen, wo +ihre Großeltern in der Erde ruhen. Und wer weiß, es würde der Tag +vielleicht kommen, wo du, Lotte, von solcher Heimatssehnsucht erfüllt +wärest, daß sie deine Liebe zum Gatten verdrängen und dein ganzes Wesen +sich in einen bitteren Vorwurf gegen den, dem du in die Verbannung +gefolgt, wandeln würde. Ihr seid beide jung, du, Lotte, bist fast noch +ein Kind, du Leo, ein Jüngling und das ganze Leben liegt vor euch. +Lasset ein paar Jahre vergehen, vielleicht seid ihr dann voneinander +losgekommen oder aber es traten Entwicklungen ein, die euch doch noch +vereinigen.« + +Während Lotte fassungslos weinte und mit ihr ihre Mutter, hob nun auch +Leo sein Glas. + +»Vater, so darf ich dich ja doch wohl noch nennen, ich muß die Gründe +deiner Weigerung, Lotte mit mir ziehen zu lassen, würdigen, +wahrscheinlich würde ich an deiner Stelle nicht anders handeln. Aber +eines sage ich dir, sage ich Lotte, die ich nie aufhören werde zu +lieben: Mein Leben wird von nun an ein einziger Kampf werden! Man sagt +meinem Volke Zähigkeit nach -- nun so will ich die ganze Fähigkeit +meines Volkes in mir vereinigen. Mit Kopf und Herz, mit meinem ganzen +Können und Wollen werde ich darauf hinarbeiten, Lotte zu gewinnen, so +oder so! Man kann mich vertreiben wie einen räudigen Hund, man kann aber +den Willen in mir nicht töten! Und ich leere mein Glas auf euer Wohl und +auf unsere Vereinigung, die früher kommen wird als wir alle heute zu +hoffen wagen!« + +Am nächsten Tage fuhr Leo Strakosch mit einem Zuge fort, der sich zum +großen Teil aus geistigen Arbeitern und Künstlern zusammensetzte. Hofrat +Spineder, Frau Spineder und Lotte gaben ihm das Geleite. Außer ihnen +ließ Leo nichts zurück, was ihm wert war, da seine Eltern längst nicht +mehr lebten. + + * * * * * + +Der letzte Jahrestag wurde für Wien zu einem Festtag, wie ihn die +lustige und leichtsinnige Stadt noch nie erlebt hatte. Unter Aufbietung +aller Verkehrsmittel, mit Hilfe von Lokomotiven, die aus den +Nachbarstaaten entliehen waren, bei Einstellung jedes sonstigen +Personen- und Güterverkehrs war es gelungen, an diesem Tag in dreißig +riesigen Trains die letzten Juden fortzubringen. Vormittags fuhren die +Direktoren und leitenden Funktionäre der Großbanken, mittags die +jüdischen Journalisten mit ihren Familien. Sie hatten bis zum letzten +Augenblicke ausgeharrt, noch die Abendblätter waren von ihnen +geschrieben und redigiert worden, und erst als die feuchten Blätter aus +den Rotationsmaschinen flogen, rückten die neuen Herren in die +Redaktionsstuben ein. Die Mehrzahl der Wiener Journalisten hatte +Engagements bei reichsdeutschen und deutschböhmischen Blättern gefunden, +viele wanderten nach Amerika aus, einige wenige beschlossen, sich +anderen Berufen zuzuwenden. Der Herausgeber der großen »Weltpresse« aber +übersiedelte mit einem kleinen Stabe von Mitarbeitern nach London, um +dort unter dem Titel »Im Exil« eine deutsche Wochenschrift, die sich in +erster Linie mit Oesterreich befassen sollte, erscheinen zu lassen. + +Um ein Uhr mittags verkündeten Sirenentöne, daß der letzte Zug mit Juden +Wien verlassen, um sechs Uhr abends läuteten sämtliche Kirchenglocken +zum Zeichen, daß in ganz Oesterreich kein Jude mehr weilte. + +In diesem Augenblicke begann Wien sein großes Befreiungsfest zu feiern. +Von hunderttausend Häusergiebeln wurden die rot-weiß-roten Fahnen +gehißt, Tücher in diesen Farben schmückten alle Geschäfte, Lampions vor +allen Fenstern wurden entzündet, und bei sternenheller Frostnacht zog +eine Million Menschen über den knisternden Schnee, um sich zu Zügen zu +vereinigen. Männer, Frauen und Kinder trugen Lampions, Musikkapellen +marschierten den einzelnen Bezirksgruppen voran, ein Jauchzen und Jubeln +ertönte, und immer wieder zerriß der Ruf: »Es lebe das christliche +Wien«, die Luft! + +Treffpunkt aller Züge war das Rathaus. In feenhafter Pracht lag der +schöne, gotische Bau Meister Schmidts da. Millionen elektrischer Lichter +ließen ihn wie eine einzige Flamme leuchten. Auf einer Tribüne spielten +die unvergleichlichen Wiener Philharmoniker, von Juden gesäubert und +daher ein wenig reduziert, volkstümliche Weisen, und der Wiener +Männergesangverein bot seine besten Lieder dar. Die Volkshalle, der +große Platz vor dem Rathaus, der Ring vom Schottentor bis zur Bellaria +bildeten eine einzige Menschenmauer, und um acht Uhr war es kein Rufen +mehr, sondern ein Heulen aus einer Million Kehlen, das immer wieder +erdröhnte. + +Endlich kam der große Moment. Bürgermeister Karl Maria Laberl erschien +mit dem Bundeskanzler Doktor Schwertfeger auf dem Balkon. Der +Bundeskanzler ergriff zuerst mit machtvoller Stimme, die sich bis +jenseits des Ringes Gehör verschaffte, das Wort. Er sprach kurz, +trocken, aber um so wirkungsvoller: + +»Mitbürger, ein ungeheures Werk ist vollendet! Alles das, was in seinem +innersten Wesen nicht österreichisch ist, hat die Grenzen unseres +kleinen, aber schönen Vaterlandes verlassen! Wir sind nun allein unter +uns, eine einzige Familie, wir sind fürderhin auf uns und unsere +Eigenart gestellt, mit eigener Kraft werden wir unser gesäubertes Haus +frisch bestellen, morsche Mauern stützen, geborstene Pfeiler aufbauen. +Wiener und Brüder aus dem ganzen Bundesstaat! Wir feiern heute ein Fest, +wie es noch nie gefeiert wurde. Morgen beginnt ein neues Jahr und für +uns alle ein neues Leben. Morgen dürfen wir noch ruhen und uns +beschaulich besinnen. Dann aber müssen wir arbeiten, wie wir noch nie +gearbeitet haben. Unser ganzes Können müssen wir unserem Vaterlande +widmen, jede Stunde muß genützt werden. Wir werden der ganzen Welt +zeigen müssen, daß Oesterreich auch ohne Juden leben kann, ja daß wir +eben deshalb gesunden, weil wir das Fremde aus unserem Blutkreislauf +entfernt haben. Mitbürger, schwört es mir in dieser feierlichen Stunde +in die Hand, daß wir alle nicht mehr schwelgend in den Tag hineinleben +wollen, sondern arbeiten, arbeiten und nichts als arbeiten, bis uns die +Früchte unserer Arbeit erblüht sind.« + +Und der Ruf: »Wir schwören es!« brauste auf, fremde Menschen schüttelten +einander die Hände, Männer und Frauen sanken einander weinend und +lachend in die Arme, die neue Volkshymne wurde intoniert und mitgesungen +und dann erklang ohne Verabredung und doch wie aus einem Munde das »Hoch +unser Doktor Schwertfeger, der Befreier Oesterreichs!« + +Als sich der Jubel und Tumult ein wenig gelegt hatte, kam endlich auch +Bürgermeister Herr Karl Maria Laberl zum Wort. Er begann seine Ansprache +mit den Worten: + +»Meine lieben Christen! -- --« + +Aber viel mehr vernahm die Menge nicht, denn dem warmen Föhn, der seit +Minuten durch die vorher noch so kalte Nacht fegte, folgte in diesem +Augenblick ein Regenguß, und schreiend, kreischend zerstreute sich die +Menschenmasse, um durch ein Meer von Kot und zerflossenem Schnee zu den +Straßenbahnen zu eilen. + + + + +Zweiter Teil. + + + =Lotte Spineder an Leo Strakosch, Paris, Rue Foch 22.= + +Mein Lieber, nun ist genau ein Jahr vergangen, seitdem ich Dir auf dem +Westbahnhofe mit meinem von Tränen ganz durchnäßten Taschentuch +nachgewinkt habe. Und das erste Weihnachtsfest, das ich als Deine Braut +ohne Dich verbringen mußte, liegt hinter mir. Es war wieder recht +traurig, und Papa meinte sehr besorgt, daß ich noch ganz krank und elend +werden würde, wenn ich mich meinem Schmerz so hingebe. Ich bin jetzt +nämlich immer sehr blaß, schlafe schlecht, habe viel Kopfschmerz und +werde gleich so müde. Unser Hausarzt meint, es sei Bleichsucht und hat +mir Guberquelle verordnet, aber ich weiß, daß es nur meine Sehnsucht +nach Dir ist, die mich schwach und krank macht. + +Unsagbare Freude hat mir Deine wundervolle Mappe bereitet, die gerade am +Weihnachtsabend eingetroffen ist. Du bist jetzt, wie man aus diesen +herrlichen Stichen sieht, ein ganz großer Künstler; Papa, der doch so +viel davon versteht, meint, daß Du schon zu den ersten Meistern gehörst +und hat furchtbar auf unsere Regierung geschimpft, die solche Männer, +statt sie zu ehren, aus dem Lande jagt. Dein Brief, in dem Du von Deinen +großen Erfolgen berichtest, hat mich natürlich sehr beglückt, und Papa +hat umgerechnet, daß die dreißigtausend Francs, die Du für diese Mappe +bekommen hast, viele Millionen österreichischer Kronen sind. Die Krone +ist nämlich wieder riesig gefallen. Nur als ich las, daß Du so viel in +Gesellschaft verkehrst und dich der Einladungen in die feinsten Häuser +kaum erwehren kannst, bekam ich ordentlich Herzklopfen. Wirst Du bei den +schönen Pariserinnen nicht Deine arme, kleine Lotte ganz vergessen? O +Leo, was soll nur aus uns werden, wann werde ich wieder meinen Kopf an +Deine Schulter legen können? Weißt Du, Leo, neulich flog ein großer +Aeroplan über den Kahlenberg westwärts, und da habe ich gedacht, daß +ich, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte, gleich zu Dir nach Paris +fliegen würde, ob meine Eltern es nun erlauben oder nicht. Ueberhaupt, +wenn ich wüßte, wie man, ohne daß es jemand erfährt, einen Paß bekommt, +würde ich mir von Dir Geld schicken lassen und heimlich zu Dir kommen. +Ich weiß, daß ich Papa und die Mutter damit furchtbar kränken würde, +aber meine Sehnsucht nach Dir ist so groß, daß ich ganz schlecht und +grausam geworden bin. + +Du bittest mich, ich möge Dir in großen Zügen die Entwicklung der Dinge +schildern, seitdem die Israeliten fort sind, da Du aus den farblosen und +langweiligen Wiener Zeitungen kein richtiges Bild bekommen kannst. Nun, +ich will versuchen, Dir alles zu erzählen, was ich selbst sehe oder von +den anderen weiß; aber wenn es dumm wird, so darfst Du mich nicht +auslachen. + +Also, von dem großen Jubel und den Festzügen am Silvestertage, als die +letzten Israeliten Wien und Oesterreich verlassen hatten, wirst Du ja +ohnedies alles aus den Zeitungen ersehen haben. Nun, den ganzen Januar +hielt diese Stimmung an, die Leute machten alle fröhliche Gesichter, ein +Festkonzert folgte dem anderen und immer wieder zogen die Massen vor das +Rathaus oder das Kanzlerpalais, um dem Bürgermeister Laberl und dem +Doktor Schwertfeger zu huldigen. Mir selbst ist es aufgefallen, daß die +Wiener in der Elektrischen viel freundlicher und netter waren als +vorher, und der Hofrat Tumpel, der bei uns verkehrt, Du weißt, der mit +dem blonden Vollbart, den Du nie leiden mochtest, sagte triumphierend zu +uns: + +»Sehen Sie, das Wiener sonnige Gemüt, das so lange von all dem Fremden +überschattet worden war, bricht sich wieder Bahn.« + +»Ja, Schnecken,« brummte der Vater, »das ist nur, weil den Wienern das +Ganze eine Riesenhetz ist und weil die Lebensmittel billiger und wieder +Wohnungen zu haben sind.« Tumpel meinte aber: »Oho, lieber Freund, das +ist es nicht allein, sondern die indogermanische Naivität unseres Volkes +wagt sich wieder heraus!« + +Die Lebensmittel waren wirklich viel billiger geworden, weil unsere +Krone damals sehr gut, nämlich auf 0·02 Centime stand. Ich erinnere +mich, daß Mama im Winter einmal ganz froh nach Hause kam und sagte, man +könne jetzt wieder existieren, das Schweineschmalz kostet nur mehr +zehntausend Kronen per Kilogramm. Und das mit den Wohnungen hat den +Wienern wirklich so viel Freude gemacht. Stelle Dir nur vor: Plötzlich +hingen fast an allen Haustoren Zettel, auf denen Wohnungen und möblierte +Zimmer angeboten wurden. Die Leute gingen rein zum Zeitvertreib von Haus +zu Haus, um die Wohnungen zu besichtigen. Und den ganzen Tag sah man +Möbelwagen durch die Straßen fahren. + +Das dauerte so bis zum Fasching, aber dann war die gute Laune weg. +Plötzlich begann große Arbeitslosigkeit zu herrschen. Die ganze +Konfektionsindustrie stand still, und jeden Augenblick hörte man, daß +dieses oder jenes Geschäft abgekracht sei. Die Blätter schrieben, man +müsse die ehrlichen christlichen Kaufleute, die die alten jüdischen +Geschäfte übernommen hatten und ihrer Aufgabe noch nicht gewachsen +seien, von Staats wegen unterstützen. Die Arbeitslosen machten aber +großen Krawall, zogen über den Ring, demolierten ein paar Geschäfte, +schlugen Fensterscheiben ein und setzten es durch, daß ihnen der Staat +zehntausend Kronen täglich Arbeitslosenunterstützung zahlte. Da begann +die Krone zu fallen, weil, wie Papa mir erklärte, der Banknotenumlauf +enorm stieg. Auf ja und nein stand die Krone wieder auf 0·01 Centime und +die Lebensmittel wurden wieder so teuer und noch teurer als früher. +Heute erzählte Mama ganz aufgeregt, daß die Butter schon dreißigtausend +Kronen kostet. Seit dem Frühjahr sind die Leute wieder sehr mürrisch und +in der Elektrischen wird viel geschimpft. Hauptsächlich auf die +Schieber, die alles verteuern, aber man spricht nicht von jüdischen +Schiebern, sondern nur so im allgemeinen. + +Du fragst, ob ich viel ins Theater gehe? Ach nein, lieber Leo, wenn man +die Oper ausnimmt, so ist in den Theatern gar nichts mehr los. In den +Schauspielhäusern wird ununterbrochen Ganghofer und Anzengruber +gespielt, weil man von Israeliten nichts aufführen darf und die +Klassiker ja doch nicht ziehen. Eine Zeitlang hat man auch viel von Shaw +gegeben; seitdem er aber in einer englischen Zeitung erklärt hat, Wien +sei ein internationales Dummheitsmuseum geworden, ist er verpönt. +Hauptsächlich aber deshalb, weil er auch gesagt hat, ein gescheiter Jude +sei ihm lieber als zehn dumme Christen. Die Operettentheater sind alle +pleite. (Erinnerst Du Dich, wie ich lachen mußte, als ich von Dir zum +erstenmal das Wort pleite hörte?) Es hat sich nämlich herausgestellt, +daß sämtliche alte und neue Operetten von Juden entweder komponiert oder +geschrieben sind, meistens beides. Auch fehlt es an Kräften, denn fast +alle Tenore mußten ja auswandern. Wohl sind rasch ein paar ganz arische +Operetten herausgebracht worden, aber das Publikum hat gezischt, weil es +ein furchtbarer Schmarren war. Der Hofrat Tumpel meinte, daß sich die +christliche Kunst eben nur für seriöse Sachen eigne, nicht für frivoles +Zeug. Worauf Papa schmunzelte und sagte, man würde bald einsehen, daß +sich die Juden und Christen hierzulande sehr gut ergänzt haben. + +Neulich ist mir mittags am Graben aufgefallen, daß man heuer viel +weniger elegante Herren und Damen sieht als früher. Es wird eben gar +kein Modeluxus mehr getrieben. Allerdings muß ich sagen, daß mir die +widerlichen jüdischen Schiebergesichter, über die Du Dich auch immer so +geärgert hast, gar nicht fehlen. Dafür machen sich auf dem Korso sehr +viele junge Lackeln, die wie Bauern aussehen und unmöglich angezogen +sind, mit mächtigen Uhrketten und Diamantringen an den dicken Fingern, +breit. Ueberhaupt scheint unser ganzer Fremdenverkehr nur mehr aus +Bauern zu bestehen. Der Besitzer vom Hotel Imperial hat neulich in einer +Zeitung geklagt, daß er jetzt Gäste habe, die sich mit den genagelten +Schuhen ins Bett legen und ihre Jägerwäsche in der Badewanne waschen. +Wenn Du durch die Kärntnerstraße gehen würdest, so würdest Du schauen, +wie wenig elegant die Geschäfte jetzt sind! Nun muß ich aber schließen, +weil es schon ein Uhr nachts ist und ich auch nichts Besonderes mehr +weiß. Lebe wohl, mein Geliebter, und denke was aus, damit wir bald +wieder beisammen sind, weil ich sonst gar nicht mehr leben mag. Es küßt +Dich vieltausendmal Deine ganz verzagte + + Lotte.« + + * * * * * + +Herr Habietnik ging düster, schweigend, mit gerunzelter Stirne durch die +prunkvollen Verkaufsräume des großen Modehauses in der Kärntnerstraße, +das einst Zwieback geheißen und jetzt den Namen Wilhelm Habietnik trug. +Herr Habietnik war der erste Verkäufer in der Damenmaßabteilung gewesen, +und mit Hilfe der Mittelbank deutscher Sparkassen war es ihm gelungen, +bei der großen Judenvertreibung das Haus an sich zu bringen. Herr +Habietnik ging nun, wie gesagt, von Saal zu Saal, wechselte in jedem ein +paar Worte mit dem Rayonchef, sein Antlitz wurde immer finsterer und er +stieß unwillige Rufe aus. Durch die ganz in Weiß und Rosa gehaltene +Abteilung für Babywäsche schritt er, ohne sich aufzuhalten, in den +entzückenden Konditoreisalon, der vollständig leer war, warf er nur +einen schiefen Blick, dann stürmte er in sein Privatkontor und ließ sich +den Prokuristen Smetana kommen. + +»Sie, Herr Smetana, so geht das nicht weiter, da muß etwas geschehen! +Wir stehen vor Ostern, früher war das die Hochsaison und man konnte vor +Gedränge gar nicht durch das Haus gehen, und jetzt habe ich auf meinem +Rundgang drei alte Weiber gefunden, von denen zwei zusammen eine +Chenillepelerine, wie sie gar nicht mehr existieren, kaufen wollten und +eine einen Barchentunterrock. Wenn wir so weitermachen, können wir +sperren. Sagen Sie, wie groß ist das Betriebsdefizit, seitdem ich die +Firma übernommen habe?« + +Der Prokurist Smetana lächelte sauer: + +»Na, so an die hundert Millionen, das wird wohl reichen!« + +Herr Habietnik ging aufgeregt auf und ab. »Ich versteh' das nicht! Wir +haben früher, wie die Juden noch da waren, doch auch eine Menge +christliche Käuferinnen gehabt! Wo sind denn die hingekommen?« + +Smetana, der früher in der Buchhaltung gesessen und die Rechnungen +ausgeschrieben hatte, lächelte. + +»Herr Habietnik, mit den christlichen Kundschaften war es nie weit her, +und wenn es schon Christinnen waren, so hatte ihr Christentum doch +irgendwo ein Klampferl. Entweder sie waren die Frauen oder die +Maitressen von Juden. Bitt' Sie, da erinnere ich mich an die schöne +Gräfin Wurmdorf, die was zuletzt noch eine Redoutentoilette für +eineinhalb Millionen bei uns hat machen lassen. Na, wer aber hat sie +gezahlt? Der Herr Gemahl vielleicht? Keine Spur! Der reiche Eisler von +der Firma Eisler und Breisler! Und die Manoni von der Oper, die was die +Tochter von einer waschechten christlichen Waschfrau ist und zehn gute +Millionen im Jahr bei uns gelassen hat? Na, bei der hat die ganze +israelitische Kultusgemeinde herhalten müssen! Und die --« + +Herr Habietnik winkte ab. »Trotzdem, es gab genug Damen ohne Liebhaber, +die ganz schön eingekauft haben. Ich weiß das besser, weil ich doch +gerade die Maßabteilung unter mir hatte.