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+The Project Gutenberg EBook of Träume eines Geistersehers, erläutert durch
+Träume der Metaphysik, by Immanuel Kant
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik
+
+Author: Immanuel Kant
+
+Release Date: May 10, 2011 [EBook #36076]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TRÄUME EINES GEISTERSEHERS ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
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+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Der Text stammt aus: Vorkritische Schriften. Band II. Hg. v.
+ Artur Buchenau. Berlin: Bruno Cassirer 1912 (= Immanuel Kants
+ Werke II). S. 329-390 u. 481-484 (Lesarten).
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original kursiv gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
+ ]
+
+
+
+
+ Träume eines Geistersehers,
+ erläutert
+ durch
+ Träume der Metaphysik.
+
+
+ velut aegri somnia, vanae
+ Finguntur species.
+
+ HORAT.
+
+
+ =Königsberg=
+ bei Johann Jacob Kanter
+ 1766
+
+
+
+
+Ein Vorbericht,
+
+der sehr wenig vor die Ausführung verspricht.
+
+
+Das Schattenreich ist das Paradies der Phantasten. Hier finden sie ein
+unbegrenztes Land, wo sie sich nach Belieben anbauen können.
+Hypochondrische Dünste, Ammenmärchen und Klosterwunder lassen es ihnen
+an Bauzeug nicht ermangeln. Die Philosophen zeichnen den Grundriß und
+ändern ihn wiederum oder verwerfen ihn, wie ihre Gewohnheit ist. Nur das
+heilige Rom hat daselbst einträgliche Provinzen; die zwei Kronen des
+unsichtbaren Reichs stützen die dritte, als das hinfällige Diadem seiner
+irdischen Hoheit, und die Schlüssel, welche die beide Pforten der andern
+Welt auftun, öffnen zugleich sympathetisch die Kasten der gegenwärtigen.
+Dergleichen Rechtsame des Geisterreichs, insofern es durch die Gründe
+der Staatsklugheit bewiesen ist, erheben sich weit über alle ohnmächtige
+Einwürfe der Schulweisen, und ihr Gebrauch oder Mißbrauch ist schon zu
+ehrwürdig, als daß er sich einer so verworfenen Prüfung auszusetzen
+nötig hätte. Allein die gemeine Erzählungen, die so viel Glauben finden
+und wenigstens so schlecht bestritten sind, weswegen laufen die so
+ungenützt oder ungeahndet umher und schleichen sich selbst in die
+Lehrverfassungen ein, ob sie gleich den Beweis vom Vorteil hergenommen
+(_argumentum ab utili_) nicht vor sich haben, welcher der überzeugendste
+unter allen ist? Welcher Philosoph hat nicht einmal zwischen den
+Beteurungen eines vernünftigen und fest überredeten Augenzeugen und der
+inneren Gegenwehr eines unüberwindlichen Zweifels die einfältigste Figur
+gemacht, die man sich vorstellen kann? Soll er die Richtigkeit aller
+solcher Geistererscheinungen gänzlich ableugnen? Was kann er vor Gründe
+anführen, sie zu widerlegen?
+
+Soll er auch nur eine einzige dieser Erzählungen als wahrscheinlich
+einräumen? Wie wichtig wäre ein solches Geständnis, und in welche
+erstaunliche Folgen sieht man hinaus, wenn auch nur =eine= solche
+Begebenheit als bewiesen vorausgesetzet werden könnte! Es ist wohl noch
+ein dritter Fall übrig, nämlich sich mit dergleichen vorwitzigen oder
+=müßigen= Fragen gar nicht zu bemengen und sich an das =Nützliche= zu
+halten. Weil dieser Anschlag aber vernünftig ist, so ist er jederzeit
+von gründlichen Gelehrten durch die Mehrheit der Stimmen verworfen
+worden.
+
+Da es ebensowohl ein dummes Vorurteil ist, von vielem, das mit einigem
+Schein der Wahrheit erzählt wird, ohne Grund =nichts= zu glauben, als
+von dem, was das gemeine Gerüchte sagt, ohne Prüfung =alles= zu glauben,
+so ließ sich der Verfasser dieser Schrift, um dem ersten Vorurteile
+auszuweichen, zum Teil von dem letzteren fortschleppen. Er bekennet mit
+einer gewissen Demütigung, daß er so treuherzig war, der Wahrheit
+einiger Erzählungen von der erwähnten Art nachzuspüren. Er fand -- -- --
+wie gemeiniglich, wo man nichts zu suchen hat -- -- -- er fand nichts.
+Nun ist dieses wohl an sich selbst schon eine hinlängliche Ursache, ein
+Buch zu schreiben; allein es kam noch dasjenige hinzu, was bescheidenen
+Verfassern schon mehrmalen Bücher abgedrungen hat, das ungestüme
+Anhalten bekannter und unbekannter Freunde. Überdem war ein großes Werk
+gekauft und, welches noch schlimmer ist, gelesen worden, und diese Mühe
+sollte nicht verloren sein. Daraus entstand nun die gegenwärtige
+Abhandlung, welche, wie man sich schmeichelt, den Leser nach der
+Beschaffenheit der Sache völlig befriedigen soll, indem er das
+Vornehmste nicht verstehen, das andere nicht glauben, das übrige aber
+belachen wird.
+
+
+
+
+Der erste Teil,
+
+welcher dogmatisch ist.
+
+
+Erstes Hauptstück. _Ein verwickelter metaphysischer Knoten, den man nach
+Belieben auflösen oder abhauen kann._
+
+Wenn alles dasjenige, was von Geistern der Schulknabe herbetet, der
+große Haufe erzählt und der Philosoph demonstriert, zusammengenommen
+wird, so scheinet es keinen kleinen Teil von unserem Wissen auszumachen.
+Nichtsdestoweniger getraue ich mich zu behaupten, daß, wenn es jemand
+einfiele, sich bei der Frage etwas zu verweilen, was denn das eigentlich
+vor ein Ding sei, wovon man unter dem Namen eines =Geistes= so viel zu
+verstehen glaubt, er alle diese Vielwisser in die beschwerlichste
+Verlegenheit versetzen würde. Das methodische Geschwätz der hohen
+Schulen ist oftmals nur ein Einverständnis, durch veränderliche
+Wortbedeutungen einer schwer zu lösenden Frage auszuweichen, weil das
+bequeme und mehrenteils vernünftige: =Ich weiß nicht=, auf Akademien
+nicht leichtlich gehöret wird. Gewisse neuere Weltweisen, wie sie sich
+gerne nennen lassen, kommen sehr leicht über diese Frage hinweg. Ein
+Geist, heißt es, ist ein Wesen, welches Vernunft hat. So ist es denn
+also keine Wundergabe, Geister zu sehen; denn wer Menschen sieht, der
+sieht Wesen, die Vernunft haben. Allein, fährt man fort, dieses Wesen,
+was im Menschen Vernunft hat, ist nur ein Teil vom Menschen, und dieser
+Teil, der ihn belebt, ist ein Geist. Wohlan denn: ehe ihr also beweiset,
+daß nur ein geistiges Wesen Vernunft haben könne, so sorget doch, daß
+ich zuvörderst verstehe, was ich mir unter einem geistigen Wesen vor
+einen Begriff zu machen habe. Diese Selbsttäuschung, ob sie gleich grob
+genug ist, um mit halboffenen Augen bemerkt zu werden, ist doch von sehr
+begreiflichem Ursprunge. Denn wovon man frühzeitig als ein Kind sehr
+viel weiß, davon ist man sicher, späterhin und im Alter nichts zu
+wissen, und der Mann der Gründlichkeit wird zuletzt höchstens der
+Sophiste seines Jugendwahnes.
+
+Ich weiß also nicht, ob es Geister gebe, ja, was noch mehr ist, ich weiß
+nicht einmal, was das Wort =Geist= bedeute. Da ich es indessen oft
+selbst gebraucht oder andere habe brauchen hören, so muß doch etwas
+darunter verstanden werden, es mag nun dieses Etwas ein Hirngespinst
+oder was Wirkliches sein. Um diese versteckte Bedeutung auszuwickeln, so
+halte ich meinen schlecht verstandenen Begriff an allerlei Fälle der
+Anwendung und dadurch, daß ich bemerke, auf welchen er trifft und
+welchem er zuwider ist, verhoffe ich, dessen verborgenen Sinn zu
+entfalten.(1)
+
+ (1) Wenn der Begriff eines Geistes von unsern eignen Erfahrungsbegriffen
+ abgesondert wäre, so würde das Verfahren, ihn deutlich zu
+ machen leicht sein, indem man nur diejenigen Merkmale anzuzeigen
+ hätte, welche uns die Sinne an dieser Art Wesen offenbareten,
+ und wodurch wir sie von materiellen Dingen unterscheiden.
+ Nun aber wird von Geistern geredet, selbst alsdenn, wenn
+ man zweifelt, ob es gar dergleichen Wesen gebe. Also kann der
+ Begriff von der geistigen Natur nicht als ein von der Erfahrung
+ abstrahierter behandelt werden. Fragt ihr aber: Wie ist man denn zu
+ diesem Begriff überhaupt gekommen, wenn es nicht durch Abstraktion
+ geschehen ist? Ich antworte: Viele Begriffe entspringen durch geheime
+ und dunkele Schlüsse bei Gelegenheit der Erfahrungen und pflanzen sich
+ nachher auf andere fort ohne Bewußtsein der Erfahrung selbst oder des
+ Schlusses, welcher den Begriff über dieselbe errichtet hat. Solche
+ Begriffe kann man =erschlichene= nennen. Dergleichen sind viele, die
+ zum Teil nichts als ein Wahn der Einbildung, zum Teil auch wahr sind,
+ indem auch dunkele Schlüsse nicht immer irren. Der Redegebrauch und
+ die Verbindung eines Ausdrucks mit verschiedenen Erzählungen, in denen
+ jederzeit einerlei Hauptmerkmal anzutreffen ist, geben ihm eine
+ bestimmte Bedeutung, welche folglich nur dadurch kann entfaltet
+ werden, daß man diesen versteckten Sinn durch eine Vergleichung mit
+ allerlei Fällen der Anwendung, die mit ihm einstimmig sind oder ihm
+ widerstreiten, aus seiner Dunkelheit hervorzieht.
+
+Nehmet etwa einen Raum von einem Kubikfuß und setzet, es sei etwas, das
+diesen Raum erfüllt, d. i. dem Eindringen jedes andern Dinges
+widerstehet, so wird niemand das Wesen, was auf solche Weise im Raum
+ist, =geistig= nennen. Es würde offenbar =materiell= heißen, weil es
+ausgedehnt, undurchdringlich und wie alles Körperliche der Teilbarkeit
+und den Gesetzen des Stoßes unterworfen ist. Bis dahin sind wir noch auf
+dem gebähnten Gleise anderer Philosophen. Allein denket euch ein
+einfaches Wesen und gebet ihm zugleich Vernunft; wird dies alsdenn die
+Bedeutung des Wortes =Geist= gerade ausfüllen? Damit ich dieses
+entdecke, so will ich die Vernunft dem besagten einfachen Wesen als eine
+=innere= Eigenschaft lassen, vor jetzo es aber nur in =äußeren=
+Verhältnissen betrachten. Und nunmehro frage ich: wenn ich diese
+einfache Substanz in jenen Raum vom Kubikfuß, der voll Materie ist,
+setzen will, wird alsdenn ein einfaches Element derselben den Platz
+räumen müssen, damit ihn dieser Geist erfülle? Meinet ihr, ja? Wohlan,
+so wird der gedachte Raum, um einen zweiten Geist einzunehmen, ein
+zweites Elementarteilchen verlieren müssen, und so wird endlich, wenn
+man fortfährt, ein Kubikfuß Raum von Geistern erfüllet sein, deren
+Klumpe ebensowohl durch Undurchdringlichkeit widerstehet, als wenn er
+voll Materie wäre, und ebenso wie diese der Gesetze des Stoßes fähig
+sein muß. Nun würden aber dergleichen Substanzen, ob sie gleich in sich
+Vernunftkraft haben mögen, doch äußerlich von den Elementen der Materie
+gar nicht unterschieden sein, bei denen man auch nur die Kräfte ihrer
+äußeren Gegenwart kennet und, was zu ihren inneren Eigenschaften gehören
+mag, gar nicht weiß. Es ist also außer Zweifel, daß eine solche Art
+einfacher Substanzen nicht geistige Wesen heißen würden, davon Klumpen
+zusammengeballet werden könnten. Ihr werdet also den Begriff eines
+Geistes nur beibehalten können, wenn ihr euch Wesen gedenkt, die sogar
+in einem von Materie erfüllten Raume gegenwärtig sein können;(2) Wesen
+also, welche die Eigenschaft der Undurchdringlichkeit nicht an sich
+haben, und deren so viele, als man auch will, vereinigt niemals ein
+solides Ganze ausmachen. Einfache Wesen von dieser Art werden
+immaterielle Wesen und, wenn sie Vernunft haben, Geister genannt werden.
+Einfache Substanzen aber, deren Zusammensetzung ein undurchdringliches
+und ausgedehntes Ganze gibt, werden materielle Einheiten, ihr Ganzes
+aber Materie heißen. Entweder der Name eines Geistes ist ein Wort ohne
+allen Sinn, oder seine Bedeutung ist die angezeigte.
+
+ (2) Man wird hier leichtlich gewahr, daß ich nur von Geistern, die als
+ Teile zum Weltganzen gehören und nicht von dem unendlichen Geiste
+ rede, der der Urheber und Erhalter desselben ist. Denn der Begriff von
+ der geistigen Natur des letzteren ist leicht, weil er lediglich
+ negativ ist und darin besteht, daß man die Eigenschaften der Materie
+ an ihm verneinet, die einer unendlichen und schlechterdings
+ notwendigen Substanz widerstreiten. Dagegen bei einer geistigen
+ Substanz, die mit der Materie in Vereinigung sein soll, wie z. E. der
+ menschlichen Seele, äußert sich die Schwierigkeit, daß ich eine
+ wechselseitige Verknüpfung derselben mit körperlichen Wesen zu einem
+ Ganzen denken und dennoch die einzige bekannte Art der Verbindung,
+ welche unter materiellen Wesen stattfindet, aufheben soll.
+
+Von der Erklärung, was der Begriff eines Geistes enthalte, ist der
+Schritt noch ungemein weit zu dem Satze, daß solche Naturen wirklich, ja
+auch nur möglich seien. Man findet in den Schriften der Philosophen
+recht gute Beweise, darauf man sich verlassen kann, daß alles, was da
+denkt, einfach sein müsse, daß eine jede vernünftigdenkende Substanz
+eine Einheit der Natur sei, und das unteilbare Ich nicht könne in einem
+Ganzen von viel verbundenen Dingen verteilt sein. Meine Seele wird also
+eine einfache Substanz sein. Aber es bleibt durch diesen Beweis noch
+immer unausgemacht, ob sie von der Art derjenigen sei, die in dem Raume
+vereinigt ein ausgedehntes und undurchdringliches Ganze geben und also
+materiell oder ob sie immateriell und folglich ein Geist sei, ja sogar,
+ob eine solche Art Wesen als diejenige, so man =geistige= nennet, nur
+möglich sei.
+
+Und hiebei kann ich nicht umhin, vor übereilte Entscheidungen zu warnen,
+welche in den tiefsten und dunkelsten Fragen sich am leichtesten
+eindringen. Was nämlich zu den gemeinen Erfahrungsbegriffen gehört, das
+pflegt man gemeiniglich so anzusehen, als ob man auch seine Möglichkeit
+einsehe. Dagegen was von ihnen abweicht und durch keine Erfahrung, auch
+nicht einmal der Analogie nach, verständlich gemacht werden kann, davon
+kann man sich freilich keinen Begriff machen, und darum pflegt man es
+gerne als unmöglich sofort zu verwerfen. Alle Materie widerstehet in dem
+Raume ihrer Gegenwart und heißt darum undurchdringlich. Daß dieses
+geschehe, lehrt die Erfahrung, und die Abstraktion von dieser Erfahrung
+bringt in uns auch den allgemeinen Begriff der Materie hervor. Dieser
+Widerstand aber, den Etwas in dem Raume seiner Gegenwart leistet, ist
+auf solche Weise wohl =erkannt=, allein darum nicht =begriffen=. Denn es
+ist derselbe, sowie alles, was einer Tätigkeit entgegenwirkt, eine wahre
+Kraft, und da ihre Richtung derjenigen entgegensteht, wornach die
+fortgezogne Linien der =Annäherung= zielen, so ist sie eine Kraft der
+=Zurückstoßung=, welche der Materie und folglich auch ihren Elementen
+muß beigeleget werden. Nun wird sich ein jeder Vernünftiger bald
+bescheiden, daß hier die menschliche Einsicht zu Ende sei. Denn nur
+durch die Erfahrung kann man innewerden, daß Dinge der Welt, welche wir
+=materiell= nennen, eine solche Kraft haben, niemals aber die
+Möglichkeit derselben begreifen. Wenn ich nun Substanzen anderer Art
+setze, die mit andern Kräften im Raume gegenwärtig sind, als mit jener
+=treibenden= Kraft, deren Folge die Undurchdringlichkeit ist, so kann
+ich freilich eine Tätigkeit derselben, welche keine Analogie mit meinen
+Erfahrungsvorstellungen hat, gar nicht _in concreto_ denken, und indem
+ich ihnen die Eigenschaft nehme, den Raum, in dem sie wirken, zu
+=erfüllen=, so stehet mir ein Begriff ab, wodurch mir sonsten die Dinge
+denklich sind, welche in meine Sinne fallen, und es muß daraus notwendig
+eine Art von Undenklichkeit entspringen. Allein diese kann darum nicht
+als eine erkannte Unmöglichkeit angesehen werden, eben darum weil das
+Gegenteil seiner Möglichkeit nach gleichfalls uneingesehen bleiben wird,
+obzwar dessen Wirklichkeit in die Sinne fällt.
+
+Man kann demnach die Möglichkeit immaterieller Wesen annehmen ohne
+Besorgnis widerlegt zu werden, wiewohl auch ohne Hoffnung, diese
+Möglichkeit durch Vernunftgründe beweisen zu können. Solche geistige
+Naturen würden im Raume gegenwärtig sein, sodaß derselbe demungeachtet
+vor körperliche Wesen immer durchdringlich bliebe, weil ihre Gegenwart
+wohl eine =Wirksamkeit= im Raume, aber nicht dessen =Erfüllung=, d. i.
+einen Widerstand als den Grund der Solidität enthielte. Nimmt man nun
+eine solche =einfache= geistige Substanz an, so würde man unbeschadet
+ihrer Unteilbarkeit sagen können, daß der Ort ihrer unmittelbaren
+Gegenwart nicht ein Punkt, sondern selbst ein Raum sei. Denn um die
+Analogie zu Hülfe zu rufen, so müssen notwendig selbst die einfachen
+Elemente der Körper ein jegliches ein Räumchen in dem Körper erfüllen,
+der ein proportionierter Teil seiner ganzen Ausdehnung ist, weil Punkte
+gar nicht Teile, sondern Grenzen des Raumes sind. Da diese Erfüllung des
+Raumes vermittelst einer wirksamen Kraft (der Zurückstoßung) geschieht
+und also nur einen Umfang der größeren Tätigkeit, nicht aber eine
+Vielheit der Bestandteile des wirksamen Subjekts anzeigt, so
+widerstreitet sie gar nicht der einfachen Natur desselben, obgleich
+freilich die Möglichkeit hievon nicht weiter kann deutlich gemacht
+werden, welches niemals bei den ersten Verhältnissen der Ursachen und
+Wirkungen angeht. Ebenso wird mir zum wenigsten keine erweisliche
+Unmöglichkeit entgegenstehen, obschon die Sache selbst unbegreiflich
+bleibt, wenn ich behaupte, daß eine geistige Substanz, ob sie gleich
+einfach ist, dennoch einen Raum =einnehme=, (d. i. in ihm unmittelbar
+tätig sein könne), ohne ihn zu =erfüllen=, (d. i. materiellen Substanzen
+darin Widerstand zu leisten). Auch würde eine solche immaterielle
+Substanz nicht ausgedehnt genannt werden müssen, so wenig wie es die
+Einheiten der Materie sind; denn nur dasjenige, was abgesondert von
+allem und =vor sich= allein existierend einen Raum einnimmt, ist
+=ausgedehnt=; die Substanzen aber, welche Elemente der Materie sind,
+nehmen einen Raum nur durch die =äußere= Wirkung in andere ein, vor sich
+besonders aber, wo keine andre Dinge in Verknüpfung mit ihnen gedacht
+werden, und da in ihnen selbst auch nichts außereinander Befindliches
+anzutreffen ist, enthalten sie keinen Raum. Dieses gilt von
+Körperelementen. Dieses würde auch von geistigen Naturen gelten. Die
+Grenzen der Ausdehnung bestimmen die Figur. An ihnen würde also keine
+Figur gedacht werden können. Dieses sind schwer einzusehende Gründe der
+vermuteten Möglichkeit immaterieller Wesen in dem Weltganzen. Wer im
+Besitze leichterer Mittel ist, die zu dieser Einsicht führen können, der
+versage seinen Unterricht einem Lehrbegierigen nicht, vor dessen Augen
+im Fortschritt der Untersuchung sich öfters Alpen erheben, wo andere
+einen ebenen und gemächlichen Fußsteig vor sich sehen, den sie
+fortwandern oder zu wandern glauben.
+
+Gesetzt nun, man hätte bewiesen, die Seele des Menschen sei ein Geist,
+(wiewohl aus dem vorigen zu sehen ist, daß ein solcher Beweis noch
+niemals geführet worden), so würde die nächste Frage, die man tun
+könnte, etwa diese sein: Wo ist der Ort dieser menschlichen Seele in der
+Körperwelt? Ich würde antworten: Derjenige Körper, dessen Veränderungen
+=meine= Veränderungen sind, dieser Körper ist =mein= Körper, und der Ort
+desselben ist zugleich =mein Ort=. Setzet man die Frage weiter fort: Wo
+ist denn =dein= Ort (der Seele) in diesem Körper, so würde ich etwas
+Verfängliches in dieser Frage vermuten. Denn man bemerkt leicht, daß
+darin etwas schon vorausgesetzet werde, was nicht durch Erfahrung
+bekannt ist, sondern vielleicht auf eingebildeten Schlüssen beruhet,
+nämlich daß mein denkendes Ich in einem Orte sei, der von den Örtern
+anderer Teile desjenigen Körpers, der zu meinem Selbst gehöret,
+unterschieden wäre. Niemand aber ist sich eines besondern Orts in seinem
+Körper unmittelbar bewußt, sondern desjenigen, den er als Mensch in
+Ansehung der Welt umher einnimmt. Ich würde mich also an der gemeinen
+Erfahrung halten und vorläufig sagen: Wo ich empfinde, da =bin= ich. Ich
+bin ebenso unmittelbar in der Fingerspitze wie in dem Kopfe. Ich bin es
+selbst, der in der Ferse leidet und welchem das Herz im Affekte klopft.
+Ich fühle den schmerzhaften Eindruck nicht an einer Gehirnnerve, wenn
+mich mein Leichdorn peinigt, sondern am Ende meiner Zehen. Keine
+Erfahrung lehrt mich einige Teile meiner Empfindung von mir vor entfernt
+zu halten, mein unteilbares Ich in ein mikroskopisch kleines Plätzchen
+des Gehirnes zu versperren, um von da aus den Hebezeug meiner
+Körpermaschine in Bewegung zu setzen oder dadurch selbst getroffen zu
+werden. Daher würde ich einen strengen Beweis verlangen, um dasjenige
+ungereimt zu finden, was die Schullehrer sagten: =Meine Seele ist ganz
+im ganzen Körper und ganz in jedem seiner Teile.= Der gesunde Verstand
+bemerkt oft die Wahrheit eher, als er die Gründe einsiehet, dadurch er
+sie beweisen oder erläutern kann. Der Einwurf würde mich auch nicht
+gänzlich irre machen, wenn man sagte, daß ich auf solche Art die Seele
+ausgedehnt und durch den ganzen Körper verbreitet gedächte, so ohngefähr
+wie sie den Kindern in der =gemalten Welt= abgebildet wird. Denn ich
+würde diese Hindernis dadurch wegräumen, daß ich bemerkte, die
+unmittelbare Gegenwart in einem ganzen Raume beweise nur eine Sphäre der
+äußeren Wirksamkeit, aber nicht eine Vielheit innerer Teile, mithin auch
+keine Ausdehnung oder Figur, als welche nur stattfinden, wenn in einem
+Wesen =vor sich allein gesetzt= ein Raum ist, d. i. Teile anzutreffen
+sind, die sich außerhalb einander befinden. Endlich würde ich entweder
+dieses wenige von der geistigen Eigenschaft meiner Seele wissen oder,
+wenn man es nicht einwilligte, auch zufrieden sein, davon gar nichts zu
+wissen.
+
+Wollte man diesen Gedanken die Unbegreiflichkeit oder, welches bei den
+meisten vor einerlei gilt, ihre Unmöglichkeit vorrücken, so könnte ich
+es auch geschehen lassen. Alsdenn würde ich mich zu den Füßen dieser
+Weisen niederlassen, um sie also reden zu hören: Die Seele des Menschen
+hat ihren Sitz im Gehirne, und ein unbeschreiblich kleiner Platz in
+demselben ist ihr Aufenthalt.(3) Daselbst empfindet sie wie die Spinne
+im Mittelpunkte ihres Gewebes. Die Nerven des Gehirnes stoßen oder
+erschüttern sie, dadurch verursachen sie aber, daß nicht dieser
+unmittelbare Eindruck, sondern der, so auf ganz entlegene Teile des
+Körpers geschieht, jedoch als ein außerhalb dem Gehirne gegenwärtiges
+Objekt vorgestellet wird. Aus diesem Sitze bewegt sie auch die Seile und
+Hebel der ganzen Maschine und verursacht willkürliche Bewegungen nach
+ihrem Belieben. Dergleichen Sätze lassen sich nur sehr seichte oder gar
+nicht beweisen und, weil die Natur der Seele im Grunde nicht bekannt
+gnug ist, auch nur ebenso schwach widerlegen. Ich würde also mich in
+keine Schulgezänke einlassen, wo gemeiniglich beide Teile alsdenn am
+meisten zu sagen haben, wenn sie von ihrem Gegenstande gar nichts
+verstehen; sondern ich würde lediglich den Folgerungen nachgehen, auf
+die mich eine Lehre von dieser Art leiten kann. Weil also nach denen mir
+angepriesenen Sätzen meine Seele, in der Art wie sie im Raume
+gegenwärtig ist, von jedem Element der Materie nicht unterschieden wäre,
+und die Verstandeskraft eine innere Eigenschaft ist, welche ich in
+diesen Elementen doch nicht wahrnehmen könnte, wenngleich selbige in
+ihnen allen angetroffen würde, so könnte kein tauglicher Grund
+angeführet werden, weswegen nicht meine Seele eine von den Substanzen
+sei, welche die Materie ausmachen, und warum nicht ihre besondere
+Erscheinungen lediglich von dem Orte herrühren sollten, den sie in einer
+künstlichen Maschine, wie der tierische Körper ist, einnimmt, wo die
+Nervenvereinigung der inneren Fähigkeit des Denkens und der Willkür
+zustatten kommt. Alsdenn aber würde man kein eigentümliches Merkmal der
+Seele mehr mit Sicherheit erkennen, welches sie von dem rohen
+Grundstoffe der körperlichen Naturen unterschiede, und LEIBNIZENS
+scherzhafter Einfall, nach welchem wir vielleicht im Kaffee Atomen
+verschluckten, woraus Menschenseelen werden sollen, wäre nicht mehr ein
+Gedanke zum Lachen. Würde aber auf solchen Fall dieses denkende Ich
+nicht dem gemeinen Schicksale materieller Naturen unterworfen sein und,
+wie es durch den Zufall aus dem Chaos aller Elemente gezogen worden, um
+eine tierische Maschine zu beleben, warum sollte es, nachdem diese
+zufällige Vereinigung aufgehört hat, nicht auch künftig dahin wiederum
+zurückkehren? Es ist bisweilen nötig, den Denker, der auf unrechtem Wege
+ist, durch die Folgen zu erschrecken, damit er aufmerksamer auf die
+Grundsätze werde, durch welche er sich gleichsam träumend hat fortführen
+lassen.
+
+ (3) Man hat Beispiele von Verletzungen, dadurch ein guter Teil des
+ Gehirns verloren worden, ohne daß es dem Menschen das Leben oder die
+ Gedanken gekostet hat. Nach der gemeinen Vorstellung, die ich hier
+ anführe, würde ein Atomus desselben haben dürfen entführt oder aus der
+ Stelle gerückt werden, um in einem Augenblick den Menschen zu
+ entseelen. Die herrschende Meinung, der Seele einen Platz im Gehirne
+ anzuweisen, scheinet hauptsächlich ihren Ursprung darin zu haben, daß
+ man bei starkem Nachsinnen deutlich fühlt, daß die Gehirnnerven
+ angestrengt werden. Allein wenn dieser Schluß richtig wäre, so würde
+ er auch noch andere Örter der Seele beweisen. In der Bangigkeit oder
+ der Freude scheint die Empfindung ihren Sitz im Herzen zu haben. Viele
+ Affekten, ja die mehresten, äußern ihre Hauptstärke im Zwerchfell. Das
+ Mitleiden bewegt die Eingeweide, und andre Instinkte äußern ihren
+ Ursprung und Empfindsamkeit in andern Organen. Die Ursache, die da
+ macht, daß man die =nachdenkende= Seele vornehmlich im Gehirne zu
+ empfinden glaubt, ist vielleicht diese. Alles Nachsinnen erfordert die
+ Vermittelung der =Zeichen= vor die zu erweckende Ideen, um in deren
+ Begleitung und Unterstützung diesen den erforderlichen Grad Klarheit
+ zu geben. Die Zeichen unserer Vorstellungen aber sind vornehmlich
+ solche, die entweder durchs Gehör oder das Gesicht empfangen sind,
+ welche beide Sinne durch die Eindrücke im Gehirne bewegt werden, indem
+ ihre Organen auch diesem Teile am nächsten liegen. Wenn nun die
+ Erweckung dieser Zeichen, welche =Cartesius= _ideas materiales_ nennt,
+ eigentlich eine Reizung der Nerven zu einer ähnlichen Bewegung mit
+ derjenigen ist, welche die Empfindung ehedem hervorbrachte, so wird
+ das Gewebe des Gehirns im Nachdenken vornehmlich genötiget werden, mit
+ vormaligen Eindrücken harmonisch zu beben und dadurch ermüdet werden.
+ Denn wenn das Denken zugleich affektvoll ist, so empfindet man nicht
+ allein Anstrengungen des Gehirnes, sondern zugleich Angriffe der
+ reizbaren Teile, welche sonst mit den Vorstellungen der in
+ Leidenschaft versetzten Seele in Sympathie stehen.
+
+Ich gestehe, daß ich sehr geneigt sei, das Dasein immaterieller Naturen
+in der Welt zu behaupten und meine Seele selbst in die Klasse dieser
+Wesen zu versetzen.(4) Alsdenn aber, wie geheimnisvoll wird nicht die
+Gemeinschaft zwischen einem Geiste und einem Körper? Aber wie natürlich
+ist nicht zugleich diese Unbegreiflichkeit, da unsere Begriffe äußerer
+Handlungen von denen der Materie abgezogen worden und jederzeit mit den
+Bedingungen des Druckes oder Stoßes verbunden sind, die hier nicht
+stattfinden? Denn wie sollte wohl eine immaterielle Substanz der Materie
+im Wege liegen, damit diese in ihrer Bewegung auf einen Geist stoße, und
+wie können körperliche Dinge Wirkungen auf ein fremdes Wesen ausüben,
+das ihnen nicht Undurchdringlichkeit entgegenstellet, oder welches sie
+auf keine Weise hindert, sich in demselben Raume, darin es gegenwärtig
+ist, zugleich zu befinden? Es scheinet, ein geistiges Wesen sei der
+Materie innigst gegenwärtig, mit der es verbunden ist und wirke nicht
+auf diejenige Kräfte der Elemente, womit diese untereinander in
+Verhältnissen sind, sondern auf das innere Principium ihres Zustandes.
+Denn eine jede Substanz, selbst ein einfaches Element der Materie muß
+doch irgend eine innere Tätigkeit als den Grund der äußerlichen
+Wirksamkeit haben, wenn ich gleich nicht anzugeben weiß, worin solche
+bestehe.(5) Andererseits würde bei solchen Grundsätzen die Seele auch in
+diesen innern Bestimmungen als Wirkungen den Zustand des Universum
+anschauend erkennen, der die Ursache derselben ist. Welche Notwendigkeit
+aber verursache, daß ein Geist und ein Körper zusammen Eines ausmache,
+und welche Gründe bei gewissen Zerstörungen diese Einheit wiederum
+aufheben, diese Fragen übersteigen nebst verschiedenen andern sehr weit
+meine Einsicht, und wie wenig ich auch sonst dreiste bin, meine
+Verstandesfähigkeit an den Geheimnissen der Natur zu messen, so bin ich
+gleichwohl zuversichtlich gnug, keinen noch so fürchterlich
+ausgerüsteten Gegner zu scheuen, (wenn ich sonsten einige Neigung zum
+Streiten hätte), um in diesem Falle mit ihm den Versuch der Gegengründe
+im =Widerlegen= zu machen, der bei den Gelehrten eigentlich die
+Geschicklichkeit ist, einander das Nichtwissen zu demonstrieren.
+
+ (4) Der Grund hievon, der mir selbst sehr dunkel ist und
+ wahrscheinlicherweise auch wohl so bleiben wird, trifft zugleich auf
+ das empfindende Wesen in den Tieren. Was in der Welt ein Principium
+ des =Lebens= enthält, scheint immaterieller Natur zu sein. Denn alles
+ =Leben= beruhet auf dem inneren Vermögen, sich selbst nach =Willkür=
+ zu bestimmen. Da hingegen das wesentliche Merkmal der Materie in der
+ Erfüllung des Raumes durch eine notwendige Kraft bestehet, die durch
+ äußere Gegenwirkung beschränkt ist; daher der Zustand alles dessen,
+ was materiell ist, äußerlich =abhangend= und =gezwungen= ist,
+ diejenige Naturen aber, die =selbst tätig= und aus ihrer innern Kraft
+ wirksam den Grund des Lebens enthalten sollen, kurz diejenige, deren
+ eigene Willkür sich von selber zu bestimmen und zu verändern vermögend
+ ist, schwerlich materieller Natur sein können. Man kann
+ vernünftigerweise nicht verlangen, daß eine so unbekannte Art Wesen,
+ die man mehrenteils nur hypothetisch erkennt, in den Abteilungen ihrer
+ verschiedenen Gattungen sollte begriffen werden; zum wenigsten sind
+ diejenige immaterielle Wesen, die den Grund des tierischen Lebens
+ enthalten, von denenjenigen unterschieden, die in ihrer
+ Selbsttätigkeit Vernunft begreifen und Geister genannt werden.
+
+ (5) =Leibniz= sagte, dieser innere Grund aller seiner äußeren
+ Verhältnisse und ihrer Veränderungen sei eine =Vorstellungskraft=, und
+ spätere Philosophen empfingen diesen unausgeführten Gedanken mit
+ Gelächter. Sie hätten aber nicht übel getan, wenn sie vorhero bei sich
+ überlegt hätten, ob denn eine Substanz, wie ein einfacher Teil der
+ Materie ist, ohne allem inneren Zustande möglich sei, und wenn sie
+ denn diesen etwa nicht ausschließen wollten, so würde ihnen obgelegen
+ haben, irgend einen andern möglichen innern Zustand zu ersinnen als
+ den der Vorstellungen und der Tätigkeiten, die von ihnen abhängend
+ sind. Jedermann sieht von selber, daß, wenn man auch den einfachen
+ Elementarteilen der Materie ein Vermögen dunkler Vorstellungen
+ zugesteht, daraus noch keine Vorstellungskraft der Materie selbst
+ erfolge, weil viel Substanzen von solcher Art, in einem Ganzen
+ verbunden, doch niemals eine denkende Einheit ausmachen können.
+
+
+Zweites Hauptstück. _Ein Fragment der geheimen Philosophie, die
+Gemeinschaft mit der Geisterwelt zu eröffnen._
+
+Der Initiat hat schon den groben und an den äußerlichen Sinnen klebenden
+Verstand zu höhern und abgezogenen Begriffen gewöhnt, und nun kann er
+geistige und von körperlichen Zeuge enthüllete Gestalten in derjenigen
+Dämmerung sehen, womit das schwache Licht der Metaphysik das Reich der
+Schatten sichtbar macht. Wir wollen daher nach der beschwerlichen
+Vorbereitung, welche überstanden ist, uns auf den gefährlichen Weg
+wagen.
+
+ Ibant obscuri sola sub nocte per umbras,
+ Perque domos Ditis vacuas et inania regna.
+
+ VIRGILIUS.
+
+Die =tote= Materie, welche den Weltraum erfüllet, ist ihrer
+eigentümlichen Natur nach im Stande der Trägheit und der Beharrlichkeit
+in einerlei Zustande, sie hat Solidität, Ausdehnung und Figur, und ihre
+Erscheinungen, die auf allen diesen Gründen beruhen, lassen eine
+=physische= Erklärung zu, die zugleich mathematisch ist und zusammen
+=mechanisch= genannt wird. Wenn man andererseits seine Achtsamkeit auf
+diejenige Art Wesen richtet, welche den Grund des =Lebens= in dem
+Weltganzen enthalten, die um deswillen nicht von der Art sind, daß sie
+als Bestandteile den Klumpen und die Ausdehnung der leblosen Materie
+vermehren, noch von ihr nach den Gesetzen der Berührung und des Stoßes
+leiden, sondern vielmehr durch innere Tätigkeit sich selbst und überdem
+den toten Stoff der Natur rege machen, so wird man, wo nicht mit der
+Deutlichkeit einer Demonstration, doch wenigstens mit der Vorempfindung
+eines nicht ungeübten Verstandes sich von dem Dasein immaterieller Wesen
+überredet finden, deren besondere Wirkungsgesetze =pneumatisch= und,
+soferne die körperliche Wesen Mittelursachen ihrer Wirkungen in der
+materiellen Welt sind, =organisch= genannt werden. Da diese immaterielle
+Wesen selbsttätige Prinzipien sind, mithin Substanzen und vor sich
+bestehende Naturen, so ist diejenige Folge, auf die man zunächst gerät,
+diese, daß sie untereinander, unmittelbar vereinigt, vielleicht ein
+großes Ganze ausmachen mögen, welches man die immaterielle Welt (_mundus
+intelligibilis_) nennen kann. Denn mit welchem Grunde der
+Wahrscheinlichkeit wollte man wohl behaupten, daß dergleichen Wesen von
+einander ähnlicher Natur nur vermittelst anderer (körperlichen Dinge)
+von fremder Beschaffenheit in Gemeinschaft stehen könnten, indem dieses
+letztere noch viel rätselhafter als das erste ist?
+
+Diese =immaterielle= Welt kann also als ein vor sich bestehendes Ganze
+angesehen werden, deren Teile untereinander in wechselseitiger
+Verknüpfung und Gemeinschaft stehen, auch ohne Vermittelung körperlicher
+Dinge, sodaß dieses letztere Verhältnis zufällig ist und nur einigen
+zukommen darf, ja, wo sie auch angetroffen wird, nicht hindert, daß
+nicht eben die immaterielle Wesen, welche durch die Vermittelung der
+Materie ineinander wirken, außer diesem noch in einer besondern und
+durchgängigen Verbindung stehen und jederzeit untereinander als
+immaterielle Wesen wechselseitige Einflüsse ausüben, sodaß das
+Verhältnis derselben vermittelst der Materie nur zufällig und auf einer
+besonderen göttlichen Anstalt beruhet, jene hingegen natürlich und
+unauflöslich ist.
+
+Indem man denn auf solche Weise alle Prinzipien des Lebens in der ganzen
+Natur als so viel unkörperliche Substanzen untereinander in
+Gemeinschaft, aber auch zum Teil mit der Materie vereinigt
+zusammennimmt, so gedenkt man sich ein großes Ganze der immateriellen
+Welt, eine unermeßliche, aber unbekannte Stufenfolge von Wesen und
+tätigen Naturen, durch welche der tote Stoff der Körperwelt allein
+belebt wird. Bis auf welche Glieder aber der Natur Leben ausgebreitet
+sei, und welche diejenigen Grade desselben seien, die zunächst an die
+völlige Leblosigkeit grenzen, ist vielleicht unmöglich, jemals mit
+Sicherheit auszumachen. Der =Hylozoismus= belebt alles, der
+Materialismus dagegen, wenn er genau erwogen wird, tötet alles.
+MAUPERTUIS maß den organischen Nahrungsteilchen aller Tiere den
+niedrigsten Grad Leben bei; andere Philosophen sehen an ihnen nichts als
+tote Klumpen, welche nur dienen, den Hebezeug der tierischen Maschinen
+zu vergrößern. Das ungezweifelte Merkmal des Lebens an dem, was in
+unsere äußere Sinne fällt, ist wohl die freie Bewegung, die da blicken
+läßt, daß sie aus Willkür entsprungen sei; allein der Schluß ist nicht
+sicher, daß, wo dieses Merkmal nicht angetroffen wird, auch kein Grad
+des Lebens befindlich sei. BOERHAAVE sagt an einem Orte: =Das Tier ist
+eine Pflanze, die ihre Wurzel im Magen= (inwendig) =hat.= Vielleicht
+könnte ein anderer ebenso ungetadelt mit diesen Begriffen spielen und
+sagen: =Die Pflanze ist ein Tier, das seinen Magen in der Wurzel=
+(äußerlich) =hat.= Daher auch den letzteren die Organen der
+willkürlichen Bewegung und mit ihnen die äußerliche Merkmale des Lebens
+fehlen können, die doch den ersteren notwendig sind, weil ein Wesen,
+welches die Werkzeuge seiner Ernährung in sich hat, sich selbst seiner
+Bedürfnis gemäß muß bewegen können, dasjenige aber, an welchem dieselbe
+außerhalb und in dem Elemente seiner Unterhaltung eingesenkt sind, schon
+gnugsam durch äußere Kräfte erhalten wird und, wenn es gleich ein
+Principium des inneren Lebens in der Vegetation enthält, doch keine
+organische Einrichtung zur äußerlichen willkürlichen Tätigkeit bedarf.
+Ich verlange nichts von allem diesen auf Beweisgründe; denn außerdem,
+daß ich sehr wenig zum Vorteil von dergleichen Mutmaßungen würde zu
+sagen haben, so haben sie noch als bestäubte veraltete Grillen den Spott
+der Mode wider sich. Die Alten glaubten nämlich dreierlei Art vom Leben
+annehmen zu können, das =pflanzenartige=, das =tierische= und das
+=vernünftige=. Wenn sie die drei immaterielle Prinzipien derselben in
+dem Menschen vereinigten, so möchten sie wohl unrecht haben, wenn sie
+aber solche unter die dreierlei Gattungen der wachsenden und
+ihresgleichen erzeugenden Geschöpfe verteileten, so sagten sie freilich
+wohl etwas Unerweisliches, aber darum noch nicht Ungereimtes,
+vornehmlich in dem Urteile desjenigen, der das besondere Leben der von
+einigen Tieren abgetrenneten Teile, die Irritabilität, diese so wohl
+erwiesene, aber auch zugleich so unerklärliche Eigenschaft der Fasern
+eines tierischen Körpers und einiger Gewächse, und endlich die nahe
+Verwandtschaft der Polypen und anderer Zoophyten mit den Gewächsen in
+Betracht ziehen wollte. Übrigens ist die Berufung auf immaterielle
+Prinzipien eine Zuflucht der faulen Philosophie und darum auch die
+Erklärungsart in diesem Geschmacke nach aller Möglichkeit zu vermeiden,
+damit diejenigen Gründe der Welterscheinungen, welche auf den
+Bewegungsgesetzen der bloßen Materie beruhen, und welche auch einzig und
+allein der Begreiflichkeit fähig sind, in ihrem ganzen Umfange erkannt
+werden. Gleichwohl bin ich überzeugt, daß STAHL, welcher die tierische
+Veränderungen gerne organisch erklärt, oftmals der Wahrheit näher sei,
+als HOFMANN, BOERHAAVE u. a. m., welche die immaterielle Kräfte aus dem
+Zusammenhange lassen, sich an die mechanische Gründe halten und hierin
+einer mehr philosophischen Methode folgen, die wohl bisweilen fehlt,
+aber mehrmalen zutrifft, und die auch allein in der Wissenschaft von
+nützlicher Anwendung ist, wenn anderseits von dem Einflusse der Wesen
+von unkörperlicher Natur höchstens nur erkannt werden kann, daß er da
+sei, niemals aber, wie er zugehe und wie weit sich seine Wirksamkeit
+erstrecke.
+
+So würde denn also die immaterielle Welt zuerst alle erschaffene
+Intelligenzen, deren einige mit der Materie zu einer Person verbunden
+sind, andere aber nicht, in sich befassen, überdem die empfindende
+Subjekte in allen Tierarten und endlich alle Prinzipien des Lebens,
+welche sonst noch in der Natur wo sein mögen, ob dieses sich gleich
+durch keine äußerliche Kennzeichen der willkürlichen Bewegung
+offenbarete. Alle diese immaterielle Naturen, sage ich, sie mögen nun
+ihre Einflüsse in der Körperwelt ausüben oder nicht, alle vernünftige
+Wesen, deren zufälliger Zustand tierisch ist, es sei hier auf der Erde
+oder in andern Himmelskörpern, sie mögen den rohen Zeug der Materie
+jetzt oder künftig beleben oder ehedem belebt haben, würden nach diesen
+Begriffen in einer ihrer Natur gemäßen Gemeinschaft stehen, die nicht
+auf den Bedingungen beruht, wodurch die Verhältnis der Körper
+eingeschränkt ist, und wo die Entfernung der Örter oder der Zeitalter,
+welche in der sichtbaren Welt die große Kluft ausmacht, die alle
+Gemeinschaft aufhebt, verschwindet. Die menschliche Seele würde daher
+schon in dem gegenwärtigen Leben als verknüpft mit zweien Welten
+zugleich müssen angesehen werden, von welchen sie, soferne sie zu
+persönlicher Einheit mit einem Körper verbunden ist, die materielle
+allein klar empfindet, dagegen als ein Glied der Geisterwelt die reine
+Einflüsse immaterieller Naturen empfängt und erteilet, sodaß, sobald
+jene Verbindung aufgehört hat, die Gemeinschaft, darin sie jederzeit mit
+geistigen Naturen stehet, allein übrig bleibt und sich ihrem Bewußtsein
+zum klaren Anschauen eröffnen müßte.(6)
+
+ (6) Wenn man von dem Himmel als dem Sitze der Seligen redet, so setzt
+ die gemeine Vorstellung ihn gerne über sich, hoch in dem unermeßlichen
+ Weltraume. Man bedenket aber nicht, daß unsre Erde, aus diesen
+ Gegenden gesehen, auch als einer von den Sternen des Himmels
+ erscheine, und daß die Bewohner anderer Welten mit ebenso gutem Grunde
+ nach uns hin zeigen könnten und sagen: Sehet da den Wohnplatz ewiger
+ Freuden und einen himmlischen Aufenthalt, welcher zubereitet ist, uns
+ dereinst zu empfangen. Ein wunderlicher Wahn nämlich macht, daß der
+ hohe Flug, den die Hoffnung nimmt, immer mit dem Begriffe des Steigens
+ verbunden ist, ohne zu bedenken, daß, so hoch man auch gestiegen ist,
+ man doch wieder sinken müsse, um allenfalls in einer andern Welt
+ festen Fuß zu fassen. Nach den angeführten Begriffen aber würde der
+ Himmel eigentlich die Geisterwelt sein oder, wenn man will, der selige
+ Teil derselben, und diese würde man weder über sich noch unter sich zu
+ suchen haben, weil ein solches immaterielle Ganze nicht nach den
+ Entfernungen oder Naheiten gegen körperliche Dinge, sondern in
+ geistigen Verknüpfungen seiner Teile untereinander vorgestellt werden
+ muß, wenigstens die Glieder derselben sich nur nach solchen
+ Verhältnissen ihrer selbst bewußt sind.
