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+The Project Gutenberg EBook of Jüdische Geschichten, by Jizchok Lejb Perez
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Jüdische Geschichten
+
+Author: Jizchok Lejb Perez
+
+Translator: Alexander Eliasberg
+
+Release Date: June 21, 2011 [EBook #36488]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JÜDISCHE GESCHICHTEN ***
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
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+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
+ Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
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+
+
+
+ Jüdische Geschichten
+
+
+ Von
+ Jizchok Lejb Perez
+
+
+ Aus dem Jidischen
+ übertragen von
+ Alexander Eliasberg
+
+ Im Insel-Verlag / Leipzig
+
+
+
+
+Ein Zwiegespräch
+
+
+An einem Frühlingstage, einem richtigen warmen Pessachtage, gehen Reb
+Schachno, ein langer, magerer Jude, der letzte Überrest der alten Kozker
+Chassidim-Gemeinde, und Reb Sorach, ein ebenso magerer, doch
+kleingewachsener Jude, der letzte lebende Vertreter der alten Belzer(1)
+Gemeinde, vor der Stadt spazieren. In ihren jüngeren Jahren waren sie
+Feinde auf Tod und Leben, denn Reb Schachno war der Anführer der Kozker
+gegen die Belzer, und Reb Sorach der Anführer der Belzer gegen die
+Kozker. Doch jetzt, wo sie beide alt geworden sind und die Kozker nicht
+mehr das sind, was sie früher waren, ebenso wie auch die Belzer ihr
+früheres Feuer verloren haben, sind sie aus den Parteien ausgetreten und
+haben die Führerschaft jüngeren Leuten überlassen, die in Glaubenssachen
+schwächer, sonst aber rüstiger sind als sie.
+
+ (1) Kozk: Städtchen in Russisch-Polen; Belz: Städtchen in Galizien. An
+ beiden Orten gab es berühmte Chassidim-Gemeinden, die sich heftig
+ befehdeten.
+
+An einem Wintertage, an der Ofenbank im Bethause haben sie Frieden
+geschlossen, und nun gehen sie am dritten Pessachfeiertage spazieren. Am
+weiten, blauen Himmel strahlt die Sonne, aus der Erde sprießen überall
+Halme, und man kann beinahe sehen, wie bei jedem Grashalme ein Engel
+steht und ihn zur Eile antreibt. Vögel schießen durch die Luft auf der
+Suche nach den vorjährigen Nestern. Und Reb Schachno sagt zu Reb Sorach:
+
+»Die Kozker Chassidim, die richtigen Kozker von altem Schrot und Korn --
+von den heutigen Kozkern spreche ich nicht! -- hielten nicht viel von
+der Haggodo(2) ...«
+
+ (2) Haggodo: die Geschichte des Auszuges der Juden aus Ägypten, die an
+ den beiden ersten Pessachabenden bei der Tafel verlesen wird.
+
+»Doch um so mehr von den Mazzeknödeln!« lächelt Reb Sorach.
+
+»Lache nicht über die Knödel!« antwortet Reb Schachno sehr ernst. »Lache
+nicht! Du kennst doch die geheime Bedeutung des Bibelwortes: 'Du sollst
+den Knecht nicht seinem Herrn überantworten'?«
+
+»Mir genügt es,« antwortet Reb Sorach stolz und überlegen, »daß ich die
+Verzückung des Gebets kenne.«
+
+Reb Schachno tut so, als ob er es nicht gehört hätte, und fährt fort:
+
+»Der offenbare Sinn der Worte ist doch klar: wenn ein Knecht, ein
+Diener, ein Leibeigener seinem Herrn entläuft, darf man ihn, nach dem
+Gebote der Thora, nicht einfangen; man darf ihn nicht binden und seinem
+Herrn zurückbringen. Denn wenn ein Mensch entlaufen ist, so konnte er es
+wohl nicht länger aushalten ... Es handelt sich also einfach um die
+Rettung einer Menschenseele! Und der verborgene Sinn dieser selben Worte
+ist ebenso einfach. Der Menschenleib ist ein Knecht, der Knecht der
+Seele! Der Leib ist ein Lüstling: sieht er ein Stück Schweinefleisch,
+oder eine fremde Frau, oder irgendeinen Götzendienst, oder ich weiß
+nicht was, -- so will er aus der Haut fahren. Doch die Seele wehrt es
+ihm und spricht: 'Du sollst nicht sündigen!' und er muß sich fügen.
+Ebenso umgekehrt: will die Seele irgendein göttliches Gebot erfüllen, so
+muß es der Leib für sie tun, und wenn er noch so müde und zerschlagen
+ist: die Hände müssen arbeiten, die Füße laufen, der Mund sprechen ...
+Warum? Weil es ihm sein Herr, das heißt die Seele, befohlen hat. Und
+dennoch heißt es: 'Du sollst den Knecht nicht seinem Herrn
+überantworten.' Man darf also den Leib nicht ganz an die Seele
+ausliefern: die flammende Seele würde ihn sonst zu Asche verbrennen, und
+hätte der Schöpfer Seelen ohne Leiber haben wollen, so hätte er
+überhaupt keine Welt erschaffen! Darum hat auch der Leib seine Rechte;
+es steht geschrieben: 'Wer zu viel fastet, ist Sünder'; denn der Leib
+muß essen! Wer fahren will, muß seinen Gaul füttern. Kommt irgendein
+Feiertag, so freue auch du dich, Leib! Nimm einen Schluck Branntwein!
+Die Seele hat ihre Freude, und auch der Leib hat seine Freude: die Seele
+erfreut sich am Segensspruch, den man dabei sprechen muß, und der Leib
+-- am Branntwein selbst! Heut ist Pessach, das Fest der Erinnerung an
+unsere Befreiung aus Ägypten, -- komm her, Leib, da hast du einen
+Mazzeknödel! Und der Leib fühlt sich dadurch gehoben; denn er wird
+teilhaftig der wahren Freude, die in der Erfüllung eines göttlichen
+Gebots liegt ... Lache nicht über die Knödel, mein Lieber, lache nicht!«
+
+Reb Sorach muß gestehen, daß die Auslegung tief ist und sich hören
+lassen kann. Er ißt aber aus Prinzip keinerlei aus Mazzes hergestellte
+Speisen!
+
+»In diesem Falle hast du deine Freude an der trockenen Mazze selbst ...«
+
+»Wer hat genug Mazzes, um sich satt zu essen? Und wer hat noch Zähne, um
+sie zu beißen?«
+
+»Wie erfüllst du dann das Gebot: 'An deinen Festen sollst du dich
+freuen' in bezug auf den Leib?«
+
+»Weiß ich? Manchmal hat der Leib Freude an einem Schluck Rosinenwein ...
+Ich persönlich habe meine größte Freude an der Haggodo selbst. Ich sitze
+da, lese die Haggodo, zähle die ägyptischen Plagen auf, verdoppele sie
+und lese sie immer von neuem ...«
+
+»Du roher Kerl!«
+
+»Roher Kerl? Nach so vielen Verfolgungen, die das Volk Israel erlitten,
+nach so vielen Jahren der Verbannung der göttlichen Majestät aus ihrem
+Tempel? Ich meine, man hätte einführen sollen, daß die zehn Plagen
+siebenmal aufgezählt werden ... Daß das Gebet 'Ergieße deinen Zorn,
+Herr, auf die Völker, die dich nicht anbeten!' siebenmal gesprochen
+wird! Doch vor allen Dingen die ägyptischen Plagen -- die machen mir die
+größte Freude! Ich würde sie am liebsten bei offenen Türen und Fenstern
+aufzählen: sollen =sie= es nur hören! Was habe ich zu fürchten? Die
+heilige Sprache verstehen sie ja sowieso nicht!«
+
+Reb Schachno wird für eine Weile nachdenklich, und dann beginnt er wie
+folgt:
+
+»Ich will dir eine Geschichte erzählen, die bei uns passiert ist. Ich
+will nicht übertreiben -- etwa zehn Häuser vom Hause des gottseligen
+Rabbi entfernt wohnte ein Metzger. Ich will nicht mit dem Munde
+sündigen; denn der Mann ist schon längst auf jener Welt, -- aber der
+Metzger war ein roher Mensch, nun eben ein echter Metzger. Einen Nacken
+hatte er wie ein Stier, Augenbrauen wie Borsten und Hände wie Klötze.
+Und erst seine Stimme! Wenn er sprach, klang es wie ein ferner Donner
+oder wie wenn Soldaten schießen! Ich glaube sogar, er stammte aus
+Belz ...«
+
+»Na, na!« brummt Reb Sorach.
+
+»So wahr ich lebe!« erwidert Reb Schachno kaltblütig. »Zu beten pflegte
+er mit einer besonders wilden Stimme, mit allerlei Nebengeräuschen. Bei
+manchen Gebeten klang es, wie wenn man Wasser ins Feuer schüttet ...«
+
+»Das kannst du dir schenken!«
+
+»Nun stelle dir vor, was für einen Lärm es gibt, wenn sich so ein Kerl
+an den Pessachtisch setzt und die Haggodo liest! In der Wohnung des
+Rabbi hört man jedes Wort! Nun, ein Metzger ist eben ein Metzger. Alle
+Tischgenossen beim Rabbi lachen. Und selbst der Rabbi, seligen
+Angedenkens, bewegt leise die Lippen, und man sieht, daß er lächelt.
+Doch später, als der Bursche anfing, die Plagen aufzuzählen, als sie ihm
+aus dem Maule herausflogen wie Flintenkugeln, als er bei jeder Plage mit
+der Faust auf den Tisch hämmerte, so daß die Weinbecher klirrten, --
+wurde der Rabbi, sein Andenken sei gesegnet, sehr traurig ...«
+
+»Traurig? Am Feiertage, am heiligen Pessachfeste -- traurig? Was redest
+du da?«
+
+»Man fragte ihn auch nach der Ursache.«
+
+»Und was gab er für eine Antwort?«
+
+»Auch der Schöpfer der Welt, sagte er, ist beim Auszuge Israels aus
+Ägypten traurig gewesen.«
+
+»Wo hat er das her?«
+
+»Es steht in einem Midrasch! Als die Kinder Israels durch das Meer
+gezogen waren und das Meer zurückfloß und Pharao mit seinem ganzen Heere
+bedeckte und ertränkte, fingen die Engel zu singen an, die Seraphim
+flogen, und die Räder, auf denen Gottes Thron ruht, rollten durch alle
+sieben Himmel, jauchzend ob der guten Botschaft. Und die Gestirne und
+Sternenbilder fingen zu tanzen an! Du kannst dir denken, was für eine
+Freude es war, als es hieß: Die ganze Unreinheit ist ins Meer versunken!
+Doch der Schöpfer der Welt gebot allen Ruhe und sprach von seinem Throne
+herab: 'Meine Kinder ertrinken im Meere, und ihr singt und tanzt?' Denn
+Pharao und sein ganzes Heer und selbst alle Unreinheit -- sind Gottes
+Geschöpfe ... 'Und der Herr erbarmte sich seiner Schöpfung' -- so steht
+es geschrieben!«
+
+»Von mir aus ...«, seufzt Reb Sorach. Nach einer Weile fragt er:
+
+»Und wenn das schon in einem Midrasch steht, was hat da dein Rabbi Neues
+entdeckt?«
+
+Reb Schachno bleibt stehen und sagt sehr ernst:
+
+»Erstens, du Belzer Narr, ist niemand verpflichtet, neue Auslegungen zu
+geben: in der Thora gibt es nichts Neues und nichts Altes, das Neue ist
+alt, und das Alte neu. Zweitens wird damit erklärt, warum es Sitte ist,
+die ganze Haggodo mit einer traurigen Melodie zu singen. Und drittens
+verstehen wir jetzt den Vers: 'Israel soll sich nicht erfreuen nach der
+Art der anderen Völker.' Deine Freude soll nicht roh sein! Du bist doch
+kein Bauer! Rachlust ist kein jüdisch Ding!«
+
+
+
+
+Wenn nicht noch höher!
+
+
+Und der Rebbe von Nemirow pflegte alljährlich um die Selichoszeit(3)
+jeden Morgen zu verschwinden.
+
+ (3) Drei Tage vor dem Neujahrsfeste, an denen die Juden vor
+ Morgengrauen geweckt werden, um in den Bethäusern Selichos
+ (Bußpsalmen) zu beten.
+
+Er war nirgends zu finden: weder in der Schul, noch in den beiden
+Lehrhäusern, noch in einem der Betzirkel; und bei sich zu Hause schon
+ganz gewiß nicht. Seine Wohnung stand offen; jeder, wer nur wollte,
+konnte hineingehen; gestohlen wurde beim Rebben =niemals=. Doch in der
+Wohnung war keine Menschenseele.
+
+Wo kann der Rebbe sein?
+
+Wo soll er sein? Selbstverständlich im Himmel! Hat denn so ein Rebbe vor
+den Schrecklichen Tagen(4) wenig auszurichten? Juden brauchen,
+unberufen, Lebensunterhalt, Frieden, Gesundheit, gute Partien für die
+Kinder; sie wollen gut und fromm sein, doch die Sünden sind groß, und
+der Satan durchschaut mit seinen tausend Augen die Welt von einem Ende
+bis zum anderen und sieht alles und zeigt jede Kleinigkeit an ... Und
+wer soll helfen, wenn nicht der Rebbe?
+
+ (4) Die zehn Tage zwischen Neujahr und Versöhnungstag, an denen das
+ himmlische Gericht seine Beschlüsse für das kommende Jahr fällt.
+
+So dachte sich die ganze Gemeinde.
+
+Einmal kommt aber in die Stadt ein Litwak(5). Er lacht! Ihr wißt doch,
+was ein Litwak ist: von Andachtsbüchern hält er gar nichts, dafür stopft
+er sich den Kopf mit Talmudabschnitten und Bibelstellen voll. Und dieser
+Litwak weist aus dem Talmud nach -- er sticht einem damit förmlich die
+Augen aus --, daß selbst Moses bei Lebzeiten kein einziges Mal in den
+Himmel kam, sondern stets zehn Handbreiten unter dem Himmel zurückblieb!
+Geh einer und streite mit einem Litwak!
+
+ (5) Ein Jude aus Litauen und Westrußland; er wird von den polnischen
+ Juden als Rationalist und Gegner des chassidischen Wunderglaubens gern
+ verspottet.
+
+»Wo kommt also der Rebbe hin?«
+
+»Meine Sorge!« antwortet er und zuckt die Achsel; und wie er das sagt,
+faßt er schon den Entschluß -- was ein Litwak nicht alles kann! -- der
+Sache auf den Grund zu gehen.
+
+ * * * * *
+
+Noch am selben Abend, bald nach dem Abendgebet, stiehlt sich der Litwak
+ins Zimmer des Rebben hinein, kriecht unter des Rebben Bett und liegt.
+Er will die Nacht durchwachen und sehen, was der Rebbe vor Morgengrauen,
+wenn die Leute zu den Selichos gehen, anfängt.
+
+Jemand anderer an seiner Stelle würde einschlummern und die Zeit
+verschlafen; doch ein Litwak weiß immer Rat: um sich wach zu halten,
+nimmt er im Kopfe einen ganzen Talmudabschnitt durch; ich weiß nicht
+mehr, ob es der Abschnitt »Von den Schlachtungen« oder der »Von den
+Gelübden« war.
+
+Vor Morgengrauen hört er, wie man an die Läden klopft, um die Leute zum
+Gebet zu rufen.
+
+Der Rebbe war schon lange wach. Der Litwak hörte ihn schon seit einer
+Stunde seufzen.
+
+Jeder, der den Nemirower Rebben nur einmal seufzen hörte, weiß, welche
+Trauer um das ganze Volk Israel, welche Seelenqual in jedem seiner
+Seufzer steckt ... Es wird einem ganz bange ums Herz, wenn man ihn
+seufzen hört! Ein Litwak hat aber doch ein Herz aus Eisen: er hört zu
+und bleibt ruhig liegen! So liegen sie beide: der Rebbe -- leben soll
+er! -- =auf= dem Bett, der Litwak =unter= dem Bett.
+
+Etwas später hört der Litwak, wie im ganzen Hause die Betten zu knarren
+beginnen, wie die Hausleute aufstehen, wie hie und da ein jüdisches Wort
+fällt; wie das Wasser in die Waschbecken fließt, und wie die Türen auf-
+und zugemacht werden ... Dann verlassen alle das Haus; es wird wieder
+still; im Zimmer ist es finster; nur ein schwacher Mondstrahl dringt
+durch einen Spalt im Laden ...
+
+Später gestand der Litwak, daß, als er allein mit dem Rebben geblieben
+war, ihn ein Grauen befallen hatte. Es überlief ihn heiß und kalt vor
+Angst, und die Wurzeln seiner Schläfenlocken stachen ihn wie Nadeln.
+
+Es ist doch wirklich keine Kleinigkeit: mit dem Rebben allein, beim
+Morgengrauen in der Selichoszeit!...
+
+Ein Litwak ist aber starrköpfig: er zittert wie ein Fisch im Wasser und
+-- liegt!
+
+ * * * * *
+
+Endlich steht der Rebbe auf ...
+
+Zunächst wäscht er sich und verrichtet alles, was ein Jude am Morgen
+verrichten muß. Dann geht er zum Schrank und holt ein Bündel hervor; im
+Bündel sind Bauernkleider: ein Paar Leinenhosen, Schaftstiefel, ein
+Bauernrock, eine große Pelzmütze und ein breiter, mit Messingnägeln
+verzierter Ledergurt.
+
+Und der Rebbe zieht alle die Kleider an.
+
+Aus der Rocktasche hängt das Ende eines dicken Bauernstrickes heraus.
+
+Der Rebbe geht aus dem Zimmer, der Litwak geht ihm nach.
+
+Der Rebbe geht in die Küche, bückt sich, holt unter dem Bett eine Axt
+hervor, steckt sie sich hinter den Gurt und verläßt das Haus.
+
+Der Litwak zittert, bleibt aber nicht zurück.
+
+ * * * * *
+
+Ein stilles Grauen, das Grauen der Selichoszeit lagert über den dunklen
+Gassen. Hie und da dringt der Aufschrei eines Betenden aus einem der
+Betzirkel oder das Stöhnen eines Kranken aus einem Fenster .. Der Rebbe
+schleicht an den Mauern entlang, immer im Schatten der Häuser ... So
+schwimmt er aus einem Schatten in den anderen, und der Litwak schwimmt
+ihm nach ...
+
+Und der Litwak hört, wie das laute Pochen seines eigenen Herzens sich
+mit den schweren Tritten des Rebben vermengt. Er bleibt aber trotzdem
+nicht zurück und gelangt zusammen mit dem Rebben vor die Stadt.
+
+ * * * * *
+
+Vor der Stadt gibt es ein Wäldchen.
+
+Der Rebbe -- leben soll er! -- geht ins Wäldchen. Nach dreißig, vierzig
+Schritten bleibt er vor einem jungen Baum stehen. Der Litwak sieht mit
+Bestürzung, wie der Rebbe die Axt aus dem Gürtel zieht und auf den
+Baumstamm einschlägt.
+
+Er sieht, wie der Rebbe immer wieder ausholt; er hört, wie der Baum
+ächzt und knackt. Der Baum fällt, und der Rebbe spaltet den Stamm in
+Klötze, dann die Klötze in Späne. Dann macht er aus den Spänen eine
+Tracht Holz, umbindet sie mit dem Strick, den er in der Tasche hatte,
+lädt sie sich auf den Rücken, steckt die Axt wieder in den Gürtel und
+geht zur Stadt zurück.
+
+In der hintersten Gasse bleibt er vor einem kleinen, halb eingefallenen
+Häuschen stehen und klopft ans Fenster.
+
+»Wer klopft?« fragt eine erschrockene Stimme aus dem Häuschen. Der
+Litwak erkennt, daß es die Stimme einer Jüdin, einer kranken Jüdin ist.
+
+»Ich bin es!« antwortet der Rebbe auf kleinrussisch.
+
+»Wer bist du?« fragt wieder die Frauenstimme.
+
+»Wassil!« antwortet der Rebbe.
+
+»Was für ein Wassil? Und was willst du, Wassil?«
+
+»Ich habe Holz zu verkaufen!« sagt der angebliche Wassil. »Sehr billig,
+so gut wie umsonst!«
+
+Und ohne die Antwort abzuwarten, tritt der Rebbe ins Haus.
