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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:05:55 -0700 |
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| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:05:55 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Jüdische Geschichten + +Author: Jizchok Lejb Perez + +Translator: Alexander Eliasberg + +Release Date: June 21, 2011 [EBook #36488] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JÜDISCHE GESCHICHTEN *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden +korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text +<ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der +Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span> +Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a> +findet sich am Ende des Textes.</p> +</div> + +<h1>Jüdische Geschichten</h1> + +<p class="center" style="line-height: 1.7em;">Von<br/> +<big>Jizchok Lejb Perez</big></p> + +<div class="figcenter" style="width: 120px; margin-top: 4em;"> +<img src="images/logo.png" width="100" height="100" alt=""/> +</div> + +<p class="center" style="line-height: 1.3em;">Aus dem Jidischen<br/> +übertragen von<br/> +Alexander Eliasberg</p> + +<p class="center" style="margin-top: 1.5em;">Im Insel-Verlag / Leipzig</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_3" title="3"> </a>Ein Zwiegespräch</h2> + +<p class="drop-cap">An einem Frühlingstage, einem richtigen warmen Pessachtage, +gehen Reb Schachno, ein langer, magerer Jude, der letzte +Überrest der alten Kozker Chassidim-Gemeinde, und Reb Sorach, +ein ebenso magerer, doch kleingewachsener Jude, der letzte lebende +Vertreter der alten Belzer<a name="FNanchor_1" href="#Footnote_1" class="fnanchor">(1)</a> Gemeinde, vor der Stadt spazieren. +In ihren jüngeren Jahren waren sie Feinde auf Tod und Leben, +denn Reb Schachno war der Anführer der Kozker gegen die +Belzer, und Reb Sorach der Anführer der Belzer gegen die +Kozker. Doch jetzt, wo sie beide alt geworden sind und die +Kozker nicht mehr das sind, was sie früher waren, ebenso wie +auch die Belzer ihr früheres Feuer verloren haben, sind sie aus +den Parteien ausgetreten und haben die Führerschaft jüngeren +Leuten überlassen, die in Glaubenssachen schwächer, sonst aber +rüstiger sind als sie.</p> + +<p>An einem Wintertage, an der Ofenbank im Bethause haben +sie Frieden geschlossen, und nun gehen sie am dritten Pessachfeiertage +spazieren. Am weiten, blauen Himmel strahlt die Sonne, +aus der Erde sprießen überall Halme, und man kann beinahe +sehen, wie bei jedem Grashalme ein Engel steht und ihn zur +Eile antreibt. Vögel schießen durch die Luft auf der Suche nach +den vorjährigen Nestern. Und Reb Schachno sagt zu Reb Sorach:</p> + +<p>»Die Kozker Chassidim, die richtigen Kozker von altem Schrot +und Korn – von den heutigen Kozkern spreche ich nicht! – hielten +nicht viel von der Haggodo<a name="FNanchor_2" href="#Footnote_2" class="fnanchor">(2)</a> …«</p> + +<p>»Doch um so mehr von den Mazzeknödeln!« lächelt Reb Sorach.</p> + +<p>»Lache nicht über die Knödel!« antwortet Reb Schachno sehr +ernst. »Lache nicht! Du kennst doch die geheime Bedeutung des +Bibelwortes: ›Du sollst den Knecht nicht seinem Herrn überantworten‹?«</p> + +<p>»Mir genügt es,« antwortet Reb Sorach stolz und überlegen, +»daß ich die Verzückung des Gebets kenne.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_4" title="4"> </a>Reb Schachno tut so, als ob er es nicht gehört hätte, und +fährt fort:</p> + +<p>»Der offenbare Sinn der Worte ist doch klar: wenn ein +Knecht, ein Diener, ein Leibeigener seinem Herrn entläuft, darf +man ihn, nach dem Gebote der Thora, nicht einfangen; man darf +ihn nicht binden und seinem Herrn zurückbringen. Denn wenn +ein Mensch entlaufen ist, so konnte er es wohl nicht länger aushalten +… Es handelt sich also einfach um die Rettung einer +Menschenseele! Und der verborgene Sinn dieser selben Worte +ist ebenso einfach. Der Menschenleib ist ein Knecht, der Knecht +der Seele! Der Leib ist ein Lüstling: sieht er ein Stück Schweinefleisch, +oder eine fremde Frau, oder irgendeinen Götzendienst, +oder ich weiß nicht was, – so will er aus der Haut fahren. Doch +die Seele wehrt es ihm und spricht: ›Du sollst nicht sündigen!‹ +und er muß sich fügen. Ebenso umgekehrt: will die Seele irgendein +göttliches Gebot erfüllen, so muß es der Leib für sie tun, +und wenn er noch so müde und zerschlagen ist: die Hände müssen +arbeiten, die Füße laufen, der Mund sprechen … Warum? +Weil es ihm sein Herr, das heißt die Seele, befohlen hat. Und +dennoch heißt es: ›Du sollst den Knecht nicht seinem Herrn überantworten.‹ +Man darf also den Leib nicht ganz an die Seele +ausliefern: die flammende Seele würde ihn sonst zu Asche verbrennen, +und hätte der Schöpfer Seelen ohne Leiber haben +wollen, so hätte er überhaupt keine Welt erschaffen! Darum hat +auch der Leib seine Rechte; es steht geschrieben: ›Wer zu viel +fastet, ist Sünder‹; denn der Leib muß essen! Wer fahren will, +muß seinen Gaul füttern. Kommt irgendein Feiertag, so freue +auch du dich, Leib! Nimm einen Schluck Branntwein! Die +Seele hat ihre Freude, und auch der Leib hat seine Freude: die +Seele erfreut sich am Segensspruch, den man dabei sprechen +muß, und der Leib – am Branntwein selbst! Heut ist Pessach, +das Fest der Erinnerung an unsere Befreiung aus Ägypten, – +komm her, Leib, da hast du einen Mazzeknödel! Und der Leib +fühlt sich dadurch gehoben; denn er wird teilhaftig der wahren +Freude, die in der Erfüllung eines göttlichen Gebots liegt … +Lache nicht über die Knödel, mein Lieber, lache nicht!«</p> + +<p>Reb Sorach muß gestehen, daß die Auslegung tief ist und sich +<a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a> +hören lassen kann. Er ißt aber aus Prinzip keinerlei aus Mazzes +hergestellte Speisen!</p> + +<p>»In diesem Falle hast du deine Freude an der trockenen Mazze +selbst …«</p> + +<p>»Wer hat genug Mazzes, um sich satt zu essen? Und wer hat +noch Zähne, um sie zu beißen?«</p> + +<p>»Wie erfüllst du dann das Gebot: ›An deinen Festen sollst du +dich freuen‹ in bezug auf den Leib?«</p> + +<p>»Weiß ich? Manchmal hat der Leib Freude an einem Schluck +Rosinenwein … Ich persönlich habe meine größte Freude an +der Haggodo selbst. Ich sitze da, lese die Haggodo, zähle die +ägyptischen Plagen auf, verdoppele sie und lese sie immer von +neuem …«</p> + +<p>»Du roher Kerl!«</p> + +<p>»Roher Kerl? Nach so vielen Verfolgungen, die das Volk +Israel erlitten, nach so vielen Jahren der Verbannung der göttlichen +Majestät aus ihrem Tempel? Ich meine, man hätte einführen +sollen, daß die zehn Plagen siebenmal aufgezählt werden … +Daß das Gebet ›Ergieße deinen Zorn, Herr, auf die Völker, die +dich nicht anbeten!‹ siebenmal gesprochen wird! Doch vor allen +Dingen die ägyptischen Plagen – die machen mir die größte +Freude! Ich würde sie am liebsten bei offenen Türen und Fenstern +aufzählen: sollen <em class="gesperrt">sie</em> es nur hören! Was habe ich zu fürchten? +Die heilige Sprache verstehen sie ja sowieso nicht!«</p> + +<p>Reb Schachno wird für eine Weile nachdenklich, und dann beginnt +er wie folgt:</p> + +<p>»Ich will dir eine Geschichte erzählen, die bei uns passiert ist. +Ich will nicht übertreiben – etwa zehn Häuser vom Hause des +gottseligen Rabbi entfernt wohnte ein Metzger. Ich will nicht +mit dem Munde sündigen; denn der Mann ist schon längst auf +jener Welt, – aber der Metzger war ein roher Mensch, nun eben +ein echter Metzger. Einen Nacken hatte er wie ein Stier, Augenbrauen +wie Borsten und Hände wie Klötze. Und erst seine +Stimme! Wenn er sprach, klang es wie ein ferner Donner oder +wie wenn Soldaten schießen! Ich glaube sogar, er stammte aus +Belz …«</p> + +<p>»Na, na!« brummt Reb Sorach.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a>»So wahr ich lebe!« erwidert Reb Schachno kaltblütig. »Zu +beten pflegte er mit einer besonders wilden Stimme, mit allerlei +Nebengeräuschen. Bei manchen Gebeten klang es, wie wenn +man Wasser ins Feuer schüttet …«</p> + +<p>»Das kannst du dir schenken!«</p> + +<p>»Nun stelle dir vor, was für einen Lärm es gibt, wenn sich so +ein Kerl an den Pessachtisch setzt und die Haggodo liest! In der +Wohnung des Rabbi hört man jedes Wort! Nun, ein Metzger +ist eben ein Metzger. Alle Tischgenossen beim Rabbi lachen. +Und selbst der Rabbi, seligen Angedenkens, bewegt leise die +Lippen, und man sieht, daß er lächelt. Doch später, als der +Bursche anfing, die Plagen aufzuzählen, als sie ihm aus dem +Maule herausflogen wie Flintenkugeln, als er bei jeder Plage +mit der Faust auf den Tisch hämmerte, so daß die Weinbecher +klirrten, – wurde der Rabbi, sein Andenken sei gesegnet, sehr +traurig …«</p> + +<p>»Traurig? Am Feiertage, am heiligen Pessachfeste – traurig? +Was redest du da?«</p> + +<p>»Man fragte ihn auch nach der Ursache.«</p> + +<p>»Und was gab er für eine Antwort?«</p> + +<p>»Auch der Schöpfer der Welt, sagte er, ist beim Auszuge +Israels aus Ägypten traurig gewesen.«</p> + +<p>»Wo hat er das her?«</p> + +<p>»Es steht in einem Midrasch! Als die Kinder Israels durch +das Meer gezogen waren und das Meer zurückfloß und Pharao +mit seinem ganzen Heere bedeckte und ertränkte, fingen die Engel +zu singen an, die Seraphim flogen, und die Räder, auf denen +Gottes Thron ruht, rollten durch alle sieben Himmel, jauchzend +ob der guten Botschaft. Und die Gestirne und Sternenbilder +fingen zu tanzen an! Du kannst dir denken, was für eine Freude +es war, als es hieß: Die ganze Unreinheit ist ins Meer versunken! +Doch der Schöpfer der Welt gebot allen Ruhe und sprach von +seinem Throne herab: ›Meine Kinder ertrinken im Meere, und +ihr singt und tanzt?‹ Denn Pharao und sein ganzes Heer und +selbst alle Unreinheit – sind Gottes Geschöpfe … ›Und der +Herr erbarmte sich seiner Schöpfung‹ – so steht es geschrieben!«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a>»Von mir aus …«, seufzt Reb Sorach. Nach einer Weile +fragt er:</p> + +<p>»Und wenn das schon in einem Midrasch steht, was hat da +dein Rabbi Neues entdeckt?«</p> + +<p>Reb Schachno bleibt stehen und sagt sehr ernst:</p> + +<p>»Erstens, du Belzer Narr, ist niemand verpflichtet, neue Auslegungen +zu geben: in der Thora gibt es nichts Neues und nichts +Altes, das Neue ist alt, und das Alte neu. Zweitens wird +damit erklärt, warum es Sitte ist, die ganze Haggodo mit einer +traurigen Melodie zu singen. Und drittens verstehen wir +jetzt den Vers: ›Israel soll sich nicht erfreuen nach der Art der +anderen Völker.‹ Deine Freude soll nicht roh sein! Du bist doch +kein Bauer! Rachlust ist kein jüdisch Ding!«</p> + +<h2>Wenn nicht noch höher!</h2> + +<p class="drop-cap">Und der Rebbe von Nemirow pflegte alljährlich um die Selichoszeit<a name="FNanchor_3" href="#Footnote_3" class="fnanchor">(3)</a> +jeden Morgen zu verschwinden.</p> + +<p>Er war nirgends zu finden: weder in der Schul, noch in den +beiden Lehrhäusern, noch in einem der Betzirkel; und bei sich zu +Hause schon ganz gewiß nicht. Seine Wohnung stand offen; jeder, +wer nur wollte, konnte hineingehen; gestohlen wurde beim Rebben +<em class="gesperrt">niemals</em>. Doch in der Wohnung war keine Menschenseele.</p> + +<p>Wo kann der Rebbe sein?</p> + +<p>Wo soll er sein? Selbstverständlich im Himmel! Hat denn +so ein Rebbe vor den Schrecklichen Tagen<a name="FNanchor_4" href="#Footnote_4" class="fnanchor">(4)</a> wenig auszurichten? +Juden brauchen, unberufen, Lebensunterhalt, Frieden, Gesundheit, +gute Partien für die Kinder; sie wollen gut und fromm +sein, doch die Sünden sind groß, und der Satan durchschaut mit +seinen tausend Augen die Welt von einem Ende bis zum anderen +und sieht alles und zeigt jede Kleinigkeit an … Und wer soll +helfen, wenn nicht der Rebbe?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a>So dachte sich die ganze Gemeinde.</p> + +<p>Einmal kommt aber in die Stadt ein Litwak<a name="FNanchor_5" href="#Footnote_5" class="fnanchor">(5)</a>. Er lacht! Ihr +wißt doch, was ein Litwak ist: von Andachtsbüchern hält er gar +nichts, dafür stopft er sich den Kopf mit Talmudabschnitten und +Bibelstellen voll. Und dieser Litwak weist aus dem Talmud nach +– er sticht einem damit förmlich die Augen aus –, daß selbst +Moses bei Lebzeiten kein einziges Mal in den Himmel kam, sondern +stets zehn Handbreiten unter dem Himmel zurückblieb! Geh +einer und streite mit einem Litwak!</p> + +<p>»Wo kommt also der Rebbe hin?«</p> + +<p>»Meine Sorge!« antwortet er und zuckt die Achsel; und wie +er das sagt, faßt er schon den Entschluß – was ein Litwak nicht +alles kann! – der Sache auf den Grund zu gehen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Noch am selben Abend, bald nach dem Abendgebet, stiehlt sich +der Litwak ins Zimmer des Rebben hinein, kriecht unter des +Rebben Bett und liegt. Er will die Nacht durchwachen und sehen, +was der Rebbe vor Morgengrauen, wenn die Leute zu den Selichos +gehen, anfängt.</p> + +<p>Jemand anderer an seiner Stelle würde einschlummern und +die Zeit verschlafen; doch ein Litwak weiß immer Rat: um sich +wach zu halten, nimmt er im Kopfe einen ganzen Talmudabschnitt +durch; ich weiß nicht mehr, ob es der Abschnitt »Von den Schlachtungen« +oder der »Von den Gelübden« war.</p> + +<p>Vor Morgengrauen hört er, wie man an die Läden klopft, um +die Leute zum Gebet zu rufen.</p> + +<p>Der Rebbe war schon lange wach. Der Litwak hörte ihn schon +seit einer Stunde seufzen.</p> + +<p>Jeder, der den Nemirower Rebben nur einmal seufzen hörte, +weiß, welche Trauer um das ganze Volk Israel, welche Seelenqual +in jedem seiner Seufzer steckt … Es wird einem ganz +bange ums Herz, wenn man ihn seufzen hört! Ein Litwak hat +aber doch ein Herz aus Eisen: er hört zu und bleibt ruhig liegen! +So liegen sie beide: der Rebbe – leben soll er! – <em class="gesperrt">auf</em> dem Bett, +der Litwak <em class="gesperrt">unter</em> dem Bett.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>Etwas später hört der Litwak, wie im ganzen Hause die Betten +zu knarren beginnen, wie die Hausleute aufstehen, wie hie und +da ein jüdisches Wort fällt; wie das Wasser in die Waschbecken +fließt, und wie die Türen auf- und zugemacht werden … Dann +verlassen alle das Haus; es wird wieder still; im Zimmer ist es +finster; nur ein schwacher Mondstrahl dringt durch einen Spalt +im Laden …</p> + +<p>Später gestand der Litwak, daß, als er allein mit dem Rebben +geblieben war, ihn ein Grauen befallen hatte. Es überlief ihn +heiß und kalt vor Angst, und die Wurzeln seiner Schläfenlocken +stachen ihn wie Nadeln.</p> + +<p>Es ist doch wirklich keine Kleinigkeit: mit dem Rebben allein, +beim Morgengrauen in der Selichoszeit!…</p> + +<p>Ein Litwak ist aber starrköpfig: er zittert wie ein Fisch im +Wasser und – liegt!</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Endlich steht der Rebbe auf …</p> + +<p>Zunächst wäscht er sich und verrichtet alles, was ein Jude am +Morgen verrichten muß. Dann geht er zum Schrank und holt +ein Bündel hervor; im Bündel sind Bauernkleider: ein Paar +Leinenhosen, Schaftstiefel, ein Bauernrock, eine große Pelzmütze +und ein breiter, mit Messingnägeln verzierter Ledergurt.</p> + +<p>Und der Rebbe zieht alle die Kleider an.</p> + +<p>Aus der Rocktasche hängt das Ende eines dicken Bauernstrickes +heraus.</p> + +<p>Der Rebbe geht aus dem Zimmer, der Litwak geht ihm nach.</p> + +<p>Der Rebbe geht in die Küche, bückt sich, holt unter dem Bett +eine Axt hervor, steckt sie sich hinter den Gurt und verläßt das +Haus.</p> + +<p>Der Litwak zittert, bleibt aber nicht zurück.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Ein stilles Grauen, das Grauen der Selichoszeit lagert über +den dunklen Gassen. Hie und da dringt der Aufschrei eines +Betenden aus einem der Betzirkel oder das Stöhnen eines +Kranken aus einem Fenster .. Der Rebbe schleicht an den +Mauern entlang, immer im Schatten der Häuser … So +<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a> +schwimmt er aus einem Schatten in den anderen, und der Litwak +schwimmt ihm nach …</p> + +<p>Und der Litwak hört, wie das laute Pochen seines eigenen +Herzens sich mit den schweren Tritten des Rebben vermengt. +Er bleibt aber trotzdem nicht zurück und gelangt zusammen mit +dem Rebben vor die Stadt.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Vor der Stadt gibt es ein Wäldchen.</p> + +<p>Der Rebbe – leben soll er! – geht ins Wäldchen. Nach dreißig, +vierzig Schritten bleibt er vor einem jungen Baum stehen. Der +Litwak sieht mit Bestürzung, wie der Rebbe die Axt aus dem Gürtel +zieht und auf den Baumstamm einschlägt.</p> + +<p>Er sieht, wie der Rebbe immer wieder ausholt; er hört, wie +der Baum ächzt und knackt. Der Baum fällt, und der Rebbe +spaltet den Stamm in Klötze, dann die Klötze in Späne. Dann +macht er aus den Spänen eine Tracht Holz, umbindet sie mit +dem Strick, den er in der Tasche hatte, lädt sie sich auf den Rücken, +steckt die Axt wieder in den Gürtel und geht zur Stadt zurück.</p> + +<p>In der hintersten Gasse bleibt er vor einem kleinen, halb eingefallenen +Häuschen stehen und klopft ans Fenster.</p> + +<p>»Wer klopft?« fragt eine erschrockene Stimme aus dem +Häuschen. Der Litwak erkennt, daß es die Stimme einer Jüdin, +einer kranken Jüdin ist.</p> + +<p>»Ich bin es!« antwortet der Rebbe auf kleinrussisch.</p> + +<p>»Wer bist du?« fragt wieder die Frauenstimme.</p> + +<p>»Wassil!« antwortet der Rebbe.</p> + +<p>»Was für ein Wassil? Und was willst du, Wassil?«</p> + +<p>»Ich habe Holz zu verkaufen!« sagt der angebliche Wassil. +»Sehr billig, so gut wie umsonst!«</p> + +<p>Und ohne die Antwort abzuwarten, tritt der Rebbe ins Haus.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Der Litwak schleicht ihm nach und sieht im fahlen Morgenlichte +eine ärmliche Stube, zerbrochenes Hausgerät … Im Bette +liegt eine kranke Jüdin, in Lumpen gehüllt, und sie spricht mit +erbitterter Stimme:</p> + +<p>»Kaufen? Womit soll ichs kaufen? Wo soll ich arme Witwe +Geld hernehmen?