+
+Es wird mir nachgerade beschwerlich, immer die behutsame Sprache der
+Vernunft zu führen. Warum sollte es mir nicht auch erlaubt sein, im
+akademischen Tone zu reden, der entscheidender ist und sowohl den
+Verfasser als den Leser des Nachdenkens überhebt, welches über lang oder
+kurz beide nur zu einer verdrießlichen Unentschlossenheit führen muß. Es
+ist demnach so gut als demonstriert, oder es könnte leichtlich bewiesen
+werden, wenn man weitläuftig sein wollte oder noch besser, es wird
+künftig, ich weiß nicht wo oder wenn, noch bewiesen werden, daß die
+menschliche Seele auch in diesem Leben in einer unauflöslich verknüpften
+Gemeinschaft mit allen immateriellen Naturen der Geisterwelt stehe, daß
+sie wechselweise in diese wirke und von ihnen Eindrücke empfange, deren
+sie sich aber als Mensch nicht bewußt ist, solange alles wohl steht.
+Andererseits ist es auch wahrscheinlich, daß die geistige Naturen
+unmittelbar keine sinnliche Empfindung von der Körperwelt mit Bewußtsein
+haben können, weil sie mit keinem Teil der Materie zu einer Person
+verbunden sind, um sich vermittelst desselben ihres Orts in dem
+materiellen Weltganzen und durch künstliche Organen der Verhältnis der
+ausgedehnten Wesen gegen sich und gegen einander bewußt zu werden, daß
+sie aber wohl in die Seelen der Menschen als Wesen von einerlei Natur
+einfließen können und auch wirklich jederzeit mit ihnen in
+wechselseitiger Gemeinschaft stehen, doch so, daß in der Mitteilung der
+Vorstellungen diejenige, welche die Seele als ein von der Körperwelt
+abhängendes Wesen in sich enthält, nicht in andere geistige Wesen und
+die Begriffe der letzteren, als anschauende Vorstellungen von
+immateriellen Dingen, nicht in das klare Bewußtsein des Menschen
+übergehen können, wenigstens nicht in ihrer eigentlichen Beschaffenheit,
+weil die Materialien zu beiderlei Ideen von verschiedener Art sind.
+
+Es würde schön sein, wenn eine dergleichen systematische Verfassung der
+Geisterwelt, als wir sie vorstellen, nicht lediglich aus dem Begriffe
+von der geistigen Natur überhaupt, der gar zu sehr hypothetisch ist,
+sondern aus irgendeiner wirklichen und allgemein zugestandenen
+Beobachtung könnte geschlossen, oder auch nur wahrscheinlich vermutet
+werden. Daher wage ich es auf die Nachsicht des Lesers, einen Versuch
+von dieser Art hier einzuschalten, der zwar etwas außer meinem Wege
+liegt und auch von der Evidenz weit gnug entfernet ist, gleichwohl aber
+zu nicht unangenehmen Vermutungen Anlaß zu geben scheinet.
+
+ * * * * *
+
+Unter den Kräften, die das menschliche Herz bewegen, scheinen einige der
+mächtigsten außerhalb demselben zu liegen, die also nicht etwa als bloße
+Mittel sich auf die Eigennützigkeit und Privatbedürfnis als auf ein
+Ziel, das =innerhalb= dem Menschen selbst liegt, beziehen, sondern
+welche machen, daß die Tendenzen unserer Regungen den Brennpunkt ihrer
+Vereinigung =außer uns= in andere vernünftige Wesen versetzen; woraus
+ein Streit zweier Kräfte entspringt, nämlich der Eigenheit, die alles
+auf sich beziehet, und der Gemeinnützigkeit, dadurch das Gemüt gegen
+andere außer sich getrieben oder gezogen wird. Ich halte mich bei dem
+Triebe nicht auf, vermöge dessen wir so stark und so allgemein am
+Urteile anderer hängen und fremde Billigung oder Beifall zur Vollendung
+des unsrigen vor uns selbst so nötig zu sein erachten, woraus,
+wenngleich bisweilen ein übelverstandener Ehrenwahn entspringt, dennoch
+selbst in der uneigennützigsten und wahrhaftesten Gemütsart ein geheimer
+Zug verspürt wird, dasjenige, was man vor sich selbst als =gut= oder
+=wahr= erkennt, mit dem Urteil anderer zu vergleichen, um beide
+einstimmig zu machen, imgleichen eine jede menschliche Seele auf dem
+Erkenntniswege gleichsam anzuhalten, wenn sie einen andern Fußsteig zu
+gehen scheint, als den wir eingeschlagen haben, welches alles vielleicht
+eine empfundene Abhängigkeit unserer eigenen Urteile vom =allgemeinen
+menschlichen Verstande= ist und ein Mittel wird, dem Ganzen denkender
+Wesen eine Art von Vernunfteinheit zu verschaffen.
+
+Ich übergehe aber diese sonst nicht unerhebliche Betrachtung und halte
+mich vor jetzt an eine andere, welche einleuchtender und beträchtlicher
+ist, so viel es unsere Absicht betrifft. Wenn wir äußere Dinge auf
+unsere Bedürfnis beziehen, so können wir dieses nicht tun, ohne uns
+zugleich durch eine gewisse Empfindung gebunden und eingeschränkt zu
+fühlen, die uns merken läßt, daß in uns gleichsam ein fremder Wille
+wirksam sei, und unser eigen Belieben die Bedingung von äußerer
+Beistimmung nötig habe. Eine geheime Macht nötiget uns, unsere Absicht
+zugleich auf anderer Wohl oder nach fremder Willkür zu richten, ob
+dieses gleich öfters ungern geschieht und der eigennützigen Neigung
+stark widerstreitet, und der Punkt, wohin die Richtungslinien unserer
+Triebe zusammenlaufen, ist also nicht bloß in uns, sondern es sind noch
+Kräfte, die uns bewegen, in dem Wollen anderer außer uns. Daher
+entspringen die sittlichen Antriebe, die uns oft wider den Dank des
+Eigennutzes fortreißen, das starke Gesetz der Schuldigkeit und das
+schwächere der Gütigkeit, deren jede uns manche Aufopferung abdringt,
+und obgleich beide dann und wann durch eigennützige Neigungen überwogen
+werden, doch nirgend in der menschlichen Natur ermangeln, ihre
+Wirklichkeit zu äußern. Dadurch sehen wir uns in den geheimsten
+Beweggründen abhängig von der =Regel des allgemeinen Willens=, und es
+entspringt daraus in der Welt aller denkenden Naturen eine =moralische
+Einheit= und systematische Verfassung nach bloß geistigen Gesetzen. Will
+man diese in uns empfundene Nötigung unseres Willens zur Einstimmung mit
+dem allgemeinen Willen das =sittliche Gefühl= nennen, so redet man davon
+nur als von einer Erscheinung dessen, was in uns wirklich vorgeht, ohne
+die Ursachen derselben auszumachen. So nannte NEWTON das sichere Gesetz
+der Bestrebungen aller Materie, sich einander zu nähern die
+=Gravitation= derselben, indem er seine mathematische Demonstrationen
+nicht in eine verdrießliche Teilnehmung an philosophischen
+Streitigkeiten verflechten wollte, die sich über die Ursache derselben
+eräugnen könnten. Gleichwohl trug er kein Bedenken, diese Gravitation
+als eine wahre Wirkung einer allgemeinen Tätigkeit der Materie
+ineinander zu behandeln und gab ihr daher auch den Namen der
+=Anziehung=. Sollte es nicht möglich sein, die Erscheinung der
+sittlichen Antriebe in den denkenden Naturen, wie solche sich
+aufeinander wechselsweise beziehen, gleichfalls als die Folge einer
+wahrhaftig tätigen Kraft, dadurch geistige Naturen ineinander
+einfließen, vorzustellen, sodaß das sittliche Gefühl diese =empfundene
+Abhängigkeit= des Privatwillens vom allgemeinen Willen wäre und eine
+Folge der natürlichen und allgemeinen Wechselwirkung, dadurch die
+immaterielle Welt ihre sittliche Einheit erlangt, indem sie sich nach
+den Gesetzen dieses ihr eigenen Zusammenhanges zu einem System von
+geistiger Vollkommenheit bildet? Wenn man diesen Gedanken so viel
+Scheinbarkeit zugesteht als erforderlich ist, um die Mühe zu verdienen,
+sie an ihren Folgen zu messen, so wird man vielleicht durch den Reiz
+derselben unvermerkt in einige Parteilichkeit gegen sie verflochten
+werden. Denn es scheinen in diesem Falle die Unregelmäßigkeiten
+mehrenteils zu verschwinden, die sonsten bei dem Widerspruch der
+moralischen und physischen Verhältnisse der Menschen hier auf der Erde
+so befremdlich in die Augen fallen. Alle Moralität der Handlungen kann
+nach der Ordnung der Natur niemals ihre vollständige Wirkung in dem
+leiblichen Leben des Menschen haben, wohl aber in der Geisterwelt nach
+pneumatischen Gesetzen. Die wahre Absichten, die geheime Beweggründe
+vieler aus Ohnmacht fruchtlosen Bestrebungen, der Sieg über sich selbst,
+oder auch bisweilen die verborgene Tücke bei scheinbarlich guten
+Handlungen sind mehrenteils vor den physischen Erfolg in dem
+körperlichen Zustande verloren, sie würden aber auf solche Weise in der
+immateriellen Welt als fruchtbare Gründe angesehen werden müssen und in
+Ansehung ihrer nach pneumatischen Gesetzen zufolge der Verknüpfung des
+Privatwillens und des allgemeinen Willens, d. i. der Einheit und des
+Ganzen der Geisterwelt, eine der sittlichen Beschaffenheit der freien
+Willkür angemessene Wirkung ausüben oder auch gegenseitig empfangen.
+Denn weil das Sittliche der Tat den inneren Zustand des Geistes
+betrifft, so kann es auch natürlicherweise nur in der unmittelbaren
+Gemeinschaft der Geister die der ganzen Moralität adäquate Wirkung nach
+sich ziehen. Dadurch würde es nun geschehen, daß die Seele des Menschen
+schon in diesem Leben dem sittlichen Zustande zufolge ihre Stelle unter
+den geistigen Substanzen des Universum einnehmen müßte, so wie nach den
+Gesetzen der Bewegung die Materien des Weltraums sich in solche Ordnung
+gegeneinander setzen, die ihren Körperkräften gemäß ist.(7) Wenn denn
+endlich durch den Tod die Gemeinschaft der Seele mit der Körperwelt
+aufgehoben worden, so würde das Leben in der andern Welt nur eine
+natürliche Fortsetzung derjenigen Verknüpfung sein, darin sie mit ihr
+schon in diesem Leben gestanden war, und die gesamte Folgen der hier
+ausgeübten Sittlichkeit würden sich dort in denen Wirkungen wieder
+finden, die ein mit der ganzen Geisterwelt in unauflöslicher
+Gemeinschaft stehendes Wesen schon vorher daselbst nach pneumatischen
+Gesetzen ausgeübt hat. Die Gegenwart und die Zukunft würden also
+gleichsam aus einem Stücke sein und ein stetiges Ganze ausmachen, selbst
+nach der =Ordnung der Natur=. Dieser letztere Umstand ist von besonderer
+Erheblichkeit. Denn in einer Vermutung nach bloßen Gründen der Vernunft
+ist es eine große Schwierigkeit, wenn man, um den Übelstand zu heben,
+der aus der unvollendeten Harmonie zwischen der Moralität und ihren
+Folgen in dieser Welt entspringt, zu einem außerordentlichen göttlichen
+Willen seine Zuflucht nehmen muß, weil, so wahrscheinlich auch das
+Urteil über denselben nach unseren Begriffen von der göttlichen Weisheit
+sein mag, immer ein starker Verdacht übrig bleibt, daß die schwache
+Begriffe unseres Verstandes vielleicht auf den Höchsten sehr verkehrt
+übertragen worden, da des Menschen Obliegenheit nur ist, von dem
+göttlichen Willen zu urteilen aus der Wohlgereimtheit, die er wirklich
+in der Welt wahrnimmt, oder welche er nach der Regel der Analogie gemäß
+der Naturordnung darin vermuten kann, nicht aber nach dem Entwurfe
+seiner eigenen Weisheit, den er zugleich dem göttlichen Willen zur
+Vorschrift macht, befugt ist, neue und willkürliche Anordnungen in der
+gegenwärtigen oder künftigen Welt zu ersinnen.
+
+ (7) Die aus dem Grunde der Moralität entspringende Wechselwirkungen
+ des Menschen und der Geisterwelt nach den Gesetzen des pneumatischen
+ Einflusses könnte man darin setzen, daß daraus natürlicherweise eine
+ nähere Gemeinschaft einer guten oder bösen Seele mit guten und bösen
+ Geistern entspringe, und jene dadurch sich selbst dem Teile der
+ geistigen Republik zugeselleten, der ihrer sittlichen Beschaffenheit
+ gemäß ist, mit der Teilnehmung an allen Folgen, die daraus nach der
+ Ordnung der Natur entstehen mögen.
+
+ * * * * *
+
+Wir lenken nunmehr unsere Betrachtung wiederum in den vorigen Weg ein
+und nähern uns dem Ziele, welches wir uns vorgesetzt hatten. Wenn es
+sich mit der Geisterwelt und dem Anteile, den unsere Seele an ihr hat,
+so verhält, wie der Abriß, den wir erteilten, ihn vorstellt, so scheinet
+fast nichts befremdlicher zu sein, als daß die Geistergemeinschaft nicht
+eine ganz allgemeine und gewöhnliche Sache ist, und das Außerordentliche
+betrifft fast mehr die Seltenheit der Erscheinungen, als die Möglichkeit
+derselben. Diese Schwierigkeit läßt sich indessen ziemlich gut heben und
+ist zum Teil auch schon gehoben worden. Denn die Vorstellung, die die
+Seele des Menschen von sich selbst als einem Geiste durch ein
+immaterielles Anschauen hat, indem sie sich in Verhältnis gegen Wesen
+von ähnlicher Natur betrachtet, ist von derjenigen ganz verschieden, da
+ihr Bewußtsein sich selbst als einen =Menschen= vorstellt durch ein
+Bild, das seinen Ursprung aus dem Eindrucke körperlicher Organen hat,
+und welches in Verhältnis gegen keine andere als materielle Dinge
+vorgestellt wird. Es ist demnach zwar einerlei Subjekt, was der
+sichtbaren und unsichtbaren Welt zugleich als ein Glied angehört, aber
+nicht ebendieselbe Person, weil die Vorstellungen der einen ihrer
+verschiedenen Beschaffenheit wegen keine begleitende Ideen von denen der
+andern Welt sind und daher, was ich als Geist denke, von mir als Mensch
+nicht erinnert wird, und umgekehrt mein Zustand als eines Menschen in
+die Vorstellung meiner selbst als eines Geistes gar nicht hineinkommt.
+Übrigens mögen die Vorstellungen von der Geisterwelt so klar und
+anschauend sein, wie man will,(8) so ist dieses doch nicht hinlänglich,
+um mich deren als Mensch bewußt zu werden; wie denn sogar die
+Vorstellung seiner selbst (d. i. der Seele) als eines Geistes wohl durch
+Schlüsse erworben wird, bei keinem Menschen aber ein anschauender und
+Erfahrungsbegriff ist.
+
+ (8) Man kann dieses durch eine gewisse Art von zwiefacher
+ Persönlichkeit, die der Seele selbst in Ansehung dieses Lebens
+ zukommt, erläutern. Gewisse Philosophen glauben, sich ohne den
+ mindesten besorglichen Einspruch auf den Zustand des festen Schlafes
+ berufen zu können, wenn sie die Wirklichkeit dunkeler Vorstellungen
+ beweisen wollen, da sich doch nichts weiter hievon mit Sicherheit
+ sagen läßt, als daß wir uns im Wachen keiner von denenjenigen
+ erinnern, die wir im festen Schlafe etwa mochten gehabt haben, und
+ daraus nur soviel folgt, daß sie beim Erwachen nicht klar vorgestellt
+ worden, nicht aber, daß sie auch damals, als wir schliefen, dunkel
+ waren. Ich vermute vielmehr, daß dieselbe klärer und ausgebreiteter
+ sein mögen, als selbst die kläresten im Wachen, weil dieses bei der
+ völligen Ruhe äußerer Sinne von einem so tätigen Wesen als die Seele
+ ist, zu erwarten ist, wiewohl, da der Körper des Menschen zu der Zeit
+ nicht mit empfunden ist, beim Erwachen die begleitende Idee desselben
+ ermangelt, welche den vorigen Zustand der Gedanken als zu
+ ebenderselben Person gehörig zum Bewußtsein verhelfen könnte. Die
+ Handlungen einiger Schlafwanderer, welche bisweilen in solchem
+ Zustande mehr Verstand als sonsten zeigen, ob sie gleich nichts davon
+ beim Erwachen erinnern, bestätigen die Möglichkeit dessen, was ich vom
+ festen Schlafe vermute. Die Träume dagegen, das ist, die Vorstellungen
+ des Schlafenden, deren er sich beim Erwachen erinnert, gehören nicht
+ hieher. Denn alsdenn schläft der Mensch nicht völlig; er empfindet in
+ einem gewissen Grade klar und webt seine Geisteshandlungen in die
+ Eindrücke der äußeren Sinne. Daher er sich ihrer zum Teil nachhero
+ erinnert, aber auch an ihnen lauter wilde und abgeschmackte Chimären
+ antrifft, wie sie es denn notwendig sein müssen, da in ihnen Ideen der
+ Phantasie und die der äußeren Empfindung untereinander geworfen
+ werden.
+
+Diese Ungleichartigkeit der geistigen Vorstellungen und derer, die zum
+leiblichen Leben des Menschen gehören, darf indessen nicht als eine so
+große Hindernis angesehen werden, daß sie alle Möglichkeit aufhebe, sich
+bisweilen der Einflüsse von seiten der Geisterwelt sogar in diesem Leben
+bewußt zu werden. Denn sie können in das persönliche Bewußtsein des
+Menschen zwar nicht unmittelbar, aber doch so übergehen, daß sie nach
+dem Gesetz der vergesellschafteten Begriffe diejenige Bilder rege
+machen, die mit ihnen verwandt sind und analogische Vorstellungen
+unserer Sinne erwecken, die wohl nicht der geistige Begriff selber, aber
+doch deren Symbolen sind. Denn es ist doch immer ebendieselbe Substanz,
+die zu dieser Welt sowohl als zu der andern wie ein Glied gehöret, und
+beiderlei Art von Vorstellungen gehören zu demselben Subjekte und sind
+miteinander verknüpft. Die Möglichkeit hievon können wir einigermaßen
+dadurch faßlich machen, wenn wir betrachten, wie unsere höhere
+Vernunftbegriffe, welche sich den geistigen ziemlich nähern,
+gewöhnlichermaßen gleichsam ein körperlich Kleid annehmen, um sich in
+Klarheit zu setzen. Daher die moralische Eigenschaften der Gottheit
+unter den Vorstellungen des Zorns, der Eifersucht, der Barmherzigkeit,
+der Rache, u. d. g. vorgestellt werden; daher personifizieren Dichter
+die Tugenden, Laster oder andere Eigenschaften der Natur, doch so, daß
+die wahre Idee des Verstandes hindurchscheinet; so stellt der Geometra
+die Zeit durch eine Linie vor, obgleich Raum und Zeit nur eine
+Übereinkunft in Verhältnissen haben und also wohl der Analogie nach,
+niemals aber der Qualität nach miteinander übereintreffen; daher nimmt
+die Vorstellung der göttlichen Ewigkeit selbst bei Philosophen den
+Schein einer unendlichen Zeit an, so sehr wie man sich auch hütet, beide
+zu vermengen, und eine große Ursache, weswegen die Mathematiker
+gemeiniglich abgeneigt sind, die Leibnizische Monaden einzuräumen, ist
+wohl diese, daß sie nicht umhin können, sich an ihnen kleine Klümpchen
+vorzustellen. Daher ist es nicht unwahrscheinlich, daß geistige
+Empfindungen in das Bewußtsein übergehen könnten, wenn sie Phantaseien
+erregen, die mit ihnen verwandt sind. Auf diese Art würden Ideen, die
+durch einen geistigen Einfluß mitgeteilt sind, sich in die Zeichen
+derjenigen =Sprache= einkleiden, die der Mensch sonsten im Gebrauch hat,
+die empfundene Gegenwart eines Geistes in das Bild einer =menschlichen
+Figur=, Ordnung und Schönheit der immateriellen Welt in Phantasien, die
+unsere Sinne sonst im Leben vergnügen, u. s. w.
+
+Diese Art der Erscheinungen kann gleichwohl nicht etwas Gemeines und
+Gewöhnliches sein, sondern sich nur bei Personen eräugnen, deren
+Organen(9) eine ungewöhnlich große Reizbarkeit haben, die Bilder der
+Phantasie dem innern Zustande der Seele gemäß durch harmonische Bewegung
+mehr zu verstärken, als gewöhnlicherweise bei gesunden Menschen
+geschieht und auch geschehen soll. Solche seltsame Personen würden in
+gewissen Augenblicken mit der Apparenz mancher Gegenstände als außer
+ihnen angefochten sein, welche sie vor eine Gegenwart von geistigen
+Naturen halten würden, die auf ihre körperliche Sinne fiele, obgleich
+hiebei nur ein Blendwerk der Einbildung vorgeht, doch so, daß die
+Ursache davon ein wahrhafter geistiger Einfluß ist, der nicht
+unmittelbar empfunden werden kann, sondern sich nur durch verwandte
+Bilder der Phantasie, welche den Schein der Empfindungen annehmen, zum
+Bewußtsein offenbaret.
+
+ (9) Ich verstehe hierunter nicht die Organen der äußeren Empfindung,
+ sondern das Sensorium der Seele, wie man es nennt, d. i. denjenigen
+ Teil des Gehirnes, dessen Bewegung die mancherlei Bilder und
+ Vorstellungen der denkenden Seele zu begleiten pflegt, wie die
+ Philosophen davor halten.
+
+Die Erziehungsbegriffe oder auch mancherlei sonst eingeschlichene Wahn
+würden hiebei ihre Rolle spielen, wo Verblendung mit Wahrheit untermengt
+wird, und eine wirkliche geistige Empfindung zwar zum Grunde liegt, die
+doch in Schattenbilder der sinnlichen Dinge umgeschaffen worden. Man
+wird aber auch zugeben, daß die Eigenschaft, auf solche Weise die
+Eindrücke der Geisterwelt in diesem Leben zum klaren Anschauen
+auszuwickeln, schwerlich wozu nützen könne; weil dabei die geistige
+Empfindung notwendig so genau in das Hirngespenst der Einbildung verwebt
+wird, daß es unmöglich sein muß, in derselben das Wahre von den groben
+Blendwerken, die es umgeben, zu unterscheiden. Imgleichen würde ein
+solcher Zustand, da er ein verändertes Gleichgewicht in den Nerven
+voraussetzt, welche sogar durch die Wirksamkeit der bloß geistig
+empfindenden Seele in unnatürliche Bewegung versetzet werden, eine
+wirkliche Krankheit anzeigen. Endlich würde es gar nicht befremdlich
+sein, an einem Geisterseher zugleich einen Phantasten anzutreffen, zum
+wenigsten in Ansehung der begleitenden Bilder von diesen seinen
+Erscheinungen, weil Vorstellungen, die ihrer Natur nach fremd und mit
+denen im leiblichen Zustande des Menschen unvereinbar sind, sich
+hervordrängen, und übelgepaarte Bilder in die äußere Empfindung
+hereinziehen, wodurch wilde Chimären und wunderliche Fratzen ausgeheckt
+werden, die in langem Geschleppe den betrogenen Sinnen vorgaukeln, ob
+sie gleich einen wahren geistigen Einfluß zum Grunde haben mögen.
+
+Nunmehro kann man nicht verlegen sein, von denen Gespenstererzählungen,
+die den Philosophen so oft in den Weg kommen, imgleichen allerlei
+Geistereinflüssen, von denen hie oder da die Rede geht, scheinbare
+Vernunftgründe anzugeben. Abgeschiedene Seelen und reine Geister können
+zwar niemals unsern äußeren Sinnen gegenwärtig sein, noch sonst mit der
+Materie in Gemeinschaft stehen, aber wohl auf den Geist des Menschen,
+der mit ihnen zu einer großen Republik gehört, wirken, so, daß die
+Vorstellungen, welche sie in ihm erwecken, sich nach dem Gesetze seiner
+Phantasei in verwandte Bilder einkleiden und die Apparenz der ihnen
+gemäßen Gegenstände als außer ihm erregen. Diese Täuschung kann einen
+jeden Sinn betreffen, und so sehr dieselbe auch mit ungereimten
+Hirngespinsten untermengt wäre, so dürfte man sich dieses nicht abhalten
+lassen, hierunter geistige Einflüsse zu vermuten. Ich würde der
+Scharfsichtigkeit des Lesers zu nahe treten, wenn ich mich bei der
+Anwendung dieser Erklärungsart noch aufhalten wollte. Denn metaphysische
+Hypothesen haben eine so ungemeine Biegsamkeit an sich, daß man sehr
+ungeschickt sein müßte, wenn man die gegenwärtige nicht einer jeden
+Erzählung bequemen könnte, sogar ehe man ihre Wahrhaftigkeit untersucht
+hat, welches in vielen Fällen unmöglich und in noch mehreren sehr
+unhöflich ist.
+
+Wenn indessen die Vorteile und Nachteile in einander gerechnet werden,
+die demjenigen erwachsen können, der nicht allein vor die sichtbare
+Welt, sondern auch vor die unsichtbare in gewissem Grade organisiert
+ist, (wofern es jemals einen solchen gegeben hat), so scheint ein
+Geschenk von dieser Art demjenigen gleich zu sein, womit JUNO den
+TIRESIAS beehrte, die ihn zuvor blind machte, damit sie ihm die Gabe zu
+weissagen erteilen könnte. Denn nach den obigen Sätzen zu urteilen, kann
+die anschauende Kenntnis der =andern= Welt allhier nur erlangt werden,
+indem man etwas von demjenigen Verstande einbüßt, welchen man vor die
+=gegenwärtige= nötig hat. Ich weiß auch nicht, ob selbst gewisse
+Philosophen gänzlich von dieser harten Bedingung frei sein sollten,
+welche so fleißig und vertieft ihre metaphysische Gläser nach jenen
+entlegenen Gegenden hinrichten und Wunderdinge von daher zu erzählen
+wissen, zum wenigsten mißgönne ich ihnen keine von ihren Entdeckungen;
+nur besorge ich, daß ihnen irgendein Mann von gutem Verstande und wenig
+Feinigkeit ebendasselbe dürfte zu verstehen geben, was dem TYCHO DE
+BRAHE sein Kutscher antwortete, als jener meinte, zur Nachtzeit nach den
+Sternen den kürzesten Weg fahren zu können: =Guter Herr, auf den Himmel
+mögt Ihr Euch wohl verstehen, hier aber auf der Erde seid Ihr ein Narr.=
+
+
+Drittes Hauptstück. _Antikabbala. Ein Fragment der gemeinen Philosophie,
+die Gemeinschaft mit der Geisterwelt aufzuheben._
+
+ARISTOTELES sagt irgendwo: =Wenn wir wachen, so haben wir eine
+gemeinschaftliche Welt, träumen wir aber, so hat ein jeder seine eigne.=
+Mich dünkt, man sollte wohl den letzteren Satz umkehren und sagen
+können: wenn von verschiedenen Menschen ein jeglicher seine eigene Welt
+hat, so ist zu vermuten, daß sie träumen. Auf diesen Fuß, wenn wir die
+=Luftbaumeister= der mancherlei Gedankenwelten betrachten, deren
+jeglicher die seinige mit Ausschließung anderer ruhig bewohnt,
+denjenigen etwa, welcher die Ordnung der Dinge, so wie sie von WOLFFEN
+aus wenig Bauzeug der Erfahrung, aber mehr erschlichenen Begriffen
+gezimmert oder die, so von CRUSIUS durch die magische Kraft einiger
+Sprüche vom =Denklichen= und =Undenklichen= aus Nichts hervorgebracht
+worden, bewohnet, so werden wir uns bei dem Widerspruche ihrer Visionen
+gedulden, bis diese Herren ausgeträumet haben. Denn wenn sie einmal, so
+Gott will, völlig wachen, d. i. zu einem Blicke, der die Einstimmung mit
+anderem Menschenverstande nicht ausschließt, die Augen auftun werden, so
+wird niemand von ihnen etwas sehen, was nicht jedem andern gleichfalls
+bei dem Lichte ihrer Beweistümer augenscheinlich und gewiß erscheinen
+sollte, und die Philosophen werden zu derselbigen Zeit eine
+gemeinschaftliche Welt bewohnen, dergleichen die Größenlehrer schon
+längst innegehabt haben, welche wichtige Begebenheit nicht lange mehr
+anstehen kann, woferne gewissen Zeichen und Vorbedeutungen zu trauen
+ist, die seit einiger Zeit über dem Horizonte der Wissenschaften
+erschienen sind.
+
+In gewisser Verwandtschaft mit den =Träumern= der =Vernunft= stehen die
+Träumer der =Empfindung=, und unter dieselbe werden gemeiniglich
+diejenige, so bisweilen mit Geistern zu tun haben, gezählt und zwar aus
+dem nämlichen Grunde wie die vorigen, weil sie etwas sehen, was kein
+anderer gesunder Mensch sieht, und ihre eigene Gemeinschaft mit Wesen
+haben, die sich niemanden sonst offenbaren, so gute Sinne er auch haben
+mag. Es ist auch die Benennung der Träumereien, wenn man voraussetzt,
+daß die gedachte Erscheinungen auf bloße Hirngespenster auslaufen,
+insoferne passend, als die eine so gut wie die andere selbst ausgeheckte
+Bilder sind, die gleichwohl als wahre Gegenstände die Sinne betrügen;
+allein wenn man sich einbildet, daß beide Täuschungen übrigens in ihrer
+Entstehungsart sich ähnlich gnug wären, um die Quelle der einen auch zur
+Erklärung der andern zureichend zu finden, so betrügt man sich sehr.
+Derjenige, der im Wachen sich in Erdichtungen und Chimären, welche seine
+stets fruchtbare Einbildung ausheckt, dermaßen vertieft, daß er auf die
+Empfindung der Sinne wenig achthat, die ihm jetzt am meisten angelegen
+sind, wird mit Recht ein =wachender Träumer= genannt. Denn es dürfen nur
+die Empfindungen der Sinne noch etwas mehr in ihrer Stärke nachlassen,
+so wird er schlafen, und die vorige Chimären werden wahre Träume sein.
+Die Ursache, weswegen sie es nicht schon im Wachen sind, ist diese, weil
+er sie zu der Zeit als =in sich=, andere Gegenstände aber, die er
+empfindet, als =außer sich= vorstellt, folglich jene zu Wirkungen seiner
+eignen Tätigkeit, diese aber zu demjenigen zählet, was er von außen
+empfängt und erleidet. Denn hiebei kommt es alles auf das Verhältnis an,
+darin die Gegenstände auf ihn selbst als einen Menschen, folglich auch
+auf seinen Körper gedacht werden. Daher können die nämliche Bilder ihn
+im Wachen wohl sehr beschäftigen, aber nicht betrügen, so klar sie auch
+sein mögen. Denn ob er gleich alsdenn eine Vorstellung von sich selbst
+und seinem Körper auch im Gehirne hat, gegen die er seine phantastische
+Bilder in Verhältnis setzt, so macht doch die wirkliche Empfindung
+seines Körpers durch äußere Sinne gegen jene Chimären einen Kontrast
+oder Abstechung, um jene als von sich ausgeheckt, diese aber als
+empfunden anzusehen. Schlummert er hiebei ein, so erlischt die
+empfundene Vorstellung seines Körpers, und es bleibt bloß die
+selbstgedichtete übrig, gegen welche die andre Chimären als in äußerer
+Verhältnis gedacht werden und auch, solange man schläft, den Träumenden
+betrügen müssen, weil keine Empfindung da ist, die in Vergleichung mit
+jener das Urbild vom Schattenbilde, nämlich das Äußere vom Innern,
+unterscheiden ließe.
+
+Von wachenden Träumern sind demnach die Geisterseher nicht bloß dem
+Grade, sondern der Art nach gänzlich unterschieden. Denn diese
+referieren im Wachen und oft bei der größten Lebhaftigkeit anderer
+Empfindungen gewisse Gegenstände unter die äußerliche Stellen der andern
+Dinge, die sie wirklich um sich wahrnehmen, und die Frage ist hie nur,
+wie es zugehe, daß sie das Blendwerk ihrer Einbildung außer sich
+versetzen und zwar in Verhältnis auf ihren Körper, den sie auch durch
+äußere Sinne empfinden. Die große Klarheit ihres Hirngespinstes kann
+hievon nicht die Ursache sein; denn es kommt hier auf den Ort an, wohin
+es als ein Gegenstand versetzt ist, und daher verlange ich, daß man
+zeige, wie die Seele ein solches Bild, was sie doch als =in= sich
+enthalten vorstellen sollte, in ein ganz ander Verhältnis, nämlich in
+einen Ort =äußerlich= und unter die Gegenstände versetze, die sich ihrer
+wirklichen Empfindung darbieten. Auch werde ich mich durch die Anführung
+anderer Fälle, die einige Ähnlichkeit mit solcher Täuschung haben und
+etwa im fieberhaften Zustande vorfallen, nicht abfertigen lassen; denn
+gesund oder krank, wie der Zustand des Betrogenen auch sein mag, so will
+man nicht wissen, ob dergleichen auch sonsten geschehe, sondern wie
+dieser Betrug möglich sei.
+
+Wir finden aber bei dem Gebrauch der äußeren Sinne, daß über die
+Klarheit, darin die Gegenstände vorgestellt werden, man in der
+Empfindung auch ihren Ort mit begreife, vielleicht nicht allemal mit
+gleicher Richtigkeit, dennoch als eine notwendige Bedingung der
+Empfindung, ohne welche es unmöglich wäre, die Dinge als außer uns
+vorzustellen. Hiebei wird es sehr wahrscheinlich, daß unsere Seele das
+empfundene Objekt dahin in ihrer Vorstellung versetze, wo die
+verschiedene Richtungslinien des Eindrucks, die dasselbe gemacht hat,
+wenn sie fortgezogen werden, zusammenstoßen. Daher sieht man einen
+strahlenden Punkt an demjenigen Orte, wo die von dem Auge in der
+Richtung des Einfalls der Lichtstrahlen zurückgezogene Linien sich
+schneiden. Dieser Punkt, welchen man den Sehepunkt nennt, ist zwar in
+der Wirkung der =Zerstreuungspunkt=, aber in der Vorstellung der
+=Sammlungspunkt= der Direktionslinien, nach welchen die Empfindung
+eingedrückt wird (_focus imaginarius_). So bestimmt man selbst durch ein
+einziges Auge einem sichtbaren Objekte den Ort, wie unter andern
+geschieht, wenn das Spektrum eines Körpers vermittelst eines
+Hohlspiegels in der Luft gesehen wird, gerade da, wo die Strahlen,
+welche aus einem Punkte des Objekts ausfließen, sich schneiden, ehe sie
+ins Auge fallen.(10)
+
+ (10) So wird das Urteil, welches wir von dem scheinbaren Orte naher
+ Gegenstände fällen, in der Sehekunst gemeiniglich vorgestellt, und es
+ stimmt auch sehr gut mit der Erfahrung. Indessen treffen ebendieselbe
+ Lichtstrahlen, die aus einem Punkte auslaufen, vermöge der Brechung in
+ den Augenfeuchtigkeiten nicht divergierend auf den Sehenerven, sondern
+ vereinigen sich daselbst in einem Punkte. Daher, wenn die Empfindung
+ lediglich in diesem Nerven vorgeht, der _focus imaginarius_ nicht
+ außer dem Körper, sondern im Boden des Auges gesetzt werden müßte,
+ welches eine Schwierigkeit macht, die ich jetzt nicht auflösen kann,
+ und die mit den obigen Sätzen sowohl als mit der Erfahrung unvereinbar
+ scheint.
+
+Vielleicht kann man ebenso bei den Eindrücken des Schalles, weil dessen
+Stöße auch nach geraden Linien geschehen, annehmen, daß die Empfindung
+desselben zugleich mit der Vorstellung eines _foci imaginarii_ begleitet
+sei, der dahin gesetzt wird, wo die gerade Linien des in Bebung
+gesetzten Nervengebäudes, im Gehirne äußerlich fortgezogen,
+zusammenstoßen. Denn man bemerkt die Gegend und Weite eines schallenden
+Objekts einigermaßen, wenn der Schall gleich leise ist und hinter uns
+geschieht, obschon die gerade Linien, die von da gezogen werden können,
+eben nicht die Eröffnung des Ohrs treffen, sondern auf andere Stellen
+des Haupts fallen, sodaß man glauben muß, die Richtungslinien der
+Erschütterung werden in der Vorstellung der Seele äußerlich fortgezogen
+und das schallende Objekt in den Punkt ihres Zusammenstoßes versetzt.
+Ebendasselbe kann, wie mich dünkt, auch von den übrigen drei Sinnen
+gesagt werden, welche sich darin von dem Gesichte und dem Gehör
+unterscheiden, daß der Gegenstand der Empfindung mit den Organen in
+unmittelbarer Berührung stehet, und die Richtungslinien des sinnlichen
+Reizes daher in diesen Organen selbst ihren Punkt der Vereinigung haben.
+
+Um dieses auf die Bilder der Einbildung anzuwenden, so erlaube man mir
+dasjenige, was CARTESIUS annahm und die mehresten Philosophen nach ihm
+billigten, zum Grunde zu legen: nämlich daß alle Vorstellungen der
+Einbildungskraft zugleich mit gewissen Bewegungen in dem Nervengewebe
+oder Nervengeiste des Gehirns begleitet sind, welche man _ideas
+materiales_ nennt, d. i. vielleicht mit der Erschütterung oder Bebung
+des feinen Elements, welches von ihnen abgesondert wird, und die
+derjenigen Bewegung ähnlich ist, welche der sinnliche Eindruck machen
+könnte, wovon er die Kopie ist. Nun verlange ich aber, mir einzuräumen,
+daß der vornehmste Unterscheid der Nervenbewegung in den Phantasien von
+der in der Empfindung darin bestehe, daß die Richtungslinien der
+Bewegung bei jenem sich innerhalb dem Gehirne, bei diesem aber außerhalb
+schneiden; daher, weil der _focus imaginarius_, darin das Objekt
+vorgestellt wird, bei den klaren Empfindungen des Wachens außer mir, der
+von den Phantasien aber, die ich zu der Zeit etwa habe, in mir gesetzt
+wird, ich, solange ich wache, nicht fehlen kann, die Einbildungen als
+meine eigene Hirngespinste von dem Eindruck der Sinne zu unterscheiden.
+
+Wenn man dieses einräumt, so dünkt mich, daß ich über diejenige Art von
+Störung des Gemüts, die man den Wahnsinn und im höhern Grade die
+Verrückung nennt, etwas Begreifliches zur Ursache anführen könne. Das
+Eigentümliche dieser Krankheit bestehet darin, daß der verworrene Mensch
+bloße Gegenstände seiner Einbildung außer sich versetzt und als wirklich
+vor ihm gegenwärtige Dinge ansieht. Nun habe ich gesagt, daß nach der
+gewöhnlichen Ordnung die Direktionslinien der Bewegung, die in dem
+Gehirne als materielle Hülfsmittel die Phantasie begleiten, sich
+innerhalb demselben durchschneiden müssen, und mithin der Ort, darin er
+sich seines Bildes bewußt ist, zur Zeit des Wachens in ihm selbst
+gedacht werde. Wenn ich also setze, daß durch irgendeinen Zufall oder
+Krankheit gewisse Organen des Gehirnes so verzogen und aus ihrem
+gehörigen Gleichgewicht gebracht seien, daß die Bewegung der Nerven, die
+mit einigen Phantasien harmonisch beben, nach solchen Richtungslinien
+geschieht, welche fortgezogen sich außerhalb dem Gehirne durchkreuzen
+würden, so ist der _focus imaginarius_ außerhalb dem denkenden Subjekt
+gesetzt,(11) und das Bild, welches ein Werk der bloßen Einbildung ist,
+wird als ein Gegenstand vorgestellt, der den äußeren Sinnen gegenwärtig
+wäre. Die Bestürzung über die vermeinte Erscheinung einer Sache, die
+nach der natürlichen Ordnung nicht zugegen sein sollte, wird, obschon
+auch anfangs ein solches Schattenbild der Phantasie nur schwach wäre,
+bald die Aufmerksamkeit rege machen und der Scheinempfindung eine so
+große Lebhaftigkeit geben, die den betrogenen Menschen an der
+Wahrhaftigkeit nicht zweifeln läßt. Dieser Betrug kann einen jeden
+äußeren Sinn betreffen; denn von jeglichen haben wir kopierte Bilder in
+der Einbildung, und die Verrückung des Nervengewebes kann die Ursache
+werden, den _focum imaginarium_ dahin zu versetzen, von wo der sinnliche
+Eindruck eines wirklich vorhandenen körperlichen Gegenstandes kommen
+würde. Es ist alsdenn kein Wunder, wenn der Phantast manches sehr
+deutlich zu sehen oder zu hören glaubt, was niemand außer ihm wahrnimmt,
+imgleichen wenn diese Hirngespenster ihm erscheinen und plötzlich
+verschwinden, oder indem sie etwa einem Sinne, z. E. dem Gesichte,
+vorgaukeln, durch keinen andern, wie z. E. das Gefühl, können empfunden
+werden und daher durchdringlich scheinen. Die gemeine Geistererzählungen
+laufen so sehr auf dergleichen Bestimmungen hinaus, daß sie den Verdacht
+ungemein rechtfertigen, sie könnten wohl aus einer solchen Quelle
+entsprungen sein. Und so ist auch der gangbare Begriff von =geistigen
+Wesen=, den wir oben aus dem gemeinen Redegebrauche herauswickelten,
+dieser Täuschung sehr gemäß und verleugnet seinen Ursprung nicht, weil
+die Eigenschaft einer durchdringlichen Gegenwart im Raume das
+wesentliche Merkmal dieses Begriffes ausmachen soll.
+
+ (11) Man könnte als eine entfernte Ähnlichkeit mit dem angeführten
+ Zufalle die Beschaffenheit der Trunkenen anführen, die in diesem
+ Zustande mit beiden Augen doppelt sehen, darum weil durch die
+ Anschwellung der Blutgefäße eine Hindernis entspringt, die Augenachsen
+ so zu richten, daß ihre verlängerte Linien sich im Punkte, worin das
+ Objekt ist, schneiden. Ebenso mag die Verziehung der Hirngefäße, die
+ vielleicht nur vorübergehend ist und, solange sie dauert, nur einige
+ Nerven betrifft, dazu dienen, daß gewisse Bilder der Phantasie selbst
+ im Wachen als außer uns erscheinen. Eine sehr gemeine Erfahrung kann
+ mit dieser Täuschung verglichen werden. Wenn man nach vollbrachten
+ Schlafe mit einer Gemächlichkeit, die einem Schlummer nahekommt und
+ gleichsam mit gebrochnen Augen die mancherlei Fäden der Bettvorhänge
+ oder des Bezuges oder die kleinen Flecken einer nahen Wand ansieht, so
+ macht man sich daraus leichtlich Figuren von Menschengesichtern und
+ dergleichen. Das Blendwerk hört auf, sobald man will und die
+ Aufmerksamkeit anstrengt. Hier ist die Versetzung des _foci
+ imaginarii_ der Phantasien der Willkür einigermaßen unterworfen, da
+ sie bei der Verrückung durch keine Willkür kann gehindert werden.
+
+Es ist auch sehr wahrscheinlich, daß die Erziehungsbegriffe von
+Geistergestalten dem kranken Kopfe die Materialien zu den täuschenden
+Einbildungen geben, und daß ein von allen solchen Vorurteilen leeres
+Gehirn, wenn ihm gleich eine Verkehrtheit anwandelte, wohl nicht so
+leicht Bilder von solcher Art aushecken würde. Ferner siehet man daraus
+auch, daß, da die Krankheit des Phantasten nicht eigentlich den
+Verstand, sondern die Täuschung der Sinne betrifft, der Unglückliche
+seine Blendwerke durch kein Vernünfteln heben könne, weil die wahre oder
+scheinbare Empfindung der Sinne selbst vor allem Urteil des Verstandes
+vorhergeht und eine unmittelbare Evidenz hat, die alle andre Überredung
+weit übertrifft.
+
+Die Folge, die sich aus diesen Betrachtungen ergibt, hat dieses
+Ungelegene an sich, daß sie die tiefe Vermutungen des vorigen
+Hauptstücks entbehrlich macht, und daß der Leser, so bereitwillig er
+auch sein mochte, denen idealischen Entwürfen desselben einigen Beifall
+einzuräumen, dennoch den Begriff vorziehen wird, welcher mehr
+Gemächlichkeit und Kürze im Entscheiden bei sich führet und sich einen
+allgemeineren Beifall versprechen kann. Denn außer dem, daß es einer
+vernünftigen Denkungsart gemäßer zu sein scheint, die Gründe der
+Erklärung aus dem Stoffe herzunehmen, den die Erfahrung uns darbietet,
+als sich in schwindlichten Begriffen einer halb dichtenden, halb
+schließenden Vernunft zu verlieren, so äußert sich noch dazu auf dieser
+Seite einiger Anlaß zum Gespötte, welches, es mag nun gegründet sein
+oder nicht, ein kräftigeres Mittel ist als irgend ein anderes, eitele
+Nachforschungen zurückzuhalten. Denn auf eine ernsthafte Art über die
+Hirngespenster der Phantasten Auslegungen machen zu wollen, gibt schon
+eine schlimme Vermutung, und die Philosophie setzt sich in Verdacht,
+welche sich in so schlechter Gesellschaft betreffen läßt. Zwar habe ich
+oben den Wahnsinn in dergleichen Erscheinung nicht bestritten, vielmehr
+ihn, zwar nicht als die Ursache einer eingebildeten Geistergemeinschaft,
+doch als eine natürliche Folge derselben damit verknüpfet; allein was
+vor eine Torheit gibt es doch, die nicht mit einer bodenlosen
+Weltweisheit könnte in Einstimmung gebracht werden? Daher verdenke ich
+es dem Leser keinesweges, wenn er, anstatt die Geisterseher vor
+Halbbürger der andern Welt anzusehen, sie kurz und gut als Kandidaten
+des Hospitals abfertigt und sich dadurch alles weiteren Nachforschens
+überhebt. Wenn nun aber alles auf solchen Fuß genommen wird, so muß auch
+die Art, dergleichen Adepten des Geisterreichs zu behandeln, von
+derjenigen nach den obigen Begriffen sehr verschieden sein, und da man
+es sonst nötig fand, bisweilen einige derselben zu =brennen=, so wird es
+jetzt gnug sein, sie nur zu =purgieren=. Auch wäre es bei dieser Lage
+der Sachen eben nicht nötig gewesen, so weit auszuholen und in dem
+fieberhaften Gehirne betrogener Schwärmer durch Hülfe der Metaphysik
+Geheimnisse aufzusuchen. Der scharfsichtige HUDIBRAS hätte uns allein
+das Rätsel auflösen können; denn nach seiner Meinung: =wenn ein
+hypochondrischer Wind in den Eingeweiden tobet, so kommt es darauf an,
+welche Richtung er nimmt, geht er abwärts, so wird daraus ein F--,
+steigt er aber aufwärts, so ist es eine Erscheinung oder eine heilige
+Eingebung=.