+
+ * * * * *
+
+Der Litwak schleicht ihm nach und sieht im fahlen Morgenlichte eine
+ärmliche Stube, zerbrochenes Hausgerät ... Im Bette liegt eine kranke
+Jüdin, in Lumpen gehüllt, und sie spricht mit erbitterter Stimme:
+
+»Kaufen? Womit soll ichs kaufen? Wo soll ich arme Witwe Geld hernehmen?«
+
+»Ich will es dir borgen!« antwortet der falsche Wassil. »Es sind im
+ganzen sechs Groschen!«
+
+»Wie soll ich sie dir bezahlen?« stöhnt die arme Jüdin.
+
+»Törichte Frau!« spricht der Rebbe vorwurfsvoll. »Sieh: du bist arm und
+krank, und ich traue dir das bißchen Holz: =ich vertraue= dir, daß du es
+mir bezahlen wirst. Und du hast einen so großen, so starken Gott und
+vertraust ihm nicht ... Du traust ihm nicht einmal die dummen sechs
+Groschen für eine Tracht Holz!«
+
+»Und wer wird einheizen?« stöhnt die Witwe. »Habe ich denn die Kraft
+aufzustehen? Mein Sohn ist schon fort auf die Arbeit.«
+
+»Ich will auch einheizen,« sagt der Rebbe.
+
+ * * * * *
+
+Und während er das Holz in den Ofen legte, sprach der Rebbe stöhnend den
+ersten Abschnitt der Selichos ...
+
+Und als er Feuer gemacht, und das Holz lustig zu flackern begann, sprach
+er, schon etwas lustiger, den zweiten Abschnitt ...
+
+Und den dritten Abschnitt sprach er, als das Holz richtig brannte und er
+das Ofenblech schloß ...
+
+ * * * * *
+
+Der Litwak, der das alles gesehen, wurde von nun an Nemirower Chassid.
+
+Und sooft später jemand erzählte, daß der Nemirower Rebbe alljährlich
+zur Selichoszeit jeden Morgen die Erde verlasse und in den Himmel
+fliege, lachte der Litwak nicht mehr, sondern fügte still hinzu:
+
+»Wenn nicht noch höher!«
+
+
+
+
+Die Kabbalisten
+
+
+In schlechten Zeiten sinkt sogar die beste Ware -- die göttliche
+Wissenschaft -- im Werte. Und so ist von der Laschtschower Jeschiwo(6)
+schließlich nichts übriggeblieben als der Rosch-Jeschiwo Reb Jekel und
+ein einziger Schüler.
+
+ (6) Jeschiwo: freie Akademie für Talmudstudium und höheres jüdisches
+ Wissen in osteuropäischen Ländern. -- Rosch-Jeschiwo: Oberhaupt einer
+ Jeschiwo.
+
+Der Rosch-Jeschiwo ist ein alter, hagerer Mann mit langem, zerzaustem
+Bart und erloschenen Augen. Lemech, sein einziger Schüler, ist ein
+langer, schmächtiger Jüngling mit blassem Gesicht, schwarzen
+Schläfenlocken, schwarzen, meistens gesenkten Augen, trockenen Lippen
+und einer spitz hervortretenden, zitternden Gurgel. Beide tragen
+geflickte Röcke, die vorn offen stehen und den nackten Leib -- denn sie
+haben keine Hemden an -- sehen lassen. Der Rosch-Jeschiwo schleppt mit
+großer Mühe ein Paar schwere Bauernstiefel; dem Schüler fallen seine
+viel zu großen Stadtschuhe von den bloßen Füßen; denn er hat keine
+Socken.
+
+Das ist alles, was von der einst so berühmten Jeschiwo übriggeblieben
+ist!
+
+Die verarmten Einwohner des Städtchens schickten immer weniger Essen und
+luden die Schüler immer seltener zu Mahlzeiten ein. Darum verzogen sich
+die armen Schüler nach anderen Städten. Reb Jekel will aber hier
+sterben, und sein Schüler will ihm die Scherben auf die Augen legen.
+
+Sie beide müssen viel hungern. Und wenn man wenig ißt, schläft man auch
+wenig. Und nach schlaflosen Nächten und vielen Hungertagen bekommt man
+Lust zur Kabbala!
+
+Wenn man schon ganze Nächte durchwacht und tagelang hungert, so will man
+davon wenigstens einen Nutzen haben: durch Fasten und Kasteiungen kann
+man ja erreichen, daß sich alle Tore der Welt öffnen und alle
+Geheimnisse, Engel und Geister offenbar werden!
+
+So beschäftigen sich die beiden seit längerer Zeit mit der Kabbala.
+
+Sie sitzen an einem langen Tisch in der leeren Stube. Bei den anderen
+Juden ist es schon nach dem Essen, doch bei den beiden noch vor dem
+Frühstück. Sie sind es aber gewohnt. Der Rosch-Jeschiwo hat seine Augen
+halb geschlossen und redet; der Schüler hält den Kopf in beide Hände
+gestützt und lauscht.
+
+»Es gibt darin«, sagt der Rosch-Jeschiwo, »vielerlei Stufen der
+Vervollkommnung: einer kennt ein Stückchen, ein anderer die Hälfte, und
+ein dritter die ganze Melodie. Der Rebbe, seligen Angedenkens, kannte
+zum Beispiel die ganze Melodie, sogar mit einem Nachspiel. -- Und ich«,
+fügt er traurig hinzu, »bin nur der Gnade teilhaftig geworden, ein ganz
+kleines Stückchen zu kennen -- kaum so groß ...«
+
+Er mißt auf seinem dürren Finger ein winziges Endchen ab und fährt fort:
+
+»Es gibt Melodien, die Worte haben müssen ... Das ist die niedrigste
+Stufe. Und es gibt eine höhere Stufe: die Melodie braucht keine Worte;
+sie wird ohne Worte gesungen, als reine Melodie ... Aber auch diese
+Melodie bedarf einer Stimme und braucht Lippen, durch die sie dringt!
+Und Lippen sind -- du verstehst mich doch? -- etwas Körperliches. Daher
+ist auch die Stimme, wenn auch eine edle Form des Körperlichen, aber
+immerhin etwas Körperliches! Nehmen wir an, daß die Stimme auf der
+Grenze zwischen Geistigem und Körperlichem steht!
+
+»Doch in jedem Falle ist die Melodie, die der Stimme bedarf und von den
+Lippen abhängt, noch nicht ganz rein, nicht ganz geistig!
+
+»Die richtige, höchste Melodie wird aber ganz ohne Stimme gesungen ...
+Sie tönt im Innern des Menschen, in seinem Herzen, in allen Gliedern. So
+sind die Worte des Königs David zu verstehen: 'Alle meine Gebeine
+lobpreisen Gott!' Im Marke der Knochen muß es tönen, und das ist das
+schönste Loblied auf den Herrn, gesegnet sei sein Name! Denn eine solche
+Melodie ist nicht von einem Wesen aus Fleisch und Blut erfunden. Sie ist
+ein Teil jener Melodie, mit der Gott die Welt erschaffen hat, ein Teil
+der Seele, die er ihr eingegeben hat ... So singen die himmlischen
+Heerscharen!...«
+
+Der Vortrag wurde unterbrochen durch das Erscheinen eines zerlumpten
+Burschen mit einem Strick um die Lenden. Er trat in die Stube, stellte
+auf den Tisch vor den Rosch-Jeschiwo eine Schüssel Grütze, legte ein
+Stück Brot dazu und sagte mit roher Stimme:
+
+»Reb Tewel schickt dem Rosch-Jeschiwo sein Essen!« Und bei der Tür
+wandte er sich noch einmal um und fügte hinzu: »Ich komme später die
+Schüssel holen!«
+
+Durch die Stimme des Burschen aus den himmlischen Harmonien gerissen,
+stand der Rosch-Jeschiwo mühselig auf und schleppte sich in seinen
+schweren Stiefeln zum Wassergefäß bei der Tür, um sich die Hände zu
+waschen. Im Gehen sprach er weiter, doch mit weniger Inbrunst als
+vorhin, und der Schüler verfolgte ihn von seinem Platze aus mit
+leuchtenden Augen und lauschenden Ohren.
+
+»Ich bin aber nicht einmal für würdig befunden,« sagt traurig der
+Rosch-Jeschiwo, »zu wissen, auf welcher Stufe dieses erreicht werden
+kann, bei welchem Tor des Himmels ... Weißt du,« gibt er lächelnd zu,
+»die nötigen Kasteiungen und Betübungen kenne ich wohl, und ich werde
+sie dir, vielleicht noch heute, mitteilen!«
+
+Dem Schüler springen schier die Augen heraus, er sitzt mit offenem Munde
+da und fängt jedes Wort des Meisters mit Gier auf. Doch der Meister
+bricht ab ... Er wäscht sich die Hände, trocknet sie ab, spricht die
+vorgeschriebene Gebetformel, geht zurück zum Tisch und spricht mit
+bebenden Lippen das Gebet über den Bissen Brot.
+
+Und er ergreift mit zitternden Händen die Schüssel, und der warme Dampf
+verdeckt sein ausgemergeltes Gesicht. Dann setzt er die Schüssel wieder
+auf den Tisch, nimmt mit der Rechten den Löffel und wärmt die Linke am
+Rande der Schüssel. Dabei zerkaut er mit seinem zahnlosen Munde langsam
+den Bissen Brot, über den er das Gebet gesprochen hat.
+
+Als Gesicht und Hände warm geworden sind, legt er seine Stirn in Falten,
+spitzt die dünnen blauen Lippen und beginnt zu blasen. Der Schüler
+starrt ihn unverwandt an. Doch als die zitternden Lippen des Greises dem
+ersten Löffel Grütze entgegeneilen, packt ihn etwas am Herzen: er
+bedeckt sein Gesicht mit den Händen und schrumpft gleichsam ein.
+
+Nach einer Weile kam ein anderer Bursche, ebenfalls mit einer Schüssel
+Grütze und einem Stück Brot, und sagte:
+
+»Reb Jojssef schickt dem Schüler sein Frühstück!«
+
+Doch der Schüler zog die Hände vom Gesicht nicht fort. Der
+Rosch-Jeschiwo legte seinen Löffel weg und ging an den Schüler heran.
+Einige Zeit betrachtete er ihn mit Stolz und Liebe, dann berührte er
+seine Schulter:
+
+»Man hat dir Essen gebracht!« weckte er ihn mit freundlicher Stimme.
+
+Der Schüler nahm seine Hände langsam und unwillig vom Gesicht weg. Das
+Gesicht war noch blasser geworden, und die Augen brannten noch
+unheimlicher.
+
+»Ich weiß, Rebbe!« antwortete er. »Doch ich werde heute nicht essen.«
+
+»Den vierten Tag fasten?« fragte der Rosch-Jeschiwo erstaunt. »Und ohne
+mich?« fügte er etwas beleidigt hinzu.
+
+»Es ist ein eigener Fasttag,« antwortete der Schüler. »Ich faste heute
+zur Buße ...«
+
+»Was redest du? Wie kommst du zur Buße?«
+
+»Gewiß, Rebbe! Ich muß büßen ..., weil ich vor einem Augenblick, als Ihr
+zu essen begannt, gegen das Gebot 'Laß dich nicht gelüsten' sündigte!«
+
+ * * * * *
+
+In der folgenden Nacht weckte der Schüler den Lehrer. Die beiden
+schliefen einander gegenüber auf Bänken in der Lehrstube.
+
+»Rebbe, Rebbe!« rief der Schüler mit schwacher Stimme.
+
+»Was ist?« Der Rosch-Jeschiwo erwachte und erschrak.
+
+»Ich war soeben auf dem höchsten Gipfel ...«
+
+»Wieso?« fragt der Rosch-Jeschiwo, noch etwas verschlafen.
+
+»Es hat =in mir= gesungen!«
+
+»Wieso? Wieso?«
+
+»Das weiß ich selbst nicht, Rebbe,« antwortete der Schüler kaum hörbar.
+»Ich konnte nicht einschlafen und vertiefte mich in Euren Vortrag ...
+Ich wollte um jeden Preis jene Melodie kennen lernen ... Und vor großem
+Kummer, daß ich es nicht konnte, fing ich zu weinen an ... Alles weinte
+in mir, alle meine Glieder weinten vor dem Schöpfer der Welt! Und dabei
+machte ich die Gebetübungen, die Ihr mich gelehrt habt, doch seltsam:
+nicht mit dem Munde, sondern tief im Innern! Und plötzlich wurde es so
+hell. Ich hielt die Augen geschlossen, und doch war es um mich hell,
+sehr hell, blendend hell ...«
+
+»Recht so!« sagte der Alte, sich vorbeugend.
+
+»Und vor dieser Helle wurde mir so gut, so leicht ... Es war mir, als ob
+ich keine Schwere mehr hätte, als ob mein Leib jedes Gewicht verloren
+hätte und fliegen könnte ...«
+
+»Recht so!«
+
+»Dann wurde es mir so lustig, so lebendig zumute ... Mein Gesicht blieb
+unbeweglich, meine Lippen rührten sich nicht, und doch lachte ich ...
+Lachte so gut, so herzlich, so fröhlich ...«
+
+»So, so! Ganz recht: in höchster Freude ...«
+
+»Dann summte etwas in mir, wie der Anfang einer Melodie ...«
+
+Der Rosch-Jeschiwo sprang von seiner Bank auf und war mit einem Satz
+beim Schüler.
+
+»Und weiter?«
+
+»Und weiter fühlte ich, wie es in mir zu singen anfing ...«
+
+»Was hast du dabei gefühlt? Was? Was? Sag!...«
+
+»Ich fühlte, daß alle meine Sinne geschlossen und verstopft sind, und in
+mir inwendig etwas singt ... Ganz wie es sich gehört: ohne Worte und
+ohne Töne, so ...«
+
+»Wie? Wie?«
+
+»Nein, ich kann es nicht ... Früher konnte ich es noch ... Dann wurde
+aus dem Singen ...«
+
+»Was wurde aus dem Singen? Was?«
+
+»Eine Art Musik ... Gleich als ob ich in mir eine Geige hätte, oder als
+ob in meinem Innersten der Spielmann Jojne säße und eines der Stücke
+spielte, die er beim Rabbi an der Tafel spielt! Es klang aber noch viel
+schöner, edler, trauriger! Und alles ohne Töne, ganz ohne Töne, rein
+geistig ...«
+
+»Wohl dir! Wohl dir! Wohl dir!«
+
+»Und nun ist alles weg!« sagt der Schüler sehr traurig. »Meine Sinne
+sind wieder erwacht, und ich bin so müde, so furchtbar müde, daß
+ich ...«
+
+»Rebbe!« schreit er plötzlich auf, sich an die Brust greifend. »Rebbe,
+sprecht mir das Sterbegebet vor! Man ist mich holen gekommen! Sie
+brauchen dort oben einen neuen Chorjungen! Ein Engel mit weißen
+Flügeln... Rebbe! Rebbe! Schma Ißroel!(7) Schma ...«
+
+ (7) Schma Ißroel: »Höre, Israel«, das heiligste jüdische Gebet.
+
+ * * * * *
+
+Das ganze Städtchen wünschte sich einen solchen Tod. Doch dem
+Rosch-Jeschiwo war es zu wenig.
+
+»Noch einige Fasttage,« seufzte er, »und er wäre noch ganz anders
+gestorben: durch einen Kuß von Gottes Munde!«
+
+
+
+
+Berl der Schneider
+
+
+Erew Jom-Kippur -- Vorabend des Versöhnungstages -- in der Berditschewer
+Schul. Es senkt sich die Nacht. Die alten Leute haben bereits vor dem
+Thoraschreine das Gebet: »Mit Wissen des Schöpfers und mit Wissen der
+Schöpfung ...« gesprochen und sind auf ihre Plätze zurückgekehrt. Rabbi
+Levi-Jizchok steht am Vorbeterpult: er soll das Kol-Nidrej anstimmen,
+doch er schweigt.
+
+Alle Blicke hängen an seinem Rücken. In der Weiberabteilung ist es still
+wie auf dem Meere vor dem Sturme. Vielleicht wird er zuvor, wie er das
+schon manchmal tat, einige Worte sprechen, wird sich in der gemeinen
+Volkssprache mit dem Schöpfer der Welt auseinandersetzen, wie ein Mensch
+mit seinem Nächsten spricht.
+
+Aber Rabbi Levi-Jizchok steht, in Kittel(8) und Gebetmantel gehüllt, vor
+dem Pulte und schweigt.
+
+ (8) Kittel: Totenhemd, das jeder Jude am Versöhnungstage während des
+ Gottesdienstes trägt.
+
+Was hat das zu bedeuten?
+
+Sind die Tore des Gebets zu einer so späten Stunde noch geschlossen? Hat
+Rabbi Levi-Jizchok nicht die Kraft anzuklopfen? Er hält seinen Kopf
+etwas geneigt, wie lauschend; lauscht er, ob man die Tore nicht schon
+aufschließt?
+
+Und plötzlich wendet sich Rabbi Levi-Jizchok um und ruft:
+
+»Schuldiener!«
+
+Der Schuldiener eilt zu ihm hin, und der Rabbi fragt:
+
+»Ist Berl der Schneider noch nicht da?«
+
+Die Gemeinde ist vor Erstaunen wie versteinert. Der Schuldiener
+stammelt: »Ich weiß nicht ...« und sieht sich um. Auch Rabbi
+Levi-Jizchok mustert die Anwesenden.
+
+»Nein, er ist noch nicht da!« sagt er schließlich. »Ist zu Hause
+geblieben.« Und dann wendet er sich wieder zum Schuldiener:
+
+»Geh zu Berl dem Schneider ins Haus und ruf ihn her! Ich, Levi-Jizchok,
+der Rabbi der Stadt, ließe ihn rufen!«
+
+Berl der Schneider wohnt in der Schulgasse, nicht weit vom Bethause. Und
+er kommt auch sehr bald, ohne Kittel und Gebetmantel, in
+Werktagskleidern. Sein Gesicht ist finster, seine Augen sind böse und
+erschrocken zugleich. Er geht auf Rabbi Levi-Jizchok zu und sagt:
+
+»Ihr habt mich rufen lassen, Rabbi, so bin ich zu =Euch= gekommen.«
+
+Er betont: »Zu Euch«.
+
+»Sag einmal, Berele,« fragt der Rabbi lächelnd, »warum wird heute dort
+oben von dir so viel gesprochen? Die himmlischen Heerscharen sind nur
+mit dir allein beschäftigt. Man hört nichts als: Berl der Schneider und
+Berl der Schneider!«
+
+»Aha!« triumphiert Berl.
+
+»Hast du irgendeine Beschwerde vorzubringen?«
+
+»Gewiß!«
+
+»Gegen wen denn, Berele?«
+
+»Gegen den Schöpfer der Welt!« antwortet Berl.
+
+Die Gemeinde hätte ihn in Stücke gerissen. Doch Rabbi Levi-Jizchok
+lächelt noch freundlicher.
+
+»Vielleicht wirst du uns erzählen, um was es sich handelt?«
+
+»Gerne!« sagt Berl. »Von mir aus kann die Sache sogar gleich hier von
+Euch entschieden werden. Darf ich sprechen?«
+
+»Sprich!«
+
+»Den ganzen Sommer lang«, beginnt Berl der Schneider seine Anklage,
+»habe ich, nicht auf Euch gesagt, Rabbi, gar keine Arbeit gehabt ...
+Weder von einem Juden, noch von einem Bauern. Ich könnte mich einfach
+hinlegen und sterben, so schlecht ging es mir!«
+
+»Ach!« zweifelt der Rabbi: »Der Same Abrahams, Isaaks und Jakobs ist
+doch mildtätig, -- du hättest auf die Barmherzigkeit der Leute vertrauen
+sollen!«
+
+»Darum handelt es sich nicht, Rabbi. Ich sage niemandem ein Wort und
+nehme von niemandem etwas an.«
+
+Von einem Geschöpf aus Fleisch und Blut nimmt er keine Geschenke an. Er
+hat vor dem Schöpfer der Welt die gleichen Rechte wie die andern Leute.
+Das einzige, was er getan hat -- er hat seine Tochter in eine größere
+Stadt zu fremden Menschen dienen geschickt. Und er sitzt allein zu Hause
+und wartet, was der Schöpfer mit ihm zu tun beschließt.