« + +»Ja, sehen Sie, Herr Habietnik, wenn es schon keine Jüdinnen waren, so +war es eben die Konkurrenz der Judenfrauen, die uns geholfen hat. Wenn +die Jüdinnen fein und elegant gekleidet waren, so wollten die +christlichen Damen der guten Gesellschaft nicht zurückstehen.« + +»Da können Sie recht haben«, meinte der Chef nachdenklich. »Neulich habe +ich selbst gehört, wie die Frau Artander die Preise bekrittelte und ohne +zu bestellen mit den Worten wegging: »Ach was, heutzutage hat man es ja +gottlob nicht mehr notwendig, sich so aufzutackeln und jede Modedummheit +mitzumachen. Ich werde eben die alten Sachen herrichten lassen.« + +Herr Habietnik bekam einen roten Kopf und schlug mit der Hand auf den +Tisch. »Ich habe Sie aber nicht gerufen, um mit Ihnen zu schmusen, +sondern weil ich einen Rat von Ihnen will! Dazu zahl' ich Ihnen ja den +hohen Gehalt!« + +Smetana knickte zusammen. »Eine Idee hätt' ich schon, Herr von +Habietnik. Die Leut' tragen jetzt so viel Loden und andere solide +Sachen. Sie haben es ja selbst gesehen, sogar nach Barchent ist +Nachfrage. Wie wäre es, wenn wir ein paar Fenster mit Lodenstoffen, +Lodenröcken, Barchent- und Flanellwäsche füllen würden? Und dazu eine +schöne Tafel und viel Inserate mit der Ankündigung: Loden, Barchent, +Baumwolle und Flanell -- die hohe Pariser Mode!« + +Herr Habietnik bekam einen Lachkrampf und krümmte sich so lange, bis ihm +die Tränen über die Backen liefen. »Flanell und Loden -- die große +Pariser Mode! Sie, wenn das die Frau Ella Zwieback, die jetzt in Brüssel +lebt, erfährt, so glaubt sie, daß wir in Wien alle zusammen verrückt +geworden sind! Aber meinethalben, mich ekelt die ganze Geschichte schon +an, ich bekomme Platzangst, wenn ich durch das leere Haus gehe! Gut, +machen Sie Lodenfenster! Und Steirerhüteln dazu nicht vergessen und +genagelte Schuhe! Und die Konditorei verwandeln wir langsam, aber sicher +in eine Stehbierhalle mit heißen Würsteln. Mir ist schon alles egal, so +kapores oder so!« + +Zehn Tage später sah man richtig hinter einem der Fenster rote, blaue +und gemusterte Flanellröcke, Hosen, gestrickte Miederleibchen, hinter +einem anderen Baumwollstrümpfe und solides Schuhzeug und in einer der +Auslagen türmten sich Lodenstoffe in Braun, Grau und Schwarz zu Bergen. +Und die Verkaufsräume füllten sich, bis der Bedarf der weitesten Kreise +gedeckt war und die Verkäuferinnen wieder verstohlen hinter ihren +schwarzen Seidenschürzen gähnten oder Engelhornromane lasen. + + * * * * * + +Im Kaffee Imperial saß der Rechtsanwalt Dr. Haberfeld und schob die +Zeitungen, die ihm der alte Zahlmarkör Josef gebracht hatte, unwirsch +beiseite. + +»Sie, Josef, leer ist es jetzt bei euch, daß man neben dem Ofen friert! +Früher hat man mühsam sein Platzerl ergattern können und jetzt, jetzt +könnt' man bei euch das Traberderby abhalten, weil eh' kein Mensch im +Weg steht!« + +Josef strich die ergrauten Bartkoteletten, machte tieftraurige Augen, +wischte mit der Serviette über den Tisch und sagte sorgenvoll: + +»Es geht eh' ein Ringkaffee nach dem andern ein, ich glaub', lang' wer'n +mir's auch net mehr machen. Wissen S', Herr Doktor, was die Herren +Israeliten -- pardon, die Juden, waren, die sind halt alle gern in die +feinen Lokale gegangen, wo was los ist und man was sieht. Aber die +christlichen Herrschaften, die geh'n ins Vorstadtkaffeehaus und spielen +ihr Tarock oder machen eine Billardpartie und gehen sonst lieber zum +Heurigen oder ins Wirtshaus. 's ist halt eine andere Zeit jetzt!« + +»Das merkt ein Blinder, der taubstumm ist«, brummte der Anwalt. »Sie, +Josef, wir zwei kennen einander ja schon lange genug und brauchen uns +keine Komödie vorzuspielen. Mir g'fallt halt die ganze G'schicht net! +Wien versumpert ohne Juden!« + +Josef fuhr erschreckt zusammen und sah sich ängstlich um. + +»Ah was, es hört uns eh' niemand! Wien versumpert, sag' ich Ihnen, und +wenn ich als alter, graduierter Antisemit das sag', so ist es wahr, sag' +ich Ihnen! Ich wer' Ihnen was sagen, Josef. Wenn ich gegessen hab', muß +ich, Sie wissen's ja am besten, immer mein Soda-Bikarbonat nehmen, um +die elendige Magensäure zu bekämpfen. Wenn ich aber gar keine Magensäure +hätt', so könnt' ich überhaupt nichts verdauen und müßt' krepieren. Und +wissen S', der Antisemitismus, der war das Soda zur Bekämpfung der +Juden, damit sie nicht lästig werden! Jetzt haben wir aber keine +Magensäure, das heißt, keine Juden, sondern nur Soda, und ich glaub', +daran wer'n wir noch zugrund' geh'n!« + +Josef, der mit atemloser und ehrfürchtiger Spannung gelauscht hatte, +schlug verzweifelt mit der Serviette auf einen Stuhl und flüsterte +beklommen: + +»Recht haben S', Herr Doktor, wenn man sich auch net traut, es laut zu +sagen. Mit dem Zugrundegehen aber fang' ich schon an! Ich habe im +letzten Halbjahr die Hälfte von meinem Ersparten aufgebraucht. Herr +Doktor, unter uns gesagt, und weil Sie selbst ein nobler Herr sein, den +was es nicht treffen tut: Die Herren Israeliten, pardon, ich mein' die +Juden, waren nobel im Trinkgeldgeben!« + +Josef räumte die Zeitungen fort, die dem Doktor Haberfeld zu langweilig +waren, brachte auf seinen Wunsch das Prager und das Berliner Tagblatt +und wandte sich anderen, eben eingetretenen Gästen zu, die sich je ein +Viertel Wein bestellten. + +»Wie in einem Beisel«, raunte Josef dem Rechtsanwalt im Vorübergehen zu. +Und dieser nickte verständnisvoll, zündete sich eine Zigarre an und +gedachte der Zeiten, da er allabendlich im Kreise jüdischer Kollegen +hier gesessen und trotz aller politischen Gegnerschaft manch' klugen und +guten Gedanken mit ihnen ausgetauscht hatte ... + + * * * * * + +Der Frühlingsbeginn, der seit jeher als politisch aufgeregte Zeit +gegolten hat, brachte auch diesmal den Wienern unruhige Tage. Die +Arbeitslosigkeit griff erschreckend um sich, eine Fabrik nach der +anderen stellte den Betrieb ein, aber auch die Konkurse der +Detailgeschäfte häuften sich und allenthalben gab es lärmende +Kundgebungen, nicht nur der Arbeiter, für die der Staat halbwegs sorgte, +sondern auch der entlassenen Kommis und Verkäuferinnen, Buchhalter und +Tippmädels, bis in bewegter Ministerratssitzung beschlossen wurde, auch +diesen Kategorien für die Zeit ihrer Stellenlosigkeit Zuschüsse zu +gewähren. Der Finanzminister hatte sich mit Händen und Füßen dagegen +gesträubt, der Kanzler, Doktor Schwertfeger, aber schließlich seinen +Willen durchgesetzt. Doktor Schwertfeger, der noch starrer, knochiger, +härter geworden war, erklärte, daß auch diese neue Belastung getragen +werden müsse. + +»Wir dürfen es nicht dazu kommen lassen, daß eines Tages der Ausweisung +der Juden die Schuld an Not und Elend gegeben wird. Wir haben bis heute +die »Arbeiter-Zeitung«, die jetzt zwar von Christen, aber doch noch im +jüdischen Geiste geschrieben wird, bewegen können, jede Kritik des +Antijuden-Gesetzes zu unterlassen. Erfüllen wir die Forderungen der +Stellungslosen im kaufmännischen Betriebe nicht, so wird ihr die Geduld +reißen und sie wird, schon um diese Leute in ihr Lager zu drängen, eine +Polemik eröffnen, die verderblich werden kann, weil wir die +Uebergangszeit von der Judenherrschaft zur Befreiung noch nicht hinter +uns haben.« + +»Und unsere Krone?« wandte der Finanzminister Professor Trumm höhnisch +ein. + +»Wir müssen uns an unsere christlichen Freunde im Auslande wenden und +ihnen unsere Bedrängnis klar machen. Am besten, Sie fahren gleich nach +Paris und London.« + +Trumm lachte laut auf. »Ganz vergeblich! Schon von der ersten Bittfahrt +vor drei Monaten bin ich mit leeren Händen gekommen! Die Leute geben +nichts mehr, haben ja sogar ihre festen Versprechungen nicht ganz +gehalten. Sie unterschätzen den Einfluß unserer früheren Konnationalen, +der österreichischen Juden, die zum Teil heute in den ausländischen +Banken sitzen! Und abgesehen davon, der christliche Begeisterungstaumel +ist vorbei und man steht wieder auf dem kalt-geschäftlichen Standpunkt. +Sogar Mister Huxtable hat abgewinkt. Also meinethalben, bewilligen wir +die Forderungen der stellenlosen kaufmännischen Angestellten! Aber ich +wasche meine Hände in Unschuld.« + +Am nächsten Tag wurde der Kabinettsbeschluß verlautbart, es trat wieder +Ruhe ein, aber am zweitnächsten Tag fiel die Krone an der Züricher Börse +um dreißig Prozent. Und die »Neue Züricher Zeitung« veröffentlichte +einen Artikel, in dem sie ziffernmäßig nachwies, daß Wien langsam aber +sicher aufhöre, irgendwelche Bedeutung für den mitteleuropäischen +Handelsverkehr zu haben und der Rivalität Prags und Budapests +unterliege. »In Ungarn ist man nach dem Ende des Horthy-Regimes ebenso +schlau wie in Prag gewesen. Man hat gewisse Kategorien von anständigen +Juden mit offenen Armen aus Wien aufgenommen und dadurch den Handel an +sich gerissen. Die Einkäufer der ganzen Welt können, weil sie zum großen +Teil Juden sind, ohnedies Wien nicht mehr besuchen, sie gehen nach Prag, +Brünn und Budapest, in erster Linie natürlich nach Berlin, das reißt die +christlichen Einkäufer mit, die österreichischen Erzeuger von +Fertigfabrikaten, wie Ledergalanterie, Schuhe, Keramik und so weiter, +müssen, statt die Einkäufer bei sich zu empfangen, mit dem Musterkoffer +nach dem Ausland reisen, kurzum, es werden trotz des beispiellos +niedrigen Standes der Krone in Wien keine nennenswerten Geschäfte +gemacht. Damit hat naturgemäß in Wien auch das Schiebertum in Valuten +sein Ende erreicht, aber wie es scheint, auf Kosten des österreichischen +Organismus. Der geniale Bundeskanzler Doktor Schwertfeger hat mit seinem +Gesetz keine große, sondern eine allzugroße Tat getan!« + +Und wie zur Bekräftigung der Wahrheit dieses Artikels begann sich in +Wien eine völlige Deroutierung des Bankenwesens einzustellen. Die +ausländischen Konsortien, die die Wiener Großbanken übernommen hatten, +sahen sich in ihren Hoffnungen bitter enttäuscht. Ihr Umsatz wurde immer +geringer, mit dem Fortgang der Juden hatte auch das Börsenspiel einen +beträchtlichen Rückgang aufzuweisen, und die Banken waren genötigt, wenn +sie nicht mit Verlust arbeiten wollten, eine der Tausenden von +Bankfilialen, mit denen Wien überfüllt war, nach der anderen +aufzulassen. Vergebens legte die Organisation der Bankbeamten dagegen +Protest ein, daß ein Teil ihrer Mitglieder brotlos gemacht wurde. Die +Banken steckten sich hinter ihre Gesandtschaften, es kam zu peinlichen +diplomatischen Interventionen, die damit endeten, daß die +österreichische Regierung, statt ihre eigenen Beamten abzubauen, noch +die stellenlosen Bankangestellten in ihren Dienst nehmen mußte. Und die +Krone fiel auf ein Tausendstel Centime. + + * * * * * + +An einem schönen, sommerlich warmen Maimorgen kam vom Westbahnhof her +ein Automobil vor das Hotel Bristol gefahren, dem ein eleganter, +schlanker, dunkelhaariger Herr entstieg. Der Hoteldirektor musterte mit +geübtem Blick den schweren Lederkoffer und das Handgepäck und dann erst +den Fremden, dem ein kleines Knebelbärtchen im Verein mit dem +aufgezwirbelten und in Wien sehr unmodernen Schnurrbart einen exotischen +Anstrich verlieh. Südfranzose! taxierte der Direktor, rechnete rasch im +Kopf französische Franken in Kronen um, und beschloß, dem erstaunlichen +Resultat gemäß, den Zimmerpreis zu stellen. Auf die französisch +vorgebrachte Frage, ob ein Zimmer frei sei, erwiderte er, ein ironisches +Lächeln mühsam unterdrückend: + +»Jawohl, Monsieur, ein einzelnes Zimmer gefällig oder ein Appartement +mit Bad? Mit Aussicht auf den Ring oder nach rückwärts?« + +Der Passagier ließ vor Erstaunen das eingeklemmte Monokel fallen. + +»Ja, wie ist denn das? Früher konnte man doch ohne vorherige Anmeldung +nirgends unterkommen!« + +»Mein Herr,« seufzte der Direktor jetzt tief und ehrlich, »Sie waren +wahrscheinlich anderthalb Jahre oder länger nicht mehr in Wien! Seither +hat sich viel verändert!« + +Der Fremde war sofort im Bilde, nickte verständnisvoll, forderte ein +Appartement auf die Ringstraße hinaus und füllte dann den Meldezettel +aus. + +»Henry Dufresne, Kunstmaler aus Paris, 29 Jahre alt, katholisch, ledig.« + +Monsieur Dufresne nahm ein Bad, kleidete sich um, pfiff dabei vergnügt +einen Pariser Gassenhauer vor sich hin, ließ sich ein vorzügliches +Frühstück auf dem Zimmer servieren und verließ dann so gegen zehn Uhr +vormittags ersichtlich aufgeräumt das Hotel. + +Der Franzose mit dem Knebelbärtchen kannte sich in Wien entschieden gut +aus, denn er schwang sich ohne jemanden zu fragen, auf einen +Straßenbahnwagen, und er mußte auch die deutsche Sprache vorzüglich +beherrschen, denn man sah ihm an, daß er den Gesprächen der Umstehenden +interessiert lauschte. Als eine alte Frau über die Teuerung zu jammern +begann und arg auf die hohe Obrigkeit schimpfte, klopfte Herr Dufresne +sie auf die Schulter und meinte in tadellosem Deutsch und wienerischem +Akzent besänftigend: + +»Wie kann man nur so was sagen, Mutterl, wir müssen doch alle froh und +glücklich sein, weil wir die Juden losgeworden sind.« + +Aber das Mutterl begehrte jetzt erst recht auf. + +»Mir ham' die Juden nie was g'tan! Wegen meiner hätten s' in Wien +bleiben können. A so a gute Bedienung hab' i bei an jüdischen Herrn +g'habt und alleweil, wann er a Madl mit nach Haus g'bracht und an +Unordnung g'macht hat, hat er mir an Hunderter extra g'schenkt. Leben +und leben lassen, hat er immer g'sagt und recht hat er g'habt!« + +Die Leute auf der Plattform lachten und ein biederer Mann mit einer +weinselig funkelnden Nase meinte bestätigend: + +»Ja, das derf man schon sagen, es hat auch anständige Leut' unter den +Juden 'geben!« + +Ein eigenartiges Lächeln spielte um den Mund des Franzosen, der nun +ausstieg und langsam zu Fuß die Währingerstraße entlang schlenderte, +dann in die Nußdorferstraße einbog, mitunter vor einer Auslage +kopfschüttelnd stehen blieb, die Preise der ausgestellten Waren zur +Kenntnis nahm und so schließlich in die Billrothstraße kam, die im +weiteren Verlauf nach den rebenreichen Vororten Sievering und Grinzing +führt. + +Ein Zettel am Haustor eines modernen Zinspalastes in der Billrothstraße +fesselte seine Aufmerksamkeit. + +»Kleine, elegant möblierte Wohnung mit Atelier sofort zu vermieten. +Auskunft erteilt der Portier.« + +Kurz entschlossen betrat Herr Dufresne das Haus und suchte den Portier +auf, der ihn mittelst Lift nach dem fünften Stock führte und die Wohnung +zeigte. Sie bestand aus einem Schlafzimmer, einem als Herrenzimmer +eingerichteten Salon, an den sich ein atelierartiger, großer Raum mit +Glasdach schloß. Auch ein Badezimmer war vorhanden. + +»Wie kommt es, daß die Wohnung leer steht?« + +»I, du meine Güte,« rief der Portier, »in Wien stehen jetzt an die +zwanzigtausend Wohnungen leer! Diese da hat ein Architekt, ein Herr +Rosenbaum, gehabt, der mit den anderen Juden fort mußte. Der Hausherr +hat ihm die Möbel abgekauft, konnte aber bis heute keinen Mieter finden, +weil keine Küche dabei ist.« + +Nach weiteren fünf Minuten hielt der Portier einen Zehntausendkronenschein +als Angabe in der Hand, und Herr Dufresne war Besitzer der +Wohnung. Als er jetzt mit beschleunigten Schritten gegen +Grinzing ging, wirbelte er vergnügt sein Spazierstöckchen in der Luft +und murmelte vor sich hin: »Der Anfang ist gut, besser hätte ich es mit +der Wohnung gar nicht treffen können.« Je näher er aber Grinzing kam, +desto erregter wurde er, seine Wangen färbten sich rot und seine braunen +lustigen Augen leuchteten wie im Fieber. Nun hatte er die Kobenzlgasse +erreicht und seine Schritte wurden langsam, fast schleppend, wie die +eines Mannes, der einem schicksalsschweren Augenblick entgegengeht. Vor +dem Hause des Hofrates Spineder blieb er tiefatmend stehen und zog sich +den grauen Kalabreserhut in die Stirne, daß man nur mehr seinen +Knebelbart und das Kinn sah. Unschlüssig ging er auf und ab, mitunter +nervös auf die Armbanduhr sehend, die auf halb zwölf wies. Gerade als er +wieder vor dem grünen Tor stand, ging dieses auf und ein Dienstmädchen +verließ das Haus. Und eben in diesem Augenblick, als das Tor offen +stand, sah Herr Dufresne, wie von der links im Hofe gelegenen +Wohnungstür ein junges, weißgekleidetes Mädchen mit goldblonden Haaren, +die kein Hut verdeckte, in der Hand ein Buch, den Hof nach rückwärts +durchschritt und den Garten aufwärts ging. + +»Hurra!« schrie der Mann mit dem Knebelbart in sich hinein und sein +Kriegsplan war fertig. Rechts vom Spinederschen Grundstück lag, von ihm +durch einen Holzzaun getrennt, ein langer, leerer Bauplatz, seit dem +Kriege provisorisch in einen riesigen Gemüsegarten verwandelt. Der Länge +nach zog sich dieser Gemüsegarten bis hoch hinauf zum Lusthäuschen auf +der höchsten Stelle des Spinedergartens. Auf der anderen Längsseite war +das Grundstück ebenfalls durch einen Holzzaun von einer Nebengasse der +Kobenzlgasse getrennt, aber dieser Zaun war verwahrlost und wies +mehrfach Unterbrechungen auf. Durch eines der Löcher kroch nun der +Franzose, eilte mit langen Sätzen den Gemüsegarten aufwärts, wobei er +links von sich das blonde Mädchen gehen sah und es bald hinter sich +ließ. Nun war Herr Dufresne ganz oben, mit einem Ruck schwang er sich +über den Zaun in den Garten des Hofrates Spineder hinüber und versteckte +sich hinter einem mächtigen Lindenbaum, der mitten im Weingarten stand. +Einige Minuten später war das Mädchen beim Baum angelangt, aber es +konnte den Mann hinter dem Baum nicht sehen. Bis plötzlich Unerwartetes +geschah. Herr Dufresne rief halblaut: »Lotte!« Und als Lotte Spineder +erschreckt und verwirrt stehen blieb und sich umsah, rief er wieder: +»Lotte! Ich bin es, um Himmelswillen erschrick nicht!