+
+
+Viertes Hauptstück. _Theoretischer Schluß aus den gesamten Betrachtungen
+des ersten Teils._
+
+Die Trüglichkeit einer Wage, die nach bürgerlichen Gesetzen ein Maß der
+Handlung sein soll, wird entdeckt, wenn man Ware und Gewichte ihre
+Schalen vertauschen läßt, und die Parteilichkeit der Verstandeswage
+offenbaret sich durch ebendenselben Kunstgriff, ohne welchen man auch in
+philosophischen Urteilen nimmermehr ein einstimmiges Fazit aus den
+verglichenen Abwiegungen herausbekommen kann. Ich habe meine Seele von
+Vorurteilen gereinigt, ich habe eine jede blinde Ergebenheit vertilgt,
+welche sich jemals einschlich, um manchem eingebildeten Wissen in mir
+Eingang zu verschaffen. Jetzo ist mir nichts angelegen, nichts
+ehrwürdig, als was durch den Weg der Aufrichtigkeit in einem ruhigen und
+vor alle Gründe zugänglichem Gemüte Platz nimmt; es mag mein voriges
+Urteil bestätigen oder aufheben, mich bestimmen oder unentschieden
+lassen. Wo ich etwas antreffe, das mich belehrt, da eigne ich es mir zu.
+Das Urteil desjenigen, der meine Gründe widerlegt, ist mein Urteil,
+nachdem ich es vorerst =gegen= die Schale der Selbstliebe und nachher in
+derselben gegen meine vermeintliche Gründe abgewogen und in ihm einen
+größeren Gehalt gefunden habe. Sonst betrachtete ich den allgemeinen
+menschlichen Verstand bloß aus dem Standpunkte des meinigen: jetzt setze
+ich mich in die Stelle einer fremden und äußeren Vernunft und beobachte
+meine Urteile samt ihren geheimsten Anlässen aus dem Gesichtspunkte
+anderer. Die Vergleichung beider Beobachtungen gibt zwar starke
+Parallaxen, aber sie ist auch das einzige Mittel, den optischen Betrug
+zu verhüten und die Begriffe an die wahre Stellen zu setzen, darin sie
+in Ansehung der Erkenntnisvermögen der menschlichen Natur stehen. Man
+wird sagen, daß dieses eine sehr ernsthafte Sprache sei vor eine so
+gleichgültige Aufgabe, als wir abhandeln, die mehr ein Spielwerk als
+eine ernstliche Beschäftigung genannt zu werden verdient, und man hat
+nicht unrecht, so zu urteilen. Allein ob man zwar über eine Kleinigkeit
+keine große Zurüstung machen darf, so kann man sie doch gar wohl bei
+Gelegenheit derselben machen, und die entbehrliche Behutsamkeit beim
+Entscheiden in Kleinigkeiten kann zum Beispiele in wichtigen Fällen
+dienen. Ich finde nicht, daß irgendeine Anhänglichkeit, oder sonst eine
+vor der Prüfung eingeschlichene Neigung meinem Gemüte die Lenksamkeit
+nach allerlei Gründen vor oder dawider benehme, eine einzige
+ausgenommen. Die Verstandeswage ist doch nicht ganz unparteiisch, und
+der eine Arm derselben, der die Aufschrift führet: =Hoffnung der
+Zukunft=, hat einen mechanischen Vorteil, welcher macht, daß auch
+leichte Gründe, welche in die ihm angehörige Schale fallen, die
+Spekulationen von an sich größeren Gewichte auf der andern Seite in die
+Höhe ziehen. Dieses ist die einzige Unrichtigkeit, die ich nicht wohl
+heben kann, und die ich in der Tat auch niemals heben will. Nun gestehe
+ich, daß alle Erzählungen vom Erscheinen abgeschiedener Seelen oder von
+Geistereinflüssen und alle Theorien von der mutmaßlichen Natur geistiger
+Wesen und ihrer Verknüpfung mit uns nur in der Schale der Hoffnung
+merklich wiegen; dagegen in der der Spekulation aus lauter Luft zu
+bestehen scheinen. Wenn die Ausmittelung der aufgegebenen Frage nicht
+mit einer vorher schon entschiedenen Neigung in Sympathie stände,
+welcher Vernünftige würde wohl unschlüssig sein, ob er mehr Möglichkeit
+darin finden sollte, eine Art Wesen anzunehmen, die mit allem, was ihm
+die Sinne lehren, gar nichts Ähnliches haben, als einige angebliche
+Erfahrungen dem Selbstbetruge und der Erdichtung beizumessen, die in
+mehreren Fällen nicht ungewöhnlich sind.
+
+Ja, dieses scheint auch überhaupt von der Beglaubigung der
+Geistererzählungen, welche so allgemeinen Eingang finden, die vornehmste
+Ursache zu sein, und selbst die erste Täuschungen von vermeinten
+Erscheinungen abgeschiedener Menschen sind vermutlich aus der
+schmeichelhaften Hoffnung entsprungen, daß man noch auf irgendeine Art
+nach dem Tode übrig sei, da denn bei nächtlichen Schatten oftmals der
+Wahn die Sinne betrog und aus zweideutigen Gestalten Blendwerke schuf,
+die der vorhergehenden Meinung gemäß waren, woraus denn endlich die
+Philosophen Anlaß nahmen, die Vernunftidee von Geistern auszudenken und
+sie in Lehrverfassung zu bringen. Man sieht es auch wohl meinem
+anmaßlichen Lehrbegriff von der Geistergemeinschaft an, daß er
+ebendieselbe Richtung nehme, in den die gemeine Neigung einschlägt. Denn
+die Sätze vereinbaren sich sehr merklich nur dahin, um einen Begriff zu
+geben, wie der Geist des Menschen aus dieser Welt =herausgehe=,(12)
+d. i. vom Zustande nach dem Tode; wie er aber =hineinkomme=, d. i. von
+der Zeugung und Fortpflanzung, davon erwähne ich nichts; ja sogar nicht
+einmal, wie er in dieser Welt =gegenwärtig= sei, d. i. wie eine
+immaterielle Natur in einem Körper und durch denselben wirksam sein
+könne; alles um einer sehr gültigen Ursache willen, welche diese ist,
+daß ich hievon insgesamt nichts verstehe und folglich mich wohl hätte
+bescheiden können, ebenso unwissend in Ansehung des künftigen Zustandes
+zu sein, wofern nicht die Parteilichkeit einer Lieblingsmeinung denen
+Gründen, die sich darboten, so schwach sie auch sein mochten, zur
+Empfehlung gedienet hätte.
+
+ (12) Das Sinnbild der alten Ägypter vor die Seele war ein Papillon,
+ und die griechische Benennung bedeutete ebendasselbe. Man siehet
+ leicht, daß die Hoffnung, welche aus dem Tode nur eine Verwandlung
+ macht, eine solche Idee samt ihren Zeichen veranlaßt habe. Indessen
+ hebt dieses keinesweges das Zutrauen zu der Richtigkeit der hieraus
+ entsprungenen Begriffe. Unsere innere Empfindung und die darauf
+ gegründete Urteile des =Vernunftähnlichen= führen, solange sie
+ unverderbt sind, ebendahin, wo die Vernunft hinleiten würde, wenn sie
+ erleuchteter und ausgebreiteter wäre.
+
+Ebendieselbe Unwissenheit macht auch, daß ich mich nicht unterstehe, so
+gänzlich alle Wahrheit an den mancherlei Geistererzählungen abzuleugnen,
+doch mit dem gewöhnlichen, obgleich wunderlichen Vorbehalt, eine jede
+einzelne derselben in Zweifel zu ziehen, allen zusammengenommen aber
+einigen Glauben beizumessen. Dem Leser bleibt das Urteil frei; was mich
+aber anlangt, so ist zum wenigsten der Ausschlag auf die Seite der
+Gründe des zweiten Hauptstücks bei mir groß gnug, mich bei Anhörung der
+mancherlei befremdlichen Erzählungen dieser Art ernsthaft und
+unentschieden zu erhalten. Indessen da es niemals an Gründen der
+Rechtfertigung fehlt, wenn das Gemüt vorher eingenommen ist, so will ich
+dem Leser mit keiner weiteren Verteidigung dieser Denkungsart
+beschwerlich fallen.
+
+Da ich mich jetzt beim Schlusse der Theorie von Geistern befinde, so
+unterstehe ich mir noch zu sagen, daß diese Betrachtung, wenn sie von
+dem Leser gehörig genutzt wird, alle philosophische Einsicht von
+dergleichen Wesen vollende, und daß man davon vielleicht künftighin noch
+allerlei =meinen=, niemals aber mehr =wissen= könne. Dieses Vorgeben
+klingt ziemlich ruhmredig. Denn es ist gewiß kein den Sinnen bekannter
+Gegenstand der Natur, von dem man sagen könnte, man habe ihn durch
+Beobachtung oder Vernunft jemals =erschöpft=, wenn es auch ein
+Wassertropfen, ein Sandkorn oder etwas noch Einfacheres wäre; so
+unermeßlich ist die Mannigfaltigkeit desjenigen, was die Natur in ihren
+geringsten Teilen einem so eingeschränkten Verstande wie der menschliche
+ist zur Auflösung darbietet. Allein mit dem philosophischen Lehrbegriff
+von geistigen Wesen ist es ganz anders bewandt. Er kann vollendet sein,
+aber im =negativen= Verstande, indem er nämlich die Grenzen unserer
+Einsicht mit Sicherheit festsetzt und uns überzeugt, daß die
+verschiedene Erscheinungen des =Lebens= in der Natur und deren Gesetze
+alles seien, was uns zu erkennen vergönnet ist, das Principium dieses
+Lebens aber, d. i. die geistige Natur, welche man nicht kennet, sondern
+vermutet, niemals positiv könne gedacht werden, weil keine Data hiezu in
+unseren gesamten Empfindungen anzutreffen seien, und daß man sich mit
+Verneinungen behelfen müsse, um etwas von allem Sinnlichen so sehr
+Unterschiedenes zu denken, daß aber selbst die Möglichkeit solcher
+Verneinungen weder auf Erfahrung, noch auf Schlüssen, sondern auf einer
+Erdichtung beruhe, zu der eine von allen Hülfsmitteln entblößte Vernunft
+ihre Zuflucht nimmt. Auf diesen Fuß kann die Pneumatologie der Menschen
+ein Lehrbegriff ihrer notwendigen Unwissenheit in Absicht auf eine
+vermutete Art Wesen genannt werden und als ein solcher der Aufgabe
+leichtlich adaequat sein.
+
+Nunmehro lege ich die ganze Materie von Geistern, ein weitläuftig Stück
+der Metaphysik, als abgemacht und vollendet beiseite. Sie geht mich
+künftig nichts mehr an. Indem ich den Plan meiner Nachforschung auf
+diese Art besser zusammenziehe und mich einiger gänzlich vergeblichen
+Untersuchungen entschlage, so hoffe ich meine geringe Verstandesfähigkeit
+auf die übrige Gegenstände vorteilhafter anlegen zu können.
+Es ist mehrenteils umsonst, das kleine Maß seiner Kraft auf alle
+windichte Entwürfe ausdehnen zu wollen. Daher gebeut die Klugheit sowohl
+in diesem als in andern Fällen, den Zuschnitt der Entwürfe den Kräften
+angemessen zu machen und, wenn man das Große nicht füglich erreichen
+kann, sich auf das Mittelmäßige einzuschränken.
+
+
+
+
+Der zweite Teil,
+
+welcher historisch ist.
+
+
+Erstes Hauptstück. _Eine Erzählung, deren Wahrheit der beliebigen
+Erkundigung des Lesers empfohlen wird._
+
+ Sit mihi fas audita loqui. -- -- --
+
+ VIRG.
+
+Die Philosophie, deren Eigendünkel macht, daß sie sich selbst allen
+eiteln Fragen bloßstellet, siehet sich oft bei dem Anlasse gewisser
+Erzählungen in schlimmer Verlegenheit, wenn sie entweder an einigem in
+denselben ungestraft nicht =zweifeln= oder manches davon unausgelacht
+nicht =glauben= darf. Beide Beschwerlichkeiten finden sich in gewisser
+Maße bei den herumgehenden Geistergeschichten zusammen, die erste bei
+Anhörung desjenigen, der sie beteurt, und die zweite in Betracht derer,
+auf die man sie weiter bringt. In der Tat ist auch kein Vorwurf dem
+Philosophen bitterer, als der der Leichtgläubigkeit und der Ergebenheit
+in den gemeinen Wahn, und da diejenigen, welche sich darauf verstehen,
+gutes Kaufs klug zu scheinen, ihr spöttisches Gelächter auf alles
+werfen, was die Unwissenden und die Weisen gewissermaßen gleichmacht,
+indem es beiden unbegreiflich ist, so ist kein Wunder, daß die so häufig
+vorgegebene Erscheinungen großen Eingang finden, öffentlich aber
+entweder abgeleugnet oder doch verhehlet werden. Man kann sich daher
+darauf verlassen, daß niemals eine Akademie der Wissenschaften diese
+Materie zur Preisfrage machen werde; nicht als wenn die Glieder
+derselben gänzlich von aller Ergebenheit in die gedachte Meinung frei
+wären, sondern weil die Regel der Klugheit denen Fragen, welche der
+Vorwitz und die eitle Wißbegierde ohne Unterscheid aufwirft, mit Recht
+Schranken setzet. Und so werden die Erzählungen von dieser Art wohl
+jederzeit nur heimliche Gläubige haben, öffentlich aber durch die
+herrschende Mode des Unglaubens verworfen werden.
+
+Da mir indessen diese ganze Frage weder wichtig noch vorbereitet gnug
+scheint, um über dieselbe etwas zu entscheiden, so trage ich kein
+Bedenken, hier eine Nachricht der erwähnten Art anzuführen und sie mit
+völliger Gleichgültigkeit dem geneigten oder ungeneigten Urteile der
+Leser preiszugeben.
+
+Es lebt zu Stockholm ein gewisser Herr SWEDENBORG ohne Amt oder
+Bedienung von seinem ziemlich ansehnlichen Vermögen. Seine ganze
+Beschäftigung besteht darin, daß er, wie er selbst sagt, schon seit mehr
+als zwanzig Jahren mit Geistern und abgeschiedenen Seelen im genauesten
+Umgange stehet, von ihnen Nachrichten aus der andern Welt einholet und
+ihnen dagegen welche aus der gegenwärtigen erteilt, große Bände über
+seine Entdeckungen abfaßt und bisweilen nach London reiset, um die
+Ausgabe derselben zu besorgen. Er ist eben nicht zurückhaltend mit
+seinen Geheimnissen, spricht mit jedermann frei davon, scheint
+vollkommen von dem, was er vorgibt, überredet zu sein ohne einigen
+Anschein eines angelegten Betruges oder Charlatanerei. So wie er, wenn
+man ihm selbst glauben darf, der Erzgeisterseher unter allen
+Geistersehern ist, so ist er auch sicherlich der Erzphantast unter allen
+Phantasten, man mag ihn nun aus der Beschreibung derer, welche ihn
+kennen oder aus seinen Schriften beurteilen. Doch kann dieser Umstand
+diejenige, welche den Geistereinflüssen sonst günstig sind, nicht
+abhalten, hinter solcher Phantasterei noch etwas Wahres zu vermuten.
+Weil indessen das Kreditiv aller Bevollmächtigten aus der andern Welt in
+den Beweistümern besteht, die sie durch gewisse Proben in der
+gegenwärtigen von ihrem außerordentlichen Beruf ablegen, so muß ich von
+demjenigen, was zur Beglaubigung der außerordentlichen Eigenschaft des
+gedachten Mannes herumgetragen wird, wenigstens dasjenige anführen, was
+noch bei den meisten einigen Glauben findet.
+
+Gegen das Ende des Jahres 1761 wurde Herr SWEDENBORG zu einer Fürstin
+gerufen, deren großer Verstand und Einsicht es beinahe unmöglich machen
+sollte, in dergleichen Fällen hintergangen zu werden. Die Veranlassung
+dazu gab das allgemeine Gerüchte von denen vorgegebenen Visionen dieses
+Mannes. Nach einigen Fragen, die mehr darauf abzielten, sich mit seinen
+Einbildungen zu belustigen, als wirkliche Nachrichten aus der andern
+Welt zu vernehmen, verabschiedete ihn die Fürstin, indem sie ihm vorher
+einen geheimen Auftrag tat, der in seine Geistergemeinschaft einschlug.
+Nach einigen Tagen erschien Herr SWEDENBORG mit der Antwort, welche von
+der Art war, daß solche die Fürstin ihrem eigenen Geständnisse nach in
+das größeste Erstaunen versetzte, indem sie solche wahr befand und ihm
+gleichwohl solche von keinem lebendigen Menschen konnte erteilt sein.
+Diese Erzählung ist aus dem Berichte eines Gesandten an dem dortigen
+Hofe, der damals zugegen war, an einen andern fremden Gesandten in
+Kopenhagen gezogen worden, stimmt auch genau mit dem, was die besondere
+Nachfrage darüber hat erkundigen können, zusammen.
+
+Folgende Erzählungen haben keine andere Gewährleistung als die gemeine
+Sage, deren Beweis sehr mißlich ist. Madame MARTEVILLE, die Witwe eines
+holländischen Envoyé an dem schwedischen Hofe, wurde von den Angehörigen
+eines Goldschmiedes um die Bezahlung des Rückstandes vor ein
+verfertigtes Silberservice gemahnet. Die Dame, welche die regelmäßige
+Wirtschaft ihres verstorbenen Gemahls kannte, war überzeugt, daß diese
+Schuld schon bei seinem Leben abgemacht sein müßte; allein sie fand in
+seinen hinterlassenen Papieren gar keinen Beweis. Das Frauenzimmer ist
+vorzüglich geneigt, den Erzählungen der Wahrsagerei, der Traumdeutung
+und allerlei anderer wunderbarer Dinge Glauben beizumessen. Sie
+entdeckte daher ihr Anliegen dem Herrn SWEDENBORG mit dem Ersuchen, wenn
+es wahr wäre, was man von ihm sagte, daß er mit abgeschiedenen Seelen im
+Umgange stehe, ihr aus der andern Welt von ihrem verstorbenen Gemahl
+Nachricht zu verschaffen, wie es mit der gedachten Anforderung bewandt
+sei. Herr SWEDENBORG versprach solches zu tun und stellte der Dame nach
+wenig Tagen in ihrem Hause den Bericht ab, daß er die verlangte
+Kundschaft eingezogen habe, daß in einem Schrank, den er anzeigte und
+der ihrer Meinung nach völlig ausgeräumt war, sich noch ein verborgenes
+Fach befinde, welches die erforderliche Quittungen enthielte. Man suchte
+sofort seiner Beschreibung zufolge und fand nebst der geheimen
+holländischen Correspondence die Quittungen, wodurch alle gemachte
+Ansprüche völlig getilgt wurden.
+
+Die dritte Geschichte ist von der Art, daß sich sehr leicht ein
+vollständiger Beweis ihrer Richtigkeit oder Unrichtigkeit muß geben
+lassen. Es war, wo ich recht berichtet bin, gegen das Ende des 1759ten
+Jahres, als Herr SWEDENBORG, aus England kommend, an einem Nachmittage
+zu =Gotenburg= ans Land trat. Er wurde denselben Abend zu einer
+Gesellschaft bei einem dortigen Kaufmann gezogen und gab ihr nach
+einigem Aufenthalt mit allen Zeichen der Bestürzung die Nachricht, daß
+eben jetzt in Stockholm im =Südermalm= eine erschreckliche Feuersbrunst
+wüte. Nach Verlauf einiger Stunden, binnen welchen er sich dann und wann
+entfernte, berichtete er der Gesellschaft, daß das Feuer gehemmet sei,
+imgleichen wie weit es um sich gegriffen habe. Ebendenselben Abend
+verbreitete sich schon diese wunderliche Nachricht und war den andern
+Morgen in der ganzen Stadt herumgetragen; allein nach zwei Tagen
+allererst kam der Bericht davon aus Stockholm in Gotenburg an, völlig
+einstimmig, wie man sagt, mit SWEDENBORGS Visionen.
+
+Man wird vermutlich fragen, was mich doch immer habe bewegen können, ein
+so verachtetes Geschäfte zu übernehmen, als dieses ist, Märchen weiter
+zu bringen, die ein Vernünftiger Bedenken trägt, mit Geduld anzuhören,
+ja solche gar zum Text philosophischer Untersuchungen zu machen. Allein
+da die Philosophie, welche wir voranschickten, ebensowohl ein Märchen
+war aus dem =Schlaraffenlande= der Metaphysik, so sehe ich nichts
+Unschickliches darin, beide in Verbindung auftreten zu lassen; und warum
+sollte es auch eben rühmlicher sein, sich durch das blinde Vertrauen in
+die Scheingründe der Vernunft, als durch unbehutsamen Glauben an
+betrügliche Erzählungen hintergehen zu lassen?
+
+Torheit und Verstand haben so unkenntlich bezeichnete Grenzen, daß man
+schwerlich in dem einen Gebiete lange fortgeht, ohne bisweilen einen
+kleinen Streif in das andre zu tun; aber was die Treuherzigkeit anlangt,
+die sich bereden läßt, vielen festen Beteurungen selbst wider die
+Gegenwehr des Verstandes bisweilen etwas einzuräumen, so scheint sie ein
+Rest der alten Stammehrlichkeit zu sein, die freilich auf den jetzigen
+Zustand nicht recht paßt und daher oft zur Torheit wird, aber darum doch
+eben nicht als ein natürliches Erbstück der Dummheit angesehen werden
+muß. Daher überlasse ich es dem Belieben des Lesers, bei der
+wunderlichen Erzählung, mit welcher ich mich bemenge, jene zweideutige
+Mischung von Vernunft und Leichtgläubigkeit in ihre Elemente aufzulösen
+und die Proportion beider Ingredienzien vor meine Denkungsart
+auszurechnen. Denn da es bei einer solchen Kritik doch nur um die
+Anständigkeit zu tun ist, so halte ich mich gnugsam vor dem Spott
+gesichert, dadurch daß ich mit dieser Torheit, wenn man sie so nennen
+will, mich gleichwohl in recht guter und zahlreicher Gesellschaft
+befinde, welches schon gnug ist, wie FONTENELLE glaubt, um wenigstens
+nicht vor unklug gehalten zu werden. Denn es ist zu allen Zeiten so
+gewesen und wird auch wohl künftighin so bleiben, daß gewisse
+widersinnige Dinge selbst bei Vernünftigen Eingang finden, bloß darum
+weil allgemein davon gesprochen wird. Dahin gehören die Sympathie, die
+Wünschelrute, die Ahndungen, die Wirkung der Einbildungskraft
+schwangerer Frauen, die Einflüsse der Mondwechsel auf Tiere und Pflanzen
+u. d. g. Ja, hat nicht vor kurzem das gemeine Landvolk denen Gelehrten
+die Spötterei gut vergolten, welche sie gemeiniglich auf dasselbe der
+Leichtgläubigkeit wegen zu werfen pflegen? Denn durch vieles Hörensagen
+brachten Kinder und Weiber endlich einen großen Teil kluger Männer
+dahin, daß sie einen gemeinen Wolf vor eine =Hyäne= hielten, obgleich
+jetzo ein jeder Vernünftiger leicht einsieht, daß in den Wäldern von
+Frankreich wohl kein afrikanisches Raubtier herumlaufen werde. Die
+Schwäche des menschlichen Verstandes in Verbindung mit seiner
+Wißbegierde macht, daß man anfänglich Wahrheit und Betrug ohne
+Unterschied aufraffet. Aber nach und nach läutern sich die Begriffe, ein
+kleiner Teil bleibt, das übrige wird als Auskehricht weggeworfen.
+
+Wem also jene Geistererzählungen eine Sache von Wichtigkeit zu sein
+scheinen, der kann immerhin, im Fall er Geld gnug und nichts Besseres zu
+tun hat, eine Reise auf eine nähere Erkundigung derselben wagen, so wie
+ARTEMIDOR zum Besten der Traumdeutung in Kleinasien herumzog. Es wird
+ihm auch die Nachkommenschaft von ähnlicher Denkungsart davor höchlich
+verbunden sein, daß er verhütete, damit nicht dereinst ein anderer
+PHILOSTRAT aufstände, der nach Verlauf vieler Jahre aus unserm
+SWEDENBORG einen neuen APOLLONIUS =von Tyane= machete, wenn das
+Hörensagen zu einem förmlichen Beweise wird gereifet sein, und das
+ungelegene, obzwar höchstnötige Verhör der Augenzeugen dereinst
+unmöglich geworden sein wird.
+
+
+Zweites Hauptstück. _Ekstatische Reise eines Schwärmers durch die
+Geisterwelt._
+
+ Somnia, terrores magicos, miracula, sagas,
+ Nocturnos lemures, portentaque Thessala --.
+
+ HORATIUS.
+
+Ich kann es dem behutsamen Leser auf keinerlei Weise übelnehmen, wenn
+sich im Fortgange dieser Schrift einiges Bedenken bei ihm gereget hätte
+über das Verfahren, das der Verfasser vor gut gefunden hat, darin zu
+beobachten. Denn da ich den dogmatischen Teil vor dem historischen und
+also die Vernunftgründe vor der Erfahrung voranschickte, so gab ich
+Ursache zu dem Argwohn, als wenn ich mit Hinterlist umginge und, da ich
+die Geschichte schon vielleicht zum voraus im Kopfe gehabt haben mochte,
+mich nur so angestellet hätte, als wüßte ich von nichts, als von reinen,
+abgesonderten Betrachtungen, damit ich den Leser, der sich nichts
+dergleichen besorgt, am Ende mit einer erfreulichen Bestätigung aus der
+Erfahrung überraschen könnte. Und in der Tat ist dieses auch ein
+Kunstgriff, dessen die Philosophen sich mehrmalen sehr glücklich bedient
+haben. Denn man muß wissen, daß alle Erkenntnis zwei Enden habe, bei
+denen man sie fassen kann, das eine _a priori_, das andere _a
+posteriori_. Zwar haben verschiedene Naturlehrer neuerer Zeiten
+vorgegeben, man müsse es bei dem letzteren anfangen, und glauben den Aal
+der Wissenschaft beim Schwanze zu erwischen, indem sie sich gnugsamer
+Erfahrungskenntnisse versichern und denn so allmählich zu allgemeinen
+und höheren Begriffen hinaufrücken. Allein ob dieses zwar nicht unklug
+gehandelt sein möchte, so ist es doch bei weitem nicht gelehrt und
+philosophisch gnug; denn man ist auf diese Art bald bei einem =Warum=,
+worauf keine Antwort gegeben werden kann, welches einem Philosophen
+gerade so viel Ehre macht als einem Kaufmann, der bei einer
+Wechselzahlung freundlich bittet, ein andermal wieder anzusprechen.
+Daher haben scharfsinnige Männer, um diese Unbequemlichkeit zu
+vermeiden, von der entgegengesetzten äußersten Grenze, nämlich dem
+obersten Punkte der Metaphysik, angefangen. Es findet sich aber hiebei
+eine neue Beschwerlichkeit, nämlich, daß man anfängt, ich weiß nicht
+=wo=, und kömmt, ich weiß nicht =wohin=, und daß der Fortgang der Gründe
+nicht auf die Erfahrung treffen will, ja, daß es scheinet, die Atomen
+des EPIKURS dürften eher, nachdem sie von Ewigkeit her immer gefallen,
+einmal von ungefähr zusammenstoßen, um eine Welt zu bilden, als die
+allgemeinsten und abstraktesten Begriffe, um sie zu erklären. Da also
+der Philosoph wohl sahe, daß seine Vernunftgründe einerseits und die
+wirkliche Erfahrung oder Erzählung andererseits, wie ein Paar
+Parallellinien wohl ins Undenkliche nebeneinander fortlaufen würden,
+ohne jemals zusammenzutreffen, so ist er mit den übrigen, gleich als
+wenn sie darüber Abrede genommen hätten, übereingekommen, ein jeder nach
+seiner Art den Anfangspunkt zu nehmen und darauf, nicht in der geraden
+Linie der Schlußfolge, sondern mit einem unmerklichen =Clinamen= der
+Beweisgründe, dadurch daß sie nach dem Ziele gewisser Erfahrungen oder
+Zeugnisse verstohlen hinschieleten, die Vernunft so zu lenken, daß sie
+gerade dahin treffen mußte, wo der treuherzige Schüler sie nicht
+vermutet hatte, nämlich dasjenige zu beweisen, wovon man schon vorher
+wußte, daß es sollte bewiesen werden. Diesen Weg nannten sie alsdenn
+noch den Weg _a priori_, ob er wohl unvermerkt durch ausgesteckte Stäbe
+nach dem Punkte _a posteriori_ gezogen war, wobei aber billigermaßen
+der, so die Kunst versteht, den Meister nicht verraten muß. Nach dieser
+sinnreichen Lehrart haben verschiedene verdienstvolle Männer auf dem
+bloßen Wege der Vernunft sogar Geheimnisse der Religion ertappt, so wie
+Romanschreiber die Heldin der Geschichte in entfernete Länder fliehen
+lassen, damit sie ihrem Anbeter durch ein glückliches Abenteuer von
+ungefähr aufstoße: _et fugit ad salices et se cupit ante videri_. VIRG.
+Ich würde mich also bei so gepriesenen Vorgängern in der Tat nicht zu
+schämen Ursache haben, wenn ich gleich wirklich ebendasselbe Kunststück
+gebraucht hätte, um meiner Schrift zu einem erwünschten Ausgange zu
+verhelfen. Allein ich bitte den Leser gar sehr, dergleichen nicht von
+mir zu glauben. Was würde es mir auch jetzo helfen, da ich keinen mehr
+hintergehen kann, nachdem ich das Geheimnis schon ausgeplaudert habe?
+Zudem habe ich das Unglück, daß das Zeugnis, worauf ich stoße und was
+meiner philosophischen Hirngeburt so ungemein ähnlich ist, verzweifelt
+mißgeschaffen und albern aussieht, sodaß ich viel eher vermuten muß, der
+Leser werde um der Verwandtschaft mit solchen Beistimmungen willen meine
+Vernunftgründe vor ungereimt, als jene um dieser willen vor vernünftig
+halten. Ich sage demnach ohne Umschweif, daß, was solche anzügliche
+Vergleichungen anlangt, ich keinen Spaß verstehe, und erkläre kurz und
+gut, daß man entweder in SWEDENBORGS Schriften mehr Klugheit und
+Wahrheit vermuten müsse, als der erste Anschein blicken läßt, oder daß
+es nur so von ohngefähr komme, wenn er mit meinem System zusammentrifft,
+wie Dichter bisweilen, wenn sie rasen, weissagen, wie man glaubt, oder
+wenigstens wie sie selbst sagen, wenn sie dann und wann mit dem Erfolge
+zusammentreffen.
+
+Ich komme zu meinem Zwecke, nämlich zu den Schriften meines Helden. Wenn
+manche jetzt vergessene oder dereinst doch namenlose Schriftsteller kein
+geringes Verdienst haben, daß sie in der Ausarbeitung großer Werke den
+Aufwand ihres Verstandes nicht achteten, so gebühret dem Herren
+SWEDENBORG ohne Zweifel die größeste Ehre unter allen. Denn gewiß, seine
+Flasche in der Mondenwelt ist ganz voll und weicht keiner einzigen unter
+denen, die ARIOSTO dort mit der hier verlornen Vernunft angefüllet
+gesehen hat, und die ihre Besitzer dereinst werden wiedersuchen müssen,
+so völlig entleert ist das große Werk von einem jeden Tropfen derselben.
+Nichtsdestoweniger herrscht darinnen eine so wundersame Übereinkunft mit
+demjenigen, was die feineste Ergrübelung der Vernunft über den ähnlichen
+Gegenstand herausbringen kann, daß der Leser mir es verzeihen wird, wenn
+ich hier diejenige Seltenheit in den Spielen der Einbildung finde, die
+so viel andere Sammler in denen Spielen der Natur angetroffen haben, als
+wenn sie etwa im fleckichten Marmor die heilige Familie oder in
+Bildungen von Tropfstein Mönche, Taufstein und Orgeln, oder sogar wie
+der Spötter LISCOW auf einer gefrorenen Fensterscheibe die Zahl des
+Tieres und die dreifache Krone entdecken; lauter Dinge, die niemand
+sonsten sieht, als dessen Kopf schon vorher damit angefüllet ist.
+
+Das große Werk dieses Schriftstellers enthält acht Quartbände voll
+Unsinn, welche er unter dem Titel: _Arcana caelestia_, der Welt als eine
+neue Offenbarung vorlegt, und wo seine Erscheinungen mehrenteils auf die
+Entdeckung des geheimen Sinnes in den zwei ersten Büchern Mosis und eine
+ähnliche Erklärungsart der ganzen H. Schrift angewendet werden. Alle
+diese schwärmende Auslegungen gehen mich hier nichts an; man kann aber,
+wenn man will, einige Nachrichten von denenselben in des Herrn Doctor
+ERNESTI Theol. Bibliothek im ersten Bande aufsuchen. Nur die _audita et
+visa_, d. i. was seine eigne Augen sollen gesehen und eigene Ohren
+gehört haben, sind alles, was wir vornehmlich aus denen Beilagen zu
+seinen Kapiteln ziehen wollen, weil sie allen übrigen Träumereien zum
+Grunde liegen und auch ziemlich in das Abenteuer einschlagen, das wir
+oben auf dem Luftschiffe der Metaphysik gewagt haben. Der Stil des
+Verfassers ist platt. Seine Erzählungen und ihre Zusammenordnung
+scheinen in der Tat aus =fanatischem Anschauen= entsprungen zu sein und
+geben gar wenig Verdacht, daß spekulative Hirngespinste einer verkehrt
+grüblenden Vernunft ihn bewogen haben sollten, dieselbe zu erdichten und
+zum Betruge anzulegen. Insoferne haben sie also einige Wichtigkeit und
+verdienen wirklich, in einem kleinen Auszuge vorgestellet zu werden,
+vielleicht mehr, als so manche Spielwerke hirnloser Vernünftler, welche
+unsere Journale anschwellen, weil eine zusammenhängende Täuschung der
+Sinne überhaupt ein viel merkwürdiger Phaenomenon ist, als der Betrug
+der Vernunft, dessen Gründe bekannt genug sind, und der auch großenteils
+durch willkürliche Richtung der Gemütskräfte und etwas mehr Bändigung
+eines leeren Vorwitzes könnte verhütet werden, da hingegen jene das
+erste Fundament aller Urteile betrifft, dawider, wenn es unrichtig ist,
+die Regeln der Logik wenig vermögen! Ich sondere also bei unserm
+Verfasser den =Wahnsinn= vom =Wahnwitze= ab und übergehe dasjenige, was
+er auf eine verkehrte Weise klügelt, indem er nicht bei seinen
+=Visionen= stehen bleibt, ebenso wie man sonst vielfältig bei einem
+Philosophen dasjenige, was er =beobachtet=, von dem absondern muß, was
+er =vernünftelt=, und sogar =Scheinerfahrungen= mehrenteils lehrreicher
+sind, als die =Scheingründe= aus der Vernunft. Indem ich also dem Leser
+einige von denen Augenblicken raube, die er sonst vielleicht mit nicht
+viel größerem Nutzen auf die Lesung =gründlicher= Schriften von eben der
+Materie würde verwandt haben, so sorge ich zugleich vor die Zärtlichkeit
+seines Geschmacks, da ich mit Weglassung vieler wilden Chimären die
+Quintessenz des Buchs auf wenig Tropfen bringe, wovor ich mir von ihm
+ebensoviel Dank verspreche, als ein gewisser Patient glaubte den Ärzten
+schuldig zu sein, daß sie ihn nur die Rinde von der Quinquina verzehren
+ließen, da sie ihn leichtlich hätten nötigen können, den ganzen Baum
+aufzuessen.
+
+Herr SWEDENBORG teilet seine Erscheinungen in drei Arten ein, davon die
+=erste= ist, vom Körper befreiet zu werden: ein mittlerer Zustand
+zwischen Schlafen und Wachen, worin er Geister gesehen, gehört, ja
+gefühlt hat. Dergleichen ist ihm nur drei- oder viermal begegnet. Die
+=zweite= ist, vom Geiste weggeführt zu werden, da er etwa auf der Straße
+geht, ohne sich zu verwirren, indessen daß er im Geiste in ganz anderen
+Gegenden ist und anderwärts Häuser, Menschen, Wälder u. d. g. deutlich
+sieht, und dieses wohl einige Stunden lang, bis er sich plötzlich
+wiederum an seinem rechten Orte gewahr wird. Dieses ist ihm zwei- bis
+dreimal zugestoßen. Die =dritte= Art der Erscheinungen ist die
+gewöhnliche, welche er täglich im völligen Wachen hat, und davon auch
+hauptsächlich diese seine Erzählungen hergenommen sind.
+
+Alle Menschen stehen seiner Aussage nach in gleich inniglicher
+Verbindung mit der Geisterwelt; nur sie empfinden es nicht, und der
+Unterscheid zwischen ihm und den andern besteht nur darin, =daß sein
+Innerstes aufgetan ist=, von welchem Geschenke er jederzeit mit
+Ehrerbietigkeit redet (_datum mihi est ex divina Domini misericordia_).
+Man siehet aus dem Zusammenhange, daß diese Gabe darin bestehen soll,
+sich derer dunkelen Vorstellungen bewußt zu werden, welche die Seele
+durch ihre beständige Verknüpfung mit der Geisterwelt empfängt. Er
+unterscheidet daher an dem Menschen das äußere und innere Gedächtnis.
+Jenes hat er als eine Person, die zu der sichtbaren Welt gehört, dieses
+aber kraft seines Zusammenhanges mit der Geisterwelt. Darauf gründet
+sich auch der Unterschied des äußeren und inneren Menschen, und sein
+eigener Vorzug besteht darin, daß er schon in diesem Leben als eine
+Person sich in der Gesellschaft der Geister sieht und von ihnen auch als
+eine solche erkannt wird. In diesem innern Gedächtnis wird auch alles
+aufbehalten, was aus dem äußeren verschwunden war, und es geht nichts
+von allen Vorstellungen eines Menschen jemals verloren. Nach dem Tode
+ist die Erinnerung alles desjenigen, was jemals in seine Seele kam und
+was ihm selbst ehedem verborgen blieb, das vollständige Buch seines
+Lebens.
+
+Die Gegenwart der Geister trifft zwar nur seinen innern Sinn. Dieses
+erregt ihm aber die Apparenz derselben als außer ihm und zwar unter
+einer menschlichen Figur. Die Geistersprache ist eine unmittelbare
+Mitteilung der Ideen, sie ist aber jederzeit mit der Apparenz derjenigen
+Sprache verbunden, die er sonst spricht, und wird vorgestellt als außer
+ihm. Ein Geist liest in eines andern Geistes Gedächtnis die
+Vorstellungen, die dieser darin mit Klarheit enthält. So sehen die
+Geister in SWEDENBORGEN seine Vorstellungen, die er von dieser Welt hat,
+mit so klarem Anschauen, daß sie sich dabei selbst hintergehen und sich
+öfters einbilden, sie sehen unmittelbar die Sachen, welches doch
+unmöglich ist; denn kein reiner Geist hat die mindeste Empfindung von
+der körperlichen Welt; allein durch die Gemeinschaft mit andern Seelen
+lebender Menschen können sie auch keine Vorstellung davon haben, weil
+ihr Innerstes nicht aufgetan ist, d. i. ihr innerer Sinn gänzlich
+dunkele Vorstellungen enthält. Daher ist SWEDENBORG das rechte Orakel
+der Geister, welche ebenso neugierig sind, in ihm den gegenwärtigen
+Zustand der Welt zu beschauen, als er es ist, in ihrem Gedächtnis wie in
+einem Spiegel die Wunder der Geisterwelt zu betrachten. Obgleich diese
+Geister mit allen andern Seelen lebender Menschen gleichfalls in der
+genauesten Verbindung stehen und in dieselbe wirken oder von ihnen
+leiden, so wissen sie doch dieses ebensowenig, als es die Menschen
+wissen, weil dieser ihr innerer Sinn, welcher zu ihrer geistigen
+Persönlichkeit gehört, ganz dunkel ist. Es meinen also die Geister, daß
+dasjenige, was aus dem Einflusse der Menschenseelen in ihnen gewirkt
+worden, von ihnen allein gedacht sei, so wie auch die Menschen in diesem
+Leben nicht anders glauben, als daß alle ihre Gedanken und
+Willensregungen aus ihnen selbst entspringen, ob sie gleich in der Tat
+oftmals aus der unsichtbaren Welt in sie übergehen. Indessen hat eine
+jede menschliche Seele schon in diesem Leben ihre Stelle in der
+Geisterwelt und gehört zu einer gewissen Sozietät, die jederzeit ihrem
+innern Zustande des Wahren und Guten, d. i. des Verstandes und Willens,
+gemäß ist. Es haben aber die Stellen der Geister untereinander nichts
+mit dem Raume der körperlichen Welt gemein; daher die Seele eines
+Menschen in Indien mit der eines andern in Europa, was die geistige
+Lagen betrifft, oft die nächste Nachbaren sein, und dagegen die, so dem
+Körper nach in einem Hause wohnen, nach jenen Verhältnissen weit gnug
+voneinander entfernet sein können. Stirbt der Mensch, so verändert die
+Seele nicht ihre Stelle, sondern empfindet sich nur in derselben, darin
+sie in Ansehung anderer Geister schon in diesem Leben war. Übrigens,
+obgleich die Verhältnis der Geister untereinander kein wahrer Raum ist,
+so hat dieselbe doch bei ihnen die Apparenz desselben, und ihre
+Verknüpfungen werden unter der begleitenden Bedingung der Naheiten, ihre
+Verschiedenheiten aber als Weiten vorgestellt, so wie die Geister selber
+wirklich nicht ausgedehnt sind, einander aber doch die Apparenz einer
+menschlichen Figur geben. In diesem eingebildetem Raume ist eine
+durchgängige Gemeinschaft der geistigen Naturen. SWEDENBORG spricht mit
+abgeschiedenen Seelen, wenn es ihm beliebt, und liest in ihrem
+Gedächtnis (Vorstellungskraft) denjenigen Zustand, darin sie sich selbst
+beschauen, und siehet diesen ebenso klar als mit leiblichen Augen. Auch
+ist die ungeheure Entfernung der vernünftigen Bewohner der Welt in
+Absicht auf das geistige Weltganze vor nichts zu halten, und mit einem
+Bewohner des Saturns zu reden, ist ihm ebenso leicht, als eine
+abgeschiedene Menschenseele zu sprechen. Alles kommt auf das Verhältnis
+des innern Zustandes und auf die Verknüpfung an, die sie untereinander
+nach ihrer Übereinstimmung im =Wahren= und im =Guten= haben; die
+entferntere Geister aber können leichtlich durch Vermittelung anderer in
+Gemeinschaft kommen. Daher braucht der Mensch auch nicht in den übrigen
+Weltkörpern wirklich gewohnt zu haben, um dieselbe dereinst mit allen
+ihren Wundern zu kennen. Seine Seele lieset in dem Gedächtnisse anderer
+abgeschiedenen Weltbürger ihre Vorstellungen, die diese von ihrem Leben
+und Wohnplatze haben, und siehet darin die Gegenstände so gut wie durch
+ein unmittelbares Anschauen.
+
+Ein Hauptbegriff in SWEDENBORGS Phantasterei ist dieser. Die körperliche
+Wesen haben keine eigene Subsistenz, sondern bestehen lediglich durch
+die Geisterwelt, wiewohl ein jeder Körper nicht durch einen Geist
+allein, sondern durch alle zusammengenommen. Daher hat die Erkenntnis
+der materiellen Dinge zweierlei Bedeutung, einen äußerlichen Sinn in
+Verhältnis der Materie aufeinander und einen innern, insoferne sie als
+Wirkungen die Kräfte der Geisterwelt bezeichnen, die ihre Ursachen sind.
+So hat der Körper des Menschen eine Verhältnis der Teile untereinander
+nach materiellen Gesetzen; aber insoferne er durch den Geist, der in ihm
+lebt, erhalten wird, haben seine verschiedene Gliedmaßen und ihre
+Funktionen einen bezeichnenden Wert vor diejenige Seelenkräfte, durch
+deren Wirkung sie ihre Gestalt, Tätigkeit und Beharrlichkeit haben.
+Dieser innere Sinn ist den Menschen unbekannt, und den hat SWEDENBORG,
+dessen Innerstes aufgetan ist, den Menschen bekannt machen wollen. Mit
+allen andern Dingen der sichtbaren Welt ist es ebenso bewandt; sie
+haben, wie gesagt, eine Bedeutung als Sachen, welches wenig ist und eine
+andere als Zeichen, welches mehr ist. Dieses ist auch der Ursprung der
+neuen Auslegungen, die er von der Schrift hat machen wollen. Denn der
+innere Sinn, nämlich die symbolische Beziehung aller darin erzählten
+Dinge auf die Geisterwelt, ist, wie er schwärmet, der Kern ihres Werts,
+das übrige ist nur die Schale. Was aber wiederum in dieser symbolischen
+Verknüpfung körperlicher Dinge als Bilder mit dem innern geistigen
+Zustande wichtig ist, besteht darin: Alle Geister stellen sich einander
+jederzeit unter dem Anschein ausgedehnter Gestalten vor, und die
+Einflüsse aller dieser geistigen Wesen untereinander erregen ihnen
+zugleich die Apparenz von noch andern ausgedehnten Wesen und gleichsam
+von einer materialen Welt, deren Bilder doch nur Symbolen ihres inneren
+Zustandes sind, aber gleichwohl eine so klare und dauerhafte Täuschung
+des Sinnes verursachen, daß solche der wirklichen Empfindung solcher
+Gegenstände gleich ist. (Ein künftiger Ausleger wird daraus schließen,
+daß SWEDENBORG ein Idealist sei, weil er der Materie dieser Welt auch
+die eigne Subsistenz abspricht und sie daher vielleicht nur vor eine
+zusammenhängende Erscheinung halten mag, welche aus der Verknüpfung der
+Geisterwelt entspringt). Er redet also von Gärten, weitläuftigen
+Gegenden, Wohnplätzen, Galerien und Arkaden der Geister, die er mit
+eigenen Augen in dem kläresten Lichte sähe, und versichert, daß, da er
+mit allen seinen Freunden nach ihrem Tode vielfältig gesprochen, er an
+denen, die nur kürzlich gestorben, fast jederzeit gefunden hätte, daß
+sie sich kaum hätten überreden können, gestorben zu sein, weil sie eine
+ähnliche Welt um sich sähen; imgleichen, daß Geistergesellschaften von
+einerlei innerem Zustande einerlei Apparenz der Gegend und anderer
+daselbst befindlichen Dinge hätten, die Veränderung ihres Zustandes aber
+sei mit dem Schein der Veränderung des Orts verbunden. Weil nun
+jederzeit, wenn die Geister den Menschenseelen ihre Gedanken mitteilen,
+diese mit der Apparenz materieller Dinge verbunden sind, welche im
+Grunde nur kraft einer Beziehung auf den geistigen Sinn, doch mit allem
+Schein der Wirklichkeit sich demjenigen vormalen, der solche empfängt,
+so ist daraus der Vorrat der wilden und unaussprechlich albernen
+Gestalten herzuleiten, welche unser Schwärmer bei seinem täglichen
+Geisterumgange in aller Klarheit zu sehen glaubt.