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a>»Ich will es dir borgen!« antwortet der falsche Wassil. »Es +sind im ganzen sechs Groschen!«</p> + +<p>»Wie soll ich sie dir bezahlen?« stöhnt die arme Jüdin.</p> + +<p>»Törichte Frau!« spricht der Rebbe vorwurfsvoll. »Sieh: +du bist arm und krank, und ich traue dir das bißchen Holz: <em class="gesperrt">ich +vertraue</em> dir, daß du es mir bezahlen wirst. Und du hast einen +so großen, so starken Gott und vertraust ihm nicht … Du traust +ihm nicht einmal die dummen sechs Groschen für eine Tracht +Holz!«</p> + +<p>»Und wer wird einheizen?« stöhnt die Witwe. »Habe ich denn +die Kraft aufzustehen? Mein Sohn ist schon fort auf die Arbeit.«</p> + +<p>»Ich will auch einheizen,« sagt der Rebbe.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Und während er das Holz in den Ofen legte, sprach der Rebbe +stöhnend den ersten Abschnitt der Selichos …</p> + +<p>Und als er Feuer gemacht, und das Holz lustig zu flackern +begann, sprach er, schon etwas lustiger, den zweiten Abschnitt …</p> + +<p>Und den dritten Abschnitt sprach er, als das Holz richtig +brannte und er das Ofenblech schloß …</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Der Litwak, der das alles gesehen, wurde von nun an Nemirower +Chassid.</p> + +<p>Und sooft später jemand erzählte, daß der Nemirower Rebbe +alljährlich zur Selichoszeit jeden Morgen die Erde verlasse und +in den Himmel fliege, lachte der Litwak nicht mehr, sondern +fügte still hinzu:</p> + +<p>»Wenn nicht noch höher!«</p> + +<h2>Die Kabbalisten</h2> + +<p class="drop-cap">In schlechten Zeiten sinkt sogar die beste Ware – die göttliche +Wissenschaft – im Werte. Und so ist von der Laschtschower +Jeschiwo<a name="FNanchor_6" href="#Footnote_6" class="fnanchor">(6)</a> schließlich nichts übriggeblieben als der Rosch-Jeschiwo +Reb Jekel und ein einziger Schüler.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a>Der Rosch-Jeschiwo ist ein alter, hagerer Mann mit langem, +zerzaustem Bart und erloschenen Augen. Lemech, sein einziger +Schüler, ist ein langer, schmächtiger Jüngling mit blassem Gesicht, +schwarzen Schläfenlocken, schwarzen, meistens gesenkten +Augen, trockenen Lippen und einer spitz hervortretenden, zitternden +Gurgel. Beide tragen geflickte Röcke, die vorn offen stehen und +den nackten Leib – denn sie haben keine Hemden an – sehen +lassen. Der Rosch-Jeschiwo schleppt mit großer Mühe ein Paar +schwere Bauernstiefel; dem Schüler fallen seine viel zu großen +Stadtschuhe von den bloßen Füßen; denn er hat keine Socken.</p> + +<p>Das ist alles, was von der einst so berühmten Jeschiwo übriggeblieben +ist!</p> + +<p>Die verarmten Einwohner des Städtchens schickten immer +weniger Essen und luden die Schüler immer seltener zu Mahlzeiten +ein. Darum verzogen sich die armen Schüler nach anderen +Städten. Reb Jekel will aber hier sterben, und sein Schüler +will ihm die Scherben auf die Augen legen.</p> + +<p>Sie beide müssen viel hungern. Und wenn man wenig ißt, +schläft man auch wenig. Und nach schlaflosen Nächten und +vielen Hungertagen bekommt man Lust zur Kabbala!</p> + +<p>Wenn man schon ganze Nächte durchwacht und tagelang +hungert, so will man davon wenigstens einen Nutzen haben: +durch Fasten und Kasteiungen kann man ja erreichen, daß sich +alle Tore der Welt öffnen und alle Geheimnisse, Engel und Geister +offenbar werden!</p> + +<p>So beschäftigen sich die beiden seit längerer Zeit mit der Kabbala.</p> + +<p>Sie sitzen an einem langen Tisch in der leeren Stube. Bei +den anderen Juden ist es schon nach dem Essen, doch bei den +beiden noch vor dem Frühstück. Sie sind es aber gewohnt. Der +Rosch-Jeschiwo hat seine Augen halb geschlossen und redet; der +Schüler hält den Kopf in beide Hände gestützt und lauscht.</p> + +<p>»Es gibt darin«, sagt der Rosch-Jeschiwo, »vielerlei Stufen +der Vervollkommnung: einer kennt ein Stückchen, ein anderer +die Hälfte, und ein dritter die ganze Melodie. Der Rebbe, +seligen Angedenkens, kannte zum Beispiel die ganze Melodie, +sogar mit einem Nachspiel. – Und ich«, fügt er traurig hinzu, +<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a> +»bin nur der Gnade teilhaftig geworden, ein ganz kleines Stückchen +zu kennen – kaum so groß …«</p> + +<p>Er mißt auf seinem dürren Finger ein winziges Endchen ab +und fährt fort:</p> + +<p>»Es gibt Melodien, die Worte haben müssen … Das ist die +niedrigste Stufe. Und es gibt eine höhere Stufe: die Melodie +braucht keine Worte; sie wird ohne Worte gesungen, als reine +Melodie … Aber auch diese Melodie bedarf einer Stimme und +braucht Lippen, durch die sie dringt! Und Lippen sind – du verstehst +mich doch? – etwas Körperliches. Daher ist auch die +Stimme, wenn auch eine edle Form des Körperlichen, aber +immerhin etwas Körperliches! Nehmen wir an, daß die Stimme +auf der Grenze zwischen Geistigem und Körperlichem steht!</p> + +<p>»Doch in jedem Falle ist die Melodie, die der Stimme bedarf +und von den Lippen abhängt, noch nicht ganz rein, nicht ganz +geistig!</p> + +<p>»Die richtige, höchste Melodie wird aber ganz ohne Stimme +gesungen … Sie tönt im Innern des Menschen, in seinem +Herzen, in allen Gliedern. So sind die Worte des Königs David +zu verstehen: ›Alle meine Gebeine lobpreisen Gott!‹ Im Marke +der Knochen muß es tönen, und das ist das schönste Loblied auf +den Herrn, gesegnet sei sein Name! Denn eine solche Melodie +ist nicht von einem Wesen aus Fleisch und Blut erfunden. Sie +ist ein Teil jener Melodie, mit der Gott die Welt erschaffen hat, +ein Teil der Seele, die er ihr eingegeben hat … So singen die +himmlischen Heerscharen!…«</p> + +<p>Der Vortrag wurde unterbrochen durch das Erscheinen eines +zerlumpten Burschen mit einem Strick um die Lenden. Er trat +in die Stube, stellte auf den Tisch vor den Rosch-Jeschiwo eine +Schüssel Grütze, legte ein Stück Brot dazu und sagte mit roher +Stimme:</p> + +<p>»Reb Tewel schickt dem Rosch-Jeschiwo sein Essen!« Und +bei der Tür wandte er sich noch einmal um und fügte hinzu: »Ich +komme später die Schüssel holen!«</p> + +<p>Durch die Stimme des Burschen aus den himmlischen Harmonien +gerissen, stand der Rosch-Jeschiwo mühselig auf und +schleppte sich in seinen schweren Stiefeln zum Wassergefäß bei +<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a> +der Tür, um sich die Hände zu waschen. Im Gehen sprach er +weiter, doch mit weniger Inbrunst als vorhin, und der Schüler +verfolgte ihn von seinem Platze aus mit leuchtenden Augen und +lauschenden Ohren.</p> + +<p>»Ich bin aber nicht einmal für würdig befunden,« sagt traurig +der Rosch-Jeschiwo, »zu wissen, auf welcher Stufe dieses erreicht +werden kann, bei welchem Tor des Himmels … Weißt du,« +gibt er lächelnd zu, »die nötigen Kasteiungen und Betübungen +kenne ich wohl, und ich werde sie dir, vielleicht noch heute, mitteilen!«</p> + +<p>Dem Schüler springen schier die Augen heraus, er sitzt mit +offenem Munde da und fängt jedes Wort des Meisters mit Gier +auf. Doch der Meister bricht ab … Er wäscht sich die Hände, +trocknet sie ab, spricht die vorgeschriebene Gebetformel, geht +zurück zum Tisch und spricht mit bebenden Lippen das Gebet +über den Bissen Brot.</p> + +<p>Und er ergreift mit zitternden Händen die Schüssel, und der +warme Dampf verdeckt sein ausgemergeltes Gesicht. Dann setzt +er die Schüssel wieder auf den Tisch, nimmt mit der Rechten +den Löffel und wärmt die Linke am Rande der Schüssel. Dabei +zerkaut er mit seinem zahnlosen Munde langsam den Bissen Brot, +über den er das Gebet gesprochen hat.</p> + +<p>Als Gesicht und Hände warm geworden sind, legt er seine +Stirn in Falten, spitzt die dünnen blauen Lippen und beginnt +zu blasen. Der Schüler starrt ihn unverwandt an. Doch als die +zitternden Lippen des Greises dem ersten Löffel Grütze entgegeneilen, +packt ihn etwas am Herzen: er bedeckt sein Gesicht mit den +Händen und schrumpft gleichsam ein.</p> + +<p>Nach einer Weile kam ein anderer Bursche, ebenfalls mit einer +Schüssel Grütze und einem Stück Brot, und sagte:</p> + +<p>»Reb Jojssef schickt dem Schüler sein Frühstück!«</p> + +<p>Doch der Schüler zog die Hände vom Gesicht nicht fort. Der +Rosch-Jeschiwo legte seinen Löffel weg und ging an den Schüler +heran. Einige Zeit betrachtete er ihn mit Stolz und Liebe, dann +berührte er seine Schulter:</p> + +<p>»Man hat dir Essen gebracht!« weckte er ihn mit freundlicher +Stimme.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>Der Schüler nahm seine Hände langsam und unwillig vom +Gesicht weg. Das Gesicht war noch blasser geworden, und die +Augen brannten noch unheimlicher.</p> + +<p>»Ich weiß, Rebbe!« antwortete er. »Doch ich werde heute +nicht essen.«</p> + +<p>»Den vierten Tag fasten?« fragte der Rosch-Jeschiwo erstaunt. +»Und ohne mich?« fügte er etwas beleidigt hinzu.</p> + +<p>»Es ist ein eigener Fasttag,« antwortete der Schüler. »Ich +faste heute zur Buße …«</p> + +<p>»Was redest du? Wie kommst du zur Buße?«</p> + +<p>»Gewiß, Rebbe! Ich muß büßen …, weil ich vor einem Augenblick, +als Ihr zu essen begannt, gegen das Gebot ›Laß dich nicht +gelüsten‹ sündigte!«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>In der folgenden Nacht weckte der Schüler den Lehrer. Die +beiden schliefen einander gegenüber auf Bänken in der Lehrstube.</p> + +<p>»Rebbe, Rebbe!« rief der Schüler mit schwacher Stimme.</p> + +<p>»Was ist?« Der Rosch-Jeschiwo erwachte und erschrak.</p> + +<p>»Ich war soeben auf dem höchsten Gipfel …«</p> + +<p>»Wieso?« fragt der Rosch-Jeschiwo, noch etwas verschlafen.</p> + +<p>»Es hat <em class="gesperrt">in mir</em> gesungen!«</p> + +<p>»Wieso? Wieso?«</p> + +<p>»Das weiß ich selbst nicht, Rebbe,« antwortete der Schüler +kaum hörbar. »Ich konnte nicht einschlafen und vertiefte mich +in Euren Vortrag … Ich wollte um jeden Preis jene Melodie +kennen lernen … Und vor großem Kummer, daß ich es nicht +konnte, fing ich zu weinen an … Alles weinte in mir, alle +meine Glieder weinten vor dem Schöpfer der Welt! Und dabei +machte ich die Gebetübungen, die Ihr mich gelehrt habt, doch +seltsam: nicht mit dem Munde, sondern tief im Innern! Und +plötzlich wurde es so hell. Ich hielt die Augen geschlossen, und +doch war es um mich hell, sehr hell, blendend hell …«</p> + +<p>»Recht so!« sagte der Alte, sich vorbeugend.</p> + +<p>»Und vor dieser Helle wurde mir so gut, so leicht … Es war +mir, als ob ich keine Schwere mehr hätte, als ob mein Leib jedes +Gewicht verloren hätte und fliegen könnte …«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>»Recht so!«</p> + +<p>»Dann wurde es mir so lustig, so lebendig zumute … Mein +Gesicht blieb unbeweglich, meine Lippen rührten sich nicht, und +doch lachte ich … Lachte so gut, so herzlich, so fröhlich …«</p> + +<p>»So, so! Ganz recht: in höchster Freude …«</p> + +<p>»Dann summte etwas in mir, wie der Anfang einer Melodie …«</p> + +<p>Der Rosch-Jeschiwo sprang von seiner Bank auf und war mit +einem Satz beim Schüler.</p> + +<p>»Und weiter?«</p> + +<p>»Und weiter fühlte ich, wie es in mir zu singen anfing …«</p> + +<p>»Was hast du dabei gefühlt? Was? Was? Sag!…«</p> + +<p>»Ich fühlte, daß alle meine Sinne geschlossen und verstopft +sind, und in mir inwendig etwas singt … Ganz wie es sich gehört: +ohne Worte und ohne Töne, so …«</p> + +<p>»Wie? Wie?«</p> + +<p>»Nein, ich kann es nicht … Früher konnte ich es noch … +Dann wurde aus dem Singen …«</p> + +<p>»Was wurde aus dem Singen? Was?«</p> + +<p>»Eine Art Musik … Gleich als ob ich in mir eine Geige hätte, +oder als ob in meinem Innersten der Spielmann Jojne säße und +eines der Stücke spielte, die er beim Rabbi an der Tafel spielt! +Es klang aber noch viel schöner, edler, trauriger! Und alles ohne +Töne, ganz ohne Töne, rein geistig …«</p> + +<p>»Wohl dir! Wohl dir! Wohl dir!«</p> + +<p>»Und nun ist alles weg!« sagt der Schüler sehr traurig. +»Meine Sinne sind wieder erwacht, und ich bin so müde, so +furchtbar müde, daß ich …«</p> + +<p>»Rebbe!« schreit er plötzlich auf, sich an die Brust greifend. +»Rebbe, sprecht mir das Sterbegebet vor! Man ist mich holen +gekommen! Sie brauchen dort oben einen neuen Chorjungen! +Ein Engel mit weißen Flügeln… Rebbe! Rebbe! Schma +Ißroel!<a name="FNanchor_7" href="#Footnote_7" class="fnanchor">(7)</a> Schma …«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Das ganze Städtchen wünschte sich einen solchen Tod. Doch +dem Rosch-Jeschiwo war es zu wenig.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a>»Noch einige Fasttage,« seufzte er, »und er wäre noch ganz +anders gestorben: durch einen Kuß von Gottes Munde!«</p> + +<h2>Berl der Schneider</h2> + +<p class="drop-cap">Erew Jom-Kippur – Vorabend des Versöhnungstages – in +der Berditschewer Schul. Es senkt sich die Nacht. Die +alten Leute haben bereits vor dem Thoraschreine das Gebet: »Mit +Wissen des Schöpfers und mit Wissen der Schöpfung …« gesprochen +und sind auf ihre Plätze zurückgekehrt. Rabbi Levi-Jizchok +steht am Vorbeterpult: er soll das Kol-Nidrej anstimmen, +doch er schweigt.</p> + +<p>Alle Blicke hängen an seinem Rücken. In der Weiberabteilung +ist es still wie auf dem Meere vor dem Sturme. Vielleicht +wird er zuvor, wie er das schon manchmal tat, einige Worte +sprechen, wird sich in der gemeinen Volkssprache mit dem Schöpfer +der Welt auseinandersetzen, wie ein Mensch mit seinem Nächsten +spricht.</p> + +<p>Aber Rabbi Levi-<ins title="Jizchock">Jizchok</ins> steht, in Kittel<a name="FNanchor_8" href="#Footnote_8" class="fnanchor">(8)</a> und Gebetmantel +gehüllt, vor dem Pulte und schweigt.</p> + +<p>Was hat das zu bedeuten?</p> + +<p>Sind die Tore des Gebets zu einer so späten Stunde noch geschlossen? +Hat Rabbi Levi-Jizchok nicht die Kraft anzuklopfen? +Er hält seinen Kopf etwas geneigt, wie lauschend; lauscht er, ob +man die Tore nicht schon aufschließt?</p> + +<p>Und plötzlich wendet sich Rabbi Levi-Jizchok um und ruft:</p> + +<p>»Schuldiener!«</p> + +<p>Der Schuldiener eilt zu ihm hin, und der Rabbi fragt:</p> + +<p>»Ist Berl der Schneider noch nicht da?«</p> + +<p>Die Gemeinde ist vor Erstaunen wie versteinert. Der Schuldiener +stammelt: »Ich weiß nicht …« und sieht sich um. Auch +Rabbi Levi-Jizchok mustert die Anwesenden.</p> + +<p>»Nein, er ist noch nicht da!« sagt er schließlich. »Ist zu Hause +geblieben.« Und dann wendet er sich wieder zum Schuldiener:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a>»Geh zu Berl dem Schneider ins Haus und ruf ihn her! +Ich, Levi-Jizchok, der Rabbi der Stadt, ließe ihn rufen!«</p> + +<p>Berl der Schneider wohnt in der Schulgasse, nicht weit vom +Bethause. Und er kommt auch sehr bald, ohne Kittel und Gebetmantel, +in Werktagskleidern. Sein Gesicht ist finster, seine Augen +sind böse und erschrocken zugleich. Er geht auf Rabbi Levi-Jizchok +zu und sagt:</p> + +<p>»Ihr habt mich rufen lassen, Rabbi, so bin ich zu <em class="gesperrt">Euch</em> gekommen.«</p> + +<p>Er betont: »Zu Euch«.</p> + +<p>»Sag einmal, Berele,« fragt der Rabbi lächelnd, »warum wird +heute dort oben von dir so viel gesprochen? Die himmlischen +Heerscharen sind nur mit dir allein beschäftigt. Man hört nichts +als: Berl der Schneider und Berl der Schneider!«</p> + +<p>»Aha!« triumphiert Berl.</p> + +<p>»Hast du irgendeine Beschwerde vorzubringen?«</p> + +<p>»Gewiß!«</p> + +<p>»Gegen wen denn, Berele?«</p> + +<p>»Gegen den Schöpfer der Welt!« antwortet Berl.</p> + +<p>Die Gemeinde hätte ihn in Stücke gerissen. Doch Rabbi Levi-Jizchok +lächelt noch freundlicher.</p> + +<p>»Vielleicht wirst du uns erzählen, um was es sich handelt?«</p> + +<p>»Gerne!« sagt Berl. »Von mir aus kann die Sache sogar +gleich hier von Euch entschieden werden. Darf ich sprechen?«</p> + +<p>»Sprich!«</p> + +<p>»Den ganzen Sommer lang«, beginnt Berl der Schneider +seine Anklage, »habe ich, nicht auf Euch gesagt, Rabbi, gar keine +Arbeit gehabt … Weder von einem Juden, noch von einem +Bauern. Ich könnte mich einfach hinlegen und sterben, so schlecht +ging es mir!«</p> + +<p>»Ach!« zweifelt der Rabbi: »Der Same Abrahams, Isaaks +und Jakobs ist doch mildtätig, – du hättest auf die Barmherzigkeit +der Leute vertrauen sollen!«</p> + +<p>»Darum handelt es sich nicht, Rabbi. Ich sage niemandem +ein Wort und nehme von niemandem etwas an.«</p> + +<p>Von einem Geschöpf aus Fleisch und Blut nimmt er keine +Geschenke an. Er hat vor dem Schöpfer der Welt die gleichen +<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a> +Rechte wie die andern Leute. Das einzige, was er getan hat +– er hat seine Tochter in eine größere Stadt zu fremden Menschen +dienen geschickt. Und er sitzt allein zu Hause und wartet, +was der Schöpfer mit ihm zu tun beschließt.</p> + +<p>Einmal vor dem Laubhüttenfeste geht die Tür auf. Aha! Nun +hat er es doch erlebt. Und in der Tat, es ist ein Bote vom Gutsherrn: +Berl soll ihm einen Mantel mit Pelz füttern. Der Schöpfer +will also doch um ihn sorgen! Er geht aufs Schloß, man +führt ihn in ein eigenes Zimmer und übergibt ihm den Mantel +und die Felle.</p> + +<p>»Hättet Ihr nur die Felle gesehen, Rabbi! Die schönsten +Fuchsfelle, die es nur gibt!«</p> + +<p>Es ist aber die höchste Zeit zum Kol Nidrej-Gebet. Darum +sucht der Rabbi die Erzählung abzukürzen:</p> + +<p>»Also kurz und gut, du hast den Mantel gefüttert und warst +fertig. Was geschah dann?«</p> + +<p>»Eine Kleinigkeit geschah: drei Felle blieben mir übrig.«</p> + +<p>»Und die hast du eingesteckt?«</p> + +<p>»Das ist leichter gesagt, Rabbi, als getan! Denn wenn man +aus dem Schlosse kommt, steht vor dem Tore ein Wächter, und +wenn dieser Verdacht hat, so durchsucht er die Kleider und zwingt +sogar einen, die Stiefel auszuziehen. Und findet man bei mir, +Gott behüte, die Felle, so hat der Gutsherr böse Hunde und Reitknechte …«</p> + +<p>»Was tatest du nun?