« + +Im nächsten Augenblick hielt der Herr mit dem Knebelbart Lotte, die +schneeweiß geworden war und zu schwanken begonnen hatte, in seinem Arm. +Und immer wieder preßte er seinen Mund auf ihre kalten Lippen, bis sich +ihre Wangen färbten und sie ihn, am ganzen Körper bebend, fest +umklammerte, als wollte man ihn ihr entreißen. + +Und nun saßen sie im Lusthäuschen, Leo Strakosch hielt Lotte auf seinem +Schoß und erzählte in fliegenden Worten: + +»Ja, Lottchen, ich bin es, und dir zuliebe habe ich mir diesen +entsetzlichen Napoleonbart plus Schnurrbart wachsen lassen. Ich habe es +einfach vor Sehnsucht nach dir nicht mehr ausgehalten, und als mir dein +Vater schrieb, daß er ernstlich um deine Gesundheit besorgt sei und es +für richtiger halte, wenn wir den Briefwechsel, der in dir alle Wunden +immer wieder aufreiße, einstellen würden, war mein Plan gefaßt. Ich +vertraute mich einem lieben, guten Kameraden, Henry Dufresne, der für +mich ins Feuer gehen würde, an, ließ mir den Knebelbart, wie er ihn hat, +stehen und bekam von ihm sämtliche Papiere, als da sind: Taufschein, +Heimatschein, Militärzeugnis und den ordnungsgemäß von der +österreichischen Gesandtschaft in Paris vidierten Paß. Wir sahen durch +den Bart einander so ziemlich ähnlich, so daß er es riskieren konnte, +sich seinen Paß mit meiner Photographie zu besorgen. Und meine +Unterschrift hat er nachgemacht und nicht ich seine. Der gute Junge hat +natürlich allen Freunden und Bekannten erzählt, daß er nach Wien fährt, +in Wirklichkeit ist er auf das Gut seines Onkels in Südfrankreich +gegangen, wo er ein Jahr bleibt. Und genau so lange, als er dort ist, +kann ich hier in Wien als Henry Dufresne leben.« + +Lotte schluchzte und lachte in einem Atem. + +»Leo, ich bin ja so namenlos glücklich! Aber ich habe auch solche Angst +um dich! Du weißt, es steht die Todesstrafe auf die verbotene Rückkehr +-- was, wenn sie dich erwischen?!« + +»Ganz ausgeschlossen, mein Lieb! Die wenigen Freunde, die ich hatte, +sind Juden und mußten so wie ich das Land verlassen. Außerdem bin ich +tatsächlich durch den Bart unkenntlich, besonders, wenn ich ein Monokel +trage. Und selbst wenn jemand käme und behaupten würde, daß ich Leo +Strakosch bin -- ich würde einfach leugnen und niemand könnte mich +überführen, denn mein Paß ist echt, die Unterschrift ist echt, und wenn +man bei der Polizei in Paris anfragen sollte, so würde man die Auskunft +bekommen, daß Henry Dufresne mit Reisepaß nach Wien abgereist sei.« + +»Aber Papa und Mama?« fragte Lotte nach etlichen herzhaften Küssen, die +ihr trotz Schnurrbart und Mouche wohl taten. + +»Die dürfen natürlich nicht ein Sterbenswörtchen erfahren, Lotte«, +meinte Leo ernst. »Nicht, daß sie mich anzeigen würden! Aber dein Papa +ist zu sehr Beamter und Hofrat, um mir eine solche Mystifikation nicht +übel zu nehmen, und außerdem würde er unter keinen Umständen dulden, daß +wir zusammenkommen, sondern mich beschwören, wieder fortzufahren. So +aber werden wir uns täglich sehen, nicht wahr, Lotte?« + +Und Leo erzählte ihr von der behaglichen, kleinen Wohnung, die er eben +gemietet und schilderte, wie sie dort täglich ein paar Stunden, so lange +Lotte sich eben würde freimachen können, zusammen verbringen würden. +Lotte war nur über und über rot geworden, aber sie sah in die ehrlichen +und treuen Augen ihres Bräutigams und wußte, daß sie auch ganz allein +mit ihm in guter Hut sein würde. + +Lotte konnte jeden Augenblick im Garten gesucht werden und Leo mußte +verschwinden. Bevor sie aber Abschied nahmen, bewölkte sich wieder die +weiße Stirne des Mädchens. + +»Leo, du hast nun deine glänzende Karriere in Paris aufgegeben! Was aber +willst du hier in Wien tun, wie bei dieser schrecklichen Teuerung, über +die nun auch Papa zu klagen beginnt, deinen Unterhalt bestreiten?« + +Leo lachte so vergnügt und laut, daß ihm Lotte erschreckt die Finger auf +den Mund legte. Was er für eine Aufforderung nahm, die kleinen rosigen +Finger zu küssen. Er tat es reichlich und sagte dann: + +»Mein Liebes, was ich hier tun werde? Arbeiten, und zwar tüchtig, und +ungeheuer viel Geld sparen, weil diese Wiener Teuerung, in Franken +umgerechnet, lächerlich billig ist. Du mußt nämlich wissen, daß ich von +der größten Pariser Verlagsfirma den Auftrag bekommen habe, eine neue +Gesamtausgabe der Werke Zolas zu illustrieren. Glänzende Bedingungen, +sage ich dir. Sechzigtausend Francs, wovon ich die Hälfte bei Abschluß +der Vertrages bekommen habe. Die andere Hälfte erhalte ich, wenn ich die +zweihundert Zeichnungen abliefere, und das muß in einem Jahr sein. Also, +du siehst wieder einmal: Wir Juden sind schlau und wissen, wo unser +Vorteil bleibt!« + +Leo kroch über den Zaun zurück und Herr Dufresne besorgte noch am selben +Tag seinen Umzug nach der Billrothstraße. Hofrat Spineder und seine +Gattin stellten aber mit Befriedigung fest, daß ihr Töchterchen zum +erstenmal seit Jahr und Tag guter Laune war und heiter vor sich hinsang. + +»Du wirst sehen,« sagte der Hofrat seiner Gattin, »Lotte schlägt sich +nach und nach die ganze traurige Geschichte aus dem Kopf! Der arme +Bursch' tut mir ja leid, aber es ist besser so. Uebrigens hat er mir ja +auch ganz vernünftig geschrieben und versprochen, den Briefwechsel mit +Lotte aufzugeben.« + +Die Frau Hofrätin schüttelte verwundert das Haupt und dachte: Wie doch +die Mädchen von heute ganz anders sind! Ich würde an Lottes Stelle meine +Liebe nicht überwunden haben! + + * * * * * + +Die »Weltpresse«, einst das Blatt des liberalen Bürgertums, jetzt das +Hauptorgan der christlichsozialen Partei, erhielt eine Zuschrift von dem +Besitzer des Hauses Billrothstraße 19, in der in scharfer und logischer +Weise gegen den Fortbestand des Mieterschutzgesetzes Stellung genommen +wurde. »Das Mieterschutzgesetz«, hieß es in der Zuschrift, »hatte Zweck +und Sinn, als Wohnungsnot herrschte und die Bevölkerung davor geschützt +werden mußte, durch die Habgier einzelner Hausbesitzer obdachlos gemacht +zu werden. Heute gibt es keinen Mangel an Wohnungen mehr; dank dem +segensreichen Antijudengesetz unseres hochverehrten Bundeskanzlers sind +wieder normale Verhältnisse eingetreten, es ist der notwendige +Ueberschuß an Wohnungen vorhanden, und so erübrigt sich dieses +Mieterschutzgesetz, das nur mehr einen brutalen Eingriff in die Rechte +der Hausbesitzer bildet, ja sogar einen Verfassungsbruch. Sicher werden +nach Aufhebung des Gesetzes Steigerungen der Mietzinse eintreten, was +nur gerechtfertigt wäre und schließlich der Allgemeinheit zugute käme, +denn von den höheren Mietzinsen sind höhere Steuern zu zahlen und mit +höheren Mietpreisen steigt der Wert der Häuser. Es ist charakteristisch, +daß es ein in meinem Hause wohnender, vornehmer französischer Künstler +ist, der mir sein Entsetzen über dieses Mieterschutzgesetz ausdrückte. +Er erklärte, daß man sich in französischen Kapitalistenkreisen über +dieses Gesetz lustig mache, das unter anderem auch verhindert, daß +Ausländer ihr Geld in Wiener Häusern anlegen. Also fort mit dem +Mieterschutzgesetz! Die vornehme christliche Gesinnung der Wiener +Hausbesitzer, vor allem aber das Gesetz von Angebot und Nachfrage werden +automatisch ein allzu starkes Hinaufschnellen der Mietpreise +verhindern.« + +Die Zuschrift erschien an auffallender Stelle in der »Weltpresse« mit +einem redaktionellen Zusatz, in dem sehr vorsichtig die Ansicht des +geehrten Einsenders gebilligt, ihr aber gleichzeitig auch sanft +widersprochen wurde. Denn man wollte weder die Hausbesitzer noch die +Mieter vor den Kopf stoßen. + +Von da an begann ein lebhafter öffentlicher Gedankenaustausch, es +hagelte von Zuschriften und immer stürmischer wurde der Ruf der +Hausbesitzer nach Aufhebung des Mieterschutzgesetzes, Einräumung des +Kündigungsrechtes und der individuellen Mietsteigerung. Herr Windholz, +der Besitzer des Hauses in der Billrothstraße, war plötzlich eine +gewichtige Persönlichkeit geworden, der Verein der Hausbesitzer wählte +ihn zum Vorstand und täglich kam er zu seinem vornehmen französischen +Mieter, Herrn Dufresne, um sich bei ihm Rat zu holen. Herr Strakosch, +_alias_ Dufresne, aber hetzte munter weiter und sagte eines Tages mit +Emphase: + +»Wenn sich die Hausbesitzer noch weiter diese Versklavung gefallen +lassen, so halte ich sie alle zusammen für alberne Waschlappen und ich +werde eine Stadt verlassen, in der solche Zustände möglich sind.« + +»Ja, was sollen wir nur tun,« meinte Herr Windholz kleinmütig, »wenn die +Regierung absolut unseren Wünschen nicht entsprechen will?« + +»Was Sie tun sollen? Ich werde es Ihnen sagen! Heute noch trommeln Sie +Ihren Verein zusammen und fassen den Beschluß, der Regierung ein +dreitägiges Ultimatum zu stellen. Stellt sie bis dahin die Freizügigkeit +im Wohnungsverkehr nicht wieder her, so wird von den Hausbesitzern +gestreikt! Sie führen keine Steuern ab, unterlassen die Hausbeleuchtung +und Reinigung, verweigern die Bezahlung der Hypothekarzinsen, kurzum, +Sie sabotieren den Staat!« + +Herr Windholz war begeistert, umarmte den Franzosen und versicherte ihm, +daß er keinesfalls im Zinse gesteigert werden würde. + +Es geschah ganz nach dem Programm des Herrn Dufresne. Der Verein der +Wiener Hausbesitzer beschloß einstimmig das Ultimatum und die Regierung +fiel um. Vergebens versicherte Doktor Schwertfeger, daß die Aufhebung +des Mieterschutzgesetzes die unheilvollsten Folgen haben werde, er wurde +von seinen Ministerkollegen überstimmt. Wie die »Arbeiter-Zeitung« +boshaft behauptete, in erster Linie deshalb, weil der Finanzminister, +der Unterrichtsminister und der Handelsminister mehrfache Hausbesitzer +waren. + +Das Mieterschutzgesetz, das den Hausbesitzern sowohl die Kündigung der +Mieter als die willkürliche Erhöhung der Mietpreise untersagte, fiel +also, und vierundzwanzig Stunden später fand eine stürmische +Generalversammlung der Hausbesitzer statt, in der beschlossen wurde, die +derzeitigen Mietpreise der Teuerung halbwegs entsprechend auf das +Tausendfache zu erhöhen. Eine Art Rütlischwur verpflichtete zur +unbedingten Einhaltung dieses Beschlusses. + +Die Bevölkerung, die ja nur zum geringsten Teile aus Hausbesitzern +besteht, geriet in Tobsucht. Arbeiterfamilien mußten nunmehr eine halbe +Million im Jahr für ihre Wohnung bezahlen, eine kleine Mittelstandswohnung +kostete nicht unter einer ganzen Million! Die Organisation +der Hausfrauen, die Gewerkschaften, der Verband der Festangestellten, +die Kriegsinvaliden und Kriegswitwen, der Bund der Gewerbetreibenden, +sie alle veranstalteten Massendemonstrationen, und durch +volle acht Tage wurde in Wien und den Provinzstädten überhaupt +nicht gearbeitet, sondern vom Morgen bis in die Nacht demonstriert. Die +Zahl der eingeschlagenen Fensterscheiben wuchs erschreckend, und zum +erstenmal seit einer geraumen Anzahl von Jahren hörte man auf der Straße +den Ruf: + +»Nieder mit der Regierung!« + +Die christlichen Blätter ebenso wie die deutschnationalen verloren +massenhaft Leser, während der Weizen der »Arbeiter-Zeitung« wieder zu +blühen begann. + + * * * * * + +Herr Zwickerl war schlechter Laune und stocherte wütend in seinem +Kirschenstrudel umher, der auf dem Teller vor ihm lag. Frau Zwickerl sah +Sturm kommen und beugte vor. + +»Anton, was is dir denn wieder über die Leber gelaufen? Geht das +Geschäft nicht?« + +Das war für Herrn Zwickerl zu viel. Er schob den Kirschenstrudel fort, +wurde röter im Gesicht als die Kirschen im Strudel und brüllte: + +»Oh ja, das G'schäft geht! Zum Teufel nämlich geht es! Damit du nur +weißt, Konkurs muß ich ansagen!« + +»Jessasmariandjosef!« kreischte Frau Zwickerl auf. »Wie ist denn das +möglich?! Es ist doch immer g'steckt voll im Laden und alle Leut' +glauben, daß du eine Goldgruben von dem Juden, dem Leßner, übernommen +hast!« + +»Ja,« höhnte Zwickerl, »eine Goldgruben voll mit Dreck! Je mehr die +Leut' kaufen, desto mehr verlier' ich! Weißt was? Daran san die +verfluchten Valuten schuld! Kronen, schäbige Kronen krieg' ich herein +und Mark und tschechische Kronen und Franken fliegen hinaus. Zehntausend +Meter Batist kauf' ich in Reichenberg und nach acht Tagen kommt der +Verkäufer von der Abteilung und strahlt über das ganze blöde Gesicht und +sagt: »Herr Zwickerl, die Ware fliegt einem nur so aus der Hand! Morgen +haben wir nicht mehr einen Meter im Haus!« + +»Schön, denk' ich mir und geh' in die Buchhaltung, und wie wir +nachrechnen, sehen wir, daß ich, weil die tschechische Krone wieder +gestiegen ist, bei jedem Meter tausend Kronen verloren hab'. Und das ist +nur ein Beispiel von hunderten. Ich schlag' eh' bei jeder War' schon +dreihundert Prozent auf und trotzdem, die Krone fällt rascher, als ich +aufschlagen kann, Verluste, nichts als Verluste, und die Länderbank, die +mir das Kapital zur Uebernahme gegeben hat, fordert Rückzahlung und ich +kann nicht zahlen, weil ich ein riesiges Defizit habe. Im Gegenteil, ich +brauche wieder hundert Millionen, weil ich sonst nicht einkaufen kann!« + +Herr Zwickerl hatte sich Luft gemacht und war besänftigt. Er zog den +Kirschenstrudel an sich heran und machte ein pfiffiges Gesicht: + +»Weißt, Alte, wir braucheten einfach ein paar jüdische Banken, das ist +alles! Früher, als ich noch mein kleines Geschäft in der Stumpergassen +gehabt habe, da bin ich alleweil, wenn ich im Ausland kaufen mußte, zum +krummen Kohn von der Hermesbank gegangen, wo mein Konto war, und der hat +gesagt: Herr Zwickerl, hat er gesagt, Sie müssen sich jetzt mit Mark +eindecken, weil die Mark steigen wird; oder: die Krone wird fester +kommen, hat er gesagt, kaufen Sie Kronen. Und immer ist es richtig so +gewesen und ich hab' nicht nur an der Ware, sondern auch noch an der +Valuta verdient! Aber jetzt -- die Affen, die jetzt in der Bank +beieinandersitzen, kennen sich selber net aus und i kenn' mi' auch net +aus und alles geht kaput, sag' ich dir!« + +Herr Zwickerl gehörte zu den vielen kleinen Geschäftsleuten, die durch +das Antijudengesetz mächtig in die Höhe gekommen waren. Mit Hilfe der +urchristlich gewordenen Länderbank hatte er, der kleine Dutzendkaufmann, +das große Warenhaus in der Mariahilferstraße an sich bringen können, und +das erste Halbjahr war alles eitel Wonne gewesen. Wenn Herr Zwickerl auf +der Galerie des Kaufhauses stand und auf den Menschenschwarm hinabsah, +kam er sich wie ein kleiner König vor und er berauschte sich ordentlich +an dem Klingeln der Registrierkassen, dem Knistern der Seide und dem +Stimmengewirr. Und allabendlich leerte er beim Nachtessen sein Weinglas +auf das Wohl des Schwertfeger, und immer wieder sagte er zu seiner Frau, +die jetzt nur mehr in Glacéhandschuhen kochte: + +»Alte, da sieht man es am besten, wie uns die Juden ausgesaugt haben! +Die Juden haben die großen Geschäfte gehabt und wir Christen konnten im +finsteren Laden schuften und darben. Gottlob, daß das aufgehört hat!« + +Aber schon die erste Semestralbilanz brachte dem Herrn Zwickerl arge +Enttäuschung. Trotz der enormen Umsätze und des gefüllten Kaufhauses war +von einem Gewinn keine Rede, immer wieder hatte man sich beim Einkauf im +Ausland so oder so verspekuliert. Und mehr als einmal hatte Herr +Zwickerl in sich hineingeseufzt: An ordentlichen Juden, wenn ich hätt', +der was mich beraten tät'! + +Herr Zwickerl mußte tatsächlich Konkurs anmelden, das Geschäft wurde +geschlossen und von einem Grundbesitzer aus der Gumpoldskirchner Gegend +übernommen, der aus dem großen Haus eine riesige Stehweinhalle machte. + +In den Jahren, die dem Kriegsende und dem Umsturz gefolgt waren, hatte +sich Wien immer mehr zur Zentrale des mitteleuropäischen Luxus +entwickelt und das Leben gewisser Schichten eine Ueppigkeit angenommen, +die in der ganzen Welt als beispiellos besprochen wurde. Die breiten +Massen der Wiener Bevölkerung aber, nicht nur die Arbeiter, sondern auch +das mittlere Bürgertum, hatten zähneknirschend gesehen, wie sich die +fremden Elemente, vor allem die Juden aus Galizien, Rumänien und Ungarn, +als Herren Wiens aufspielten, mit dem für sie fast wertlosen +österreichischen Geld um sich warfen, Champagner tranken, wo der kleine +Mann kaum noch das Glas Bier zahlen konnte, ihre Weiber mit Perlen und +Pelzen behängten, während die wirklich gute Gesellschaft den alten +Familienschmuck stückweise verkaufen mußte, in prachtvollen +Luxusautomobilen durch die Straßen rasten, den bodenständigen Wienern +die Wohnungen wegnahmen und mit ihrem lärmenden protzigen Gehaben die +alte kultivierte Stadt erfüllten. + +Als die Juden fortgetrieben waren, änderte sich das alles von Tag zu Tag +auf das gründlichste. Der sinnbetörende Luxus verschwand, der Wiener +Ausverkauf stockte, man mußte sich nicht mehr anstellen, um einen Platz +im Opernhaus zu ergattern, das Leben wurde stiller, solider, einfacher. +Bis es sich zeigte, daß eine Stadt wie Wien ohne Luxus nicht leben kann. +Zuerst hatten die christlichen Geschäftsleute, die die Kaufläden der +Juden übernahmen, sich auch deren Automobile bemächtigt, es schien der +Wohlstand derselbe geblieben zu sein und nur eine Umgruppierung erfahren +zu haben, und der Jubel, mit dem die Wiener es begrüßten, daß sie nicht +bei jedem Schritt auf jüdische Schieber stoßen mußten, war ebenso +ehrlich als begreiflich. Als dann aber bald die Krone wieder ins +Uferlose fiel und die Teuerung neue Wellen zog, als alles das, was eben +auf äußersten Luxus eingestellt war, wie die vornehmen Geschäfte, die +Kabaretts, die Theater, die fürstlichen Restaurants und Bars, einging, +als die Arbeitslosigkeit um sich griff und der Export nach dem Ausland +immer geringer wurde, da begann auch das äußere Leben flügellahm zu +werden. Die Zehntausende von Automobilen, die aus jüdischen Händen in +christliche übergegangen waren, wurden für eine Handvoll Lire oder +Franken ins Ausland verkauft, weil bei dem schlechten Geschäftsgang das +Benzin unerschwinglich wurde, die Kunsthändler klagten über völlige +Geschäftslosigkeit, das Defizit der Staatstheater wuchs riesenhaft, +christliche Künstler und Gelehrte von Ruf, vor allem aber die großen +Aerzte, zogen ins Ausland, weil das Inland ihnen nicht mehr die Honorare +bezahlen konnte und wollte, die sie von den jüdischen Zeiten her gewohnt +waren. + +Und unaufhaltsam griffen Mißmut, Unzufriedenheit und die Erkenntnis, auf +einer abschüssigen Bahn zu gehen, um sich. + + * * * * * + +An einem herrlichen Junitag ging Leo Strakosch als Franzose Dufresne +nach dem Stadtpark, um wieder einmal Fühlung zum Wien von heute zu +bekommen. Sonst verließ er den neunzehnten Bezirk kaum, da er entweder +in seinem Atelier arbeitete oder aber mit Lotte ausgedehnte Spaziergänge +im Wienerwald unternahm. Als er heute nun zwischen den dichtbesetzten +Tischen um den Kursalon herum spazierte, war er so belustigt, daß er +laut auflachte. + +»Um Himmels willen, was ist aus meinem schönen eleganten Wien geworden!