+
+Ich habe schon angeführt, daß nach unserm Verfasser die mancherlei
+Kräfte und Eigenschaften der Seele mit denen ihrer Regierung
+untergeordneten Organen des Körpers in Sympathie stehen. Der ganze
+äußere Mensch korrespondiert also dem ganzen innern Menschen, und wenn
+daher ein merklicher geistiger Einfluß aus der unsichtbaren Welt eine
+oder andere dieser seiner Seelenkräfte vorzüglich trifft, so empfindet
+er auch harmonisch die apparente Gegenwart desselben an denen Gliedmaßen
+seines äußeren Menschen, die diesen korrespondieren. Dahin bezieht er
+nun eine große Mannigfaltigkeit von Empfindungen an seinem Körper, die
+jederzeit mit der geistigen Beschauung verbunden sind, deren
+Ungereimtheit aber zu groß ist, als daß ich es wagen dürfte, nur eine
+einzige derselben anzuführen.
+
+Hieraus kann man sich nun, wofern man es der Mühe wert hält, einen
+Begriff von der abenteuerlichsten und seltsamsten Einbildung machen, in
+welche sich alle seine Träumereien vereinbaren. So wie nämlich
+verschiedene Kräfte und Fähigkeiten diejenige Einheit ausmachen, welche
+die Seele oder der innere Mensch ist, so machen auch verschiedene
+Geister, (deren Hauptcharaktere sich ebenso aufeinander beziehen, wie
+die mancherlei Fähigkeiten eines Geistes untereinander), eine Sozietät
+aus, welche die Apparenz eines großen Menschen an sich zeigt, und in
+welchem Schattenbilde ein jeder Geist sich an demjenigen Orte und in den
+scheinbaren Gliedmaßen sieht, die seiner eigentümlichen Verrichtung in
+einem solchen geistigen Körper gemäß sind. Alle Geistersozietäten aber
+zusammen und die ganze Welt aller dieser unsichtbaren Wesen erscheinet
+zuletzt selbst wiederum in der Apparenz des =größesten Menschen=. Eine
+ungeheure und riesenmäßige Phantasie, zu welcher sich vielleicht eine
+alte kindische Vorstellung ausgedehnt hat, wenn etwa in Schulen, um dem
+Gedächtnis zu Hülfe zu kommen, ein ganzer Weltteil unter dem Bilde einer
+sitzenden Jungfrau u. d. g. den Lehrlingen vorgemalt wird. In diesem
+unermeßlichen Menschen ist eine durchgängige innigste Gemeinschaft eines
+Geistes mit allen und aller mit einem, und wie auch immer die Lage der
+lebenden Wesen gegeneinander in dieser Welt oder deren Veränderung
+beschaffen sein mag, so haben sie doch eine ganz andere Stelle im
+größesten Menschen, welche sie niemals verändern und welche nur dem
+Scheine nach ein Ort in einem unermeßlichen Raume, in der Tat aber eine
+bestimmte Art ihrer Verhältnisse und Einflüsse ist.
+
+Ich bin es müde, die wilden Hirngespinste des ärgsten Schwärmers unter
+allen zu kopieren oder solche bis zu seinen Beschreibungen vom Zustande
+nach dem Tode fortzusetzen. Ich habe auch noch andere Bedenklichkeiten.
+Denn obgleich ein Natursammler unter den präparierten Stücken tierischer
+Zeugungen nicht nur solche, die in natürlicher Form gebildet sind,
+sondern auch Mißgeburten in seinem Schranke aufstellt, so muß er doch
+behutsam sein, sie nicht jedermann und nicht gar zu deutlich sehen zu
+lassen. Denn es könnten unter den Vorwitzigen leichtlich schwangere
+Personen sein, bei denen es einen schlimmen Eindruck machen dürfte. Und
+da unter meinen Lesern einige in Ansehung der idealen Empfängnis
+ebensowohl in andern Umständen sein mögen, so würde mir es leid tun,
+wenn sie sich hier etwa woran sollten versehen haben. Indessen, weil ich
+sie doch gleich anfangs gewarnet habe, so stehe ich vor nichts und
+hoffe, man werde mir die Mondkälber nicht aufbürden, die bei dieser
+Veranlassung von ihrer fruchtbaren Einbildung möchten geboren werden.
+
+Übrigens habe ich den Träumereien unseres Verfassers keine eigene
+unterschoben, sondern solche durch einen getreuen Auszug dem bequemen
+und wirtschaftlichen Leser, (der einem kleinen Vorwitze nicht so leicht
+7 Pfund Sterlinge aufopfern möchte), dargeboten. Zwar sind die
+unmittelbare Anschauungen mehrenteils von mir weggelassen worden, weil
+dergleichen wilde Hirngespinste nur den Nachtschlaf des Lesers stören
+würden; auch ist der verworrene Sinn seiner Eröffnungen hin und wieder
+in eine etwas gangbare Sprache eingekleidet worden; allein die Hauptzüge
+des Abrisses haben dadurch in ihrer Richtigkeit nicht gelitten.
+Gleichwohl ist es nur umsonst, es verhehlen zu wollen, weil es jedermann
+doch so in die Augen fällt, daß alle diese Arbeit am Ende auf nichts
+herauslaufe. Denn da die vorgegebene Privaterscheinungen des Buchs sich
+selbst nicht beweisen können, so konnte der Bewegungsgrund, sich mit
+ihnen abzugeben, nur in der Vermutung liegen, daß der Verfasser zur
+Beglaubigung derselben sich vielleicht auf Vorfälle von der oben
+erwähnten Art, die durch lebende Zeugen bestätigt werden könnten,
+berufen würde. Dergleichen aber findet man nirgend. Und so ziehen wir
+uns mit einiger Beschämung von einem törichten Versuche zurück mit der
+vernünftigen, obgleich etwas späten Anmerkung, daß das Klugdenken
+mehrenteils eine leichte Sache sei, aber leider nur, nachdem man sich
+eine Zeitlang hat hintergehen lassen.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe einen undankbaren Stoff bearbeitet, den mir die Nachfrage und
+Zudringlichkeit vorwitziger und müßiger Freunde unterlegte. Indem ich
+diesem Leichtsinn meine Bemühung unterwarf, so habe ich zugleich dessen
+Erwartung betrogen und weder dem Neugierigen durch Nachrichten, noch dem
+Forschenden durch Vernunftgründe etwas zur Befriedigung ausgerichtet.
+Wenn keine andre Absicht diese Arbeit beseelte, so habe ich meine Zeit
+verloren; ich habe das Zutrauen des Lesers verloren, dessen Erkundigung
+und Wißbegierde ich durch einen langweiligen Umweg zu demselben Punkte
+der Unwissenheit geführet habe, aus welchem er herausgegangen war.
+Allein ich hatte in der Tat einen Zweck vor Augen, der mir wichtiger
+scheint als der, welchen ich vorgab, und diesen meine ich erreicht zu
+haben. Die Metaphysik, in welche ich das Schicksal habe verliebt zu
+sein, ob ich mich gleich von ihr nur selten einiger Gunstbezeugungen
+rühmen kann, leistet zweierlei Vorteile. Der erste ist, denen Aufgaben
+ein Gnüge zu tun, die das forschende Gemüt aufwirft, wenn es
+verborgenern Eigenschaften der Dinge durch Vernunft nachspähet. Aber
+hier täuscht der Ausgang nur gar zu oft die Hoffnung und ist diesmal
+auch unsern begierigen Händen entgangen.
+
+ Ter frustra comprensa manus effugit imago
+ Par levibus ventis volucrique simillima somno.
+
+ VIRG.
+
+Der andre Vorteil ist der Natur des menschlichen Verstandes mehr
+angemessen und besteht darin einzusehen, ob die Aufgabe aus demjenigen,
+was man wissen kann, auch bestimmt sei und welches Verhältnis die Frage
+zu denen Erfahrungsbegriffen habe, darauf sich alle unsre Urteile
+jederzeit stützen müssen. Insoferne ist die Metaphysik eine Wissenschaft
+von den =Grenzen der menschlichen Vernunft=, und da ein kleines Land
+jederzeit viel Grenze hat, überhaupt auch mehr daran liegt, seine
+Besitzungen wohl zu kennen und zu behaupten, als blindlings auf
+Eroberungen auszugehen, so ist dieser Nutze der erwähnten Wissenschaft
+der unbekannteste und zugleich der wichtigste, wie er denn auch nur
+ziemlich spät und nach langer Erfahrung erreichet wird. Ich habe diese
+Grenze hier zwar nicht genau bestimmt, aber doch insoweit angezeigt, daß
+der Leser bei weiterem Nachdenken finden wird, er könne sich aller
+vergeblichen Nachforschung überheben in Ansehung einer Frage, wozu die
+Data in einer andern Welt, als in welcher er empfindet, anzutreffen
+sind. Ich habe also meine Zeit verloren, damit ich sie gewönne. Ich habe
+meinen Leser hintergangen, damit ich ihm nützete, und wenn ich ihm
+gleich keine neue Einsicht darbot, so vertilgte ich doch den Wahn und
+das eitele Wissen, welches den Verstand aufblähet und in seinem engen
+Raume den Platz ausfüllt, den die Lehren der Weisheit und der nützlichen
+Unterweisung einnehmen könnten.
+
+Wen die bisherigen Betrachtungen ermüdet haben, ohne ihn zu belehren,
+dessen Ungeduld kann sich nunmehro damit aufrichten, was DIOGENES, wie
+man sagt, seinen gähnenden Zuhörern zusprach, als er das letzte Blatt
+eines langweiligen Buchs sah: =Courage=, meine Herren, =ich sehe Land=.
+Vorher wandelten wir wie DEMOKRIT im leeren Raume, wohin uns die
+=Schmetterlingsflügel= der Metaphysik gehoben hatten und unterhielten
+uns daselbst mit geistigen Gestalten. Jetzt, da die =stiptische= Kraft
+der Selbsterkenntnis die seidene Schwingen zusammengezogen hat, sehen
+wir uns wieder auf dem niedrigen Boden der Erfahrung und des gemeinen
+Verstandes; glücklich, wenn wir denselben als unseren angewiesenen Platz
+betrachten, aus welchem wir niemals ungestraft hinausgehen, und der auch
+alles enthält, was uns befriedigen kann, solange wir uns am Nützlichen
+halten.
+
+
+Drittes Hauptstück. _Praktischer Schluß aus der ganzen Abhandlung._
+
+Einem jeden Vorwitze nachzuhängen und der Erkenntnissucht keine andre
+Grenzen zu verstatten als das Unvermögen, ist ein Eifer, welcher der
+=Gelehrsamkeit= nicht übel ansteht. Allein unter unzähligen Aufgaben,
+die sich selbst darbieten, diejenige auswählen, deren Auflösung dem
+Menschen angelegen ist, ist das Verdienst der =Weisheit=. Wenn die
+Wissenschaft ihren Kreis durchlaufen hat, so gelanget sie
+natürlicherweise zu dem Punkte eines bescheidenen Mißtrauens und sagt,
+unwillig über sich selbst: =Wieviel Dinge gibt es doch, die ich nicht
+einsehe!= Aber die durch Erfahrung gereifte Vernunft, welche zur
+Weisheit wird, spricht in dem Munde des SOKRATES mitten unter den Waren
+eines Jahrmarkts mit heiterer Seele: =Wieviel Dinge gibt es doch, die
+ich alle nicht brauche!= Auf solche Art fließen endlich zwei
+Bestrebungen von so unähnlicher Natur in eine zusammen, ob sie gleich
+anfangs nach sehr verschiedenen Richtungen ausgingen, indem die erste
+eitel und unzufrieden, die zweite aber gesetzt und gnügsam ist. Denn um
+vernünftig zu wählen, muß man vorher selbst das Entbehrliche, ja das
+Unmögliche kennen; aber endlich gelangt die Wissenschaft zu der
+Bestimmung der ihr durch die Natur der menschlichen Vernunft gesetzten
+Grenzen; alle bodenlose Entwürfe aber, die vielleicht an sich selbst
+nicht unwürdig sein mögen, nur daß sie außer der Sphäre des Menschen
+liegen, fliehen auf den =Limbus= der Eitelkeit. Alsdenn wird selbst die
+Metaphysik dasjenige, wovon sie jetzo noch ziemlich weit entfernet ist,
+und was man von ihr am wenigsten vermuten sollte, die =Begleiterin der
+Weisheit=. Denn solange die Meinung einer Möglichkeit, zu so entfernten
+Einsichten zu gelangen, übrigbleibt, so ruft die =weise Einfalt=
+vergeblich, daß solche große Bestrebungen entbehrlich seien. Die
+Annehmlichkeit, welche die Erweiterung des Wissens begleitet, wird sehr
+leicht den Schein der Pflichtmäßigkeit annehmen und aus jener
+vorsetzlichen und überlegten Gnügsamkeit eine =dumme Einfalt= machen,
+die sich der Veredelung unserer Natur entgegensetzen will. Die Fragen
+von der geistigen Natur, von der Freiheit und Vorherbestimmung, dem
+künftigen Zustande u. d. g. bringen anfänglich alle Kräfte des
+Verstandes in Bewegung und ziehen den Menschen durch ihre
+Vortrefflichkeit in den Wetteifer der Spekulation, welche ohne
+Unterschied klügelt und entscheidet, lehret oder widerlegt, wie es die
+Scheineinsicht jedesmal mit sich bringt. Wenn diese Nachforschung aber
+in Philosophie ausschlägt, die über ihr eigen Verfahren urteilt, und die
+nicht die Gegenstände allein, sondern deren Verhältnis zu dem Verstande
+des Menschen kennt, so ziehen sich die Grenzen enger zusammen, und die
+Marksteine werden gelegt, welche die Nachforschung aus ihrem
+eigentümlichen Bezirke niemals mehr ausschweifen lassen. Wir haben
+einige Philosophie nötig gehabt, um die Schwierigkeiten zu kennen,
+welche einen Begriff umgeben, den man gemeiniglich als sehr bequem und
+alltägig behandelt. Etwas mehr Philosophie entfernet dieses Schattenbild
+der Einsicht noch mehr und überzeugt uns, daß es gänzlich außer dem
+Gesichtskreise der Menschen liege. Denn in den Verhältnissen der Ursache
+und Wirkung, der Substanz und der Handlung dient anfänglich die
+Philosophie dazu, die verwickelte Erscheinungen aufzulösen und solche
+auf einfachere Vorstellungen zu bringen. Ist man aber endlich zu den
+Grundverhältnissen gelangt, so hat das Geschäfte der Philosophie ein
+Ende, und wie etwas könne eine Ursache sein oder eine Kraft haben, ist
+unmöglich jemals durch Vernunft einzusehen, sondern diese Verhältnisse
+müssen lediglich aus der Erfahrung genommen werden. Denn unsere
+Vernunftregel gehet nur auf die Vergleichung nach der =Identität= und
+dem =Widerspruche=. Soferne aber etwas eine Ursache ist, so wird durch
+=Etwas= etwas =Anders= gesetzt, und es ist also kein Zusammenhang
+vermöge der Einstimmung anzutreffen; wie denn auch, wenn ich
+ebendasselbe nicht als eine Ursache ansehen will, niemals ein
+Widerspruch entspringt, weil es sich nicht contradicieret, wenn etwas
+gesetzt ist, etwas anderes aufzuheben. Daher die Grundbegriffe der Dinge
+als Ursachen, die der Kräfte und Handlungen, wenn sie nicht aus der
+Erfahrung hergenommen sind, gänzlich willkürlich sind und weder bewiesen
+noch widerlegt werden können. Ich weiß wohl, daß das Denken und Wollen
+meinen Körper bewege, aber ich kann diese Erscheinung als eine einfache
+Erfahrung niemals durch Zergliederung auf eine andere bringen und sie
+daher wohl erkennen, aber nicht einsehen. Daß mein Wille meinen Arm
+bewegt, ist mir nicht verständlicher, als wenn jemand sagte, daß
+derselbe auch den Mond in seinem Kreise zurückhalten könnte; der
+Unterschied ist nur dieser, daß ich jenes erfahre, dieses aber niemals
+in meine Sinne gekommen ist. Ich erkenne in mir Veränderungen als in
+einem Subjekte, was lebt, nämlich Gedanken, Willkür etc. etc., und weil
+diese Bestimmungen von anderer Art sind als alles, was zusammengenommen
+meinen Begriff vom Körper macht, so denke ich mir billigermaßen ein
+unkörperliches und beharrliches Wesen. Ob dieses auch ohne Verbindung
+mit dem Körper denken werde, kann vermittelst dieser aus Erfahrung
+erkannten Natur niemals geschlossen werden. Ich bin mit meiner Art Wesen
+durch Vermittelung körperlicher Gesetze in Verknüpfung, ob ich aber auch
+sonst nach andern Gesetzen, welche ich pneumatisch nennen will, ohne die
+Vermittelung der Materie in Verbindung stehe oder jemals stehen werde,
+kann ich auf keinerlei Weise aus demjenigen schließen, was mir gegeben
+ist. Alle solche Urteile, wie diejenige von der Art, wie meine Seele den
+Körper bewegt oder mit andern Wesen ihrer Art jetzt oder künftig in
+Verhältnis steht, können niemals etwas mehr als Erdichtungen sein und
+zwar bei weitem nicht einmal von demjenigen Werte als die in der
+Naturwissenschaft, welche man Hypothesen nennt, bei welchen man keine
+Grundkräfte ersinnt, sondern diejenige, welche man durch Erfahrung schon
+kennt, nur auf eine den Erscheinungen angemessene Art verbindet, und
+deren Möglichkeit sich also jederzeit muß können beweisen lassen;
+dagegen im ersten Falle selbst neue Fundamentalverhältnisse von Ursache
+und Wirkung angenommen werden, in welchen man niemals den mindesten
+Begriff ihrer Möglichkeit haben kann und also nur schöpferisch oder
+chimärisch, wie man es nennen will, dichtet. Die Begreiflichkeit
+verschiedener wahren oder angeblichen Erscheinungen aus dergleichen
+angenommenen Grundideen dienet diesen zu gar keinem Vorteile. Denn man
+kann leicht von allem Grund angeben, wenn man berechtigt ist,
+Tätigkeiten und Wirkungsgesetze zu ersinnen, wie man will. Wir müssen
+also warten, bis wir vielleicht in der künftigen Welt durch neue
+Erfahrungen und Begriffe von denen uns noch verborgenen Kräften in
+unserm denkenden Selbst werden belehrt werden. So haben uns die
+Beobachtungen späterer Zeiten, nachdem sie durch Mathematik aufgelöset
+worden, die Kraft der Anziehung an der Materie offenbaret, von deren
+Möglichkeit, (weil sie eine Grundkraft zu sein scheint), man sich
+niemals einigen ferneren Begriff wird machen können. Diejenige, welche,
+ohne den Beweis aus der Erfahrung in Händen zu haben, vorher sich eine
+solche Eigenschaft hätten ersinnen wollen, würden als Toren mit Recht
+verdienet haben, ausgelacht zu werden. Da nun die Vernunftgründe in
+dergleichen Fällen weder zur Erfindung noch zur Bestätigung der
+Möglichkeit oder Unmöglichkeit von der mindesten Erheblichkeit sind, so
+kann man nur den Erfahrungen das Recht der Entscheidung einräumen, so
+wie ich es auch der Zeit, welche Erfahrung bringt, überlasse, etwas über
+die gepriesene Heilkräfte des Magnets in Zahnkrankheiten auszumachen,
+wenn sie ebensoviel Beobachtungen wird vorzeigen können, daß magnetische
+Stäbe auf Fleisch und Knochen wirken, als wir schon vor uns haben, daß
+es auf Eisen und Stahl geschehe. Wenn aber gewisse angebliche
+Erfahrungen sich in kein unter den meisten Menschen einstimmiges Gesetz
+der Empfindung bringen lassen und also nur eine Regellosigkeit in den
+Zeugnissen der Sinne beweisen würden, (wie es in der Tat mit den
+herumgehenden Geistererzählungen bewandt ist), so ist ratsam, sie nur
+abzubrechen, weil der Mangel der Einstimmung und Gleichförmigkeit
+alsdenn der historischen Erkenntnis alle Beweiskraft nimmt und sie
+untauglich macht, als Fundament zu irgendeinem Gesetze der Erfahrung zu
+dienen, worüber der Verstand urteilen könnte.
+
+So wie man einerseits durch etwas tiefere Nachforschung einsehen lernet,
+daß die überzeugende und philosophische Einsicht in dem Falle, wovon wir
+reden, =unmöglich= sei, so wird man auch andererseits bei einem ruhigen
+und vorurteilfreien Gemüte gestehen müssen, daß sie entbehrlich und
+=unnötig= sei. Die Eitelkeit der Wissenschaft entschuldigt gerne ihre
+Beschäftigung mit dem Vorwande der Wichtigkeit, und so gibt man auch
+hier gemeiniglich vor, daß die Vernunfteinsicht von der geistigen Natur
+der Seele zu der Überzeugung von dem Dasein nach dem Tode, diese aber
+zum Bewegungsgrunde eines tugendhaften Lebens sehr nötig sei; die müßige
+Neubegierde aber setzt hinzu, daß die Wahrhaftigkeit der Erscheinungen
+abgeschiedener Seelen von allem diesen sogar einen Beweis aus der
+Erfahrung abgeben könne. Allein die wahre Weisheit ist die Begleiterin
+der Einfalt, und da bei ihr das Herz dem Verstande die Vorschrift gibt,
+so macht sie gemeiniglich die große Zurüstungen der Gelehrsamkeit
+entbehrlich, und ihre Zwecke bedürfen nicht solcher Mittel, die
+nimmermehr in aller Menschen Gewalt sein können. Wie? ist es denn nur
+darum gut, tugendhaft zu sein, weil es eine andre Welt gibt, oder werden
+die Handlungen nicht vielmehr dereinst belohnt werden, weil sie an sich
+selbst gut und tugendhaft waren? Enthält das Herz des Menschen nicht
+unmittelbare sittliche Vorschriften, und muß man, um ihn allhier seiner
+Bestimmung gemäß zu bewegen, durchaus die Maschinen an eine andere Welt
+ansetzen? Kann derjenige wohl redlich, kann er wohl tugendhaft heißen,
+welcher sich gern seinen Lieblingslastern ergeben würde, wenn ihn nur
+keine künftige Strafe schreckte, und wird man nicht vielmehr sagen
+müssen, daß er zwar die Ausübung der Bosheit scheue, die lasterhafte
+Gesinnung aber in seiner Seele nähre, daß er den Vorteil der
+tugendähnlichen Handlungen liebe, die Tugend selbst aber hasse? Und in
+der Tat lehret die Erfahrung auch, daß so viele, welche von der
+künftigen Welt belehrt und überzeugt sind, gleichwohl dem Laster und der
+Niederträchtigkeit ergeben nur auf Mittel sinnen, den drohenden Folgen
+der Zukunft arglistig auszuweichen; aber es hat wohl niemals eine
+rechtschaffene Seele gelebt, welche den Gedanken hätte ertragen können,
+daß mit dem Tode alles zu Ende sei, und deren edle Gesinnung sich nicht
+zur Hoffnung der Zukunft erhoben hätte. Daher scheint es der
+menschlichen Natur und der Reinigkeit der Sitten gemäßer zu sein, die
+Erwartung der künftigen Welt auf die Empfindungen einer wohlgearteten
+Seele, als umgekehrt, ihr Wohlverhalten auf die Hoffnung der andern Welt
+zu gründen. So ist auch der =moralische Glaube= bewandt, dessen Einfalt
+mancher Spitzfindigkeit des Vernünftelns überhoben sein kann, und
+welcher einzig und allein dem Menschen in jeglichem Zustande angemessen
+ist, indem er ihn ohne Umschweif zu seinen wahren Zwecken führet. Laßt
+uns demnach alle lärmende Lehrverfassungen von so entfernten
+Gegenständen der Spekulation und der Sorge müßiger Köpfe überlassen. Sie
+sind uns in der Tat gleichgültig, und der augenblickliche Schein der
+Gründe vor oder dawider mag vielleicht über den Beifall der Schulen,
+schwerlich aber etwas über das künftige Schicksal der Redlichen
+entscheiden. Es war auch die menschliche Vernunft nicht gnugsam dazu
+beflügelt, daß sie so hohe Wolken teilen sollte, die uns die Geheimnisse
+der andern Welt aus den Augen ziehen, und denen Wißbegierigen, die sich
+nach derselben so angelegentlich erkundigen, kann man den einfältigen,
+aber sehr natürlichen Bescheid geben, daß es wohl am ratsamsten sei,
+=wenn sie sich zu gedulden beliebten, bis sie werden dahin kommen=. Da
+aber unser Schicksal in der künftigen Welt vermutlich sehr darauf
+ankommen mag, wie wir unsern Posten in der gegenwärtigen verwaltet
+haben, so schließe ich mit demjenigen, was VOLTAIRE seinen ehrlichen
+CANDIDE nach so viel unnützen Schulstreitigkeiten zum Beschlusse sagen
+läßt: =Laßt uns unser Glück besorgen, in den Garten gehen und arbeiten!=
+
+
+
+
+Lesarten
+
+
+Drucke:
+
+Über die Originaldrucke berichtet =Kehrbach= (S. X f. seiner Ausg.), der
+erste Herausgeber, der seiner Neu-Ausgabe der »Träume« den eigentlichen
+Originaldruck zugrunde gelegt hat, folgendes.
+
+1. Träume | eines Geistersehers, | erläutert | durch | Träume der
+Metaphysik. | Titelvignette (einen nackten sitzenden Genius darstellend,
+der in der linken Hand eine Leier hält.) | Motto: velut aegri somnia,
+vanae | Finguntur species. Hor. Königsberg, | bey Johann Jacob Kanter |
+1766. 8, 128 S. (Unten als A1 bezeichnet.)
+
+2. Träume | eines Geistersehers, | erläutert | durch | Träume der
+Metaphysik. | Titelvignette (Rosenzweige darstellend). Motto wie A1. |
+Riga und Mietau, | bey Johann Friedrich Hartknoch | 1766. 8, 128 S.
+(Unten als A2 bezeichnet.)
+
+3. Träume | eines Geistersehers etc.
+
+Die Ausgabe 3. unterscheidet sich in Bezug auf das Titelblatt nur durch
+die Titelvignette und den zwischen Ortsangabe und Motto angebrachten
+Strich. Die Titelvignette besteht aus einem sitzenden nackten Genius,
+der in den Händen einen Blumenstock hält. Der Querstrich zwischen Motto
+und Ortsangabe besteht aus aneinandergereihten -- -- -- --, während er
+in A2 aus *** besteht. Auch auf der ersten Seite des Textes ist die
+Verschiedenheit der beiden Drucke 2. und 3. sofort sichtbar. Die
+Randleiste, welche über dem Texte steht, ist in 2. eine andere als in 3.
+Ferner, um noch ein Beispiel der in die Augen tretenden Differenz zu
+geben, hat 2. auf der letzten Zeile der ersten Seite: »die beyden
+Pforten«, 3. dagegen hat wie 1.: »die beyde Pforten«. (Unten als A3
+bezeichnet.) Welche Ausgabe von den beiden Hartknochschen die ältere
+ist, wird sich schwer nachweisen lassen.
+
+Nach der von Menzer vorgenommenen Vergleichung der beiden Drucke A2 und
+A3 (s. Ak. II, 503) ist es wahrscheinlich, daß A3 der zweite, A2 der
+dritte Druck ist. A3 wird wohl als Druckvorlage für A2 gedient haben.
+
+4. Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik,
+in: I. Kants sämmtliche kleine Schriften. Nach der Zeitfolge geordnet.
+Königsberg und Leipzig 1797/8. Bd. II, S. 379-478.
+
+5. Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik,
+in: I. Kants vermischte Schriften. Halle (Renger), 1799. (Tieftrunk.)
+Bd. II, S. 247-346.
+
+6. Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik,
+in: Kants populäre Schriften, hrsg. von Paul Menzer. S. 117-202.
+
+ * * * * *
+
+331, 12 v. u. und wenigstens (A)] Wille möchte lesen: »=oder=
+wenigstens«. Unnötig. 332, 3 hinaus (A1)] hieraus (A2 A3) 334, 10 v. u.
+errichtet (A1)] erreichet (A2. A3). 334, 4 v. u. entfaltet (A3)] A1. A2
+haben den Druckfehler: »entfalten«. 336, 24 Entscheidungen (A1)]
+Entschließungen (A2. A3). 337, 6 =Zurückstoßung=] erst von Ak. gesperrt.
+338, 4 desselben (Wille)] derselben (A) 339, 13 schmerzhaften (A1, A3)]
+schmerzhaftesten A2. Danach die andern Hsgg., außer Ak. 340, 4 d. Anm.
+ein Atomus (A)] Wille: »=nur= ein Atomus«. Unnötig. 340, 15 v. u. diesen
+(T)] dessen (A1-3). 340, 14 v. u. Grad Klarheit (A). So auch Kehrb. Ak.]
+T, Ros, H, Vorl. lesen: »Grad der Klarheit«. 340, 11 v. u. Wille möchte
+lesen: welche beide Sinne durch die Eindrücke =Stellen= im Gehirne
+=bewegen= werden. -- Eher eine Verschlechterung! 342, 1 d. Anm. auch
+wohl so (A1)] auch so A2, A3; Voigt, T, Starke, R, H1, H2 (alle nach A2!
+Kehrb. und Ak. lesen nach A1). 343, 2 d. Anm. ohne allem inneren
+Zustande (A1, A2)] Ak: »ohne allen inneren Zustand«. Die Lesart von A.
+entspricht wohl Kants Sprachgebrauch, daher Änderung unangebracht. 344,
+1 sola (A1)] fehlt A2, A3. Ebenso in T, H, Ros., die nach A2 gedruckt
+haben. Auch bei Kehrbach, obwohl dieser A1, A2, A3 verglichen hat.
+Wiederhergestellt ist es in Ak. und Vorl. 344, 14 v. u. immaterielle
+(A1)] immateriale (A2) 344, 7 v. u. deren (A)] dessen (Vorl.) Zunächst
+wahrscheinlich, aber bei Kant gerade diese lose Beziehung (auf Welt)
+beliebt. Änderung daher unnötig. 344, 4 v. u. wo sie auch (A1, A2)] wo
+es auch (Ak). Unnötig. 345, 27 Wurzel (A)] Vorl.: »Wurzeln«. Unnötig.
+345, 1 v. u. allem diesen A1, T, H, K] allem diesem A2, A3, Ak. 346, 1
+auf Beweisgründe] auf Beweisgründen (A1, A2); K: »aus Beweisgründen«.
+(In A1 steht irrtümlich »Beweiegründen«.) 347, 20 mir (A)] fehlt in Ak.
+(Druckfehler.) 348, 21 ihnen (Wille)] ihr (A) 348, 15 v. u. andere (Ak)]
+andern A1 A2 349, 3 die Eigennützigkeit (A1-3)] Vorl.: »Eigennützigkeit«.
+Unnötig. 349, 13 vor] von (A) 349, 18 um (A1 A3)] und (A2).
+Dieser Sachverhalt von Vorl. nicht erkannt, er schreibt im Text
+»und« und bemerkt: Akademie »um«. 350, 2 jede (A)] Kehrbach (in den
+Lesarten) »jedes«. Unnötig. In Kehrbachs =Text= steht der Druckfehler:
+»jeder«. Danach ist auch Vorl.s Anm. zu der Stelle zu berichtigen. 350,
+6 Beweggründen (A1, K)] Bewegungsgründen A2, A3. Voigt, T, Starke, H1,
+H2, R lesen mit A2! 350, 14 derselben (A1, A2)] Menzer (in Ak) ändert
+in: »desselben«. Erhardt (a. a. O. S. 446) bemerkt dazu mit Recht, daß
+sich dieses Wort »ohne Schwierigkeit auf Erscheinungen beziehen lasse«
+und daher die Änderung nicht richtig sei. Die Änderung von Ak. also
+unangebracht. 350, 15 Materie (A)] Materien? (Menzer). Unnötig. 351, 21
+Materien (Ak)] Materie (A1 A2) 351, 26 darin (A1)] darein (A2) 352, 7
+v. u. in (A)] fehlt bei T, Ros., H. Der Tieftrunksche Druckfehler ist
+von R. und H. übernommen worden. 353, 10 v. u. ob sie gleich (A)] ob sie
+sich gleich (K). Unnötig. 353, 9 v. u. bestätigen (Kehrb.)] bestätigt
+(A1, A2) 353, 1 v. u. werden (T)] wird (A) 354, 7 vergesellschafteten
+(A1)] A2 hat: »vergesellschaftenden«; A3: »vergesellschaftenten«. 354,
+10 deren (A)] Vorländer möchte lesen: »dessen«. Beides möglich. 355, 15
+zum (A)] dem? Vorl. 356, 5 vorgaukeln] A1, A2 haben den Druckfehler:
+»vergaukeln«. 356, 20 dieses (A)] Vorl. liest: »durch dieses«, wodurch
+indes der Sinn der Stelle unnötig geändert wird. 357, 10 v. u.
+bewohn(e)t (H)] bewohnen (A1, A2) 358, 22 am meisten (A)] am wenigsten
+?Vorl. 358, 12 v. u. =sich=] erst in der obigen Ausgabe gesperrt, vgl.
+Z. 13 v. u. »=in sich=«. 359, 9 Träumern (A1)] Träumen (A2) 359, 9 v. u.
+vielleicht (Wille)] vielleicht bisweilen (A)] Wille vermutet, wohl mit
+Recht, daß »bisweilen« nur durch ein Versehen stehen geblieben ist. 360,
+2 in der Wirkung (A)] »in der Wirklichkeit« möchte Wille lesen (ihm
+folgt Vorl.), weil als Gegensatz folgt: »in der Vorstellung«. Da der
+Text von A. einen guten Sinn gibt, Änderung unnötig. 361, 13 f. jenem --
+diesem (A)] Ak: jener (Nervenbewegung) -- dieser (Empfindung). Statt
+»jener« liest Vorl. jene_n_ (sc. den Phantasien!). Eine Änderung ist
+wohl überhaupt nicht notwendig. 361, 27 die (A1, T)] »der« Druckfehler
+in A2, A3, Kehrbach gibt vorne S. XXIII das Richtige (die) an, hat aber
+S. 36 Z. 12 dann selbst im Text das falsche »der«! 361, 37 denkenden]
+A1: »denkendes« (Druckfehler); A2 hat: »denkendem«. 362, 18 A2 hat den
+sinnstörenden Druckfehler: »Gesicht«. 363, 4 Es ist ... die
+Erziehungsbegriffe von Geistergestalten ... Einbildungen geben (A)]
+Vorl. möchte »von Geistergestalten« nach »Einbildungen« setzen. Wohl
+nicht nötig. 363, 19 Entwürfen (H)] Einwürfen (A) 365, 25 der eine]
+»eine« A1 »ein« A2 und die Ausgaben. Wahrscheinlicher ist einfach »der«
+ausgefallen. 365, 6 v. u. der der (A1)] der (A2, A3) 367, 26 negativen
+(T)] negativem (A) 367, 4 v. u. der (Ak)] denen (A) 369, 11 denselben
+(T)] demselben (A) 370, 11 Swedenborg] in A steht durchweg:
+»Schwedenberg«. 370, 18 abfaßt (A1)] abgefaßt (A2) 370, 3 v. u. gerufen
+(A1)] berufen (A2, A3) 371, 5 v. u. sich (A1, A3)] sie (A2) 372, 9 eine
+(A2)] ein (A1) 372, 23 voranschickten (A1)] voranschicken (A2, A3) 373,
+5 dem (Ak)] den (A1, A2) 373, 11 v. u. im (A2)] in (A1) 374, 4
+portentaque (T) Thessala (H)] protentaque Tessala (A1, A2) 374, 24
+genugsamer (A1)] grausamer (A2 A3) »=grausamer= Erfahrungskenntnisse«!
+Diesen offenbaren Druckfehler von A2 drucken Voigt, T, Starke, Ros., H1
+und H2 nach! Erst von Kehrb. verbessert. 374, 10 v. u. bei (A1)] auf
+(A2, A3). Druckfehler. 375, 19 ob er wohl (A)] H: »ob er gleichwohl«.
+Unnötig. 375, 11 v. u. meiner (H)] meine (A1, Ak) 376, 19 derselben
+(Wille)] desselben (A1, A2, H) 378, 1 nur (A1, A3)] nun (A2). A2 folgen
+die Hsgg. bis auf Kehrb. 378, 3 verwirren (A)] T: »verirren«. Der
+Druckfehler ist von R. u. H. übernommen. 379, 10 v. u. Lagen (A1, A3)]
+Lage (A2). Die meisten Hsgg. (T, Starke, H1, H2, R) wieder nach A2! 381,
+10 erregen (H)] erregt (A1 A2 A3) 381, 17 Subsistenz (A1, A3)] Substanz
+(A2). Alle Hsgg. bis auf H2 nach A2! 381, 21 er (A1)] fehlt in A2 382,
+23 gemäß sind (Ak)] gemäß ist (A) 382, 9 v. u. allen (T)] allem (A) 383,
+25 gangbare (A)] gangbarere Vorl.? Nicht unbedingt nötig. 385, 11 eines
+(A3)] einiges (A1) (Druckfehler). 385, 16 f. zusammengezogen] A1 liest:
+zusammenzogen (Druckfehler?). 386, 12 des (A1)] der (A2, A3) 386, 7
+v. u. ihrem] Zus. H. 386, 6 v. u. Schwierigkeiten (H)] Schwierigkeit (A)
+388, 18 neue Erfahrungen und Begriffe] A: »neue Erfahrungen neue
+Begriffe«. Das zweite »neue« wahrscheinlich ein Satzfehler für »und«. R.
+und Kehrb. lesen: »Erfahrungen über neue Begriffe«; Ak: »neue
+Erfahrungen und neue Begriffe«. 389, 1 ist (A)] »ist es« Vorl. Unnötig.
+389, 4 als (Kehrb.)] ein (A); als ein (Wille).
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ ist, wird sich schwer nachweisen lassen.«
+ ist, wird sich schwer nachweisen lassen.
+
+ S. 36 Z. 12 dann selbst im Text des falsche »der«! 361, 37 denkenden]
+ S. 36 Z. 12 dann selbst im Text das falsche »der«! 361, 37 denkenden]
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Träume eines Geistersehers, erläutert
+durch Träume der Metaphysik, by Immanuel Kant
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TRÄUME EINES GEISTERSEHERS ***
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+works. See paragraph 1.E below.
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+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Träume eines Geistersehers, erläutert
+durch Träume der Metaphysik, by Immanuel Kant
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik
+
+Author: Immanuel Kant
+
+Release Date: May 10, 2011 [EBook #36076]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TRÄUME EINES GEISTERSEHERS ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Der Text stammt aus: <cite>Vorkritische Schriften. Band&nbsp;II.
+Hg. v. Artur Buchenau. Berlin: Bruno Cassirer 1912 (=&nbsp;Immanuel Kants
+Werke&nbsp;II)</cite>. S.&nbsp;329&ndash;390 u. 481&ndash;484
+(<a href="#lesarten">Lesarten</a>).</p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text <ins title="so wie hier">gekennzeichnet</ins>,
+der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span> Eine
+<a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a> findet sich
+am Ende des Textes.</p>
+</div>
+
+<div><a class="pagenum" name="Page_329" title="329"> </a></div>
+<h1><big style="font-size: 1.3em;">Träume eines Geistersehers,</big><br/>
+<small>erläutert<br/>
+durch</small><br/>
+Träume der Metaphysik.</h1>
+
+<div class="poetry width19" style="margin: 4em auto;">
+<div class="stanza">
+<div class="line indent14">velut aegri somnia, vanae<br/></div>
+<div class="line">Finguntur species.</div>
+<div class="line right">HORAT.</div>
+</div>
+</div>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.5em;"><em class="gesperrt">Königsberg</em><br/>
+bei Johann Jacob Kanter<br/>
+1766</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_331" title="331"> </a>Ein Vorbericht,<br/>
+<small>der sehr wenig vor die Ausführung verspricht.</small></h2>
+
+<p>Das Schattenreich ist das Paradies der Phantasten. Hier
+finden sie ein unbegrenztes Land, wo sie sich nach Belieben anbauen
+können. Hypochondrische Dünste, Ammenmärchen und
+Klosterwunder lassen es ihnen an Bauzeug nicht ermangeln. Die
+Philosophen zeichnen den Grundriß und ändern ihn wiederum
+oder verwerfen ihn, wie ihre Gewohnheit ist. Nur das heilige
+Rom hat daselbst einträgliche Provinzen; die zwei Kronen des
+unsichtbaren Reichs stützen die dritte, als das hinfällige Diadem
+seiner irdischen Hoheit, und die Schlüssel, welche die beide Pforten
+der andern Welt auftun, öffnen zugleich sympathetisch die Kasten der
+gegenwärtigen. Dergleichen Rechtsame des Geisterreichs, insofern
+es durch die Gründe der Staatsklugheit bewiesen ist, erheben sich
+weit über alle ohnmächtige Einwürfe der Schulweisen, und ihr
+Gebrauch oder Mißbrauch ist schon zu ehrwürdig, als daß er sich
+einer so verworfenen Prüfung auszusetzen nötig hätte. Allein die
+gemeine Erzählungen, die so viel Glauben finden und wenigstens
+so schlecht bestritten sind, weswegen laufen die so ungenützt
+oder ungeahndet umher und schleichen sich selbst in die Lehrverfassungen
+ein, ob sie gleich den Beweis vom Vorteil hergenommen
+(<i lang="la" xml:lang="la">argumentum ab utili</i>) nicht vor sich haben, welcher der
+überzeugendste unter allen ist? Welcher Philosoph hat nicht einmal
+zwischen den Beteurungen eines vernünftigen und fest überredeten
+Augenzeugen und der inneren Gegenwehr eines unüberwindlichen
+Zweifels die einfältigste Figur gemacht, die man sich
+vorstellen kann? Soll er die Richtigkeit aller solcher Geistererscheinungen
+gänzlich ableugnen? Was kann er vor Gründe anführen,
+sie zu widerlegen?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_332" title="332"> </a>Soll er auch nur eine einzige dieser Erzählungen als wahrscheinlich
+einräumen? Wie wichtig wäre ein solches Geständnis,
+und in welche erstaunliche Folgen sieht man hinaus, wenn auch
+nur <em class="gesperrt">eine</em> solche Begebenheit als bewiesen vorausgesetzet werden
+könnte! Es ist wohl noch ein dritter Fall übrig, nämlich sich
+mit dergleichen vorwitzigen oder <em class="gesperrt">müßigen</em> Fragen gar nicht zu
+bemengen und sich an das <em class="gesperrt">Nützliche</em> zu halten. Weil dieser
+Anschlag aber vernünftig ist, so ist er jederzeit von gründlichen
+Gelehrten durch die Mehrheit der Stimmen verworfen worden.</p>
+
+<p>Da es ebensowohl ein dummes Vorurteil ist, von vielem, das
+mit einigem Schein der Wahrheit erzählt wird, ohne Grund <em class="gesperrt">nichts</em>
+zu glauben, als von dem, was das gemeine Gerüchte sagt, ohne
+Prüfung <em class="gesperrt">alles</em> zu glauben, so ließ sich der Verfasser dieser
+Schrift, um dem ersten Vorurteile auszuweichen, zum Teil von
+dem letzteren fortschleppen. Er bekennet mit einer gewissen
+Demütigung, daß er so treuherzig war, der Wahrheit einiger Erzählungen
+von der erwähnten Art nachzuspüren. Er fand &ndash; &ndash; &ndash;
+wie gemeiniglich, wo man nichts zu suchen hat &ndash; &ndash; &ndash; er fand
+nichts. Nun ist dieses wohl an sich selbst schon eine hinlängliche
+Ursache, ein Buch zu schreiben; allein es kam noch dasjenige
+hinzu, was bescheidenen Verfassern schon mehrmalen Bücher
+abgedrungen hat, das ungestüme Anhalten bekannter und unbekannter
+Freunde. Überdem war ein großes Werk gekauft und,
+welches noch schlimmer ist, gelesen worden, und diese Mühe
+sollte nicht verloren sein. Daraus entstand nun die gegenwärtige
+Abhandlung, welche, wie man sich schmeichelt, den Leser nach
+der Beschaffenheit der Sache völlig befriedigen soll, indem er das
+Vornehmste nicht verstehen, das andere nicht glauben, das übrige
+aber belachen wird.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_333" title="333"> </a>Der erste Teil,<br/>
+<small>welcher dogmatisch ist.</small></h2>
+
+<h3>Erstes Hauptstück.<br/><i>Ein verwickelter metaphysischer Knoten, den man nach Belieben auflösen oder abhauen kann.</i></h3>
+
+<p class="drop-cap">Wenn alles dasjenige, was von Geistern der Schulknabe herbetet,
+der große Haufe erzählt und der Philosoph demonstriert,
+zusammengenommen wird, so scheinet es keinen kleinen
+Teil von unserem Wissen auszumachen. Nichtsdestoweniger getraue
+ich mich zu behaupten, daß, wenn es jemand einfiele, sich
+bei der Frage etwas zu verweilen, was denn das eigentlich vor
+ein Ding sei, wovon man unter dem Namen eines <em class="gesperrt">Geistes</em> so
+viel zu verstehen glaubt, er alle diese Vielwisser in die beschwerlichste
+Verlegenheit versetzen würde. Das methodische Geschwätz
+der hohen Schulen ist oftmals nur ein Einverständnis, durch veränderliche
+Wortbedeutungen einer schwer zu lösenden Frage auszuweichen,
+weil das bequeme und mehrenteils vernünftige: <em class="gesperrt">Ich
+weiß nicht</em>, auf Akademien nicht leichtlich gehöret wird. Gewisse
+neuere Weltweisen, wie sie sich gerne nennen lassen, kommen
+sehr leicht über diese Frage hinweg. Ein Geist, heißt es,
+ist ein Wesen, welches Vernunft hat. So ist es denn also keine
+Wundergabe, Geister zu sehen; denn wer Menschen sieht, der
+sieht Wesen, die Vernunft haben. Allein, fährt man fort, dieses
+Wesen, was im Menschen Vernunft hat, ist nur ein Teil vom
+Menschen, und dieser Teil, der ihn belebt, ist ein Geist. Wohlan
+denn: ehe ihr also beweiset, daß nur ein geistiges Wesen Vernunft
+haben könne, so sorget doch, daß ich zuvörderst verstehe,
+<a class="pagenum" name="Page_334" title="334"> </a>
+was ich mir unter einem geistigen Wesen vor einen Begriff zu
+machen habe. Diese Selbsttäuschung, ob sie gleich grob genug
+ist, um mit halboffenen Augen bemerkt zu werden, ist doch von
+sehr begreiflichem Ursprunge. Denn wovon man frühzeitig als
+ein Kind sehr viel weiß, davon ist man sicher, späterhin und im
+Alter nichts zu wissen, und der Mann der Gründlichkeit wird
+zuletzt höchstens der Sophiste seines Jugendwahnes.</p>
+
+<p>Ich weiß also nicht, ob es Geister gebe, ja, was noch mehr
+ist, ich weiß nicht einmal, was das Wort <em class="gesperrt">Geist</em> bedeute. Da ich
+es indessen oft selbst gebraucht oder andere habe brauchen hören,
+so muß doch etwas darunter verstanden werden, es mag nun
+dieses Etwas ein Hirngespinst oder was Wirkliches sein. Um
+diese versteckte Bedeutung auszuwickeln, so halte ich meinen
+schlecht verstandenen Begriff an allerlei Fälle der Anwendung und
+dadurch, daß ich bemerke, auf welchen er trifft und welchem er
+zuwider ist, verhoffe ich, dessen verborgenen Sinn zu entfalten.<a name="FNanchor_1" href="#Footnote_1" class="fnanchor">(1)</a></p>
+
+<p>Nehmet etwa einen Raum von einem Kubikfuß und setzet,
+es sei etwas, das diesen Raum erfüllt, d.&nbsp;i. dem Eindringen jedes
+<a class="pagenum" name="Page_335" title="335"> </a>
+andern Dinges widerstehet, so wird niemand das Wesen, was auf
+solche Weise im Raum ist, <em class="gesperrt">geistig</em> nennen. Es würde offenbar
+<em class="gesperrt">materiell</em> heißen, weil es ausgedehnt, undurchdringlich und wie
+alles Körperliche der Teilbarkeit und den Gesetzen des Stoßes
+unterworfen ist. Bis dahin sind wir noch auf dem gebähnten
+Gleise anderer Philosophen. Allein denket euch ein einfaches
+Wesen und gebet ihm zugleich Vernunft; wird dies alsdenn die
+Bedeutung des Wortes <em class="gesperrt">Geist</em> gerade ausfüllen? Damit ich dieses
+entdecke, so will ich die Vernunft dem besagten einfachen Wesen
+als eine <em class="gesperrt">innere</em> Eigenschaft lassen, vor jetzo es aber nur in
+<em class="gesperrt">äußeren</em> Verhältnissen betrachten. Und nunmehro frage ich:
+wenn ich diese einfache Substanz in jenen Raum vom Kubikfuß,
+der voll Materie ist, setzen will, wird alsdenn ein einfaches Element
+derselben den Platz räumen müssen, damit ihn dieser Geist
+erfülle? Meinet ihr, ja? Wohlan, so wird der gedachte Raum,
+um einen zweiten Geist einzunehmen, ein zweites Elementarteilchen
+verlieren müssen, und so wird endlich, wenn man fortfährt, ein
+Kubikfuß Raum von Geistern erfüllet sein, deren Klumpe ebensowohl
+durch Undurchdringlichkeit widerstehet, als wenn er voll
+Materie wäre, und ebenso wie diese der Gesetze des Stoßes fähig
+sein muß. Nun würden aber dergleichen Substanzen, ob sie gleich
+in sich Vernunftkraft haben mögen, doch äußerlich von den Elementen
+der Materie gar nicht unterschieden sein, bei denen man
+auch nur die Kräfte ihrer äußeren Gegenwart kennet und, was
+zu ihren inneren Eigenschaften gehören mag, gar nicht weiß. Es
+ist also außer Zweifel, daß eine solche Art einfacher Substanzen
+nicht geistige Wesen heißen würden, davon Klumpen zusammengeballet
+werden könnten. Ihr werdet also den Begriff eines Geistes
+nur beibehalten können, wenn ihr euch Wesen gedenkt, die sogar
+in einem von Materie erfüllten Raume gegenwärtig sein können;<a name="FNanchor_2" href="#Footnote_2" class="fnanchor">(2)</a>
+<a class="pagenum" name="Page_336" title="336"> </a>
+Wesen also, welche die Eigenschaft der Undurchdringlichkeit nicht
+an sich haben, und deren so viele, als man auch will, vereinigt
+niemals ein solides Ganze ausmachen. Einfache Wesen von dieser
+Art werden immaterielle Wesen und, wenn sie Vernunft haben,
+Geister genannt werden. Einfache Substanzen aber, deren Zusammensetzung
+ein undurchdringliches und ausgedehntes Ganze gibt,
+werden materielle Einheiten, ihr Ganzes aber Materie heißen.