«</p> + +<p>»Bin ich aber doch Berl der Schneider! Ich gehe in die +Küche und bitte, daß man mir ein Brot schenkt.«</p> + +<p>»Christenbrot, Berele!«</p> + +<p>»Nicht zum Essen brauchte ich es, Rabbi! Man schenkt mir +einen großen Laib. Ich gehe damit in das Zimmer, wo ich genäht +habe, schneide das Brot auf, höhle die Hälften aus, rolle +das Weiche, das ich herausgenommen, so lange in den Händen +herum, bis es den Geruch vom Schweiß annimmt, und werfe es +dem Hunde vor, der in dem Zimmer liegt. Hunde lieben Menschenschweiß. +Und die drei Fuchsfelle stecke ich in den Laib und +gehe. Am Tore hält man mich an: Was trägst du, Jude, unterm +<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a> +Arm? Ich zeige den Brotlaib her, und man läßt mich gehen. +Etwas weiter beginne ich schon zu laufen. Ich gehe nicht durch +die Landstraße, sondern nehme den kürzeren Feldweg.</p> + +<p>»So gehe ich und hüpfe beinahe vor Freude: Nun werde ich +zum Laubhüttenfest einen eigenen Palmenzweig haben und einen +eigenen Paradiesapfel! Nichts von der Gemeinde Geborgtes … +So schöne Fuchsfelle!…</p> + +<p>»Da erzittert unter mir die Erde … Ich weiß schon, was +das ist: ein Reiter jagt mir nach! Das Blut erstarrt in mir. +Sie haben wohl die Felle nachgezählt … Entrinnen kann ich +nicht: es ist doch ein Reiter, und dazu noch auf einem von den +Pferden des Gutsherrn! Ich werfe sofort den Brotlaib in die +Stoppeln und merke mir die Stelle, mache mir für alle Fälle ein +Zeichen. Und schon höre ich, wie man mich ruft: Berl! Berl! – +Ich erkenne die Stimme: es ist wirklich der Reitknecht vom Gutshof. +Alle Glieder zittern mir, Rabbi! Meine Seele sitzt mir in +den Fußknöcheln … Ich wende mich aber um und gehe dem +Reiter entgegen.</p> + +<p>»Nun stellt sich heraus, der ganze Schreck war umsonst: ich +hatte vergessen, an den Pelzmantel ein Hängsel anzunähen. +Darum hatte man mir den Reiter nachgeschickt. Der Reiter setzt +mich hinter sich aufs Pferd, und schon reiten wir zurück.</p> + +<p>»Ich danke Gott für die Rettung, nähe das Hängsel an und +gehe. Doch wie ich zu der bewußten Stelle komme, ist der Brotlaib +nicht mehr da! Die Felder sind längst abgemäht, kein +Menschenkind kommt da vorbei, und kein Vogel in der Welt hat +die Kraft, eine solche Last wegzuschleppen … Es ist also klar, +wer das getan hat …«</p> + +<p>»Wer?« fragt Rabbi Levi-Jizchok.</p> + +<p>»Er!« antwortet Berl der Schneider und deutet mit dem +Finger nach oben. »Der Schöpfer der Welt! Sein Werk ists! +Und ich weiß, Rabbi, warum er das getan hat: Er, der große +Herr, will nicht dulden, daß ich, Berl der Schneider, mir nach +Schneiderart einen Rest aneigne …«</p> + +<p>»Es stimmt ja auch,« sagt Rabbi Levi-Jizchok mild: »Nach +dem Gesetz …«</p> + +<p>»Ach was, Gesetz!« ereifert sich Berl. »Der Brauch bricht +<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a> +ein Gesetz. Nicht ich habe den Brauch eingeführt; er stammt +von uralten Zeiten!«</p> + +<p>»Und wenn schon der Schöpfer der Welt,« fährt er fort, »der +große und stolze Herr nicht will, daß ich, Berl der Schneider, +der ärmste Knecht von allen Knechten, die ihm dienen, mir einen +Rest aneigne, so soll er mir Arbeit verschaffen, so soll er mir, +wie jeder andre Herr, Gehalt zahlen! Aber er duldet nicht das +eine und gibt mir nicht das andre. Nun will ich ihm, dem +Schöpfer der Welt, nicht länger dienen. Ich habe es gelobt! Es +ist aus!«</p> + +<p>Durch die Gemeinde geht eine Bewegung. Drohende Hände +erheben sich. Man will auf den Schneider losstürzen. Doch +Rabbi Levi-Jizchok gebietet Ruhe. Es wird wieder still, und +der Rabbi fragt gütig:</p> + +<p>»Und was geschah weiter, Berl?«</p> + +<p>»Nichts! Ich komme nach Hause und esse, ohne zuvor die +Hände zu waschen. Mein Weib will mich zur Rede stellen – ich +schlage sie ins Gesicht. Ich lege mich zu Bett und spreche nicht +das Abendgebet. Meine Lippen wollen von selbst ›Höre Israel!‹ +sprechen, doch ich beiße sie mit den Zähnen. Und am Morgen: +weder Segensspruch, noch Handwaschung, noch Morgengebet: +Er soll mir zu essen geben! Mein Weib rennt aus dem Hause +ins Dorf zu ihrem Vater, dem Pächter. Also bleibe ich ohne +Weib! Es ist mir sogar lieber so: ich bin ja Berl der Schneider, +doch sie ist nur ein schwaches jüdisches Weib, – soll sie lieber +damit nichts zu tun haben. Und ich tue das meinige: am Laubhüttenfest +weder Laubhütte, noch Palmenzweig. An den Festtagen +spreche ich keinen Segensspruch über den Wein, und am +Simchas-Tojre-Tag, an dem uns die Thora gegeben wurde, ziehe +ich mir, wie Mordechai nach Hamans Mordbeschluß, zum Zeichen +der Trauer einen Sack an!</p> + +<p>»Und wie die Zeit vor dem Neujahrsfeste kommt, wenn man +jede Nacht ins Bethaus geht, um Bußgebete zu sprechen, da wird +es mir schon etwas bange: der Schuldiener klopft jede Nacht +ans Fenster, um mich zu wecken, und mein Herz klopft auch. Es +zieht mich hin … Aber ich bin ja Berl der Schneider und +halte mein Wort! Ich ziehe mir die Bettdecke über den Kopf +<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a> +und gebe nicht nach. Dann kommt das Neujahrsfest – ich rühre +keinen Finger. Und wenn die Stunde kommt, wenn man Schojfer<a name="FNanchor_9" href="#Footnote_9" class="fnanchor">(9)</a> +bläst, stopfe ich mir Werg in die Ohren … Das Herz will mir +aus dem Leibe springen, Rabbi! Ich habe vor mir selbst Ekel: +ich bin ungewaschen und trage schmutzige Werktagskleider. Ein +kleiner Spiegel hängt bei mir in der Stube – ich kehre ihn +um zur Wand, ich will mich nicht sehen! Und wie ich höre, daß +die Gemeinde zum Flusse geht, um die Sünden ins Wasser abzuschütteln …«</p> + +<p>Er verstummt für eine Weile und ruft dann aus:</p> + +<p>»Aber recht habe ich, Rabbi! Und ohne was zu erreichen, will +ich nicht nachgeben!«</p> + +<p>Rabbi Levi-Jizchok denkt eine Weile nach und fragt:</p> + +<p>»Was willst du also, Berl? Willst du Arbeit und Verdienst?«</p> + +<p>»Ich spucke auf Verdienst!« erwiderte Berl beleidigt. »Verdienst +hätte ich <em class="gesperrt">vorher</em> haben sollen! Auf Verdienst hat jedermann +Anrecht! Der Vogel in der Luft, der Wurm in der Erde +– sie alle haben ihr Auskommen. Verdienst ist etwas Selbstverständliches. +Jetzt will ich mehr!«</p> + +<p>»Sag doch, Berl, was du willst!«</p> + +<p>»Ist es wahr, Rabbi, daß am Jom-Kippur nur die Sünden +des Menschen gegen Gott verziehen werden?«</p> + +<p>»So ist es!«</p> + +<p>»Und die Sünden des Menschen gegen seinen Nächsten nicht?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>Berl der Schneider richtet sich auf und sagt laut und bestimmt:</p> + +<p>»Also werde ich, Berl der Schneider, nur dann nachgeben +und wieder in den Dienst des Schöpfers der Welt treten, wenn +er mir zuliebe <ins title="am">an</ins> diesem Jom-Kippur auch die andern Sünden +verzeiht! Habe ich nicht recht, Rabbi?«</p> + +<p>»Du hast recht!« erwidert der Rabbi. »Bleibe nur dabei +– man wird dir schon nachgeben müssen …«</p> + +<p>Und er wendet sich wieder zum Betpult, richtet den Kopf in +die Höhe, lauscht hinauf und verkündet nach einer Weile:</p> + +<p>»Du hast es durchgesetzt, Berl! Nun schnell nach Haus, hole +Kittel und Gebetmantel!«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>Der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben<br/> + +<small>Eine Geschichte von Jojchenen dem Melamed<a name="FNanchor_10" href="#Footnote_10" class="fnanchor">(10)</a></small></h2> + +<h3>I</h3> + +<div class="scene-description"> +<p>Vorrede. Ich entschuldige mich und bekenne meine +Ansicht, daß es in der Welt keinen Unglauben gibt</p> +</div> + +<p class="drop-cap">Meine Herren! Ich, Jojchenen der Melamed, will euch eine +Geschichte erzählen. Und die Geschichte, die ich euch erzählen +will, ist wie ein Rädchen in einem Rade: eine Geschichte +in einer anderen Geschichte.</p> + +<p>Beide Geschichten habe ich nicht erfunden oder, wie man sagt, +aus den Fingern gesogen. Ich bin, gottlob, kein Schreiber. Ich +erzähle sie euch ganz einfach, ohne Salz und Schmalz; Wortgeklingel +lieb ich nicht … Wer die Wahrheit sagt, braucht keine +Kunstgriffe, der spricht einfach seine Muttersprache.</p> + +<p>Eine Vorrede muß ich euch aber doch geben: diese Geschichten, +die ich erzählen will, werden euch möglicherweise zeigen, daß ihr, +meine Herren, in vielen Dingen zu weit gegangen seid und euch +zu sehr auf eure Sinne verlassen habt; daß es in der Welt Dinge +gibt, von welchen weder euch noch euren größten Weisen je geträumt +hat … Darum bitte ich euch, mir das nicht übelzunehmen.</p> + +<p>Wenn ihr wollt, könnt ihr glauben, und wenn nicht, so +nicht.</p> + +<p>Ich will mich auch gleich vor meinen Freunden rechtfertigen: +es wird meine Freunde vielleicht verdrießen, daß ich sozusagen +aus der Schule plaudere, und dazu noch heutzutage, wo es so +viel Unglauben gibt … und daß dadurch ein Ärgernis entstehen +kann. Gott bewahre! Ich will ihnen sagen, daß es überhaupt +keinen Unglauben auf der Welt gibt: das mit dem Unglauben +ist eine erfundene Sache!</p> + +<p>Denn die ganze Welt ist nichts als Glauben!</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a>Könnte es denn auch anders sein?</p> + +<p>Die Welt ist unendlich groß, hat wirklich keine Grenzen! Und +unser Verstand ist so klein, so winzig, daß wir einem Menschen +gleichen, der in einer finsteren Nacht, mit einem Pfenniglicht in +der Hand, das kaum vier Schritt weit leuchtet, durch eine öde, +finstere Wüste geht!</p> + +<p>Ich bleibe bei meiner Meinung: ohne Glauben kann man +überhaupt nicht auskommen! Die Vernunft allein reicht nicht +aus. Wo kommt dann das Märchen vom Unglauben her? Nun, +diese nichtsnutzigen Schreiber, die für das einfache Volk, für +Köchinnen und Dienstmädchen Bücher verfassen, die Geschichten +von Mördern und Räubern, von Falschmünzern und Wechselfälschern +ausdenken, nur um die Leute zu erschrecken und ihr Blut in +Wallung zu bringen, – diese selben Schreiber haben auch den +Unglauben und den Irrglauben erfunden! Und zwar mit demselben +Zweck: um das gemeine Volk – die Dienstmädchen, Schuster- +und Schneiderlehrlinge – zu erschrecken …</p> + +<p>Doch in Wahrheit: ohne Glaube kein Wille; einfach jüdisch +gesprochen heißt das, daß ein Mensch, der nichts glaubt, auch +nichts will und zu nichts Lust hat!</p> + +<p>Ein solcher Mensch ist nichts mehr als ein Lehmklumpen, ein +Stück Holz! Und wenn du Menschen siehst, welche Gelüste haben +oder ihre Gelüste zugunsten andrer, größerer oder erhabenerer +überwinden. Menschen, welche essen und trinken, Familienglück +genießen, im Schweiße ihres Angesichts arbeiten und den Kopf +voller Geschäfte haben, so wisse, daß diese Menschen <em class="gesperrt">glauben</em>! +Daß sie zumindest an ihr eigen Leben glauben!…</p> + +<p>Denn zweifeln kann man ja schließlich auch daran! Wenn +man will, so sagt man: Das Leben ist nichts! Und dagegen läßt +sich schon wirklich nichts machen.</p> + +<p>Doch die Regel ist: alle glauben. Nur glaubt der eine, daß +der Leviathan vor dem Schor-ha-Bor<a name="FNanchor_11" href="#Footnote_11" class="fnanchor">(11)</a> verzehrt werden wird; +und der andre sagt: nein, umgekehrt, der Schor-ha-Bor kommt +zuerst, und dann der Leviathan als Zuspeise. Und ein »aufgeklärter« +<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a> +junger Mann, der weder an den Leviathan noch an +den Schor-ha-Bor glaubt, der glaubt an den Äther! Und was +ist dieser Äther? Da erklärte mir ein solcher junger Mann: der +Äther ist etwas, was weder Körper noch körperliche Kraft, weder +Seele noch überhaupt etwas Geistiges ist; er nimmt keinen Raum +ein und hat kein Gewicht … Mit einem Worte: er ist ein »Ja« +und ein »Nein« zugleich!</p> + +<p>Frage ich ihn, ob er den Äther gesehen hat? Nein! Aber er +glaubt an ihn! Kurz und gut: alle glauben.</p> + +<p>Was ist dann der Unterschied? Nun, jeder glaubt an <em class="gesperrt">seinen</em> +Rebben, jeder hat <em class="gesperrt">seinen</em> Glauben, sozusagen <em class="gesperrt">seinen</em> kleinen +Götzen.</p> + +<p>Alle blicken fremden Leuten auf den Mund. Alle küssen; doch +der eine küßt den Vorhang vor dem Thoraschreine, wenn er auch +nicht weiß, was im Schreine ist; der andre das kabbalistische +Buch »Megillo Tmirin«, wenn es vom Tische herunterfällt; ich +habe sogar mit meinen eigenen Augen gesehen, wie einer von +ihren Leuten die »Geheimnisse von Paris« küßte. Und ich habe +aus sicherer Quelle gehört, daß diese »Geheimnisse« die schauerliche +Geschichte von einem gewissen Charbojno darstellen – doch +nicht von unserem Charbojno, seligen Angedenkens, aus dem +Buche Esther<a name="FNanchor_12" href="#Footnote_12" class="fnanchor">(12)</a>, sondern von einem Pariser Holzhacker, der barfuß +auf Glasscherben herumging – und noch ähnliche Lügen, die +ein Pariser Lügner erfunden und ein Wilnaer »Aufgeklärter« +in die heilige Sprache übersetzt hat.</p> + +<p>Meine Herren! Ich habe gottlob viel vom Leben und von +der Welt gesehen; ich war Melamed in Dörfern und in kleinen +Städten und auch in großen Städten. Seit sieben Jahren bin +ich, Gott sei Dank, Melamed in Warschau, und ich komme, gottlob, +unter Menschen, und ich kenne Menschen! Ich kenne Misnagdim<a name="FNanchor_13" href="#Footnote_13" class="fnanchor">(13)</a>, +die beim chassidischen Gebet »<span class="antiqua">Wajizmach purkonej</span>« +aus der Haut fahren, und ich kenne Chassidim, die einen, der zu +einem andern Rebben fährt, für einen Ketzer – daß Gott davor +behüte! – halten.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a>Ich kenne auch »Aufgeklärte«, sogar sehr viele; bedeutende +und unbedeutende, solche, die wirklich was wissen, und gewöhnliche +Schreiberseelen; ich kenne sogar viele, sehr viele Abtrünnige. +Das alles kenne ich. Doch einen Menschen, der nicht glaubt, +habe ich noch nie gesehen!</p> + +<p>Ich wage sogar die Behauptung aufzustellen, daß es in der +ganzen Gesellschaft der »Aufgeklärten« keinen einzigen gibt, der +seinen eigenen Zuschnitt, sein eigenes System, seinen eigenen +Weg hätte. Ich sah unter ihnen keinen einzigen, der seine eigene +Ansicht über die Dinge hätte; mit Ausnahme von vielleicht zwei +oder drei ganz großen Karpfenköpfen … Und die ganze übrige +Gesellschaft, wie ihr sie seht, ist nicht ein ausgeblasenes Ei wert! +Auch sie sind Chassidim, nur von einer andern Richtung! Sie +glauben eben an <em class="gesperrt">ihren</em> Rebben! Und sie hängen an <em class="gesperrt">ihrem</em> +größten Mann der Zeit, genau so, wie wir an dem unsrigen!</p> + +<p>Und ich kann einen heiligen Eid schwören, daß keiner von +ihnen ein eigenes Lehrgebäude hat, nicht einmal für eine Stunde! +Nichts als Glaube an den Großen der Zeit. Und sie sprechen +ihm alles nach, ohne einen Unterschied zu machen zwischen dem, +was er mit Überlegung, bei klarem Verstande und im Ernst gelehrt, +und dem, was er so nebenhin, oder im Zorne, oder gar +nur, um zu widersprechen, gesagt hat.</p> + +<p>Ganz wie bei unsern Gesinnungsgenossen! Es ist nicht der +geringste Unterschied!</p> + +<p>Und wenn einer von dieser Gesellschaft zu mir kommt und +sagt, daß er an nichts glaubt, so ist es einfach dumm: ich werde +ihn doch nicht dadurch beschämen, daß ich ihm meine Ansicht +sage. Für mich selbst weiß ich aber, daß er entweder Spaß macht +oder einfach prahlt; und gerade ein solcher fürchtet sich, nachts +allein auszugehen! Und vielleicht <em class="gesperrt">muß</em> er überhaupt so sprechen, +weil es sein Geschäft verlangt. Was tut der Mensch nicht wegen +seines Geschäfts!… Und er kann ja auch ein ganz dummer +Mensch sein, der nicht einmal weiß, <em class="gesperrt">was</em> er nicht weiß und was +man glauben muß!</p> + +<p>Und wenn so, warum sollen wir uns dessen schämen, was wir +glauben?! Worin sind denn unsere Gesinnungsgenossen ärger +als alle die »Aufgeklärten«, die nichts andres tun, als Ammenmärchen +<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a> +und Wunder zum größern Ruhme ihrer Großen erzählen? +Weil unsere Geschichten nicht erfunden sind? Weil wir +die Leute nicht mit Schauergeschichten von Räubern und Mördern, +Falschmünzern und Wechselfälschern erschrecken? Muß man +denn unbedingt nur über solche Dinge schreiben, die glatt erfunden +sind?</p> + +<p>Und ich will ja keine Geschichte von jenseit des Meeres oder +aus uralten Zeiten erzählen, sondern eine wahre Begebenheit, +die sich hier in Warschau und zudem vor ganz kurzer Zeit ereignet +hat!</p> + +<p>Und vielleicht kommt jemand und sagt: Es ist nicht wahr! +Die Sache ist erlogen!… Gut, soll er nur kommen, soll er +sich unterstehen! Ich bin, Gott sei Dank, ein einfacher Melamed +und kein Schreiber, Gott behüte! Und Lügen ist weder mein +Handwerk noch mein Geschäft!</p> + +<p>Kurz und gut – meine Geschichte ist wahr. Und wenn jemand +kommt und ihr eine andere Deutung gibt? Gut, so werden wir +ihn anhören.</p> + +<p>Bis hierher geht die Vorrede, und nun beginnt die Geschichte +selbst.</p> + +<h3>II</h3> + +<div class="scene-description"> +<p>Ein Ausspruch des »Schweigers« gesegneten Angedenkens. +Die Vorzüge meines Bruders; er ruhe +in Frieden. Ein guter Anfang</p> +</div> + +<p>Man erzählt vom »Schweiger«<a name="FNanchor_14" href="#Footnote_14" class="fnanchor">(14)</a>, gesegneten Angedenkens, daß +er, als man ihn einmal fragte, warum er nicht, wie die andern +Rebben, aus der Thora predige, einfach geschwiegen habe, wie +er es bei allen Fragen zu tun pflegte.</p> + +<p>Doch zu einer andern Stunde, als er besonders gnädig aufgelegt +war und man in ihn mit derselben Frage wieder drang, +sagte er mit einem Lächeln:</p> + +<p>»Die Welt«, sagte er, »wundert sich über <em class="gesperrt">mich</em>, warum ich +nicht Thoraweisheit predige. Und ich wundere mich über diejenigen, +<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a> +die das tun können. Wie kann man in <ins title="derThora">der Thora</ins> anfangen +und aufhören, wo die Thora weder Anfang noch Ende +hat und die Unendlichkeit selbst ist?