+
+Einmal vor dem Laubhüttenfeste geht die Tür auf. Aha! Nun hat er es doch
+erlebt. Und in der Tat, es ist ein Bote vom Gutsherrn: Berl soll ihm
+einen Mantel mit Pelz füttern. Der Schöpfer will also doch um ihn
+sorgen! Er geht aufs Schloß, man führt ihn in ein eigenes Zimmer und
+übergibt ihm den Mantel und die Felle.
+
+»Hättet Ihr nur die Felle gesehen, Rabbi! Die schönsten Fuchsfelle, die
+es nur gibt!«
+
+Es ist aber die höchste Zeit zum Kol Nidrej-Gebet. Darum sucht der Rabbi
+die Erzählung abzukürzen:
+
+»Also kurz und gut, du hast den Mantel gefüttert und warst fertig. Was
+geschah dann?«
+
+»Eine Kleinigkeit geschah: drei Felle blieben mir übrig.«
+
+»Und die hast du eingesteckt?«
+
+»Das ist leichter gesagt, Rabbi, als getan! Denn wenn man aus dem
+Schlosse kommt, steht vor dem Tore ein Wächter, und wenn dieser Verdacht
+hat, so durchsucht er die Kleider und zwingt sogar einen, die Stiefel
+auszuziehen. Und findet man bei mir, Gott behüte, die Felle, so hat der
+Gutsherr böse Hunde und Reitknechte ...«
+
+»Was tatest du nun?«
+
+»Bin ich aber doch Berl der Schneider! Ich gehe in die Küche und bitte,
+daß man mir ein Brot schenkt.«
+
+»Christenbrot, Berele!«
+
+»Nicht zum Essen brauchte ich es, Rabbi! Man schenkt mir einen großen
+Laib. Ich gehe damit in das Zimmer, wo ich genäht habe, schneide das
+Brot auf, höhle die Hälften aus, rolle das Weiche, das ich
+herausgenommen, so lange in den Händen herum, bis es den Geruch vom
+Schweiß annimmt, und werfe es dem Hunde vor, der in dem Zimmer liegt.
+Hunde lieben Menschenschweiß. Und die drei Fuchsfelle stecke ich in den
+Laib und gehe. Am Tore hält man mich an: Was trägst du, Jude, unterm
+Arm? Ich zeige den Brotlaib her, und man läßt mich gehen. Etwas weiter
+beginne ich schon zu laufen. Ich gehe nicht durch die Landstraße,
+sondern nehme den kürzeren Feldweg.
+
+»So gehe ich und hüpfe beinahe vor Freude: Nun werde ich zum
+Laubhüttenfest einen eigenen Palmenzweig haben und einen eigenen
+Paradiesapfel! Nichts von der Gemeinde Geborgtes ... So schöne
+Fuchsfelle!...
+
+»Da erzittert unter mir die Erde ... Ich weiß schon, was das ist: ein
+Reiter jagt mir nach! Das Blut erstarrt in mir. Sie haben wohl die Felle
+nachgezählt ... Entrinnen kann ich nicht: es ist doch ein Reiter, und
+dazu noch auf einem von den Pferden des Gutsherrn! Ich werfe sofort den
+Brotlaib in die Stoppeln und merke mir die Stelle, mache mir für alle
+Fälle ein Zeichen. Und schon höre ich, wie man mich ruft: Berl! Berl! --
+Ich erkenne die Stimme: es ist wirklich der Reitknecht vom Gutshof. Alle
+Glieder zittern mir, Rabbi! Meine Seele sitzt mir in den Fußknöcheln ...
+Ich wende mich aber um und gehe dem Reiter entgegen.
+
+»Nun stellt sich heraus, der ganze Schreck war umsonst: ich hatte
+vergessen, an den Pelzmantel ein Hängsel anzunähen. Darum hatte man mir
+den Reiter nachgeschickt. Der Reiter setzt mich hinter sich aufs Pferd,
+und schon reiten wir zurück.
+
+»Ich danke Gott für die Rettung, nähe das Hängsel an und gehe. Doch wie
+ich zu der bewußten Stelle komme, ist der Brotlaib nicht mehr da! Die
+Felder sind längst abgemäht, kein Menschenkind kommt da vorbei, und kein
+Vogel in der Welt hat die Kraft, eine solche Last wegzuschleppen ... Es
+ist also klar, wer das getan hat ...«
+
+»Wer?« fragt Rabbi Levi-Jizchok.
+
+»Er!« antwortet Berl der Schneider und deutet mit dem Finger nach oben.
+»Der Schöpfer der Welt! Sein Werk ists! Und ich weiß, Rabbi, warum er
+das getan hat: Er, der große Herr, will nicht dulden, daß ich, Berl der
+Schneider, mir nach Schneiderart einen Rest aneigne ...«
+
+»Es stimmt ja auch,« sagt Rabbi Levi-Jizchok mild: »Nach dem Gesetz ...«
+
+»Ach was, Gesetz!« ereifert sich Berl. »Der Brauch bricht ein Gesetz.
+Nicht ich habe den Brauch eingeführt; er stammt von uralten Zeiten!«
+
+»Und wenn schon der Schöpfer der Welt,« fährt er fort, »der große und
+stolze Herr nicht will, daß ich, Berl der Schneider, der ärmste Knecht
+von allen Knechten, die ihm dienen, mir einen Rest aneigne, so soll er
+mir Arbeit verschaffen, so soll er mir, wie jeder andre Herr, Gehalt
+zahlen! Aber er duldet nicht das eine und gibt mir nicht das andre. Nun
+will ich ihm, dem Schöpfer der Welt, nicht länger dienen. Ich habe es
+gelobt! Es ist aus!«
+
+Durch die Gemeinde geht eine Bewegung. Drohende Hände erheben sich. Man
+will auf den Schneider losstürzen. Doch Rabbi Levi-Jizchok gebietet
+Ruhe. Es wird wieder still, und der Rabbi fragt gütig:
+
+»Und was geschah weiter, Berl?«
+
+»Nichts! Ich komme nach Hause und esse, ohne zuvor die Hände zu waschen.
+Mein Weib will mich zur Rede stellen -- ich schlage sie ins Gesicht. Ich
+lege mich zu Bett und spreche nicht das Abendgebet. Meine Lippen wollen
+von selbst 'Höre Israel!' sprechen, doch ich beiße sie mit den Zähnen.
+Und am Morgen: weder Segensspruch, noch Handwaschung, noch Morgengebet:
+Er soll mir zu essen geben! Mein Weib rennt aus dem Hause ins Dorf zu
+ihrem Vater, dem Pächter. Also bleibe ich ohne Weib! Es ist mir sogar
+lieber so: ich bin ja Berl der Schneider, doch sie ist nur ein schwaches
+jüdisches Weib, -- soll sie lieber damit nichts zu tun haben. Und ich
+tue das meinige: am Laubhüttenfest weder Laubhütte, noch Palmenzweig. An
+den Festtagen spreche ich keinen Segensspruch über den Wein, und am
+Simchas-Tojre-Tag, an dem uns die Thora gegeben wurde, ziehe ich mir,
+wie Mordechai nach Hamans Mordbeschluß, zum Zeichen der Trauer einen
+Sack an!
+
+»Und wie die Zeit vor dem Neujahrsfeste kommt, wenn man jede Nacht ins
+Bethaus geht, um Bußgebete zu sprechen, da wird es mir schon etwas
+bange: der Schuldiener klopft jede Nacht ans Fenster, um mich zu wecken,
+und mein Herz klopft auch. Es zieht mich hin ... Aber ich bin ja Berl
+der Schneider und halte mein Wort! Ich ziehe mir die Bettdecke über den
+Kopf und gebe nicht nach. Dann kommt das Neujahrsfest -- ich rühre
+keinen Finger. Und wenn die Stunde kommt, wenn man Schojfer(9) bläst,
+stopfe ich mir Werg in die Ohren ... Das Herz will mir aus dem Leibe
+springen, Rabbi! Ich habe vor mir selbst Ekel: ich bin ungewaschen und
+trage schmutzige Werktagskleider. Ein kleiner Spiegel hängt bei mir in
+der Stube -- ich kehre ihn um zur Wand, ich will mich nicht sehen! Und
+wie ich höre, daß die Gemeinde zum Flusse geht, um die Sünden ins Wasser
+abzuschütteln ...«
+
+ (9) Widderhorn, das am jüdischen Neujahrstage geblasen wird.
+
+Er verstummt für eine Weile und ruft dann aus:
+
+»Aber recht habe ich, Rabbi! Und ohne was zu erreichen, will ich nicht
+nachgeben!«
+
+Rabbi Levi-Jizchok denkt eine Weile nach und fragt:
+
+»Was willst du also, Berl? Willst du Arbeit und Verdienst?«
+
+»Ich spucke auf Verdienst!« erwiderte Berl beleidigt. »Verdienst hätte
+ich =vorher= haben sollen! Auf Verdienst hat jedermann Anrecht! Der
+Vogel in der Luft, der Wurm in der Erde -- sie alle haben ihr Auskommen.
+Verdienst ist etwas Selbstverständliches. Jetzt will ich mehr!«
+
+»Sag doch, Berl, was du willst!«
+
+»Ist es wahr, Rabbi, daß am Jom-Kippur nur die Sünden des Menschen gegen
+Gott verziehen werden?«
+
+»So ist es!«
+
+»Und die Sünden des Menschen gegen seinen Nächsten nicht?«
+
+»Nein.«
+
+Berl der Schneider richtet sich auf und sagt laut und bestimmt:
+
+»Also werde ich, Berl der Schneider, nur dann nachgeben und wieder in
+den Dienst des Schöpfers der Welt treten, wenn er mir zuliebe an diesem
+Jom-Kippur auch die andern Sünden verzeiht! Habe ich nicht recht,
+Rabbi?«
+
+»Du hast recht!« erwidert der Rabbi. »Bleibe nur dabei -- man wird dir
+schon nachgeben müssen ...«
+
+Und er wendet sich wieder zum Betpult, richtet den Kopf in die Höhe,
+lauscht hinauf und verkündet nach einer Weile:
+
+»Du hast es durchgesetzt, Berl! Nun schnell nach Haus, hole Kittel und
+Gebetmantel!«
+
+
+
+
+Der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben
+
+Eine Geschichte von Jojchenen dem Melamed(10)
+
+ (10) Jüdischer Kleinkinderlehrer.
+
+
+I
+
+Vorrede. Ich entschuldige mich und bekenne meine Ansicht, daß es in der
+Welt keinen Unglauben gibt
+
+Meine Herren! Ich, Jojchenen der Melamed, will euch eine Geschichte
+erzählen. Und die Geschichte, die ich euch erzählen will, ist wie ein
+Rädchen in einem Rade: eine Geschichte in einer anderen Geschichte.
+
+Beide Geschichten habe ich nicht erfunden oder, wie man sagt, aus den
+Fingern gesogen. Ich bin, gottlob, kein Schreiber. Ich erzähle sie euch
+ganz einfach, ohne Salz und Schmalz; Wortgeklingel lieb ich nicht ...
+Wer die Wahrheit sagt, braucht keine Kunstgriffe, der spricht einfach
+seine Muttersprache.
+
+Eine Vorrede muß ich euch aber doch geben: diese Geschichten, die ich
+erzählen will, werden euch möglicherweise zeigen, daß ihr, meine Herren,
+in vielen Dingen zu weit gegangen seid und euch zu sehr auf eure Sinne
+verlassen habt; daß es in der Welt Dinge gibt, von welchen weder euch
+noch euren größten Weisen je geträumt hat ... Darum bitte ich euch, mir
+das nicht übelzunehmen.
+
+Wenn ihr wollt, könnt ihr glauben, und wenn nicht, so nicht.
+
+Ich will mich auch gleich vor meinen Freunden rechtfertigen: es wird
+meine Freunde vielleicht verdrießen, daß ich sozusagen aus der Schule
+plaudere, und dazu noch heutzutage, wo es so viel Unglauben gibt ... und
+daß dadurch ein Ärgernis entstehen kann. Gott bewahre! Ich will ihnen
+sagen, daß es überhaupt keinen Unglauben auf der Welt gibt: das mit dem
+Unglauben ist eine erfundene Sache!
+
+Denn die ganze Welt ist nichts als Glauben!
+
+Könnte es denn auch anders sein?
+
+Die Welt ist unendlich groß, hat wirklich keine Grenzen! Und unser
+Verstand ist so klein, so winzig, daß wir einem Menschen gleichen, der
+in einer finsteren Nacht, mit einem Pfenniglicht in der Hand, das kaum
+vier Schritt weit leuchtet, durch eine öde, finstere Wüste geht!
+
+Ich bleibe bei meiner Meinung: ohne Glauben kann man überhaupt nicht
+auskommen! Die Vernunft allein reicht nicht aus. Wo kommt dann das
+Märchen vom Unglauben her? Nun, diese nichtsnutzigen Schreiber, die für
+das einfache Volk, für Köchinnen und Dienstmädchen Bücher verfassen, die
+Geschichten von Mördern und Räubern, von Falschmünzern und
+Wechselfälschern ausdenken, nur um die Leute zu erschrecken und ihr Blut
+in Wallung zu bringen, -- diese selben Schreiber haben auch den
+Unglauben und den Irrglauben erfunden! Und zwar mit demselben Zweck: um
+das gemeine Volk -- die Dienstmädchen, Schuster- und Schneiderlehrlinge
+-- zu erschrecken ...
+
+Doch in Wahrheit: ohne Glaube kein Wille; einfach jüdisch gesprochen
+heißt das, daß ein Mensch, der nichts glaubt, auch nichts will und zu
+nichts Lust hat!
+
+Ein solcher Mensch ist nichts mehr als ein Lehmklumpen, ein Stück Holz!
+Und wenn du Menschen siehst, welche Gelüste haben oder ihre Gelüste
+zugunsten andrer, größerer oder erhabenerer überwinden. Menschen, welche
+essen und trinken, Familienglück genießen, im Schweiße ihres Angesichts
+arbeiten und den Kopf voller Geschäfte haben, so wisse, daß diese
+Menschen =glauben=! Daß sie zumindest an ihr eigen Leben glauben!...
+
+Denn zweifeln kann man ja schließlich auch daran! Wenn man will, so sagt
+man: Das Leben ist nichts! Und dagegen läßt sich schon wirklich nichts
+machen.
+
+Doch die Regel ist: alle glauben. Nur glaubt der eine, daß der Leviathan
+vor dem Schor-ha-Bor(11) verzehrt werden wird; und der andre sagt: nein,
+umgekehrt, der Schor-ha-Bor kommt zuerst, und dann der Leviathan als
+Zuspeise. Und ein »aufgeklärter« junger Mann, der weder an den Leviathan
+noch an den Schor-ha-Bor glaubt, der glaubt an den Äther! Und was ist
+dieser Äther? Da erklärte mir ein solcher junger Mann: der Äther ist
+etwas, was weder Körper noch körperliche Kraft, weder Seele noch
+überhaupt etwas Geistiges ist; er nimmt keinen Raum ein und hat kein
+Gewicht ... Mit einem Worte: er ist ein »Ja« und ein »Nein« zugleich!
+
+ (11) Leviathan (aus dem Buche Hiob) und Schor-ha-Bor (ein Riesenstier
+ der talmudischen Sage) sollen bei Messias' Ankunft von den Gerechten
+ verzehrt werden.
+
+Frage ich ihn, ob er den Äther gesehen hat? Nein! Aber er glaubt an ihn!
+Kurz und gut: alle glauben.
+
+Was ist dann der Unterschied? Nun, jeder glaubt an =seinen= Rebben,
+jeder hat =seinen= Glauben, sozusagen =seinen= kleinen Götzen.
+
+Alle blicken fremden Leuten auf den Mund. Alle küssen; doch der eine
+küßt den Vorhang vor dem Thoraschreine, wenn er auch nicht weiß, was im
+Schreine ist; der andre das kabbalistische Buch »Megillo Tmirin«, wenn
+es vom Tische herunterfällt; ich habe sogar mit meinen eigenen Augen
+gesehen, wie einer von ihren Leuten die »Geheimnisse von Paris« küßte.
+Und ich habe aus sicherer Quelle gehört, daß diese »Geheimnisse« die
+schauerliche Geschichte von einem gewissen Charbojno darstellen -- doch
+nicht von unserem Charbojno, seligen Angedenkens, aus dem Buche
+Esther(12), sondern von einem Pariser Holzhacker, der barfuß auf
+Glasscherben herumging -- und noch ähnliche Lügen, die ein Pariser
+Lügner erfunden und ein Wilnaer »Aufgeklärter« in die heilige Sprache
+übersetzt hat.
+
+ (12) Kap. 1, V. 10.
+
+Meine Herren! Ich habe gottlob viel vom Leben und von der Welt gesehen;
+ich war Melamed in Dörfern und in kleinen Städten und auch in großen
+Städten. Seit sieben Jahren bin ich, Gott sei Dank, Melamed in Warschau,
+und ich komme, gottlob, unter Menschen, und ich kenne Menschen! Ich
+kenne Misnagdim(13), die beim chassidischen Gebet »_Wajizmach purkonej_«
+aus der Haut fahren, und ich kenne Chassidim, die einen, der zu einem
+andern Rebben fährt, für einen Ketzer -- daß Gott davor behüte! --
+halten.
+
+ (13) Misnagdim: Gegner der Chassidim sowie auch überhaupt alle
+ Nicht-Chassidim.
+
+Ich kenne auch »Aufgeklärte«, sogar sehr viele; bedeutende und
+unbedeutende, solche, die wirklich was wissen, und gewöhnliche
+Schreiberseelen; ich kenne sogar viele, sehr viele Abtrünnige. Das alles
+kenne ich. Doch einen Menschen, der nicht glaubt, habe ich noch nie
+gesehen!
+
+Ich wage sogar die Behauptung aufzustellen, daß es in der ganzen
+Gesellschaft der »Aufgeklärten« keinen einzigen gibt, der seinen eigenen
+Zuschnitt, sein eigenes System, seinen eigenen Weg hätte. Ich sah unter
+ihnen keinen einzigen, der seine eigene Ansicht über die Dinge hätte;
+mit Ausnahme von vielleicht zwei oder drei ganz großen Karpfenköpfen ...
+Und die ganze übrige Gesellschaft, wie ihr sie seht, ist nicht ein
+ausgeblasenes Ei wert! Auch sie sind Chassidim, nur von einer andern
+Richtung! Sie glauben eben an =ihren= Rebben! Und sie hängen an =ihrem=
+größten Mann der Zeit, genau so, wie wir an dem unsrigen!
+
+Und ich kann einen heiligen Eid schwören, daß keiner von ihnen ein
+eigenes Lehrgebäude hat, nicht einmal für eine Stunde! Nichts als Glaube
+an den Großen der Zeit. Und sie sprechen ihm alles nach, ohne einen
+Unterschied zu machen zwischen dem, was er mit Überlegung, bei klarem
+Verstande und im Ernst gelehrt, und dem, was er so nebenhin, oder im
+Zorne, oder gar nur, um zu widersprechen, gesagt hat.
+
+Ganz wie bei unsern Gesinnungsgenossen! Es ist nicht der geringste
+Unterschied!
+
+Und wenn einer von dieser Gesellschaft zu mir kommt und sagt, daß er an
+nichts glaubt, so ist es einfach dumm: ich werde ihn doch nicht dadurch
+beschämen, daß ich ihm meine Ansicht sage. Für mich selbst weiß ich
+aber, daß er entweder Spaß macht oder einfach prahlt; und gerade ein
+solcher fürchtet sich, nachts allein auszugehen! Und vielleicht =muß= er
+überhaupt so sprechen, weil es sein Geschäft verlangt. Was tut der
+Mensch nicht wegen seines Geschäfts!... Und er kann ja auch ein ganz
+dummer Mensch sein, der nicht einmal weiß, =was= er nicht weiß und was
+man glauben muß!
+
+Und wenn so, warum sollen wir uns dessen schämen, was wir glauben?!