+Entweder der Name eines Geistes ist ein Wort ohne allen Sinn,
+oder seine Bedeutung ist die angezeigte.</p>
+
+<p>Von der Erklärung, was der Begriff eines Geistes enthalte, ist
+der Schritt noch ungemein weit zu dem Satze, daß solche Naturen
+wirklich, ja auch nur möglich seien. Man findet in den
+Schriften der Philosophen recht gute Beweise, darauf man sich
+verlassen kann, daß alles, was da denkt, einfach sein müsse, daß
+eine jede vernünftigdenkende Substanz eine Einheit der Natur
+sei, und das unteilbare Ich nicht könne in einem Ganzen von
+viel verbundenen Dingen verteilt sein. Meine Seele wird also
+eine einfache Substanz sein. Aber es bleibt durch diesen Beweis
+noch immer unausgemacht, ob sie von der Art derjenigen sei,
+die in dem Raume vereinigt ein ausgedehntes und undurchdringliches
+Ganze geben und also materiell oder ob sie immateriell
+und folglich ein Geist sei, ja sogar, ob eine solche Art Wesen
+als diejenige, so man <em class="gesperrt">geistige</em> nennet, nur möglich sei.</p>
+
+<p>Und hiebei kann ich nicht umhin, vor übereilte Entscheidungen
+zu warnen, welche in den tiefsten und dunkelsten Fragen
+sich am leichtesten eindringen. Was nämlich zu den gemeinen
+Erfahrungsbegriffen gehört, das pflegt man gemeiniglich so anzusehen,
+als ob man auch seine Möglichkeit einsehe. Dagegen was
+von ihnen abweicht und durch keine Erfahrung, auch nicht einmal
+der Analogie nach, verständlich gemacht werden kann, davon
+kann man sich freilich keinen Begriff machen, und darum pflegt
+man es gerne als unmöglich sofort zu verwerfen. Alle Materie
+widerstehet in dem Raume ihrer Gegenwart und heißt darum undurchdringlich.
+Daß dieses geschehe, lehrt die Erfahrung, und die
+Abstraktion von dieser Erfahrung bringt in uns auch den allgemeinen
+Begriff der Materie hervor. Dieser Widerstand aber, den Etwas
+<a class="pagenum" name="Page_337" title="337"> </a>
+in dem Raume seiner Gegenwart leistet, ist auf solche Weise
+wohl <em class="gesperrt">erkannt</em>, allein darum nicht <em class="gesperrt">begriffen</em>. Denn es ist derselbe,
+sowie alles, was einer Tätigkeit entgegenwirkt, eine wahre
+Kraft, und da ihre Richtung derjenigen entgegensteht, wornach
+die fortgezogne Linien der <em class="gesperrt">Annäherung</em> zielen, so ist sie eine
+Kraft der <em class="gesperrt">Zurückstoßung</em>, welche der Materie und folglich auch
+ihren Elementen muß beigeleget werden. Nun wird sich ein jeder
+Vernünftiger bald bescheiden, daß hier die menschliche Einsicht
+zu Ende sei. Denn nur durch die Erfahrung kann man innewerden,
+daß Dinge der Welt, welche wir <em class="gesperrt">materiell</em> nennen, eine
+solche Kraft haben, niemals aber die Möglichkeit derselben begreifen.
+Wenn ich nun Substanzen anderer Art setze, die mit
+andern Kräften im Raume gegenwärtig sind, als mit jener <em class="gesperrt">treibenden</em>
+Kraft, deren Folge die Undurchdringlichkeit ist, so kann
+ich freilich eine Tätigkeit derselben, welche keine Analogie mit
+meinen Erfahrungsvorstellungen hat, gar nicht <i lang="la" xml:lang="la">in concreto</i> denken,
+und indem ich ihnen die Eigenschaft nehme, den Raum, in dem
+sie wirken, zu <em class="gesperrt">erfüllen</em>, so stehet mir ein Begriff ab, wodurch
+mir sonsten die Dinge denklich sind, welche in meine Sinne
+fallen, und es muß daraus notwendig eine Art von Undenklichkeit
+entspringen. Allein diese kann darum nicht als eine erkannte
+Unmöglichkeit angesehen werden, eben darum weil das Gegenteil
+seiner Möglichkeit nach gleichfalls uneingesehen bleiben wird,
+obzwar dessen Wirklichkeit in die Sinne fällt.</p>
+
+<p>Man kann demnach die Möglichkeit immaterieller Wesen annehmen
+ohne Besorgnis widerlegt zu werden, wiewohl auch ohne
+Hoffnung, diese Möglichkeit durch Vernunftgründe beweisen zu
+können. Solche geistige Naturen würden im Raume gegenwärtig
+sein, sodaß derselbe demungeachtet vor körperliche Wesen immer
+durchdringlich bliebe, weil ihre Gegenwart wohl eine <em class="gesperrt">Wirksamkeit</em>
+im Raume, aber nicht dessen <em class="gesperrt">Erfüllung</em>, d.&nbsp;i. einen Widerstand
+als den Grund der Solidität enthielte. Nimmt man nun
+eine solche <em class="gesperrt">einfache</em> geistige Substanz an, so würde man unbeschadet
+ihrer Unteilbarkeit sagen können, daß der Ort ihrer unmittelbaren
+Gegenwart nicht ein Punkt, sondern selbst ein Raum
+sei. Denn um die Analogie zu Hülfe zu rufen, so müssen notwendig
+selbst die einfachen Elemente der Körper ein jegliches
+ein Räumchen in dem Körper erfüllen, der ein proportionierter
+Teil seiner ganzen Ausdehnung ist, weil Punkte gar nicht Teile,
+sondern Grenzen des Raumes sind. Da diese Erfüllung des Raumes
+<a class="pagenum" name="Page_338" title="338"> </a>
+vermittelst einer wirksamen Kraft (der Zurückstoßung) geschieht
+und also nur einen Umfang der größeren Tätigkeit, nicht aber
+eine Vielheit der Bestandteile des wirksamen Subjekts anzeigt, so
+widerstreitet sie gar nicht der einfachen Natur desselben, obgleich
+freilich die Möglichkeit hievon nicht weiter kann deutlich gemacht
+werden, welches niemals bei den ersten Verhältnissen der
+Ursachen und Wirkungen angeht. Ebenso wird mir zum wenigsten
+keine erweisliche Unmöglichkeit entgegenstehen, obschon die
+Sache selbst unbegreiflich bleibt, wenn ich behaupte, daß eine
+geistige Substanz, ob sie gleich einfach ist, dennoch einen Raum
+<em class="gesperrt">einnehme</em>, (d.&nbsp;i. in ihm unmittelbar tätig sein könne), ohne ihn
+zu <em class="gesperrt">erfüllen</em>, (d.&nbsp;i. materiellen Substanzen darin Widerstand zu
+leisten). Auch würde eine solche immaterielle Substanz nicht ausgedehnt
+genannt werden müssen, so wenig wie es die Einheiten
+der Materie sind; denn nur dasjenige, was abgesondert von allem
+und <em class="gesperrt">vor sich</em> allein existierend einen Raum einnimmt, ist <em class="gesperrt">ausgedehnt</em>;
+die Substanzen aber, welche Elemente der Materie sind,
+nehmen einen Raum nur durch die <em class="gesperrt">äußere</em> Wirkung in andere
+ein, vor sich besonders aber, wo keine andre Dinge in Verknüpfung
+mit ihnen gedacht werden, und da in ihnen selbst auch nichts
+außereinander Befindliches anzutreffen ist, enthalten sie keinen
+Raum. Dieses gilt von Körperelementen. Dieses würde auch von
+geistigen Naturen gelten. Die Grenzen der Ausdehnung bestimmen
+die Figur. An ihnen würde also keine Figur gedacht werden
+können. Dieses sind schwer einzusehende Gründe der vermuteten
+Möglichkeit immaterieller Wesen in dem Weltganzen. Wer im
+Besitze leichterer Mittel ist, die zu dieser Einsicht führen können,
+der versage seinen Unterricht einem Lehrbegierigen nicht, vor
+dessen Augen im Fortschritt der Untersuchung sich öfters Alpen
+erheben, wo andere einen ebenen und gemächlichen Fußsteig vor
+sich sehen, den sie fortwandern oder zu wandern glauben.</p>
+
+<p>Gesetzt nun, man hätte bewiesen, die Seele des Menschen sei
+ein Geist, (wiewohl aus dem vorigen zu sehen ist, daß ein solcher
+Beweis noch niemals geführet worden), so würde die nächste
+Frage, die man tun könnte, etwa diese sein: Wo ist der Ort
+dieser menschlichen Seele in der Körperwelt? Ich würde antworten:
+Derjenige Körper, dessen Veränderungen <em class="gesperrt">meine</em> Veränderungen
+sind, dieser Körper ist <em class="gesperrt">mein</em> Körper, und der Ort
+desselben ist zugleich <em class="gesperrt">mein Ort</em>. Setzet man die Frage weiter
+fort: Wo ist denn <em class="gesperrt">dein</em> Ort (der Seele) in diesem Körper, so
+<a class="pagenum" name="Page_339" title="339"> </a>
+würde ich etwas Verfängliches in dieser Frage vermuten. Denn
+man bemerkt leicht, daß darin etwas schon vorausgesetzet werde,
+was nicht durch Erfahrung bekannt ist, sondern vielleicht auf
+eingebildeten Schlüssen beruhet, nämlich daß mein denkendes Ich
+in einem Orte sei, der von den Örtern anderer Teile desjenigen
+Körpers, der zu meinem Selbst gehöret, unterschieden wäre. Niemand
+aber ist sich eines besondern Orts in seinem Körper unmittelbar
+bewußt, sondern desjenigen, den er als Mensch in Ansehung
+der Welt umher einnimmt. Ich würde mich also an der
+gemeinen Erfahrung halten und vorläufig sagen: Wo ich empfinde,
+da <em class="gesperrt">bin</em> ich. Ich bin ebenso unmittelbar in der Fingerspitze wie
+in dem Kopfe. Ich bin es selbst, der in der Ferse leidet und
+welchem das Herz im Affekte klopft. Ich fühle den schmerzhaften
+Eindruck nicht an einer Gehirnnerve, wenn mich mein Leichdorn
+peinigt, sondern am Ende meiner Zehen. Keine Erfahrung
+lehrt mich einige Teile meiner Empfindung von mir vor entfernt
+zu halten, mein unteilbares Ich in ein mikroskopisch kleines
+Plätzchen des Gehirnes zu versperren, um von da aus den Hebezeug
+meiner Körpermaschine in Bewegung zu setzen oder dadurch
+selbst getroffen zu werden. Daher würde ich einen strengen Beweis
+verlangen, um dasjenige ungereimt zu finden, was die Schullehrer
+sagten: <em class="gesperrt">Meine Seele ist ganz im ganzen Körper und
+ganz in jedem seiner Teile.</em> Der gesunde Verstand bemerkt
+oft die Wahrheit eher, als er die Gründe einsiehet, dadurch er
+sie beweisen oder erläutern kann. Der Einwurf würde mich auch
+nicht gänzlich irre machen, wenn man sagte, daß ich auf solche
+Art die Seele ausgedehnt und durch den ganzen Körper verbreitet
+gedächte, so ohngefähr wie sie den Kindern in der <em class="gesperrt">gemalten
+Welt</em> abgebildet wird. Denn ich würde diese Hindernis dadurch
+wegräumen, daß ich bemerkte, die unmittelbare Gegenwart in
+einem ganzen Raume beweise nur eine Sphäre der äußeren Wirksamkeit,
+aber nicht eine Vielheit innerer Teile, mithin auch keine
+Ausdehnung oder Figur, als welche nur stattfinden, wenn in einem
+Wesen <em class="gesperrt">vor sich allein gesetzt</em> ein Raum ist, d.&nbsp;i. Teile anzutreffen
+sind, die sich außerhalb einander befinden. Endlich würde
+ich entweder dieses wenige von der geistigen Eigenschaft meiner
+Seele wissen oder, wenn man es nicht einwilligte, auch zufrieden
+sein, davon gar nichts zu wissen.</p>
+
+<p>Wollte man diesen Gedanken die Unbegreiflichkeit oder,
+welches bei den meisten vor einerlei gilt, ihre Unmöglichkeit
+<a class="pagenum" name="Page_340" title="340"> </a>
+vorrücken, so könnte ich es auch geschehen lassen. Alsdenn
+würde ich mich zu den Füßen dieser Weisen niederlassen, um
+sie also reden zu hören: Die Seele des Menschen hat ihren Sitz
+im Gehirne, und ein unbeschreiblich kleiner Platz in demselben
+ist ihr Aufenthalt.<a name="FNanchor_3" href="#Footnote_3" class="fnanchor">(3)</a> Daselbst empfindet sie wie die Spinne im
+Mittelpunkte ihres Gewebes. Die Nerven des Gehirnes stoßen
+oder erschüttern sie, dadurch verursachen sie aber, daß nicht
+dieser unmittelbare Eindruck, sondern der, so auf ganz entlegene
+Teile des Körpers geschieht, jedoch als ein außerhalb dem
+Gehirne gegenwärtiges Objekt vorgestellet wird. Aus diesem Sitze
+<a class="pagenum" name="Page_341" title="341"> </a>
+bewegt sie auch die Seile und Hebel der ganzen Maschine und
+verursacht willkürliche Bewegungen nach ihrem Belieben. Dergleichen
+Sätze lassen sich nur sehr seichte oder gar nicht beweisen
+und, weil die Natur der Seele im Grunde nicht bekannt gnug
+ist, auch nur ebenso schwach widerlegen. Ich würde also mich
+in keine Schulgezänke einlassen, wo gemeiniglich beide Teile alsdenn
+am meisten zu sagen haben, wenn sie von ihrem Gegenstande
+gar nichts verstehen; sondern ich würde lediglich den
+Folgerungen nachgehen, auf die mich eine Lehre von dieser Art
+leiten kann. Weil also nach denen mir angepriesenen Sätzen
+meine Seele, in der Art wie sie im Raume gegenwärtig ist, von
+jedem Element der Materie nicht unterschieden wäre, und die
+Verstandeskraft eine innere Eigenschaft ist, welche ich in diesen
+Elementen doch nicht wahrnehmen könnte, wenngleich selbige in
+ihnen allen angetroffen würde, so könnte kein tauglicher Grund
+angeführet werden, weswegen nicht meine Seele eine von den
+Substanzen sei, welche die Materie ausmachen, und warum nicht
+ihre besondere Erscheinungen lediglich von dem Orte herrühren
+sollten, den sie in einer künstlichen Maschine, wie der tierische
+Körper ist, einnimmt, wo die Nervenvereinigung der inneren
+Fähigkeit des Denkens und der Willkür zustatten kommt. Alsdenn
+aber würde man kein eigentümliches Merkmal der Seele
+mehr mit Sicherheit erkennen, welches sie von dem rohen Grundstoffe
+der körperlichen Naturen unterschiede, und LEIBNIZENS
+scherzhafter Einfall, nach welchem wir vielleicht im Kaffee Atomen
+verschluckten, woraus Menschenseelen werden sollen, wäre nicht
+mehr ein Gedanke zum Lachen. Würde aber auf solchen Fall
+dieses denkende Ich nicht dem gemeinen Schicksale materieller
+Naturen unterworfen sein und, wie es durch den Zufall aus dem
+Chaos aller Elemente gezogen worden, um eine tierische Maschine
+zu beleben, warum sollte es, nachdem diese zufällige Vereinigung
+aufgehört hat, nicht auch künftig dahin wiederum zurückkehren?
+Es ist bisweilen nötig, den Denker, der auf unrechtem Wege ist,
+durch die Folgen zu erschrecken, damit er aufmerksamer auf die
+Grundsätze werde, durch welche er sich gleichsam träumend hat
+fortführen lassen.</p>
+
+<p>Ich gestehe, daß ich sehr geneigt sei, das Dasein immaterieller
+Naturen in der Welt zu behaupten und meine Seele selbst in die
+Klasse dieser Wesen zu versetzen.<a name="FNanchor_4" href="#Footnote_4" class="fnanchor">(4)</a> Alsdenn aber, wie geheimnisvoll
+<a class="pagenum" name="Page_342" title="342"> </a>
+wird nicht die Gemeinschaft zwischen einem Geiste und
+einem Körper? Aber wie natürlich ist nicht zugleich diese Unbegreiflichkeit,
+da unsere Begriffe äußerer Handlungen von denen
+der Materie abgezogen worden und jederzeit mit den Bedingungen
+des Druckes oder Stoßes verbunden sind, die hier nicht stattfinden?
+Denn wie sollte wohl eine immaterielle Substanz der
+Materie im Wege liegen, damit diese in ihrer Bewegung auf einen
+Geist stoße, und wie können körperliche Dinge Wirkungen auf
+ein fremdes Wesen ausüben, das ihnen nicht Undurchdringlichkeit
+entgegenstellet, oder welches sie auf keine Weise hindert, sich in
+demselben Raume, darin es gegenwärtig ist, zugleich zu befinden?
+Es scheinet, ein geistiges Wesen sei der Materie innigst gegenwärtig,
+mit der es verbunden ist und wirke nicht auf diejenige
+Kräfte der Elemente, womit diese untereinander in Verhältnissen
+sind, sondern auf das innere Principium ihres Zustandes. Denn
+eine jede Substanz, selbst ein einfaches Element der Materie muß
+doch irgend eine innere Tätigkeit als den Grund der äußerlichen
+Wirksamkeit haben, wenn ich gleich nicht anzugeben weiß, worin
+solche bestehe.<a name="FNanchor_5" href="#Footnote_5" class="fnanchor">(5)</a> Andererseits würde bei solchen Grundsätzen die
+<a class="pagenum" name="Page_343" title="343"> </a>
+Seele auch in diesen innern Bestimmungen als Wirkungen den
+Zustand des Universum anschauend erkennen, der die Ursache derselben
+ist. Welche Notwendigkeit aber verursache, daß ein Geist
+und ein Körper zusammen Eines ausmache, und welche Gründe
+bei gewissen Zerstörungen diese Einheit wiederum aufheben, diese
+Fragen übersteigen nebst verschiedenen andern sehr weit meine
+Einsicht, und wie wenig ich auch sonst dreiste bin, meine Verstandesfähigkeit
+an den Geheimnissen der Natur zu messen, so
+bin ich gleichwohl zuversichtlich gnug, keinen noch so fürchterlich
+ausgerüsteten Gegner zu scheuen, (wenn ich sonsten einige
+Neigung zum Streiten hätte), um in diesem Falle mit ihm den
+Versuch der Gegengründe im <em class="gesperrt">Widerlegen</em> zu machen, der bei
+den Gelehrten eigentlich die Geschicklichkeit ist, einander das
+Nichtwissen zu demonstrieren.</p>
+
+<h3>Zweites Hauptstück.<br/><i>Ein Fragment der geheimen Philosophie, die Gemeinschaft mit der Geisterwelt zu eröffnen.</i></h3>
+
+<p>Der Initiat hat schon den groben und an den äußerlichen
+Sinnen klebenden Verstand zu höhern und abgezogenen Begriffen
+gewöhnt, und nun kann er geistige und von körperlichen
+Zeuge enthüllete Gestalten in derjenigen Dämmerung sehen, womit
+das schwache Licht der Metaphysik das Reich der Schatten
+sichtbar macht. Wir wollen daher nach der beschwerlichen Vorbereitung,
+welche überstanden ist, uns auf den gefährlichen Weg
+wagen.</p>
+
+<div class="poetry width20">
+<div class="stanza">
+<a class="pagenum" name="Page_344" title="344"> </a><div class="line">Ibant obscuri sola sub nocte per umbras,<br/></div>
+<div class="line">Perque domos Ditis vacuas et inania regna.<br/></div>
+<div class="line right">VIRGILIUS.<br/></div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">tote</em> Materie, welche den Weltraum erfüllet, ist ihrer
+eigentümlichen Natur nach im Stande der Trägheit und der Beharrlichkeit
+in einerlei Zustande, sie hat Solidität, Ausdehnung
+und Figur, und ihre Erscheinungen, die auf allen diesen Gründen
+beruhen, lassen eine <em class="gesperrt">physische</em> Erklärung zu, die zugleich mathematisch
+ist und zusammen <em class="gesperrt">mechanisch</em> genannt wird. Wenn
+man andererseits seine Achtsamkeit auf diejenige Art Wesen
+richtet, welche den Grund des <em class="gesperrt">Lebens</em> in dem Weltganzen enthalten,
+die um deswillen nicht von der Art sind, daß sie als
+Bestandteile den Klumpen und die Ausdehnung der leblosen Materie
+vermehren, noch von ihr nach den Gesetzen der Berührung
+und des Stoßes leiden, sondern vielmehr durch innere Tätigkeit
+sich selbst und überdem den toten Stoff der Natur rege machen,
+so wird man, wo nicht mit der Deutlichkeit einer Demonstration,
+doch wenigstens mit der Vorempfindung eines nicht ungeübten
+Verstandes sich von dem Dasein immaterieller Wesen überredet
+finden, deren besondere Wirkungsgesetze <em class="gesperrt">pneumatisch</em> und, soferne
+die körperliche Wesen Mittelursachen ihrer Wirkungen in
+der materiellen Welt sind, <em class="gesperrt">organisch</em> genannt werden. Da diese
+immaterielle Wesen selbsttätige Prinzipien sind, mithin Substanzen
+und vor sich bestehende Naturen, so ist diejenige Folge, auf die
+man zunächst gerät, diese, daß sie untereinander, unmittelbar vereinigt,
+vielleicht ein großes Ganze ausmachen mögen, welches
+man die immaterielle Welt (<i lang="la" xml:lang="la">mundus intelligibilis</i>) nennen kann.
+Denn mit welchem Grunde der Wahrscheinlichkeit wollte man
+wohl behaupten, daß dergleichen Wesen von einander ähnlicher
+Natur nur vermittelst anderer (körperlichen Dinge) von fremder
+Beschaffenheit in Gemeinschaft stehen könnten, indem dieses letztere
+noch viel rätselhafter als das erste ist?</p>
+
+<p>Diese <em class="gesperrt">immaterielle</em> Welt kann also als ein vor sich bestehendes
+Ganze angesehen werden, deren Teile untereinander in
+wechselseitiger Verknüpfung und Gemeinschaft stehen, auch ohne
+Vermittelung körperlicher Dinge, sodaß dieses letztere Verhältnis
+zufällig ist und nur einigen zukommen darf, ja, wo sie auch angetroffen
+wird, nicht hindert, daß nicht eben die immaterielle
+Wesen, welche durch die Vermittelung der Materie ineinander
+wirken, außer diesem noch in einer besondern und durchgängigen
+<a class="pagenum" name="Page_345" title="345"> </a>
+Verbindung stehen und jederzeit untereinander als immaterielle
+Wesen wechselseitige Einflüsse ausüben, sodaß das Verhältnis derselben
+vermittelst der Materie nur zufällig und auf einer besonderen
+göttlichen Anstalt beruhet, jene hingegen natürlich und
+unauflöslich ist.</p>
+
+<p>Indem man denn auf solche Weise alle Prinzipien des Lebens
+in der ganzen Natur als so viel unkörperliche Substanzen untereinander
+in Gemeinschaft, aber auch zum Teil mit der Materie
+vereinigt zusammennimmt, so gedenkt man sich ein großes Ganze
+der immateriellen Welt, eine unermeßliche, aber unbekannte
+Stufenfolge von Wesen und tätigen Naturen, durch welche der
+tote Stoff der Körperwelt allein belebt wird. Bis auf welche
+Glieder aber der Natur Leben ausgebreitet sei, und welche diejenigen
+Grade desselben seien, die zunächst an die völlige Leblosigkeit
+grenzen, ist vielleicht unmöglich, jemals mit Sicherheit
+auszumachen. Der <em class="gesperrt">Hylozoismus</em> belebt alles, der Materialismus
+dagegen, wenn er genau erwogen wird, tötet alles. MAUPERTUIS
+maß den organischen Nahrungsteilchen aller Tiere den
+niedrigsten Grad Leben bei; andere Philosophen sehen an ihnen
+nichts als tote Klumpen, welche nur dienen, den Hebezeug der
+tierischen Maschinen zu vergrößern. Das ungezweifelte Merkmal
+des Lebens an dem, was in unsere äußere Sinne fällt, ist wohl
+die freie Bewegung, die da blicken läßt, daß sie aus Willkür entsprungen
+sei; allein der Schluß ist nicht sicher, daß, wo dieses
+Merkmal nicht angetroffen wird, auch kein Grad des Lebens befindlich
+sei. BOERHAAVE sagt an einem Orte: <em class="gesperrt">Das Tier ist
+eine Pflanze, die ihre Wurzel im Magen</em> (inwendig) <em class="gesperrt">hat.</em>
+Vielleicht könnte ein anderer ebenso ungetadelt mit diesen Begriffen
+spielen und sagen: <em class="gesperrt">Die Pflanze ist ein Tier, das seinen
+Magen in der Wurzel</em> (äußerlich) <em class="gesperrt">hat.</em> Daher auch den letzteren
+die Organen der willkürlichen Bewegung und mit ihnen die
+äußerliche Merkmale des Lebens fehlen können, die doch den
+ersteren notwendig sind, weil ein Wesen, welches die Werkzeuge
+seiner Ernährung in sich hat, sich selbst seiner Bedürfnis gemäß
+muß bewegen können, dasjenige aber, an welchem dieselbe außerhalb
+und in dem Elemente seiner Unterhaltung eingesenkt sind,
+schon gnugsam durch äußere Kräfte erhalten wird und, wenn es
+gleich ein Principium des inneren Lebens in der Vegetation enthält,
+doch keine organische Einrichtung zur äußerlichen willkürlichen
+Tätigkeit bedarf. Ich verlange nichts von allem diesen
+<a class="pagenum" name="Page_346" title="346"> </a>
+auf Beweisgründe; denn außerdem, daß ich sehr wenig zum
+Vorteil von dergleichen Mutmaßungen würde zu sagen haben, so
+haben sie noch als bestäubte veraltete Grillen den Spott der
+Mode wider sich. Die Alten glaubten nämlich dreierlei Art vom
+Leben annehmen zu können, das <em class="gesperrt">pflanzenartige</em>, das <em class="gesperrt">tierische</em>
+und das <em class="gesperrt">vernünftige</em>. Wenn sie die drei immaterielle Prinzipien
+derselben in dem Menschen vereinigten, so möchten sie wohl
+unrecht haben, wenn sie aber solche unter die dreierlei Gattungen
+der wachsenden und ihresgleichen erzeugenden Geschöpfe verteileten,
+so sagten sie freilich wohl etwas Unerweisliches, aber darum noch
+nicht Ungereimtes, vornehmlich in dem Urteile desjenigen, der
+das besondere Leben der von einigen Tieren abgetrenneten Teile,
+die Irritabilität, diese so wohl erwiesene, aber auch zugleich so
+unerklärliche Eigenschaft der Fasern eines tierischen Körpers und
+einiger Gewächse, und endlich die nahe Verwandtschaft der
+Polypen und anderer Zoophyten mit den Gewächsen in Betracht
+ziehen wollte. Übrigens ist die Berufung auf immaterielle Prinzipien
+eine Zuflucht der faulen Philosophie und darum auch die
+Erklärungsart in diesem Geschmacke nach aller Möglichkeit zu
+vermeiden, damit diejenigen Gründe der Welterscheinungen, welche
+auf den Bewegungsgesetzen der bloßen Materie beruhen, und
+welche auch einzig und allein der Begreiflichkeit fähig sind, in
+ihrem ganzen Umfange erkannt werden. Gleichwohl bin ich
+überzeugt, daß STAHL, welcher die tierische Veränderungen gerne
+organisch erklärt, oftmals der Wahrheit näher sei, als HOFMANN,
+BOERHAAVE u.&nbsp;a.&nbsp;m., welche die immaterielle Kräfte aus dem
+Zusammenhange lassen, sich an die mechanische Gründe halten
+und hierin einer mehr philosophischen Methode folgen, die wohl
+bisweilen fehlt, aber mehrmalen zutrifft, und die auch allein in
+der Wissenschaft von nützlicher Anwendung ist, wenn anderseits
+von dem Einflusse der Wesen von unkörperlicher Natur höchstens
+nur erkannt werden kann, daß er da sei, niemals aber, wie er
+zugehe und wie weit sich seine Wirksamkeit erstrecke.</p>
+
+<p>So würde denn also die immaterielle Welt zuerst alle erschaffene
+Intelligenzen, deren einige mit der Materie zu einer
+Person verbunden sind, andere aber nicht, in sich befassen, überdem
+die empfindende Subjekte in allen Tierarten und endlich alle
+Prinzipien des Lebens, welche sonst noch in der Natur wo sein
+mögen, ob dieses sich gleich durch keine äußerliche Kennzeichen
+der willkürlichen Bewegung offenbarete. Alle diese immaterielle
+<a class="pagenum" name="Page_347" title="347"> </a>
+Naturen, sage ich, sie mögen nun ihre Einflüsse in der Körperwelt
+ausüben oder nicht, alle vernünftige Wesen, deren zufälliger
+Zustand tierisch ist, es sei hier auf der Erde oder in andern
+Himmelskörpern, sie mögen den rohen Zeug der Materie jetzt
+oder künftig beleben oder ehedem belebt haben, würden nach
+diesen Begriffen in einer ihrer Natur gemäßen Gemeinschaft stehen,
+die nicht auf den Bedingungen beruht, wodurch die Verhältnis
+der Körper eingeschränkt ist, und wo die Entfernung der Örter
+oder der Zeitalter, welche in der sichtbaren Welt die große Kluft
+ausmacht, die alle Gemeinschaft aufhebt, verschwindet. Die menschliche
+Seele würde daher schon in dem gegenwärtigen Leben als
+verknüpft mit zweien Welten zugleich müssen angesehen werden,
+von welchen sie, soferne sie zu persönlicher Einheit mit einem
+Körper verbunden ist, die materielle allein klar empfindet, dagegen
+als ein Glied der Geisterwelt die reine Einflüsse immaterieller
+Naturen empfängt und erteilet, sodaß, sobald jene Verbindung
+aufgehört hat, die Gemeinschaft, darin sie jederzeit mit geistigen
+Naturen stehet, allein übrig bleibt und sich ihrem Bewußtsein
+zum klaren Anschauen eröffnen müßte.<a name="FNanchor_6" href="#Footnote_6" class="fnanchor">(6)</a></p>
+
+<p>Es wird mir nachgerade beschwerlich, immer die behutsame
+Sprache der Vernunft zu führen. Warum sollte es mir nicht auch
+<a class="pagenum" name="Page_348" title="348"> </a>
+erlaubt sein, im akademischen Tone zu reden, der entscheidender
+ist und sowohl den Verfasser als den Leser des Nachdenkens
+überhebt, welches über lang oder kurz beide nur zu einer verdrießlichen
+Unentschlossenheit führen muß. Es ist demnach so
+gut als demonstriert, oder es könnte leichtlich bewiesen werden,
+wenn man weitläuftig sein wollte oder noch besser, es wird
+künftig, ich weiß nicht wo oder wenn, noch bewiesen werden,
+daß die menschliche Seele auch in diesem Leben in einer unauflöslich
+verknüpften Gemeinschaft mit allen immateriellen Naturen
+der Geisterwelt stehe, daß sie wechselweise in diese wirke und
+von ihnen Eindrücke empfange, deren sie sich aber als Mensch
+nicht bewußt ist, solange alles wohl steht. Andererseits ist es
+auch wahrscheinlich, daß die geistige Naturen unmittelbar keine
+sinnliche Empfindung von der Körperwelt mit Bewußtsein haben
+können, weil sie mit keinem Teil der Materie zu einer Person
+verbunden sind, um sich vermittelst desselben ihres Orts in dem
+materiellen Weltganzen und durch künstliche Organen der Verhältnis
+der ausgedehnten Wesen gegen sich und gegen einander
+bewußt zu werden, daß sie aber wohl in die Seelen der Menschen
+als Wesen von einerlei Natur einfließen können und auch
+wirklich jederzeit mit ihnen in wechselseitiger Gemeinschaft stehen,
+doch so, daß in der Mitteilung der Vorstellungen diejenige, welche
+die Seele als ein von der Körperwelt abhängendes Wesen in sich
+enthält, nicht in andere geistige Wesen und die Begriffe der letzteren,
+als anschauende Vorstellungen von immateriellen Dingen,
+nicht in das klare Bewußtsein des Menschen übergehen können,
+wenigstens nicht in ihrer eigentlichen Beschaffenheit, weil die
+Materialien zu beiderlei Ideen von verschiedener Art sind.</p>
+
+<p>Es würde schön sein, wenn eine dergleichen systematische Verfassung
+der Geisterwelt, als wir sie vorstellen, nicht lediglich aus
+dem Begriffe von der geistigen Natur überhaupt, der gar zu sehr
+hypothetisch ist, sondern aus irgendeiner wirklichen und allgemein
+zugestandenen Beobachtung könnte geschlossen, oder auch nur
+wahrscheinlich vermutet werden. Daher wage ich es auf die
+Nachsicht des Lesers, einen Versuch von dieser Art hier einzuschalten,
+der zwar etwas außer meinem Wege liegt und auch von
+der Evidenz weit gnug entfernet ist, gleichwohl aber zu nicht
+unangenehmen Vermutungen Anlaß zu geben scheinet.</p>
+
+<p class="asterisk-break">* * *</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_349" title="349"> </a>Unter den Kräften, die das menschliche Herz bewegen, scheinen
+einige der mächtigsten außerhalb demselben zu liegen, die
+also nicht etwa als bloße Mittel sich auf die Eigennützigkeit und
+Privatbedürfnis als auf ein Ziel, das <em class="gesperrt">innerhalb</em> dem Menschen
+selbst liegt, beziehen, sondern welche machen, daß die Tendenzen
+unserer Regungen den Brennpunkt ihrer Vereinigung <em class="gesperrt">außer uns</em>
+in andere vernünftige Wesen versetzen; woraus ein Streit zweier
+Kräfte entspringt, nämlich der Eigenheit, die alles auf sich beziehet,
+und der Gemeinnützigkeit, dadurch das Gemüt gegen andere
+außer sich getrieben oder gezogen wird. Ich halte mich bei dem
+Triebe nicht auf, vermöge dessen wir so stark und so allgemein
+am Urteile anderer hängen und fremde Billigung oder Beifall zur
+Vollendung des unsrigen vor uns selbst so nötig zu sein erachten,
+woraus, wenngleich bisweilen ein übelverstandener Ehrenwahn
+entspringt, dennoch selbst in der uneigennützigsten und wahrhaftesten
+Gemütsart ein geheimer Zug verspürt wird, dasjenige,
+was man vor sich selbst als <em class="gesperrt">gut</em> oder <em class="gesperrt">wahr</em> erkennt, mit dem
+Urteil anderer zu vergleichen, um beide einstimmig zu machen,
+imgleichen eine jede menschliche Seele auf dem Erkenntniswege
+gleichsam anzuhalten, wenn sie einen andern Fußsteig zu gehen
+scheint, als den wir eingeschlagen haben, welches alles vielleicht
+eine empfundene Abhängigkeit unserer eigenen Urteile vom <em class="gesperrt">allgemeinen
+menschlichen Verstande</em> ist und ein Mittel wird,
+dem Ganzen denkender Wesen eine Art von Vernunfteinheit zu
+verschaffen.</p>
+
+<p>Ich übergehe aber diese sonst nicht unerhebliche Betrachtung
+und halte mich vor jetzt an eine andere, welche einleuchtender
+und beträchtlicher ist, so viel es unsere Absicht betrifft. Wenn
+wir äußere Dinge auf unsere Bedürfnis beziehen, so können wir
+dieses nicht tun, ohne uns zugleich durch eine gewisse Empfindung
+gebunden und eingeschränkt zu fühlen, die uns merken läßt, daß
+in uns gleichsam ein fremder Wille wirksam sei, und unser eigen
+Belieben die Bedingung von äußerer Beistimmung nötig habe.
+Eine geheime Macht nötiget uns, unsere Absicht zugleich auf
+anderer Wohl oder nach fremder Willkür zu richten, ob dieses
+gleich öfters ungern geschieht und der eigennützigen Neigung
+stark widerstreitet, und der Punkt, wohin die Richtungslinien
+unserer Triebe zusammenlaufen, ist also nicht bloß in uns, sondern
+es sind noch Kräfte, die uns bewegen, in dem Wollen anderer
+außer uns. Daher entspringen die sittlichen Antriebe, die uns
+<a class="pagenum" name="Page_350" title="350"> </a>
+oft wider den Dank des Eigennutzes fortreißen, das starke Gesetz
+der Schuldigkeit und das schwächere der Gütigkeit, deren jede
+uns manche Aufopferung abdringt, und obgleich beide dann und
+wann durch eigennützige Neigungen überwogen werden, doch
+nirgend in der menschlichen Natur ermangeln, ihre Wirklichkeit
+zu äußern. Dadurch sehen wir uns in den geheimsten Beweggründen
+abhängig von der <em class="gesperrt">Regel des allgemeinen Willens</em>,
+und es entspringt daraus in der Welt aller denkenden Naturen
+eine <em class="gesperrt">moralische Einheit</em> und systematische Verfassung nach bloß
+geistigen Gesetzen. Will man diese in uns empfundene Nötigung
+unseres Willens zur Einstimmung mit dem allgemeinen Willen das
+<em class="gesperrt">sittliche Gefühl</em> nennen, so redet man davon nur als von einer
+Erscheinung dessen, was in uns wirklich vorgeht, ohne die Ursachen
+derselben auszumachen. So nannte NEWTON das sichere
+Gesetz der Bestrebungen aller Materie, sich einander zu nähern die
+<em class="gesperrt">Gravitation</em> derselben, indem er seine mathematische Demonstrationen
+nicht in eine verdrießliche Teilnehmung an philosophischen
+Streitigkeiten verflechten wollte, die sich über die Ursache derselben
+eräugnen könnten. Gleichwohl trug er kein Bedenken,
+diese Gravitation als eine wahre Wirkung einer allgemeinen Tätigkeit
+der Materie ineinander zu behandeln und gab ihr daher auch
+den Namen der <em class="gesperrt">Anziehung</em>. Sollte es nicht möglich sein, die
+Erscheinung der sittlichen Antriebe in den denkenden Naturen,
+wie solche sich aufeinander wechselsweise beziehen, gleichfalls
+als die Folge einer wahrhaftig tätigen Kraft, dadurch geistige
+Naturen ineinander einfließen, vorzustellen, sodaß das sittliche Gefühl
+diese <em class="gesperrt">empfundene Abhängigkeit</em> des Privatwillens vom
+allgemeinen Willen wäre und eine Folge der natürlichen und
+allgemeinen Wechselwirkung, dadurch die immaterielle Welt ihre
+sittliche Einheit erlangt, indem sie sich nach den Gesetzen dieses
+ihr eigenen Zusammenhanges zu einem System von geistiger Vollkommenheit
+bildet? Wenn man diesen Gedanken so viel Scheinbarkeit
+zugesteht als erforderlich ist, um die Mühe zu verdienen,
+sie an ihren Folgen zu messen, so wird man vielleicht durch den
+Reiz derselben unvermerkt in einige Parteilichkeit gegen sie verflochten
+werden. Denn es scheinen in diesem Falle die Unregelmäßigkeiten
+mehrenteils zu verschwinden, die sonsten bei dem
+Widerspruch der moralischen und physischen Verhältnisse der
+Menschen hier auf der Erde so befremdlich in die Augen fallen.
+Alle Moralität der Handlungen kann nach der Ordnung der Natur
+<a class="pagenum" name="Page_351" title="351"> </a>
+niemals ihre vollständige Wirkung in dem leiblichen Leben des
+Menschen haben, wohl aber in der Geisterwelt nach pneumatischen
+Gesetzen. Die wahre Absichten, die geheime Beweggründe vieler
+aus Ohnmacht fruchtlosen Bestrebungen, der Sieg über sich selbst,
+oder auch bisweilen die verborgene Tücke bei scheinbarlich guten
+Handlungen sind mehrenteils vor den physischen Erfolg in dem
+körperlichen Zustande verloren, sie würden aber auf solche Weise
+in der immateriellen Welt als fruchtbare Gründe angesehen werden
+müssen und in Ansehung ihrer nach pneumatischen Gesetzen zufolge
+der Verknüpfung des Privatwillens und des allgemeinen
+Willens, d.&nbsp;i. der Einheit und des Ganzen der Geisterwelt, eine
+der sittlichen Beschaffenheit der freien Willkür angemessene Wirkung
+ausüben oder auch gegenseitig empfangen. Denn weil das
+Sittliche der Tat den inneren Zustand des Geistes betrifft, so
+kann es auch natürlicherweise nur in der unmittelbaren Gemeinschaft
+der Geister die der ganzen Moralität adäquate Wirkung
+nach sich ziehen. Dadurch würde es nun geschehen, daß die
+Seele des Menschen schon in diesem Leben dem sittlichen Zustande
+zufolge ihre Stelle unter den geistigen Substanzen des Universum
+einnehmen müßte, so wie nach den Gesetzen der Bewegung die
+Materien des Weltraums sich in solche Ordnung gegeneinander
+setzen, die ihren Körperkräften gemäß ist.<a name="FNanchor_7" href="#Footnote_7" class="fnanchor">(7)</a> Wenn denn endlich
+durch den Tod die Gemeinschaft der Seele mit der Körperwelt
+aufgehoben worden, so würde das Leben in der andern
+Welt nur eine natürliche Fortsetzung derjenigen Verknüpfung sein,
+darin sie mit ihr schon in diesem Leben gestanden war, und die
+gesamte Folgen der hier ausgeübten Sittlichkeit würden sich dort
+in denen Wirkungen wieder finden, die ein mit der ganzen
+Geisterwelt in unauflöslicher Gemeinschaft stehendes Wesen schon
+vorher daselbst nach pneumatischen Gesetzen ausgeübt hat. Die
+Gegenwart und die Zukunft würden also gleichsam aus einem
+<a class="pagenum" name="Page_352" title="352"> </a>
+Stücke sein und ein stetiges Ganze ausmachen, selbst nach der
+<em class="gesperrt">Ordnung der Natur</em>. Dieser letztere Umstand ist von besonderer
+Erheblichkeit. Denn in einer Vermutung nach bloßen
+Gründen der Vernunft ist es eine große Schwierigkeit, wenn man,
+um den Übelstand zu heben, der aus der unvollendeten Harmonie
+zwischen der Moralität und ihren Folgen in dieser Welt entspringt,
+zu einem außerordentlichen göttlichen Willen seine Zuflucht nehmen
+muß, weil, so wahrscheinlich auch das Urteil über denselben nach
+unseren Begriffen von der göttlichen Weisheit sein mag, immer
+ein starker Verdacht übrig bleibt, daß die schwache Begriffe
+unseres Verstandes vielleicht auf den Höchsten sehr verkehrt übertragen
+worden, da des Menschen Obliegenheit nur ist, von dem
+göttlichen Willen zu urteilen aus der Wohlgereimtheit, die er
+wirklich in der Welt wahrnimmt, oder welche er nach der Regel
+der Analogie gemäß der Naturordnung darin vermuten kann, nicht
+aber nach dem Entwurfe seiner eigenen Weisheit, den er zugleich
+dem göttlichen Willen zur Vorschrift macht, befugt ist, neue und
+willkürliche Anordnungen in der gegenwärtigen oder künftigen
+Welt zu ersinnen.</p>
+
+<p class="asterisk-break">* * *</p>
+
+<p>Wir lenken nunmehr unsere Betrachtung wiederum in den
+vorigen Weg ein und nähern uns dem Ziele, welches wir uns
+vorgesetzt hatten. Wenn es sich mit der Geisterwelt und dem
+Anteile, den unsere Seele an ihr hat, so verhält, wie der Abriß,
+den wir erteilten, ihn vorstellt, so scheinet fast nichts befremdlicher
+zu sein, als daß die Geistergemeinschaft nicht eine ganz
+allgemeine und gewöhnliche Sache ist, und das Außerordentliche
+betrifft fast mehr die Seltenheit der Erscheinungen, als die Möglichkeit
+derselben. Diese Schwierigkeit läßt sich indessen ziemlich
+gut heben und ist zum Teil auch schon gehoben worden. Denn
+die Vorstellung, die die Seele des Menschen von sich selbst als
+einem Geiste durch ein immaterielles Anschauen hat, indem sie
+sich in Verhältnis gegen Wesen von ähnlicher Natur betrachtet,
+ist von derjenigen ganz verschieden, da ihr Bewußtsein sich selbst
+als einen <em class="gesperrt">Menschen</em> vorstellt durch ein Bild, das seinen Ursprung
+aus dem Eindrucke körperlicher Organen hat, und welches in Verhältnis
+gegen keine andere als materielle Dinge vorgestellt wird.