</p> + +<p>»In Wirklichkeit ist es aber so: Leute, die keine Ahnung von +der Thora haben und predigen, was ihnen gerade in den Sinn +kommt, beginnen, wann und wo sie wollen, und endigen, wann +und wo sie wollen. Denn die Thora, die sie predigen, ist nicht +die Unendlichkeit, nicht die Thora des Herrn der Welt! Es ist +ihre eigene, von ihnen erfundene Thora … Doch einer, der +die Thora wirklich kennt, predigt nicht, weil er nicht weiß, wo +er beginnen und wo er endigen soll!</p> + +<p>»Und in weltlichen Dingen ist es auch so. Zum Beispiel bei +einem Rechtsstreit, wenn man die Zeugen vernimmt. Ein wahrheitsliebender +Mensch, der nicht lügen kann und will, beginnt +seine Zeugenaussage mit den sechs Tagen der Schöpfung und +kommt niemals zu der Sache selbst; und zum Schluß – schon gar +nicht! Doch einer, der frei aus dem Kopfe spricht, legt sich alles +hübsch zurecht und spricht wie ein Mensch, der Anfang und Ende +weiß … Und seine Aussage fließt dahin wie Baumöl!«</p> + +<p>Dieselbe Regel gilt auch für jede Erzählung: der Schreiber, +der sich alles aus den Fingern saugt, kann eine Geschichte beginnen, +wann und wo er will; sie ist seine eigene Schöpfung, +und er kann mit ihr tun, was ihm beliebt! Wenn er will, macht +er sie kurz. Doch ich, der ich eine wahre Begebenheit erzählen +will, weiß wirklich nicht, womit ich anfangen und womit ich +endigen soll! »Es gibt nichts Neues unter der Sonne« – jede +Sache hängt von einer früheren Sache ab, und die frühere von +einer noch früheren, und diese letztere kann man auch nicht verstehen, +wenn man nicht weiß, was noch früher war. Und so gelangt +man zu den sechs Tagen der Schöpfung … Doch zu +Ehren meines geliebten Bruders Seinwel-Jechïel, er ruhe in +Frieden, will ich mit ihm beginnen …</p> + +<p>Es ist jedermann bewußt – die ganze Franziskanergasse weiß +es –, daß mein Bruder, gesegneten Angedenkens, ein großer Gelehrter +und ein wirklich gottesfürchtiger Mann war.</p> + +<p>Er war Witwer, und in seinen alten Tagen blieb er ganz allein +mit seiner Tochter, der Jungfrau Broche-Leë – es soll zwischen +<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a> +Lebendigen und Toten wohl unterschieden werden! Er lebte in +großer Not, und da er keine Kraft mehr zu unterrichten hatte, +blieb er schließlich – nicht auf euch gesagt und auf keinen Juden +gesagt! – ohne Brot. Und die Jungfrau Broche-Leë wuchs, unberufen, +wie auf Hefe … Mit einem Wort – es war ein +Jammer!</p> + +<p>Was tut Gott? Einige Hausväter, lauter geachtete feine +Männer, deren Kinder mein Bruder unterrichtet hatte, tun sich +zusammen und übernehmen es, Broche-Leë zu verheiraten und +ihrem Vater, er ruhe in Frieden, die Mittel zu geben, damit er +ins Heilige Land fahren kann.</p> + +<p>Obwohl die Reise nicht zum Abschluß gedieh, da er unterwegs +– nicht auf euch gesagt! – an einem Herzschlag starb, so war ihm +doch vergönnt, die Stadt Zfas im Heiligen Lande zu sehen, woselbst +er seinen Geist aufgab und in einem jüdischen Grabe mit +großen Ehren beigesetzt wurde.</p> + +<p>Der Rabbiner von Zfas hielt auf seinem Grabe einen feurigen +Nachruf und druckte ihn, den Nachruf, in seinem Werke »Kostbare +Perlen« ab; und wer in dieses Werk hineinsieht, leckt sich +die Finger ab.</p> + +<p>Da ich jetzt schon einmal den Anfang habe, werde ich mit der +eigentlichen Geschichte beginnen.</p> + +<h3>III</h3> + +<div class="scene-description"> +<p>Die Geschichte selbst. Schlecht getroffen. Jammer. +Broche-Leë wird von ihrem Mann verlassen</p> +</div> + +<p>Mildtätigkeit ist eine große Sache. Doch nur für den, der sie +übt. Und ich beneide nicht den, der Almosen empfängt und vom +Vorstand des Wohltätigkeitsvereins abhängt …</p> + +<p>Aber ich beneide meinen Bruder, er ruhe in Frieden, daß er zur +rechten Zeit verschied und den späteren Jammer nicht mehr sah!</p> + +<p>Denn die Hausväter, welche Broche-Leë die Mitgift gaben, +hatten bloß das eine vergessen, daß sie die Tochter eines Gelehrten +und eine fromme und reine Seele war. Bei der Wahl des Bräutigams +berücksichtigten sie weder das, noch viel weniger die Verdienste +<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a> +ihres Vaters. Sie trachteten nur danach, ihr einen Ernährer +zum Mann zu geben. Sie handelten ganz ohne Vorbedacht, +nur um die Sache irgendwie zu erledigen. Man gabelte +einen jungen Mann auf, der in einer Rechtsanwaltskanzlei halb +angestellt war und ab und zu etwas verdiente. Und da er keine +zu großen Ansprüche machte und ein Weib ernähren konnte, griff +man zu. Man nähte die Aussteuer, hinterlegte die Mitgift, nahm +Spielleute auf und feierte Hochzeit. Ich gratuliere!</p> + +<p>Die Wahrheit zu sagen, gefiel mir der junge Mann gar nicht. +Auch mein Weib Feige, sie soll gesund sein, meinte, daß man +keine besonders kostbare Anschaffung gemacht hatte. Da aber +mein Bruder, er ruhe in Frieden, dazu gar nichts sagte, so +schwiegen wir selbstverständlich auch.</p> + +<p>Doch dieses Schweigen war nicht klug!</p> + +<p>Kaum war mein Bruder, gesegneten Angedenkens, abgereist, +als die Geschichte losging, und es sich zeigte, daß in dieser Ehe +etwas nicht in Ordnung war. Ich hörte bald, daß der häusliche +Friede beim jungen Paare etwas hinkte! Man zankte sich, man +schrie, und die Nachbarn klopften an die Wände. Ich hörte +auch, daß der junge Mann Mojsche-Ißroel nicht ausnehmend +fromm war, was Broche-Leë sehr mißfiel. Und er schreckte sie +damit, daß er den Kaftan ablegen und den kurzen deutschen Rock +anziehen werde, daß er sogar selbst Rechtsanwalt werden wollte. +Mojsche-Ißroel hielt ihr vor, daß die Hausväter ihn betrogen +hätten: sie hätten ihm vor der Trauung eine andre, schönere +Braut gezeigt; sie hätte er gewiß nicht genommen! Er bemängelte +auch ihre Aussteuer: Alte Lumpen, sagte er. Auch hätte man +ihm die übliche Beköstigung in den ersten Ehejahren versprochen +und ihm hinterdrein die Zunge gezeigt. Noch sagte er, er hätte +erwartet, daß die Wohltäter sich für ihn verwenden, ihn, wie er +sagte, »protegieren« würden; sie hätten sich aber auf der Armenhochzeit +nur angegessen und angetanzt und ihn später nicht über +ihre Schwelle gelassen.</p> + +<p>Selbstverständlich wollte ich mich gleich in der ersten Stunde +nicht einmischen … Die Hausväter und meine Frau Feige, +leben soll sie, wollten es nicht zulassen. Und schließlich ist es ja +auch nichts Neues! Es kommt oft genug vor, daß es in der ersten +<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a> +Zeit nach der Hochzeit, ehe man sich aneinander gewöhnt hat, +zwischen Mann und Weib Streitigkeiten gibt. Und später – Gewohnheit +ist die zweite Natur – lebt man doch zusammen!</p> + +<p>Die Wahrheit zu sagen, gab es auch zwischen mir und meiner +Frau Feige – sie soll gesund sein! – im ersten Jahre nach der +Hochzeit Zusammenstöße. Doch später, als die Kinder kamen +und wir um unseren Lebensunterhalt selbst sorgen mußten, hörten +diese Dummheiten auf. Ich suchte mir irgendein Geschäft; es +glückte mir nicht, und so wurde ich Melamed. Und es ist wirklich +nicht so schlimm – man lebt – möge es bis hundertundzwanzig +Jahr' so weiter gehen!</p> + +<p>Also kurz und gut – ich schwieg. Besonders, als mir meine +Frau Feige, sie soll leben, über Broche-Leë eine vielsagende Andeutung +machte. Und mir braucht man nicht erst einen Finger +in den Mund zu legen. Also ein gutes Zeichen, daß es nur gut +abläuft! Leider lief es aber nicht nach <ins title="Wnnsch">Wunsch</ins> ab.</p> + +<p>Er besserte sich nämlich gar nicht, er wurde sogar noch schlimmer. +Dieser Prachtmensch hatte unsers Vaters Abrahams Eigenschaft: +er sprach wenig und tat viel. Es genügte nicht, daß er sich deutsch +kleidete, er begann auch ganze Nächte hindurch Karten zu spielen.</p> + +<p>Jeden Abend brachte er seine Kumpane mit ins Haus und +zwang Broche-Leë, ihnen Tee zu kochen und sie mit Branntwein +und Hering zu bewirten; und den Hering natürlich mit Essig +und Öl – anders paßt es ihm nicht. Und dazu weiße Semmeln; +Schwarzbrot ist ihnen zu gering! Und wenn etwas von den +sieben Sachen fehlte, machte er einen Krach. Obendrein verhöhnte +er sie und machte sie zum Spott für die Leute. Und das +nicht genug – er beschimpfte sie noch mit den gemeinsten Ausdrücken!</p> + +<p>Nun sah ich ein, daß die Sache nicht gut steht und daß man +weiter nicht schweigen darf. Ich faßte mir ein Herz und ging +zum Ehepaar hin.</p> + +<p>Ich komme herein und fange, natürlich zunächst mit guten +Worten an, mit <em class="gesperrt">feinen</em> Reden, sogar mit einem Scherzwort, +wie schon so meine Natur ist. Ich versuche die Sache zuerst +freundschaftlich und gutmütig anzufassen und sage ihm, daß, +obwohl er ein Verbrecher vor dem Herrn ist, die Sache noch nicht +<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a> +hoffnungslos sei; und ich schildere ihm das große Ansehen, das +der Bußfertige im Himmel hat, und sage ihm, daß ihm auch die +Verdienste von Broche-Leës gottseligen Ahnen im Himmel beistehen +würden. Er müsse nur mit der Buße beginnen, nur einmal +ernsthaft an Buße denken.</p> + +<p>Ich verspreche ihm noch, ihm menschlich näher zu treten, ihn +in meinen Betzirkel einzuführen und sogar, falls ich einmal, so +Gott will, zum Rebben fahren werde, ihn mitzunehmen; und +noch ähnliche freundschaftliche Worte sage ich ihm.</p> + +<p>Da bricht er in ein Gelächter aus! Er lacht über mich, über +meinen Betzirkel und über den Rebben! Er möchte, sagt er, +auf alle diese schönen Sachen verzichten, wenn ich ihm nur +Broche-Leë abnehme! Und dabei gebraucht er Ausdrücke, die +man überhaupt nicht in den Mund nehmen kann!</p> + +<p>Notgedrungen mußte ich nun einen strengeren Ton anschlagen. +Ich sagte ihm, daß er, obwohl er sich deutsch kleide, doch nur ein +Ignorant und ein Taugenichts sei. Und dann sagte ich ihm noch +ganz furchtlos: wenn er Buße tut, ists gut, und wenn nicht, so +wird er manches schwarze und finstere Jahr in der Hölle zu kosten +kriegen!</p> + +<p>Fängt er schon wieder zu lachen an: »Wer Hölle? Was +Hölle?« Als ob er schon einmal dort gewesen wäre und gesehen +hätte, daß es, Gott behüte, gar keine Hölle gibt! Und dann weist +mir noch der freche Kerl die Tür!</p> + +<p>Was sollte ich tun? Broche-Leë ist, sehe ich, grün und gelb, +die Tränen fließen ihr wie Bäche aus den Augen. Ich gehe also +fort und lasse den Frechling vor das Rabbinergericht laden.</p> + +<p>Er kommt nicht hin, und ich lasse wieder eine Zeit verstreichen.</p> + +<p>Und da wurde es plötzlich still. Vom Ehepaar hörte ich gar +nichts mehr. Das kam aber nur daher, weil der Verbrecher seiner +Broche-Leë verboten hatte, über meine Schwelle zu kommen; sonst +würde er sie windelweich schlagen! Broche-Leë ist aber ein gesittetes +Weib und tut, was der Mann verlangt. Sie sitzt also zu +Hause und vergießt heimliche Tränen.</p> + +<p>Und höre ich nichts, so weiß ich nichts!</p> + +<p>Inzwischen habe ich auch meine eigene Tracht Sorgen: meine +Frau Feige wird mir krank; der Arzt sagt, es sei Fieber; die +<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a> +Nachbarn sagen etwas anderes, und ich meine, es kommt von +einem bösen Blick. Das Haus ist ohne Hausfrau, die Kinder +ohne Mutter und auch – ohne Vater: es ist gerade Semesterwechsel, +und ich muß herumlaufen, um mir noch zwei oder drei +Schüler zu verschaffen. Und das ist nicht genug: ich bin auch +selbst nicht ganz beisammen.</p> + +<p>Die Warschauer steilen Treppen nehmen mir alle Lebenskraft! +Und dazu hetzt man mich noch von allen Seiten: der Hausherr +mahnt das Wohnungsgeld, und ich bin ihm schon zwei Quartale +schuldig geblieben! Und der Bezirksinspektor verlangt von mir, +daß ich noch ein Zimmer hinzumiete, damit es die Schüler geräumiger +haben, damit es in der Lehrstube mehr Luft gibt!</p> + +<p>Gott möge es mir verzeihen – ich habe an Broche-Leë nicht +mehr gedacht! Und sooft ich mich an sie erinnerte, sagte ich +mir: da es so still ist, wird sich der Bösewicht wohl doch bekehrt +haben, und sie tun jetzt nichts, als sich herzen und küssen! Und +weil es ihr so gut geht, hat sie die armen Verwandten ganz vergessen.</p> + +<p>Aber einmal – ich komme halb ohnmächtig und, nicht auf euch +gesagt, mit geschwollenen Füßen nach Hause, will mir die Hände +waschen, irgend etwas herunterschlingen, schnell das Tischgebet +sprechen und die Knochen im Bette ausstrecken – da verkündet +mir meine Frau Feige eine frohe Botschaft: Broche-Leë war +dagewesen, hatte bittere Tränen vergossen und uns Mörder gescholten, +weil uns ihr Unglück nichts anginge; sie sei eine verlassene +Waise, elend und einsam wie ein Stein.</p> + +<p>Sie erzählte noch, daß ihr Mann Mojsche-Ißroel sie martere +und ihr Todfeind sei. Er schlage und prügele sie, so daß sie schon +viele Male aus Nase und Ohren geblutet habe.</p> + +<p>Und ich frage meine Frau Feige: »Wie kann das sein? Daß +ein Jude seine Frau schlägt, und dazu noch eine Frau in gesegneten +Umständen?!…«</p> + +<p>Sie antwortet, daß es wohl von seiner wahnsinnigen Bosheit +kommt; Mojsche-Ißroel hat den rechten Weg schon längst verlassen. +Er hat jedes Gottvertrauen verloren; darum schreit er, +er habe nicht mehr, wovon zu leben … Und er verlangt – sein +Name und sein Andenken mögen ausgelöscht werden! – daß +<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a> +Broche-Leë sich etwas antue … Die ganze Welt macht es, sagt +er, so; selbst die feinsten Damen … Und da sie es nicht tun +will, schlägt er sie und beschimpft sie und ihren Vater mit den +schrecklichsten Flüchen!</p> + +<p>Wie ich höre, daß er meinem Bruder, gesegneten Angedenkens, +flucht, werde ich voller Zorn! Ich vergesse alles andre, nehme +meinen Stecken – mein Tod oder sein Tod! Abschlachten werde +ich den Hund! – und laufe ohne Atem und Besinnung aus dem +Hause …</p> + +<p>Und ich komme und sehe …</p> + +<p>Einen Jammer sehe ich!</p> + +<p>Die Tür steht offen, in der Stube ists stockfinster. Der Kerl +ist fort, durchgebrannt! Fort ist der ganze Hausrat, selbst die +Bettwäsche hat er abgezogen … Und wo ist sie?</p> + +<p>Sie liegt auf dem Boden und windet sich in Krämpfen …</p> + +<h3>IV</h3> + +<div class="scene-description"> +<p>Ein Wunder. Meine Frau Feige und ihre Taten. +Man wirft mich hinaus, und wohin ich gehe</p> +</div> + +<p>Es geschah ein Wunder, daß meine Frau Feige, unberufen, +ihren gesunden Menschenverstand behielt.</p> + +<p>Als ich den Stecken nahm und schrie, daß ich den Hund umbringen +werde, nahm es sich meine Frau Feige gar nicht zu +Herzen … Sie weiß ganz gut, daß ich, Gott behüte, kein Mörder +bin und nicht eine Fliege an der Wand töten kann; sie weiß, +daß ich, wenn ich schon in Zorn gerate, vor allen Dingen zu +weinen anfange. Ich habe schon einmal so eine Natur: vor +Zorn fließen mir die Tränen wie Wasser.</p> + +<p>Meine Frau Feige weiß auch, daß ich selbst meine Schüler +nicht so schlage, wie es sich gehört, und daß mir sogar die Väter +deswegen Vorwürfe machen; auch ich selbst fürchte zuweilen, daß +ich in dieser Hinsicht vor Gott und den Menschen sündige: denn +oft ist so ein Hieb notwendig! Besonders seitdem einer meiner +Schüler in schlechte Gesellschaft geriet, ist es meine feste Meinung, +daß man zuweilen schlagen <em class="gesperrt">muß</em>!</p> + +<p>Wir wollen aber nicht abschweifen!</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a>Also meine Frau Feige wußte ganz gut, daß ich ihm nichts +tun würde, und blieb darum ruhig auf dem Bette sitzen. Doch +später, als eine Stunde, zwei Stunden vergingen und ich noch +immer nicht zurück war, bekam sie doch Angst und sagte sich, daß +ich den Hund gewiß wie einen Fisch in Stücke geschnitten habe +und dafür ins Loch gesperrt worden sei!</p> + +<p>Da gab es was! Sie vergaß alle ihre Schmerzen, die Kinder +in den Betten und das bißchen Hausrat, das wir hatten, +sprang aus dem Bette, warf sich etwas um und lief mir nach; +vergaß sogar die Tür hinter sich zu schließen.</p> + +<p>Ich schau mich um, – sie ist da. Und kaum ist sie da, als sie +gleich auf den ersten Blick erkennt, was vorgeht. Vor allen +Dingen, als sie mich wie ein Stück Holz dastehen sieht, schreit sie +mich an: »Nichtstuer!« Und im gleichen Augenblick reißt sie +die Tür auf und ruft: »Hilfe!« Sofort kommen einige Nachbarinnen. +Meine Frau Feige übernimmt das Kommando, und +die Nachbarinnen folgen ihren Befehlen. Und eines der Weiber +wirft mich auf Feiges Befehl tatsächlich zur Tür hinaus.</p> + +<p>Wo geht man nun hin? Auf der Straße ist nasser Schnee, +der Wind peitscht mir das Gesicht und stiehlt sich durch die Löcher +in meine Kleider hinein …</p> + +<p>Also gehe ich ins Bethaus. Dort sitzen noch einige Leute, die +nach dem Beten ein wenig in den Talmud hineinschauen. Ich +nehme mir auch einen Talmudband. Und fertig, mehr brauche +ich nicht! Kaum öffne ich den Talmud, ist Broche-Leë vergessen! +Vergessen ist ihr Mann, der Bösewicht! Und auch die ganze Welt. +Wer ist von ihrem Mann verlassen? Wer ist durchgebrannt? +Wer liegt in Kindsnöten? Das gibt es alles nicht!…</p> + +<h3>V</h3> + +<div class="scene-description"> +<p>Meine Schüler. Wer ist mein Lehrer? Die Thora +und ihr Lohn. Das Gleichnis vom Vogel. Schlimme +Gedanken und Zweifel</p> +</div> + +<p>Wenn ich manchmal selbst mit großer Freude studiere, können +es meine Schüler aus den reichen Häusern nicht begreifen. Sie +<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a> +fragen mich, ob <em class="gesperrt">ich</em> auch noch lernen muß? Und wer <em class="gesperrt">mein</em> +Rebbe ist?</p> + +<p>Die Dummköpfe! Sie wissen nicht, daß die Welt ein guter +Rebbe ist, und die Sorge ums Brot – ein gar vortrefflicher Rebbe! +Leiden und Unglück sind gute Melameds .. Die Mücke, die +ewig das Gehirn sticht mit der Frage: »Und was werden wir +essen?«, ist ein gar feuriger Rebbe! Und dann sind auch meine +Schüler selbst mitsamt ihren Vätern – meinen Brotgebern – sehr +feine Lehrer, ausgezeichnete Lehrer!