« + +Die Mode des Alpenkleides und Touristenanzuges schien allgemein geworden +zu sein; so weit das Auge reichte, sah er alte und junge Herren in +Loden, Kniehosen und mit dem grünen Steirerhütl auf dem Kopf. Und die +Damen! Die Mehrzahl trug Dirndlkostüme, die ja im freien Gelände sehr +nett und anmutend wirken, hier aber wie Karikaturen, wie schlechte Witze +erschienen. Man war eben sehr bescheiden geworden, und vor allem bildete +man ja eine einzige große Familie, war unter sich und hatte es nicht +notwendig, sich »herzurichten«. + +Hie und da sah man auch noch elegant gekleidete Damen und Herren; sie +fielen aber auf, man konnte von den Aelpler-Tischen bissige Bemerkungen +über sie hören, und Strakosch wurde es fast unheimlich zumute, als er +sah, wie ihn dieses oder jenes »Dirndl« durch ein Lorgnon anstierte, +wahrscheinlich nur deshalb, weil sein dunkelblauer Anzug, die +Lackstiefel und die kostbare Seidenkrawatte auffielen. + +Die elektrische Straßenbahn, städtische Musik und Dirndln, die ein +Lorgnon tragen -- Leo schüttelte sich. Er eilte aus dem Stadtpark fort +über die Ringstraße, fand auch das Bild, das die Kaffeehäuser boten, +trostlos, grinste, als er wahrnahm, daß die meisten Leute einander mit +»Heil« begrüßten und mußte lange suchen, bis er ein Autotaxi fand. Denn +auch diese Mietwagen waren ein Luxus geworden, der so wenig Benutzer +hatte, daß die meisten ihr Geschäft aufgaben. + +Spät abends, als die Sonne schon langsam unterging, traf er Lotte +verabredetermaßen am Rande des Kobenzlwaldes. Sie ließen sich auf einer +Bank nieder, und nachdem sie sich sattgeküßt, erzählte Lotte, daß ihre +Eltern beschlossen hatten, schon in der nächsten Woche nach ihrer +kleinen Villa am Wolfgangsee zu übersiedeln. + +»Was soll nur aus uns werden,« klagte Lotte, »wie soll ich es ertragen, +dich den ganzen Sommer nicht zu sehen?« + +»Davon kann auch keine Rede sein, Lieb. Ich werde eben auch ausspannen, +und wenn du in St. Gilgen bist, werde ich in Wolfgang wohnen und jeden +Tag wirst du herüberkommen und wir werden wenigstens eine Stunde +beisammen sein.« + +»Hm,« meinte Lotte vergnügt, »das läßt sich ja hören! Aber jetzt muß ich +dir auch sagen, daß ich gestern eine Auseinandersetzung mit Papa hatte. +Stelle dir nur vor, plötzlich sah mich Papa scharf an und sagte sehr +ernst: Lotte, wo treibst du dich eigentlich neuerdings immer stundenlang +allein herum? Du weißt, wir lassen dir alle mögliche Freiheit, aber was +zu viel ist, ist zu viel! + +Also, ich fühlte, wie ich blutrot wurde und dachte, das beste ist, ich +beichte.« + +»Was,« unterbrach sie Leo entsetzt, »du hast deinem Vater erzählt...?« + +»Ausreden lassen, Aff'«, lachte Lotte und zwickte ihn in das Ohr. »Ich +beichtete also, aber natürlich nur das, was mir paßte. Ich sagte dem +Papa, daß ich bei der Erna einen sehr feinen jungen Mann kennen gelernt +habe, den ich ebenso gut leiden mag, wie er mich und daß ich ihn oft +treffe, um mit ihm spazieren zu gehen. Er sei ein Franzose, namens Henry +Dufresne, der hier große Geschäfte mache. + +Der Papa war zuerst ganz sprachlos, dann fragte er mich, warum ich den +Franzosen nicht zu uns einlade. Darauf erwiderte ich, daß ich meiner +Gefühle noch nicht sicher sei und deshalb der Sache keinen offiziellen +Anstrich geben wolle. Und zum Schlusse meinte ich ganz empört: + +Papa, du weißt doch, daß du dich auf mich verlassen kannst! Ich tue +sicher nichts Unrechtes, und wenn ich es für gut und notwendig halten +werde, so wird Henry schon zu euch kommen! Jetzt aber laßt mich meine +Wege allein gehen. + +Papa war darauf sehr lieb und nett und Mama auch, und später hörte ich, +wie der Papa der Mama sagte: »Ich hätte nicht gedacht, daß Lotte den +armen Leo so rasch und gründlich vergessen würde. Aber ich bin sehr +glücklich darüber, daß sie eine neue Neigung gefaßt hat und wir wollen +ihr nichts in den Weg legen.« + +Und Mama, die dich doch so gerne hat, meinte kopfschüttelnd: »Ich +versteh' das Mädel gar nicht! Sie hat wirklich schon wieder rote Wangen +bekommen und trällert den ganzen Tag umher, als wäre ihr nie ein +Herzleid widerfahren.« + +Weißt du, Leo, es ist sicher nicht schön von uns, daß wir meine Eltern +so an der Nase herumführen, aber ich bin ja so glücklich, daß du hier in +Wien bist!« + +Leo zog Lotte an sich, küßte sie gründlich ab und sagte dann mit +wichtiger Miene: + +»Jetzt gehen wir aufs Land, und wenn ich dann wieder hier bin, dann +werde ich die ganze Stadt an der Nase herumzerren, aber tüchtig, sage +ich dir! Mehr kann ich dir heute noch nicht verraten, aber du wirst +deine Wunder erleben!« + +Dieser Sommer tröstete die Wiener zum zweitenmal für das viele Ungemach +und die argen Enttäuschungen, die sie erleben mußten. Gerade die +schönsten Plätze und Orte in dem klein gewordenen Oesterreich waren in +den früheren Jahren zum Pachtgut der Juden geworden. Das ganze herrliche +Salzkammergut, das Semmeringgebiet, sogar Tirol, soweit es einigen +Komfort bot, waren von österreichischen, tschechoslowakischen und +ungarischen Juden überflutet gewesen; in Ischl, Gmunden, Wolfgang, +Gilgen, Strobl, am Attersee und in Aussee erregte es direkt Aufsehen, +wenn Leute auftauchten, die im Verdacht standen, Arier zu sein. Die +christliche Bevölkerung, zum Teil weniger im Ueberfluß schwelgend, zum +Teil auch großen Geldausgaben konservativer gegenüberstehend, fühlte +sich nicht ohne Unrecht verdrängt und mußte mit den billigeren, aber +auch weniger schönen Gegenden in Niederösterreich, Steiermark oder in +entlegenen Tiroler Dörfern vorlieb nehmen. Das war seit der +Judenvertreibung anders geworden. Es gab in den schönsten Sommerfrischen +keine Ueberfüllung, die Städter bekamen auf ihre Nachfragen höfliche und +eilige Antworten, und trotz der sonstigen Teuerung waren die Wohnungs- +und Zimmerpreise erheblich billiger als vor zwei Jahren. Und so +schwärmte denn alles, was Geld und Zeit hatte, in jene Gegenden, die dem +bodenständigen Wiener früher verleidet worden waren. + +Die Besitzer der großen Etablissements, Kuranstalten und sogenannten +Sanatorien schnitten allerdings sauere Mienen. Sie hatten immer von dem +internationalen Judentum gelebt, ihr ganzer Betrieb war auf jene +Menschen eingestellt, die nicht rechnen, wenn es sich um ihre +Behaglichkeit handelt, und nun fanden sie, da sie auch bei gutem Willen +nicht billig sein konnten, nicht genügend Gäste. Die großen +Semmeringhotels eröffneten ihre Betriebe überhaupt nicht mehr und viele +Hotels im Salzkammergut und Tirol sahen sich mitten im Sommer genötigt, +zu sperren und ihr Personal zu entlassen. Das war ein Wermuttropfen im +Becher der Freude und machte böses Blut unter der Landbevölkerung, die +gewohnt war, ihre Produkte zu enormen Preisen den großen Hotels zu +verkaufen und ihre Töchter und Söhne im Sommer ein schweres Stück Geld +als Stubenmädchen und Hausdiener verdienen zu lassen. + +Der Bürgermeister von Semmering hatte den Mut, es in einer +Gemeinderatssitzung offen herauszusagen: + +»Mit den Juden hat man bei uns den Wohlstand vertrieben, ein paar Jahre +noch und wir werden zwar gute Christen, aber bettelarm sein!« + + * * * * * + +Als der Sommer vorüber war und der Herbst die Blätter färbte, begann in +fast schon gewohnter Weise die Krone neuerlich zu fallen und die +Teuerung anzusteigen. Die Preise wurden phantastisch, selbst reiche +Leute scheuten die Anschaffung eines neuen Kleidungsstückes, die +Arbeiter, die Angestellten, ja auch die Arbeitslosen stellten neue +Forderungen, eine Fahrt auf der Straßenbahn kostete schon tausend Kronen +und ein Kilogramm Butter fünfzigtausend. + +Unter allgemeiner Verbitterung, Nervosität und Unruhe trat im Oktober +die Nationalversammlung zusammen, und das Gesicht des Kanzlers Doktor +Schwertfeger sah zerklüftet, durchfurcht, vergrämt aus. Als er sprach, +herrschte nicht jene weihevolle Ruhe wie früher, sondern es wurden Rufe, +Zwischenbemerkungen laut, sogar die Galerie machte sich durch Oho-Rufe +bemerkbar und die kleine Opposition der Sozialdemokraten ließ sich nicht +mehr einschüchtern, sondern griff immer wieder in die Debatte ein. + +Schwertfeger gab einen Ueberblick über die trostlose finanzielle Lage +des Landes und fuhr dann fort: + +»Ich muß es rund heraussagen: Große und schwere Opfer stehen der +christlichen Bevölkerung Oesterreichs bevor. (Zwischenruf von der +Galerie: Natürlich nur den Christen, da wir ja die Juden +hinausgeschmissen haben!) Opfer, die mit Mannesmut und Bürgertreue +geleistet werden müssen! Die Regierung braucht zur Fortführung der +Geschäfte Geld, und da wir vom Auslande keine weiteren Kredite bekommen +können, müssen wir die Unsummen, die die Verwaltung, die Verzinsung der +Schulden und die Unterstützung der Arbeitslosen verschlingt, durch neue +Steuern, direkte und indirekte, hereinbringen. (Große Unruhe im ganzen +Hause.) + +Meine Herren und Damen, ich weiß, daß die Bevölkerung schwer enttäuscht +ist und ich bin es mit ihr. Wir alle haben eben die Schwierigkeit der +Uebergangswirtschaft unterschätzt, wir alle dachten, daß die +christlichen Bürger sich besser auf die Beherrschung der Finanzen und +des Geschäftslebens einstellen würden, die ganz in Händen der Juden +waren. Aber was sind solche Enttäuschungen gegenüber dem ungeheuren +Ziel, das wir uns gesteckt haben, dem Ziel, Oesterreich seiner arischen +Bevölkerung wiederzugeben, ein Land aufzurichten, das frei von +Wuchergeist, frei von jüdischem Skeptizismus, frei von jenen +zersetzenden Eigenschaften und Elementen ist, die das Judentum +repräsentieren!« + +Zum Schluß stellte der Kanzler mit erhobener Stimme die Vertrauensfrage. + +Im Namen der kleinen sozialistischen Fraktion sprach Doktor Wolters +gegen die Kreditgewährung, gegen die Gutheißung der Regierungspläne, +gegen das Vertrauensvotum. In krassen Farben schilderte er die +zunehmende Verelendung, die Gefahr des unmittelbar bevorstehenden +Staatsbankerottes, die Verödung des wirtschaftlichen und geistigen +Lebens. Er sagte unter anderem: + +»Der Herr Bundeskanzler hat vor mehr als zwei Jahren, als er sein +Antijudengesetz begründete, unsere Bevölkerung bieder, einfältig und +ehrlich genannt und behauptet, daß sie der Konkurrenz der überlegenen +Juden nicht gewachsen sei. Er hat nur eines übersehen: Daß wir biederen, +ehrlichen und einfachen Oesterreicher auch ohne Juden von Völkern +umgeben sein werden, die uns jetzt, wo wir die Juden nicht mehr haben, +erst recht überlegen sind. Wo ist der mitteleuropäische Handel +hingekommen, seitdem die Juden weg sind? Wir haben ihn verloren, denn +die Juden haben ihn nach Prag und Budapest mitgenommen. Was ist aus der +blühenden Konfektions-, Galanterie- und Mode-Industrie geworden? Sie ist +fast spurlos verschwunden, weil sie von der Biederkeit und Ehrlichkeit +allein nicht leben kann, sondern den jüdischen Konsumenten aus aller +Herren Länder braucht, der das leicht verdiente Geld auch leicht wieder +ausgibt. Heute zeigt es sich, daß wir der Juden nicht entraten +können -- --.« + +Stürmische Rufe unterbrachen den sozialistischen Führer. Die +Christlichsozialen und Deutschnationalen tobten, schrien »Hinaus mit dem +gekauften Judenknecht« und der Tumult wurde so groß, daß der Präsident, +der Tiroler mit dem roten Bart, die Sitzung unterbrechen mußte. Als er +sie wieder eröffnete, erteilte er dem Doktor Wolters eine Rüge, weil er +durch seine Worte das christliche Gefühl der Abgeordneten schwer +verletzt und den Versuch gemacht habe, die Grundfesten des neuen Staates +zu erschüttern. + +Schließlich wurden alle Regierungsanträge gegen die Stimmen der +Sozialisten angenommen. Aber viele Abgeordnete hatten sich vor der +Abstimmung entfernt und Schwertfeger sagte später seinem Präsidialisten +mit grimmigem Lächeln: + +»Diesmal sind sie davongelaufen, das nächstemal werden sie gegen mich +stimmen, die Erfolghascher, Konjunkturisten, die gestern Hosianna +schrieen und morgen _crucifige_ rufen werden!« + + * * * * * + +Seltsame, mysteriöse Dinge ereigneten sich. Eines Morgens standen am +Schottentor vor einer Litfaßsäule, desgleichen vor der Oper, am +Stubenring und an anderen Plätzen Hunderte von Männern und Frauen vor +kleinen, mit einem Reisnagel befestigten Plakaten im Oktavformat, die +folgende Inschriften enthielten: + +»Wiener, Oesterreicher! Rafft euch auf, bevor Ihr alle zugrunde gegangen +seid! Mit den Juden habt Ihr den Wohlstand, die Hoffnung, die +Zukunftsmöglichkeit ausgewiesen! Fluch den Volksverführern, die euch +irregeleitet haben! + + Der Bund wahrhaftiger Christen.« + +Die Menschen lasen einander die frechen Worte vor, viele schimpften und +behaupteten, daß Freimaurer das getan haben mußten, andere entfernten +sich wortlos, wieder andere hatten den Mut, zustimmende Aeußerungen zu +tun und die Anderssprechenden trotzig anzusehen. + +Nach einigen Tagen erschienen an verschiedenen Plätzen neue Plakate mit +den Worten: + +»Wien verdorft! Wiener, seht Ihr es denn nicht? Noch ein paar Jahre und +aus der alten, ehemaligen Kaiserstadt wird ein schäbiges, vergessenes +Nest geworden sein!« + +Das ging den Leuten, die nun den Inhalt des Plakates auch aus der +»Arbeiter-Zeitung« vernahmen, auf die Nerven, allenthalben wurde man +unruhig. War nicht etwas Wahres an dieser neuen Behauptung des +mysteriösen Bundes wahrhaftiger Christen? Leidenschaftliche Diskussionen +wurden darüber in Versammlungen, im Wirtshaus, in der Straßenbahn +geführt, aber das Wort von der Verdorfung Wiens blieb irgendwie in der +Luft hängen, wurde geflügelt, man bekam es überall zu hören, ja sogar +die christliche »Weltpresse« schrieb am Schluß eines Leitartikels ganz +unwillkürlich: »Wir müssen alles tun, um der Verdorfung zu entgehen!« + +Die Polizei wurde von der erbosten Regierung aufgefordert, den +Uebeltäter aufzuspüren, der die Plakate anschlug. Vergebliche Mühe! Alle +paar Tage kamen neue zum Vorschein, immer an anderen Plätzen, an +Haustoren, Kirchenportalen, ja einmal hing je eines an den Toren des +Kanzlerpalais, des Polizeipräsidiums und des Parlamentes. Und immer +enthielt das kleine Plakat in wenigen Worten eine wirksame Polemik gegen +die Regierung, eine suggestive Aufhetzung der Bevölkerung. Die +»Arbeiter-Zeitung« war jedesmal in der Lage, schon in ihrer +Morgenausgabe den Inhalt des Pamphlets, das heute angeschlagen werden +würde, zu veröffentlichen, weil ihr ein Exemplar schon am Tage vorher +mit der Post gebracht wurde. + +Schließlich geriet ganz Wien in Aufregung, man sprach fast von nichts +anderem, zerbrach sich den Kopf darüber, wer hinter diesem +geheimnisvollen Bund wohl stecken möge, die Zahl derer, die dem Inhalte +der kleinen Aufrufe zustimmten, wuchs von Woche zu Woche, die +sozialdemokratischen Versammlungen bekamen wieder einen ungeheuren +Zulauf und der Nimbus des Kanzlers sank ersichtlich. + +Lotte war eines Nachmittags früher zu Leo gekommen, als er sie erwartet +hatte. Da sie einen eigenen Schlüssel zu der Wohnung besaß und Leo sie +nicht wie sonst im Wohnzimmer erwartete, ging sie direkt in das Atelier. +Leo warf rasch ein Tuch über einen kleinen Holztisch und begrüßte sie +dann ein wenig verlegen. + +Lotte zog ihn beim Knebelbärtchen, sah ihm in die braunen Augen und +sagte dann: + +»Du, Leo, du hast da soeben etwas vor mir verbergen wollen! Was befindet +sich dort unter dem Tuch?« + +Leo lachte herzlich. + +»Mädel, du hast Augen wie ein Luchs! Also, dann will ich dir mein +Geheimnis eben schon heute anvertrauen.« + +Er zog das Tuch fort und Lotte erblickte neben einem Typenkasten und +einer Miniatur-Handpresse einen Stoß frisch gedruckter Zettel. Erstaunt +las sie: + +»Wiener, geht es euch heute besser oder schlechter als zur Zeit der +Juden? Ueberlegt in Ruhe und Ihr werdet euch die richtige Antwort geben! +Wir alle haben einst geschrien: »Hinaus mit den Juden!« So schreien wir +heute: »Herein mit jenen Juden, die ehrlich und treu mit uns arbeiten +wollen.« + + Der Bund der wahrhaftigen Christen.« + +Verblüfft, verwirrt, verständnislos ließ Lotte das Papier fallen und +ergriff einen anderen Zettel, auf dem gedruckt stand: + +»Wir sehnen uns nicht nach den kulturfernen Ostjuden. Aber die +intelligenten, klugen, wertvollen Juden, die schon vor dem Jahre 1914 +unsere Mitbürger waren, müssen wir wieder mit offenen Armen aufnehmen, +wenn wir nicht rettungslos verelenden wollen! Auf zur Tat, bevor es zu +spät ist! + + Der Bund der wahrhaftigen Christen.« + +Fragend sah Lotte ihren Bräutigam an. + +Dieser hob sie zu sich empor, küßte sie auf die Nasenspitze und lachte +wieder aus vollem Halse. + +»Na, Tschapperl, verstehst du noch immer nicht? Der Bund der +wahrhaftigen Christen, der seit Wochen Wien verrückt macht, bin ich! Und +ich werde nicht aufhören, bevor nicht der große Wirbel eingetreten ist. +Die zwei neuen Plakate werden wirken, sag ich dir! Das sind meine Gas-, +Stink- und Leuchtbomben, mit denen ich töte, ersticke und erleuchte.« + +Lotte zitterte. + +»Leo, wenn du dabei erwischt wirst, so ist es um dich geschehen!« + +»Wenn, wenn! Aber man wird nicht! Ich habe eine wunderbare Technik beim +Befestigen der Zettel! Ich schlendere morgens an einem Tor oder einer +Wand vorbei, und im Gehen, ohne auch nur eine Sekunde mich aufzuhalten, +treibe ich den Nagel ein, an dem der Zettel schon hängt! Und selbst, +wenn die Polizei die Zettel wenige Minuten später wieder abreißt, so +schadet das nicht, weil die »Arbeiter-Zeitung« den Inhalt schon +abgedruckt hat. Verlaß dich auf mich, mein Lieb, es muß das geschehen, +ich gehe einen genau vorgezeichneten Weg und nehme mich ohnedies +höllisch in acht.