+Es ist demnach zwar einerlei Subjekt, was der sichtbaren und
+unsichtbaren Welt zugleich als ein Glied angehört, aber nicht
+<a class="pagenum" name="Page_353" title="353"> </a>
+ebendieselbe Person, weil die Vorstellungen der einen ihrer verschiedenen
+Beschaffenheit wegen keine begleitende Ideen von denen
+der andern Welt sind und daher, was ich als Geist denke, von
+mir als Mensch nicht erinnert wird, und umgekehrt mein Zustand
+als eines Menschen in die Vorstellung meiner selbst als eines
+Geistes gar nicht hineinkommt. Übrigens mögen die Vorstellungen
+von der Geisterwelt so klar und anschauend sein, wie man will,<a name="FNanchor_8" href="#Footnote_8" class="fnanchor">(8)</a>
+so ist dieses doch nicht hinlänglich, um mich deren als Mensch
+bewußt zu werden; wie denn sogar die Vorstellung seiner selbst
+(d.&nbsp;i. der Seele) als eines Geistes wohl durch Schlüsse erworben
+wird, bei keinem Menschen aber ein anschauender und Erfahrungsbegriff
+ist.</p>
+
+<p>Diese Ungleichartigkeit der geistigen Vorstellungen und derer,
+<a class="pagenum" name="Page_354" title="354"> </a>
+die zum leiblichen Leben des Menschen gehören, darf indessen
+nicht als eine so große Hindernis angesehen werden, daß sie alle
+Möglichkeit aufhebe, sich bisweilen der Einflüsse von seiten der
+Geisterwelt sogar in diesem Leben bewußt zu werden. Denn sie
+können in das persönliche Bewußtsein des Menschen zwar nicht
+unmittelbar, aber doch so übergehen, daß sie nach dem Gesetz
+der vergesellschafteten Begriffe diejenige Bilder rege machen, die
+mit ihnen verwandt sind und analogische Vorstellungen unserer
+Sinne erwecken, die wohl nicht der geistige Begriff selber, aber
+doch deren Symbolen sind. Denn es ist doch immer ebendieselbe
+Substanz, die zu dieser Welt sowohl als zu der andern wie ein
+Glied gehöret, und beiderlei Art von Vorstellungen gehören zu
+demselben Subjekte und sind miteinander verknüpft. Die Möglichkeit
+hievon können wir einigermaßen dadurch faßlich machen,
+wenn wir betrachten, wie unsere höhere Vernunftbegriffe, welche
+sich den geistigen ziemlich nähern, gewöhnlichermaßen gleichsam
+ein körperlich Kleid annehmen, um sich in Klarheit zu setzen.
+Daher die moralische Eigenschaften der Gottheit unter den Vorstellungen
+des Zorns, der Eifersucht, der Barmherzigkeit, der Rache,
+u.&nbsp;d.&nbsp;g. vorgestellt werden; daher personifizieren Dichter die
+Tugenden, Laster oder andere Eigenschaften der Natur, doch so,
+daß die wahre Idee des Verstandes hindurchscheinet; so stellt der
+Geometra die Zeit durch eine Linie vor, obgleich Raum und Zeit
+nur eine Übereinkunft in Verhältnissen haben und also wohl der
+Analogie nach, niemals aber der Qualität nach miteinander übereintreffen;
+daher nimmt die Vorstellung der göttlichen Ewigkeit
+selbst bei Philosophen den Schein einer unendlichen Zeit an, so
+sehr wie man sich auch hütet, beide zu vermengen, und eine
+große Ursache, weswegen die Mathematiker gemeiniglich abgeneigt
+sind, die Leibnizische Monaden einzuräumen, ist wohl diese, daß
+sie nicht umhin können, sich an ihnen kleine Klümpchen vorzustellen.
+Daher ist es nicht unwahrscheinlich, daß geistige Empfindungen
+in das Bewußtsein übergehen könnten, wenn sie Phantaseien
+erregen, die mit ihnen verwandt sind. Auf diese Art
+würden Ideen, die durch einen geistigen Einfluß mitgeteilt sind,
+sich in die Zeichen derjenigen <em class="gesperrt">Sprache</em> einkleiden, die der Mensch
+sonsten im Gebrauch hat, die empfundene Gegenwart eines Geistes
+in das Bild einer <em class="gesperrt">menschlichen Figur</em>, Ordnung und Schönheit
+der immateriellen Welt in Phantasien, die unsere Sinne sonst im
+Leben vergnügen, u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_355" title="355"> </a>Diese Art der Erscheinungen kann gleichwohl nicht etwas Gemeines
+und Gewöhnliches sein, sondern sich nur bei Personen
+eräugnen, deren Organen<a name="FNanchor_9" href="#Footnote_9" class="fnanchor">(9)</a> eine ungewöhnlich große Reizbarkeit
+haben, die Bilder der Phantasie dem innern Zustande der Seele gemäß
+durch harmonische Bewegung mehr zu verstärken, als gewöhnlicherweise
+bei gesunden Menschen geschieht und auch geschehen soll.
+Solche seltsame Personen würden in gewissen Augenblicken mit
+der Apparenz mancher Gegenstände als außer ihnen angefochten
+sein, welche sie vor eine Gegenwart von geistigen Naturen halten
+würden, die auf ihre körperliche Sinne fiele, obgleich hiebei nur
+ein Blendwerk der Einbildung vorgeht, doch so, daß die Ursache
+davon ein wahrhafter geistiger Einfluß ist, der nicht unmittelbar
+empfunden werden kann, sondern sich nur durch verwandte Bilder
+der Phantasie, welche den Schein der Empfindungen annehmen,
+zum Bewußtsein offenbaret.</p>
+
+<p>Die Erziehungsbegriffe oder auch mancherlei sonst eingeschlichene
+Wahn würden hiebei ihre Rolle spielen, wo Verblendung
+mit Wahrheit untermengt wird, und eine wirkliche geistige Empfindung
+zwar zum Grunde liegt, die doch in Schattenbilder der
+sinnlichen Dinge umgeschaffen worden. Man wird aber auch zugeben,
+daß die Eigenschaft, auf solche Weise die Eindrücke der
+Geisterwelt in diesem Leben zum klaren Anschauen auszuwickeln,
+schwerlich wozu nützen könne; weil dabei die geistige Empfindung
+notwendig so genau in das Hirngespenst der Einbildung verwebt
+wird, daß es unmöglich sein muß, in derselben das Wahre von
+den groben Blendwerken, die es umgeben, zu unterscheiden. Imgleichen
+würde ein solcher Zustand, da er ein verändertes Gleichgewicht
+in den Nerven voraussetzt, welche sogar durch die Wirksamkeit
+der bloß geistig empfindenden Seele in unnatürliche
+Bewegung versetzet werden, eine wirkliche Krankheit anzeigen.
+Endlich würde es gar nicht befremdlich sein, an einem Geisterseher
+zugleich einen Phantasten anzutreffen, zum wenigsten in
+Ansehung der begleitenden Bilder von diesen seinen Erscheinungen,
+weil Vorstellungen, die ihrer Natur nach fremd und mit denen
+<a class="pagenum" name="Page_356" title="356"> </a>
+im leiblichen Zustande des Menschen unvereinbar sind, sich
+hervordrängen, und übelgepaarte Bilder in die äußere Empfindung
+hereinziehen, wodurch wilde Chimären und wunderliche Fratzen
+ausgeheckt werden, die in langem Geschleppe den betrogenen
+Sinnen vorgaukeln, ob sie gleich einen wahren geistigen Einfluß
+zum Grunde haben mögen.</p>
+
+<p>Nunmehro kann man nicht verlegen sein, von denen Gespenstererzählungen,
+die den Philosophen so oft in den Weg
+kommen, imgleichen allerlei Geistereinflüssen, von denen hie oder
+da die Rede geht, scheinbare Vernunftgründe anzugeben. Abgeschiedene
+Seelen und reine Geister können zwar niemals unsern
+äußeren Sinnen gegenwärtig sein, noch sonst mit der Materie in
+Gemeinschaft stehen, aber wohl auf den Geist des Menschen, der
+mit ihnen zu einer großen Republik gehört, wirken, so, daß die
+Vorstellungen, welche sie in ihm erwecken, sich nach dem Gesetze
+seiner Phantasei in verwandte Bilder einkleiden und die Apparenz
+der ihnen gemäßen Gegenstände als außer ihm erregen. Diese
+Täuschung kann einen jeden Sinn betreffen, und so sehr dieselbe
+auch mit ungereimten Hirngespinsten untermengt wäre, so dürfte
+man sich dieses nicht abhalten lassen, hierunter geistige Einflüsse
+zu vermuten. Ich würde der Scharfsichtigkeit des Lesers zu nahe
+treten, wenn ich mich bei der Anwendung dieser Erklärungsart
+noch aufhalten wollte. Denn metaphysische Hypothesen haben
+eine so ungemeine Biegsamkeit an sich, daß man sehr ungeschickt
+sein müßte, wenn man die gegenwärtige nicht einer jeden Erzählung
+bequemen könnte, sogar ehe man ihre Wahrhaftigkeit untersucht
+hat, welches in vielen Fällen unmöglich und in noch
+mehreren sehr unhöflich ist.</p>
+
+<p>Wenn indessen die Vorteile und Nachteile in einander gerechnet
+werden, die demjenigen erwachsen können, der nicht
+allein vor die sichtbare Welt, sondern auch vor die unsichtbare
+in gewissem Grade organisiert ist, (wofern es jemals einen solchen
+gegeben hat), so scheint ein Geschenk von dieser Art demjenigen
+gleich zu sein, womit JUNO den TIRESIAS beehrte, die ihn zuvor
+blind machte, damit sie ihm die Gabe zu weissagen erteilen
+könnte. Denn nach den obigen Sätzen zu urteilen, kann die anschauende
+Kenntnis der <em class="gesperrt">andern</em> Welt allhier nur erlangt werden,
+indem man etwas von demjenigen Verstande einbüßt, welchen
+man vor die <em class="gesperrt">gegenwärtige</em> nötig hat. Ich weiß auch nicht, ob
+selbst gewisse Philosophen gänzlich von dieser harten Bedingung
+<a class="pagenum" name="Page_357" title="357"> </a>
+frei sein sollten, welche so fleißig und vertieft ihre metaphysische
+Gläser nach jenen entlegenen Gegenden hinrichten und Wunderdinge
+von daher zu erzählen wissen, zum wenigsten mißgönne
+ich ihnen keine von ihren Entdeckungen; nur besorge ich, daß
+ihnen irgendein Mann von gutem Verstande und wenig Feinigkeit
+ebendasselbe dürfte zu verstehen geben, was dem TYCHO DE
+BRAHE sein Kutscher antwortete, als jener meinte, zur Nachtzeit
+nach den Sternen den kürzesten Weg fahren zu können: <em class="gesperrt">Guter
+Herr, auf den Himmel mögt Ihr Euch wohl verstehen,
+hier aber auf der Erde seid Ihr ein Narr.</em></p>
+
+<h3>Drittes Hauptstück.<br/><i>Antikabbala. Ein Fragment der gemeinen Philosophie, die Gemeinschaft mit der Geisterwelt aufzuheben.</i></h3>
+
+<p>ARISTOTELES sagt irgendwo: <em class="gesperrt">Wenn wir wachen, so
+haben wir eine gemeinschaftliche Welt, träumen wir
+aber, so hat ein jeder seine eigne.</em> Mich dünkt, man sollte
+wohl den letzteren Satz umkehren und sagen können: wenn von
+verschiedenen Menschen ein jeglicher seine eigene Welt hat, so
+ist zu vermuten, daß sie träumen. Auf diesen Fuß, wenn wir
+die <em class="gesperrt">Luftbaumeister</em> der mancherlei Gedankenwelten betrachten,
+deren jeglicher die seinige mit Ausschließung anderer ruhig bewohnt,
+denjenigen etwa, welcher die Ordnung der Dinge, so wie
+sie von WOLFFEN aus wenig Bauzeug der Erfahrung, aber mehr
+erschlichenen Begriffen gezimmert oder die, so von CRUSIUS
+durch die magische Kraft einiger Sprüche vom <em class="gesperrt">Denklichen</em> und
+<em class="gesperrt">Undenklichen</em> aus Nichts hervorgebracht worden, bewohnet, so
+werden wir uns bei dem Widerspruche ihrer Visionen gedulden,
+bis diese Herren ausgeträumet haben. Denn wenn sie einmal, so
+Gott will, völlig wachen, d.&nbsp;i. zu einem Blicke, der die Einstimmung
+mit anderem Menschenverstande nicht ausschließt, die Augen auftun
+werden, so wird niemand von ihnen etwas sehen, was nicht
+jedem andern gleichfalls bei dem Lichte ihrer Beweistümer augenscheinlich
+und gewiß erscheinen sollte, und die Philosophen
+werden zu derselbigen Zeit eine gemeinschaftliche Welt bewohnen,
+dergleichen die Größenlehrer schon längst innegehabt haben,
+<a class="pagenum" name="Page_358" title="358"> </a>
+welche wichtige Begebenheit nicht lange mehr anstehen kann,
+woferne gewissen Zeichen und Vorbedeutungen zu trauen ist, die
+seit einiger Zeit über dem Horizonte der Wissenschaften erschienen
+sind.</p>
+
+<p>In gewisser Verwandtschaft mit den <em class="gesperrt">Träumern</em> der <em class="gesperrt">Vernunft</em>
+stehen die Träumer der <em class="gesperrt">Empfindung</em>, und unter dieselbe
+werden gemeiniglich diejenige, so bisweilen mit Geistern zu tun
+haben, gezählt und zwar aus dem nämlichen Grunde wie die
+vorigen, weil sie etwas sehen, was kein anderer gesunder Mensch
+sieht, und ihre eigene Gemeinschaft mit Wesen haben, die sich
+niemanden sonst offenbaren, so gute Sinne er auch haben mag.
+Es ist auch die Benennung der Träumereien, wenn man voraussetzt,
+daß die gedachte Erscheinungen auf bloße Hirngespenster
+auslaufen, insoferne passend, als die eine so gut wie die andere
+selbst ausgeheckte Bilder sind, die gleichwohl als wahre Gegenstände
+die Sinne betrügen; allein wenn man sich einbildet, daß
+beide Täuschungen übrigens in ihrer Entstehungsart sich ähnlich
+gnug wären, um die Quelle der einen auch zur Erklärung der
+andern zureichend zu finden, so betrügt man sich sehr. Derjenige,
+der im Wachen sich in Erdichtungen und Chimären, welche seine
+stets fruchtbare Einbildung ausheckt, dermaßen vertieft, daß er
+auf die Empfindung der Sinne wenig achthat, die ihm jetzt am
+meisten angelegen sind, wird mit Recht ein <em class="gesperrt">wachender Träumer</em>
+genannt. Denn es dürfen nur die Empfindungen der Sinne
+noch etwas mehr in ihrer Stärke nachlassen, so wird er schlafen,
+und die vorige Chimären werden wahre Träume sein. Die Ursache,
+weswegen sie es nicht schon im Wachen sind, ist diese,
+weil er sie zu der Zeit als <em class="gesperrt">in sich</em>, andere Gegenstände aber,
+die er empfindet, als <em class="gesperrt">außer sich</em> vorstellt, folglich jene zu
+Wirkungen seiner eignen Tätigkeit, diese aber zu demjenigen
+zählet, was er von außen empfängt und erleidet. Denn hiebei
+kommt es alles auf das Verhältnis an, darin die Gegenstände auf
+ihn selbst als einen Menschen, folglich auch auf seinen Körper
+gedacht werden. Daher können die nämliche Bilder ihn im
+Wachen wohl sehr beschäftigen, aber nicht betrügen, so klar sie
+auch sein mögen. Denn ob er gleich alsdenn eine Vorstellung
+von sich selbst und seinem Körper auch im Gehirne hat, gegen
+die er seine phantastische Bilder in Verhältnis setzt, so macht doch
+die wirkliche Empfindung seines Körpers durch äußere Sinne gegen
+jene Chimären einen Kontrast oder Abstechung, um jene als von
+<a class="pagenum" name="Page_359" title="359"> </a>
+sich ausgeheckt, diese aber als empfunden anzusehen. Schlummert
+er hiebei ein, so erlischt die empfundene Vorstellung seines
+Körpers, und es bleibt bloß die selbstgedichtete übrig, gegen
+welche die andre Chimären als in äußerer Verhältnis gedacht
+werden und auch, solange man schläft, den Träumenden betrügen
+müssen, weil keine Empfindung da ist, die in Vergleichung mit
+jener das Urbild vom Schattenbilde, nämlich das Äußere vom Innern,
+unterscheiden ließe.</p>
+
+<p>Von wachenden Träumern sind demnach die Geisterseher
+nicht bloß dem Grade, sondern der Art nach gänzlich unterschieden.
+Denn diese referieren im Wachen und oft bei der
+größten Lebhaftigkeit anderer Empfindungen gewisse Gegenstände
+unter die äußerliche Stellen der andern Dinge, die sie wirklich
+um sich wahrnehmen, und die Frage ist hie nur, wie es zugehe,
+daß sie das Blendwerk ihrer Einbildung außer sich versetzen und
+zwar in Verhältnis auf ihren Körper, den sie auch durch äußere
+Sinne empfinden. Die große Klarheit ihres Hirngespinstes kann
+hievon nicht die Ursache sein; denn es kommt hier auf den Ort
+an, wohin es als ein Gegenstand versetzt ist, und daher verlange
+ich, daß man zeige, wie die Seele ein solches Bild, was sie doch
+als <em class="gesperrt">in</em> sich enthalten vorstellen sollte, in ein ganz ander Verhältnis,
+nämlich in einen Ort <em class="gesperrt">äußerlich</em> und unter die Gegenstände
+versetze, die sich ihrer wirklichen Empfindung darbieten. Auch
+werde ich mich durch die Anführung anderer Fälle, die einige
+Ähnlichkeit mit solcher Täuschung haben und etwa im fieberhaften
+Zustande vorfallen, nicht abfertigen lassen; denn gesund
+oder krank, wie der Zustand des Betrogenen auch sein mag, so
+will man nicht wissen, ob dergleichen auch sonsten geschehe,
+sondern wie dieser Betrug möglich sei.</p>
+
+<p>Wir finden aber bei dem Gebrauch der äußeren Sinne, daß
+über die Klarheit, darin die Gegenstände vorgestellt werden,
+man in der Empfindung auch ihren Ort mit begreife, vielleicht
+nicht allemal mit gleicher Richtigkeit, dennoch als eine notwendige
+Bedingung der Empfindung, ohne welche es unmöglich wäre,
+die Dinge als außer uns vorzustellen. Hiebei wird es sehr wahrscheinlich,
+daß unsere Seele das empfundene Objekt dahin in
+ihrer Vorstellung versetze, wo die verschiedene Richtungslinien
+des Eindrucks, die dasselbe gemacht hat, wenn sie fortgezogen
+werden, zusammenstoßen. Daher sieht man einen strahlenden Punkt
+an demjenigen Orte, wo die von dem Auge in der Richtung des
+<a class="pagenum" name="Page_360" title="360"> </a>
+Einfalls der Lichtstrahlen zurückgezogene Linien sich schneiden.
+Dieser Punkt, welchen man den Sehepunkt nennt, ist zwar in der
+Wirkung der <em class="gesperrt">Zerstreuungspunkt</em>, aber in der Vorstellung der
+<em class="gesperrt">Sammlungspunkt</em> der Direktionslinien, nach welchen die Empfindung
+eingedrückt wird (<i lang="la" xml:lang="la">focus imaginarius</i>). So bestimmt man
+selbst durch ein einziges Auge einem sichtbaren Objekte den Ort,
+wie unter andern geschieht, wenn das Spektrum eines Körpers
+vermittelst eines Hohlspiegels in der Luft gesehen wird, gerade
+da, wo die Strahlen, welche aus einem Punkte des Objekts ausfließen,
+sich schneiden, ehe sie ins Auge fallen.<a name="FNanchor_10" href="#Footnote_10" class="fnanchor">(10)</a></p>
+
+<p>Vielleicht kann man ebenso bei den Eindrücken des Schalles,
+weil dessen Stöße auch nach geraden Linien geschehen, annehmen,
+daß die Empfindung desselben zugleich mit der Vorstellung eines
+<i lang="la" xml:lang="la">foci imaginarii</i> begleitet sei, der dahin gesetzt wird, wo die gerade
+Linien des in Bebung gesetzten Nervengebäudes, im Gehirne
+äußerlich fortgezogen, zusammenstoßen. Denn man bemerkt die
+Gegend und Weite eines schallenden Objekts einigermaßen, wenn
+der Schall gleich leise ist und hinter uns geschieht, obschon die
+gerade Linien, die von da gezogen werden können, eben nicht
+die Eröffnung des Ohrs treffen, sondern auf andere Stellen des
+Haupts fallen, sodaß man glauben muß, die Richtungslinien der
+Erschütterung werden in der Vorstellung der Seele äußerlich fortgezogen
+und das schallende Objekt in den Punkt ihres Zusammenstoßes
+versetzt. Ebendasselbe kann, wie mich dünkt, auch von
+den übrigen drei Sinnen gesagt werden, welche sich darin von
+dem Gesichte und dem Gehör unterscheiden, daß der Gegenstand
+der Empfindung mit den Organen in unmittelbarer Berührung
+stehet, und die Richtungslinien des sinnlichen Reizes daher in
+diesen Organen selbst ihren Punkt der Vereinigung haben.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_361" title="361"> </a>Um dieses auf die Bilder der Einbildung anzuwenden, so erlaube
+man mir dasjenige, was CARTESIUS annahm und die
+mehresten Philosophen nach ihm billigten, zum Grunde zu legen:
+nämlich daß alle Vorstellungen der Einbildungskraft zugleich mit
+gewissen Bewegungen in dem Nervengewebe oder Nervengeiste
+des Gehirns begleitet sind, welche man <i lang="la" xml:lang="la">ideas materiales</i> nennt, d.&nbsp;i.
+vielleicht mit der Erschütterung oder Bebung des feinen Elements,
+welches von ihnen abgesondert wird, und die derjenigen Bewegung
+ähnlich ist, welche der sinnliche Eindruck machen könnte, wovon
+er die Kopie ist. Nun verlange ich aber, mir einzuräumen, daß
+der vornehmste Unterscheid der Nervenbewegung in den Phantasien
+von der in der Empfindung darin bestehe, daß die Richtungslinien
+der Bewegung bei jenem sich innerhalb dem Gehirne, bei
+diesem aber außerhalb schneiden; daher, weil der <i lang="la" xml:lang="la">focus imaginarius</i>,
+darin das Objekt vorgestellt wird, bei den klaren Empfindungen
+des Wachens außer mir, der von den Phantasien aber, die ich zu
+der Zeit etwa habe, in mir gesetzt wird, ich, solange ich wache,
+nicht fehlen kann, die Einbildungen als meine eigene Hirngespinste
+von dem Eindruck der Sinne zu unterscheiden.</p>
+
+<p>Wenn man dieses einräumt, so dünkt mich, daß ich über
+diejenige Art von Störung des Gemüts, die man den Wahnsinn
+und im höhern Grade die Verrückung nennt, etwas Begreifliches
+zur Ursache anführen könne. Das Eigentümliche dieser Krankheit
+bestehet darin, daß der verworrene Mensch bloße Gegenstände
+seiner Einbildung außer sich versetzt und als wirklich vor ihm
+gegenwärtige Dinge ansieht. Nun habe ich gesagt, daß nach der
+gewöhnlichen Ordnung die Direktionslinien der Bewegung, die in
+dem Gehirne als materielle Hülfsmittel die Phantasie begleiten,
+sich innerhalb demselben durchschneiden müssen, und mithin der
+Ort, darin er sich seines Bildes bewußt ist, zur Zeit des Wachens
+in ihm selbst gedacht werde. Wenn ich also setze, daß durch
+irgendeinen Zufall oder Krankheit gewisse Organen des Gehirnes
+so verzogen und aus ihrem gehörigen Gleichgewicht gebracht seien,
+daß die Bewegung der Nerven, die mit einigen Phantasien harmonisch
+beben, nach solchen Richtungslinien geschieht, welche
+fortgezogen sich außerhalb dem Gehirne durchkreuzen würden,
+so ist der <i lang="la" xml:lang="la">focus imaginarius</i> außerhalb dem denkenden Subjekt
+gesetzt,<a name="FNanchor_11" href="#Footnote_11" class="fnanchor">(11)</a> und das Bild, welches ein Werk der bloßen Einbildung
+<a class="pagenum" name="Page_362" title="362"> </a>
+ist, wird als ein Gegenstand vorgestellt, der den äußeren Sinnen
+gegenwärtig wäre. Die Bestürzung über die vermeinte Erscheinung
+einer Sache, die nach der natürlichen Ordnung nicht zugegen sein
+sollte, wird, obschon auch anfangs ein solches Schattenbild der
+Phantasie nur schwach wäre, bald die Aufmerksamkeit rege machen
+und der Scheinempfindung eine so große Lebhaftigkeit geben,
+die den betrogenen Menschen an der Wahrhaftigkeit nicht zweifeln
+läßt. Dieser Betrug kann einen jeden äußeren Sinn betreffen;
+denn von jeglichen haben wir kopierte Bilder in der Einbildung,
+und die Verrückung des Nervengewebes kann die Ursache werden,
+den <i lang="la" xml:lang="la">focum imaginarium</i> dahin zu versetzen, von wo der sinnliche
+Eindruck eines wirklich vorhandenen körperlichen Gegenstandes
+kommen würde. Es ist alsdenn kein Wunder, wenn der Phantast
+manches sehr deutlich zu sehen oder zu hören glaubt, was niemand
+außer ihm wahrnimmt, imgleichen wenn diese Hirngespenster ihm
+erscheinen und plötzlich verschwinden, oder indem sie etwa einem
+Sinne, z.&nbsp;E. dem Gesichte, vorgaukeln, durch keinen andern, wie
+z.&nbsp;E. das Gefühl, können empfunden werden und daher durchdringlich
+scheinen. Die gemeine Geistererzählungen laufen so
+sehr auf dergleichen Bestimmungen hinaus, daß sie den Verdacht
+ungemein rechtfertigen, sie könnten wohl aus einer solchen Quelle
+entsprungen sein. Und so ist auch der gangbare Begriff von
+<em class="gesperrt">geistigen Wesen</em>, den wir oben aus dem gemeinen Redegebrauche
+herauswickelten, dieser Täuschung sehr gemäß und verleugnet
+<a class="pagenum" name="Page_363" title="363"> </a>
+seinen Ursprung nicht, weil die Eigenschaft einer durchdringlichen
+Gegenwart im Raume das wesentliche Merkmal dieses
+Begriffes ausmachen soll.</p>
+
+<p>Es ist auch sehr wahrscheinlich, daß die Erziehungsbegriffe
+von Geistergestalten dem kranken Kopfe die Materialien zu den
+täuschenden Einbildungen geben, und daß ein von allen solchen
+Vorurteilen leeres Gehirn, wenn ihm gleich eine Verkehrtheit
+anwandelte, wohl nicht so leicht Bilder von solcher Art aushecken
+würde. Ferner siehet man daraus auch, daß, da die Krankheit
+des Phantasten nicht eigentlich den Verstand, sondern die Täuschung
+der Sinne betrifft, der Unglückliche seine Blendwerke durch kein
+Vernünfteln heben könne, weil die wahre oder scheinbare Empfindung
+der Sinne selbst vor allem Urteil des Verstandes vorhergeht
+und eine unmittelbare Evidenz hat, die alle andre Überredung
+weit übertrifft.</p>
+
+<p>Die Folge, die sich aus diesen Betrachtungen ergibt, hat dieses
+Ungelegene an sich, daß sie die tiefe Vermutungen des vorigen
+Hauptstücks entbehrlich macht, und daß der Leser, so bereitwillig
+er auch sein mochte, denen idealischen Entwürfen desselben
+einigen Beifall einzuräumen, dennoch den Begriff vorziehen wird,
+welcher mehr Gemächlichkeit und Kürze im Entscheiden bei sich
+führet und sich einen allgemeineren Beifall versprechen kann.
+Denn außer dem, daß es einer vernünftigen Denkungsart gemäßer
+zu sein scheint, die Gründe der Erklärung aus dem Stoffe herzunehmen,
+den die Erfahrung uns darbietet, als sich in schwindlichten
+Begriffen einer halb dichtenden, halb schließenden Vernunft zu
+verlieren, so äußert sich noch dazu auf dieser Seite einiger Anlaß
+zum Gespötte, welches, es mag nun gegründet sein oder nicht,
+ein kräftigeres Mittel ist als irgend ein anderes, eitele Nachforschungen
+zurückzuhalten. Denn auf eine ernsthafte Art über
+die Hirngespenster der Phantasten Auslegungen machen zu wollen,
+gibt schon eine schlimme Vermutung, und die Philosophie setzt
+sich in Verdacht, welche sich in so schlechter Gesellschaft betreffen
+läßt. Zwar habe ich oben den Wahnsinn in dergleichen
+Erscheinung nicht bestritten, vielmehr ihn, zwar nicht als die
+Ursache einer eingebildeten Geistergemeinschaft, doch als eine
+natürliche Folge derselben damit verknüpfet; allein was vor eine
+Torheit gibt es doch, die nicht mit einer bodenlosen Weltweisheit
+könnte in Einstimmung gebracht werden? Daher verdenke ich
+es dem Leser keinesweges, wenn er, anstatt die Geisterseher vor
+<a class="pagenum" name="Page_364" title="364"> </a>
+Halbbürger der andern Welt anzusehen, sie kurz und gut als
+Kandidaten des Hospitals abfertigt und sich dadurch alles weiteren
+Nachforschens überhebt. Wenn nun aber alles auf solchen Fuß
+genommen wird, so muß auch die Art, dergleichen Adepten des
+Geisterreichs zu behandeln, von derjenigen nach den obigen Begriffen
+sehr verschieden sein, und da man es sonst nötig fand,
+bisweilen einige derselben zu <em class="gesperrt">brennen</em>, so wird es jetzt gnug
+sein, sie nur zu <em class="gesperrt">purgieren</em>. Auch wäre es bei dieser Lage der
+Sachen eben nicht nötig gewesen, so weit auszuholen und in dem
+fieberhaften Gehirne betrogener Schwärmer durch Hülfe der
+Metaphysik Geheimnisse aufzusuchen. Der scharfsichtige HUDIBRAS
+hätte uns allein das Rätsel auflösen können; denn nach
+seiner Meinung: <em class="gesperrt">wenn ein hypochondrischer Wind in den
+Eingeweiden tobet, so kommt es darauf an, welche
+Richtung er nimmt, geht er abwärts, so wird daraus ein
+F&ndash;, steigt er aber aufwärts, so ist es eine Erscheinung
+oder eine heilige Eingebung</em>.</p>
+
+<h3>Viertes Hauptstück.<br/><i>Theoretischer Schluß aus den gesamten Betrachtungen des ersten Teils.</i></h3>
+
+<p>Die Trüglichkeit einer Wage, die nach bürgerlichen Gesetzen
+ein Maß der Handlung sein soll, wird entdeckt, wenn man Ware
+und Gewichte ihre Schalen vertauschen läßt, und die Parteilichkeit
+der Verstandeswage offenbaret sich durch ebendenselben Kunstgriff,
+ohne welchen man auch in philosophischen Urteilen nimmermehr
+ein einstimmiges Fazit aus den verglichenen Abwiegungen herausbekommen
+kann. Ich habe meine Seele von Vorurteilen gereinigt,
+ich habe eine jede blinde Ergebenheit vertilgt, welche sich
+jemals einschlich, um manchem eingebildeten Wissen in mir Eingang
+zu verschaffen. Jetzo ist mir nichts angelegen, nichts ehrwürdig,
+als was durch den Weg der Aufrichtigkeit in einem
+ruhigen und vor alle Gründe zugänglichem Gemüte Platz nimmt;
+es mag mein voriges Urteil bestätigen oder aufheben, mich bestimmen
+oder unentschieden lassen. Wo ich etwas antreffe, das
+mich belehrt, da eigne ich es mir zu. Das Urteil desjenigen, der
+<a class="pagenum" name="Page_365" title="365"> </a>
+meine Gründe widerlegt, ist mein Urteil, nachdem ich es vorerst
+<em class="gesperrt">gegen</em> die Schale der Selbstliebe und nachher in derselben gegen
+meine vermeintliche Gründe abgewogen und in ihm einen größeren
+Gehalt gefunden habe. Sonst betrachtete ich den allgemeinen
+menschlichen Verstand bloß aus dem Standpunkte des meinigen:
+jetzt setze ich mich in die Stelle einer fremden und äußeren Vernunft
+und beobachte meine Urteile samt ihren geheimsten Anlässen
+aus dem Gesichtspunkte anderer. Die Vergleichung beider
+Beobachtungen gibt zwar starke Parallaxen, aber sie ist auch das
+einzige Mittel, den optischen Betrug zu verhüten und die Begriffe
+an die wahre Stellen zu setzen, darin sie in Ansehung der Erkenntnisvermögen
+der menschlichen Natur stehen. Man wird sagen,
+daß dieses eine sehr ernsthafte Sprache sei vor eine so gleichgültige
+Aufgabe, als wir abhandeln, die mehr ein Spielwerk als
+eine ernstliche Beschäftigung genannt zu werden verdient, und
+man hat nicht unrecht, so zu urteilen. Allein ob man zwar über
+eine Kleinigkeit keine große Zurüstung machen darf, so kann
+man sie doch gar wohl bei Gelegenheit derselben machen, und
+die entbehrliche Behutsamkeit beim Entscheiden in Kleinigkeiten
+kann zum Beispiele in wichtigen Fällen dienen. Ich finde nicht,
+daß irgendeine Anhänglichkeit, oder sonst eine vor der Prüfung
+eingeschlichene Neigung meinem Gemüte die Lenksamkeit nach
+allerlei Gründen vor oder dawider benehme, eine einzige ausgenommen.
+Die Verstandeswage ist doch nicht ganz unparteiisch,
+und der eine Arm derselben, der die Aufschrift führet: <em class="gesperrt">Hoffnung
+der Zukunft</em>, hat einen mechanischen Vorteil, welcher
+macht, daß auch leichte Gründe, welche in die ihm angehörige
+Schale fallen, die Spekulationen von an sich größeren Gewichte auf
+der andern Seite in die Höhe ziehen. Dieses ist die einzige
+Unrichtigkeit, die ich nicht wohl heben kann, und die ich in
+der Tat auch niemals heben will. Nun gestehe ich, daß alle Erzählungen
+vom Erscheinen abgeschiedener Seelen oder von Geistereinflüssen
+und alle Theorien von der mutmaßlichen Natur geistiger
+Wesen und ihrer Verknüpfung mit uns nur in der Schale der
+Hoffnung merklich wiegen; dagegen in der der Spekulation aus lauter
+Luft zu bestehen scheinen. Wenn die Ausmittelung der aufgegebenen
+Frage nicht mit einer vorher schon entschiedenen Neigung
+in Sympathie stände, welcher Vernünftige würde wohl unschlüssig
+sein, ob er mehr Möglichkeit darin finden sollte, eine Art Wesen
+anzunehmen, die mit allem, was ihm die Sinne lehren, gar nichts
+<a class="pagenum" name="Page_366" title="366"> </a>
+Ähnliches haben, als einige angebliche Erfahrungen dem Selbstbetruge
+und der Erdichtung beizumessen, die in mehreren Fällen
+nicht ungewöhnlich sind.</p>
+
+<p>Ja, dieses scheint auch überhaupt von der Beglaubigung der
+Geistererzählungen, welche so allgemeinen Eingang finden, die vornehmste
+Ursache zu sein, und selbst die erste Täuschungen von
+vermeinten Erscheinungen abgeschiedener Menschen sind vermutlich
+aus der schmeichelhaften Hoffnung entsprungen, daß man noch
+auf irgendeine Art nach dem Tode übrig sei, da denn bei nächtlichen
+Schatten oftmals der Wahn die Sinne betrog und aus
+zweideutigen Gestalten Blendwerke schuf, die der vorhergehenden
+Meinung gemäß waren, woraus denn endlich die Philosophen
+Anlaß nahmen, die Vernunftidee von Geistern auszudenken und
+sie in Lehrverfassung zu bringen. Man sieht es auch wohl
+meinem anmaßlichen Lehrbegriff von der Geistergemeinschaft an,
+daß er ebendieselbe Richtung nehme, in den die gemeine Neigung
+einschlägt. Denn die Sätze vereinbaren sich sehr merklich nur
+dahin, um einen Begriff zu geben, wie der Geist des Menschen
+aus dieser Welt <em class="gesperrt">herausgehe</em>,<a name="FNanchor_12" href="#Footnote_12" class="fnanchor">(12)</a> d.&nbsp;i. vom Zustande nach dem
+Tode; wie er aber <em class="gesperrt">hineinkomme</em>, d.&nbsp;i. von der Zeugung und
+Fortpflanzung, davon erwähne ich nichts; ja sogar nicht einmal,
+wie er in dieser Welt <em class="gesperrt">gegenwärtig</em> sei, d.&nbsp;i. wie eine immaterielle
+Natur in einem Körper und durch denselben wirksam sein
+könne; alles um einer sehr gültigen Ursache willen, welche diese
+ist, daß ich hievon insgesamt nichts verstehe und folglich mich
+wohl hätte bescheiden können, ebenso unwissend in Ansehung
+des künftigen Zustandes zu sein, wofern nicht die Parteilichkeit
+einer Lieblingsmeinung denen Gründen, die sich darboten, so
+schwach sie auch sein mochten, zur Empfehlung gedienet hätte.</p>
+
+<p>Ebendieselbe Unwissenheit macht auch, daß ich mich nicht
+unterstehe, so gänzlich alle Wahrheit an den mancherlei Geistererzählungen
+<a class="pagenum" name="Page_367" title="367"> </a>
+abzuleugnen, doch mit dem gewöhnlichen, obgleich
+wunderlichen Vorbehalt, eine jede einzelne derselben in Zweifel
+zu ziehen, allen zusammengenommen aber einigen Glauben beizumessen.
+Dem Leser bleibt das Urteil frei; was mich aber anlangt, so
+ist zum wenigsten der Ausschlag auf die Seite der Gründe des
+zweiten Hauptstücks bei mir groß gnug, mich bei Anhörung der
+mancherlei befremdlichen Erzählungen dieser Art ernsthaft und
+unentschieden zu erhalten. Indessen da es niemals an Gründen
+der Rechtfertigung fehlt, wenn das Gemüt vorher eingenommen
+ist, so will ich dem Leser mit keiner weiteren Verteidigung dieser
+Denkungsart beschwerlich fallen.</p>
+
+<p>Da ich mich jetzt beim Schlusse der Theorie von Geistern
+befinde, so unterstehe ich mir noch zu sagen, daß diese Betrachtung,
+wenn sie von dem Leser gehörig genutzt wird, alle philosophische
+Einsicht von dergleichen Wesen vollende, und daß man
+davon vielleicht künftighin noch allerlei <em class="gesperrt">meinen</em>, niemals aber
+mehr <em class="gesperrt">wissen</em> könne. Dieses Vorgeben klingt ziemlich ruhmredig.
+Denn es ist gewiß kein den Sinnen bekannter Gegenstand der
+Natur, von dem man sagen könnte, man habe ihn durch Beobachtung
+oder Vernunft jemals <em class="gesperrt">erschöpft</em>, wenn es auch ein
+Wassertropfen, ein Sandkorn oder etwas noch Einfacheres wäre;
+so unermeßlich ist die Mannigfaltigkeit desjenigen, was die Natur
+in ihren geringsten Teilen einem so eingeschränkten Verstande
+wie der menschliche ist zur Auflösung darbietet. Allein mit dem
+philosophischen Lehrbegriff von geistigen Wesen ist es ganz anders
+bewandt. Er kann vollendet sein, aber im <em class="gesperrt">negativen</em> Verstande,
+indem er nämlich die Grenzen unserer Einsicht mit Sicherheit
+festsetzt und uns überzeugt, daß die verschiedene Erscheinungen
+des <em class="gesperrt">Lebens</em> in der Natur und deren Gesetze alles seien, was uns
+zu erkennen vergönnet ist, das Principium dieses Lebens aber,
+d.&nbsp;i. die geistige Natur, welche man nicht kennet, sondern vermutet,
+niemals positiv könne gedacht werden, weil keine Data
+hiezu in unseren gesamten Empfindungen anzutreffen seien, und
+daß man sich mit Verneinungen behelfen müsse, um etwas von
+allem Sinnlichen so sehr Unterschiedenes zu denken, daß aber
+selbst die Möglichkeit solcher Verneinungen weder auf Erfahrung,
+noch auf Schlüssen, sondern auf einer Erdichtung beruhe, zu der
+eine von allen Hülfsmitteln entblößte Vernunft ihre Zuflucht nimmt.
+Auf diesen Fuß kann die Pneumatologie der Menschen ein Lehrbegriff
+ihrer notwendigen Unwissenheit in Absicht auf eine vermutete
+<a class="pagenum" name="Page_368" title="368"> </a>
+Art Wesen genannt werden und als ein solcher der Aufgabe
+leichtlich adaequat sein.</p>
+
+<p>Nunmehro lege ich die ganze Materie von Geistern, ein weitläuftig
+Stück der Metaphysik, als abgemacht und vollendet beiseite.
+Sie geht mich künftig nichts mehr an. Indem ich den
+Plan meiner Nachforschung auf diese Art besser zusammenziehe
+und mich einiger gänzlich vergeblichen Untersuchungen entschlage,
+so hoffe ich meine geringe Verstandesfähigkeit auf die übrige
+Gegenstände vorteilhafter anlegen zu können. Es ist mehrenteils
+umsonst, das kleine Maß seiner Kraft auf alle windichte Entwürfe
+ausdehnen zu wollen. Daher gebeut die Klugheit sowohl in diesem
+als in andern Fällen, den Zuschnitt der Entwürfe den Kräften
+angemessen zu machen und, wenn man das Große nicht füglich
+erreichen kann, sich auf das Mittelmäßige einzuschränken.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_369" title="369"> </a>Der zweite Teil,<br/>
+<small>welcher historisch ist.</small></h2>
+
+<h3>Erstes Hauptstück.<br/><i>Eine Erzählung, deren Wahrheit der beliebigen Erkundigung des Lesers empfohlen wird.</i></h3>
+
+<div class="poetry width15">
+<div class="stanza">
+<div class="line">Sit mihi fas audita loqui. &ndash; &ndash; &ndash;<br/></div>
+<div class="line right">VIRG.<br/></div>
+</div>
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Die Philosophie, deren Eigendünkel macht, daß sie sich selbst
+allen eiteln Fragen bloßstellet, siehet sich oft bei dem Anlasse
+gewisser Erzählungen in schlimmer Verlegenheit, wenn sie
+entweder an einigem in denselben ungestraft nicht <em class="gesperrt">zweifeln</em>
+oder manches davon unausgelacht nicht <em class="gesperrt">glauben</em> darf. Beide
+Beschwerlichkeiten finden sich in gewisser Maße bei den herumgehenden
+Geistergeschichten zusammen, die erste bei Anhörung
+desjenigen, der sie beteurt, und die zweite in Betracht derer, auf
+die man sie weiter bringt. In der Tat ist auch kein Vorwurf
+dem Philosophen bitterer, als der der Leichtgläubigkeit und der
+Ergebenheit in den gemeinen Wahn, und da diejenigen, welche
+sich darauf verstehen, gutes Kaufs klug zu scheinen, ihr spöttisches
+Gelächter auf alles werfen, was die Unwissenden und die Weisen
+gewissermaßen gleichmacht, indem es beiden unbegreiflich ist, so
+ist kein Wunder, daß die so häufig vorgegebene Erscheinungen
+großen Eingang finden, öffentlich aber entweder abgeleugnet oder
+doch verhehlet werden. Man kann sich daher darauf verlassen,
+daß niemals eine Akademie der Wissenschaften diese Materie zur
+Preisfrage machen werde; nicht als wenn die Glieder derselben
+gänzlich von aller Ergebenheit in die gedachte Meinung frei
+wären, sondern weil die Regel der Klugheit denen Fragen, welche
+<a class="pagenum" name="Page_370" title="370"> </a>
+der Vorwitz und die eitle Wißbegierde ohne Unterscheid aufwirft,
+mit Recht Schranken setzet. Und so werden die Erzählungen
+von dieser Art wohl jederzeit nur heimliche Gläubige
+haben, öffentlich aber durch die herrschende Mode des Unglaubens
+verworfen werden.</p>
+
+<p>Da mir indessen diese ganze Frage weder wichtig noch vorbereitet
+gnug scheint, um über dieselbe etwas zu entscheiden, so
+trage ich kein Bedenken, hier eine Nachricht der erwähnten Art
+anzuführen und sie mit völliger Gleichgültigkeit dem geneigten
+oder ungeneigten Urteile der Leser preiszugeben.</p>
+
+<p>Es lebt zu Stockholm ein gewisser Herr SWEDENBORG
+ohne Amt oder Bedienung von seinem ziemlich ansehnlichen Vermögen.
+Seine ganze Beschäftigung besteht darin, daß er, wie er
+selbst sagt, schon seit mehr als zwanzig Jahren mit Geistern und
+abgeschiedenen Seelen im genauesten Umgange stehet, von ihnen
+Nachrichten aus der andern Welt einholet und ihnen dagegen
+welche aus der gegenwärtigen erteilt, große Bände über seine
+Entdeckungen abfaßt und bisweilen nach London reiset, um die
+Ausgabe derselben zu besorgen. Er ist eben nicht zurückhaltend
+mit seinen Geheimnissen, spricht mit jedermann frei davon, scheint
+vollkommen von dem, was er vorgibt, überredet zu sein ohne
+einigen Anschein eines angelegten Betruges oder Charlatanerei.
+So wie er, wenn man ihm selbst glauben darf, der Erzgeisterseher
+unter allen Geistersehern ist, so ist er auch sicherlich der Erzphantast
+unter allen Phantasten, man mag ihn nun aus der Beschreibung
+derer, welche ihn kennen oder aus seinen Schriften
+beurteilen. Doch kann dieser Umstand diejenige, welche den
+Geistereinflüssen sonst günstig sind, nicht abhalten, hinter solcher
+Phantasterei noch etwas Wahres zu vermuten. Weil indessen das
+Kreditiv aller Bevollmächtigten aus der andern Welt in den Beweistümern
+besteht, die sie durch gewisse Proben in der gegenwärtigen
+von ihrem außerordentlichen Beruf ablegen, so muß ich
+von demjenigen, was zur Beglaubigung der außerordentlichen
+Eigenschaft des gedachten Mannes herumgetragen wird, wenigstens
+dasjenige anführen, was noch bei den meisten einigen Glauben
+findet.</p>
+
+<p>Gegen das Ende des Jahres 1761 wurde Herr SWEDENBORG
+zu einer Fürstin gerufen, deren großer Verstand und Einsicht es
+beinahe unmöglich machen sollte, in dergleichen Fällen hintergangen
+zu werden. Die Veranlassung dazu gab das allgemeine
+<a class="pagenum" name="Page_371" title="371"> </a>
+Gerüchte von denen vorgegebenen Visionen dieses Mannes. Nach
+einigen Fragen, die mehr darauf abzielten, sich mit seinen Einbildungen
+zu belustigen, als wirkliche Nachrichten aus der andern
+Welt zu vernehmen, verabschiedete ihn die Fürstin, indem sie ihm
+vorher einen geheimen Auftrag tat, der in seine Geistergemeinschaft
+einschlug. Nach einigen Tagen erschien Herr SWEDENBORG
+mit der Antwort, welche von der Art war, daß solche
+die Fürstin ihrem eigenen Geständnisse nach in das größeste Erstaunen
+versetzte, indem sie solche wahr befand und ihm gleichwohl
+solche von keinem lebendigen Menschen konnte erteilt sein.