</p> + +<p>Alles treibt zum Lernen. Aber wie die Thora, so auch ihr +Lohn. Schlage ich den Talmud auf, so werde ich ein andrer +Mensch. Ich fühle, daß sich mir der Himmel auftut! Daß der +Herr der Welt mir in seiner großen Gnade Flügel, große und +breite Flügel verliehen hat! Und ich fliege auf diesen Flügeln +empor – ich bin ein Adler, und ich fliege in weite Fernen fort; +nicht übers Meer fliege ich, sondern aus der Welt ganz hinaus! +Aus der Welt voller Lüge, Verstellung und bösen Leiden …</p> + +<p>Und ich schwinge mich in eine ganz andre Welt hinauf, in +eine neue Welt, in eine Welt, wo es nur Gutes gibt. In eine +Welt, wo weder dickbäuchige Hausbesitzer noch unwissende vornehme +Herren etwas gelten; wo es weder Geld noch Nahrungssorgen +gibt, weder schwere Kindsnöte, noch hungernde Kinder, +noch schreiende Weiber!</p> + +<p>Und dort bin ich, ich, der arme, kranke, unterdrückte, hungernde +Melamed, ich ärmster Bettler, der ich hier stumm wie ein Fisch +bin und von allen wie ein Wurm getreten werde, – dort bin ich +der Mensch, der Vornehme, dessen Meinung gilt! Und ich bin +frei, und mein Wille ist frei, und <em class="gesperrt">ich</em> habe zu befehlen! Welten +baue ich auf und Welten zertrümmere ich und baue mir neue an +ihrer Stelle! Neue, schönere und bessere Welten! Und ich lebe +in diesen Welten und schwebe in ihnen herum! Ich bin im Paradiese, +im wirklichen Paradiese!</p> + +<p>Und ich weiß, daß ich mehr weiß, als ich meinen Schülern +mitteilen will und kann, mehr als ich mir selbst eingestehe. Ich +ahne Dinge, die man mit den Lippen gar nicht aussprechen kann, +die kein Auge sieht und kein Ohr hört, die nur im Herzen blühen, +nur im Herzen leben und pochen!</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a>Die »zwei, die zugleich nach einem Gebetmantel greifen«, deren +Streit der Talmud untersucht, sind für mich nicht zwei beliebige +Menschen von der Straße, nicht ein Schimen und ein Ruben, +wie ich es meinen Schülern erkläre; und auch der Gebetmantel, +um welchen der Streit geht, ist kein gewöhnlicher Gebetmantel, +wie man ihn im Laden von Jossel Pesches kaufen kann … Ich +fasse es tiefer an!</p> + +<p>Ich fange alle die Funken auf, die <em class="gesperrt">zwischen</em> den Zeilen, +<em class="gesperrt">zwischen</em> den Worten, <em class="gesperrt">zwischen</em> den Buchstaben leuchten; +meine Seele saugt sie ein wie ein Schwamm! Ich fühle, wie +mich das Licht, das der Frommen im Jenseits wartet, ganz durchtränkt +und erfüllt!</p> + +<p>Ach, nur sitzen und studieren! Nur studieren!</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Und das muß ich euch auch sagen: wenn ich in reiche Häuser +komme und sehe, wie die Leute ganze Nächte hindurch Karten +spielen, oder die Zeit mit Weibern oder andern Eitelkeiten verbringen; +oder wenn ich durch die Straße gehe und durch die +offene Tür einer Schenke einen Handwerker sehe, wie er in einer +Wolke von Tabakrauch sitzt und trinkt und dummes Zeug spricht; +wenn ich das alles sehe, sage ich euch, werde ich gar nicht böse … +ich mache den Leuten gar keine Vorwürfe; im Gegenteil: mir tut +das Herz weh vor Mitleid mit ihnen!</p> + +<p>Denn wenn wir es so betrachten, was sollen sie ohne Thora tun?</p> + +<p>Wie ich bereits erwähnte, gab ich einmal auch in einem Dorfe +Unterricht. Mein Schüler zeigte mir, wie am Ende des Sommers +alle Vöglein zusammenflogen, um unser Land noch vor Wintersanfang +zu verlassen … Ich sah, wie sie sich zu ganzen Heeren +versammelten und davonflogen in weite Fernen …</p> + +<p>Die kleinen Vöglein können und wollen hier nicht bei Schnee +und Frost bleiben … In dieser Zeit hat hier so ein armes Vöglein +keinerlei Lebensmöglichkeit … Und die Vöglein wissen es, +sie fühlen es, daß der Winter naht, daß ihr Todesengel kommt …</p> + +<p>Doch einmal sah ich, wie ein armes verkrüppeltes Vöglein mit +einem gebrochenen Flügel auf der nassen, kalten Erde herumhüpfte; +es piepste und konnte sich nicht vom Boden erheben, um +den großen Vögeln nachzufliegen. Es war wirklich ein Jammer, +<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a> +zu sehen, wie das arme Vöglein keinen Platz finden konnte, wie +es immer hüpfte und hüpfte, und den andern freien Vögeln, die +schon davonflogen, nachsah …</p> + +<p>Damals sagte ich mir: diesem kranken Vögelchen gleicht die +Seele des Unwissenden!…</p> + +<p>Fliegen können sie nicht, denn sie haben keine Flügel – keine +Thora! Gib ihnen Thora, gib ihnen Flügel, so werden auch sie +fliegen in die fernen Welten!</p> + +<p>Man hat ihnen aber die Flügel zerbrochen, und darum hüpfen +sie immer im kalten Straßenschmutz herum … Darum müssen +sie schamlose Reden führen oder Karten spielen: der Reiche im +Salon, der Arme in der Schenke …</p> + +<p>Doch wollen wir zur Sache zurückkehren!</p> + +<p>Also ich sitze und studiere. Die paar Leute, die noch im Bethause +waren, sind einer nach dem andern heimgegangen. Der +Schuldiener ging als letzter fort.</p> + +<p>Was geht es mich an? Ich sehe es ja gar nicht!</p> + +<p>Bei Licht, im warmen Bethause, den offenen Talmudband +vor mir, fürchte ich allein nichts! Ich bin vertieft, ganz wie es +sich gehört.</p> + +<p>Die Thora gleicht doch, wie ihr wißt, dem Meere. Die Wellen +schlagen und wollen mich verschlingen … Doch ich kann schwimmen! +Ich tauche unter und bin schon wieder oben! Zuweilen +wird das Meer still; schön, rein und klar wie der Himmel liegt +es da, und meine Seele badet im frischen, belebenden Wasser; +sie gleitet wie über einen Spiegel dahin in Wonne und Schönheit +… Und das Wasser wäscht sie, reinigt sie von allen Flecken, +von den schwarzen irdischen Stäubchen …</p> + +<p>Und rein und heilig wird meine Seele …</p> + +<p>Doch plötzlich fühle ich einen brennenden Schmerz in den +Fingern, und ich sitze im Finstern …</p> + +<p>Der Lichtstummel, den ich in den Fingern hielt, ist ausgegangen!</p> + +<p>Alleinsein im Finstern fürchte ich. Und es überfällt mich eine +große Angst!</p> + +<p>Wenn es um mich herum hell ist, bei Tage oder auch bei Nacht, +fürchte ich nichts. Mir ist gut! Ich sehe die Welt, und ich spüre +den Hausherrn <em class="gesperrt">über</em> der Welt! Ich sehe die Welt, und die +<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a> +Welt sieht mich. Und ich weiß, daß ich ein Teil der Welt bin, +und daß ihr Hausherr auch mein Hausherr ist; daß ohne seinen +Willen mir kein Haar gekrümmt werden kann. Er wird es nicht +dulden, und auch die Welt selbst wird es nicht dulden. Warum +sollten sie es auch zulassen?</p> + +<p>Aber wenn ich allein im Finstern bin und die Welt nicht sehe, +dann – ach, dann höre ich überhaupt auf, Mensch zu sein! Mich +befallen böse Gedanken, und es scheint mir – Gott möge mich +dafür nicht strafen –, daß ich gar keinen Zusammenhang mit der +Welt mehr habe, daß man mich von ihr losgetrennt und aus ihr +weggeführt hat … Ich habe mit ihr nichts zu tun; weder ich, +noch mein Weib, noch meine Kinder … Nichts haben wir mit +ihr zu schaffen! Gleich wird man mich oder einen von uns ganz +still wegtun, und niemand wird es sehen, niemand wird es wissen +und gewiß niemand fühlen.</p> + +<p>Kaum war das Licht ausgegangen, als mich gleich meine Festtagsseele, +die nur während des Lernens in meinem Leibe ist, verließ +und ich bei meiner zitternden, erschrockenen Werktagsseele +blieb, bei der Seele des bettelarmen Melameds … Ich bin +wieder ein Nichts, ein Wurm, ein verlorenes Ding …</p> + +<p>Und meine Lippen zittern: Gott soll helfen! Gott soll helfen!</p> + +<p>Und das Herz nagt und bangt: Broche-Leë wird gebären … +gewiß wird sie gebären. Sie wird sogar Zwillinge haben. Denn +ihre Mutter war wegen ihrer Zwillingsgeburten berühmt!</p> + +<p>Du hast wohl zu wenig an eigen Weib und Kind? Also fällt +dir noch Broche-Leë mit einem Kind zu, Broche-Leë mit zwei, +mit drei Kindern … Seinwel-Jechïel ruht im Grabe; er sitzt +jetzt im Paradiese und lernt Thora. Und du arbeite und ernähre +seine Tochter!</p> + +<p>Und böse Gedanken sagen mir: Wenn Gott sich erbarmen +will, so hat er keinen andern Ausweg, als den Todesengel zu +schicken … zu mir … zu der Gebärenden …</p> + +<p>Barmherziger Gott! Barmherziger Gott!</p> + +<p>Und ich weiß, daß ich vor Gott sündige, daß ich in Gotteslästerung +verfalle. Ich weiß das, doch ich habe nicht die Macht, +den bösen Gedanken aus dem Herzen zu vertreiben … Denn +allein bin ich schwach und im Finstern noch schwächer!</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a>Ich weiß, daß das einzige Mittel dagegen die Thora ist, und +ich will sie auswendig studieren; ich will mich auf eines der Probleme +besinnen, doch ich kann nicht: ich habe alles vergessen, habe +die ganze Thora vergessen!</p> + +<p>Und ich rief mit allen meinen Kräften aus:</p> + +<p>»Herr der Welt! Hilf mir! Hilf mir!«</p> + +<p>Und es geschah mir ein Wunder!</p> + +<h3>VI</h3> + +<div class="scene-description"> +<p>Das Wunder. Das verborgene Licht. Erlösung +einer Seele. Der Todesengel, welcher kommt, weil +man ihn rief</p> +</div> + +<p>Als ich diese Geschichte später einem »Aufgeklärten«, einem +meiner früheren Schüler erzählte, lachte er, und noch wie! Es +war, sagte er, gar kein Wunder, sondern nur ein Zufall oder +eine Einbildung, oder vielleicht gar ein Traum oder dergleichen.</p> + +<p>Was macht das?</p> + +<p>Jitro, Moses' Schwiegervater, hatte bekanntlich sieben Namen, +und doch gab es nur <em class="gesperrt">einen</em> Jitro!</p> + +<p>Nenne es, wie du willst: Zufall, Einbildung, Wunder, – Geschichte +bleibt Geschichte!</p> + +<p>Ich weiß nur, daß gerade in dem Augenblick, als ich, Gott +behüte, in die tiefste Hölle hinabzustürzen glaubte, sich das ganze +Bethaus mit Licht füllte! Es war eine so blaue Helle wie in +den Lichtsäulen, die manchmal im Sommer von der Sonne durch +ein Fenster schräg in die Stube fallen …</p> + +<p>Man sieht ganz deutlich, daß eine solche Säule aus kleinen +Lichttropfen besteht und daß jedes Tröpfchen in ihr strahlend +herumwirbelt.</p> + +<p>Und eine solche Säule erfüllte damals das ganze Bethaus.</p> + +<p>Plötzlich werde ich ruhig … und alles Denken hört auf!…</p> + +<p>Das Bethaus ist von einer süßen Helle erfüllt. Und ich – von +einem süßen, lichten Gottvertrauen! Und alles in mir ist so +rein, so klar, so kristallen!</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a>Und wie ich nach der Ostwand blicke, von der die Lichtsäule +kommt, sehe ich jemanden!</p> + +<p>Wen, glaubt ihr, sehe ich?</p> + +<p>Meinen Bruder, gesegneten Angedenkens, sehe ich! Und gerade +auf dem Platze, wo er bei Lebzeiten immer zu sitzen und zu +studieren pflegte.</p> + +<p>Er hat vor sich ein Buch … Sein Gesicht kann ich nicht sehen, +weil er den Kopf in die Hand stützt. Doch das Herz sagt mir, +daß er es ist, mein Bruder Seinwel-Jechïel …</p> + +<p>Und ich erschrak gar nicht!</p> + +<p>Denn die Regel ist: wer vor Lebendigen keine Angst hat, der +zittert vor Toten. Doch ich armer Wurm, der ich vor allem, was +da lebt, zittere, was soll ich vor einem Toten Angst haben? Und +vor wem? Vor meinem Bruder Seinwel-Jechïel, der auch bei +Lebzeiten wie Seide war? Und ich frage ihn ganz einfach:</p> + +<p>»Bist du es, Seinwel-Jechïel?«</p> + +<p>»Ja, ich bin es!« antwortet er und nimmt die Hand von den +Augen.</p> + +<p>Ich erblicke sein Gesicht. Es strahlt in seltsamer Lieblichkeit, +und in seinen Augen liegt eine eigentümliche Süße …</p> + +<p>Und ich frage weiter:</p> + +<p>»Was tust du da, Bruder?«</p> + +<p>Und er antwortet:</p> + +<p>»Was ich tue? Sehr viel tue ich! Als ich bei Lebzeiten hier +saß und lernte, verwirrte mich oft der Satan; Nahrungssorgen +mischten sich ein, und ich übersprang viele Stellen und lernte +andre wiederum ohne große Andacht. Nun tue ich das, was +man oben über mich verhängte, damit meine Seele endgültig +erlöst werde: Ich wiederhole!«</p> + +<p>»Und alles mit Andacht?«</p> + +<p>Er nickt bejahend, und ich sage:</p> + +<p>»Seinwel-Jechïel, du lernst mit Andacht, weil du nicht weißt, +daß …«</p> + +<p>Er unterbricht mich mit seiner süßen Stimme:</p> + +<p>»Narr,« sagt er, »im Gegenteil: eben weil ich weiß, lerne ich +jetzt mit solcher Andacht. Bei Lebzeiten wußte ich wenig und +zweifelte viel, und darum übersprang ich viele Stellen ohne +<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a> +Andacht. Denn nur das, was man nicht weiß und woran man +zweifelt, verwirrt … Doch jetzt, da ich weiß und keine Zweifel +mehr habe, studiere ich immer mit Andacht.«</p> + +<p>»Du weißt auch, daß Mojsche-Ißroel …?«</p> + +<p>»Nach Amerika entlaufen ist? Ich weiß es! Ich weiß sogar, +mit welchem Schiff er durchgebrannt ist … Verbotene Speisen +ißt er auf dem Schiff. Ich weiß es!«</p> + +<p>»Weißt du, daß Broche-Leë …«</p> + +<p>»In schweren Kindsnöten liegt? Gewiß weiß ich es! Ich +weiß sogar, daß sie einen Sohn haben wird …«</p> + +<p>»Keine Zwillinge?«</p> + +<p>»Nein, keine Zwillinge. Sie ist aber sehr zu bedauern! Das +Kind wird ein Krüppel sein … Der Bösewicht hat sie gestoßen +und dem Kinde Schaden zugefügt …«</p> + +<p>Und ich frage weiter:</p> + +<p>»Vielleicht weißt du auch, wovon sie leben werden?«</p> + +<p>»Auch das weiß ich!« sagt er mild. Er kommt auf mich zu, +legt mir seine Hand auf die Achsel und sagt:</p> + +<p>»Schau durchs Fenster hinaus!«</p> + +<p>Ich tue es.</p> + +<p>»Nun, was siehst du?«</p> + +<p>»Ich sehe jemanden vorbeigehen … Er ist weiß gekleidet, und +sein Antlitz leuchtet, als ob Gottes Herrlichkeit darauf ruhte … +Ganz unglaublich strahlt sein Antlitz … Er geht langsam … +Mir ists, als ob ich eine süße, herzige Weise hörte, die ein +Spielmann im Gehen spielte … Da ist er schon vorbeigegangen, +der Mensch …«</p> + +<p>»Es war kein Mensch – ein Engel wars!«</p> + +<p>»Ein Engel?«</p> + +<p>»Ein guter, sehr guter Engel … Der Todesengel!«</p> + +<p>»Der Todesengel?« rufe ich erschrocken aus.</p> + +<p>»Warum zitterst du so? Willst du ihm entfliehen?«</p> + +<p>»Und wohin ging der Engel?«</p> + +<p>»Wohin er ging? Zum reichen Reb Simche. Auch seine +Tochter liegt in Kindsnöten …«</p> + +<p>»Ich weiß es: ich habe ja heute früh mit noch andern Leuten +für sie und das Kind Psalmen gelesen …«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a>»Das Gebet hilft nur zur Hälfte. Das Kind wird leben.«</p> + +<p>»Und sie?«</p> + +<p>»Hast doch eben gesehen …«</p> + +<p>»Also zu ihr ging der Engel! Und so ohne Lust ging er, mit +langsamen Schritten … Wohl aus Mitleid?«</p> + +<p>»Vielleicht. Er hat keine Eile, weil er nicht Gottes Sendbote +ist!«</p> + +<p>»Was sagst du?« rufe ich erschrocken. »Wer hat denn noch zu +bestimmen?«</p> + +<p>»Auch der Mensch hat seinen Willen … Sie selbst hat ihn +gerufen …«</p> + +<p>»Sie selbst?!«</p> + +<p>»Sie wollte kein Kind haben, keine Mutter sein! Hat dem +Kinde Schaden zufügen wollen …«</p> + +<p>»Herr der Welt!« rufe ich mit großem Schmerz aus. »Sie +wird für ihre Sünde sterben … Aber was hat das Kind verbrochen? +Das Kind wird doch ohne Mutter bleiben … Herr +der Welt!«</p> + +<p>»Schrei nicht!« sagt Seinwel-Jechïel und nimmt mich bei der +Hand. »Schrei nicht! Broche-Leë wird des Kindes Amme sein. +Und von heute an wisse: Der das Leben gibt, gibt auch wovon +zu leben!«</p> + +<p>Und im selben Augenblick zerrann er mir in der Luft, und die +helle Lichtsäule verschwand. Durch das Fenster sah schon der +bleiche Wintermorgen herein.</p> + +<h3>VII</h3> + +<div class="scene-description"> +<p>Der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben</p> +</div> + +<p>Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was ich in diesen Augenblicken +empfand!</p> + +<p>Ich fiel meiner ganzen Länge nach nieder, und die Quellen +meiner Augen taten sich auf, und die Tränen flossen und flossen …</p> + +<p>Und es war mir, als ob ich nicht Tränen weinte, sondern +Steine: als ob mir aus dem Herzen Steine heraufkämen und +durch die Augen herausrollten. Denn je mehr Tränen ich vergoß, +<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a> +desto weniger Steine blieben mir auf dem Herzen, desto leichter +und freier wurde es mir in der Brust!</p> + +<p>Und die Geschichte geht schon zu Ende.</p> + +<p>Ich gehe nach Hause.</p> + +<p>Die Tür, sehe ich, steht offen!</p> + +<p>Ich trete in die Stube und sehe im schwachen, bleichen Morgenlichte, +daß Diebe dagewesen sind! Der ganze Hausrat ist weg!</p> + +<p>»Macht nichts!« sage ich mir.</p> + +<p>Die Kinder husten im Schlafe trocken und heiser.</p> + +<p>Ich höre es und denke mir: »Schadet nichts, macht nichts!«</p> + +<p>Bald kommt meine Frau Feige heim und sagt: »Gratuliere!« +Und ich antworte:</p> + +<p>»Ein Söhnchen, ein Krüppel!«</p> + +<p>Sie schaut mich an.</p> + +<p>»Bist du ein Prophet oder was?« Sie hört gar nicht, daß die +Kinder husten, und sieht nicht, daß die Wohnung ausgeräumt ist.</p> + +<p>»Woher weißt du das?«</p> + +<p>Und ich sage ihr:</p> + +<p>»Noch mehr weiß ich, Feige, meine Frau! Ich weiß, daß des +reichen Reb Simches Tochter weggekommen ist (das Wort ›verschieden‹ +konnte ich nicht über die Lippen bringen) und daß das +Kind, auch ein Söhnchen, lebt! Und daß Broche-Leë seine Amme +sein wird!«</p> + +<p>»Wer hat dir das alles erzählt?«</p> + +<p>»Denn«, sage ich ihr, »der das Leben gibt, gibt auch wovon zu +leben.«</p> + +<p>Und ich erzählte ihr alles.</p> + +<h2>Der kranke Knabe</h2> + +<p class="drop-cap">Mameschi, ich will dir ein Geheimnis erzählen; doch der Vater +soll davon nichts erfahren!</p> + +<p>Du fragst mich: warum? Weil der Vater mich weniger lieb +hat …</p> + +<p>Nein, Mameschi, ich sündige mit den Lippen: er hat mich nicht +weniger lieb, er hat mich nur <em class="gesperrt">anders</em> lieb!