« + +Lotte saß auf dem großen Zeichentisch, baumelte mit den schlanken Beinen +und sagte nachdenklich: + +»Weißt du, Leo, du hast schon sehr viel erreicht, glaube ich. Gestern +war bei uns größere Gesellschaft. Zehn Herren und Damen waren da und es +wurde fast ununterbrochen von der Judenausweisung und ihren Folgen +gesprochen. Und alle, darunter auch der Hofrat Tumpel, waren darin +einig, daß man sich mit der Ausweisung eines Teiles der Ostjuden, und +zwar jenes Teiles, der eine anständige Beschäftigung nicht nachweist, +hätte begnügen müssen. Hofrat Tumpel, der vor einem Jahr noch wütend +wurde, wenn man mit dem Bundeskanzler nicht ganz einverstanden war, +sagte schließlich: + +»Ja, ja, es scheint, als wenn man da in einen höchst komplizierten +Mechanismus allzu brutal eingegriffen hätte! Gewisse nicht zu +unterschätzende jüdische Eigenschaften fehlen uns ganz bedenklich!« + +Dazu ist allerdings zu bemerken, daß der Bruder des Hofrates die +Buchhandlung in der Seilergasse besitzt, die sich nur mit dem Vertrieb +von Luxusbüchern und Kunstdrucken befaßt. Seit die Juden weg sind, macht +er gar keine Geschäfte mehr und sein Bruder, der Hofrat, hat schon +zweimal große Summen opfern müssen, um ihn vor dem Bankerott zu +bewahren. Und noch etwas, Leo: Ich halte doch immer, in der Früh', wenn +ich einkaufe, und im Konzert und in der Oper und der Straßenbahn die +Augen und Ohren offen. Und ich höre, wie die Leute immer mehr mit Wehmut +an die Vergangenheit zurückdenken und von ihr wie von etwas sehr Schönem +sprechen. »Damals, wie die Juden noch da waren«, das kann man täglich +zehnmal in allen Tonarten nur in keiner gehässigen, hören. Weißt du, ich +glaub', die Leute bekommen ordentlich Sehnsucht nach den Juden!« + +Leo preßte das kluge Mädchen an sich. »Und ich will das Meinige tun, um +diese Sehnsucht unwiderstehlich zu machen.« + +»Aber sei recht vorsichtig, Leo, bedenk', daß, wenn man dich umbringt, +es auch mein Leben kostet!« + + * * * * * + +Traurigere Weihnachten hatte Wien noch nie erlebt. Der ungeheuerlichen +Teuerung stand der vollständige Stillstand des Lebens gegenüber. Die +Teuerung allein hätte die guten Phäaken nicht anfechten können. Sie +waren sie ja schon seit einem Dezennium gewöhnt, und ob das Viertel Wein +nun zehntausend oder fünftausend Kronen kostete, war schließlich egal, +wenn man genug verdiente, wenn der Arbeiter hohen Lohn bekam und der +Kaufmann abends die Kasse voll mit Zehntausendern hatte. Jetzt war das +aber nicht mehr der Fall. Die enormen Banknotenmassen blieben bei den +Bauern liegen, in den Städten herrschte vollständige Kaufunlust, ein +großer Teil der Arbeiter feierte und war auf die staatliche +Unterstützung angewiesen, und in der Weihnachtsnummer veröffentlichten +die Zeitungen Statistiken, aus denen hervorging, daß seit zwei Jahren +allein in Wien an die fünftausend Bankfilialen, Kaffeehäuser, +Restaurants und Geschäfte geschlossen hatten. Neuerdings trat ein +Riesenkrach nach dem anderen in der Industrie ein, Aktiengesellschaften, +die man noch vor kurzem für bombensicher gehalten hatte, erklärten sich +insolvent und man sprach sogar von dem baldigen Zusammenbruch zweier +Großbanken. + +Was nutzte es den Wienern unter solchen Umständen, daß sie überall Platz +hatten, sogar an den Weihnachtsfeiertagen die Theater nicht ausverkauft +waren und man nicht mehr den aufreizenden Judennasen begegnete? Was +nutzte es, daß man zur christlichen Einfachheit zurückgekehrt war und +sich den Vollbart wachsen ließ, wenn die Friseurgehilfen massenhaft +entlassen werden mußten, weil es keine Arbeit mehr für sie gab? + +Am schlimmsten waren die Juweliere daran. Die meisten waren Juden +gewesen und hatten auswandern müssen, und nun führten diese Geschäfte +ehemalige kleine Uhrmacher und andere sicher sehr ehrenwerte Leute, die +aber zum holländischen Edelsteinmarkt, der fast ausschließlich in +jüdischen Händen liegt, keinerlei Beziehungen hatten und bei jedem +Einkauf über die Ohren gehauen wurden. Schließlich hatte der Einkauf im +Ausland ganz aufgehört, weil niemand mehr Schmuck wollte, wohl aber der +Andrang derer, die verkaufen mußten, immer stärker wurde. Langsam aber +sicher wanderte ein großer Teil des inländischen Juwelenbesitzes in die +Nachbarstaaten, nach England, Frankreich und Amerika, und auch dabei +waren die Juweliere, die diesen Export betrieben, die Leidtragenden. +Wenn ein Juwelier heute eine Perlenschnur für zehn Millionen aus +privatem Besitz kaufte und sie bald darauf für dreißig Millionen einem +Amerikaner anhängte, so bildete er sich ein, ein glänzendes Geschäft +gemacht zu haben und begoß seine Freude mit Wein, lobte den Doktor +Schwertfeger und kaufte eine Fettgans, die nun nicht mehr das +Privilegium der Juden war. Bevor er aber noch die schwere Gansleber +verdauen hatte können, waren seine dreißig Millionen nicht einmal die +zehn wert, die er ausgegeben und er besaß kein Geld mehr zu neuen +Ankäufen. + +So war es wahrhaftig kein Wunder, wenn zu Weihnachten eine Welle der +Erbitterung und Unzufriedenheit durch Wien ging und die Silvesternacht +nicht mit Jubel und Radau wie sonst, sondern in Verdrossenheit und +Mutlosigkeit gefeiert wurde. + +Und wenn der Bundeskanzler das Gespräch mitangehört hätte, das in der +Weihnachtswoche der Herr Habietnik, Besitzer des großen Modehauses in +der Kärntnerstraße, und der Herr Mauler, Inhaber des großen +Juweliergeschäftes am Graben, miteinander führten, so wäre sein Ingrimm +noch größer gewesen, als er es ohnedies war. + +Herr Habietnik und Herr Mauler saßen im Grabenkaffee und klagten beide +über das elende Weihnachtsgeschäft, das den Ruin Tausender von +Geschäftsleuten besiegeln mußte. Plötzlich beugte sich Herr Habietnik zu +Herrn Mauler und erzählte ihm von einem Traum, den er in der vergangenen +Nacht gehabt. + +»Stellen Sie sich vor, Herr Mauler, i hab' g'träumt, daß plötzlich zu +mir ins Geschäft lauter Juden und Jüdinnen gekommen san. Alle waren +hochelegant und haben Banknotenbündel in den Händen gehalten und es ist +ein Riesenwirbel entstanden. Die Madeln konnten die Pelze und Stoffe, +die Mäntel und Kostüme gar nicht schnell genug herbeibringen und die +ganze Modeabteilung war von Seide und Samt, von Spitzen und Stickereien +gefüllt. Und nichts war den Jüdinnen gut genug und eine sehr eine fesche +jüdische Dame hat immer geschrien: »Das ist gar nichts! Wir kommen aus +Paris und Palästina, wo die neuesten Moden sind, zeigen Sie das Beste, +was Sie haben.« Und da hat meine erste Verkäuferin plötzlich eine +Barchenthose gebracht und hat gesagt: »Aber meine verehrte gnädige +Israelitin, das ist doch das Neueste aus Paris!« Und da ist ein +furchtbares Gelächter entstanden, so daß ich aufgewacht bin! Glauben S' +nicht, Herr Mauler, daß der Traum was zu bedeuten hat?« + +Herr Mauler aber meinte grinsend: + +»Ja, er hat zu bedeuten, daß bald die ganze Welt über uns lachen wird +und wir uns in Flanell und Barchent einwickeln werden, bevor wir +begraben werden. Aber das eine weiß ich, Herr Habietnik, wenn so +plötzlich vor meinem Laden ein Automobil vorfahren würde mit einem +jüdischen Ehepaar, so tät ich sie beide abküssen und hätt' noch einmal +eine Freude am Leben! Wissen Sie, Herr Habietnik, wie ich früher noch +Kommis beim Herrn Zwirner war, der mein Geschäft gehabt hat, da hab' ich +mir oft gedacht, daß es eigentlich eine Schand' ist, daß fast nur die +Juden Geld genug haben, um Brillanten und Perlen zu kaufen. Und einmal +habe ich das auch laut gesagt. Da hat mich der Herr Zwirner angelacht +und gesagt: »Herr Mauler, sein Sie kein Narr, sondern froh darüber, daß +die Juden kaufen und das Geld unter die Leute bringen. Oder möchten Sie +es lieber haben, daß auch die Juden ihr Geld vergraben und verstecken +wie die Bauern? Sie werden sehen, wenn das mit dem Antisemitismus so +weitergeht, so werden die reichen Juden auswandern und dann können die +Geschäftsleute sperren!« + +Na und jetzt sind nicht nur die reichen, sondern auch die armen Juden +ausgewandert und wir sind richtig alle kapores!« + + * * * * * + +Bei Spineders war der heilige Abend in der gewohnten patriarchalischen +Weise gefeiert worden. Die Stimmung war aber nicht die beste. Der Hofrat +begann ernstliche Sorgen materieller Art zu haben, die ihm die +Entwertung seines Vermögens bereitete; Frau Spineder konnte sich noch +immer von dem Schrecken nicht erholen, den ihr die Tatsache eingejagt, +daß sie für den Weihnachtskarpfen fünfzigtausend Kronen und für die +Weihnachtsgans hunderttausend hatte zahlen müssen, und Lotte war +unruhig, weil sie ohne Nachricht von Leo war und doch gehofft hatte, daß +er sich irgendwie wenigstens mit einem Glückwunsch melden würde. + +Gerade als mit Andacht der kostbare Fisch verzehrt wurde, läutete die +Haustorglocke und das Stubenmädchen meldete, ein Mann sei da, der dem +gnädigen Fräulein etwas persönlich zu überbringen habe. Lotte stürzte +hinaus, und der in einen Pelz gehüllte Mann, der ihr etwas zu übergeben +hatte, küßte sie im dunklen Hausflur wie verrückt ab, um ihr dann ein +winziges Päckchen in die Hand zu drücken und eilends wieder zu +verschwinden. + +Im Speisezimmer wickelte Lotte das kleine Paket aus und entnahm einem +Lederetui einen Ring mit einer köstlichen, haselnußgroßen Perle. + +»Ein Weihnachtsgeschenk von Herrn Henry Dufresne«, sagte Lotte, die +purpurrot geworden war, und ein unendliches Glücksgefühl durchströmte +ihr junges Herz, als sie den Ring über den Finger zog. + +Der Herr Hofrat aber war betreten und erklärte kategorisch: + +»Lotte, nun aber muß dieser Herr Dufresne sich uns doch endlich +vorstellen und um deine Hand anhalten. Denn ein solcher Ring, den man +einem Mädchen schenkt, ist einfach ein Verlobungsring.« + +Lachend küßte Lotte ihren Vater. + +»Habt noch ein wenig Geduld! Leo -- Henry sagt, daß er sehr bald zu euch +kommen werde.« + +Die Mama aber schüttelte wieder den Kopf und dachte: + +»Seltsame Zeiten, seltsame Jugend! Liebt einen, vergißt ihn und +verwechselt dann seinen Namen mit dem des Nachfolgers!« + +Im Januar vereinigten sich mehrere große Konsumentenorganisationen zu +einer Massenversammlung in der Volkshalle des Rathauses unter der +Devise: »Wir können nicht weiter!« Zehntausende von Menschen waren der +Einladung gefolgt und trotz der außerordentlichen Kälte standen vor dem +Rathaus ungeheure Menschenmassen, die in der Volkshalle nicht mehr Platz +gefunden hatten. + +Die Versammlung bot ein merkwürdiges Bild. Leo Strakosch, der sich +ebenfalls eingefunden hatte, konstatierte, noch niemals so viele +vollbärtige Männer gesehen und noch nie so viele Heilrufe gehört zu +haben. Eine andere Staffage und man hätte an eine Tiroler +Bauernversammlung zur Zeit des Andreas Hofer denken können. Auch +Weiblichkeit war massenhaft vertreten, aber wahrhaftig nicht die +lieblichste, die Wien aufzuweisen hat. Unter allgemeinem Heil-Gebrüll +eröffnete der Apotheker Doktor Njedestjenski die Versammlung mit der +Feststellung, daß es so nicht weitergehen könne. Er vermied es +sorgfältig, die Notlage und Teuerung mit der Judenausweisung in +Zusammenhang zu bringen, sondern gab sich höchst deutschnational und +behauptete, nur die Tatsache, daß Oesterreich sich nicht an Deutschland +anschließen könne, sei schuld an dem jammervollen Niedergang Wiens. +Worauf ein Arbeiter unter schallender Heiterkeit dazwischen rief: + +»Wir können uns ja gar nicht mehr anschließen, oder glauben Sie, daß die +Deutschen auch solche Trotteln wie wir sind und ihre Juden +hinausschmeißen werden?« + +Das brachte den Apotheker aus dem Konzept, er stammelte noch etwas von +deutscher Einheit und deutschem Volksbewußtsein, schrie »Heil« und gab +den Rednern das Wort. Worauf fast nur mehr über die Juden gesprochen +wurde. Und zwar so, daß ein Unkundiger hätte glauben müssen, Wien sei +die judenfreundlichste Stadt der Welt. Als ein Weinhändler +antisemitische Töne anschlug, wurde er direkt niedergeschrieen und ein +Zwischenruf: »Hätten wir lieber von den Juden gelernt, als sie +hinauszujagen!« fand großen Beifall. Leo konnte sich nicht länger +beherrschen. Mit bedenklichem Herzklopfen meldete er sich bei dem +Vorsitzenden zum Wort und bestieg die Rednertribüne, während er dachte: +Nun, Frechheit, steh' mir bei! Er tat, als würde er die deutsche Sprache +nur unvollkommen beherrschen, betonte immer wieder, daß er als Franzose +eigentlich nicht befugt sei, sich in die Angelegenheiten Oesterreichs zu +mischen, aber von Wohlwollen für diese unvergleichlich schöne und +liebreizende Stadt, der schönsten nach oder mit Paris, erfüllt, doch +nicht umhin könne, seiner Meinung Ausdruck zu geben. Worauf die +anwesenden Vollbärte geschmeichelt und die Frauen, von dem schlanken, +hübschen Mann trotz des Knebelbartes entzückt »Heil!« schrieen. Und dann +fuhr Leo mit französischem Akzent fort: + +»Auch wir in Paris haben sehr viele Juden, gute und schlechte, wertvolle +und schädliche. Jedenfalls sind viele darunter, die alle Hochachtung +verdienen und dem Land von großem Nutzen sind. Niemandem aber würde es +bei uns einfallen, die Juden ausweisen zu wollen, sondern jeder +versucht, ihre guten Eigenschaften auszunützen. Ich bin hier nicht zu +Hause und kenne daher die Wiener Juden nicht so genau, kann aber sagen, +daß ich in Paris mit sehr vielen aus Wien Ausgewiesenen verkehrt habe, +die einen vortrefflichen Eindruck gemacht haben und sicher sehr bald +gute Franzosen sein werden. Es ist möglich, daß zwischen den +österreichischen Christen und den Juden ein größerer Unterschied ist, +als zwischen den leichtbeweglichen und temperamentvollen Franzosen und +den Juden. Aber gerade deshalb müßte doch eine gute Ergänzung möglich +sein. Ich höre, daß man den Juden hierzulande den Vorwurf gemacht hat, +das Kapital zu beherrschen und relativ mehr Geld zu besitzen als die +christlichen Bürger. Ja, meine Verehrten, daraus geht doch nur hervor, +daß sie rascher im Denken und Handeln sind, und eine kluge Regierung +müßte solche Eigenschaften für die Allgemeinheit zu benutzen verstehen.« + +Stürmische Zurufe von allen Seiten: »Jawohl, eine gescheite Regierung, +aber wir haben eben eine blöde! Recht hat er! Heil! Heil!« + +»Meine Verehrten,« sagte Leo lächelnd, »ob einem die Juden sympathisch +sind oder nicht, ist eigentlich gleichgültig. Der Sauerteig, der dem +Brotmehl beigegeben wird, schmeckt an sich recht abscheulich und doch +kann ohne ihn kein Brot gemacht werden. So müßte man auch die Juden +betrachten. Sauerteig, an sich wenig erfreulich und in zu großen +Quantitäten schädlich, aber in der richtigen Mischung unentbehrlich für +das tägliche Brot. Und ich glaube, daß Ihr Brot sitzen bleibt, weil ihm +der Sauerteig fehlt! + +Nun heißt es aber nicht räsonieren und das, was geschehen ist, beklagen, +sondern zusehen, wie Abhilfe geschaffen werden kann. Wie das in +Oesterreich möglich sein wird, weiß ich nicht. In Frankreich würde in +solchem Falle die Bevölkerung auf Neuwahlen dringen, die zeigen müßten, +ob das Volk mit den herrschenden Zuständen zufrieden ist oder sie ändern +will!« + +Damit trat Leo ab, um rasch in der Menge zu verschwinden. Der +Versammlung hatte sich eine ungeheure Aufregung bemächtigt. Wie ein +Funke in ein Dynamitfaß, so hatte das Wort »Neuwahlen« in die +Menschenmassen eingeschlagen, die riesige Halle erdröhnte von diesem aus +dreißigtausend Kehlen geschrieenen Wort, das sich auf die Straße +fortpflanzte und zum Schlagwort der kommenden Zeit wurde. + +Am folgenden Tage fand in der Redaktion der »Arbeiter-Zeitung« eine +Konferenz der Hauptredakteure und der Vertrauensmänner der Partei statt, +in der zum erstenmal seit Jahren wieder beschlossen wurde, aktive, +energische Politik zu machen und mit dieser Politik aus den +geschlossenen Räumen auf die Straße zu gehen. Der Chefredakteur der +»Arbeiter-Zeitung«, der ehemalige Federnschmücker Wunderlich, der nach +bestem Gewissen das Erbe Viktor Adlers verwaltete, kam zu folgender +Konklusion: + +»Wir müssen das Schlagwort dieses merkwürdigen französischen Malers, der +unmöglich Diefreß heißen kann, wie ihn der Trottel von Vorsitzenden +niedergeschrieben hat, aufgreifen. Von heute an werden wir in unseren +Blättern, in unseren Versammlungen und Beratungen immer wieder Neuwahlen +fordern. Und nun werden wir unsere Freunde in Frankreich, Holland, der +Tschechoslowakei, in England und Amerika in Aktion setzen und sie +veranlassen, alles zu tun, damit große Kronenbeträge auf den Markt +geworfen werden. Fällt die Krone neuerdings empfindlich, steigt die +Teuerung, die derzeit stagniert, wieder an, so ist die Lage reif für uns +und wir werden, wenn es sein muß, die Auflösung der Nationalversammlung +mit Gewalt erzwingen.« + + * * * * * + +In den nächsten Tagen ereignete sich noch etwas, was in den +stramm-christlichsozialen Kreisen große Bestürzung erregte. Der +Bürgermeister von Wien, nach Schwertfeger der mächtigste Mann im Reiche, +Herr Karl Maria Laberl, fiel sozusagen um. Nicht aus eigenem Willen +allerdings, sondern weil ihm sein Präsidialist Herr Kallop ein Bein +stellte. Von diesem Herrn Kallop wußte man längst im Rathause, daß er +eigentlich umgekehrt, das heißt Pollak, heißen müßte, weil dies der Name +seines Großvaters war. Und als die Juden noch in Wien gewesen, erzählte +man in ihren Kreisen, daß der alte Pollak ein aus Galizien +eingewanderter Getreidehändler wäre, der eine Christin geheiratet habe +und sich deshalb taufen ließ. Sein Sohn habe schon den Namen Kallop +angenommen, war ein in christlichen Kreisen angesehener Advokat, der +wieder eine Christin heiratete, so daß die Enkelkinder des alten Pollak +nach dem Schwertfegerschen Gesetz als Vollarier anzusehen waren. Josef +Kallop, der Sohn des Advokaten, taugte in seiner Jugend nichts, konnte +seine juristischen Studien nicht beenden und wurde daher mit Erfolg +Magistratsbeamter. An Schlauheit den meisten seiner Kollegen turmhoch +überlegen, brachte er es bald zum Präsidialisten und seit geraumer Zeit +war er die rechte Hand des Bürgermeisters Laberl. + +Herr Kallop also war es, der den Bürgermeister zum Umfallen brachte. Er +machte ihm klar, daß ein großer Umschwung bevorstehe. + +»So geht es nicht weiter, Herr Laberl, das ist Ihnen doch ganz klar. Es +wird demnächst Unruhen geben, ernste Unruhen sogar, und eines Tages wird +die Regierung sozusagen flötengehen. Wenn Sie nicht mit flötengehen +wollen, so müssen Sie sich beizeiten ein wenig umdrehen. Rücken Sie von +Schwertfeger ab, geben Sie zu, daß man bei der Judenausweisung zu weit +gegangen ist, und ganz Wien wird plötzlich inmitten des Rummels, der +kommen muß und wird, sagen: Unser Bürgermeister, das ist ein Gescheiter, +der lenkt ein und wird uns noch herausreißen.