+Worin sind denn unsere Gesinnungsgenossen ärger als alle die
+»Aufgeklärten«, die nichts andres tun, als Ammenmärchen und Wunder zum
+größern Ruhme ihrer Großen erzählen? Weil unsere Geschichten nicht
+erfunden sind? Weil wir die Leute nicht mit Schauergeschichten von
+Räubern und Mördern, Falschmünzern und Wechselfälschern erschrecken? Muß
+man denn unbedingt nur über solche Dinge schreiben, die glatt erfunden
+sind?
+
+Und ich will ja keine Geschichte von jenseit des Meeres oder aus uralten
+Zeiten erzählen, sondern eine wahre Begebenheit, die sich hier in
+Warschau und zudem vor ganz kurzer Zeit ereignet hat!
+
+Und vielleicht kommt jemand und sagt: Es ist nicht wahr! Die Sache ist
+erlogen!... Gut, soll er nur kommen, soll er sich unterstehen! Ich bin,
+Gott sei Dank, ein einfacher Melamed und kein Schreiber, Gott behüte!
+Und Lügen ist weder mein Handwerk noch mein Geschäft!
+
+Kurz und gut -- meine Geschichte ist wahr. Und wenn jemand kommt und ihr
+eine andere Deutung gibt? Gut, so werden wir ihn anhören.
+
+Bis hierher geht die Vorrede, und nun beginnt die Geschichte selbst.
+
+
+II
+
+Ein Ausspruch des »Schweigers« gesegneten Angedenkens. Die Vorzüge
+meines Bruders; er ruhe in Frieden. Ein guter Anfang
+
+Man erzählt vom »Schweiger«(14), gesegneten Angedenkens, daß er, als man
+ihn einmal fragte, warum er nicht, wie die andern Rebben, aus der Thora
+predige, einfach geschwiegen habe, wie er es bei allen Fragen zu tun
+pflegte.
+
+ (14) Zuname eines berühmten chassidischen Rebben.
+
+Doch zu einer andern Stunde, als er besonders gnädig aufgelegt war und
+man in ihn mit derselben Frage wieder drang, sagte er mit einem Lächeln:
+
+»Die Welt«, sagte er, »wundert sich über =mich=, warum ich nicht
+Thoraweisheit predige. Und ich wundere mich über diejenigen, die das tun
+können. Wie kann man in der Thora anfangen und aufhören, wo die Thora
+weder Anfang noch Ende hat und die Unendlichkeit selbst ist?
+
+»In Wirklichkeit ist es aber so: Leute, die keine Ahnung von der Thora
+haben und predigen, was ihnen gerade in den Sinn kommt, beginnen, wann
+und wo sie wollen, und endigen, wann und wo sie wollen. Denn die Thora,
+die sie predigen, ist nicht die Unendlichkeit, nicht die Thora des Herrn
+der Welt! Es ist ihre eigene, von ihnen erfundene Thora ... Doch einer,
+der die Thora wirklich kennt, predigt nicht, weil er nicht weiß, wo er
+beginnen und wo er endigen soll!
+
+»Und in weltlichen Dingen ist es auch so. Zum Beispiel bei einem
+Rechtsstreit, wenn man die Zeugen vernimmt. Ein wahrheitsliebender
+Mensch, der nicht lügen kann und will, beginnt seine Zeugenaussage mit
+den sechs Tagen der Schöpfung und kommt niemals zu der Sache selbst; und
+zum Schluß -- schon gar nicht! Doch einer, der frei aus dem Kopfe
+spricht, legt sich alles hübsch zurecht und spricht wie ein Mensch, der
+Anfang und Ende weiß ... Und seine Aussage fließt dahin wie Baumöl!«
+
+Dieselbe Regel gilt auch für jede Erzählung: der Schreiber, der sich
+alles aus den Fingern saugt, kann eine Geschichte beginnen, wann und wo
+er will; sie ist seine eigene Schöpfung, und er kann mit ihr tun, was
+ihm beliebt! Wenn er will, macht er sie kurz. Doch ich, der ich eine
+wahre Begebenheit erzählen will, weiß wirklich nicht, womit ich anfangen
+und womit ich endigen soll! »Es gibt nichts Neues unter der Sonne« --
+jede Sache hängt von einer früheren Sache ab, und die frühere von einer
+noch früheren, und diese letztere kann man auch nicht verstehen, wenn
+man nicht weiß, was noch früher war. Und so gelangt man zu den sechs
+Tagen der Schöpfung ... Doch zu Ehren meines geliebten Bruders
+Seinwel-Jechïel, er ruhe in Frieden, will ich mit ihm beginnen ...
+
+Es ist jedermann bewußt -- die ganze Franziskanergasse weiß es --, daß
+mein Bruder, gesegneten Angedenkens, ein großer Gelehrter und ein
+wirklich gottesfürchtiger Mann war.
+
+Er war Witwer, und in seinen alten Tagen blieb er ganz allein mit seiner
+Tochter, der Jungfrau Broche-Leë -- es soll zwischen Lebendigen und
+Toten wohl unterschieden werden! Er lebte in großer Not, und da er keine
+Kraft mehr zu unterrichten hatte, blieb er schließlich -- nicht auf euch
+gesagt und auf keinen Juden gesagt! -- ohne Brot. Und die Jungfrau
+Broche-Leë wuchs, unberufen, wie auf Hefe ... Mit einem Wort -- es war
+ein Jammer!
+
+Was tut Gott? Einige Hausväter, lauter geachtete feine Männer, deren
+Kinder mein Bruder unterrichtet hatte, tun sich zusammen und übernehmen
+es, Broche-Leë zu verheiraten und ihrem Vater, er ruhe in Frieden, die
+Mittel zu geben, damit er ins Heilige Land fahren kann.
+
+Obwohl die Reise nicht zum Abschluß gedieh, da er unterwegs -- nicht auf
+euch gesagt! -- an einem Herzschlag starb, so war ihm doch vergönnt, die
+Stadt Zfas im Heiligen Lande zu sehen, woselbst er seinen Geist aufgab
+und in einem jüdischen Grabe mit großen Ehren beigesetzt wurde.
+
+Der Rabbiner von Zfas hielt auf seinem Grabe einen feurigen Nachruf und
+druckte ihn, den Nachruf, in seinem Werke »Kostbare Perlen« ab; und wer
+in dieses Werk hineinsieht, leckt sich die Finger ab.
+
+Da ich jetzt schon einmal den Anfang habe, werde ich mit der
+eigentlichen Geschichte beginnen.
+
+
+III
+
+Die Geschichte selbst. Schlecht getroffen. Jammer. Broche-Leë wird von
+ihrem Mann verlassen
+
+Mildtätigkeit ist eine große Sache. Doch nur für den, der sie übt. Und
+ich beneide nicht den, der Almosen empfängt und vom Vorstand des
+Wohltätigkeitsvereins abhängt ...
+
+Aber ich beneide meinen Bruder, er ruhe in Frieden, daß er zur rechten
+Zeit verschied und den späteren Jammer nicht mehr sah!
+
+Denn die Hausväter, welche Broche-Leë die Mitgift gaben, hatten bloß das
+eine vergessen, daß sie die Tochter eines Gelehrten und eine fromme und
+reine Seele war. Bei der Wahl des Bräutigams berücksichtigten sie weder
+das, noch viel weniger die Verdienste ihres Vaters. Sie trachteten nur
+danach, ihr einen Ernährer zum Mann zu geben. Sie handelten ganz ohne
+Vorbedacht, nur um die Sache irgendwie zu erledigen. Man gabelte einen
+jungen Mann auf, der in einer Rechtsanwaltskanzlei halb angestellt war
+und ab und zu etwas verdiente. Und da er keine zu großen Ansprüche
+machte und ein Weib ernähren konnte, griff man zu. Man nähte die
+Aussteuer, hinterlegte die Mitgift, nahm Spielleute auf und feierte
+Hochzeit. Ich gratuliere!
+
+Die Wahrheit zu sagen, gefiel mir der junge Mann gar nicht. Auch mein
+Weib Feige, sie soll gesund sein, meinte, daß man keine besonders
+kostbare Anschaffung gemacht hatte. Da aber mein Bruder, er ruhe in
+Frieden, dazu gar nichts sagte, so schwiegen wir selbstverständlich
+auch.
+
+Doch dieses Schweigen war nicht klug!
+
+Kaum war mein Bruder, gesegneten Angedenkens, abgereist, als die
+Geschichte losging, und es sich zeigte, daß in dieser Ehe etwas nicht in
+Ordnung war. Ich hörte bald, daß der häusliche Friede beim jungen Paare
+etwas hinkte! Man zankte sich, man schrie, und die Nachbarn klopften an
+die Wände. Ich hörte auch, daß der junge Mann Mojsche-Ißroel nicht
+ausnehmend fromm war, was Broche-Leë sehr mißfiel. Und er schreckte sie
+damit, daß er den Kaftan ablegen und den kurzen deutschen Rock anziehen
+werde, daß er sogar selbst Rechtsanwalt werden wollte. Mojsche-Ißroel
+hielt ihr vor, daß die Hausväter ihn betrogen hätten: sie hätten ihm vor
+der Trauung eine andre, schönere Braut gezeigt; sie hätte er gewiß nicht
+genommen! Er bemängelte auch ihre Aussteuer: Alte Lumpen, sagte er. Auch
+hätte man ihm die übliche Beköstigung in den ersten Ehejahren
+versprochen und ihm hinterdrein die Zunge gezeigt. Noch sagte er, er
+hätte erwartet, daß die Wohltäter sich für ihn verwenden, ihn, wie er
+sagte, »protegieren« würden; sie hätten sich aber auf der Armenhochzeit
+nur angegessen und angetanzt und ihn später nicht über ihre Schwelle
+gelassen.
+
+Selbstverständlich wollte ich mich gleich in der ersten Stunde nicht
+einmischen ... Die Hausväter und meine Frau Feige, leben soll sie,
+wollten es nicht zulassen. Und schließlich ist es ja auch nichts Neues!
+Es kommt oft genug vor, daß es in der ersten Zeit nach der Hochzeit, ehe
+man sich aneinander gewöhnt hat, zwischen Mann und Weib Streitigkeiten
+gibt. Und später -- Gewohnheit ist die zweite Natur -- lebt man doch
+zusammen!
+
+Die Wahrheit zu sagen, gab es auch zwischen mir und meiner Frau Feige --
+sie soll gesund sein! -- im ersten Jahre nach der Hochzeit
+Zusammenstöße. Doch später, als die Kinder kamen und wir um unseren
+Lebensunterhalt selbst sorgen mußten, hörten diese Dummheiten auf. Ich
+suchte mir irgendein Geschäft; es glückte mir nicht, und so wurde ich
+Melamed. Und es ist wirklich nicht so schlimm -- man lebt -- möge es bis
+hundertundzwanzig Jahr' so weiter gehen!
+
+Also kurz und gut -- ich schwieg. Besonders, als mir meine Frau Feige,
+sie soll leben, über Broche-Leë eine vielsagende Andeutung machte. Und
+mir braucht man nicht erst einen Finger in den Mund zu legen. Also ein
+gutes Zeichen, daß es nur gut abläuft! Leider lief es aber nicht nach
+Wunsch ab.
+
+Er besserte sich nämlich gar nicht, er wurde sogar noch schlimmer.
+Dieser Prachtmensch hatte unsers Vaters Abrahams Eigenschaft: er sprach
+wenig und tat viel. Es genügte nicht, daß er sich deutsch kleidete, er
+begann auch ganze Nächte hindurch Karten zu spielen.
+
+Jeden Abend brachte er seine Kumpane mit ins Haus und zwang Broche-Leë,
+ihnen Tee zu kochen und sie mit Branntwein und Hering zu bewirten; und
+den Hering natürlich mit Essig und Öl -- anders paßt es ihm nicht. Und
+dazu weiße Semmeln; Schwarzbrot ist ihnen zu gering! Und wenn etwas von
+den sieben Sachen fehlte, machte er einen Krach. Obendrein verhöhnte er
+sie und machte sie zum Spott für die Leute. Und das nicht genug -- er
+beschimpfte sie noch mit den gemeinsten Ausdrücken!
+
+Nun sah ich ein, daß die Sache nicht gut steht und daß man weiter nicht
+schweigen darf. Ich faßte mir ein Herz und ging zum Ehepaar hin.
+
+Ich komme herein und fange, natürlich zunächst mit guten Worten an, mit
+=feinen= Reden, sogar mit einem Scherzwort, wie schon so meine Natur
+ist. Ich versuche die Sache zuerst freundschaftlich und gutmütig
+anzufassen und sage ihm, daß, obwohl er ein Verbrecher vor dem Herrn
+ist, die Sache noch nicht hoffnungslos sei; und ich schildere ihm das
+große Ansehen, das der Bußfertige im Himmel hat, und sage ihm, daß ihm
+auch die Verdienste von Broche-Leës gottseligen Ahnen im Himmel
+beistehen würden. Er müsse nur mit der Buße beginnen, nur einmal
+ernsthaft an Buße denken.
+
+Ich verspreche ihm noch, ihm menschlich näher zu treten, ihn in meinen
+Betzirkel einzuführen und sogar, falls ich einmal, so Gott will, zum
+Rebben fahren werde, ihn mitzunehmen; und noch ähnliche
+freundschaftliche Worte sage ich ihm.
+
+Da bricht er in ein Gelächter aus! Er lacht über mich, über meinen
+Betzirkel und über den Rebben! Er möchte, sagt er, auf alle diese
+schönen Sachen verzichten, wenn ich ihm nur Broche-Leë abnehme! Und
+dabei gebraucht er Ausdrücke, die man überhaupt nicht in den Mund nehmen
+kann!
+
+Notgedrungen mußte ich nun einen strengeren Ton anschlagen. Ich sagte
+ihm, daß er, obwohl er sich deutsch kleide, doch nur ein Ignorant und
+ein Taugenichts sei. Und dann sagte ich ihm noch ganz furchtlos: wenn er
+Buße tut, ists gut, und wenn nicht, so wird er manches schwarze und
+finstere Jahr in der Hölle zu kosten kriegen!
+
+Fängt er schon wieder zu lachen an: »Wer Hölle? Was Hölle?« Als ob er
+schon einmal dort gewesen wäre und gesehen hätte, daß es, Gott behüte,
+gar keine Hölle gibt! Und dann weist mir noch der freche Kerl die Tür!
+
+Was sollte ich tun? Broche-Leë ist, sehe ich, grün und gelb, die Tränen
+fließen ihr wie Bäche aus den Augen. Ich gehe also fort und lasse den
+Frechling vor das Rabbinergericht laden.
+
+Er kommt nicht hin, und ich lasse wieder eine Zeit verstreichen.
+
+Und da wurde es plötzlich still. Vom Ehepaar hörte ich gar nichts mehr.
+Das kam aber nur daher, weil der Verbrecher seiner Broche-Leë verboten
+hatte, über meine Schwelle zu kommen; sonst würde er sie windelweich
+schlagen! Broche-Leë ist aber ein gesittetes Weib und tut, was der Mann
+verlangt. Sie sitzt also zu Hause und vergießt heimliche Tränen.
+
+Und höre ich nichts, so weiß ich nichts!
+
+Inzwischen habe ich auch meine eigene Tracht Sorgen: meine Frau Feige
+wird mir krank; der Arzt sagt, es sei Fieber; die Nachbarn sagen etwas
+anderes, und ich meine, es kommt von einem bösen Blick. Das Haus ist
+ohne Hausfrau, die Kinder ohne Mutter und auch -- ohne Vater: es ist
+gerade Semesterwechsel, und ich muß herumlaufen, um mir noch zwei oder
+drei Schüler zu verschaffen. Und das ist nicht genug: ich bin auch
+selbst nicht ganz beisammen.
+
+Die Warschauer steilen Treppen nehmen mir alle Lebenskraft! Und dazu
+hetzt man mich noch von allen Seiten: der Hausherr mahnt das
+Wohnungsgeld, und ich bin ihm schon zwei Quartale schuldig geblieben!
+Und der Bezirksinspektor verlangt von mir, daß ich noch ein Zimmer
+hinzumiete, damit es die Schüler geräumiger haben, damit es in der
+Lehrstube mehr Luft gibt!
+
+Gott möge es mir verzeihen -- ich habe an Broche-Leë nicht mehr gedacht!
+Und sooft ich mich an sie erinnerte, sagte ich mir: da es so still ist,
+wird sich der Bösewicht wohl doch bekehrt haben, und sie tun jetzt
+nichts, als sich herzen und küssen! Und weil es ihr so gut geht, hat sie
+die armen Verwandten ganz vergessen.
+
+Aber einmal -- ich komme halb ohnmächtig und, nicht auf euch gesagt, mit
+geschwollenen Füßen nach Hause, will mir die Hände waschen, irgend etwas
+herunterschlingen, schnell das Tischgebet sprechen und die Knochen im
+Bette ausstrecken -- da verkündet mir meine Frau Feige eine frohe
+Botschaft: Broche-Leë war dagewesen, hatte bittere Tränen vergossen und
+uns Mörder gescholten, weil uns ihr Unglück nichts anginge; sie sei eine
+verlassene Waise, elend und einsam wie ein Stein.
+
+Sie erzählte noch, daß ihr Mann Mojsche-Ißroel sie martere und ihr
+Todfeind sei. Er schlage und prügele sie, so daß sie schon viele Male
+aus Nase und Ohren geblutet habe.
+
+Und ich frage meine Frau Feige: »Wie kann das sein? Daß ein Jude seine
+Frau schlägt, und dazu noch eine Frau in gesegneten Umständen?!...«
+
+Sie antwortet, daß es wohl von seiner wahnsinnigen Bosheit kommt;
+Mojsche-Ißroel hat den rechten Weg schon längst verlassen. Er hat jedes
+Gottvertrauen verloren; darum schreit er, er habe nicht mehr, wovon zu
+leben ... Und er verlangt -- sein Name und sein Andenken mögen
+ausgelöscht werden! -- daß Broche-Leë sich etwas antue ... Die ganze
+Welt macht es, sagt er, so; selbst die feinsten Damen ... Und da sie es
+nicht tun will, schlägt er sie und beschimpft sie und ihren Vater mit
+den schrecklichsten Flüchen!
+
+Wie ich höre, daß er meinem Bruder, gesegneten Angedenkens, flucht,
+werde ich voller Zorn! Ich vergesse alles andre, nehme meinen Stecken --
+mein Tod oder sein Tod! Abschlachten werde ich den Hund! -- und laufe
+ohne Atem und Besinnung aus dem Hause ...
+
+Und ich komme und sehe ...
+
+Einen Jammer sehe ich!
+
+Die Tür steht offen, in der Stube ists stockfinster. Der Kerl ist fort,
+durchgebrannt! Fort ist der ganze Hausrat, selbst die Bettwäsche hat er
+abgezogen ... Und wo ist sie?
+
+Sie liegt auf dem Boden und windet sich in Krämpfen ...
+
+
+IV
+
+Ein Wunder. Meine Frau Feige und ihre Taten. Man wirft mich hinaus, und
+wohin ich gehe
+
+Es geschah ein Wunder, daß meine Frau Feige, unberufen, ihren gesunden
+Menschenverstand behielt.
+
+Als ich den Stecken nahm und schrie, daß ich den Hund umbringen werde,
+nahm es sich meine Frau Feige gar nicht zu Herzen ... Sie weiß ganz gut,
+daß ich, Gott behüte, kein Mörder bin und nicht eine Fliege an der Wand
+töten kann; sie weiß, daß ich, wenn ich schon in Zorn gerate, vor allen
+Dingen zu weinen anfange. Ich habe schon einmal so eine Natur: vor Zorn
+fließen mir die Tränen wie Wasser.
+
+Meine Frau Feige weiß auch, daß ich selbst meine Schüler nicht so
+schlage, wie es sich gehört, und daß mir sogar die Väter deswegen
+Vorwürfe machen; auch ich selbst fürchte zuweilen, daß ich in dieser
+Hinsicht vor Gott und den Menschen sündige: denn oft ist so ein Hieb
+notwendig! Besonders seitdem einer meiner Schüler in schlechte
+Gesellschaft geriet, ist es meine feste Meinung, daß man zuweilen
+schlagen =muß=!
+
+Wir wollen aber nicht abschweifen!
+
+Also meine Frau Feige wußte ganz gut, daß ich ihm nichts tun würde, und
+blieb darum ruhig auf dem Bette sitzen. Doch später, als eine Stunde,
+zwei Stunden vergingen und ich noch immer nicht zurück war, bekam sie
+doch Angst und sagte sich, daß ich den Hund gewiß wie einen Fisch in
+Stücke geschnitten habe und dafür ins Loch gesperrt worden sei!