</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a>Er ist ja der Vater und muß streng sein …</p> + +<p>Vater hat einen langen Bart; Vaters Gesicht fühlt sich beim +Streicheln nicht so an wie Mutters atlasglattes Gesicht … Er +hat auch ganz andre Augen und einen ganz andern Blick. Wenn +du mich anschaust, hast du so lachende und dabei so feuchte, so +gütige und dabei so traurige Augen … Du bist Mutter und zugleich +Kamerad … Vor dir kann ich keine Geheimnisse haben … +Mit deinen Augen ziehst du mir jedes Geheimnis aus dem Herzen +heraus …</p> + +<p>Vater schaut ganz anders: immer ernst, beinahe kalt …</p> + +<p>Nein, Mameschi, es sind ganz andre, wirklich ganz andre +Augen!</p> + +<p>Als ich noch klein war, hatte ich vor dem Vater weniger Angst. +Ich weiß noch, wie ich ihm auf die Knie zu springen pflegte, wie +ich ihm das Haar zerzauste, den Bart zerteilte und zu Zöpfen +flocht, die Lippen übereinanderbog; und wenn er mich böse anschauen +wollte, drückte ich ihm die Lider hinunter und schloß +ihm einfach die Augen … Heute kann ichs nicht mehr …</p> + +<p>Einmal – hörst du, Mameschi? – einmal, als ich krank war, +erwachte ich und sah euch beide an meinem Bette stehen … Du +hast so still, so herzensstill geweint; und der Vater … Mameschi!… +Vater hatte damals ein so schreckliches Gesicht, und +ich sah, daß er Gott böse war! Vor Schreck schloß ich wieder +die Augen …</p> + +<p>Und seit damals kann ich dem Vater nicht mehr nahe kommen +wie früher … Etwas hält mich zurück! Oft will mir das Herz +aus der Brust springen und ihm zufliegen, und doch kann ich +es nicht!</p> + +<p>Glaubst du, daß ich den Vater weniger lieb habe? Gott behüte! +Ich habe Vater sehr lieb und gewinne ihn mit jedem Tag, +mit jeder Minute noch lieber … Wenn er auf mich zugeht, +hüpft mir das Herz vor Freude, und es bebt in mir die Seele +vor Hoffnung: gleich wird er mich bei der Hand fassen und an +sein Herz drücken …</p> + +<p>Vor dir zittere ich nicht: du hast mich immer und gleich lieb … +Du hast für mich immer Zeit, und du umarmst und küßt mich +<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a> +jeden Augenblick … Du bist immer, immer mein … Vater +hat so viel Geschäfte!</p> + +<p>Ich weiß: er will, daß ich einmal reich sein soll!</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Jetzt willst du wohl, Mameschi, mein Geheimnis hören?</p> + +<p>Ich schäme mich!</p> + +<p>Vor der Mutter, sagst du, soll man sich nicht schämen? Es ist +wahr … Und doch … Weißt du was, Mameschi? Setz dich +hier auf diesen Stuhl vor dem Fenster … Gut so!</p> + +<p>Ach, wie schön die Sonne untergeht! Wie schön fallen ihre +rötlichen Strahlen auf dein edles, blasses Gesicht!…</p> + +<p>Ach, Mameschi, wie schön, wie schön und edel bist du!</p> + +<p>Warte … Nun will ich mich dir zu Füßen setzen … Und +du sollst mir, wenn ich erzähle, nicht ins Gesicht schauen … Ich +will mich auf den Fußschemel setzen und beim Erzählen zum +Fenster hinausschauen …</p> + +<p>Nein!… So ists nicht gut! Ich werde mich vor der Sonne +schämen … Siehst du: am Tage strahlt sie, doch am Abend +nimmt sie von uns so traurig Abschied, daß ich mich schäme, von +mir zu sprechen …</p> + +<p>Ich will meinen Kopf an deinen Schoß lehnen … Ich will +meine Augen schließen, und du … du leg mir noch deine Hand +auf die Stirn … Ist es dir nicht zu schwer, Mameschi, wenn +ich meinen Kopf so an dich lehne? Nein?</p> + +<p>Sechzehn Jahre ist dein Kind alt und hat ein so leichtes, ein +so kleines Köpfchen … Und ich selbst …</p> + +<p>Seufze nicht, Mameschi! Gott hat mich nicht zu karg bedacht: +er gab mir zwar wenig Fleisch, dafür aber viele andre gute +Gaben: dich, den Vater … Tage und Nächte mit wunderlichen +Träumen … Und nun – das Geheimnis …</p> + +<p>Nun sehe ich nichts … Mit geschlossenen Augen werde ich +es vielleicht doch erzählen können … Ich wills versuchen …</p> + +<p>Es fällt mir so schwer!…</p> + +<p>Wenn ich es mir so überlege – so ist es nichts: ein Netz aus +einigen wunderlichen Strahlen, – und doch lastet es mir auf dem +Herzen wie ein Stein … Es ist kein Kieselstein, kein Stein von +der Gasse oder vom Felde …</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a>Es ist ein kostbarer Stein; er strahlt und leuchtet …</p> + +<p>Er liegt mir tief in der Brust und erfüllt mein ganzes Wesen, +alle meine Glieder mit seinen Strahlen, mit seinem heimlichen, +warmen, lebendigen Licht …</p> + +<p>Das Licht soll nicht verlöschen, Mameschi!</p> + +<p>Es verlischt so vieles!…</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Hörst du, Mameschi!</p> + +<p>Nein, warte, so einfach und geradeaus beginnen kann ich doch +nicht …</p> + +<p>Hör aber! Weißt du noch, Mameschi, daß du mir gestern +etwas Kleingeld gabst? Weißt du es noch?</p> + +<p>Ich habe davon noch nichts ausgegeben, und doch fehlt mir +schon etwas …</p> + +<p>Es fehlt mir ein Zehnerl!</p> + +<p>Ob ich es verloren habe? Nein … Du gibst mir doch das +Geld, damit ich davon armen Leuten, armen Kindern, denen ich +bei meinen Spaziergängen begegne, Almosen gebe … Armengeld +werde ich doch nicht verlieren!</p> + +<p>Ob ich es weggegeben habe? Gewiß. Ob einem Armen? Ich +weiß es nicht … Vielleicht ja, und vielleicht auch nicht … +Hör nur zu, vielleicht wirst du es selbst verstehen!</p> + +<p>Gestern ging die Sonne ebenso schön unter … Vielleicht +noch schöner …</p> + +<p>Du hast mich schauen gelehrt, und ich schaue und sehe, was +andre meinesgleichen nicht sehen … Darum gehe ich am liebsten +ganz allein spazieren … Gestern ging ich hinter die Stadt, du +weißt, zu der Stelle am Flusse, von wo aus man sie ganz überblickt. +Die Häuser türmen sich übereinander, immer höher und +höher; und die Häuser, die weiter stehen, wollen über die andern +hinüberschauen und auch etwas von Gottes Welt sehen; darum +ragen sie, je weiter sie stehen, um so höher hinauf. Und die +Sonne sieht im Untergehen auf sie herab und übergießt sie mit +ihrem Lichte … nimmt Abschied von ihnen … küßt sie …</p> + +<p>Und ich sehe, wie die Schatten diesen letzten Strahlen nachjagen, +wie sie sich immer mehr und mehr verdichten und wie sie +fließen und überall eindringen, wo sie nur können. Sie erfüllen +<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a> +alle Zwischenräume zwischen den Häusern, alle freien Plätze +zwischen den Mauern, und sie heben und jagen das letzte rötliche +Sonnenlicht hinauf, in den Himmel, aus dem es kommt … +»Geht zur Ruhe, ihr Strahlen, jetzt ist <em class="gesperrt">unsre</em> Zeit!… Gute +Nacht!…«</p> + +<p>Und es wird allmählich dunkler und dunkler und der Himmel +immer tiefer und tiefer … Bald werden, einer nach dem andern, +die Sterne aufleuchten … Und wie ich das alles sehe, komme +ich zur Schreinergasse, zu der letzten Gasse der Stadt, die so steil +hinuntergeht … Und so kam ich zum Fluß, wo die alte Schul +steht …</p> + +<p>Und ich kam ganz nahe an die alte Schul heran.</p> + +<p>Am Tage sieht sie schrecklich aus: armselig, baufällig, ganz +schwarz vor Alter … Die Spinnen wollen aus Mitleid die eingeschlagenen +Fensterscheiben überweben … Und auf dem Hügel +gegenüber, am andern Ende der Gasse, steht die schlanke, spitze +Christenkirche und lacht …</p> + +<p>Doch am Abend sah die alte Schul ganz anders aus … Zum +ersten Male sah ich sie gestern so … Ein leichter, lieblicher, +dunkelblauer Nebel umhüllte sie … Die Fenster ohne Scheiben +waren gar nicht blind … Sie blickten ernst und tief in die +Welt hinaus … Und die Gesimse oben lebten und rührten sich +beinahe. Die gemalten Löwen wollten sich von der Mauer losreißen +… Gleich werden sie zu brüllen anfangen!</p> + +<p>Glaubst du, daß <em class="gesperrt">das</em> mein Geheimnis ist? Nein, Mameschi! +Das alles sehe ich erst jetzt, wie ich es dir erzähle; mit den +gestrigen Augen sehe ich es.</p> + +<p>Ach, Mameschi, wenn ich reich wäre!</p> + +<p>Was ich dann täte?</p> + +<p>Ich würde die alte Schul wieder aufrichten!</p> + +<p>Ich will, daß auch sie hoch ist und in den Himmel hinaufragt! +Und sie muß höher sein, weil sie tiefer steht! Und ein goldenes +Dach soll sie haben und kristallene Fensterscheiben!</p> + +<p>Hörst du, Mameschi, so denke ich es mir: man kann ja auch +ohne Schul auskommen; denn Gott ist überall … Wo nur eine +Träne fällt, die merkt er! Wo jemand die Augen zu ihm hebt, +den sieht er! Wo nur ein bekümmertes Herz seufzt, das hört +<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a> +er!… Wenn man aber schon eine Schul hat, so soll sie hoch, +schön, strahlend und würdig sein.</p> + +<p>So dachte ich es mir auch gestern. Und plötzlich hörte ich ein +Weinen! Ein leises und trauriges Weinen, süß und traurig +und so seltsam ergreifend …</p> + +<p>Wenn du spielst, kommen manchmal aus dem Klavier solche +weinende Töne …</p> + +<p>Und ich glaubte – Mameschi, die Wahrheit zu sagen, <em class="gesperrt">wollte</em> +ich es glauben, und ich wandte mich absichtlich nicht um, um es +möglichst lange glauben zu können – ich glaubte, daß das Weinen +und Schluchzen aus der alten Schul kommt … daß dort drinnen, +in dunkelblauen Nebel gehüllt, die Seele der alten Schul sitzt +und weint …</p> + +<p>Und sie beklagt sich, daß die Sonne ihr unrecht tut …, daß +sie ganze Garben ihres goldenen Lichtes auf das Kirchendach +ausschüttet und ihr kaum einen Strahl gönnt … Sie wirft ihr +am hellsten Mittag nur einen blassen Strahl wie ein Almosen +zu … Und dieser Strahl gleitet über sie weg und stiehlt sich +fort, wie verschämt!…</p> + +<p>Aber es war <em class="gesperrt">nicht</em> die Schul …</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Es war ein kleines Mädchen … Es lag im Sande, suchte +etwas und weinte …</p> + +<p>Als ich mich umwandte, sah ich erst nur ihr abgetragenes +Kleidchen wie einen dunkelgrauen Fleck auf dem gelben Sande +und ein Paar ausgetretene Schuhe!</p> + +<p>Und noch etwas sah ich …</p> + +<p>Mameschi, ich schäme mich … es wird mir so warm … +Stelle dir vor: eine Flut rote, ganz feuerrote Haare … Funken +stoben aus ihnen …</p> + +<p>»Was weinst du, Mädchen, und was suchst du im Sand?«</p> + +<p>Ihre Mutter hatte sie etwas kaufen geschickt und ihr ein Zehnerl +mitgegeben. Jemand stieß sie im Vorbeigehen an, und das Zehnerl +fiel in den Sand … Darum weint sie …</p> + +<p>Ich – wenn ich Gott weiß was verloren hätte, ich täte nicht +weinen!</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a>Ich frage sie: »Wars ein großer Zehner oder ein weißes +Zehnerl?«</p> + +<p>»Ein weißes!« sagt sie und wendet sich nach mir gar nicht um.</p> + +<p>»Ich will dir suchen helfen,« sage ich.</p> + +<p>Ich bücke mich, tue so, als ob ich suchte, und finde ihr ein +weißes Zehnerl.</p> + +<p>»Hier hast du es!«</p> + +<p>Sie sprang vor Freude auf und warf sich mit einem Ruck des +Kopfes die rote Haarflut in den Nacken … Und unter den +Haaren kam wie unter einer Wolke ein kleines alabasterweißes +Gesichtchen zum Vorschein … Und Augen waren darin, Mameschi, +Augen …</p> + +<p>Nein, Mameschi, die Augen kann ich nicht beschreiben!…</p> + +<p>So viel Freude leuchtete in ihnen …</p> + +<p>Die ganze Nacht träumte ich von diesen Augen, die ganze +Nacht …</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Das ist mein ganzes Geheimnis, Mameschi!</p> + +<p>Du lächelst?</p> + +<p>Lache nicht, Mameschi! Die Augen vergesse ich niemals …</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Mameschi …</p> + +<p>Darf ich wieder einmal in die Schreinergasse gehen, mir +wieder … die alte Schul anschauen?…</p> + +<h2>Bonze Schweig</h2> + +<p>Hier auf <em class="gesperrt">dieser</em> Welt machte Bonze Schweigs Tod gar keinen +Eindruck! Man kann lange fragen, <em class="gesperrt">wer</em> Bonze Schweig +war, <em class="gesperrt">wie</em> er lebte, <em class="gesperrt">woran</em> er starb: ob ihm das <em class="gesperrt">Herz</em> barst, +ob ihm die Kräfte ausgingen, ob ihm unter einer schweren Last +das Rückgrat brach … Wer weiß? Vielleicht starb er gar vor +Hunger …</p> + +<p>Wenn ein Trambahnpferd stürzt, macht das schon viel mehr +Eindruck: die Zeitungen berichten darüber, Hunderte von Menschen +rennen aus allen Gassen herbei, um das gefallene Pferd +<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a> +oder nur die Stelle, wo sich der Unfall ereignete, zu sehen … Doch +auch dem Trambahnpferde wäre diese Ehre nicht zuteil, wenn +es ebenso viele Millionen Trambahnpferde gäbe wie Menschen.</p> + +<p>Bonze hat still gelebt und ist still gestorben. Wie ein Schatten +glitt er durch <em class="gesperrt">unsre</em> Welt.</p> + +<p>Bei Bonzes Beschneidungsfeier trank man keinen Wein, +klirrten keine Becher. Bei seiner Bar-Mizwa<a name="FNanchor_15" href="#Footnote_15" class="fnanchor">(15)</a> hielt er keine +wohlgesetzte Rede … Er lebte wie ein farbloses Sandkörnchen +am Meeresufer unter Millionen seinesgleichen. Und als der +Wind das Sandkörnchen aufhob und auf das andre Ufer des +Meeres hinübertrug, merkte es niemand.</p> + +<p>Solange er lebte, behielt der Straßenschmutz keine einzige +Spur seiner Füße. Und als er begraben war, warf der Wind +die kleine Holztafel auf seinem Grabe um. Die Frau des Totengräbers +fand später das Brettchen weit vom Grabe liegen, machte +Feuer damit und kochte darauf ihre Kartoffeln … Drei Tage +nach Bonzes Tode wußte der Totengräber nicht mehr, wo er ihn +beerdigt hatte!</p> + +<p>Hätte Bonze ein richtiges Grabmal gehabt, so wäre es möglich, +daß hundert Jahre nach seinem Tode Altertumsforscher den +Grabstein gefunden hätten; dann wäre Bonze Schweigs Namen +noch einmal in <em class="gesperrt">unsrer</em> Luft erklungen.</p> + +<p>Ein Schatten! In keinem Menschenherzen, in keinem Menschenhirn +blieb Bonze Schweigs Bild zurück. Nichts erinnert +an ihn. Elend gelebt, elend gestorben!</p> + +<p>Wenn nicht der ewige Straßenlärm, so hätte vielleicht jemand +gehört, wie Bonze Schweigs Rückgrat unter den schweren Lasten +knackte; hätte die Welt mehr Zeit gehabt, so hätte vielleicht +jemand bemerkt, daß Bonze Schweig erloschene Augen und +furchtbar eingefallene Wangen hatte, daß er, selbst wenn er keine +Last auf dem Rücken schleppte, immer den Kopf gesenkt hielt, als +ob er sich schon bei Lebzeiten ein Grab suchte. Und wenn es nur +ebensoviel Menschen gäbe wie Trambahnpferde, so hätte vielleicht +doch jemand gefragt: was ist aus Bonze Schweig geworden?!</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a>Als man Bonze Schweig ins Spital brachte, blieb seine Schlafstelle +im Keller nicht leer: zehn seinesgleichen warteten schon auf +seinen Winkel, den sie untereinander versteigerten. Als man ihn +aus dem Spitalbette hob und in die Leichenkammer brachte, +warteten auf sein Bett schon zwanzig andre arme Kranke … +Und als man ihn aus der Leichenkammer hinaustrug, brachte +man zwanzig Leichen herein, die man unter einem eingestürzten +Hause herausgeholt hatte … Wer weiß, wie lange er in seinem +Grabe bleiben darf, wer weiß, wieviel Tote auf das kleine +Fleckchen Erde warten …</p> + +<p>Still geboren, still gelebt, still gestorben und noch stiller begraben +. . . . . . . . . . . . . . . . . . . +. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Ganz anders war es aber auf <em class="gesperrt">jener</em> Welt! Dort machte +Bonze Schweigs Tod einen gewaltigen Eindruck.</p> + +<p>Die große Posaune, die dereinst auf Erden bei Messias' Ankunft +erklingen wird, verkündete in allen sieben Himmeln: Bonze +Schweig ist im <em class="gesperrt">Herrn entschlafen</em>! Die vornehmsten Engel +mit den breitesten Flügeln flogen durch den Himmel und riefen +einander zu: Bonze Schweig ist zu den himmlischen Scharen einberufen +worden! Und im Paradiese war eitel Freude, ein Singen +und Rauschen: Bonze Schweig! Das ist doch wirklich kein Spaß!</p> + +<p>Junge Engel mit diamantenen Augen, goldenen, filigran gearbeiteten +Flügeln und silbernen Pantöffelchen flogen und +liefen ihm freudejauchzend entgegen! Das Rauschen der Flügel, +das Klappern der Pantöffelchen, das fröhliche Lachen der jungen, +frischen, rosigen Engel klang durch alle Himmel und drang bis +vor den Thron der Göttlichen Majestät. Und Gott selbst wußte +schon auch, daß Bonze Schweig kommt!</p> + +<p>Vater Abraham stellte sich vor der Himmelstür auf, die rechte +Hand zu einem gar freundlichen Willkommengruß ausgestreckt, +ein süßes Lächeln auf seinem strahlenden Greisenantlitz.</p> + +<p>Was rollt da durch den Himmel?</p> + +<p>Zwei Engel rollen einen goldenen Großvaterstuhl ins Paradies. +Er ist für Bonze Schweig.</p> + +<p>Was hat eben so hell aufgeblitzt?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a>Eine goldene Krone, mit den teuersten Edelsteinen besetzt, +wurde soeben vorbeigetragen: alles für Bonze!</p> + +<p>»Noch vor dem Urteilsspruche des Himmlischen Gerichtshofes?« +fragen die Gerechten etwas verwundert und nicht ohne +Neid.</p> + +<p>»Ach!« antworten die Engel, »die Verhandlung wird nur +eine leere Formalität sein! Selbst der Ankläger wird nicht +wissen, was gegen Bonze Schweig vorzubringen wäre. Der +ganze Prozeß wird höchstens fünf Minuten dauern!«</p> + +<p>»Ihr wagt es, über Bonze Schweig die Nase zu rümpfen?«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Als die jungen Engel Bonze in der Luft abfingen und ihm +eine Hymne sangen; als Vater Abraham ihm wie ein alter +Kamerad die Hand drückte; als man ihm sagte, daß für ihn im +Paradies bereits ein Sessel stehe, daß man für ihn eine Krone +vorbereitet habe, daß am Himmlischen Gerichtshofe über ihn fast +kein Wort fallen würde, – da tat Bonze Schweig dasselbe, was +er bei Lebzeiten tat: er <em class="gesperrt">schwieg</em> vor Schreck. Das Herz stand +ihm still. Er war überzeugt, daß das Ganze ein Traum sei oder +eine Verwechslung.</p> + +<p>Er war an beides gewöhnt: mehr als einmal träumte er auf +jener Welt, daß er vom Boden Geld aufliest, ganze Berge Geld; +und wenn er erwachte, war er womöglich noch ärmer als zuvor. +Mehr als einmal lächelte man ihm aus Versehen zu, und als +man merkte, daß es eine Verwechslung war, wandte man sich weg +und spie aus …</p> + +<p>»Ich habe schon einmal so ein Glück!« denkt er sich.