« + +Herr Karl Maria Laberl nickte, strich sich den schönen, weißen Bart, war +von seinem überlegenen Verstand schon ganz durchdrungen, fragte aber +einigermaßen ängstlich: + +»Lieber Kallop, das ist ja ganz richtig, was Sie da sagen und entspricht +dem, was ich mir schon längst gedacht habe. Aber wie soll ich denn das +machen?« + +»Sehr einfach, Herr Bürgermeister. Wir berufen eine Versammlung der +christlichsozialen Bürgervereinigung des, na, sagen wir ersten Bezirkes +ein, weil dort unter den Geschäftsleuten geradezu eine Panikstimmung +herrscht. Und dann halten Sie eben eine Rede, die wir zusammen +ausarbeiten werden.« + +Und so geschah es, nur daß das »Zusammenausarbeiten« darin bestand, daß +Herr Laberl die Rede, die sein Präsidialist niederschrieb, auswendig +lernen mußte. Als dann die Versammlung der Bürgervereinigung abgehalten +wurde, begrüßte sie Herr Laberl sehr feierlich, sprach von dem Ernst der +Zeiten, von den Zuständen, die man nicht mehr ertragen könne und sagte +schließlich: + +»Der Ruf nach Neuwahlen wird immer ungestümer und ich bin der letzte, +der den Ruf nicht hören will. Im Gegenteil, ich persönlich bin dafür, +daß man tut, was das Volk will und durch Neuwahlen feststellt, ob die +Bevölkerung Oesterreichs auch jetzt noch gutheißt, was die Regierung vor +mehr als zwei Jahren getan, oder ob sie eine radikale Aenderung wünscht. +Ich und wohl mit mir Sie alle, meine Herren, haben nur ein Ziel vor +Augen: Den Wiederaufbau möglich zu machen, das unglückliche Volk aus dem +Labyrinth, in das die Entente aber vielleicht auch schwerwiegende eigene +Irrtümer es gestoßen haben, wieder ans Licht des Tages zu führen. Keine +Dogmatik, kein Fanatismus, keine persönliche Antipathie oder Sympathie +darf uns leiten, meine Herren, sondern lediglich der Nützlichkeitsgedanke!« + +Kallop sorgte dafür, daß die Rathauskorrespondenz noch in derselben +Nacht die Rede des Bürgermeisters im Wortlaut den Zeitungen +übermittelte, und am nächsten Tag wußte es sogar der dümmste Kerl von +Wien, daß Karl Maria Laberl den Bundeskanzler im geeigneten Moment im +Stich lassen werde. + +Als Doktor Schwertfeger in den Morgenblättern die nur von der +»Arbeiter-Zeitung« entsprechend kommentierte Rede des Bürgermeisters +las, stieg ihm gallbitterer Speichel in den Mund und er spie aus. Dann +warf er einen langen, verlorenen, glanzlosen Blick vom Fenster über den +Volksgarten, den jetzt ein weißes Leichentuch bedeckte. + +Herr Kallop aber rieb sich im Rathaus vergnügt die Hände. Und nachdem er +sich vergewissert, daß weder ein Kollege noch ein Amtsdiener im Zimmer +war, sagte er laut und vernehmlich: »Maseltoff!« und klopfte dreimal +unter den Tisch. Wobei zu bemerken ist, daß Herr Kallop eine üppige, +zwar schon zweimal geschiedene, aber dafür mit zahlreichen Millionen +gesegnete Jüdin verehrte, die in Prag im Exil lebte. Und er wünschte +nichts sehnlicher, als ihre und ihrer Millionen Rückkehr ins teure +Vaterland, schon deshalb, weil er mit seinem Gehalt als Präsidialchef +unmöglich die Teuerung länger aushalten konnte und außerdem falsch in +polnischer Mark spekuliert hatte. + + * * * * * + +Der Fasching dieses Jahres konnte die Laune der Wiener nicht verbessern. +Grimmige Kälte, viel Schnee, ungeheizte Zimmer, weil der Meterzentner +Kohle hunderttausend Kronen kostete, eine Pleite nach der anderen, der +Zusammenbruch eines großen Bankkonzerns, bei dem viele ihr Geld liegen +hatten. + +Die Bälle und Redouten standen vollständig unter dem Zeichen des +Dirndlkostüms. Da der Toilettenluxus fehlte, machte man aus der Not eine +Tugend, veranstaltete fast nur Bauernbälle, so daß Wien eher einem +»Kirtag« glich als einer Großstadt. + +Dazu kam, daß Wien vollständig aufgehört hatte, eine Theaterstadt zu +sein. Die ersten Kräfte der Staatsoper gastierten unaufhörlich im +Ausland, die Philharmoniker absolvierten eben eine Tournee in +Südamerika, die Privattheater hatten sich in Provinzschmieren mit +unzulänglicher Regie, minderen Kräften und veralteten Spielplänen +verwandelt, von auswärts kamen längst keine Konzertgäste mehr, weil +ihnen Wien die großen Gagen nicht zahlen konnte, Zeitungen waren +neuerdings eingegangen, weil die Zahl der Leser immer mehr abnahm und +plötzlich ertönte wieder der Alarmruf: »Die Krone fällt!« + +An den ausländischen Börsen fanden enorme Kronenabgaben statt, so daß +Zürich sie bald nur mehr auf ein Dreißigtausendstel Centime bewertete. +Demgemäß stiegen alle Preise und die Bevölkerung begann in Verzweiflung +zu geraten. Als das Kilogramm Fett eine Viertelmillion Kronen kostete, +erschien wieder das geheimnisvolle kleine Plakat des Bundes der +wahrhaftigen Christen mit den Worten: + +»Wie lange noch, Wiener, werdet Ihr diese Regierung dulden? Wann endlich +wollt Ihr die Nationalversammlung auseinandertreiben und Neuwahlen +erzwingen?« + +In den Morgenstunden des nächsten Tages kam es zu Plünderungen auf den +Märkten, die erbitterten Hausfrauen stürmten die Stände, verprügelten +die Marktfrauen und bemächtigten sich der Waren. In Favoriten nahm der +Tumult einen revolutionären Charakter an, es mußte die Reichswehr +aufgeboten werden, die sich aber weigerte, gegen die Frauen vorzugehen. + +In der Nationalversammlung, die eben tagte, richteten nicht nur die +Sozialdemokraten, sondern auch einzelne Christlichsoziale und +Großdeutsche Interpellationen an die Regierung, in denen gefragt wurde, +was man zu tun gedenke, um der verzweifelten Bevölkerung zu helfen. Die +Sozialdemokraten stellten einen Dringlichkeitsantrag, die Regierung möge +sofort Neuwahlen ausschreiben, damit das Volk selbst entscheiden könne, +ob es bereit sei, die herrschenden Zustände noch länger zu dulden. + +Totenbleich erhob sich der Bundeskanzler zu einer Entgegnung: + +»In diesem Augenblick der allgemeinen Verwirrung Neuwahlen ausschreiben, +hieße das Geschick des Landes den radikalen Elementen ausliefern und den +Juden wieder Tor und Türe öffnen! Das stolzeste und größte Werk, das die +österreichische Legislatur jemals geschaffen, würde zusammenbrechen, +weil wir nicht genug Geduld und Aufopferungsfähigkeit haben, um +auszuhalten und die gegenwärtigen Schwierigkeiten zu überwinden. Ich +weiß, daß das internationale Judentum am Werke ist und sicher arbeiten +Agitatoren, von jüdischem Gelde bestochen, daran --« + +Die weiteren Worte des Kanzlers gingen in dem ungeheuren Tumult +verloren, der nun folgte. Die Sozialdemokraten klopften mit den +Pultdeckeln, die Galerie tobte und schrie, sogar aus den Reihen der +Gesinnungsgenossen kamen Zurufe, wie: »Haben Sie Beweise für Ihre +Behauptungen?« + +Um sechs Uhr abends wurde noch immer über den Dringlichkeitsantrag der +Sozialdemokraten gesprochen, die ersichtlicherweise alles taten, um die +Sitzung in die Länge zu ziehen. Jeder Redner sprach stundenlang; hatte +der eine geendet, so meldete sich ein anderer zum Wort, die meisten +Abgeordneten hörten längst nicht mehr zu, sondern stärkten sich am +Büfett, auch die Ministerbank war leer geworden, nur Schwertfeger saß +mit verschränkten Armen starr und düster auf seinem Sitz. + +Plötzlich kam neues Leben in das Haus. Das Gerücht verbreitete sich, daß +Arbeitermassen im Anzuge seien, gleich darauf hörte man aus weiter Ferne +die Klänge des Arbeiterliedes, das Jauchzen und Toben erregter +Menschenmassen, bis plötzlich ein einziger Ruf von ungeheurer Stärke +durch die geschlossenen Fenster drang: + +Nieder mit der Regierung! Fort mit der Nationalversammlung! Wir wollen +Neuwahlen! + +Und schon umzingelten dichte Menschenmassen mit ihren Fahnen und +Standarten das Abgeordnetenhaus und immer neue Züge kamen an, die +gesamte Arbeiterschaft Groß-Wiens, die Angestellten und Beamten waren +von den Fabriken und Werkstätten, Bureaus und Aemtern in geschlossenen +Gruppen anmarschiert. + +Schon donnerten mächtige Schläge gegen die Tore des Hauses, die rasch +geschlossen worden waren, schon prasselte ein Steinhagel gegen die +Fenster, schon hatte sich eine Deputation der Arbeiter gewaltsam Einlaß +verschafft. Ihr Führer, ein Eisenarbeiter namens Stürmer, ein gewaltiger +Kerl mit klugen Augen und riesigem Schädel, stellte sich mitten unter +die Abgeordneten, die, von Panik ergriffen, wie die Schafe beim Gewitter +einen geschlossenen Haufen bildeten, und erklärte kurz und bündig: + +»Das Militär hält zu uns, die Jungmannschaft unter den Polizisten +ebenfalls! Entweder die Regierung löst innerhalb zehn Minuten das Haus +auf und erklärt, daß sofort Neuwahlen ausgeschrieben werden, oder die +Massen gehen mit Gewalt vor. Die Erbitterung der Leute kennt keine +Grenzen, hinter den Arbeitern steht diesmal das Bürgertum, es handelt +sich um keine politische Angelegenheit, sondern um Taten der +Verzweiflung. Am wildesten sind die Frauen, hören Sie nur, wie sie +schreien, man möge das Parlament anzünden! Gibt die Regierung nicht +nach, so können wir für nichts garantieren!« + +Und es geschah, was geschehen mußte. Die Minister erklärten nach kurzer +Beratung mit den christlichsozialen und großdeutschen Parteiführern, +sich dem Terror zu fügen, das Haus auflösen und Neuwahlen sofort +ausschreiben zu wollen. Der Bundeskanzler bot gleich seine Demission an, +aber seine Kollegen und die Parteigrößen beschworen ihn, sie in diesem +kritischen Augenblick nicht zu verlassen und so willigte er denn ein, +die Zügel der Regierung noch bis zu den Wahlen in seinen Händen zu +behalten. + +Als dem erregten Volke Mitteilung von der Auflösung der +Nationalversammlung gemacht wurde, löste sich die Spannung in ungeheuren +Jubel auf und in der kommenden Nacht wurden die Weinvorräte Wiens ganz +erheblich gelichtet. + +Sogar der Franzose Henry Dufresne, der der denkwürdigen Sitzung auf der +Galerie beigewohnt hatte, trank sich allein in seinem Atelier einen +ordentlichen Rausch an. Am nächsten Morgen aber war er wieder frisch und +munter, entwarf eine geniale Skizze, die das Titelbild des +Warenhausromanes von Zola bilden sollte und schwenkte Lotte, die +vormittags schneebedeckt mit kalten roten Backen zu ihm kam, in seinen +Armen durch die Luft. + +Lotte war in ausgelassener Laune wie er, denn ihr Papa hatte nach der +Lektüre der Morgenblätter sehr ernst gesagt: + +»Mein Kind, ich sehe schwere Konflikte für dich kommen! Wenn nicht alles +trügt, so wird Leo Strakosch bald die Möglichkeit haben, nach Wien +zurückzukehren und dann wirst du dich entscheiden müssen: Entweder er, +den du so sehr geliebt hast und der mir ein willkommener Sohn wäre oder +dieser mysteriöse Franzose, den wir noch immer nicht kennen gelernt +haben!« + +Als Lotte darauf lächelnd erwidert hatte, sie würde am liebsten beide, +Leo und den Franzosen nehmen, da war Hofrat Spineder ernstlich böse +geworden und hatte sie für frivol und unmoralisch erklärt. Sie mußte +ihre ganze Verführungskunst aufwenden, um ihn zu besänftigen. + +Und nun saß sie auf dem Schoß ihres Geliebten und küßte Henry Dufresne +und Leo Strakosch in einer Person mit Feuereifer ab. + + * * * * * + +Leo, der fast nie Gelegenheit fand, mit irgend jemandem außer mit Lotte +und seiner Aufwartefrau zu sprechen, hatte in der letzten Zeit zwei +Bekanntschaften gemacht, die ihm wichtig dünkten. Die eine bestand in +der Person des Nationalrates Wenzel Krötzl, die andere war der Inhaber +des großen Modehauses in der Kärntnerstraße, Herr Habietnik. + +Mit Krötzl war Leo auf folgende Weise bekannt geworden: Als er einmal +spät nachts aus dem Kaffeehaus, in dem er die Zeitungen und +Zeitschriften zu lesen pflegte, nach Hause gekommen war, fand er auf dem +letzten Treppenabsatz einen stockbesoffenen Mann liegen, der jämmerlich +weinte und sich vergeblich bemühte, aufzustehen. Leo half ihm in die +Wohnung, die unterhalb seines Ateliers gelegen war und erfuhr bei dieser +Gelegenheit, daß er den ehrsamen Nationalrat Wenzel Krötzl vor sich +hatte, seines Zeichens im Nebenberuf Häuserschieber. Nicht nur, daß dies +auf dem Türschild vermerkt stand, Herr Krötzl schrie auch, während er +hin- und hertaumelte, immerzu: + +»Wann aner sagt, daß i b'soffen bin, so is er a jüdischer Gauner! I bin +a g'wählter Nationalrat, an Abgeordneter und hab' fufzich Häuser zum +verkaufen, die was früher denen Saujuden g'hört ham!« + +Leo hatte dann im Laufe der Zeit Gelegenheit, zu erfahren, daß Herr +Krötzl nicht nur einer der wütendsten Antisemiten sei, sondern auch ein +notorischer Trunkenbold, der sich gewöhnlich schon am Büfett des +Parlaments seinen Frühstücksrausch kaufte. Nebenbei hatte er eine +gewisse Beredsamkeit und genoß infolge seiner derben Ausdrucksweise viel +Popularität unter seinen Wählern. Er war Witwer und beherbergte von Zeit +zu Zeit eine angebliche Wirtschafterin bei sich, mitunter solche, die +knapp das straffreie Alter von vierzehn Jahren besaßen. + +Die Bekanntschaft des Herrn Habietnik hatte Leo auf wesentlich +bürgerlichere Art gemacht. Leo pflegte seinen Bedarf an Krawatten und +Wäschestücken in dem Modehaus zu decken, das trotz seiner »Verloderung« +noch immer die besten Waren führte, und bei solcher Gelegenheit war er +einmal mit Herrn Habietnik ins Gespräch gekommen. Herr Habietnik war +entzückt, einen Franzosen von Distinktion zu bedienen, der sich tadellos +trug und genau wußte, daß zu einem blauen Cheviotanzug eine perlengraue +Seidenkrawatte am besten paßte, es kam zu einem angeregten Gespräch, im +Verlaufe dessen Leo erkannte, wie sehr der intelligente Kaufmann unter +den herrschenden Verhältnissen litt, und von da an trafen sich die +beiden öfters in dem Laden, schließlich vereinbarten sie sogar hie und +da eine Zusammenkunft im Graben-Café. + +Nach der Auflösung der Nationalversammlung beeilte sich Leo, mit Herrn +Habietnik wieder in Fühlung zu kommen, und im Laufe der Unterhaltung +fragte er ihn um seine Meinung über die künftige Entwicklung. + +Herr Habietnik schüttelte sorgenvoll das Haupt: + +»Also die Sozis arbeiten wieder mit Volldampf und werden die Stimmen, +die sie das letztemal verloren hatten, zurückgewinnen. Die +Christlichsozialen und Großdeutschen haben den Kopf verloren, sind mit +ihrem Programm noch nicht herausgekommen, aber schließlich wird jeder, +der nicht Sozialdemokrat ist, doch für eine der beiden Parteien stimmen +müssen.« + +»So daß also vielleicht gar das Judengesetz in Kraft bleiben wird?« + +»Kann sein, wenn die Sozialisten nicht die Zweidrittelmehrheit, die zu +jeder Verfassungsänderung notwendig ist, bekommen. Denn ich fürchte, daß +die Christlichsozialen und Großdeutschen doch nicht den Mut haben +werden, das Ausnahmsgesetz gegen die Juden aufzuheben. Das heißt, +eigentlich müßte ich sagen, ich hoffe, denn wenn die Juden wieder +kommen, so wird man mir am Ende gar das Geschäft wieder nehmen -- --.« + +»Unsinn«, erklärte Leo energisch. »Was Sie haben, kann man Ihnen nicht +mehr nehmen! Vielleicht, daß man es Ihnen abkaufen oder daß der frühere +Firmeninhaber sich mit Ihnen zu einer Teilhaberschaft bequemen würde. +Die Hauptsache ist aber doch wohl, daß Sie die Jagerhütln und die +Lodenröcke wieder hinausschmeißen und Ihre Auslagen so arrangieren +können, wie sie einst waren.« + +Begeisterung glomm in den Augen Habietniks auf und mit warmem, ehrlichem +Ton erwiderte er: + +»Jawohl! Das ist die Hauptsache! Wenn ich daran denke, daß hier wieder +einmal Leben und Luxus herrschen könnte, wie einst -- nein, das ist ein +zu schöner Traum, um wahr zu sein.« + +»Hören Sie, Herr Habietnik,« sagte Leo, indem er seine Hand auf den Arm +des Kaufmannes legte, »Sie sind der Mann, um den Traum wahr zu machen! +Noch trennen uns Wochen von den Neuwahlen. Das genügt, um eine +bürgerliche Partei, bestehend aus den fortgeschrittenen Elementen, den +angesehenen Kaufleuten, den Gelehrten, Rechtsanwälten, Künstlern und +Fabrikanten zu bilden, mit der offenen und ungeschminkten Parole: +Aufhebung des Ausnahmegesetzes gegen die Juden! Nehmen Sie das heute +noch in Angriff, bilden Sie ein zwölfgliedriges Komitee, in dem drei +Kaufleute, drei Industrielle, drei Festangestellte und drei Leute mit +freiem, akademischem Beruf sitzen, lassen Sie, da Sie noch keine Zeitung +zur Verfügung haben, zehntausend Plakate drucken, gründen Sie dann +Bezirkskomitees, betreiben Sie Propaganda von Straße zu Straße, von Haus +zu Haus und der Erfolg kann nicht ausbleiben. Ich bin ein Fremder, kenne +die Verhältnisse nicht so genau wie Sie, aber dafür bin ich objektiver +und ich weiß ganz sicher, daß ein erheblicher Teil der Bevölkerung die +neue Partei stürmisch begrüßen wird.« + +Herr Habietnik war Feuer und Flamme. Am selben Abend noch trommelte er +ein halbes Hundert Kaufleute aus der Inneren Stadt, Fabrikanten, +Rechtsanwälte zusammen, und um ein Uhr morgens war das Komitee +konstituiert, dem ein gemeinsam gezeichnetes Millionenkapital zur +Verfügung stand. + +Die neue Partei hieß »Partei der tätigen Bürger Oesterreichs«, stellte +sich auf ein absolut bürgerlich-freisinniges Programm und begann mit +einer lebhaften und temperamentvollen Agitation. Daß der Franzose +Dufresne die Flugzettel und Aufrufe verfaßte, das wußte niemand als Herr +Habietnik. + +Der Erfolg übertraf die kühnsten Erwartungen. Früher war die Bevölkerung +jedem Versuch, eine demokratische Bürgerpartei zu gründen, mit größtem +Mißtrauen entgegengetreten, weil sich in solcher Partei immer wieder die +Juden vordrängten. Diesmal war das eine rein christliche Angelegenheit, +die Namen der Parteiführer bürgten dafür, daß es sich nicht um eine von +auswärtigen Juden angezettelte Verschwörung handelte, und alle die +Leute, die durch das Judengesetz geschädigt worden waren, drängten sich +in die Komiteelokale, um Mitglieder der neuen Partei zu werden. In +hellen Scharen kamen die Kaufleute, die Juweliere, die Stückmeister der +großen Schneider, die brotlos gewordenen Chauffeure, sie brachten ihre +Frauen mit, immer größer wurde der Ansturm, trotz des Zeter- und +Mordiogeschreies der christlichsozialen Blätter. Die »Arbeiter-Zeitung« +verhielt sich zurückhaltend und durchaus nicht aggressiv. Man sagte sich +dort, daß zweifellos die Partei der tätigen Bürger den Sozialdemokraten +Tausende von Stimmen entziehen würde, andererseits aber dorthin alle +jene Stimmen strömen würden, die sonst sich der Wahl enthielten oder +doch wieder den Christlichsozialen oder Großdeutschen zuliefen. Also +beschränkte sie sich darauf, hier und dort gegen das Programm der +Bürgerlichen zu polemisieren, im geheimen aber wurden in zweifelhaften +Bezirken sogar Vereinbarungen geschlossen. + +Und der Tag der Wahlen, die auf den 3. April festgesetzt worden waren, +rückte näher und näher, die ganze Welt begann sich für sie zu +interessieren, die fremden Börsen nahmen eine abwartende Haltung ein und +ließen die Krone auf ihrem Tiefstand ruhen, und Wiens bemächtigte sich +zunehmende Aufregung, die wiederholt zu Exzessen und bösartigen Tumulten +führte. Denn alle Parteien arbeiteten mit jedem verfügbaren Mittel: die +antisemitischen schrien »Verrat!