+Diese Erzählung ist aus dem Berichte eines Gesandten an dem
+dortigen Hofe, der damals zugegen war, an einen andern fremden
+Gesandten in Kopenhagen gezogen worden, stimmt auch genau
+mit dem, was die besondere Nachfrage darüber hat erkundigen
+können, zusammen.</p>
+
+<p>Folgende Erzählungen haben keine andere Gewährleistung als
+die gemeine Sage, deren Beweis sehr mißlich ist. Madame
+MARTEVILLE, die Witwe eines holländischen Envoyé an dem
+schwedischen Hofe, wurde von den Angehörigen eines Goldschmiedes
+um die Bezahlung des Rückstandes vor ein verfertigtes
+Silberservice gemahnet. Die Dame, welche die regelmäßige Wirtschaft
+ihres verstorbenen Gemahls kannte, war überzeugt, daß
+diese Schuld schon bei seinem Leben abgemacht sein müßte;
+allein sie fand in seinen hinterlassenen Papieren gar keinen Beweis.
+Das Frauenzimmer ist vorzüglich geneigt, den Erzählungen der
+Wahrsagerei, der Traumdeutung und allerlei anderer wunderbarer
+Dinge Glauben beizumessen. Sie entdeckte daher ihr Anliegen
+dem Herrn SWEDENBORG mit dem Ersuchen, wenn es wahr wäre,
+was man von ihm sagte, daß er mit abgeschiedenen Seelen im
+Umgange stehe, ihr aus der andern Welt von ihrem verstorbenen
+Gemahl Nachricht zu verschaffen, wie es mit der gedachten Anforderung
+bewandt sei. Herr SWEDENBORG versprach solches
+zu tun und stellte der Dame nach wenig Tagen in ihrem Hause
+den Bericht ab, daß er die verlangte Kundschaft eingezogen habe,
+daß in einem Schrank, den er anzeigte und der ihrer Meinung
+nach völlig ausgeräumt war, sich noch ein verborgenes Fach befinde,
+welches die erforderliche Quittungen enthielte. Man suchte
+sofort seiner Beschreibung zufolge und fand nebst der geheimen
+holländischen Correspondence die Quittungen, wodurch alle gemachte
+Ansprüche völlig getilgt wurden.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_372" title="372"> </a>Die dritte Geschichte ist von der Art, daß sich sehr leicht
+ein vollständiger Beweis ihrer Richtigkeit oder Unrichtigkeit muß
+geben lassen. Es war, wo ich recht berichtet bin, gegen das
+Ende des 1759ten Jahres, als Herr SWEDENBORG, aus England
+kommend, an einem Nachmittage zu <em class="gesperrt">Gotenburg</em> ans Land trat.
+Er wurde denselben Abend zu einer Gesellschaft bei einem dortigen
+Kaufmann gezogen und gab ihr nach einigem Aufenthalt mit allen
+Zeichen der Bestürzung die Nachricht, daß eben jetzt in Stockholm
+im <em class="gesperrt">Südermalm</em> eine erschreckliche Feuersbrunst wüte. Nach
+Verlauf einiger Stunden, binnen welchen er sich dann und wann
+entfernte, berichtete er der Gesellschaft, daß das Feuer gehemmet
+sei, imgleichen wie weit es um sich gegriffen habe. Ebendenselben
+Abend verbreitete sich schon diese wunderliche Nachricht
+und war den andern Morgen in der ganzen Stadt herumgetragen;
+allein nach zwei Tagen allererst kam der Bericht davon aus Stockholm
+in Gotenburg an, völlig einstimmig, wie man sagt, mit
+SWEDENBORGS Visionen.</p>
+
+<p>Man wird vermutlich fragen, was mich doch immer habe bewegen
+können, ein so verachtetes Geschäfte zu übernehmen, als
+dieses ist, Märchen weiter zu bringen, die ein Vernünftiger Bedenken
+trägt, mit Geduld anzuhören, ja solche gar zum Text
+philosophischer Untersuchungen zu machen. Allein da die Philosophie,
+welche wir voranschickten, ebensowohl ein Märchen
+war aus dem <em class="gesperrt">Schlaraffenlande</em> der Metaphysik, so sehe ich
+nichts Unschickliches darin, beide in Verbindung auftreten zu
+lassen; und warum sollte es auch eben rühmlicher sein, sich durch
+das blinde Vertrauen in die Scheingründe der Vernunft, als durch
+unbehutsamen Glauben an betrügliche Erzählungen hintergehen zu
+lassen?</p>
+
+<p>Torheit und Verstand haben so unkenntlich bezeichnete Grenzen,
+daß man schwerlich in dem einen Gebiete lange fortgeht, ohne
+bisweilen einen kleinen Streif in das andre zu tun; aber was die
+Treuherzigkeit anlangt, die sich bereden läßt, vielen festen Beteurungen
+selbst wider die Gegenwehr des Verstandes bisweilen
+etwas einzuräumen, so scheint sie ein Rest der alten Stammehrlichkeit
+zu sein, die freilich auf den jetzigen Zustand nicht recht
+paßt und daher oft zur Torheit wird, aber darum doch eben
+nicht als ein natürliches Erbstück der Dummheit angesehen werden
+muß. Daher überlasse ich es dem Belieben des Lesers, bei der
+wunderlichen Erzählung, mit welcher ich mich bemenge, jene
+<a class="pagenum" name="Page_373" title="373"> </a>
+zweideutige Mischung von Vernunft und Leichtgläubigkeit in ihre
+Elemente aufzulösen und die Proportion beider Ingredienzien
+vor meine Denkungsart auszurechnen. Denn da es bei einer
+solchen Kritik doch nur um die Anständigkeit zu tun ist, so halte
+ich mich gnugsam vor dem Spott gesichert, dadurch daß ich mit
+dieser Torheit, wenn man sie so nennen will, mich gleichwohl
+in recht guter und zahlreicher Gesellschaft befinde, welches schon
+gnug ist, wie FONTENELLE glaubt, um wenigstens nicht vor
+unklug gehalten zu werden. Denn es ist zu allen Zeiten so gewesen
+und wird auch wohl künftighin so bleiben, daß gewisse
+widersinnige Dinge selbst bei Vernünftigen Eingang finden, bloß
+darum weil allgemein davon gesprochen wird. Dahin gehören
+die Sympathie, die Wünschelrute, die Ahndungen, die Wirkung
+der Einbildungskraft schwangerer Frauen, die Einflüsse der Mondwechsel
+auf Tiere und Pflanzen u.&nbsp;d.&nbsp;g. Ja, hat nicht vor kurzem
+das gemeine Landvolk denen Gelehrten die Spötterei gut vergolten,
+welche sie gemeiniglich auf dasselbe der Leichtgläubigkeit wegen
+zu werfen pflegen? Denn durch vieles Hörensagen brachten
+Kinder und Weiber endlich einen großen Teil kluger Männer
+dahin, daß sie einen gemeinen Wolf vor eine <em class="gesperrt">Hyäne</em> hielten,
+obgleich jetzo ein jeder Vernünftiger leicht einsieht, daß in den
+Wäldern von Frankreich wohl kein afrikanisches Raubtier herumlaufen
+werde. Die Schwäche des menschlichen Verstandes in
+Verbindung mit seiner Wißbegierde macht, daß man anfänglich
+Wahrheit und Betrug ohne Unterschied aufraffet. Aber nach und
+nach läutern sich die Begriffe, ein kleiner Teil bleibt, das übrige
+wird als Auskehricht weggeworfen.</p>
+
+<p>Wem also jene Geistererzählungen eine Sache von Wichtigkeit
+zu sein scheinen, der kann immerhin, im Fall er Geld gnug und
+nichts Besseres zu tun hat, eine Reise auf eine nähere Erkundigung
+derselben wagen, so wie ARTEMIDOR zum Besten der
+Traumdeutung in Kleinasien herumzog. Es wird ihm auch die
+Nachkommenschaft von ähnlicher Denkungsart davor höchlich
+verbunden sein, daß er verhütete, damit nicht dereinst ein anderer
+PHILOSTRAT aufstände, der nach Verlauf vieler Jahre aus unserm
+SWEDENBORG einen neuen APOLLONIUS <span class="gesperrt">von Tyane</span> machete,
+wenn das Hörensagen zu einem förmlichen Beweise wird gereifet
+sein, und das ungelegene, obzwar höchstnötige Verhör der Augenzeugen
+dereinst unmöglich geworden sein wird.</p>
+
+<h3><a class="pagenum" name="Page_374" title="374"> </a>Zweites Hauptstück.<br/><i>Ekstatische Reise eines Schwärmers durch die Geisterwelt.</i></h3>
+
+<div class="poetry width21">
+<div class="stanza">
+<div class="line">Somnia, terrores magicos, miracula, sagas,<br/></div>
+<div class="line">Nocturnos lemures, portentaque Thessala &ndash;.<br/></div>
+<div class="line right">HORATIUS.<br/></div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Ich kann es dem behutsamen Leser auf keinerlei Weise übelnehmen,
+wenn sich im Fortgange dieser Schrift einiges Bedenken
+bei ihm gereget hätte über das Verfahren, das der Verfasser
+vor gut gefunden hat, darin zu beobachten. Denn da ich den
+dogmatischen Teil vor dem historischen und also die Vernunftgründe
+vor der Erfahrung voranschickte, so gab ich Ursache zu
+dem Argwohn, als wenn ich mit Hinterlist umginge und, da ich
+die Geschichte schon vielleicht zum voraus im Kopfe gehabt haben
+mochte, mich nur so angestellet hätte, als wüßte ich von nichts,
+als von reinen, abgesonderten Betrachtungen, damit ich den Leser,
+der sich nichts dergleichen besorgt, am Ende mit einer erfreulichen
+Bestätigung aus der Erfahrung überraschen könnte. Und
+in der Tat ist dieses auch ein Kunstgriff, dessen die Philosophen
+sich mehrmalen sehr glücklich bedient haben. Denn man muß
+wissen, daß alle Erkenntnis zwei Enden habe, bei denen man sie
+fassen kann, das eine <i lang="la" xml:lang="la">a priori</i>, das andere <i lang="la" xml:lang="la">a posteriori</i>. Zwar
+haben verschiedene Naturlehrer neuerer Zeiten vorgegeben, man
+müsse es bei dem letzteren anfangen, und glauben den Aal der
+Wissenschaft beim Schwanze zu erwischen, indem sie sich gnugsamer
+Erfahrungskenntnisse versichern und denn so allmählich zu
+allgemeinen und höheren Begriffen hinaufrücken. Allein ob dieses
+zwar nicht unklug gehandelt sein möchte, so ist es doch bei
+weitem nicht gelehrt und philosophisch gnug; denn man ist auf
+diese Art bald bei einem <em class="gesperrt">Warum</em>, worauf keine Antwort gegeben
+werden kann, welches einem Philosophen gerade so viel Ehre
+macht als einem Kaufmann, der bei einer Wechselzahlung freundlich
+bittet, ein andermal wieder anzusprechen. Daher haben
+scharfsinnige Männer, um diese Unbequemlichkeit zu vermeiden,
+von der entgegengesetzten äußersten Grenze, nämlich dem obersten
+Punkte der Metaphysik, angefangen. Es findet sich aber hiebei
+eine neue Beschwerlichkeit, nämlich, daß man anfängt, ich weiß
+nicht <em class="gesperrt">wo</em>, und kömmt, ich weiß nicht <em class="gesperrt">wohin</em>, und daß
+der Fortgang der Gründe nicht auf die Erfahrung treffen
+<a class="pagenum" name="Page_375" title="375"> </a>
+will, ja, daß es scheinet, die Atomen des EPIKURS dürften
+eher, nachdem sie von Ewigkeit her immer gefallen, einmal
+von ungefähr zusammenstoßen, um eine Welt zu bilden, als
+die allgemeinsten und abstraktesten Begriffe, um sie zu erklären.
+Da also der Philosoph wohl sahe, daß seine Vernunftgründe
+einerseits und die wirkliche Erfahrung oder Erzählung andererseits,
+wie ein Paar Parallellinien wohl ins Undenkliche nebeneinander
+fortlaufen würden, ohne jemals zusammenzutreffen,
+so ist er mit den übrigen, gleich als wenn sie darüber Abrede
+genommen hätten, übereingekommen, ein jeder nach seiner Art
+den Anfangspunkt zu nehmen und darauf, nicht in der geraden
+Linie der Schlußfolge, sondern mit einem unmerklichen <em class="gesperrt">Clinamen</em>
+der Beweisgründe, dadurch daß sie nach dem Ziele gewisser Erfahrungen
+oder Zeugnisse verstohlen hinschieleten, die Vernunft
+so zu lenken, daß sie gerade dahin treffen mußte, wo der treuherzige
+Schüler sie nicht vermutet hatte, nämlich dasjenige zu
+beweisen, wovon man schon vorher wußte, daß es sollte bewiesen
+werden. Diesen Weg nannten sie alsdenn noch den Weg <i lang="la" xml:lang="la">a priori</i>,
+ob er wohl unvermerkt durch ausgesteckte Stäbe nach dem Punkte
+<i lang="la" xml:lang="la">a posteriori</i> gezogen war, wobei aber billigermaßen der, so die
+Kunst versteht, den Meister nicht verraten muß. Nach dieser
+sinnreichen Lehrart haben verschiedene verdienstvolle Männer auf
+dem bloßen Wege der Vernunft sogar Geheimnisse der Religion
+ertappt, so wie Romanschreiber die Heldin der Geschichte in
+entfernete Länder fliehen lassen, damit sie ihrem Anbeter durch
+ein glückliches Abenteuer von ungefähr aufstoße: <i lang="la" xml:lang="la">et fugit ad
+salices et se cupit ante videri</i>. VIRG. Ich würde mich also bei
+so gepriesenen Vorgängern in der Tat nicht zu schämen Ursache
+haben, wenn ich gleich wirklich ebendasselbe Kunststück gebraucht
+hätte, um meiner Schrift zu einem erwünschten Ausgange zu verhelfen.
+Allein ich bitte den Leser gar sehr, dergleichen nicht
+von mir zu glauben. Was würde es mir auch jetzo helfen, da
+ich keinen mehr hintergehen kann, nachdem ich das Geheimnis
+schon ausgeplaudert habe? Zudem habe ich das Unglück, daß
+das Zeugnis, worauf ich stoße und was meiner philosophischen
+Hirngeburt so ungemein ähnlich ist, verzweifelt mißgeschaffen
+und albern aussieht, sodaß ich viel eher vermuten muß, der
+Leser werde um der Verwandtschaft mit solchen Beistimmungen
+willen meine Vernunftgründe vor ungereimt, als jene um dieser
+willen vor vernünftig halten. Ich sage demnach ohne Umschweif,
+<a class="pagenum" name="Page_376" title="376"> </a>
+daß, was solche anzügliche Vergleichungen anlangt, ich keinen
+Spaß verstehe, und erkläre kurz und gut, daß man entweder in
+SWEDENBORGS Schriften mehr Klugheit und Wahrheit vermuten
+müsse, als der erste Anschein blicken läßt, oder daß es nur so
+von ohngefähr komme, wenn er mit meinem System zusammentrifft,
+wie Dichter bisweilen, wenn sie rasen, weissagen, wie man
+glaubt, oder wenigstens wie sie selbst sagen, wenn sie dann und
+wann mit dem Erfolge zusammentreffen.</p>
+
+<p>Ich komme zu meinem Zwecke, nämlich zu den Schriften
+meines Helden. Wenn manche jetzt vergessene oder dereinst doch
+namenlose Schriftsteller kein geringes Verdienst haben, daß sie in der
+Ausarbeitung großer Werke den Aufwand ihres Verstandes nicht
+achteten, so gebühret dem Herren SWEDENBORG ohne Zweifel
+die größeste Ehre unter allen. Denn gewiß, seine Flasche in der
+Mondenwelt ist ganz voll und weicht keiner einzigen unter denen,
+die ARIOSTO dort mit der hier verlornen Vernunft angefüllet
+gesehen hat, und die ihre Besitzer dereinst werden wiedersuchen
+müssen, so völlig entleert ist das große Werk von einem jeden
+Tropfen derselben. Nichtsdestoweniger herrscht darinnen eine so
+wundersame Übereinkunft mit demjenigen, was die feineste Ergrübelung
+der Vernunft über den ähnlichen Gegenstand herausbringen
+kann, daß der Leser mir es verzeihen wird, wenn ich
+hier diejenige Seltenheit in den Spielen der Einbildung finde, die
+so viel andere Sammler in denen Spielen der Natur angetroffen
+haben, als wenn sie etwa im fleckichten Marmor die heilige Familie
+oder in Bildungen von Tropfstein Mönche, Taufstein und
+Orgeln, oder sogar wie der Spötter LISCOW auf einer gefrorenen
+Fensterscheibe die Zahl des Tieres und die dreifache Krone entdecken;
+lauter Dinge, die niemand sonsten sieht, als dessen Kopf
+schon vorher damit angefüllet ist.</p>
+
+<p>Das große Werk dieses Schriftstellers enthält acht Quartbände
+voll Unsinn, welche er unter dem Titel: <i lang="la" xml:lang="la">Arcana caelestia</i>, der
+Welt als eine neue Offenbarung vorlegt, und wo seine Erscheinungen
+mehrenteils auf die Entdeckung des geheimen Sinnes
+in den zwei ersten Büchern Mosis und eine ähnliche Erklärungsart
+der ganzen H. Schrift angewendet werden. Alle diese
+schwärmende Auslegungen gehen mich hier nichts an; man kann
+aber, wenn man will, einige Nachrichten von denenselben in des
+Herrn Doctor ERNESTI Theol. Bibliothek im ersten Bande aufsuchen.
+Nur die <i lang="la" xml:lang="la">audita et visa</i>, d.&nbsp;i. was seine eigne Augen
+<a class="pagenum" name="Page_377" title="377"> </a>
+sollen gesehen und eigene Ohren gehört haben, sind alles, was
+wir vornehmlich aus denen Beilagen zu seinen Kapiteln ziehen
+wollen, weil sie allen übrigen Träumereien zum Grunde liegen
+und auch ziemlich in das Abenteuer einschlagen, das wir oben auf
+dem Luftschiffe der Metaphysik gewagt haben. Der Stil des Verfassers
+ist platt. Seine Erzählungen und ihre Zusammenordnung
+scheinen in der Tat aus <em class="gesperrt">fanatischem Anschauen</em> entsprungen
+zu sein und geben gar wenig Verdacht, daß spekulative Hirngespinste
+einer verkehrt grüblenden Vernunft ihn bewogen haben
+sollten, dieselbe zu erdichten und zum Betruge anzulegen. Insoferne
+haben sie also einige Wichtigkeit und verdienen wirklich,
+in einem kleinen Auszuge vorgestellet zu werden, vielleicht mehr,
+als so manche Spielwerke hirnloser Vernünftler, welche unsere
+Journale anschwellen, weil eine zusammenhängende Täuschung der
+Sinne überhaupt ein viel merkwürdiger Phaenomenon ist, als der
+Betrug der Vernunft, dessen Gründe bekannt genug sind, und der
+auch großenteils durch willkürliche Richtung der Gemütskräfte
+und etwas mehr Bändigung eines leeren Vorwitzes könnte verhütet
+werden, da hingegen jene das erste Fundament aller Urteile
+betrifft, dawider, wenn es unrichtig ist, die Regeln der Logik
+wenig vermögen! Ich sondere also bei unserm Verfasser den
+<em class="gesperrt">Wahnsinn</em> vom <em class="gesperrt">Wahnwitze</em> ab und übergehe dasjenige, was er
+auf eine verkehrte Weise klügelt, indem er nicht bei seinen <em class="gesperrt">Visionen</em>
+stehen bleibt, ebenso wie man sonst vielfältig bei einem
+Philosophen dasjenige, was er <em class="gesperrt">beobachtet</em>, von dem absondern
+muß, was er <em class="gesperrt">vernünftelt</em>, und sogar <em class="gesperrt">Scheinerfahrungen</em>
+mehrenteils lehrreicher sind, als die <em class="gesperrt">Scheingründe</em> aus der Vernunft.
+Indem ich also dem Leser einige von denen Augenblicken
+raube, die er sonst vielleicht mit nicht viel größerem Nutzen auf
+die Lesung <em class="gesperrt">gründlicher</em> Schriften von eben der Materie würde
+verwandt haben, so sorge ich zugleich vor die Zärtlichkeit seines
+Geschmacks, da ich mit Weglassung vieler wilden Chimären die
+Quintessenz des Buchs auf wenig Tropfen bringe, wovor ich mir
+von ihm ebensoviel Dank verspreche, als ein gewisser Patient
+glaubte den Ärzten schuldig zu sein, daß sie ihn nur die Rinde
+von der Quinquina verzehren ließen, da sie ihn leichtlich hätten
+nötigen können, den ganzen Baum aufzuessen.</p>
+
+<p>Herr SWEDENBORG teilet seine Erscheinungen in drei Arten
+ein, davon die <em class="gesperrt">erste</em> ist, vom Körper befreiet zu werden: ein
+mittlerer Zustand zwischen Schlafen und Wachen, worin er Geister
+<a class="pagenum" name="Page_378" title="378"> </a>
+gesehen, gehört, ja gefühlt hat. Dergleichen ist ihm nur drei-
+oder viermal begegnet. Die <em class="gesperrt">zweite</em> ist, vom Geiste weggeführt
+zu werden, da er etwa auf der Straße geht, ohne sich zu verwirren,
+indessen daß er im Geiste in ganz anderen Gegenden ist
+und anderwärts Häuser, Menschen, Wälder u.&nbsp;d.&nbsp;g. deutlich sieht,
+und dieses wohl einige Stunden lang, bis er sich plötzlich
+wiederum an seinem rechten Orte gewahr wird. Dieses ist ihm
+zwei- bis dreimal zugestoßen. Die <em class="gesperrt">dritte</em> Art der Erscheinungen
+ist die gewöhnliche, welche er täglich im völligen Wachen hat,
+und davon auch hauptsächlich diese seine Erzählungen hergenommen
+sind.</p>
+
+<p>Alle Menschen stehen seiner Aussage nach in gleich inniglicher
+Verbindung mit der Geisterwelt; nur sie empfinden es nicht, und
+der Unterscheid zwischen ihm und den andern besteht nur darin,
+<em class="gesperrt">daß sein Innerstes aufgetan ist</em>, von welchem Geschenke er
+jederzeit mit Ehrerbietigkeit redet (<i lang="la" xml:lang="la">datum mihi est ex divina Domini
+misericordia</i>). Man siehet aus dem Zusammenhange, daß
+diese Gabe darin bestehen soll, sich derer dunkelen Vorstellungen
+bewußt zu werden, welche die Seele durch ihre beständige Verknüpfung
+mit der Geisterwelt empfängt. Er unterscheidet daher
+an dem Menschen das äußere und innere Gedächtnis. Jenes hat
+er als eine Person, die zu der sichtbaren Welt gehört, dieses aber
+kraft seines Zusammenhanges mit der Geisterwelt. Darauf gründet
+sich auch der Unterschied des äußeren und inneren Menschen,
+und sein eigener Vorzug besteht darin, daß er schon in diesem
+Leben als eine Person sich in der Gesellschaft der Geister sieht
+und von ihnen auch als eine solche erkannt wird. In diesem
+innern Gedächtnis wird auch alles aufbehalten, was aus dem
+äußeren verschwunden war, und es geht nichts von allen Vorstellungen
+eines Menschen jemals verloren. Nach dem Tode ist
+die Erinnerung alles desjenigen, was jemals in seine Seele kam und
+was ihm selbst ehedem verborgen blieb, das vollständige Buch
+seines Lebens.</p>
+
+<p>Die Gegenwart der Geister trifft zwar nur seinen innern
+Sinn. Dieses erregt ihm aber die Apparenz derselben als außer
+ihm und zwar unter einer menschlichen Figur. Die Geistersprache
+ist eine unmittelbare Mitteilung der Ideen, sie ist aber
+jederzeit mit der Apparenz derjenigen Sprache verbunden, die er
+sonst spricht, und wird vorgestellt als außer ihm. Ein Geist liest
+in eines andern Geistes Gedächtnis die Vorstellungen, die dieser
+<a class="pagenum" name="Page_379" title="379"> </a>
+darin mit Klarheit enthält. So sehen die Geister in SWEDENBORGEN
+seine Vorstellungen, die er von dieser Welt hat, mit
+so klarem Anschauen, daß sie sich dabei selbst hintergehen und
+sich öfters einbilden, sie sehen unmittelbar die Sachen, welches
+doch unmöglich ist; denn kein reiner Geist hat die mindeste
+Empfindung von der körperlichen Welt; allein durch die Gemeinschaft
+mit andern Seelen lebender Menschen können sie auch
+keine Vorstellung davon haben, weil ihr Innerstes nicht aufgetan
+ist, d.&nbsp;i. ihr innerer Sinn gänzlich dunkele Vorstellungen enthält.
+Daher ist SWEDENBORG das rechte Orakel der Geister, welche
+ebenso neugierig sind, in ihm den gegenwärtigen Zustand der
+Welt zu beschauen, als er es ist, in ihrem Gedächtnis wie in
+einem Spiegel die Wunder der Geisterwelt zu betrachten. Obgleich
+diese Geister mit allen andern Seelen lebender Menschen
+gleichfalls in der genauesten Verbindung stehen und in dieselbe wirken
+oder von ihnen leiden, so wissen sie doch dieses ebensowenig,
+als es die Menschen wissen, weil dieser ihr innerer Sinn, welcher
+zu ihrer geistigen Persönlichkeit gehört, ganz dunkel ist. Es
+meinen also die Geister, daß dasjenige, was aus dem Einflusse der
+Menschenseelen in ihnen gewirkt worden, von ihnen allein gedacht
+sei, so wie auch die Menschen in diesem Leben nicht
+anders glauben, als daß alle ihre Gedanken und Willensregungen
+aus ihnen selbst entspringen, ob sie gleich in der Tat oftmals
+aus der unsichtbaren Welt in sie übergehen. Indessen hat eine
+jede menschliche Seele schon in diesem Leben ihre Stelle in der
+Geisterwelt und gehört zu einer gewissen Sozietät, die jederzeit
+ihrem innern Zustande des Wahren und Guten, d.&nbsp;i. des Verstandes
+und Willens, gemäß ist. Es haben aber die Stellen der
+Geister untereinander nichts mit dem Raume der körperlichen
+Welt gemein; daher die Seele eines Menschen in Indien mit der
+eines andern in Europa, was die geistige Lagen betrifft, oft die
+nächste Nachbaren sein, und dagegen die, so dem Körper nach
+in einem Hause wohnen, nach jenen Verhältnissen weit gnug
+voneinander entfernet sein können. Stirbt der Mensch, so verändert
+die Seele nicht ihre Stelle, sondern empfindet sich nur in
+derselben, darin sie in Ansehung anderer Geister schon in diesem
+Leben war. Übrigens, obgleich die Verhältnis der Geister untereinander
+kein wahrer Raum ist, so hat dieselbe doch bei ihnen
+die Apparenz desselben, und ihre Verknüpfungen werden unter
+der begleitenden Bedingung der Naheiten, ihre Verschiedenheiten
+<a class="pagenum" name="Page_380" title="380"> </a>
+aber als Weiten vorgestellt, so wie die Geister selber wirklich
+nicht ausgedehnt sind, einander aber doch die Apparenz einer
+menschlichen Figur geben. In diesem eingebildetem Raume ist
+eine durchgängige Gemeinschaft der geistigen Naturen. SWEDENBORG
+spricht mit abgeschiedenen Seelen, wenn es ihm beliebt,
+und liest in ihrem Gedächtnis (Vorstellungskraft) denjenigen
+Zustand, darin sie sich selbst beschauen, und siehet diesen ebenso
+klar als mit leiblichen Augen. Auch ist die ungeheure Entfernung
+der vernünftigen Bewohner der Welt in Absicht auf das geistige
+Weltganze vor nichts zu halten, und mit einem Bewohner des
+Saturns zu reden, ist ihm ebenso leicht, als eine abgeschiedene
+Menschenseele zu sprechen. Alles kommt auf das Verhältnis des
+innern Zustandes und auf die Verknüpfung an, die sie untereinander
+nach ihrer Übereinstimmung im <em class="gesperrt">Wahren</em> und im <em class="gesperrt">Guten</em>
+haben; die entferntere Geister aber können leichtlich durch
+Vermittelung anderer in Gemeinschaft kommen. Daher braucht
+der Mensch auch nicht in den übrigen Weltkörpern wirklich gewohnt
+zu haben, um dieselbe dereinst mit allen ihren Wundern
+zu kennen. Seine Seele lieset in dem Gedächtnisse anderer abgeschiedenen
+Weltbürger ihre Vorstellungen, die diese von ihrem
+Leben und Wohnplatze haben, und siehet darin die Gegenstände
+so gut wie durch ein unmittelbares Anschauen.</p>
+
+<p>Ein Hauptbegriff in SWEDENBORGS Phantasterei ist dieser.
+Die körperliche Wesen haben keine eigene Subsistenz, sondern
+bestehen lediglich durch die Geisterwelt, wiewohl ein jeder
+Körper nicht durch einen Geist allein, sondern durch alle zusammengenommen.
+Daher hat die Erkenntnis der materiellen
+Dinge zweierlei Bedeutung, einen äußerlichen Sinn in Verhältnis
+der Materie aufeinander und einen innern, insoferne sie als Wirkungen
+die Kräfte der Geisterwelt bezeichnen, die ihre Ursachen
+sind. So hat der Körper des Menschen eine Verhältnis der Teile
+untereinander nach materiellen Gesetzen; aber insoferne er durch
+den Geist, der in ihm lebt, erhalten wird, haben seine verschiedene
+Gliedmaßen und ihre Funktionen einen bezeichnenden Wert vor
+diejenige Seelenkräfte, durch deren Wirkung sie ihre Gestalt,
+Tätigkeit und Beharrlichkeit haben. Dieser innere Sinn ist den
+Menschen unbekannt, und den hat SWEDENBORG, dessen Innerstes
+aufgetan ist, den Menschen bekannt machen wollen. Mit allen
+andern Dingen der sichtbaren Welt ist es ebenso bewandt; sie
+haben, wie gesagt, eine Bedeutung als Sachen, welches wenig ist
+<a class="pagenum" name="Page_381" title="381"> </a>
+und eine andere als Zeichen, welches mehr ist. Dieses ist auch
+der Ursprung der neuen Auslegungen, die er von der Schrift hat
+machen wollen. Denn der innere Sinn, nämlich die symbolische
+Beziehung aller darin erzählten Dinge auf die Geisterwelt, ist, wie
+er schwärmet, der Kern ihres Werts, das übrige ist nur die Schale.
+Was aber wiederum in dieser symbolischen Verknüpfung körperlicher
+Dinge als Bilder mit dem innern geistigen Zustande wichtig
+ist, besteht darin: Alle Geister stellen sich einander jederzeit unter
+dem Anschein ausgedehnter Gestalten vor, und die Einflüsse aller
+dieser geistigen Wesen untereinander erregen ihnen zugleich die
+Apparenz von noch andern ausgedehnten Wesen und gleichsam
+von einer materialen Welt, deren Bilder doch nur Symbolen ihres
+inneren Zustandes sind, aber gleichwohl eine so klare und dauerhafte
+Täuschung des Sinnes verursachen, daß solche der wirklichen
+Empfindung solcher Gegenstände gleich ist. (Ein künftiger Ausleger
+wird daraus schließen, daß SWEDENBORG ein Idealist sei,
+weil er der Materie dieser Welt auch die eigne Subsistenz abspricht
+und sie daher vielleicht nur vor eine zusammenhängende
+Erscheinung halten mag, welche aus der Verknüpfung der Geisterwelt
+entspringt). Er redet also von Gärten, weitläuftigen Gegenden,
+Wohnplätzen, Galerien und Arkaden der Geister, die er
+mit eigenen Augen in dem kläresten Lichte sähe, und versichert,
+daß, da er mit allen seinen Freunden nach ihrem Tode vielfältig
+gesprochen, er an denen, die nur kürzlich gestorben, fast jederzeit
+gefunden hätte, daß sie sich kaum hätten überreden können, gestorben
+zu sein, weil sie eine ähnliche Welt um sich sähen; imgleichen,
+daß Geistergesellschaften von einerlei innerem Zustande einerlei
+Apparenz der Gegend und anderer daselbst befindlichen Dinge
+hätten, die Veränderung ihres Zustandes aber sei mit dem Schein
+der Veränderung des Orts verbunden. Weil nun jederzeit, wenn
+die Geister den Menschenseelen ihre Gedanken mitteilen, diese
+mit der Apparenz materieller Dinge verbunden sind, welche im
+Grunde nur kraft einer Beziehung auf den geistigen Sinn, doch
+mit allem Schein der Wirklichkeit sich demjenigen vormalen, der
+solche empfängt, so ist daraus der Vorrat der wilden und unaussprechlich
+albernen Gestalten herzuleiten, welche unser Schwärmer
+bei seinem täglichen Geisterumgange in aller Klarheit zu sehen
+glaubt.</p>
+
+<p>Ich habe schon angeführt, daß nach unserm Verfasser die
+mancherlei Kräfte und Eigenschaften der Seele mit denen ihrer
+<a class="pagenum" name="Page_382" title="382"> </a>
+Regierung untergeordneten Organen des Körpers in Sympathie
+stehen. Der ganze äußere Mensch korrespondiert also dem ganzen
+innern Menschen, und wenn daher ein merklicher geistiger Einfluß
+aus der unsichtbaren Welt eine oder andere dieser seiner
+Seelenkräfte vorzüglich trifft, so empfindet er auch harmonisch
+die apparente Gegenwart desselben an denen Gliedmaßen seines
+äußeren Menschen, die diesen korrespondieren. Dahin bezieht er
+nun eine große Mannigfaltigkeit von Empfindungen an seinem
+Körper, die jederzeit mit der geistigen Beschauung verbunden sind,
+deren Ungereimtheit aber zu groß ist, als daß ich es wagen
+dürfte, nur eine einzige derselben anzuführen.</p>
+
+<p>Hieraus kann man sich nun, wofern man es der Mühe wert
+hält, einen Begriff von der abenteuerlichsten und seltsamsten Einbildung
+machen, in welche sich alle seine Träumereien vereinbaren.
+So wie nämlich verschiedene Kräfte und Fähigkeiten diejenige
+Einheit ausmachen, welche die Seele oder der innere
+Mensch ist, so machen auch verschiedene Geister, (deren Hauptcharaktere
+sich ebenso aufeinander beziehen, wie die mancherlei
+Fähigkeiten eines Geistes untereinander), eine Sozietät aus, welche
+die Apparenz eines großen Menschen an sich zeigt, und in welchem
+Schattenbilde ein jeder Geist sich an demjenigen Orte und
+in den scheinbaren Gliedmaßen sieht, die seiner eigentümlichen Verrichtung
+in einem solchen geistigen Körper gemäß sind. Alle Geistersozietäten
+aber zusammen und die ganze Welt aller dieser unsichtbaren
+Wesen erscheinet zuletzt selbst wiederum in der Apparenz
+des <em class="gesperrt">größesten Menschen</em>. Eine ungeheure und riesenmäßige
+Phantasie, zu welcher sich vielleicht eine alte kindische Vorstellung
+ausgedehnt hat, wenn etwa in Schulen, um dem Gedächtnis zu
+Hülfe zu kommen, ein ganzer Weltteil unter dem Bilde einer
+sitzenden Jungfrau u.&nbsp;d.&nbsp;g. den Lehrlingen vorgemalt wird. In
+diesem unermeßlichen Menschen ist eine durchgängige innigste
+Gemeinschaft eines Geistes mit allen und aller mit einem, und
+wie auch immer die Lage der lebenden Wesen gegeneinander in
+dieser Welt oder deren Veränderung beschaffen sein mag, so
+haben sie doch eine ganz andere Stelle im größesten Menschen,
+welche sie niemals verändern und welche nur dem Scheine nach
+ein Ort in einem unermeßlichen Raume, in der Tat aber eine
+bestimmte Art ihrer Verhältnisse und Einflüsse ist.</p>
+
+<p>Ich bin es müde, die wilden Hirngespinste des ärgsten
+Schwärmers unter allen zu kopieren oder solche bis zu seinen
+<a class="pagenum" name="Page_383" title="383"> </a>
+Beschreibungen vom Zustande nach dem Tode fortzusetzen. Ich
+habe auch noch andere Bedenklichkeiten. Denn obgleich ein
+Natursammler unter den präparierten Stücken tierischer Zeugungen
+nicht nur solche, die in natürlicher Form gebildet sind, sondern
+auch Mißgeburten in seinem Schranke aufstellt, so muß er doch
+behutsam sein, sie nicht jedermann und nicht gar zu deutlich
+sehen zu lassen. Denn es könnten unter den Vorwitzigen leichtlich
+schwangere Personen sein, bei denen es einen schlimmen
+Eindruck machen dürfte. Und da unter meinen Lesern einige in
+Ansehung der idealen Empfängnis ebensowohl in andern Umständen
+sein mögen, so würde mir es leid tun, wenn sie sich
+hier etwa woran sollten versehen haben. Indessen, weil ich sie doch
+gleich anfangs gewarnet habe, so stehe ich vor nichts und hoffe,
+man werde mir die Mondkälber nicht aufbürden, die bei dieser
+Veranlassung von ihrer fruchtbaren Einbildung möchten geboren
+werden.</p>
+
+<p>Übrigens habe ich den Träumereien unseres Verfassers keine
+eigene unterschoben, sondern solche durch einen getreuen Auszug
+dem bequemen und wirtschaftlichen Leser, (der einem kleinen
+Vorwitze nicht so leicht 7 Pfund Sterlinge aufopfern möchte),
+dargeboten. Zwar sind die unmittelbare Anschauungen mehrenteils
+von mir weggelassen worden, weil dergleichen wilde Hirngespinste
+nur den Nachtschlaf des Lesers stören würden; auch ist
+der verworrene Sinn seiner Eröffnungen hin und wieder in eine
+etwas gangbare Sprache eingekleidet worden; allein die Hauptzüge
+des Abrisses haben dadurch in ihrer Richtigkeit nicht gelitten.
+Gleichwohl ist es nur umsonst, es verhehlen zu wollen, weil es
+jedermann doch so in die Augen fällt, daß alle diese Arbeit am
+Ende auf nichts herauslaufe. Denn da die vorgegebene Privaterscheinungen
+des Buchs sich selbst nicht beweisen können, so
+konnte der Bewegungsgrund, sich mit ihnen abzugeben, nur in
+der Vermutung liegen, daß der Verfasser zur Beglaubigung derselben
+sich vielleicht auf Vorfälle von der oben erwähnten Art,
+die durch lebende Zeugen bestätigt werden könnten, berufen
+würde. Dergleichen aber findet man nirgend. Und so ziehen
+wir uns mit einiger Beschämung von einem törichten Versuche
+zurück mit der vernünftigen, obgleich etwas späten Anmerkung,
+daß das Klugdenken mehrenteils eine leichte Sache sei, aber leider
+nur, nachdem man sich eine Zeitlang hat hintergehen lassen.</p>
+
+<p class="asterisk-break">* * *</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_384" title="384"> </a>Ich habe einen undankbaren Stoff bearbeitet, den mir die
+Nachfrage und Zudringlichkeit vorwitziger und müßiger Freunde
+unterlegte. Indem ich diesem Leichtsinn meine Bemühung unterwarf,
+so habe ich zugleich dessen Erwartung betrogen und weder
+dem Neugierigen durch Nachrichten, noch dem Forschenden durch
+Vernunftgründe etwas zur Befriedigung ausgerichtet. Wenn keine
+andre Absicht diese Arbeit beseelte, so habe ich meine Zeit verloren;
+ich habe das Zutrauen des Lesers verloren, dessen Erkundigung
+und Wißbegierde ich durch einen langweiligen Umweg zu
+demselben Punkte der Unwissenheit geführet habe, aus welchem
+er herausgegangen war. Allein ich hatte in der Tat einen Zweck
+vor Augen, der mir wichtiger scheint als der, welchen ich vorgab,
+und diesen meine ich erreicht zu haben. Die Metaphysik,
+in welche ich das Schicksal habe verliebt zu sein, ob ich mich
+gleich von ihr nur selten einiger Gunstbezeugungen rühmen kann,
+leistet zweierlei Vorteile. Der erste ist, denen Aufgaben ein
+Gnüge zu tun, die das forschende Gemüt aufwirft, wenn es verborgenern
+Eigenschaften der Dinge durch Vernunft nachspähet.
+Aber hier täuscht der Ausgang nur gar zu oft die Hoffnung und
+ist diesmal auch unsern begierigen Händen entgangen.</p>
+
+<div class="poetry width22">
+<div class="stanza">
+<div class="line">Ter frustra comprensa manus effugit imago<br/></div>
+<div class="line">Par levibus ventis volucrique simillima somno.<br/></div>
+<div class="line right">VIRG.<br/></div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Der andre Vorteil ist der Natur des menschlichen Verstandes
+mehr angemessen und besteht darin einzusehen, ob die Aufgabe
+aus demjenigen, was man wissen kann, auch bestimmt sei und
+welches Verhältnis die Frage zu denen Erfahrungsbegriffen habe,
+darauf sich alle unsre Urteile jederzeit stützen müssen. Insoferne
+ist die Metaphysik eine Wissenschaft von den <em class="gesperrt">Grenzen der
+menschlichen Vernunft</em>, und da ein kleines Land jederzeit
+viel Grenze hat, überhaupt auch mehr daran liegt, seine Besitzungen
+wohl zu kennen und zu behaupten, als blindlings auf Eroberungen
+auszugehen, so ist dieser Nutze der erwähnten Wissenschaft
+der unbekannteste und zugleich der wichtigste, wie er denn
+auch nur ziemlich spät und nach langer Erfahrung erreichet wird.
+Ich habe diese Grenze hier zwar nicht genau bestimmt, aber doch
+insoweit angezeigt, daß der Leser bei weiterem Nachdenken finden
+wird, er könne sich aller vergeblichen Nachforschung überheben
+in Ansehung einer Frage, wozu die Data in einer andern Welt,
+<a class="pagenum" name="Page_385" title="385"> </a>
+als in welcher er empfindet, anzutreffen sind. Ich habe also
+meine Zeit verloren, damit ich sie gewönne. Ich habe meinen
+Leser hintergangen, damit ich ihm nützete, und wenn ich ihm
+gleich keine neue Einsicht darbot, so vertilgte ich doch den
+Wahn und das eitele Wissen, welches den Verstand aufblähet
+und in seinem engen Raume den Platz ausfüllt, den die Lehren
+der Weisheit und der nützlichen Unterweisung einnehmen könnten.</p>
+
+<p>Wen die bisherigen Betrachtungen ermüdet haben, ohne ihn
+zu belehren, dessen Ungeduld kann sich nunmehro damit aufrichten,
+was DIOGENES, wie man sagt, seinen gähnenden Zuhörern
+zusprach, als er das letzte Blatt eines langweiligen Buchs
+sah: <em class="gesperrt">Courage</em>, meine Herren, <em class="gesperrt">ich sehe Land</em>. Vorher wandelten
+wir wie DEMOKRIT im leeren Raume, wohin uns die
+<em class="gesperrt">Schmetterlingsflügel</em> der Metaphysik gehoben hatten und unterhielten
+uns daselbst mit geistigen Gestalten. Jetzt, da die <em class="gesperrt">stiptische</em>
+Kraft der Selbsterkenntnis die seidene Schwingen zusammengezogen
+hat, sehen wir uns wieder auf dem niedrigen
+Boden der Erfahrung und des gemeinen Verstandes; glücklich,
+wenn wir denselben als unseren angewiesenen Platz betrachten,
+aus welchem wir niemals ungestraft hinausgehen, und der auch
+alles enthält, was uns befriedigen kann, solange wir uns am
+Nützlichen halten.</p>
+
+<h3>Drittes Hauptstück.<br/><i>Praktischer Schluß aus der ganzen Abhandlung.</i></h3>
+
+<p>Einem jeden Vorwitze nachzuhängen und der Erkenntnissucht
+keine andre Grenzen zu verstatten als das Unvermögen, ist ein
+Eifer, welcher der <em class="gesperrt">Gelehrsamkeit</em> nicht übel ansteht. Allein
+unter unzähligen Aufgaben, die sich selbst darbieten, diejenige
+auswählen, deren Auflösung dem Menschen angelegen ist, ist das
+Verdienst der <em class="gesperrt">Weisheit</em>. Wenn die Wissenschaft ihren Kreis
+durchlaufen hat, so gelanget sie natürlicherweise zu dem Punkte
+eines bescheidenen Mißtrauens und sagt, unwillig über sich selbst:
+<em class="gesperrt">Wieviel Dinge gibt es doch, die ich nicht einsehe!</em> Aber
+die durch Erfahrung gereifte Vernunft, welche zur Weisheit wird,
+spricht in dem Munde des SOKRATES mitten unter den Waren
+<a class="pagenum" name="Page_386" title="386"> </a>
+eines Jahrmarkts mit heiterer Seele: <em class="gesperrt">Wieviel Dinge gibt es
+doch, die ich alle nicht brauche!</em> Auf solche Art fließen
+endlich zwei Bestrebungen von so unähnlicher Natur in eine zusammen,
+ob sie gleich anfangs nach sehr verschiedenen Richtungen
+ausgingen, indem die erste eitel und unzufrieden, die zweite
+aber gesetzt und gnügsam ist. Denn um vernünftig zu wählen,
+muß man vorher selbst das Entbehrliche, ja das Unmögliche
+kennen; aber endlich gelangt die Wissenschaft zu der Bestimmung
+der ihr durch die Natur der menschlichen Vernunft gesetzten
+Grenzen; alle bodenlose Entwürfe aber, die vielleicht an sich
+selbst nicht unwürdig sein mögen, nur daß sie außer der Sphäre
+des Menschen liegen, fliehen auf den <em class="gesperrt">Limbus</em> der Eitelkeit. Alsdenn
+wird selbst die Metaphysik dasjenige, wovon sie jetzo noch
+ziemlich weit entfernet ist, und was man von ihr am wenigsten
+vermuten sollte, die <em class="gesperrt">Begleiterin der Weisheit</em>. Denn solange
+die Meinung einer Möglichkeit, zu so entfernten Einsichten zu
+gelangen, übrigbleibt, so ruft die <em class="gesperrt">weise Einfalt</em> vergeblich, daß
+solche große Bestrebungen entbehrlich seien. Die Annehmlichkeit,
+welche die Erweiterung des Wissens begleitet, wird sehr leicht
+den Schein der Pflichtmäßigkeit annehmen und aus jener vorsetzlichen
+und überlegten Gnügsamkeit eine <em class="gesperrt">dumme Einfalt</em>
+machen, die sich der Veredelung unserer Natur entgegensetzen
+will. Die Fragen von der geistigen Natur, von der Freiheit und
+Vorherbestimmung, dem künftigen Zustande u.&nbsp;d.&nbsp;g. bringen anfänglich
+alle Kräfte des Verstandes in Bewegung und ziehen den
+Menschen durch ihre Vortrefflichkeit in den Wetteifer der Spekulation,
+welche ohne Unterschied klügelt und entscheidet, lehret
+oder widerlegt, wie es die Scheineinsicht jedesmal mit sich
+bringt. Wenn diese Nachforschung aber in Philosophie ausschlägt,
+die über ihr eigen Verfahren urteilt, und die nicht die
+Gegenstände allein, sondern deren Verhältnis zu dem Verstande
+des Menschen kennt, so ziehen sich die Grenzen enger zusammen,
+und die Marksteine werden gelegt, welche die Nachforschung aus
+ihrem eigentümlichen Bezirke niemals mehr ausschweifen lassen.