</p> + +<p>Er fürchtet die Augen aufzuheben, damit der Traum nicht +verschwinde: er wird noch in irgendeinem Loche unter Schlangen +und Skorpionen erwachen. Er fürchtet, auch nur ein Wort zu +sagen, auch nur ein Glied zu rühren, daß man ihn nicht erkenne +und zum Teufel jage …</p> + +<p>Er zittert und hört nicht die Komplimente der Engel; er sieht +nicht, wie sie ihren Reigen um ihn tanzen; er antwortet nicht +auf Vater Abrahams Willkommengruß, und als man ihn vor +den Himmlischen Gerichtshof bringt, sagt er nicht Guten Tag.</p> + +<p>Er ist vor Schreck ganz außer sich!</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a>Und sein Schreck wird noch größer, als sein Blick unwillkürlich +auf den Fußboden des Verhandlungssaales fällt: nichts als +Alabaster und Diamanten! »Auf solchem Fußboden stehen meine +Füße!« sagt er sich ganz bestürzt. »Wer weiß, mit welchem vornehmen +Herrn, mit welchem Rabbi, mit welchem göttlichen +Manne sie mich verwechseln! Und wenn der Betreffende kommt, +dann ist es aus mit mir!«</p> + +<p>Vor Schreck hört er nicht einmal, wie der Gerichtspräsident +verkündet: »Der Fall Bonze Schweig!« und sich dann an den +Fürsprech wendet, indem er ihm die Akten übergibt: »Lies, doch +mach es kurz!«</p> + +<p>Der ganze Saal dreht sich um Bonze im Kreise herum; es +rauscht ihm in den Ohren, und durch das Rauschen hindurch +unterscheidet er allmählich die Stimme des himmlischen Fürsprechs, +süß wie eine Geige:</p> + +<p>»Sein Name paßte ihm, wie ein von einem genialen Schneider +gefertigtes Kleid auf einen schlanken Menschenleib …«</p> + +<p>»Was redet er da?« fragt sich Bonze, und er hört, wie eine +ungeduldige Stimme den Fürsprech unterbricht:</p> + +<p>»Bitte, ohne Gleichnisse!«</p> + +<p>»Er klagte niemals,« fährt der Fürsprech fort, »weder über +Gott noch über die Menschen. In seinen Augen leuchtete niemals +ein Funken des Hasses, und er hob sie kein einziges Mal +mit einem Vorwurf gen Himmel …«</p> + +<p>Bonze versteht wieder kein Wort, doch er hört, wie die harte +Stimme von vorhin den Fürsprech wieder unterbricht:</p> + +<p>»Ohne Rhetorik!«</p> + +<p>»Hiob hielt es nicht aus, doch er war unglücklicher als Hiob …«</p> + +<p>»Bitte, Tatsachen, nackte Tatsachen!« unterbricht der Präsident +noch ungeduldiger.</p> + +<p>»Mit acht Tagen wurde er beschnitten …«</p> + +<p>»Bitte, ohne realistische Details!«</p> + +<p>»Der Operateur war ein Pfuscher, konnte das Blut nicht +stillen …«</p> + +<p>»Weiter!«</p> + +<p>»Doch er schwieg immer,« fährt der Fürsprech fort. »Er +schwieg auch, als er mit dreizehn Jahren seine Mutter verlor +<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a> +und eine Stiefmutter bekam, eine Stiefmutter, böse wie eine +Schlange …«</p> + +<p>»Meint er vielleicht doch mich?« denkt sich Bonze.</p> + +<p>»Bitte, keine Verdächtigungen gegen dritte Personen!« grollt +der Präsident.</p> + +<p>»Sie kargte ihm jeden Bissen ab; sie gab ihm verschimmeltes +Brot von vorgestern … Sehnen statt Fleisch … Und sie selbst +trank währenddessen Kaffee mit Sahne …«</p> + +<p>»Zur Sache!« schreit der Präsident.</p> + +<p>»Dafür geizte sie nicht mit Kniffen und Schlägen, und sein +blau und braun unterlaufener Körper sah aus allen Löchern +seiner schäbigen Kleider hervor … Im Winter, beim größten +Frost mußte er barfuß auf dem Hofe Holz spalten, und seine +Knabenhände waren zu schwach, die Holzklötze zu schwer und +das Beil zu stumpf … Mehr als einmal renkte er sich dabei +den Arm aus, mehr als einmal fror er sich die Füße wund, doch +er <em class="gesperrt">schwieg</em> immer. Selbst vor dem Vater …«</p> + +<p>»Vor dem Trunkenbold!« ruft lachend der Ankläger dazwischen, +und Bonze überläuft es kalt.</p> + +<p>»… klagte er niemals,« beendet der Fürsprech seinen Satz. +»Und immer elend, immer allein … keine Freunde, keine Schule, +kein einziges ganzes Gewand … keine Minute freie Zeit …«</p> + +<p>»Tatsachen!« ermahnt wieder der Präsident.</p> + +<p>»Er schwieg auch, als sein betrunkener Vater ihn einmal bei +den Haaren packte und mitten in der Nacht, in einer Winternacht, +aus dem Hause hinauswarf! Er erhob sich still aus dem +Schnee und ging, wohin ihn die Füße trugen …</p> + +<p>»Er schwieg auch auf seiner Wanderung, und selbst beim +größten Hunger bettelte er nur mit den Augen.</p> + +<p>»Erst in einer schwindligen, feuchten Frühlingsnacht erreichte +er die Großstadt. Er verschwand in ihr sofort wie ein Wassertropfen +im Meere, und doch verbrachte er gleich die erste Nacht +im Arrest … Er schwieg und fragte nicht, warum und wofür. +Und als er aus dem Arrest herauskam, suchte er sich gleich die +schwerste Arbeit. Und schwieg!</p> + +<p>»Viel schwerer, als die Arbeit selbst, war es für ihn, Arbeit +zu finden. Doch er schwieg!</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a>»In kaltem Schweiß gebadet, unter der schwersten Last zusammenbrechend, +von Krämpfen im leeren Magen geplagt, +schwieg er!</p> + +<p>»Von fremden Rädern mit Kot bespritzt, von fremden Mündern +bespien, mit der schwersten Last auf dem Rücken vom Bürgersteige +auf die Straße gestoßen, zwischen Droschken, Equipagen +und Trambahnen gejagt, jeden Augenblick den Tod vor Augen, – +schwieg er!</p> + +<p>»Er rechnete niemals nach, wieviel Zentner Last auf den +Pfennig seines Lohnes kamen, wie oft er bei einem Gange, für +den er einen Dreier bekam, zusammenbrach; wie oft er beinahe +die Seele ausspie, wenn er seinen Lohn mahnte. Er rechnete +niemals nach, weder den eigenen noch den fremden Verdienst – +er schwieg!</p> + +<p>»Seinen Lohn mahnte er niemals laut: er stand wie ein +Bettler vor der Tür und bettelte wie ein Hund mit den Augen. +›Komm später!‹ – und er verschwand stumm wie ein Schatten, +um ›später‹ noch stummer um seinen Lohn zu betteln!</p> + +<p>»Er schwieg sogar, wenn man von seinem Lohn etwas abschwindelte +oder ihm eine falsche Münze gab! Er schwieg +immer!…«</p> + +<p>»Man meint also doch mich!« tröstet sich Bonze.</p> + +<p>Der Fürsprech nimmt einen Schluck Wasser und fährt fort: +»Einmal kam in sein Leben eine neue Wendung. Eine Equipage +auf Gummirädern raste durch die Straße: die Pferde +waren durchgegangen, und der Kutscher lag schon längst mit zerschmettertem +Schädel irgendwo auf dem Pflaster … Aus den +Mäulern der erschrockenen Pferde spritzt Schaum, unter ihren +Hufen stieben Funken, ihre Augen funkeln wie glühende Kohlen +in finsterer Nacht … Und in der Equipage sitzt mehr tot als +lebendig ein Mensch …</p> + +<p>»Und Bonze hielt die rasenden Pferde auf!</p> + +<p>»Der Gerettete war ein Jude, ein bekannter Wohltäter, und +er vergaß Bonzes Tat nicht!</p> + +<p>»Er übergab ihm die Peitsche des getöteten Kutschers, und +Bonze wurde Kutscher. Er tat noch mehr: er verheiratete ihn; +und noch mehr: er versorgte ihn sogar gleich mit einem Kinde …</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a>»Und Bonze schwieg immer!«</p> + +<p>»Er meint mich!« sagt sich Bonze. Er zweifelt nicht mehr, +und doch wagt er noch immer nicht, einen Blick auf den Himmlischen +Gerichtshof zu werfen. Und er hört, wie der Fürsprech +fortfährt:</p> + +<p>»Er schwieg auch, als sein Wohltäter bald darauf seine Zahlungen +einstellte und auch ihm, Bonze, den Lohn vorenthielt …</p> + +<p>»Er schwieg, als seine Frau von ihm weglief und ihm ein +Brustkind zurückließ …</p> + +<p>»Er schwieg sogar, als fünfzehn Jahre später dieses selbe +Kind, das inzwischen groß und stark geworden war, ihn, seinen +Vater, aus dem Hause hinauswarf …«</p> + +<p>»Mich meint er, mich!« freut sich Bonze.</p> + +<p>»Er schwieg,« fährt der Fürsprech weicher und trauriger fort, +»als dieser selbe Wohltäter mit allen Gläubigern Vergleich schloß +und nur ihm keinen Pfennig von seinem Lohn bezahlte; und selbst +dann, als er, wieder einmal in einer Equipage mit Gummirädern +und löwengleichen Pferden dahinrasend, ihn, Bonze Schweig, +überfuhr!…</p> + +<p>»Er schwieg immer! Auf der Polizei sagte er nicht einmal, +wer ihn überfahren hatte …</p> + +<p>»Er schwieg auch im Spital, wo man doch <em class="gesperrt">schreien</em> darf!</p> + +<p>»Er schwieg, als der Doktor sich weigerte, anders als gegen +Bezahlung von fünfzig Kopeken zu seinem Bette zu gehen; als +der Krankenwärter ohne fünf Kopeken ihm die Wäsche nicht +wechseln wollte!</p> + +<p>»Er schwieg in der Agonie, er schwieg im Sterben …</p> + +<p>»Kein Wort gegen Gott, kein Wort gegen Menschen!</p> + +<p>»<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Dixi!</span>«</p> + +<p>Bonze fängt wieder an am ganzen Leibe zu zittern. Er weiß, +daß nach dem Fürsprech der Ankläger das Wort hat. Wer weiß, +was <em class="gesperrt">der</em> sagen wird! Bonze hat von seinem ganzen Leben nichts +im Gedächtnisse behalten. Auch auf jener Welt vergaß er jede +Minute schon in der nächsten Minute … Der Fürsprech hatte +ihm alles in Erinnerung gebracht. Wer weiß, woran ihn der +Ankläger erinnern wird!</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a>»Meine Herren!« fängt der Ankläger mit scharfer, stechender, +sengender Stimme an.</p> + +<p>Er kommt nicht weiter.</p> + +<p>»Meine Herren!« beginnt er von neuem, schon viel weicher, +und stockt wieder.</p> + +<p>Schließlich erklingt aus dem gleichen Munde eine beinahe +milde Stimme:</p> + +<p>»Meine Herren! <em class="gesperrt">Er</em> schwieg, also will auch ich schweigen.«</p> + +<p>Es wird still, und es erklingt eine neue, weiche, zitternde +Stimme:</p> + +<p>»Bonze, mein Kind Bonze!« klingt es wie eine Harfe: »Mein +Herzenskind Bonze!«</p> + +<p>In Bonze schluchzt das Herz … Er möchte jetzt die Augen +aufschlagen, sie sind aber von Tränen geblendet … So süß +und traurig zugleich war es ihm noch niemals ums Herz. »Mein +Kind!« – seit dem Tode seiner Mutter hat er noch nie eine solche +Stimme und solche Worte gehört.</p> + +<p>»Mein Kind!« fährt der Allbarmherzige Vater des Gerichts +fort. »Du schwiegst immer! Du hast kein einziges Glied, keinen +einzigen Knochen in deinem Leibe, der nicht wundgeschlagen +wäre; es ist keine noch so verborgene Stelle in deiner Seele, die +nicht blutete … Und du schwiegst immer …</p> + +<p>»Dort verstand sich niemand darauf; vielleicht wußtest du +sogar selbst nicht, daß du schreien kannst und daß vor deinem +Schreien die Mauern Jerichos erzittern und einstürzen würden? +Du wußtest nichts von der Kraft, die in dir schlummerte …</p> + +<p>»Auf jener Welt wurde dein Schweigen nicht belohnt. Doch +jene Welt ist die Welt der Lüge. Hier, auf der Welt der Wahrheit, +wirst du deinen Lohn bekommen!</p> + +<p>»Dich wird der Himmlische Gerichtshof nicht richten, über +dich wird er keinen Spruch fällen.</p> + +<p>»Dir wird er nichts zuteilen und nichts zumessen: nimm dir, +was du willst! <em class="gesperrt">Alles</em> ist dein!«</p> + +<p>Bonze hebt zum erstenmal die Augen. Das Licht, das von +allen Seiten auf ihn eindringt, blendet ihn. Alles blitzt, alles +glänzt und funkelt, von allen Seiten schießen Strahlen; von den +Wänden, von den Geräten, von den Engeln und von den Richtern.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a>Und er läßt die müden Augen wieder sinken.</p> + +<p>»Ist es wahr?« fragt er ungläubig und verschämt.</p> + +<p>»Gewiß!« antwortet sehr bestimmt der Vater des Gerichts. +»Ich sage dir ja: alles ist dein! Alles im Himmel gehört dir! +Wähle und nimm dir, was du willst: denn du nimmst nur von +dem, was dir gehört!«</p> + +<p>»Ist es wahr?« fragt Bonze wieder, doch schon etwas sicherer.</p> + +<p>»Gewiß! Gewiß! Gewiß!« versichert man ihn von allen +Seiten.</p> + +<p>»Nun, wenn so,« sagt Bonze lächelnd, »so will ich jeden +Morgen eine warme Semmel mit frischer Butter!«</p> + +<p>Richter und Engel schlagen verschämt die Augen nieder. Der +Ankläger beginnt zu lachen.</p> + +<h2>Neïlo in der Hölle<a name="FNanchor_16" href="#Footnote_16" class="fnanchor">(16)</a></h2> + +<p class="drop-cap">An einem ganz gewöhnlichen Tage, es war weder Jahrmarkt +noch Wochenmarkt, hörten die Marktleute plötzlich Pferdegetrabe +und sahen in der Ferne den Straßenkot aufspritzen. Bald +zeigte sich auch eine Kutsche mit einem Pferde. Wer kann da +gefahren kommen? Doch als die Kutsche auf dem Marktplatze +anlangte, wandten sich alle Leute voller Abscheu, Angst und Zorn +weg: in der Kutsche saß der Angeber aus der Nachbarstadt, der +wohl direkt in die Hölle fuhr. Wer weiß, wen er diesmal bei +den Behörden angeben wird!</p> + +<p>Plötzlich wird es still, die Leute schauen unwillkürlich hin: die +Kutsche ist stehengeblieben, das Pferd hat den Kopf gesenkt und +säuft aus einer Pfütze, und der Angeber ist von seinem Sitz heruntergefallen +und liegt unbeweglich da.</p> + +<p>Es ist ja immerhin eine Menschenseele! Die Leute laufen +hinzu: der Mann ist tot. Der Feldscher bestätigt: »Der ist erledigt!« +Angestellte der Beerdigungsbrüderschaft nehmen sich +der Leiche an. Pferd und Wagen werden verkauft, und mit dem +Erlös werden die Beerdigungskosten bestritten.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a>Kaum ist er beerdigt, als die Teufel seine Seele packen, sie +nach der Hölle schleppen und dort dem Torbeamten übergeben. +Der Angeber wird für eine Weile beim Höllentor aufgehalten, +und der Beamte, der die Bücher und Eingänge und Ausgänge +führt, nimmt gelangweilt und gähnend seine Personalien auf +und trägt alles mit träger Hand in sein Buch ein.</p> + +<p>Und der Angeber, dessen ganzer Einfluß in der Hölle nichts +mehr wert ist, gibt Antwort: Da und da geboren, da und da geheiratet, +soundso lange sich vom Schwiegervater aushalten +lassen, dann von Frau und Kindern entlaufen, in die und die +Stadt verzogen und den Beruf eines Angebers ergriffen, von +dem er auch so lange lebte, bis sein Maß voll wurde. Er starb +plötzlich auf der Durchreise, auf dem Marktplatze der Stadt +Lahadam.</p> + +<p>Da wird der Höllenbeamte, der die Bücher führt, plötzlich +interessiert. Er hält mitten im Gähnen an und fragt:</p> + +<p>»Wie heißt die Stadt? La – ha – –«</p> + +<p>»Lahadam!« wiederholt der Angeber.</p> + +<p>Der Matrikelführer wird plötzlich rot, und seine Augen drücken +höchstes Erstaunen aus.</p> + +<p>»Habt ihr mal von einer solchen Stadt gehört?« wendet er +sich an seine Gehilfen.</p> + +<p>Die Gehilfen zucken die Achseln, schütteln die Köpfe und strecken +die Zungen aus:</p> + +<p>»Nein, noch nie!«</p> + +<p>»Gibts überhaupt eine solche Stadt?«</p> + +<p>Jede Gemeinde hat in der Hölle ihr eigenes Buch. Die Bücher +sind alphabetisch geordnet, und jeder Buchstabe hat einen eigenen +Schrank. Man nimmt also alle Bücher mit L durch: Lublin, +Lemberg, Leipzig; alle Städte sind da, doch keine Stadt Lahadam!</p> + +<p>»Und doch gibt es eine solche Stadt!« sagt der Angeber. »Eine +Stadt in Polen.«</p> + +<p>»Ist sie vielleicht ganz neu gegründet?«</p> + +<p>»Nein, sie steht schon an die zwanzig Jahre da. Der Gutsbesitzer +hat sie erbaut und zwei Jahrmärkte eingesetzt. Es gibt +da eine Schule, ein Bethaus, ein Bad …, zwei heimliche Branntweinschenken …«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a>»Ist hier schon einmal wer aus Lahadam gewesen?« fragt der +Matrikelführer noch einmal seine Gehilfen.</p> + +<p>»Nein, niemand!« antworten sie.</p> + +<p>»Sterben denn dort die Leute gar nicht?« fragt man den Angeber.</p> + +<p>»Warum sollen sie nicht sterben?« antwortet er nach Judenart +mit einer Frage. »Die Leute wohnen in kleinen, dumpfen Zimmern, +das Bad ist so gebaut, daß man darin nicht atmen kann, +das ganze Städtchen steht auf einem Sumpf!« Der Angeber +fällt allmählich in seinen gewohnten Angeberton.</p> + +<p>»Auch einen Friedhof gibt es dort. Die Beerdigungsbrüderschaft +schindet furchtbar hohe Gebühren. Erst vor kurzem gab +es da eine Seuche …«</p> + +<p>Man schickt den Angeber in die entsprechende Abteilung der +Hölle und fragt wegen des Städtchens Lahadam an höherer +Stelle an; da muß etwas nicht in Ordnung sein: die Stadt steht +seit zwanzig Jahren da; es hat dort sogar schon eine Seuche gegeben, +und doch – kein einziger Toter von dort!</p> + +<p>Die höhere Stelle schickt Boten hinauf, um der Sache nachzugehen: +es stimmt! Und es verhält sich so: Es ist ein Städtchen +wie jedes andere, mit wenig gottgefälligen Werken und sehr +viel Sünden. Der böse Trieb arbeitet dort sogar recht energisch. +Also, wo ist der Haken? Nun, sie haben eben in ihrer +Gemeinde einen ganz ungewöhnlichen Vorbeter! Das heißt, +der Vorbeter ist als Mensch durchaus gewöhnlich und unbedeutend, +doch er hat eine Stimme, eine so süße, so himmlische +Stimme, daß, wenn er singt, selbst die verstocktesten eisernen +Herzen weich wie Wachs werden. Kaum steht er am Vorbeterpult, +als die ganze Gemeinde ihre Sünden bereut und so aufrichtig +Buße tut, daß oben alle Sünden vergeben und aus den +Registern gestrichen werden. Und die Tore des Paradieses stehen +allen Einwohnern von Lahadam weit offen. Wenn einer kommt +und sagt: »Ich bin aus Lahadam«, so wird er gar nicht mehr +weiter gefragt.</p> + +<p>Die ganze Geschichte paßt der Hölle selbstverständlich gar nicht, +und Satan selbst nimmt die Sache in die Hand. Er wird mit +<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a> +dem Vorbeter schon fertig werden! Was tut er? Er schickt auf +die Erde hinauf und läßt sich einen lebenden kalikutischen Hahn +mit rotem Kamm holen. Man bringt ihm bald den Hahn und +stellt ihn vor ihn auf den Tisch. Der Hahn ist so erschrocken, +daß er sich gar nicht rührt, und der Satan – verflucht sei sein +Name! – setzt sich vor ihn hin, fängt ihn zu krauen an und starrt +so lange und unverwandt auf seinen roten Kamm, bis dieser weiß +wie Kalk wird. Wie der Satan fühlt, daß der Allmächtige oben +in höchsten Zorn geraten ist, ruft er aus:</p> + +<p>»Soll er seine süße Stimme verlieren bis zu seiner Sterbestunde!