« und erzählten Schauergeschichten von +der Verschwörung des internationalen Judentums; die Sozialdemokraten +hetzten gegen die Bauern, die die arbeitende Stadtbevölkerung +ausplündern und gegen die christliche Demagogie, die sich nur selbst +durch die Ausweisung der Juden hatte bereichern wollen; die neue +Bürgerpartei aber führte immer wieder auf riesengroßen Plakaten Ziffern +auf, die bewiesen, wie furchtbar die Verelendung Wiens seit der +Ausweisung der Juden, wie Wien tatsächlich zu einem Riesendorf geworden, +wie jeder Schwung und Zug ins Große geschwunden. Und immer wieder +versicherte sie in allen Variationen und Tonarten: + +»Das Ausnahmsgesetz gegen die Juden muß aufgehoben werden, aber +gleichzeitig wird es Sache einer klugen, gewissenhaften Regierung sein, +alle jene Elemente, die nicht schon vor dem Weltkrieg in Wien seßhaft +waren, fern zu halten, es sei denn, sie können vor einem zuständigen, +aus Bürgern und Arbeitern zusammengesetzten Gerichtshof nachweisen, daß +sie willens und fähig sind, in Oesterreich nutzbringende, produktive, +werterzeugende, dem Gesamtwohl notwendige Arbeit zu leisten.« + +Beim Bundeskanzler fanden täglich bis in die Nacht währende Sitzungen +statt, in denen beraten wurde, wie man am besten der neuen Partei und +dem wieder erstarkten Sozialismus entgegenarbeiten könnte. Schwertfeger +hatte die richtige Empfindung gehabt. Es mußte ein neuer, mächtiger +Geldkredit aufgebracht werden, die Krone mußte steigen, die Bevölkerung +erfahren, daß das Christentum der ganzen Welt mit ihr solidarisch sei -- +dann würde die Regierung den Sieg erringen. Und der Finanzminister +Professor Trumm hatte sich gleich nach der Auflösung des Hauses auf die +Beine gemacht und war nach Berlin, Paris und London gefahren, um zu +betteln und zu beschwören. Vergebens! Die großen christlichen +Vereinigungen im Ausland, die französischen Antisemiten, die +holländischen Christen -- sie alle hatten Worte des Mitempfindens und +der Sympathie, erkundigten sich lebhaft nach dem Schicksal der vielen +Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert, und hielten die +Taschen fest zu. Die größte Enttäuschung bildete das Verhalten des +amerikanischen Billionärs Mister Huxtable, auf den man am sichersten +gerechnet hatte. Er ließ alle Telegramme und Bittschriften +unbeantwortet, und zehn Tage vor den Wahlen kam ein Kabeltelegramm des +Vertrauensmannes der österreichischen Regierung in Newyork, das +folgenden niederschmetternden Wortlaut hatte: + +»Huxtable unnahbar. Hat sich heimlich mit einer jungen Jüdin aus Chicago +vermählt. Beabsichtigt, den der österreichischen Regierung vor drei +Jahren eingeräumten Kredit der jüdischen Großbank »Kuhn und Loeb« um ein +Viertel zu verkaufen.« + +Schwertfeger begann in Düsterkeit zu erstarren, die antisemitischen +Häuptlinge verloren vollends den Kopf. Bürgermeister Laberl aber tat +etwas, was die ungeheuerste Sensation erregte. Drei Tage vor den Wahlen +trat er aus dem christlichsozialen Bürgerklub aus und der Partei der +tätigen Bürger bei. Und seinem Beispiel folgte mehr als die Hälfte der +Gemeinderäte. + +An diesem Tage wehte ein warmer Wind die letzten Schneemassen von den +Abhängen der Wiener Berge fort und oben im Atelier in der Billrothstraße +hielten sich zwei junge Menschenkinder heiß und sehnsuchtsvoll umfangen. +Und er flüsterte: + +»Oh, wärst du schon mein!« + +Und sie erwiderte traumverloren: + +»Wenn du dir schon den Knebelbart abnehmen könntest; er kitzelt so arg!« + + * * * * * + +Die Wahlen vollzogen sich unter einer Beteiligung, wie sie kaum jemals +auf der Welt erlebt worden. Greise, Kranke, Lahme kamen zu den Urnen, +und nachmittags, als die Wahllokale geschlossen wurden, wußte man, daß +in Wien 99 Prozent der Wahlberechtigten ihre Bürgerpflicht getan. Dann +begann im ganzen Lande die Zählung der Stimmen, die bis in die frühen +Morgenstunden währte, und vormittags verkündeten Extra-Ausgaben der +»Arbeiter-Zeitung« und der »Weltpresse« das staunenswerte Resultat. + +Den Christlichsozialen und Großdeutschen waren nur die Landbewohner treu +geblieben, Wien hatte fast ausschließlich die Kandidaten der Sozialisten +und der Bürgervereinigung gewählt, ebenso die kleinen Städte und das +österreichische Industriegebiet. Und so setzte sich denn das neue +Parlament folgendermaßen zusammen: Siebzig Sozialdemokraten, +sechsunddreißig Mitglieder der Vereinigung der tätigen Bürger, dreißig +Christlichsoziale und vierundzwanzig Großdeutsche. Das ergab 106 Stimmen +für die Aufhebung des Ausnahmsgesetzes gegen die Juden, vierundfünfzig +für die Aufrechterhaltung. Und damit schien der schöne Traum Leos, der +freisinnigen Bürger und Sozialdemokraten zerstört, denn es fehlte ihnen +genau eine Stimme zur Zweidrittelmajorität, ohne die eine Aenderung der +Verfassung nicht vorgenommen werden konnte. Trotz ihrer vernichtenden +Niederlage, trotz der Tatsache, daß die Regierung sofort demissionieren +und einer sozialistisch-demokratischen weichen mußte, jubelten die +Antisemiten, sie veranstalteten Kundgebungen unter der Parole »Die Juden +bleiben draußen!« + +Eine einzige Angst beherrschte die besiegten Sieger: Die Mehrheit hatte +verkündet, daß sie schon in der zweiten Sitzung des neugewählten Hauses, +die in acht Tagen stattzufinden hatte, den Dringlichkeitsantrag auf +Aufhebung des Judengesetzes und Wiederherstellung der Freizügigkeit für +jedermann stellen würde. Wie nun, wenn ein Christlichsozialer oder +großdeutscher Nationalrat der Sitzung fernbleiben würde? An ein +beabsichtigtes Fernbleiben war nicht zu denken, aber schließlich konnte +einer der Abgeordneten vom Lande krank werden oder einen Unfall erleiden +und dieser eine würde den Gegnern die Zweidrittelmajorität sichern. Die +unterlegenen Parteien ließen daher für sämtliche gewählte Nationalräte +aus ihrem Lager am Tage vor dem Zusammentritt des Hauses Extrazüge mit +je einem begleitenden Arzt bereitstellen. Auf diese Weise glaubten sie +sich vor jedem verhängnisvollen Zwischenfall sicher. Für Wien selbst +waren Vorsichtsmaßregeln nicht notwendig, denn in Wien war einzig und +allein der Häuseragent Herr Wenzel Krötzl von den Weinbauern und Wirten +des neunzehnten Bezirkes, denen es in dem judenreinen Wien sehr gut +ging, gewählt worden. Seiner war man in jeder Beziehung sicher und er +erfreute sich einer vorzüglichen Gesundheit. + +Dieser Herr Krötzl bildete nun die einzige und letzte Hoffnung Leos, +während Lotte unter der schweren Enttäuschung fast zusammenbrach. Sie +weinte den ganzen Tag, kaum daß sie noch die Energie aufbrachte, täglich +zu Leo zu eilen, der sich vergebens bemühte, ihr Mut und Hoffnung +einzuflößen. Hofrat Spineder, der selbst durch den Fortbestand des +Judengesetzes schwer gekränkt und enttäuscht wurde, kannte sich in +seiner Tochter nicht mehr aus und begann ernstlich an ihrem Verstand zu +zweifeln. Sorgenvoll besprach er ihr merkwürdiges Verhalten mit seiner +Gattin. + +»Was soll das alles heißen? Hat Leo vergessen, verbringt halbe Tage mit +einem neuen Verlobten, diesem Franzosen, den ich zu hassen beginne, ohne +ihn zu kennen, läßt sich von ihm beschenken, erklärt plötzlich, daß sie +am liebsten beide, den Leo und den Dufresne, nehmen würde, und nun, da +Leo nicht zurückkommen kann, sitzt sie da und weint sich die Augen aus +dem Kopf. Ich glaube, das Mädel ist übergeschnappt!« + +Frau Spineder seufzte tief. + +»Mein Lieber, ich kenne selbst mein Kind nicht mehr und habe keine +Ahnung, was in seinem Herzen vorgeht. Jedenfalls müssen wir, wenn sich +zeigt, daß das Judengesetz bestehen bleibt, darauf dringen, diesen Herrn +Dufresne kennen zu lernen.« + +Hofrat Spineder nickte. + +»Jawohl! Und sollte sich Lotte abermals weigern oder die Sache +hinauszuschieben versuchen, so schicken wir sie zu Tante Minna nach +Klagenfurt!« + +Leo überlegte Tag und Nacht und hatte schließlich einen festen Plan +gefaßt, einen Plan, der entscheiden sollte, ob er weiterhin mit offenem +Visier in Wien bleiben konnte oder zurück nach Paris mußte. Fiel das +Gesetz nicht, so wurde seine Rückreise zwingende Notwendigkeit, da sein +Freund Henry Dufresne, dessen Namen er führte, jetzt selbst aus +Südfrankreich wieder nach Paris übersiedeln wollte und von da an die +Gefahr einer Aufdeckung seines verwegenen Spiels vorlag. + + * * * * * + +Am Tage der Eröffnung der Nationalversammlung, also einen Tag vor der +ersten entscheidenden Sitzung, besorgte Leo Strakosch, mit einem +Handkoffer bewaffnet, allerlei Einkäufe. Bei Sacher kaufte er für einen +phantastischen Preis, für den man einmal ein ganzes Ringstraßenhaus +bekommen hätte, eine Straßburger Gänseleberpastete in der Terrine, im +Hotel Imperial ließ er sich drei Flaschen eines köstlichen weißen +Burgunders, drei Flaschen des schwersten und kostbarsten Bordeauxweines +geben, außerdem eine Flasche uralten französischen Kognaks. Abends +lauerte er dann vor dem Haustor dem Herrn Krötzl auf, der sich gerade +nach der feierlichen Eröffnungssitzung des Hauses ins Wirtshaus begeben +wollte, gratulierte ihm herzlich zu seiner Wiederwahl und sagte: + +»Lieber Herr Nationalrat, ich möchte morgen auch der historischen Tagung +des Hauses beiwohnen. Um elf ist der Beginn der Sitzung, also werde ich +auf zehn Uhr mein Auto bestellen und Sie, wenn es Ihnen recht ist, +mitnehmen.« + +Herr Krötzl fühlte sich durch die Liebenswürdigkeit des vornehmen und, +wie es schien, sehr reichen jungen Franzosen höchst geschmeichelt, er +nahm die Einladung dankend an und fügte hinzu: + +»Bin Ihnen sogar sehr verbunden, wenn Sie um zehn Uhr zu mir kommen, +weil i' dann net riskier', zu verschlafen. Meine Wirtschafterin, das +dumme Luder, vergißt am End' noch, mich zu wecken, und i' hab' an so +schweren Schlaf, daß i die Weckuhr net hör'. Dös wär' aber a schöne +G'schicht', wann i morgen verschlafen tät. Nachher hätten mir in +vierundzwanzig Stunden die Saujuden, die verfluchten, wieder in Wien!« + +Henry Dufresne nahm die übernommene Pflicht, Oesterreich vor den Juden +zu schützen, sehr ernst, denn er läutete schon um halb zehn Uhr bei +Herrn Krötzl an. Ein schlumpiges, zwar ungewaschenes, aber noch +geschminktes junges Ding öffnete ihm und ließ den ihr wohlbekannten +hübschen Franzosen, der eine mächtige Schachtel trug, ohneweiters ein, +ein wenig enttäuscht, daß er ihr und ihren reichlichen Blößen nicht die +geringste Aufmerksamkeit schenkte, sondern sich damit begnügte, ihr eine +Banknote zu geben und sie zu bitten, gleich die Morgenblätter aus der +Trafik zu holen. + +Leo packte im Vorzimmer umständlich die Schachtel aus, dann, als das +Mädchen gegangen war, um seinen Auftrag auszuführen, begab er sich rasch +in die Küche, rückte den Stundenzeiger der Kuckucksuhr um eine volle +Stunde zurück, schlich sich auf den Zehenspitzen in das Wohnzimmer, +bearbeitete dort die große Pendeluhr in gleicher Weise und öffnete +schließlich, ohne anzuklopfen, leise die Türe zum Schlafzimmer des Herrn +Nationalrates. Richtig lag dieser mit offenem Maul sägend und +schnarchend in seinem Bett und auf dem Nachtkästchen erblickte Leo +sofort die goldene Taschenuhr, die eben auf ein viertel vor zehn wies. +Blitzschnell war auch sie auf ein viertel vor neun gestellt und dann +machte sich der Franzose an die unerquickliche Arbeit, Herrn Krötzl, das +Wiener Postament der christlichsozialen Partei, zu wecken. Es dauerte +geraume Zeit, bevor Krötzl endlich die verquollenen Aeuglein aufschlug +und die Situation begriff. + +»Jessas, der Herr Dufresne, is' schon so spät?« Und dann, mit einem +Blick auf die Taschenuhr, brummend: »Noch net amal Neun is'! Da hätt' i' +noch a ganze Stund' schlafen können!« + +»Jawohl,« sagte Leo lachend, »wenn ich nicht eine bessere Unterhaltung +für Sie und mich wüßte. Stellen Sie sich nur vor, wie ich gestern nacht +nach Hause komme, finde ich ein Postpaket aus Paris vor mit den besten +Weinen, die Frankreich besitzt. Na, und weil ich mich wirklich über +Ihren Sieg von ganzem Herzen freue, denke ich, daß wir, bevor wir ins +Parlament fahren, noch eine kleine Siegesfeier unter uns veranstalten +können. Sie sind ja Kenner, Herr Nationalrat, und werden sehr bald +zugeben, einen solchen Wein, wie ich ihn Ihnen kredenze, im Leben noch +nicht genossen zu haben.« + +Wie elektrisiert sprang Herr Krötzl aus dem Bett, zog sich notdürftig an +und streichelte dann bewundernd die eine der sechs Weinflaschen nach der +anderen, die mit allen Zeichen des ehrwürdigen Alters vor ihm standen. +Weißbrot war vorhanden, die Straßburger Pastete entlockte Herrn Krötzl +ein rülpsendes Grunzen, das sich in einen Jubelhymnus verwandelte, als +das erste Glas des goldgelben Burgunders durch seine Kehle rann. + +»A so a Weinerl! Wann man den immer hätt', dann tät' man an anderer +Mensch wer'n! Ka Wunder, wenn die Franzosen so an Schick zum Leben +haben, wo 's so an Wein bei ihnen gibt!« + +Das zweite Glas wurde auf den Sieg des Herrn Krötzl geleert, das dritte +auf »Nieder mit den Juden«, das vierte auf »Hoch die schöne, judenreine +Stadt Wien«. Dann wurde einer Flasche des blutroten Bordeaux der Hals +gebrochen, und als sie zur Neige ging und Leo die dritte Flasche +entkorkte, trug ihm Krötzl die Bruderschaft an. Bei der vierten Flasche +machte er den Franzosen mit den Geheimnissen seines Sexuallebens bekannt +und erklärte, daß Frauenzimmer über vierzehn eigentlich alte Weiber +seien. Die sechste Flasche wurde von Leo, ohne daß Krötzl, dem sich die +Welt vor den Augen zu drehen begann, es merkte, zur Hälfte mit Kognak +gemischt, und nun hieß es -- Schluß machen, weil der Herr Nationalrat +sonst überhaupt nicht mehr die Treppen hinuntergebracht hätte werden +können und die richtiggehende Uhr auf zwölf ging, also die Gefahr +bestand, daß jeden Augenblick die Parteigenossen Krötzls nach ihm +fahnden würden. Daß Leo bei solcher Zecherei selbst vollständig nüchtern +geblieben war, verdankte er lediglich dem Umstand, daß er den Inhalt +seines Glases regelmäßig unter den Tisch auf den schönen Perserteppich +gegossen hatte. + +Mit ungeheurer Anstrengung beendigte Leo die Toilettierung des +Nationalrates, dann trug er ihn fast die vielen Treppen hinunter und +beförderte ihn mit Hilfe des Chauffeurs in das Innere des geschlossenen +Automobils. Grinsend hatte der Chauffeur dem Franzosen, den er oft zu +führen pflegte, zugenickt. Leo stieg ein, setzte sich neben Krötzl, der +schon als halbe Weinleiche in der Ecke lag, und in mäßigem Tempo ging es +vorwärts. + +Am Tage vorher hatte Leo mit dem Chauffeur eine wichtige Unterredung +gehabt, die mit der Frage begann: + +»Wollen Sie hundert französische Francs verdienen?« + +Der Chauffeur hatte ungeheure Augen gemacht, war blutrot geworden und +erwiderte keuchend: + +»Herr, für hundert Francs führ' ich Sie auf den Mond!« + +Aber der Franzose erwies sich als wesentlich bescheidener. Er erklärte, +daß es sich um eine Wette handle und er nichts weiter zu tun habe, als +vor dem Haus in der Billrothstraße zu warten, bis er, Monsieur Dufresne, +mit einem voraussichtlich schwergeladenen Herrn einsteigen werde. +Daraufhin habe das Auto stadtwärts bis zur Volksoper zu fahren, wo er +aussteigen werde. Nunmehr müsse die Fahrt weiter bis zur großen +Irrenanstalt am Steinhof, die weit außerhalb im Südwesten der Stadt +liegt, gehen. Dort müsse der Chauffeur so lange stehen bleiben, bis sein +betrunkener Gast sich melde. Und dann folgten weitere ausführliche +Instruktionen für den intelligenten, lustigen Chauffeur. + +Alles wickelte sich programmäßig ab. Bevor noch das Auto bei der +Volksoper angelangt war, schlief Herr Krötzl, nachdem er sich heftig +übergeben hatte, den Schlaf des gerechten Säufers und Leo konnte +ungestört ausspringen. Während Leo nach dem Parlament eilte, setzte der +Chauffeur die fast halbstündige Fahrt nach Steinhof fort, wo er auf +offener Straße seelenruhig stehen blieb und eine der guten Zigaretten +Leos nach der anderen rauchte. So wurde es schließlich nahezu zwei Uhr, +als endlich Herr Krötzl mit schmerzendem Schädel erwachte. Minuten +vergingen, bevor er die Situation begriff und sich endlich klar darüber +war, daß er sich in total verunreinigtem Zustande allein in einem +Automobil befand. Schließlich, nach weiteren Minuten, erkannte er sogar, +daß er sich durchaus nicht vor dem Parlament, sondern in der +unmittelbaren Nähe der Irrenanstalt am Steinhof aufhielt. Er sah +verwirrt auf seine Uhr. Da sie zurückgerichtet war, wies sie auf eins. +Entsetzt riß Krötzl den Wagenschlag auf, schimpfend und tobend drang er +auf den Chauffeur ein, der gleichmütig erklärte, er habe als Fahrtziel +Steinhof verstanden und der andere Herr sei unterwegs ausgestiegen. Mit +den Fäusten fuhr sich Krötzl in die Haare, er weinte, schrie, bekam fast +einen Tobsuchtsanfall, nannte den Chauffeur einen Staatsverbrecher, +sprach von einer furchtbaren Verschwörung und Rache und flehte +schließlich den Wagenlenker, der auch grob zu werden begann, an, er möge +mit Windeseile nach dem Parlament fahren. + +Tausend Meter etwa fuhr dann auch das Auto, dann blieb es weit und breit +von jeder Behausung entfernt stehen, und achselzuckend erklärte der +Chauffeur, daß etwas am Motor in Unordnung sei und er nicht weiter +könne. + +Im Galopp rannte der nüchtern gewordene Krötzl die tausend Meter nach +der Irrenanstalt zurück. Dort benahm er sich dem Pförtner gegenüber so +aufgeregt, daß dieser ihn für einen entsprungenen Insassen hielt und +Wärter herbeirief. Es verging eine weitere halbe Stunde, bevor Krötzl zu +einem Fernsprecher geführt wurde, er bekam natürlich keine Verbindung +mit dem Parlament, da dort alle Nummern besetzt waren, und als er +endlich die Verbindung hatte und der Parteisekretär zur Stelle gebracht +war, schrie ihm dieser in die Ohren, daß er ein besoffenes Schwein sei; +ein von den Juden gekaufter Gauner und bereits alles vorbei wäre. + +»Das Judengesetz ist gefallen!