+
+Da gab es was! Sie vergaß alle ihre Schmerzen, die Kinder in den Betten
+und das bißchen Hausrat, das wir hatten, sprang aus dem Bette, warf sich
+etwas um und lief mir nach; vergaß sogar die Tür hinter sich zu
+schließen.
+
+Ich schau mich um, -- sie ist da. Und kaum ist sie da, als sie gleich
+auf den ersten Blick erkennt, was vorgeht. Vor allen Dingen, als sie
+mich wie ein Stück Holz dastehen sieht, schreit sie mich an:
+»Nichtstuer!« Und im gleichen Augenblick reißt sie die Tür auf und ruft:
+»Hilfe!« Sofort kommen einige Nachbarinnen. Meine Frau Feige übernimmt
+das Kommando, und die Nachbarinnen folgen ihren Befehlen. Und eines der
+Weiber wirft mich auf Feiges Befehl tatsächlich zur Tür hinaus.
+
+Wo geht man nun hin? Auf der Straße ist nasser Schnee, der Wind peitscht
+mir das Gesicht und stiehlt sich durch die Löcher in meine Kleider
+hinein ...
+
+Also gehe ich ins Bethaus. Dort sitzen noch einige Leute, die nach dem
+Beten ein wenig in den Talmud hineinschauen. Ich nehme mir auch einen
+Talmudband. Und fertig, mehr brauche ich nicht! Kaum öffne ich den
+Talmud, ist Broche-Leë vergessen! Vergessen ist ihr Mann, der Bösewicht!
+Und auch die ganze Welt. Wer ist von ihrem Mann verlassen? Wer ist
+durchgebrannt? Wer liegt in Kindsnöten? Das gibt es alles nicht!...
+
+
+V
+
+Meine Schüler. Wer ist mein Lehrer? Die Thora und ihr Lohn. Das
+Gleichnis vom Vogel. Schlimme Gedanken und Zweifel
+
+Wenn ich manchmal selbst mit großer Freude studiere, können es meine
+Schüler aus den reichen Häusern nicht begreifen. Sie fragen mich, ob
+=ich= auch noch lernen muß? Und wer =mein= Rebbe ist?
+
+Die Dummköpfe! Sie wissen nicht, daß die Welt ein guter Rebbe ist, und
+die Sorge ums Brot -- ein gar vortrefflicher Rebbe! Leiden und Unglück
+sind gute Melameds .. Die Mücke, die ewig das Gehirn sticht mit der
+Frage: »Und was werden wir essen?«, ist ein gar feuriger Rebbe! Und dann
+sind auch meine Schüler selbst mitsamt ihren Vätern -- meinen Brotgebern
+-- sehr feine Lehrer, ausgezeichnete Lehrer!
+
+Alles treibt zum Lernen. Aber wie die Thora, so auch ihr Lohn. Schlage
+ich den Talmud auf, so werde ich ein andrer Mensch. Ich fühle, daß sich
+mir der Himmel auftut! Daß der Herr der Welt mir in seiner großen Gnade
+Flügel, große und breite Flügel verliehen hat! Und ich fliege auf diesen
+Flügeln empor -- ich bin ein Adler, und ich fliege in weite Fernen fort;
+nicht übers Meer fliege ich, sondern aus der Welt ganz hinaus! Aus der
+Welt voller Lüge, Verstellung und bösen Leiden ...
+
+Und ich schwinge mich in eine ganz andre Welt hinauf, in eine neue Welt,
+in eine Welt, wo es nur Gutes gibt. In eine Welt, wo weder dickbäuchige
+Hausbesitzer noch unwissende vornehme Herren etwas gelten; wo es weder
+Geld noch Nahrungssorgen gibt, weder schwere Kindsnöte, noch hungernde
+Kinder, noch schreiende Weiber!
+
+Und dort bin ich, ich, der arme, kranke, unterdrückte, hungernde
+Melamed, ich ärmster Bettler, der ich hier stumm wie ein Fisch bin und
+von allen wie ein Wurm getreten werde, -- dort bin ich der Mensch, der
+Vornehme, dessen Meinung gilt! Und ich bin frei, und mein Wille ist
+frei, und =ich= habe zu befehlen! Welten baue ich auf und Welten
+zertrümmere ich und baue mir neue an ihrer Stelle! Neue, schönere und
+bessere Welten! Und ich lebe in diesen Welten und schwebe in ihnen
+herum! Ich bin im Paradiese, im wirklichen Paradiese!
+
+Und ich weiß, daß ich mehr weiß, als ich meinen Schülern mitteilen will
+und kann, mehr als ich mir selbst eingestehe. Ich ahne Dinge, die man
+mit den Lippen gar nicht aussprechen kann, die kein Auge sieht und kein
+Ohr hört, die nur im Herzen blühen, nur im Herzen leben und pochen!
+
+Die »zwei, die zugleich nach einem Gebetmantel greifen«, deren Streit
+der Talmud untersucht, sind für mich nicht zwei beliebige Menschen von
+der Straße, nicht ein Schimen und ein Ruben, wie ich es meinen Schülern
+erkläre; und auch der Gebetmantel, um welchen der Streit geht, ist kein
+gewöhnlicher Gebetmantel, wie man ihn im Laden von Jossel Pesches kaufen
+kann ... Ich fasse es tiefer an!
+
+Ich fange alle die Funken auf, die =zwischen= den Zeilen, =zwischen= den
+Worten, =zwischen= den Buchstaben leuchten; meine Seele saugt sie ein
+wie ein Schwamm! Ich fühle, wie mich das Licht, das der Frommen im
+Jenseits wartet, ganz durchtränkt und erfüllt!
+
+Ach, nur sitzen und studieren! Nur studieren!
+
+ * * * * *
+
+Und das muß ich euch auch sagen: wenn ich in reiche Häuser komme und
+sehe, wie die Leute ganze Nächte hindurch Karten spielen, oder die Zeit
+mit Weibern oder andern Eitelkeiten verbringen; oder wenn ich durch die
+Straße gehe und durch die offene Tür einer Schenke einen Handwerker
+sehe, wie er in einer Wolke von Tabakrauch sitzt und trinkt und dummes
+Zeug spricht; wenn ich das alles sehe, sage ich euch, werde ich gar
+nicht böse ... ich mache den Leuten gar keine Vorwürfe; im Gegenteil:
+mir tut das Herz weh vor Mitleid mit ihnen!
+
+Denn wenn wir es so betrachten, was sollen sie ohne Thora tun?
+
+Wie ich bereits erwähnte, gab ich einmal auch in einem Dorfe Unterricht.
+Mein Schüler zeigte mir, wie am Ende des Sommers alle Vöglein
+zusammenflogen, um unser Land noch vor Wintersanfang zu verlassen ...
+Ich sah, wie sie sich zu ganzen Heeren versammelten und davonflogen in
+weite Fernen ...
+
+Die kleinen Vöglein können und wollen hier nicht bei Schnee und Frost
+bleiben ... In dieser Zeit hat hier so ein armes Vöglein keinerlei
+Lebensmöglichkeit ... Und die Vöglein wissen es, sie fühlen es, daß der
+Winter naht, daß ihr Todesengel kommt ...
+
+Doch einmal sah ich, wie ein armes verkrüppeltes Vöglein mit einem
+gebrochenen Flügel auf der nassen, kalten Erde herumhüpfte; es piepste
+und konnte sich nicht vom Boden erheben, um den großen Vögeln
+nachzufliegen. Es war wirklich ein Jammer, zu sehen, wie das arme
+Vöglein keinen Platz finden konnte, wie es immer hüpfte und hüpfte, und
+den andern freien Vögeln, die schon davonflogen, nachsah ...
+
+Damals sagte ich mir: diesem kranken Vögelchen gleicht die Seele des
+Unwissenden!...
+
+Fliegen können sie nicht, denn sie haben keine Flügel -- keine Thora!
+Gib ihnen Thora, gib ihnen Flügel, so werden auch sie fliegen in die
+fernen Welten!
+
+Man hat ihnen aber die Flügel zerbrochen, und darum hüpfen sie immer im
+kalten Straßenschmutz herum ... Darum müssen sie schamlose Reden führen
+oder Karten spielen: der Reiche im Salon, der Arme in der Schenke ...
+
+Doch wollen wir zur Sache zurückkehren!
+
+Also ich sitze und studiere. Die paar Leute, die noch im Bethause waren,
+sind einer nach dem andern heimgegangen. Der Schuldiener ging als
+letzter fort.
+
+Was geht es mich an? Ich sehe es ja gar nicht!
+
+Bei Licht, im warmen Bethause, den offenen Talmudband vor mir, fürchte
+ich allein nichts! Ich bin vertieft, ganz wie es sich gehört.
+
+Die Thora gleicht doch, wie ihr wißt, dem Meere. Die Wellen schlagen und
+wollen mich verschlingen ... Doch ich kann schwimmen! Ich tauche unter
+und bin schon wieder oben! Zuweilen wird das Meer still; schön, rein und
+klar wie der Himmel liegt es da, und meine Seele badet im frischen,
+belebenden Wasser; sie gleitet wie über einen Spiegel dahin in Wonne und
+Schönheit ... Und das Wasser wäscht sie, reinigt sie von allen Flecken,
+von den schwarzen irdischen Stäubchen ...
+
+Und rein und heilig wird meine Seele ...
+
+Doch plötzlich fühle ich einen brennenden Schmerz in den Fingern, und
+ich sitze im Finstern ...
+
+Der Lichtstummel, den ich in den Fingern hielt, ist ausgegangen!
+
+Alleinsein im Finstern fürchte ich. Und es überfällt mich eine große
+Angst!
+
+Wenn es um mich herum hell ist, bei Tage oder auch bei Nacht, fürchte
+ich nichts. Mir ist gut! Ich sehe die Welt, und ich spüre den Hausherrn
+=über= der Welt! Ich sehe die Welt, und die Welt sieht mich. Und ich
+weiß, daß ich ein Teil der Welt bin, und daß ihr Hausherr auch mein
+Hausherr ist; daß ohne seinen Willen mir kein Haar gekrümmt werden kann.
+Er wird es nicht dulden, und auch die Welt selbst wird es nicht dulden.
+Warum sollten sie es auch zulassen?
+
+Aber wenn ich allein im Finstern bin und die Welt nicht sehe, dann --
+ach, dann höre ich überhaupt auf, Mensch zu sein! Mich befallen böse
+Gedanken, und es scheint mir -- Gott möge mich dafür nicht strafen --,
+daß ich gar keinen Zusammenhang mit der Welt mehr habe, daß man mich von
+ihr losgetrennt und aus ihr weggeführt hat ... Ich habe mit ihr nichts
+zu tun; weder ich, noch mein Weib, noch meine Kinder ... Nichts haben
+wir mit ihr zu schaffen! Gleich wird man mich oder einen von uns ganz
+still wegtun, und niemand wird es sehen, niemand wird es wissen und
+gewiß niemand fühlen.
+
+Kaum war das Licht ausgegangen, als mich gleich meine Festtagsseele, die
+nur während des Lernens in meinem Leibe ist, verließ und ich bei meiner
+zitternden, erschrockenen Werktagsseele blieb, bei der Seele des
+bettelarmen Melameds ... Ich bin wieder ein Nichts, ein Wurm, ein
+verlorenes Ding ...
+
+Und meine Lippen zittern: Gott soll helfen! Gott soll helfen!
+
+Und das Herz nagt und bangt: Broche-Leë wird gebären ... gewiß wird sie
+gebären. Sie wird sogar Zwillinge haben. Denn ihre Mutter war wegen
+ihrer Zwillingsgeburten berühmt!
+
+Du hast wohl zu wenig an eigen Weib und Kind? Also fällt dir noch
+Broche-Leë mit einem Kind zu, Broche-Leë mit zwei, mit drei Kindern ...
+Seinwel-Jechïel ruht im Grabe; er sitzt jetzt im Paradiese und lernt
+Thora. Und du arbeite und ernähre seine Tochter!
+
+Und böse Gedanken sagen mir: Wenn Gott sich erbarmen will, so hat er
+keinen andern Ausweg, als den Todesengel zu schicken ... zu mir ... zu
+der Gebärenden ...
+
+Barmherziger Gott! Barmherziger Gott!
+
+Und ich weiß, daß ich vor Gott sündige, daß ich in Gotteslästerung
+verfalle. Ich weiß das, doch ich habe nicht die Macht, den bösen
+Gedanken aus dem Herzen zu vertreiben ... Denn allein bin ich schwach
+und im Finstern noch schwächer!
+
+Ich weiß, daß das einzige Mittel dagegen die Thora ist, und ich will sie
+auswendig studieren; ich will mich auf eines der Probleme besinnen, doch
+ich kann nicht: ich habe alles vergessen, habe die ganze Thora
+vergessen!
+
+Und ich rief mit allen meinen Kräften aus:
+
+»Herr der Welt! Hilf mir! Hilf mir!«
+
+Und es geschah mir ein Wunder!
+
+
+VI
+
+Das Wunder. Das verborgene Licht. Erlösung einer Seele. Der Todesengel,
+welcher kommt, weil man ihn rief
+
+Als ich diese Geschichte später einem »Aufgeklärten«, einem meiner
+früheren Schüler erzählte, lachte er, und noch wie! Es war, sagte er,
+gar kein Wunder, sondern nur ein Zufall oder eine Einbildung, oder
+vielleicht gar ein Traum oder dergleichen.
+
+Was macht das?
+
+Jitro, Moses' Schwiegervater, hatte bekanntlich sieben Namen, und doch
+gab es nur =einen= Jitro!
+
+Nenne es, wie du willst: Zufall, Einbildung, Wunder, -- Geschichte
+bleibt Geschichte!
+
+Ich weiß nur, daß gerade in dem Augenblick, als ich, Gott behüte, in die
+tiefste Hölle hinabzustürzen glaubte, sich das ganze Bethaus mit Licht
+füllte! Es war eine so blaue Helle wie in den Lichtsäulen, die manchmal
+im Sommer von der Sonne durch ein Fenster schräg in die Stube fallen ...
+
+Man sieht ganz deutlich, daß eine solche Säule aus kleinen Lichttropfen
+besteht und daß jedes Tröpfchen in ihr strahlend herumwirbelt.
+
+Und eine solche Säule erfüllte damals das ganze Bethaus.
+
+Plötzlich werde ich ruhig ... und alles Denken hört auf!...
+
+Das Bethaus ist von einer süßen Helle erfüllt. Und ich -- von einem
+süßen, lichten Gottvertrauen! Und alles in mir ist so rein, so klar, so
+kristallen!
+
+Und wie ich nach der Ostwand blicke, von der die Lichtsäule kommt, sehe
+ich jemanden!
+
+Wen, glaubt ihr, sehe ich?
+
+Meinen Bruder, gesegneten Angedenkens, sehe ich! Und gerade auf dem
+Platze, wo er bei Lebzeiten immer zu sitzen und zu studieren pflegte.
+
+Er hat vor sich ein Buch ... Sein Gesicht kann ich nicht sehen, weil er
+den Kopf in die Hand stützt. Doch das Herz sagt mir, daß er es ist, mein
+Bruder Seinwel-Jechïel ...
+
+Und ich erschrak gar nicht!
+
+Denn die Regel ist: wer vor Lebendigen keine Angst hat, der zittert vor
+Toten. Doch ich armer Wurm, der ich vor allem, was da lebt, zittere, was
+soll ich vor einem Toten Angst haben? Und vor wem? Vor meinem Bruder
+Seinwel-Jechïel, der auch bei Lebzeiten wie Seide war? Und ich frage ihn
+ganz einfach:
+
+»Bist du es, Seinwel-Jechïel?«
+
+»Ja, ich bin es!« antwortet er und nimmt die Hand von den Augen.
+
+Ich erblicke sein Gesicht. Es strahlt in seltsamer Lieblichkeit, und in
+seinen Augen liegt eine eigentümliche Süße ...
+
+Und ich frage weiter:
+
+»Was tust du da, Bruder?«
+
+Und er antwortet:
+
+»Was ich tue? Sehr viel tue ich! Als ich bei Lebzeiten hier saß und
+lernte, verwirrte mich oft der Satan; Nahrungssorgen mischten sich ein,
+und ich übersprang viele Stellen und lernte andre wiederum ohne große
+Andacht. Nun tue ich das, was man oben über mich verhängte, damit meine
+Seele endgültig erlöst werde: Ich wiederhole!«
+
+»Und alles mit Andacht?«
+
+Er nickt bejahend, und ich sage:
+
+»Seinwel-Jechïel, du lernst mit Andacht, weil du nicht weißt, daß ...«
+
+Er unterbricht mich mit seiner süßen Stimme:
+
+»Narr,« sagt er, »im Gegenteil: eben weil ich weiß, lerne ich jetzt mit
+solcher Andacht. Bei Lebzeiten wußte ich wenig und zweifelte viel, und
+darum übersprang ich viele Stellen ohne Andacht. Denn nur das, was man
+nicht weiß und woran man zweifelt, verwirrt ... Doch jetzt, da ich weiß
+und keine Zweifel mehr habe, studiere ich immer mit Andacht.«
+
+»Du weißt auch, daß Mojsche-Ißroel ...?«
+
+»Nach Amerika entlaufen ist? Ich weiß es! Ich weiß sogar, mit welchem
+Schiff er durchgebrannt ist ... Verbotene Speisen ißt er auf dem Schiff.
+Ich weiß es!«
+
+»Weißt du, daß Broche-Leë ...«
+
+»In schweren Kindsnöten liegt? Gewiß weiß ich es! Ich weiß sogar, daß
+sie einen Sohn haben wird ...«
+
+»Keine Zwillinge?«
+
+»Nein, keine Zwillinge. Sie ist aber sehr zu bedauern! Das Kind wird ein
+Krüppel sein ... Der Bösewicht hat sie gestoßen und dem Kinde Schaden
+zugefügt ...«
+
+Und ich frage weiter:
+
+»Vielleicht weißt du auch, wovon sie leben werden?«
+
+»Auch das weiß ich!« sagt er mild. Er kommt auf mich zu, legt mir seine
+Hand auf die Achsel und sagt:
+
+»Schau durchs Fenster hinaus!«
+
+Ich tue es.
+
+»Nun, was siehst du?«
+
+»Ich sehe jemanden vorbeigehen ... Er ist weiß gekleidet, und sein
+Antlitz leuchtet, als ob Gottes Herrlichkeit darauf ruhte ... Ganz
+unglaublich strahlt sein Antlitz ... Er geht langsam ... Mir ists, als
+ob ich eine süße, herzige Weise hörte, die ein Spielmann im Gehen
+spielte ... Da ist er schon vorbeigegangen, der Mensch ...«
+
+»Es war kein Mensch -- ein Engel wars!«
+
+»Ein Engel?«
+
+»Ein guter, sehr guter Engel ... Der Todesengel!«
+
+»Der Todesengel?« rufe ich erschrocken aus.
+
+»Warum zitterst du so? Willst du ihm entfliehen?«
+
+»Und wohin ging der Engel?«
+
+»Wohin er ging? Zum reichen Reb Simche. Auch seine Tochter liegt in
+Kindsnöten ...«
+
+»Ich weiß es: ich habe ja heute früh mit noch andern Leuten für sie und
+das Kind Psalmen gelesen ...«
+
+»Das Gebet hilft nur zur Hälfte. Das Kind wird leben.«
+
+»Und sie?«
+
+»Hast doch eben gesehen ...«
+
+»Also zu ihr ging der Engel! Und so ohne Lust ging er, mit langsamen
+Schritten ... Wohl aus Mitleid?«
+
+»Vielleicht. Er hat keine Eile, weil er nicht Gottes Sendbote ist!«
+
+»Was sagst du?« rufe ich erschrocken. »Wer hat denn noch zu bestimmen?«
+
+»Auch der Mensch hat seinen Willen ... Sie selbst hat ihn gerufen ...«
+
+»Sie selbst?!«
+
+»Sie wollte kein Kind haben, keine Mutter sein! Hat dem Kinde Schaden
+zufügen wollen ...«
+
+»Herr der Welt!« rufe ich mit großem Schmerz aus. »Sie wird für ihre
+Sünde sterben ... Aber was hat das Kind verbrochen? Das Kind wird doch
+ohne Mutter bleiben ... Herr der Welt!«
+
+»Schrei nicht!« sagt Seinwel-Jechïel und nimmt mich bei der Hand.