«</p> + +<p>Wen er bei dieser Beschwörung meinte, wißt ihr selbst; und +ehe noch der Kamm des kalikutischen Hahns wieder rot geworden +war, hatte schon der Vorbeter von Lahadam seine Stimme verloren. +Seine Kehle ist wie geschlagen; er kann kaum noch sprechen. +Wer am Unglück die Schuld hat, weiß man schon; das heißt, +einige Wunderrabbis wissen es. Wer hat aber den Mut, dem +Vorbeter so etwas zu sagen? Es ist doch sowieso nichts mehr +zu machen! Wenn der Vorbeter als Mensch noch irgendwie +hervorragend wäre, so könnte man vielleicht durch Fürbitte im +Himmel etwas erreichen. Aber er war eben ein durchaus unbedeutender +Mensch, eine Null …</p> + +<p>Der Vorbeter reist von einem Wunderrabbi zum andern, doch +keiner kann ihm etwas sagen. Nun kommt er zum Rabbi von +Opatow und gibt ihm keine Ruhe: er wird nicht fortgehen, bis +er die Wahrheit erfahren hat. Es ist ein Jammer mit dem +Menschen! Und der Rabbi versucht ihn zu trösten:</p> + +<p>»Wisse, daß deine Heiserkeit nur bis zu deiner Sterbestunde +anhalten wird. Dein Sterbegebet wirst du aber schon mit einer +so klaren Stimme sprechen können, daß man es in allen Himmeln +hören wird!«</p> + +<p>»Und bis dahin?«</p> + +<p>»Bis dahin ist die Sache hoffnungslos!«</p> + +<p>Der Vorbeter bestürmt noch einmal den Rabbi:</p> + +<p>»Wie ist das geschehen? Warum ist mir das geschehen?«</p> + +<p>Und er plagt den Rabbi so lange, bis dieser ihm alles erzählt.</p> + +<p>»Wenn so,« schreit der Vorbeter mit heiserer Stimme auf, +<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a> +»so werde ich mich schon rächen!« Und mit diesen Worten läuft +er hinaus.</p> + +<p>»Wie willst du dich rächen? Und an wem?« ruft ihm der +Rabbi nach. Doch der Mann ist schon fort.</p> + +<p>Das geschah an einem Dienstag; andre sagen – an einem +Mittwoch. Und als am Donnerstag abend die Fischer von Opatow +Fische zum Sabbat fangen wollten und ihr Netz herauszogen, so +war das Netz auffallend schwer; und wie man es herauszog, lag +darin der Vorbeter von Lahadam.</p> + +<p>Er hatte sich von der Brücke ins Wasser gestürzt. Und wie er +das Sterbegebet sprechen sollte, hatte er seine schöne Stimme, +wie es ihm der Rabbi ganz richtig vorausgesagt hatte, wiederbekommen; +denn der Satan hatte ausdrücklich bestimmt: »Bis +zur Sterbestunde!« Doch als er ins Wasser sprang und sich ertränkte, +hat er das Sterbegebet gar nicht gesprochen, sondern +seine Stimme für später aufgehoben. Und das war seine Rache, +wie ihr es gleich sehen werdet.</p> + +<p>Wie es einem Selbstmörder geziemt, wird der Vorbeter sofort +von den Teufeln gepackt und in die Hölle geschleppt. Beim Tore +wird er wie üblich ausgefragt, aber er gibt keine Antwort. Man +versucht, ihn mit einer glühenden Gabel zum Sprechen zu bringen, +doch er schweigt.</p> + +<p>»Nehmt ihn so!«</p> + +<p>Man weiß doch auch so, wer er ist: man hatte ihn ja erwartet! +Und man nimmt ihn »so« und führt ihn zu einem Kessel, der für +ihn gerade heiß gemacht wird: sobald das Pech zu sieden anfängt, +wird man ihn hineinwerfen. Doch der Vorbeter setzt sich plötzlich +den Daumen an die Gurgel und beginnt den Kaddisch aus +der Neïlo …</p> + +<p>Er singt, und seine Stimme klingt immer mächtiger und noch +süßer, noch herzergreifender als je … Und in den Kesseln, aus +denen bisher ein Winseln und Jammern drang, wird es plötzlich +still. Dann fallen Stimmen ins Gebet ein, verbrühte Köpfe +heben die Deckel von den Kesseln, und versengte Lippen singen +mit …</p> + +<p>Die Teufel, die bei den Kesseln stehen, beten nicht mit: sie +sind vor Schreck wie gelähmt. Sie stehen – der eine mit einer +<a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a> +Tracht Brennholz zum Nachlegen, der andre mit einem Schürhaken, +der dritte mit einer eisernen Gabel in der Hand, mit +aufgerissenen Mäulern, ausgestreckten Zungen, runden Augen +und verzerrten Gesichtern und rühren sich nicht; andre sind +vor Schreck umgefallen … Während der Vorbeter in der Neïlo +fortfährt, geht das Feuer unter den Kesseln allmählich aus, und +die Toten kommen einer nach dem andern heraus.</p> + +<p>Er singt, und die ganze Gemeinde betet voller Inbrunst mit; +und während sie beten, verheilen die Brandwunden und überziehen +sich mit neuer Haut, verbrannte Glieder wachsen nach, +und alle Leiber sind wie geläutert …</p> + +<p>Und wie der Vorbeter zur Stelle kommt: »Gesegnet seiest du, +Herr, der du die Toten lebendig machst!« – werden alle Toten +wirklich lebendig, nehmen die Gestalt an, die sie vorher hatten, +und rufen wie ein Mensch »Amen!« Und bei der Stelle: »Sein +großer Name werde gepriesen in alle Ewigkeit!…« klingt es +so laut, daß alle Himmel sich auftun und das Bußgebet der +Sünder bis in den siebenten Himmel hinaufsteigt, bis zum +Throne der Göttlichen Majestät. Und es ist gerade eine Stunde +der Gnade, und alle Sünder, die nicht mehr Sünder sind, bekommen +plötzlich Flügel und fliegen empor und finden die Tore +des Paradieses weit geöffnet.</p> + +<p>In der Hölle zurückgeblieben sind nur die vor Schreck erstarrten +Teufel und der Vorbeter selbst. Wie bei Lebzeiten hatte er durch +seine Stimme alle Herzen erweicht und zur Buße bekehrt, doch +selbst nicht ordentlich Buße getan. Zudem war er ja auch ein +Selbstmörder!</p> + +<p>Mit der Zeit hat sich die Hölle wieder gefüllt … Ich hörte +sogar, daß man dort jetzt einen Erweiterungsbau aufführt …</p> + +<h2>Reb Jojchenen Gabaj</h2> + +<p class="drop-cap">Müde und abgespannt von seiner Arbeit in der Gemeinde +kam Reb Jojchenen der Gabaj<a name="FNanchor_17" href="#Footnote_17" class="fnanchor">(17)</a> nach Hause. Schon in +der Küche empfing ihn der Geruch von Speisen, von Fleisch und +<a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a> +gekochten Äpfeln. Er trat schnell ins nächste Zimmer, wo ihm +aber seine Frau Ssosche einen wenig freundlichen Empfang bereitete.</p> + +<p>»Müßiggänger!« schrie sie ihm mit böser Stimme entgegen, +als er sich auf der Schwelle zeigte.</p> + +<p>»Warum schimpfst du?« fragte Reb Jojchenen, indem er sich +auf eine Bank setzte, um auszuruhen.</p> + +<p>»Er fragt noch, warum ich schimpfe! Immer bist du mit +deinen Gemeindesachen beschäftigt; wann wirst du aber, du +Müßiggänger, auch etwas für dich selbst tun?«</p> + +<p>»Für mich?« fragte der Gabaj verwundert. »Was soll ich +denn für mich tun? Unsere Kinder sind ja schon, Gott sei Dank, +selbständig, und uns beiden fehlt gar nichts … Was soll ich +also tun?…« Er sieht sich in der Stube um und fügt hinzu: +»Das Bett ist auch ohne mich gebettet, das Geschirr ist auch +ohne meine Hilfe gewaschen; ich habe die Wände nicht einmal +angerührt, und doch sehe ich an ihnen keine Spur von Spinnweben. +Auch der Tisch ist schon gedeckt, das Tischtuch ist schneeweiß, +die Bestecke funkeln wie aus Gold. Ich seh auch die Rettichspeise +auf dem Tisch, geriebenen Meerrettich, ein Fläschchen +Branntwein …«</p> + +<p>»Hör schon auf mit deinen Sprüchen und geh dich waschen!«<a name="FNanchor_18" href="#Footnote_18" class="fnanchor">(18)</a></p> + +<p>»Nein, Ssosche, ich werde mich nicht eher waschen, als du selbst +zugeben wirst, daß ich recht habe. Hier zu Hause habe ich nichts +zu versorgen, dafür aber im Bethause um so mehr; denn wer +wird sich um alle die Sachen kümmern, wenn nicht ich? Vielleicht +Joßke der Krämer, der nicht einmal zum Essen Zeit hat? +Oder Jechijel der Dorfhausierer, der schon am Sabbatabend, +gleich nach dem Hawdolo-Gebet das Haus verläßt und erst am +Freitag gegen Abend heimkommt? Oder gar Ruben der Geldverleiher, +der den ganzen Tag herumrennt, um bei den armen +Leuten einige Groschen Zinsen einzusammeln? Oder gar einer +von den armen Handwerkern, die schwer arbeiten müssen, um +sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen?«</p> + +<p>»Laß gut sein, ich bin nicht mehr böse …«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a>»Macht nichts. Ich weiß, daß du mir nicht mehr böse bist. Ich +will dir aber noch beweisen, daß ich auch für mich selbst sorge. +Schau mich an, Ssosche, sieh meinen weißen Bart und meine +weißen Schläfenlocken. Ich bin nicht mehr jung … Also muß +ich mich auf eine weite Reise vorbereiten …«</p> + +<p>»Auf eine Reise? Auf was für eine Reise?« fragt Ssosche +verwundert. Sie begreift aber sofort selbst, was er damit meint, +und ruft erschrocken aus: »Um Gottes willen, sprich nicht davon! +Gott behüte!…«</p> + +<p>»Brauchst keine Angst zu haben, Ssosche. Du bist ja auch älter +als zwanzig Jahre … Und was werden wir beide antworten, +wenn man uns dort oben fragt, was wir auf <em class="gesperrt">dieser</em> Welt getan +haben? Daß wir hier aßen und tranken? Und was wird der +liebe Gott dazu sagen? Du wirst noch wenigstens vorbringen +können, daß du dich am Verein für die Ausstattung armer +Bräute betätigt hast …«</p> + +<p>»Sprich nicht davon!« bittet Ssosche. Sie fürchtet, daß +dadurch ihr Lohn im Jenseits beeinträchtigt werden könne.</p> + +<p>»Darum will ja auch ich etwas Gutes tun …«</p> + +<p>»Sehr gut. Sehr gut. Tu, was du willst. Geh dich aber endlich +waschen!«</p> + +<p>»Nur noch eines,« fährt der Gabaj fort: »Erinnerst du dich +noch an dein seidenes Brautkleid mit den silbernen Streifen?«</p> + +<p>»Ob ich mich daran erinnere!«</p> + +<p>»Würdest du es nicht dem Bethause stiften, damit man daraus +einen Vorhang für den Thoraschrein macht?«</p> + +<p>»Sehr gerne! Ich will es sofort heraussuchen …«</p> + +<p>»Wart, Ssosche, ich hab es schon selbst genommen, und es +hängt bereits vor dem Thoraschrein!«</p> + +<p>»Du Dieb!« sagt Ssosche lächelnd.</p> + +<p>Nun wäscht sich Reb Jojchenen endlich die Hände und setzt +sich an den Tisch. Er ißt mit großem Appetit, spricht das Tischgebet +und legt sich schlafen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Reb Jojchenen der Gabaj schlief bald ein, und seine Seele +flog in den Himmel hinauf und verzeichnete dort im Buche seiner +Verdienste:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a>»Ich, Jojchenen, Sohn der Sarah, war heute den ganzen Tag +mit heiliger Arbeit beschäftigt. Ich sagte mir: Ich und mein +Weib Ssosche wohnen in einem schönen Hause, während das +Gotteshaus baufällig ist und ausgebessert werden muß. Darum +mietete ich Handwerker und ließ das Bethaus ausbessern. Heute +brachte man zwei neue Bänke und einen neuen Tisch ins Gotteshaus. +Ich ließ auch den Fußboden reinigen, die Wände und alle +Möbel und Geräte putzen. Vor dem Vorbeterpult an der Ostwand +habe ich einen neuen Leuchter angebracht. In der Kasse +des Bethauses waren im ganzen fünfundvierzig Rubel. Um alles +zu bezahlen, mußte ich aus meiner eigenen Tasche sechs Rubel +und vierundachtzig Kopeken dazulegen. Für Rechnung meiner +Frau Ssosche stiftete ich einen seidenen Vorhang für den Thoraschrein; +sie ist außerdem auch im Verein für die Ausstattung +armer Bräute tätig. Der liebe Gott möge es ihr für ihr Seelenheil +anrechnen! Mit der Ausbesserung des Bethauses ist man +heute fertig geworden. Und ich habe dem Schuldiener strengstens +verboten, jemanden ins Bethaus zum Übernachten einzulassen. +Das Gotteshaus soll nicht mehr die Schlafstube für fremde +Bettler sein. Der Schuldiener muß von nun an das Haus jeden +Abend absperren …«</p> + +<p>Reb Jojchenens Seele schrieb noch weiter, als in den Himmel +eine andre Seele geflogen kam und in ihr Buch folgendes eintrug:</p> + +<p>»Ich, Berl, Sohn der Judith, bin schon siebzig Jahre alt. +Solange ich noch die Kraft dazu hatte, verdiente ich mein Brot +durch meiner Hände Arbeit. Jetzt, da ich alt und schwach bin +und nicht mehr arbeiten kann, muß ich bei fremden Leuten betteln. +Anfangs ging es mir nicht schlecht. Die Leute kannten mich, +und ich hatte immer zu essen. Doch mit der Zeit wurden sie +meiner überdrüssig und gaben mir immer seltener Almosen. Oft +schenkte man mir ein so trockenes Stück Brot, daß ich es mit +meinen alten Zähnen gar nicht zerbeißen konnte. Ich sah ein, +daß ich, wenn ich in meiner Stadt bleibe, Hungers sterben müsse. +Darum verließ ich die Stadt und kam her. Es ist heute sehr +kalt, und ich wollte ins Bethaus gehen, um da zu übernachten, +wie es in allen jüdischen Städten Sitte ist. Doch der Schuldiener +<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a> +versperrte die Tür und ließ mich nicht hinein. Der Gabaj +hätte ihm gesagt, er solle niemanden zur Nacht ins Bethaus einlassen; +denn das Gotteshaus sei keine Herberge … Jetzt schlafe +ich unter freiem Himmel, und die Kälte frißt das Mark meiner +alten Knochen. Ich bin hungrig und friere … Nun frage ich +dich, du Herr der Welt: Wer braucht das Bethaus nötiger: <em class="gesperrt">du</em> +oder <em class="gesperrt">ich</em>?«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Und es erklang eine Stimme vom Himmel: »Beide sollen sofort +vor dem höchsten Gerichtshofe erscheinen!«</p> + +<p>Und am nächsten Morgen fand man tot: Reb Jojchenen den +Gabaj in seinem Bette und einen alten Bettler erfroren auf der +Straße neben dem Bethause …</p> + +<p class="center" style="margin-top: 6em;">Druck der Piererschen Hofbuchdruckerei, Altenburg.</p> + + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_1" href="#FNanchor_1" class="label">(1)</a> +Kozk: Städtchen in Russisch-Polen; Belz: Städtchen in Galizien. An +beiden Orten gab es berühmte Chassidim-Gemeinden, die sich heftig befehdeten. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_2" href="#FNanchor_2" class="label">(2)</a> +Haggodo: die Geschichte des Auszuges der Juden aus Ägypten, die an +den beiden ersten Pessachabenden bei der Tafel verlesen wird. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_3" href="#FNanchor_3" class="label">(3)</a> +Drei Tage vor dem Neujahrsfeste, an denen die Juden vor Morgengrauen geweckt +werden, um in den Bethäusern Selichos (Bußpsalmen) zu beten. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_4" href="#FNanchor_4" class="label">(4)</a> +Die +zehn Tage zwischen Neujahr und Versöhnungstag, an denen das himmlische Gericht +seine Beschlüsse für das kommende Jahr fällt. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_5" href="#FNanchor_5" class="label">(5)</a> +Ein Jude aus Litauen und Westrußland; er wird von den polnischen Juden +als Rationalist und Gegner des chassidischen Wunderglaubens gern verspottet. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_6" href="#FNanchor_6" class="label">(6)</a> +Jeschiwo: freie Akademie für Talmudstudium und höheres jüdisches Wissen in +osteuropäischen Ländern. – Rosch-Jeschiwo: Oberhaupt einer Jeschiwo. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_7" href="#FNanchor_7" class="label">(7)</a> +Schma Ißroel: »Höre, Israel«, das heiligste jüdische Gebet. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_8" href="#FNanchor_8" class="label">(8)</a> +Kittel: Totenhemd, das jeder Jude am Versöhnungstage während des Gottesdienstes +trägt. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_9" href="#FNanchor_9" class="label">(9)</a> +Widderhorn, das am jüdischen Neujahrstage geblasen wird. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_10" href="#FNanchor_10" class="label">(10)</a> +Jüdischer Kleinkinderlehrer. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_11" href="#FNanchor_11" class="label">(11)</a> +Leviathan (aus dem Buche Hiob) und Schor-ha-Bor (ein Riesenstier der talmudischen +Sage) sollen bei Messias' Ankunft von den Gerechten verzehrt werden. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_12" href="#FNanchor_12" class="label">(12)</a> +Kap. 1, V. 10. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_13" href="#FNanchor_13" class="label">(13)</a> +Misnagdim: Gegner der Chassidim sowie auch überhaupt +alle Nicht-Chassidim. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_14" href="#FNanchor_14" class="label">(14)</a> +Zuname eines berühmten chassidischen Rebben. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_15" href="#FNanchor_15" class="label">(15)</a> +Feier des 13. Geburtstages: mit dreizehn Jahren erlangt der Jude religiöse +Mündigkeit. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_16" href="#FNanchor_16" class="label">(16)</a> +Neïlo: Schlußgebet, wichtigstes Gebet am Versöhnungstage (Jom-Kippur). +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_17" href="#FNanchor_17" class="label">(17)</a> +Mitglied des Gemeinde- oder Synagogenvorstandes. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_18" href="#FNanchor_18" class="label">(18)</a> +Es ist ein Gebot der Religion, sich vor dem Essen die Hände zu waschen. +</p> +</div> +</div> + + +<div id="tnote-bottom"> +<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p> + +<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, +wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle +steht.</p> + +<ul id="corrections"> +<li><a href="#Page_17">Seite 17</a>:<br/> +Aber Rabbi Levi-<span class="correction">Jizchock</span> steht, in Kittel(8) und Gebetmantel<br/> +Aber Rabbi Levi-<span class="correction">Jizchok</span> steht, in Kittel(8) und Gebetmantel +</li> +<li><a href="#Page_22">Seite 22</a>:<br/> +er mir zuliebe <span class="correction">am</span> diesem Jom-Kippur auch die andern Sünden<br/> +er mir zuliebe <span class="correction">an</span> diesem Jom-Kippur auch die andern Sünden +</li> +<li><a href="#Page_28">Seite 28</a>:<br/> +die das tun können. Wie kann man in <span class="correction">derThora</span> anfangen<br/> +die das tun können. Wie kann man in <span class="correction">der Thora</span> anfangen +</li> +<li><a href="#Page_31">Seite 31</a>:<br/> +abläuft! Leider lief es aber nicht nach <span class="correction">Wnnsch</span> ab.<br/> +abläuft! Leider lief es aber nicht nach <span class="correction">Wunsch</span> ab. +</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Jüdische Geschichten, by Jizchok Lejb Perez + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JÜDISCHE GESCHICHTEN *** + +***** This file should be named 36488-h.htm or 36488-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/6/4/8/36488/ + +Produced by Norbert H. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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