« Mit diesen Worten läutete er dem +unglücklichen Nationalrat in die Ohren, der daraufhin in eine lange, +wohltätige Ohnmacht fiel. + + * * * * * + +Als Leo das Parlamentsgebäude betrat, hatte der neugewählte Präsident +eben die schon am Tage vorher an Stelle des zurückgetretenen Kabinetts +gewählten Minister begrüßt und mitgeteilt, daß zwei Dringlichkeitsanträge +eingebracht worden seien, dahingehend, den Paragraph 11 +der Bundesverfassung, der den Juden und Judenabkömmlingen +den Aufenthalt in Oesterreich untersagt, zu streichen. + +Ein sozialdemokratischer Nationalrat erhob sich und stellte den Antrag, +über die gestellten Dringlichkeitsanträge sofort zu verhandeln. Trotz +des tosenden Lärmens der Christlichsozialen und Großdeutschen pflichtete +die Mehrheit bei, worauf der Präsident dem Führer der Sozialdemokraten, +Doktor Wolters, als erstem Proredner das Wort erteilte. + +Wolters wies darauf hin, daß er und seine Parteikollegen schon vor fast +drei Jahren gegen das Gesetz gewesen seien, das einen Faustschlag gegen +die Menschenrechte, einen Rückfall in das finstere Mittelalter +bedeutete. Damals sei die Opposition niedergeschrieen, beschimpft und +aus dem Saal gedrängt worden, heute aber habe das verführte und +berauschte Volk sie in solcher Zahl zurückgeführt, daß nunmehr die Macht +in ihren und den Händen anderer freisinniger Männer liege. Wolters +entwickelte dann die Ereignisse der letzten Jahre, wies den furchtbaren +Zusammenbruch Oesterreichs nach, führte schlagende Ziffern an und schloß +mit den Worten: + +»Das kühne, allzukühne Werk des Mannes, der sich göttliche Macht anmaßte +und nun nicht einmal mehr einen Sitz in diesem Hause bekommen konnte, +ist zusammengebrochen, und draußen warten hunderttausend Arbeitslose und +mit ihnen alle tätigen, zur Verzweiflung getriebenen Kräfte, daß das +neue Haus einer neuen Zukunft die Tore öffne und unseren jüdischen +Mitbürgern die Möglichkeit gebe, wieder an unserer Seite nicht gegen +uns, sondern mit uns ihre Intelligenz, ihre Emsigkeit und schöpferische +Arbeitskraft im Interesse des schwergeprüften und fast ruinierten Landes +zu betätigen.« + +Nachdem der Beifallssturm, an dem sich auch die Galerie beteiligte, +verklungen war, ergriff der zweite Pro-Redner, Herr Habietnik, der von +den Geschäftsleuten der Inneren Stadt sein Mandat bekommen hatte, das +Wort. In launiger, oft durch schallende Heiterkeit unterbrochener Rede +schilderte er das verarmte, verdorfte Wien von heute, gab die +Erfahrungen im eigenen Betriebe zum besten und sagte: + +»Posemukel ist eine Großstadt im Vergleiche zu Wien von heute. Wien ist +ein ungeheures Dorf mit anderthalb Millionen Einwohnern geworden, und +wenn wir die Juden nicht wieder hereinlassen, so werden wir es demnächst +erleben, daß statt vornehmer Geschäfte in der Kärntnerstraße +Jahrmarktsbuden stehen und auf dem Stephansplatz Viehmärkte werden +abgehalten werden. Die Wiener sind in ihrem Tiefinnersten in +Verzweiflung über diese Rückentwicklung, die sie nicht aufhalten können +und nicht zuletzt haben die Wiener Frauen und Mädchen, indem sie die +christlichsoziale Partei im Stich ließen, gezeigt, daß sie wieder ein +blühendes, lustiges Wien voll Luxus, auch wenn es mitunter einen +orientalischen Anstrich hat, haben wollen.« + +Die weiteren Ausführungen Habietniks gingen in einer seltsamen Unruhe +verloren, die sich über das Haus verbreitete. Was war geschehen? Nun, +man hatte endlich auf der rechten Seite des Hauses entdeckt, daß der +Nationalrat Krötzl nicht anwesend war, und eine Katastrophenstimmung +bemächtigte sich der Christlichsozialen und Großdeutschen. Sie hörten +nicht einmal ihren eigenen Kontra-Redner an, die Diener wurden mit +Automobilen ausgeschickt, um Krötzl aus seinem Bureau in der Inneren +Stadt oder aus der Wohnung in der Billrothstraße zu holen. + +Noch wäre vielleicht die Situation zu retten gewesen, wenn man die +Geistesgegenwart gehabt hatte, den Kontra-Redner zu veranlassen, +stundenlang bis zum Eintreffen Krötzls zu sprechen. Aber man hatte total +den Kopf verloren, der christlichsoziale Redner, Herr Wurm, kürzte, als +er die Unruhe bemerkte und seine Genossen verschwinden sah, seine Rede +sogar ab, und schon war ein bürgerlicher Antrag auf Schluß der Debatte +und Abkürzung der weiteren Redezeiten auf fünf Minuten mit der +erforderlichen Zweidrittelmehrheit angenommen. + +Vergebens schrieen die überrumpelten Antisemiten Zeter und Mordio, der +sozialistische Präsident waltete mit eiserner Energie seines Amtes, +entzog jedem der wenigen schon vorgemerkten Redner nach fünf Minuten das +Wort und unter enormer Spannung und allgemeiner Aufregung strömten die +Abgeordneten wieder in den Saal, um bei der kommenden namentlichen +Abstimmung anwesend zu sein. + +Herr Krötzl war noch immer nicht da, die Diener konnten nur berichten, +daß er in seinem Bureau überhaupt nicht gewesen und sein Wohnhaus in +Begleitung eines anderen Herrn vormittags, ersichtlich angeheitert, +verlassen habe. + +Ein Großdeutscher machte den letzten Rettungsversuch. Er erbat und +erhielt das Wort, um zur Geschäftsordnung zu sprechen und sagte: + +»Der Nationalrat Herr Krötzl ist nicht anwesend und wir haben Anzeichen +dafür, daß er mit Gewalt ferne gehalten wird, ja wir haben begründeten +Anlaß zur Befürchtung, daß er das Opfer eines Verbrechens geworden ist. +Unter solchen Umständen kann unmöglich über ein Gesetz abgestimmt +werden, das über das Schicksal des Landes entscheiden wird. Wenn auf +Seite der neuen Mehrheit dieses Hauses auch nur ein Funken +Anstandsgefühl herrscht, so wird sie mit mir darin übereinstimmen, daß +wir uns zunächst auf zwei Stunden vertagen. Bis dahin werden wir wohl +Klarheit darüber haben, ob unser hochverehrter Kollege, Herr Nationalrat +Krötzl, überhaupt noch unter den Lebenden weilt.« + +Totenstille entstand nach diesen Worten, die nicht zurückzuweisen waren. + +Sollte Krötzl wirklich mit Gewalt verhindert worden sein, an der Sitzung +teilzunehmen, so mußte man wohl oder übel warten. + +In diesem höchst kritischen Augenblick schlich sich ein Herr mit +Knebelbart unbeobachtet in den Sitzungssaal, winkte Herrn Habietnik zu +sich heran und flüsterte vor Aufregung keuchend mit ihm, worauf sich +Herr Habietnik zum Worte meldete. + +»Ich kann dem Hohen Haus auf Ehr' und Gewissen versichern, daß Herr +Krötzl nicht ermordet und auf keinerlei gewaltsame Weise verhindert +wurde, dieser so überaus wichtigen Sitzung beizuwohnen. Herr Krötzl +befindet sich irgendwo in einem Automobil, in dem er einen +Kanonenrausch, von dem ihn der Chauffeur nicht erwecken kann, +ausschläft. Der sehr ehrenwerte Herr Krötzl, diese einzige Wiener Zierde +der christlichsozialen Partei, hat nämlich schon am frühen Morgen in +Gesellschaft eines lustigen Kumpanen, seines Wohnungsnachbars, eine +kleine Siegesfeier begangen und entschieden mehr getrunken, als er +verträgt. Sein Nachbar, der mir diese Mitteilung macht und den ich +persönlich als zuverlässigen Ehrenmann kenne, fuhr dann mit Krötzl in +einem Autotaxi hieher, mußte aber vorzeitig aussteigen, weil er den +Gestank im Wagen nicht aushielt. Herr Krötzl gehört nämlich zu jener +alten Garde, die sich lieber übergibt als stirbt. Wo sich in diesem +Augenblick die springlebendige Leiche des Herrn Krötzl befindet, weiß +ich nicht, aber das geht uns auch nichts an und man wird unmöglich +verlangen, daß wir uns vertagen, bis Herr Krötzl nüchtern geworden ist.« + +Tosende Heiterkeit erfüllte das Haus und es wurde nunmehr nach der +Anordnung des Präsidenten zur Abstimmung geschritten. Hundertundsechs +Nationalräte stimmten für die Eliminierung des Ausnahmsgesetzes, +dreiundfünfzig dagegen -- das Gesetz war gefallen! Und die +hunderttausend Menschen, die sich auf der Straße vor dem Parlament +angesammelt hatten, riefen diesmal nicht »Heil!«, sondern »Hurra!« Sie +waren nicht so begeistert wie vor drei Jahren, sondern ein wenig +beschämt, hatten aber wieder ihren Humor gefunden und schon begannen +Witze in der Luft zu schwirren. + +Leo hatte nur die Abstimmung abgewartet, dann stürzte er aus dem +Parlamentsgebäude, warf sich in ein Autotaxi und fuhr nach der Linken +Wienzeile zur »Arbeiter-Zeitung«. Dort ließ er sich in dringender +Angelegenheit beim Chefredakteur melden, mit dem er eine halbstündige +Unterredung ohne Zeugen hatte. Als er sich verabschiedete, schüttelte +ihm der Redakteur kräftig beide Hände und sagte lachend: + +»Sie haben Außerordentliches geleistet und ich freue mich mit Ihnen von +ganzem Herzen! Ihre Frechheit bewundere ich einfach! Man kann da +wirklich nicht umhin, von --« + +»Jüdischer Frechheit zu sprechen«, ergänzte Leo vergnügt und eilte die +Treppen hinab. + + * * * * * + +Kaum waren die Extra-Ausgaben der Zeitungen erschienen, die das Ende der +Judenverbannung verkündeten, als auch schon eine zweite Extraausgabe der +»Arbeiter-Zeitung« ausgerufen wurde: + + =Die Krone steigt!= + +Zürich. Auf der hiesigen Börse wurden die drahtlich und telephonisch +einlangenden Nachrichten von der entscheidenden Sitzung der Wiener +Nationalversammlung mit fieberhaftem Interesse verfolgt. Kaum war das +Fallen des Antijudengesetzes zur Gewißheit geworden, als auch schon +umfangreiche Kronenankäufe, darunter solche von amerikanischen und +englischen Finanzgruppen, erfolgten. Die österreichische gestempelte +Krone ging sprunghaft auf das Doppelte, zum Börsenschluß sogar auf das +Dreifache hinauf. + +Um sechs Uhr abends erschien eine dritte Extra-Ausgabe, die in ganz Wien +Aufsehen und mit Galgenhumor gemischte Heiterkeit hervorrief. Die +Nachricht lautete: + + =Ankunft des ersten Juden in Wien.= + +Wie wir mitteilen können, ist soeben der erste Jude aus dem Exil nach +Wien zurückgekehrt. Es ist dies der junge, aber bereits weltberühmte +Maler und Radierer Leo Strakosch, der die ganze Zeit von Heimweh erfüllt +in Paris verbracht und sich vorgestern von dort an die österreichisch-mährische +Grenze nach Lundenburg begeben hatte. Als er telephonisch +von der Nichtigkeitserklärung des Ausweisungsgesetzes erfuhr, +begab er sich sofort per Automobil nach seiner Vaterstadt Wien. +Er hält sich derzeit im Hause seines zukünftigen Schwiegervaters, des +Hofrates Spineder, in der Kobenzlgasse auf, wo er nach jahrelanger +bitterer Trennung die in Treue und Liebe seiner harrende Braut umarmt. + +Diese Extra-Ausgabe bildete einen wohlwollend-boshaften Scherz des +Chefredakteurs der »Arbeiter-Zeitung«. Gleich nach ihr erschien aber +eine Extraausgabe der »Weltpresse« mit zwei sensationellen Nachrichten. +In der einen wurde angekündigt, daß sich der ehemalige Bundeskanzler +Doktor Schwertfeger in Verzweiflung über das Scheitern seines so groß +und ehrlich gedachten Werkes durch einen Revolverschuß entleibt habe. +Anknüpfend daran machte die »Weltpresse« die Mitteilung, daß sie, dem +Willen der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung Wiens folgend, vom +heutigen Tage an als das Organ der neuen Partei der tätigen Bürger +erscheinen werde. + + * * * * * + +Leo war von der Redaktion der »Arbeiter-Zeitung« aus tatsächlich direkt +nach Grinzing gefahren. Lotte, die ebenso wie ihre Eltern von dem +Verlauf der Parlamentssitzung bereits unterrichtet war, erwartete ihren +Bräutigam am offenen Fenster im Parterregeschoß. Und als das Auto +vorgefahren war und Leo sie erblickte, erschien ihm der Weg durch den +Hausflur zu weitläufig, mit einem Satz schwang er sich auf das +Fensterbrett und schon hielten die beiden jungen Leute einander lachend +und weinend umschlungen. Da Leo aber trotz seiner turnerischen +Gewandtheit bei seinem abgekürzten Eintrittsverfahren eine +Fensterscheibe eingeschlagen hatte, was ein hörbares Klirren und +Schmettern verursachte, kamen der Hofrat und seine Gattin aus dem +nebengelegenen Wohnzimmer bestürzt herbei und blieben angesichts ihrer +Tochter, die von einem fremden, knebelbärtigen Herrn unaufhörlich +abgeküßt wurde, überrascht stehen. Bis der Hofrat so energisch zu husten +begann, daß Lotte es vernahm und sich blutrot aus den Armen des +Geliebten befreite, um ihn ihren Eltern vorzustellen: + +»Papa, Mama, dies ist mein Bräutigam, Henry Dufresne...!« + +»_Recte_ Leo Strakosch«, lautete die Ergänzung und Leo warf sich auch +schon dem Hofrat und dann seiner zukünftigen Schwiegermutter in die +Arme. + +Nachdem sich die erste Freude und Verwirrung gelegt, tat Herr Spineder +das, was ein Hofrat in solcher Situation zu tun hatte. Er sagte: + +»Nun, Kinder, erzählt mir einmal alles ordentlich der Reihe nach.« + +Frau Spineder aber tat das, was jede andere ordentliche Hausfrau an +ihrer Stelle getan hätte. Sie weinte, erklärte vor Aufregung nicht +stehen und gehen zu können und lief nach der Küche, um für ein +ordentliches Souper zu sorgen. + +Die Unterhaltung zwischen dem Hofrat, Lotte und Leo spielte sich +indessen im Badezimmer ab, wo Leo sich zuerst mit einer Papierschere den +Knebelbart abschnitt, um sich dann zu rasieren und gleichzeitig zu +erzählen. Und das war sehr gut so, denn gerade als er rasiert und wieder +ein schöner, glatter junger Mann war, ereignete sich ganz Unerwartetes. + +Ein Automobil mit Herrn Habietnik, einem sozialdemokratischen +Nationalrat und einem bekehrten Gemeinderat fuhr vor und die Herren +teilten Leo mit, daß er unbedingt mit ihnen zum Rathause fahren müsse, +um sich der dort versammelten Menschenmenge zu zeigen und eine Ansprache +des Bürgermeisters zu erdulden. + +Sträuben nützte nichts, Leo mußte mit, aber Lotte, die die Garantie +dafür übernahm, daß sie rechtzeitig zum Abendessen zurück sein würden, +fuhr mit ihm. + +Bis zum Schottentor verlief die Fahrt ganz glatt, dann stellte sich ein +Hindernis ein. Die Menschenmassen standen hier so dicht +aneinandergedrängt, daß das Auto nicht vorwärts kam. Worauf sich der +Gemeinderat hinausbeugte und in bester Absicht, wenn auch mit wenig +Zartgefühl den Leuten zuschrie: + +»Laßt's uns durch! Der Herr Leo Strakosch, der erste Jud, der wieder in +Wien ist, muß zum Rathaus!« + +Diese Worte waren das Signal zu einem stürmischen Jubelschrei, und das +Auto konnte zwar nicht durch, sondern mußte hier mit Lotte warten, aber +Leo saß auch schon auf den Schultern zweier handfester Männer und wurde +unter dem Jauchzen und Johlen und Hurra-Geschrei der Massen zum Rathaus +getragen. + +Das schöne Rathaus war wieder illuminiert, sah wieder wie eine brennende +Fackel aus und mühsam nur konnten sich die Männer mit Leo auf den +Schultern Bahn machen. Fanfarenklänge, Trompetentöne, der Bürgermeister +von Wien, Herr Karl Maria Laberl, betrat den Balkon, streckte segnend +seine Arme aus und hielt eine zündende Ansprache, die mit den Worten +begann: + +»Mein lieber Jude! -- --« + + =Ende.= + + +»Corona«-Druck (G. Davis & Co.), Wien IX. + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + von einem halben Jahr gegeben. + von einem halben Jahr gegeben.« + + ist.«. + ist.« + + vereinigten sich hier und machte ihn absolut unerbittlich. + vereinigten sich hier und machten ihn absolut unerbittlich. + + »Meine Herren und Damen, ich weiß, daß die Bevölkerung schwer enttäuscht + Meine Herren und Damen, ich weiß, daß die Bevölkerung schwer enttäuscht + + wollen. + wollen.« + + »Dazu ist allerdings zu bemerken, daß der Bruder des Hofrates die + Dazu ist allerdings zu bemerken, daß der Bruder des Hofrates die + + zehnmal in allen Tonarten nur in keiner gehässigen, hören. »Weißt du, ich + zehnmal in allen Tonarten nur in keiner gehässigen, hören. Weißt du, ich + + furchtbares Gelächter entstanden, so daß ich aufgewacht bin! Glauben 's + furchtbares Gelächter entstanden, so daß ich aufgewacht bin! Glauben S' + + nicht, Herr Mauler, daß der Traum was zu bedeuten hat? + nicht, Herr Mauler, daß der Traum was zu bedeuten hat?« + + ausgewandert und wir sind richtig alle kapores! + ausgewandert und wir sind richtig alle kapores!« + + Wien, daß Karl Maria Laberl den Bundeskanzler im geeigneten Moment in + Wien, daß Karl Maria Laberl den Bundeskanzler im geeigneten Moment im + + Verzweiflung. Am wildesten sind die Frauen, hören sie nur, wie sie + Verzweiflung. Am wildesten sind die Frauen, hören Sie nur, wie sie + + Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert und hielten die + Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert, und hielten die + + Christlichsoziale und vierundzwanzig Großdeutsche. Das ergab 160 Stimmen + Christlichsoziale und vierundzwanzig Großdeutsche. Das ergab 106 Stimmen + + erfreut sich einer vorzüglichen Gesundheit. + erfreute sich einer vorzüglichen Gesundheit. + + befinde sich irgendwo in einem Automobil, in dem er einen + befindet sich irgendwo in einem Automobil, in dem er einen + + Diese Worten waren das Signal zu einem stürmischen Jubelschrei, und das + Diese Worte waren das Signal zu einem stürmischen Jubelschrei, und das + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Stadt ohne Juden, by Hugo Bettauer + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STADT OHNE JUDEN *** + +***** This file should be named 35569-8.txt or 35569-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/5/5/6/35569/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. 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