+»Schrei nicht! Broche-Leë wird des Kindes Amme sein. Und von heute an
+wisse: Der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben!«
+
+Und im selben Augenblick zerrann er mir in der Luft, und die helle
+Lichtsäule verschwand. Durch das Fenster sah schon der bleiche
+Wintermorgen herein.
+
+
+VII
+
+Der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben
+
+Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was ich in diesen Augenblicken
+empfand!
+
+Ich fiel meiner ganzen Länge nach nieder, und die Quellen meiner Augen
+taten sich auf, und die Tränen flossen und flossen ...
+
+Und es war mir, als ob ich nicht Tränen weinte, sondern Steine: als ob
+mir aus dem Herzen Steine heraufkämen und durch die Augen herausrollten.
+Denn je mehr Tränen ich vergoß, desto weniger Steine blieben mir auf dem
+Herzen, desto leichter und freier wurde es mir in der Brust!
+
+Und die Geschichte geht schon zu Ende.
+
+Ich gehe nach Hause.
+
+Die Tür, sehe ich, steht offen!
+
+Ich trete in die Stube und sehe im schwachen, bleichen Morgenlichte, daß
+Diebe dagewesen sind! Der ganze Hausrat ist weg!
+
+»Macht nichts!« sage ich mir.
+
+Die Kinder husten im Schlafe trocken und heiser.
+
+Ich höre es und denke mir: »Schadet nichts, macht nichts!«
+
+Bald kommt meine Frau Feige heim und sagt: »Gratuliere!« Und ich
+antworte:
+
+»Ein Söhnchen, ein Krüppel!«
+
+Sie schaut mich an.
+
+»Bist du ein Prophet oder was?« Sie hört gar nicht, daß die Kinder
+husten, und sieht nicht, daß die Wohnung ausgeräumt ist.
+
+»Woher weißt du das?«
+
+Und ich sage ihr:
+
+»Noch mehr weiß ich, Feige, meine Frau! Ich weiß, daß des reichen Reb
+Simches Tochter weggekommen ist (das Wort 'verschieden' konnte ich nicht
+über die Lippen bringen) und daß das Kind, auch ein Söhnchen, lebt! Und
+daß Broche-Leë seine Amme sein wird!«
+
+»Wer hat dir das alles erzählt?«
+
+»Denn«, sage ich ihr, »der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben.«
+
+Und ich erzählte ihr alles.
+
+
+
+
+Der kranke Knabe
+
+
+Mameschi, ich will dir ein Geheimnis erzählen; doch der Vater soll davon
+nichts erfahren!
+
+Du fragst mich: warum? Weil der Vater mich weniger lieb hat ...
+
+Nein, Mameschi, ich sündige mit den Lippen: er hat mich nicht weniger
+lieb, er hat mich nur =anders= lieb!
+
+Er ist ja der Vater und muß streng sein ...
+
+Vater hat einen langen Bart; Vaters Gesicht fühlt sich beim Streicheln
+nicht so an wie Mutters atlasglattes Gesicht ... Er hat auch ganz andre
+Augen und einen ganz andern Blick. Wenn du mich anschaust, hast du so
+lachende und dabei so feuchte, so gütige und dabei so traurige Augen ...
+Du bist Mutter und zugleich Kamerad ... Vor dir kann ich keine
+Geheimnisse haben ... Mit deinen Augen ziehst du mir jedes Geheimnis aus
+dem Herzen heraus ...
+
+Vater schaut ganz anders: immer ernst, beinahe kalt ...
+
+Nein, Mameschi, es sind ganz andre, wirklich ganz andre Augen!
+
+Als ich noch klein war, hatte ich vor dem Vater weniger Angst. Ich weiß
+noch, wie ich ihm auf die Knie zu springen pflegte, wie ich ihm das Haar
+zerzauste, den Bart zerteilte und zu Zöpfen flocht, die Lippen
+übereinanderbog; und wenn er mich böse anschauen wollte, drückte ich ihm
+die Lider hinunter und schloß ihm einfach die Augen ... Heute kann ichs
+nicht mehr ...
+
+Einmal -- hörst du, Mameschi? -- einmal, als ich krank war, erwachte ich
+und sah euch beide an meinem Bette stehen ... Du hast so still, so
+herzensstill geweint; und der Vater ... Mameschi!... Vater hatte damals
+ein so schreckliches Gesicht, und ich sah, daß er Gott böse war! Vor
+Schreck schloß ich wieder die Augen ...
+
+Und seit damals kann ich dem Vater nicht mehr nahe kommen wie früher ...
+Etwas hält mich zurück! Oft will mir das Herz aus der Brust springen und
+ihm zufliegen, und doch kann ich es nicht!
+
+Glaubst du, daß ich den Vater weniger lieb habe? Gott behüte! Ich habe
+Vater sehr lieb und gewinne ihn mit jedem Tag, mit jeder Minute noch
+lieber ... Wenn er auf mich zugeht, hüpft mir das Herz vor Freude, und
+es bebt in mir die Seele vor Hoffnung: gleich wird er mich bei der Hand
+fassen und an sein Herz drücken ...
+
+Vor dir zittere ich nicht: du hast mich immer und gleich lieb ... Du
+hast für mich immer Zeit, und du umarmst und küßt mich jeden Augenblick
+... Du bist immer, immer mein ... Vater hat so viel Geschäfte!
+
+Ich weiß: er will, daß ich einmal reich sein soll!
+
+ * * * * *
+
+Jetzt willst du wohl, Mameschi, mein Geheimnis hören?
+
+Ich schäme mich!
+
+Vor der Mutter, sagst du, soll man sich nicht schämen? Es ist wahr ...
+Und doch ... Weißt du was, Mameschi? Setz dich hier auf diesen Stuhl vor
+dem Fenster ... Gut so!
+
+Ach, wie schön die Sonne untergeht! Wie schön fallen ihre rötlichen
+Strahlen auf dein edles, blasses Gesicht!...
+
+Ach, Mameschi, wie schön, wie schön und edel bist du!
+
+Warte ... Nun will ich mich dir zu Füßen setzen ... Und du sollst mir,
+wenn ich erzähle, nicht ins Gesicht schauen ... Ich will mich auf den
+Fußschemel setzen und beim Erzählen zum Fenster hinausschauen ...
+
+Nein!... So ists nicht gut! Ich werde mich vor der Sonne schämen ...
+Siehst du: am Tage strahlt sie, doch am Abend nimmt sie von uns so
+traurig Abschied, daß ich mich schäme, von mir zu sprechen ...
+
+Ich will meinen Kopf an deinen Schoß lehnen ... Ich will meine Augen
+schließen, und du ... du leg mir noch deine Hand auf die Stirn ... Ist
+es dir nicht zu schwer, Mameschi, wenn ich meinen Kopf so an dich lehne?
+Nein?
+
+Sechzehn Jahre ist dein Kind alt und hat ein so leichtes, ein so kleines
+Köpfchen ... Und ich selbst ...
+
+Seufze nicht, Mameschi! Gott hat mich nicht zu karg bedacht: er gab mir
+zwar wenig Fleisch, dafür aber viele andre gute Gaben: dich, den Vater
+... Tage und Nächte mit wunderlichen Träumen ... Und nun -- das
+Geheimnis ...
+
+Nun sehe ich nichts ... Mit geschlossenen Augen werde ich es vielleicht
+doch erzählen können ... Ich wills versuchen ...
+
+Es fällt mir so schwer!...
+
+Wenn ich es mir so überlege -- so ist es nichts: ein Netz aus einigen
+wunderlichen Strahlen, -- und doch lastet es mir auf dem Herzen wie ein
+Stein ... Es ist kein Kieselstein, kein Stein von der Gasse oder vom
+Felde ...
+
+Es ist ein kostbarer Stein; er strahlt und leuchtet ...
+
+Er liegt mir tief in der Brust und erfüllt mein ganzes Wesen, alle meine
+Glieder mit seinen Strahlen, mit seinem heimlichen, warmen, lebendigen
+Licht ...
+
+Das Licht soll nicht verlöschen, Mameschi!
+
+Es verlischt so vieles!...
+
+ * * * * *
+
+Hörst du, Mameschi!
+
+Nein, warte, so einfach und geradeaus beginnen kann ich doch nicht ...
+
+Hör aber! Weißt du noch, Mameschi, daß du mir gestern etwas Kleingeld
+gabst? Weißt du es noch?
+
+Ich habe davon noch nichts ausgegeben, und doch fehlt mir schon
+etwas ...
+
+Es fehlt mir ein Zehnerl!
+
+Ob ich es verloren habe? Nein ... Du gibst mir doch das Geld, damit ich
+davon armen Leuten, armen Kindern, denen ich bei meinen Spaziergängen
+begegne, Almosen gebe ... Armengeld werde ich doch nicht verlieren!
+
+Ob ich es weggegeben habe? Gewiß. Ob einem Armen? Ich weiß es nicht ...
+Vielleicht ja, und vielleicht auch nicht ... Hör nur zu, vielleicht
+wirst du es selbst verstehen!
+
+Gestern ging die Sonne ebenso schön unter ... Vielleicht noch
+schöner ...
+
+Du hast mich schauen gelehrt, und ich schaue und sehe, was andre
+meinesgleichen nicht sehen ... Darum gehe ich am liebsten ganz allein
+spazieren ... Gestern ging ich hinter die Stadt, du weißt, zu der Stelle
+am Flusse, von wo aus man sie ganz überblickt. Die Häuser türmen sich
+übereinander, immer höher und höher; und die Häuser, die weiter stehen,
+wollen über die andern hinüberschauen und auch etwas von Gottes Welt
+sehen; darum ragen sie, je weiter sie stehen, um so höher hinauf. Und
+die Sonne sieht im Untergehen auf sie herab und übergießt sie mit ihrem
+Lichte ... nimmt Abschied von ihnen ... küßt sie ...
+
+Und ich sehe, wie die Schatten diesen letzten Strahlen nachjagen, wie
+sie sich immer mehr und mehr verdichten und wie sie fließen und überall
+eindringen, wo sie nur können. Sie erfüllen alle Zwischenräume zwischen
+den Häusern, alle freien Plätze zwischen den Mauern, und sie heben und
+jagen das letzte rötliche Sonnenlicht hinauf, in den Himmel, aus dem es
+kommt ... »Geht zur Ruhe, ihr Strahlen, jetzt ist =unsre= Zeit!... Gute
+Nacht!...«
+
+Und es wird allmählich dunkler und dunkler und der Himmel immer tiefer
+und tiefer ... Bald werden, einer nach dem andern, die Sterne
+aufleuchten ... Und wie ich das alles sehe, komme ich zur
+Schreinergasse, zu der letzten Gasse der Stadt, die so steil
+hinuntergeht ... Und so kam ich zum Fluß, wo die alte Schul steht ...
+
+Und ich kam ganz nahe an die alte Schul heran.
+
+Am Tage sieht sie schrecklich aus: armselig, baufällig, ganz schwarz vor
+Alter ... Die Spinnen wollen aus Mitleid die eingeschlagenen
+Fensterscheiben überweben ... Und auf dem Hügel gegenüber, am andern
+Ende der Gasse, steht die schlanke, spitze Christenkirche und lacht ...
+
+Doch am Abend sah die alte Schul ganz anders aus ... Zum ersten Male sah
+ich sie gestern so ... Ein leichter, lieblicher, dunkelblauer Nebel
+umhüllte sie ... Die Fenster ohne Scheiben waren gar nicht blind ... Sie
+blickten ernst und tief in die Welt hinaus ... Und die Gesimse oben
+lebten und rührten sich beinahe. Die gemalten Löwen wollten sich von der
+Mauer losreißen ... Gleich werden sie zu brüllen anfangen!
+
+Glaubst du, daß =das= mein Geheimnis ist? Nein, Mameschi! Das alles sehe
+ich erst jetzt, wie ich es dir erzähle; mit den gestrigen Augen sehe ich
+es.
+
+Ach, Mameschi, wenn ich reich wäre!
+
+Was ich dann täte?
+
+Ich würde die alte Schul wieder aufrichten!
+
+Ich will, daß auch sie hoch ist und in den Himmel hinaufragt! Und sie
+muß höher sein, weil sie tiefer steht! Und ein goldenes Dach soll sie
+haben und kristallene Fensterscheiben!
+
+Hörst du, Mameschi, so denke ich es mir: man kann ja auch ohne Schul
+auskommen; denn Gott ist überall ... Wo nur eine Träne fällt, die merkt
+er! Wo jemand die Augen zu ihm hebt, den sieht er! Wo nur ein
+bekümmertes Herz seufzt, das hört er!... Wenn man aber schon eine Schul
+hat, so soll sie hoch, schön, strahlend und würdig sein.
+
+So dachte ich es mir auch gestern. Und plötzlich hörte ich ein Weinen!
+Ein leises und trauriges Weinen, süß und traurig und so seltsam
+ergreifend ...
+
+Wenn du spielst, kommen manchmal aus dem Klavier solche weinende
+Töne ...
+
+Und ich glaubte -- Mameschi, die Wahrheit zu sagen, =wollte= ich es
+glauben, und ich wandte mich absichtlich nicht um, um es möglichst lange
+glauben zu können -- ich glaubte, daß das Weinen und Schluchzen aus der
+alten Schul kommt ... daß dort drinnen, in dunkelblauen Nebel gehüllt,
+die Seele der alten Schul sitzt und weint ...
+
+Und sie beklagt sich, daß die Sonne ihr unrecht tut ..., daß sie ganze
+Garben ihres goldenen Lichtes auf das Kirchendach ausschüttet und ihr
+kaum einen Strahl gönnt ... Sie wirft ihr am hellsten Mittag nur einen
+blassen Strahl wie ein Almosen zu ... Und dieser Strahl gleitet über sie
+weg und stiehlt sich fort, wie verschämt!...
+
+Aber es war =nicht= die Schul ...
+
+ * * * * *
+
+Es war ein kleines Mädchen ... Es lag im Sande, suchte etwas und
+weinte ...
+
+Als ich mich umwandte, sah ich erst nur ihr abgetragenes Kleidchen wie
+einen dunkelgrauen Fleck auf dem gelben Sande und ein Paar ausgetretene
+Schuhe!
+
+Und noch etwas sah ich ...
+
+Mameschi, ich schäme mich ... es wird mir so warm ... Stelle dir vor:
+eine Flut rote, ganz feuerrote Haare ... Funken stoben aus ihnen ...
+
+»Was weinst du, Mädchen, und was suchst du im Sand?«
+
+Ihre Mutter hatte sie etwas kaufen geschickt und ihr ein Zehnerl
+mitgegeben. Jemand stieß sie im Vorbeigehen an, und das Zehnerl fiel in
+den Sand ... Darum weint sie ...
+
+Ich -- wenn ich Gott weiß was verloren hätte, ich täte nicht weinen!
+
+Ich frage sie: »Wars ein großer Zehner oder ein weißes Zehnerl?«
+
+»Ein weißes!« sagt sie und wendet sich nach mir gar nicht um.
+
+»Ich will dir suchen helfen,« sage ich.
+
+Ich bücke mich, tue so, als ob ich suchte, und finde ihr ein weißes
+Zehnerl.
+
+»Hier hast du es!«
+
+Sie sprang vor Freude auf und warf sich mit einem Ruck des Kopfes die
+rote Haarflut in den Nacken ... Und unter den Haaren kam wie unter einer
+Wolke ein kleines alabasterweißes Gesichtchen zum Vorschein ... Und
+Augen waren darin, Mameschi, Augen ...
+
+Nein, Mameschi, die Augen kann ich nicht beschreiben!...
+
+So viel Freude leuchtete in ihnen ...
+
+Die ganze Nacht träumte ich von diesen Augen, die ganze Nacht ...
+
+ * * * * *
+
+Das ist mein ganzes Geheimnis, Mameschi!
+
+Du lächelst?
+
+Lache nicht, Mameschi! Die Augen vergesse ich niemals ...
+
+ * * * * *
+
+Mameschi ...
+
+Darf ich wieder einmal in die Schreinergasse gehen, mir wieder ... die
+alte Schul anschauen?...
+
+
+
+
+Bonze Schweig
+
+
+Hier auf =dieser= Welt machte Bonze Schweigs Tod gar keinen Eindruck!
+Man kann lange fragen, =wer= Bonze Schweig war, =wie= er lebte, =woran=
+er starb: ob ihm das =Herz= barst, ob ihm die Kräfte ausgingen, ob ihm
+unter einer schweren Last das Rückgrat brach ... Wer weiß? Vielleicht
+starb er gar vor Hunger ...
+
+Wenn ein Trambahnpferd stürzt, macht das schon viel mehr Eindruck: die
+Zeitungen berichten darüber, Hunderte von Menschen rennen aus allen
+Gassen herbei, um das gefallene Pferd oder nur die Stelle, wo sich der
+Unfall ereignete, zu sehen ... Doch auch dem Trambahnpferde wäre diese
+Ehre nicht zuteil, wenn es ebenso viele Millionen Trambahnpferde gäbe
+wie Menschen.
+
+Bonze hat still gelebt und ist still gestorben. Wie ein Schatten glitt
+er durch =unsre= Welt.
+
+Bei Bonzes Beschneidungsfeier trank man keinen Wein, klirrten keine
+Becher. Bei seiner Bar-Mizwa(15) hielt er keine wohlgesetzte Rede ... Er
+lebte wie ein farbloses Sandkörnchen am Meeresufer unter Millionen
+seinesgleichen. Und als der Wind das Sandkörnchen aufhob und auf das
+andre Ufer des Meeres hinübertrug, merkte es niemand.
+
+ (15) Feier des 13. Geburtstages: mit dreizehn Jahren erlangt der Jude
+ religiöse Mündigkeit.
+
+Solange er lebte, behielt der Straßenschmutz keine einzige Spur seiner
+Füße. Und als er begraben war, warf der Wind die kleine Holztafel auf
+seinem Grabe um. Die Frau des Totengräbers fand später das Brettchen
+weit vom Grabe liegen, machte Feuer damit und kochte darauf ihre
+Kartoffeln ... Drei Tage nach Bonzes Tode wußte der Totengräber nicht
+mehr, wo er ihn beerdigt hatte!
+
+Hätte Bonze ein richtiges Grabmal gehabt, so wäre es möglich, daß
+hundert Jahre nach seinem Tode Altertumsforscher den Grabstein gefunden
+hätten; dann wäre Bonze Schweigs Namen noch einmal in =unsrer= Luft
+erklungen.
+
+Ein Schatten! In keinem Menschenherzen, in keinem Menschenhirn blieb
+Bonze Schweigs Bild zurück. Nichts erinnert an ihn. Elend gelebt, elend
+gestorben!
+
+Wenn nicht der ewige Straßenlärm, so hätte vielleicht jemand gehört, wie
+Bonze Schweigs Rückgrat unter den schweren Lasten knackte; hätte die
+Welt mehr Zeit gehabt, so hätte vielleicht jemand bemerkt, daß Bonze
+Schweig erloschene Augen und furchtbar eingefallene Wangen hatte, daß
+er, selbst wenn er keine Last auf dem Rücken schleppte, immer den Kopf
+gesenkt hielt, als ob er sich schon bei Lebzeiten ein Grab suchte. Und
+wenn es nur ebensoviel Menschen gäbe wie Trambahnpferde, so hätte
+vielleicht doch jemand gefragt: was ist aus Bonze Schweig geworden?!
+
+Als man Bonze Schweig ins Spital brachte, blieb seine Schlafstelle im
+Keller nicht leer: zehn seinesgleichen warteten schon auf seinen Winkel,
+den sie untereinander versteigerten. Als man ihn aus dem Spitalbette hob
+und in die Leichenkammer brachte, warteten auf sein Bett schon zwanzig
+andre arme Kranke ... Und als man ihn aus der Leichenkammer hinaustrug,
+brachte man zwanzig Leichen herein, die man unter einem eingestürzten
+Hause herausgeholt hatte ... Wer weiß, wie lange er in seinem Grabe
+bleiben darf, wer weiß, wieviel Tote auf das kleine Fleckchen Erde
+warten ...