+Wir haben einige Philosophie nötig gehabt, um die Schwierigkeiten
+zu kennen, welche einen Begriff umgeben, den man gemeiniglich
+als sehr bequem und alltägig behandelt. Etwas mehr
+Philosophie entfernet dieses Schattenbild der Einsicht noch mehr
+und überzeugt uns, daß es gänzlich außer dem Gesichtskreise der
+Menschen liege. Denn in den Verhältnissen der Ursache und
+<a class="pagenum" name="Page_387" title="387"> </a>
+Wirkung, der Substanz und der Handlung dient anfänglich die
+Philosophie dazu, die verwickelte Erscheinungen aufzulösen und
+solche auf einfachere Vorstellungen zu bringen. Ist man aber
+endlich zu den Grundverhältnissen gelangt, so hat das Geschäfte
+der Philosophie ein Ende, und wie etwas könne eine Ursache
+sein oder eine Kraft haben, ist unmöglich jemals durch Vernunft
+einzusehen, sondern diese Verhältnisse müssen lediglich aus der
+Erfahrung genommen werden. Denn unsere Vernunftregel gehet
+nur auf die Vergleichung nach der <em class="gesperrt">Identität</em> und dem <em class="gesperrt">Widerspruche</em>.
+Soferne aber etwas eine Ursache ist, so wird durch
+<em class="gesperrt">Etwas</em> etwas <em class="gesperrt">Anders</em> gesetzt, und es ist also kein Zusammenhang
+vermöge der Einstimmung anzutreffen; wie denn auch, wenn ich
+ebendasselbe nicht als eine Ursache ansehen will, niemals ein
+Widerspruch entspringt, weil es sich nicht contradicieret, wenn
+etwas gesetzt ist, etwas anderes aufzuheben. Daher die Grundbegriffe
+der Dinge als Ursachen, die der Kräfte und Handlungen,
+wenn sie nicht aus der Erfahrung hergenommen sind, gänzlich
+willkürlich sind und weder bewiesen noch widerlegt werden
+können. Ich weiß wohl, daß das Denken und Wollen meinen
+Körper bewege, aber ich kann diese Erscheinung als eine einfache
+Erfahrung niemals durch Zergliederung auf eine andere
+bringen und sie daher wohl erkennen, aber nicht einsehen. Daß
+mein Wille meinen Arm bewegt, ist mir nicht verständlicher, als
+wenn jemand sagte, daß derselbe auch den Mond in seinem
+Kreise zurückhalten könnte; der Unterschied ist nur dieser, daß
+ich jenes erfahre, dieses aber niemals in meine Sinne gekommen
+ist. Ich erkenne in mir Veränderungen als in einem Subjekte,
+was lebt, nämlich Gedanken, Willkür etc. etc., und weil diese
+Bestimmungen von anderer Art sind als alles, was zusammengenommen
+meinen Begriff vom Körper macht, so denke ich mir
+billigermaßen ein unkörperliches und beharrliches Wesen. Ob
+dieses auch ohne Verbindung mit dem Körper denken werde,
+kann vermittelst dieser aus Erfahrung erkannten Natur niemals
+geschlossen werden. Ich bin mit meiner Art Wesen durch Vermittelung
+körperlicher Gesetze in Verknüpfung, ob ich aber auch
+sonst nach andern Gesetzen, welche ich pneumatisch nennen will,
+ohne die Vermittelung der Materie in Verbindung stehe oder
+jemals stehen werde, kann ich auf keinerlei Weise aus demjenigen
+schließen, was mir gegeben ist. Alle solche Urteile, wie diejenige
+von der Art, wie meine Seele den Körper bewegt oder
+<a class="pagenum" name="Page_388" title="388"> </a>
+mit andern Wesen ihrer Art jetzt oder künftig in Verhältnis steht,
+können niemals etwas mehr als Erdichtungen sein und zwar bei
+weitem nicht einmal von demjenigen Werte als die in der Naturwissenschaft,
+welche man Hypothesen nennt, bei welchen man
+keine Grundkräfte ersinnt, sondern diejenige, welche man durch
+Erfahrung schon kennt, nur auf eine den Erscheinungen angemessene
+Art verbindet, und deren Möglichkeit sich also jederzeit
+muß können beweisen lassen; dagegen im ersten Falle selbst neue
+Fundamentalverhältnisse von Ursache und Wirkung angenommen
+werden, in welchen man niemals den mindesten Begriff ihrer
+Möglichkeit haben kann und also nur schöpferisch oder chimärisch,
+wie man es nennen will, dichtet. Die Begreiflichkeit verschiedener
+wahren oder angeblichen Erscheinungen aus dergleichen
+angenommenen Grundideen dienet diesen zu gar keinem Vorteile.
+Denn man kann leicht von allem Grund angeben, wenn man
+berechtigt ist, Tätigkeiten und Wirkungsgesetze zu ersinnen, wie
+man will. Wir müssen also warten, bis wir vielleicht in der
+künftigen Welt durch neue Erfahrungen und Begriffe von
+denen uns noch verborgenen Kräften in unserm denkenden Selbst
+werden belehrt werden. So haben uns die Beobachtungen späterer
+Zeiten, nachdem sie durch Mathematik aufgelöset worden, die
+Kraft der Anziehung an der Materie offenbaret, von deren Möglichkeit,
+(weil sie eine Grundkraft zu sein scheint), man sich
+niemals einigen ferneren Begriff wird machen können. Diejenige,
+welche, ohne den Beweis aus der Erfahrung in Händen zu haben,
+vorher sich eine solche Eigenschaft hätten ersinnen wollen,
+würden als Toren mit Recht verdienet haben, ausgelacht zu
+werden. Da nun die Vernunftgründe in dergleichen Fällen weder
+zur Erfindung noch zur Bestätigung der Möglichkeit oder Unmöglichkeit
+von der mindesten Erheblichkeit sind, so kann man
+nur den Erfahrungen das Recht der Entscheidung einräumen, so
+wie ich es auch der Zeit, welche Erfahrung bringt, überlasse,
+etwas über die gepriesene Heilkräfte des Magnets in Zahnkrankheiten
+auszumachen, wenn sie ebensoviel Beobachtungen wird
+vorzeigen können, daß magnetische Stäbe auf Fleisch und Knochen
+wirken, als wir schon vor uns haben, daß es auf Eisen und Stahl
+geschehe. Wenn aber gewisse angebliche Erfahrungen sich in
+kein unter den meisten Menschen einstimmiges Gesetz der Empfindung
+bringen lassen und also nur eine Regellosigkeit in den
+Zeugnissen der Sinne beweisen würden, (wie es in der Tat mit
+<a class="pagenum" name="Page_389" title="389"> </a>
+den herumgehenden Geistererzählungen bewandt ist), so ist ratsam,
+sie nur abzubrechen, weil der Mangel der Einstimmung und
+Gleichförmigkeit alsdenn der historischen Erkenntnis alle Beweiskraft
+nimmt und sie untauglich macht, als Fundament zu irgendeinem
+Gesetze der Erfahrung zu dienen, worüber der Verstand
+urteilen könnte.</p>
+
+<p>So wie man einerseits durch etwas tiefere Nachforschung einsehen
+lernet, daß die überzeugende und philosophische Einsicht
+in dem Falle, wovon wir reden, <em class="gesperrt">unmöglich</em> sei, so wird man
+auch andererseits bei einem ruhigen und vorurteilfreien Gemüte
+gestehen müssen, daß sie entbehrlich und <em class="gesperrt">unnötig</em> sei. Die
+Eitelkeit der Wissenschaft entschuldigt gerne ihre Beschäftigung
+mit dem Vorwande der Wichtigkeit, und so gibt man auch hier
+gemeiniglich vor, daß die Vernunfteinsicht von der geistigen
+Natur der Seele zu der Überzeugung von dem Dasein nach dem
+Tode, diese aber zum Bewegungsgrunde eines tugendhaften Lebens
+sehr nötig sei; die müßige Neubegierde aber setzt hinzu, daß die
+Wahrhaftigkeit der Erscheinungen abgeschiedener Seelen von allem
+diesen sogar einen Beweis aus der Erfahrung abgeben könne.
+Allein die wahre Weisheit ist die Begleiterin der Einfalt, und da
+bei ihr das Herz dem Verstande die Vorschrift gibt, so macht
+sie gemeiniglich die große Zurüstungen der Gelehrsamkeit entbehrlich,
+und ihre Zwecke bedürfen nicht solcher Mittel, die
+nimmermehr in aller Menschen Gewalt sein können. Wie? ist es
+denn nur darum gut, tugendhaft zu sein, weil es eine andre Welt
+gibt, oder werden die Handlungen nicht vielmehr dereinst belohnt
+werden, weil sie an sich selbst gut und tugendhaft waren? Enthält
+das Herz des Menschen nicht unmittelbare sittliche Vorschriften,
+und muß man, um ihn allhier seiner Bestimmung gemäß
+zu bewegen, durchaus die Maschinen an eine andere Welt
+ansetzen? Kann derjenige wohl redlich, kann er wohl tugendhaft
+heißen, welcher sich gern seinen Lieblingslastern ergeben würde,
+wenn ihn nur keine künftige Strafe schreckte, und wird man
+nicht vielmehr sagen müssen, daß er zwar die Ausübung der
+Bosheit scheue, die lasterhafte Gesinnung aber in seiner Seele
+nähre, daß er den Vorteil der tugendähnlichen Handlungen liebe,
+die Tugend selbst aber hasse? Und in der Tat lehret die Erfahrung
+auch, daß so viele, welche von der künftigen Welt belehrt
+und überzeugt sind, gleichwohl dem Laster und der Niederträchtigkeit
+ergeben nur auf Mittel sinnen, den drohenden Folgen
+<a class="pagenum" name="Page_390" title="390"> </a>
+der Zukunft arglistig auszuweichen; aber es hat wohl niemals eine
+rechtschaffene Seele gelebt, welche den Gedanken hätte ertragen
+können, daß mit dem Tode alles zu Ende sei, und deren edle
+Gesinnung sich nicht zur Hoffnung der Zukunft erhoben hätte.
+Daher scheint es der menschlichen Natur und der Reinigkeit der
+Sitten gemäßer zu sein, die Erwartung der künftigen Welt auf
+die Empfindungen einer wohlgearteten Seele, als umgekehrt, ihr
+Wohlverhalten auf die Hoffnung der andern Welt zu gründen.
+So ist auch der <em class="gesperrt">moralische Glaube</em> bewandt, dessen Einfalt
+mancher Spitzfindigkeit des Vernünftelns überhoben sein kann,
+und welcher einzig und allein dem Menschen in jeglichem Zustande
+angemessen ist, indem er ihn ohne Umschweif zu seinen
+wahren Zwecken führet. Laßt uns demnach alle lärmende Lehrverfassungen
+von so entfernten Gegenständen der Spekulation und
+der Sorge müßiger Köpfe überlassen. Sie sind uns in der Tat
+gleichgültig, und der augenblickliche Schein der Gründe vor oder
+dawider mag vielleicht über den Beifall der Schulen, schwerlich
+aber etwas über das künftige Schicksal der Redlichen entscheiden.
+Es war auch die menschliche Vernunft nicht gnugsam dazu beflügelt,
+daß sie so hohe Wolken teilen sollte, die uns die Geheimnisse
+der andern Welt aus den Augen ziehen, und denen
+Wißbegierigen, die sich nach derselben so angelegentlich erkundigen,
+kann man den einfältigen, aber sehr natürlichen Bescheid
+geben, daß es wohl am ratsamsten sei, <em class="gesperrt">wenn sie sich zu gedulden
+beliebten, bis sie werden dahin kommen</em>. Da aber
+unser Schicksal in der künftigen Welt vermutlich sehr darauf ankommen
+mag, wie wir unsern Posten in der gegenwärtigen verwaltet
+haben, so schließe ich mit demjenigen, was VOLTAIRE
+seinen ehrlichen CANDIDE nach so viel unnützen Schulstreitigkeiten
+zum Beschlusse sagen läßt: <em class="gesperrt">Laßt uns unser Glück besorgen,
+in den Garten gehen und arbeiten!</em></p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_481" title="481"> </a><a name="lesarten">Lesarten</a></h2>
+
+<h3>Drucke:</h3>
+
+<p>Über die Originaldrucke berichtet <span class="gesperrt">Kehrbach</span> (S.&nbsp;X&nbsp;f. seiner Ausg.),
+der erste Herausgeber, der seiner Neu-Ausgabe der »Träume« den
+eigentlichen Originaldruck zugrunde gelegt hat, folgendes.</p>
+
+<p>1. Träume | eines Geistersehers, | erläutert | durch | Träume der
+Metaphysik. | Titelvignette (einen nackten sitzenden Genius darstellend,
+der in der linken Hand eine Leier hält.) | Motto: velut aegri somnia,
+vanae | Finguntur species. Hor. Königsberg, | bey Johann Jacob Kanter |
+1766. 8, 128 S. (Unten als A<sub>1</sub> bezeichnet.)</p>
+
+<p>2. Träume | eines Geistersehers, | erläutert | durch | Träume der
+Metaphysik. | Titelvignette (Rosenzweige darstellend). Motto wie A<sub>1</sub>. |
+Riga und Mietau, | bey Johann Friedrich Hartknoch | 1766. 8, 128 S.
+(Unten als A<sub>2</sub> bezeichnet.)</p>
+
+<p>3. Träume | eines Geistersehers etc.</p>
+
+<p>Die Ausgabe 3. unterscheidet sich in Bezug auf das Titelblatt nur
+durch die Titelvignette und den zwischen Ortsangabe und Motto angebrachten
+Strich. Die Titelvignette besteht aus einem sitzenden
+nackten Genius, der in den Händen einen Blumenstock hält. Der
+Querstrich zwischen Motto und Ortsangabe besteht aus aneinandergereihten
+&ndash; &ndash; &ndash; &ndash;, während er in A<sub>2</sub> aus *** besteht. Auch auf
+der ersten Seite des Textes ist die Verschiedenheit der beiden Drucke
+2. und 3. sofort sichtbar. Die Randleiste, welche über dem Texte steht,
+ist in 2. eine andere als in 3. Ferner, um noch ein Beispiel der in
+die Augen tretenden Differenz zu geben, hat 2. auf der letzten Zeile
+der ersten Seite: »die beyden Pforten«, 3. dagegen hat wie 1.: »die
+beyde Pforten«. (Unten als A<sub>3</sub> bezeichnet.) Welche Ausgabe von den
+beiden Hartknochschen die ältere ist, wird sich schwer nachweisen <ins title="lassen.«">lassen.</ins></p>
+
+<p>Nach der von Menzer vorgenommenen Vergleichung der beiden
+Drucke A<sub>2</sub> und A<sub>3</sub> (s. Ak.&nbsp;II, 503) ist es wahrscheinlich, daß A<sub>3</sub> der
+zweite, A<sub>2</sub> der dritte Druck ist. A<sub>3</sub> wird wohl als Druckvorlage für
+A<sub>2</sub> gedient haben.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_482" title="482"> </a>4. Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik,
+in: I. Kants sämmtliche kleine Schriften. Nach der Zeitfolge
+geordnet. Königsberg und Leipzig 1797/8. Bd.&nbsp;II, S.&nbsp;379&ndash;478.</p>
+
+<p>5. Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik,
+in: I. Kants vermischte Schriften. Halle (Renger), 1799. (Tieftrunk.)
+Bd.&nbsp;II, S.&nbsp;247&ndash;346.</p>
+
+<p>6. Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik,
+in: Kants populäre Schriften, hrsg. von Paul Menzer. S.&nbsp;117&ndash;202.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p><big>331</big>, 12 v.&nbsp;u. und wenigstens (A)] Wille möchte lesen: »<em class="gesperrt">oder</em>
+wenigstens«. Unnötig. <big>332</big>, 3 hinaus (A<sub>1</sub>)] hieraus (A<sub>2</sub> A<sub>3</sub>) <big>334</big>, 10
+v.&nbsp;u. errichtet (A<sub>1</sub>)] erreichet (A<sub>2</sub>. A<sub>3</sub>). <big>334</big>, 4 v.&nbsp;u. entfaltet (A<sub>3</sub>)] A<sub>1</sub>. A<sub>2</sub>
+haben den Druckfehler: »entfalten«. <big>336</big>, 24 Entscheidungen (A<sub>1</sub>)]
+Entschließungen (A<sub>2</sub>. A<sub>3</sub>). <big>337</big>, 6 <em class="gesperrt">Zurückstoßung</em>] erst von Ak. gesperrt.
+<big>338</big>, 4 desselben (Wille)] derselben (A) <big>339</big>, 13 schmerzhaften (A<sub>1</sub>, A<sub>3</sub>)]
+schmerzhaftesten A<sub>2</sub>. Danach die andern Hsgg., außer Ak. <big>340</big>, 4
+d. Anm. ein Atomus (A)] Wille: »<em class="gesperrt">nur</em> ein Atomus«. Unnötig. <big>340</big>,
+15 v.&nbsp;u. diesen (T)] dessen (A<sub>1&ndash;3</sub>). <big>340</big>, 14 v.&nbsp;u. Grad Klarheit (A). So
+auch Kehrb. Ak.] T, Ros, H, Vorl. lesen: »Grad der Klarheit«. <big>340</big>,
+11 v.&nbsp;u. Wille möchte lesen: welche beide Sinne durch die Eindrücke
+<em class="gesperrt">Stellen</em> im Gehirne <em class="gesperrt">bewegen</em> werden. &ndash; Eher eine Verschlechterung!
+<big>342</big>, 1 d. Anm. auch wohl so (A<sub>1</sub>)] auch so A<sub>2</sub>, A<sub>3</sub>; Voigt, T, Starke, R,
+H<sub>1</sub>, H<sub>2</sub> (alle nach A<sub>2</sub>! Kehrb. und Ak. lesen nach A<sub>1</sub>). <big>343</big>, 2 d.
+Anm. ohne allem inneren Zustande (A<sub>1</sub>, A<sub>2</sub>)] Ak: »ohne allen inneren
+Zustand«. Die Lesart von A. entspricht wohl Kants Sprachgebrauch,
+daher Änderung unangebracht. <big>344</big>, 1 sola (A<sub>1</sub>)] fehlt A<sub>2</sub>, A<sub>3</sub>. Ebenso
+in T, H, Ros., die nach A<sub>2</sub> gedruckt haben. Auch bei Kehrbach, obwohl
+dieser A<sub>1</sub>, A<sub>2</sub>, A<sub>3</sub> verglichen hat. Wiederhergestellt ist es in Ak. und
+Vorl. <big>344</big>, 14 v.&nbsp;u. immaterielle (A<sub>1</sub>)] immateriale (A<sub>2</sub>) <big>344</big>, 7
+v.&nbsp;u. deren (A)] dessen (Vorl.) Zunächst wahrscheinlich, aber bei Kant
+gerade diese lose Beziehung (auf Welt) beliebt. Änderung daher unnötig.
+<big>344</big>, 4 v.&nbsp;u. wo sie auch (A<sub>1</sub>, A<sub>2</sub>)] wo es auch (Ak). Unnötig. <big>345</big>, 27
+Wurzel (A)] Vorl.: »Wurzeln«. Unnötig. <big>345</big>, 1 v.&nbsp;u. allem diesen
+A<sub>1</sub>, T, H, K] allem diesem A<sub>2</sub>, A<sub>3</sub>, Ak. <big>346</big>, 1 auf Beweisgründe]
+auf Beweisgründen (A<sub>1</sub>, A<sub>2</sub>); K: »aus Beweisgründen«. (In A<sub>1</sub> steht irrtümlich
+»Beweiegründen«.) <big>347</big>, 20 mir (A)] fehlt in Ak. (Druckfehler.)
+<big>348</big>, 21 ihnen (Wille)] ihr (A) <big>348</big>, 15 v.&nbsp;u. andere (Ak)] andern A<sub>1</sub>
+A<sub>2</sub> <big>349</big>, 3 die Eigennützigkeit (A<sub>1&ndash;3</sub>)] Vorl.: »Eigennützigkeit«. Unnötig.
+<big>349</big>, 13 vor] von (A) <big>349</big>, 18 um (A<sub>1</sub> A<sub>3</sub>)] und (A<sub>2</sub>). Dieser
+Sachverhalt von Vorl. nicht erkannt, er schreibt im Text »und« und
+bemerkt: Akademie »um«. <big>350</big>, 2 jede (A)] Kehrbach (in den Lesarten)
+»jedes«. Unnötig. In Kehrbachs <em class="gesperrt">Text</em> steht der Druckfehler:
+»jeder«. Danach ist auch Vorl.s Anm. zu der Stelle zu berichtigen.
+<a class="pagenum" name="Page_483" title="483"> </a>
+<big>350</big>, 6 Beweggründen (A<sub>1</sub>, K)] Bewegungsgründen A<sub>2</sub>, A<sub>3</sub>. Voigt, T,
+Starke, H<sub>1</sub>, H<sub>2</sub>, R lesen mit A<sub>2</sub>! <big>350</big>, 14 derselben (A<sub>1</sub>, A<sub>2</sub>)] Menzer
+(in Ak) ändert in: »desselben«. Erhardt (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;446) bemerkt dazu
+mit Recht, daß sich dieses Wort »ohne Schwierigkeit auf Erscheinungen
+beziehen lasse« und daher die Änderung nicht richtig sei. Die Änderung
+von Ak. also unangebracht. <big>350</big>, 15 Materie (A)] Materien? (Menzer).
+Unnötig. <big>351</big>, 21 Materien (Ak)] Materie (A<sub>1</sub> A<sub>2</sub>) <big>351</big>, 26 darin
+(A<sub>1</sub>)] darein (A<sub>2</sub>) <big>352</big>, 7 v.&nbsp;u. in (A)] fehlt bei T, Ros., H. Der Tieftrunksche
+Druckfehler ist von R. und H. übernommen worden. <big>353</big>,
+10 v.&nbsp;u. ob sie gleich (A)] ob sie sich gleich (K). Unnötig. <big>353</big>, 9
+v.&nbsp;u. bestätigen (Kehrb.)] bestätigt (A<sub>1</sub>, A<sub>2</sub>) <big>353</big>, 1 v.&nbsp;u. werden (T)]
+wird (A) <big>354</big>, 7 vergesellschafteten (A<sub>1</sub>)] A<sub>2</sub> hat: »vergesellschaftenden«;
+A<sub>3</sub>: »vergesellschaftenten«. <big>354</big>, 10 deren (A)] Vorländer
+möchte lesen: »dessen«. Beides möglich. <big>355</big>, 15 zum (A)] dem?
+Vorl. <big>356</big>, 5 vorgaukeln] A<sub>1</sub>, A<sub>2</sub> haben den Druckfehler: »vergaukeln«.
+<big>356</big>, 20 dieses (A)] Vorl. liest: »durch dieses«, wodurch indes der Sinn
+der Stelle unnötig geändert wird. <big>357</big>, 10 v.&nbsp;u. bewohn(e)t (H)] bewohnen
+(A<sub>1</sub>, A<sub>2</sub>) <big>358</big>, 22 am meisten (A)] am wenigsten ?Vorl.
+<big>358</big>, 12 v.&nbsp;u. <em class="gesperrt">sich</em>] erst in der obigen Ausgabe gesperrt, vgl. Z.&nbsp;13 v.&nbsp;u.
+»<em class="gesperrt">in sich</em>«. <big>359</big>, 9 Träumern (A<sub>1</sub>)] Träumen (A<sub>2</sub>) <big>359</big>, 9 v.&nbsp;u. vielleicht
+(Wille)] vielleicht bisweilen (A)] Wille vermutet, wohl mit Recht,
+daß »bisweilen« nur durch ein Versehen stehen geblieben ist. <big>360</big>, 2
+in der Wirkung (A)] »in der Wirklichkeit« möchte Wille lesen (ihm
+folgt Vorl.), weil als Gegensatz folgt: »in der Vorstellung«. Da der
+Text von A. einen guten Sinn gibt, Änderung unnötig. <big>361</big>, 13 f.
+jenem &ndash; diesem (A)] Ak: jener (Nervenbewegung) &ndash; dieser (Empfindung).
+Statt »jener« liest Vorl. jene<i>n</i> (sc. den Phantasien!). Eine Änderung ist
+wohl überhaupt nicht notwendig. <big>361</big>, 27 die (A<sub>1</sub>, T)] »der« Druckfehler
+in A<sub>2</sub>, A<sub>3</sub>, Kehrbach gibt vorne S.&nbsp;XXIII das Richtige (die) an, hat aber
+S.&nbsp;36 Z.&nbsp;12 dann selbst im Text <ins title="des">das</ins> falsche »der«! <big>361</big>, 37 denkenden]
+A<sub>1</sub>: »denkendes« (Druckfehler); A<sub>2</sub> hat: »denkendem«. <big>362</big>, 18
+A<sub>2</sub> hat den sinnstörenden Druckfehler: »Gesicht«. <big>363</big>, 4 Es ist &hellip; die
+Erziehungsbegriffe von Geistergestalten &hellip; Einbildungen geben (A)]
+Vorl. möchte »von Geistergestalten« nach »Einbildungen« setzen. Wohl
+nicht nötig. <big>363</big>, 19 Entwürfen (H)] Einwürfen (A) <big>365</big>, 25 der
+eine] »eine« A<sub>1</sub> »ein« A<sub>2</sub> und die Ausgaben. Wahrscheinlicher ist einfach
+»der« ausgefallen. <big>365</big>, 6 v.&nbsp;u. der der (A<sub>1</sub>)] der (A<sub>2</sub>, A<sub>3</sub>) <big>367</big>, 26
+negativen (T)] negativem (A) <big>367</big>, 4 v.&nbsp;u. der (Ak)] denen (A)
+<big>369</big>, 11 denselben (T)] demselben (A) <big>370</big>, 11 Swedenborg] in A
+steht durchweg: »Schwedenberg«. <big>370</big>, 18 abfaßt (A<sub>1</sub>)] abgefaßt (A<sub>2</sub>)
+<big>370</big>, 3 v.&nbsp;u. gerufen (A<sub>1</sub>)] berufen (A<sub>2</sub>, A<sub>3</sub>) <big>371</big>, 5 v.&nbsp;u. sich (A<sub>1</sub>, A<sub>3</sub>)]
+sie (A<sub>2</sub>) <big>372</big>, 9 eine (A<sub>2</sub>)] ein (A<sub>1</sub>) <big>372</big>, 23 voranschickten (A<sub>1</sub>)] voranschicken
+(A<sub>2</sub>, A<sub>3</sub>) <big>373</big>, 5 dem (Ak)] den (A<sub>1</sub>, A<sub>2</sub>) <big>373</big>, 11 v.&nbsp;u. im
+(A<sub>2</sub>)] in (A<sub>1</sub>) <big>374</big>, 4 portentaque (T) Thessala (H)] protentaque Tessala
+<a class="pagenum" name="Page_484" title="484"> </a>
+(A<sub>1</sub>, A<sub>2</sub>) <big>374</big>, 24 genugsamer (A<sub>1</sub>)] grausamer (A<sub>2</sub> A<sub>3</sub>) »<em class="gesperrt">grausamer</em>
+Erfahrungskenntnisse«! Diesen offenbaren Druckfehler von A<sub>2</sub> drucken
+Voigt, T, Starke, Ros., H<sub>1</sub> und H<sub>2</sub> nach! Erst von Kehrb. verbessert.
+<big>374</big>, 10 v.&nbsp;u. bei (A<sub>1</sub>)] auf (A<sub>2</sub>, A<sub>3</sub>). Druckfehler. <big>375</big>, 19 ob er wohl
+(A)] H: »ob er gleichwohl«. Unnötig. <big>375</big>, 11 v.&nbsp;u. meiner (H)]
+meine (A<sub>1</sub>, Ak) <big>376</big>, 19 derselben (Wille)] desselben (A<sub>1</sub>, A<sub>2</sub>, H) <big>378</big>, 1
+nur (A<sub>1</sub>, A<sub>3</sub>)] nun (A<sub>2</sub>). A<sub>2</sub> folgen die Hsgg. bis auf Kehrb. <big>378</big>, 3
+verwirren (A)] T: »verirren«. Der Druckfehler ist von R. u. H. übernommen.
+<big>379</big>, 10 v.&nbsp;u. Lagen (A<sub>1</sub>, A<sub>3</sub>)] Lage (A<sub>2</sub>). Die meisten Hsgg.
+(T, Starke, H<sup>1</sup>, H<sup>2</sup>, R) wieder nach A<sub>2</sub>! <big>381</big>, 10 erregen (H)] erregt
+(A<sub>1</sub> A<sub>2</sub> A<sub>3</sub>) <big>381</big>, 17 Subsistenz (A<sub>1</sub>, A<sub>3</sub>)] Substanz (A<sub>2</sub>). Alle Hsgg. bis
+auf H<sub>2</sub> nach A<sub>2</sub>! <big>381</big>, 21 er (A<sub>1</sub>)] fehlt in A<sub>2</sub> <big>382</big>, 23 gemäß
+sind (Ak)] gemäß ist (A) <big>382</big>, 9 v.&nbsp;u. allen (T)] allem (A) <big>383</big>, 25
+gangbare (A)] gangbarere Vorl.? Nicht unbedingt nötig. <big>385</big>, 11
+eines (A<sub>3</sub>)] einiges (A<sub>1</sub>) (Druckfehler). <big>385</big>, 16 f. zusammengezogen]
+A<sub>1</sub> liest: zusammenzogen (Druckfehler?). <big>386</big>, 12 des (A<sub>1</sub>)] der (A<sub>2</sub>,
+A<sub>3</sub>) <big>386</big>, 7 v.&nbsp;u. ihrem] Zus. H. <big>386</big>, 6 v.&nbsp;u. Schwierigkeiten (H)]
+Schwierigkeit (A) <big>388</big>, 18 neue Erfahrungen und Begriffe] A: »neue
+Erfahrungen neue Begriffe«. Das zweite »neue« wahrscheinlich ein Satzfehler
+für »und«. R. und Kehrb. lesen: »Erfahrungen über neue Begriffe«;
+Ak: »neue Erfahrungen und neue Begriffe«. <big>389</big>, 1 ist (A)]
+»ist es« Vorl. Unnötig. <big>389</big>, 4 als (Kehrb.)] ein (A); als ein (Wille).</p>
+
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_1" href="#FNanchor_1" class="label">(1)</a>
+Wenn der Begriff eines Geistes von unsern eignen Erfahrungsbegriffen
+abgesondert wäre, so würde das Verfahren, ihn deutlich zu
+machen leicht sein, indem man nur diejenigen Merkmale anzuzeigen
+hätte, welche uns die Sinne an dieser Art Wesen offenbareten, und
+wodurch wir sie von materiellen Dingen unterscheiden. Nun aber wird
+von Geistern geredet, selbst alsdenn, wenn man zweifelt, ob es gar dergleichen
+Wesen gebe. Also kann der Begriff von der geistigen Natur
+nicht als ein von der Erfahrung abstrahierter behandelt werden. Fragt
+ihr aber: Wie ist man denn zu diesem Begriff überhaupt gekommen,
+wenn es nicht durch Abstraktion geschehen ist? Ich antworte: Viele
+Begriffe entspringen durch geheime und dunkele Schlüsse bei Gelegenheit
+der Erfahrungen und pflanzen sich nachher auf andere fort ohne
+Bewußtsein der Erfahrung selbst oder des Schlusses, welcher den Begriff
+über dieselbe errichtet hat. Solche Begriffe kann man <em class="gesperrt">erschlichene</em>
+nennen. Dergleichen sind viele, die zum Teil nichts als ein Wahn der
+Einbildung, zum Teil auch wahr sind, indem auch dunkele Schlüsse nicht
+immer irren. Der Redegebrauch und die Verbindung eines Ausdrucks
+mit verschiedenen Erzählungen, in denen jederzeit einerlei Hauptmerkmal
+anzutreffen ist, geben ihm eine bestimmte Bedeutung, welche folglich
+nur dadurch kann entfaltet werden, daß man diesen versteckten
+Sinn durch eine Vergleichung mit allerlei Fällen der Anwendung, die
+mit ihm einstimmig sind oder ihm widerstreiten, aus seiner Dunkelheit
+hervorzieht.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_2" href="#FNanchor_2" class="label">(2)</a>
+Man wird hier leichtlich gewahr, daß ich nur von Geistern, die
+als Teile zum Weltganzen gehören und nicht von dem unendlichen
+Geiste rede, der der Urheber und Erhalter desselben ist. Denn der
+Begriff von der geistigen Natur des letzteren ist leicht, weil er lediglich
+negativ ist und darin besteht, daß man die Eigenschaften der Materie
+an ihm verneinet, die einer unendlichen und schlechterdings notwendigen
+Substanz widerstreiten. Dagegen bei einer geistigen Substanz,
+die mit der Materie in Vereinigung sein soll, wie z.&nbsp;E. der menschlichen
+Seele, äußert sich die Schwierigkeit, daß ich eine wechselseitige
+Verknüpfung derselben mit körperlichen Wesen zu einem Ganzen denken
+und dennoch die einzige bekannte Art der Verbindung, welche unter
+materiellen Wesen stattfindet, aufheben soll.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_3" href="#FNanchor_3" class="label">(3)</a>
+Man hat Beispiele von Verletzungen, dadurch ein guter Teil des
+Gehirns verloren worden, ohne daß es dem Menschen das Leben oder
+die Gedanken gekostet hat. Nach der gemeinen Vorstellung, die ich
+hier anführe, würde ein Atomus desselben haben dürfen entführt oder
+aus der Stelle gerückt werden, um in einem Augenblick den Menschen
+zu entseelen. Die herrschende Meinung, der Seele einen Platz im Gehirne
+anzuweisen, scheinet hauptsächlich ihren Ursprung darin zu haben,
+daß man bei starkem Nachsinnen deutlich fühlt, daß die Gehirnnerven
+angestrengt werden. Allein wenn dieser Schluß richtig wäre,
+so würde er auch noch andere Örter der Seele beweisen. In der
+Bangigkeit oder der Freude scheint die Empfindung ihren Sitz im Herzen
+zu haben. Viele Affekten, ja die mehresten, äußern ihre Hauptstärke
+im Zwerchfell. Das Mitleiden bewegt die Eingeweide, und andre Instinkte
+äußern ihren Ursprung und Empfindsamkeit in andern Organen.
+Die Ursache, die da macht, daß man die <em class="gesperrt">nachdenkende</em> Seele vornehmlich
+im Gehirne zu empfinden glaubt, ist vielleicht diese. Alles
+Nachsinnen erfordert die Vermittelung der <em class="gesperrt">Zeichen</em> vor die zu erweckende
+Ideen, um in deren Begleitung und Unterstützung diesen den
+erforderlichen Grad Klarheit zu geben. Die Zeichen unserer Vorstellungen
+aber sind vornehmlich solche, die entweder durchs Gehör
+oder das Gesicht empfangen sind, welche beide Sinne durch die Eindrücke
+im Gehirne bewegt werden, indem ihre Organen auch diesem
+Teile am nächsten liegen. Wenn nun die Erweckung dieser Zeichen,
+welche <span class="gesperrt">Cartesius</span> <i lang="la" xml:lang="la">ideas materiales</i> nennt, eigentlich eine Reizung der
+Nerven zu einer ähnlichen Bewegung mit derjenigen ist, welche die
+Empfindung ehedem hervorbrachte, so wird das Gewebe des Gehirns im
+Nachdenken vornehmlich genötiget werden, mit vormaligen Eindrücken
+harmonisch zu beben und dadurch ermüdet werden. Denn wenn das
+Denken zugleich affektvoll ist, so empfindet man nicht allein Anstrengungen
+des Gehirnes, sondern zugleich Angriffe der reizbaren Teile,
+welche sonst mit den Vorstellungen der in Leidenschaft versetzten Seele
+in Sympathie stehen.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_4" href="#FNanchor_4" class="label">(4)</a>
+Der Grund hievon, der mir selbst sehr dunkel ist und wahrscheinlicherweise
+auch wohl so bleiben wird, trifft zugleich auf das
+empfindende Wesen in den Tieren. Was in der Welt ein Principium
+des <em class="gesperrt">Lebens</em> enthält, scheint immaterieller Natur zu sein. Denn alles
+<em class="gesperrt">Leben</em> beruhet auf dem inneren Vermögen, sich selbst nach <em class="gesperrt">Willkür</em>
+zu bestimmen. Da hingegen das wesentliche Merkmal der Materie in
+der Erfüllung des Raumes durch eine notwendige Kraft bestehet, die
+durch äußere Gegenwirkung beschränkt ist; daher der Zustand alles
+dessen, was materiell ist, äußerlich <em class="gesperrt">abhangend</em> und <em class="gesperrt">gezwungen</em> ist,
+diejenige Naturen aber, die <em class="gesperrt">selbst tätig</em> und aus ihrer innern Kraft
+wirksam den Grund des Lebens enthalten sollen, kurz diejenige, deren
+eigene Willkür sich von selber zu bestimmen und zu verändern vermögend
+ist, schwerlich materieller Natur sein können. Man kann vernünftigerweise
+nicht verlangen, daß eine so unbekannte Art Wesen, die
+man mehrenteils nur hypothetisch erkennt, in den Abteilungen ihrer verschiedenen
+Gattungen sollte begriffen werden; zum wenigsten sind diejenige
+immaterielle Wesen, die den Grund des tierischen Lebens enthalten,
+von denenjenigen unterschieden, die in ihrer Selbsttätigkeit
+Vernunft begreifen und Geister genannt werden.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_5" href="#FNanchor_5" class="label">(5)</a>
+<span class="gesperrt">Leibniz</span> sagte, dieser innere Grund aller seiner äußeren Verhältnisse
+und ihrer Veränderungen sei eine <em class="gesperrt">Vorstellungskraft</em>, und
+spätere Philosophen empfingen diesen unausgeführten Gedanken mit Gelächter.
+Sie hätten aber nicht übel getan, wenn sie vorhero bei sich
+überlegt hätten, ob denn eine Substanz, wie ein einfacher Teil der
+Materie ist, ohne allem inneren Zustande möglich sei, und wenn sie
+denn diesen etwa nicht ausschließen wollten, so würde ihnen obgelegen
+haben, irgend einen andern möglichen innern Zustand zu ersinnen als
+den der Vorstellungen und der Tätigkeiten, die von ihnen abhängend
+sind. Jedermann sieht von selber, daß, wenn man auch den einfachen
+Elementarteilen der Materie ein Vermögen dunkler Vorstellungen zugesteht,
+daraus noch keine Vorstellungskraft der Materie selbst erfolge,
+weil viel Substanzen von solcher Art, in einem Ganzen verbunden, doch
+niemals eine denkende Einheit ausmachen können.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_6" href="#FNanchor_6" class="label">(6)</a>
+Wenn man von dem Himmel als dem Sitze der Seligen redet,
+so setzt die gemeine Vorstellung ihn gerne über sich, hoch in dem unermeßlichen
+Weltraume. Man bedenket aber nicht, daß unsre Erde,
+aus diesen Gegenden gesehen, auch als einer von den Sternen des
+Himmels erscheine, und daß die Bewohner anderer Welten mit ebenso
+gutem Grunde nach uns hin zeigen könnten und sagen: Sehet da den
+Wohnplatz ewiger Freuden und einen himmlischen Aufenthalt, welcher
+zubereitet ist, uns dereinst zu empfangen. Ein wunderlicher Wahn
+nämlich macht, daß der hohe Flug, den die Hoffnung nimmt, immer
+mit dem Begriffe des Steigens verbunden ist, ohne zu bedenken, daß,
+so hoch man auch gestiegen ist, man doch wieder sinken müsse, um
+allenfalls in einer andern Welt festen Fuß zu fassen. Nach den angeführten
+Begriffen aber würde der Himmel eigentlich die Geisterwelt
+sein oder, wenn man will, der selige Teil derselben, und diese würde
+man weder über sich noch unter sich zu suchen haben, weil ein solches
+immaterielle Ganze nicht nach den Entfernungen oder Naheiten gegen
+körperliche Dinge, sondern in geistigen Verknüpfungen seiner Teile
+untereinander vorgestellt werden muß, wenigstens die Glieder derselben
+sich nur nach solchen Verhältnissen ihrer selbst bewußt sind.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_7" href="#FNanchor_7" class="label">(7)</a>
+Die aus dem Grunde der Moralität entspringende Wechselwirkungen
+des Menschen und der Geisterwelt nach den Gesetzen des
+pneumatischen Einflusses könnte man darin setzen, daß daraus natürlicherweise
+eine nähere Gemeinschaft einer guten oder bösen Seele mit
+guten und bösen Geistern entspringe, und jene dadurch sich selbst dem
+Teile der geistigen Republik zugeselleten, der ihrer sittlichen Beschaffenheit
+gemäß ist, mit der Teilnehmung an allen Folgen, die daraus nach
+der Ordnung der Natur entstehen mögen.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_8" href="#FNanchor_8" class="label">(8)</a>
+Man kann dieses durch eine gewisse Art von zwiefacher Persönlichkeit,
+die der Seele selbst in Ansehung dieses Lebens zukommt, erläutern.
+Gewisse Philosophen glauben, sich ohne den mindesten besorglichen
+Einspruch auf den Zustand des festen Schlafes berufen zu können,
+wenn sie die Wirklichkeit dunkeler Vorstellungen beweisen wollen, da
+sich doch nichts weiter hievon mit Sicherheit sagen läßt, als daß wir
+uns im Wachen keiner von denenjenigen erinnern, die wir im festen
+Schlafe etwa mochten gehabt haben, und daraus nur soviel folgt, daß
+sie beim Erwachen nicht klar vorgestellt worden, nicht aber, daß sie
+auch damals, als wir schliefen, dunkel waren. Ich vermute vielmehr,
+daß dieselbe klärer und ausgebreiteter sein mögen, als selbst die kläresten
+im Wachen, weil dieses bei der völligen Ruhe äußerer Sinne
+von einem so tätigen Wesen als die Seele ist, zu erwarten ist, wiewohl,
+da der Körper des Menschen zu der Zeit nicht mit empfunden
+ist, beim Erwachen die begleitende Idee desselben ermangelt, welche
+den vorigen Zustand der Gedanken als zu ebenderselben Person gehörig
+zum Bewußtsein verhelfen könnte. Die Handlungen einiger Schlafwanderer,
+welche bisweilen in solchem Zustande mehr Verstand als
+sonsten zeigen, ob sie gleich nichts davon beim Erwachen erinnern, bestätigen
+die Möglichkeit dessen, was ich vom festen Schlafe vermute.
+Die Träume dagegen, das ist, die Vorstellungen des Schlafenden, deren
+er sich beim Erwachen erinnert, gehören nicht hieher. Denn alsdenn
+schläft der Mensch nicht völlig; er empfindet in einem gewissen Grade
+klar und webt seine Geisteshandlungen in die Eindrücke der äußeren
+Sinne. Daher er sich ihrer zum Teil nachhero erinnert, aber auch an
+ihnen lauter wilde und abgeschmackte Chimären antrifft, wie sie es
+denn notwendig sein müssen, da in ihnen Ideen der Phantasie und die
+der äußeren Empfindung untereinander geworfen werden.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_9" href="#FNanchor_9" class="label">(9)</a>
+Ich verstehe hierunter nicht die Organen der äußeren Empfindung,
+sondern das Sensorium der Seele, wie man es nennt, d.&nbsp;i. denjenigen
+Teil des Gehirnes, dessen Bewegung die mancherlei Bilder und
+Vorstellungen der denkenden Seele zu begleiten pflegt, wie die Philosophen
+davor halten.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_10" href="#FNanchor_10" class="label">(10)</a>
+So wird das Urteil, welches wir von dem scheinbaren Orte naher
+Gegenstände fällen, in der Sehekunst gemeiniglich vorgestellt, und es
+stimmt auch sehr gut mit der Erfahrung. Indessen treffen ebendieselbe
+Lichtstrahlen, die aus einem Punkte auslaufen, vermöge der Brechung
+in den Augenfeuchtigkeiten nicht divergierend auf den Sehenerven,
+sondern vereinigen sich daselbst in einem Punkte. Daher, wenn die
+Empfindung lediglich in diesem Nerven vorgeht, der <i lang="la" xml:lang="la">focus imaginarius</i>
+nicht außer dem Körper, sondern im Boden des Auges gesetzt werden
+müßte, welches eine Schwierigkeit macht, die ich jetzt nicht auflösen
+kann, und die mit den obigen Sätzen sowohl als mit der Erfahrung unvereinbar
+scheint.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_11" href="#FNanchor_11" class="label">(11)</a>
+Man könnte als eine entfernte Ähnlichkeit mit dem angeführten
+Zufalle die Beschaffenheit der Trunkenen anführen, die in diesem Zustande
+mit beiden Augen doppelt sehen, darum weil durch die Anschwellung
+der Blutgefäße eine Hindernis entspringt, die Augenachsen
+so zu richten, daß ihre verlängerte Linien sich im Punkte, worin das
+Objekt ist, schneiden. Ebenso mag die Verziehung der Hirngefäße, die
+vielleicht nur vorübergehend ist und, solange sie dauert, nur einige
+Nerven betrifft, dazu dienen, daß gewisse Bilder der Phantasie selbst
+im Wachen als außer uns erscheinen. Eine sehr gemeine Erfahrung
+kann mit dieser Täuschung verglichen werden. Wenn man nach vollbrachten
+Schlafe mit einer Gemächlichkeit, die einem Schlummer nahekommt
+und gleichsam mit gebrochnen Augen die mancherlei Fäden der
+Bettvorhänge oder des Bezuges oder die kleinen Flecken einer nahen
+Wand ansieht, so macht man sich daraus leichtlich Figuren von Menschengesichtern
+und dergleichen. Das Blendwerk hört auf, sobald man
+will und die Aufmerksamkeit anstrengt. Hier ist die Versetzung des
+<i lang="la" xml:lang="la">foci imaginarii</i> der Phantasien der Willkür einigermaßen unterworfen,
+da sie bei der Verrückung durch keine Willkür kann gehindert werden.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_12" href="#FNanchor_12" class="label">(12)</a>
+Das Sinnbild der alten Ägypter vor die Seele war ein Papillon,
+und die griechische Benennung bedeutete ebendasselbe. Man siehet
+leicht, daß die Hoffnung, welche aus dem Tode nur eine Verwandlung
+macht, eine solche Idee samt ihren Zeichen veranlaßt habe. Indessen
+hebt dieses keinesweges das Zutrauen zu der Richtigkeit der hieraus entsprungenen
+Begriffe. Unsere innere Empfindung und die darauf gegründete
+Urteile des <em class="gesperrt">Vernunftähnlichen</em> führen, solange sie unverderbt
+sind, ebendahin, wo die Vernunft hinleiten würde, wenn sie
+erleuchteter und ausgebreiteter wäre.
+</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div id="tnote-bottom">
+<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p>
+
+<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt,
+wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
+steht.</p>
+
+<ul id="corrections">
+<li><a href="#Page_481">Seite 481</a>:<br/>beiden Hartknochschen die ältere ist, wird sich schwer nachweisen <span class="correction">lassen.«</span><br/>beiden Hartknochschen die ältere ist, wird sich schwer nachweisen <span class="correction">lassen.</span></li>
+<li><a href="#Page_483">Seite 483</a>:<br/>S.&nbsp;36 Z.&nbsp;12 dann selbst im Text <span class="correction">des</span> falsche »der«! <big>361</big>, 37 denkenden]<br/>S.&nbsp;36 Z.&nbsp;12 dann selbst im Text <span class="correction">das</span> falsche »der«! <big>361</big>, 37 denkenden]</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Träume eines Geistersehers, erläute
+t durch Träume der Metaphysik, by Immanuel Kant
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TRÄUME EINES GEISTERSEHERS ***
+
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+works. See paragraph 1.E below.
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