+
+Still geboren, still gelebt, still gestorben und noch stiller begraben .
+. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
+. . .
+
+ * * * * *
+
+Ganz anders war es aber auf =jener= Welt! Dort machte Bonze Schweigs Tod
+einen gewaltigen Eindruck.
+
+Die große Posaune, die dereinst auf Erden bei Messias' Ankunft erklingen
+wird, verkündete in allen sieben Himmeln: Bonze Schweig ist im =Herrn
+entschlafen=! Die vornehmsten Engel mit den breitesten Flügeln flogen
+durch den Himmel und riefen einander zu: Bonze Schweig ist zu den
+himmlischen Scharen einberufen worden! Und im Paradiese war eitel
+Freude, ein Singen und Rauschen: Bonze Schweig! Das ist doch wirklich
+kein Spaß!
+
+Junge Engel mit diamantenen Augen, goldenen, filigran gearbeiteten
+Flügeln und silbernen Pantöffelchen flogen und liefen ihm
+freudejauchzend entgegen! Das Rauschen der Flügel, das Klappern der
+Pantöffelchen, das fröhliche Lachen der jungen, frischen, rosigen Engel
+klang durch alle Himmel und drang bis vor den Thron der Göttlichen
+Majestät. Und Gott selbst wußte schon auch, daß Bonze Schweig kommt!
+
+Vater Abraham stellte sich vor der Himmelstür auf, die rechte Hand zu
+einem gar freundlichen Willkommengruß ausgestreckt, ein süßes Lächeln
+auf seinem strahlenden Greisenantlitz.
+
+Was rollt da durch den Himmel?
+
+Zwei Engel rollen einen goldenen Großvaterstuhl ins Paradies. Er ist für
+Bonze Schweig.
+
+Was hat eben so hell aufgeblitzt?
+
+Eine goldene Krone, mit den teuersten Edelsteinen besetzt, wurde soeben
+vorbeigetragen: alles für Bonze!
+
+»Noch vor dem Urteilsspruche des Himmlischen Gerichtshofes?« fragen die
+Gerechten etwas verwundert und nicht ohne Neid.
+
+»Ach!« antworten die Engel, »die Verhandlung wird nur eine leere
+Formalität sein! Selbst der Ankläger wird nicht wissen, was gegen Bonze
+Schweig vorzubringen wäre. Der ganze Prozeß wird höchstens fünf Minuten
+dauern!«
+
+»Ihr wagt es, über Bonze Schweig die Nase zu rümpfen?«
+
+ * * * * *
+
+Als die jungen Engel Bonze in der Luft abfingen und ihm eine Hymne
+sangen; als Vater Abraham ihm wie ein alter Kamerad die Hand drückte;
+als man ihm sagte, daß für ihn im Paradies bereits ein Sessel stehe, daß
+man für ihn eine Krone vorbereitet habe, daß am Himmlischen Gerichtshofe
+über ihn fast kein Wort fallen würde, -- da tat Bonze Schweig dasselbe,
+was er bei Lebzeiten tat: er =schwieg= vor Schreck. Das Herz stand ihm
+still. Er war überzeugt, daß das Ganze ein Traum sei oder eine
+Verwechslung.
+
+Er war an beides gewöhnt: mehr als einmal träumte er auf jener Welt, daß
+er vom Boden Geld aufliest, ganze Berge Geld; und wenn er erwachte, war
+er womöglich noch ärmer als zuvor. Mehr als einmal lächelte man ihm aus
+Versehen zu, und als man merkte, daß es eine Verwechslung war, wandte
+man sich weg und spie aus ...
+
+»Ich habe schon einmal so ein Glück!« denkt er sich.
+
+Er fürchtet die Augen aufzuheben, damit der Traum nicht verschwinde: er
+wird noch in irgendeinem Loche unter Schlangen und Skorpionen erwachen.
+Er fürchtet, auch nur ein Wort zu sagen, auch nur ein Glied zu rühren,
+daß man ihn nicht erkenne und zum Teufel jage ...
+
+Er zittert und hört nicht die Komplimente der Engel; er sieht nicht, wie
+sie ihren Reigen um ihn tanzen; er antwortet nicht auf Vater Abrahams
+Willkommengruß, und als man ihn vor den Himmlischen Gerichtshof bringt,
+sagt er nicht Guten Tag.
+
+Er ist vor Schreck ganz außer sich!
+
+Und sein Schreck wird noch größer, als sein Blick unwillkürlich auf den
+Fußboden des Verhandlungssaales fällt: nichts als Alabaster und
+Diamanten! »Auf solchem Fußboden stehen meine Füße!« sagt er sich ganz
+bestürzt. »Wer weiß, mit welchem vornehmen Herrn, mit welchem Rabbi, mit
+welchem göttlichen Manne sie mich verwechseln! Und wenn der Betreffende
+kommt, dann ist es aus mit mir!«
+
+Vor Schreck hört er nicht einmal, wie der Gerichtspräsident verkündet:
+»Der Fall Bonze Schweig!« und sich dann an den Fürsprech wendet, indem
+er ihm die Akten übergibt: »Lies, doch mach es kurz!«
+
+Der ganze Saal dreht sich um Bonze im Kreise herum; es rauscht ihm in
+den Ohren, und durch das Rauschen hindurch unterscheidet er allmählich
+die Stimme des himmlischen Fürsprechs, süß wie eine Geige:
+
+»Sein Name paßte ihm, wie ein von einem genialen Schneider gefertigtes
+Kleid auf einen schlanken Menschenleib ...«
+
+»Was redet er da?« fragt sich Bonze, und er hört, wie eine ungeduldige
+Stimme den Fürsprech unterbricht:
+
+»Bitte, ohne Gleichnisse!«
+
+»Er klagte niemals,« fährt der Fürsprech fort, »weder über Gott noch
+über die Menschen. In seinen Augen leuchtete niemals ein Funken des
+Hasses, und er hob sie kein einziges Mal mit einem Vorwurf gen
+Himmel ...«
+
+Bonze versteht wieder kein Wort, doch er hört, wie die harte Stimme von
+vorhin den Fürsprech wieder unterbricht:
+
+»Ohne Rhetorik!«
+
+»Hiob hielt es nicht aus, doch er war unglücklicher als Hiob ...«
+
+»Bitte, Tatsachen, nackte Tatsachen!« unterbricht der Präsident noch
+ungeduldiger.
+
+»Mit acht Tagen wurde er beschnitten ...«
+
+»Bitte, ohne realistische Details!«
+
+»Der Operateur war ein Pfuscher, konnte das Blut nicht stillen ...«
+
+»Weiter!«
+
+»Doch er schwieg immer,« fährt der Fürsprech fort. »Er schwieg auch, als
+er mit dreizehn Jahren seine Mutter verlor und eine Stiefmutter bekam,
+eine Stiefmutter, böse wie eine Schlange ...«
+
+»Meint er vielleicht doch mich?« denkt sich Bonze.
+
+»Bitte, keine Verdächtigungen gegen dritte Personen!« grollt der
+Präsident.
+
+»Sie kargte ihm jeden Bissen ab; sie gab ihm verschimmeltes Brot von
+vorgestern ... Sehnen statt Fleisch ... Und sie selbst trank
+währenddessen Kaffee mit Sahne ...«
+
+»Zur Sache!« schreit der Präsident.
+
+»Dafür geizte sie nicht mit Kniffen und Schlägen, und sein blau und
+braun unterlaufener Körper sah aus allen Löchern seiner schäbigen
+Kleider hervor ... Im Winter, beim größten Frost mußte er barfuß auf dem
+Hofe Holz spalten, und seine Knabenhände waren zu schwach, die
+Holzklötze zu schwer und das Beil zu stumpf ... Mehr als einmal renkte
+er sich dabei den Arm aus, mehr als einmal fror er sich die Füße wund,
+doch er =schwieg= immer. Selbst vor dem Vater ...«
+
+»Vor dem Trunkenbold!« ruft lachend der Ankläger dazwischen, und Bonze
+überläuft es kalt.
+
+»... klagte er niemals,« beendet der Fürsprech seinen Satz. »Und immer
+elend, immer allein ... keine Freunde, keine Schule, kein einziges
+ganzes Gewand ... keine Minute freie Zeit ...«
+
+»Tatsachen!« ermahnt wieder der Präsident.
+
+»Er schwieg auch, als sein betrunkener Vater ihn einmal bei den Haaren
+packte und mitten in der Nacht, in einer Winternacht, aus dem Hause
+hinauswarf! Er erhob sich still aus dem Schnee und ging, wohin ihn die
+Füße trugen ...
+
+»Er schwieg auch auf seiner Wanderung, und selbst beim größten Hunger
+bettelte er nur mit den Augen.
+
+»Erst in einer schwindligen, feuchten Frühlingsnacht erreichte er die
+Großstadt. Er verschwand in ihr sofort wie ein Wassertropfen im Meere,
+und doch verbrachte er gleich die erste Nacht im Arrest ... Er schwieg
+und fragte nicht, warum und wofür. Und als er aus dem Arrest herauskam,
+suchte er sich gleich die schwerste Arbeit. Und schwieg!
+
+»Viel schwerer, als die Arbeit selbst, war es für ihn, Arbeit zu finden.
+Doch er schwieg!
+
+»In kaltem Schweiß gebadet, unter der schwersten Last zusammenbrechend,
+von Krämpfen im leeren Magen geplagt, schwieg er!
+
+»Von fremden Rädern mit Kot bespritzt, von fremden Mündern bespien, mit
+der schwersten Last auf dem Rücken vom Bürgersteige auf die Straße
+gestoßen, zwischen Droschken, Equipagen und Trambahnen gejagt, jeden
+Augenblick den Tod vor Augen, -- schwieg er!
+
+»Er rechnete niemals nach, wieviel Zentner Last auf den Pfennig seines
+Lohnes kamen, wie oft er bei einem Gange, für den er einen Dreier bekam,
+zusammenbrach; wie oft er beinahe die Seele ausspie, wenn er seinen Lohn
+mahnte. Er rechnete niemals nach, weder den eigenen noch den fremden
+Verdienst -- er schwieg!
+
+»Seinen Lohn mahnte er niemals laut: er stand wie ein Bettler vor der
+Tür und bettelte wie ein Hund mit den Augen. 'Komm später!' -- und er
+verschwand stumm wie ein Schatten, um 'später' noch stummer um seinen
+Lohn zu betteln!
+
+»Er schwieg sogar, wenn man von seinem Lohn etwas abschwindelte oder ihm
+eine falsche Münze gab! Er schwieg immer!...«
+
+»Man meint also doch mich!« tröstet sich Bonze.
+
+Der Fürsprech nimmt einen Schluck Wasser und fährt fort: »Einmal kam in
+sein Leben eine neue Wendung. Eine Equipage auf Gummirädern raste durch
+die Straße: die Pferde waren durchgegangen, und der Kutscher lag schon
+längst mit zerschmettertem Schädel irgendwo auf dem Pflaster ... Aus den
+Mäulern der erschrockenen Pferde spritzt Schaum, unter ihren Hufen
+stieben Funken, ihre Augen funkeln wie glühende Kohlen in finsterer
+Nacht ... Und in der Equipage sitzt mehr tot als lebendig ein Mensch ...
+
+»Und Bonze hielt die rasenden Pferde auf!
+
+»Der Gerettete war ein Jude, ein bekannter Wohltäter, und er vergaß
+Bonzes Tat nicht!
+
+»Er übergab ihm die Peitsche des getöteten Kutschers, und Bonze wurde
+Kutscher. Er tat noch mehr: er verheiratete ihn; und noch mehr: er
+versorgte ihn sogar gleich mit einem Kinde ...
+
+»Und Bonze schwieg immer!«
+
+»Er meint mich!« sagt sich Bonze. Er zweifelt nicht mehr, und doch wagt
+er noch immer nicht, einen Blick auf den Himmlischen Gerichtshof zu
+werfen. Und er hört, wie der Fürsprech fortfährt:
+
+»Er schwieg auch, als sein Wohltäter bald darauf seine Zahlungen
+einstellte und auch ihm, Bonze, den Lohn vorenthielt ...
+
+»Er schwieg, als seine Frau von ihm weglief und ihm ein Brustkind
+zurückließ ...
+
+»Er schwieg sogar, als fünfzehn Jahre später dieses selbe Kind, das
+inzwischen groß und stark geworden war, ihn, seinen Vater, aus dem Hause
+hinauswarf ...«
+
+»Mich meint er, mich!« freut sich Bonze.
+
+»Er schwieg,« fährt der Fürsprech weicher und trauriger fort, »als
+dieser selbe Wohltäter mit allen Gläubigern Vergleich schloß und nur ihm
+keinen Pfennig von seinem Lohn bezahlte; und selbst dann, als er, wieder
+einmal in einer Equipage mit Gummirädern und löwengleichen Pferden
+dahinrasend, ihn, Bonze Schweig, überfuhr!...
+
+»Er schwieg immer! Auf der Polizei sagte er nicht einmal, wer ihn
+überfahren hatte ...
+
+»Er schwieg auch im Spital, wo man doch =schreien= darf!
+
+»Er schwieg, als der Doktor sich weigerte, anders als gegen Bezahlung
+von fünfzig Kopeken zu seinem Bette zu gehen; als der Krankenwärter ohne
+fünf Kopeken ihm die Wäsche nicht wechseln wollte!
+
+»Er schwieg in der Agonie, er schwieg im Sterben ...
+
+»Kein Wort gegen Gott, kein Wort gegen Menschen!
+
+»_Dixi!_«
+
+Bonze fängt wieder an am ganzen Leibe zu zittern. Er weiß, daß nach dem
+Fürsprech der Ankläger das Wort hat. Wer weiß, was =der= sagen wird!
+Bonze hat von seinem ganzen Leben nichts im Gedächtnisse behalten. Auch
+auf jener Welt vergaß er jede Minute schon in der nächsten Minute ...
+Der Fürsprech hatte ihm alles in Erinnerung gebracht. Wer weiß, woran
+ihn der Ankläger erinnern wird!
+
+»Meine Herren!« fängt der Ankläger mit scharfer, stechender, sengender
+Stimme an.
+
+Er kommt nicht weiter.
+
+»Meine Herren!« beginnt er von neuem, schon viel weicher, und stockt
+wieder.
+
+Schließlich erklingt aus dem gleichen Munde eine beinahe milde Stimme:
+
+»Meine Herren! =Er= schwieg, also will auch ich schweigen.«
+
+Es wird still, und es erklingt eine neue, weiche, zitternde Stimme:
+
+»Bonze, mein Kind Bonze!« klingt es wie eine Harfe: »Mein Herzenskind
+Bonze!«
+
+In Bonze schluchzt das Herz ... Er möchte jetzt die Augen aufschlagen,
+sie sind aber von Tränen geblendet ... So süß und traurig zugleich war
+es ihm noch niemals ums Herz. »Mein Kind!« -- seit dem Tode seiner
+Mutter hat er noch nie eine solche Stimme und solche Worte gehört.
+
+»Mein Kind!« fährt der Allbarmherzige Vater des Gerichts fort. »Du
+schwiegst immer! Du hast kein einziges Glied, keinen einzigen Knochen in
+deinem Leibe, der nicht wundgeschlagen wäre; es ist keine noch so
+verborgene Stelle in deiner Seele, die nicht blutete ... Und du
+schwiegst immer ...
+
+»Dort verstand sich niemand darauf; vielleicht wußtest du sogar selbst
+nicht, daß du schreien kannst und daß vor deinem Schreien die Mauern
+Jerichos erzittern und einstürzen würden? Du wußtest nichts von der
+Kraft, die in dir schlummerte ...
+
+»Auf jener Welt wurde dein Schweigen nicht belohnt. Doch jene Welt ist
+die Welt der Lüge. Hier, auf der Welt der Wahrheit, wirst du deinen Lohn
+bekommen!
+
+»Dich wird der Himmlische Gerichtshof nicht richten, über dich wird er
+keinen Spruch fällen.
+
+»Dir wird er nichts zuteilen und nichts zumessen: nimm dir, was du
+willst! =Alles= ist dein!«
+
+Bonze hebt zum erstenmal die Augen. Das Licht, das von allen Seiten auf
+ihn eindringt, blendet ihn. Alles blitzt, alles glänzt und funkelt, von
+allen Seiten schießen Strahlen; von den Wänden, von den Geräten, von den
+Engeln und von den Richtern.
+
+Und er läßt die müden Augen wieder sinken.
+
+»Ist es wahr?« fragt er ungläubig und verschämt.
+
+»Gewiß!« antwortet sehr bestimmt der Vater des Gerichts. »Ich sage dir
+ja: alles ist dein! Alles im Himmel gehört dir! Wähle und nimm dir, was
+du willst: denn du nimmst nur von dem, was dir gehört!«
+
+»Ist es wahr?« fragt Bonze wieder, doch schon etwas sicherer.
+
+»Gewiß! Gewiß! Gewiß!« versichert man ihn von allen Seiten.
+
+»Nun, wenn so,« sagt Bonze lächelnd, »so will ich jeden Morgen eine
+warme Semmel mit frischer Butter!«
+
+Richter und Engel schlagen verschämt die Augen nieder. Der Ankläger
+beginnt zu lachen.
+
+
+
+
+Neïlo in der Hölle(16)
+
+ (16) Neïlo: Schlußgebet, wichtigstes Gebet am Versöhnungstage
+ (Jom-Kippur).
+
+
+An einem ganz gewöhnlichen Tage, es war weder Jahrmarkt noch
+Wochenmarkt, hörten die Marktleute plötzlich Pferdegetrabe und sahen in
+der Ferne den Straßenkot aufspritzen. Bald zeigte sich auch eine Kutsche
+mit einem Pferde. Wer kann da gefahren kommen? Doch als die Kutsche auf
+dem Marktplatze anlangte, wandten sich alle Leute voller Abscheu, Angst
+und Zorn weg: in der Kutsche saß der Angeber aus der Nachbarstadt, der
+wohl direkt in die Hölle fuhr. Wer weiß, wen er diesmal bei den Behörden
+angeben wird!
+
+Plötzlich wird es still, die Leute schauen unwillkürlich hin: die
+Kutsche ist stehengeblieben, das Pferd hat den Kopf gesenkt und säuft
+aus einer Pfütze, und der Angeber ist von seinem Sitz heruntergefallen
+und liegt unbeweglich da.
+
+Es ist ja immerhin eine Menschenseele! Die Leute laufen hinzu: der Mann
+ist tot. Der Feldscher bestätigt: »Der ist erledigt!« Angestellte der
+Beerdigungsbrüderschaft nehmen sich der Leiche an. Pferd und Wagen
+werden verkauft, und mit dem Erlös werden die Beerdigungskosten
+bestritten.
+
+Kaum ist er beerdigt, als die Teufel seine Seele packen, sie nach der
+Hölle schleppen und dort dem Torbeamten übergeben. Der Angeber wird für
+eine Weile beim Höllentor aufgehalten, und der Beamte, der die Bücher
+und Eingänge und Ausgänge führt, nimmt gelangweilt und gähnend seine
+Personalien auf und trägt alles mit träger Hand in sein Buch ein.
+
+Und der Angeber, dessen ganzer Einfluß in der Hölle nichts mehr wert
+ist, gibt Antwort: Da und da geboren, da und da geheiratet, soundso
+lange sich vom Schwiegervater aushalten lassen, dann von Frau und
+Kindern entlaufen, in die und die Stadt verzogen und den Beruf eines
+Angebers ergriffen, von dem er auch so lange lebte, bis sein Maß voll
+wurde. Er starb plötzlich auf der Durchreise, auf dem Marktplatze der
+Stadt Lahadam.
+
+Da wird der Höllenbeamte, der die Bücher führt, plötzlich interessiert.
+Er hält mitten im Gähnen an und fragt:
+
+»Wie heißt die Stadt? La -- ha -- --«
+
+»Lahadam!« wiederholt der Angeber.
+
+Der Matrikelführer wird plötzlich rot, und seine Augen drücken höchstes
+Erstaunen aus.
+
+»Habt ihr mal von einer solchen Stadt gehört?« wendet er sich an seine
+Gehilfen.
+
+Die Gehilfen zucken die Achseln, schütteln die Köpfe und strecken die
+Zungen aus:
+
+»Nein, noch nie!«
+
+»Gibts überhaupt eine solche Stadt?«
+
+Jede Gemeinde hat in der Hölle ihr eigenes Buch. Die Bücher sind
+alphabetisch geordnet, und jeder Buchstabe hat einen eigenen Schrank.
+Man nimmt also alle Bücher mit L durch: Lublin, Lemberg, Leipzig; alle
+Städte sind da, doch keine Stadt Lahadam!
+
+»Und doch gibt es eine solche Stadt!« sagt der Angeber. »Eine Stadt in
+Polen.«
+
+»Ist sie vielleicht ganz neu gegründet?«
+
+»Nein, sie steht schon an die zwanzig Jahre da. Der Gutsbesitzer hat sie
+erbaut und zwei Jahrmärkte eingesetzt. Es gibt da eine Schule, ein
+Bethaus, ein Bad ..., zwei heimliche Branntweinschenken ...«
+
+»Ist hier schon einmal wer aus Lahadam gewesen?« fragt der
+Matrikelführer noch einmal seine Gehilfen.
+
+»Nein, niemand!« antworten sie.
+
+»Sterben denn dort die Leute gar nicht?« fragt man den Angeber.
+
+»Warum sollen sie nicht sterben?« antwortet er nach Judenart mit einer
+Frage. »Die Leute wohnen in kleinen, dumpfen Zimmern, das Bad ist so
+gebaut, daß man darin nicht atmen kann, das ganze Städtchen steht auf
+einem Sumpf!« Der Angeber fällt allmählich in seinen gewohnten
+Angeberton.
+
+»Auch einen Friedhof gibt es dort. Die Beerdigungsbrüderschaft schindet
+furchtbar hohe Gebühren. Erst vor kurzem gab es da eine Seuche ...«
+
+Man schickt den Angeber in die entsprechende Abteilung der Hölle und
+fragt wegen des Städtchens Lahadam an höherer Stelle an; da muß etwas
+nicht in Ordnung sein: die Stadt steht seit zwanzig Jahren da; es hat
+dort sogar schon eine Seuche gegeben, und doch -- kein einziger Toter
+von dort!
+
+Die höhere Stelle schickt Boten hinauf, um der Sache nachzugehen: es
+stimmt! Und es verhält sich so: Es ist ein Städtchen wie jedes andere,
+mit wenig gottgefälligen Werken und sehr viel Sünden. Der böse Trieb
+arbeitet dort sogar recht energisch. Also, wo ist der Haken? Nun, sie
+haben eben in ihrer Gemeinde einen ganz ungewöhnlichen Vorbeter! Das
+heißt, der Vorbeter ist als Mensch durchaus gewöhnlich und unbedeutend,
+doch er hat eine Stimme, eine so süße, so himmlische Stimme, daß, wenn
+er singt, selbst die verstocktesten eisernen Herzen weich wie Wachs
+werden. Kaum steht er am Vorbeterpult, als die ganze Gemeinde ihre
+Sünden bereut und so aufrichtig Buße tut, daß oben alle Sünden vergeben
+und aus den Registern gestrichen werden. Und die Tore des Paradieses
+stehen allen Einwohnern von Lahadam weit offen. Wenn einer kommt und
+sagt: »Ich bin aus Lahadam«, so wird er gar nicht mehr weiter gefragt.
+
+Die ganze Geschichte paßt der Hölle selbstverständlich gar nicht, und
+Satan selbst nimmt die Sache in die Hand. Er wird mit dem Vorbeter schon
+fertig werden! Was tut er? Er schickt auf die Erde hinauf und läßt sich
+einen lebenden kalikutischen Hahn mit rotem Kamm holen. Man bringt ihm
+bald den Hahn und stellt ihn vor ihn auf den Tisch. Der Hahn ist so
+erschrocken, daß er sich gar nicht rührt, und der Satan -- verflucht sei
+sein Name! -- setzt sich vor ihn hin, fängt ihn zu krauen an und starrt
+so lange und unverwandt auf seinen roten Kamm, bis dieser weiß wie Kalk
+wird. Wie der Satan fühlt, daß der Allmächtige oben in höchsten Zorn
+geraten ist, ruft er aus:
+
+»Soll er seine süße Stimme verlieren bis zu seiner Sterbestunde!«
+
+Wen er bei dieser Beschwörung meinte, wißt ihr selbst; und ehe noch der
+Kamm des kalikutischen Hahns wieder rot geworden war, hatte schon der
+Vorbeter von Lahadam seine Stimme verloren. Seine Kehle ist wie
+geschlagen; er kann kaum noch sprechen. Wer am Unglück die Schuld hat,
+weiß man schon; das heißt, einige Wunderrabbis wissen es. Wer hat aber
+den Mut, dem Vorbeter so etwas zu sagen? Es ist doch sowieso nichts mehr
+zu machen! Wenn der Vorbeter als Mensch noch irgendwie hervorragend
+wäre, so könnte man vielleicht durch Fürbitte im Himmel etwas erreichen.
+Aber er war eben ein durchaus unbedeutender Mensch, eine Null ...
+
+Der Vorbeter reist von einem Wunderrabbi zum andern, doch keiner kann
+ihm etwas sagen. Nun kommt er zum Rabbi von Opatow und gibt ihm keine
+Ruhe: er wird nicht fortgehen, bis er die Wahrheit erfahren hat. Es ist
+ein Jammer mit dem Menschen! Und der Rabbi versucht ihn zu trösten:
+
+»Wisse, daß deine Heiserkeit nur bis zu deiner Sterbestunde anhalten
+wird. Dein Sterbegebet wirst du aber schon mit einer so klaren Stimme
+sprechen können, daß man es in allen Himmeln hören wird!«
+
+»Und bis dahin?«
+
+»Bis dahin ist die Sache hoffnungslos!«
+
+Der Vorbeter bestürmt noch einmal den Rabbi:
+
+»Wie ist das geschehen? Warum ist mir das geschehen?«
+
+Und er plagt den Rabbi so lange, bis dieser ihm alles erzählt.
+
+»Wenn so,« schreit der Vorbeter mit heiserer Stimme auf, »so werde ich
+mich schon rächen!« Und mit diesen Worten läuft er hinaus.
+
+»Wie willst du dich rächen? Und an wem?« ruft ihm der Rabbi nach. Doch
+der Mann ist schon fort.
+
+Das geschah an einem Dienstag; andre sagen -- an einem Mittwoch. Und als
+am Donnerstag abend die Fischer von Opatow Fische zum Sabbat fangen
+wollten und ihr Netz herauszogen, so war das Netz auffallend schwer; und
+wie man es herauszog, lag darin der Vorbeter von Lahadam.
+
+Er hatte sich von der Brücke ins Wasser gestürzt. Und wie er das
+Sterbegebet sprechen sollte, hatte er seine schöne Stimme, wie es ihm
+der Rabbi ganz richtig vorausgesagt hatte, wiederbekommen; denn der
+Satan hatte ausdrücklich bestimmt: »Bis zur Sterbestunde!« Doch als er
+ins Wasser sprang und sich ertränkte, hat er das Sterbegebet gar nicht
+gesprochen, sondern seine Stimme für später aufgehoben. Und das war
+seine Rache, wie ihr es gleich sehen werdet.
+
+Wie es einem Selbstmörder geziemt, wird der Vorbeter sofort von den
+Teufeln gepackt und in die Hölle geschleppt. Beim Tore wird er wie
+üblich ausgefragt, aber er gibt keine Antwort. Man versucht, ihn mit
+einer glühenden Gabel zum Sprechen zu bringen, doch er schweigt.
+
+»Nehmt ihn so!«
+
+Man weiß doch auch so, wer er ist: man hatte ihn ja erwartet! Und man
+nimmt ihn »so« und führt ihn zu einem Kessel, der für ihn gerade heiß
+gemacht wird: sobald das Pech zu sieden anfängt, wird man ihn
+hineinwerfen. Doch der Vorbeter setzt sich plötzlich den Daumen an die
+Gurgel und beginnt den Kaddisch aus der Neïlo ...
+
+Er singt, und seine Stimme klingt immer mächtiger und noch süßer, noch
+herzergreifender als je ... Und in den Kesseln, aus denen bisher ein
+Winseln und Jammern drang, wird es plötzlich still. Dann fallen Stimmen
+ins Gebet ein, verbrühte Köpfe heben die Deckel von den Kesseln, und
+versengte Lippen singen mit ...
+
+Die Teufel, die bei den Kesseln stehen, beten nicht mit: sie sind vor
+Schreck wie gelähmt. Sie stehen -- der eine mit einer Tracht Brennholz
+zum Nachlegen, der andre mit einem Schürhaken, der dritte mit einer
+eisernen Gabel in der Hand, mit aufgerissenen Mäulern, ausgestreckten
+Zungen, runden Augen und verzerrten Gesichtern und rühren sich nicht;
+andre sind vor Schreck umgefallen ... Während der Vorbeter in der Neïlo
+fortfährt, geht das Feuer unter den Kesseln allmählich aus, und die
+Toten kommen einer nach dem andern heraus.
+
+Er singt, und die ganze Gemeinde betet voller Inbrunst mit; und während
+sie beten, verheilen die Brandwunden und überziehen sich mit neuer Haut,
+verbrannte Glieder wachsen nach, und alle Leiber sind wie geläutert ...
+
+Und wie der Vorbeter zur Stelle kommt: »Gesegnet seiest du, Herr, der du
+die Toten lebendig machst!« -- werden alle Toten wirklich lebendig,
+nehmen die Gestalt an, die sie vorher hatten, und rufen wie ein Mensch
+»Amen!« Und bei der Stelle: »Sein großer Name werde gepriesen in alle
+Ewigkeit!...« klingt es so laut, daß alle Himmel sich auftun und das
+Bußgebet der Sünder bis in den siebenten Himmel hinaufsteigt, bis zum
+Throne der Göttlichen Majestät. Und es ist gerade eine Stunde der Gnade,
+und alle Sünder, die nicht mehr Sünder sind, bekommen plötzlich Flügel
+und fliegen empor und finden die Tore des Paradieses weit geöffnet.
+
+In der Hölle zurückgeblieben sind nur die vor Schreck erstarrten Teufel
+und der Vorbeter selbst. Wie bei Lebzeiten hatte er durch seine Stimme
+alle Herzen erweicht und zur Buße bekehrt, doch selbst nicht ordentlich
+Buße getan. Zudem war er ja auch ein Selbstmörder!
+
+Mit der Zeit hat sich die Hölle wieder gefüllt ... Ich hörte sogar, daß
+man dort jetzt einen Erweiterungsbau aufführt ...
+
+
+
+
+Reb Jojchenen Gabaj
+
+
+Müde und abgespannt von seiner Arbeit in der Gemeinde kam Reb Jojchenen
+der Gabaj(17) nach Hause. Schon in der Küche empfing ihn der Geruch von
+Speisen, von Fleisch und gekochten Äpfeln. Er trat schnell ins nächste
+Zimmer, wo ihm aber seine Frau Ssosche einen wenig freundlichen Empfang
+bereitete.
+
+ (17) Mitglied des Gemeinde- oder Synagogenvorstandes.
+
+»Müßiggänger!« schrie sie ihm mit böser Stimme entgegen, als er sich auf
+der Schwelle zeigte.
+
+»Warum schimpfst du?« fragte Reb Jojchenen, indem er sich auf eine Bank
+setzte, um auszuruhen.
+
+»Er fragt noch, warum ich schimpfe! Immer bist du mit deinen
+Gemeindesachen beschäftigt; wann wirst du aber, du Müßiggänger, auch
+etwas für dich selbst tun?«
+
+»Für mich?« fragte der Gabaj verwundert. »Was soll ich denn für mich
+tun? Unsere Kinder sind ja schon, Gott sei Dank, selbständig, und uns
+beiden fehlt gar nichts ... Was soll ich also tun?...« Er sieht sich in
+der Stube um und fügt hinzu: »Das Bett ist auch ohne mich gebettet, das
+Geschirr ist auch ohne meine Hilfe gewaschen; ich habe die Wände nicht
+einmal angerührt, und doch sehe ich an ihnen keine Spur von Spinnweben.
+Auch der Tisch ist schon gedeckt, das Tischtuch ist schneeweiß, die
+Bestecke funkeln wie aus Gold. Ich seh auch die Rettichspeise auf dem
+Tisch, geriebenen Meerrettich, ein Fläschchen Branntwein ...«
+
+»Hör schon auf mit deinen Sprüchen und geh dich waschen!«(18)
+
+ (18) Es ist ein Gebot der Religion, sich vor dem Essen die Hände zu
+ waschen.
+
+»Nein, Ssosche, ich werde mich nicht eher waschen, als du selbst zugeben
+wirst, daß ich recht habe. Hier zu Hause habe ich nichts zu versorgen,
+dafür aber im Bethause um so mehr; denn wer wird sich um alle die Sachen
+kümmern, wenn nicht ich? Vielleicht Joßke der Krämer, der nicht einmal
+zum Essen Zeit hat? Oder Jechijel der Dorfhausierer, der schon am
+Sabbatabend, gleich nach dem Hawdolo-Gebet das Haus verläßt und erst am
+Freitag gegen Abend heimkommt? Oder gar Ruben der Geldverleiher, der den
+ganzen Tag herumrennt, um bei den armen Leuten einige Groschen Zinsen
+einzusammeln? Oder gar einer von den armen Handwerkern, die schwer
+arbeiten müssen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen?«
+
+»Laß gut sein, ich bin nicht mehr böse ...«
+
+»Macht nichts. Ich weiß, daß du mir nicht mehr böse bist. Ich will dir
+aber noch beweisen, daß ich auch für mich selbst sorge. Schau mich an,
+Ssosche, sieh meinen weißen Bart und meine weißen Schläfenlocken. Ich
+bin nicht mehr jung ... Also muß ich mich auf eine weite Reise
+vorbereiten ...«
+
+»Auf eine Reise? Auf was für eine Reise?« fragt Ssosche verwundert. Sie
+begreift aber sofort selbst, was er damit meint, und ruft erschrocken
+aus: »Um Gottes willen, sprich nicht davon! Gott behüte!...«
+
+»Brauchst keine Angst zu haben, Ssosche. Du bist ja auch älter als
+zwanzig Jahre ... Und was werden wir beide antworten, wenn man uns dort
+oben fragt, was wir auf =dieser= Welt getan haben? Daß wir hier aßen und
+tranken? Und was wird der liebe Gott dazu sagen? Du wirst noch
+wenigstens vorbringen können, daß du dich am Verein für die Ausstattung
+armer Bräute betätigt hast ...«
+
+»Sprich nicht davon!« bittet Ssosche. Sie fürchtet, daß dadurch ihr Lohn
+im Jenseits beeinträchtigt werden könne.
+
+»Darum will ja auch ich etwas Gutes tun ...«
+
+»Sehr gut. Sehr gut. Tu, was du willst. Geh dich aber endlich waschen!«
+
+»Nur noch eines,« fährt der Gabaj fort: »Erinnerst du dich noch an dein
+seidenes Brautkleid mit den silbernen Streifen?«
+
+»Ob ich mich daran erinnere!«
+
+»Würdest du es nicht dem Bethause stiften, damit man daraus einen
+Vorhang für den Thoraschrein macht?«
+
+»Sehr gerne! Ich will es sofort heraussuchen ...«
+
+»Wart, Ssosche, ich hab es schon selbst genommen, und es hängt bereits
+vor dem Thoraschrein!«
+
+»Du Dieb!« sagt Ssosche lächelnd.
+
+Nun wäscht sich Reb Jojchenen endlich die Hände und setzt sich an den
+Tisch. Er ißt mit großem Appetit, spricht das Tischgebet und legt sich
+schlafen.
+
+ * * * * *
+
+Reb Jojchenen der Gabaj schlief bald ein, und seine Seele flog in den
+Himmel hinauf und verzeichnete dort im Buche seiner Verdienste:
+
+»Ich, Jojchenen, Sohn der Sarah, war heute den ganzen Tag mit heiliger
+Arbeit beschäftigt. Ich sagte mir: Ich und mein Weib Ssosche wohnen in
+einem schönen Hause, während das Gotteshaus baufällig ist und
+ausgebessert werden muß. Darum mietete ich Handwerker und ließ das
+Bethaus ausbessern. Heute brachte man zwei neue Bänke und einen neuen
+Tisch ins Gotteshaus. Ich ließ auch den Fußboden reinigen, die Wände und
+alle Möbel und Geräte putzen. Vor dem Vorbeterpult an der Ostwand habe
+ich einen neuen Leuchter angebracht. In der Kasse des Bethauses waren im
+ganzen fünfundvierzig Rubel. Um alles zu bezahlen, mußte ich aus meiner
+eigenen Tasche sechs Rubel und vierundachtzig Kopeken dazulegen. Für
+Rechnung meiner Frau Ssosche stiftete ich einen seidenen Vorhang für den
+Thoraschrein; sie ist außerdem auch im Verein für die Ausstattung armer
+Bräute tätig. Der liebe Gott möge es ihr für ihr Seelenheil anrechnen!
+Mit der Ausbesserung des Bethauses ist man heute fertig geworden. Und
+ich habe dem Schuldiener strengstens verboten, jemanden ins Bethaus zum
+Übernachten einzulassen. Das Gotteshaus soll nicht mehr die Schlafstube
+für fremde Bettler sein. Der Schuldiener muß von nun an das Haus jeden
+Abend absperren ...«
+
+Reb Jojchenens Seele schrieb noch weiter, als in den Himmel eine andre
+Seele geflogen kam und in ihr Buch folgendes eintrug:
+
+»Ich, Berl, Sohn der Judith, bin schon siebzig Jahre alt. Solange ich
+noch die Kraft dazu hatte, verdiente ich mein Brot durch meiner Hände
+Arbeit. Jetzt, da ich alt und schwach bin und nicht mehr arbeiten kann,
+muß ich bei fremden Leuten betteln. Anfangs ging es mir nicht schlecht.
+Die Leute kannten mich, und ich hatte immer zu essen. Doch mit der Zeit
+wurden sie meiner überdrüssig und gaben mir immer seltener Almosen. Oft
+schenkte man mir ein so trockenes Stück Brot, daß ich es mit meinen
+alten Zähnen gar nicht zerbeißen konnte. Ich sah ein, daß ich, wenn ich
+in meiner Stadt bleibe, Hungers sterben müsse. Darum verließ ich die
+Stadt und kam her. Es ist heute sehr kalt, und ich wollte ins Bethaus
+gehen, um da zu übernachten, wie es in allen jüdischen Städten Sitte
+ist. Doch der Schuldiener versperrte die Tür und ließ mich nicht hinein.
+Der Gabaj hätte ihm gesagt, er solle niemanden zur Nacht ins Bethaus
+einlassen; denn das Gotteshaus sei keine Herberge ... Jetzt schlafe ich
+unter freiem Himmel, und die Kälte frißt das Mark meiner alten Knochen.
+Ich bin hungrig und friere ... Nun frage ich dich, du Herr der Welt: Wer
+braucht das Bethaus nötiger: =du= oder =ich=?«
+
+ * * * * *
+
+Und es erklang eine Stimme vom Himmel: »Beide sollen sofort vor dem
+höchsten Gerichtshofe erscheinen!«
+
+Und am nächsten Morgen fand man tot: Reb Jojchenen den Gabaj in seinem
+Bette und einen alten Bettler erfroren auf der Straße neben dem
+Bethause ...
+
+
+Druck der Piererschen Hofbuchdruckerei, Altenburg.
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ Aber Rabbi Levi-Jizchock steht, in Kittel(8) und Gebetmantel gehüllt,
+ Aber Rabbi Levi-Jizchok steht, in Kittel(8) und Gebetmantel gehüllt,
+
+ den Dienst des Schöpfers der Welt treten, wenn er mir zuliebe am diesem
+ den Dienst des Schöpfers der Welt treten, wenn er mir zuliebe an diesem
+
+ können. Wie kann man in derThora anfangen und aufhören, wo die Thora
+ können. Wie kann man in der Thora anfangen und aufhören, wo die Thora
+
+ Wnnsch ab.
+ Wunsch ab.
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Jüdische Geschichten, by Jizchok Lejb Perez
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JÜDISCHE GESCHICHTEN ***
+
+***** This file should be named 36488-8.txt or 36488-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/6/4/8/36488/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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